deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oflmann in Gießen, e 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 145 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— pf. 1 NM. 50 Sf. 2 Nr.— Pf. 1 7.„— 7 9—„ 1)— uI 5, Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 „77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetht und wird — beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen — der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —¹ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 lyreof 1 V Der 0 0. Btrandnogt von Janmund. Geſchiehtliches Nebensbild . Occupationszeit der Inſel Rügen durch die Franzoſen 4 von 1807— 1813. 4 Von Philipp Galen. Dritter Theil. — Leipzig, 34 Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmanunn. 1860. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erſtes Bapitel. Der alte Schwede. Das Eiland Pulitz, ungefähr in der Mitte des kleinen Jasmunder Boddens, der dicht bewaldeten Thieſſower Landzunge auf der ſchmalen Haide gegen⸗ über gelegen, iſt eine gute Viertelmeile lang, etwas weniger breit und wird an ſeiner Nordweſtſeite von dem Stedar'ſchen Haken und der eigentlichen Inſel Rügen nur durch eine ſchmale Meerenge getrennt, die an einer Stelle ſo ſeicht iſt, daß ſie mit einem Wagen ſicher durchfahren werden kann, bei flachem Waſſer ſogar ganz austrocknet. Die Oſtſeite, dieſelbe, wo un⸗ ſere Freunde gelandet, ragt mit ihrem Sonnenhaken etwas hoch in den Bodden hinein und hier wie an der Nordſeite liegen unterhalb der hohen Ufer ziem⸗ lich anſehnliche Granitblöcke, die dem kleinen einen wilden und romantiſchen Charakter ver Der Strandvogt. III. 1 Dieſe hohen öſtlichen Ufer bedeckte zur Zeit, wo wir ſie betreten, noch ein großer ſchöner Fichtenwald, der Hauptreichthum der ganzen Inſel; Berg und Thal wechſelt anmuthig darauf ab und bietet eine reiche Ausbeute für den Jagdliebhaber dar. Der entgegen⸗ geſetzte, nach Weſten gerichtete und ebenfalls bergige Theil war damals mit herrlichen Waldungen bedeckt, in der Mitte zwiſchen beiden aber flacht ſich das Eiland allmälig ab und dehnt ſich in hügelartigen Getrei⸗ defeldern aus, die einen ziemlich reichlichen Ertrag liefern. In dieſem flachen Ackerlande liegt niedrig und unſcheinbar der Pulitzer Hof, wie faſt alle Höfe der Inſel Rügen ein Viereck darſtellend, deſſen eine Seite das Herrenhaus und die drei anderen Scheunen und Ställe einnehmen. Um dieſes einſame Gehöft herum, den einzigen bewohnten Ort der Inſel, ziehen ſich ſchmale und niedrige Wieſen bis zu dem gegen⸗ über liegenden Stedar'ſchen Haken hin, wo ſich das Land ebenfalls zuſpitzt, gleichſam ſeinem Nachbar drü⸗ ben die vorgeſtreckten Lippen zum Kuſſe reichend. In alter Zeit gehörte Pulitz dem Berger Kloſter, ward aber ſpäter landesherrliche Domaine und 1623 on Norrmann auf Jarnitz verpfändet. Durch ver⸗ ſchiedene Hände gehend, bald verkauft, bald verpfän⸗ vom Herzog Philipp Julius an die Wittwe des Hern det, ward es endlich wieder Domaine und als ſolche von Napoleon an einen ſeiner Officiere verſchenkt, ein 1 Schickſal, welches die beträchtlichſten Domainen der Inſel mit ihm theilten. Der jetzige Pächter, den wir ſogleich näher kennen b lernen werden, wohnte ſchon ſeit mehr als zwanzig Jahren darauf und führte ein vollkommen patriarcha⸗ liſches Leben. Abgeſondert von der ganzen übrigen Welt, ſich weder um Krieg noch Frieden kümmernd, ſeinem Herrn und König mit voller Seele ergeben, trieb er allein Landwirthſchaft und hatte ſeine Freude 5 an dem Wachsthum der Früchte und dem Gedeihen der köſtlichen Wälder, denen er die größte Sorgfalt zuwendete. Er hieß Adam Sturleſon— wenigſtens 4 wollen wir ihn ſo nennen— ſtammte aus Schweden und war in früheren Zeiten Soldat geweſen, ohne ſich aber jemals in die unglückſeligen Parteikämpfe ſeines Vaterlandes eingelaſſen zu haben, da ihm der⸗ gleichen Gezänk ein Gräuel war. Da er ſchon ſo lange auf Pulitz wohnte und ſich durch vortreffliche 6 Eigenſchaften des Charakters und Herzens auszeich⸗ nete, ſo war er faſt auf ganz Rügen beka annt, überall geliebt und wurde von Groß und Klein der alte 3 Schwede genannt, eine Bezeichnung, die in der That. nach jeder Richtung hin der Wahrheit miſpnach Snn 4 breite Mund mit den kerngeſunden Zähnen entſprach, vollkommeneren Biedermann gab es in der ganzen Runde nicht, und wer einmal Gelegenheit gehabt, mit Adam Sturleſon zu verkehren, der mußte bekennen, daß er niemals von einem Menſchen ſeines Standes in höherem Grade befriedigt worden ſei. Von Geſtalt war er ein Rieſe, über ſechs Fuß hoch, von angemeſſener Breite in den Schultern und reich an Fülle des Leibes. Sein Kopf war, wie der ganze Menſch, originell, denn er erſchien im Verhält⸗ niß zu ſeinem großen Körper viel zu klein; die Züge des Geſichts trugen einen leutſeligen und ſanften Aus⸗ druck, entbehrten aber keineswegs einer ſtark ausge⸗ prägten und charakterfeſten Männlichkeit. Das größte an dieſem Kopfe war die Stirn; wie der ganze Schei⸗ tel glatt und kahl, ohne jegliches Haar nach den Sei⸗ ten hin, glänzte und leuchtete ſie, wie wenn ein ewiger Sonnenſchein darauf ruhte; nur an den etwas eingefalle⸗ nen Schläfen wuchſen zwei ſtarke Büſchel ſchneeweißer Haare und zogen ſich nach dem Hinterkopfe in einen ſchmalen ehrwürdigen Kranz zuſammen. Aus ſeinen en Augen ſtrahlte dem Beſchauer eben müthigkeit, Wohlwollen wie geſunder Men⸗ ſchenverſtand entgegen, ein Ausdruck, dem der etwas 8 5 barte verdeckt war, der in langen und breiten Rin⸗ geln zu beiden Seiten des Kinnes herabfiel und ſich mit dem nicht weniger anſehnlichen Kinn⸗ und Hals⸗ barte zu einem ſchönen und ſelten geſehenen Ganzen verband. Vom Morgen bis Abend fand man Adam Stur⸗ leſon auf ſeiner Pachtung beſchäftigt. Ueberall ſah er ſelbſt nach dem Rechten und deshalb gedieh Alles unter ſeiner da it einem gewaltigen Spaten⸗ ſtock bewaffnet, inem härenen langen Rock, bis an den Hals zug pft, den er Winter und Som⸗ mer trug, ſah man ihn durch Wald und Flur wan⸗ deln, und Niemand war auf dem ganſen Gute, der ſo früh aufſtand und ſo viel im Freien wirthſchaftete wie er, ſo daß auch Niemand wie er ſo vollkommen unterrichtet war, was im Großen und Kleinen auf ſeinem Territorium geſchah. Der alte Schwede lebte aber nicht als Einſiedler auf ſeinem einſamen Gehöfte. Zwar kinderlos, hatte er jedoch eine Frau, Talke mit Namen, die ihm in Allem und Jedem gewachſen war, an großem, ſtatt⸗ lichem Köperbau, Herzensgüte und Menſchenfreundlich⸗ keit, ſy daß man wohl ſchwerlich ein Paar finden konnte, das beſſer zuſammen gepaßt hätte als dieſes. Dieſe beiden alten Leute in herzinniger Neigung mit 6 einander verkehren zu ſehen, gewähre einen hohen Genuß, denn ſelten geſchah es, daß Adam allein das Haus hütete. Sobald er ſich blicken ließ, war auch Talke neben ihm und jeder ſeiner Wünſche ward auf das Eiligſte erfüllt, wie jeder ſeiner Beſchlüſſe auf das Herzlichſte getheilt. Mutter Talke ſtammte aus Mönchgut her und das verrieth ſich in ihrer Tracht, die der Mutter Ilske's im Kiekhauſe ſehr zhnlich war. Mit dieſer war ſie auch in entferntem Grade verwandt und daher ſchreibt es ſich, daß Hille ſie ihre Baſe und den alten Schwe⸗ den Vetter nannte. Eine ſolche Verwandtſchaft aber, zumal es die ein⸗ zige war, die er noch auf der Welt beſaß, wurde von dem alten Schweden hochheilig gehalten und wenn irgend Jemand von Granzow's oder Hille Van⸗ gerow ſprach, pflegte er immer zu ſagen, indem er den rechten Zeigefinger emporhob und die Augen vor Freude blitzen ließ:„es ſind meine Vettern und Ba⸗ ſen, mein Lieber!“ Dennoch ſahen ſich die Vettern und Baſen nur ſehr ſelten, jedes hatte auf ſeinem eigenen Hofe, in ſeinem Berufe zu thun, und nur bei vwiichtigen Gelegenheiten trafen ſie zuſammen, dann aber mit einer Einigkeit und Herzlichkeit ſich begrüßend 7 und bewirthend, wie man ſie nur ſelten im Leben finden mag. Da der alte Schwede den ganzen Tag auf den Beinen war und bei jederlei Arbeit mit Hand anlegte, ſo erfreute er ſich eines vortrefflichen Appetites und eines geſunden Schlafes, und beide Lebenserforderniſſe wurden denn auch auf Pulitz mit ungemeiner Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit behandelt. Im Eſſen beobachtete Adam Sturleſon, ſowohl was die Zeit, wie die Fülle und Reihenfolge der Mahlzeiten betraf, noch immer genau die Sitten ſeines Vaterlandes und haben wir vielleicht Gelegenheit, dem Leſer davon eine kleine Probe zu liefern. Zu Bett gegangen wurde Sommer und Win⸗ ter jeden Abend um neun Uhr, dafür aber ſtand der unermüdliche Landwirth ſchon wieder um zwei Uhr auf, denn länger als fünf Stunden bedurfte ſeine rieſige Natur der erquickenden Stärkung nicht. Bis⸗ weilen jedoch— im Ganzen nur ſelten—, wurden auch dieſe fünf Stunden noch um ein Bedeutendes beeinträchtigt, und das war jederzeit der Fall, wenn irgend ein Herzeleid, ein Kummer, oder auch nur eine Beſorgniß die Seele des alten Biedermanns bedrückte, oder wenn er, wie er ſagte, Geſichter ſah, eine Eigen⸗ ſchaft, die er alſo, obwohl in etwas abweichender Weiſe, mit ſeinem Landsmann Magnus Brahe theilte. 4 8 Das Erſcheinen eines ſolchen Geſichts pflegte der alte Schwede ſtets mit den Worten einzuleiten:„Talke, gieb Acht, es ſchwebt Etwas in der Luft, ich rieche das Gewitter!“ und wenn er das ſagte, dann wußte Mut⸗ ter Talke, daß ſie die Nacht nicht würde ſchlafen kön⸗ nen, denn den alten guten Adam eine Nacht allein wachen zu laſſen, das wäre ſowohl gegen ihr Gewiſ⸗ ſen, wie gegen jede Sitte und Gewohnheit geweſen. An dem Abende nun, bis zu welchem wir in unſe⸗ rer Erzählung gelangt ſind, war Adam Sturleſon ganz gegen den Gebrauch ſehr ſpät nach Hauſe ge⸗ kommen. Langſamen Schrittes, wie er immer ging, mit majeſtätiſchen Bewegungen ſeinen langen Stock in den Boden ſtoßend und den ausdrucksvollen Kopf, der faſt nie eine Bedeckung trug, mit militairiſcher Haltung nach allen vier Windgegenden drehend, war er am öſtlichen Ufer der Inſel ſpazieren gegangen, hatte das Waſſer betrachtet und die Wolken gemuſtert, was eine ſeiner Lieblingsbeſchäftigungen war, und dabei die eigenthümliche Lage in Betrachtung gezogen, in der er ſich gegenwärtig befand. Denn im Frühling dieſes Jahres war ihm Etwas begegnet, was ſeine ganze Philoſophie in Bezug auf die Ruhe und Verträglichkeit der Welt beinahe über den Haufen geworfen hätte. Der Kaiſer Napoleon, 9 der Deutſchland und die benachbarten Länder mit ſei⸗ nen Soldaten überfluthet hatte und dem er deshalb noch tauſendmal mehr grollte als ſchon früher, hatte es gewagt, ſein einſames, ſchönes Pulitz dem Könige von Schweden zu entziehen und einem ſeiner habſüch⸗ tigen Officiere, dem Herrn von Chambertin zu ſchen⸗ ken.*) Als dieſe Nachricht auf Pulitz eintraf, ſchwirrte die Luft ſo von Geſichtern und Gewittern, daß Mut⸗ ter Talke beſorgte, ſie würde ein ganzes Jahr keine volle Stunde ſchlafen können, und Adam Sturleſon *) Der Name Chambertin verdankt der poetiſchen Licenz ſeine Entſtehung. Der eigentliche Donatar, der außer der Inſel Pulitz noch zwölf andere Domainen im Geſammtertrage von 2355 Tha⸗ lern und 1 ½¼ Schilling vom Kaiſer Napoleon erhielt, war der Kaiſerliche Staatsrath, Reichsgraf Pelet. Von Pulitz bezog der⸗ ſelbe allerdings nur 275 Thaler 24 Schillinge. Der Grund, war⸗ um wir bei der Schilderung dieſer Verhältniſſe einigermaßen von der hiſtoriſchen Wahrheit abgewichen ſind, liegt nahe und bedarf wohl einer genaueren Erklärung nicht. Das Große und Ganze in unſrer Erzählung iſt vollkommen wahrheitsgemäß, in Bezug auf die perſönlichen Verhältniſſe durften wir uns aber um ſo eher hie und da eine Modification erlauben, als die Proſa des Lebens nicht immer in den Rahmen einer poetiſchen Schilderung paßt, und nicht immer ſchön und wahrſcheinlich erſcheint, was wirklich wahr iſt. Anm. des Verfaſſers. 10 lud alle ſeine Gewehre und Piſtolen, mit der Drohung, jeden Fremden niederzuſchießen, der es wagen würde, ſein kleines Heiligthum zu betreten. Allein die heran⸗ ziehenden Gewitter zogen alle ohne Entladung wieder vorüber, wie ſich auch die Gewehre und Piſtolen ge⸗ gen Spatzen und Dohlen entluden, denn mit der Zeit ſänftigte ſich der Zorn des alten Schweden, da Mo⸗ nate vergingen, ohne daß Monsieur de Chambertin ſich blicken ließ und als Beſitzer des Pulitzer Eilandes vorſtellte. Durch dieſe Verzögerung ſeines Erſcheinens war allmälig der irrige Gedanke in Adam's Hirn aufge⸗ ſtiegen, der edle Franzoſe beabſichtige überhaupt nicht, von ſeiner neuen Errungenſchaft Beſitz zu nehmen und die Jahre würden verſtreichen, wie die Monate ver⸗ ſtrichen waren, bis der Krieg beendet und die Fran⸗ zoſen, wie Adam ſich ausdrückte, zum Teufel gejagt wären, denn hier müſſen wir bemerken, daß der Ge⸗ brauch von mächtigen Kraftwörtern und haarſträubenden Flüchen die einzige üble Angewohnheit war, die der alte Schwede im Laufe der Zeit angenommen, trotz⸗ dem ſeine harmloſe Seele keinen Gedanken hegte, der dieſen gottloſen Flüchen entſprochen hätte. Nun aber wwmaar gerade an dem Tage, der dem erwähnten Abend vorherging, ein Prief aus Stralſund mit der er Rachrich —— 11 eingetroffen, Herr von Chambertin werde in den näch⸗ ſten vier Wochen einen Beſuch auf Pulitz abſtatten und ſein neues Reich beſichtigen, desgleichen werde er den bisherigen Pächter über ſein Verhalten zur Re⸗ chenſchaft ziehen, und wenn er Urſache fände, nicht mit ihm zufrieden zu ſein, ihm die Pacht abnehmen und einem Anderen übergeben, da er ſelbſt nicht geſonnen. ſei, ſein Leben in dem nebligen Windlande hinzu⸗ bringen. Dieſe Nachricht konnte natürlich keine andere Wir⸗ kung hervorbringen, als furchtbare Gewitter zu erzeu⸗ gen und ungeheuerliche Geſichter heraufzubeſchwören, und mit dieſen kämpfte der alte Schwede auf ſeinem Spaziergange, ohne im Stande zu ſein, ſie ganz zu bewältigen. Dennoch hoffte er zuletzt, es werde ihm gelingen, die Begehrlichkeit des neuen Herrn zu befrie⸗ digen und er werde Pächter von Pulitz bleiben wie bisher, zumal er ſich keine andere Exiſtenz auf der Welt denken konnte als dieſe. Mit dieſer Hoffnung ausgerüſtet begab er ſich endlich nach Hauſe und be⸗ ruhigte die verwunderte Talke, die ſein langes Aus⸗ bleiben nicht begreifen konnte und in der genauen Kenntniß des Weſens ihres guten Adamss daſſelbe nur übernatürlichen Dingen zuſchrieb. Am leichteſten konnte er ſie aber bei ſolchen Gelegenheiten beſchwichtigen, 12 wenn er von allen Speiſen, die ſie ihm vorſetzte, reich⸗ lich aß und darum bemühte er ſich, ſeinen natürlichen geſunden Appetit auch heute in vollem Glanze zu zeigen. Mutter Talke war daher ganz erfreut, als ſie dieſe unerwartete Huldigung ihrer hausmütterlichen Sorg⸗ ſamkeit ſah, aber um ſo mehr verwunderte ſie ſich, als Adam um neun Uhr keine Anſtalten zum Schla⸗ fengehen traf, ſondern auf ſeinem gepolſterten alten Lehnſeſſel am Fenſter, von wo aus er den ganzen Hof überſah, ſitzen blieb und von Zeit zu Zeit laut ſeufzte. „Adam,“ ſagte die gute Mutter Talke endlich, trat an ihren Gatten heran und kraute ihm im Backenbarte,. was er überaus gern hatte,„Adam, guter Adam, wollen wir nicht zu Bette gehen, es iſt ſchon lange neun Uhr vorbei.“ „Nein, Talke, nein, ich ſchlafe heute Nacht nicht, und am liebſten bliebe ich hier auf dem Seſſel ſitzen und ſähe das Morgenroth dort über das Dach her⸗ aufſteigen.“ „Aber, mein Gott, warum denn das?“ „Warum? Du fragſt noch, warum? Talke, ich ſage Dir, wir werden wunderbare Dinge erleben. Es iſt nicht richtig in der Luft, ein furchtbares Gewitter zieht heran und ich habe Geſichter geſehn, ſo ſchaa⸗ —————ͤ 2——ſſſ 13 renweiſe und mit ſo ſchrecklichen Mienen wie noch nie in meinem Leben.“ „Meinſt Du diesmal ein wirkliches Gewitter, oder nur eins in Deiner Einbildung, Adam?“ „Einbildung?“ rief der ergrimmte Alte und ſprang auf, wobei er beinahe mit ſeinem kahlen Scheitel an die niedrige Zimmerdecke ſtieß.„Willſt Du mich krän⸗ ken? Muß ich denn durchaus fluchen, ſo ſehr ich mich auch bemühe, es nicht zu thun, da es gottlos i*ſt, wie Herr von Willich ſagt?“ „Nein, Adam, Du mußt nicht— ich ſchweige ſchon, verſchlucke die Flüche und ich— ich will meine Meinung verſchlucken.“ „Bomben und Kartätſchen, Talke, was ſagſt Du da? Du willſt Deine Meinung verſchlucken? Was heißt das?“ „Ich will ſchweigen, Mann, wenn Du ſprichſt, weiter will ich nichts.“ „Das hat Dir der Satan gerathen, Weib! Wenn Du wüßteſt, wie mein Herz zerriſſen iſt, würdeſt Du mir keinen Poſſen mit Worten ſpielen; und Weiber⸗ reden ſind Poſſen, wo Männer, wie der kleine Napo⸗ leon, das Wort führen in der Welt.“ „Er iſt groß, dieſer Napoleon, Du verſprichſt Digh Adam.“ 14 „Er iſt klein, ſage ich. Der Teufel ſoll mich ho⸗ len, wenn es nicht wahr iſt.“ „So mag er klein ſein, ich bin es zufrieden. Jetzt aber gute Nacht, Adam, ich gehe zu Bette.“ „Halt da! Man läßt einen braven Mann im Gefecht mit ſeinen Feinden mihtei im Stich— ich theile Dein Bivouak!“ Aber obgleich Adam Sturleſon der Ueberredung Mutter Talke's gefolgt und zu Bett gegangen war, er konnte kein Auge ſchließen. Von ſeinen Geſichtern verfolgt und von ſeiner Gewitterluft bedrückt, wälzte er ſich hin und her, bis er es gegen zwei Uhr Morgens nicht mehr aushalten konnte, aufſprang, ſich anklei⸗ dete und das Zimmer verließ, um den Tag über dem Meere anbrechen zu ſehen, wie er ſagte. Um Mutter Talke's Ruhe war es nun in dieſer Nacht geſchehn. Auch ſie erhob ſich, aber nicht, um: den Tag über dem Meere anbrechen zu ſehen, ſon⸗ dern um ihrem Manne das Frühſtück zu bereiten, da⸗ mit er, wenn er zurückkehrte, Alles auf dem Tiſche und zur Befriedigung ſeines Appetits bereit fände. Als Adam Sturleſon ſein Gehöft verließ und uu die Wieſen⸗ die daſſelbe umgaben, hinaustrat, 15 war es gerade die Zeit, wo die Nacht mit dem Tage um die Herrſchaft rang und ein hellerer Schimmer, als bisher ſichtbar geweſen, ſich am öſtlichen Himmel auszubreiten begann. Es war das noch nicht die junge Königin des Tages ſelber, ſondern nur ihr Vortrab, der ſie verkündigt und aller Welt auf ihr Erſcheinen Hoffnung macht. Der alte Schwede ſtand mitten auf der Wieſe ſtill und ſchaute nach dieſem gelblichen Schimmer hinauf, denn er liebte es, auf irgend einem Theile ſeines Ge⸗ bietes den Morgen zu begrüßen, wenn er friſch aus dem Meere hervorſtieg und mit gebieteriſcher Schnel⸗ ligkeit über das Land flog, um ſich, immer ſiegreich, das größte Reich zu unterwerfen, welches auf dieſem Planeten exiſtirt. Adam war jedoch nicht der erſte und einzige Beobachter, der ſich an dieſem königlichen Schauſpiel weidete, hundert kleine Vögel waren ihm ſchon zuvorgekommen, hatten auf den Baumwipfeln den erſten Platz beſetzt und ſchmetterten nun mit gel⸗ lender Kehle ihren Gruß dem erſehnten Morgen ent⸗ gegen. „Heei! wie das luſtig iſt!“ rief der Pächter von Pulitz, indem er mit heiterem Auge Alles und Jedes rings herum betrachtete.„Hier freut ſich ſchon Jung und Alt und ich ſollte mich nicht auch freuen? War⸗ 16 um nicht, und wenn ich auch nicht zwitſchern kann, wie dieſe da, ſo kann ich doch beten: Herr Gott da oben im Himmel, gieb uns Frieden und Freude wie dieſen da. Amen!— Schau, ſchau,“ fuhr er im ſtil⸗ len Selbſtgeſpräch fort,„wie es dort drüben heller und heller wird, ich bin wahrhaftig noch beinahe zu ſpät aus dem Bette gekrochen, um dieſen Labetrunk vollſtändig zu ſchlürfen. Da— und da kommt mir mein Wald wieder entgegen! Guten Morgen lieber Wald! Haſt Du Dich auch recht ausgeruht und er⸗ friſcht? Nun ja, es ſcheint ja ſo, es iſt Alles recht ſaftig uno duftig an Dir, aber ich alter Knabe, ſieh mich mal genau an, ich bin etwas müde auf den Beinen, denn ich habe gar nicht geſchlafen, und daran ſind die Gedanken ſchuld, die mir geſtern Abend Deine „Schatten eingeflößt haben— aber halt, was iſt das? Haſt Du auch am frühen Morgen ſchon Schatten?“ Verwundert ſtand der Alte ſtill und ſchaute in den Föhrenwald hinein, durch den, gerade da, wo er am dichteſten ſtand, zwei Männer geſchritten kamen, die, als ſie ſeiner anſichtig wurden, mit beſchleunig⸗ ten Schritten auf ihn zutraten. „Wer da?“ rief der alte Schwede mit ſeiner don⸗ nerartigen Stimme die beiden jungen Leute an, die ſich ihm, ſobald ſie ihn erkannt hatten, mit lächeln⸗ 17 dem Geſichte näherten.—„Wer ſeid Ihr?“ fuhr er fort—„Ha! Seh' ich recht? Iſt mein altes Auge nicht geblendet? Biſt Du nicht ein Granzow aus Saſſenitz— ein Vetter, he?“ „Ja, mein wackerer Ohm, der bin ich, Du haſt mich erkannt und Dein Auge ſieht noch ſo ſcharf wie vor fünfzig Jahren.“ „Das nun wohl nicht, mein Junge, aber— halt einmal, zum Teufel! Was biſt Du für ein Kerl ge⸗ worden, ſeitdem ich Dich nicht geſehen— aber hol' Dich der Geier, was treibſt Du Dich ſo früh in mei⸗ nem Revier herum?“ „Sogleich, lieber Ohm, ſogleich! Erſt ſieh Dir ein⸗ mal dieſen Herrn an— kennſt Du ihn auch?“ Der alte Schwede war dicht an Magnus heran⸗ getreten, um auch ihn genau zu beſichtigen, nachdem er Waldemar wiederholt die Hand geſchüttelt hatte. „Nein,“ ſagte er dann,„ich kenne ihn nicht und er⸗ innere mich nicht, ihn jemals geſehen zu haben. Aber ſein Geſicht iſt kein ſchlechtes, potz Wetter und Blitz! Er trägt zwar einen alten Jägerrock, aber daß er kein gemeiner Jägersmann iſt, wollt' ich wetten. Er hat etwas vom Falken— nicht im Auge, mein Junge, nein, das gleicht mehr einer Taube, aber in der Hal⸗ tung und der ganzen Geſtalt. He, ich glaube mich 2 Der Strandvogt. III. Ses 8. 5 — 18 nicht zu täuſchen, wenn ich ſage, er iſt ein junger Krieger, wie ich ein alter bin.“ „Deine Menſchenkenntniß, Ohm, hat Dich auch diesmal richtig geleitet,“ verſetzte Waldemar ernſt. „Sieh ihn Dir recht genau an und freue Dich dann doppelt. Du haſt ihn doch wohl ſchon einmal geſe⸗ hen, wiewohl nur als Knaben, und ſogar hier auf Pulitz, wo er Dich mit mir beſuchte. Doch, ich ſehe, Du ſchweifſt in der Irre. Gerade heraus geſagt, es iſt Magnus, Graf Brahe, mein theuerſter Freund und meines erhabenen Wohlthäters einziger Sohn.“ Der alte Schwede reckte ſeine herkuliſchen Glieder zurecht, ſtrich mit der Linken ſeinen weißen Schnurr⸗ bart und zog mit der Rechten ſeine Mütze, wobei er zuletzt eine kerzengerade Haltung annahm.„Ah, da neige ich mein kahles Haupt, Junker,“ ſagte er mit ergebenem Tone,„Denn Ihr Vater iſt mein Lands⸗ mann und außerdem ein edler und vielgeliebter Mann in dieſen Landen. Darf ich Ihnen meine Hand bie⸗ ten? Sie iſt rein, Herr, und keiner Taube Blut klebt daran.“ Herzlich ſchüttelte Magnus die Rechte des biederen Alten und wandte dann den Blick auf Waldemar, als wolle er ihn ermuntern, ihren frühen Beſuch zu erklären. Aber der Pächter von Pulitz kam ihm zu⸗ 4 1 19 vor und ſagte:„Nun weiß ich, wer Ihr Beide ſeid aber nicht die Urſache, die mir ſo früh die Freude verſchafft, Euch bei mir zu begrüßen.“ Waldemar's Stirn umwölkte ſich etwas.„Das iſt eine etwas traurige Geſchichte, Ohm,“ erwiderte er.„Aber bevor ich Dir unſre Schickſale enthülle, nimm einen Gruß von mir an, den Dir ein wackeres Mädchen ſchickt, mit der Bitte, Dich unſerer in un⸗ ſern Nöthen anzunehmen.“ „Junge, was ſind das für Worte! Laß ſie mich nicht noch einmal hören! Mag Euch der Teufel ſchik⸗ ken, Ihr werdet mir immer willkommen ſein! Aber nein, Euch braucht Niemand zu ſchicken, und am we⸗ nigſten der Teufel, Ihr ſeid durch Euch ſelbſt empfoh⸗ len, um nicht vergebens an meine Thür zu pochen. Ein für alle Mal, Ihr ſeid Brahe und Granzow, und das ſind zwei Namen, die bei allen rechtſchaffenen Rügianern einen guten Klang haben.“ „Vielleicht doch noch einen beſſeren, wenn ich Dir ſage, daß Hille Vangerow mit ihrem Gruß uns ei⸗ nen Geleitsbrief an Dich niitgegeben hat.“ Ah, pfeifſt Du die Melodie, meine Lerche? Hille Vangerow, ſagſt Du? Ja, das iſt mein Liebling, weit und breit auf dieſer Erde, und wenn die Euch ſchickt, dann bringt Ihr mir gewiß etwas Gutes, 2 ½ denn mit dem Böſen hat ſie noch keinerlei Bekannt⸗ ſchaft gemacht. Heraus nun endlich damit, meine Ohren ſind groß genug, Alles zu hören, was mir Euer Mund ſagen kann.“ Trotzdem der Alte bei dieſen Worten heiter lä⸗ chelte, wurde ſeine Miene doch ſehr bald ernſt, als Waldemar ihm mit kurzen Worten ſeine und Mag⸗ nus Brahe’s Verhältniſſe auseinanderſetzte. Ohne ein Wort dazwiſchen zu ſprechen, nur bisweilen die ſilber⸗ weißen Augenbrauen bis zur halben Stirn hinauf⸗ ziehend und dabei kampfluſtig ſeinen dicken Schnurr⸗ bart ſtreichend, hörte er aufmerkſam zu; als aber Waldemar fertig war, pfiff er laut durch die Zähne 5 und ſagte derb:. 8 „Donner und Wetter! Jetzt erkläre ich mir meine Geſichter und warum die Luft geſtern Abend ſo vol⸗ ler Gewitter war. Das nenne ich mir ein Ereigniß! Da, Jungen— nehmen Sie es nicht übel, Herr Graf, aber Sie ſind ja gegen mich noch ein Kind — da habt Ihr noch einmal meine Hand und nun heiße ich Euch erſt recht willkommen, denn ich liebe Leute, die von ihren Feinden ungerechter Weiſe verfolgt. werden, und nehme ſie in Schutz, wo ich kann. Jetzt aber folgt mir in mein Haus und frühſtückt mit mir und da wollen wir der alten Talke auch Eure Ge⸗ — 21 ſchichte in's Ohr flüſtern. Heda, Ihr Buben, weiß es Gott, Ihr ſeid an den rechten Mann gekommen! Der alte Schwede iſt noch jung genug, Euch zu hel⸗ fen, und hat eine Feſtung für Euch, an die keine Maus heran kann. Immer zu, immer zu, geht et⸗ was raſcher, meine Herren, ich wittere einen grimmigen Appetit nach dieſer Freude. Aber halt— da fällt mir eben etwas ein, was zu bedenken iſt. Wißt Ihr denn, daß ich auch mit Nächſtem die Franzoſenkerle zum Beſuch erwarte? Aber nein, wie könnt Ihr das wiſſen. Nun, da habt Ihrs.“ Und er erzählte, was wir ſelber ſchon von der Liebesgabe Kaiſer Napo⸗ leon's an Brigadier Chambertin in Erfahrung ge⸗ bracht.„Aber Ihr bra““ Euch nicht zu ängſtigen,“ fügte er hinzu, als er zer Erzählung ſeiner eige⸗ nen Lage zu Ende war,„wenn die Hundsfötter auch kommen, ſie ſollen Euch doch nicht kriegen, wenn ſie nicht von allen vier Weltgegenden zu Waſſer und zu Lande zugleich auf mich losfahren, ſo wahr ich Adam getauft bin. Denn wißt, ich habe einen Verſteck, den General Chambertin ſelbſt nicht kennen lernen ſoll und wenn er ſich auch hundertmal Beſitzer von Pu⸗ litz von Kaiſers Gnaden nennt, er müßte denn ein Biber ſein und eine Witterung haben, daß er Mei⸗ lenweit Menſchen riecht. Doch nun laßt das Reden 22 ſein, da ſeht Ihr ſchon mein Haus liegen und, ſchaut einmal, da geht eben die Sonne drüber auf, mit Euch zugleich tritt ſie ein, ha! mein niedriges Dach freut ſich, Euch zu beſchirmen. Hinein, Herr Graf, immer hinein, es iſt klein und eng, aber für Euch iſt Platz genug darin, Ihr ſeid ja noch einen halben Kopf kleiner als ich, und ich ſtoße noch nicht mal an die Deckbalken an.“ Der alte Schwede ließ ſeinem vornehmen Gaſte, wie es ſich gebührte, den Vortritt, dann trat Walde⸗ mar in das etwas enge aber behagliche und bequem genug eingerichtete Wohnzimtner und gleich hinter ihm her polterte der Wirth hinein laut nach Mutter Talke rufend, um ihr den une 28 Jeſuch vorzuſtellen. Endlich kam ſie, ſchert Jetze in ihrer dunklen Tageskleidung, angetiꝛxt. Frreude war groß, als ſie den ſo ſchön geww. Waldemar, wie ſie ſagte, vor ſich ſah, und ſie drückte ihn wiederholt an die Bruſt, wie wenn er ihr eigener Sohn geweſen wäre, und gab ihm die ſüßeſten Schmeichelnamen. Als ſie nun aber ſeines Begleiters Namen nennen hörte, fühlte auch ſie ſich hoch geehrt und ſichtbar färbten ſich ihre runzligen Wangen, als ihr der Erbe der Spyker'ſchen Güter freundlich die Hand reichte. Mun iſt es genug der Worte, Talke!“ rief der 23 alte Schwede aus, indem er ſeinen Spatenſtock in die Ecke ſtellte.„Nun nicht gezaudert mehr, hole uns ei⸗ nen Anbiß, Mutter, aber einen kräftigen, denn wir haben Alle einen Appetit, daß Du Wunder erleben wirſt. Unſre Gäſte ſind mit den Vögeln aufgeſtan⸗ den und haben nicht zu Nacht geſpeiſt.“ Mutter Talke wollte ſich entſchuldigen, daß ſie auf einen ſo hohen Beſuch nicht genügend vorbereitet ſei und nicht gleich ein ordentliches Mahl auftiſchen könne, aber der Alte ſchob ſie zur Thür und ſagte, die Entſchuldigungen würden ſich von ſelbſt ergeben, wenn er und ſeine Gäſte alle Vorräthe aufgegeſſen hätten. Magnus nalh ⸗ f einem alten Ruhebett Platz, denn er nüdet, da er ſeit langer Zeit keinen großen 9 gemacht und die ganze Nacht nicht geſchlafen hatte.„Ruht Euch nur einſt⸗ weilen auf dem Dings da aus,“ ſagte der Alte,„erſt müßt Ihr eſſen, dann ſollt Ihr eine Stube mit zwei Betten haben, die bis an die Decke reichen und mit lauter Eiderdaunen geſtopft ſind, die ich ſelbſt aus den Lüften heruntergeholt. Hei! Aber Eſſen und Schlafen iſt die Hauptſache in Schweden, das wißt 1 Ihr ja, und Deides ſoll Euch nicht fehlen, da Iör — 55 ——— 24 bei mir auf ſchwediſchem Grund und Boden ſteht und ein ſchwediſches Herz zum Wirthe habt.“ Es dauerte nicht lange, ſo kam eine ſcheu blickende Magd in's Zimmer und deckte den eichenen Tiſch mit ſchneeweißem Linnen. Dann kam ſie noch einmal und brachte eine große Flaſche alten Kornbranntweins und eine kleinere mit dunklem portugieſiſchen Wein gefüllt, nebſt drei Gläſern, die eher großen Humpen als Weingläſern heutiger Gattung ähnlich ſahen. Sobald ſie auf dem Tiſche ſtanden, füllte Adam Stur⸗ leſon die Gläſer bis an den Rand mit der erſten Flüſſigkeit und bot ſie ſeinen Gäſten an. Magnus probirte ein Glas und nickte dann dem alten Schweden zu.„Es iſt ächter Vaterländer,“ ſagte er lächelnd,„ich habe ihn lange nicht gekoſtet.“ „Alles iſt ächt bei mir, wie ich ſelber!“ rief der Wirth,„und nun heiße ich Euch noch einmal willkom⸗ men! Laßt es Euch gefallen in meinem ſchlichten Hauſe. Gott ſegne den Morgentrank!“ Die beiden jungen Männer thaten ihm nach Kräf⸗ ten Beſcheid und langten dann auch von den feſteren Speiſen zu, die nach und nach auf den Tiſch geſetzt wurden und die aus einem großen grauen Brode, friſcher Butter und einem reichlichen Vorrath von ge⸗ räucherten Aalen, Kalbsbraten, Wurſt, Zunge, Pökel⸗ — Ferererer eireer, fleiſch und Schinken beſtanden, wozu noch zuletzt ein ungeheurer Käſe kam, den Mutter Talke, wie ſie ſagte, eigenhändig bereitet hatte. Als das Frühmahl verzehrt war, führte der Wirth ſeine Gäſte in ihre Stube, wo Magnus ſogleich das weiche Lager aufſuchte; Waldemar aber, ſobald er ſei⸗ nen Freund zur Ruhe gekommen ſah, kehrte zu dem Ohm zurück und wanderte mit ihm in den Fichten⸗ wald, um ſich das Herz rein zu ſprechen von den vielfachen Beſchwerden, die darauf laſteten, denn Adam Sturleſon war ein Mann, dem er Alles vertrauen konnte, und ganz dazu geeignet, ihm den beſten Rath in jedem Nothwendigen zu ertheilen. So war der Alte denn bald genau unterrichtet und ſprach ſeinem jungen Freude die beſte Hoffnung zu, denn an Hoff⸗ nung auf Beſſerwerden fehlte es dem ehrlichen Mann niemals, wie auch ſein Herz noch nie verzweifelt war, mochte die Gefahr, die es umgab, noch ſo groß ge⸗ weſen ſein. Sweites Kapitel. Mutter Talke's Unternehmung. Im harmloſeſten Stillleben verſtrichen den beiden Freunden acht Tage auf Pulitz ſehr raſch und ſie mußten eingeſtehn, daß ſie ſeit langer Zeit nicht ſo ruhig gelebt hatten, und ſo wenig von den tauſender⸗ lei Streitigkeiten, die draußen die Welt erſchütterten, berührt worden waren. Von allem äußeren Verkehr abgeſchnitten, nur dann und wann das Hundegebell oder den Flintenſchuß eines benachbarten Jägers ver⸗ nehmend, wenn die ſtille Luft dieſe Geräuſche von der Inſel Rügen herübertrug, verbrachten ſie ihre Zeit in ungeſtörtem Nachdenken, was freilich, wenigſtens für Einen von ihnen, auch nicht ohne Kampf und Sorge geſchah. Am wenigſten aber hörten ſie von den Fran⸗ zoſen, denn nach Pulitz kam weder Einquartierung, noch eine ſtreifende Patrouille, da die kleine Inſel als ———— 27 das Eigenthum eines franzöſiſchen Generals betrachtet und als ſolches mit allen Heimſuchungen der Art ver⸗ ſchont wurde. So erfuhren ſie weder, was auf dem Feſtlande, noch was auf der Inſel und ihren Neben⸗ inſeln vorging, und wäre der nagende Trieb in ihrer Bruſt nicht geweſen, wenigſtens mit den Ohren und Herzen an den Ereigniſſen der großen Welt theilzu⸗ nehmen, ſie hätten ſich verhältnißmäßig ganz glücklich fühlen können. Magnus war, ſeiner Gewohnheit gemäß und zu⸗ mal in Folge ſeiner letzten Erfahrungen, in dieſen acht Tagen ſehr trübe geſtimmt und nur wenig zur ge⸗ ſprächlichen Mittheilung aufgelegt. Er hielt ſich gern allein, theils auf ſeinem Zimmer, theils auf einſamen Spaziergängen, verarbeitete innerlich die traurigen Ge⸗ danken, die ſeine Seele erfüllten, und war außerdem bemüht, ſo raſch wie möglich den Reſt ſeiner Wunde zu heilen, die aber leider, je mehr ſie ſich am Arme ſchloß, um ſo weiter im Herzen klaffte, und jeden Tag mit neuen Schmerzen blutete. Zwar belebte ihn bis⸗ weilen das lebenskräftige und immer heitere Geſpräch ſeines Wirthes, aber ſtets nur auf Augenblicke, und ſobald die mit lächelndem Munde geſprochenen Worte in ſeinem Ohre verhallt waren, ſank er immer wieder in die alte ſtille Träumerei zurück. Namentlich aber 8 ————— — 28 Nachts, wenn er, gleich ſorgenvoll in die Vergangen⸗ heit und Zukunft blickend, ſchlaflos im Bette lag, war er die vollkommenſte Beute der ihn umſchwirrenden Phantaſiegebilde, die ihm ſtets von Neuem das verlo⸗ rene Paradies vorſpiegelten, das er in dieſem Leben nun nie mehr betreten ſollte. Waldemar dagegen fühlte ſich während dieſer acht Tage meiſt völlig zufrieden geſtellt, und der Umgang mit dem wackeren Pächter, der ihm ſo mancherlei Un⸗ terricht und Belehrung aus ſeinem erfahrungsreichen Leben zu Theil werden ließ, behagte ihm von Tage zu Tage mehr; er lernte, indem er hörte und ſah, auf allen Seiten und fing im Stillen an, ein ruhiges Landleben zu ſchätzen, wenn es mit Nachdenken betrie⸗ ben und mit genügſamem Herzen genoſſen wird. Nur von Zeit zu Zeit tauchte in ihm der Wunſch auf, et⸗ was mehr von dem Leben da draußen in der Welt zu hören, denn er konnte ſich weder ſo ſchnell von der alten Gewohnheit loslöſen, mit eigener Hand in die Weltereigniſſe einzugreifen, noch ſo leicht die Wün⸗ ſche bemeiſtern, die er für das Wohl ſeines Vaterlan⸗ des bis dahin gehegt hatte. Faſt noch mehr aber peinigte ihn in den letzten Tagen ſeines Aufenthalts auf der kleinen Inſel der Gedanke an ſeine Lieben in Saſſenitz. Seitdem er Hille geſprochen, und das war 29 ja erſt vor wenigen Tagen geſchehn, und ſeitdem er von ihr erfahren, daß die Franzoſen auch ſein väterli⸗ ches Haus bedrängten, war eine bisher unbekannte Sorge in ſeinem Innern erwacht und um ſo raſcher wuchs dieſelbe zu einer ſchwindelnden Höhe auf, je öfter er ſich wiederholte, daß er ſelbſt an der Bürde ſchuldig ſei, unter der die armen Eltern in ihren al⸗ ten Tagen ſeufzten. Hätte er gewußt, daß im Kiek⸗ hauſe Alles wohlauf ſei, daß man von dem unbemit⸗ telten Strandvogt nicht mehr verlange, als er leiſten könne, er hätte ſich eine Zeit lang ganz behaglich füh⸗ len und auf Pulitz völlig zufrieden leben können. Waldemar war kein Menſch, der die ihn quälen⸗ den Gedanken lange in ſeiner eigenen Bruſt verſchlie⸗ ßen konnte, er war ein Mann der That, und was ihn drückte und peinigte, mußte ſich zu Handlungen ge⸗ ſtalten oder, wenn das unmöglich war, mußte er we⸗ nigſtens in verſtändlichen Worten ausſprechen, was er verlangte und erſtrebte. So fühlte er ſich denn gedrungen, ſeine Beſorg⸗ niſſe über ſein elterliches Haus eines Abends laut wer⸗ den zu laſſen, als er mit Adam Sturleſon von einer kleinen Jagdparthie im Föhrenwalde nach Hauſe zu⸗ rückkehrte und den alten Freund zum Geſpräche über ſeine Familienangelegenheiten aufgelegt glaubte. Er 30 fing damit an, die Aufmerkſamkeit des Alten, der rü⸗ ſtig und wohlgemuth an ſeiner Seite ſchritt, auf die politiſchen Verhätlniſſe des Landes zu lenken, um ſo einen Uebergang auf die perſönlichen zu gewinnen, allein er fand wider Erwarten nicht den rechten An⸗ klang bei dem nur für ſeinen nächſten Kreis lebenden Einſiedler. „Laß mich Dir offen ſagen,“ erwiderte derſelbe, „daß ich mich wundere, wie Dich die Dinge da drau⸗ ßen ſo tief bekümmern können. Es iſt eine fruchtloſe Mühe, die Du Dir damit giebſt, da Du durch Deine Theilnahme auch nicht das Geringſte von Allem, was ſich begiebt, ändern kannſt. Laß das, mein Junge, und beſchaue Dir vielmehr Gottes Himmel und ſeine Erde hier ringsum, und wenn Du damit zu Stande gekommen biſt, wende Dein Auge auf Dein eigenes Herz und ſieh, ob da drinnen Alles zum Beſten ſteht.“ „Ach,“ erwiderte Waldemar ſeufzend,„das iſt auch nicht immer eine lohnende Arbeit. Du ſiehſt, wie es dem armen Magnus bekommt, daß er ſich nur mit den ihn allein betreffenden trüben Verhältniſſen beſchäftigt.“ „Halt, Junge, halt, das iſt etwas ganz Anderes und Du ſcheinſt mir zu voreilig im Urtheil zu ſein. Verwechſle den Baum nicht mit ſeinem Schatten. Er⸗ ſtens biſt Du nicht zur Melancholie geneigt wie er, ſondern ein Kind der Sonne, wie er eins des blaſſen Mondes iſt. Dann aber biſt Du ein Sohn des Vol⸗ kes, natürlich und gerade gewachſen, zur Arbeit gebo⸗ ren und mit ſtählerner Thatkraft ausgerüſtet. Er aber iſt ein vornehmer Herr, der ſich mit ſeinen Phantaſieen unterhalten mag, da er nichts Beſſeres gelernt hat und nichts Beſſeres zu lernen braucht. Ihn hat der liebe Gott auf die Träumerei angewieſen, er hat Geld und eine Zukunft, die von ſelbſt kommt, während Du Dir die Deine erarbeiten ſollſt. Jeder halte ſeine Stellung feſt, auf die ihn der Rathſchluß Gottes ge⸗ ſetzt, und Er hat es weiſe gemeint, indem er Leute des blaſſen Gedankens und der feurigen That ſchuf. Deine Aufgabe iſt, mit der Hand zu Deinem Nutzen zu wirken, ſeine iſt es, ſeine Zeit ſo leidlich wie mög⸗ lich hinzubringen, um nicht ganz zu verdorren und einzuſchlafen. So verſtehe ich es und ich habe noch immer Nutzen von dieſer Anſicht gehabt. Wir Leute von der Hand haben keine Minute Zeit zu verlieren, wenn wir leben wollen, das kannſt Du jeden Tag von mir lernen. Sieh Dir an, wie ich's treibe, denn Du wirſt doch nicht immer auf dem Meere herum⸗ ſchwimmen wollen, ſondern wohl einmal in einen Hafen einlaufen, um Dein Feld zu bebauen und Dein eigen Haus zu beſtellen.“ 32 „Du magſt in vielen Dingen Recht haben,“ er⸗ widerte Waldemar ſinnend,„und es mag wohl mög⸗ lich ſein, daß ich einmal den Wunſch hege, mich an irgend einem lieblichen Plätzchen dieſes Landes nie⸗ derzulaſſen und ein Haus zu gründen, allein es darf nicht zu weit von der See ſein, deren Brauſen und Summen zu hören mir ſo nothwendig iſt, wie ihre brandenden Wogen oder ihren glatten Spiegel zu ſe⸗ hen. Dennoch aber haben wir Menſchen von der Hand auch ein Herz, und mein Herz denkt an die Sei⸗ nigen, die meinetwegen leiden und Trübſal erfahren. Du wirſt mir das hoffentlich nicht verargen, zumal Du auch ein Mann biſt, der ein Herz und in dem Herzen Gefühle für ſeine Nächſten hat.“ „Ganz und gar nicht, mein Junge, im Gegen⸗ theil, ich denke ſehr oft mit Liebe Derer, die mir Gott zunächſt an die Seite geſtellt hat, und es giebt wohl keinen größeren Genuß auf Erden, als zu wiſ⸗ ſen, daß auch ſie ſich glücklich fühlen, wenn wir in der Ferne für ſie ſorgen und ſchaffen. Ich werde Dir hiervon den Beweis liefern, nur gönne mir Zeit, ruhig zu überlegen, was Dir frommt und mir ziemt, denn der alte Schwede hat von der Natur keinen ſo blitzſchnellen Verſtand erhalten, daß er, wie manche Leute, ſchon heute wüßte, was morgen geſchieht oder 33 nöthig wird,— nein, er muß haushalten mit ſeinen ge⸗ ringen Geiſtesgaben und reiflich überlegen, wozu er ſich entſchließen will. Hat er aber einmal etwas als gut und recht erkannt, dann führt er es auch ohne Zögern aus, ſelbſt wenn Brauch und Gewohnheit da⸗ gegen ſind.— Als Adam Sturleſon an dieſem Abend mit ſei⸗ ner Frau zu Bette ging, war er ungewöhnlich ſchweig⸗ ſam und nachdenklich; als er aber eine Weile ruhig gelegen hatte, ſo daß Talke nicht einmal ſeinen kräf⸗ tigen Athemzug vernahm, ſagte er:„Talke, ſchläfſt Du ſchon? Nein? So höre, was ich Dir ſagen will. Ich habe heute mit dem Granzow über ſeine Verhält⸗ niſſe und ſeine Eltern geſprochen. Der Junge hat Sehnſucht nach ihnen und möchte gern wiſſen, wie es ihnen ergeht. Ich verdenke ihm das nicht; er hat ſie neulich nach ſo langer Trennung kaum einen Tag lang geſehn, und er dauert mich, denn er führt doch ei⸗ gentlich dem Grafen Brahe zu Liebe ein abenteuern⸗ des Leben. Ach, wenn dieſe Herren keine Freunde hätten, auf die ſie ſich ſtützten oder die für ſie in's Feuer gingen, wie würde es ihnen ergehen und wie oft würden ſie ſich die zarten Fingerchen verbrennen! Na, aber er liebt ihn einmal und thut für ihn, was man ſonſt kaum für einen Bruder thut. Mag es Der Strandvogt. III. 3 denn drum ſein und mag ihm auch dieſe Liebe einſt ver⸗ golten werden! Ich aber möchte dem Burſchen für mein Leben gern eine Freude bereiten, wenn ich nur wüßte, wie ich es anfangen ſollte. Weißt Du es vielleicht, Talke?“— 1 „Noch nicht, Adam, aber ich denke, es wird mir in dieſer Nacht etwas einfallen, was Deine Beiſtim⸗ mung erhält.“ „Ja, ja, laß Dir was einfallen, aber was Geſcheid⸗ tes, was den Nagel auf den Kopf trifft. Höre mal, Talke, und dann habe ich noch einen Gedanken. Ich möchte wohl einmal das Vergnügen haben, dieſen Waldemar mit der Hille Vangerow zuſammen zu ſe⸗ hen. Straf mich Gott, Alte, das iſt ein hübſches Paar, und wenn ich ſie zuſammenkoppeln könnte, es würde mir auf einen tollen Streich mehr oder weni⸗ ger dabei nicht ankommen.“ „Was haſt Du für ſeltſame Einfälle, Adam; ſchäme Dich, als alter Mann ſo gottlos zu reden! Gott muß Mann und Weih zuſammenführen und nicht der Menſch daran rühren. Wo er ſeidene Fäden zu ſpinnen glaubt, ſchlingt er oft eiſerne Ketten, und in denen möchte ich weder die gute Hille noch den wak⸗ keren Granzow ſchmachtend wiſſen.“ „Ich auch nicht, Alte, was denkſt Du von mir! —— — Aber ich müßte mich ſehr irren, wenn hier nicht ſchon ein ſeidener Faden auf dem Webſtuhl läge und wir blos die Maſchine ein bischen raſcher in Bewegung zu bringen hätten. He, was meinſt Du? Willſt Du mir helfen, Mutter? Meine alten Augen ſehen gar zu gern ſo ein junges friſches Blut mitſammen glücklich, das der liebe Herrgott auf Erden für einander ge⸗ ſchaffen hat, und wenn ich ſo ein verliebtes Paar ſich ſchnäbeln ſehe, fällt mir immer die Zeit ein, wo wir—“ „Gute Nacht, Adam,“ unterbrach ihn Mutter Talke,„wie geſagt, ich werde bis morgen drüber nach⸗ denken.“ „Thu das, Alte— aber Du ſollſt mir doch nicht meinen Schlußgedanken mit Deiner ſcharfen Zunge abſchneiden— ich wollte ſagen, wenn ich ſo ein ver⸗ liebtes Paar ſich ſchnäbeln ſehe, ſo fällt mir immer. die Zeit ein—“ „Na, was denn, Alter? Sprich es aus, wenn Du nicht eher einſchlafen kannſt.“ „Wo wir wie Adam und Eva im Paxradieſe glück⸗ lich waren. Nicht wahr?“ „So danke Deinem Gott dafür! Es iſt ein Glück, jung und hoffnungsvoll zu ſein, aber das Al⸗ ter, in dem wir uns jetzt befinden, hat auch ſeinen —y—— Segen, und wenn man es recht bedenkt, iſt ein ru⸗ higes, ſorgenloſes Herz, wie wir es heute haben, beſ⸗ ſer als ein Herz voller Gluth und Bangen, wie es damals war. Gute Nacht, alter Adam!“ „Gute Nacht, weiſe Eva!“ Nicht am nächſten Morgen ſchon, erſt am zweit⸗ folgenden, denn ſo viel Zeit hatte ſie zur völligen Ausarbeitung ihres Planes gebraucht, rüſtetete ſich 1 Mutter Talke mit Beiſtimmung ihres Mannes zu ei⸗ nem weiteren Ausfluge, was in Anbetracht ihrer Jahre und ihrer Schwerfälligkeit kein geringes Unter⸗ nehmen war, zumal ſie nur bei höchſt wichtigen Vor⸗ kommniſſen ihre einſame Inſel zu verlaſſen pflegte. In Geſellſchaft ihres Mannes und von einem Knecht des Pachthofes begleitet, begab ſie ſich an den Strand, wo ſie ſchon ein von letzterem zur Ueberfahrt nach Thieſſow zugerichtetes Boot vorfand. Denn dahin wollte ſie heute zunächſt fahren, daſelbſt ein Fuhr⸗ werk nehmen und dann ſo raſch wie möglich ihrem noch ferner liegenden Ziele zueilen. Da es erſt Morgens ſechs Uhr war, als dieſe Reiſe begonnen wurde, ſo ſchlief Magnus noch, Waldemar aber begleitete den Ohm und ſo ſah er Mutter Talke 4 4 4 in das Boot ſteigen und die Richtung nach der ſchma⸗ len Haide einſchlagen, ohne daß er geahnt hätte, was denn eigentlich mit der ſo geheim gehaltenen Reiſe bezweckt werde. Der Morgen war mild und faſt windſtill; in rei⸗ ner Aetherbläue funkelte die Sonne am Himmel und goß ihre warmen Strahlen voll und ſegensreich über Land und Meer, ſo daß beide über die ſeltene Som⸗ merlieblichkeit zu jauchzen und in Dankbarkeit zu wett⸗ eifern ſchienen. Als die Hausfrau mit wiederholtem Händedruck von ihrem Mann und Waldemar geſchie⸗ den war und in dem Ruderboot nach einiger Zeit aus dem Geſichtskreiſe der Nachſchauenden ſchwand, wandte ſich Waldemar zu dem Pächter um, wobei man in ſei⸗ nen hellen Augen deutlich eine Frage ſchimmern ſehn konnte. Da der Alte aber, und wie es ſchien, vor⸗ ſätzlich ſchwieg, ſo ließ er die Frage nicht laut wer⸗ den, ſondern blickte dem heimlich lächelnden Ohm nur corſchend in das ſchlaue Geſicht. „Nun, mein Junge,“ ſagte dieſer endlich, als das Boot immer weiter auf der Spiegelfläche des ſtillen Boddens dahin glitt,„nun iſt ſie unterwegs und wir wollen jetzt umkehren und ſehen, was es im Hauſe zu thun giebt, nachdem die Alte uns allein das Re⸗ giment überlaſſen hat.“ 38 „Wo will denn Mutter Talke eigentlich ſo früh hin?“ fragte Waldemar nach einer Pauſe, als er zu bemerken glaubte, daß der ſchmunzelnde alte Schwede ſeine Frage zu erwarten ſchien. „Haha! Ja, neugierig ſind wir Alle zuſammen und Du auch, wie ich merke. Wo ſie hin will? Sie will nach Jasmund, um einige Einkäufe zu machen.“ „Nach Jasmund?“ fragte Waldemar mit unver⸗ holenem Staunen.„Ich denke, Ihr bezieht Eure Be⸗ dürfniſſe aus Bergen, da habt Ihr ſie ja auch viel näher und beſſer.“ „Nicht alle, mein Junge, nicht alle. Auch in Jas⸗ mund giebt es mancherlei Wünſchenswerthes— noch dazu von beſter Qualität. Es iſt nicht immer Alles vom Auserleſenſten, was man mit einer leicht ausgeſtreck⸗ ten Hand erreichen kann.“ Er lächelte heiter, als er dies ſagte, und bemühte ſich augenſcheinlich, Waldemar's ſpähenden Augen fer⸗ ner nicht mehr zu begegnen. „Ohm,“ ſagte dieſer endlich,„Du verbirgſt mir Etwas, ich merke es wohl. Wenn es was Freudiges iſt, ſo ſag' es, ich kann es brauchen, denn mein Herz hat lange keine rechte Freude erlebt.“ „Hoho! Was ſoll ich Dir verbergen? Freudiges giebt es jetzt nur wenig auf der Welt. Aber wenn 130 Du Dir das denkſt, ſo warte ruhig ab, wirkliche Freude kommt in keiner Stunde zu ſpät.“ „Ich weiß den Grund nicht davon,“ fuhr Walde⸗ mar erregter fort,„aber ich muß dieſen Ausflug Mut⸗ ter Talke's mit Saſſenitz in Verbindung bringen, ob⸗ wohl ich nicht ahnen kann, was ſie dazu vermocht hat.“ „Hoho! Du haſt vielleicht nicht Unrecht, mein Junge. Die Alte iſt unternehmend, wenn ſie einmal in's Laufen geräth, und da ſie nach Sagard geht, macht ſie vielleicht einen Abſtecher und läßt ſich nach Saſſenitz kutſchiren. Allein weiter weiß ich nichts, alſo warte ab, was geſchieht, ſo gut wie ich. Die Welt hat einen geduldigen Mann aus mir gemacht und ich habe nie geſehn, daß Ungeduld den Haſen in den Schuß bringt, wenn man auf dem Anſtand ſteht.“ Waldemar hatte genug gehört; er kannte den al⸗ ten Schweden hinlänglich, um zu wiſſen, daß er der Mann war, Jemandem bei Gelegenheit eine heimliche Freude zu bereiten, und heute trug ſein ganzes We⸗ ſen den Ausdruck davon. Um alſo auch ihm nicht die Freude der Ueberraſchung zu rauben, ſchwieg er, im Stillen feſt überzeugt, daß Mutter Talke nur nach Thieſſow gefahren ſei, um die Seinigen im Kiekhauſe zu beſuchen und ihn bei der Rückkehr mit der Mel⸗ dung ihres Wohlergehens zu beruhigen. 40 In dieſer Hoffnung ſollte er ſich nicht betrogen haben, ſeine Erwartungen ſollten ſogar noch weit über⸗ troffen werden. Am Abend, kurz vor Untergang der Sonne, forderte der Pächter von Pulitz die beiden jungen Männer auf, ihn auf einem Spaziergange zu begleiten, und wie Waldemar es erwartet, ſchlug er den Weg nach der Landungsſtelle am Strande ein, wo ſeine Boote lagen und Mutter Talke am Morgen abgeſegelt war. Schweigſam wie gewöhnlich, faſt theilnahmlos er⸗ ſcheinend, ſchritt Magnus Brahe neben den beiden Freunden her; ſeine Gedanken waren, wo ſie beſtän⸗ dig weilten, nach Norden gerichtet und nahmen alle Zeit in Anſpruch, die er nicht im Geſpräch mit den Andern zubrachte; Waldemar dagegen ging mit höher klopfendem Herzen und unwillkürlich zu ſchnellerem Schritte treibend, an Magnus Seite, denn er wußte jetzt beſtimmt, daß ihm in kurzer Zeit eine Kunde von Saſſenitz zu Theil werden würde. Adam Sturleſon aber, immer gemeſſener ſchreitend, ſuchte die Gedan⸗ ken Beider abzuleiten, und doch konnte er ein heimli⸗ liches Lächeln nicht ganz unterdrücken, das ihm aus dem Herzen ſelbſt hervorzudringen ſchien. „Gemach, meine Herren,“ ſagte er endlich,„nicht ſo übereilt vorwärts gedrängt! Die junge Welt liebt 41 es heutzutage, zu fliegen, wo nur ein mäßiger Schritt wohlgethan iſt— es läuft uns nichts davon, was wir erſtreben, und wir kommen immer zeitig genug am Ende aller Dinge an.“ „Ja, leider!“ griff Magnus das Wort auf.„Doch wozu nützt auch das lange Zaudern? Es wäre manch⸗ mal beſſer, das Schickſal würde uns ohne Zögern be⸗ ſcheert, dem man doch nicht entgehen kann.“ „Oho!“ erwiderte der alte Schwede mit Nachdruck. „Das klingt aus Ihrem Munde nicht chriſtlich, Herr Graf. Der liebe Gott da Oben hat Allem auf der Welt ſeine rechte Zeit gegeben, um ſich zu entwickeln, zu reifen und wieder ſeinem Ende anheimzufallen. Seht die Frucht des Feldes da an. Wie lange dau⸗ ert es, ehe ſie ein Zeichen des Lebens von ſich giebt, nachdem man ſie in die Erde gelegt hat! Langſam, langſam durchbricht ſie die Erdrinde und ſtreckt ſich dann mit ihrem lieblichen Grün der Sonne entgegen, und wie lange dauert es, bis der Kern hart und voll geworden iſt, um dann erſt ſeine endliche Beſtimmung zu erfüllen. So muß der Menſch auch langſam ſei⸗ nem Ziele zuwachſen, und wenn das Leben blos aus Geborenwerden und Sterben beſtehn ſollte, wäre es ganz unvernünftig geweſen, den Menſchen mit ſo vie⸗ len Kräften und Fähigkeiten zu begaben. Nein, nein, mein junger Herr, das war eine unbedachte Rede, und ich kann mir nur ſagen, daß Sie ſie ausgeſprochen haben, weil Sie jetzt nicht glücklich ſind und in der Verbannung leben. Aber ſo wird es ja nicht immer bleiben— ſeit heute Morgen haben wir ſchon wieder einen Tag hinter uns und ſo werden ihrer mehrere kommen und verſchwinden, bis endlich der Tag er⸗ ſcheint, wo auch das Glück und der Friede wieder mit der Sonne aus dem Meere auftaucht. Drum nicht kopflos und murrend voran, gut Ding will Weile ha⸗ ben.— Na, da ſind wir ja!“ Bei dieſen Worten ſtand er am Strande ſtill, den ſie jetzt erreicht hatten, und ſchaute ſehnſuchtsvoll nach Thieſſow hinüber, weder das Seufzen des Einen, noch die Beiſtimmung des Andern auf deſſen blühendem Geſichte wahrnehmend. Aber ſie ſollten alle Drei noch eine gute Weile vergeblich harren, ehe ſie das Pulitzer Boot zurückkehren ſahen. Schon war die Sonne ganz unter den Horizont geſunken und färbte im Weſten Erde und Meer mit ihrem goldenen Purpur, im Oſten aber verdunkelte ſich das Waſſer allmälig und das jenſeitige Ufer verſchwamm in ſchattenreichen Umriſſen mehr und mehr, da endlich ſagte Waldemar, der un⸗ zweifelhaft die ſchärfſten Augen von allen Dreien hatte: „Ich müßte mich ſehr irreen, Ohm, wenn jetzt nicht —;— 43 ein Boot von Thieſſow herüberkäme. Schade, daß wir keinen Wind haben, ſonſt könnten wir das Segel ſehen, aber ſie rudern— horch— hört Ihr nichts?“ „Ruhig, mein Junge, immer ruhig, auch das Boot wird kommen, wie der Wind wieder kommt, wenn die Zeit dazu da iſt— diesmal aber haſt Du Recht, ich höre die Ruderſchläge deutlich, und recht kräftig bewegt ſie der Jochen.“ So war es wirklich der Fall. Nicht lange dau⸗ erte es, ſo ſah man das Boot die Schatten des Spät⸗ abends durchſchneiden, und noch wenige Minuten ſpä⸗ ter erkannte man ſogar, daß Menſchen darin ſaßen, obgleich ſich ein leichter Duft, der gewöhnlich Abends über dem Bodden ſchwebte, wie ein dünner Nebel über die Ferne zu breiten begann. „Erkennſt Du die Alte ſchon?“ fragte der alte Schwede lauernd und hielt das Auge feſt auf Wal⸗ demar gerichtet, der mit ſeinem Falkenblick ſcharf über das Waſſer ſchaute. „Ha!“ rief er plötzlich—„Mutter Talke ſehe ich nicht, aber ſo viel iſt gewiß, es ſitzen mehr Menſchen im Boot, als heute Morgen von hier darin abge⸗ fahren ſind.“ Adam Sturleſon huſtete, offenbar, um ſeine Freude zu bemänteln, denn ſeine rieſige Bruſt war ſo geſund, — ———n—“ wie die eines Menſchen nur ſein konnte. Heimlich ſtieß er ſogar Magnus an und deutete auf Waldemar hin, als wollte er ſagen:„Paß auf, der wird eine ſchöne Ueberraſchung haben!“ Dieſe blieb denn auch nicht aus; fünf Minuten ſpäter trieben die Ruder des Knechtes das Boot an's ufer und einen Augenblick nachher lag Waldemar in den Armen ſeiner Mutter, während Hille, die ebenfalls in dem Boote geweſen war, ſprachlos an ihrer Seite ſtand und nicht wußte, wen. ſie zuerſt begrüßen ſollte, den alten oder den jungen Freund, nach denen Beiden ihr Herz mit gleicher Innigkeit verlangt hatte. Endlich aber war man mit den verſchiedenen Be⸗ grüßungen fertig, Alle hatten ſich die Hände geſchüt⸗ telt und Mutter Talke hatte die Dankſagungen Wal⸗ demars in Empfang genommen, der Niemandem ver⸗ hehlte, daß er mit der Qualität der aus Jasmund herbeigeſchafften Bedürfniſſe vollkommen zufrieden ſei. Obgleich man an dieſem Abend bis weit über die gewöhnliche Ruheſtunde des alten Ehepaars auf Pu⸗ litz beiſammen geblieben war und Waldemar wieder⸗ holt das Geſpräch auf die Verhältniſſe in Saſſenitz zu lenken verſucht, ſo ſchienen die drei Frauen doch 45 im geheimen Verbande gegen den jungen Mann zu ſtehen, denn jedesmal hatten ſie ſeine Fragen entwe⸗ der ganz unbeantwortet gelaſſen, oder immer klüglich und gewandt einen anderen Gegenſtand zur Verhand⸗ lung gewählt, bis jener endlich einſah, daß man ihm abſichtlich an dieſem Abend keine Erläuterung geben wolle, womit er denn auch zuletzt einverſtanden war, wohl wiſſend, daß am nächſten Morgen ſeine Mutter ihn nicht länger in Ungewißheit laſſen würde, wenn er mit ihr eine Stunde allein wäre und ſie ernſtlich nach den Verhältniſſen in der Heimat fragte. So war es denn auch. Nachdem das Frühſtück am andern Morgen gemeinſchaftlich genoſſen war, trennte man ſich in verſchiedene Gruppen. Magnus Brahe begleitete Adam Sturleſon auf irgend einem Geſchäftswege, Hille ging der Hausfrau, die ihren Gäſten ein recht leckeres Mahl vorſetzen wollte, in der Wirthſchaft zur Hand, und Waldemar führte ſeine Mutter in den lieblichen Föhrenwald, der am Mor⸗ gen immer ſo friſch duftete, um ihr hier die Fragen vorzulegen, die er nicht länger auf dem Herzen bewah⸗ ren konnte. Da es nun auch der Mutter auf der Zunge brannte, ſo begegneten ſie ſich raſch in ihren Wünſchen und ſprachen ſich ſo ziemlich die Seele rein. „Meine Mutter,“ begann der gute Sohn, als er, 46 die Matrone am Arme führend, auf dem noch ſchat⸗ tigen Pfade dahinſchritt,„welche Freude haſt Du mir mit Deinem unverhofften Beſuche bereitet! Verdanke ich ganz allein der guten Baſe Tal lke den Einfall, daß Du hierher gekommen biſt, oder haſt Du ſelbſt die erſte Anregung dazu gegeben?“ „Das kann ich Dir eigentlich ſelbſt nicht ſ be⸗ ſtimmt ſagen, mein Sohn, denn Hille und ich, wir wünſchten ſchon lange einmal hierher zu gehen, ſeit⸗ dem wir von Eurer glücklichen Flucht aus Spyker ge⸗ hört hatten, aber es ward uns nicht erlaubt, das Kiekhaus zu verlaſſen, ſo lange der Sergeant mit ſei⸗ nen drei Leuten darin war. Geſtern nun, als ſie zufällig abgezogen waren, um auf zwei Tage einen Marſch nach Mönchgut anzutreten, wo ſie Euch augen⸗ blicklich verſteckt glauben, traf es ſich gerade, daß die Baſe zum Beſuch kam, um ſich, wie ſie ſagte, zu er⸗ kundigen, wie es uns gehe, und uns von Deinem Wohlſein zu unterrichten. Da war denn Hille, glaube ich, die Erſte, die ſchnell genug ſagte: Tante, nun kannſt Du Deinen lange gehegten Wunſch in Erfül⸗ lung gehen ſehen, der Tag iſt ſchön, die Baſe hat ein Boot in Thieſſow und die Franzoſen kommen erſt in der Nacht zu übermorgen wieder, fahre alſo hinüber nach Pulitz und ſchließe ihn in Deine Arme, dann 4 „So, alſo Hille ſagte das?“ „Ja wohl, mein Sohn; ich aber ſagte zu ihr: Willſt Du denn nicht mit, Hille, und auch einmal den alten Ohm beſuchen und Waldemar begrüßen?“ „Und was ſagte ſie da?“ unterbrach ſie dieſer. „Ja, ſagte ſie ſchnell, ich ginge gern mit, wenn der Strandvogt mich auf einen Tag entbehren könnte. O, der, meinte ich, wird wohl einmal einen Tag al⸗ lein bleiben können, und überdieß genießt er gern die Freiheit und geht nach Saſſenitz hinunter zu ſeinen Bekannten, um ſich das Herz frei zu ſprechen von dem vielen Gram, der darauf laſtet.⸗ „Ha, ich verſtehe, und da kam ſie mit. Das war ein prächtiger Einfall, meine Mutter. Aber was hat denn der Vater für großen Gram, von dem er ſich das Herz frei ſprechen will, da er nun weiß, daß ich geborgen bin?“ „Wie? Hat Dir das Hille nicht geſagt, als ſie Dich neulich geſprochen hat, wie ſie uns erzählte?“ „Sie hat mir nur geſagt, daß Ihr Einquartierung habt und daß das etwas läſtig wäre.“ „Läſtig? Etwas? Blos läſtig? O mein Gott, ich glaube gar, das Mädchen hat Dir nicht die ganze V V — Wahrheit ſagen wollen, um Dich nicht noch mehr zu betrüben, und vielleicht auch, um Dich abzuhalten, Deine Schritte nach dem Kiekhauſe zu lenken. Doch das darf ich Dir nun nicht mehr verbergen und ſo will ich Dir lieber Alles haarklein berichten. O mein Sohn, ſeitdem ſie Dich auf der Inſel verfolgen und glücklicher Weiſe nicht ausfindig machen können, ha⸗ ben ſie ſich angelegen ſein laſſen, auch uns heimzu⸗ ſuchen. Nicht genug, daß ſie uns vier Mann in das kleine Haus legten, die wie die Prinzen verpflegt ſein wollen und alles Beſitzthum des Vaters für das ihrige anſehen, mußten wir jedem Mann täglich einen ſchwe⸗⸗ diſchen Thaler, und am Ende der zweiten Woche, als der ſchreckliche Menſch aus Spyker kam, dem Du ent⸗ flohen biſt, hundert Thaler Strafgeld zahlen, daß Du noch nicht gefunden biſt.“ „Wie,“ rief Waldemar entſetzt, das hat man Euch auferlegt? Und Ihr habt es wirklich bezahlt?“ „Bei Heller und Pfennig, mein Sohn.“ Waldemar ſann nach, die Augen in den Himmel bohrend, der golden und blau über den grünen Baum⸗ wipfeln trohnte.„Wo habt Ihr das denn hergenom⸗ men, Mutter? So viel ich weiß⸗ hatte ja der Vater außer ſeinen paar ſchwediſchen Pfandbriefen nichts Baares in Beſitz?“ 49 „Ja, ſiehſt Du, mein Sohn, das iſt eben das Ge⸗ heimniß, und die Hille hat mir auf die Seele gebun⸗ den, es Dir nicht zu verrathen.“ „Hille? Schon wieder Hille? Steht ſie denn da⸗ mit in Verbindung?“ „ gewiß, gar ſehr, und wenn wir ſie nicht im Kiekhauſe gehabt hätten, ſo wüßte ich nicht, wie es uns ergangen wäre. Ich will es Dir nur ſagen, Du aber darfſt mich nicht verrathen. Sieh, alle die Strafgelder, die täglichen und die wöchentlichen, die hat ſie bezahlt, um uns Ruhe zu verſchaffen, und ſelbſt wenn der Vater ihr nichts wiedervergüten kann, will nur ſie allein ſein Gläubiger ſein und bleiben.“ Waldemar blieb mitten auf dem Wege ſtehen und konnte vor Verwunderung erſt gar kein Wort hervor⸗ bringen, denn ſeiner Meinung nach war Hille noch är⸗ mer als ſeine Eltern und wo ſollte denn nun mit einem Male bei ihr das Geld hergekommen ſein? „Du ſprichſt in lauter Räthſeln,“ ſagte er endlich, „wie konnte denn Hille dieſe großen Summen bezahlen?“ Jetzt ſtand auch Mutter Ilske ſtill und ſtarrte ver⸗ wundert ihren Sohn an. Ein Licht dämmerte in ih⸗ rer Seele auf, als ob Hille dem Sohne auch die Erb⸗ ſchaft verſchwiegen, die ſie ſelbſt gemacht hatte, um ſich auf keine Weiſe in ſeinen Augen zu erheben. Der Strandvogt. III. 50 „Hat ſie Dir denn nichts von der Erbſchaft geſagt,“ fragte ſie flüſternd,„die ihr der alte Lachmann zuge⸗ wendet? Nein? Nun freilich, mein Junge, ſie iſt ja ſeine einzige Erbin und er hat ihr nicht allein ſein ſchönes Gut vermacht, ſondern zweitauſend baare Thaler obendrein, in Papieren und Silber, die er im Laufe der Jahre von ſeinem Ueberfluſſe erſpart hatte. Du ſiehſt alſo, ſie iſt ein reiches Mädchen geworden, und das wundert mich gar nicht, denn der Herr ſeg⸗ net immer einmal die Tugendhaften, und zu denen gehört Hille ſicherlich auch.“ Waldemar ſenkte den Kopf auf die Bruſt, denn tauſend neue Empfindungen überflutheten ihn, unter denen aber keine einzige dem Eigennutze verwandt war, denn den kannte er nicht.„Hille!“ murmelte er.„Reich und Gutsbeſitzerin! Ach! Wie gütig iſt Gott der Herr! Und welchen Gebrauch fängt ſie an, von dieſem Reichthum zu machen! Lohne es ihr Gott noch mehr— wir können es nicht, Mutter.“ „Nein, Waldemar, wir können es nicht, das hat der Vater auch ſchon geſagt. Aber ſie will ſich da⸗ von nicht abbringen laſſen und beharrt mit ihrem kleinen Kopfe ſo feſt darauf, daß es ordentlich zum Verwundern iſt, wie ein ſo junges Mädchen ſo ſtar⸗ ken Willen und ſo ernſte Entſchlüſſe haben kann.“ 51 „So iſt ſie ſchon als Kind geweſen, aber ihr Wille iſt kein Eigenwille und ihre Entſchlüſſe ſind nicht die eines wankelmüthigen Mädchens.“ „Ganz und gar nicht; ach, wer die ſo kennte, wie ich, der würde ſie auch lieben wie ich! „Wer liebt ſie denn nicht!“ ſagte Waldemar zu ſich, aber Niemand außer ihm hörte es, nicht einmal die, die ihm das Leben gegeben hatte.— Er war noch immer in ſchweigſames Nachdenken verſunken, da fuhr die Mutter, die noch lange nicht mit ihrer Erzählung zu Ende gekommen war, ſchon wieder fort. „Als die Franzoſen nun ſahen, daß ihre Befehle in Bezug auf die Zahlungen ſo pünktlich erfüllt wurden, ſo ließen ſie es ſich bei uns gefallen und nahmen eben keine zu böswillige Miene an. Von dem Tage an aber, wo Du aus Spyker entflohen warſt, freilich, da änderte ſich Alles bei uns.“ „Ich will doch nicht hoffen, daß es noch ſchlim⸗ mer wurde?“ fragte Waldemar hochathmend und mit ängſtlich beklommener Bruſt. „O ja, viel ſchlimmer noch. Denn am nächſten Morgen kam der ſchreckliche Wütherich aus Spyker — er iſt Capitain— und that, als ob wir nur her⸗ gelaufenes Geſindel wären. Das ganze Haus durch⸗ wühlte er, und da er nicht fand, was er wünſchte, 4* 4 5² ſo gerieth er in einen fürchterlichen Zorn und ſchlug die Scheiben und die Gläſer der Spiegel in Stücke, drohend, auch mit uns ſo zu verfahren, wenn wir ihm nicht den Verräther herausgäben. Damit aber meinte er Dich, mein Sohn, und Niemand anders. Nach⸗ dem er aber Alles vergeblich durchſucht hatte, legte er noch zwei Mann mehr in's Haus, die wir nun alle beköſtigen mußten, ſchleppte fort, was er mitnehmen konnte, verſenkte dem Vater ſein herrliches Boot, was er ſo ſicher im Steinbach verborgen, ſchlug mehrere Bäume im Garten um und ließ mitten darin eine Hütte daraus bauen, um einen beſſeren Stall für ſeine Pferde zu gewinnen. Endlich belegte er uns noch einmal mit einer Contribution von hundert Thalern—“ „Die werdet Ihr ihm aber nicht bezahlen!“ rief Waldemar, auf das Höchſte entrüſtet, und wußte gar nicht, wie er ſeinen Zorn bemeiſtern ſollte. „Nein, ganz gewiß nicht, das hat der Vater auch geſagt. Aber wenn ſie ihn nun fortführen, wie der Capitain ſchrie, als er abritt?“ oWie, das will er auch?“— Und er ſenkte den Kopf noch tiefer, als wollte er in den Tiefen ſei⸗ ner Bruſt einen Gedanken ſuchen, der ihn aus dem Labyrinth von Sorge und Schmerz führte, in das ihn die Erzählung der Mutter verſetzt. 8 5³ „Ja, aber das werden ſie nicht thun,“ fuhr dieſe fort,„das werden ſie nicht thun, weil ſie es nicht dürfen, hat uns der Sergeant Armand geſagt, und wir ſollten nur ganz ruhig ſein, der Capitain ſage viel, was nicht geſchehe, ſie ſeien auch ſchon an ſeine Wildheit und Großſprecherei gewöhnt; wie es mir vorkam, mochten ihn ſeine eigenen Leute nicht recht leiden, da er ſo ſtolz wie hartherzig und ſo grauſam wie rachſüchtig iſt.“ „O Ihr Armen!“ ſeufzte Waldemar voll Weh⸗ muth.„Ja, ſo iſt der Krieg, das ſind die Schmer⸗ zen, die er bringt, und die Früchte, die er wachſen läßt. O, meine Mutter, wie beklage ich Euch, und mich noch mehr, daß ich Euch in dies Unglück ge⸗ ſtürzt habe und nicht weiß, wie ich Euch daraus be⸗ freien kann.“ „Unglück, Waldemar? O, ſprich nicht ſo. Wo iſt denn das Unglück? Das iſt Alles noch zu ertra⸗ gen, ſagt Hille, denn wir leben und Du ſeiſt in Frei⸗ heit. Wenn ſie Dich hätten, meint ſie, dann wäre es ein Unglück, aber nicht eher. Und daß ſie Dich nicht ergriffen, dafür müſſe geſorgt werden, auf jede Weiſe, und ſie ſelbſt wolle Alles aufbieten, daß es nicht geſchehe, ſo viel in ihren ſchwachen Kräften ſtände.“ „Wie, auch das hat Hille geſagt, Mutter?“ 8 8 ——— 54 8 „Ja, das, und noch vielmehr, was ich Dir nicht ſo wieder ſagen kann, weil es aus ihrem Munde ganz anders klingt, als aus meinem, denn ſie hat eine Art und Weiſe zu ſprechen und zu tröſten, daß man ſie immer küſſen möchte. Ach, welchen Troſt hätten wir, wenn ſie nicht mehr bei uns wäre!— Doch halt, mein Sohn, kommt da nicht Jemand hinter uns?“ Waldemar, der nichts hörte, was außer ihm vor⸗ ging, weil er zu ſehr mit ſich und ſeinen auf und ab⸗ fluthenden Gedanken beſchäftigt war, drehte ſich herum und ſah Magnus mit dem alten Schweden des We⸗ ges daher kommen. Er ſtand mit der Mutter ſtill, um ſie zu erwarten, obwohl er noch viel auf dem Herzen hatte, was er mit ihr gern unter vier Augen abgemacht hätte. Allein nun ging es nicht mehr, er ſchloß ſich daher den drei Perſonen an, ohne jedoch an ihren Geſprächen Theil zu nehmen, da ihn die bitteren Gefühle faſt erſtickten, welche die letzte Unter⸗ haltung in ihm heraufbeſchworen hatte. So war er auch froh, als man wieder nach dem Hofe zurück⸗ kehrte, und den ganzen Tag ſuchte er das Auge Hil⸗ le's, das ſich ihm aber— wunderbar genug!— zu entziehen ſuchte, als ahnte ſie, daß von ihr am Mor⸗ gen die Rede geweſen ſei und daß nun auch Walde⸗ mar endlich wiſſe, in welche Verhältniſſe ſie eingetre⸗ 55 ten und welchen Gebrauch ſie bereits von ihrem Ver⸗ mögen gemacht habe, denn daß Mutter Ilske geplau⸗ dert, verriethen ihre fein gerötheten Wangen und ihre blitzenden Augen, die in ſolchen Momenten eine wun⸗ derbare Aehnlichkeit mit denen des blühenden Soh⸗ nes hatten. Der eine Tag, den die Frau des Strandvogts und ihre Pflegetochter auf Pulitz zubringen durften, ver⸗ flog, obgleich er ein langer Sommertag war, allen Betheiligten wie ein kurzer Glückstraum, der, kaum geboren, auch ſchon wieder entſchlafen iſt. Von dem Augenblick an, wo die Sonne ſichtbar nach Weſten ſank, wurde das Geſpräch zwiſchen den Verwandten abgeriſſener, matter, denn Jeder ſchien zu fühlen, daß ſchon wieder einmal ein Abſchied bevorſtehe und daß derſelbe nicht ſo freudig wie der Bewillkommnungs⸗ gruß ihre Herzen bewegen werde. Namentlich wur⸗ den Hille und Waldemar unruhig, ihre Blicke irrten unbewußt von einem Gegenſtande zum andern und zwiſchen den verſchiedenen Perſonen hin und her, als wollten ſie ſich ſuchen und ihre Seele ausſchütten, und es doch nicht wagten, da ſo Viele vorhanden waren, die Zeugen ihres Geſprächs geweſen wären. Waldemar hatte den ganzen Tag über keinen Augen⸗ blick allein mit ihr reden können, ſtets war ſie mit Dieſem oder Jenem beſchäftigt geweſen, und nun, da der Abſchied ſo nahe bevorſtand, drängte es ihn im⸗ mer heftiger, ſich ihr zu nähern, um ſo mehr, da er befürchtete, daß auch diesmal ſeine Abſicht, die bereits einem brennenden Wunſche gleichkam, vereitelt wer⸗ den würde. Allein er war ohne Noth beſorgt gewe⸗ ſen, denn ein Mann war auf Pulitz, der Alles geſehen, was Andern entgangen war, und der es ſich in den Kopf geſetzt hatte, den jungen Leuten Gelegenheit zu verſchaffen, ein paar Worte ungeſtört mit einander zu wechſeln. Dieſer Mann war der alte Schwede. Er wußte es daher ſo einzurichten, daß, als man end⸗ lich zum Aufbruch rüſtete, Mutter Ilske von ſeiner Frau in Anſpruch genommen wurde, er ſelbſt aber mit Magnus zum Strande voranſchritt. So blieb denn Waldemar nichts übrig, als ſich an Hille anzu⸗ ſchließen. Allein der treffliche Alte war noch nicht ſicher genug, daß ſein Manöver vollen Erfolg haben werde, er trat daher heimlich zu Hille und ſagte zu dem hold erröthenden Mädchen:„Hille, paß auf und nimm die Gelegenheit wahr, dem Jungen, dem Wal⸗ demar, ein paar Worte der Warnung zuzuflüſtern. Er iſt zu muthig, der Racker, und will dem Franzo⸗ — 57 ſen zu Leibe, der Dir Deine Thaler abgenommen hat. Laß Dir ein Verſprechen von ihm geben, daß er ſich ſtill hält, ſo lange es geht, für das Uolnige werde ich ſchon Sorge tragen.“ Hille hatte, ſobald der Ohm von Waldemar zu ſprechen anfing, ſchwer zu athmen begonnen, und ihre glühenden Wangen verriethen genügend, daß der Alte den rechten Punkt getroffen habe; dieſer bemerkte es auch ſehr wohl und rieb ſich verſtohlen die Hände, als er ſeinen Anſchlag gelingen ſah. Endlich war die Stunde des Aufbruchs der beiden Frauen herangekommen und man ſchickte ſich an, das Haus zu verlaſſen und dem nicht allzu fern gelegenen Strande zuzuwandeln, wo das Boot mit dem Knechte die Reiſenden erwartete, der ſie wieder bis Saſſenitz begleiten ſollte. Es war ein milder lieblicher Abend, warm, wie nur ein Juliabend ſein kann, ohne alle drückende Schwüle, die ein heißer Sommertag ſo oft in ſeinem Gefolge hat. Lautlos war die Luft, blau der Himmel, ſo weit die menſchlichen Augen reichten, die nach der kryſtallenen Höhe aufblickten, um die Witterung der kommenden Stunden zu erforſchen. Der alte Schwede, noch einen ermunternden Blick auf Hille werfend, ſchritt mit Magnus voran und wählte ſchlau den weiteſten Weg durch die Föhren, —— 58 um den beiden jungen Leuten ſo viel Zeit wie mög⸗ lich zur ungeſtörten Unterhaltung zu gewähren; hin⸗ ter den Männern her ſchritten die beiden Frauen, wobei Mutter Talke das Geſpräch führte, um Baſe Ilske's Aufmerkſamkeit von dem letzten Paare abzulen⸗ ken. Waldemar ſchloß mit Hille den Zug und ging anfangs ſchweigend neben ihr her, von Zeit zu Zeit ihre ſchöne Geſtalt betrachtend, die ſich in gewohnter Schnellkraft und Anmuth unter den Bäumen fort be⸗ wegte, jedoch den Kopf, wie im Stillen ſinnend, auf den Buſen geſenkt hielt. So waren ſie ſchon einige hundert Schritte vorgerückt und immer noch nicht hatte Waldemar das Geſpräch begonnen, da es ihm heute zum erſten Mal im Leben ſchwer vorkam, mit ſeiner Couſine ein Wort des Vertrauens zu wechſeln. End⸗ lich aber ſah er ein, daß er auf dieſe Weiſe nicht wei⸗ ter komme, und er bezwang ſich mit Gewalt, das Stilll⸗ ſchweigen zu brechen, das Beider Lippen gefeſſelt hielt. „Hille,“ ſagte er ſanft und ließ ſeine Rechte einen Augenblick leicht auf der Schulter des Mädchens ru⸗ hen, das, nicht viel kleiner als er, tief bewegt an ſei⸗ ner Seite ſchritt,„Hille, laß uns etwas langſamer gehen, ich möchte mit Dir ein vertrauliches Wort re⸗ den, wozu ich den ganzen Tag keine Gelegenheit fand.“ Hille mäßigte ſogleich ihren Schritt, warf ihm ei⸗ 59 nen raſchen einwilligenden Blick zu und ſah dann wieder ſchweigend vor ſich nieder. „Hille,“ fuhr Waldemar mit einiger Verlegenheit fort,„ich habe heute viel von meiner Mutter gehört, was mich mit Staunen und Verwunderung erfüllt hat, und ich weiß nicht, ob ich damit beginnen ſoll, Dir zu der günſtigeren Geſtaltung Deines Schickſals Glück zu wünſchen oder Dir zu danken, daß Du ſo⸗ gleich auch das Glück Anderer damit zu befördern trachteſt.“ „Wünſche mir weder Glück, noch danke mir, Wal⸗ demar, nimm vielmehr, was mir Günſtiges widerfah⸗ ren, für eine Gabe der Vorſehung auf und fühle mit mir, wie ich dadurch verpflichtet bin, den Segen zu verallgemeinern, der mir, der einzelnen Perſon, zu Theil geworden iſt. Vor allen Dingen aber danke mir nicht, wo ich nichts Dankeswerthes geleiſtet habe.“ „Ich verſtehe Dich, Hille, und will darüber nicht mit Dir rechten, obgleich ich Dir bekennen muß, wie ich überzeugt bin, daß nicht alle Menſchen gehandelt hätten, wie Du, nachdem ſie ſo reich von Gott dem Herrn bedacht worden.“ „Ich bin nicht reicher bedacht als Du, denn was mir der gute Lachmann jetzt gegeben, hat Dir ſchon lange der vortreffliche Gmf Brahe verliehen, und ialſo weißt Du, wie einem armen Menſchen zu Muthe iſt, wenn er in eine vortheilhaftere Stellung geräth, als die ihm ſeine Geburt und ſeine beſchränkten Verhält⸗ niſſe zugewieſen haben.— Laß uns lieber, ſo lange es noch Zeit dazu iſt, von etwas Anderem reden, und da fällt mir zunächſt Deine gegenwärtige Lage ein, die mir trotz Allem nicht recht günſtig erſcheint.“ ch nein, ſie iſt es auch nicht, Du haſt wohl Recht. Doch darf man nicht verzweifeln, ſo lange noch einige Hoffnung vorhanden, daß noch nicht Alles 3 verloren iſt. Magnus iſt fürs Erſte in Sicherheit und ſeiner vollkommenen Geneſung nahe; was geſchehen wird, wenn er ſich ganz kräftig fühlt, weiß ich noch nicht, da wir darüber noch nichts feſtgeſetzt haben.“ „Mich beſchäftigt in dieſem Augenblick nicht Mag⸗ nus Brahe's Zukunft, ſondern Deine eigene, Walde⸗ mar.“ „Gut, ich danke Dir, aber dieſe i mit der meines Freundes unzertrennlich verbunden.“ „Leider ja, und das iſt es, was mich bangen läßt. Wäreſt Du allein, ſo würde ich Dir einen Rath ge⸗ ben.“ „Welchen?“ „Nach Schweden zu gehen und dort zu bleiben, bis hier andere Verhältniſſe eingetreten ſind.“ 6l „Das iſt wunderbar, Hille; dahin, glaube ich, neigt auch Magnus' Abſicht.“ „O, ſo mache ſie auch zur Deinigen!“ Ueberrede ihn, raſch dahin zu eilen, denn nur dort werdet Ihr vollkommen ſicher ſein.“ Ach, Hille, wie ſchwer wird es mir, unter dieſen Umſtänden mein Vaterland zu verlaſſen und nicht im Stande zu ſein, ihm zu helfen. Es ſtimmt das durch⸗ aus nicht mit meinen früheren Vorſätzen überein und ich bin weit, weit von meinem urſprünglichen Wege abgekommen, der mich nur zum Siege führen ſollte.“ „Der Sieg iſt überall, wo man keine moraliſche Niederlage erleidet. Dich für die Deinigen und auf beſſere Zeiten zu bewahren, iſt unter Umſtänden auch ein Sieg, den Du unter jeder Bedingung jetzt zuerſt zu gewinnen ſuchen mußt.“ „Aber meine Eltern, Hille, ſind in großer Noth und leiden ſchwer durch mich.“ „Das mußt Du nicht mit übertriebener Sorge be⸗ trachten; ich fühle die Schwere der Lage durchaus nicht. Es könnte noch ſchwerer kommen.“ „Wie denn?“ „Wenn Du gefangen und fortgeführt würdeſt. Und nun laß mich raſch reden, denn dort erwartet uns ſchon das Boot. Bleibe auf Pulitz, Waldemar, ſo 62 lange bis Du ſichere Gelegenheit findeſt, nach Schwe⸗ den zu ſegeln, oder bis Dich die Noth— die Gott von Dir fern halten möge— von Pulitz vertreibt. Denke nicht daran, Dich in Saſſenitz blicken zu laſ⸗ ſen, dort lauert Gefahr auf Dich in allen Ecken. Sieh, für uns ſelbſt iſt da nichts mehr für jetzt zu fürchten. Der Capitain Caillard iſt nach Mönchgut gegangen, um Dich dort zu jagen, wie er meint, und dann kehrt er wieder nach Spyker zurück, um ſein Spiel mit der leichtfertigen Dame, deren Herz er bethört, fortzuſetzen.“ „Aber Du, Du, Hille, leideſt am meiſten unter dieſen Verhältniſſen! Du wirſt arm, wo Du eben erſt wohlhabend geworden biſt.“ Hille blieb ſtehen und ſah ihren Vetter feſt aber freundlich an.„Das laß Dich nicht kümmern, Walde⸗ mar, daran denke lieber gar nicht; was ich gebe oder thue, gebe und thue ich mit tauſend Freuden.“ „Aber wie ſoll ich Dir dankbar ſein?“ fragte Wal⸗ demar, von einer angenehmen Gluth überſtrömt, die ihm aus Wangen und Augen ſprühte.. Hille lächelte noch lieblicher und auch ihr Auge belebte ſich wie der Abendhimmel im Weſten, über den jetzt die ſcheidende Sonne ihre ganze roſige Herrlichkeit ausgoß.„Dankbar ſein?“ ſagte ſie.„Ich will es Dir ſagen: bleibe Deiner wackeren Eltern Sohn, in 63 der That und im Herzen, und wenn Du ſie recht erfreuen willſt— o ſie ſind alt und haben nur noch wenige Jahre zu leben— ſo ſchone Dich ihretwegen, denn Du biſt ihre einzige Hoffnung in dieſen ihren letzten Jahren.“ Waldemar hatte unbewußt der Redenden Hand gefaßt.„Ich will es,“ ſagte er,„der Eltern wegen und weil Du darauf dringſt. O, der arme Magnus!“ „Wie kommſt Du jetzt wieder auf Magnus?“ „Ach, Hille, ich weiß nicht, wie es geſchieht, aber immer, wenn ich Dich ſehe oder reden höre, fällt mir jenes glänzende Mädchen ein, dem er ſeine Liebe ge⸗ ſchenkt hat. Wenn Gylfe nur eine Ahnung von Dei⸗ nem Werth hätte oder vielmehr Dir nur von Weitem gliche, wie glücklich könnte der arme Grafenſohn ſein, der mit allen ſeinen Hoffnungen und Schätzen ſo arm an der einzigen Hoffnung iſt, die ihm allein das Le⸗ ben ſüß und lieblich machen kann.“ „Waldemar! Was ſprichſt Du? Wie kommt Dir dieſer Gedanke?“ „Weil ich mich im Geiſte an ſeine Stelle ſce und denke: es müſſe ſchön im Leben ſein, ſein Vertrauen auf ein braves Weib geſetzt zu haben, das uns in Gedanken und Gefühlen niemals im Stich läßt.“ Hille warf einen Seitenblick auf den Redenden, 64 der ihn, wenn er bemerkt worden wäre, in Gluth ge⸗ ſetzt hätte, wie er ſelbſt darin zu lodern ſchien, ſo aber ſah er ihn nicht und nahm nur noch das Flu⸗ then ihrer arbeitenden Bruſt wahr, die ſich in mit Mühe unterdrückten Wonneſchauern hob, wie das Meer, wenn es aufathmet, in Hoffnung, daß die glü⸗ hende Sonne bald ſeinen kühlen Schooß erwärmen werde. „Du ſcheinſt bewegt,“ ſagte er,„haſt Du mir noch irgend etwas zu ſagen?“ 1 „Nichts mehr Waldemar, ich bin fertig und danke Gott, daß er mir die Gelegenheit dazu gegeben.“ „Aber warum athmeſt Du ſo ſchwer?“ „Die friſche Seeluft, die ich ſchlürfe, iſt daran ſchuld und— und wir müſſen einmal wieder Abſchied nehmen.“ „Aber wir ſehen uns wieder, Hille.“ „Ja, ich denke und hoffe es. Da ſind wir am Strande. Du vergiſſeſt Deine Verſprechen nicht?“ „Nie, Hille, ich habe ſie Dir gegeben.“ Er hielt noch einmal ſeine Hand hin, die ihrige fiel hinein und ein leiſer Druck— von Wem begon⸗ nen, von Wem fortgeſetzt?— preßte beide eine Zeit lang inniger zuſammen. Dann aber zog Hille die ihrige zuerſt zurück, da ſie bemerkte, daß der alte 1 Schwede nicht weit von ihnen entfernt ſtand und mit einem wunderbaren Blick— wie der Falke die Tau⸗ ben anblickt— ihrem Abſchied zuſchaute. Man trat an das Boot, in dem ſchon der Knecht mit den Riemen in der Hand ſaß. Waldemar um⸗ armte herzlich ſeine Mutter, dankte ihr für den Beſuch und bat ſie, den Vater zu grüßen und ihn ſeinetwe⸗ gen zu beruhigen, ſo wie auf ein günſtiges Ende der obſchwebenden Verhältniſſe zu hoffen. „Das will ich, mein Sohn; aber— Du haſt ſo brennende Lippen, Du fühlſt Dich doch wohl?“ Der alte Schwede kicherte vor Freude und konnte ſich kaum bezähmen, dieſe Frage zu beantworten, als wäre ſie an ihn gerichtet geweſen. „Ich bin ganz geſund,“ erwiderte Waldemar und ließ einen leuchtenden Blick auf Hille fallen, die eben von Mutter Talke Abſchied genommen hatte.„Lebe wohl, Hille!“ „Lebe wohl, Waldemar, Gott beſchütze Dich!“ Sie ſprang in den Kahn, leicht wie eine Feder, glühend wie eine Roſe und betrübt und freudig zu⸗ gleich, wie Jemand, der nicht weiß, ob ſein Unglück oder Glück das größere iſt. „Kommt glücklich nach Hauſe!“ rief Talke, mit einem Tuche ſich die ehrlichen Augen wiſchend⸗ und Der Strandvogt. III. 66 ſchon fielen die Ruder in's Waſſer und die Spitze des Boots drehte ſich nach Oſten hin. Lange ſtanden die Zurückbleibenden am Ufer und blickten den Scheiden⸗ den nach, die noch immer mit den Tüchern winkten. Endlich machte der alte Schwede dem ſchweigſamen Nachſchauen ein Ende.„Kehrt!“ rief er mit ſeiner Stentorſtimme,„heute ſcheiden wir und morgen ſehen wir uns wieder. So hat es der Herr beſtimmt, als er die Welt und die Menſchen darauf ſchuf und ſie in Freuden und Schmerzen mit einander verband. Komm, Talke, ich habe mit Dir zu ſprechen, laß die Jungen allein ihren Weg ſuchen.“ Waldemar griff Magnus feſt unter den Arm und drückte denſelben an ſich, als wäre es ein Weib geweſen, dem er dieſen Beweis von Zärtlichkeit ſchuldig war. „Warum biſt Du ſo ſchweigſam,“ fragte Waldemar nach einer Weile, als er raſch neben dem Freunde dahinſchritt,„ich bin heut ſehr zum Reden aufgelegt, als wäre mir etwas Glückliches begegnet.“ „So wird es auch wohl ſein,“ antwortete Magnus mit ſeinem gewöhnlichen trüben Ernſte.„Wenn Du aber Neigung zum Reden haſt, ſo überlaß mir das Denken.“ „Woran denkſt Du denn jetzt?“ 67 „Immer an Eins und Daſſelbe Freund. Ach, wenn Gylfe ſo wäre wie dieſe Hille!“ „Nicht wahr? Hat Dir Hille gefallen?“ „Sie iſt eine Perle, Waldemar. Wenn ſie mein wäre, mein ſein könnte, ich ließe ſie in Gold faſſen, und ſollte ich alle meine Schätze dazu hergeben.“ „Das freut mich, daß Du von ihr ſo denkſt, ſie iſt ein braves Mädchen.“ „Nicht allein brav, ſie iſt auch ſchön— zwar ganz anders wie Gylfe, aber doch würde ſie neben ihr eher gewinnen als verlieren, denn auf ihr Geſicht hat ein guter Geiſt ſeine Gedanken geſchrieben, ſo daß es da⸗ von leuchtet; Gylfe's Züge aber tragen den Stem⸗ pel des böſen Geiſtes, und daß es ſo iſt, das habe ich erſt heute erkannt.— Glücklicher Waldemar!“ Die beiden letzten Worte ſprach er nur in einem unverſtändlichen Seufzer aus; Waldemar dagegen dachte in demſelben Augenblick:„Armer Magnus!“ und drückte den Arm ſeines Freundes noch einmal innig an ſeine Bruſt. 5* Brittes Anpitel. Der Kaiſer von Pulitz. Seit dem zuletzt geſchilderten Abend keimte in Waldemars Bruſt ein tiefes Mitleid für Magnus Brahe auf, viel tiefer, als er es bisher empfunden. Bis jetzt hatte er immer nur des Freundes Verirrung beklagt, ſeine Neigung auf ein ſo werthloſes Weſen, wie Gylfe es in ſeinen Augen war, gerichtet zu ha⸗ ben, nun aber bedauerte er ihn innig, denn es war, er wußte nicht wie es kam, eine Art Verſtändniß für die Gefühle deſſelben mit der Ahnung in ihm aufge⸗ dämmelt, wie ſchmerzlich und demüthigend es für einen Mann ſein müſſe, Liebe zu einem Geſchöpf ge⸗ faßt zu haben, von dem er ſich ſagen müſſe, daß es dieſer Liebe nicht werth ſei. O, und wie wunderbar war es außerdem, daß, je mehr er Magnus beklagte und je innigeren Antheil er an den Schmerzen ſeines 69 zerriſſenen Herzens nahm, er um ſo ruhiger, unbe⸗ kümmerter um ſeine eigenen Angelegenheiten wurde, denn, war ihm über Nacht ein glückweiſſagender Stern erſchienen, hatte die fröhliche Sonne eine nie gehegte Hoffnung in ſein Herz gepflanzt oder war eine un⸗ bekannte gütige Fee mit ihren Gaben in daſſelbe ge⸗ ſchlüpft?— genug, er ſah Alles um ſich her in glänzen⸗ deren Farben, ſein Muth war zehnfach gewachſen, ſein Unternehmungsgeiſt traute ſich faſt Unmögliches zu und in ſeinem ganzen Verhalten ſprach ſich ein ſo zufriedenes, vertrauendes Gemüth aus, daß Adam Sturleſon Mutter Talke wiederholt darauf aufmerkſam machte, indem er ſagte: es ſcheine, als übe die Luft auf Pulitz eine ganz verſchiedene Wirkung auf die beiden Menſchen aus. Graf Brahe ſchleiche von Tage zu Tage trüber, in ſich verſunkener dahin, Waldemar aber erhebe kühner denn je ſein Haupt und ſpreche bis⸗ weilen ſogar von dem Kriege, als wäre er ſchon been⸗ digt und die Segnungen des Friedens ſtänden vor der Thür, Land und Meer mit nie endendem Sonnenſchein erfüllend und eine vollkommen glückliche Zukunft ver⸗ heißend. „Na,“ ſagte der alte Schwede etwa acht Tage nach obigem Beſuche zu ſeiner Frau,„ich habe es mir wohl ſo gedacht, wie es gekommen iſt. Mutter halt' 8 70 einmal den Kopf in die Höh' und ſchaue in's Weite — da ſehe ich—“ „Na, was ſiehſt Du denn ſchon wieder?“ „Fahre mich doch nicht gleich ſo an, Alte, wenn ich Dir ein Geſicht beſchreiben will. Nun biſt Du ſchuld daran, daß es fort iſt und ich gar nichts mehr ſehe.“ „Ich habe auch noch nichts geſehn, doch kann ich mir denken, was Du ſagen wollteſt. Ja, die Hille liebt den Granzow, ſie liebt ihn, ſage ich Dir, wie nur ein Weib einen ſo undankbaren Mann lieben kann, wie Ihr alle es ſeid—“ „Oho! Biſt Du noch nicht fertig mit Deinem Geſicht?“ „Nein, noch nicht— und der Waldemar macht ſich nicht das Geringſte aus ihr, denn ſonſt würde er neu⸗ lich gleich am Morgen mit ihr in den Wald gelaufen ſein und ihr ſein Herz ausgeſchüttet haben.“ Der alte Schwede machte ein ernſtes Geſicht, was ihm ſelten bei ſolchen ſcherzhaften Unterhaltungen be⸗ gegnete.„Talke,“ ſagte er ruhig und immer ernſter werdend,„diesmal haſt Du Dich verrechnet und einen Mann, einen wahren Mann, für einen Firlefanz ge⸗ halten. Der Granzow iſt ein Kerl, wie er ſein muß — ein Mann von meinem alten, kernigen Schlage. Nimm es nicht übel, daß ich mich lobe, aber was 71 wahr iſt, muß wahr bleiben. Er hat das Mädchen lieb, ſo lieb wie Einer ſie haben kann, nur weiß er es ſelber noch nicht, und wenn er es wüßte, würde er vielleicht über dieſes Gefühl erſchrecken, aber nicht in den Wald mit ihr laufen und ſein gebrochenes Herz verrathen. Donner und Wetter oder beim Sa⸗ tan! das iſt gleich viel, aber das thut er nicht. Er weiß, daß jetzt nicht Zeit zum Liebeln iſt und daß erſt mit den Fäuſten drein geſchlagen werden muß, bis die lumpigen Franzoſen aus dem Lande gejagt ſind, dann, erſt dann wird er kommen und ſagen:—“ „Na, was wird er ſagen? Haſt Du ſchon wieder ein Geſicht?“ „Ja, ein recht deutliches!“ rief der alte Schwede mit donnernder Stimme, ſo daß die Wände bebten, und ſein großes Auge rollte wie ein wilder Brand gegen ſeine Frau auf.„Ich ſehe Dich, wie Du da ſitzeſt und immer Recht haben willſt und mir immer die beſten Gedanken von den Lippen wegjagſt. Mord und Tod! Es iſt zum Davonlaufen!“ „Adam! Biſt Du jetzt wieder im unſchuldigen Paradieſe und haſt Du das Fluchen vielleicht von den Engeln gelernt?“ „Von den Teufeln, ſage lieber, und ich bin im Paradieſe, ja, aber die alte Eva hat ein Gelüſte, ſich 72 auf die Seite des Satans zu werfen, der Widerſpruch heißt, und mir die erſten Thränen abzulocken, die Adam je vergoſſen hat.“ „Armer Adam! Ich trockne ſie ſchon.“ Und ſi ſich auf ſein Knie, kraute ihm im Bart und küßte ſeine Stirn, die unter ihrem ſanften Hauche ihre nah immer war. „Du darfſt mir nichts mehr über dieſen Walde⸗ mar zuflüſtern,“ ſagte er ſchließlich,„ich kenne ihn jetzt durch und durch und er hat mich wahrhaftig irre gemacht an mir ſelber. Ich wollte mein Hab' und Gut der Hille vermachen und nun kommt er mir in die Quere und luchſt es mir am Ende noch vor ihr ab.“ „Wenn es weiter nichts iſt, Alter, ſo gräme Dich nicht. Vielleicht iſt Dein Geſicht richtig und dann hat Hille, was Waldemar hat und umgekehrt.“ „Da haſt Du ein wahres Wort geſprochen, Alte, ſo habe ich es gern und ich ſehe, Ihr Weiber könnt ſchon liebenswürdig ſein, wenn Ihr nur immer wolltet!—“ nun ſchon auf Pulitz und im Allgemeinen fühlten ſie ſchlüpfte hin zu ihm wie in vergangenen Tagen, ſetzte Runzeln verlor und wieder glatt wurde, wie ſie bei⸗ Beinahe zwei Wochen wohnten die Flüchtlinge V V 73 ſich von Tage zu Tage ſicherer in dem abgelegenen Hauſe, und wohler und zufriedener im Verkehr mit dem alten Schweden und ſeiner guten Frau, wenn⸗ gleich Magnus Brahe’'s Gemüthsſtimmung noch Vie⸗ les zu wünſchen übrig ließ. Aber auch hierin hoffte ſowohl Waldemar wie ſein Ohm von der Zukunft das Beſte, da die Zeit mit ihrem beruhigenden Bal⸗ ſam dem vertrauenden Menſchen ſo oft die bitterſte Wunde heilt. Des jungen Grafen Arm war ganz geheilt und allmälig kehrte die frühere Kraft des ver⸗ letzten Gliedes zurück, ſo daß er ſchon im Stande war, eine Flinte zu handhaben und damit zu ſeiner Unterhaltung Vögel zu ſchießen, die in zahlloſen Schaa⸗ ren die Inſel umſchwärmten, als wäre es ihre Pflicht, Mutter Talke's Küche mit ihrem zarten Fleiſch und ihre Bettvorräthe mit weichen Daunen zu verſorgen. So war das Ende des Monats Juli gekommen und noch hatten die Bewohner der Inſel nichts von den Vorgängen auf Rügen gehört, als was dann und wann ein Nachbar dem Pächter zutrug oder ein Knecht von einem kurzen Ausfluge mit heim brachte, den er zu irgend einem wirthſchaftlichen Zwecke nach Außen unternehmen mußte. Auf dieſe Weiſe gelang⸗ ten bisweilen auch einige politiſche Neuigkeiten nach dem einſamen Gehöft, allein da die Zeit keinen gro⸗ 74 ßen Umſchwung in den europäiſchen Verhältniſſen hervorbrachte, ſo gewöhnte man ſich allmälig, das einmal Vorhandene als beſtehend zu betrachten und in der Sehnſucht nach einer glücklicheren Zeit ſich zu ſagen, daß der Augenblick noch nicht gekommen ſei, wo die nothwendigen Umgeſtaltungen zum Beſſeren eintreten könnten. Es war am 25. Juli 1809, als die Familie Sturleſon mit ihren Gäſten das Frühſtück einnahm und dabei einige Nachrichten beſprach, die am Abend vorher im Pachthauſe eingelaufen waren. Ein ſchlauer Knecht war in Jasmund geweſen, hatte Sagard und Saſſenitz beſucht und einige Beſtellungen und Grüße im Kiekhauſe ausgerichtet. Dort war Alles geſund, aber die Franzoſen hauſten daſelbſt wie zuvor und die Nachforſchungen nach dem Grafen Brahe und Waldemar Granzow dauerten noch immer fort, ob⸗ wohl ſie eher ſchläfrig denn eifrig betrieben wurden, . da man mit der Länge der Zeit und wenn man ſeine Bemühungen mit keinem Erfolg gekrönt ſieht, auch in ſolchen Beziehungen nachläſſig wird. Für Waldemar hatte der Knecht ein Brieſchen mitgebracht, das ihm Hille heimlich zugeſteckt, worin jener zu ſeiner Verwunderung las, wie man erfahren, daß auf Spyker wieder Alles im alten Geleiſe hergehe, daß 75 der Capitain mit Gylfe Torſtenſon verſöhnt, ſo wie daß dem Kaſtellan kein perſönlicher Schade aus der Verheimlichung ihrer Anweſenheit erwachſen ſei, da Herr von Caillard ſich auf andere Weiſe an dem Be⸗ ſitzthum des Grafen entſchädige und vor wie nach ein höchſt vergnügtes Leben auf dem Schloſſe führe, nach⸗ dem er von Stralſund aus den leer getrunkenen Kel⸗ ler auf Koſten des Beſitzers gefüllt und zur beſſeren Unterhaltung noch zwanzig Mann mehr von ſeiner Schwadron in das Schloß beordert habe. Waldemar wurde durch dieſe Nachricht nicht ge⸗ rade traurig geſtimmt, da er kaum etwas Anderes von den Verhältniſſen daſſelbſt erwartet hatte, nur ſeines Freundes wegen war ſie ihm nichts weniger als angenehm. Er theilte ihm daher das in Erfah⸗ rung Gebrachte auch nicht mit, denn er hütete ſich, das kaum gedämpfte Feuer ſeiner Eiferſucht von Neuem zu ſchüren, da er nur zu genau wußte, daß im Innern des Armen noch zündbarer Stoff genug vorhanden war, um augenblicklich wieder in lichten Brand aufzulodern, wenn der Wind des Zufalls ihn von Neuem anfachen ſollte. Gleich nach eingenommenem Frühſtück ging Adam Sturleſon allein auf ſeine Felder, um nachzuſehen, wann er vorausſichtlich mit der Erndte werde begin⸗ 76 nen können, die hier in der Regel einige Wochen ſpä⸗ ter als auf dem Feſtlande ſtattfindet. Da ſah er denn, als er eben dem Strande zuwandelte, zu ſei⸗ nem Erſtaunen ein Boot von der Berger Seite her auf die Inſel losſteuern, in dem er einige Fremde wahrzunehmen glaubte, die er noch nie geſehen. Aus Vorſicht ſandte er daher ſogleich einen Boten nach dem Pachthof, um ſeinen Gäſten die Neuigkeit zu ver⸗ künden, was ſelbſtverſtändlich den guten Rath enthielt, ſich fürs Erſte verborgen zu halten, bis er weitere Nachricht bringen würde. Nachdem er dieſe Pflicht erfüllt, ſah der alte Schwede mit ruhiger Erwartung das Boot näher kommen und als es gelandet war, ſtiegen zwei Franzoſen heraus, die ſich als die Diener des Brigadiers Herrn von Cham⸗ bertin ankündigten und die Meldung brachten, daß Seine Gnaden beſchloſſen hätten, endlich ihr neu er⸗ rungenes Eigenthum zu beſuchen, es in allen Einzeln⸗ heiten kennen zu lernen und wo möglich einige Som⸗ mermonate darauf zuzubringen. Da war denn alſo das längſt Erwartete und Ge⸗ fürchtete eingetroffen, die bisherige patriarchaliſche Ruhe der Inſel war getrübt und ihre Bewohner gingen den neuen Verwicklungen entgegen, die nothwendiger Weiſe aus dieſer Beſitzergreifung entſpringen mußten. —— — 8 77 Gleich nachdem die Meldung der Diener vollbracht war, beeilten ſie ſich, das Boot zu leeren, welches mit Koffern, Schachteln und Behältniſſen aller Art derma⸗ ßen befrachtet war, daß man ſchon daraus entnehmen konnte, der neue Beſitzer von Pulitz beabſichtige ſeine unbekannte Herrſchaft mit einem langen Aufenthalt zu beehren. Da die vorhandenen Menſchenhände nicht aus⸗ reichten, die mitgebrachten Habſeligkeiten nach dem etwas entfernt liegenden Wohnhauſe zu ſchaffen, ſo verhieß der Pächter einen Wagen zu ſenden, worauf er mit dem Kammerdiener des Herrn von Chambertin den Weg nach dem Hofe einſchlug, während der an⸗ dere Diener als Wachtpoſten bei den Sachen am etrande ſtehen blieb. „Jetzt, Herr Pächter,“ ſagte der Erſtere,„haben Sie die Güte, mich nach dem Schloſſe zu führen; ich muß es in allen ſeinen Theilen in Augenſchein neh⸗ men, um dem gnädigen Herrn die beſten Zimmer aus⸗ zuſuchen und ſie ſeiner Gewohnheit gemäß behaglich einzurichten.“ Der alte Schwede, obwohl in keiner fröhlichen Stimmung, warf doch bei dieſen Worten auf den fein gekleideten und zierlich redenden Franzoſen einen lä⸗ chelnden Blick, der eine ironiſche Gewährung der For⸗ 78 derung, aber außerdem auch noch eine heimliche Scha⸗ denfreude enthielt.„Kommen Sie,“ ſagte er pfiffig ſchmunzelnd,„und ſehen Sie ſich das Schloß an; die drei beſten Zimmer, die es enthält, ſtehen ſogleich zu Ihrer Verfügung, denn ich habe ſie in Erwartung des Herrn Generals längſt von allem Gerümpel freige⸗ macht.“ „Nennen Sie ihn Excellenz, das wird er lieber hören.“ „Iſt er denn Excellenz?“ „Er iſt es nicht, aber er kann es noch werden.“ „So darf ich ihn auch nicht ſo nennen, denn bei uns iſt es ein Hohn, Jemandem einen Titel beizule⸗ gen, der ihm nicht gebührt.“ „Aber bei uns iſt es ſo Gebrauch, Herr, und wir geben diesmal den Ausſchlag in der civiliſirten Welt. Doch wie ſagten Sie, nur drei gute Zimmer hätte das Schloß?“ „Ich ſage Alles ſo, wie es iſt. Laſſen Sie uns nicht die Zeit mit Reden verſchwenden, ſondern kom⸗ men und überzeugen Sie ſich.“ Man ging ſchweigend auf dem nächſten Wege durch die Felder dem Pachthauſe zu, wo ſich denn die Scheunen und Ställe, welche die Vorderfront deſ⸗ ſelben bildeten und durch die das Eingangsthor führte, zuerſt darſtellten. „Was ſind das für Baracken?“ fragte der moderne Kammerdiener, der einen Theil der civiliſirten franzö⸗ ſiſchen Welt repräſentirte. „Das iſt das Pachthaus oder vielmehr die Scheu⸗ nen und Ställe deſſelben.“ „Aha, da wohnen Sie?“ „Auch Sie, mein Herr.“ „Auch ich, wieſo denn? Glauben Sie, daß ich weit von Sr. Gnaden wohnen darf?“ „Sie werden hier in Sr. Gnaden allernächſter Nähe ſein, denn dort— da haben wir es ſchon— iſt das Pachthaus ſelber.“ „Comment? Ich wollte ja nach dem Schloß.“ „Das iſt Alles, was wir hier auf Pulitz haben. Bei uns nennt man es Pachthof, bei Ihnen aber iſt es, wie Sie ſagen, Sitte, Jedermann und jedem Dinge einen höheren Titel beizulegen, und ſo mögen Sie es denn immerhin Schloß nennen.“ Der enttäuſchte Franzoſe ſtand ſtill, ſperrte Augen und Mund auf und blickte bald den lächelnden Päch⸗ ter, bald das Schloß an, das in ſeiner Meinung eher einer Hundehütte als einem cavaliermäßigen Herren⸗ hauſe glich.„Est cela que Vous nommez le cha- teau?“ fragte er mit beinahe ängſtlicher Miene. „Das iſt es, mein Herr. Treten Sie näher und 80 betrachten Sie ſein Inneres. Es iſt ſo wohnlich, wie es ſein kann, und mir genügt es vollkommen.“ Der Franzoſe wurde mäuschenſtill und verlor all⸗ mälig mehr die Farbe, je näher er dem Gehöft kam. Als er aber auf dem von den umliegenden Gebäuden eingeſchloſſenen Hofe verſchiedene Ackergeräthſchaften und auch einige Miſthaufen aufgeſchichtet ſah, wurde er ganz bleich, hielt ſich die Naſe zu und warf einen kläglichen Blick auf ſeinen herkuliſchen Begleiter, der ihn ohne Weiteres in den ſogenannten Herrenflügel führte und ihm die drei erwähnten Zimmer anwies, deren Ausſicht gerade auf den herrlichſten Miſthaufen ging. Soweit hatte Adam Sturleſon die Artigkeit zu treiben nur für nöthig gehalten, hier ließ er den eiviliſir⸗ ten Kammerdiener mit ſeiner Verwunderung, die faſt der Erſtarrung glich, allein und begab ſich, nachdem er einen Wagen nach dem Strande geſchickt, zu ſeinen Freunden, die Mutter Talke in einem verſchloſſenen Dachkämmerchen ſicher untergebracht hatte. „Da haben wir's,“ ſagte der ehrliche Schwede beim Eintreten mit ſeinem alten Humor,„nun kommt mein neuer Kaiſer, um ſeine Herſchaft in Beſitz zu nehmen. Haha! es wird hier bald bunt hergehen, nach Dem, was ich ſo eben erfahren. Na, wenn er es bei uns „—. 4 1 24 A L 81 im Kleinen treibt, wie es ſein großer Kaiſer da drau⸗ ßen im Großen thut, dann wird es eine ſchöne Wirth⸗ ſchaft geben. Aber ich bin überzeugt, er wird es nicht lange hier aushalten, wenn er ein ſo feiner Mann wie ſein Kammerdiener iſt, denn daß der ſich eine ganz andere Vorſtellung von der Herrſchaft Pulitz gemacht hat, als ſie wirklich iſt, habe ich auf den erſten Blick weggehabt. Nun, Talke, gieb dem Monſieur drüben zu eſſen und kehre Dich nicht an ſeine Lamentationen; wir haben die Herren Franzoſen nicht gerufen, ſie ſind aus eigenem Antriebe zu uns gekommen und ſo mö⸗ gen ſie mit Dem zufrieden ſein, was ſie finden; ich bin der Mann nicht, mich mit einem ſolchen Haſen⸗ fuß von Kammerdiener in nähere Verbindung zu ſe⸗ tzen. Wir aber, meine Freunde,“ und hier wandte er ſich zu den beiden jungen Leuten,„werden dieſen Abend nach All⸗Rügen überſiedeln, wo Ihr von jetzt an Euer Quartier aufſchlagen müßt, bis der Kaiſer von Pulitz wieder abgereiſt iſt, oder Ihr Euch unge⸗ fährdet anderswohin begeben könnt. Ihr werdet es nicht ſo bequem wie hier vorfinden, aber Sicherheit gewährt es, dafür bürge ich.“ Der Strandvogt. III. 82 Der ſpäte Abend dieſes unruhigen Tages war gekommen, der Herr Kammerdiener Sr.„künftigen“ Excellenz oder des Kaiſers von Pulitz, wie ihn Adam Sturleſon ſcherzweiſe nannte, hatte ſich überzeugt, daß es kein anderes Schloß auf dem Gebiete Sr. Maje⸗ ſtät gäbe, und er hatte alſo aus der Nothwendigkeit eine Tugend gemacht und mit einiger Nachhülfe der Pächterin die drei überwieſenen Zimmer ſo wohnlich wie möglich eingerichtet, dabei aber zahlloſe Seufzer ausgeſtoßen, daß ſein Herr ihm die Schuld beimeſſen könne, keine beſſere Unterkunft zu finden. Laſſen wir ihn mit ſeinem Kummer allein und folgen wir den drei Männern, die ſich bei Einbruch der Nacht, mit verſchiedenen Speiſeſäcken und Flaſchen beladen, nach dem Verſteck begaben, welchen der alte Schwede für ſie zur einſtweiligen Benutzung auserſehn hatte. Ungefähr in der Mitte des ſchmalen Waſſergürtels, der Pulitz von dem Feſtlande von Rügen trennt, liegt ein kleiner mit Graſung, Buſchwerk und Farn⸗ kräutern bewachſener Werder, der im Sommer dem Pächter von Pulit zur Viehweide diente, ſonſt aber von Niemandem betreten wurde und jeder Beachtung entging, da er nur wenig aus dem ſeichten Waſſer hervorragte und durch keinerlei Baumwuchs oder ſonnft ein Merkmal der Cultur ausgezeichnet war. Dieſer 2 83 kleine Werder hieß und heißt noch heute All⸗Rügen. Von Pulitz aus führt eine ſeichte Furt dahin, die man bequem mit guten Waſſerſtiefeln durchwaten kann, im dürren Sommer oft ſogar ganz ausgetrock⸗ net findet; auf der Rügen’ſchen Seite aber iſt das Waſſer tief und bietet der Schifffahrt kein Hinderniß dar, wenn man mit den Sandbänken vertraut iſt, die an manchen Stellen ziemlich dicht unter der Oberfläche des Waſſers liegen. Für den alten Schweden jedoch hatte dieſe kleine Inſel einen beſonderen Reiz, da ſie der Sammelplatz zahlloſer Schaaren wilder Enten war und er die Jagd auf dieſe mit Leidenſchaft liebte und ausübte. Um dieſer Liebhaberei mit aller Bequemlichkeit und dem möglichſt großen Erfolge obliegen zu können, hatte er mitten auf dem Werder eine beſondere Vorrichtung angelegt, und dies war der Verſteck, wohin er ſeine jungen Freunde in dieſer Nacht führte. An der Stelle nämlich, wo die Farnkräuter und das kleine Buſchwerk am höchſten ragten, hatte er eine ziemlich geräumige Höhle graben laſſen und dieſelbe mit Moos höchſt bequem und behaglich ausgepolſtert. Es befanden ſich darin zwei zum Liegen vollſtän⸗ dig ausreichende Lagerſtätten und mehrere kleiſtere Sitzplätze, zwiſchen denen ſogar ein kleiner Tiſch von 84 Erde aufgerichtet ſtand. In dieſe unterirdiſche Grotte, die, da der alte Schwede als hochgewachſener Mann das Bücken nicht liebte, ziemlich tief und geräumig war, zog er ſich zurück, wenn er es auf einen reichlie chen Entenfang abgeſehen hatte, und er nannte ſie ſeinen Anſtand, wozu alle Einzelnheiten in vortreff⸗ lichſtem Zuſtande bei der Hand waren. Denn wenn er, den Blicken der in Schaaren darüber hinfliegenden Vögel entzogen, darin verſteckt lauerte, brauchte er ſeine geladenen Flinten blos aus den weislich offen⸗ gehaltenen Schaulöchern zu ſtecken und abzudrücken, und er war gewiß, nach einiger Zeit, wenn er die Grotte verließ, einen reichlichen Vorrath lahmgeſchoſ⸗ ſener Braten auf dem Werder umhergeſtreut vorzufin⸗ den. Bedeckt war dieſe Grotte mit zwei horizontal liegenden Holzthüren, die von Außen und Innen ge⸗ öFffnet werden konnten und dergeſtalt unter Moos und Haidekraut verſteckt waren, daß ſie weder ein neugieriges Menſchenauge wahrnehmen, noch die viel ſcharfſichtigeren Vögel von dem übrigen Inſelgrunde unterſcheiden konnten; die Oeffnungen für die Schieß⸗ geeehre ſelbſt aber konnten, wenn es anhaltend reg⸗ nete, von Innen verſetzt und ſo aller Zufluß von tußen abgeſchnitten werden. is der alte Schwede ſeine Gäſte in dieſes unter⸗ 85 irdiſche Blockhaus geführt und mit allen ſeinen Einzeln⸗ heiten bekannt gemacht hatte, ließ er ſich auf einen der Moosſitze nieder, zündete ein mitgebrachtes Licht an, ſchloß die Decköffnungen und ſah ſeine Freunde gemüthlich lächelnd an.„Nun,“ ſagte er,„was meint Ihr dazu? Werdet Ihr hier vor den Späheraugen der Franzmänner geborgen ſein und nun dem alten Schweden glauben, wenn er ſagte, er habe einen Ver⸗ ſteck für Euch?“ Sowohl Magnus wie Waldemar nickte befriedigt und ſchüttelte dem Alten dankend die Hand.„Aber es wird heiß werden, wenn wir alle Löcher ſchließen,“ be⸗ merkte Magnus,„und die Luft hat keinen Zutritt, ſo daß man erſticken kann.“ „Wer ſagt Ihnen, Herr Graf, daß Sie ſie alle ſchließen ſollen? Ich habe das nur jetzt des Spaßes halber gethan und um Ihnen zu zeigen, welche Mittel Sie bei etwaigen Gefahren zu Ihrer Sicherung be⸗ en, wozu noch dieſer Balken dient, mit dem Sie e Shüren von Innen verrammeln können. Sehen Sie, — Bei Tage müſſen Sie ſich freilich ſtill verhalten und ſhunen leſen, ſprechen und eſſen, ſo viel Sie wollen und haben; Nachts aber öffnen Sie ein oder Löcher oder auch einen ganzen Thürflügel und können dann ſpazieren gehen, fnſhe Luft ſchöpfen, ja ſogar 86 nach Pulitz hinüberwandern, da Sie nun die Furt ken⸗ nen und mit guten Stiefeln verſehen ſind. Ich werde Sie jeden Abend, ſobald der Kaiſer von Pulitz geruht, zu Bett zu gehen, beſuchen und Ihnen Kunde bringen, wie es drüben im Reiche ſteht und geht, und ſo wer⸗ den Sie Unterhaltung genug haben, wenn Sie Ihre Lage in Betracht ziehen, die allerdings keine ſolche iſt, wie Sie ſie in Spyker hatten, als Sie noch bei Ihrem Vater lebten.“ „Schweigen Sie von Spyker, ich ziehe für jetzt dieſen Entenfang vor und bin Ihnen von ganzem Herzen dankbar für Ihren Zufluchtsort.“ „Nun dann bin ich zufrieden, und da heute nichts weiter zu verabreden iſt, ſo verlaſſe ich Sie für dieſe Nacht. Ihre wollenen Decken haben Sie doch mit⸗ gebracht, he?“ „Es iſt Alles vorhanden, was nothwendig iſ. nur bitten wir für morgen um friſches Waſſer und neue Nahrungsmittel,“ ſagte Waldemar, der ſich behaglich gebettet fund. 1 „Alles, mein Junge, Alles ſollt Ihr echalken, G branntes und ungebranntes Waſſer, Brod und Ge⸗ bratenes und ich glaube nicht, daß der Kaiſer von uns ſo gut ſpeiſen wird, wie ich Euch bedenken will. Nun gehabt Euch wohl und ruhet von Euren * * 87 Sorgen aus. Morgen werde ich Euch Bericht abſtat⸗ ten, welchen Eindruck Seine Majeſtät auf mich ge⸗ macht und welche Befehle er mir ertheilt hat. Na, ich ſehe ſchon, das wird eine kurioſe Geſchichte werden und vielleicht ſtmmen wir morgen alleſammt ein herzliches Gelächter über ſeine funkelnagelneue Regie⸗ rung an. Gute Nacht, Herr Graf, gute Nacht, Wal⸗ demar— und vergiß mir die Hille nicht, die Dir den guten Rath gegeben hat, Dich den Händen des alten Schweden anzuvertrauen— hörſt Du?“ Waldemar ſtimmte beifällig in dieſe Rathſchläge ein, die der ehrliche Alte ihm beim Scheiden hinter⸗ ließ, und bald darauf hatten ſich die Einſiedler für ihre erſte Nacht eingerichtet, ſo gut es die Mittel zu⸗ ließen, die ihnen ſo freundlich zu Gebote geſtellt waren. Am nächſten Morgen war der Pächter von Pulitz ſchon früher in Thätigkeit, als die Sonne die Wipfel ſeiner Bäume färbte, was jedoch weniger in der Ab⸗ ſicht geſchah, zeitig nach dem Rechten zu ſehen, damit der neue Gebieter Alles in beſter Ordnung finde, als aus unruhiger Neugierde, den Mann kennen zu ler⸗ nen, der es wagen würde, ihm neue Geſetze vorzu⸗ ſchreiben, ein Unterfangen, welches für den unbeugſa⸗ „ 88 —— men Naturmenſchen eben ſo neu und drückend war, wie wenn man ſeinen der Freiheit gewohnten Nacken un⸗ ter ein Joch hätte beugen wollen, das ihn vor ſich ſelbſt erniedrigte und demüthigte. Allein er ſollte etwas lange warten, bis ihm der erwartete Anblick zu Theil ward, denn Monsieur de Chambertin, der die Aus⸗ ſicht hatte, bald Excellenz zu werden, war ein eben ſo großer Freund von langem, wie ſein Pächter von kurzem Schlafe, und ſelten begrüßte er, ſeitdem er in Folge ſeiner Verwundungen aus dem activen Dienſte geſchieden war, das Tageslicht vor der elften Mor⸗ genſtunde. Dieſen Umſtand erfuhr Adam Sturleſon erſt et⸗ was ſpät aus dem Munde des Kammerdieners und ſo hatte er Zeit genug, noch einige Vögel zu ſchießen und im Vorbeigehen bei ſeinen jungen Freunden Er⸗ kundigung einzuziehn, wie ſie in ihren Moosbetten geſchlafen hatten, worauf ihm eine beiriedigende Ant⸗ wort zu Theil wurde. Um zwölf Uhr Mittags aber fand er ſich am Strande ein, da er gehört, daß Herr Louis, der Kam⸗ merdiener, ſeinen Herrn um dieſe Zeit erwartete. Es dauerte auch nicht lange, ſo ſah man ein Boot von Dumſewitz heranrudern, dem ein zweites folgte, das einen bequemen Wagen trug, in dem die zukünftige 89 Excellenz wahrſcheinlich auf ſeiner neuen Herrſchaft ſpazieren fahren wollte, um die weiten Wege abzu⸗ kürzen, die ihm bei der Beſichtigung derſelben bevor⸗ ſtänden.— Als das erſte Boot anlegte, fand man in»der That Herrn von Chambertin nebſt einem Diener dar⸗ in, dem eine Frau beigegeben war, die ſich rühmte, eine Pariſer Köchin zu ſein, ohne die nun einmal der Brigadier nicht mehr leben konnte, da ſie ſchon viele Jahre in ſeinem Dienſte ſtand und nach allen Seiten hin Proben einer geſchmackvollen Küchendame abgelegt hatte. Wie man ſich gewöhnlich die Menſchen, denen man entgegengeht, um mit ihnen in einen angeneh⸗ men oder unangenehmen Verkehr zu treten, anders vorſtellt, als ſie wirklich ſind, ſo hatte ſich auch Adam Sturleſon den Kaiſer von Pulitz ganz anders gedacht, als er ſich jetzt ſeinen Blicken offenbarte. Denn der ehemalige ſchwediſche Krieger hatte geglaubt, in dem franzöſiſchen ausgedienten Helden einen Haudegen von ſechs Fuß Länge mit wenigſtens zehn Schmarren im Geſicht zu finden, im Gegentheil davon aber war er nur ein ſehr ſchmächtiger Mann, der dadurch noch kleiner erſchien, als er war, daß er ein gekrümmtes Bein und einen hinkenden Gang hatte, was eine Ku⸗ 4 90 gel veranlaßt, die er vor einigen Jahren in einem Gefecht mit den Preußen in die Hüfte bekommen. Eben ſo wenig wie ſeine Körpergröße und Haltung bot ſein Geſicht etwas Kriegeriſches und Heldenmäßi⸗ ges dar. Sein Kopf war mit einem dünnen und et⸗ was ergrauten Haarwuchs bedeckt, der durch ein künſt⸗ liches Färbemittel hatte ſchwarz werden ſollen, aber leider ſtellenweiſe fuchſig gerathen war; der Ausdruck des Geſichts aber wich ſo weit von der Vorſtellung des nüchternen Schweden ab, daß er beim erſten An⸗ blick deſſelben kaum ſein Erſtaunen unterdrücken konnte. Monsieur de Chambertin führte nämlich ſeinen Na⸗ men in ſo fern mit vollem Recht, als ſein Geſicht ein ſogenanntes Burgundergeſicht war, das heißt glü⸗ hend roth und in Folge ſeiner Liebhaberei für gewiſſe feurige Sorten des edlen Rebenſaftes mit einer Legion kleiner kirſchrother Auswüchſe bedeckt, die Adam Stur⸗ leſon ſpäter den ſeltſamen Vergleich aufſtellen ließen: es ſähe aus wie ſein Entenfang, wenn ſechs Flüge wilder Enten zu gleicher Zeit darauf ſäßen, von denen eine die andre von ihrem Platze verdrängen wollte. Aus dieſem völlig bartloſen Geſichte nun, welches eine gewiſſe mit Genußſucht gepaarte Gutmüthigkeit ſicht⸗ bar werden ließ, glitzerten zwei kleine ſchwarze Augen hervor, die heute mit einer etwas heftigen Begehrlich⸗ 8 91. 8 8 keit in die Runde flogen, um ſobald wie möglich den Umfang und die Schönheit des Landgebietes einzu⸗ ſaugen, das ihm ſein erhabener Monarch und ange⸗ beteter Kaiſer in überfließender Fülle der Dankbarkeit als erbliches Eigenthum für ewige Zeiten übergeben hatte. Allein ſchon bevor er noch das Ufer dieſes großen Gebietes erreicht, war die herzinnige Freude, endlich ſeinen eigenen Grund und Boden zu betreten, bedeu⸗ tend in Abnahme begriffen, denn dieſe kleine magere Inſel auf der nur hie und da ein Wäldchen auftauchte, ſollte die das kaiſerliche Geſchenk ſein, von dem man in Paris ſo ungeheuer gefabelt, um das man ihn ſo heftig beneidet und um deſſenwillen er eine ſo weite Reiſe unternommen hatte? Indeſſen heiterte ſein glühendes Geſicht ſich all⸗ mälig wieder auf, als er von ferne endlich den an⸗ ſehnlichen Kiefernwald ragen ſah, der Pulitz größte Zierde und eigentlich ſein einziger Reichthum war, und er begrüßte mit herablaſſender Milde den gro⸗ ßen Mann, der ſich ihm bei ſeiner Landung als den gegenwärtigen Pächter ſeines Beſitzthums vor⸗ ſtellte. Allein auch dieſe Aufheiterung erlitt wiederum ſehr bald eine Dämpfung, als ſein Auge plötzlich auf das Geſicht ſeines Kammerdieners fiel, mit dem er 4 92 wahrſcheinlich in geheimer ſympathetiſcher Verbindung ſtand, indem dieſer ihm ſchon von Weitem durch ſeine jämmerliche Miene zu verſtehen gab, er möge ſeine Erwartungen von einem fürſtlichen Beſitz etwas her⸗ abſpannen, da ſelbſt die Erfüllung der ſeinigen weit unter Pari geblieben wäre. So wandelte ſich denn ſein oberherrlich huldvolles Weſen in eine eigenthümliche Verlegenheit um, die er hinter einem klüglich angebrachten Räuſpern verbarg, das aus ſeinem zahnloſen Munde hervorging, ſobald die Vorſtellung beendigt war. „Bon jour, mon cher ami!“ lautete die erſte An⸗ rede des leutſeligen Kaiſers von Pulitz.„Alſo Sie ſind der Pächter, der bis jetzt dieſe— dieſe Herrſchaft verwaltet hat? Eh bien! Da wir einmal auf dem Wege ſind, ſo wollen wir gleich durch die ſchönſten und fruchtbarſten Theile der Inſel wandeln und Sie werden die Güte haben, mich auf alles Bemerkens⸗ werthe aufmerkſam zu machen und meine Fragen ſo⸗ fort mit der gewiſſenhafteſten Treue beantworten. Louis, ayez la bonté! Leihe mir Deinen Arm. So. En avant, mon ami, führen Sie uns, aber wählen Sie die bequemſten Wege, ich liebe die Spaziergänge auf holperigen Straßen eben nicht.“ „Die Wege auf Pul tz,“ erwiderte der Pächter 93 mit ſeiner gewöhnlichen Geradheit,„ſind alle von glei⸗ cher Güte. Wie dieſer hier, ſo ſind ſie überall, Herr General.“ Der General machte etwas große Augen, die je⸗ doch von Minute zu Minute noch etwas größer wer⸗ den ſollten, denn wie Louis es ſchon ſeit vierund⸗ zwanzig Stunden erfahren, ſo ſollte auch der General ſehr bald erkennen lernen, daß des Menſchen Gedan⸗ ken trügeriſch ſind und daß man ſich nicht glücklich oder ein Kaiſer zu ſein träumen muß, ehe das Ende der Tage gekommen und die Krone wirklich auf dem geſalbten Haupte ſitzt. Man war langſam über die Felder, die Wieſen und durch den Kiefernwald längs der Oſtküſte der In⸗ ſel geſchritten und das Geſpräch hatte zur geringen Erbauung des neuen Beſitzers ſchon eine halbe Stunde gedauert, als Adam Sturleſon von Weitem auf den Pachthof wies und mit einem gewiſſen Stolze, aus dem ſeine beſcheidene Zufriedenheit mit dem ihm zu Theil gewordenen Erdenloſe hervorleuchtete, bemerkte: „Und das da, Herr General, iſt der Pachthof, auf dem Sie nun ſelbſt reſidiren werden.“ Der Kaiſer von Pulitz ſtand ſtill, um tief Athem zu ſchöpfen, denn der hohe Herr war auch noch et⸗ was engbrüſtig, was er ebenfalls den Siegen Napole⸗ 4 on's verdankte. Bei den Worten des Pächters aber ſchien ihm der Verſtand ſtill zu ſtehen, zumal Louis an ſeiner Seite eidlich verſicherte, der große Mann habe Recht, indem er dies winzige klägliche Haus, das, weit davon entfernt, ein herrſchaftliches Land⸗ haus von nur beſcheidenen Verhältniſſen zu ſein, nichts als eine einfache Bauernwohnung wäre, als ſeine künf⸗ tige Reſidenz bezeichnete. „O mon dieu!“ wiſperte mit einem tiefen Seuf⸗ zer der General,„iſt das das Schloß, das ich mir in meinen Träumen ſo feenhaft vorgeſtellt habe?“ „Ja, Excellenz,“ ſchmeichelte Louis,„das iſt es. O, ich habe auch ſchon eine ſchlafloſe Nacht darüber gehabt.“— 8 Des Generals Augen nahmen einen immer grö⸗ ßeren Umfang an, je mehr die geträumte fürſtliche Herrſchaft zu einer winzigen Bauernwirthſchaft zu⸗ ſammenſchrumpfte, und ſeine Burgunderfarbe ging all⸗ mälig in's Bläulich⸗Violette über. Er blieb wieder⸗ holt ſtehen und blickte ſich ſcheu nach allen vier Welt⸗ gegenden um. „Erſtreckt ſich die Inſel da hinüber noch weiter?“ fragte er beinahe ſchauernd den bisherigen Pächter. „Nicht weiter, als Sie ſehen. Da drüben das 95 Land, welches Sie jenſeit jenes Waſſer erblicken, ge⸗ hört ſchon zur Inſel Rügen ſelbſt.“ „Alſo das iſt Alles, was wir bisher geſehn und durchwandert haben?“ „Ja, ſo ziemlich Alles, oder meinen Sie, daß ich Ih⸗ nen etwas vorenthalten hätte?“ „Non, non! Mais c'est joli, très joli!“ ſpöttelte der General.„Charmant, bien charmant, mon ami!“ „O ja,“ erwiderte der Pächter,„es iſt ganz char⸗ mant, ich verſtehe Sie wohl und ſage das auch. Und ſehen Sie einmal den prächtigen Himmel hier über uns, wie er ſich blau und golden ſo weit hin wölbt, iſt das nicht prächtig?“. „Ganz ungeheuer prächtig, mon ami. Aber ich liebe die große Erde mehr als den größeren Him⸗ mel, und was ich hier vor mir ſehe, ſcheint mir nur ein ſehr kleines Stück Erdenkloß zu ſein.“ „Ja, wenn es zehnmal ſo groß wäre, wäre es um ein Bedeutendes größer, das iſt richtig, aber mir dürfen Sie darüber keine Vorwürfe machen, gnädiger Herr; ich habe es nicht gemacht und noch weniger Ihnen geſchenkt, dafür müſſen Sie Ihrem Kaiſer dan⸗ ken, der hat wenigſtens den guten Willen gezeigt, Sie für Ihre Heldenthaten ächt kaiſerlich zu belohnen.“ 96 „Auf den Knieen, mon ami, auf den Knieen muß man ihm danken, und das will ich thun, ſobald ich wieder mein ſteifes Bein beugen kann. Peste!“ Und der General knirſchte wild mit den Zähnen, als hätte ein Dieb ihm ſeinen ganzen Reichthum geſtohlen, der diesmal glücklicher Weiſe nur in einem großen Vor⸗ rath von— Phantaſie beſtanden hatte. „Allons, mon ami!“ rief er dann.„Gehen wir nach dem Schloſſe— dem Hauſe, wollt ich ſagen, vielleicht iſt es Innen beſſer als Außen.“ „Ach nein, Excellenz,“ jammerte Louis an ſeiner Seite,„au contraire, und es riecht noch dazu ſehr übel. Ich habe deshalb hier ein Fläſchchen Roſeneſſenz mitgebracht, damit Sie nicht in Ohnmacht fallen, noch ehe Sie Ihre Salons betreten.“ Der Kaiſer von Pulitz griff convulſiviſch nach der vorgehaltenen Eſſenz und ſog ſchon jetzt ihre Stär⸗ kung ein, als röche er bereits in ſeiner Phantaſie die naturgemäßen Düfte, die einem ächten Landmann ſo lieblich dünken, daß er ſie überall um ſich her ver⸗ breiten möchte. Darauf aber ſetzte ſich der Zug wie⸗ der in Bewegung und bald war man im Innern des Schloſſes angelangt, wo ſich der General, fürch⸗ terlich ermüdet und ſchrecklich in ſeinen Erwartun⸗ gen getäuſcht, auf eine alte Ottomane fallen ließ, die 97 noch von dem Vorfahren Adam Sturleſon's herrührte, alſo einige fünfzig Jahre alt ſein mochte und mehr einer feldmäßigen Pritſche, als dem ſchwelgeriſchen Ruhebette eines bequemen Invaliden ähnlich ſah. „Laſſen Sie uns ſpeiſen,“ ſagte mit kläglichem Tone der neue Beſitzer von Pulitz,„und geben Sie das Beſte, was Sie haben, ich bin erſchöpft, geiſtig und leiblich. Dieu me soit en aide! Hoffentlich leiſten Sie mir heute Geſellſchaft, da ich noch keine andere habe, und unterrichten mich dabei von dem Nothwendigen. Ach, ich bin nicht allein erſchöpft, Louis, ich bin auch— ſehr ernüchtert. Hole mei⸗ nen Flaſchenkorb, damit ich meinen Geiſt zum Leben erwecke!“ r Mutter Talke hatte an dieſem Tage ihr Möglich⸗ ſtes gethan, um allen Anſprüchen zu genügen, die ein vornehmer und verwöhnter Mann, wie der Kaiſer von Pulitz war, an ihre Küche ſtellen konnte, eine Pflicht⸗ erfüllung, die ihr glücklicher Weiſe nicht lange auf⸗ gebürdet bleiben ſollte, da ſchon vom nächſten Tage an die Pariſer Köchin den Oberbefehl in ihrem Reiche übernahm. Trotz ſeiner Verwöhnung aber und ob⸗ gleich die Speiſekarte der Pächterin viel einfacher 7 Der Strandvogt. III. 98 war als die der Kochkünſtlerin aus der Hauptſtadt der Welt, wie die ſchwarzäugige Jungfer Gabriele ihre Vaterſtadt nannte, fand die künftige Excel⸗ lenz die Tafel ſehr ſchmackhaft und erwies ihr da⸗ her alle Ehre. Der alte Schwede, der heute der Gaſt des neuen Herrn war— da dieſer noch keine andre Geſellſchaft hatte, wie er ihm geſagt— und gewiß einen geſunden Appetit beſaß, war dennoch auf das Höchſte erſtaunt, in dem kleinen Mann einen Eſſer zu finden, wie ihm noch keiner in ſeinem langen Le⸗ ben vorgekommen war. Von den reichlichen und kräf⸗ tigen Speiſen, die der ſchwediſchen Sitte gemäß in langen Reihen auf den Tiſch kamen, verſchlang der krüppelhafte General ganze Berge, und bewies ſo am beſten, daß ſein Magen durch die Siege des großen Napoleon nicht im Geringſten gelitten habe.„Wo er es nur laſſen mag!“ dachte der ehrliche Sturleſon wiederholt.„Ich ſehe gar nicht, wo es bleibt und doch kann der ganze kleine Menſch nicht aus lauter Magen beſtehen. Und wie er den feurigen Wein ver⸗ ſchluckt! Wahrhaftig, ſolche Züge Waſſers könnte ich nicht einmal zu mir nehmen und meine Einge⸗ weide ſind doch gewiß geräumiger als die ſeinen; in dieſer Beziehung aber möchte ich mich für den klei⸗ nen und ihn für den allergrößten Bodden halten, 99 den unſre gute Inſel aufzuweiſen hat. Aber ſieh nur Einer ſein Geſicht, das zeigt, was er geleiſtet hat! Hu, wenn es nur nicht noch in lichterlohe Flammen ausbricht; ich ſitze ihm ſo nahe, daß mich das Feuer zweifelsohne mit ergreift, und jeden Augenblick leuch⸗ tet es in hellerem Flackern auf!“ Der kleine Mann war bei der vierten Flaſche, wäh⸗ rend der Pächter noch nicht die erſte geleert hatte, und beſtändig rollten ſeine flammenden Augen nach dem Credenztiſch hinüber, als wollten ſie ſich eines noch reichlicheren Vorraths verſichern. Endlich aber unter⸗ lag ſeine Begierde dem allgemeinen Geſchick eines menſchlichen Magens, er konnte ihn nicht mehr füllen und war geſättigt—„bis an den Hals und noch drü⸗ ber hinaus!“ ſagte Adam Sturleſon im Stillen zu ſich ſelber.. Als Louis, der immer ein aufmerkſames Auge auf ſeinen Herrn gerichtet hielt, bemerkte, daß es mit ſei⸗ nem Leiſtungsvermögen zu Ende war, ſprang er wie ein Wieſel herbei und band ihm die Serviette ab, die er ihm bis unter das Kinn über die ganze Bruſt ge⸗ wunden hatte. Der kleine Mann lehnte ſich nun in ſeinen bequemen Stuhl zurück, ſeufzte ſchwer, als wäre ihm die Arbeit ſehr ſauer geworden und blinzelte mit 7* 100 deutlichem Wohlbehagen den Pächter an, der in be⸗ obachtender Ruhe ihm gegenüberſaß. „Charmant!“ hauchte der lächelnde Kaiſer von Pu⸗ litz hervor; nachdem er einen kurzen Huſten ausgeſto⸗ ßen,„das wäke vollbracht. Schade, daß die ſchönſten Stunden des Lebens ſich nicht zu Tagen ausdehnen und die ſchrecklichſten Tage nicht zu Stunden zuſam⸗ menpreſſen laſſen! Aber der Menſch iſt ein armſeli⸗ ges Weſen, ich habe es ſchon oft geſagt und werde es noch oft ſagen. Nun aber, mon cher ami, iſt mein Plauderſtündchen gekommen und ſo laſſen Sie uns denn zu den Geſchäften übergehen, die wir noch abzumachen haben. Wiſſen Sie wovor ich mich hier am meiſten fürchte?“ „Nein, nicht im Mindeſten,“ erwiderte der ehrliche Pächter mit ſeiner ganzen behaglichen Ruhe und ſah dem beſorgten Manne furchtlos in das flammende Antlitz. 4„Vor dem ärgſten Feinde, den ein anſtändiger Mann auf Erden haben kann— vor der Langenweile.“ „Oho!“ brach hier Adam Sturleſon los,„das hat gute Wege bei uns. Ich wenigſtens habe noch Nie⸗ manden geſehen, der ſich auf Pulitz gelangweilt hätte, Sie alſo, Herr General, wären der Erſte.“ „Excellent! Das zu hören, macht mir ein gro⸗ 101 ßes Vergnügen. Womit beſchäftigt man ſich denn hier, wenn man gegeſſen, getrunken und geſchlafen hat, da es keinen Menſchen todtzuſchießen giebt?“ Der alte Schwede machte bei dieſen Worten ein ſehr ernſtes Geſicht und hielt ſein flammendes Auge wie gebannt auf das fragende ſeines Gebieters gerich⸗ tet.„Ich habe immer ſagen gehört,“ ewiderte er, „der Menſch liebe die Veränderung, den Wechſel und ſehne ſich ohne Unterlaß aus dem einen Zuſtande her⸗ aus und in den andern hinein. Ich kann das eben nicht von mir behaupten. Ich könnte ewig, wenig⸗ ſtens ſo lange mir der Himmel das Leben giebt, hier am Strande ſitzen, wenn ich auch keine andre Arbeit zu verrichten hätte, und ich würde mich nie von hier fortſehnen, alſo auch niemals Langeweile empfinden. Denn ſehen Sie, Herr General, habe ich hier nicht Veränderung und Wechſel genug? Iſt das Meer nicht alle Tage anders? Brüllt es nicht heute und flüſtert es nicht morgen? Und nun beachten Sie einmal den Wind. Bläſt er nicht alle Tage aus einer anderen Richtung? Und nun gar die Wolken— ziehen ſie nicht in tauſend verſchiedenen Geſtalten und Farben, köſtlich ſich mit einander miſchend, verſchmelzend, eine die andere vertreibend, vor meinen Augen vorüber? Haben wir heute nicht lieblichen Sommer, folgt ihm 103 nicht der Herbſt mit ſeinen Früchten, der Winter mit ſeinem Schnee und der Frühling mit ſeinen Blüthen und Hoffnungen? Bietet das Alles nicht Zerſtreuung genug, Herr General? Kann man da noch einen Augenblick Langeweile haben? 2 Der General hatte bei dieſen Worten, wie ſie mit ſo ruhigem Nachdruck und innerer Behaglichkeit ge⸗ ſprochen wurden, von Satz zu Satz ein immer länge⸗ res Geſicht gemacht, bis er zuletzt den Redenden, als er ausgeſprochen, mit einer vor Verwunderung wahr⸗ haft verſteinerten Miene anſchaute. Er konnte anfangs gar keine Worte finden, die„ſeine Empfindung voll⸗ kommen ausdrückten, daher brachte er ſie nur abgeriſ⸗ ſen, beinahe ſtoßweiſe hervor. „Bah!“ fing er an.„Meinen Sie mich? He? Ich, ich ſoll da am Strande ſitzen und die Wolken, den Wind und das Waſſer beobachten? Herr! Und alle vier Jahreszeiten hier abwarten? Nennen Sie das etwa Zerſtreuung, Vergnügen, Mittel gegen die Langeweile? Què le diable m'emporte! Das nenne ich einen Irrthum, Mann, und Sie ſcheinen mir ein ſeltſamer Kauz zu ſein, daß Sie glauben, ich ſollte Ihrem Beiſpiele folgen. Donner und Wetter! Sie haben mir ordentlich bange gemacht— ein Glas Waſſer, Louis! Nein, mein Herr, ich ſehe ſchon ein, 103 der Herbſtwind wird hier über die Stoppeln fahren, aber mich, mich wird er nicht mehr finden, denn der⸗ gleichen Genüſſe halte ich nicht acht Tage aus.“ „Den Gedanken hat Dir Got eingeblaſen!“ hätte der alte Schwede beinahe mit ſeiner Trompetenſtimme gerufen, aber er bezwang ſich und ſtrich nur den Schnurrbart mit einer Geberde, als wolle er ſeinen Muth andeuten, die andern ſchönen Redensarten, die man nach dieſem Eingang erwarten mußte, mit Ge⸗ duld anzuhören. „Nein, nein,“ fuhr der Kaiſer von Pulitz fort,„das war ein ſehr fatales Thema, laſſen Sie uns gleich von etwas Angenehmerem ſprechen.— Wie ſteht es hier mit der Pacht?“ „Die habe ich von Sr. Majeſtät dem Könige von Schweden auf Lebenszeit erhalten.“ „Der König von Schweden, Monsieur, hm!— iſt todt für Pommern und Rügen, notre Empereur, Na- poleon le Grand regiert dieſen erbärmlichen Fetzen Land!“ „Ich ſehe es, ich ſehe es, Herr General, und er hat einen ſehr bedeutenden Mann hierher geſandt, um ſeine Stelle würdig zu vertreten.“ „Haha! Vous ôtes un pétit flatteur, mon cher. Aber gut, das mag ich leiden, das iſt hübſch. Sie 104 ſollen die Pacht behalten, wenn ſie mir redlich die⸗ nen.“ „Ich hoffe nicht, daß Sie glauben, ich könnte in irgend einer Beziehung unredlich ſein?“ „Pas du tout, pas du tout! Gott bewahre mich davor! Aber Sie ſcheinen etwas empfindlich zu ſein, nach Ihrer geſchwollenen Stirnader zu ſchließen?“ „Das bin ich nicht, aber ich vertrage es nicht, wenn ein Mann an mir, dem Mannoe, zweifelt.“ „Tranquile, mon cher, tranquile! Es war nicht böſe gemeint. Laſſen Sie uns alſo von etwas An⸗ genehmerem ſprechen. Wieviel Pacht zahlen Sie?“ „Vor zwanzig Jahren zahlte ich jährlich fünfzig Thaler und zwei fette Schweine—“ „Comment? Laſſen Sie uns zuerſt über die Summe Geldes reden— fünfzig Thaler? Wie viel iſt das in Francs?“ „Zweihundert, Herr General.“ „Was?“ ſchrie der Kaiſer von Pulitz entſetzt. „Zweihundert Francs? Das wäre die ganze Pacht von meinem Beſitzthum?“ Der alte Schwede lächelte, wie nur ein ſo großer und ſtarker Mann einem ſo kleinen gegenüber lächeln konnte.„Laſſen Sie mich ausreden,“ ſagte er;„vor zwanzig Jahren, hab' ich geſagt, zahlte ich ſo viel. 105 Heute gebe ich achtzig Thaler, das macht 320 Francs und außerdem zwei Schweine und zwanzig Pfund Schmalz.“ Beinahe wäre der Kaiſer von Pulitz unter den Tiſch gefallen. Er fuhr ſich mit beiden Händen durch den Reſt von Haaren und ſtieß hundert Angſtſchreie aus, ſo daß der alte Schwede glaubte, er habe Schmer⸗ zen irgend wo und ſchon ängſtlich nach Louis umher blickte, der längſt zur TWhür hinausgegangen war. „Was!“ ſchrie er endlich, als er die Fähigkeit, ſeine Stimme zu brauchen, wieder erlangt hatte— „das wagen Sie mir zu bieten? Da hätte mir ja mein Kaiſer ein ſehr unkaiſerliches Geſchenk gemacht!“ „Das haben ſie mit dem Kaiſer ſelbſt auszuma⸗ chen, ich waſche meine Hände. Aber warum ſoll ich Ihnen nicht bieten, was ich einem König gegeben habe?“ „C'est trop méchant, mon cher! Wie, 320 Francs? Davon ſoll ich leben, genießen? Davon ſoll ich eſſen und trinken?“. „Haben Sie heute nicht geſehn, Herr General,“ erwiderte der Schwede naiv,„daß ich außer mir noch einige Andere ſatt gemacht habe?“ „Silence, mon ami! C'st trop méchant! Was trägt Ihnen das Gut außer der Pacht?“ 106 „Gerade ſo viel, daß ich leben, das heißt eſſen, trinken und mich kleiden kann.“ Der General riß wieder die Augen auf.„Dann leben Sie wohl wie ein Fürſt, mon ami? „Nein Herr General, nur wie es mir als armen Landmann geziemt, und das Mahl, das meine Frau heute bereitet, war nur Ihnen zu Chren ſo reichlich beſtellt. Schließen Sie alſo nicht daraus auf meine Kaſſe.“„ Der General ſprang vom Stuhle auf und hinkte wie ein verletzter Dämon in der Stube herum. Der Schweiß fiel ihm in großen Tropfen von der Stirn, er fühlte ſich jetzt noch viel ſchrecklicher betrogen, als am Morgen, da er zum erſtenmal die Inſel, ſein neues Beſitzthum ſah, denn er hatte wenigſtens auf eine Pacht von 10,000 Franes gerechnet. „Mon ami!“ rief er plötzlich und blieb vor dem großen Mann ſtehen, dem er kaum bis zur Bruſt reichte.„Wieviel können Sie mir geben, wenn ich die Gnade habe, Ihnen die Pacht zu laſſen?“ Der alte Schwede richtete ſich kerzengerade in die Höhe und ſah den kleinen General mit einer denſel⸗ ben wahrhaft einſchüchternden Miene an.„Gnade,“ ſagte er mit einer Donnerſtimme,„verlange ich von Niemandem, alſo auch von Ihnen nicht. Wenn Sie 4 ————— mich nicht als Pächter behalten wollen, ſo wählen Sie ſich einen anderen, aber ſo viel ſage ich Ihnen, daß Ihnen kein Menſch auf ganz Rügen mehr geben kann und mehr geben wird, als ich Ihnen biete.“ Der General war bezwungen, trotz ſeiner vielen * früheren Siege. Er gab alſo klein bei und fragte noch einmal in ſanfterem Tone, wie viel Pachtzins ihm der Schwede geben wolle. „Hundert Thaler, das macht vierhundert Francs, ſind das Höchſte, wozu ich mich verſtehe, und bei den Schweinen und dem Schmalze bleibt es.“ „So, ſo,“ ſagte der General und faßte ſich lä⸗ chelnd an das Kinn, denn ihm war plötzlich ein gu⸗ ter Gedanke eingefallen.„Mögt Ihr die Pacht denn für hundert Thaler behalten, wenn ich keinen ande⸗ ren Pächter finde, aber dann ſchlagt mir ſogleich den Wald da drüben ab, den brauche ich nicht, obwohl ich das Geld dafür haben muß.“ Jetzt war die Reihe zu erſchrecken an den alten Schweden gekommen.„Sie wollen den Wald ab⸗ hauen?“ fragte er mit einer Stimme, die ſo ſanft wie aus eines Kindes Bruſt klang. „Ja, mit einem Wort, und in den acht Tagen, die ich höchſtens hier zubringe, denn wer kann länger in einem ſolchen Miſtloche leben, muß es geſchehn * 9 1 108 ſein. Ich befehle es, au nom de P'empereur et de 2 la loi, und das Geſetz bin diesmal ich!“ Dieſe, mit Nachdruck geſprochenen Worte verfehl⸗ ten ihre Wirkung auf den ehrlichen Schweden nicht. Er ſah ein, daß der General das Recht und die Macht auf ſeiner Seite habe, und er ſchwieg für jetzt, in der Hoffnung, es würden ſich Mittel und Wege finden laſſen, die Ausführung dieſes Befehls hinaus⸗ zuſchieben, denn den Wald fällen zu laſſen, den er ſo liebte, den er täglich mehrmals beſuchte, den er „mein lieber Wald“ ante, das ging über ſein Begriffsvermögen, das war eine Wunde, mitten in ſein Herz gehauen, und er hätte auf der Stelle zehn Jahre ſeines Lebens geopfert, wenn er den grauſamen Befehl ganz ungeſprochen hätte machen können. Ach, aber dieſer Wunſch ſollte ihm leider nicht erfüllt wer⸗ den. Der Befehl blieb nicht allein geſprochen, mwurde auch ausgeführt. Schon am nächſten Margen fing man an, den Wald zu lichten, und in weni⸗ gen Wochen lag die Zierde von Pulitz auf dem mooſigen Boden und der alte Schwede ſchritt wei⸗ nend wie ein Kind darüber hin, betrauerte jede Baum⸗ leiche, wie er ſie nannte, und ſandte dem Kaiſer von Pulitz einen Fluch nach, als er ſchon längſt wieder das kais ſerliche Geſchenk, ſeine langweilige Inſel, verlaſſen hatte. Uiertes Anpitel. Der Kaiſer von Pulitz plaudert. —— Als Adam Sturleſon, mit friſchem Waſſer und reich⸗ licher Speiſe beladen, in der nächſten Nacht nach dem Entenfang auf All⸗Rügen ging, um ſeine jungen Freunde von den Ereigniſſen des Tages in Kenntniß zu ſetzen, geſchah dies nicht mit der freudigen Raſch⸗ heit, die ihm ſonſt bei ähnlichem Thun beizuwohnen pflegte, noch weniger in einer zum Lachen und Scher⸗ zen aufgelegten Laune, wie er ſelbſt am vorigen Abend vorausgeſagt hatte, vielmehr war er ernſt, nachdenk⸗ lich und ſogar trübe geſtimmt. Der grauſame Befehl des Generals, den ſchönen Wald zu fällen, blos um dafür eine erbärmliche Summe Geldes zu erhalten, hatte ihn ganz aus ſeinem ruhigen Gleichmuth ge⸗ worfen und ihn zum erſten Mal fühlen laſſen, daß auch er im Bereich des Krieges lebe und den ge⸗ 110 waltſamen Uebergriffen eines unerbittlichen Feindes preisgegeben ſei. Erſt als er den jungen Männern ſein Herz ausgeſchüttet hatte, wurde ihm wieder et⸗ was leichter zu Muthe und er beſprach endlich ſogar mit lächelnder Miene das Ausſehen und Weſen ſei⸗ nes neuen Herrn, welches er den Beiden mit ſo leb⸗ haften Farben ſchilderte, daß ſie ihn faſt vor ihren Augen zu haben vermeinten. Nachdem man darauf⸗ noch ein Stündchen geplaudert, entfernte ſich Sturle⸗ ſon wieder, während die von allem Verkehr der Welt Abgeſchiedenen noch lange auf dem kleinen Werder hin und herſchritten und unter dem verſchwiegenen Himmel ihren Gefühlen und Inſichten freien Lauf ließen, da ihnen in ihrer augenblicklichen Lage jede weitere Thätigkeit verſagt war. Waldemar ertrug ſeine Gefangenſchaft, denn das war ja der erzwungene Aufenthalt in der Erdgrotte, mit ſichtbarer Faſſung und Ergebung; ihn quälte weder ein anderer trüber Gedanke, noch war die HKoſffnung auf beſſere Zeiten aus ſeinem Herzen ver⸗ bannt. Magnus dagegen war ganz und gar in ſei⸗ nen früheren trübſeligen Gemüthszuſtand zurückge⸗ ſunken und Waldemar hatte die größte Mühe, die Vorſtellungen ſeiner Seele von Todesahnungen abzulei⸗ ten, in denen ſie den ganzen Tag über befangen geweſen X 111 war. Schon aus dieſem Grunde verſtrich dem Sohn des Strandvogts die Zeit raſcher, als dem ſeinem Brüten allein hingegebenen Freunde, denn er hatte etwas zu thun, eine Pflicht zu erfüllen, und die er⸗ füllte er mit vollkommener Hingebung, zumal er, wie ſchon erwähnt, ſeit jenem letzten Beſuche Hille's ein wahrhaftes Mitleid mit dem armen Grafen fühlte. Dieſes von Tag zu Tag zunehmende Mitleid war es auch, was ihn veranlaßte, bisweilen ſogar Gylfe's Erwähnung zu thun, in dem guten Glauben, dem Freunde dadurch wenigſtens einen Schimmer von Hoffnung zu gewähren, daß das Mädchen ſeiner Liebe ja noch nicht gänzlich verloren ſei und ſogar zur Ein⸗ ſicht und Vernunft zurückkehren könne, wenn es er⸗ fahre, wie gut es Magnus, und wie ſchlimm es Ca⸗ pitain Caillard mit ihm gemeint habe. Als er auch jetzt wieder davon zu reden anfangen wollte, wo ſie langſam am Ufer des kleinen Werders auf und abſchritten und nichts über ſich ſahen, als den ſternenbeſäeten Himmel, nichts um ſich hatten, als das dämmernde Licht einer kurzen Sommernacht, ließ ihn Magnus nicht einmal den erſten Satz voll⸗ enden, ſondern umfaßte liebevoll des ſtärkeren Freun⸗ des Schulter und ſagte milde, aber mit durchdachter Entſchloſſenheit: 112 „Waldemar, ich danke Dir für Deinen guten Willen, mich wie ein redlicher, gefühlvoller und an meinem traurigen Geſchick wahrhaft theilnehmender Freund tröſten zu wollen, aber laß es für heute das letzte Mal ſein, daß wir von dieſem Gegenſtande ſprechen, denn ich fühle das Bedürfniß, mit ihm zu Ende zu kommen und meine Gedanken auf andere, wichtigere Dinge zu leiten. Wiſſe, daß ich Gylfe Torſtenſon ein für alle Mal in meinem Herzen aufgegeben habe, ſelbſt wenn ſie ſpäter zur Einſicht käme, daß ſie Un⸗ recht gethan, jenen unbekannten, unſerm Vaterlande feindlich geſinnten und ſie trotz ſeiner Galanterie be⸗ trügenden Franzoſen mir, dem alten Freunde— und Sohne ihres Wohlthäters vorgezogen zu haben. Ja, ich habe jede Hoffnung aufgegeben, ſie mir wiederzu⸗ gewinnen, denn mein Herz, obgleich es dabei blutet, ſagt mir, daß ich ſie verloren habe, für immer und ewig, in dieſer und in jener Welt. Aber nicht allein mein Herz ſagt mir das, auch meine Chre gebietet mir, ſie nicht mehr zu lieben, ſeitdem ſie dem Feinde ihr Gemüth zugewandt, das, wenn nicht mir, doch dem Vaterlande und ſeinen Söhnen hätte gehören müſſen. Ach, Waldemar, dieſe Ueberzeugung von dem Verluſt meiner Liebe würde mich noch tiefer er⸗ ſchüttern und mit unendlichem Gram erfüllen, wenn 113 — wenn ich nicht wüßte, daß ich dies verführeriſche Mädchen, ſelbſt wenn es mir treu geblieben wäre, doch nie als Weib hätte an meine Bruſt drücken dür⸗ fen.“ „Wie,“ unterbrach ihn Waldemar,„und warum denn nicht?“ „Höre mich zu Ende und glaube mir. Schon früher und öfter, Du weißt es ja, hat mir eine in⸗ nere Stimme, deren Flüſtern ich verſtehe, auch wenn ſie ganz leiſe zu mir ſpricht, zugeraunt: Magnus, Dein Lebensfaden wird nicht von langer Dauer ſein, gieb alſo die Thorheit irdiſchen Verlangens auf und wende Dich den himmliſchen Tröſtungen zu.— Und ſieh, ſeitdem mir Gylfe im Schloſſe meiner Väter mit Verachtung begegnet iſt, ſeitdem ſie mich ihren Haß in Blicken, in Mienen, in ihrem ganzen Weſen hat leſen laſſen, weiß ich beſtimmt, daß es mit mir bald auf die eine oder andre Weiſe zu Ende gehen wird.“ „Magnus! Ich bitte Dich, ſprich nicht ſo, denn Du täuſcheſt Dich.“. „Nein, Waldemar, ich täuſche mich nicht. Sieh, von meiner Kindheit an wohnte mir ein eigenes Ge⸗ fühl inne, dem ich keinen anderen Ausdruck geben kann, als daß ich es mit einem Stern in meiner Bruſt vergleiche, der bald heller, bald matter funkelte 8 Der Strandvogt. III. 114 und dadurch zu erkennen gab, daß meines Lebens Glück im Sonnenlichte aufſtrahle oder in finſterer Nacht verlöſche. Nie, nein, nie hat mich dieſes Schim⸗ mern meines Sternes betrogen und ſtets hat er mir das, was kam, vorhergeſagt. Alle Einzelnheiten mei⸗ nes Lebens könnte ich Dir aufzählen, um Dir davon den Beweis zu liefern, aber ich übergehe das, weil es Dir vielleicht zu kleinlich erſcheinen würde. So lange ich aber dieſen Stern noch leuchten ſah, erloſch nicht die Hoffnung zum Beſſeren in mir; ſelbſt wenn er nur noch ganz ſchwach flammte, wußte ich, daß ich noch nicht hilflos verloren war. Seit jenem Tage aber, wo ich zum letzten Mal unter dem Dache mei⸗ nes Vaters athmete, iſt er— ganz erloſchen; ich ſehe nichts mehr von ihm und mein ganzes Innere iſt in nächtliches Dunkel gehüllt. Das, Waldemar, be⸗ deutet mir, daß mein Ende nahe iſt, und nun folge meinem Rath und höre, was ich Dir ſagen will. Ich ſehe von unſerer nächſten Zukunft nichts Gutes voraus. Wir werden ergriffen und unſern Feinden überliefert werden, ſo ſicher wir uns jetzt in dieſem kleinen Erdwinkel auch wähnen. Ich habe Dir nie Glück gebracht, Waldemar, im Gegentheil, nur Un⸗ glück, mein Loos war ſtets das Deinige und ich riß Dich mit mir in alle Bitterkeiten des Lebens hinein. 115 Trenne Dich alſo von mir; überlaß mich mir ſelber und folge Du Deinem eigenen Stern, der, ich weiß es, ſtets golden und klar funkelt. Nur dann erſt, wenn Du mich aufgegeben, mich verlaſſen haſt, wirſt Du glücklich ſein und das Ziel Deines Daſeins er⸗ reichen.“ Waldemar, überwältigt von Wehmuth wie nie zu⸗ vor, wenn Magnus ihm ſein verdüſtertes Innere enthüllt hatte, wußte nicht, was er hierauf erwidern ſollte, aber er umfaßte Magnus mit feſterem Arme, als wollte er ihn gegen die Gewaltthätigkeiten des Lebens ſchützen, und ſagte dann mit leiſer aber feſter Stimme, die ſeinen unumſtößlichen Entſchluß aus⸗ ſprach:„Nein, Magnus, fordere Alles von mir, nur das nicht. Ich habe Deinem Vater, Dir, mir ſelber gelobt, an Deiner Seite auszuharren, in Freud' und Leid, und ſo will ich mit Dir ſtehen oder fallen, wie es Dein Schickſal will, wenn ich doch einmal daran glauben ſoll. Habe ich lange Jahre das Gute neben Dir genoſſen, ſo will ich auch vor dem Schlimmen nicht zurückſchrecken, und nie, nein, nie werde ich die⸗ ſem Deinem Rathe folgen.“ „So thu, wie Du willſt, aber vergiß nicht, daß ich Dich wiederholt gewarnt habe. Ach, Waldemar wie klein und unnütz erſcheint mir jetzt, da ich klar 8* 116 über mich ſelber geworden bin, unſre jahrelange Be⸗ mühung, unſer nur auf das in unſrer Einbildung Große gerichteter Thatendrang! Wir wollten die ganze Welt mit unſerm Zorne verſchlingen, wenn ſie uns feindlich war, den Eroberer niederwerfen, die Freiheit des Vaterlandes mit unſerm Blute erkaufen— und wir ſitzen hier, von aller Welt abgeſchnitten, auf die⸗ ſer kleinen Inſel, auf der uns der erſte beſte Henkers⸗ knecht jenes Eroberers, wenn er uns findet, ungeſtraft vernichten, oder jeder Jäger mit ſeiner Kugel nieder⸗ ſtrecken kann, als wären wir ein ſchädliches Thier des Waldes. O Menſchenleben mit Deinen Hoffnungen und Täuſchungen, wie glänzeſt Du von Weitem ſo ſchön und hell, wie eine Sonne, und wenn wir nahe hinzutreten, finden wir nur einen trügeriſchen Schimmer, der uns verlockt, verführt und betrogen hat.“ „Du haſt in manchen Dingen Recht,“ nahm Wal⸗ demar beſänftigend das Wort,„allein Deine Phanta⸗ ſie führt Dich immer zu weit in die Irxe, wo Du die allgemeine Menſchenhoffnung als trügeriſchen Stern verklagſt. Stets haſt Du vom Schickſal, wie von Dir ſelber zu viel gefordert, Magnus. Was konnteſt Du, der Einzelne, dem Großen, Gewaltigen gegenüber voll⸗ bringen, der jetzt wie ein rieſiger Geier halb Europa in ſeinen bluttriefenden Fängen hält? Genug, daß 414 Du den Willen dazu hatteſt, ihn zu zerſchmettern, und wenn Alle, oder nur Viele denſelben Willen gehabt, ſo wäre es ſchon lange um dieſes übermüthige Fran⸗ zoſenvolk geſchehen. Wie lange iſt es nun ſchon her, daß Napoleon in Deutſchland einfiel, und wir haben noch immer nicht vernommen, daß Deutſchland aus ſeinem Traumleben ſich erhebt und dem hohnlächeln⸗ den Feinde die trotzige Stirn bietet. Sieh die That jenes Schill an, an der Du ſo hochherzig Theil ge⸗ nommen, ſo erhebend, ſo wohlthätig für ein bluten⸗ des patriotiſches Herz, obwohl ſie dem kälter Urtheilen⸗ den räthſelhaft, abenteuerlich erſcheinen mag, ſie ſteht noch immer vereinzelt da, die Völker, die ſchon lange im Stillen grollten, zögern immer noch, ihre Stimme laut zu erheben, und die Fürſten, als wären ſie in rathloſe Ohnmacht verſunken, raſſeln noch immer nicht mit dem Schwerdte oder laſſen die Trompete erſchal⸗ len, die ihre Völker um ſie verſammeln würde. Wenn alſo ſo Viele, ſo Große, ſo Mächtige nichts erreichen, ſo beklage Dich nicht über Dein einzelnes Geſchick, und wenn aus dieſer traurigen Betrachtung der Wahn entſpringt, daß der Stern in Deiner Bruſt erloſchen, ſo laß mich Dir ſagen, daß nie in meinem Leben das Herz in mir ſo muthig geſchlagen, wie jetzt, daß ich, ſelbſt in dieſer kleinen Hütte, in die wir ſogleich hin⸗ 118 abſteigen, den ganzen Himmel fühle, der mit ſeinen Strahlenblicken hier über uns in aller Glorie flackert, und daß ich die Ueberzeugung habe, ein ſolches Ge⸗ fühl könne mich niemals und nimmer täuſchen.“ Magnus lächelte ſchmerzlich, drückte aber die Hand des wackeren Freundes, den ihm die Vorſehung an die Seite geſtellt, herzlich wieder. Ach, aber in dieſem Drucke lag nicht die Einſtimmung in ſeine muthigen Gefühle, nein es lag mehr darin ein Abſchied, als wolle er dieſe Hand noch ſo lange drücken, als ſie ihm erreichbar wäre, denn— denn— mochte Waldemar ſagen, was er wollte, der Stern war in Magnus' Bruſt erloſchen, und leider— und das war die unglücklichſte Mitgift, die er für's Leben erhalten hattte— er wußte es und glaubte daran. Den nächſten Morgen hatte General Chambertin dazu beſtimmt, mit ſeinem Pächter verſchiedene Ein⸗ zelnheiten im Pachthauſe und auf dem Gute zu be⸗ ſichtigen, um hie und da Veränderungen, die er für nothwendige Verbeſſerungen hielt, anzuordnen und überhaupt eine vollſtändige Ueberſicht von ſeinem neuen Beſitzthum zu gewinnen. Adam Sturleſon hatte Al⸗ les dazu in Stand geſetzt und ſaß in ſeinem Zimmer, 119 um den Diener zu erwarten, der ihn zum gnädigen Herrn rufen ſollte. Allein er wartete immer noch vergeblich. Der General hatte vor einer Stunde durch ei⸗ nen beſonderen Boten einen Brief aus Bergen erhalten, in deſſen Studium er ganz vertieft war und der alſo von Wichtigkeit für ihn ſein mußte. Endlich wurde der alte Schwede ungeduldig und hielt es für gerathen, ſeinerſeits den Kaiſer von Pulitz zu erinnern, daß auch für ihn die Zeit nicht ſtill ſtehe und daß er ſie be⸗ nutzen müſſe, wenn er etwas Erſprießliches vor ſich bringen wolle. Er ſtand daher auf, nahm Hut und Spatenſtock und begab ſich nach dem Flure, wo er beſcheiden an die Thür klopfte, hinter der er ſeinen Herrn vermuthete. Allein ſein Begehr, hineingerufen zu werden, ward nicht erfüllt. Es blieb Alles ſtill darin und ſelbſt der überall ſpionirende Kammerdiener ließ ſich nicht blicken. Endlich wagte es der alte Schwede, leiſe den Drücker zu bewegen und den Kopf in den geöffneten Thürſpalt zu ſtecken. Da hatte er denn einen ergötzlichen Anblick vor ſich. Der alte General ſaß auf einem dicht an den Tiſch gerückten Seſſel und las ſehr eifrig in dem ſchon er⸗ wähnten Briefe, zu welchem Behufe er zwei große Brillengläſer auf die Naſe geflanmt hatte, die unter 120 dieſem Drucke ganz blau geworden war und nur mit Widerſtreben den ſeltenen Aufdringling zu dulden ſchien. Bei dem Geräuſche, welches die aufgehende Thür verurſachte, erhob der Leſende den originellen Kopf und als er den Störenfried erkannte, lächelte er be⸗ deutſam und winkte ihn näher heran. .„Bon jour, mon cher!“ ſagte er.„Nun da ſind Sie ja. Aber aus unſrer Beſichtigung kann heute nichts werden, ich habe hier eine wichtige Botſchaft erhalten, die meine ganze Theilnahme und Zeit in Anſpruch nimmt.“ „Es wird doch keine Unglücksbotſchaft ſein?“ fragte der alte Schwede etwas neugierig. „Nein, nein, durchaus nicht, aber wichtig iſt es, wie ich ſage. He, kommen Sie einmal näher und neh⸗ men Sie einen Stuhl, Sie können mir vielleicht ein paar Fragen beantworten, die Licht in die Sache brin⸗ gen. Aber wir ſprechen entre nous, tout entre nous, mon ami.“ „Ja, ja,“ erwiderte der alte Schwede, nachdem er einen Stuhl geholt und ſich darauf niedergelaſſen hatte, wobei er beinah eben ſo leiſe ſprach, wie der General zu ihm geſprochen, als wolle er ſelbſt die Wände kein Wort von ſeiner Plauderei hören laſſen. 4 121 „Sagen Sie einmal,“ fuhr der Franzoſe fort und rückte unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her,— „kennen Sie vielleicht den Grafen Brahe?“ „Den Herrn von Spyker?“ fragte der Schwede da⸗ gegen und wurde nun auch ſeinerſeits ſehr aufmerk⸗ ſam auf das Folgende.„Ja, den kenne ich— er iſt in Schweden.“ „Den meine ich nicht— ich meine vielmehr ſeinen Sohn.“* „Den Grafen Magnus?“ „Denſelben, ja.“ „Der iſt außer Landes.“ „Mit Nichten, mon cher ami. Ich weiß es beſ⸗ ſer— und hier ſteht ſeine ganze Geſchichte.“ So betroffen der alte Schwede war, ſo beherrſchte er ſich doch vollſtändig, ja er bewies ſogar, daß er ein vortrefflicher Diplomat ſein könne, indem er nicht allein ſeine Miene in Ruhe zu halten, ſondern auch ſeinen Gegner zum Sprechen zu bringen verſtand. „Sie belieben zu ſcherzen,“ ſagte er mit einem ſo ehr⸗ lichen Geſicht, daß der alte General vollkommen ge⸗ täuſcht wurde. „Non, non, ich ſcherze nicht und die Sache iſt überhaupt gar nicht ſcherzhaft. Nehmen Sie irgend ein Intereſſe an dieſen Brahes?“ 3 122 „Ach nein, Herr General, ich kenne ſie ja nur dem Namen nach, obwohl der Vater— ja, der Vater ein allgemein beliebter Mann auf Rügen iſt.“ „Ach, ich rede ja nicht vom Vater— dieſer Brief hier betrifft den Sohn.“ „Was iſt's denn mit ihm, wenn man es wiſſen darf?“ „Allerdings darf man es wiſſen und man muß es ſogar, denn er könnte ſich auch hierher wenden und Schutz bei uns ſuchen.“ Der alte Schwede zeigte eine Miene, die ſo ſtarr von unſäglichem Unglauben war, daß der ſchwatzhafte General immer mehr zum Sprechen ermuthigt wurde. „Richten Sis ſich ein,“ fuhr er leiſe fort,„in dieſen Tagen ein Commando däniſcher Soldaten nebſt einem Officier aufßunehmen; man wird an einem beſtimm⸗ ten Tage hier wie auf der ganzen Inſel nach ihm ſuchen, und um ihn auf einen Griff zu ertappen, ein Bataillon Dänen aus Stralſund herüberſchicken, die alle Schlupfwinkel des Landes beſſer kennen als un⸗ ſere Leute und verſtändlicher mit den dummen Ein⸗ wohnern umzugehen wiſſen. Ha, man wird die Ran⸗ gen faſſen, einſperren und—“ indem er ſeine beringte Hand mit einer bezeichnenden Geberde unter das Kinn legte—„um einen Kopf kürzer machen.“ 123 „Aber mein Gott,“ ſagte der Pächter gelaſſen, was hat denn der junge Menſch ſo Arges verbrochen?“ „Viel, ſehr viel, mon ami. Hier ſteht ſein gan⸗ zes Sündenregiſter. Zuerſt hat er in Colberg gegen die Franzoſen gefochten.“ „O, das haben ſehr Viele gethan, und wenn Ihr Kaiſer ſie alle wollte köpfen laſſen, wo wollte er Hen⸗ ker genug hernehmen? „Das iſt ſeine Sache, mon cher. Vive Tempe- reur! Dann aber hat er ſich mit andern Verräthern in ein Complott eingelaſſen gegen das Leben des Kaiſers— das Scheuſal! Er hat Haß und Verach⸗ tung gegen ſeine Regierung und ſeine geheiligte Per⸗ ſon gepredigt, iſt Mitglied des Tugendbundes gewor⸗ den, was nur ein ſchöner Name für eine Verbrecher⸗ verbindung iſt, von der ſich alle Theilnehmer vorge⸗ nommen haben, Hand an die Perſon des geſalbten Kaiſers zu legen. Dann iſt er mit ſeinem Spießge⸗ ſellen, einem gewiſſen Waldemar Granzow aus Saſ⸗ ſenitz— der ein verfluchter Kerl ſein muß— ein Spion geworden, hat überall Kundſchaft gebracht und geholt, überall Aufregung gegen die Franzoſen ange⸗ zettelt, iſt endlich mit dem Deſerteur Schill nach Stralſund gekommen, hat dort meuchlings gegen meine Landsleute gekämpft, iſt nach Rügen entwiſcht, hat 124 ſich heimlich auf Spyker aufgehalten, dort das Ge⸗ ſpenſt geſpielt, einen Commandeur der Jäger gefoppt, hinter's Licht geführt und treibt ſich jetzt wie ein Buſchklepper auf Rügen umher, um eine Bartholo⸗ mäusnacht gegen uns anzuſtiften, comme il faut— Herr, iſt das nicht ein Verbrecher, wie es keinen zwei⸗ ten in ganz Europa giebt?“ „Iſt es möglich!“ ſagte ſeufzend und mit gefalte⸗ ten Händen der Pächter von Pulitz.„So jung noch und ſchon ſo verbrecheriſch!“ „Ha, ja! Es muß ein Schandbube ſein. Aber man wird es ihm anſtreichen. Man wird ihn ergrei⸗ fen und richten, ſeine Güter einziehn, ſeine Wappen zerbrechen, ſeinen Namen vertilgen und jede Erinne⸗ rung an ſein Geſchlecht in dieſen Landen auf ewige Zeiten auslöſchen.“ „O, das iſt ja traurig! Aber man hat ihn noch nicht, Herr General, und es wird ſchwer halten, ihn zu greifen, da er reich iſt, viele Freunde auf der Inſel beſitzt und alle Verſtecke kennt, die nie ein Franzoſe mit Augen geſehn.“ „Hoho, das wollen wir doch erleben! Es iſt Al⸗ les dazu eingeleitet. An einem beſtimmten Tage wird eine allgemeine Hetzjagd nach ihm und ſeinem Kum⸗ pan abgehalten werden. Alle Fähren, die ſchon jetzt ſcharf bewacht werden, ſollen beſetzt, alle Wege und Wälder durchſucht, alle Häuſer durchſtöbert und alle Ufer durch Patrouillen durchforſcht werden. So wird man ihn finden und das Yerbrechen wird ſeine Strafe erleiden.“ „Ja freilich, wenn es ſich ſo verhält, dann wird er wohl verloren ſein.“ „Ha! Nicht wahr? Das wird prächtig ſein. Ich möchte wohl dabei ſein, wenn man ihn findet, aber man kann nicht an allen Orten zugleich ſein.“ „Meinen Sie, man wird ihn an verſchiedenen Or⸗ ten zugleich finden?“ „Charmant, charmant, mon ami! Ihr ſeid ein Spaßvogel, comme il faut. Das liebe ich, das liebe ich! Aber wann das Exempel an dem Banditen ſta⸗ tuirt wird, der ſich zur Schande der Menſchheit einen Grafen nennt, dann werde ich die Reiſe dahin unter⸗ nehmen und ſollte ich eine Meile zu Fuße machen müſſen.“ „So, ſo!“ ſagte der alte Schwede halb für ſich und neigte ſinnend den Kopf.„Wo und wann wird denn dieſe Hetzjagd beginnen?“ Der General drückte die Brille feſter auf die Naſe und ſuchte die betreffende Stelle im Briefe auf.„Ah, hier ſteht es, ja!“ rief er freudeſtrahlend.„Am erſten Auguſt beginnt ſie an allen Orten zugleich, und wird 126 ſo lange fortgeſetzt, bis das Wild abgefangen iſt. Haha!“ „Und wann werden die Herren Dänen uns die Ehre ihres Beſuches zu Theil werden laſſen?“ „Schon einen Tag vorher, am 31. Juli Mittags werden ſie auf Pulitz eintreffen. Alſo haltet Euch be⸗ reit, mon cher.“ „Ich werde alles Mögliche thun, ſie vorbereitet zu empfangen, Herr General.“ „Superbe, charmant! Das iſt brav. Nun aber laßt mich allein, ich will ſogleich dieſen Brief beant⸗ worten, der von einem meiner Freunde kommt.—“ Adam Sturleſon verließ den General und zwar, wie wir geſtehn müſſen, etwas beunruhigter, als er zu ihm gekommen war. Hin und her überlegte er, was ihm unter dieſen Verhältniſſen zu thun obliege, ob er Magnus und Waldemar in ſeinem Entenfang behalten oder irgend wo anders hinbringen ſolle. Er erwog alle Möglichkeiten und Zufälle, ſchätzte alle Ge⸗ fahren ab und fand es endlich am räthlichſten, wenn ſie ſich weit von der Inſel weg begäben, wo möglich nach Schweden, denn da hielt er ſie am geſcchertſten. Endlich kam er dahin mit ſich überein, ihrem eigenen Ermeſſen anheimzuſtellen, was ſie thun wollten, und demgemäß wartete er die Nacht ab, um ihnen das 1 Reſultat ſeiner Plauderei mit dem Kaiſer von Pulitz zu überbringen. Langſamer war dem alten Schweden nie ein Tag auf ſeiner Inſel verſtrichen, als dieſer, er wollte gar kein Ende nehmen. Zehnmal ſah er nach ſeiner alten Uhr und verglich dann den Stand der Sonne damit in der Meinung, ſie geherzu ſpät, aber die Sonne zeigte ſtets, daß ſie richtig ging und ſo mußte er ſich denn endlich in Geduld fügen. Kaum aber war die Nacht über das Land herein⸗ geſunken, kaum war das Licht in des Generals Schlafzimmer verlöſcht, ſo trat er mit behenden Schrit⸗ ten ſeinen Warnungsgang an und fand die jungen Leute ſchon ſeiner harrend, da ſie von der Lange⸗ weile zu leiden anfingen und ſich ſehnten, einen Menſchen zu ſehen und zu ſprechen, der ſie doch in ei⸗ nige Verbindung mit der übrigen Welt brächte. Mit ziemlicher Faſſung hörten Beide die Erzählung des Pächters an und waren bald mit ihm einig, daß es doch wohl am gerathenſten wäre, wenn ſie Rügen verließen, da ſie hier auf die Dauer nicht ſicher wa⸗ ren und bei den ſo ſtreng gehandhabten Nachforſchungen qus einem Schutzort in den andern gedrängt wurden. b . 1—* 128 „Sicher ſeid Ihr hier,“ ſagte der Alte zuletzt,„das iſt gewiß, dafür will ich einſtehen.“ „Aber wir halten es hier nicht aus,“ erwiderte Magnus.„Nein, nein, alter Freund, laſſen Sie uns fort, ſchaffen ſie uns Mittel zur Flucht, dann werden auch Sie bald der großen Sorge und Ver⸗ antwortung enthoben werden, die Ihnen unſre An⸗ weſenheit bereitet.“ „O das ſchreckt mich nicht, aber ich halte es un⸗ ter allen Umſtänden für beſſer, wenn fünfzig Meilen zwiſchen Ihnen und Ihren Verfolgern liegen.“ „Wie gehen wir aber von hier fort?“ nahm Wal⸗ demar das Wort, der bereits ſeinen Entſchluß gefaßt hatte.„Zu Lande oder zu Waſſer?“ „Nicht zu Lande, nicht zu Lande, mein Junge, das iſt jetzt gefährlich. Der Weg nach Schweden zu Waſſer iſt zwar weit und das Fahrwaſſer durch Rü⸗ gen eng, allein eine dunkle Nacht und guter Wind machen das Wagniß, gerade nicht zu einem Kinder⸗ ſpiel, aber doch ausführbar.“ „Ja, ja, Ohm, wir müſſen zu Waſſer fort. Aber wie? Schaff uns ein ſeetüchtiges Boot und das Uebrige übernehme ich. Auf Jasmund allein aber wird es ſolche Boote geben, wenn nicht auf der Lie⸗ tzower Fähre. Könnte ich meinen Vater ſprechen, der 9 3 129 würde mir am beſten rathen, denn der kennt jedes Boot am ganzen Binnen⸗und Außenſtrande von Rü⸗ gen.“ „Daran iſt nicht zu lenken, daß Du den ſprichſt. Aber halt, das war ein guter Gedanke! Wenn ich ſelbſt zu ihm ginge und unſre Rathloſigkeit vorſtellte?“ &Das wäre das Beſte. Aber wie willſt Du zu ihm gelangen?“ „Das muß beſchlafen werden, mein Junge, laß mir nur machen. Kommt Zeit, kommt Rath.“ „Habt Ihr keinen ſicheren Boten, der den Auf⸗ trag übernehmen könnte?“ fragte Magnus. „Nichts von Boten, nichts von Boten! Bei ſol⸗ chen gewichtigen Anläſſen muß man ſelbſt der Mann ſein, der den Boten macht, denn wir müſſen vor allen Dingen ſicher gehen. Auf morgen denn, meine Herren. Ich verlaſſe Sie und ſeien Sie überzeugt, wenn wir uns wiederſehen, habe ich Rath geſchafft, Bleibe ich etwas lange aus, ſo iſt die Sache fertig, verlieren Sie alſo die Geduld nicht, junger Herr.“ 3 Nach herzlichem Händeſchütteln trennte man ſich. Der alte Schwede kehrte nach Pulitz zurück, um ſei⸗ nen Plan zu beſchlafen, und die Verfolgten ſtiegen in ihre Hütte hinab, um das neue Vorhaben nach allen Seiten zu beſprechen und ſich abermals auf eine Der Strandvogt. III. 9 Flucht vorzubereiten, die ſchwieriger auszuführen war und mehr Anſtrengung und Ausdauer erforderte, als alle ihre früheren. So viel Mühe der alte Schwede ſich in der nächſtfolgenden Nacht auch gab, ſeinen Plan ſo gut wie möglich zu beſchlafen, er ſollte vor Aufregung gar nicht zum Schlafen kommen, denn in ſeinem al⸗ ten Herzen hämmerte und wühlte es, als wäre er perſönlich bei dem Vorliegenden betheiligt. An ſei⸗ ner Statt aber übernahm ein Anderer es, für die Flüchtlinge zu ſorgen, und zwar auf eine Weiſe, wie es kein Menſch von Allen, die ein Intereſſe dabei hat⸗ ten, zu hoffen gewagt hätte. Der General war am nächſten Morgen ungemein früh munter und ließ den Pächter auffordern, zwei Pferde vor ſeinen Reiſewagen zu legen, damit er in Bequeml eit ſein Beſitzthum umfahren und alles Ein elne ganz genau in Augenſchein nehmen könne. Da aber zeigte ſich ein Hinderniß, auf welches man am wenigſten gerechnet hatte und woran der ſo ſchön angelegte Plan gänzlich ſcheitern ſollte. Mochte der anders geſtaltete Wagen, als die kleinen Pferde des alten Schweden ihn bisher zu ſehen gewohnt waren, 131 daran ſchuld ſein, oder mochten ſie mit dem Teufel im Bunde ſtehen, wie der General einmal über das Andere fluchte, genug, die patriotiſchen Thiere wei⸗ gerten ſich durchaus, das ariſer Fuhrwerk in Bewe⸗ gung zu ſetzen, und weder Schmeichelei noch Strafe bewog ſie, von ihrem ſtörrigen Eigenſinn zu laſſen. Aber ſchon hatte der ängſtliche General genug an dieſen vermaledeiten vierbeinigen Inſulanern. Er wollte ſich nicht ohne Noth in die Gefahr begeben, Hals und Beine auf ſeinem neuen Beſitzthum zu bre⸗ chen, und ſo gebot er, die Pferde auszuſpannen, und ließ ſich mit dem Pächter in Unterhaltung ein, auf welche Weiſe man wohl in aller Eile zu einem Paar brauchbarer Thiere gelangen könne, da ſein gelähmter Körper ihm keine andere Reiſeart geſtattete. Dem alten Schweden fuhr es bei dieſer Unterre⸗ dung wie ein Blitz durch den Kvpf.„Hm!“ ſagte er plötzlich,„wenn ich noch heute nach zwei guten und frommen Pferden— ſehr frommen, Herr General— forſchen dürfte, käme ich vielleicht nicht zu ſpät zum Handel. Denn die Race i*ſt ſelten auf Rügen. Aber es iſt etwas weit bis dahin, wo ſie zu haben ſind, und ich dürfte leicht dazu einen Tag brauchen, den Kauf abzuſchließen, wenn ich ſehe, daß er erſprießlich iſt.“ „Wo iſt es, wo iſt es, mon ami?“⸗ 9* — 132. „In Sagard auf Jasmund, Herr General. Dort kenne ich Jemanden, der zwei lammfromme Kutſchpferde beſitzt.“ „Werden ſie theuer ſein?“ „Ich glaube nicht, wenn ich ſie erhandle, woge⸗ gen Sie wahrſcheinlich den doppelten Preis zahlen müßten.“ „So beeilen Sie ſich und gchen Sie ſogleich dahin. „Sehr gern; aber dann bitte ich mir von Ihnen eine Beſcheinigung aus, daß ich in Ihrem Auftrage die Reiſe unternehme, denn ich muß auf den Fall ge⸗ faßt ſein, daß mich Ihre Landsleute fragen, was ich auf Jasmund zu ſuchen habe.“ „O, weiter nichts? Mit meinen Landsleuten wollen wir ſchon fertig werden. Kommen Sie herein, Sie ſollen einen Paß haben, den ſelbſt der Kaiſer re⸗ ſpectirt.“— Der Paß war geſchrieben und der alte Schwede ſtieg ſogleich in eins ſeiner Boote, um ſich nach Thieſ⸗ ſow rudern zu laſſen und von da ſeinen Weg zu Fuße fortzuſetzen. Er blieb allerdings etwas lange aus, denn er war Mittags zwölf Uhr fortgefahren und erſt Abends neun Uhr ſah man ſein Boot wieder an das Pulitzer Ufer legen. Leider aber war der officielle 4—s Zweck ſeiner Reiſe nicht erreicht, der Pferdehandel konnte gar nicht abgeſchloſſen werden, da die Gäule ſchon verkauft geweſen, noch bevor der Pächter nach Sagard gekommen war. So berichtete er wenigſtens dem Ge⸗ neral und dieſer legte ſich mürriſch zu Bett, zum er⸗ ſten Mal herzlich gelangweilt auf Pulitz, da er ohne den Pächter ſchon nicht mehr daſelbſt leben mochte und ſonſt keine andere Geſellſchaft hatte. Weniger mürriſch aber war dieſer Pächter ſelbſt, denn er hatte zwar nicht die Pferde, was bei ihm dies⸗ mal Nebenſache war, wohl aber etwas Anderes erhan⸗ delt, was wir erfahren werden, wenn wir ihn um elf Uhr Nachts nach All⸗Rügen begleiten, wohin er eiligen Fußes wanderte, ſobald im Hauſe Alles zur Ruhe ge⸗ gangen war. Als er den Strand von Pulitz erreicht hatte und eben durch die Furt ſchreiten wollte, blieb er einen Augenblick ſtehen und blickte zum Himmel empor, wo⸗ zu er durch eine auffallende Dunkelheit bewogen ward, die ſich allmälig über und um ihn her auszubreiten begann. Am vorigen Tage war Vollmond und die letzte Nacht war ſternenklar geweſen. Heute aber war der Mond von leichtem Gewölk bedeckt und auch die Sterne flimmerten nur matt durch den Nebelſchleier, der ſich über den ganzen Horizont gelagert hatte. Als 134 Adam Sturleſon dieſe Einzelnheiten erforſcht, lächelte er ſtill vor ſich hin und ſagte:„Das iſt nicht übel, der Himmel nimmt Partei für uns, ſonſt würde er gerade jetzt kein anderes Wetter ſchicken. Es braut da oben Etwas in der Höhe, mag es nun ein Gewitter oder ein Sturm ſein, beides aber iſt gut, denn es be⸗ günſtigt unſer Vorhaben. Wohlan denn, meine Jungen, ich bringe alſo doppelt willkommene Bootſchaft.“ Magnus und Waldemar, die auf ihrem Poſten waren und in der Nähe ihrer Höhle im Haidekraut ſaßen und nach Pulitz hinüberſchauten, hatten ihren Freund ſchon mit Herzklopfen erwartet, da er über die Zeit ausgeblieben war. Als ſie ihn aber kommen ſa⸗ hen und er das Ufer erreicht hatte, ſtanden ſie auf und traten ihm entgegen. „Aha!“ rief der Alte mit freudiger Stimme,„da ſeid Ihr ſchon. Nun wohlauf, ich bringe gute Bot⸗ ſchaft.“ „Biſt Du in Saſſenitz geweſen, Ohm?“ „Ja und ordentlich habe ich gewirthſchaftet, wie Ihr gleich hören ſollt. Doch zuerſt hört, wie ich von dem alten Brummbär da drüben loskam.“ Und er erzählte, was wir ſchon wiſſen, wie er nämlich den Auftrag erhalten, zwei Pferde zu kaufen, jedoch we⸗ niger in der Abſicht nach Jasmund gegangen ſei, ſei⸗ 135 7 nen Herrn zu befriedigen, als für ſeine Freunde zu wirken.„Seht,“ ſagte er,„es war zwölf Uhr Mittags, als ich von Pulitz abſtieß. Bald war ich in Thieſſow und nun wanderte ich raſchen Schritts auf dem näch⸗ ſten Wege nach Saſſenitz. Da fiel ich wie ein Blitz⸗ ſtrahl aus heiterem Himmel hernieder, der aber dies⸗ mal nur einen Brand großer Freude veranlaßte. Die Herren Franzoſen machten zwar ein verwundertes Ge⸗ ſicht, wie ich ſo unvermuthet zwiſchen ſie fuhr, als ſie aber den Befehl des Generals geleſen hatten, mich ungehindert ziehen zu laſſen, da ich in ſeinem Auftrage unterwegs war, wedelten ſie wie ein Hund, der nicht beißen darf, mit dem Schwanze und krochen in ihre Hütte. Da war ich denn mit den Alten allein, Wal⸗ demar, und berichtete ihnen Alles, was ich auf dem Herzen hatte. Nun, das muß man ſagen, die Freude war groß, als ſie hörten, wovon die Rede war, ſie ſtimmten vollkommen mit uns überein und gaben den beſten Rath, wie ich zu meinem Zwecke kommen könnte.“ „Sind ſie denn wohlauf, Ohm?“ „Ganz vortrefflich und ſie laſſen Dich beſtens grü⸗ ßen, wie den Herrn Grafen hier auch. Doch das iſt jetzt nur Nebenſache. Der Alte nun durfte freilich das Haus nicht verlaſſen, denn den beobachten die Fran⸗ 44 136 kenkerle auf jeden Schritt. Aber dafür war die Hille da und die iſt mehr werth als zehn Männer, wo es ein entſchloſſenes Handeln gilt. Sie ging mit mir zu dem Rieſen Pieſing hinunter— Du kennſt ihn ja— den großen Lootſen in Saſſenitz, der auch ein Auge auf die Fremden hat und ihnen wo mög⸗ lich einen kräftigen Hieb verſetzen möchte. Dem brach⸗ ten wir nun Waſſer auf ſeine Mühle und das hatte das Wettermädel vorhergewußt, ſo wie auch, daß er einen Bruder in Lietzow hat, der über verſchiedene Boote verfügen kann, wie wir ſie uns nur wünſchen können. Pieſing begleitete uns dann bis zur Fähre und nahm mit ſeinem Bruder Rückſprache, der ein wackerer obwohl ſehr ſchweigſamer Kerl iſt. Wir brauch⸗ ten nicht lange zu reden, da waren wir ſchon Handels⸗ eins und der Pieſing trug uns aus freien Stücken ſeinen Wunſch vor, einer der Schiffer zu ſein, die Euch in’s Meer hinaus lootſen ſollten. Und das iſt gut, meine Jungen, denn Euer Fahrwaſſer dürfe, abge⸗ ſehn von den Menſchen, die auf Euch lauern, nicht ohne Hinderniſſe ſein, wenn es neblig wird, wie es allen Anſchein hat.“ „Das wäre ja das Beſte, was uns begegnen könnte, Ohm!“ „Ja freilich, aber es iſt ſchwer, ein tiefgehendes 3 137 Boot durch das Binnenwaſſer zu ſteuern, wenn Land und Meer dick voll Nebel liegen. Der ältere Pieſing aber kennt jeden Fuß breit von den Ufern und Land⸗ vorſprüngen und da will er auch mit dabei ſein, Euch nach Schweden zu ſchaffen, wenn es einmal gethan ſein ſoll. Außer den beiden Pieſings wird noch der Lootſe Gingſt aus Saſſenitz Euch begleiten und der vierte wird mein treuer Jochen ſein, der ebenfalls das Binnenwaſſer kennt wie Einer und mich um die Mit⸗ fahrt gebeten hat. So habt Ihr vier Männer und wenn der Wind ausbleibt, werden ſie Euch rudern. Seid Ihr zufrieden damit?“ Sowohl Magnus wie Waldemar verſicherten ihm ihre ganze Dankbarkeit und Letzterer fragte, um welche Zeit und auf welche Weiſe man den Weg antreten werde. „Das werdet Ihr ſchon ſehen, wenn wir auf dem Waſſer ſind, denn ich ſelbſt werde Euch an den Ort bringen, wo mein Boot das Boot Pieſing's treffen wird. Wir denken morgen Abend um elf Uhr von hier abzuſegeln; iſt es dunkel oder gar neblig, ſo kann es noch etwas früher geſchehn. Mein Boot werde ich an dies Ufer anlegen laſſen und die Vorräthe, die Ihr unterwegs haben müßt, werdet Ihr ſchon darin finden. Doch das laßt Alles meine Sorge ſein, denn ich möchte auch mein Stück Arbeit dabei haben.“ 3 3 —⸗—x—⸗õ——yᷓ— 138 „Die haſt Du redlich, Ohm, und ich wüßte nicht, wer uns mehr Gutes erwieſen hätte, als Du auf Pu⸗ litz und All⸗Rügen in dieſer Zeit.“ „Still, Junge, beſchäme die Leute nicht, indem Du ſie in's Geſicht lobſt. Das iſt nicht Sitte bei uns. Jetzt aber, meine Herren, begebt Euch zur Ruhe und haltet noch eine Nacht und einen Tag in der Moos⸗ hütte aus. Morgen Nacht mache ich die Thür der Freiheit auf und Gott wird ſie Euch hoffentlich bald ganz geben. Habt Ihr ſonſt noch einen Wunſch, den ich bis morgen erfüllen könnte?“ „Nichts als tauſend Grüße und Dank an die gute Mutter Talke, die bisher ſo wohl für uns geſorgt hat.“ „Dazu wird ſie auch ferner bereit ſein, ohne daß ich ihr Euern Dank ſage, aber ich werde ihn ehrlich beſtellen.“ Mit dieſen Worten verabſchiedete er ſich und bald war er ihren Blicken im Dunkel der Nacht am jen⸗ ſeitigen Ufer entſchwunden. Fünſtes Vupitel. Der Menſch denkt und Gott lenkt. Der Tag der Flucht war angebrochen, und wie es alle Mitwiſſer und Theilnehmer derſelben gewünſcht, war das Unwetter eingetreten, welches man ſchon am Abend vorher mit ziemlicher Sicherheit hatte vor⸗ ausſagen können. Der ganze Himmel war mit dik⸗ ken Wolkenmaſſen bedeckt, wie ſie Rügen ſo oft heim⸗ ſuchen, und ein pfeifender Nordoſtwind jagte über die Gewäſſer und wühlte ſie gegen das Außengeſtade auf, ſo daß auch der Bodden wirbelte und kochte, als wäre er in Aufruhr gerathen und ſehnte ſich entfeſ⸗ ſelt zu werden, um auch einmal brauſen zu können, wie die ſtürmende See jenſeits ſeiner Landſchranken. Als Waldemar früh am Morgen von ſeinem Ver⸗ ſteck aus dies Unwetter ſah, gab er laut ſeine Freude kund und ſprach muthige Worte zum Freunde, der mit ver⸗ 1 140 ſchränkten Armen auf dem weichen Moospfühle ſaß und ſinnend vor ſich her in das trübe Reich unholder Phantaſieen ſtarrte. „Nur immer guten Muth, Magnus,“ ſagte er, „das Wetter begünſtigt uns und alſo will uns die Vorſehung wohl, die dies Wetter ſchickt. Wir haben Nordoſtwind. Wenn er anhält, fahren wir mit hal⸗ bem Winde bis Lebbin und mit vollem bis zur Buge. Dann aber werden wir laviren müſſen, wenn er ſich nicht dreht, oder zu den Riemen greifen, was ein hartes Stück Arbeit ſein wird, bis wir Schweden's Küſte erreichen.“ „ Ich bin noch nicht mit meinen Gedanken in Sden“¹ſagte Magnus finſter,„es liegt noch viel Waſſer zwiſchen uns und ihm.“ „Haſt Du Deine Abſicht geändert, nach Deiner eigentlichen Heimat zu gehen?“ Magnus erhob ſein mattes Auge, das bei dieſen Worten heller aufblitzte.„Nach meiner eigentlichen Heimat?“ ſagte er,„ja, dahin gehe ich beſtimmt, ich weiß es.“ „Ich meine Schweden,“ fuhr Waldemar fort, mit Wehmuth den Doppelſinn errathend, den der ſo hoff⸗ nungsloſe Freund in ſeinen Ausſpruch gelegt hatte. „So— Du meinteſt Schweden. Ach ja, wenn . 4 141 wir es erreichen, werde ich und wirſt Du geborgen ſein. Aber ich erreiche es ſo wenig wie Du.“ „Magnus,“ mahnte Waldemar mit ernſter Stimme, „verdirb mir wenigſtens die Hoffnung und den guten Muth nicht. Warum ſollten wir Schweden nicht er⸗ reichen, wenn Gott es will?“— „Ja, wenn Gott es will. Aber der Menſch denkt und Gott lenkt, mein Freund, alſo warten wir es ab. Du ahnſt aber vielleicht nicht den Grund war⸗ um ich nicht glaube, daß ich nach Schweden ent⸗ komme.“ „Nein, den ahne ich nicht. Welcher iſt es?“ „Ich habe einen Traum gehabt—“ „Ach!. Schon wieder ein Traum!“ dachte Wal⸗ demar ſeufzend. „Und dieſer Traum hat mir geſagt, daß ich glück⸗ lich nach Schweden entkommen werde, wenn ich nicht vergeſſe, was ich mir in jener ſchrchlichen Nacht auf Spyker gelobt habe.“ „Was haſt Du Dir da gcdpbte 4⸗ „Mich zu rächen an dem Clenden, der mir das Glück meines Lebens und Gylfe Torſtenſon den Frie⸗ den und die Ruhe des ihrigen geraubt hat. Und das habe ich nicht gethan, Waldemar.. „Die Rache iſt mein, ich will vergelten, ſpucht de —— 142 Herr, Magnus. Ich habe es Dir ſchon einmal ge⸗ ſagt. Oder wollteſt Du unſern Plan durchkreuzen und anſtatt nach Schweden, noch einmal nach Spyker ge⸗ hen, um dieſe Rache zu üben?“ „Ich müßte es, wenn ich ſicher gehen will; da ich aber entſchloſſen bin, dieſen Plan aufzugeben, ſo mißglückt mir mein Vorhaben und Dir das Deine alſo auch.“ „Das iſt eine fixe Idee, Magnus, und der wil⸗ lenskräftige Mann muß ſich von dergleichen Einſlüſ. ſen frei zu machen ſuchen.“ „Das iſt keine fixe Idee. Aber laß uns davon ſchweigen; ich ſehe, daß Du mich nicht verſtehſt. Die Folge wird lehren, wer von uns Beiden Recht hat.“ Waldemar fühlte ſich durch dieſe Unterhaltung unbehaglich geſtimmt, wie es nicht anders ſein konnte, da ſie ihm Unheil vorausſagte. Er überlegte im Stillen hin und her, ob er auch diesmal ſeinem Freunde nachgeben ſolle, aber als er die bereits auf⸗ gebotenen Mittel in Betracht zog und erwog, daß die günſtige Gelegenheit, von Rügen wegzukommen, ſobald nicht wiederkehren würde, ſo beſchloß er dies⸗ mal ſeinem eigenen Triebe und dem Rathe des al⸗ ten Schweden zu folgen und zu fliehen, ſo lange toch die Wogipteit dazu vorhanden war. Mit die⸗ 143 ſem Gedanken nahm er ein Bucch vor und brachte den größten Theil des Tages mit Leſen hin, während Magnus, ſcheinbar unthätig, auf ſeinem Lager lie⸗ gen blieb und ſich in trübes Sinnen verlor, was ihn immer in die Untiefen ſeiner Einbildungen riß, die ihn nun einmal nicht frei zu den Sternen empor⸗ blicken ließen, die der allmächtige Gott auch über ihn in aller ihrer Herrlichkeit hatte aufgehn laſſeen. Der trübe Tag verging, der Abend kam heran und Wind und Wetter blieben unverändert, nur der Nebel hatte ſich aus der Höhe herniedergeſenkt und verhüllte ſchon in ſo großer Nähe die Ausſicht, daß Waldemar von ſeinem Beobachtungspoſten aus nicht einmal den Waſſerſtreifen erkennen konnte, der zwiſchen Pulitz und All⸗Rügen lag. Mit ernſtem Auge und klarem Bewußtſein ſchaute er auf dieſe Erſcheinung hin, die ihm Gutes aber auch Schlimmes im Ge⸗ folge zu haben ſchien. Gutes, weil ſie die Flüchtlinge und ihr Boot den Feinden verbarg, Schlimmes, weil, wenn der Nebel ſich noch mehr verdichtete, ihre Fahrt eine ſehr ſchwierige werden konnte. Und in der That, es wäre ein tollkühnes Unternehmen geweſen, bei ſo dunkler Nacht, ſo dickem Nebel und ſo ſtarkem Winde 144 durch die vielfach gewundene Waſſerſtraße, die Meer⸗ engen mit ihren gefährlichen Landſpitzen und zahllo⸗ ſen Untiefen einen ſo weiten Weg zurückzulegen, allein mit dem Beiſtande erfahrener und kühner Schiffer, die ihr Land und Waſſer überall kannten und un⸗ ter ſchwierigeren Verhältniſſen ſchon größeren Ge⸗ fahren preisgegeben geweſen waren, erſchien das Ge⸗ lingen deſſelben möglich, wenn Nebel und Wind ſtä⸗ tig blieben und weder in Seedaak, noch Sturm aus⸗ arteten. Aber das befürchtete unſer kühner Freund nicht, er hatte nur Eins jetzt vor Augen: Befreiung aus der lähmenden Gefangenſchaft, Befreiung vom Nichtsthun, Befreiung von tauſend Befürchtungen, die viel Schlimmeres verhießen, als bisher geſchehen war, und ſo ging er mit Vertrauen auf einen glück⸗ lichen Ausgang auch dieſem Wagniß entgegen. Es war zehn Uhr vorbei, als Magnus und Wal⸗ demar ihren Verſteck verließen und der kleinen Hütte Lebewohl ſagten, die ſie ſo ſicher beherbergt hatte, um nach dem Strande zu gehen und an der bezeichneten Stelle das Boot des treuen Freundes auf Pulitz zu erwarten. Der alte Schwede war auch diesmal pünktlich wie immer. In wenigen Minuten kam ſein kleines Boot vorſichtig von der Nordſeite von Pulitz heran⸗ ——— 145 gerudert und legte dicht am Ufer des Werders an. Außer dem Pächter ſelber befand ſich Jochen, ſein be⸗ ſter und zuverläſſigſter Knecht, und noch ein dritter Mann darin, der den Erſteren wieder nach Pulitz zurückrudern ſollte, nachdem er die Flüchtlinge an Ort und Stelle gebracht. Aber auch mit anderen nützlichen Dingen war das Boot befrachtet, die man alle der Sorgfalt und dem Wohlwollen des alten Ehepaares verdankte. So waren Körbe mit Eßwaaren allerlei Art, Fleiſch und Gebackenem, aber auch verſchiedene Getränke in wohlverwahrten Kruken und Flaſchen vorhanden, als ob es auf einen wochenlangen Ausflug abgeſehen wäre. Allein der alte Schwede hatte Mutter Talke bemerklich gemacht, daß ſechs Mäuler auf dem Boote vielleicht Tage lang zu ſättigen wären, und ſo hatte ſie reichlich in jeder Beziehung geſorgt. Außer den Nahrungsmitteln la⸗ gen zwei gute Büchſen, Pulver und Blei, auch wol⸗ lene Decken und warme Kleidungsſtücke darin, für den Fall, daß das Wetter naß und kalt werden ſollte, damit dann die Reiſenden in einem offenen Boote nicht ſchutzlos der Einwirkung deſſelben ausgeſetzt wären. Dies Alles bemerkte Magnus und Waldemar erſt, als man ſchon unterwegs und in der Nähe des Ste⸗ Der Strandvogt. III. 10 146 dar'ſchen Hakens war, deſſen Waſſerenge man durch⸗ fuhr, ohne ein Segel aufzuziehen, da der Wind ſcharf aus Nordoſt, alſo den Schiffenden gerade entgegen⸗ wehte. Die beiden Ruderer aber, die im Buge ſaßen, waren kräftig und gewandt und ſo flog das kleine Fahr⸗ zeug raſch und geräuſchlos dahin, ſo daß man bald die Inſel Pulitz im Rücken hatte und dem waldgekrönten Vorſprunge bei Thieſſow zuſtrebte, vor den ſich jedoch ein ſo dicker Nebel gelagert hatte, daß er den Blicken gänzlich verborgen war, wie man denn überhaupt auf fünfzig Schritte ringsum weder Land noch Waſ⸗ ſer unterſcheiden konnte. Der alte Schwede aber hielt unverwandt das Steuer in der gehörigen Richtung feſt, und da die Ruderer ihre Riemen mit gleich⸗ mäßiger Kraft in Bewegung ſetzten, ſo konnte man ziemlich gewiß ſein, auf den richtigen Punkt loszuſteu⸗ ern. Leider konnte man weder jetzt noch bei der ſpä⸗ teren Fahrt in den erſten Nachtſtunden ſich zu jeder beliebigen Zeit des Compaſſes bedienen, den Walde⸗ mar ſtets bei ſich trug und der ihm gewiß bei Be⸗ ſtimmung der ihm bekannten Landſpitzen ſehr nützlich geweſen wäre, denn die Laterne, die unter einer Ver⸗ hüllung mitten im Boote ſtand, durfte man nicht im⸗ mer zur Hand nehmen und nur von Zeit zu Zeit mußte ein raſcher und vorſichtiger Blick darauf hin⸗ —ÿÿ 147 reichen, ſich zu orientiren und eine Uebereinſtimmung zwiſchen der Angabe des Compaſſes und der Berech⸗ nung zu finden, die der Steuernde ſtets im Kopfe vorzunehmen hatte, damit man nicht auf irgend einen Punkt loslaufe, der von Strandwachen beſetzt war oder unter ſeiner Oberfläche gefährliche Sandbänke verbarg. Ohne ein Wort zu reden, war man auf dieſe Weiſe über Pulitz hinausgekommen, und erſt als man die Inſel längſt im Rücken hatte, wandte ſich der alte Schwede zu Waldemar und ſagte:„Nun paß auf, mein Junge, und ſtrenge Dein gutes Auge et⸗ was an. Ich halte nördlich von Thieſſow hinüber, gerade auf das große Steinlager zu, wo der Schilf⸗ buſch ſteht, etwa in der Mitte zwiſchen Thieſſow und Lietzow. Wenn Du da ein rothes Licht einen Augen⸗ blick in der Luft ſchweben ſiehſt, ſo ſag' es, denn das wird Pieſing mit ſeinen Leuten ſein, die uns dort in einer ſicheren Bucht erwarten wollen. „Wohl, ich ſchaue ſchon danach, aber ich ſehe noch nichts. Wird aber das rothe Licht nicht auch die Aufmerkſamkeit anderer unberufener Lauſcher auf uns ziehn?“ „Nein doch, dafür iſt geſorgt. Nur von Zeit zu Zeit wird man es zeigen und dann wieder raſch ver⸗ 10* bergen, damit es nicht zu lange irgend welchen Blik⸗ ken ausgeſetzt iſt, obwohl keines Menſchen Auge ſo leicht durch dieſen Nebel dringen kann, der, ſtraf' mich Gott, immer dicker und faſt zu dick für Eure Fahrt wird.“ „Noch geht es,“ erwiderte Waldemar,„wir ſind hier im engen Fahrwaſſer; im großen Bodden hat es ſo viel nicht zu ſagen, wenn wir einmal die Rich⸗ tung haben und wiſſen, daß wir bei dieſem Winde etwa in anderthalb Stunden vor Lebbin ſein können.“ „Rechne nicht zu ſicher, mein Junge, der Wind iſt nicht ſtichhaltig; er huſcht dann und wann ſtill dahin und bis an die Schabe wird ihn Euch die Waldung von Jasmund wegfangen. Rechne alſo lieber zwei Stunden bis Lebbin, dann bei vollerem Winde bis zur Buge wieder zwei Stunden, einigen Aufenthalt mit eingerechnet, den Euch die Waſſeren⸗ gen und etwaige Wachtſchiffe bereiten dürften, und dann könnt Ihr um drei oder halb vier Uhr Mor⸗ gens in der Gegend von Goos auf Wittow ſein, wo Ihr bald das hohe Meer erreicht haben werdet. Seid Ihr erſt ſo weit, dann habt Ihr Zeit und braucht Euch nicht zu übereilen. Auf der hohen See lau⸗ ern keine Franzoſen und paſſen Euch ihre Wachtſchiffe nicht auf.“ „Es müßten denn Dänen ſein!“ „Ha, die verfluchten Kerle, ja, das iſt wahr. Sind unſre nächſten Nachbarn und meinen es ſo gut mit uns, daß ſie ſich mit den Franzmännern gegen uns verbin⸗ den! Aber habt Ihr ſchon jemals einen Dänen auf der ſchwächeren Seite ſtehen ſehen? Na, hoffentlich trefft Ihr keins ihrer Schiffe oder vermeidet es.“ „Ja, wenn der Nebel anhält und bis dahin Al⸗ les gut von Statten geht.“ „Darauf muß man rechnen, wenn man ein Wage⸗ ſtück unternimmt, ſonſt wäre es beſſer, zu Hauſe zu bleiben.— Nun, ſiehſt Du noch nichts?“ „Nichts, Ohm; am ganzen Horizont da drüben iſt kein rothes Licht zu ſehen.“ „Heda, Ihr Bu ſchen da vorn! Laßt einmal Eure Streichhölzer etwas langſamer gehen, wir ſind am Ende doch von der Richtung abgekommen.“ „Nein, Herr,“ antwortete der aufmerkſame Jochen, der unausgeſetzt ruderte und ſeinen buſchigen Kopf dabei ſtets nach der Landſeite gewendet hielt.„Wir ſind auf ganz richtiger Fahrt und dort luvwärts habe ich eben ein Licht in Thieſſow ſchimmern ſehen.“ „Es wird doch nicht das unſrige geweſen ſein, Jochen?“ „Nein, Herr, es brannte ruhig und anhaltend in — — 8 —————— ———— 1 3 150 einem Hauſe und muß ein Heerdfeuer im Thieſſower Hofe ſein; es war groß genug dazu, ſonſt hätte ich es auch nicht in der Entfernung durch den Nebel wahr⸗ nehmen können.“ „Halt,“ rief Waldemar freudig.„Wenn ich nicht irre, ſchwang eben Jemand dort ein rothes Licht empor.“ „Wo denn, wo?“ „Genau in unſrer Richtung, aber es iſt ſchon wie⸗ der fort.“ „So wird es Pieſing ſein. Dann nur drauf los, Jungen, zieht einmal kräftig an— ſo! Aber ſtill, macht nicht ſo viel Geräuſch und immer hübſch langſam und gleichmäßig gezogen!“ 38 Nachdem man auf dieſe We noch etwa zwan⸗ zig Klafter durchlaufen hatte, zeigte ſich das rothe Licht abermals und zwar vor vor dem Buge des Pulitzer Bootes. Auf Waldemar's Zuruf ruhten ſo⸗ gleich die Riemen und das kleine Fahrzeug ſchoß mit gemäßigter Schnelligkeit, nur ſeinem Steuer gchorchend, dem Schilfe zu. Als man nun ſo lautlos wie möglich dahinſtrich, ließ ſich aus derſelben Richtung, in der das Licht er⸗ ſchienen war, ein leiſes Pfeifen vernehmen und au⸗ genblicklich tauchte auch das Licht ſelbſt wieder aus der Dunkelheit hervor. 451 „Sie ſind's,“ rief Jochen, der dem Schilfe zu⸗ nächſt ſaß.„Legt um, Herr, wir ſind dicht heran.“ Einen Augenblick ſpäter hatte man das harrende Boot erreicht, das pünktlich ſeinen Poſten inne hielt. Es war hochbordig und ſtark genug, um ſelbſt bei ſtürmiſchem Wetter die hohe See halten zu können, und mit einem großen Stag⸗und Ewerſegel verſehn. „Guten Abend,“ flüſterte der alte Schwede.„Ihr ſeid es Pieſing, nicht wahr?“ „Wer ſollte es ſonſt ſein, der Euch ſo gut gelaunt empfängt, wenn nicht wir? Nur heran, Herr, ſo, ich muß Euch ſchon entern, aber das könnt Ihr Euch wohl von mir gefallen laſſen.“ Der rieſige Lootſe ſtreckte ſeinen langen Arm aus und ſchwenkte das Pulitzer Boot herum, als wäre es ein Kinderſpielzeug von Baumrinde geweſen, bis es Bord an Bord mit dem großen Ewerſchiff lag. „Nun nicht gezaudert,“ rief Adam Sturleſon. „Raſch, Herr Graf, ſteigen Sie an Bord, ich werde die Ladung ſchon hinüber ſtauen.“ Magnus ſprang zuerſt in das Boot, dann folgte ihm Waldemar; dieſer wollte ſich eben dem älteren Pieſing nähern und ihm für ſeinen guten Beiſtand danken, als er einen Ruf des Erſtaunens hören ließ, denn eine Geſtalt hob ſich ihm jetzt entgegen, die er 152 ſogar in der dunklen Nacht und dem dichten Nebel erkannte. „Hille,“ rief er und ſtreckte ſchon beide Hände nach ihr aus.„Du ſelber kommſt hierher? Um Got⸗ tes willen, was unternimmſt Du— wer hat Dich zu dieſem Wageſtück überredet?“ „Niemand, Waldemar, Niemand. Ich bin aus eigenem Antriebe gekommen, um Deinen Eltern die Botſchaft heimbringen zu können, daß Du glücklich das Boot erreicht haſt, da keiner von den Männern hier nach Saſſenitz zurückkehrt; außerdem aber konnte Niemand ſonſt als ich das Kiekhaus verlaſſen.“— „Keiner, ſagſt Du, kehrt nach Saſſenitz zurück? Wo bleibſt Du denn dieſe Nacht?“ „Ich werde den Ohm Sturleſon bitten, mich mit nach Pulitz zu nehmen und morgen von dort aus nach Jasmund zurückbringen zu laſſen.“ „Das ſoll geſchehn, Du kleine Hexe,“ ſagte der Altte, der das Geſpräch mit angehört hatte, während er ſich eifrig bemühte, die Körbe und Kiſten mit Nahrungsmitteln und Flaſchen ſo raſch wie möglich in das große Boot hinüber an einen paſſenden Ort zu ſtauen. „Eigentlich ſollte ich Dir zürnen,“ fuhr Walde⸗ mar zu Hille gewendet fort,„daß Du Dich ſo unnö⸗ 153 thig Gefahren ausſetzeſt, die ſelbſt für Männer groß genug ſind, aber ich kann es nicht, denn mich rührt Deine Aufopferung für meine Eltern.“ „Du thäteſt auch Unrecht, zu zürnen, Waldemar, in einem Augenblick, wo Gott Dir ſo große Gnade erweiſt, indem er Dir Freunde ſendet, die Dir redlich helfen. Du willſt alſo nach Schweden?“ „So Gott will, ja!“ „Wann kommſt Du wieder?“ „Wenn wir Frieden haben oder hoffen können, Sieger zu ſein.“ „Das ſind weitabliegende Ausſichten und Hoff⸗ nungen. Wenn Ihr aber verhindert werdet, die Küſte von Schweden zu erreichen, wie dann?“ „Dann wenden wir uns nach Süden und ſuchen Colberg zu gewinnen. Auch da giebt es keine Fran⸗ zoſen.“ „Aber däniſche Schiffe!“ „Denen muß man aus dem Wege gehen.“ „Auf dieſe Weiſe kämſt Du ja wieder an Saſſenitz vorüber?“ „Ja, und wir können uns von Weitem grüßen.“ „So gern ich es thäte, ſo ſähe ich es doch lieber, wenn dieſer Gruß diesmal nicht erfolgte und Ihr zu derſelben Zeit ſchon in Schweden geborgen wäret. Für alle Fälle aber werde ich vor dem Kiekhauſe ein Stück Wäſche ausbreiten, das ſoll meine Flagge ſein, und wenn Du in Sehweite vorüber ſegelſt, magſt Du eine ähnliche an Deinem Maſte aufhiſſen.“ „Gut, das will ich thun, Du wirſt aber hoffent⸗ lich vergebens warten.“ „Nun,“ unterbrach der alte Schwede das harmloſe Geplauder—„wir ſind fertig; ſeid Ihr es auch?“ „Ja, Ohm,“ ſagte Hille mit kaum hörbarem Tone, während ihr die hellen Zähren über die Wangen lie⸗ fen, die ſie aber ſo viel wie möglich vor Waldemar zu verbergen ſtrebte. „So ſteige in das kleine Boot, Midchen, wenn Du naicht mit nach Schweden willſt.“ Hille befolgte den Wink ſogleich, von Waldemar unnd dem alten Schweden ſelbſt unterſtützt, damit ſie nicht ausgleite, da die thauige Nachtluft alle Planken glatt und ſchlüpfrig gemacht hatte. Aber ſobald ſie im Pulitzer Boote war, kehrte ſie ſich wieder nach dem großen herum und hielt die überfluthenden Augen un⸗ beweglich auf Waldemar gerichtet. „Nun ſagt Euch Lebewohl!“ rief der alte Schwede. „Aber macht es kurz, Kinder. Wiederſehn ſchmeckt beſ⸗ ſer als Trennung.“ Waldemar ſtreckte ſeine Hand mit einer unwillkür⸗ —— 155 lich etwas heftigen Bewegung nach Hille aus; Hille faßte die ſeine und hielt ſie eine Weile feſt, ohne ein Wort dabei ſprechen zu können. „Ich danke,“ ſagte Waldemar endlich mit gebro⸗ chenem Tone,„ich danke tauſendmal! Gott ſegne Dich, Hille, Dich und die Eltern. Grüße ſie herzlich von mir.“ „Ja— und Gott ſegne Dich auch!“ Der alte Schwede ſtieg haſtig in das kleine Boot zurück und gab Pieſing, der ſchon am Steuer des gro⸗ ßen ſaß, einen Wink mit der Hand. Auch Jochen war ſchon auf ſeinen Platz im Schnabel getreten und hielt die Schote des Stagſegels in der Hand, das bereits entrollt war und heftig im Winde flatterte. Neben Jochen ſaß der Lootſe Gingſt aus Saſſenitz, auf der vorderen Bank der jüngere Pieſing aus Lietzow. Mag⸗ nus hatte die Ducht unter dem großen Segel einge⸗ nommen, Waldemar ſtand noch dicht neben Pieſing in der Nähe der Ruderpinne und dem Boote Sturle⸗ ſon's zugekehrt. „Gute Reiſe und grüßt mir mein Vaterland!“ niof dieſer und ſtieß ſein Boot kräftig von dem großen ab. „Lebe wohl!“ tönte es aus beiden Booten hinüber und herüber und einen Augenblick darauf holte Pie⸗ ſing der Aeltere die Schote des Ewerſegels an, das Boot beugte ſich ſeitwärts und folgte dann der Gewalt des Windes, der es ſogleich mitten in das Fahrwaſſer des kleinen Boddens riß. Zwei Minuten ſpäter ſahen ſie ihren früheren Be⸗ gleiter ſchon nicht mehr; er war im Schatten der Nacht verſchwunden und auch der Nebel hatte das Seinige gethan, ihn in ſeinen undurhorinslichen weißen Man⸗ tel zu hüllen. Waldemar ließ ſich ſprachlos auf die Bank neben Magnus nieder. Ganz gegen ſeine Gewohnheit war er in tiefe Träumerei verſunken, die ohne Zweifel etwas Schmerzliches hatte. „Waldemar!“ ſagte da eine Stimme leiſe an ſei⸗ ner Seite. „Was willſt Du, Magnus?“ fuhr der Angeredete halb erſchrocken empor. „Du kannſt zufrieden ſein mit dieſem Abſchied. Ein treues Herz begleitet Dich bis an die letzte Pforte der Möglichkeit. O Gylfe, warum biſt Du nicht wie dieſes Mädchen? Du hätteſt viel von ihr lernen können!“ „Es iſt nur ein einfaches Landmädchen,“ erwiderte Waldemar, ohne zu wiſſen, was er ſprach. „Aber ſie iſt tugenthaft und treu.“ „Tugendhaft? Ja. Aber treu— wie meinſt Du das?“ — „Sie iſt Dir nicht abtrünnig geworden, wie Gylfe mir.“ „Das wurde ihr nicht ſchwer, denn ſie war meine Geliebte nicht.“ „Nicht? Du täuſcheſt Dich vielleicht ſelber.“ Er erhielt keine Antwort mehr; nur der Wind, der von Jasmund herüberſtrich, brauſte in ſeinen Oh⸗ ren, und in ſeinem Herzen wühlte von Neuem ein Orkan auf, der noch lange nicht ganz beſänftigt war und immer wieder mit der alten Gewalt ausbrach. Eine Weile fuhr man ſchweigend fort, der Nord⸗ oſtwind blähte die Leinwand auf und trieb das gut ſegelnde Boot mitten durch den kleinen Bodden nach Norden hin. „Es zieht gut,“ ſagte endlich Pieſing an der Pinne und blickte vergnügt zu dem Raaſegel auf, das vor ihm den Wind von der Steuerbordſeite her empfing. „Wenn wir über die Fähre hinaus ſind, können wir noch ein Leeſegel aufſetzen, meint Ihr nicht, Herr Gran⸗ zow?“. „Ja, thut, was Euch nützlich ſcheint. Ihr ſeid ein zu erfahrener Schiffer, daß wir Euch nicht voll⸗ kommen vertrauen ſollten. Nur, meine ich, würdet 158 Ihr gut thun, ſo weit wie möglich von Jasmund abzuhalten, damit wir nicht zu nahe an der Lietzower Fähre vorüberkommen, von wo aus man uns ſehen könnte.“ „Das verſteht ſich— ſeht, ich halte ſchon weſt⸗ wärts. Aber der Nebel begünſtigt uns ſehr und die Herren Franzoſen, die an der Fähre bivouakiren, kön⸗ nen ſich die Augen ausgucken und werden doch nichts erblicken.“ „Bivouakiren ſie wirklich ſchon unſretwegen dort?“ „Wie wenn ſie vor einer Feſtung lägen, die ſie im Sturm nehmen wollen. Die Eſel! Als ob ein Mann von Rügen die Fähre wählen würde, um von einer Inſel zur andern überzuſetzen, wenn er ihnen entſchlü⸗ pfen will! Gelt, das ſind keine Inſulaner, ſelbſt die Dänen würden klüger ſein! Aber hier in Lietzow fürchte ich ſie nicht, das Fahrwaſſer iſt zu breit und auf Boo⸗ ten treiben ſie ſich nur bei Tage umher. Vor der Wittower Fähre aber habe ich Reſpect, das Waſſer iſt mir für unſre heutige Fahrt etwas zu enge und wenn der Nebel fallen ſollte, oder die Teufel gegen Morgen auf Booten herauskommen, dürften mir einen ſchwe⸗ ren Stand haben.“ „Nicht verzagt vor der Zeit! Meiner Meinung nach ſind wir hier dicht an der Naſelow.“ 159 „Ihr habt Recht, ſo weit ſind wir. Jetzt aber muß ich oſtwärts hinüber, der kleine Bodden wird hier ſehr ſeicht und unſer Boot— es heißt die Grille — geht etwas tief.“ „Wo habt Ihr es hergenommen?“ „Es gehört eigentlich nach Arkona und hat erſt vorgeſtern die Reiſe mit Getreide hierher gemacht. Die Franzoſenkerle ſchleppen alle Außenboote einwärts, wo ſie ſie nur ergattern können, diesmal aber haben ſie uns damit die Mahlzeit aufgetiſcht.“ „Halte noch mehr nach Lietzow hinüber!“ rief der jüngere Pieſing vom Buge her.„Es iſt mir, als ob ich den Sand unter unſerm Kiele knirſchen fühlte.“ Der Steuermann befolgte augenblicklich den Wink, die Schoten wurden etwas nachgelaſſen und die Grille ſtrich ſcharf nach Lietzow hinüber. „Ha, was iſt das?“ rief Waldemar plötlich. In der Richtung nach Lietzow lohte in dieſem Augenblick ein in Nebel ſchwimmender düſterer Licht⸗ ſtrahl auf, der ſchnell an Größe zunahm und hoch in die Luft flackerte. Das Nebelchaos, das zwiſchen ihm und den Segelnden wogte, dämpfte ſeinen glü⸗ henden Schein, aber dennoch durchdrang er die dich⸗ ten Luftſchichten und bot in ſeiner hin und her flat⸗ ternden Geſtalt einen geſpenſtiſchen Anblick dar. 160 Gleich darauf zeigte ſich in der Ferne, etwas mehr nordwärts ein zweites Feuer und bald darauf ein drittes, was den Beweis lieferte, daß man es mit der Bewachung der Fährſtraßen ſehr ernſtlich nehme. „Ha! Da haben wir ſie ja ſchon,“ rief der rie⸗ ſige Pieſing.„Das ſind die Franzoſen mit ihren Bivouakfeuern, die ſie ſo hoch ſchüren, um ſich zu wär⸗ men, die froſtigen Hunde, und um uns beſſer zu ſe⸗ hen. Na, wenn die einmal einen Winterfeldzug ma⸗ chen ſollten, dann ſind ſie geliefert!“ Nach dieſen Worten verhielt er ſich ſtill, wie alle Uebrigen im Schiffe, denn man war der Landungs⸗ ſtelle ſehr nahe gekommen und dicht am Ufer hatte ſich ein Trupp Soldaten um das Feuer gelagert, ſo daß man ſogar einzelne Geſtalten im Scheine deſſel⸗ ben unterſcheiden konnte. Lautlos kam die Grille vor dem Feuer an und lautlos ſtrich ſie daran vorüber, nur das Brodeln des Waſſers vor ihrem Buge ließ ſich innerhalb des Boots vernehmen, während es nach Außen hin der in den Baumwipfeln ſauſende Wind verſchlang. In weni⸗ gen Minuten war daher keine Gefahr mehr, vom Lande aus bemerkt zu werden, vorhanden und man ſegelte nun, von dem öſtlichen Ufer abhaltend, mög⸗ lichſt weit nach der weſtlichen Seite des ſchmalen 161 Waſſers hinüber, um ſich nicht ganz den Wind von dem Semper'ſchen Hochlande wegfangen zu laſſen. Die Meerenge zwiſchen dem großen und kleinen Bodden iſt aber nur eine Viertelmeile lang und dieſe kurze Strecke hatte man bald zurückgelegt. Daß man nun im großen Bodden war, ſah man zwar nicht, denn die weite Waſſerfläche war ja durch den Nebel den Augen der Flüchtenden entzogen, aber man konnte es deutlich an den größeren Wellen wahrnehmen, die ſich ungeſtüm vom Jasmunder Strande herwälzten, da ſie der herrſchende Wind gerade nach Weſten trieb. Auch fühlten die Segel wohl die ſtärker treibende Kraft und die Grille beugte ihr Backbord tief in das Waſſer, da die Gewalt des Windes die Segel nach dieſer Seite niederdrückte. Die Männer auf dem Boote hüllten ſich feſter in ihre Sturmwämmſer, die ſie alle zur Hand hatten, denn der Wind blies friſcher und friſcher, je weiter ſie in das Binnenwaſſer vordrangen. Am heftigſten aber wehte er, als man der Mündung des Spyker⸗ ſchen Sees nahe kam und hier das ſchützende Land allmälig ſchmaler ward, bis er endlich ſtürmiſch wurde, als nur noch der dünne Erdgürtel, den wir ſchon früher mit dem Namen Schabe bezeichnet, den Bod⸗ den vom freien Meere trennte und das niedrige Ufer Der Strandvogt. III. 11 162 dem Andrängen der Luſtürbmung kein Hinderniß mehr in den Weg legte. Waldemar hatte längſt im Stillen berechnet, in wieviel Zeit ſie in die Gegend von Spyker gelangen würden, aber er verſchwieg es weislich, um ſeinem Freunde nicht wieder wehe zu thun, indem er ihn an die naheliegende Heimat erinnerte. Er hatte ſich aber in Magnus geirrt, wenn er von ihm gedacht, er werde jene Berechnung nicht auch für ſich anſtellen. Denn als Waldemar nach Ablauf einer kleinen Stunde, ſeitdem ſie die franzöſiſchen Wachtfeuer paſſirt, nach Oſten blickte und den Nebel vergeblich zu durchdrin⸗ gen ſtrebte, der ihm die Ausſicht auf das Land ver⸗ hüllte, legte ſich Magnus' Hand ſanft auf ſeine Schul⸗ ter und eine bebende Stimme ſagte langſam und feierlich: „Dort liegt Spyker, Waldemar. Still nüht di Mitternacht auf meinem väterlichen Hauſe. Wie mag es darin ausſehen? Ha, mich erfaßt eine namenloſe Begier, an's Land zu ſteigen und noch einmal ſein mir heiliges Dach aufzuſuchen. Was meinſt Du, ſoll ich es unternehmen?“ „Zu welchem Zweck?“ entgegnete Waldemar, ab⸗ lehnend den dunklen Kopf ſchüttelnd.„Willſt Du Dir ganz den Schädel einſtoßen, der jetzt ſchon wirr 163 und wüſt genug iſt? Ich dächte, Du wäreſt froh, jene Erinnerungen hinter Dir zu haben, und ſehnteſt Dich nicht noch einmal nach ihnen zurück. Aber thue, was Du willſt, ich für meine Perſon möchte diesmal lieber nach Schweden gehen.“. „So will ich Dir folgen, wenngleich mir eine in⸗ nere Stimme ſagt, daß ich das ſchwediſche Land nicht betreten werde. Mag es denn gehen wie es will— ja, ja, ich ſehe es, der Menſch kann nicht wider ſein Schickſal ſtreiten.“ Mit dieſen Worten lehnte er ſich zurück an den Maſt, vor dem er ſaß, hüllte ſich feſt in ſeine Decken und ſchloß die Augen, als wollte er nicht ihnen ein⸗ mal erlauben, durch die Luft zu dringen, dahin, wo das unſelige Vaterhaus lag, das ihm früher ſo lieb und theuer geweſen war.— „Wo denkt Ihr, daß wir jetzt ſind?“ fragte nach langer in allſeitigem Schweigen hingebrachter Pauſe der ältere Pieſing den jungen Granzow, als dieſer ſich aus ſeiner Unthätigkeit aufgerafft hatte, um rings herum zu ſpähen, ob nicht irgend etwas zu entdecken wäre, woran er ein Geſpräch knüpfen könnte, denn ſein raſtloſer Geiſt fühlte ſich durch das lange Schwei⸗ gen und das Nachſinnen über trübe Dinge äußerſt bedrückt. 11* 164 „Wo wir ſind, Pieſing? Ei, das, dächte ich, wäre nicht ſchwer zu ſagen für Jemanden, der ſich jeden Fuß breit Landes gemerkt hat, an dem wir vorüber⸗ gekommen ſind. Meiner Meinung nach müſſen wir gleich weſtlich den Liddow'ſchen Haken haben, alſo in zwanzig Minuten in der Meerenge von Lebbin ſein — habe ich Rechte“. „Auf ein Haar, Me andas und ich wun⸗ dere mich, daß Ihr das ſo gut wißt, da Ihr doch nichts vom Lande vors Geſicht gekriegt habt.“ „Euch iſt es ja eben ſo ergangen und Ihr wißt es.“ „Ha, ich! Das iſt etwas Anderes. Ich ſteure das Schiff und ein Steuermann muß pflichtgemäß ſtets im Kopfe rechnen, beſonders in dieſem kleinen faulen Waſſer. Außerdem aber habe ich wahrhaftig dieſen Weg unter ähnlichen Umſtänden öfter als Ihr zurückgelegt, da ich den Jahren nach Euer Vater ſein könnte und die ganze Zeit meines Lebens in dieſen Meeren zugebracht habe, alſo muß ich ihn auch beſſer kennen. Doch vielleicht irre ich mich. Ich bin nur ein gemeiner Lootſe und habe nicht die Wiſſenſchaft in mir, die Ihr zu erlernen tauſendfache Gelegenheit gehabt, und das muß wahr ſein, man hört es wenig⸗ ſtens alle Tage, die Wiſſenſchaft überflügelt alle Er⸗ 165 fahrung, und wohl Dem, der ſich beſcheiden kann, 8 das als eine Sache hinzunehmen, die nicht zu beſtrei⸗ ten iſt.“ „Ihr ſetzt Euch zu tief herab, guter Pieſing. Was mich wenigſtens betrifft, ſo ſchätze Ich Eure Erfah⸗ rung höher als meine Wiſſenſchaft und ordne daher meine Meinung jederzeit der Euren unter.“ „Thuen Sie das nicht, junger Granzow, laſſen Sie Ihr Licht leuchten, ſo hell es will, es iſt klar und wir Alle erkennen das an, die wir aus der Schule Ihres Vaters ſind, der ein tüchtiger Seemann iſt und ſei⸗ ner Zeit ein unerſchrockener und braver Lootſencom⸗ mandeur war. Aber es ziert ein junges Blut, wenn es bei ſeinem Werthe zugleich beſcheiden iſt, und das haben wir von jeher an Euch zu ſchätzen gewußt und lieben Euch auch Alle darum. Doch nun genug da⸗ von es iſt heute nicht die Zeit, mit der Beſcheiden⸗ heit große Dinge zu verrichten; wenn Ihr alſo etwas beſſer wißt, als wir, ſo ſagt es gerade heraus, ich lerne noch in meinen alten Tagen gern etwas Neues, da ich weiß, daß ein Menſch nicht Alles wiſſen kann. — Heda, Ihr Jungen da vorn, ſchlaft Ihr? Ihr ſeht ja, daß ich nach Weſten wende, alſo helft Eu⸗ rem Segel ein bischen nach.“ 8 „Wir erwarteten nur Eure Befehle,“ ſagte der un⸗ v — 4 166 terthänige Jochen, der von dem alten Schweden gut geſchult war, während der ſchweigſame Bruder des Rie⸗ ſen ſchon ſeine Schoten angezogen hatte. „So, jetzt ſind wir Gelm gegenüber und hier herum muß die Lebbiner Spitze liegen. Seht mal nach, Herr Granzow, was Eure Uhr iſt.“ Waldemar bückte ſich zur Laterne nieder, die in einem bedeckten Waſſereimer zu ſeinen Füßen ſtand, und ſah nach der Uhr.„Es iſt Zwei vorbei,“ ſagte er,„und mir ſcheint, wir haben uns etwas über Ge⸗ bühr bei Thieſſow aufgehalten.“ „Zeit genug,“ bemerkte Magnus, der nur höchſt ſelten ſprach,„wir kommen früh genug an unſer Ziel.“ „Wenn wir wüßten, wo wir morgen Nacht ſchla⸗ fen werden,“ nahm Pieſing das Wort auf,„ſo wäre mir das recht angenehm, da ich es aber nicht weiß und wiſſen kann, ſo bemühe ich mich auch nicht, dar⸗ über nachzudenken. Es wäre vergebliche Arbeit und die ſcheue ich wie den Tod. Aber ſeht, Herr Gran⸗ zow, jetzt ſind wir wieder im engen Fahrwaſſer und doch däucht mir der Nebel dünner zu werden.“ „Er wird nicht dünner, Pieſing, aber der Tag oder vielmehr der Morgen iſt in der Nähe, auch wirkt vielleicht das Mondlicht etwas ſtärker, da hier kein 167 hohes Land zwiſchen dem Monde und uns liegt, der im Weſten vor uns ſteht.“ „Donnerwetter, ja, daran habe ich nicht gedacht. Seht, wie Eure Viſſenſchaft beſſer iſt als meine Er⸗ fahrung.“ „Nur beide zuſammen, Pieſing, machen den Men⸗ ſchen vollkommen für ſeine Stellung brauchbar.“ „Ja, ja, der Meinung bin ich auch.— Jetzt auf⸗ gemerkt, Ihr Jungen da vorn, ich halte ganz nach Weſten hinüber und ſo wird der Wind bald mit vol⸗ len Backen hinter uns herblaſen, was auch nicht ganz angenehm iſt. Nun ſtill, Kinder da drüben zur Rech⸗ ten liegt der Breeger Bodden und wir kommen bald an die Camminer Fähre. Da werden wir wieder franzöſiſche Feuer ſehen.“ „Schade,“ ſagte Waldemar,„daß ſie mit Rügi⸗ aniſchem Holze genährt werden, ſonſt wollte ich es ihnen noch danken, daß ſie die Güte haben, uns die Stellen anzudeuten, die wir vermeiden müſſen.“ Pieſing brummte mürriſch etwas vor ſich hin; Waldemar hatte einen Punkt berührt, der allen In⸗ ſelbewohnern ſchwer auf dem Herzen lag, denn das ſchmerzte ſie am tiefſten, daß die Franzoſen in zwei Jahren mehr Holz verbrauchten, als in fünfzig ge⸗ wachſen war.„Dasbrennen ſie ſchon!“ rief er plötlich. 168 „Seht Ihr ſie? Da, ich zähle eins— zwei— drei. Paßt auf, da vorne, ob Ihr ein Wachtſchiff wittert.“ „Hier werden wir keins finden,“ erwiderte der Lootſe Gingſt,„wir ſind noch nicht an der Eingangs⸗ pforte von Rügen, aber eine halbe Stunde ſpäter, wenn der Wind ſo fort bläßt, werden wir ſie wohl zu Geſicht kriegen, denn ſie werden doch nicht ſo dumm ſein, das Wittower Schlupfloch offen zu laſſen?“ Jetzt war man ganz in den engen ziemlich glatt verlaufenden Kanal eingeſegelt, der Rügen von Wittow trennt. Die Wachtfeuer am Camminer Ufer wa⸗ ren ſchnell im Nebel verſchwunden, denn die Grille, vom vollen Nordoſt getroffen, ſchoß unter ihrem ſtraff gepreßten Raaſegel dahin, obgleich es durch das Se⸗ geln vorm Winde, wie es der Seemann nennt, dem Stagſegel den Luftzug abfing. Allein der herr⸗ ſchende Wind war für das Hauptſegel ſchwer genug, um das Boot flüchtig vorwärts zu treiben, und da man ſich, dem natürlichen Laufe des Kanals folgend, bald etwas nach Süden bewegte, ſo war Hoffnung vorhanden, daß auch das Stagſegel nicht lange au⸗ ßer Thätigkeit bleiben würde. Fünf Minuten ſpäter beſtätigte ſich dieſe Hoffnung und mit beſchleunigter Eile flog man dahin, als würde man durch unſicht⸗ bare Gewalt über die Wellen geriſſen. —— 169 „Es geht flott,“ bemerkte Waldemar. Wenn nur die Leinwand hält, ſie iſt mir faſt zu ſtraff geſpannt. Ich glaube, wir machen hier halb mal ſo viel Knoten wie im Bodden und werden bald am Woldenitzer Haken ſein.“ „Das iſt auch mein ſehnlichſter Wunſch,“ entgeg⸗ nete Pieſing,„ich wäre gar zu gern bei voller Nacht durch die Wittower Enge gefahren, aber wie es ſcheint, wird nichts daraus, denn es wird auffallend raſch hel⸗ ler, und der Nebel— nun, was ſagt Eure Wiſſen⸗ ſchaft jetzt dazu, Herr Granzow?“ „Sie ſtreicht vor Eurer Erfahrung die Flagge; der Tag iſt es nicht allein, der Licht bringt, auch der Ne⸗ bel fällt, jetzt ſehe ich es.“ „Oder ſteigt, was für uns heute ganz Daſſelbe iſt. Verflucht! Ich kann mit meinen Katzenaugen ſchon vierzig Schuh weit rings um mich ſehen. Ganz hübſche Wellen das, nicht wahr, mein Junge?“ „Ja, ſie rollen vortrefflich. Eine würgt die andre ab und da draußen werden ſie noch beſſer rollen und würgen.“ „Ach, ich wünſchte, ich könnte ſie erſt da draußen rollen ſehen, dann hätten wir Wittow mit heiler Haut hinter uns; aber ſo weit ſind wir noch nicht und das kränkt mich.“— 170 So war man allmälig der Wedder Spitze gegen⸗ über angekommen, und alle Augen, die an Bord wa⸗ ren, ſahen ſie zu ihrem Schrecken ganz deutlich und faſt vom Nebel frei in das Waſſer vorſpringen. Kein Menſch ſprach ein Wort, nur die Augen blitzten ſich ernſte Gedanken zu. Pieſing war von der Steuerbank aufgeſtanden und ragte mit ſeiner hohen Figur wie ein dräuender Meergott aus dem Boote auf. Seine Augen flogen nach allen Seiten und verſchlangen zu⸗ erſt die nächſte Umgebung und dann den Horizont, ſo weit es der raſch aufſteigende Nebel geſtattete. „Noch ſehe ich nichts,“ ſagte er,„aber ich kann freilich die Waſſerenge noch nicht ganz überblicken. Der Wind thut ſeine Schuldigkeit, Gott ſei Dank! Wenn er jetzt zu blaſen aufhörte, wäre es ſchlimm. Ha, da fällt mir zur rechten Zeit etwas ein. Wir befinden uns im Kriege und da iſt jeder Kniff erlaubt. Ich habe einen Lappen däniſcher Flagge, Herr, ſoll ich ihn aufhiſſen, um die etwaigen Frühaufſteher zu foppen?“ „Nein!“ riefen Magnus und Waldemar in einem Athem.„Wir fahren nicht unter däniſcher Flagge.“ „Ich auch nicht gern, aber eine Liſt, denke ich, iſt keine Schande. So laſſen wir es alſo. Aufgepaßt, Ihr da vorne, und ſobald ihr ein Segel oder Ruder⸗ ——————— 171 boot ſeht, komme es, woher es wolle, ſo gebt Ihr ein Zeichen.“- Waldemar bückte ſich zu der Laterne nieder und blies ſie aus. Man brauchte ſie nicht mehr, denn der Morgen dämmerte langſam herauf und goß trotz des Nebels ein fahles Licht über die rollenden Gewäſ⸗ ſer, das von Minute zu Minute leuchtender wurde und endlich an beiden Seiten das Land mit ſeinen grünen Ufern erkennen ließ, das nur noch von einem dünnen Nebelflor umſchleiert war. „Was iſt die Uhr?“ fragte Pieſing noch einmal. „Es iſt halb Vier und in wenigen Minuten wer⸗ den wir der Fähre gegenüber ſein; der Breeger Bod⸗ den liegt ſchon hinter uns.“. „Gott gebe, daß wir keinen Widerſtand treffen,“ dachte Waldemar,„ich möchte nicht im letzten Augen⸗ blick, wo ich mein Vaterland verlaſſe, Blut fließen ſe⸗ hen, das meinetwegen mit vergoſſen wird. Vater da oben, lenke es zum Beſten, ich ſpreche nicht aus Furcht ſo, ſondern aus—“ „Menſchenliebe!“ wollte er zu ſich ſagen, aber da ſchreckte ihn ein Zuruf, der vom Schnabel her erſcholl, aus ſeinen Gedanken.„Feuer!“ lautete die Meldung. „Ein— zwei Stück bis jetzt und ſie brennen dicht am Ufer.“ 172 „So, alſo jetzt ſind wir heran,“ bemerkte Pieſing der Aeltere.„Jetzt macht Euch fertig, Leute. Es gilt einen ſchnellen Lauf und ein kaltes Herz. Noch ſeh' ich nichts, aber wenn ſie kommen, müſſen wir darauf vorbereitet ſein. Sollten ſie ſchießen, Jungen, ſo bückt Euch. Ich habe eine Krokodilshaut, mir ſchadet das nichts und Einer muß das Steuer halten. Falle ich, ſo faßt Ihr es, Granzow, alles Uebrige verſteht ſich von ſelbſt.“ Jetzt rüttelte ſich auch Magnus aus ſeiner Apa⸗ thie auf. Er hörte von Kampf und Sterben ſprechen und das hauchte wie immer Feuer in ſein kühles Blut. Er bückte ſich, ſah nach ſeinen Piſtolen und griff nach einer Flinte, deren Schloß er prüfte. „Wer hat das Commando?“ fragte Waldemar in einem ihm ſelten entſchlüpfenden ſtrengen Tone. „Nehmt Ihr es,“ ſagte Pieſing raſch,„Ihr ſeid gewandt und kaltblütig genug dazu. Der Herr Graf nimmt es nicht übel, denn er iſt kränklich und das trübt das geſundeſte Auge.“ Magnus lächelte ſchwermüthig und blickte dann zuſtimmend ſeinen Freund an.„Nimm es,“ ſagte er ruhig,„ich nehme es nicht übel, denn ich kenne Dich, wie ich mich kenne, und vertraue Dir mehr als mir. Was wirſt Du alſo befehlen?“ 173 „So ſchießen wir nicht eher, als bis die höchſte Noth es gebietet, dann aber ſicher und immer nach dem Steuermann, wenn es kein Landsmann iſt. Ueberhaupt liebe ich in ſo engem Waſſer das Knallen der Flinten nicht, es zieht uns zu viel Feinde auf den Hals, ſo lange wir nicht freie Fahrt haben. Kommen ſie uns etwa von Grieben aus entgegen, meinethal⸗ ben, dann liefern wir immerhin eine Schlacht, aber hier—“ „Hier rennen wir ſie nieder! Brav!“ rief Pieſing, „das iſt auch meine Meinung. Und wer mir vor den Bug meiner Grille kommt, den bohre ich in den Grund. Wir ſind feſt an unſrer Bruſt gepanzert und können einen guten Puff vertragen, zumal wir mit dem Winde ſegeln. Alſo fertig, Alles in Allem.“ Alle Köpfe hatten ſich jetzt gegen Weſten gewendet und alle Augen waren ſtarr auf die Waſſerfläche gerich⸗ tet, die in ihrer ganzen Ausdehnung bis zur ſchmalſten Enge vor ihnen lag, ja ſogar ſchon hinter derſelben tauchte das breitere Waſſerbecken auf, welches man den Raſſower Strom nennt, der gegenwärtig mit gro⸗ ßen rollenden dunkelgrauen Wogen bedeckt war. Pieſing warf Waldemar einen Blick zu, der ſo viel ſagen wollte als: es iſt kein Schiff in Sicht. Aber kaum hatte er ihn abgeſendet, ſo ſtieß er einen ziſchen⸗ 174 den Laut aus und deutete nach Wittow hinüber. Waldemar hatte zu gleicher Zeit mit ihm dieſelbe Be⸗ merkung gemacht. Ein mit Ruderern bemanntes Boot ſtieß einige hundert Klafter vor ihnen vom Lande ab und ſtrich quer über das Waſſer, augenſcheinlich in der Abſicht, um ihnen den Weg abzuſchneiden. „Da ſind ſie!“ rief Pieſing.„Aber ſie kommen zu ſpät; ich halte nach dem Trenter Wege hinüber, ſo werden ſie gerade zur rechten Zeit zur Stelle ſein, um unſer Kielwaſſer zu durchſchneiden. Paßt auf die Segel, Jungen, und jeden Luftzug benutzt Ihr!“ „Halt!“ rief der jüngere Pieſing vom Buge aus, und in demſelben Augenblick hatten auch Magnus und Waldemar die neue Gefahr bemerkt, denn von der Rügen'’ſchen Küſte zu ihrer Linken ſtieß ſo eben ein gleichfalls ſtark bemanntes Boot ab und bemühte ſich mächtig, daſſelbe Ziel zu erreichen, welches das Boot von Wittow aus erſtrebte. „ Ha!“ rief Waldemar beherzt und mit funkelnden Augen aus,„ſie wollen uns in die Mitte nehmen und, wie zwei Bullenbeißer das Wild, an beiden Ohren pak⸗ ken. Aber auch ſie haben falſch gerechnet und kom⸗ men zu ſpät, wir fliegen und ſie flattern nur. Haltet jetzt getroſt die Mitte, Pieſing. Vorwärts! In der Mitte iſt frei Waſſer genug für uns.“ 5 Pieſing nickte Beifall; das Steuer hatte den Druck ſchon erhalten und die Grille flog wie ein wackerer Renner durch die Fluth, die hoch auf an ſeinem Schna⸗ bel emporſpritzte und ein ächzendes Stöhnen hören ließ, als würde es ihr ſchwer, ſo ſchnell aus dem Wege zu weichen. „Es wird gehen,“ ſagte Magnus mit ſeiner ruhi⸗ gen Würde, die er in gefährlichen Momenten immer zeigte,„wiewohl etwas knapp. Ha ſie braien uns ſchon an— was wollen ſie?“ Die Franzoſen, die in den beiden von entgegenge⸗ ſetzten Seiten auf die Grille zu ſteuernden Booten ſa⸗ en, brüllten dieſer nicht allein durch ein Sprachrohr, ſondern auch mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Stimmen den Befehl zu, beizulegen und ſich gefangen zu geben, denn, mochten es nun Feinde ſein oder nicht, ſie wollten unter jeder Bedingung Rechenſchaft von der frühen Fahrt der Reiſenden abgelegt haben. Alle in der Grille Sitzenden verſtanden den Befehl, aber keiner beachtete ihn oder zeigte die geringſte Neigung, ihn zu befolgen. „Sehr gut gebrüllt!“ ſagte der unerſchütterliche Pieſing,„das muß man ſagen, trotzdem ſie an ſo frühem Morgen gewiß noch nüchtern ſind, aber wir haben leider ſehr ſchlechte Ohren und der Wind allein 176 brauſt in ihnen. Aufgepaßt alſo, Jungen, ſie werden ihren Wink gleich verſtändlicher wiederholen.“ Er hatte noch nicht ausgeſprochen, ſo krachten ei⸗ nige wohlgezielte Schüſſe von dem Wittower Boot herüber, denen alsbald die Antwort von dem zweiten folgte, die jedoch beide ohne Wirkung blieben, denn die Bewegung der Wellen war zu mächtig und die beiden kleinen Boote tanzten wie Nußſchaalen darauf herum, ſo daß die Kugeln weit über ihr Ziel hinaus⸗ flogen. „Gut gezielt, das muß wahr ſein, die Luft haben ſie ſicher getroffen,“ ſpöttelte Pieſing, während die Andern im Boote ſich vollkommen ſchweigſam ver⸗ hielten.„Die Franzoſen mögen zu Lande wohl tan⸗ zen und ſchießen können, aber auf dem Waſſer, das eine Böe durch einander rüttelt, können ſie es nicht. Doch halt— Donnerwetter! Was iſt das? Wir haben die Augen nur nach Rechts und Links gehabt — da kommt No: Drei angeſchaufelt und gerade mitten auf uns los ſteuert der muthige Junge.“ Alle drehten die Köpfe nach der Spitze des Boo⸗ tes und bemerkten, was ihnen bisher die aufgeſpann⸗ ten Segel verborgen hatten, zumal ihre Aufmerkſam⸗ keit auf die ſeitlichen Feinde allein gerichtet geweſen war, daß nämlich gerade von vorne her, die Mitte 177 der Waſſerenge genau innehaltend, ein drittes Boot berangerudert kam, das ihnen den Weg abſchneiden und ſie mit kühner Stirn aufhalten wollte, bis die Hülfe von den Seiten herangekommen wäre. Magnus und Waldemar ſowohl wie die drei an⸗ deren Männer griffen jetzt zu ihren Schußwaffen und machten ſich bereit, nicht ohne Kampf den Schauplatz zu verlaſſen. Kaum aber ſah das der ältere Pieſing, ſo vergaß er, wer das Commando hatte und rief mit einer Donnerſtimme:„Ruhig Ihr da mit Euern Knal⸗ lern! Mit denen da vorn werde ich ganz allein fertig. Ich ſegle ſie nieder, ehe ſie an uns heran zu ſein denken, denn die Grille überragt ſie um zwei Drittel Höhe und läuft mit vollem Winde auf ſie los. Hurrah, meine Burſche, haltet Euch feſt, es giebt einen guten Ruck, aber er wird uns die aufdringlichen Racker vom Halſe ſchütteln.“ Mit athemloſer Spannung hatten die im Boote Sitzenden dieſen Zuruf gehört und⸗ ſahen nun ſeiner Ausführung entgegen, wobei ſie ganz vergeſſen zu haben ſchienen, daß ſie auch von der Seite her be⸗ drängt werden konnten. Gerade vor ihnen, etwa nur noch zwanzig Klafter von ihnen entfernt, ruderte ein kleines ſchwächliches Boot eran, das bei dem hohen Wellenſchlage mit Menſchen faſt überfüllt war. Aber Der Strandvogt. III. 12 178 nicht die Flüchtlinge allein, auch ihre Verfolger von beiden Seiten ſchauten mit Ungeduld und Spannung auf den nun folgenden Vorgang hin, indem ſie die kühne Erwartung hegten, das zuletzt ſichtbar gewor⸗ dene Boot, ein ſchlau berechneter Hinterhalt, werde die Grille aufhalten, worauf ſie dann ſelbſt an Bord derſelben gelangen und ſeine Inſaſſen gefangen neh⸗ men würden, die, nach ihrem ganzen Gebahren zu urtheilen, unzweifelbar die überall vergeblich geſuchten Staatsverbrecher waren. „Hoho!“ ſagte jetzt Pieſing und ſein Geſicht nahm einen Ausdruck furchtbaren Haſſes und wilder Leiden⸗ ſchaft an,„ſie denken uns ſchon zu haben, aber da⸗ bei ahnen ſie weder, was ihnen ſelbſt bevorſteht, noch fühlen ſie den Durſt, den ſie ſogleich löſchen werden. Die Tröpfe! Aufgepaßt! Nach dem Stoße wende ich einen Strich nordwärts, vergeßt alſo die Segel nicht.“ Das von denf unerſchrockenen Saſſenitzer Lootſen beabſichtigte Manöver war ſeiner Ausführung nahe. Er leitete es folgendermaßen ein. Das von Wittow heranſegelnde Boot war am weiteſten von der Grille entfernt, alſo am unſchädlichſten. Zwiſchen ihm und. dem dritten durch Ruder getriebenen Boote blieb ein kleiner Spielraum, der möglicher Weiſe zum Schlupf⸗ 179 loch für die Flüchtlinge dienen konnte, was auch die Franzoſen anzunehmen ſchienen. In demſelben Augen⸗ blick nun, als die Grille über die beiden von den Seiten kommenden Feinde hinaus war, wandte Pie⸗ ſing das Steuer der Grille etwas luvwärts, als wollte er dem dritten Boote nach Norden hin aus dem Wege gehen. Die in demſelben Sitzenden wa⸗ ren ſchon theilweiſe aufgeſprungen und machten ſich bereit, den Feind zu packen, wenn er in ihren Bereich käme. Da ſie ihn aber ausweichen ſahen, wandten ſie in der Beſorgniß, er könne ihnen entwiſchen, die Spitze ihres Bootes in dieſelbe Richtung, die er ein⸗ zuſchlagen geneigt ſchien. Dies war der Moment, den Pieſing vorausgeſehn hatte und den er nun auf eine für die Franzoſen ſehr unerwartete Weiſe benutzte. Denn als ſo die Schiffe dicht bei einander waren, wandte er plötz⸗ lich den breiten hochragenden Schnabel der Grille ge⸗ gen das feindliche Gefährt, ſtieß mit furchtbarer Hef⸗ tigkeit auf ſein Steuerbord und drückte es buchſtäb⸗ lich mit dem ſcharfen Vordertheil ſeines ſchweren Boo⸗ tes in den Grund. ¹ Nach einem gewaltigen Krachen der zermalngen Planken des kleinen Schiffes tönte ein furchtbares Geſchrei, untermiſcht mit Flüchen und Nothrufen, 180 über das Waſſer nach beiden Seiten hin, das gefällte Boot kenterte völlig und zwölf bis ſechszehn Menſchen lagen im Waſſer, ſchwammen und rangen mit den ſtür⸗ miſchen Wellen und riefen ihren Gefährten zu, ihnen zu Hülfe zu eilen. Alles das war ſo raſch vor ſich gegangen, daß ſelbſt die in der Grille Sitzenden nicht jeden einzelnen Zug wahrgenommen hatten und erſt als ihr ſiegreicher Segler ſchon längſt von der un⸗ heilvollen Stelle hinweggerauſcht war, ſahen ſie die beiden Boote von den Seiten ſich nähern und die Sinkenden auffiſchen. „So,“ ſagte Pieſing, nachdem er einen ungeheu⸗ ren Athemzug gethan hatte,„die haben wir hinter uns und das Fahrwaſſer iſt rein gefegt. Die werden an uns denken ihr Leben lang. Es war ein hübſcher Stoß und das Ganze in einer halben Minute abge⸗ macht. Nun, Waldemar, mein Junge, verzeih mir, daß ich Dich in dieſem Augenblick der Freude dutze, habe ich nach Deinem Sinne gehandelt und Men⸗ ſchenblut geſpart?“ „Ja, Ihr habt eines ächten Seemanns würdig gehandelt und auch wir werden Eure That nicht ver⸗ geſcn. Nicht wahr, Magnus 2“ Magnus antwortete nicht, ſein Herz war zu ſtür⸗ miſch bewegt, um ihm Worte zu geſtatten, was auch * 181 die bleiche Farbe bewies, die ſeine Wangen bedeckte, aber er reichte dem Steuermann die Hand und drückte ſie warm. Sodann wandte man die Köpfe wieder rückwärts und ſah dem noch immer nicht beendeten Auffiſchen der Franzoſen zu, die für heute keine Luſt mehr be⸗ zeigten, die kecken Flüchtlinge weiter zu verfolgen, was auch bei der ſchnell ſegelnden Grille ein vergebliches Beſtreben geweſen wäre. „Aufgepaßt! Vorwärts ausgeſchaut!“ donnerte Pieſing's Stimme wieder.„Iſt die Luft da vorne rein? Ich kann nicht Alles überwachen, drum müßt Ihr mir dabei helfen.“ Alle im Boote Sitzenden blickten ſich nach allen Seiten um, aber nirgends war ein Feind zu ſehen, der wahrſcheinlich zu ſicher auf den Hinterhalt bei der Wittower Fähre gerechnet hatte, um noch an ünder Angriffspunkte und Mittel zu denken. „Mord und Tod!“ rief Pieſing.„Die ganze Ge⸗ ſchichte hat mir Appetit und Durſt verurſacht, meine Herren. An's Eſſen aber will ich nicht eher denken, habe ich mir gelobt, als bis wir am Dornbuſch vor⸗ über ſind; ein Schluck gebrannten Waſſers aber würde mir und Euch Allen von Vortheil ſein, glaube 182 Waldemar, der die Vorräthe bereits unterſucht hatte, nahm eine Flaſche ſcharfen Getränks heraus, reichte ſie Magnus, that ſelbſt einen Zug und ließ ſie dann vom Steuermann zu den Leuten im Vor⸗ dertheil des Bootes wandern, von wo ſie leer in ſeine Hände zurück kam. „So,“ ſagte Pieſing,„das hat mir das Herz ge⸗ ſtärkt. Nun kann es an der Inſel Pipi*) von Neuem losgehen.“ „Ich würde Euch aber doch rathen,“ bemerkte Wal⸗ demar,„nicht zwiſchen Neu⸗Baſſin und der Buge durchzuſteuern. Das Waſſer iſt zu eng und wir wol⸗ len uns nicht zum zweiten Mal auf Gottes Hülfe ver⸗ laſſen. Alſo haltet nach Süden, Pieſing, der Wind hält an und wir brauchen den kleinen Umweg nicht zu ſcheuen.“ „Das denke ich auch— ſo, nun mag es genug ſein. Seht, wie hell es geworden iſt, da ſehe ich ſchon das Poſthaus auf der Buge unter den Bäu⸗ men ſtehen, wie niedlich nimmt ſich das aus.“ Waldemar nahm ſein Rohr zur Hand und ſuchte durch daſſelbe nach dem Poſthauſe hinüberzuſchauen, *) Volksname der kleinen Inſel Neu⸗Baſſin an der Südſpitze der Wittower Buge. ————— 183 ob er etwa eine wachſame Strandwache wahrnehmen könne, allein der Raſſower Strom war ſo unruhig und die Grille ſtieg ſo ſchnell über die Wogenberge und ſank ſo hurtig wieder hinab, daß er keinen Ge⸗ genſtand feſt in's Auge faſſen konnte. Schweigend, aber immer aufmerkſam auf ihre Umgebung, ſetzten die kühnen Männer nun ihre Fahrt nach Weſten fort, umſchifften Neu⸗Baſſin, auf der nur Kühe graſten, und ſteuerten dann bei halbem Winde ſegelnd, dem langen Ort entgegen, ſtets be⸗ fliſſen, möglichſt fern von der ſchmalen Landzunge zu bleiben, die vom Dornbuſch auf Hiddens⸗öe nach Süden läuft und hinter welcher das gaſtfreie Kloſter lag, in dem Magnus und Waldemar vor einigen Wo⸗ chen ſo freundlich bewirthet worden waren. Etwa Dreiviertelſtunden mochten ſie ſo gefahren ſein, bis ſie den Dornbuſch auf Hiddens⸗be's Nordſpitze mit ſei⸗ nem geröllreichen Strande und ſeinen wilden Bergriſ⸗ ſen zur Seite liegen ſahen, und nun, keinen Feind von Rügen her mehr befürchtend, ſegelten ſie ſtramm nach Norden, um, nachdem ſie glücklich die hohe See erreicht, den Cours nach Schweden einzuſchlagen. Aber der Menſchen Gedanken eilen nur zu oft den Gedanken Gottes voraus, das ſollten auch un⸗ ſere Flüchtlinge ſehr bald erfahren. Denn nachdem 184 ſie Alle ein wohlverdientes Frühſtück eingenommen und ſich für die Anſtrengungen und Wachen der Nacht hinreichend entſchädigt hatten, hielten ſie es für zeit⸗ gemäß, den Stand der Dinge genauer zu prüfen, und da gewahrten ſie ſämmtlich kein ſo erfreuliches Bild als ſie zu finden erwartet, ſo lange ſie das verhältnißmä⸗ ßig ruhige Binnenwaſſer durchſegelt hatten. Waren die Wellen auf den verſchiedenen Straßen deſſelben ſchon ziemlich groß geweſen, ſo wurden ſie zu gewaltigen, donnernd dahin rollenden Wogenbergen, als man den ungaſtlichen Dornbuſch hinter ſich hatte, und noch höher und gewaltſamer ſtiegen ſie auf, als die Küſten von Wittow das aufgewühlte Meer nicht mehr bändigten und ſeinen Anprall mäßigten. Wild und ſchaurig brauſten ſie von Nordoſten daher und der Wind heulte, zwar nicht mit Sturmesungeſtüm, aber wie eine heftige Böe heulen kann, ſo daß die Wogenſpitzen fortwährend über Bord ſchlugen und an⸗ haltend zwei Männer beſchäftigten, um das überflüſſige Waſſer aus dem Bote zu ſchaffen. Dabei erreichte der Himmel die aufmunternde Klarheit nicht, die er, als der Nebel ſo raſch ſtieg, wenigſtens für kurze Zeit hatte hoffen laſſen. Wild und unheilſchwanger zogen ſchwarze Wolkenmaſſen von Schweden nach Deutſchland herüber und drohten mit einer noch an⸗ 3 Unwetter vertraut waren und ſchon ſtärkere Stürme doch erträglich gefunden haben; ſo aber mußten ſie Geſchicklichkeit ſeiner Mitſchiffer wich die Grille voy 185 deren Unannehmlichkeit, mit ſtrömendem Regen, der indeſſen glücklicher Weiſe ausblieb, da der ſtoßende Wind die Wolken raſch vorüberjagte. Dies Alles hätte ſich nun noch ertragen laſſen, da die in der Grille befindlichen Männer ſämmtlich mit jeglichem überſtanden hatten. Das Uebelſte aber war dabei, daß der Wind eine große Neigung verrieth, umzu⸗ ſpringen, und bald von Nordoſt nach Nordweſt ging, als hätte er ſich mit ſeinem Collegen in jener Welt⸗ gegend verabredet, mit doppelter Wuth über die rath⸗ loſen Flüchtlinge herzufallen. Hätten dieſe keinen menſchlichen Feind zu fürchten gehabt und wäre es ihnen nicht um ein beſtimmtes Ziel zu thun geweſen, ſo würden ſie ihre Lage gerade nicht angenehm, aber jedes auftauchende Segel mit Argwohn betrachten und h die ſchwediſche Küſte war ihnen als das Hauptziel vorgezeichnet, nach dem ſie zu ſtreben hatten. Sobald ſie aber über Wittow hinaus und dem vollen Nordoſtwinde preisgegeben waren, ſahen ſie ein, daß ſie den geraden Strich nach Nordoſten hin, den ſie verfolgen mußten, nicht einhalten konnten, denn trotz aller Bemühung Pieſing's und trotz der 186 Minute zu Minute bei Weitem mehr weſtwärts ab, als ihnen lieb ſein konnte. Eine Zeitlang beobachteten die Männer mit ſchwei⸗ gender Aufmerkſamkeit dieſe Wirkung des Gegenwin⸗ des, immer noch hoffend, er werde ſeine Gewalt mä⸗ ßigen und das Schiff wieder in glatteren Lauf kom⸗ men, aber endlich gewannen ſie die Ueberzeugung, daß ſie vergeblich gehofft hatten, worauf Pieſing wie⸗ der der Erſte war, der ſeine Befürchtung laut aus⸗ ſprach. „Der Strich, meine Herren,“ ſagte er„dem wir hier wider unſern Willen folgen müſſen, gefällt mir nicht. Wollten wir auf Falſter einen Beſuch abſtatten, ſo könnte man ſich's behagen laſſen, aber nach Schweden kom⸗ men wir bei dieſem Unwetter nimmermehr. Wenn wir wirklich noch einige Stunden den Cours nord⸗ u wärts halten, ſo erreichen wir höchſtens Möen und laufen da den Dänen in die Arme. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß ſie ſie offen halten, bis wir hin⸗ eingefallen ſind, aber nie wieder öffnen werden, wenn ſie uns einmal mit ihrer gewohnten Gaſtlichkeit em⸗ pfangen haben. Was iſt alſo hier zu thun? „Laviren wir langſam vorwärts und nehmen wir uns Zeit,“ erwiderte Waldemar mit ſeiner unbeug⸗ amen Entſchloſſenheit,„ ewig kann dieſer Unglücks⸗ 187 wind nicht fortblaſen. Meinſt Du nicht auch, Mag⸗ nus?“ Magnus nickte und lächelte ſeltſam, faſt unheim⸗ lich dabei.„Ich habe Zeit, um nach Schweden zu kommen,“ ſagte er düſter,„wenn Du ſie auch haſt, ſo laß uns die Geduld zu Hülfe nehmen.“ „Es bleibt uns wahrhaftig nichts Anderes übrig,“ ſagte Pieſing und kratzte ſich verlegen hinter den Oh⸗ ren,„ich weiß auch nichts Beſſeres. Alſo Geduld, meine Herren, wir haben das Gute genoſſen und müſ⸗ ſen nun mit dem Schlimmen vorlieb nehmen.“ Die angeprieſene und zur Richtſchnur empfohlene Geduld aber ſollte auf eine etwas harte Probe geſtellt werden, denn das Laviren brachte ſie zwar vorwärts, aber mit ſo langſamem Schneckengange, daß ſie nach mehreren Stunden kaum von der Stelle gekommen waren. Endlich gegen Mittag gab Waldemar noch⸗ einen Rath, nämlich den, die Riemen zur Hand zu nehmen und auf dieſe Weiſe ihr Heil zu verſuchen. Er ſelbſt ging dabei mit gutem Beiſpiel voran und ſaß bald auf einer Ruderbank neben dem Lootſen Gingſt, während der jüngere Pieſing und Jochen vorn im Buge ihre Kräfte zeigten. Eine Zeit lang ſchien dies letzte Mittel zu helfen, aber bei dem ſtarken Ge⸗ genwinde und dem heftigen Wogendrange war es eine — 188 unendlich ſchwierige Arbeit und gar zu oft mußten vier Hände ganz davon ablaſſen, um zu den Schäpf— eimern und den Segeln zu greifen, die beide nothwen⸗ dig in Gang und richtiger Stellung erhalten werden mußten. So war es allmälig Nachmittag geworden und man fühlte ſich aufgelegt, eine kräftige Mahlzeit ein⸗ zunehmen, da alle Mäner ziemlich ermattet waren und ſelbſt Magnus ſeinen Beiſtand vergeblich geliehen hatte. Man beeilte ſich damit, indem immer Zwei und Zwei aßen, die Anderen aber ohne Unterlaß weiter arbeite⸗ ten. Um fünf Uhr endlich, nachdem man trotz aller Bemühung hin und her geworfen, war man nach der angeſtellten Berechnung etwa auf den Punkt gelangt, der in der Mitte zwiſchen der ſüdlichſten Spitze von Schweden und Arkona liegt. Hier aber ſchien Allen die Kraft zu erlahmen und man beſchloß eine letzte Berathung zu halten, was unter den obwaltenden Umſtänden zu thun ſei. „Ich ſehe ſchon im Voraus, was geſchehen wird,“ nahm Pieſing als der Aelteſte zuerſt das Wort.„Es i*ſt recht hübſch, daß wir ſo weit vorgerückt ſind; nun aber wird die Zeit kommen, wo wir an das Rückwärts denken müſſen, und da wir nicht auf die Weſtſeite von Rügen zurücklaufen dürfen, weil man uns da gewiß in Vorausſicht unſres Mißgeſchicks erwartn wird, ſo weiß ich keinen beſſeren Rath, als mit dem herrlich⸗ ſten Winde von der Welt ſüdöſtlich zu ſteuern.“ „So,“ ſagte Waldemar in einiger Aufregung,„wo bleibt dann Schweden, Pieſing? Oder wollt Ihr gleich das erſte Ziel aufgeben, ſobald Euch Mühe und Ar⸗ beit in den Weg tritt, und das zweite verfolgen, näm⸗ lich anſtatt der ſchwediſchen die deutſchen Küſten zu erreichen ſuchen?“. „Herr,“ ſagte Pieſing dreiſt und ehrlich,„ich weiß nichts Beſſeres als was ich ſage, und wenn wir bei Nacht und Nebel an Rügen wieder vorbeikommen können, werden wir das Beſte gethan haben, was uns zu thun übrig bleibt.“ „Ich kann mich noch nicht dazu entſchließen,“ er⸗ widerte Waldemar mit innerem Widerſtreben,„wir dürfen ſo ſchnell nicht den beſten Plan aufgeben, um einem viel weniger guten uns zuzuwenden. Warten wir es alſo noch eine Weile ab, wir ſind ſchon ziem⸗ lich weit vorgerückt und werden allmälig noch weiter vorrücken.“ „Ja, Herr Granzow, ja, das werden wir, ſobald Sie uns friſche Kräfte verſchaffen, denn die Jungen dahinten, obwohl ſie tüchtig ſind und ihre Schuldig⸗ 190 keit unausgeſetzt verrichten, ſind mit ihren Leiſtungen zu Ende, ſehen Sie ſie ſich einmal an.“ Waldemar wandte den Kopf und bemerkte, daß al⸗ lerdings die Geſichter der beiden Männer braunroth von der Anſtrengung des Ruderns waren und der Schweiß ihnen in Strömen von den erhitzten Backen floß. „Es iſt übel,“ ſagte er,„ich ſehe es. Was meinſt Du, Magnus?“ Graf Brahe hatte dem Geſpräche der Beiden ſchwei⸗ gend zugehört und ſeine Augen dabei mit habichtsar⸗ tiger Schärfe gegen Nord und Nordoſt gewendet.„Was ich ſage,“ rief er plötzlich und erhob ſich von ſeiner Bank,„ich ſage Daſſelbe, was Euch die da ſagen, die ich ſchon ſeit einer Weile bemerkt habe und die eine undurchdringliche Mauer um uns ſchließen werden, wenn wir ihnen nicht bald aus dem Wege gehen.“ Alle Köpfe wandten ſich erſchrocken in die ange⸗ deutete Richtung und man ſah die Segel vier großer Schiffe am Horizonte auftauchen, die je zwei und zwei von Nord und Nordoſt heranwogten. „Sind es Dänen? Weißt Du das ſo beſtimmt?“ fragte Waldemar mit letztem inneren Widerſtreben. „Sie ſind es,“ entgegnete Magnus mit ſicherer Ueberzeugung,„ich habe es ſchon lange gewußt.“ 191 „Ha!“ rief Pieſing,„ich ſage das auch, denn die Schweden werden bei dieſem Winde nicht in dieſer Richtung auslaufen. Jetzt ſchicke uns Gott einen Ne⸗ bel wie vorige Nacht, oder— wir werden Schweden’s Küſte niemals erreichen.“ „Nein,“ rief Waldemar mit plötzlicher feſter Ent⸗ ſchloſſenheit, die er in bedenklichen Momenten immer bewahrte,„Schweden's Küſten erreichen wir nun nicht, ich begreife es. Aber Gott ſchickt uns auch den Ne⸗ bel nicht und darum lebe wohl, ſchöner Traum von Schweden. Wendet, Pieſing, in Gottes Namen, und gehen wir auf der Oſtſeite von Rügen ſüdwärts hinab.“ „Nach Deutſchland, Herr, nicht wahr?“ „Wie Gott will, ja, ich beuge mich ſeinem all⸗ mächtigen Willen.“ Ohne weitere Worte zu verlieren, ging man an die Arbeit und die Wendung des Steuers, und die Um⸗ lage der Segel nach Süden geſchah ſo regelrecht, wie nur ein kundiger Seemann ſie ausführen kann, und in weni⸗ gen Minuten brauſte die Grille ſüdwärts, alle Mühe und Arbeit den Männern erſparend, die bis jetzt mit übermä⸗ ßiger Anſtrengung gerudert hatten. Als Pieſing ſo ſein ſchönes Boot wieder in lebhafter Fahrt ſah, dabei aber leider den Wind nicht von der Seite hatte, von 192 der man ihn anfangs gewünſcht, ſetzte er ſich nieder und ſagte traurig:„Nun bleibt uns nichts übrig, Kinder, als uns zu ruhen und unſere Kräfte zu ſam⸗ meln. Wer weiß, ob wir ſie ſpäter nicht wieder ge⸗ brauchen werden. Macht alſo noch einmal die Fleiſch⸗ töpfe auf, Herr Granzow, und laßt eine Flaſche über Bord ſpringen, wir haben es Alle nöthig.“ „Der gute alte Schwede!“ ſeufzte Waldemar trüb⸗ ſelig,„wie hat er doch ſo väterlich für uns geſorgt und in ſeinem ahnenden Geiſte unſre Nothdurft vor⸗ ausgeſehn!“ Alle aßen und tranken, nur Magnus nicht. Ihm widerſtanden die ſalzigen Speiſen und ſcharfen Ge⸗ tränke, und Waſſer hatte man leider nicht, da kein Menſch an eine ſo lange Fahrt gedacht hatte. Mit finſterem Brüten, beinahe drohend im Ausdruck ſeiner Mienen, ſaß er da, den Kopf auf die rechte Hand ge⸗ ſtützt, und ſchaute nach Süden, wo man gegen Abend hinter den Wogenbergen die äußerſte Küſte von Wit⸗ tow auftauchen ſah. „Du ſiehſt,“ ſagte er zähneknirſchend zu ſeinem Freunde Granzow,„es iſt mein Geſchick, das mich von dieſer kleinen Inſel nicht fortlaſſen will. Ich habe davon fortgewollt, aber Gott hat meine Schritte wider meinen Willen dahin zurückgelenkt. O ja, ja, 193 ich weiß es wohl, der Menſch denkt und Gott allein lenkt.“ „Es kann dieſer göttliche Wille auch mir gelten,“ erwiderte Waldemar beſänftigend,„denn auch für mich, hoffe ich, hält er ſein Vaterauge offen. Was mich aber betrifft, ſo gehe ich dahin mit Freuden zu⸗ rück, wie ich ſtets dieſe zerklüfteten Felſen Jasmund's mit einem wahren Schauer patriotiſchen Entzückens angeſchaut und ſie als meine einzige Heimat auf Er⸗ den betrachtet habe. Ich ſegne auch jetzt den Augen⸗ blick, wo ich meinen irrenden Fuß wieder auf den ge⸗ weihten Boden ſetzen kann.“ „So erging es mir früher auch, guter Waldemar, aber ſeitdem ich Zeuge jener traurigen Niederlage in Stralſund geweſen bin und jenes— jenes einſt ſo heißgeliebte Weib mich leichtfertig verrathen hat, iſt mir zu Muthe, als ob mein Grab auf jener Inſel ſchon ge⸗ graben wäre, und dennoch, dennoch— o wer kann für ſeine Gefühle ſtehen!— flattern alle meine Gedanken um jenes alte Schloß da drüben herum, wie die Motte um das Licht, das ſie mit wohlthuender Wärme lockt, dann aber plötzlich und verrätheriſch in glühender Lohe vernichtet!“ Der Strandvogt. III. 13 Secrhſtes Unpitel. Der gelöſchte Durſt. Nachdem man an Bord der Grille einmal den Entſchluß gefaßt hatte, dem erſten Ziele, Schweden, den Rücken zu kehren, wandte man ſich nun mit neuen Hoffnungen dem zweiten zu; ſo handelte es ſich denn zunächſt darum, den Cours nach Südoſt zu verfol⸗ gen, der ſie nach Colberg führen mußte, um dann dort an irgend einer Stelle die Landung zu verſuchen. Der Nordoſtwind hielt jetzt unverändert an, nur blies er ſehr heftig, nahm ſogar, je tiefer der Abend her⸗ einſank, noch mehr zu und verſprach den Flüchtlin⸗ gen ſomit die Erfüllung ihrer Hoffnung, da bei die⸗ ſem Winde die däniſchen Kreuzer ſich von der deut⸗ ſchen Küſte fern halten mußten und ihnen alſo auf keinerlei Weiſe den Eingang in deren Häfen ſperren konnten. 6 * 195 Es war etwa nach acht Uhr Abends, als die Höhe von Arkona erreicht war, deſſen Umriſſe man im düſteren Bogen ſich von dem grauſchwarzen Meere und dem mit gefederten Wolken bedeckten Himmel abheben ſah. Brauſend ſchlugen die Wogen über einander und wälzten ſich dem ſteinigen Strande zu, als ſtrebte eine die andere zu überholen, um zuerſt das oft beſuchte Eiland zu beſpülen. Es lag nicht in der Abſicht der an Bord der Grille Befindlichen, dicht an den Küſten Rügen’s ent⸗ lang zu ſteuern, da ihnen der Wind, wenn ſie die⸗ ſen Cours verfolgten, ſonſt im Süden der Inſel wie⸗ der ungünſtig werden mußte und ſie vorausſichtlich eben ſo von dem erſtrebten, mehr öſtlich gelegenen Küſtenpunkte Deutſchland's zurückwerfen würde, wie er es früher im Norden der Inſel von Schweden ge⸗ than. Kaum aber hatte man Arkona in Sicht ge⸗ nommen und wollte ſich nun noch mehr oſtwärts halten, ſo trat zu Aller Betrübniß abermals ein Zwi⸗ ſchenfall ein, der auch dieſen Plan als unausführbar erkennen ließ. Waldemar war diesmal der Erſte, deſſen wachſa⸗ mes Auge den neuen Feind endeckte. Bald nach Rü⸗ gen und bald nach dem öſtlichen Meere ſchauend, überflog er mit raſchem Blick die ſchäumende Waſ⸗ 3* 3* * 5 196 ſerwüſte und bemühte ſich dabei, ſeine ſchwirrenden Gedanken von dem verlorenen Ziele ab auf das mög⸗ licher Weiſe erreichbare zu richten. Da fuhr er plötz⸗ lich in die Höhe und ſchaute ſcharf nach Oſten hinüber. Unter einer lichteren Wolke, die grell gegen den düſteren Abendhimmel abſtach, glaubte er einen weiſen Punkt zu erkennen, der dem ausgebreiteten Flügel eines nach Süden fliegenden Schwanes glich, mit der Grille alſo parallel lief und demſelben Ziele zuſtrebte. Es bedurfte nur eines kurzen und genauen Hin⸗ blicks, ſo hatte er erkannt, daß er nicht den Flügel ei⸗ nes Schwans, ſondern das große Marsſegel eines Schiffes vor Augen hatte, dem, wie ſich alsbald her⸗ ausſtellte, ein kleineres voranging und ein eben ſolches folgte, die offenbar zu einander gehörten, da ſie in regelmäßig abgemeſſenen Zwiſchenräumen genau den⸗ ſelben Cours innehielten. Der aufmerkſame Pieſing hatte Waldemar's Em⸗ porfahren und ſtarres Hinblicken aufgefangen und war ohne Zögern ſeinem Auge gefolgt.„Was!“ rief er mit heiſerer Stimme, die faſt hohl klang vor Er⸗ regung und Staunen,„hat denn der Teufel heute alle ſeine Höllenhunde losgelaſſen, ſind ſie auch hier auf unſrer Fährte?“ „Es ſcheint ſo,“ erwiderte Waldemar mit ruhige⸗ ))ſſ 197 rer Ergebung,„und ſie kommen ſo dicht an die Küſte, als es ihnen der Nordoſt geſtattet, gerade als woll⸗ ten ſie uns gegen dieſelbe preſſen, bis ſie uns auf irgend einem Punkte feſt haben.“ „O nein, das ſollen ſie nicht! Bei dieſem Winde können ſie nicht näher heran und es bleibt uns im Nothfall bei der zunehmenden Dunkelheit noch Raum genug, um das Thieſſower⸗Höwt auf Mönchgut her⸗ umzuſchlüpfen und in einer der kleinen Buchten bei Zicker uns ſo lange zu bergen, bis die Gefahr vor⸗ über iſt.“ Magnus hörte aufmerkſam dieſer Auseinander⸗ ſetzung zu und lächelte dann ſtill vor ſich hin, wie Jemand, der ſeiner Sache ſicher iſt, aber einem Ande⸗ ren gönnt, das Gegentheil davon anzunehmen. Un⸗ terdeſſen aber hatte Pieſing durch einen Druck ſeiner mächtigen Hand ſchon das Steuer nach Backbord ge⸗ drückt und demgemäß flog der Schnabel der Grille ſcharf nach der Wittower Küſte herum, ſo daß ſie da⸗ durch den Cours einſchlug, den man früher hatte vermeiden wollen, alſo längſt des Außenſtrandes von Rügen nach Süden ging. Da die Dunkelheit bei dem bedeckten Himmel raſch zunahm, das Schiff unter günſtigem Winde flüchtig wie eine Taube über das Waſſer ſchoß, ſo — 188 kamen ſie bald dem Lande näher, ſo daß ſie es ziem⸗ lich deutlich zur Rechten liegen ſahen. 4 „Wir ſind jetzt dicht genug heran,“ bemerkte Wal⸗ demar,„ſonſt kommen wir zu tief in die Tromper Wiek hinein und der Ausgang daraus iſt ſchwierig bei dieſem Winde. Ich würde ſogar noch ein paar Striche über Lohme hinaushalten, Pieſing, wir kom⸗ men zu nahe an die felſige Küſte Jasmund's, und werden wir von Oben aus erkannt, ſo ſchlagen ſie wieder unnützen Lärm und jagen uns am Ende vom Lande her den Schiffen entgegen. Und wahrhaftig, der Feind von einer Seite iſt jetzt ſchon ſtark genug für uns. Ha, ſeht, wo ſind die Schiffe geblieben? Ich ſehe keins mehr— oder ſind Eure Augen beſſer als die meinen?“ 1„Nein, Ihr habt Recht,“ erwiderte Pieſing, nachdem er ſcharf nach Oſten ausgelugt hatte,„ſie ſind weg und nun will ich Euch geſtehn, daß ich Euern Rath, etwas weiter nach Oſten abzuhalten, für vollkommen richtig erkenne, aber abſichtlich erſt ſtramm nach We⸗ ſten gegangen bin, damit die Schurken da drüben ge⸗ täuſcht werden und glauben ſollen, wir gehören an das Land und kehren dahin zurück. Eine Kriegsliſt zu rechter Zeit iſt immer erlaubt und oft, ſogar nothwen⸗ dig. Meiner Meinung nach bedrängen ſie uns jetzt , 199 nicht, da ſie das Einſehen haben, uns hier doch nicht in die Mauſefalle der Tromper Wiek nachlaufen zu können.“ „Ich will wünſchen, daß Ihr Recht habt und daß ſie glauben, wir ſeien nicht die, die wir wilrklich ſind. Sie gehen aber doch eben ſo ſicher wie wir, Pieſing, denn ſeht, wenn ſie wirklich den Verdacht hegen, daß wir Flüchtlinge von Rügen ſind, ſo können ſie ſich auch ſagen, daß es nicht in unſerm Intereſſe liegt, an das Land zurückzukehren, und da wir alſo daran vorbei müſſen, um unterhalb Rügen irgend einen an⸗ deren Cours einzuſchlagen, ſo werden ſie ſchon vor uns auf dem Poſten daſelbſt ſein und uns erwarten, wo wir ſie am wenigſten gebrauchen können.“ „Lirum, larum, Herr Granzow, Eure Vorſicht geht mir etwas zu weit und ich kann Euch nicht auf je⸗ dem Eurer Gedankenflüge folgen. Für jetzt weiß ich nur ſo viel, daß die Dänen uns aus dem Geſicht ſind, ſie uns alſo auch nicht ſehen können, und daß wir von der Seite nichts zu befürchten haben, ſo lange der Wind anhält. Ob das geſchieht, iſt eine andere Frage und mein Bruder und Jochen da vorn, die ſchon lange die Naſe in die Luft ſtecken, werden Euch gleich ſagen können, ob er nicht ſchon nachgelaſſen hat. Heda, Ihr Burſche da vorn, wie ſteht's mit dem Winde?“ 200 „Meiner Treu,“ rief der jüngere Bruder zurück, ver bläſt nicht mehr ſo ſtark wie vorher und die Wellen ſind auch ſchon kleiner und matter geworden.“ War der Wind den Flüchtlingen früher zu ſtark geweſen und hatte er ſie zur Umkehr gezwungen, ſo ſchauten ſie jetzt mit Beſorgniß nach ihm aus, als könne er leicht in das Gegentheil umſchlagen, und Waldemar fand in der That die Ausſage des Lootſen beſtätigt, nachdem er eine Zeit lang die Wellen und den Wind beobachtet hatte. „Es geht noch,“ ſagte er,„obwohl eine Abnahme merklich iſt. Bleibt er nur, wie er jetzt iſt, ſo laufen die großen Schiffe doch nicht ſo leicht gegen die Küſte an; nur fürchte ich, die Nacht wird ihn ganz einſchläfern.“ „Ich verdächte es ihm nicht,“ bemerkte Pieſing aam Steuer.„Er hat ſich genug angeſtrengt, ganze vierundzwanzig Stunden, und nun mag er wohl gern ſchlafen gehen wollen. Uns geht es nicht beſſer, für⸗ wahr, denn ich fühle mich auch müde, obwohl ich eben kein ſchwächliches Kind bin, wie Ihr wißt.“ „Sprecht nicht von Müdigkeit,“ ſagte Waldemar ermunternd,„dazu haben wir keine Zeit heute. Erſt müſſen wir Colberg vor uns haben, dann wollen wir an unſer Bett denken. Biſt Du damit einverſtanden, Magnus?“ 3 201 „Ja, was die Müdigkeit, aber nicht, was den Durſt betrifft. Meine Zunge lechzt und ich ſehne mich nach Waſſer wie ein auf den Tod verwundeter Hirſch.“ „Das iſt übel,“ meinte Pieſing,„aber wir Alle theilen Ihre Sehnſucht, Herr Graf. Der Alte auf Pulitz hätte beſſer gethan, uns ein Faß friſch Waſſer als ſo viel Wein und Liqueur beizuſtauen, die den Kopf ſchwindeln machen, wenn man ſie vor lauter Durſt in langen Zügen trinkt. Na, dem Uebel kön⸗ nen wir vielleicht auch abhelfen, es wird doch wohl von hier bis Zicker einen Ort geben, wo wir ſicher landen und ein paar Flaſchen mit Waſſer füllen kön⸗ nen, nachdem wir uns ſatt getrunken? Heda, denke einmal Jeder nach, wo der beſte Ort dazu iſt und dann wollen wir Alle zu Gericht darüber ſitzen.“ „Wenn es ganz finſter wird und der Wind, wie es leider ſcheint, noch mehr nachläßt, werden wir dar⸗ über nicht in Verlegenheit zu ſein brauchen,“ bemerkte Waldemar und dachte plötzlich an Saſſenitz, obgleich er es Niemand merken ließ. „Es wird auf die Zeit ankommen,“ nahm Mag⸗ nus das Wort,„die wir noch warten müſſen, um unſern Durſt zu ſtillen. Was mich betrifft, ſo wird mir der nächſte Ort der liebſte ſein, alles Uebrige aber iſt mir gleichgültig.“ 202 „Das darf es Dir nicht ſein,“ mahnte Waldemar. „Wir ſind Alle gefährdet, mein Freund, und wollen doch nicht in Gefangenſchaft gerathen, wo wir ihr eben erſt kaum entſchlüpft ſind.— Ach, Pieſing, aus der Finſterniß wird es leider nichts werden, da blinkt ſchon der erſte Stern neben der düſteren Wolke her⸗ aus, und wo ich erſt einen ſehe, werde ich den an⸗ dern auch bald finden, denn die Sterne da oben lie⸗ ben Geſellſchaft, wie die Menſchen auf Erden.“ „Weiß Gott, da iſt ein Auge des Himmels offen,“ rief Pieſing, den Kopf nach dem Firmamente erhebend, „und da— da iſt ſchon der zweite und dritte. Ach, meine Freunde, ſo ſehr ich den Sternenhimmel liebe und ſeit meiner Knabenzeit alle Nächte mein Auge daran labe, heute wünſche ich ſie alle zum— ha, was iſt das? Auch der Mond?“ Er rückte gewaltſam den Kopf nach Oſten hinüber und ſchaute empor, und ſiehe da, aus einer kleinen zerriſſenen Wolke blickte ein Stück des abnehmenden Mondes hervor, das groß genug war, um das Meer ringsum zu erleuchten und die Küſten zu beſtrahlen, die den nächtlichen Schiffern zur Rechten lagen. „Seid nicht undankbar,“ ſagte der Sohn des Strand⸗ vogts, der bei dem vor ſeinen Augen ſich jetzt auf⸗ rollenden Bilde weich geſtimmt wurde.„Seht, das 203 Licht des Himmels wenigſtens meint es gut mit uns und will uns das Schönſte zeigen, was unſer Va⸗ terland aufzuweiſen hat, ſeine Kreidefelſen auf Jas⸗ mund.“ Es mochte Abends zehn Uhr ſein, als dieſes Ge⸗ ſpräch ſtattfand und der Mond allmälig ſein Geſicht entſchleierte, um das ſchon angedeutete ſchöne Bild zu beleuchten. Alle an Bord Befindlichen ſchwiegen und wandten, ſtaunend und bewundernd, als hätten ſie noch nie das ſich entwickelnde Schauſpiel betrachtet, den Kopf nach Jasmund'’s Küſte hinüber, an der ſie bei geſänftigtem Winde und ſtiller gewordenem Wel⸗ lenſchlage, etwa in der Entfernung von hundert Fa⸗ den jetzt gemächlich entlang fuhren. Aus dem niedrigen Ufer der Schabe erhoben ſich allmälig dicht mit Gebüſch bekleidete Lehmwände an deren Ufer die Brandung wogte, deren Brauſen und Fluthen man deutlich wahrnehmen konnte. Dieſen im Scheine des Mondlichtes hell ſcimmernden Wän⸗ den folgte als Einleitung zu den maleriſchen Schön⸗ heiten, die ſich jetzt vor den Augen der Schauenden raſch nach einander enthüllen ſollten, ein hohes grü⸗ nes Waldufer. Plötzlich ſprang der ragende Königs⸗ ſtuhl majeſtätiſch in ſeinem feierlichen Schweigen in die Lüfte und nur durch die Zweige der einſamen 204 Buche auf ſeiner höchſten Spitze rauſchte geiſterhaft der Seewind, der noch nicht ganz erſtorben war. Dun⸗ kelbeſchattet von den Kreiderieſen folgte die buſchige Lithe des Golchabaches, alsdann erhob ſich die phan⸗ taſtiſche Geſtaltung von Klein⸗Stubbenkammer mit ihren Kanten und Spttzen, ſchneeweiß erglänzend in dem bleichen Lichtſtrahl, der immer heller und heller vom Himmel herniederſprühte. Hinter einer dunkel bewaldeten Wand folgte der witte Plakken mit ſeiner breiten rieſigen Stirn, die er dräuend und furchtlos Tag und Nacht dem ſchäumenden Meere zukehrte. Unterhalb deſſelben rieſelte der ämſige Steinbach durch ſeine Lithe in's Meer, im Mondenlicht weiße Perlen werfend und mit Widerſtreben dem aufgeregten Meere zuſtrömend, vor dem er ſich zu fürchten ſchien. Hin⸗ ter ihm ſprang der Aeſer Ort weit vor und dann trat ggeſpenſterartig der Mönch heraus, worauf ſich die Küſte Umälig wieder in ein hochwaldiges Ufer perlor. Hiermit hatten die Schiffenden die erſte Ausbie⸗ gung der felſigen Kreideufer Jasmund's zurückgelegt, die durch vorſpringende Felſenkanten in fünf Abthei⸗ lungen zerfallen, die man Hunke nennt, und ſie nä⸗ herten ſich jetzt dem zweiten Hunk, der mit den gewal⸗ tigen Kreidepfeilern des Kolliker Ortes beginnt. Dieſer dachte ſich ſcharf ab in die Lithe des Kollicker Baches, 20⁵ dem das Hundkröſe und die drei rauhen Howen folg⸗ ten, worauf ſich die Felsmaſſen wieder in eine male⸗ riſche Lithe zerklüfteten, durch die der Brisnitzer Bach ſprudelte, woran ſich das Kieler Ufer mit ſeinen zer⸗ ſpaltenen Pfeilern, gleich Thürmen emporragend, ſo⸗ dann die Fahrnitzer Renne, die trichterförmige Schlucht, das Fahrnitzer Loch genannt, und endlich das ſteile Fahrnitzer Kreideufer anſchloß, womit der zweite Hunk endigte. Bald hinter ihm ſprang der waldbedeckte Tipper Ort ſcharf in die Nachtluft vor und es folgte die Lithe des Tipper Baches, die weißen Tippen und das waldige Schnakenufer, und endlich nach dem ſanft fließenden Leeſcher Bach die maleriſchen Wiſſower Klin⸗ ten, die der Wiſſower Bach und der dritte Hunk be⸗ gränzte. Im vierten ragte zuerſt die lange ſchroffe Kreidewand, der mſone Ort, empor; ihm folgte die Lithe des Lenſcher Baches und endlich der rieſenhafte Kreidewürfel, der Hengſt genannt, dann das Gakow⸗ Ufer, ſteil aufragend, düſter leuchtend und das blen⸗ dende Mondlicht geſpenſterhaft zurückſtrahlend. Hier endeten die weißen Felſen und die Kreide verlor ſich unter dem grünen Waldufer, der Blähe, worauf der fünfte Hunk erſchien, an welchem die mit undurchdringlichem Geſtrüpp bewachſenen und bis un⸗ terhalb Saſſenitz aufgethürmten Lehmwände begannen, 206 an deren Strande der große Granitblock finſter in das Meer hineinragt, dem man den Namen Uscan gege⸗ ben hat. Bald nachdem dieſe Uferſtelle in Sicht gekommen war, ſah man in den nächſten Strandhäuſern von Saſſenitz die Lichter ſchimmern, die den Bewohnern des ſtillen Dörfchens bei ihrer Nachtarbeit leuchten, und mit verdoppelter Aufmerkſamkeit ſchauten die Männer im Boote, die nach Saſſenitz gehörten, hin⸗ über in die grüne Schlucht des Steinbaches, wo ihre heimatlichen Hütten lagen, deren Bewohner nicht ah⸗ nen mochten, daß ihre Angehörigen in dieſem Augen⸗ blick, einem ungewiſſen Schickſal preisgegeben, dicht an ihrem Strande vorüberſteuerten. Und gerade jetzt, als ob der Mond ſeine Schul⸗ digkeit gethan zu haben glaubte, nachdem er den Flüchtlingen die Schönheiten ihrer Heimat enthüllt hatte, verſchleierte er wieder ſein Angeſicht und trat hinter eine düſtere große Wolke zurück, die ſchwer über Land und Meer hing und gleich darauf ganz Saſſe⸗ nitz beſchattete. „Ha,“ ſagte der ältere Pieſing, dem erſt jetzt die Sprache wiederkam,„das war ſchön, Kinder, und wir haben wenigſtens einmal unſre Augen gelabt. Da verdunkelt ſich das Licht des Himmels, ſeht, es iſt 207 müde wie wir, aber gleich uns muß es raſtlos ſeinen Weg fortſetzen und iſt immer noch beſſer daran als wir, denn es weiß, wohin es geht, und das wiſſen wir nicht.— Heda, Herr Granzow, woran denkt Ihr und was ſchaut Ihr ſo ſehnſüchtig nach dem Kiek⸗ hauſe hinauf? Ihr ſehet ihn nicht, den guten Alten, der ſitzt in ſeiner warmen Koje und betet für Euch. O, wenn er gewußt hätte, daß Ihr ihm ſo nahe vor⸗ überkommen würdet, er wäre in ſpäter Nacht die Fel⸗ ſentreppe herabgeſtiegen und hätte ſein altes Auge wenigſtens an Eurem Anblick gelabt— he?“ Aber er erhielt keine Antwort von dem Angerede⸗ ten, der immer noch das dunkle Haupt nach Saſſe⸗ nitz zurückgewendet hielt, obgleich er ſchon lange nichts mehr davon wahr n konnte. Waldemar hatte ſein Geſicht, ſobal e Nähe von Saſſenitz ge⸗ kommen war, ganz eſten zugekehrt und den ſpähenden Blick ſcharf nach der Höhe des Kiekhauſes emporgerichtet. Ob er ſich wohl der Worte Hille's erinnerte, die ihm ein Zeichen und mit dieſem Zei⸗ chen einen Gruß zu geben verſprochen hatte, daß ſie auch in dieſer Nacht an ihn dächte? Fragen wir nicht— beobachten wir nur das brennende Auge des jungen Mannes, das mit der Sehſchärfe eines Falken durch die Nachtluft nach der Höhe drang und— ja, ————— 208 das weiße Tuch flattern ſah, welches das muthige Mädchen ſeinetwegen an den Bäumen des Ausluge⸗ ortes aufgehängt hatte. Waldemar war ſo in An⸗ ſchauen dieſes flatternden Stückes Wäſche verſunken, daß er vergaß, auch die von ihm verheißene Flagge als Gegengruß außzuhiſſen, und erſt als Pieſing's An⸗ ruf ihn aus ſeinen Träumen weckte, erinnerte er ſich ſei⸗ nes Verſprechens, leider jedoch zu ſpät um das Un⸗- terlaſſene nachzuholen, da die Grille ſchon weit ſüd⸗ wärts ſteuerte. „Seid Ihr endlich fertig mit Schauen?“ fuhr Pie⸗ ſing fort—„ja? Nun ſeht Ihr wohl! Was könnt Ihr uns nun erzählen von dem, was Ihr geſchaut habt, he?“ „Nein, Pieſing, ich Euch nicht erzählen gleichgültig ſein.“ 1 „O nein, Mann, gewiß nicht, das glaubt nicht von mir. So ſtumpf und ſteinkalt bin ich denn doch nicht, wie Ihr diesmal anzunehmen ſcheint. Doch halt— da iſt Crampas und da wirft der kleine Tribberbach ſeine Schaumperlen in's Meer— iſt mir doch, als ob ich ſie blitzen ſähe und murmeln hörte, wie ſie ſo artig über das kleine Geſtein rauſchen— 209 da, da haben wir den Mond wieder— wahrhaftig, ich ſehe den Bach— ſeht Ihr ihn auch?“ Waldemar wollte etwas antworten, als ein Ruf Jochen's, der auf der Backbordſeite im Schnabel der Grille ſaß, die allgemeine Aufmerkſamkeit erregte. „Herr,“ rief er,„ein Schiff, da, dort, ſeht Ihr die weißen Segel ſich blähen und rüſtig immer näher ſteuern?“ „Herum mit dem Steuer, dem Lande zu!“ rief Waldemar eifrig, und flugs flog die Grille in die große Bucht ein, dem ſchmalen Erdgürtel ſich nähernd, welchen die Prorer Wiek beſpült und den man die ſchmale Haide nennt. Lautlos verſtrichen einige Minuten; alle in dem Boote Sitzenden erfaßte eine Art Beklommenheit, als ſie die Feinde em e auf ihren Ferſen ſahen, bis endlich Pieſing einem tiefen Athemzug leiſe zu Waldemar ſagte:„Das war die rechte Zeit, Gran⸗ zow, nicht wahr? Nun aber verhülle Gott den Mond und gebe uns lieber einen Sturm, denn wie wir auch rüſtig ſegeln, die großen Schiffe werden früher am Peerd ſein als wir und ſchneiden uns dann den Weg nach Süden oder Oſten ab, wohin wir nun wollen.“ „Gott hat Eure Bitte ſchon erhört,“ eugegnete 14 Der Strandvogt. III. 5 8 * 210 Waldemar mit feſter Stimme,„da, der Mond iſt weg und dichte Wolken bedecken jetzt rings den Him⸗ mel. Seht Ihr die Schiffe? Ich ſehe ſie nicht mehr.“ Alle blickten ringsum, aber kein Auge, ſo gut ſie alle waren, konnte die nur wenige Secunden lang wahrgenommenen Segel wiederfinden. 1 „Ha!“ ſagte Pieſing,„ich begreife, was das be⸗ deuten ſollte. Gott wollte uns nur einen Wink ge⸗ ben, den zu befolgen die höchſte Zeit war, und ſo zog er eine Weile ein Stück Vorhang vom Himmel weg, um uns hinter die Couliſſen ſehen zu laſſen. Das war gut von ihm und wir erkennen es dankbar an. Nun luſtig, Jungen, wir haben einen Beiſtand, der ſich ſehn laſſen kann— ha, er läßt auch den Wind aufhören, um die großen Schiffe abzuhalten, aber unſer kleines hat 8e genug, um ruhig weiterzukommen.“ „Ja,“ ſagte Waldemar,„der Wind läßt ganz nach und auch ich nehme das als ein günſtiges Ereigniß auf, denn daß ſie in einer dunklen Nacht und bei ſo ungewiſſen Anzeichen, daß wir Flüchtlinge ſind, ihre Boote hinter uns her ſchicken ſollten, kann ich mir kaum vorſtellen.“ „Wer denkt daran!“ rief Pieſing munter.„Ich nicht. Aber bei Gott, wir ſind jetzt bald Pulitz ge⸗ R211 genüber. Ha! wir haben eine hübſche Rundreiſe ge⸗ macht und ich würde dafür danken, wenn ich ſie jede Woche wiederholen ſollte.“ „Das wird Niemand verlangen,“ ſagte Walde⸗ mar,„und ich ſelbſt danke Euch herzlich für Eure Be⸗ mühungen und werde ſie zu belohnen ſuchen, wenn ich wieder in der Lage dazu bin.“ „Herr,“ rief Pieſing faſt gekränkt,„wer denkt an eine Belohnung! Ich nicht, und mein Bruder nicht, und Gingſt und Jochen wahrhaftig auch nicht. Wir ſind Männer und Landsleute, das merkt Euch, und da Ihr in Gefahr wart, ſo halfen wir Euch; könnt Ihr uns einmal wieder helfen, ſo iſt es gut, wo nicht, ſo ſchreibe ich es in das Schuldbuch des Him⸗ mels, was ſchon einen ziemlichen Umfang hat, wie ich mir vorſtelle.“ „Das iſt brav von Euch— gebt mir die Hand!“ ſagte Magnus ernſt.„Ich drücke ſie gern einem Wackeren, und Ihr ſeid es. Aber wenn Ihr mir noch einen Gefallen thun wollt, ſo bringt mich irgend wo an das Land— ich muß trinken, die Zunge klebt mir am Gaumen.“ „Iß etwas!“ ermahnte Waldemar und reichte dem Freunde einen noch vollen Speiſekorb hin.“ „Ich danke— habt Ihr noch Rothwein?“ 14* 212 „Leider nicht, aber Liqueur in Fülle.“ „Den mag ich nicht, er verbrennt mir das Gehirn und ich lechze nach Waſſer.“ „Wir Alle, Herr, haben Durſt, das ſſt ſicher!“ rief Pieſing.„Aber wo legen wir an?“ Waldemar beſann ſich, dann ſagte er milde: „Magnus, halte es noch eine gute Stunde aus. Sieh, wir ſegeln noch ziemlich raſch und erreichen den Gra⸗ nitzer Ort bald. Da kann ich Dir freilich noch keine Labung anbieten, denn an dem waldigen Ufer kenne ich keinen Brunnen. Aber eine Meile ſüdlich davon liegt Peerd. Das umſchiffen wir vorſichtig und lan⸗ den auf Bakewitz, Hille's Gut, das ſie vom alten Lachmann geerbt hat. Da weiß ich Beſcheid; dort haben wir einen ſicheren Landungsort und dicht da⸗ bei ſprudelt eine friſche kühle Quelle: da wollen wir trinken nach Herzensluſt und alle unſere Flaſchen fül⸗ len. Haben wir das gethan, ſo gehen wir wie⸗ der an Bord, und können wir dann wegen mangeln⸗ den oder conträren Windes nicht nach Colberg gelan⸗ gen, ſo rudern wir hinüber in den Greifswalder Bod⸗ den und ſteigen an irgend einer menſchenleeren Stelle an's Land. Dort ſucht man uns jetzt nicht und wir werden uns ſicher irgend wo verbergen können. Stimmſt Du bei?“ 213 „Ja!“ erwiderte Magnus matt. „Da thut Ihr auch ſehr Recht, Herr,“ nahm Pie⸗ ſing wieder das Wort.„Einen beſſeren Vorſchlag könnte wohl Niemand jetzt machen, der hat Wiſſen⸗ ſchaft und Erfahrung in ſich. Ach, wie ſoll uns das ſüße Waſſer der guten Hille ſchmecken! Vorwärts, Kinder, paßt auf die Segel und nehmt jeden Luft⸗ zug mit. Sie ziehen wieder beſſer, wahrhaftig, ſeht, und es wird am Lande ſo dunkel, als wollte ſich eine pechſchwarze Nacht zuſammenbrauen. Luſtig, Kinder, luſtig, es wird noch Alles gut, ich habe eine präch⸗ tige Laune mit einem Mal, und daran iſt, ſo wahr ich lebe, die Hoffnung auf die ſüße Quelle ſchuld.“ Magnus lächelte ſtill vor ſich hin, als er dieſe Worte hörte; ob derſelben Hoffnung wegen oder aus einer anderen Urſache— wir wollen es nicht zu er⸗ gründen ſuchen. Mit gemäßigter Schnelligkeit und bei immer ru⸗ higer fließenden Wogen ſetzte man nun ungehindert den weiten Weg fort. Das Mondlicht war vom Himmel gänzlich verſchwunden, kein Stern blitzte mehr und nur düſtere Wolken, die jeden Augenblick mit erſehntem Regen drohten und ihn doch nicht hernieder ließen, bedeckten ihn ringsum. So war denn auch am ganzen öſtlichen Horizont kein Segel zu ſehen 4 und keines Menſchen Auge konnte die müden Flücht⸗ linge wahrnehmen, die nun ſchon länger als vierund⸗ zwanzig Stunden in ununterbrochener Thätigkeit be⸗ griffen und mannigfacher Unruhe preisgegeben waren. Selbſt Pieſing der Aeltere und Waldemar, die ſtärk⸗ ſten von Allen, fühlten eine geringe Anwandlung von Erſchöpfung, die der brennende Durſt, der ſie ſämmt⸗ lich peinigte, wahrſcheinlich noch fühlbarer machte. Es mochte Mitternacht ſein, als ſie an dem ſtei⸗ len Waldufer der Granitz entlang ſegelten, das einen tiefen undurchdringlichen Schatten auf das immer ſtil⸗ ler brandende Meer warf, deſſen Rauſchen, indem es die hohen Ufer beſpülte, hohl und klagend herüber⸗ tönte, als ließen die Geiſter der Wellen Seufzer und Stöhnen vernehmen, daß ihr Uebermuth keinen Spiel⸗ raum mehr hatte und ihr donnerndes Gelärm ge⸗ bändigt war. Magnus war in einen leichten, aber häufig un⸗ terbrochenen Schlummer verfallen, aus dem ihn im⸗ mer wieder ſein zunehmender Durſt weckte, und jedes⸗ mal riß er dann die Augen auf und ſtarrte nach dem Lande hinüber, als wollte er unterſuchen, ob man noch nicht bald der erſehnten Quelle näher gekommen wäre. Seine Stirn war trotz der kühlen Abendluft heiß und ſeine Schläfe klopften, als tobte ein Fieber 215 in ſeinen Adern, und ſeine Zunge war ſo trocken, daß es ihm ſchwer ward, nur ein verſtändliches Wort hervorzubringen. Auf Waldemars Zureden hatte er ſich entſchloſſen, einen Schluck Branntwein zu neh⸗ men, aber kaum hatte er ihn auf der lechzenden Zunge, ſo ſpie er ihn wieder aus, denn er ſchien Feuer zu ſein, das ſeine brennenden Eingeweide noch mehr in Flammen ſetzte. Waldemar, kaum minder angegriffen, aber mit größerer körperlicher Kraft und zugleich energiſcherer Willensſtärke begabt, bezwang männlich den peinlichen Drang nach einem labenden Getränk und nahm von Zeit zu Zeit, wie auch die Anderen es thaten, einige Tropfen Liqueur auf die Lippen, um ſie wenigſtens anzufeuchten. Eſſen mochte Niemand mehr, dazu war der Durſt zu quälend, und da man die nahe Labung in Ausſicht hatte, ſo bezwang man ſich und hoffte im Stillen. Aber der Zeitpunkt dieſer Labung wurde immer länger und länger hinausgerückt. Südlich von Quitz⸗ laſer Ort, wo die Granitz endete, ließ der Wind mehr und mehr nach, die Wellen beruhigten ſich wunderbar ſchnell und endlich hingen die Segel ſchlaff von Rae und Stag herab. „Da haben wir',“ ſagte Pieſing am Steuer.„Der 216 Wind geht uns aus, wie der Lampe das Oel, und das iſt jetzt ſehr unangenehm. Will einer hier das Steuer führen, ſo greife ich allein zu den Rudern, ich bin der Stärkſte von Euch und denke es eine Weile auszuhalten.“ „O nein, o nein! riefen ſein Bruder und Jochen von ihrer Bank her,„wir können daſſelbe thun!“ Gleich darauf tauchten ihre Riemenblätter in's Waſſer, der Lootſe Gingſt und Waldemar griffen ebenfalls zu den ihrigen und ſo ging die Grille wieder bald raſcher vorwärts. Eine Viertelmeile vom Göhren'ſchen Höwt entfernt ſchienen die Flügel des Windes ſich wieder entfalten zu wollen und die wackeren Ruderer konnten eine Weile ruhen, was ihnen ſehr nothwendig war, aber die Freude dauerte etwa nur zehn Minuten und end⸗ lich mußte man ſich abermals zur Arbeit anſchicken, die Allen mit jedem Augenblick ſchwerer wurde. End⸗ lich aber ſah man von ferne das wilde Peerd mit ſei⸗ nen ſchroffen Abhängen aus dem Waſſer ſteigen, und mit neuem Muthe umfuhren es die erlahmten Flücht⸗ linge, aber mit der größten Vorſicht, um die etwa da⸗ rauf poſtirten Wachen nicht aufmerkſam zu machen. Noch konnten ſie das Feuer auf dem Vorgebirge, wenn man eins angezündet, nicht ſehen, Bäume und Ge⸗ 217 2 ſträuch benahmen den Ueberblick, als ſie aber gerade vor der Stirn des Koloſſes waren, ſahen ſie es em⸗ porflackern und ſogar einige hin und hergehende Ge⸗ ſtalten konnten ſie durch ihr Nachtrohr erkennen. „Jetzt ſind wir bald an der Quelle,“ ſagte Wal⸗ demar.„Da iſt ſchon das Göhren'ſche Höwt. Sieh Magnus, hier bin ich den lieben deutſchen Reichstrup⸗ pen, die ſich einem Napoleon hingegeben haben, um eihre Brüder todtzuſchlagen, als Geſpenſt erſchienen— ich habe es Dir ja erzählt— und dort liegen ihre Gewehre im Waſſer. Nun, damit wenigſtens werden ſie hoffentlich keinen Brudermord mehr begehen! Aber ha, was iſt das? Das Peerd ſieht mir ja heute ganz anders aus als ſonſt und das Feuer der Wachen brennt ja ganz im Freien— wo iſt der Wald ge⸗ blieben— ol⸗ Alle blickten erſtaunt nach dem Bergvorſprung hin⸗ über, deſſen Umriſſe ihnen ſo genau bekannt waren; aber was ſie am lebafteſten mit ihren Augen ſuchten, fanden ſie leider nicht mehr vor, der ſchöne alte Fich⸗ tenwald war bis auf einige wenige Stämme ein für alle Mal von der romantiſchen Höhe verſchwunden. „Daß der Blitz Gottes die Uebelthäter erſchlage!“ rief Pieſing mit wüthendem Drohen der Fauſt.„Ha⸗ ben ſie uns auch die ſchönen Bäume auf dem Rücken 218 unſers Peerdes geſtohlen und es ſteht nun da wie ein* nackter Gaul ohne Mähne und Schweif! Hunde, die Ihr ſeid, Ihr werdet hart dafür geſtraft werden, ge⸗ bet Acht! Die Rache des Himmels kommt, wenn auch ſpät, doch gewiß über Euch!“ „Ja, ſie konimt,“ murmelte Magnus und nickte beiſtimmend mit dem matten Haupte,„aber wer wird es erleben?“. Die Ruderer, die, während Obiges geſprochen wurde, mit ihrer Arbeit inne gehalten hatten, griffen wieder zu den Riemen und ließen ſie ämſig durch das Waſſer gleiten. Bald war daher das Vorgebirge in ziemlich weitem Bogen umſchifft und die Grille glitt nun ſüdlich davon in leidlich ebenem Waſſer der Stelle zu, wo der Bakewitzer Hof lag, den ſie Alle genau kannten, ſo wie die Fahrſtraße, auf der man ſich zwiſchen den Baaken durch zu Lande bewegen mußte. Als das Ufer nun ſichtbar immer näher trat, ge⸗ 1 bot Waldemar, die Riemen ſo leiſe wie möglich zu handhaben, und die Uebrigen ſtanden, um einen beſſe⸗ ren Ueberblick zu gewinnen, aufrecht im Boote und ſchauten mit der ſchärfſten Aufmerkſamkeit nach dem Lande, ob ſich nicht irgend wo ein bedenkliches Geräuſch hören oder irgend ein verdächtiger Gegenſtand blicken ließe. Alles aber war ſtill in der lautloſen Nacht 219 und nur bisweilen noch ſtrich ein ächzender Windſtoß, der vergeblich ſeine Vorgänger einzuholen ſuchte, durch die Lüfte, um in den fernen Wäldern zu erſterben, de⸗ nen er zunächſt auf ſeinem Wege begegnete. Es war längſt Mitternacht vorbei, das abgelegene Bakewitz war von den Franzoſen oder ihren Helfershelfern vor Kurzem nicht beſetzt geweſen, wer ſollte alſo wohl die Flüchtlinge hindern, das Land zu betreten und ihren Durſt zu ſtillen, der mit der Zeit eine peinliche Höhe erreicht hatte. „Fahrt ſo geräuſchlos wie möglich,“ flüſterte Wal⸗ demar den beiden Ruderern in der Spitze des Bookes zu, die es allein noch bewegten,„damit wir keinen Schläfer, nicht einmal einen Hund wecken. Doch das haben wir kaum zu befürchten. Die Hunde wenig⸗ ſtens liegen innerhalb des Gehöfts und wir betreten nur den Garten, der nach der See hin liegt. Wer geht zunächſt an das Land, denn Zweie wenigſtens müſſen doch das Boot hüten?“ „Laßt mich einen Rath geben,“ nahm der beſon⸗ nene Pieſing das Wort.„Geht Ihr ſelbſt, Herr Gran⸗ zow, mit dem Grafen an's Land und mein Bruder kann Euch begleiten. Habt Ihr getrunken, ſo füllt Ihr die Flaſchen und kommt dann zurück und bleibt im Boot, bis auch Jochen, Gingſt und ich unſern Durſt gelöſcht haben.“ „Ja,“ ſagte Magnus, beinahe taumelnd vor Er⸗ ſchöpfung,„laßt mich diesmal der Erſte ſein. Wenn ich getrunken habe, will ich Euch vom Rudern ablö⸗ ſen, meinetwegen über den ganzen Meeresarm fort, denn wenn mein Durſt gelöſcht iſt, werde ich die Kräfte eines Rieſen haben, ich fühle es.“ „Gemach, das wird ſich finden!“ flüſterte Walde⸗ mar.„Jetzt ſetze Dich, Magnus; noch ſind wir nicht ſo weit. Du ſollſt am Lande der Erſte ſein, der mir folgt, denn ich muß Euch führen, da Ihr nicht ſo gut wie ich die Lage der Quelle kennt.“ Langſam ſtrich die Grille auf das Land zu, bis man, um alles Geräuſch zu meiden, zu rudern auf⸗ hörte und ſich durch Bootshaken zu Lande half. Aber Magnus befolgte Waldemar's Rath nicht, ſondern blieb ſtehen, indem er ſich am Maſt feſthielt, denn das Ver⸗ langen, feſten Grund zu betreten und nur das Mur⸗ meln der Quelle zu hören, war der einzige Trieb, der ihn jetzt beſeelte. „Können wir bis dicht an den Strand heran?“ fragte Pieſing den hier bekannteren Granzow. Ja, nur vorwärts! Zwiſchen dem Schilf vor uns a ligt ein Balken am Lande in einer kleinen Bucht, 221 da laufen wir ein und an. Gebt mir'mal das Steuer. So!“ 4 Man war dem Ufer immer näher und endlich ganz nahe gekommen. Schon ſtrich die Grille an dem Schilfe vorbei und bewegte einige hochragende Büſchel deſſelben. Endlich ſtieß ſie mit ihrem Vor⸗ derſteven auf den Grund und nur auf ihrem ſcharfen Kiele ruhend, ſchwankte ſie hin und her, als zittere und ſchüttele ſie ſich ob der überſtandenen langen Anſtrengung. „Pſt!“ flüſterte Waldemar,„laßt mich voran. Still! Iſt Alles ruhig vor uns?“ „Ja, ja,“ liſpelte Magnus,„nur vorwärts!“ „Habt Ihr auch die Flaſchen?“ rief ihnen Pieſing leiſe nach, während ſein Bruder ſchon den beiden Freunden dicht auf dem Fuße folgte und hinter ih⸗ nen auf dem ſtarken Balken her dem Ufer zuſchritt. „Ja, ja,“ tönte es zurück und die drei Männer entſchwanden bald im Schatten der Nacht den Augen des älteren Pieſing, Gingſt's und Jochen's, die alle Drei ſie mit ihren beſten Wünſchen begleiteten. Waldemar ſchritt vorſichtig den ihm Folgenden voran. Er betrat mit eigenthümlicher Gemüthsbe⸗ wegung den kleinen Garten, den Hille hatte herſtellen helfen, und dann den freundlichen Platz unter den 222 Nußbäumen, wo er vor acht Wochen ſo harmlos mit ihr auf der Bank geſeſſen und ihr ſeine jüngſten Er⸗ lebniſſe erzählt hatte. Aber er hielt ſich nicht lange mit ſeinen Gedanken dabei auf, es war keine Zeit zu verſäumen. Eben ſo raſch wie geräuſchlos durch⸗ ſchritt er den Garten, wandte ſich dann zur Linken von dem Gehöfte ab, wo der Boden ſich bald wieder etwas hob, und erreichte einen glatten Raſenfleck, der zum Bleichen der Wäſche benutzt wurde. Nachdem er auch ihn überſchritten, gelangte er an eine Ver⸗ tiefung des Bodens, die mit einem bretternen Ver⸗ ſchlage umgeben war, um das Vieh abzuhalten, die darin ſprudelnde Quelle, eine der wenigen auf ganz Rügen, zu verunreinigen. Er wußte, wie der an der kleinen Thür befeſtigte Riegel zu öffnen war, und ſo ſtand dieſelbe bald auf. Als er in den inneren Raum getreten war, hörte er ſchon das Murmeln des fri⸗ ſchen Waſſers, das aus einem gehölten Baumſtamm, den man horizontal in den Boden getrieben, hervor⸗ 1 ſprudelte. „Hier iſt Waſſer, Magnus, da, labe Dich, aber trinke langſam, es iſt kalt.“ Magnus hatte ſich niedergebückt und fing ſchon mit den hohlen Händen das plätſchernde Waſſer auf. Während er daraus trank, füllte Waldemar raſch 223 eine Flaſche und reichte ſie zuerſt dem jüngeren Pie⸗ ſing, der beſcheiden hinter den Beiden ſtehen geblieben war. Dann, ſobald ihn Magnus wieder heranließ, füllte er die zweite und trank ſie langſam leer, wo⸗ rauf er ſie noch einmal voll laufen ließ und ſeinem Freunde reichte, der gar nicht ſatt werden konnte. Die Pauſen füllten ſie damit aus, daß ſie ſich die Geſichter wuſchen, eine Erfriſchung, die ihnen ein au⸗ ßerordentliches Labſal gewährte. „Nun,“ ſagte Waldemar freudig bewegt zu Mag⸗ nus,„habe ich Dir Wort gehalten und Dich zur Quelle geführt?“ „Ja, ich danke Dir, aber ich bin noch nicht halb ſatt.“ 3 „So trinke nur zu, die Quelle giebt Waſſer genug.“ Während Magnus widerholt trank,“ füllten die beiden Anderen ſämmtliche Flaſchen und Kruken, die ſie in einem Korbe bei ſich trugen, wobei ſie jegliches Geräuſch zu vermeiden ſuchten. Endlich hatten ſie ſich Alle geſättigt und auch die Flaſchen verſehen, ſelbſt Magnus fühlte keinen Durſt mehr und gab ſeine Befriedigung durch laute Erleichterungsſeufzer zu erkennen. „Seid Ihr fertig?“ fragte Waldemar.„Gut, ſo laßt uns aufbrechen und zu dem Boot zurückkehren, 224 damit ich auch die Anderen herführe, ſie werden uns ſchon lange mit Sehnſucht erwarten.“ „Ja,“ ſagte Magnus,„ich bin fertig und mein Durſt iſt völlig gelöſcht. Ich bin wie neu geboren und fühle mich jetzt jeder neuen Gefahr gewachſen.“ Waldemar trat zuerſt aus der Umzäunung in das Freie zurück und wollte eben dem Raſenplatze zuſchrei⸗ ten, als er einige dunkle Schatten über denſelben ſich ihm entgegen bewegen ſah. Zuerſt dachte er, es wäre Pieſing mit ſeinen Gefährten, die der Durſt und die Ungeduld herbeigeführt, aber bald ſollte er eines Anderen belehrt werden, denn das Raſſeln von Waffen ſchreckte ihn aus ſeinen behaglichen Gedanken auf und augenblicklich waren ſowohl er wie ſeine Ge⸗ fährten von einer ſo großen Menge ſchwer bewaffne⸗ ter Soldaten umringt, daß jeder Widerſtand vergeb⸗ lich geweſen, wenn er verſucht worden wäre. Plötzlich hielt ihm Jemand eine bisher verborgen gehaltene Laterne vor'’s Geſicht und eine Stimme fragte in einem Deutſch, das ſeine ſüdliche Abſtam⸗ mung nicht verläugnen konnte:„Halt, wer da? Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr hier?“ „Wir haben getrunken,“ erwiderte Waldemar, der augenblicklich ſeine Faſſung wiederfand,„und daran werden Sie uns hoffentlich nicht hindern wollen.“ „Aber wer ſind Sie?“ „Wir ſind Deutſche, das hören Sie, wie ich es Ihnen anhöre, daß Sie einer ſind.“ „Antworten Sie bündig, mein Herr; ich bin ein Kai⸗ ſerlicher Officier, wie Sie ſehen, und habe das Recht, Sie zu fragen. Wo kommen Sie her?“ *„Von Schweden, und hier ſind wir nur einen Augenblick gelandet, um unſern Durſt zu löſchen.“ „Von Schweden? Das thut mir leid— wir führen mit Schweden Krieg, kein Schwede darf hier landen und ſo ſind Sie meine Gefangenen. Geſchwind, faßt ſie und bindet ſie!“ Dieſer Befehl wurde mit einer Schnelligkeit voll⸗ ſtreckt, die bewies, daß er lange vorbereitet war. Man hatte das Boot ſchon von der Göhren'ſchen Küſte aus bemerkt und es bis Bakewitz am Strande verfolgt. Alsbald war der Verdacht rege geworden, daß es die auf ganz Rügen in dieſen Tagen geſuchten Flücht⸗ linge trage, und eine ſtarke Mannſchaft war aufgebo⸗ ten worden, den herrlichen Fang zu vollführen, der nun wahrſcheinlich ſo über alle Erwartung geglückt war. Magnus, Waldemar und der jüngere Pieſing wurden an Händen und Füßen ſo feſt gebunden, daß ſie erſtre gar nicht, letztere nur zu mäßigen Schritten 4 Der Strandvogt. III. 15 226 bewegen konnten. Von einem Dutzend bärtiger Scharf⸗ ſchützen umgeben, ſtanden jetzt die Flüchtlinge mit klopfenden Herzen da und blickten zwar bewegten Ge⸗ müths, aber mit ruhiger Ergebung ihr Schickſal er⸗ tragend, da ſie ſich nicht anders helfen konnten, ihre ſiegreichen Feinde an. „Jetzt folgen Sie mir, meine Herren,“ ſagte der Officier, indem er einen Blick der Befriedigung auf den Grafen Brahe und Waldemar Granzow fallen ließ, die er nach ihrem überall hin verbreiteten Sig⸗ nalement wohl ſchon erkannt haben mochte. Er ſelbſt ſchritt dem Zuge voran und auf das Gehöft zu, während ſeine Leute die drei Opfer umgaben, die ge⸗ gen alle Erwartung an einem Orte gefangen worden waren, wo ſie ſich nur eine ſo nothwendige Labung verſprochen hatten. Während ſie aber den Raſenplatz überſchritten, kehrte Waldemar die volle Beſinnung und das Be⸗ wußtſein der Gegenwart zurück. An ſeine Gefährten im Boote denkend, von denen namentlich Pieſing Vater einer zahlreichen Familie war, faßte er einen heroiſchen Entſchluß. Er blieb einen Augenblick ſte⸗ hen, wandte ſein Geſicht nach der See und rief mit weithin ſchallender Stimme:„Landsleute!— Ver⸗ rath!— Wir ſind gefangen!— Stoßt ab!“ 227 „Ha!“ ſchrie der Officier,„Sie haben noch ſo viel Courage? Ich habe meine Pflicht alſo noch nicht vollſtändig erfüllt. Raſch, ſtopft ihnen den Mund, Leute, und legt ihnen das Gebiß eines widerſpänſtigen Hengſtes an.“ Auch dieſer Befehl ward ſogleich vollſtreckt und nachdem man allen Dreien einen Knebel vor den Mund gelegt, führte man ſie in das Gehöft und hier wurde wenigſtens Waldemar ſehr bald von einem dummen Knecht als der geſuchte Seemann recognos⸗ cirt, worauf man in weniger als einer Viertelſtunde einen Strohwagen kommen ließ und die Gefangenen darauf ſetzte, um ſie, wohl gefeſſelt und von einem Schwarme bewaffneter Soldaten umgeben, landein⸗ wärts zu fahren und den ihrer harrenden Gericten zu überliefern. „Ach,“ dachte Waldemar, als er ſich in ſeinen Banden außer Stande ſah, auch nur ein Wort zu ſeinen Unglücksgefährten zu reden,„meine Gedanken wenigſtens ſind mir, Gott ſei Dank! geblieben. So bin ich alſo Gefangener und Magnus Brahe, der Erbe von Spyker auch. Man führt uns nach Bergen, ich erkenne es wohl. Dort werden Franzoſen über uns zu Gericht ſitzen und was ſie über uns urtheilen, weiß ich voraus. Doch wer kann gegen das Schick⸗ 15* 228 ſal ſtreiten, das uns auf Erden verfolgt? Magnus hat doch nicht ganz Unrecht gehabt. Aber daß ich gerade auf Hille's Grund und Boden und noch dazu von deutſchen Soldaten, die meine Brüder im ehr⸗ lichen Kampfe gegen den fremdländiſchen Unterdrücker ſein ſollten, gefangen und gefeſſelt bin, das frißt mir am meiſten am Herzen, denn das hatte ich am we⸗ nigſten erwartet.“ Siebentes Anpitel. Im Gefaͤngniß. Wie Lauffeuer hatte ſich am nächſten Morgen in Bergen, und einen Tag ſpäter auf ganz Rügen die Kunde verbreitet, die von franzöſiſcher Seite als Hochverräther, Spione und Aufrührer bezeichneten Rügianer, Graf Brahe und Waldemar Granzow, ſeien nun endlich nach langem Suchen wirklich gefan⸗ gen und in das Stadtgefängniß zu Bergen a führt, eine Kunde, die das ganze Land, namen aber die Verwandten und Freunde derſelben i tiefſte Betrübniß verſetzte. Vom frühen Morgen drängte ſich die Bevölkerung der kleinen Bergſtadt dem Markt⸗ platze zu, um wenigſtens das Haus zu betrachten, in welches man die beiden Männer gebracht hatte, und von dieſem oder jenem Wächter ſich ihr Ausſehn, ihre Miene, ihr Benehmen ſo genau wie möglich beſchrei⸗ 4 230 ben zu laſſen. Auf allen Geſichtern prägte ſich da⸗ bei die innigſte Theilnahme aus und man hörte hie und da die etwas unvorſichtige laute Aeußerung: es ſei ſchändlich von den Franzoſen, zwei ſo ehrenwerthe Männer wegen Handlungen und Geſinnungen gefan⸗ gen zu ſetzen, die ihrem ganzen Lande zur Ehre ge⸗ reichten; man könne und dürfe nicht dulden, daß man ſie von Rügen wegführe, um ſie aus dem Le⸗ ben zu ſchaffen, man müſſe ſogar Alles aufbieten, um ſie in Freiheit zu ſetzen und ein für alle Mal ih⸗ ten Peinigern bis auf beſſere Zeiten zu entziehen, die ja nicht lange mehr ausbleiben könnten. Ob dieſe Reden nur obenhin geſprochen waren oder ob ſich dahinter ein nachhaltiger Wille und küh⸗ ner Thatendrang verbarg, wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen, genug, das ganze Volk auf Rügen nahm i Augenblick den herzlichſten Antheil am Schick⸗ er und ſie konnten überzeugt ſein, daß, wenn ne Gelegenheit zur Flucht böte, Niemand in ganzen Heimatlande ſei, der ſie nicht mit Auf⸗ opferung ſeines Gutes, ja ſeines Lebens zu ſchützen und zu verbergen bereit ſein werde. Im Gegenſatz zu dieſen öffentlichen und geheimen Kundgebungen des innigſten Bedauerns und der herz⸗ lichſten Thellnahme der Bewohner von Rügen jubel⸗ 4 231 ten die Franzoſen über alle Gebühr, daß man nun endlich der lange geſuchten Staatsverbrecher habhaft geworden ſei, und man pries bis in den Himmel die franzöſiſche Macht und Umſicht, die kein Vergehen ge⸗ gen ihre Autorität ungeſtraft laſſe und die auch in dieſen Landen von ſo guten Händen bedient ſei, daß es ihr trotz aller Schlupfwinkel in dem vermaledeiten Lande gelungen, zwei ſo bösartige und allgemeinge⸗ fährliche Individuen mitten aus ihren zahlreichen Ver⸗ bindungen aufzuheben und zur endlichen Mechenſchaft zu ziehen. Aber man war über dergleichen laute und krän⸗ kende Aeußerungen eines ſich ſelbſt überhebenden Vol⸗ kes nicht mehr verwundert, denn in allen Ländern, wo ſich die Feinde von jenſeits des Rheines feſtgeſetzt hatten, hörte man daſſelbe Frohlocken und das Aus⸗ poſaunen ihres eigenen Ruhmes. Geberdeten ſie ſich doch überall als Herren der Welt, die ſich jedes Thun erlauben und nach ihrem neu erſchaffenen Geſetz von Kaiſers Gnaden Völker unterjochen und Männer rich⸗ ten konnten, die bei ihrem edlen Widerſtande gegen das auserwählte Volk der Neuzeit nur das Wohl ih⸗ res Vaterlands vor Augen gehabt und, ſei es durch That, Worte oder Schrift, ſich bemüht hatten, dem gewaltigen Napoleon den Ruhm zu ſchmälern, den 232 er und ſeine Organe mit überſchwenglichem Selbſt⸗ lobe durch die ganze Welt trompeteten. Auch war man des franzöſiſchen Dünkels nur zu ſehr gewohnt, womit ſie jeden kleinen Sieg, den ſie errungen, als eine glorreiche Heldenthat lobprieſen und, wenn ſie auch nur ein paar Männer in Banden gelegt, wie von einer großen Schlacht ſprachen, die ſie zu Gun⸗ ſten der von ihren Fürſten geknechteten Menſchheit er⸗ rungen hatten. Dieſe Menſchheit aber zu beglücken, hielten ſie für ihre einzige Miſſion auf Erden, und was konnte wohl mehr dazu geeignet ſein, dieſen er⸗ habenen Zweck zu erreichen, als die Glorie und Sie⸗ geskraft der großen Nation, die bereits die ganze ci⸗ viliſirte Welt in zitternde Bewegung geſetzt, alle übrige Macht in Frage geſtellt und außerdem eine Zu⸗ kunft heraufzuführen verſprach, gegen die das ehema⸗ lige Paradies des erſten Menſchenpaars nur eine arm⸗ ſelige Chimäre war.— Einer der Erſten, der, nachdem die Kunde des gro⸗ ßen Ereigniſſes jener Gefangennehmung laut gewor⸗ den, nach Bergen kam, um ſich mit eigenen Augen die Gewißheit der Wahrheit zu verſchaffen und we⸗ nigſtens von der Identität des gefährlichen Granzow zu überzeugen, war der Capitain Caillard aus Spy⸗ ker, deſſen Bemühungen man zum großen Theil die — ¼ Auffriſchung der Verdächtigung jener beiden Perſonen verdankte. Er war gleich nach der Flucht Magnus Brahe's und ſeines Freundes aus Spyker nach Stral⸗ ſund geritten, hatte dort die Meldung von allem Vor⸗ gefallenen abgeſtattet und dabei die Allgemeingefähr⸗ lichkeit der Beiden ſo ſehr übertrieben, daß man alle möglichen Mittel aufzubieten für nöthig hielt, um ſich derſelben zu bemächtigen und ſie ein für alle Mal unſchädlich zu machen. Dem überaus thätigen Werkzeuge der franzöſiſchen Spionage war, falls ihm die Ergreifung der Uebel⸗ thäter gelang, ein höherer Rang in ſeinem Regimente verheißen, und ſo hatte er ſich ſchon aus Eigennutz alle erdenkliche Mühe gegeben, das große Werk möglichſt zu fördern. Jetzt erſchien er im Gefängniß zu Bergen und ließ ſich Waldemar Granzow vorſtellen. Als er ihn ſah und erkannte, überhäufte er ihn mit Schmähreden, als hätte er auch gegen ſeine geheiligte Perſon einen Hochverrath begangen, und indem er himmliſche und irdiſche Strafen androhte, verhieß er dafür zu ſorgen, daß der Henker ſo bald wie möglich Arbeit an ihm finden ſolle. Waldemar würdigte ihn kaum eines Blicks, als er bei ihm eintrat, noch weniger aber ließ er ihm * 234 auf ſeine ſtrafloſen Herausforderungen eine Antwort zu Theil werden. Vollſtändig mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, die ſich zunächſt auf eine abermalige Flucht bezogen, hörte er kaum, was der zungenfertige Fran⸗ zoſe zu ihm ſagte, und that gar nicht, als ob er der Mann ſei, um den Jener ſich ereiferte. So geſchah es denn, daß Monsieur de Caillard immer mehr gegen den jungen Mann erbittert wurde, der ihm in Wahrheit mit ſeiner ruhigen Miene im⸗ ponirte; endlich aber, da er ihn zu keiner Erwiderung bewegen konnte, verließ er ihn, ſchnaubend vor Wuth und mit laut ausgeſtoßenen Rachedrohungen, die ſich am wenigſten für einen ruhmvollen Krieger ziemten, der, wie er, im Glücke ſaß und ſeinem gefangenen und gedemüthigten Feinde als Sieger gegenüberſtand. Doch, begeben wir uns ſelbſt noch einmal nach der kleinen Bergſtadt und ſehen wir, wie und wo man unſre Freunde, an deren Schickſal wir ſelbſt den herz⸗ lichſten Antheil nehmen, untergebracht hatte. Nachdem man von franzöſiſcher Seite alle öffent⸗ lichen Gebäude der Stadt, als Kirchen, Amthäuſer, Schulen und dergleichen in Beſchlag genommen und in Heu⸗und Strohmagazine, franzöſiſche Gerichtsſtuben und Kaſernen der Soldaten umgewandelt, vor allen Dingen aber den mit herrlichen Weinen gefüllten Kel⸗ ler im Rathhauſe, den der Rathskellermeiſter für eine jährliche Abgabe gepachtet, unter Oberaufſicht genom⸗ men hatte, blieb ihnen zur Aufbewahrung ihrer Ge⸗ fangenen nur das kleine hinter dem Rathhauſe gele⸗ gene Stadtgefängniß übrig, das nie in dem Ruf Meines ſehr ſicheren und feſten Verſchluſſes geſtanden hatte, gegenwärtig aber von den Franzoſen ſelbſt nach ihrem Bedürfniß vervollkommnet worden war. In dieſem winzigen Hauſe befanden ſich nur vier kleine Gemächer, in denen man Gefangene unterbringen konnte und außerdem wohnte noch der Schließer darin, der Kerkermeiſter, Profoß und öffentlicher Ausrufer in einer Perſon war, aber in jenen Zeiten ein franzöſiſche Wache als Beigabe erhalten hatte, um ſeinem Poſten mit größerem Nachdrucke vorſtehen zu können. Da man aber dieſem Kerkermeiſter nicht übermäßig traute, ſo unterſagte man es ihm, allein zu ſeinen Gefange⸗ nen zu gehen, und ſtets war er daher, wenn ihn eine Verrichtung zu denſelben führte, von zwei Soldaten begleitet, von denen einer vor der Thür Wache hielt, der andere aber ihm bis in das Gefangenenzimmer ſelbſt folgen mußte. Außerdem war auf jeder Seite des Hauſes ein Poſten aufgeſtellt, der Tag und Nacht die kleinen Fenſter im Auge behielt, die man überdieß noch mit eiſernen Stangen verſehn hatte, ſo daß alſo ein gewöhnlicher Ausbruch ſo leicht nicht zu befürchten ſtand. Magnus Brahe bewohnte das Eckzimmer der öſt⸗ lichen und Waldemar Granzow das der weſtlichen Seite. Die beiden Mittelzimmer waren von gewöhn⸗ lichen Uebelthätern beſetzt, mit denen jedoch von den Seiten her keine Verbindung möglich war. Zur Ver⸗ zierung des engen Raumes diente nur ein Strohſack mit einer wollenen Decke, ein erbärmlicher wackliger Tiſch und ein Schemel, ſchließlich aber noch ein gro⸗ ßer und ſchwerer Klotz, an welchen man mittelſt einer eiſernen Kette die Hauptverbrecher anzuſchließen für nothwendig befunden hatte. Magnus Brahe, den wir zuerſt beſuchen, befand ſich in einem merkwürdigen Zuſtande, den ſchwerlich Jemand, der das menſchliche Herz und den räthſelhafe⸗ ten menſchlichen Geiſt nicht kennt, wird begreifen kön- nen. Er war weder traurig, noch niedergeſchlagen, weder hoffnungsvoll, noch hoffnungslos, er war mit einem Wort vollkommen ergeben in ſein Schickſal, wie nur der es ſein kann, der den Schlag deſſelben vor⸗ hergeſehn hat und ſeit langer Zeit darauf vorbereitet geweſen iſt. Hundertmal ſchon hatte er ſich geſagt: „Ich wußte, daß es ſo kommen würde, und nun iſt es gekommen, alſo warum ſoll ich klagen und mur⸗ 237 ren? Meine Lebensuhr iſt abgelaufen, und ſo nutzt es nichts, ſie mit neuen Hoffnungsgedanken wieder aufziehen und zu ihrem trägen Gange in Bewegung ſetzen zu wollen. Ich habe es Waldemar ja geſagt, geh und rette Dich allein; bleibſt Du bei mir, ſo biſt Du verloren, und nun hat ſich's erfüllt und er theilt mit mir das Schickſal, dem ich nicht entrinnen konnte. O Stern in meiner Bruſt, wie hat Dein Verlöſchen mir ſo richtig meine Zukunft enthüllt! Ja, ich weiß es, ich ſehe es, alle meine trüben Gedanken der frü⸗ heren Zeit waren gerechtfertigt, meine Jugendahnung von einem früh mich ereilenden herben Geſchick war der lang hinſummende Vorklang meiner Sterbeſtunde und nun iſt nichts mehr auf der Welt, was mich meinem Untergange entreißen wird.“ Mit dieſem düſtern Gedanken beſchäftigte er ſich Tag und Nacht, wenn er nicht ſchlief, und ſo nahm ſein Aeu⸗ ßeres das trübe Spiegelbild ſeines Innern an; er ſah aus wie Jemand, der das friſche Leben hinter ſich und nur die Schauer des Grabes vor ſich, der alle Hoffnungen abgeſträfft und ſich allein dem finſteren Verhängniß überlaſſen hat, deſſen Fittige er ſchon in dumpfer Ergebung vor ſeinen Ohren rauſchen hört. Nur einen Wunſch noch hegte er, der ſich auf dieſe Welt bezog, und das war der, an alle ſeine Lieben, zu ſchreiben, für ſeinen in Schweden lebenden Vater ſein Vermächtniß aufzuſetzen und Abſchied zu nehmen von Allen, die ihm in dieſem Leben nahe getreten waren. Dieſer eine Wunſch aber ſollte ihm vor der Hand nicht erfüllt werden, denn er beſaß nichts, wo⸗ mit oder worauf er ſchreiben konnte, da man ihm Alles, was er am Leibe getragen, als er die Grille verließ, ſein Geld, ſeine Brieftaſche, ſeinen kleinen Dolch und ſogar ſeinen Siegelring abgenommen hatte. Ganz das Gegentheil von ihm, wie immer im Leben und Wirken, zeigte ſich Waldemar Granzow. Er ſaß auch ſtill auf dem dumpfigen Strohſack, mit gefeſſelten Füßen an ſeinen Klotz gekettet, aber in ſei⸗ nem Kopfe raſteten die Gedanken keinen Augenblick und in ſeinem fruchtbaren Geiſte ſammelte er alle Fähigkeiten, um etwas zu erdenken, was ihn dem ge⸗ genwärtigen Mißgeſchick entreißen könne. Und wun⸗ derbar, ganz im Gegenſatze mit ſeinem armen Freunde, war ihm das Leben da draußen nie ſo ſchön, ſo friſch, ſo wonnig erſchienen und niemals hatte er größere Hoffnung gehegt, es nacſſeinmal mit vollen Zügen genießen zu können, als gerade jetzt. Aus ſeinen Kerkermauern hinaus drang dieſer Geiſt auf die wogende See, deren Brauſen und Fluthen er zu hören und zu ſehen glaubte, aus ſeiner Abgeſchloſſen⸗ 239 3 heit verſetzte er ſich in den munteren Kreis ſeiner Fa⸗ milie und vernahm ihr Lachen und ſah ihre Fröh⸗ lichkeit; wieder unter ihnen zu leben, das war ſein einziger Gedanke, und daß dieſer Gedanke noch ein⸗ mal zur Wirklichkeit werden würde, wußte er ſo be⸗ ſtimmt, wie Magnus das Gegentheil wußte. So war denn auch ſeine Miene nicht die eines Verlorenen, Verzweifelnden; heiter, hell, gleichſam ſtrahlend von Willen, Kraft und Hoffnung ſchaute ſein Auge friſch in das Leben hinein und dadurch wuchs ſeine Kraft und Hoffnung ſelbſt zum Rieſen empor, die ſich ſchon in dem kühnen Blicke verkündete, mit dem er jeden Eintretenden begrüßte, als erwarte er in ihm Denjenigen zu entdecken, der ihm die Frei⸗ . heit, das Leben und den Genuß derſelben entgegen⸗ brächte. Welche Stimmung der beiden jungen Männer die richtige war, ob ſich die Ergebung des Einen oder die Hoffnung des Anderen erfüllen ſollte, wird die Zukunft lehren. Gleich in den erſten Tagen nach ihrer Gefangen⸗ nahme begann man die jungen Männer in ihrem Kerker zu verhören, aber wenn man gehofft hatte, aus ihren Ausſagen würde ſich mit einiger Sicherheit auf eine verbrecheriſche Abſicht ſchließen laſſen und 240 ſie würden ſo Manches verrathen, was ihnen den Hals bräche, ſo hatte man ſich ſehr geirrt. Wie auf geheime Verabredung ſagten Beide daſſelbe aus, und was man auf dieſe Weiſe erfuhr, war durchaus nicht der Art, daß man darauf hätte den Prozeß einleiten und ſie verurtheilen könne. Sie waren in engliſchen und ſchwediſchen Dienſten geweſen, das läugneten ſie nicht, aber das allein konnte ſie nicht dem Henker überliefern, denn Tauſende hatten ihr Loos darin getheilt. Von Schweden waren ſie zu ihrer Be⸗ lehrung nach Deutſchland gegangen, hatten verſchie⸗ dene Hochſchulen beſucht und dabei verſchiedene Be⸗ kanntſchaften angeknüpft. Einen Verkehr mit Män⸗ nern, die ſich zum Untergange Napoleon's verſchworen, läugneten ſie ganz und leider waren keine hand⸗ greiflichen Beweiſe darüber vorhanden, die dieſe Annahme begründet und beſtätigt hätten. Von die⸗ ſem Punkte an aber gingen die Verhältniſſe Bei⸗ der aus einander. Waldemar gab vor, aus Sehn⸗ ſucht nach den Seinigen, die er ſo lange nicht ge⸗ ſehn, nach Rügen gekommen zu ſein und ſich da⸗ bei allerdings der Liſt bedient zu haben. Als ihm das geglückt, ſei er verfolgt worden und er habe ſich dieſer Verfolgung aus natürlichen Gründen mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln entzogen. Ein Un⸗ 241 ternehmen, gegen die franzöſiſche Herrſchaft im All⸗ gemeinen und gegen Napoleon insbeſondere gerich⸗ tet, lag dabei gar nicht vor. Es ſei zwar wahr, er ſei nach Stralſund gegangen, da er gehört, ſein Freund liege daſelbſt krank darnieder, auch habe er ihm beigeſtanden, ſein Vaterhaus zu erreichen, aber das ſei nur eine natürliche Folge ſeiner Neigung ge⸗ weſen und er würde in ſeinem eigenen Gewiſſen ſtraf⸗ würdig erſcheinen, wenn er anders gehandelt hätte. Magnus dagegen geſtand ein, ſich ſchon in Ber⸗ lin von Waldemar getrennt und die Straße nach Rü⸗ gen zu Lande gewählt zu haben, um verſchiedene Ver⸗ wandte an einigen Orten zu beſuchen. Zufällig ſei er mit Schill's Schaaren in Stralſund zuſammenge⸗ troffen und während des Kampfes daſelbſt nicht als Mitkämpfer, ſondern als Zuſchauer verwundet worden. Dieſe letzten Angaben waren die einzigen, die wenig Wahrſcheinlichkeit für ſich hatten und man glaubte ſie auch nicht; daher hielt man den Grafen Brahe für den Strafbareren von Beiden und das allgemeine Urtheil der in Bergen anweſenden Richter neigte ſich bedeutend zu Gunſten des Granzow hin. Nachdem dieſe Verhöre oft wiederholt worden wa⸗ ren und immer daſſelbe Reſultat ergeben hatten, ſchloß man vorläufig die Unterſuchung und Banichtet darü⸗ Der Strandvogt. III. 242 ber nach Stralſund. Sowohl die Gefangenen ſelbſt wie ihre Freunde in Bergen und auf ganz Rügen, nachdem ſie davon Kenntniß erhalten, waren nun der Meinung, man werde Erſtere abführen, in ein feſte⸗ res Gefängniß bringen oder nach Frankreich ſchaffen, wenn nicht gar erſchießen, aber nichts von dieſem Al⸗ len geſchah und lange Zeit ſollte vergehen, ehe man über die Urſache dieſes unerwartet glücklichen Aufſchubs in's Klare kam. Aus dieſem Aufſchube aber ſchloſſen alle Bethei⸗ ligten Verſchiedenes; was ſie aber auch meinen moch⸗ ten, ſo gab man ſich, da die Entſcheidung von Tage zu Tage ausblieb, allgemein einer begründeteren Hoff⸗ nung hin, das Schickſal, welches an einem ſeidenen Faden über den Gefangenen ſchwebe, werde ſich von ihnen abwenden laſſen und mit der Zeit würden ſich auch die Mittel finden, ſie den Händen der Franzo⸗ ſen zu entreißen. Waldemar war der Erſte von Allen, der über die geheimen Vorgänge, die ſeine Verurtheilung und Ab⸗ führung verzögerten, einen Aufſchluß erhalten ſollte, und zwar auf eine Weiſe, die er in dieſer Zeit am wenigſten vermuthet hatte. Unerwartet trat nämlich ein Mann auf die Bühne, den wir früher nur ober⸗ flächlich erwähnt und manche Leſer vielleicht ſchon — 66 ——— ganz aus dem Gedächtniß verloren haben, zu dem wir aber in unſrer Erzählung jetzt nothwendig zurück⸗ kehren müſſen. Von Stralſund her erſchien Ende Auguſts ein Beamter, der beauftragt war, die Verhandlungen in Bezug der beiden Gefangenen zu controliren, darüber an das Obergericht in Stralſund zu berichten und bei Beurtheilung der unaufgeklärten Thatſachen ſein eigenes Licht leuchten zu laſſen. Dieſer Sendbote, erſt neuerdings in ſeine jetzige Stellung berufen und ſeit⸗ her als Kriegspolizeiofficier den Truppen in Pommern und Rügen beigegeben, war ein rechtlicher, wiewohl ängſtlicher und auch nicht allzu begabter Mann, wie man ſie unter den Beamten ſeiner Kategorie ſehr häufig findet, aber dennoch war er ein wenig einge⸗ bildet auf ſeine perſönliche Klugheit und Gewandt⸗ heit und daher der Anſicht, eine Angelegenheit wie die des Grafen Brahe und Waldemar Granzow könne nur durch ſein eigenes Dazwiſchentreten aufgeklärt und zu einem erwünſchten Ziele gebracht werden. Glücklicher Weiſe war er außerdem ein ſehr ruhiger Mann und keineswegs zur Deutſchenfreſſerei geneigt, zwar Franzoſe von Geburt, jedoch bei Weitem nicht ſo verblendet wie die meiſten ſeiner Landsleute, die der Meinung waren und auch noch heutzutage ſind, 16* 1 244 ſie ſeien das erſte, gebildetſte, größte Volk der Welt, unter deſſen Schatten zu ruhen jedem mit andrer Zunge Redenden ſowohl zum Ruhme wie zur Befrie⸗ digung gereichen müſſe. Dieſer etwas eitle aber unter Umſtänden herzens⸗ gute Mann kam nun, wie geſagt, nach Bergen und las zuerſt die über die Gefangenen vorhandenen Acten durch, bevor er an die Arbeit mit ihnen ſelbſt ging. Als er damit zu Stande gekommen war, glaubte er die Einſicht gewonnen zu haben, daß nur eine humane Milde, nicht aber eine übertriebene Strenge zum Ziele führen könne, da die Verurtheilung von Männern, die wie dieſe nur allein in patriotiſcher Hingebung gehandelt, bei ihren Landsleuten das böſeſte Blut ma⸗ chen würde, und demgemäß ging er an das Werk. Zuerſt trat er bei Magnus Brahe ein, und als er die Erſchlaffung ſeines Geiſtes erkannte, die ſich ſchon in den trüben Augen und der apathiſchen Haltung des jungen Mannes ausſprach, befahl er, ihm ſofort die Feſſeln abzunehmen, da ſeiner Anſicht nach die äußere Bewachung hinreichend ſei, ihn von der allge⸗ mein befürchteten Flucht abzuhalten. Nachdem er beinah eine Stunde mit ihm hin und hergeſprochen und nichts weiter erforſcht hatte, als was die ſtrengeren Richter auch in Erfahrung gebracht, 245 hielt er ſich für überzeugt, einen größtentheils Unſchul⸗ digen vor ſich zu haben, und mit dieſer Ueberzeugung verließ er ihn, um zu dem zweiten Büßenden zu ge⸗ hen und dort ein Gleiches zu verſuchen. Allein, wer ihn auf dem kurzen Gange bemerkt hätte, der von Magnus zu Waldemar führte, würde ſich gewundert haben, ſeinen Schritt behutſamer und ſeine Miene be⸗ fangener werden zu ſehen, ohne ſogleich den Grund dieſes ſeltſamen Benehmens durchſchauen zu können. Schon eine geraume Zeit ſtand er vor der Thür des an Stand viel geringeren Gefangenen, und doch zögerte er noch immer, bei ihm einzutreten und ſein Verhör zu beginnen, als ob er eine gewiſſe Scheu empfände, ihm in das Antlitz zu blicken. Endlich, nachdem er ſich wiederholt geräuſpert, ließ er den ſchweren Riegel zurückſchieben, die Thür öffnen und trat dann langſam ein. Waldemar ſaß auf ſeinem Schemel, ſo dicht am Fenſter, wie es die kurze Kette des Blocks erlaubte, und folgte mit ſcharfem Blicke dem Zuge der Wolken, die ihre Richtung nach Oſten nahmen und dem Meere zuſtrebten, auf das ſeine ganze Sehnſucht gerichtet war. Er glaubte, ſein gewöhnlicher Kerkermeiſter trete ein und deshalb wandte er das Geſicht nicht ſogleich nach demſelben herum. Da aber fuhr er plötzlich aus 246 ſeinen Gedanken auf, denn ſein Ohr hatte eine fremde Stimme vernommen, die ihm gleichwohl einigerma⸗ ßen bekannt klang. Als er ſich umblickte, ergriff ihn ein ſeltſames Gefühl, gemiſcht aus Freude und Schaam, denn er ſah einen Mann vor ſich, der ihm ſchon ein⸗ mal auf ſeinen Wegen im Vaterlande innerhalb der letzten Monate begegnet war und dem er, obgleich er ihm einige kleine Dienſte erwieſen, doch einen nicht unerheblichen Streich geſpielt hatte. Eine Weile ließ er ſein kühnes Auge auf dem kleinen Mann mit dem ſüßlichen Geſichte und den feingeſchlitzten ſchwarzen Augen ruhen, dann aber konnte er ſich nicht enthal⸗ ten, den Namen deſſelben, gleichſam zum Beweiſe der Wiedererkennung, auszuſprechen. „Ach,“ ſagte er,„welche Ehre und welches Vergnü⸗ gen wird mir zu Theil! Ich freue mich, Mr. Dübois vor mir zu ſehen.“ „Diable!“ lautete die Antwort.„Alſo Sie ken⸗ nen mich wieder und ich habe wirklich die Freude, Herrn Georg Forſt, den Neffen des Herrn von Bage⸗ witz auf Hiddens⸗Oee, zu begrüßen?“ „Oder lieber Waldemar Granzow, denn das bin ich in der That, wie Sie ohne Zweifel ſchon wiſſen werden.“ „Ja, junger Mann ich weiß es, und es hut ni 3 247 leid, daß Sie mir das damals nicht gleich geſagt haben, Sie hätten uns Beiden viele Mühe und Umſchweife damit erſpart.“ Waldemar lächelte trotz ſeiner Ketten, denn das ehrliche Geſicht des alten Bekannten zeigte ihm genü⸗ gend, mit welchem wohlwollenden Manne er es zu thun hatte.„So denken Sie,“ erwiderte er,„aber ich denke anders. Denn wie es Ihre Pflicht war, Waldemar Granzow zu ſuchen, ſo war es meine Pflicht, mich vor Ihnen zu verbergen, und Sie ſelbſt ſind eigentlich daran ſchuld, daß ich hier gefangen ſitze, obgleich ich es Ihnen nicht nachtragen will und mich aufrichtig freue, Sie wiederzuſehen.“ „Ich,“ rief der kleine Mann erſtaunt aus,„ich ſoll daran ſchuld ſein? Beliebt es Ihnen vielleicht, mir die Beweiſe dieſer mir etwas ſehr unklaren Schuld auseinanderzuſetzen?“ „Sehr gern. Sie ſelbſt, verehrter Herr, brachten mich auf den abenteuerlichen Gedanken, in Spyker mich für einen Anderen auszugeben, als der ich war, indem Sie mir ein Schreiben dahin mitgaben und mich baten, es dem Capitain Caillard einzuhändigen, ein Schreiben, worin Sie mich ihm als Georg Forſt empfahlen, der Ihnen das Leben gerettet hatte— we⸗ 248 nigſtens ſagten Sie das damals wiederholt, obgleich ich ſelbſt mich deſſen nicht rühmen will.“ Der kaiſerliche Beamte ſtand wie vernichtet vor ſeinem Inculpaten. Die eben vernommene Ausein⸗ anderſetzung deſſelben, wenn ſie ihm auch nicht ganz einleuchtete, verwirrte ihn doch vollkommen und er be⸗ ſchuldigte ſich im Stillen ſelbſt der Theilnahme an einem Vergehen, das er nur mit dem beſten Willen von der Welt begangen hatte. Aber außer dieſem Gefühl bedrückte ihn in dieſem Augenblick noch ein anderes, nicht weniger zartes. Er fühlte ſich in der That noch immer dem kühnen Seemann zum Danke verpflichtet, der ihm, dem Aengſtlichen, in der Gefahr redlich zur Seite geſtanden und ihn mehrmals wieder auf feſten Grund und Boden gebracht, als er ſich ſelbſt ſchon dem Waſſertode verfallen geglaubt hatte. „Monsieur,“ ſagte er etwas kleinlaut und ſah mit einiger Schüchternheit in das blitzende Auge des jungen Mannes empor:„Sie haben Recht und Un⸗ recht, wie man es nehmen will; wenn ich daher ei⸗ nigermaßen in Ihrer Schuld bin, ſo will ich einen Theil derſelben zuerſt dadurch tilgen, daß ich Ihnen die Feſſeln abnehmen laſſe, die Sie meiner Anſicht nach lange genug getragen haben.“ 3 8 „Ach, mein Herr, wollen Sie mich in Freiheit ſetzen?“ fragte Waldemar freudig überraſcht. „Silence! So weit ſind wir noch lange nicht!“ Mit dieſen Worten ſchritt er zur Thür, rief einen Soldaten herein, der ſchon wartend auf dem Poſten ſtand, und befahl ihm, den Gefangenen vom Block loszulöſen. Als dies geſchehen war, ſetzte er ſich auf den Schemel und lächelte Waldemar freundlich an, der heftig ſeine ſchmerzenden Glieder rieb, die ſo lange die ſchwere Kette beläſtigt hatte. „Monsieur,“ fuhr Herr Dübois jetzt fort,„ſo viel habe ich für's Erſte für Sie thun können. Wir wol⸗ len ſehen, ob ich noch etwas Anderes zu thun im Stande bin. Erzählen Sie mir alſo aufrichtig⸗Ihre Geſchichte und laſſen Sie mich nur die Wahrheit hö⸗ ren. Je aufrichtiger Sie gegen mich ſind, um ſo eher werden Sie mich geneigt finden, zu Ihrem Beſten zu handeln, was glücklicher Weiſe, ich geſtehe es, jetzt in meiner Macht liegt.“ Waldemar brachte dieſelbe Erzählung vor, die er zu Protokoll gegeben hatte und die ihm jetzt ſchon ſehr geläufig war. Als er damit zu Stande gekom⸗ men, legte ihm ſein Inquirent noch einige Fragen vor, die ſo aufrichtig beantwortet wurden, wie es ge⸗ 250 men zu ziehen, das ihm ſchon eng genug um den Hals lag. „Hm!“ ſagte der kleine Dübois,„alſo das iſt Ihre Geſchichte! Sie ſtimmt vollkommen mit Dem überein, was ich ſchon von Ihnen weiß und giebt mir durchaus kein neues Licht. Können Sie mir noch ein anderes, helleres zu Theil werden laſſen?? „Das ich nicht wüßte, wenn Sie nicht geradezu wollen, daß ich Dinge eingeſtehe, die ich nicht began⸗ gen habe, und alſo ſelbſt zu meiner Verurtheilung beitrage, die meinen Richtern, wenn ſie gerecht und billig ſein wollen, nicht ſo leicht werden wird.“ „Gerecht und billig, ſagen Sie? Das iſt in ei⸗ nem Kriege, wie wir ihn führen, nicht immer mög⸗ lich und die Geſetze des Krieges, wiſſen Sie, ſind ſtrenger als die, welche im Frieden gehandhabt wer⸗ den. Jedoch, in Anbetracht unſrer früheren Bekannt⸗ ſchaft und der guten Meinung, welche Sie mir be⸗ reits eingeflößt, will ich nicht anſtehen, Ihnen einige Erleichterungen zu gewähren, die glücklicher Weiſe ausführbar ſein werden. Auch will ich Ihnen eröff⸗ 86 nen, daß Ihre Verurtheilung nicht ſo ſchnell erfolgen wird oder kann, als man noch vor einigen Tagen glaubte, da Umſtände eingetreten ſind, welche Ihre Hand⸗ lungsweiſe in einem milderen Lichte erſcheinen laſſen.“ — * 251 „Welche ſind das?“ fragie Waldemar erſtaumt und überaus freudig überraſcht. „Ruhig, mon cher, ſo weit ſind wir noch nicht Sie müſſen nicht zu viel auf einmal verlangen. Welche Erleichterungen, frage ich zunächſt, kann ich Ihnen in Ihrer jetzigen Lage gewähren?“ Waldemar ſah dem gutmüthigen Manne tief in di Seele hinein, und da er auf dem Grunde derſel⸗ ahrheit las, dachte er raſch und ſagte dann:„In Ven auf meine Perſon habe ich jetzt nur eine Bitte, in Bezug auf meinen kränklichen Freund aber, der mit mir in dieſer Gefangenſchaft ſchmachtet, hege ich den Wunſch, daß Sie ihm alles Das geſtatten mögen, was Sie mir ſelbſt jetzt anzutragen ſo gütig ſind.“ „Bon!“ rief der kleine Mann,„das iſt edelmüthig von Ihnen, aber nicht ſo leicht gethan wie geſagt. Ihr Freund iſt tiefer verwickelt als Sie, oder wiſſen Sie das nicht?“ „Nein, das weiß ich in der That nicht,“ erwiderte Waldemar mit feuriger Betheurung.„Was er gethan, habe auch ich gethan und ich verlange nur gleiche Be⸗ günſtigung oder gleiche Gerechtigkeit, wie ſie ihm zu il wird.“ Nonsieur ‚ je Vous admire!“ ſagte der Fran⸗ doſe wam.„Ich drücke Ihnen die Hand, obgleich 252 Sie mein Feind ſind. Ich werde ſehen, was ich thun kann. Was verlangen Sie für ſich ſelbſt?“ „Ich verlange nicht, aber ich bitte für mich, daß man mir erlaube, an meine Verwandten zu ſchreiben und ſie von meiner Lage zu unterrichten. Haben Sie Kinder, Herr Dübois?“ „Oui, Monsieur, zwei hoffnungsvolle Söhne und eine Tochter.“ 1 „So wiſſen Sie, wie man an Kindern hä Meine armen Eltern ſind ohne alle Nachricht v mir und ohne Zweifel härmen ſie ſich endlos um mich, denn ſie glauben mich gewiß in Lebensgefahr. Außerdem laſtet meinetwegen ein ſchweres Geſchick auf ihnen. Capitain Caillard hat ſie mit Einquar⸗ tierung belegt, deren Unterhaltung ihre Kräfte und Mittel überſteigt. Jetzt, wo ich in den Händen Ih⸗ rer Landsleute bin, iſt kein Grund mehr vorhanden, ſie fernerhin zu drücken, und wenn es in Ihrer Macht ſteht, ihnen zu helfen, ſo flehe ich Sie an, ſich ihrer zu erbarmen und ihnen auf ihre alten Tage ihre Lage zu erleichtern.“ Der Franzoſe ſenkte den Kopf, als überlege was bei ſich; im Grunde aber entwickelte ſich nem Herzen ein Kampf zwiſchen ſeiner Pflich ſeinen Gefühlen, der indeß bald zu Gunſten des 253 fangenen entſchieden wurde.„Mein Herr,“ ſagte er ernſt und nicht ohne Würde,„ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich Sie wegen Ihrer Theilnahme an dem Geſchick Ihres Freundes bewundere, jetzt ſage ich Ih⸗ nen, daß ich für Sie eine Art Sympathie fühle, die nahe an Freundſchaft gränzt. Wir Franzoſen ſind nicht alle Säbelhelden, es giebt unter uns auch Män⸗ ner, die ein Herz haben, und ich glaube, ich bin ein ſolcher. Wohlan denn, ich will auch dieſe Ihre Bitten erfüllen. Sie und Ihr Freund ſollen in den Stand geſetzt werden, zu ſchreiben, an Wen und Was Sie wollen, vorausgeſetzt, daß ich leſen kann, was Sie ſchreiben.“ Von Herzen gern, denn ich habe nichts Heimli⸗ ches in meinem Gemöthe.“ „Das glaube ich zu erkennen. Gut denn, ich er⸗ laube Ihnen und Ihrem Freunde das. Aber nun hören Sie auch meine Bedingung an.“ „Wie? Sie ſtellen eine Bedingung?“ „Das iſt nöthig, denn ich muß mich von Ih⸗ rer Seite ſicherſtellen, wenn ich meinerſeits meine Befugniß um etwas überſchreite. Wiſſen Sie was iParole Thonneur, ich meine, das Wort nes red⸗ hen Mannes iſt?“ 1 „Ja, Herr, das weiß ich, ſo wahr Gott lebt A 254 „So geben Sie mir das Ihrige, daß Sie bin⸗ nen heute und vier Monaten— vier Monate, ſage ich— nichts unternehmen wollen, was irgend wie eine Flucht aus dieſer Gefangenſchaft ausſieht.“ Waldemar ſtutzte unwillkürlich. Die mit Nach⸗ druck geſprochenen Worte:„binnen heute und vier Monaten“ ſchienen ihm einen gewiſſen nicht bedeu⸗ tungsloſen Sinn zu enthalten.„Warum ſagen Sie gerade vier Monatee“ fragte er. „Junger Mann,“ erwiderte Mr. Dübois mit ge⸗ rührter Stimme und trat etwas näher an ihn heran, „ich will aufrichtig gegen Sie ſein. Ihr Schickſal geht mir nahe. Sie haben mir einſt wohlgethan und vielleicht habe ich wirklich, wie Sie ſagen, dazu beigetragen, Sie in die Höhle des Löwen zu ſchicken. So wiſſen Sie denn, was noch aller Welt ein Ge⸗ heimniß iſt— darum dürfen Sie es auch keinem Ihrer Briefe anvertrauen— daß zwiſchen dem Kai⸗ ſer der Franzoſen und der Krone Schweden Friedens⸗ verhandlungen obſchweben, während deren Dauer Ihr Landesherr ſich ausbedungen hat, keine weiteren Feindſeligkeiten gegen ſein Land oder ſeine Untertha⸗- nen zu üben, ja ſelbſt die gefänglich Eingezogenen nicht außer Landes zu führen, bis der Friedensſchluß auch über ſie nilchieden hat.“ 255 Waldemar's Bruſt hob ſich vor wunderbarer Freude hoch auf. Sein Auge leuchtete noch heller als gewöhn⸗ lich und ſeine Miene nahm einen unausſprechlich glück⸗ lichen Ausdruck an. „Friede!“ ſagte er.„Alſo endlich! O meine Hoff⸗ nung erfüllt ſich, denn in meinem Herzen iſt Friede gleichbedeutend mit Freiheit. Bis zu welchem Termin ſoll ich mein Ehrenwort geben?“ „Bis zum erſten Tage des nächſten Jahres.“ „Ich gebe es, da haben Sie es. Aber— halt! Darf mein Mitgefangener nichts davon erfahren?“ „Nein, unter keinen Umſtänden, ihn kenne ich nicht wie Sie.“ „Aber ich bürge für ihn.“ „Ich kann Ihre Bürgſchaft leider nicht annehmen.“ „So werden Sie ihm wenigſtens ein paar Worte von mir ſagen, womit ich ihn tröſten und ermuthigen kann?“ „Ja, das will ich und er muß auch ſein Ehren⸗ wort geben, in vier Monaten nicht entfliehen zu wol⸗ len, ſonſt nehme ich alle Erleichterungen zurück, die ich ihm Ihretwegen zugedacht habe.“ „Das wird er. Sie ſollen es ſogleich erfahren. Saben Sie ein Blatt Papier?“ r. 256 „Hier iſt eine Brieftafel— ſchreiben Sie Ihren Troſt darauf nieder.“ Waldemar ſetzte ſich haſtig an den kleinen Tiſch und ſchrieb in die Brieftafel des Franzoſen folgende Worte:„Magnus, ich grüße Dich! Habe Vertrauen, Muth und Hoffnung. Es iſt Ausſicht vorhanden, daß Alles gut endet. Du wirſt ſchreiben und thun können, was Du willſt, wenn Du dem Ueberbringer dieſes Dein Wort giebſt, bis zum erſten Januar nicht an die Flucht zu denken. Dein Waldemar.“ Der Franzoſe nahm das Blatt, las es und lä⸗ chelte dann.„O,“ ſagte er, als er es überflogen,„den⸗ ken kann er ſchon daran, nur nicht ſie ausführen. Aber es iſt gut ſo. Nun will ich mich zu ihm bege⸗ ben, und wenn er Ihren Rath befolgt und mir ſein Wort giebt, werde ich den andern Punkt mit Ihnen beſprechen.“ „Welchen anderen Punkt?“ „Die Ihre Eltern betreffende Bitte.“ „Hal! Ich danke Ihnen, gehen Sie und kommen Sie bald wieder.“ Der brave Mann verließ den Gefangenen und be⸗ gab ſich zum Grafen Brahe, dem er Waldemar's Schreiben zu leſen gab und darauf deſſen Ehrenwort empfing, wie ſein Freund die geſtellte Bedingung V 1— 5“ f߆——⅛· — v 3 8 257 einzugehen. Nach kurzer Zeit fand er ſich bei dieſem wieder ein und ſagte lächelnd:„Sie waren allerdings der Beiſtimmung Ihres Freundes gewiß, denn kaum hatte er Ihre Zeilen geleſen, ſo gab er mir ſein Wort und erhielt darauf die Erlaubniß, ſich mit Leſen und Schreiben zu beſchäftigen, ſo viel er wollte. Ich habe deshalb ſogleich den Befehl ertheilt, ihn mit den da⸗ zu nöthigen Dingen zu verſehen.“ „Haben Sie ihm auch die Ketten abgenommen?“ „Er war ſchon vor Ihnen frei, denn ich ſehe nicht die Nothwendigkeit ein, einen Gefangenen, deſſen man ſo ſicher iſt, wie einen gemeinen Verbrecher zu be⸗ handeln.“ „Gott lohne es Ihnen! Nun aber wollten Sie mir etwas über die Art und Weiſe ſagen, wie Sie mit meinen Eltern verfahren werden.“ „Ha, ja! Gut, daß Sie darauf kommen. Schrei⸗ ben Sie heute noch einen Brief an ſie und geben Sie ihn mir, wenn ich Sie morgen wieder beſuche. Ich werde mir Alles genau überlegen und Ihnen meinen Entſchluß mittheilen.“ „So danke ich Ihnen von ganzem Herzen und bitte Sie nur um etwas Papier, Federn und Tinte.“ „Sie ſollen Alles erhalten, ich werde ſogleich einen Befehl dazu erlaſſen.“— Der Strandvogt. III. 17 4 4 3 258 Eine halbe Stunde ſpäter brachte der Kerkermei⸗ ſter, der ein alter hinfälliger und lebensmatter Mann war, das Verſprochene und Waldemar ſetzte ſich zu⸗ gleich mit ſeinem Freunde nieder, um an ſeine Ange⸗ hörigen zu ſchreiben. Er war aber ſchneller damit zu Ende als Jener, denn ſein Brief enthielt nur das Noth⸗ wendigſte, während Magnus einige Tage dazu ge⸗ brauchte, alle Gedanken, die ſich auf ſeinen ihm be⸗ ſtimmt vorſchwebenden Tod bezogen, zu Papiere zu bringen und demgemäß alle ſeine Verhältniſſe zu ord⸗ nen. Als er endlich damit fertig war, ſchloß er das Ganze in ein Couvert und bewahrte es ſorgſam in ſeiner Bruſttaſche auf, die Gelegenheit abwartend, wo er es irgend Jemandem anvertrauen konnte, der es ſicher in die Hände ſeines in Schweden lebenden Va⸗ ters brächte. Mr. Dübois dagegen hielt Wort und erſchien am nächſten Morgen frühzeitig bei Waldemar, um den beſprochenen Brief in Empfang zu nehmen. Nachdem er ihn geleſen, lächelte er auf ſeine gutmüthige Weiſe und ſagte:„Ich bin damit zufrieden; er enthält gerade das, was ihnen zu wiſſen nothwendig iſt. Nun gut, Sie ſollen bald Antwort haben, denn ich werde ſie ſelbſt beſuchen, da hier meine Pflicht für's Erſte erfüllt iſt.“ —„—— „Wie? Sie wollten ſelbſt nach Saſſenitz gehen und meine Eltern ſprechen?“ „Ja, mon ami, das will ich, denn das glaube ich Ihnen ſchuldig zu ſein. Habe ich aber dieſe Pflicht vollbracht, dann bin ich der Meinung, Ihnen meinen Dank mit baarer Münze abgetragen zu ha⸗ ben. Mir ſtehen jetzt gerade einige Tage zu Gebote und die will ich benutzen, meinen alten Freund Cail⸗ lard in Spyker zu beſuchen und ihm zu ſeinem Avan⸗ cement zu gratuliren.“ „Wio, hat er eine höhere Stufe beſtiegen?“ „Ja, mon cher, und Sie haben ihm wider Ih⸗ ren Willen dazu verholfen. Er iſt Major in ſeinem Regimente geworden und da er deshalb bei guter Laune ſein wird, denke ich ihn zu bewegen, daß er Ihrem Vater die läſtige Einquartirung abnimmt, die ohnedieß nicht mehr nöthig iſt, da Sie in ſicherem Verwahrſam ſind.“ „Mr. Dübois! Wie ſoll ich Ihnen danken? Ich kann Ihnen die Empfindungen meines Herzens nicht mit Worten ausdrücken.“ „Silence! Es iſt auch nicht nöthig. Sie haben mich an meine Kinder erinnert und das kam zur rechten Zeit. Ein Mann kann immer auch ein Menſch ſein, das ſchadet weder ſeinem Amte noch ſeiner Chre. 17* 260 Nun aber leben Sie wohl, in zwei bis drei Tagen ſe⸗ hen wir uns wieder.“ Lange hatte Waldemar nicht ſo glückliche Stun⸗ den verlebt, als im Verlaufe der beiden nächſten Tage. Er ſegnete ſein Geſchick, das ihn mit dem wackeren Manne zuſammengeführt, der jetzt der Bote ſeiner kindlichen Herzensergießungen geworden war und ſein Verſprechen ehrlich hielt, wie er es aus freien Stücken gegeben hatte. Mit welcher Wonne ſtand er jetzt an dem vergitterten Fenſter und ſah die Wolken nach Oſten ziehen! Beinahe hatte er vergeſſen, daß er noch im Gefängniß war und daß er ſogar ſein Wort verpfändet, mindeſtens noch vier Monate darin aus⸗ zuharren. Vier Monate! Welche lange Zeit für ei⸗ nen ſo raſtlos thätigen Geiſt, für einen an Bewegung und Anſtrengung ſo gewöhnten Körper! Aber wenn dieſe vier Monate endlich überſtanden waren— was dann?— O, welche ſüßen Bilder ſchwebten für dieſe Zeit ſeiner Einbildung vor! Vor allen Dingen der Friede und mit ihm alle Segnungen, die ein ſolcher in ſeinem Gefolge zu haben pflegt! Daß mit dem Frieden oder vor ihm noch etwas Anderes kommen, eine hebere, unerwartete Unglückszeit in ſein Leben treten und ſein Herz mit eiſernen Händen umklam⸗ 261 mern könne, daran dachte er nicht, davon hatte er glücklicher Weiſe keine Ahnung, denn wo Magnus Brahe nur Schatten, Vergänglichkeit und Trauer ſah, blühte für ihn nur der Garten des Lebens in vollſter Pracht, lachte ihn die Erde mit ihrem Grün und der Himmel mit ſeinem perlenden Lichte an, war Alles hell, klar und glücklich. O verſchiedenartig begabte Naturen! wie hat Euch der Schöpfer ſo mannigfal⸗ tig ausgeſtattet und wie hat er ſo oft dem Einen da Alles gegeben, wo er dem Andern Alles verſagt hat! Es iſt allerdings unbegreiflich, wunderbar, aber es iſt gewißlich wahr und kein Zweifler kann es beſpötteln oder gar läugnen!— Zwei Tage waren vergangen und erſt am dritten trat Mr. Dübois wieder bei Waldemar Granzow ein. Auf ſeinem Geſichte lag eine behagliche Zufriedenheit mit ſich ſelber, wie ſie Jener noch nie ſo ſprechend an ihm wahrgenommen hatte. „Herr Dübois,“ begrüßte ihn der Gefangene und trat raſch auf ihn zu,„da ſind Sie und in Ihrer Miene leſe ich, daß Sie mir günſtige Nachrichten von den Meinigen bringen.“ „Ich hoffe es, ja, doch laſſen Sie mich erſt zu Athem kommen, die alten Treppen dieſes Hauſes lind ſteil und ich bin den Sechzigen nahe.“ 262 „So nehmen Sie Platz und erholen Sie ſich.“ Und er ſtellte ihm ſeinen einzigen Schemel hin, den der brave Mann ſogleich einnahm. „Hören Sie,“ ſagte er,„ich bin alſo in Spyker geweſen.“ „Nur in Spyker?“ „Silence! Fliegen Sie nicht, ich kann Ihnen nicht folgen, denn ich bin kein Vogel wie Sie mit Ihren jugendlichen Gedanken und Hoffnungen.— Alſo ich bin in Spyker geweſen. Man hat den Ma⸗ jor Caillard von dem dortigen Poſten ablöſen wollen, aber er hat es ſich als eine Gunſt ausgebeten, ſo lange dort zu bleiben, wie die Beſetzung Rügen's dauert. He, ich glaube, es feſſelt ihn etwas Liebes dort und davon mag er ſich nicht gern früher trennen wollen, als bis es durchaus nothwendig wird.“ „Hm!“ unterbrach ihn Waldemar.„Vielleicht ver⸗ läßt er das Liebe nie und nimmt es mit nach ſeinem ſchönen Frankreich.“ Der Franzoſe zog die Augenbrauen in die Höhe und machte mit Miene und Hand eine abwehrende Geberde.„Pah! Da ſagen Sie mir etwas, was ſehr unwahrſcheinlich iſt. Monsieur de Caillard iſt ein guter Soldat, ein vortrefflicher Reiter, ein ſehr 263 galanter Mann. Aber ein Mann, der ſich bindet an Das, was ihm gefällt, iſt er nicht, ſo viel ich weiß. Nein, nein, ſo weit wird ſeine Verehrung der ſchönen Dame nicht gehen, die ich übrigens weder jetzt noch damals, als ich Ihretwegen in Spyker war, geſehn habe. Doch was wollen Sie, er iſt ein Krieger und als ſolcher darf er ſich vergnügen, wo ihm das Vergnügen geboten wird. Tout cela en passant und damit iſt ein Mann wie er zufrieden. Doch, um von anderen Din⸗ gen zu reden— er war ſehr glücklich über ſein Avan⸗ cement und auf mein Geſuch mußte ſogleich eine Or⸗ donnanz ſatteln und Ihrem Vater die Einquartirung abholen.“ „Mr. Dübois, was ſagen Sie da?“ „Die Wahrheit. Als ich nach Saſſenitz kam, um Ihr Billet abzugeben, war man ſchon dabei, das Haus zu ſcheuern und zu waſchen, um die Spuren der franzöſiſchen Reiter loszuwerden. He! Nicht übel, mon cher, nicht wahr? Aber man muß es ver⸗ ſchmerzen, daß man ſo wenig geliebt iſt!— Nun aber hören Sie. Als ich von Ihnen zu ſprechen an⸗ fing, da— da habe ich viele Thränen fließen ſehn und auch aus ſehr ſchönen Augen, denn das muß man ſagen, Votre soeur, dest une flille très extra- ordinaire et belle comme un ange.“ 264 „Meine Schweſter?“ fragte Waldemar mit etwas kurzem Athem. 2 „Eh bien, la Demoiselle IIIé!“« „Ach, Hille, nun ja, ich verſtehe.“ „Das Mädchen hat mir altem Mann das Herz warm gemacht, das muß ich ſagen, und ſie bewahrt Ihnen eine Zärtlichkeit, die mich wahrhaft gerührt hat.“ „Ja, ja, Mr. Dübois— aber meine Eltern?“ „Ah, das ſind ein paar würdige Leute! Es thut mir ſehr leid, daß ſie ſo viel und ſo lange gelitten haben! Aber nun iſt es vorbei und ſie werden für's Erſte keine Soldaten wiederſehen. Ich habe ihnen Alles gut ſchreiben laſſen.“ „O, Mr. Dübois, wie ſoll ich Ihnen für Ihre Güte danken?“. „Silence, Monsieur! Das hat keine Eile; ich habe dabei an meine Kinder gedacht, die in Soiſſons leben und das war auch ein Genuß für mich. Ge⸗ nug, ſie befanden ſich wohl und wurden zuſehends jünger, als ich von Ihnen erzählte, was ich wußte.“ „Auch daß wir Frieden bekommen?“ „Non, mon cher, das lag außer der Verabredung. Ei, wie werde ich! Das iſt ein Geheimniß, welches Sie mir abgelockt und das ich nicht auszupoſaunen bitte, zumal es noch nicht ganz gewiß iſt.“ „Noch nicht ganz gewiß— nicht?“ „Wer kann es wiſſen! Die Götter machen Frieden und die Menſchen empfangen ihn mit Dankbarkeit. Helas! Auch wollte der Alte— Strandvogt iſt er ja wohl— in den nächſten Tagen ſelbſt nach Bergen kommen und ſich das Haus anſehn, worin ſein Erbe wohnt.“ Waldemar griff abermals nach der Hand des bra⸗ ven Franzoſen und drückte ſie herzlich.„Werde ich ihn nicht auch ſehen und ſprechen können?“ fragte er. „Nein, mein, Herr, das verbitte ich mir. Das liegt außer— weit außer den Gränzen meiner Befug⸗ niß und Sie dürfen mich nicht in Ungelegenheiten, bringen, der ich ſchon ganz gegen meine Befehle mich zu Ihrem postillon d'amour gemacht habe.“ „So beſcheide ich mich, aber ich danke Ihnen gleichwohl innigſt.“ „Silence! Und Demoiselle IIlé wird auch hier⸗ her kommen und bei ihrem Bekannten, einem Müller wohnen, deſſen Haus da draußen am Fuße des Ber⸗ ges liegt, wie ſie ſagte.“ „Ja, auf dem Wege nach dem Rugard— ich weiß es. Alſo auch Hille wird in meiner Nähe ſein?“. „Ja, und ſie wird Euch Beiden eine gute Suppe ſchicken und auch eine Flaſche Wein, damit Ihr nicht ganz von Kräften kommt, und das— o ja— das habe ich ihr zugeſtehn müſſen, denn ſie hat mich ge⸗ beten— mit Augen, Mr. Forſt— wollt' ich ſagen Granzow— mit Augen, wie ſie kaum meine eigene Tochter hat.“ Waldemar konnte nicht antworten; das Herz ſchlug ihm ſo mächtig, daß er zitterte, er, der ſtarke Mann. „Ja, und ſie wird den Winter hier verleben, ſagte ſie, das heißt, wenn Sie ſo lange hier bleiben, na⸗ türlich! Das iſt eine Schweſter— vraiment! wie ſie nur ſelten gefunden wird, mon ami!“ „Ja, ja, ſie iſt ein vortreffliches Mädchen.“ „Sehr vortrefflich, und wenn ich ein junger Mann wäre, ich könnte mich in ſie verlieben und“— „Davonlaufen und ſie ſitzen laſſen wie der Herr Major von Caillard.“ „Non, non! Von dem Schlage bin ich nicht. Er iſt Soldat und ich bin Beamter, das iſt ein Unterſchied, Monsieur.“ „Aber werde ich ihr wenigſtens ſchreiben können?“ nahm Waldemar das Geſpräch wieder auf. „Schreiben? Muß es den immer und durchaus geſchrieben ſein? Das iſt mir nicht ganz recht. Aber bisweilen— nun ja, meinetwegen, wenigſtens ſo lange ich hier bin, denn nur ich darf der Poſtillon ſein, der dieſe Briefe befördert.“ „Wie? Werden Sie denn nicht hier bleiben, Mr. Dübois?“ „Nein, nicht lange, mon cher. In acht Tagen gehe ich wieder nach Stralſund, wo meine eigentliche Station bei'm Marſchall iſt.“ „O, das thut mir leid. Wer wird ſo freundlich mit mir reden und mir ſo große Erleichterungen ge⸗ währen, wenn Sie fort ſind?“ „Sorgen Sie nicht vor der Zeit; ich werde Be⸗ fehle hinterlaſſen, die man reſpectiren wird.“ „So danke ich Ihnen auch dafür wie für Alles, was Sie an mir gethan haben.“ „Keinen Dank, keinen Dank! Wiſſen Sie voc, wie wir bei dem großen Winde damals zwiſchen Him⸗ mel und Waſſer ſchwebten, he? Eh bien, da war mir ſehr ſchlecht zu Muthe und ich glaubte, meine Sterbeſtunde ſei gekommen. Da aber traten Sie zu mir, tröſteten mich, ſprachen mir Muth ein und tru⸗ gen mich ſogar auf Ihren Armen an das Land. He, wiſſen Sie das noch? Nun ſehen Sie, da ſagte ich zu mir: der Mann iſt Dein Engel geworden und hat Dich gerettet. Gebe Gott, daß er auch einmal in Gefahr kommt, damit ich ihn wieder retten kann. Voilh, Monsieur, die Gefahr hat ſich eingeſtellt, und ich, denke ich, bin nicht ausgeblieben, wie?“ „Nein, Sie ſind noch da und ich bin Gott und Ihnen dankbar dafür.“ „Das iſt recht, ich bin es auch. Selbſt Feinde ſollten ſich nicht immer als Feinde betrachten, le grand dieu wenigſtens hat ſie wohl nicht dazu beſtimmt, das iſt ſo meine Anſicht und ich weiß nicht, ob es auch die Ihrige iſt.“ „Vollkommen, Herr Dübois, und ich wünſchte, Ihre Landsleute theilten etwas dieſe Anſicht.“ „Auch die Ihrigen, denn— geben Sie Acht— wenn einmal die Deutſchen alle zuſammentreten und ihre Hände mit Säbeln bewaffnen, wie ſie ſie jetzt in die Taſche ſtecken— wo werden die Franzoſen blei⸗ 1 ben? Mon dieu! Wer das nicht ſieht, iſt ſehr kurz⸗ ſichtig, und ich wollte, mein großer Kaiſer wäre es et⸗ was weniger, als es den Anſchein hat.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Mr. Dübois aus dem Gefängniß, und ſo lange er noch in Bergen ver⸗ weilte, beſuchte er täglich ſeinen jungen Freund und verplauderte jedesmal ein Stündchen mit ihm, was ſeine Lieblingsbeſchäftigung war. Was er aber von Hille geſagt, traf pünktlich ein; ſie kam nicht allein nach Bergen, wo ſie beim Müller Dallwitz wohnte, ſondern ſie brachte auch einen neuen Verbündeten mit, auf den Waldemar noch weniger gerechnet hatte, als auf den wackeren Dübois, und deſſen Beziehungen zu unſerm Freunde wir im folgen⸗ den Kapitel noch näher erörtern werden. Achtes Anpitel. Der neue Kerkermeiſter. Acht Tage vom September waren ſchon verſtrichen, der brave Dubois war, nachdem er herzlichen Abſchied von Waldemar genommen und ihn zur Geduld er⸗ mahnt, abgereiſt und mit ihm zugleich waren leider mancherlei Bequemlichkeiten, die ſich allmälig durch ſeine Nachſicht eingeſchlichen, den Gefangenen wieder entzogen worden, trotzdem er beſtimmte Befehle hin⸗ terlaſſen und eine gewiſſe menſchliche Milde in der Behandlung derſelben empfohlen hatte. Was Walde⸗ mar aber am meiſten vermißte, war die Fortſetzung der Correspondenz mit Magnus, die Mr. Dübois in ſeiner faſt allzu weit reichenden Gefälligkeit perſön⸗ lich vermittelt hatte und die nun bei den neuen Ver⸗ hältniſſen um ſo weniger ausführbar war, als der aalte wohlwollende Gefängnißwärter, ein geborener R 271 gianer, tödtlich krank darniederlag und ein kaiſerlicher Soldat einſtweilen ſeine Stelle verſah, bis der neue Kerkermeiſter, den man ſchon ſeit mehreren Tagen an⸗ gekündigt hatte, in ſein Amt getreten ſein würde. Von den Eltern und Hille hatte Waldemar ſeit jener erſten und einzigen Nachricht, die ihm Mr. Dü⸗ bois überbracht, nichts weiter erfahren, ſo ſehnlich er auch von Tag zu Tage eine weitere Mittheilung oder die Kunde erwartete, Hille ſelbſt ſei, wie ſie verſpro⸗ chen, in Bergen eingezogen. So kam es denn, daß er mit einer gewiſſen un⸗ geduldigen Haſt das raſchere Schwinden der Tage her⸗ beiwünſchte, und jede Nacht, wenn er ſich auf ſein, jetzt mit reiner Wäſche und wärmeren Decken verſehe⸗ nes Lager zum Schlafen niederlegte, war er beglückt, daß wieder eine Spanne Zeit verfloſſen, er alſo ſei⸗ nem endlichen Ziele, der Flucht näher gekommen ſei, denn daß er dieſelbe verſuchen würde, ſtand bei ihm feſt, wenngleich er noch keine Ahnung hatte, wie und wodurch er ſie bewerkſtelligen ſollte. Allein, darüber beunruhigte er ſich weiter nicht, ſeine Hoffnung ſchwankte eben ſo wenig wie ſein Muth, daß zu geeigneter Zeit irgend woher ein Beiſtand erſcheinen und ihn ſeiner Haft entreißen würde, die er gewiſſenhaft bis zu dem feſtgeſetzten Tage innezuhalten entſchloſſen war, wie er 272 es dem wackeren Dübois mit Hand und Mund gelobt hatte. Von dem Soldaten, der ihn täglich dreimal be⸗ ſuchte und die nothwendige Speiſe brachte, die ſeit der Abreiſe Jenes und der Erkrankung des Kerker⸗ meiſters ſehr dürftig geworden war, erfuhr er auf Be⸗ fragen, daß ſein Mitgefangener geſund ſei und ſich die Zeit vor wie nach mit Leſen und Schreiben ver⸗ treibe, weiter aber konnte er nichts erforſchen. Am 10. September endlich, Abends um acht Uhr, als der Soldat dem Gefangenen zum letzten Mal eine Suppe und friſches Waſſer brachte, ſagte er aus freien Stücken, daß er vom nächſten Tage an nicht mehr kommen würde, da der neue Kerkermeiſter ein⸗ getroffen, auf ein Vierteljahr probeweiſe angeſtellt ſei und ſofort ſein Amt ſelbſt übernehmen werde; der alte aber läge im Sterben und werde den Sonnenauf⸗ gang nicht mehr erleben, weshalb man ihn auch in eins der improviſirten Hospitäler gebracht habe. Waldemar nahm dieſe Nachricht wie alle übrigen, die ihm in der letzten Zeit zugekommen waren, mit Gleichmuth hin. Was kümmerte ihn der neue Ker⸗ kermeiſter, von dem er eben ſo wenig wußte, wer er war, wie er ſich von ihm mehr als von dem alten verſprach. Er ging daher ruhig zu Bett, gedachte im 273 Gebete aller ſeiner Lieben und bat Gott nur um das Eine: die Zeit ſchneller verfließen zu laſſen, damit der Tag, bis zu welchem ſein Ehrenwort verpfändet war, bald erſcheine und ihm die Freiheit gebe, die er auf dieſe oder jene Weiſe zu erlangen die ſicherſte Erwartung hegte. Er ſchlief wie immer auch dieſe Nacht ſehr gut und erwachte etwas ſpät. Es war ein trüber, un⸗ freundlicher Morgen, der durch die kleinen vergitter⸗ ten Scheiben des elenden Gefängniſſes nur ſehr we⸗ nig Licht fallen ließ. Vom heftigen Winde herabge⸗ worfen praſſelten die Ziegel von den benachbarten Dächern und die von den zunächſt ſtehenden Bäumen losgeriſſenen Blätter wurden heftig gegen das Fenſter geſchleudert. Zwiſchen den engen Gaſſen der Stadt aber heulte der Nordweſter mit ſo ſchaurigen Tönen, daß es wie ein Klageruf klang, den die Natur über die kurze Dauer eines nordiſchen Sommers ausſtieß. Waldemar hatte ſich an ſeinen kleinen dem Fenſter nahe gerückten Tiſch geſetzt und eine franzöſiſche Zeitung zu leſen angefangen, die ihm vier Wochen ſpäter als ſie erſchienen, von dem wachthabenden Officier biswei⸗ len geſandt wurde, nachdem Mr. Dübois denſelben zu dieſer Gefälligkeit veranlaßt hatte. Waldemar ſuchte eifrig in dem abgegriffenen und theilweiſe zerriſſenen Der Strandvogt. III. 18 Blatte, ob er nicht irgend etwas finde, was auf ſeine Lage Bezug haben könne, aber er fand nichts als die gewöhnlichen ſchwülſtigen Tiraden über die Macht des glorreichen Kaiſers, die Folgen ſeines glücklichen öſterreichiſchen Feldzugs und unbeſtimmte Andeutun⸗ gen über neue Kriege, die ſich im Schooße des Un⸗ heil gebärenden Kaiſerreichs mit wucheriſcher Fülle er⸗ zeugten, wie ja das Unkraut immer das lebhaf⸗ teſte Wachsthum zeigt. In dieſem Augenblick raſſel⸗ ten die Riegel im Vorſaal, die Thür wurde geöff⸗ net und ein kleiner Mann, in die gewöhnliche Tracht eines Spießbürgers der damaligen Zeit geklei⸗ det, trat herein, um ſich ſogleich neugierig in dem düſteren Raume umzublicken und ſeine funkelnden Au⸗ gen mit einer gewiſſen Haſt auf den Gefangenen zu richten. Waldemar, an dergleichen Störungen ge⸗ wöhnt und in ſein Studium vertieft, ſchaute erſt vom Tiſche auf, als er eine Stimme vernahm, die mit einem ihm wenig bekannten Tone dicht an ſei⸗ ner Seite die Worte ſprach:„Guten Morgen, Herr Granzow!“ Der Angeredete erhob den Kopf und faßte den Fremden in's Auge, der ſich ihm ſofort als den neuen Kerrkermeiſter vorſtellte und demnächſt das übliche Früh⸗ ſtück auf den Tiſch niederlegen wollte. „Ah, Ihr ſeid es,“ ſagte der Gefangene.„Alſo Ihr habt den Alten abgelöſt und werdet mir nun die Nahrung bringen. Gut, ich danke Euch, ſetzt es nur hierher.— Was habt Ihr da?“ „Einen Brief, Herr,“ erwiderte der kleine Mann mit auffallend leiſem Stimmtone, zu dem er ſich ſicht⸗ bar zwang, da er von der Natur einen ſtarken Baß und ziemliche Kraft, ihn zu gebrauchen, erhalten hatte. „Einen Brief? Von Wem iſt er und wie kommt Ihr dazu?“ „Pſt! Wie ich dazu komme? Er iſt von Ihrer Couſine, Hille Vangerow mit Namen, die mich gebe⸗ ten hat, ihn in Ihre Hände zu legen.“ „Ha!“ rief Waldemar und ſprang von ſeinem Schemel auf.„Steht Ihr mit Hille im Bunde und kann ich Euch trauen?“ „Ich wüßte nicht, Wem Sie trauen ſollten, wenn nicht mir, der ich nicht aus Mangel an Lebensunter⸗ halt oder aus eigennützigen Abſichten, ſondern allein aus dem Grunde hierhergekommen bin und das er⸗ bärmliche Amt eines Kerkermeiſters angenommen habe, um mich Ihnen dankbar zu erweiſen.“ Bei dieſen Worten wurde Waldemar aufmerkſamer als vorher; er erhob ſein Auge und ließ es forſchend auf dem kleinen Manne ruhen, der ihm ſchon etwas 18* 276 bekannter vorkam, obgleich er noch nicht wußte, wo und wann er ihn geſehen hatte, da ihre frühere Be⸗ kanntſchaft ohne Zweifel eine ſehr flüchtige geweſen war. „Ja, ja,“ fuhr der Fremde fort,„ſehen Sie mich nur an. Wer bin ich und wo haben wir uns ſchon gegenüber geſtanden?“ „Das weiß ich nicht, mein Freund, helft mir ein wenig.“ 1 „Sie haben ein kurzes Gedächtniß, aber freilich, Sie haben mich auch nur wenig und in Augenblicken geſehen, wo Ihr Auge anders und ſehr ernſthaft be⸗ ſchäftigt war, um ſich mein dummes Geſicht einzu⸗ prägen. Außerdem trug ich damals meine eigentliche Kleidung und dieſe habe ich mir nur zum Schein an⸗ gelegt. Ha, Herr Granzow, ich ſehe, Sie merken es nicht, ſo muß ich es Ihnen denn ſelber ſagen. Wer war der Mann, der Sie in Spyker den Franzoſen verrieth, aber wahrlich nicht in der böſen Abſicht, Ih⸗ nen zu nahe zu treten, ſondern allein um Ihnen zu danken, daß Sie ihm das Leben gerettet hatten?“ „Ha, der däniſche Steuermann!“ fuhr es Wal⸗ demar raſch über die Lippen. „Ja, der däniſche Steuermann, ein Feind, und doch ein redlicher und dankbarer Mann, wie der beſte Freund!“ „Warum ſollte es unter den Dänen nicht eben ſo gut Wackere geben, wie unter andern Nationen?“ „Nun ja, warum nicht? Dänemark führt aber mit Schweden Krieg und ficht auf der Seite der Franzoſen. Nur eigentlich deshalb möchten Sie ein Vorurtheil gegen uns haben. Aber das iſt nicht meine Schuld, Herr, ich gehe dahin, wohin ich von meinem Herrn geſchickt werde.“ „Wer ſchickt Euch aber hierher?“. „Mein Herz, Herr, denn ich bin augenblicklich au⸗ ßer Dienſt, ſeitdem ich mein Schiff verloren habe. Als Sie von Spyker geflüchtet waren, durch meine Schuld, denn ich war voreilig und dumm, hatte ich keine Ruhe mehr daſelbſt. Ich hörte, daß Ihre Eltern in Saſſenitz leben, und ſo ging ich dahin, um ihnen meinen falſchen Griff zu klagen und mich ſelbſt zur Buße zu ſtellen. Da blieb ich denn einige Zeit und lernte Ihren Vater kennen und achten, und Ihre andern Verwandten nicht minder. Ach, da ſah ich die große Liebe zu Ihnen und den vielen Jammer, den ich über die alten Herzen gebracht, und es that mir ſelbſt im Herzen weh, daß ich ſo unvorſichtig ge⸗ handelt. So beſchloß ich denn, Sie aus der Patſche, in die ich Sie gegen meinen Willen gebracht, auch wieder herauszureißen, wie und wann es nur ginge. 4 4 5“ 4 8 278 Da kam juſt der alte Herr, der Franzoſe, nach Saſ⸗ ſenitz und brachte Nachricht von Ihnen, nachdem auch die Reiter Ihrem väterlichen Hauſe wieder abgenom⸗ men waren. Als der Herr fort war, trat die ſchöne Hille herbei und ſagte zu mir: Niels Ebſen, jetzt iſt die Zeit gekommen, wo Ihr Waldemar Granzow helfen könnt. Mr. Dübois hat uns geſagt, wie die Dinge in Bergen ſtehen und daß man einen anderen Kerkermeiſter ſuche, da der alte krank und elend ge⸗ worden. Gehet alſo hin und meldet Euch, es wer⸗ den ſich nicht viele Männer auf Rügen zu dem trau⸗ rigen Poſten finden. Ich aber, voller Sorge, man werde mich nicht ohne Weiteres annehmen, da ich ein Ausländer bin, lief nach Spyker und ließ mir eine Beſcheinigung geben, daß ich Sie den Franzoſen verrathen, und mit dieſem Schein meldete ich mich hier bei dem Commandeur und man nahm mich an, in der Meinung, keinen beſſeren und aufmerkſameren Wächter für Sie zu finden. „Mann!“ rief Waldemar verwundert,„Ihr ſeid ein hochherziger Menſch und adelt Eure ganze Nation. Wenn ich Euch nicht ſchon lange verziehen hätte, daß Ihr mich aus Spyker vertrieben, jetzt würde ich es von ganzem Herzen thun und mich Euch ſogar zu gro⸗ em Danke verpflichtet fühlen.“ 2 2419 „Oho! Da wäre mir zu viel Ehre geſchehen, denn ich habe nur meine Schuldigkeit gethan. Ihre Cou⸗ ſine aber iſt nun auch nach Bergen gekommen und wohnt beim Müller Dalwitz, ſoll ich ſagen. Mit ihr in Gemeinſchaft, denn ſie iſt ein kluges und kühnes Mädchen, werde ich daran arbeiten, Sie zu befreien, und es ſollte mich wundern, wenn mir das nicht bald gelänge, da ich die Schlüſſel zu dieſer ganzen Baracke in Händen habe.“ „Mann, das wollt Ihr? Und bedenkt Ihr nicht, welcher Gefahr Ihr Euch dabei ausſetzt?“ „Was— Gefahr! die ſcheert mich nicht, ich bin oft genug in Gefahr geweſen, um ihr drohendes Ge⸗ ſicht nicht zu fürchten, und dieſe hier iſt nicht groß genug, um mich abzuſchrecken.“ „So nehmt noch einmal meinen Dank, aber zu⸗ gleich den Beſcheid, daß ich vor Anfang des nächſten Jahres an keine Flucht denken kann.“ Der Däne machte ein erſtauntes Geſicht.„Und warum denn nicht?“ fragte er. „Weil ich mein Ehrenwort gegeben habe, bis da⸗ hin keinen Fluchtverſuch zu unternehmen.“ „Wem haben Sie es denn gegeben?“ „Mr. Dübois, der ſich mir als ein Freund in der Noth erwieſen hat.“ 280 „Ha! Einen Franzoſen, der Ihr natürlicher Feind iſt, nennen Sie Ihren Freund?“ „Ja; und ich halte auch einem Feinde mein Wort, wenn ich es ihm einmal gegeben.“ Der Steuermann verneigte ſich, als wolle er Wal⸗ demar damit ſeine Achtung beweiſen.„Ich muß ge⸗ ſtehen,“ ſagte er,„das iſt mir neu, aber ich kann es wenigſtens begreifen. Sprechen wir alſo ein ander⸗ mal darüber, denn jetzt muß ich gehen, ſonſt fällt der Wache unten mein langes Verweilen bei Ihnen auf. So oft ich aber komme, wollen wir unſer Geſpräch über dieſen Punkt fortſetzen.— Haben Sie noch einen Wunſch für jetzt?“ „Ja, einen ſehr ernſten. Behandelt den Grafen Brahe wie mich und verſchafft ihm alle Eileichierun⸗ gen, die Ihr ihm verſchaffen könnt.“ „Das verſteht ſich von ſelber, davon haben wir im Kiekhauſe ſchon oft genug geſprochen, ich kenne das Verhältniß. Wenn Sie nun aber können, beant⸗ worten Sie noch heute dieſen Brief, da ich Ihr Schrei⸗ ben ſchon morgen zu dem Müller tragen möchte, wo Jemand iſt, der es ſehr lebhaft erwartet.“ Waldemar reichte dem neuen Kerkermeiſter die Hand und dieſer verließ ihn. Jetzt erſt hob ſich unſerm Freunde die Bruſt höher und freier auf, es hatte ſich — 281 wieder Jemand gefunden, der ihm und Magnus Hülfe brachte. Einen dankbaren Blick warf er zu dem trü⸗ ben Himmel empor, hinter deſſen Vorhang das große Auge Gottes auch heute wachte, und dann öffnete er Hille's Schreiben, das ihm mit andern Worten daſ⸗ ſelbe ſagte, was ihm Niels Ebſen eben mitgetheilt hatte, ſchließlich aber hinzufügte, daß es dem älteren Pieſing gelungen ſei, in einer der nächſten finſteren Nächte nach Magnus und Waldemar's Gefangennahme mit Gingſt und Jochen denſelben Weg, den ſie gekommen, zurückzulegen und daß alle drei Männer wohl gebor⸗ gen in der Heimat ſeien, nachdem ſie das Boot in Lietzow abgeliefert hätten. Vor einigen Tagen ſei ſo⸗ gar der jüngere Pieſing, der ebenfalls gefangen, ge⸗ nommen, mit einer derben Zurechtweiſung aus Ber⸗ gen entlaſſen, indem er ſich dahin ausgeredet, daß er nicht gewußt habe, woher die Flüchtlinge gekommen, und daß er allein in Folge des Verſprechens einer guten Bezahlung die Fahrt mit ihnen angetreten habe. Durch dieſe Mittheilung fühlte ſich Waldemar ſehr beruhigt, denn ſchon lange war er über das Schickſal der Männer in Sorge geweſen, die ſich ihm zu Liebe einer ſo großen Gefahr unterzogen hatten. Sobald er daher vor Freude zur Ruhe kommen konnte, ſetzte er ſich nieder und beantwortete Hille's 2 4. 282 Brief, dankte ihr wiederholt für ihre Sorgfalt und theilte ihr dann mit, daß er vor dem erſten Januar nicht aus Bergen fliehen könne. Dieſen Brief wie alle ſpäteren trug der neue Kerkermeiſter pünktlich an Ort und Stelle und ſo war eine Correspondenz ein⸗ geleitet, die dem Gefangenen nicht nur die Zeit ver⸗ kürzte, ſondern auch außerordentlich zu ſeiner inneren Zufriedenheit beitrug, da er aus Allem, was ihm ge⸗ ſchah, erkannte, daß Gott ſein Gebet erhört und alſo auch darin wieder ihm ſeine alte Gnade zugewendet habe. 3 Von dieſer Zeit an begann nun überhaupt das Leben den Gefangenen wieder ſeine Lichtſeite zuzukeh⸗ ren, denn der dankbare Däne begnügte ſich nicht da⸗ mit, ihnen alle in ſeiner Hand liegenden Erleichterun⸗ gen zu verſchaffen, ihre Briefe unter ſich und an An⸗ dere zu befördern, ſondern er machte es auch zuweilen möglich, ſie eine Stunde in der Nacht, wenn die Wa⸗ chen ſchliefen, zuſammenzuführen, wo Waldemar ſich denn jedesmal mehr und mehr überzeugte, daß Mag⸗ nus trotz der ſeinerſeits aufgewandten Troſtgründe und der im Allgemeinen günſtiger geſtalteten äußeren Lage fortfahre, bei ſeinen Viſionen zu beharren, bis Jenem endlich die Kraft ſchwand, dagegen außzutreten. So ſah er ſich denn leider genöthigt, dem traurigen 283 Gemüthsverfalle ſeines Freundes freien Lauf zu laſſen, da er ihm unter den obſchwebenden Verhältniſſen nicht den ſichtbaren Beweis liefern konnte, daß er ſich im Irrthum befinde, daß die Beſorgniſſe ſeiner Seele nur weſenloſe Träumereien und Ausgeburten einer zügel⸗ loſen Phantaſie ſeien, die mit ſeinem ruhigen Ver⸗ ſtande durchginge, um ſich auf dem Felde des Wahns in ſchrankenloſer Weiſe zu tummeln und zu über⸗ ſtürzen. So verſtrich der September, der October und No⸗ vember, und der December war mit ſeiner winterlichen Spende gekommen und hüllte die ganze Natur in ſei⸗ nen weißen Mantel ein. Im Innern der Gefangenen war keine große Veränderung vorgegangen, nur ſtei⸗ gerte ſich Waldemar's Verlangen, frei zu ſein und wie⸗ der den Athem Gottes zu trinken, der ihm ſo lange verſagt geweſen war, von Stunde zu Stunde. Aeu⸗ ßerlich hatte ſich allerdings Manches anders geſtaltet, von dem wir Einiges wenigſtens hier erwähnen müſſen. Wie Mr. Dübois ſchon angedeutet, waren zwi⸗ ſchen Frankreich und Schweden Friedensunterhandlun⸗ gen eingeleitet worden, aber da beide Mächte vielerlei Bedingungen ſtellten und keine von ihnen die Forde⸗ rungen der anderen willig zugeſtehn wollte, ſo zogen 284 ſie ſich in die Länge und alle dabei Betheiligten lit⸗ ten mehr oder minder darunter. Daß man von Oben her an Wiederherſtellung des Friedens arbeite, war Niemandem verborgen geblieben, ſelbſt die Kinder er⸗ zählten es ſich auf den Straßen und allgemeines Froh⸗ locken tönte daher von einem Ende bis zum an⸗ dern auf der ſo arg mitgenommenen Inſel. Auch Waldemar's Verwandte hatten neuen Muth gefaßt und gaben ſich der ſüßen Hoffnung hin, daß man, ſobald der Friede abgeſchloſſen ſei, die Gefangenen in Freiheit ſetzen und ihnen wieder zurückgeben werde. Daß dies eine traurige Täuſchung war, mochte und konnte freilich Niemand den guten Leuten vorherſagen, leider aber ſollten ſie es endlich erfahren, und Hille war wieder die Erſte, die den Gefangenen in einem heimlichen Schreiben von den Gerüchten Kenntniß gab, die ſich von Stralſund aus bis zu ihrem einſamen Häuschen verbreitet hatten. Dieſe Gerüchte nämlich ſagten aus daß zwiſchen den feindlichen Mächten in Betreff der politiſchen Ge⸗ fangenen endlich ein Vertrag zu Stande gekommen und daß man von franzöſiſcher Seite geſonnen ſei, denſelben unverkürzt in Ausführung zu bringen. Die in Stralſund Eingekerkerten ſollten nach Frankreich und die in Rügen Verhafteten nach Stralſund gebracht 285 werden, von wo man ſie jedenfalls bald weiter nach Weſten transportiren werde. Dafür werde Frankreich Pommern und Rügen herausgeben, Schweden aber die Schenkungen der Domainen an franzöſiſche Unter⸗ thanen anerkennen, und zwar, wie es hieß, zu Gun⸗ ſten der im Lande Anſäſſigen, die ſie von den Beſi⸗ tzern ſelbſt wieder gepachtet hatten. Wieviel von dieſem Allen der Wahrheit entnom⸗ men war, hat uns die Geſchichte aufbewahrt. Die Anerkennung der verſchenkten Domainen war eine Thatſache, über die Fortſchaffung und Preisgebung der Gefangenen aber war man im Irrthum, nur hatte ſich Napoleon ausbedungen, dieſelben ſo lange unter Verſchluß zu halten, als ſeine Truppen ſelbſt in Pom⸗ mern und Rügen ſtänden, wogegen es den Schweden freiſtehn ſollte, ſie ihrer Haft zu entlaſſen, ſobald ſie wieder in factiſchen Beſitz ihres Landes ſein würden. Nur die Ausländer behielt ſich Napoleon vor und dieſe, obwohl es nur ſehr Wenige waren, wurden in der That noch vor Ablauf des Jahres 1809 nach Frankreich abgeführt. Was Magnus und Waldemar anbetrifft, deren Schickſal wir hier allein verfolgen, ſo hatten ſie alſo von Hille und Nils Ebſen die irrthümliche Mitthei⸗ lung erhalten, daß ihre Abführung wahrſcheinlich im 286 Anfang des Januars bevorſtehe, und Hille drängte deshalb von Tage zu Tage mehr, die Flucht zu be⸗ werkſtelligen, deren Einzelnheiten von ihr ſchon längſt eingeleitet und mit einigen hülfreichen Freunden ver⸗ abredet waren. Magnus aber ſowohl wie Waldemar wieſen jede ihrer Aufforderungen zur Eile zurück und hatten ſelbſt den zweiten Januar als den Termin ih⸗ res Ausbruchs bezeichnet, da erſt an dieſem Tage die Friſt vollſtändig abgelaufen war, für deren Innehalten ſie ihr Wort gegeben hatten und von welcher abzugehen ſie ſogar auch dann nicht geneigt waren, als man in Erfahrung gebracht, daß Mr. Dübois plötzlich aus Pommern abberufen und ein ſtrengerer Mann an ſeine Stelle gekommen ſei. Dieſe Strenge ſollte ſich auch ſehr bald im Ge⸗ fängniß zu Bergen den Eingekerkerten fühlbar machen. Sobald der neue Herr ſein Beaufſichtigungsamt über⸗ nommen hatte, unterſagte er die Verabreichung aller politiſchen Blätter, überhaupt jedes Buches an die Gefangenen und ebenſo wenig ſollten ſie Schreibma⸗ terialien erhalten, da ihre Haft ſonſt keine Strafe wäre und dergleichen Menſchen,— nach ſeiner Mei⸗ nung— von ihrer Zelle aus nur ihre Freunde und Bekannten gegen die beſtehende Ordnung der Dinge aufzuwiegeln pflegten. Ferner fand er das Eſſen zu 287 gut und die Suben zu warm geheizt.„Dergleichen Leute, wie wir da oben haben,“ ſagte er,„darf man weder zu gut nähren noch ihnen eine heiße Stube geben. Das Eine ſchadet ihren Hütern, das Andere ihnen ſelbſt.“ Erſteres mache ſie überkräftig und zum gewaltſamen Müsbruch geneigt, Letzteres verweichliche ſie nur, d ſie durch ihr unſtätes Leben an die Friſche der fraucen Luft gewöhnt ſeien. Dieſe Befehle waren nun zwar gegeben und be⸗ t gemacht, aber ſie wurden ſo wenig befolgt, wie übrigen, die der geſtrenge Herr erließ, ſo weit wenigſtens im Bereiche der Machtvollkommenheit giels Ebſen's lagen. Denn dieſer brachte nicht al⸗ lein von Müller Dalwitz allerlei Bücher, Schreibma⸗ terialien und gute Biſſen herbei, ſondern er ſchmug⸗ gelte auch Brennmaterial in Fülle ein, ſo daß die Gefangenen in dieſer Beziehung ſich über keinen Man⸗ gel beklagen konnten. Am 31. December 1809, der endlich herangekom⸗ men war, brachte Niels Ebſen ihnen den letzten Brief von Hille, in welchem die Art und Weiſe, ſo wie das vorläufige Ziel ihrer Flucht genau angegeben war. Um Waldemar noch mehr anzuſpornen, das Gefäng⸗ niß in Bergen ſo bald wie möglich zu verlaſſen, gab ſie vor, gehört zu haben, daß am dritten Tage des 288 neuen Jahres die Gefangenen nach Stralſund abge⸗ führt werden ſollten, und allerdings kreiſte ein ſolches Gerücht an verſchiedenen Orten der Inſel. Er müſſe daher eilen, die vorhandenen Mittel zu benutzen, und ſich retten, ſo lange es noch geit ſei. Auf dem Hofe des Müllers, zu dem die Befreiten zanächſt flüchten ſollten, ſtänden zwei Pferde bereit, die der Alte Schwede zu dieſem Behufe Auf dieſen Pferde weſend, überhaupt er die Pachtgelder Sturleſon unter ſein er damals lebte. In Pulitz ſelbſt würden ſie p kommen ſein und ſo lange verweilen können, entweder der Friede wirklich geſchloſſen und die Fra. zoſen die Inſel verlaſſen hätten oder, falls ſich die nach Schweden zu ſegeln, wofür namentlich Niels Eb⸗ ſen zu ſorgen verſprochen hatte. Von Bergen aus könnten ſie direct nach Pulitz reiten, da der ſtarke Froſt alle Binnengewäſſer mit dickem Eiſe belegt habe, und auf dieſe Weiſe würden ſie, wenn ſie den Weg nördlich um den Rugard herum nach Buſchwitz ein⸗9 289 ſchlügen, in einer halben Stunde in Sicherheit ſein. Dafür, daß die franzöſiſchen Wachen im Gefängniß⸗ hauſe zu Bergen anderweitig beſchäftigt würden, hätte man Sorge getragen und Niels Ebſen könnte Wal⸗ demar, wenn er es wiſſen wollte, das Nähere berich⸗ ten. Nachdem Waldemar dieſen Brief wohl zehnmal geleſen und ihn ſich tief eingeprägt hatte, zerriß er ihn in kleine Stücke und gab ſie Niels Ebſen, damit er ſelbſt dieſe verbrenne.„Wie aber werden wir aus dem Hauſe kommen?“ fragte er den entſchloſſenen Dänen, der ihn jetzt öfter beſuchte, um ihn zur Flucht zu ſpornen, was, nach Hille's Meinung, durchaus nöthig war, aber in der That keiner weiteren äußern Anregung bedurfte.„Wie werden wir die Wachen täuſchen, die das ganze Haus füllen und ſelbſt die Straßen belagern?“ „Das laſſen Sie nur meine Sorge ſein, Herr Granzow; wenn Sie es aber wiſſen wollen, will ich Ihnen ſagen, daß ich ſchon einige Tage an der Ko⸗ mödie gearbeitet habe, und daß ſie, ſo zu ſagen, fix und fertig iſt. Ich habe den dummen Kerlen, die ſo genn Grog ſaufen, wie die Ruſſen und Schweden, vor⸗ gerfdet, ich hätte eine unverhoffte Erbſchaft gemacht, und das haben ſie mir auf's Wort geglaubt, da ich 4 Der Strandvogt. III. 19 290 ihnen die blanken Thaler vorgezeigt, die mir Ihre Couſine dazu gegeben.“ „Hille? So! Gut, weiter!“ „Da es nun ſo bitter kalt iſt, was die Franzmän⸗ mer eben nicht lieben, ſo habe ich ihnen drei Tage lang einen Napf Grog verheißen und heute Abend werden ſie den erſten trinken, deſſen Portion groß und ſtark genug ſein ſoll, denn ich werde ihn ſo ſteif ma⸗ chen, wie ihn unſre Capitaine auf der See trinken. Da nun nicht Alle von der Wache zugleich an dieſem Labſal Theil nehmen können, ſo wird die zweite Hälfte morgen an die Reihe kommen und da ſie dann ſämmtlich die Probe genoſſen, werden ſie übermorgen begierig ſein, den Reſt zu genießen, und ſo müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn ich ſie nicht zehn Mi⸗ nuten lang vom Hausflur und den Thüren, die ſie bewachen, weglocken ſollte. Haben wir ſie erſt ſo weit, ſo begebe ich mich zu dem Herrn Grafen und Ihnen und bringe weiche Socken, die auch Ihre Cou⸗ ſine beſorgt hat. Auf dieſen folgen Sie mir vor die Thür, die ich offen laſſen werde, damit die Wachen, die in der Wachſtube ſitzen und trinken, ungehindert aus und eingehen können. So ſchlüpfen Sie ſauf den Marktplatz, halten ſich von der Hauptwache fern, deren Lage ich Ihnen ſchon genau beſchrieben hübe, 291 und ſchlagen den Weg nach des Müllers Hauſe ein, wo die Pferde bei der Hand ſein werden. Dann auf und davon, heidi! kein Menſch von allen dieſen hier ſoll Sie wiederſehn, oder ich heiße nicht Niels Ebſen mehr.“ „Gut, das läßt ſich hören. Aber wo bleibt Ihr, wenn Ihr uns fortgeholfen habt, denn Ihr werdet Euch nicht von dem Verdachte frei machen können, um unſre Flucht gewußt zu haben?“ „Das iſt meine Abſicht gar nicht. Aber darum bekümmern Sie ſich nicht, Herr; Sie haben auch nicht an ſich gedacht, als Sie mich aus dem verſinkenden Schiffe holten.“ „Warum nicht, Euer Schickſal liegt mir am Her⸗ zen und ich möchte gern wiſſen, ob auch für Euch ge⸗ ſorgt iſt.“ „Vortrefflich, Herr, und um es Ihnen zu ſagen, werde ich Folgendes thun. Könnte ich reiten, ſo würde ich mich auch auf ein Pferd ſetzen und mit Ihnen nach Pulitz jagen. Da ich es aber nicht kann, ſondern bei dem erſten Schritt der munteren Thiere im Schnee liegen würde, ſo werde ich etwas langſamer aber viel ſicherer hinterhergehen und mich ſo lange in Pulitz ein⸗ quartieren, bis ich Gelegenheit finde, nach den Inſeln hinüberzukommen, wo meine Heimat iſt und ich Frau 2 19* 292 und Kinder habe. Der Herr Graf hat mir zwar eine Anſtellung auf ſeinem Schloſſe verſprochen, wenn ich hier bleiben wollte, aber ich ziehe die Heimat vor und nehme ſchon mit ſeinem bloßen guten Wilen vorlieb.“ „Nun, ſeine und meine Dankbarkeit wird Euch auch dort zu erreichen wiſſen. So geht alſo und ſe⸗ tzet Alles in's Werk. Um welche Zeit wird Euer Feſt beginnen?“. „Um neun Uhr, Herr, damit ſie um Mitternacht voll und dick ſind; ich habe mir das ungeſähr 1 aus⸗ gerechnet.“)* „So gehet und es bleibt bei der Verabredung. 4 ee Niels Ebſen hielt Wort und ſchon an dieſem Tage gelang es ihm, die Wachen aus dem Hauſe nach der Trinkſtube zu locken und ſie dort eine Weile angenehm zu beſchäftigen. Das Getränk, vortrefflich gemiſcht und ſtark gewürzt, mundete ihnen, und da ſie am nächſten Tage keinen ſchlimmen Erfolg von ihrer Dienſt⸗ nachläſſigkeit ſahen, ſo gaben ſie ſich am zweiten Tage dem ſüßen Genuſſe noch viel gieriger hin. Für den dritten Tag nun war ihnen der Schluß der Feſtlich⸗ ßere Portion verſprochen, wenn ſie ſich alle hüſch ru * keiten verheißen und Niels Ebſen hatte eine noch gr⸗ hig dabei verhielten, damit ihm kein Nachtheil aus ſeiner Bewirthung erwachſe. Das verſprachen ſie denn auch und zur ewigen Erinnerung an dieſe drei ſchö⸗ nen genußreichen Tage tranken ſie insgeſammt ſchon am erſten Januar Brüderſchaft mit dem gaſtfreien Dä⸗ nen, der, obgleich nur ein Kerkermeiſter, doch ein ver⸗ teufelt umgänglicher Burſche und braver Kamerad war. So brach denn der zweite Januar des Jahres 1810 an. Es war ein bitter kalter Tag, das Thermometer zeigte ſchon am Morgen vierzehn Grad Kälte. Alle Straßen und Wege waren mit fußhohem Schnee be⸗ deckt und dieſer ſteinhart gefroren, ſo daß er unter den Füßen der Gehenden knirſchte. Die Binnengewäſ⸗ ſer, ſelbſt der große Jasmunder Bodden, war mit zwei Ellen dickem Eiſe belegt, ſo daß die ſchwerſten Wagen darüber fuhren, was bei der ganzen Bevölkerung eine große Freude hervorrief, da ihr ſomit eine Bequem⸗ lichkeit zu Gebote ſtand, die ſie nur ſelten auf den überall mit Waſſer umgebenen Eilanden genießen konnte. Waldemar, der keine Ruhe mehr in dem engen dumpfigen Raume hatte und nach friſcher Luft und Bewegung Verlangen trug, ſchritt den ganzen Tag über im Zimmer auf und ab, innerlich jubelnd und jauch⸗ zend und doch ſich äußerlich männlich beherrſchend, 294 wie es ſeine Gewohnheit war. Magnus dagegen ſaß am Fenſter, ſtarrte gedankenlos nach dem trüben Him⸗ mel empor, als ſuche er dort den Stern, der in ſei⸗ ner Bruſt längſt untergegangen war. Ob er ſich auch wie ſein Freund nach der friſchen Luft ſehnte und freute, wieder das Licht des Tages zu begrüßen, kön. nen wir kaum ſagen, denn aus den Geſprächen, die er in den letzten Tagen mit Waldemar geführt, ging das eben ſo wenig hervor, wie aus den marmorkalten Zügen ſeines Geſichts und dem matten Blicke ſeiner Augen, die, als ſähen ſie nichts mehr auf dieſer Erde, in dem trüben, kalten Chaos umherſpähten, in deſſen unergründlichen Tiefen ſich ſeine Seele zu tummeln pflegte. Langſamer war Waldemar nie ein Tag vergangen als dieſer. Er hatte weder Ruhe zum Leſen, noch Nei⸗ gung zum Liegen; geſchlafen hatte er ſchon zwei Nächte nicht mehr und doch fühlte er ſich nicht im Gering⸗ ſten ermüdet, war ſogar aufgelegt, die ſtärkſten Stra⸗ pazen zu erdulden. Dieſe geiſtige Erhebung, einem edlen Rauſche vergleichbar, verdankte er allein der köſt⸗ lichen Hoffnung, bald wieder frei zu ſein und mitten im ſüßeſten Frieden unter den Seinigen in Eintracht und harmloſer Freude zu leben. So wurde es Mittag. Die Sonne kam dieſen 295 Tag nicht zum Vorſchein und der Himmel blieb gleich trübe, wie die Luft gleich kalt. Gegen Abend aber fing es an zu ſchneien und ſchon um drei Uhr war es im Zimmer Waldemar's ſo dunkel, daß er Licht anzündete, was ihm ſeit Mr. Dübois' Anweſenheit er⸗ laubt worden war. Ruhelos ſchritt er in dem kleinen Raume hin und her; er zählte die Minuten, bis ſie zu Stunden wurden, und die Stunden, bis ſie den Ab⸗ lauf einer Tageszeit nach der andern verkündeten. „Das Jahr fängt für mich unruhig an,“ ſagte er zu ſich,„hoffentlich endet es beſſer. Was mögen die al⸗ ten Eltern zu Hauſe machen! O ich weiß, ſie ſind in Gedanken bei mir und ſo befinde ich mich wenigſtens in guter Geſellſchaft. Und Hille? Sie iſt alſo noch hier und ſorgt bis zum letzten Augenblick für mein Wohlergehn. Hm! Wenn ich ihr das vergelten könnte! Ich möchte ſie wohl noch einmal ſehen, ehe ich mich wieder auf eine ungewiſſe Wanderung begebe, aber das wird nicht geſchehn, es iſt Mitternacht, wenn ich aus dieſem Hauſe gehe und dann wird ſie längſt zur Ruhe ſein. Ah, da kommt Niels Ebſen— ich kenne ſchon ſeinen Schritt— was bringt er zu dieſer un⸗ gewohnten Stunde— es iſt erſt acht Uhr— es wird doch nichs Unerwartetes vorgefallen ſein?“ Niels Ebſen trat herein und trug ein dunkles 296 großes Packet auf dem Arm.„Guten Abend!“ ſagte er.„Ich komme heute etwas früh und bringe etwas Gutes. Hier iſt eine Flaſche Wein und ein kräftiges Gericht. Sie ſollen ſich ſtärken, hat die ſchöne Bil geſagt.“ „Ich danke Euch und ihr— aber was legt Ihr. da bei Seite?“ „Einen warmen Mantel, Herr; ſie hat auch dafür geſorgt, damit Sie ſich nicht erkälten, wenn Sie aus der warmen Stube, in der Sie ſo lange geſchmachtet, in die kalte Nachtluft treten. Wir haben jetzt nur neun Grad Kälte, aber es wird wieder kälter, denn es ſchneit nicht mehr.“ „Das thut nichts. Macht aber die Ofenklappe auf, damit die Hitze ſich verflüchtige, es iſt mir zu warm hier. Die Hälfte des Weins könnt Ihr dem Grafen bringen, ich habe genug, wenn ich theile.“ „O nein doch, der hat ſchon ſein Theil und ſeinen Mantel auch. Er will aber keinen Wein trinken und hat ihn mir angeboten.“ „Und Ihr?“ „Ich habe ihn nicht genommen; der Durſt kommt ihm vielleicht noch.“ „Das iſt brav von Euch; geht noch einmal zu ihm und bittet ihn in meinem Namen, ein paar — 7 9 Gläſer zu trinken; ſagt ihm, ich tränke auch und dann thut er es.“ „Ja freilich, er iſt wie ein Kind; wenn man ihm zuredet, iſt er zu Allem bereit und ich habe mein Leb⸗ tage keinen Menſchen geſehn, der ſo wenig ißt, trinkt und ſpricht. Iſt er denn immer ſo?“ „Das iſt einmal ſeine Gewohnheit und ich weiß es nicht anders. Nun aber geht und heizt den Bur⸗ ſchen unten wacker ein; holt uns auch nicht eher ab, als bis Ihr ſicher ſeid, daß Sie feſtſitzen. Welche Stunde iſt verabredet?“ „Zwiſchen elf und zwölf Uhr; auf die Minute kann man das nicht beſtimmen. Leben Sie wohl und ſtärken Sie ſich.“. Er verließ ſeinen Gefangenen und riegelte ihn zum letzten Mal ein. Dieſer beſichtigte den Mantel, der auf dem Schemel zuſammengefaltet lag und fand in ihm ein ganz neues Kleidungsſtück von warmen Stoffen, in Form und Schnitt den Reitermänteln ähnlich, wie ſie die Franzoſen trugen. Die kräftige Speiſe aber beſtand aus einem tüchtigen Stück gebrate⸗ nen Rindfleiſches, wie ein ausgewachſener Mann es zu peiſen liebt, wenn er ſich kräftigen will. Der Wein war aus dem Rathhauskeller und von der feurigſten Sorte. 298 „Auch das iſt von Hille!“ ſagte der ſo freundlich Bedachte,„gut, es kommt Eins zum Andern und die Rechnung, die ich bei ihr habe, wird etwas hoch an⸗ laufen.“ Dann aber ſetzte er ſich, aß die Fleiſchſpeiſe und trank ein paar Gläſer Wein, die ihn wunderbar belebten und ermuthigten, ſo daß er ſchon jetzt zu dem kühnſten Unternehmen geneigt geweſen wäre, wenn nicht Niels Ebſen und ſeine Freunde die Bahn zur Flucht bereits gebrochen hätten. Von zehn Uhr an aber hatte er keine Ruhe mehr zum Sitzen; er ging auf und nieder und trat dann an das Fenſter, um nach den Lichtern des Himmels zu ſpähen, allein es zeigte ſich keins.„Nun,“ ſagte der ruheloſe Mann,„es geht mir heute wie Mag⸗ nus, auch meine Sterne ſind erloſchen, aber nicht die in meiner Bruſt, die flackern heller und klarer denn je. Noch eine Stunde, Waldemar, und Du athmeſt wieder Gottes friſche Luft und trittſt auf den Boden Deiner Heimat! Wohlan denn, ſei getroſt, liebe Seele, auch die rauhſte Stunde verfliegt und einmal geht immer wieder die Sonne auf, hier oder dort!“ Eine Stunde ſpäter hörte man deutlich durch das ganze Haus den Lärmen ſchallen, den die franzöſi⸗ ſchen Soldaten verurſachten, die bereits in der Wacht⸗ ſtube hinter dem Grognapf ſaßen und wacker zechten. e 22 Daß ſie in heiterſter Laune waren, verriethen ihre lau⸗ ten Stimmen und das fröhliche Gelächter, das von Zeit zu Zeit hörbar ward. Endlich aber ſchien Niels Ebſen die Stunde der Ausführung ſeines Planes ge⸗ kommen zu ſein. Er trat dicht an den Tiſch, um den die Zecher ſaßen, und ſchaute bedächtig und mit langem Halſe in das Gefäß, welches das heiße Ge⸗ tränk enthielt. Es war beinahe leer. „Ja, ja, macht nur einen langen Hals,“ ſagte der Corporal, der die Wache in Abweſenheit des Of⸗ ficiers commandirte,„ſie iſt leer wie ein Schiff ohne Ladung und Ballaſt, wie Ihr uns ſo oft geſagt habt, und es iſt kein Rheder vorhanden, der ſie wieder vollſtauen will.“. „Heda, doch, mon ami. Der Rheder bin ich. Gebt mal Eure Töpfchen her— da habt Ihr den Reſt. Nun aber müßt Ihr ein Weilchen Geduld ha⸗ ben, ich gehe in die Küche und hole den leckeren Bo⸗ denſatz. Wer nicht hier bleibt, kriegt keinen Tropfen davon.“—— Mit behendem Schritte trug er das Gefäß zur Thür hinaus, riegelte ſie leiſe von Außen zu und hatte ſomit alle Poſten gefangen, die auf den Fluren ſtehen und die Gefangenen bewachen ſollten. Haſtig ſprang er nun die Treppe hinauf und rie⸗ 300 gelte die Thüren dieſer Gefangenen auf. In ihre Mäntel gehüllt, ſtanden ſie ſchon bereit. Die Filz⸗ ſchuhe an den Füßen tragend huſchten ſie die Treppe hinab und einen Augenblick ſpäter waren ſie auf der Straße— frei und Gottes luftiger Athem umfing ſie. Schnell laufend und ſich immer im Schatten der Häuſer und Mauern haltend, kamen ſie auf dem Marktplatz an und von hier aus trabten ſie mit dem Kerkermeiſter um die Wette die Straße entlang, die zu dem Hauſe des Müllers Dalwitz führte. In zehn Miinnuten hatten ſie es erreicht, ſchlüpften in die offene Hausthür, die unmittelbar hinter ihnen verriegelt wurde und traten in die Stube, in der ſie außer dem Müller und ſeiner Familie Hille Vangerow vorfan⸗ den, die ein warmes Getränk für ſie in Bereitſchaft hielt. Beinahe wäre Waldemar dem lieben Mädchen, dem er ſo viel Gutes verdankte, um den Hals gefal⸗ len, ſo groß war ſeine freudige Bewegung, als ſie ihm ſo unerwartet entgegentrat und, wie ſtets, wenn er ſie nach langer Trennung wiederſah, immer ſchö⸗ ner und herrlicher erſchien, aber er bezwang ſich und drückte ihr nur die Hände, als ſie mit gerötheten Wangen dicht vor ihm ſtand. Zu Worten aber konnte er es kaum bringen und ſelbſt Magnus war 301 diesmal reichlicher damit verſehen, indem er ſeinen aufrichtigſten Dank ausſprach und nicht zu wiſſen er⸗ klärte, wie er denſelben durch die That zu erkennen geben ſolle. 4 „Meine Herren,“ ſagte der vorſichtige Müller,„ver⸗ paren Sie Ihren Dank bis auf künftige Zeiten. Sie haben keine Minute zu verlieren, denn Ihre Flucht kann nicht lange unbemerkt bleiben und dann wird die Trommel gerührt werden und zwanzig Ordonan⸗ zen ſitzen auf und verfolgen Sie nach allen Rich⸗ tungen. Alſo vorwärts in den Hof, dort ſtehen die Pferde ſchon bereit.“ Nagnus, Waldemar und Niels Ebſen tranken raſch noch einige Gläſer von dem angenehmen Ge⸗ tränk, welches ihnen Hille credenzte, mehr um das liebe Mädchen zu befriedigen, als weil ſie ein Be⸗ dürfniß danach hatten. Dann begaben ſich Alle in den Hof, wo der wackere Jochen die Gäule am Zü⸗ gel hielt. Die beiden kleinen Pferde, die Magnus un Waldemar zum alten Schweden tragen ſollten, waren dieſſelben Thiere, die den Kaiſer von Pulitz ſpatzieren zu fahren ſich geweigert hatten, heute aber, wo ſie keinen glänzenden Wagen ins Auge faßten und wußten, daß es nach dem heimatlichen Stall ging, waren ſie nicht ſo widerſpenſtig, ſcharrten nur * 302 mit den Füßen im Schnee und ſchnaubten vor Unge⸗ duld, in Bewegung zu kommen, was ihnen bei der Kälte auch nicht zu verdenken war. Jochen und Magnus ſaßen zuerſt im Sattel, Waldemar zögerte ungewöhnlich lange. Er hielt immer noch Hille bei der Hand und hatte jetzt endlich Worte gefunden, da Niemand ſo nahe ſtand, daß er ihn geſtört hätte. „Wohin werdet Ihr Euch von Pulih wenden?“ fragte Hille raſch. „Wenn mein Wunſch berückſichtigt wird, nach Schweden, bis der Friede geſchloſſen iſt.“ „Das iſt auch meine Meinung, aber wagt Euch nicht zu früh hinaus, denn Ihr dürft nicht noch ein⸗ mal gefangen werden.“ „Nein, Hille, Du haſt Recht, ich nehme mich jetzt noch mehr in Acht.“ „Herr,“ rief der Müller,„vorwärts! Ich mache den Thorweg auf und dann reitet der Jochen voran, um Ihnen die beſten Wege zu weiſen, da er ſie heute ſchon dreimal beſchritten hat.“ Dieſer Aufforderung konnte Waldemar nicht län⸗ ger widerſtehen; noch einen Händedruck gab und em⸗ pfing er und dann ſchwang er ſich auf und trabte 6 neben Magnus Jochen nach, der ſchon vorausgallop⸗ 3 pun war. — 303 Der dicke Schnee gab bei der ſchlecht gepflaſterten Straße ein nützliches Polſter für die Huftritte der Pferde ab, Niemand hörte die Flüchtigen aus Ber⸗ gen abziehen, und als der Müller mit den beſten Wünſchen für das Wohl derſelben ſeinen Hofraum wieder geſchloſſen hatte und mit den Seinigen in die Stube zurückgekehrt war, lächelte er heiter, denn keine Spur mehr war an ſeinem Hauſe vorhanden, daß von hier aus die beiden Hochverräther ihre Flucht an⸗ getreten hatten. Etwas langſamer aber ſchritt Niels Ebſen hinter den Reitern her. Er kannte den Weg und da man ihn unmöglich in der dunklen Nacht verfolgen oder die Richtung ſeines Weges errathen konnte, ſo wan⸗ derte er getroſten Muthes fort, wohl wiſſend, daß ein Mann, der eine ſo edle That ausgeführt, willkom⸗ men bei dem alten Schweden ſein würde, der ihn ſchon üngſ dars Hille zu ſich hatte einladen laſſen. Bemerken wir gleich hier, daß er bis zum Friedens⸗ ſchluß auf Pulitz blieb und dann von allen Seiten reich beſchenkt, mit einem ſchwediſchen Kauffahrteiſchiff nach Stockholm ſegelte, um von da aus eine Gelegenheit zu finden, ſeine Heimat zu erreichen, die er wider alle Erwartung reicher an Mitteln und Freunden betrat, als er ſie verlaſſen hatte. 304 Da es ſehr dunkel war und nur die weißen Schnee⸗ flächen ein unbeſtimmtes Licht auf dem Wege verbrei⸗ teten, ſo ritt Jochen nur wenige Schritte den beiden ihm folgenden Männern voraus. Im ſcharfen Trabe wandte er ſich von dem letzten Hauſe vor Bergen nach Nord⸗ oſten und umritt den Rugard, die Straße wählend, die von Bergen nach Buſchwitz führt. Die Krümmung des Weges mit eingerechnet betrug die Entfernung voon dem Gefängniß bis Pulitz nur etwa Dreiviertel⸗ meilen und da man über das gefrorene Waſſer fort⸗ reiten konnte, ſo durfte man ſicher ſein, in einer klei⸗ nen halben Stunde die alte Zufluchtsſtätte zu errei⸗ chen, zumal die Pferde friſch und willig genug waren. Als die Reiter in der friedlichen und faſt wind⸗ ſtillen Nacht auf der menſchenleeren Straße am Fuße des Rugard dahin trabten, ſprachen ſie nichts, beide aber ſchauten mit verwunderten Blicken um ſich her, denn was ſie ſahen, kam ihnen ſo neu und un⸗ gewöhnlich vor, als hätten ſie es noch nie geſehen oder als wären ſie in eine ihnen unbekannte Welt verſetzt. Die Urſache dieſer Erſcheinung lag wohl zu⸗ meiſt darin, daß ſie das Bewußtſein mit ſich forttru⸗ gen, aus einer Knechtſchaft gerettet zu ſein, die mit peinlicher Laſt auf ihren Herzen gelegen hatte, aber dann darin auch, daß die Gegend, durch die ſie kamen, 305 in der That ganz verwandelt war. Als ſie von Mönch⸗ gut nach Bergen gefahren wurden, lag das ganze Land grün, in voller Blüthe und im prangenden Sommer⸗ kleide vor ihnen, jetzt war faſt kein Baum zu erken⸗ nen, öde und traurig ruhte die nächtliche Landſchaft in ihrem weißen Wintermantel und ſo waren ſie ohne Uebergang aus einer Welt in die andere getreten und das wallende Blut, das, von der friſchen Luft mit neuer Triebkraft belebt, durch ihre Adern kreiſte, pochte heftig in ihren Schläfen wider, ſo daß ſie, von der Neuheit der ſie umgebenden Scene befangen, einen preſſenden Schmerz im Kopfe empfanden, wie es einem Menſchen ergeht, der, lange in dumpfer ungeſunder Luft eingeſchloſſen, pfeilgeſchwind durch die brauſenden Lüfte gezogen wird und mit jedem neuen Athemzuge ein friſches Leben zu trinken glaubt. Aber nicht lange konnten ſie ihre Gedanken auf dieſe Betrachtung richten. Nachdem ſie etwa zwanzig Minuten heftig fortgetrabt waren, hielt Jochen vor ihnen an und ſagte:„Hier ſind wir an die Ueber⸗ fahrtsſtelle von Pulitz gelangt. Jetzt reiten Sie ein⸗ zeln dicht hinter mir her, damit Sie nicht in die Eis⸗ löcher gerathen, die wir des Fiſchfangs wegen gebrochen haben.“ „Kommen wir über All⸗Rügen?“ jrasteMRagnus laut. Der Strandvogt. III. „Nein, Herr, ich laſſe den Werder links liegen, wir reiten über die Schneefläche des Eiſes bequemer und kürzer.“ „Vorwärts denn, ich hätte das kleine Eiland gern noch einmal geſehen, das mich in ſeinem Schooße ſo ſicher geborgen hat. Nun, immer zu, ich werde Vie⸗ les nicht wiederſehen— vorwärts Waldemar, ich folge.“ „Geh⸗ Du voran, ich ſchließe den Zug.“— Da Waldemar wie gebannt auf ſeinem Pferde hielt und Jochen ſchon eine Strecke voraus war, ſo mußte Magnus ihm den Willen thun, und als nun die drei Reiter im langſameren Tempo über die ebene Fläche trotteten, klang es hohl und dumpf unter den Huftritten ihrer Pferde, was nur Derjenige erfahren und mit innerlichem Grauſen gehört hat, der einmal in der Lage geweſen iſt, zur Winterszeit über einen Meeresarm zu reiten, wenn der ſtarke Froſt die unru⸗ hige Waſſerfläche zu ſtarrer Ruhe gebändigt hat. Plötzlich hielt Jochen ſein kleines Pferd an und deutete mit der Hand vor ſich her.„Kennen Sie dieſe Gegend, Herr Granzow?“ fragte er. „Nein. Ha! Wo ſind wir? Dieſe öden Strecken ſind mir ganz unbekannt.“ „Das war einſt unſer ſchöner Pulitzer Wald!“ ſeufzte Jochen und nickte den beiden Männern traurig zu. 307 „Wie— der Wald? Was meint Ihr?“ „Er iſt fort, verſchwunden, für ewige Zeiten. Der General Chambertin hat ihn heruntergeſäbelt, als hätte er ein Regiment Türken vor ſich gehabt.“ „Mein Gott!“ ſagte Waldemar.„Welche Barbarei! O armer Adam Sturleſon! Was wird er dazu ſagen!“ „Ja, Herr, das iſt ſchlimm. Ich habe meinen gu⸗ ten Heuen niemals weinen ſehen und ſeufzen hören, als aber dieſer Wald todt an der Erde lag, hat er ge⸗ ſchrieen wie ein Kind und zehnmal in einem Athem gerufen: das iſt mein Tod, das iſt mein Tod!“ „Kommt, laßt uns raſch darüber hinreiten,“ ſagte Waldemar und ſetzte ſein Pferd wieder in Bewegung. „Eine ſolche Grabſtätte zu betreten und die lieben Be⸗ kannten nicht mehr zu finden, erweckt ein trauriges Gefühl— und für mich giebt es in dieſem Augen⸗ blick nichts Trauriges— ich will froh und heiter ſein, wenn ich meinen alten Freund wiederſehe. Nicht wahr, Magnus?“ „Ich weiß es nicht— ich ſehe Gräber recht gern.“ „Auch dieſe?“ „Nein, dieſe nicht, lieber wäre mir noch mein eigenes.“ „O, laß das jetzt, Magnus, und ſtöre uns die Freude des Wiederſehens nicht. Da, ſehet dort, da brennt ein Licht, liegt dort nicht der Pachthof, Jochen?“ 20* „Ja, Herr, und das Licht brennt im Stall, um uns als Leitſtern zu dienen.“— So ritten denn die drei Männer in gerader Linie auf das einſame Gehöft zu, das in ſolchem Winter noch verlaſſener lag als im Sommer, wenigſtens für das Auge, denn ſtatt der ſprudelnden Fluth und der ſpielenden Welle war rings umher nichts zu ſehen, als die unermeßliche Schneefläche, über die ſich trübe und wolkig der eintönige Himmel ſpannte, und kein die Landſchaft anmuthig belebendes Segel zog am fernen Horizont durch die blaue See herauf, die, er⸗ ſtarrt wie das Land im langen Winterſchlafe, nur bisweilen in ſtiller Nacht ein dumpfes Murren und Grollen hören ließ, als ſei ſie unwillig über die ſchwere Feſſel und beſtrebe ſich insgeheim, ſie zu brechen und abzuſchütteln, was ihr aber nicht gelang, ſo lange nicht wärmere Lüfte zu ihrem Beiſtande herbeieilten. Aber nur kurze Zeit noch brauchten ſie zu reiten, denn nach wenigen Augenblicken hatten ſie das Ge⸗ höft erreicht; die gaſtfreien Thore öffneten ſich und wiederum blickten ſie in die treuen Augen des alten Schweden und der guten Mutter Talke, die ihnen Beide mit lautem Jubelruf entgegentraten und wohl eine halbe Stunde lang ihre Hände ſchüttelten mit dem wiederholten Zurufe:„Willkommen, willkommen in 309 8 S · — S — — — — — — — 2 — — 2 — — ₰ — — — — A ☛ = — — ☛ — iſt fort und ſo Gott will, ſtreifen wir auch bald ſer i den großen von uns ab!“ Reuntes Anpitel. Der erloſchene Stern. Lange hatten die beiden Freunde in unangetaſteter Freiheit keine ſo ruhigen Tage verlebt, wie ſie ihnen jetzt auf der kleinen Inſel in dem gaſtfreien Hauſe des alten Schweden zu Theil wurden, und der Ge⸗ nuß dieſer Ruhe und Freiheit ward noch dadurch ver⸗ größert, daß er mit der Hoffnung verſchwiſtert war, die Gerüchte, welche über den nahen Abſchluß eines annehmbaren Friedens immer lauter und häufiger kreiſten, würden ſich bald bewahrheiten und damit das kleine Ländchen endlich beglückt werden, welches ſo lange die Laſten eines Zuſtandes getragen, der, wenn auch kein offenbarer Krieg, doch mit allen Un⸗ bequemlichkeiten und Bedrückungen belaſtet war, die ein ſolcher in ſeinem Gefolge zu haben pflegt. Feind⸗ lichen Nachſtellungen waren die Flüchtlinge neuerdings * * 311 gar nicht ausgeſetzt, ja man hörte nicht einmal davon, daß ſie an anderen Orten geſucht oder gar verfolgt worden wären. Einige Tage nach der Flucht aus Bergen vernahm man wohl durch einen aus jener Stadt zurückkehrenden und in Pulitz vorſprechenden Landmann, daß der Commandant von Bergen an⸗ fänglich über die kecke Flucht entrüſtet und Aee wiederholten allgemeinen V zung und Aufſuchung entſchloſſen geweſen ſei, a heißes Verlangen, die beiden Männer wieder zu erwiſchen, wäre bedeu⸗ tend abgekühlt worden, als auf ſeine Meldung des Vorgefallenen nach Stralſund der franzöſiſche Mar⸗ ſchall von dort her eine Mäßigung ſeines imperiali⸗ ſtiſchen Dienſteifers angerathen habe. Allerdings hätte man in Bergen ſelbſt, wo man ſie irgend wo verſteckt geglaubt, nach ihnen geforſcht, da aber in der Nacht der Flucht ſelbſt noch ein ſtarker Schneefall ſtattge⸗ funden, ſeien alle Spuren verwiſcht geweſen und nichts entdeckt worden, was auf die Richtung ihrer Schritte habe ſchließen laſſen. Räthſelhaft ſei es je⸗ denfalls, daß der neue Kerkermeiſter, wie man offen⸗ bar annehmen müſſe, mit den Gefangenen im Bunde geſtanden habe, da er zugleich mit ihnen verſchwun⸗ den ſei, denn eine genügende Erklärung ſeines Be⸗ nehmens fehle vollſtändig und man finde nirgends * 312 einen ſtichhaltigen Grund, der ihn veranlaßt haben könne, erſt den Waldemar Granzow den Franzoſen zu verrathen und nun mit ihm ſelbſt zu flüchten, wenn man nicht annehmen wolle, daß er erſt in Ber⸗ gen von dem reichen Grafen Brahe zu Letzterem ver⸗ führt und beſtochen worden ſei.. ergen, erzählte der Landmann ferner, herrſche unter der Bevölkeru ie Meinung vor, daß die franzöſiſchen Befehlshaber ſchon mehr von dem be⸗ vorſtehenden Friedensſchluſſe wiſſen müßten, und al⸗ lein in dieſer Annahme liege der Grund, warum man die Aufſuchung zweier Männer nicht ämſiger be⸗ triebe, die man noch vor wenigen Monaten als ge⸗ fährliche Hochverräther einzukerkern ſich gemüßigt ge⸗ ſehn habe. Alle dieſe Nachrichten, ſo günſtig ſie für die Flücht⸗ linge ſelbſt lauteten, beſtimmten dieſe nun nicht, ſich auf Pulitz für völlig ſicher zu halten, daher blieben ſie ruhig im Hauſe und traten mit keinem Nachbar in Berührung. Nach Saſſenitz ließen ſie die Botſchaft ſagen: ſie befänden ſich wohl bei dem alten Ohm und ſehnten ſich ſehr, frei in die Welt zu treten und ihre alten Freunde zu begrüßen, allein der Strandvogt möge ſie nicht beſuchen oder mit ihnen eine Verbin⸗ dung anzuknüpfen trachten, um jede Aufmerkſamkeit ⁸ 313 der gewiß im Stillen wachſamen franzöſiſchen Polizei von Pulitz abzuleiten und ſie nicht von Neuem zu gefährden. Als die Alten im Kiekhauſe dieſe Botſchaft erhiel⸗ ten, freuten und bekümmerten ſie ſich zugleich. Daß Magnus Brahe und Waldemar in Sicherheit waren, beruhigte ſie, daß ihnen ſelbſt aber verſagt war, ſie bei dem alten Schweden zu beſuchen, betrübte ſie ſehr, denn gar zu gern hätten ſie den wackeren Sohn nach ſo langer Zeit einmal wieder an ihr Herz gedrückt, zumal da ſie von Hille, die wieder bei ihnen war, erfahren hatten, es ſei nicht unmöglich, daß die Flücht⸗ linge doch noch nach Schweden gingen, wenn ihnen irgend eine Gelegenheit dazu geboten würde. Als man nun aber auf der kleinen Inſel im Laufe mehrerer Tage gar nichts erfuhr, was ſich auf die öffentlichen Angelegenheiten bezog, da alle Wege tief verſchneit lagen und nirgends ein rechter Verkehr möglich war, ſo ward Jochen nach Bergen geſchickt, um bei ſeinen Bekannten und namentlich dem Mül⸗. ler Dalwitz, der als eifriger Patriot in der Regel Alles wußte, was von augenblicklichem Intereſſe war, die nöthige Kundſchaft einzuziehn. 4 Jochen brachte die nicht unwillkommene Nachricht mit heim, daß die Friedensgerüchte ſich zu beſtätigen ſchienen; in Bergen wenigſtens herrſche unter den Franzoſen eine merkliche Rührigkeit und man bereite ſich ſichtlich auf Märſche vor, die doch in dieſer Jah⸗ reszeit nichts als einen Rückzug vorausſetzen ließen. Gewiß ſei allein, daß die Truppen, die auf den äußer⸗ ſten Punkten der Inſel zerſtreut lägen, immer mehr und mehr nach dem Mittelpunkt gezogen würden und daß nur die großen Güter, die noch Vorrath an Nah⸗ rungsmitteln hätten, einſtweilen einige Beſatzung be⸗ halten, die kleinen aber, die völlig ausgeſogen wären, gänzlich geräumt werden ſollten. Endlich am 15. Januar traf die ſichere Nachricht von einem in Paris am 6. Januar zwiſchen dem Kaiſer der Franzoſen und dem Könige von Schweden abgeſchloſſenen Frieden ein, mit dem nicht minder gern gehörten Beiſatze, daß die Franzoſen am 30. Januar bis auf den letzten Mann die Inſel Rügen verlaſſen müßten. Da ſcholl denn ein großer Jubel durch das ganze Land; kein Menſch konnte ſeine Freude im ei⸗ genen Hauſe verwinden und Jeder lief zu ſeinen Nachbarn, ſo daß in wenigen Stunden die glückliche Botſchaft bis an die entfernteſten Punkte des ſtillen Ei⸗ lands getragen war. Statt des bisherigen Schweigens und Murrens ſah man nur fröhliche Geſichter, Jauchzen und Lachen ließ ſich aus jeder Hütte vernehmen und 315 es war, als ob der ſo leicht wandelbare Menſch plötz⸗ lich alle Drangſal und Noth vergeſſen habe, die ihm der Krieg bisher auferlegt hatte. Dieſe allgemeine Freude wurde allerdings einiger⸗ maßen abgekühlt, als am nächſten Tage die officielle Be⸗ ſtätigung dieſes Friedens durch Blätter bekannt gemacht wurde, welche man, um ſie ſchneller kreiſen zu laſſen, durch Landboten umhertragen ließ, und Jedermann daraus die Bedingungen erfuhr, die der alte König von Schweden in ſeiner Gutmüthigkeit ſich von dem ſtar⸗ ken Napoleon hatte auferlegen laſſen. Denn daß Schweden, alſo auch Pommern und Rügen, dem Friedensſchluſſe zufolge aller und jeder Verbindnng mit England entſagen, daß es den Engländern ſeine Häfen verſchließen und in allen Punkten dem verhaß⸗ ten Continentalſyſtem beitreten ſolle, das war ein un⸗ erwarteter Schlag für die hoffnungsvollen Herzen und trübte die allgemeine Friedensfreude gar ſehr. Aber auch dieſe neue Beläſtigung glaubte man verſchmer⸗ zen zu können, wenn man in Betracht zog, daß die Franzoſen wirklich in wenigen Tagen die ganze In⸗ ſel geräumt haben mußten, daß alſo dann das Land wieder ſich ſelbſt gehören und ſeine Bewohner nach ihren alten Gewohnheiten würden leben können. So rüſtete mar ſich denn wie auf gemeinſame Verabre⸗ .316 dung, ſchon vor dem officiell angekündigten Dankfeſt ſeinem patriotiſchen Jubel einen ſichtbaren Ausdruck zu geben, und trotz der Anweſenheit der Franzoſen, die man nicht mehr fürchten zu dürfen glaubte, be⸗ ſchloß man, an einem beſtimmten Tage Freudenfeuer flammen zu laſſen, was ja ſeit undenklichen Zeiten eine alte Sitte bei den verſchiedenen norddeutſchen Stämmen iſt. Aber man begnügte ſich nicht damit, allein von den höchſten Bergſpitzen den allgemeinen Jubel kundzuthun, auch auf den zugefrorenen Binnen⸗ gewäſſern ſchürte man die Flammen an und Tauſende von Menſchen ſammelten ſich auf dem ſo ſeltenen Eisboden und tanzten und frohlockten um die flam⸗ menden Holzſtöße her, auf dieſe Weiſe ein doppeltes Feſt feiernd, indem zugleich mit dem Bruche der fran⸗ 8 zöſiſchen Sklavenketten dem inheloſen Meergeiſte eine Feſſel angelegt ſei. Um dieſe Zeit begannen die Franzoſen allmälig die Inſel zu räumen und von den äußerſten Gränzen derſel⸗ ben nach dem Mittelpunkte zu maſchiren. Alle Wege waren auf dieſe Weiſe beſetzt, überall fanden Durch⸗ züge ſtatt und niemals hatten die Franzoſen auf Rü⸗ gen ſo freundliche Geſichter geſehen, als an dem Tage, wo ſie von ihm Abſchied nahmen. Nur hie und da auf einzelnen großen Höfen oder in den Flecken blie⸗ 317 ben Einige zurück, die mit den Bewohnern nähere Bekanntſchaften eingegangen waren, die ſie nicht ſo ſchnell löſen mochten oder konnten. Sie hatten Ur⸗ laub von ihren Befehlshabern genommen, um noch auf kurze Zeit eine Freundſchaft zu pflegen, die— ſo glaubte man wenigſtens— für alle Ewigkeit ihr Ende erreicht hätte, oder um noch einen Genuß zu verlängern, der vorausſichtlich nie wieder in's Leben treten würde. An dem Tage, wo Waldemar die gewiſſe Nach⸗ richt von dem Abſchluß des Frieden und der Räu⸗ mung der Inſel Seitens der Franzoſen erhielt, trat er aus dem Zimmer des alten Schweden, bei dem er gerade verweilte, raſch bei Magnus ein, um ihm die neue Mähr zu verkünden und auch ihm, dem trüben, ſtummen Freunde, ein Zeichen des Beifalls zu entlok⸗ ken. Aber er fand nicht, was er ſuchte, Magnus hörte ihn ohne ſichtbare Bewegung auf ſeinem mar⸗ mornen Geſichte an und als Waldemar freudig hin⸗ zuſetzte:„Nun brauchen wir nicht nach Schweden, Magnus, nun können wir im Lande bleiben und unſern Heerd aufſuchen, an dem wir uns ſo lange nicht gewärmt,“ da ſagte er mit einer dem Freunde in's Herz ſchneidenden Kälte: „So, alſo das iſt Alles, was Du mir zu ſagen 2 318 haſt? Und darüber freuſt Du Dich? Warum willſt Du nicht nach Schweden? Oder vielmehr, was ſoll ich noch länger hier weilen, wo mich nichts mehr feſſelt und beglückt?“ „Wie?“ fragte Waldemar verwundert,„freuſt Du Dich wirklich nicht über das allgemeine Geſchenk, welches der gütige Schöpfer Deinen Landsleuten auf ihre lange Bitte endlich dargereicht?“ „Nein, Waldemar, ich freue mich nicht, denn ich kann es nicht, ſo gerne ich auch möchte und ſo drin⸗ gend die Aufforderung von Außen dazu ſcheint. Ach naeein, mein Freund, für mich giebt es keine Freude mehr auf der Erde, denn der Stern in meiner Bruſt, der ſie mir früher eingeflößt, iſt ganz erloſchen und ich, habe nicht einmal mehr einen Schimmer davon, der mich noch allenfalls über mich ſelbſt und meine Zu⸗ zunft täuſchen könnte.“ Waldemar ſchüttelte bedenklich ſeinen ausdrucks⸗ vollen Kopf. Daß Magnus auch jetzt nicht einmal einen Schimmer von Glück vor ſich ſähe, ſchien ihm unbegreiflich zu ſein. Eingeſchüchtert wie nie, ver⸗ ließ er den Grafenſohn und dachte im Stillen über die Möglichkeit nach, den Sinn deſſelben zu öffnen und auch ihm die Thore der Freude zu erſchließen, 319 die ihm jetzt ein Gemeingut aller fühlenden Menſchen zu ſein ſchien. Was er aber auch erdachte und erſann, er ſollte nicht ſo raſch zu einem Reſultate gelangen, wie Mag⸗ nus ſelber, obgleich dieſes Reſultat weit von demjeni⸗ gen abwich, welches Waldemar in Ausſicht haben konnte. Denn kaum hatte dieſer den jungen Grafen verlaſſen, ſo trat eine plötzliche Wandlung im Ge⸗ müthe deſſelben ein, eine Art Sturmgefühl erfaßte ihn und riß ihn gewaltſam aus der geiſtigen Lethar⸗ gie empor, in die er ſchon ſeit ſo langer Zeit ver⸗ ſunken war. So aber ſchwankt der menſchliche Geiſt zwiſchen Extremen hin und her, ſo ruht und ſchläft er lange im träumeriſchen Nichtsthun, und plötzlich ſchwingt er ſich elaſtiſch zu neuen Exſtaſen auf, als gebe es nur Tiefen und Höhen, in die er verſinken oder die er erklimmen müßte, und als wäre die gerade ebene Mittelſtraße für ihn nicht vorhanden, die ge⸗ mächlich von einem Ende des Lebens zum andern führt, auf der man den Schmerz ruhig überwindet und der Freude ſich dankbar überliefert, wie es die Vorſehung beſtimmt hat, die nun einmal das kleine Menſchenleben in ihren gewaltigen Händen hält! Nachdem Waldemar ſeinen Freund verlaſſen, hatte 320 es kaum einer Stunde bedurft, um Magnus in einen ganz anderen Menſchen zu verwandeln. Mit leuchten⸗ den Augen und erhitzten Wangen ſuchte er Jenen auf und ſetzte ihn in Erſtaunen durch die Veränderung, die in ſeinem Weſen vorgegangen war und unter den obwaltenden Umſtänden nichts Gutes zu verkündigen ſchien. „Magnus,“ ſagte Waldemar zu ihm,„was ſehe ich? Was iſt Dir begegnet, ſeitdem ich Dich vor einer Stunde geſprochen habe?“ „Nichts von Außen her, mein Freund, aber mir ſſt ein Gedanke aufgeſtoßen, der mein Blut in Bewe⸗ gung geſetzt und mich zu einem neuen Entſchluſſe ge⸗ trieben hat.“ „Laß mich ſowohl den Gedanken wie den Entſchluß kennen lernen, damit ich Theil daran nehme.“ „Waldemar, Du zürnſt mir vielleicht, wenn ich es ſage, aber, glaube mir, ich kann nicht anders. Mit einem Wort, ich will noch einmal nach Spyker und zum letzten Mal unter dem Dach meines Vaters ruhen.“ Waldemar lächelte bitter.„Ich dachte es mir,“ ſagte er wie vor ſich hin.„Doch das iſt gleichgül⸗ tig— was willſt Du in Spyker?“ „Ich weiß es ſelber nicht, aber hin muß ich. Eine . 321 unwiderſtehliche Gewalt, die ſtärker iſt als mein Wille und meine Einſicht, reißt mich von hier fort. Wer weiß, wie es jetzt dort ausſieht, was geſchehn iſt, was — was das unglückſelige Mädchen macht und ob ſie nicht eines Beiſtandes bedarf.“ „Willſt Du ſie noch einmal ſehen und ſprechen?“ „Es kann ſein, daß ich das will, jetzt weiß ich es noch nicht.“ „Und wenn Du ſie ſiehſt und ſprichſt, wenn ſie Dich, nachdem ſie den Franzoſen verloren, wieder in ihre Netze zieht, willſt Du an die Stelle dieſes Fran⸗ zoſen treten und“— „Schweig davon und beleidige mich nicht. Nein, das will ich nicht, aber etwas Anderes will ich, und von Minute zu Minute taucht es klarer in mei⸗ nem Geiſte auf. Auf ſein Haupt will ich treten, aber nicht an ſeine Stelle, wenn er noch da iſt, und mir ſagt es eine innere Stimme, daß ich ihn treffen und Angeſicht zu Angeſicht ihm gegenüberſtehen werde.“ „Ich werde hoffentlich dabei ſein, Magnus, denn ich verlaſſe Dich auch auf dieſem Wege nicht. Aber höre mich an, übereile nichts, laß uns erſt einen Bo⸗ ten nach Spyker ſenden, um anzufragen, wie es dort ſteht, damit wir nicht etwa dem Wolfe in den Ra⸗ chen laufen, dem wir eben glücklich entronnen ſind.“ Der Strandvogt. III. 21 „Wie lange hält uns das auf?“ „Höchſtens einen halben Tag, denn der Bote geht über das Eis und in zwei Stunden iſt die ganze Reiſe abgemacht.“ „So ſende Jemand an Ahlſtröm und erkundige Dich nach Allem, was Bedeutung für uns hat.“ Waldemar begab ſich zu Adam Sturleſon und theilte ihm den Wunſch des Grafen, ſowie die Ver⸗ anlaſſung dazu mit. Der alte Schwede ſchüttelte bedenklich den Kopf und ſagte:„Welche Thorheit ſehe ich da einmal wie⸗ der! Läuft ihm denn ſein Schloß davon? Und die⸗ ſer Dirne wegen will er ſich und Dich einer neuen Gefahr ausſetzen? Nun meinetwegen, ich trage mein Fell nicht zu Markte. Die heutige Welt kennt ein⸗ mal Ruhe und Frieden nicht. Mir recht, wenn ſie dafür beſtraft wird. So mag denn der Jochen hin⸗ laufen. Sag ihm, was er da ſoll, aber ich will nichts damit zu thun haben. Wozu will denn der Graf eigentlich hin?“ „Das frage ich auch.“ „Ich will es Dir ſagen. Um mit dem neugebak⸗ kenen Major anzubinden, das verſteht ſich von ſelber. Ich kenne das. Das iſt ein Stück Edelmannswahn! und bei Gott, er wird den Kürzeren ziehn, denn wenn 323 ich dieſen Franzoſen, den ich nie geſehen, aus Euren Schilderungen recht erkannt habe, ſo kommt es ihm nicht darauf an, einen Feind mehr oder weniger über die Klinge ſpringen zu laſſen.“ „Oho!“ rief Waldemar.„Da ſind wir doch auch noch dabei! Ich fürchte mich mehr vor dem Weibe, als vor dem Soldaten, und wenn Magnus eine Nie⸗ derlage erleidet, ſo wird es weniger von dieſem als von jenem ſein.“ „Gut denn. Jeder Menſch hat ſeinen Glauben für ſich. Gehet hin und ſehet, ich waſche meine Hände.“ Jochen ward herbeigeholt und von Waldemar mit der neuen Sendung betraut. Gern war der willige Mann bereit, holte ſeine Schlittſchuhe und ging nach einer halben Stunde ab. Der Wind hatte zum gro⸗ ßen Theil den Schnee vom Eiſe ſchon während des Fallens weggetrieben und ſo konnte man meilenweit über ſeine glatte Fläche laufen, was auch ein ſeltenes Vergnügen war, da die Gewäſſer hier in der Regel in Bewegung ſind, wenn ſie erſtarren und gefrieren, alſo eine holprige Oberfläche darbieten. Jochen war Morgens elf Uhr nach Spyker aufge⸗ brochen und Abends um ſieben Uhr war er ſchon wie⸗ der auf Pulitz. Er berichtete, daß man etwa eine Meile auf Schlittſchuhen fortkommen und den übrigen 21* 324 Weg bequem zu Fuße zurücklegen könne, da die Leute von Jasmund bei ihrem häufigen Uebergange nach Rügen ſchon gangbare Wege getreten hätten. „Aber wie ſieht es auf Spyker aus, Jochen? Das iſt die Hauptſache.“ Jochen wurde es ſichtbar ſchwer mit der Sprache offen heraus zu treten, denn er wußte vorher, daß ſeine Nachrichten nicht gern gehört werden würden.„Ich bin drei Stunden im Schloſſe geweſen,“ ſagte er,„und habe auch den Herrn Kaſtellan geſprochen, wie Sie mich beauftragt haben. Ach, Herr Granzow, da ſieht es aber nicht ganz geheuer aus und ich will Ihnen Alles ſagen, was mir der alte Herr zugeflüſtert hat. Die reitenden Jäger ſind allerdings ſchon ſeit vorge⸗ ſtern größtentheils fort und haben eine Menge Gut weggeſchleppt, was ihnen wahrlich nicht gehörte. Der Major aber iſt mit einigen Leuten noch dageblieben, zu ſeinem Vergnügen, wie er ſagt, in Wahrheit jedoch, weil er noch nicht fertig mit der Auswahl der Dinge iſt, die er mitnehmen will. Der Abmarſch iſt ihm etwas zu raſch über den Kopf gekommen.“ „Was er mitnehmen will? Verſtehſt Du darunter auch die Dame?“ „Gott bewahre mich, die will er am wenigſten mitnehmen, hat mir Herr Ahlſtröm geſagt; ſie aber * 325 ſchreit und ringt die Hände und will den fremden Of⸗ ficier nicht fortlaſſen, der ihr die Ehe verſprochen hat und den ſie nur als ihren Gatten will ſcheiden ſehn, um ihm nachzureiſen, ſobald er in Frankreich in Ruhe ſitzt. Mitnehmen will er vielmehr, was er an Silber⸗ zeug und ſonſtigen Koſtbarkeiten zuſammenraffen kann, und der Kaſtellan hat ſich vergebens bemüht, ihm be⸗ greiflich zu machen, daß er das nicht dulden darf. Ja, Herr, ſo ſtehen die Sachen, und der Herr Kaſtellan freut ſich ſehr, daß Sie und der Herr Graf kommen, denn dann, meint er, habe er nicht allein die Verant⸗ wortung mehr.“ Waldemar ſenkte den Kopf.„Es iſt genug,“ ſagte er,„jetzt weiß ich Alles. Was Du mir aber geſagt haſt, behalte für Dich allein und ſage nichts dem Gra⸗ fen davon. Ich werde es ihm ſelbſt mittheilen. Wie⸗ viel Franzoſen liegen wohl noch auf dem Schloſſe?“ „Der Major, ſein Diener und etwa ſechs reitende Jäger, die aber den ganzen Tag betrunken ſind, weil ſich Niemand um ſie bekümmert und ſie den Keller des Grafen Brahe ausgeplündert haben.“ „Haſt Du mir den Schlüſſel gebracht, um den ich den Kaſtellan ſchriftlich gebeten habe?“ „Ach ja, Herr, beinah hätt' ich's vergeſſen. Hier iſt er; er hat ihn eingeſiegelt und mir auf die Seele 326 gebunden. Auch würde er Alles in Bereitſchaft ſetzen, hat er geſagt, eine Laterne würde Tag und Nacht an dem bewußten Orte brennen und die Zimmer im Thurm würden in Ordnung ſein, wie ſie es früher geweſen! Ihre Kleider und Wäſche aber, die Sie in dem Koffer zurückgelaſſen, würden Sie in dem Raume finden, den der Herr Graf früher bewohnt hat.“ „So weiß ich denn Alles und ich danke Dir für Deine ausführliche Botſchaft.“ Waldemar begab ſich zu Magnus und theilte ihm mit, was ihm zu wiſſen nothwendig war. Mit Mühe hielt er und der alte Schwede ihn bis zum nächſten Morgen zurück, denn er wollte ſogleich auf⸗ brechen, um— eine That zu wagen, deren er ſich ſelbſt noch nicht genau bewußt war und wozu ihn vielleicht das dunkle Triebrad bewog, das in der Bruſt des Menſchen arbeitet und mit dem großen Schwungrad des Verhängniſſes in Verbindung ſteht, das den Lebensfaden des Menſchen ſpinnt und zerreißt. Es war am 27. Januar 1810, als dieſes geſchah, und alſo nur drei Tage früher, als die Franzoſen die Inſel geräumt haben mußten. Magnus war am Abend nicht mehr zum Spre⸗ chen zu bewegen geweſen. Finſter vor ſich hin brü⸗ tend, mit ſich ſelbſt zu Rathe gehend, ſaß er ſchwei⸗ 2 gend in einer Ecke des Zimmers, in dem der Pächter von Pulitz, ſeine Frau und die beiden Freunde ver⸗ ſammelt waren. Er hatte wie immer nur wenig ge⸗ geſſen, aber wider ſeine Gewohnheit reichlich Wein getrunken, als wolle er ſich betäuben oder Muth zu dem Werke verſchaffen, das ihm ſelbſt, wie er ſagte, noch unbekannt ſei. Um zehn Uhr endlich trennte man ſich. Adam Sturleſon wünſchte ſeinen Gäſten zum letzten Male eine gute Nacht, denn er wußte, daß er ſie nun ſo bald nicht wieder beherbergen würde. Die Zeit der Drangſal und Noth hielt er für immer abgelaufen und mit den Segnungen des neuen Friedens glaubte er vor allen Dingen auch das Glück ſeiner jungen Freunde begründet zu ſehen. Magnus entkleidete ſich raſch und warf ſich, Waldemar mit kurzen Wor⸗ ten gute Nacht ſagend, ungeſtüm in das Bett. Wal⸗ demar, der ſich langſam und gleichſam mit Ueberle⸗ gung entkleidete, als ob eine unbekannte Macht ſeine Hand zurückhalte, war erſtaunt, ſeinen Freund bald in Schlaf verfallen zu ſehen, was ihm ein Beweis war, daß er völlig in ſich beruhigt und mit ſeinem Vorhaben auf's Reine gekommen ſei. Ach, ihm ſelbſt war ein gleiches Loos in dieſer Nacht nicht beſchieden. Er ſchlief in der Regel ſo leicht ein und ſein Schlaf 328 war ſo ruhig und feſt, wie ein geſunder Menſch mit reinem Gewiſſen ihn nur haben kann, heute aber wollte dieſe Ruhe nicht über ihn kommen. Sein Geiſt tummelte ſich auf ſeltſamen, nie betretenen Bahnen und er konnte ihn, ſo ſehr er ſich darum bemühte, nicht in das gewohnte Geleiſe zurückführen. Hin und her wälzte er ſich und zum erſten Mal in ſeinem Le⸗ ben ſtiegen Bilder vor ſeiner Phantaſie auf, deren Urſprung eben ſo dunkel wie ihre Macht unerklärlich iſt, und die jetzt ſeine Seele mit einem ſo feſten Ge⸗ webe von Sorge und Angſt umſpannen, daß er es zu zerreißen nicht im Stande war. Waldemar erfuhr hier zum erſten Mal, was wir Alle in unſerm Leben gewiß ſchon erfahren haben. Denn die Nacht mit ihrem Schweigen und ihrer Fin⸗ ſterniß trägt etwas Unheimliches in ihrem Schooße, das unwillkührlich auf unſern Geiſt und namentlich auf unſre Phantaſie wirkt, ſo daß alle Erſcheinungen, die ſie uns vorführt, in einen düſteren Trauermantel gehüllt erſcheinen. Aber auch durch ein Vergröße⸗ rungsglas läßt ſie uns ſchauen, ſo daß uns groß er⸗ ſcheint, was nur klein,— wichtig, was unwichtig,— ge⸗ fährlich und bedeutend, was ganz gefahrlos und un⸗ bedeutend iſt. Alle unſere täglichen Begegniſſe, nament⸗ lich wenn ſie mit Sorgen gemiſcht ſind, wachſen da⸗ A durch zu mächtigen Rieſen an, die uns drohend in's Geſicht blicken und mit dieſem Blick den lieblichen Schlaf verſcheuchen, der ſich ſonſt ſo leicht und ſüß an unſre Seite ſchmiegt. Auch Waldemar alſo ſollte das in dieſer Nacht ſehr bald und in vollkommenem Maaße empfinden. Unwillkührlich drängte ſich Vergangenheit und Ge⸗ genwart ſeinem Geiſte auf und daraus entſprang ein ſchreckliches Geſpenſt, das ihn von ferne bedrängte und, immer näher an ſeinen Leib rückend, ihn endlich in Angſt und Zittern verſetzte. Eine Weile gab er ſich ganz und faſt gelähmt vor Ueberraſchung dieſer ſeltſamen Bedrängniß hin, dann aber raffte er ſich zuſammen und widerſtrebte mit aller natürlichen Kraft den Schlußfolgerungen, die aus ſeiner Beſorgniß wie himmelſtürmende Rieſen hervorwuchſen.„Weg mit Euch Schreckgeſtalten!“ rief er den ihn bedrückenden Phantaſiegebilden zu,„ich will Euch nicht ſehen, Ihr ſeid nur Ausgeburten menſchlicher Schwäche und ge⸗ gen Euch will ich nicht ſchwach ſein.“ Aber trotz ſeines redlichen Willens war ſeine Kraft nicht ſtark genug, den phantaſtiſchen Rieſen zu bewäl⸗ tigen und ganz zu vertreiben, immer von Neuem drang er heran und immer wieder mußte er verjagt werden. Endlich jedoch, nachdem ſchon ein großer 330 Theil der Nacht verſtrichen, gelang es ihm, die ge⸗ wöhnliche Ruhe ſeines Geiſtes zu erkämpfen, und als er gegen Morgen in einen tiefen Schlaf ſank, träumte er ſüß von anderen Geſtalten, die aus dem fruchtbaren Schooße der Zukunft auftauchten, und er wäre vielleicht wieder ganz beſänftigt worden, wenn ihn nicht in ſeinen ſchönſten Träumen ein Geräuſch aus dem Schlafe geweckt hätte, das ſich wiederholt an der Thür des Zimmers vernehmen ließ. Es war die Stimme des alten Schweden, die leb⸗ haft aus dem Nebengemach erſcholl, nachdem er ver⸗ geblich einige Mal leiſe an die Thür gepocht hatte. „Steht auf, Kinder,“ rief er,„es iſt Zeit dazu. Der Tag iſt angebrochen; die herrlichſte Winterſonne ſteht ſtrahlend über dem Meere und verſpricht einen köſt⸗ lichen Tag.“ Waldemar fuhr empor und ſah, daß es ſchon faſt ganz hell war. Da Magnus aber noch feſt ſchlief, ſo that es ihm leid, ihn ſeinem Schlummer zu entreißen, der auch ihn vielleicht mit den lieblichen Bildern einer ungetrübteren Zukunft umrauſchte. End⸗ lich aber trat er an ſein Bett und ergriff ſeinen Arm. „Magnus,“ ſagte er,„ſteh auf, oder willſt Du nicht mehr nach Spyker?“* Der bei ſeinem Namen Genannte fuhr in die 331 Höhe und blickte raſch um ſich her.„Iſt es ſchon Tag?“ fragte er.„O wie kann ich ſo träge ſein! Aber ich habe köſtlich geſchlafen, Freund, köſtlicher denn je. So und nicht anders muß der Todesſchlaf beſchaffen ſein, der uns nie mehr zum irdiſchen Leben erwachen läßt.“ „Sprich nicht vom Todesſchlaf,“ erwiderte Walde⸗ mar eifrig,„wo nur von dem des Lebens die Rede iſt. Steh auf und tummle Dich. Sieh, welch ſchö⸗ ner Tag uns erwartet, wir werden Genuß von unſ⸗ rer Wanderung haben.“ Magnus befolgte den Rath und in wenigen Mi⸗ nuten war er fertig und trat in das Zimmer des Pächters, um das daſelbſt aufgetragene Früßſtuck mit verzehren zu helfen. Während ſie ſo um den Tiſch verſammelt ſaßen, wunderten ſich Adam Sturleſon und Waldemar, den jungen Grafen ungewöhnlich heiter und ſogar aufge⸗ räumt zu finden.„Wann beſuchen Sie mich?“ fragte er unter Andern den alten Schweden.„O, kommen Sie bald, es drängt mich, die Gaſtfreundſchaft zu er⸗ widern, die Sie ſo verſchwenderiſch an mir geübt haben.“ „Dazu kann bald Rath werden, gnädiger Herr,“ erwiderte dieſer erregt.„Wenn wir erſt ganz frei ſind von den fremden Menſchen, die uns jetzt noch belaſten, dürfte ich Sehnſucht empfinden, auch einmal anderer Leute Häuſer zu beſuchen, und Sie ſollen der Erſte ſein, an deſſen Thor ich klopfe.“ „Es ſoll Ihnen ſchnell aufgethan werden, verlaſ⸗ ſen Sie ſich darauf. Nun aber bin ich fertig. Wo ſind meine Schlittſchuhe?“ „Hier, nehmen Sie die meinigen,“ ſagte der alte Schwede.„Es ſind alte Holländer vom reinſten Stahl — ſehen ſie da. Verſtehen Sie auf den glatten Flä⸗ chen zu laufen?“ „Vortrefflich, Alter— und jetzt ſchüttle ich Euch die Hand und ſage: ich danke! Mehr wollt Ihr nicht hören, nicht wahr? Nun gut, ſo werde ich auch nicht mehr ſagen.“. Waldemar war erſtaunt, ſeinen Freund ſo lebhaft und gemüthlich reden zu hören.„Gewiß iſt ihm ſein Stern in der Nacht wieder aufgegangen,“ dachte er. „Sonderbar! Mit mir iſt es gerade umgekehrt, und ſo oft ich mich von hier fortgeſehnt habe, heute bliebe ich lieber als ich gehe.“ Bald darauf waren die Abſchiedsworte ausge⸗ tauſcht. Mutter Talke hatte ihre Dankſagungen empfangen und ihre beſten Wünſche geſprochen, ſo 333 hinderte denn die beiden Freunde nichts mehr, ihren Weg anzutreten. Der alte Schwede begleitete ſie an den nördlichen Meeresarm, der ſich jetzt nur durch eine geringe Sen⸗ kung von dem feſten Lande unterſchied. Hier in der Enge lag der Schnee dick auf dem Eiſe und man konnte ſich noch nicht der Schlittſchuhe bedienen, die man an ihren Riemen in der Hand trug. „Da ſtehen wir denn am Scheidwege,“ ſagte der ehrwürdige Mann mit gerührter Stimme und reichte den beiden Freunden herzlich die Hand.„Wolle es Gott, daß wir uns bald und fröhlich wiederſehen, das iſt Alles, was ich ſagen will und kann. So ge⸗ het, meine Freunde und erhalte Euch Gott!“ Magnus war der Erſte, der ſich von ihm losriß und mit haſtigen Schritten das zugefrorne Waſſer be⸗ trat, auf dem ſchon ein ſichtbarer Weg ausgetreten war. Waldemar hielt ſich etwas länger bei dem wackeren Ohm auf, dankte ihm noch einmal und ver⸗ hieß einen baldigen Beſuch mit allen den Seinigen, ſobald Alles wieder im alten ruhigen Geleiſe ſei. Dann eilte er dem Freunde nach, den er laufend einholte, und nach einem kurzen Gange traten Beide auf den eirunden großen Raum hinaus, den man, wenn das Waſſer darüber hinfluthet, den kleinen 33³4 Jasmunder Bodden nennt, obgleich er eigentlich nur den oberen Theil deſſelben ausmacht. Wie ſchon oben angedeutet, war es ein herrlicher Morgen, an dem die beiden jungen Männer ihre kurze Reiſe antraten. Die Luft war faſt windſtill und nicht übermäßig kalt. Der von keinem einzigen Wölk⸗ chen getrübte Himmel glich einer mattblauen, halb⸗ durchſichtigen Kryſtallkuppel, die leicht und anmuthig auf der ſilberweißen Erde ruhte, wie ein unermeßli⸗ cher Dom, der ſich über einer herrlich geſchmückten Kirche wölbt. An dieſem blauen Himmel nun ſtieg langſam und majeſtätiſch wie immer die ſtrahlende Winterſonne auf und warf ihren purpurnen Licht⸗ glanz ſchräg über die unter ihr funkelnden Diaman⸗ ten, die auf dem Eiſe und den fernen Bäumen in zahloſer Menge und in unausſprechlicher Herrlichkeit ſchimmerten. Faſt blendend blitzten dieſe natürlichen Diamanten in den Augen der Wanderer wider, denn wohin ſie blickten, der gefrorene Schnee bedeckte See und Land, Hügel und Thal,— und ſelbſt die Bäume und Geſträuche an den im ſanften Nebel wogenden Geſtaden beugten ſich unter der Laſt der gefrorenen Waſſerdünſte.. „Sieh, wie köſtlich dieſer Anblick iſt,“ leitete Wal⸗ demar das Geſpräch ein, um nicht ganz ſtumm, wie 335 ſein Gefährte, den Morgen und ſeine Gaben allein zu genießen, denn er theilte gern Allen, die er liebte, Etwas von Dem mit, was ihn beglückte und heiter ſtimmte. „Ja, ja, es iſt herrlich,“ erwiderte Magnus eifrig und ſchritt dabei noch ſchneller vorwärts, ſo daß ſogar Waldemar einige Mühe hatte, an ſeiner Seite zu blei⸗ ben.„Werden wir nicht bald an das Eis kommen, wo wir von unſern Schlittſchuhen Gebrauch machen können? Es geht ſehr langſam zu Fuße auf dem Schnee und dieſe weiten Waſſerflächen ſcheinen mir unabſehlicher zu ſein, wenn ſie erſtarrt ſind, als wenn ſie unter leichtem Winde einherfluthen.“ „Das ſcheint Dir nur ſo, weil es Dir etwas Un⸗ gewohntes iſt, über das Waſſer zu gehen, über welches Du nur bei flüchtigem Winde zu ſchweben pflegſt. Aber wozu dieſe Eile, Magnus, Du kommſt früh ge⸗ nug an Dein Ziel.“ „Wer weiß es, ich glaube es kaum. Mich treibt eine Unruhe vorwärts, die ich nur beſchwichtigen kann, wenn ich alle Kräfte zuſammenraffe, um ihr genug zu thun. Man kommt übrigens nie raſch genug an ſein Ziel.“ „Der Meinung bin ich eben nicht. Eile mit Weile, ſagten unſre Eltern, und ſie hatten Recht.“ „Die Welt iſt anders geworden, ſeitdem wir leben. Wir müſſen fliegen, wo jene krochen.“ 336 „Die Nothwendigkeit dazu ſehe ich nicht ein, auch haben wir ebenſowenig Flügel erhalten und können uns alſo auch beſcheiden wie ſie. Der Menſch über⸗ hebe ſich nie, weder was ſeine Kräfte und Fähigkeiten, noch was ſeine Wünſche und Neigungen betrifft.“ „Ja, ja, Du magſt Recht haben, aber heute muß ich fliegen, mich treibt eine unſichtbare Gewalt.“ „Und mich hält eine eben ſolche zurück— ich kehrte lieber um, als daß ich vorwärts ginge.“ Dieſe mit ernſtem Tone geſprochenen Worte brach⸗ ten Magnus einen Augenblick zur Ruhe. Er blieb ſtehen und ſah ſich nach dem Freunde um, der zwei Schritte hinter ihm her keuchte.„Thu es,“ ſagte er, „und laß mich allein mein Ziel erſtreben. Ich finde es, glaube mir, das weiß ich beſtimmt.“ „Ich habe daran noch nicht gezweifelt. Aber wo Du bleibſt, bleibe ich auch, Dein Ziel war immer auch mein Ziel, früher wie jetzt.“ „Wer weiß es!“ Und wieder ſtürmte er vorwärts, als ob ein un⸗ bändiger Drang ihn in Bewegung ſetzte. Mit lebhaft gerötheten Wangen und funkelnden Augen ſchaute er nur in die Ferne,— für das in der Nähe um ihn Lie⸗ gende, ſo ſchön es war, hatte er kein Auge, und hin⸗ ter ihm her, mit bleicherem Geſicht als gewöhnlich 337 und einer gewiſſen trägen Unluſt in jeder Geberde und Bewegung, folgte Waldemar, ſo daß ſie Beide die Rollen vertauſcht zu haben ſchienen, was wohl ſeit Jahren nicht geſchehn ſein mochte. Aber Waldemar erlag faſt dem Einfluß einer eigenthümlichen und un⸗ erklärlichen Beklommenheit; jeder Schritt wurde ihm ſchwer, als hinge ſich Blei an ſeine Füße oder als riſſe ihn eine befreundete Gewalt zurück, ſo daß er ſich ſelbſt geſtänd, wenn Magnus in früheren Tagen ein ſolches Gefühl gehabt hätte, würde er es bei ſeinem Aberglauben für zweckmäßig gehalten haben, lieber den Schritt zu hemmen, als ihn fortzuſetzen. Daran jedoch war heute bei ihm nicht zu denken. Heute zum erſten Mal in ſeinem Leben, ſo lange er im Beſitz ſei⸗ ner freien Selbſtbeſtimmung war, hielt ihn kein Wahn, kein Aberglaube, kein Vorgefühl oder wie man es nen⸗ nen will, von ſeinem Vorſatze zurück und von einem innern inſtinctartigen Triebe geſtachelt, rannte er— ſei⸗ nem Ziele entgegen, wie er es ſelbſt an dieſem Mor⸗ gen wiederholt genannt hatte. So gelangten ſie denn in kurzer Zeit an die Waſ⸗ ſerenge, die bei der Lietzower Fähre den kleinen vom großen Bodden trennt, und ſchon ſahen ſie von Wei⸗ tem die Eisfläche im goldenen Sonnenſtrahl blitzen, die, wie Jochen ihnen mitgethielt hatte, von hier aus Der Strandvogt. III. 22 338 bis beinah in den Spyker'ſchen See ununterbrochen fortlaufen ſollte. 8 Magnus frohlockte, als er dieſe Ueberzeugung aus eigener Anſchauung gewann, und raſch ließ er ſich auf ein Knie nieder, um die Eiſen unter ſeine Füße zu ſchnallen. Man war damit bald zu Stande gekom⸗ men und nun flogen beide Männer, in dieſer Kunſt trefflich geübt, wie Schwalben über die glatte Fläche, die unter ihnen grollte und krachte, und fanden dabei keine Zeit, das köſtliche Schauſpiel zu genießen, das rings um ſie her in faſt namenloſer Schönheit aus⸗ gebreitet lag. Denn wie eine unabſehbare durchſichtige und glanzvolle Spiegelfläche ſchmiegte ſich der gewal⸗ tige Binnenſee an die vielfach geſchwungenen Ufer⸗ ausbuchtungen, in unbeſchreiblicher Pracht tauchten rechts die Waldungen von Jasmund auf, mit ihren ſilbernen Wipfeln ſcheinbar bis an das blaue Gewölbe ragend, das noch hoch über ihnen thronte, und von Millionen Diamanttropfen, die die Sonne gütig her⸗ niederſchüttete, glänzte Erde und Waſſer wie ein bli⸗ tzendes Sternenmeer ringsum. Die ſtarke Meile, die von hier aus bis zur Mündung des Spyker'ſchen Sees vor ihnen lag, überwanden ſie in wenigen Mi⸗ nuten und es war noch nicht Mittag, als ſie ihre Schlittſchuhe wieder abſchnallten, um den Reſt des 339 Weges über den heimatlichen See zu Fuße zurück⸗ zulegen. Von Niemandem geſehen, denn kein einziger Schloß⸗ bewohner befand ſich um dieſe Zeit im Freien, betra⸗ ten ſie das Land unter der alten Weide wieder, wo Waldemar damals mit der Haferfracht, die er von Wittow geholt, gelandet war und dabei ſeinen Freund in das väterliche Haus eingeſchmuggelt hatte. Von hier aus ſchritten ſie wieder in die Richtung von Quol⸗ titz vor und fanden trotz der ungeheuren Schneemaſ⸗ ſen, die alle Wälder erfüllten, ſehr bald den Eingang des alten Schloßganges auf, der in den Spukthurm führte, vor deſſen Geſpenſtern aber die noch im Schloſſe wohnenden Franzoſen keine Scheu mehr hegten. We⸗ nige Minuten ſpäter befanden ſie ſich im Innern des Schloſſes und beim Schein der Laterne, die der Ka⸗ ſtellan Tag und Nacht für ſeine jungen Freunde bren⸗ nend in Bereitſchaft hielt, durcheilten ſie den kalten Gang und erſtiegen die Treppe, die in das Zimmer führte, welches Magnus früher bewohnt und in wel⸗ chem er auch jetzt einige Augenblicke zu raſten beſchloſ⸗ ſen hatte. „Bevor wir jedoch die Ereigniſſe berichten, die ſich an dieſem Tage in Syyker zutragen ſollten, müſſen 22 ⅝ — 340 wir in unſrer Erzählung einige Schritte rückwärts thun und uns die Verhältniſſe vergegenwärtigen, in die wir wieder einzutreten im Begriff ſtehen. Im Allgemei⸗ nen hatte ſich daſelbſt, ſeitdem wir es verlaſſen, Nichts— im Einzelnen nur ſehr Wenig verändert. Die Fran⸗ zoſen, unbekümmert um den ſchnelleren oder langſa- meren Ruin des occupirten Landes und der vorzugs⸗ weiſe belaſteten Eigenthümer, hatten in ihrer gewohn⸗ ten Willkür fortgefahren, auf Koſten des Grafen Brahe ſich zu vergnügen und die Fundgrube auszubeuten, in die ſie hier, Dank der gebieteriſchen Laune ihres Herrn, gerathen waren; und dagegen hatte die betrübte Miene und der kraftloſe Widerſtand des alten Kaſtellans lei⸗ der nichts ausrichten können. So ward denn vor wie nach das wüſte Treiben in dem ſeiner Sorgfalt an⸗ vertrauten Beſitze fortgeſetzt, und der mit ſo außerge⸗ wöhnlichen Leiſtungen überbürdete Haushalt litt über die Maaßen darunter. Die einzigen Perſonen, die bezüglich ihrer gegen⸗ ſeitigen Stellung und ihrer natürlichen oder erheuchel⸗ ten Empfindungen einer Wandelung unterworfen ge⸗ weſen, waren Gylfe Torſtenſon und Major Caillard, und auf das Verhältniß Beider müſſen wir jetzt noth⸗ wendig einen prüfenden Blick werfen. Was man auch von den Bewerbungen des galan⸗ 341 ten Franzoſen um das ſchöne Fräulein von Spyker halten mochte, im Schloſſe ſelbſt hatte wohl Niemand jemals die Ueberzeugung gehegt, daß dieſelben ernſt⸗ lich gemeint ſeien, Niemand ſagen wir, wovon wir jedoch die einzig und allein betrogene Gylfe ausneh⸗ men müſſen. Aber der ſchlaue Franzoſe hatte mit weislicher Ueberlegung ſeine zur Schau getragene Flamme bis zu den letzten Tagen mit künſtlicher Nah⸗ rung zu unterhalten gewußt, theils um den erſt halb geleerten Becher des Vergnügens bis auf den letzten Augenblick an den Lippen zu halten, theils aber auch, um mit Glanz und Beifall eine Rolle zu Ende zu ſpielen, die er mit herzloſer Gewandtheit bis zur voll⸗ endeten Täuſchung ſeines übelberathenen Opfers be⸗ gonnen hatte. Daß er im innerſten Herzen Gylfes längſt müde war und ihre ewigen Seufzer und Kla⸗ gen über ſeine Lauheit faſt unerträglich fand, geſtand er ſich nicht allein ſelbſt, ſondern das ſah auch Jeder⸗ mann ein, der nur einen einigermaßen klaren Blick für ähnliche Verhältniſſe beſaß, aber leider war dieſer Blick der verblendeten Schwedin verſagt und ſie war von ihrer ſchwärmeriſchen Neigung noch heute ſo arg um⸗ ſtrickt wie in früheren Tagen. Ja, dieſe unheilvolle Neigung— unheilvoll für ſie ſelbſt und noch unheil⸗ 3 voller für Andere, die ſchuldloſer waren als ſie— hatte nicht einmal jener ſchreckliche Zwiſchenact abzukühlen vermocht, den wir mit eigenen Augen auf Spyker ſich entwickeln ſahen, als Caillard bei der Entdeckung der Anweſenheit Waldemar Granzow's weniger als Lieb⸗ haber, denn als Tyrann aufgetreten war; im Gegen⸗ theil, als ſie erſt die Ueberzeugung erlangt, Graf Brahe habe das Schloß ſeiner Väter verlaſſen und ihren eige⸗ nen Unternehmungen das Feld geräumt, hatte ſie ſich mit neuer Hingebung dem reuig erſcheinenden Anbeter gewidmet und durch ſeine mit Schmeicheleien überzuk⸗ kerten Erklärungen den Beweis zu erhalten geglaubt, daß nur ſein leidenſchaftliches Temperament und ſeine, keine fremde Einmiſchung duldende Liebe, zumal ſein Pflichtgefühl in einer nie erlebten Spannung geweſen, jene heftige Scene veranlaß habe, daß aber durch alle dieſe unberufenen Zwiſchenfälle ſeine Neigung keines⸗ wegs abgekühlt oder gar gänzlich erloſchen ſei. Gylfe, wie alle in Dingen des Herzens leichtſinni⸗ gen, eitelen und ihrem unſeligen Hange leidenſchaft⸗ lich ergebenen Mädchen, hatte dieſen oberflächlichen Verſicherungen um ſo mehr Glauben geſchenkt, als der reuige Liebhaber für die Folge Beſſerung verſprach und auch äußerlich in Miene und Geberde wilklich an den Tag legte, und ſo war das Verhältniß zwi⸗ ſchen Beiden das alte geblieben. Der Capitain aber, 343 bald zur Einſicht gelangend, daß er Alles, was er von der vorſichtigen Gylfe vor der Hand erlangen könne, erlangt habe, war nicht geſonnen, ihr dafür das Einzige zu gewähren, was ſie von ihm zu begeh⸗ ren fortfuhr, nämlich die ausdrückliche Erklärung, es ſei ihm nur um den Beſitz ihrer Hand zu thun, und ſo verrauſchte ſeine Liebe ſehr bald, wenn er ſie je für das ſeltſame Weſen in ſeinem wankelmüthigen Herzen empfunden hatte. Fortan war es ihm nur darum zu thun, einen gewiſſen Schein unumſtößlicher Wahrheit um ſeine Handlungen zu breiten, um ſich zur rechten Zeit aus der ihn allmälig drückenden Schlinge zu ziehen, und auch das war ihm ungefähr bis zur Zeit gelungen, als er zum Major befördert ward und ſein baldiger Abmarſch von Spyker nun kein länger zu bewahrendes Geheimniß war. Schließ⸗ lich aber hatte er in einer ſchwachen Stunde das Herz gefaßt, der arg Getäuſchten vorzulügen, daß ihre Verbindung mit ihm für die Zukunft keinem Zweifel unterliege, daß er aber nicht eher zu dieſer Verbindung ſchreiten könne, als bis die Kriegsfurie ausgetobt habe, denn zu einer Zeit, wie die jetzige ſei, zu heirathen und dabei des Beſitzes eines gelieb⸗ ten Weibes nicht froh werden zu können, hieße ſo viel wie ſein heißes Herz den Qualen des Tantalus 4 * . 8 344 auszuſetzen, den Abſchied aber zu nehmen und ſich mit ihr von aller Welt zurückzuziehen, verbiete ihm ebenſowohl die Klugheit wie das Ehrgefühl, und ſo müſſe Gylfe warten, bis Europa den Frieden habe. Dann aber, ſobald Deutſchland und Schweden, Ruß⸗ land und Italien wie Frankreich glücklich ſei, dann werde er kommen, und ſollten ihn tauſend Meilen von der Geliebten trennen, und ſie holen, um ſie in das kleine Paradies zu führen, das ſeine Liebe ihr auf Erden zu bereiten die ſüße Genugthuung haben werde. Gylfe war ein Mädchen, deren Ohr durch den Klang der Worte eines der gröbſten Schmeichelei fä⸗ higen Mannes unwiderſtehlich bezaubert wurde, aber deren Herz nicht die Fähigkeit oder den Willen be⸗ ſaß, den Inhalt und die Glaubwürdigkeit derſelben zu prüfen. Sie glaubte um ſo lieber dieſen abge⸗ nutzten Verſicherungen, die ſchon ſo manches Mädchen bethört haben, als ſie die Erfüllung derſelben ſehn⸗ lichſt wünſchte, und der eigene Wunſch iſt bei man⸗ chen weiblichen Naturen ſchon hinreichend, den Geiſt zu umdunkeln und die Vernunft zu umnebeln, ſo daß ſie nie und nimmer begreifen, was ein nüchterner Kopf ſo leicht zu begreifen im Stande iſt. Als nun aber die Zeit der Trennung immer nä⸗ 345 her rückte, fing ſie mit ihren Klagen und Thränen den längſt im Herzen erkalteten Major wahrhaft zu überſchwemmen an. Ueberbürdet von ihren Seufzern und Bitten, dehnten ſich ihm die Stunden zu Tagen und er ſehnte mit immer ſteigendem Unmuthe den Augenblick herbei, wo er ſein Pferd beſteigen und den Blicken und Worten dieſer langweiligen Circe entfliehen könne. Ob er in künftiger Zeit, wenn ihm nichts Beſſeres in den Weg gelaufen käme, viel⸗ leicht noch einmal wiederkehren und das abgebrochene oder wenigſtens lau fortgeſponnene Verhältniß an⸗ knüpfen werde, das hatte er ſelbſt noch nicht ſo ge⸗ nau überlegt; möglich ſei es allerdings, ſagte er ſich wiederholt, denn wer könne in die Zukunft ſchauen und den endlichen Ausgang aller Dinge berechnen! Für's Erſte aber hatte er nur noch auf einen Punkt ſein Auge gerichtet. Er war nicht geneigt, ſo arm von dem Schloſſe Spyker fortzugehen, wie er dahin gekommen war. Gylfe Torſtenſon konnte ihm leider keine Reichthümer bieten und ſo mußte der Beſitz des reichen Grafen Brahe herhalten, ihn für die vielen Sor⸗ gen und Mühen zu entſchädigen, die ihm zwiſchen den Mauern ſeines Hauſes zu Theil geworden waren. Man ſtaune nicht über dieſe neue bübiſche Hoff⸗ nung eines ſo glorreichen kaiſerlichen Kriegers. Der⸗ — 346 gleichen war gang und gäbe zu jener großen Zeit, und ſelbſt hohe Perſonen haben ſich dadurch einen Namen gemacht, den die deutſche Geſchichte jener Tage ſchon oft gebührend gebrandmarkt hat. Die gebilde⸗ ten und auf der Höhe der Zeit ſtehenden Franzoſen fanden nicht allein einen Ruhm darin, den guten ge⸗ duldigen Deutſchen auf dem Felde der Ehre zu beſie⸗ gen, nein, ſie fanden ihn auch darin, ihn ſo mancher unnützen Laſt zu entheben, mit der ihn das ungerechte Geſchick überbürdet hatte. Sie nahmen ihm mit ei⸗ nem Worte ab, was in den Augen der Franzoſen ein überflüſſiger Beſitz für ihn war, denn wer als die regierenden Herren der Welt durfte es wagen, Schätze zu beſitzen und Koſtbarkeiten aufzuſpeichern, die durch die pomphaften Erklärungen ihres Oberhauptes Ge⸗ meingut der Welt geworden waren, eines Oberhaup⸗ tes, das in ſeinem ungemeſſenen Dünkel ſogar Kro⸗ nen verſchenkte, die ihm das gebenedeite Verhängniß in die Taſchen geſpielt hatte. Dieſe Herren der Welt aber waren natürlich nur die an Weisheit und Kraft ſo geſegneten Franzoſen, und wie es ihnen ihr Mei⸗ ſter im Großen vorgemacht, ſo machten ſie es ihm einzeln im Kleinen nach, je nachdem auch ſie ihr Ge⸗ ſchick begünſtigte oder der Zufall es ihnen in die Ta⸗ ſchen ſpielte. Im Schloſſe zu Spyker nun befanden ſich ſehr werthvolle Dinge, die Graf Brahe bei ſeiner Abreiſe nach Schweden auf Rügen für eben ſo ſicher gehalten, als wenn er ſie mit ſich nach dem Norden genom⸗ men hätte. Es beſtanden dieſelben nicht nur aus ſehr ſchönem und werthvollem Silbergeſchirr, ſo wie koſtbaren Kunſtgegenſtänden allerlei Art, in allen Län⸗ dern und unter allen Nationen geſammelt, ſondern auch einige alte Gemälde von der Hand großer Mei⸗ ſter waren darunter, die, wenn ſie Niemandem gefie⸗ len, doch den Geſchmack des beuteſüchtigen Franzoſen befriedigten. Viele von dieſen Gegenſtänden hatte er ſchon lange heimlicher Weiſe bei Seite bringen laſſen und einige ſeiner Leute waren angewieſen, den Reſt im Augenblick der Abreiſe in dazu beſtimmte Behält⸗ niſſe zu packen und auf einem bereit gehaltenen Wa⸗ gen nach der alten Fähre zu fahren, von wo ſie nach Stralſund weiter geſchafft werden ſollten, um ſo viel⸗ leicht in Zukunft das kleine Paradies zu zieren, wel⸗ ches er Gylfe Torſtenſon dermaleinſt zu bereiten mit tauſend Eiden gelobt hatte. Vieles aber warnichtſo leicht den Augen des aufmerkſamen Kaſtellans und ſeiner noch eifriger ſpähenden Töchter zu entziehen geweſen, und das mußte alſo zuletzt und in aller Eile abge⸗ than werden; aus dieſem Grunde hauptſächlich hatte 348 er noch zwei Tage Urlaub genommen. So war er jetzt nur noch ein Gaſt im Hauſe des Grafen Brahe, als unſre Freunde daſelbſt eintrafen, und nicht mehr ein Feind, der den Bewohnern deſſelben Geſetze vor⸗ ſchreiben konnte, denn der Friede zwiſchen ſeinem und dem Herrn dieſer war unterzeichnet und kein Fran⸗ zoſe hatte mehr das Recht, noch längere Willkür wal⸗ ten zu laſſen und die früher erzwungene Bewirthung noch ferner in Anſpruch zu nehmen. Kaſtellan Ahlſtröm, der ſich durch die Miene des Majors, als ſei er höchſt unglücklich, von dem lieben Spyker ſcheiden zu müſſen, keinen Augenblick täuſchen ließ, folgte ihm auf Schritt und Tritt und bemerkte ſehr wohl, auf was das Falkenauge und die Habichts⸗ klaue des Fremdlings es abgeſehn habe. Im Ge⸗ fühle ſeines unbeſtreitbaren Rechtes und um den ſchran⸗ kenloſen Wünſchen des habgierigen Gaſtes Einhalt zu thun, wagte er wiederholt im Intereſſe ſeines abwe⸗ ſenden Herrn, bald demüthige, bald ernſtere Vorſtel⸗ lungen, da er aber keine Mittel in Händen hatte, die⸗ ſelben mit dem gehörigen Nachdruck zu unterſtützen, und Major Caillard von der Natur in ſolchen Ange⸗ legenheiten mit tauben Ohren begabt war, ſo ging die„Einſammlung“ ruhig ihren Gang und die Stunde mußte endlich ſchlagen, wo der langjährige Hüter der 29 Schätze ſeines Herrn dieſe mit dem bereits hochbepack⸗ ten Wagen in das Paradies des Franzoſen ſich ver⸗ flüchtigen ſah. 4 ½ So ſtanden die Sachen, als der Erbe von Spy⸗ ker mit ſeinem Freunde das alte Schloß betrat und damit die von Tage zu Tage wachſende Hoffnung des Kaſtellans erfüllte, der nur durch ſeine Gegenwart von der Verantwortung befreit werden konnte, die ſo ſchwer auf ſeinen Schultern lag, während dem Major ſelbſt die alle Tage erwartete Ankunft deſſelben wie ein Schreckbild erſchien, dem er ausweichen müſſe, ſo lange ihm noch ein Weg dazu offen ſtand, denn daß der junge Graf Brahe auf ſein väterliches Gut zurückkeh⸗ ren und der Beraubung deſſelben Einhalt gebieten würde, ſobald er in Erfahrung gebracht, die Franzoſen hätten es zum größten Theil geräumt, unterlag ſelbſt im Geiſte des Herrn von Caillard keinem Zweifel. Daher beeilte dieſer ſeinen Abzug auf alle mög⸗ liche Weiſe; ſo ſehr er ſich aber auch beeilte, die Haſt Magnus Brahe's kam ihm zuvor und an demſel⸗ ben Morgen, wo jener mit den auf den Wagen ge⸗ ladenen Schätzen, der ſchon im Schloßhofe ſtand und von zwei mit gezogenen Säbeln wachehaltenden Rei⸗ tern beobachtet wurde, abziehen wollte, erſchien wider ſein Wiſſen der Erbe von Spyker, nicht um jene . Schätze zu retten— daran dachte er wohl am aller⸗ wenigſten— wohl aber um einen Mann zu ſtrafen, der ihm ſo unendlich viele Schmerzen bereitet und mehr Koſtbarkeiten, als jene betrugen, für immer ge⸗ raubt hatte. So hatte das Verhängniß den Knoten geſchürzt und nur vorſichtige Hände wären im Stande geweſen, ihn ſchadlos für Alle zu löſen, aber dieſe Hände fehl⸗ ten, da Magnus, in einem ſo bedeutungsvollen Augenblicke mehr auf ſich vertrauend, als er ſich im ganzen Leben vertaut, Niemandem, ſelbſt Waldemar nicht, mitgetheilt hatte, was ihn allein in ſo große Bewegung verſetzt und Hals über Kopf nach Spyker gejagt hatte. Als Magnus mit Waldemar im Thurmzimmer des Schloſſes angelangt war und noch keine Zeit ge⸗ habt hatte, den ſorgenvollen Kaſtellan von ſeiner Rückkehr in Kenntniß zu ſetzen, entwickelte ſich eben unter ihm in Gylfe's Zimmer die lärmvolle und thränenreiche Abſchiedſcene. Ob er in ſeinem aufge⸗ wühlten Geiſte eine Ahnung davon hatte? Wir wiſ⸗ ſen es nicht. Aber warum eilte er ſo, zu dem Ende zu kommen, das er ſich ſelbſt im Innerſten mit hei⸗ ligen Eiden gelobt und das er nur erreichen konnte, ſo lange der fremde Eindringling noch im Hauſe verweilte? — 351 Genug, alle Vorſicht vergeſſend oder ſie verachtend, öffnete er, ſobald er im runden Zimmer angelangt war, das Fenſter und ſchaute nach dem Hofe hinab, wo die Wache haltenden Franzoſen ſchon im Sattel ſaßen und den Major erwarteten, um mit ihm nach Bergen aufzubrechen. „Er iſt noch da,“ ſagte er mit erhitzten Wangen zu Waldemar.„Aber er ſcheint fort zu wollen. Geh Du hinab zu Ahlſtröm und ſieh wie die Sachen ſte⸗ hen; auch vergiß nicht zu fragen, was der Wagen da zu bedeuten hat. Ich ſehe dort einen Kaſten oben auf liegen, der zu den Reiſeeffecten meines Vaters gehörte.“ „Wohl,“ erwiderte Waldemar, eigenthümlich be⸗ klommen,„ich werde gehen, aber warte Du hier oben, bis ich wieder zurück bin.“ „Geh!“ ſagte Magnus mit einer gebieteriſchen Handbewegung.„Ich werde Dich erwarten.“ Waldemar verließ das Thurmzimmer und ging leiſe die geheime Treppe hinab, die im unterſten Stock⸗ werk, wie bekannt, im Zimmer des Kaſtellans mün⸗ dete, wo er denſelben antraf und durch ſeinen uner⸗ warteten Eintritt in ſolchen Schrecken verſetzte, daß der alte Mann kreideweiß wurde und mit einem Ausruf des höchſten Erſtaunens auf einen Stuhl ſank. 352 4 Unterdeſſen aber hatte Magnus nicht das Fenſter verlaſſen, vielmehr unverwandt nach dem Wagen hin⸗ abgeblickt, der einen großen Theil ſeiner eigenen Be⸗ ſitzthümer auf ewig aus Spyker fortführen ſollte. Plötzlich erhob einer der Reiter zufällig den Kopf und erblickte den fremden Mann in dem Fenſter des frü⸗ her ſo gefürchteten Spukthurms. Obgleich er gegen die eingebildeten Schreckniſſe innerhalb deſſelben abgehär⸗ tet war, ſo erſchrack er doch jetzt ſo ſehr darüber, daß er mit aufgeriſſenem Munde in die Höhe ſtarrte und nicht einmal ſeine Kamerden davon benachrichtigte, von denen einer neben dem fahrenden Bauer am Wagen ſtand, der andere aber des Majors und ſein eigenes Pferd am Zügel auf dem Hofe umherführte. „Heda!“ ſchrie Magnus hinunter,„wo wollt Ihr hin und was habt Ihr da auf dem Wagen?“ Der Franzoſe, deſſen Aufblick jetzt von allen An⸗ weſenden bemerkt und nachgeahmt wurde, hatte vor Schreck ſo ſehr die Faſſung verloren, daß er unver⸗ weilt antwortete:„Wir wollen fort, nach Stral⸗ ſund, und das da ſind des Herrn Majors Sachen.“ „Aha, ich dachte es mir! Wo ſteckt Euer Herr Major?“ Der Franzoſe deutete mit der Rechten auf das untere Stockwerk nach dem Zimmer, wo Gylfe wohnte, 353 wie Magnus ſehr wohl wußte, und machte dabei ein dummſchelmiſches Geſicht.„Er nimmt Abſchied,“ ſagte er und ſetzte lachend hinzu,„bis wir einmal wiederkommen.“ Als Magnus dies hörte, wirbelte es ihm im Kopfe und er verlor beinahe die Beſinnung. Vor ſeinen Augen wurde Alles ſchwarz und ſeine Wangen brann⸗ ten in jähen Flammen auf, als ſchäme er ſich vor den ſchlafenden Ahnen ſeines Stammes, daß derglei⸗ chen im Hauſe ſeiner Väter geſchehn könne. Er ſprang vom Fenſter fort, ſchloß raſch einen Wandſchrank auf, aus dem er zwei geladene Piſtolen nahm, ſteckte ſie in den Gürtel, den er nach alter Gewohnheit unter dem Oberrock trug, und trat zur Thür, durch die Wal⸗ demar eben hinabgegangen war,— nicht aber um ihm zu folgen, ſondern um einen Weg für ſich allein anzutreten. „Sie nehmen Abſchied,“ murmelte er wild zwi⸗ ſchen den Zähnen.„Da will ich dabei ſein, ich liebe ſo etwas und ich— ich, Magnus Brahe— will dem Scheidenden auch die Hand drücken. Ja, das will ich, aber auf eine weniger freundſchaftliche Weiſe.“ Er ſprang die Treppe hinab, kam vor dem gehei⸗ men Eingange an Gylfe's Zimmer an, blieb hier ſte⸗ hen und horchte, ob er vielleicht vernehmen könne, was drinnen vor ſich gehe. Der Strandvogt. III. 23 354 Die in dem Zimmer Stehenden und Abſchiedneh⸗ menden, wie der Soldat geſagt, hatten keine Ahnung, was in ſo unmittelbarer Nähe von ihnen geſchah. Es war zwiſchen ihnen der Augenblick gekommen, den Major Caillard lange gefürchtet hatte und der ſich nun in der That noch ſchwerer erwies, als er ihn ſich vorgeſtellt. Wiederholt hatte er mit heiligen Ei⸗ den ſeine ewige Liebe verſichert und Gelübde geſpro⸗ chen, daß ſeine einſtige Wiederkehr kein leeres Ver⸗ ſprechen ſei. Umſonſt, Gylfe Torſtenſon konnte ſich von ihm nicht trennen; im letzten Augenblick alle Zu⸗ rückhaltung bei Seite ſetzend, hing ſie an ſeinem Halſe, ſchluchzte laut und nannte ihn mit den zärt⸗ lichſten Namen, immer wieder Eide und Gelübde for⸗ dernd, deren reichlicher Vorrath bei dem wortreichen Franzoſen bereits faſt erſchöpft war. „Nein, nein, Francois,“ ſchrie ſie im höchſten Seelenſchmerz,„ich werde dieſe Trennung nicht über⸗ leben. Mit Dir geht Alles von mir fort, bei mir bleibt Nichts, Nichts als der Schmerz: Dich verloren zu haben und ſobald, vielleicht nie wiederzuſehen.“ Der im Herzen ſo kalte Franzoſe, dem ſelbſt dieſe ſüßen Worte und die enge Umſchlingung der ſchönen Arme des bethörten Mädchens keine wirkliche Empfin⸗ dung einhauchen konnten, hatte keine Worte mehr, 355 darum aber verſuchte er es um ſo eifriger, ſich von den Banden zu löſen, die ihn immer feſter umſchlan⸗ gen. „Gylfe,“ ſagte er ſchmeichelnd, aber mit ſeitwärts nach der Thür rollenden Augen,„ſchönes Mädchen von Spyfker, wozu dieſe Thränen, dieſe Klagen? Was kann ich für die Trennung, die mir mein Kaiſer auf⸗ erlegt? O, ſieh mein Herz an, es ſpricht aus meinen Augen, auch mir blutet es darin und ich reiße mich nur mit Widerſtreben los,— aber ich muß, ich muß fort, denn mich ruft die Pflicht. Lebe alſo wohl!“ „Nein, nein,“ kreiſchte Gylfe wild,„Dir blutet nicht das Herz wie mir, denn Deine Lippen ſind kalt, Dein Auge blickt wild aber nicht betrübt.“ François de Caillard wußte nicht, was er thun, wie er ſich aus den Umſchlingungen, die ihn noch fe⸗ ſter umklammerten, loswinden ſollte. Da half ihm ein Anderer. Plötzlich, während Gylfe's Arme ſeinen Hals umſtrickt hielten, raſſelte es in der Ecke des Zima⸗ mers ſeltſam und grauenvoll. Die Wand ſßpaltete ſich und ein hochgewachſener Mann, der dem Major gänzlich unbekannt war, trat mit einem Geſichte ein, deſſen Ausdruck allerdings von einer Beſchaffenheit ar, ſelbſt dem Muthigſten Schrecken einzuflößen. Allein mehr noch als dieſer Mann erſchreckte in1n 23* 356 Gylfe. Denn dieſe, als ſie das wohlbekannte Rau⸗ ſchen in der Ecke vernahm, wandte ſchaudernd den Kopf dahin und mit gläſernem Auge den unerwarte⸗ ten Vorgang anſtarrend, floß ihr das Blut aus dem Geſicht und plötzlich von dem Geliebten ſich löſend, ſank ſie ächzend auf einen Stuhl und ſchlug mit ei⸗ nem röchelnden Ton e, den die beklommene Bruſt un⸗ willkürlich von ſich gab, beide Hände vor' Geſicht. Dieſen Augenblick glaubte der Franzoſe benutzen zu dürfen und, den ſo heimlich eingetretenen Frem⸗ den ganz außer Acht laſſend, wandte er ſich mit be⸗ hendem Schritte zur Thür, die zu der großen Lreppe führte. Aber Magnus ſchien nicht geneigt, ihn unange⸗ taſtet dieſe Treppe erreichen zu laſſen. Seinerſeits Gylfe unbeachtet laſſend, folgte er ſchnell dem Davon⸗ eilenden und noch in der Thür ihn erreichend, faßte er kräftig ſeinen Arm und riß ihn gewaltſam nach ſich hin. 4 1 „Mein Herr,“ keuchte ſeine athemloſe Bruſt hervor, „ſind Sie ein Edelmann?“ Der Franzoſe hatte bei dieſem Vorgang und dem ihm zu Theil werdenden Anblicke die Sprache verloren, denn aus Magnus' Augen ſprühte ein Feuer, welches ſo unheimlich und düſter wie verzehrend war. Er 35 verſuchte, ihm die Antwort ſchuldig zu bleiben und die erſte Treppenſtufe zu gewinnen, um raſch ſeine Leute und ſein Pferd auf dem Hofe zu erreichen. Aber auch auf dieſe erſte Stufe folgte ihm der für ihn Namenloſe, deſſen ganzes Gebahren ihn aber er⸗ rathen ließ, daß er ein unbeſtreitbares Recht habe, in dieſes Haus ungeladen einzutreten. „Mein Herr,“ wiederholte Magnus wuthſchnau⸗ bend,„ſind Sie kein Edelmann? He— Sie ſchwei⸗ gen? Verſtehen Sie meine Sprache nicht, nein? Nun gut, dann werden Sie dieſe verſtehen.“ Doabei zog er eine Piſtole aus dem Gürtel, deren Hahn bereits geſpannt war, und richtete ſie auf den Kopf des Mannes, der bedeutend kleiner war als er. Jetzt aber hielt es der Franzoſe für Zeit, zu be⸗ merken, was man von ihm verlange oder vielmehr, was man ihm aufgeſpart habe, wenn er noch ferner unthätig bleibe. Mit der Rechten, die er frei hatte, zog er blitzſchnell ſeinen Säbel aus der Scheide und ſtand ſo bewaffnet dem gewaltigen Gegner gegenüber. Dabei funkelten ſeine Augen unheimlich und ſeine Lip⸗ pen bebten, nicht aus Furcht, ſondern aus Blutgier, denn daß hier Blut fließen würde, ſagte ihm ſein ſoldatiſcher Inſtinct. „Wer ſind Sie?“ fragte er endlich, nicht um zu wiſ⸗ *4 358 ſen, wen er vor ſich habe, denn das ahnte er bereits, ſondern um die Aufmerkſamkeit des Angreifenden von ſeiner Waffe abzuleiten und um Zeit zu gewinnen, eine ihn jählings überfluthende Abſicht auszuführen. „Wer ich bin? Das wagen Sie mich hier zu. fragen? Ein Edelmann bin ich, der einem Räuber gegenüberſteht, das ſehen und fühlen Sie wohl, deſſen Name aber zu gut iſt, um in Ihrer Gegenwart ge⸗ nannt zu werden.“ Und dabei hob er die Piſtole wie⸗ der empor. Dieſen Augenblick hatte der Franzoſe wahrgenom⸗ men. Noch ehe das todbringende Geſchoß ſeine Mün⸗ dung auf ihn gerichtet, fuhr er mit dem Griffe ſeines Pallaſches rückwärts und mit mächtigem Vorſtoße die ſcharfe Spitze gegen Magnus Brahe's Leib bewegend, ſtieß er die Klinge einen halben Fuß tief hinein, ſo. daß ihm, als er ſie mit Gewalt wieder herauszog, das hervorſpritzende Blut ſelbſt über Geſicht und Bruſt floß. Zugleich aber ging Magnus Schuß los, jedoch zu ſpät. Er ſelbſt, auf den Tod verwundet, fiel hinten über und färbte die Stufen der väterlichen Treppenhalle mit ſeinem Blute. Der Franzoſe dagegen, raſch ſeine Waffe in die Scheide ſtoßend, ſprang blitzſchnell die Treppe hinab, und während Waldemar, von dem durch das ganze 3359 Haus ſchallenden Schuſſe aufgeſchreckt, aus des Kaſtel⸗ lans Zimmer und von dieſem gefolgt, in die Höhe eilte, flog er faſt an ihm vorüber durch die Hinterthür des Hauſes, wo ſein Pferd ſtand, warf ſich, ohne einen Blick rückwärts zu werfen, hinauf und jagte, von ſeinen Leuten gefolgt, den Wagen mit der Beute und ſeinen eigenen Sachen im Stiche laſſend, weil die Pferde ihm zu langſam zu laufen ſchienen, aus dem Schloßhofe mit raſender Eile dem See zu, deſſen dicke Eisfläche ihn ſicher aufnahm, worauf er denn bald den Augen der ihm etwa Nachſchauenden ent⸗ ſchwunden war. Unterdeſſen aber herrſchte im Schloſſe ſelbſt die tiefſte Beſtürzung. Waldemar, von faſt allen Haus⸗ bewohnern gefolgt, und ahnend, was Magnus in ſei⸗ ner Abweſenheit gewagt hatte, ſtürzte die Treppe hin⸗ an. Aber da ſah er Alles, was er zu finden gefürch⸗ tet, nur in noch viel traurigerer Geſtalt vor ſich lie⸗ gen. Magnus, in ſeinem Blute ſchwimmend, war einige Stufen der Treppe hinuntergeglitten und ſeine Augen, dem Schließen nahe, ſuchten, von Einem zum Andern irrend, die Seinigen auf, um ſich noch ein⸗ mal an ihrem Anblick zu laben. 3 Waldemar ſtürzte auf die Kniee zu dem Blutenden nieder und preßte in wilder Haſt die Hand auf die Wundo, die er ſogleich entdeckte.„Magnus!“ rief er ſtöhnend vor Angſt und Schmerz,„mein Gott! was iſt geſchehn?“ „Waldemar,“ flüſterte der junge Mann mit lächeln⸗ der Miene, auf die ſchon der Tod ſeine leſerlichen Züge ſchrieb,„laß ſie bluten— Du ſtillſt ſie nicht. Gott hat es ſo gewollt, der Franzoſe hat mich getroffen— ehe ich ihn traf. Vielleicht iſt es— beſſer ſo. Ich bin zufrieden. Dir aber, Dir— vererbe ich meine Rache— räche— mich!“ „Die Rache ſteht in Gottes Hand, Magnus!“ ſagte Waldemar feſt und mild, ſelbſt in dieſem ſchweren Augenblick ſeine ganze männliche Faſſung bewahrend. Und dem Kaſtellan und den umſtehenden Dienern einen Wink gebend, hoben ſie den Sterbenden auf und tru⸗ gen ihn in das nächſte Zimmer, von wo ſie ſogleich einen reitenden Boten nach Sagard ſendeten, um den Arzt herbeizurufen, trotzdem es Allen einleuchtend war, daß derſelbe hier von keinem Nutzen mehr ſein konnte. Ende des dritten Theils. Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.