Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzüſſſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 „. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt: für ohchentlich 2 Bücher: 4 Büicher: 6 Bücher: .————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. .„— a„=„ 4„„ 35. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung* der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. pur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. 3 ͤ Der Strandvogt von Jasmund. 2 Geſehichtliches ebensbild aus der Occupationszeit der Inſel Rügen durch die Franzoſen von 1807— 18134 Von Philipp Galen. Zweiter Theil. ——— eigpzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1860. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erſtes Papitel. Schloß Spyker und ſeine Inſaſſen. Das Schloß Spyker, wie ſchon im vorigen Kapi⸗ tel erwähnt, vom ſchwediſchen Grafen Wrangel, dem berühmten Feldherrn Guſtav Adolf's im Jahre 1650 kurz nach dem dreißigjährigen Kriege erbaut, trug ganz den trüben, feſten und gewaltthätigen Charakter jener Zeit. Es war ein viereckiges, drei Stockwerke hohes, durchaus maſſives Gebäude, deſſen Umfangs⸗ mauern eine bedeutende Stärke und Dauerhaftigkeit verriethen. Auf den vier Ecken ſprangen runde feu⸗ erfeſte Thürme mit kuppelartig gewölbtem Dache vor, die dazwiſchen liegenden Fronten aber ſtützten eckige thurmartige Vorſprünge, deren ausgeſchweifte Giebel nach allen vier Himmelsgegenden ſahen. Jede Front zeigte drei regelmäßig conſtruirte Fenſterreihen mit je vier Fenſtern, von denen die der zwei oberen Stock. 3 Der Strandvogt. II. 1 2 werke, worin die herrſchaftlichen Prunkgemächer und „Beſuchzimmer lagen, ſich durch ihre Größe auszeichne⸗ ten; das hohe Erdgeſchoß hatte eben ſo viel kleinere Fenſter und hierin lag die Wohnung des Verwalters Ahlſtröm und ſeiner Familie, der unter anderen Titeln vorzugsweiſe den des gräflichen Kaſtellans führte. Den Hof des Schloſſes, mit großen Quaderſteinen gepfla⸗ ſtert, die ihren Urſprung vom Felsgeröll der umliegenden Ufer Jasmund's nicht verläugnen konnten, umſchloß eine Mauer von unbedeutender Höhe, deren Haupt⸗ thor nach Norden führte. Gegenwärtig freilich ſind manche Veränderungen an dieſem Gebäude und ſeiner Umgebung vorgenommen worden, in dem Jahre aber, in welchem unſere Geſchichte ſpielt, zeigten beide noch genau die beſchriebene Geſtalt. Die Hauptgemächer der beiden oberen Stockwerke, namentlich des erſten, waren im Geſchmacke der Zeit ihrer Entſtehung eingerichtet, hoch, mäßig hell und geräumig. Waffen, alte Gemälde, Erinnerungen an den eben beendeten traurigen Bruderkrieg, waren in Fülle vorhanden, weniger aber machte ſich eine über⸗ triebene Pracht und ein geſuchter Luxus geltend, wie man ihn heutzutage in vielen neugebauten Schlöſſern findet. Die Treppen waren alle von Stein, die Wände der Zimmer meiſt mit Holzgetäfel, weigen mit ſeide⸗ nen oder Ledertapeten geſchmückt, die Fußböden von polirtem Eichenholz und nur hie und da mit weichen Teppichen bedeckt. Einer beſonderen Erwähnung verdient noch der nach Nordoſten gelegene ſogenannte Spukthurm. Die⸗ ſer Name allein ſchon erklärt hinreichend die Bedeu⸗ tung und Geltung, die derſelbe bei den Bewohnern des Schloſſes und ſeiner Umgebung genoß. Wunder⸗ bare Familienereigniſſe, bei denen Liebe, Eiferſucht, Haß und endlich Blut die Hauptrolle ſpielen, ſollen ſich in demſelben zugetragen haben, obwohl Niemand recht weiß, welche Perſonen er damit in Verbindung zu bringen hat. Er war ſehr ſelten, in den letzten fünfzig Jahren gar nicht bewohnt geweſen, obwohl ſeine Räumlichkeiten vollkommen dazu eingerichtet wa⸗ ren. Seine Fenſter, wie ſchon der alte Tarbot berich⸗ tet, blieben ſtets verhangen, Niemand beſtieg ſeine ſchmale gewundene Treppe und zumal in der Nacht wagte faſt kein Menſch, den alten Kaſtellan ausge⸗ nommen, ſein Inneres zu betreten. Die Umwohner des Schloſſes hatten eine heilige Scheu vor ihm und es ging-die Sage, daß bisweilen um Mitternacht an einem ſeiner Fenſter eine weiße Geſtalt ſichtbar werde, die die Umgegend nach Norden und Oſten hin be⸗ trachte und, mit einem Tuche wie zum Gruße darü⸗ 1* 3 ber hin winkend, nach einiger Zeit wieder in dem geheimnißvollen Innern ſpurlos verſchwinde. Wenn jene weiße Geſtalt aus Liebhaberei für ſchöne Fernſichten dieſe nächtliche Umſchau hielt— wozu ſie natürlich mit überirdiſchen Augen begabt ſein mußte— ſo dürfen wir ihr allerdings Geſchmack in Dergleichen zuerkennen, denn das alte Schloß zeichnet ſich in der That durch eine wunderbar ſchöne Lage aus, da Land und Meer nach allen Richtungen hin in anmuthigſter Geſtaltung prangen. Nach Weſten hin überſchaut man zuerſt den Spyker'ſchen See, an dem das Schloß liegt, und dann den ganzen Jas⸗ munder Bodden, deſſen jenſeitige bewaldete Ufer häu⸗ fig im linden Nebeldufte verſchwimmen. Im Norden ſtreckt ſich die ſchmale Schabe, die wir kürzlich betra⸗ ten, wie eine ungeheure Rieſenbrücke in ſchön ge⸗ ſchwungenem Bogen nach dem dreigezackten Wittow hinüber, auf dieſe Weiſe das blau ſchimmernde Bin⸗ nengewäſſer von der offenen See trennend, die, hier Tromper Wiek genannt, ſtolz ihre Wogen nach Ar⸗ kona wälzt, deſſen gebieteriſche Stirn kühn jedem An⸗ griff des mächtigen Elementes trotzt. Nach Oſten hin wogt dann die blaue See, bald grollend, bald lok⸗ kend, und noch mehr nach Oſten ragen jenſeit des berühmten Todtenfeldes bei Quoltitz die Berge und ₰—— — 4. dunklen Wälder der Stubnitz auf, deren gewaltige Laubkronen wie ein Meer von Smaragden funkeln, wenn die Frühlingsſonne ihren leuchtenden Strahl darüber ausgießt. Im Süden endlich, etwas nach Oſten hin, liegt in der Perſpective das Dorf Bob⸗ bin, deſſen Kirchthurm in nicht allzu weiter Ferne idylliſch aus den grünen Baumwipfeln hervorlugt. Von lieblich duftenden Gebüſchen, Raſenflecken mit Blumen und verſchiedenartigen Baumgruppen umge⸗ ben, ſollte man nun denken, müßte das Schloß Spy⸗ ker, namentlich im Sommer, einen angenehmen Auf⸗ enthalt gewähren. Das mag wohl für einzelne die Einſamkeit liebende Menſchen der Fall ſein, aber im Allgemeinen war es nichts weniger als ein reizvoller Wohnort. Denn es lag, damals noch mehr als jetzt, eine gewiſſe düſtere Färbung über das Ganze gebrei⸗ tet, die wahrſcheinlich theilweiſe dem finſteren, dicken Gemäuer ihren Urſprung verdankt. Hatte man dieſen erſten Eindruck überwunden, ſo fand man ſich aller⸗ dings bald heimatlich darin zurecht und es war dem mit ſolcher Stille und Abgeſchiedenheit ſympathiſiren⸗ den Magnus Brahe wohl nicht zu verdenken, daß er ſich dahin zurückſehnte, um ſeine völlige Geneſung abzuwarten, wenn man auch die Nebenurſachen, die ihn dahin zogen, nicht mit in Anſchl ag bringt. 1 * 6 Was die Spyker'ſchen Beſitzungen im Ganzen be⸗ trifft, die etwa aus vierzig Gütern beſtanden und einen großen Theil Jasmund's einnahmen, ſo gehör⸗ ten ſie urſprünglich einer lange erloſchenen Familie von Kulpen, dann dem Geſchlechte der von Jasmund, welches ſie eine geraume Zeit beſaß und nach deren Ausſterben ſie 1649 dem Grafen Wrangel zu Lehn gegeben wurden. Von dieſem, welcher 1676 zu Spy⸗ ker kinderlos ſtarb, fielen ſie durch Erbſchaft an deſ⸗ ſen nahe Verwandte, die ſchwediſchen Grafen Brahe, welche ſie theilweiſe verpachteten und die Adminiſtra⸗ tion einem Verwalter übergaben. Der alte Graf Brahe, der Vater von unſerm Magnus Brahe, lebte nur zeitweiſe auf Spyker, größtentheils hielt er ſich in Stockholm auf; wenn er aber kam, war es ein Feſt für ſeine Untergebenen, von denen er faſt ab⸗ göttiſch verehrt und geliebt wurde. Dieſe Verehrung und Liebe hatte ſich auch auf ſeinen einzigen Sohn Magnus vererbt, und das Bewußtſein davon mochte wohl viel dazu beigetragen haben, daß auch er von Jugend an immer gern und möglichſt lange Zeit auf dem alten Stammſitze verweilte. Vorzüglich jedoch war es die Familie des Kaſtel⸗ lans Ahlſtröm, in der ſich Magnus von jeher außer⸗ ordentlich heimiſch gefühlt hatte, eine Familie, wie — ſehenen Dienſtleuten feudaler Herren finden, gegenwär⸗ tig aber allmälig ausſterben ſehen und nur noch ſel⸗ ten in ihrer ganzen urſprünglichen Ergebenheit und Dienſttreue antreffen. Ihr Herr war ihr Gott auf Erden und für ſie von viel größerer Bedeutung, als der ferne König, der in ſeinem meerumfloſſenen Stock⸗ holm reſidirte und niemals unter ihnen ſichtbar ge⸗ worden war. Der alte Ahlſtröm war mit Magnus Vater groß geworden, der Glanz der Familie war ſein eigener Glanz, das Glück derſelben ſein eigenes Glück geweſen. Jedes Wort ſeines Herrn war ihm ein unumgängliches Gebot, jeder ſeiner Wünſche eine Aufgabe, die gelöſt werden mußte, ohne Bedingung, ohne Bedenken. Wie er daher das Amt eines Ver⸗ walters des Gutes und eines Hüters des Schloſſes verſah, ergiebt ſich hieraus von ſelbſt. Er war ein ziemlich betagter Mann von kleinem Wuchſe, mit ſchneeweißem Kopfe, aber noch rüſtig und gutlaunig genug, um ſelbſt die Drangſale des jetzigen Krieges ohne Beſchädigung ſeiner Geſundheit und ſeines fri⸗ ſchen Lebensmuthes zu ertragen, obgleich es oft ſehr ungemüthlich im Schloſſe herging und alle Welt von dem Zwange, den die Franzoſen rückſichtslos ausüb⸗ ten, bedrückt war. Sein Weib, Heylike, war das Mu⸗ wir ſie wohl zu alten Zeiten häufig unter den ange⸗ ſſter einer Hausfrau, die nur für ihre Wirthſchaft, die Erziehung ihrer Kinder und die leibliche Behaglichkeit ihres Mannes lebte. Dieſe Kinder waren zwei Mäd⸗ chen von achtzehn und neunzehn Jahren, Gyſela und Alheid, klein aber kräftig, weniger zart als geſund, mehr hübſch als ſchön, von durchſichtig heller Haut, ſanften blauen Augen und einer Haarfarbe, wie man ſie im Norden häufig findet und bei uns fälſchlicher Weiſe roth nennt, da ſie doch eigentlich ein unbe⸗ ſtimmtes Gemiſch von der Farbe des Goldes, des Feu⸗ ers und der Sonne ſind. Bevor wir uns nun zu den Fremden wenden, die in der gegenwärtigen Kriegszeit leider eine ſo hervor⸗ ragende Rolle auf Spyker ſpielten, müſſen wir uns noch mit einer dahin gehörigen Perſon beſchäftigen, die ſeit Beginn der Feindſeligkeiten zwiſchen Schweden und Frankreich eine freiwillige Bewohnerin des alten Schloſſes war. Es iſt dies die ſchon mehrfach erwähnte Gylfe Torſtenſon. Sie war das einzige Kind eines ar⸗ men Edelmanns, eines Freundes und früheren Kriegs⸗ kameraden des Grafen Brahe, der mit in die Ver⸗ ſchwörung Ankarſtröm's gegen Guſtav III. verwickelt geweſen war, deshalb verbannt ward und fern von ſeinem Vaterlande ſtarb. Er hinterließ ſeiner Tochter nichts als einen anrüchigen Namen und verſchiedene Gläubiger, unter denen Graf Brahe in Betreff der Höhe ſeiner Forderungen wie an perſönlicher Uneigen⸗ nützigkeit der bei Weitem hervorragendſte war. Die⸗ ſer erbarmte ſich des verlaſſenen Mädchens, zerriß die Schuldbriefe ihres Vaters und nahm ſie großmüthig in ſein Haus und ſeine Familie auf, die damals auf Spyker ihren Wohnſitz hatte. Hier wuchs ſie, nur we⸗ nige Jahre jünger als der einzige Sohn des Grafen, mit dieſem auf, und von früher Jugend verband die beiden Kinder eine ſeltſam zärtliche Neigung, die von Magnus bis in ſein männliches Alter fortgeſetzt, von Gylfe aber ſtets vergeſſen wurde, ſobald ihr der Sohn ihres ehrenwerthen Beſchützers aus den Augen kam. Um dem armen Mädchen, das auf keine Weiſe aus eigenen Mitteln ſein Leben friſten konnte, für den Fall, daß er frühzeitig ſterben oder daß es aus irgend einem Grunde ſeine Familie verlaſſen ſollte, eine an⸗ ſtändige Unterkunft zu bereiten, kaufte Graf Brahe es frühe in das Fräuleinſtift zu Bergen ein, wohin ſich Gylfe auch begab, als ſie aus ihrer deutſchen Pen⸗ ſionsanſtalt zurückkehrte, da ſie wenig geneigt ſchien, den Grafen nach Stockholm zu begleiten, gegen das ſie einen ungewöhnlichen Widerwillen hegte— einmal weil ſie insgeheim ihr Vaterland beſchuldigte, unge⸗ recht gegen ihren Vater geweſen zu ſein, und ſodann, 10 weil ſie in ihrer launenhaften Einbildung ſich in den Kopf geſetzt hatte: Schweden ſei ein eiſiges Land und entſpreche den warmen Gefühlen ihres Herzens nicht, eine Anſicht, die eben ſo unverſtändig wie falſch war, denn es giebt in Schweden eben ſo warme, ja heiße Gefühle, wie nur in irgend einem bei Weitem ſüdlicher gelegenen Lande der Welt. Im Stift zu Bergen wohnte ſie nun während der Abweſenheit des Grafen Brahe und ſeines Sohnes bis zum Ausbruche des Krieges; Magnus aber beſuchte ſie ſtets daſelbſt, ſo oft er die Inſel Rügen betrat, wobei er jedesmal ſeine Neigung für ſie wachſen fühlte, was er auch durch Wort und That ſichtbar werden ließ, während Gylfe dieſelbe ſtets ſo lange erwiderte, als ſie ihn in ihrer Nähe wußte, dagegen vergaß, ſobald er Bergen verlaſſen hatte. Als nun beim Beginn des Krieges das Stift in Bergen zu einem Hospital für kranke Schweden, ſpä⸗ ter aber, nachdem die Franzoſen die Inſel beſetzt, zu demſelben Zweck für dieſe umgewandelt wurde, ver⸗ ließ ſie es und zog ſich nach Spyker zurück, nachdem ſie allen wiederholten Einladungen des Grafen, ihm nach Stockholm zu folgen, mit ſeltener Beharrlichkeit ausgewichen war. Hier in Spyker, frei von jeder Fefſſſel, lebte ſie allein ihren Neigungen, die etwas we⸗ niger weiblich als tollköpfig und allen auf ſie blicken⸗ den Augen ein Gegenſtand gerechter Verwunderung, wenn nicht Mißbilligung waren. Denn ſie ritt, jagte, ſchoß, ſegelte wie der keckſte Mann und ſuchte ſtets in kühnen Unternehmungen, die manchen Schatten auf die Gediegenheit ihrer Weiblichkeit warfen, die Kraft ih⸗ res Willens und die Ausdauer ihres Muthes zu erpro⸗ ben. Als nun aber Schloß Spyker und ein großer Theil der umliegenden Gegend durch die Einquartierung der Franzoſen beglückt wurde, und ein galanter Mann, der Capitain der Chasseurs à cheval, Monsieur François de Caillard, lange Zeit ſeine Wohnung daſelbſt auf⸗ ſchlug, da war, wie ſie ſelbſt glaubte und behauptete, ihre ſonnigſte Zeit, der Gipfelpunkt ihrer ſiegesſtrah⸗ lenden Jugend gekommen, denn nun fehlte es ihr keine Stunde mehr an längſt gewünſchten Vergnügun⸗ gen und Zerſtreuungen, und die Gelegenheit, ihre Künſte zu produciren und ſich in den genialen Eigen⸗ ſchaften ihres Körpers und Geiſtes bewundern zu laſſen, konnte ihr nie wieder ſo günſtig geboten werden. Wohin das Alles führte und führen mußte, wer⸗ den wir im Laufe der Erzählung mit eigenen Augen ſehen, hier haben wir das kecke Mädchen, ein launi⸗ ges und leider nicht allzu ſeltenes Spiel der Natur⸗ vorläufig nur zu ſchildern. 8 Was zunächſt ihre körperlichen Eigenſchaften be⸗ trifft, ſo gehörte ſie zu der nicht geringen Anzahl von Frauen, die von der Natur leider zu ihrem eigenen und Anderer Unheil die ſo oft geprieſene und doch ſo trügeriſche Gabe der Schönheit empfangen haben und ſie zu gewiß nicht beabſichtigten Zwecken zu gebrau⸗ chen oder vielmehr zu mißbrauchen verſtehen. Sie war im Ganzen und Einzelnen bei oberflächlicher Be⸗ trachtung eine gefällige, ja eine liebliche Erſcheinung. Hoch und herrlich ſchlank gewachſen, von wunderba⸗ rem Ebenmaaß der Glieder, überragte ſie alle ihre früheren Freundinnen und Niemand lebte in der Um⸗ gegend, der ſich in dieſer Beziehung nur im Gering⸗ ſten mit ihr vergleichen konnte; und wie Hille mit Recht das ſchöne Mädchen von Saſſenitz hieß, ſo wurde auch ſie mit Recht in Spyker und der ganzen Nachbarſchaft das ſchöne Fräulein von Spyker ge⸗ nannt. Ihr lichtblondes, faſt goldgelbes reiches Haar floß gewöhnlich in langen fliegenden Locken um ihre wolkenloſe und kecke Stirn; ihr Geſicht, von faſt blen⸗ dender Weiße, war namentlich in Augenblicken der Gefühlsanregung von einer mattroſigen Gluth über⸗ haucht, wie ſie nur Blondinen ſo rein und zart zu eigen iſt; und dabei war ſie, auffallend genug, mit dunkelbraunen feurigen Augen begabt, die nach Gefal⸗ len ſanft oder ſchelmiſch zu lächeln verſtanden, aber auch einen faſt bohrenden Blick annehmen konnten, wenn ihre Laune beſchattet oder ihr kokettes Gebah⸗ ren nicht von dem gewünſchten Erfolge begleitet war. Schön vor Allem waren ihre Arme und Hände, und da ſie dies wußte und ihnen eine große Sieges⸗ macht zutraute, ſo kämpfte ſie damit zu gelegener Zeit auf eine ihr beſonders eigenthümliche Weiſe, indem ſie damit ſprach und handelte und oft ſchon durch eine bloße Bewegung derſelben Jedermann zu ihrem Willen zwang, ohne daß ſie ihre Stimme zu bemühen brauchte, die, ſagen wir es offen, einen etwas ſpitzen und kalten Ton hatte, der ein weich und warm füh⸗ lendes Herz nicht befriedigen konnte, eine Eigenſchaft, die ſie in geraden Gegenſatz zu Hille ſtellte, der die Natur ein ſanftes, anſchmiegendes Organ verliehen, womit ſie allein ſchon, dhne es zu beabſichtigen oder zu wiſſen, Jedermann zu bezaubern im Stande war. Wie wir ſehen, war Gylſe mit einer nicht unbe⸗ deutenden äußeren Mitgift für ihre Erdenlaufbahn ausgerüſtet und dabei hatte ſie auch geiſtige Fähig⸗ keiten in reichlicher Fülle erhalten. Leider aber waren denſelben Eigenſchaften des Herzens und Charakters beigemiſcht, die wohl im Stande ſind, unter entſpre⸗ chenden Verhältniſſen ein ganzes Menſchenleben mit 14 Hinderniſſen und Widerwärtigkeiten zu erfüllen und es dadurch zu etwas ganz Anderem zu geſtalten, als wozu es die Vorſehung in ihrer Güte urſprünglich be⸗ ſtimmt haben mag, Gylfe gehörte zu den Menſchen, die die Berechtigung zu haben glauben, ſich in's Le⸗ ben hinein zu ſingen, zu ſpielen, zu lachen und zu tändeln, ohne vom Nachdenken gepeinigt zu werden, das die Klippe ſo mancher heiteren Lebensfreude iſt. Wenn ſie einmal ein ernſter Gedanke erreicht, ſo be⸗ ſitzen ſie das Talent, ihn von ſich abzuſchütteln, wie der Pudel das Waſſer, ſie haben die Kraft und Selbſt⸗ verläugnung, zu ſich zu ſagen:„Ach, ich will nicht nachdenken, das Nachdenken macht traurig, macht häßlich, macht alt!“— Dieſe Menſchen ſind in der Regel, wenigſtens dem äußern Anſchein nach, ſehr glücklich, die ernſte Bürde des Lebens belaſtet ſie nicht, kein Kummer drückt ſie nieder, kein Schmerz wurzelt dauernd in ihnen. Werden ſie einmal gebeugt, ſo erheben ſie ſich ſogleich wieder, wie die Aehre des Feldes, wenn der Windſtoß vorüber geſauſt iſt. So wären ſie wahrhaftig zu beneiden, da ſie Etwas be⸗ ſitzen, was Niemand erreichen oder ſich aneignen kann, dem es nicht von Hauſe aus gegeben iſt: den ſo oft belobten leichten Sinn, wenn in dem Worte leich⸗ ter Sinn eben nicht jene beklagenswerthe Beimiſch⸗ ——— 15 ung enthalten wäre, die wir ſchon oben angedeutet haben. So war Gylfe gerade der vollkommenſte Gegen⸗ ſatz von Magnus Brahe, den jeder Windhauch beugte, jeder Schmerz niederdrückte, ja jeder Gedanke peinigte, der ſeine Gefühle in lebhaften Umſchwung ſetzte, und gerade vielleicht aus dieſem Grunde fühlte ſich der trübſinnige junge Mann zu ihr hingezogen, wie man ja ſchon oft die Bemerkung gemacht hat, daß ganz verſchiedenartig geſtaltete Charaktere ſich gegenſeitig zu ergänzen die Neigung ſpüren. Die oben erwähnten Eigenſchaften des Herzens und Charakters nun, die wenige Eltern als eine wün⸗ ſchenswerthe Beigabe der Geiſtesentwickelung ihrer Töchter betrachten mögen, waren, obgleich ihr Keim ſchon von der Natur in Gylfe gepflanzt ſein mochte, zu ihrer vollen Höhe und ihrem ganzen Umfange erſt in einer Penſionsanſtalt ausgebildet worden, in die ſie gebracht zu werden— ſagen wir es geradezu— das Unglück betroffen hatte. Und hierbei können wir nicht unterlaſſen, unſere offene Meinung über derglei⸗ chen Inſtitute auszuſprechen, da wir leider Gelegen⸗ heit gehabt haben, einen tieferen Blick in das Trieb⸗ werk dieſer dampfmaſchinenartigen Vorrichtungen zu werfen und zu erkennen, zu Weſſen Gunſten ſie ei⸗ ——. 11 gentlich in's Leben gerufen ſind, unterhalten und in öffentlichen Blättern über alle Gebühr angeprieſen werden, was, gerade heraus geſagt, zu Gunſten Derer gewiß nicht der Fall iſt, die darin erzogen und dem Ziele ihrer menſchlichen Vollendung nahe geführt wer⸗ den ſollen. Hiermit ſoll aber nicht behauptet ſein, daß alle b ſolche Anſtalten ohne Ausnahme Tadel und Vorwurf verdienen, ach nein; es mag auch recht gute und em⸗. pfehlenswerthe unter ihnen geben, nur ſind ſie ſelten, und gerade die beſten ſind, wie es auch bei anderen Dingen in der Welt geht, die am wenigſten beſuch⸗ ten, wahrſcheinlich deshalb, weil ſie ſich am anſpruchs⸗ loſeſten geberden. Es iſt heutzutage eine unglückliche Modeſache ge⸗ worden, alle jungen Mädchen, deren Eltern ein irgend auskömmliches Vermögen beſitzen, in gewiſſen Jah⸗ ren— und oft ohne jeden ſtichhaltigen Grund, blos 1 in affenartiger Nachbetung dieſer oder jener hochtra⸗ benden Familie— in eine Penſionsanſtalt zu ſenden, Kuum ihnen da, wie man ſich ausdrückt, die letzte Feile einer guten Erziehung, den letzten Flitter einer groß⸗ ſtädtiſchen Lebensart anlegen zu laſſen. Ja, es giebt Städte, in denen es ſich die Bewohner einer gewiſ⸗ ſen bemittelten Klaſſe beinahe zur Schmach anrechnen, 19 ein Gewirr unverarbeiteter Triebe und Regungen, die nach tauſend verſchiedenen Zielen irren, anſtatt nach einem, dem einzigen zu ſtreben und es in geregeltem Laufe zu gewinnen. Wer uns nicht glauben oder vielleicht gar wegen dieſer reiflich erwogenen Zergliederung hofmeiſtern will, der gehe nur in eine ſolche Penſionsanſtalt und ſehe ſich, wenn er die Fähigkeit und den guten Wil⸗ len dazu beſitzt, die jungen Zierpflanzen darin an. Er höre ſie ſprechen, wenn ſie ſich allein glauben oder wenn ſie unter Menſchen ſind, von denen ſie die Meinung hegen, ſie ſeien nicht wie ſie mit Hülfe einer Anſtandsbonne, eines franzöſiſchen und engli⸗ ſchen Sprachmeiſters groß geworden und ihr Vater habe nicht wie der ihrige jährlich 600 Thaler übrig gehabt, um ihnen Weisheit, Moral und„Tournüre“ beibringen zu laſſen. Da wird man denn ſchöne Dinge erleben und unſre Schilderung nicht übertrieben, ſondern noch weit hinter der Wahrheit zurückgeblieben finden, denn wir haben bei Weitem noch nicht die dunkelſten Seiten dieſer ſogenannten Erziehungsanſtal⸗ ten aufgedeckt. In einer ähnlichen Anſtalt nun, die ſich gleich einer heutigen Tages von uns gekannten rühmen könnte, aus ihrer Schule unter zehn Mädchen neune 2* 9⁹ 2oö als Schriftſtellerinnen, Künſtlerinnen und ſonſtige aetheriſche Weſen hervorgehn zu laſſen, war auch Gylfe zu einer ſelbſtbewußten Jungfrau herangereift, ihre natürliche Anlage hatte daſelbſt einen fruchtbaren Boden für excentriſche Wucherungen, eine ſchmeichle⸗ riſch pflegende Hand für ihre Frühreife gefunden und ſo war ſie als eine vollendete Erſcheinung ihrer Art aus den Reihen der penſionsanſtaltbeglückten Mäd⸗ chen Deutſchland's in's Leben hinausgetreten. Als ſie ſo, innerlich geſtählt gegen die feindſeligen Anſtürmungen der Welt, gepanzert mit eiſerner Schnür⸗ bruſt gegen das Wohlwollen und die natürliche Ein⸗ fachheit ihrer Mitmenſchen, in das Stift zu Bergen trat, glaubte ſie eine von Gottes Gnaden beglückte Königin zu ſein, der Alles huldigend zu Füßen liegen müſſe, und ſie hielt ſich für auserleſen, eine Rolle in der Welt zu ſpielen, zu der im gewöhnlichen Laufe der Dinge nur Prinzeſſinen und derartig hochgeſtellte Perſonen berechtigt ſind. Kein Wunder daher, daß ſie nicht das geringſte Verlangen trug, in das einfache Haus ihres edelherzigen Pflegers nach Stockholm überzuſiedeln, deſſen ruhige Alltäglichkeit und patriar⸗ chaliſche Würde ſie kannte; daß ſie es vielmehr vor⸗ * zog, als eine Befehle dictirende Herrſcherin auf Spy⸗ ker zu reſidiren und da in ſüßem Nichtsthun abzu⸗ warten, welche 2 oder das Schickſal zu üßen egen würde. Und ſiehe, das Schickſal hatte es gut mit ihr gemeint und ſie hatte nicht vergeblich auf ſeine Güte gehofft. Die Allerweltsbeſieger, die dünkelhaften, anmaßenden Fran⸗ zoſen, waren bei der allgemeinen Sturmfluth der Zei⸗ ten auch auf das abgelegene Gut gekommen, hatten auch da ihren vergänglichen Tempel aufgeſchlagen und verkündeten von ſeinen Altären aus das Tagen einer neu hen Zeit und den überſchwänglichen Segen einer glückverheißenden ewigen Ruhmes⸗ und Liebes⸗ herrſchaft. 1 Da kamen nun die goldgeſchmückten, ſchlanken, behelmten Reiter auf ihren ganz Europa geſtohlenen Roſſen, überſchwemmten Stadt und Land, traten zu Boden, was ſeit uralten Zeiten gerecht und ehrſam war, verpraßten mit gierigem Leichtſinn die Güter der widerſtandslos Geknechteten und jagten und ju⸗ belten in den Wäldern und Häuſern Derer einher, die ſich mit ſchweigſamer Unterwerfung unter den Willen der modernen Herren der Welt hatten beugen müſſen. Unter den Franzoſen, die ſich auf Spyker behaglich einniſteten und das wohlerworbene Hab und Gut des abweſenden Herrn verpraßten, befand ſich nun jener Monsieur de Caillard, der ein vollkommener Typus der kleinen Machtvollſtrecker jener Zeiten war, der Commandeur einer Schwadron berittener Jäger, ein leichtfertiges Pariſer Kind, das die Glorie der großen Nation in jeder Geberde, in jedem Blicke und Worte zur Schau trug. Monsieur François de Caillard hatte viel Aehn⸗ lichkeit im Charakter und in den Lebensanſichten mit Gylfe, wenigſtens jener leichte Sinn, den wir bei ihr angedeutet, mußte ihm vor Allen zuerkannt wer⸗ den, obgleich noch in Gylfe viel Kindliches, was auf Unerfahrenheit baſirte, mit unterlief, alſo Schwäche war, was bei ihm, dem Manne, der ſich und das Leben kannte, offenbar als Fehler auftrat. Trotz ſeiner anſcheinenden Milde, ſeiner äußeren Schmiegſamkeit und ſeines gefälligen höflichen Weſens, was man richtiger mit dem bezeichnenden Namen eines geleckten und aalglatt geſchniegelten Weltkindes benennen könnte, war er einer der eingefleiſchteſten herzloſen Egoiſten, den man ſich denken kann und der ſich zu ſeiner vollen Größe nur in einem ſo tumul⸗ tuariſchen Leben, wie eine große verderbte und ſitten⸗ loſe Stadt es bietet, emporzuſchwingen vermag. Was galt ihm das Wohl oder Wehe, die Zufriedenheit oder Trübſal der ganzen Welt, wenn er ſelbſt nur in ſich 23 befriedigt und beglückt war. Mochte Alles um ihn her weinen, wenn er nur lachen konnte, mochte Alles in Trümmer zerfallen, wenn er nur als ein von ſich ſelbſt beweihrauchter Götze auf dem mit eigenen Händen erbauten Altare ſeines Lebens ſtand. Es war ihm eine Nothwendigkeit, herrlich und in Freuden zu leben, wo er auch war, und aus dem zerſtörten Wohl⸗ behagen Anderer ſich ſein eigenes zu ſchaffen. Und warum ſollte er nicht? Wer weiß, wie lange das luſtige Leben noch dauert! Man muß für ſich ſorgen, ſo lange man oben auf der ſchaukelnden Woge des Lebens ſchwimmt. Die ſich nicht neben uns halten können, tritt man nieder— warum ſind ſie ſo ſchwach im Sturme der Zeiten? Ich bin ich und ſie ſind ſie! Ueberhaupt, Alles iſt eitel auf der Welt, alſo auch der dumme Gedanke, daß der eigene Vor⸗ theil eines Anderen Schaden ſein muß. Wer ſich mit mir einläßt, pflegte er oft zu ſeinen Kameraden zu ſagen, der ſehe ſich vor, was er thut— ich bin ein harter Felſen, an dem ſich ſchon Mancher ohne meine Schuld den Schädel zerſtoßen hat. Was ich einmal in meinen Armen halte, muß mit in das Grab, wenn ich begraben werde, was ſich an mich bindet, muß mit ſeinem ſelbſt gewebten Schickſal zufrieden ſein. 4 24 Mit dieſem mehr angedeuteten als ausgeführten Charakter, der heutzutage in großen Städten ſo häu⸗ fig geworden iſt, daß eben die Andeutung ſchon ge⸗ nügt, ſtimmte ſeine ganze Erſcheinung überein. Die⸗ ſer Franzoſe war ein ächtes vollkommenes Kind ſeiner Zeit, ein Sohn ſeines Volkes, ein duftender Poma⸗ denherr, ein Stutzer in Uniform, der ſogar Brillanten in den Ohrringen trug, ein Eroberer, nicht allein im Reiche der Fürſten, die ſein Kaiſer bekriegte, ſondern auch im Reiche der Gedanken und Empfindungen, wenn wir ihm letztere überhaupt zugeſtehn dürfen. Daß er daher bei dem kleinen Volke, unter dem er jetzt lebte und wirthſchaftete, als ein ausländiſcher Rieſe, ein erhabenes Weſen nie dageweſener Größe auftrat, war ganz in der Ordnung, denn angeſtaunt, bewundert, vergöttert zu werden, das lag ganz in ſei⸗ nen Naturbedürfniſſen, das war ein nothwendiger Weih⸗ rauch, mit dem die Atmoſphäre, in der er athmete, geſchwängert ſein mußte. Und dieſe Vergötterung mußte ihm ja unter die⸗ ſem kleinen Volke von ſelbſt zufallen, das ihm im Ganzen und Einzelnen nicht von der geringſten Bedeu⸗ tung war und auf deſſen angeborne Niedrigkeit er von ſeiner urſprünglichen Höhe ſtolz und herriſch her⸗ abſah. Denn was war dieſes Volk gegen ihn? Er 25 war ja Franzoſe, das heißt Feind von Allem, was ſonſt auf Erden lebte, Sieger über Alles, was ihm entge⸗ gentrat, und er ſollte Rückſicht auf Menſchen nehmen, die auf dieſer kleinen, abgelegenen, unbekannten Inſel zufällig lebten und Fiſche fingen? Konnten ſie etwa dieſe Rückſicht beanſpruchen? Ha, das wäre ja eine ſeltſame, nicht zu duldende Anmaßung und Ueberhe⸗ bung ihrer ſelbſt geweſen! Was waren ſie denn, als ſeine Knechte, ſeine Untergebenen, als ohnmächtig in ſeine Hand gelieferte Sclaven! Es koſtete ihm nur einen Wink, und ſie waren dahin, denn er war ja das zweite Ich, das Spiegelbild ſeines großen Kaiſers, der mit der ganzen Welt that, was er nur mit ein paar armſeligen Menſchen verſuchte, die kaum einen Namen hatten, der menſchlich klang und von ſeinen Lippen kaum ausgeſprochen werden konnte. Und nun gar eine Frau, ein Mädchen! Was war, was galt ihm ein ſolches! Was ſind überhaupt Frauen in ſeinem Sinne? Ein Spielwerk, mit dem man tändelt und ſich die Zeit vertreibt, ſo lange es neu und hübſch iſt, und das man wegwirft, ſobald es alt und häßlich wird. Warum ſind die Männer ſo ſtark und mächtig geſchaffen und die Frauen ſo ſchwach und zerbrechlich? Nehmen ſich dieſe alſo in daß ſie nicht zerguttſcht werden, denn das Schwache 265 iſt ja dazu da, im Starken aufzugehen und ſein ne⸗ belhaftes Weſen in dem ſonnigen Glorienſcheine der Größe Dieſes verſchwinden zu laſſen. In ſeinem Aeußern, um es endlich mit wenigen Worten zu ſchildern, erſchien er wie ein neu vergolde⸗ ter Modeherr in Uniform, friſch aus dem Ei geſchält, immer höflich, immer lächelnd und triumphirenden Blicks, wenn er nicht ſeine dienſtliche Herrſchermiene aufzuſetzen für nöthig fand. Sein ſchwarzes funkeln⸗ des Auge ſprühte ſichtbar das Feuer aus, welches in ſeinen Adern rollte, und ſeine geſchmeidige Geſtalt trug ſchon die ſelbſtbewußte Keckheit zur Schau, mit der ſein übermüthiger, aller Welt hohnlachender Geiſt überſchwängert war. Schon auf zwanzig Schritte weit bemerkte man ihn, wenn man ihn auch nicht ſah, denn er duftete wie der Laden eines Parfümeurs im Palais royal. Sein ſchwarzer, wie ein Halbmond ſpitz nach oben gedrehter Schnurrbart ſchloß ſeine feine Spürnaſe wie mit zwei Ausrufungszeichen ein, als wollten ſie dem ihm Gegenübertretenden zurufen, auf der Hut zu ſein vor dieſem kleinen Eroberer, der ſich auch darin vom Glück bevorzugt ſah, daß er auf Spy⸗ ker einquartiert war, denn ſogar ſeiner Meinung nach war dieſes alte Schloß einer der wenigen Orte auf Rügen, wo ein anſtändiger un pomehmer Mann 27 einigermaßen behaglich fühlen konnte. So geruhte der gnädige Herr denn, es ſich daſelbſt wohlgefallen zu laſſen. Er bewohnte die ſchönſten Gemächer des Schloſſes, ſpeiſte täglich mit eingeladenen Kameraden auf das Herrlichſte, that dem alten Keller ſeines ab⸗ weſenden Wirths alle Ehre an, ſorgte dafür, daß die Pferde nicht durch langes Stillſtehen ſteif wurden, jagte in den wildreichen Wäldern nach Herzensluſt und liebelte endlich mit der Pflegetochter des Grafen auf eine Weiſe, die einen Kundigen ſehr bald errathen ließ, daß es ihm um wenig mehr als ſeine augenblick⸗ liche Unterhaltung und die Befriedigung einer ange⸗ borenen Laune zu thun ſei. So haben wir denn die Verhältniſſe auf Spyker im Allgemeinen bezeichnet; wenden wir uns jetzt zu den einzelnen Vorgängen, die ſich unmittelbar an Waldemar's unvermuthetes Auftreten in dieſem Kreiſe knüpften. weites Anpitel. Georg Forſt's Empfang auf Spyker. Als Waldemar die ſteinerne Treppe im Innern des Schloſſes erſtiegen, die zu des Kaſtellans Woh⸗ nung führte, näherte er ſich mit lebhafter Erregung der alten Thür, durch die er als Knabe und Jüngling in früheren Tagen ſo oft harmlos glücklich und hoff⸗ nungsreich getreten war, indem er ſich geſtand, daß Vieles um ihn und in ihm verändert ſei, ſeitdem die gewölbten Hallen den Schall ſeiner Schritte nicht wi⸗ dergedröhnt hatten. Als er an die Thür pochte, war in dem Zimmer die ganze Familie des Kaſtellans da⸗ mit beſchäftigt, ihr einfaches Vesperbrod zu verzehren, das nur aus geronnener Milch, Brod und Butter be⸗ ſtand, und dabei die gegenwärtigen Verhältniſſe auf Spyker in Betrachtung zu ziehen, denn Gyſela's, der älteſten Tochter, Bericht über Fräulein Gylfe's zuneh⸗ —; Aoↄᷣ— 8 8 29 mende Leidenſchaft für den franzöſiſchen Officier hatte eine allgemeine Betrübniß hervorgerufen, da man ſich nicht verhehlen konnte, daß aus dieſer Leidenſchaft, mochte ſie nun erwidert werden oder nicht, noch viele andere heilloſe Dinge in Zukunft entſtehn würden. Gyſela, die hübſcheſte Tochter des Kaſtellans, war vor allen übrigen Mitgliedern der Familie in Stand ge⸗ ſetzt, über jenes Verhältniß des Capitains und Gyl⸗ fe's ein Urtheil zu fällen, denn ſie war es, die ſich letztere ſelbſt zur Geſellſchafterin gewählt, die mit ihr einen großen Theil des Tages verlebte und ſogar Nachts ihr Zimmer theilte, welches im zweiten Stock⸗ werk über den Gemächern lag, die zur Zeit der Ca⸗ pitain in Anſpruch genommen. Der alte Kaſtellan hatte eben einige mit Seufzern gemiſchte Worte geſprochen und dabei der früheren glücklichen Zeiten gedacht, als er das Pochen eines Fremden auf dem Corridor vernahm.„Pſt!“ ſagte er,„ſeid ſtill, da kommt Jemand, es hat geklopft.“ Die jüngſte Tochter erhob ſich von ihrem Stuhle und öffnete die Thür, durch welche Waldemar Gran⸗ zow langſam und mit lächelnder Miene eintrat. Wie betrübt man auch kurz vorher geweſen ſein mochte, aller Kummer war augenblicklich vergeſſen, als man das wohlbekannte offene Geſicht und die ſtatt⸗ 30 liche Geſtalt des jungen Mannes wahrnahm, der ſich ungezwungen wie immer den Verſammelten näherte. Ja, der alte Ahlſtröm wurde ſogar über ſeine unver⸗ hoffte Erſcheinung in ein ſo freudiges Staunen ver⸗ ſetzt, daß er das Meſſer aus der Hand fallen ließ und, bewegungslos auf dem Stuhle ſitzen bleibend, zuerſt kein Wort der Begrüßung hervorzubringen vermochte. Endlich aber hatte er ſeine Faſſung wiedergewonnen und, mit einem Ruf des Entzückens von ſeinem Sitze emporſpringend, lief er dem Hausfreunde mit herzli⸗ cher Bewillkommnung entgegen, die nun von allen Sei⸗ ten hervorbrach und von Waldemar eben ſo herzlich erwidert wurde. Der alte Ahlſtröm war einer der Begleiter des Grafen Brahe geweſen, die ſich vor zehn Jahren mit auf dem Schiffe befanden, welches am Jasmunder Ufer ſtrandete, und denen der damalige Lootſencommandeur Granzow das Leben gerettet hatte. Von dieſem Tage an waren die Familien Beider durch ein unzerreißba⸗ res Freundſchaftsband vereinigt, und alle Dankbarkeit und Liebe, die der gerettete Familienvater gegen den Strandvogt hegte, hatte ſich auch auf deſſen Sohn übertragen, der allen Brahe'ſchen Beamten und Die⸗ nern noch dadurch bei Weitem näher getreten war, daß ihn der Graf mit nach Spyker genommen und 31 ſeinem Sohne zum Gefährten gegeben hatte. Die ganze Familie des Kaſtellans wußte, was ſie von Waldemar zu halten hatte, und da man auch das innige Verhältniß kannte, in welchem derſelbe zum Sohne ihres Herrn ſtand, und die beiden jungen Leute ſtets bei einander zu ſehen gewohnt war, ſo lag es in der Natur der Sache, daß bei der plötzlichen Erſchei⸗ nung Waldemars ihre Gedanken ſogleich auch auf Magnus Brahe fielen.. Als ſie nun aber nach einer haſtigen Mittheilung Waldemar' die Urſache ſeines Beſuches und die da⸗ mit verbundenen gefährlichen Verhältniſſe erfuhren, in denen ſowohl er ſelbſt wie ihr junger Herr ſich be⸗ fand, da wurde ihre erſte Freude um ein Bedeutendes gedämpft und ihre Hoffnungen in eben ſo viele Be⸗ ſorgniſſe umgewandelt, die Waldemar beim beſten Willen nicht alle zu beſeitigen vermochte, als auch ihm endlich über die Vorgänge in Spyker der volle Aufſchluß zu Theil wurde. Auf das Geheiß des Kaſtellans hatten nach einer Stunde gegenſeitiger Mittheilung und nachdem die erſte Ermahnung ergangen war, daß Jedermann im Schloſſe in dem neuen Beſucher nicht den alten be⸗ freundeten Waldemar Granzow, ſondern einen um Alheid freienden Seemann aus Hiddens⸗Oee, Namens 32 Georg Forſt, zu ſehen habe, ſeine Frau und Töchter das Zimmer verlaſſen müſſen und er war endlich mit letzterem allein geblieben. „Mein wackerer Junge,“ ſagte der alte Kaſtellan mit wehmüthiger Stimme, als die beiden Männer nun ungeſtört an einem Fenſter ſtanden, von dem aus ſie einen Theil des Parkes beſtreichen konnten, „mein wackerer Innge, ich drücke Dir noch einmal von ganzem Herzen die Hand. Aber ach, ich kann Dir nicht verhehlen, daß ſowohl Das, was Du bringſt, als Das, was Du hier findeſt, mir das Herz recht ſchwer macht. Natürlich werde ich Alles aufbieten, um den geliebten Sohn meines Gebieters hier insge⸗ heim aufzunehmen, zu verpflegen und vor den Au⸗ gen der Fremden zu verbergen, was glücklicher Weiſe die Einrichtungen dieſes Schloſſes und manche eigen⸗ thümliche Zufälligkeiten ausführbar machen, aber ich fürchte ſehr, daß der Aufenthalt in dem Spukthurm da drüben, von wo aus er Manches beobachten kann, was im Schloſſe ſelbſt vorgeht, gerade nicht zu ſeiner baldigen Geneſung beitragen und daß er vielleicht noch viel kränker dadurch im Herzen werden wird, als er jetzt ſchon iſt. Was dann im Schooße der Zukunft ſchlummert, das will ich mir jetzt in meinem einfältigen Verſtande nicht auszumalen verſuchen, aber . 33 — Dir kann ich es ja ſagen— mir ſcheint es, als wäre der alte Stern über den Häuptern der Brahes düſter verſchleiert und als wären wir mit ihnen an eine Epoche gelangt, die Vieles zu wünſchen und zu hoffen, bei Weitem mehr aber noch zu fürchten übrig läßt.“ „Ihr habt im Allgemeinen Recht, Ahlſtröm,“ er⸗ widerte Waldemar mit ernſter Miene und drückte dem Alten wiederholt die Hand,„allein Ihr müßt nicht denken, daß ſich Alles zum Schlimmen wendet, was eine Zeit lang in den trüben Schleier der Be⸗ ſorgniß gehüllt iſt. Nein, nein, ich geſtatte mir gar nicht, ſo Ernſtes zu denken, das würde mich lähmen und meine Luſt zu kräftigem Handeln gewaltig her⸗ abſpannen. Wer weiß, ob Gylfe,— denn die liegt Euch doch am ſchwerſten auf dem Herzen— wenn ſie erfährt, daß Magnus in ihrer Nähe iſt, nicht in ſich geht und ganz von ihrer jetzigen Sinnesart läßt. Wenn wir das als möglich vorausſetzen, iſt alle übrige Beſorgniß in Bezug auf Magnus unnütz, denn er wird geneſen, er wird wieder ein thätiger Mann wer⸗ den und der Herr der Heerſchaaren wird uns einmal von dieſem Uebel des Krieges und Allem, was ſich daran knüpft, erlöſen. Meint Ihr nicht auch?“ „Mein lieber Junge, wenn man Dich ſo vertrau⸗ Der Strandvogt. II. 3 3 ensvoll ſprechen hört, ſo möchte man Dir wohl in den Hoffnungen, die Du anregſt, beiſtimmen, allein bedenke, daß Dein Freund Magnus nicht Deinen ker⸗ nigen Charakter, Deine naturgeſunde Lebensanſchau⸗ ung und Dein vertrauendes Gemüth beſitzt. Denn Du ſagſt mir ja ſelbſt, daß er noch immer der alte Schwärmer und Wolkenſeher iſt.“ „Ja, das iſt er leider noch immer, und jetzt in ſeiner Krankheit ſogar mehr als ſonſt. Allein, laßt ihn nur erſt hier ſein, dann wollen wir Beide ſchon dahin wirken, daß er anderen Sinnes wird, und auch Mutter Heylike und Gyſela und Alheid müſſen das Ihrige dabei thun.“ „Das wollen wir und das ſollen ſie, ja, ja, das ſollen ſie, dafür will ich ſchon aufkommen, und Gott gebe, daß Deine Hoffnung kein Truggebilde iſt. Aber nun laß uns einmal von Dir ſelbſt reden. Und da muß ich Dir ſagen, mein Junge, daß Du Dich durch Deine Kühnheit und Deinen Muth in eine recht üble Lage gebracht haſt. Wenn das Deine Alten wüßten, ſie würden, wie ich, in großer Sorge ſein.“ „O, ſie wiſſen es ja nicht und Ihr müßt Euch dieſe Lage nicht übler vorſtellen, als ſie wirklich iſt.“ „Sie iſt übel genug, ſage ich, übel genug. Du haſt hier einen feinen Spürhund vor Dir; Capitain 35 Caillard verſteht in ſolchen Dingen keinen Spaß. Wenn er alſo hinter Deine Schliche kommt, könnte es Dir ſchlimm ergehen.“ „Wie ſollte er das? Hier in Spyker, ſobald ſie nur Alle wiſſen, um was es ſich handelt, wird mich Niemand verrathen, und der Brief hier, den ich dem Capitain noch heute übergeben werde, muß ihm jeden Verdacht benehmen, wenn er ihn hegte. Von Mag⸗ nus' Hierherkunft aber darf kein Menſch etwas erfah⸗ ren, nicht ein einziger Diener— und wäre es der zuver⸗ läſſigſte,— und wir müſſen ihm in dieſer ſo traurigen Zeit ſelbſt Diener ſein, wie wir auch ſeine einzigen Freunde ſind.“ „Auch Gylfe darf nicht wiſſen, daß er kommt?“ „Auch ſie nicht, ſie am allerwenigſten. Iſt er erſt hier, dann wollen wir ſehen, was ſich thun läßt und zur Berathung darüber werden wir Zeit genug haben.“ „Gut, ja, ich ſtimme Dir bei. Aber von Dir muß ſie nothwendig Kunde haben, denn ſähe ſie Dich zufällig, ſo bedürfte es nur eines Worts, eines Aus⸗ rufs von ihr, und Dein Name, Dein Verhältniß zu den Brahes wäre auf einen Schlag aller Welt verra⸗ then.“ „Darin habt Ihr Recht und ich werde ſie noch heute beſuchen und eine Unterredung mit ihr führen, * 3** 36 die hoffentlich auch dieſe Befürchtung zu Schanden macht.“ „Natürlich mußt Du ſie ſprechen, und noch bevor Du Deinen Auftrag bei dem Capitain ausrichteſt. Aber Du darfſt ſie nicht auf ihrem Zimmer beſuchen, das könnte bei dem eitlen Franzoſen einen ſchlimmen Ver⸗ dacht erwecken, und er könnte Dich auch ſehen, wenn Du zu ihr gehſt. Nein, nein, ſie muß in dieſe Stube kommen, ſobald ſie daheim iſt, und das kann nicht lange dauern, denn ſie ſind lange genug auf ihrem⸗ Spazierritt geweſen und dehnen ihn nie bis zur Nacht aus.“. „Gut, beſorgt das, ich verlaſſe mich in Allem auf Euch, da Ihr die Verhältniſſe beſſer kennt als ich.“ Während dieſes Geſpräches war der Abend ganz hereingebrochen. Die von Bäumen beſchattete Umge⸗ bung des Schloſſes, ſeine dicken Mauern und die im Verhältniß der großen Zimmerräume ſehr kleinen Fen⸗ ſter ließen es im Innern derſelben noch dunkler er⸗ ſcheinen, als es draußen war. Daher gebot der Ka⸗ ſtellan einer ſeiner Töchter, Licht herein zu bringen, und ſchloß die Vorhänge der Fenſter, nachdem er noch einmal hinausgelauſcht und ſein Ohr in die Richtung der Eingangspforte des Schloßhofes vorgebeugt hatte. „Ich glaube, ſie kommen,“ ſagte er, das Fenſter ſchließend und ſich zu Waldemar zurückwendend,„we⸗ nigſtens habe ich das Schnauben von Pferden und heiteres Gelächter von Menſchenſtimmen vernommen. Gyſela, begieb Dich in Dein Zimmer hinauf und wenn Fräulein Torſtenſon eingetreten iſt, bitte ſie in meinem Namen, ſich zu mir herunter zu bemühen, ich hätte ihr Etwas mitzutheilen, was ich ihr nur in mei⸗ nem Zimmer ſagen kann.“ Gyſela wollte ſo eben gehorchen, als ſie, auf den Corridor tretend, die kleine Cavalcade auf den Schloß⸗ hof einreiten hörte und gleich darauf auch vom Fen⸗ ſter aus ſah. Voran ritt Gylfe, mit dem Capitain Caillard auf der einen und dem Lieutenant Challier auf der anderen Seite, hinter ihnen zwei Chaſſeurs und endlich ein Diener des Schloſſes, ohne den ſich die Dame des Hauſes nie von demſelben entfernte. Der Capitain ſprang galant vom Pferde, um die Dame aus dem Sattel zu heben; dann aber einige Worte zu ihr ſprechend, empfahl er ſich, um noch einen Dienſtritt in die Umgegend zu unternehmen. Als Gylfe in das Schloß eingetreten war, ſetzte er ſich wie⸗ der auf und ſprengte mit ſeinem Gefolge davon, wäh⸗ rend ſie, ein luſtiges Liedchen trillernd, die Stufen hin⸗ an ſtieg, um in ihre Zimmer zu gelangen. Gyſela, nachdem ſie die Begleitung der Dame wie⸗ 38 der abreiten geſehn, trat ihr raſch entgegen und bat ſie im Namen des Vaters, einen Augenblick deſſen Wohnung zu betreten. „Ei, guten Abend, Gyſela!“ erwiderte die Ange⸗ redete mit ihrer hellen und etwas ſcharfen Stimme. „Wie, ich ſoll zu Deinem Vater kommen? Ja, ja, herzlich gern, ich werde überdieß heute Abend Lange⸗ weile haben. Aber, Kind, warum gehen wir denn erſt die ſteile Treppe hinauf? Laß uns doch gleich unten bleiben, er kann mich ja auch im Reitkleide ſprechen.“ Kaum hatte ſie es geſagt, ſo ruhte ihre behand⸗ ſchuhte Rechte ſchon auf dem Thürdrücker und einen Augenblick ſpäter war ſie in das Zimmer getreten, wo ſie zu ihrer nicht geringen Ueberraſchung nicht den alten Kaſtellan, ſondern einen ihr beim erſten An⸗ ſchaun gänzlich unbekannten ſchönen und kräftigen Mann bemerkte, der ſie, anſtatt ſich reſpectvoll vor ihr zu verbeugen, in gerader Haltung erwartete, ohne auch nur die Miene zu verrathen, ihr einen halben Schritt entgegenzukommen. Aber dieſer junge Mann war nicht minder über⸗ raſcht, als Gylfe, da er mit klopfendem Herzen die Pflegetochter ſeines Wohlthäters in ihrer jetzigen voll⸗ endeten körperlichen Entwickelung, noch dazu in der 39 nie an ihr geſehenen kleidſamen Tracht vor ſich ſah. Gylfe trug ein ſchwerfaltiges Reitkleid von grünem Tuche, deſſen Schleppe ſie über den linken Arm geſchla⸗ gen hatte, während ſie in der mit einem gelben Hand⸗ ſchuh überzogenen Linken ihr Taſchentuch und in der Rechten eine elegante Reitpeitſche hielt. Ihre hellen Locken, von dem ſcharfen Ritt in der Abendluft etwas in Unordnung gerathen, wallten lang auf ihren Na⸗ cken herab und fielen, die hochgefärbten Wangen ſtrei⸗ fend, in zwei dicken Ringeln über ihren Buſen nieder. Auf dieſen Locken trug ſie einen keck aufgeſtülpten klei⸗ nen ſchwarzen Filzhut, deſſen weiße Schwungfeder eine ſtählerne Agraffe etwas zur Seite befeſtigte. Um ih⸗ ren elfenbeinfarbigen Hals ſchloß ſich endlich ein fei⸗ ner Spitzenkragen, der vorn über der Bruſt durch eine edelſteinfunkelnde Broche zuſammengehalten wurde. Die mit dieſer kurzen Schilderung eingeführte Dame hätte nun, wie man danach denken ſollte, einen angenehmen Eindruck auf den Sohn des Strandvogts hervorbringen ſollen, allein das war eigentlich nicht der Fall. Waldemar war im erſten Augenblick aller⸗ dings über die ganze Erſcheinung betroffen, die er ſich nicht ganz ſo vollendet vorgeſtellt hatte, jedoch war er ein viel zu einfacher Naturmenſch, um an der ge⸗ künſtelten vornehmen Haltung, die ſie annahm, und an dem eigenthümlich prüfenden Ausdruck der Augen, was Beides ſie früher nicht in dem Grade gezeigt, ein ungeheucheltes Wohlgefallen zu empfinden, wobei wir nicht unerwähnt laſſen dürfen, daß ihm das ſicht⸗ bar aufgeblähte Weſen der jungen Reiterin nicht im Geringſten imponirte. Gylfe, einen„guten Abend“ auf den Lippen tra⸗ gend, da ſie den alten Ahlſtröm im Zimmer zu finden glaubte, verſchluckte dieſen Gruß, trat einen Schritt, den ſie bereits dem Anweſenden entgegen gethan, zu⸗ rück und hob verwundert die Rechte in die Höhe, worin ſie die Peitſche trug, was, ſo anmuthig die Bewegung war, die es ausführte, ihr doch den Anſchein gab, als wolle ſie ſich gegen irgend Wen zur Wehre ſetzen. Dieſe ſeltſame Bewegung reichte hin, Waldemar ſeine ganze Faſſung wiederzugeben. Er trat einen Schritt näher, verbeugte ſich lächelnd und ſagte:„Hof⸗ fentlich, mein Fräulein, wollen Sie mich nicht züchti⸗ gen, daß ich Ihnen dieſe Ueberraſchung bereitet habe.“ Gylfe ſchrak wie vor einer körperloſen Erſcheinung zurück, als ſie dieſe Stimme vernahm und durch ſie deren Beſitzer erkannte; augenblicklich aber fühlte ſie ſich durch die vernommene Anrede aus einer Verlegen⸗ heit geriſſen, in die ſie ſonſt leicht hätte gerathen können. Denn ſobald ſie ihren Jugendgeſpielen Wal⸗ 41 demar Granzow, den Buſenfreund Magnus Brahe’s erkannt, wußte ſie nicht, wie ſie ihn anreden ſolle, da ihr das trauliche Du der früheren Jahre bei die⸗ ſem ſtattlichen Manne, der ihr auf den erſten Blick ein gewiſſes Behagen erweckte, nicht recht paſſend er⸗ ſcheinen wollte. „Waldemar!“ hauchte ſie erſchrocken hervor.„Sind Sie aus den Wolken gefallen? Wo kommen Sie her? Was wollen Sie hier?“ „Sie ſtellen mir in einem Athem eine dreifache Frage,“ lautete die mit klangreicher Stimme geſpro⸗ chene Antwort,„und ich muß mir daher erlauben, eine nach der anderen zu beantworten. Aus den Wol⸗ ken bin ich zuerſt nicht gefallen, denn wie Sie wiſ⸗ ſen, war es nie meine Art, in höheren Regionen zu ſchweben, als die mir die Natur zugewieſen— ſo bin ich denn auch heute auf meinen guten Füßen nach Spyker gekommen. Woher ich aber komme, Gylfe? Geradeswegs aus einem Lande, welches die Herren, die auch hier die Meiſter ſpielen, mit Krieg überzie⸗ hen. Und was ich hier will? Soll ich Ihnen auch darauf eine Antwort geben? Oder wäre Gylfe Tor⸗ ſtenſon das Gefühl unbekannt, welches einen dankba⸗ ren Menſchen mit unwiderſtehlicher Gewalt nach der Stätte ſeiner Heimat zieht?“ 42 Gylfe, von dem feſten Tone, der männlichen Hal⸗ tung und dem energiſchen Geſichtsausdruck, die mit die⸗ ſer Stimme vergeſellſchaftet waren, betroffen, fühlte in⸗ ſtinctartig, daß ihr hier in ihrem Jugendgeſpielen ein Mann gegenübergetreten ſei, auf den die weiblichen Kunſtſtücke, in denen ſie von jeher Meiſterin geweſen, keinen tiefen Eindruck machen würden. Es war kein leichtblütiger, ſcherzender Franzoſe, den ſie vor ſich ſah, ſondern ein gerader, ruhiger und verſtandesklarer Rügianer, der noch überdieß den Vortheil auf ſeiner Seite hatte, ihre ganze Vergangenheit zu kennen und aus dieſer Kenntniß einen Schluß auf ihr gegen⸗ 1 wärtiges Verhältniß zu ziehen. Dennoch war ſie V Eva's Tochter genug, um ein kleines Kunſtſtück zu verſuchen, um dadurch den ſtarren Seemann vielleicht etwas zugänglicher und biegſamer zu machen. Sie ließ ſich daher auf einen Stuhl fallen, warf die Reit⸗ peitſche auf den Tiſch, löſte den kleinen Hut von den Locken und legte auch ihn daneben, worauf ſie end⸗ lich die Handſchuhe auszog, ihre blühende Wange auf die ſchöne Hand ſtützte und mit einem langgezogenen Seufzer die Miene einer nachdenklich Trauernden an⸗ nahm. Waldemar ſah das Alles mit unerſchütterlicher Ruhe an, nur ſein Auge folgte ihren graciöſen Be⸗ —— 43 wegungen, ſeine Haltung und ſein Geſicht aber blie⸗ ben ſtarr und kalt, wie ſie vorher geweſen waren. „Waldemar!“ ſagte die junge Schöne mit beinahe wehmüthig klingender Stimme,„treten Sie näher und reichen Sie Ihrer alten Freundin die Hand— da— es wundert mich, daß ich Sie erſt dazu auf⸗ fordern muß. Wir haben uns lange Wicht geſehn, nicht wahr?“ „Sehr lange nicht, das iſt wahr, und ich glaubte ſchon, Sie hätten Magnus und mich gänzlich ver⸗ geſſen.“ „Waldemar! Wofür halten Sie mich?“ „Für Gylfe Torſtenſon, die Pflegetochter des Gra⸗ fen Brahe, des Beſitzers dieſes Hauſes, und für Mag⸗ nus Brahe'’s Schweſter!“ Bei dieſen mit ruhiger Ueberlegung geſprochenen Worten erröthete Gylfe ſtark, hielt aber immer noch ſeine ihr hingereichte Rechte in ihrer warmen weichen Hand feſt.„Das bin ich,“ erwiderte ſie leiſe und ließ dann plötzlich Waldemar's Hand fahren, der jetzt dicht vor ihr ſtehen blieb, mit adlerartigen Blicken ihre Ge⸗ ſtalt überflog und endlich ihr irrendes Auge zu feſſeln ſuchte.„Das bin ich, ach! Wie lange iſt es hur daß wir uns nicht ſo nahe geſtanden?“ „Fünf Jahre, Gylfe, und Magnus Brahe iſt un⸗ 8 terdeß, wie Sie aus der Jungfrau ein Weib, ſo aus dem Jüngling ein Mann geworden.“ „So einer wie Sie?“ „Ich verſtehe dieſe Frage nicht ganz, ſprechen Sie ſich deutlicher aus.“ Gylfe überlief ein eiſiger Schauer, der ihre zarten Glieder ſichtbar erbeben machte. Sie ahnte wilklich, daß wenigſtens Waldemar ein Mann geworden war, und der Gedanke an ein fern im Schooße der Zeiten liegendes Wehe, das ſich nur in unbeſtimmten dunk⸗ len Umriſſen vor dem Auge ihrer ahnenden Seele zeigte, kam über ſie, ein Wehe, das ſich über ſie er⸗ gießen würde oder könnte, wenn Magnus ſeinem Freunde glich und erfuhr, was für Gedanken ſie in dieſen fünf Jahren gehegt und welche leichtfertigen Handlungen daraus hervorgegangen waren. Nie wie in dieſem für ſie wirklich qualvollen Augenblicke war ihr klar geworden, daß ſie nicht ganz die Wege ge⸗ wandelt, die ihr die Sitte, ihr Geſchlecht, ihre Ab⸗ ſtammung und die dankbare Geſinnung gegen die Brahe'ſche Familie vorgezeichnet hatten, und doch— doch beſaß ſie nicht Kraft und Willensenergie genug, mit ihrer Gegenwart zu brechen und für die Zukunft eine Andere werden zu wollen. Wie nun bei leicht⸗ blütigen Weſen ihrer Gattung Stimmungen und Lau⸗ ——— 45 nen wechſeln, gleich wie die trügeriſche Welle bald hoch, bald tief ſich neigt, ſo ſprang ſie auch jetzt von dem trüben Gedanken ab, der ſie ergriffen hatte, und indem ſie ihren ganzen Geiſt zuſam affte, ihr bei⸗ zuſtehen und ſie aus der Schlinge zu ziehen, die ihr vorgehalten ward, gedachte ſie mit Blitzesſchnelle der ſchönen paradieſiſchen Zeit, die ſie, ſo unangetaſtet in 9 unbeſchränkter Willkür, in den letzten Monaten ver⸗ lebt hatte, erhob ſich raſch von ihrem Platze, trat vom Tiſche und den hell brennenden Lichtern fort und ſagte höflich, aber bei Weitem kälter als vorher: „Ich werde Ihren Wunſch ein andermal erfüllen. Jetzt will ich Ihnen nur ſagen, daß ich mich freue, Sie wiederzuſehen, doch erlauben Sie wohl, daß ich gehe, um mich umzukleiden?“ „O!“ erwiderte Waldemar ernſt und trat ihr in den Schatten des Zimmers nach—„ich bin noch nicht fertig, Gylfe, ich habe noch ein ernſtes Wort mit Ihnen und zwar auf der Stelle zu reden.“— „Wie? Ein ernſtes Wort, ſagen Sie? Sprachen wir denn noch nicht ernſt genug bisher? Was wol⸗ len Sie mehr von mir?“ 3 „Ich will Sie nicht lange aufhalten, nur will ich Sie ganz ehrlich fragen, ob ich in Ihnen eine Freun⸗ din oder das Gegentheil vor mir habe— wohlge⸗ 46 merkt, wenn ich das Wort Freundin gebrauche, ſo meine ich damit eine unbeſtimmte Ergebenheit an mein und meines Freundes Intereſſe. Denn Sie müſſen wiſſen und wiſſen es ſicher, daß ich mit Mag⸗ nus auf der Seite Derer ſtehe, die gegen die Fran⸗ zoſen kämpfen, dieſelben Franzoſen, mit denen Sie hier in einem Hauſe und, wie es ſcheint, in vertrau⸗ lich geſelligem Verkehr leben. Ich bin nun in einer ernſten Angelegenheit und mit einem beſtimmten Auf⸗ trage an Capitain Caillard abgeſandt und dieſen Auftrag werde ich erfüllen, ſobald er von ſeinem Ritte zurückgekehrt ſein wird.“ Gylfe's Buſen hob ſich höher und höher und ein unbeſtimmtes Angſtgefühl kam abermals über ſie. Wie durch innere Eingebung fühlte ſie, daß ſie an einen Wendepunkt ihres Lebens gelangt und der Fall nicht unwahrſcheinlich ſei, daß ſie ſich offen und ein für alle Mal Für oder Wider entſcheiden müſſe. „Ein Auftrag an Capitain Caillard?“ ſagte ſie zitternd und etwas erbleichend mit matter Stimme. „Was geht das mich an?“ 1 „Es geht Sie ſehr nahe an, denn es hängt von Ihnen ab, mich ihm als Den zu verrathen, der ich wirklich bin, als Waldemar Granzow aus Saſſenitz, 47 oder mich als Den zu beſtätigen, für welchen ich hier eine Zeit lang gelten will.“ „Und für Wen oder Was wollen Sie hier eine Zeit lang gelten?“ „Für Georg Forſt, einen Seemann, der keine Dienſte im gegenwärtigen Kriege nimmt, aus Greifs⸗ wald gebürtig und ein Verwandter des Herrn von Bagewitz auf Kloſter iſt. Wie geſagt aber, es ſteht in Ihrem Belieben, Jedermann mitzutheilen, daß ich Waldemar Granzow bin, ein Mann, den man ſeit langer Zeit verfolgt, weil er ſeinem Vaterlande treu ergeben, ein Feind des Feindes deſſelben iſt, und daß ich, ich, der innigſte Freund der Brahes, in dieſem Schloſſe bin, um hier zu ſpioniren—“ Gylfe ließ ihn nicht ausſprechen. Schon lange war ſie in Zorn aufgeflammt, obgleich ihr dieſe letzte Zumuthung eben ſo viel Gram wie Zorn verurſachte. Mit glühendem Geſicht war ſie Waldemar immer näher getreten, ließ ihr Auge beinahe düſter auf ſei⸗ nem unbeweglich ruhigen Geſichte funkeln und ſagte, —dem ſie ſeinen Arm faßte und heftig ſchüttelte: alten Sie mich, frage ich noch einmal?“ einmal antworte ich,“ klang es ihr feſt erlicher Bruſt entgegen,„für Gylfe Tor⸗ 48 ſtenſon, die Pflegetochter des Grafen Brahe und Mag⸗ nus Brahe's Schweſter und Freundin.“ Jetzt endlich hatte Gylfe ihn ganz verſtanden. Sie ſchlug die Hände vor's Geſicht und ſank auf ei⸗ nen Stuhl nieder, fuhr aber raſch wieder empor, weil ihr eine neue Beſorgniß durch die Seele ſchoß.„Wol⸗ len Sie hier etwas gegen die Feinde Ihres Vaterlan⸗ des unternehmen?“ fragte ſie beklommen. „Aengſtigt Sie das? Nein? Nun, dann ſage ich Ihnen ehrlich, daß ich nichts unternehmen will, wenn dieſe Feinde gegen mich nichts unternehmen.— Wollen Sie mich für Georg Forſt anerkennen?“ „Fragen Sie mich nicht— leſen Sie das Ja aus meinen Augen, meinem Herzen— ja, ja, ja, ich erkenne Sie dafür an— nur eine Bedingung habe ich dagegen.“ „Welche iſt das?“ „Sie dürfen auch gegen mich nichts Feindliches unternehmen— bei Niemandem— nirgends!“ „Wie ſollte ich— was denken Sie von mir?“ „Sie ſind der Freund Magnus Brahe's, ſaas Sie—“ 2 „Nun ja, in dieſem Punkte begeg — was denn weiter?“ . uns 49 „Verläumden Sie mich nicht!“ preßte ſie beinahe mit Thränen heraus. Waldemar fühlte, daß mit dieſen Worten ihr Ge⸗ wiſſen geſprochen hatte und er ſchöpfte wieder einige Hoffnung, für ſie und ſogar für ſeinen Freund.„Nein,“ ſagte er dreiſt und ehrlich,„ich werde Sie nicht ver⸗ läumden und hoffe auch keine Gelegenheit dazu zu haben. Aber um noch einmal auf meinen zweiten Namen zurückzukommen, ſo muß Ihr Wort nicht al⸗ lein für heute und morgen, ſondern ſo lange gelten, wie ich hier bin.“ „Für immer, wenn Sie wollen.“ „Auch nicht für immer, nur für die Zeit, wo ich auf Spyker weilen werde, denn ich gehe morgen von hier fort, um in einigen Tagen wieder zurückzukehren.“ Gylfe erſchrak von Neuem, aber ſie bezwang ſich, um dieſe letzte innerliche Regung nicht ſichtbar wer⸗ den zu laſſen, obgleich ihr die letzten Worte die pein⸗ lichſten waren, die Waldemar noch geſprochen hatte. Denn was wollte er hier, in dieſer Zeit, unter Männern, die ihr angenehm und ſeine bitterſten Feinde waren? „Sie dürfen mich aber nicht verantwortlich machen, wenn man Sie endlich, ohne mein Zuthun, erkennt,“ ſagte ſie,„denn man wird nicht minder aufmerkſam und ſcharfſichtig ſein als Sie.“ Der Strandvogt. II. 4 50 „Wie wollte ich! Ihr Wort, ſchweigen zu wol⸗ len, genügt mir— wenn ich es erſt habe.“ „Waldemar!“ bat ſie mit ſo weichem Tone, wie ſie ihn hervorbringen konnte, und ſtreckte ihre ſchöne Hand noch einmal mit einem eigenthümlichen Blicke gegen ihn aus. Aber wenn ſie durch frühere Erfolge verwöhnt war, bei ſo anmuthiger Bewegung, ſo ver⸗ führeriſch tönendem Laute und ſolchem ſchmelzenden Blick alle Stirnen ſich vor ihr beugen zu ſehen, ſo hatte ſie diesmal eine Ausnahme von der Regel vor ſich. Waldemar ſtand aufrecht und ſtill wie eine Eiche vor ihr und ſtreckte nur flüchtig und gleichgül⸗ tig ſeine Hand gegen die ihre aus. „Auch wir ſind Freunde!“ flüſterte ſie, ſeine band wiederholt drückend. „Ich hoffe es, daß wir es ſein und bleiben können.“ „In Wahrheit, Sie hoffen nichts Unmögliches. Was an mir liegt, ſoll geſchehen, um Sie mit mir auszuſöhnen, denn das ſehe ich mit den Augen und dem Herzen zugleich, daß Sie nicht mehr ſind, was Sie mir vor fünf Jahren waren.“ „Was war ich Ihnen da?“ „Oft der Vertraute mancher meiner kleinen Leiden.“ „Haben Sie jetzt vielleicht große?“ „Ja, wenn ich Ihr unbewegliches Geſicht ſehe, 51 Ihre Hand fühle, die kalt in der meinen ruht, und dabei denken muß, daß Sie mich haſſen.“ „Ich haſſe Sie nicht, nein, Gylfe, darin verken⸗ nen Sie mich— doch halt! Da kommt der Capi⸗ tain, ich höre ſein Pferd—“ Gylfe erhob horchend den ausdrucksvollen Kopf und ſchüttelte die wogenden Locken von den Ohren. Nie war ihr der franzöſiſche Liebhaber— denn das war er ihr in der That— zu ungelegenerer Zeit ge⸗ kommen.„Ja,“ ſagte ſie,„er iſt's. Ich will Sie jetzt verlaſſen, er ſoll mich nicht in meiner Erregung ſehen— bleiben Sie hier, Waldemar, ich gehe— es bleibt bei unſern Verſprechungen.“ Und wie eine Sylphe zur Thür fliegend und doch ſich unterwegs holdſelig gegen den verwunderten Ju⸗ gendfreund neigend und ihm mit zärtlichen Augen zu⸗ nickend und grüßend, verſchwand ſie vor Waldemar, wie uns oft in der Nacht ein Stern verſchwindet, der uns ſo glänzend ſchien, ſo göttliches Licht verſprach und doch ſich hinter einer kleinen unbedeutenden Wolke verlor, die von unſrer Erde ſelbſt emporgeſtiegen war. Walde mar blieb allein, tief in Gedanken verſenkt. Erhörte nicht, daß der Capitain mit ſeinen Beglei⸗ tern vor die Thür ſprengte, abſtieg, durch den Corri⸗ dor dicht an des Kaſtellans Zimmer vorbei und dann 4* 52² die Treppen zu ſeiner Wohnung hinaufſchritt, denn in ſeinem Herzen wogte eine trübe bittere Welle auf, die die Erinnerung an allen Glanz und alle Schönheit, die er ſo eben noch vor Augen gehabt, mit weg⸗ ſchwemmte.„Magnus,“ ſprach er leiſe vor ſich hin, „armer Magnus, wie ſehr bedaure ich Dich! O, ſie hat nicht ein einziges Mal gefragt, wie es Dir geht, wo Du weiſſt, nicht ein einziges Mal geſagt, daß ſie Dich gern bald wiederſehen möchte! O, und das we⸗ nigſtens hätteſt Du doch wohl um ſie verdient! Aber was gilt hier Verdienſt, wo das Willkürlichſte von al⸗ len erſchaffenen Dingen, die Laune eines herzloſen Wei⸗ bes, gebietet! O Weiber, Weiber! Und Ihr wollt vorzugsweiſe vor allen übrigen Menſchen ein fühlen⸗ des Herz haben? Bei Gott, das hätte Hille nicht— Hille? Ha! Wie kommt mir denn die hier in's Ge⸗ dächtniß? Pfui, ſo gering an Stand und Bildung ſie gegen dieſe glänzende Puppe iſt— ich mag ſie doch nicht, nicht einmal in Gedanken neben ihr ſtehen haben, denn dieſe Gylfe wirft in meinen Augen einen Schatten, der ſelbſt die Unſchuld und Lieblichkeit einer Hille verdunkeln könnte!“— Der Kaſtellan, der ſchon mit Ungeduld auf Gylfe's Entfernung gewartet hatte, kam in dieſem Augenblicke von dem Corridor herein, wo er mit dem Capitain 53 geſprochen, und berichtete, daß er in Betreff Walde⸗ mar's Alles vorbereitet und ihn bereits als Georg Forſt bei Jenem angemeldet habe.„Nun, mein Junge,“ ſagte darauf der gute Alte,„biſt Du befrie⸗ digt von Deiner Unterhaltung mit der kleinen Köni⸗ gin von Spyker? Mir ſcheint es nicht ganz ſo, denn Dein ehrliches Geſicht, das jeden Zug Deines Herzens verräth, iſt etwas in Wolken gehüllt— hab' ich Recht?“ „O, mein guter Ahlſtröm, ich dachte in dieſem Augenblicke nicht an meine eigene Befriedigung, viel⸗ mehr an die Befriedigung Deſſen, den wir Beide mehr lieben als uns ſelbſt. Magnus aber wird, ſo fürchte auch ich, wenn er hierherkommt, mehr Wunden em⸗ pfangen, als er zu heilen ſucht.“ „Aha, alſo Das iſt's! Nun das habe ich längſt gewußt und auf den Kummer bin ich vorbereitet. Gebe nur Gott, daß wir nicht noch größeren vor uns haben, denn das Unheil, deſſen Farbe man kennt, iſt nie das ſchlimmſte von allen. Jetzt aber geh hinauf zu dem Herrn und ſieh Dir ſeine gnädige Miene an. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß Du vor einen Mann trittſt, der als kleiner Herr ſich das Abbild eines viel größeren zu ſein dünkt— wundere Dich alſo nicht zu ſehr über ſeine Würde, und wäge Worte 54 und Miene ab, denn Du haſt Etwas in Deinem Aeu⸗ ßern, was nicht wie knechtiſche Unterwerfung ausſieht, die dieſe Herren fordern. Der Capitain aber hat ſcharfſichtige Augen und weiß ſie zu gebrauchen, alſo hüte Dich.“ „Da ich mich vor Niemandem fürchte und immer gerade herausſpreche, was ich denke, ſo trete ich mei⸗ nen Gang zu ihm mit leichtem Herzen an. Gehabt Euch wohl und laßt mir mein Zimmer bald zurecht machen, ich bin etwas müde von meinem Tagewerke; die Arbeit, wozu mich dieſe Gylfe veranlaßt hat, ge⸗ hört zu meinen ſeltenſten, ich bin alſo nicht geübt darin.— Welches Zimmer bewohnt der Herr?“ „Das Jagdzimmer, mein Junge!“ erwiderte ſeuf⸗ zend der Alte.. Waldemar ſchritt mit dem ruhigſten Gleichmuth, wie er ihn ſtets, ſelbſt in größeren Gefahren bewahrte, als er jetzt entgegenging, die breite Treppe hinauf, wandte ſich im erſten Stockwerk zur Rechten, kreuzte eine ſteinerne Halle, die mit alten Fahnen, Waffen⸗ ſtücken und Ahnenbildern geſchmückt war und langte endlich vor einer Thür an, die ein Diener bewachte, der halb Reitknecht, halb Kammerdiener zu ſein ſchien, 3 denn er roch ſtark nach Pferden und duftete zugleich faſt ſo lieblich wie ſein Herr von feinen Wohlgerüchen. 55 „Iſt der Herr Capitain zu ſprechen?“ fragte Wal⸗ demar den doppelgeſtaltigen Diener, der eben erſt aus dem Zimmer ſeines Herrn gekommen war, wo er ihm beim Umkleiden geholfen hatte. „Wen habe ich die Ehre zu melden?“ „Mein Name iſt Georg Forſt.“ „Ah, da ſind Sie ja ſchon von dem Kaſtellan ge⸗ meldet— treten Sie ein.“ Waldemar überſchritt die Schwelle und ſah ein Zimmer wieder, das ihm ſchon viele Jahre bekannt und wegen der mannigfachen wohlthuenden Erinnerun⸗ gen, die ſich daran knüpften, überaus theuer war. Es war ein großes, tiefes und hohes Gemach mit außerordentlich dicken Wänden, die mit braungebeiz⸗ tem und polirtem Holzgetäfel überzogen waren, in wel⸗ ches kunſtverſtändige Hände alle möglichen Jagderfor⸗ derniſſe mit feinen bunten Holzſtücken bilderartig ein⸗ gelegt hatten. Jede von den vier Wänden war wie⸗ derum in große Quadratfelder getheilt, aus deren Mittelpunkte je ein Hirſchkopf von Holz hervorſprang, der ein prächtiges Geweih trug. Auch zwiſchen dieſen großen Köpfen ſprangen in regelmäßigen Zwiſchen⸗ räumen kleinere Thiergeſtalten hervor, unter denen Reh⸗ und Fuchsgeſichter die häufigſten waren. Auf alterthümlichen Conſolen ſtanden daneben in mannig 56 fachen Abwechſelungen ausgeſtopfte Vögel, vom ge⸗ waltigen Steinadler, dem Könige der Spyker'ſchen For⸗ ſten, bis zum kleinſten Geflügel herab. Ueber dem gewaltigen Kamin von dunkelgeadertem Sandſtein prangte ein ſchönes Jagdbild von der Hand eines niederländiſchen Meiſters, den ſchlafenden Endymion und die ihn belauſchende Diana vorſtellend, und auf demſelben waren eine Menge Dinge ausgeſtellt, die alle in ihrer Geſtalt oder ihrem Stoffe die Liebhabe⸗ rei des Erbauers dieſes Saales zur Anſchauung brach⸗ ten, denn ſie bezogen ſich ſämmtlich auf die Jagd oder ſtammten von einer derſelben her, die vor Zei⸗ ten in der Nähe des alten Schloſſes in den gewalti⸗ gen Wäldern der Stubnitz abgehalten waren. Von dem Mittelpunkt des Plafonds, den ebenfalls Jagdat⸗ tribute, in holzfarbiger Stuccatur gearbeitet, ſchmückten, hing an einer eiſernen Stange eine Art Kronleuchter herab, der aus größeren und kleineren Stücken zuſam⸗ mengeſetzt war, die gleichfalls der Jägerei angehörten, denn man ſah hier alle möglichen Arten Geweihe, Zähne und Klauen von Waldthieren vertreten und zu einem künſtleriſchen Ganzen von ganz eigenthümlicher Wirkung vereinigt. Dieſer Einrichtung im Ganzen entſprach die Aus⸗ ſtattung des Zimmers im Einzelnen, namentlich in 57 Bezug auf die allerdings ſehr einfachen Möbel. Auch die vorhandenen Tiſche und Seſſel waren künſtlich ge⸗ ſchnitzt und meiſt mit Dingen bedeckt, die in Bezug auf Form und Geſchmack zu den Zierrathen der Dek⸗ ken und Wände paßten. In der Mitte der einen Wand aber, zwiſchen manneshohen Candelabern von verſilbertem Zinn, auf denen ungeheure Wachskerzen brannten, wie deren kleinere an verſchiedenen Stellen das weite Gemach zu erleuchten verſuchten, ſtand ein mit grünem Atlas überzogenes daunenweiches Ruhe⸗ bett, an deſſen Kopfende ein Tiſch aufgeſtellt war, den verſchiedene Luxusgegenſtände füllten, die alle einer moderneren Zeit angehörten und weichlicheren Gewohn⸗ heiten entſprachen, als ſie früher in dieſem altehr⸗ würdigen Saale zu Hauſe geweſen waren. Und ſo kommen wir denn zu den Beſitzthümern, die nicht dem Geſchmacke des Erbauers dieſes Schloſ⸗ ſes ihr Daſein verdankten und ſehr wenig mit den gediegenen und alterthümlichen Geräthſchaften darin übereinſtimmten, dagegen um ſo mehr die Richtung des Geſchmacks und der Sitten des jetzigen Bewoh⸗ ners enthüllten. Denn faſt ſämmtliche, hier und da herumſtehende kleine Tiſche waren mit Gegenſtänden modernſten Prunkes überladen, meiſt waren es ſoge⸗ nannte Toilettenſpielereien, die einen weichlichen wei⸗ 58 biſchen Sinn verriethen, und am zahlreichſten waren darunter Pomadentöpfchen, Fläſchchen mit Tincturen, Seifen und Parfüms vertreten, die einen Duft aus⸗ hauchten, der dieſem ehrwürdigen Zimmer ein ganz eigenthümliches kokettes Gepräge verlieh, wo ſonſt nur der natürliche Geruch alten Cedernholzes wahrgenom⸗ men ward, der aus ähnlichen Gemächern einer längſt vergangenen Zeit ſelten ganz verſchwindet. Der Tiſch vor dem Ruhebette aber war mit buntem, theilweiſe bemaltem Schreibpapier, gleichfalls ſtark parfümirt, mit Federn, deren Bart papageiartig blau und roth gefärbt war, und einem Tintenfaß von getriebenem Silber belegt, deſſen Hauptgruppe eine Venus bildete, die kokett mit dem geflügelten Amor ſpielte. Auf dem Ruhebette ſelbſt nun, gemächlich ausge⸗ ſtreckt und aus einer türkiſchen Pfeife narkotiſche Rauch⸗ wolken entſendend, lag Monsieur le Capitaine Fran- gois de Caillard ſelber, gegenwärtig, nachdem der Dienſt und das Vergnügen im Freien beendet war, in ein Negligée gekleidet, das zwiſchen der Tracht ei⸗ nes Chineſen, eines Griechen und eines Türken die Mitte zu halten ſchien, denn es war phantaſtiſch, ſelt⸗ ſam und abenteuerlich genug. Monsieur de Caillard hatte beabſichtigt, den ihm bereits gemeldeten Beſuch liegend zu empfangen, um 5 auf ihn den Eindruck eines vornehmen, bedeutenden und in nobler Ruhe hingegoſſenen Mannes zu ma⸗ chen; als er aber dieſe kräftige, hohe Geſtalt mit dem energiſchen Kopfe, der den ſeinigen um eine Geſichts⸗ länge überragte, dem Adlerantlitz und einer Haltung eintreten ſah, die der eines ſiegesgewohnten Seehelden auf ein Haar glich, erhob er ſich unwillkürlich und trat ihm mit etwas verwunderter Miene entgegen, die nicht ohne eine geringe Beimiſchung eines unbeſtimm⸗ ten Verdachtes war. „Bon soir, Monsieur!“ wollte er ſagen, aber das Wort blieb ihm im Munde ſtecken, als er den jungen Mann ſich ruhig verbeugen, dann ſtillſtehen und ihm mit feſtem Blick in das funkelnde Auge ſchauen ſah. „Sprechen Sie Franzöſiſch?“ ſagte er endlich in ge⸗ brochenem aber verſtändlichen Deutſch— einer Sprache, die ſchon damals, als Rügen noch ſchwediſch war, von Jedermann auf der Inſel geſprochen wurde, alſo verrieth, wohin die ſtillen Sympathieen des Volkes neigten. „Nein, Herr Capitain,“ erwiderte Waldemar mit ſeiner mächtigen Stimme, obgleich er hiermit eine Unwahrheit ausſprach.„Dazu bin ich nicht gelehrt genug. Ich bin nur ein einfacher Seemann, der ein gutes Schiff regieren kann, und weiter nichts.“ N — 60 „Sie heißen Georg Forſt?“ „Und bin aus Greifswald gebürtig, ja!“ „Was wünſchen Sie von mir 22 „Der Zufall hat mich mit dem Kaiſerlichen Offi⸗ cier der Kriegspolizei, Herrn Dübois, in Hiddens⸗Oee zuſammengeführt. Ich habe mit ihm die Fahrt nach Wittow gemacht, und da er erſt morgen oder über⸗ morgen ſeinen Weg über Spyker nimmt, ſeine Mel⸗ dung aber ſchon gern früher in Ihren. Händen ſehen wollte, ſo hat er mich beauftragt, Ihnen, Herr Capi⸗ tain, dieſen Brief einzuhändigen, in den jene Meldung eingeſchloſſen iſt.“ Der Capitain, einen ſtechenden Blick auf das un⸗ bewegliche Antlitz des Seemanns werfend, nahm den Brief, trat an eine der großen Kerzen und las ihn nebſt dem Befehl des commandirenden Generals in Stralſund langſam bis zu Ende, dann und wann je⸗ nen Blick wiederholend, der aber, wie Waldemar be⸗ merkte, immer freundlicher und vertrauensvoller wurde. „Eh bien!“ ſagte er lächelnd, als er fertig war, „Mr. Dübois ſchildert Sie als einen zuverläſſigen Mann, der ihm gute Dienſte geleiſtet, und dabei kräf⸗ tig und gewandt— Cest bon! Courage, mon amil! Die Burſchen aber, die hier ſignaliſirt ſind, Walde⸗ mar Granzow aus Saſſenitz und ſeinen Herrn, die — 61 Beide Verräther und Deſerteure ſind, wollen wir ſchon faſſen. Uns entgeht man ſo leicht nicht. Ich werde morgen ſelbſt nach Saſſenitz reiten und die nothwen⸗ digen Befehle ertheilen. Aber ich bin der Meinung, unſre Bemühungen um ſie an dieſen Orten werden vergeblich ſein, denn hierher kommen ſie gewiß nicht, da ſie Jedermann kennt und ſie auch wiſſen müſſen, daß wir hier ſind. Mais cela ne fait rien— ich danke Ihnen. Was hat Sie ſonſt hierhergeführt?“ Waldemar ſtockte etwas mit der Sprache, ſenkte den Kopf und drehte, ſcheinbar in einer Art unwill⸗ kürlicher Verlegenheit, die natürlich genug ausfiel, den Hut in der Hand.„Ich kenne die Tochter des Ka⸗ ſtellans—“ ſagte er leiſe. „Ah!“ unterbrach ihn der Capitain,„C'est cela, que Vous touche! Die alſo hat Euch hierher gelockt?“ „Ja, Herr Capitain.“ „C'est joli. Courage, mon ami, ſage ich. Geht und thut Eure Pflicht, ich will Euch nicht im Wege ſein. Wie lange werdet Ihr hier bleiben?“ „Ich wollte morgen ſchon wieder fort, da ich in Wittow eine alte Verwandte beſuchen möchte; denke aber, es werde mir geſtattet ſein, in einigen Tagen wieder vorzuſprechen und meine Bewerbung fortzuſe⸗ tzen.“ 62 „Darin will ich Euch nicht hinderlich ſein— aber halt! Ihr wollt morgen nach Wittow? „Ja, Herr Capitain, wenn Sie es erlauben.“ Der Capitain dachte eine Weile ſchweigend über Etwas nach.„Ihr könnt mir vielleicht einen Dienſt leiſten,“ ſagte er plötzlich.„Ich brauche ſehr noth⸗ wendig Hafer für meine Pferde und aus Wittow ſoll ich ihn holen laſſen. Ihr verſteht ein Schiff zu füh⸗ ren— wollt Ihr das Geſchäft übernehmen?“ Waldemar richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe em⸗ por und ein freudiger Ausdruck verklärte ſichtbar ſeine Züge.„Gern,“ ſagte er raſch,„aber ich habe kein Boot.“ „Hoho! Dafür werde ich ſorgen und Ihr könnt zwei Schlingel aus dieſem Hauſe mit Euch nehmen, die Euer Handwerk verſtehen. Ehe Ihr morgen ab⸗ geht, werde ich Euch den Ort näher bezeichnen. Bon soir, mon ami!“ Und er nickte mit dem Kopfe und machte eine Handbewegung dabei, die Waldemar, da ſie mit kaiſerlicher Grandezza ausgeführt wurde, nicht mißverſtehn konnte. Gleich darauf hatte er ſich ver⸗ beugt und das Zimmer verlaſſen, um die wohlver⸗ diente Ruhe zu ſuchen, während der Capitain ſeinen Lieutenant rufen ließ, um noch ein Spielchen mit ihm zu machen. Brittes Anpitel. Die Haferfracht. Als Waldemar aus dem herrſchaftlichen Stockwerk in das Erdgeſchoß hinabgeſtiegen war, fand er den alten Ahlſtröm, der kaum ſeine Neugier bezwingen konnte, über den Ausgang der eben ſtattgefundenen Unterredung etwas zu vernehmen, ſchon ſeiner war⸗ ten. Er führte ihn raſch in das gaſtlich hergerichtete Zimmer, das dicht neben dem ſeinigen lag, und bei einem kräftigen Nachteſſen und einer guten Flaſche Wein hörte er mit Befriedigung Waldemar's Erzäh⸗ lung an, den Einfall des Capitains, ihn nach Wittow zu ſchicken, preiſend, weil ihm dadurch ſelbſt die Mög⸗ lichkeit an die Hand gegeben, den kranken Freund in die Heimat einzuſchmuggeln. So verabredeten ſie denn Alles möglichſt genau und ſetzten die Nacht des drittfolgenden Tages für die Rückkehr mit Magnus 64 feſt, während welcher Zeit der Kaſtellan Alles zur Aufnahme des Kranken im Spukthurm heimlich in Bereitſchaft ſetzen wollte. Da die Eingangsthür zum Schloſſe Tag und Nacht von einer Schildwache beob⸗ achtet wurde, ſo mußte man die lange verſchloſſen gehaltenen eiſernen Thüren des Ganges öffnen, der aus dem beſagten Thurme nach der Waldruine in der Richtung von Quoltitz führte. Waldemar empfing den Schlüſſel des ihm bekannten Eingangs vom Walde her, und Ahlſtröm verſprach, in der verabredeten Nacht auf dem Poſten zu ſein, um den jungen Grafen mit Licht zu empfangen und in ſein geheimes Cabinet zu führen. Erſt nachdem dies genau verabredet war, überließ ſich Waldemar dem erwünſchten Schlafe. Als Capitain Caillard am nächſten Morgen vom Fenſter aus, an dem er mit ſeinem Lieutenant ſtand, um die friſche Luft und den erſten Lichtſtrahl der jungen Sonne einzuſaugen, den Fremden in Geſellſchaft einer Tochter des Kaſtellans luſtwandeln ſah, erinnerte er ſich zuerſt wieder deſſelben und ließ einen ſchrift⸗ lichen Befehl ausſtellen, der Waldemar ermächtigte, eine Laſt Hafer aus Vanſenitz, auf der Weſtküſte von Wittow am Raſſower Strom gelegen, nach Spyker zu holen, und bald darauf erging an den Kaſtellan die Weiſung, zwei kräftige Burſchen dem Georg Forſt 65 zur Dienſtleiſtung zuzugeſellen und demſelben das Boot loszuſchließen, welches zum Gebrauche des Ca⸗ pitains ſtets ſegelfertig im Spyker'ſchen See lag, eine Weiſung, die ſo gern angenommen und ſo pünktlich vollführt wurde, wie ſelten eine ähnliche, da ſie dies⸗ mal mehr zum Vortheil der Bewohner von Spyker als zum Nutzen der Feinde gereichte. Schon um zehn Uhr Morgens war Waldemar bereit, abermals eine Reiſe anzutreten, allein er beeilte ſich nicht damit, da er lieber den ſpäten Abend benutzen wollte,— um die Hitze des Tages zu vermeiden, wie er den Capi⸗ tain wiſſen ließ— in Wahrheit aber, um in der Nacht von Wittow nach Hiddens⸗Oee ſegeln zu kön⸗ nen und ſeinen Freund abzuholen, deſſen Transporti⸗ rung, zumal er verwundet war, bei Tage mit großen Schwierigkeiten verknüpft ſein mußte. So überließ er ſich denn während des Tages dem Verkehre mit der Familie des Kaſtellans, der er durch ſeine Erzäh⸗ lungen Unterhaltung genug gewähren konnte, und der goldhaarigen Alheid machte es nicht wenig Ver⸗ gnügen, von den Franzoſen für Diejenige angeſehn zu werden, um deren willen der ſchöne Seemann das alte Schloß beſucht habe. Gpylfe Torſtenſon verhielt ſich an dieſem Tage un⸗ gewöhnlich ruhig; ſie vermied jede Geltgenhet, mit Der Strandvogt. II. 66 Waldemar noch einmal zuſammen zu treffen, vielleicht weil ſie nicht ganz gewiß war, ihre Bewegung zu be⸗ herrſchen, wenn ſie, in der Geſellſchaft des Capitains luſtwandelnd, ihm etwa unerwartet begegnen ſollte. Vielleicht aber wollte ſie auch Zeit gewinnen, bei ſich ſelbſt den Plan feſtzuſetzen, nach welchem ſie für die Friſt, wo Waldemar in Spyker weilte, gegen ihn ver⸗ fahren wolle, denn daß ſie bedachtſam zu Werke ge⸗ hen müſſe, ſo lange ſie ſeiner Beobachtung ausgeſetzt blieb, leuchtete ihr inſtinctartig ein, da ſie ſich nicht läugnen konnte, daß der Eindruck, den der ehemalige Spielgefährte auf ſie hervorgebracht, ein bedeutender ſei, und außerdem noch nicht ganz im Klaren war, ob ſie von ſeiner Ergebenheit für Magnus mehr zu fürchten oder von ſeiner Hinneigung zu ihr eine Un⸗ terſtützung ihrer Wünſche zu erhoffen habe. Erſt als ſie von Gyſela am Nachmittage dieſes Tages erfuhr, daß Waldemar beim Vater ſitze, um bald darauf im Intereſſe des Herrn von Caillard eine Fahrt nach Wittow anzutreten, athmete ſie auf und begab ſich in den Garten hinab, um friſche Luft zu ſchöpfen. Hierher folgte ihr ſehr bald der Capitain, den es drängte, zu erfahren, welches Mißgeſchick ſie an dieſem Tage für ihn unſichtbar gemacht, und der nun zu ſeinem Leidweſen erfuhr, daß die ſchöne 67 Dame von einem heſtigen Kopfſchmerze geplagt ſei, der auch hinreichend ihre düſtere Stimmung erklärte, eine Stimmung, die ſich im Laufe der Nacht bei ihr eingefunden, die ſie ſchlaflos hingebracht, weil ſie die Beſorgniß ergriffen, daß Waldemar's geheimnißvollem Erſcheinen ernſtere Urſachen zu Grunde lägen, als er ihr mitzutheilen für gut befunden habe. Es war Abends gegen ſieben Uhr, als Waldemar ſeine Reiſe antrat. Mit der Legitimation des franzö⸗ ſiſchen Officiers verſehen, von dem Kaſtellan bis an das Ufer des Sees begleitet, begab er ſich diesmal ohne Waffen in das Boot, das vollſtändig gerüſtet auf ſeiner Ankerſtelle lag. Vor ihm waren ſchon zwei Diener aus Spyker angelangt, die ihn kannten und auf deren Treue und Verſchwiegenheit er bauen konnte. Sie waren, wie alle Küſtenbewohner der Inſel, ge⸗ übte Schiffer, und da man ihnen nur mitgetheilt hatte, daß ſie, um Getreide zu holen, nach Wittow fahren ſollten, ſo lag kein Grund zur Beſorgniß vor, daß ſie mit Anderen über den geheimen Zweck, der mit dem Unternehmen verbunden war, geſprochen ha⸗ ben könnten. „ Mit herzlichem Händeſchütteln nahm der Kaſtellan Abſchied von Georg Forſt, wünſchte ihm glückliche Reiſe und kehrte, nachdem das Boot abgeſtoßen, mit 68 der frohen Erwartung heim, daß es wohlbehalten ſein Ziel erreichen werde. 3 Es war ein ſüßer milder Juniabend, an dem Waldemar ſeine Fahrt antrat. Zwar wehte eine fri⸗ ſche Briſe, welche die Reiſenden außerordentlich be⸗ günſtigte, aber ſie war nicht heftig genug, um die angenehme Wärme zu beeinträchtigen, die den Abend und die Nacht verſchönerte. So rauſchte denn das leichte Boot mit gemäßigter Eile durch die kleinen Wellen, die ein milder Südwind im großen Jasmun⸗ der Bodden aufzuregen pflegt, und erſt als man über die kleinen Inſeln, die die große Wedde heißen, hin⸗ ausgekommen war, faßte der Wind die Segel bei⸗ nahe voll und trieb das Boot mit größerer Schnellig⸗ keit in den nördlichen Theil des Boddens. Etwa um zehn Uhr, als die goldenen Sterne am tiefblauen Himmel ſichtbar wurden, gelangte man in die Enge zwiſchen dem Lebbiner Haken und dem auf der Schabe gelegenen Käthnerdorfe Gelm, wandte ſich um erſte⸗ ren herum und fuhr nun in das Binnenwaſſer zwi⸗ ſchen Wittow und der Vieregger Halbinſel ein. Auf dieſem Wege war den Reiſenden nichts begegnet, was ihnen einen Aufenthalt oder ein Hinderniß verurſacht hätte, ſelbſt an der alten Camminer Fähre war we⸗ der ein Poſten noch ein Wachtboot zu ſehen, auf die — 69 man erſt an der Wittower Fähre rechnete. Da es nicht in der Abſicht Waldemar's liegen konnte, ſich zu verbergen, ſo fuhr er dicht an den Wittower Fähr⸗ haken heran, wo ihn alsbald eine Wache anrief und an die Brücke anzulegen befahl. Waldemar, der das Steuer führte, gehorchte ohne Zögern, trat auf die Brücke und folgte dem Poſten in das Wachthaus, wo eine Laterne brannte und drei bis vier Franzoſen auf den Bänken an der Wand ſchnarchten. Waldemar zeigte ſeine Legitimation vor, die ein Sergeant mit Befriedigung las und mit wich⸗ tiger Miene unterſchrieb, worauf dem Fremden bedeu⸗ tet wurde, er könne nach Belieben ſeine Fahrt fortſe⸗ tzen, müſſe ſich aber melden, wenn er mit der Fracht heimwärts führe. Als Waldemar ſeinen Platz im Boote wieder ein⸗ genommen hatte und ein kräftiger Nachtwind den Lauf deſſelben beflügelte, wunderten ſich die beiden Spyker⸗ ſchen Diener, daß ſein Bug nicht nordwärts ihrem Beſtimmungsorte Vanſenitz entgegen, ſondern weſtwärts der Inſel Neu⸗Baſſin zu gerichtet werde. Auf die Frage des Einen der Männer ſah ſich Waldemar ge⸗ nöthigt, ihnen endlich das Geheimniß ihrer nächtli⸗ chen Fahrt zu eröffnen, was einen erſtaunlichen Ein⸗ druck auf ſie hervorbrachte, denn den Sohn ihres gu⸗ 70 ten Herrn wiederzuſehen und ihm einen Dienſt erwei⸗ ſen zu können, machte ſie überglücklich. Sie gelob⸗ ten daher auf das Feierlichſte, ſich allen Anordnungen Waldemars zu fügen und Alles zu thun, was in ihren Kräften ſtände, um das gewagte Unternehmen glücklich zu Ende zu führen. Bald nach Mitternacht landete man denn auch am Ufer des Hofes Kloſter und hier gebot Waldemar den beiden Männern, ruhig einige Stunden zu warten, da er ſo viel Zeit gebrauche, um den jungen Grafen rei⸗ ſefertig zu machen und mit ihm die Fahrt nach Van⸗ ſenitz anzutreten. In ein trübes Sinnen verloren ſchritt Waldemar auf das einſame Gehöft zu, in dem bereits alle Lich⸗ ter erloſchen waren. Das Gebell der Hunde aber, das weit durch die Nacht ſcholl, weckte einen Diener und bald öffnete ſich die Thür, um den ſpäten Beſuch einzulaſſen. Es dauerte nicht lange, ſo erſchien Herr von Bage⸗ witz ſelber und erfreute Waldemar mit der Nachricht, daß das Befinden des Kranken die Reiſe möglich ma⸗ chen werde. Die Wunde ſei in gutem Zuſtande, nur das Fieber habe eher zu⸗ als abgenommen, woran in⸗ deſſen mehr die ungeduldige Erwartung des Verwunde⸗ ten, als eine Steigerung ſeines körperlichen Leidens ——— 5 5 — — 71 ſchuld ſei. Herr von Bagewitz war, wie faſt alle auf abgelegenen Gütern lebende Gutsherren, ein Naturarzt, er wußte ſich trefflich zu helfen, wo ihm anderweitige Hülfe verſagt war, und ſo hatte er alle ihm bekann⸗ ten Mittel erfolgreich bei Magnus in Anwendung ge⸗ bracht. Als er Waldemar darauf zu ſeinem Freunde führte, ſtieß dieſer einen Freudenſchrei aus, denn des Erſteren Erſcheinen um dieſe Stunde ſagte ihm klar, daß alles bisher Unternommene nach Wunſch von Statten gegangen ſei. So hörte er denn auch mit Befriedigung Waldemar's Ausſpruch an, daß er ſich ſogleich zur Abreiſe anſchicken müſſe, wozu er mit ei⸗ ner Haſt Anſtalt traf, die Herrn von Bagewitz und Waldemar erkennen ließ, daß die Sehnſucht ſeine bit⸗ terſte Krankheit war. Als aber Erſterer ſich einen Au⸗ genblick entfernt hatte, um verſchiedenes zur nächtli⸗ chen Reiſe Nothwendige herbeizuſchaffen, ergriff der Kranke des Freundes Hand, ſah ihm liebevoll in die Augen und ſagte:„Waldemar, ich danke Dir von gan⸗ zem Herzen. Du thuſt für mich, was man nur für einen Bruder thut. Aber Dein Auge blickt nicht hei⸗ ter zu mir auf, es laſtet Viel auf Deinem Herzen, was Du mir zu verbergen trachteſt. Sprich, was drückt Deinen, alſo auch meinen Geiſt nieder?“ „Ich habe Dir nichts zu verbergen, Magnus, denn . 72 ich weiß ſelbſt nicht viel. Der alte Ahlſtröm und die Seinigen ſind wohlauf und erwarten Dich ſehnlichſt. Von dem Uebrigen mußt Du Dich mit eigenen Au⸗ gen überzeugen, da Du vielleicht anders und ſchärfer ſiehſt als ich.“ „Aha! Es giebt alſo etwas Anderes zu ſehen!“ rief Magnus bewegt und eine warme Röthe bedeckte flüchtig ſeine bleichen Wangen.„Ich wußte ja Deine Miene zu deuten, die ich ſo genau kenne, wie die ir⸗ gend eines Menſchen.— Haſt Du Gylfe geſehen?“ „Ja, ich habe ſie geſehen und geſprochen.“ „Geſprochen? O! Und was hat ſie geſagt?“ „Nichts, was ſich auf Dich bezog. Wir hatten keine Gelegenheit, lange ungeſtört zu reden, denn das Haus iſt voller Franzoſen und ich vermied es, mich in ihre Nähe zu drängen, um alle unnöthige Auf⸗ merkſamkeit von mir abzulenken.“ „Kann ich Dir auch darin glauben, wie in allem Uebrigen, Waldemar?“ „Wann hat Waldemar Granzow Dir eine Un⸗ wahrheit geſagt?“ „Du haſt Recht, ja, Du haſt Recht. Vorwärts denn, ich fühle mich mit einem Male ſtark wie ſonſt, ſieh, wie ich meinen Arm ſchon frei bewegen kann.“ Waldemar nickte bejahend, obgleich ihm der un⸗ ——᷑—ÿꝛ—:·—· ⏑B:⏑:⏑ꝛ—-—— 73 natürlich glänzende Blick ſeines Freundes nicht recht gefallen wollte. „Aber das Eine kannſt Du mir noch ſagen,“ fuhr Magnus wieder fort,„wie ſieht Gylfe aus? Iſt ſie ſo ſchön geworden, wie ſie es zu werden verſprach?“ „Ich bin nicht der Mann, der ſich gründlich auf die Schönheit eines Weibes verſteht. Gylfe aber, wenn ſie überhaupt je ſchön war, iſt in ihrer Art noch ſchöner geworden, wenigſtens mag es Männer geben, die ſie dafür halten— wie geſagt, ich weiß das nicht.“ „Vorwärts, Freund, und nun kein Zögern mehr.“ Herr von Bagewitz trat wieder ein und trug eine wollene Decke und einen Mantel nebſt einem Korbe mit Eßwaaren auf dem Arme.„Hier iſt Alles,“ ſagte er,„was ich Ihnen bieten kann. Ah, Sie ſind ſchon fertig zum Marſche?“ „Ja, mein Freund, und mir bleibt nur noch übrig, Ihnen meinen Dank zu ſagen.“ Herr von Bagewitz ergriff die dargebotene Rechte Magnus Brahe's.„Davon ſchweigen wir,“ ſagte er. „Wann hat ein Rügianiſcher Edelmann nicht Gaſt⸗ freundſchaft geübt, ſobald ſich die Gelegenheit dazu bot? Sie waren diesmal einige Tage auf Kloſter, und ich werde künftig einige Tage auf Spyker ſein— 74 ſo iſt es Sitte bei uns und Sie ſollen mir nichts ſchuldig bleiben.“— „Wohl! So erwarte ich Sie, wenn der Himmel günſtiger waltet; und nun laſſen Sie uns aufbrechen, wir haben einen weiten Weg.“ Waldemar nahm Magnus Felleiſen wieder wie früher auf die Schulter. Herr von Bagewitz band des Verwundeten Arm in ein großes Tuch feſt, damit er beim Gehen eine Stütze habe, dann belud er ſich ſelber mit den übrigen Gegenſtänden. So ſchritten ſie ſchweigend nach dem Landungsplatze, wo ſie die bei⸗ den Brahe'ſchen Diener ſchlafend im Boote fanden. Waldemar weckte ſie. Sie ſprangen empor, und da ſie in der ſternenhellen Juninacht, die keine dichte Finſterniß aufkommen ließ, ihren jungen Herrn erkann⸗ ten, ſtießen ſie Worte der innigſten Freude aus und küßten wiederholt ſeine Hand. „Gemach, Kinder, gemach!“ ſagte Magnus.„Seid nicht zu ſtürmiſch, ich bin keine Eiche mehr, wie mein Freund hier. Steigt ein und laßt uns zur Heimat eilen, da wollen wir uns, wenn es Zeit dazu iſt, län⸗ ger begrüßen.“ 4 Darauf umarmte er Herrn von Bagewitz, trug ihm die freundlichſten Grüße an ſeine Familie auf und ward dann von allen Männern ſorgſam in das —-————ꝛ—ꝛ—;;’õyͤ— . 75 Boot geleitet, wo man ihm eine bequeme Lagerſtätte herrichtete, die er ohne Zeitverluſt einnahm. Jetzt ward das Segel entrollt, das Spriet eingeſetzt, das Stagſegel an Ort und Stelle gebracht und Jeder nahm ſeinen ihm zugewieſenen Platz ein. Man hatte nicht mehr Zeit, ein Wort des Abſchieds an den Zurückblei⸗ benden zu richten. Der Südwind, der etwas nach Weſten herumgegangen war, blähte die Segel auf und das Boot tanzte luſtig über die Wellen, denſelben Weg rückwärts verfolgend, den es vorher bei der Herfahrt eingeſchlagen hatte. Es war halb drei Uhr Morgens, als man Neu⸗Baſſin hinter ſich ließ und in den Bree⸗ ger Bodden hineinſteuerte. Allmälig verſanken die Sterne in den lichter gewordenen Himmelsraum, über die grünen Küſten von Wittow dämmerte das Licht des Tages herauf und nach einer halben Stunde ſah man in der Ferne die Häuſer von Vanſenitz aus dem Meere ſteigen, als eben der Himmel ſich roſenroth färbte und das Binnenmeer mit einem violetten Glanze übergoß. Am Lande war kein Menſch zu ſehen, als man ihm näher kam; hier ſchien noch Alles der Ruhe zu pflegen. Man lief an eine hohe Uferſtelle an, die der Beobachtung von der See und dem Lande aus ziemlich entzogen war und wo Waldemar allein das Boot verließ, um einen Bauer zu wecken und durch 76 ſeine Vermittelung einen Wagen zu dingen, denn man hatte beſchloſſen, daß Magnus, von einem der Spy⸗ kerſchen Diener begleitet, von Vanſenitz quer durch die Südſpitze Wittow's bis an die Oſtküſte dem Dorfe Schmantewitz gegenüber fahren ſollte, wo man ihn wieder an Bord nehmen wollte, nachdem das requi⸗ rirte Getreide in Vanſenitz aufgeladen ſein würde. So ungern Waldemar ſich von Magnus trennte, ſo hatte er doch zu dieſem Verfahren ſeine Zuſtimmung geben müſſen, denn bei der Wittower Fähre vorbei, wo er ſich wieder melden mußte und ſein Boot ohne Zwei⸗ fel durchſucht wurde, durfte er Magnus, deſſen Zu⸗ ſtand Niemandem ein Geheimniß bleiben konnte, zu⸗ mal bei hellem Tage, nicht vorbeiführen, und ſo kam es nur darauf an, einen paſſenden Wagen und einen Fuhrmann zu finden, der zuverläſſig genug war, den Verwundeten an die bezeichnete Küſtenſtelle zu bringen, ohne ihn der Begegnung mit den Feinden des Landes auszuſetzen, die meiſt um Wiek herum und in dem reichen Dorfe ſelbſt lagen, von denen aber nicht anzu⸗ nehmen war, daß ſie ſo früh einen Streifzug durch das ſüdlichere Land antreten würden. 4 Das Glück wollte dem umſichtigen Waldemar auch hier wohl. Er fand einen verſtändigen Landmann, der ſich mit Hand und Mund verpflichtete, den Kran⸗ 774 ken ſicher an Ort und Stelle zu führen, wenn er ſich dazu verſtehen wolle, auf einem Strohwagen Platz zu nehmen. Da das Haus dieſes Landmanns ſicher und abgelegen genug war, ſo hielt man es für ge⸗ rathen, Magnus ſo lange darin ruhen zu laſſen, bis die Belaſtung des Bootes erfolgt wäre, und ſo befand er ſich in weniger als einer halben Stunde unter Dach und Fach. Jetzt aber ging Waldemar rüſtig an ſein ihm obliegendes Geſchäft. Er ſuchte den Orts⸗ vorſteher auf, den er ſchon munter fand und wies ihm ſeinen ſchriftlichen Befehl vor. Der Vorſteher, et⸗ was widerhaarig wie alle ſeine Landsleute, wo es ſich um die Erfüllung franzöſiſcher Befehle handelte, brummte und fluchte; als Waldemar ihm aber vor⸗ ſtellte, daß er ſelbſt kein Franzoſe ſei, wie er ſehe, und daß er nur nothgedrungen die Befehle eines Mannes, der einmal zu befehlen habe, ausführe, be⸗ ſchwichtigte ſich der Zorn deſſelben und er verſprach, zu liefern, was in ſeinen Kräften ſtehe, aber ſo raſch werde es nicht gehen, wie der junge Herr erwarte⸗ Damit war Waldemar auch vollkommen zufrieden, zumal er durchaus keine Eile hatte und erſt in der nächſten Nacht in Spyker eintreffen wollte. Er kehrte daher in das Haus des Bauers zurück, in dem Mag⸗ nus verweilte, und bat dieſen, geduldig auszuharren, 78 was er auch verhieß, da er bereits wußte, daß er vor Mitternacht nicht in ſeine Heimat eintreten könne. Nachdem man ein wohlverdientes Frühſtück ein⸗ genommen, ging Waldemar wieder zu dem Getreide⸗ lieferanten, fand aber das Geſchäft noch ſehr wenig gefördert. Erſt nach Mittag traf man Anſtalten, den Hafer aus der Umgegend herbeizuſchaffen, und ſo wurde es ſieben Uhr Abends, bis er auf das Boot verladen war. Jetzt betrieb Waldemar zuerſt die Abfahrt ſeines Freundes, und als er ihn, wohl in Stroh verpackt, auf dem ſchmalen Landwege langſam nach Oſten fah⸗ ren ſah, ſtieg er in ſein Boot und ſteuerte es der Wittower Fähre zu. Etwa um acht Uhr langten ſie daſelbſt an, wurden gehörig unterſucht und bald dar⸗ auf wieder entlaſſen. Jetzt, bei ſtärker gewordenem Winde, der den Tag über ziemlich geruht hatte, ſegelte man in den herrlichen Abend hinein, der ſich über Land und Waſſer ſenkte, fuhr ungehindert an der Camminer Fähre vorbei und ſegelte etwas nordwärts, um an der bezeichneten Stelle im Breeger Bodden den Bauer mit ſeiner Strohfuhre zu treffen. Er hatte Wort gehalten und ſeine koſtbare Fracht glücklich an Ort und Stelle gebracht. Bereits wartete er auf das Boot, denn ſein Weg war der kürzere geweſen. Waldemar’s Uhr zeigte einige Minuten nach Neun, als er Mag⸗ 79 nus zwiſchen den Haferſäcken wohl gebettet ſah, und nachdem er den Bauer freigebig belohnt hatte, nahm er zum letzten Male ſeine Stelle am Steuerruder ein, um dem Spykerſchen See entgegenzufahren. Langſam glitt das ſchwerbeladene Boot auf den immer ſtiller und glätter werdenden Fluthen dahin; ein leichter Duft, der von der See aufſtieg, ſchwebte allmälig empor und lagerte ſich über die vorſprin⸗ genden, bald ſpitz ausgezackten, bald wellenförmig ge⸗ ſtalteten Ufer, ohne ſie ganz zu verhüllen, wodurch ſie nur noch ſchöner erſchienen. In maleriſchen Um⸗ riſſen ragten ſo die grünen Geſtade wie durch einen Schleier hervor, wenn man das Auge zur Rechten auf die Küſte von Rügen wandte, während zur Linken das eintönige Ufer der Schabe, hie und da mit ſäuſeln⸗ dem Schilfe oder mit braungrünem Riedgras bedeckt, in denen Dommeln und Kraniche ihr Weſen trieben, oft ſo tief in das Waſſer ſank, daß man über den ſchmalen Landſtrich hinweg weit auf die ſchwellende See hinaus blicken konnte. Da der Wind wieder ſehr ſchwach geworden war, ſo hatten die beiden Diener, die als Schiffer thätig waren, ihre Riemen zur Hand genommen und tauch⸗ ten ſie in regelmäßig abgemeſſenem Schlage in das ruhig fließende Waſſer, wodurch ein ſanftes Plätſchern 80 entſtand, das in der Abendſtille ſo lieblich lautet. Außer dieſem ſanften Geräuſch aber und einem dann und wann ausgeſtoßenen Aechzen eines auffliegenden Vogels war nichts zu hören; vollkommenes Schweigen hüllte die dämmernde Erde und das ruhig wallende Gewäſſer ein, deſſen helle Oberfläche allmälig mit den Schatten der Nacht bedeckt wurde. Waldemar ſaß unbeweglich am Steuer; von Zeit zu Zeit richtete er einen Blick auf die matt geſchwell⸗ ten Segel, ſonſt ſah er träumeriſch vor ſich nieder, nur plötzlich ſtets aus ſeinem Sinnen auffahrend, wenn eine hör⸗ oder ſichtbare Bewegung des ſchlum⸗ mernden Freundes ihn befürchten ließ, daß der Schmerz in der Wunde wiederkehre, über den er im Laufe des Tages mehrfach geklagt, da der Arm ſeiner gewohnten Ruhe und die Wunde ſelbſt der Mittel entbehrte, welche ihr bis jetzt Linderung verſchafft hatten. Anderthalb Stunden etwa mochte der Kranke ſo ziemlich ruhig gelegen haben; als man ſich aber der bewaldeten Hü⸗ gelecke am Ausgange der Schabe näherte, wo die Halbinſel Jasmund ihr bewipfeltes Haupt erhebt, da ſcheuchte ihn der Gedanke, daß er nun bald in der Heimat ſei, aus ſeiner Ruhe; er richtete ſich auf ſei⸗ nen geſunden Arm empor, blickte rings um und rief dann ſeinen Freund bei Namen. 1 81 „Waldemar,“ ſagte er,„wo ſind wir? Iſt das ſchon Jasmund?“ „Ja, Du ſiehſt es vor Dir.“ „Gott ſei Dank, es wird auch Zeit! O, wie ſchön die Wälder da in dem milden Abendlichte vor uns aufſteigen, wie die ſpielende Welle ſo ſanft an die Ufer ſchlägt— o Waldemar, laß mich Gylfe ihrer würdig finden, wie ihr Bild ſo lieblich in meiner Seele ſteht, und Du ſollſt einen glücklichen Menſchen in mir ſehen, der nicht klagen, nicht unzufrieden ſein und die Zukunft nur mit klarem Auge betrachten will.“ Waldemar hatte keine Antwort, nur ſeufzte er, aber ſo leiſe wie möglich, um den armen Freund nicht noch mehr aufzuregen. „Was meinſt Du,“ fuhr Magnus fort,„wird ſie mir, wenn ich mich ihr entdecke, nach Schweden folgen?“ „Willſt Du denn nach Schweden?“ fragte Walde⸗ mar erſtaunt, da es das erſte Mal war, daß er dieſe Andeutung aus des Freundes Munde vernahm. „Ja, ich habe es mir in dieſen Tagen überlegt, wo ich Zeit genug hatte, über mich und meine Ver⸗ hältniſſe nachzudenken. Wenn Gylfe mir folgt, gehe ich bald dahin, ich bin des ewigen und unnützen Der Strandvogt. II. 3 6 82 Kämpfens überdrüſſig, wo man keinen Erfolg vor ſich ſieht, und vielleicht entgehe ich ſo meinem Schickſal.“ „Dem entgeht kein Menſch, haſt Du mir oft ge⸗ ſagt.“ „Das ſage ich auch noch,— nur meine ich, die dü⸗ ſteren Bilder, die mich ſeit einiger Zeit verfolgen und die ſich— ich weiß nicht wie es kommt— alle hier um dieſe Orte zuſammendrängen, als erwarte mich hier die Erfüllung meines Schickſals, werden in die See ſinken, wenn ich nach Schweden zu meinem Va⸗ ter gehe.“ „O, ich denke, Du hatteſt eine ſo große Sehn⸗ ſucht nach dieſer Deiner Heimat?“ „Die hatte ich wirklich und habe ſie auch noch. Aber ach, Waldemar, laß mich Dir es bekennen, ich fühle jetzt den Drang dazu: meine Heimat heißt Gylfe, nur wo ſie iſt und mit mir iſt, bin ich zu Hauſe.“ „Eine traurige Heimat!“ dachte Waldemar, ohne jedoch ſeinen Gedanken laut zu äußern. „Kannſt Du Dir meine Gefühle in dieſer Rich⸗ tung vorſtellen, Waldemar?“ fragte Magnus weiter. „Warum nicht, ach ja! Es muß ein ſchönes, herr⸗ liches Gefühl ſein—“ „Schöner und herrlicher, als Du es Dir denkſt, aber—“ 83 „Was aber?“ „Aber um ſo bitterer, wenn ich darin getäuſcht werden ſollte.“ „Das warte nur ab, Du ſiehſt ſie ja bald.“ „Ich werde ſie nicht ſo bald ſehen, wenigſtens nicht in der Nähe, denn ich will erſt beobachten, ob ihre Liebe und Sehnſucht nach mir in ihrem Benehmen ſich ausſpricht— warum ſchauſt Du ſo ſcharf dort hinüber?“ „Wir kommen jetzt an die große Wedde— da lie⸗ gen die kleinen Inſeln ſchon. O, ſieh den Sternen⸗ himmel darüber! Iſt es nicht, als ob die kleinen und doch ſo hellfunkelnden Lichtpunkte auch wie kleine In⸗ ſeln auf dem großen blauen Aethermeere ſchwimmen?“ „Ha, ja, Du haſt Recht! Da iſt er, der Stern, der alle Nächte über meines Vaters Hauſe ſtand, als wir noch Kinder waren— weißt Du es noch? Ach, die Sterne des Himmels verändern ſich nicht, aber die Kinder der Erde— ſie ändern ſich ſehr.“ „Ich bin mit meiner Veränderung zufrieden,“ ſagte Waldemar dankbar und mit feſter Stimme,„denn ich fühle, daß ich ein Mann geworden bin, und das ſſt auch ein ſchönes Gefühl, Magnus.“ Du haſt wohl Recht, ich glaube es Dir. Ach! wenn ich Deinen guten Glauben an die Welt und die Menſchen hätte!“ 84 „Gieb ihn Dir ſelber, das iſt ein eines Mannes würdiges Werk.“ „Das iſt leicht geſagt; der Glaube aber wird mit den Gefühlen— denn er iſt das ſchönſte, untrüglichſte Gefühl— in der Bruſt des Menſchen geboren. Was nicht mit ihm geboren wird, das kann er ſich nie ge⸗ ben, ſelbſt wenn er den beſten Willen dazu hätte.“ „Wenn das richtig iſt, ſo hat der Menſch nur ei⸗ nen ſchwachen Willen, und das will ich nicht glau⸗ ben.— Mann, Du da vorn, ziehe das Stagſegel ein, es nützt nichts mehr, der Wind geht darüber fort, wir fahren zu tief unterhalb der Waldhöhe— ſo, nun vorwärts— da taucht ſchon der Park von Spyker in der Ferne auf.“ „Wo, wo iſt er?“ rief Magnus und richtete ſich mit einiger Mühe in die Höhe. „Da, dort— ſiehſt Du ihn?“ „Ja, ja, ich ſehe ſogar ein Licht durch die Bäume ſchimmern.“ „Das brennt in des wackeren Ahlſtröm's Zimmer und giebt das Zeichen, daß er auf ſeinem Poſten ſteht. Du wirſt aber eine Strecke Weges mit mir zu gehen haben— fühlſt Du Dich kräftig genug dazu?“ „Ja, mir wachſen die Kräfte in der Nähe meines 4½ väterlichen Heerdes, wie einſt dem Giganten Antaeos, 85 obgleich ich weit davon entfernt bin, ſeine Urkraft zu beſitzen.“ „Wollen wir nicht an der gewöhnlichen Landungs⸗ ſtelle anlegen?“ fragte der Mann, der Waldemar zu⸗ nächſt ſaß, da er ſah, daß dieſer den Schiffsſchnabel in einem weiten Bogen daran herum lenkte. „Nein, wir legen unter der alten Weide am jen⸗ ſeitigen Ufer an. Da ſteigen wir Beide aus und verlaſſen Euch. Ihr aber erwartet meine Rückkehr, ſelbſt wenn ſie ſich bis zum Anbruch des Tages ver⸗ zögern ſollte.“ Wenige Minuten ſpäter war man zu der bezeich⸗ neten Weide gelangt, in deren Nähe der gewöhnliche Badeplatz des Gutes lag. Man konnte hier dicht an ein kleines Bohlenwerk anlegen, welches weit in den See hinaus aufgeſchlagen war. Waldemar half Magnus von ſeinem Lager ſich erheben und ver⸗ ſchwand mit ihm bald in den Schatten der Bäume, die hier das Ufer dicht umkränzten. Auf engen Pfa⸗ den, die ihm alle genau bekannt waren, ſchritt er nun mit ſeinem Freunde, den er mit ſtarkem Arme mächtig unterſtützte, durch den Park, bis ſie in eine düſtere Waldung gelangten, die dicht am Parke be⸗ gann und zu der verfallenen Ruine führte, innerhalb deren die Mündung des Ganges lag, den man vor 86 langer Zeit tunnelartig durch einen hügeligen und bis an das Schloß reichenden Waldvorſprung gegraben hatte.. „Der alte Wrangel, mein guter Großohm, hat ſicher nicht gedacht,“ ſagte Magnus auf dieſem Wege leiſe,„daß er einem ſeiner Enkel mit dieſem Gange einen ſo großen Dienſt leiſten würde.“ „Und doch wohl,“ erwiderte Waldemar, vorſichtig ſeine mächtige Stimme dämpfend.„Er hat dies Schloß nach einem langen Kriege erbaut und gewiß aus der Erfahrung gelernt, wie ein tüchtiger Feldherr auch an einen ſicheren Rückzug denken muß, wenn er in der Front von einem überlegenen Feinde belagert wird. Und wie bedachtſam hat er gerade dieſe Richtung ge⸗ wählt und den bewaldeten Hügel benutzt. Sieh, wie dicht hier das Geſtrüpp wird!“ In der That ſchritt man jetzt durch ein ſo dichtes Gewirr von Zweigen und verſchlungenem Gebüſch, daß man nur ſelten den ſternenbeſäeten Nachthimmel darüber wahrnehmen konnte. Nur ein mit der Ge⸗ gend genau vertrauter Wandrer konnte ſich auf dieſem Pfade, der eigentlich kein Pfad mehr war, zurecht fin⸗ den. Weiches, faſt einen Fuß dickes Moos wucherte üppig auf dem feuchten Boden, den das fallende Laub jedes Herbſtes mit einem noch dichteren Teppich bedeckte. 87 „Halt,“ ſagte Waldemar,„dort kommt die Lichtung, wir ſind an die Gränze des Todtenfeldes von Quol⸗ titz gelangt. Hier an dieſer Blutbuche wendet ſich der Weg— richtig, da iſt er. Jetzt kommen wir in den Ruinenkeſſel, der in ſeinem Hintergrunde die alte Thür verbirgt.“ Waldemar ließ den Arm ſeines Freundes los und arbeitete ſich kräftig durch das widerſtrebende dichte Gebüſch. Magnus folgte ihm, ſo raſch er vermochte, auf dem Fuße nach. Endlich hatte ſich Erſterer Bahn gebrochen und taſtete an einer Berglehne herum, die mit leichtem Geröll loſer Steine und einem Haufen halb vermoderter Blätter bedeckt war. „Ich habe ſie,“ ſagte er flüſternd.„Nun muß ich meinen Schlüſſel hervorſuchen.“ Einen Augenblick darauf knirſchte der alte Schlüſ⸗ ſel in dem verroſteten Schloſſe und bewegte den ſchwe⸗ ren Riegel. Mit ganzer Macht ſtämmte ſich Walde⸗ mar dagegen, und ſiehe, ſie gab ſeiner Kraft nach und that ſich laut ächzend nach innen auf. In der Tiefe des hohlen Raumes, der zuerſt ſichtbar ward, herrſchte eine undurchdringliche Finſterniß, aber ſo war es mit dem Kaſtellan verabredet, um das verrätheriſche Auge eines immer möglichen Spähers nicht durch einen Licht⸗ ſchein anzulocken. Waldemar drehte ſich um und er⸗ 88 griff die Rechte ſeines Freundes.„Komm,“ ſagte er, „ich ſtehe ſchon auf den gepflaſterten Steinen, die Laterne finden wir in der erſten Niſche, wenn wir um die Ecke dort gebogen ſind.“ Magnus trat ihm nach und athmete bald die feuchte, dunſtige Luft des lange verſchloſſenen Ganges ein. Hinter ihm ſchob Waldemar ſogleich einen eiſer⸗ nen Riegel vor und nun wußte er ſich vor allen Nach⸗ forſchungen geborgen. Wenige Schritte brauchten ſie nur durch die Finſterniß vorzudringen, dann gelang⸗ ten ſie an eine ſtumpfwinkliche Biegung des Gemäu⸗ ers und gleich darauf ſahen ſie den falben Schein eines Lichtes das unheimliche Düſter des Orts er⸗ leuchten. Der Kaſtellan hatte Wort gehalten und Alles aus⸗ geführt, was er mit Waldemar verabredet. Als die⸗ ſer die Laterne ergriffen und damit in den langen ſchmalen Gang hineingeleuchtet hatte, ſtand er plötz⸗ lich ſtill, ſein Athem ſtockte, denn er glaubte ein auf ſie zukommendes Geräuſch vernommen zu haben. Aber er ſollte nicht lange in der unangenehmen Spannung verharren. Ein flackerndes Windlicht in der Hand haltend, trat ihnen der alte treue Diener der Brahes entgegen, und als er ihnen ganz nahe gekommen, warf er ſich, laut aufſchreiend vor Freude, dem Sohne ———˖˖ęD˖:——:O—SO—— 89 ſeines Gebieters zu Füßen, umklammerte ſeine Kniee und hieß ihn tauſendmal willkommen. Magnus aber, das bleiche Geſicht von einem Freudenſtrahl übergoſ⸗ ſen, erhob ihn zu ſich und drückte ihn feſt und innig an ſeine Bruſt. „So,“ ſagte Waldemar, nachdem er einige Augen⸗ blicke mit Rührung dieſer Begrüßung beigewohnt,„ich habe meine Pflicht gethan. Guten Abend, Ahlſtröm, da ſind wir. Nun überlaſſe ich Euch das Uebrige, Ihr werdet ja wohl an Alles gedacht haben.“ „An Alles, an Alles, mein braver Junge. Da, nehmen Sie meinen Arm, Herr Graf, wir werden bald an einem behaglicheren Orte ſein.“ „Es wird auch Zeit, Ahlſtröm, ich leide ſtarke Schmerzen.“ „Gute Nacht,“ ſagte Waldemar und reichte dem Freunde die Hand.„Bis morgen! Ich gehe zu dem Boote zurück und bringe meine Fracht den franzöſi⸗ ſchen Herren, wie es mir aufgetragen iſt.“ „Gute Nacht, gute Nacht!“ riefen die Beiden und hatten ſich ſchon von Waldemar entfernt, der ihnen noch eine Weile freudig nachblickte, bevor er den Rück⸗ weg antrat, der von keinem Lichte mehr erleuchtet war, da der Kaſtellan, nachdem er ſeine Leuchte ver⸗ löſcht, auch die Laterne mit ſich genommen hatte. 90 An den feuchten Wänden vorſichtig entlang tap⸗ pend, gelangte er bald zur Biegung des Ganges, rie⸗ gelte die Thür wieder auf, trat in's Freie hinaus, verſchloß ſie, wühlte die Blätterfülle davor wieder auf und trat dann langſam den Rückweg durch den Wald, den Park, bis zur Weide an, wo er die Diener im Boote ſeiner harrend fand. Der Spiegel des weiten See's lag in ruhiger Nachtklarheit da, die Sterne funkelten nur noch matt am Himmel, denn bereits brach der neue Morgen an, ſo viel Zeit hatte der Weg nach dem verſchloſſenen Gange, der Aufenthalt darin und der Rückweg in Anſpruch genommen. „Uebereilen wir uns nicht,“ ſagte Waldemar zu den treuen Leuten, die jedem ſeiner Befehle die größte Aufmerkſamkeit ſchenkten,„wir haben Zeit genug, von unſerm langen Wachen auszuſchlafen. So, nun rudert langſam nach dem Landungsplatz am Schloſſe, wir haben unſre Pflicht erfüllt und den Herren Fran⸗ zoſen Futter für ihre Pferde geholt. Ob die Men⸗ ſchen auch Nahrung an unſrer Fracht finden, wird die Folge lehren.“ Nach einiger Zeit langte man an dem bezeichne⸗ ten Punkte an. Waldemar verurſachte abſichtlich eini⸗ ges Geräuſch, indem er laut zu ſeinen Leuten ſprach und mit den Ketten raſſelte, die das Boot an ſein 91 Pfahlwerk ſchloſſen. Die Abſicht, die er damit ver⸗ band, wurde auch erreicht, denn es dauerte nicht lange, ſo kam die Schildwache vom Schloſſe her, trat an das ufer herab und rief den drei Männer ihr„Qui vive?“ entgegen. „Georg Forſt!“ lautete die kräftig geſprochene Ant⸗ wort.„Wir bringen den Hafer aus Wittow und überlaſſen ihn Eurer Aufſicht bis zum Morgen. Dann können ihn Eure Leute in die Scheunen tragen, wir ſind ermüdet, denn wir haben zwei Nächte nicht ge⸗ ſchlafen.“ Als die Schildwache die beiden ihr bekannten Die⸗ ner ſah, war ſie befriedigt, geleitete Waldemar an das Schloß und öffnete ihm auf ſein Geheiß die Thür. Ohne ſich weiter aufzuhalten, ging er dann in ſein Zimmer, und ſeine Kleider raſch abwerfend, legte er ſich zu Bett, um die Ruhe, die er ſo wohl verdient, zu genießen, da er den Kaſtellan erſt in ſpäterer Mor⸗ genſtunde zur Berichterſtattung erwartete. Viertes Bapitel. Im Spukthurm. Von den Anſtrengungen der beiden letzten Tage mehr ermüdet, als er zugeſtehn mochte, ſchlief Walde⸗ 3 mar am nächſten Morgen ungewöhnlich lange und. feſt, und ſelbſt das überlaute Geſchrei und Gelärm, welches die Franzoſen an jedem Morgen hören ließen, wenn ſie ihre Pferde auf dem Hofe putzten, dann zum Appell blieſen und endlich zum Exerciren ritten, war nicht im Stande geweſen, ihn aus ſeinem todesähn⸗ lichen Morgenſchlafe zu erwecken. Es mochte etwa ſieben Uhr ſein, als ihn eine 3 Hand am Arme ſchüttelte und ſo endlich ſeiner Ruhe entriß. Er ſchlug die Augen auf, blickte ſchnell um ſich und fuhr dann verwundert in die Höhe, als er die neue Tagesſonne ſchon hell in das Zimmer ſchei⸗ nen ſah. 93 „Na,“ ſagte der alte Kaſtellan, der ſeine Freude an dem beneidenswerthen Schlafe gehabt hatte,„das nenne ich ſchlafen! Deine Gemüthsruhe, mein Junge, bewundere ich, denn ſo dicht vor den Ohren die fran⸗ zöſiſche Reveille ſchmettern zu hören und doch ſein Träumen fortzuſetzen, das iſt eine Seltenheit heutzu⸗ tage.“ „Wenn ſie geſchmettert haben, Ahlſtröm, ſo habe ich ſie in der That nicht gehört— da habt Ihr die Erklärung von meiner Gemüthsruhe. Ach, aber nun bin ich wieder auf zwei Tage ausgeruht und der Tanz kann von Neuem beginnen.“ „Male den Teufel nicht an die Wand, er kommt von ſelbſt in's Haus geritten, doch für's Erſte werden wir ja wohl Ruhe vor ihm haben. Junge, wie freue ich mich! Er iſt darin— drüben im Spukthurm, wie ihn die Dummköpfe nennen, und er ſchläft ſo feſt wie Du! Aber, höre mal, ſeine Wunde gefällt mir nicht. Ich werde heute ſelbſt einen Spaziergang nach Sagard machen und unſern Doctor zu Rathe ziehen, der muß einmal, wenn die Franzoſen ausge⸗ ritten ſind, herüberkommen und nach dem Rechten ſehen.“ „Seid Ihr des Mannes gewiß, daß er Magnus Niemandem verräth?“ 94 „Wie meiner ſelbſt. Er iſt ſo wenig ein Freund von den Fremden wie Du, und wohnt noch dazu in dem Theil des Orts, der dem Grafen gehört, iſt alſo ſein Unterthan.“ „So thut es bald. Wie gefiel Euch Ener junger Herr ſonſt?“ Der Alte machte ein krauſes Geſicht.„Nicht ſon⸗ derlich!“ ſagte er.„Er iſt ſehr bleich und ſchien un⸗ gemein kraftlos; ich mußte ihn einwickeln wie ein Kind.“ „Das macht die lange Fahrt und der ſchmerzende Arm. Ihr müßt ihn um ſo beſſer pflegen. Das meinte ich aber nicht— ich meinte vielmehr den gei⸗ ſtigen Ausdruck ſeines Auges und Geſichts.“ „O, darin finde ich ihn nicht ſehr verändert; er ſah ja immer etwas ſchwärmeriſcher aus als andere Men⸗ ſchen. Nur die Aehnlichkeit mit ſeinem Vater hat zu⸗ genommen.“ „Das iſt wahr, ich finde es auch. Doch nun laßt mich aufſtehn und dann ſchickt mir das Frühſtück, ich verſpüre einen vortrefflichen Appet Später will ich zu Magnus gehen und d ihm einen guten Morgen bieten.“ „Nicht eher, als bis der Capitain fortgeritten iſt. Doch halt, da fällt mir erſt ein, warum ich Dich weckte. 95 Mr. de Caillard hat ſchon zweimal nach Dir fragen laſſen und Dich zu ſprechen verlangt.“ „Was wird er mir zu ſagen haben?“ „Er wird ſich bedanken wollen, denn artig ſind dieſe Herren, und Dir erzählen, daß Mr. Dübois ge⸗ ſtern ſeinen Beſuch abgeſtattet hat.“ „Ah, iſt er dageweſen? Hat er den Verräther Granzow noch nicht erwiſcht?“— „Nein, dazu hat es noch Zeit. Um neun Uhr aber hat der Capitain ſein Pferd beſtellt und will ſelbſt auf die Jagd reiten, die nach Euch auf ganz Jasmund angeſtellt werden ſoll. O, wenn die Herren wüßten, daß das Wild, welches ſie ſuchen, in ihrer eige⸗ nen Küche ſpeiſt, was würden ſie ſagen! Nun halte Dich nur in den erſten Tagen hübſch ſtill im Hauſe, mache nicht das geringſte Aufſehn, das ſcheint mir das Beſte, und vor allen Dingen zeige Dich den Her⸗ ren gefällig, wo ſie Dir Gelegenheit dazu bieten.“ „Ja, ſo weit es ſich mit meiner Freundſchaft für ſie verträgt,“ ſagte Waldemar bitter lächelnd,„das verſteht ſich von ſelbſt. Man muß ſich in die Ver⸗ hältniſſe ſchicken und wir ſind gerade nicht die Mei⸗ ſter der Lage. Nun gut, geht und laßt Monsieur wiſſen, daß ich bald bei ihm ſein werde.“— Eine halbe Stunde ſpäter, nachdem Waldemar 96 ſein Frühſtück verzehrt, erſchien er vor der Thür des Capitains, ward gemeldet und gleich darauf einge⸗ laſſen. „Ah, bon jour, mon ami!“ empfing ihn der Franzoſe, der eben dabei war, ſeinem geſchniegelten Haar und Bart die letzte Oelung zu geben,„da ſeid Ihr ja. Nun, ich bin Euch zu Dank verpflichtet und ſpreche ihn hiermit aus. Ihr habt keine Mühe mit dem Hafer gehabt, wie?“ „Mühe nicht, nur etwas Geduld war nöthig; der Wind war flau und der Bauer langſam, der das Ge⸗ treide zu liefern hatte, darum bin ich auch ſo lange ausgeblieben.“ „Nun, es geht noch. Mr. Dübois zwar hat be⸗ dauert, Euch nicht vorzufinden, er war geſtern auf ſei⸗ ner Dienſtreiſe hier und iſt von hier nach dem Süden gegangen. Er lobte Euch ſehr und trug mir einen Gruß an Euch auf. Hier habt Ihr ihn. Nun aber werdet Ihr wohl mit Ernſt an Eure Bewerbung ge⸗ hen, wie? Welche Dirne iſt es denn, der Ihr Euer Herz geſchenkt habt?“ Waldemar erröthete leicht, was der Rolle, die er nun wieder ſpielen mußte, nicht widerſprach, obgleich es aus einem andren Grunde geſchah, als der Capi⸗ tain dachte. Er wußte nämlich nicht, für welche von 97 des Kaſtellans Töchtern er ſich in dieſem Augenblick entſcheiden ſollte, da er nicht wiſſen konnte, was dem Capitain darüber zufällig zu Ohren gekommen war. „Nun,“ fuhr dieſer lachend fort, da er in des jun⸗ gen Mannes Schweigen eine gewiſſe Verlegenheit zu bemerken glaubte,„Ihr werdet ſie doch nicht Beide zugleich verehren?“ „Nein, Herr Capitain, ich ziehe die Alheid vor, obgleich, aufrichtig geſagt, Gyſela mir gewogener ſcheint.“ „Parbleu, mon ami, das iſt ein kritiſcher Fall. Nun, ſeht Euch vor, Eine von Beiden iſt Euch alſo gewiß. Ihr ſeid glücklich darin. Meinen Leuten ge⸗ lang es bis jetzt nicht, dieſe Rothkäppchen zu kirren, denn ſie ſind verteufelt ſpröde.“ Waldemar machte ein eigenthümliches Geſicht. Der Capitain verſtand ihn abermals falſch und verſuchte ihn deshalb zu tröſten.„Eh bien,“ ſagte er,„ſeid nicht eiferſüchtig auf uns. Meine Leute haben Wei⸗ ber genug in der Umgegend und im Schloſſe, ich habe mein eigen Theil, Challier liebt mehr den Wein als die Frauen, und ſo bleiben Euch Eure kleinen Schwe⸗ dinnen allein. Doch nun laßt uns einmal von ei⸗ ner ernſten Sache ſprechen. Ihr ſeid, glaube ich, ein ſchlauer Burſch, dem man vertrauen kann, ſchnell bei Der Strandvogt. II. 7 98 der Hand, obwohl kurz mit dem Wort. Kennt Ihr die Verhältniſſe im Schloſſe hier?“ „Welche meinen Sie?“ „Die, welche den jungen Brahe und die blonde Dame betreffen, die mich ſo ſehr amüſirt.“ „Was wollen Sie darüber wiſſen?“ „Macht der Graf Anſprüche auf die junge Dame?“ „Das wäre wohl möglich, denke ich.“ „Aha! Dann kann ich den Verräther hier am beſten ſtrafen. Ich liebe die Dame, das heißt, wie ein Soldat eine Dame unter ſolchen Verhältniſſen zu lieben pflegt. Ich werde ſie aber mit mir nehmen, wenn ich Spyker verlaſſe, dann findet ſie der Herr nicht, wenn er wiederkehren ſollte.“ Waldemar ſtürzte eine wahre Flammengluth in's Geſicht.„Wird ſie denn mit Ihnen gehen?“ brachte er beinahe ſtammelnd hervor. „Warum nicht? Sie glaubt ja, es werde für immer ſein.“ „Ach ſo! Und Sie lieben ſie nur auf einige Wochen?“. Der ſchwatzhafte Capitain, dem die ernſthafteſten Dinge auf der Zunge ſaßen, weil er ſie nicht im Her⸗ zen trug, zuckte die Achſeln.„Wer kann über ſeine Gefühle ſo lange vorausbeſtimmen!“ ſagte er.„Doch 99 weiter. Unterhält der Graf Verbindungen mit die⸗ ſem Schloſſe? Iſt der alte Kaſtellan vielleicht mit im Bunde?“ „Daß ich nicht wüßte; wenigſtens ſpricht nichts dafür.“ „So. Nun hört einmal, ich werde Euch freien Spielraum bei Eurer kleinen Amanda laſſen, wirkt aber auch einmal ein wenig für mich bei ihr. Horcht ſie mal aus, was man hier von dem Verhältniß denkt. Was Ihr erfahrt, erfahre ich wieder. Ihr verſteht mich?“ „Ich verſtehe.“ „So, nun könnt Ihr gehen. Doch noch Eins.— Was hat es mit jenem Thurm dort, der immer ver⸗ ſchloſſen iſt, für eine Bewandtniß? Spukt es wirk⸗ lich darin?“ Waldemar ſchauerte unwillkürlich zuſammen. Der Capitain ſah in dieſer Bewegung etwas ganz Natür⸗ liches und ſagte etwas leiſe:„Alſo wirklich?“ „Ja, Herr, es ſpukt wirklich darin,“ fuhr Walde⸗ mar mit flüſterndem Tone fort.„In dem Thurme haben früher Gefangene geſeſſen, ſo viel ich weiß, und Blut hat die Wände der Zimmer beſpritzt. Was darin vorgefallen iſt, weiß eigentlich kein Menſch, aber es muß ſchrecklich ſein, denn als der General Wran⸗ 7* 100 gel todt war, hat ſein Nachfolger in dieſem Beſitz die Thüren vermauern laſſen und Niemand hat je wieder ſeinen Fuß hineingeſetzt.“ „Alſo es iſt wahr, was man davon erzählt!““ „Ich weiß es nicht anders und ich ſelbſt würde es nicht wagen, ihm in mibi icher Stunde zu nahe zu kommen.“ Der Capitain ſcchlug e ein Kreuz und blickte aus dem Fenſter.„Es iſt gut,“ ſagte er,„daß ich ſo weit davon und faſt auf der entgegengeſetzten Seite wohne. Nun, mir wird dieſer Spuk nichts anhaben. Jetzt könnt Ihr gehen. Vergeßt nicht meinen Auftrag. Wenn ich etwas von Euch verlange, werde ich Euch rufen laſſen.. 3 Der Capitain machte eine vornehme Bewegung mit der Hand, Waldemar verbeugte und entfernte ſich dann. Bald darauf ſah er den Officier zu Pferde ſteigen und mit ſeinen Ordonnanzen dem Oſten zurei⸗ ten, um die Jagd auf den Grafen Brahe abzuhalten, jedoch unterließ er vor'm Abreiten vom Hofe nicht, nach den Fenſtern des Schloſſes hinaufzuſpähen, wo Gylfe vielleicht ſichtbar war, und dann einen ſchüch⸗ ternen Blick nach dem Spukthurm emporzuwerfen, der heute wie alle Tage verlaſſen und öde dalag und die Augen ſeiner dicken Mauern geſchloſſen hielt, als 101 lebte wirklich kein menſchliches Weſen in ihm und als wären die Thüren, die zu ihm führten, bis auf die letzte Spalte vermauert. Dieſe Thüren aber waren in der That nicht ver⸗ mauert, obwohl auf eine ſehr künſtliche Weiſe verbor⸗ gen. Denn außer dem geheimen Gange, den wir in der vergangenen Nacht betraten und der am Fuße der eiſernen Wendeltreppe, die durch alle Stockwerke bis zur Dachkuppel des Thurmes führte, in einer Niſche mündete, die nur durch den Druck einer verborgenen Feder zu öffnen war, gab es noch einen anderen Ein⸗ gang, und dieſer führte von dem jetzigen Schlafzim⸗ mer des Kaſtellans hinauf und zwar ebenfalls durch eine nur künſtlich zu öffnende und hinter ſeinem Bett⸗ gang verborgene Thür. Durch dieſe begaben ſich der Kaſtellan und Waldemar, nachdem Letzterer dem Er⸗ ſteren über das Vernommene getreulich Bericht abge⸗ ſtattet, 8* geheimnißvollen Thurm, um Magnus Brahe zu begrüßen und ihm einige Stunden Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. Der Kaſtellan hatte dem Kranken das Zimmer im oberſten Stockwerk eingeräumt, weil er es für den be⸗ abſichtigten Zweck am geeignetſten hielt. Es war ein rundes, der Form des Thurms entſprechendes Ge⸗ mach, aber etwas eng, indem die dicken Umfangs⸗ 102 mauern ſeinen Raum bedeutend beſchränkten. Die Decke war im Spitzenbogenſtyl gewölbt, ſehr hoch und das Ganze durch ein ziemlich breites Fenſter mä⸗ ßig hell erleuchtet. Gegenwärtig aber war durch den herabgelaſſenen weißen Vorhang das einfallende Licht noch mehr gedämpft. Abends wurden vor dieſen Vor⸗ hang noch zwei dunkle Gardinen gezogen, damit der Schimmer der brennenden Lampe von Außen nicht wahrgenommen werden könne. Die Wände waren bis zur Decke mit braungebeiztem Eichenholz getäfelt und als einzige Zierde hing an der Wand, wenn man eintrat, zur Linken, ein lebensgroßes Oelbild, den General Wrangel zu Pferde vorſtellend, wie er den Feldherrnſtab ſchwingt und die Schweden zur Schlacht gegen die Oeſterreicher commandirt. Dieſem Bilde gegenüber ſtand in einer Vertiefung der Mauer ein Bett, welches dunkelgrüne Seidenvorhänge ſchloſſen. Am Fenſter zur Rechten ſtand ein eichener Schreibtiſch von mittelalterlicher Form, davor ein ſchön geſchnitz⸗ ter Lehnſtuhl und unter dem Bilde eine bequeme Ot⸗ tomane. Einen Kamin beſaß dieſes Thurmzimmer nicht, da es früher wahrſcheinlich nur als ſommerli⸗ ches Arbeitszimmer vom Schloßgebieter benutzt wor⸗ den war. In Bezug auf die Ausſicht, die man aus dem 1038 Fenſter genoß, mochte ſich wohl kein zweites Zimmer im ganzen Schloſſe finden laſſen, das einem gern in's Weite ſchweifenden Geiſte einen größeren und ſchöne⸗ ren Spielraum gewährt hätte. Unter ſich hatte man den halben Schloßhof, nach Norden und Oſten den ſich daran ſchließenden Park mit herrlichen Bäumen und weiter hinaus die Waldung, die je ferner, um ſo dichter und höher am Horizont emporſtieg, bis ſie zur Linken der Felſen von Stubbenkammer und zur Rech⸗ ten von Saſſenitz ihr Ende erreichte. Darüber hinaus wogte in unabſehbarer Weite das tiefblaue Meer, im fernſten Oſten mit den Wolken des Himmels zu einem unzertrennlichen Ganzen verſchmelzend. Nach Norden hin lag dagegen die Schabe und die Tromper Wiek vor den Augen des Schauenden; Ar⸗ kona mit ſeinem gelben abſchüſſigen Ufer ſpiegelte ſich düſter im Waſſer ab und darüber hinaus funkelte das Meer im Morgenſonnenſchein, bis das Auge auf der Waſſerwüſte jeden Anhaltspunkt verlor, noch lange be⸗ vor es die Küſten von Schweden erreicht hatte. Als die beiden Männer bei dem Grafen Bralſfe 104 unermeßlichen Waldes hatte in der ätherblauen Juni⸗ luft eine Farbe und einen Glanz angenommen, der auch ein ſo bedrücktes Herz wie das ſeine mit Wonne erfüllen mußte. Das Einzige, was ihn bisweilen ſtörte, war das Gekrächz der Dohlenſchaaren, die mit ihrem ſchwarzen Fittig um die Kuppel des alten Thurmes kreiſten, als wäre er allein der Mittelpunkt ihres ganzen Strebens und Behagens. Wider Erwarten fand Waldemar den Freund in erträglicher Stimmung; die Sehnſucht nach der Hei⸗ mat, nach dem Sitze ſeiner Väter, war geſtillt, und als er den Frieden und die Stille empfunden hatte, die wohlthätig auf der ganzen Landſchaft ruhte, konnte er es kaum für möglich halten, daß ſich unter ddieſer milden Oberfläche Dinge und Ereigniſſe verbär⸗ 4 gen, die ihn nun ſchon ſo lange beunruhigten und quaäͤlten. Mit herzlichem Händedruck hieß er die Freunde willkommen, legte ihnen tauſend Fragen vor und bat ſie vor allen Dingen, ihn nicht zu lange allein zu laſſen, ſondern ihm abwechſelnd ſo viel wie möglich heſellſchaft zu leiſten. So oft wir können, werden wir komamn⸗ erwi⸗ derte der Kaſtellan,„aber wir, wenigſtens ich, werden öfter an Unſre Pflichten da unten gebunden ſein, als uns lieb iſtz Wenn jedoch Mutter Heylike, oder Gy⸗ 77 105 ſela und Alheid Ihr Zimmer betreten dürfen, ſo kann ich Geſellſchaft genug verſprechen, denn Eines von uns Allen wird doch in der Regel zu haben ſein.“ „Sie werden mir alle Drei ſehr angenehm ſein, Ahlſtröm, und die verſprochenen Bücher bitte ich mir auch bald aus.“ „Gyſela ſoll ſie Ihnen nachher bringen, ich werde ſogleich ſelbſt dafür ſorgen.“— „Habt Ihr ſchon daran gedacht, wie Ihr mir den Arzt aus Sagard verſchaffen könnt?“ „Ja, Herr, ja, daran haben wir ſehr eifrig gedacht. Noch dieſen Morgen wird Mutter Heylike krank wer⸗ den und ſich zu Bett legen. Heute Nachmittag werde ich einen Boten nach Sagard ſenden und den Doctor auf die Morgenſtunde des nächſten Tages beſtellen laſſen. So lange freilich müſſen wir allein die Sorge für den kranken Arm übernehmen.“ Nach einiger Zeit ſtieg der alte Ahlſtröm wieder die Wendeltreppe hinab und beauftragte Gyſela, in den erſten Stunden des Nachmittags ſich bereit zu halten, dem Grafen Geſellſchaft zu leiſten, bis zu wel⸗ cher Zeit Waldemar bei ihm bleiben würde. Als er dieſe Beſtellung ausgerichtet, ging er ſeinen Geſchäf⸗ ten nach, die zu dieſer Zeit mannigfach genug waren, denn nicht allein die Einquartierung, ſondern auch 106 die Vervaltung des großen Gutes nahm ſeims ganze Thätigkeit in Anſpruch. Laſſen wir nun Waldemar oben dem Kranken Ge⸗ ſellſchaft leiſten und wenden wir uns unterdeß zu einer anderen Bewohnerin des Schloſſes, die nicht minder unſre Aufmerkſamkeit an dieſem Tage in Anſpruch nimmt. Gylfe hatte, nachdem ſie ſich am Abend vorher von Waldemar getrennt, eine unruhige Nacht zuge⸗ bracht, was in ihrem bis jetzt wolkenloſen Leben eine große Seltenheit war. Wie ſie die plötzliche und un⸗ erwartete Erſcheinung Waldemar's, den man ſich in Spyker eigentlich nie ohne den Sohn des Hauſes denken konnte, ſchon erſchreckt hatte, ſo war ſie durch ſein ſeltſam ernſtes, froſtiges und zurückhaltendes Be⸗ nehmen faſt noch mehr eingeſchüchtert worden. Daß ſein geheimnißvolles Verweilen in Spyker und die Annahme eines fremden Namens etwas Ernſtes be⸗ deute, war ihr gleich beim erſten Zuſammenſein mit ihm klar geworden. Allerdings hatte ihr am nächſten Morgen der Beſuch Dübois' den Schleier von dieſem Räthſel um Einiges gelüftet, allein der Grund, war⸗ um er gerade Spyker in der jetzigen Zeit zum Auf⸗ enthalt gewählt, war ihr dadurch nicht aufgeſchloſſen worden. Und nun dieſe unbewegliche Miene, dieſes 107 durchdringende vorwurfsvolle Auge, mit dem er ſie angeſchaut, was wollte das Alles ſagen? Hatten dieſe Augen ſchon auf den Grund ihrer Seele geblickt, noch ehe ſeine Hand mit der ihrigen in Berührung gekommen war? Wollte er ſich nur von der Wahr⸗ heit Deſſen überzeugen, was das Gerücht vielleicht von ihr in die Ferne getragen, ſollte ſeine Strenge ſie züchtigen für die Leichtigkeit, mit der ſie dem fremden Manne Eingang in ihr Herz gewährt? Beim Nachdenken über alle dieſe Geheimniſſe war es ſehr natürlich, daß Gylfe ſich klar zu machen ver⸗ ſuchte, in wie weit das Letztere wirklich der Fall war. Ja, ſie konnte es ſich nicht läugnen, der galante, ge⸗ ſchmeidige Officier war der Mann, der alle Eigenſchaf⸗ ten und Fähigkeiten beſaß, ihre ganze Seele auszu⸗ füllen, wenn er mit ſeiner anſcheinenden, aber nur langſam fortſchreitenden Bewerbung Ernſt machte. Gerade einen ſolchen Mann erſehnte ihr Herz, denn nach einem gediegeneren trug ihr leicher Sinn kein langen. Konnte denn auch ein Mann liebenswür⸗ 4 zarter, aufmerkſamer ſein, als dieſer im Aeußern b ehrenhaft erſcheinende Cavalier es wenigſtens bis⸗ weilen war? That er nicht Alles, was er ihr an den Augen abſehen konnte, um ihr eine Freude zu berei⸗ ten? Hatte er ihr nicht reizende franzöſiſche Bücher 108 gegeben, die ihr leicht bewegliches Blut in Flammen ſetzten, nicht duftendes Papier von einer Glätte und Feinheit nebſt bemalten Federn geſchenkt, wie ſie ähn⸗ liche noch nie im Leben in Händen gehabt? Hatte er ihr nicht endlich einen ganzen Vorrath köſtlicher Eſſenzen verehrt, die bereits das ganze Haus in Duft⸗ wolken hüllten, ganz allein um ihren Schönheitsſinn, der ſich auf alle ſolche ſüßlichen Kleinigkeiten erſtreckte, zu ſpornen, zu befriedigen? O und wie angenehm war ſeine Unterhaltung, wenn er bei ihr am Fenſter des Tafelzimmers ſaß und mit träumeriſcher Sehn⸗ ſucht von ſeinem ſchönen Frankreich ſprach, oder wenn er mit ihr durch den Forſt jagte und von ſeinen Kriegsthaten unter dem großen Napoleon erzählte, oder gar, wenn er ſie, was er ſchon ſeit Wochen that, in ſeiner herrlichen Sprache unterrichtete und dann mit den franzöſiſchen Schriftſtellern bekannt machte, die jeden matt glimmenden Funken ihrer Seele zur hellen Flamme anſchürten? Konnte ſie anders als einen ſolchen Mann lieben, der ganz das Gegen von dem düſteren, ſtill ſchwermüthigen Magnus 38 war, der ſie ſchon als Knabe mit ſeiner Neigung e folgt und in die Myſterien eines unheilvollen Aber⸗ glaubens hatte einweihen wollen? Nein, dieſer Mann, dieſer ritterliche Franzoſe, dieſer Held, wenn er nur 109 redete, wieviel mehr nicht, wenn er das Schwerdt in die Hand nahm, entſprach ganz dem Ideal, das ſich in ihrem Geiſte erzeugt hatte, und wie ſollte ſie zwei⸗ feln, daß er fühle wie ſie, da er ihr oft genug, ver⸗ hüllt und unverhüllt, die Neigung aufgedeckt hatte, die in ſeinem Innern für ſie glühte? Und ſelbſt wenn er mit Worten noch zurückhaltend geweſen war, hat⸗ ten ſeine ſprühenden Augen nicht verſtändlich genug geſprochen? Hatte ſeine Hand, wenn er die ihrige oder irgend einen Theil ihrer Kleidung zufällig be⸗ rührt, nicht unter dieſer Berührung gezittert und ſie dadurch fühlen laſſen, daß ſein Herz, ſeine Seele da⸗ bei von den heftigſten Bewegungen erſchüttert war? Ach, Gylfe, ſagen wir, das Alles mochte wohl ſein, aber Du warſt ein leichtſinniges, unklares, flat⸗ terhaftes Weſen, Du kannteſt nicht die Männer, am wenigſten jene Männer, die damals Europa mit ihrem Haſſe und ihrer Liebe zugleich überſchwemmten, Du nahmſt Galanterie für Liebe, Hang zum Vergnügen für edle Leidenſchaft, Aeußeres für Inneres, Oberfläch⸗ liches für Tiefes, Du wußteſt noch nicht, daß Män⸗ ner dieſer Art, wenn ſie werben, das heißt, wenn ſie ſich bemühen, ſich ſelbſt zu verſchönen und zu veredeln, wenn ſie Engel zu ſein vorgeben, alles Menſchliche, Schwächliche an ſich mit einem künſtlichen Schleier 4 110 verhüllen, bis ſie plötzlich, wenn ſie ſo glücklich ſind, ihre Abſicht zu erreichen, ihrem Ziele nahezukommen, das Dämoniſche hervorkehren, das die Natur leider auch mit vielem Guten in ihre Seele gepflanzt hat. Wenn wir unſerer Neigung, das ſchöne Geſchlecht ſtets in ſeiner beſten Geſtalt zu zeigen, hier folgen wollten, würden wir Gylfe noch mehr in Schutz neh⸗ men, als wir mit dieſer Erklärung thun, aber leider können wir es nicht. Sie gehörte zu den Frauen, die, indem ſie, ohne es zu wiſſen, betrügen, auch ſelbſt betrogen ſein wollen, weil ſie es nicht der Mühe werth halten, zu denken, zu überlegen, d. h. den Ver⸗ ſtand zu Rathe zu ziehen; ja, wenn ſie noch ein wirkliches weibliches Gefühl gehabt hätte, wo ſie nur an einer dunklen krankhaften Empfindung litt, könn⸗ ten wir ſie entſchuldigen, aber leider hatte ſie keine wahrhaften Gefühle, und Alles was ſie erſtrebte, be⸗ gehrte, war die Befriedigung einer angenblicklichen Laune, die Sättigung eines leidenſchaftlich ſich er⸗ gießenden Triebes, ſich zu ergänzen, zu unterhalten und die öden Tage einer peinvollen Langenweile ſich verkürzen und verſüßen zu laſſen. Als Gylfe nun in der erwähnten Nacht unruhig und ſchlaflos auf ihren Kiſſen lag, fiel ihr immer wieder und wieder Waldemar ein und ſie zerbrach ſich den Kopf, den Grund und die Abſicht zu entdecken, die ihn in ihre Nähe geführt.„O, er hat gewiß noch mehr zu ſagen, als er bisher geſagt, das verrieth ja ſein ganzes geheimnißvolles, verſchloſſenes Weſen.“ Aber da kam ihr leichter Sinn der aufgeregten Begierde zu Hülfe:„Was ſinne und ſorge und grüble ich,“ ſagte ſie ſich.„Will er Etwas von mir, ſo wird er ſchon kommen und endlich werde ich ihn doch bezwin⸗ gen, mir ſein Geheimniß zu verrathen, wenn er eins hat.“ Mit dieſem Gedanken beruhigte ſie ſich zuletzt, und ſchlief auch bald darauf ein. Und als nun gar am nächſten Morgen die goldene Sonne am Himmel ſtand, die Vögel ſa luſtig wie immer in den Gebü⸗ ſchen ſangen, der See ihr reizendes Bild noch eben ſo ſchön wiederſpiegelte und der Gefürchtete, der wie eine Wolke vor ihre ſonnige Gegenwart getreten, ver⸗ ſchwunden war, da waren auch alle Sorgen gewi⸗ chen, die Dämmerung ihrer Seele war vom Morgen⸗ winde der Hoffnung weggeblaſen und abermals tagte glänzend die Zukunft vor ihr auf. Mit einer wahren Leidenſchaft hatte ſie ſich an dieſem Tage dem Capi⸗ tain genähert, gleichſam als bedürfe ſie ſeiner, um ſich wie ſchwacher Epheu an eine ſtarke Eiche zu ſchmie⸗ gen— und doch, wie ſeltſam! Gerade an dieſem Tage hatte ſie zum erſten Mal die dunkle Ahnung, 112 daß dieſer Frangois Caillard die ſtarke Eiche nicht ſei, die ſie ſuchte. Er war zerſtreuter denn je, wort⸗ karger als früher, zwar nicht weniger höflich, aber doch kürzer an Worten und Redensarten als ſonſt. Befragt, was ihn drücke, entſchuldigte er ſich mit dienſtlichen Unannehmlichkeiten, ſprach von einer Um⸗ quartierung, von nothwendig werdenden Märſchen und Uebungen. Und warum das? Fühtte er ſelbſt nicht mehr Trieb und Luſt in ſich, die Komödie, die er auf Spyker ſpielte, länger fortzuſetzen? Hatte ihn eine andere Leidenſchaft ergriffen, fröſtelte ihn das alte Spyker unheimlich mit ſeinen Schatten und dik⸗ ken Mauern an? Vielleicht war von dieſem Allen Etwas vorhanden, vielleicht hatte der Beſuch dieſes Georg Forſt einen unbeſtimmten Verdacht in ihm er⸗ regt, vielleicht fürchtete er die Rache eines Edelmanns, des Grafen Brahe, wenn er ſeine Aufführung und Bewerbung um die ſchöne Schwedentochter in Spy⸗ ker erführe. Wie dem nun ſein mochte, auch Capi⸗ tain Caillard fühlte ſich an dieſem Tage nicht wohl, allein auch ihn leitete ſein Leichtſinn über dieſe Kluft hinweg, am Morgen nach dem Tage war es vergeſ⸗ ſen, was ihn drückte, Gylfe lächelte ſo holdſelig wie immer, die Weine des Grafen mundeten ihm ſo köſt⸗ lich wie ſonſt, und die Küche des Kaſtellans ließ nichts 4 13 zu wünſchen übrig. Alſo wozu nachdenken, erwägen, Beſorgniß hegen? Luſtig en avant, den Augenblick genoſſen und vor allen Dingen den Krieger im Klei⸗ „da es nicht im Großen ging, und die⸗ verfolgt, um ihn— das war ſein beſtimm⸗ — lebendig oder todt den Gerichten zu überliefern, die ihn, das wußte er ziemlich gewiß, nach dem, was er verbrochen, wenn es ihm bewieſen werden konnte, mit dem Tode beſtrafen würden. So ritt er fort und ſo kehrte er Nachmittags um drei Uhr mit einem ganzen Schwarme Kameraden, die er zur Tafel nach Spyker eingeladen, nach dem Schloſſe zurück, freilich, ohne die Verfolgten entdeckt zu haben, aber Doch in der Hoffnung, daß morgen gelingen könne, was heute nicht gelungen war. Da ſaßen denn die betreßten Herren in dem alten Speiſe⸗ ſaale der Grafen Wrangel und Brahe, da ſaßen und zechten ſie, da ſangen ſie ſo laut und ſo übermüthige Lieder, daß alle Frauen des Hauſes ſich verbargen, während der Erbe des Schloſſes, das ſie verwüſteten, ein ungeſehener Zeuge dieſer Orgie war und in ſei⸗ nem Herzen Rache gelobte an den Feinden ſeines Va⸗ terlandes, die nun auch Feinde ſeines Hauſes, ſeiner Perſon geworden waren.— . Gylfe hatte Waldemar, ſeitdem ſie ſoine Rückkehr Der Strandvogt. II. 114 in der Nacht erfahren, den ganzen folgenden Morgen bei ſich erwartet, indem ſie hoffte, er werde ihr end⸗ lich den herkömmlichen Beſuch abſtatten, mit ihr über alle Dinge reden, die ihr ſo ſehr am Herzen und es werde ihr dabei gelingen, den des ehemaligen Gefährten durch die ihr ſtehenden Mittel zu ſänftigen, um ſo ſchließlich, nach⸗ dem ſie ihn für ſich gewonnen, von ihm das zu er⸗ fahren, was ſie zu wiſſen ſo ſehr begehrte. Ja, ſie war ſogar der Meinung, auch Waldemar müſſe d Augenblick herbeiſehnen, mit ihr auf'’s Reine zu de men, mit ihr ſich von Herzen auszuſprechen, und des⸗ halb werde er ſie in ihrem eigenen Zimmer aufſuchen, wo ſie am ungeſtörteſten mit einander plaudern konn⸗ ten. So wartete ſie denn mit großer Geduld bis um zehn Uhr auf ihn; als er aber bis zu dieſer Zeit nicht kam, wurde ſie etwas unruhig, fügte ihrem rei⸗ zenden Morgenkleide noch einige Bänder hinzu, von deren Farbe und Pracht ſie ſich eine große Wirkung auf den alten Freund verſprach, und ſtieg dann in die Wohnung des Kaſtellans hinab, um ihm dort gleich⸗ ſam zufällig zu begegnen. Als ſie ihn aber auch da nicht traf und Nieman⸗ den nach ihm fragen mochte, lief ſie in den Park und 8 ſuchte ihn dort an allen den Plätzen auf, die er früber 8 115 mit ihr und Magnus ſo gern betreten hatte. Aber auch da war ihr Suchen und Harren vergebens. Un⸗ willig wandte ſie ſich zum Schloſſe zurück, ging vor Waldemar's Fenſter mit ſtolzen Schritten auf und nieder und dachte ihn auf dieſe Weiſe endlich heraus⸗ zulocken. Als er auch da nicht erſchien, erreichte ihr Zorn ſeine höchſte Höhe. Wie ſie ſich dem unhöflichen Menſchen, wie ſie ihn jetzt nannte, bisher genähert, ſo beſchloß ſie nun, ſich von ihm zu entfernen, um ihn dafür, daß er ſie ſo gänzlich vernachläſſigt, zu beſtrafen. Eine Stunde ſpäter endlich war ſie am Wendepunkte ihrer Laune angelangt, denn als ſie zu der Ueberzeugung gekommen, Waldemar habe ihr überhaupt nichts Wichtiges mitzutheilen, da er ſie ſonſt wohl aufgeſucht haben würde, fing ſie an, ihn zu vergeſſen, und als nun der Gedanke an ihn ſie nicht mehr beſchäftigte, fiel ihr plötzlich ein, daß ſich über⸗ haupt Niemand um ſie bekümmere, und ein Gefühl des Alleinſeins und der Langenweile ergriff ſie, wie ſie es lange nicht empfunden hatte. Mit dieſer Em⸗ pfindung verband ſich der Trieb, Zerſtreuung zu ſuchen, und ſo rief ſie Gyſela herbei und bat ſie ſchmollend, ihr beim Umkleiden zu helfen, was dieſe alle Tage that. Sie wählte ihr Reitkleid, ließ, als die kokette Toilette beendet, ihr Pferd ſatteln und ritt in den 3 4. 84 116 Wald, um dort vielleicht Jemanden zu treffen, der weniger Bauer und mehr galanter Mann war, als die⸗ ſer junge Menſch, der, man ſage was man wolle, trotz des ihm aufgedrungenen Firniſſes der Bildung, immer nur ein Mann ſei, dem man ſein Herkommen an der Naſe anſehe und der die Sitten und Gewohnheiten nicht verläugnen könne, die er mit der Muttermilch eingeſogen habe. Wenn Gylfe den Weg nach Sagard zufällig ein⸗ ſchlug, ſo war ihr das Glück in einer Beziehung we⸗ nigſtens wohlgeſinnt, denn in der Nähe von Bobbin begegnete ihr Capitain Caillard mit ſämmtlichen Of⸗ fieieren ſeiner Escadron, die er zum Schmauſe in dem Schloſſe, worin er als unumſchränkter Herrſcher über Küche und Keller gebot, aus dem Stegreif eingeladen hatte. Was die fremden Herren anbelangt, ſo über⸗ ſchütteten ſie die ſchöne Diana von Spyker, wie ſie ſie nannten, mit den ſüßeſten Schmeicheleien; die alſo Gefeierte ſelbſt aber, ſich hoch beglückt fühlend, von einem ſo großen Schwarme glänzender Cavaliere um⸗ geben zu ſein, kehrte, reizender denn je in ihrer Lie⸗ benswürdigkeit und unübertrefflich an Laune, mit ihnen nach dem Schloſſe zurück. So hatte ſie ſehr bald nicht nur alle Sorgen der Welt, ſondern auch die Grafen Brahe, Vater und Sohn, alſo gewiß auch den 8 8 117 geſtrengen Waldemar Granzow vergeſſen, der ſo wenig verdiente, wie Einer, der Gegenſtand ihres koſtbaren Nachdenkens zu ſein. Lachend und Worte um Worte tauſchend, ritt ſie mit der überlauten Geſellſchaft in den Spyker'ſchen Hof ein, und als ſie ſcherzend vom Pferde ſtieg, wo ein Dutzend hülfreicher Hände ihr zu Gebote ſtand, ahnte ſie nicht, daß das geſpenſterhaft bleiche Geſicht des heimlichen Bewohners des Spuk⸗ thurms auf ſie und ihr Treiben niederſah, und daß dieſer traurige Bewohner ſelbſt dabei fühlte, daß zu der Wunde, die ihm der Feind geſchlagen, noch die viel größere gekommen ſei, die ſeine Freundin ihm im Herzen aufgeriſſen. Dieſe Wunde aber war noch lange nicht ſo tief und ſchmerzhaft, als ſie im Laufe dieſes Tages zu werden beſtimmt war, denn zu dem Gifte, welches. bereits in ſie gefloſſen, ſollte bald noch ein tödtlicheres geträufelt werden. Gyſela nämlich war, wie wir wiſ⸗ ſen, von ihrem Vater angewieſen worden, am Nach⸗ mittage dem Grafen einige Stunden Geſellſchaft zu leiſten, während Gylfe allein in ihrem Zimmer ſaß und vor ihrem Klavier ſehnſüchtige Klagelieder erſchal⸗ len ließ, Alheid aber am Bette der Mutter Platz genom⸗ men hatte, um ihr etwas vorzuleſen, da die nothwen⸗ dige Komödie ihrer Krankheit bereits eingeleitet war. 118 Gyſela alſo nahm verſchiedene Bücher unter den Arm, die der Graf aus der Bibliothek ſeines Vaters erbeten hatte, und ſtieg aus des Kaſtellans Schlafzim⸗ mer die geheime Treppe hinauf, die in den Spukthurm führte— Gyſela, die Mitwiſſerin aller Gedanken und Wünſche Gylfe's, ihre Gefährtin bei Tag und Nacht, ihre Zofe und Geſellſchafterin in einer Perſon. O, wie bald hatte der bleiche Bewohner des Thurmes alle dieſe Verhältniſſe ergründet, nachdem er das Ge⸗ ſpräch auf das Mädchen ſeiner Liebe zu lenken gewußt! Wie bald hatte Gyſela, ohne Ahnung, Was und. Wem ſie es ſage, Alles enthüllt, was Magnus ihr klüglich zu entlocken verſtand, denn ſie war kein plau⸗ derhaftes, böswilliges Mädchen, das damit der Dame des Hauſes Schaden zufügen wollte, nein, ſie war nur ein offenes, ungekünſteltes Naturkind, das jeder ernſten Frage zugänglich, jedem Wunſche des verehr⸗ ten Herrn zu genügen ſich für verpflichtet hielt. So war es denn kein Wunder, daß Gylfe's Leben und Treiben, ihre Neigungen und Beſtrebungen in kurzer Zeit offen vor den erſtaunten Augen Magnus Brahe s ausgebreitet lagen und daß der gute Doctor Piper aus Sagard, als er am nächſten Morgen kam, ins Vertrauen gezogen und in den Thurm geführt ward, einen viel kränkeren Patienten vorfand, als man ihm danſolden 119 geſchildert hatte. Die Wunde zwar, welche in ruhig fortſchreitender Heilung begriffen war, flößte ihm keine große Kümmerniß ein,— das werde ſich bald machen laſſen, ſagte er,— aber das Fieber des Kranken, das ihm heiß aus den Augen ſah, als wäre ſeine ganze Seele davon entzündet, das krampfhafte Spiel ſeiner zerrütte⸗ ten Mienen, die gebrochene Kraft, die aus den einge⸗ fallenen Wangen ſprach, alles das waren Symptome, die den wackeren Mann in Wahrheit beſorgt machten. Dieſe Beſorgniß ſprach ſich auch verſtändlich genug in ſeinem Schweigen aus, als er mit Waldemar wie⸗ der zu dem Kaſtellan hinabgeſtiegen war und in dem kleinen Kreiſe der mit allen Vorgängen vertrauten Fa⸗ milie ſaß. „Nun, was ſagen Sie, Herr Doctor?“ fragte ihn der beſtürzte Freund, der das Ungewitter der Bedenk⸗ lichkeit über des Arztes Stirn ziehen ſah und unter allen Umſtänden über den Zuſtand des Grafen auf⸗ geklärt ſein wollte. „Was ſoll ich ſagen,“ lautete die Antwort, die mit Achſelzucken und einer gewiſſen Bewegung der Hände gegeben wurde,„ich ſehe ihn heute zum erſten Mal und da kann man ſich leicht täuſchen.— Hat er ſchon früher an der Bruſt gelitten?“ „Wie? Leidet er denn an der Bruſt?“ fragte Wal⸗ 120 demar mit der Miene heftigen Erſchreckens.„Davon weiß ich ja gar nichts.“ 4 „Lieber Granzow,“ unterwies ihn der ehrliche Landarzt,„Sie wiſſen Manches nicht. Aber daß es mit dem Sohne und Erben des Beſitzers dieſes Hauſes nicht zum Beſten ſteht, daß er wahrſcheinlich ein tiefes organiſches Bruſtleiden hat, das glaube ich beſtimmt annehmen zu können, ohne eine Meile weit von der Wahrheit entfernt zu ſein.“ „Nein!“ rief Waldemar, entflammt von einem neu in ihm auftauchenden Schmerz,„nein, Sie irren ſich doch! Dies Uebel liegt gar nicht in der Brahe⸗ ſchen Familie!“ „So,“ ſagte der in ſeiner Wiſſenſchaft gekränkte Doctor Piper, drückte ſeine ſilberne Brille mit den großen runden Gläſern feſt auf die Naſe und klopfte mit der andern Hand dem jungen Manne vertraulich auf die Schulter,„nicht wahr, Sie ſind ein Seemann, wie es Ihr guter Vater iſt, den ich ſo herzlich lieb habe. Nicht?“ „Ja, Herr Doctor, das bin ich.“ „Nun wohl, ſo wiſſen Sie beſſer als ich, was ein Bram⸗ und ein Klüverſegel, eine Deining und eine Sturzwelle, ein ſtehendes oder ein laufendes Tau iſt — ich aber, das ſage ich Ihnen, bin ein Arzt und 121 ſo weiß ich beſſer als Sie— muß es beſſer wiſſen, was eine Lungen⸗ und eine Leberkrankheit, was eine Gehirn⸗ und was eine Bauchaffection iſt. He! Haben Sie mich verſtanden?“ „Ja, ja, und doch ſind Sie im Irrthum!“ Der Arzt, in ſeinem wiſſenſchaftlichen Selbſtgefühle tief verwundet, was bei den Dienern Aeskulaps einer allgemeinen Niederlage gleichkommt, richtete ſich zu ſei⸗ ner ganzen Höhe auf, die nicht eben beſonders hoch war, und ſchaute Waldemar ſo vorwurfsvoll und ver⸗ wundert an, als ob ihm der Verſtand ſtill ſtände, wo⸗ bei ſich allmälig ſein Mund weit öffnete und ſeine drohenden Augen vom Kaſtellan auf deſſen Frau und wieder zurück liefen. „Sie ſind im Irrthum,“ fuhr Waldemar immer erregter fort,„denn Sie wiſſen, wenn Sie auch Viel wiſſen, doch bei Weitem nicht Alles, wie ja kein Menſch Alles weiß. Graf Brahe iſt nicht lungen⸗ krank, vielmehr iſt er herzkrank, denn in dieſem ſeinem Herzen, Mann, da ſteckt die gefährlichſte Kugel, die der böſe Feind auf ihn abgeſchoſſen hat.“ „Bah!“ machte der Arzt und fing an, im Stillen lan einen doch wohl möglichen Irrthum zu denken. „Ja, wenn Das iſt,“ ſagte er, mit dem Kopfe bedeut⸗ ſam nickend, ſo wäre es allerdings ein ſchon dagewe⸗⸗ 1122 ſener Fall und das iſt eine verteufelte Krankheit, die aller Welt Weisheit und Wiſſenſchaft ſpottet. Aber wer, zum Satan, iſt die vermaledeite Hexe, die dieſen Nimrod mit ihren Pfeilen verwundet hat?“ In dieſem Augenblick ging die Thür auf und Gylfe, in rauſchende Seide gehüllt, hüpfte knixend und lächelnd mit fliegenden Locken in's Zimmer her⸗ ein, um ſich nach dem Befinden der Mutter Heylike zu erkundigen. Alles ſchwieg, aber Aller Augen waren wie durch einen geheimnißvollen Antrieb auf ihr verwundertes Geſicht und die ſeltſame Geberde gerichtet, die ſie blik⸗ ken ließ, als ſie den verſammelten Hausrath vor ſich ſah. Der Arzt wollte ſich hochachtungsvoll verbeugen, allein er vergaß es. Denn Waldemars Geſicht wurde plötzlich finſter wie die Nacht und ſeine Augen ſchoſ⸗ ſen Blitze, die unheimlich auf der Perſon wurzelten, die zu ſo ungelegener Zeit das wichtige Geſpräch un⸗ terbrach. Jetzt erſt gingen dem Doctor über Manches die Augen auf, was er bisher noch nicht geſehn und ge⸗ wußt, obwohl er ſich erinnerte, hie und da ſchon ein gewiſſes Flüſtern über Dies und Das im Spyker'ſchen Schloſſe gehört zu haben, und er beeilte ſich, nachdem er ſchnell die nothwendigſten Rathſchläge ertheilt, ganz 123 kleinlaut ſein altes Pferd zu beſteigen, um, in tiefes Nachſinnen über die bodenloſe Wiſſenſchaft des Men⸗ ſchen verſunken, nach Hauſe zu reiten. Fünftes Anpitel. Die Erbin von Bakewitz und die Einquartierung. Vexlaſſen wir jetzt auf einige Zeit Schloß Spyker und ſeine heimlichen und offenkundigen Bewohner, und wenden wir uns wieder nach dem Kiekhauſe auf der Anhöhe bei Saſſenitz zurück, wo während unſrer Abweſenheit Mancherlei vorgefallen war, was der Le⸗ ſer nothwendig wiſſen muß. Das friedliche Stillleben, während die ganze Um⸗ gegend von feindlicher Einquartierung und kriegeri⸗ ſcher Thätigkeit erfüllt war, hatte nach Waldemar's Abreiſe auch bald in dieſem abgelegenen Hauſe auf⸗ gehört, denn wenige Tage nach dem unverhofften und um ſo erfreulicheren Beſuche brachte das Gerücht von Bergen herüber die alle Welt tief erſchütternde Nach⸗ richt, daß Graf Magnus Brahe verwundet aus Stral⸗ ſund entflohen ſei und zwar mit Hülfe Waldemar 125 Granzow's, und daß ſich Beide wahrſcheinlich nach Rügen begeben hätten, um dort an irgend einem Orte ein heimliches Unterkommen zu finden. Dies völlig unerwartete Ereigniß, dem man mit ziemlicher Sicherheit Glauben ſchenken konnte, obgleich von amtlicher Seite noch keine Beſtätigung erfolgt war, beunruhigte den Strandvogt und Mutter Ilske außerordentlich, denn ſeitdem ſie ihren Sohn den Ge⸗ fahren der See und der däniſchen Gefangenſchaft ent⸗ ronnen geſehn, hatten ſie ihn allen weiteren Fährlich⸗ keiten entrückt geglaubt, zumal vorauszuſetzen war, daß er ſich mit dem Grafen Brahe in ſeiner Heimat ruhig verhalten und nicht mehr in das Getriebe des unſeligſten aller Kriege miſchen würde, der für ganz Deutſchland und alle Nachbarſtaaten ſo unglücklich begonnen hatte und ſobald kein erfreuliches Ende hof⸗ fen ließ. Traurigen Herzens und niedergedrückten Geiſtes, aller äußerlichen Tröſtung baar, ſaßen die beiden Al⸗ ten eines Mittags in ihrem Stübchen, fühlten keinen Appetit, von den aufgetragenen Speiſen etwas zu ge⸗ nießen, und keine Neigung, ſich das ſchwere Herz durch Worte zu erleichtern, als— wer beſchreibt ihr Erſtaunen und ihre Freude— die Thür aufging und unverhoffter Weiſe Hille hereintrat, mit ihrer ſchönen 126 Geſtalt und ihrem mild freundlichen Geſicht ſogleich Leben und Freudigkeit in dem ſtillen Zimmer ver⸗ breitend. 1 Da war denn mit einem Male die traurige Miene der guten Alten aufgeheitert und mit ſtrahlenden Au⸗ gen flogen ſie dem lieben Mädchen entgegen, das ih⸗ nen wie ein göttlicher Troſt zur Milderung ihres ir⸗ diſchen Schmerzes geſandt ſchien. Waren ſie aber ſchon über ihr bloßes Erſcheinen erfreut, ſo klärte ſich ihr ganzer Gedankenhorizont auf, als ſie vernahmen, daß Hille von nun an wieder ein Mitglied ihres Hauſes ſein und daß ſie fürs Erſte nicht wieder nach Mönchgut zurückkehren werde, da ihre Pflicht dort er⸗ füllt ſei, indem der gute alte Lachmann das Zeitliche geſegnet habe, womit denn auch, wie man jetzt erſt ſah, die Trauerkleidung übereinſtimmte, die Hille trug, die jedoch weniger in Anlegung neuer Gewänder als in Ablegung jener bunten und glänzenden Zierrathen beſtand, die an den Genuß des Lebens und ſeiner Freuden zu erinnern pflegen. „Aber, mein gutes Kind,“ rief die erfreute Mut⸗ ter Ilske, nachdem ſie das geliebte Mädchen zum zehn⸗ ten Mal geküßt und geherzt hatte,„wer wird denn die Wirthſchaft auf Bakewitz führen, wenn Du nicht mehr da biſt und nach dem Rechten ſiehſt?“ 127 „Mein Pächter, Mutter, und ſeine Leute.“ „Dein Pächter? Hille, wie ſoll ich das verſtehen? Zum erſten Mal ſprichſt Du, was ich nicht faſſen kann.“ „Es iſt, wie ich ſage, Ihr könnt es mir Beide glauben,“ erwiderte Hille, als ſie die großen Augen der beiden Alten ſah, die voller Spannung auf ſie gerichtet waren.„Denn Ihr müßt wiſſen, daß mein Pathe, bevor er aus dieſem Leben ſchied, mir ſein ganzes Hab und Gut vermacht hat, daß ich aber, als ledige Perſon, es für gerathen hielt— zumal in dieſen unruhigen Zeiten— lieber einen mäßigen Pacht⸗ zins zu nehmen, als mich den Gefahren auf einem abgelegenen Gute auszuſetzen. So war ich denn ſo glücklich, in einem Nachbar meines Pathen einen red⸗ lichen Pächter zu finden, wir machten Alles ſchriftlich ab, und ich behielt mir nur zwei Stübchen im Hauſe vor, damit ich doch ein eigenes Dach hätte, wenn ich einmal die Neigung verſpürte, nach Mönchgut zu wan⸗ dern, oder falls Ihr— was Gott verhüte!— mei⸗ ner überdrüſſig würdet und mir den Abſchied gäbet.“ „Hille!“ riefen der Strandvogt und ſeine Frau zugleich mit vorwurfsvollem Tone, aber weiter konn⸗ ten ſie nichts ſagen, denn das Mädchen ſprang auf Beide zu, umſchloß ſie Eins nach dem Andern und 128 vergütete damit reichlich, was ſie mit ihren ſcherzen⸗ den Worten verbrochen hatte. So zog denn Hille wieder wie früher, faſt mit den Rechten einer Tochter begabt, in das einſame Haus, und noch einmal waren daſelbſt, wenigſtens auf kurze Zeit, innerlicher Friede und allgemeines Be⸗ hagen eingekehrt. Indeſſen war es doch bald zu bemerken,— wenig⸗ ſtens von Seiten Mutter Ilske's müſſen wir das be⸗ haupten, während der Strandvogt in dieſer Beziehung ſich gleichgültiger und vorſichtiger verhielt,— daß Hille gegenwärtig im Kiekhauſe ein ganz anderes Verhält⸗ niß zu den beiden Alten als früher annahm. Denn ſie war jetzt keine verlaſſene Waiſe mehr, ſondern be⸗ ſaß ſogar, wie ſich bald erwies, mit einem ſchulden⸗ freien Gute in einer hübſchen Gegend, ein ganz an⸗ ſehnliches Vermögen und konnte alſo Anſprüche erhe⸗ ben, die ſie früher nicht hatte machen können. Zwar erhob ſie auch jetzt in der That keine, aber in Mut⸗ ter Ilske's Augen war ſie doch eine ganz andere Perſon geworden, und demnach richtete ſich das Ver⸗ fahren derſelben ein und ſprach ſich auch in ihrer Geſinnung gegen die Nichte aus. Und namentlich gingen der guten Frau erſt dann recht die Augen über Hille's Vermögen auf, als am Tage nach ihrer 129 Ankunft ein Wagen, mit Kiſten und Koffern beladen, angefahren kam und das bewegliche Gut der jungen Erbin nun ſichtbar vor ihren Augen lag. Da ent⸗ wickelte denn die thätige Hausfrau einen Eifer im Verpacken, Aufſtellen und Ordnen der verſchiedenen Gegenſtände, wie ſie ihn noch nie gezeigt, und ein⸗ mal über das Andere erhob ſie ein Freudengeſchrei über das Glück ihres Kindes, wie ſie Hille nannte, das dieſe, nach ihrer Meinung, wie kein anderer Menſch auf Erden verdiente. Wir wollen indeſſen hiermit nicht geſagt haben, daß ihre Liebe ſich plötzlich gegen ſie vermehrt habe oder vielleicht gar aus Gründen perſönlichen Eigen⸗ nutzes über Nacht gewachſen ſei, nein, das war in Wahrheit nicht der Fall, denn mehr lieben, als es bisher geſchehn, konnte ſie das ſchöne Mädchen nicht, allein jedenfalls war Hille in ihren Augen doch nun eine bedeutendere Perſon geworden, der man noth⸗ wendig eine größere Aufmerkſamkeit ſchenken müſſe, da man ja nicht wiſſen könne— und wer vergiebt dem zärtlichen Mutterherzen nicht ſolchen kühnen Ge⸗ danken!— was in dem FHintergrund der Zeiten ſchlummere und welche näheren Verhältniſſe ſich noch mit ihr knüpfen ließen. Wunderſam genug erſchien es Mutter Ilake allere Der Strandvogt. II. 9 130 dings, daß Hille im erſten Augenblick ſich durchaus nicht nach Waldemar erkundigte, wie ſie nicht einmal aus eigenem Antriebe erwähnte, daß er in Bakewitz geweſen ſei und ſie ihn bei ſeiner Abreiſe bis Redde⸗ vitz begleitet habe. Erſt am ſpäten Abend, als ſie alle Drei auf der Bank unter den Bäumen am Strande ſaßen, über das friedliche Meer hinausſchau⸗ ten und dabei die Verhältniſſe der Gegenwart beſpra⸗ chen, brachte Mutter Ilske das Geſpräch ſelbſt auf ihren Sohn und nun erſt erfuhren die Eltern, ob⸗ gleich mit zögernder Langſamkeit der ſonſt ſo flüſſig redenden Pflegetochter, was ſie von dem Abweſenden wußte, wogegen ſie denn nun auch des Gerüchtes Erwähnung thaten, das von Bergen her über Walde⸗ mar und ſeinen Freund zu ihren Ohren gedrungen war. Da aber geſchah etwas von Seiten der liebenden Eltern ganz Unerwartetes. Sie hatten ſich nämlich gedacht, Hille müſſe darüber erſchrocken ſein und ihre Empfindung in lauten Worten äußern. Aber nein, Hille äußerte gar nichts, und den beiden Alten ent⸗ ging ſogar, Dank der Faſſungsgabe Hille's, der wahre Grund dieſes Schweigens. Denn dieſe war nicht nur erſchrocken über das, was ſie hörte, ſondern ihr ver⸗ ging in der That der Athem und es war ihr zu Muthe, 131 als ob das Herz in ihrer Bruſt ſtillſtände und alles Blut in den ſo lebenswarmen Adern ſtockte. Erſt nach geraumer Zeit ſchöpfte ſie wieder Luft und ſtieß einen leiſen Seufzer aus, obgleich es ihr noch immer an Worten fehlte, ihren Gefühlen den rechten Aus⸗ druck zu geben. „Nun,“ ſagte Mutter Ilske und wandte verwun⸗ dert ihr Geſicht nach dem niedergebeugten Antlitz des Mädchens um,„nun, Hille, was ſagſt Du dazu? Kannſt Du Dir denken, wie uns dieſe Nachricht ge⸗ quält hat und in welcher Sorge wir um unſern gu⸗ ten Waldemar ſind?“ „Ja,“ ſtieß Hille mit Mühe hervor,„ich kann es mir denken, und ich ſinne eben nach, wie man etwas Gewiſſes darüber erfahren könnte.“ „O,“ nahm der Strandvogt das Geſpräch auf, „darauf werden wir nicht lange zu warten brauchen. Die Herren Franzoſen legen ihrer Willensmeinung keinen Zügel an und ich ſehe ſchon den Tag voraus, wo ſich Alles aufklären wird, was uns jetzt noch dun⸗ kel iſt. Wartet die Zeit ab, Graf Brahe iſt ein gro⸗ ßes Wild und der Jäger wird es genug geben, die danach trachten, es zu erlegen.“ „Mann!“ rief Mutter Ilske ſchmerzhaft ergriffen, „wie ſprichſt Du das Schreckliche mit ſo großer Ruhe 9* 132 aus! Sie werden ihn doch nicht jagen, wie das Thier des Waldes, das kein Geſetz und keine Men⸗ ſchenpflicht beſchützt, und unſern Sohn obendrein?“ „Nun, wie ſoll ich mich denn geberden, indem ich dies ſage, Ilske? Soll ich mir etwa die Haare aus⸗ raufen und in's Geſicht ſchlagen, wie die Türken es thun, wenn ihnen ein Unglück begegnet iſt? Nein, Frau, ich liebe es, dem Unvermeidlichen mit ruhigem Auge in's Antlitz zu blicken und geduldig zu erwar⸗ ten, was der Herr über mich verhängt. So hab' ich's gehalten mein Leben lang, und ſo werd' ich's auch ferner halten.“ „Ach! Ja, Du haſt gut reden, Du biſt ein Mann, aber ich, ich bin ſeine Mutter und kann nicht finden, daß er ſo Böſes verbrochen hat.“ „Nein,“ nahm Hille zum erſten Mal wieder das Wort auf,„in unſerm Sinne, nach unſerm Gefühle hat er nichts verbrochen, im Gegentheil, er iſt aufge⸗ ſtanden zum Beſten des Vaterlandes, er hat den We⸗ heruf ſeines Volkes gehört und dann ſeine Rechte er⸗ hoben, um als Mann gegen den Unterdrücker unſrer Freiheit zu handeln, wie und wo es auch ſei, und das kann ich auch nur billigen.“ „Du haſt Recht, Mädchen, wie Du ſo muthig und nach meinem Herzen ſprichſt,“ ſagte ſchließlich der ——— 133 Strandvogt.„Ich mag das Winſeln und Wimmern nicht leiden, wo nur männliche Entſchlüſſe und die Kraft der Fauſt zum Ziele führen. Da haſt Du meine Hand und ich drücke die Deine, zum Zeichen, daß ich mit Dir einverſtanden bin. Jetzt aber kommt und laßt uns zur Ruhe gehen, die Sonne iſt ſchon lange in's Meer geſunken und morgen werden wir Zeit genug zur weiteren Ueberlegung haben.“ So muthig Hille an dieſem Abend vor der ver⸗ zagten Mutter geſprochen, um ihre ermattende Seele von der Sorge, die ſie umſponnen, aufzurichten, in ihrem Herzen, das ſie Jedermann verſchleierte, ſah es ganz anders aus und ſie konnte in der nächſten Nacht die ſüße Ruhe nicht erringen, die ſie in dem trauli⸗ chen Kiekhauſe ſonſt zu finden gewohnt war. Vor ihren geſchloſſenen Augen, als ſie in dem ſtillen Giebel⸗ zimmerchen im Bette lag, dämmerte ein ſchreckliches Bild herauf, daſſelbe Bild, auf welches der Strand⸗ vogt ſo zufällig ihre überreizte Phantaſie geführt hatte. Immer ſah ſie vor ſich das gehetzte Wild, von butdürſtigen Jägern umſtellt, hörte die todbrin⸗ genden Büchſen knallen und das wilde Geheul der ſchnaubenden Meute näher und näher dringen. Mit — 134 zerriſſenen Kleidern, bleich vor Ermattung und Ent⸗ ſetzen, mit vor Uebermüdung ſchlotternden Gliedern und angſtſchweißtriefenden Stirnen ſah ſie Magnus Brahe und Waldemar Granzow von Wald zu Wald, von Baum zu Baum flüchten, einen Verſteck nach dem andern ſuchen und immer aus einem in den an⸗ deren getrieben werden. Von einer unerhörten Angſt gequält, lief ſie im Geiſte mit, ihr Athem keuchte, immer wollte ſie ihre Hülfe anbieten, ihre Hand zur Stitze reichen, aber die Gejagten ſahen ſie nicht, ja, ſie wandten nicht einmal das verſtörte Antlitz herum, ſo ſehr ſie auch nur einen einzigen Blick von ihnen zu erhaſchen bemüht war. Immer dunkler, düſterer ſank die unholde Nacht herein, immer wilder heulte der ächzende Wind durch die Bäume und das Grol⸗ len der bewegten See drang feindſelig aus der Ferne zu ihr herüber. Da, endlich— was war das? Da wurde es wunderbar ruhig um ſie her, der helle Mond brach mit ſanftem Schimmer aus den zerriſſenen Wol⸗ ken hervor— er beleuchtete freundlich die mooſige Haide— und da ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, aber das blaue Auge feſt und doch milde nach ihr gewandt, ein lächelnder Mann— lächelnd, wie ſie nur je einen lächeln geſehn— und gerade ſie lächelte er an. Ach, aber es war nur der Schlummer mit 135 ſeinem lieblichen Begleiter, dem Traume, der ſie doch endlich überraſcht hatte, es war keine Wirklichkeit, er lächelte ſie noch nicht in Wahrheit an. Doch, o Täuſchung, Täuſchung, wie lieben wir Dich, wenn Du uns nur den Schein der Wahrheit malſt, wie ſegnen wir nicht oft den Traum, wenn er eine ſüße Wirklich⸗ keit erſetzt, wie ſind wir nicht dankbar, daß wir we⸗ nigſtens Etwas haben, woran wir uns klammern können, was wie Hoffnung ausſieht, wenn es auch nur ein blaſſer Schatten einer möglichen fernen Hoff⸗ nung iſt! Das oder wenigſtens Aehnliches ſagte ſich Hille, als ſie am nächſten Morgen das Bewußtſein dieſes Traumes hatte, und feſt ſtand in ihr der Entſchluß, in den Wald zu gehen, den ſie im Traume betreten, und das milde Auge des lächelnden Mannes zu ſu⸗ chen, um ihn zu warnen, zu ſchützen, ſo ſehr ſie, das ſchwache Weib, nur warnen und ſchützen konnte. Aber dieſer Entſchluß ſollte noch nicht ſo raſch zur That werden, wie ſie es wünſchte, denn es ſollten Verhält⸗ niſſe eintreten, die ſie feſt an das Haus ſchmiedeten, um zunächſt den bedrängten Eltern des verfolgten Tu⸗ gendbündlers, des Verräthers am franzöſiſchen Ueber⸗ muth, in ihrer kummervollen Lage beizuſtehen. — 88 136 Einige Tage vergingen, ohne daß das von Bergen nach Saſſenitz herübergekommene Gerücht auf irgend eine Weiſe beſtätigt oder widerlegt worden wäre; in banger Sorge verbrachte Mutter Ilske die trägen Stunden, in ſtrenger Schweigſamkeit und innerlichem Brüten und Grübeln der Strandvogt. Jetzt erſt ſa⸗ hen Beide recht ein, wie wohlthätig das Schickſal für ſie geſorgt hatte, indem es ihnen die Pflegetochter in's Haus zurückgeführt, die zwar nicht munter und fröhlich wie ſonſt mit den Vögeln des Waldes ſang, denn auch ſie hatte ja Trübſeligkeit genug im Herzen, aber doch mit ihrer muthigen Haltung, ihrem feſten Gottvertrauen, das ſich in jedem ihrer Blicke ausſprach, ihnen zum wahren Troſte gereichte. Vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend thätig, förderte ſie aus freien Stücken Alles, was ſonſt der Mutter im Hauſe zu thun obgelegen hatte, und immer war ſie freudig bei der Hand, nie ermüdet oder zur Ruhe ge⸗ neigt, wenn es draußen oder drinnen zu ſchaffen gab. Da aber ſollte die durch ihre Anweſenheit einiger⸗ maßen beruhigte Familie plötzlich wieder in neue Be⸗ drängniß verſetzt werden. Denn eines Mittags er⸗ ſchien, zu Wagen von Sagard her kommend, der Kriegs⸗ polizeibeamte Dübois, noch von denſelben Brigadiers begleitet, die wir in Hiddens⸗Oee und Wittow an ſei⸗ 1 4 —⅓⅛⅓ 137 ner Seite ſahen. Er hatte bis hierher ſeine Rundreiſe vollendet und überall den kaiſerlichen Verhaftsbefehl ausgeſtreut. Im Hauſe des Strandvogts freilich kehrte er nicht ein, das lag weder in ſeiner Pflicht, noch in ſeinen Neigungen, da er eben ſo wenig ſelbſt Häſcher war, wie er es liebte, den Kummer der vom Unglück Verfolgten mit eigenen Augen zu ſehen, aber in Saſ⸗ ſenitz hielt er ſich mehrere Stunden auf und bot große Belohnungen an, wenn man die Entwichenen finge und ausliefere, auf deren Kopf, wie er ſagte, der Kai⸗ ſer einen Preis geſetzt habe, wie es in ganz Deutſch⸗ land mit allen bekannten Mitgliedern des Tugendbun⸗ des ſchon längſt geſchehn war, um ſo mit allem Nach⸗ druck der wachſenden Hyder der Rebellion auf den Kopf zu treten. Natürlich dauerte es nicht lange, ſo wußte man auch im Kiekhauſe, was unten im Dorfe vorgefallen war und faſt alle Lootſen und Fiſcher kamen herauf, dem biederen Strandvogt die Hand zu ſchütteln und ihm zu ſagen, daß keiner von ihnen das Blutgeld ver⸗ dienen wolle, ſo groß die gebotene Summe auch ſei, daß ſie im Gegentheil Alles aufbieten wollten, um ihm zu helfen, ſeinen Sohn mit dem Grafen Brahe aus dem Lande zu ſchaffen, ſobald ſie nur wüßten, wie ſie es anfangen ſollten. .— 138 Dieſelbe Geſinnung, wir brauchen es kaum anzu⸗ führen, theilten alle männlichen Bewohner Rügen'’s, ob ſie nun den Strandvogt und ſeine Familie genauer kannten oder nicht. Denn es ging nur ein einziges Gefühl durch die Seele aller dieſer harten aber biede⸗ ren Männer, das Gefühl der Entrüſtung gegen die Fremdlinge, die das ſtille Eiland in Unruhe verſetzt und den lange bewahrten Frieden mit ſchändender Hand gebrochen hatten. Was der franzöſiſche Gou⸗ verneur in Stralſund alſo hauptſächlich bezweckt, die Beuteluſt der Inſulaner aufzuregen, gelang ihm nicht, im Gegentheil, Alle wurden nur aufmerkſam gemacht, die Verfolgten zu ſchützen und aus den Klauen ihrer Häſcher zu befreien, ſobald ſie nur aus ihren Verſtek⸗ ken hervortreten und ſagen würden:„Da ſind wir, Männer von Rügen, nun greift uns und holt Euch das Geld, welches man auf unſre Köpfe geſetzt hat!“ Ja, die genaueren Mittheilungen des Herrn Dü⸗ bois hatten erſt recht dazu beigetragen, die von Mag⸗ nus Brahe und Waldemar Granzow vollbrachten Tha⸗ ten an’s Licht und zur Kenntniß der Bewohner Rü⸗ gen's zu bringen, ſie alſo populair zu machen, was bis dahin noch nicht in ſo hohem Grade geſchehn war. Erſt jetzt erfuhr man, daß die beiden Männer nicht allein gegen Napoleon mit den Waffen in der ———y Hand gekämpft, nein, daß ſie es auch gewagt hatten, durch alle Länder zu reiſen und den Geiſt des Wider⸗ ſtandes aufzuſtacheln, die Flamme des erſtorbenen Na⸗ tionalgefühls anzufachen, um endlich alle Geiſter in Lohe zu verſetzen und dadurch den Schlag vorzube⸗ reiten, den Jeder vorausſah, Jeder herbeiſehnte und der dennoch immer nicht gewagt wurde, weil man ſich noch zu ſchwach, zu verlaſſen dünkte und den Knechter der Völker mit zu ungeheurem Maaße zu meſſen gewohnt war. Waren die letzten Tage im Kiekhauſe nun ſchon ſorgenvoll genug dahin geſchlichen, ſie ſollten noch friedlich und ſonnenhell gegen den ſein, der nach dem Beſuch des Polizeibeamten heraufdämmerte. Es war Morgens gegen elf Uhr, als der Vogt vom Strande kam und den Frauen ein Gericht eben gefangener Fi⸗ ſche mitbrachte, unter andern eine herrliche Steinbutte, die Mutter Ilske vortrefflich zuzubereiten verſtand. Er fand die Frauen in einer Gartenlaube beſchäftigt, auf einem Tiſche Wäſche zu ordnen, und nachdem er der alten Trude den Korb mit Fiſchen übergeben hatte, holte er ſeine Pfeife aus dem Zimmer und ließ ſich neben ihnen auf einer Bank nieder. „Nun, ſagte er, als die Pfeife genügend in Brand geſetzt war,„Ihr ſchweigt ja mit einem Mal, da ich 140 zu Euch komme, was habt Ihr denn Heimliches zu flüſtern gehabt?“ „Wir haben nicht geflüſtert, Alter,“ ſagte Mutter Ilske trocken,„ſondern laut genug geſprochen, ſo daß es jedes Menſchenkind hören kann, das mit Ohren be⸗ gabt iſt.“ „Hoho! Ja, aber meine waren nicht ſo lang, vom Strande herauf bis hierher zu reichen. Es ſcheint mir doch, als wäre von Etwas die Rede geweſen, was ich nicht hören ſoll.“ „Nein,“ erwiderte Hille mit ihrer ſanften Stünnme, in der dennoch eine gewiſſe überzeugende Beſtimmtheit lag,„das war es nicht. Wir ſprachen von Waldemar.“ „Aha, alſo das alte Lied!“ „Immer das alte, Oheim. Und es klingt nicht übel, meine ich.“ „Hm! Nein! Ihr möchtet wohl wiſſen, wo er ſteckt?“ „Weißt Du es?“ fuhr Mutter Ilske heraus und warf halb vor Schreck, halb vor Freude ein ſchönes Stück ſchneeweißer Wäſche weit von ſich auf den Sand. „Sachte, Mutter, ſachte! Woher ſollt' ich das wiſ⸗ ſen? Und wenn ich es wüßte, ich ſagte es vielleicht doch nicht.“ Hille horchte hoch auf. Es kam ihr vor, als wiſſe 141 ddeer Strandvogt, was ihr Herz ſchon lange in Unruhe verſetzt hatte.„Warum nicht?“ fragte ſie, ihn mit ihrem ſchönen blauen Auge voll anſehend. „Weil Ihr es ausplaudern würdet.“ „Alter, Du biſt nicht geſcheidt. Wir ſollten es ausplaudern?“ „Nun ja, ſeid Ihr nicht Weiber?“ Hille warf nur einen Blick auf den Vogt und es that ihm ſchon leid, die beiden Frauen geneckt zu ha⸗ ben, die ſeinen Spott ſo wenig verdienten.„Kinder,“ ſagte er,„ich weiß wirklich nicht, wo ſich die Flücht⸗ linge aufhalten, oder ob ſie überhaupt noch auf der Inſel ſind. „Auf der Inſel ſind ſie!“ ſagte Hille beſtimmt. „Wo giebt es beſſere Verſtecke für ſie, als hier, wo treuere Herzen, wo hülfreichere Hände?“ „Du haſt Recht, Kind, das ſage ich auch, obwohl die Lootſen unten am Strande wiſſen wollten, ſie ſeien nach Schweden geſegelt.“ Hille legte ihre Arbeit hin und ſann nach. Sie ſah unendlich lieblich dabei aus, obwohl ihr Geſicht bleicher als gewöhnlich war.„Nein, nein,“ ſagte ſie, ſanft mit dem Kopfe ſchüttelnd,„in Schweden ſind ſie noch nicht.“— „Woher willſt Du das ſo genau wiſſen, Mädchen?“ 1 142 „Ich weiß es!“ wiederholte ſie mit einer ſo ſiche⸗ ren inneren Ueberzeugung, daß beide Zuhörer große Neigung verſpürten, ihr zu glauben.„Ich weiß es, und das ſei Euch genug.“ „Dann ſtehſt Du wohl im geheimen Bunde mit ihnen? Wie?“ Hille wurde blutroth und wußte nicht, ob ſie Ja oder Nein ſagen ſollte, faßte aber in dieſem Augen⸗ blick den feſten Entſchluß, auch ihrerſeits ſich zu be⸗ mühen, um über den Aufenthaltsort der Verfolgten in's Klare zu kommen, den ſie längſt im Stillen ver⸗ muthete. „Nun?“ drängte ſie der Alte. „Ihr mögt Recht haben,“ ſagte ſie endlich,„in einem gewiſſen Bunde ſtehen alle Menſchen mit ein⸗ ander, die auf irgend eine Weiſe geiſtig oder leiblich zu einander gehören. Waldemar iſt Euer Sohn und ſo iſt er mein Bruder.“ „Wacker, Mädchen, wacker— o ich gäbe was da⸗ rum, wenn ich wüßte, wo die Jungen ſind.“ „Sie ſind in Spyker!“ ſagte Hille mit etiefem Bruſtton, der aus ihrem Herzen hervorzudringen ſchien. „In Spyker? Hille, woher willſt Du das wiſſen? Da ſind ja die Franzoſen und ſie werden ihnen doch nicht gerade in's Garn laufen?“ — 143 „Wielleicht erſt recht. Spyker iſt des Grafen Brahe Eigenthum, er hat dort feſte Verbindungen, die Leute ſind ihm treu ergeben, das Schloß iſt groß und man wird Mittel gefunden haben, ihn zu verbergen, wenn er an das Thor ſeiner Väter geklopft hat.“ „Aber Teufelsmaid, wie werden ſie ſo tollkühn ſein, dahin zu gehen?“ „In Spyker wohnt ein Weib, welches Magnus Brahe vergöttert. Es iſt Gylfe Torſtenſon, die ihn dahin gezogen hat— ich glaube es einmal und kann es mir nicht aus dem Sinne ſchlagen.“ Der Strandvogt wurde wirklich ernſtlich bedenk⸗ lich. Er wollte eben etwas erwidern, als ein Geräuſch außerhalb des Gartens ſeine Aufmerkſamkeit auf et⸗ was Anderes lenkte. Raſch wandte er den Kopf nach dem Landwege, der von Norden her an ſeinem Grund⸗ ſtück vorüberführte und horchte ſcharf nach dieſer Rich⸗ tung hin.„Still,“ ſagte er,„ich höre Pferdegetrap⸗ pel— man reitet ſcharf, um an Ort und Stelle zu kommen.“ Alle Drei erhoben ſich von ihren Plätzen und lauſch⸗ ten mit einiger Spannung dem Geräuſch entgegen, das, je näher es kam, immer deutlicher das regel⸗ mäßige Geſtampfe erkennen ließ, welches allein der Galopp geſchulter Pferde hervorbringt. Der Strand⸗ 144 vogt, ſo gefaßt er gewöhnlich war und ganz der Mann, jeder Gefahr kühn in's Auge zu ſehen, wechſelte doch bei dieſer Gelegenheit etwas die Farbe und ſagte leiſe: „Das iſt Cavallerie, Kinder! Bei Gott, ich glaube, es ſind Franzoſen!“ Kaum hatte er ausgeſprochen, ſo wurde ein Trupp Reiter vor dem Garten ſichtbar, der kein Ende neh⸗ men zu wollen ſchien, aber ſogleich die ſchnaubenden Pferde anhielt, als der Führer durch ſein Beiſpiel dazu den Anlaß gab. Dieſer Führer aber war kein Andrer als unſer galanter Capitain Caillard aus Spy⸗ ker, der von einigen Officieren, einem Trompeter, ei⸗ nem Sergeanten und etwa dreißig Gemeinen beglei⸗ tet war, alle feldmäßig ausgerüſtet, ſcharf bewaffnet und trefflich beritten. „Bon jour!“ rief der im Anfang immer höfliche Franzoſe vom Sattel aus über den Gartenzaun her⸗ über.„Wem gehört dies Haus?“ „Mir, Herr!“ antwortete der Beſitzer und lüftete ſeinen Seehut ein wenig von dem grauen Haar, das er kaum zur Hälfte bedeckte. „Wer ſeid Ihr?“ „Ich bin Strandvogt in dieſem Bezirk und im gräflich Spyker'ſchen Dienſt.“ „Ohol Und Euer Name?“ 145 „Daniel Granzow, Herr!“ „Was— Granzow?“ rief der Franzoſe aufgeregt und beinah freudig aus.„Voilà, Messieurs, da ha⸗ ben wir ſie alle beiſammen. Steigen wir ab und machen wir dieſem Manne unſere Aufwartung!“ Dieſen höflichen, aber doch in befehlendem Tone geſprochenen Worten wurde ſofort von allen Seiten Folge geleiſtet, und der Capitain, zwei Lieutenants und ſchließlich der Sergeant traten der Reihe nach, wie wir ſie nannten, durch die Gartenpforte ein und ſtellten ſich ohne Zeitverluſt um die drei Bewohner des Kiekhauſes im Kreiſe auf, als wollten ſie eine Mauer um ſie ſchließen, aus der ſie nicht entſchlüpfen könnten. »„Monsieur,“ begann der Capitain mit gerunzelter Stirn und ſchnarrender Naſenſtimme das Verhör,„Ihr ſagt, Ihr ſeid der Strandvogt Granzow.“ „Ja wohl, Herr, der bin ich mit Eurer Erlaubniß.“ „Seid Ihr der Vater des Waldemar Granzow, den man, wie Ihr wiſſen werdet, ſeit einigen Tagen auf der ganzen Inſel ſucht?“ „Was weiß ich, ob man meinen Sohn ſucht, wenn man einen Menſchen ſeines Namens ſucht. Meines Wiſſens hat mein Sohn ſich keines Verbrechens ſchul⸗ dig gemacht.“ Der Strandvogt. II. 10 „Aha! Alſo Ihr geſteht doch ein, einen Sohn zu haben?“ „Das würd' ich ſelbſt vor keinem Chineſen läug⸗ nen, mein Herr, und Ihr ſeid nur ein Franzoſe!“ „Aha, nur! Attention, Messieurs, c'est drôle! So wahr ich lebe!— Wie heißt Euer Sohn, der keine Verbrechen begangen hat?“ „Waldemar iſt ſein Name!“ ſprach der alte Strand⸗ vogt mit einer feſten orkanartigen Stimme und ſchnitt ein Geſicht, als trotze er dem ganzen franzöſiſchen Kaeaiſerreich. „Mort de ma vie, c'est ici!— Wo iſt er? Iſt er auf dieſer Inſel?“ „Das weiß ich nicht. Vor Jahren war er in Schweden, Deutſchland und England— wo er jetzt ſein mag, weiß der Himmel!“ „Eh bien! Mit allen drei Ländern führen wir Krieg, alſo iſt Euer Sohn jedenfalls unſer Feind. Und dieſen Euern Sohn, unſern Feind, verfolgen wir ge⸗ rade. Wißt Ihr was? Ich werde Euch ſo lange vier Mann Einquartierung geben, bis wir ihn haben oder Ihr uns ſagt, wo er zu finden iſt.— Armand!“ Hier wandte er ſich an den Sergeanten, der etwas hinter ihm ſtand und ein kleiner, aber ſtämmiger Mann mit krauſem ſchwarzen Haar und ächten Sä⸗ 147 belbeinen war,„Ihr bleibt mit drei Mann hier und haftet für dieſe Familie. Euern Dienſt zu Hauſe wird Larrüe verſehen. Niemand von den Bewohnern dieſes Hauſes verläßt dieſen Garten. Jeden Morgen und jeden Abend durchſuchen zwei Mann die Umge⸗ gend. Punkt zwölf Uhr Mittags ſchickt Ihr mir täg⸗ lich einen Mann zum Rapport.— Ihr aber, mein Herr Strandvogt, werdet dieſe Leute wie Freunde ver⸗ pflegen, oder der Teufel ſoll Euch mit Euerm Schuft von Sohn zugleich holen.“ „So,“ erwiderte der unerſchütterliche Strandvogt, trotzdem ihn der Sergeant mit einer abmahnenden Geberde vom Sprechen zurückhalten wollte.„So, Ihr habt geſprochen, Herr, nun laßt auch mich einmal zu Worten kommen. Bin ich verpflichtet, Eure Befehle zu erfüllen, wie? Ich bin gewohnt, dergleichen Auf⸗ träge von meiner Behörde zu empfangen, und nur meine Behörde hat das Recht, mich mit Einquartie⸗ rung zu belegen.“ „Schweigt, alter Narr,“ donnerte der Capitain, „oder Ihr reitet Euch noch tiefer in's Verderben. Wenn wir fort ſind, tobt, ſchreit und brüllt, ſo laut Ihr wollt, jetzt aber haltet das Maul.— Vor allen Din⸗ gen, Sergeant, durchſucht das Haus, ob der verfolgte Burſche vielleicht darin verſteckt iſt. Außerdem, Gran⸗ 148 zow, zahlt Ihr, weil Ihr ſo viel Gold im Munde habt, jedem meiner Leute täglich einen ſchwediſchen Thaler, und wenn Euer Sohn in acht Tagen nicht entdeckt iſt, hundert Thaler Contribution, dafür, daß Ihr Eurer Schuldigkeit nicht nachkommt, was ein Be⸗ weis für Euern böſen Willen iſt. Abgemacht!“ „Herr!“ ſchrie der Strandvogt empört auf,„wie ſoll ich das zahlen? Und wo ſoll ich die Einquar⸗ tierung laſſen? Ich bin darauf nicht eingerichtet.“ „Silence, Monsieur! Mort de ma vie! Wollt Ihr noch eine beſſere Rechnung haben?— Adieu, mes amis, faites votre devoir!— Challier, was giebt's?“ Bei dieſen Worten, während er ſchon einige Schritte nach ſeinem Pferde gethan, drehte er ſich nach dem jungen Lieutenant um, der im Garten ſtehen geblie⸗ ben war und einen Ausruf des Wohlbehagens ausge⸗ ſtoßen hatte. „Ein prächtiges Mädchen, Capitain, voilà!“ Der Capitain wandte ſich nun auch nach Hille um, die während der militairiſchen Scene, die der kleine Tyrann von Spyker mit großer Würde auf⸗ führte, ſich ruhig abgewendet und ungeſtört ihre Ar⸗ beit fortgeſetzt hatte, als ginge ſie der traurige Vor⸗ fall nicht im Geringſten an.„Eh bien!“ rief er, ſein großes ſchwarzes Auge bohrend auf das Mädchen richtend,„c'est vrai. Mais en avant, Messieurs, une autre fois. Il est déjà trop tard aujourdhui! Und ohne den drei mehr niedergedonnerten als überraſchten Bewohnern des Kiekhauſes einen Gruß zu ſpenden, traten die Herren aus dem Garten, beſtie⸗ gen ihre Pferde und galoppirten in ſüdlicher Richtung davon, um ihren Morgenritt noch etwas weiter aus⸗ zudehnen. Der alte Strandvogt ſtand ſchweigſam, in einer Art Erſtarrung ſeinen Platz behauptend und mit ver⸗ glaſten Augen den Abreitenden nachſchauend da. Mut⸗ ter Ilske ſaß auf einer Bank, hatte den Kopf in die Hände auf den Tiſch gelegt und weinte; nur Hille allein bewahrte ihre Faſſung, obgleich ſie ganz bleich geworden war, raffte ſchnell die ausgelegte Wäſche zuſammen und trug ſie in's Haus, ohne nur einen Blick auf den zurückbleibenden Sergeanten und die drei reitenden Jäger zu werfen, die ſchon Anſtalt trafen, ihre Pferde durch die Gartenpforte zu führen. „Hört mal, guter Freund,“ ſagte nun der Ser⸗ „geant, der ſeine Herrſcherſtunde gekommen ſah, in gu⸗ tem Deutſch, denn er war ein Elſaſſer von Geburt und ſeinen Stammverwandten nicht perſönlich abge⸗ neigt,„Ihr ſeid in Wahrheit ein recht großer Narr. 150 Mit Capitain Caillard von den Kaiſerlichen Chas- seurs à cheval ſpricht man nicht, wie Ihr geſprochen habt. Der iſt der Mann dazu, Euch und Eure ganze Sippſchaft in's Loch zu ſtecken und vier Wochen lang kalt Waſſer ſaufen zu laſſen. Wohlan, zeigt mir Eure Zimmer, und wenn Ihr mir was Gutes zu eſ⸗ ſen gebt, will ich Euch den Rath ertheilen, mit den hundert Thalern Euch nicht zu übereilen, vorausge⸗ ſetzt, daß wir Viere den unſrigen alle Tage richtig er⸗ halten. Was den Speiſezettel anbelangt, ſo eſſe ich ſehr gern Gebratenes, darum aber braucht die Suppe und das Gemüſe nicht zu fehlen. Nur verbitte ich mir alle Tage die Fiſche als Zwiſchengericht; zwei⸗ mal wöchentlich, das mag genügen. Wenn Ihr Wein habt, ſo werdet Ihr mich ſehr erfreuen, ſonſt aber habe ich auch in dieſem Lande gelernt, einen ſüßen Punſch zu trinken. Die Kühe, die ich in dem Stalle da brüllen höre, treibt auf die Weide, das iſt ihnen geſunder; dafür werde ich unſre Pferde dort einſtellen, und wenn Ihr ihnen gut Futter gebt, ſo will ich mir es gern ein paar Wochen bei Euch gefallen laſ⸗ ſen. Wohlandenn, nun geht mir in’s Haus voran und ſpielt einen liebenswürdigen Wirth.“ „Ihr habt gut reden,“ erwiderte der Vogt, der ſchon merkte, daß ſich mit dieſem kleinen Befehlsha⸗ —O—ſj— 151 ber werde auskommen laſſen und dem jetzt erſt die Sprache wiederkehrte,„aber woher ſoll ich das nehmen, was von mir ſo ungerechter Weiſe verlangt wird?“ „Nun, aus Eurem Säckel, Freund, oder wollt Ihr vielleicht gar meinen auf Borg haben?“ „Ich bin aber kein reicher Mann!“ „Das hat der Capitain auch gemeint, ſonſt würde er Euch mit zehn Mann beglückt und tauſend Thaler abgefordert haben.“ „Es iſt gut,“ rief der Strandvogt mit grimmigem Geſicht, indem er ſich der gemeinen Inſelſprache be⸗ diente, die kein Franzoſe verſtand,„wozu das Ge⸗ wäſch! Ich ſehe ſchon, in weſſen Krallen ich bin⸗ Hier gilt nur das Wort, das unſre Eltern bei ſolchen Gelegenheiten gebrauchten: das walte Gott und ein kalt Eiſen! Und dahin wird's kommen mit Euch, Ihr Halunken, ich prophezeihe es Euch!“ „So ſchickte er ſich als Mann in das Unvermeid⸗ liche und trat mit dem Sergeanten in's Haus, wo ſich dieſer, der ein vernünftiger Mann war, mit des Strandvogts beſter Stube begnügte und keinen Mar⸗ moorſaal mit Sammtteppichen verlangte. Die frü⸗ here Schlafſtube wurde von jetzt an der beſtändige Aufenthalt der ganzen Familie, wenn ſie nicht im Freien war, und Hille trennte ſich faſt keine Minute * 4 152 von ihnen, nachdem ſie jede Schmeichelei der galanten Franzoſen mit ſo kernigem Blicke ein für alle Mal beſeitigt hatte, daß man bald einſah, mit der Dirne ſei nicht zu ſpaßen. Noch bevor aber die vier Krieger Beſitz von ihrer Stube oder eigentlich vom ganzen Hauſe nahmen, denn ſie benutzten Alles, Großes und Kleines, nach ihrem Gefallen, trug der Strandvogt die kleine eiſerne Kiſte, in der ſich Hille's ererbtes baares Vermögen befand, in ſeine Schlafkammer herab, verbarg ſie tief unter dem Kopfkiſſen und legte ein haarſcharf geſchlif⸗ fenes Entermeſſer daneben, mit ganzer Seele bereit, es dem Erſten Beſten, der es wagen würde, ſich an dieſem Heiligthum zu vergreifen, bis an den Griff in's Herz zu ſtoßen. Serhſtes Bapitel. Der belohnte Kirchgang. Daß das Leben im Kiekhauſe in den folgenden Tagen unter obwaltenden Umſtänden nicht mehr ſo harmlos und angenehm war, wie früher, bedarf wohl kaum der Erwähnung, und doch war es noch er⸗ träglich genug, da die einqartierten Soldaten umgäng⸗ liche Menſchen waren und namentlich der Sergeant mit ſich ſprechen ließ, wenn er gut gefüttert wurde, was Hille unter Anderm vortrefflich verſtand. Ueber⸗ haupt bemächtigte ſich dies kühne und hochherzige Mädchen in dieſen trüben Tagen, ohne daß man wußte, wie es geſchah, der Zügel der Herrſchaft im Hauſe, und da Mutter Ilske halb gebrochen und der Strandogt vor verhaltenem Zorn kaum einer ruhigen Ueberlegung fähig war, ſo that ihre Hülfe in der That Noth und bald hatte man ſich dergeſtalt an ihr 154 Schalten und Walten gewöhnt, daß man ſie nicht mehr entbehren zu können glaubte. Daher war es denn auch kein Wunder, daß die Neigung der Alten zu ihr immer tiefere Wurzeln ſchlug und ihr Ver⸗ trauen immer größer und begründeter wurde. Hille brachte ihnen nun aber nicht blos ihre ganze geiſtige Kraft dar, nein, ſie opferte auch ihre materiel⸗ len Mittel, um dem Oheim in der Noth beizuſtehen. Aus ihrer Taſche erfolgten die Zahlungen an die Sol⸗ daten, da der geringe Beſitz des unbegüterten Vogts für die Ernährung der Männer und das Futter der Pferde gänzlich in Anſpruch genommen wurde.„Ihr könnt es mir künftig wiedergeben,“ ſagte Hille lä⸗ chelnd, als der Vogt ſich anfangs ſträubte, das Geld von ihr anzunehmen und es lieber von einem Be⸗ kannten in Sagard oder Saſſenitz borgen wollte, „wenn Ihr durchaus darauf beſteht, jetzt aber hab' ich's einmal bei der Hand und ſo braucht Ihr nicht den ſchweren Gang auf Borg zu thun.“ Nur ſelten ſprach ſie mit den fremden Männern im Hauſe; wenn ſie aber mit ihnen ſprach, ſo ge⸗ ſchah es in einem Tone und mit einer Miene, die allen Vieren gewaltig imponirte, wie es faſt immer der Fall iſt, wenn ein Weib, das ſeiner Bildung, ſei⸗ ner Würde ſich bewußt iſt, Männern gegenüber ſteht, 155 die nicht allzu roh ſind und neben ihrer größeren phyſiſchen Kraft Ehrgefühl und Rechtlichkeitsſinn be⸗ ſitzen. So geſchah es denn, daß namentlich der Ser⸗ geant einen gewaltigen Reſpect vor dem Mädchen be⸗ kam und ihr ſogar eine ſtille Verehrung widmete, die auch einſt ihre Früchte tragen konnte, wie Hille ganz richtig bemerkte. So milderte ſie auch ſein Verfahren, als er nach drei Tagen vom Capitain Caillard den Befehl erhielt, dem Vogt die Waffen abzunehmen, die er vermuthlich beſäße, und nach Spyker abzulie⸗ fern, wo ſich ſchon ein ganzes Arſenal von auf ähn⸗ liche Weiſe erbeuteten Vertheidigungsgegenſtänden an⸗ gehäuft hatte. Als der Commandirende im Kiek⸗ hauſe durch eine Ordonnanz obigen Auftrag empfing, erfuhr ihn Hille zuerſt, und als nun nach einer hal⸗ ben Stunde der Sergeant nach den Waffen forſchte, ergab es ſich, daß nur zwei unbrauchbare Piſtolen und ein ſtumpfes Dolchmeſſer vorhanden waren, die denn auch eiligſt nach Spyker wanderten, worüber der Strandvogt beinahe ein heiteres Kichern hören ließ. Trotzdem nun die Verhältniſſe unter den erwähn⸗ ten Umſtänden noch immer erträglich genug waren, Hille zum Guten rieth und ſelbſt Gutes that, wo ſie nur konnte, und dabei ruhig und heiter wie immer erſchien, ſo fraß doch insgeheim ein nagender Wurm 156 an ihrem Herzen und ſie ſchaute oft betrübt über die ſtille See hinaus, wenn ſie einen Augenblick allein oder unbeobachtet war. Am härteſten aber litt ſie Nachts, wenn ſie allein auf ihrem wohlverſchloſſenen Giebelzimmer im Bette lag und, nachdem ſie ihr Ge⸗ bet zu Gott geſprochen, in Gedanken ſich Alles klar zu machen ſuchte, was jetzt in ihr und um ſie her vorging. Daß ſich dieſe Gedanken viel mit dem jun⸗ gen Mann beſchäftigten, der augenblicklich der Haupt⸗ gegenſtand der allgemeinen Zärtlichkeit oder von an⸗ derer Seite des lebhafteſten Ingrimms war, wer wollte das zu läugnen verſuchen? Nein, ſie geſtand ſich auch ſelbſt ein, daß ſie um ihn beſorgt war, faſt noch mehr und in einem ganz anderen Sinne als die zärtliche Mutter, und gerade dieſes Eingeſtändniß, dieſes all⸗ mälige Bewußtwerden ihres ſeit jenem Beſuche Wal⸗ demars auf Bakewitz neu erwachten Gefühls flößte ihr den meiſten Kummer und die größte Sorge ein, da ſie ſie leider keinem von allen ihren Angehörigen offenbaren konnte. Denn wie ſollte ſie dieſes Gefühl vor den Ohren der Menſchen benennen? Ach, einen Namen hatte ſie ja ſelbſt noch nicht dafür, und den gewöhnlichen Namen, mit dem man dergleichen Ge⸗ fühle zu benennen pflegt, wagte ſie ſich ſelbſt nicht auszuſprechen, da ſie nicht die geringſte Hoffnung 157 hegte, daß es von Waldemar erwidert würde. Und doch mußte ſie endlich zu einem Entſchluſſe ſchreiten, der ihr ſchon lange vor der Seele ſchwebte, wenn ſie Gewißheit erhalten wollte, ob Waldemar wirklich in Spyker war; dazu trieben ſie zwei Beweggründe un⸗ widerſtehlich an. Erſtens jammerte ſie das leiſe Schmerzgeſtöhn der betagten Mutter und das beklommene Athmen des alternden Vaters, wenn ſie von dem Schickſal ihres einzigen Sohnes ſprachen; Beide mit der Nachricht zu tröſten, daß dieſer Sohn in Sicherheit ſei, ſchien ihr von Tage zu Tage immer nothwendiger zu wer⸗ den. Sodann aber beſorgte ſie auch von Waldemar's Seite ein unvorſichtiges Handeln, wenn er in ſeinem Verſtecke etwa zufällig erführe, was die Eltern in Saſſenitz ſeinetwegen zu leiden hätten. Ach, ſie kannte den kühnen Unternehmungsgeiſt des jungen Mannes ſehr wohl und wußte, daß er ſeine eigene Sicherheit vergeſſen würde, wenn es galt, ſeinen Eltern von Nutzen zu ſein, und ihm begreiflich zu machen, daß er jetzt für ſich allein ſorgen müſſe, um alle die Sei⸗ nen für künftig nicht noch mehr zu betrüben, das war die Aufgabe, die ſie ſich bei dem Unternehmen geſtellt hatte, das ihr allmälig näher und näher vor Augen rückte. 158 Immer ſtiller, nachdenklicher, ſchweigſamer wurde ſie um dieſe Zeit, immer häufiger zog ſie ſich nach vollbrachter Arbeit in ihr Giebelſtübchen zurück, im⸗ mer ſehnſüchtiger ſchaute ſie in die Richtung, wo Spyker lag, und immer höher hob ſich ihr Buſen von bangen Seufzern, wenn ſie dachte, daß es viel⸗ leicht in ihrer Macht liege, das herbe Geſchick der drei Menſchen zu erleichtern, die ihr jetzt die theuerſten auf 3 der Welt waren. Dachte ſie auch wohl ein wenig an ſich ſelbſt dabei? Wer mag das nicht zugeſtehn? Aber ſie dachte an ſich nicht in vorderſter Reihe, ihre Wünſche waren die letzten, die ſie zu befriedigen hoffte, wie⸗ wohl dieſelben, eben weil es die ihrigen waren, ſie ohne Zweifel befeuerten, die That zu unternehmen, die ſie ſich nicht vorgeſetzt, nein, die unter den ob⸗ „waltenden Verhältniſſen ſich ihr förmlich aufgedrun⸗ gen hatte. Endlich aber war ſie zum Handeln entſchloſſen, nur das Wie der Ausführung war ihr noch nicht . ganz klar geworden. Waldemar mußte ſeiner Eltern wegen gewarnt werden, und um die Eltern zu beru⸗ higen, mußten ſie wiſſen, daß dies geſchehen wäre. Wer aber ſollte dieſe Warnung übernehmen? Eine hülfreiche Hand hatte ſie nicht, unter den jetzigen Um⸗ 159 ſtänden war auf keinen männlichen Beiſtand von Außen her zu rechnen, jeder ihre Schritte wurde be⸗ obachtet und der Vogt ſelber oder einer der Seinigen durfte nur unter Begleitung eines der Jäger an den Strand hinabgehen, um irgend einen Menſchen zu ſprechen. So mußte ſie denn alſo allein die War⸗ nende ſein, und daß ſie es ſein wollte, ſtand bereits bei ihr feſt. Aber die Ausführung, wie ſollte die möglich werden? Zwei Nächte lang dachte ſie darü⸗ ber ununterbrochen nach, Alles erwog ſie im Geiſte, und endlich glaubte ſie einen Schimmer von Mög⸗ lichkeit tagen zu ſehen, das Werk gelingen zu machen, welches ſie nun einmal mit eiſerner Beharrlichkeit in’s Auge gefaßt hatte. Als ſie am Morgen nach dieſer Nacht in's Früh⸗ ſtückszimmer zu den Alten trat, war es das erſte Mal, daß ſie heiter lächelnd der Mutter die Lippen und dem Vater die Stirn zum Kuſſe bot, was auch ſo⸗ gleich Beiden zu Herzen ging. „Na, Kätzchen,“ ſagte der Alte, einen ſeiner Lieb⸗ lingsausdrücke gebrauchend, wenn er bei guter Laune war,„was giebts denn? Warum denn ſo munter bei dieſen Zeiten?“ „Ich habe gut geſchlafen, Oheim,“ erwiderte ſie 160 leicht erröthend,„und Gott hat mir einen naomien Ge⸗ danken eingegeben.“ „Gott giebt nur gute Gedanken, mein Kind,“ ſagte die fromme Mutter,„und es wundert mich alſo nicht, daß er ſich diesmal gerade an Dich gewandt hat.“ „Sprich ihn aus, ſprich ihn aus, Hille!“ rief der Alte.„Ich höre gern etwas Gutes, wenn Alles um mich her ſchlimm iſt.“ „Ich werde morgen die Kirche in Sagard beſu⸗ chen,“ ſagte Hille ernſt und feſt, und vermied dabei, ihr ſanftes Auge zu den verwunderten Mienen der al⸗ ten Leute zu erheben. „Die Kirche in Sagard?“ fragte erſtaunt der Strandvogt.„Wie willſt Du denn dahin kommen, da Du das Haus nicht verlaſſen darfſt?“ „Das ſoll einmal meine Sorge ſein,“ ſcherzte beinahe Hille.„Ihr werdet ſehen, daß ich dahin ge⸗ lange, wie es auch ſei.“ „Nun das walte Gott, mein Kind, dann bete für mich mit!“ rief die Mutter mit ſchon durch dieſe frohe Ausſicht erquicktem Herzen. „Für mich kannſt Du auch ein paar Worte hinzu⸗ fügen, Mädchen,“ ſagte freundlich der Alte,„das heißt, wenn Du erſt da biſt, woran ich noch zweifle.“ „Heute Abend, noch ehe Ihr zu Bett geht, werdet 161 Ihr nicht mehr daran zweifeln. Jetzt aber ſchweigt davon, da klopft der Sergeant an's Fenſter und ruft Dich hinaus, Oheim.“ Der Abend dieſes Samſtags war ein ſo lieblich warmer und windſtiller, wie er auf Rügen im Juni nur ſelten gefunden wird. Alles, was im Kiekhauſe lebte, hatte das Freie aufgeſucht, theils um ſich an der ſommerlichen Luft zu erquicken, theils aber auch um den Anblick der ſpiegelglatten Meeresfläche zu ge⸗ nießen. Lebhaft plaudernd, wie dies Volk es kaum anders kann, ſaßen die drei franzöſiſchen Reiter auf der Grasbank zwiſchen den Bäumen und machten die herrliche See und das, was darin und darauf ſein Weſen trieb, zum Gegenſtande ihrer Unterhaltung. Nicht weit von ihnen entfernt, bald nach der Land⸗ ſeite des Gartens, bald nach der See hin ſich wen⸗ dend, wandelten der Strandvogt und Mutter Ilske, in leiſem Geſpräch begriffen, während Hille auf einer kleinen Bank in der Fliederlaube des Vorgärtchens ſaß und ihren träumeriſchen Gedanken Raum ließ, zu fflattern, wohin ſie wollten, obwohl ſie ſonſt nicht zu den Leuten gehörte, die in dieſer müheloſen Beſchäf⸗ tigung einen Zeitvertreib finden. Der Strandvogt. II. 11 162 Mit auf dem Rücken über einander geſchlagenen Händen ging dagegen der Sergeant Armand zwiſchen den kleinen Beeten des Gartens vor dem Hauſe hin und her, grübelnd und ſchwankend, welcher von den I drei verſchiedenen Parteien er ſich anſchließen ſolle. V Er wäre recht gern zu den beiden Alten gegangen, aber da Hille allein in der Laube ſaß und ihre Ge⸗ ſellſchaft nicht theilte, ſo zog er es vor, noch eine Weile allein zu bleiben, bis dieſe Vereinigung ſpäter erfolgt ſei, denn dem jungen Mädchen aus freier Hand nahe zu kommen, war ihm noch nie geglückt, da daſ⸗ ſelbe einen wunderbaren Takt und die Fähigkeit be⸗ ſaß, ſich von ſolchen bei Männern ſeiner Gattung be⸗ liebten Unterhaltungen frei zu halten. Wie verwundert war er daher, als er plötzlich ſei⸗ 8 nen Namen von der einſamen Hille rufen hörte und, ſeinen Kopf erhebend, ob er auch recht gehört, ſich V überzeugte, daß ſie wirklich diesmal geſagt, was aus ihrem Munde dem eitlen Franzoſen außerordentlich V lieblich klang. Mit einem kühnen Satze, wie ihn nur ein Reiters⸗ mann unternehmen kann, ſprang er über die Beete fort, die ihn von Hille trennten, und ſeinen Schnurrbart . lebhaft ſtreichend, befand er ſich augenblicklich an des 4 jöönen Mädchens Seite. 163 „Ein ſchöner Abend, Monſieur Armand, wie?“ „Herrlich, göttlich, unbezahlbar!“ rief der entzückte Elſaſſer, dem das Glück, ſo vertraulich angeredet zu werden, noch nicht zu Theil geworden war. „Setzen Sie ſich zu mir, ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.“ Der Sergeant hatte ſo ſchnell Platz genommen, wie wenn er einen Befehl ſeines Generals zu befolgen gehabt hätte.„Womit kann ich Ihnen zu Dienſten ſtehen?“ fragte er galant. „O, ich wollte nur ein wenig plaudern, weil ich den ganzen Tag beſchäftigt geweſen bin.“ „Das iſt wahr, ich habe es wohl geſehen. Sie geben ſich viele Mühe mit dem Hausweſen.“ „O, das ſcheint Ihnen nur ſo; ich ordne ja nur an, was die Trude nachher ausführt.— Sagen Sie einmal, Herr Sergeant, ſind Sie verheirathet?“ Der verliebte Reiter ſpitzte nicht allein die Ohren, ſondern auch etwas voreilig den Mund.„Verheira⸗ thet?“ fragte er, beinahe verſchämt.„Ach Gott, nein, bei dieſen Zeiten darf man daran nicht denken. Wenn aber einmal erſt Friede unter den Völkern iſt, dann bin ich gewiß der Erſte, der ſich ein Weib ſucht.“ „So theilen Sie Ihrem Kaiſer Ihren Wunſch mit, — 11* 164 vielleicht erfüllt er ihn, denn er macht ja Krieg und Frieden, wie er will.“ „Parbleu, ma chère! Das ſagt man einem Kai⸗ ſer nicht und am allerwenigſten dem großen Napo⸗ leon.“ „Er iſt wohl ein geſtrenger Herr, Mr. Armand?“ „Das wollt ich meinen, aber das ſteht ihm auch an, denn er iſt der größte Mann auf der Welt.“ „So. Iſt er auch fromm?“ Der Sergeant kniff ſeine kleinen ſchwarzen Au⸗ gen etwas zu, als wäre er nicht recht in der Lage, darüber zu urtheilen.„Warum wird er nicht fromm ſein!“ ſagte er dann etwas leiſe. „Ich dachte mir nur, daß er es nicht iſt, weil er die Leute vom Kirchgange zurückhält.“ „Wie, das thut er? Mon dieu! Davon habe ich aber noch nie etwas gehört.“ „Sie können es aber ſehen— ſehen ſie nur mich an.“ „Ah! Hält Sie denn der Kaiſer vom Beſuche der Kirche zurück?“ „Verſteht ſich! Er hat Sie hierhergeſchickt und Sie geſtatten mir nicht einmal, die Kirche zu beſu⸗ chen.“ Der überliſtete Elſaſſer ſpielte eine komiſche Figur. 165 Er wand ſich wie ein Aal und wußte nicht, wie er die Grauſamkeit von ſich abſtreifen ſollte, die ihm ſo ganz wider Vermuthen aufgebürdet war. Endlich hatte er ſich beſonnen und einen großen Entſchluß gefaßt. Zuerſt ſchmunzelte, dann lächelte er ſtolz; endlich warf er ſich in die Bruſt und ſagte mit wichtiger Miene, wie immer, wenn er von ſeinem Kaiſer ſprach: „Seine Majeſtät iſt gnädig und großmüthig, man wende ſich an ihn, wenn man eine Bitte hat.“ Hille hob mit rührender Geberde beide Hände em⸗ por, legte die Handflächen zuſammen, neigte etwas den Kopf und ſagte ſchalkhaft lächelnd: „Majeſtät, laſſen Sie mich morgen die Kirche in Sagard beſuchen, ich muß einmal eine Predigt hören und vor einem Altare beten.“ Seine Majeſtät war vollkommen erweicht, aber zu⸗ gleich auch in die fröhlichſte Laune verſetzt.„Das iſt charmant, das iſt charmant!“ rief er, ſich ſchüttelnd vor Lachen—„So bin ich doch auch einmal ein Kai⸗ ſer geweſen! Ja, mein Kind, gehen Sie in Gottes und des Kaiſers Namen morgen zur Kirche— in Sagard, ſagen Sie?“ „Ja, in Sagard.“ „Wieviel Zeit nimmt das hinweg?“ „Mindeſtens zwei und eine halbe Stunde.“ * „Bah! da brauchen Sie viel Zeit, um zu beten. Wir gehen bei uns in die Kirche, beugen ein Knie, beſprengen uns mit Weihwaſſer, ſagen ein Gebet her, beſprengen uns wieder und— fertig ſind wir.“ „Es läßt ſich hier nicht anders machen, da die nächſte Kirche ſo weit entfernt iſt.“ „Ich ſehe es ein, ich ſehe es ein. Meinetwegen bleiben Sie vier Stunden aus, wenn Sie überhaupt nur wiederkommen.“ „Ich danke Ihnen, Mr. Armand, und jetzt will ich meinem Oheim und der Tante von Ihrer Güte Mittheilung machen.“— Sie ſtand auf, knixte und begab ſich zu den alten Leuten, die eben im Begriff ſtanden, in das Haus zu⸗ rückzukehren, und mit Staunen die Nachricht in Em⸗ pfang nahmen, die Hille ihnen triumphirend mit⸗ theilte.— Am nächſten Morgen Punkt neun Uhr war Hille zum Kirchgange gerüſtet. Der Sergeant bot ſich zur Begleitung, wenigſtens auf eine Strecke durch den Wald an, aber Hille dankte mit ihrer beſtimmten ab⸗ lehnenden Miene und ſagte, ſie ſei gewohnt, allein in dieſem Lande zu gehen, die Hirſche und Kühe thäten ihr nichts. „Aber die Menſchen?“ -— „Die ſehe ich nicht und an die denke ich nicht, wenn ich zu Gott gehe.“ Mit dieſen Worten ſchlug ſie den Weg nach We⸗ ſten ein, der nach Sagard führt, und in dem köſtli⸗ chen Gefühl, einmal nach längerem Zwange frei wie ein Vogel in den Lüften zu ſein, eilte ſie mit ihrem elaſtiſchen Schritte flüchtigen Laufes davon, ſo daß der Sergeant nicht unterlaſſen konnte, ihr mit Ver⸗ gnügen nachzublicken, ſo lange er ſie unter den Bäu⸗ men mit den Augen erreichen konnte. Hille dagegen, voller Eifer, den friſchen Athem der freien Gottesnatur einzuſaugen, blickte ſich nicht ein⸗ mal nach dem Sergeanten um, wie er doch ganz ge⸗ wiß erwartet, ſondern hatte nur Augen für den Glanz und die Herrlichkeit, die über die Waldung und den Moosteppich ausgegoſſen waren, auf dem ſie hin ſchritt. Prachtvoll funkelte der Morgenſonnenſchein aus den azurblauen Höhen hernieder und die Sänger in den duftenden Büſchen verkündeten wetteifernd ihre Luſt und Fröhlichkeit darüber. Wohl eine Viertelſtunde brachte Hille damit zu, dem lieblichen Sange der Vögel zu lauſchen und die grünen Blätter zu begrüßen, die ſich über ihr wölb⸗ ten und die einmal Ruhe hatten vor dem Winde, der faſt täglich durch ſie ſtrich und ihnen ein wehklagen⸗ 168 des Rauſchen abzwang; dann aber, als ſie ſich voll⸗ geſogen von der balſamiſchen Luft, fing ſie langſamer an zu gehen und kam in ihren ſie durchbebenden Em⸗ pfindungen plötzlich auf die Urſache zurück, die ſie zu dem heutigen Kirchgange veranlaßt hatte. Bereits in der vergangenen Nacht hatte ſie ihren Plan zu Stande gebracht und um die Ausführung deſſelben tummelten ſich jetzt alle ihre Gedanken. So war ſie denn mit ſich dahin übereingekommen, zuerſt die Predigt anzu⸗ hören, dann aber zu dem guten Paſtor von Willich oder dem Diakonus Wohlfahrt zu gehen, wer nun die Predigt halten würde, und einen von ihnen um Rath zu fragen, wie ſie am beſten erfahren könne, ob Wal⸗ demar Granzow im Schloſſe Spyker wäre. Was dann geſchehen würde, wußte ſie noch nicht, aber darum bangte ſie auch nicht. War nur erſt wieder ein Schritt vorwärts gethan, ſo würde der nächſte ſchon von ſelbſt folgen. Hille's Plan, wie ihr Zweck, mußte ein guter ſein, ſonſt hätte ihn die Vorſehung gewiß nicht ſo ſehr und ſo raſch begünſtigt, wie es wirklich geſchah, und da⸗ bei bediente ſie ſich ganz anderer Mittel, als auf welche Hille in ihrer einfachen Sinnesweiſe verfallen war. Denn als ſie auf dem einſamen Wege, den heute ₰— 169 kein Menſch außer ihr betrat, fortgeſchritten war und ſich dem Flecken Sagard bis auf wenige Minuten genähert hatte, ſo daß ſie ſchon die Glocken läuten hören konnte, die zur Kirche riefen, ſah ſie auf dem⸗ ſelben Wege einen Reiter daherkommen, der eben erſt das Städtchen verlaſſen haben mußte. Er hatte ſei⸗ nem ruhigen Pferde die Zügel auf den Hals gelegt, ——* — 2— e 5 8 hielt den leichten Strohhut in der Linken und trock⸗ 8 nete ſich mit der Rechten den Schweiß von der Stirn, 3 denn es war ſchon am frühen Morgen gewaltig heiß. Als er mit dieſem Geſchäfte zu Ende gekommen, ſteckte . er das Tuch in die Taſche und holte eine große Brille hervor, die er mit möglichſter Genauigkeit feſt auf die Naſenwurzel ſetzte. Erſt als dies geſchehen war, ergriff er die Zügel wieder und wollte eben ſein ſtei⸗ fes Pferd in Trab bringen, als er Hille auf ſich zu ſchreiten ſah. „Ha!“ rief er ihr ſchon von Weitem entgegen, „Sehe ich recht? Iſt das nicht Hille, des Strand⸗ * vogts aus Saſſenitz Nichte? Ja, fürwahr, ich irre mich nicht. O guten Morgen, mein ſchönes Kind, wo ſoll die Reiſe ſo eilig hingehen?“ „Nach Sagard, zur Kirche, Herr Doctor! Ich wünſche Ihnen auch einen guten Morgen.“ „„Prächtig, prächtig, mein Mäuschen, aber wart' 170 einmal ein Bischen, ich hätte wohl ein Wort mit Dir zu ſprechen.“ Er hielt ſein fortſtrebendes Pferd feſt und beugte ſich etwas zu Hille herunter, die erwartungsvoll am Sattel ſtand, denn des guten Doctors Piper Miene glänzte von einer gewiſſen heimlichen Freude, die ih⸗ rem ſcharfen Auge nicht entging. „Was machen die Alten im Kiekhauſe, he, mein Kind?“ „Sie ſind Gottlob geſund, Herr Doctor, was viel ſagen will in dieſen traurigen Zeiten.“ „Sehr viel, ſehr viel, ja wohl. Es geht nicht allen Leuten ſo gut. Ich habe außerordentlich viele Patienten, trotz des ſchönen Wetters. Höre mal, Hille, da fällt mir ein, was hat denn der Alte zu der Ver⸗ wickelung geſagt, in die ſein Sohn, der Waldemar, gerathen iſt, he?“ „Ach, Herr Doctor, er iſt ſehr betrübt darüber und wir Alle ſind es nicht minder.“ „Das dachte ich mir wohl. Weiß er denn, wo der Junge ſteckt?“ „Wenn er das wüßte, würde er nicht halb ſo traurig ſein.“ „Nun, höre mal, komm' mal ganz dicht heran, Kind, ſo— da kann ich Euch etwas tröſten.“ 171 „Wie? Sie wüßten, wo er iſt?“ „Gewiß weiß ich das, und ich habe ihn erſt ge⸗ ſtern geſprochen und ſpreche ihn alle Tage. Er iſt ganz wohlauf und ſitzt im Trockenen.“ „Wo, wo? o bitte, ſagen Sie es mir.“ „Still, nicht ſo laut— es iſt ein Geheimniß— von Wichtigkeit, Hille!“ Hille ſog jedes Wort von ſeinen Lippen, wie die Biene eifrig den Honig der Blumen ſchlürft.„Sagt ſchnell, wo er iſt!“ flüſterte ſie mit bebender Stimme und hochklopfendem Herzen. „Er iſt— in Spyker, auf dem Schloß, mit dem jungen Grafen Brahe, der ſicher geborgen im Spuk⸗ thurm ſitzt, wo Niemand ihn ſucht.“ „Ah, ich dachte es mir!“ „Wie, Du dachteſt es Dir?“ „Ja, ja, ſo ſage ich, aber ſprecht— iſt er geſund, ungefährdet?“ „Geſund iſt er wie ein Fiſch im Waſſer.“ „Aber iſt er vor jeder Entdeckung geſchützt?“ „Hm! Hm!l das hat ſo ſeine Bedenklichkeiten. Ich wenigſtens würde mich an ſeiner Stelle eben nicht bombenfeſt halten, aber der Junge iſt ein Wetterkerl und ſieht der feindlichen Vretſite wie ein Wallffiſch in's Geſicht.“ „Nun, er geht frank und frei unter den Franzoſen herum, die nicht wiſſen, wer er iſt und ihn Georg Forſt nennen und für den Neffen des Herrn von Ba⸗ gewitz auf Kloſter halten.“ Hille's Geſicht überſtrömte ein Freudenſtrahl, ſo roſig, ſo golden, wie ihn ſelbſt die Juniſonne nicht ſchöner hervorzaubern kann.„Iſt das Alles wahr, was Ihr mir da ſagt?“ „Auf mein Gewiſſen, ich werde doch dem alten Granzow und Dir keine Lüge aufbinden? Aber halt, mein Kind, jetzt muß ich weiter, ich habe einen Pati⸗ enten in Saſſenitz und hatte ſchon gedacht, einen Au⸗ genblick bei dem Alten vorzuſprechen und ihn von ſeinem Kummer zu kuriren. Nun brauche ich es nicht, Du kannſt es jetzt ſelbſt thun.“ „Wann ſeid Ihr wieder zurück, Herr Doctor?“ „Späteſtens in einer Stunde, mein Kind.“ Hille bedachte ſich im Fluge; ſie wußte ſelbſt nicht, wie es kam, daß ihr die Gedanken in voller Fluth zuſtrömten.„Hört,“ ſagte ſie eilig,„ſeid Ihr nach der Kirche zu Hauſe?“ „Bis Mittag zwei Uhr, Kind— warum?“ „Dann komme ich zu Euch, ſobald die Predigt vorbei iſt, denn ich habe eine Bitte an Euch.“ „Aha, ich kann es mir ſchon denken. Na, komm' in Gottes Namen, ich erwarte Dich. Mit Gott!“— Bei den letzten Worten hatte er ſeinem Gaule die Sporen eingeſetzt und trabte nun eilig dem Walde zu. Hille aber, die Hand feſt auf das Herz gedrückt, das ſo ſtürmiſch pochte, als ob es ſeine Bande ſpren⸗ gen wollte, ſtand geraume Zeit auf derſelben Stelle, wo er ſie verlaſſen, und ſprach mit ſich ſelbſt, auf eine ſo ernſte, bedachtſame Weiſe, und ſo voll er⸗ muthigender Zuverſicht, wie ſie noch nie in ihrem Le⸗ ben mit ſich geſprochen. Dann aber, als die Glocken der nahegelegenen Kirche noch einmal ertönten, wachte ſie wie aus einem unwillkürlichen Traume auf und, ſich zu raſchem Gange anſchickend, ſchritt ſie dem klei⸗ nen Flecken zu, der trotz ſeiner damaligen Dürftigkeit ihr doch diesmal wie ein in der Sonne blitzender Tem⸗ pel von Gold erſchien, in dem ihr die Erfüllung aller ihrer augenblicklichen Wünſche zu Theil werden ſollte. Die Kirche, oder vielmehr das Schulhaus, worin der Gottesdienſt abgehalten wurde, da die Kirche ſelbſt auch hier zum franzöſiſchen Hospitale diente, war wie immer zur Franzoſenzeit, ſehr gefüllt, und alle „Anweſende, Alt und Jung, ſchauten mit Theilnahme auf Hille hin, als ſie ſie in ihrer roſig blühenden Schön⸗ heit, die ihre innere Aufregung noch blendender machte, 174 eintreten ſahen. Als nun aber der Paſtor von Wil⸗ lich ſelber mit ſeiner unnachahmlichen Würde die Kan⸗ zel beſtieg und im Verlauf der Predigt der wohlver⸗ ſtandenen Anſpielungen auf das Schickſal der vorzüg⸗ lich Heimgeſuchten ſich nicht enthalten konnte, dabei ſein redliches Auge auf Hille wandte und den göttli⸗ chen Beiſtand auf das Haupt der Gerechten und un⸗ ſchuldig Leidenden herabflehte, da lief ein leiſes Ge⸗ murmel des Beifalls durch den kleinen Raum, und von allen Seiten nickte man dem allgemeinen Lieb⸗ linge Grüße und Wünſche zu, ſo daß die vater⸗- und mutterloſe Waiſe, von dieſen ſeltenen Beweiſen der Theilnahme tief ergriffen, ihre Thränen nicht zurück⸗ halten konnte, obgleich ihre ſtarke Seele nur ſelten die Tropfen vergoß, die ein Zeugniß unſrer menſchli⸗ chen Schwäche ſind. Ob Hille, wenn dieſe Hindeutung auf ihre perſön⸗ lichen Verhältniſſe Seitens des menſchenfreundlichen Pfarrers ihre Aufmerkſamkeit nicht angeregt hätte, jedem Worte der Predigt an dieſem Tage gefolgt wäre, bezweifeln wir faſt; denn weit davon ab wa⸗ ren ihre Gedanken zu ſchweifen geneigt und nur mit Mühe hafteten ſie anfangs auf den Dingen, die ſie vor ſich ſah, und bei den Worten, die ſie vernahm. Nachdem nun die Predigt beendet, der Gottes⸗ +— — dienſt geſchloſſen war und die Anweſenden ihre Plätze verlaſſen hatten, wurde ſie von Neuem durch die Be⸗ grüßungen ihrer Freunde und Bekannten in Anſpruch genommen. Alles ſchaarte ſich um ſie her und als endlich der edle Paſtor ſelbſt herbeikam, ihr die Hand reichte und perſönlich Worte der Theilnahme und Trö⸗ ſtung ſprach, auch viele Grüße an Oheim und Tante beſtellte, die er in den nächſten Tagen zu beſuchen ge⸗ denke, da war es, als ob das ſchöne Mädchen von Saſſenitz heute die Hauptperſon von Sagard gewor⸗ den wäre, und kaum konnte ſie ſich den hunderterlei Fragen entziehn, die über ſie hereinſtürmten, um end⸗ lich zu dem Doctor Piper zu eilen, nach dem jetzt ihr Herz allein Verlangen trug. Der gute Mann ſtieg ſo eben aus dem Sattel, als Hille ſein kleines Haus erreichte, und nachdem er ſich einige Minuten geruht und abgekühlt, kam er zu ihr in's Zimmer, wo ſeine Frau dem wohlbekannten Mädchen einen erfriſchenden Imbiß vorgeſetzt hatte. „Nun müßt Ihr mir Alles noch einmal erzählen,“ rief ihm Hille entgegen, ſprang auf ihn zu und zog ihn an den Händen auf einen Stuhl nieder,„aber auch Alles haarklein, wie es gekommen, was geſchehen iſt und was zu befürchten ſteht.“ 1476 „Ja, Kind, ja; laß mich nur erſt recht zu Athem kommen, dann will ich Dir ſagen, was ich weiß.“ Er hielt Wort. In wenigen Minuten war Hille von Allem unterrichtet, was wir ſelbſt bereits wiſſen, und wenn ſie auch nicht die verſchiedenen Einzelnhei⸗ ten erfuhr, die wir berichtet haben, ſo blieb ihr doch auch nichts Wichtiges verborgen. Als ſie ſo in die ganze Lage des Grafen Brahe und ſeines Freundes hinreichende Einſicht gewonnen, überſtrömte ſie eine neue Fluth höchſt bedeutſamer Gedanken, wenigſtens glaubte der Doctor das aus ihrem Benehmen ſchließen zu müſſen. Den Zeigefinger der rechten Hand auf die friſchen Lippen gedrückt, mit der Linken noch im⸗ mer ihr laut ſchlagendes Herz haltend, ging ſie ge⸗ neigten Kopfes im Zimmer hin und her. Schweigend ſaß der Arzt in ihrer Nähe, beobachtete ſie ſcharf, wie es ſeine Gewohnheit war, und las aus ihren blitzen⸗ den Augen und ihrer geſpannten Miene, daß ſie ſich innerlich bedenke und einen heraufdämmernden Ent⸗ ſchluß nach allen Seiten überlege. Plötzlich trat ſie vor den Doctor hin, legte ihre Rechte auf ſeine Schulter und ſagte:„Lieber Herr Doctor, noch eine Bitte habe ich an Euch, vielleicht ſogar zwei. Zuerſt nun ſagt mir, aber genau, es . 177 hängt Viel davon ab— wo ſtehen die Franzoſen auf dem Lande zwiſchen hier und Spyker?“ „Oho!“ rief der gutmüthige Arzt,„willſt Du ſie attakiren, Mädchen? Das laß nur bleiben, denn das iſt kein Handwerk für ſo ſchmucke Weibsbilder, wie Du eins biſt.“ „Sagt es, geſchwind, ich muß es wiſſen.“ „Nun, wenn Du es durchaus wiſſen mußt, dann werde ich wohl auch mit der Sprache heraus müſſen. Aber das iſt ſehr einfach, Kind. Zunächſt von hier ſtehen einige Mann, vielleicht ihrer Zwanzig, in Capelle, dann erſt in Promeuſel wieder, dann in Ned⸗ deſitz, Falkenburg und Hagen— Du ſiehſt, kreuz und quer haben ſie Grund gefaßt, wo ſie gerade ein ſaf⸗ tiges Stück Erde und ein friſches Laib Brod fanden.“ Hille lächelte.„Ja,“ ſagte ſie„ſie ſtehen ſehr kreuz und quer— dann wäre ja wohl der gerade Weg von hier bis Spyker, außer Capelle und Neddeſitz, unbeſetzt?“ „Halt, Mädchen, in Bobbin ſtehen ſie auch, ich darf Dir das nicht verheimlichen. „Vielleicht auch in Quoltitz?“ „Ei warum nicht gar— in Quoltitz! Sie wer⸗ den ſich hüten, in die Nähe der Gräberſtadt zu gehen, wie ſie ſie nennen, nein, davor haben ſie einen hei⸗ Der Strandvogt. II. 12 178 ligen Reſpect. Die Kerle ſind abergläubiſch und fürch⸗ ten ſich vor Geſpenſtern, wie die Kinder, es iſt bei⸗ nah zum Lachen— und wenn ſie von Jasmund's Oſtküſte nach Spyker wollen, machen ſie immer einen Umweg von anderthalb Stunden bis Ruſchwitz, um nur das Todtenfeld zu vermeiden.“ Iſt das richtig, ganz richtig, lieber Herr Doctor?“ „Ich werde Dir doch nichts Falſches ſagen, da ich alle Tage die Stubnitz kreuz und quer durchreite? Aber wozu willſt Du das Alles wiſſen, Du willſt doch nicht etwa die Jungfrau von Orleans auf Rü⸗ gen ſpielen?“. „Keinen Scherz jetzt, Herr Doctor!“ rief Hille und ſtreckte ihre Hand mit einer ſo ſprechenden Geberde nach ihm aus, daß er ſogleich verſtand, daß er wieder ſchweigen ſolle, was er auch ſofort that. Hille ging jetzt noch einmal innerlich mit ſich zu Rathe, und überaus wichtig war für ſie, was ſie in dieſem Augenblick dachte. Das mochte dem guten Doctor auch wohl einleuchten, denn er wurde plötzlich ordentlich ernſthaft, was ſelten bei ihm der Fall war, und betrachtete das ſchöne Mädchen mit einer ſo re⸗ ſpectvollen und theilnehmenden Miene, wie noch nie zuvor. Endlich war Hille mit ſich aufs Reine gekommen. 2 179 Sie ſchöpfte tief Luft, warf einen Blick durch das Fenſter nach dem gütig lächelnden Himmel und, gleich⸗ ſam von ihm Stärke und Beiſtimmung empfangend, kehrte ſie ſich zu dem Arzte um und ſagte mit viel leiſerer Stimme als vorher und mit bittendem Tone: „Herr Doctor, könnt Ihr mir ein Blatt Papier, Fe⸗ der, Tinte und Siegellack geben?“ 3 „Ein ganzes Buch, Mädchen, wenn es nöthig iſt. Da, da liegt gleich etwas in dem Kaſten. Aber ich werde ſelber in meine Stube gehen, ſo lange Du ſchreibſt, damit ich Dich nicht ſtöre.“ „Nein, Ihr könnt hier bleiben, ich ſchreibe nur wenige Worte, und was ich ſchreibe, ſollt Ihr noch heute mit nach Spyker nehmen, da Ihr noch hinü⸗ berreitet, wie Ihr geſagt habt.“ „Nach Spyker? Ich? Den Brief mitnehmen? Aber an Wen wird er denn gerichtet ſein?“ „Das werdet Ihr ſehen, wenn Ihr ihn empfangt.“ Gleich darauf begann Hille raſch einige Zeilen auf das Papier zu werfen und in wenigen Augen⸗ blicken war ſie damit fertig. Dann ſchrieb ſie etwas langſamer ihren Namen darunter, ſtreute Sand dar⸗ Jauf, faltete den Bogen und fing an, ihn von allen Seiten zuzuſiegeln, wie es Frauen thun, wenn ſie be⸗ abſichtigen, recht ſicher zu Werke zu gehen. 12* 180 „Nun, nun,“ ſagte ſchmunzelnd der alte Doctor, indem er näher an den Tiſch trat, auf dem Hille ſchrieb,„es iſt genug damit. Du kannſt verſichert ſein, daß kein ſterbliches Auge da hinein ſchauen kann, und darfſt immerhin meinen Siegellack etwas ſcho⸗ nen.— Nun aber die Adreſſe, Kind!“ Hille beſann ſich wieder.„Nein,“ ſagte ſie, es iſt beſſer, ich ſchreibe ſie nicht darauf. Der Brief könnte verloren gehen.“ „Verloren? Ja, wenn ich mit verloren ginge, da ich ihn beſtellen ſoll.“ „Ihr ſollt ihn beſtellen, aber man muß heutzutage vorſichtig ſein.“ „Aber dann muß ich doch wiſſen, an Wen ich ihn abliefern ſoll?“ „Ja, ja— da— da habt Ihr ihn, ich binde ihn Euch auf die Seele.“ „Nun, wenn Du ihn in meine Taſche legſt, iſt er auch ſchon ſicher genug. Und Wer ſoll ihn erhal⸗ ten?“— „Der Sohn des Strandvogts auf Saſſenitz.“ „Das heißt, Waldemar Granzow auf Spyker.“ „Derſelbe, der ſich jetzt Georg Forſt nennt,“ fügte Hille mit hoch gerötheten Wangen hinzu, da ſie die 181. Luchsaugen wohl bemerkte, mit denen ſie der Doctor durchforſchte. „Hm, hm!“ ſagte er.„Ja, ja, er ſoll ihn haben. Vor fünf Uhr ſchon iſt er in ſeinen Händen, ich reite um Drei.— Willſt Du ſchon fort?“ Hille hatte ihr Tuch bereits in der Hand, das ſie zuſammengefaltet über den Arm legte.„Ja,“ erwi⸗ derte ſie,„ich muß fort, es iſt die höchſte Zeit, man erwartet mich gewiß ſchon lange zu Hauſe.— Herr Doodttor, da, nehmt meine Hand— ich danke Euch von Herzen für Eure Freundſchaft. Wenn ich kann, will ich ſie vergelten. Lebt wohl— lebt wohl!“ Sie flog zur Thür. Der Arzt begleitete ſie bis vor das Haus, kaum im Stande, ein Wort zu ſpre⸗ chen, weil er ſich die eigenthümliche Stimmung des ſonderbaren Mädchens, ihre Haſt und die Flammen, die ihr Auge ausſprühte, nicht recht erklären konnte. „Hm!“ ſagte er zu ſich, als er in ſeine Stube zurück⸗ gekehrt war und den kleinen Brief wohl zehnmal von hinten und vorne beſah—„bin ich doch mein Leb⸗ tage nicht ſo neugierig geweſen, wie heute. Wenn ich doch wüßte, was in dieſem Briefe ſteht! Es wa⸗ ren nur zwei Zeilen, die ſie mit ſicherer Hand, ob⸗ gleich innerlich tief bewegt, ſchrieb. Ja, ja, eurioſe Zeiten bringen curioſe Verhältniſſe zu Wege. Am 1828 Ende— wer kann es wiſſen und wer ſollte nicht da⸗ ran denken— hat ſie mich zu ihrem Liebesboten ge⸗ dungen— haha! in meinen alten Tagen! Das iſt mir noch nie paſſirt.— Aber ein Mädel iſt ſie, wie ich noch keins in meinem Leben geſehen habe, weiß es Gott! Ein Paar Augen hat ſie— und eine Taille und— ah, bah! Was geht ſie mich an! Sie iſt geſund und ich bin nur— für die Kranken!“— Siebentes Mapitel. Das Todtenfeld bei Quoltitz. Als Hille das Haus des Doctors und endlich ganz Sagard hinter ſich hatte, eilte ſie mit beflügelten Schritten dem Walde und ſeinen Schatten zu. Sie fühlte die Hitze nicht, die Blumen und Gräſer beugte, ſie war ſtärker als dieſe, denn in ihrem Geiſte thronte ein kühner Gedanke und in ihrem Herzen brannte ein tiefes Gefühl, und Beides hat ſchon manchen ſengen⸗ den Sonnenſtrahl bewältigt und manchen eiſigen Windhauch bezwungen. Sie wußte nicht, auf wel⸗ chem Wege ſie ſchritt, denn ſie hatte bereits einen Weg im Auge, der weit ab von dieſem lag; ſo ſchwand der Moosteppich auf dem Fußſteige, den ſie gewählt, unter ihren Füßen und die Bäume tanzten an ihr vorbei, ohne daß es ihr auffiel, daß die Vögel in den Zweigen jetzt ſchwiegen und die Sonne beinahe ſenk⸗ recht über ihrem Scheitel ſtand. Erſt eine kurze Strecke vor'm Kiekhauſe ward ſie aus ihren Träumen geriſſen und an die Wirklichkeit des Lebens erinnert, als ſie auf dem Wege von Saſ⸗ ſenitz her die Geſtalt Mr. Armand's unter den Bäu⸗ men auftauchen ſah, der die Zeit nicht erwarten konnte, bis ſie wieder unter ſeinen Befehlen ſtand, da er während ihrer Abweſenheit an die Folgen gedacht hatte, die ſein willkürliches Schalten und Walten herbeiführen könne, wenn Capitain Caillard oder ein anderer Officier nach dem Kiekhauſe käme und eine Perſon weniger darin vorfände. „Na,“ rief er ihr ſchon aus der Ferne entgegen, „es iſt gut, daß Ihr wieder da ſeid. Ich habe Angſt genug ausgeſtanden.“ „Warum denn? Gab es denn etwas zu fürchten?“ „Sacrebleu! Genug! Ihr konntet mir ja ent⸗ wiſchen und ich wäre dann der geprellte Kerkermeiſter geweſen.“ „Da Ihr ſeht, daß Ihr es nicht ſeid, könnt Ihr Euch raſch zufrieden geben.“ „Ja, ja, aber Ihr ſollt mir ſo bald nicht wieder zur Kirche gehen.“ „Ich habe auch keine Luſt dazu— es iſt ſehr heiß.“ Hat der Mann gut gepredigt?“ 185 „Vortrefflich!“ „Wovon hat er denn geſprochen?“ „Von— von der Pflichterfüllung der Menſchen unter einander. Einer müſſe dem Andern helfen, wo er nur könne, da wir Alle einmal in Nöthen gera⸗ then könnten.“ „Ha! Das paßt auch auf mich.— Hat er noch etwas Anderes geſagt?“ „Ja. Die Menſchen ſollten ſich wie Brüder lie⸗ ben und den böſen Feinden vergeben, was ſie Ueb⸗ les thun; denn ſchon der Heiland hätte geſagt: ver⸗ gebet ihnen, ſie wiſſen nicht, was ſie thun, und erſt recht nicht, wenn ſie im Argen befangen ſind.“ „Im Argen? Hat er das geſagt? Sacre dieu! das iſt ein kühner Mann, in dieſer Zeit und unter unſern Augen das zu ſprechen!— Und was hat er noch geſagt?“ „Daß wir uns nur in der Heimat wohl befänden und das würden die Franzoſen auch noch einmal einſehen, wenn ſie erſt wieder zu Hauſe wären, was ihnen Gott in ſeiner Gnade zu Theil werden laſſen möge.“ Mr. Armand ſeufzte. Er mochte denken, daß der heilige Mann in vielen Dingen Recht habe, alſo auch in dieſen. 186 „Und da— da iſt meine Heimat, Mr. Armand. Jetzt bin ich wieder zu Hauſe und recht froh darüber. Ich danke Ihnen für Ihre Begleitung und will nun zu meinen Verwandten gehen. Guten Morgen!“ Und raſch vor ihm in die Thür ſchlüpfend, ſchlug ſie ihm dieſelbe vor der Naſe zu und war auf dieſe Weiſe flugs ſeinen verlangenden Augen entſchwunden. „Mille tonnerres!“ fluchte der franzöſiſche Reiter, „das iſt ein Blitzmädel, aber ſie hat ein Auge auf mich oder ich will kein Franzoſe ſein!“ Hilles ſofortige Mittheilung, daß Waldemar un⸗ ter dem Namen Georg Forſt in Spyker geborgen und Graf Brahe im geheimnißvollen Spukthurm heimlich verſteckt ſei, brachte, wie es nicht anders ſein konnte, bei den Eltern des Erſteren anfangs eine außeror⸗ dentliche Freude hervor. Kaum aber war der erſte Rauſch derſelben vorüber, ſo ſtellte ſich ihre Kehrſeite im menſchlichen Leben, die Sorge ein, daß dieſes ge⸗ fahrloſe Verborgenſein denn doch nicht lange dauern werde und könne, da es zu viele Möglichkeiten gebe, den wahren Namen des jungen Mannes zu entdecken und ihn dann um ſo ſchonungsloſer den feindlichen Gerichten zu überliefern. -137 Obgleich Hille einſah, daß die Beſorgniß der El⸗ tern um Waldemar nicht unbegründet ſei, tröſtete ſie ſie doch, ſo viel in ihren Kräften ſtand, indem ſie den Glauben zu erwecken ſuchte, daß Waldemar ſelbſt ſich nicht für allzu ſicher halten und für alle Fälle auf einen guten Ausweg bedacht ſein werde.„Es wird aber doch gut ſein,“ fügte ſie mit eigenthümlicher Wärme hinzu,„wenn man ihn warnt vor jeder Ueber⸗ eilung und ihm den Rath giebt, eben ſo an Eure wie ſeine Zukunft zu denken, denn Vorſicht iſt in al⸗ len Dingen die Mutter der Weisheit.“ „Ja, ja,“ beſtätigte der alte Strandvogt ihre An⸗ ſicht,„man muß ihn warnen, der Junge iſt zu trotzig auf ſein Glück. Von Jugend an dachte er immer mehr an den Angriff als an den Rü ag, und ging mit kecker Stirn auf jedes Hinderniß los. Kein Wetter war ihm dick genug, keine Welle zu hoch, kein Wind zu unbändig, wenn er ein Ziel auf der See vor Au⸗ gen hatte, und darum war ich froh, als er aus dem Hauſe kam und den Gefahren meines Berufes und Amtes entrückt wurde. Nun aber walten die „Sterne des Himmels wunderbar! Wer auf dem Meere umkommen ſoll, verbrennt nicht, und umgekehrt, und meinen Jungen verfolgte die Gefahr auf jedem Schritte ſeines kurzen Lebens auch auf dem Lande. Jetzt ſehen 188 wir ihn wieder darin, Hille, Du beſtätigſt es, und lerne dabei, wie viel Kummer dem Menſchen zu Theil wird, wenn ihm auch Freude und Hoffnung von Gott geſchenkt ward. Es iſt ein wahrer Segen, daß Du dem alten Doctor begegnet biſt, aber Du hätteſt ihm nur anempfehlen ſollen, den Jungen tüchtig in's Ge⸗ biß zu nehmen, damit er nicht durchgeht in ſeinem Ueber⸗ muthe.“ 2 „Uebermüthig iſt er nicht, Oheim, ach nein! Nur zu kühn, und das iſt eher eine Tugend als ein Feh⸗ ler. Auch wird ihm,“ fügte ſie mit geſenktem Kopfe hinzu,„der Doctor ein paar Worte in meinem Na⸗ men ſagen und ich werde weiter darüber nachdenken, wie man ihm die Warnung zu Theil werden läßt.“ „Thu das, Kind, Du beglückſt uns damit.— Und nun, Ilske, laß uns etwas Warmes genießen. Zum erſten Mal ſeit den zwölf Tagen, daß die Franzoſen uns den Daumen auf's Auge halten, fühle ich Appe⸗ tit— und den danke ich dem guten Mädel da.“ So war denn dieſer Tag ein kleiner Freudentag im Kiekhauſe geworden, und weder der Strandvogt noch ſeine Frau ahnten in ihrer Herzenseinfalt, daß Eine unter ihnen lebte, deren Sorge noch größer und lebendiger war, als die ihrige je geweſen, wenngleich im Kopfe Jener ſich ſchon Gedanken regten, auch dieſe 189 Sorge abzuſchütteln und, mit Aufopferung ihrer eige⸗ nen Ruhe, über die Ruhe der Uebrigen zu wachen. Da Hille dieſe Gedanken nur im Stillen hegen und im eignen Herzen verarbeiten konnte, ſo war es natürlich, daß ſie an dieſem wie an dem folgenden Tage ſich ſo viel wie möglich von den Ande in abge⸗ ſondert hielt, um keine Minute entſchlüpfen zu laſſen, die vorliegenden Verhältniſſe mit aller Sorgfalt zu erwägen. Stundenlang blieb ſie in dieſen beiden Ta⸗ gen auf ihrem Giebelzimmer eingeſchloſſen, und wenn Mutter Ilske kam, um nachzuſehen, was ſie treibe, ſo fand ſie ſie in der Bibel leſend, obgleich die gute Alte, wenn ſie genauer hingeblickt, wohl hätte wahr⸗ nehmen können, daß die zuerſt aufgeſchlagene Seite noch immer nicht umgeblättert war.. Endlich am Abend des folgenden Tages, es war ein Montag, war Hille mit ihrem ſtillen Grübeln auf's Reine gekommen, jetzt wollte ſie ſogar nicht mehr länger nachdenken, da ſie ſich ſelbſt geſtehen mußte, daß das nichts mehr helfe, da ja die Stunde gekom⸗ men war, den Vorſatz, den ſie in glühender Aufre⸗ gung gefaßt, mit kaltem Blute auszuführen. So ſtand ſie denn, eben als die Sonne, die am Nachmit⸗ tage einige Wolken bedeckt, ſich dem weſtlichen Hori⸗ zonte zuneigte, an ihrem Fenſter, blickte auf das ſtill wogende Meer hinaus, hielt die Hände vor ſich ge⸗ faltet und ſagte: „Nun, mein Gott, nimmſt Du die Sonne vom Himmel, deren Scheiden ich heute mit Sehnſucht er⸗ wartet habe. Laß es recht dunkel werden auf den Pfaden, die ich zu wandeln geſonnen bin, aber ſende mir wede r Regen noch Sturm von Außen, da genug Sturm in meinem Innern iſt.— Ob ich nicht viel⸗ leicht thöricht handle? Ob ich auch in allen Dingen recht thue? Wer weiß es und kann es ergründen? Ich nicht, denn Niemand kann ſich und ſeine Hand⸗ lungen ſelbſt richtig beurtheilen. Und doch ſagt mir ein wogendes Gefühl in meiner Bruſt, daß ich in einem Punkte recht thue und nicht unklug handle, und das iſt der Punkt, daß ich meine eigene Sicherheit ſo wenig be⸗ 1 denke, um einem Anderen von Nutzen zu ſein und ſeinen Anverwandten den Kummer zu verſcheuchen ſuche, der ſie für ſpätere Tage bedroht. Was er ſelbſt davon denkt, das darf mich nicht kümmern, und ſollte er meine Einmiſchung in ſein Schickſal ſogar verdammen, ich würde dennoch auf meinem Vorſatz beſtehen, den ich ja jetzt nicht mehr ändern kann. Freilich, wenn ich es recht bedenke, ſo hätte ich ihm die Warnung auch ſchreiben können, wie ich ihm die Einladung ſchrieb, aber das konnte ich nicht, ich weiß ſo ſchon nicht, wo⸗ — 121 her ich die Faſſung genommen, die paar Zeilen an ihn zu Stande zu bringen. Nun iſt es zu ſpät, et⸗ was Anderes zu erſinnen, ich bin fertig mit mir und Gott wird ſorgen, daß ich auch mit ihm fertig werde.“ Als ſie Dies zu ſich geſprochen, ſtieg ſie in das Un⸗ terhaus hinab, ſetzte ſich mit dem Strandvogt und ſei⸗ ner Frau auf die Bank unter den Bäumen und be⸗ trachtete das wallende Meer, über welches die Abend⸗ dämmerung langſam herabſank, wobei ſie mit Ver⸗ gnügen die Aeußerung des Oheims vernahm, daß die Nacht finſter zu werden und der Nebel wiederzukom⸗ men drohe, der ihr Heimatland ſo oft in ſeine Schleier hüllt. „Wird es ſtürmen und regnen, Oheim?“ fragte ſie raſch, als ſie den Sergeanten herankommen ſah. „Ich nehme kein Anzeichen davon wahr, Kinder,“ lautete die Antwort,„aber wer kann es wiſſen, der nicht weiß, wo die Sürme gebraut und die Regengüſſe geſammelt werden!“— Die Nacht war gekommen, finſter und doch dabei windſtill, wie es der Strandvogt vorhergeſagt. Als ob der Himmel über die vergängliche Schönheit eines nordiſchen Sommertages traure, war er mit einem 192 düſtren Flore überzogen, kein Stern ließ ſich blicken, ſo weit und ſcharf das Auge des zu einer ernſten That entſchloſſenen Mädchens auch rings herum am Horizonte ſpähen mochte. Gegen zehn Uhr erklärte ſich Hille ermüdet und ging in ihr Stübchen hinauf, nachdem ſie den Ver⸗ wandten eine gute Nacht geſagt und Mr. Armand heimlich eine Flaſche Rum, ein großes Stück Zucker und ein paar Citronen aus den Vorräthen des Hau⸗ ſes verabreicht hatte, mit dem Hinzufügen: es ſei eine trübe ſchläfrige Nacht im Anzuge und es werde ihm wohlthun, vor'm Schlafengehen eine angenehme Stär⸗ kung zu genießen. „Sie hat wahrhaftig ein Auge auf mich!“ dachte der Sergeant frohlockend im Stillen,„ich ſage es ja! Mag der Teufel wiſſen, wie es zugeht, aber ſie ge⸗ hört mir, wenn ich will. Armand! Armand! Sei ge⸗ ſcheidt! Fange es vernünftig an, wenn Du die Fo⸗ relle fangen willſt, die wunderbar ſchmiegſam, aber auch wunderbar lecker iſt!“ Und er ſtrich den ſchwar⸗ zen Schnurrbart noch einmal ſo hoch hinauf und ſchlürfte mit doppeltem Behagen das ſtarke Getränk ein, das er mit lüſterner Zunge für ſich und ſeine Kameraden bereitet hatte. Aber gegen halb elf Uhr ſpürte er ſchon die Wir⸗ kung dieſes Getränks. Er fühlte ſich entſetzlich müde und ſuchte tappend ſeine Streu, auf welcher die drei anderen Jäger ſchon ausgeſtreckt lagen, um bald mit ihm um die Wette zu ſchnarchen und nicht eher als bis kurz vor Anbruch des Tages aufzuwachen. Auch der Strandvogt ſchlief ſchon feſt, nachdem er noch einmal nach dem Wetter geſchaut und mit halbem Ohr den Abendſegen angehört hatte, den ihm ſeine Frau regelmäßig vorm Zubettgehen vorzuleſen pflegte. Nicht ſo Hille. Nachdem ſie ein paar feſte Schuhe angezogen, ihre Kleider, um recht bequem zu gehen, hoch geſchürzt und ihr Windtuch über den Arm ge⸗ nommen hatte, löſchte ſie ihr Licht, öffnete die Thür und horchte hinaus. Da ſie nichts hörte, was ihrem Thun hinderlich ſein konnte, ſchlich ſie auf den Zehen hinaus und ſchloß ihre Thür von Außen zu, worauf ſie ſchon am Tage das Schloß durch ſäuberliche Oe⸗ lung vorbereitet hatte. Leiſe nun die Treppe hinun⸗ terſchleichend, an deren Fuße auf dem Flur ſie die Schnarchtöne der vier Franzoſen vernahm, glitt ſie zur Hinterthür, öffnete den Riegel und ſchlüpfte hin⸗ „aus, worauf ſie ſie wieder feſt einklinkte, ohne ſie je⸗ doch von Außen zuzuſchließen, um jedes unnütze Ge⸗ räuſch zu vermeiden. So ſtand ſie, im Freien und Der Strandvogt. II. 13 194 nun erſt athmete ſie froh und leicht auf, denn der erſte Schritt ihres kühnen Unternehmens war geglückt. Leiſe dann um das Haus herumhuſchend, trat ſie in den Garten, öffnete behutſam die Gatterthür und ſchloß ſie wieder. Lächelnd nach dem ſtillen Hauſe zurückblickend wandte ſie ſich dann ſchnell um, als dürfe ſie keine Zeit verlieren, und eilte mit behenden Schritten zuerſt auf dem Wege nach Sagard hin, bis ſie tief im Walde war und den Pfad erreichte, der mitten durch den wildeſten Theil der Stubnitz zwi⸗ ſchen Sagard und der Förſterei Werder nach Promeu⸗ ſel führt.. Im Walde war es noch viel finſterer als auf freiem Felde, denn kein Licht erleuchtete ſeine an und für ſich ſchon dunklen Pfade, da auch der Himmel diesmal ſeine nächtliche Spende verſagte. Nur ein ſehr genau mit den verwickelten Wegen vertrauter Wandrer mochte ſich in dieſen labyrinthartigen Wal⸗ dungen zurechtfinden, welche die ragenden Bäume, die mit Moos bewachſenen Steingerölle, die hier und da auftauchenden düſteren Gräber der Vorzeit und das dicht wuchernde Farnkraut nebſt den übrigen dornigen Gebüſchen noch unzugänglicher machten. Aber Hille brauchte keinen Wegweiſer, ihr Licht brannte in ihrem muthigen Geiſte, und mit einer zur zweiten Natur ge⸗ 8 31 3 wordenen Sicherheit bewegte ſie ſich leicht auf dem beſchatteten Pfade dahin, bald an dieſer bald an je⸗ ner Stelle irgend ein Zeichen wahrnehmend, was ihr verrieth, wo ſie war und welche Richtung ſie ferner einzuſchlagen habe. Sie mochte wohl nicht ahnen, daß der Weg, den ſie in dieſer ſtillen Nacht wandelte, in ſpäterer Zeit gelichtet und häufig betreten werden würde, denn ſie durchſchnitt einen Theil der Stubnitz, der eben ſo reich an Denkmälern der Vorzeit, wie ſchön und herrlich an weitreichenden Fernſichten iſt und bis zum heuti⸗ gen Tage alljährlich unzählige Wanderer anlockt, die nun nicht mehr mit den Windungen des ſchmalen Weges, mit dem dornigen Geſtrüpp und dem faſt zu üppig wuchernden Mooſe zu kämpfen haben, wie ſie noch zu Hille's Jugendzeit jenen Theil der Jasmun⸗ der Halbinſel bedeckten. Wir erwähnen alſo auch von dieſen ſchönen Punk⸗ ten nichts und überlaſſen es dem Leſer, der Richtung zu folgen, die Hille in dieſer Nacht einſchlug, wenn er einmal das ſchöne Land beſucht, in das wir ſeine Phantaſie eingeführt haben.. Anfangs war der Weg bergig, den Hille verfolgte, und da ſie von Hauſe aus den Gang mit haſtigen 13 ½ 4 196 —— Schritten begann, keuchte ihre Bruſt bald und ihr Herz ſchlug fühlbar gegen die Hand, womit ſie es zu beſchwichtigen verſuchte. Als ſie aber ihre Eile mä⸗ ßigte, beruhigte ſich das bewegliche Organ wieder und ſo ſetzte ſie ungehindert ihren Weg fort. Das Dorf Lanken mit ſeinen Wieſen zur Linken laſſend und das quellenreiche Bruch bei Clementelwitz vermei⸗ dend, hielt ſie ſich ſo viel wie möglich im Walde, da ſie hier am wenigſten einem Menſchen zu begegnen vermeinte und ſich leicht verbergen konnte, wenn etwa zufällig Jemand des Weges zöge. Aber ſie ſah und hörte Niemanden und Nichts hinderte ſie, ruhig fort⸗ zuſchreiten. Nur bisweilen vernahm ſie das Gackern einer munteren Holztaube oder das tiefe Balzen des Auerhahns, der ſein Weibchen ruft, oder das Häm⸗ mern eines ruheloſen Spechts, der auch Nachts auf Beute ausgeht. Selbſt die beim dämmernden Nacht⸗ lichte in noch tieferem Schatten ruhenden rieſigen Grabhügel hatten für ſie nichts Störendes, ſie war von Kindesbeinen daran gewöhnt, ſie zu beſuchen, zu erklimmen und von ihrer beträchtlichen Höhe auf das tiefer liegende Land hinabzuſchauen. Einmal ſogar, als ſie an eine Stelle im dichteſten Waldberge kam, wo, wie ſie wußte, ein bequemer Sitz zur Ruhe ein⸗ lud, ſetzte ſie ſich einen Augenblick, um über den eigentlichen Zweck ihres Vorhabens noch einmal nach⸗ zudenken. Aber wunderbar, ſo ſehr ſie ſich auch bemühen mochte, im Stillen Alles zu wiederholen, was ſie ſpre⸗ chen wollte, wenn die Gelegenheit dazu gekommen wäre, es war ihr jetzt nicht möglich, das ſo oft Be⸗ dachte noch einmal in geordneter Folge vor ihre Seele zu rufen, da ihr die Gedanken ſeltſam verworren im Kopfe ſchwirrten. Seufzend erhob ſie ſich wieder und ſetzte um ſo eifriger ihren Weg fort, um das noch ferne Ziel zur rechten Zeit zu erreichen. Hille war, wie wir wiſſen, ein kräftiges und ge⸗ ſchmeidiges Mädchen, ſie ging daher keinen ſchläfrigen Schritt, wie wir es jetzt an vielen ihrer Landsmän⸗ ninen wahrnehmen, auch merkte ſie bald, daß ſie warm wurde, denn die Nacht war überaus mild und kein Wind kühlte die ſtehende Luft in der Waldung ab, auf welche die Sonne den ganzen Tag ihre hei⸗ ßen Strahlen herniedergeſandt hatte. Aber je wär⸗ mer ſie ſich werden fühlte, um ſo leichter wurde ihr das Gehen, um ſo flüchtiger trat ſie einher und ſie hatte kaum eine gute halbe Stunde gebraucht, um bis zu dem Dorfe Promeuſel zu gelangen, von dem ſie wußte, daß es Franzoſen beherbergte. Sie um⸗ ging es daher, überſchritt einen der höchſten Berge —— —— 198 der Inſel, auf dem in zwei Reihen geordnet zehn weithin ſichtbare Kegelgräber ragen, von denen die Franzoſen, nach Schätzen wühlend, in ihrer vanda⸗ liſchen Vertilgungswuth ſchon mehrere zerſtört hatten, und kam hinter Promeuſel auf den befahrenen Weg, der über Beustrin und Falkenburg nach Vietzke führt, wo die Berge flacher werden und theilweiſe ſogar die Waldungen aufhören. Als ſie aber eine Strecke über den letztgenannten Ort hinausgekommen war, ſchauerte ſie zuſammen; nicht aus Furcht, obwohl ſie in der Nähe eines kleinen Erlengebüſches den großen Granit⸗ block liegen ſah, den man den Opferſtein mit der be⸗ rühmten Blutrinne nennt und der alljährlich Hun⸗ derte von wißbegierigen Reiſenden anzieht. Nein, darum ſchauerte ſie nicht, ſondern darum, weil ſie jetzt in die Nähe des Ortes gelangt war, wohin ſie Denjenigen beſchieden, um deſſenwillen ſie die nächt⸗ liche Reiſe unternommen hatte.„Wird er kommen? Wird er auch nicht zürnen, daß ſie ihn der Gefahr ausgeſetzt, verfolgt zu werden? Wird er ihre Bitten ruhig anhören, ihre Wünſche erfüllen und ſein Leben — ſeiner Eltern wegen— ſchonen?“ 3 Ach! Alle dieſe Gedanken flogen jetzt blitzſchnell durch ihr Gehien und regten abermals das arme Herz zu heftigerem Schlage auf. Sie drückte beide Hände 199 gegen die klopfenden Schläfe und fühlte zum erſten Mal dabei, daß ihr der Schweiß in hellen Strömen von der Stirn niedertropfte. Dachte ſie auch an ſich in dieſem Augenblick? Vielleicht! Wahrſcheinlich ſogar! Denn welches Mäd⸗ chen von Hille's heißen, obwohl tief verborgenen Ge⸗ fühlen weiß nicht, ahnt wenigſtens nicht, daß ein noch ſüßerer Beweggrund ihre Thatkraft in Bewegung ſetzt, als der iſt, einen Mann— ſeiner Eltern wegen — vor einer drohenden Gefahr zu warnen? Ja, o ja, ſie dachte an ſich, und gerade weil ſie an ſich dachte, fürchtete ſie, Waldemar Granzow, der immey in ſeiner ganzen ernſten männlichen Würde vor ihren Augen ſtand, könne zürnen, daß ſie ihn aus ſeinem ſicheren Verſteck an dieſen abgelegenen Ort gelockt habe, aus keinem anderen Grunde, als um eine halbe Stunde mit ihm zu— ſprechen. Sie ſtand alſo an dem alten, einſamen, in ſo tie⸗ fes Dunkel gehüllten Opferſtein und lehnte ſich feſt an ihn an, denn da, dort drüben, ihr zur rechten Hand, dehnte ſich in ſeiner öden Weite, in ſeiner trü⸗ ben Verlaſſenheit das Todtenfeld von Quoltitz aus. Schon ein düſterer Ort bei hellem Tagesſonnenlichte, der, ſobald man ihn nur ſieht, an eine heidniſche Be⸗ gräbnißſtätte oder, wie Andere wollen, an eine finſter 200 drohende Gerichtsſtätte erinnert, iſt er mit ſeinen un⸗ zähligen, regelmäßig aufgerichteten Gräbern, die der dunkle Wachholderſtrauch bekränzt oder der ſtachliche Dornſtrauch unnahbar macht, in einer dämmerigen Nacht ein grauſiger Aufenthaltsort, über dem die Schauer des Todes einer längſt vergangenen Zeit zu ſchweben ſcheinen. Todtenſtille breitet ſich über das ganze Thal aus, in welchem das Todtenfeld ſelbſt ver⸗ borgen vor den Blicken der umwohnenden Menſchen liegt, kühl ſauſt allein der furchtloſe Wind über das dürre Haidekraut, womit die Gräber und der Boden, in dem ſie wurzeln, bewachſen ſind. Wenn die Men⸗ ſchen, die unter dieſen Steinen ſchl afen? mit einem Male erwachten aus ihtem tauſendjährigen Schlum⸗ mer und geharniſcht, wie ſie zur Ruhe gingen, her⸗ vorträten aus ihren Gräbern, wenn ſie uns Kunde brächten von ihren Tagen, die uns im trübſten Dun⸗ kel liegen, wenn ſie wieder ihre Mordluſt und heidni⸗ ſches Gelüſten ausgöſſen über die durch das Chriſten⸗ thum ſo licht und heiter gewordene Welt— was würden wir ſagen, was denken, was thun, falls ſie mit ihrer herkuliſchen Kraft und ihrer vernichtenden Thatenluſt überhaupt uns Zeit ließen, etwas zu den⸗ ken, zu ſagen, zu thun? Aehnliches mochte vielleicht Hille denken, als ſie an dem Steine lehnte, der noch warm war, nicht von dem Menſchenblut, das einſt an ihm herabgefloſſen, ſon dern von den heißen Strahlen der gütigen Sonne, die den ganzen Tag über ihm gelächelt hatte, aber plötzlich fuhr ſie zuſammen, denn es däuchte ihr, ſie hätte das Grollen und Rauſchen des Meeres vernom⸗ men, das nicht weit von ihr an die Küſten von Jas⸗ mund brandet, und dieſes Grollen einer großen uner⸗ meßlichen Gewalt, die nur der Athem Gottes aufzu⸗ regen braucht, um aller Menſchen Werke in Trümmer zu ſchlagen, erinnerte ſie an das Grollen der Men⸗ ſchen ſelber, die nicht der Athem Gottes aufzurühren braucht, um ihre Mitmenſchen zu hetzen, zu fangen, zu richten— zu richten— ol! dieſer Gedanke jagte ſie in Angſt, wie ſie noch keine heute empfunden hatte, und fort von dem Steine, wo ſie ſo Schreckliches ge⸗ dacht, floh ſie thaleinwärts über das kahle Feld des „ Todes von Quoltitz hin. Athemlos gelangte ſie ſo endlich an eine Stelle, die ſie Waldemar genau bezeichnet hatte; raſch ſetzte ſie ſich, innerhalb eines Kranzes von Wachholderſträu⸗ chern, die in dieſer thauigen Nacht einen balſamiſchen „Geruch aushauchten, auf einen der kleinen bemooſten Steine, die unregelmäßig durch einander geworfen darin umherlagen. Hier, verborgen vor jedem Spä⸗ 202 herblick, ſelbſt wenn es Tag geweſen wäre, ſuchte ſie zum letzten Mal ihr Herz zu beruhigen, und doch ſollte es ihr nicht mehr gelingen, denn aus einer Angſt verfiel ſie jetzt in die andere. Hatte ſie bisher nur an die Menſchen gedacht, die ihr fern waren durch Zeit und Raum, durch Geſinnung und Gefühl, jetzt dachte ſie an einen Menſchen, der ihr nahe war, viel⸗ leicht an Zeit, an Raum, durch Geſinnung gewiß— aber auch durch das Gefühl? Ach nein, davon hatte ſie keine Kunde, denn Waldemar war nicht der Mann, ſeine Gefühle einem Mädchen gegenüber zu zeigen, das wußte ſie, und eben weil ſie es wußte, war er ihr vielleicht um ſo theurer. „Wird er kommen? Wird er ausbleiben?“ Das war der Hauptgedanke, der ſie jetzt durchbebte. Erſt in zweiter Linie kam der Gedanke:„wird Dein Han⸗ deln ihm recht und eines Mädchens würdig ſcheinen? Was werde ich ihm zuerſt ſagen— o mein Gott, ich weiß nichts mehr, gar nichts, was ich ihm ſagen wollte— und wo ſind meine Gedanken geblieben! Wenn er nur jetzt noch nicht kommt, nein, nein, noch nicht!“ Da rauſchte, nur wenige Schritte von ihr entfernt Etwas in den Gebüſchen. Sie ſprang auf, ſie horchte mit dem Ohr und dem Herzen zugleich— es war 203 ein Menſch, ja, denn erkennbar war ſein wuchtiger Tritt und ein einziger Menſch konnte es nur ſein, der in dieſer Stunde den Todtenkranz auf dem Todten⸗ felde bei Quoltitz aufſuchte. Der durch die Schatten der Nacht und die Ge⸗ büſche verdunkelte Eingang zum ſogenannten Todten⸗ kranze wurde plötzlich noch dunkler gemacht durch einen tieferen aber beweglichen Schatten, der einer Geſtalt angehörte, die auf dem ſchmalen gewundenen Wege durch die Dornbüſche raſch dahertrat, einen vom ſchnellen Laufe keuchenden Athem hören ließ und, als ſie den Todtenkranz ſelbſt erreicht hatte, bedachtſam den Kopf vorſtreckte, um innerhalb des duftenden Wach⸗ holdergebüſches genaue Umſchau zu halten. Hille ſprang auf, ihr vor Aufregung überlaut ſchlagendes Herz hatte ihr den Liebling— Mutter Ilske's verrathen. Sie trat ihm ſchwankend einige Schritte entgegen und, unvermögend, ein einziges Wort hervorzubringen, ſtreckte ſie nur die Hand der anderen Hand entgegen, welche die ihrige ſchon zu ſuchen ſchien. Dann aber, einen Augenblick gleichſam innerlich von Aufregung gebrochen, geknickt, beugte ſie ſich vorn über, als wolle ſie ihren Kopf auf ſeiner Schulter ruhen laſſen, plötzlich aber, alle geiſtige Kraft zuſammenraffend, erhob ſie ihn wieder und trat zurück, 204 hielt jedoch immer noch ſeine Hand mit der ihrigen feſft. „Hille,“ ſagte Waldemar mit ſeiner feſten klang⸗ reichen Stimme,„Du biſt es, ja, ich fühle es mehr, als ich es ſehe! Und auch ich bin hier, wie Du mir geheißen— ſprich, was willſt Du von mir?“ „Waldemar, ich grüße Dich zuerſt— Doch was ich von Dir wollte? Ich weiß es wahrhaftig nicht, jetzt nicht— doch ja, ich wollte Dich zunächſt fragen, ob Du mir zürneſt, daß ich Dich hierher rief und der Gefahr ausſetzte, von Deinen Feinden verfolgt und ergriffen zu werden.“ Waldemar lächelte.„Nein,“ ſagte er leiſer,„ich zürne Dir gewiß nicht, obgleich ich Dich fragen ſollte, wie Du dazu kommſt, mir einen ſo kurzen und Dir einen ſo weiten Weg aufzuerlegen, da doch das Umge⸗ kehrte viel angemeſſener und ausführbarer geweſen wäre.“ „Nein, Waldemar, das beſtreite ich Dir. Ich laufe keine Gefahr, wenn ich auch am hellen Tage durch ganz Rügen wandle, Du aber darfſt Dich vor Nie⸗ mandem ſehen laſſen; dieſen Ort aber wählte ich, weil er der ſicherſte von allen und außerdem ſo nahe bei dem unbekannten Ausgange des Spykerſchen Schloſſes gelegen iſt.“ 205 Waldemar lächelte abermals, was hinreichend be⸗ wies, daß er nicht im Geringſten zornig ſei.„Bei Tage durch ganz Rügen!“ wiederholte er nachdenklich. „Aber Du biſt nicht bei Tage gegangen, Hille, ſon⸗ dern bei Nacht, und das iſt für Frauen, wie Du eine biſt, keine Zeit, einen mehr als meilenweiten Weg zu wandeln.“ „Warum nicht, Waldemar, wenn die Noth drängt? In der Nacht ſieht mich Niemand, ich kenne meine Wege und über mir wacht das Auge Eines, der mich immer ſieht, wenn auch ich ihn nicht ſehe— meinſt Du nicht auch?“ Waldemar faßte ihre Hand feſter und zog ſie dann an ſeine Seite auf einen zerbröckelten Grabſtein nieder, der mit dem weichſten Mooſe bewachſen war und einen herrlichen Ruheſitz bot.„Komm, laß uns nie⸗ derſitzen,“ ſagte er,„Du wirſt müde ſein.“ „Nein, ganz und gar nicht.“ „Aber Du ſprachſt davon, daß ein ſo weiter Weg zu entſchuldigen wäre, wenn die Noth drängte. Welche Noth drängte Dich denn, mich ſo eilig zu ſprechen?“ „Ah, ja, jetzt weiß ich es wieder, was ich Dir ſa⸗ „gen wollte, nun iſt mir Alles klar vor den Augen, vor der Seele. Deine Mutter, Waldemar— denke einmal an Deine Mutter— iſt in großer Sorge um 206 Dich, da ſie, wie Dir der Doctor geſagt haben wird, durch mich gehört hat, in welchen Verhältniſſen Du auf Spyker lebſt.“ „Meine Mutter blos? Sorgt ſich mein Vater nicht auch?“ „Auch Dein Vater, Waldemar, ja, ſehr!“ „Aber warum hat er Dich denn allein gehen laſ⸗ ſen? Wäre es nicht paſſend geweſen, wenn er Dich begleitet hätte?“ „Wie konnte er denn? Sind doch die Franzoſen im Kiekhauſe und bewachen jeden ſeiner Schritte—“ „Was— im Kiekhauſe ſind ſie? Warum denn?“ „Weil ſie Dich ſuchen und nicht finden können. Und ſo lange ſollen ſie im Hauſe bleiben, hat der Capitain von Spyker befohlen, bis Du gefunden biſt.“ Waldemar biß die Zähne zuſammen und ſchüttelte die Fauſt gegen das in der Ferne liegende Schloß hin. „Der Schurke!“ ſagte er,„ich dachte es mir!“ „Und nun,“ fuhr Hille raſch fort, indem die Worte ſich jetzt ungehindert vom freigewordenen Herzen lö⸗ ſten,„nun läßt Dich der Vater und die Mutter bit⸗ ten, Dich um Gottes willen nicht preiszugeben, Dich ſicher zu ſtellen, ſo ſehr Du kannſt, er wolle gern— die Franzoſen ertragen, und das ſchreckliche Leid, was ſie dem Lande anthun, werde doch auch einmal ein 207 Ende nehmen. Vor allen Dingen aber, wenn Du Spyker verlaſſen willſt oder mußt, läßt er Dir ſagen, wende Dich nicht nach Saſſenitz, dort paſſen ſie Dir ſcharf auf, ſondern wende Dich— und dieſen Rath gebe ich Dir— lieber nach der Inſel Pulitz.“ „Nach Pulitz? Wie kommſt Du denn darauf?“ „Das will ich Dir ſagen. Du weißt doch, der Pächter von Pulitz, der gute alte Schwede Adam Sturleſon, hat meine und Deiner Mutter Baſe zur Frau. Zwar iſt die Domaine Pulitz von dem Kaiſer Napoleon ungerechter Weiſe an einen franzöſiſchen Ge⸗ neral verſchenkt und dieſer Herr hat ſie auch in Beſitz genommen und Sturleſon beauftragt, nach ſeinen Be⸗ fehlen zu handeln und das Gut in ſeinem Namen einſtweilen zu verwalten. Auf Pulitz ſelbſt aber iſt er noch nicht geweſen und was ſoll er auch auf der einſamen Inſel machen, die ihm viel zu langweilig iſt? Nun iſt Pulitz ganz frei von Franzoſen, denn ſie werden doch nicht das Gebiet eines der Ihrigen ausſaugen, nicht wahr?“ „Das iſt ein trefflicher Einfall, Hille, und ich danke Dir aufrichtig. Vielleicht bleibt die Noth nicht aus und dann werde ich mich Deines Rathes erinnern.“ „Siehſt Du, das wollte ich Dir ſagen. Erinnerſt Du Dich des alten Schweden noch?“ 208 „O ja, obwohl ich ihn lange nicht geſehn habe. Auch glaube ich, wird er dem Grafen Brahe als ſei⸗ nem Landsmann ſehr zugethan ſein.“ „Ganz gewiß, und Deinen Eltern und mir auch. Wenn Du nun nach Pulitz gehſt, ſo grüße meinen Vetter nur von mir— denn ſo nenne ich ihn, ob⸗ wohl er mein Großvater ſein könnte— und er wird Dich aufnehmen, als wäreſt Du ſein eigener Sohn, denn ſein Herz ſchlägt groß und voll für die Sache des Vaterlands und er hat ſeine Mitmenſchen lieb, wie ein wackerer Mann es muß. Auch hat er mir einmal geſagt, er habe einen Verſteck, den Niemand kennt; dahin wird er Dich bringen, wenn Du verfolgt werden ſollteſt.“ Waldemar rückte näher an Hille und faßte leiſe ihre Hand wieder, die ſie ihm willig ließ. Eine Weile ſann er nach, dann ſagte er:„Da haſt Du mir ein ſchönes Geſchenk gemacht mit Deinem Beſuche auf dem Todtenfelde— in Wahrheit! und ich weiß nicht, wie ich Dir danken ſoll. Magnus wird ſich freuen, wenn ich ihm Deinen Rath mittheile, denn mit der Zeit hält er es nicht aus auf Spyker.“ „Warum denn nicht?“ „Der Gylfe wegen, die ein leichtſinniges Mädchen iſt und es mit den Franzoſen hält. Brahe weiß jetzt 209 Alles von ihr; Gyſela hat ihm mitgetheilt, was ich ihm niemals geſagt hätte, denn es fällt mir ſchwer, über einen Menſchen, zumal über ein Weib, etwas Schlimmes zu ſagen und den Stab zu brechen, ſelbſt wenn ich das größte Recht dazu hätte..“. „So beeilt Euch, daß Ihr fortkommt. Ihr ſeid dort nicht ſicher, glaube mir. Der erſte beſte Fremde, der zufällig dahin kommt und Dich kennt, kann Dich verrathen, ſelbſt wenn er es nicht wollte, und dann, nicht wahr, würde es ſchlimm um Dich ſtehen?“ Waldemar ſenkte den Kopf.„Es iſt, wie Du ſagſt, wir haben es auf Spyker ſchon Alle bedacht. Aber erſt muß Magnus geſund werden.“ „Iſt er es nicht bald?“ „Seine Armwunde iſt der Heilung nahe, ja, aber ſein Herz iſt todtkrank.“ „Das wird da auch nicht beſſer werden, darum muß er erſt recht fort. Ein Weib, das ſeine Jugend⸗ liebe vergißt und verräth, verdient nicht, von einem edlen Manne noch ferner geachtet und geliebt zu werden.“ „Du haſt wohl Recht, ich fühle auch ſo, aber bei Magnus iſt es anders, wie es ſcheint. Ich werde ihn alſo zu unſrer Anſicht zu bewegen ſuchen.“ „Beeile Dich damit, es wird Zeit, glaube mir. Der Strandvogt. II. 14 210 Aber vorher ſagteſt du: Du wüßteſt nicht, wie Du mir danken ſollſt— ich weiß es„.“.. „Nun, wie denn?“ „Nimm Dich in Acht— denke an Deine Mutter!“ „Und an meinen Vater, nicht wahr?“ „An uns Alle, Waldemar.“ „Ich denke ſchon daran— ach ja! Aber nun er⸗ zähle mir genau, was zu Hauſe vorgeht.“ Hille erzählte es, aber nicht, daß den Eltern eine Contribution auferlegt ſei, die ſie aus ihrer eigenen Taſche bezahlte, und eben ſo wenig, daß ſie den al⸗ ten Lachmann beerbt habe, obwohl Waldemar erfuhr, daß derſelbe geſtorben war. Als nun Waldemar al⸗ les Einzelne ziemlich genau wußte, erhob er ſich von ſeinem Sitze und Hille ſtand ſogleich auch auf. „Hille,“ ſagte er warm,„ich bin Dir zu großem Danke verpflichtet, daß Du Dich meiner alten Eltern angenommen haſt, nachdem der alte Lachmann geſtor⸗ ben iſt. Gott wird es Dir einſt lohnen.“ „Ich habe den Lohn ſchon in mir— glaube mir das.“ „Gut, aber wir müſſen aufbrechen, Du haſt einen weiten Weg.“ „O, der iſt mir nicht ſchwer geworden und jetzt N 5 211 wird er es noch viel weniger werden, da ich mit leich⸗ terem Herzen zurückgehe, als ich gekommeu bin.“ „So komm, laß uns aufbrechen.“ „Wo willſt Du hin? Dort hinaus liegt das Schloß Spyker.“ „Nun, ich werde Dich doch nicht allein gehen laſ⸗ ſen? Ich begleite Dich.“ „Du— mich? Nein, das gebe ich nicht zu, Du müßteſt dann den weiten Weg allein zurück.“ Waldemar lächelte.„Biſt Du nicht allein hierher gegangen und bin ich nicht ſtärker als Du?“ „Du biſt aber gefährdeter als ich.“ „Nun und nimmermehr dulde ich es diesmal. Komm, laß uns gehen.“ Beide ſchritten jetzt eine Zeit lang ſchweigend ne⸗ ben einander her, denn Jedes von ihnen mochte wohl Mancherlei zu bedenken haben. Hille durchwogte da⸗ bei eine ſüße innerliche Gluth, denn ſie konnte ſich geſtehen, daß ihr Unternehmen geglückt ſei und daß ſie erreicht habe, was ſie erreichen gewollt, und wenn Waldemar bei der ſparſamen Beleuchtung, die ſie um⸗ wob, ſeiner Nachbarin genau in's Geſicht hätte blik⸗ ken können, ſo würde er ein ſtrahlendes Lächeln und eine ſüße Befriedigung auf demſelben wahrgenommen haben. 14* — 2 212 * Aber auch Hille wäre vielleicht durch den Ausdruck auf ihres Begleiters Antlitz befriedigt worden, wenn ſie es hätte beobachten können. Der ſtrenge Ernſt, der in den letzten Tagen darauf gethront, war einem milden Lächeln gewichen und ſein Auge blickte viel ſanfter vor ſich nieder als gewöhnlich, denn der Ho⸗ rizont ſeines Lebens, der ihm bisher ſo düſter vorge⸗ ſchwebt, ſchien plötzlich aufgehellt zu ſein. Den ſtol⸗ zen Kopf gleichſam in Demuth etwas niedergebeugt, ſchritt er automatenartig neben dem edlen Mädchen her und nur bisweilen erhob er das ſinnende Auge, um einen raſchen Blick über ihre Geſtalt gleiten zu laſſen, die ſich ſo leicht und voll unbewußter Grazie, wie lebensfriſcher Energie an ſeiner Seite dahin bewegte. „Eigentlich,“ ſagte Waldemar nach längerem Schweigen,„ſollte man nicht immer an die Zukunft denken, es iſt eine ganz vergebliche Mühe. Es kommt doch Alles anders, als man denkt, und man wird frühzeitig genug belehrt, wo man ſich befindet, wenn man durch das Thor des Glücks oder des Unheils ſchreitet.“— „Ich denke auch nicht an die Zukunft, Waldemar, meine Gegenwart genügt mir.“ „Mir nicht ganz, Hille. Du glaubſt nicht, wie ſchwer es mir fällt, Magnus zu beſänftigen und von thörichten Schritten abzurathen. Er will dem Räu⸗ ber ſeiner Liebe mit Gewalt zu Leibe, und ich halte ihn nur noch mit Mühe zurück.“ „Er mag allerdings in einer ſchlimmen Lage ſein und ich bedaure ihn. Die Gylfee aber könnte ich or⸗ dentlich haſſen.“ „Ich nicht, ſie iſt ein Weib wie viele ihres Glei⸗ chen. Man muß ſich vielmehr freuen, wenn man einmal das Gegentheil von ihr findet.“ Hille wollte bei den erſten Worten fragend ihren blühenden Kopf erheben, bei den letzten aber ließ ſie ihn wieder ſinken und ſchwieg.—„Iſt ſie denn wirk⸗ lich ſo ſchön, wie man ſagt?“ fragte ſie nach einer Weile. „Ich finde das gar nicht, wiewohl Andere darin einen beſſeren Geſchmack haben mögen. Sie iſt im⸗ mer ſehr prachtvoll gekleidet und das mag die Leute berücken. Aber ihr Geſicht, obwohl jugendlich, friſch und lebhaft, iſt mir zu keck, zu ſcharf, zu ſpitz und ihr Auge hat einen unangenehmen Lauerblick, ſelbſt wenn ſie lacht.“ „Aber ihre Figur, wie iſt die?“ „O, die iſt mir viel zu dünn, zu zerbrechlich und darin läßt ſie ſich nun gar nicht mit Dir vergleichen.“ Hille ſtieß einen leiſen Ausruf des⸗Erſtaunens aus, 214 und Waldemar, augenblicklich bemerkend, was er ſo ganz ohne Abſicht geſagt, ſchwieg ebenfalls in einiger Verlegenheit. So ſetzten ſie ihren Weg bis gegen Promeuſel fort. Der Zeit nach hätte es ſchon längſt heller wer⸗ den müſſen, aber es blieb dunkel, weil der Nebel, der den Himmel umzogen, ſich allmälig verdichtete und in trübe Wolken zuſammenballte, die ſich endlich in Regen auflöſten, deſſen Tropfen hörbar auf die Blät⸗ ter fielen, unter denen die beiden Nachtwanderer hin⸗ ſchritten. Als ſie dieſes leicht zu erklärende Geräuſch ver⸗ nahm, blieb Hille ſtehen und wandte ſich zu Walde⸗ mar um.„Bis hierher nur dulde ich Deine Beglei⸗ tung,“ ſagte ſie feſt.„Hier trennen wir uns.“ „Noch nicht,“ erwiderte Waldemar mit ſeiner be⸗ ſtimmten Art, wenn er keinen Widerſpruch duldete. „Ich muß einmal den alten Thurm von Sagard ſe⸗ hen, das habe ich mir vorgenommen. Drum komm nur weiter.“ Hille wußte, daß hier keine Gegenrede half und ſo entſchloß ſie ſich zur Fortſetzung ihrer gemeinſamen Wanderung, was ihr ſogar ein geheimes Vergnü⸗ gen gewährt hätte, wenn Waldemars Rückweg da⸗ durch nicht immer länger geworden wäre. Endlich 215 aber war man doch an den Punkt gekommen, von wo aus der Thurm von Sagard zwiſchen den Bäu⸗ men ſichtbar ward, und hier blieb ſie ſtehen, ohne weiter ein Wort zu ſagen. Waldemar ſah ein, daß er nun keinen Grund mehr habe, ſeinen Weg neben ihr noch weiter zu ver⸗ folgen. Nachdem er daher einige Worte über die vor ihm liegende Kirche geſprochen, wandte er ſich zu ſei⸗ ner Gefährtin, ergriff ihre Hand und ſagte: „Es wird trotz der Regenwolken heller, Hille, und ich ſehe Dein Geſicht ſchon ganz genau. Es iſt ein freundliches Geſicht, das mir wohlthut, wenn ich es anſchaue, und Dein Auge iſt nicht wie Gylfe's Auge. Gott erhalte es Dir ſo und beglücke Dich ſonſt noch auf allen Deinen Wegen. Nun aber wollen wir ſcheiden. Ich danke Dir noch einmal, Hille, für Dei⸗ nen guten Rath und werde bei Gelegenheit ſeiner eingedenk ſein. Grüße meine Eltern herzlich und ſage ihnen, ſie mögen nicht in ſo großer Sorge ſein, ich gedächte ihrer und— und— aller Meinigen. Nun lebe wohl und Gott geleite Dich, wackeres Mädchen!“ „Lebe wohl, Waldemar, und halte Dein Verſpre⸗ chen. Laß uns morgen durch den Doctor Botſchaft ſagen, ob Du glücklich heimgekommen biſt.“ 216 „Und Du mir auch, und ob Dir der nächtliche Spaziergang nicht geſchadet hat.“ „Mir ſchadet Dergleichen nicht, im Gegentheil er hat mir genützt.“ „Wie ſo?“ Hille ſchwieg.„Er hat mir bewieſen,“ ſagte ſie endlich,„daß auch ein einfaches Landmädchen, wie ich es bin, Eingebungen haben kann, die Anderen von Vortheil ſind.“ „Ah, ich verſtehe Dich; ja, Du biſt nur ein ein⸗ faches Landmädchen, aber wollte Gott, es gäbe ihrer recht viele dergleichen— eine ſolche wiegt zehn Gyl⸗ fes auf.“ Hille glühte vor heimlicher Freude in Purpur auf. Sie fühlte es und wandte den Kopf ab.„Geh, geh,“ ſagte ſie,„da ſchlägt es halb drei Uhr— um drei muß ich zu Hauſe ſein, Dein Vater ſteht früh auf.“ „Wie gern ginge ich mit Dir, Hille—“ „Dein Weg liegt dort, der meine hier— „Werden unſere Wege noch einmal zuſammen treffen?“ „Gott gebe es!— Ich wünſche es.“ „Auch ich, Hille, und nun— lebe wohl!“ Ein kräftiger Händedruck, von beiden Seiten wie⸗ derholt erneuert, verzögerte die Trennung noch einige 7 216G Augenblicke. Dann aber war es geſchehn und bald lagen weite Strecken und finſtere Waldungen, über die ein warmer Regen herniederſtrömte, zwiſchen den beiden jungen Leuten, die, gleich rüſtig an Kraft und mit neuer Lebenshoffnung erfüllt, ihren verſchiedenen Zielen zuſtrebten. Aehtes Anpitel. Ueberall Sturm!— — ——— A. Auf dem ziemlich weiten Wege von Sagard bis Spyker hatte Waldemar, zumal ihn kein äußerer Vor⸗ fall ſtörte, Zeit genug, über die eigenthümlichen Ver⸗ hältniſſe, in denen er ſich nach zweierlei Richtungen befand, reiflich nachzudenken. Wenn er dabei zunächſt Hille's gedachte, deren liebliches Bild ſo eben erſt ſei⸗ nen Augen entſchwunden war und deren glühenden Händedruck er noch immer in ſeiner davon brennen⸗ den Hand zu fühlen glaubte, ſo wollen wir ihm das nicht verargen. Ein ſolcher Gedanke war ihm ſo neu, die Empfindung, die ſich damit verband, ſo eigen⸗ thümlich angenehm, daß er ſchon aus einer gewiſſen Neugierde lebhaft darüber zu brüten begann. Der Rath aber, den ſie ihm ertheilt, war von ſo großer Wichtigkeit für ihn und Magnus— er hielt ihn we⸗ nigſtens dafür— daß er ſchon allein deshalb ihr eine dankbare Geſinnung bewahren mußte. „Sie iſt doch ſehr gut,“ ſagte er zu ſich,„ muß meinen Eltern außerordentlich zugethan ſein 8 ſie ihretwegen den weiten Weg nach Quoltitz in ſo unheimlicher Nacht allein zurücklegt. Und was ſie für ein liebliches Geſicht und eine anziehende Art hat, wenn ſie Jemandem den Grund ihrer Handlungs⸗ weiſe auseinanderſetzt— wahrhaftig, ein braves und ſchönes Mädchen, und o, wie weit von Gylfe in je⸗ der Beziehung entfernt! Ich brauche blos ihr treues, blaues Auge anzuſehn, um zu wiſſen, daß ſie mich nicht verrathen würde, wenn ich ihr nachliefe, wie Magnus der blonden Schwedin nachläuft. O nein, das würde ſie nicht, und an ihrem Herzen ruhte man ſicher und warm in allen Lebensverhältniſſen!— Ach, aber was für Gedanken in dieſer Zeit! Wir haben Krieg und Streit, und da ſoll man an das ſelige Glück der Häuslichkeit nicht denken. Erſt hinaus muß der Feind aus unſerem Lande, zu unſeren Füßen muß er liegen und wir die freie Rechte hoch über ihn ſchwingen! Allein, gedulde Dich, Waldemar, dazu iſt noch keine Ausſicht vorhanden. Ich darf mir nicht läugnen, daß Magnus Verwundung mich in böſe Ver⸗ wicklungen gebracht hat und daß noch nicht abzuſehen 220 iſt, wie ſie ſich löſen werden. Wird er ſich freiwillig entſchließen, jetzt Spyker zu verlaſſen, wo dieſe ver⸗ führeriſche Gylfe ihn mit ihren Blicken, ihren glän⸗ zenden Locken und ihrer ſchwebenden Geſtalt umgarnt, trotzdem ſie nicht einmal in ſeine Nähe kommt? Bei⸗ nahe möchte ich es jetzt für ein Glück halten, daß er noch krank, noch ſchwach, noch nicht angethan iſt, einen verzweifelten Kampf zu kämpfen, denn wäre er friſch wie ſonſt, dann würde ſeine leidenſchaftliche Heftigkeit bald alle Riegel der Zurückhaltung und weiſen Vorſicht ſprengen, er würde ſich Gylfe zu er⸗ kennen geben, gegen die glatten Verführungen dieſer galanten Tyrannen in die Schranken treten und ſein Recht als Mann und Edelmann geltend machen. Aber was würde dann aus uns? Wohin führte es uns? — Iſt das das ruhige Leben auf der heimatlichen Inſel, wie wir es uns in Deutſchland ausgemalt ha⸗ ben, als wir überall von ränkeſüchtigen Verfolgern und Spionen umgeben waren? Führt das zum ſtol⸗ zen Vernichtungskampfe gegen den großen Tyrannen, den wir uns in unſrer vor Grimm kochenden Bruſt als das einzige Ziel unſers gegenwärtigen Strebens vorgeſetzt haben? Ach nein, ach nein, zum Ziele kom⸗ men wir jetzt noch nicht; gefangen, eingeſperrt und meuchlings gerichtet können wir hier werden, aber kämpfen, ſiegen, befreien werden wir weder uns, noch einen Anderen! O, es iſt fürwahr eine troſtloſe Lage, in die wir gerathen ſind, und doch, doch kann ich mich ihr nicht entziehn, denn ich bin mit tauſend Ge⸗ fühlen an Magnus gebunden, ſeine Sache iſt meine Sache, er iſt mein Freund, mein innigſt geliebter Freund, ich muß alſo an ſeiner Seite ſtehen und bei ihm aushalten. Wen hätte er auch, wenn er mich nicht hätte? Auch darin, wenn ich es recht bedenke, erfülle ich meine Pflicht, ja, mehr als das, mein Ver⸗ ſprechen. Habe ich nicht ſeinem alten ehrwürdigen Vater, dem ich ſo viele Wohlthaten verdanke, feierlich gelobt, von ſeinem einzigen Sohn und Erben nicht zu weichen, ihm beizuſtehn in allen Gefahren des Lei⸗ bes und Lebens? Ja, das habe ich gethan und werde es alſo halten. Er iſt zu ſchwach, zu heftig, zu ſehr von ſeinen traurigen Schickſalsgedanken beherrſcht, um ſeine eigene Lage beurtheilen und weiſe handeln zu können. Alſo Geduld, alſo Ruhe und Ausdauer, Wal⸗ demar! Wem wollte ich auch augenblicklich meine Hülfe anbieten? In Deutſchland iſt jetzt nichts zu wagen, da iſt man ruhig, wartet man ab, quält ſich in Hoffnungen und Wünſchen hin; der Kriegsvulkan ſchweigt, höchſtens dampft er hie und da eitel Rauch, und die großen Männer, die ihre Völker leiten, ſind noch zu keinen durchgreifenden kühnen Entſchlüſſen gekommen, ſie beugen ſich noch immer, anſtatt ſich zu erheben, ſie ſchlafen noch immer, anſtatt zu wachen — was alſo nun? Wohlan denn, ergreifen wir die Gelegenheit, wo ſie ſich bietet. Wagniſſe giebt es überall und hier alſo auch. Beſtehen wir dieſes, wie es Männern geziemt, ſo werden wir unſre Zeit nicht verloren, ſo werden wir auch hier unſre Kraft geübt, unſern Muth geſtählt haben. Alſo vorwärts! Sehen wir zunächſt, ob wir dieſen Brahe nicht von ſeinem Schickſal retten, von dieſer Gylfe abtrünnig machen können, die ſein Herzblut vergiftet, denn es wird Zeit, daß er zur Einſicht kommt und ſeine Gefühle nicht wegwirft, wo ſie Niemand ſammelt und ſchätzt, wie ſie zu ſchätzen ſind.“ Als er dieſen Entſchluß nach allen Seiten hin verarbeitet hatte, ſah er, daß er dem Todtenfelde bei Quoltitz ſchon wieder nahe gekommen war, auf dem jetzt bereits das falbe Morgenlicht ruhte, das der Ne⸗ bel dämpfte und der Regen nicht zur belebenden Wir⸗ kung gelangen ließ. In unendlicher Oede, noch viel öder als in der vergangenen Nacht, die mit ihren ſanften Schatten noch das Grauſige des Orts ver⸗ ſchleiert hatte, lagen die Strecken da, unter deren Ober⸗ fläche die lange begrabenen Todten ruhten, und frö⸗ ——-— ſtelnd von unheimlichen Empfindungen eilte Walde⸗ mar an der einſamen Stelle vorbei, wo er vorher ge⸗ ſeſſen hatte und durch Hille's ſüße Gegenwart von den Erinnerungen an die Begrabenen abgezogen war. Es mochte vier Uhr Morgens ſein, als er den ge⸗ heimen Gang des Spykerſchen Schloſſes erreicht hatte und nun, ohne ſich weiter mit Gedanken zu plagen, ſchlüpfte er ſo ſchnell wie möglich in ſein Zimmer, um noch einige Stunden zu ruhen, wonach er in Folge der geiſtigen Aufregung, die er im Laufe dieſer Nacht beſtanden, eine große Sehnſucht fühlte. Kehren wir jetzt zu Magnus Brahe zurück, der immer noch in dem geheimnißvollen Thurmzimmer wohnte, mit dem aber in den vierzehn Tagen, die er darin verlebt hatte, eine große Umwandlung vorge⸗ gangen war. Dieſe Umwandlung betraf nicht allein ſein phyſiſches Befinden, wie man es erwarten durfte, nein, ſie war auch geiſtiger Natur, denn gerade ſeine allmälig vorſchreitende Geneſung erweckte die Thätig⸗ keit ſeines Geiſtes und ſtachelte ihn zu neuer leiden⸗ ſchaftlicher Unternehmungsluſt an. Wie Waldemar ſchon Hille angedeutet, war ſeine Wunde der Heilung nahe, aber das Herzweh, das alle Tage neue Nah⸗ 224 rung erhielt, hatte von Stunde zu Stunde zugenom⸗ men. Von dem Augenblick an, wo Gyſela's Enthül⸗ lungen der Wünſche und Hoffnungen Gylfe's ihm das Gift der Eiferſucht und des daraus hervorgehenden Rachegefühls eingeflößt hatten, war die angeborene Milde und Sanftmuth aus ſeinem Geiſte gewichen. Mit glühender Haſt ſprang er Morgens vom Lager auf und ſpähte im Parke unter ſeinem Fenſter um⸗ her, ob er nicht irgend eine Spur von der vertrauli⸗ chen Annäherung ſeiner Jugendgeliebten an den ihm jetzt doppelt verhaßten Feind entdecken könne, und oft genug war ihm hierin der Zufall günſtig. Er ſah ſie mit dem Capitain ſpazieren gehen und reiten und ſtets erſchien ſie ihm in ſolchen Momenten lachend und ſcherzend, zufrieden und glücklich. Sie ſpielte und tändelte in's Leben hinein, als hätte dieſes Leben keinen Ernſt und ihre Jungfräulichkeit keine Würde, ſie gab ſich ganz dem lockenden Vergnügen hin, mit dem der leichtfertige Franzoſe ſie im Schloſſe ihres Wohlthäters umgab und half ihm ſelbſt die Güter verſchwenden, zerſtückeln, die Magnus' Vater mit ſpar⸗ ſamem Geiſte geſammelt und ſeinem einſtigen Erben zum Eigenthum beſtimmt hatte. Und wenn ſie auch nicht an den rauſchenden Feſten Theil nahm, die der mit fremden Mitteln ſo gaſtfreie Capitain ſeinen Ge⸗ 225 fährten in den Sälen des ehrwürdigen Herrenſitzes gab, ſo halfen doch ihre dem alten Ahlſtröm zugefer⸗ tigten Befehle, dieſe Feſte ſo glänzend wie möglich zu machen. Bis tief in die Nacht ſchallte das Gelächter und Gebrüll der zechenden Feinde laut durch das ganze Schloß; Jagd wurde auf Jagd veranſtaltet, und Gylfe ſchoß mit das edle Wild nieder, welches Beſitzer und Pächter des Gutes ſo ſorgſam aufgezogen und zur Zierde ihrer Waldungen gehütet hatten. Auch dieſe Waldungen ſelbſt endlich taſteten die ſchonungs⸗ loſen Hände der Frevler an; ſie hieben die alten ehr⸗ würdigen Bäume um, die ſchon von Generationen der Schloßahnen erzählen konnten, und verkauften das Holz oder vergeudeten es, wo ſich nur irgend eine Gelegenheit dazu bot. So war es denn natürlich, daß der Ingrimm des gräflichen Erben, als er dies wüſte Treiben ſah und hörte, alle Tage mehr wuchs, und nur mit großer Mühe hatte es Waldemar bisher vermocht, dieſen In⸗ grimm zu bewältigen und den Unternehmungsgeiſt des gereizten jungen Mannes zu zügeln. „Aber nicht allein gegen den Capitain wollte Mag⸗ nus losbrechen, auch gegen Gylfe hatte ſich ein na⸗ menloſer Groll in ſeinem Herzen angehäuft. Hun⸗ Der Strandvogt. II 15 2 ———y— —— 226 dertmal hatte er ſich vorgenommen, in einer Stunde, wo der Capitain abweſend war, zu ihr zu dringen, ühr die Schmach vorzuhalten, die ſie ſich und ihren Landsleuten mit ihrem Betragen anthat, und neben⸗ bei— o Schwäche des menſchlichen Herzens!— noch einmal ſein Glück bei ihr zu verſuchen und zu ſehen, ob es nicht möglich ſei, ihre Neigung zu wandeln und wieder auf ihn ſelbſt zurückzuführen. Waldemar aber, der die Unfruchtbarkeit aller die⸗ ſer Beſtrebungen einſah, weil er mit natürlich richti⸗ gem Tact Gylfe's Charakter erforſcht und auch von Gyſela erfahren hatte, daß jene nie mehr an Magnus Brahe denken werde, lehnte ſich mit ſeiner ganzen Ueberredungskraft gegen ſolches Beginnen auf, und bis jetzt war es ihm immer noch gelungen, das heiße Verlangen ſeines Freundes zu beſchwichtigen und ihn auf eine mildere Ausgleichung zu vertröſten. Er hatte dabei einen ſchweren Stand und alle dieſe Bemü⸗ hungen machten ſeinen erzwungenen Aufenthalt im Schloſſe nicht angenehmer und ertäglicher. Er ließ ſich ſo ſelten als möglich vor dem Capitain wie vor Gylfe ſehen, ging ihnen aus dem Wege, wo er nur konnte, denn er ahnte, daß das Pulverfaß, welches zwiſchen dieſen beiden Menſchen und ihm lag, leicht einmal plötzlich durch einen hineingeworfenen Funken 227 Feuer fangen und dann alle dabei Betheiligten ret⸗ tungslos in die Luft ſchleudern könne. Gylfe ſelbſt fühlte einen Schauer durch ihre Adern rieſeln, wenn ſie dem jungen Manne einmal zufällig begegnete; auch ſie mochte ahnen, in welche unange⸗ nehme Verwicklungen ſie gerathen könnte, wenn der Capitain erführe, wer Waldemar ſei, denn daß dann die kühle Neigung dieſes zweifelhaften Verehrers dem Zorne des leidenſchaftlichen Soldaten über ihre Ver⸗ heimlichung des wahren Sachverhalts nicht werde die Waagge halten, war leicht vorauszuſehen. So ſtanden die Sachen am Morgen nach der Nacht, in welcher wir Waldemar von dem Todtenfelde bei Quoltitz nach Hauſe begleitet haben, und nehmen wir jetzt den Faden unſrer Erzählung im Schloſſe ſelbſt wieder auf. Der ſanfte warme Regen, der in der Nacht gefal⸗ len war, hatte ſich gegen Morgen in einen ſtürmiſchen kalten Regenguß verwandelt und die ſtille Ruhe, die in den Lüften geherrſcht, war einem heftigen Winde gewichen, der in gewaltigen Stößen von Nordoſten daher fuhr und dumpf brauſend durch die Wälder fegte. Die ſchöne Fernſicht vom oberſten Fenſter des Spukthurmes war dadurch verſchwunden und rings, ſo weit das Auge reichte, war nichts als der dichte 15 ⁸ 228 Nebelſchleier zu ſehen, der zwiſchen Himmel und Erde ausgebreitet lag und beiden den heiteren Glanz und ihre Farbenpracht entzogen hatte. An dem Fenſter, das den heftigſten Angriffen des Unwetters preisgegeben war, ſtand der Bewohner des geheimnißvollen Thurmes und ſchaute von Zeit zu Zeit durch die kleinen Oeffnungen, die an verſchiede⸗ nen Stellen des dicht ſchließenden Vorhanges ange⸗ bracht waren. Er war völlig angekleidet und trug das vom Kaſtellan Ahlſtröm herbeigeſchaffte Jägerge⸗ wand, welches er gewöhnlich auf Spyker ließ, wenn der den Aufenthalt wechſelte; nur ſein verwundeter Arm ward noch von einer leichten Schlinge geſtützt, obgleich er ihn ſchon frei bewegen und ſogar zu leich⸗ ten Verrichtungen gebrauchen konnte. Mag dieſe kecke, ſeinem hohen Wuchſe nicht übel ſtehende Tracht dazu beitragen, oder mag ein von Innen herauswirkender Anreiz die Urſache davon ſein, genug, der junge Graf macht heute einen ganz anderen Eindruck auf uns, als damals in Stralſund, wo wir ihn zum erſten Male verwundet auf den Krankenlager erblickten. Schon in ſeiner Haltung ſprach ſich ein gewiſſes Miß⸗ fallen an der ihm aufgezwungenen Lage aus, das neben anderen Einflüſſen vielleicht auch der Langen⸗ weile ſeinen Urſprung verdankte, aber noch mehr war der Ausdruck ſeines Geſichts verändert, ſeitdem wir es nicht wiederſahen. Statt des ſchwärmeriſchen, dul⸗ denden Zuges um Augen und Mund, der ihm früher den Anſtrich phyſiſcher Schwäche und geiſtiger Ab⸗ ſpannung verlieh, loderte die Flamme einer mit Mühe unterdrückten Ungeduld und ungeſtümen Verlangens darauf. Sein mattblaues Auge rollte unſtät in ſei⸗ ner Höhle und blickte weniger feurig denn unwillig um ſich her. Dennoch können wir nicht läugnen, daß in dieſem jetzigen Körper⸗ und Gemüthszuſtande Graf Magnus Brahe uns beſſer gefällt, als in dem früheren apathi⸗ ſchen und nur auf unerreichbare Dinge gerichteten Brüten ſeiner Seele. Selbſt ſein Geſicht, wegen ſeiner Bläſſe und der etwas gedehnten Züge, die noch dazu ein mattblondes langes Haar umrahmte, von wenig belebender Wirkung, erſchien dabei im Ganzen voller und ſchöner als früher, denn der Ausdruck männlicher Kraft und energiſchen Willens, wenn er auch nur flüchtig und leicht vergänglich auftritt, verleiht jedem nur einigermaßen wohlgebildeten Antlitz einen ange⸗ nehmen Firniß, der ſogar hinreißend werden kann, wenn er mit Geiſt und Gemüth gepaart iſt. Allein dieſer feſtere männliche Trotz, der heute auf dieſem Geſichte lag, war leider kein anhaltender, er wurde immer nur vorübergehend wachgerufen, je nachdem das Gemüth des Patienten in Anſpruch genommen oder ſein Geiſt durch irgend einen vorherrſchenden Ge⸗ danken in Aufregung geſetzt war. Nachdem er eine Zeit lang am Fenſter geſtanden und das ungeſtüme Wetter beobachtet hatte, trat er, ſchon dadurch empfindlich berührt, von ſeinem Beob⸗ achtungspoſten fort und, langſam auf⸗ und nieder⸗ ſchreitend, fiel er allmälig wieder in jenen brütenden, mehr paſſiven Zuſtand zurück, der das natürliche Ele⸗ ment war, in dem ſein Geiſt ſich tummelte. Um dieſe Zeit machte ihm Waldemar den erſten Morgenbeſuch, um ihm das Ergebniß ſeiner nächtli⸗ chen Wanderung mitzutheilen, von der ſich Magnus, als er ſie am Abend vorher vernommen, keinen ſon⸗ der ichen Erfolg verſprochen hatte. Dennoch blickte er neugierig dem Eintretenden entgegen, da ihm ſein Beſuch doch einige Zerſtreuung verhieß. „Guten Morgen, Magnus, ſagte Waldemar, er⸗ freut, ihn ſchon in den Kleidern zu finden und in der Zuverſicht, ihm eine angenehme Nachricht zu bringen. „Du haſt gut geſchlafen, hoffe ich, und befindeſt Dich kräftiger noch als geſtern, obgleich das böſe Wetter Deiner friſcheren Gemüthsſtimmung nicht ſonderlich günſtig iſt. Wie?“ „Ich habe geſchlafen, ja, und fühle mich kräftig genug, um bald an meine Arbeit zu gehen. Doch was haſt Du erfahren auf dem Todtenfelde? Es muß etwas Gutes ſein, wenn ich nach Deinem froh⸗ lockenden Geſicht urtheilen ſoll?“ „Ach nein, zum Frohlocken iſt es leider nichts, und doch beruhigt es mich einigermaßen. Wir haben noch einen Zufluchtsort, wenn wir es hier nicht mehr aushalten können.“ 4 Magnus zog die Augenbrauen empor und nahm eine Miene an, als glaube er nicht, daß dieſer Zeit⸗ punkt jemals eintreten könne, doch äußerte er nichts und hörte ruhig die Mittheilung Waldemars an, die dieſer ihm aus dem Geſpräche mit Hill chen hatte. Als er aber fertig war, runſelt die Stirn und ſagte faſt heftig: 3 „Was ſollen wir auf Pulitz? Ich bin hier noch lange nicht fertig und habe noch nichts gethan was mich einſt mit Befriedigung auf dieſen Aufenthalt rückblicken ließe. Ehe ich dieſen bald kriechenden, bald übermüthigen Franzoſen, der halb ein Geck und halb ein Räuber iſt, nicht gedemüthigt und dieſe— o Gott!— dieſe unglückliche Gylfe nicht ſeinen Klauen entriſſen habe, verlaſſe ich nicht mein väterliches Dach. Und dazu iſt leider die Zeit noch nicht gekommen.“ 232 Waldemar raffte ſich zuſammen, denn er ſah, daß es auch in ſeinem Freunde wie draußen in der Natur ſtürmte und daß er alſo heftigen Widerſpruch zu er⸗ warten habe.„Wie willſt Du denn dieſen franzöſi⸗ ſchen Officier demüthigen?“ fragte er mild.„Du, der einzelne Mann, gegen eine ganze Schwadron wohlge⸗ rüſteter und tapfrer Soldaten? Wenn es möglich wäre, würde ich dieſen Gedanken ſo bald wie mög⸗ lich zur That machen, da es aber nicht möglich iſt, kann ich ihn nicht anders als ein bloßes Hirngeſpinnſt betrachten.“ „Ein Hirngeſpinnſt? So! Dann wären alſo alle erhabenen Gedanken Hirngeſpinnſte, wenn wir ſie nicht enblicklich zur That machen können?“ wenn wir uns ſagen müſſen, daß ſie unter gegebenen Verhältniſſen, wie ſie zum Bei⸗ ſtattfinden, unausführbar ſind.“ ut, ja, Du magſt Recht haben in Bezug auf ieſen Mann. Aber Gylfe— die will ich ihm dann wenigſtens entreißen.“ „Und was willſt Du mit ihr beginnen?“ „Sie mit mir nach Schweden nehmen und ihr beweiſen, daß ich hundertmal ſo viel werth bin, als dieſer eitle Soldatengeck.“ „Und wenn Dir das nun nicht gelänge?“ „Daran iſt kein Zweifel, es muß mir gelingen.“ „Gut. Was aber dann, ſelbſt wenn es gelingt?“ „Dann werde ich ſie heirathen und ſie wird mit mir leben.“. „Wie!“ rief Waldemar, lebhaft erſchrocken,„Du wolleſt mit einem Weibe leben, das Du Dir auf dieſe Weiſe erworben haſt, das Dir nicht aus eigenem Triebe ſeine Hand gereicht?“ „Dieſer Trieb wird ſich ändern; ſie wird mich lie⸗ ben, ſo, gerade ſo, wie ich ſie jetzt liebe!“ „O, welche Verblendung!“ rief Waldemar, ohne den düſteren Blick zu beachten, den Magnus über ihn gleiten ließ.„Wie kann ſich ein Mann von Dei⸗ nen Verhältniſſen, Deinen Kenntniſſen, Deinen ſichten ſo ſehr von der Larve eines verzogenen Mät chens berücken laſſen! Nein, höre mich an, ich muß Dir endlich meine ganze Meinung ſagen, es iſt Zeit dazu. Gylfe wird, ſo weit ich ſie kenne, in ihren Geſinnungen und Gefühlen gegen Dich ſich niemals ändern. Sie iſt ein leichtſinniges Mädchen, durch⸗ weg, und leider hat ſie Charakter in ihrem Leicht⸗ ſinn. Am wenigſten aber wird ſie Dir nach Schweden folgen, das ſie als ein großes Grabmal betrachtet, in dem die Gebeine ihres verurtheilten Vaters modern. ——— ,,— Ja, wenn Du ſie nach Paris führen wollteſt, wie ihr dieſer Franzoſe vorgelogen hat, dann möchte ſie viel⸗ leicht, um der Luſt willen an der neuen reißenden Welt um ſich her, an Deiner Seite einhergehen und Dir eine Neigung vorlügen, die nicht in ihrem Herzen lebt. Aber ſo— nein, das thut ſie nicht. O Mag⸗ nus, ich beſchwöre Dich bei dem grauen Haupte Dei⸗ nes Vaters, gieb dieſes Weib auf, das nicht verdient, von einem Manne, wie Du biſt, geliebt zu werden, da es alle Rückſicht, die es ſich ſelbſt und Andern ſchuldig iſt, ſo keck und frech außer Augen ſetzt. O, ſie weiß, daß ich hier bin, daß ich Dein beſter Freund, Dein treueſter Gefährte bin, und ſie liebelt vor mei⸗ nen Augen mit dieſem Gecken fort, trotzdem ſie beſor⸗ gen muß, daß jeder ihrer Tritte Dir mitgetheilt wird. Iſt das nicht hinreichend, Deine Augen zu öffnen? Willſt Du noch ſprechendere Beweiſe, daß ſie Dich nicht liebt, Dich nie lieben wird?“ „O Waldemar, höre auf, Du zerreißeſt mir das Herz! Wenn ſie wüßte, daß ich hier bin, wenn ſie mich ſähe, mich ſprechen hörte, ſie würde anders han⸗ deln, anders ſein— es iſt nur eine Maske, die ſie vor dieſem Capitain trägt, um ihr wahres Gefühl dahinter zu verbergen. O glaube mir, wie würde denn ſonſt mein Herz ſo feſt an ihr hängen? Laß mich mit ihr reden, wie ich ſchon lange gewollt, und Du wirſt ſehen, daß ich im Rechte bin gegen Dich.“ Waldemar ſtellte ſich mit zuſammengeſchlagenen Armen an das Fenſter und nagte an der Lippe.„Ar⸗ mer Freund!“ ſagte er endlich,„Du dauerſt mich, denn Du lebſt beſtändig in phantaſtiſchen Täuſchun⸗ gen. Aber ich darf nicht zugeben, daß Du ſie ſprichſt, da Niemand für den Erfolg dieſer Unterredung bür⸗ gen kann. So weit ich den Erfolg davon ſehe, ſo wendet er ſich gegen Dich, denn Gylfe wird den Ca⸗ pitain zu ihrem Schutze herbeirufen und Du wirſt augenblicklich in ſeinen Händen ſein.“ „Was? Sie würde mich verrathen, meinſt Du?“ „Ja, das meine ich, denn ſo viel ich weiß, hat ſie ihr Schickſal an das dieſes Mannes geknüpft und wird ihm nach ſeinem Vaterlande folgen, ſobald er dahin zurückkehrt.“ „Waldemar! Iſt das wahr?“ ſchrie Magnus ent⸗ ſetzt. „Ja, es iſt wahr, ich muß es Dir endlich ſagen. Sei alſo ein Mann, Magnus, gieb Deine Jugend⸗ liebe auf, ſie iſt eine Blüthe, die in ſchönſter Friſche ein Wurm angenagt hat, die nie Frucht anſetzt und alſo keinen inneren Werth mehr für Dich hat. Blicke Dich um, Magnus, in der ganzen großen weiten Welt— es giebt ſo viele ſchöne und edle Jungfrauen — und es wird viele unter ihnen geben, die es ſich nicht allein zur Ehre ſchätzen, ſondern auch ihr Glück darin finden, an Deiner Seite, mit Deinem Namen geſchmückt, durch das Leben zu gehen und auch Dich darin glücklich zu machen.“ „O, Waldemar!“ ſtöhnte Magnus, ſeinen ſtarken, willenskräftigen Freund, der wie eine unbeugſame Eiche neben ihm ſtand, liebevoll umfaſſend,„wie ſprichſt Du ſo ſüß von einem Leben, das mir nie blühen wird! O, Du kennſt das Gefühl der Liebe nicht, wel⸗ ches mir die Seele zerfleiſcht, Du haſt keine Ahnung davon, wie ein zweites menſchliches Weſen ſich hier ein unſre Bruſt hineinwühlen und darin thronen kann, wie ein Gott in unſerm Heiligſten. O, Du biſt ruhig, kalt, unverwundbar vor ſolchen Gefühlen, ich aber, ich bin tief verwundet, und ſo ſehr ich an dem Schaft des Pfeiles zerre, ihn herauszuziehen, er dringt im⸗ mer tiefer hinein, bis er mir das Herz zerreißen wird“ Waldemar ſtand mit geſenktem Kopfe und hoch⸗ athmender Bruſt Ne in Schmerz aufgelöſten Freunde. 88 ging etwas Eigenthümliches in iym voor. Ein arme Blutwelle nach der andem ſchoß er an dieſem Tage noch nicht geſprochen,„ich glaube doch eine Ahnung von dem menſchlichen Gefühle zu haben, was Dich ſo ſchwach, ſo unglücklich macht— aber ich ſehe keinen Troſt für unſre gegenwärtige Lage darin. Nein, nein, nein, Magnus, es iſt dies ein trügeriſches Ge⸗ fühl, es paßt für die Stunde, den Tag, die Zeit nicht, in der wir leben,— reißen wir uns alſo los von Allem, was uns ſchwach und unmännlich macht, wir haben eine Aufgabe vor uns, die nur mit Aufwen⸗ dung aller menſchlichen Kräfte gelöſt werden kann, und dieſes Gefühl raubt uns die Luſt und den Muth dazu. Jetzt iſt die Zeit der Thaten gekommen und nicht die Zeit, ſchwelgeriſche Gefühle zu hegen und zu pflegen. Auf, Magnus, auf, ermanne Dich, ſei wieder ein Brahe, wie Deine Väter es waren, und zeige Dich als ein ihrer würdiger Sohn!“ „Waldemar! Du edler, braver, heldenmüthiger Freund! Und glaubſt Du, daß ich nicht einſehe, daß ich das muß? O, wohl weiß ich, was ich mir und Euch Allen ſchuldig bin— aber was kann ich thun mit einem gebrochenen Herzen, wie das meine iſt? es iſt ſchwer, damit große Thaten zu vollbringen. O, laß mich im Herzen glücklich ſein, laß mich jenes Weib, das Du verurtheilſt, errungen haben, und Du wirſt ſehen, wie ich ein Mann bin, der da weiß, wo⸗ für er zu kämpfen und zu ſiegen, oder— wenn das Schickſal es will— auch zu fallen hat.“ „Wir denken noch nicht an das Fallen, Magnus. Wir liegen tief genug, um erſt auf das Auferſtehn zu hoffen. Mit ſolchen Klagen und Beſtrebungen, wie Du ſie entwickelſt, iſt der großen Sache des blu⸗ tenden Vaterlandes nicht geholfen. Wir müſſen uns für die Zukunft bewahren und ſtärken, die Männer genug auf ihren Kampfplatz fordern wird. Und Du haſt hier Zeit genug, Dich zu bewahren, zu ſtärken. Warte Deine Zeit ab, ſie wird kommen. Dein erſtes kühnes Unternehmen iſt leider mißlungen und Du mußt Sorge tragen, Dich vor der Hand den bewaff⸗ neten Armen der Tyrannei zu entziehn und alle Auf⸗ merkſamkeit von Dir abzuleiten. Wenn ich etwas Großes wüßte, was an einem von hier erreichbaren Orte unternommen wird, ſo würde ich der Erſte ſein, der Dich ſpornt, dahin aufzubrechen, und ich würde in jedem kühnen Wagniß an Deiner Seite ſtehn. Aber es giebt in der unruhig gährenden Welt ein ſolches Wagniß jetzt nicht. Darum ſpare Dich auf. Du haſt jetzt ein Aſyl, eine Heimat, und ſo beſchränkt es iſt, begnüge Dich damit, es iſt wenigſtens ſicher. Die Franzoſen werden nicht immer hier ſtehen bleiben und Du wirſt bald einen größeren Spielraum finden. So denke ich es mir und in dieſem Gedanken raſte und ruhe ich nicht, nein, ich arbeite für den heimatlichen Heerd, für mein Volk, für meine Eltern, für mich ſelber.“ Magnus ſeufzte, aber ſchon nachgiebiger, über⸗ zeugter von der nicht ſprühenden, aber ergreifenden Beredtſamkeit Waldemar's.„O,“ ſagte er mit mat⸗ ter Stimme, denn ſeine Aufregung war geſchwunden und ſeine kaum errungene Männlichkeit ſchien in Er⸗ ſchöpfuug überzugehn,„ich kämpfe auch hier für mein Volk, meinen heimatlichen Heerd, wenn ich dieſen großſprecheriſchen Franzoſen, der mir das Koſtbarſte meines Lebens ſtahl und die Hallen meiner Väter entweiht, züchtige,— und wäre er es auch nur allein, den ich bezwänge und in den Staub würfe, ſo hätte ich ſchon genug gethan. Doch Du willſt es nicht, nein, Du willſt es nicht— es iſt mein Schickſal, das mich ohnmächtig macht und dem ich nicht widerſtehen kann.“ Er ließ ſich kraftlos auf das weiche Daunenlager fallen, welches unter dem Portrait des Generals Wran⸗ gel ſtand, bedeckte die Augen mit der Hand und gab ſich ſchrankenlos den auf ihn einſtürmenden Phanta⸗ ſiegebilden hin. Waldemar ſtand mitleidig an ſeiner Seite; er 240 kannte dieſen Umſchwung in den Gefühlen ſeines Freundes ſchon, denn er hatte oft etwas Aehnliches an ihm erlebt und bekämpft. „Magnus,“ ſagte er ſanft und ſchüttelte ſeine Hand, die er ergriff.„Hörſt Du mich und verſtehſt Du, was ich ſage? Ermanne Dich— ſprich!“ „Ich höre, rede weiter!“ murmelte der junge Edel⸗ mann dumpf. „Der Menſch iſt recht thöricht, Magnus, trotzdem er ſich ſo oft das klügſte und weiſeſte erſchaffene We⸗ ſen zu ſein dünkt. Immer bangt er und härmt ſich um das, was kommt, was vor ihm liegt, und ſei es auch noch ſo wenig der Rede, des Kummers und Bangens werth. So ſiehſt auch Du, mein armer Freund, immer drohende Gebilde vor Deinen Augen auftauchen und hältſt ſie für rieſige wirkliche Geſtal⸗ ten, da ſie doch nur winzige, vorübergleitende Phan⸗ tome ſind. Erhebe einmal Deinen Geiſt und öffne Deine Augen, um die Dich bedrängenden Schreckbilder in ihrer wahren Geſtalt und Größe zu betrachten. Haſt Du irgend einen beſtimmten Anhalt, daß ſie Dir Wahrheit für Lüge geben? Sind die Wolken am Himmel, die uns ſo oft bedrohen, nicht leere Dünſte, die raſch an unſerm Horizonte vorüberfliegen und uns nur kurze Zeit den Anblick der klaren Sonne ver⸗ 241 hüllen? Und vor Denen wollteſt Du Dich fürchten, da ſie ſo weit von Dir entfernt ſind und ſo raſch in die Ferne rauſchen? O nein, Magnus, das kannſt Du nicht, Du müßteſt denn eine kleinmüthige und ver⸗ zagte Seele ſein und nicht an den göttlichen Lenker aller unſrer Schickſale glauben. Nein, nein, alle Deine Schickſalsträume ſind ähnliche Wolken und leere Dünſte, die Dein Gehirn umflattern und den klaren Blick Deines Geiſtes trüben, und da Du weißt, daß ſie Dir nichts anhaben können, ſo ſchüttele ſie von Dir ab und ſtehe frei und kühn da, wie ein Mann es im Sturme des Lebens muß, wenn die Wellen um ihn rauſchen, der Wind um ihn brüllt und er weiter nichts hat, den Sturm zu beſchwören, als ſein mu⸗ thiges Herz, ſein Vertrauen auf Gottes Führung und Geduld und Ausdauer. Denn ach, mein Freund, bis auf dieſen Tag hat kein Sturm ewig gewüthet, noch haben ſie ſich alle ausgetobt— und auf dunkle, bittere Tage ſind immer heitere, ſüße gefolgt. Das muß uns eine Lehre ſein, Magnus, und wenn Du daraus nicht ſchöpfen willſt, dann gieb Dich Deiner Schwäche hin, aber daß Du dann ein Mann biſt, das ſage nicht, denn das glaubt Dir Keiner, und ich am we⸗ nigſten. Sei mir nicht böſe, Magnus, wenn ich ſo herbe ſpreche; ich muß Dir das ſagen, wenn ich wirk⸗ 7. ſAr Strandvogt. II. 16 242 lich Anſpruch darauf machen will, Dein Freund zu ſein. Es hat mir lange genug auf der Seele gelegen und nun danke ich Gott, daß es herunter iſt.“ Magnus nahm die Hand von den Augen und Waldemar ſah, daß darin eine Thräne ſchimmerte. Sein mildes Herz— denn das Herz dieſes rauh er⸗ ſcheinenden Mannes war mild— ward tief bewegt. Er ſtreckte ſeinem Freunde die Hand hin und dieſer ergriff ſie ſogleich. „Waldemar,“ ſagte Magnus leiſe,„Du haſt Recht, ich ſehe, ich fühle es, aber dennoch kann ich nicht an⸗ ders handeln, als ich handle. Du biſt ſtark und ich bin ſchwach, das iſt der große Unterſchied zwiſchen uns, und ſo iſt es immer geweſen, mein Vater hat es mir oft genug geſagt. Hoffe Du— ja, hoffe Du und Deine Hoffnung wird Dich nicht trügen. Ich aber, ich hoffe nichts mehr und dies Bewußtſein wird mich auch nicht trügen. Ich ſage es Dir und ſo wird es ſich erfüllen. Das Ende unſers Unterliegens wird eines Tages kommen und wir werden uns wieder er⸗ heben. Du wirſt mit unter den Auferſtandenen ſtehn, Du wirſt Dich mit ihnen freuen, mit ihnen jübeln mit ihnen das neue Leben genießen, aber ich— Mag⸗ nus Brahe— ich werde nicht unter Euch uahe dem —— * ich werde mit zu Denen gehören, über deren Leiber Ihr zum Siege ſchreitet!“ Er ſprach dies mit einer ſo wehmüthigen und doch ſo ſicheren Stimme, daß ſie tief in Waldemar's Seele drang. Dieſer wandte ſich ab und ſchaute faſt un⸗ willig und beinahe die Prophezeihung fürchtend, in ſein Inneres hinein. Sein Vorrath an Worten war erſchöpft, er konnte keines mehr den geſprochenen hinzufügen, aber ſein männlicher Wille war nicht gebrochen, ſeine Kraft ſtand unangetaſtet da— und es war gut, daß es ſo war, denn die Lüfte, die drau⸗ ßen rauſchten, der Sturm, der auf dem Meere wü⸗ thete, wehten ſchon das Verhängniß heran, in dem er dieſe Kraft gebrauchen und die Probe beſtehen ſollte, ob er ein Mann ſei, wie er glaubte, oder ein willen⸗ loſes Werkzeug, das dem Winke eines herrſchenden Fatums knechtiſch gehorcht. 85 Peuntes Vapitel. Die Tromper Wiek. Die Schwadron reitender Jäger, die Capitain Caillard befehligte, hatte an dieſem Morgen einen grö⸗ ßeren Uebungsritt unternommen, der ſich faſt über die ganze Halbinſel Jasmund ausdehnte und theilweiſe mit den Zweck hatte, eine allgemeine Hausſuchung an den Orten abzuhalten, wo man bisher dem Gra⸗ fen Brahe und ſeinem Mitſchuldigen, die man ohne Unterlaß verfolgte, noch nicht nachgeſpürt hatte. Der Befehl dazu war wiederholt von Stralſund gekommen und zugleich der Preis für den Entdecker der beiden Männer erhöht worden, da man um ſo ernſtlicher gegen die Mitglieder einer gefürchteten Verbindung vorzugehen die Abſicht hatte, als, wie man ſich zuflü⸗ ſterte, an verſchiedenen Orten Verſchwörungen gegen das Leben des Koiſers eniülit wären, die man un⸗ 245 terdrücken müſſe, koſte es was es wolle. So waren denn die Befehlshaber kleinerer Truppendetachements auf Rügen angewieſen, alle Mittel anzuwenden, jener beiden Männer habhaft zu werden, ja, es war ihnen zur Ehrenſache gemacht, den von Oben her gehegten Erwartungen zu entſprechen, da man die Ueberzeu⸗ gung aufrecht erhielt, daß Graf Brahe, als einer der Anhänger des Banditen Schill, nothwendig auch ein Kaiſermörder ſein müſſe. Capitain Caillard hatte dieſen erneuerten Befehl mit Zähneknirſchen empfangen, denn gerade er hätte den größten Ruhm darin gefunden, von ſich ſagen zu hören, er habe die Ehre verdient, das gräfliche Schloß zu bewohnen, an welches ſich ſo viele hiſtori⸗ ſche Erinnerungen knüpften, indem er am meiſten da⸗ zu beigetragen, den jungen Drachen zu faſſen, der darin ausgebrütet war. Vierzehn Tage lang hatte er ſich ſchon unſäglich bemüht, die irgend wo Ver⸗ ſteckten— das wurde allgemein für gewiß angenom⸗ men— aufzuſuchen, auch hatte man hier und da Spuren zu finden geglaubt, die unſers Wiſſens zwar falſch waren, aber in den Augen der Verfolger doch immer für ſehr wichtig gehalten wurden. Weil der Capitain nun bisher immer unglücklich in ſeinen Un⸗ ternehmungen geweſen war, trotzdem er, als Bewoh⸗ 246 ner Spyker', doch ſo viel Anſpruch auf das begehrte Glück zu haben vermeinte, ſo hatte ſich ſeiner ſchon ſeit einigen Tagen eine ſehr üble Laune bemächtigt, und ſogar der ſchönen Gylfe Torſtenſon war es nicht gelungen, ſeine zürnende Stirn vollkommen zu glät⸗ ten. In dieſer Laune war der großſprecheriſche Fran⸗ zoſe um ſo eher geneigt, Gewaltthätigkeiten zu üben, gegen wen es nun eben ſei, und ſo hatten die armen Eltern Waldemar's zunächſt darunter leiden müſſen, indem man ſie mit Gewalt dahin gebracht, die huna dert Thaler Contribution zu zahlen, die wir ſchon früher ihnen auferlegen ſahen. Auch dieſe hatte Hille. aus ihren Mitteln gezahlt, aber in ihrem Zartge⸗ fühl Waldemar nichts davon geſagt. Größere Strafe nun konnte der kleine Tyrann über den armen Strand⸗ vogt nicht verhängen, und obgleich er ſich ſo heftig und zornig wie möglich gegen ihn an dieſem Tage geberdet, er hatte endlich doch wieder das kleine Haus verlaſſen müſſen, ohne es vom Erdboden verſchwinden zu machen, wie er in ſeinem Zorne wiederholt gedroht hatte. Grollend über ſein abermaliges vergebliches Su⸗ chen und noch mehr erbittert durch das abſcheuliche Regenwetter, welches ihn an dieſem ganzen Tage ver⸗ folgt, ritt er mit ſeinen Leuten nach Spyker zurück, wo er etwa um zwei Uhr Nachmittags eintraf und 8 247 mit heftiger Geberde ein kräftiges Mahl verlangte, um ſeinen Appetit zu ſtillen und für den beſchwerli⸗ chen Morgenritt hinreichend entſchädigt zu werden. Zufällig hatte er bei'm Einreiten in den Schloß⸗ hof Waldemar am Fenſter des Kaſtellans ſtehen ſehen und auf ſeinen Zügen, indem er die vom Regen trie⸗ fenden Reiter und ihre vom Kothe der aufgeweichten Wege hart mitgenommenen Pferde betrachtete, ein heimliches Lächeln wahrzunehmen geglaubt. Dieſes Lächeln nun war dem Herrn Capitain als eine Ver⸗ letzung ſeiner Würde erſchienen und er hatte den Vor⸗ ſatz gefaßt, ſein Müthchen wenigſtens an einem ſchein⸗ bar Unſchuldigen zu kühlen, da ihm der Schuldige für diesmal wieder entgangen war. Sobald er ſich daher in trockne Kleider geworfen und noch bevor er den Speiſeſaal betrat, ließ er den Ka⸗ ſtellan Ahlſtröm vor ſeinen Richterſtuhl fordern. Der alte Mann erſchien alsbald und gerieth in nicht ge⸗ ringe Verlegenheit, als er die zornige Miene ſeines gegenwärtigen Gebieters ſah. „Monsieur,“ fuhr er ihn heftig an,„was macht der Maulaffe noch hier, der ſchon ſeit vierzehn Tagen vor meinen Augen in dieſem Schloſſe faullenzt und Fratzen ſchneidet, ſobald er einen franzöſiſchen Solda⸗ ten ſeine Pflicht thun ſieht? Iſt die Werbung um 248 Eure Tochter noch nicht zu Ende oder beliebt es dem Herrn, hier den Tagedieb oder gar den Spion noch länger zu ſpielen?“ „Gnädigſter Herr,“ erwiderte itternd der alte Ka⸗ ſtellan mit ſeiner ſo milden und demüthigen Stimme, „ich glaube nicht, daß Georg Forſt den Namen eines Spions verdient. Worauf ſollte er auch ſpioniren? Ich weiß es wahrlich nicht. Was aber die Bewer⸗ bung um meine Tochter betrifft, ſo— ſo habe ich ſie ihm zugeſagt, für den Fall, daß er ein gutes Stück Brod ausfindig macht, was allerdings noch eine Weile Zeit haben mag, fürchte ich.“ „So jagt ihn zum Teufel und laßt ihn das Brod ſuchen. Ich habe es ſatt, ihn hier herumlungern zu ſehen. Wenn ich ihn morgen noch im Schloſſe finde, laſſe ich ihn nach Stralſund transportiren, um ihn außer Sehweite zu bringen. Nun habt Ihr Euern Beſcheid und richtet Euch danach.“ Der alte Ahlſtröm erſchrak und konnte vor Auf⸗ regung kaum die rechten Worte zur nothwendigen Er⸗ widerung finden.„Gnädigſter Herr,“ ſagte er ſtam⸗ melnd,„ſoll ich ihn noch in dieſer Stunde von mei⸗ ner Thür weiſen, wo es ſtürmt und ein gewaltiger Orkan im Anzuge iſt, oder geſtatten Sie mir, ihn bis morgen oder übermorgen zu behalten?“ „Bis morgen— ſpäteſtens bis Mittagszeit, und treffe ich ihn eine Stunde ſpäter hier, ſo wandert er mit vier Mann nach Rügen hinüber.— Heute Mittag will ich Champagner trinken, verſteht Ihr?“ „Gnädigſter Herr, ich bedaure, dieſem Ihrem letz⸗ ten Befehle nicht entſprechen zu können. Es iſt ſchon ſeit vier Tagen kein Champagner mehr vorhanden. Wir hatten keinen ſo großen Vorrath davon auf Spyker.“ „So ſchafft welchen an, mir iſt es gleich, woher. In drei Tagen will ich ihn haben oder ich werde ihn auf Eure Koſten aus Stralſund beziehn.“ Er winkte gebieteriſch mit der Hand und der Ka⸗ ſtellan ſchlich zur Thür hinaus. Betrübt und faſt außer Faſſung gebracht über die alle Tage wachſen⸗ den Anſprüche, die oft in der That Unausführbares verlangten, kam der Alte bei ſeiner Familie an, bei der er noch Waldemar traf, der im Kreiſe der guten Leute ſeine Mittagsmahlzeit eingenommen hatte. Hier entledigte er ſich denn gleich ſeines doppelten Auftra⸗ ges, gerieth aber in neue Verwunderung, als er ſei⸗ nen jungen Gaſt über die ihn betreffende Ausweiſung ſehr wenig beſorgt fand. Waldemar zuckte ſogar ſpöt⸗ tiſch die Achſeln und ſagte ruhig, wobei ein ſtilles Lächeln ſeine kräftigen Züge überflog:„Um dieſen 250 Befehl härmt Euch nicht, Ahlſtröm, ich werde heute Abend oder morgen Früh vor Aller Augen das Schloß verlaſſen und in der Nacht darauf zu Magnus ziehen. Der Spukthurm hat Raum genug für zwei Gäſte. Und was den Wein anbelangt, ohne den die Herren Franzoſen nun einmal nicht leben können, ſo dächte ich, wäre das ganze Unheil mit einer mäßigen Summe abgewandt. Laßt einen Wagen anſpannen und nach der alten Fähre fahren; in wenigen Stunden habt Ihr aus Stralſund ſo viel Champagner bezogen, als fürs Erſte erforderlich iſt. Graf Brahe wird die Rechnung nicht viel größer finden, die er zu zahlen hat, ob nun dieſer Wein darauf ſteht oder nicht.“ „Ja, ja doch, das macht mir auch den geringſten Kummer. Alſo Du willſt auch in den Spukthurm?“ „Wo ſoll ich denn hin? Bin ich darin nicht am ſicherſten?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte der Alte achſelzuckend. „Bisweilen kommt es mir vor, als wäre auch der Spukthurm nicht mehr ſicher genug.“ „Uns genügt er, Alter. Niemand kennt ſeine Ein⸗ und Ausgänge, ſelbſt Gylfe nicht, wie ſollte man alſo in ſein Inneres gerathen?“ „Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, aber mir 251 iſt es ſo, als hätte er die längſte Zeit ſeine Dienſte geleiſtet.“ „Noch leiſtet er ſie, und nun guten Muth, Ahl⸗ ſtröom. Wenn auch Ihr noch furchtſam und trübſelig werdet, dann ſtehe ich zwiſchen zwei Feuern, und wahrlich, ich habe ſchon mit dem einen da oben ge⸗ nug.“ „Ich glaube es, ich glaube es. Ach, wie wird das Alles enden? fragt mich alle Tage mein Herz, und ich kann ihm nie eine vernünftige Antwort dar⸗ auf geben!“— Es war Nachmittags gegen vier Uhr. Auch die franzöſiſchen Herren hatten geſpeiſt und hielten ſich nun bei einander im Zimmer des Capitains auf, da das Wetter ihnen keinen Schritt aus dem Hauſe zu gehen geſtattete. Der gießende Regen zwar ließ mehr und mehr nach, aber der Wind war zum Sturm an⸗ gewachſen, der alle Augenblicke heftiger wurde und in einen Orkan überzugehn drohte, wie er Jahre lang nicht auf dem„Eiland der Stürme“ gewüthet hatte. Zu ſolcher Zeit bot Schloß Spyker einen unheim⸗ lichen Aufenthalt. Von dem düſteren Gemäuer her⸗ nieder ergoſſen ſich ganze Stöme alten Dachziegel polterten krachend von der Höhe und das Gekrächz der Dohlen, die ſich vor Angſt nicht zu laſſen wußten, ſchallte trübſelig auf den wüſten Hof⸗ raum herab. Knarrend in ihren roſtigen Angeln trieb der Wind die Wetterfahnen um, das Vieh brüllte in den nahgelegenen Ställen und die Bäume beugten ihre ehrwürdigen Wipfel ſeufzend gegen die Erde hin, die ihrer überhängenden Wucht oft nachgab und die alten Wurzeln zu Tage treten ließ, wenn der heftige Luftdruck einen Rieſen des Parkes umfegte. Am ſchauerlichſten aber hörte ſich der Sturm an, der über die See her durch die Wälder heulte, alle Frucht der Felder knickte und Splitter und Trümmer jederlei Art in tollem Wirbel durch die Lüfte jagte. Nehmen wir dazu einen nächtigen Himmel, düſter drohende Wol⸗ ken, die, wie von Geſpenſterfurcht ergriffen, kopfüber durch die Höhe ſtürzten und dann und wann einen eiskalten Hagelſchauer herniederſandten, ſo kann man ſich eine Vorſtellung von den Empfindungen machen, die die Bewohner des einſamen Schloſſes zu ſolcher Zeit ergriffen. Ein Einziger war im Schloſſe, dem dieſes Wüthen der Elemente weder Sorge machte, noch Angſt ein⸗ flößte, ja der vom Wiegenlied des Sturmes befeuert, ichen, Seele ein wahres Behagen dar⸗ an fand, auch einmal die Natur in ihrem entfeſſelten Stolze, ihrer angeborenen Würde wüthen zu ſehen, wo ſo viele winzige Menſchen in ihrer Einbildung und Eitelkeit wütheten. Waldemar Granzow, der kühne Seemann, der von Jugend auf an Gefahren Gewöhnte, deſſen phyſiſche Kraft ſeiner geiſtigen Furcht⸗ loſigkeit gleichkam, freute ſich auch diesmal, als er den reinen Athem der Natur durch die Wälder fegen ſah; mochten die Bäume brechen und die Wellen der See weit über ihre ufer ſchlagen, gerade in ſeiner heutigen Stimmung war er geneigt, in dem ſchauer⸗ lichen Heulen des Windes nur eine Muſik zu hören, die ſein Herz mit Wonneſchauern erfüllte und den Wünſchen entſprach, die ſchlummernd in ſeiner Seele niſteten. In ſeinen Sturmrock gehüllt, den waſſerdichten Hut feſt unter dem Kinn zugeſchnürt, ſchritt er in den Spyker'ſchen Park und am Ufer des Sees entlang, um hier die Schneekronen des Waſſers tanzen und die kleine Brandung an den Wurzelſtöcken der Gartenrie⸗ ſen nagen zu ſehen.. „Hei!“ rief er fröhlich aus,„das iſt ein prächtiges Wetter. So ein Sturm muß einmal unter die Fran⸗ zoſen fahren und ſie wie Spreu in alle Winde jagen. Geduld, mein Herz, Geduld, es wird auch noch kom⸗ 2 254 men. Dann aber wollen wir hinterher ſein und die Gelegenheit beim Schopfe faſſen, und wen ich dann mit dieſer meiner Fauſt packe, der ſoll nicht zum zwei⸗ ten Mal nach ſolchem Händedruck verlangen.— Aber halt, da fällt mir ein, daß der arme Gefangene da oben allein iſt. Da von der Höhe herab muß ſich das Spiel der Natur noch beſſer ausnehmen und man kann aus nächſter Nähe das Pfeifen und Brül⸗ len des Windes genießen. Alſo hinauf zu ihm, um ihm ein wenig Geſellſchaft zu leiſten.“ Mit dieſen Worten ſchlug er den Weg zum Schloſſe ein. Noch langſamer und ſinnender, als er gewöhn⸗ lich ging, ſchritt er auch diesmal einher; unbeküm⸗ mert um den heulenden Sturm, der die Zweige von den Bäumen brach und rings um ihn her ſtreute, zeigte er dabei eine Miene, als wäre er aus Stein gemeißelt und trotzte der Gewalt der Elemente, wie er ſo oft der der Menſchen getrotzt hatte. Wie er ſo langſam und ruhig auf dem Platze vorm Schloſſe anlangte, ſtanden gerade am Fenſter des Jagdzimmers Capitain Caillard und ſein Lieute⸗ nant Challier, um die Verwüſtungen des Unwetters von ihrer behaglichen Stellung aus zu beobachten. „NVoilah,“ ſagte der Vorgeſetzte zu ſeinem Unterge⸗ benen,„da ſehen Sie, Challier, den Menſchen dort. Schreitet er nicht ſo gemächlich einher als ob eine ſüße Mailuft ihn umfächelte?“ „Er iſt ein Seemann, Capitain, und an Sturm und Wogendrang gewöhnt.“ „Ja. Aber trotz ſeines Muthes und ſeiner augen⸗ ſcheinlichen Kraft, trotz ſeiner beſcheidenen und unter⸗ würfigen Miene, kann ich ihn nicht leiden und möchte ihn lieber weit von hier fort als in meiner Nähe ha⸗ ben. Darum hab' ich ihm auch befehlen laſſen, das Feld zu räumen, und morgen ſchon wird er uns nicht mehr beläſtigen.“ „Aber er iſt doch ein hübſcher Kerl und ich möchte wohl ein Regiment commandiren, das aus lauter ſol⸗ chen Eichbäumen beſteht.“ „Ja, wenn er unter meiner Fuchtel ſtände, wie meine Jäger, und ich ihm jederzeit den Daumen auf's Auge drücken könnte! Denn das ſcheint mir bei ihm nöthig zu ſein. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber hinter dieſer ſtillen Miene däucht mir etwas Tigerar⸗ tiges zu lauern, was mir alle Behaglichkeit nimmt. Wenn ich ſeinen ſtolzen Gang und ſein blitzendes Auge ſehe, habe ich immer das Gefühl, als packte mich eine unſichtbare Fauſt im Genick. In dem Bur⸗ ſchen ſteckt Etwas, was mich zurückſchreckt. Gut, daß er mir bald aus den Augen kommt, ſonſt vergriffe ;6 3 25 8 noch an ihm. Mir prickelt es in den n gern, als müßt' ich ihn zeitig an der Gurgel faſ Seht— da ſteht er und ſieht ſich den Wolkenzug an, als ob er ihm Stillſtand gebieten könnte.“ „Er iſt wirklich ein hübſcher Kerl, Capitain, bei alledem. Aber halt— er ſieht uns und nickt uns beinahe vertraulich zu— er iſt wahrhaftig frech, der Burſche!“ „Tonnerre!“ ſchnarrte der Capitain mit ange⸗ ſchwollener Stirnader und flammenden Augen,„das geht mir zu weit!“ Und das Fenſter aufreißend, ſchrie er hinunter, faſt blau vor Anſtrengung, um den brau⸗ ſenden Sturm zu übertönen: „Heda! Warum zieht Ihr den Hut nicht, wenn wir Euch anſehen?“ „Das iſt nicht Seemannsbrauch!“ ſchallte eine Donnerſtimme herauf.„Man zieht den Hut nicht, wenn er unter dem Kinn feſtgeſchnallt iſt.“ Der Capitain wollte wieder herbe und heftig ant⸗ worten, als er durch etwas Unerwartetes unterbro⸗ chen wurde. Von Norden krachte ein dumpfer Ka⸗ nonenſchuß herüber, dem alsbald ein zweiter und dann ein dritter folgte. „Was iſt das?“ ſagte er zu dem Officier an ſei⸗ ner Seite. „Man ſchießt!“ „Ja, aber zu welchem Zweck und wo?“ Der junge Seemann auf dem Hofe, der die Schüſſe ebenfalls vernommen, wandte ſein Haupt in die Rich⸗ tung, woher ſie kamen. Dann ſtreckte er die Arme dahin aus und rief:„Dort oben!“ „Kommt einmal herauf!“ rief der Capitain hinab. Waldemar ſchien nur ungern dem Gebote zu ge⸗ horchen und erſt nachdem er ſein Ohr noch einmal den ſich wiederholenden Schüſſen zugeneigt, ſtieg er langſam die Treppe des Schloſſes hinan. „Was haltet Ihr von den Schüſſen, die Ihr eben vernommen?“ fragte der Capitain mit etwas aufge⸗ klärter und wißbegieriger Miene den Eintretenden. Waldemar machte mit dem abgenommenen Hute eine ſeemänniſche Bewegung, die man als Gruß hin⸗ nehmen konnte, und ſagte dann feſt und ſicher:„Die Schüſſe rühren von einem Schiff her, das wahrſchein⸗ lich in Noth iſt und bei dem Sturme einen Lootſen verlangt, damit er es ſicher in einen Hafen bringe.“ „Sacre dieu! Das iſt intereſſant, Challier. Wol⸗ len wir hin?“. „Ich bin dabei, Capitain.“ Der Capitain wollte eben die Glockenſchnur er⸗ greifen, um ſeinen Diener herbeizurufen, als eine neue Der Strandvogt. II. 17 258 ritt geſtreckten Galopps in den Hof ein, ſprang vom Pferde und ohne ſich um daſſelbe zu bekümmern, raſſelte er wie ein kleines Ungewitter die Schloßtreppe herauf. Auch den meldenden Diener erwartete er nicht, ſtieß vielmehr ohne Zögern die Thür auf und ſtand nun, die üblichen Honneurs machend, vor ſeinem Be⸗ fehlshaber. „Was giebt's?“ fragte dieſer mit leidenſchaftlicher Haſt. „Capitain, ich komme von der Strandwache bei Ruſchwitz, eine Viertelmeile von hier. Lieutenant Chau⸗ mont ſchickt mich her. Es iſt ein Schiff in Sicht, das Schiffbruch erleiden wird, und die Leute meinen, es habe den Grafen Brahe und ſeinen Begleiter am Bord, die darauf flüchten wollten.“ „Cent mille tonneres!“ brüllte der Capitain. „Sacre bleu, Messieurs, c'est un jour de bonheur aujourdhui. En avant, Messieurs!“ Und er riß ſo heftig an der Glockenſchnur, daß ihm der abge⸗ ſprungene Griff in der Hand verblieb. Als darauf der Diener angſtvoll hereinſtürzte, ſchrie der Capitain nach einem Pferde, wandte ſich aber ſogleich nach Waldemar um, der, wie man ſich vorſtellen kann, in höchſtem Erſtaunen und doch innerlich über den Irr⸗ 259 thum triumphirend, noch in ſeiner vorigen unbeug⸗ ſamen Stellung verblieben war. „Könnt Ihr reiten, Forſt?“ „Ich habe es in meiner Jugend öfters verſucht— „Zwei Pferde!“ ſchrie der Capitain dem Diener nach, der ſchon auf der Treppe war, und Ihr, Chal⸗ lier, laßt ſatteln, laßt ſatteln; Alles, was an Mann⸗ ſchaft im Schloſſe iſt, ſoll mit hinaus an's Meer.“ Der Befehl war ertheilt und wurde unverzüglich vollſtreckt. In wenigen Minuten war Alles bereit. Lieutenant Challier erhielt den Auftrag, die Mann⸗ ſchaft, ſobald ſie fertig ſei, in Galopp nach Ruſchwitz zu führen, und der Capitain ſchritt, unmittelbar von Waldemar gefolgt, in den ſo plötzlich belebten Hof hinab, auf den alle Bewohner des Schloſſes mit un⸗ ruhiger Miene herniederſchauten. Wenn man bei dieſer Gelegenheit den queckſil⸗ bernen Capitain der berittenen Jäger, der in ſeiner glänzenden Uniform hin und her trippelte, tauſend verſchiedene Rufe und Flüche hören ließ und doch nichts damit zu Stande brachte, mit dem unſchein⸗ baren Seemanne verglich, der mit unbeweglicher Miene, aber blitzendem Auge auf die von allen Seiten über⸗ eilten Vorbereitungen ſchaute und dabei den inneren Jubel mit Gewalt unterdrückte, der ſein Herz erbeben 17* 260 machte, ſo konnte man nicht in Zweifel bleiben, auf weſſen Seite hier eigentlich das geiſtige Uebergewicht war. Dieſe Ruhe, dieſe feſte Selbſtbeherrſchung des Letzteren imponirte ſelbſt dem Capitain, der kurz vor⸗ her ſo ergrimmt gegen ihn geweſen war. Er hatte bereits das Pferd beſtiegen, das man zuerſt herbeige⸗ führt, und wartete nur noch auf das zweite, das für Waldemar beſtimmt war. Endlich kam es und ward dicht vor ihn hingeſtellt. Der Capitain hielt ſein Auge wie gebannt auf ihn; er freute ſich ſchon, welche armſelige Figur ein Seemann als Reiter ſpielen würde. Aber er hatte ſich umſonſt gefreut. Waldemar ergriff die Zügel des wiehernden und ſteigenden Roſſes kunſtgerecht, und ohne ſich wie der kleine Franzoſe an die Kammhaare zu klammern, ſchwang er ſich blitzſchnell in den Sat⸗ tel, ſobald er den Bügel gefaßt hatte. Der Capitain nickte beifällig, obgleich etwas verwundert; dieſer Sat⸗ telſchwung kam ihm wie der eines wohlgeſchulten Ritters des Mittelalters vor. Aber ſchon lenkte er den Rappen nach dem Ausgang des Hofes und ihm dicht auf den Ferſen folgte Waldemar, ſein Pferd eben⸗ falls in Galopp ſetzend. um den Spykerſchen See herumjagend ſchlugen ſie den nächſten Weg nach dem Strande ein, und da 261 die Pferde tüchtig ausgriffen, ſo erreichten ſie ihn in zehn Minuten, trotz des ſauſenden Windes, der ihnen unhold entgegenſtürmte. „Wo habt Ihr reiten gelernt?“ fragte der Capi⸗ tain unterwegs ſeinen Gefährten, der ihm dicht zur Seite ritt, und betrachtete mit wohlgefälligem aber immer mehr verwundertem Auge die Art und Weiſe, wie derſelbe mehr mit mächtigem Schenkeldruck als mit den leicht gehaltenen Zügeln das muthige Thier lenkte. „Auf Hiddens⸗öe, Herr Capitain, wo ich in meiner Jugend lebte.“ „Ihr reitet aber nicht wie ein Bauer, ſondern wie ein Cavalier.“ „Ich bin auch kein Bauer, wie Sie denken mö⸗ gen,“ entgegnete der Seeman ſtolz und ſchleuderte einen flammenden Blick auf ſeinen Nachbar. Der Capitain ſchwieg, er konnte im Sturme nicht mehr ſprechen, aber er wunderte ſich im Stillen fort, da ihm das Gebahren dieſes Georg Forſt immer mehr wie das eines verkappten Ritters vorkam. lange vergeblich geſuchten Feind, noch dazu in einer - 8 Die Freude des franzöſiſchen Officiers, endlich den 8 ſo gefährlichen Lage zu ertappen, wie ſie ihm geſchil⸗ dert worden war oder wie er ſie ſich wenigſtens vor⸗ ſtellte, glich dem Triumphe, der ſchon die Anſtrengung des Kampfes hinter ſich hat. Lange hatte ſein Herz nicht ſo frohlockt, lange nicht ſo ſchöne Hoffnungen gehegt, wie heute, wo ihm, wenn er die Geächteten V ergriff, der Majorsrang und bald auch ein Regiment ſicher war. Mit ganz entgegengeſetzten Gefühlen und doch auch nicht weit von einem freudigen Triumphe entfernt, galoppirte Waldemar an ſeiner Seite. Er fragte ſich nicht, was für eine Scene in der nächſten Viertelſtunde vor ſeinen Augen entrollt werden, wel⸗ cher Antheil ihm bei der Entwickelung derſelben zufal⸗ len und welches Ende ſie nehmen würde, nein, daran dachte er gar nicht. Begegnete ihm eine Gefahr, ein ſchwieriges Unternehmen, ſo würde er es mit beiden Armen anfaſſen, das wußte er beſtimmt, aber die Freude, die er darüber empfand, daß der Capitain ſo vergeblich frohlockte und ſo ſiegesgewiß einem unvor⸗ hergeſehenen Abenteuer entgegenging, ließ ſein Herz zittern und blitzte aus ſeinen Augen, die er ſchon von Weitem mit aller Sehkraft auf das Meer gerichtet hielt, ſobald es in ſeinen Geſichtskreis gelangt war und bald lag der Strand und das Meer dicht vor ihm. Beide Männer waren zur Stelle und kurze Zeit nach 263 ihnen langte die ſämmtliche berittene Mannſchaft aus Spyker an. Auf dem bezeichneten Küſtenpunkte ging es heute etwas lebhaft her. Einige zwanzig Männer aus den nahegelegenen Dörfern ſammt der Strandwache der Franzoſen ſtanden am Geſtade und betrachteten mit überlauter Theilnahme das große Schauſpiel, das ſich vor ihren Augen in der Richtung von Arkona auf der ſo berüchtigten Tromper Wiek entwickelte. Folgen wir Waldemar's Falkenauge und beſchrei⸗ ben wir der Reihe nach die Vorgänge, auf die er ſein Augenmerk zunächſt richtete. Zuerſt, als er vom Pferde geſprungen war, wandte er den Blick nach dem Him⸗ mel und überflog ihn prüfend feſt und raſch. Der Wind, oder vielmehr der Orkan, kam ſtoßweiſe aus Nordoſten und miſchte ſein donnerartiges Brüllen mit dem Wogengebrauſe, das hohl, klagend und doch ſchre⸗ ckenerregend klang. Der Himmel war grau umwölkt, nur wurden an einzelnen Stellen rabenſchwarze Wol⸗ ken nach Süden geriſſen, die ſich unaufhörlich ſpalteten und wieder vereinten, je nachdem der Sturm ſie trennte oder zu einander trieb. Die Beleuchtung war daher matt, aber doch hell genug, um Alles genau erken⸗ nen zu laſſen, da es erſt etwa fünf Uhr Nachmittags an einem der letzten Tage des Juni war. 264 Von dieſem düſteren gefahrdrohenden Himmel ſtieg Waldemar's Auge auf das Meer hinunter und hier bemerkte er eine noch drohendere Aufregung. Das ganze Meer, bis zum fernſten Horizonte hin, war mit einem ſchneeweißen Giſcht bedeckt, über dem ein Dampf⸗ wirbel feinzerriebener Waſſertropfen von beträchtlicher Höhe toste. Dieſer Giſcht aber brodelte nicht in ru⸗ higer oder ebener Fläche heran, nein er ward bald haushoch emporgeſchleudert, bald ſank er wieder in ein gähnendes Grab, deſſen Tiefe kein menſchliches Auge erreichen konnte. An den Strand ſelbſt aber herangeſpült, überdeckte er mannshoch die gewöhnli⸗ chen Ufer und ſchleuderte die Gewäſſer ſo heftig über die Aecker und Waldungen, daß er nicht nur den lo⸗ ſen Sand in gewaltigen Stücken fortſchwemmte, ſon⸗ dern auch uralte Bäume entwurzelte, centnerſchwere Felsblöcke in tanzende Bewegung ſetzte und die klei⸗ neren Steine, die am Strande lagen, wie Erbſen klir⸗ rend durch einander warf. ne n zur Rechten 1 an dem nördlichen Außenſtrande von Jasmund ent⸗ lang ſah, wo die Felſen nach Oſten hin allmälig im⸗ mer höher ſteigen und ſich feſter aufthürmen; ſo ge⸗ wahrte man, wie das entfeſſelte Element mit noch wüthenderer Anſtrengung dagegen tobte, als fühle es und zürne darüber, daß es ſie nicht zertrüümmern und ——— zerſtückeln könne. Daher aber donnerte es dort auch um ſo gewaltiger und ſtrömte unwillig und mit wach⸗ ſender Wuth hochauf ſchäumend wieder in ſein Bette zurück, um, von neuen herangewälzten Wogen getrie⸗ ben, ſich noch einmal zum nutzloſen Angriffe zu rüſten. Als Waldemar alles dies mit fliegendem Blick überſchaut und bedacht, richtete er ſein Auge nach Nordweſten, wo die hohe Küſte Wittow's endlich in Arkona auslief, gegen das der raſende Sturm noch heftiger als gegen das flache Ufer der Schabe wüthete, I die er ganz mit Schaum bedeckte und von Zeit zu Zeit dem Anblick völlig entzog. Eine halbe Meile oſtwärts von Arkona, von Nor⸗ den nach Süden, alſo den am Strande bei Ruſchwitz Verſammelten entgegenſegelnd, ſchwebte ein Schiff au⸗ genſcheinlich in großer Gefahr, denn der volle Nord⸗ oſtſturm traf auf ſein Backbord und warf es unge⸗ achtet aller Anſtrengung der Mannſchaft, es mehr oſtwärts zu bringen, gewaltſam nach Weſten hin, alſo den gefährlichen Dünen Schabe entgegen, wo an beiden Seiten der Tromper Wiek Sandbänke über Sandbänke in der Tiefe lauern und ihr Opfer, wenn ſie es einmal erfaßt haben, unwiderſtehlich halten und rettungslos verderben. Es war ein ſchöngebauter ſchlan⸗ ker Schooner, ein Kriegsſchiff, mit zehn Kanonen be⸗ waffnet, jetzt aber nur noch ein Wrack, obgleich ſein Rumpf noch unverletzt ſchien. Aber ſein Vordermaſt war mit einer Menge Menſchen ſchon lange über Bord gegangen und hatte auch ein Boot in die Wel⸗ len geſchleudert, das man, Arkona gegenüber, bereits zur Rettung eines Theils der Mannſchaft in Ordnung gebracht und ausgerüſtet hatte. Vor ſeinem großen Maſt, der ſich noch mit Mühe aufrecht erhielt, trug es eine Art Sturmſegel, zwar nicht regelrecht aufge⸗ hißt, aber in er Noth doch immer noch ſeine Pflicht erfüllend, nachdem es die Gewalt des Windes ſchon mehrmals zerriſſen hatte. Von Zeit zu Zeit feuerte das Schiff Nothſchüſſe ab, aber wie ſollte man ihm helfen, da bei dieſem Orkan kein Boot mit einem V Lootſen herankommen, und wenn er auch glücklich ö an Bord gelangt wäre, doch das unlenkbare Wrack nicht gegen den Sturm von den Küſten Rügen’s weg⸗ bringen konnte. Der Schnabel des Schooners, der ſchon ſein Klüver verloren, deſſen Baum es an dem zerriſſenen Takelwerk noch eine Strecke hinter ſich her⸗ ſchleppte, war gegen die felſige Küſte von Jasmund gerichtet; an dem übriggebliebenen Maſte wehte, angſt⸗ voll wirbelnd im Sturme und nur ſelten ganz ſicht⸗ bar, ein langer Wimpel. Auf der zerbrochenen Gaf⸗ fel flatterte ein Stück Flagge, deſſen Hauptzeichen nicht 267 mehr zu entziffern war und höchſtens nur noch einen Lappen rothen Tuches erkennen ließ. An den Wan⸗ ten und dem ſtehenden Takelwerk des übrig gebliebenen Maſtes ſah man Menſchen angeklammert hängen, wäh⸗ rend auf der gefährdeten Mars deſſelben zwei kühne Männer ſich bemühten, einige Fetzen Segel zu be⸗ ſchlagen, deren Reefe geſprungen waren und die der Wind nun zum Schaden des ganzen Schiffes von Zeit zu Zeit aufblähte. Das Schiff ſelbſt ſchlingerte hef⸗ tig, ſank mit ſeiner Backbordſeite bald ſo tief in die Wogenthäler, daß man ſeine ganze Steuerbordflanke der Länge nach hoch auf einem Wellenkamm blitzen ſah, und ſtürzte dann wieder mit dem Steuerbord ſo tief in den Grund, daß man im Stande war, ſein ganzes Verdeck, das dadurch immer mehr aufgeräumt und in Verwirrung gebracht wurde, zu überſehen. Aber auch ſtampfend bewegte ſich das unglückliche Schiff von Zeit zu Zeit vorwärts, denn man ſah bald den Bug mit ſainem Reſt von Bugſpriet hoch emporſchießen, als wollte es ſeine Rettung in den Lüf⸗ ten ſuchen, bald wieder tauchte er ſo tief in die Wo⸗ gen hinein, daß man glauben mußte, er müſſe jetzt auf den Grund der See geſtoßen ſein, da man zeit⸗ weiſe nichts als den Maſt mit ſeinen Trümmern von Kakelwerk über dem Schaumkeſſel ſchweben ſah. .. Alle Zuſchauer, die zitternd und zagend am Strande ſtanden, blickten mit wachſender Spannung auf das unglückliche Schiff, deſſen Schickſal vorherzuſehn war, wenn der Sturm nicht bald nachließ oder der Wind eine andere Richtung nahm; die meiſten von ihnen bemühten ſich, mit ihren geſunden Augen den Gang des Schiffes und ſeine Manöver an Bord zu verfol⸗ gen, ſo weit dies möglich war; einige aber, unter de⸗ nen ſich Waldemar befand, der ſtets ſein Glas bei ſich trug, ſchauten mit bewaffneten Augen hinüber, waren alſo beſſer als jene unterrichtet. Neben Wal⸗ demar, der unbeweglich wie eine Säule auf einer er⸗ höhten vorſpringenden Uferſpitze ſtand, hielt ſich Ca⸗ pitain Caillard auf, wiederholt fragend, wie es ſtehe, aber immer noch keine befriedigende Antwort erhaltend. Endlich ermüdete Waldemar's Arm, womit er das Glas hielt, er ſetzte es daher ab und ſagte: „Es ſteht ſchlimm, Capitain, ſehr ſchlimm. Es iſt ein ſchönes Schiff, aber es iſt ſo gut wie verloren, wenn keine höhere Macht hilft. Aus ihren Manövern ſchließe ich, daß ſie ihr einziges Rettungsmittel, ihre Anker, bereits eingebüßt haben, auch ſehe ich ſie nicht, ſonſt könnte ich nicht begreifen, warum ſie das Schiff nicht feſtlegen, da der Ankergrund auf ihrem Strich gut iñ und ſelbſt im Sturme feſthält, vorausgeſetzt, — ſie damit ſagen?“ daß ihre Ketten ſtark genug ſind, was ich bei einem ſo ſtattlichen Kriegsfahrzeuge nicht bezweifle. Ha! Vielleicht wollen ſie dem Lande näher kommen, um mit ihren Booten ſicherer zu gehen— wenn ſich die Herren nur nicht verrechnen und feſtſitzen, ehe ſie es denken.“ „Was für ein Landsmann iſt es?“ fragte der Ca⸗ pitain eifrig. „Es ſcheint ein Däne zu ſein, wenn ich meinem Urtheil über die Bauart des Schiffs trauen kann, ob⸗ gleich ich den Fetzen Flagge bis jetzt nicht genau er⸗ kennen konnte— etwas Rothes ſehe ich allerdings daran, aber es kann auch ein Engländer ſein.“ „Gott gebe das Letzte, denn dann wäre es unſer Feind!— Wenn er aber ein Däne wäre, wie käme dann Graf Brahe an ſeinen Bord?“ „Das weiß ich ſo wenig, wie Sie ſelber.“ „Kann man ihm auf keine Weiſe zu Hülfe kom⸗ men?“ „Ich kenne keine. Mit einem Boote ohne Segel bei dieſem Sturm ſo weit in See zu ſtechen, iſt ein Ding der Unmöglichkeit und ſonſt giebt es außer ſei⸗ nen Ankern keine Hülfe.“ 1 „Ha! Sie ſchießen immer noch— was wollen „Es ſind Nothſchreie, die ihnen die Verzweiflung auspreßt, aber ſie ſollten ſich keine unnütze Mühe machen, wir ſehen ſie ja. Auch verſchwenden ſie ihr Pulver— doch das thut jetzt nichts mehr, es wird doch naß werden, wenn es den Grund der See ſchaut.“ „Meinen Sie?“ fragte der Capitain, in deſſen Gel⸗ tung der junge Seemann von Augenblick zu Augen⸗ blick ſtieg. „Es wird Alles auf den Grund der See gehen, wenn der Sturm noch eine halbe Stunde ſo fortwü⸗ thet und wenn ſie, was ich glaube, ihre Anker verlo⸗ ren haben.“ „Wirklich? O, das iſt ſchrecklich.— Schauen Sie zu, iſt es nicht doch am Ende ein Engländer?“ „Ich weiß es nicht, das zerſplitterte Takelwerk läßt kein Zeichen mehr erkennen.— Ha, ſie rücken verdammt ſchnell vorwärts, als ritten ſie mit dem Winde durch die Luft— zu ihrem Verderben— aber ſie kommen näher— an den Felſen Jasmund's wer⸗ den ſie nicht zerſchellen. „Wo dann, wo dann?“ „Sie werden hier vor unſern Augen auf irgend eine Sandbank laufen, die Sturz⸗ und Stampfſeen werden über Bord ſchlagen, das Schiff auseinander reißen und Mann und Maus erſäufen.“ 271 „Das darf nicht geſchehn, das darf nicht geſchehn, wenn meine Flüchtlinge an Bord ſind.“ „So hindern Sie es, wenn Sie können.— Aber hier hilft weder der Befehl eines Generals noch eines Admirals.“ „Wie lange kann es noch dauern, ehe es auf die Sandbank geräth?“ „Höchſtens noch eine Viertelſtunde, dann werden wir mehr oder weniger vom Schiffe ſehen.“ „Weniger? Wieſo weniger?“ 4 „Weil es bis dahin vielleicht ſchon unter Waſſer liegen wird.“ „Ha! Das macht mich ſchaudern. Dergleichen habe ich nie geſehn.“. „Ich oft genug und bin ſchon an Bord eines Schiffes in ähnlicher Lage geweſen.“ „Aber Ihr wurdet doch gerettet? denn Ihr lebt.“ „Ja, als das Schiff auf der Sandbank feſt ſaß, gelang es uns, ein Boot flott zu machen und Gott ſtand uns bei und trug uns glücklich durch die Bran⸗ dung.“ „Kann das hier auch geſchehn?“ „DO ja, wenn es nicht zu weit vom Strande feſt geräth, obgleich der Sturm heute beinahe übermächtig iſt⸗ Der ſchmächtige Capitain bewies die Wahrheit die⸗ ſes Ausſpruchs, denn er hielt ſich ſchon lange an ei⸗ ner gewaltigen Buche feſt, die ihren Wipfel wild über ihn hin und her ſchüttelte, aber dem Andringen des Sturmes kraftvoll widerſtand, eine Hülfe, deren Wal⸗ demar nicht bedurfte, da er mit weit auseinanderge⸗ breiteten Schenkeln wie feſt gewurzelt am Boden ſtand. „Es kommt näher!“ rief dieſer plötzlich.„Es hält ſich noch wacker genug— da— geht das Sturmſe⸗ gel hin“— „Was war das?“ fragte der Capitain erſchrocken, als eine Art Donnerſchlag, aber mit einem ganz an⸗ deren, viel helleren Gebrüll, als die von Zeit zu Zeit abgeſchoſſenen Kanonen es hören ließen, durch den Aufruhr der Elemente ſcholl. „Das war ihr letzter Troſt, ihre letzte Hoffnung um weiterzukommen,“ ſagte Waldemar,„ihr Noth⸗ und Sturmſegel. Der Orkan hat es zerfetzt wie Spreu— da gehen die Lappen über Bord— ſehen Sie ſie?“ „Ja, ja— was geſchieht nun?“ „Nun entwickelt ſich die vorletzte Scene. Der Rumpf, der ohne Segel und Maſte nur noch ein „Wrack iſt, treibt willen⸗ und kraftlos gegen die beiden Ungethüme: See und Sturm, gerades Weges a den Strand— das nennt man vor Top und Takel treiben, Herr Capitain. Gott ſtehe ihren Seelen bei!—“ „Wahrhaftig, iſt es ſchon ſo weit?“ „Noch nicht ganz, aber bald.— Wo haben ſie den Pflichtanker— jetzt iſt es die höchſte Zeit— tauſend Schwerenoth!“ Das arme Schiff, vom wüthenden Sturm und Wogenſchlag dem Lande zugetrieben, kam raſch näher in Sicht. Aber es ging nicht in gerader Richtung mehr ſeinem Schickſal entgegen. Bald ſchlingernd, bald ſtampfend, war es ein Spielwerk der Wellen; bald drehte ſich ſein Spiegel, bald ſein Bug land⸗ wärts, und immer wiederholt tauchte es unter, von einer Sturzſee nach der andern überſpült, was es aber nicht hinderte, immer von Neuem aufzutauchen und emporzuklimmen, wie ein ertrinkender Menſch oder ein gewaltiges Thier, das ſo oft Luft ſchnappen will, als es geht, ehe es leb⸗ und widerſtandslos in die Waſſergruft ſinkt. „Es kommt näher und näher,“ rief der Capitain athemlos,„ich ſehe die Menſchen einzeln ſchon mit bloßen Augen— was machen Sie da?“ „Ich ziehe meinen Regenrock aus, um beſſer ar⸗ beiten zu können, wenn es Noth thut. 4 Der Strandvogt. II. 18 274 „Was wollen Sie arbeiten?“— „Menſchenleben retten, Herr Capitain, wenn die Zeit dazu kommt, und ſie kommt bald.“ Der Capitain warf einen Blick der Bewunderung auf den jungen Mann, der jetzt in ſeiner kurzen See⸗ mannsjacke, ſchlank und doch überaus kräftig gewach⸗ ſen, dicht an ſeiner Seite ſtand. „Können Sie denn heran?“ „Ich muß— wenigſtens will ich es verſuchen. Da liegt ein vortreffliches Boot mit hohem Bord auf dem Sande, gerade gebaut für ſolchen Sturm— und, wie Sie ſehen, hat man ſchon Alles darin längſt in Stand geſetzt. Männer ſind genug hier und in we⸗ nigen Minuten rollen wir es hinab in's Meer.“ „Sind Sie ſicher, Ihr Leben zu bewahren, wenn Sie das Andrer zu retten verſuchen?“ „Das kann kein Menſch mit Beſtimmtheit vorher ſagen. Wie die Sachen hier ſtehen, iſt Hundert gegen Eins zu wetten, daß Retter und Schiffbrüchige zugleich zu Grunde gehen.“ „Aber dann begehen Sie eine Tollkühnheit—“ „Nur eine Pflicht, Herr Capitain; das iſt ſo See⸗ mannsbrauch.“ 8 Der Capitain war ganz bleich geworden und hatte ſchon lange vergeſſen, ſeinen ſchönen Schnurr⸗ 275 bart zu drehen, was eine ſeiner Lieblingsbeſchäftigun⸗ gen war. Aber das Schauſpiel auf dem Schiffe zog ihn wieder von Waldemar ab.„Was machen ſie da am Bord?“ fragte er, auf das Wrack hinweiſend. „Ha! Sie wollen ihren Pflichtanker auswerfen — endlich! Na, es iſt die höchſte Zeit. Ja, ſie ha⸗ ben ihn noch. Alles iſt auf dem Buge dabei, Hand anzulegen— auf Steuerbord, ſehen Sie?— Da geht er hinab— er faßt— das Schiff ſchwaiht— nein, o weh! Der Anker iſt triftig— das Schiff treibt vor ihm her— nun iſt Alles vorbei— ha, ſie erkennen es, ſie machen die Boote zurecht— das iſt verſtändig— flugs, flugs Leute, Ihr habt nur noch wenige Minuten übrig— dort kommt die wilde Bank— da, ich ſag's ja— ſie ſitzen feſt!“ Kaum hatte der Seemann, mit glühenden Augen den Manövern der gefährdeten Schiffer Schritt für Schritt folgend, es ausgeſprochen, ſo ſah man den Rumpf des Schiffes vom Kiel bis in die Spitze ſei⸗ nes wankenden Maſtes erzittern,— eine Bewegung, die alle Sachverſtändigen am Lande in ihrer eigenen Bruſt mitzufühlen glaubten— dann aber wie ange⸗ nagelt auf einer Stelle ſtehen bleiben. Gleich darauf ſchwankte der Maſt, hing noch einen Augenblick an einer Backbordwant, dann ſchlug er über Bord in 18* 276 See, wieder ein Dutzend Menſchen mit ſich fortrei⸗ ßend. Der Bug drang ſchon tief in den weichen Sand, die Stampfſeen ſtürzten wild darüber hin und ſein Achterdeck hob ſich in die Höhe, als wolle es noch einmal um Hülfe gen Himmel ſchreien. Aber da gab es keine Hülfe mehr. Von allen Booten, die der Schooner gehabt, war nur das große noch allein übrig und auch das war ſchon halb mit Waſſer ge⸗ füllt. Mit Verzweiflungskräften arbeitend ließ die Mannſchaft es hinten am Steuerbord des Achterdecks hinab, es ſchwankte neben dem Wrack hin und her, nichts deſtoweniger kletterten und ſprangen einige zanen Menſchen hinein. „ rief Waldemar mit bleichem Geſicht,„das iſt eanfnn— aber zu ſpät— ha, was iſt das? Sie kommen nicht wieder empor— weg ſind ſie, Capitain, zwanzig Menſchen ſind wieder weniger auf der Welt— nun iſt es Zeit für uns— wollen Sie mit, Herr?“ „Nein, ich danke. Ich bin Soldat zu Lande und nicht zur See.“ „Ich bin zu Zeiten Beides!“ Mit dieſen Worten ſprang Waldemar, voll küh⸗ nen Entſchluſſes, den ſteilen Uferrand hinab und trat 2u an das Boot, bei dem ſchon zwanzig Hände hülfreich beſchäftigt waren. „Vorwärts!“ ſchrie er mit einer Donnerſtimme, die verſtändlich durch das Geheul des Windes drang— „die höchſte Zeit iſt da! Es ſind noch Menſchen an Bord— wer geht mit mir— wer, frage ich?“ Acht wackere Männer aus Ruſchwitz antworteten, nicht mit ihren Stimmen, wohl aber mit ihren Hän⸗ den. Von einigen franzöſiſchen Reitern unterſtützt, rollten ſie das Boot an die Brandung, die ihnen ſchon entgegen zu kommen ſchien, und in wenigen Minuten ſchwamm es, die kühnen Männer tragend, die lange Riemen ergriffen hatten und mit furchtloſem Sinn aber gewaltiger Arbeit damit ausſtrichen. Wal⸗ demar, hinten an der Ruderpinne ſtehend und ſie mit mächtigen Händen umklammernd, lenkte das Fahr⸗ zeug den Wogenbergen entgegen, und die erſte Welle glücklich durchſchneidend, auf dem Rücken der zweiten ſchon hoch emporgetragen, kam er mit dem Boote immer weiter vom Ufer ab. Bald ſchwebte es hoch, allen Blicken der am Strande Stehenden erkennbar, bald war es verſchwunden, und ſchon glaubte man, auch dies werde das Schickſal des großen Bootes des Schooners theilen und ſein Grab in den Wellen fin⸗ ſen. Allein es kam immer wieder zum Vorſchein, 278 langſam aber ſicher vorrückend: mochte es nun ſein, daß es mit größerer Geſchicklichkeit gelenkt oder mit ruhigerem Nachdrucke vorwärts getrieben wurde. Zehn Minuten vergingen den am Lande Stehen⸗ den in banger Erwartung, dann aber, in einer Pauſe, die der abnehmende Sturm, der ſeine größte Wuth ausgetobt hatte, eintreten ließ, ſah man, wie es von einem vom Wrack ausgeworfenen Tau an daſſelbe her⸗ angeriſſen ward und nun Seite an Seite des verſin⸗ kenden lag. Es befanden ſich nur noch zwölf Mann an Bord, alle Uebrigen waren mit den fallenden Ma⸗ ſten über Bord geriſſen oder mit den weggeſchwemm⸗ ten Booten umgekommen, die man theils vor Arkona, theils hier auf der Sandbank ausgeſetzt und verloren hatte. Dieſe zwölf Männer nun, athemlos, keuchend vor Todesfurcht und übermäßiger Anſtrengung, kletter⸗ ten mit fieberhafter Eile in das rettende Fahrzeug hernieder, und als es ſie alle aufgenommen, halfen ſie es wieder vom Wrack abſtoßen, worauf es mit derſelben Ruhe, mit der es gekommen, und mit der⸗ ſelben Umſicht wie vorher geſteuert, dem ſchon 1on Schiffstrümmern beſpülten Strande zueite. Unterwegs erfuhr Waldemar Granzow vo en dankbaren Geretteten, daß das geſtrandete Sch königliche däniſche Schooner Island, vor wenigen Ta⸗ gen erſt von Kopenhagen ausgelaufen und zum Kreu⸗ zen auf der Oſtſee beſtimmt geweſen ſei. Seinen Capitain hatte er ſchon bei Arkona verloren, wo der⸗ ſelbe von dem vorderen Maſt erſchlagen und über Bord geriſſen worden war. Von der Beſatzung waren 188 Mann umgekommen und nur zwölf gerettet, die ebenfalls dem Tode verfallen wären, wenn Waldemar nicht den Muth beſeſſen hätte, ſie mit eigener Lebensgefahr dem ſinkenden Wracke zu entreißen, da ſie kein Boot mehr an Bord hatten, nachdem das letzte in der Trom⸗ per Wiek zu Grunde gegangen. Das war die Erzählung, die Waldemar, wie ge⸗ ſagt, ſchon unterwegs mit halbem Ohre vernahm, denn wenn ſeine ganze geiſtige und leibliche Kraft auch nicht von der Führung des Bootes in Anſpruch genommen worden wäre, er würde doch nur ober⸗ flächlich jenen Worten gelauſcht haben, da ſeine Auf⸗ merkſamkeit von dem Augenblick an, wo er an die ſinkende Schiffswand gelangt war, auf eine beſondere Weiſe abgelenkt ward. Denn der Mann, der ihm das Tau zugeſchleudert, der, als der letzte der leben⸗ den Officiere an Bord des königlichen Schiffes, auch lletzt in das rettende Boot geſtiegen und durch einen Zufall von Waldemat, der am Helmſtock ſaß, getrennt 280 blieb, dieſer Mann war ihm bekannt und gerade dieſe Bekanntſchaft erſchien ihn im gegenwärtigen Augen⸗ blick nicht bedeutungslos. Der däniſche Steuermann — dieſen Rang bekleidete der Gerettete— der, von mancherlei Kummer über den Verluſt des ſchönen Schiffes, der vielen Kameraden und vielleicht auch manches eigenen Beſitzes bedrückt, noch kein Wort zu ſeinem Retter geſprochen hatte, ſchien Waldemar eben⸗ falls wieder erkannt zu haben, denn ſein bleiches Ge⸗ ſicht haftete mit einem ſchwer zu ſchildernden Stau⸗ nen auf dem Führer des Rettungsbootes, als könne er ſich nicht gut die Anweſenheit eines Mannes an einem Orte erklären, den er wegen der anweſenden Franzoſen gerade hätte meiden müſſen. Eine Erklärung zwiſchen Beiden fand leider nicht ſtatt und konnte nicht ſtattfinden, denn als man glück⸗ lich gelandet war und das Boot wieder auf den hö⸗ heren Strand gezogen hatte, miſchten ſich die Gerette⸗ ten unter ihre Freunde, die Franzoſen, und Capitain Caillard ſelbſt war es, der ſich den einzig übriggeblie⸗ benen Officier des geſtrandeten Schiffes vorſtellen lie und eine ziemlich lange Unterredung mit ihm führte, die ſich jedoch nicht auf den Grafen Brahe und Wal demar Granzow bezog, da der Capitain ſofort erf A ren, daß das däniſche Schiff erſt am vorigen Tag⸗ 281 Kopenhagen abgeſegelt ſei und keinen Fremden an Bord gehabt. 4 Während dieſes Geſprächs ſchüttelten die Gerette⸗ ten den Bewohnern von Ruſchwitz dankend die Hände, die, obgleich ſie jetzt ihre politiſchen Feinde waren, doch ihr Leben für ſie in die Schanze geſchlagen hat⸗ ten, nur Waldemar entzog ſich den Aeußerungen des Beifalls dadurch, daß er den Fiſchern einige Andeu⸗ tungen über die an den Strand geworfene Beute gab, auf welche die ehemaligen Beſitzer nach den damali⸗ gen Strandgeſetzen keinen Anſpruch mehr hatten, trotz⸗ dem ſie noch an Ort und Stelle waren und die Trüm⸗ mer ihrer Habe nach und nach in kleinen Brocken und Stücken an's Ufer ſpülen ſahen. Mittlerweile hatte ſich der Capitain ſatt gefragt; der kalte Sturm, der jetzt, nachdem er ſein Opfer em⸗ pfangen, bedeutend nachgelaſſen, hatte ihn bis in's Mark durchwühlt und er ſehnte ſich nach ſeiner behag⸗ lichen Wohnung, um Fräulein Gylfe ſeine Helden⸗ that zu berichten, die im Ganzen darin beſtand, daß er einige Stunden am Strande zugebracht und dem brauſenden Winde ſich ausgeſetzt hatte, um zwei Män⸗ ner zu fangen, die ihm wider alles Vermuthen jetzt ermals entſchlüpft waren. Erſt als er ſein Pferd eranführen ließ, ſiel ihm ſein früherer Begleiter ein 282 und er wandte den Kopf nach allen Seiten, um ihn unter den mit allerlei Verrichtungen Deſchältigten auf⸗ zuſuchen. Da ſah er ihn oben auf dem Strande fiehen, wie er mit unterſchlagenen Armen an der Buche lehnte, die ihm ſelbſt vorher Schutz geboten hatte. Träume⸗ riſch, was ſonſt nicht ſeine Art war, blickte er über die wogende See hinaus und haftete mit ſeinem Fal⸗ kenauge auf den Trümmern des Schooners, die im⸗ mer tiefer in ihr naſſes Grab ſanken.„Das Schiff dort,“ ſagte er zu ſich,„iſt geſtrandet, der Mann 1 aber, den ich gerettet, iſt geborgen. Hat er mich er⸗ kannt? Wird er mich verrathen? Soll ich das Pferd, das hier neben mir ruhig an den Sträuchern nagt, beſteigen und davon jagen, um ſo raſch wie möglich zu Magnus zu kommen und ihm das neue Unheil zu verkünden? Oder ſoll ich ruhig warten, bis ich ſehe, daß dieſe Flucht nothwendig wird, bis der fran⸗ zöſiſche Officier, der mich heute aus meinem warmen Schutze vertrieben, ſeinen Schergen einen Wink gieb ſich meiner zu bemächtigen?— Ich werde das Letz thun, denn noch ſteht er ruhig unter den Leuten d und läßt ſich den Hergang ihres Schiffbruchs ten, und wenn jener Steuermann auch mei⸗ ein Däne iſt, ſo iſt er doch ein wackerer 283 ich habe ihm das Leben gerettet und er wird mich nicht verrathen, ſelbſt wenn er meinen Namen und mein Geſicht in ſeinem Gedächtniß bewahrt haben ſollte.“ In dieſem Augenblick ſah er den Capitain gelaſ⸗ ſen ſein Pferd beſteigen und ſich dann nach ihm ſel⸗ ber umſchauen, den er endlich unter der Buche ent⸗ deckte. Langſam ritt der Franzoſe auf ihn zu und ſagte lächelnd:„Eh bien mon ami, beſchauen Sie Ihr Werk und haben Sie Luſt, noch einmal die Fahrt — nach dem Wrack zu unternehmen, um noch Dinge von Werth zu bergen?“ „Nein, Herr Capitain, ich habe meine Schuldig⸗ keit gethan und um Beute war es mir nicht zu thun. Leider habe ich wenig erreicht, denn beinahe 200 Menſchen haben ihr Leben verloren.“ „Parbleu! Ja, aber zwölf haben Sie gerettet und damit würde ich auch ſchon zufrieden ſein. Al⸗ lons, reiten wir nach Hauſe, Sie triefen von See⸗ waaſſer und eine warme Suppe wird Ihnen wohlthun. Vraiment, mon ami, Sie haben ſie wohl verdient!“ Waldemax, der ſeinen Regenrock ſchon wieder über⸗ e rfen hatte, grüßte auf Seemannsweiſe und ging zu dem graſendem Pferde, machte es zügelrecht 284 und ſtieg langſam auf, um im Schritt neben dem Capitain den Rückweg nach Spyker anzutreten. Dieſem fiel ſeine Schweigſamkeit und ſeine, ein grübelndes Sinnen ausdrückende Miene auf. Eine Weile dachte auch er über etwas nach, dann wandte er ſich nach ihm um und ſagte:„Monsieur Forst, ich habe Ihnen heute ſagen laſſen, daß Sie Ihren Auf⸗ enthalt bei Ihrem künftigen Schwiegervater verkürzen ſollen. Ihr heutiges Benehmen hat meinen Entſchluß geändert und ich geſtatte Ihnen hiermit, ſo lange auf Spyker zu verweilen, wie es Ihnen beliebt.“ Hatte der Capitain erwartet, dieſes großmüthige Zugeſtändniß werde den jungen Mann in eine freu⸗ dige Stimmung verſetzen, ſo hatte er ſich geirrt. Wal⸗ demar ſchwieg noch einige Augenblicke, dann aber ſagte er in ſeiner gewöhnlichen ruhigen Weiſe, die jedoch mit einiger Bitterkeit gemiſcht war: „Ich danke, Herr Capitain; aber Ihr heutiger Befehl, den Sie mir durch den Kaſtellan zugefertigt haben, ſtimmt zu ſehr mit meiner eigenen Neigung überein, als daß ich ihn nicht ungeachtet Ihres W derrufs befolgen ſollte. Es lag in meiner Abſich ſchon morgen oder übermorgen von Spyker zu ſch 9 den und nach Greifswald zurückzukehren, wo ich mein Studien fortſetzen will, die ich aus Liebhaber gann, da ich in dieſen Kriegszeiten meinen Beruf nicht erfüllen kann, weil Deutſchland keine Marine hat.“ „Eh bien! Thun Sie, was Ihnen beliebt. Das Vernünftigſte, was ein junger Mann, wie Sie einer ſind, in dieſen Zeiten thun kann, iſt, zu ſtudiren und ſich nicht um die Streitigkeiten der Nationen zu küm⸗ mern. Wenn alle Deutſchen ſo klug geweſen wären, würden ſie von den Franzoſen nicht für ihren Ueber⸗ muth gezüchtigt worden ſein.“ „Hm!“ dachte Waldemar.„Der Deutſchen Ueber⸗ muth alſo war es, der die Franzoſen über den Rhein rief? Das iſt eine neue Auslegung der neuſten Kriegs⸗ geſchichte— und ſie iſt würdig, von deutſchen Bajonet⸗ ten und Kanonen beantwortet zu werden. Geduld! Werſieht dem Himmel an, ob er morgen Regen oder Wind bringt, und leicht könnte es geſchehen, daß über kurz oder lang auch ein Ungewitter über Frankreich her⸗ einbricht, wie dieſe Herren es jetzt über uns gebracht haben.“ So ritten die beiden Männer ſchweigend dem Schloſſe i Spyker zu, in dem ſich während ihrer Abweſen⸗ heit eine Scene ereignet hatte, die weder Waldemar der Capitain ahnen konnte und zu deren Be⸗ ſchreibung wir uns jetzt wenden wollen. Lenntes Aapitel. Der Spuk. Nachdem Waldemar ſeinen kranken Freund nach der von uns mitgetheilten Unterredung am Vormit⸗ tag verlaſſen hatte, blieb Magnus anfangs in einem Zuſtande ſtumpfer Gefühlloſigkeit ſitzen und ließ die von Jenem heraufbeſchworenen Gedanken einen nach dem andern an ſeinem Geiſte vorüberziehn. Nur all⸗ mälig gelangte er ſo zur klaren Einſicht des Vorlie⸗ genden, erkannte aber leider dabei zur Genüge, daß er kaum die Fähigkeit und Kraft beſaß, mit einem Schlage den Knoten zu löſen, der ſeine Seele gefeſſel hielt. Während ſein Verſtand auf Waldemar's Se trat, deſſen Rathſchläge gut hieß und ſie zu befolg rieth, bäumte ſein Herz ſich mit ſeiner ganzen nat lichen Leidenſchaftlichkeit dagegen auf, und er es nicht über ſich gewinnen, die Einwürfe de — . 4. es 287 chen Jugendfreundes auch in dieſer Beziehung für ge⸗ rechtfertigt zu erkennen. Lange ſchwankte er ſo zwi⸗ ſchen den Eingebungen des Verſtandes und den Nei⸗ gungen des Herzens hin und her, ſich vergeblich be⸗ mühend, einen Ausgang aus dieſen Verwicklungen zu finden und den ganzen martervollen Zwieſpalt durchlebend, den Jedermann kennt, der zwiſchen dieſen beiden Potenzen einmal zu wählen verurtheilt gewpe⸗ ſen iſt. Wie aber ſelten Jemand, und ſei er auch noch ſo ſehr von ſeinen Gefühlen beſtrickt oder von der noth⸗ überzeugt, ſich entſchieden gleich auf die eine oder an⸗ dere Seite dieſer beiden Großmächte wirft, ſo ſuchte und fand auch Magnus endlich einen ihm genügen⸗ den Ausweg, der ihn mitten zwiſchen beiden Klippen hindurch zu einem erwünſchten Ziele zu führen ver⸗ hieß, und dieſen zu betreten, war er zuletzt völlig ent⸗ ſchloſſen. Er wollte wirklich Waldemars Rath be⸗ een und Spyker verlaſſen, um ſich aus den Schlin⸗ ieſes verführeriſchen Ortes zu ziehen, aber nicht als bis er die vollſte Ueberzeugung gewonnen, keine Hoffnung mehr auf Wiedergewinnung Torſtenſon's übrig bliebe,— ein Ausgang, den 1 keineswegs als unausbleiblich annahm, da er wendigen Befolgung der Eingebungen des Verſtandes 288 ſich viel von einer mündlichen Beſprechung mit dem wankelmüthigen Mädchen verſprach. Die Beſprechung mußte alſo nothwendig erfolgen und zwar ſobald wie möglich, denn die Zeit drängte und Waldemar drängte in ſeiner Ungeduld nicht minder. Aber wie zu ihr gelangen, ohne daß die Bewohner des Hauſes davon Kunde erhielten? Sollte er ſie um eine Unterredung angehen, nachdem ihr ſeine Anweſenheit gemeldet war? Nein, das wagte er nicht, das konnte ſchlimme Folgen haben, ſie konnte ſich durch Ueberlegung gegen ſeine Angriffe waffnen oder gar die Hülfe ſeines bit⸗ terſten Feindes, ihres jetzigen Liebhabers, in Anſpruch. nehmen. Um dies zu vermeiden, mußte die Unterre⸗ dung alſo ohne jede Vorbereitung von Gylfe's Seite erfolgen, ſie mußte mit einem Worte überraſcht wer⸗ den und,— auf dieſe Ueberraſchung, als das letzte aller erwogenen Hülfsmittel, bereitete ſich Magnus regel⸗ recht wie auf die Belagerung und Ueberrumpelung einer Feſtung vor. Er wog Alles ab, was er ihr vorhalten, womit er ihr Herz beſtürmen, ihr Recht lichkeitsgefühl erwecken und ſomit den Sieg erri wollte, und als er erſt ſo weit gekommen, be er die Gelegenheit zu ergreifen, ſobald ſie ſich darl ten würde. Dieſe Gelegenheit aber ſollte ſich ſehr bald darbieten, viel früher wenigſtens, 289 in ſeinen kühnſten Erwartungen für möglich gehalten hatte. Um vier Uhr Nachmittags, als ſich im Schloſſe Magnus in ſeinem abgelegenen Zimmer ſich nicht recht erklären konnte, obwohl er die Schüſſe vom Meere her vernahm und den Capitain mit Waldemar abrei⸗ ten ſah, denen bald alle Reiter folgten, erſchien der alte Ahlſtröm bei ihm und ſetzte ihn von dem Vorge⸗ henden in Kenntniß. Als Magnus dieſe unerwartete Nachricht empfing, ſchoß ihm das Blut in's Geſicht und die plötzliche Aufregung lähmte beinahe ſeine Ueberlegung. Der alte Freund ſeiner Familie wußte erſt gar nicht, was dieſes Erſchrecken, wofür er es hielt, bedeute, bis Mag⸗ nus mit zitternder Stimme die Frage laut werden ließ, ob Gylfe im Schloſſe ſei. „Wo ſoll ſie ſonſt bei dieſem Unwetter ſein, Herr Graf? Sie hat ſich in ihr Zimmer eingeſchloſſen, was ſie immer thut, wenn ſie ungeſtört ſein will, aud da lieſt oder ſtickt ſie, oder thut ſonſt etwas, 8 ihr gerade beliebt.“ „Befindet ſie ſich in dem Zimmer, welches an die Treppe dieſes Thurmes ſtößt und durch den geheimen mopf an der bewußten Stelle geöffnet werden kann?“ Der Strandvogt. II. 19. * die Vorfälle zutrugen, die wir berichtet haben und die „Ja, Herr. Wollen Sie etwa zu ihr?“ „Das iſt meine Sache, Ahlſtröm. Würdeſt Du etwas dagegen haben, wenn ich es thäte?“ „Ich habe nichts gegen Euer Geſtrengen Thun, gar nichts— aber— aber iſt Herr Granzow von dieſem Schritt unterrichtet?“ Magnus fühlte ſich getroffen, da er hier auf einen Mann ſtieß, der in geheimem Bunde mit ſeinem redli⸗ chen Freund zu ſtehen ſchien.„Wie meinſt Du das, Al⸗ ter?“ ſagte er verwirrt.„Darf ich in dieſem Schloſſe nur das unternehmen, womit Granzow einverſtanden iſt?“ Der Kaſtellan ſenkte den grauen Kopf.„Herr Granzow meint es gut mit Ihnen, Herr Graf, beſſer kann es kein Menſch auf der Welt meinen.“. „Ich weiß es und ſchätze und liebe ihn deshalb ſehr; aber mit Gylfe zu reden iſt Sache meines Her⸗ zens— und das hat ſeinen eigenen Pulsſchlag.“ Der Alte wußte nichts mehr zu erwidern oder wollte ſeinem jungen Herrn nicht länger entgegentre⸗ ten, da er ihm von ganzem Herzen die Erfüllung ſei⸗ ner Wünſche gönnte.„Wiſſen Sie noch den Kn⸗ zu finden, Herr Graf,“ fragte er,„der die g t Thür in der jungen Dame Zimmer öffnet? Sie ben ihn lange nicht benutzt und möchten die Handhabung vergeſſen haben.“ 291 „Ich habe nichts vergeſſen, was ſich aus meiner Jugendzeit herſchreibt und auf die Geheimniſſe meiner Familie Bezug hat. Iſt die Stelle der Wand frei, wo ſich die ſchmale Thür nach Innen öffnet?“ „Sie iſt ganz frei, denn die Thür öffnet ſich in der Ecke, wo kein Möbel Platz findet, und über der einzigen vom Zimmer aus ſichtbaren Spalte hängt ein altes Bild, das feſt an die geheime Thür ſelbſt genietet iſt, ſo daß es nicht leicht abgenommen werden kann. Wie Sie wiſſen, rührt dieſe Einrichtung noch aus alten Zeiten her.“ „Ich weiß es. So laß mich allein und ſorge, daß mich Niemand bei Gylfe ſtört. Sollte unterdeß der Capitain von ſeinem Ausfluge zurückkehren, ſo gieb mir mit der Glocke, die von Deinem Zimmer in alle Gemächer des Thurmes führt, ein Zeichen und ich werde die Warnung verſtehen.“ Ahlſtröm verſprach genau nach dieſen Befehlen zu handeln, verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer, nicht ganz ohne neue Sorge ſeine eigene Der Sturm tobte um das alte Schloß und drang eend durch die Spalten der Thüren und Fenſter, 8 19 292 die ſchon ſo lange ihre Schuldigkeit gethan, daß es ihnen nicht zu verdenken war, wenn ſie endlich dem Andringen der Zeit und Witterung nachgegeben hatten und hie und da etwas lockerer geworden waren. Von dem wolkenbedeckten Himmel ſtrahlte wenig Licht, aber da⸗ für eine um ſo düſterere melancholiſche Färbung aus und ließ trotz der frühen Stunde Schatten in die hochgewölbten Zimmer fallen, die ſchon durch die dik⸗ ken Mauern einen Theil des Himmelslichtes einbüß⸗ ten. Gylfe Torſtenſon befand ſich allerdings in ihrem Zimmer, das auf der öſtlichen Seite des Schloſſes, dem ſogenannten Spukthurm zunächſt und zwar mit dem mittleren Stockwerk deſſelben in gleicher Linie lag, ſie befand ſich darin, ſagen wir, aber ſie arbei⸗ tete weder, noch las ſie, ſondern von einem innern dunkelen Triebe aufgeſcheucht, ging ſie unruhig und ängſtlich auf und nieder und ſchaute von Zeit zu Zeit durch die Fenſter nach Jasmund hinüber, um die Wir⸗ kungen des Sturmes zu beobachten, der um dieſe Stunde gerade ſeine größte Heftigkeit erreicht hatte. Wer ſo die hohe gebieteriſche Geſtalt in den koſt⸗ baren Kleidern von ſchwerem Seidenſtoff, die lang hinter ihr her ſchleppten und bei jeder Bewegung ein wogendes Rauſchen hören ließen, wer ſie ſo ſah, das bleicher gewordene Geſicht ängſtlich nach den Fenſtern gewendet, mit der feinen weißen Hand oft über die umwölkte Stirn fahrend oder nach dem widerſpenſti⸗ gen Herzen greifend, der hätte ſie leicht für ein von Liebe und Leidenſchaft verzehrtes Ritterfräulein aus dem Mittelalter halten können, zumal wenn er das geräumige Zimmer, in dem ſie verweilte, und alle Geräthe und Möbel von alter Arbeit und veralteten Formen an den mit Holzgetäfel bekleideten Wänden mit in Betrachtung zog. Und in der That, Gylfe glich in mehr als einer Beziehung einem Ritterfräulein des Mittelalters, das, ſich verzehrend in leidenſchaftli⸗ cher Gluth, zwiſchen Neigung und Pflicht ſchwankend, in der Mitte zwiſchen einer alten und eneuen Zeit ſtand, rathlos, an welche ſie ſich anlehnen, zu welcher ſie ſich wenden ſolle, da ihre Gefühle ihren Pflichten ſchnurſtracks zuwider liefen. Woran dachte ſie wohl in dieſem Augenblick, als ſie, ſelbſt nicht wiſſend, womit ſie ſich beſchäftigte, unruhig aus einem Winkel in den anderen ſchritt, hierhin und dorthin blickte, Dies und Jenes anfaßte und doch durch nichts befriedigt wurde, was ſich ih⸗ ren Blicken, ihren Ausſichten, ihren Hoffnungen bot? O, ſie dachte nur an Eins, und gerade dieſes Eine ar nicht dazu angethan, ihr wünſchevolles Herz zur hegehrten Ruhe und Zufriedenheit kommen zu laſſen. Dieſes Eine war ihre ſeltſame, abenteuerliche, faſt un⸗ erklärliche Liebe zu jenem Manne, den wir ſchon ſo oft in dieſen Blättern genannt haben und leider noch öfter nennen werden, dem böſen Dämon, den das Verhängniß Magnus Brahe'’s in das Schloß ſeiner Väter geführt und dazu auserſehn hatte, ihm die größten Schmerzen ſeines Lebens zu bereiten. Denn mochte Gylfe ſich ſagen und vorſpiegeln was ſie wollte, mit goldenen Träumen in ein künftiges Paradies ſich einniſten, ſo tief es ging, ſie war der Neigung dieſes doppelgeſtaltigen Mannes keineswegs ſo ſicher, wie ſie vor Waldemar Granzow ſich das Anſehn gegeben hatte. Heute freilich glaubte ſie überzeugt zu ſein, er liebte ſie und ſei vollſtändig geneigt, ſein Schickſal auf ewig mit dem ihrigen zu verbinden, ſie nach dem ſchönen Frankreich zu führen und ihr dort ein Eden auf Erden zu bereiten— morgen aber ſchon kam ſie von dieſem holden Gedanken ſehr weit zurück. Capi⸗ tain Caillard's Benehmen gegen ſie war bisweilen et⸗ was unbegreiflich, das heißt in ihren Augen, da wir ja wohl wiſſen, daß der kalte und egoiſtiſche Fran⸗ zoſe ſcheinbar ſich um Gylfe bewarb, nicht um ſein ganzes Leben, ſondern nur eine vergnügte Stunde in ihrer Geſellſchaft zu verbringen. Bisweilen zwar behandelte er ſie ſo zart, ſo ächt ritterlich, ſo milde, war ſo liebenswürdig, aufmerkſam, ja wohl zärtlich gegen ſie in Worten und Werken, daß kein Zweifel an ſeiner Neigung in Gylfe’s Herzen aufkommen konnte, aber immer wieder gab es Momente, woerſie abſichtlich zu vermeiden oder ſo⸗ gar ganz aus den Gedanken zu verlieren ſchien. Und das waren die Momente bei ihm, in denen er einzuſehn glaubte, daß die Feſtung, die er belagerte, nur bis zu dem Punkte zu gewinnen ſei, bis wohin er ſie wirk⸗ lich bereits in Beſitz hatte, daß aber alle weitere Mühe vergeblich, alſo eine unnütze Anſtrengung für einen Mann ſein würde, dem die Pflicht obliege, Zerſtreu⸗ ung, Abwechſelung und Vergnügen jederlei Art zu ſuchen, wo er ſie eben finden könne. Daß Gylfe ihre Neigung ſo weit treiben wolle, ihm mit Auf⸗ opferung aller ihrer bisherigen Verbindungen bis an das Ende der Welt zu folgen, war ein Act weibli⸗ cher Hingebung, der weit über ſeine Abſichten hinaus ging. Ja, wenn ſie die Tochter des Grafen Brahe ge⸗ weſen wäre und ihm eine Mitgift von zwanzig Gü⸗ tern und eine Million Francs zugebracht hätte, dann freilich wäre die Sache einer Ueberlegung werth gewe⸗ ſen und es hätte ſich vielleicht derlohnt, ſein hochge⸗ bildetes Vaterland mit der barbariſchen Inſel zu ver⸗ tauſchen, auf welcher dieſe Erbin als kleine Königin altete. So aber war ſie nur des Grafen Pflege⸗ 296 tochter, das Kind eines anrüchigen Vaters, güter⸗ und beſitzlos, und was ſie ihm etwa zubrachte, wäre nur als ein Almoſen zu betrachten geweſen, welches an⸗ zunehmen er in ſeiner Stellung als kaiſerlicher Offi⸗ cier mit ſeiner Ehre für unverträglich halten mußte. Nun aber war Gylfe's Neigung zu ihm etwas zu offenbar an' Licht getreten, ſeine ritterlichen Huldi⸗ gungen, bei denen er ſich nichts dachte und die ihm, wie manche andere alltägliche Redensarten, gegen alle Damen zu entſchlüpfen pflegten, waren diesmal mit zu großem Enthuſiasmus aufgenommen worden, und das verträgt ein ſtolzer, herrſchſüchtiger Mann, wie er einer war, ſelten, ohne dadurch einigermaßen beläſtigt oder abgekühlt zu werden. So waren denn die Momente einer rauheren Galanterie ſeinerſeits ſehr leicht zu erklären und nur Gylfe verſtand ſie nicht, da ſie längſt darüber hinaus war, an ſeiner wahrhaftigen Liebe zu zweifeln und nur die Art der Darlegung derſelben ihr noch zuweilen trübe Stun⸗- den verurſachte. Eine ſolche trübe Stunde nun durchlebte ſie heute, und der Himmel wollte auch gar nichts thun, um ſie zu erheitern, zu beglücken; er war ſo kalt, ſo finſter, ſo grollend, kein einziger freundlicher Blick von Oben von Außen fiel in ihr Inneres, und das vermehrte 1297 die herbe Stimmung, in der ſie ſich gerade befand, als wir zu ihr getreten ſind. „Was hat das zu bedeuten,“ ſagte ſie in ihrem kummervollen Selbſtgeſpräch,„daß François— ſo nannte ſie den Capitain, wenn ſie mit ſich ſelbſt von ihm ſprach— mit dieſem, dieſem Waldemar Gran⸗ zow ſo eilig fortgeritten iſte Doch, das werde ich ſchon erfahren, wenn ſie wieder zurückkommen, er hat ja verſprochen, heute Abend mit mir zu muſiciren, zu leſen, und da wird er mir das Neueſte ſeiner Er⸗ lebniſſe mittheilen. Aber dieſer finſtere Waldemar — wie quält mich doch dieſer Menſch, ſo lange er in dieſen Mauern iſt! Welcher Dämon hat ihn auf den Schwingen der Nacht herbeigeführt und was brü⸗ tet er im Geheimen gegen Alle aus? Denn daß er etwas Unheimliches im Schilde führt, ſagt mir ſein Auge, wenn es mir zufällig begegnet. Es blitzt rach⸗ ſüchtig gegen mich auf, als wollte er mich einem ver⸗ hängnißvollen Gerichte überliefern— warum? Weil ich dieſen Franzoſen liebe, dieſen wirklichen Mann, gegen den alle, die ich bisher kennen gelernt, nur Kinder oder Puppen ſind. Und mit dieſem Schwäch⸗ linge, dieſem Magnus will er mir drohen? O, Mag⸗ nus iſt mir ſchon als Knabe widerwärtig geweſen! In ſeinem Auge lag für mich eine dunkle, düſtere 298 Warnung, welche mich ſtets erbeben machte, als locke er ein ſchweres Verhängniß herbei, an das er ſelber glaubte, das er mit Gewalt heraufbeſchwor, wenn es ihm nicht aus freien Stücken zu erſcheinen geneigt war. Welche traurige Vereinigung ſo weit von ein⸗ ander ſtehender Gefühle und Perſonen! Die Er⸗ innerung an dieſen Grafen Brahe beſucht mich wie ein Schatten aus ſchmerzenreicher Nacht, und dieſer Caillard tritt als herrliches Lichtbild vor meine won⸗ neſchauernde Seele! Wie konnten ſich dieſe beiden Extreme in meinem Herzen zuſammen finden, das eine mit Abneigung und Widerwillen, das andre mit Freude, mit Wünſchen, mit Hoffnungen mich erfül⸗ lend! Hu, wenn ich an dieſen Magnus denke, wie er als bleicher, trauriger Knabe immer an meiner Seite ſtand, dann wird es mir zu eng in dieſem weiten Raume, und der alte Spuk, der in jenen finſtern Thurm gebannt iſt, tritt aus meiner Kinderzeit mit entſetzlicher Lebendigkeit vor meine Seele.— Horch, Gylfe, horch, wie der Wind um die Giebel dieſes Schloſſes heult, wie es in den Kaminen klagt und ſtöhnt mit Geiſterſtimmen, wie die Windfahne auf der alten Kuppel des Spukthurms ächzend ſich in ih⸗ ren Angeln dreht— o mein Gott, wie ſchrecklich wie öde, wie traurig iſt das! 799 Ich wohne recht einſam hier in dieſer Höhe— recht verlaſſen von aller Hülfe! Gott ſei Dank, daß der Capitain den Flügel da drüben lebendig macht mit ſeinem Sang und Klang, ſonſt würde ich mich ängſtigen Tag und Nacht.— Ob es wohl wahr ſein mag, daß in dieſem Thurm einſt Verbrechen began⸗ gen ſind, daß Blut ſeine Wände beſpritzt hat? Et⸗ ges zu ſcheuen hat, denn ſonſt würde man ſeine Thü⸗ ren nicht vermauert und ſeine Fenſter nicht verriegelt haben. Doch was geht das mich an— es iſt nicht meine Familie, an der dieſe Gräuel haften— und doch, doch bin ich durch den Zufall ſehr eng damit ver⸗ knüpft. Bin ich nicht Diejenige im Schloſſe, die die⸗ ſem gottverlaſſenen Thurme in nächſter Nähe wohnt? Sind meine Wände hier nicht auch ſeine Wände? Wenn nun einmal mitten in der Nacht ſich die ver⸗ borgenen Thüren öffneten, die von ihm aus in alle Gemächer des Schloſſes münden ſollen, und das Ge⸗ ſpenſt von Spyker, wie man es nennt, an mich heran⸗ träte— hu!— mich mit ſeinen kalten Armen er⸗ faßte— mir den Kuß ſeiner Vermählung auf die Lippe drückte— mein Gott, wie wird mir? Meine tirn iſt kalt wie Eis— meine Hände zittern— eine Füße beben—“ was iſt gewiß darin geſchehen, was das Licht des Ta⸗ 300 So weit konnte ſie nur zuſammenhängend denken und ſprechen. Sie ſank auf einen ſeidenen Seſſel, der mitten in dem großen Gemache ſtand, und ſtarrte kalt und bleich nach der Thurmſeite des Zimmers hin, als könnten ſeine Wände ſich ſpalten und der kalte Bewohner deſſelben, das vielberedete Geſpenſt von Spyker, mitten in ihr warmes Leben treten. Wie ſie ſo da ſaß, zitternd und bebend, und einen Froſtſchauer nach dem andern über den zarten Körper rieſeln fühlte, der ſich mit kaltem Angſtſchweiß bedeckte— wer hätte nicht an den Beſuch der Erinnyen denken ſollen, jene Rachegöttinnen des Alterthums, die das verletzte Gaſt⸗ recht, die Undankbarkeit, jeden Frevel am häuslichen Heerd beſtrafen und in das Gewiſſen des Menſchen einziehen, der ſich irgend einer Schuld bewußt iſt, wer, ſagen wir, hätte nicht an den unaufgeklärten Zuſammenhang von Herzen und Herzen, Seelen und Seelen denken ſollen, wenn er wußte, was wir wiſſen, daß das nur in der Einbildung der Bewohner von Spyker exiſtirende Geſpenſt des Spukthurms ſich in ein lebendiges verwandelt hatte, daß es umging an dieſem Tage, in dieſer Stunde, daß es ſchon nahte— langſam, aber ſicher, ſelbſt mit zagendem Tritt, aber noch größeres Zagen vor ſich her treibend? Die langen, blaß goldenen Locken vom bleichen Geſicht zurückgeworfen, das furchtblickende Auge ſtarr auf die dicken Mauern gerichtet, mit den weißen be⸗ benden Händen bald hierhin, bald dahin fahrend, als könnten ſie nirgends eine Stütze gewinnen, oder als bemühten ſie ſich, eine unbeſtimmte heranſchreitende Gefahr abzuwehren— ſo ſaß Gylfe Torſtenſon, das ſchöne Fräulein von Spyker, wie auf einem Folter⸗ ſtuhle, den ihr das vergeltende Schickſal angewieſen, allein in der Mitte des abgelegenen, öden, mit ſeinem weiten leeren Raume ſie bedrückenden Gemaches. Angſtvoll, keiner Worte, keines Rufes mächtig, lauſchte ſie ſo auf das Brüllen des Sturmes, der ſich in dem hohen Kamin zu einem leiſerem Aechzen und Stöhnen abſtumpfte, als wollte ſie den Geiſtertritt der Vergangenheit vernehmen, der doch mehr der Warnungsruf der Zukunft war— da, da ſchrak ſie zuſammen, denn draußen, dicht an ihrem Zimmer, in der Ecke, die dem Thurm zunächſt lag, krachte es leiſe, wie wenn Jemand vorſichtig die Treppe herun⸗ terſtiege und doch dabei das ſchlafende Echo der Wände weckte. Dann aber rauſchte es um ſie her wie mit unſichtbaren Fittigen und nie gehörte Geräuſche ſchie⸗ nen in allen Winkeln und Ecken laut zu werden. Gylfe ſtiegen die Haare zu Berge, ihr Buſen hob ſich ungeſtüm, ſie keuchte beklommenen Athems einer 302 unbekannten Gefahr entgegen. Da kam es ihr vor, als taſte eine ſuchende Hand an den Wänden drau⸗ ßen herum, ein raſſelnder Ton ließ ſich hören— und wie— thun ſich wirklich die geſchloſſenen Wände auf? — Naht das Geſpenſt?— Denn in der Ecke am Fenſter— Gylfe kam es erſt wie eine Täuſchung ih⸗ rer Sinne vor— entſtand plötzlich eine Spalte— immer weiter und größer gähnte ſie auf— und mit vorgeſtrecktem Kopfe, bleich wie er immer geweſen, aber höher, viel höher gewachſen und ſtärker geworden trat Magnus Brahe ſelber herein. Gylfe ſtieß einen Angſtſchrei aus, wollte aufſtehn, fliehen, wenigſtens die hinterſte Ecke des Zimmers erreichen, aber ſie vermochte es nicht, eben ſo wenig wie ſie ein verſtändliches Wort hervorbringen konnte, denn ihre Lippen waren ſprachlos vor Erſtaunen, wie ihre Füße von Furcht gefeſſelt. Als Magnus, von der verborgenen Thür aus einen Blick durch das ganze Zimmer werfend, dann langſam gegen die Mitte deſſelben vorſchritt und die ſelbſt in ihrer Todesangſt ihm ſo ſchön er⸗ ſcheinende Geſtalt Gylfe's vor ſich ſah, ſtockte auch ihm die Sprache, aber ſchnell ſich faſſend, brachte er mit heiſerem Tone die Worte hervor:„Gylfe Tor = 8 303 ſtenſon— warum erſchrickſt Du? Kennſt Du Dei⸗ nen alten Freund Magnus Brahe nicht mehr?“ Als Gylfe dieſe ihr ſo wohlbekannte Stimme ver⸗ nahm und vor ihren weit aufgeriſſenen Augen das gefürchtete lebloſe Geſpenſt des Thurmes ſich in einen lebenden und noch dazu ihr bekannten Menſchen ver⸗ wandelte, belebten ſich auch ihre erſtorbenen Geiſter allmälig wieder. Sie ſchöpfte tief Luft, drückte die Hand auf ihr Herz und, nicht wiſſend, was ſie ſagen ſollte, hatte ſie nur Augen, um ſie immer wieder zu öffnen und damit wie in ihre unſchuldsvolle Kindheit zurück in das mattblaue, ſchüchterne Auge Magnus Brahe’s zu blicken. „Gylfe!“ wiederholte dieſer ſeine Anrede, noch nä⸗ her an ſie herantretend und ſein Herz an ihrem ſich belebenden und erwärmenden Antlitz weidend,„ich frage Dich, ſprich, wenn Du reden kannſt, kennſt Du mich nicht mehr?“ „Magnus Brahe,“ lautete ihre Antwort, die wie aus der tiefſten Tiefe ihrer Bruſt tonlos hervordrang —„biſt Du es wirklich? O, was willſt Du von mir und warum erſchreckſt Du mich ſo, daß Du wie ein Geſpenſt aus dem geiſterhaften Thurme Deiner Vorfahren zu mir trittſt— ſprich, warſt Du der Be⸗ 304 wohner deſſelben und flößeſt Du den Menſchen den abergläubiſchen Schrecken ein?“ „Nein, Gylfe, ich flößte Niemandem Schrecken ein, wenigſtens hatte ich nicht die Abſicht dazu, obgleich ich ſeit einigen Wochen den Thurm bewohne, da mir ein anderer Raum im Hauſe meines Vaters verſagt iſt. Du ſelbſt aber beruhige Dich; ich komme nur, um mit Dir ein Zwiegeſpräch zu halten, das mir ſo lange nicht vergönnt war und nach dem ich doch ſo lebhaft getrachtet habe.“ Bei dieſen Worten, die Magnus mit ſeiner gewöh⸗ lichen ruhigen Milde vorbrachte, ſchwanden die Schre⸗ cken aus des geängſtigten Mädchens Herzens völlig, alle übernatürlichen Vorſtellungen, die ſie ſo eben heimgeſucht, ſanken in ihr Nichts zurück und ſo ſtreifte ihr Geiſt alle Furcht ab und Bewegung und Leben traten wieder in ihre ruhig pulſirenden Adern ein. Mit dieſem neuen Leben aber kehrten leider auch die alten Neigungen und Abneigungen wieder, und da Gylfe zugleich fühlte, daß ſie an die Schwelle einer wichtigen Stunde getreten ſei, waffnete ſie ſich mit dem ganzen leichtblütigen Muthe, den Frauen ihres Charakters beſitzen, und faßte auf der Stelle den Ent⸗ ſchluß, dieſe Unterredung ſolle die letzte ſein, die ſie mit dem Grafenſohne hätte, daher müſſe ſie ſiegre 305 aus derſelben hervorgehen und Magnus müßten alle Wege abgeſchnitten werden, ſie noch einmal zu er⸗ ſchrecken und mit ſeiner leidenſchaftlichen Verehrung zu verfolgen. So nahm ſie denn ihre Rolle wie eine geſchickte Schauſpielerin auf und indem ſie ſich in ihrem Seſ⸗ ſel zurechtſetzte und ihre Haare ſchnell in Ordnung brachte, nahm ſie die Miene an, als ſei ſie zu dieſer Unterredung aufgelegt oder habe ſie vielleicht gar er⸗ wartet. Magnus dagegen ſchaute ſie wieder mit neuer Verwirrung an; die langen Vorbereitungen zu dem Geſpräche, während derer ſie ſich auf ihre Rolle beſann, flößten ihm eine unbeſtimmte Beſorgniß ein, und ſo richtete er ſeine erſtaunten Blicke fragend auf das im⸗ mer noch ſchweigende Mädchen, das ihm noch viel ſchöner und reizender erſchien, als es in ſeiner Ein⸗ bildung bisher ihm vor Augen geſtanden hatte. 3„Gylfe,“ bat er endlich mit flehender Stimme, ſprich, Du haſt mich alſo erkannt?“ „Warum ſollt' ich Dich nicht erkennen? Du biſt Magnus Brahe, mein ehemaliger Geſpiele, der ſeine knabenhaften Scherze noch immer nicht vergeſſen kann und erwachſene Mädchen erſchreckt, wie er einſt Kinder mit ſeinen Spukgeſchichten erſchreckt hat.“ 20 Der Strandvogt. II. 306 „Dein Geſpiele!“ ſagte Magnus vorwurfsvoll. „Und weiter bin ich Dir nichts?“ „Ah, Du willſt es alſo hören, nun, ſo will ich es Dir denn ſagen: ja, Du biſt auch der Sohn Graf Brahes, Erbe dieſes Hauſes, einſt vielleicht ein rei⸗ cher und gewaltiger Mann, aber was will das ſagen? Die Dankbarkeit, die ich Deinem Vater ſchulde, ver⸗ pflichtet mich nicht, Dir die Wohlthaten zu vergelten, die er mir erwieſen— ich danke ſie ihm und das muß Dir genügen.“ „Was ſprichſt Du von Dankbarkeit, von erwie⸗ ſenen Wohlthaten— wer denkt daran? Ich nicht. Ich denke vielmehr an etwas Anderes. Erinnerſt Du Dich nicht, mir einſt noch etwas Anderes gewe⸗ ſen zu ſein, wenigſtens mir die Hoffnung gelaſſen zu haben, es werden zu können?“ „Was wäre ich Dir Anderes geweſen und wozu hätte ich Dir Hoffnung gemacht?“ „Du warſt ſchon in meiner Jugend meine Geliebte und ließeſt mir Hoffnung, es auch in meinem Man⸗ nesalter zu ſein.“ „Ach, Magnus, laß uns ein ernſtes Wort reden — die Zeit dazu iſt gekommen. Laß die kindiſchen Poſſen fahren, denn wir ſind keine Kinder mehr, die 307 nicht von mir fordern wollen, was Du als Knabe zu beſitzen— Dir eingebildet haſt.“ „Was habe ich von Dir zu beſitzen mir eingebil⸗ det?“ „Muß ich Dir auch Das ſagen? Ja, ich will es; vielleicht verſtehſt Du mich beſſer, als Du Dich ſelbſt verſtehſt. Du wähnteſt mein Herz zu beſitzen, aber dies Herz, Magnus, haſt Du nie beſeſſen und ich— höre es an und begnüge Dich damit— ich beſitze es ſelbſt nicht mehr.“ „Dein Herz? Wie, Du beſitzeſt es nicht mehr?⸗ „Nein. Jetzt weißt Du es. Aber ich geſtehe Dir kein Recht zu, danach zu forſchen, wo es geblieben iſt.“ Magnus ſchauerte unwillkürlich zuſammen. Der kalte Ernſt, mit dem Gylfe ſprach, die ruhige Ueberle⸗ gung, die ſich in ihrer froſtigen Miene, in ihrem gleich⸗ gültig blickenden Auge zu erkennen gab, brachte ihn zur Beſinnung, und zum erſten Male in ſeinem Le⸗ ben, ſo bitter es ihm war, fühlte, begriff er, daß die vor ihm ſitzende Tochter des gerichteten Schweden vvielleicht nicht das Weſen war, dem er ſich liebend und anbetend hätte nahen ſollen. Wider Willen mußte er an den ehrlichen, geraden Waldemar Gran⸗ zow denken und ſich deſſen Warnung und Vorher⸗ gung in's Gedächtniß zurückrufen. Er hatte Gylfe 20* beſſer erkannt, als er, ſie nach ihrem wirklichen Weſen richtiger gewürdigt, und was dem anweſenden Freunde nie gelungen, es gelang dem abweſenden— die Er⸗ innerung an ſeine Warnung erweckte den angeborenen Stolz des Grafenſohnes und ließ ihn erkennen, daß er außer dem Liebhaber auch ein Mann ſei und als ſolcher handeln müſſe. Aber nicht mit einem Male gab er ſich gefangen, er wollte noch ſchärfere Einſicht in Gylfe's Stimmung und Gefühle gewinnen, denn er glaubte ihr noch immer nicht ganz. „Iſt dies das Ergebniß Deiner vollen Ueberlegung?“ fragte er etwas herber und richtete ſich ſtolz empor, wobei ſeine blaſſe Wange eine ungewöhnliche Röthe überſtrahlte.„Wirſt Du auf dieſer Meinung behar⸗ 1 ren und mir keine Hoffnung auf eine Wandlung de⸗⸗ ſelben laſſen?“ „Nie und nimmermehr, Magnus, es iſt eine Mei⸗ nung, die Du ſchon früher hätteſt erfahren können, wenn Du mich ernſtlich danach hätteſt fragen wollen.“ Magnus zitterte vor Aufregung; er las den kalten Hohn aus den Blicken ab, die ihn ohne alle wohlthää- tige Milderung des Geſagten anſtarrten, einen Hohn und eine Kälte, wie er ſie nie einem ſterblichen Her⸗ zen zugetraut hatte, und dieſe Erkenntniß gab ihm 309 vollends ſeine verlorene männliche Haltung und Würde wieder. „Da Du ſo ernſt und gebieteriſch mit mir ſprichſt,“ ſagte er feſt,„ſo zwingſt Du mir die Nothwendigkeit, ja, die Pflicht auf, ein Gleiches mit Dir zu thun. So laß mich denn vor allen Dingen fragen: Was thuſt Du hier, an dieſem Orte und zu dieſer Zeit?“ „Ich lebe hier, wie auch Du hier lebſt, mit dem Unterſchiede jedoch, daß ich mich öffentlich zeige, wo Du Dich heimlich verbirgſt.“ „Das iſt freilich ein Unterſchied, der aber gegen Dich ſpricht. Wer hat Dir die Erlaubniß dazu gege⸗ ben, öffentlich— wie Du es nennſt— in dieſer Zeit hier zu leben?“ „Dein Vater. Denn als er mich nach Schweden rief und ich mich dahin zu gehen weigerte, hat er mir keinen Ort bezeichnet, wohin ich mich begeben ſollte, er gab alſo ſchweigend zu, daß ich hier blieb.“ „Ah ſo! Er gab alſo nach Deiner Meinung wahr⸗ ſcheinlich auch zu, daß Du hier als Gebieterin und liebenswürdige Wirthin unter ſeinen— Gäſten ſchal⸗ teteſt, ich aber, der Sohn des Hauſes, als Gefange⸗ ner unter denſelben lebte? Das iſt auch ein Unter⸗ ſchied, Gylfe Torſtenſon, den ich Dich mir zu Krklären bitte.“ 310 „Der Unterſchied erklärt ſich von ſelbſt. Du biſt der Feind der Franzoſen, die dieſes Land in Beſitz genommen, und wirſt von ihnen verfolgt. Ich bin ein Weib, das mit Niemandem kämpft, alſo auch nur Diejenigen zu Feinden hat, die ſich ihm als ſolche offenbaren.“ „Ach ſo! Und die Franzoſen haben ſich nicht als Deine Feinde offenbart?“ „Niemals, im Gegentheil!“ „Und die Neigung iſt gegenſeitig, wie?“ „Ich geſtehe Dir kein Recht zu, danach zu fragen. Meine Neigungen gehören mir und ich bekümmere mich um die Deinigen nicht.“ „Das mag von Deiner Seite richtig ſein, von der meinigen aber iſt es nicht ganz richtig. Denn ich erkenne mir ſelbſt die Pflicht zu, mich um Deine Neigungen zu bekümmern.“ „Du giebſt Dir eine vergebliche Mühe, ſage ich Dir. Ich bin ich und Du biſt Du.“. „Kein Menſch könnte verſtändlicher ſprechen, Gylfe, aber kein Menſch auch könnte über ſich ſelbſt den Stab ſchneller brechen, als Du ihn brichſt. So höre denn an, was ich davon denke. Es iſt Deiner nicht wür dig, Deiner Mädchenehre nicht zuträglich, Deiner Ver⸗ 4 Langenheit nicht angemeſſen und Deiner Zukunft niit 311 l förderlich, in Deinen verirrten Neigungen gegen dieſe Franzoſen zu verharren. Denke vor allen Dingen an die Zukunft, Mädchen, wenn Du mit Deiner Gegen⸗ wart ſo zufrieden biſt, und erinnere Dich, daß, wie es ein Verhängniß giebt, ſo auch eine Vergeltung exi⸗ ſtirt, die uns für unſre Handlungen früher oder ſpä⸗ ter, einmal aber ganz gewiß, zur Rechenſchaft zieht.“ Gylfe lächelte ſpöttiſch.„Ich höre eine heiſere Stimme aus alter Zeit zu mir herübertönen, aber dieſe Stimme hat keine Gewalt über mich. Dein Glaube an ein Schickſal oder ein Verhängniß, wie Du es ſo oft genannt haſt und noch nennſt, iſt ein Schreckgeſpenſt Deiner kranken Phantaſie, welches mich weder blendet noch furchtſam macht; Deine Meinung. von der größten Nation der Gegenwart aber iſt eben ſo irrthümilch, wie Deine Phantaſie, und darin könn⸗ teſt Du viel von mir lernen, trotzdem ich weniger Erfahrung habe und an Jahren jünger bin als Du.“ „Wollteſt Du mich vielleicht in meinem Irrthum belehren und mir Deine richtigere Erkenntniß ent⸗ . hüllen?“ 3„Gern. Wie Du ſo thöricht ſein kannſt, die Waf⸗ fen gegen ein Volk zu ergreifen, welches das größte, mächtigſte und ruhmreichſte der Welt iſt, begreife ich nicht. Wo Du gegen ſie auftrittſt, wirſt Du immer 8 312 der Beſiegte und ſie werden immer Deine Beſieger ſein. Das liegt in Deiner Schwäche und das liegt in ihrer Stärke. So beherrſchen die Franzoſen jetzt ſchon einen großen Theil Europa's, und in wenigen Jahren werden ſie es ganz unter ihre Füße getreten haben, wenn es ſich nicht gutwillig fügt. Warum aber beſiegt Frankreich das übrige Europa? Weil es das einzige Volk der Erde iſt, welches einen wahrhaft großen Geiſt beſitzt und darum verdient, an der Spitze der Nationen zu ſtehen. Dies, Herr Graf, iſt eine Lehre, welche mir die Geſchichte der Gegenwart aufgeſchloſſen hat.“ „Du verſprichſt Dich,“ unterbrach ſie Magnus, ſpöttiſch lächelnd.„Du wollteſt ſagen: der herrliche Capitain Caillard.“ „Du haſt Recht, auch dieſer hochherzige Mann hat ſein Theil dazu beigetragen, mich über mich ſelbſt und die Welt außer mir aufzuklären. Und darum achte und liebe ich ihn und ſein Volk, das von der Vorſe⸗ hung— auch von der Deinigen, Magnus— die Miſſion empfangen hat, das Licht der Weisheit über die ärmliche Welt auszuſtreuen und die erhabenen. Ge⸗ danken ſeines Herrſchers zur Anerkennung zu bringen, ſo weit die ſchülerhaften Menſchen die Gedanken eines ſolchen Meiſters begreifen können.“ 313 Magnus ſtand wie verſteinert vor der mit hoch⸗ gerötheten Wangen und blitzenden Augen ſprechenden Prophetin, denn einen ſolchen Verfall ihres früher ſo geſunden Menſchenverſtandes hatte er ihr doch nicht zugemuthet. Zuerſt erſchrak er, dann aber wurde er unwillig und zugleich fühlte er, wie der Altar ſeines Herzens, auf dem bisher eine ſo warme und helle Flamme gebrannt, plötzlich kalt und dunkel wurde. Aber dieſes Gefühl des Unwillens löſte ſich in Spott auf, als er an den meiſterhaften Franzoſen dachte, der ſich Capitain Caillard nannte und von dem die Begeiſterung ausgegangen war, die er hier in dieſer ſtillen Inſelgegend ungehört und ungeſehn verpuffen ſah.„Gott iſt groß und Napoleon iſt ſein Prophet!“ ſprach er lächelnd,„und dieſer Prophet hat einen gott⸗ beſeligten Prieſter in dieſen Tempel geſandt und die⸗ ſer Prieſter nennt ſich Frangois de Caillard.“ „Läſtere einen Mann nicht, deſſen Würdigkeit Du nicht kennſt. Herr von Caillard iſt nicht allein ein bedeutender, ſondern auch ein liebenswürdiger Mann, eine Eigenſchaft, die weder Du noch alle Deines Glei⸗ chen beſitzen, denn auch darin ſind Eure ſiegenden Feinde Eure Meiſter.“ Magnus zuckte verächtlich die Achſeln und wollte f6 umwenden, um das verblendete Mäͤdchen⸗ deſſen 314 Verirrung ihm unheilbar ſchien, augenblicklich zu ver⸗ laſſen. Als er ſich aber der nur angelehnten Thür zukehrte, erwachte noch einmal ein, wie er dachte, ſchon faſt erſtorbenes Gefühl in ſeiner Bruſt: die Erinne⸗ rung an ſeine glückliche Jugend in Spyker tauchte mit unendlicher Lieblichkeit vor ſeinen geiſtigen Augen auf und er drehte ſich noch einmal herum und trat einen Schritt auf Gylfe zu, die ſtolz und trotzig wie eine Königin ſich auf ihren Seſſel zurückgelehnt hatte. „Gylfe,“ ſagte er mit mitleidigem Tone,„Du dauerſt mich, denn Dein kindliches Herz iſt durch die verführeriſchen Künſte eines gewiſſenloſen Menſchen aus ſeinen natürlichen Gränzen geriſſen, und ein trau⸗ riger Wahn, der ſich einſt ſchwer beſtrafen dürfte, hat Dein ſonſt ſo geſundes Urtheil in Feſſeln gelegt. Gylfe, armes, verlaſſenes Mädchen, wenn ich mich Deiner nicht erbarmte, wer auf der Welt ſollte es ſonſt thun? Beſinne Dich alſo, ehe es zu ſpät iſt, erkenne Deinen Irrthum und wende Dich von dem falſchen Götzen ab, den Du in ſeiner krankhaften Glorie anbeteſt. Komm, laß den albernen Gecken, den Franzoſen, der Dein Herzblut vergiftet hat, fahren und werde wieder ein natürliches, geſundes Mädchen, wie Du es früher warſt, komm und folge mir nach Schweden, zu mei⸗ nem braven Vater, und dort werden Dir bald die 315 Augen über Deine Verblendung aufgehn, die ich von dieſem Augenblick an vergeſſen will.“ „Magnus! Scherzeſt Du oder ſprichſt Du im Wahn⸗ ſinn? Denn Eins von Beiden kann ich nur annehmen.“ „Du irrſt doppelt, wenn Du das thuſt, denn ich bin ſo geiſtesgeſund, wie ich ernſthaft bin und rathe Dir nur, was zu Deinem Beſten iſt.“ „So befolge Deinen Rath für Dich allein und ſegle nach Schweden, denn hier möchte die Luft bald zu erſtickend für Dich ſein.“ „Wie,“ fuhr Magnus empört auf—„willſt Du mir damit drohen?“ „Nein,“ entgegnete Gylfe kalt und ſchneidend, „Du biſt mir in keiner Weiſe fürchterlich oder gefähr⸗ lich, alſo will ich Dir auch nicht drohen— nimm aber meinen Rath an, er iſt gut und möchte nicht lange mehr auszuführen ſein.“ „Welche Verblendung!“ rief Magnus ſchmerzlich er⸗ griffen aus.„Kaum traue ich meinen Ohren; Derglei⸗ chen hören zu müſſen, waren ſie am wenigſten vorbe⸗ reitet. Gylfe, ich beſchwöre Dich, gehe in Dich! O, denkſt Du daran, was mein alter Vater zu dieſen Deinen Ent⸗ ſchlüſſen ſagen wird, wenn ich ſie ihm überbringe?“ „Ich werde nicht hören, was er ſagt, denn ich werde ihn in dieſem Leben wohl nicht wiederſehen. Ja, 316 Magnus, ſtaune nicht, es iſt wahr, was ich ſage, und nun höre an, was Dir den Schlüſſel zu meinen Worten und Thaten geben wird. Meines Bleibens an dieſem Orte, unter dieſem Dache wird nicht lange mehr ſein, denn ich verlaſſe es, wenn Herr von Cail⸗ lard es verläßt.“ „Ah, willſt Du ihm etwa folgen, um den Duft ſeiner Herrlichkeit am Throne ſeines Herrſchers einzu⸗ ſaugen, der von Menſchenblut dampft?⸗ „Ich werde ihm folgen, ja, Du haſt es geſagt.“ „Unglückliche! Und Du vergiſſeſt Dein Vaterland, die Pfleger Deiner unberathenen Jugend, die Gaſt⸗ freundſchaft, das Wohlwollen, die Liebe, die Dir die Rechte einer Tochter einräumten, die Du ſo wenig verdienſt?“ „Ich vergeſſe ſie, ja, wie ich Alles vergeſſen will, was mir Schmerzen und Unheil bereitet hat, alſo auch Dich!“ „Gut, ich ergebe mich darein, denn ich ſehe, Du biſt nicht zu retten. Aber gedenke dieſer Stunde, arme Gylfe, wenn Du verlaſſen und einſam auf der Welt biſt, wenn Dein jetziger herrlicher Freund und Beſchützer Dich im Stiche gelaſſen und Deine Liebe mit Füßen getreten hat, wie Du eben die meinige niedertrateſt. Dann wird Niemand da ſein, auf dem ganzen Erdenrund, Gylfe, der Dir, wie ich jetz — 317. letzten Male thue, die Hand entgegenſtreckt, dann wirſt Du einſam und hülflos Deine Noth den Winden klagen und am öden Strande Deines Daſeins ſtehen und vergebens nach dem Schiffe blicken, das Dich einſt in den Hafen der Ruhe und des Glücks führen wollte. Der Tag des Lebens wird dann vor Deinen Augen verſchwunden und Alles, was Du ſiehſt, nur Nacht und Nebel ſein. Gedenke deſſen, ich präge es in Deine Seele ein. Mich haſt Du vergeſſen, aber die Worte, die ich in dieſer meiner qualvollſten Stunde zu Dir geſprochen, wirſt Du nie vergeſſen.“ „Auch darin irrſt Du, denn ich habe ſie gar nicht gehört. Wenn Du mir aber nun noch eine Gunſt erweiſen willſt, ſo entferne Dich raſch, ehe der Mann zurückkehrt, den Du ſo ſchmachvoll verläumdet haſt. Er könnte ſich rächen, alſo Dich beſtrafen wollen!“ „Unſelige! Auch das noch? Fürwahr, der Be⸗ cher Deiner Schuld und Verirrung häuft ſich über⸗ voll! Willſt Du Deinem ſchnöden Handeln vielleicht damit die Krone aufſetzen, daß Du Deinem ritterlichen Freunde die Anweſenheit Magnus Brahes verräthſt?“ „Wenn ich es nicht thue, ſo wird es allein aus dem Grunde unterbleiben, weil ich Deinem Vater dankbar ſein will und mich erinnere, daß wir zuſammen Kin⸗ der geweſen ſind. Was Du als Mann verbrochen 318 haſt, mag ein Anderer ſtrafen, ich fühle keine Luſt, über Dich die Peitſche zu ſchwingen.“ Sie machte eine ſtolze abweiſende Geberde mit der Hand und deutete auf die angelehnte Thür. Mag⸗ nus ſtand wie erſtarrt, unbeweglich immer noch auf demſelben Flecke und ſuchte ihrem Auge zu begegnen, mit dem ſie ihm ſtets ausgewichen war.„Ich werde ge⸗ hen, ſogleich,“ ſagte er mit keuchendem Athem,„und die Luft um Dich her wird bald rein ſein von De⸗ nen, die es allein gut mit Dir meinten. Ich gehe, ja, ich gehe und kehre nimmer wieder. Es iſt das letzte Mal, daß ich Dein Auge ſehe, Dein blondes Haar und Deine glatte Wange, über die Gott der Herr Blumen und Duft ausgeſtreut, die mich irre ge⸗ führt haben, da ich noch blind und taub war. Jetzt aber bin ich ſehend und hörend geworden und mich verlockt Nichts mehr an Dir. Lebe wohl und vergiß dieſe Stunde nicht. Ach! ſchon ſehe ich den Schat⸗ ten ſich zwiſchen uns breiten, der unſere Wege fortan trennen wird. Du haſt ein treues Herz von Dir ge⸗ ſtoßen und Du wirſt es allein zu büßen haben. Lebe wohl, lebe wohl, aber wehe Dir, wehe!“ Er wollte ſich von ihr abwenden, aber es gelang ihm nur ſchwer. Immer wieder kehrten ſeine Au e 319 * nach der geliebten Geſtalt zurück, die er nur noch mit Wehmuth betrachten konnte. In dieſem Augenblick vernahm man die Hufſchläge der beiden rückkehrenden Reiter. Faſt zu gleicher Zeit ertönte ein ſtarkes Glockengeläute, das in dem ver⸗ ſchloſſenen Thurm an mehreren Stellen wiederhallte. Magnus hörte und verſtand den warnenden Ruf, den ihm der wachſame Ahlſtröm ſandte. Wie er gekom⸗ men, geſpenſterartig, leiſe und langſam glitt er mehr zur verborgenen Thür als er ſchritt— und einen Mo⸗ ment darauf hatte ſich die Wand hinter ihm geſchloſ⸗ ſen und er ſchlüpfte eilig die verborgene Treppe in ſein Thurmzimmer hinauf. Hinter ihm aber ſank Gylfe auf ihrem Stuhle zu⸗ ſammen. Von ſeinen letzten prophetiſch klingenden Worten wie von einer Unheilsahnung getroffen, die kalt über ihre Glieder rieſelte, ſchlug ſie die Hände vors Geſicht, als wollte ſie ſo raſch wie möglich den Eindruck des ſchrecklichen Bildes loswerden, das ihr ein verzweifelnder Menſch wie eine Viſion der Zukunft gezeigt.„Wehe Dir, wehe!“ klang es in ihrer Bruſt wieder, und im ganzen Bereiche ihres Leichtſinns gab 4 es keine Kraft, kein Vermögen, die dieſen Ton aus ihren Ohren, aus ihrer Seele hätten verwiſchen und verbannen können. Elftes Anpitel. Der däniſche Steuermann. Es waren die ſpäteren Abendſtunden gekommen. Der Sturm, der am Nachmittag draußen getobt, war zur Ruhe gegangen, bald nachdem er ſein Opfer ver⸗ ſchlungen hatte; nur die Menſchen, die an den ge⸗ ſchilderten Vorgängen Theil genommen, konnten ſich noch nicht ganz beruhigen, und wie das Meer ſeine Deining hat, große ſchwerwogende Wellen, die noch lange nach dem Sturm auf und nieder fluthen, ehe ſie zur Spiegelfläche zurückkehren, ſo hatten auch die Herzen Jener— ein nicht weniger den Stürmen des Lebens preisgegebenes Meer— r lange nachhallenn den Regungen, die oft ſchmerzlicher und gefährlicher 6 als der Sturm ſelber ſind. 4 Waldemar hatte, ſobald er nach Hauſe gekommen .. war, Magnus aufgeſucht, um ihm ſein Erlebniß u den bedeutungsvollen Umſtand mitzutheilen, daß er einem Feinde das Leben gerettet habe, der das ſeinige zu gefährden jeden Augenblick die Macht beſaß. Er gab daher den Entſchluß zu erkennen, daß er, um ſich vor allen möglichen Folgen jenes Verrathes zu ſchü⸗ tzen, dieſe Nacht ſeines Freundes Zimmer theilen und am nächſten Tage oder in der Nacht ſchon Spyker verlaſſen werde, das ihm nun keinen ſicheren Aufent⸗ halt mehr bot. Zugleich wollte er noch einmal ver⸗ ſuchen, Magnus zu überreden, der Theilnehmer ſeiner Flucht zu ſein, was ihm, wie er glaubte, nicht eben ſehr leicht werden würde. Aber wie erſtaunte er, als er den Grafen durchaus dazu geneigt fand und auf Befragen nach der Urſache dieſes ſo unvorausgeſehenen Geſinnungswechſels die offenherzige Mittheilung der ſtattgefundenen Unterredung mit Gylfe vernahm. Mag⸗ nus verhehlte ihm gar nichts, ſogar nicht die Em⸗ pfindungen ſeines auf's Tiefſte verwundeten Herzens, und zwar ſchilderte er die ganze unnütze Bemühung ſeinerſeits und die daraus hervorgegangenen Folgen mit ſolcher ergebungsvollen Ruhe, daß Waldemar aufrichtig an das Aufgeben ſeiner unglücklichen Nei⸗ gung, zu glauben anfing und kaum ſeine Frende zu⸗ rückhalten konnte, daß die Leidensgeſchichte ſeines Her⸗ zens ein ſo raſches Ende genommen habe. Als Mag⸗ Der Strandvogt. II. 21 nus daher ausgeſprochen, verhielt ſich Waldemar ſchwei⸗ gend, nur reichte er dem Trauernden die Hand, was nichts anders bedeuten konnte, als daß er ihm für ſeine Aufrichtigkeit danke und daß er, geneigt, ſich fernerhin ganz ſeinen Entſchließungen hinzugeben, je⸗ den Augenblick bereit ſei, mit ihm einen Ort zu ver⸗ laſſen, der nun Beiden weder die Sicherheit, noch die Annehmlichkeit verhieß, die ſie früher von ihn erwar⸗ tet hatten. Endlich aber kamen ſie dahin überein, erſt in der folgenden Nacht von Spyker aufzubrechen, da Magnus mit Ahlſtröm noch einige Verabredungen für die Zukunft zu treffen hatte, die wohl der Ueber⸗ legung werth waren und je nach der Lage der Dinge einer wiederholten Prüfung bedurften. Während die beiden jungen Männer auf dieſe Weiſe den Abend verſtreichen ſahen und die. Nacht allmälig über Spyker herabſank, wurde in einem an⸗ dren Zimmer deſſelben eine zweite Unterredung abge⸗ halten, die nicht ſo befriedigend für die Betheiligten endete und durch einen Vorfall unterbrochen wurde, den kein Menſch im ganzen Schloſſe hatte voraus⸗ ſehn können. Bald nachdem Capitain Caillard von ſeinen Aus⸗ fluge an den Strand zurückgekehrt war, ſchickte er zu der Dame des Hauſes und ließ anfragen, ob ſie ge⸗ . neigt ſei, ihn bei ſich zu empfangen. Gylfe, von dem kürzlich Vorgefallenen noch bis in's Mark erſchüttert und nirgends ein Milderungsmittel ſehend als in der Betäubung ihres Herzens durch aufregendere Gefühle, nahm des Capitains Beſuch an und Gyſela erhielt wie gewöhnlich die Weiſung, die dritte Perſon in der Geſellſchaft abzugeben, was indeſſen nur der Form wegen geſchah, denn Gyſela, die bei dergleichen ſtets in franzöſiſcher Sprache abgehaltenen Abendunterhaltun⸗ gen ſich höchlichſt langweilte, ſaß in der Regel an einem Nebentiſche, mit einem Buche oder einer Arbeit be⸗ ſchäftigt, die ihre Aufmerkſamkeit mehr in Anſpruch nahm, als die beiden Hauptperſonen, deren überſpann⸗ tes Geſchwätz ſie doch nicht verſtand. Sie kam alſo auch dieſen Abend mit einer Sticke⸗ rei zu Gylfe, um ihren gewöhnlichen Platz in derſel⸗ ben Ecke einzunehmen, durch die kurz vorher die Vi⸗ ſion, die der Bewohnerin des Zimmers vorgeſchwebt, entwichen war. Sie ſtaunte über Gylfe's Ausſehn, als ſie bei ihr eintrat und ihr einen guten Abend bot, denn ſie fand ſie über die Maaßen erhitzt und aufgeregt und von einem nervöſen Zucken um Lippen und Augen befallen, das ihrer Schönheit eben keinen höheren Glanz verlieh. „Sind Sie krank, Fräulein?“ fragte Gyſila theilneh⸗ mend und näherte ſich forſchend der jungen Dame, die ſich abſichtlich ſo weit wie möglich vom Lichte hielt, welches bereits das Zimmer erleuchtete. „Nein!“ erwiderte Gylfe mit einem auffallend rau⸗ hen Tone, der ihr ſonſt nicht eigen war.„Frage mich nicht und laß mich in Ruhe, ich habe zu denken und werde bald damit zu Stande gekommen ſein.“ Gyſela nahm ihren Platz in der Zimmerecke vor einem Tiſchchen ein, das ſie ſelbſt ſtets dahin trug, holte ihre Arbeit hervor und vertiefte ſich bald darin. Gylfe dagegen bemühte ſich, mit ihren Gedanken zu Stande zu kommen, wie ſie ſagte, und lief mit eigen⸗ thümlich heftigen Schritten auf und nieder, bald mit bittrer Haſt in den Erlebniſſen ihrer Jugend wühlend, bald die Zukunft mit ſchillernden Farben ausmalend, die ihr, ſie wußte nicht wie es kam, plötzlich etwas verblichener erſchienen. Dieſem unbehaglichen Zuſtande machte der Eintritt des Capitains ein Ende, der, geſchmückt und duftend wie immer, wenn er zur Dame ſeines Her⸗ zens kam, ihr mit gewöhnlicher Galanterie die Hand küßte und ſie auf ihren Platz am Kamin führte, wo zwei Seſſel nicht weit von einander aufgeſtellt waren. Vunderbar, höchſt wunderbar! Der Mann, dem Gylfe kurz vorher noch das höchſte Lob geſpendet, den ſie vor allen Männern bis in den Himmel erhoben, 325 den ſie als den Leitſtern in allen Nöthen ihres Lebens geſchildert hatte— er machte an dieſem Abend nicht den vortheilhaften Eindruck auf ſie, wie ſonſt, und die Erquickung, die ſie ſich von ſeiner Anweſenheit verſpro⸗ chen hatte, wollte ſich diesmal nicht ſo bald einſtellen. Mochte das nun daher kommen, daß der Capitain heute nicht von ſich, ſondern von dem edelmüthigen Benehmen des jungen Seemanns Georg Forſt ſprach, deſſen Handlungsweiſe er in allen Einzelnheiten berich⸗ tete, oder kam es daher, das Gylfe etwas ganz be⸗ ſonderes Süßes und Schmachtendes von ihm erwar⸗ tet hatte und alſo in ihren Hoffnungen getäuſcht war. Möglich, daß Beides der Fall, aber die Wirkung war ſichtbar, und als der Capitain ſie bemerkte, fühlte er ſich ſelbſt etwas verletzt, als ob die geringe Aufmerk⸗ ſamkeit, die Gylfe ſeiner Erzählung ſchenkte, ſeine eigene Perſon beträfe. So kam es denn, daß das in früheren Tagen zwiſchen Beiden ſo laut und ſcherz⸗ haft geführte Geſpräch mehrmals ſtockte und am Ende beinahe ganz aufhörte, ſo daß ſogar Gyſela ihren glänzenden Kopf nach dem ſeltſamen Paare umwandte, etwa wie man auf eine ſtillſtehende Uhr blickt, an de⸗ en alltägliches Tiktak man gewöhnt iſt und die nun durch ihr plötzliches Schweigen uns in Unruhe ver⸗ ſetzt. Der gewandte Franzoſe, der mehrmals einen fri⸗ ſchen Anlauf genommen hatte, um die junge Dame angenehm zu unterhalten und ihr ein warmes Inter⸗ eſſe für das Erlebte einzuflößen, erſtaunte endlich ſelbſt über dieſes ſeltſame Schweigen, und erſt jetzt wandte er ſein Auge mit ſchärferer Aufmerkſamkeit auf ihr Antlitz hin. Da ſah er denn allerdings, daß daſſelbe nicht in der gewöhnlichen heiteren Verklärung glänzte, ſondern daß vielmehr eine ungewöhnliche Erregung ihre Miene trübte und ihr ganzes Weſen gleichſam verſchleierte. Von einer falſchen Idee geleitet, ſann er nach, was wohl die üble Laune des ſchönen Fräu⸗ leins veranlaßt haben könne, und plötzlich fiel ihm ein, daß ſein Geſpräch ſelbſt dieſe Wirkung gehabt haben möge. „Sie verzeihen,“ ſagte er höflich,„ich ſehe, daß ich Sie langweile, aber warum ſpreche ich auch Stunden⸗ lang von dieſem Menſchen, der keine Bedeutung für Sie haben kann. Oder ſollte irgend ein Grund vor⸗ handen ſein, weshalb Sie an ſeinem Schickſal einen höheren oder geringeren Antheil nähmen, als ich ver⸗ muthe?“. „Der Herr, von dem Sie reden, iſt mir ziemlich gleichgültig,“ erwiderte Gylfe verlegen und erröthete auffallend, da ſie das Geſpräch aus natürlichen Grün⸗ 322 den ungern auf Waldemar gebracht und ſo lange auf einen Punkt gefeſſelt ſah. „Aber wie denn— was meinen Sie denn?“ fuhr der Capitain fort,„ich rede ja von keinem Herrn, ſon⸗ dern von dem Seemann, der um der Schweſter des jungen Mädchens willen dort in dieſem Hauſe ſeine Wohnung aufgeſchlagen hat.“ Gylfe erſchrak. Ihre Zerſtreutheit hatte ſie verlei⸗ tet, nicht auf ihre Worte Acht zu geben, was, einem ſcharfen Beobachter und Diplomaten gegenüber, ſchon oft zu unliebſamen Enthüllungen geführt hat. Um daher den ſchlimmen Eindruck, den ſie hervorgebracht, zu verwiſchen, wollte ſie eine raſche erklärende Antwort geben, fiel aber durch ihre Haſt nur noch tiefer in den Fehler, den ſie hatte verbeſſern wollen. „Ah, ich verſtehe wohl,“ ſagte ſie.„Aber der junge Mann iſt ein ſehr liebenswürdiger Menſch und ich wundere mich, daß Alheid Ahlſtröm ſo viel Zeit ge⸗ braucht, um ſeinen Wünſchen Erhörung zu ſchenken.“ Der heißblütige Franzoſe fing Feuer bei dieſen uunnklugen Worten.„Unter Umſtänden,“ ſagte er mit ſpitzem Tone,„würde er bei Ihnen wohl nicht ſo viel Zeit gebraucht haben, um zum Ziele zu gelangen?“ 8„Was denken Sie von mir, mein Herr!“ fuhr nun auch die von einem Extrem in's andre gerathende 328 Gylfe fort.„Haben Sie Grund, zu glauben, daß es möglich wäre, daß dieſer— dieſer Georg Forſt den geringſten Eindruck auf mein Herz hervorbringen könnte?“ Dieſe, mit noch größerer, faſt überſtürzender Haſt geſprochene Frage, eine Haſt, welche die alleinige Folge der Gemüthserregung Gylfe's war, reizte den Capi⸗ tain noch weit mehr, als es das Wort„Herr“ und die darauf folgende Bemerkung gethan. Er wollte eben etwas Beißendes erwidern, als ſein Ohr einen lauten Ruf unter dem Fenſter auffing, der von der Schildwache ausging, die vor der Thür des Schloſſes aufgeſtellt war. „Qui vive?“ rief dieſe einen Ankommenden an, der nicht zu den Bewohnern von Spyker zu gehören ſchien. Auf dieſen Anruf antwortete eine fremde Stimme einige Worte, die der Capitain nicht verſtehen konnte, worauf er indeſſen ſogleich einen verwunderungsvol⸗ len Fluch aus dem Munde derſelben Schildwache ver⸗ nahm.. Darauf trat eine Pauſe in der Unterhaltung. im Freien ein, aber die Hausthür ward raſch geöffnet, ei⸗ lige Schritte ließen ſich auf dem unteren Corridor ver⸗ nehmen und dann folgten wieder ſchnarrende Flüche, ——— 329 die auch der unterdeß herbeigekommene Kaſtellan mit einigen lauten Worten begleitete. „Was giebt's da?“ fragte der Capitain und trat horchend an die Thür, die nach der großen Treppe führte. „Gyſela, geh hinab und ſieh, was es iſt!“ gebot Gylfe, und Gyſela that auf der Stelle, wie ihr be⸗ fohlen war und ging auf den Corridor hinaus. Es verſtrichen einige Augenblicke, nicht ohne Span⸗ nung für die im Zimmer Gebliebenen, dann aber wurden heftige Stimmen auf der Treppe laut und der Capitain unterſchied deutlich das mit Flüchen un⸗ termiſchte Toben und Wettern der Schildwache, die mit ihrer franzöſiſchen Lebhaftigkeit eine natürliche Kraft der Lungen verband. Der Capitain, beunruhigt und neugierig zugleich, was es denn ſo Eiliges und Wichtiges in der ſpäten Abendſtunde gebe, trat zur Thür und wollte ſie eben öffnen, als draußen heftig angepocht wurde. Der Capitain öffnete ſie und ſah ſeine zürnende Schildwache mit gezogenem Säbel davor ſtehen, einen Mann am Rockkragen haltend, den man ſeiner Klei⸗ dung nach für einen Seemann halten mußte und der eine ganz verblüffte Miene zeigte, daß ihm hier ein ſo unerwarteter Empfang zu Theil wurde. 330 „Monsieur le Capitaine,“ entſchuldigte ſich die Schildwache,„ich bitte um Verzeihung, daß ich mei⸗ nen Poſten verlaſſe und Sie in dieſem Zimmer auf⸗ ſuche, aber die Sache iſt von Wichtigkeit und ich möchte mir nicht gern den Ruhm nehmen laſſen, der Erſte zu ſein, der ſie meldet.“ „Was giebts denn, vite, vite!“ rief der Capitain mit herbem Befehlshaberton. „Hier iſt ein Mann von dem geſtrandeten Schiff. Er ſagt, er ſei Steuermann, und fragt bei mir an, ob er Herrn Waldemar Granzow ſprechen könne, dem er für die geleiſtete Hülfe danken wolle.“ „Höll' und Teufel!“ donnerte der Capitain, der in ſeinem Eifer ganz vergaß, daß er im Zimmer der Dame des Hauſes zu Gaſte war.„Herein, Kerl, ge⸗ ſchwind! Und bringt Euer Geſuch noch einmal bei mir ſelber an.“ „Sehr gern, Capitain,“ erwiderte der Seemann beſcheiden, der gar nicht ahnte, warum man ihn hier mit ſolchem Gelärm empfing,„aber es iſt nur ein einfaches Geſuch, was ich vorzubringen habe, und wenn ich gewußt hätte, daß man hier Abends ſo un⸗ gnädig empfangen wird, ſo wäre ich erſt morgen am Tage gekommen.“ 4 331 „Heraus mit Euerm Geſuch, ich ſchnappe danach, wie ein Fiſch nach Luft.“ „Ich bin der zweite Steuermann des geſtrandeten Schooners, Herr Capitain. Der Mann, der mich und meine elf Kameraden gerettet hat und dem ich am Strande meinen Dank nicht ſagen konnte, weil er ſich zu raſch mit Ihnen entfernte, wohnt, wie ich von Ihren Reitern hörte, hier im Schloſſe, und ſo kam ich hierher, um gut zu machen, was ich in der Noth und dem Drang der Umſtände verſäumt habe.“ „Welchen Mann meint Ihr?“ „Denſelben, der das Rettungsboot ſteuerte und dann in Ihrer Geſellſchaft davon ritt— Herrn Wal⸗ mar Granzow aus Saſſenitz, Herr Capitain.“ „Höll und Teufel!“ donnerte dieſer noch lauter. „Foppt Ihr mich oder hat der Sturmwind Eure Zunge entfeſſelt? Sagt Ihr Waldemar Granzow aus Saſfenitz mit Bedacht, oder verſprecht Ihr Euch?“ „Warum ſollt' ich das nicht mit Bedacht ſagen oder mich verſprechen, Herr Capitain?“ fragte der Steuermann naiv und drehte maſchinenmäßig den Hut in den Händen, denn erwurde immer mehr über die eigen⸗ thümliche Wirkung verlegen, die ſein ſo leicht erklär⸗ liches Erſcheinen hervorrrief. 332 „Woher wißt Ihr, daß jener Mann der Wubde mar Granzow aus Saſſenitz iſt?“ „Ei, das weiß ich ſo gewiß, wie daß Kopenhagen auf Seeland liegt! Wir kreuzten vor einem Monat an der deutſchen Küſte, Herr, und lagen dicht vor der Oder⸗Mündung, als uns der Befehl zu Theil ward, auf ein Boot zu paſſen, das einen gefährlichen Mann— damals wenigſtens ſchien er noch gefähr⸗ lich— nach Rügen bringen ſollte. Dieſer Mann wurde als Waldemar Granzow aus Saſſenitz bezeich⸗ net und ſollte ein Franzoſenhaſſer, Spion und Auf⸗ wiegler ſein, weshalb er von allen franzöſiſchen Ge⸗ richten verfolgt und aufgeſucht wurde. Wir paßten mehrere Tage und Nächte auf, aber erſt am 28. Mai ſegelte das Boot von Stettin ab. Wir ſtachen da⸗ hinter her in See, aber der Wind war uns ungün⸗ ſtig und der Steurer des Bootes ſchien mit dem Teu⸗ fel im Bunde zu ſtehen. Da wir ihn aber hart be⸗ drängten und den Weg nach Rügen abſchnitten, lief er auf der Greifswalder⸗Oee an und verſteckte ſich daſelbſt. So viel wir ihn ſuchten, er war nicht zu finden, wahrſcheinlich weil er dort wie hier überall Freunde und Geſinnungsgenoſſen hat. Am folgen⸗ den Tage nun, kurz vor Ausbruch eines Gewitter⸗ ſturmes, erwiſchte ich ſelbſt den Burſchen, als er eben 333 ein für ihn zugerichtetes Lootſenbook nehmen und da⸗ mit entſchlüpfen wollte. Ich dachte ihn zu greifen aber es gelang nicht; er war ſtärker und ſchneller als ich, warf mich zu Boden und ſprang in das Boot, das mit ihm davon ging, als wäre er der Meiſter der Winde und Wellen. Unſer gutes Schiff aber, es war die Corvette Skiold, auf der ich damals dritter Steu⸗ ermann war, ſegelte hinter ihm her, um ihn von der Landung bei Peerd auf Rügen, wohin er ſteuerte, ab⸗ zuſſchneiden, aber wieder kam der Sturm dazwiſchen unnd wir durften uns nicht zu nahe an die Küſten wagen, da der Wind ſtramm aus Oſten wehte. So Sentſchlüpfte er uns in der Gegend von Stubbenkam⸗ mer und erſt heute habe ich ihn wiedergeſehen und auf der Stelle erkannt, denn Männer von ſolcher Ge⸗ ſtalt und mit ſolchem Geſicht, auf dem der ganze Trotz ihrer Stärke liegt, vergißt man ſo leicht nicht, noch dazu, wenn man einmal von ihnen zu Boden geſchlagen iſt.“ „Mort de ma vie! Aber warum griffet Ihr ihn heute Nachmittag nicht?“ Der Steuermann ſtand vollſtändig verblüfft vor dem ſtirnrunzelnden Officier und ſah ihm dumm fra⸗ gend in die drohenden Augen.„Heute,“ ſagte er, „wo er mich rettete und in Ihrer Geſellſchaft war? 334 Mußte ich nicht denken, daß er wieder Freund mit Ihnen iſt, da er wie ein Bruder mit Ihnen davon ritt?“ „Bei Gott, Ihr habt Recht, aber nun ſoll er uns nicht mehr entwiſchen. Allons, mon brave, an die Thüren, und Jeder wird niedergehauen, der Vnuſliohn will.— Halt! Was war das?“ In dieſem Augenblick ließ ſich ein ſeltſames Klin⸗ geln durch das ganze Schloß vernehmen, wie weenn irgend wo eine ſtark tönende Glocke angezogen würde, die in allen verlorenen Winkeln nnd Ecken ihr Echo fand. Des Capitains Auge wurzelte auf Gylfe, die angſt⸗ voll auf ihren Stuhl geſunken war und das Geſicht mit den Händen bedeckt hatte, gleichſam als wolle ſie nicht hören und ſehen, was ſich um ſie her ereigne. „Madame,“ ſagte er faſt rauh, haben Sie dies ſelt⸗ ſame Glockengeläute gehört? Was war das?“ Gylfe zog ihre Hände vom Geſicht und ſtarrte ihn an, wie man einen Menſchen anſtarrt, wenn man ihm etwas Schreckliches ſagen will oder von ihm zu hören erwartet.„Das iſt mir nichts Neues, Herr,“ erwiderte ſie ſchaudernd,„es iſt das Singen und Klingeln, was ſich oft Nachts im Spukthurm hören läßt.“„ 3³⁰5. Der Capitain ſchüttelte den Kopf, als zweifle er an der Wahrheit des Geſagten, und doch hatte er Mühe, das abergläubiſche Grauen zu bemeiſtern, für das auch er empfänglich war. Plötzlich aber ſprang er auf Gylfe zu und ſie mit einem durchbohrenden Blick betrachtend, rief er:„Nur eine Frage beant⸗ worten Sie mir noch— hat der Mann hier Recht gehabt? Beherbergt das Schloß des Grafen Brahe dieſen Verräther Waldemar Granzow?“ Gylfe antwortete noch weniger, als die Gewölbe des Zimmers antworteten, zu denen der laute Schall der dröhnenden Stimme des aufgeregten Capitains empordrang. „Ich befehle eine Antwort!“ kreiſchte er weiter. „Werde ich ſie erhalten?“ Gylfe erhob mit einer unnachahmlich ſtolzen Würde ddeen Kopf, ſah ihn groß an und ſagte langſam und bitter:„Sie haben mir nichts zu befehlen, Herr Ca⸗ pitain!“ SSo wünſche ich ſie!“ Gpylfe ſprang empört auf und indem ſie zu einer Thür ſchritt, die in ihr Schlafgemach führte, drehte ſie noch einmal den Kopf nach dem Franzoſen um unnd ſprach mit höhniſchem Lächeln über die Schulter: „Ich verlaſſe mein Zimmer, mein Herr, da Sie darin —— — Ihr Feldherrnlager aufgeſchlagen haben. Wenn Sie aber wiſſen wollen, ob Waldemar Granzow in dieſem Schloſſe iſt, ſo ſuchen Sie ihn, und wenn Sie ihn finden, ſo werden Sie wiſſen, was Sie zu wiſſen wünſchen!“ „Peste!“ knirſchte der Capitain.„So ſtehen alſo die Sachen! Ah, dann wollen wir einmal Franzö⸗ ſiſch mit dieſen ſchwediſchen und deutſchen Hunden ſprechen. En avant, mes braves, en avant! Les diables sont déchainés dans cette maison et c'est à nous, de les enchainer. Courage!« Die letzten Worte galten dem Lieutenant Challier, der in Folge des weithin ſchallenden Gelärms mit einigen Leuten in das ihm bisher unzugängliche Da⸗ menzimmer getreten war. In wenigen Minuten hatte ſich das ſtille Schloß mit Aufruhr und Bewegung ge⸗ füllt. Geſchrei von allerlei Stimmen durcheinander tönte von Zimmer zu Zimmer. Trepp⸗ auf, Trepp' ab raſſelten die beſpornten Reiter und kein Corridor, keine Niſche, kein Winkel blieb unbeachtet. Unterde aber waren vor die Eingangsthüren Wachen geſte und ſelbſt vor jedem Fenſter ſtanden mit in die Höhe gerichteten Augen zwei Reiter, als erwarteten ſie, verfolgte Flüchtling werde jeden Augenblick aus einem derſelben herniederſpringen. So war das ganze Sch 337 mit einem Kreiſe bewaffneter Soldaten umgeben, die es Jedermann unmöglich machten, daraus zu ent⸗ ſchlüpfen, wenn er es etwa beabſichtigte. Aber ſo eif⸗ rig der Capitain und ſeine Getreuen ſuchten, ſo auf⸗ merkſam ſie jede Kammer durchſtöberten, jeden Win⸗ kel, jedes Möbel beleuchteten— den Geſuchten fanden ſie nicht und es ſchien, als wäre er durch die Luft entflohen, in die ihm ſelbſt die überall ſiegreichen Franzoſen nicht nachfolgen konnten. Während dieſes Suchen aber in Gang kam und überall Flüche, Zurufe und Befehle laut wurden, war Gylfe wieder in ihr Wohnzimmer getreten, wo ſie den außer Acht gelaſſenen Steuermann noch vorfand, der, in Verzweiflung, wider Willen den Angeber ge⸗ macht zu haben, nicht wußte, was er beginnen, wo⸗ hin er ſich wenden ſollte. Gylfe war leichenblaß geworden; widerſtreitende Empfindungen zuckten durch ihr Herz und vergebens arbeitete ihr Gehirn, einen Ausgang aus dem Laby⸗ Ainthe zu finden, in das ſie ſo ahnungslos an die⸗ ſem unheilvollen Tage von allen Seiten geſtürzt wor⸗ den war. In dieſem Augenblicke bemerkte ſie den Steuermann, der hin und her trippelnd auf dem Teppich ſtand und nicht wußte, wie er ungehindert das Zimmer und mit ihm das Schloß verlaſſen ſollte. 22 Der Strandvogt. II. 338 „Mann!“ rief ſie dem Verdutzten zu,„Was wollt Ihr hier noch? Dort iſt die Thür! Aber halt! Sagt mir erſt,— habt Ihr mit Abſicht dieſe Komö⸗ die aufgeführt oder hat Euch der Zufall dazu ge⸗ bracht?“ „Weiß es Gott!“ ſtöhnte der ehrliche Seemann und kratzte ſich verlegen hinter den Ohren,„ich bin nicht ſchuld daran, das will ich beſchwören. Ich kam ganz einfach hierher, um dem wackeren Kerl, den ſie hier ſuchen, für die Rettung unſerer Mannſchaft mei⸗ nen Dank zu ſagen. Wenn ich gewußt hätte, wie die Sachen hier ſtehen und was ich erleben ſollte, ich hätte lieber noch einmal Schiffbruch gelitten, als hier einen am Lande angerichtet, wie ich nun leider zu ſpät ſehe.“ „Macht Euch daraus kein Gewiſſen, mein Freund; Euer Lebensretter wird ſich ſo leicht nicht greifen laſ⸗ ſen, dafür ſtehe ich Euch. Denn vielleicht jetzt ſchon iſt er jenſeit jenes Waldes und flieht der Küſte zu, wo ihn irgend ein Schiff aufnehmen und in Sicher heit bringen wird.“ 4 Der Steuermann fiel aus einer Verwunderung 1 die andere.„Wie kommt er denn aus dieſem Hauſe, fragte er neugierig,„wenn es alle die Reiter hier mit ihren Säbeln und Piſtolen belagern?“ 339 „Das laßt nicht Eure Sorge ſein; aber wahrſchein⸗ iſt auf Spyker nichts Neues. Habt Ihr noch nie⸗ ſter der Verſtorbenen umgehen und die, die ſie retten wollen, auf den Flügeln des Windes forttragen?“ Dem abergläubiſchen Seemann klapperten die Zähne vor Grauſen, denn das ſchöne Weib, das dieſe Worte mit hohler Stimme zu ihm ſprach, ſah mit ihrem bleichen Geſicht und den fliegenden Haaren ſel⸗ ber wie ein Geſpenſt aus, das vor ſeinen Augen den Spuk fortführte, den er ſelber wider Willen hier in Gang gebracht. „Jetzt verlaßt dieſes Zimmer,“ fuhr Gylfe mit 3 ihrer kalten metallenen Stimme fort und ſtreckte gebie⸗ teriſch die Hand nach der Thür aus. Der Steuermann, von Neuem erſchrocken, wankte dahin, wohin der von Ringen blitzende Finger deu⸗ teete, aber nicht eher verließ er das Gemach, als bis er noch einmal mit geſträubtem Haar ſich nach der ſeltſamen Bewohnerin des Spykerſchen Schloſſes um⸗ geſehn hatte, die ſo lange die glühenden Augen auf gerichtet hielt, bis er das Zimmer verlaſſen, wor⸗ er nun zitternd und zagend die Treppe hinunter⸗ ch, um auch da an der Verwirrung und dem 22 ½ lich reitet er wie der Sturm durch die Luft, denn das mals von dem Spukthurm gehört, in dem die Gei⸗ 340 Lärm Theil zu nehmen, den ſeine unberufene Einmi⸗ ſchung heraufbeſchworen hatte. Alle Bemühungen aber, den mit hundert Flüchen verwünſchten Verräther ausfindig zu machen, waren fruchtlos und ſelbſt Capitain Caillard ſah endlich ein, daß hier andere Mittel in Wirkſamkeit ſein müßten, die ihn begünſtigten, und daß er daher mit Energie zu Werke gehen müſſe, um Meiſter derſelben zu wer⸗ den. Der edle Herr hatte ſich mit der Zeit in eine wahre leidenſchaftliche Wuth hineingearbeitet und ſein Zorn kannte keine Gränzen, als er ſchließlich zu der Ueberzeugung gelangte, daß er trotz ſeiner militairi⸗ ſchen Gewalt weniger unbeſchränkter Herr der Ein⸗ und Ausgänge des Schloſſes geweſen ſei, als er von ſich die ſtolze Meinung gehabt hatte. „Monsieur le Capitaine,“ ſagte zuletzt Lieutenant Challier in ſtreng dienſtlicher Haltung, als er vom Durchſuchen des oberſten Stockwerks mit einem Thei der Mannſchaft zurückkam,„dort oben iſt und— er nicht verſteckt ſein, unſern Augen iſt kein Winkel entgangen. Wenn Sie mir aber geſtatten, eine M nung zu äußern, ſo glaube ich einen guten Rath theilen zu können.“ 341 „Welchen guten Rath könnten Sie geben?“ „Wir haben das ganze Schloß durchſucht, das Mittelgebäude ſowohl wie die drei Thürme dort, denn zu allen von Außen ſichtbaren Zimmern derſelben führ⸗ ten Treppen und Corridore. Einen einzigen Theil des Schloſſes aber haben wir nicht unterſucht und unterſuchen können, und das iſt der nordöſtliche, der ſogenannte Spukthurm. Wäre es nicht möglich, daß derſelbe verborgene Zimmer enthielte, da keine Treppe wahrzunehmen iſt, die hinein führt, und kein Corri⸗ dor vom Hauptgebäude ſich bis dahin erſtreckt?“ Der Capitain horchte lebhaft auf und nickte dann dem erfinderiſchen Lieutenant Beifall zu.„Sie haben Recht,“ ſagte er,„der Thurm muß verborgene Zimmer haben und darin allein kann ſich der Burſche verſteckt halten. Eh bien! Gehen wir zu dem Herrn Kaſtel⸗ lan, oder vielmehr rufen wir ihn hierher— vorwärts! Man vollſtrecke meine Befehle!“ Es dauerte nicht lange, ſo führten zwei Mann den alten Ahlſtröm herbei, der wohl vorausſehn mochte, elche ernſthafte Stunde ihm bevorſtand, denn er ſchritt ſehr langſam und bedächtig heran, ſeine gefaßte Miene jedoch verrieth, daß er über ſeine Handlungsweiſe voll⸗ kommen klar und zu Allem entſchloſſen ſei. 1 „»Eh bien, Monsieur!“ begann der Capitain das Verhör,„da ſind wir an eine Klippe gelangt und Sie, alter Mann, den ich bisher in ſeiner Freiheit zu ſchal⸗ ten und zu walten unangetaſtet gelaſſen habe, werden wohlthun, dieſelbe zu vermeiden, ehe ſie Ihnen den Untergang bereitet. Sie wiſſen ohne Zweifel, Wen wir in dieſer Gegend ſo lange vergeblich geſucht haben?“ „Ich habe es gehört!“ lautete die beſcheiden aber feſt geſprochene Antwort. „Wußten Sie von der Anweſenheit des Waldemar Granzow in dieſem Schloſſe?“ „Es würde mir nicht ſchwer werden, dieſe Frage zu verneinen, Herr Capitain, aber in meinem Alter und in meinen Verhältniſſen ſpricht ein ehrlicher Mann keine Lüge mehr. So alſo ſage ich Ihnen, daß ich von der Anweſenheit Granzow's wußte und daß ich ihn ſelbſt auf die Gefahr aufmerkſam gemacht habe, der er ſich bei ſeinem kühnen Unternehmen ausſetzte. Der Capitain ſchäumte vor Wuth b ſtändlichen Worten und doch war er genö beherrſchen, um nicht das Ziel zu verlieren, das m vor Augen lag. „Wiſſen Sie,“ rief er,„weſſen Sie ſich durch dieſe Verheimlichung ſchuldig gemacht? Wiſſen Sie das, mein Herr? Pfui! Sie ſind ein Nichtswürdiger meinen Augen und ich werde die Strafe über Sie verhängen, die den Theilnehmern an den Verbrechen eines Verräthers zuerkannt iſt.“ „Wenn Sie Macht über mein Leben haben, Herr Capitain, ſo wenden Sie dieſelbe an— bedenken Sie aber, daß meine Tage gezählt ſind und daß es meine, des alten Dieners dieſes Hauſes, Pflicht war, lieber Ihnen etwas zu verheimlichen, als das Vertrauen meines eigentlichen Herrn, des Herrn Grafen Brahe, zu täuſchen. Waldemar Granzow iſt ſein Pflegeſohn und ich durfte ihn alſo ſeinen Feinden nicht verra⸗ then.“ „Peste! Wir werden noch weiter über Ihre Strafe reden, denn ich ſehe, ich habe es mit einem unverbeſ⸗ ſerlichen und verſtockten Sünder zu thun.— Wo iſt dieſer koſtbare Pflegeſohn des Herrn Grafen, Ihres eigentlichen Herrn, wie Sie ſagen, geblieben?“ „Das weiß ich eben ſo wenig, wie Sie es wiſſen. Er hat in meinem Zimmer neben mir gewohnt— die haben es genau durchſucht— und da er nicht . mehr darin iſt, wird er es wahrſcheinlich verlaſſen heaben. Das kann ein Kind einſehen, diable! Stand er vielleicht auch mit jenem Thurm in Beziehung und * 34 wußte er ſich auf irgend eine Weiſe Eingang in den⸗ ſelben zu verſchaffen?“. Der Kaſtellan hob ſeinen Kopf etwas in die Höhe und ſchaute in die Richtung, wohin der Capitain mit der Hand gewieſen hatte.„Das kann ich Ihnen nicht ſagen, denn ich weiß von dem Thurme nichts,“ erwiderte er mit unnachahmlicher Ruhe.„Sein In⸗ neres umſchloß ein Familiengeheimniß und mich hat man nie in daſſelbe blicken laſſen.“ Der Capitain beſann ſich einen Augenblick, ob er die Ausſage des Kaſtellans für wahr halten ſolle, dann aber ſagte er rauh:„Geben Sie mir die Schlüſſel zu dem Thurm und führen Sie mich an die Ein⸗ gangsthür.“ „Ich habe weder Schlüſſel dazu, noch kenne ich eine Eingangsthür. Die letzere iſt ſeit vielen Jahren und ſchon vor meiner Zeit vermauert, und ich weiß nicht einmal den Ort, wo ſie geweſen iſt. „Iſt eine Treppe im Thurm?“ „Wahrſcheinlich, doch ich weiß es nicht.. 345 ein und bewache ihn! Und nun mir nach, mes bra- ves!“ Der Kaſtellan, von den polternden Drohungen des Franzoſen, deſſen Art und Weiſe er ſchon kannte, we⸗ der eingeſchüchtert, noch die Entdeckung ſeines jungen Herrn und Waldemars fürchtend, ward von zwei Rei⸗ tern nach ſeinem Zimmer geführt und dort mit Aus⸗ nahme Gyſela's, die bei Gylfe blieb, in Geſellſchaft ſeiner Familie ſtreng bewacht; der Capitain aber be⸗ gab ſich mit Lieutenant Challier und dem größeren Theil ſeiner Leute in's Freie, um zunächſt den Spuk⸗ thurm von Außen zu betrachten und dabei die beſte Art ſeiner Erſtürmung zu überlegen. Es war bereits Nacht geworden und die Sterne funkelten am Himmel, nachdem der Sturm am Nach⸗ mittage die trüben Wolken verjagt hatte. Man fand die Fenſter des Thurmes wie gewöhnlich dunkel und mit dichten Vorhängen verſchloſſen, und Nichts ver⸗ ieth, daß ſein Inneres ſeit Jahren von einem Men⸗ ſchen betreten ſei. 7 Nachdem man eine Weile damit zugebracht, ihn wiederholt zu umgehen und über die leichteſte Art, in ein Inneres zu dringen, berathen, kam man zu dem uſſe, mittelſt Leitern in das unterſte Stockwerk zu klettern, vom Fenſter aus auf die Treppe zu ge⸗ 4 346 langen und ſo weiter vorzuſchreiten, bis man den be⸗ abſichtigten Zweck erreicht habe. Da das unterſte Fen⸗ ſter nicht höher war als alle übrigen des erſten Stock⸗ werks des Hauptgebäudes, ſo ſchien die Sache leicht und ſchnell abgethan werden zu können. Einige Jä⸗ ger begaben ſich in die Ställe, wo man hinreichend lange Leitern aufbewahrte und, nachdem ſie herbeige⸗ ſchafft, ſtellte man ſie an eins der Fenſter, während Andere Laternen und Windlichter holten, um bei der Erkletterung nicht des nöthigen Lichtes zu entbehren. Als die Leitern feſt ſtanden und die Laternen das Operationsfeld beleuchteten, befahl der Capitain Einem ſeiner Leute, den Sturm gegen das Fenſter zu begin⸗ nen, aber hier ſtieß er auf einen unerwarteten und beinahe unerhörten Wiederſtand. Niemand ſchien ſehr geneigt, der Erſte zu ſein, den Spukthurm zu erklet⸗ tern, und ſo muthig die anweſenden Chaſſeurs bei einem Gefecht mit ſichtbaren Feinden ſein mochten, hier im Kampfe mit einem unſichtbaren Feinde von geſpenſtiſcher Natur waren ſie feige, wie viele damaliger und ſelbſt jetziger Zeit. Fluchend und eine ſtrenge Strafe verheißend, w n ſich Capitain Caillard von dem widerſpenſtigen daten ab und ſah Lieutenant Challier bedeutung an. Dieſer verſtand den Wink ſeines Vor 4 347 ſchlug als guter Katholik ſein Kreuz und zog dann den Degen, um darauf ohne Zögern den Fuß auf die Leiter zu ſetzen, die zwei Mann unterſtützten. Es war ein ſehr natürliches Ereigniß, obwohl es von den Reitern kein Einziger erwartet hatte, daß der junge Officier unverſehrt auf der oberſten Leiterſproſſe vor dem Fenſter anlangte. Er verſuchte darauf es zu öffnen, allein es war feſt verriegelt.„Es muß zexbro⸗ chen werden!“ rief er ſchwer athmend herunter.„Es wiederſteht jedem mäßigen Druck!“ „So zerbrechen Sie es!“ lautete der Befehl von unten her. Gleich darauf klirrten die Scheiben und fielen in das Innere des Thurmes, denn Lieutenant Challier hatte ſie mit ſeinem Degenknopf eingeſtoßen. Da aber zeigten ſich unerwartet eiſerne Stangen innerhalb des Fenſters, die jedes Vordringen für den Augen⸗ bblick unmöglich machten. Mr. de Challier rapportirte es und erklärte ſeine Kraft für unzureichend, die Er⸗ ſtürmnung erfolgreich fortzuſetzen. „Herr!“ rief ein gewichtiger Chaſſeur von unten her, der unterdeß Muth gefaßt hatte.„Laſſen Sie mich W machen. Ich ſehe, wie die Sachen ſtehen, die Geſpenſter thun einem Menſchen nichts, der ſeine iuct erfüllt, und ich bin ein Schloſſer er, Pale ein 348 Brecheiſen zur Hand und weiß mit Rieglen und Stan⸗ gen von Metall umzugehen.“ Lieutenant Challier ſtieg, ohne Befehl dazu abzu⸗ warten, etwas haſtig von der Leiter herab, da er ſich Ruhm genug erworben zu haben glaubte, und ſtatt ſeiner kletterte der Schloſſer hinauf, um ſeine Kunſt und Kraft zu verſuchen. Allein obwohl er ſtark und geſchickt genug war, er fand etwas mehr Arbeit vor, als er vermuthet hatte, endlich aber gelang ihm ſein Vorhaben und ein Fenſterflügel wurde zur Noth gang⸗ bar gemacht. G Als er ſo weit vorgerückt war, ließ er ſich eine Laterne heraufreichen und leuchtete in das Innere des Thurmes hinein, worauf alsbald ſein freudiger Aus⸗ ruf verkündete, daß er eine ſchmale Wendeltreppe wahrnehme, die bis auf die Zinne zu führen ſcheine. „Du biſt einmal oben,„commandirte der Capitain, „ſteig hinein, ich werde Dir folgen. Lieutenant Chal⸗ lier, auch Sie folgen mir und uns ſteigen dann vier Mann nach.“ Der Befehl war gegeben und wurde diesmal vünki⸗ lich vollſtreckt. In wenigen Minuten waren die ſechs Mann mit drei Laternen im anem des Thurme 349 „Das iſt ein eigenthümliches Gebäude,“ ſagte Ca⸗ pitain Caillard mit ſeltſam bewegter Stimme,„es hat Treppen, aber keine Thüren.“ „Hier iſt eine!“ rief der Schloſſer, der als der Mu⸗ thigſte, mit gezogenem Säbel in der Rechten und ei⸗ ner Laterne in der Linken, einige Stufen vorange⸗ ſchritten war. Sofort ſammelte man ſich um ihn und fand ſeine Entdeckung beſtätigt. Man ſtand wirklich vor einer hölzernen Thür, aber das Schloß daran fehlte, um ihre Eröffnung zu bewerkſtelligen. „Brich ſie auf!“ befahl Capitain Caillard, deſſen Muth ſich verdoppelte, ſobald er einen angreifbaren Gegenſtand vor ſich ſah. Das Werk ward rüſtig begonnen und nachdrück⸗ lich fortgeſetzt; in wenigen Minuten ſprang die Thür auf und man blickte in ein Zimmer hinein, deſſen Inneres noch dunkler als die Nacht draußen im Freien war. „En avant, mes braves!“ lautet der ſtereotype Befehl des Capitains und er ergriff ſelbſt eine Laterne, worauf er zuerſt in das Zimmer drang. Es war daſſelbe runde Gemach, in welchem Magnus Brahe bis vor kurzer Zeit gewohnt und in welchem ihm Waldemar Granzow bis zur Flucht Geſellſchaft 350 geleiſtet hatte. Man fand es gleichſam noch warm, wie ein Neſt, deſſen Bewohner ſo eben erſt ausgeflo⸗ gen ſind, und verſchiedene hier und da herumliegende Gegenſtände verriethen, daß es in großer Eile verlaſ⸗ ſen war. „Voila!“ rief der Capitain.„Hier hat das Ge⸗ ſpenſt gehauſt. O, was ſind wir geprellt! Ein ſchö⸗ nes und ſicheres Gemach, weiß es Gott, um ein gan⸗ zes Jahr lang vor aller Verfolgung geſichert zu ſein. Ha! der Teufel hat uns eine charmante Naſe gedreht. Was iſt das?“ Er ergriff ein Stück Leinwand, an dem die un⸗ zweifelhaften Spuren ſichtbar waren, daß es zum Ver⸗ bande einer Wunde gedient hatte, und betrachtete es genau. „Au nom du diable! Das Geſpenſt iſt verwun⸗ det geweſen! Ha! Am Ende hat Graf Brahe ſel⸗ ber unter ſeinem väterlichen Dache reſidirt und den Spuk getrieben, vor dem wir uns gefürchtet haben!“ Dieſer Ausruf, der über die ganze Angelegenheit 4 ein neues Licht aufleuchten ließ, erregte eine allge⸗ meine Aufheiterung und Ermuthigung. Man durch⸗ ſtöberte jeden Winkel des Gemachs, aber nirgends fand man eine weitere Spur der Entwichenen, 351 wenig wie den Ausgang, den dieſelben benutzt haben mußten. „Das wird eine Arbeit für morgen ſein,“ ſagte der löwenmuthig gewordene Lieutenant,„heute iſt es zu ſpät dazu und die Nacht iſt nicht zu ſolchem Un⸗ ternehmen geſchaffen.“ „Aber unterdeß entkommen ſie. Ha! Ich haue Alles in Stücke, was mir unter die Klinge kommt! Aber Ihr habt recht, Challier, gehen wir hinunter und verhören wie die Verräther noch einmal, von de⸗ nen wir hier, ohne es zu ahnen, umgeben geweſen ſind.“ Hiermit wurde der wenig ruhmreiche Rückzug an⸗ getreten, leider aber zeigte ſich bei dem neuen Verhör derſelbe geringe Erfolg, den das erſte gehabt hatte. Der Kaſtellan wußte nicht, daß Jemand im Thurm gewohnt und blieb unerſchütterlich bei ſeinen anfäng⸗ lichen Ausſagen, man mochte es mit Drohungen oder Bitten bei ihm verſuchen. Gylfe Torſtenſon aber, als ſie der Capitain noch einmal um eine Unterredung angehen ließ, antwortete: ſie könne heute Niemand mehr ſprechen, da ſie ſich krank fühle und zu Bett gelegt habe. „Eh bien!« ſagte Capitain Caillard zähneknir⸗ ſchend, als ihm dieſe Meldung gebracht wurde, wir 352 werden ſehen, was ſich ereignet. Challier, von dieſem Augenblicke an laſſe ich Ihnen das Commando in Spyker. Ich ſelbſt werde morgen nach Stralſund ge⸗ hen und dem Herrn General die Anzeige von den hie⸗ ſigen Ereigniſſen machen. Ich werde eine großartige Unterſuchung beantragen und ganz Rügen in Blokade⸗ zuſtand erklären laſſen. Dieſen Halunken Granzow muß ich haben und ſollte ich Tag und Nacht im Sat⸗ tel ſitzen. Denn wo er iſt, iſt der ſaubere Graf auch, das iſt eine Ueberzeugung, die mir kein Menſch mehr erſchüttern ſoll. En avant, mes braves, wir wollen ſehen, was wir leiſten können!“ Werfen wir, bevor wir dies Buch ſchließen, noch einen kurzen Blick auf die Flüchtlinge ſelbſt. Wir wiſ⸗ ſen, daß ſich Waldemar gegen Abend zu Magnus be⸗ geben hatte, um ihm Geſellſchaft zu leiſten und den Umſtand mitzutheilen, daß jener däniſche Steuermann, den er gerettet, derſelbe ſei, der ihn auf der Giſd walder Oee verfolgt hatte. Eben ſo wiſſen wir, d Waldemar ſeinen Freund wider Erwarten bereit fand, ſich ſeinem Abgange von Spyker anzuſchließen, da er ſein Verhältniß mit Gylfe für volſtändig zeriiſen erachtete.. Als der däniſche Steuermann zu dem Capitain in Gylfe's Zimmer geführt wurde, war Waldemar gerade dabei, Magnus' feſtgeſchloſſene Wunde nach der zuletzt erhaltenen Anweiſung des Doctor Piper zu verbinden, und als man damit zu Stande gekommen, ertönte der Warnungsglockenzug des alten Kaſtellans, der der Verabredung gemäß nur dann ſich hören laſ⸗ ſen ſollte, wenn wirkliche Gefahr für Magnus oder Waldemar vorhanden wäre. Letzterer, der ſogleich errieth, daß diesmal nur in Bezug auf ſeine Perſon der Warnungsruf erging und zufolge eines inſtinctartigen Vorgefühls das Geheim⸗ niß des däniſchen Steuermanns damit in Verbindung brachte, beruhigte Magnus mit wenigen Worten, ſchlich zur Thür, betrat die Wendeltreppe und erſchien kurz darauf in der Wohnung des Kaſtellans, wo er denn bald von dem Vorgehenden in Kenntniß geſetzt wurde. Jetzt freilich konnte jedes Säumniß von üblen Fola gen ſein. Er eilte daher zu Magnus zurück, benach⸗ richtigte ihn von dem eigenthümlichen Verrath des Dänen und begann ſeine Habſeligkeiten zuſammenzu⸗ raffen und in das kleine Felleiſen zu packen, das aus Stralſund mit ihnen hierher gewandert war. Als ſie damit beſchäftigt waren, erſchallte der zweite Glodkeumuf der, wie ſie wußten, nur in höchſter Der Strandvogt. 35354 Noth erfolgte und ihnen den Rath gab, die noch mögliche Flucht durch den nach dem Quoltitzer Felde führenden Ausgang auf das Schleunigſte anzutreten. Hierzu entſchloſſen ſie ſich ohne Zögerung. In wenigen Minuten waren ſie fertig. Magnus trug die bereit gehaltene Laterne und Waldemar belud ſich wieder mit dem Felleiſen. Ohne irgend ein Hinder⸗ niß gelangten ſie ſo an die im Erdgeſchoß des Thur⸗ mes befindliche verſchloſſene Eiſenthür, öffneten ſie mittelſt der ihnen bekannten Vorrichtung und traten nun in den kalten und ewig finſteren Gang ein. Hier ließ Waldemar das Felleiſen in einer Wand⸗ vertiefung zurück, um es zu gelegener Zeit wieder⸗ zuholen, da es ihm auf der Flucht nur hinderlich geweſen ſein würde. Schweigend, bedrückt von den verſchiedenartigſten Empfindungen, ſchritten ſie nun bis zur Mündung des Ganges fort und gelangten durch die ſchon früher beſchriebene Thür in den freien Wald, der nach Quoltitz führt. Es war ſeit beinahe drei Wochen das erſte Mal, daß Magnus an die friſche Luft kam, den nächtlichen Himmel mit ſeinen ſtrahlenden Sternen ſah und die Blätter der alten Bäume im Nachtwinde über ſeinem Haupte rauſchen hörte. Alle dieſe un gewohnten Reize erſtürmten ſein Herz, ſo gequält und niedergeſchlagen 355 es auch war, mit wonnigem Schauer, und an Walde⸗ mars Arme hängend, faßte er deſſen Hand und ſagte mit leiſer, ſein ganzes Wehgefühl ausſprechender Stimme: „Waldemar! Da ſtehen wir wieder wie die Thiere des Waldes unter Gottes freiem Himmel, verfolgt und geächtet, als hätten wir Verbrechen gegen die menſchliche Geſellſchaft begangen! Aber mir iſt den⸗ noch beſſer zu Muthe, als heute Nachmittag, wo ich die verführeriſche und doch mein ganzes Herzblut er⸗ kältende Stimme Gylfe's vernahm und in ihre gleiß⸗ neriſchen Augen blickte. O, Freund meiner Seele, was habe ich in dieſen Tagen erlebt und erlitten un⸗ ter dem Dache dort, welches ich mein väterliches nenne und unter dem ich mir die Wonnen des Paradieſes zu erobern hoffte. Glaube mir, ich bin noch ſchwerer bedrückt als ich es Dir klagen kann, aber ich preiſe nichtsdeſtoweniger die Güte des Himmels, daß er mir die Augen geöffnet und mein Herz in Stahl ge⸗ panzzert hat, obgleich ich weiß, daß ich, auch alſo ge⸗ rüſtet, nur ein trauriges Daſein vor mir habe. O Waldemar, Waldemar, gieb Acht, meine Träume wer⸗ den ſich bewahrheiten und bald wird kein Menſch mehr am Leben ſein, der ſich der Erbe von Spyker nennt.“ ldemar zuckt innerlich zuſammen vor Schmerz, 23* — 6 — 356 aber er wußte nicht, was er auf dieſe Klagen erwi⸗ dern ſollte, die er in ähnlicher Weiſe ſchon oft ver⸗ nommen hatte. Endlich ſammelte er ſeine Gedanken und ſagte ruhig:„Danke Gott, daß Du zur Erkennt⸗ niß der Unwürdigkeit dieſer Gylfe gekommen biſt, das ſcheint mir jetzt die Hauptſache zu ſein. Was Deine traurigen Ahnungen betrifft, ſo fürchte ich ſie nicht mehr, da ſie Dich ſchon oft betrogen haben.“ „Wie? Iſt das Dein Ernſt?“ fiel ihm Magnus in das Wort.„Sie hätten mich betrogen? Iſt das Unglück nicht immer und überall auf meinen Ferſen geweſen und hat es mir nicht genommen, was mir das Liebſte und Theuerſte war: die Freiheit und das Glück der Liebe?“ „Ja, aber nicht das Leben. Und ſo lange der Menſch lebt, kann er wieder frei und glücklich werden durch Liebe, denn groß iſt der Raum der Welt und es giebt der Menſchen unzählige darin, die der Kiebe eines Edlen würdig ſind.“ 5 Magnus ſeufzte, ob mehr über den immer ſo pof. nungsreichen Freund, deſſen Vorausſagungen er Läu⸗ ſchungen nannte, oder über ſich bauſ— wir r wiſſ es nicht⸗— 357 ſie ſich ſüdweſtlich dem Wege zu, der von Bobbin nach Sagard führt. Den letzteren Ort ließen ſie zur Linken liegen und betraten in kurzer Zeit die hohe Bergwaldung, welche die Südweſtſpitze von Jasmund krönt. Hier an den Woſtwitzer Teich oder See ge⸗ langt, überſchritten ſie den kleinen Bach, der aus die⸗ ſem See in den großen Bodden fällt und liefen nun raſch an dem flachen Ufer entlang, auf deſſen ſüdlich⸗ ſtem Punkte die Lietzower Fähre liegt. In einem dichten Geſtrüpp blieb Magnus hier zurück und Waldemar bewegte ſich vorſichtig auf Kundſchaft nach der Fähre hin. Wenn auch in die⸗ ſem Landestheile Franzoſen hie und da zerſtreut lagen, ſie ſchliefen alle in ihren Wohnungen, denn die Mit⸗ ternacht war längſt vorüber. Waldemar ging an den Strand hinab, wo eine kleine Hütte ſtand, in der ein Fährmann wohnte, der ein Unterthan des Grafen Brahe war, denn die Lietzower Fähre gehörte zu den Beſitzungen deſſelben. Er klopfte an ein Fen⸗ ſter der Hütte und weckte den Fährmann. Als die⸗ erf hr, um was es ſich handelte, war er gern be⸗ 358 Als ſie über den kleinen Bodden ruderten, trat der Mond hinter einer düſteren Wolkenbank hervor und übergoß das weite Waſſerbecken mit ſeinem ſtrah⸗ lenden Lichte, bald aber, als hätte er nur einen Blick auf die Flüchtigen werfen und in ihnen Freunde er⸗ kennen wollen, verbarg er ſich wieder, um ihren Pfad für jeden Verfolger zu verſchleiern. Es mochte etwa zwei Uhr ſein, als das Boot die Nordſpitze von Pu⸗ litz erreichte, und nachdem der Fährmann verſichert, daß gegenwärtig kein Franzoſe auf der Inſel ſei, fuhr er zurück und überließ die beiden Männer ihrem Schickſale. „Komm,“ ſagte Waldemar getroſt zu ſeinem Ge⸗ fährten,„jetzt ſind wir auf Pulitz, wozu uns Hille gerathen. Ich kenne hier jeden Pfad. Dort ragt ſchon der ſchöne Fichtenwald und gleich dahinter liegt der Hof des gaſtfreien alten Schweden, der eine Baſe unſrer guten Hille zur Frau hat. Er wird uns auf⸗ nehmen, wie ein Vater ſeine Söhne, denn ein treu res, redlicheres Herz als das ſeine, ſchlägt auf gan Rügen nicht.“ Magnus nickee ſchweigend ſeinen Beifall ſo ſchritten ſie langſam durch die thauige Na hin, noch einmal befreit von ihren Verfe voller Hoffnung, endlich einen ſicheren Z gefunden zu haben.“ Ob ſie ſich darin täuſchten und wie lange die In⸗ ſel Pulitz ein wirklicher Zufluchtsort für ſie ſein ſollte, wird die Zukunft lehren. Ende des zweiten Theils. 8 Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind ferner erſchienen: Pentameron. Geſchichten aus dem Leben von C. Dräxler⸗Manfred. 8. 1859. geh. 27 Ngr. Dorothee don Qurland. Ein biographiſcher Roman A. v. Sternberg. 3 Bde. 8. geh. 1859. 5 Thlr. Erlebniſſe und Abentener rines Dentärhen bei der franzöſiſchen Fremdenlegion in Afrika 1856— 1358 in humoriſtiſch⸗pittoresken Bildern von . G. Wodeur. 8. geheftet. 1859. 20 Ngr. Die Jeute der Amtzſtube. Socialer Roman vom Verf. der „Nitter der Induſtrie.“ 3 Bde. 8. geh. 1859.(70 Bogen!) 4 Thlr. Der alte Hauptmann. Roman vom Verfaſſer der „neuen deutſchen Zeitbilder.“ Bde. 8. geh. 1859. ord. 2 Thlr. —