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Man würde ein Stück Land ſehen, welches, wenn es zu einem Ganzen ver⸗ einigt wäre, ſich ungefähr ſechs Meilen in die Länge und Breite dehnt und, von Weſten an ſich allmälig erhebend, an der Nordoſtküſte die höchſte Höhe erreicht, wo es mit ſeinen ſchroffen Kreidefelswänden plötzlich in die wogende See abſtürzt. Ein Stück Land, das, vom grollenden Meere umfluthet, in unbeſchreiblich viele und kleine Inſeln, Halbinſeln und Werder zer⸗ riſſen iſt, in die das mächtigſte der Elemente wie ein nimmerſatter Verwüſter eindringt, die es zerfrißt, zerſtückelt, und dadurch Buchten, Meerengen und Bin⸗ nengewäſſer erzeugt, wie wir ſie in ähnlicher Menge und Geſtaltung faſt auf keiner der zahlloſen Inſeln der großen Oceane antreffen. Dieſer kleine Erdenfleck nun bietet unſerm verwun⸗ derten Auge einen ganz eigenthümlichen und höchſt 8 mannigfaltigen Anblick dar. Von des blauen Meeres weiten Armen umſchlungen, gewahren wir weite grüne Saatfelder, einige ſaftige Anger und Wieſenflecke, dann und wann dunkelſchattige Wälder, abwechſelnd mit eintönigen ſtillen Moorgründen, und zwiſchen alle dieſe eine unzählbare Menge von Städten, Flecken, Dörfern, Höfen und einzelnen Landwohnungen einge⸗ ſtreut. Tauſend fleißige Hände ſchaffen und weben auf dieſem kleinen Raume und bemühen ſich, bald dem Lande, bald dem Meere ſeine Schätze zu entlocken; zufrieden mit ihrem beſcheidenen Erdenlooſe, einſam dem Gewoge der brüllenden See und dem toſenden Sturmwinde ausgeſetzt, die ihre Kräfte und ihren Muth jeden Augenblick in Anſpruch nehmen, ſind ſie abge⸗ härtet gegen alle Gefahr und haben es gelernt, mit Herz und Hand allen feindlichen Elementen zu trotzen. Hauptſächlich mit aus dieſem Grunde bewahren ſie, ſo weit von ihren deutſchen Brüdern abgetrennt, die Sitten der Väter in faſt allzu treuer Weiſe und ge⸗ nießen auf ihre Art das Leben mit ſo zufriedenem Gemüthe, als wäre ihnen der reichſte Beſitz im ſiche⸗ ren und bequemen Feſtlande zu Theil geworden. Wenden wir uns jetzt zu der Geſchichte dieſes klei⸗ nen Eilandes und überfliegen wir mit wenigen Wor⸗ ten die verſchiedenen Zeitepochen, die zu der Geſtal⸗ tung des Charakters von Land und Volk, wie wir Beides noch heute vorfinden, ohne Zweifel ſämmtlich beigetragen haben. Aber da begegnet uns zunächſt eine düſtere, von den Schrecken des Heidenthums umnachtete und mit den Täuſchungen der Fabel reich ausgeſtattete Zeit. Die Phantaſie des Menſchen, wir können es allerdings nicht läugnen, hat auf Rügen wunderbare Dinge ge⸗ ſchaffen, und die Poeſie hat ſich derſelben bemächtigt und ihnen einen Schein der Wahrheit umgehängt, wie man eine häßliche hölzerne Figur mit einem koſt⸗ baren Mantel drappirt und ihr dadurch das Anſehn eines lebenden Organismus' giebt. Die ruhigen For⸗ ſchungen klarſehender Gelehrten aber haben nachge⸗ wieſen, daß das Reich der Fabel hier weit geöffnet iſt, und daß von allem Göttlichen, Heldenartigen und Wunderbaren nur ſehr Weniges auf dieſer kleinen In⸗ ſel die Probe der Wahrheit verträgt. Aber auch ab⸗ geſehn von dieſen der Phantaſie und Poeſie angehö⸗ renden Fabeln iſt Rügen ſchön, ſeltſam und merkwür⸗ dig genug, und werden wir ſpäter noch Gelegenheit haben, die Reize des blitzenden Meeres zu bewundern, das ſich bald koſend und ſpielend an ſeine Seite ſchmiegt, bald brüllend und donnernd ſeine Dünen peitſcht, oder uns an der Pracht ſeiner Wälder und 3 wunderbar geſtalteten Felſen zu ergötzen, zwiſchen de⸗ nen ſich ſeltſame Grabſtätten, ungeheure Leichenfelder und rieſige Todtenhügel gruppiren, die kurzſichtigen Menſchen den Glauben eingeflößt haben, als ſeien die früheren Bewohner jener Landestheile an Geſtalt und Kraft ſelbſt Rieſen geweſen. Doch wir wollten von der älteſten Geſchichte Rü⸗ gen's ſprechen, die ſich tief in das Schattenreich der Mythen verliert.*) Die älteſten Spuren der Bewoh⸗ ner der Inſel deuten ohne Zweifel auf das ſlaviſche und noch vor⸗ſlaviſche Heidenthum hin und noch heute finden wir dieſe Spuren in faſt zahlloſer Menge in Geſtalt von Tempel⸗ und Burgwallruinen, Opfer⸗ ſteinen, Gerichtsſtätten, ſogenannten Hünengräbern und verſchieden geformten Begräbnißſtätten auf. Wer die *) Die folgenden hiſtoriſchen Einzelnheiten bis zur Zeit der Invaſion der Franzoſen ſind theils dem eben ſo intereſſanten wie geiſtreichen Werke: die Inſel Rügen, Reiſe⸗Erinnerungen von Ernſt Boll, entnommen, welches nachzuleſen iſt, wenn man noch ſppeciellere Data aus der Rügen'ſchen Geſchichte zu hören verlangt, theils Grümbke's vortrefflichen Darſtellungen der Inſel Rügen und Biesner's Abriß der Geſchichte Pommern's und Rügen's entlehnt, obgleich wir verſchiedene Bemerkungen auch manchen anderen Schriftſtellern verdanken, deren Namen zu nennen uns hier zu weit führen würde. Der Verf. * älteſten dieſer uralten Ueberbleibſel hinterlaſſen, wiſſen wir nicht, die ſpäteren Reſte aber ſtammen ſicher von den zum ſlaviſchen Volksſtamme gehörigen Ranen her, die ein im ärgſten Heidenthum verſtricktes und blut⸗ dürſtiges Seeräubervolk waren, das ſchrecklich geſtaltete Götzenbilder anbetete, ſelbſt nicht vor Menſchenopfern zurückbebte, auf Arkona aber ſeinen Haupttempel hatte und von dort aus ſeine Herrſchaft über die ganze Nach⸗ barſchaft ausdehnte. Dieſe beuteluſtigen Ranen ſollen die Dänen im Jahre 1100 ſich zinspflichtig gemacht und ſogar durch einen Statthalter beherrſcht haben, aber ſelbſtverſtänd⸗ lich ging dieſe Unterwerfung nicht ohne Kampf und Blutvergießen ab, und offene Empörung, die nur zu neuen Kämpfen führte, war die nächſte natürliche Folge davon. Bel dieſen Ranen nun hielt ſich der heidniſche Cultus am längſten in Norddeutſchland, den ſelbſt Carl's des Großen Sohn, Ludwig, als er das rügen⸗ ſche Land dem heiligen Veit im Kloſter Corvey weihte, nicht auszurotten vermochte. Selbſt das gottgeweihte Streben des Biſchofs von Bamberg, der im Jahre 1124 von Uſedom und Wollin aus das Chriſtenthum auf die Inſel zu verpflanzen verſuchte, ſcheiterte an der Ungunſt des nordiſchen Sturmwetters, das ihn wiederholt von der Landung abhielt, wie es auch dem Dänenkönig Erich III. nach der Eroberung von Ar⸗ kona mißglückte, durch Einſetzung eines chriſtlichen Bi⸗ ſchofs den Svantevit⸗Cultus ganz auszurotten. End⸗ lich aber gelang es den Dänen doch, den widerſtre⸗ benden Nacken der alten Götzendiener unter die ſanf⸗ tere Herrſchaft des Chriſtenthums zu beugen. Im Jahre 1168 landete der Dänenkönig Walde⸗ mar in Gemeinſchaft der Pommerfürſten Bogislav und Kaſimar, des Biſchofs Abſalon von Roſchild und des Biſchofs Berno von Schwerin an verſchiedenen Küſtenpunkten, belagerte die Tempelfeſte Arkona, nahm ſie ein und ſtürzte den Götzen Svantevit, worauf ſich die Ranen unterwarfen und das Chriſtenthum annah⸗ men, zu deſſen ſegensreicher Verbreitung aus Däne⸗ mark geſandte Prieſter das Meiſte beitrugen. Bald darauf aber entſpann ſich ein Streit unter den Beſiegern der Ranen, deſſen blutige Entſcheidung zum Theil wieder auf rügianiſchem Boden ausgefoch⸗ ten wurde. Die Pommerfürſten, mit dem mächtigen Sachſenherzoge Heinrich dem Löwen im Bunde, fielen in Rügen ein, unternahmen Raubzüge nach Däne⸗ mark unter Beiſtand des Obotritenfürſten Pribiſlav, wobei anfänglich ſowohl die Rügianer wie die Dänen Niederlagen erlitten, indem König Waldemar dem . 1 Pommerfürſten, ſich im Jahre 1227 des entriſſenen Sachſenherzog die Hälfte der erbeuteten Tempelſchätze, der Geißeln und des jährlichen Tributes der Ranen abtreten mußte. Als nun aber König Waldemars Nachfolger Knud im Jahre 1182 ſich übermüthig ge⸗ gen den deutſchen Kaiſer erwies, der Heinrich des Lö⸗ wen Macht gebrochen, ſtiftete jener den Pommerherzog Bogislav an, Rügen noch einmal durch einen Erobe⸗ rungskrieg zu bedrohen, der aber ſo unglücklich aus⸗ fiel, daß Bogislav geſchlagen wurde und ſein eigenes Land unter däniſche Herrſchaft gerieth. Der Ranen⸗ fürſt Jaromar aber erhielt außer ſeinem eroberten Lande Tribſees durch Knud noch mehrere pommerſche Landſtriche, die Bogislav abtreten mußte, ſo daß jetzt ſeine Herrſchaft außer der Inſel den größeren Theil des jetzigen Neuvorpommerns umfaßte, was insge⸗ ſammt mit der Inſel vereint den Namen Fürſienthun Rügen erhielt. Jaromar hat für Rügen ſehr ſegensreich gewirkt. Er rief deutſche Anſiedler in ſein durch die vielen Kriege von Menſchen gelichtetes Land, kräftigte die junge chriſtliche Kirche, ſtiftete das Ciſtereienſerkloſter zu Bergen und war außerdem auf die Hebung der Landwirthſchaft bedacht. Unter ſeinem Sohne Wizlav I. verſuchten es die Landestheiles wieder zu bemächtigen, was ihnen auch theilweiſe gelang. Von Dänemark's Hülfe verlaſſen, deſſen König durch die Schlacht bei Bornhöved in Holſtein ſeine Oberherrſchaft im nördlichen Deutſchland eingebüßt hatte, ſah ſich Wizlav nach einer anderen Hülfe um, die er auch in dem reichen Vetternkreiſe fand, der ihm durch ſeine Verheirathung mit Marga⸗ rethe, der Tochter des Herzogs von Braunſchweig und Lüneburg, Heinrich's des Löwen Urenkelin, zu Theil ge⸗ worden war. Auf dieſe Weiſe löste ſich das Band mit Dänemark; indeſſen erſt 1438 entließ König Erich die Inſel ihrer Lehnspflicht. Unter Wizlav II. erhielt der Abt des Ciſtercienſer⸗ kloſters zu Campe bei Stralſund die Inſel Hiddens⸗ öe geſchenkt, worauf daſelbſt ein Kloſter dieſes Ordens gegründet ward. In ſeinem Teſtamente gab er ſeine leibeigenen Slaven frei. Unter Wizlav des III. Regierung im Jahre 1317 ſuchten die Stralſunder die Inſel durch einen feind⸗ lichen Einfall heim, er ſelbſt rettete ſich auf ſeine un⸗ einnehmbare Burg Rügegard(Rugard). Mit dem ihm verwandten pommerſchen Herzoge ſchloß er einen Erbvertrag, in Folge deſſen Rügen an die Herrſchaft der Pommern kam, trotzdem ſeine nächſten Erbberech⸗ tigten, die Herren von Putbus und Gristow, die von 11 Erich VII. von Dänemark ſchon 1309 auf die Halb⸗ inſeln Jasmund und Wittow die Anwartſchaft erhal⸗ ten, Anſprüche auf den alten Familienſitz hatten. Von dieſer Zeit an bis 1637, alſo drei volle Jahr⸗ hunderte, fließt nun die Geſchichte der Inſel Rügen mit der des Herzogthums Pommern zuſammen, was in Bezug auf die Geſittung und den geiſtigen Fort⸗ ſchritt der Inſel von überaus großem Einfluſſe war, da während dieſer Zeit die Germaniſirung der Inſel mit Rieſenſchritten vorwärts ging, indem theils neue Coloniſten daſelbſt ihren Einzug nahmen, theils die noch übrigen Slaven ſich dieſen in Sprache und Sitte nach und nach völlig gleichſtellten. Schon im Jahre 1404 ſtarb auf Jasmund Frau Gulitzin, die letzte Rü⸗ gianerin, die wendiſch reden konnte. Das wendiſche Recht dagegen erhielt ſich noch Jahrhunderte lang auf der Inſel lebendig, welches die Rügianer dem däniſchen und ſchwerin'ſchen Rechte vorzogen, welches erſtere ſich durch die däniſche Herr⸗ ſchaft einbürgerte, das letztere aber durch ſächſiſche Coloniſten und durch kirchliche Verbindung des feſt⸗ ländiſchen Theils des Fürſtenthums Rügen mit dem ſchwerin'ſchen biſchöflichen Sprengel in Uebung kam. Durch einen Mann wendiſchen Stammes, den Land⸗ vogt Waldemar, Herrn von Putbus, kam das wen⸗ diſche Recht zur Geltung, der das Bedürfniß fühlte, die dortigen verwickelten Rechtsverhältniſſe zu regeln, indem unter dem Einfluß derſelben allerlei Gewaltthat, Mißbrauch und Unfug ſich auf der Inſel eingeſchli⸗ chen hatte. Im Jahre 1536 wurde die Reformation auf der Inſel eingeführt und die katholiſchen Geiſtlichen, die ſich der neuen Ordnung der Dinge nicht fügen wollten, ihrer Aemter entſetzt oder anderweitig verſorgt. Auf die vielen blutigen Scharmützel, die Rügen's Bewohner von Zeit zu Zeit mit ihren händelſüchtigen feſtländiſchen Nachbarn zu beſtehen hatten, folgte 1628 die Geißel des dreißigjährigen Krieges. In dieſem Jahre beſetzte der kaiſerliche Oberſt Götze die Inſel und ſtörte von dort aus unabläſſig Handel und Schiffsverkehr mit Stralſund, das Wallenſtein verge⸗ bens zu erobern geſucht hatte. Um dieſem Uebelſtande ein Ende zu machen, wandte ſich die Stadt endlich mit der Bitte um Beiſtand an den mit ihr verbünde⸗ ten König von Schweden, der nun durch ſeine Trup⸗ pen die Inſel Hiddens⸗öe und die alte Fähre einneh⸗ men und beſetzen ließ. Das war der Anfang einer traurigen Zeit für die ſtillen Inſelbewohner. Der Oberſt Götze machte einen Angriff auf die ſchwediſchen Be⸗ ſatzungstruppen, und da dieſer fehlſchlug, gab er die — 13— ganze Inſel ſeiner wilden Soldateska preis, was gräß⸗ liche Scenen im Gefolge hatte. Allein bald darauf wurden die Kaiſerlichen wieder von den Schweden vertrieben und von ihnen unter Guſtav Adolf, dem nordiſchen Helden, die Inſel behauptet. So war denn Rügen für die Pommerfürſten verloren, und daher erklärt es ſich, daß Herzog Bogislav XIV. noch in demſelben Jahre, mit Genehmigung und unter Ver⸗ mittelung des deutſchen Kaiſers, die Inſel dem König von Dänemark zum Kaufe anbot. Allein Guſtav Adolf ließ die willkommene Beute nicht wieder fahren, ſchaltete mit ihr wie mit einem angeſtammten Beſitz⸗ thum und verpfändete Domanial⸗ und Kloſtergüter, um Geld zur Kriegführung in Deutſchland zu erlan⸗ gen. Durch dieſe ſchwediſche Occupation blieb Rügen fernerhin vor den Verwüſtungen der kriegführenden Parteien bewahrt, während die feſtländiſchen Nach⸗ barländer von den Gräueln des unnatürlichſten Krie⸗ ges verwüſtet wurden.. Mit dieſen Ereigniſſen fiel das Erlöſchen des pom⸗ merſchen Fürſtenhauſes im Jahre 1657 zuſammen, in Folge deſſen abermals ſich ein Zwiſt um das erle⸗ digte Herzogthum entſpann, indem die rechtlichen An⸗ ſprüche des Kurfürſten von Brandenburg von den Schweden und Kaiſerlichen zugleich beſtritten wurden. Letztere, die den Beſitz Rügen's erkämpfen und zuerſt ſich Rügen's bemächtigen wollten, wurden zweimal durch die Ungunſt der Witterung von der Inſel abge⸗ ſchnitten, und beim dritten Verſuche erlitten ſie durch die Schweden einen ſolchen Verluſt, daß ſie ſich eiligſt nach Mecklenburg zurückziehen mußten. Erſt im Jahre 1648 klärte ſich der interimiſtiſche Zuſtand der viel heimgeſuchten Inſel auf. Denn nachdem die angeblichen Anſpüche des Kloſters Corvey zurückgewieſen waren, das in der Perſon ſeines Abtes Arnold's IV. den Kurfürſten von Brandenburg mit der Inſel als Corvey'ſches Lehn beglücken wollte, welches Glück dieſer zurückwies, kam man im weſtphäliſchen Frieden überein, Schweden, als im factiſchen Beſitze der Inſel, denſelben für ewige Zeiten zuzuerkennen, während ſich der Kurfürſt von Brandenburg mit Hin⸗ terpommern begnügen mußte. So blieb denn Vorpommern und Rügen etwas klänger als 150 Jahre in den Händen der damaligen Großmacht Schweden, welches die privaten Grundbe⸗ ſitzverhältniſſe beinahe gänzlich unangetaſtet ließ, und es ſcheint für unſere folgende Erzählung nur erwäh⸗ nenswerth, daß der ſchwediſche Feldmarſchall Wrangel 1649 mit der durch Tod erledigten Herrſchaft Spyker belehnt wurde, welche, als auch dieſer kinderlos ſtarb, ——— ———— —— A,g 5 e. ſ 17, 2 Me. rn,s, r Beuseus L, aun, ₰4. 6 2e ce 2 ſh 2; 25 Et.r K 22 en, 2₰ le. r hs, 4 e t. R. S, 5 AAee rm, Ph⸗ 2⸗ L. R K. B e,e. ſie e, u Eap, e ee R-. w, mu 7. Sr. 2,„R.fdt, . .„ 3 h kr, ee 4 J. P. 24 2 Br r ‿ 5— 4 e, e ffn werst i, e*ſ ſ2. A k— dfer — Sh, L-l. e, ,, e. . M. e. Sn, u Br 7,, 1 /7. fus, a, H. A., Se, u,e y . S, l uret h, Se. — , ch; ee A 1 e 7 ⸗ 5.,9. e he. ——————— M 1 7 ho e, 2 M„ Ah, A ſcke„ A 4. e 2, 7 2 A l A2 1 2 re S, Sn⸗ 2 keche, - 22 4 Lice. Gh. A. vp. f„ Fi, , 1 M X K N - — 6 rd X 8 S 8 5. R, 4. Slk,)h z 2 MWheh,) 6 L. 8 l2, U, 2 ‿ her. 2— Gh. N J, f kh he— Sf⸗he=, di! ehe Mch 2 l— 5 e e.— Cr 7 F, 27, Kt 3. Vae ey 7. 7 — — A rE A2 Ff 4 I 2, De Hi, jee: cpe 7⸗ 2 — Aerd , 2 D 8⸗ -, — f. Arr. ℳ — Iae-— 7I- 1,—, — S— , Se u Veg lee Arr 2 3 S. 22 Sue z4 —— 7177— 3 Elu. A e, 7Pes. ⸗—, Se f Fr,— —— . . wec e. — 8 hn= , 8⁸ 19 bot, an dieſem Frieden ohne irgend eine Aufopferung Theil zu nehmen, ſo ſchlug doch der eigenſinnige Gu⸗ ſtav IV. Adolf auch dies Anerbieten aus, und noch dazu in einem Augenblick, wo Napoleon keinen einzi⸗ gen Feind mehr in Waffen auf dem feſten Lande hatte. Dafür rückten unter General Brüne einige franzöſiſche Armeecorps, zur Beobachtung, wie es hieß, an die ſchwediſche Gränze, und da eine Zuſammen⸗ kunft Guſtav's mit Brüne keinen Erfolg hatte, kün⸗ digte Scheden den Waffenſtillſtand gegen Frankreich auf. So rückte denn Marſchall Brüne mit 60,000 Mann bei Anclam und Damgarten in ſchwediſch⸗ Pommern ein und drängte die Schweden bis unter die Wälle Stralſund's zurück, worauf allen ſchwedi⸗ ſchen Städten, namendlich Greifswald, eine harte Be⸗ gegnung zu Theil ward. Die franzöſiſche Armee rückte nun, mit Belage⸗ rungsapparaten, die die pommerſchen Wälder liefern mußten, wohl verſehen, durch große Contributionen für ihren Unterhalt ſorgend, vor Stralſund, und da ſchon früher auf ſchwediſchen Befehl alle Schiffe, Kähne und Fähren aus Pommern nach Rügen ge⸗ bracht waren, um eine Landung auf der Inſel zu verhüten, ſo wurde eine Anzahl Boote und ſonſtiger Fahrzeuge aus dem Preußiſchen mühſam auf Wagen 2* 20 herbeigefahren und zu einer Landung auf Rügen in Bereitſchaft geſetzt. Als Guſtav alle dieſe Anordnungen gegen ſein ge⸗ liebtes Stralſund und Rügen ſah, verſtand er ſich zur Nachgiebigkeit. Er räumte Stralſund und zog ſich nach Rügen zurück. Jetzt wollten die Franzoſen die lange vorbereitete Landung ausführen, aber der ſchwediſche General ſchloß eine Uebereinkunft mit dem franzöſiſchen Marſchall, vermöge welcher die Schweden Rügen räumten und ſich zuletzt mit allem Kriegsma⸗ terial auf Mönchgut nach Schweden einſchifften. Am 29. Dezember 1807 befahl die franzöſiſche proviſoriſche Regierung zu Stralſund, daß Niemand in Deutſchland und auf Rügen mit Schweden in Ver⸗ bindung trete, da dies dem kaiſerlichen Intereſſe zu⸗ wider ſei; Seitens der Militairgeſetze werde alle die⸗ ſem Befehl zuwider Handelnden die ſtrengſte Strafe treffen, ſelbſt wenn ſie nur in mittelbare Communi⸗ cation mit dem verrätheriſchen Schweden träten. So mußte denn Pommern für alle Bedürfniſſe des franzöſiſchen Occupationsheeres ſorgen. Große Summen mußten aufgebracht werden und zu dieſem Behufe wurde eine Steuer nach der andern ausge⸗— ſchrieben. Aber nicht nur der Beutel der Leute wurde in Anſpruch genommen, auch ihre Häuſer wurden ih⸗ —OCOCOO˖—Q/—yõ— “ “ 3 21 nen zum Theil entzogen und ihre Kirchen in Heuma⸗ gazine und ihre Schlöſſer und Klöſter in Hospitäler umgewandelt. Als nun Napoleon in ſeinem Zorne befahl,(1808) die Feſtungswerke Stralſund's abzutragen, mußten alle männlichen Einwohner, ohne Unterſchied des Standes, ſobald die Reihe an ſie kam, ſich acht Tage lang in Stralſund zur Arbeit ſtellen und dazu noch mit den nöthigen Lebensmitteln verſehen. Täglich wurden auf dieſe Weiſe 4000 Mann nach Stralſund beordert, um unter dem Oberbefehl der großmächtigen Franzoſen wie Tagelöhner ohne Lohn zu arbeiten und die Wälle ihrer eigenen Feſtung niederzureißen. Unterdeß war der Krieg zwiſchen Frankreich und Oeſterreich im Anfang des Jahres 1809 ausgebrochen. Dieſer gewaltige Krieg nöthigte das erſtere, einen großen Theil ſeiner Truppen aus Pommern zur ſüd⸗ deutſchen Armee abzuberufen und nur eine ſchwache Beſatzung in Pommern und Rügen zu laſſen. Dieſer Umſtand war es, der dem Major Schill, obgleich Preußen damals mit Frankreich in Frieden lebte, die 5 Kühnheit einflößte, jenen abenteuerlichen Zug nach ddeem Nordweſten Deutſchland's zu unternehmen, der * am 31. Mai 1809 in Stralſund ſo unglücklich für Schill ſelbſt endete. — 22 So ſind wir nun endlich zu dem Zeitpunkte ge⸗ 8 langt, wo unſere Erzählung beginnt, und wir wollen zum Schluß dieſer Einleitung nur noch einige Worte hinzufügen, die auf die nach Rügen geſandten Fran⸗. zoſen wie auf die Bewohner der Inſel ein klareres Licht werfen und namentlich die Stimmung der letz⸗ teren in ihren damaligen Bedrängniſſen charakteriſiren. Bei der eigenthümlichen, vom Feſtlande durch 4 breite Waſſerſtreifen abgeſonderten Lage der Inſel Rü⸗. gen konnten die Wirkungen eines gewaltigen, beinahe das ganze Europa umfaſſenden Krieges nicht dieſel⸗ ben ſein, wie auf dieſem Feſtlande ſelbſt. Auf der kleinen Inſel hielten ſich keine großen ſchlagfertigen Heere auf, wenige Dinge waren daſelbſt zu gewinnen und am wenigſten große Reichthümer fortzuſchleppen, nach denen die Franzoſen von jeher ſo lüſtern gewe⸗ ſen waren. Denn hier gab es keine Könige zu beſie⸗ gen, keine Fürſten in den Staub zu werfen und es mangelte alle Gelegenheit, den Vergnügungen und dem Taumelgenuß großer Städte nachzugehen. Ganz im Gegentheil war ſogar das Brod ſehr ſchwarz, die ewige Fiſchnahrung bot ein beinahe quälendes Einer lei dar und die Winde wehten Tag und Nacht ſchau rig kalt über die weiten Waſſerflächen, was den weich lichen Franzoſen in Anbetracht der engen und nicht * —x di ———— 2. 1* 2 23 gehörig verwahrten Häuſer ſehr unbehaglich erſchien. Außerdem war die Communication mit dem Feſtlande beſchwerlich, zu Zeiten für große Truppentransporte ſogar ganz unmöglich, die Wege auf der Inſel ſelbſt ſehr ſchlecht und ſchließlich der ſiegestrunkene Franke den Angriffen des von der See her gefürchteten Eng⸗ länders überall preisgegeben. Aus allen dieſen Grün⸗ den beſchränkten ſich die Feindſeligkeiten auf dem winzigen Inſellande nur auf den ſogenannten kleinen Krieg, Contributionen, Räubereien, wie ſie im Rücken eines ſiegreichen Heeres ſo leicht vorkommen, auf Quälereien der Landbewohner, Drohungen, allgemeine und einzelne Erpreſſungen und was dahin gehört, und immer war der leichtblütige Franzoſe im Allge⸗ meinen froh, wenn er das Waſſer wieder überſchritten und den nicht mehr wankenden Boden des feſten Landes von Deutſchland betreten hatte. Unbegreiflich aber war und blieb ihnen, wie ſich auf manchen ge⸗ trennten, öden und flachen Inſeln, wie z. B. auf Hid⸗ dens⸗öe, Menſchen anſiedeln und glücklich fühlen konn⸗ ten; die Sprache derſelben erſchien ihnen barbariſch, Kahrung ungenießbar, die Wohnungen unerträg⸗ und die Langeweile über alle Maaßen unausſteh⸗ lich. Nur auf einigen reicher begabten und von lie⸗ benswürdigen Menſchen bewohnten Gütern fühlten ſie —E 24 ſich leidlich wohl, und ſie gaben dies Wohlbefinden gern dadurch zu erkennen, daß ſie ſich ſo viel wie möglich von den vorgefundenen und von ihrer Stelle abzulöſenden Beſitzthümern anzueignen ſtrebten. 3 Indeſſen, der König von Schweden hatte in ihrer Meinung gegen den Kaiſer der Franzoſen, den gewal⸗ tigen Napoleon, ſchwer geſündigt und er mußte dafür beſtraft werden. Er war der einzige Potentat Euro⸗ 4 pa's, der es gewagt, dem Herrn der Welt zu trotzen, ſein Bündniß zu verſchmähen, ſeine Freundſchaftsbe⸗ weſſ algulehnem und ſeine Drohungen nicht zu fürch⸗ ten. Er hatte ihm Schach geboten, als mächtigere Herren vor ihm im Staube lagen, und darum mußte er gedemüthigt werden. Da der große Kaiſer aber an den König ſelbſt nicht herankommen konnte, ſo mußten ſeine Bürger und Bauern leiden, und dazu war ſchwediſch⸗Pommern und Rügen wie geſchaffen. Es wurde alſo ein Heer ausgeſandt, um ſich vollzu⸗ 84 ſaugen von dem Safte des kleinen Ländchens, und demſelben Generäle vorgeſetzt, die es verſtanden, den modernen Brennus zu ſpielen, und denen die Sorgen der Männer, die Thränen der Weiber und das Blut der Kinder ſo wenig galten, als wären ſie Fliege geweſen, die Gott der Herr nur zur Plage der herr⸗ lichen Franzoſen geſchaffen. ——— ͦ—— 25 Unter dieſe Verhältniſſe nun verſetzen wir den ge⸗ neigten Leſer; um dem Charakter der Inſelbewohner aber nicht zu nahe zu treten, bemerken wir hier gleich, daß er ſich dieſelben nicht vorzuſtellen hat wie Leute, die einen paniſchen Schrecken über den Einzug der Franzoſen empfanden. Allerdings konnte man auf Seite der Frauen und eines Theiles der Männer der gebildeteren Klaſſe eine gewiſſe Beſorgniß vor den feindlichen Schaaren wahrnehmen, aber auf Seite des Landmanns und Fiſchers war dieſelbe nirgends zu finden. Dieſe, von kaltem Blute und von jeher phlegmatiſchen Temperaments, waren ihr ganzes Leben hindurch an ſo ernſte Dinge, ſo viele und häufig dro⸗ hende Gefahren gewöhnt, daß dieſe neue Fährlichkeit ſie nicht mehr erbeben ließ, und mit ruhigem Gleich⸗ muth ſahen ſie den kommenden Tagen entgegen, voll der Erwartung, daß, ſo lange der alte Gott noch lebe, ihre Inſel in Mitte der Stürme feſtſitze und die See noch Fiſche erzeuge, auch noch keine Verzweiflung Platz greifen dürfe, vielmehr auch dieſer Krieg einmal ein Ende nehmen müſſe, wie Alles auf der Welt einmal „ ein Ende nimmt. So hatte denn auch nur ein kleiner Theil der vor⸗ htigeren und reicheren Gutsbeſitzer Rügen während Befibergreifung der Franzoſen verlaſſen und ſich ——— 26 nach Schweden begeben, ihr unbewegliches Gut der Aufſicht eines zuverläſſigen Pächters anvertrauend. Andere, weniger Bemittelte, vielleicht auch weniger Furchtſame, waren im Lande geblieben und warteten mit Ergebung das ihnen beſtimmte Schickſal ab. Der gemeine Mann dagegen, der nicht im königlichen 4 Dienſte oder auf Schiffen außerhalb war, blieb hart⸗ 1 näckig auf ſeiner Scholle ſitzen, die erſte beſte Gele⸗ genheit erſpähend, dem leichtfertigen Franzoſen, der ſein Beſtes für einen Quark anſah und damit nach Belieben wirthſchaftete, einen fühlbaren Streich zu verſetzen. Dennoch aber war Alles in gedrückter Stimmung, trübe in die Zukunft blickend und geſpannt auf die endliche Entwickelung der Gegenwart, wie es ſich un⸗ ter ſolchen Umſtänden kaum anders erwarten läßt; zu be⸗ haglichem Stillleben aber und den Genüſſen eines unge⸗ ſtörten Lebens, wie ſie die Inſel zufolge ihrer Lage, ihrer Eigenthümlichkeiten und patriarchaliſchen Sitten ſo 4 reichlich gewährt, waren nur Wenige aufgelegt, denn der Donner der Kanonen, der vom Feſtlande herüber⸗ ſchallte, und die Unterbindung des eigentlichen Lebens⸗ nervs der Inſulaner, der mit dem Interdiet de zöſiſchen Gewalthabers belegte Handel und W zur See, war allein ſchon hinreichend, den Sinn für zu nehmen und allen Geiſtesaufſchwung zu läh⸗ men, der nothwendig mit dazu gehört, um ein Volk, ſei es noch ſo klein und iſolirt, ſich glücklich und zu⸗ frieden fühlen zu laſſen. Ergtes Mapitel. Der Strandvogt im Kiekhauſe bei Saſſenitz. 1 Der geneigte Leſer folge uns nach der Halbinſel Jasmund, jenem eigenthümlichen, ſchönen und durch die Landzungen:„die ſchmale Haide“ mit der eigent⸗ lichen Inſel Rügen, durch„die Schabe“ mit der Halb⸗ inſel Wittow verbundenen Hochlande, deſſen der Oſtſee zugewandte Küſten, ſchwer zugängliche Keeidefelſen, mit herrlichen Buchenwipfeln gekrönt, jäh in die See abſtürzen und, wenn man das Glück hat, ſie bei ruhi gem Waſſer von einem fern auf dem Meere ſchwim menden Boote aus zu betrachten, wie der felſige Bug eines rieſigen Schiffes erſcheinen, das ſeine ſteinernen Rippen kühn und unverzagt dem gewaltigen Anprall 4 4 29 ter brauſende Prorer Wiek beſpült, erblickt man dann wie ein Paar weite, nach Süden und Norden ſich ausbreitende Flügel, auf deren ſüdlichſtem Endpunkte die waldreiche Granitz und das ſeltſam geſtaltete Göh⸗ ren'ſche Höwt, genannt Peerd, hervorragt, auf deren nördlichem Auslauf aber die majeſtätiſch blickende Küſte von Arkona thront, welches das äußerſte nörd⸗ liche Vorgebirge unſers großen deutſchen Vaterlandes iſt. Wenden wir uns zunächſt der von uralten Erd⸗ revolutionen, Stürmen und Regengüſſen viel ffach zer⸗ klüfteten Südoſtküſte dieſer Halbinſel zu, die hie und da nach dem Meere ſich öffnende Schluchten, hiet Lithen genannt, zeigt, in denen Bäche rieſeln, kräftige Buchen prangen und die kühnen Menſchen Schutz finden vor dem Ungeſtüm der Witterung, wenn ſie nach ſchwerer Arbeit auf dem mächtigen Elemente, aus dem ſie ihre tägliche Nahrung ſchöpfen, Abends am flackernden Heerdfeuer ruhen. Eine dieſer Schluchten, und zwar die, durch welche der Steinbach rinnt, nimmt auch uns zuerſt auf und führt uns zu der Wohnung des Mannes, den die Ueberſchrift dieſes Kapitels genannt hat. In dieſer Schlucht nämlich, auf jeder dazu ge⸗ eigneten Stelle, ob hoch oder niedrig, luftig oder dumpſig, gleichwie die Vögel ihre Neſter in Erdlöhem ¹ anlegen, wo ſie ſie finden, haben die Fiſcher des Dor⸗ fes Saſſenitz ihre Häuſerchen erbaut, die, was die maleriſche Lage an der ſchönen See betrifft, vor vielen ähnlichen Niederlaſſungen weit und breit begünſtigt ſind. Freilich ſtellen ſich dieſe kleinen Strandwohnun⸗ gen ebenſo wenig als elegante, wie als beſonders ge⸗ räumige Landſitze dar, am wenigſten in dem Jahre, welches wir hier vor Augen haben, allein das zerklüf⸗ tete und mit einem undurchdringlichen Geſtrüpp grü⸗ ner Bäume und weithin kriechender Gebüſche bedeckte hohe Ufer, die üppige, von der Seeluft und den Win⸗ den gekräftigte Vegetation, der rauſchende Steinbach, der in der Schlucht ſelbſt eine Mühle treibt, und das patriarchaliſch einfache und natürliche Leben der Strand⸗ bewohner, die ſich faſt allein mit Ackerbau und Fiſch⸗ fang beſchäftigen, gewähren ein ſo anziehendes und „harmloſes ländliches Bild, daß wir wohl die Liebha⸗ berei einiger Touriſten begreifen können, die ſich in neuerer Zeit hier im Laufe mehrerer Sommer häus⸗ ¹ lich niedergelaſſen und Saſſenitz zu einem nordiſchen Seebadeorte umgewandelt haben, der heutzutage alle jährlich ſchon mehrere Hundert Gäſte anzulocken im Stande iſt. 3 Wenn wir dieſe Schlucht nun vom Strande 4 aufwärts verfolgen, werfen wir zunächſt einen auf die raſſelnde Mühle und erſteigen dann auf ſchmalen Pfade langſam die Höhe der Uferwand, wo wir etwa achtzig Fuß hoch über dem Meere ſtehen, das, ſobald wir das erſtaunte Auge darauf geworfen haben, uns einen Ausruf freudigſter Bewunderung entlockt. Denn vor uns dehnt ſich in unabſehbarer Weite das baltiſche Meer aus, in der Ferne nur vom dunkelazurnen Horizont begränzt; zu unſrer Linken be⸗ ſchränkt die Ausſicht der höher anſteigende kreidefelſige Klippenrand, der ſich nach Stubbenkammer und weit darüber hinaus erſtreckt; zu unſern Füßen aber und weit zur Rechten hin rauſcht die Prorer Wiek und beſpült in der Ferne das ſchön bewaldete Ufer der Granitz, während über dem ſchon erwähnten ſeltſam geſtalteten Peerdvorgebirge hinaus die pommerſchen Küſten mit ihren Städten und Dörfern den weiteſten 4 Zielpunkt bilden. 4 Aber wir bleiben nicht lange auf der, dem Dorfe * zunächſt liegenden Bergplatte ſtehen, ſondern wenden uns nordwärts noch etwas höher, einen mit kräftigen Buchenſtämmen dicht bewachſenen Hügel hinan, auf deſſen freierem Gipfel ein Häuschen ſteht, welches an Zierlichkeit und Größe die Fiſcherhäuſer in der Schlucht bei Weitem überragt. Durch einen wohlgepflegten, mmit Nuß⸗ und Obſtbäumen reichlich beſtandenen Gar⸗ er den ein grüngeſtrichenes, drei Fuß hohes Holz⸗ ſtaket umgiebt, ſchreiten wir auf den mſtlichen Ein⸗ gang dieſes Einſiedlerhäuschens zu, das auch einen öſtlichen, dem Meere zugewandten Ausgang hat. Die ganze weſtliche, alſo dem vom Lande herkommenden Wandrer zugekehrte Seite des Hauſes iſt mit wildem Wein und Epheu bis zum Giebelfelde hinauf bewach⸗ ſen, ſo daß die zwei zu jeder Seite der Thür befind⸗ lichen kleinen Fenſter im Sommer und Herbſt faſt ganz davon beſchattet ſind, was indeß zu der Jahres⸗ zeit, in welcher wir es zum erſten Mal betrachten, noch nicht vollkommen der Fall iſt. Bevor wir jedoch in das Innere deſſelben treten, begeben wir uns einen Augenblick auf ſeine Oſtſeite und finden hier einen üppigen Raſenfleck, deſſen Mitte zwei mäßig ſtarke Buchenſtämme einnehmen, die vom häufig brauſenden Seewinde mit ihren Wipfeln etwas weſtwärts geneigt ſind. Beide verbindet eine zierlich geſchweifte Raſenbank, und acht Fuß darüber, zum Theil von den ſtarken Baumäſten getragen, hat der 3 Beſitzer ſich eine kleine Warte angelegt, auf der wir, wenn wir ihre paar Stufen erſteigen, den höchſten Punkt erreicht haben, der von dieſer Gegend aus den weiteſten Fernblick geſtattet und dem Orte den Namen „Kiekhaus“ verſchafft hat. Denn wir ſehen ganz 33 deutlich wie zu unſeren Füßen im ſchäumenden Meere die bergige Greifswalder⸗Oe auftauchen, die etwas über vier Meilen von dieſem Strande entfernt iſt, und dahinter, etwas zur Rechten, im halbdurchſichti⸗ gen Nebel die Thürme von Greifswald ſelber ragen, die ein gutes Auge bei klarem Tageslicht ohne alle Anſtrengung erkennt. Haben wir auch hier unſer Verlangen geſtillt und die blaue Ferne lange genug überſchaut, ſo wen⸗ den wir uns endlich nach dem Hauſe ſelbſt, um mit ſeinen Bewohnern einen Freundſchaftsbund zu ſchlie⸗ ßen, der bis an das Ende dieſes Buches und hoffent⸗ lich noch länger dauern wird. Der Beſitzer dieſes Häuschens iſt der alte Strand⸗ vogt Daniel Granzow, der mit ſeiner Frau Ilske im Mai 1809 allein hier wohnt. Er iſt für ſeine be⸗ ſcheidenen Verhältniſſe und mit den Fiſchern in Saſſe⸗ nitz verglichen, ein wohlhabender Mann, denn er hat ſich das Kiekhaus, zwar nicht aus eigenen Mitteln erbaut, aber doch in der behaglichen Art jener Zeit wohl ausgeſtattet. Das Zimmer, in dem er ſich gewöhnlich aufhält, iſt ein mäßig geräumiges, ſchneeweiß getünchtes Ge⸗ mach, deſſen zwei Fenſter oberhalb des angedeuteten Raſenflecks liegen und alſo nach der See hinaus gehen. 3 Der Strandvogt. I. * 2 Unter der Decke deſſelben zieht ſich eine Kante friſchen Epheus herum, der an den Wänden von Strecke zu Strecke feſtgenagelt iſt und hie und da einige friſche Zweige, namentlich nach den Fenſtern hin abſendet. Hinter dem dunkelumrahmten Spiegel zwiſchen dieſen Fenſtern ſtecken zu jeder Seite Zweige des immergrü⸗ nen Hülsbuſches und zwiſchen den Füßen eines mit ſchwarzem Wollenzeuge überzogenen Sopha’s ſo wie eines Großvaterſtuhls und den anderen hier und da aufgeſtellten Stühlen ſind in zierlichen Schlangen⸗ linien zerſtückelte Wachholderäſtchen wie eine fortlau⸗ fende grüne Schnur gelegt, was in älteren Zeiten überall gebräuchlich war und vielleicht auch noch jetzt an manchen Orten in dem altväteriſchen Rügen für einen beliebten Zimmerſchmuck gilt. Von gleicher Ordnung und Sauberkeit glänzen auch die anderen Zimmer des Häuschens, nur ſind ſie nicht ſo verſchwenderiſch mit Bequemlichkeitsmöbeln verſehen; das wohlgelüftete Schlafzimmer der Alten aber zeigt ein ungeheures Ehebett, deſſen dickaufge⸗ wulſtete Pfühle feſt zugezogene Gardinen von blau geſtreiftem Baumwollenzeuge verdecken. Es iſt Nachmittag vier Uhr, und alſo die Zeit, wo der Lausherr ſein gewöhnliches Mittagſchläfchen hält. Er ſitzt halb liegend auf ſeinem Sorgenſtuhl, . ———— 35 der dicht neben dem gewaltigen ſchwarzen Kachelofen ſteht, um den eine ſchwere Bank läuft, breit genug, damit man im Winter nicht allein darauf ſitzen, ſon⸗ dern im Nothfall auch liegen kann. Ueber dem Sor⸗ genſtuhl hängt an einem Wandriegel des Strand⸗ vogts glanzlederner Seemannshut, eine kurze Pfeife, deren Kopf das Bildniß des großen Schwedenkönigs Guſtav Adolf zeigt, eine lange Strandbüchſe, um Seevögel zu ſchießen, nebſt Pulverhorn, zwei lange Reiterpiſtolen, ein Entermeſſer in Aalhautſcheide, ein kurzes Sprachrohr von Blech, das vom langen Ge⸗ brauche ganz ſchwarz geworden, und endlich an einem langen Riemen ein vortreffliches Fernglas, welches 8 ſitzthum des alten Seemanns iſt. Daniel Gi Son hat eine kräftige, mehr unterſetzte als lange Seemtannsfigur mit breiten Schultern, mus⸗ kulöſen Armen, etwas großen und rauhen Händen und iſt, abweichend von den gewöhnlichen Seeleuten auf Rügen, über die ihn ſeine amtliche Stellung und ſeine größere Bildung erheben, in ein blautuchenes Wamms mit Weſte und Hoſe von gleichem Stoff ge⸗ kleidet, nur trägt er aus alter Gewohnheit noch bis zur Mitte des Oberſchenkels reichende Waſſerſtiefel, die er nie von ſich ſtreift, bevor er nicht zu Bett geht. Sein von vielfachen Stürmen, Regengüſſen und Sonnen⸗ 3* 36 ſtrahlen hart mitgenommenes Geſicht iſt wohlgenährt, trotz ſeines Alters— er zählt etwa ſechszig Jahre— wenig gerunzelt und rings von einem etwas ſtruppi⸗ gen eisgrauen Barte umgeben, der ſich an den Schlä⸗—* fen an ein ebenſo gefärbtes, ſehr dicht emporſtehendes Haupthaar anſchließt. Jetzt, wo er ſanft ſchläft und nur bisweilen einen tiefen Schnarchton ausſtößt, zeigt ſein Geſicht den Ausdruck einer faſt kindlichen Ruhe, dem keineswegs die männliche Würde fehlt; wenn er aber ſein großes blaues Auge aufſchlägt, gewahrt der mit ihm Redende in dieſen wettergebräunten Kernzügen ſehr bald einen leichten Anflug kummervoller Reſig⸗ nation, der dem mit einer Stentorſtimme ſprechenden alten Seemann eine gewiſſe Milde verleiht, die of⸗ fenbar viel dazu beiträgt, daß man raſch großes Ver⸗ trauen zu ihm faßt und ihn bald lieb gewinnt. Auf einem Stuhle am Fenſter, das Geſicht dem 5 ſchlafenden Manne zugewendet, dem ſie alle Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkt, welche ihr die Beobachtung des Wet⸗ ters, der See und des vor ihr liegenden Strandes übrig läßt, ſitzt Vater Granzow's Frau,„Mutter Ilske“, wie ſie von Groß und Klein in der ganzen Nachbar⸗ ſchaft ſeit Jahren genannt wird.. Sie iſt eine große, ſtattliche Frau von etwas voll⸗ kommenen Verhältniſſen, deren Geſicht auf den erſten 37 Blick die Spuren einer großen, noch nicht ganz ent⸗ wichenen Schönheit verräth. Mutter Ilske iſt eine geborne Mönchguterin und kann als ſolche noch immer nicht die Gebräuche und Gewohnheiten ihrer ſeltſa⸗ men Heimat vergeſſen, was ſich namentlich in man⸗ chen Theilen ihrer eigenthümlichen Kleidung ausſpricht. Dieſe iſt zwar nicht die vollſtändige Tracht der Mönch⸗ gutiſchen Schönen, wie wir ſie, ſeit Jahrhunderten unverändert, noch heute bei ihnen antreffen, aber ſie erinnert doch lebhaft daran. So trägt ſie z. B. ſtatt der ſpitz zulaufenden ungeſchlachten wollenen Mütze ein ſchneeweißes Häubchen von feinem holländiſchen Cambrick, das mit einer faltenreichen Spitze geſchmack⸗ voll beſetzt iſt und unter welchem ihre geſcheitelten grauen Haare höchſt ehrwürdig matronenhaft hervor⸗ blicken. Auch die rothen Strümpfe, die mit Werg ausgeſtopfte dicke Wulſt von Leinwand um die Hüf⸗ ten, ſo wie der kurze ſchwarze Rock fehlen, allein reich gefaltet iſt das etwas lang gewordene Kleid von ſchwarzem Wollſtoffe noch immer und der bunte Bruſtlatz, der vorn das Camiſol von dunklem Tuche ſchließt, iſt mit gleichfarbigem ſchmalen Bande im Zickzack zugeſchnürt. Fleißig iſt Mutter Ilske wie jede Mönchguterin, die, wenn ſie ſich einmal, was ſelten geſchieht, außer⸗ 38 halb ihrer Heimat verheirathet, ſtets die Gebräuche und guten Eigenſchaften derſelben überall beibehält; keine Minute ruht die alte Frau den ganzen Tag über, ſauber, wie ſie ſelbſt, muß das Hausweſen von Dach bis zum Keller ſein, und ſogar wenn ſie mit ihrem Manne über wichtige Dinge ſpricht, holt ſie ihren Strickſtrumpf aus der Taſche hervor, deſſen Nadeln ſie mit einer bewundernswerthen Schnelligkeit in Be⸗ wegung ſetzt. Auch heute iſt ſie mit dieſer Arbeit beſchäftigt, aber nur mechaniſch, denn ihre Gedanken weilen durch⸗ aus nicht dabei; vielmehr tummeln ſie ſich, wie ſchon geſagt, auf der weiten Meeresfläche, wo ihr Auge den Flug der Möven, des Seeadlers und der Schwalben verfolgt, und kehren dann ſtets wieder zu dem Ge⸗ ſicht des Alten zurück, deſſen Erwachen ſie nicht über⸗ ſehen möchte, um ihm ſogleich den ſchon lange bereit⸗ gehaltenen Nachmittagsimbiß aufzutragen, worunter ſich der Leſer jedoch keinen Kaffee vorſtellen darf, da man in der Zeit, von der wir hier ſchreiben, unter den eiſernen Geſetzen der Continentalſperre litt, die der gewaltige Halbgott von Frankreich in ſeinem Haſſe gegen die ſeemächtigen Engländer auch über dieſe kleine Inſel verhängt hatte. Wie geſagt, beginnt im Monat Mai und zwar 39 am 29. dieſes Monats Nachmittags vier Uhr unſere Geſchichte. Der Mai iſt auf Rügen noch kein Blü⸗ thenmonat, oft ſogar ſehr rauh und ſich mehr dem April als dem Juni zuneigend. Allein in dieſem Jahre war das Wetter auffallend gut, die Winde mäßig kalt und der Sonnenſchein andauernd genug geweſen, ſo daß die Blätter der Bäume ſchon theil⸗ weiſe ſichtbar, der Raſen ſaftig grün und die Luft von jenem würzigen Hauche durchzogen war, der den Anzug des Sommers zu verkündigen pflegt. So freute ſich denn Mutter Ilske über die auflebende Natur vor ihren Fenſtern und in ihrem Gärtchen, und nur der traurige Umſtand, daß ſo wenig Leben auf der See herrſchte, da Handel und Wandel mit anderen Nationen ſtockte und die Schifffahrt gänzlich ſtill ſtand, ſchien ihr nicht zu behagen und vielleicht die Seufzer hervorzulocken, die manchmal ihren noch immer kirſchrothen Lippen entſchlüpften. Schon mehrere Male hatte ſie ihr hellblaues Auge auf die große Wanduhr gerichtet, die dem Spie⸗ gel gegenüber neben der Thür ſtand und ihr ſcharren⸗ des Raſſelgeräuſch im ſtillen Gemache überlaut ver⸗ nehmen ließ. Die vierte Stunde hatte ſie ſchon ſeit einigen Minuten geſchlagen und immer noch nicht wollte der Strandvogt die Augen öffnen. Da endlich, gerade als Mutter Ilske's Blicke einen Seeadler ver⸗ folgten, der, wie die Franzoſen, ſeine Beute ſogar aus dem Meere ſich geholt, hörte ſie den Alten be⸗ haglich gähnen und ſogleich wandte ſie ihr Geſicht auf das des Erwachten, welches ihr freundlich wie immer einen guten Tag zunickte. „Na, Alter, Du haſt ja heute lange geſchlafen, 4 ſagte ſie lächelnd und ihm munter ſeinen Gruß zu⸗ rückgebend.„Ich dachte ſchon, Du hätteſt die Abſicht gehegt, Nacht aus dem Tage zu machen.“ „Nein, Ilske, die Abſicht habe ich nicht gehabt; es wäre auch die erſte geweſen, die ich je im Schlafe gehegt, wo man ja ſo glücklich iſt, weder Abſichten noch ſonſt etwas zu haben, was Einen an die hoff⸗ nungsloſen Ausſichten auf Erden erinnert. Ach ja!“ „So, ſo! Haſt Du denn auch nichts geträumt, Alter?“ 3 Der Alte ſeufzte, ohne zu antworten, und machte ſich mit ſeiner thönernen Pfeife zu ſchaffen, die neben ihm am Seſſel lehnte, woraus Ilske den Schluß zog, daß er allerdings geträumt, aber eben nichts Ange⸗ nehmes, da er es ſonſt wohl ſgen würde, und Träume zu hören und wo möglich zu deuten, war eine Lieb⸗ lingsbeſchäftigung der guten Mutter Ilske. Während ſie nun hinausgegangen war, um den Vesperimbiß zu beſorgen, erhob ſich der Strandvogt gemächlich von ſeinem Stuhle, gähnte und reckte ſich und trat dann an's Fenſter, um den Himmel und die See zu betrachten und, wie es ſeine alltägliche Ge⸗ wohnheit war, daraus einen Schluß auf das kom⸗ mende Wetter zu ziehen. Als er auf dieſe Weiſe eine Weile Nähe und Ferne geprüft, fing er an, etwas heftig durch die Zähne zu pfeifen, eine Muſik, die Mut⸗ ter Ilske ſtets richtig zu deuten wußte, was auch diesmal ihre Frage bewies, als ſie zur Thür herein getreten war und ihren Alten ſeinen Sturmmarſch flöten hörte. „Nun,“ ſagte ſie, Teller nebſt Zubehör auf den Tiſch ſtellend,„was giebt's, Daniel? Pfeifſt Du ſchon wieder den Sturm herbei? Laß ihn draußen, Mann, wir haben lange genug ſchwer Wetter gehabt, und der dünne Sonnenſchein thut jeder Creatur wohl.“ „Ich möchte ihn ſchon draußen laſſen, Ilske, wenn er ſich daran kehren wollte. Aber Du magſt es immerhin glauben: jetzt iſt es halb Fünf, und es werden keine zwei Stunden vergehn, ſo wird die fro⸗ ſtige See eine weiße Spitzendecke übergeworfen haben und eine tüchtige ſchwere Böe wird ſich gerade gegen unſern Strand wälzen. Schau, da hinaus gegen Südoſten ſitzt der Uebelthäter, die breite Nebelwand hinter der Oe gefällt mir nicht— es giebt wasl 7 6 85 42 „Wahrhaftig, Alter, Du haſt Recht, wie immer. Ich habe es mir auch ſchon gedacht, als Du ſo glück⸗ lich nickteſt, denn die Möven fliegen ſo niedrig, kom⸗ men haufenweiſe landeinwärts und die Schwalben jagen ſich wie unklug am Strande.“ „Ha, ja! Es iſt merkwürdig! Die Thiere wiſſen es eben ſo gut und faſt noch beſſer als die Menſchen. Auch ich habe eine Art Inſtinet darin, denn wenn ich am Morgen aufwache und es liegt mir ſo blei⸗ ſchwer in den Knochen, Gott weiß woher es kommt, dann bin ich im Klaren, was das zu bedeuten hat.“ „Ja, ja, und wenn die See erſt donnert—“ „Ha, wenn ſie erſt donnert, Alte, dann wiſſen es ſogar die Strandjungen, daß etwas Großes im An⸗ zuge iſt.“ „Heute habe ich noch nichts gehört und es ſollte mir leid thun, wenn das ſchöne warme Wetter ſo raſch ein Ende nähme. Jetzt aber laß den Sturm Sturm ſein— komm her, ſetze Dich und laß es Dir ſchmecken. Gott ſegne es, Daniel!“ 6 „Ja, er geſegne es.“. Die beiden Alten hatten ſich an dem handfeſten Tiſche vor dem Kanapee niedergelaſſen und langten zu von Dem, was in reichlicher Menge, aber freilich geringer Auswahl vorhanden war, denn das ganze ———— 43 Vespermahl beſtand aus Brod, geräuchertem Aal und trocknen Flundern, die vor nicht langer Zeit noch le⸗ bendig und munter unten in der See geſpielt hatten. Kaum aber waren die erſten Biſſen in den Mund ge⸗ ſteckt, ſo legten ſie Beide plötzlich Meſſer und Gabel nieder, denn ihre ſcharfen Ohren hatten zu gleicher Zeit ein Geräuſch vernommen, was in dieſer abgele⸗ genen Gegend ſelten gehört ward. Es war das Gewieher eines Pferdes, dem als⸗ bald das Stampfen ſeiner Hufen folgte, und zwar dicht vor der Thür, die nach dem Landwege hin lag. „Halloh! Da kommt Beſuch!“ rief der alte Strand⸗ vogt freudig und ſprang raſch auf den kleinen Flur, in nicht gar langer Zeit von ſeiner guten Ilske ge⸗ folgt, da ſie Beide, wie jeder Rügianer in damaligen Zeiten, ihren Ruhm darin ſuchten, mit zu den gaſt⸗ lichſten Leuten im Lande zu gehören. In dem Augenblick, als die beiden Cheleute die Thür erreichten, ſahen ſie von einem kleinen aber ſehr kräftigen Schecken einen Mann ſteigen, der, ſeiner äuße⸗ ren Erſcheinung nach, nur ein Geiſtlicher ſein konnte, ihnen aber, was bei ihren Beſuchen ſehr ſelten ſtatt⸗ fand, gänzlich unbekannt war. „Ha, Ilske!“ ſagte der Alte mit leiſer Stimme, als er neben ſeiner Frau dem Fremden durch den Garten entgegenging,„das iſt eine angenehme Ueber⸗ raſchung; ich wette, es iſt der neue Diakonus des gu⸗ ten Herrn Paſtors von Willich in Sagard, und er kommt, uns ſeinen nachbarlichen Antrittsbeſuch zu machen.“ Der Alte hatte ſich nicht geirrt, es traf Alles haar⸗ ſcharf ein, wie er es vermuthet, es war wirklich der neue Diakonus— wir wollen ihn Wohlfahrt nennen — der ſeine Rundreiſe angetreten hatte, um die Pfarr⸗ kinder, die zu ſeiner Kirche in Sagard gehörten, aus eigener Anſchauung kennen zu lernen. Die Geiſtlichen auf Rügen haben ſich von jeher nicht allein durch große geiſtige Bildung, ſondern auch durch liebenswürdige Eigenſchaften des Charakters und Herzens ausgezeichnet, weshalb ſie ſich ſtets einer großen Popularität bei ihren Pfarrkindern erfreuten. Letzteres war ſehr natürlich, denn der ſchlichte Sinn der Landbewohner Rügen's begriff ſehr bald, daß ihre Geiſtlichen ein Herz für ſie hatten, und ebenſo gefiel es ihnen wohl, daß ſie das Wort Gottes lehrten, wie es lebendig aus ihrem Herzen kam, daß ſie ihre E klärungen der heiligen Schrift an die ſinnlich wahr⸗ nehmbaren Erſcheinungen der ſie umgebenden großar⸗ tigen Natur knüpften und ſich dabei fern von aller Heuchelei und Duckmäuſerei hielten, die einem einfa⸗ 45 chen Naturmenſchen eben ſo unnatürlich erſcheinen und leicht zuwider werden, wie dem fein gebildeten und vernunftgemäß urtheilenden Denker. Die Geiſtlichen Rügen's waren im Verhältniß zu ihren Amtsbrüdern im platten Lande Norddeutſchland's ſehr gut geſtellt; ihre Einnahmen, größtentheils aus den Abgaben ihrer Gemeindeglieder fließend, waren reichlich, wie man denn auch die auf den Halbinſeln Jasmund und Wittow wohnenden vier Pfarrer, näm⸗ lich in Sagard, Bobbin, Wiek und Altenkirchen die Vierfürſten nannte und ihrer äußeren Stellung damit alle Ehre erwies, indem man ſie gewiſſermaßen mit zu dem vielfach begünſtigten Adel zählte. Mit dieſem Adel waren die Pfarrer überdieß ſehr innig befreun⸗ det, ja ſogar oft durch Blutsverwandtſchaft verbunden und weil man bei dem ſehr geringen Verkehr mit den kleinen Städten und den oft weit entfernten größeren Gütern nicht allzu wähleriſch verfahren konnte, ſo ver⸗ knüpfte Adel und⸗Geiſtlichkeit ein natürliches Intereſſe, ſie ſuchten ihren gegenſeitigen Umgang, theilten ſich ihre Anſichten, ihre Bildung mit, und ſo entſtand zwiſchen beiden eine gewiſſe liberale Denkungsart, die Generationen hindurch forterbte und ebenſo viel zum Wohlbehagen der Einzelnen, wie zum Nutzen des Allgemeinen beigetragen hat. Mit aus dieſem Verhältniß entſprang auch zu beiderſeitigem Frommen die ſchöne Pflege der Gaſt⸗ freundſchaft, die ſich von den erſten Ständen bis auf die letzten erſtreckte. Denn da der Menſch ein geſel⸗ liges Weſen iſt, Fremde aber zu damaliger Zeit die Inſel wenig beſuchten, ſo waren die Bewohner der⸗ ſelben auf ſich ſelbſt angewieſen und man freute ſich wahrhaft, einem Bekannten die Thür öffnen und die Stunden ſeines Aufenthalts ſo angenehm wie mög⸗ lich machen zu können. So viel von dem Verhältniß der Geiſtlichen zu den Bewohnern Rügen's und dieſer unter ſich im All⸗ gemeinen.— Der Diakonus, den wir hier einzuführen im Begriff ſtehen und der leider nicht mit zu den Hauptperſonen unſrer Erzählung gehört, die wir dies⸗ mal in einer anderen Klaſſe zu ſuchen haben, war erſt vor kurzer Zeit als Adjunct dem allverehrten Pa⸗ ſtor von Willich in Sagard zur Seite getreten und mochte es nun für ſeine Schuldigkeit halten, von Hof zu Hof zu wandern und ſeine Perſon den ihm von vornherein freundlich ergebenen Pfarrkindern vorzu⸗ ſtellen. Für dieſe aber hatte der Beſuch eines Geiſtlichen gerade in jenen trüben Tagen einen noch viel höhe⸗ ren Werth als zu gewöhnlichen Zeiten. Mancher 47 Troſt konnte nur von ihrer Einſicht geſpendet, manche Hoffnung zum Beſſeren nur von ihrem warmfühlen⸗ den Herzen geſprochen werden, und ſo war denn Dia⸗ konus Wohlfahrt heute bei unſerm Strandvogt doppelt willkommen, der, wie wir bald ſehen werden, auch des geiſtlichen Zuſpruchs bedurfte und aus ſeinen Trö⸗ ſtungen Gewinn für ſein einſames Leben ſchöpfen konnte. Nachdem der junge Geiſtliche, denn jung war er noch, obwohl ihm eine natürliche Würde und ein ernſtes ſinniges Weſen den Anſtrich eines durch Er⸗ fahrung gereiften Mannes gab, ſeinen Namen genannt, ſchüttelten ihm Mann und Frau warm die Hände und führten ihn ſofort in's Zimmer, wo er ſich ohne Weiteres an dem Tiſche des Vogts niederließ und von den aufgetragenen Speiſen nahm, nachdem Mut⸗ ter Ilske einen reinen Teller geholt und einige Worte der Ermunterung dabei geſprochen hatte. Sie ſelbſt nahm indeſſen nicht ſogleich neben ihrem Gaſte Platz, vielmehr einem Winke ihres Mannes folgend, begab ſie ſich hurtig in ihre Vorrathskammer und entnahm einer wohlverwahrten Kiſte eine beſtäubte Flaſche, deren Inhalt ſie zwei alten hochfüßigen Römern ein⸗ verleibte, die ſie den Männern credenzte, worauf dieſe den allbeliebten portugieſiſchen Wein in den Gläſern *¹ funkeln ſahen. N ℳ. 48 Hören wir nun dem folgenden Geſpräche auf⸗ merkſam zu, denn aus ihm werden ſich von ſelbſt die Verhältniſſe des Strandvogts ergeben, deren Bericht wir dem Leſer bis jetzt ſchuldig geblieben ſind. „Ja, ja,“ ſagte der Strandvogt, während ſein Gaſt tüchtig zulangte, denn er hatte ſo eben einen weiten Ritt zurückgelegt,„ich freue mich herzlich, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Die Leute, die Sie früher geſprochen, hatten mich neugierig auf Sie gemacht, und es kann uns ja nicht gleichgültig ſein, welchen einſtigen Nachfolger unſer guter Herr Pfarrer in Sa⸗ gard hat. Er befindet ſich doch wohl, der vortreffliche Herr?“ „Ganz wohl, Herr Strandvogt, und er läßt Sie beſtens grüßen. Auch würde er einmal ſelbſt ſchon zu Ihnen gekommen ſein, um ſich nach Ihrem Wohlergehen zu erkundigen, wenn ihn nicht die vielen Geſchäfte mit den Hetren Franzoſen an ſein Haus und ſeinen Schreibtiſch feſſelten.“ 3 „Ich glaube es gern. Ach, was ſind das für Zeiten, Herr Diakonus, und was werden wir noch zu erleben haben!“ „Nicht mehr, als uns Gott auferlegt, lieber Mann, ganz gewiß nicht mehr.“ „Ja freilich, mehr wird es nicht ſein, aber das iſt 49 auch ſchon genug. Nun iſt die Reihe des Leidens auch an Schweden und uns gekommen, nachdem faſt ganz Europa die Fauſt des Eroberers auf ſeinem Nak⸗ ken gefühlt. O unſer armer König! So ſchnell iſt es mit ihm zu Ende gegangen! Aber ich glaube, man konnte ihn wirklich nicht länger am Steuer des Staatsſchiffes laſſen?“ „Wie es ſcheint, nein. Er ſteuerte ſein Schiff har⸗ ten Klippen entgegen und die heutige Zeit verlangt kundige Seefahrer. Wir haben eben Sturm, und beim Sturm muß man, Sie wiſſen es ja, alle Segel einziehen! Guſtav IV. Adolf aber gefiel es, ſie alle flattern zu laſſen, und das mußte Unheil bringen. Nun, gebe nur Gott, daß der alte Herr, der uns jetzt regiert, von Weisheit und Milde erleuchtet ſei, dann wird ſich das Uebrige ſchon finden, wenn wir Geduld auf das Zukünftige und Ergebung in das Unvermeid⸗ liche beſitzen, wie ein Chriſt es ja ſoll. Aber ſagt mir einmal, alter Herr, habt Ihr ſchon viel von den Fremdlingen zu leiden gehabt, die auf unſter Inſel die gebietenden Herren ſpielen?“ „Daß ich nicht wüßte, Herr Diakonus, nein, ei⸗ gentlich nicht. Ich habe zwar wiederholt meinen An⸗ theil an Steuern und Contributionen entrichtet, die ſſiie über uns verhängt, aber auf meinen Hof und in Der Strandvogt. I. 4 3 ————:V—— 50 nur beim Vorübermarſch. Pah! was ſollten ſie auch bei mir ſuchen und von mir wollen! Sie lieben mehr die großen Höfe und reichen Herren, und ein armer Strandvogt, wie ich, hat Wenig, was ihrem Verlangen entſpricht und ihr Begehren reißt.“ „Ihre Geſchäfte ſind durch die fremden Herren auch nicht ſonderlich vermehrt worden?“ „Leider nein, ach ganz und gar nicht! Es kom⸗ men wenig Fahrzeuge mehr in dieſe Gewäſſer, denn der Handel mit unſern Freunden, den Engländern, iſt ja verboten, und die paar Schiffe, die dann und wann vorüberſegeln, ſind däniſche Spürhunde, die unſre Küſten bewachen, damit kein Schmuggel mit den ver⸗ .— 1 2 botenen Waaren getrieben wird.“ „Mit den Lootſengeſchäften haben Sie nichts zu thun in Ihrer jetzigen Stellung?“ „Von Amtswegen gerade nicht, nein, Herr; aber wer kann von einem Handwerk laſſen, das er dreißig Jahre betrieben hat, wie ich? Wenn es daher was zu lootſen giebt da drüben, ſo habe ich gern noch meine Hand im Spiele und laſſe meine Stimme mit im Nathe der Leute erſchallen, die die Küſtenſchifffahrt ſicher ſtellen.“ mein Haus ſind nur Wenige gekommen und höchſtens 31 „Sie ſind früher Lootſencommandeur geweſen, wie ich gehört habe?“ „Ach ja!“ ſagte der Alte mit einem Seufzer, der aus tiefſtem Herzen kam.„Viele, viele Jahre ſogar, und es giebt keinen Sturm in den letzten dreißig Jah⸗ ren, den ich Ihnen nicht von Anfang bis zu Ende in allen Wirkungen beſchreiben könnte und der mir nicht die Kleider bis auf die Haut durchnäßt hätte.“ „So ſeid Ihr auch wohl ſehr erfahren in der Kü⸗ ſtenſchifffahrt dieſes Landes?“ „Ja, Herr, das kann ich dreiſt von mir behaup⸗ ten, beſſer ſogar, wenigſtens eben ſo gut, wie irgend ein Anderer. Ich kenne jeden Stein im Waſſer, rings um die Inſel herum; jede Furt, jede Untiefe iſt mir bekannt und faſt jeder Windſtoß weht mir als ein gu⸗ ter Freund oder ein böſer Feind entgegen, und daher kommt eben meine Liebhaberei für das Handwerk, denn was man in der Jugend getrieben, liebt man im Al⸗ teer und kann nicht davon laſſen, wie der Fiſch nicht vom Schwimmen läßt, ſo lange er lebendig im Waſſer liegt.“ Der Geiſtliche nickte zuſtimmend und nippte von dem feurigen Wein, der noch unangerührt vor ihm perlte. Offenbar hatte er eine Frage auf dem Her⸗ zen, aber er ſchien innerlich zu erwägen, ob er ſich damit herauswagen ſolle. . 4* un— ————B—V—B—Z—B——————OPr———— —22 * 7 Endlich faßte er den Muth dazu, und während Mutter Ilske den Tiſch abräumte, die Flaſche und die Gläſer aber vor den redenden Männern ſtehen ließ, ſagte er mit merkbarer Bewegung in ſeiner wei⸗ chen Stimme: „Ihr wohnt hier in dieſem kleinen Hauſe allein mit Eurer guten Frau, nicht wahr?“ „Ja, Herr, jetzt wohne ich mit ihr allein; nur eine alte Magd iſt noch da, die den Garten und das Vieh beſorgt, während meine Frau ſich mit unſerm kleinen Hausweſen zu ſchaffen macht. Meine Nichte — ſie iſt die Stieftochter der Schweſter meiner Frau — hat uns gegenwärtig verlaſſen, um ihren Pflichten in Mönchgut nachzugehen, woher ſie ſammt, wie auch meine alte Ilske daſelbſt geboren iſt.⸗ „In Mönchgut? Was hat denn Eure Nichte da für Pflichten zu erfüllen?“ „Ihr Pathe iſt ein alter Mann, Herr, Beſitzer des Gutes Bakewitz, im Süden von Peerd. Er liegt lei⸗ der im Sterben und hat den Wunſch ausgeſprochen, unſre gute Hille ſo lange bei ſich zu behalten, bis er das Zeitliche geſegnet hat. Nun iſt ſie ſchon ſeit drei Wochen auf Bakewitz und wir ſind allein.“ „Hm! Habt Ihr ſonſt keine Familie?“ Der Alte warf einen ſcheuen Blick auf ſeine Frau, die ſich wieder mit ihrem Strickſtrumpf am Fenſter niedergelaſſen hatte, und da ſie ihre Augen feſt auf ihre Arbeit gerichtet hielt, ſo ſagte der Vogt:„Mut⸗ ter, ſieh doch, wo Trude iſt und ſag' ihr, ſie ſolle das Vieh aus der Lithe holen, damit es im Stalle iſt, ehe der Wind losbricht— denn er kommt allmälig herauf, ich habe es ja geſagt.“ Mutter Ilske erhob ſich ohne Zögern, denn ſie merkte, daß jetzt von ihrer Familie die Rede ſein würde, und kannte ihren guten Alten, der ſie ſtets zu ent⸗ fernen bemüht war, wenn er von ſeiner Vergangen⸗ heit ſprach, um ihr den Kummer zu erſparen, der für ſie in der Erinnerung daran lag. So waren denn die beiden Männer allein. Der Vogt, der einen Blick auf das Meer geworfen, war vom Fenſter an den Tiſch zurückgekehrt und hatte ſei⸗ nem Gaſte gegenüber wieder Platz genommen.„Ich ſchicke meine Alte abſichtlich hinaus,“ ſagte er flüſternd, „weil ich weiß, daß meine Antwort auf Ihre Frage ihr nicht lieb ſein kann. Sie fragen nach meiner Familie, Herr Diakonus, nicht ſo? Ja, ich hatte eine Familie, und eine recht große. Der Himmel hatte mir ſieben Söhne und recht wackere, ſtarke und gute Söhne gegeben.“ ͤͤöͤöͤöͤöͤöͤöͤoͤͤoͤöodoöooöooeeeeeee— 1 54 „Er wird ſie Euch doch nicht alle wieder genom⸗ men haben?“ 4 Der Alte ſchüttelte wehmüthig den Kopf und ſei⸗ ne Miene nahm einen ſo kummervollen Ausdruck an, daß man ihm anſah, wie tief ihn die zuletzt ausge⸗ ſprochene Frage erſchütterte.„Wer ſchaut in des Him⸗ mels Rath?“ ſagte er leiſe.„Ich bin ihm noch dank⸗ bar, daß er mir einſt ſo viele Freude gegeben hat, ſo daß ich alſo mit Ergebung auch das Leid ertragen muß, womit er mich nachher geprüft hat, wie ſelten einen Mann und Vater. Ja,“ fuhr er mit halb ge⸗ brochener Stimme fort,„er hat ſie mir faſt alle wieder genommen, und das iſt es, was ich die alte Ilske nicht wollte hören laſſen, obwohl ich wetten will, daß ſie weiß, wovon wir ſprechen.“ „Da ſind Sie ja ſehr zu beklagen, armer Mann! Sind Ihre Söhne Ihnen ſchon in frühſter Jugend geſtorben? Sie verzeihen, daß ich auch danach frage, aber ich nehme Antheil an Ihrem Schickſal und werde noch mehr daran nehmen, wenn ich es genauer kenne.“ „Das ſollen Sie, ja, das ſollen Sie, und um ſo lieber will ich es Ihnen mittheilen, da mich ſchon ſeit mehreren Tagen mein Familienleid tiefer bedrückt, denn je, da es noch immer nicht ſein Ende erreicht zu haben ſcheint.“— 55 „So ſprecht Euch die Bruſt frei; es thut wohl, einem theilnehmenden Herzen ſeine Sorge auszuſchüt⸗ ten, und ich will Euch tröſten, ſo gut ich es mit Empfindungen und Worten vermag. Alſo Ihr hattet ſieben Söhne?“ „Ja, ſieben, eine ſchöne Zahl, nicht wahr? Sie wurden mir faſt alle in meiner Jugend geboren, als ich noch Lootſe auf Mönchgut war und mehr Stun⸗ den des Tages und der Nacht auf dem Waſſer als in meinem Hauſe und Bette zubrachte. Ich war ein armer Mann, Herr, und habe von der Pike auf die⸗ nen müſſen. So mußten denn auch meine Jungen früh zur Arbeit greifen, und ſie thaten es gern, denn ſie hatten ein gutes Beiſpiel vor ſich und waren, ſo zu ſagen, auf dem Waſſer geboren, ſahen es alle Tage blitzen und hörten es alle Nächte rauſchen. So wuch⸗ ſen ſie mir denn zur Freude und zur beſten Hülfe heran und als ich das Glück hatte, Lootſencom⸗ mandeur zu werden und ein großes Bergegeld von den an den Strand geworfenen Gütern zu erhalten, ſo konnte ich ſie unterrichten laſſen, und der gute Pre⸗ diger in Zicker hat darin kedlich ſeine Schuldigkeit ge⸗ than. Aber die Jungen der Lootſen lernen nicht viel mehr, als was ſich auf ihr künftiges Geſchäft und ihren angeborenen Beruf bezieht, ſo auch die meinen. 56 Statt in den Büchern zu leſen, die ich kaufte, ſegel⸗ ten ſie in den Wieken und Bodden herum, und als ſie mannbar geworden, verließen ſie mein Haus und gingen über das Meer nach fernen Ländern, einer nach dem andern, und Alle kamen ſie nach einigen Jahren heil und geſund zurück, denn es war ihnen nicht beſchieden, fern von der Heimat zu ſterben.“ „Das iſt noch eine Wohlthat, mein lieber Vogt, die Ihr anerkennen werdet!“ „Ja, ja doch; aber ſie unter meinen Augen— hier — auf dieſem Waſſer ſterben zu ſehen, war keine Wohlthat, Herr Diakonus.“ „Wie, ſind ſie denn vor Euern Augen auf dieſem Waſſer zu Grunde gegangen?“ „Ja, Alle hintereinander und faſt in derſelben Reihe, wie ſie mir geboren worden waren, aber Gott ſei Dank! in ihrem Berufe, indem ſie anderen Men⸗ ſchen Leben und Eigenthum zu retten verſuchten.“ „O, das iſt ja ſchrecklich! Aber erzählt mir doch Einiges davon— ich bin begierig, die Geſchichte der Eurigen ganz kennen zu lernen.“ „Ach, erzählen! Was iſt da viel zu erzählen! Sie gingen lebendig an Bord und— kamen als Leichen jeder an den Strand geſchwommen. Zuerſt ſtarb nein Harold und mein Olaf. Es war an einem 4. 57 ſchönen Junitage. Die Sonne blitzte ſo herrlich über dem Meere, alle Creaturen außer und in dem Waſſer ſangen ihr Hallelujah und ich war glücklich mit mei⸗ ner Alten, die damals noch eine ſchmucke Perſon, ſchlank und nett wie eine Seejungfer war. Da kam ein Orkan von Nordoſten herauf und brachte drei große Schiffe in Gefahr. Sie polterten mit ihren Böllern gewaltig gegen das Ufer und winkten und riefen um Hülfe, denn es ging ihnen an den Hals. Als die Lootſenglocke läutete, kamen meine Jungen an den Strand gelaufen, denn an ihnen war die Reihe zu lootſen. Es wird ein hartes Stück Arbeit ſein, Jungen! ſagte ich, befehlt Eure Seele Gott und ſeid vorſichtig um Eurer Eltern willen. Sie nickten mir ſchweigend ihre Antwort zu, denn der Sturm brüllte ſo heftig, daß keines Menſchen Stimme mehr gehört ward. Ja, ſtumm ſtiegen ſie in ihr Boot, und ſtumm kamen ſie in der Nacht auf das Ufer ge⸗ ſchleudert, aber auch kalt und ſteif.“ „Ha, das iſt ſchrecklich! Ihr wurdet allerdings an hart geprüft.“ 1 ₰ „Hören Sie nur weiſtt Im darauf folgenden Winter kam mein Daniel an die Reihe, ein hochge⸗ wachſener Burſche und von Rieſenkraft, die ihn leider verführte, zu Schweres zu vollbringen. Ein Schiff —— — 58 kam bei hoher See von Schweden vor Top und Ta⸗ kel daher getrieben. Mein Junge wollte retten, was an Bord war und ſo fuhr er kühn durch die Schollen mit ſechs Mann nach dem reichbeladenen Kauffahrer. Aber die Schollen und der Wind waren ſtärker als er und weder Kauffahrer noch Lootſen ſah man je⸗ mals wieder.“ „Armer Mann! Und die anderen?“ „Ja, die anderen! Die kamen auf ähnliche Weiſe um; Heinrich in der Tromper Wiek, der böſeſten von allen um Rügen, Clas in der Nähe von Zicker und endlich Paul vor den Wiſſower Klinken dort. Das iſt die Geſchichte meiner braven ſechs Jungen, die ei⸗ nen ehrlichen Seemannstod geſtorben ſind.“ „Aber der Siebente, wo iſt der geblieben?“ „Hoho!“ rief der Alte und erhob ſtolz ſeine ganze Geſtalt, wobei ſeine Augen blitzend auf dem Geiſtli⸗ 4 chen hafteten.„Sie meinen Waldemar, den Jüngſten und Nachgebornen! Ja, den wolle mir Gott beſchü⸗ zen, denn würde auch er mir genommen, dann, Herr Diakonus, hülfen alle Vi und Herrn von Willichss Troſtſprüche nichts.“. Aber wo iſt er, wenn er noch lebt?“ „Herr, Sie haben Recht, wenn er noch lebt, denn das weiß allein Gott, ich nicht. Seit dem Mai im 59 Jahre 1805— alſo es ſind jetzt vier Jahre her— habe ich ihn nicht wiedergeſehen. Am 22. October 1805 hat er bei Trafalgar gegen die Franzoſen, ſeine Feinde, gefochten, er hat ſich ſogar ausgezeichnet, ich weiß es— aber ſeitdem iſt er mir nie wieder vor Augen gekommen.“ „Aber Ihr wißt doch, daß er noch lebt?“ „Ja, bis vor einem Jahre war er noch unbeſchä⸗ digt und er hat mich durch einen Mann grüßen laſ⸗ ſen, der ihn in Colberg geſprochen, wo er dem wacke⸗ rem Nettelbeck zur Seite ſtand und den Franzoſen vor der deutſchen Feſtung die Köpfe einſtoßen half.“ „Ah, er iſt alſo ein Krieger geworden?“ „Nicht ſo ganz und es hat damit ſeine eigene Be⸗ wandtniß, die Ihnen zu erzählen mir ein großes Ver⸗ gnügen machen wird, wenn Sie geneigt ſind, ſie zu hören.“ „Von Herzen gern, zumal es ſcheint, als ob Ihr gern von dieſem Eurem Waldemar ſprächet.“ „Bei Gott, das iſt ein wahres Wort. Mein Wal⸗ ddeemar iſt ein Kerl, der das Herz auf dem rechten 1 Flecke hat— ſo groß, Herr, daß er kaum in dieſe Thür kann, und mit einem Geſicht voll Feuer und Edelmuth, wie ſelten ein Mann in dieſen Landen es gehabt hat. Aber verzeiht, daß ich meinen eigenen —ͤͤͤͤͤͤͤͤ 60 Sohn lobe, was ich gewiß nicht thun würde, wenn ſeine guten Eigenſchaften blos äußerlicher Art wären. Allein Waldemar iſt auch ein guter Sohn, ein braver Menſch und hat Viel von den Brahes ſich angeeig⸗ net, mit denen er ſeit ſeinem zwölften Jahre zuſam⸗ men lebt.“ Mit den Brahes? Meint Ihr unſere— die Gra⸗ fen Brahe auf Spyker?“ „Die meine ich, ja, Herr, und nun will ich Ihnen erzählen, was ich davon weiß. Seht, an dem Tage, wo mein Paul zu Grunde ging— ich war damals ſchon Lootſencommandeur in Saſſenitz— es war im Jahre 1799 bei einem argen Südoſtſturm im Sep⸗ tember— war mir, wie Gott oft das Glück dem Un⸗ glück auf dem Fuße folgen läßt, großes Heil beſchie⸗ den. Mein Paul, ja, der ging dabei unter, ich aber hatte das Glück, aus demſelben Schiffe, welches er retten wollte, den Grafen Brahe zu bergen, der von Deutſchland kam, um nach Schweden zu gehen. Wie geſagt, ich brachte ihn heil zu Lande und in mein bewohnte. Da lag er denn in dem einen Bette und mein Paul, ſteif und ſtarr, in dem andern. Und als der gute edle Herr von ſeiner Erſchöpfung zu ſich kam und ſah, was geſchehen war, da dankte er mir 6 kleines Haus, was ich damals dort unten am Strande 61 herzlich und bedauerte von ganzer Seele mein Miß⸗ geſchick. Es iſt der Sechſte, Herr Graf, ſagte ich, den mir die See nimmt, und gelobt ſei Gott, der Herr, daß er mir geſtattet hat, Ihnen dabei das Leben zu retten.— Ich werde nie den Ausdruck ſeines ſchönen Geſichts vergeſſen, den er auf dieſe Worte blicken ließ, und wie er mir die Hand reichte und ſagte: Ihr habt Recht, Granzow, was Gott thut, das iſt wohlge⸗ than. Aber Ihr dürft keinen Sohn als Lootſen mehr auf die See laſſen, denn man muß das Schickſal nicht herausfordern. Ich habe nur noch Einen und der will auch ein Lootſe werden, ſagte ich, und da iſt er, denn eben kam mein Waldemar herein und wollte ſich ſeinen todten Bruder betrachten, zu dem er eine große Nei⸗ gung hatte. Der Graf rief den ſchönen Knaben mit dem dunk⸗ len Lockenkopf an ſich heran und fragte ihn Verſchie⸗ denes, worauf er immer die Antwort erhielt, er wolle ein Seemann werden. Das ſollſt Du auch, mein Jungo, ſagte der edle Herr endlich, aber ein tüchtiger, gelehrter Seemann, und ich ſelbſt will dafür ſorgen, daß Du es wirſt, denn wenn Dein Vater will, wie ich, und Du uns beiſtimmſt, ſo will ich Dich mit mir nehmen und meinem Sohn zum Geſellen geben, der ——j—— 66 dieſelbe Neigung zum Meere hat, wie Du, und in gleichem Alter mit Dir iſt.— Schon am nächſten Tage fuhr mein Waldemar mit dem Grafen nach Spyker, ich aber erhielt durch des Letzteren Verwendung die Strandvogtsſtelle, die ich noch jetzt bekleide, und zum Geſchenk dies kleine Gut mit dem Häuschen, in dem wir jetzt ſitzen und davon ſprechen. „Hm, das war edel von dem reichen Herrn, aber was fing er mit Eurem Waldemar an?“. „Nun, dem hat das Glück gleicher Maaßen wohlgewollt. Der Graf hat hochherzig Wort gehalten und meinen Knaben mit ſeinem einzigen Junker, dem Grafen Magnus, erziehen laſſen, als wäre er ſein eigen Kind geweſen. Die beiden Jungen blieben anfangs, auch wenn Graf Brahe ſelbſt nach Stockholm ging, was er jährlich in der Regel mehrere Male that, in Spyker, wo ein kluger Hauslehrer ſie in allem Möglichen unterrichtete. In ſpäteren Jahren beſuchten ſie, von einer und derſelben Neigung beſeelt, die Na⸗ vigationsſchule in Stockholm, die Univerſität Greifs⸗ wald und ſtudirten außerdem auf Schiffen und aus Büchern das Seeweſen aus dem Grunde. Dann gin⸗ gen ſie, immer wie zwei unzertrennl iche Freunde zu⸗ ſammen, auf Reiſen, beſuchten das alte Schloß Spyker. 2 — frühſten Jugend iſt. Auch haben ſie bereits große 63 und mich von Zeit zu Zeit, bis der unſelige Krieg mit Frankreich ausbrach, der ihr Vergnügen und ihre Studien unterbrach und ſie in ihrem Eifer gegen den franzöſiſchen Tyrannen nach England führte. Kurz vor ihrer Abreiſe dahin beſuchten ſie mich noch einmal; und das iſt das letzte Mal geweſen, daß ich ſowohl meinen Sohn wie den jungen Grafen ſah, der auch ein wackerer Junge, obwohl nicht ſo ein dauerhafter Kernmenſch wie ſein edler Vater iſt. Ach, Herr Dia⸗ konus, in jenen Tagen war eine große Freude in dieſem kleinen Hauſe und weder meine Ilske noch ich dachte daran, daß vier Jahre vergehen könnten, ehe wir unſern Einzigen wiederſähen.“ „Das iſt eine lange Zeit für ein ſehnſüchtiges Vater⸗ und Mutterherz!“ „Ja, Herr, und das iſt das große Leid, was die Ilske nicht verſchmerzen kann und was ſie oft des Nachts ſogar nicht ſchlafen läßt.“. „Aber Ihr wißt doch, wo er ſich jetzt aufhält und daß er noch immer mit dem Grafen Magnus zuſammen lebt?“ „Nur das Letztere weiß ich, das hat mir der alte Graf mehr denn zehnmal ſagen laſſen, ebenſo wie daß ihre Freundſchaft noch die nämliche wie in ihrer 64 Thaten verrichtet, die beiden Jungen, denn ſie haben wie wackere Männer ihre Hand geliehen zur Bekäm⸗ pfung jenes Corſen, der auch über uns jetzt ſeine Hand ſchwer ausgeſtreckt hat.“— „Wo ſind ſie denn geweſen und bei welchen Affai⸗ ren haben ſie mitgewirkt in den verſchiedenen Kriegen?“ „Von hier ſegelten ſie, wie geſagt, nach England; dort kamen ſie im Frühjahr an, und da bald darauf die große Flotte ausgerüſtet wurde, die der Nelſon befehligte, ſo gingen ſie als Freiwillige bei demſelben in Dienſt und haben an ſeiner Seite— ich bin ſtolz darauf, das vor Ihnen ſagen zu können, Herr Diako⸗ nus— die Schlacht von Trafalgar mitgefochten.“ „Ah, das war brav!“ „Ja wohl war es das. Nach der Schlacht aber kehrten ſie, da Graf Magnus verwundet war, nach England zurück und blieben daſelbſt bis 1807, wo ihre freiheitsliebende Seele ſich vollgeſogen hatte an dem britiſchen Haß gegen den Bezwinger Europa’s und endlich nach Gelegenheit brannte, ſich Luft zu machen. 1807 nun verließen ſie England, kamen nach Schweden und erhielten vom Grafen Brahe die Er⸗ laubniß, ſich auf einem der Schiffe nach Deutſchland zu begeben, welche die Belagerer Colberg's von der See her beunruhigen ſollten. Da kamen ſie denn 1 V 65 mit dem edlen Bürgerſoldaten Nettelbeck in Berüh⸗ rung, der ſie vielfach bei ſeinen kühnen Unternehmun⸗ gen verwendete, bis der Tilſiter Friede eintrat, der ihrer Thätigkeit in Colberg ein Ende machte. Wo ſie nun ſeit jener Zeit geblieben ſind, iſt mir dunkel, gewiß aber haben ſie nicht aufgehört, gegen Napoleon zu fechten und zu wirken, ſo viel in ihren Kräften ſtand. Nach des Grafen Brahe Vermuthung, die er mir vor wenigen Wochen zukommen ließ, halten ſie ſich im Preußiſchen auf und warten irgend ein Ereigniß von Wichtigkeit ab, um ſich auch daran wieder zu bethei⸗ ligen. Das iſt Alles, was ich von meinem Sohne weiß. Ob und wann ich ihn wiederſehen werde, weiß allein Gott, den ich täglich um ſeine Gnade für ihn bitte. Jetzt habe ich Ihnen meine ganze Geſchichte erzählt und ich wüßte nichts mehr, was ich noch hin⸗ zuzufügen hätte.“ „Ich danke Euch von ganzem Herzen für Eure Ausführlichkeit und freue mich, in Euch einen ſo wak⸗ keren Mann und Vater kennen gelernt zu haben. Wolle es Gott, daß Euer Vertrauen auf die ſchützende Vorſehung ſich bewähre, und ja, ich glaube, es wird ſich bewähren, denn ſie wird Euch, nachdem Ihr ſo hart geprüft, für das Ende Eurer Tage nur Freude aufgeſpart haben.“ Der Strandvogt. I. ſ — Leeee eeee e hooo „Wolle es Gott!“ rief der alte Vogt und ſchlug mit ſeiner breiten und kräftigen Hand derb in die hingehaltene Rechte des Geiſtlichen ein, der ſich eben von ſeinem Sitze erheben wollte, als Mutter Ilske raſch die Thür öffnete und mit faſt heftiger Eile in das Zimmer trat, welches der beginnende Abend ſchon dunkler beſchattet hatte. Ilske warf einen verwunderten Blick auf die bei⸗ den Männer, die noch immer an dem Tiſche ſaßen und nicht daran gedacht hatten, ihre Gläſer zu leeren, da ihre Aufmerkſamkeit ganz und gar der Erzählung des Strandvogts gewidmet geweſen war. Dieſer hatte von der Aufregung, in die er ſich hineingeſpro⸗ chen, einen rothen Kopf; das ſprechendſte Zeugniß aber, daß ihn die Geſchichte ſeiner Familie und na⸗ mentlich ſeines jüngſten Sohnes gänzlich gefeſſelt, bot der Umſtand, daß ihm die Vorgänge draußen im Freien entgangen waren. „Vater!“ ſagte ſeine Frau mit ungewöhnlichem Eifer zu ihm,„Deine Prophezeihung beſtätigt ſich, wir bekommen einen gewaltigen Sturm aus Südoſten, und wenn Sie noch vor der Zeit nach Hauſe wollen, Herr Diakonus, ſo mögen Sie Ihren Schecken tüchtig ausgreifen laſſen. Hören Sie, wie er egußan wie⸗ hert? Ich glaube gar, auch er wittert den Wind, wie die Möven und Schwalben am Strande.“ Der Strandvogt that nur einen ſprungartigen Schritt zum Fenſter und er hatte begriffen, was vor⸗ ging. Haſtig wandte er ſich zu dem Geiſtlichen, der ſeinen Rock ſchon zuknöpfte, herum und ſagte:„Es thut mir leid, Herr Diakonus, daß wir ſo früh am Tage ſcheiden müſſen, ich habe noch manche Frage auf meinem Herzen und Sie gewiß noch manchen Troſtſpruch für mich auf den Lippen, aber das Wetter da iſt in der That ungünſtig und Sie werden wohl zu Hauſe ſein wollen, ehe der Tanz mit ganzer Furie losbricht. Oder wollen Sie vielleicht bei mir bleiben, mit der Vorausſicht, ſelbſt ein Bett annehmen zu müſſen?“ „Nein, mein guter Vogt, nein, ich danke Euch, ich will ſogleich fort. In der Stubnitz faßt mich der Wind nicht ſo leicht und mein Schecke iſt raſch genug, mich in fünfzehn Minuten nach Hauſe zu tragen. Nun gehabt Euch wohl, Ihr guten Leute; lebt wohl, Mut⸗ ter Ilske, lebt wohl, Daniel Granzow, und Gott behüte Euch und Euern Sohn durch alle Stürme des Lebens.“ Bei den letzten Worten des Geiſtlichen war man ſchon aus dem Hauſe getreten und fühlte die erſten Tropfen des Regens, den der Himmel ſpenden wollte; hurtig führte Trude das ſchon bereit gehaltene Pferd 5* 4* herbei und der Diakonus ſtieg nach einigen Hände⸗ drücken in den Sattel, wobei ihm der Strandvogt ſelbſt den Bügel hielt. Alsbald ſetzte ſich der Schecke in Trab und in wenigen Augenblicken waren Pferd und Reiter unter den Bäumen des Stubnitzwaldes ver⸗ ſchwunden, der bis dicht an Granzow's Gehöft reichte. Dieſer aber, einen kundigen und eben ſo haſtigen Blick nach allen vier Himmelsgegenden werfend, hatte fortan ſeinen Entſchluß gefaßt, den er im Zimmer ohne Zö⸗ gern auszuführen begann, indem er ſeinen Sturmrock aus dem Schranke nahm und die übrigen bei ſolchen Gelegenheiten nothwendigen Utenſilien zur Hand legte. Als Mutter Ilske alle dieſe unverkennbaren Vor⸗ bereitungen ſah, ſchüttelte ſie verwundert den Kopf und ſagte etwas unwillig:„Granzow, was willſt Du denn draußen? Dich treibt ja weder Pflicht noch Drang. Du biſt warm, Mann, von vielem Sprechen und doch bei Gott kein Jüngling mehr, um Dich un⸗ nöthiger Weiſe dem Pfeifen des Sturmwindes preis⸗ zugeben. Bleib bei mir, wir wollen vom Fenſter aus das Unwetter beobachten, dann haben wir Beide Genuß davon.“ „Ilske!“ erwiderte der hurtige Strandvogt, der ſei⸗ nen langzottigen, bis zum Knie reichenden Sturmrock ſchon übergeworfen hatte und eben im Begriff war, — ſich den Regenhut um das Kinn feſtzubinden,„Ilske, wie oft werde ich dergleichen noch von Dir hören und Dir immer dieſelbe Antwort geben müſſen! Ob mich die Pflicht ruft oder der Drang der Umſtände, es iſt immer einerlei und immer Daſſelbe. Ich gehe, wenn es ſtürmt, auf mein Kiekhaus und beobachte das Meer und den Himmel, das thue ich, ſo lange ich nicht blind und taub bin und die Möglichkeit vorliegt, ein Schiff, das in Nöthen iſt, zu retten. So, da haſt Du Deine Predigt und nun adieu, Alte! Gott behüte Dich und du behüte das Haus ich muß auf meinen Poſten. Auf Wiederſehen!“ Ilske ſetzte keinen Widerſtand mehr entgegen, ſie wußte, daß alles Reden bei dem Manne überflüſſig geweſen wäre, dem es zur zweiten Natur geworden war, im ſtürmiſchſten Wetter ſeine Beobachtungen ab⸗ zuhalten. Sie empfing daher einen laut ſchallenden Kuß auf die Wange und dann begleitete ſie ihn bis zur Stubenthür, worauf ſie ſich an das Fenſter ſetzte unnd auch ihrerſeits geneigt ſchien, das Wetter und das Meer zu beobachten, wie es ihr Mann von dem hölzernen Gerüſte zwiſchen den Buchen aus that, das hart an der ſteilen Berglehne lag, an deren Fuße ſich der ſchmale Strand dehnte. Sweites Bupitel. Die Verfolgung. Als der alte Seemann ſeine kleine Warte beſtie⸗ gen und einen raſchen Blick über die ſich allmälig entwickelnden Vorgänge am Himmel und auf der See geworfen hatte, gewahrte er, daß er einen jäh heran⸗ ziehenden Gewitterſturm vor ſich habe, der die Inſel noch nicht mit ſeiner vollen Wucht erreicht hatte, ſon⸗ dern noch einige Meilen ſüdoſtwärts von derſelben entfernt, in voller Wuth daherbrauſte. So war denn der Himmel über und hinter ihm noch ziemlich unge⸗ wie aufgeſcheuchte Tauben nach Weſten und Norden, während am ganzen öſtlichen Horizont ſich eine un⸗ durchdringliche Nebel⸗ und Wolkenwand aufgebaut hatte, die ſich vom Himmel herab bis in die See — * trübt, nur einzelne kleine weiße Wölkchen, als Vor⸗ läufer des gewaltigen Luftſtroms, flatterten angſtvoll — 71 ſenkte und ihren drohenden Sturmeslauf gerade auf das kleine Eiland zu nahm. Obgleich der eigentliche Anprall nun noch meilenweit von der Oſtküſte deſſel⸗ ben entfernt war, ſo war die ganze See, ſo weit ſie vom hochbelegenen Kiekhauſe aus ſichtbar, doch ſchon bis an's Geſtade aufgewühlt und hatte ſich aus ihrer kurz vorher ſo ſanft fließenden Spiegelfläche in eine ſchneeweiße, auf und niederſtürzende Schaumwüſte verwandelt, aus der hie und da, brodelnd und ſpri⸗ tend, ſich eine Springwelle erhob und dabei jenes eigenthümlich ziſchende Getön vernehmen ließ, wodurch die Kraft und das Ungeſtüm des wüthenden Meeres ſich ſchon aus weiter Ferne bemerkbar macht, wenn es in die Phaſe des Aufruhrs getreten iſt. Und wenn der Himmel dieſe dämoniſchen Laute auch noch nicht mit ſeiner tieferen Donnerſtimme begleitete, die über⸗ haupt in dieſen Gegenden ſeltener das rollende Kra⸗ chen hören läßt, als auf dem Feſtlande, ſo gab doch das Meer ſelbſt von Zeit zu Zeit jenes ſeltſame don⸗ nerartige Gebrüll von ſich, das den Uneingeweihten erſchreckt, wenn die Stille der Atmoſphäre in einen DOrkan übergeht oder ein Ungewitter ſich drohend da⸗ herwälzt. Der alte Seemann, der alle dieſe einzelnen Vor⸗ gänge, ſo oft er ſie auch ſchon erlebt, immer wieder ——y ä 72 mit ſteigender Bewunderung betrachtete, weil er zu den Menſchen gehörte, die das Meer und ſeine groß⸗ artigen Erſcheinungen lieben, es alle Tage, faſt in jeder Stunde, neu finden und ſein dämoniſches pro⸗ teusartiges Walten für ewig unbegreiflich halten, der alte Seemann, ſagen wir, ſchauderte bei dieſem An⸗ blicke vor heiligem Entzücken zuſammen, und nicht zum erſten Male wünſchte er ſich an die Stelle der großen Strandmöven, die mit ſchneeweißem Fittig in jäher Haſt dicht über dem kochenden Schaume flatterten, von ſeinen emporgeworfenen Perlen benetzt wurden und mit gierigem Behagen davon zu nippen ſchienen. Zuletzt ſogar, und namentlich als der heulende Wind in bald ſeufzenden und ächzenden, bald brüllenden oder pfeifenden Stößen näher und näher kam und der Nebel ſchon die ganze Küſte der Granitz überzogen hatte, ſo daß kein Land mehr nach irgend einer Rich⸗ tung ſichtbar war, wurde ſeine innere Erregung ſo lebhaft, daß er ihr ſogar in kurzen ſtoßweiſe vorge⸗ brachten Sätzen einen Ausdruck lieh. 16 „So recht!“ ſagte er, indem er ſein Glas mit einem derben Druck beider Hände zuſammen ſchob, da es ihm bei der nebelverhüllten Ferne nichts mehr nützen konnte,„ſo recht, mein Mäuschen! Brumme nur zu, alter Junge, brülle Dich aus wie ein trotzi⸗ ger Bube und zeige, was Du für eine geſunde Lunge haſt. Dein Wiegenlied gefällt mir, alte See, Du weißt es ja, meinen Ohren iſt Dein Gebrüll eine luſtige Muſik, und ich begreife nicht, wie es Men⸗ ſchen geben kann, die ſich davor wie vor etwas Schau⸗ erlichem oder Uebernatürlichem fürchten. Wahrhaftig, iſt das da Alles nicht natürlich genug? Kann der Sturm und das große Waſſer nicht ſo gut ſprechen, wie der Menſch, der Löwe oder der Vogel, der in dem undurchdringlichen Forſte lebt?e— Hui! wie der ſchneeweiße Schaum da unten über die großen Fels⸗ blöcke fegt und die kleinen Gerölle unter ſeiner Wucht tanzen und ſpringen macht— und da— da kommt erſt die ganze ſchöne Sturmesbraut geflogen— ha! das war der erſte Blitz— halloh! jetzt fängt der Himmel an, ſeine gewaltige Stimme mitſprechen zu laſſen— ja, ja, das war einmal ein vernünftiger Donnerſchlag, wie man ihn nicht alle Tage hört— nun werden ſich die grollende See und der zürnende Himmel eine Schlacht liefern, wie es jetzt an der Ta⸗ gesordnung iſt, daß es die Armeen zweier feindlichen Nationen thun, die nicht zufrieden ſind mit Dem, was ihnen Gott der Herr in ihrem eigenen Hauſe ge⸗ geben; nun werden wir ein prächtiges Schauſpiel hier oben haben, es wird luſtig zu ſehen und zu hören 74 ſein, was da unten vorgeht— aber halt, was war das? Das war keine Stimme des Himmels, kein Donner, kein Seegebrüll— das war ein Kanonen⸗ ſchuß— von der Greifswalder Oee her— heda! ſoll⸗ ten Menſchen in Noth ſein da drüben? Das wäre freilich übel, denn man kann ſie nicht ſehen bei dem vertrackten Nebel— da— noch einer— das iſt wahr⸗ haftig ein Schiff, das ſeinen Weg verloren hat und nun eine Ausgangsthür aus ſeiner Noth ſucht.“ Er ſchwieg und horchte mit angehaltenem Athem nach Südoſten hinüber. Es waren in der That zwei Schüſſe abgefeuert, die, mit den Stimmen der käm⸗ pfenden Elemente verglichen, dumpf und beinah ängſt⸗ lich gegen den hohen Inſelſtrand anprallten, dann aber von dem Wogengebrüll übertäubt wurden, ſo daß es zweifelhaft blieb, ob dem zweiten Schuſſe noch ein dritter oder gar mehrere folgten. Als er aber zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Stimme der Men⸗ ſchen auf der See verſtummt war, hob er die Augen prüfend in die Höhe, um die düſteren Nebelgebilde, die jetzt, in einzelne Gruppen und Schichten zerriſſen, ſichtbar über ſeinem Haupte hinflogen, zu betrachten, ob ſie ſich nicht bald theilen und dadurch den Blick in die Ferne frei machen würden. Und in der That, als wäre der Wunſch des Alten zu Gunſten der et⸗ wa gefährdeten Schiffer erhört worden, ſo jagte der heulende Wind, der jetzt wie ein Wettrenner über die Waſſerwogen ſchnaubte, das Gewölk des Himmel aus⸗ einander und hier und da wurde ſchon ein blauer Fleck bemerklich, der ſich bald da, bald dort ſiegreich ausbreitete und endlich lichte Himmelsſtreifen zeigte, unter denen auch die Schaumwogen der See eine lebhaftere Färbung annahmen. „Halloh!“ rief der Alte frohlockend wieder,„der finſtere Vorhang rollt ſich auf und wir werden bald das ganze Schauſpiel vor Augen haben. Aber heda! Was laufen ſie denn da unten zuſammen? Da kön⸗ nen ſie doch noch viel weniger ſehen, als ich hier oben. Halloh!“ Und er ſetzte ſein Sprachrohr an den Mund und ſchmetterte ſeinen Anruf nach dem Strande hinunter, auf dem ſich ſeit kurzer Zeit einige Männer in Sturm⸗ kitteln zeigten, wie der alte Granzow einen trug, und mit großer Spannung auf die See hinauslugten, die unmittelbar vor ihren Augen ſiedete und kochte. Die alſo Angebraieten vernahmen ſogleich den Ruf des Bewohners des Kiekhauſes und verſtanden ihn wohl. Sie wandten die Köpfe nach ihm empor und fochten mit den Armen hin und her, wobei ſie vielleicht auch einige Worte hinaufſchrieen, die aber 76 der Sturmwind auf halbem Wege verſchlang und ent⸗ führte. „So kommt doch herauf zu mir, Ihr Tröpfe!“ donnerte der Strandvogt hinunter,„hier oben iſt's luftiger und friſcher, als dorten. Heda, Ihr Männer, alle herauf!“ Die Fiſcher und Lootſen, die ſich am Strande verſammelt, hatten kaum dieſe Einladung vernommen, ſo beeilten ſie ſich, ihr zu entſprechen, und wenige Minuten ſpäter hatte die kleine Warte ſo viel Män⸗ ner zu tragen, als ſie faſſen konnte, während zwei andere überzählige auf der Raſenbank unter ihr Platz nahmen und mit ihren ſchweren Stiefeln unbarmher⸗ zig das junge Gras zertraten, das Mutter Isske’s ganze Freude war. Mehr als ein Dutzend guter Augen, von denen einige noch dazu mit einem Glaſe bewaffnet waren, ſtrengten ſich jetzt gemeinſchaftlich an, den Nebel zu durchdringen, der über das ſchäumende Meer nach allen Seiten, vorzüglich aber nach Südoſt, der Er⸗ zeugungsſtätte deſſelben, gebreitet war, und das Schiff u erſpähen, welches jene beiden Schüſſe, die ohne Zweifel Nothſchüſſe geweſen, abgefeuert hatte. Allein 3 es ſollte noch eine geraume Zeit verſtreichen, bis ihr ſcharfes Ausſchauen ein Ziel und ihre zahlloſen Ver⸗ 77 muthungen eine Beſtätigung fanden. Endlich aber ſollte ihre Geduld belohnt werden, denn das Unwet⸗ ter zog eben ſo raſch vorüber, wie es heraufgeſtiegen, nur der Sturmwind, deſſen Wuth ſo leicht nicht zu beſchwichtigen war, ſchien ſein Ungeſtüm ſogar noch zu ſteigern und blies anhaltend in der Richtung von Südoſt nach Nordweſt fort. Dieſer Wind jedoch trug wahrſcheinlich am meiſten dazu bei, das Gewölk des Himmels zu theilen, den Nebel zu verjagen und die dicke Atmoſphäre von Land und See fürs Auge durchdringbar zu geſtalten. Zuerſt aber wurden die düſteren Wolken im Süden zerriſſen, die über der Halbinſel Mönchgut ſchwebten, und das Vorgebirge Peerd trat undeutlich aus ſeiner dunſtigen Umhüllung hervor; dann tauchten die dunkelgeſtalteten Wälder der Granitz auf und endlich zeigte ſich in ſchön ge⸗ ſchwungenem Bogen die Küſte der ſchmalen Haide, ſo daß man von Secunde zu Secunde einen Blick wei⸗ ter oſt⸗ und ſüdwärts werfen und die in dieſer Rich⸗ tung auftauchenden Gegenſtände ziemlich klar unter⸗ ſcheiden konnte. So hatte ſich allmälig der halbe Horizont, der den auf der Höhe bei Saſſenitz verſam⸗ melten Männern zur Rechten lag, entſchleiert, ein ſpielender Sonnenblitz fuhr plötzlich über die aufgerege ten Gewäſſer und beleuchtete auf dieſe Wei 78 Schauſpiel, welches bei dem mit einem ziſchenden Schaumwirbel bedeckten gewaltigen Waſſerbecken von großartiger und unbeſchreiblicher Schönheit war. In demſelben Augenblicke nun, wie der eben er⸗ wähnte Sonnenblitz durch die Wolkenſpalte hernieder⸗ ſchoß, riefen alle Stimmen der Seeleute wie eine ein⸗ zige daſſelbe Wort aus:„Da iſt es!“ und in der That gewahrte man ein bald hoch auf den Wogen⸗ bergen ſchwebendes, bald wieder tief in die weiten Schlünde geriſſenes Schiff in der Richtung der Greifs⸗ walder Oee, was auch mit dem Klange des Lärm⸗ oder Nothſchuſſes übereinſtimmte, der aus jener Ge⸗ gend an die Küſte gedrungen war. Der Grund, war⸗ um man es ſo ſpät und erſt in jenem Strahle der Sonne erblickte, mochte wohl mit darin liegen, daß es faſt alle ſeine Segel geborgen hatte, um bei dem herrſchenden Südoſtwinde, einem der gefährlichſten an der Rügen'ſchen Oſtküſte, nicht mit raſender Gewalt dem Strande zugetrieben zu werden. Demgemäß nahm man auch an, daß es jene Schüſſe abgefeuert habe, weil es ſich in Gefahr glaube und nun damit einen Lootſen an Bord verlange, um irgend wo ſicher an⸗ laufen oder eine Richtung einſchlagen zu können, die on der gefahrdrohenden Inſel abſeits führe. llein nur ſehr kurze Zeit blieb dieſe Vorausſe⸗ tzung unter den Seeleuten vorherrſchend, denn bald nahmen ſie wahr, daß jene Schüſſe wohl keine Noth⸗ ſchüſſe geweſen, vielmehr einen ganz anderen Zweck im Auge gehabt hatten, und zwar einen Zweck, den wir jetzt ſelbſt zu enthüllen beabſichtigen. „Da iſt es!“ riefen alſo die Lootſen ſich unter einander zu und gleich darauf tauſchte man ſeine Mei⸗ nung über die Landsmannſchaft des bedrohten Schif⸗ fes aus. 3 „Nun, Herr Vogt,“ brummte ein etwa vierzig Jahre alter Lootſe von rieſigem Wuchſe und mit athletiſchen Armen, die er unaufhörlich im Winde hin und her⸗ 1 ſchwenkte,„könnt Ihr uns ſagen, was das für ein Landsmann iſt, der da auf und ab ſtampft wie der Stier in der Tretmühle, und dem gewiß ſchlimmer zu Muthe iſt, als uns, die wir ſicheren Ankergrund unter unſern Füßen haben?“ Der Vogt hielt noch immer ſein Glas vor den Augen und ſchaute unverwandt auf das höchſt inter⸗ eſſante Schauſpiel hin.„Hm!“ ſagte er langſam, „wenn es denkbar wäre, daß ein einzelner Engländer ſich ſo weit verlaufen— und wenn er die Lootſen⸗ flagge herausbrächte, ja, dann würde ich rathen, ſo raſch wie möglich in die Boote zu ſpringen und ihm entgegen zu kreuzen— aber—“ „Nein, nein, es iſt kein Engländer!“ ſchrie ein etwas jüngerer Lootſe,„eben ſo wenig, wie er den uns geltenden Lappen zeigt. Mein neues Boot zum Pfande, es iſt— hol mich der Teufel!— ein Fran⸗ zoſe, der ſich verfahren hat und nun zur gerechten Strafe Spießruthen laufen muß. Lauf zu, lauf zu, Burſche, und geräthſt Du auf den Grund, dann wird wohl unſre Inſel noch hart genug ſein, Dir Deinen vorwitzigen Schädel einzuſtoßen!“ „Der Narr der!“ ſchrie der alte Granzow mit ko⸗ miſchem Eifer.„Warum zeigt er ſein Geſicht nicht, damit wir ihm helfen— ich werde gar nicht klug aus ihm— ſeht mal, er geht gerade auf das Peerd los, das er in ſeiner Allerweltsweisheit für einen Sicher⸗ heitshafen hält, und ehe wir hinüberkommen, ge⸗ gen den Wind an, ſitzt er feſt und hat mit dem See⸗ grunde und den Geröllſteinen, die ſchon auf ihn lau⸗ ern, Bekanntſchaft gemacht.“ „Halloh! Nein— was iſt das? Er will gar kei⸗ nen Lootſen, ſo wahr mir Gott beiſtehe! Seht, ſeht, da iſt ein kleines Boot dicht vor dem Peerd— da, jetzt kommt's in den Sonnenſtrahl— das verfolgt er und treibt es wie ein blutgieriger Hetzhund zu Lande— halloh, Kerle, das iſt eine Jagd, jetzt rieche ich den Braten.“ 81 Allgemeines Stillſchweigen war auf dieſen Aus⸗ ſpruch gefolgt, wodurch man genügend bewies, daß man der letzten Muthmaßung ſeinen vollen Beifall ſchenke, denn es war nur zu klar, daß das kleine Boot, welches mit unerhörter Kühnheit bei dem ſtar⸗ ken Sturme unter einem tiefſtehenden Ewerſegel dem Lande zuſchoß, von dem großen Schiffe verfolgt wurde, welches, da es ſich bei dem herrſchenden Winde dem Lande nicht allzu ſehr nähern durfte, durch ſeine Schüſſe die Aufmerkſamkeit der am Lande befindlichen Mann⸗ ſchaften erregen wollte, damit dieſe den Flüchtling, ſobald er gelandet, feſthielten, eine Muthmaßung, die zu beſtätigen ſchien, daß das jagende Schiff ein Fran⸗ zoſe und das gejagte ein demſelben feindliches, alſo wahrſcheinlich deutſches oder ſchwediſches Fahrzeug ſei. Da ſich letztere Annahme augenblicklich unter den vor dem Kiekhauſe verſammelten Lootſen geltend machte, ſo blieben ſie unbeweglich auf ihrem Poſten ſtehen, der ihnen die Ueberſicht des ganzen Schauſpiels außer⸗ ordentlich erleichterte, zumal ſie unter dieſen Umſtän⸗ den nicht einmal daran denken durften, irgend einem der beiden Schiffe beizuſpringen, bevor ſie nicht das Zeichen der Lootſenforderung von Seiten des großen Schiffs dazu zwingen würde. „Halloh!“ rief plötzlich der alte Granzow. Der Strandvogt. I. „Da 82 ſchießt er wieder— er will damit weiter nichts als Lärm am Lande machen— es iſt wahrhaftig ein Fran⸗ zoſe, der einen Schweden jagt. Na, wenn der nicht vorſichtig iſt und nicht weiß, daß eine franzöſiſche Strandwache auf Peerd liegt, ſo iſt er geliefert. Aber was iſt das? Der große Herr iſt ſelbſt in Verlegen⸗ heit— der Wind iſt ihm zu ſtark geworden und er kommt dem Lande zu nahe— ſeht, ſeht, er fällt ab — ſein dichtgereeftes Marsſegel flattert ſchon— er ſetzt das Beſahnſegel bei— da, jetzt iſt er ſo weit, er braßt ſeine Raaen in's Vierkant und holt beide Fockſchoten nach hinten—“ „Bravo! Bravo!“ ſchrieen die Lootſen,„er hat's gewonnen, gut gelenſſt— ob Franzoſe oder nicht, das war ein wacker Manöver und nun geht er mit gu⸗ tem halben Winde nach Norden!“ „Noch nicht!“ rief der alte Granzow.„Er paßt noch immer dem Kleinen aufs Leder— baff! da ſchickt er ihm eine Kugel zu— aber Wetter noch ein⸗ mal— der kleine Kerl hat Courage im Leibe— ſeht, er hat ſeinen Schnabel auch vom Lande abgedreht, das Peerd ſcheint ihm nicht geheuer oder er hat die Franzoſen gewittert, und nun ſtreicht er mit vollem Winde am Lande entlang, ebenfalls nach Norden. v gemacht, mein Junge, der Große kann Dir nicht 83 ſo nahe an das Ufer nach, und ſeine Kugeln, wenn er Dir welche ſchickt, tanzen bei dem Winde hoch über Deinen niedrigen Bord fort.“ Wie der Alte es ſagte, ſo geſchah es. Als der kühne Schiffer, der mit dem Ewerſegel fuhr, dem Lande auf einige hundert Faden nahe gekommen war, warf er ſein Steuer herum und fuhr unter der Naſe des großen Schiffs, das man jetzt für eine anſehn⸗ liche Corvette erkannte, nach Norden, ſtrich aber ſo nahe am Strande entlang, daß ſein Verfolger ihm unmöglich nahe kommen und nur noch ſeine Vorder⸗ deckkanonen gegen ihn gebrauchen konnte, wenn er etwa die Abſicht hatte, den Flüchtling in den Grund zu bohren, was aber bei dem wild tanzenden Gange des Schiffs und dem heftigen Sturm ein unſicheres Unternehmen war. So ſchoß denn das kleine Boot, das man nach und nach für einen kleinen Logger er⸗ kannte, unter ſeinem geſchickt geführten Segel mit raſender Geſchwindigkeit durch die Wellen, wandte ſich, als es die Corvette überholt, wieder dem offenen Meere zu und nahm ſeine Richtung nach den Kreide⸗ felſen Jasmund's, indem es in ſeinem Laufe unge⸗ fähr die Sehne des Bogens beſchrieb, den die Küſten deer Prorer Wiek bildeten. Auf dieſe Weiſe kam es den Lootſen auf dem Kiekhauſe noch näher zu Geſicht, 6* A 84 ſo daß die von dort darauf gerichteten Gläſer es leicht beſtreichen konnten, obgleich ſein bald aufſteigender, bald niederſinkender Bord den Ausguck auf einen ſo kleinen Punkt außerordentlich erſchwerte. Viel langſamer aber und trotz ſeiner vielen Se⸗ gel und ſeiner auserwählten Mannſchaft, welch' er⸗ ſteren der ſtarke Wind und die nahe Küſte keine ge⸗ nügende Anwendung geſtattete, ſchoß die Corvette, ſich mehr auf das offene Meer hinaus haltend, hin⸗ terdrein, von Zeit zu Zeit eine Kanone löſend, deren Kugel auf dem Waſſer tanzte, aber den Logger eben ſo wenig berührte, wie der Steuerer deſſelben ſich um dieſe ernſtliche Drohung zu kümmern ſchien. So waren denn die beiden Schiffe, der Logger weit vorauf, ungefähr dem Kiekhauſe gerade gegen⸗ über angekommen, als ſich der Himmel wieder mit düſteren Wolken bedeckte, die Sonne für dieſen Tag von der Inſel Abſchied nahm und der Abend mit ſeinen dunklen Fittigen merklich ſchnell hereinſank. Sprachlos vor Aufregung ſtanden die Männer oben auf der Warte des Kiekhauſes. Allen klopfte das Herz beim Anblick des eben geſchilderten Vorganges, und keiner war unter ihnen, der dem Flüchtlinge, von dem man weder wußle, wer er war noch was er ver⸗ 85 brochen, die glückliche Vollführung ſeines kühnen Un⸗ ternehmens nicht gegönnt hätte. Endlich aber ſprach der alte Granzow zuerſt wie⸗ der, indem er tief Athem holend ſagte:„Ich gäbe was Großes dafür, wenn ich wüßte, was für ein Lands⸗ mann das Schiff dahinten, und wer der kühne Burſche i*ſt, der ſo ungeſtüm wie ſicher da hinauf nach Jas⸗ mund ſteuert.— Hol' mich der Geier, ſeh' ich recht? Leute, ſchaut, ſchaut, jetzt zieht der Dreimaſter ſeine Flagge auf— ha! es iſt ein Däne, ſo wahr ich lebe, ein verrätheriſcher Däne, der es mit den Franzoſen hält, und nun können wir darauf ſchwören, daß das gejagte Schiff einen Schweden oder Deutſchen beher⸗ bergt. Halloh, Jungens, vor den Dänen fürchte ich mich nicht und er kann uns bei dieſem Sturme nichts anhaben— wer es ehrlich meint, der folge mir; ich muß ein Stück auf die See hinaus, ehe die Nacht hernieder ſinkt, und ſehen, wie dieſe Jagd endet.“ Kaum hatte er es geſagt, ſo ſchob er ſein Glas zuſammen, ließ es an dem Riemen, den er um den Hals geſchlungen, fliegen, ergriff ſein Sprachrohr mit feſter Hand und wandte ſich nach ſeinem Hauſe, von allen Uebrigen gefolgt, die gleich ihm vor Verlangen brannten, den Ausgang der geheimnißvollen Verfol⸗ gung von der See aus zu beobachten. In vollem Laufe ſprangen ſie die Schlucht hinab, durchrannten das Dorf, das alle ſeine Inſaſſen dem Strande zuge⸗ ſandt, und kamen unten bei ihren Booten an, als eben die Corvette in gerader Linie vor ihnen ſtand und bei jetzt günſtigerem Winde unter halben Mars⸗ ſegeln dem Flüchtlinge nachſetzte, der bereits einen gro⸗ ßen Vorſprung gewonnen hatte. Das Schauſpiel, welches das Meer unmittelbar am Strande dem Vogt und ſeinen Gefährten bot, war ein ganz anderes, als ſie bisher von der Höhe aus wahrgenommen. Man hatte nicht mehr den frei⸗ en, vollkommenen Ueberblick über das unermeßliche Ganze, aber man war dem Sturme und Wogendrange näher und unmittelbar ſelbſt in den Aufruhr der Ele⸗ mente verſetzt. Die aufgeregten Wellen rollten un⸗ gehindert auf den etwa acht bis zehn Fuß breiten Strand, nagten den Lehmſand der Hügelkette ab und ſpielten mit den kleinen Geröllſteinen, während die großen, die eine Strecke in die See hinaus lagen, bald unter den rollenden Waſſerbergen verſchwanden, bald wieder emportauchten, wenn die Brandung dar⸗ über weggeſchlagen war. Dabei verurſachten die kleinen Gerölle ein ganz eigenthümliches Geräuſch, welches man oft mit Recht die Muſik der Steine genannt hat, indem ſie, wenn die Brandung ſie überſpült und em⸗ 1 4 87 porgehoben hatte, beim Rücktritt derſelben kniſternd zu⸗ ſammenſchlagen, welcher Reibung, Jahrhunderte lang in jedem Sturmwetter wiederholt, ſie jene gefällige und abgerundete Geſtalt verdanken, die den bei ruhi⸗ gem Wetter auf ihnen umherwandelnden Strandbe⸗ ſucher veranlaßt, ſie zu bewundern und wo möglich zur Erinnerung an Rügen zu ſammeln. Die Bewohner von Saſſenitz aber, die an die Er⸗ ſcheinungen der See, an das Gelärm der Wogen und das Gebrüll des Sturmes gewöhnt waren, achteten nicht auf dieſe ſphärenartige Muſik; ſie alle vielmehr, die an dieſem Tage haufenweiſe am Strande verſam⸗ melt waren, hatten nur Augen und Ohren für die Vorgänge auf der See, die ihnen namentlich in den damaligen Kriegszeiten von ungleich größerer Bedeu⸗ tung ſchienen, als die alltäglichen Erſcheinungen, die Wind und Waſſerwogen hervorriefen. Durch den Hau⸗ fen wimmelnder und ſchreiender Menſchen, unter de⸗ nen Weiber und Kinder am reichlichſten vertreten wa⸗ ren, drängte ſich jetzt der Strandvogt mit ſeinen Ge⸗ fährten, und bald hatten ſie die Brandung erreicht, durch die ſie unverzagt mit ihren Waſſerſtiefeln wate⸗ ten, bis ſie eins der etwas vom Strande entfernt lie⸗ genden Lootſenboote erreichten, in das ſie haſtig klet⸗ terten, den Acker hoben und, wie auf Commando, ſich 88 mit Löſung des Luggerſegels befaßten. Es war ein feſtgefügtes und großes Boot, welches ſie zu ihrem Vorhaben auswählten, und wenige Minuten reichten hin, es zu ſeiner gefährlichen Fahrt fertig zu machen. Als das Segel aus ſeinen Reefen gelöſt war, braßten ſie es ſcharf beim Winde auf, drehten das Steuer und augenblicklich richtete ſich der Schnabel des Fahr⸗ zeugs den Waſſerbergen entgegen, um mit ihnen den oft beſtandenen Kampf von Neuem zu verſuchen. Kein Wort wurde dabei von den kühnen Männern geſpro⸗ chen, jeder wußte, was er zu thun hatte, und ſo ſaßen ſie, als die nächſte Arbeit gethan war, ſtill auf ihren Plätzen, die düſter glimmenden Augen ſeewärts auf das große Schiff gerichtet, das ſeinen Lauf ohne Aufent⸗ halt nach Norden verfolgte. Etwa eine Viertelſtunde lang ſchoß ſo das Lootſenboot beinahe im Fahrwaſ⸗ ſer der Corvette dahin, ſo daß bald das Ufer hinter ihnen weit zurücktrat, aber ungehindert und unver⸗ zagt ſetzten ſie, bergauf und bergab geſchleudert, ihre gefährliche Bahn durch die pfadloſe Waſſerwüſte fort. So ſahen ſie nicht, wie das Ufer zu ihrer Linken ſich immer höher erhob, wie die majeſtätiſchen Kreide⸗ felſen des ſchönen Jasmunder Strandes, vom däm⸗ mernden Abendlichte phantaſtiſch beleuchtet, an ihrer Seite auftauchten und ein ſchöner Punkt nach dem an⸗ 89 dern hinter ihnen zurückblieb. Da aber wurde ihre Fahrt unerwartet von dem däniſchen Schiffe her un⸗ terbrochen, während zugleich die Nebelwolken, die all⸗ mälig in die Höhe geſtiegen waren, ſich in leiſen Re⸗ gen auflöſten, der bald darauf in immer größeren Tropfen herniederrieſelte. Bereits hatten die Männer vom Strande das grüne Waldufer gleich nordwärts von Saſſenitz, den Kalkhof, den gewaltigen weißen Kreidewürfel, genannt der Sattel auf dem Hengſt, den weißgrauen Wiſcho⸗ wer Ort, die Wiſchower Klinken, die Mündung des Tipperbachs, den Fahrnitzer Fall und das Fahrnitzer Loch, die Kieler Ufer und andere mehr hinter ſich ge⸗ laſſen und eben die großartige Kreideformation, die man den Kolliker⸗Ort nennt, erreicht, wo der rie⸗ ſelnde Kolliker Bach aus ſeiner düſteren Waldſchlucht ſich in die ſchäumende See ergießt, als ſie ein ſchar⸗ fer Schuß aus einer der Hinterdeckkanonen des däni⸗ ſchen Schiffes vorſichtiger machte und wider Willen zwang, dem ufer näher zu halten, um den unhöfli⸗ chen Begrüßungen des feindlichen Nachbars zu ent⸗ gehen. „Da haben wir die Beſcheerung— halte ab auf den Kolliker⸗„Bach, Pieſing!“ ſchrie der alte Granzow dam athletiſchen noiſen. am Steuer zu,„der Herr 90 dort beliebt, ein verſtändliches Wort mit uns zu ſpre⸗ chen. Hoho, ſachte, Kamerad, nur kein zu krauſes Geſicht gemacht!— da tanzt die Kugel weit hinüber und ſtößt ſich die Naſe am Kreidefelſen ein— hui, wie die Spliter fliegen— hört Ihr ſie?“ „Ja, ja,“ murmelten die Lootſen und ballten in finſterem Grimm die Fäuſte gegen den franzöſiſch ge⸗ ſinnten Dänen. „Nur nicht ängſtlich,“ ſagte nach einer Weile ein alter Lootſe, der dem Steurer zunächſt ſaß und ſich gemüthlich ſeine Pfeife angezündet hatte,„er wird uns nicht ernſtlich zu Leibe gehen wollen, da er ſelbſt für ſich genug zu ſorgen hat und überdieß nicht weiß, ob wir ihm nicht zu Hülfe kommen wollen.“ „Falſch geloggt, Gingſt!“ erwiderte der Strand⸗ vogt.„Der Däne bedankt ſich für unſre Hülfe und weiß aus Inſtinct, daß wir ſie ihm nicht aufdrängen. Er iſt Mann genug, ſich allein Reſpect zu verſchaffen. Aber ſchaut da— wo will der Burſche in der Nuß⸗ ſchaale da vorne hin? Er hat ſein Steuer gedreht und hält wahrhaftig gerade auf Stubbenkammer ab. Das iſt entweder ein Unwiſſender, der die Gefahren nicht kennt, die ihm zwiſchen den großen Geröllen drohen, oder ein Verzweifelter, der ſich den Elementen in die Arme ſtürzt, um den erbarmungsloſen Menſchen zu entft ie hen.“ ) 7 91 „Ich glaube, er iſt keins von Beidem,“ ſchrie der rieſige Pieſing mit ſeiner Sentorſtimme,„der Burſche ſegelt mir zu geſchickt und ſicher auf dem Schaume einher, als daß ich ihn für unwiſſend oder gar für verzweifelt halten ſollte. Es iſt Methode in ſeinen Manövern, weiß es Gott, ich habe ſchon lange Re⸗ ſpect vor ihm. Schon daß er es wagt, bei ſolchem Wetter allein ein Schiff durch dieſes Meer zu ſteu⸗ ern, beweiſt Euch, daß er ein kühner Mann und ein Meiſter auf dem Waſſer iſt. Der iſt das Kind eines Schwans und auf dem naſſen Element geboren, ver⸗ laßt Euch darauf! Auch kennt er die Küſte hier ſo genau, wie nur ein Landeskind ſie kennen kann. Er ſteuert mit Bedacht dem einzigen Landungsplatze zu, der ſich ihm in dieſer Gegend bietet, denn lange hält er es auf dem Waſſer doch nicht aus, der Däne ſchießt immer näher heran und bohrt ihn, ſobald er ihn ſicher hat, ohne Gnade und Barmherzigkeit in den Grund.“ „Na, wenn das iſt,“ ſagte der Lootſe Gingſt, „dann kommt er bei Stubbenkammer erſt recht an den unrechten Mann. Dort oben halten die Franzoſen Wache und ſchauen gewiß ſchon lange die Jagd mit an, ſwie wir vorher von dem K doſefe aus. Kommt üſſen den Danebrog, der dn zum Winke auf⸗ 92 geſteckt iſt, ſchon längſt hinter ihm her flattern geſehn haben.“ „Hoho! Sie haben ihn noch nicht!“ rief Pieſing. „Wenn er nur halb ſo gut das Land kennt, wie die See, ſo ſollte es den fremden Herren ſchwer werden, einen kühnen Mann in den Schluchten der Stubben⸗ kammer oder den Wäldern der Stubnitz zu greifen.“ Während dieſes Geſprächs hatte der alte Granzow geſchwiegen und mit brennendem Auge das kleine Fahrzeug und die kühnen Manöver des daſſelbe Steu⸗ ernden verfolgt. Plötzlich erhob er ſich in dem auf und niederſteigenden Boote, hielt ſich an den Wanten des kurzen Maſtes feſt und ſchaute ſcharf nach Stub⸗ benkammer hinüber, dem die Fahrenden jetzt allmälig näher kamen. „Halt, Jungen,“ rief er,„was wollen wir noch weiter unnütz in's Blaue jagen! Helfen können wir ihm nicht und er kümmert ſich nicht mehr um uns als wir uns um den Dänen— da, da, er läuft wahr⸗ haftig mit ſeinem Logger in die einzige fahrbare Straße ein— ſeht, er hat den Waſchſtein erreicht— der Logger dreht ſich, das Segel ſinkt— bah! er ſpringt auf den Stein— er watet durch das Waſe ſer— er hat das Ufer erreicht— es f ein roßer Mann, ich habe ſeine Geſtalt geſehen. — 93 „Warum nicht gar! Ihr ſeht wohl auch die Knöpfe an ſeiner Jacke, Granzow? Wie wollt Ihr im Abend⸗ dunkel erkennen, daß er groß iſt? Mann, Mann— doch ja, Ihr habt Recht, groß iſt Einer, der ſo kühn und geſchickt iſt, und darum ſollt Ihr für heute Recht haben!— Nun aber rückwärts, Ihr Männer, wir haben conträren Wind und ſind vor Nacht nicht zu Hauſe. Was wir mit Augen geſehn abgerechnet, haben wir eben kein glänzendes Geſchäft gemacht.“ „Du mußt auch noch die Ehre mit in Anſchlag bringen, Pieſing, von den Dänen angedonnert und nicht getroffen zu ſein—“ „He, ſchaut, bei'm Teufel! Das Boot läßt der Flüchtling den Wellen zum Raube, er bekümmert ſich nicht mehr darum, als ob es eine taube Nuß wäre.“ „Freilich, freilich, aber der Däne läßt es nicht im Stich— ſeht, er läßt ein Boot herab, der Geiz⸗ hals— da ſchwebt es ſchon auf dem Waſſer— ha, das charakteriſirt die große Nation— kapern, kapern, das iſt ihr Handwerk und mit einem Großen im Bunde eine Nation nach der andern in den Dreck zu treten!“ Vorwärts, Leute, nicht geſchwatzt! Wir müſſen halſen— herum mit dem Segel— aufgepaßt! Sol“ 4 Pieſing, und wenige Minuten genügten, um das 94 Manöver auszuführen, das auf dem mit nur einem Segel fahrenden Boote nicht ſchwer war, und nicht lange dauerte es, ſo lavirte es gegen den Südwind, der indeſſen von dem Augenblick an, wo der Nebel ſich in Regen verwandelt, bedeutend an Heftigkeit nachge⸗ laſſen hatte. So war denn die Mühe der Lootſen, Saſſenitz zu erreichen, bei Weitem weniger groß, als man ſich vorgeſtellt, noch weniger aber war an eine Gefahr zu denken, die, wenn ſie wirklich vorhanden geweſen wäre, das Herz keines von allen den Män⸗ nern erſchüttert haben würde, die theils aus Neugierde, theils in der Hoffnung, einem Unbekannten ſich nütz⸗ lich zu erweiſen, die ſpäte Waſſerreiſe unternommen hatten. Während ſie nun aber ihren Lauf ſüdlich ihrem Heimatdorfe entgegen einſchlugen, ſetzte die däniſche Corvette, nachdem ſie das leere Boot des geretteten Flüchtlings in Beſitz genommen, bei ruhiger gewor⸗ denem Winde mehr Segel bei, um ihren einſamen Pfad nach Norden zu verfolgen, ohne Zweifel nicht ſehr erbaut von dem ſchlechten Erfolge, den ihre Jagd auf ein ſo winziges Boot an dieſem Tage gehabt hatte. Vielleicht indeſſen hegten ſie die Abſicht, an irgend einer Stelle der Inſel zu landen und den ent⸗ ſprungenen Flüchtling am Lande verfolgen zu ſſen, 95 was ſie augenblicklich aus dem einzigen Grunde nicht thaten, weil ſie glaubten, ſie hätten die auf Rügen befindlichen Franzoſen hinreichend von ihrer Willens⸗ meinung in Kenntniß geſetzt und dieſe möchten nun das Ihrige thun, ſich des Flüchtlings zu bemächtigen, was ja keine ſo ſchwere Sache ſein konnte, da ſie Leute genug hatten, um einen einzelnen Mann zu umſtellen und ihm den Ausweg nach dem Feſtlande abzuſchneiden. Drittes Anpitel. Der Flüchtling. Wenden wir unſere Betrachtung jetzt der Stub⸗ nitz zu, jenem herrlichen vielbeſprochenen Walde, der ſich, auf der ganzen Nordoſtküſte Jasmund’s, bis hart an den Strand reichend, anderthalb Meilen lang, eine halbe breit und von vier Stunden Umfang, erhebt und eigentlich ein Chaos von Hügeln und Schluchten bildet, durch welche viele kleine Bäche dem Meere zuſtreben. Hehr und dicht iſt dieſer ganze Landſtrich mit ſtrotzigen Buchen bewachſen, die durch zahlloſe Stürme gekräftigt ſind und im ſteten Genu ſſe der friſchen Seeluft eine Fülle und Mächtigkeit erlangt haben, wie man ſie nur auf wenigen aiſenrunidn des baltiſchen Meeres findet. Verdichtet wird die Wald und an manchen Stellen faſt undurchdrit 3 gemacht durch ein üppig wucherndes Unterhulz, na mentlich an ſeinen Rändern; ſein charakteriſtiſches Gepräge aber erhält er durch den bewunderungswür⸗ dig reichen und in allen möglichen Abſtufungen von Grün ſchillernden Teppich, der ſich unter den ſtämmi⸗ gen, gleich Säulen eines unermeßlichen Tempels ra⸗ genden, Waldbäumen ausbreitet und faſt ewig beſchat⸗ tet wird von einem Laubdache, deſſen Blätterfülle und Ueppigkeit vergeblich ihres Gleichen auf unſerm Erd⸗ theile ſucht. Dieſer Teppich, über den der Fuß des Wanderers ſanft dahintritt, ohne das geringſte Geräuſch hören zu laſſen, und der aus verſchiedenen Arten der herrlichſten Mooſe beſteht, zwiſchen welche hie und da prachtvolle Farnkräuter, kleine Büſche und buntfarbige Pilze ein⸗ geſtreut ſind, bildet ein wahres Moospolſter von nie geſehener Dicke und Dichtigkeit, und bekleidet nicht allein den Boden und den Fuß der Baumſtämme, ſondern überzieht auch die großen Geröllblöcke, die reichlich durch die ganze Stubnitz verſtreut ſind, wo⸗ durch er ihnen das Anſehen alter überwucherter Grab⸗ hügel verleiht, was, wie Boll ſo ſchön ſagt, den ernſten Eindruck, den dieſer ſtille, einſame und majeſtätiſche Wald an ſich ſchon macht, noch weſentlich erhöht. Um nun aber auch eine angenehme Abwechſelung in dieſen düſteren Schatten zu gewähren, ziehen ſich Der Strandvogt. I. 98 1¹ friſch grünende Erlen in reichlicher Fülle in dem In⸗ nern der vielen Schluchten fort, die, wie ſchon er⸗ wähnt, leiſe murmelnde Bäche durchrieſeln, zwiſchen denen ſich ein prächtiger Blumenkranz von Vergiß⸗ meinnichts, Anemonen und Maiblümchen ausbreitet; in manchen dieſer Schluchten aber wuchert das Un⸗ terholz, die mannigfaltigſten Gebüſche, das Moos, die Blumen in einer ſolchen Fülle, daß das Durchſtreifen derſelben unmöglich wird und auf dieſe Weiſe ſich Schlupfwinkel erzeugen, die zu erforſchen einem Frem⸗ den ſehr ſchwer fallen dürfte. Belebt wird dieſe herrliche Waldgegend durch große Heerden des edelſten Hochwildes, das in ziemlicher Traulichkeit in der Nähe des Wanderers weidet; durch die Lüfte rauſchen oft mit ſchwerem Flügelſchlage rie⸗ ſige Seeadler, die nicht ſelten mit den Bewohnern des Dickichts, den Steinadlern, in Kampf gerathen, und unzähliches Geflügel allerlei Art, welches einem rüſtigen Jägersmanne die reichlichſte Beute bietet. Eine Zugabe aber iſt der Stubnitz noch zu Theil geworden, die die urſprünglichen Schatten derſelben noch geheimnißvoller und räthſelhafter macht und ihr damit das ernſteſte und feierlichſte Gepräge aufdrückt das ein ſolcher Wald nut tragen kann. Wit 4 die in ihr aufgehäuften zahlreichen und oft 99 loſſalen Verhältniſſen zeugenden geſchichtlichen Denk⸗ mäler und Grabſtätten, die aus einer noch unergrün⸗ deten Zeit herrühren und Geheimniſſe verſchleiern, die bis jetzt noch kein Alterthumsforſcher zweifellos auf⸗ geklärt hat. Daß ſie aus ſlaviſchen Zeiten ſtammen, nimmt man jetzt als ausgemacht an, wozu ſie aber gedient haben, was man mit ihrer Erbauung bezweckt hat, iſt oft nicht zu durchſchauen. So begegnen wir an den verſchiedenſten Stellen jenen vielgenannten Opferſteinen, an denen das Auge des romantiſchen Wandrers faſt nie die ſogenannte Blutrinne vermißt, faſt noch häufiger aber den ſeltſamen Kegelgräbern, die oft einen außerordentlichen Umfang und eine unge⸗ wöhnliche Höhe haben, ſo daß man von ihren Gipfeln aus die prachtvollſten Fernſichten über die Stubnitz, das Meer und ſeine fernen Begränzungen gewinnt. Dieſe alten Denkmäler einer lange vergangenen Zeit, namentlich die Grabſtätten, waren in den Ta⸗ gen, von denen wir hier ſprechen, vorzugsweiſe dem feindlichen Vandalismus der occupirenden franzöſiſchen DSoldate ausgeſetzt; man grub mit ſcheuer Haſt in . die alte erwitterte Erde, wühlte tief in den heiligen Bode hinein, um vermuthete Schätze zu finden, und man ſich ſtets getäuſcht fand, verwüſtete man oft zur nneentt genn viele Stätten, die allein der Erin⸗ 7 100 nerung einer grauen Vorzeit gewidmet ſein ſollten. Manche von ihnen jedoch wagte ſelbſt der tollkühne Sinn der Franzoſen nicht anzurühren, ſie waren und blieben ihnen unheimlich, weil ſich an ſie die bald vernommene Sage von Spuk und Geſpenſtern knüpfte, mit denen ſie in Berührung zu gerathen eine unüber⸗ windliche Scheu zeigten, und ſo verſchonten ſie oft aus Furcht, was ſie aus Habſucht gern verſtümmelt hätten. 3 Mögen dieſe allgemeinen Umriſſe dem Leſer, der die Stubnitz noch nicht geſehen hat, genügen und kehren wir jetzt zu unſrer unterbrochenen Erzählung zurück. Einer der am häufigſten beſuchten Punkte in dem eben bezeichneten Walde iſt der Hextha⸗ oder ſchwarze See mit ſeiner mild romantiſchen Umgebung in der Nähe von Stubbenkammer. Wer hat nicht ſchon von dieſem berühmten Herthaſee gehört, in deſſen Nähe der Herthadienſt gefeiert wurde, dem von übermüthi⸗ gen Prieſtern alljährlich Menſchenopfer dargebracht worden ſein ſollen? In Wahrheit, der Ort ſelbſt iſt ganz dazu angethan, ein gewiſſes Myſterium in grauer Vorzeit vorausſetzen zu laſſen, und wer empfänglichen Geiſtes für übernatürliche Begebniſſe iſt, wer weichen Herzens den Schauern der Natur unterliegt, der kann ⸗* ſich beim Anblicke dieſes ſtillen, einſamen Waſſerſpie⸗ 4 gels, den der Schatten hundertjähriger Bäume und der hohe graue Burgwall noch mehr verdunkeln, in düſte⸗— rer Nachtzeit wohl dem Gedanken hingeben, daß hier ſchauerliche Dinge geſchehen, daß unſchuldige Men⸗ ſchen in die unergründliche Tiefe verſenkt ſeien und der heidniſche Götzendienſt hier ſeine gräßlichen Orgien gefeiert habe. Still, feierlich, faſt traurig ſtill dehnt ſich dieſer düſtere Waſſerſpiegel in ſeiner weiten ovalen Rundung aus, geſpenſtiſche Schatten wirft der Buchenwald, der bis hoch zum Gipfel des nahegelegenen Burgwalles hinanſteigt, darüber hin, und geiſterhafte Lichter ſtrah⸗ len durch die Zweige der noch wenig belaubten Bäume, als wir beim Vollmondſchein, den zerriſſene Flugwol⸗ ken umgeben, ih der elften Nachtſtunde etwa den Rand des Sees betreten. Das Gewitter des Abends, welches wir vorher be⸗ ſchrieben, iſt lange vorübergerauſcht, der Sturm hat ſich ausgetobt und nur ein leiſer Wind ſtreicht noch zu Zeit ſeufzend durch die Waldung und Schilf, das die Ufer des Sees faſt rings 1 ac ſenes flüſternde Geräuſch ausſtoßen, das ſo t mit den Stimmen abgeſchiedener Geiſter verglichen worden iſt. Außer dieſen Tönen ſtört die tiefe Ein⸗ ſamkeit nur noch bisweilen das rauhe Gekreiſch eines woilden flüchtigen Entenſchwarms oder das dumpfe Geheul einer auf Raub ausgehenden Waldeule, oder endlich das Fallen einzelner Tropfen, die ſich auf den Blättern angeſammelt haben und allmälig zur Erde ſinken, das quellende Moos befeuchten und jenen ſü⸗ ßen Duft erzeugen, den wir ſo gern athmen, wenn ein Gewitterregen die lange Dürre eines warmen Frühlings mit der erſehnten Feuchtigkeit erfriſcht. Sonſt iſt Alles ſtill, grabesſtill, ringsum, und dieſe Stille harmonirt mit dem halben Dämmerlichte, welches der bald hinter Wolken ſich verbergende, bald glänzend daraus hervortretende Mond mit zauberar⸗ tiger Wirkung über die Nachtſcene gießt. Wir treten von dem ſüdlichen Ende des Burg⸗ walles an das bewaldete Ufer des Sees und bahnen uns einen Weg durch das elaſtiſche Moos, durch Schilf und Binſengeſtrüpp, welches ihn damals faſt vollſtändig einſchloß; endlich erreichen wir das Ufer und ſehen mit feierlichem Ernſte den glitzernden N ond⸗ ſtrahl ſich im Waſſer ſpiegeln, der ſeine Lichtgarbe über die ganze Breite des Sees wirft un 5 die grünen Blätter der Waſſerpflanzen venſide ſich auf ſeiner dunklen Fläche wiegen. 103 Wir leihen einen Augenblick unſer Ohr den vor⸗ her angedeuteten Stimmen der Natur, verſetzen uns im Geiſte ein Jahrtauſend zurück und durchfliegen die verſchiedenen Zeitepochen, die auch dieſer See unge⸗ wandelt an ſich hat vorüber ſtreichen ſehen. Da he⸗ ben wir unſer Ohr und lauſchen nach dem jenſeitigen höheren Waldufer hinüber. Wir hören das Brechen und Knacken einiger vertrockneter Zweige und glauben einen Menſchen drüben aus den Bäumen hervor an das Ufer treten zu ſehen. Aber in letzterer Annahme haben wir uns getäuſcht, es iſt kein Menſch, vielmehr ein Hirſch, den frevelnde, gewaltthätige Fremdlinge an dieſem Nachmittage in der nördlichen Stubnitz ge⸗ jagt haben und der zu ſeiner und unſrer Freude glück⸗ lich entkommen iſt. Langſam, vorſichtig tritt das große Thier des Waldes an den Rand des Waſſers— wir ſehen es im klaren Mondlichte genau— blickt ſich ſcheu rings um und beugt dann ſeinen ſchönen Kopf mit der ſtolz getragenen Bürde in die Fluth, um ſeinen brennenden Durſt zu löſchen und dann, bis an die Bruſt in das Waſſer watend, die heiße Wunde zu kühlen, welche die feindliche Kugel in eine ſeiner Flanken geriſſen hat. Sein Durſt muß qual⸗ voll, lechzend, fieberhaft ſein, denn er trinkt lange und wiederholt, kehrt dann endlich an das Ufer zurück und 104 ſchaut ſich forſchend nach allen Richtungen der Wald⸗ tiefen um, als wäre er ungewiß, welchen Weg er ein⸗ ſchlagen ſolle, um ſicher zu ſeinem Nachtlager, ſeiner Hirſchkuh und ſeinen Jungen zu gelangen. Da hebt er plötzlich die Nüſtern empor, horcht nach der öſtlichen Seite des Waſſers hinüber und wirft dann den Kopf zurück und entflieht in das dunkle Walddickicht. Sein ſcharfes Ohr hat einen Menſchen⸗ tritt vernommen, den auch wir endlich hören, aber bald ſteht er wieder im Laufe ſtill, blickt noch einmal ſehnſüchtig nach dem Waſſer zurück und kommt dann langſam in die Nähe deſſelben, um nochmals ſeinen ſiich wiedereinſtellenden Durſt zu löſchen. Doch wir wenden uns jetzt zu dem nahenden Men⸗ ſchen. Wo kommt er in ſo tiefer Nacht her? Was will er in dieſer Waldeinſamkeit? Wen ſucht er, was beginnt er? 4 Um dieſe Fragen beantworten zu können, müſſen wir uns mit ihm genauer beſchäftigen, ihm eine Strecke entgegen gehen und zu dieſem Swecke die Höhe der nahen Stubbenkammer erſteigen.. Wer hat nicht ſchon die herrliche Stubbenkan auf Rügen geſehen oder wenigſtens davon gehö eine der⸗vielen Beſchreibungen geleſen, die, ſie möi gen ſo richtig und klar ſein wie ſie wollen, doch 3 mals die Natur in ihrer wunderbaren Majeſtät, Größe und Schönheit erreichen, ſo daß, wenn man nach Ab⸗ bildungen und Schilderungen der trefflichſten Art auf den Eindruck des Ganzen vollſtändig vorbereitet zu ſein glaubt, doch beim erſten Anblick der Wirklichkeit vor Erſtaunen und Bewunderung den Athem ſtocken fühlt und ſich bekennen muß, daß es Orte auf der Welt giebt, welche die Phantaſie des Menſchen weder erdenken, noch der geübteſte Pinſel eines Malers in allen ihren Einzelnheiten vollſtändig wiedergeben kann. Auch wir beabſichtigen keineswegs, hier eine um⸗ faſſende Beſchreibnng der Stubbenkammer und ihrer Umgebungen zu liefern, ja wir müſſen vorausſetzen, daß der Leſer einigermaßen mit der erwähnten Oert⸗ lichkeit wenigſtens aus Beſchreibungen oder Abbildungen bekannt iſt, denn die Begebenheiten, die wir zu ſchil⸗ dern haben, ſind an ſich reichhaltig genug und wir können uns der örtlichen Schönheiten, in deren Um⸗ kreis ſie ſich begaben, wohl als Staffage bedienen, aber nicht ſie in allen ihren Einzelnheiten den Augen des Leſers vorführen. gpoolge uns alſo der gütige Leſer auf die ziemlich geräumige Platte die ſich, wenn man den Standpunkt mit Geſichte nach der See gewendet einnimmt, zur Linken des Königsſtuhls ausbreitet und zu der Zeit, 106 von der wir hier handeln, noch nicht mit dem freund⸗ lichen Gaſthauſe ausgeſtattet war, welches jetzt dieſen herrlichen Punkt ziert oder wenigſtens für den beque⸗ meren Reiſenden genießbarer macht. Links von dieſem Plateau, welches herrliche Buchen theilweiſe beſchatten, beſtreicht unſer Auge die große Schlucht zwiſchen beiden Stubbenkammern, gerade vor uns liegt das weit geöffnete Meer, welches jetzt, nach⸗ dem der Sturm ausgetobt hat und das Gewitter vor⸗ über gezogen iſt, leiſe wallend, als wolle es ſich zum Schlummer vorbereiten, ſein murmelndes Gebrauſe nur in gedämpfteren Tönen zur Höhe ſendet, und rechts erhebt ſich der ſpitz geſchnittene Fels, den man Königs⸗ ſtuhl nennt, mit ſeiner einſamen Buche in die Lüfte, jener jetzt noch einzigen ſichtbaren Buche, welche die Franzoſen verſchont haben, als ſie die übrigen Ge⸗ fährten derſelben mit ihrer entweihenden Hand aus⸗ rotteten. Auf dem Raſenplaße vor dem Königsſtuhl nun, einem freien, ebenen, unregelmäßig viereckigen Raume, hatten die Franzoſen eine hölzerne Baracke enichtet die ihnen zum Wachthauſe diente, und dazu den ſtehenden Wald abgehauen. In dieſem Wachthauſe war ein Küſtenpoſten ſtationirt, der ſeine rueh 3 an den Ausgängen der beiden Schluchten undn 5 107 zunächſt liegenden Wegen, die in den tiefer ſich ab⸗ ſenkenden Wald führten, geſtellt hatte. Vor der Schlucht, die zur Linken des Königsſtuhls weit gähnend geöffnet iſt, und vor der Mündung des gefahrvollen mit Geröllen beſäeten Weges, den die weggetretenen Stufen vom Meere herauf faſt unzu⸗ gänglich machen, geht ein kleiner Franzoſe, das Ge⸗ wehr loſe im Arm haltend, leiſe pfeifend auf und ab, wenig erbaut von der romantiſchen Oede des Orts, denn er hat ſich ſeit längerer Zeit ſatt daran geſehen und denkt vielleicht an ſeine ferne Heimat und ſeinen großen Kaiſer, der ihn auf dieſen abgelegenen Erden⸗ fleck mit unwiderſtehlichem Herrſcherwort beordert hat. Bisweilen ſteht er ſtill und wirft einen Blick auf das tief vor und unter ihm wallende Meer, welches das Mondlicht mit ſeinen zitternden Strahlen erleuchtet, bald ſchaut er auf die Höhe des Königsſtuhls hinauf, wo ein anderer Poſten in ähnlicher Lage den Wind aus erſter Hand empfängt. Man war an dieſem Abend ſehr aufmerkſam be⸗ züglich der Vorgänge auf dem Meere und am Strande geweſen und hatte die Verfolgung des däniſchen Schif⸗ fes ſehr wohl bemerkt und den unbekannten Flücht⸗ ling das Ufer gewinnen ſehen. Auch hatte man ſich bemüht, ihn zu ergreifen oder ihm wanigſtens die Wege, die auf die Höhe führten, zu verſperren, allein alle Bemühungen zu dieſem Zwecke waren vergeblich geweſen, und das war nicht zu verwundern, denn der Verſtecke in den zerklüfteten Felſen, der unzugänglichen Schlupfwinkel in den auf den Abhängen wuchernden Gebüſchen waren zu viele und der Flüchtling war ohne Zweifel ein Mann, der nichts von Allem, eine Flucht begünſtigen und ſichern konnte, außer Acht ließ. Seit einer Stunde ſchon hatte man die unnütze und gefährliche Verfolgung aufgegeben und ſich auf den folgenden Tag vertröſtet, um ſie mit beſſerem Erfolge fortzuſetzen. Nur die Ausgänge der Schluch⸗ ten und die Wege, die auf die Höhe führten, behielt man im Auge, denn es war vorauszuſehen, daß nur auf einem der beiden Zugänge der Flüchtling, wenn er überhaupt die Höhe erreichen wollte, die Grfännnan bewerkſtelligen würde. Um elf Uhr waren die Poſten abgelöſt worden und einem älteren vorſichtigen Grenadier war ein jüngerer und etwas leichtfertiger Voltigeur gefolgt, dem: die kühle Nachtwache noch unbehaglicher war als ſeinem Vorgänger. Indeſſen ſchritt er auf ſeiner Platte über den Raſen hin und her, ſein Seitengewehr ließ ein weithin vernehmbares Klirren ertönen, wenn ss beim 109 Gehen an die Patrontaſche ſchlug, und von Zeit zu Zeit näherte er ſich dem Eingange der Schlucht, wo er ſtets einige Minuten ſtehen blieb, um in den mäch⸗ tigen, mit altem Laub⸗ und Strauchwerk angefüllten Keſſel hinabzublicken, den man ihm gerade als den Ort bezeichnet hatte, auf den er in Bezug des Flücht⸗ lings ſein Hauptaugenmerk zu richten habe. Er mochte etwa eine Viertelſtunde auf dieſem Po⸗ ſten geſtanden haben, als er Miene machte, ſeinem Gefährten auf dem höheren Punkte des Königsſtuhls einen Beſuch abzuſtatten, der ihn durch ein leiſes Pfei⸗ fen wiederholt dazu aufforderte. Aber ein geringes Geräuſch,, welches ſich eben in der Tiefe des Keſſels hören ließ, als löſten ſich bröckelnde Steine von den Kreideklippen und ſtürzten hinab, führte ihn auf ſei⸗ nen Poſten zurück, wo er indeſſen Alles in der vori⸗ gen lautloſen Stille verharrend fand. Plötzlich aber ſchreckte ihn aus ſeinem Hinſtarren in den düſteren Abgrund ein Zuruf ſeines Gefährten auf, der, als er ſich ihm vorſichtig näherte, fragte, ob er einen Stein auf die Klippe geworfen habe. „Non, Monsieur,“ entgegnete er,„ich habe keinen Stein geworfen— wie kommſt Du zu dieſer Frage?“ „Weil ſo eben ein Stein zu meinen Füßen nie⸗ dergefallen iſt. Voilh, da iſt er, ich habe ihn aufgehoben.““ 110 Dabei hielt er einen von dem Standpunkte der er⸗ ſten Schildwache aus unerkennbaren Gegenſtand in die Höhe, als wolle er ihn ſeinem Kameraden zeigen; dieſer aber, dem es verboten war, dem Gefährten auf dem Königsſtuhle ohne Noth auf Sprechweite nahe zu treten, hielt ſich in angemeſſener Entfernung und ſchwieg, da er nichts zu ſagen wußte. Bald darauf kehrte er noch einmal zu ſeiner Schlucht zurück und als er auch jetzt Alles in gehö⸗ riger Ordnung fand, wollte er ſich eben wieder um— wenden, als ein neuer Zuruf und das deutliche„Qui vive?“ ſeines Kameraden ihn ſchnell in deſſen Nähe zurückrief. „Was giebt's?“ fragte er laut hinauf, und da hörte er zu ſeinem Erſtaunen, wie jener die feſte Ueberzeugung habe, daß irgend Jemand in ſeiner Nähe verſteckt ſein müſſe, denn ſchon wieder ſei ein noch größerer Stein zu ſeinen Füßen niedergefallen. Jetzt hielt es der junge Voltigeur für ſeine Pflicht, ſich dem Gefährten auf der Höhe völlig zu nähern, um ihm bei möglicher Gefahr zur Seite zu ſtehen. Ddieſen Augenblick aber ſchien der liſtige Steinwer⸗. fer, der ſich in der tiefer liegenden Schlucht unter den Gebüſchen verſteckt hielt, nur erwartet zu haben; er ſprang ſo geräuſchlos, wie er konnte, aber eben ſo raſch und Züge zu muſtern. 111 aus den Büſchen hervor, erreichte mit einigen kühnen Sätzen die Höhe und kam keuchenden Athems auf derſelben an, als die beiden Poſten ihre nähere Umge⸗ bung aufmerkſam und vorſichtig zu durchſuchen begannen. Keiner von ihnen hatte das kühne Vorrücken des Unbekannten wahrgenommen oder nur für möglich gehalten, und ihre Köpfe waren eben zur Seite ge⸗ richtet, um das Dickicht des nahen Waldes zu unter⸗ ſuchen, als er, in vollem Laufe der entgegengeſetzten Seite der Stubnitz zueilend, die Richtung nach dem Herthaſee hin einſchlug und in den Schatten der Waldung verſchwand. In wenigen Minuten langte er an dem See ſelbſt an, und als er eine Weile rückwärts und nach allen Seiten gelauſcht, ließ er ſich im dunklen Schatten ei⸗ ner bis zum Boden mit Zweigen bewachſenen Stein⸗ buche auf einen moosbedeckten Felsblock nieder, um ſeiner vom ſchnellen Laufe athemloſen Bruſt die nö⸗ thige Ruhe zu gönnen. Bevor wir uns jedoch in die Betrachtung verſen⸗ ken, die das Herz des Flüchtlings in dieſem Augen⸗ blicke tief bewegen, ſcheint es uns gerathen, einen Blick auf das Aeußere deſſelben zu werfen und, ſo weit es das ſchwache Nachtlicht erlaubt, ſeine Geſtalt Er war ein großer, kräftig gebauter Mann von breiten Schultern und ungewöhnlich ſtark entwickeltem Muskelbau, der, trotzdem er auf der Flucht begriffen war, ſeine Verfolger nahe wußte und alſo nicht ohne Beſorgniß ſein konnte, ſeinen ausdrucksvollen Kopf mit ſichtbarem Stolze hoch erhoben trug. Alle ſeine kühnen Bewegungen, ſeine gelenken Schritte, ſeine elaſtiſche Sprungfertigkeit bewieſen, daß er in friſcheſter Jugendblüthe ſtand. Sein Kopf war mit dunklen Haaren bedeckt und von der unteren Hälfte ſeiner Wan⸗ gen, die von Geſundheit und Kraft ſtrotzten, fiel ein Bart von faſt noch tieferer Farbe herab, der unter dem Kinn in einen ſpitzen Knebelbart ſich verlor, wäh⸗ rend ſeine Oberlippe von jedem Haarwuchſe frei war. Mehr können wir bei der jetzigen Beleuchtung von ſeinen Zügen nicht wahrnehmen und es bleibt nur von ſeiner Kleidung zu ſagen übrig, daß ſie ohne Zweifel die eines Seemanns war, da ſie aus einer blau tuchenen Jacke und Hoſe beſtand, die ſich in feſte Waſſerſtiefel ſenkte, und einem weiten darüber gewor⸗ fenen Regenrocke von zottigem Zeuge, dem ähnlich, den wir den Strandvogt bei'm ausbrechenden Sturme an⸗ ziehen ſahen. Sein Haar, das etwas lang und wel⸗ lenartig gekräuſelt in dichter Fülle bis faſt auf die Schulter herabfiel, bedeckte ein leichter Seemannshut 7 — 113 von glänzend lackirtem Leder, der mittelſt eines Rie⸗ mens unter dem Kinne feſt an den Kopf gefügt war. In der rechten Hand trug er einen mit ſtarkem Eiſen beſchlagenen Stock, auf deſſen Knopf er jetzt ſeine Hände gelegt und darauf das Kinn geſtützt hatte, um bei ſeiner Betrachtung ſich ſo viel wie möglich zu ruhen, da er ermüdet zu ſein ſchien; unter der See⸗ mannsjacke aber, fügen wir hinzu, obwohl wir augen⸗ blicklich nichts davon wahrnehmen, war ein mit Seide reich geſteppter lederner Gürtel, wie ihn die Seeleute ſo häufig tragen, feſt um ſeinen Leib geſchnallt, und darin ſteckten zwei ſchöne Piſtolen von engliſcher Arbeit und in einer ledernen Scheide ein dolchartiges Meſſer, wie man es im Seekampf bei'm Entern gebraucht. Als er eine Weile ſchweigend ſeinen Platz behaup⸗ tet und nach allen Seiten hin gehorcht hatte, hob er plötzlich den Kopf in die Höhe, denn ſein ſcharfes Ohr vernahm in nicht weiter Entfernung einen Tritt, der vorſichtig und leiſe über den Moosteppich ſchlüpfte und dabei wahrſcheinlich einen trockenen Zweig zerbro⸗ chen hatte. Schon wollte er wieder aufſpringen und dem dichteren Walde zueilen, als er in geringer Ent⸗ fernung jenen Hirſch aus dem Gebüſche treten ſah, deſſen wir ſchon vorher Erwähnung gethan haben und der ſich vor dieſem Manne, den er doc eben ſo Der Strandvogt. I. 8 1114 wenig kannte wie den frevelnden Jäger, der ihn am Nachmittag gejagt, nicht zu fürchten ſchien. „Ach,“ ſagte der wieder ruhig ſitzende Fremde, „der erſte Landsmann, dem ich begegne, iſt ein könig⸗ licher Hirſch— ah, jetzt hat er mich gewittert— er hebt den ſtattlichen Kopf in die Höhe und ſchaut mich mit ſeinem glühenden Auge an— ich glaube gar das Schnuppern ſeiner Nüſtern zu hören— da, da, er fürchtet ſich und ſtiebt davon in den Wald, in den auch ich mich bald begeben werde— fort iſt er! Ach, vielleicht iſt er auch ein Flüchtling, wie ich, den eine Meute gieriger Franzoſen verfolgt und wund gehetzt hat— ha! aber auch ihn haben ſie nicht erwiſcht!“ Er lächelte, ſchwieg und überflog dann mit fun⸗ kelndem Auge die prachtvolle Nachtſcene, in deren Mitte er ſich verſetzt ſah, indem der Widerſchein des Mon⸗ des zum letzten Mal über den See glitt, bevor er Ab⸗ ſchied nahm von dieſem Erdenfleck, um ſeine Bahn weiter zu verfolgen und auch andere Zonen mit ſei⸗ nem nächtlichen Lichte zu erfreuen. Und als ob die Nachtvögel die tiefere Beſchattung des Waldes, die dadurch plötzlich auf dem düſteren See und ſeinen Umgebungen lagerte, erwartet hätten, um zur vollen Ruhe einzugehen, ſo verſtummten ihre Stimmen all⸗— 8 115 mälig und die ganze Natur lag von nun an im voll⸗ kommenſten, feierlichen Schweigen da. „Wie ſüß dieſe Ruhe, wie labend dieſes nächtliche Dunkel iſt!“ fing der Flüchtling wieder leiſe zu ſpre⸗ chen an,„ſo, gerade ſo liebe ich meine ſchöne Heimat, meinen ſchwarzen See, meinen traulichen Wald. Ah, da bin ich alſo wieder in Eure Mitte gelangt, Ihr rieſigen Stämme, und ich begrüße Dich wieder, Du leiſe lispelndes Schilf am Saume dieſes anmu⸗ thig ſich ſchlängelnden Ufers. O wie habe ich mich ſo lange nach allem Dieſem geſehnt! Wie oft habe ich an jedes Einzelne, was ich hier vor mir ſehe, ge⸗ dacht in wilden Kampfesſtunden, wo Alles von Pul⸗ verdampf geſchwärzt und blutbedeckt war, worauf meine brennenden Augen fielen! Und nun, da ich wieder da bin, treffe ich auch hier den räuberiſchen Franken, der ſich nicht entblödet, mit ſeinem Ruhmes⸗ geſchrei die Ruhe auch dieſer meiner kleinen Heimat zu entweihen und die blühende Schönheit der Natur mit ſeiner Gewaltthat zu ſchänden, die je länger, je lauter zum Himmel aufſchreit und endlich zu den Oh⸗ ren des ewigen Gottes dringen muß, der unſeren heißen Bitten bald Gewährung ſenden wird. Erhöre, erhöre es, Gott, wir flehen Dich ja Alle darum an, die hier auf deutſcher Erde wohnen, und laß es uns 8 8*½ 4 116 endlich gelingen, das Joch abzuſchütteln, das ſich über⸗ müthig auf unſere Nacken gelegt hat und uns zu Bo⸗ den drückt, die wir nicht zu Sklaven dieſer Fremd⸗ linge geboren ſind!— Ha! Mir wird immer wohler, je länger ich in dieſes nächtliche Schweigen, in dieſe dunkle Waſſerfläche blicke; mir däucht, als tauchte aus ſeiner Tiefe ein Lichtſtrahl auf, der mich blendet mit ſeinem Glanze— ja, ja, einſt wird es hell werden um unſere Augen und auch um unſere Herzen; nur eine allgemeine Ermannung, Du großes, geknechtetes Vaterland, und wir werden ja ſehen, wo dieſe Fran⸗ zoſen mit ihrem Despoten bleiben, der ſich der größte unter den gegenwärtig lebenden Menſchen dünkt und doch nur groß iſt in ſeiner Selbſtſucht, Habgier und Herrſchluſt.— Doch ſtill davon, hier hilft das Klagen nichts und es iſt jetzt nicht die Zeit dazu. Ich habe meinen Fuß glücklich auf das Ufer meiner Inſel ge⸗ ſetzt und es gilt jetzt nur, mich einige Tage verborgen zu halten, bis man mich nicht mehr ſuchen wird. Und das wird mir ja wohl gelingen; mich kennt hier Nie⸗ mand als meine Freunde und von denen wird mich 4 keiner verrathen; vor meinen Nachſtellern mich aber zu 3 verbergen, wird eine leichte Mühe ſein, der ich hier jeden Schlupfwinkel kenne und tauſend Orte weiß, wo mich Niemand finden kann. So will ich mich denn er⸗ 5 Weg aber führte ihn durch unzählige Schluchten, in 117 heben und meinen Weg, der noch lang iſt, weiter fortſetzen. Lebe wohl, alter See, lebt wohl, meine Bäume, und Ihr traulichen Schatten! Wenn ich wie⸗ der zu Euch zurückkehre, wird ein Freund mir zur Seite wandeln, den Ihr auch ſchon kennt und der ſich gleich mir ſehnt, in Euren Schatten von den Mühen und Sorgen der Welt auszuruhen. Lebet wohl!“ Mit dieſen Worten erhob er ſich und betrat einen kleinen Fußpfad, der ſüdwärts mitten durch das dickſte Geſtrüpp der Stubnitz führte, und elaſtiſchen Schrittes bewegte er ſich durch die ſtille Nacht dahin, die in dem dichten Waldreviere nur wenig von dem Lichte des Mondes und der ſilbernen Sterne erleuchtet war. Wenn der einſame Wanderer in gerader Richtung ſeinen Weg hätte fortſetzen können, ſo würde er bei ſeinem ſchnellen Gange eine gute Stunde gebraucht haben, um an den Ort zu gelangen, den er erſtrebte; da er aber den geraden Weg nicht einſchlagen konnte, entweder weil es keinen ſolchen gab, oder weil er aus Vorſicht die dichteſtverſchlungenen Pfade ſuchen mußte, ſo gebrauchte er etwa die doppelte Zeit dazu. Dieſer 118 denen jene ſchon mehrfach erwähnten Bächlein floſſen, über Höhen und Tiefen durch ein wahres Labyrinth von Bäumen, Sträuchern, moosbewachſenen Steinen, Gräbern und Lichtungen, ſo daß nur ein der Gegend vollkommen kundiger Eingeborener ohne Irrthum die vorgeſetzte Richtung feſthalten konnte. So war er, ohne ein einziges Mal auszuruhen, etwa um ein Uhr Nachts in den Wald weſtwärts von Saſſenitz gelangt, und gerade als er in einen breiteren Weg einlenkte, denſelben, den am Nachmittag deſſelben Tages der Diakonus auf ſeiner Heimkehr gewählt, glaubte er in der tonloſen Stille der Nacht die alte Uhr auf dem Thurme zu Sagard die erſte Stunde des Mor⸗ gens ſchlagen zu hören. Schnell dann den wohlbe⸗ kannten Weg verfolgend ſchritt er dem freien Berg⸗ ooorſprung entgegen, auf welchem das Haus des Strand⸗ vogts lag, und als er es endlich auf ſeiner lichteren Höhe an der See liegen ſah, erbebte ſein Herz vor Freude, denn nun erſt, konnte er ſich ſagen, hatte er ſeine engere Heimat wohlbehalten erreicht. Als er aber dem Garten nahe gekommen war und die Stacketthür leiſe geöffnet hatte, ſchaute er ſich zu⸗ erſt vorſichtig um. Alles um ihn her jedoch war ſtill, keine Spur verrieth die Anweſenheit eines Fremden, in althergebrachter Ordnung verharrte der Garten, das 119 Haus— und in dem Stalle, der ſeitwärts vom Gemüſe⸗ garten lag, hörte er die Kühe an den Ketten raſſeln. Freudig bewegt, ſchritt er nun um das kleine Haus herum; mit klopfendem Herzen ſchaute er in eins der Fenſter, das nie ein Laden verſchloß— da, ja,— es war Licht darin, trotz der weit vorgerückten Nachtzeit— hatte er erkannt, gefunden, was er ſuchte, und ohne noch eine Minute länger zu ſäumen, pochte er mit der Hand dreimal hintereinander an's Fenſter, um den dahinter Sitzenden und noch Wachenden ein Zeichen ſeiner Ankunft zu geben. Viertes Aapitel. p Der Sohn des Strandvogts. Der Strandvogt war mit ſeinen Gefährten von der mühſamen und doch vergeblichen Seereiſe erſt nach zehn Uhr Abends wieder in Saſſenitz eingetrof⸗ fen; der heftige Gegenwind und die aufgewühlten Wellen der empörten See hatten ſie ſo lange auf dem Waſſer feſtgehalten. Mutter Ilske hatte den alternden Mann diesmal mit ungewöhnlicher Beſorgniß und Sehnſucht erwartet, da ſie ſich ſein langes Ausbleiben nicht gut erklären konnte, indem dergleichen Berufs⸗ fahrten die kühnen Strandbewohner ſelten ſo weit in die See hinaus führten. Als der Alte in ſein Stübchen trat, das die blitz⸗ blank geſcheuerte Meſſinglampe ſchon lange behaglich erleuchtete, fand er den Abendtiſch fertig gedeckt und reichlich mit kalten Speiſen beladen; Mutter Ilske 121 ſtand mit gefalteten Händen daneben und blickte mit ſichtbarer Befriedigung den glücklich Heimgekehrten an, der einſylbig wie nie ſein„Guten Abend, Ilske“ brummte und dann langſam mit ihrer Hülfe den naſſen Sturmrock auszog, nachdem er ſich zuvor aller übrigen mitgenommenen Gegenſtände entledigt hatte. Dabei bemerkte er nicht, wie Ilske ſich wunderte, ihn ſo ſchweigſam zu finden, was ganz gegen ſeine Ge⸗ wohnheit war, wenn er ein kühnes Unternehmen glück⸗ lich vollbracht hatte. Auf die alsbald an ihn gerichteten Fragen, die nun zahllos auf ihn einſtürmten, erwiderte er eben ſo wenig etwas Befriedigendes, und die beſorgte Haus⸗ frau erhielt von der ganzen Fahrt nur ſehr oberfläch⸗ liche Andeutungen. So ſetzte ſie ſich endlich, da ſie 5 augenblicklich keinen weiteren Erfolg ihrer Bemühun⸗ gen erwarten konnte, neben ihren Mann, der ſchon ſeinen Platz am Tiſche eingenommen und einen kalten Fiſch zu verſpeiſen begonnen hatte. Allein der gute Appetit, den er nach ähnlichen Ausflügen mit heim⸗ zubringen pflegte, ſchien ihm heute gänzlich zu man⸗ geln, er rührte ſehr Wenig an und legte bald zu Ilske's gränzenloſem Erſtaunen Meſſer und Gabel bei Seite, als er nach ihrer Meinung kaum erſt zu ſpei⸗ ſen angefangen hatte, ja, er vergaß ſogar nach ſeiner 122 Pfeife zu greifen, was doch ſonſt der unausbleibliche Schluß der Nachtmahlzeiten war. Mutter Ilske, über alle dieſe ſeltſamen Abweichun⸗ gen von der Regel höchſt unbehaglich geſtimmt, räumte ſchnell die kaum angerührten Speiſen, die Teller und das Tiſchtuch fort, und als ſie nun ihren Strickſtrumpf hervorholte und ihrem Manne gegenüber vor der Lampe Platz nahm, hatte ſie ſich bereits feſt in den Kopf geſetzt, ſolche Fragen an ihn zu ſtellen, auf die noth⸗ wendig eine beſtimmte Antwort erfolgen mußte. „Was haſt Du nur, Daniel,“ ſagte ſie, halb trau⸗ rig, halb unzufrieden,„daß du heute ganz gegen Deine Gewohnheit ſo ſchweigſam und mürriſch biſt?“ „Nicht mürriſch, Ilske, aber ſchweigſam allerdings, da haſt Du Recht, und das hat ſeine Gründe.“ „Ja freilich, das ſehe und merke ich, aber welche Gründe ſind das, Mann?“ „Ilske, Du betrübſt mich wirklich mit Deiner wei⸗ biſchen Neugier. Wenn ein Mann in meinen Jah⸗ ren und in dieſen ſchweren Zeiten trübe und ernſt geſtimmt iſt, ſo befindet er ſich wohl innerhalb der Gränzen ſeines Rechtes. Was ſoll ich Dir das Herz ſchwer machen mit meinen Befürchtungen? Das hilft ja zu nichts und es iſt alſo beſſer, daß ich allein leide, — 123 als daß auch Du daran Theil nimmſt und Dir die Nachtruhe verdirbſt.“ „Das iſt ja eine ganz neue Anſicht von Dir, Da⸗ niel,“ erwiderte die gute Frau mit weit aufgeriſſenen Augen, indem ſie ihr Strickzeug langſam in den Schooß ſinken ließ,„und ich muß Dir ganz offen ſagen, Du kommſt mit höchſt merkwürdig vor. Alſo das Herz willſt Du mir nicht ſchwer machen und haſt Befürch⸗ tungen? Dann nur heraus damit, Mann, denn es iſt gewiß etwas recht Düſteres, und ich will mein Theil ſo gut davon haben, als wäre es das Glücklichſte, was uns widerfahren könnte.“ „Düſteres? Nein, nicht ſo ganz!“ erwiderte er etwas raſcher als vorher,„aber es kann düſter genug werden. Sieh, ich habe Dir ſchon geſagt, der ab⸗ trünnige Däne hat einen Mann in einem Boote ge⸗ jagt; dieſer Mann iſt am Fuße der Stubbenkammer, nachdem er eine kühne Fahrt glücklich zurückgelegt, gelandet, und nun bin ich blos begierig zu erfahren, ob er den verteufelten Spürhunden, die da oben Wache halten und unſern ſchönen Wald lichten, entkommen iſt. Beinahe zweifle ich daran.“ Die Alte ſchüttelte ſorgenvoll ihren grauen Kopf. „Alſo das bedrängt Dich!“ ſagte ſie.„Gut. Haſt Du denn irgend eine Kenntniß oder nur einen Ver⸗ 124 dacht, daß der kühne Mann in dem gejagten Boote ein Bekannter iſt, deſſen Schickſal Dir nahe geht?“ Der Alte, ſo ſtürmiſch bedrängt, ſchwieg hartnäk⸗ kig; als aber Ilske ihre Hand auf die ſeine legte und bittend ſagte:„Daniel!“ da konnte er nicht länger ſchweigen, ſondern fuhr fort: „Das iſt es ja eben, was ich Dir nicht ſagen kann— Kenntniß habe ich gar nicht davon, aber einen Verdacht, eine Ahnung— hm! ja, die habe ich und habe ich nicht, wie Du es nehmen willſt.“ „Das iſt freilich genug geſagt. Du ängſtigſt Dich und weißt nicht, warum— willſt Du mir wenig⸗ ſtens vorreden— ich aber, Daniel, ich ſage Dir: jetzt weiß ich beſtimmt, daß Du mehr von der Sache und dieſem Manne weißt, als Du mich wiſſen laſſen willſt.“ Wiederum ſchwieg der Vogt, er konnte nichts ent⸗ gegnen und lügen wollte er nicht, was er der ehrli⸗ chen und treuen Ilske gegenüber niemals hatte zu Stande bringen können. Es entſtand daher eine lange Pauſe, die der guten Mutter Ilske endlich ſo lang wurde, daß ſie ſie zu verkürzen beſchloß. Sie ſtand auf, holte ihre Bibel, ſchlug eins ihrer Lieblingskapi⸗ tel auf und fing an zu leſen. Der Strandvogt, kaum merkend, was vorging— ſo tief war er in ſeine der Schlaf; ſie nickte ein, wachte dann wieder auf, 125 Träumereien verſunken— ſaß unbeweglich ihr gegen⸗ über; die Hände vor ſich auf dem Tiſch gefaltet, blickte er nach der ihm gegenüberhängenden Uht und rech⸗ nete wiederholt im Kopfe. Nachdem die Alte etwa eine halbe Stunde gele⸗ ſen, machte ſie das troſtreiche Buch zu und ſeufzte ein paar Mal recht aus vollem Herzen. Es war unter⸗ deß ſpät geworden, die Mitternacht war herangekom⸗ men und alſo die Stunde des Schlafengehens ſchon längſt vorüber. „Vater,“ fing ſie endlich wieder an, einen freund⸗ lichen Blick auf den geliebten Mann werfend,„ich weiß nicht, warum wir ſo lange wachen— willſt Du nicht zu Bette gehen?“ „Nein, ich fühle keine Luſt zum Schlafen und bin heute nicht geſtimmt dazu. Weit lieber ginge ich in den Wald und ſähe die Sterne flimmern. Geh Du aber zu Bette, wenn Du müde biſt.“ „Nein, dann will auch ich bei Dir wach bleiben, denn ich wüßte mich nicht der Stunde zu erinnern, wo ich mich zur Ruhe begeben hätte, wenn Du in Sorgen munter bliebſt.“ Trotz ihres feſt ausgeſprochenen Willens nun, mun⸗ ter zu bleiben, überwältigte ſie doch nach einiger Zeit 126 ſeufzte und fiel endlich auf ihrem Stuhle in einen ſanften Schlummer. Als der Strandvogt die Ueberzeugung gewonnen, daß ſeine Frau feſt eingeſchlafen war, ſtand er leiſe auf, ſtellte ſich an's Fenſter und ſchaute begehrlich auf die See hinaus. Der Mond war ſchon weit weſtlich gezogen und warf nur noch ſchräge Strahlen auf das unter dem klaren Sternenhimmel glitzernde Meer. Kein Wölk⸗ chen war am ganzen unermeßlichen Himmelsraume zu ſehen. Leiſe ſtrich der Nachtwind über die kleinen tan⸗ zenden Wellen, und die Brandung unten am Strande, die ſich von der Berglehne wieder bis zu ihrer ge⸗ wöhnlichen Gränze zurückgezogen hatte, ſchlug in lang⸗ ſam murmelnden Tönen bis zum Berge hinauf, wo das einſame Häuschen ſtand. Nachdem der alte Seemann alle Erſcheinungen eine Weile aufmerkſam gemuſtert, wandte er ſich wieder vom Fenſter ab und ſchritt im Zimmer hin und her, aber ſo leiſe wie möglich, um den Schlummer ſeiner Frau nicht zu ſtören. Er konnte es ſich ſelbſt nicht län⸗ ger verheimlichen, er wurde von Minute zu Minute unruhiger, denn was er in der geheimſten Herzensfalte erwartet hatte, ſchien ſich noch immer nicht erfüllen zu wollen. Endlich aber gewann es den Augenſchein, als 127 ob er ſich auch damit begnügen wolle, und ſchon dachte er im Stillen daran, ſeine Sorge in die weichen Kiſſen ſeines Bettes zu begraben, als ſein ſcharfes Ohr ein Geräuſch vor dem Hauſe zu vernehmen glaubte, wie wenn ein Menſch die kleine Nachtthür öffnete und in den Garten träte. Er horchte genauer hin, ſein Herz ſchlug ihm hörbar in der Bruſt— da war es ihm, als ob ein Schatten draußen am Fenſter ſich zeige und einen Augenblick darauf— ja, es war ein Menſch— wurde dreimal raſch hinter einander an's Fenſter gepocht, und zwar ſo laut, daß auch Mutter Ilske augenblicklich aus ihrem Schlummer auffuhr. Der Alte that einen Schritt zum Fenſter, der bei⸗ nah einem Sprunge gleichkam, ſchaute hinaus, dann aber einen Freudenſchrei ausſtoßend, der durch das ganze Haus gellte, vollführte er einen Satz zur verrie⸗ gelten Thür, durch die alsbald ein hochgewachſener kräftiger Mann halb gebückten Hauptes hereintrat, der in ſeinen blühenden Zügen die unverkennbare Aehn⸗ lichkeit mit dem Strandvogt ſowohl, wie mit deſſen Frau zeigte, denn während er in ſeiner Haltung, ſei⸗ nem gebieteriſchen Ernſte und ſeiner ganzen männli⸗ chen Erſcheinung die natürliche Würde und furchtloſe Widerſtandskraft des Einen beſaß, entbehrte er nicht der ſchönen regelmäßigen Züge, des treuen blauen Kinderauges, der leicht geſchwungenen Naſe und der geſunden, wiewohl durch die Luft dunkler angehauch⸗ ten Geſichtsfarbe der Anderen. Ja, es war Walde⸗ mar Granzow, der jüngſte und einzig übrig gebliebene Sohn des alten Ehepaars, der ſeit Jahren abweſende Liebling des Hauſes, der Gefährte des reichen Erben von Spyker, des jungen Grafen Brahe, jetzt aber der Flüchtling vor der Uebermacht ausländiſcher Söldlinge, der freudeſtrahlend, kindlich bewegt und doch feſt und maaßhaltend in ſeiner Freude, den Eltern gegenüber ſtand und aus einem Arm in den andern, von einem Herzen zum andern flog. Eine geraume Zeit verſtrich, bis der ſo natürliche, lange eingedämmte, jetzt aber alle Schleuſen überflu⸗ thende Freudenſtrom der alten Eltern, die ihren Sohn ſo zahlloſen Gefahren glücklich entronnen ſahen, ver⸗ rauſcht war; zwar weinte die Mutter, innerlich ent⸗ zückt, noch lange leiſe fort, zwar hielt ſie noch immer mit ihren Armen ſeinen Leib umſchlungen und der Vater hatte noch immer ſeine beiden Hände gefaßt, aber doch fielen ſchon wieder zuſammenhängende Worte und man war von dem allgemeinen überfliegenden Anſchauen des wackeren Sohnes zum Feſthalten der einzelnen Züge des lange nicht Geſehenen übergegan⸗ gen, bis endlich der Vater ſich dicht vor ihn, der ihn 4 129 faſt um einen halben Kopf überragte, hinſtellte, ſeine beiden Hände noch einmal mächtig ſchüttelte und mit einem gewiſſen triumphirenden Tone rief: „Waldemar! Alſo da biſt Du mit heiler Haut, geſund und lebendig bis auf die Haarſpitzen! Aber ſage mir, ſage mir, Knabe, biſt Du es geweſen, der heute beim Sturm in dem kleinen Boote hier vorüber⸗ geſegelt iſt und den die Kugeln der vefleuvendiſchen Dänen verfolgt haben?“ „Ja, mein Vater, das war ich, und ich bin ſtolz darauf, auch den Geſchoſſen dieſer Feinde ausgeſetzt geweſen zu ſein, nachdem ich ſchon früher von den Franzoſen in ernſterer Geſtalt die Feuertaufe erhalten habe.“ „So! Alſo Du biſt der Wackere! Ha, da hat mich alſo mein wachgewordenes Vatergefühl doch nicht betrogen! Und nun, Mutter, kann ich Dir ſagen, daß die Ahnung, er wäre der Verfolgte— Gott weiß, wie Einen ſolche Gedanken anfliegen!— mich pei⸗ nigte und daß die Beſorgniß, ob er glücklich entkom⸗ men würde, allein es war, die mich ſo ſchweigſam und traurig gemacht hat.“. Da tauchte denn freilich vor den Augen der guten Mutter ein klareres Licht auf und ſie fiel ihrem vor⸗ her mit ſo großem Unrechte Der Strandvogt. I. 130 ſelig um den Hals und dankte ihm mit Worten und Küſſen, daß er ihr den großen Schmerz erſpart und ſeine Beſorgniß männlich verſchwiegen hatte. Aber da fiel ihr plötzlich etwas Anderes ein. Wal⸗ demar hatte einen weiten Weg zu Lande gemacht und mußte alſo, wenn er ſonſt ſeiner Natur treu geblieben war, einen großen Appetit mitgebracht haben. Sie fragte ihn raſch danach und auf ſeine bejahende Ant⸗ wort holte ſie hurtig, mitten in der Nacht, während der Vater zur Vorſicht die kleinen Leinwandgardinen vor die Fenſter zog, Alles herbei, was ſie an ſchmack⸗ haften Vorräthen in Küche und Keller bewahrte und ſo kam auch die Flaſche edlen Portugieſers wieder zum Vorſchein, die Nachmittags bei Anweſenheit des Diakonus aus Sagard nicht halb geleert war. Während der hungrige Sohn nun haſtig von den vorgeſetzten Speiſen aß, ſchwiegen die entzückten El⸗ tern, obgleich ihr Herz ſie drängte, Näheres über die Flucht des Geſicherten zu erfahren, aber ſie entſchä⸗ digten ſich dadurch, daß ſie mit unverholener Freude den Liebling unverwandt anſchauten und, befriedigt durch Alles, was ſie an ihm vorfanden, ſich wieder⸗ holt heimlich ihren Beifall zunickten. Kaum aber hatte Waldemar ſeine Mahlzeit beendigt, was er durch ein freundli mnicken gegen beide Eltern hin 131 ausdrückte, ſo konnte der ungeſtümere Vater nicht län⸗ ger ſeine Unruhe bewältigen und er begann die Er⸗ zählung des Sohnes mit einer Summe von Fragen einzuleiten, die Waldemar ſofort zu allgemeiner Be⸗ friedigung, aber freilich auch zu beiderſeitigem Erſtau⸗ nen beantwortete.— „Meine Lieben,“ ſagte er,“ nun laßt mich meine Schickſale ruhig und im Zuſammenhange erzählen; ich will ſo kurz wie möglich ſein, aber dennoch werde ich eine Stunde von Eurer Nachtruhe in Anſpruch nehmen müſſen.“ „Das ſchadet nicht, das ſchadet nicht!“ rief der wißbegierige Vater, und die Mutter nickte ihm vollen Beifall zu. „Ja,“ fuhr Waldemar fort,„mir iſt Wunderbares und Großes begegnet und ich habe Viel von dem zerſtören⸗ den Gange der Weltbegebenheiten, die jetzt die Herzen der Menſchen mit Wehklagen erfüllen und ihre Seelen erſchüttern, mit eigenen Augen geſehen. Ich habe die Gewitter der Schlacht donnern und den Wolkenbruch rauſchen gehört, der auf die Häupter der Nationen her⸗ abſtürzt, ich habe ſelbſt meine Hände dem großen Werke geliehen, den kühnen Eroberer von ſeinem uſur⸗ pirten Throne zu reißen, aber ich, wie ſo viele Andere, habe erfahren, daß die Stunde noch nicht geſchlagen, . 9* 8— —“ 132 die uns von ſeiner Laſt befreit, und daß wir vielleicht noch lange verurtheilt ſind, die Ketten und Banden zu tragen, die, für jetzt unzerreißbar, er über uns Alle geworfen hat. Daß ich in England mit Magnus Brahe mich auf die Flotte Nelſon's einſchreiben ließ und den Seeſieg bei Trafalgar mit erkämpfen half, das wißt Ihr, nicht wahr? Nun ja, und daß wir ſpäter von Schweden aus nach Colberg ſegelten, um den Franzoſen in den Rücken zu fallen, das wißt Ihr auch. Ja, ſo war es! In Colberg aber blieben wir eine lange Zeit. Da lernten wir den preußiſchen Helden, den General Gneiſenau kennen und ſchloſſen mit dem wackeren Bürger Nettelbeck einen heiligen Freundſchaftsbund. Dieſer Freundſchaftsbund aber brachte uns in Verhältniſſe, die ich Euch nachher nä⸗ her auseinanderſetzen werde; nur ſo viel will ich vor⸗ läufig davon ſagen, daß wir dadurch auf die Seite der Deutſchen gezogen wurden, die jetzt die Vorkämpfer des allgemeinen nationalen Kampfes ſind, und in tauſend Gefährlichkeiten geriethen, die alle einzelln und mit kurzen Worten zu erzählen mir jetzt unmöglich ſein würde. Magnus vor Allen wurde kühner denn je und, von dem ſeinem Gedächtniß überlieferten Ruhm und Thatendrang ſeiner hel denmüthigen Vor⸗ fahren gelockt, beſchloß er, auch ein Blatt der Ge⸗ 133 ſchichte derſelben auszufüllen und ſeinen Namen dem Verzeichniß ihrer Thaten zuzufügen. Aber das war gefährlich und brachte uns in vielfache Noth und Be⸗ drängniß. Auf allen Seiten lauerten Spione, die ganze Atmoſphäre, die uns umgab, war mit Horchern und Angebern angefüllt; nur zu bald war ſein her⸗ vorſtechender Name den franzöſiſchen Gewalthabern bekannt und er wurde auf die Aechtungsliſte der ver⸗ rufenen Patrioten geſetzt. Ich, der immer an ſeiner Seite ſtand, ihm in allen Dingen meinen Beiſtand lieh, war überall, wo ich konnte, ſein Schild, und oft genug ſein Schwerdt, und daher war es natürlich, daß ich mit ihm zugleich geächtet und verfolgt wurde. So prangen denn jetzt unſre beiden Namen, wie ſie immer brüderlich zuſammen genannt wurden, auch auf den ſchwarzen Liſten des Eroberers und Tyran⸗ nen Europas' zuſammen, und Brahe und Granzow, ſo unbedeutend die Namen an und für ſich dem gro⸗ ßen Napoleon gegenüber ſein mögen, ſind als zwei Maänner verrufen, die man zu verfolgen ſich in ſeinem Intereſſe gedrungen fühlt. So kam es denn, daß wir uns in Pommern, wo wir uns bald hier, bald dort aufhielten, nicht mehr ſicher glaubten und, von der Noth⸗ wendigkeit hart bedrängt, nach Königsberg gehen wollten, wo ſich um den unglücklichen König von 134 Preußen viele treue Männer ſammelten, die ihm zur Seite ſtanden in der Gefahr des Augenblicks und in dem Rathe der Zukunft. In Danzig aber wurden wir ſchon aufgehalten und, obſchon nicht völlig er⸗ kannt, doch für verdächtig angeſehn, weshalb wir, um unſern Verfolgern zu entkommen, gezwungen wa⸗ ren, uns an abgelegenen Orten aufzuhalten und beſ⸗ ſere Zeiten zu erwarten, um unſere Pläne auszufüh⸗ ren. Hier nun begannen unſre Irrfahrten, denn wir waren auch von hier zu entweichen bald genöthigt, um den zahlloſen Aufpaſſern zu entgehen, die alle Wege und Wälder, alle Städte und Dörfer haufen⸗ weiſe und unter den verſchiedenſten Verkappungen be⸗ lagerten. Endlich war man auf unſere Fährte ge⸗ rathen und wollte uns in einer Nacht auf der pol⸗ niſchen Gränze aufheben, um uns nach Frankreich oder vor irgend ein Kriegsgericht zu führen. Indeſſen erhielten wir Kunde davon und fanden Gelegenheit, kurz vor unſerer Verhaftung mit einem ruſſiſchen Courier nach Berlin zu flüchten. Hier lebten wir lange in Verborgenheit bei Freunden, die Magnus in zahlreicher Menge beſaß und fand, und warteten mit Ungeduld eine Gelegenheit ab, unſre Hand zu bewaffnen und uns dem Feinde gegenüber zu ſtellen. Aber auch in Berlin war man uns endlich auf die 135 * 4 Spur gekommen und umſtellte uns mit gleißneriſchen Hetzhunden. So hielten wir es denn für das Gera⸗ thenſte, uns eine Zeit lang zu trennen und für ſpä⸗ tere Tage einen Ort zu beſtimmen, wo wir uns wieder vereinigen wollten, um dann von Neuem gemeinſchaft⸗ lich zu handeln. Wir wählten zu dieſem Vereinigungs⸗ punkte unſer kleines Vaterland, das, am weiteſten von den Polypenarmen des Eroberers entfernt, am meiſten unſerm Zweck zu entſprechen ſchien. Hier auf Rügen wollten wir uns übermorgen, den 31. Mai, um Mit⸗ ternacht auf dem Rugard treffen, eine Weile ruhig auf der Inſel bleiben, die Verhältniſſe hier mit eige⸗ nen Augen anſchauen und ſehen, was für unſre Hei⸗ mat und Landsleute etwa zu thun ſei. Zugleich aber wollten wir auch unſre mit den Jahren gewachſene Sehnſucht befriedigen, die namentlich Magnus faſt verzehrte, und unſern ſo lange nicht geſehenen Lieben einen unvermutheten Beſuch abſtatten.“ „Das war ein vernünftiger Gedanke, mein Sohn,“ unterbrach ihn der alte Strandvogt,„und nun ſollſt Du nicht ſo bald wieder aus unſrer Nähe ſcheiden.“ „Das wollen wir noch nicht ſo beſtimmt entſchei⸗ den, mein Vater. Wohin mich die Nothwendigkeit zu gehen zwingt, dahin werde ich gehen. Doch höret nur weiter, ich bin bald an das Ende meiner Irrfahrten 136 gelangt.— Da, in Berlin, bot ſich plötzlich, als wir noch in ſtiller Berathung hin und her ſchwankten, dem abenteuerlichen und ritterlichen Sinne meines Freun⸗ des eine willkommene Gelegenheit dar, ſeinen Thaten⸗ durſt zu ſtillen. Sein Freund Schill, den er ſchon in Colberg bei Nettelbeck kennen gelernt, unternahm ei⸗ nen Ausflug nach dem weſtlichen Deutſchland, um im Rücken des franzöſiſchen Heeres und in den von ihm zum Theil verlaſſenen Ländern einen Handſtreich zu wa⸗ gen, den man in einigen Kreiſen für den zerſtückelten preußiſchen Staat von großem Nutzen, von anderer Sei⸗ te aber, und meinem Urtheil und Gefühl nach mit Recht für nutzlos, gefährlich und den Verhältniſſen des Königs ſehr wenig entſprechend hielt. Indeſſen Magnus hatte ſich einmal dazu entſchloſſen und er folgte diesmal mehr der Kampfbegier als der Klugheit, und ſo ritt er an Schill's Seite aus den Thoren Berlin's und ich habe ſeit dieſer Zeit nichts wieder von ihm gehört. Ob ihnen ihr Vorhaben gelungen, was ſie ausgeführt— ich weiß es nicht; möglich, daß Magnus noch bei dem 8 verwegenen Parteigänger iſt, möglich, daß er ſich ſchon auf Rügen befindet, um mich übermorgen Nacht an der bezeichneten Stelle zu treffen. Ich werde alſo je⸗ denfalls den Rugard beſuchen und, ſollte er nicht kom⸗ men, ihn von acht zu acht Tagen an derſelben Stelle 137 erwarten, denn ſo hatten wir es unter uns verab⸗ redet. Was nun mich ſelbſt ſeit Magnus Abmarſch an⸗ betrifft, den ich auf die Weiſe, wie er erfolgt, nie ge⸗ billigt und nach Kräften abgerathen habe, ſo hielt ich mich, zum erſten Male ſeit meinem zwölften Jahre allein in der Welt ſtehend und von ganzem Herzen beſorgt um meinen Freund, deſſen Wohl ich nun nicht mehr überwachen konnte, eine Zeitlang verborgen in Berlin auf; endlich aber erkannte ich es für zweckmä⸗ ßig, meinen Verſteck zu verlaſſen und mich nach Stet⸗ tin zu begeben, um von dort aus, trotzdem es die Franzoſen in Beſitz hatten, auf irgend eine Weiſe hierher zu gelangen. Ich kam glücklich in Stettin an, hielt mich unter anderm Namen bei einem vertrauten Manne auf und dieſer verſchaffte mir endlich die Ge⸗ legenheit, mit einem ſchmuggelnden Küſtenfahrer das Land zu verlaſſen und den Verſuch zu wagen, Rügen zu erreichen. Allein man muß mich doch wohl aus⸗ gekundſchaftet haben, denn als wir in See waren, zeigten ſich zu unſerer Ueberraſchung däniſche Kreuzer, die uns ſchon erwartet zu haben ſchienen und ohne Verzug auf uns Jagd machten. Wir entwiſchten ih⸗ nen jedoch geſtern Nacht bei ſtarkem Nebel und ſegel⸗ ten nordwärts, als wir auf der Höhe der Greifswal⸗ 138 der Oee abermals einigen Schiffen begegneten, denen wir nur dadurch ausweichen konnten, daß wir uns auf die Oee retteten, das Fahrzeug ſelbſt aber den Wellen überließen. Die Dänen ſtürzten darauf los; als ſie es aber leer fanden, folgten ſie uns zur Inſel und umſtellten ſie, da ich mich ja nur dahin gerettet haben konnte. Ich brachte die Nacht auf dem Stroh⸗ boden des ehrlichen alten Ralswyk hin, der alles Mögliche that, um mich meinen hartnäckigen Feinden zu entziehen. Meine Lage aber war dennoch ſehr un⸗ ſicher und da heute Nachmittag ein Sturm aus Süd⸗ oſten losbrach, der meine Fahrt hierher begünſtigte, ſo rüſtete mir Ralswyk ein gutes Boot aus, in das ich zu ſchlüpfen verſuchte, um nach Rügen überzuſetzen. Allein ein Mann hatte mich doch belauert und als ich das Boot beſteigen wollte, machte er mir es ſtrei⸗ tig, indem er mir in den Weg trat und ein lautes Geſchrei erhob. Es war ein Steuermann der däni⸗ ſchen Corvette, die Ihr auf meinen Ferſen geſehen, ein ſchlauer Fuchs, denn um mich zu locken und da⸗ durch aufzuhalten, bis er Beiſtand erhielt, gab er ſich das Anſehen eines Bekannten und rief mich bei mei⸗ nem wirklichen Namen. Allein ich errieth ſeine Liſt und war zugleich ſchneller und geſchickter als er. Ich rannte ihn nieder, ſprang in das Boot und vertraute * N 139 mich Gott und dem Meere an, trotzdem der Stim etwas heftig war. So hoffte ich einen guten Vor⸗ ſprung zu gewinnen und Rügen ſicher zu erreichen, um ſo eher, als die Dänen mit ihrem großen Schiffe den gefährlichen Oſtwind ſcheuen mußten, wenn ſie auf meine Verfolgung beſtanden. Ich ſegelte ab und war ſchon ein gutes Stück in die See hinein, als ich den Danebrog hinter mir flattern ſah, den man aber einzog, als man ſich Rügen näherte. Ich wollte zu⸗ erſt auf dem Göhren'ſchen Höwt landen, weil es der nächſte Küſtenpunkt war, aber ſchon Ralswyk hatte mir geſagt, daß die Franzoſen eine ſtrenge Wacht da⸗ ſelbſt hielten, und bald ſah ich durch mein Glas, daß ſie ſich ſchon bereit machten, mich als gute Beute in Empfang zu nehmen. Da hielt ich denn, auf mein Glück vertrauend, auf Stubbenkammer ab, wo ich, ein⸗ mal gelandet, bei meiner genauen Ortskenntniß mich leicht verbergen konnte. Die Landung am Waſchſtein gelang, ich war aber von der dortigen Felswache ge⸗ ſehen worden und wurde verfolgt, ſobald ich das Land betreten hatte. Allein ein Schlupfwinkel, den ſogar nur wenige meiner Landsleute kennen, nahm mich auf; dort verbarg ich mich bis zur Nacht und dann erſt ſchlich ich durch die Poſten, die die Umgebung von Stubbenkammer beſetzt halten. So bin ich denn — — ⁄¹ 140 hir bei Euch angelangt und begrüße Euch noch ein⸗ mal recht herzlich, in der Hoffnung, daß keine Feinde hier in der Nähe ſind und mich ſobald Niemand ent⸗ decken wird.“„ „Das hoffe ich auch, mein Sohn. Nein, hier her⸗ um weiß ich keinen Poſten, außer auf der Förſterei in Werder, Sagard und Spyker—“ „So, alſo in Spyker ſind Franzoſen?“ „Ordentlich, mein Sohn, in Hülle und Fülle, und ſie hauſen daſelbſt, als ob ſie Land und Leute in ei⸗ nem Jahre vertilgen wollten.“ „Ich dachte es mir beinahe, alſo dahinaus werden wir uns nicht wenden können?“ „Nimmermehr; aber es wird genug andere Schlupf⸗ winkel geben, wo Ihr unbeläſtigt leben könnt. Was wollt Ihr hier beginnen, oder was habt Ihr Euch für Dinge in den Kopf geſetzt? Das iſt eine Frage, die ich mir zuerſt zu beantworten bitte.“ „Mein Vater, höre mich wohl an und merke es Dir, in Freude und in Hoffnung. Es gehen augen⸗ blicklich große Dinge in der Welt vor, mächtige Heere treten die Länder und Völker nieder; aber ſo wichtig und bedeutungsvoll das iſt, ſo bereitet ſich doch noch Größeres und Gewichtigeres vor. Denn die ſo lange mit Füßen getretenen Nationen fangen endlich an, 141 allmälig aus ihrem apathiſchen Schlummer zu er chen. Sie rütteln ſich und ſchütteln ſich vor Unmiß und Groll und ein Gemurmel des gerechteſten Rache⸗ gefühls läuft wie ein drohendes Ungewitter von Nord nach Süd, von Oſt nach Weſt. Lange genug hat der verwegene Eroberer ſeine eiſerne Fauſt auf die freige⸗ bornen Nacken der Völker gelegt und der lange verhal⸗ tene Racheſchrei hat ſich aus ihren Kehlen losgerun⸗ gen und ihre Hände bereiten ſich vor, zum ſcharf ge⸗ ſchliffenen Schwerdte zu greifen und den allgemeinen Feind auf's Haupt zu ſchlagen. Und nicht allein das gemeine Volk erhebt ſich im leicht erregbaren Zorne, nein, die Erſten und Beſten aller Stämme ſtehen auf und erheben ihre Stimme, denn ſie erkennen, daß nicht Alles ſo geweſen, wie es ſein mußte, daß man endlich Hand anlegen müſſe, verroſtete Schäden aus⸗ zutilgen und das Beſſerungsfähige aur Vollendung zu führen. So rufen ſie z. B. in Preußen leiſe und im Stillen, aber darum doch verſtändlich genug, Alles was edle Pläne erdenken und Thaten vollbringen kann, zuſammen, um ſich nach und nach um ihren König zu ſchaaren, und haben einen Bund geſchloſſen, den ſie den Tugendbund nennen und deſſen Hauptzweck iſt, mit und bei einander zu ſtehen im redlichen Streben, das Vaterland zu retten, ſeine vertrockneten Hülfs⸗ 142 llen vom Schlamme zu reinigen, ſeine geſchwäch⸗ Kräfte zu ſtärken, um endlich, wenn die rechte Zeit gekommen, loszubrechen gegen den Gewaltigen auf einen Schlag. Dieſem Bunde nun ſind auch ich und Magnus Brahe beigetreten, um auch in unſern Kreiſen und nach unſern Kräften für das große Ganze zu wirken; und wenn auch noch Jahre vergehen, bis die köſtliche Saat zur Erndte reif iſt und bis das Ge⸗ witter zum Entladen über das eine Haupt ſich geſam⸗ melt hat, ſo ziehen die Wolken doch ſchon langſam heran und nur ein mächtiger Windſtoß fehlt noch, die lange glimmenden Funken endlich in lichten Brand zu ſetzen. Wenn dann in geeigneter Stunde ein ein⸗ ſichtsvoller, muthiger und Gott vertrauender Herrſcher ſeine Schaaren ruft, dann werden ſie kommen zum all⸗ gemeinen Waffentanze und werden ihre Leiber herge⸗ ben, um ihre Seelen frei zu machen von dem Drucke, der wider göttliches und menſchliches Recht auf ihnen laſtet. Dann, ja dann, mein Vater, werde auch ich unter meinen Landsleuten oder andern freien Män⸗ nern ſtehen und meine Hand mit zu dem allgemeinen Werke leihen, dann, und vielleicht ſchlägt die verhäng⸗ nißvolle Stunde bald, werde ich helfen, Euch, mich und uns Alle aus den ſchmählichen Banden der Knechtſchaft zu löſen.“ — 143 Staunend, bei jedem Worte in neue Verwunde⸗ rung gerathend und ganz bleich vor innerer Erregung, hatten die alten Eltern der begeiſterten Rede des warm und immer wärmer gewordenen Sohnes zugehört; ihre Herzen klopften dabei von einer noch nie empfun⸗ denen Gluth und ſie konnten anfangs keine Worte finden, ihren Gefühlen den rechten Ausdruck zu geben. Endlich aber faßte ſich der Vater zuerſt und, nachdem er ſich eine Weile geräuspert, kam ihm die Stimme wieder und er ſagte, obwohl lebhaft beſorgt, die Be⸗ geiſterung des Sohnes damit zu dämpfen: „O mein Gott, was ſind das für Zeiten, mein Sohn! Und daß ſolche Worte in dieſem kleinen Hauſe würden geſprochen werden, noch dazu von meinem Kinde, wer hätte das gedacht! Ja, es ſind gar ſchöne und troſtreiche Worte, die Du da geſpro⸗ chen haſt, mein guter Waldemar, und ſie haben mein altes kaltes Herz ganz warm gemacht und zum Schla⸗ gen gebracht, wie es damals ſchlug, als ich jung war und um Deine Mutter freite— o ja, ich möchte wohl wieder jung ſein, um den neuen Völkerfrühling mit heranführen zu helfen, allein— habt Ihr kühnen Leute auch wohl bedacht, was für ein ſchweres Werk Ihr Euch vorgeſetzt? In Wahrheit, Ihr mögt einen geſetz g gauten Willen und kräftige Fäuſte haben, Eure Schwer⸗ —ſ— 144 ter mögen ſcharf und Eure Kugeln ſicher ſein, aber, aber er, der Gewaltige, der ſchon hundert Schlachten ſiegreich gelenkt, dem Keiner widerſteht, dem er ent⸗ gegentritt, und der ſich von einem ſo kleinen Zwerge zu einem ſo großen Rieſen emporgeſchwungen hat, b er iſt ſtark, mein Sohn, ein Herkules gegen Euch. Wie, wenn er Euch Alle vernichtete in ſeiner Kraft und ſeinem Zorne und das ganze große Vaterland der Deutſchen und Schweden in ewige und unzerreiß⸗ bare Bande ſchlüge?“ „O mein Vater, Du ſiehſt dieſen Gewaltigen, wie Du ihn nennſt, mit verſchleierten Augen an, verſchlei⸗ ert von dem Nebel ſeines Ruhms und umdüſtert von der kläglichen Hülfloſigkeit ſeiner ſchwachen Widerſa⸗ cher. Mache ſie einmal auf, Deine Augen, und blicke ihn klar an, wie ich Dich jetzt anblicke, und den wirſt Du ſehen, daß er weiter nichts iſt als ein Menſch, befähigt und ſtark freilich, aber immer nur ein Menſch, das heißt ein vergängliches, dem Irrthum unterwor⸗ fenes Weſen, das ſinken und fallen kann, wie es ſich erhoben und vergrößert hat. Bis jetzt freilich iſt die⸗ ſer Napoleon von Stufe zu Stufe geſtiegen und ſeine Unternehmungen, ſeltſam und wunderbar genug! ſo gigantiſch und abenteuerlich ſie waren, ſind ihm alle ge⸗ glückt. Durch dieſes Glück aber berauſcht, von ſeinem una 145 geheuren Ehrgeiz in's unermeßliche Weite und Hohe ge⸗ drängt, von einer Selbſtſucht ohne Gleichen geſtachelt, hat er das menſchliche Maaß und Ziel vergeſſen, dem alle Sterblichen unterworfen ſind, und ſo träumt er ſich etwas Beſſeres als alle übrigen vom Weibe Ge⸗ borenen— ein Halbgott zu ſein. Hier aber iſt er an die Gränze des Möglichen gelangt, denn der Menſch, mag er ſein, wer und was er will, ſoll und darf ſich nicht über Seinesgleichen erheben und der ganzen Welt nach ſeinem Gutdünken Geſetze vorſchrei⸗ ben wollen. Alles Blut, was er ſo ſtromweiſe vergoſſen, ſchreit jetzt gegen ihn auf, und ſo wird er, wie er geſtiegen iſt, von Stufe zu Stufe wieder herabſinken, dem Ende aller vergänglichen Dinge entgegen, denn Gott hört das ſchreiende Blut, er ſelbſt wird ihm die Schranke ſetzen, die er nicht überſpringen kann, und wird ihm ſagen: bis hierher, Menſch, und nicht wei⸗ ter! und wir werden ihn taumeln— dann fallen und endlich ſinken ſehen, wie einen Schwimmer, der im Meere gegen den großen Strom eine Weile ſiegreich ankämpft, aber am Ende doch ſeine Kraft verliert und in den Grund geriſſen wird, den noch kein ſterbliches Auge erſchaut hat. Das hoffen, das wünſchen wir, ia, das prophezeihen wir ihm!“* „Gebe es Gott in der Höhe, und ſein Name ſei Der Strandvogt. I. 10 146 ewig geprieſen!“ ſagte die fromme Mutter, faltete die Hände und ſtützte bekümmert ihr ſorgenſchweres Haupt darauf, das nun doch endlich die lange verſcheuchte Müdigkeit ergriff. 1 Waldemar ſah nach der Uhr und erkannte, daß es beinahe drei Uhr Morgens war. Er erhob ſich ſogleich.„Wohlan denn, meine Lieben,“ ſagte er, „die Nacht iſt faſt vorüber und ein neuer goldener Tag dämmert bald da drüben im Oſten herauf. So weiſet mir denn meine Schlafſtätte an und, wenn es hell geworden iſt und wir uns von den Mühen des vergangenen Tagewerks ausgeruht haben, wollen wir das Vorliegende weiter beſprechen.“ Alle Drei erhoben ſich von ihren Stühlen und nachdem ſie ſich die Hände gedrückt, führte die ſorg⸗ liche Mutter ihren Sohn in eine kleine trauliche Gie⸗ belkammer, wo er ein wohlaufgeſchichtetes Bett und alles zu ſeinem Bedarfe Nothwendige vorfand, denn ein ſolches Zimmer war Jahre lang für den etwa rückkehrenden Sohn in Bereitſchaft gehalten worden. Und nachdem der alte Strandvogt nach allen Thüren und Fenſtern geſehen, ob ſie wohl verriegelt und verſchloſſen ſeien, was in dieſer Zeit allgemein ſo ge⸗ handhabt wurde, ging auch er zu Bette. In weni⸗ gen Minuten lagen denn alle Hausbewohner auf ihren 147 Kiſſen, während der roſige Tag bereits üben zernden Meere aufging, die Wellen golden und die Spitzen der Baumw machte. erglänzen ipfel jungfräulich erröthen Fünſtes Bapitel. Das Geſpenſt auf dem Göhren ſchen Höwt. Trotzdem die Bewohner des Kiekhauſes ungewöhn⸗ lich ſpät zur Ruhe gegangen waren und den Tag vor⸗ her körperliche Anſtrengungen und geiſtige Aufregung in Fülle gehabt hatten, ſo erhoben ſie ſich doch ſchon bald nach ſechs Uhr Morgens von ihrem Lager und verſammelten ſich unter fröhlichen Begrüßungen in demſelben Zimmer, wo die Unterhaltung in der vori⸗ gen Nacht ſtattgefunden hatte. Nachdem ſie ihr Früh⸗ ſtück eingenommen, hielt es der Strandvogt für räthlich, nach Saſſenitz hinunter zu gehen und zu horchen, ob vielleicht irgend eine Kunde von dem unbekannten Flüchtling oder den ihm nachſ etzenden Feinden unter den Dorfbewohnern laut geworden ſei, um in dieſem Falle ohne Zaudern die nöthigen Maaßregeln zu Waldemar's erung treffen zu können, Als er ging, ſchärfte er 149 den Zurrückbleibenden Vorſicht ein, namentlich ſollten ſie die Thüren verſchloſſen und die Fenſter verhangen halten, damit kein unberufener Lauſcher den argloſen Flüchtling im Vaterhauſe erſpähe. Als die Mutter nach Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten zu ihrem Sohne zurückkehrte, ſetzte ſie ſich in ſeine Nähe, faßte ſeine Hand und fragte nach tauſend verſchiedenen Kleinigkeiten, die ihr intereſſant und am vorigen Abend gar nicht oder nur oberflächlich berührt waren. Nach einer Stunde traulicher Plauderei hatte ſie ſo ziemlich Alles in Erfahrung gebracht und war nun geneigt, auch Waldemar die Einzelnheiten mitzu⸗ theilen, die während ſeiner Abweſenheit auf der Inſel und im Hauſe vorgefallen waren. Da hörte er denn Mancherlei, was ihm das Herz ſchwer machte, na⸗ mentlich inſofern es die Bedrückungen ſeiner kleinen Heimat durch die Feinde betraf, die jetzt freilich nur in geringer Anzahl auf der Inſel zerſtreut lagen, da ein großer Theil derſelben zur Armee nach Polen be⸗ fehligt war. Ihm blutete das Herz, als er vernahm, wie ſie im Lande gewirthſchaftet, wie ſie das Eigen⸗ thum Anderer ſo gering geachtet, Land und Leute ge⸗ plündert und mit großen Abgaben belegt hatten. Namentlich aber ſchmerzte es ihn tief, als er hörte, daß der Kaiſer der Franzoſen in ſeinem Uebermuthe es 150 gewagt, die Königlichen Domainen an einzelne Offi⸗ ciere und Beamte ſeiner Armee zu verſchenken und wie dieſe nun auf den ſo leicht errungenen Gütern ſchwelgten, nicht allein den vorgefundenen Beſtand vergeudend, ſondern auch Grund und Boden für alle Zukunft verderbend. Allein, was konnte man dage⸗ gen Anderes thun, als geduldig auf die Stunde der Erlöſung warten, die ja auch einmal für die Bewoh⸗ ner von Rügen ſchlagen mußte. Die Mutter hatte ihre Erzählung beendigt und Waldemar ſaß geſenkten Hauptes neben ihr, im Stil⸗ len bedenkend, wie ſich die Verhältniſſe der Inſel in Zukunft geſtalten würden, wenn die gegenwärtige Be⸗ ſitzergreifung noch lange dauern ſollte. Da unterbrach die Mutter ſein Nachdenken, ergriff von Neuem ſeine Hand und ſagte:„Waldemar, nun haben wir Alles beſprochen, was uns im Großen am Herzen liegt, jetzt laß uns auch einmal das Kleinere bereden. Däucht es Dir nicht ſehr ſtill in unſerm Hauſe und haſt Du außer uns Beiden und der alten Trude Niemanden darin zu finden erwartet?“ „Still iſt es hier, ja, meine Mutter, das iſt wahr, aber ich finde dieſe Stille wohlthuend und man fühlt ſich beruhigt, wenn man ſie mit dem ungeſtümen Hämmern und Pochen in der Außenwelt vergleicht. 3 151 Wen ich aber hier zu finden erwartet? Was meinſt Du damit?“ „Wie, Du haſt noch nicht an Hille gedacht, die doch in früheren Jahren ſo oft Deine Geſpielin ge⸗ weſen und die Dich ſo lieb hat wie einen Bruder, obgleich Du nur ihr Vetter im dritten Grade biſt?“ „Ah ja, Du haſt Recht. Hille, wo iſt ſie? Sie iſt doch nicht ſchon verheirathet?“— „Bewahre, Waldemar, wer denkt jetzt an's Heira⸗ then! Auch iſt ſie im vergangenen März erſt achtzehn Jahre alt geworden und hat alſo Zeit genug, um auf einen Mann zu warten.“— „Ah, achtzehn Jahre iſt ſie ſchon alt? Iſt ſie denn groß und ſtark geworden, wie ſie es damals zu werden verſprach?“ „Groß und ſtark und ſtattlich, mein Sohn, die ſchönſte Creatur in dieſen ganzen Landen. Ich glaube nicht, daß Du je ein ſchmuckeres Mädchen geſehen.“ „So, das freut mich, aber wo iſt ſie denn?“ „Auf Bakewitz in Mönchgut bei ihrem Pathen, dem Gutsbeſitzer Lachmann.“ „So, und was thut ſie in dieſen unruhigen Zei⸗ ten da, wo keine Frau im Hauſe iſt?“ „Ja ſieh, das hat ſo ſeine eigene Bewandtniß. Der alte Lachmann, der gute brave Herr, liegt auf 2* 152 den Tod krank darnieder und wollte ſie vor ſeinem Abſcheiden noch einmal ſehen. Vielleicht vermacht er ihr in ſeinem Teſtament einen Theil ſeines Vermö⸗ gens, denn, wie Du weißt, hat er weder Weib noch Kind, noch irgend andere Verwandte.“ Waldemar ſchwieg, während die Mutter glaubte, vielleicht auch hoffte, er werde irgend eine hierauf be⸗ zügliche Antwort folgen laſſen.„Freut Dich das nicht?“ fragte ſie nach einer Weile. „Mich freut Alles, was ſich auf das Wohl meiner Freunde und Verwandten bezieht. Hille mag zufrie⸗ den ſein, einen ſo liebreichen Pathen zu haben, wenn ſie ſich nur nicht zu viel vom Glück des Reichthums verſpricht”⸗/ „O,. nach Reichthum fragt ſie auch nicht, danach ſteht ihr Herz am wenigſten, denn ſie iſt ein eben ſo braves und gottesfürchtiges, wie ſchönes und ſtarkes Weib geworden.— Höre'mal, Waldemar— wann willſt Du nach dem Rugard aufbrechen?“ „In der Nacht zum erſten Juni, Mutter.“ „Das iſt in der Nacht von morgen zu übermor⸗ —— — gen. Du haſt alſo zwei Tage Zeit. Heute bleibſt“ Du doch gewiß bei uns?“ „Warum nicht auch morgen?? „Ach, mein Sohn, ich bin in großer Sorge um Hille. Sie iſt, ſo muthig und großherzig ſie ſein mag, doch immer nur ein Mädchen; die Franzoſen ſtehen auf Peerd und in der Umgegend. Auf Bake⸗ witz freilich ſind ſie in der letzten Zeit nicht geweſen — aber ich habe lange nichts von ihr gehört und möchte doch gar gern wiſſen, wie es ihr geht und ob der alte Lachmann noch lebt. Ich will ſie ſogleich wieder hier haben, ſobald er das Zeitliche geſegnet hat.“ „Nun wohl, das iſt recht. Aber was hat das mit meinem freien Tage morgen zu ſchaffen?“ „Waldemar, verſteh' mich recht— ich möchte Dich keiner Gefahr ausſetzen— aber ehe Du, nach dem Rugard gehſt, könnteſt Du—“ „Was denn, ſprich es aus.“ *„Hille beſuchen.“ „Gern. Warum ſagſt Du das mit ſo vielen Um⸗ ſchweifen? Was iſt denn dabei? Denkſt Du etwa an eine Gefahr? Woher ſollte mir die drohen? Die 4 Franzoſen, die auf Peerd ſtehen, kennen mich nicht 1 und halten mich für einen Eingebornen, was ich ja auch bin. Auch werde ich ihnen nicht gerade in das Garn laufen, und in Bakewitz bin ich ſo ſicher wie hier, denn ich kann mich überall ihren Nachforſchun⸗ gen entziehen.“ 4 154 „So danke ich Dir. Ja, gehe zu Hille, grüße ſie von uns und bitte ſie, keine Stunde allein auf dem abgelegenen Gute zu bleiben, ſobald—“ In dieſem Augenblicke ging die Thür auf, der Strandvogt trat fröhlich herein und unterbrach die Rede ſeiner Frau. „Alles ſtill, Kinder!“ rief er jauchzend.„Alles ſtill, rings herum! Kein Menſch weiß, daß Du hier biſt und Niemand hat nach Dir gefragt.Der Däne wird auch keine Botſchaft an's Land geſchickt und glaubt gewiß ſeine Pflicht erfüllt zu haben, nachdem er Dich von Colberg bis Rügen verfolgt.“ 8 „Um ſo ſicherer kann er nach Mönchgut gehen,“ wagte die Mutter leiſe einzuſchalten. „Nach Mönchgut? Was ſoll er denn da?“ „Er ſehnt ſich, Hille zu ſehen,“ erwiderte ſchnell die Mutter,„und Hille wird ſich nicht weniger frauen, ihn nach vier Jahren mit groß gewordenen Augen anzuſchauen.“ „Ah, ſtehen die Sachen ſo!“ brummte der Alte halb für ſich.„Meinetwegen, ich habe nichts dage⸗ gen. Aber die Franzoſen, Junge?“ 8 Der Junge lächelte,— nicht über dieſe Franzoſen, ſondern weil ihn die Taktik der Mutter beluſtigte, die mit weiblich ſchlauer Berechnung ihn zu dieſem Be⸗ 8 ſuche veranlaßt, gegen den er im Grunde nichts ein⸗ zuwenden hatte. Er beruhigte daher den Vater wegen ſeiner Beſorgniß und bat, ihm zu ſagen, wo die Wachtpoſten der Franzoſen ſtänden. „Mein Sohn,“ erwiderte der Alte,„das iſt eine Frage, die ich Dir nur halb beantworten kann. In Sagard ſteht ein kleines Commando und in Spyker eins, das iſt gewiß. Ein größeres in Bergen und Garz, vielleicht auch in Putbus und Gingſt, und das größte ohne allen Zweifel an der Südweſtküſte, 1 Stralſund gegenüber, wo ſie ja das neue Fort erbaut haben, das ihres Kaiſers Namen trägt. Außerdem aber halten ſie auf allen in'’s Meer vorſpringenden Landſpitzen Wachtpoſten, um nach den Engländern auszulugen, die ſie fürchten wie die Peſt. Darum Haben ſie auch überall Feuerbaaken errichtet, um ſie anzuzünden, wenn die Engländer etwa landen woll⸗ ten, die Ihrigen damit zuſammenzutrommeln und dem Feinde die Landung zu wehren oder zu entwi⸗ ſchen, wie ſie es nun für rathſam halten. So weiß ich, haben ſie auf Peerd, Thieſſow und Zicker ein Commando untergebracht, auch im Granitzer Ort liegen ſie und ſenden 5* 8 reifpatrouillen an der Prorer Wiek entlang. Auf Stub⸗ benkammer haſt Du ſelbſt ihre Bekanntſchaft gemacht. Auf Arkona haben ſie ſich erſt recht eingeniſtet, eben ——— 156 ſo am Möven⸗Ort auf Wittow. Hiddens⸗öe ſollen ſie nicht berührt haben, das iſt ihnen ein zu trau⸗ riger Aufenthalt, und das Kloſter und Grieben ha⸗ ben ſie voriges Jahr ſo leer gefreſſen, daß keine Maus mehr ihre Nahrung findet. Weiter weiß ich nichts von ihnen, als daß vorauszuſetzen iſt, daß ſie alle Fähren im Auge behalten, um zu wiſſen, was vorgeht im Lande, da ſie es nun einmal in Beſitz haben.“ „Nun,“ ſagte Waldemar,„das iſt auch genug, was Du mir da ſagſt. Es iſt mit einem Worte ſo, wie ich mir dachte, und es kann auch kaum anders ſein: 0 ſie haben das ganze Land in der Gewalt, aber noch lange nicht ſo, daß man nicht ſtill für ſich einige Zeit hier leben und ſeine Freunde beſuchen könnte, wrie man Luſt hat, ohne ihnen auf Schritt und Tritt in den Rachen zu laufen. Ich werde alſo heut Abend, wenn es dunkelt, nach Mönchgut aufbrechen. Morger 2* bleibe ich in Bakewitz. In der Nacht zum erſten Juni gehe ich nach dem Rugard, und von da denke 4 ich mit Magnus zu Euch zurückzukehren, um hier das zunächſt Folgende zu beſchließen.“ 3 „Das iſt vernünftig, mein Junge, und dazu gete ich gern meine Einwilligung. Es iſt mir lieb, daß Ihr keine Abſicht auf Spyker habt, denn dort würde ſich der Graf nicht wohlbefinden, wenn er ſeindn 5 zn, nen Beſitz in den Händen und Mäulern der 2, ſen ſähe. Auch würde man ihn dort bald. und es wäre in kurzer Zeit um Euch Veid ſ⸗ 5, „Wir kennenpie Gefahr ünd wiſſen 17,2 6 Lh Zeit entgegenzugdhen odet auszuwei⸗K-. 7. 5 denn abgemacht; und nun wollen we⸗ fe See betrachten.“ 8 c=l Vom Vater begleitet, trat er—⸗ und ſchaute durch ſein Glas eini⸗ 1 l. n 7 22 —— herum das Land und das Me, 2e gaing ſeiner Aufmerkſamket, ſ Lt. 122 keit Sinn und begrüf teg bal berd, A.— aun, die reizenden Bilder, die ſi⸗ſ feenee und die ihn wie traute Er⸗ aren. derjahren wieder begrüßten. F. 2=Hu, das Meer vor den Peuff hter erre Sene ſchien ſanft und ſteundlich, V.e, lhr— auf Rügen ſo ſelten thut. u. woelkenklar und kein Winß e⸗ d— pest anſcheinend ſo träg⸗ Ah⸗ 2 Sae demar ſah mit Entzütke A. ſ ans die Mipee= VeJe, ee 8 e, J.. 1 Schwalben eu ⸗ A⸗ 27.—,—.. 4 dann unde G., d, G. aue 3 158 1 er-f an dieſen Kriegszeiten Schiffe ſeltene Erſcheinun⸗ eenn und ſchnell am Horizonte wieder verſchwan⸗ 72*., /½ν aufgetaucht waren. e, ̃ k, ahm man das Mittagsbrod ein, . vh eche. Pverbrachte. mMin in traulicher ,. 1aa.5. aber leiſt heraufdämmerte, 8 T, h a, 2u‿l Pſ ſeine Waffen und ſteckte 2. 5 57 h die Mutter als die Rüſtung he, 9.; ſh 22 A ke 2 Fuurdeis dachte ja nicht, daß 1 3 9. oe.See„ Nacht zu Deinem Maſuche — 22 Vey . Ah en f hne Noth, Mütterchen. 2, 22, WMe‿h, 2 ehen ſo ſicher wie bei 85 L. Sn, 2„m Krer, denn ich kann Lh rreer Ver- hen ſollte, um ſo 2g nicht ſo arg 8 bu. Br dn a6 3 vrus Ae=ee h. ro ſede,-R. aüe Sern Sa Trda Thee. Aaa 159 der Wind iſt nicht günſtig und dann möchte es nicht immer ſo glücklich ablaufen, wenn die Dänen hinter mir her wären. Sei alſo getroſt und äng⸗ ſtige Dich nicht; Dein Waldemar hat ärgere Ge⸗ — fahren beſtanden, als ihm heute drohen.“ 4„Gott ſei gedankt für dieſen guten Troſt! Aber noch Eins muß ich ſagen. Wäre es nicht gerathen, wenn Du andere Kleider anzögeſt?“ „Warum das?“ „Damit man Dich nicht erkenne, wenn man Dich etwa verfolgt, und die Dänen haben Dich auf der 14 Oee doch darin geſehen.“ „Das iſt kein übler Vorſchlag,“ ſagte der alte Strandvogt.„Die Alte iſt ſchlau, mein Junge. Wenn Dich die Dänen nun doch ſignaliſirt hätten?“ Waldemar dachte einen Augenblick nach.„Nein,“ 4 4 ugt er dann entſchieden,„ich ändere meine Klei⸗ ddung nicht. In dieſer fühle ich mich heimiſch und habe alle Bewegungen frei; ſelbſt die ſchweren Stie⸗ el hindern mich nicht am raſchen Laufen, kann ich doch damit durch Moor 17h f waten. Auch kcann ich unter dem weiten Wetterrock ſehr gut meine Waffen verbergen und ungewohnt iſt man ja hier der Seemannskleidung nicht.“ ———————— ndͤ— —— — 160 „Sie iſt aber viel beſſer und feiner, als man ſie hier zu Lande trägt und man ſieht ihr gleich das Fremdländiſche an.“ „Daß ich nicht wüßte. Man kann mich für einen Seemann aus Stralſund halten und im Nothfalle ſpreche ich vortrefflich Däniſch und Franzöſiſch. Nein, nein, laßt mich in dieſen Kleidern, ich würde mich ſchämen, durch meine Heimat in einer Verkleidung zu gehen und was würde Hille ſagen!“ „Haha! Ja, freilich,“ jauchzte wieder der Alte u u warf Mutter Ilske einen verſtändlichen Blick zu,„ iſt die Hauptſache!“ „Die Hauptſache nicht, Vater, aber ich zeige mich überall und immer gern in meiner wahren Geſtalt.“ „Da haſt Du auch Recht, mein Junge, und nun behüte Dich Gott! Es wird Zeit, daß Du fortkommſt. Biſt Du auch ſatt? 4 4 „Bis morgen Früh.“ „So iſt es gut.“— Somit war 5penblic des Abmarſches gekom⸗ men, und als ob das Wetter den kühnen Wandrer hätte begünſtigen wollen, ſo trat plötzlich eine Aende⸗ rung deſſelben ein und zwar mit einer Naturerſchein⸗ 161 nung verbunden, die auf dem kleinen Eilande nicht allzu ſelten beobachtet wird. Durch die durchſichtig klare und ungewöhnlich warme Luft fuhr jählings ein kalter ſchneidender Wind, der über die bisher deutlich wahrnehmbare See jenes ſeltſame, in geballten Maſ⸗ ſen einherſtürzende Nebelgewölk fegte, welches man auf Rügen See⸗Daak nennt und ſich mit reißender Schnelligkeit oft über die ganze Inſel verbreitet. Phan⸗ taſtiſche Geſtalten annehmend, dicht über dem Seeſpie⸗ gel meiſt in breiter Maſſe vorrückend, in der Höhe aber in ſpitz zulaufenden Spiralen wirbelnd, gleitet das Meerungethüm geſpenſtiſch über die Waſſerfläche hin, wie wenn eine Unzahl Kanonen plötzlich, ohne ihr Gekrach hören zu laſſen, ſich ihres Pulverdampfs entledigt hätten und denſelben nun vor ſich her krei⸗ ſelten. In ſeinem Sturmeslaufe bricht dieſer Nebel mit Gedankenſchnelle herein, und was er erreicht, hüllt er in ein ſo undurchdringliches Dunkel, daß es dem ſchärfſten Auge nicht gelingt, ſich einen Durchblick zu bahnen. Den ſchönſten und ſeltenſten Anblick aber ge⸗ 4 währt dieſer Nebel, wenn er im Anſtürmen einen mit dicken Baumſtämmen beſetzten Wald erreicht. Hier theilen, zerreißen ihn die widerſtrebenden Stämme in einzelne Schichten und er huſcht, fortgetrieben von ei⸗ ner unſichtbaren Gewalt, wie der Windſtoß den Wind⸗ Der Strandvogt. I. 11 ————2—:—:—— 1 —jj.— 162 ſtoß und eine Wolke die andere treibt und drängt, in gewundenen Linien, die ſich vereinigen, um ſich bald wieder zu trennen, durch die freien Zwiſchenräume der Bäume, hier einen kurzen Einblick in eine höhlen⸗ artige Vertiefung, dort nur Schatten und nüchiliches Dunkel gewährend. Waldemar kannte dieſe im Frühjahr und Herbſt ſich am häufigſten zeigende Erſcheinung ſehr wohl und wußte, wie ſie ihm auf ſeinem heutigen Marſche för⸗ derlich war. Er hüllte ſich daher feſt in ſeinen war⸗ men Sturmrock, nahm ſeinen ſchweren Stock zur Hand und ſchritt, nach zärtlicher Trennung von der Mutter und nach feſtem Händeſchütteln mit dem Vater, raſch in den Stubnitzwald hinein, der ſich von Saſſenitz 3 aus noch eine Strecke ſüdlich und weſtlich über Cram⸗ pas hinaus fortzieht. In einem nach Weſten geſchweif⸗ ten Bogen ſchritt er unter den Bäumen auf ihm wohl⸗ 1 bekannten Seitenpfaden bis zum Dorfe Mueran, dann 21 ſchnell die Felder hinter ſich laſſend erſtrebte er das Dorf Reetz, von wo er der großen alten Landſtrae 6 folgte, die faſt ſchnurgerade auf die ſchmale Haide 3* zuführt. Dieſer in des That überaus ſchmale Land⸗ gürtel, der die Halbinſel Jasmund mit dem eigentli⸗ chen Rügen wie eine Brücke verbindet, die den kleinen Jasmunder Bodden von der Prorer Wiek trennt, iſt außerordentlich niedrig und flach, mit zahlloſen Feuer⸗ ſteinen bedeckt, die, vom Bodden herausgeworfen, das Wandern erſchweren und bei heftigen Winden, na⸗ mentlich wenn ſie vom Meere her fegen, unangenehm zu beſchreiten ſind. Heute nun wehte gerade der Wind ſcharf von Oſten her und trug das brauſende Geräuſch der Brandung weit in das Land hinein, jeden Laut, der ſich etwa vom Lande ſelbſt hören ließ, ganz über⸗ tönend. Sich in noch raſchere Bewegung ſetzend, um dem kalten Luftzuge bald zu entgehen, ſchritt Walde⸗ mar bei der ſchönen und noch jetzt vorhandenen Gruppe rieſiger Hülsbüſche vorüber auf die öde und kahle Strecke der ſchmalen Haide hinaus und mäßigte ſei⸗ nen Gang erſt, als er das einſame Nadelgehölz auf der Haide erreichte. So kam er glücklich bis zum Haidekruge, wo er mit Recht franzöſiſche Einquartie⸗ rung vermuthete. Schon von Weitem ſchallte ihm lauter Geſang aus der Schänke entgegen, vor der ein ſchläfriger Poſten, unwillig, daß er am Spiel und der Unterhaltung der Kameraden nicht Theil nehmen konnte, langſam auf und ab klirrte. Waldemar hielt ſich von mfen, verließ raſch das einſame Gehöft und wandte ſich nun der vielgenannten Prora zu, dieſem damals eigenthümlich düſtern, von beiden Seiten mit ſtark abſchüſſigen Bergwänden eingeſchloſſenen Hohlwege, 911* — 164 den ein Fremder zur Nachtzeit und namentlich wenn der See⸗Daak das Land durchſtreicht, ſicher vermeidet, weil er gehört hat, daß er ein ſo ſchmaler Engpaß iſt, daß zwei ſich etwa begegnende Menſchen höchſtens zu Fuße einander ausweichen können. Für Waldemar hatte er nichts Bedenkliches, ja er ſchien ihm noch ſicherer, als der Dreiviertelſtunden lange ſandige Weg, der an den Dünen und dem Strande entlang nach dem öden Aalbeck führt und von den zwiſchen dem Haide⸗ kruge und dem Vorgebirge Peerd hin und her ziehen⸗ den Patrouillen häufig betreten wurde. Zwiſchen bei⸗ den Wegen aber konnte er nur wählen, da ſie die) einzigen waren, die Jasmund und Mönchgut verbinden. Als Waldemar den Eingang der Prora erreicht hatte, horchte er ſcharf hinein, ob kein klirrender Tritt oder ein raſſelnder Wagen auf dem holprigen Wege ihm entgegenkäme. Er hörte nichts und ſo ſchritt er raſch und muthig in den eine Viertelſtunde langen Engpaß hinein, der— zu damaliger Zeit— an man⸗ chen Stellen ſo ſchmal war, daß ſich die Gebüſche von beiden Berglehnen in der Mitte berührten, die er dann mit dem Stocke und den Händen erſt aus einander bie⸗ 1 gen mußte, um einen Durchgang zu gewinnen. Da⸗ 4 her herrſchte denn, wie ſchon bei Tage, ſo jetzt am. ſpäten Abend erſt recht eine undurchdringliche Dunkel⸗ 1 ——— 165 heit darin, dafür aber hatte der Wind keine Gewalt und die Luft war ungleich wärmer als in der Nähe des Strandes. Vom Himmel war, zumal in dieſer düſteren Nebelnacht, keine Spur zu ſehen, und ſo ſetzte Waldemar, der faſt jede Erhabenheit und Vertiefung des Bodens kannte, den ſteil auf und abſteigenden Pfad raſtlos fort. Endlich aber wurde der Weg wie⸗ der breiter und ebener, die Höhen mit ihrem Buſch⸗ werk traten weiter zurück und man athmete wieder freier, da ſich der Wind alsbald fühlbarer machte. So war die Prora überwunden und nun, den Schanzen⸗ berg zur Linken umgehend, auf dem er mit Recht ei⸗ nen Poſten vermuthete, weil man von ſeiner Höhe ei⸗ nen weiten Fernblick über das ganze Land hat, wandte der nächtliche Wanderer, durch Felder und Niederun⸗ gen ſchreitend, ſich dem maleriſchen Schmachterſee zu, deſſen reizende Umgebung, herrliches Laubholz auf ſchön geſchungenen Bergen zeigend, ihm in früheren Jahren ſo oft ein beliebter Spaziergang geweſen war. Von dieſem See aus, den er zur Rechten ließ, erreichte er bald das ſterile Dorf Aalbeck, in deſſen Nähe er laut und immer lauter das Meer an die öden Dünen bran⸗ den hörte. Dicht dahinter beginnt der ſchon mehr⸗ fach erwähnte ſchöne Granitzwald, dem er mit fro⸗ hem Herzen zueilte. Denn war er auf dem ſchmalen 1 —-———ÿ —— —, 166 Sandwege am Meere, den er zuletzt betreten, leicht der Begegnung einer Patrouille ausgeſetzt geweſen, ſo bot ihm die prachtvolle Waldung mit ihren dicken Stämmen, ihrem hügeligen Boden und dem faſt un⸗ durchdringlichen Geſtrüpp eine bei Weitem größere Si⸗ cherheit. Deshalb hielt er ſich ſo fern wie möglich von den jäh in die Prorer Wiek abſtürzenden Ufern und ſchlug den breiten Weg auf den höchſten Punkt dieſer Gegend ein, einen herrlich bewaldeten Bergrük⸗ ken, auf deſſen höchſtem Gipfel ſich das alte Putbuſ⸗ ſer Jagdſchloß erhob. Aber nicht dieſes Jagdſchloß ſelbſt erſtrebte er, da er auch hier eine Niederlaſſung der Franzoſen vorausſetzte; vielmehr es zu ſeiner Rech⸗ ten laſſend, wandte er ſich auf einem Nebenwege nach dem Dorfe Sellin, hinter dem er in kurzer Zeit den Gränzgraben erreichte, der die Halbinſel Mönchgut von Rügen trennt und durch welchen der Selliner See ſein Waſſer dem Meere zuſendet. Jetzt ſchritt er raſch über die dortigen Wieſen hinweg dem Dorfe Baabe zu und erreichte endlich das große Dorf Göhren, das nicht weit von dem Göhren’'ſchen Höwt oder dem Vorge⸗ birge Peerd, entfernt liegt. 4 Die Umwege auf den verſchiedenen Schleichpfaden mit eingerechnet, hatte er etwa einen Weg von vier ſtarken Meilen zurückgelegt, was ihn jedoch bei ſeiner 167 kräftigen Conſtitution durchaus nicht ermüdet hatte. So war es ungefähr Mitternacht geworden, als er den Bergrücken des Peerdes erreichte, den er durchkreu⸗ zen mußte, um nach Bakewitz, dem an der Südſeite deſſelben gelegenen Gute, zu gelangen. Der heftige Wind hatte um dieſe Zeit bedeutend nachgelaſſen und nur bisweilen noch fuhren abgeriſſene kurze Windſtöße mit geiſterhaftem Heulen von der See her über das ſteile Ufer hin. Auch war der Nebel durchſichtiger ge⸗ worden und nur einzelne dichtgeballte Streifen huſch⸗ ten ſtoßweiſe als Nachzügler über die nächtliche Scene. Hier beſchloß Waldemar eine Weile zu raſten und zu überlegen, wie er in ſo ſpäter Nacht ſein Eintreten bei dem kranken Lachmann entſchuldigen ſollte, der ſeiner Familie freilich ein lieber Freund und ein allen Landeskindern wohlbekannter Patriot war. Als er ſich zu dieſem Zweck auf einen Mooshü⸗ gel niederließ und dabei zur Linken das ſteile Vorge⸗ birge, vor ſich den ſchmalen Weg nach dem Gute hatte, glaubte er in der Ferne von der Seite des Meeres her ein flackerndes Feuer wahrzunehmen. Begierig, den Grund deſſelben zu erſpähen, ſchlich er dem ſpitz zulaufenden Vorgebirge zu, aber in die Nähe der äu⸗ ßerſten Spitze gelangt, ſtockte er plötzlich im Vorſchrei⸗ ten, ſprang hinter ein dichtes Erlengebüſch und hatte 168 nun eine Scene vor ſich, die eben ſo ſeltſam wie an⸗ ziehend war. Das Göhren'ſche Höwt, in der Volksſprache Peerd genannt, weil es von der See geſehen, die Geſtalt eines koloſſalen Pferdekopfs hat, ſpringt in abgeſtumpf⸗ ten unförmlichen Kegeln von gelbem Sande und Thon aus einer Hülle das Seedorngeſträuchs hervor und bäumt ſich in anſehnlicher Höhe gerade nach Oſten gegen das Meer auf, deſſen feindliches Andringen ein gewaltiges Lager von großen und kleinen Steinen bricht, zwiſchen denen gewöhnliches Schilfrohr in un⸗ endlicher Menge hervorwächſt. Das ſchräge Vorufer, an deſſen Strand und Abhang dieſe Steine liegen, iſt wild, rauh und gleicht einem Chaos von zufällig zuſammengehäuftem Schutt. Auf dem dahinter lie⸗ genden Klippenplateau nun ſtand ein anſehnliches Gehölz rieſiger Tannen, durch welches der Wind ſtoß⸗ weiſe fuhr und dabei ein hohl und geiſterhaft klingen⸗ des Sauſen in den hin und her bewegten Wipfeln verurſachte, das ſich nicht unharmoniſch mit dem pfei⸗ fenden Säuſeln des Schilfes miſchte, deſſen elaſtiſche Halme ſich tief bis zu den brodelnden Wellen beugten.“ Auf der äußerſten kahlen Spitze hatten die Fran⸗ zoſen eine Feuerbaake errichtet, eine hohe Stange, an deren Ende eine Theertonne befeſtigt war, um den —— 8 landeinwärts liegenden Kriegern ein weithin ſichtbares Zeichen zu geben, wenn irgend ein Feind es wagen te, eine Landung zu verſuchen, namentlich aber wenn etwa die unternehmenden Engländer, die man am meiſten fürchtete, den verpönten Handel mit Co⸗ lonialwaaren auf heimliche Weiſe an dieſer abgelege⸗ nen Küſte ausüben wollten. In der RNähe dieſer Baake ſchlich ſeufzend und frierend ein Poſten auf und ab, von Zeit zu Zeit ſich den Tannen nähernd, unter deren Schutze ein Wacht⸗. poſten, aus vier Mann beſtehend, ſich gelagert und ein Feuer angezündet hatte, zu deſſen Unterhaltung einige umſtehende harzreiche Bäume gefällt und zer⸗ ſägt waren. Das Feuer ſelbſt brannte nicht allzu hell in einer Vertiefung, die die Natur gegraben und die menſchliche Hand erweitert hatte. Düſter flackerte die matte Flamme in der nebligen Nachtluft, die heute kein Mondſtrahl erhellte, und warf einen dunkelglü⸗ henden Schein weit auf das brodelnde Meer hinaus, während ein ſchwarzer, harzig duftender Qualm in umfangreicher Säule langſam emporſtieg, in der Höhe aber bald von den Windſtößen weſtwärts getrieben wurde. Im Kreiſe um das Feuer herum, an dem ſie ein warmes berauſchendes Getränk kochten, ſaßen vier V V ——— * 10o. Scharfſchützen, die zu der unglückſeligen deutſchen Reichsarmee gehörten, welche die Franzoſen oft wider Willen in alle ihre Feldzüge und Schlachten itſchlepp⸗ ten. Nur ihre Seitengewehre hatten ſie um die Hüf⸗ ten geſchnallt, ihre Büchſen aber ſtanden, zu einer Pyramide vereinigt, zwiſchen der Baake und dem Feuer, ſo daß ſie im Fall der Noth ſie mit wenigen Schritten erreichen konnten. Indeſſen war an einen Ueberfall an dieſem ſtillen und abgelegenen Orte der Inſel, auf der kein feindliches Corps ihnen gegenüber ſtand, nicht zu denken, und ſo ruhten ſie ſorglos, im Mooſe niedergeſtreckt, ihren nächtlichen Dienſt, ſo leicht er war, nicht gerade mit großer Luſt verrichtend, wie wir ſogleich hören werden, vielmehr die windige In⸗ ſel zu allen Teufeln wünſchend, wenn ſie ſie mit ih⸗ rer ſpießbürgerlichen Heimat verglichen und an die reichlichen Genüſſe dachten, die ihnen ohne alle Mühe daſelbſt zu Theil geworden waren. An ihrem Dialekt, den ſie in ſeiner ganzen ſüd⸗ lich gedehnten Breite ſprachen, erkannte der unberu⸗ fene Lauſcher, der wenige Schritte hinter ihnen im dichten Gebüſch verborgen war, weſſen Landes Kin⸗ der ſie waren, und als er erſt einige Worte gehört, ward er begierig, den Verlauf der für ihn höchſt er⸗ götzlichen Unterhaltung zu vernehmen. 171 „Ich ſage Dir,“ ſagte der Eine, der ein Corporal in ſchien, zu einem ſeiner ruhmreichen Kamera⸗ „Du biſt ein wahres Rhinoceros, wenn Du von den Schönheiten dieſer Inſel ſprichſt, auf die wir Alle wie eben ſo viele Robinſons verſchlagen ſind. Was giebt es denn hier, was nur einigermaßen zu loben wäre? Laß hören. Zuerſt haſt Du den bitterſten Wind und immer aus erſter Hand, der Mark und Bein erkältet— hu, mich ſchaudert ſchon, wenn ich nur davon rede. Mit dem Winde kommt der Nebel, von dem wir heute wieder eine anſtändige Probe er⸗ lebt haben. Nennſt Du den etwa warm?“ „Ich habe auch nicht geſagt, daß er warm iſt, Corporal.“ „Halt's Maul, dummer Kerl, Subordination bitt' ich mir aus, ich habe das Wort.— Zunächſt dem Winde und dem Nebel kommen ihre Gevattern, die ſchwarzen Wolken, die Regen auf Regen herabſchütten, als wollten ſie das Meer noch größer machen, das leider Gottes ſo ſchon groß genug iſt. Für die dum⸗ men Fiſcher und Schiffer hier mag ſo eine Sünd⸗ fluth ganz angemeſſen ſein, für Unſereins aber, die wir nicht zu dem Stamme der Grönländer und Es⸗ kimos gehören, iſt das ein überflüſſiges Element.“ „Das war ein guter Witz, Corporal— überflüſſig!“ 172 „Halt'’s Maul, ſag' ich und ſperr' die Ohren auf, wenn ein erfahrener Mann Dein Trommelfell ki Das iſt nun Alles, was die Natur hier giebt— komm' ich zu Dem, was die Menſchen fabriciren. Daß ſich Gott erbarme! Ich will einmal vom Eſſen und Trinken ſprechen, da es doch den Leib und die Seele zuſammenhält. Aber was ſoll ich da viele Worte machen, es iſt ja Nichts der Rede werth. Sau⸗ res Brod giebt es genug, nun ja, aber der Fiſche giebt es zu viel, vom Morgen bis Abend, vom Abend bis Morgen, Fiſche und immer Fiſche, und wenn man denkt, es kommt einmal was Anderes, ſo ſind es abermals Fiſche.“ „Fabriciren denn die die Menſchen, Corporal?“ „Halt's Maul, Halunke, ſage ich, ſonſt melde ich Dich als widerſpenſtig und Du wirſt eingeſperrt,— verſtehſt du?— Ja, was wollt' ich ſagen— von den Fiſchen ſprach ich— hm! Nun ja, das iſt auch Alles, ich weiß nichts mehr.“ „Ihr habt das Getränk vergeſſen, Corporal,“ ſagte ein Dritter, der höher in der Gunſt ſeines Vorgeſetz⸗ ten zu ſtehen ſchien, denn er fürchtete ſich nicht vor dem angedrohten Arreſt. „Du haſt Recht, Jürgen, Du bringſt mich erſt auf das rechte Kapitel. Getränk? Sieh' doch mal nach, Claus, ob das Waſſer noch nicht kocht, ich habe Durſt und friere, als ob ich ſelbſt zu einem kalten Fiſche ge⸗ worden wäre. Ach Gott, ach Gott!“ „Was iſt Euch denn, Corporal?“ „Was mir iſt? Ich lamentire um das, was mir fehlt, um mein Bier zu Hauſe, das ſchöne Bier— das Münchener iſt gar nichts dagegen— ach, Jun⸗ gens, wenn Ihr wüßtet— hm! Meine Meiſterin brachte mir alle Tage zwei Maaß davon in die Kam⸗ mer, heimlich, der Alte durft es nicht wiſſen, und das ſchmeckt ja am beſten, wie Ihr wißt.“ „Ja, das wiſſen wir,“ ſagte der begünſtigte Scharf⸗ ſchütz.„Ihr habt Recht; wenn ich an unſer Bier denke, bricht mir beinahe das Herz vor Sehnſucht und ich muß denken, wenn der Kaiſer Napoleon wüßte, daß wir hier keins haben und ſo hundemäßig darben müſſen, er ſchriebe ſogleich eine Ordre und ließe uns nach Hamburg oder irgend wo anders hin marſchiren, wo es außer Fiſchen, Brod und Bier noch was Beſ⸗ ſeres giebt.“ Das Geſpräch ſtockte eine Weile, denn der zur Unterſuchung des Waſſers beorderte Schütz hatte es ſiedend gefunden, eine Flaſche Branntwein und ein großes Stück confiscirten Zuckers in einen Kochkeſſel gethan und dann mit einem Stück Holz den duften⸗ 174 den Inhalt umgerührt. Es mußte ihm ſehr appetit⸗ lich riechen, denn er füllte haſtig ein irdenes kleines Geſchirr damit, koſtete es, nickte beifällig, that einen größeren Zug und reichte es dann dem Corporal, der keine ſo derbe Haut auf den Lippen beſaß wie der Koch, denn er verbrannte ſie ſich weidlich, huſtete und brach dann in ein lautes Schelten aus. „Verfluchter Eſel! Ich ſage es ja, Du biſt zu nichts zu gebrauchen. Glaubſt Du denn, daß meine Lippen Stiefel tragen, wie Deine bäuriſchen Pfoten? — Kerl, ſo ſauf doch nicht wie ein Tiger, der zehn Tage gedurſtet— laß die Brühe kalt werden, ehe Du ſie ganz verſchlingſt.“ Der Befehl wurde befolgt und dann das Gefäß herumgereicht, als plötzlich hinter ihnen eine Stimme ſagte:„Corporal— heda! Ich glaube, Ihr könnt mir auch was darin laſſen.“ Der Corporal, heftig erſchreckend, erbleichte und drehte ſich wie eine wohlgeölte Windfahne nach dem Sprechenden um. Als er aber den an der Baake Wache haltenden Schützen mit loſe über die Schulter gelegter Büchſe hinter ſich ſtehen ſah⸗ ſprang er auf die Füße und donnerte: „Marſch! Dort iſt Dein Platz, Halunke! Schau nach dem Meere, das iſt Dein Dienſt; erſt wenn Du 175 abgelöſt wirſt, kannſt Du den Hundetrank trinken wie wir.“ 1 Die Schildwache ſtand ſchon auf ihrem Poſten, ſie hatte wenigſtens einen Augenblick die Wärme des Feuers geſpürt und eine Naſe voll von dem Duft des leckern Gebräues eingeſogen. Der Corporal aber, etwas weicher geſtimmt, ſobald das ſtarke Getränk ſeine Lebensgeiſter erregte, ſtreckte ſich wieder nieder und ſchien geneigt, das Geſpräch fortzuſetzen, als ein ächzender Windſtoß durch die Wipfel der Tannen über ihnen hinfuhr und ein ſo klägliches Wimmern hören ließ, daß alle Anweſenden ein unwillkürliches Grauen empfanden.) „Habt Ihr gehört,“ ſagte der Corporal, nachdem er eine Weile auf den ſeltſamen Ton gelauſcht— „war das nicht ein Aechzen und Wimmern, wie wenn ein neugeborenes Kind um Mitleid und Barmherzig⸗ keit fleht?“ „Ja, ja, wir haben's gehört, Corporal, und es ſchauert uns Allen die Haut davon,— denn mag Einer ſagen was er will, es iſt nirgends geheuer auf dieſer Inſel.“ „Weiß es der liebe Gott!“ fuhr der Corporal fort, nich denke erſt jetzt daran, und das iſt nicht das ge⸗ ringſte Ungemach hier. Sagt mal, was denkt Ihr denn von dem Spuk, der hier alle Nächte in den al⸗ ten Schlöſſern, Schluchten und Wäldern umgehen ſoll?“ „Was wir davon denken?“ fragte der begünſtigte Schütz und bekreuzigte ſich herzhaft.„Was jeder red⸗ liche Chriſtenmenſch davon denken muß, wenn er ſelig werden will. Natürlich ſpukt es hier überall und das iſt kein Wunder, denn das ganze Land iſt ein Kirch⸗ hof, überall ſind Gräber und zu Tauſenden liegen die erſchlagenen Menſchen darin und vor Allen in den Hünengräbern, wie ſie ſie nennen.“ „Natürlich, und das finde ich ganz in der Ord⸗ nung,“ erwiderte der Corporal ſehr leiſe und rückte etwas näher an ſeinen Kameraden heran, was dieſe auch ſchon unter einander gethan hatten und ſo ganz dicht bei einander ſaßen.„Die alten Rügianer ſind alle Heiden geweſen und haben Menſchenfleiſch gegeſ⸗ ſen— das beſtraft ſich an Kind und Kindeskind, und darum müſſen ihre Nachkommen jetzt ſo ſaures Brod eſſen. Ihre Götzen ſollen ſogar Jungfrauen verſchlun⸗ gen haben, und in dem See dort oben— habt Ihr ihn ſchon geſehen?“ „Gott bewahre, ich mag ihn gar nicht ſehen!“ „Ich auch nicht, er ſoll noch ganz ſchwarz ausſehn von verfaultem Blut, und darum nennen ſie ihn auch den ſchwarzen See.“ 8 177 „Schweigt ſtill davon, es wird Einem ganz weich dabei um's Herz und mir ſchaudert die Haut. Hu! was iſt das kalt! Schür' mal das Feuer, Claus, es geht ſonſt aus.“ Aber Claus regte ſich nicht; ihn hatte die Furcht ſo übermannt, daß er ſich nicht von ſeinen Kamera⸗ den trennen mochte, und ſo brannte das Feuer ſtets matter, da auch der Corporal nicht den Muth beſaß, ſeinen Nebenmann zu verlaſſen. „Ja,“ ſagte er endlich,„es iſt das eine ſchreckliche Gegend hier. Neulich erzählte mir Corporal Melchior, als er vor drei Wochen auf Commando nach Spyker gemußt— das iſt ein Gut dort oben in Jasmund und ein altes verhextes Schloß— er habe das Spy⸗ ker'ſche Geſpenſt geſehn und beinahe wäre es ihm ei⸗ nes Abends in den Rachen gelaufen. Er hat ſich ſo darüber erſchrocken, daß er das Fieber gekriegt und in das Lauſeneſt Bergen in's Hospital gemußt hat, und da hab' ich ihn geſprochen.“ „Hu, das iſt ſchrecklich, Corporal! Das Uebelſte aber ſollen die aufgeworfenen Gräber ſein, wo man Schätze zu finden geglaubt und nichts als ungeheuer dicke Knochen gefunden hat; die Geſpenſter, die ſie behüten, ſollen Rache geſchworen haben einem Jeden, der einen Spaten anrührt.“ Der Strandvogt. I. 12 178 „Rache? Du ſagſt es? Kerl— mache mich nicht toll!“ „Warum denn gerade Euch, Corporal?“ „Weil ich auch ſo dumm geweſen bin und an Schätze gedacht und mir welche habe ergraben wollen — und da“— ihm erſtickte das Wort beinah in der Kehle—„da hinter dem Gebüſch— gleich hier, wo wir ſitzen, da iſt ſo ein Kegelgrab, wie ſie es nennen—“ „Ihr habt doch nicht darin gegraben?“ „Ja, ich ſag's ja, ich bin— ſo dumm geweſen. Denn ſeitdem ich's gethan— ſeitdem—“ „Nun, ſeitdem?“ „Seitdem gehe ich nie ohne Schauder daran vor⸗ über, denn es ſummt und gurgelt und pruſtet darin, wie wenn—“ „Was iſt Euch, Corporal? Der Corporal hatte ſich ganz feſt an ſeinen Nach⸗ bar gedrückt, die Andern desgleichen, und ſo lagen ſie Alle dicht neben einander.„Still!“ ſagte er leiſe und den Kopf dem Gebüſche, von dem er geſprochen, ent⸗ gegenneigend—„Hörtet Ihr nichts?“ Alle ſperrten die Mäuler auf, hoben die Köpfe in die Höhe und horchten athemlos auf das angedeutete 179 Geräuſch, während ihre Hände vor der Bruſt auf und ab flogen und ohne Unterlaß das Kreuz ſchlugen. In der That, hinter dem Gebüſche hervor, auf das alle Augen glotzend gerichtet waren, ſogar die der Schildwache, die ſchon lange, das Gewehr bei'm Fuß, hinter den Geſpenſterſehern ſtand, ließ ſich ein ſelt⸗ ſames, ſummendes Geräuſch vernehmen. Erſt leiſe, dann immer lauter, ſtieg es gleichſam aus der Erde hervor und klang dem Ohre der Abergläubiſchen ſo geiſterhaft, daß es nach ihrer Meinung nimmermehr der Kehle eines Sterblichen entſtammen konnte. „Still— hört Ihr?“. „Ja, ja— was iſt das? Es kommt näher— da iſt es— hört!—“ „Still!“ Das ſummende Geräuſch ging in ein heiſeres Ge⸗ belfer über; es klang entſetzlich, und hautſchaudernd war die Wirkung, die es auf die in Furcht Geſetzten ausübte. Plötzlich geſchah ein ſtarker Schlag mitten in's Feuer hinein, die Funken ſprühten rings umhet. und fielen auf die wie ohnmächtig daliegenden Krieger. Das war das Letzte, was zu ertragen war. Wie vom Sturmwinde aufgehoben, ſprangen die muthigen Schützen ſammt ihrem Corporal in die Höhe und ehe man nur Drei zählen konnte, waren ſie davon geſto⸗ . 12* — —-— — ben, Feuer, Getränk und ſogar ihre Gewehre im Stiche laſſend. Der Letzte aber, der davon lief, war die Schildwache ſelbſt, jedoch nicht eher, als bis ſie ihre Büchſe fortgeworfen und ein vor Angſt heiſeres: „Wer da?“ gekräht hatte. Keine halbe Minute war ſeit dem Verſchwinden der muthigen Reichsſoldaten verſtrichen, ſo trat aus dem erwähnten Gebüſch eine hohe Geſtalt hervor, ging zuerſt auf das Feuer zu, das ſie ganz austrat unnd mit Erde bewarf, ſo daß es keine Flammen mehr entſenden konnte, dann aber zur Baake tretend, riß ſie ſie mit herkuliſcher Gewalt aus der Erde und rollte die Tonne den Abhang nach dem Meere hinunter, die Stange flugs hinterherwerfend. Aber auch damit hatte das nächtliche Geſpenſt noch nicht genug. Raſch trat es zu den zuſammengeſtellten Gewehren, nahm ſie gewandt auseinander, hob eins nach dem an⸗ dern in die Höhe und warf ſie mit gewaltigem Schwunge mitten in das Schilf, ſo daß die Waſſer darüber zuſammenſchlugen und ein Plätſchern hören ließen, das wie ein dämoniſches Gejauchze der ſo un⸗ verhofft beſchenkten Waſſergötter klang. Dann aber ein Stück rückwärts ſchreitend und den Weg gewin⸗ nend, der nach Bakewitz führt, lief das Geſpenſt, was es laufen konnte, querfeldein, und nicht eher hielt es 181 in ſeinem Laufe an, als bis es das einſam gelegene Gehöft erreicht hatte, welches für dieſe Nacht ſein Ziel geweſen war. Kaum aber war das Geſpenſt vom Schauplatze ſeiner Thaten verſchwunden, ſo änderte ſich die Scene in der Nähe des Bivouaks auf eine für die Wache ſehr unangenehme Weiſe. Da nämlich die Stunde der Ablöſung der Küſten⸗ wache gekommen war, ſo erſchien der Officier, der dieſe Nacht den Dienſt hatte, nicht allein mit der Ab⸗ löſung, ſondern auch mit einer größeren Patrouille von der Seite des in Philippshagen gelegenen Haupt⸗ quartiers her, um ſeiner Pflicht gemäß nach dem Rech⸗ ten zu ſehen und dann eine Strandviſitation bis zum Granitzer Ort hin zu halten. Auf dem ſandigen Wege aber, der von dem Göhren’'ſchen Höwt nach dem Hauptquartier führte, kamen ihm ſchon die von dem Geſpenſt verſprengten Untergebenen voll gränzen⸗ loſen Entſetzens in toller Haſt entgegengelaufen, als wären ſie in einer großen Schlacht geſchlagen und ſuchten ihr einziges Heil in zügelloſer Flucht. Ueber alle Begriffe verwundert hielt der Officier ſeine athem⸗ loſen Truppen mitten auf dem Wege an, fragte und vernahm dann mit Erſtaunen die räthſelhaften Mel⸗ dungen des entſetzten Corporals und ſeiner wie Es⸗ 182 penlaub zitternden Gefährten. Da er aber ein mu⸗ thiger und ſtreng dienſtlicher Mann war, ſo befahl er augenblicklich, nach dem Orte des Schreckens auf⸗ zubrechen, um ſich perſönlich von dem angeblichen Spuk und der furchtbaren Macht und Unwiderſteh⸗ lichkeit des Geſpenſtes zu überzeugen. An Ort und Stelle angekommen, fand er aller⸗ dings das Feuer verlöſcht, und nachdem er es ſo ſchnell wie möglich hatte wieder anzünden und durch trok⸗ kenes Nadelholz in hellen Brand ſetzen laſſen, war es ſein Erſtes, die Mannſchaft, die ſo übereilt ihren Po⸗ fien verlaſſen, unter das Gewehr zu rufen. Aber wer beſchreibt den Schrecken und die Verwirrung aller An⸗ weſenden, als ſie weder die Baake noch die Gewehre vor⸗ fanden, wodurch ſich der vermeintliche Spuk, vor den Augen des Officiers wenigſtens, in etwas ganz An⸗ deres und Ernſteres auflöſte. Er gerieth daher in ei⸗ nen heilloſen Zorn und ſein erſter Befehl war, den Corporal und die vier Ausreißer mit ſtrengem Arreſt zu belegen, was auf der Stelle ausgeführt ward, in⸗ dem die Patrouille ſie in die Mitte nahm und nach dem nächſten Gefängniß abführte. Der zurückbleibende neu aufgezogene Wachtpoſten aber wurde befehligt, die erſten Stunden ſeiner Strandwache unter dem Ge⸗ wehr zuzubringen, die Gegend ringsum genau zu durch⸗ 183 ſuchen und beim geringſten Befund, der den Ueber⸗ fall erklärte, Meldung abzuſtatten. Der Officier ſelbſt kehrte darauf in ſein Haus zurück, ohne den beabſich⸗ tigten Patrouillengang fortzuſetzen, denn die dunkle Nacht, der noch immer die Ferne verhüllende Nebel und der brauſende Wind, der jedes Geräuſch übertönte, ließ nur wenig Wahrſcheinlichkeit übrig, ein Unterneh⸗ men glücklich zu Ende zu führen, das ſo ſeltſam und mit dem Verluſt von fünf vortrefflichen Büchſen be⸗ gonnen hatte. Mit dem geheimen Verdacht, daß es trotz aller angewandten Vorſicht doch einem kühnen Engländer gelungen ſei, heimlich in der Nähe zu lan⸗ den und den Ueberfall auf liſtige Weiſe auszuführen, ging er zur Ruhe, ſich in ſeinem tapferen Herzen ge⸗ lobend, am nächſten Tage auf die Engländer Jagd zu machen und den Uebelthäter— natürlich erſt, nach⸗ dem er ihn gefangen— zur beiſpielloſen Beſtrafung dem Kriegsgerichte in Bergen zu überliefern. Serhſtes Kapitel. Das ſchöne Mädchen von Saſſenitz. Waldemar hatte von dem Orte ſeiner zufälligen Heldenthat aus bis zum Gute des alten Lachmann nur eine Strecke von höchſtens einer Achtelmeile zu⸗ rückzulegen und dazu reichten wenige Minuten hin. Begeben wir uns einige Augenblicke vor ihm an Ort und Stelle und betrachten wir mit Ruhe das Gut, um dann zu der Scene überzugehen, die in der ge⸗ genwärtigen ſtillen Mitternachtſtunde im Herrenhauſe daſelbſt vorgehen ſollte. Das Gut Bakewitz zeichnet ſich durch keine her⸗ vorſtechenden Eigenſchaften, weder in Bezug auf archi⸗ tektoniſche Schönheit der Hauptgebäude, noch auf Zier⸗ lichkeit und behagliche Räumlichkeit des ganzen Ge⸗ höfts vor den meiſten übrigen Gütern auf Rügen und namentlich auf Mönchgut aus; nur ſeine maleriſche — 185 Lage an der Südſeite des Göhren'ſchen Höwts und in der Nähe des blauen Seeſpiegels konnte einigen Anſpruch auf vorzugsweiſe Begünſtigung unter den Liegenſchaften der Halbinſel erheben. Dieſe Lage war allerdings in ihrer Art reizend und wenige Land⸗ güter an den nordiſchen Küſten Deutſchland's mögen ſich einer angenehmeren erfreuen. Von einer kleinen ſchattigen Laubwaldung umgeben, an die ſich frucht⸗ bare Aecker und ſogar— ein ſeltener Luxus auf Rü⸗ gen— einige Wieſen ſchloſſen, ſah die Hauptfront über ein niedliches Gärtchen, in dem dicht am Strande zwei prächtige Nußbäume prangten, unmittelbar auf die See hinaus, die ſich in allen ihren abwechſelnden Reizen hier offenbarte. Zur Rechten von dieſer Haupt⸗ front aus geſehen, zog ſich die graue Küſte von Mönch⸗ gut entlang bis zur hervorragenden Landſpitze von Lobber⸗Ort, darüber hinaus ſprang das ſteile Thieſ⸗ ſower⸗Höwt wild und wüſt mit ſeiner ſparſamen Gra⸗ ſung, ſeinem wuchernden Seedorn und ſeinem win⸗ zigen Buſchwerke hervor. Jenſeits dieſes Vorgebirges wogte das ſchöne Meer, aus deſſen azurner Bläue ein wenig nach Oſten das ſandbankartige Eiland Ru⸗ den und mehr nach Oſten hin die Greifswalder⸗Oee mit ihren ſenkrechten Wänden emporſteigt, während ſüdlich von Ruden die pommer'ſche Küſte ſich grau 186 und grün gegen den violettfarbigen Horizont abhebt. Ganz nach Oſten dehnt ſich das Meer in unabſeh⸗ bare Ferne aus und die einzigen Gränzen, die das ſehnſuchtsvolle Auge in dieſer Richtung erſchaut, wer⸗ den vom Himmel und den Waſſerwogen gebildet, beide blau in einander verſchwimmend, bis man ſie nicht mehr von einander unterſcheiden kann. Nach dieſem Horizonte hin, ebenſo wie nach Süden zeigen ſich in ruhigen Friedenszeiten zahlloſe Segel, die den Norden Europa's mit Deutſchland verbinden und Han⸗ del und Wandel in ihren weitbauchigen Rumpfen tragen, eine Zugabe, die ſelbſt bei ſtürmiſchem Wet⸗ ter einen großen Reiz ausübt, da man alsdann an jedem gefährdeten Schiffe einen Antheil nimmt, als wäre man ſelbſt an Bord des ſchaukelnden Fahrzeugs, hätte die Gefahren mit den kühnen Schiffern zu thei⸗ len und freute ſich, wenn man glücklich den ſicheren Hafen gewinnt. Das Gehöft ſelbſt iſt, wie geſagt, nur ein ein⸗ faches einſtöckiges Viereck, deſſen dem Lande zuge⸗ wandte Seite, ſo wie die beiden Verbindungsflügel, Scheunen und Ställe enthalten, während das eigent⸗ liche Herrenhaus, die Seeſeite einnehmend, niedrig, weißgetüncht, ſechs Fenſter und dazwiſchen eine Thür zeigt, die in das Gärtchen und an den Strand hinab 1 führt. Gedeckt iſt dieſes Herrenhaus mit rothen Zie⸗ geln, einem Schmucke, deſſen ſich die drei anderen Seiten nicht erfreuen, da ſie nur unter einer grauen Hülle von Rohr prangen, auf deren zwei nach Nor⸗ den liegenden Firſten ſich zwei Storchfamilien nieder⸗ gelaſſen haben, die von den Hausbewohnern hoch geehrt ſind und jedes Frühjahr bei ihrer Rückkehr aus wärmeren Zonen mit Jubelgeſchrei begrüßt werden. So bietet das Ganze das Bild eines patriarchaliſchen, gemüthlichen Landſitzes dar, der ein beſcheidenes Auge wohl erfreuen und ein nicht allzu wünſchereiches Herz in der That befriedigen kann. Was den Namen, den das Gut führte, anbelangt, ſo rührte derſelbe von zwei Baaktonnen her, die eine Strecke vom Ufer entfernt in der See lagen und das Fahrwaſſer andeuteten, welches innezuhalten war, wenn man an den gefährlichen Sandbänken vorbei, zu der bequemen Landungſtelle gelangen wollte, die der alte Lachmann angelegt hatte. Bis vor einigen Monaten hatten auf dieſem Gute 4 einige zwanzig Franzoſen mit einem Officier gelegen; als aber der größere Theil der Beſatzungstruppen von der Inſel gezogen wurde, um den Krieg in das Herz Deutſchland's zu tragen, hatte man es für räthlich gehalten, die vom Mittelpunkt der Inſel am weiteſten 188 entfernt liegenden Ortſchaften zu räumen, woburch auch Bakewitz von ſeinen Quälgeiſtern frei geworden war. Der Beſitzer deſſelben war kein reicher Mann im jetigen Sinne des Worts, ſicher aber ein wohlhaben⸗ der und dabei ſehr unterrichteter Landwirth, der es ſich ſeit Jahren hatte angelegen ſein laſſen, ſein Grund⸗ ſtück zu verbeſſern und die Lage ſeiner Untergebenen, die damals noch Leibeigene waren, zu einer befriedi⸗ genden zu geſtalten. So war er auch in der ganzen Gegend wegen ſeiner wohlwollenden Geſinnung und Leutſeligkeit gegen Freunde und Fremde bekannt, denn da er ohne Familie und nie verheirathet geweſen war, ſo hatte er ſein Vergnügen darin gefunden, Je⸗ dermann, wo er nur konnte und Gelegenheit dazu fand, Gutes zu thun. Mit der Familie des Strand⸗ vogts, der früher in ſeiner Nachbarſchaft gewohnt, war er ſeit langen Jahren durch die innigſte Freundſchaft verbunden, beide Männer nannten ſich Vettern, obgleich keinerlei Art Verwandtſchaft zwiſchen ihnen beſtand. Seine ganze Zärtlichkeit aber hatte der alte Lachmann ſeiner Pathe zugewandt, der verwaiſten Hille Vangerow, die er gern für immer bei ſich gehabt, wenn er nicht ein⸗ ggeeſehen, daß ſein einſames Gut, auf dem keine Frau waltete, kein geeigneter Aufenthaltsort für ein junges und lebhaftes Mädchen ſei. In den letzten Jahren — war er häufig krank geweſen und hatte ſich um ſo mehr nach weiblicher Pflege geſehnt; darum beſuchte ihn auch Hille von Zeit zu Zeit und weilte ſogar, ſeitdem die Franzoſen abgezogen, ganz auf Bakewitz, da der alte Herr jetzt ernſtlich krank darniederlag. Waldemar näherte ſich dem Eingangsthor von der Landſeite her und fand es natürlich verriegelt. Sein Pochen weckte jedoch einen alten Knecht, der ſchläfri⸗ gen Ganges endlich herbeikam und fragte, wer Einlaß begehre. Waldemar bat, das Thor zu öffnen, und nachdem er ſeinen Namen genannt, geſchah es, wor⸗ auf er ſogleich die Frage ſtellte, ob Fremde auf Bake⸗ witz ſeien. „Wer ſoll denn hier ſein, wenn nicht die ſchöne Hille aus Saſſenitz,“ antwortete der Knecht, der Wal⸗ demar's Namen ſehr gut kannte, obgleich er den jun⸗ gen Mann lange nicht geſehen hatte.„Ihr kommt gerade zur rechten Zeit, wenn Ihr Euern alten Freund noch einmal ſehen wollt, denn man ſagt, er liege im Sterben. Da— ſeht— wo das Licht brennt, liegt er im Bette und bittet Gott, daß er ihn von ſeinen Schmerzen erlöſen möge.“ Während der Knecht das Thor wieder verriegelte, ſchritt Waldemar dem Herrnhauſe näher, lehnte ſich auf den niedrigen Fenſterſims und ſchaute durch eine 8* Lücke im Zipfel des kleinen Vorhangs in das Innere des Zimmers hinein. Da hatte er denn eine eben ſo unerwartete wie ſchmerzliche und doch in andrer Beziehung wieder ſehr liebliche Scene vor Augen, die auch wir mit einiger Theilnahme betrachten wollen. In der linken Ecke des Schlaſßinmners des alten Lachmann's ſtand ein breites und hohes Himmelbett, deſſen ſchneeweiße Vorhänge zu beiden Seiten weit zurückgeſchlagen waren, um dem darin liegenden Kran⸗ ken Luft und Licht zu gönnen, der ſchwer zu athmen und augenblicklich große Leiden zu erdulden ſchien. Er war ein alter Mann mit ſchneeweißem Haar und von einiger Körperfülle; ſein Geſicht aber war bleich und gedunſen, der Blick der faſt erloſchenen Augen matt und glanzlos, und doch prägte ſich immer noch das freundliche Wohlwollen darin aus, das in geſunden Tagen Jedermann ſo kenntlich daraus geleuchtet hatte. Er ſprach, man ſah es, mit Mühe und Anſtrengung und nur in abgebrochenen Sätzen; dabei hatte er ſeine Hand gleichſam ſegnend auf das Haupt eines dicht neben dem Bette knieenden weiblichen Weſens gelegt, das Waldemar, ſobald er nur einen Blick darauf ge⸗ worfen, für ſeine Couſine Hille erkannte, obgleich er ſie ſeit Jahren nicht geſehen und ſie ſich ſeit dieſer Zeit 191. 8 unzweifelhaft außerordentlich verändert hatte. Denn das Bild, welches er von ihr in der Erinnerung be⸗ wahrte, war allerdings ein liebliches, da Hille ſchon in ihrem vierzehnten Jahre nicht allein ein verſtändi⸗ ges Mädchen geweſen war, ſondern auch ſchon die An⸗ lagen zu einer ſehr großen Schönheit verrathen hatte. Obwohl ſie am Bettrande auf einem Schemel kniete und ſo ihre ganze Geſtalt nicht zu überſchauen war, ſo ſchien ſie Waldemar doch bedeutend gewachſen zu ſein und eine für Frauen anſehnliche Größe erreicht zu haben, der auch die Formen ihres vollkommen ent⸗ wickelten Körpers entſprachen. Von ihrem dem Pathen zugewandten Geſichte konnte er nur bei zufälligen Bewegungen vorübergehend das Profil wahrnehmen, aber das, was er ſah, verrieth ſchon, wie ſchön und anſprechend ſich das volle Ganze darſtellen würde. Den blühenden warmen Farben, von denen ihre Wan⸗ gen ſtrahlten, hatte ſelbſt der Schmerz um den leiden⸗ den väterlichen Freund keinen Abbruch thun können und das große funkelnde Auge mit ſeinen langen ſchwarzen Wimpern, deſſen ſchöne blaue Farbe dem Lauſchenden noch aus früherer Zeit erinnerlich, war zärtlich und liebevoll und doch, dem Charakter des Mädchens gemäß, feſt und zuverſichtlich auf das Ge⸗ ſicht des Sterbenden gerichtet. In ihrer Kleidung ver⸗ O[io—— 192 rieth ſich, obgleich auch ſie nicht ſtreng nach Mönchguti⸗ ſcher Sitte gekleidet ging, doch die Abſtammung von dem Volke dieſer Halbinſel, wie denn alle Frauen deſſelben, mögen ſie auch ſpäter in ganz andere Ver⸗ hältniſſe gerathen, immer einen Theil ihrer Jugend⸗ kleidung beibehalten, um ſchon dadurch ihre Anhäng⸗ lichkeit an das Land ihrer Väter zu beweiſen. So trug ſie auch heute, wie ſie noch nie einen anderen getragen, den kurzen faltigen Rock von feinem ſchwar⸗ zen Tuche, deſſen unterer Rand mit dunkelblauem ſei⸗ denen Bande eingefaßt war, unter dem die zierlichen Füße in feſten Schuhen mit dem kräftigen Beine in mattblauen Wollſtrümpfen hervorſahen. Ihr Oberleib war in die wohlkleidende Jupe gehüllt, die ſich feſt und prall um ihre reizenden Formen ſchloß und da⸗ durch den ſchlanken und doch kräftigen Wuchs der Jungfrau vortheilhaft hervortreten ließ, eine Tracht, welcher der Bruſtlatz nie fehlen durfte, der— wie die Einfaſſung des Rockes— aus dunkelblauem Seidenſtoff beſtand, den kreuzweiſe gezogene goldene Schnüre eng zuſammenhielten. Ihr weißer anmuthig gebogener Hals trat voll aus dieſer Jupe hervor und war von koſtbaren Bernſteinperlen umſchloſſen, die vorn dicht über dem Bruſtlatz ein mattgoldenes Schloß vereinigte. Das Haar, dunkel von Farbe, glänzend und überaus blühenden Wangen vollkommen frei blieben, war nicht mit der Mönchgutiſchen ſpitzen Mütze, vielmehr mit jenem kleidſamen pommer'ſchen Käppchen von ſchwar⸗ zer flitternbeſetzter Seide bedeckt, das die reichen Flech⸗ ten des Hinterkopfes nur zum Theil verbarg und den Nacken hinunter, der eigenthümlich kühn und ſtolz getragen wurde, lange ſchwarzſeidene Bänder bis her⸗ ab zur Taille flattern ließ. Auf der Hälfte der Arme, bis wohin die enganſchließenden Aermel der Jupe reich⸗ ten, traten, ähnlich wie jetzt die Mode der Frauen bei uns iſt, weitgebauſchte und mit ſelbſtverfertigten Spiz⸗ zen beſetze Aermel von der feinſten holländiſchen Lein⸗ wand hervor, die vorn an der Handwurzel durch ei⸗ nen Bernſteinknopf mit goldener Einfaſſung zuſam⸗ mengehalten wurden und eine rein geformte, weiße und doch kräftige Hand ſichtbar werden ließen. Waldemar wurde durch den Anblick dieſes herrli⸗ chen Weſens, das mit Recht den Namen des ſchönen Mädchens von Saſſenitz führte, wovon es jedoch nicht die geringſte Ahnung hatte, und welches ſeine Cou⸗ ſine war, die ihm ſchon als Kind von ganzem Herzen zugethan geweſen, in Wahrheit betroffen, denn ſo ſchön hatte er ſich die Geſpielin ſeiner Jugend nicht vorgeſtellt, obwohl er von der Mutter ſchon hinreichend Der Strandvogt. I. 13 glatt nach beiden Schläfen hin geſcheitelt, ſo daß die 194 darauf vorbereitet war. Er ließ ſeine Augen eine ge⸗ raume Zeit auf ihrer Geſtalt mit einem Wohlgefallen ruhen, das zu zergliedern er in dieſem Augenblicke wohl nicht die Stimmung beſaß, wie denn ſeine Be⸗ ſtrebungen und Neigungen von jeher mehr den Tha⸗ ten der Männer als der Schönheit der Weiber zuge⸗ wendet geweſen waren. Auch verließ er nach einer Weile die Geſtalt und das Geſicht Hille's wieder, um ſeine Blicke auf den ſterbenden Lachmann zu richten, ohne ſich ſelbſt den Eindruck zu geſtehen, den er von dieſem unvermutheten Anblick empfangen hatte. Der kranke Freund ſeines Hauſes fuhr noch immer fort, mit leiſer Stimme zu der knieenden Jungfrau zu re⸗ den, bis er endlich, was ſeine Handbewegung, der Ausdruck ſeiner hoch erhobenen Augen und die tiefer gebeugte Geſtalt Hille's darthat, mit brechender Stimme den Segen über ſie ſprach. Waldemar, fromm im wahren Sinne des Worts, wie die meiſten ſtarken und naturwüchſigen Menſchen, ward von dieſem Vorgange tief ergriffen; er entblößte andächtig ſein Haupt und fühlte wenigſtens die Be⸗ deutung der erhebenden Worte mit, die er mehr errieth als verſtand. Als Hille ſich darauf von ihren Knieen erhob, den alten Mann auf die Stirn küßte und ihm die weichen Kiſſen, damit er ſchlafen könne, zurecht legte, dann aber in das Nebenzimmer ſchritt, folgte er ihr außen an das entſprechende Fenſter und klopfte leiſe an daſſelbe an, um den kranken Freund nicht in ſeiner nothwendigen Ruhe zu ſtören. Hille, mit ganzem Herzen bei den Worten weilend, die ſo eben zu ihr geſprochen waren, vernahm dennoch das Geräuſch am Fenſter und, nicht im Geringſten erſchrocken, denn ſie gehörte nicht zu den leicht er⸗ ſchreckbaren Weſen ihrer Gattung, trat ſie auf das Fenſter zu, zog den Vorhang ganz zurück und blickte in den Hof hinaus, über den der von ſeiner Nebel⸗ hülle befreite Mond eben ſein klares Licht auszugießen begann. Als ſie aber einen ihr im erſten Augenblicke fremden Mann draußen dicht am Fenſter ſtehen ſah, öffnete ſie es behutſam und fragte mit ihrer lieblichen Stimme, was derſelbe begehre. „Hille,“ ſagte da eine warme Stimme, die ſich bemühte, ihre natürliche Kraft und Fülle zu einem halblauten Flüſtern zu mäßigen,„erſchrick nicht und zürne mir nicht, daß ich in ſo tiefer Nacht an Deines Pathen Fenſter poche. Sieh, ich komme von den El⸗ tern und bringe Euch die herzlichſten Grüße— Du kennſt mich doch? Ich bin Waldemar Granzow, Dein Vetter aus Saſſenitz, der geſtern zurückgekehrt und abſichtlich nach Bakewitz gekommen iſt, um Dich zu 13 ½ 196 ſprechen und ſich von Deinem Wohlbefinden zu über⸗ zeugen, da die Mutter darüber in Sorge war.“ Erſt während dieſe Worte geſprochen wurden und ihr immer klarer und deutlicher ward, was ſich in dieſem Augenblick zutrage, erſchrak Hille, aber es war ein eigenthümlicher Schrecken, aus Ueberraſchung und Freude gemiſcht, die ſich auch beide in der Stellung ausſprachen, die ſie annahm, und in den Geberden, die ſie ausführte. Denn ſie trat einen Schritt vom Fenſter zurück, legte beide Hände auf die Bruſt und ließ einen tiefen Athemzug hören, der einem geübte⸗ ren Ohre als das Waldemar' war, alle Empfindun⸗ gen kund gethan hätte, die augenblicklich ihre Seele durchzitterten. Dann aber wieder raſch zum Fenſter vortretend, ſtreckte ſie beide Hände hinaus und ergriff die ihr ſchon entgegengehaltene Rechte des lange nicht geſehenen Jugendgeſpielen. „Waldemar,“ ſagte ſie einfach und doch voll ſo natürlicher Innigkeit und Hingebung,„Du biſt es? O wie ſehr freue ich mich! Aber, mein Gott, was führt Dich in ſo ſpäter Nacht nach Bakewitz?“ „Ja, ich bin es,“ erwiderte Waldemar;„öffne mir die Thür und laß mich ein, ich will die Gaſtfreund⸗ ſchaft Deines Pathen für dieſe Nacht in Anſpruch nehmen und dann Dir Alles erzählen, was mich 197 nach Rügen und in Vater Lachmann's Haus geführt hat.“ Hille hielt ſich nicht auf, noch ferner Worte zu ver⸗ lieren; raſch ſprang ſie zur Hausthür, riegelte ſie auf und führte ihren Vetter mitten in das Zimmer, das ſie ſo eben verlaſſen hatte, ſtellte ihn dicht vor das Licht der Lampe, die auf dem Tiſche brannte, und blickte ihm nun mit ſteigender Verwunderung, ſprach⸗ los ſeine Züge durchforſchend, in das ſo ernſte männ⸗ liche Geſicht, das ſich bei dieſer Unterſuchung mit un⸗ gewöhnlicher Wärme belebte. Denn was Waldemar jetzt in den ſchönen großen Augen und dem ſo ausdrucksvollen blühenden Antlitz des Mädchens wahrnahm, that ihm, er wußte nicht wie es kam, auf eine unbeſchreibliche Weiſe im inner⸗ ſten Herzen wohl und er pries im Stillen den Rath der guten Mutter, die ihn nicht ohne Nebenabſicht hierher geſandt, was er bei ſeinem argloſen Gemüthe zu entziffern freilich nicht im Stande geweſen war. Wohl eine Stunde verſtrich den beiden jungen Leuten, ohne daß ſie den Flug der Zeit bemerkten, in traulichem und immer noch halblaut geführten Zwie⸗ geſpräch und nach dieſer Zeit wußte Hille ſo ziemlich, welchen Umſtänden ſie das Wiederſehen Waldemar'’s verdankte. Nach dieſer Stunde aber erhob ſie ſich 198 von ihrem Stuhle, ſchlüpfte leiſe in das Nebenzim⸗ mer, um nach dem Kranken zu ſehen, der unterdeß ruhig eingeſchlafen war, und gab dann einer verſtän⸗ digen Magd raſch einige Anweiſungen, die ſich auf die Lagerſtätte des unerwarteten Gaſtes bezogen. Und als nun nach einiger Zeit die Magd in's Zimmer trat und meldete, daß Alles zur Aufnahme des Vetters bereit ſei, boten ſich die jungen Leute eine gute Nacht, indem ſie die Mittheilung ihrer noch nicht beſproche⸗ nen Verhältniſſe auf den folgenden Tag verſchoben. Waldemar, der einen tüchtigen Marſch gemacht hatte, verfiel faſt augenblicklich in tiefen Schlaf. Nicht ſo Hille. Alles was ſie von dem jungen Manne in Bezug auf ſeine perſönlichen Verhältniſſe erfahren, machte ſie unruhig und einigermaßen beſorgt, ſo daß der Schlummer, der ſich ſonſt nie vergeblich erwarten ließ, heute zu kommen zögerte, und ſie in eine ſeltſame Erregung ſich verſetzt fühlte, die ſie noch nie im Leben empfunden zu haben glaubte. Und doch war mit dieſer Unruhe ein gewiſſes nicht unangenehmes Gefühl verbunden, ein Gefühl, für das ſie keine Bezeichnung wußte, obgleich es von einer ganz beſonderen Art war. Ganz eigenthümlich war ihr dabei zu Muthe, 199 weil ihr Herz, das bisher immer ſo ruhig und gleich⸗ mäßig geſchlagen, bei dem Gedanken an die mögli⸗ chen Verwickelungen, denen Waldemar entgegenging⸗ ſeltſam kräftig pochte und ihr gewiſſermaßen die Mah⸗ nung zuflüſterte, ihre Befürchtungen laut werden zu laſſen, damit er die Verfolgung ſeiner Perſon Seitens der Dänen nicht ſo gering anſchlage, da wohl anzu⸗ nehmen wäre, daß dieſe, falls ſie einen beſtimmten Verdacht gegen ihn hegten, ſeine Spur nicht aus den Augen laſſen und ſich jedenfalls mit den Franzoſen auf der Inſel deshalb in Verbindung ſetzen würden. Dieſer Entſchluß blieb ihr auch bis zum Morgen im Sinne, obgleich ſie ſich geſtehen mußte, daß die Gefahren, die ſie während der Nacht auf Waldemars Pfade geſehen, bei hellem Tage nicht mehr ſo bedeu⸗ tend erſchienen. Nichtsdeſtoweniger wollte ſie mit ihm darüber reden und ihn zur Vorſicht mahnen. Wenn ſie nun dieſe Abſicht nicht ſogleich ausführte, ſo hiel⸗ ten ſie nicht die Obliegenheiten davon ab, die ſie täg⸗ lich im Haushalt ihres Pathen zu erfüllen hatte, ſon⸗ dern der Umſtand, daß der alte Lachmann, nachdem er erfahren, welchen Gaſt ſein Haus berge, dieſen zu ſich beſchieden und mit ihm ein langes Geſpräch angeknüpft hatte, das einen guten Theil des Vormit⸗ tags in Anſpruch nahm. Denn der Kranke befand — —Q—QQ˖QBOQ⏑BB:BO————ͦ34 200 ſich an dieſem Morgen auffallend beſſer, als in den Tagen vorher, es drückte ſich dies in jedem ſeiner Worte aus, die er kräftiger und lauter ſprach denn je, und namentlich ließ er ſeine Freude darüber hören, daß es ihm vergönnt geweſen ſei, vor ſeinem Hin⸗ ſcheiden noch einmal den wackeren Sohn ſeines Freun⸗ des, des Strandvogts, zu ſehen und mit ihm über die vaterländiſchen Angelegenheiten, den franzöſiſchen Kaiſer und die trübſelige Lage zu ſprechen, in die Schweden und Deutſchland durch denſelben gerathen waren. Gegen Mittag endlich, als er wieder in Schlummer geſunken war, in dem er gewöhnlich meh⸗ rere Stunden verharrte, fand Hille Gelegenheit, ſich Waldemar zu nähern, und nun leitete ſie ſchon bei Tiſche das Geſpräch ein, das ſie eigentlich für den Nachmittag aufgeſpart hatte, wo ſie einer ungeſtörten Ruhe gewiß ſein konnte. Waldemar ſelbſt war bei Tiſche weniger geſprächig, als am Abend vorher und ſchenkte den Fragen und Andeutungen des lieblichen Mädchens nicht die erwartete Aufmerkſamkeit, wahr⸗ ſcheinlich aus dem Grunde, weil er, je weiter der Tag vorrückte, ſchon wieder an die Abreiſe und das Zu⸗ ſammentreffen mit ſeinem zärtlichſt geliebten Freunde auf dem Rugard dachte. So war denn endlich die ruhige Nachmittagſtund e gekommen, die Arbeiter hatten das Haus verlaſſen und das kleine Hut lag im Sonnenſchein eines kla⸗ ren Maitages, des letzten des Monats, wie wir wiſ⸗ ſen, friedlich am Strande der glatten Meeresfläche, auf der ſich nur der blaue Himmel wiederſpiegelte, ſo weit das menſchliche Auge reichte. „Komm,“ ſagte Hille zu Waldemar, der ſich eben mit der Unterſuchung ſeiner Waffen beſchäftigte,„laß uns an den Strand gehen, ich will Dir meine kleine Laube unter den Nußbäumen zeigen, wo ich manche einſame Stunde zu verbringen pflege.“ Waldemar legte ſogleich ſeine Piſtolen nieder und folgte der Aufforderung ſeiner holden Couſine, ſchritt ihr durch das kleine Gärtchen nach, das zwiſchen dem Hauſe und dem Strande lag, und erreichte unter zwei dicht zuſammengepflanzten Nußbäumen eine kleine Bank und einen Tiſch, die noch wenig von dem Schatten verdunkelt wurden, der im Sommer dieſen lieblichen Sitz ſo wünſchenswerth und behaglich machte. Hier, dem leiſen Gemurmel der See ſo nahe, daß ſie die einzelnen Schaumperlen, die von Zeit zu Zeit über die Kieſel rollten, unterſcheiden konnten, und von dem Geflüſter der Binſen, die rings um den Strand in dichter Fülle wucherten, zur traulichen Ruhe eingela⸗ deen, ließen ſich Beide nieder, wandten ihre Blicke erſt richteten ſie die Augen auf ſi 5i h Eins das An⸗ dere durch Schweigen gend wer de enn nun zuerſt en werde. Da der ernſtere Wal⸗ demar andauernd ſchwieg, ſo hielt ſich Hille verpflich⸗ tet, das erſte Wort fallen zu laſſen, in der Hoffnung, dem erſten werde bald das zweite und dann die übrigen von ſelber folgen. „Alſo da biſt Du wieder auf Rügen,“ ſagte ſie ſanft, mit ihren Händen an einem wollenen Shawl beſchäftigt, den ſie bei ihrem nächſten Beſuche auf Saſſenitz Vater Granzow verehren wollte, und dabei bald auf die See hinaus, bald auf ihre Arbeit nie⸗ derblickend,„ich habe nicht gedacht, Dich ſo bald wie⸗ derzuſehen, da Du ſo lange von Hauſe entfernt bliebſt, ohne uns irgend eine Nachricht zukommen zu laſſen.“ „Daran waren die Kriegsunruhen ſchuld, Hille,“ erwiderte Waldemar freundlich,„ich würde gern ge⸗ ſchrieben haben, wenn ich hätte hoffen dürfen, daß meine Briefe ſicher in Eure Hände gelangten. Ach, aber daran iſt jetzt nicht zu denken; die Franzoſen ſpioniren in faſt allen Briefen umher, und es iſt alſo beſſer zu ſchweigen, als ſeine Gedanken und Wünſche in lesbaren Worten mitzutheilen.“ „Das haben wir uns wohl auch öfters geſagt, 203 aber doch iſt es übel, von ſeinen Verwandten, die fern und in Gefahr ſind, nichts zu hören. Was haſt Du Dir denn für die nächſte Zukunft vorgeſetzt, Wal⸗ demar?“ „Gar nichts, Hille, wer kann ſich jetzt etwas vor⸗ ſetzen? Die Tage der Gegenwart ſind trübe und die der Zukunft unklar, da möchte man denn auf Sand bauen, wenn man ſich einen beſtimmten Plan machte. Laß uns erſt das freche Franzoſenvolk los und wieder frei ſein von dem Joche, welches uns gegen alles Recht und alle Billigkeit zu Boden drückt, erſt dann kann ein Mann wie ich an ſeine Zukunft denken.“ Hille ſchwieg eine Weile, dann ſagte ſie mit nie⸗ dergebeugtem Kopfe:„Wirſt Du denn eine Zeitlang auf der Inſel bleiben oder wirſt Du ſie wieder bald verlaſſen? Deine Mutter wird ſich oft mit dieſem Ge⸗ danken beſchäftigen und ich denke, es dürfte ihr tröſt⸗ lich ſein, wenn ich ihr etwas Angenehmes darüber ſagen kann.“ „Leider kann ich Dir darauf keine beſtimmte Ant⸗ wort geben, Hille; alles das hängt von Magnus Brahe ab, den ich heute Nacht auf dem Rugard erwarte. Wozu er Neigung verrathen wird, darauf werde ich auch meine Thätigkeit richten.“ 204 „Du wirſt ihm alſo auch ferner auf ſeinen Streif⸗ zügen folgen?“ 4 „Gewiß werde ich das, ich verlaſſe ihn nicht, dazu habe ich ihn zu lieb. Er würde mich auch nicht ver⸗ laſſen haben, wenn die Nothwendigkeit uns nicht zu einer Trennung gerathen hätte.“ „Werdet Ihr Euch denn wieder irgend einem Un⸗ ternehmen anſchließen, wie Ihr bisher gethan habt, oder werdet Ihr ruhig abwarten, was die Zeitereig⸗ niſſe bringen?“ 3 „Das iſt es ja eben, was ich nicht weiß, Hille; jedenfalls aber werden wir lieber thätig ſein, als in Ruhe verharren, da es uns ſchlecht anſtehen würde, die Hände in den Schooß zu legen, wenn es gilt, die Arme zu erheben und den Feind zu vertreiben.“ „Ach, was ſind das für traurige Zeiten! Aber wir haben ja jetzt hier in der Nähe keine Feindſelig⸗ keiten zu erwarten, Waldemar, ich wüßte alſo nicht, was Ihr vor der Hand unternehmen könntet.“ „Das kann man ſo genau nicht ſagen und jeden⸗ falls hat Magnus Pläne geſchmiedet und Abſichten vor Augen, die er mir mittheilen wird und die wir dann Beide berathen werden.“ „Ich bin recht neugierig darauf, ich kann es wohl ſagen. Aber erzähle mir doch etwas von Deinem 205 Freund Magnus. Ich erinnere mich des Tages recht gut, als er zum letzten Male mit Dir im Kiekhauſe war— iſt er noch immer ſo bleich und traurig, wie er es ſchon als Knabe war?“ „Leider, ja, Hille, ſo iſt er noch immer. Indeſſen iſt er aus einem Knaben ein ſtattlicher Mann gewor⸗ den, faſt noch größer als ich, aber freilich nicht ſo ſtark und dauerhaft wie ich. Seine bleiche Geſichts⸗ farbe und ſeinen zarten Körper hat er behalten, und was ſein Gemüth betrifft, ſo wird er noch immer von jenen traurigen Vorahnungen heimgeſucht, die ihm, wie er ſo oft ſagt, ein frühes Ende verkündigen.“ „Das iſt doch ſeltſam, was denkſt Du denn da⸗ von?“ „Was ſoll ich davon denken, Hille? Es ſchmerzt mich ſehr, wenn ich ihn ſich abängſtigen ſehe und ihm doch nicht helfen kann. Er hat nun einmal von der Natur dieſe traurige Mitgift empfangen, und Der⸗ gleichen iſt ſchwer auszurotten. Uebrigens iſt er noch immer, wenn ſein Herz kein Kummer drückt, derſelbe freundliche, wohlwollende Menſch, und nur, wenn ſein heftiges Temperament erwacht, iſt es gefährlich, mit ſihm anzubinden.“ „Merkwürdig, daß er ſchon als Knabe ſo war! Ob er wohl noch manchmal an die kleine Gylfe den⸗ ken mag, die ſein Vater in Obhut genommen und ſchon vor vielen Jahren in das Stift zu Bergen hat aufnehmen laſſen?“ „Ach ja, an die denkt er oft genug und am häu⸗ figſten dachte er an ſie, als er den Entſchluß faßte, nach Rügen zu gehen. Gylfe aber kann, ſo wenig wie Du, noch ein kleines Mädchen ſein, ſie war vier Jahre jünger als Magnus und ſteht alſo in dieſer Beziehung in demſelben Verhältniß zu ihm, wie Du zu mir.“ „Magnus war ja wohl zwei Jahre älter als Du?“ „Ja, er iſt jetzt vier und zwanzig Jahre alt und ich bin zwei und zwanzig geweſen.“ „Weiß er, wo Gylfe geblieben iſt, ſeitdem ſie das Stift verlaſſen mußte, als es die Franzoſen in ein Hospital umwandelten?“ „Nein, das weiß er, wie ich denke, nicht. Iſt Dir etwas darüber bekannt?“ „Einiges, o ja. Der alte Graf Brahe wollte ſie mit nach Schweden nehmen, aber ſie weigerte ſich, die Inſel zu verlaſſen, trotzdem die Feinde ſie in Beſitz nahmen.“ „Aber wo blieb ſie denn?“ „Sie ging nach Spyker zu dem alten Kaſtellan 1 1 d 207 Ahlſtröm, in deſſen Familie— er hat ja, wie Du weißt, eine Frau und zwei Töchter— ſie ſicher zu ſein glaubte.“ „In Spyker? Da liegen ja aber Franzoſen—“ „Gewiß, und die Feinde, die uns ſo verhaßt ſind, ſollen ihr durchaus nicht gefährlich dünken.“ „Hille! Was ſagſt Du? Gylfe iſt in Spyker, wo die Franzoſen ſind und verkehrt mit ihnen? Großer Gott, wenn Magnus das hört, ſo wird er in einen fürchterlichen Zorn gerathen. Ha! da haben wir ja ſchon ein Unternehmen!“ „Wie ſo? Was kann er dagegen thun?“ „Das frage ihn ſelber. So weit ich ihn kenne, wird er mit Gylfe's Geſchmack nicht zufrieden ſein und er wird ſich nach Spyker begeben, um zu ſehen, was dort vorgeht.“ „Da kann er ſich aber in unangenehme Dinge verwickeln— die Herren dort ſpaßen nicht.“ „Glaubſt Du, daß Magnus ſpaßen wird? Er wird den Franzoſen die Gylfe mit Gewalt nehmen, und wer kann wiſſen, was ſich daran knüpft!“ „Nun, da geht Ihr ja einer bewegten Zeit entge⸗ gen— nimm Dich in Acht, Waldemar, ich bitte Dich darum. Wenn Euer Name den Fearnzoſen bekannt wünde pürftet Ihr in Spyker nicht allzu geſichert ſein.“ * 208 „Wer wird ihnen unſre Namen verrathen? Auf Spyker lebt kein Verräther!“ „Gott gebe es!— Wann wirſt Du aufbrechen und welchen Weg wirſt Du wählen?“ „Ich beabſichtige von hier quer durch Mönchgut bis Reddevitz zu gehen, dort wird ſich ein Boot fin⸗ den laſſen, mit dem ich bis zur Streſower Bucht ſegle, wozu wir hoffentlich heute Abend einen günſtigen Oſtwind bekommen. Von der Streſower Bucht werde ich den nächſten Weg über Niſttlitz, Seelwitz, Zirkow und Dalwitz einſchlagen und auf der Oſtſeite von Bergen den Rugard beſteigen. Wenn der Wind ir⸗ gend günſtig iſt, kann ich den ganzen Weg in vier Stunden zurücklegen, und ſo werde ich denn heute Abend um acht Uhr aufbrechen.“ Hille antwortete nicht, ſie hatte ihren reizenden Kopf tief auf die Stricknadeln geſenkt, aber ſie ſtrickte dennoch nicht; offenbar ſann ſie über etwas nach, was ſie vor ihrem Gefährten verborgen halten wollte. „Was denkſt Du?“ fragte Waldemar, der einen zu⸗ fälligen Blick auf das Mädchen warf. „Ich ſtimme Dir bei, das heißt, was Deinen Weg anbetrifft. Der Landweg möchte Dir mehr Gefahren bringen, als der Seeweg, und der Wind ſcheint 209 wirklich günſtig werden zu wollen. Bergen darfſt Sr aber nicht berühren.“. „Warum nicht?“„ „Weil dort ſehr viele Franzoſen ſtehen.“ „O., die fürchte ich nicht. Mich ſollen ſie nicht greifen, der ich wie ein Fuchs jeden Winkel des Lan⸗ des kenne.“ „Und doch ängſtige ich mich.“ „Du ängſtigſt Dich? Das ſieht Dir gar nicht ähnlich.“ „O man wird beſorgt, wenn man ſo viel Schlim⸗ mes hört— Waldemar, ich laſſe Dich jetzt allein. Ich will zu meinem Pathen gehn und ſehen, was er macht. Verweile hier, ich komme wieder herab, wenn ich meine Pflicht erfüllt.“ „Geh, Hille, und thu, was Du mußt.“ Hille nickte anmuthig mit dem ſtolzen Köpfchen, erhob ſich und ſchritt elaſtiſchen Ganges dem Hauſe zu, nicht wiſſend, daß Waldemar ihrer Erſcheinung mit den Augen folgte, bis ſie hinter der kleinen Thür, unter deren niedrigen Balken ſie ihr ſchlanke Geſtalt beugen mußte, im Innern des Hauſes verſchwunden war. Der Strandvogt. I. 210 Es dauerte etwas lange, bis Hille wieder zum Vorſchein kam, und Waldemar behielt Zeit genug, ſeinen Grübeleien nachzuhängen, die wie eine düſtere Regenwolke ſich plötzlich über ſein Haupt zuſammenge⸗ zogen hatten. Das Geſpräch mit Hille hatte ſeine Ge⸗ danken auf Magnus geleitet und zugleich Veranlaſſung genug geboten, deſſen Verhältniſſe und eigenthümliche Gemüthsrichtung, die wir noch näher kennen lernen werden, in ernſte Erwägung zu ziehen. Aber es be⸗ traf nicht Magnus allein, was ihn während der an⸗ derthalb Stunden beſchäftigte, die er allein blieb, auch eine andere Perſönlichkeit war in das Sehfeld ſeines geiſtigen Auges getreten, und auf ihr verweilte er mit einem um ſo größeren Intereſſe, als ihm dergleichen in ſeiner Lebenserfahrung noch nicht vorgekommen war. Als daher Hille nach der erwähnten Zeit mit ihrem ſchwebenden Schritte wieder an ſeine Seite zu⸗ rückkehrte, ahnte ſie nicht, daß der ſtill vor ſich hin blickende Freund beinahe unwillkürlich und ohne ſich des eigentlichen Grundes bewußt zu ſein, ſich mit ihr ſelbſt beſchäftigt hatte und daß er nur darum ſo raſch aus ſeinen Träumen emporfuhr, weil die Geſtalt, mit der ſein Geiſt verkehrte, nun plötzlich wieder vor ſein leibliches Auge trat. „Ich bin etwas lange geblieben, Waldemar,“ ſagte 211 ſie und nahm ihren früheren Platz wieder ein,„aber mein Pathe war erwacht und ich hatte mit ihm Wich⸗ tiges zu beſprechen. Er befindet ſich auch gegenwärtig ziemlich munter und hat mich gebeten, Dich zu ihm zu führen, bevor Du Dich zu Deinem Vorhaben rüſteſt.“ „So will ich ſogleich zu ihm gehen, Hille, denn es iſt fünf Uhr vorbei und die Stunden verſtreichen in Bakewitz raſch.“ Hille nickte beiſtimmend mit dem Kopfe und Beide verließen den lieblichen Platz am Strande, um ſich in das ſtille Haus zurückzubegeben. Wenige Minuten ſpäter ſaß Waldemar an dem Bette des Kranken und Hille hatte das Zimmer ver⸗ laſſen, um das folgende Geſpräch nicht zu ſtören, das ſich zuerſt auf Waldemar's Eltern und dann auf die Fragen der Gegenwart bezog. „Waldemar, mein Sohn,“ ſchloß der Alte liebevoll die Unterredung,„ich höre, Du willſt nach dem Ru⸗ gard, um den Sohn Deines Beſchützers, Deinen Freund Magnns daſelbſt zu treffen. Wohlan denn, gehe in Gottes Namen und halte Dein Wort, welches Du dem wackeren jungen Manne gegeben haſt. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß der Weg, den Du betrittſt, nicht ganz eben und klar iſt, nein, er iſt es dur 14* 212 nicht. Du weißt am beſten ſelbſt, was Du zu thun und zu laſſen haſt, denn wie Du mir heute Morgen ſagteſt, weißt Du, daß auf der ſchwarzen Liſte der Fremden Dein Name ſtark angeſtrichen iſt. Verzeihe mir nur, dem alten Manne, daß ich Dir rathe, vor⸗ ſichtig, das heißt, nicht allzu kühn und auf Dein Glück vertrauend zu ſein, denn das Alter wandelt vorſor⸗ gend ſeine Bahn, wo die Jugend ungeſtüm dahin⸗ ſtürmt. Begieb Dich nie in Gefahren, die Du um⸗ gehen kannſt; der tapfere Mann muß auch weiſe ſein, wenn er Großes vollbringen und zum Ziele gelangen will. Wenn Du zu Deinen Eltern heimkehrſt— und ich wünſche, daß es recht bald und unter den günſtig⸗ ſten Umſtänden für Dich geſchehe— ſo grüße ſie von mir und ſage ihnen, daß der alte Lachmann ſelbſt in den bitterſten Stunden ſeines Lebens ihrer liebevoll gedacht habe. Wir ſind zuſammen jung und glücklich geweſen und das vergißt man ſelbſt in ſeiner Sterbe⸗ ſtunde nicht. Im Uebrigen gebe ich Dir meine be⸗ ſten Wünſche mit auf den Weg und falls Du Geld brauchſt, ſo ſprich, ich bin geneigt, Dir von meinem Ueberfluß etwas mitzutheilen.“ „Ich danke von ganzem Herzen,“ erwiderte Walde⸗ mar gerührt,„ja, ich muß Euch danken, denn ich bin genügend verſehen und Graf Brahe hat nie vergeſſen, 213 den Geldpunkt für uns auf lange Zeit voraus zu ordnen.“ „So iſt es gut, ich dachte mir es wohl. Haſt Du noch ſonſt einen Wunſch, den ich Dir erfüllen könnte?“ „Daß ich nicht wüßte, wenn es nicht der iſt, daß Ihr Gott bittet, er möchte meine Schritte nicht verge⸗ bens ſein laſſen, und daß er uns Allen den Frieden und damit das Glück des Lebens wiedergebe.“ „Das thue ich, das thue ich, ſo wahr mir Gott helfe, alle Tage und Nächte!— Nun habe ich aber noch ſelbſt eine Bitte.“ „Welche wäre das?“ „Wenn ich nicht mehr bin, wird Hille wieder um ein Herz mehr verwaiſt ſein und faſt keinen Anhalt mehr auf Erden haben, als Deine Familie, deren Haus das ihrige iſt. Bitte alſo Deine Eltern in mei⸗ nem Namen, das Mädchen wie ihr eigenes Kind zu halten, und was Du ſelbſt dazu beitragen kannſt, auf daß es geſchehe, das verſprich mir zu thun.“ „Von ganzem Herzen, Vater Lachmann, das ver⸗ ſteht ſich ja von ſelbſt,“ erwiderte Waldemar in ſei⸗ ner treuherzigen Weiſe. „Ja, es verſteht ſich von ſelbſt, das iſt richtig, aber mir macht es Freude, Deine Verſicherung, daß es ſo ſein werde, entgegenzunehmen. Da haſt Du meine 214 Hand zum Abſchiede und nun geh. Du haſt noch zwei Stunden bis zum Sonnenuntergange vor Dir und die will ich der Hille nicht entziehen, die Dich wie ihren Bruder liebt. Lebe wohl, mein Sohn!“ Waldemar kniete auf denſelben Schemel nieder, auf dem Hille ſo oft gekniet, und empfing den Segen von derſelben Hand, die auch ſchon ihren Scheitel ſo wohl⸗ wollend berührt hatte. Dann erhob er ſich, ſchritt aus dem Zimmer und trat mit ernſtem Geſicht in das kleine Gemach nebenan, in welchem unterdeß Hille den Abendimbiß vorbereitet hatte. Während derſelbe eingenommen wurde, herrſchte ein ziemlich verlegenes Schweigen von Seiten der beiden daran Theilnehmenden; Waldemar war mit ſeinen Gedanken bei den verſchiedenen Aufträgen und Ermahnungen, die der Sterbende ihm ausgeſprochen, und Hille verarbeitete einen Plan, der nicht wenig aufregend ſein mußte, denn ihr blühendes Geſicht war höher geröthet als vorher und ihr Auge blieb meiſt aauf den Teller gerichtet, ohne es zu wagen, das nach⸗ denkliche Antlitz des ihr gegenüberſitzenden jungen Man⸗ nes zu betrachten. Endlich waren ſie Beide mit Eſ⸗ ſen fertig und während nun Waldemar das Fenſter öffnete, um den Stand der Sonne und die Stärke des Windes zu prüfen, begab ſich Hille in ihr eigenes 215 * Stübchen, um irgend welche Vorrichtungen darin zu treffen. Als ſie etwas lange ausblieb, trat Waldemar noch einmal an den Tiſch, auf dem ſeine Piſtolen, ſein Meſſer und ſein lederner Leibgürtel lagen, unterſuchte die Waffen genau und fing dann an, den Gürtel umzuſchnallen, da die Zeit des Abmarſches allmälig herankam. „Willſt Du ſchon fort?“ fragte da plötzlich eine liebliche Stimme hinter ſeinem Rücken. Waldemar drehte ſich herum und ſah Hille im Zimmer ſtehen, das ſchwarze faltenreiche, mit Atlas⸗ bändern reich beſetzte Mäntelchen auf dem Arme hal⸗ tend, welches die Mönchguterinnen ſtets anzulegen pfle⸗ gen, wenn ſie zu irgend einer Feſtlichkeit gehen, begü⸗ terte Frauen und Mädchen aber auch bei jedem Aus⸗ gange tragen. Außer dieſem Mäntelchen hielt ſie noch ein großes Wolltuch in der Hand, welches bei hefti⸗ gem Winde oder Regen über den Kopf geſchlagen wird, um dieſen und den ganzen Oberleib dagegen zu ſchützen. „Nein, noch nicht,“ erwiderte Waldemar auf obige Frage.„Aber wie, willſt Du auch ausgehen?“ Hille ſuchte das fragende Auge des jungen Man⸗ nes zu vermeiden, als ſie ſchüchtern antwortete:„Ja, ich will ausgehen.“ 8 216 „Wohin denn?“ „Nach Reddevitz.“ 3 „Nach Reddevitz— wohin ich gehe? Was haſt Du denn dort zu thun?“ „Ich will Dich geleiten, mein Pathe hat es mir erlaubt.“ „Mich? Hille! Warum denn das?“ „Wir wollen ſicher gehen, daß Du ein gutes Boot findeſt und da ich einen wackeren Fiſcher dort im Dorfe kenne, der ein ſolches beſitzt, ſo will ich Dich zu ihm führen und er ſelbſt ſoll Dich nach der Stre⸗ ſower Bucht fahren.“ „Wie! Und Du denkſt, ich werde das zugeben? Nun und nimmermehr!“ „Dann werde ich gegen Deinen Willen hinter Dir her laufen— geh nur voran, ich folge.“ „Hille!“ „Waldemar!“ „Aber wozu das?“ „Ich habe es ja ſchon geſagt. Auch weiß ich ganz genau, wo die Wachtpoſten der Franzoſen aus⸗ geſtellt ſind, und die ſollſt Du vermeiden, wenigſtens auf Mönchgut.“ „Aber Du begiebſt Dich ja dann ſelbſt in Gefahr, 217 geſchweige denn, daß Du den weiten Weg rückwärts allein zurücklegen mußt—“ „O nein! Ich bleibe ſo lange im Hauſe des Fi⸗ ſchers, bis er von Streſow zurückkommt und dann ge⸗ leitet er mich ſicher hierher.“ Waldemar lächelte auf eine eigenthümliche Art, die eben keine Unzufriedenheit ausdrückte. Der gute Wille ſeiner Couſine behagte ihm und ihr Muth nicht minder. Da er ſah, wie entſchloſſen ſie zu ihrem Vorhaben war, ſo ſchwieg er— was ſollte er auch ſagen? Seitdem er in dieſem Hauſe war, ſeitdem er Hille wiedergeſehn, waren ſo manche Empfindungen und Gedanken durch ſein Hirn gefahren, die ihm zum Mindeſten neu und ſo ſeltſam vorkamen, daß er ſie ſich auf keine Weiſe entziffern konnte. So brachte er die Zeit damit hin, langſam im Zimmer auf und ab zuſchreiten, dann und wann aus dem Fenſter zu blicken, bis er ſich endlich zu Hille wandte, die ab⸗ und zugegangen war, und zu ihr ſagte:„Jetzt iſt es Zeit, Hille; wenn Du wilſſt, ſo bin ich bereit.“ Ueber Hille's Geſicht flog ein triumphirendes Lä⸗ cheln. Sie warf ſich das Mäntelchen mit einer ge⸗ ſchickten Bewegung um die Schultern, neſtelte es zu und griff dann nach dem Windtuche. Waldemar da⸗ gegen ſteckte ſeine Waffen ein, zog ſeinen Wetterrock 218 an und griff nach Hut und Stock. Zwei Minuten ſpäter traten Beide vor die Thür und gleich darauf hatte ſie das Gehölz, das ſich um Bakewitz zieht, in ſeinen Schatten aufgenommen, den die beginnende Abenddämmerung allmälig darüber auszubreiten an⸗ fing. Die kurze Strecke von Bakewitz nach Reddevitz, die, quer durch das Land vom Oſt⸗ zum Weſtſtrande Mönchguts führend, etwa eine gute halbe Stunde be⸗ trug, wurde von den beiden Wanderern anfangs ſchweigſam, nachher in harmloſer Plauderei zurückge⸗ legt. Auf abgelegenen Wegen, bald durch Gehölz, bald durch öde Triften oder Torfmoore wandelnd und nur wenigen Eingebornen begegnend, erreichten ſie die Weſtküſte der Halbinſel und das obere Ende der ſelt⸗ ſamen Erdzunge, die im Ganzen Reddevitz heißt, ſo wie das kleine Dorf gleiches Namens, wo der Bekannte Hille’'s wohnte. Mit raſchem energiſchen Schritte be⸗ wegte ſie ſich auf eins der winzigen Strandhäuſerchen zu, hob mit kräftiger Hand die Thür empor und bückte ihren ſtattlichen Körper, um in den inneren räucheri⸗ gen Raum einzutreten. Waldemar folgte ihr und fand in einem erbärmlichen Kämmerchen, Dünſen ge⸗ 219 nannt, den Bekannten Hille's auf der breiten Ofen⸗ bank hocken, wo er eben ein Stück Brod und kalten Fiſch verzehrte. Er ſpeiſte allein, da ſeine Familie ir⸗ gend wo im Freien beſchäftigt war. Sobald er die hohe Geſtalt des ſchönen Mädchens erblickte, dem ein ihm unbekannter ſtattlicher und ſei⸗ nen Begriffen nach fein gekleideter Mann folgte, er⸗ hob er ſich und trat den Ankommenden grinſend ent⸗ gegen. Aber dieſes Grinſen bedeutete ſo viel wie: „Ihr ſeid mir willkommen, was kann ich für Euch thun?“ „Guten Abend, Peter!“ ſagte Hille freundlich und ſetzte ſich dicht zu ihm auf die Ofenbank.„Ich bringe Euch hier meinen Vetter, der auf einer geheimen Reiſe begriffen iſt und den Franzoſen gern aus dem Wege gehen möchte. Ich frage Euch nun, ob Ihr geneigt ſeid, ihn ſicher nach der Streſower Bucht zu fahren?“ Der Fiſcher, der in ſeiner Nationaltracht, das heißt in einer weiten ſchwarzen Jacke mit Knöpfen von Kokosnußſchaalen und in ſeinen doppelten Fiſcherho⸗ ſen, über die noch die unvermeidliche, bis zu den Wa⸗ den ſchlotternde Schurzhoſe herabhing, eine dem Ein⸗ gebornen Jasmund's wohl bekannte aber immerhin auffallende Erſcheinung bot, nickte mit dem Kopfe, trat an das niedrige Fenſter und warf einen prüfen⸗ 220 den Blick auf das Meer.„Ja,“ ſagte er,„ich bin bereit und gerne. Der Wind iſt gut und die Fahrt wird in weniger als einer Stunde vollendet ſein.“ „Gut, aber wißt Ihr auch genau Beſcheid, wo die Poſten der—“ „O!“ unterbrach ſie der willige Mann,„es wäre ſchlimm, wenn ich das nicht wüßte. Ich bin erſt heute Morgen in Streſow geweſen und kann Euch ſagen, wo rings eine Flinte verſteckt iſt.“ „So bin ich zufrieden, macht Euch fertig— aber halt— noch Eins! Ihr dürft Euch drüben auf Rü⸗ gen nicht aufhalten, ſondern müßt ſo ſchnell wie mög⸗ lich wieder zurück kommen. Ich werde Euch hier er⸗ warten und Ihr ſollt mich flugs nach Hauſe begleiten.“ Bei dieſen Worten einen lächelnden Blick auf Wal⸗ demar werfend, als wolle ſie ihm darthun, daß ſie ſeinem Wunſche jetzt hoffentlich entſprochen habe, ſchritt ſie zur Thür, um aus der rauchigen und über⸗ mäßig warmen Stube wieder ins Freie zu gelangen. Der Fiſcher dagegen, der, wortkarg wie alle ſeine Landsleute, längſt ſeine Beiſtimmung auf ihre Anrede genickt hatte, nahm ſeinen breitrandigen, tief über das Geſicht herabfallenden Hut, ging dann in einen nahegelegenen Schuppen, wo er einen kurzen Maſt, an dem ein ſtarkes Segel mit allen nöthigen Tau⸗ 221 werken befeſtigt war, nahm und das Ganze, als wäre es eine kinderleichte Laſt, nach dem Strande trug, wo ein feſtes Boot, auf die Seite geneigt, mit dem Kiel im Sande lag. In wenigen Minuten waren alle ſeine Vorbereitungen beendet. Das Boot war in's Meer gewalzt, der Maſt ſtand feſt in ſeinen Klampen und Bügeln, das Segeltuch war auseinandergerollt und die Schoten an ihren Haken befeſtigt. Als alles das vollendet war, drehte ſich der Fiſcher nach dem Strande um, als wolle er erkunden, warum der Fremde noch zögere, zu ihm ins Boot zu ſteigen. Die Unterhaltung zwiſchen den beiden Verwandten, die ruhig fortgedauert hatte, bis ſie den Strand er⸗ reicht, war verſtummt, ſie ſtanden anſcheinend ganz gemüthsruhig nebeneinander und ſchauten ſich kaum an;, nur von Zeit zu Zeit, und dann mit einer bei⸗ nahe heimlichen Haſtigkeit, als wollten ſie nicht dabei ertappt werden, flogen ihre Blicke über einander hin und wandten ſich dann gleich wieder ab, um den eil⸗ fertigen Vorbereitungen des Fiſchers ihre Aufmerkſam⸗ keit zu ſchenken. Da ſagte endlich Hille, um den peinlichen Druck zu beſeitigen, den ein ſolches Schwei⸗ gen immer in ſeiner Begleitung hat: „Du haſt eine ſchöne Nacht vor Dir, Waldemar; der Mond kommt in ſeiner ganzen Herrlichkeit herauf, 222 der Himmel iſt ringsum klar und Du wirſt einen angenehmen Gang haben. Ich wollte, ich könnte mit Dir bis nach dem Rugard gehen, denn ich habe ihn noch nie beſtiegen und liebe ſolche Spaziergänge in mondheller Nacht. Allein ich darf meinen Pathen nicht verlaſſen und ſo muß ich der Pflicht folgen. Nun aber, Waldemar, ſei vorſichtig, ich bitte Dich um Deiner Mutter willen darum, deren einziger Sohn Du noch biſt— verſprichſt Du es mir?“ „Ich verſpreche es Dir, beſorge meinetwegen nichts. Mein Weg iſt kurz und die Pfade ſind mir bekannt. Vielleicht giebt es Gott, daß ich Dir einmal, wenn wir Frieden haben, den Rugard im Mondenlicht zeige.“ „Gut, Waldemar, wenn es auch im Sonnenglanz des Tages iſt, ich werde dies Verſprechen nicht ver⸗ geſſen. Wann aber ſehen wir uns wieder?“ „Wann Gott es will!“ „So geleite er Dich! Da— Peter iſt fertig und erwartet Dich ſchon.“ Sie ſtreckte ihre Hand aus, Waldemar ergriff ſie etwas haſtig und hielt ſie eine Weile in der ſeinen feſt.„Lebe wohl,“ ſagte er mit hörbar beklomme⸗ ner Stimme, obgleich er ſich Mühe gab, ſie ſo voll⸗ tönend wie möglich erklingen zu laſſen. Hille begleitete ihn bis dicht an den Strand, wo 223 ein langes Brett auf gewaltigen Steinen ruhend, das bei ſtürmiſchem Wetter weit Land gezogen wurde, bis zu dem Boote führte, h bereits unter der Wucht des halbgeblähten Segels ſchaukelte, als könne es die Zeit nicht Inzelnden Wogen mit ſeinem Kiele zu Waldemar nach Hille herum, noch einmal keichte er ihr die Hand, dann ſprang er in's Boot, das augenblicklich von der Planke fort in See ſtieß, denn Peter war kein Freund von überflüſſigem Zögern und langen Worten. „Ich danke Dir für Deine Begleitung!“ rief Wal⸗ demar zurück, noch im Boote ſtehend, das ſchon da⸗ vonſchoß. „Glückliche Ueberfahrt!“ tönte es ihm wieder zu. „Glückliche Nachhauſekunft!“ Das letzte Wort verſchlang halb der Wind, der von Minute zu Minute heftiger zu wehen begann. Hille ſtand unbeweglich und ſogar vergeſſend, das Tuch über den Kopf zu ſchlagen, auf der Planke und ſchaute dem Segel ſo lange nach, als ſie es mit den Augen erreichen konnte, was ſeinerſeits auch Walde⸗ mar in entgegengeſetzter Richtung that. Als aber das Boot immer mehr in den Schatten der Abenddäm⸗ merung und dem Duft der Ferne verſchwand, trat as deg nach* Fiſcherwohnung b heimgekehrten Fami⸗ Siebentes Mapitel. 21* Auf dem Rugard. Vom günſtigſten Winde getrieben und von feſter Hand geſteuert, legte das ſcharf ſegelnde Boot einen Knoten nach dem andern längs der ſchmalen Redde⸗ vitzer Landzunge zurück. Als Waldemar den Strand nicht mehr erkennen konnte, drehte er ſich auf der Bank, auf der er ſaß, langſam herum und wandte das Geſicht dem Rügianiſchen Bodden zu, der nun mit ſeinen rings umher ſcharf ausgezackten Ufern in ganzer Ausdehnung vor ihm lag, deſſen kaum erkenn⸗ bare Umriſſe aber in der immer ſchneller hereinſinken⸗ den Dämmerung allmälig verſchwammen, bis ſie vom blitzenden Mondlichte, das bald ſiegreich über Land und Meer aufging, übergoſſen und faſt tageshell beleuchtet wurden. So weit ſein Auge reichte, und er Miß es nach allen Richtungen ſchweifen, war kein r Strandvogt. I. 15 226 Schiff, kein Segel auf dem Meere zu bemerken. Nur das feenhafte Mondlicht glitzerte in den tanzenden Wellen wider, und in der Ferne tauchte allmälig, ſo⸗ bald ſie das Reddevitzer Höwt umſegelt hatten, das bergige Eiland, der Vilm auf, deſſen Rieſeneichen auf dem abſchüſſigen Ufer die herrlichſten und ſtärkſten Bäume Rügen's ſind. Aber ſie näherten ſich dieſer reizenden Inſel nur etwa auf eine halbe Meile, dann wandte Peter das Steuer und richtete den Boots⸗ ſchnabel nach Norden, um jetzt mit halbem Winde, den der Schiffer ſo ſehr liebt, in die Streſower Bucht einzulaufen, deren anmuthig ausgeſchweifte Ufer jetzt immer deutlicher ſichtbar wurden. Nur das Rauſchen des Waſſers unter dem Buge des kleinen Fahrzeugs wurde vernommen, ſonſt war Alles außer und in demſelben ſtill, denn Waldemar ſprach nicht, weil er zu viel zu denken hatte, und Peter war aus Ge⸗ wohnheit ſchweigſam, wie alle ſeine Landsleute, die lieber wacker zu arbeiten als weitläufig zu ſprechen lieben. 4 „Wo wollt Ihr landen?“ fragte endlich Walde⸗ mar, als ſie dem Ufer immer näher kamen und man das Bellen eines wachſamen Hofhundes vom Strande her ſchon vernehmen konnte. „Ich fahre ſo dicht an die Tannen wie mögjich, K r — — 4— 227 Herr,“ antwortete Peter bedächtig.„Aber es würde mir lieber ſein, wenn ich nicht bis auf den Sand mit Euch auflaufen müßte. Ihr habt ja tüchtige Stiefel an und könnt einen Fuß tief durch das Waſ⸗ ſer waten.“ „Ich ſtimme Euch bei und wollte Euch ſchon den⸗ ſelben Vorſchlag machen.“ „Ihr kennt doch die Gegend?“ „Vollkommen. Wißt Ihr vielleicht, wo der nächſte Poſten der fremden Truppen ſteht?“ „O, viel mehr nach Weſten hin, dicht an der Goore.“ „Können ſie uns von dort aus wohl jetzt ſehen?“ „Gott bewahre! Die haben keine Augen für Schiffe und Segel; ja, wenn wir zu Piede wären oder auf einer Kanone ſäßen!“ „Wo aber ſteht der nächſte Poſten im Lande: 2“ „Zwiſchen dem Putbuſſer Schloß und Zirkow weiß ich keinen, Bergen aber wimmelt wie ein Ameiſen⸗ haufen von Soldaten.“ „Wie mag es denn mit dem Rugard ſein— wißt Ihr etwas darüber?“ „Oho! Warum nicht? Und ganz genau. Mein Schwager war vorgeſtern da, um in Burnitz ſeine kranke Schweſter zu beſuchen, und ſo weiß er es be⸗ 15* 228 ſtimmt. Bei Tage freilich ſteht ein Poſten auf dem kahlen Berge, bei Nacht aber frieren die Welſchen, die an Backofenwärme gewöhnt ſind und keinen geſunden Luftzug vertragen können, und da ſie keine Augen wie die Katzen haben, obgleich ihre Krallen ſcharf genug ſind, ſo nützt ihnen die Nachtwache auf dem windigen Berge nichts. Darum ziehen ſie ſie auch alle Abende ein.“ „Das wißt Ihr beſtimmt?“ „Ich kann es beſchwören.“ „So danke ich Euch. Wollt Ihr mich hier aus⸗ ſetzen?“ „Ja!“ ſagte der Fiſcher und hatte ſchon die Schoten fahren laſſen, worauf das Segel back gelegt wurde und loſe in der Luft flatterte. Waldemar ſetzte ſich auf den Rand des Bootes, ſtieß den Stock in's Waſſer und unterſuchte den Grund. Er war ſeicht und ſo ließ er ſich langſam hinunter gleiten, nachdem 3 er dem Fiſcher ein großes Geldſtück in die Hand gee⸗: drückt und Hille warm empfohlen hatte. Dann aber watete er dem Lande zu und ſah von da aus den Fiſcher wenden und mit halbem Winde wieder aus der Bucht auslaufen, wie er auch mit ihm eingelau⸗ fen war. Noch einen Blick, vielleicht von einem Gruße be⸗ 229 gleitet, warf er dem flugs die Wellen durchſchneiden⸗ den Fahrzeuge nach, dann wandte er ſich und ſchritt durch das zunächſt gelegene Tannengehölz auf dem Wege zwiſchen Groß⸗Streſow und Nadelitz auf Poſe⸗ wald zu, wo er das dortige mächtige Hünengrab zur Linken ließ und dann querfeldein durch die vom hell⸗ ſten Mondlichte beſchienenen Felder dem langen Berge bei Zirkow zueilte, deſſen Waldungen er zum Theil durchſchnitt, um ſo auf den breiten Weg nach Dalk⸗ witz, von Carow aus aber auf einem wenig befahre⸗ nen Landwege über Cluptow nach Zirzewitz zu gelan⸗ gen, wo er endlich die drei Straßen von Bergen nach Dumſervitz kreuzte und nun den Rugard dicht vor ſich liegen ſah. 5 Auf dieſem ganzen, nicht volle zwei Meilen langen Wege, den er mit gemäßigter Eile zurücklegte, um in ſeiner warmen Kleidung ſich nicht übermäßig zu erhitzen, begegnete er in der erſten Zeit nur wenigen Menſchen, und je weiter die Nacht vorrückte, um ſo ſtiller und einſamer wurde es um ihn her, bis er zuletzt kein lebendiges Weſen mehr erblickte. Solda⸗ ten aber hatte er keinen einzigen wahrgenommen. In den von Strecke zu Strecke auftauchenden größe⸗ ren Wäldern, die bald auf den Kuppen der Höhen⸗ züge, bald in der Ebene ſichtbar wurden, ruhete 230 tiefer Schatten, denn des Mondes Licht durchdrang die Wipfel der Bäume nicht, die hier ſchon ziemlich belaubt waren; die Felder, Triften und Moorgründe aber leuchteten hell von dem nächtlichen Strahl wider und ließen ſogar auf große Entfernungen die Gegen⸗ ſtände ziemlich genau erkennen, die hie und da auf ihnen zerſtreut umherlagen. Um dem Leſer aber einen deutlichen Begriff von der vor ihm liegenden Landſchaft zu geben, iſt es nöthig, daß wir eine dieſelbe betreffende allgemeine Bemerkung voranſchicken, der wir dann die Beſchrei⸗ bung des Rugard ſelbſt folgen laſſen wollen. Das Inſelland ſteigt nämlich von allen Seiten ziemlich gleichmäßig gegen die Mitte hin empor, wo es dann einen Bergrücken bildet, auf welchem die Stadt Bergen und der Rugard liegt, der mit ſeiner Höhe alle übrigen Berge, Jasmund's und der Granitz Gi⸗ pfel ausgenommen, überragt. Dieſer Bergrücken zieht ſich oſtwärts nach Buſchwitz und Zittewitz bis an den Strand des Jasmunder Boddens hin und hängt mit den übrigen Bergketten Rügen'’s zuſammen, die ſich nach Norden und Oſten hin bis an die Küſten erſtrecken, nach Süden aber in verſchiedenen Richtun⸗ gen auslaufen und die Inſel mit ſchönen Waldungen durchkreuzen. Am Fuße des 300 Fuß hohen Rugard nun, und zwar an ſeiner ſüdweſtlichen Seite, iſt das Städtchen Bergen gelagert, in deſſen Inneres wir uns ſpäter noch oft genug verfügen werden, die Spitze ſeines Kirchthurms aber ſoll ziemlich in gleichem Ni⸗ veau mit dem höchſten Punkte des Rugard liegen. Dieſer ſelbſt nun hat ſchon in grauem Alterthum eine hohe Bedeutung für die Inſel gehabt, denn er trug einſt auf ſeinem Gipfel ein Schloß, Rügegard, von dem ſein jetziger Name herrührt. Von dieſem Schloß aus überſah der Erbauer deſſelben(im Jahre 1168), der Rügenfürſt Jaromar, ſein ganzes kleines Reich und befeſtigte ſich darin, um gegen ſeine Erb⸗ feinde, die Pommern, geſchützt zu ſein, als ſie ſein ganzes übriges Reich überſchwemmt und verheert hatten. Jetzt iſt von dieſer alten Burg nichts mehr vor⸗ handen, als ein ziemlich gut erhaltener hoher Wall, der dem ehemaligen Schloſſe zur Schutzwehr gedient haben mag. Der mittlere Raum, der davon einge⸗ ſchloſſen wird und den ſonſt die Burg eingenommen hat, war zur Zeit, wo unſere Erzählung ſpielt, ein Kornfeld. Der Wall ſelbſt, ſo wie die nahegelegenen Hügel, waren mit Haidekraut und niederen Dornge⸗ ſträuchen bewachſen, während zur heutigen Zeit vom Fürſten von Putbus, dem die Inſel ſo viele ſchöne Denkmäler der Baukunſt und Landescultur verdankt, 232 gefällige Anlagen und Ruheſitze angebracht ſind, um den Reiſenden das herrliche Panorama der Inſel und ihrer Umgebung mit Muße betrachten zu laſſen und ihn durch den Anblick des rauhen, ſterilen und ver⸗ witterten Chaos' rings umher, wie dieſer Fleck ſich früher darſtellte, in ſeiner Betrachtung weder zu ſtö⸗ ren, noch zu lebhaft an die Vergänglichkeit alles Ir⸗ diſchen zu erinnern. Von der Höhe des Walles nun bietet ſich rings im Kreiſe dem erſtaunten Auge nicht nur der größte Theil der Inſel, ſondern auch ſüdlich, öſtlich und weſt⸗ lich ein anſehnlicher Strich von Pommern dar, wäh⸗ rend nach Norden und Nordoſten hin das baltiſche Meer dem Auge eine unbeſchränkte Fernſicht geſtattet. Ueber die Dächer von Bergen hin, über das Stral⸗ ſunder Fahrwaſſer bis auf Stralſund, und noch weit darüber hinaus, ſchweift zunächſt der Blick und um⸗ faßt ſo einen großen Theil von Schwediſch⸗Pommern. Städte und Dörfer tauchen aus den weiten Feldern aauf und auch das traute Greifswald wird ziemlich genau erkannt. Oeſtlich hin, faſt unter den Füßen des Beſchauers, erglänzen weitgeſtreckte Ackerfelder, die ſich namentlich deutlich ausprägen, wenn die Saat in grünem Sma⸗ ragd leuchtet oder in goldenen Aehren wogt. Weiter⸗ 233 hin öſtlich, jenſeits verſchiedener Vertiefungen und Erhöhungen des Bodens ſtreben Hügel in die Höhe, deren Gipfel kahl über den bebauten Lehnen hervor⸗ ragen, und dazwiſchen prangen zahlloſe Gebüſche in grünem Gewande. Fernerhin tauchen Wälder in ge⸗ waltiger Länge und Breite auf, wie die Granitz und Stubnitz, welche letztere der blaue Spiegel des Jas⸗ munder⸗Boddens vom feſten Rügener Lande trennt. Ueber dieſe Wälder hinaus endlich umgürtet das viel⸗ geſtaltige Eiland die wogende See, an deren fernſtem Horizonte zahlloſe Segel auftauchen und nach allen Weltgegenden ſteuern. Wunderbar reich iſt dieſe Anſicht, wenn man das Ganze mit einem Blicke zu⸗ ſammenfaßt, da man nicht allein das Meer über⸗ ſchaut, welches das Eiland umkreist, ſondern auch die Binnenſeen, welche die ſchönen Buſen bilden und in bald geſchlängeltem bald geradem Laufe die Erdzun⸗ gen umſpülen, die Rügen gewiſſermaßen als Fühler in das feuchte Element vorſtreckt und die bald mit Getreidefeldern, bald mit Gebüſch bewachſen ſind, oft aber auch durch öde Kahlheit von der Armuth ihres Lebens Zeugniß geben. Zahllos ſind die Ortſchaften, die Häuſer, von ih⸗ ren Obſtgärten umzogen, die Thürme, die Meiereien, die Landhäuſer, die der Beſchauer hier alle einzeln er⸗ 234 kennt und die wie abſichtlich dahin geſetzt ſcheinen, um ihn durch ihren reichen Farbenwechſel zu ergötzen. Wunderbar vor Allem nehmen ſich die beiden Land⸗ zungen aus, die von Rügen und Wittow nach Jas⸗ mund führen und die wir ſchon in unſrer Einleitung beſprochen haben, wunderbar ferner treten die vielen kleinen, bald runden, bald langgeſtreckten Inſeln und Inſelchen wie verlorene Geſchenke hervor, die das Land ausgeſtreut und das habgierige Meer willig in ſeinen Schooß aufgenommeu hat. Ernſt und gewal⸗ tig aber thronen im Norden und Oſten die felſigen Höhenpunkte Rügen’s, das ſteile Arkona mit ſeiner einſamen Küſtenwacht, ganz allein dem dräuenden Ungeſtüm des Meeres ſich entgegenſtämmend, und das kreidereiche Ufer der Jasmunder Felſen, die majeſtätiſch herüber winken, als wollten ſie mit aufgehobenem Finger drohen, nicht weiter vorzudringen, da das ge⸗ fährliche Meer mit ſeiner unbezwinglichen Kraft dem Streben des immer in die Ferne drängenden Men⸗ ſchen hier entgegentritt. Doch kehren wir jetzt zu dem einſamen Wandrer zurück, den wir bis an den Fuß des Berges begleitet hatten, von deſſen Gipfel aus man alle dieſe Herrlich⸗ keiten überſchaut. Als er den ſandigen Fuß des Ru⸗ gard erreicht hatte und ſich dabei in möglichſt weiter Entfernung von Bergen hielt, hörte er die Thurmuhr des Städtchens die elfte Stunde der Nacht ſchlagen. Als der letzte Klang der Glocke verhallt war, auf den er aufmerkſam gelauſcht, ſtieg er langſam den Fiſcher⸗ ſteig hinauf, wobei er ſich vorſichtig umblickte, um einen Feind, wenn er etwa in der Nähe wäre, bei Zeiten wahrzunehmen. Allein er ſah Niemanden, Al⸗ les war ſtill, Alles ruhete, ſogar der Wind hatte ſich geſänftigt, als wolle er die ſchöne Mondnacht nicht ungenießbar machen, und nur bisweilen ſprang ein Haaſe in dem Gebüſch auf und lief quer über den Weg durch das duftige Haidekraut, oder ein aufge⸗ ſcheuchter Nachtvogel ließ ſeine Stimme aus den na⸗ hen Waldungen ertönen. So gelangte er auf den Gipfel des Berges und blieb zuerſt einenglugenblick ſſtehen, um Athem zu ſchöpfen, denn ſeine Ungeduld, die Höhe zu erreichen und vielleicht den innig gelieb⸗ ten Freund ſchon oben zu treffen, hatte ihn zuletzt zu ſchnellerem Laufe angetrieben, 2 es anfangs in ſeiner Abſicht gelegen. Als er ſeiner Bruſt die nöthige Ruhe vergönnt, hielt er ſich nicht damit auf, von ſeinem hohen Stand⸗ punkte aus das ihn umgebende prachtvolle Panorama zu betrachten, ſondern er beſtieg ſogleich den nordöſtli⸗ chen Wall, um zunächſt einen Rundgang auf der Plattform zu halten und nach ſeinem Freunde zu ſpä⸗ hen. Aber trotzdem er jede Vertiefung, jeden hervor⸗ ragenden Hügel, jedes kleine Gebüſch durchforſchte, ob er nicht irgendwo verborgen, ſo fand er ihn nirgends, und endlich gelangte er zu der Ueberzeugung, daß er noch nicht auf dem Berge ſei. Einigermaßen betrof⸗ fen von ſeinem Alleinſein, das er ſo ſehr abzukürzen geſtrebt, ließ er ſich jetzt auf der Stelle des mächtigen Walles nieder, wo gegen Weſten nach der Stadt Ber⸗ gen hin die wohlerhaltene Bruſtwehr ragt, mit dem einzigen Eingange zum Innern des Walles, und wo wahrſcheinlich ehemals das Eingangsthor ſich befand, welches zur Feſtung ſelbſt führte. Von hier aus ſchweifte ſein Blick zuerſt über die ganze Südweſtſeite der Inſel, aum auf Stralſund im Hintergrunde haften zu bleiben. Denn von dieſer Seite her mußte ſich ſein Freund dem Rugard nähern, wenn er noch nicht auf einem andren Punkte der Inſel weilte oder über⸗ haupt von Stralſund kam, wo er, wie Waldemar wußte, eine verwandke Familie hatte, der er immer zugethan geweſen. Der Gedanke, daß Magnus Brahe ſonſt pünktlich war und ſein Verſprechen ohne Noth gewiß nicht ungelöſt ließ, hatte ſeinen Schritt beim Erſteigen des Berges beflügelt, jetzt aber beunruhigte ihn einigermaßen ſchon ſeine Abweſenheit, indem er — 237 plötzlich unvorhergeſehene Gründe der Abhaltung er⸗ ſann, die ſein Erſcheinen gänzlich in Frage ſtellten, und daher ſchwebte ſein Blick lange über der Waſſerfläche, die in der angegebenen Richtung die Inſel von Deutſch⸗ land trennt; und je länger er hinüberſchaute, um ſo ſtrahlender wurde ſein Auge, denn trotz des Bedauerns, ſeinen Freund noch nicht wahrzunehmen, zog der im hel⸗ len Mondlichte immer deutlicher hervortretende Waſſer⸗ gürtel ſeinen Blick unwiderſtehlich an. Sein von Natur ſcharfes Auge faßte allmälig, je mehr es ſich an die magiſche Nachtbeleuchtung gewöhnte, einzelne wohl⸗ bekannte Stellen auf, die er dann im Stillen nach ſo langer Trennung freundlich begrüßte, als wäre nicht er zu ihnen, ſondern ſie zu ihm gekommen. So trat ihm, zumeiſt nach Nordweſten, das niedrige baum⸗ loſe Hiddens⸗be wie eine am Horizonte ſchwebende graue Wolke entgegen, und als er ſich dann nach Nordoſten bewegte, ſtreckte Wittow mit dem öden Ar⸗ kona an ſeiner äußerſten Spitze wie ein rieſiges Blatt ſeine dreigezackte Geſtalt in die glänzende Waſſerfläche aus, während das ſchöngeſchwungene Jasmund mit ſeinen dunklen Wäldern düſter und majeſtätiſch in die weite Waſſerwüſte vordrang, die dann und wann im Mondlichte hell auf ſchillerte und ihr ernſtes Rauſchen bis nach dem Rugard hinauf tönen ließ. 4 238 Da aber fiel plötzlich ſein Blick auf das mit dun⸗ klen Spitzen in das Meer ragende Mönchgut, das er ſo eben erſt verlaſſen hatte, und— wunderbar!— ſein Herz, das ſonſt immer ſo ruhig und gleichmäßig ſchlug, klopfte heftiger als gewöhnlich; und länger, als er ahnte, haftete ſein glänzendes Auge darauf. Welche eigenthümliche, nie empfundene Regung zwang ihh dazu? Wie drängten ſich ſeine Gedanken ſo ſeltſam eifrig dieſen Landſpitzen entgegen? Wiederholt mußte er ſich die Frage vorlegen:„Ob Hille wohl ſchon ungefährdet zu Hauſe angekommen iſt? Da, ja, da muß das Haus liegen, in dem ſie wohnt— ob ſie darin wohl ſchon wieder mit wohlthuendem Lächeln am Bette des geliebten Pathen ſitzt, oder ob ſie be⸗ reits ſelber von ihrem Gange ausruht und die ſchö⸗ nen Augen im Schlafe geſchloſſen hat? O ja, ſchön, ſchön ſind dieſe Augen, wie die Mutter es geſagt, und ihr Geſicht iſt eben ſo blühend und lisblich geblieben, wie ihr Herz ſeine Güte und Redlichkeit bewahrt hat. Doch halt! Es iſt jetzt nicht die Zeit, an ein Weib zu denken, und wäre es ſelbſt das ſchönſte auf der Erde, jetzt iſt der Tag nicht für die Weiber, nein, nur für Männer gekommen, und alſo fort von dem, was meine Seele— wie wunderbar!— ſeit eini⸗ gen Stunden ſo ſeltſam umſponnen hat. Ach, wie 239 die kleine Inſel, mein lie bes, theures Vaterland ſo ſtill und ruhig hier unter mir liegt, und die müden Bewohner faſt alle ihre Augen ſchließen und nichts ſehen, nichts empfinden, was ich ſehe und im tiefſten Herzen em⸗ pfinde! Wie friedlich, wie feierlich, wie erhebend iſt dieſer Anblick, dieſer Gedanke! Und doch hat des Gewaltigen Arm ſeine eiſernen Finger beklemmend darüber ausgeſpannt! Ha, alſo auch das will er an ſeine kalte gigantiſche Bruſt reißen, auch dieſen ſtillen Fleck der Erde will er in den Wirbel des ungerechteſten aller Kämpfe ziehen, auch hierher ſeine blutgetränkten Schaaren ſenden? Ja, o ja, ziehe es nur in Deine bittere Umarmung, umſchließe es mit Deinen blinken⸗ den Bajonetten, ein Mord mehr auf Deiner Seele kann Dich ja nicht mehr beläſtigen, der Du Hundert⸗ tauſende Deinem Thatendurſte, Deiner Habſucht, Dei⸗ ner Ruhmbegier geopfert haſt! Aber halte es nicht in Gedanken auf ewig feſt, Du ſteinerner Mann, es wird Dir doch einſt wieder entſchlüpfen, wie Du das Meer nicht halten kannſt in Deiner Hand, das Du ſchon ſo oft vergebens zu bezwingen und zu behaup⸗ ten geſtrebt haſt. Ha! wie mir plötzlich ſo wunder⸗ bar prophetiſch zu Muthe wird! Bonaparte, auch Du, übermüthiger Corſe, wirſt einſt das Ende Deines Ruhmes auf dieſer Erde erleben, denn aller irdiſcher 240 Ruhm iſt vergänglich! Auch Du, der Du Dich ein großer, unüberwindlicher Kaiſer zu ſein dünkſt, und doch nur, wie alle vom Weibe Geborenen, ein ſchwa⸗ cher, hinfälliger Menſch biſt, ſchwach in Deinem Dün⸗ kel, Deiner unerſättlichen Leidenſchaft, auch Du wirſt einſt den Grabhügel Deiner Macht ragen ſehen, wie wir Lebenden jetzt die tauſend Gräber unſerer Vorfah⸗ ren auf dieſem kleinen Erdenflecke erblicken und dabei denken und ſagen: ſie ſind dahin! Alles, was ſie ge⸗ than und errungen, hat die Zeit in ihren unerſättli⸗ chen Schlund gezogen!— Und daß dies bald geſchehe, daß Du bald die Fluren und Wohnungen velläſſeſt, die Dir nicht gehören, ſo möchte ich, daß meine Stimme ein Orkan wäre, um ſie zu erheben und ſchal⸗ len zu laſſen über Nähe und Ferne; damit wachrufen möchte ich alle Völker, die Dir ſo machtlos und knechtiſch unterthänig ſind, und möchte über Land und Meer hinausſchreien, daß das Echo in jeder athmen⸗ den Bruſt widerhallt: Wache auf, mein Volk, rüttle Dich auf aus Deinem überlangen Schlummer, erhebe Dich aus Deinem verderblichen Sinnen und Brüten! O, öffne Deine Augen, Dein Herz und ſieh' und fühle, was Du thun mußt, um Dich ſelbſt und Deine Nach⸗ kommen vor dem ungerechten Eroberer zu retten und voo ſeinen habgierigen, mordluſtigen Knechten zu ſchü⸗ 241 tzen, denn Du wirſſt es einſt nicht verantworten kön⸗ nen vor Gott und den Menſchen, daß Du ſo lange gezögert, Deinen Wünſchen und Hoffnungen die große That folgen zu laſſen.“ In großer innerer Bewegung, hoch und ſtolz auf⸗ gerichtet und lebhaft athmend, ſchwieg er nach die⸗ ſem unwillkürlichen Ausbruch der ihn beherrſchenden Gedanken. Seine Wange glühte, ſein Auge flammte und wider Wiſſen hatte er ſeine Rechte über die ruh⸗ enden Länder und die leiſe athmenden Meere ausge⸗ ſtreckt. Aber der Rauſch der Erregung ſchwand, als er keine Antwort darauf erhielt, als Alles rings umher ſtill blieb, wie es vorher ſchon geweſen war. Lang⸗ ſam zog ſich die ausgeſtreckte Rechte an ſeinen Leib zurück, er ſetzte ſich auf die kalte thauige Erde, ſtützte ſeine Arme auf die Kniee und legte den Kopf in die Hände, um noch eine Weile die eben entwickelten Ideen und Wünſche in ſeiner Seele nachſchwirren zu laſſen. Und wie er ſo ſtill und unbeweglich ſaß, kam, wie es dem Menſchenherzen ſo glücklich beſchieden iſt, daß es nach großer Erregung ſich immer wieder in A. ruhige Geleiſe des wirklichen Lebens zurückfinde⸗/n⸗ ſanfte Ruhe, ein mildernder Frieden über ih⸗ Se ſam und ungeſtört zog der glänzende Mor le A Der Strandvogt. I. 242 ſeine ſtille Bahn dahin, hinter ihm tauchten die klei⸗ nen Sterne am wolkenloſen Himmel auf, der leiſe Nachtwind flüſterte in den Blättern der Wälder und die Erde ſank immer tiefer in ihren heiligen Schlaf. Nur das Meer, Tag und Nacht ſeinen Lauf verfolgend, rauſchte brandend von Zeit zu Zeit an den fernen Felſen auf, von den Menſchen aber drang kein Ton auf ſeine Höhe. Höchſtens dann und wann ließ ſich in weiter Ferne das Rollen eines Wagens vernehmen, eine Möwe, die über den glänzenden Bodden faatterte, ächzte ihr Nachtlied aus der Nachbarſchaft herüber und ein wachſamer Hund bellte heiſer aus irgend ei⸗ nem Gehöfte herauf.— Da, von dieſem Frieden um ihn her in ſanftere Empfindungen eingelullt, erhob er ſein Auge und vielleicht auch zog ihn aus ſeinen Träumen das Schla⸗ gen der Thurmuhr in Bergen, die dicht in ſeiner Nähe den Ablauf der Mitternachtsſtunde verkündete. Jetzt erſt war die Zeit gekommen, in der an dieſem orte mit ihm zuſammenzutreffen ſein Freund verhei⸗ tte. Er ſtand daher auf, ſtellte ſich auf den nu. Punkt des Walles und blickte ſehnſüchtig den a der nach Bergen führt. Aber auf dieſem 2d blieb Alles ſtill. Aus den Häuſern w. ö da einige Lichter durch die Nacht 243 leuchten, die allmälig dunkler ward, je tiefer der Mond ſank, ſonſt hörte und ſah er nichts, obwohl es ihm däuchte, als dränge bisweilen aus der nahen Stadt der auf dem ſchlechten Pflaſter dröhnende Schritt einer Schildwache bis zu ihm empor. Er lauſchte und horchte, ſo ſehr er lauſchen und horchen konnte, aber er vernahm in der That weiter nichts. So ſtand er lange Zeit auf demſelben Orte, bis endlich der wehende Nachtwind kühler wurde und ein allmälig ihn durchziehender Schauer ſeine Glieder zur Bewegung trieb. Er knöpfte den Rock feſter zuſam⸗ men und ſchritt langſam auf dem Walle hin und her, immer wieder zu dem Punkte zurückkehrend, der ihm den weiteſten Fernblick über das unter ihm lie⸗ gende Land geſtattete. Als er ſo zwanzig Mal den geſchweiften Wall umſchritten hatte und dabei wieder eine Stunde vergangen war, trat er abermals auf den Punkt zurück, den er zuerſt eingenommen. Der Mond war unterdeß immer tiefer geſunken und auch die Sterne ſchienen geneigt, ſich in ihre Tagesregionen zurückzuziehen, um allmälig vor dem nahenden Glanze der Morgenröthe ganz zu erbleichen. Waldemar hoffte nun nicht mehr, ſeinen Freund in dieſer Nacht zu treffen, er dachte daher daran, wie er am beſten den nächſten Tag verbringen könne und .. 16 54 244 beſchloß endlich, ſich nach Bergen zu begeben und dort in dem Hauſe eines wohlhabenden Müllers, deſſen Grundſtück dem Rugard am nächſten lag, vorzuſpre⸗ chen, wo er bekannt war und der freundlichſten Auf⸗ nahme gewärtig ſein konnte. Für's Erſte jedoch wollte er noch nicht die Höhe verlaſſen; hatte er ſo lange hier oben gewartet, ſo konnte er noch anderthalb Stun⸗ den länger warten und die Sonne über dem Meere hervorkommen ſehen, ein Schauſpiel, welches er ſchon als Knabe außerordentlich geliebt und in ſeiner ſchönen Heimat wie an anderen Orten ſo häufig wie möglich zu genießen pflegte. So ſchritt er denn langſam auf dem Walle umher, jetzt vor Allem mit dem Gedanken beſchäftigt, wo wohl ſein Freund ſein und was ihn von dem ſo feſt verheißenen Beſuche des Rugard an dem dazu beſtimm⸗ ten Tage abgehalten haben möge. Als er, alſo inner⸗ lich beſchäftigt, zum zweiten oder dritten Male bei ſeiner Wandelung den weſtlichen Rand des Walles er⸗ reicht hatte und wiederum ſtehen blieb, um einen Blick über die Stadt ſchweifen zu laſſen, glaubte er in der Ferne, in der Richtung von Stralſund, dicht am Fahrwaſſer und alſo auf der erſten Strecke der Landſtraße, die von der alten Fähre nach Bergen führt, ein Poſthorn ſchmettern zu hören. Zwar war 245 der erſte Ton, der zu ihm drang, nur ſchwach gewe⸗ ſen, allein er glaubte ſich dennoch nicht geirrt zu ha⸗ ben, denn die Klänge eines Poſthorns haben ſich zu allen Zeiten von anderen ähnlichen Klängen unterſchie⸗ den und wohl immer jenes unbeſchreibliche Gefühl des Sehnens und Verlangens in die Ferne im Ohr des Hörers zu erwecken verſtanden. Waldemar ſtand unbeweglich und lauſchte mit an⸗ gehaltenem Athem, ob ſich derſelbe Ton nicht wieder⸗ holen und ihm größere Gewißheit über ſeinen Urſprung geben würde. Da der Wind ſich während der Nacht gedreht hatte und in ſchwachen Strömungen jetzt aus Weſten blies, ſo war es auf der Höhe, wo er ſtand, noch dazu in der tiefen Stille der Nacht, wohl mög⸗ lich, ein Poſthorn blaſen zu hören, das ſich vom Süd⸗ weſtſtrande der Inſel aus auf dem Wege nach Ber⸗ gen befand. Und in der That, es dauerte nicht lange, ſo ließ ſich das Schmettern noch einmal vernehmen, und jetzt war Waldemar ſicher, daß er ſich das erſte Mal nicht getäuſcht habe. Aber was bedeutete dieſes Blaſen eines Poſthorns zu ſo ungewöhnlicher Zeit? Die regelmäßige Poſt, die von der Fähre nach Bergen geht, mußte am Abend vorher in der achten oder neunten Stunde in Bergen eintreffen; dieſe alſo konnte es nicht ſein. Frei⸗ lich kam es auch bisweilen vor, daß man ſich auf der Inſel einer Extrapoſt bediente, allein ſo tief in der Nacht pflegte das wohl kaum der Fall zu ſein. Und wenn gar Magnus Brahe der ſpäte Reiſende wäre, wie Waldemar im erſten Augenblicke hoffte, ſo war nicht vorauszuſetzen, daß er ſeine Ankunft auf der Inſel ſo laut verkünden laſſen werde, da bei der Anweſen⸗ heit der Feinde Grund genug vorhanden war, ſo ſtill wie möglich einzuziehen. „Nein,“ ſagte daher Waldemar mit einiger Be⸗ wegung,„das iſt etwas Anderes und vielleicht Be⸗ deutungsvolles. Wer weiß, ob es nicht eine Stafette iſt, die irgend eine wichtige Botſchaft bringt— ha! ja, ſo wird es ſein, man wird dem Befehlshaber der Franzoſen, der in Bergen reſidirt, eine Depeſche ſen⸗ den und die verkündet der dumme Tölpel, der ſie bringt, ſo laut, als wollte er ſeine Landsleute damit aus dem Schlafe wecken und ihnen ſagen, daß ſie wieder frei wären und den Frieden vor der Thür hät⸗ ten! Doch was quäle ich mich, die Urſache dieſes Umſtandes zu ergründen, das iſt ja nur eine vergeb⸗ liche Bemühung. Es mag auch etwas ganz Anderes ſein, was gar keinen Bezug auf Krieg und Frieden, Freude oder Leid hat und nur der Zufall hat es mich hören laſſen, um mich damit zu beunruhigen. War⸗ ſcheinung einen anderen Grund. Eine dem Orte ten wir alſo die Zeit ab; in noch nicht zwei Stun⸗ den wird der Bote in Bergen eintreffen und dann werde ich ſeine Botſchaft vernehmen, wenn ſie auf das allgemeine Wohl oder Wehe Bezug hat. Wen⸗ den wir unſer Auge lieber nach Oſten herum, die Stunde iſt nahe, wo der neue Tag anbricht, und dem glorreichen Erwachen deſſelben wollen wir beiwohnen.“ Waldemar ſollte ſich aber in der Erwartung eines glorreichen Sonnenaufgangs geirrt haben, wie es ſchon ſo Vielen geſchehen, die auf Rügen deshalb eine halbe Nacht durchwacht, gefroren und ſich gelang⸗ weilt haben. Allerdings bemerkte er, daß die nächt⸗ liche Dämmerung, ſeitdem des Mondes Licht im Er⸗ löſchen begriffen war, namentlich im Weſten zugenom⸗ men habe, daß alſo der Tag im Anzuge begriffen ſei, allein bald darauf nahm er wahr, daß dieſe zu⸗ nehmende Dämmerung noch von einer anderen Ur⸗ ſache herrühre. Schnell wie auf Windesflügeln herangeſegelt, hatte ſich nämlich der ganze weſtliche Horizont, von wo⸗ her der Morgenwind blies, mit leichtem Gewölk be⸗ deckt, wie wir es oft kurz vor Aufgang der Sonne wahrnehmen, ohne daß dadurch der ſchöne Morgen getrübt wird, allein diesmal hatte dieſe Himmelser⸗ auf dem wir uns befinden, ſehr gewöhnliche und häu⸗ fige Nebelbildung hatte ſich des Himmels bemächtigt und ſtieg nun von da raſch zur Erde nieder, um auch ſie in Schatten zu hüllen, die eben noch ſo heiter und licht geweſen war. Der Tag kündete ſich alſo trübe an und drohte mit Regen, eine Vorausſetzung, die ſchon in kurzer Zeit ihre Beſtätigung finden ſollte. b Bald nach dieſer Wahrnehmung war Waldemar auf den öſtlichen Wall zurückgekehrt und hatte hier den Horizont gemuſtert. Er lag noch ſtill und feier⸗ lich in ſeinen majeſtätiſchen Nachtmantel gehüllt und nur ganz in der Ferne, da wo Himmel und Meer ſich zu berühren ſchienen, trat eine gelbliche Färbung hervor, um deren Begränzung noch der nächtliche Duft des Meeres ſchwebte. Allmälig aber dehnte und ver⸗ größerte ſich der hellere Schein; es war, als ob der Himmel ſich hebe und das Meer ſich ſenke, ſo daß zwiſchen beiden ein ſcheinbar freier Raum entſtand, den eben jene lichtere Färbung mit ihren blaſſen Strahlen ausfüllte. Nach wenigen Minuten aber blitzte ſchon der erſte rein goldene Streif daraus her⸗ vor und einen Augenblick ſchien das Meer in Flam⸗ men zu ſtehen, aber nur einen Augenblick, denn dann war auch hier plötzlich wie aus den Tiefen der See ein Nebelwall aufgetaucht, der die Strahlen des himm⸗ 4 liſchen Geſtirns verſchlang und die Hoffnung auf einen ſchönen Tag zu nichte machte. Und gleich dar⸗ auf, als ſtände der Oſten mit dem Weſten in ge⸗ heimnißvollem Bunde, hatten ſich Dünſte, Nebel oder Regengewölk, was es nun ſein mochte, von Oſten nach Weſten und von Weſten nach Oſten gezogen, und die ganze unermeßliche Kuppel, die die Erde über⸗ wölbt, war hinter ein bleifarbiges, undurchdringliches Luftgebilde getreten, durch das von Zeit zu Zeit ſchon ein heulender Windſtoß fuhr, der die Ausdünſtungen des Meeres und der Erde chaotiſch unter und durch⸗ einander miſchte. 4* So war denn der erhoffte Genuß des prachtvollen 3 Morgenſchauſpiels verkümmert, und die Erde mit ih⸗ ren in der Nacht ſo reichen Schätzen und Schönheiten lag öde und wüſt vor den Augen unſers Freundes, zwar lichter und tagesheller geworden, aber eben ſo wenig durchdringbar wie erfreulich. Waldemar wandte den Blick von der Ferne ab und drückte den Hut tiefer in die Stirn. Ihn frö⸗ ſtelte unheimlich und er lief nun raſcher wieder nach der entgegengeſetzten Seite, um da den Fortſchritten des auftauchenden Tages, aber auch denen des dro⸗ henden Unwetters zuzuſchauen. „So,— ja, ſo,“ ſagte er zu ſich, als er ringdum die 250 trüben Dunſtſchichten wahrnahm,„verfinſtern ſich die Hoffnungen der Menſchen. Ach, es ſah geſtern Nacht hier oben ſo heiter aus und nun iſt es ſo düſter und farblos geworden. Hoffe nicht, o Seele, ſo bald auf Licht und Freiheit, Dein Weg dahin iſt noch lang, und Finſterniß iſt darüber ausgebreitet.— Halt! Schmet⸗ terte da das Poſthorn nicht ſchon wieder? Ja— es tönt deutlich herauf— und bereits iſt es viel näher gekommen. Es muß jetzt ſchon bei Negaſt, alſo auf der Mitte des Weges bis hierher ſein, und bald, ja bald wird man unten wiſſen, was die nächtliche Mu⸗ ſik zu bedeuten hat. Es geht gegen vier Uhr— ſtei⸗ gen wir den Berg hinab, der Müller wird munter ſein, wenn ich bei ihm angelangt bin.“ Noch einmal einen Blick rings über das ſteinreiche Feld innerhalb des Walles werfend, in dem er jetzt bei hellerem Tageslichte die erſten Spuren keimender Kartoffelpflanzen wahrnahm, wandte er ſich bergab⸗ wärts, mit eben ſo großer Vorſicht ſeine Umgebung muſternd, wie am Abend zuvor, da er hinaufgeſtiegen war. Kaum hatte er einige Schritte vorwärts gethan, ſo begann es zu tröpfeln, und noch war er nicht die Hälfte des Berges hinabgeſtiegen, ſo fühlte er ſchwere eiskalte Tropfen auf ſeine Hände fallen und in ſein Geſicht ſchlagen. Eilig erſtrebte er nun die Tiefe und ſah ſchon im Nebel, der das ganze vor ihm liegende Land überfluthete, an der Oſtſeite der langgeſtreckten Stadt die verſchiedenen Häuſergruppen auftauchen, die hier zwiſchen Gärten und Obſtbäumen liegen und die man Speck⸗Caspel nennt. Durch die nun folgenden Kornfelder, Gebüſche, zwiſchen Landſeen und Hügeln ſich fortbewegend, erreichte ſein Auge endlich die erſte Windmühle und daneben das winzige Häuschen, aus Fachwerk und Backſteinen gebaut, roth und weiß ge⸗ tüncht, welches ſeines Vaters Bekannter, der Müller Dalwitz bewohnte. Die Mühle ſtand ſtill, ungeachtet ein friſcher Wind blies, und nirgends waren Menſchen zu ſehen. Nur Hunde bellten und Hähne krähten dann und wann, ſonſt lag die Umgegend harmlos wie im tiefſten Frieden da. Waldemar blieb hinter einem Gebüſch ſtehen und ſchaute ſcharf nach dem Hauſe hinüber, ob er nicht irgend eine Bewegung oder einen Menſchen wahr⸗ nähme, der ihm Rechenſchaft von den Vorgängen im Hauſe ablegen könne. Aber Niemand erſchien, und da es ganz ſtill in der Umgebung deſſelben blieb, ſo wagte er es, hinauszutreten und ſich dem ziemlich frei liegenden Gehöfte zu nähern. Schon hatte er die Klinke der Thür in der Hand und war im Be⸗ griff, ſie niederzudrücken, da öffnete ſich ein Fenſter— 252 und der Müller ſteckte gähnend den Kopf heraus, den eine weiße gewebte Nachtmütze bedeckte, als wäre er eben erſt aus dem ſüßeſten Schlummer an das Licht des Tages getreten. Und ſo war es auch. Faſt er⸗ ſchrocken fuhr der Bewohner des abgelegnen Häus⸗ chens zurück, als er einen Fremden an ſeiner Thür und ſich ſo nahe ſah. Aber da trat ſchon Waldemar zu ihm heran und ihm die Hand hineeichend, ſagte er raſch: „Dalwitz, kennt Ihr mich nicht mehr? Ich bin Waldemar Granzow, der Sohn des Strandvogts in Saſſenitz.“ „Ah, ha! Ja! Ich ſehe es— aber— Teufel! was führt Euch ſo früh hierher?“ „Seid Ihr allein, iſt Euer Haus frei von Einquar⸗ tierung?“ „Ja, frank und frei, die welſchen Hunde haben ſich nicht bis zu mir verſtiegen. In der Stadt freilich liegen ſie ſchaarenweiſe und ſaugen wie Blutigel das Leben des Landes aus.“ „So nehmt mich auf und gebt mir einen Tag Herberge, ich habe Geſchäfte hier.“ GGern und ſogleich— kommt herein, ich heiße Euch von Herzen willkommen.“ Waldemar eilte zur Thür und in wenigen Au⸗ 253 genblicken war er im Zimmer und theilte dem be⸗ freundeten Manne ſo viel mit, wie nöthig war, um ſeinen frühen Beſuch und ſein Erſcheinen mitten un⸗ ter den Feinden des Landes zu rechtfertigen. — ‿— A. ₰. 4ℳ 8 Was die Poſt bringt. — 5 Während die beiden Männer de nahmen, das die Frau des Müller e ſchafft, erfuhr Waldemar Alles was ſich nuf die Stimmung der Bewohner des Stidthens, te Be⸗ fürchtungen und Hoffnungen bez zog, ſo wie, daß die Stralſunder Poſt am geſtrigen Tage in Bergen nicht eingetroffen ſei und daß man deshalb wichtige Ereig⸗ niſſe jenſeit des Fahrwaſſers vermuthe, worauf auch ſchon das viele Schießen hindeute, das man am vo⸗ rigen Tage von Stralſund her vernommen habe. Waldemar machte ein erſtauntes Geſicht, als er dies hörte, denn in Mönchgut hatte man bei dem ge⸗ ſtern herrſchenden Oſtwinde dieſes Schießen nicht wahr⸗ nehmen können, und ſein Herz wurde von einer ſelt⸗ ſamen Beklommenheit bedrückt.„So werde ich mich 3* 255 nicht geirrt haben,“ ſagte, ct, mahss Poſthorn, wel⸗ ches ich vom Rugard aus ſchmettem gehört, hat ge⸗ wiß die endliche Ankunft des Wagens verkündet.“ „Ohne allen Zweifel, und b uß ergleich in die Stadt fahren.“ „Dann thut mir den Gefallen und geht auf den Markt; dort werdet Ihr erfahren, was geſchehenkeiſt, und kehrt nicht eher wieder zurück, als bis Ihr mir Gewiſſes melden könnt. Ich erwarte den Grafen Brahe von Stralſund her und es iſt möglich, daß er ſelbſt im Poſtwagen ſitzt und das Neueſte mit her⸗ überbringt.“ „Da werde ich ihn zu Euch führen,“ erwiperte der Müller, und raſch ſein Frühſtück beendend, warf er ſich in die Kleider und verließ das Haus, deſſen Thür die Müllerin hinter ihm feſt verriegelte. Als der brave Mann mit einiger Eile, zu der Thn nicht allein die Freundſchaft zu ſeinem Gaſte, ſondern auch die eigene Neugierde trieb, durch die Vorſtadt ſchritt und in die holprigen und krummen Straßen der kleinen Bergſtadt einlenkte, gewahrte er ſchon von Weitem, daß die Einwohnerſchaft früh ihr Lager ver⸗ laſſen hatte und dem Marktplatze zugeeilt war, wo das Poſthaus lag, denn wie ein Lauffeuer hatte ſich die Nachricht überall hin verbreitet, daß die Poſt von 256 Stralſund, die 1 bei wichtigen Veranlaſſungen aus⸗ blieb, endlich gekommen ſei und Aufſchluß über ihre ſeltſame verſgäumng bringen werde. So waren denn ſchon vie nach dem Poſthauſe geeilt und der nur zwei Paſſagiere mit⸗ gebracht hatte, die ſich ohne Aufenthalt zu dem fran⸗ zöſiſchen Befehlshaber auf Rügen begaben, um ihn in ihrer Eigenſchaft als Couriere von dem Neueſten in Kenntniß zu ſetzen. Von Dieſen nun hatten die neu⸗ gierigen Städter ſehr wenig oder gar nichts erfahren, um ſo mittheilſamer aber war der Poſtillon geweſen, der unter der dicht geſchaarten Menge ſtand und wun⸗ deibars Dinge erzählte, die alle Zuhörer veranlaßten, ie Mäuler aufzuſperren und ſich mit höchſt betrete⸗ nen Ge eſichtern anzuſchauen. Der Müller war ein ſehr energiſcher und kräftiger Meann, und ſo war es ihm gelungen, ſich mit Hülfe ſeiner ſpitzen Ellbogen Bahn zu brechen und bis dicht an den Erzählenden zu gelangen, der eben dabei war, ſeine Geſchichte zum dritten Male zu beginnen und ſie, wie weiland Fallſtaff, mit immer neuen und wunder⸗ ſameren Vergrößerungen auszuſchmücken. Der wißbegierige Müller reckte die Ohren wie die anderen Zuhörer empor, und je mehr er hörte, um ſo länger und bleicher wurde auch ſein mehlbeſtaubtes 257 Geſicht, bis er endlich genug Neues eingeſogen zu ha⸗ ben glaubte, um vollbeladen damit nach Hauſe zu trotten und den Seinigen von ſeinem Ueberfluß mit⸗ zutheilen. Hier kam er athemlos an, begehrte mit heftigem Pochen Einlaß in das verriegelte Haus und ſtürzte dann mit einer wahren Unglücksmiene in das abgele⸗ genſte Zimmer, worin er ſeinen Gaſt vorfand, der nachdenklich und geſpannt auf und nieder ſchritt. „Nun, da ſeid Ihr ja, Dalwitz, was bringt Ihr?“ ſagte dieſer.„Ha, Ihr ſeid ja ganz außer Athem— iſt es denn etwas ſo ſehr Wichtiges?“ „Wichtiges genug und Unheilvolles über und über Denkt Euch nur: in Stralſund iſt ſeit einigen Tagen der Teufel los geweſen und geſtern hat er ſich die Hörner beinah ausgeſtoßen. Der Schill, der preußi⸗ ſche Major, iſt ſeit ein paar Tagen in der Stadt und den mit ſeinen braven Truppen haben nun die ver⸗ fluchten Dänen und Holländer— Gott erſäufe ſie auf ihren Inſeln— geſtern angegriffen, und alle ſeine Tapferkeit hat ihm nichts geholfen. Zwanzig Mann gegen Einen haben ſie ihn umzingelt und todtgeſchla⸗ gen. Ja, er ſelbſt iſt todt und viele ſeiner Getreuen ſind gefallen, und alle, die noch leben, haben die Fran⸗ zoſen und Dänen aufgegriffen und gefangen geſetzt, Der Strandvogt I. 17 2583. um ſie nach Paris zu führen und einen Kopf kürzer zu machen. So iſt es, ſo wahr ich lebe, denn der Poſtillon hat es mir ſelbſt erzählt, und darum haben ſie ihn auch nicht fortgelaſſen mit ſeinen Packeten, und erſt geſtern Nacht— Ihr habt ganz recht gehört — hat man ihm die Erlaubniß ertheilt, abzuſegeln und da iſt er und ſetzt die ganze Inſel mit ſeinen Neuigkeiten in Schrecken.“ Waldemar ſtand ſprachlos vor dem eifrig Erzäh⸗ lenden, ſeine hohe Geſtalt wurde immer länger und ſein Geſicht immer bleicher, während ſein Auge Flam⸗ men ſprühte.„Was ſagt Ihr?“ rief er endlich.„Schill und ſeine Getreuen ſind gefallen? Und gefangen, um nach Frankreich abgeführt zu werden?“ „So iſt es ganz genau, wie Ihr ſagt— das iſt eine große Ohrfeige, die der König von Preußen be⸗ kommt.“ „Sagt, ganz Deutſchland, die ganze ehrliche Welt, und Ihr werdet nicht zu viel geſagt haben.“ Und er ſank auf einen Stuhl, ſchlug die Hände vor's Ge⸗ ſicht und gab ſich den trübſten Gedanken hin, die er noch je in ſeinem Hirne hatte aufſteigen fühlen. Der ehrliche Müller ſtand vor ihm und ſchaute ihn niedergeſchlagen an, als hätte auch er die er⸗ wähnte Ohrfeige empfangen.„Da die Sachen ſo 259 ſtehen,“ ſagte er,„ſo bin ich neugierig, was Ihr thun werdet, denn der Graf Brahe, wenn er bei Schill war, wie Ihr vermuthet, hat gewiß auch einen Hieb abgekriegt.“ Waldemar ſprang auf.„Das iſt auch meine Sorge!“ rief er mit plötzlich glühenden Wangen aus. „Hört, Dalwitz, ich will Euch etwas ſagen. Graf Magnus iſt mein theuerſter Freund, der einzige Sohn meines Wohlthäters, auf den mehr denn zwei Augen ſehen. Ich muß wiſſen, wie es mit ihm ſteht und ob er bei dem Gefecht zugegen geweſen iſt oder nicht. Um das genau zu erfahren, muß ich ohne Auſſchun ſelbſt nach Stralſund hinüber.“ Der Müller ſah ſeinen jungen feurigen Gaſt er⸗ ſtaunt an, der ihm ein großer und muthiger Mann zu ſein ſchien und in ſeinen Augen immer größer wurde.„Nach Stralſund?“ ſagte er kleinlaut,„Ihr? Der kaum mit genauer Noth den Feinden entronnen iſt? Das iſt ein Wageſtück, junger Mann, das ich nicht mit Euch theilen werde.“ „Das braucht Ihr auch nicht, ich werde es ganz allein unternehmen. Die Nothwendigkeit iſt da. Wer ſagt mir, was Alles geſchehen, wenn ich es nicht mit eignen Augen ſehe, und ſehen muß ich es, um zu wiſſ ſen was ich thue, wie ich ihm helfen ſoll, wenn er 17* 260 in Gefahr iſt. Geholfen aber muß ihm werden, ſo wahr mir Gott ſelber helfe!“ „Nun ja doch, ich glaub's ja; aber Ihr könnt doch nicht gleich über den Sund fliegen?“ „Es muß Mittel geben, um hinüber zu kommen, für Geld und gute Worte, mit Liſt oder Gewalt, wenn es wahr iſt, was Ihr vorher ſagtet, daß die Poſten Niemanden auf die Fähre laſſen, der nicht Beweiſe in Händen hat, daß er hinüber muß und in allen Verhältniſſen unbeſcholten iſt.“ „So iſt es, ich weiß es zu genau; und hundert Mal hab' ich es ſelbſt geſehen, wenn ich mein Mehl hinübergebracht.— Ha! Da fällt mir etwas Ge⸗ ſcheidtes ein, wenn Ihr doch hinüber wollt und müßt. Ich wollte morgen Mehl nach der Feſtung ſchaffen, aber wenn ich es recht bedenke, könnte ich es ſchon heute thun.“ „So laßt mich das Mehl hinüber bringen!“ rief Waldemar und ſprang freudig auf den Müller zu, denn er hatte in ſeinem muthigen Herzen darin ſchon ein Mittel erkannt, um unangetaſtet nach Stralſund und zu ſeinem Freunde zu gelangen. „So wie Ihr da ſeid?“ fragte ſcherzend der Mül⸗ ler.„Warum nicht gar! Sie würden Euch auch für meinen Knecht halten und auf's Wort glauben, nicht wahr? Beſonders wenn Ihr die Dingerchen da unter der Jacke behaltet und ein Geſicht wie zehn Donner⸗ wetter macht, wie gerade jetzt!“ „So gebet mir eine weiße Jacke und was dazu gehört, zum Teufel! wenn es nicht anders geht! Aber meine Waffen und Kleider müſſen alle mit auf den Wagen, damit ich ſie drüben habe, wenn ich ſie brauche.“ „Das läßt ſich ſchon eher hören; und nun laßt mich noch ein Wort ſprechen, aber ein ernſtliches. Ihr ſeid zwar ein muthiger Mann, das iſt brav, und ein wackerer Freund, das iſt noch braver, aber Ihr müßt nicht zu vorwitzig ſein, ſondern recht vernünftig, wie es ſich in dieſen Zeiten und Verhältniſſen ziemt. Seht, der Pächter der Fähre auf dieſer Seite iſt mei⸗ ner Frau Amſel Bruder und ein ächt patriotiſcher Mann. Er iſt auch der Einzige, der ein paar tüchtige Boote am Strande halten darf, um Paſſagiere hin⸗ über und herüber zu ſetzen. Zu dem fahrt Ihr mit meinem Mehl und ſagt ihm, wer Ihr ſeid und was Ihr wollt. Ich gebe Euch auch einen Schein mit, daß Ihr in meinem Dienſte ſteht und in meinen An⸗ gelegenheiten nach Stralſund müßt. Beſtellt Euch nun ein Boot bei meinem Schwager für die Nacht nach irgend einem Punkte drüben am Ufer, aber er muß nördlich von der Stralſunder Fähre liegen, da⸗ mit Ihr gleich frei wie ein Vogel davon fliegen könnt, wenn es Noth thun ſollte. Habt Ihr das verabredet, ſo bringt mein Mehl an ſeine Adreſſe; man wird Euch keine Schwierigkeit in den Weg legen, denn die vielen Mäuler, die jetzt da drüben aufgeſperrt ſind, verlan⸗ gen Nahrung. Habt Ihr das Geſchäft vollbracht, ſo ſeht Euch nach Eurem Freunde um, und findet Ihr ihn, was ich Euch Beiden von Herzen wünſche, ſo habt Ihr das Boot, um ihn fortzuführen, wohin Ihr wollt. Wenn Ihr mir aber folgen wollt, ſo wendet Euch nach Hiddens⸗öe, da ſeid Ihr wenigſtens den Franzoſen aus dem Strich, denn„dat ſöte Lenneken“*) iſt ihnen zu mager und vielleicht auch zu bitter, und dahin verſteigen ſie ſich nicht ſo bald. Den Dänen freilich, wenn Ihr ihnen auf dem Waſſer begegnen ſoll⸗ tet, müßt Ihr aus dem Wege gehen, doch das iſt ja Eure Sache. Gefällt Euch mein Vorſchlag?“ „Vortrefflich und ich bitte Euch, ſo ſchnell wie mög⸗ lich Alles in Bereitſchaft zu ſetzen, damit ich noch vor Tiſche drüben in Stralſund bin.“ „Das ſoll geſchehen und nun kommt zuerſt mit *) Das ſüße Ländchen, wie die Bewohner der armen Fiſcher⸗ inſel Hiddens⸗öe in ihrer heimatlichen Anhänglichkeit nennen. 263 4 mir und macht einen Müllerknecht aus Euch, für das Uebrige will ich dann ſchon Sorge tragen. Meinen Wagen aber fahre ich mir ſelbſt wieder zurück, denn ich werde Euch auf dem Fuße folgen und an der Fähre warten, während Ihr ſelbſt nach Stralſund überſetzt.“ Zwei Stunden ſpäter rollte vom Hofe des freund⸗ lichen Müllers Dalwitz aus ein nicht allzuſchwer mit Mehlſäcken beladener Wagen, der vorſichtig mit getheer⸗ ter Leinwand überdeckt war, damit ihm der anhaltende Regen keinen Schaden thue, durch die holperige Haupt⸗ ſtraße der Stadt Bergen. Zwei wohlgenährte Grau⸗ ſchimmel von kleinem Wuchſe, aber kräftigem inländi⸗ ſchen Schlage, zogen denſelben und nebenher ging, die Leine kunſtgerecht in der Hand haltend und ab und zu mit einer handfeſten Peitſche knallend, wie es einmal bei den Fuhrleuten Sitte iſt, ein hochgewachſener Müllerknecht, der ſo vortrefflich in ſeine weiße mehl⸗ beſtaubte Kleidung paßte und deſſen Geſicht, mit glei⸗ chem Stoffe beſtrichen, einen ſo dummehrlichen Aus⸗ druck zur Schau trug, daß kein Menſch, und wäre es ſein eigener Vater geweſen, in ihm den trotzig ſtolzen Seemann Waldemar Granzow erkannt hätte. 234 Lebhafter denn je ging es an dieſem Tage in dem kleinen Städtchen her; namentlich auf dem großen viereckigen Marktplatze, dem vornehmſten Theile der Stadt— unter welcher Bezeichnung man ſich aber durchaus keine comfortablen und maſſiven Häuſer der Jetztzeit vorſtellen darf— ſtanden faſt von Haus zu Haus erzählende und hörende Gruppen, die ſich bald vergrößerten, bald verkleinerten, je nachdem der Spre⸗ cher ſein Publicum anzuziehen oder zu langweilen ver⸗ ſtand. Das große Ereigniß des Tages, die Nieder⸗ lage des durch das Gerücht ſehr bekannten Majors Schill in Stralſund war in Aller Munde, und wohl keinen gab es unter den Bewohnern Bergen's, der das traurige Ende des hochherzigen Parteigängers nicht von ganzer Seele bedauert hätte. Aber der Antheil der Bergener Bürgerſchaft ging noch über das Schickſal des ſo unglücklichen Offieiers hinaus: ſie dachten auch an ſich, die guten Leute, und fürchteten ſchon, nun würden die Dänen ſelber nach der Inſel kommen und den letzten Reſt ihres Beſitzes ihnen vom Leibe reißen, den die Franzoſen noch dar⸗ auf ſitzen gelaſſen hatten. Deshalb waeir auch ſchon in den frühſten Morgenſtunden, ſobald naan durch den Poſtillon das Ereigniß jenſeit des Sundes erfahren, eine Deputation der beſitzreichſten Bürge r bei dem ge⸗ 265 genwärtigen Befehlshaber der Franzoſen auf Rügen geweſen, der in einem Hauſe am Markt zu Bergen reſidirte, und hatte beſcheidenen Proteſt gegen den et⸗. waigen Uebergang der Dänen eingelegt, worauf ſie das beſänftigende Verſprechen erhielt: Er, der franzö⸗ ſiſche Befehlshaber auf Rügen, werde nicht dulden, daß außer ſeinen ſpeciellen Untergebenen noch andere Truppen nach der Inſel gezogen würden,— beiläufig ein Verſprechen, was leicht zu geben war, aber ſchwer zu halten geweſen wäre, wenn ein Befehl von Oben herab die Dänen über das Fahrwaſſer beordert hätte. Waldemar warf einen forſchenden Blick auf die lebhaft disputirenden Gruppen und trieb dann ſeine Pferde zu ſchnellerem Gange durch die bergigen Stra⸗ ßen, denn er ſehnte ſich nach friſcher Luft und nach friedlicher Stille, um ſeine Gedanken ungehindert in die Ferne ſchweifen zu laſſen, die dem Eindruck einer großen Beſorgniß erlagen, denn das troſtloſe Schickſal ſeines Freundes, wenn er bis zum letzten Augenblick bei Schill geblieben, was faſt keinem Zweifel unter⸗ lag, ſpannte ſeinen Geiſt auf eine ſo qualvolle Folter, wie er noch nie eine ähnliche in ſeinem Leben erdul⸗ det hatte. Endlich war der Ausgang des Städtchens, das weder Thor noch Schlagbäume außzuweiſen hatte, er⸗ 8 266 reicht; nur vor einem der letzten Häuſer ſtand ein Piket ſchwarzäugiger Südfranzoſen, die aber nicht, wie ihre Kameraden auf dem Göhren'ſchen Höwt, ihre Ge⸗ wehre ſaumſelig bei Seite geſtellt, ſondern ſie, jeden Augenblick zum Angriff bereit, loſe im Arme hielten. Als der Führer des Wagens an ihnen vorbeiſchlendern wollte und einen gleichgültigen Blick auf die Fremden warf, die in ihrer lebhaften Art mit eifrigen Geber⸗ den disputirten, trat ein bärtiger Sergeant an ihn heran und fragte in gebrochenem Deutſch, wer er ſei, was er geladen habe und wohin er wolle? Waldemar antwortete in der Redeweiſe des ge⸗ meinen Rügianers, die ihm vollkommen geläufig war, und zeigte den Schein ſeines angeblichen Brodherrn vor, der alles Nöthige enthielt, was bei einer ſolchen Sen⸗ dung auf Rügen damals verlangt wurde. Der Ser⸗ geant, über deſſen Schulter ſeine neugierigen Kame⸗ raden mit in das Blatt ſchauten, was bei ihnen nicht undienſtmäßig war, ließ nach längerem Studium des Zettels eine zufriedene Miene blicken, ſchrieb in dem Häuschen das Paſſirwort darauf und deutete dann dem Müller mit einer pathetiſchen Geberde an, er könne jetzt ſeines Weges ziehen, was Waldemar nicht zu befolgen unterließ. Der Weg von Bergen nach der alten Fähre führt, 267 da die Stadt auf einer Höhe liegt, bergab und ſo ging die Reiſe ziemlich rüſtig von Statten. Der Re⸗ gen fiel in leiſem, aber anhaltendem Gerieſel hernieder, der Himmel war ganz mit grauem Nebel bedeckt und der leichte Weſtwind trieb das ſchwere Gewölk mit Mühe nach dem eben ſo düſtern Oſten hin. Walde⸗ mar athmete leichter, als er ſich in Gottes freier Na⸗ tur befand und an ſeiner Seite die dort ſo reich ge⸗ ſäeten Dörfer mit ihren mit Seetang behangenen Flechtzäunen ſah, von denen das aufgefangene Waſ⸗ ſer ſtromweiſe herabträufelte. Die mit Weizen, und Hafer beſtellten Aecker grünten um dieſe Zei im jungfräulichſten Frühlingsſchmucke, die L trotz der Näſſe warm und lieblich, aber d auf die abwechſelnd mit jenen Aeckern zu beide ten liegenden Torfmoore und Haidekrautſtrecken durch den Nebel, der Alles umzog, noch einförmiger als ge⸗ wöhnlich. Nur bisweilen tauchten jenſeit des Fahr⸗ weges Gebüſche und kleine Waldungen auf und, gleichſam um auf ihnen auszuruhen, hatten ſich ſtarre Nebelſchichten von ihrem Wolkenfluge auf die Wipfel derſelben niedergelaſſen, was der ganzen Scenerie ein eigenthümlich düſteres Gepräge verlieh. Da übrigens die kleinen Pferdchen des Müllers ihre Schuldigkeit thaten, ſo kam der Wagen trotz der durch den Regen nicht ſonderlich gebeſſerten Landſtraße ziemlich raſch vorwärts. In Negaſt, wo der Landweg von Garz in den von Bergen rechtwinkelig einſchneidet, hatte Wal⸗ demar die Hälfte des ganzen Weges zurückgelegt, und es war noch nicht neun Uhr Morgens, als er bei dem uralten Dorfe Rothenkirchen vorüberkam und bald dar⸗ auf die berühmten ſieben mit Dornſträuchen bewachſe⸗ nen Begräbnißhügel von Weitem ragen ſah, die noch ernſterer und düſterer unter dem Regenflor hervorſchauten, als ſie es in ihrem gewöhnlichen Sommerkleide zu thun pflegen. Von hier aus ſenkte ſich die Straße mehr dem Süden zu, der alten Fähre an dem ſchönen Sunde, dem ſogenannten Fahrwaſſer, entgegen, und es war kaum elf Uhr, als unſer Freund den anmuthig ge⸗ ſchwungenen Waſſergürtel vor ſich liegen ſah, in deſ⸗ ſen Mitte, auf einer Inſel wie im Meere ſchwimmend, das ſchöne Stralſund mit ſeinen in jener Zeit halb dee⸗ molirten Wällen und Mauern thronte, hinter denen vor wenigen Stunden ſo viel Unheil geſchehen war. Waldemar lenkte ſein Fuhrwerk ohne Aufenthalt vor das Fährhaus, wo ſich ſogleich ein franzöſiſcher Poſten einſtellte, nach ſeiner Legitimation fragte und in Geſellſchaft eines Beamten die Papiere des Mül⸗ lers in Augenſchein nahm. Nachdem dies zur allge⸗ meinen Befriedigung geſchehen und die Ladung ober⸗ 269 flächlich unterſucht war, ward dem vorgeblichen Mül⸗ lerknecht bedeutet, er könne ſeine Säcke auf die Fähre laden, eine Erklärung, die ihn veranlaßte, in das Fährhaus zu treten und nach dem Pächter deſſelben zu fragen, von dem er wußte, daß er der Schwager des Müllers Dalwitz war. Waldemar ward in eine Stube gewieſen, worin er den Pächter allein vorfand, dem er ohne Verzug die Botſchaft des Müllers insge⸗ heim mittheilte. Der Pächter nahm ihn, wie zu er⸗ warten war, ſehr wohlwollend auf und führte ihn in ein abgelegenes Gemach, in dem ſie noch keine halbe Stunde plaudernd beiſammen ſaßen und eben im Begriff waren, ein handfeſtes Frühſtück einzunehmen, als der Müller Dalwitz ſelber bei ihnen eintrat und den kleinen Sack auf dem Arme hatte, der Waldemar's Kleider und Waffen enthielt. Von nun an war alles Uebrige ein Leichtes. Dalwitz übernahm perſönlich die Unterhandlung wegen des benöthigten Bootes in der folgenden Nacht und leitete Alles zu Waldemar's vollkommenſter Zufriedenheit ein. Sodann wurden die Mehlſäcke auf die Fähre geladen und nebenbei der Ort und die Stunde feſtgeſetzt, wo Waldemar das Boot mit ſeinen Kleidern drüben am Ufer finden ſollte, mit dem der Fährhauspächter zwei ſeiner tüch⸗ tigſten Schiffer hinüber zu ſenden verſprach. 270 Bald darauf hatte Waldemar vom Müller und deſſen Schwager Abſchied genommen und ſaß nun bei ſeinen Säcken auf der Fähre, voller Ungeduld den Augenblick erwartend, wo das Fahrzeug vom Lande abſtoßen würde. Endlich war er gekommen und gleichzeitig klärte ſich der Himmel auf, der Regen ließ nach und immer deutlicher entrollte ſich das ſchöne Bild des jenſeitigen Ufers. Aber ſo ſchön dieſer Anblick auch war, Wal⸗ demar ſah von Allem, was vor ſeinen Augen lag, Nichts. Seine Gedanken nur auf die kommenden Stunden gerichtet, malte er ſich in düſteren Farben die Zuſtände aus, die er drüben finden würde, und ſelten wohl hat ein Freund ſeines Freundes zärtlicher und beſorgter gedacht, als Waldemar jetzt Magnus Brahe's gedachte, um den ſich in dieſem Augenblick alle ſeine Wünſche und Hoffnungen tummelten. Während er nun überfährt, wollen wir dem Leſer mit einigen kurzen Andeutungen die Scenen verge⸗ genwärtigen, die am 31. Mai 1809 innerhalb der Mauern Stralſund's vorgefallen waren.. Und hier müſſen wir zunächſt jenes Mannes ge⸗ denken, von dem zu damaliger Zeit häufiger geſpro⸗ chen wurde, als von irgend einem Anderen, und der in der That der unglückliche Held des 31. Mai ge⸗ 271 weſen war. Mag man von Schill denken und ſa⸗ gen, was man will, der Mann hatte ein Herz, das warm für die Leiden ſeines erniedrigten Vaterlandes ſchlug, und zugleich auch, was Wenige mit ihm theil⸗ ten, den heroiſchen Willen und den faſt überſprudeln⸗ den Muth, unter jeder Bedingung es von ſeinen Un⸗ terdrückern zu befreien. Daß ihm die dazu ausrei⸗ chende Kraft nicht zur Seite ſtand, daß er mit zu kleinen Mitteln ein zu großes Werk zu Stande brin⸗ gen wollte und, dies wiſſend, dennoch das Wagniß unternahm, das iſt das eigentlich Tragiſche und doch Erſtaunenswerthe in ſeinem ganzen Weſen und Wir⸗ ken. Hätte Preußen und Deutſchland ein ganzes Heer von Männern gehabt, wie Schill ein Einziger war, ſo würde das Jahr 1813 ſchon in das Jahr 1809 gefallen ſein, und wäre Napoleon auf lauter ſolche Patrioten geſtoßen, er würde nicht der Mann gewor⸗ den ſein, den von ſeinem erhabenen Kaiſerthrone in das düſtere Grab zu St. Helena hinabzuſtürzen es der Vereinigung eines halben Erdtheils bedurfte. Die allgemeine antifranzöſiſche Bewegung in Deutſchland hatte die edelſten und begabteſten Män⸗ nerr des Landes zu einem einzigen und großen Ziele, wenigſtens im Geiſte vereinigt, und unter ihnen war 76 hauptſächl ich Schill, den ſein heftiges Temperament 8 272 zum blutigen Streiche vor der Zeit trieb. Der Geiſt der Poeſie und Philoſophie war gegen den ſtarren Kaiſer erwacht, ſchon lange loderte der Vulkan unſicht⸗ bar unter der Oberfläche gegen den tollkühnen Eroberer auf, und da man ein ahnendes Bewußtſein davon im franzöſiſchen Lager hatte und durch geſchickt gelei⸗ tete Spionerie von allem Vorgehenden in Kenntniß ſetzt war, ſo bemühte man ſich um ſo eifriger, alle Meinugen zu verfolgen, von denen man annehmen konnte, daß ſie mit den ſogenannten Tugendbündlern, das heißt mit den patriotiſch geſinnten Männern Preu⸗ ßens' und Deutſchlands' in Verbindung ſtanden. Schill, der durch mannigfache heldenmüthige Tha⸗ ten, namentlich in Colberg, der Mann des Volkes ge⸗ worden war, ſchmerzte die Langſamkeit der aufkeimen⸗ den Entwürfe gegen den franzöſiſchen Kaiſer, der un⸗ aufhaltſam fortfuhr, den Rechtsgrund der Tyrannen, wie Milton ſagt, zur Geltung zu bringen, und da er nirgends eine feſte Leitung, nirgends ein kühnes Vor⸗ ſchreiten ſah, ſo unternahm er es auf eigene Hand, den Krieg gegen den Allgewaltigen zu beginnen. Er wählte den Augenblick, wo Oeſterreich im Jahre 1809 mit Napoleon in Zwiſt gerathen war. Durch die all⸗ gemeine Gährung der Gemüther in Deutſchland noch mehr zu ſeinem heldenmüthigen Thun angeſtacheglt, 213 von vielen Enthuſiaſten umgeben und berathen, von Vaterlandsliebe und feurigem Haß gegen Napoleon ge⸗ drängt, zog er mit ſeiner kleinen Armee am 28. April von Berlin ab, voll Hoffnung, hinter Napoleons Rük⸗ ken in Sachſen und Weſtphalen Unterſtützung zu fin⸗ den und von da aus einen fühlbaren Schlag gegen ihn zu führen. Auf die niederſchlagende Nachricht aber, daß Oeſterreich von Napoleon zu Grunde gerichtet ſei, faßte er den Entſchluß, über Oſtfriesland ſich nach England zurückzuziehen und für ſpätere Zeiten dem Vaterlande zu bewahren. Aber am 5. Mai von einem Theile der Beſatzung Magdeburg's nach der Altmark gedrängt, hoffte er gegen den franzöſiſchen General Gratien und den däniſchen General Ewald in dem mecklenburgiſchen Fort Dönitz an der Elbe einen Stützpunkt zu finden, zog ſich aber, hierin getäuſcht, über Wismar und Roſtock nach Stralſund zurück. Die Stadt ward den Franzoſen raſch entriſſen, in voller Haſt nothdürftig befeſtigt und 2000 Pommer⸗ ſche Landwehrmänner eilten ihm zur Hülfe herbei. Aber am 31. Mai ſchon rückten 6000 Dänen und Holländer unter den genannten Generälen vor die Stadt und griffen ſie vom Knieper Thore her heftig an. Nach einer fürchterlichen Kanonade zogen ſie als Sieger in die Stadt ein, aber Schill, keineswegs ent⸗ Der Strandvogt. I. 1 18 84 274 muthigt, ſetzte ihnen noch in den Straßen einen ver⸗ zweifelten Widerſtand entgegen. Im heißeſten Kampf⸗ gewühl ſtand er an der Spitze ſeiner Getreuen. Rei⸗ ter und Fußvolk drangen auf die kleine Schaar ein, die Schritt vor Schritt zurückwich. Und nun erſt hatte Schill's Schickſalsſtunde geſchlagen. Für diesmal ſeine Sache verloren gebend und von allen Seiten hart bedrängt, wollte er im letzten Au⸗ genblick ſein Heil in der Flucht ſuchen und ſich auf einem der im Fahrwaſſer liegenden Schiffe zuerſt nach Rügen und von da nach England begeben. Dazu aber mußte er an den Strand gelangen und den konnte er zu Pferde nur durch die Fährſtraße und das Fährthor erreichen. Er ſprengte daher von der Knieperſtraße in die Johannisſtraße ein, die zur Lin⸗ ken in die Fährſtraße mündet; aber in der Mitte der⸗ ſelben fand er den Hof des Johanniskloſters geöffnet und hielt den breiten Eingang unglücklicher Weiſe für die Mündung der Fährſtraße. Erſt als er rings auf dem Kloſterhofe herumgeritten war und nirgends einen Ausweg gefunden hatte, erkannte er— leider zu ſpät— ſeinen Irrthum und ſprengte aus dem Hofe hinaus, um den richtigen Weg nach der Fähr⸗ ſtraße fortzuſetzen, wo ihm indeß ſchon einige ſeine Spur verfolgende Dänen begegneten, die er niederhieb. ₰ 275 An der Stelle, wo die Johannisſtiaße in die Fährſtraße eintritt, ſteht ein Brunnen— hier findet man auch noch heute den Stein, der die Stelle be⸗ zeichnet, wo Schill den Todesſtoß empfing— an die⸗ ſem Brunnen wuſchen einige Stralſunder Frauen ei⸗ nem Verwundeten vom Schill'ſchen Corps das Blut aus dem Geſicht. Der Verwundete, ein galoppiren⸗ des Pferd hinter ſich hörend, dreht ſich herum und als er Schill ſelbſt erkennt, den er ſchon todt geglaubt, ruft er in ſeiner Herzensfreude ſo laut, daß die hinter⸗ herſprengenden Dänen, die unterdeß des Flüchtlings anſichtig geworden, es hörten:„O, da iſt ja Schill! Er lebt noch und nun iſt noch Nichts verloren!“ Auf dieſen Ruf ſtürmten zwei däniſche Reiter hin⸗ ter dem Flüchtigen her, hieben auf ihn, der ſchon im Rücken von einer Kugel getroffen war und hin und her im Sattel ſchwankte, ein und verſprachen ihm Pardon, wenn er ſich ergeben wolle. Aber Schill kannte kein Wort, das Ergebung hieß, und wehrte ſich, ſo lange ſein Arm Kraft dazu beſaß. Endlich aber erlahmte er, ward über den Kopf gehauen und vom Pferde geriſſen, worauf man ſeinen Leib, um ihn ja zu tödten, mit wahrhaft barbariſchen Hieben faſt zerhackte. In dieſem Zuſtande ſchleifte man den Leich⸗ nam nach dem Fleiſcherſcharren am Markt, entkleidete 18 276 und ſtellte ihn zur Schau aus. Später jedoch trug man den Leichnam nach dem gegenüberliegenden Gaſt⸗ hofe zum goldenen Löwen, wo ein Arzt ihn den Kopf abſchnitt, um ihm Napoleon zu überſenden, der, wie man ſagt, den Preis von 4000 Ducaten darauf ge⸗ geſetzt hatte. Erſt mit Schill's Tode endete das Straßengefecht und nun begann die Verfolgung ſeiner Anhänger, von denen ſich 150 Mann nach der preußiſchen Gränze durchſchlugen, der größte Theil der Uebrigen jedoch gefangen und nach Frankreich geführt wurde, um ge⸗ richtet zu werden. 4 Das war im Ganzen und Einzelnen die Nachricht, welche die Poſt von Stralſund in der Nacht zum 1. Juni nach Bergen gebracht hatte. Reuntes Vapitel. Der geborgene Freund. Endlich hatte die langſam geruderte Fähre die Brücke des Stralſunder Ufers erreicht und Waldemar ſchickte ſich ohne Zögern an, die ihm als Müllerknecht aufgetragenen Geſchäfte auszurichten. Ein franzöſi⸗ ſcher Beamter, dem er ſeine Papiere vorwies, geſtat⸗ tete ihm, da er Lebensmittel brachte, die Säcke zu landen und dann in die Feſtung zu gehen, um den Bäcker aufzuſuchen, auf deſſen Namen ſein Geleits⸗ brief lautete. In der Stadt ſelbſt ſah es wild und wüſt genug aus, denn noch hatte man nicht daran denken können, die vielfachen Spuren des eben been⸗ deten Kampfes zu beſeitigen. Auf den Plätzen und an manchen Ecken der Stadt ſtanden noch die ge⸗ brauchten Kanonen aufgefahren, die ihre Kugeln nicht 4 1 278 allein unter die Menſchen, ſondern auch auf die Fron⸗ ten und Giebel der Häuſer ausgeſchüttet, wo ſie theils in den dicken Mauern ſichtbar ſtecken geblieben wa⸗ ren, theils die Wände eingeriſſen und arge Verwü⸗ ſtungen angerichtet hatten. Die Bewohner ſelbſt wa⸗ ren noch von dem erſten Schrecken und den traurigen Vorfällen des vergangenen Tages betäubt. Däniſche und holländiſche Pikets ſtanden mit geladenen Ge⸗ wehren oder gezogenen Säbeln überall und Patrouil⸗ len durchſtreifften ohne Unterlaß die öden Straßen und durchſuchten die verdächtigen Häuſer, um die etwa verborgenen Flüchtlinge an's Licht des Tages zu ziehen und ihrem unentrinnbaren Schickſal zu über⸗ liefern. Viele derſelben waren von wackeren patrioti⸗ ſchen Bürgern gerettet worden, und in manchen Häu⸗ ſern lagen namentlich Verwundete ſicher verſteckt, wo⸗ ſie auf das Liebreichſte verpflegt wurden. Ueberall herrſchte eine drohende und unheimliche Stille, wie nach der Entladung eines unſeligen Gewitters Fluren und Wälder in ſtiller Ergebung ihre Blumen und Gräſer beugen; die meiſten Häuſer waren geſchloſſen, an den verhangenen Fenſtern zeigte ſich nicht wie ſonſt eine geſchäftige oder genießende Bevölkerung und Niemand wagte ein lautes Wort zu äußern, aus Be⸗ ſorgniß, irgend ein aufmerkſames Ohr möchte die ge⸗ 2n9 ſprochenen Worte anders deuten, als ſie gemeint wa⸗ ren. Es war daher ſchwer, irgendwo erfolgreichen Eingang zu gewinnen, und vergebens hatte Walde⸗ mar ſchon hier und da angepocht, um die vorläufig ſo nothwendige Nachfrage nach der Wohnung der Verwandten Magnus Brahe’s zu halten. Endlich beſchloß er, zu dem Bäcker zurückzukehren, der ihm ſeiner äußeren Erſcheinung nach ein ehrlicher Mann zu ſein ſchien, und bei ihm die Nachforſchung ernſtlich zu beginnen. Aber der Bäcker wußte ſelbſt wenig und berichtete nur Allgemeines und Bekanntes. Da wagte Waldemar kühn den Namen der Dame zu nennen, die er, als des Grafen Verwandte und mütterliche Freundin, vor Allen aufſuchen wollte, um ſich bei ihr nach demſelben zu erkundigen, weil vor⸗ auszuſetzen war, daß Magnus, wenn er mit Schill in Stralſund eingerückt, ſie beſucht und von ſeinen Abſichten in Kenntniß geſetzt haben würde. Glückli⸗ cherweiſe traf es ſich, daß der Bäcker der Lieferant des erfragten Hauſes war. Es wurde ihm genau bezeich⸗ net und nun belud ſich Waldemar mit einem Korbe voll Backwaaren, um auf dieſe Art Eingang daſelbſt zu gewinnen. So begab er ſich denn nach dem alten Marktplatze, den fünf bis ſechs Stock hohe altmodiſche Giebelhäuſer, das uralte berühmte Rathhaus und die 280 Hauptwache zieren, welche letztere leider dicht neben dem bezeichneten Hauſe lag, wie ſich ſogleich ergab. Die Dame, die darin wohnte, war früher oft im Scherze die Königin von Hiddens⸗Oee genannt worden, weil ſie nicht allein die Gutsherrin des Gehöftes Klo⸗ ſter, ſondern auch Beſitzerin der ganzen Inſel geweſen war, die ſie aber ſeit dem Jahre 1800 an den Haupt⸗ mann von Bagewitz verkauft hatte, um ihren Lebens⸗ abend in der lebhafteren und geſelligeren Stadt zu verbringen, in der ſie jetzt ihren Aufenthalt nahm. Die Kammerräthin von Gieſe war eine ausgezeichnete Dame, die, wie ein oft genannter Reiſender von ihr ſagt, ſich als eine höchſt intereſſante Frau darſtellte, die mit einem durchdringenden Verſtand eine unge⸗ meine Feinheit des Umgangs und liebenswürdige Denkungsart verband. Waldemar klopfte an die Hausthür, aber Nie⸗ mand öffnete ſie ihm. Darauf wandte er ſich zu dem einen Fenſter und pochte daran, aber auch hier zeigte ſich Niemand hinter den feſt geſchloſſenen Vorhängen. Endlich jedoch erſchien ein alter Diener, zog vorſichtig einen Zipfel des Vorhangs zurück und ſchaute for⸗ ſchend heraus. Als er den Bäckergeſellen, wofür er natürlich Waldemar hielt, draußen ſtehen ſah, machte er raſch einen Fenſterflügel halb auf und wollte ſo 281 einige Vorräthe in Empfang nehmen. Haſtig aber flüſterte ihm Waldemar zu, er möge die Thür öffnen und ihn einlaſſen, da er nothwendig mit ſeiner Her⸗ rin ſprechen müſſe. Der Diener ſchloß das Fenſter wieder und dachte einige Augenblicke nach, was er thun ſolle. Endlich aber fand er ſich bewogen, dem Manne, der es eilig zu haben ſchien und vielleicht eine wichtige Botſchaft bringen könnte, zu Willen zu ſein, und ſo riegelte er das Thor auf. Waldemar fühlte ſich von einer ſchwe⸗ ren Laſt erleichtert, als er im Innern des Hauſes ſtand und nun ungehindert nach der Kammerräthin fragen konnte. „Was wollen Sie von ihr— ſie iſt heute ſehr beſchäftigt und dürfte kaum Zeit und Neigung haben, mit einem Fremden zu reden.“ „Mit mir ſpricht ſie gewiß, wenn Sie ihr ſagen, daß ich zum Frommen des Grafen Brahe zu ihr komme.“ „Ha!“ rief der Alte und machte ein erſtauntes Geſicht.„Iſt es wahr, was Sie ſagen und kann ich Ihnen vertrauen?“ „Ganz und gar, denn ich bin nicht, was ich ſcheine, und habe nur des Grafen wegen die gefährliche Stadt 8 betreten.“ 282 „Wo kommen Sie aber her und woher wiſſen Sie, daß der Graf in dieſem Hauſe iſt?“ „Ha!“ rief nun auch Waldemar und ſein Geſicht erröthete ſichtbar unter dem Mehlſtaube, der es be⸗ deckte und unkenntlich machte.„Alſo er iſt hier— und ungefährdet? Sprechen Sie wahr?“ „Ja, er iſt wenigſtens hier— aber erlauben Sie, daß ich ſogleich die gnädige Frau benachrichtige und treten Sie einſtweilen in dieſes Zimmer ein.“ Waldemar befolgte ohne Zögern die Aufforderung und als der alte Diener eilig das Zimmer verlaſſen hatte, wiſchte er vor einem Spiegel mit einem Tuche den Mehlſtaub vom Geſicht, das ſich nun in ſeiner natürlicheren Färbung und männlichen Bildung zeigte. Bald darauf aber kam der Diener wieder und bat ſich den Namen des Beſuchenden aus. Nachdem dieſer ſich genannt und der Diener ihn wieder einige Zeit allein gelaſſen hatte, kam der Alte mit freudeſtrahlen⸗ der Miene zurück und lud den Fremden ein, eine Treppe höher zu ſteigen, wo ihn die Dame des Hauſes un⸗ geſtörter empfangen könne. Waldemar ward nun in ein nach damaliger Sitte reich möblirtes großes Gemach geführt und in dieſes trat kurz nach ihm mit etwas eiligem Schritte eine bejahrte, ſehr ehrwürdige Dame ein, auf deren feinen 283 Geſichtszügen freudige Ueberraſchung ſeltſam mit Sorge und Betrübniß gemiſcht war. „Sie ſind Waldemar Granzow aus Saſſenitz— der Freund Magnus Brahe's?“ fragte ſie ohne Um⸗ ſtände. „Der bin ich, gnädige Frau, und ich komme in der Abſicht hierher, ihm förderlich zu ſein, da ich nach ſeinem Ausbleiben auf dem Rugard in vergangener Nacht, nachdem ich von den Vorfällen in Stralſund gehört, eine Betheiligung ſeinerſeits bei dem geſcheiter⸗ ten Unternehmen für höchſt wahrſcheinlich annehmen muß, wenn er geſtern ſchon in Stralſund war.“ „So ſchickt Sie Gott hierher, denn ich bin in gro⸗ ßer Sorge um ihn, da ich jede Stunde befürchten muß, die Spione der Feinde werden ihn auskund⸗ ſchaften und aus ſeinem Verſteck ziehen.“ „Dann bin ich zur rechten Zeit gekommen, gnä⸗ dige Frau; ich habe alle Mittel in Händen, ihn ſei⸗ nen Verfolgern zu entziehen und ſicher nach Rügen zu bringen.“. Die Dame, faſt ſprachlos vor Freude, ſtreckte die Hand aus und ergriff den mehlbeſtaubten Arm des wackeren jungen Mannes.„So hängt mit dieſer Ih⸗ rer Abſicht auch wohl Ihre Verkleidung zuſammen?“ 284 fragte ſie endlich, nachdem ſie ſich nach Kräften er⸗ mannt hatte. „Sie haben es errathen, gnädige Frau, mein Kleid iſt eine Maske— und dieſe Maske war gut, denn ſie hat mich raſcher zum Ziele geführt, als man hätte für möglich halten ſollen.“ „So lohne Ihnen Gott Ihre Freundſchaft und Aufopferung! Aber ach, mein Herr, Graf Brahe, der ſchon oft von Ihnen geſprochen und Ihren Namen ſtets mit großer Liebe genannt hat, iſt verwundet und ſeine Fortſchaffung wird mit Schwierigkeiten verknüpft ſein.“ „Verwundet!“ rief Waldemar, indem alle Farbe aus ſeinem Geſichte wich.„Doch wohl nicht lebens⸗ gefährlich?“ „Nein, das nicht; ſein linker Arm iſt durchſchoſſen und das iſt hinreichend, um ihn unfähig zu ſeiner Selbſtbefreiung zu machen, die unter den obwaltenden Verhältniſſen überhaupt bedenklich ſein wird.“ „So führen Sie mich nur zu ihm— alles Ueb⸗ rige wird ſich finden, ich nehme Alles auf mich.“ „Kommen Sie; er weiß ſchon, daß Sie hier ſind und erwartet Sie mit Ungeduld.“. Die Kammerräthin ſchritt voran und führte den jungen Mann, der ſich ihr und den Ihrigen in einem 285 verwickelten Momente ſo hülfreich erwies, durch meh⸗ rere Zimmer, über einen langen Corridor in einen neu angebauten Seitenflügel des alten Hauſes, wo, entfernt von dem Treiben der Stadt und allen Nach⸗ forſchungen entzogen, der Kranke in einem tief beſchat⸗ teten und wohl verwahrten Zimmer lag. Mit hoch⸗ mar; erſt als er ſeinen Freund mit noch bleicherem Geſicht als gewöhnlich, aber doch matt lächelnd im Bette liegen ſah, ſtieß er einen Ruf des Frohlockens aus. Dann ſtürzte er auf ihn zu und ſchloß ihn in ſeine Arme, was der Kranke, ſo viel er es vermochte, mit eben ſo herzlicher Hingebung erwiderte. Graf Magnus Brahe, nur zwei Jahre älter als Waldemar Granzow, war wie dieſer ein hochgewach⸗ ſener, aber dennoch bedeutend ſchwächerer Mann, was ſchon ſeine von Natur überaus bleiche Geſichtsfarbe ne gewiſſe Mattigkeit verrieth, die in ſeinem ſeiner Haltung und allen ſeinen Bewegungen erſten Blick hervortrat. Auch ſein ſchönes ondes Haar, das in langen Wellenlinien zu bei⸗ den Seiten des Geſichts niederfiel und ſich mit dem — wohlgepflegten aber dünnen Barte vermiſchte, der an Wangen und Kinn ſichtbar war, verlieh ihm keinen ½ klopfendem Herzen und ſchweigend folgte ihr Walde⸗ beſonderen Ausdruck von großer phyſiſcher Kraft. Die 286 feinen Linien ſeines Mundes, ſeine faſt ſtets umwölkte, ſonſt wohlgebaute Stirn und das große, ſanfte, nur ſelten in hellen Flammen blitzende blaue Auge, das faſt ununterbrochen in einem See von verhaltenen Thränen zu ſchwimmen ſchien, trugen weniger das Merkmal eines ſelbſtvertrauenden kühnen Kriegers, als das eines in ſich verſunkenen, der Außenwelt mehr und mehr entrückten Grüblers und Schwärmers zur Schau. Sein Geiſt hatte ſich demgemäß von früher Jugend an auf Koſten ſeinen Körpers entwickelt, und die beſondere Richtung, die er dabei genommen, hatte nicht dazu beigetragen, die von Hauſe aus mangel⸗ hafte Kraft dieſes Körpers zu ſtählen. Was ihm aber an leiblicher Widerſtandsfähigkeit und Dauerhaftigkeit abging, erſetzte ſeine ritterliche hochedle Geſinnung und ein den erhabenſten Gütern des Lebens eifrig zuge⸗ neigtes Gemüth. Beides hatte ihn auch in die Ge⸗ fahren des gegenwärtigen Krieges verwickelt, er war muthig, tapfer und jeden Augenblick geneigt, ben für die Freiheit ſeines Vaterlandes ein und, ſo viel an ihm lag, dazu beizutragen, den alle meinen Tyrannen, der alle Nationen Europa's nechten wollte, zu Boden zu ſtürzen. Leider aber war mit dieſer edlen, nach Außen hin gerichteten Beſtrebung eine Art ſchwärmeriſcher, beinahe myſtiſcher Gemüths⸗ 287 richtung verbunden, die man bei ihm vielleicht als ei⸗ nen erblichen Familienzug betrachten konnte, und die ihn antrieb, ſich mit Studien zu beſchäftigen und gei⸗ ſtigen Phantaſien hinzugeben, die mit Allem, was der Wirklichkeit des Lebens und dem ruhigen materi⸗ ellen Genuſſe deſſelben angehörte, in vollkommenem Widerſpruch ſtanden. Er war mit einem Wort mehr ein Mann des Gemüthsinſtinctes und der augenblick⸗ lichen Eingebung, als ein Mann feſten durchdachten Willens und der wohlberechneten That, deſſen Hand⸗ lungen mit ſeinen Anſichten und Beſtrebungen in na⸗ turgemäßem Einklang ſtehen. Er liebte es, ſich in ſo⸗ ggenannten höheren Regionen zu ergehen und vergaß dabei, daß das Leben in ernſter Zeit mit kräftigen Händen angefaßt ſein will, wenn es bezwungen wer⸗ e So hatte er es nie über ſich vermocht, iſſen Glauben an providentielle Borhetbeſim. entſagen, die jedes einzelnen Menſchen Le⸗ beſtimme und ihm Gutes und Schlimmes aufgebe, wogegen man ſich vergebens auf⸗ leh lles Ringen und Wollen nutzlos ſei, und damit war bei ihm von früher Jugend an der trüb⸗ ſelige Wahn verbunden, daß er ſelbſt zu keinem lan⸗ gen Leben beſtimmt, daß er in der Blüthe der Jahre werde hinweggerafft und daß er überhauf nur aus⸗ 288 erleſen ſei, Schmerzen und Weh in allerlei Geſtalt zu erdulden. Vergebens war gegen dieſe thörichten Hirn⸗ geſpinſte eine durchaus fehlerfreie Erziehung in die Schranken getreten, ſein Vater und ſeine vortrefflichen Lehrer hatten es nie vermocht, ſeinen Gedanken eine we⸗ niger traurige Richtung anzuweiſen und ihm eine richti⸗ gere und naturgemäßere Ueberzeugung von der göttlichen Vorſehung zu verſchaffen. Selbſt Waldemar's ruhiger, klarer, thatkräftiger Anſchauungsweiſe, der ihm von allen Menſchen, die mit ihm in Berührung gekom⸗ men, dem Herzen nach am nächſten ſtand, war es nie gelungen, ihm zu beweiſen, daß er bisher, wo er ein ihm naheſtehendes Verhängniß vorhergeſehen, noch immer im Irrthum geweſen ſei, nie hatte er ſich von ſeinen krankhaften Ideen frei machen können, und ſo ſah er auch jetzt wieder in ſeiner verlaſſenen un drohten Lage die Hand des Verhängniſſes augg um ihn endlich zu ergreifen und rettungsloß nichten. Mit dieſer Gemüthsrichtung im Einklang ſein Verhältniß zu Schill geſtaltet, der ſe ſeinen Augen den Untergang gefunden. De meriſche, ritterliche, abenteuerliche Charakter deſſelben hatte ihn angezogen, gefeſſelt und endlich mit in die Strudel des ungleichen Kampfes geriſſen, der jenem Tr. * 289 verderblich geworden war; ja, Schill's trauriges Ende hatte neuerdings wieder um ſo mehr dazu beigetra⸗ gen, ihn in ſeiner vorgefaßten Meinung zu beſtärken und die Beſorgniß zu vollenden, jetzt endlich ſei auch für ihn die Stunde des Unheils gekommen, die er lange vorhergeſehn und vorausgeſagt habe. So war er der faſt vollkommene Gegenſatz von dem thatkräftigen, kühnen, entſchloſſenen Waldemar Gran⸗ zow, in dem ſich jeder Gedanke nach kurzer Ueberle⸗ gung zur muthigen, willensſtarken That geſtaltete, der ohne Furcht und Sorge der Waltung des Schickſals entgegenging und ſeine ganze vollendete Männlich⸗ keit ſchon in ſeiner elaſtiſch leicht beweglichen Geſtalt, ſeinen offenen Geſichtszügen, ſeiner ganzen Haltung zeigte. Aus dieſem Grunde auch verband die beiden jungen Leute, die ihr Stand und ihre Geburt ſo weit von einander entfernt, jene innige Freundſchaft, die wir ſchon öfters angedeutet haben und die der alte Graf Brahe, der die ſchwachen Seiten ſeines einzigen Sohnes und Erben kannte, auf jede Weiſe befördert hatte, da er ſich von dem Umgang mit Waldemar die größten Vortheile für ſeinen Sohn verſprach. Wie groß daher des jungen Grafen Freude war, als er ſeinen einzigen und wahren Freund ſo plötz⸗ lich und unerwartet in ſein von namenloſer Sorge Der Strandvogt. I. 19 290 beſchattetes Zimmer treten ſah, kann man ſich denken und wohl zwei Stunden vergingen, bis ſie ſich ge⸗ genſeitig alle ihre Erlebniſſe in traulichſter Weiſe mit⸗ getheilt und den Standpunkt vergegenwärtigt hatten, auf dem ſie jetzt in der Mitte ihrer kriegeriſchen Lauf⸗ bahn angelangt waren. „Alſo das iſt der Grund Deines Erſcheinens hier,“ ſagte Graf Brahe zuletzt, indem er ſeinem Freunde mit der unverwundeten Rechten herzlich die Hand drückte,„und ſo hat Dich mein Schickſal noch einmal zu mir geführt! O wie gütig und herrlich iſt das von der waltenden Vorſehung! Aber ſage mir, wird Deine Abſicht gelingen, wird Dein Plan mit mir nicht an irgend einer unvorhergeſehenen Klippe ſchei⸗ tern?“ 3 „Das wollen wir nicht hoffen, Magnus. Wenn Du aber etwas Beſſeres weißt, als ich Dir vorgeſchla⸗ gen habe, ſo ſprich es aus, ich bin zu Allem bereit, wenn ich nur die Möglichkeit des Gelingens vor mir ſehe.“ „Nein, ich weiß nichts Beſſeres und ſo vertraue ich mich Deinem Muthe und Deiner Kraft völlig an. Wird aber der Fährmann Wort halten und zu be⸗ ſtimmter Stunde das Boot an die bezeichnete Stelle ſenden?“ 291 „Er hat es verheißen, weiter kann ich nichts ſa⸗ gen; läßt er uns aber im Stich, ſo werden wir an⸗ dere Mittel und Wege zu unſrer Befreiung erdenken.“ „Weißt Du aber beſtimmt, daß auf Hiddens⸗Oee keine Franzoſen ſtehen und daß wir auf dem einſa⸗ men Kloſter nicht gerade dem Feinde in die Arme laufen?“ „Jedermann auf Rügen, den ich bis jetzt geſpro⸗ chen, hat es mir al lſo aitgetheilt, und ich habe keinen Grund, an der Ehrli keit meiner Landsleute, die es gut mit mir meinen, zu zweifeln.“ letzter Tag in Stralſund ſein.—“ Der Plan Waldemar's war nun fulgender⸗ Ge⸗ gen elf Uhr Nachts wollte er ſich mit ſeinem Freunde, der den kurzen Weg nach dem Strande zu gehen ſich bemühen mußte, durch eine Hinterthür des Gieſe'ſchen Hauſes, die über einige Höfe und Gärten in die Jo⸗ hannisſtraße führte, ſeinen jetzigen Aufenthalt verlaſ⸗ ſen. Von hier aus ſolltenſie einer der Diener der Kammerräthin, der in Stralſund genau Beſcheid wußte, durch verſchiedene Häuſer an eine Stelle der Stadt⸗ mauer führen, die ſeit der Schleifung derſelben und der theilweiſen Zuſchüttung der Wälle noch nicht wie⸗ derhergeſtellt war. Auf dieſe Weiſe vermied man die 19* „So bleibt es alſo dabei und es wird dies mein 292 gefährliche Fährſtraße und deren Thor, das auf den Strand mündete. War man ſo weit gelangt und hatte man Wälle und Mauern hinter ſich, ſo gab es keine Schwierigkeit mehr, denn Punkt elf Uhr und nach vorher genau übereinſtimmend geſtellten Uhren ſollte das Boot unter den Weiden nordwärts von der Stralſunder Fährbrücke liegen, wo kein Poſten ſtand und das Einſchiffen, wenn der Mond nicht gar zu hell ſchien, gefahrlos bewerkſtelligt werden konnte. Von hier aus wollten ſie das Stralſunder Fahrwaſ⸗ ſer nordwärts entlang nach dem Gutshof Kloſter auf Hiddens⸗Oee ſegeln, um bei dem befreundeten Herrn von Bagewitz ein geſichertes Unterkommen bis auf Weiteres zu ſuchen. Hielt der Südoſtwind ſo günſtig an, wie er den Tag über geweht, ſo war das Ganze ein leichtes Unternehmen und konnte in wenigen Stun⸗ den abgemacht werden; ſchwieriger und langwieriger war es allerdings, wenn das Wetter ſtuͤrmiſch wurde, der Wind aus einer weniger günſtigen Richtung blies oder gar eine Verfolgung ihr Vorhaben unterbrach und die Erfindung eines neuen unvorbereiteten Planes nothwendig machte. Als ſie der Kammerräthin von Gieſe Obiges mit⸗ theilten, fand es ſich, daß dieſe ihnen vollkommen beiſtimmte und außerdem von Herzen froh war, den 293 bis jetzt ſo glücklich geborgenen Verwundeten in noch ſichererem Verwahrſam zu wiſſen, da der Fall nicht undenkbar war, daß die Feinde in Stralſund den Ge⸗ flüchteten aufſpürten und in die gefürchtete Gefangen⸗ ſchaft ſchleppten. Was nun von Seiten der herzensguten Dame ge⸗ ſchehen konnte, dem jungen Grafen die Schmerzen zuer⸗ leichtern und ihn zu ſeiner nächtlichen Seefahrt ſo gut wie möglich auszuſtatten, geſchah auf eine wahrhaft mütterlich fürſorgende Weiſe. Es wurden zunächſt die Kleider des abweſenden Sohnes hervorgeholt, dem Grafen angepaßt und darauf in Bereitſchaft gelegt. Sodann wurde ein kleines Felleiſen mit Wäſche und Lebensmitteln verſehen, damit für das Nothwendigſte auf der Reiſe ſelbſt und in Hiddens⸗Oee für die Flücht⸗ linge geſorgt wäre. Als das geſchehen, beſprach man Verſchiedenes nach allen Richtungen und bereitete ſich auf die Stunden der Nacht vor, die das Unternehmen in'’s Leben rufen ſollten. Von Zeit zu Zeit verließ der alte getreue Diener das Haus, um auf den Stra⸗ ßen ſich umzuſchauen und alle erhaſchten Vorgänge daheim zu berichten. Es lautete gerade nicht ungün⸗ ſtig, was er die erſten paar Male überbrachte. Zwar waren die Feinde geſchäftig, vermeintliche verſteckte Landesverräther und Tugendbündler, wie man Schill's 294 Anhänger insgeſammt nannte, aufzuſpüren; in viele Häuſer waren ſie ſogar mit Erfolg eingedrungen und hatten arme Verwundete hervorgeſchleppt, um ſie er⸗ barmungslos den Gerichten zu überliefern; allein in die Nähe der Hauptwache waren ſie noch nicht ge⸗ kommen, hier ſchienen ſie keine Flüchtlinge zu vermu⸗ then und ſo gab man ſich allgemein den beſten Hoff⸗ nungen hin, obwohl Waldemar vor Allen darauf be⸗ dacht war, ſich vor einem Ueberfall zu wahren und die Augen nach allen Seiten offen zu erhalten. So war der Nachmittag in Hoffnung und Ban⸗ gen, Zufriedenheit und Sorge vorübergegangen, je nachdem die Betheiligten mehr von der einen oder andern beherrſcht wurden, und der Abend dämmerte langſam herauf, der der unfreiwilligen Haft der jun⸗ gen Männer ein Ende machen ſollte. Waldemar ſtand am Fenſter und blickte nach einer Wetterfahne des Nachbargiebels empor, die der friſche Wind kreiſchend in ihren Angeln bewegte, und, wie er ge⸗ wünſcht und gehofft, blieb der Wind günſtig und das Wetter wurde ſogar noch günſtiger, indem der öſtliche Horizont ſich mit einem Nebelſchleier bedeckte, der über das Fahrwaſſer her der Stadt allmälig näher zog und Nähe und Ferne in ſein undurchöringliches Nachtge⸗ wand hüllte. 295 Es war die neunte Abendſtunde gekommen; Mag⸗ nus und Waldemar hatten zu Nacht geſpeiſt und be⸗ gannen nun ihre Vorbereitungen zur Abreiſe zu tref⸗ fen. Bald ſtand das Felleiſen gepackt und wohlver⸗ ſchloſſen zur Hand, Magnus Arm, der ihn ſehr ſchmerzte und jeden Dienſt verſagte, zumal das Wundfieber im Anzuge war, wurde friſch verbunden und mit decken⸗ den Tüchern verſehen, dann half ihm Waldemar in die für ihn beſtimmte Kleidung, die, wie man ſie gerade zur Hand hatte, die modiſche Tracht eines Man⸗ nes von Stande war. Als man eben damit fertig geworden, ereignete ſich etwas, was man jetzt nicht mehr erwartet hatte und daher die allgemeine Zufrie⸗ denheit in Sorge und bei dem weiblichen Theil der Bewohnerſchaft ſogar in Schrecken verwandelte. Der alte Diener, der vor einer halben Stunde noch ein⸗ mal auf die Straße geſandt war, um den Stand der Dinge zu erkunden, kam athemlos zurückgelaufen und meldete, daß er mehreren Patrouillen auf den Stra⸗ ßen begegnet ſei, die den Aufenthaltsort des Grafen Brahe erforſchen ſollten, da man in Erfahrung ge⸗ bracht, daß ein ſolcher, der ein Adjutant und Helfers⸗ der Stadt verborgen halte. helfer des Majors Schill geweſen, ſich irgend wo in „War dieſe Nachricht richtig, ſo lief die ganze ver⸗ 296 abredete Unternehmung Gefahr, kurz vor ihrer Aus⸗ führung zu ſcheitern. Denn wenn die Dänen erfuh⸗ ren, daß ein Verwandter oder Freund des Grafen in der Stadt ſei, wie derſelbe heiße und wo er wohne, ſo war es unzweifelhaft, daß das ganze Haus deſſel⸗ ben in genaueſte Unterſuchung gezogen werden würde. In athemloſer Spannung vergingen daher den im Krankenzimmer Verſammelten die nächſten Minu⸗ ten. Da aber Alles ſtill blieb und kein Fremder an der Hausthür erſchien, was der alte Diener erlauſchte, ſo gab man ſich allmälig wieder einer ruhigeren Er⸗ wartung hin, und ſo verging die Zeit, bis die Uhren der Stadt die zehnte Stunde ſchlugen. Kaum aber war der letzte Glockenſchlag ausgeſummt, ſo erſcholl ein durch das ganze Haus dröhnender Kolbenſchlag gegen die Hausthür und als der alte Diener nach einem der Vorderfrontfenſter geſandt wurde, um zu ſehen, was es gebe, kam er nach einer Weile mit kreideweißem Geſicht und der Meldung zurück, daß eine däniſche Patrouille vor dem Hauſe ſtehe und die Herrin zu ſprechen verlange. Die Kammerräthin war im Begriff, in die Kniee zu ſinken; als ſie ſich aber nach kurzem Zuſpruch Waldemars wieder geſammelt hatte, bewegte ſie ſich langſam und mit der ihr eigenthümlichen würdevollen 297 Haltung nach dem Vorderhauſe, wo ſie dem Diener befahl, den Officier allein in das erſte der im Erd⸗ geſchoß liegenden Zimmer einzulaſſen. „Meine Dame,“ ſagte der bärtige Krieger, der glücklicherweiſe ein gebildeter Mann war,„ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie ſo ſpät ſtöre, allein der Dienſt erheiſcht meinen Beſuch und ich bitte Sie in⸗ ſtändigſt, ſo kurz und entſcheidend wie möglich meine Fragen zu beantworten.“ „Ich erwarte dieſelben und werde Ihnen nach Möglichkeit dienen.“ „Kennen Sie einen Grafen Brahe aus Spyker in Jasmund?“ „Ich kenne ihn und weiß, daß er ſich in Stock⸗ holm befindet.“ „Ah ja, freilich, Sie meinen den Vater; ich aber meine den Sohn.“ „Auch der Sohn iſt mir bekannt und ſteht bei der Armee in Deutſchland.“ ſund auf.“ „ Da erfreuen Sie mich wahrhaft, mein Herr, und ich werde Ihnen dankbar ſein, wenn Sie ihn zu mir führen, um mir Gelegenheit zu geben, das Gaſt⸗ recht an ihm zu üben.“— 1 „Sie irren wahrſcheinlich— er hat ſich in Stral⸗— 298 Dieſe mit Wärme und ruhigem Tone geſprochene Antwort, die die Wahrheit in ſich zu ſchließen ſchien, machte den Dänen ſchwankend; er für ſeine Perſon glaubte ſchon nicht im Mindeſten mehr, daß der Ge⸗ ſuchte bei dieſer Dame verſteckt ſei. „Das würde ich ſehr gern thun,“ erwiderte er zögernd,„wenn er mir in den Weg liefe, allein noch habe ich ihn nicht. Uebrigens iſt er ein Feind Sr. Majeſtät des Königs von Dänemark.“ „Das glaube ich nicht, mein Herr; Graf Magnus Brahe iſt nie der Feind eines Königs geweſen.“ Der Däne ſchaute verwirrt zu Boden und begann damit ſchon an ſeinen Rückzug zu denken.„Können Sie mir Ihr Ehrenwort geben,“ ſagte er plötzlich,„daß der Geſuchte ſich nicht in dieſem Hauſe befindet?“ „Das kann ich mit gutem Gewiſſen geben, denn in dieſem Hauſe befindet er ſich gewiß nicht.“ „So habe ich die Ehre, Ihnen eine gute Nacht zu wünſchen.“ Der Officier grüßte mit einer galanten Handbe⸗ wegung, verbeugte ſich und in zwei Minuten ſchlug die Hausthür hinter ihm zu, die ſofort wieder verrie⸗ gelt wurde. Die Dame vom Hanſe wankte nach dem Hinter⸗ hauſe zurück. Sie hatte alle Kräfte aufbieten müſſen, 299 um dem Soldaten gegenüber ihre Ruhe und Würde nicht von ihrer Angſt überflügeln zu laſſen, jetzt aber war ſie erſchöpft und mit Mühe nur theilte ſie den ſie mit Spannung erwartenden Männern ihre Un⸗ terhaltung mit. So war wieder eine halbe Stunde verſtrichen, es ſchlug halb Elf. Noch hielt es Waldemar nicht für die geeignete Zeit, das ſchützende Dach zu verlaſſen, denn die Stunde war noch nicht da, wo das rettende Boot an der verabredeten Stelle liegen konnte. In⸗ deſſen machte er ſich und Magnus, der brütend und ſtill vor ſich hinſtarrend auf einem Stuhle ſaß, fertig, um jeden Augenblick zum Aufbruch bereit zu ſein. Da ließ ſich abermals ein heftig dröhnender Schlag gegen die Hausthür hören. Die Kammerräthin ſagte den beiden Männern Lebewohl, gab ihnen ihre heiße⸗ ſten Segenswünſche mit und verließ dann das Hin⸗ tergebäude, um noch einmal in's Vorderhaus zu gehen. Hier entſpann ſich alsbald ein anderer Auftritt, als der war, dem ſie vorher beigewohnt. Der manier⸗ liche Officier war es nicht wieder, der ſchon einmal eweſen, ſondern ein dummdreiſter Corporal oder eldwebel, der von einem naſeweiſen Fähnrich baglai tet wurde. „Meine Dame,“ begann der Feldwebel,„mein Of⸗ 300 ficier ſchickt uns zu Ihnen, um Sie zu fragen, was aus dem Bäckergeſellen geworden iſt, der heute ge⸗ gen Mittag in dies Haus getreten iſt und daſſelbe nicht wieder verlaſſen hat?“ „O, meine Herrn,“ erwiderte die Gefragte mit ener ordentlicher Faſſung, obwohl ihr das Herz vor Angſt zu zerſpringen drohte,„wie kann ich das wiſſen? Ha⸗ ben Sie mir den Auftrag gegeben, auf einen Bäcker⸗ geſellen zu achten?“ „Nein, das freilich nicht, aber Sie werden ohne Zweifel wiſſen, daß ein Bäckergeſell Ihnen Brod ge⸗ bracht hat und dann in dieſem Hauſe geblieben iſt.“ „Mein Bäcker ſchickt mir alle Tage friſches Brod, ich habe aber nie darauf Acht gegeben, wann derſelbe mein Haus wieder verläßt.“ „So. Das iſt kurz und bündig geſprochen und wir wollen das Gleiche mit Ihnen thun. Schreiten Sie uns gefälligſt voran und öffnen Sie jede Thür, die ich Ihnen bezeichnen werde.“ Vor dem barſchen Tone des ohne Umſchweife ſich geberdenden Menſchen und dem ſpitz lächelnden Ge⸗ ſicht des Fähnrichs erſchrak die edle Frau nicht, im Gegentheil, ſie ſchöpfte daraus neuen Muth, weil ſie ſich ihnen gegenüber weniger bedächtig zu benehmen hatte, zumal ſie berechnete, daß ihre Schützlinge, wenn 301 ſie recht langſam ging, das Weite geſucht haben wür⸗ den, bis ſie zu dem entfernt liegenden Hintergebäude gekommen wäre. Sie ſchritt daher, ſo langſam ſie konnte, von Zimmer zu Zimmer, befahl dem ſie be⸗ gleitenden bebenden Diener, jedes Schloß zu öffnen, ſobald es verlangt wurde und ſtieg ruhig aus einem Stockwerk in's andere, wo ſich Niemand aufhielt, bis man endlich den Corridor erreichte, der, über den Hof führend, das Vorderhaus mit dem Hinterhauſe verband. Immer langſamer ſchritt die Dame hier voran, immer heftiger pochte ihr Herz, immer bleicher und matmorartiger wurde ihr ehrwürdiges Geſicht. End⸗ lich, nachdem man in verſchiedenen Zimmern ſich um⸗ geſehen und die ihr dicht auf dem Fuße folgenden Soldaten mit ihren Bajonetten in allen Winkeln und 6 Ecken vergebens herumgeſucht, kam ſie vor die Thür, hinter der ſie Magnus Brahe und Waldemar Gran⸗ zow verlaſſen hatte. „Oeffnen Sie auch dieſe Thür!“ ſchnauzte der Feldwebel den Diener an, indem er aus den Mienen der Dame und des Mannes einigen Verdacht ſchöp⸗ 6 fen mochte. Der Alte zitterte, daß er kaum ſein großes Schlüſ⸗ bund in den Händen halten konnte; die Kammer⸗ räthin, ſich noch einmal ermannend, warf ihm einen 302 ermuthigenden Blick zu, nahm ihm das Schlüſſelbund aus der Hand und wollte eben das Schloß öffnen, als die Thür ruhig von Innen aufgethan wurde und die Geſellſchafterin der Herrin, ein noch ziemlich jun⸗ ges Mädchen, ihr mit einem Geſichte entgegentrat, auf dem ſie ſofort die Gewißheit las, daß die Flücht⸗ linge außer dem Bereiche ihrer augenblicklichen Ver⸗ folger ſeien. „Es iſt dies das Zimmer meiner Geſellſchafterin,“ ſagte die Dame vom Hauſe, indem ſie dreiſt in daſ⸗ ſelbe vortrat. „Aha! Aber hier hat Jemand im Bett gelegen.“ „Das bin ich geweſen,“ ſagte das junge Mäd⸗ chen,„ich habe den ganzen Nachmittag an Kopfſchmerz gelitten.“. „So! Aber hier auf dem Kopffkiſſen iſt eine Blut⸗ ſpur— was hat das zu bedeuten?“ „Nichts weiter, als daß mir heute Morgen die Naſe geblutet hat.“ Der Feldwebel ſah den Fähnrich fragend an, der junge Herr glaubte endlich auch ein Wort ſprechen zu müſſen und ſagte etwas ſchnippiſch!„Das verdächtig, Feldwebel!“ „Sehr verdächtig! Halloh, weiter! Dort iſt noch eine Thür— wo führt die hin?“ 3 8 8* 303 „Auf die Treppe, die nach dem Hofe hinabgeht.“ „Hat etwa das Haus einen hinteren Ausgang?“ fragte der Fähnrich frohlockend. „Unterſuchen Sie das ſelbſt, meine Herrn,“ entgeg⸗ nete die Kammerräthin, aber weiter konnte ſie nichts ſprechen, ihre Faſſung und Kraft war zu Ende. Sie ſank auf einen Stuhl und brach i in ein trampfhaftes Schluchzen aus. Der Feldwebel aber ergriff eine Lampe vom Tiſch und forderte ſeine Untergebenen auf, ihm auf dem Fuße zu folgen, was dieſe wie wohldreſſirte Spür⸗ hunde thaten. Im Nu war man auf der Treppe, im Nu unten am Fuße derſelben und ſtand auf dem Hofe, von dem aus ein ſchmaler dunkler Gang nach dder Johannisſtraße führte. Aber ach! Da trat ein unangenehmes Hinderniß in der Verfolgung ein. Der Nebel, der den ganzen Abend ſchon über der Stadt geſchwebt, hatte ſich ge⸗ ſenkt und füllte mit undurchdringlicher Dichtigkeit alle nach dem Strande führenden Straßen aus. Der Feldwebel aber witterte das Wild und ſtürzte lirrenden Schrittes mit allen ſeinen Trabanten in oller Haſt dicht hinter ihm her. 304 Durch dieſelbe Thür, dieſelbe Treppe hinab und durch denſelben ſchmalen Gang hatte Waldemar, ſei⸗ nen Freund am Arme mit ſich fortziehend und auf ſeinen Schultern das Felleiſen tragend, vor wenigen Minuten das Weite geſucht und, indem er Schritt vor Schritt dem vorangehenden Diener folgte, deſſen Orts⸗ kenntniß er vertrauen konnte, hatte er glücklich die Jo⸗ hannisſtraße erreicht. Magnus that, was ihm mög⸗ lich war, um gleichen Schritt zu halten, aber an ſei⸗ nen verwundeten Arm ſchien ſich eine centnerſchwere Laſt gehängt zu haben und ſo keuchte er mühevoll neben dem ſtarken Freunde her, der mit mächtigen Schritten über Gehöfte und durch Häuſer fort dem Diener folgte und ſo endlich an die Stelle gelangte, wo man die abgebrochene Mauer theilweiſe überklet⸗ tern und einen Graben durchwaten mußte, um end⸗ lich an den Strand zu gelangen. „Gott gebe, daß das Boot da iſt,“ ſagte Walde⸗ mar flüſternd zu Magnus,„ſonſt ſind wir verloren, denn mir ahnt, daß man bald auf unſern Ferſen ſein wird.“. 1 „Wie? Du haſt eine Ahnung?“ entgegnete Mag⸗ nus und wollte ſtehen bleiben, als ihn Waldemar halb mit Gewalt weiter riß. „Meine Ahnungen ſind nicht ſo trübe, wie die 305 Deinigen,“ ſagte Letzterer,„namentlich nicht, wenn wir voll männlichen Entſchluſſes ſind. Ha, ich wit⸗ tere die See und der Wind bläſt mir friſch in's Ge⸗ ſicht. Muth, Magnus, der Strand iſt nicht mehr weit — aber vorſichtig, mein Freund, der Boden iſt un⸗ eben.“ „„Geh nicht ſo ſchnell, ich halte es ſonſt nicht aus.“ Waldemar mäßigte den Schritt, aber nur einen Augenblick, denn ſein ſcharfes Ohr hatte in der Ferne hinter ihnen her eilende Tritte vernommen, die ſich raſch zu nähern ſchienen; ſein Auge dagegen, das rings durch den immer dichter fallenden Nebel drang, den der Wind flüchtig an ihnen vorüberjagte, war h mehr befriedigt, denn es hatte außer einigen ruhig an ihnen vorübergehenden Leuten auf dem ganzen Wege keinen einzigen gefährlichen Menſchen wahrge⸗ nommen. Endlich hatte man die letzte beſchwerliche Stelle paſſirt und war nun an den Strand gelangt. Nir⸗ gends war eine Wache oder überhaupt ein Menſch zu hen, denn der Nebel begünſtigte ihr Wagniß unge⸗ ein. So kamen ſie unangefochten dem Waſſer nahe und als ſie die Ueberzeugung davon gewannen, liefen ſie ſo ſchnell ſie konnten und, von der ihnen entge⸗ genwehenden ſcharfen Seeluft zu neuem Muthe ange⸗ Der Strandvogt. I. 20 306 feuert, ſchlugen ſie die Richtung nach dem bezeichneten Weidengebüſch ein, nachdem ſie dem führenden Diener geboten hatten, auf einem anderen Wege nach Banſe zurückzukehren. So weit nun war ihnen die Flucht gelungen, jetzt aber ſtellten ſich ihre Verfolger ein, die ſich durch nichts hatten täuſchen und von ihrer Spur abbringen laſſen. Jedoch hatten ſie ſich an dem Brunnen, wo Schill gefallen war, getrennt, indem ein Theil die Nachbarſchaft durchſuchte, ein anderer aber die Fähr⸗ ſtraße entlang durch das Fährthor nach dem Strande lief, denn daß die Flüchtlinge ſich allein und zunächſt dahin begeben würden, war Jedem von ihnen klar. Aber erſt dicht vor dem Weidengebüſche wurden ſie der Flüchtigen anſichtig. Keine ſechs Schritte mehr waren ſie entfernt. Waldemar, eine Armlänge voran, ſprang ſchon zwiſchen die Bäume. Sein Auge durch⸗ drang mit Blitzesſchärfe den wogenden Nebel und, den Namen:„Schwager!“ ausſtoßend, was das ver⸗ abredete Wort war, eilte er den etwas jäh abſtürzenden Strand hinab. „Hier!“ antwortete eine kräftige Stimme, wobei es Waldemar wie eine centnerſchwere Laſt vom Her⸗ zen fiel. Das Boot war da— die Segel hingen ſchon von der Rae und ihren Tauen herab und 307 brauchten blos gebraßt zu werden, um ihre Schul⸗ digkeit zu thun. Waldemar aber, dem der Schweiß von der Stirn rieſelte, dachte noch nicht an ſeine eigene Rettung. Den geſunden Arm des wankenden Freundes ergrei⸗ fend, hob er ihn halb in das Boot und dann ſelbſt hineinſpringend und mit kräftigem Fußtritt es von den Steinen abſtoßend, rief er mit donnernder Stimme: „Vorwärts!“ worauf das Steuer ſofort gedreht wurde, der Wind die angezogene Leinwand faßte und mit pfeilſchnellem Zug in das wogende Nebelmeer riß. Hinter ihnen vom Strande her erſcholl ein wü⸗ thendes Geſchrei. Zwanzig Rufe durcheinander:„Ein Boot! Ein Boot! Hierher!“ ließen ſich auf einmal hören und einige Schüſſe ſogar wurden ihnen blind⸗ lings nachgeſandt. Schneller aber, als wir dieſe Worte ſchreiben, war das vortrefflich ſegelnde Schiff mit den Flüchtli ingen in die Mitte des Fahrwaſſers geflogen und nun, ſchon halb gerettet, ſteuerte es ohne Aufent⸗ halt mit ihnen dem Norden entgegen. Lehntes Papitel. Auf Hiddens⸗Oee. So lange die von dem ſchnellen Laufe keuchende Bruſt der Flüchtlinge noch in heftiger Bewegung war, konnten ſie durch das Ohr nicht genau die raſch auf einander folgenden Vorgänge am Strande wahrneh⸗ men; als ſie ſſich aber beruhigt hatten, horchten ſie mit großer Spannung nach der verlaſſenen Uferſtelle zurück. Da machte ſich denn ein gewaltiger Lärm verlautbar, viele Soldaten rannten kopflos vor Wuth am Kai hin und her und riefen unaufhörlich nach Booten, ohne daß ein Einziger von ihnen ein ſolches herbeizuſchaffen den Verſuch angeſtellt hätte. Auch Laternen zeigten ſich endlich und wurden hin und her durch den Nebel getragen. Aber was wollte das Al⸗ les, ſagen, die Flüchtlinge hatten einen großen Vor⸗ ſprung, ſaßen in einem Boote, das ſich als treffli⸗ 309 cher Segler erwies, und der Wind war ſo günſtig, wie man ihn zu einer eiligen Fahrt nur wünſchen konnte. Selbſt wenn ihnen nach einiger Zeit mit Soldaten beſetzte Boote nachgeſchickt wurden, ſo ſteuerten dieſe doch gewiß nach Rügen, da man in Stralſund vor⸗ ausſetzen mußte, daß die Flüchtlinge ſich der nächſten Küſte zuwenden würden, um ihren Verfolgern zu ent⸗ gehen, was ihnen durch den ſtarken Nebel, der im Sunde noch dichter als auf dem Lande war, ſichtlich auch ſehr erleichtert wurde.. Als ſie endlich außer Hörweite des Stralſunder Ufers gelangt waren, drückte Waldemar ſeinem Freunde lächelnd die Hand und ſagte:„Sie toben vergebens und ſchreien ſich ohne Noth heiſer. Diesmal ſind wir wieder frei und Dein Schickſalsgeſicht, Magnus, wenn es Dir den Untergang in Stralſund prophezeiht, hat abermals gelogen. Habe ich nicht Recht, mein Freund?“ Magnus antwortete mit einem liebevollen Blicke, nickte mit dem Kopfe und erwiderte ſanft den Hän⸗ dedruck. Das Sprechen wurde ihm ſchwer und er hatte die Zähne feſt auf einander gebiſſen, da ſeine durch das Laufen entzündete Wunde ihn über alle Maaßen ſchmerzte. „Ihr ſeid wackere Leute,“ ſagte Waldemar darauf zu den beiden Schiffern, von denen einer im Bug 310 des Bootes ſaß, um auf das Stagſegel zu achten, der andere aber das Steuer führte;„Ihr waret zu rechter Zeit bei der Hand. Zwei Minuten Aufenthalt und ſie hatten uns am Lande in ihren Klauen. Ich hoffe, Euch ein andermal wieder gefällig ſein zu können.“ „Das wird meine Sache ſein!“ ſagte Magnus Brahe matt und ſah ſich dann nach dem Boden des Fahrzeugs um, als ſuche er eine Stelle, um ſich legen zu können. Waldemar und der eine Schiffer, der den Zuſtand des Verwundeten erkannt hatte, verſtanden dieſen Blick und ſofort begaben ſie ſich daran, eine nothdürftige Lagerſtätte herzurichten. Als dies geſchehn war, half Waldemar Magnus, dieſelbe einzunehmen, wobei er ihm das weiche Felleiſen als Kopfkiſſen zurechtrückte und ſich dann, um ihn in Ruhe zu laſſen, zu dem Schiffer am Steuer ſetzte und mit ihm das Geſpräch fortführte. „Habt Ihr den Sack mit meinen Kleidern auch nicht vergeſſen?“ fragte er ihn zunächſt. „Nein, Herr, Alles iſt da. Der Müller hat ihn ſelbſt eingeſtaut und dann mit dem Pächter das Boot an die richtige Stelle gebracht, da er ſagte, daß es die einzige wäre, wo Ihr leicht durch die ausgefüllten 311 Gräben und die niedergeriſſenen Mauern aus der Fe⸗ ſtung brechen könntet.“ „So war es auch, hm! Der Müller und ſein 3 Schwager ſind ein paar brave Leute, die uns einen großen Dienſt geleiſtet haben.“ „Das haben ſie gewiß gern gethan. Aber wo fahren wir hin, Herr, das muß ich jetzt wiſſen.“ „Wir wollen nach Kloſter auf Hiddens⸗Oee. Wel⸗ chen Weg ſchlagt Ihr vor?“ „Ohne Bedenken den zwiſchen dem Bock und dem Gellen, weſtwärts um die Inſel herum. Es iſt zwar ein paar Meilen weiter, aber um ſo ſicherer. Außer⸗ dem iſt der Wind gut— voller Südoſt— und bei dem dicken Nebel möchte man doch auf irgend eine Sandbank an der verteufelten langen Inſel ſtoßen. Meinſt Du nicht auch, Michel?“ „Verſteht ſich,“ ſagte der Schiffer im Buge, der dem Geſpräche aufmerkſam gefolgt war. Auch hält der Nebel höchſtens bis gegen Morgen an, dann wird er fallen und ſich in Regen verwandeln, denn es iſt zu warm bei dieſem Wind und in dieſer Stunde.“ „Wohlan denn,“ erwiderte Waldemar,„ich glaube das auch. So fahrt denn in Gottes Namen zwiſchen dem Bock und Gellen durch, ich bin mit Eurem Vor⸗ ſchlag einverſtanden. Es iſt auf alle Fälle beſſer ſo. 312 Sollte nach Mitternacht der Nebel fallen und blieben wir im Binnenwaſſer, ſo könnte man uns von Um⸗ manz oder an der Schaproder Küſte vom Lande aus wahrnehmen, abgeſehn davon, daß möglicherweiſe in Seehof und Plathe an den Landſpitzen Poſten ſtehen, um ein Auge auf das Fahrwaſſer zu halten.“ „Ach nein, Herr, das glaube ich nicht. Auf dieſer Seite der Inſel ſind ſie nicht ſo eifrig; aber beſſer iſt beſſer und ich ſtimme auch für die Außenfahrt.“ „So bleibt es dabei. Haltet das Steuer alſo et⸗ was nach Weſten, wir müſſen bald aus dem Sunde heraus ſein. So. Auf Kloſter werden wir aber doch keinen Feind zu beſorgen haben?“ „So viel ich weiß, nicht. Der Vorſicht halber aber könnte Einer von uns an der Landenge, dem Guts⸗ hofe gegenüber, ausſteigen und zu Fuße dahin gehen und Euch dann am Entendorn oder irgend wo an⸗ ders ein Signal geben. Das iſt ſo meine Meinung wenigſtens.“ „Das war ein guter Vorſchlag, Mann. Geht Ihr alſo ſelber an der ſchmalen Stelle an's Land und gebt uns das Zeichen. Ihr habt Zeit genug, nach dem Entendorn zu Fuße zu gelangen, bis wir ihn mit dem Boote erreichen, da wir oben bei'm Wenden nicht ſo raſch werden ſegeln können.“ 313 „Welches Zeichen beliebt Euch?“ „Wehet mit irgend einem Fetzen Zeug, das ſoll bedeuten, daß wir landen können. Sind wider Er⸗ warten Feinde vorhanden, ſo zeigt Eure nackten Hände und wir werden uns anderswohin wenden. Noch Eins aber muß ich Euch ſagen, ehe ich es vergeſſe. Ihr dürft nicht mit leerem Boote nach der alten Fähre zurückkehren, denn das könnte Verdacht erregen. Nehmt alſo eine Ladung Torf mit heim, dann könnt Ihr, wenn Ihr gefragt werdet, ſagen, Ihr hättet ihn vom Gellen her holen müſſen. Den Torf aber über⸗ Namen und ſprecht ihm unſern Dank für ſeine Gefäl⸗ ligkeit aus.“ „Gut, Herr, aber wo ſollen wir in laden?“ „In Kloſter, das laßt jedoch meine Sorge ſein. Und nun gebt mal das Packet dort her, ich will mich umkleiden, um den Müllergeſellen loszuwerden, den die Teufelskerle vom Strande haben entſchlüpfen ſehen.“ Der Schiffer reichte ihm das Packet hin; Wal⸗ demar begann ſich ſeiner mehlbeſtäubten Kleider und ddeer geborgten Schuhe zu entledigen und ſchlüpfte in ſeine Seemannskleidung nebſt Waſſerſtiefel, und in wenigen Minuten war er wieder der ſchmucke See⸗ liefert dem Pächter in meines Freundes und meinem mann geworden, als welchen wir ihn kennen gelernt 314 haben. Als dies geſchehen war und ſeine Waffen auch wieder an ihrer gewöhnlichen Stelle ſaͤßen, band er die Müllerkleider um einen großen Stein, der als Ballaſt im Kielraum des Bootes lag, um ſie, falls es Noth thun ſollte, auf den Grund des Meeres zu verſenken, was er jedoch ſo lange wie möglich hin⸗ ausſchieben wollte, da er hoffte, ſie ihrem rechtmäßi⸗ gen Beſitzer zu erhalten und durch ſeine Leute zurück⸗ ſtellen zu laſſen. Von dieſem Augenblick an aber richtete man alle ehaniei auf die Bewegung des Schiffes und ete aus, wo man ſich wohl befinde. Es war Ian Mitternacht vorüber und nach Verſicherung des Schiffers im Buge, der am meiſten auf den Zug der Segel, die Geſchwindigkeit des Laufes und die Be⸗ ſchaffenheit des Fahrwaſſers geachtet hatte, mußte man ſich der Heuinſel nähern, die an der Mündung des kleinen Meerbuſens, die Breite genannt, zwiſchen der Inſel Ummanz uud der Halbinſel Lieſchow liegt. Der Wind wehte noch immer günſtig aus Südoſt und war ziemlich ſtätig geblieben, obgleich das Bro⸗ deln des Waſſers unter dem Buge von Zeit zu Zeit nachließ, alſo einen geringeren Windzug verrieth. Dabei wurde der Nebel allmälig dünner, was viel⸗ leicht der nahende Morgen mit ſich brachte, nach man⸗ 315 chen Richtungen ſogar durchſichtig, ſo daß hie und da eine ferne Landſpitze aus ihrem nächtlichen Schleier hervortrat, bis er ſich endlich in einen feinen Sprüh⸗ regen auflöſte, der Waldemar veranlaßte, ſeinen Wet⸗ terrock über Magnus Brahe zu breiten, der unterdey in ſanften Schlaf geſunken war. Gegen ein Uhr, vielleicht noch etwas früher, be⸗ fand man ſich zwiſchen dem Bock und dem Gellen, jenem ſeltſam geſtalteten niedrigen Haken, der die nach Nordoſten umgebogene Südſpitze der Inſel Hiddens⸗öe bildet. Eine Stunde ſpäter war man den kleinen Fiſcherdörfern Plogshagen und Neuendorf gegenüber. Als es hell wurde, näherte man ſich Vitte und ſah im Zwielicht die öde Moorgegend der breiteſten Strecke der langen Inſel vor ſich liegen. Noch eine Viertel⸗ mmeile nordwärts fuhr man ſo dicht wie möglich dem Lande zu, ſetzte an einer ſeichten Stelle den dazu be⸗ ſtimmten Schiffer aus, der nun das Ufer betrat und querfeldein nach dem Gutshofe Kloſter eilte, um den ihm zu Theil gewordenen Auftrag auszuführen. Um drei Uhr endlich ſah man von ferne, nur durch einen leichten Nebelflor den Blicken halb entzogen, das ſchroffe und hohe Ufer des gewaltigen Dornbuſchs wie eine tiefblaue Wolke herüberragen, das dem Andrang der Oüiſer hier ſeine breite Stirn entgegenwirft. 316 Von hier aus mußte man in einem nach Norden ausgeſchweiften Bogen, wo ſich zum erſten Mal der Nachlaß des Windes hinderlich erwies, gegen Oſten hin kreuzen, bis man vor dem ſchroff in's Meer ab⸗ ſtürzenden Entendorn anlangte, wo der Nebel ſich ſchon ſo weit geſenkt hatte, daß man deutlich die ge⸗ waltigen Weißdornbüſche und die öden Schluchten und Waſſerriſſe des kahlen Bergrückens wahrnehmen konnte. Wild und abenteuerlich genug nahmen ſich an dieſem regneriſchen Morgen die Ufer dieſes Inſel⸗ ſtrichs aus. Die von der Höhe herabgeſtürzten Stein⸗ haufen, von denen die brandenden Wogen längſt die leichteren Erdſtoffe abgeſpült haben, traten in ihrer grauen Färbung grell aus dem dunkelgrünen Meere hervor und zogen ſich in öder Einſamkeit, von Zeit zu Zeit einen größern Felsblock zeigend, an dem gan⸗ zen unnahbaren Ufer entlang. Hier nahm Waldemar ſein Fernrohr zur Hand und durchforſchte genau die ſchroffen Bergabhänge, um nach dem Signal des Schiffers auszuſchauen, das er mit Herzklopfen zu erſehnen begann. Plötzlich hörte der Regen auf, ein kräftiger Windſtoß faßte die ſchlaff hängenden Segel und bald darauf, am letzten Ab⸗ hang des Endendorns ſah man zwei Männer ſtehen, die aus Leibeskräften mit Tüchern den glücklich Ent⸗ 8 317 ronnenen das ſehnlichſt erwartete Zeichen gaben. Es war Herr von Bagewitz ſelber, den der abgeſendete Schif⸗ fer zufällig getroffen und der, als er von den anlangen⸗ den Flüchtlingen gehört hatte, ſogleich mit nach der Höhe geeilt war, um dem Sohne ſeines Freundes, des Grafen Brahe, den erſten Bewillkommnungsgruß entgegenzurufen. Waldemar erwiderte den freundlichen Gruß mit lebhaftem Tuchwinken und, froh, einem ſicheren Ha⸗ fen entgegenzuſteuern, wandte er das Boot nach Sü⸗ den und fuhr nun, in lavirendem Zickzack bis zum „langen Ort“ hinab, wo man endlich wieder mit gün⸗ ſtigem Winde nach Norden wenden und dem ſtillen Dorfe Kloſter zuſteuern konnte, das neben dem gaſt⸗ lichen Hofe gleiches Namens lag, der nun eine Zeit lang, wie er hoffte, ſein Aufenthalt werden ſollte. Es war gegen ſechs Uhr Morgens, als man lan⸗ dete, und das Erſte war, den Kranken in ein abgele⸗ genes, ſtilles Zimmer zu bringen, ſeine Wunde friſch zů verbinden und dann zu Bett zu legen, da ein ſtar⸗ kes Wundfieber ausgebrochen war. Herzlich von al⸗ len Bewohnern bewillkommnet, auf jede Weiſe behag⸗ lich gebettet, fanden die Flüchtlinge Alles vor, was ſie erwartet hatten, und ſo war ihr Geſchick unter den obwaltenden Umſtänden noch ein günſtiges zu nennen, 318 was Waldemar vor Allen einſah und den gütigen Bewohnern Kloſter's auf jede Weiſe dankbar zu erken⸗ nen gab. Das Boot des Pächters der Alten⸗Fähre war mit dem verſprochenen Torf, den der gaſtfreie Beſitzer der Inſel ſogleich zur Verfügung ſeiner Freunde geſtellt, ſchon längſt wieder abgeſegelt, der Kranke befand ſich in vortrefflichſter Pflege, obwohl noch weit von ſei⸗ ner Geneſung entfernt, und allmälig trat in den Ge⸗ müthern der ſo glücklich Geborgenen die ſtille Ruhe und Zufriedenheit wieder ein, welche Ereigniſſe, wie die zuletzt mitgetheilten, ſo tief und andauernd zu er⸗ ſchüttern vermögen. Waldemar namentlich fühlte ſich durch die Stille, die auf dem abgelegenen Gute herrſchte, außerordentlich wohlthätig berührt, und als er ſah, wie man ſich allgemein bemühte, ſeinen Freund zu erheitern, ihn ſelbſt aber auf jede mögliche Weiſe zu zerſtreuen, um ihn vor der demüthigenden Langweilig⸗ keit zu bewahren, welche der ungewohnte Aufenthalt an einem ſo einſamen Orte im Gefolge zu haben pflegt, da faßte er ſchnell Neigung zu den ſo vortreff⸗ lichen Leuten und fing an, mit großem Eifer die Eigen⸗ thümlichkeiten ihres Landes zu ſtudiren, wodurch er 319 bald Geſchmack an der Oede und Einfachheit der Na⸗ tur gewann, die ihn umgab, und es ſehr natürlich fand, wenn die Bewohner derſelben mit ihr in voll⸗ kommener Uebereinſtimmung lebten. Da das trübe Wetter ſchon am nächſten Tage nach ihrer Ankunft einem heiteren Sonnenſchein, einem klaren Himmel und einer ſüßwarmen Luft Platz ge⸗ macht hatte, ſo fand Waldemar ein beſonderes Ver⸗ gnügen daran, nach den Stunden, die der Familie des Hausherrn gewidmet waren, mit letzterem ſelbſt zu verkehren und in ſeiner belehrenden und aufhei⸗ ternden Geſellſchaft die kleine Inſel zu durchſtreifen, deren Herr und Gebieter er war. Am liebſten aber wanderte er allein auf dem ſchmalen Eilande herum, ſchoß mit der Vogelflinte Raubvögel, Möwen, wilde Enten und Gänſe und kehrte dann jedesmal befriedigt nach Kloſter zurück, um ſchließlich die Abendſtunden im Kreiſe der gutsherrlichen Familie und in Geſell⸗ ſchaft ſeines ſtill ruhenden und ſchweigend ihnen zu⸗ hörenden Freundes zuzubringen. Begleiten wir ihn nach zwei Richtungen auf die⸗ ſen Ausflügen und machen wir uns dadurch mit den Eigenthümlichkeiten der Inſel Hiddens⸗Oee bekannt. Den erſten Ausflug unternahm er am Morgen nach ſeiner Ankunft auf Kloſter, um nach etwaigen Schif⸗ 320 fen oder Booten zu ſchauen, die von Stralſund aus möglicher Weiſe die Flüchtlinge verfolgen konnten. Vom Strande aus führte der Weg durch wellenför⸗ mig anſteigende Hügelketten nach den ſteil abſtürzen⸗ den Strandhöhen, die wir ſchon als Dornbuſch und Entendorn bezeichnet haben und deren höchſter Punkt, etwa 250 Fuß über dem Meere erhaben, der Baken⸗ berg iſt. Unterwegs trifft man Getreidefelder und einzelne Baumgruppen, die von der gewaltigen Wal⸗ dung noch übrig ſind, die in früherer Zeit dieſen ab⸗ gelegenen Erdwinkel ſchmückte. Wunderbar ſchön und mannigfaltig aber iſt die Ausſicht von der Höhe des Bakenberges. Ernſt, faſt erhaben in ſeiner Eintönig⸗ keit, ſtimmt uns der Blick nach Nordweſten hin, wo wir das ſteile, zerriſſene und zerklüftete, mit Felsblök⸗ ken und kleineren Geröllſteinen bedeckte Ufer über⸗ ſchauen und dem Meeresſpiegel gegenüberſtehen, der zwiſchen Deutſchland und den däniſchen Inſeln ſtill und feierlich fluthet, wenn er in ſeiner Ruhe, gleich⸗ ſam ſchlafend, unſerm Auge begegnet. Kein menſch⸗ licher oder thieriſcher Laut unterbricht hier die ergrei⸗ fende Stille, nur bisweilen hört man das grelle Gekrächz eines Seeraben oder einer Möwe, die über den Strand flattert und ihre Jungen im Fluge übt. Majeſtätiſch rollt das blaue Meer ſeine langen Wo⸗ 5 1 1 4. 321 gen dahin; noch größer und erhabener wölbt ſich dar⸗ über der unermeßliche Himmel, und da, wo beide ſich in weiter Ferne berühren, taucht ein weiß glän⸗ zender Punkt aus der See, den ein kundiges Auge ſogleich für die däniſche Inſel Möen erkennt, die ihre ſtarren Kreidefelſen ſtolz der ganzen Umgegend zeigt. Wendet man ſich dagegen nach Süden, ſo über⸗ ſchaut man auf einen Blick das ſeltſam geſtaltete Eiland, auf deſſen hartem Felſenkopfe man Fuß gefaßt hat, und. wundert ſich, wie ein langgeſtreckter ſchmaler Sand⸗ ſtreifen ſo lange den Sturmeswogen der wüthenden See Widerſtand leiſten kann, die bei tobendem Un⸗ wetter brüllend und ganze Felder von Sand mit ſich reißend darüber fortrollt. Nach Nordoſten, Oſten und Südoſten aber tritt uns ganz Rügen wie ein reizender Garten entgegen, ſeine Ebenen und Hügel tauchen alle einzeln vor uns auf und entſchleiern ihren Reichthum an Dörfern und Flecken, an Kirchthürmen und Schlöſſern, an dunklen Wäldern und grünen Saatfluren, ſo daß wir bewundernd nach allen Seiten ſchauen und ſelten auf ein Mal unſer Auge zu ſättigen vermögen, das im⸗ mmaer wieder von Neuem nach dieſen Schätzen des Meeres verlangt. Auch Waldemar riß lih nur mit Mühe von die⸗ Der Strandvogt. I. 4 21 322 ſer meerumgürteten Anhöhe los und mit einigem Widerſtreben ſchritt er dem Süden der etwa zwei Meilen langen Inſel zu. Kahl und öde liegt dieſer ſchmale Erdſtreifen da, größtentheils aus Flugſand beſtehend, in dem ſich das überall zufriedene Haidekraut mit dürren Mooſen und Gräſern angeſiedelt hat; auf dem breiteſten Theile der Inſel aber, zwiſchen den Dörfern Vitte und Neu⸗ endorf hat ſich ein anſehnliches Torflager gebildet, das den armen und genügſamen Bewohnern der In⸗ ſel ſo wichtig und nebſt einem dürftigen Fiſchfange die einzige Hülfsquelle iſt, aus der ſie ihr Leben friſten. Denn ſie bauen ſogar aus dieſem Torfe ihre Hütten, in denen ſie glücklich und zufrieden leben, und nur ſelten nimmt man daran einen Theil von Holzwerk wahr. Die Fenſter beſtehen oft aus Ueberbleibſeln von Schiffsfenſtern, die an den Strand geworfen, und die Thüren ſind aus rohen Brettern gezimmert, die ſie einem ähnlichen glücklichen Zufalle verdanken. In dieſen Hütten, ſo niedrig, daß ſie ein hochgewachſener Menſch nur gebückt betreten kann, werden ſie geboren und ſterben ſie, hier werden ſie groß und ſtark, hier kochen und. dörren ſie ihre Fiſche und häkeln ihre Netze, und trotz des eklen Geruchs und des endloſen Rauches, der die ärmlichen Wohnungen erfüllt, ſeh⸗ 323 nen ſie ſich dahin zurück, wenn ſie ferne Meere be⸗ ſchiffen, und preiſen ſich glücklich, wenn es ihnen vom Schickſal vergönnt iſt,„dat ſöte Lenneken,“ wie ſie es nennen, wiederzuſehen und darin ihr ganzes ferneres Leben zu verbringen. Sehnſucht nach anderen Län⸗ dern, nicht einmal nach dem nahen Rügen, kennen dieſe genügſamen Leute nicht, und es giebt noch heu⸗ tiges Tages Menſchen unter ihnen, die nie ein ande⸗ res Land als das ihre geſehen haben und nach kei⸗ nem anderen Verlangen tragen. Waldemar ward von der Einfachheit, der Verlaſ⸗ ſenheit und der ſtillen Harmloſigkeit dieſer Menſchen, als er ſie beſuchte, tief im Innerſten berührt; wun⸗ derbar bewegt ſchritt er gegen Abend, als die Sonne ſank, dem nördlichen Theile der Inſel zu und pries ſich glücklich, nicht verurtheilt zu ſein, die Genüſſe dieſes„ſüßen Ländchens“ zu theilen, vielmehr unter Menſchen leben zu dürfen, die, mit Geiſt und Ge⸗ müth begabt, im größeren Verkehr der Welt nicht ihre Wonne— wohl aber die Löſung ihrer irdiſchen Aufgabe finden. Als er am Abende dieſes Tages mit Magnus al⸗ lein war, an deſſen Bette ſaß und ihm ſeine Erleb⸗ niſſe erzählte, ſchauderte dieſer unwillkürlich zuſammen. „Ich weiß es, was Du mir da ſagſt,“ erwiderte er. 21* — A* 324 „denn ich habe ſchon oft davon ſprechen gehört, ob⸗ wohl ich nie ſelbſt dieſe Inſel betreten habe. Ich muß Dir aber dabei geſtehen, daß mich bis in dieſes gemächliche Zimmer hinein die troſtloſe Einſamkeit verfolgt und erfaßt, die auf dieſem ganzen Landſtriche ruht und ich fühle das Bedürfniß, es zu verlaſſen, ſobald ſich dazu Gelegenheit bietet.“ „Wie?“ rief Waldemar erſtaunt,„Du biſt hier ſo ſicher geborgen und willſt Dich ohne Noth wo an⸗ ders wieder in Gefahr bringen?“ „In Gefahr? Wer ſagt das! Aber ich kann hier nicht lange bleiben, mich erdrückt die niedrige Decke des Zimmers, die Luft iſt ſchwer, die ich athme, und die Sonne ſelbſt, wenn ſie hoch am Himmel ſteht, ſcheint mir traurig auf mein weiches Lager herabzublicken.“ „Aber wohin willſt Du und wo denkſt Du ein beſſeres Unterkommen zu finden?“ „Höre mich an, Waldemar, und zürne mir nicht. Mich zieht eine unausſprechliche Sehnſucht nach mei⸗ ner Heimat, nach Spyker hin; und die einzige Hoff⸗ nung, die mich hier ausdauern läßt, iſt die, daß ich ſie bald betreten werde, denn nur dort allein kann ich geſunden.“ „Aber haſt Du dabei auch an die Feinde gedacht, die das Schloß Deines Vaters beſetzt halten?“ „O, oft genug! Aber es muß Mittel geben, ins⸗ gehein daſelbſt zu leben, und ich bin gewiß, daß der alte Diener meines Hauſes, der Kaſtellan Ahlſtröm, im Stande ſein wird, mich vor den Augen der Frem⸗ den zu verbergen.“ Waldemar ſenkte ſchweigend ſein Geſicht zu Boden und dachte mit innerem Schauder daran, was ihm Hille von Spyker und dem dortigen Treiben erzählt hatte, wobei ihm der Gedanke aufſtieg, daß Magnus' Sehnſucht nach ſeiner Heimat wohl in der Erinne⸗ rung an Gylfe Torſtenſon wurzeln könne. So,“ ſagte er langſam,„das iſt freilich möglich, ich weiß es nicht. Aber Du haſt ſonſt in der Regel ein Vorgefühl gehabt, was Dich zu irgend einem Ent⸗ ſchluſſe getrieben oder davon zurückgehalten hat— wie ſteht es diesmal damit— treibt es Dich wirklich nach Spyker?“ „Wirklich und unaufhaltſam, mein Freund, und wenn ich ſo weit hergeſtellt bin, daß ich mich ohne fremde Hülfe bewegen kann, ſo hält mich keine Gewalt mehr an dieſem unheimlichen Orte zurück.— Waldemar, willſt Du mir einen Gefallen thun?“ „Gern, mein Freund. Was kann ih ſut Dich thun?“ „Viel! Viel mehr, als Du bis jett an mi 326 und für mich gethan. Reiſe morgen oder übermor⸗ gen nach Spyker, es iſt ja nicht weit von hier, und ſieh zu, wie es daſelbſt ſteht. Sprich mit Ahlſtröm und theile ihm meinen Wunſch mit, bei ihm zu ſein und mich von ſeiner alten Heylike und ſeinen Töchtern pflegen zu laſſen. Er wird einen Ort im Schloſſe wiſſen, wo ich insgeheim eine Weile bleiben und ge⸗ geſunden kann. Bin ich auch auf mein Zimmer ge⸗ bannt, ſo lebe ich doch in meinem Hauſe, und Alles, was ich um mich ſehe, die Bäume, die Blumen, der Raſen, es wird mein Eigen ſein, und dies Bewußt⸗ ſein zu hegen, iſt für mich ein Genuß, der alle übri⸗ gen Entbehrungen aufwiegt.“ „Du haſt da einen tollkühnen Entſchluß gefaßt,“ entgegnete Waldemar ernſt,„verhehle Dir das gar nicht. Eben biſt Du den Verfolgern, den Feinden, die Deinen Namen kennen und Dich aufſuchen, um Dich in's Gefängniß zu werfen, glücklich entronnen und nun willſt Du Dich ſchon wieder unter ſie bege⸗ ben, ohne daß Du es nöthig haſt?“ „Ah!“ rief Magnus plötzlich und bediente ſich hier eines Kunſtgriffs, der ihm bei dem furchtloſen Wal⸗ demar ſchon oft geglückt war,„Fürchteſt Du Dich? Ja, dann bleib hier und erfülle mir meine Bitte nicht.“ v 327 Waldemar erhob ſich vom Stuhle und reckte ſei⸗ nen kräftigen Körper ſtraff in die Höhe.„Furcht?“ rief er mit einer energiſchen, durch das ganze Zimmer ſchallenden Stimme.„Ich? Vor den Franzoſen? Das will ich Dir beweiſen. Ich werde gehen und auch dieſen Auftrag erfüllen, wie ich Dir ſchon ſo manchen andren erfüllt. Wann ſoll ich aufbrechen?“ Magnus brachte ſich mit Hülfe ſeines geſunden Arms in eine ſitzende Lage und ſtreckte ihn dann ge⸗ gen den wackeren Sohn des Strandvogts aus.„Gieb mir die Hand, Waldemar,“ ſagte er,„Du biſt noch der Alte. Ich danke Dir im Voraus. Morgen aber, wenn ich geſchlafen habe, laß uns das Nähere beſpre⸗ chen, und wenn Du dann ohne Furcht biſt, ſäume nicht, zu thun, was ich Dir ſagen werde. Es iſt mein Schickſal, das mich nach dem Hauſe meiner Vä⸗ ter fordert— und ihm muß ich gehorchen.“ Waldemar ſeufzte ſtill, als er dies hörte.„Ein⸗ mal,“ ſagte er zu ſich,„wird ſich in der That dieſes Schickſal erfüllen. Gebe Gott, daß ich dann meine Hand nicht dazu geboten habe, wie ich ſie diesmal zu leihen ſchon wieder durch mein voreiliges Verſprechen gezwungen bin“. 328 Am nächſten Morgen, nach dem erſten Frühſtück ſchon, ließ Magnus Waldemar zu ſich rufen. Er hatte gut geſchlafen und nach dieſem Schlafe ſtand ſein Entſchluß feſter denn je. Er theilte alſo dem Freunde alle ſeine Wünſche, ſeine Rathſchläge mit und dieſer verſprach mit genauſter Pünktlichkeit da⸗ nach zu handeln und ſeinerſeits Alles zu verſuchen, um die Pläne Magnus' ungeſchmälert in's Werk zu ſetzen. Als ſie mit dieſem Geſpräche zu Ende gekommen waren und Waldemar ſich eben von dem Stuhle er⸗ heben wollte, auf dem er vor dem Bette des Kranken ſaß, faßte dieſer ſeine Hand noch einmal, drückte ſie feſt und ſah ihn dabei mit ſeinem ſchwimmenden Auge auf eine eigenthümliche Weiſe an.„Walde⸗ mar,“ ſagte er mit bittendem Tone,„ich habe Dir noch Etwas zu ſagen.“ „Ich höre, Magnus, ſprich.“ „Erkundige Dich auch nach Gylfe— genau, bis in’s Kleinſte, und dann unterrichte mich bei Deiner Rückkehr von Allem, was ſie betrifft. Ihr Schickſal beunruhigt mich am meiſten.“ Waldemar ſeufzte, und wohl etwas lauter als er ſelber wußte, da ihm Hille's Mittheilung in Betreff der erwähnten Dame von Neuem einfiel. 329 Magnus, immer in Sorge, immer in ſchlimmer Erwartung ſchwebend, wenn er von den Verhältniſſen eines entfernten theuren Weſens ſprach, ſah Walde⸗ mar bei dieſem Seufzer unruhig an und ſchöpfte au⸗ genblicklich irgend einen Verdacht.„Wie,“ ſagte er mit beklommenem Athem,„wüßteſt Du etwa Etwas von ihr, was Du mir bisher verborgen haſt?“ „Ich weiß nichts,“ erwiderte Waldemar dreiſt, um ihn in ſeinem jetzigen Zuſtande nicht noch mehr auf⸗ zuregen,„wie ſollte ich Alles wiſſen, was einzelne Perſonen betrifft?“ „Gut, ah, ich dachte ſchon, Du verhehlteſt mir ein ihr, und wäre ſie in Spyker, was leicht möglich iſt, da mir mein Vater ſchrieb, ſie hätte ihm nicht nach Stockholm folgen wollen, um nicht die Stätten ihrer glücklichſten Kindheit zu verlaſſen, zu denen ſie, wie mich, eine namenloſe Neigung zieht, ſo grüße ſie von mir und vertraue ihr an, daß ich kommen werde, bald, ſo bald wie möglich, um zu handeln, wie es dem Erben der Brahes geziemt— hörſt Dus „Ich höre.“ Magnus ſah die betrübte Miene Waldemares nicht, denn dieſer hatte ſich erhoben und zum Fenſter gewandt, vor dem eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit . neues Unglück. Alſo geh und erkundige Dich nach 330 einen unerwarteten Vorfall vermuthen ließ. Der Kranke fühlte ſich daher durch Waldemar's Verſpre⸗ chen und die durch ſeine Vermittelung eröffnete frohe Ausſicht bedeutend erleichtert und eine freudige Röthe färbte ſeine blaſſen Wangen. Schon der Gedanke der Erfüllung ſeines ſehnlichſten Wunſches hatte eine günſtige Wirkung auf ſein leicht erregbares Gemüth hervorgebracht.— Während aber die beiden jungen Männer ſo ver⸗ traulich mit einander redeten und dabei die kriegeri⸗ ſchen Verhältniſſe, in denen ſie lebten, vergeſſen zu haben ſchienen, trug ſich in ihrer unmittelbaren Nähe auf dem Gehöft ein Ereigniß zu, was ſie und alle Bewohner deſſelben ernſtlich daran erinnern ſollte. Herr von Bagewitz, der ſeinen Pflichten als Land⸗ mann eifrig nachzukommen pflegte, hatte am frühen Morgen dieſes Tages einige Geſchäfte in der Nähe des Strandes zu verrichten gehabt. Von der überaus heißen und ſchwülen Luft, die an dieſem Morgen von Süden wehte und ein Gewitter im Laufe des Tages beſorgen ließ, ermattet, hatte er ein Seebad genom⸗ men, wozu am Strande eine Vorrichtung getroffen war, die auf einem der ſchönſten Punkte ſeines Be⸗ ſitzthums lag. Er hatte ſo eben das Waſſer verlaſ⸗ ſen und ſtand im Begriff ſich anzukleiden, als er je⸗ 331 nes ſeltſame Brauſen in der Ferne vernahm, von dem wir ſchon einmal geſprochen haben und welches eine Veränderung des Wetters, namentlich aber einen her⸗ annahenden Sturm verkündet. Als er dabei auf die See hinausblickte, ſah er von Seehof her ein Boot auf ſeinen Strand zu ſteuern und nachdem es näher gekommen war, unterſchied er darin einige uniformirte Geſtalten, deren blanke Waffen hell in dem jungen Morgenſtrahle blitzten. Sogleich ſtieg die unklare Vermuthung in ihm auf, daß dieſer unerwartete Beſuch mit dem Schickſale ſeiner Gäſte zuſammenhängen könnte, und er rief ei⸗ nen Jungen herbei, der Kühe auf die Weide treiben wollte, und befahl ihm, ruhig nach dem Hofe zu ge⸗ hen und ſeiner Familie von der Ankunft der fremden Herren Anzeige zu machen, in der zuverſichtlichen Er⸗ wartung, man werde ſich der Sicherheitsmaaßregeln erinnern, die man in Vorausſicht eines ſolchen Beſu⸗ ches ſchon am erſten Tage verabredet hatte. Während der Junge langſam, wie ihm befohlen, nach dem Hofe ging, um bei den im Boote Sitzenden nicht irgend einen Verdacht zu erregen, erwartete der Gutsherr mit männlicher Faſſung die Landung deſſel⸗ ben, und in der That, er hatte ſich nicht geirrt, er ſah einen franzöſiſchen Officier der Kriegs⸗Polizei vor 332 ſich, der von einem däniſchen und einem holländiſchen Gendamerie⸗Brigadier begleitet war, um von Stral⸗ ſund aus die Kunde des Entweichens und den Befehl der Ergreifung der beiden Flüchtlinge auf der Inſel umherzutragen.. Als die drei Herren, die von zwei Stralſundiſchen Schiffern gefahren wurden, an's Land geſtiegen waren und in Herrn von Bagewitz den Beſitzer von Hiddens⸗ Oee kennen gelernt hatten, begannen ſie ſogleich ſich ihrer Aufträge zu entledigen und zeigten ein gedruck⸗ tes Papier vor, worauf in franzöſiſcher, deutſcher, ſchwediſcher und däniſcher Sprache folgende Worte ſtanden: „Unterzeichnetes Commando macht hierdurch be⸗ „kannt, daß Graf Magnus Brahe, ein Spießgeſell des „preußiſchen Majors Schill, nachdem er in Stralſund „am 31. Mai im Kampf gegen die legale Gewalt ver⸗ „wundet ward, ſich durch die Flucht den Händen des „Kaiſers und ſeiner gerechten Beſtrafung entzogen hat. „Unterſtützt war er zweifelsohne von einem gewiſſen „Waldemar Granzow, aus Saſſenitz auf Rügen ge⸗ „bürtig, den bereits ſeit zwei Tagen die Königliche „däniſche Corvette Skiold als verdächtigen Flüchtling „werfolgt und nach ſeiner Landung auf Rügen dem „hieſigen Commando ſignaliſirt hat. 333 „Der p. Granzow, der ein kühner, kräftiger und „gewandter Burſch zu ſein ſcheint, war als Müller oder „Bäcker verkleidet nach Stralſund gekommen und hat „als ſolcher die Flucht des verwundeten Grafen Brahe „zu leiten gewußt. Näheres kann über die Perſön⸗ „lichkeit der Genannten nicht angegeben werden. Da „ſie aber Beide, als auf Rügen gebürtig, auf der „Inſel vielen Bewohnern bekannt ſein werden und „ſich wahrſcheinlich behufs einer ferneren Flucht, in „irgend einen Verſteck zurückgezogen haben, ſo wird „hierdurch Jedermann gewarnt, ſie in Schutz zu neh⸗ „men oder ihrer heimlichen Entweichung von der Inſel „förderlich zu ſein. Dieſem Befehle Zuwiderhan⸗ ndelnde werden zur Rechenſchaft gezogen und den Kai⸗ „ſerlichen Kriegsgeſetzen gemäß beſtraft werden; Dem⸗ „jenigen aber, der ihren Aufenthalt den Gerichten nnachweiſt, ſo daß ſie ergriffen werden können, wird neine öffentliche Belobigung und eine Summe von „300 Reichsthalern zu Theil werden, welche auf den „Gütern des Grafen Brahe und von dem Dorfe Saſ⸗ „ſenitz in Jasmund aufzubringen iſt. „Ausgefertigt zu Stralſund den 3. Juni 1809. Kaiſerliches General⸗Commando 5 Gez. Gratien. 3 Der Beſitzer der Inſel las ruhig und langſam 334 dieſen Befehl und ſah dann unbefangen dem Polizei⸗ Officier in's Geſicht, der ſich ihm bereits als Mon⸗ ſieur Dübois vorgeſtellt hatte.„Sehr wohl, mein Herr,“ ſagte er, ſich höflich verbeugend,„ich werde dieſen Befehl unverzüglich bekannt machen laſſen, da⸗ mit man ſich danach richte. Ich glaube aber nicht, daß die Flüchlinge, wenn ſie überhaupt noch auf Rü⸗ gen ſind, ſich auf dieſe offene kleine Inſel wagen werden, die ihnen weder einen Verſteck noch ſonſt ir⸗ gend einen Beiſtand gewähren kann.“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung, mein Herr,“ er⸗ widerte der Polizei⸗Officier, der ein ſehr gutmüthiger und mit keiner ſcharfen Spürnaſe begabter Mann zu ſein ſchien, was Herr von Bagewitz augenblicklich durchſchaute.„Ich glaube es ſelbſt nicht,“ fuhr er fort,„daß ſie hierhergegangen ſind; die Route aber, die wir nehmen ſollen, iſt mir vorgezeichnet und ich muß danach handeln.“ „Sehr wohl, das begreife ich, und wohin werden Sie ſich von hier aus wenden?“ „Von hier aus gehen wir nach Wittow, und zwar über die Wittower Fähre; von da nach Jasmund, wo wir zuerſt in Spyker Nachſchau halten werden.“ Herr von Bagewitz lächelte heimlich. Die dumm⸗ ehrliche Mittheilung dieſes Mr. Dübois, der erſt ſeit 335 kurzer Zeit ſeinen Poſten bekleidete und noch nicht durch die Schule der Erfahrung der ſonſt durch Schlauheit ſo berühmten franzöſiſchen Polizei gegan⸗ gen war, gab ihm einen verſtändlichen Wink, aus dem er Vortheil zu ziehen beſchloß. Er lud daher die Herren, wenn ihr wichtiges Geſchäft ſo viel Auf⸗ ſchub dulde, ein, ihn nach dem Gutshofe zu begleiten und dort ein Frühſtück einzunehmen, was der Poli⸗ zeibeamte unter Zuſtimmung ſeiner Begleiter ſofort annahm. Einige Unruhe, die ſich in Folge der Meldung des Kühjungen über die Ankunft der ungebetenen Gäſte unter den Dienſtleuten im Hofe bemerklich machte, verrieth dem aufmerkſamen Waldemar, daß etwas Beſonderes vorgehe und gleich darauf trat die Dame des Hauſes ein und überbrachte die neue Kunde. Bevor man jedoch irgend einen Entſchluß faßte, wollte man erſt die Rückkehr des Hausherrn abwarten und von ihm zugleich die Aufklärung des Vorfalls und ſeinen etwaigen Rath vernehmen, zumal man noch nicht wußte, ob der Beſuch der angekündigten Solda⸗ ten den Flüchtlingen gelte. So begnügte man ſich denn vor der Hand, die Thür des Zimmers verſchloſ⸗ ſen zu halten und aufmerkſam den kommenden Din⸗ gen entgegen zu ſehen. 836 Herr von Bagewitz ließ auch nicht lange auf ſich warten. Da es ihm daran lag, die drei fremden Männer ſtets auf einem Punkt vereinigt zu haben, ſo führte er ſie ſämmtlich in das Zimmer ſeiner Frau, welches von dem der Flüchtlinge am weiteſten ent⸗ fernt lag, und als ſie ſich hier an einem ſchnell auf⸗ getragenen Frühſtücke gütlich thaten, bat er ſeine Frau, den Herren ſo lange Geſellſchaft zu leiſten, bis er ein nothwendiges wirthſchaftliches Geſchäft zu Stande gebracht habe. Dies wirthſchaftliche Geſchäft nun beſtand in nichts Anderem, als in einer ſchnellen und heimlichen Beſprechung mit Magnus und Waldemar. Er be⸗ gab ſich daher zu ihnen und theilte ihnen den Vorfall und die Schilderung der drei Sendboten mit, worauf er mit Letzterem eine Berathung abhielt, deren Folgen wir ſo⸗ gleich näher zu berichten haben werden. Daß das Reſultat derſelben aber ein günſtiges war, ergab ſich aus dem aufgeheiterten Geſicht, mit dem er in's Zim⸗ mer zu ſeinen Gäſten zurückkehrte, denn vor allen Dingen war es ihm, dem ſelbſt ſo muthigen Manne, ein wohlthätiges und beruhigendes Gefühl, in Wal⸗ demar Granzow einen eben ſo raſch entſchloſſenen wie kühnen Mann erkannt zu haben, der im Augen⸗ blick einer drohenden Gefahr ſein ganzes geiſtiges 337 Urtheilsvermögen behielt und damit eine Behendig⸗ keit in der Ausführung ſchnell gefaßter Pläne ver⸗ band, wie man ſie nur ſelten bei ſo jungen Leuten finden mag. So dürfen wir nicht erſtaunen, daß Waldemar nach Verlauf einer Viertelſtunde plötzlich in das Zimmer der Frau vom Hauſe trat, wo die Vertreter der drei fremden Nationen noch in heiterſter Laune bei der Flaſche ſaßen, und von Herrn von Bagewitz freudig begrüßt und als ſein Neffe Georg Forſt vorgeſtellt wurde, der ſeit einigen Monaten aus Greifswald bei ihm zum Beſuch ſei und nur auf den Frieden warte, um in irgend eine Marine zu treten, höchſtwahrſchein⸗ lich in die däniſche, da er aus Familienrückſichten am jetzigen Kriege keinen Antheil nehmen wolle. Außer⸗ dem aber beabſichtige Herr Forſt in dieſen Tagen nach Sagard zu reiſen, wo er Verwandte habe, und dabei einen Abſtecher nach Spyker zu machen, wohin ihn vertrauliche Familienangelegenheiten riefen. Mr. Dübois freute ſich ſehr, die Bekanntſchaft ei⸗ nes ſo liebenswürdigen jungen Mannes zu machen, und die beiden Brigadiers fühlten ſich ſehr befriedigt, daß Herr Forſt nicht gegen ihre Landsleute kämpfen wolle, vorzüglich aber war der Däne geſchmeichelt, dafß ſeine vaterländiſche Marine von einem Deutſchen Der Strandvogt. I. 22 —338 bevorzugt werde. Georg Forſt nahm darauf ohne allen Zwang am Frühſtück Theil, ließ ſich den Wein gut ſchmecken nnd beantwortete mit möglichſter Ge⸗ nauigkeit die Fragen des neugierigen Polizeimannes, die dieſer haufenweiſe über ihn ausſchüttete. Als Mr. Dübois aber aus dieſen Antworten erfahren, daß Herr Forſt ein in allen Eigenthümlichkeiten der Inſel Rü⸗ gen ſehr bewanderter und der Richtung aller Wege kundiger Mann, ſchließlich aber mit dem Seeweſen überaus vertraut ſei, kannte ſeine Bewunderung keine Gränzen und er bedauerte nur, daß es ihm nicht ver⸗ gönnt wäre, in ſeiner Geſellſchaft die Reiſe fortzuſetzen, da er ihm alsdann in der Erreichung ſeines Zwecks von großem Nutzen ſein könnte. Herr von Bagewitz that, als ob er einen wichti⸗ gen Punkt in ernſte Erwägung zöge und ſagte dann, zu Waldemar ſich wendend:„Wenn ich es recht be⸗ denke, thäteſt Du wohl daran, die Geſellſchaft dieſer Herren zu benutzen, um unangefochten zu Deinem Ziele zu gelangen.“ „Allerdings,“ erwiderte Waldemar,„aber die Her⸗ ren haben Eile und ich werde vor einer Stunde nicht reiſefertig ſein.“ „Monsieur,“ ſagte der Polizeibeamte,„Sie ma⸗ chen mich glücklich, wenn Sie ſich entſchließen, mein 339 Reiſegeſellſchafter zu werden, und Sie müſſen nicht denken, daß der Dienſt uns ſo tyranniſirt, daß wir vergeſſen ſollten, was wir uns ſelbſt und unſeren Näch⸗ ſten ſchuldig ſind. Warten wir alſo dieſe Stunde und meinetwegen noch eine zweite, es läßt ſich auf dieſem abgelegenen Gute ſehr angenehm leben, was ich mir nicht im Geringſten habe träumen laſſen. Aber eine Bemerkung wollte ich mir nur noch erlau⸗ ben— Sie ſagen, Sie wollten einen Abſtecher nach Spyker machen. Darf ich ſo frei ſein, zu fragen, was Sie dahin führt, da auf dem Schloſſe des Gra⸗ fen, deſſen Sohn wir verfolgen, eine an ſich ſchon hinreichend große Einquartierung liegt und ein Beſuch daſelbſt zu jetziger Zeit weder für den Wirth noch den Gaſt mit Annehmlichkeit verbunden ſein kann?“ „Mein Herr,“ antwortete Waldemar etwas ver⸗ ſchämt,„es iſt eine Privatangelegenheit, ja, wenn Sie wollen, eine Herzensangelegenheit, die mich nach Spyker zieht.“ „Ah, ich verſtehe. Hat Jemand dort vielleicht eine Tochter— 2 Waldemar lächelte in ſich hinein, da ihm der Franzoſe, ohne es zu ahnen, ſo vortrefflich half.„Ja,“ ſagte er,„der Kaſtellan des alten Grafen hat ſogar wwei Töchter—“ 340 „Ach, mein Herr, Sie brauchen kein Wort mehr zu ſagen. Ich bin Franzoſe und weiß das ſchöne Geſchlecht und die Neigung ehrenwerther Männer da⸗ für zu ſchätzen. Wohlan denn, trinken wir ein Glas auf das Wohl der Bewohner des alten Schloſſes und dann beeilen Sie ſich, mit Ihren Reiſevorbereitungen zu Stande zu kommen.“ Mit ungeheuchelter Beiſtimmung ergriff Waldemar ſein Glas und leerte es auf das Wohl der Bewohner von Spyker. Dann aber beurlaubte er ſich, angeb⸗ lich, um ſich zur Reiſe zu rüſten, in Wahrheit aber, um Magnus die neue Wendung der Dinge mitzuthei⸗ len, der nach einigem Hin⸗und Herreden ebenfalls die Anſicht ausſprach, daß Waldemar auf keine beſſere Weiſe den Weg nach Spyker antreten und ſein dor⸗ tiges Geſchäft ausführen könne. Allein bei näherer Erörterung fanden Beide, daß das neue ſeltſame Bündniß, welches Waldemar mit den Feinden ſeines Vaterlands geſchloſſen, auch nicht ohne jede Gefahr ſei, denn wenn irgend Wer ihm auf dem Wege begegnete und ihn bei ſeinem Namen anredete, ſo konnte ſein Incognito leicht verrathen und er dem Zorne der Betrogenen Preis gegeben werden. Ueber dieſen Punkt aber irgend eine Beſorg⸗ niß zu hegen, lag durchaus nicht in dem kühnen Cha⸗ 341 2 rakter des jungen Seemanns. Ueberhaupt war für ihn keine Gefahr, was ein Anderer ſo nannte, im Gegentheil, er hielt das heutige Begegniß für einen Scherz, den ſein gutes Glück ihm zur Unterhaltung in den Weg zu werfen beliebte. Von Jugend auf an größere Gefahren und den Schrecken der Elemente in jeder Stunde kühn in's Auge zu ſehen gewöhnt, in ſpäteren Jahren ſogar durch den Schlachtendonner ge⸗ härtet und jedem Ungemach zu trotzen befähigt, war ihm ein Spiel, was Andren ein drohender Ernſt er⸗ ſchien, und ſo ging er mit einer gewiſſen Befriedigung und Sorgloſigkeit an ein Unternehmen, das man vor wenigen Stunden noch als ein tollkühnes Wagniß betrachtet haben würde. So nahm er denn von Magnus den zäͤrtlichſten Abſchied, verſprach alle ſeine Wünſche nach Möglich⸗ keit zu erfüllen und verhieß, in wenigen Tagen wie⸗ der zurück zu ſein, um ihm mitzutheilen, ob er des Freundes Ueberſiedelung in ſein väterliches Haus un⸗ ter den obwaltenden Verhältniſſen für rathſam und ausführbar gefunden habe. Elſtes Bapitel. Die Wanderung nach Spyker. Der einen Stunde, die ſie ſich aufzuhalten zuge⸗ ſagt, fügten die drei ausländiſchen Krieger aus freien Stücken noch eine zweite hinzu, und es ging bereits gegen Mittag, als endlich der Augenblick des Auf⸗ bruchs gekommen war. Die ganze Familie des Herrn von Bagewitz geleitete ſie an den Strand, und die Fremden geſtanden offen ein, daß ſie ſelten eine ſo liebenswürdige Hausgenoſſenſchaft kennen gelernt und niemals ſo viel Gefälligkeit und Herzlichkeit in Fein⸗ des Land vermuthet hätten. Am Strande endlich, wo das Bogt ſegelfertig lag, nahm man Abſchied; die Gutsherrſchaft zog ſich, nachdem ſie Allen eine glückliche Reiſe gewünſcht, zurück und Waldemar be trat mit ſeinen neuen Gefährten das Boot, das ihn 343 ſehr unerwarteter Weiſe wieder ſeiner Heimat zufüh⸗ ren ſollte. Erſt jetzt hatte er Muße, die beiden Begleiter des beweglichen, leichtblütigen und auf dem Waſſer etwas ängſtlichen Mr. Dübois zu muſtern. Der holländi⸗ ſche Brigadier war ein Mann von ungeſchlachtem Kör⸗ perbau und höchſt phlegmatiſchem Temperament, der wenigſtens ſchon ein Dutzend Dienſtjahre auf dem Rük⸗ ken haben mochte. Seine größte Sorgfalt verwendete er auf ein hölzernes, eine Elle langes und zierlich mit Perlmutter ausgelegtes Beſteck, in dem er, wie ſich bald ergab, eine ächte holländiſche Pfeife aufbewahrte, die er aus einem wohlgefüllten geſtickten Tabacksbeu⸗ tel ſtopfte. Viel zu ſprechen lag nicht in ſeiner Ge⸗ wohnheit. Wenn er eine Antwort zu geben hatte, die namentlich der redſelige Franzoſe ſehr oft ver⸗ langte, begnügte er ſich einfach wie eine Pagode mit dem Kopfe zu nicken, und ein gewiſſes Wohlbehagen an ſeiner augenblicklichen Lage ließ er nur dann er⸗ kennen, wenn er im Stande war, ein wahres Wol⸗ kenchaos wohlriechenden Dampfes aus ſeiner brennen⸗ den Pfeife zu blaſen. 5 Eben ſo war der Däne ein ſchweigſamer Mann, aber nicht aus Phlegma, ſondern weil ihm die Sprache des Franzoſen, wie des Holländers, ein ziemlich un⸗ 344 bekanntes Idiom war, dem ein vollblütiger Däne nur wenig Achtung zu ſchenken habe. Auch er war ein gedienter Mann und nahm ſich in ſeinem ziegel⸗ rothen Rocke, den hellblauen Pantalons und dem ſtei⸗ fen Tſchako ſoldatenmäßig genug aus, zumal wenn er, was er ſehr oft that, ſeinen rothen Schnurrbart drehte und nach dem Griffe ſeines Sarras' fühlte, der ihm handgerecht an dem ſchneeweißen Bandelier hing, welches er kreuzweiſe über Bruſt und Schultern trug. Als die drei Männer, eng bei einander ſitzend, das gaſtliche Land des Herrn von Bagewitz allmälig verſchwinden ſahen, während die beiden Schiffer voll⸗ auf mit dem Steuern des Bootes und der Segelſtel⸗ lung zu thun hatten, richteten ſie ihre Blicke unwill⸗ kürlich nach dem Himmel, der ſich unterdeß ſtark mit Wolken bezogen, wie man ſchon am Morgen dieſes Tages hatte vorausſehen können. Etwa eine Viertel⸗ meile fuhr man indeß bei ziemlich mäßigem Winde ohne Beſorgniß ſüdwärts, als man aber den Werder Neu⸗Baſſin, ein kahles, flaches, unbewohntes, am Buger Ort liegendes Eiland erreicht hatte, auf deſſen dürftigem Wieſengrunde einige magere Kühe des Be⸗ ſitzrs des Buger Poſthauſes weideten, erhob ſich plötzlich ein ſtarker Wind aus Südoſten her und der ganze Horizont nahm ein ſo finſteres Ausſehen an, 345 daß ſelbſt der Unkundigſte unter ihnen das lange drohende Gewitter in vollem Anzuge erkennen mußte. „Monsieur,“ ſagte der kleine Franzoſe und rückte dem kräftigen Waldemar, als wolle er Schutz bei ihm ſuchen, dicht auf den Leib,„was meinen Sie? Wird das Gewitter heraufkommen und werden wir davon zu leiden haben?“ „Ohne Zweifel, mein Herr. Es wird ſogleich eine hübſche Böe ausbrechen und wir werden wacker dage⸗ gen kämpfen müſſen.“ „Mon dieu! Ich bitte Sie! Dann laſſen Sie uns raſch zu Lande fahren— da liegt es ja vor uns — ich bin etwas ängſtlich auf dem verteufelten Waſ⸗ ſer und leide ſehr leicht an der Seekrankheit.“ Bei dieſen Worten blies der Holländer ſeinen letz⸗ ten Dampf aus der Pfeife und ſteckte ſie dann vor⸗ ſichtig in ihr Futteral; der Däne aber ſchnallte ſeinen Säbel ab, als wollte er ſich auf eine möglicher Weiſe nothwendig werdende Schwimmübung vorbereiten. „Das iſt leichter geſagt als gethan,“ erwiderte Waldemar und warf den beiden Schiffern einen Blick zu, die ſchweigend und das Wetter beobachtend ihren Dienſt verrichteten.„Dort drüben können wir nicht landen und ich denke, wir werden bis zur Wittower Fähre geduldig ausharren müſſen.“ * 4 346 „Geduldig? Ausharren? Glauben Sie das? 0 mon dieu! Was iſt das für ein Land!“ „Wir ſind auf dem Waſſer, Herr, und die Franzo⸗ ſen rechnen ſich ja zu den kühnſten Seefahrern.“ „Ja wohl, ja wohl, ich aber gehöre zur Landar⸗ mee und habe nicht gern mit der Marine etwas zu thun. Da— da kommt es!“ Und in der That, es kam, nämlich das Unwetter. Der Wind pfiff gellend über das Land von Südoſten her, die Wellen bäumten wild dagegen auf und die Schiffer ſahen ſich genöthigt, die Segel zu kürzen, wobei ſie nicht verhindern konnten, daß das kleine Boot wie ein Trunkener ſich geberdete und bald hoch auf den Waſſerkämmen ſchwebte, bald wieder, als wollte es den Grund der See aufſuchen, in die Tiefe ſank. Alle dieſe jähen Bewegungen, denen die Inſaſſen des Bootes hülflos ausgeſetzt waren, wirkten je nach dem verſchiedenen Charakter derſelben verſchieden auf ſie. Der kleine Franzoſe, bis jetzt immer ſchwatzend, bald hoffend, bald fürchtend, wurde ſtill, wie wenn der Wind das Organ ſeiner Rede mit hinweggeweht hätte, aber ſein Geſicht nahm eine beinah unheimlich blaſſe Farbe an und er drückte ſich immer feſter und vertraulicher an ſeinen kräftigen Nachbar. Der Hol⸗ 347 länder, einen verächtlichen Blick auf die Waſſerwüſte werfend, zeigte einen apatiſchen Ausdruck auf ſeinen marmorkalten Zügen. Der Däne, mehr für den Schutz ſeines Leibes bedacht, als um ſein Leben be⸗ ſorgt, zog raſch ſeinen Friesmantel an, da es zugleich heftig zu regnen anfing. Waldemar, der nirgends eine wirkliche Gefahr ſah und dergleichen Scenen un⸗ zählige Mal erlebt hatte, betrachtete mit kühnem Auge das aufgeregte Gewäſſer und gab ſich ohne Sorge den tanzenden Bewegungen des kleinen Schiffes hin, wel⸗ ches das naheliegende Land bald hoch, bald niedrig erſcheinen ließ, und in ſeinem ruhig pochenden Her⸗ zen ſtieg jene entzückende Freude auf, die nur der See⸗ mann kennt, wenn er Waſſer und Wind in ehrlichen Kampf gerathen ſieht. Aus dieſer Freude riß ihn aber ſehr bald das Angſtgeflüſter ſeines Nachbars, der ſich krank werden fühlte und in ſeinen Armen Schutz und Troſt ſuchte. So nahm er ihn denn feſt an ſeiner Bruſt auf, hielt ihm den wirbelnden Kopf und ſprach ihm Troſt in ſeinen Leiden zu. Aber dies Leiden wollte kein Ende nehmen, im Gegentheil, es wuchs von Augenblick zu Augenblick, bis er endlich flehend das Auge zu Wal⸗ demar erhob und mit ſchluchzender Stimme bat, das Boot zu Lande zu führen, da er nahe daran ſei, ſei⸗ 348 nen Geiſt aufzugeben, worüber die beiden Schiffer ſich kaum des Lachens erwehren konnten. Waldemar fing an, mit den Qualen des Armen Mitleid zu hegen, und hielt es auf alle Fälle für ge⸗ rathen, ſich in ihm einen Freund für künftige Zeiten zu erwerben.„Wißt Ihr eine Stelle,“ ſagte er zu den beiden Schiffern,„wo wir ungefährdet landen können?“ „Ja, Herr, da drüben am Dwarsdorfer Ufer kön⸗ nen wir anlaufen, wenn Ihr eine Strecke durch das ſeichte Waſſer ſchreiten wollt.“ „Vorwärts! Werft das Steuer herum— der Herr hier erträgt es nicht länger.“ Der Steuermann gehorchte dem Befehle, der mit der Stimme eines auf der See Commandirenden ge⸗ ſprochen wurde, und allmälig begann ſich der Bug des Bootes nach dem Lande zu wenden, was aller⸗ dings, da der ſchwere Wind faſt von vorne kam, langſam ging, aber ohne alle Gefahr geſchah, da man ſo nicht mit Gewalt auf den Strand geworfen wurde. Als man endlich und mit einiger Mühe an die geeignete Stelle gekommen war, warf man einen Anker aus, das Boot ſtand und Waldemar, nachdem er den Boden unterſucht und günſtig befunden, ſprang in’s Waſſer, worauf er den kleinen Franzoſen ergriff, wie ein Kind aufhob und auf ſeinen ſtarken Armen zu Lande trug. Mit mürriſchem Geſicht folgte zuerſt der Däne, dann mit gleichgültigem der Holländer, ſammt ihrem ganzen Gepäck, worauf die Schiffer den Anker hoben und nach erhaltener Erlaubniß wieder in See ſta⸗ chen, um ihrer Heimat zuzuſegeln. Als der Polizeibeamte feſten Boden unter ſeinen Füßen fühlte, kam ihm das Leben und mit ihm zu⸗ gleich die Sprache wieder.„Monsieur!“ ſagte er, bei⸗ nahe zärtlich,„Sie haben mir das Leben gerettet. Ich und mein Kaiſer werden Ihnen dankbar ſein. Sie haben eine Großthat verübt und verdienen das Kreuz der Ehrenlegion. Wenn ich eins zu verſchen⸗ ken hätte, ich wollte es Ihnen im Angeſicht dieſes dräuenden Meeres überreichen, ſo aber kann ich Sie nur umarmen und Ihnen verſichern, daß ich Ihre Handlungsweiſe zu ſchätzen weiß.“ „Laſſen Sie es gut ſein und folgen Sie mir nach dem kleinen Dorfe da, Vaſchwitz heißt es, dort wer⸗ den wir die Fähre finden, um damit ſo ſchnell wie möglich nach Wittow zu gelangen, denn hier im naſ⸗ ſen Sande dürften wir ein ſchlechtes Bivouak haben.“ „Was? Wieder über das Waſſer?“ „Können Sie vielleicht fliegen?“ 350 „Ich bin nicht ſo glücklich, aber ich werde mich hüten, in dieſem Sturm noch einmal zu Schiffe zu gehen.“ „Das iſt kein Sturm, das iſt nur ein leichter Wind und die Fähre iſt ein größeres und ſichereres Fahrzeug als jenes Boot da, deſſen Segel Sie kaum noch ſe⸗ hen können.“ Waldemar ſchlug mit ſchnellem Schritte den Weg durch die Felder nach der bezeichneten Stelle ein, hin⸗ ter ihm her wankte immer noch taumelnd der Fran⸗ zoſe, dem ſich die beiden Anderen mit ſtoiſchem Gleich⸗ muth anſchloſſen. 3 Alrs ſie die Landungsſtätte der Fähre erreichten, war dieſelbe eben im Begriff, abzuſtoßen. Ein Wagen mit zwei Pferden ſollte mit hinüber, und da kein Platz für ihn auf dem kleinen Gefährt war, ſo muß⸗ ten die Hinterräder über Bord hängen und nur die Menſchen und Pferde fanden Raum genug für ſich. Halb mit Gewalt führte Waldemar den Mann an Bord, der ihm das Kreuz der Ehrenlegion zuer⸗ kannt hatte und ſich fortan dicht an ſeiner Seite hielt, als wäre er nur da ſicher und vor Todesgefahr be⸗ wahrt. Erſt als man am Wittower Haken und dann gleich darauf im Fährhauſe angelangt war, fühlte er ſich geborgen, und nachdem er an einem Heerdfeuer 351 ſeine Kleider getrocknet und ſeinen erſchrecklichen Fie⸗ berdurſt geſtillt, wie er ſagte, erinnerte er ſich, daß er ein Mann der Kaiſerlichen Gewalt ſei, und theilte an den Pächter des Fährhauſes die gedruckten Befehle des franzöſiſchen Gouverneurs von Stralſund aus. Nachdem auch die beiden Brigadiers ſich hinrei⸗ chend getrocknet, gelabt und einen Wagen zu ihrem weiteren Fortkommen requirirt hatten, nahmen die vier Männer auf demſelben Platz, denn Waldemar konnte der Einladung des Franzoſen, ihn bis Wieck zu begleiten, nicht gut ausweichen, obgleich er gern von nun an ſeinen Marſch allein fortgeſetzt hätte. Die kleine Meile bis dahin wurde ziemlich ſchnell zurück⸗ gelegt; als man aber den Eingang des Dorfes er⸗ reicht, hielt es Waldemar für gerathen, ſich von ſei⸗ ner Begleitung zu verabſchieden und ſeines Weges allein zu ziehen. Allein davon wollte der von Dank⸗ barkeit überfließende Franzoſe nichts wiſſen, Georg Forſt mußte wider Willen bis in's Dorf mitfahren und erſt da war endlich die Trennungsſtunde gekom⸗ maen, jedoch nicht eher, als bis der Polizeibeamte ſich eine Viertelſtunde mit Schreiben beſchäftigt hatte, um ſeinen Brief durch Waldemar ſo raſch wie möglich an ſein Ziel befördern zu laſſen. „Monsieur Forest!“ ſagte er mit ſüßem Lächeln, 3 352²2 „noch einmal wiederhole ich, daß ich Ihnen zu ewi⸗ gem Danke verpflichtet bin, da Sie mir das Leben gerettet haben. Ich beehre mich, zur Erinnerung an die verlebten gefährlichen Stunden Ihnen meine Karte zu überreichen. Hier iſt ſie— ja, ja, ich heiße Charles Dubois. Außer dieſer Karte aber gebe ich Ihnen noch einen Brief mit und hier haben Sie ihn. Sie kom⸗ men früher als ich nach Spyker, da ich meinen Dienſt erſt auf Wittow vollenden muß, bevor ich an meinen Beſuch auf dem Schloſſe denken kann, und ſo bitte ich Sie, einſtweilen mein Botſchafter zu ſein, denn ich möchte meine Befehle gern recht ſchnell in aller Welt Hände wiſſen. Dieſer Brief iſt, wie Sie ſehen, an den Commandeur der Abtheilung Chaſſeure gerich⸗ tet, die in Spyker in Quartier liegen. Es iſt der Ca⸗ pitain de Caillard, ein ſehr liebenswürdiger Mann, den ich die Ehre habe, meinen Freund zu nennen. Ich habe ihm mitgetheilt, was Sie einem Franzo⸗ ſen Gutes gethan. Gott vergelte es Ihnen! In die⸗ ſem Briefe eingeſchloſſen iſt die Ordre, auf den Gra⸗ fen Brahe und ſeinen Spießgeſellen, den Müller Granzow, zu fahnden—“ „Was,“ unterbrach ihn Waldemar,„Granzow heißt der Mann, den Sie ſuchen?“ Der Franzoſe riß die Augen auf, ſo weit er konnte. 353 „Wie,“ rief er,„hat Ihr Herr Onkel Ihnen nicht den Namen des Böſewichts genannt?“ „Wohl möglich, aber ich habe nicht recht darauf Acht gegeben.“ „Kennen Sie ihn vielleicht?“ „Ganz genau, mein Herr, es iſt ein verteufelter Kerl, auf den ich ſchon lange ein Auge habe.“ „Haha! Das iſt brav, ſehr brav! Courage, mes amis! Und wie ſieht der Burſche aus?“ „Er iſt einen Kopf kleiner als ich, hat ein wachs⸗ bleiches Geſicht wie Mehl und ſchielt auf einem Auge.“ Mr. Dübois hatte ſchon ſeine Brieftaſche hervor⸗ gezogen und notirte das glücklich erfahrene Signale⸗ ment, eine Beſchäftigung, der die beiden Brigadiers eifrigſt ihre ganze Theilnahme ſchenkten.„Das wäre gemacht!“ rief er frohlockend,„nun wiſſen wir end⸗ lich, wie er ausſieht. Courage, mes amis! En avant! Und grüßen Sie den Herrn Capitain, er wird Ihnen zu Allem behülflich ſein, denn er iſt ein ge⸗ fälliger Mann. Aber nun— nun wollen Sie ſchei⸗ den? Ahl“ Und ſchon breitete er die Arme aus und drückte ſeinen Lebensretter an ſich, wobei er wohl keine Ah⸗ nung haben mochte, daß er Den an ſein Herz ſchloß, den er zu verfehmen und zu verfolgen ausgeſandt war. Der Strandvogt. 1. 23 354 Nachdem auch die beiden Brigadiers dem Schei⸗ denden die Hand geſchüttelt und für ſeine Gefälligkei⸗ ten gedankt hatten, trennte man ſich endlich und Wal⸗ demar war froh, als er die drei Männer im Rücken und den Weg nach Breege vor ſich hatte, um von da 8 auf die Schabe zu gelangen und ſo die letzte Strecke zu überwinden, die ihn von ſeinem diesmaligen Ziele trennte. Waldemar war allein, der erſte Schritt ſeines küh⸗ nen Unternehmens war vollſtändig gelungen und ſeine 3 Perſon ſogar gegen jede fernere Anfechtung ſicher, da 4 er in dem Schreiben des Kriegspolizeibeamten an den commandirenden Officier auf Spyker einen unter den obwaltenden Umſtänden nicht zu verachtenden Geleits⸗ brief beſaß. Er athmete tief auf, lächelte ſtill vor ſich hin und empfand jenen leicht zum Rieſen anwach⸗ ſenden Muth, den ein furchtloſes Herz empfindet, wenn es ein kleines Abenteuer glücklich überſtanden hat und nun mit gerechtfertigterer Kühnheit einem größeren entgegengeht. So blickte er denn dankbar zum Himmel auf, gleichſam um zu erforſchen, ob er auf ſeinen Beiſtand rechnen könne, aber dieſer Himmel war heute ſehr trübe und ſchien ſobald keine Aenderung der vorragt und bei Oſtſtürmen von den ſchäumende 355 Witterung hoffen zu laſſen. Zwar war das Gewitter längſt vorübergerauſcht, der Regen hatte aufgehört, aber der Wind war in ſeiner ganzen Mächtigkeit ge⸗ blieben, blies nur noch etwas mehr aus Oſten und jagte dick zuſammengeballte Wolkenmaſſen vor ſich her, die kein Ende nehmen wollten und den ganzen ſichtbaren Horizont nach allen vier Himmelsgegenden überſpannten. Das trübe Licht, das dadurch hervorgebracht wurde, der ſauſende Wind, der bald pfeifend, bald heulend daherfuhr, ſtand ganz in Einklang mit der öden Ge⸗ gend, die des Wanderers Fuß zu betreten im Begriff war. Denn wir nähern uns endlich jener ſchon mehr⸗ fach erwähnten Landenge, der Schabe, die wie eine nach Weſten und Süden ausgeſchweifte Klammer, als würde ſie durch die von Oſten heranſtürmende See dahingedrückt, die Halbinſel Wittow mit den ber⸗ gigen Waldungen Jasmund's verbindet. Schon die letzte Viertelmeile, bevor man den ſchmalen Landſtrei⸗ fen ſelbſt betritt, fängt das auf Wittow liegende Land an, den Charakter der Schabe anzunehmen. Ihr Hauptbeſtandtheil iſt gelblicher, wahrſcheinlich in der Vorzeit durch die Meeresfluthen zuſammengeſchwemm⸗ ter Sand, der nur wenig über dem Meeresſpiegel her⸗ n 356 Wellen ganz überfluthet wird. Nur hie und da auf der Seite der Tromper Wiek ragt eine etwas höhere Düne empor, die aller Vegetation und jedes verſchö⸗ nernden Steingerölles baar iſt, wie die ganze übrige Landenge. Nirgends unterbricht ein belaubter Baum die ſtille Eintönigkeit, nirgends erblickt das Auge ei⸗ nen Menſchen oder eine Spur ſeiner Hände Werke. Verlaſſen von Allem, was man im Leben ſo freudig erſtrebt, blickt der Wandrer nur den Himmel an, der ſich ſchweigend über ihm wölbt, und hört die See ihr ewiges Lied brauſen oder in leiſem Wellengemur⸗ mel in die Lüfte aushauchen, als wollte ſie wenigſtens etwas Geräuſch in ſeine Nähe bringen, um ihn ſich nicht ganz aus dem Bereich des lebendigen Weltalls träumen zu laſſen. Waldemar Granzow betrat mit ſtillem Nachden⸗ ken, dem ſich allmälig ein eigenthümlicher Schauer bei⸗ geſellte, die ſchmalſte, nur etwa 600 Fuß breite Stelle der Landzunge am Breeger Bodden, und zuerſt einen Blick über das oſtwärts heranwogende Meer werfend, das von hier aus geſehen ſich wie ein rollender Berg geſtaltet, der ſich mit wilder Wuth auf den dürren Sand der Dünen ſtürzt, begrüßte er es mit Herzlich⸗ keit, als wäre er ſchon wieder lange davon getrennt geweſen. Je weiter und weiter er aber auf dem 3 357 kahlgewaſchenen Boden vorſchritt, der an manchen Stellen von Seewaſſer noch feucht war, das im vol⸗ len Sturmandrange vor einigen Stunden darüber hin⸗ weggeſpült, um ſo langſamer ging er, denn um ſo düſterer wurde ſein offenes Geſicht, um ſo verſchleier⸗ ter ſein kindlich treues Auge, da die troſtloſe Einſam⸗ keit, in der er ſich befand, ſeine jugendlichen Hoffnun⸗ gen umwölkte und ſein Herz mit einer Wehmuth füllte, die ihm ſonſt nicht eigenthümlich war. Magnus Brahe, ſein zärtlich geliebter Freund, trat vor ſein gei⸗ ſtiges Auge und die traurige Gemüthsſtimmung, die dieſen ſo oft ergriff, drohte auch ihn zu umſpinnen, indem ſie den lebensvollen Horizont ſeiner Zukunft mit düſteren Bildern bevölkerte.* „Was wird das Ende von dem Allen ſein?“ fragte er ſich wiederholt.„Wie lange werden wir ringen und wagen gegen des Geſchickes mächtige Sendboten? Wird er, werde ich ſiegreich aus dem Sturme des Lebens emportauchen, oder wird ihn, wird mich, vielleicht auch uns Beide, die erbarmungs⸗ loſe Woge verſchlingen? Ha! wie iſt mir ſo ängſt⸗ lich und bänglich zu Muthe, wie rauſcht mir das Meer heute nur Trauerlieder zu, und da— da krächzt eine einſame Möve mir ihren Grabesgeſang entgegen, als hätte ich noch nicht der Unglückspropheten genug!’“ 358 Als er mit dieſen mehr vor ſich hin geträumten als geſprochenen Gedanken langſam den einſamen Weg verfolgte und ſein Auge von dem Waſſerberge zur Linken und dem grauen Jasmunder Bodden zur Rechten, deſſen jenſeitige Ufer hinter einem mattgrauen Nebelwalle verborgen lagen, abwandte, da geſchah ihm, indem er geradeaus blickte, etwas ganz Eigenthümli⸗ ches. Denn plötzlich, wie in unſerm verödeten Herzen oft ein höherer Gedankenblitz hell aufleuchtet, der uns Rettung oder wenigſtens neue Hoffnung vorzaubert, um aus einer gefährlichen Lage zu gerathen, ſo tauchte, vor ihm, in der Entfernung etwa einer halben Meile, das heimatliche Jasmund mit ſeinen bergigen Vor⸗ ſprüngen auf, die, in tiefblauen Duft gehüllt, ſich wie vom Himmel herniederließen, um ihm einen Ziel⸗ punkt vorzumalen, der im Stande wäre, ſeinem gan⸗ zen Gedankengange eine angenehmere Richtung anzu⸗ weiſen. Und wie es uns oft ergeht, daß inmitten unſers träumeriſchen Brütens ſich vor unſerm inneren Ge⸗ ſicht eine aus farbigem Licht gewobene Geſtalt erzeugt und uns plötzlich, wir wiſſen nicht wie und warum, mit neuer Lebensluſt erfüllt, als wollte ſie uns wie⸗ der durch ihre Erſcheinung und Vermittelung mit der froheren Außenwelt verknüpfen, ſo ſah, ſo glaubte er 359 wenigſtens eine Geſtalt aus dieſem blauen Bergdufte auftauchen zu ſehen, die er erſt einmal in ſeinem Le⸗ ben— er geſtand es ſich jetzt ein— zu ſeiner Freude erblickt hatte. „Hille!“ ſagte er laut,„Du grüßeſt mich in Ge⸗ danken auf meinem traurigen Gange. Ha! Du grüßeſt mich! Iſt mir doch, als ob ich Dein freund⸗ liches Geſicht, Dein ſchönes blaues Auge ſähe, als ob ich Deine ſüße Stimme meinen Namen flüſtern hörte! O wie glücklich, wie hoffnungsreich, wie froh macht mich dieſer Gedanke! Horch, iſt das daſſelbe melancholiſche Brauſen der See noch, krächzt die alte Möve noch eben ſo heiſer, rauſcht der Wind noch eben ſo dämoniſch über mir? Nein, nein, das war ja nur eine vorübergehende Erſcheinung, mein Auge war verſchleiert, mein Herz verödet, jetzt, jetzt pocht es wieder freudiger in mir, die Stimmen der Natur haben ein anderes Lied begonnen und ich ſehe, was vor mir liegt, nicht mehr in den trüben Nebel der Zukunft gehüllt, es wird licht— licht— und ja, da tauchen die Berge meiner Heimat auf und laden mich gaſtfrei, näher zu treten, ein. Ich komme, ich komme, Du trauliches Jasmund, ich komme, mein väterliches Haus, und da— da ſpringt die Glower Ecke hervor, da ragen meine grünen Bäume, da zie⸗ ——— 360 hen die vaterländiſchen Störche und ſingen meine be⸗ kannten Vögel in den Gebüſchen ſchon wieder!“ Und raſch vorwärts eilend näherte er ſich ſchon den bewaldeten Hügeln; die traurige Schabe war überwunden und das befreundete Dorf Glowe trat mit ſeinen grauen Strohdächern und fruchtbaren Aeckern wie eine lächelnde Friedensbotin hervor. Als er Glowe erreicht hatte und dann nach Oſten blickte, blieb er plötzlich ſtehen. Der mehrfach ausge⸗ zackte Spyker'ſche See lag vor ihm und an deſſen ſüdlichem Ufer in einer ſanft geneigten Ebene, von blühenden Gebüſchen und rieſigen Bäumen umſchat⸗ tet, ragte das alte Schloß in ſeiner ganzen romanti⸗ ſchen Schönheit auf. Schon bei vollem Tagesglanze keinen erheiternden Anblick gewährend, tauchte es jetzt bei bedecktem Himmel und im dämmernden Abendlichte aus ſeinen Umge⸗ bungen, deren Schatten gleichſam ängſtlich zitternd ſich im bewegten See widerſpiegelten, noch viel düſterer hervor. Vom grauen Alterthum geſchwärzt, vielleicht noch eingedenk manches ſtürmiſchen Anlaufs, den ſie ſiegreich abgeſchlagen, blickten ſeine dicken maſſiven Mauern und die gewaltigen Kuppeln ſeiner runden Thürme finſter trotzig über das graublaue Waſſer herüber, ſchon von Weitem den Geiſt des Kriegers —— — 361 offenbarend, der es 1650 erbaute und dabei mehr auf Größe, Feſtigkeit und Dauer, als auf Reinheit und Zierlichkeit der Form Rückſicht nahm. Nachdem Waldemar es eine Weile aus der Ferne betrachtet, ſchritt er langſam näher, wobei er ſich wunderte, daß es wie ausgeſtorben vor ihm lag, als wäre es ganz von allen Bewohnern verlaſſen, trotz⸗ dem außer dem Kaſtellan, ſeiner Familie und mehre⸗ ren Dienern jetzt noch ein ganzes Heer fremder Gäſte darin hauſte. Doch kaum hatte er es gedacht und war am Ufer des Sees entlang einige Schritte wei⸗ ter vorgedrungen, ſo ſah er einen alten Diener des Hauſes aus dem Parke daherkommen, dem er ſich jetzt ſelber näherte. Der Mann, ſobald er Walde⸗ mar erblickte, ſtand einen Augenblick ſtill, als wundere er ſich über den Beſuch eines Fremden, oder als ſinne er nach, wer derſelbe wohl ſein und was er bezwek⸗ ken könne. Gleich darauf aber ſtieß er einen Schrei der Ueberraſchung aus, ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen und lief dann mit ſichtbarer Freude dem Ankommenden entgegen, den er endlich erkannt hatte. „Herr Granzow!“ rief er,„iſt es möglich—“ aber er verſtummte ſchon wieder, denn er nahm Wal⸗ demar's abwehrende Geberde wahr, der ſich raſch nach allen Seiten umblickte, ob auch Niemand den Ausmf des Mannes gehört hätte. Außer dieſem aber war nur ein mit Harken der Wege beſchäftigter Gärtner⸗ burſche in der Nähe, der ihn aber nicht gehört hatte und Waldemar auch nicht einmal kannte. „Tarbot! Seid Ihr's?“ rief Waldemar und eilte ſchnell auf ihn zu.„Da habt Ihr meine Hand, ſeid mir herzlich gegrüßt, aber merkt es Euch, Alter, und vergeßt es nicht wieder— ich bin nicht der, den Ihr ſo eben nanntet— ich heiße vielmehr Georg Forſt; Herr von Bagewitz auf Kloſter in Hiddens⸗Oee iſt mein Oheim und ich beſuche den Kaſtellan, um mich um eine ſeiner Töchter zu bewerben. Verſteht Ihr?“ „Ob ich verſtehe! Alſo das iſt nöthig in dieſen Zeiten?“ „Sehr nöthig, Tarbot; und ich bitte Euch ſogar, ſobald wie möglich zu ſämmtlichen Dienern zu gehen und ihnen die ſchärfſte,Befolgung dieſes meines Wunſches an's Herz zu legen. Es ſind doch noch die alten Bekannten im Hauſe und kein Verräther darunter?“ „O, Herr, wann hat ein Verräther in Spyker Brod gegeſſen? Einer iſt ſo zuverläſſig wie der Andere, ich bürge für Alle und ich würde mir lieber einen Finger abbeißen, als denken, daß irgend Wer von uns Euern Wunſch mißachten könnte.“ —yy—- „So iſt es gut, Tarbot; wie ſteht es im Schloſſe?“ „Ach, Herr, es iſt eine böſe und auch eine recht traurige Zeit. Wir haben franzöſiſche Chaſſeure in Quartier und der Commandeur, Capitain Mr. de Oaillard, ſein Lieutenant Mr. de Challier, und ihre Diener nebſt einem Maréchal de logis, ein Trompe⸗ ter, ein Sergeant und zehn Gemeine wohnen darin mit ihren Pferden, die Anderen aber hier in der Nähe auf den umliegenden Ortſchaften, eine ganze Schwadron.“ „Was ſind es für Leute?“ Der Alte zuckte die Schultern.„Hm! Es ſind juſt Franzoſen, wie ſie alle ſind, luſtig und redſelig, ſingend und trillernd, ſchmauſend und zechend, liebelnd und pürſchend— o, das werden Sie bald weghaben, wenn Sie nur einen Tag hier bleiben.“ „Gut. Ich werde ſogar länger hier bleiben. Iſt der alte Ahlſtröm und ſeine Familie geſund?“ „Wie die Fiſche, wie die Fiſche, Herr, obwohl ſie alle ihre liebe Noth haben bei dieſem Hundeleben.“ „Das glaube ich. Aben hört'mal, Tarbot, iſ etwa auch das Fräulein— Der Alte verſtand ihn ſchon, nickte mit dem Kopfe und machte eine Miene, die Waldemar Alles klarer auseinanderſetzte, als hätte ſich Jener einer endloſen Reihe von Worten bedient.„Das gnädige Fräulein 364 Gylfe meinen Sie, nicht wahr? O ja, die iſt hier und recht luſtig und vergnügt iſt ſie, und wären Sie eine Stunde früher gekommen, ſo hätten Sie ſie mit dem Herrn Capitain dahinaus nach Bobbin können reiten ſehen.“ 4 „Alſo es iſt wahr?“ „Ja es iſt wahr!“ erwiderte der Alte, obwohl Waldemar nichts näher angedeutet hatte und ſeine alleroberflächlichſte Frage allein ſchon hinreichte, die Befürchtungen ſeines Innern von dem treuen Diener errathen und bejahend beantworten zu laſſen.„Aber wo haben Sie unſern jungen gnädigen Herrn, den Grafen Magnus?“ fuhr der Alte fort. „Still! Auch deſſen Namen dürft Ihr nicht nen⸗ nen. Wir Beide ſind geächtete Leute zu dieſer Zeit, Ihr werdet bald noch mehr darüber hören. Wo woh⸗ nen die Herrn Franzoſen im Schloſſe?“ „Nun, die ſchlechteſten Zimmer haben ſie ſich nicht ausgewählt, das können Sie wohl denken. Sie lie⸗ ben die ſchönen Ausſichten ſo ſehr, wie ſie getäfelte Gemächer und wohlbeſetzte Tafeln lieben, und ſo ſind faſt alle Räume, die ſonſt die gräfliche Familie be⸗ wohnte, von ihnen in Beſchlag genommen. „Auch der Spukthurm da auf der nordöſtlichen Ecke?“ 365 „Der Spukthurm? Gott bewahre! Den haben ſie noch nie betreten und vermeiden ihn zu umgehen, ſelbſt bei Tage, denn eine Furcht haben ſie vor der⸗ gleichen Orten und vor Gräbern, als würden ſie von den Geſpenſtern, die darin wohnen ſollen, bei dem bloßen Gedanken daran mit fauſtgroßen Steinen ge⸗ worfen. Nein, Herr, der Spukthurm ſteht leer wie immer, da ſehen Sie nur, die Fenſter ſind geſchloſſen und verhangen wie in früherer Zeit, und ſo lange ich denken kann, ſind ſie noch nicht geöffnet geweſen.“ „So wiſſen ſie auch von dem verborgenen Gange nichts, der nach der alten Ruine auf dem Todten⸗ felde bei Quoltitz führt?“. „Gott bewahre! Wer wird ihnen das Familien⸗ geheimniß verrathen, das ſich der alte Wrangel— Gott habe ihn ſelig— zu ſeinem eigenen Frommen angelegt hat?“ Waldemar lächelte; ſo hatte er es ſich gedacht und ſo fand er es nun beſtätigt.„Kommt,“ ſagte er,„laßt uns dreiſt zum Schloſſe gehen. Ich ſehe da eine Schildwache auf und abſtolziren und will mit ihr re⸗ den. Ihr aber beherrſcht Euer Geſicht und wundert Euch über nichts, was Ihr hört; die Erklärung davon ſoll Euch ſpäter zu Theil werden. Iſt der alte Ahl⸗ ſtröm zu Hauſe?“ 1 —,——— *——— ——— 366 „Ja, Herr; er ſitzt, glaube ich, mit ſeiner Familie beim Vesperbrod.“ „Haben ſich ſeine Töchter auch mit den Fremden eingelaſſen?“ 1 „Nein, Herr, durchaus nicht. Der Herr Lieute⸗ nant hat ſich zwar große Mühe gegeben, die Gyſela oder Alheid zu gewinnen, aber die alte Heylike, ihre Mutter, hält ſichere Wacht und die Mädchen ſind auch von Natur nicht dazu geneigt.“ „Das iſt noch ein Vortheil, auf den ich kaum ge⸗ rechnet hatte. Nun kommt aber, der behelmte Herr hat mich ſchon in's Auge gefaßt.“ Langſamen Schrittes wandelten ſie dem nach We⸗ ſten liegenden Eingange des Schloſſes zu, vor deſſen gothiſcher Thür eine Schildwache in kurzem grü⸗ nen Rock, reich mit gelben Wollſchnüren beſetzt und den Helm mit dem ſchwarzen Haarbuſch auf dem Kopfe, mit gezogenem Pallaſch auf und abklirrte und den kräftig gewachſenen Fremden, deſſen Geſicht einen energiſchen Ausdruck zeigte, ſchon lange auf’s Korn genommen hatte. „Guten Tag!“ ſagte Waldemar in franzöſiſcher SGSprache ernſt aber höflich der ſtillſtehenden und ihn betrachtenden Wache.„Iſt der Herr Capitain zu ſprechené „Nein, mein Herr, er iſt ſpazieren geritten.“ „Wann kommt er wieder?“ „Wann es ihm gefällt. Wollen Sie etwas von ihm?“ „Ich muß ihn ſprechen, denn ich bringe ihm ein Botſchaft vom General Gratien aus Stralſund.“ Der Poſten ſalutirte dienſtmäßig.„Ich wert dem Herrn Capitain melden, ſobald er zurückkeh ſagte er. „Ihr werdet mir einen Gefallen damit th Ich gehe jetzt zum Verwalter und werde mich demſelben ſo lange aufhalten, bis ich höre, daß( Chef zurückgekehrt iſt. Adieu!— Führt mich zu! Ahlſtröm!“ Die letzten an den alten Diener gerichtsten 8 wurden ohne Verzug befolgt. Tarbot ſchritt⸗ alten Hausflur ein, deſſen gewölbte Steinbe Schritte der Männer laut widerhallen ließe denen die ſchweren Thorflügel hart uſchli⸗ demar Granzow war in das Innere Spyker getreten und ſtieg die Stufer der Wohnung des Kaſtellans fo alten Treppenſteine unte hörte, war ihm eigenthümli⸗ und die kühle Luft in d. 368 „Ja machte ſein warmes Blut fröſteln, was ihm nie be⸗ beim P gegnet war, als er früher im harmloſen Jugendmuthe „ und weder an Krieg noch Gefahr denkend, ſeinen Fuß eingelaſſe oft unter das gaſtliche Dach des ſchwediſchen Gra⸗ „Neinn geſetzt hatte. nant hat ſie oder Alheid Mutter, hätt, von Natur „Das iſſun. rechnet hatte be hat mich ſchh Langſame ſten liegenden gothiſcher T nen Rock, reich den Helm mit. Kopfe, mit gezoge den kräftig gewachſesn energiſchen Ausdruck 5 4 genommen hatte.. „Guten Tag!“ ſagte Sprache ernſt aber höflich d.* betrachtenden Wache.„Iſt der ſprechen?“ ram jun in Leipzig. Ende des erſten Theils. fffffffffffffffſfſfſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19