duard Ottmann in Gießen, enommen. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Uenle Seer. di. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und auf 1 Monat: 1 M. Pf. 1 N8 50 Ff. 2 N. Jf. 1 M. “ e Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Feiß- und Jeſebedingungen. — 1. Offensein der Pühiothek. Die Bibliothek ſteht 45 Em⸗ 4 aangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offken. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von je ag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ trägt: 5.. für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: . —— 8 Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes. Von Philipp Galen, Verfaſſer des„Inſelkoͤnigs“ und des„Irren von St. James.“ Vierter Theil. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Fritz Stilling. Vierter Theil. 1* I. Meine erſte diplomatiſche Sendung. So war ich denn in meinem bewegten Lebenslauf end⸗ lich zu dem Zeitpunkte gelangt, wo ich meine Exiſtenz für alle Zukunft geſichert und vor großen und tiefen Erſchütterungen, wie ſie faſt kein Menſchenleben ver⸗ ſchonen, bewahrt glauben konnte. Meine äußeren Mittel nahmen von Tage zu Tage zu, mein Haus war nach Wunſch beſtellt, meine gute Mutter ſah ich verſorgt und mich im Stande, ihr einen heiteren Lebensabend zu bereiten. Dagegen war mein Inneres, nur nach Außen hin das Bild behaglicher Zufriedenheit ſpiegelnd, nicht ganz ſo befriedigt, wie es dieſe günſtigen Ver⸗ hältniſſe erwarten ließen, denn in tiefſter Stille und Verborgenheit nagte ein Wurm daran, deſſen Wühlen ich nie ganz bewältigen konnte, der oft bei Tage, viel * — 6— häufiger aber in ſchlafloſer Nacht, an meiner Seele riß und, dunkle Schmerzen aus früherer Zeit wieder⸗ erweckend, manche ſchöne und heitere Stunde ungenoſſen an mir vorüberſtreichen ließ. Aber ach! ich mußte mich mit vielen Menſchen tröſten, denn welches Geſchöpf iſt frei von allen Seelenkämpfen und Erdenſchmerzen? Ich beſonders in meiner Stellung lernte ſo manches im Stillen getragene Leid kennen, ſah ſo manche Thräne um ein verlorenes Erdenglück fließen, daß ich mich allmälig auch an meinen Kummer gewöhnte und ihn wie ein altes Uebel betrachten lernte, welches mir nun — — einmal als nothwendiger Begleiter auf meine irdiſche. Wanderung mitgegeben war. Und ich ertrug es leichter als mancher Andere ſein kleineres Leid, denn mich umgaben tröſtende Freunde und eine immer noch Hoff⸗ nung hegende und dadurch Balſam in mein wundes Herz träufelnde Mutter. In den Erfolgen meiner Berufsgeſchäfte war ich glücklich zu nennen. Ich gewann mehr und mehr das Vertrauen Höherer und Niedriger und erwarb mir mit einem guten Namen auch die Mittel zu einer äußerlich ſorgenfreien Lebenslage. In engerem Verkehr ſtand 6 ich mit ſehr Wenigen, meine alten Freunde waren mir die liebſten geblieben und immer inniger verknüpfte uns das wohlthuende Band vollkommener Ergebenheit 8 —— und Theilnahme, eine ſo ſüße und ſeltene Mitgift des auf der ſorgenvollen Erde lebenden Menſchen. Das Sömmering'ſche Haus hatte ich nicht wieder betreten und blieb es mir auch aus guten Gründen fernerhin verſchloſſen. Jener junge ſchon ein Mal er⸗ wähnte Arzt hatte ſich die jüngſte Tochter zur Lebens⸗ gefährtin erleſen und war nun natürlich der unent⸗ behrliche Rathgeber der Familie geworden, ein Troſt mehr für mich, dem es oft Sorge gemacht, die ſo wohlgemeinten Erwartungen der Mutter nicht mit dank⸗ barem Herzen erfüllen zu können. Was mich allein ernſtlich peinigte und meine Stellung im Ganzen erſchwerte, war der Gemüths⸗ zuſtand meines hohen Patienten, des Herzogs ſelber. Leiblich krank war er eigentlich nie, aber dennoch be⸗ durfte er oft meines ärztlichen Rathes und Troſtes. Denn er wurde alle Tage mürriſcher, unzufriedener mit ſich und der Welt, er zerfiel immer mehr innerlich und äußerlich mit Denen, die Jahre lang an ſeiner Seite geſtanden und mit ihm für das allgemeine Beſte geewirkt hatten. Leider war es beſonders eine Richtung ſeines Gemüthes, die, immer ſichtbarer hervortretend, mich oft erſchreckte und eine ſchlimmere Zukunſt für Alle, die von ſeiner Laune und Macht abhängig waren, fürchten ließ. In dem erſten halben Jahre meiner 1 näheren Stellung zu ſeiner Perſon hatte ich genug— Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, wohin ſein krank⸗ haft überſpanntes Gefühl neigte; er vertraute mir ſogax bisweilen in geheimen Geſprächen oder verrieth mir in unbewachten Augenblicken, wenn ein jäher Ausbruch ſeiner leidenſchaftlichen Gefühle ihn ſelbſt überraſchte, die innere Beängſtigung, von der ſeine Seele gefoltert wurde, und ließ mich ſo den düſteren Weg ahnen, den auch er fernerhin zu wandeln geſonnen ſchien. Eine ſtark religiös gefärbte Wandelung trat in allen ſeinen Aeußerungen und Unternehmungen von Tage zu Tage erkennbarer hervor. Das irdiſche Leben hatte für ihn ſeinen Reiz verloren, und ſo wandte er ſich mit um ſo heißerem Verlangen dem Unvergänglichen zu. Von ihm glaubte er allein Linderung für alle ſeine menſch⸗ lichen Kümmerniſſe erlangen zu können. Und ich kann mir den Grund dieſer Wandelung, die in gewiſſem Alter und unter allen Verhältniſſen des Lebens ſo Viele be⸗ fällt, ſehr gut erklären. Nachdem dieſe Menſchen alle Gaben und Segnungen des Schöpfers, die in den Bereich ihrer Mittel gelegt waren, in vollem und viel⸗ leicht zu reichem Maße genoſſen, und nachdem ſie nicht die Beruhigung darin gefunden, die ſie erwartet hatten, ſtumpft ſich ihr Gefühl, ihr Geſchmack, ihre Neigung zu dieſen Genüſſen ab, ſie empfinden allmälig einen Ekel davor, ſie ſehnen ſich nach einer höheren, un⸗ wandelbareren Hülfe, und wo finden ſie dieſe anders, als in den reich geſchilderten Ausflüſſen Deſſen, der Himmel und Erde und die Menſchen darunter und darauf mit ihren vergänglichen Wünſchen und Hoff⸗ nungen geſchaffen hat. Auch der Herzog, dieſer ſonſt ſo freiſinnige, klare, verſtändige Mann verlor den irdiſchen Halt und, in halber Verzweiflung über ſo viele Täuſchungen dieſer Welt, griff er mit Rettung ſuchender Hand nach Oben, bemüht, ſich den Beiſtand Deſſen verſchaffen, der, wie der hoffnungsvolle Glaube tert, keine Seele hier unten verkommen läßt, wenn ſie ſich vertrauens⸗ voll an ihn wendet. Aber— der Wege, die in dieſes himmliſche Reich führen, giebt es viele und verſchlun⸗ gene, und unter den geraden und richtig führenden liegen auch falſche und krumme verſtreut, die an's Ziel zu führen ſcheinen und in Wahrheit weit davon ab⸗ lenken— und auf dieſen letzteren fürchtete ich den Herzog allmälig wandeln zu ſehen. Nie war es früher ſeine Gewohnheit geweſen, mit Geiſtlichen und der frommen Richtung angehörenden Perſonen ausſchließ⸗ lich zu verkehren. Er ließ ſie ihre Wege ziehen und bekümmerte ſich nicht um ihre überirdiſche Neigung. Jetzt zog er ſie immer häufiger und ſtärker an ſich, ſah ſie gern in ſeiner Nähe und unterredete ſich mit Jedermann, von dem er Erleichterung oder Hülfe hoffen zu können wähnte. Und leider gab es Prieſter beider Confeſſionen genug in der Reſidenz, die ſich vorzugs⸗ weiſe berufen glaubten, dem Herrn des Landes das Licht der Herrlichkeit Gottes hier auf Erden ſchon an⸗ zuzünden. Schaarenweiſe umlagerten und verfolgten ſie ihn, und immer mehr drängten ſie mit ihrer prie⸗ ſterlichen Unfehlbarkeit und Herrſchſucht alle diejenigen in den Hintergrund, die früher im Vordergrunde der Neigung des ain. geſtanden hatten. Wohl ſahen wir das Alle, die Antheil an ſeinem wahren Heile nahmen, wohl klagten wir uns unſer Leid, aber helfen konnten wir nicht, wo unſere Hülfe nicht verlangt wurde; und endlich, da man einſah, alle guten Wünſche und Hoffnungen ſeien vergeblich, ließ man ihn gewähren, bedauernd, daß ein ſo aufgeklärter Kopf in einen Strudel von Empfindungen geriſſen war, der ihn ſelbſt und in nothwendiger Folge zuletzt auch Andere in einen Abgrund reißen mußte. Ich war faſt noch der Einzige, dem bisweilen ein kräftiges Eingreifen in ſeine Meinung möglich gemacht wurde, denn er ließ mich oft, meiſt ſpät Abends oder gar Nachts rufen, um mir über dieſen oder jenen ſein Gemüth verſtimmenden Beweggrund ſeine Meinung an den Tag zu legen. Anfangs ſprach er ſich nie genau und deutlich gegen mich aus, ſpäter aber, von meinen geraden und einfachen Entgegnungen betroffen, ließ er ſich mehr und mehr gehen, und endlich ſogar fing er an, mich tiefer in das Chaos ſeiner Seele ſchauen zu laſſen. So erinnere ich mich eines Abends am, Ende des Sommers, an welchem ich eine ſolche, ſeinen Ge⸗ müthszuſtand ſehr bezeichnende Unterredung mit ihm hatte. Es war ſchon nach zehn Uhr Abends, als ſein vertrauter Kammerdiener, der faſt nur allein noch die perſönlichen Dienſte um ihn verrichtete, mich zu ihm beſchied. Er befand ſich in einem matt erleuchteten Zimmer und blickte düſter vor ſich hin, als ich bei ihm eintrat, während er über irgend einen Gedanken zu brüten ſchien. „Guten Abend, Doktor!“ fing er das Geſpräch an, ohne mich anzublicken.„Gut, daß Sie zu Hauſe waren; ich habe gerade eine Frage an Sie zu richten. Haben Sie mir nicht einmal erzählt, daß Sie in einem Kloſter erzogen worden ſind?“ „Ja, gnädigſter Herr, ſo iſt es.“ „Sie ſind alſo katholiſch?“ „Auch das iſt wahr.“ 5 „Gehen Sie oft zur Beichte?“ „Faſt nie, oder aufrichtig geſagt, gar nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil ich den Menſchen nicht das Recht zuer⸗ kennen kann, mir meine Geheimniſſe abzulauſchen und noch weniger die Macht, mir meine Sünden zu ver⸗ geben. Dies Recht und dieſe Macht hat nur Gott allein, dem ich täglich alle meine Fehler kindlich geſtehe und der mir Troſt und Gnade dafür in die Seele träufelt.“ „Sie ſcheinen auf einem Irrwege zu wandeln. Das iſt ja gerade ein Vorzug Ihrer Religion, daß ſchon die Menſchen begabt ſind, jenen Troſt zu ſpenden und jene Gnade auf Ihr Haupt herabzuziehen.“ „So ſagen die Prieſter— freilich!“ „Sie ſcheinen an der Wahrheit dieſer Ausſage zu zweifeln.“ „Ich zweifle ſtark. Denn eine vorurtheilsfreie Belehrung in meiner Jugend und eine reifliche Ueber⸗ legung in ſpäteren Jahren haben mir die Ueberzeugung verſchafft, daß die Prieſter hierin Unrecht haben, in⸗ dem ſie die Machtvollkommenheit, mit der ſie ſich brüſten, als eine von Gott empfangene darſtellen, während ſie ſich dieſelbe zu ihrem eigenen Vortheil doch nur ſelbſt beigelegt haben. Die unerſchütterliche Ueberzeugung von dieſer Wahrheit aber hat mich von — 13— dem falſchen Wege, den auch ich in meiner unbefangenen Jugend wandelte, als meine Seele noch in Dunkel ge⸗ hüllt war, abgebracht.“ „Da ſind Sie aber ein ſchlechter Katholik.“ „Vielleicht— aber kein ſchlechterer Chriſt und Menſch.“ „Iſt das Ihre unumſtößliche Meinung?“ „Unumſtößlich, und ich glaube damit Gott wohl⸗ gefälliger zu ſein, als wenn ich alle Tage gedankenlos zur Beichte liefe und einem Prieſter, der ein Menſch iſt, wie ich, und entweder bei unwichtigen Mittheilungen an etwas Anderes denkt oder bei wichtigen zu viel daran denkt, eine Gewalt über mich einräumte, die meinem Ermeſſen nach kein Menſch über den anderen haben darf. Meine Beichte alſo wäre für mich unnit und für ihn überflüſſig.“ „Ha! Wie Sie das ſo ſicher ſagent Wer darin ganz klar ſähe! Andere ſprechen anders, ganz anders!“ „Ich ſehe ganz klar und die weiſeſten, aufge⸗ klärteſten und aufrichtigſten, alſo beſten Katholiken, denken ſo wie ich, wenn ſie auch vielleicht nicht ſo offen darüber ſprechen, wie ich.“ „Sie Glücklicher!“ „Durchlaucht, Sie ſind eben ſo glücklich und viel⸗ leicht noch glücklicher als ich— Ihre Religion verlangt * — 1— keine Beichte— Ihr Gewiſſen muß, ſich unmittelbar an Gott wendend, auch ohne dieſelbe beruhigt ſein.“ „So, meinen Sie? O Doktor! Geben Sie mir Gewißheit und Ruhe darin und ich will Ihnen alles Andere geben.“ „Gewißheit und Ruhe? Ihr Geviſſen allein und das Vertrauen auf Gottes Hülfe zu rechter Zeit müſſen Ihnen beides geben.“ „Ja, ja, ich glaube es, aber wann kommt dieſe rechte Zeit? O, ich fühle mich in dieſem Auf⸗ und Niederwogen meiner Gefühle, in dem Steigen und Fallen meiner Hoffnungen ſo zerknirrſcht, ſo leidend, ſo unglücklich, daß ich den Mann wie Gottes Send⸗ boten an mein Herz drücken würde, der mir Licht, Ruhe und Zufriedenheit wiedergäbe. Rathen Sie mir, rathen Sie mir, was ſoll ich thun, um aus dieſer Kriſis meines Lebens zu gelangen?“ Ich ſah ihm bei dieſen Worten ſeine ganze innere Haltloſigkeit und Verzweiflung an. Er wandte ſich hin und her, ſtrich mit ſeinen Fingern wild durch ſeine graugeſprenkelten Haare und rollte ſeine düſteren Augen verwirrt und drohend umher. Ich bedachte mich einen Augenblick, dann ſagte ich: 2½ „Hören Sie mich an, Durchlaucht, und faſſe Sie Ihre ganze e uuhaſiglät zuſammen. Laſs Sie den unerquicklichen Streit über die Vorzüge der einen oder anderen Religion ganz bei Seite liegen; überlaſſen Sie dies den Philoſophen und Prieſtern. Unterdeß thun Sie, was Recht iſt, und vor allen Dingen, zerſtreuen Sie ſich.“ „Womit ſoll ich mich zerſtreuen, Doktor? Es iſt Alles ſo langweilig. Ich ſehe nichts um mich, was mich von meinen innerlich freſſenden Gedanken abzieht; o, ich bin ſo arm an Erfindung und habe Niemanden, der mich darin unterſtützt.“ „Sie übertreiben, gnädigſter Herr. Sie ſehen die Welt trübe und dunkel, während ſo viel Licht und Heiterkeit in ihr iſt. Jagen Sie, reiten Sie, reiſen Sie irgend wohin—“ „Reiſen? Jetzt? Nein, nein, dazu habe ich keinen Trieb. Aber jagen, reiten, reiten bis die Pferde unter mir ſtürzen, das iſt Etwas, das bringt andere Wallungen hervor. Sie haben Recht, Doktor, fahren Sie fort, ich fühle mich ſchon leichter.“ „Und dann weiß ich noch Eins, Durchlaucht. O, Sie haben ſo viele Mittel, ſich Zerſtreuung und Vergnügen zu ſchaffen. Laſſen Sie die neue Oper bald zuſammentreten, rufen Sie Schauſpieler herbei—“ ,O, ol Sie wollen mich beruhigen, wie David Saul beruhigte— ach, wie weit iſt es mit mir ge⸗ — 416— kommen!— Aber Sie haben Recht, das iſt allerdings Etwas. Ha, da fällt mir ein, in Berlin iſt man ja⸗ aus allen Fugen vor Staunen und Bewunderung. Da hat der Weber eine Oper geſchrieben, wie ſie noch nicht dageweſen iſt. Ich glaube, der Freiſchütz nennt man ſie. Die will ich hören, aber hier bei mir will ich ſie hören. Ich will an den berühmten Muſiker ſchreiben laſſen, er ſoll kommen und die Sängerin mit⸗ bringen, für die er ſeine Muſik geſchrieben und die ein Wunderwerk an Schönheit und Geſangskunſt ſein ſoll— wie heißt ſie doch— ei ja, richtig, die Sidi, die ſchöne Italienerin. Die will ich ſehen und hören, das ſchafft Zerſtreuung, das ſchafft Vergnügen. Ja, ja, Sie haben Recht, wie immer, Doktor, ich danke Ihnen. Und dazwiſchen eine Jagd und Reiten auf Tod und Leben— „Und hauptſächlich keine Grübelei über Nigwns unterſchiede—“ „Ja, ja, wenn'’s möglich iſt— ich will Ihren Rath befolgen, ich ſehe ſchon ſeine Richtigkeit ein. Ah!— ſehen Sie, ich werde müde, das iſt mir lange nicht begegnet. Gute Nacht, Doktor!“ Und er gähnte wiederholt, während ich meine Verbeugung machte und das Zimmer verließ. 2 86 In dieſer Art hatte ich manche unteheltmng mit — 17— ihm und ich mußte häufig Rath und Tröſtung ſpenden. Jene Erwähnung der neuen Oper Webers hatte aber wirklich ſeinen Geiſt eine Zeit lang ernſter beſchäftigt, als ich Anfangs glauben mochte, denn er wurde auch von Außen geſpornt und von allen Seiten an die Er⸗ füllung des allgemein gewordenen Wunſches erinnert. Alle muſikaliſchen Kreiſe der Stadt beſchäftigten ſich ſchon lange mit dem Gedanken an die Vorſtellung dieſer in ihrer Art damals noch nicht dageweſenen Merkwürdigkeit. Ich erinnere mich nicht genau, ob die Oper ſchon um dieſe Zeit in Berlin gegeben war, in dieſem Jahre aber, das weiß ich gewiß, wurde ſie zum erſten Male in Scene geſetzt. Man ſprach aber von ihr ſchon vor ihrer Aufführung als von einem muſikaliſchen Ereigniß erſter Größe. Hier und da hatte ein Reiſender irgend eine Kunde davon mit zurückge⸗ bracht, alle Blätter ſprudelten von Beifall über, und als man nun vernahm, auch der Herzog brenne vor Verlangen nach ihrer Darſtellung in hieſiger Stadt, da verſcheuchte ſchon die bloße Hoffnung darauf ſo manches düſtere Geſpenſt, was im Stillen die Runde durch alle Kreiſe der Geſellſchaft machte. So ober⸗ flächlich ſitzen die Gefühle, die die Leidenſchaften der Menſchen in Bewegung ſetzen, ſo leicht ſind ſie lenkbar und auf anmuthigere Wege des Lähans zu locken! Fritz Stilling. IV. 2 — 18— Ein Puppenſpiel zieht des Menſchen Herz oft von einem Leichengepränge ab. Und doch wohl ihm, daß es ſo iſt! Mein Freund Lehmanmn war natürlich von der 4 neuen Oper, ihrem Kapellmeiſter Weber und der be⸗ rühmten Sängerin vor Allen entzückt. Er war wie elektriſirt und trällerte bereits die lieblichen Melodien Morgens und Abends, die er ſich zu verſchaffen gewußt hatte und die beſtimmt waren, eine ſo große Erregung in allen Gemüthern der muſikaliſchen Welt hervorzu⸗ rufen. Zuletzt ward das Verlangen nach dem großen Ganzen dieſer Oper ein unentbehrliches Bedürfniß, man glaubte nicht mehr leben zu können, wenn man ſie nicht gehört, und wer es irgend möglich machen konnte, reiſte nach Berlin, um mit zu den Erſten zu 5 gehören, die ſie über die Breter laufen ſähen. Wem die Schilderung dieſes Enthuſiasmus zu ſtark und übertrieben erſcheint, weiß nicht, welche Ein⸗ drücke im Allgemeinen und Einzelnen der Freiſchütz bei ſeiner Erſcheinung auf der Berliner Bühne, ſowie gleichzeitig auf allen berühmten Bühnen Deutſchlands h und ſogar von Paris hervorgebracht. Er frage aber alte Leute, er leſe die Blätter jener Tage, und er wird mich nicht beſchuldigen können, in meinen Mittheil⸗ ungen über die Wahrheit hinausgegangen zu ſein. — 19— Da, etwa einige Wochen nach jenem erwähnten Abende, es war im Anfang des Oktobers, ward ich abermals zum Herzog berufen. Bernhard machte mir ſchon eine bedenkliche Miene, als er mir die Thür zu ſeinem Herrn öffnete. Der Herzog ſaß in ſeinem ge⸗ wöhnlichen Zimmer auf einem Seſſel vor dem Kamine, in dem ein kleines Feuer praſſelte, und ſtarrte mit unbeweglichen Augen in die Gluth. Neben ihm ſtand ein Tiſchchen mit brennenden Kerzen und einigen durch einander geworfenen, aber ungeöffneten Büchern. Eine ganze Weile ſtand ich ſchon in ſeiner Nähe und immer noch nicht hatte er ſein Auge auf mich ge⸗ richtet. Sein Geſicht war finſter, ſeine Haltung ganz wie die eines Menſchen, deſſen Leib nicht unter Auf⸗ . ſicht der Seele ſteht, während ſein Geiſt, von irgend einem Dämon gelenkt, in fernen Regionen ſchweift und den trügeriſchen Schatten ſeiner Einbildungskraft nach⸗ jagt. Endlich drehte er ſeinen Kopf nach mir herum und ſagte leiſe: „Guten Abend!“ *„Ew. Durchlaucht ſind unwohl?“ 5„Nein! Ich bin unwillig, weiter nichts. Haben Sie viele ſchwere Kranke?“ „Schwere? In dieſem Augenblick keinen ein⸗ zigen!“ . 2* —-— — 20— „Das freut mich. Wiſſen Sie ſchon, die Italienerin Sidi hat meine Einladung abgelehnt und der Menſch, der Weber, will auch nicht hierher kommen. Das hat man von den erbärmlichen Diplomaten, denen man ſich anvertrauen muß. Ich ſehe es immer mehr ein, ich habe keine Leute um mich, die meinen Willen ver⸗ ſtehen und meinen Neigungen entgegen zu kommen wiſſen— ich werde mir welche vom Himmel holen — müſſen.“ „Es giebt auch auf Erden treue Diener, Durch⸗ laucht, die Sie begreifen und gern Ihre Wünſche er⸗ füllen würden, wenn ſie ſie kennten.“ „Wo ſind ſie— ich ſehe ſie nicht. Welch' ein lächerlicher Knauſer mein Abgeſandter iſt! Denken Sie Sich, ich ſende ihn zu ihr, mit dem Befehl, Alles und da aufzubieten, um ſie für mich zu gewinnen, ſchreibt er mir, ihre Forderungen ſeien zu hoch, ſein Gewiſſen erlaube ihm nicht, ſie anzunehmen. Gewiſſen und ein Paar hundert Thaler Geld! Als wenn Geld auf's Gewiſſen fallen könnte, der Narr! Weiß er nicht, daß man nicht geizen darf, wenn man einen Genuß ½ haben und obendrein ſein Herz erleichtern will. Schon das Handeln und Schachern um dergleichen Dinge kann ich nicht leiden. Aber dennoch will ich ſie hören und muß ſie hören; ſie ſoll vor mir ſingen und ſollte — 21— ich ſie ſelbſt in meinem eigenen Wagen herholen. Wenn ich nur einen Menſchen hätte, der mich ſo recht be⸗ griffe— ich wollte ihm ganz freie Hand laſſen, für mich zu handeln. Die Welt braucht ja nicht zu wiſſen, wie theuer mir das koſtbare Spielwerk erkauft iſt, ſonſt brüllt ſie wieder los, als ob ich ihr ihre Nahrung entzöge. Ich liebe das Geſchrei nicht, welches mich einen Verſchwender nennt. Ich verdiene es auch nicht. Denn ich lebe für mich ſo einfach wie ein Privatmann, habe weder Weib noch Kind, mein Hof iſt der kleinſte in ganz Deutſchland und doch bin ich einer der reich⸗ ſten Fürſten darin. Aber— ich habe keinen Menſchen, der mir einen Gefallen thut— und— bitten kann ich doch auch nicht.“ 5 Es kam mir vor, als ob er auf dieſe ſchlau be⸗ rechnete Weiſe mich ſelbſt zur Erfüllung ſeines Wun⸗ ſches veranlaſſen wolle. Ich fühlte aber nicht die ge⸗ ringſte innerliche Neigung dazu. Eine ſolche Sendung lag gar nicht in meinem Berufe und in dem Bereiche maeiner Fähigkeiten. Ich war zwar auf einen ſo hohen Kunſtgenuß, der die Welt alle Tage mehr in Beweg⸗ ung ſetzte, ſelbſt ſehr begierig, aber— ein Arzt und eine Sängerin einladen— das war mir neu, das lag mir zu fern. Und doch ſah ich deutlich, daß der Herzog, je — 22— länger er ſchwieg und unverwandt in die Gluth ſchaute, eine günſtige Antwort von mir verlange, obwohl er keine direkte Frage an mich gerichtet hatte. Ich fing an, mir die Sache ernſtlich zu überlegen, aber raſch und wie im Fluge. Ich ſah ein, daß der Herzog von meiner Bereitwilligkeit, wenn er ſie im Auge hatte, und einem etwaigen Erfolge derſelben, große Erleich⸗ terung für ſeinen Gemüthszuſtand haben würde. All⸗ mälig kam mir die Sache ſchon möglicher vor. Einem vorſichtigen, ängſtlichen Diplomaten, der die Angelegen⸗ heit von ihrem äußeren Standpunkte aus ergriff, lagen vielleicht Hinderniſſe vor, die mir, dem von einem inneren Drange Getriebenen, nicht entgegen ſtanden. Wenigſtens fand ich vielleicht Mittel, eine Widerſpen⸗ ſtige zu zähmen, die jener nicht gefunden hatte. Es kam auf einen Verſuch an. Ich nahm mir vor, mit Unbefangenheit und Seelenruhe an das ungewohnte Werk zu gehen. Mißglückte es mir, ſo war mir nur begegnet, was Anderen auch begegnet war. Mit dieſen vorläufigen Ueberlegungen ſchnell zu Stande gekommen, fragte ich: 4 „Haben Sie alle Berſuche bei der Kinſlerime er⸗ ſchöpft, Durchlaucht?“ „Alle. Bitten, Ehren, Geld, mit einem Wort— Alles. — 23— „Und woran ſcheiterte Ihr Antrag?“ „Sie will nicht; ſie ſchützt allerlei Abhaltung, ein älteres Verſprechen, frühere Verpflichtungen und zuletzt eine große Abneigung, auf dem Theater zu ſingen, vor; ſie ſei eigentlich nur Concertſängerin, Weber allein habe ſte wider ihren Willen auf die Bühne gebracht und was dergleichen Ausflüchte mehr ſind, die ich alle nicht glaube, denn das weiß ich beſtimmt aus anderer Quelle, daß ſie nur bis Weihnachten für Berlin verpflichtet iſt und weiter nirgends. Weber will auch nicht, ſchreibt man mir— und das wird wohl die Hauptſache ſein; e liebt nur die Sonnen, und ich bin vielleicht in ſeinen Augen kaum ein Stern mittlerer Größe.“ „Weber? Den kenne ich.“ „Den kennen Sie? Woher?“ „Ich habe ihn früher einmal in Prag aufgeſucht. Er iſt ein liebenswürdiger, durch und durch gebildeter Mann; er iſt mehr als Künſtler, er iſt ein großer Menſch.“ „Doktor! dieſe Bekanntſchaft iſt ein Triumph für mich. Wollen Sie mir'einen Gefallen thun? Gehen Sie ſelbſt nach Berlin und verſuchen Sie Ihr Heil. Haben Sie Muth und Luſt dazu?“. „Muth genug, und die Luſt wird mir allmäͤlig — 24— kommen. Aber wenn ich ſcheitere? Ich bin ſo uner⸗ fahren in dergleichen Geſchäften.“ „Wenn Sie ſcheitern, haben Sie nichts in meiner Achtung verloren; ich betrachte Ihre Willfährigkeit nur als einen Liebesdienſt. Und Andere brauchen von dieſem Ihrem guten Willen nichts zu erfahren. Was Sie während Ihrer Abweſenheit hier verlieren, werde ich Ihnen erſetzen. Reiſen Sie ganz heimlich, ſagen Sie keinem Menſchen, wohin Sie gehen. In Berlin unterſuchen Sie zuerſt Luft und Strömung. Sehen Sie, woher der Wind weht und auf welchem Waſſer die ſeltſame Theaterprinzeſſinn ſegelt. Enthüllen Sie Sich Niemandem, bevor Sie mit ihr in Unterhandlung treten. Zuerſt fragen Sie, dann bitten Sie, zuletzt drängen Sie— nur, wenn Sie unüberwindliche Schwierigkeiten ſehen, ſtehen Sie ab.— Blößen müſſen Sie Sich nicht geben, denn es giebt eine Schranke, über die kein Mann von Ehre ſchreiten muß. Bitten kann man, aber nicht betteln. Gewahren Sie aber die Möglichkeit eines Erfolges, dann gehen Sie mit vollen Segeln auf Ihr Ziel los. Verſprechen Sie, was Sie wollen, was man verlangt, ſchließen Sie ab, wie Sie wollen, ſchonen Sie am wenigſten Geld— ich bezahle Alles aus meiner Privatkaſſe— das geht Niemandem etwas an und Niemand ſoll es erfahren. — 25— Und noch Eins— da Sie einmal nach Berlin gehen — ſehen Sie Sich doch nach dem Devrient um, der hat mir auch ſchon lange einen Beſuch verſprochen. Den faſſen Sie am Ohr und zerren ihn etwas in meinem Namen. Er hat mir ſchon voriges Jahr ge⸗ ſchrieben, er wolle mir einen angenehmen Winter be⸗ reiten, und er hat ſein Wort nicht gehalten. Beſtechen Sie ihn vor allen Dingen mit meinem Keller— er iſt ein Saufhaus, wie es kein zweites giebt. Er ſoll ſchwimmen in Champagner, ſagen Sie ihm, auch andere Sorten wären in Fülle da. Man muß jeden Menſchen bei ſeiner ſchwachen Seite faſſen, Sie wiſſen ja, das iſt eine alte Diplomatenregel.“ Als er dies ſagte, lächelte er ein wenig. Schon die Möglichkeit des Gelingens ſeiner Pläne verſchaffte ihm eine kleine Gemüthserleichterung. Ich konnte, falls mir mein Auftrag gelang, auf ſein ganzes künf⸗ tiges Vertrauen rechnen. Das ſah ich ein und das gab mir eine noch größere Spannkraft. Zuletzt ſogar em⸗ . pfand ich ein wahres Vergnügen daran, vielleicht einen Auftrag auszurichten, den Andere nicht hatten in’s Werk ſetzen können. Ich ſagte alſo zu und ver⸗ ſprach dem Herzog, in zwei Tagen meine Sendung 4 anzutreten, denn ſo viel Zeit gebrauchte ich, um meine — 26— Geſchäfte zu ordnen und meinen Stellvertreter gehörig zu unterweiſen. Als er mich verabſchiedete, bot er mir die Hand, was er nur that, wenn er ganz zufrieden mit Je⸗ mandem war. Er nickte mir ſogar lächelnd zu, als ich zur Thür hinausſchritt. Obgleich es ſchon beinahe acht Uhr Abends war, als ich das Schloß verließ, ſo hielten ſich doch in dem tageshell erleuchteten Vorzimmer mehrere Hofleute auf den Befehlen des Herzogs entgegenſehend. In ver⸗ ſchiedenen Gruppen ſtanden ſie umher und plauderten leiſe. Nur ein Einzelner ſtand von Allen abgeſondert in einer Ecke, mit der Betrachtung eines ſchönen Bil⸗ des beſchäftigt, und zwar in einer Stellung, daß es mir däuchte, als ob er die Uebrigen oder die Uebrigen ihn vermieden. Als ich raſch an ihm vorüberſchritt, drehte er ſich halb nach mir um, und mich blickten zwei katzenartig funkelnde Augen an, wie ich ſie kaum je ſo lüſtern, diebiſch auflauernd und unheimlich flackernd geſehen zu haben glaubte. Und doch— aber was gingen mich dieſe Augen jetzt an— ich hatte etwas ganz Anderes im Sinne; ich war in dieſem Augenblick Diplomat, ein geheimer Geſandter.— Ich kam zu Hauſe an, begann mir mein Vorhaben ruhig zu über⸗ denken und ordnete ſchon im Voraus meine Geſchäfte. — Am anderen Tage ritt ich nach Brandſtein, um mich auf einige Zeit zu verabſchieden. Ueberall ſchützte ich eine Reiſe in Familienangelegenheiten vor; meiner Mutter aber und Lehmann's gab ich zu verſtehen, daß ich eine Reiſe antrete, die mir Glück bringen könne. Das genügte ihnen und ſie ließen mich ziehen, ohne nach den näheren Umſtänden meines geheimnißvollen Vorhabens zu fragen. ³⁴ II. Ein deutſcher Schauſpieler. Ich kam gegen Mittag in Berlin an und ſtieg in einem der größten Gaſthäuſer ab, welches ſchon zu meiner Zeit der Sammelplatz aller bedeutenden Künſtler der Hauptſtadt und ihrer Gönner war. Da mich Niemand kannte und ich mich einfach Dr. Stilling nannte, ſo konnte kein Menſch meine Abſicht vermuthen, wenn ich nach verſchiedenen Seiten hi Nachforſchungen anſtellte. Und dieſe wurden mir, ohne daß ich ein Wort ſprach, ſehr leicht gemacht, denn als ich bei Tafel erſchien, fand ich eine große Anzahl Künſtler aus allen Gebieten vor, die ſich mit ihren Verehrern ungezwungen über Alles und Jedes unterhielten, was mir für's Erſte zu wiſſen Noth that. Im Ganzen drehte ſich das Geſpräch zunächſt um die Muſik der neuen ange⸗ — ———— — — 29— ſtaunten Oper. Man lobte Weber über alle Maßen und entwickelte bis in's Kleinſte die verſchiedenſten Anſichten über das himmliſche Meiſterwerk, wie man es nannte. Dann aber ging man ſehr bald auf die Sidi über, die man als ein anbetungswürdiges Weſen pries, deren Schönheit und Liebreiz, deren Macht der Stimme, Kunſt des Geſanges, Adel des Vortrags man dergeſtalt in allen Einzelnheiten rühmte, daß ich ganz ängſtlich und um den glücklichen Erfolg meiner Aufgabe beſorgt wurde. Auch ihr Benehmen außer⸗ halb der Bühne würdigte man ſehr; man erzählte ſich, daß ſie allein Webers und einiger anderer ausgezeich⸗ neter Perſonen Beſuch annehme, daß nur verheirathete Künſtler mit ihren Frauen bei ihr Zutritt hätten, daß ſie in keine Geſellſchaft gehe, nur der Kunſt und zu⸗ nächſt ſich ſelbſt lebe, daß ſie ſchon manches vor⸗ nehmen Mannes Hand ausgeſchlagen habe und über⸗ haupt nur mit Widerſtreben auf das Theater gegangen ſei, da ſie, durch glückliche Vermögensverhältniſſe un⸗ abhängig geſtellt, durchaus nicht zum Erwerbe ge⸗ zwungen ſei. Alle dieſe geſprächsweiſe nach einander laut werdenden Mittheilungen hörte ich ruhig an und ich muß geſtehen, daß meine Meinung von der fremden Sängerin von Augenblick zu Augenblick wuchs, und ich es unter dieſen Umſtänden für kein allzu leichtes — 30— Unternehmen hielt, eine ſo begabte Künſtlerin für meinen Herzog zu erobern. Nach Beendigung des allgemeinen Tiſchgeſprächs fragte ich einen jungen Mann, der neben mir ſaß und vorzugsweiſe von allen Einzelnheiten der Lebensweiſe der Künſtler unterrichtet ſchien:„Wo wohnt die Sig⸗ nora Sidi und wann kann man ſie am beſten ſprechen?“ „Sie wohnt in der Leipzigerſtraße Nr. 50 bei einer Freundin. Heute iſt ſie in Potsdam beim Könige, wohin ſie häufig geladen wird; morgen aber iſt ſie wieder hier, denn ſie ſingt am Abend die Agathe, worin ſie unübertrefflich iſt.“ Alſo ſie war nicht anweſend. Wohl, ſo wollte ich zuerſt zu Devrient gehen. „Wiſſen Sie vielleicht, wo Ludwig Devrient wohnt?“ „O, der wohnt überall, nur nicht in ſeinem Hauſe, in dem er nur ein Paar Stunden vor Tagesanbruch ſchläft. Wenn Sie ihn aber ſprechen wollen, gehen Sie in die Weinhäuſer, da lebt und wirkt er in Humor, wie er ſagt.“ 3 „Aber wo iſt ſein Haus, ſeine Wohnung?“ „Ich glaube, in der Friedrichsſtraße Nr. 120— aber ich ſage Ihnen vorher, Ihr Gang dahin iſt ver⸗ geblich.“— * — — 31— Dennoch ſuchte ich das bezeichnete Haus Nach⸗ mittags um drei Uhr aufV; ich wollte wenigſtens den Wirth des Schauſpielers ſprechen, um von ihm die Stunde zu erfahren, wann ich den unſteten Mann ſprechen könne. „Sie treffen es ſehr glücklich,“ ſagte lächelnd der Wirth, der ein Kaufmann war.„Devrient iſt augen⸗ blicklich zu Hauſe, denn ſein Arzt hat ihm das Aus⸗ gehen bis ſechs Uhr Abends verboten, er iſt etwas leidend.“ „Doch nicht ſehr?“ „O bewahre, nur wie er eigentlich in ſeinen vier Pfählen immer iſt; heute Abend ſpielt er ſogar den Franz Moor.“ Mit dieſen Worten wies mich der gefällige Mann zurecht und ich ſtieg mit einigem Herzklopfen die Treppe hinauf, meinen erſten diplomatiſchen Verſuch zu machen und das große Genie zu ſehen, welches damals, noch nicht 37 Jahre alt, für den größten Schauſpieler Deutſchlands galt. Oben auf dem Flure angekommen, ſah ich mich vergeblich nach einem Diener oder einer Schelle um. Auch kein Name war an irgend einer Thür zu leſen, Devrient ſchien hier wirklich ſehr wenig zu Hauſe zu ſein. Ich klopfte an einige Thüren— vergebens— 5 — 32— endlich an der dritten rief eine laute Stimme ein etwas ärgerlich klingendes Herein! Ich öffnete die Thür, trat in ein nachläſſig ge⸗ haltenes Zimmer von ziemlicher Größe und ſah einen blaſſen Mann in einem verblichenen rothſammetnen Schlafrock, der, mit nachgeahmtem Hermelin beſetzt, einem früheren Königsmantel auf ein Haar glich, lang ausgeſtreckt auf einem Sopha liegen, und mich mit einem Blick unter ſeinen wild über die Stirn hängenden dunklen Haaren hrvor anſtarren, als habe er ſich ſo eben erſt von der Anſchauung eines Gorgonenhauptes abgewendet.. Ich habe ſelten im Leben völlig geſunde, faſt nie von Fülle des Leibes ſtrotzende Künſtler gefunden, was namentlich von Schauſpielern und Muſikern erſten Ranges gilt, im Gegentheil ſehr häufig ſchwächliche, ſelbſt auffallend leidende Menſchen in ihnen getroffen. 1 Und das iſt natürlich. Denn abgeſehen von den Leiden⸗ ſchaften, die an ihren Herzen nagen, und vong dem heißen Blute, welches in ihren Adern rollt, ſind ſie ſtets im geiſtigen Ringen und Kämpfen begriffen, und ihr Geiſt, weil t mächtiger iſt, zehrt ihren vernach⸗ läſſigten Körper auf, ihre phyſiſche Organiſation wird* dadurch geſtört und ſie welken frühzeitig dahin, wie — 33— eine ſchöne Blume, deren Kern ein Wurm zernagt, oder wie eine Pflanze, die man in einer kälteren Temperatur erzieht, als für welche ſie geſchaffen iſt. Der große Künſtler gehört wenig und nur in ſeltenen Stunden der äußeren Welt an, er geht ſeinen eigenen Weg, einem fernen Ziele entgegen; und ſo nieder⸗ ſchlagend es iſt, ſo wahr iſt es doch, er ſieht ſein Licht in der Regel, oder wenigſtens oft, früher erlöſchen, als der nur materiell lebende Menſch, weil er ſein Lebensöl viel ſchneller und gewaltſamer verzehrt, als jener. So ſehr man dieſe ſchnelle Selbſtverzehrung bedauern muß, ſo ſcheint ſie doch mit der höhern Ent⸗ wickelung der Künſte ſelbſt inni verknüpft zu ſein, denn nur das ſchnell lodernde Feuer wärmt bald und gut, während ein langſam kriechendes Seele und Leib unbehaglich läßt und keine Flammen zum Himmel ſendet. Kämpfen aber und ringen, alſo entſagen muß die Künſtlernatur, um ſich ſelbſt und Anderen zu ge⸗ nügen, denn nur in ewigem Kampfe ſtählt ſich die Kraftz wächſt das Talent. Man gebe tauſend Künſt⸗ lern ein glänzendes Lebensglück, Fülle der Reichthümer, ein Meer von Genuß und 999 davon werden nicht zu dem Ruhme und Ziele gelangen, ie jene, die arm und bedürftig ſind. So ſonderbar eigenſinnig iſt die armſelige Menſchennatur beſchaffen, ſolche Schranken Frit Stilling. IV. 3 verlangt ſie, denn der Kampf iſt ihre irdiſche Noth⸗ wendigkeit, nur er führt zum Siege. Man verzeihe die Abſchweifung, aber ich konnte ſie nicht unterdrücken, denn ſie birgt zu viel Wahrheit und wird die kurze Schilderung, die ich von dem ſo bekannten und verehrten Künſtler hier zu geben ge⸗ denke, ergänzen. Da lag alſo dieſer Mann, von dem ich ſo viel gehört und den ich nun mit eigenen Augen zu ſehen das Glück haben ſollte, vor mir. Wie groß war er von Körper, denn ſeine Seele läßt ſich ſo leicht nicht meſſen? Das war immer ſchwer, und jetzt, da er lag, noch ſchwerer zu beſtimmen. Denn er war bald groß, bald klein, bald dick, bald dünn, bald bucklig, bald ſchlank gewachſen, bald geſund, bald ge⸗ brechlich— kurz, er war Alles, was und wie er es ſein wollte, denn er war vielgeſtaltig, dieſer moderne Proteus, dieſer geiſtige Rieſe, der nur ein Zwerg in der Bezähmung ſeiner menſchlichen Leidenſchaften und üblen Angewohnheiten war. Ich ſtand alſo dicht vor ihm und ſchaute ihn voll und dreiſt an. Er kam mir in ſeiner ſonderbaren Kleidung, ſeinem wirren Haar, ſeiner blaſſen, kränk⸗ lichen Geſichtsfarbe merkwürdig und beinahe wie ein Gemüthskranker vor, nur ſeine Augen blitzten mir kern⸗ ggeſund entgegen, als hätten ſie unmittelbar dem Pro⸗ metheus den belebenden Funken geſtohlen. Dann, die Arme gegen mich, gleichſam abwehrend, ausſtreckend, fuhr er halb in die Höhe und rief:„Halt da! Sind Sie ein Dämon der Hölle oder ein Engel des Lichts — hal bringen Sie Gutes oder Schlimmes? Gieb Antwort, Geiſt in Menſchengeſtalt— Schlimmes will ich nicht hören— denn ich bin krank!“ „Ich bin weder das Eine noch das Andere,“ erwiederte ich,„nur ganz einfach ein Menſch, der hier⸗ her gewieſen iſt, um Ludwig Devrient zu ſprechen und überdies ein Menſch, der Gutes bringt.“ „Gutes? Herrlich! Das brauche ich. Und Lud⸗ wig Devrient? Ja, der bin ich— das ganze arme Stück Menſchenfleiſch, was hier liegt, nennt man ſo. Treten Sie näher und entwickeln Sie Sich. Ich höre. Was bringen Sie Gutes?“ „Zuerſt einen Gruß 44 „Teufel! Von wem? Gieb dem Dinge einen Namen, Menſch, damit ich weiß, von wannen die Bot⸗ ſchaft. Alle Welt kann mich grüßen laſſen, ich mag aber nicht von aller Welt gegrüßt ſein. Sprechen Sie — ich liebe aber eine beſtimmte Antwort, wie ich die Sonne und den Nektar liebe. Wer läßt mich grüßen?“ „Ein Fürſt, ein Herzog, der mich zu Ihnen geſendet hat, um Sie an ein Verſprechen erinnern zu laſſen.“ — 36— „Ein Verſprechen? Mein Herr! Ich bin ihm doch nichts ſchuldig? Das würde mir leid thun, denn ich bin eben nicht bei Kaſſe.“ Ich mußte unwillkürlich lächeln, denn Mienen und Geberden, mit denen er alle dieſe abgeriſſenen Worte begleitete, waren voll von einem ſo ſchlagenden Humor, daß ſie wie die feinſte und durchdachteſte Kunſt erſchie⸗ nen, obgleich ich wußte, daß ſie nur ein natürlicher Er⸗ guß dieſes ſo wunderbaren Menſchen waren. „Ich komme nicht, um Ihre Kaſſe zu leeren,“ fuhr ich fort,„als vielmehr, um ſie zu füllen.“ „Aha! Dieſer Gedanke ſtammt von Gott, er iſt wirklich gut. Fahren Sie fort, Mann, Sie gefallen mir. In Ihren Augen liegt eine gewiſſe ſpendende Gutmüthigkeit— darf ich bitten, ſich zu ſetzen— aber was iſt die Uhr? Ich habe feine”“ 1 „Zwiſchen drei und vier Nachmitags.“ „Herrlich, Dann habe ich ngh Zeit. Fahren Sie fort. Welcher Herzog, Doge oder König alſo ſchickt Sie zu mir?“ „Der Herzog von...“ 3 „Pfui! Bitte— ich meine nicht Ihren Herzog, ich meine nur meine Vergeßlichkeit— denn da fällt mir meine ganze Sünde ein.“ 4 18 — 37— „Ich kann Sie abſolviren, denn eben deshalb komme ich, ich ſoll Sie allein an Ihr Verſprechen erinnern, Seine Durchlaucht zu beſuchen.“ „Große Ehre! Er will mich doch nur als Hans⸗ wurſt haben, nicht wahr? Um ihm die; Zeit und bittre Laune zu vertreiben? Wie?“ „Er will Sie als Künſtler auf ſeiner Bühne ſehen und bewundern, und Sie ſollen ſeinen Dank dafür entgegen nehmen, ſeinen Geſchmack würdigen und ſeine Freigebigkeit preiſen lernen.“ „Schön! Das iſt aber viel geſagt. Am beſten gefällt mir die Freigebigkeit. Sie ſteht einem Fürſten ſo ſchön, wie mir die Elaſticität meiner Muskeln. Wann wünſcht er meine Gegenwart?“ „Sobald es Ihre Zeit erlaubt, das Theater wird am erſten November eröffnet.“ Vor Ende Dezembers kann ich nicht, ich ſitze hier feſt. Vielleicht duch dann noch nicht und höchſtens nur auf ein Paar Sge. 28. 3„Dann ſoll jeder Tag ſo hell erleuchtet werden, wie ein Monat wo anders.“ „Ihre Erleuchtung gefällt mir; außer der himm⸗ liſchen Sonne liebe ich auch die Prſchen, wenn ſie ächt vergoldete Strahlen werfen.— Muß ich nicj münd⸗ lihfa vder ſchriftlich verpflichten?“ „Das können Sie halten, wie Sie wollen.“ Er ſtand auf, machte ein Paar Schritte im Zim⸗ mer herum, reckte ſich, gähnte, beſah ſich im Spiegel und das dauerte ſo lange, daß es ſchien, er habe meine Anweſenheit bereits wieder vergeſſen. Endlich, als er alle möglichen Bewegungen mit ſeinem Körper vorge⸗ nommen und ſich von der elaſtiſchen Biegſamkeit des⸗ ſelben überzeugt hatte, ſah er aus dem Fenſter und ſagte: 8* „Es ſcheint gut Wetter zu ſein.“ „Wir haben ſogar Sonnenſchein und es iſt ziem⸗ lich warm für den Oktober.“ „Schön. Ich finde mich leidlich geſund. Wiſſen Sie was? Kommen Sie mit nach einem Orte, wo ich gern bin, da wollen wir über Ihre Angelegenheit weiter ſprechen.“ „Sie dürfen ja nicht ausgehen, Sie ſind ja leidend.“ „Dummes Zeug! Menſchengedanken ſind nicht Gottes Gedanken. Gehe ich Abends ſechs Uhr aus, kann ich auch Nachmittags vier Uhr ausgehen. Ich muß ja heute Abend den Franz Möor ſpielen. Mit⸗ hin muß ich mich ſtärken und allmälig an die Abend⸗ uſt gewöhnen.“ . N Während er langſam und gleichſam um ſich in ſeinem Entſchluſſe zu befeſtigen, dieſe Worte ſprach, fing er an, ohne meine Anweſenheit im Geringſten zu beachten, ſich zu entkleiden und zum Ausgehen wieder anzukleiden. Während dieſer Beſchäftigung ſetzte er ſeine Geberden und Bewegungen fort, mitunter einen unterdrückten Fluch zwiſchen den Zähnen murmelnd, oder ein leiſes Pfeifen von ſich gebend, welche Zeichen alle, ſo einfach ſie waren, aus der Tiefe eines kochen⸗ den Vulkans zu kommen ſchienen und mich die dämo⸗ niſche Gewalt dieſes Menſchen ſelbſt in ſolchen Kleinig⸗ keiten anſtaunen ließen. Endlich, denn ſeine Hände ſchienen ſchwach wie die eines Kindes zu ſein und ſelbſt die kleinſten Verrichtungen nur mit Mühe zu Ende zu bringen, war er fertig; er warf einen blauen Mantel über die Schultern, ſetzte ſeinen Hut auf und rief: „Ich ſtehe zu Dienſten! Mögen die Götter der Ober⸗ welt meinen Austritt ſegnen, für meine Heimkehr ſor⸗ gen die unterirdiſchen. Vorwärts!“ Und wir ſtiegen langſam die Treppe hinab und kamen auf die Straße, wo er eine Weile ſtehen blieb und ſich nach allen Seiten umblickte. Endlich haſtete ſein durchdringendes Auge auf einem jungen Menſchen mit bleichem und etwas kummervollem Geſicht, der langſam vor der Thür auf und ab ging und, ſobald 8 6 8 er Devrient wahrnahm, erröthete und mit tiefer Er⸗ gebenheit den Hut zog. „Aha!“ murmelte Devrient.„Dachte ich mir's doch! Sehen Sie, das iſt mein Schatten, der will mich ſogar auf der Straße ſtudiren.“ Und er nickte dieſem beſcheidenen Schatten mit unverändertem Ge⸗ ſichtsausdruck zu, nicht freundlich, nicht herbe, einfach gleichgültig und doch vertraulich. Dann ſchritten wir langſam weiter, während der Schatten in ehrerbietiger aber gleichmäßiger Entfernung uns folgte. Um ein Paar Straßenecken biegend, dann und wann einem Menſchen zunickend, führte er mich in ein Weinhaus, welches in der Nähe des Schauſpielhauſes lag und in dieſem Augenblick von Beſuchern leer ſtand, denn es war eine ungewöhnliche Zeit, Wein zu trinken und Auſtern zu eſſen. Kaum aber war Devrient in dieſe Weinſtube getreten, ſo veränderte ſich wie auf einen Zauberſchlag ſein ganzes Weſen, es war, als wenn die ſchweren und kräftigen Dünſte, welche die Atmoſphäre des Weinhauſes erfüllten, ſchon in ſein Gehirn aufſtiegen und deſſen Nerven elektriſirten. Er fing an zu lächeln, nickte einem Kelluer ſehr freundlich zu, der ihm ſogleich Hut und Mantel abnahm, und ſagte nur das eine Wort, wobei ſich die Gluth der . 54 — 3 — — 411— ganzen ſüdlichen Sonne um ſeine Lippen zu concentrire ſchien:„Spaniſch!“ Augenblicklich wurde eine Flaſche alten ſpaniſchen Weines und zwei Gläſer auf den Tiſch geſtellt, die Devrient ſogleich vollſchenkte und eins davon hinunter⸗ goß, als wäre es Waſſer. Dieſem erſten folgte als⸗ bald ein zweites, und nun erſt wandte er ſich zu mir und deutete auf das andere Glas, welches ich nahm und davon verſuchte. „Ha!“ ſagte er mit einer Behaglichkeit ohne Gleichen, indem er mit der Rechten an ſeinem Leibe hinunterſtrich—„Nun wird mir wieder wohl. Dieſe verteufelte Nüchternheit— die Mutter für Gänſe— ſie verdirbt mir noch den ganzen Humor, ich trockene aus wie eine Mumie, oder friere ein, als wäre ich in Sibirien. Nun, trinken Sie doch einmal aus— Ihr Herzog ſoll leben! Hat er einen guten Keller?“ „Einen vortrefflichen; Ihnen das mitzutheilen, hat er mir beſonders aufgetragen. Sie können ſchwim⸗ men in Champagner, hat er geſagt.“ „Champagner? Zuckerwaſſer für Leute von Geiſt — nein, nein! Spanier, Ungar, Grieche— das ſind die Klaſſiker, die ich ſtudire, darin iſt Leben, Feuer, Poeſie — Donnerwetter! Kerl von Kellner, glaubſt Du, ich bin ſterbend? Willſt Du mich verdurſten laſſen, Seele 4* — 412— der Nüchternheit? Wir ſind zwei Menſchen und ich ſehe nur eine Flaſche, noch dazu eine leere.“ Und dabei ließ er ſeine Fauſt, wie zufällig, auf den Tiſch fallen. Der Tiſch wackelte, die Flaſche tanzte, die Gläſer klirrten und der verblüffte Kellner brachte trippelnd und erröthend eine zweite Flaſche, die er in den Bereich der Hand des Künſtlers ſtellte. Denn, hätte ich es nicht ſelbſt geſehen, ich würde es nicht geglaubt haben, in nicht zehn Minuten war die erſte Flaſche geleert und die etwas bebende Hand des ſeltſamen Mannes ſtreckte ſich ſchon nach der zweiten aus. Da aber ſah er, daß der Kork ihren geiſtreichen Mund noch ver⸗ ſtopfte. Er ſprang auf, zitternd, ein Gewitter in Mienen und Geberden tragend, und lief mit geballten Fäuſten einige Mal auf und nieder. „Menſch!“ rief er mit ſo ſchneidender, gellender Stimme, daß es mich kalt überrieſelte,„Sohn des Satans, Du Ausgeburt der Hölle, ſoll ich Dir Dein Bischen Gehirn mit einem Korkzieher aus dem Kaſten da reißen? Iſt mein Finger ein Schraubenzieher? Soll ich mich alle Tage über Dich zu Tode ärgern?“ Und er gab dem ſchnell davoneilenden Kellner einen ſo derben Puff in den Rücken, daß er ſtolpernd in die nächſte Ecke flog; dann aber lief der Schauſpieler, der — Z— warm zu werden ſchien, wie ein angeſchoſſener Eber auf und ab, ſprühend vor Wuth, die aber durchaus nichts Gefährliches an ſich hatte. Es war, als wenn er mir, der verwunderungsvoll auf ſein Benehmen ſchaute, nur ein Vorſpiel ſeiner Kunſt geben wollte, und in der That, ich ſchwelgte in Genuß. Ich ſah alles Andere vor mir, nur nicht einen gewöhnlichen Menſchen. Unterdeſſen, und während die zweite Flaſche ihren duftenden Inhalt ergoß und auch ſchon dem Verbluten nahe war, hatten ſich einige Gäſte in dem Zimmer eingefunden, die in unſerer Nähe einige Tiſche ein⸗ nahmen, ſich anſcheinend über die umherliegenden Zeit⸗ ungen bückten und ein Glas Rothwein tranken, ihre Augen aber unverwandt auf den Künſtler gerichtet hielten, der allein dieſe Neugierigen zu ſo ungewohnter Stunde in das Weinhaus gezogen zu haben ſchien. Am weiteſten von uns entfernt aber hatte ſich beſcheiden und ſtill der bleiche junge Mann niedergelaſſen, der gar nichts trank, aber mit durſtigem Auge und ge⸗ ſpannten Geſichtsmuskeln an jeder Bewegung des großen Mannes hing.. „Hier werden wir nicht viel Zeit haben, über unſere Angelegenheit zu ſprechen,“ fing ich endlich an, als mehr und mehr Menſchen kamen, obſchon ſie in ſcheuer Entfernung von unſerem Tiſche blieben. „Welche Angelegenheit?“ brummte der Künſtler. „Hier giebt es keine Angelegenheit, als die Säfte Gottes zu ſchlürfen, die er zu unſerem Labſal gekeltert hat— hal eine neue Flaſche, Knecht Bacchus!“ Mit dieſen Worten rollte er die zweite Flaſche dem fliegen⸗ den Kellner entgegen, die, unglaublich genug, geleert war, ohne daß ich es bemerkt, wer und wie ſie aus⸗ getrunken, denn ihr Inhalt ſchien verſchwunden zu ſein, wie der Regen im Meere verſchwindet. Da, als die dritte gefüllt vor ihm ſtand, wurde er ſtill, ſchlug die Arme vor der Bruſt über einander und ſenkte den edlen Kopf.„Wo ſie bleiben!“ mur⸗ melte er.„Ach! es iſt kein Leben mehr in Berlin, keine Friſche, kein Geiſt— ſie ſind todt, ſie ſterben dahin, vor mir und ich— bleibe allein. Schreckliches Loos!“ Und er knierſchte mit den Zähnen und rollte die Augen, daß ich ihn beſorgt anblickte, denn ich glaubte, er würde in Krämpfe verfallen. Um uns herrſchte trotz der vielen Menſchen eine Todtenſtille, alle Augen und Ohren hingen an dem ungewöhnlichen Manne, der hier außerhalb des Schauſpiels ein Schau⸗ ſpiel aufzuführen ſchien, welches alle Zungen gefeſſelt . 3 hielt. 1 — — 45— Da ſchlug es fünf Uhr von dem nahen Kirch⸗ thurme. Herein in die Weinſtube trat ein kleiner un⸗ bedeutender Mann und ſchaute ſich rings um. Als er Devrient am Tiſche ſitzen ſah, ſchmunzelte er und trat näher, einen Finger auf die Schulter des Künſt⸗ lers legend. „Momento mori!“ flüſterte er mehr, als er ſprach. Devrient drehte ſich haſtig um und ſchaute das kleine Männchen erſchrocken an.„Pygmäe,“ rief er, „Du biſt's? Ich dachte ſchon, es käme einmal ein Rieſe. Was willſt Du mit Deiner Grabesſtimme? Geh weg, Du biſt in meinen Augen nur eine Krähe.“ „Herr Devrient! Es iſt fünf Uhr vorbei. Kom⸗ men Sie nicht bald?“ 3 „Ja! Ich komme!“ Und der kleine Mann verſchwand. In einer Viertelſtunde aber kam er wieder. Derſelbe Auftritt, ähnliche Fragen und Antworten wiederholten ſich. Um halb ſechs kam er noch einmal, endlich dicht vor ſechs kam er zum letzten Mal, nun aber blieb er ſtehen, Mantel und Hut des Künſtlers ſchon auf dem Arme tragend. 6 Devrient rollte die Augen wie Feuerräder, trank raſch zwei Gläſer des ſeurigen Weines nach einander aus und ſtand dann auf. Er wurde ſtill und lenkſam — 16— wie ein Kind, blickte ſich im Zimmer um, nickte mir zu, ließ ſich den Mantel umhängen, den Hut auſſetzen und folgte dem kleinen Manne, der ihn am Aermel des Mantels feſthielt und dicht neben ihm hinauseilte. Dieſe ſonderbare Scene, hörte ich ſpäter, wieder⸗ hole ſich faſt alle Tage, wenn der Garderobendiener, das war der kleine Mann, der Devrient anzukleiden hatte, ihn an ſeine Pflicht erinnerte und in das Schau⸗ ſpielhaus holte. Ich ſtand auch auf, bezahlte die vier Flaſchen Madeira, die wir geleert hatten und folgte der Spur des Künſtlers und ſeines Mentors auf der Straße. Mir war in Folge der zuletzt verlebten aufregenden Stunden etwas beklommen zu Muthe; ich fürchtete für den dahin wankenden Schauſpieler, denn ich konnte nicht glauben, daß ein Menſch, der eben beinahe vier Flaſchen Madeira getrunken, im Stande ſein könne, eine ſo ſchwierige Rolle, wie die des Franz Moor, mit Geiſt und richtiger Würdigung durchzuführen. Aber ich kannte Ludwig Devrient nicht. Mich be⸗ ruhigte darüber auch ſehr bald der junge bleiche Mann, der, als er ſah, daß ich einen und denſelben Weg mit ihm verfolgte, ſich an mich anſchloß, nachdem er höf⸗ lich gegrüßt hatte. — — — 7— „Wollen Sie ihn auch auf den Bretern ſehen?“ fragte er mich zuvorkommend. „Ja, mein Herr, das iſt meine Abſicht.“ „Dann werde ich für uns Beide ein Billet löſen, Sie bekämen ſonſt keines mehr, denn es iſt zu ſpät, das Haus iſt voll. Ich aber bin hier etwas bekannt.“ Und er ging raſch in das Billetverkaufsbüreau und brachte bald die Billets heraus, die ich beide be⸗ zahlte, was er erſt nach einigem Widerſtreben geſtattete. Aber der junge Menſch dauerte mich, er ſah ſo ſehr bekümmert und etwas ärmlich aus. Wir traten ein und fanden das ganze Haus bis unter die Dachbalken gefüllt. Mein Gefährte blickte ſich rund um, und als er die Menge harrender Menſchen ſah, ſeufzte er laut auf und ſagte halblaut:„Ich verdenke es ihnen nicht.“ Dann aber ſich zu mir wendend, während wir ſchon auf unſeren Plätzen ſaßen, fragte er mich:„Sind Sie nicht erſtaunt geweſen, den großen Mann ſo viel trinken zu ſehen?“ „Allerdings. Es ſcheint aber ein Bedürfniß für ihn zu ſein, obgleich ich es für ein Unglück halte, denn es wird ihm das Leben koſten.“ „Wie man es nehmen will. Vielleicht wäre er ohne jenen ſpirituöſen Anreiz nicht ſo geiſtig groß. Für mich aber iſt es ein ſehr hoher Genuß, ihn bei — 48— lerne dabei ſehr viel von ihm und würde ſonſt wenig Gelegenheit haben, ihn außer ſeinem Spiel ſtudiren zu können; er iſt ſo ſchwer zugänglich.“ „Dann ſind Sie wohl auch ein Schauſpieler?“ „Ach ja, wenigſtens ein Anfänger in dieſer ſchweren Kunſt, ein reiſender Student, der ſich ſeine Meiſter ſucht, wo er ſie findet, und Gott ſei Dank, daß ich dieſen gefunden.“ „Und Ihr Name, wenn ich darum bitten darf?“ „Ach, mein armer Name wird Ihnen unbekannt ſein, es kennt ihn noch Niemand, ich will ihn erſt be⸗ kannt machen. Aber ich heiße Karl Seydelmann.“ „Ich danke Ihnen, und was meine Perſon be⸗ haben ſich aber in Devrient einen tüchtigen Meiſter gewählt.“ 4 „Gewiß. Er demüthigt mich aber beinahe eben ſo ſehr, wie er mich erhebt. Ich fühle mich ſo klein der Flaſche ſitzen zu ſehen und zu beobachten; ich trifft, ſo bin ich ein Arzt und heiße Stilling. Sie — und winzig in ſeiner Nähe. Ihm hat die Natur Alles gegeben, Geiſt, Humor, Witz, Genie, herrliche Or⸗ gane, Adel, eine bedeutende Miene und gelenke Glieder; mir dagegen hat ſie dies Alles verſagt, ſelbſt eine un⸗ angenehme und klangloſe Stimme habe ich zu beſiegen. Und dennoch— wie wunderbar!— hat ſie mir den 4 — 49— 8 unwiderſtehlichen Drang in die Seele gelegt, ein Schau⸗ ſpieler zu werden— ich bin bisweilen recht betrübt über dieſen ſchrankenloſen Durſt nach einer ſo ſeltenen Ruhmesſtaffel. Mein ganzes Leben beſteht in weiter nichts, als in ewigem Kampfe um die Kunſt und das Handwerk. Ich will ein Künſtler werden und doch ſcheine ich nur zum Maſchiniſten geboren. Aber ich will, ich will wahrhaftig noch triumphiren.“ „Mit dieſem edlen Vorſatze werden Sie es ſchon zu Etwas bringen; Fleiß und guter Wille thun viel.“ „Freilich wohl— doch— geben Sie Acht, die Muſik fängt an.“ Und die Muſik fing an und nach ihr das Stück, Schillers Räuber. Jedermann weiß, wie Devrient den Franz Moor, wie er jede Rolle ſpielte, ich brauche alſo darüber nichts zu ſagen. Ich war wie aus den Fugen meines Weſens gerückt, als ich ihn toben und wüthen ſah, als ich ihn brüllen und flüſtern hörte. Es war mir unbegreiflich, wie er die Dünſte des Weines bemeiſterte, die in ſeinem Gehirn und durch ſeinen ganzen Körper kreiſen mußten; aber um ſo größer und gewaltiger erſchien mir ſeine natürliche geiſtige Kraft. Das Stück war zu Ende. Ich glaubte Devrients Kräfte erſchöpft und äußerte dieſe Meinung gegen meinen Nachbar, der ſprachlos, mit offenem Munde Fritz Stilling. IV. 4 — 50— und gefalteten Händen jedem Hauche des großen Meiſters mit Bewunderung geſolgt war. „Erſchöpft?“ fragte er.„Da irren Sie ſehr. Wenn Sie ihn nun in ſeiner ganzen Größe ſehen wollen, ſo kommen Sie mit mir— jetzt haben ſich ſeine Freunde verſammelt und nun fängt ſein eigent⸗ liches Leben erſt an, denn die Nacht iſt ſein hellſter Tag.“ „Wie und wo denn?“ „Im Weinhauſe, welches wir vorher verlaſſen.“ „Wieder im Weinhauſe? Und er teinkt wieder?“ „Kommen Sie ſchnell und Sie werden ſehen.“ Und wir traten nochmals in daſſelbe Weinhaus ein, das jetzt beinahe vollſtändig gefüllt war; kaum erhielten wir einen Platz in einer Ecke an einem kleinen Tiſche. Gleich nach uns kam Devrient; langſam und bedächtig trat er ein. Anfangs ſah er bleich aus, wie der Tod. Als er aber erſt ein Paar Gläſer paniſchen Weines getrunken hatte, fing er ſich zu beleben an und ſein Witz ſprudelte nach allen Seiten, denn et ſaß ſchon inmitten einer Menge von Zechern, die Künſtler gleich ihm, beinahe eben ſo große Meiſter im Vertilgungskampfe gegen den ſpaniſchen Rebenſaft zu ſein ſchienen, wie er. Da ging die Thür auf und eine gebrechliche Ge — 51— ſtalt mit dem Geſicht eines Sterbenden, mehr gebückt, kriechend als gehend, trat in die Mitte der aufſchauenden Zecher. Der halbtodte Mann wurde mit einem lauten Halloh begrüßt und augenblicklich ſenkten ſich ein Dutzend Flaſchen in ſein großes geſchliffenes Glas, welches ſofort ein Kellner auf den Tiſch geſtellt hatte. „Das iſt der Kammergerichtsrath Hoffmann,“ flüſterte mir Seydelmann zu.„Nun geht die Ko⸗ mödie los.“. Und eine Orgie begann, die ich nicht zu be⸗ ſchreiben wage und die überdies ſchon von Anderen hinreichend beſchrieben iſt. Ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als ich ſah, was ſie an Wein verſchlangen, und meinen Ohren nicht, als ich hörte, was dieſe ſeltſamen Menſchen ſprachen. Man mußte in ihre Sprache eingeweiht ſein, um ſie vollſtändig zu verſtehen. Witz, Gelächter, Spott gegen Jedermann, wüthende Leidenſchaft, Alles eins aus dem andern folgend, trat auf ihre Lippen und ſpiegelte ſich auf ihren verzerrten Geſichtern ab; einer befeuerte den andern, einer ſchien das Licht ſeines Geiſtes von dem andern zu empfangen. Ich begriff jetzt, wie der junge Seydelmann hier Studien machen, und wie er ſich, gleichſam von einer dämoniſchen Gewalt gefeſſelt, an die Spuren Devrients gekettet, fühlen konnte. Wir 4* — 52— Beide ſprachen faſt kein Wort mehr, ſondern waren nur Ohr und ſaßen wie verſteinerte Bildſäulen da, gleich den vielen anderen Zuhörern. Aber um ein Uhr Nachts verließ ich das Weinhaus, denn mir ſchwindelte der Kopf vor grauſigem Entzücken, ich ſehnte mich nach Ruhe und friſcher Himmelsluft, ich konnte die göttlich⸗ſataniſchen Ausbrüche dieſer leiden⸗ ſchaftlichen Trinker nicht mehr ertragen. Seydelmann blieb allein zurück.— Am nächſten Morgen um zehn Uhr begab ich mich noch einmal zu Devrient. Sein Schatten ſtand ſchon wieder vor ſeiner Thür. „Ach,“ redete er mich freundlich an,„ſind Sie wieder da? Er ſchläft noch, Sie können ihn noch nicht ſprechen. In einer Stunde erſt kommt er zu ſich. Gehen wir ſo lange ſpazieren, wenn Sie mir die Ehre Ihrer Begleitung gönnen wollen.“ Und wir gingen langſam die Straße auf und nieder. „Wie lange hat die Scene im Weinhauſe heute Morgen gedauert?“ „Bis vier oder fünf Uhr, ich habe nicht an die Zeit gedacht.“ 5 „Deyrient iſt ein großer Künſtler, aber auf dieſe — 53— Weiſe möchte ich nicht ſeinen Ruhm auf meinen Schultern tragen. Er richtet ſich mit Gewalt zu Grunde.“ „Freilich. Aber wer kann es ändern? Er ſagte mir einmal, er räche ſich dadurch an dem Unverſtande des Publikums, er müſſe es gründlich verſpotten, und er hat es verſpottet, Sie haben es geſtern gehört.“ „Das iſt eine ſeltſame Rache, womit er ſich eben ſo wie das Publikum beſtraft. Das kann er nicht ernſtlich gemeint haben. Auch wundert mich dieſer Ausſpruch, denn das Publikum vergöttert ihn ja.“ „Ach ja! Aber er hat es ſich auch erſt erobern müſſen, ehe es ſein Eigenthum geworden iſt, wie wir Alle es müſſen. Wenn Sie dies Publikum kennten, wie ich! Es iſt ſo ſchwer, Jedermann zu befriedigen. Denken Sie ſich nur auf die Breter geſtellt und tauſend Blicke, gleich glühenden Pfeilen auf ſich gerichtet. Hier eine ſtierartig glotzende Dummheit, dort ein beißiger Kritiker, dort ein hohnlächelnder Spottdichter. Und nun das alberne Geſicht der verſtandsloſen, witzes⸗ armen Menge. Und da muß man ſeinen Kopf oben behalten, ſich nicht aus der Faſſung bringen laſſen, nichts ſehen, nichts hören, als den Souffleur, nur denken und ſich nicht aus dem fremden Weſen hinaus⸗ werfen laſſen, das man ſich auf einige Stunden wie ein unbequemes Kleid übergezogen hat. O, und darin —,54— gerade iſt Devrient ſo groß. Er ſieht und hört nichts außer ſich, er weiß gar nicht, daß Jemand um ihn iſt, er ſprudelt nur ſein göttliches Innere heraus und kümmert ſich nicht um die unwiſſende Menge, die er mit ſich fortreißt, wohin er will und wohin er ſelber geht. Die Kunſtrichter lacht er aus und die Beifall ſpendende Menge verachtet er.“ „Aber warum und für Wen ſpielt er denn?“ „Für ſich, ganz allein für ſich; das genügt ihm, denn er muß ſpielen, wie der Fiſch ſchwimmen muß.“ „Aber es giebt doch verſtändige Leute unter dem Publikum, deren Lob oder Tadel von Werth iſt?“ „Ach, wie ſelten ſind ſie! Ja, wenn das Publi⸗ kum immer einſichtsvoll, nachſichtig, ſelbſt ſtrebſam für ſeine eigene Bildung wäre, wie es bisweilen an man⸗ chen Orten gefunden wird, dann könnte man es lieben, für ein ſolches könnte man ſich opfern, ſeinen Tadel würde man mit dem Beſtreben aufnehmen, ſich zu beſſern und ſein Lob würde uns in den Himmel tragen. Aber glauben Sie mir, wie ein Publikum einen Mann zum Schauſpieler erheben kann, ſo kann es auch einen Schauſpieler vernichten. Ich bin ſchon oft vernichtet geweſen, aber immer wieder habe ich mich an der ehernen Seite der Kunſt aufgerichtet und werde mich ſo lange daran aufrichten, bis ich nicht mehr vernichtet werden kann.“ „Ich wünſche Ihnen, daß Sie dieſe Stufe bald und ganz erreichen.“ „Ich danke Ihnen wahrhaft für dieſen Wunſch. Jetzt aber laſſen Sie uns umkehren, Devrient wird erwacht ſein. Gehen Sie zu ihm hinauf und ſagen Sie mir nachher, wie er ſich befindet.“ Ich verabſchiedete mich von dem jungen ſtreb⸗ ſamen Künſtler und ſtieg langſam und nachdenklich die Treppe zu dem großen Meiſter hinauf. Seydel⸗ mann's Mittheilungen hatten mich ernſt geſtimmt und einen Blick in das arme Künſtlerleben thun laſſen. Wie am geſtrigen Tage lag Devrient auf ſeinem Sopha, wieder in ſeinen Hermelinmantel gehüllt. Er erkannte mich ſogleich, obgleich er kaum den Kopf nach mir umwandte. Er ſchien mürriſch und wieder leidend zu ſein. „Ah, Sie ſind es,“ ſagte er.„Nun, wie habe ich Ihnen gefallen?“ „Ich habe keine Worte für meine Empfindung, Sie müſſen mir ſchon die Kritik erlaſſen.“ „Bravo! So liebe ich es. Der Menſch muß keine Worte haben, ſeinen Beifall auszuſprechen, ſtumm will ich meine Zuſchauer, aber vor Bewunderung ſtumm. — 56— Und wollen Sie mich nun noch für Ihren Herzog haben?“ „Nun erſt recht, darum bin ich eben hier.“ „Gut. Haben Sie aber auch gute Geſellſchaft? Ich bin nicht gern allein.“ „Sehr gute, feſte und flüſſige; nur die Männer, die geſtern Abend um Sie ſaßen, kann ich Ihnen nicht verſprechen.“ „Es thut nichts, ich liebe auch die Abwechſelung. So ſei es denn, ich werde kommen. Ihre Adreſſe?“ „Hier iſt ſie.“ „Ah! Leibarzt des Herzogs! Der Tauſend, warum haben Sie mir das nicht gleich geſagt? Sie können mich in die Kur nehmen.“ „Ich kann Sie nicht kuriren— Sie kuriren Sich zu viel ſelbſt.“ „Haha! das iſt auch die beſte Kur. Nun, ich werde Ihnen den Tag meiner Ankunft anzeigen.“ „Sie werden mich damit verbinden. Und darf ¹ ich auch den jungen Seydelmann einladen, zu uns zu 1 kommen?“ 3 „Den Seydelmann? Wozu? Das iſt mir nus⸗ gültig.“ „Das darf Ihnen nicht gleichgültig ſein. Er ver⸗ ehrt Sie, wie man einen Helden oder einen Gott verehrt.“ — 57— „Hm! Er iſt kein Held und hat von Gott nichts bekommen, um einer zu werden. Er verfolgt mich bei Tage und bei Nacht, er will von mir ſtehlen.“ „Er will nur von Ihrem großen Funken ein kleines Fünkchen für ſich nehmen, und das können Sie ihm gönnen. Und er hat doch von Gott Etwas be⸗ kommen, was Sie zum Beiſpiel nicht haben.“ „Ha! Was wäre das?“ „Einen eiſernen Fleiß und redliches Zuſammen⸗ halten ſeiner Kräfte.“ „Sie wollen mich meiſtern— aber Sie haben Recht, er iſt vernünftiger als ich. Das iſt ſchon Etwas. Auch hat er einen zähen, durch Nichts zu erkaltenden Eifer. Das iſt noch mehr. Und dann iſt er jung — man kann es nicht wiſſen— o, ich gebe ihn nicht verloren— er kann ſteigen; ob er ſteigen wird, iſt ſeine Sache. Laſſen Sie ihn kommen, meinetwegen, mag er mir das Licht putzen, bis er das ſeine daran angezündet. Nun aber ſind wir fertig. Laſſen Sie mich allein, ich muß noch etwas träumen. Da haben Sie meine Hand— das iſt mein Kontrakt.“ „Und hier iſt die meine— das iſt meine Unter⸗ gſchrift.“ „So leben Sie wohl— bis auf Wiederſehen!“— — 38— Serydelmann wartete geſpannt vor der Thür. „Nun, wie geht es ihm?“ fragte er theilnehmend. „Er iſt ziemlich wohlauf. Ich habe ihn für un⸗ ſere Bühne in... gewonnen.“ „Ach! Und wann kommt er?“ „Um Weihnachten. Wenn Sie auch kommen wollen, ſo ſollen Sie uns angenehm ſein; bei uns ſind denkende und ſtrebende Künſtler gern geſehen.“ „Denkende und ſtrebende Künſtler— wie ſchön Sie das ſagen. Ja, das bin ich; ob ich mehr werde, weiß Gott allein. Aber ich komme gern, um ſo lieber, wenn er da iſt. Ich kann ihn in einer kleineren Stadt beſſer beobachten, als hier, wo ihn die gährende Maſſe verſchlingt und er in Saus und Braus lebt.“ „Er weiß es bereits, daß Sie kommen, ich habe es ihm geſagt.“ „Wie? Und er hätte von mir geſprochen?“ „Ja— und er hat Ihren Eifer gelobt.“ „Sie machen mich glücklich mit dieſer Nachricht. Das iſt ein wichtiger Tag für mich, ich danke Ihnen. Sie gehen in die dortige Gegend der Stadt— ich hierhin. Leben Sie wohl. Ich muß noch heute von hier abreiſen, Geſchäfte rufen mich anders wohin ich bin wie der ewige Jude, bald hier, bäͤld da. O — 59— wenn ich einmal Ruhe und eine Heimath hätte! Alſo bis Weihnachten! Adieu!“ Ich reichte ihm die Hand, die er warm drückte und mich dann mit ſeiner kummervollen Miene dank⸗ bar anſah. Wie oft habe ich mich in ſpäteren Jahren, als auch Karl Seydelmann ein großes Licht in ſeiner Kunſt geworden war, woran er ſo lange und ſo eifrig, wie ſelten ein Künſtler, gearbeitet, an die wenigen Worte erinnert, die er damals mit mir geſprochen, wie habe ich mich über ſeine Erfolge gefreut und ſeine Ausdauer bewundert, die ihn endlich an dieſelbe Stufe getragen, wo ſo viele Jahre vor ihm ſein unerreichter Meiſter ihn zu den höchſten Anſtrengungen begeiſtert hatte!—. Als wir uns getrennt hatten, ſchlug ich den Weg. nach der Leipzigerſtraße ein, um der berühmten italieni⸗ ſchen Sängerin meine Aufwartung zu machen. Wenn mir die zweite Hälfte meiner Aufgabe ſo gut gelingt, wie die erſte, dachte ich, ſo kann ich auf einen guten Empfang zu Hauſe rechnen.— „ III. Die italieniſche Sängerin. Das Haus, worin die Signora Sidi wohnte, war ein großes und ſchönes Privatgebäude in einer be⸗ lebten und nur von wohlhabenden Leuten bewohnten Gegend der Stadt; ſchon hieraus allein konnte man ſchließen, daß ſie ſich in guten Verhältniſſen befand.. Die Hausthür war verſchloſſen. Ein einfach aber fein gekleideter Diener öffnete, nachdem ich die Klingel gezogen. „Iſt die Signora Sidi zu Hauſe?“ „Wer? Die Signora?“ Er lächelte.„Ja, die iſt zu Hauſe, aber—“. „Kann ich ſie nicht ſprechen?“ „Bedaure, der Kapellmeiſter Weber iſt bei ihr, 9 denn heute Abend ſingt ſie und alſo empfängt ſie außer“ ihm Niemanden.“ „Wird keine Ausnahme gemacht, gar keine?“ „Niemals, mein Herr. Morgen Mittag Punkt zwölf Uhr aber können Sie ſie ſprechen. Darf ich um Ihren Namen bitten?“ „Mein Name findet nur mit meiner Perſon Ein⸗ tritt— guten Morgen!“ Ich hatte alſo für's Erſte einen Fehlſchuß gethan — doch dieſe kleine Verzögerung ſchadet ja nichts, dachte ich. Morgen iſt auch noch ein Tag, wollen wir uns alſo bis dahin gedulden. Aber ſie ſingt heute Abend— da will ich ſie mir zuerſt anſehen und ihre Stimme hören— dann kann ich mit beſſerem Ver⸗ ſtändniß unterhandeln. Gedacht, gethan. Ich kaufte mir ein Billet, bekam aber nur eins für das Orcheſter, denn alle übrigen Plätze waren ſchon beſetzt. Ich ver⸗ trieb mir den Tag durch einige Beſuche bei alten Be⸗ kannten und ging ſpazieren, bis endlich die Theater⸗ ſtunde herankam. Schon um halb ſechs Uhr fand ich 7 8 mich in dem großen Opernhauſe ein, aber ich war bei Weitem nicht der erſte, nicht der hundertſte, auch nicht der tauſendſte Zuhörer, denn viele Räume deſſelben waren ſchon dicht beſetzt und die leergebliebenen füllten ſich jeden Augenblick mehr und mehr. Eine wahre bluth ſchauluſtiger Menſchen ſtürzte ſich Hals über Kopf durch alle Thüren herein und verlor ſich in den — 62— tiefen Winkeln und Schatten des weitläufigen Kunſt⸗ tempels. Endlich waren alle, ſelbſt die höchſten und hinterſten Plätze, dicht gedrängt voll und es gewährte, vom Vorhang aus rückwärts geſehen, einen merkwür⸗ digen Anblick, als dieſe Tauſende ihre von Spannung und Kerzenglanz bleichen Geſichter auf einen Punkt gerichtet hielten und mit ihren blitzenden Augen einen und denſelben Gegenſtand zu erfaſſen und zu durch⸗ dringen ſich bemühten. Ich ſelbſt ſaß ganz vorn in einer dunklen Ecke zuſammengedrückt, den Geiſt voller Erwartung, das Herz etwas bewegt, wie man es immer iſt, wenn man einem bedeutenden Kunſtgenuſſe ſich ſo nahe befindet und im Stillen einen Maßſtab für das unbekannte Große ſucht. Da fing die Ouvertüre an, jene Ouvertüre, die ſchnell und bedeutungsvoll das Reich der Hölle auf⸗ ſchließt und den böſen Geiſt mit ſeinem feurigen Antlitz herausblitzen und donnern läßt. Mir ſchauerte die Haut bei den romantiſch wilden, dämoniſchen Tönen. Solche Muſik hatte ich noch nicht gehört, und das. Publikum mochte in gleicher Lage mit mir ſein, denn es hielt ſich ſo ſtill, faſt andächtig, daß auch nicht 4 das leiſeſte Piano verloren ging. Da flog der Vor⸗ hang auf und die erſte Scene ſtellte ſich dar. Alle Zuſchauer lauſchten mit zurückgehaltenem Athem. Ich „ — 63— war ganz Auge und Ohr, nur manchmal pochte und jubelte mir das Herz vor lauter Luſt. Der erſte Akt war zu Ende. Ich war ſchon mit meinen Gedanken beim zweiten, wo, wie mir Jemand ſagte, die Sidi erſcheinen ſollte, die ich im erſten vergeblich erwartet hatte. Da rauſchte der Vorhang abermals in die Höhe. Zwei Damen befanden ſich auf der Bühne, Agathe und Aennchen. Die Agathe ſollte die berühmte Sängerin ſein. Ein allgemeines gewaltiges Brauſen erſchütterte das ganze Haus von oben bis unten, von hinten bis vorn; ich wußte erſt gar nicht, was geſchehen war und blickte verwundert nach allen Seiten um. Aber drei Mal hinter einander erhob ſich der Beifallsſturm und ſchien nicht enden zu wollen. Da verſtand ich erſt, was dieſe Unterbrechung bedeute und wem ſie galt. Ich ſchlug meine Augen auf und heftete ſie auf die Bühne, mir dieſe Agathe anzuſehen— aber hilf Himmel! Welche Erſcheinung! Es war plötzlich ſchwarz vor meinen Augen geworden, denn ich ſah— war das die Italienerin Sidi? Dieſe große, ſchöne Dame mit den herrlichen Formen, ein Geſicht wie Milch und Blut— blonde Locken in an⸗ muthigſter Fülle das liebreizendſte Geſicht umſpielend? 1 Großer Gott! Nun ſprach ſie— mir ſtand das Herz a ſtill— alle meine Gedanken waren weg, Jahre weit zurückverſetzt in die Jugend meines Lebens— denn — 6— wen ſah ich? Meine theure, vielgeliebte Chriſtel van Hees!— Ich hörte nicht, was ſie ſagte, ich ſtaunte ſie nur mit namenloſer Beklommenheit an, denn ich hatte bei⸗ nahe die Beſinnung verloren. Da fing ſie an zu ſin⸗ gen— glockenrein entwickelten ſich die Töne aus ihrer Bruſt und ſchwebten klar und klingend bis hoch hinauf an die Decke des Saales— ich hörte nicht die Worte, ich ſah nur die anmuthige Geſtalt, verſchlang nur den wollüſtigen Ton dieſes goldreinen Organs, welcher meine Seele noch mit ſüßer Erinnerung ganz und gar erfüllte— o Gott, o Gott! wie war mir zu Muthe! Krampfhaft preßte ich die Hand auf mein Herz und — lehnte mich wie gelähmt in meinen Sitz zurück. Aber die Oper ſchritt raſch vorwärts— meine innere Be⸗ wältigung muß in der That ſehr groß geweſen ſein,. denn ſie hatte ein ganzes Stück des äußeren Vorganges verſchlungen, wovon ich nachher kein Wort wußte. Aennchen hatte ſchon ihre Grillenarie geſungen — ich hatte ſie nicht gehört. Auch ihr ſchlanker Burſch 4 war ſchon verklungen, ohne daß die reizvolle Muſik mich wach gerüttelt. Ich ſah nur das eine Weſen an, welches für mich jetzt allein in der Welt war und zu dem ich mich wie mit überirdiſcher Gewalt gezoge fühlte. Da blieb ſie allein auf der Bühne— ein — 65— kalter Schauer überlief meine Glieder, als ſie das herrliche Recitativ begann:„Wie nahte mir der Schlum⸗ mer.“ Und ich betete mit ihr:„Ja, Liebe pflegt mit Kummer ſtets Hand in Hand zu gehen.“ Alles, was ſie da ſagte, war wie aus unſerem Leben genommen und lautete in meinen Ohren, als wenn ſie die Worte allein zu mir ſprach. Als ſie an das Andante kam:„Trauter Freund, wo weileſt Du?“ da glaubte ich ſicher dieſe liebliche Frage an mich gerichtet— ich ſprang auf, oder wollte aufſpringen, allein ich faßte mich noch und blieb zit⸗ ternd ſitzen. Als ſie nun aber endlich die Worte her⸗ vorjubelte:„Er iſt's, er iſt's!“ da konnte ich mich kaum halten— es war, als hätte ich meinen Verſtand und das Bewußtſein verloren, wo ich mich befand. Und als nun der Schluß der Arie ſich näherte, als ſie dem Himmel für den Freund und ſein Glück dankte, da war es mit meiner Faſſung ganz vorbei, ich konnte nicht länger in dem engen Raume ſitzen bleiben. Ich ſprang wirklich auf— man machte mir Platz wie einem plötzlich Erkrankten— in dem Beifallsſturme, der dem Geſange folgte, ließ man meine Störung un⸗ beachtet— ich mußte hinaus, friſche Luft zu ſchöpfen, denn mein Herz wollte vor Beklommenheit und Wonne zerſpringen. So gelangte ich in's Freie. Gott ſei Fritz Stilling. IV. 5 — 66— Dank, es war finſtere Nacht, Niemand konnte mich ſehen— und das war gut, denn man hätte mich vielleicht für wahnſinnig gehalten. Ich ſtreckte meine Hände gegen den klarbeſtirnten Himmel aus und fing laut zu ſchluchzen an, wie ein Kind. Dann lief ich auf und ab, kehrte wieder um und rang vergeblich nach Faſſung. Klare, zuſammenhängende Gedanken hatte ich nicht. Chriſtel iſt da— Chriſtel lebt— Chriſtel iſt in meiner Nähe! Das war Alles, was ich in dieſem erſchütternden Augenblicke denken konnte — aber! da fiel es mir erſt auf die Seele— eiskalt überlief es mich: ſie iſt eine Sängerin, reich, angebetet, tauſendfach umworben— was biſt Du ihr— was haſt Du ihr anzubieten, als ein armes, treues, red⸗ liches Herz— und was will das in dem lauten, glänzenden Strome der großen Welt ſagen? Hat ſie nicht vielleicht ſchon ein beſſeres gefunden? Hal ſie heißt Sidi— das wird der Name ihres Mannes ſein! — Und ich ſtand ſtill, ſtarrte den Himmel an, als wollte ich eine Antwort auf meine Frage von ihm hören, und glaubte auch mein Herz ſtill ſtehen zu V fühlen.— Wie ſchmerzlich mich dieſe ſelbſtquäleriſchen Gedanken bewegten, wie lange ich mit wankenden Schritten unter den Linden auf und nieder ging, ich weiß es nicht— aber es muß lange geweſen ſein, — 67— denn ich hatte die Berechnung für Raum und Zeit veerloren.— Plötzlich hörte ich viele Wagen raſch mir zur Seite rollen, ſah Menſchenſtröme vom Opernhauſe ſich daher bewegen— da kamen mir Sinne und Nach⸗ denken wieder. Ich ſtürzte wie im Fluge nach dem Hauſe zurück, welches ſeine übervollen Eingeweide langſam entleerte— jeden Augenblick glaubte ich ſie, die Einzige, für die ich allein Gedanken hatte, heraus⸗ treten zu ſehen, und doch kam ſie hier aus der vorderen Pforte gewiß nicht heraus. Man drängte, man ſtieß mich— ich achtete es nicht. „Wo iſt ſie?“ fragte ich einen neben mir Stehenden. „Wen meinen Sie? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Die Sängerin meine ich, die— die—“ „Ah ſo! Da hinten, mein Herr, aus der letzten Thür kommen die Schauſpieler heraus.“ Ich lief wie ein Wahnſinniger um das lange Opernhaus herum. Da ſah ich ſchon von Weitem einen Wagen halten— mein Gott, mein Gott! ich kam zu ſpät heran, denn eben ſtiegen zwei Damen, dicht in Schleier und Tücher gehüllt, hinein, aber dennoch glaubte ich ſie, die ich ſuchte, an ihren Be⸗ wegungen erkannt zu haben. Da fuhr der Wagen ſchon davon. Ich lief ihm nach— ohne mich lange zu beſinnen, kletterte ich hinten hinauf— hielt mich 5* — 68— krampfhaft irgend woran feſt, da der auf dem Stein⸗ pflaſter raſch rollende Wagen eine ungewohnte dröhnende Bewegung in meinen Füßen verurſachte, wobei ich ver⸗ geblich meinen Hut zu feſſeln ſuchte, den mir der Nachtwind entriß, als es pfeilſchnell um eine Ecke ging. Unendlich ſchnell, ſo kam es mir vor, wurde ich nach der Leipzigerſtraße getragen. Schon hielt der Wagen— und wirklich vor dem mir bekannten Hauſe. Ich wollte ſchnell herunterſpringen, verwickelte mich aber mit den Füßen an irgend einem Gegen⸗ ſtande, ſo daß ich meine Abſicht, die Wagenthür zu öffnen, nicht erreichte. Ein Diener aus dem Hauſe war mir ſchon zuvorgekommen. Ehe ich es für mög⸗ lich hielt, hüpften die Damen leichtfüßig in das Haus — da kam endlich auch ich— aber zu ſpät, denn ich ſtand dicht vor der eben krachend zugeſchlagenen Thür. Ich war außer mir— ich läutete wie ein Be⸗ ſeſſener, denn ich fürchtete, ſte würden eben ſo raſch in das Bett hüpfen und mir abermals verloren gehen — ſiehe, da öffnete mir derſelbe Diener, den ich am Morgen geſprochen, auch diesmal die Thür. „Mein Herr,“ ſagte ich, ohne eigentlich zu wiſſen, was ich ſprach, laſſe Sie mich ein, ich muß die Sängerin ſprechen—, 1 Der Mann ſah mich behtsffen d an, wie ich n — 69— fliegenden Haaren, die der Wind mir vom Kopfe ge⸗ weht, vor ihm ſtand, zumal meine Stimme heiſer und hohl klang, denn die Zunge klebte mir am Gaumen — ich war zu tief bewegt. „Ich darf Sie nicht einlaſſen—“ „Ich muß aber hinein— ich bin— ich bin ein Verwandter von der Dame.“ „Ihr Name?“ „Stilling, Doktor Stilling— ſagen Sie ihn ihr.“ Der Diener ſprang die Treppe hinauf, ich aber war mit großen Sätzen hinter ihm her— erreichte mit ihm zugleich das Zimmer— die Damen legten eben ihre Mäntel ab—„Chriſtel,“ rief ich, weinend vor Freude—„Chriſtel! Kennſt Du mich nicht?“ Da, großer Gott! trat ſie angſtvoll und doch ſichtbar vor meiner Stimme erbebend, einen Schritt zurück— ſtieß einen merkwürdigen Ton aus, wie ich ihn nie ſo ungeſtüm von ihr gehört, öffnete die Arme, trat mir wieder einen Schritt näher und— einen Augenblick ſpäter— ruhte ich an ihrem Herzen, das ſo lange nicht in der Nähe des meinigen geſchlagen hatte. Aber noch einen, beinahe noch heftigeren Schrei hörte ich da in meiner Nähe ertönen— denn er kam aus einer koloſſaleren Bruſt, in der aber auch ein Herz * — 70— 4 voll Liebe und Treue ſchlug. Ich blickte auf, ſtrich mir die verworrenen Haare aus der Stirn— da riß ſie mich ſchon an ſich, meine alte gute Grete, und drückte mich ſo feſt in ihre Arme, wie ſie einſt den Knaben gedrückt, und ſchrie und weinte und tobte, daß endlich auch ich und Chriſtel laut zu weinen anfingen, die mich ſchon wieder umfaßt hielt, bis endlich unſer erſtes ungeſtümes Entzücken ausgetobt war und wir alle drei, einige Ruhe erlangend, zu Worten kamen, uns wieder⸗ holt anſtarrten und doch kein vernünftiges Wort finden konnten, um unſer ganzes Erſtaunen, unſere Verwun⸗ derung, unſere Freude auszudrücken.— Erſt nach und nach gelangte ich dazu, meinen Freundinnen den Zuſammenhang unſeres merkwürdigen Wiederfindens zu erklären, freilich nur in abgeriſſenen Worten und mit Ausrufungen des Staunens unter⸗ miſcht, denn zu einer ruhigen Darſtellung des Ver⸗ gangenen und Gegenwärtigen kam es am erſten Abend nicht; wir betrachteten uns nur gegenſeitig mit allen möglichen Zeichen der Rührung und Freude, drückten 3 uns wiederholt die Hände und konnten nicht genug den Zufall oder die Vorſehung preiſen, die uns dieſes un⸗ verhoffte Glück verſchafft hatte. Und eben ſo wenig, wie ich weiß, was wir in den raſch vorübergehenden Stunden dieſes Abends ſprachen, ſo wenig weiß ich auch, wann ich nach Hauſe ging; doch war es ſchon ſehr ſpät in der Nacht, und als ich in meinem Gaſthofe angekommen, war es für mich noch lange nicht Schlafenszeit geworden, denn ich ſchritt in der tiefſeen Bewegung und mit Gott und mir zu Rathe gehend, im Zimmer auf und nieder. Erſt als der Morgen in mein Fenſter hereinleuchtete legte ich mich auf das Bett, um dennoch weder Schlaf noch Ruhe zu finden. Am nächſten Tage aber war mir ſchon in aller Frühe ein neuer Beſuch geſtattet. Als ich in das Zimmer trat, in welchem am Abend vorher unſere Be⸗ gegnung ſtattgefunden hatte, fand ich nur Grete vor, Grete, in einem rauſchenden ſeidenen Kleide, ihre Augen leuchtend wie die einer Löwin, die ihr geliebtes und verlorenes Junge wiedergefunden hat und nicht die Zeit erwarten kann, um es immer wieder von Neuem zu liebkoſen und zu hätſcheln. Und wie ſah unſere gute Grete ſonſt aus? Ernſt Goy wenigſtens würde entzückt geweſen ſein, ſie ſo herrlich und kräftig, friſch und fröhlich wiederzuſehen, — 72— 3 denn ihre kernige Geſundheit und ihr heiterer Sinn hatten ihr einen großen Theil der Jugend bewahrt, den Frauen in ihrem Alter gewöhnlich ſchon zu ver⸗ lieren anfangen, nur an Leibesfülle, obgleich dieſelbe ihr nie gefehlt, hatte ſie ſichtbar noch mehr zugenom⸗ men, ſonſt jedoch waren ihre friſchen Farben, ihr herz⸗ liches Lächeln, ihre raſchen und beinahe heftigen Be⸗ wegungen dieſelben geblieben. „Du triffſt mich allein, mein lieber, kleiner, theurer Fritz,“ ſagte ſie.„Das liebe Kind, die Sidi, kann mit ihrer Toilette heute kaum zu Stande kommen, ſie will ſo ſchön wie möglich ausſehen, um in den Augen ihres alten Freundes nichts verloren zu haben.“ „O, ſie ſieht immer ſchön, immer reizend aus; aber um's Himmels willen, Grete, ſage mir, warum nennſt auch Du ſie Sidi?“ „Mein Gott, mein Gott, Du liebes Kind, wo haſt Du die Ohren gehabt? Das hat ſie Dir ja ſelbſt geſtern Abend ſchon drei Mal erzählt.“ „Erzähle es mir zum vierten Mal, damit ich es 4 nicht wieder vergeſſe— ſieh, mein Kopf ſchwirrt von Allem, was ich höre und ſehe.“ „Ich danke freundlich für die gute Meinung. Aber was iſt denn Merkwürdiges daran? Sidi iit ganz einfach ihr Name, wie Chriſtel, denn ſie iſt Chriſtine Sidonie getauft. In Italien nur hat man ſie ſo genannt, weil ſich da alle Namen auf i endigen; und als wir nach Wien kamen, fanden wir ſie ſo an⸗ gemeldet, und weil ſie ihren wahren Namen van Hees nicht in den Blättern und auf den Zetteln führen will, ſo läßt ſie ſich jetzt allgemein ſo nennen. Und wie, iſt es nicht ein ganz paſſender Name für dieſes ſanfte, ſüße Geſchöpf? Ich wenigſtens finde ihn ſo hübſch und wohlklingend, daß ich ſie ſelbſt ſo nenne.“ „Alſo ſo hängt es zuſammen! Ach, dieſer Name iſt gewiß an unſerer langen Trennung ſchuld, wie konnten ich und Ernſt Goy das wiſſen?“ „Ernſt Goy? Was ging dem die kleine Sidi an?“ „Wie? Konnten wir Dich denn nicht auch bei ihr vermuthen? Und Du marſt ja ſtets ſeine Flamme, Du weißt es ja— ſieh, wie roth Du plöͤtzlich wirſt—“ „O, o, ſchweig mir von ihm!“ rief ſie und hielt ſich die Hände vor das ehrliche Geſicht, deſſen Blut aus allen Poren ſpringen zu wollen ſchien.„Er kennt mich jetzt gewiß nicht mehr, denn ich bin alt und häßlich geworden, und er wird längſt eine Andere in ſeinem flüchtigen Herzen aufgenommen haben.“ „Nein, meine gute Grete, Du verläumdeſt Dich mit dieſen Worten ſelbſt und Deinen ſo ehrlichen und ge⸗ treuen Freund. Du biſt nicht häßlich, durchaus nicht, ſelbſt mir gefällſt Du noch eben ſo gut, wie vor zehn Jahren; und was Deine runde und volle Figur anbe⸗ langt, ſo wiſſe, auch unſer guter Freund hat einen ähnlichen Umfang erreicht.“ 4 „Wirklich? Es wäre ſo? Ei, wie hübſch!“ Und ſie lachte mich ſo überglücklich und ſchelmiſch an, daß ich zum erſten Mal nach ſo langer Zeit ihr wahres Geſicht wieder zu ſehen glaubte.„Und höre,“ fuhr ſie fort,„ſage mir die ganze Wahrheit— iſt er wirk⸗ lich nicht verheirathet?“ „Nein, Grete, er wartet auf Dich, wie ich auf—“ Da ging die Thür auf und meine theure Chriſtel ſtand in ſtrahlendſter, duftigſter Morgenfriſche vor mir. Ich war wie geblendet von dieſer lieblichen Erſcheinung, ſo daß ich unwillkürlich in die Worte ausbrach: „Chriſtel— was ſehe ich!— Du biſt eine große Schönheit geworden!“ Aber ſchon hatte ſie mir ihre weiche Hand auf den Mund gedrückt und zog mich neben ſich nieder auf das ſchwellende Sopha. „Lobe mich nicht, ich bitte Dich, mein lieber, lieber Freund, lobe Du mich am wenigſten. Das muß ich ſo oft hören, alle lügenhaften Blätter ſagen es, ſo daß es mir am Ende ſelbſt zuwider werde — 75— muß. Ach, mein Freund, ja, jetzt ſehe ich Dich wieder, ganz wie damals, Du biſt derſelbe und doch ſehr, ſehr verändert. Deine treuen Augen, Dein freundliches Lächeln, Deine mir ſo lieben Züge ſind alle die alten, aber Dein ganzes Weſen iſt dennoch ſo ganz, ganz anders, denn Du biſt männlicher, feſter, ruhiger und doch— „Nun was— ſage es dreiſt—“ „Mit einem Wort, Du biſt ein vornehmer Mann geworden—“ „O— und weiter nichts?“ „Was weiter? Du biſt ja immer noch mein kleiner guter Fritz, obgleich Du einen ſolchen— ſieh, ich zupfe Dich daran— einen ſolchen Backenbart be⸗ kommen haſt.“— Ich ergriff die roſigen Finger, die mich zauſten, und küßte ſie herzlich.„Aelter bin ich geworden, willſt Du ſagen, das iſt das Ganze.“ „Sprich nicht von unſerem Alter, mein Freund, denn ſieh, ich bin ja mit Dir zugleich im Leben vor⸗ geſchritten. Der Zeit nach, die wir mit einander ver⸗ lebt, ſind wir aber immer noch ſehr jung, und ich glaube, um aufrichtig zu ſprechen, wir können beide mit unſerem Ausſehen zufrieden ſein. Nun aber laß N — 76— alle Redensarten darüber fallen und ecgihle mir zu⸗ 3 nächſt Deine Geſchichte.“ „Nein— halt!“ rief Grete.„Ich muß af die Chokolade beſorgen— und ſeine Geſchichte muß ich auch hören.“ „So erzähle Du die Deine zuerſt, liebe Chriſtel, denn die kennt Grete und ſie braucht nicht dabei zu ſein.“ „Ach, meine Geſchichte, mein lieber, lieber Freund, iſt kurz und ſehr bald erzählt. Alſo 1811— wohl weiß ich das Jahr, denn ich habe es mir tauſendmal vorgezählt, ſahen wir uns zum letzten Mal in Pots⸗ dam. Weißt Du es noch? Denkſt Du noch an un⸗ ſeren Spaziergang über die lange Brücke, die über die ¹ ſchöne blaue Havel führt, auf der wir beide ſeufzten? Nun ja freilich, da ſchied ich mit großen Schmerzen von Dir. Wir kamen nach Prag, wo ich Unterricht nahm. Leider ſtarb daſelbſt, das weißt Du, zwei Jahre ſpäter mein guter Pflegevater. Ich wurde ein Mitglied derſelben achtbaren Familie, bei der ich auch hier wohne— denn ſie iſt nach Berlin gezogen ſie war immer eine Künſtlerfamilie und hatte mich lieb⸗ gewonnen. Mit ihr ging ich 1816 nach Wien, vo wir nur kurze Zeit blieben, und dann nach Italien, wo ich vier Jahre mit ihr verlebte. 4 — 77—. „Und ſangſt Du da auf dem Theater?“ „Nie, mein Freund, nie; keine Gewalt hätte mich dazu vermocht— ich war traurig und hatte ganz an⸗ dere Gedanken im Kopfe. Ich trieb die Muſik nur zu meiner und einiger wenigen Freunde Luſt, denn ich be⸗ durfte nicht der Unterſtützung der Welt, da ich im Jahre 1814 die Erbin meines Pflegevaters wurde, nachdem ſeine beiden Söhne in Frankreich gefallen waren.“ „Wie? Und woher erfuhr man denn Deinen Aufenthaltsort?“ „Der Advokat des Herrn van Hees in Amſterdam wußte ihn immer; bei ihm war auch ſein Teſtament niedergelegt, welches mich zur einzigen Erbin be⸗ ſtimmte, wenn ſeine Söhne ohne Nachkommen ſterben ſollten.“ „Der gute, alte, vorſichtige Mann!“ „Ja wohl gut und vorſichtig, ach! er war mehr als ein Vater gegen mich!“ „Gegen uns Alle, liebe Chriſtel— vergiß mich nicht bei der Erinnerung an ihn— ich habe ihm ja ſo viel zu danken!“ „Freilich! Und wie oft hat er von Dir geſprochen — was hat er nicht Alles von Dir gehofft!“ „Was denn gehofft?“ — 78— „O— laß mich fortfahren und ſieh mich nicht ſo wunderbar fragend an— da kam ich alſo vor zwei Jahren wieder nach Wien. Hier traf ich Weber abermals, den herrlichen, vortrefflichen Meiſter. Er überredete mich mit endloſen Bitten, vor mehreren Fürſten zu ſingen, und ich ſang, weil ich ihm den Ge⸗ fallen thun wollte, ſeine ſchöne Muſik fremden Ohren vernehmen zu laſſen. Und ſo trieb er mich durch ſeine Bitten nach und nach zu immer größerer Oeffentlichkeit, bis er mich endlich bewog, hier in Berlin ſeine Agathe zu ſingen. Da haſt Du meine ganze kleine Beſchich und nun bitte ich mir die Deinige aus!“ „Nein, noch lange nicht, Grete iſt ja noch nis 2 wieder da. Du biſt alſo keine wirkliche Sängerin ven Profeſſion, wie man ſagt?“ „Wie meinſt Du das?“ „Du haſt Dich nicht für's ganze Leben der Kunß geweiht?“ 3 Sie lächelte, faßte meine Hand und drückte ſt zwiſchen den ihrigen.„Doch, mein Lieber, gewiß⸗ dt Kunſt habe ich mich für immer geweiht— o, warun 3 ſo ernſt— habe ich Dir weh gethan?“ „Nein, nein, aber—“ „Ob ich mich der Bühne geweiht habe, meinn — 79— Du?— Ja, ſieh— das weiß ich ſelbſt noch nicht — das hängt von Umſtänden ab, die—“ „ Hier iſt die Chokolade, Kinder!“ rief Grete, glühend vor Freude und Eifer, und brachte ſie ſelbſt herein, damit Niemand unſer trauliches Beiſammenſein ſtöre, ſelbſt nicht die vertraute Dienerin, die ſie ſchon ſeit Jahren auf ihren Reiſen begleitete.„Nun, Ihr ſeid ja ſo ſtill? Wie weit ſeid Ihr in Eurer Ge⸗ ſchichte gekommen? Aber ſo ſprecht doch, ich will jetzt auch etwas hören. Aha, Ihr wollt erſt trinken und eſſen, das iſt recht; wir Frauen wenigſtens ſind beide hungrig, denn wir haben geſtern Abend vor Freude nuſer Abendbrot im Stich gelaſſen.“ Und wir folgten ihrer freundlichen Einladung und aßen und tranken; dann aber fing ich meine Geſchichte zu erzählen an, die der Leſer eben ſo gut kennt, wie ich. „Wie?“ unterbrach mich Sidi gleich im Anfange, „und Du haſt nie einen Brief von mir empfangen?“ „Nur einen einzigen, den nach des Pflegevaters Tode, und ſelbſt den erſt im Jahre 1816, während er ſchon 1813 geſchrieben war. Sonſt keinen. Es iſt mir aber ſehr erklärlich, daß ſie verloren gingen, denn Anfangs hatten wir Krieg und dann wechſelte ich ſtets den Wohnort.“ „Und wo wohnſt Du jetzt? Denn geſtern ſagteſt — 80— Du mir ſchon, daß Du nur auf einer Reiſe in Berlin wäreſt.“ „Das iſt für eine Weile noch mein Geheimniß. Höre mich ruhig an.“ Als ich aber in meinem Be⸗ richte zu den Zwillingsbrüdern kam, war meine Freun⸗ din auf das Höchſte erſtaunt. Sie kannte ſie zwar nicht perſönlich, denn die Söhne des Majors van Hees waren von zarteſter .. d an in einer Erziehungs⸗ anſtalt geweſen, dennoch aber nahm ſie denn innigſten Antheil an ihrem frühen Tode. Als ich des Herzogs Erwähnung thun mußte, nannte ich ſeinen Namen nicht, denn ich wollte jetzt noch nicht das Geſpräch auf den eigentlichen Zweck meiner Reiſe bringen, den ich zum Theil ſchon faſt ganz aus den Augen verloren hatte. Auch über meine lan⸗ gen Nachforſchungen nach ihrer Perſon war ſie höcht überraſcht; während ich in Prag und Wien nach ihr ſuchte, war ſie ſchon über die Alpen gegangen. Ich verſchwieg ihr auch nicht meinen tiefen und jahrelangen Kummer, da ſie ſo lange Jahre meinen Blicken ent⸗ ſchwunden blieb, und ich fand den ſüßeſten Lohn dafür in ihren thränenden Augen und ihren mich wiederhut liebkoſenden Händen. Endlich war ich fertig und beide Frauen feim mir ſtumm gegenüber, die merkwürdigen Ereigniſf — 81— bedenkend, denen mein Leben von früheſter Jugend an zur Beute geworden war. „Und warum kamſt Du vorgeſtern nach Berlin?“ fragte endlich Sidi. „Das iſt eine ernſte Sache, meine ſchöne Freun⸗ din, eine ſehr ernſte. Zunächſt wollte ich den berühmten Devrient zu einigen Gaſtrollan für meinen Herzog ge⸗ winnen. Und das iſt mir geſtern vollkommen gelungen.“ „Und dann?“ „Dann— dann habe ich noch ein anderes ſehr wichtiges Geſchäft hier. Aber ſage Du mir zuerſt, warum Du nicht die vorher von Dir erwähnte Ein⸗ ladung des Herzogs nach... angenommen, der Dir ſo viel Ehre, Gold und Auszeichnung geboten hat?“ Grete ſah mich verſtohlen und bedeutungsvoll an, als begriffe ſie, was ich noch verbarg. Sidi hatte ihre Gedanken mehr auf andere Dinge als auf meine Frage gerichtet. „Ach, mein Freund,“ erwiederte ſte,„nach Ehre und Auszeichnung geize ich eben ſo wenig, wie nach Gold. Ich brauche das Alles nicht. Geld habe ich überdies ſelbſt genug. Sieh, ich liebe die Kunſt ſehr, faſt ſo ſehr, wie ich— wie ich— das Leben ſelbſt und alle Güter darin liebe. Alſo darum brauche ich nicht nach... zu gehen. Auch will ich nicht wie eine Fritz Stilling. IV. 6 — 82— reiſende Künſtlerin alle Reſidenzen beſuchen, um mich bewundern und anſtaunen zu laſſen, ich will nur dahin gehen, wohin es mir ſelbſt zu gehen beliebt, wo ich Freude und Genuß am Leben habe. Ach! und das finde ich am wenigſten in Reſidenzen; denn ich liebe bei Weitem mehr die ſtillen, friedlichen kleinen Städte, in denen man nicht gez gen iſt, nach dem Gefallen Anderer zu leben. So aber hat man mir vor jenem Herzog beſonders Furcht eingeflößt. Er ſoll ein ſtolzer, harter, gewaltthätiger Mann ſein, ohne Weib und Kind, alſo ohne das eigentliche Männerherz. Sein Hofſtaat ſoll nur aus Soldaten und Ariſtokraten beſtehen, für die die Künſte immer nur ein kindiſches Spielwerk ſind. Dieſe Herren liebe ich aber ganz und gar nicht. Sie denken immer das Recht zu haben, uns arme Künſtler, die wir ihnen zur Unterhaltung etwas vorſingen, nur nach ihrer Weiſe, das heißt etwas täppiſch, bewundern zu können. Ich will von dieſen ſogenannten vornehmen, aber in der That recht gewöhnlichen Herren gar nicht bewundert ſein. Denn ſie bilden ſich ſtets auf ihre ſehr geiſtreiche Art ein, alle Künſte und Künſtler in der Welt ſeien einzig und allein da, um ihnen ihre langweiligen Stunden weniger langweilig vorüberfliegen zu laſſen. Einen höheren Zweck derſelben geben wenige von ihnen zu. Wie ſie ſi — 83— ſelbſt für den Mittelpunkt des geſelligen Lebens be⸗ trachten, ſo betrachten ſie alle übrigen Menſchen, und namentlich uns Künſtler, als die einzelnen, kleinen, herumſchwirrenden Punkte und Pünktchen in der großen Peripherie, die ſich allein zu ihrer Beluſtigung in tauſend abwechſelnden Geſtalten um ihre Axe dreht. Die Kunſt und die Uebung der Künſte an ſich iſt ihnen kein Beruf und veredelt die Menſchen in ihren Augen durchaus nicht, im Gegentheil, ſte glauben uns ge⸗ ſchaffen als Weſen gemeinerer Art, die für ſie in der Welt ſind, wie z. B. das Wild zum Schießen und die Pferde zum Reiten. Nein, nein, dieſe Auffaſſung unſeres Daſeins liebe ich nicht, ich liebe aber die Kunſt und ehre die Künſtler, und darum will ich als Künſt⸗ lerin auch geehrt ſein.“ „dHierin haſt Du auch Recht und ich ſtimme Dir bei. Aber ſo arg iſt es wohl nicht in der Welt, wie Dir die Ariſtokraten geſchildert ſind.“ „Ach, mein Freund, glaube mir, ſie haben ſich mir ſelbſt am trefflichſten oder vielmehr am ſchlechteſten geſchildert. Gerade wir können ſie kennen lernen, wenn wir ſonſt wollen; ich für meine Perſon aber ſehe ſte ſehr gern— in großer Ferne. Frage einmal Weber, der hat auch Erfahrung darin.“ „Ich glaube Dir. Aber glaube auch mir, es — 84— giebt unter den Ariſtokraten auch vortreffliche, gebildete und liebenswerthe Menſchen—“ „Das glauhe ich Dir gern, Gott wird ſie nicht alle bös und dumm erſchaffen haben—“ „Und namentlich unter den Hofleuten des Herzogs von... iſt es ſo ſchlimm nicht. Allerdings hat er keinen großen Hof von Damen um ſich, denn er iſt unverheirathet, aber dafür umgeben ihn verſtändige Männer, die die Kunſt in jeder Richtung zu würdigen wiſſen.“ „Kennſt Du ihn und ſeine Umgebung denn ſo genau?“ 3 „Gewiß kenne ich ihn, und jetzt erfahre denn mein 4 Geheimniß. Ich bin ſein Leibarzt und dieſen Augen⸗ blick ſein geheimer Abgeſandter, der nur Deinetwegen hierher gekommen iſt, um Dich ſeiner⸗Bühne zuzu⸗ führen.“ Sidi öffnete ihre ſchönen blauen Augen weit und ſtarrte mich mit unverhohlenem Erſtaunen an. „Iſt es möglich,“ rief ſie,„Du biſt ſein Leibarzt!”“ „Ja, und ſogar der Geheimerath Dr. Stilling — und hier ſtehe ich, um Dich zu bitten, den Wuuüſch meines Herrn zu erfüllen und ein Paar Mal vor ihm und ſeinem Hofe zu ſingen. Mäſ Du auch m r di 4 Bitte abſchlagen?“ 1 —. 835— Sidi lächelte, ſc=hlug die Hände zuſammen und ſchaute mich liebevoll an.„Sieh, Grete,“ ſagte ſie, „er iſt Geheimerath, darum ſieht er ſo vornehm aus — das iſt alſo die Veränderung an ihm— wir gra⸗ tuliren, Herr Geheimerath!“ Und herzlich lächelnd umarmte ſie mich und Grete folgte ihrem Beiſpiele. „Ich bitte aber um eine Antwort, mein Fräulein!“ „O, o, wie das aus Deinem Munde klingt! Laß uns die Alten ſein, ſo, der Bund iſt wieder hergeſtellt und nun meine Antwort. Du haſt gar nicht nöthig, mich lange zu bitten, den Wunſch Deines Herrn zu erfüllen; wenn Du bei ihm biſt, ſo gehe ich ganz von ſelbſt und würde— um es Dir nur doch zu ſagen — ſogar gegangen ſein, wenn Du mich auch nicht gerufen hätteſt, denn Deine Anweſenheit in.. ändert meine ganze Anſicht der Dinge. Ich will ihm ſogar aus freien Stücken etwas ſingen, weil er Dich ſo aus⸗ gezeichnet hat—“ „— Mich an Dich zu ſchicken, nicht wahr?“ „O, wie Du auch häßlich ſein kannſt. Nein, nein, ich meine es ernſtlich, ſag' ihm das. Aber nur Deinet⸗ wegen komme ich, nicht ſeinetwegen— „Das ihm zu ſagen, werde ich mich wohl hüten.“ „Säg' ihm, was Du willſt, ich komme jetzt gern, denn ich habe ja einen Freund an Dir unter der Menge 5 N — 86— und Du wirſt ja wohl auch einige Freunde haben, die mir wohlwollen?“ „Und was für welche! Alſo abgemacht?“ „Vollſtändig abgemacht— hier meine Hand oder alle beide darauf. Solchem Geſandten ſchlage ich nichts ab. Wann aber ſoll ich kommen? Bis Weihnachten muß ich hier bleiben.“ „ So komme zu Weihnachten— ich werde Dir ſelbſt eine Wohnung einrichten.“ „O, wie freundlich Du biſt— und bei wem werde ich wohnen?“ „Bei wem ſonſt, als bei mir, wenn Du nicht ein fremdes Haus vorziehſt?“ „Bei Dir!“ rief ſie und eine ſammetartige Bläſſe bedeckte plötzlich ihr ſonſt ſo roſiges Geſicht.„Biſt Du denn verheirathet?“ „Verheirathet? Wie Du ſo böſe fragen kannſt! Würde ich Dir das nicht gleich geſagt haben, würde ich überhaupt je wieder vor Deine Augen getreten ſen⸗ O nein, meine Liebe, meine Mutter wohnt aber bei mir.“ „Deine Mutter— Deine blinde Mutter??“ „Sie ſelbſt, und ol wie ſehnt ſie ſich nach Deiner Stimme, Deinem Ungagi⸗ und dem Glück, di an ihr Herz zu ſchließen— „Wie? Sie kennt mich ja nicht— — 87— „Doch— doch, bin ich nicht ihr Sohn? Habe ich nicht von Dir oft genug geſprochen— 2“ 4 „O mein Freund, mein theurer Freund! Du be⸗ ſchämſt mich. Aber das iſt ja eine ungeheure Ueber⸗ raſchung,“ rief ſie, ſprang auf und klatſchte umher⸗ hüpfend in ihre reizenden Hände.„Deine Mutter iſt da, Deine Mutter— o wie köſtlich, wie köſtlich! Nun komme ich noch einmal ſo gern— ja, hier haſt Du mich, mich ganz, mit beiden Händen ſchlage ich ein. Ach, wäre es doch erſt Weihnachten!“ „Die Zeit vergeht ſchnell, Chriſtel, ſie iſt uns ja bis heute nicht ein Mal lang geworden—“ „Wie? Meinſt Du das ernſtlich?“ Und ſie ſah Grete an und lächelte, indem eine Thräne über ihre Wange rann, die ſie mir aber raſch verbarg, indem ſie mir warm die Hand drückte. „Und Du haſt alſo ein Haus, worin Du mich aufnehmen kannſt?“ „Dich und Grete und Deine Dienerin— denn ich wohne in einem großen Hauſe bei meinem alten Freunde Lehmann, der eine allerliebſte Frau und zwei reizende Kinderchen hat. Sie. iſt faſt ſo hübſch wie Du—“ „O, Du biſt ein Lügner—“ „Und,“ fuhr ich fort und ſah Grete an,„dann 8 — 88— iſt noch Einer bei mir, der ſich Ernſt Goy nennt und der für ſich allein ein kleines freundliches Haus be⸗ wohnt—“ „Was! Er iſt auch da?“ rief Chriſtel und ſah ebenfalls die gute Grete an, die mit offenem Munde meiner neueſten Mittheilung lauſchte. „Ja, er iſt auch da— ihm aber ſpiele ich einen Streich, ihm allein ſage ich nicht, daß ich Euch ge⸗ funden habe, bis er Euch ſieht—“ „Vortrefflich, vortrefflich! Grete! höre—“ Aber Grete war ſchon zum Zimmer hinaus ge⸗ ſprungen, die Röthe ihrer Wangen und mit ihr die freudigen Gefühle zu verbergen, womit meine Erzähl⸗ 2 ung ſie überſchüttet hatte. 4 6 8 IV. Meine zweite diplomatiſche Sendung. Die wenigen Tage, die ich bei meinen unerwartet wiedergefundenen Jugendfreundinnen verlebte, floſſen in raſchem Strome dahin; wir waren faſt immer bei einander und genöſſen in langen Zügen das lange ent⸗ behrte Glück, das größte, welches Menſchen, die ſich lieben, genießen können, ſich zu jeder Stunde des Tages zu ſehen, mit einander traulich zu verkehren und die Vergangenheit mit allen ihren Kämpfen und Freuden noch einmal in der Erinnerung zu durchleben. 3 Ich hörte Sidi auch noch einmal die Agathe ſingen, aber mit mehr Ruhe und Aufmerkſamkeit als das erſte Mal. Diesmal aber irrte ich mich nicht, wenn ich annahm, ſie richte ihre Worte in jener ſchönen Arie an mich, denn ſie wandte in der That nur nach mir ihr Auge, als ſie von ihrem Freunde ſang, weil ſie — 90— genau wußte, wo ich ſaß, da ich in ihrer eigenen Loge meinen Platz genommen hatte.— Doch, die Zeit des Scheidens kam raſch heran. Noch einmal nahmen wir von einander Abſchied, in der Hoffnung aber, uns nach dem nächſten Wieder⸗ ſehen nicht ſobald wieder aus den Augen zu verlieren. Von Chriſtels und Gretens beſten Wünſchen be⸗ gleitet, flog ich von ihrer eigenen Thür aus mit Kourierpferden in meine Heimath zurück.— War ich ganz glücklich auf dieſer Reiſe? Ich weiß es nicht. Die menſchliche Schwäche, ein Anflug krankhafter Einbildung, die uns bei ſo vielen unſerer Unternehmungen verzweifeln läßt, wo wir gerade hoffen ſollten, war auch hier meine Begleiterin. Wohl hatte ich ſie, die aller meiner ſehnſuchtsvollen Herzenswünſche Brennpunkt war, wiedergefunden— aber— hatte ich 1 ſie wiedergewonnen, um ſie für mich allein auch ewig zu behalten? Noch lange nicht. Noch verfolgte ſie ihren eigenen Weg, und der führte ſie weit von dem meinigen entfernt, in eine ganz andere Lebensrichtung. Durfte ich. ſie ihrem erhabenen Ziele abwendig machen! Durfte ich mit meinem kleinen Trabantenlauf ihre große Kometenbahn durchkreuzen? Ach! dieſer danke verbitterte mir alle meine in dieſem Augenb ſo ſüßen Gefühle und voll von dieſen trüben Gedan — 91— kam ich zu Hauſe an. Gegen Niemand, ſelbſt gegen meine Mutter nicht, ſprach ich von dem glücklichen Erfolg meiner Reiſe, ehe der Herzog ſelber ihn wußte. Aber kaum auf meinem ſtillen Zimmer angelangt, vernahm ich wunderbare und unvorhergeſehene Dinge. Während meiner zwölftägigen Abweſenheit hatte ſich Vieles ereignet, was mich neuerdings betrüben und erſchüttern ſollte; große Veränderungen waren vorge⸗ fallen; das ganze Land, die ruhigſten, beſonnenſten Bewohner nicht ausgeſchloſſen, befand ſich in unver⸗ kennbarer und trauriger Aufregung. Schon lange vor meiner Abreiſe nämlich hatte man in allen Kreiſen der Hauptſtadt im Geheimen davon geflüſtert, wie ich früher ſchon angedeutet, daß in den höchſten Regionen unſerer Regierung nicht Alles ſo ſei, wie es ſein müſſe. Perſonen ſollten ſich des fürſtlichen Ohres und Herzens bemächtigt haben, die man eben ſo wenig genügend geprüft hatte, wie man ihnen Gutes und Rechtliches zutraute, Perſonen, denen man ganz andere Beweggründe ihres Handelns und Wirkens zuſchrieb, als ſie im Allgemeinen blicken ließen. Man ſprach ſogar noch deutlicher und ſagte: der katholiſche Biſchof, ein zwar ſehr kluger und um⸗ ſichtiger, aber dafür auch um ſo fanatiſcherer, für die kirchliche Oberhoheit leidenſchaftlich begeiſterter Mann, — 92— dabei liſtig, ränkeſüchtig, ehrgeizig und rückſichtslos, bedränge den Fürſten mit Nenerungen bedenklicher Art und habe ihm Perſonen zum näheren Umgange empfohlen, die, der katholiſchen Religion angehörig, mehr Kreaturen ſeiner herrſchſüchtigen Pläne ſeien, als für das Wohl des Landes wünſchenswerthe Räthe und ein wohlthätiger Umgang für den von religiöſen Netzen umſtrickten Herzog. Dieſer Biſchof war ein Landeskind, obgleich von ziemlich unbedeutendem Herkommen, jene dem Herzog untergeſchobenen Günſtlinge aber nicht; kein Menſch wußte, woher ſie ihren Urſprung leiteten, wer ſie wären und alſo noch weniger, ob ſie die be⸗ deutungsvolle Gunſt des gemißbrauchten Herzogs und— das Vertrauen ſeiner Unterthanen verdienten. Alp⸗ mälig und langſam, aber feſt und unbeirrt in ſeinen Entwürfen vorſchreitend hatte der Biſchof dem Herzog 4 jene Männer immer näher gebracht, Beide waren ihm ſchon vor meiner Reiſe, erſt im Geheimen, dann öffent⸗ lich zugeführt, und beide hatten, kräftig und gewandt ihrem Leitſtern gehorchend, ihre düſtere Thätigkeit be⸗ gonnen und ſich bereits dem Landesfürſten unentbehr⸗ 8 lich zu machen gewußt. Endlich waren ſie als Räthe im Miniſterium angeſtellt worden und hatten da natürlich den einheimiſchen Beamten ein großes A niß bereitet. 8 — 93— Alle dieſe Vorſpiele einer ernſteren und tiefer dringenden Handlungsweiſe bewegten damals jedoch nur in engeren, und eigentlich nur in den ſogenannten Hofkreiſen, die Gemüther der Beobachtenden. Schnell aber wuchs die Betrübniß derſelben, denn jene beiden Männer, die kein Menſch als der Biſchof allein kannte und empfahl, nahmen eine Stellung nach der anderen in Beſchlag und verdrängten allmälig ganz die alten Rathgeber des Herzogs. Sie wurden wirkliche Räthe und erlangten damit die vollſtändigſte Gewalt über den Regenten, der leider allzu leicht zu leiten war, wenn er ſein Vertrauen einmal verſchenkt hatte. Kurz vor meiner Abreiſe hatten ernſtliche und folgenreiche Debatten im Schooße der Regierung ſtatt⸗ gefunden. Die bisherigen Miniſter und einige alte bewährte Hofleute, die Hauptführer der freiſinnigeren Partei, hatten ſich zu einer engeten Verbindung feſt zuſammengeſchloſſen, um den immer deutlicher hervor⸗ tretenden Beſtrebungen jener im Dunkeln ſchleichenden Männer mit vollerer Gewalt entgegenzuarbeiten. Wäh⸗ rend meiner Abweſenheit nun war der unter der Aſche glimmende Funke in helle Flamme ausgebrochen, die 1 widerſtrebenden Meinungen waren an einander ge⸗ hen und hatten ſich im Kabinete des Fürſten Schlachten ſert. Der Herzog, übermüdet von dem langen Hin⸗ und Herdrängen, und zugleich betroffen von dem Mißtrauen, welches man in ſeine ſchwankende Hand⸗ lungsweiſe ſetzte, hatte einen Gewaltſtreich ausgeführt, indem er zwei ſeiner alten Miniſter von der Regierung entfernte und jene beiden katholiſchen Räthe an ihre Stelle ſetzte. Da war denn die lange und verborgene Gährung am Hofe und im Lande zu offener und allgemeiner Unzufriedenheit emporgequollen. Der Hof war wie verödet. Viele Edelleute hatten ſich ganz davon zu⸗ rückgezogen und lebten grollend auf ihren nahegelegenen Gütern, oder ſie hatten Reiſen in's Ausland ange⸗ treten, den Ausgang des unerquicklichen Kampfes in der Ferne abwartend. Nur die Militärs, dem Herzog 1 mit Leib und Seele ergeben und ſeiner Fahne ſelbſt unter dem ſiegreich aufgepflanzten Krummſtabe eines hierarchiſchen Prieſters folgend, waren pflichtgetru in ſeiner Nähe geblieben; ſie geberdeten ſich, als cb ſte die miniſterielle Revolution nichts anginge, obwohl auch ſie in ihrem Innern von dem allgemeinen ue willen herbe ergriffen waren. So war die Lage der Dinge, als ich wieder u der Reſidenz eintraf. Mein Freund Lehmann ver⸗ traute mir ſogleich das ganze Verhältniß an und ſpre laut und unverholen ſeine patriotiſchen Befürchtun aus.„Geh' hin,“ ſagte er,„Du wirſt Vieles ver⸗ ändert und Manches ganz umgeſtoßen finden, Du kennſt den Hof und den Herzog nicht mehr. Ich bin ſelbſt Katholik, aber das hindert mich nicht, einzu⸗ ſehen, daß der Fürſt eines proteſtantiſchen Landes ſeinem treuen Volke nicht bieten darf, was unſer Herzog dem ſeinigen geboten hat. Dennoch bedauere ich ihn, denn ich glaube, er iſt nur irre geleitet; aber das ſchrankenloſe Toben und Schreien des öffentlichen Un⸗ willens kann kein ſich fühlender Fürſt ertragen, und nun hat er ſich aufgerichtet wie ein drohender Autokrat, der Alles kann, was er will und der ſelber ſchnaubt und wüthet, da er ſich ſelber angeſchnaubt und ange⸗ wüthet ſieht!“ Voller Bedauern über das unerwartet Vernom⸗ mene bereitete ich mich ſogleich vor, zum Herzog zu gehen. Ich begab mich auf's Schloß. In dem großen Vorſaal der herzoglichen Wohnung fand ich nur ſeine Adjutanten, darunter den jüngeren Noringen, ſo wie einige Stabsoffiziere von meiner Bekanntſchaft, die ſtillſchweigend und ernſten Angeſichts der Befehle ihres Gebieters harrten. Alle, mehr oder weniger mir zu⸗ gethan, begrüßten mich herzlich, ſchüttelten mir die Hand und verlangten zu wiſſen, wo ich geweſen ſei uitd as ich ausgeführt habe. . — 96— Ich lächelte. Das war in dieſem Zimmer jett eine Seltenheit. „Noch iſt es ein Geheimmiß, meine Herren,“ ſagte ich,„aber Sie werden es bald, vielleicht noch heute erfahren.“ „Wie, Doktor! Sie ſind doch nicht auch etwa ſi eine gewiſſe Partei thätig geweſen?“ Und dabei legte der Sprechende den Finger auf den Mund und deutete auf des Herzogs Gemach. „Meine Herren, ich kenne keine Partei. Ich bin allein für das Wohl des Ganzen. Sie wiſſen es ja. Alſo beſorgen Sie nichts Derartiges von mir. Was ich gethan— iſt zwar für das allgemeine Beſte von faſt keinem Belang— aber es kann es ein Jedu wiſſen und es wird ſogar der ganzen Stadt offenbat werden, nur muß der Herzog ſeihämdi⸗ Virſfantchun geſtatten.“ „Ah— alſo betrifft es doch die ganze Stadt— 2 es iſt alſo wirklich ein Geheimniß? So viel abet können Sie uns wenigſtens ſagen, ob es etwas Guns und Angenehmes iſt, denn darnach haben wir 4 großes Bedürfniß.. „Ja, es iſt etwas Gutes, Schönes ſogar u Angenehmes— ich habe Ihnen Allen eine Fr und einen Genuß bereitet.“ Man war ſehr neugierig und geſpannt, dieſe kaum möglich gehaltene Freude näher kennen zu lernen und verlor ſich in Vermuthungen, die weit entfernt waren, der wirklichen Thatſache auf die Spur zu kom⸗ men, denn alle Gemüther waren zur Zeit einzig und allein auf den Stand der Politik gerichtet. Da ging die Thür des Herzogs auf und heraus trat ein Mann mit triumphirender Miene, der ſich mit ſeinem graubleichen Geſicht etwas ſtark hohnlächelnd rings umſchaute und unter ſeinem Arm ein Portefeuille trug, wie ein Kind ſein Spielwerk, einen Kaſten mit Häuſern und Figuren trägt, glaubend, mit dieſem Arm das ganze Weltall zu umſpannen. 6 Mir fiel dieſe kalte, höhnende und ziemlich unge⸗ wöhnliche Phyſiognomie auf, namentlich ſein großer fletſchender Munda mit den ſinnlichen Lippen, ſeine maſſiven Kinnladen und ſein kecker, herausfordernder Schritt. Dabei war ſeine Figur hager, ſtarkknochig und ziemlich fleiſchlos, ein übles Zeichen für den Menſchenkenner, der die vollen Leiber den zuſammen⸗ getrockneten vorzieht, wie man von Saft ſtrotzende Früchte lieber genießt, als verſchrumpfte. Wir alle ſchauten dieſer raſch durch das Zimmer huſchenden und eine vornehme Verbeugung verſuchenden Geſtalt nach, bis ſie verſchwunden war. Beinahe hatten Fritz Stilling. IV. 7 — 5 — —— ——— ———— — 98— wir die Empfindung, als wir ihr nachblickten, als ob ſie einen moraliſchen Schwefelgeruch hinter ſich ließ. Wo in aller Welt haſt Du dieſes Geſicht geſehen? fragte ich mich und ſuchte in dem Schatze meiner Er⸗ innerungen nach; denn daß mir dieſes Geſicht, dieſe Geſtalt ſchon einmal in den Weg getreten war, kam mir ziemlich zweifellos vor.. Da öffnete ſich die Thür des Herzogs abermals und er ſelbſt blickte wnee ig mürriſch, wie ein un⸗ zufriedener Titane, heraus. Sein Antlitz war faltig, bleich und ſein Haar ſchien in der kurzen Zeit meiner Abweſenheit an Fülle verloren und an lichterer Faͤrbe zugenommen zu haben. Da fiel ſein unſtät irrendes Auge auf mich, die einzige nicht militairiſche Geſtalt im Vorzimmer, und augenblicklich verklärte ſich ſeine Miene zu einem mir etwas abſichtlich ſcheinenden Lächeln. Gleich darauf winkte er mit der Hand, was ſo viel hieß, als: treten Sie näher! Sogleich überſchritt 4 ſeine Schwelle und ſtand nach der gewöhnlichen Ver⸗ beugung aufmerkſam und ſchweigend vor ihm. „Nun,“ ſagte er, mich näher an ſich heran und von der Thür fort winkend,„da ſind Sie ja wieder. Was haben Sie ausgerichtet? Ich bin neugierig.“ „Alles, gnädigſter Herr, was Sie wünſchten. Devrient kommt und die Sängerin auch.“ ——— — 99— „Was? Sie kommt?“ „Ja, ſie kommt und noch dazu gern. Ich habe ein merkwürdiges Glück gehabt“— und nun erzählte ich ihm, was ihm vor den Hand zu wiſſen noth⸗ wendig war. „Sie Glückskind! Ihnen gelingt Alles. Sie ſcheinen mit den Göttern im Bunde zu ſtehen. Ach!“ — und er faßte ſich ſeufzend an die Stirn.„Aber wie— erzählen Sie mai— Sie zerſtreuen mich— iſt ſie wirklich ſo ſchön ind ſingt ſie ſo gut, wie man ſagt?“ „Alle Schilderungen von ihr, Durchlaucht, bleiben weit hinter der Wirklichkeit zurück. Sie iſt ſchön wie das Morgenroth, heiter wie der junge Tag, und dabei ſingt ſie wie die Sphären des Himmels, zu denen ſie zu gehören ſcheint.“ „Nun ja, da haben wir's. Sie haben Sich in ſie verliebt, Doktor! Das wird eine ſchöne Komödie geben. Sieh, wie Sie ſchon roth werden— o Sie Unſchuld! Wie glücklich ſind Sie noch! Aber hören Sie, laſſen Sie Sich nicht von meinen wüigiruan todt⸗ ſchlagen, es giebt tüchtige Klingen darunter— „Ich fürchte mich nicht im Geringſten vor ihnen — meine Klngen ſind beſſer und ſchärfer als die ihrigen— e — 100— „Haha! Ich danke für beide. Und ſie iſt eine Italienerin?“ „Gott bewahre! So wenig wie ich ein Spanier.“ „Was iſt ſie denn, ſie hat doch einen italieniſchen Namen?“ „Das iſt wohl wahr, aber dieſer Name hat uns Alle irre geführt. Sie iſt eine Deutſche, in Holland erzogen, in Prag ausgebildet und hat dann in Italien den letzten Firniß erhalten, wo man ihr auch nach ihrem Vornamen Sidonie den Namen Sidi gegeben.“ „Alſo ſo hängt es zuſammen! Und was will ſie haben?“ Ich lächelte und ſchwieg. „Aha! Ich ſehe ſchon, ſie wird mir theuer zu ſtehen kommen— nug nur heraus damit, ich will nicht böſe ſein.“ „Sie will nichts haben, zu ihrem eigenen Ver⸗ gnügen will ſie die Ehre haben, vor Ew. Durchlaucht zu ſingen.“ „Doktor! das iſt eine Finte! O, ſcherzen Sie nicht mit mir, ich bin nicht in der Laune dazu— Ernſt will ich haben, die Wahrheit will ich wiſſen— was verlangt ſte?“. „In Wahrheit nichts, als was Sie ihr freibillig zugeſtehen, nachdem Sie ſie gehört. Doch, um Ihne — 101— Aufſchluß darüber zu geben— ich habe in ihr un⸗ verhofft eine Jugendfreundin gefunden, die ſich glücklich ſchätzt, mich wieder zu ſehen und die ſchon deshalb einer Einladung gern Folge leiſtet.“ „Ach, das iſt das Ende vom Liede? Darum waren Sie ein ſo guter Botſchafter— das muß ich geſtehen! Fände ich doch immer ſolche Jugendfreunde für meine diplomatiſchen Verhandlungen! Aber, nichts⸗ deſtoweniger bin ich mit Ihnen zufrieden— ſehr— ich danke Ihnen. Und Devrient?“ „Er kommt, wie ich ſagte, ebenfalls, aber beide erſt nach Ablauf ihres Kontrakts oder mit Beginn ihres Urlaubs, etwa um Weihnachten. Und er muß viel haben— Wein und Gold—“ „Gut, auch damit bin kich zufrieden, ich danke Ihnen doppelt.— Ach, Doktor, kommen Sie etwas näher zu mir— ſo— während Sie fort waren und Sich vergnügten, haben wir hier Sturm gehabt. Wir leben in einer Klemme. Ich habe mich auf einen ruhigen Winter gefreut, jetzt beſorge ich das Gegen⸗ theil. Der Froſt, das Eis, die Glätte iſt vor der Zeit gekommen— wir ſtehen Alle auf einem ſchlüpfrigen Boden. Sie haben es gewiß ſchon gehört— aha— ich ſhhe es Ihnen an, Ihr ehrliches Geſicht kann nichts verbergen, was in Ihrem Herzen iſt. Ja, es iſt leider — 102— wahr, das Land murrt, die Edelleute murren, die Hofherren murren— und warum?“ Er zögerte, es wurde ihm ſichtbar ſchwer, fortzufahren. „Nun, Durchlaucht, warum?“ „Weil— weil ich zwei Männer in meine Nähe genommen habe, die mir ausgezeichnete Dienſte zu leiſten verſprechen. Iſt das nicht meine Sache, Doktor? Sagen Sie ſelbſt.“ „Nein, gnädigſter Herr, nicht ganz! Auch das Land, das treue Volk, mit einem Wort, die zahlende Klaſſe hat ein großes und ſehr natürliches Intereſſe an dieſer Sache.“ „Wie? Auch Sie? Hat man Sie gegen mich eingenommen?“ „Das kann kein Menſch auf der Welt. Ich folge hierin nur meiner eigenen Eingebung. Sie haben mir ja ſelbſt, als ich die Ehre hatte, in Ihre Dienſte zu treten, befohlen, wahr und offen gegen Sie zu ſein — ich bin es mit jener Antwort vollſtändig geweſen.“ „Ha! Es iſt gut— alſo auch Sie— ich werde es mir überlegen.“ Und er griff wieder nach ſeiner Stirn, tief aufſeufzend, ſo daß ich annahm, er empfinde große Schmerzen darin. „Haben Ew. Dichlancht goxfſhmerim⸗ kaut ich theilnehmend. — 103— „Kopfſchmerzen? Wäre das ein Wunder? Selbſt wenn er mir abfiele, würde ich nicht erſtaunen— o, es iſt viel in dieſem Kopfe, was Sie, Doktor, nicht heilen können; aber— laſſen Sie uns davon abbrechen; ich bin nicht darauf vorbereitet, mit Ihnen heute ein ernſthaftes Geſpräch zu führen— vielleicht bald— ein andermal— zu etwas Anderem, Doktor! Ich habe noch einen Auftrag für Sie, da Sie doch ein⸗ mal ein geborener Diplomat zu ſein ſcheinen. Weiß ſchon Jemand, was Sie in Berlin ausgeführt?“ „Nicht einmal, zu welchem Zwecke ich dahin ge⸗ reiſt; ſelbſt meine Mutter weiß es nicht.“ „Ah, gut, daß Sie mich daran erinnern. Sie haben Ihre alte Mutter bei ſich aufgenommen— eine blinde Frau— ich habe es gehört und mich darüber gefreut. Das iſt hübſch von Ihnen. Aber Ihr Haus⸗ ſtand hat ſich dadurch vermehrt, ich werde Ihnen eine Gehaltserhöhung müſſen zukommen laſſen—“ „Sie ſind zu gnädig, Durchlaucht— „Still! Laſſen Sie die Poſſen— keine Worte über Dinge, die ſich von ſelbſt verſtehen— handeln Sie für mich allein durch Thaten. Ich habe da eine neue Unterhandlung für Sie, die Ihnen nicht ſo viel Zeit wegnimmt, wie die vorige. Wenn Ihnen auch die gelingt, dann meine ganze Anerkennung Ihrer — 104— Geſchicklichkeit, ich werde Sie künftig allen Diplomaten als Muſter vorſtellen. Aber dieſe neue Aufgabe iſt ſchwer, ſchwerer vielleicht als die in Berlin und hat einen noch größeren Werth für mich. Doch, am Ende finden Sie wieder einen Jugendfreund in Dem, an welchen der Auftrag gerichtet iſt—“ Ich ſpannte die Ohren; er ſprach dieſe Worte lächelnd und mit vielleicht natürlicher Zufälligkeit, und doch lag für mich eine Art unwillkürlicher Vorherſag⸗ ung darin. „Und welcher Auftrag iſt es, womit Sie mich beehren wollen?“ „Hören Sie. Ich habe den Plan ſchon lange mit mir herumgetragen. Zwei und eine halbe Meile von hier, unmittelbar jenſeits der Grenze des benach⸗ barten Fürſtenthums, eine Viertelſtunde von Brand⸗ ſtein entfernt— kennen Sie Brandſtein?“ „Ich kenne es.“ „Woher?“ 3 5 „Zuerſt durch das Gerücht.“ „Aha! Ich dachte es wohl. Und dann?“ „Sodann durch einen ſonderbaren Zufall.“ „Welchen ſonderbaren Zufall? Erzählen Sie mir, geſchwind, das muß ich zuerſt wiſſen—“ Auf einem Spazierritt in die Berge ſchon vor — 105— einigen Jahren traf ich einſt eine junge Dame mit einem Kinde im Walde, welches von einem Felſen herabgeſtürzt war—“ „Und dieſe Dame?“ „War die junge Gräfin von Brandſtein.“ „Weiter!“ „Ich trug das Kind, eine Pflegbefohlene der älteren Frau Gräfin, nach Hauſe und heilte ſeinen gebrochenen Schenkel.“ „So! Das iſt merkwürdig. Hm! Sie haben mir aber nie etwas davon geſagt?“ „Ich hielt es nicht für bedeutend genug, auch kam die Rede nie darauf.“ „Sie ſind ein Schlaukopf bei aller Ihrer Zurück⸗ haltung und Beſcheidenheit— Sie wiſſen und kennen Alles— durch Zufall— haha! Ihnen ſind vielleicht noch ganz andere Dinge bekannt— durch Zufall—. aber wie gefällt Ihnen die Gräfin?“ „Vortrefflich!“ „Das glaube ich— iſt ſie noch ſchön?“ „Noch immer eine herrliche Erſcheinung.“ „Auch das glaube ich— und ihre Tochter?“ „Sie iſt ebenfalls ſehr ſchön, obwohl nicht ſo ſehr wie die Mutter.“ „Nein, bei Weitem nicht. Sie haben Recht, das — 106— iſt auch meine Meinung. Sie iſt meine Tochter— das wiſſen Sie doch?“ „Ja, Durchlaucht, ich weiß es.“ „Sie wiſſen Alles, wie mir ſcheint. Ich ſag's ja. Warum ſehen Sie mich ſo ſtreng an?“ „Streng? Ich habe keine Ahnung davon. Sie täuſchen Sich im Ausdruck meiner Mienen.“ „Finden Sie zwiſchen mir und Thekla große Aehnlichkeit?“ „Große Aehnlichkeit— ganz unverkennbar.“ „Sie hat aber außerdem etwas, was mir nicht gehört. 721 Ich ſchwieg; denn obwohl eine leiſe Andeutum einer Frage in dem Tone dieſer ſeiner letzten Bemerk⸗ ung lag, ſo konnte ſie auch eben ſo gut eine zufällig ausgeſtoßene Ausrufung ſein, die keiner Erwiderung bedurfte. Daß ſie nicht abſichtlich und um mich aus⸗ zuhorchen geſprochen war, belehrte mich die Fortſetzung des Geſprächs, denn er fügte ſogleich, ſich auffällig erhitzend, hinzu:. „Sie hat etwas in ihrem Weſen, ſage ich, was ſelbſt mir aufgefallen iſt, ſo wenig ich ſie geſehen. Sie gleicht mir, ja— aber ſie gleicht auch— einm 4 Anderen, der— der mir— Böſes gethan— „Böſes? Sie haben doch nicht einen Verdacht- — 107— „O, was das betrifft, nicht den geringſten— das weiß ich beſſer— aber das gehört nicht hierher — ſie iſt jetzt erwachſen, dieſe Tochter— man muß an einen Mann für ſie denken—“ „Denken Sie nicht zuviel daran, Durchlaucht, dergleichen muß man Gott überlaſſen— „Ha! Ja, ja— Gott! Was muß man ihm nicht überlaſſen— o! Wir Menſchen bürden ihm viel auf— aber Sie ſprechen mit einem gewiſſen Nachhalt — wiſſen Sie vielleicht auch, da Sie Alles wiſſen, von irgend einer Neigung meiner Tochter?“ Der Augenblick ſchien mir günſtig, ich wollte ihn nicht wieder entfliehen laſſen—„Und wenn ich davon wüßte—?“ ſagte ich. „So ſprechen Sie— ich will nicht böſe ſein, wenn es ein braver Edelmann iſt— ein Dummkopf aber kriegt ſie nicht—“ 4 „Aber Ihr fürſtliches Wort, Durchlaucht, daß meine vorzeitige Offenbarung ſeiner Gefühle nicht zu Ungun⸗ ſten des jungen Mannes umſchlägt—“ „Ich verſpreche es— wer iſt es?“ 8 „Otto von Noringen— Ihr Adjutant!“ „Ha! Der Noringen! Das iſt mir neu— aber ich habe nichts dagegen— verlieren Sie kein Wort darüber— ich will ihn überraſchen—„ vielleicht auch aus Bedürfniß oder Geldgier, — 108— „Es ruht in meinem Herzen wie im Grabe— nur Ihre Hand allein vermag den Deckel zu lüften.“ „Doktor! Sie ſind mein Freund— ſind mir treu— ich fühle es, bei Gott! Fahren Sie ſo fort. Sie wirken Gutes, wo Sie können, und im Stillen, ganz unbemerkt, machen kein Geräuſch damit, wie An⸗ dere— das iſt eine Seltenheit, die ich zu ſchätzen weiß — doch nun zu meinem Auſftrag endlich. Kurz ge⸗ ſagt, in der Nähe von Brandſtein, auf dem Gebiete meines Nachbars, aber hart an der Grenze des mei⸗ nen, liegt ein ſchönes, großes Gut mit einem alten anſehnlichen Schloß aus dem Mittelalter. Das habt ich immer geliebt und hätte es gern das meinige gy nannt, auch wenn ich dadurch der Unterthan eines klei neren Fürſten geworden wäre. Am liebſten aber hätt 3 ich das ganze Grundſtück zu meinen Landen erworben, es iſt ein ſo hübſcher Ausſchnitt davon. Ich habe zu allen Zeiten große Summen dafür geboten, nie abet iſt mir die Unterhandlung gelungen, jedesmal wurde mein Antrag abgelehnt. Da, ſchon vor einigen Mo⸗ naten, nachdem ich lange nicht mehr daran gedacht, erfahre ich plötzlich, daß mein Nachbar, der alte Fürſt ſich anders beſonnen und— wie ein ſchlauer Fuchs— um mein Gebiet wahrſcheinlich nicht zu vergrößer — 109— Grundſtück an einen reichen und fremden Edelmann verkauft hat. Ich habe in der Stille nachfragen laſſen und es hat ſich beſtätigt. Das hat mich ſehr ver⸗ droſſen. Ich möchte das Gut jedenfalls beſitzen, denn ich will keinen unbekannten Nachbar in ſo unmittel⸗ barer Nähe von Brandſtein haben. Wenn ich auch getrennt und für ewig getrennt von der Gräfin lebe — ſie war mein Weib, ich habe ſie geliebt, ich muß ſie alſo achten, und ich achte ſie ſehr— bei Gott! Nun, da haben Sie meinen Auftrag. Ich muß jenes Gut haben, um jeden Preis, auf jede Bedingung. Aber Niemand darf erfahren, daß ich es bin, der ſich darum bewirbt. Gehen Sie alſo nach Brandſtein— es iſt wirklich vortrefflich, daß Sie ſchon da bekannt ſind— erkundigen Sie ſich unter der Hand nach dem fremden Kaufherrn, ob man vielleicht auf Brandſtein ſeinen Namen, ſeine Herkunft weiß? Dann gehen Sie nach dem Gute ſelbſt— es heißt Stromberg— und ſehen Sie es ſich an. Der jetzige Eigenthümer hat einen großen Bau ausgeführt, höre ich, und das Schloß fürſtlich eingerichtet. Suchen Sie ſeine Bekanntſchaft oder, wenn er nicht ſelbſt da iſt, die ſeines Bevollmäch⸗ tigten, der darauf hauſen ſoll, zu machen. Lauſchen Sie ihm ſeine Meinung ab und wenn Sie eine Mög⸗ lichkeit des Erfolges ſehen, beginnen Sie mit ihm zu — 110— unterhandeln— forſchen Sie, ob er das Gut mit Vor⸗ theil zu verkaufen geneigt iſt—“ „Und wenn er dazu geneigt iſt?“ „So kaufen Sie es für ſich. Natürlich behalten Sie es nicht. Ich kaufe es wieder von Ihnen— mit Vortheil für Sie— haha! wir treten in einen Han⸗ del. Gelingt Ihnen auch das, dann wollen wir ſehen, was ich für Sie thun kann— aber— verlieren Sie darüber kein Wort, verfahren Sie ganz wie mit de Berliner Angelegenheit— Sie verſtehen mich.“ Vollkommen. Ich werde mein Möglichſtes thun und ich glaube, daß eine große Summe, weit üba den Werth hinaus, den Käufer willig machen wid Die Sache ſcheint mir leichter, als die erſte.“ 3 „Verſprechen Sie ſich nicht zu viel. Dinge, dit leicht ausſehen, ſind oft die ſchwerſten. Ich verſpreche mir ſelbſt vorläufig nichts. Und nun ſind wir füt heute fertig, leben Sie wohl!“ „Noch ein Wort, Durchlaucht! Darf ich jetzt Je dermann mittheilen, daß die Sidi hierher kommt?“ „Ja, thun Sie es, das wird viele Gemüther b ruhigen. Ein kleiner Blitzableiter verhütet oft die fahren eines großen Gewitters. Leben Sie wohl!“ Ich begab mich in das Vorzimmer zurück un fand die Offiziere von vorher noch darin verſam wir 6.“ 8 — 111— Sie blickten mich verwundert und neugierig an, denn ich brachte einen rothen Kopf mit aus dem herzoglichen Zimmer, da mich die ſtattgefundene Unterredung in mancherlei Hinſicht aufgeregt hatte. „Doktor!“ ſagte einer der alten treuen Haudegen, „Sie haben eine ſehr lange Audienz genoſſen und ſich dabei angeſtrengt, man ſieht es an Ihrem Geſicht— iſt Seine Durchlaucht vielleicht unpäßlich?“ „Nein, mein Herr, ganz und gar nicht. Aber ich habe Ihnen eine Neuigkeit zu verkünden.“ Alle ſpitzten die Ohren und bildeten einen Kreis um mich, während ihre blitzenden Augen ſich in mein Inneres zu graben ſchienen. „Ich kann jetzt die vorherige Frage beantworten, warum ich ſo lange fortgeweſen und was ich in Berlin ausgerichtet habe.“ „In Berlin ſind Sie geweſen? Das iſt etwas Neues. Geſchwind, geſchwind, was haben Sie da gemacht?“. „Ich habe in des Herzogs Namen die große Sängerin, die Sidi, vermocht, hierher zu kommen Sie wird in der neuen Oper, der Freiſchütz, ſingen, die der berühmte Weber wahrſcheinlich ſelbſt dirigiren — 12— „O! Ahl Bah!“ hörte ich Alle um mich herum ausrufen. „Das iſt eine gute Neuigkeit, Doktor, eine vor⸗ treffliche ſogar. Der Herzog iſt im Ganzen glücklich. Er hat dem Hof und der Stadt ein längſt erwünſchtes Glück verſchafft. Sieh, ſieh, wie ſchlau er iſt; er ſtreut ein mildes Beruhigungspulver auf die große ſchmerzende Wunde der Politik. Er lullt die aufge⸗ regten Gemüther mit wohlklingender Muſik ein. Ah, Sie ſind ein Hexenmeiſter, wenn Sie dazu beigetragen haben, ein Golddoktor, ein wahrer, ächter Leibarzt—“ „Ein Seelenarzt, ſagen Sie lieber, denn ich habe. dem Leibe des Herzogs noch nicht einen einzigen Tropfen eingegeben. Und nun leben Sie wohl, meine Herren, und ſorgen Sie für ſchnelle Verbreitung der angenehmen Neuigkeit. Guten Morgen!“ Unbeſorgt um dieſe ſchnelle Verbreitung, die wie. ein Lauffeuer durch Stadt und Umgegend lief, ging 1 ich nach Hauſe und verkündete auch Lehmann's die Ankunft der Sängerin. Mein alter Freund war m als entzückt, er war begeiſtert. Entflammt aber wurd er, als ich ihm mittheilte, daß die große Künſtlerin in meinem, das heißt, in ſeinem eigenen Hauſe wohne würde. Er konnte ſich von ſeiner Freude und ſeine — Erſtaunen gar nicht erholen. Er arbeitete den ganzen „ — 113— Tag nicht, trank Mittags eine Flaſche Champagner mit ſeinem Röschen und uns und lief trillernd im ganzen Hauſe umher, im Geiſte ſchon die Anordnungen vorbereitend, um die große Meiſterin, die Königin des Tages, würdig zu empfangen und ſein Haus für ſie in einen vollkommenen Tempel der Kunſt umzu⸗ wandeln. Bei meiner Mutter aber leiſe eintretend und ſie 1 herzlich begrüßend, ſagte ich:„Mütterchen, auch Dir 4 muß ich eine Neuigkeit verkünden. Sidi, die große Saäng in aus Berlin, von der Lehmanns und alle Welt ſa lange entzückt ſind, kommt hierher, um uns etwas! orzuſingen, und auch Du wirſt ſie hören. Darum bin ich in des Herzogs Namen in Berlin ge⸗ 3 weſen.“— „Wie glücklich Du biſt, mein Sohn, von ihm ſo geehrt zu ſein.“ 3„O, Du kennſt noch nicht mein ganzes Glück— denn, rathe einmal, wer dieſe Sidi iſt?“ „ Wie ſoll ich das rathen, ich verſtehe davon 3 nichts.“— .„Mutter, Mutter, höre mich an— dieſe Sidi iſt keine Andere, als meine liebe, theure, längſt ge⸗ ſuchte und bisher nirgends gefundene Chriſtel van 5 Hees.“ 5. Frit Stilling. VV. 3 — — 5 — 114—„ „Chriſtel van Hees und eine Sängerin? O!“ „Ja, aber eine Sängerin, wie ſie noch nicht da⸗ geweſen iſt, ſo ſchön, ſo lieb, ſo gut, wie kein anderes Weib auf Erden. Du ſollſt über ſie urtheilen, wenn Du ſie ſprechen und ſingen hörſt, Du verſtehſt es ja, durch die Töne der menſchlichen Bruſt in ihr Inneres zu dringen.“ 1 „O, ich bin ſchon zufrieden, mein Sohn, wenn Du damit zufeieden biſt. Gott gebe Dir Freude. Das iſt mein Gebet geweſen, ſeitdem Du mir g eſchenkt worden biſt.“—“ — V. Das Gut Stromberg. Es war einer der ſchönen und warmen Oktobertage, wie ſie dieſer Monat ſelten, dann aber in vollkommener Lieblichkeit bringt und uns die Luft, den Wald, die Flur noch einmal zu genießen auffordert, weil bald darauf der trübe November und der kältere Dezember folgt, deren ſchwer und düſter athmende Winde die Erde zu einem feſteren Schlummer vorzubereiten und ihre von Lebensſaft pochenden Adern in Grabesruhe einzuſchläfern ſcheinen. Unmittelbar nach Tiſche hatte ich meinen Schimmel beſtiegen, der mich ſeit einigen Wochen nicht getragen hatte. Munter ſiog er mit mir durch die öden Felder 3 dahin, kaum des Zügels, des Sporens gar nicht be⸗ dürfend, denn er kannte ſeinen Weg, dem ſchönen B oſtein entgegen. Mit ſo ſreier Bruſt, wie ich 8 1 3 3 8 — 116— heute dieſen Weg ritt, hatte ich ihn noch nie zurück⸗ gelegt. Ich hatte einen tüchtigen Fortſchritt im Leben gemacht, ſeitdem ich das letzte Mal in den Bergen geweſen, einen Fortſchritt, der unbedenklich von blei⸗ bender Bedeutung für mich war. Ich hatte ein menſch⸗ liches Weſen wiedergefunden, welches ich beinahe ſchon für immer verloren gegeben hatte, deſſen Beſitz mir der Inbegriff aller menſchlichen Glückſeligkeit auf Erden war, und von deſſen Auffindung an ſich alſo ein neuer Abſchnitt meines Daſeins mir eröffnet hatte. Außer dieſem glückſeligen Gefühl aber ſchwellte noch ein au⸗ deres meine Bruſt. Ich ritt heute zum erſten Male nicht heimlich dieſen Weg, ich brauchte kein Späher⸗ auge mehr zu fürchten, wie früher ſo oft; das Geheiß meines Fürſten, dem ich nur ungern und mit wachſen⸗ dem Widerſtreben das Geheimniß von Brandſtein ver⸗ ſchwiegen, trieb mich ſelber hinaus, ich brauchte von jetzt an den Gefühlen der Freundſchaft, die mich dahin zogen, nicht länger Zwang außzulegen. Die Gräfin war allein; Otto war heute nicht herausgekommen, was ich ſchon in der Stadt erfahren hatte, Thekla aber hielt ſich bei den Kindern im Er⸗ ziehungshauſe auf. Mit lächelndem Geſicht ſtreckte mit die ſchöne Dame vom Hauſe die Hand entgege begrüßte mich freudig nach ſo langer Abweſenhe 48 kann es Gutes für uns Alle auf einmal geben?4⁴. — 117— eine vierzehntägige Trennung, nachdem wir uns ſonſt wenigſtens zwei Mal in der Woche geſehen, ſchien uns etwas Ungewöhnliches zu ſein. „Da ſind Sie wieder, mein theurer Freund,“ rief ſie mir ſchon von Weitem entgegen,„ich heiße Sie von ganzem Herzen willkommen! O— wo Sie auch geweſen ſind und was Sie vollbracht haben— Ihrem Geſichte nach zu urtheilen, nach dem ich wie nach einem Wetterglaſe ſchaue, haben Sie keine unangenehme Reiſe gemacht. Darf man ein wenig ſeinem Geſchlechte Ehre machen und neugierig ſein— denn Sie ſehen in der That aus, als wenn Sie etwas Gutes mit ſich brächten?“ 3 „Das bringe ich auch,“ erwiederte ich freudig und küßte ihr lebhafter denn je die ſchöne Hand.„Ja, ich bringe Gutes, doppelt und dreifach ſogar, und Sie— werden es nicht errathen.“ „Gilt es mir, oder vielmehr einem unſerer Freunde?“ „Es gilt Ihnen, Thekla, Noringen und mir— alſo uns allen Vieren.“ „D! Sie machen mich mehr als neugierig— ſehen Sie, ich erröthe, daß ich es ſelber fühle— was 88 — 118 „Hören Sie mich an gnädigſte Frau! Ich muß mit meiner Reiſe beginnen, daher verzeihen Sie, daß ich auch mit meiner Perſon anfange. Sie wiſſen, daß ich im Auftrage des Herzogs meinen Weg antrat. Mein Ziel war Berlin. Ich hatte ihm bei ſeinen politiſchen Sorgen Zerſtreuung angerathen, und ſo trug er mir auf, einige berühmte Schauſpieler für ſeine Bühne zu gewinnen.“ „SDas iſt ein ſeltener Auftrag für einen Arzt.“ „Freilich wohl; aber er that es, weil er Vertrauen in mich ſetzte und ſich von meinen Unternehmungen mehr verſprach, als von denen Anderer. Und je une erfahrener ich in dieſer Art von Geſchäften war, um ſo mehr Glück und Erfolg hatte ich. Ich gewann Die, die ich gewinnen wollte und hatte außerdem das größere Glück Jemanden zu finden, den ſo plötzlich wiederzuſehen ich am wenigſten erwartet hatte.“ „Nun— wäre es möglich! Fahren Sie fort!“ „Mit einem Wort— jubeln Sie mit mir— ich fand in Berlin meine theure Jugendfreundin Chriſtel van Hees wieder.“ ₰ 7 weiter!“ „ SIch fand ſie in der berühmten Sängetin Sidi wieder, die die ganze Welt mit ihrem Rufe erfüllt. Sie ſetzen mich in das freudigſte Erſtaunen,— 4 — 19—. „Ah, ſehen Sie, Ihre Roſenknospe entfaltet ſich, habe ich es Ihnen nicht vorhergeſagt?“ „Nicht ſo raſch, gnädigſte Frau! Sie gehört mir darum nicht mehr als früher; ſie iſt eine Künſtlerin „geworden und ihre Bahn läuft weit von der meinigen entfernt.“ „Nun, Sie werden ſie doch nicht wieder ihres Weges ziehen laſſen?“ „Kann ich ſie halten, wenn ſie mich verlaſſen will?“ „Aber ſie wird Sie nicht verlaſſen wollen— ihr Glück wird ihr lieber ſein, als ihr Ruhm.“ „Das weiß ich nicht und wage es auch nicht zu hoffen— ich bin ſo kleinmüthig geworden, ſeitdem ich den Glanz und den Umfang ihrer Größe geſehen.“ „Und wie? Liebt ſie Sie denn noch— hat ſie alle ihre guten und ſchönen Eigenſchaften, die Sie mir ſo oft geſchildert, bewahrt?“ „Sie iſt dieſelbe geblieben, durch und durch, treu und rein und unſchuldig wie der Hauch des Himmels.“ „Und Sie zweifeln an ihrer Zuſtimmung? O, Sie Kleinmüthiger! Wie wenig kennen Sie die „ Frauen! Wen ein edles Weib einmal liebt, liebt es für ewig. un wenn ſie ſo iſt, wie Ihr Herz ſie mir — 120— dargeſtellt, ſo kann ſie meiner Meinung nach nur Eins thun.“ „Und das wäre?“ „Die kleine ſtille Welt in Ihren Armen der großen rauſchenden des Ruhmes und der Ehre vor⸗ ziehen.“ „Ach! ſprächen Sie wahr! Doch das iſt nur das Eine, das Erſte, das geht allein mich an. Hören Sie weiter, was daraus folgte. Ich kam zurück und theilte dem Herzog den guten Erfolg ſeiner Sendung mit. Er war darüber ſehr erfreut, obgleich ich fand, daß die wachſenden Sorgen ſein Haar gebleicht und ſein wankendes Herz noch tiefer erſchüttert hatten. Er ließ mich in einem gerührten Augenblick in ſein Inneres ſchauen, und da ſah ich wenig Erfreuliches. Ohne Zweifel wiſſen Sie von dem Miniſterwechſel und der daraus hervorgegangenen Stimmung des Landes?“ „Leider, ja, mir iſt Alles bekannt. Er wankt und ſchwankt ohne ehrliche Stütze und iſt ein Sühi werk in eines Mächtigeren Hand.“ „So iſt es, ja! Er gab mir einen zweiten Auf⸗ trag—“ „Wie? Sollen Sie wieder fort?“ „Nein, er wies mich hierher— „Zu mir?“ — —,— — 121— „Ja, zu Ihnen!“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen! Und aus welchem Grunde?“ „Das werden Sie ſogleich erfahren. Er fragte mich, ob ich Sie kenne? Offen und ehrlich gab ich die Quelle unſerer perſönlichen Bekanntſchaft an— darüber war er erfreut, aufrichtig erfreut, ich hätte es kaum gedacht. Aber er glaubte wahrſcheinlich damit den erſten Schritt zur Erfüllung ſeiner neuen Wünſche zurückgelegt zu haben.“ „Sie machen mich immer geſpannter— weiter— „Er fragte nach Ihnen, nach Ihrer Tochter— er theilte mir ſeine Meinung über beide mit— ich er⸗ fuhr zu meiner Beruhigung und Freude, daß er Sie hochachtet und daß er ſein Kind glücklich zu machen bemüht iſt.“ 93p „Wie denn aber?“ „Er ſprach davon, daß es Zeit ſei, ihr einen Gatten auszuwählen— ich rieth davon ab; Gott dieſe Wahl zu überlaſſen, ſei das Beſte. Er ging darauf ein, denn der Name Gottes zu rechter Zeit in ſein Ohr geflüſtert, bewältigt ihn ſtets und augenblicklich. Er iſt ſehr fromm geworden, dieſer herriſche Herzog, und alſo. auch gehorſam gegen Gottes Gebot. So⸗ dann fragte er mich, ob etwa Theklas He — 122— frei ſei? Ich hielt den Augenblick für günſtig, gnädige Frau, und obgleich ohne Ihre Einwilligung zu be⸗ ſitzen, ſprach ich aus, was mir auf dem Herzen lag, und nannte Otto von Noringen als den Bevorzugten Ihrer und ſeiner Tochter.“ „Und was ſagte er— ſchnell— Sie ſehen, ich horche athemlos—“ 4 „Er war zufrieden damit, vollſtändig zufrieden — ich dürfe aber Niemandem etwas darüber mit⸗ theilen, gebot er, er ſelbſt, er allein wolle Noringen überraſchen—“ „Ach, großer Gott, welches Glück! Theuerſter Freund, das verdanken wir Ihnen—“ * Nein, gnädigſte Frau, das lehne ich ab. Ich bin Kunr das Werkzeug einer höheren Hand— ſo müſſen Sie die Sache betrachten; ich handle ſchon lange unter dieſem Bewußtſein.“ „Wohl, wohl, aber doch— nur weiter—“ „Weiter in dieſer Beziehung nichts. Behalten auch Sie dieſes Geheimniß für ſich und laſſen Sie die beiden Glücklichen nichts davon ahnen— ich ſehe nur Guteß aus der augenblicklichen Verſchleierung ſeinet Abſicht. 1 3 8 „Ich auch, o ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von ganzem Herzen— Sie haben mir einen St „“. „ 4 —— — — 3— von der Seele genommen, der ſchon lange und ſchwer darauf gelaſtet.“ „Hören Sie nun weiter; ich komme zu meinem neuen Auftrag. Er ſandte mich alſo hierher, um bei Ihnen— auch das muß gahz unter uns bleiben— mich unter der Hand zu erkundigen, ob Ihnen der neue Beſitzer von Stromberg bekannt ſei?“ „Von Stromberg? Warum das? Nein, ich kenne ihn nicht, nicht einnal dem Namen nach; der Ankauf des Gutes und der Ausbau des Schloſſes iſt in aller Eile und ganz im Geheimen betrieben—“ „Alſo davon wiſſen Sie doch?“ „Gewiß, es liegt ja nur eine kleine Viertelſtunde von hier. Aber was will er mit Stromberg?“ „Er will es kaufen, um jeden Preis; er will keinen Nachbar in Ihrer Nähe dulden, den er nicht kennt. Ich ſoll mit dem neuen Beſitzer des Gutes unterhandeln und daſſelbe für mich kaufen.“ „Ach— er will es Ihnen zur Belohnung ſchenken—“ „Keineswegs; er ſcheint ganz andere Abſichten damit zu verbinden und eben hierin iſt er mir dunkel, falls er nicht Thekla und ihrem künftigen Gatten daſſelbe zur Ausſteuer geben will, damit Sie ſie in Ihrer Nähe behalten. 4 1 — 124— * „Das wäre eine große Aufmerkſamkeit— faſt zu groß, ſo daß ich ſie ſchon deshalb nicht als ſicher an⸗ nehme. Er muß einen anderen Plan haben.“ „Es iſt möglich; aber um dieſen Plan, denke ich, haben wir uns nicht zu fümmern, ich wenigſtens nicht. Ich werde alſo gehen und den Beſitzer des Gutes zu „ ſprechen verlangen.“ „Da thun Sie einen vergeblichen Schritt. Er iſt nicht da, nur ſein Sachwalter oder Intendant ein alter, biederer Mann, den ich ſchon einige Mal . aus der Ferne geſehen habe und von dem die Leute Gutes ſprechen.“ „So will ich zu dem gehen und zwar ſogleich, — denn es wird früh dunkel und ich habe eine lange Un⸗ terredung mit ihm vor— ich will zum erſtenmal in meinem Leben als Handelsmann auftreten.. „Mag es Ihnen auch diesmal glücken. Wenn 1 Sie mir einen Augenblick geſtatten, ſo begläite ich Sie bis zur Grenze.“. Sie entfernte ſich und nahm Hut und Mantel; ich bot ihr meinen Arm und wir betraten den reizenden Fußſteig, der durch die Berge nach Stromberg führt. „Sie ſind ein Diplomat geworden,“ ſagte die Gräfin unterwegs,„der Herzog hat einen ſcharfe Blick— er kennt heraus, wozu die Menſchen 8 — 125— 6 gebrauchen ſind— ach ja! das muß man ihm zuge⸗ ſtehen.“ „Auch Sie verkennen meine Fähigkeiten. In Berlin hat mich der Zufall begünſtigt; hier iſt es etwas Anderes, und obgleich ich hoffe, auch diesmal das Ziel zu erreichen, ſo hat mir der Herzog ſelbſt die beſten Mittel dazu in die Hände gegeben— einen vollen Beutel.“ „Geld beſiegt nicht alle Schwierigkeiten. Daß Sie Sich nur nicht täuſchen! Der Beſitzer von Strom⸗ berg kann ein ſelbſtſtändiger Edelmann ſein, der einen ähnlichen guten Geſchmack hat, wie der Herzog.“ „Einen ähnlichen?“ dachte ich.„Was will ſie damit ſagen? O, offenbar nichts, es war ein zu⸗ ſilliges Wort!“ Wir gingen weiter. Aber es war beinahe fünf Uhr und wir hatten den 28. Oktober. Die Tage nahmen alſo ſchnell ab und wir ſchritten ſchon in ſtarker Dämmerung dahin. Plötzllich blieb die Gräfin ſtehen und ſagte:„Bis hierher begleite ich Sie nur. Hier iſt die Grenze. Da ſehen Sie dieſe Steine; hier hört das Gebiet Ihres Herrn auf— ich habe mich ver⸗ pflichtet, daſſelbe nie zu überſchreiten. Gehen Sie jetzt allein; dieſer Weg führt über den letzten Berg, dann „ . tetet ie in's Freie und ſehen das ſchöne Stromberg ⸗ — 126— vor ſich. Gehen Sie mit Gott und laſſen Sie mich nicht zu lange auf die Nachricht Ihres Erfolges warten.“ Ich war wieder allein. Raſch überwand ich den letzten ſteilen Berg, und ſiehe, da lag eine reizende, wenn gleich von der Abenddämmerung ſchon ſtark ver⸗ dunkelte Gegend vor mir. Sie war offen und geſtattete daher eine weite Fernſicht. Tief im Grunde unter meinen Füßen ſah ich im letzten Wiederſtrahle der un⸗ tergegangenen Sonne das ſchöne neue Schloß blinken. Es lag auf einem ſanft abſteigenden Hügel, dem letzten des Höhenzuges, und leuchtete frei und kühn in die lachende Ebene hinab, die erſt in tiefer Ferne wieder von violetten Bergen umſäumt war. Rings um das Schloß zog ſich ein Park bis hoch hinauf zu dem Berge, den ich jetzt ſelber hinabſtieg. Mitten darin funkelte ein kryſtallklarer See von ovaler Form, deſſen vom leichten Abendwinde bewegte Fluthen leiſe auf und nieder wogten und mit ſanftem Sträuben einen Arm des kleinen Fluſſes aufnahmen, der von der Re⸗ ſidenz über Brandſtein daher rieſelte, nachdem er die doppelte Reihe der Berge durchſchnitten hatte. Ich ſtand einen Augenblick ſtill und überſchaute dieſe ſt — 127— und reizende Gegend. Dann ſchritt ich raſch durch den Park, der immer ſorgfältiger gepflegt erſchien, je näher man dem Schloſſe kam. Schon ſah ich die Zinnen des letzteren dicht vor mir liegen und die großen Spiegelſcheiben, die weithin blinkten und ſchim⸗ merten, verriethen den Geſchmack und Reichthum des neuen Beſitzers— da gewahrte ich einen Mann lang⸗ ſam mir entgegenſchreiten, der, die Hände auf den Rücken gelegt, mehr den Himmel als die Erde zu be⸗ trachten ſchien, auf der er wandelte. „Guten Abend, mein Herr,“ ſagte ich, als ich dicht bis zu ihm gelangt war, und zog meinen Hut. „Es iſt doch erlaubt, in dieſem ſchönen Parke ſich um⸗ zuſchauen?“ Er lüftete leicht ſein Käppchen, trat ganz nahe an mich heran, als ob er ſich überzeugen wolle, einen Bekannten oder Fremden vor ſich zu haben und ließ mir dadurch hinreichend Zeit, ſeine merkwürdige Er⸗ ſcheinung nach Belieben zu muſtern. Und da ſah ich in ihm einen alten, wohlgenährten, namentlich in Bruſt und Schultern ſtarken Mann mit eisgrauem gelockten Haar und Bart, welcher letztere, an den Schläfen be⸗ ginnend, bis zur Mitte der Bruſt ſich herabzog und nur den kleinſten Theil eines gefurchten und von den GSpuren gebrechlichen Alters angegriffenen Geſichts frei — 128— ließ. Dieſes aber glich, ſo viel ich bei dem wachſenden Dunkel des Abends wahrnehmen konnte, mehr dem würdevollen Antlitze eines Anachoreten und Weltweiſen, als dem eines in weltlichen Geſchäften erfahrenen In⸗ tendanten eines reichen Edelmannes. Und doch war dieſer Greis der Intendant dieſes Edelmannes ſelber. Alſo er lüftete leicht ſein Käppchen und entgegnete freundlich meinen abendlichen Gruß.„Ja wohl, mein Herr,“ ſagte er, als er in mir einen Fremden erkannte, „es iſt erlaubt, hier im Parke ſpazieren zu gehen. Sie haben aber nicht die beſte Zeit dazu gewählt. Es iſt für andere Augen als die meinen ja beinahe zu finſter.“ 3 „Ich konnte nicht früher kommen und wollte we⸗ nigſtens die äußere Lage des mir gerühmten Schloſſes noch heute Abend betrachten, das Nähere mir auf mor⸗ gen verſparend. Aber wie, ſehen Ihre Augen des Abends im Dunkeln mehr und beſſer, als anderer Menſchen Augen?“ 1 ittisn 4 „Ach, mein Herr— bitte, gehen Sie etwas ü langſamer— ſo— ich bin eine alte gebrechliche Ma⸗ ſchine.“ Und er ſtand ſtill und lächelte ein wenig, in Grunde aber bemühte er ſich, tief Athem zu ſchöpfen. was ihm etwas ſchwer wurde.„Wenn wir imme jung und rüſtig bleiben könnten, das wäre eine herrlich — — 129— Zugabe für dieſes arme Erdenleben; ſo aber macht ſich das Alter mit ſeinen Schwächen allzu früh geltend und läßt uns vor der Zeit einen hoffnungsvollen Blick von dieſer Erde weg nach dem Himmel thun. Meine Bruſt iſt ſchon ſeit latggen Jahren krank— ſehen Sie— es fehlt mir bisweilen an Luft— man nennt es Aſthma, weiß aber nicht recht, woher es ſtammt, noch weniger hat man ein gründliches Heilmittel dafür. Nun— ich bin alt und gehe gern dem Grabe entgegen, frage alſo nicht ſo viel darnach. Außerdem aber leide ich an den Augen, und das betrübt mich ſchon mehr. Ich habe ſie etwas viel angeſtrengt, dieſe guten Augen, und da viderſetzen ſie ſich jetzt meinen Wünſchen und verſagen mir den Dienſt, wo ich ihrer doch noch ſo ſehr bedürfte, denn ich leſe gern und viel und habe vielleicht, den Schlaf abgerechnet, ſieben Achtel meines Lebens den Kopf über ein Buch gebückt zugebracht. Merkwürdig genug, Abends, wenn die Sonne geſunken iſt, wie jetzt, ſehe ich am beſten, und ich kann, glaube ich, weiter damit in die Ferne reichen, als Ihr junges und friſches Auge.“ „Woraus ſchließen Sie, daß mein Auge jung iſt, da Sie es doch nicht geſehen haben?“ „Aus Ihrer Sprache, mein Herr, die iſt feurig und lebhaft. Sie ſind noch nicht fünf und dreißig Jahre alt.“ Fritz Stilling. IV. 9 — 130— 4 4 „Sie haben ein feines Gehör, das muß ich ſagen. Wenn Sie erlauben, will ich mir morgen bei Tage einmal Ihre Augen genauer betrachten, ich verſtehe etwas davon, denn ich bin—“ „Doch nicht etwa ein Augenarzt?“ „Gewiß, das bin ich.“ „O, das iſt mir ja eine liebe Bekanntſchaft, ſeien Sie mir herzlich willkommen. Ich ſehne mich recht darnach, mit einem erfahrenen Manne über mein Augen⸗ übel zu ſprechen und offen und ehrlich von ihm zu vernehmen, was ich hoffen kann oder befürchten muß. Es iſt beſſer, man weiß etwas Unvermeidliches beſtimmt, wenn es auch Schlimmes iſt, als daß man ohne Un⸗ terlaß etwas Unbeſtimmtes fürchtet.“ „Da haben Sie Recht. Alſo morgen mehr davon. Aber mir däucht, Sie thun in dieſer Hinſicht Unrecht, der kühlen Abendluft ſich hier zu lange auszuſetzen. Ich höre und Sie ſagen es, Sie haben einen alten Huſten — nicht wahr, er iſt ſchon alt?“ „O, er iſt mein allerälteſter Freund und thut mir nichts mehr, denn er begleitet mich ſeit meinem drei⸗ ßigſten Jahre, alſo ſeit etwa zwei und dreißig Jahren, denn ich bin jetzt zwei und ſechzig alt.“ —— „— 131— ſtimmte.„Das iſt freilich eine lange und faſt zu treue Begleitung,“ fuhr ich fort,„aber die Abendluft in dieſer Jahreszeit macht das Uebel ärger.“ „Nein, nein, glauben Sie das nicht. Ich weiß es beſſer. Und wenn ich auch irre, was ſchadet es? Ich will Ihnen aber ſagen, warum ich hier umher ſpaziere. Sehen Sie, ich habe eine alte Liebhaberei — da— drehen Sie Sich einmal herum— da hinten liegen die Berge— über dieſe Berge ſteigt der Mond herauf— wir haben heute Vollmond. Das habe ich immer gern mit angeſehen, ſo lange ich lebe, und will es ſo lange ſehen, wie ich noch lebe. Da ſehen Sie, da leuchtet ſchon der feuerfarbige Schimmer über den ſcharfen Rand der Gebirgskämme herüber— ah, wie ſchön das iſt! Wiſſen Sie, was ich mir immer dabei denke? Ich ſtelle mir den Mond als einen alten lieben Freund vor, den ich lange nicht geſehen. Blickt er nun zuerſt hervor aus den Wolken— ſo iſt das ſein Auge— dann immer mehr, das iſt ſein Kopf— noch mehr, das iſt ſeine Bruſt, ſein Leib— und endlich ganz— das iſt ſeine liebevolle Geſtalt, die mich mit ihrem Lichte begrüßt und an ſchönere, jüngere Tage erinnert. Ach— da kommt er wirklich hervor— ſehen Sie, ob ich nicht Recht habe— denken Sie einmal an einen lieben alten Freund—“ 9 — 132— „Ich denke ſchon daran— ja— allmälig taucht er auf—“. „Das iſt ſein Kopf— hal das, das iſt ſein Leib— warten Sie einen Augenblick, er kommt raſch, er hat ein Bedürfniß nach mir— da, da iſt ſein ganzer Körper. Ach, da iſt er! Guten Abend, mein lieber, lieber Freund—“ Und er breitete beide Arme aus, als wollte er ihn umfangen. Ich ſtand neben ihm und ſah mehr den Mann als den Mond an. Mich bewältigte eine tiefe Wehmuthe und Rührung. Und doch war eine große, eine unnennbar große Freude mit dieſer Rühr⸗ ung vermiſcht. Schon der erſte Ton ſeiner Stimme war wie der Ruf eines alten treuen Herzens in mein Ohr gedrungen— ich glaubte die reine Glocke zu kennen, die aus dieſer Bruſt tönte— aber ich wollte⸗ mich ihm noch nicht verrathen, ihn nicht in ſeinen Be⸗ trachtungen ſtören, die ſein ganzes Gemüth in Anſpruch zu nehmen ſchienen und ihn hinderten, meine ſcharf auf ihn gerichtete Aufmerkſamkeit wahrzunehmen. Wäh⸗ rend ich ihn nun von der Seite, vom Scheitel bis zur Sohle betrachtete und durch ſeinen grauen lockigen Bart hindurch die Züge ſeines Geſichts zu zergliedern verſuchte, hielt er immer noch den Kopf nach den Himmel gerichtet und verfolgte den langſam herauf⸗ 4 — 133— ſteigenden Vollmond, der jetzt ſchon mitten im blauen Aether ſchwamm und ſein blendendes Licht rings auf die lautloſen Fluren herabfallen ließ. „Nun iſt es genug,“ ſagte er endlich,„jetzt hat er ſein jugendliches Antlitz verloren und iſt zu ſeinen anderen Freunden, den Sternen, gegangen, um ihnen, den Kleinen, ſeine ältere Weisheit zu lehren. O, darin iſt er auch wie ich, ich habe immer gern das Gedeihen uund Wachſen Jüngerer geſehen, denn ich liebe das junge, hoffnungsvolle Geſchlecht—“ „Da hätten Sie Sich eigentlich zu einem Lehrer der Jugend geeignet,“ nahm ich wieder das Wort und blickte ihn lauſchend von der Seite an. „Ja, ja, da haben Sie wohl Recht. Ich bin auch ein Lehrer geweſen in jüngeren Jahren— ich habe auch Schüler gezogen— ja, ja, und recht liebe, gute und fleißige Schüler.“ „Und iſt denn aus ihnen etwas Tüchtiges ge⸗ worden?“ „Ach, das weiß ich leider nicht recht— denn wo ſind ſie, die wir in unſerer Jugend ſahen? Die Welt hat ſie in ihrem tiefen Abgrund verſchlungen. Wo ſind ſelbſt wir für ſie— ſie mögen uns oft an anderen Orten ſuchen, als wo wir zu finden ſind.“ * — 134— „Haben Sie in einer öffentlichen Schule unter⸗ richtet?“ „Nein, das nicht, ach nein! So glücklich war ich nicht. Es war in einem Kloſter, wo ich einige Schüler hatte. Aber— erlauben Sie— jetzt fängt es an fühlbar kalt zu werden— wollen Sie mit mir in mein Zimmer kommen, ſo ſollen Sie mir willkom⸗ men ſein.“ „Heute nicht, mein Herr, aber morgen— Sie wiſſen ja, Ihrer Augen wegen muß es bei Tage ſein; auch möchte ich gern über etwas Anderes mit Ihnen ſprechen, was mich in dieſe Gegend und zu Ihnen führt. So leben Sie denn wohl für heute— wann darf ich morgen im Schloſſe erſcheinen— weilt der Beſitzer ſelbſt darin?“ „Nein, nein, er weilt nicht darin. Nur ich ganz allein mit einem Baumeiſter, einigen Dienern und Ar⸗ beitern, die in dieſen Tagen die letzte Hand anlegen, was ich mit anſehen will, um dann wieder fort zu gehen. Kommen Sie, wann es Ihnen beliebt— eſſen Sie eine Suppe bei mir, dann können wir reden und die Augen beſehen, ſo viel wir wollen.“ „Gut, ich werde kommen. Darf ich um Ihren Namen bitten?“ „Ach, mein Name, er hat nicht viel zu bedeuten!“ —— „Doch, doch— denken Sie, ich bin wie der Mond, der über die Berge blickt und wie ein alter Freund nach Ihrem Namen fragt.“ „O— ein herrliches Bild— nun, wenn Sie ihn wiſſen wollen, ich heiße Aſchhaupt, Ludwig Aſchhaupt—“ „So, ſo; ich danke Ihnen. Leben Sie wohl— bis morgen!“ Und ich trat von ihm zurück. Wie gern hätte ich dem alten, guten, grauhaarigen Manne die Hand ge⸗ drückt. Er ging, ſo ſchnell er konnte, dem Schloſſe zu. Noch ein Mal blickte ich mich nach ihm um, bis er auf der Treppe deſſelben verſchwunden war, dann trat ich langſam und in tiefes Nachſinnen verloren, meinen Rückweg an, denn ich hatte viel, viel in Ueber⸗ legung zu ziehen. Dieſer Mann, dieſe Erſcheinung— hier, in der Nähe von Brandſtein und der Grenze des herzoglichen Landes— welches dunkle, ſchwer zu ent⸗ wickelnde Räthſel gab er mir zu löſen! Doch ich will den Gedanken des Leſers und den Ereigniſſen, die ſich jetzt raſch auf einander folgen werden, nicht vorgreifen, ich bitte ihn vielmehr, bei der Grafin wieder mit mir einzutreten.„ „Nun,“ ſagte ſie,„da ſind Sie ja wieder. Was haben Sie ausgerichtet?“ — 136— „Nicht viel, ich habe kein Wort von meinem Auf⸗ trage geſprochen.“ „Kein Wort? Und warum nicht?— Aber wie, Sie ſehen ja ſo ernſt, beinahe trübe aus— was iſt Ihnen begegnet?“ „Eigentlich nichts und dennoch ſehr viel. Ich habe nur einen Mann getroffen, der wahrſcheinlich der Intendant des neuen Beſitzers von Stromberg iſt. Und nach dem, was ich von ihm gehört, ſind meine Hoffnungen, das Gut kaufen zu können, ſehr geſunken. 3 „Wie? Sie haben ja gar nicht Ihre WMeu darüber kundgegeben, ſagen Sie.“ „Nein, und dennoch ſind dieſe Hoffnungen ge⸗ ſunken, glaube ich. Ich habe durch das Herz dieſes alten Mannes in ein anderes geblickt— und was ich da geſehen, ermuthigt mich nicht gerade ſehr.“ „O, ſprechen Sie ſich deutlicher aus, ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich verſtehe mich ſelbſt nicht, gnädigſte Frau, ſeien ſie mir deshalb nicht böſe. Aber ich fühle mich ermüdet und will mich beeilen, nach Hauſe zu kommen.“ „So bleiben Sie hier, Sie wollen ja doch wieder morgen nach Stromberg.“ „Das will ich freilich— aber dennoch muß ich — 137— die Nacht in meinem Hauſe zubringen, der Herzog läßt mich bisweilen rufen—“ „Das iſt etwas Anderes. Aber Sie kommen mir ungewöhnlich erregt vor— vorher waren Sie nicht ſo.“ „Laſſen Sie mich einmal ſein, wie ich gerade bin — der Anblick des ſchönen Gutes, des Schloſſes und Alles, was mir darüber im Kopfe herum geht, hat . mich ernſt geſtimmt. Morgen werde ich heiterer ſein. Aber ich höre mein Pferd vor der Thür wiehern— darf ich morgen Ihre Gaſtfreundſchaft ſchon wieder in Anſpruch nehmen?“ „Welche Frage, lieber Doktor— ich laſſe Sie ungern in dieſer Stimmung reiten— haben Sie auch einen Mantel?“. „Ich bin warm gekleidet, wie immer, wenn ich zu Pferde bin— alſo bis morgen, Gott erhalte Sie!“— Ich war froh, als ich mich wieder allein ſah, die 5 Worte waren mir, ohne zu wiſſen, was ich ſprach, aus dem Munde gekommen, ich hatte an etwas ganz An⸗ deres dabei gedacht. Was ich aber auch dachte, ich fand nicht dn rechten Schlüſſel zu dem neueſten Räthſel. Ich kam etwas ſpät nach Hauſe, denn ich ritt meiſt langſam. Nur in der unbeſchränkten Freude * — 138— jagt man ſorglos dahin, ich aber hatte nicht Freude allein, ich hatte auch Sorge. Am nächſten Morgen wickelte ich meine Geſchäfte ſo ſchnell wie möglich ab und um zwölf Uhr war ich ſchon wieder auf dem Wege nach Brandſtein. Ich ſtellte mein Pferd ein, begrüßte mit wenigen Worten die Gräfin, dann ſchritt ich ſchnell über die Berge nach Stromberg. Und wie ſchön ſah es im Mittagsſonnenſchein aus, denn an dieſem Tage ſchien die Sonne zum letzten Mal warm hernieder, von heute an nahm ſie Abſchied auf lange Zeit. Das weite, fruchtbare Land, die Berge dahinter, mitten unter den herrlichen Bäumen das neue, blinkende, große Schloß— es war ein Aufenthalt, eines Fürſten würdig, ich verdachte es dem Herzog nicht, es gern beſitzen zu wollen. Auf der breiten Treppe des Schloſſes kam mir ein Diener entgegen. Ich fragte nach Herrn Aſchhaupt und ſagte, ich ſei von ihm zu Tiſche geladen. Der Diener führte mich in ein großes Zimmer zu ebener Erde. Da ſah ich den alten Mann von geſtern Abend unter einem Haufen von Büchern ſitzen und, die Augen tief niedergebeugt, eifrig leſen. Ein einziger Blick meines ſchnellen Auges reichte hin, und ich hatte ihn erkannt. Es war mir, als hätte ich zwanzig Jahre geſchlafen und ſähe ihn, die Bruſt über den Tiſch und 2 3 — 139— ſeine Bücher lehnend, ſitzen und ſtudiren, nur an einem anderen Orte und in einem anderen Kleide. „Guten Morgen, mein Herr,“ ſagte ich mit einer Stimme, die ich ſo freundlich und kindlich, wie mög⸗ lich zu machen ſuchte—„Sie haben mich eingeladen — da bin ich— nun ſehen Sie viiih einmal bei Tage an.“ Der Greis erhob ſich ungewöhnlich ſchnell von ſeinem Tiſche, warf ſein Buch bei Seite und ſchaute mich verwundert an.„Wie?“ fragte er,„ſind Sie der Herr von geſtern Abend, der—“ „Ja, derſelbe, der mit Ihnen den Vollmond, den lange nicht geſehenen Freund aus der Ferne über die Berge heraufſteigen ſah—“ „Sie haben heute eine andere Sprache, wie mich dünkt— oder mein Ohr iſt in einer ſeltſamen Tiuſch⸗ ung befangen—“ „Sehen Sie und hören Sie mich genau an—“ ſagte ich und trat dicht vor ihn hin, ihm tief in die Augen blickend. Er betrachtete mich immer aufmerk⸗ ſamer. „Kennen Sie mich nicht?“ fragte ich, beinahe ſeloſt ohne Athen, denn ich vermochte kaum, die tiefe Bewegung meines Herzens nnſahain ns ſich dem ſeinigen entgegendrängte. — 140— „Ich kenne Sie und kenne Sie nicht— nur der Ton Ihrer Stimme iſt es, der mir heute bekannter klingt, als geſtern—“ „Ludovikus!“ rief ich.„Kennſt Du Deinen ehemaligen Schüler nicht mehr?“ „Ha! Ludovikus! Sie wiſſen meinen Kloſter⸗ namen?“ „Ja, ich weiß ihn, Gott ſei Dank!“ jubelte ich —„uUnd willſt Du auch den meinen wiſſen, alter treuer Freund? Sieh hier Deinen alten Schüler Fritz Stil⸗ ling aus dem Kloſter der Franziskaner—“ Da ſchlug er hoch ſein Auge auf und verſchlang auf einen Blick meine ganze Perſon. Dann einen un⸗ artikulirten Schrei ausſtoßend, ſtürzte er ſich in meine Arme. Wir hielten uns einander umſchlungen, wie nur Vater und Sohn ſich umſchlingen nach langer, langer Trennung. O, dieſer Augenblick war einer der ſchönſten meines Lebens, ich durſte endlich hoffen, die Gefühle der Dankbarkeit zu äußern, die ſo lange in meinem Herzen ſchlummerten. Nur wenige abgebrochene Worte und Ausrufungen, Ausbrüche der mannigfaltigſten im Augenblicke ſich er⸗ gebenden Empfindungen wurden anfangs zwiſchen uns gewechſelt, es dauerte lange, ehe wir die Ruhe fanden, zuſammenhängend uns mit einander unterreden zu .0 — 141— können. Tauſendmal unterbrach er mich, tauſendmal ſchloß er mich an ſein Herz, und immer wieder mußte er ſich lange nicht geweinte Thränen aus den Augen wiſchen, die ihm die Rührung und die Freude unver⸗ hofften Wiederſehens ausgepreßt hatten. Unter dieſen Umſtänden kamen wir erſt ſpät zu Tiſche, an dem wir beide allein in einem ſtillen Zimmer ſaßen und ſeiner böſen Augen wurde heut nicht mehr gedacht; er hatte Alles vergeſſen, nur die Erinnerung an die Tage unſeres Zuſammenſeins in dem alten Kloſter am Rheine nicht. Schhnell, fliegend mußte ich ihm einen Ueberblick meiner Erlebniſſe und Verhältniſſe geben. Er war darüber mehr als befriedigt, er frohlockte, und um ſo mehr, als ich ihm ſagte, mein Glück ſei allein ſein Werk. G „Nein!“ rief er,„nein! Das iſt Gottes Werk, der hat es mir und Dir allein in die Hände gelegt, aber auch dafür muß ich ihm dankbar ſein. Ach, wie Du Dich verändert haſt, mein guter, guter Fritz, ich hätte Dich noch lange nicht erkannt. Wie männlich biſt Du geworden, wie ſicher bewegſt Du Dich. Nein, nein, das haſt Du im Kloſter nicht gelernt, und von mir am wenigſten. Nur die Paar Buchſtaben, das Alphabet des Hebens und der Weisheit konnte ich Dir 4 4 — 142— beibringen, und das iſt das Wenigſte, was Du weißt.“ „Das iſt nicht das Wenigſte, mein alter Freund, das iſt die Grundlage des Gebäudes, welches Du jetzt in mir vor Dir ſiehſt, denn darauf allein hat Gott, der Herr, weiter gebaut. Nun laß es aber des Fragens und Staunens über mich genug ſein, Du ſollſt ſpäter jeden Tag meines Lebens kennen lernen, wenn es Dir Vergnügen macht; ſage mir lieber— wie kommſt Du hierher?“ Da ſchwieg er betroffen ſtill, ſah mich lange zweifelnd an und fragte endlich:„Muß ich Dir das ſagen? Verlangſt Du es von mir?“ „Ich glaube ſogar ein Recht darauf zu haben, Du wirſt mich nicht im Ungewiſſen über Dein Schick⸗ ſal laſſen wollen.“. „Wie? Und erräthſt Du es nicht?“ „Wie ſoll ich es errathen, ich habe ja gar keine Anknüpfungspunkte—“ „Keinen? Gar keinen? O Du willſt mich „.:. A⁴ 8 täuſchen, ich merke es Deiner inneren Bewegung an, die ſich in Deiner noch wie ſonſt alle Gefühle ver⸗ rathenden Stimme ausſpricht— denke ein wenig nach, mein Sohn,— wer kann wohl der Beſitzer dieſees — 143— Hauſes ſein, in dem ich mich als ſein Freund und Sachwalter aufhalte?“ „Ludovikus!“ rief ich, und konnte meine Be⸗ wegung nicht länger bemeiſtern, denn meine Ahnung hatte es mir ſchon am vorigen Abende verrathen— „Wäre es möglich! Es könnte nur Einer von uns ſein, der auf doſe Stelle des Erdbodens ſein Haus bauen möchte—* „Und er hat es wirklich hierher gebaut, mein Sohn, ja, Einer von uns, Du haſt es getroffen, ich verſtehe Dich— Maximilian iſt ſein Beſitzer!“ „Ach!“ Und wir blickten uns beide ernſt, aününgs⸗ voll, tief erſchüttert an. „Und der Grund, Ludovikus? Warum hat er gerade dies Gut gekauft?“ „Frage nicht mich, frage ihn ſelber, wenn er kommt, es iſt allein ſein Geheimniß. Kein Menſch — Niemand, auch ſeine treueſten Freunde nicht außer uns— darf ſeine Anweſenheit in der Nähe der Gren⸗ zen jenes Landes da drüben vermuthen— Du weißt, warum?“ Sch weiß es, ja wohl, ja wohl! Aber was bezu ſkt er?“ 1 Seade Dich ſelber. Du kennſt ſeine Geſchicht. — 144— Hat er nicht immer einen und denſelben Wunſch in ſeinem Herzen getragen?“ „Du ſiehſt mich erſtarrt— bewahrt er noch den Durſt nach Rache in ſeinem Innern?“ „Rache und Liebe— beides, mein Sohn, ich konnte ihn nicht bewältigen, er war mir zu ſtark. Eine höhere Macht allein kann ihn bezähmen. Sende ſie Gott!“ Und Ludovikus ſenkte mit gefalteten Hän⸗ den, gottergeben, ſein ehrwürdiges Haupt. „Laß es gut ſein,“ fuhr ich fort,„wir wollen der Zukunft nicht vorgreifen. Weiß er, wer hier in der Nähe wohnt— daß ich beim Herzog bin— weiß er das?“. „Mein Sohn, ich glaube, er weiß Alles, er weiß vielleicht mehr, als ich und Du— „Aber woher hat er die Kunde?“ „Wie? Lebt ſein Vater nicht in der Stadt?⸗ „Ja, aber abgeſchieden von aller Welt, von Nie⸗ mandem geſehen, Niemanden ſehend, ich ſelbſt habe ihn vergeblich zu ſprechen verlangt.“ „Das iſt kein Beweis gegen meine Annahme. Wiſſe, dieſer Vater lebt ſeit Jahren allein für ſeinen M Sohn— er hat ihm in ſeiner Jugend nicht viel Vä⸗ terliches gethan, er hat aber das Verſäumte in ſeinem — 3 — 145— Alter nachgeholt. Selbſt dies Schloß erſtand aus ſeinen reichen Mitteln.“ „Nun erkläre ich mir beinahe Alles. Aber ich fürchte, Maximilian legt eine Mine— läßt er ſie einmal ſpringen— dann, dann— ich wage nicht, mir das Aergſte zu denken. Es iſt ein trauriges Geſchäft, in dieſe Zukunft zu ſchauen. Weiß er aber auch, wie es in des Herzogs Herzen ausſieht? Weiß er das?“ „Das iſt mir nicht bekannt, wie mir überhaupt wenig von ſeinem Wiſſen und ſeinen Plänen bekannt iſt. Du weißt ja, wie er iſt. Sein Herz iſt eine verborgene Schmiede, in der er allein hämmert und feilt. Und es iſt Stahl, was er zu⸗ Stande bringt.“ „Ich weiß es, ich fürchte es. Aber warum iſt er noch nicht hier?“ „Sein letzter Stahl iſt noch nicht gehärtet genug — ſo denke ich es mir. Er hat mich vorausgeſandt, die Vollendung des inneren Schloßbaues zu betreiben. Morgen wird die letzte Hand angelegt, morgen kehre ich zu ihm zurück und berichte ihm, daß Alles iſt, wie er 85 verlangte. 4 „Döre/ Ludovikus! Thu' mir einen Geallen M ſhr es wie ein Blitz durch die Gedanken. Sage ihm nicht, daß Du mich hier geſprochen haf⸗ daß ich Fritz Stilling. IV. * — 146— weiß, wer der Beſitzer dieſes Gutes iſt. Ich will ihn überraſchen. Es iſt möglich, daß ich, unerwartet vor ſeine Augen tretend, ſein Herz beſänftige. Ich habe eine Hülfe— und dieſe Hülfe iſt groß.“ „,,DO, wäre es ſo, wie Du ſagſt! Aber ich hoffe es kaum.“ „Dennoch will ich es verſuchen. Nur das Eine verſprich mir. Theile mir ganz im Geheimen den Tag mit, wann er hier eintrifft— ich werde mich bei ihm einfinden und das Uebrige wird ſich finden. Hier haſt Du meine Adreſſe.“ „Das kann ich und das will ich thun.“ „Und kommſt Du mit ihm wieder hierher?“ „Ohne Zweifel, unſer Schickſal iſt auf ewig ver⸗ bunden, ſo hat er es gewollt, denn er iſt der edel⸗ müthigſte Freund. Ich und Franziskus, der ehemalige Guardian, wir begleiten ihn überall hin.“ „Der Guardian? Auch er? Du machſt mich noch glücklicher, als ich ſchon bin! Wie kamet Ihr aber beide zu ihm? Das wenigſtens ſage mir.“ 4„Das iſt ſehr einfach, mein Sohn; ein glücklicher Zufall ließ uns ihn finden. Du weißt vielleicht, daß 4 unſer Kloſter aufgehoben und wir Bewohner deſſelben 44 der Welt zurückgegeben wurden—u„. — — 147—* „Ja, das habe ich in Münſter gehört. Eure Spur aber blieb mir bis heute verloren.“ „Ach, es kam Alles ſo raſch, wie eine Feuers⸗ brunſt bei Nacht. Als wir in Münſter nach Dir* forſchten, wußte Keiner von Dir—“ „Ja, der Probſt war todt, und ich ging von da nach Berlin—“ .„Nun alſo. Jene drei Bußprediger, die Jeſuiten — Du erinnerſt Dich vielleicht ihrer noch—“ „Gewiß, gewiß! Wie könnte ich diß Buben ver⸗ geſſen—“ „Nun ja— ſie ſuchten und verfolgten Maximi⸗ lian, in dem ſie Gott weiß welchen politiſchen Ver⸗ brecher vermutheten. Der Pater Henrikus hatte ihn verrathen und heimlich angegeben als Ketzer und Ver⸗ räther an der heiligen Mutter Gottes—“ „Das weiß ich— und wohin ginget Ihr?“ „Wir gingen mit traurigem Herzen in die weite Welt— ohne Mittel, faſt ohne Brot. Ich hatte meine und Maximilians Bücher in Dorſten unterge⸗ bracht, wo wir einige Jahre im Kloſter als Gäſte lebten. Da gefiel es uns aber nicht. Wir wanderten, weiter, von Kloſter zu Kloſter, von Freund zu Freund. Da brach der Krieg aus. Wir, nicht wiſſend, wo uns verkriechen— kehrten nach Dorſten zurück. Da — 10* *— 148— blieben wir nun bis zum Jahre 1816. In dieſem Jahre beſuchten wir eines Tages Weſel, neugierig, die ſiegreichen preußiſchen Truppen zurückkehren zu ſehen, die die Welt vom Tyrannen befreit. Da wollte es Gott, daß wir uns am Rheine an der Brücke auf⸗ ſtellten, die vorüberziehenden Schaaren zu ſehen. Und wen ſahen wir da an der Spitze einer Abtheilung? Einen großen, herrlichen, uns unvergeßlichen Mann. Es war Maximilian. Er ſprang von ſeinem Pferde und eilte auf uns zu, denn auch ſein Adlerauge hatte uns erblickt. Wenige Worte verſtändigten uns. Eine Stunde ſpäter waren wir bei ihm in ſeinem Gaſthofe. Er hörte von unſerem Wanderleben, unſeren Irrfahrten, er bot uns eine Heimath bei ſich an, wo er auch lebte. Wir zauderten nicht lange, wir zogen ihm nach und lebten in Berlin mit ihm bis jetzt.“ „In Berlin? Und das habe ich nicht gewußt?“ „In Berlin iſt er noch jetzt. Von dort kommt er hierher. Hier iſt er ſicher, hier iſt er nicht ver⸗ bannt, denn dies Gut iſt das ſeine. Er hat es von dem Fürſten, dem es gehörte und der ihm innig per⸗ pflichtet iſt, gekauft. Jetzt weißt Du Alles.“ *„ Alles? Ach, wie wenig! Aber wenigſtens die Hauptſache iſt mir bekannt.“— Von dem Auſtrage des Herzogs, der niich nach — — 149— Stromberg geführt, ſagte ich Ludovikus nichts. Es hätte ja zu nichts gefruchtet. Maximilian allein hatte über den Verkauf zu entſcheiden, und deſſen Entſcheid⸗ ung ſah ich voraus. Alſo ſchwieg ich. Bis zum ſpäten Abend blieb ich bei meinem alten Freunde, der ſchon am nächſten Tage den Landſitz verließ. Wir hatten uns ſo viel zu erzählen, zu fragen, zu beantworten. Endlich nahm ich Abſchied, nachdem ich noch einmal mit ihm den Mond über die Berge aufſteigen geſehen. „Siehſt Du,“ ſagte er,„habe ich nicht Recht gehabt? Blickte mich nicht mit ihm ein alter Freund an, als er geſtern über die Berge heraufkllkomm?“— Bei dem hellen Leuchten dieſes Mondes kam ich in Brandſtein an. Man war verwundert über mein langes Ausbleiben und noch mehr über mein Schweigen über Alles, was ich vermuthlich ausgerichtet hatte. Meine ſtumme Erſcheinung befriedigte heute noch we⸗ niger als geſtern, und das war natürlich, denn ich träumte ſchwer und bang über die Verſchlingungen der Verhältniſſe, die ſich mein Herz als Schwerpunkt aus⸗ erſehen zu haben ſchienen, in welchem die Schickſale ſo innig verbundener und doch wieder ſich ſo heftig abſtoßender Perſonen zuſammenliefen. Glücklicherweiſe ſchob die Gräfin meine ſeltſame Stimmung auf die mißglückte Unterhandlung in Betreff des zu kaufenden — 150 Gutes. Dabei ließ ich ſie auch. Erſt ſpät in der Nacht betrat ich meine Wohnung in der Stadt wieder. Der letzte Akt meiner Handlungen in dem Drama meines Lebens hatte mit dieſem Tage begonnen. Das fühlte ich tief in innerſter Seele, und darum war ich ſo ſtill und ernſt, aber— das fühlte ich nicht minder, ich war auch gefaßt und zu Allem bereit. * VI. 2 Die Stimme Gottes. Als ich dem Herzog am anderen Tage über den Be⸗ ginn meiner Unterhandlungen auf Stromberg Bericht abſtatten wollte, fand ich ihn nicht in der Stadt. Von einer plötzlichen Laune beherrſcht, war er zur Jagd gefahren, von der er erſt Nachmittags zurückkehrte. Da er um ſechs Uhr, wie ich gehört hatte, die Miniſter zum Vortrage befohlen, ſo begab ich mich gleich nach aufgehobener Tafel in's Schloß und ließ ihm meine Anweſenheit bemerklich machen. Sogleich wurde ich in ſein Zimmer gerufen. Der gnädige Herr war heute etwas haſtig, die Bewegung im Freien, die Aufregung der Jagd ſchien ſein ſtarres Blut in Wallung ge acht zu haben, er ſaß nicht wie ſonſt nach körperlicher Antrengung ſtill und nachdenkend auf ſeinem Seſſel, fandern er ging mit raſchen und enn — 152— ſchiedenen Schritten in dem großen Gemache auf und nieder. „Guten Abend,“ ſagte er eilfertig,„wie ſteht es mit Stromberg? Sind Sie dageweſen? Ich habe das Schloß heute aus der Ferne geſehen. Es iſt reizend, es muß mein werden, und ſollte ich eine Mil⸗ lion dafür bezahlen.“ „So hoch wird es nicht kommen, Durchlaucht.“ „Alſo Sie ſind im Handel?“ „Im Beginn wenigſtens, denn ich bin geſtern und vorgeſtern auf dem Gute geweſen und habe mit dem Sachwalter geſprochen. Indeſſen bietet der Verkauf gewiſſe Schwierigkeiten dar; der Beſitzer bezieht das Schloß erſt in einigen Wochen, und ſein Sachwalter war ohne genügende Vollmacht. Uebrigens iſt das Grundſtück wie das Schloß ſelbſt eines Fürſten würdig, ich habe Alles geſehen, Außen und Innen.“ 4 „So. Aber da iſt für's Erſte nichts zu thun. Wir müſſen warten. Wie heißt der Beſitzer?“ „Ich weiß nicht, wie er ſich nennt. Der Sach⸗ walter ſchien den Namen ſeines Herrn noch geheim halten zu müſſen.“ „Aha! Er iſt ſchlau, dieſer Herr. Nun, wir wollen es auch ſein. Aber ich danke Ihnen für Ihre Mühe. Ich gebe die Sache unter keinen Umſtänden — 153— auf. Erwarten wir den neuen Beſitzer ſelber. Ich werde ihn auszeichnen, das wird vielleicht wie Oel wirken und ihn geſchmeidiger machen.— Sie können ſich jetzt ausruhen von Ihren Reiſen und Unterhand⸗ lungen, Doktor. Dabei horchen Sie ein wenig herum, was man in der Stadt ſpricht— Sie verſtehen mich?“ „Gewiß, Durchlaucht, ich habe ſchon lange ein aufmerkſames Ohr.“ „Und was haben Sie bereits gehört?“ „Mit dem Allerneuſten bin ich noch nicht ganz „vertraut, denn ich bin erſt kurze Zeit wieder hier— ich habe auch noch nicht Alles vernommen.“ „Alles— wer will Alles wiſſen? Was Sie ge⸗ hört haben, können Sie mir wenigſtens ſagen. Ich liebe es nicht, daß Sie mir ausweichen.“ Er blickte mich bei dieſen Worten forſchend an. Aber ich erwiderte dieſen Blick eben ſo feſt, weil ich erfahren wollte, ob ich ganz heraustreten dürfe mit meiner Meinung. Er ſchien mir in der Stimmung zu ſein, eine Wahrheit vernehmen zu können, auch wenn ſie herbe wäre. „Was ich gehört habe, Durchlaucht, it nicht viel Angenehmes. Das Gegentheil ſogar. Auch wiſſen Sie es ſchon, denn Sie haben es mir ja ſelbſt geſagt — 154— — man murrt. Und wie ich die Sache anſehe— murrt man, glaube ich, mit Recht.“ Ich legte auf die beiden letzten Worte einigen Nachdruck. Dieſer verfehlte ſein Ohr nicht. Er blieb, denn er hatte ſich wieder in Bewegung geſetzt, ſtehen, drehte den Kopf heftig nach mir herum und ſein immer düſterer blickendes Auge füllte ſich mit ungewohntem Glanz. „Mit Recht?“ rief er.„Und das ſagen Sie mir in's Geſicht?“. „Das muß ich Ihnen in’'s Geſicht ſagen, gnädigſter Herr, Sie haben mich ja mit der Beding⸗ ung in Ihre Dienſte genommen, ſtets meine wahre Meinung zu hören. Sie ſehen jetzt in mir den Freund und Vertreter der Wahrheit, ich bin das offene Wort ſelbſt, welches ohne Scheu zu Ihren Ohren flattert—“ „So— ja— das klingt ſehr ſchön— ſchmeckt mir aber ſehr bitter.“ „Ich glaube es und bedaure es. Es iſt aber nicht meine Aufgabe, gnädigſter Herr, Ihnen nur Süßes zu ſchmecken zu geben, wo das Süße nicht frommt. Hier frommt es wahrhaftig nicht. Die Wahrheil iſt oft etwas bitter— darf ich ſie unng vor Ihnen erörtern?“ 3 — 155— „Ja, aber ſchnell und kurz. Kommen Sie mit einem Schlag zur Sache— denn ich ſehe ſchon, wohin es geht. Auch ich werde kurz ſein. Warum murrt man— das will und muß ich wiſſen.“ „Geradeheraus geſagt— über die fremden Männer, die Sie nicht allein in Ihren Dienſt, ſondern, wie man ſagt, auch an Ihr Herz genommen haben—“ „Weiter!“ „Dieſe Männer ſind Fremdlinge in dieſem Lande und mit ſeinen Geſetzen und Bedürfniſſen nicht ge⸗ hörig vertraut; der Charakter Ihrer Unterthanen iſt ihnen ein verſchloſſenes Buch; ſie wiſſen nicht, was ein treues, gutes Volk gerne leiſten mag, wenn es richtig geleitet wird, aber auch nicht, wie viel dieſes Volk nur zu ertragen geneigt iſt, wenn man es über⸗ bürdet—“ „Hoho! Weiter!“ „Ich bin ſchon fertig mit meinem Berichte. Viel⸗ leicht aber darf ich ſo dreiſt ſein, die Frage vor Ihren Ohren auszuſprechen, die Ihre treuſten Anhänger, un⸗ gehört von Ihnen, Tag und Nacht wiederholen: Konnten Andere nicht daſſelbe verrichten, was jene beiden Männer verrichten? Hätten Sie, der Herzog, nicht kluge und ergebene Diener unter Ihren digenen treuen Landeskindern zur Verfügung?“ 87 — 156— Ich ſchwieg. Er ſenkte etwas den Kopf und ging ſchon langſamer auf und nieder. Einmal erhob er die Stirn und ich glaubte, er wolle gegen mich zornig losbrechen, aber er hielt ſich zurück. Dennoch ſah ich, daß er maulte. Meine Vorſtellungen hatten alſo einen kleinen Eindruck gemacht, irgend einen noch verwundbaren Fleck in ſeinem Innern getroffen. Ich ſah, was ich in Zukunft wagen könne, wenn ich etwas wagen müſſe. Und das gab mir Muth und Spannkraft für alle Fälle. „Doktor!“ ſprach er mit einem nachdrücklichen aber warmen Tone und trat mir zwei Schritte näher. „Kennen Sie die neuen Diener, die Sie im Namen des Volkes anklagen?“ „Nein, Durchlaucht, ich kenne ſie nicht, nur dem Namen nach, und habe höchſtens auf Augenblicke ihre Perſon geſehen.“ „Nun— und Sie urtheilen ſchon? Sie offener, ehrlicher Menſch ſind eben ſo vorurtheilsvoll und kurz⸗ ſichtig, wie die Andern, die der Neid auſſtachelt und widerſetzlich macht! Ich will Ihnen einen guten Rath geben. Lernen Sie dieſe angeklagten Männer kennen, ſehen Sie ſie ſich an— ſprechen Sie mit ihnen. Und wenn Sie dann zu mir kommen und ſagen können: Herr Herzog, Sie 3 hhus Unrecht gethan, daß Si Und bevor ich nicht ſehe, was ich nicht glaube ſehen Ihrem eigenen Willen folgten, Ihrer eigenen Einſicht vertrauten— dann will ich mir die Sache überlegen. Aber das werden Sie nicht können, Sie werden im Gegentheil geſtehen müſſen, daß ich ein Recht hatte, gegen den Wunſch des ganzen Landes zu entſcheiden. Denn dieſes Land iſt blind, iſt unwiſſend, iſt unge⸗ recht— dieſen beiden Männern wenigſtens gegenüber. Denn ſie, meine neuen Miniſter, ſind vortreffliche Männer— ja, ja, ja— das ſind ſie, ich ſage es Ihnen. Nie habe ich ſo gewandte, umſichtige, bei⸗ nahe allwiſſende Männer, die für jede Noth eine Hülfe, auf jede Frage eine Antwort haben, in meinem Leben kennen gelernt. Sie ſind gewiſſermaßen von Gott, ja, ja, von Gott angehaucht, denn die er⸗ habene Weisheit, die in ihren Köpfen, und die Men⸗ ſchenliebe, die in ihren Herzen thront, ſtrömt auch über ihre Lippen. Man lerne ſie beſſer kennen und man wird ſie verehren— wie ich ſie verehre. Ueberall und immer hat man die Weiſeſten ihrer Zeit geſteinigt, gebrandmarkt, vergiftet. Ich will mir dieſe nicht ſteinigen, nicht brandmarken, nicht vergiſten laſſen. Denn ich bin Herr und ich habe einen Willen und⸗mit dem Willen die Kraft— die von Oben ſtammt. Das iſt meine Anſicht, meine Meinung von der Sache. 4 . — 158— zu können, daß ſie mich, wie die verläumderiſche, feile Welt ſagt, belügen und betrügen— eher werde ich von ihnen nichts Schlimmeres glauben, als was ich jetzt von ihnen glaube. Das war es, was ich Ihnen heute ſagen wollte, Herr Geheimrath— guten Abend!“ Es war das erſte Mal, daß er mich ſo nannte. Es lag in dieſem Worte vielleicht eine Anerkennung meiner Offenheit und meiner vertraulichen Stellung zu ihm, vielleicht aber auch ein kleiner Spott, der mich ſtrafen ſollte.„Es iſt gut,“ dachte ich, verbeugte mich und trug den kleinen Denkzettel mit hinweg. Aber ich nahm mir vor, ſeinem Rathe Folge zu leiſten und mich zu bemühen, dieſe von Gott angehauchten und von Weisheit und Menſchenliebe überſtrömenden Männer, die neuen Miniſter, recht bald etwas näher kennen zu lernen. An demſelben Tage, es war ein Freitag, wurde A* ich um zehn Uhr Abends zu einem Kranken gerufen. Ich ging zu Fuß dahin, obwohl derſelbe weit entfernt von meinem Hauſe wohnte. Die Schloßuhr ſchlug die elfte Stunde, als ich langſam und durchaus keine Er⸗ müdung fühlend, in meine Wohnung zurückkehrte. Der 2* & — 159— Himmel war den ganzen Tag bewölkt geweſen und der Mond konnte die Nebelſchichten der dicken Luft nicht völlig durchdringen, dennoch herrſchte eine mäßige Helligkeit auf den Straßen der ruhenden Stadt. Ich hatte eben meine Hausthür aufgeſchloſſen und wollte ſie, ſchon innerhalb des Hauſes ſtehend, eben wieder leiſe zuſchlagen, als ich das Flüſtern zweier Menſchenſtimmen vernahm, die, unweit von meiner Thür vorübergehend, ſich dem gegenüberliegenden Schloſſe zu nähern ſchienen. Von einer unwillkürlichen Neugierde getrieben, blickte ich zur Thür hinaus und ſah dicht vor dem Portale des Schloſſes zwei mit Mänteln und Hüten bekleidete Männer ſtehen, die mit der auf⸗ und abſchreitenden Schildwache leiſe einige Worte wechſelten und dabei in den Bereich der hell brennenden Schloßlaternen ge⸗ riethen. Gleich darauf trat die Schildwache zurück und ließ den Eingang frei, der dem Publikum des Nachts ſonſt verſchloſſen iſt.. Dieſer Umſtand fiel mir auf. Ich hatte keinen beſonderen Verdacht auf die beiden Männer, aber den⸗ noch erſchien mir ihr eigenthümlich demüthiges und 8 doch herriſches Weſen, der gehorſamen Schildwache gegenüber, eine ungewöhnliche Bedeutung zu haben. Raſch ſchloß ich die Thür hinter mir und ſtieg in mein Zimmer hinauf. Ich ließ daſſelbe dunkel, 8½. — 160— ſtellte mich aber an's Fenſter, welches den Schloßein⸗ gang beherrſchte, durch welchen die Männer eingetreten waren. Obgleich ich nicht erwartete, ſie ſobald wieder daraus hervortreten zu ſehen, ſo wurden ſie doch in weniger als zehn Minuten ſchon wieder ſichtbar. Jetzt aber waren ſie zu Dreien. Der dritte Mann, eine hohe und ſtolze Figur, ebenfalls mit Mantel und Hut bekleidet, ſprach einige Worte zur Schildwache, die augenblicklich das Gewehr präſentirte. Dann aber ſchritten die drei Männer raſch die Straße hinunter, die in die vornehmere Gegend der Stadt führt. Ich fühlte mich etwas angeregt und ſehr geneigt, im Angeſicht dieſes nächtlichen Spazierganges unauf⸗ gefordert den Lauſcher zu ſpielen. Denn ich glaubte oder redete mir ein, in jener dritten hohen Geſtalt den Herzog erkannt zu haben, der auf der Straße immer eigenthümlich gerade und mit erhobenem Kopfe daher⸗ zuſchreiten pflegte. Dieſer Umſtand war mir genau bekannt. Ich machte es mir bequem, blieb aber im „Dunkeln am Fenſter ſitzen, Auge und Ohr unverwandt nach der Straße gerichtet. Ich mußte etwas lange in dieſer Stellung ver⸗ harren, ehe meine Neugier befriedigt wurde, denn erſt nach ein Uhr kamen dieſelben drei Männer wieder die Straße daher, blieben vor den Laternen, wenige — 161— Schritte von der abermals das Gewehr anziehenden Schildwache, ſtehen, flüſterten einige Worte, worauf ſich die beiden zuerſt gekommenen ehrerbietig vor dem dritten verbeugten und dann davongingen. Der Herzog aber, denn kein anderer war es als dieſer, trat allein in das Schloß, nachdem er einige Worte zu der Wache geſprochen und ihr, wie es ſchien, Pas in die Hand gegeben hatte. Jetzt war meine ganze Aufmerkſamkeit leidenſchaft⸗ lich angeregt. Ich mußte wiſſen, was dieſer nächtliche Vorgang zu bedeuten hatte und womit er zuſammen⸗ hing. Die verſchiedenartigen Gedanken, die ſich dar⸗ über in meinem Gehirne ſtritten, verſcheuchten mir den Schlaf, ich ruhte kaum einige Stunden und ſchon um fünf Uhr Morgens war ich wieder auf den Beinen. Ich kleidete mich ſchnell an, denn ich hatte mir bereits einen Plan entworfen. Der Herzog, wußte ich, ſtand um dieſe Jahreszeit regelmäßig um ſieben Uhr auf; ich begab mich aber ſchon um ſechs Uhr in's Schloß, welches mir zu jeder Zeit zugänglich war, ſobald ich meinen Namen auf der Wache nannte, und trat bei dem Kammerdiener Bernhard ein, der eine Dienſt⸗ wohnung im Schloſſe inne hatte und, wie ich ebenfalls mwußte, frühzeitig thätig war.. 2 Ich fand den alten treuen Diener des Herzogs Fritz Stilling. IV. 41— bei ſeiner Morgentoilette. Er ſchien ſehr verwundert, mich ſo früh bei ſich zu ſehen. „Guten Morgen, mein lieber Bernhard,“ ſagte ich—„ſind Sie allein und haben Sie fünf Minuten für mich übrig?“ „Ich bin ganz allein und ſtehe zu Ihren Be⸗ fehlen. Um ſieben Uhr erſt beginnt mein Dienſt.“ „Bernhard, ich komme in wichtigen Angelegen⸗ heiten zu Ihnen— ſeien Sie verſchwiegen gegen Je⸗ dermann, gegen mich aber aufrichtig und wahr. Sie wiſſen, ich bin dem Herrn Herzoge eben ſo argeben, wie Sie.“ „Wohl weiß ich das, Herr Geheimerath; aber Sie machen mich beſorgt. Was giebt's denn ſchon wieder?“ „Beſitzen Sie noch das ganze Vertrauen des Herzogs wie früher?“ „Ich weiß es nicht anders, wenigſtens fühle ich keine Abnahme deſſelben.“ „Das iſt gut. Wo iſt der Herzog dieſe Nacht geweſen?“— Der Kammerdiener erſchrak.„Wie? Sie wiſſen es?“ fragte er bebend. „Sie ſehen, daß ich weiß, daß der Herzog aus gegangen iſt. Ich will aber wiſſen, wo er geweſen ſſ. — 163— Ich ſage Ihnen dabei zugleich im Voraus, daß ich von Ihrer Mittheilung keinen Gebrauch machen will, denn ich habe für mich allein beobachtet, aber die Ver⸗ hältniſſe, in denen wir leben, und unſere Pflicht, des Herzogs treue Diener im vollſten Sinne des Wortes zu ſein, erheiſchen für mich, daß ich meine Ueberzeugung durch die eines Anderen verſtärke, und für Sie, daß Sie mir nichts verbergen, was Ihnen etwa über dieſen geheimnißvollen Ausgang bekannt iſt.“ „Treue Diener! Ja, das ſind wir, das wollen wir ganz ſein. Ach! der Dienſt wird immer ſchwerer, ich zittere manchmal, wenn ich zu ihm in's Zimmer trete.“ „Seien Sie kurz— wo iſt er geweſen?“ „Ach, Herr Geheimerath, Ihnen will ich nichts verſchweigen. Wohin er des Nachts geht, weiß ich nicht, wohl aber, mit wem er geht.“ 3 „Ha! das iſt mir für's Erſte genug und viel⸗ leicht die Hauptſache.“ „Nun— mit den beiden neuen Excellenzen, den Miniſtern, die ihn ſo umgeſtaltet haben, ſeitdem ſie bei ihm ein⸗ und ausgehen, wann ſie wollen, was meiſt im Geheimen geſchieht.“ „Sie machen mich erbeben. Alſo ſind ſe oft des 8 11* 8 3 — 164— Nachts bei ihm? Und er geht öfters mit ihnen aus dem Schloß?“ „Ja, alle Freitage Nachts kommen ſie um dieſelbe Zeit und jedes Mal gehen ſie mit ihm zu einer anderen Pforte hinaus. Weiter aber weiß ich nichts, weder wohin ſie gehen, noch zu welchem Zwecke.“ „Haben Sie den Dienſt, wenn der Herzog des Nachts zurückkehrt?“ „Leider ja, ganz allein. Er kommt Pnmer erſt um die erſte Stunde des Morgens zurück, und ſtets begleiten ihn dieſelben Herren, und jedes Mal iſt er dann in einer ſonderbaren Stimmung.“ „In welcher Stimmung?“ „In einer ſehr weichen und gerührten Stimmung. Er ſpricht dann ſtets fromme Worte zu mir und betet lange und oft laut im Bette, ehe er einſchläft.“ „Bernhard! Seien Sie ganz aufrichtig gegen mich— zum Beſten dieſes armen Herzogs— haben Sie gar keine Ahnung, wohin ihn dieſe beiden Herren führen?“ „Nicht die geringſie 4 „Bernhard! Ich vermuthe in dieſen heimlichen Gängen nichts ſonderlich Gutes. Warum wählen ſee ſonſt nicht den Tag? Wir ſind Freunde— uns ver⸗ bindet und leitet nur ein Intereſſe, das Höchſte im — 165— Staate. Wir müſſen zu erfahren ſuchen, wohin ſie unſeren Herrn führen.“ „Um Gottes willen, Herr Doktor, ich nicht! Der Herr Herzog befiehlt mir jedes Mal mit ſtrenger Miene, ihm weder mit Blick noch Schritt zu folgen, nie eine Neugierde zu verrathen— es wäre mein Tod.“ „Sehen Sie, daß es wichtig iſt! Und was denken Sie davon?“ „Ich habe mir Anfangs gedacht und denke es bisweilen noch, daß ſ ihn in eine Betſtunde oder dergleichen führen— —„Ah— das iſt möglich! Sie haben Recht, das glaube ich auch. Aber ich muß mehr wiſſen. Mir hat er nicht verboten, ihm mit Blick und Schritt zu folgen. Ich werde ergründen, wohin er geht. Iſt es zu einem guten Zwecke, ſo geht es uns nichts an. Alſo nur des Freitags geht er aus?“ „Des Freitags allein, immer um dieſelbe Stunde, faſt auf die Minute.“ „Das iſt merkwürdig. Warten wir ruhig den nächſten Freitag ab. Erlaubt Ihnen dann Ihr Ge⸗ wiſſen, mich zu benachrichtigen, aus welcher Pforte die drei Herren das Schloß verlaſſen? Weiter wil ich von Ihnen nichts wiſſen, das Andere Aſt meine Sache.„, — 166— „Ja, das erlaubt mir mein Gewiſſen. Sie dürfen aber nie meinen Namen nennen, wenn eine Enthüllung bevorſteht.“ „Hier meine Hand darauf, ich ſchwöre es Ihnen zu als ehrlicher Mann. Guten Morgen, Bernhard; wir ſind alſo einig?“ „Vollkommen! Guten Morgen, Herr Geheime⸗ rath!“ Ich athmete tief auf, als ich dieſen neuen Schritt in der Erkenntniß der Umtriebe der Hofintriguen ge⸗ than hatte. Ich bildete mir ein, in der Ferne einiges Licht über dieſes Geheimniß ſchimmern zu ſehen. Vor⸗ ſichtig, leiſe, aber kühn wollte ich dieſem Lichtſchimmer nachgehen und mir das dunkle Werk der Nacht in der Nähe betrachten. Am nächſten Freitag, um dieſelbe Stunde, bekam ich Nachricht, welche Pforte die Nachtwandler heraus gelaſſen hatte, und da ich mich vorbereitet hielt, war ich ſchnell hinter ihnen her. Auf weichen Schuhen, damit mein Tritt mich nicht verriethe, folgte ich ihnen und ſah ſie raſchen Schrittes vor mir dahineilen. Da⸗ mit ſie mich nicht etwa für einen Spion hielten und * ich ſie beſſ er im Auge behalten konnte, blieb ich ſtets auf der anderen Seite der Straßen, die ſie ſchweigend durchſchritten, der Herzog um einige Schritte voran, V — 167— die anderen Beiden hinterher. Ich war übrigens nicht die einzige Perſon, die auf der Straße ging, denn es begegneten uns ſtets einige Nachtſchwärmer auf unſerem Wege. Die Nacht war zwar dunkel, hier und da aber brannte eine Laterne und zeigte mir ſicher die feſt in's Auge gefaßten drei Geſtalten. Da kamen ſie in die Nähe des biſchöflichen Palais. Hier machten ſie Halt. Eine kleine Pforte öffnete ſich und ſie ſchlüpften hinein. Hal das Licht vor meinen Augen in der Ferne wurde ſchon heller. Langſam wandelte ich nach Hauſe, ohne ihre Rückkehr abzuwarten. Am zweiten Freitag wiederholte ſich derſelbe Spaziergang, am dritten und vierten abermals. Wir waren ſchon in den Dezember gelangt— immer wieder kam der Freitag und immer wieder ſah ich die drei Männer in derſelben Pforte des biſchöflichen Palais verſchwinden. Aber ich kam damit nicht weiter in meinen Beob⸗ achtungen. Bernhards Meinung behauptete auch in mir den Vorrang. Ich hielt die drei für Mitglieder eines im Geheimen abgehaltenen frommen Verkehrs. Das war Alles, was mir zu errathen möglich war. Aber das befriedigte mich durchaus nicht. Ich fühlte eine Ungeduld allmälig in meinem Herzen erſtehen, die ich kaum noch bemeiſtern! konnte. Es drängte mich mit 8 — 168— Gewalt, mehr zu ſehen und zu hören. Aber wie? Ich zerbrach mir den Kopf, immer vergebens, ich konnte nichts erdenken. Eben ſo wenig mein treuer Bundesgenoſſe Bernhard.*— 2 Da verfiel ich auf einen Gedanken, der mich meinem Ziele näher zu bringen ſchien. Ich nahm mir vor, die beiden Miniſter aus der Nähe zu beobachten, ich wollte ſie endlich kennen lernen, wie mir der Herzog gerathen, wie es mir aber bisher noch nicht nach Wunſch geglückt war. Aber auch dieſer Plan ſchlug fehl, da ich keine laute und öffentliche Bekanntſchaft wolltle. An den Biſchof zwar hätte ich im Stillen gelangen können, denn der Zutritt zu ihm war jedem Beſucher offen. Aber was ging mich der Biſchof an? Ich woollte und ſollte nur die Miniſter kennen lernen. Dieſe aber verſchanzten ſich auf eine unerhört ſchlaue und hartnäckige Weiſe gegen jede fremde Berührung. Geſellſchaften beſuchten und gaben ſie nicht, es lud ſie Niemand ein, Niemand wäre auch zu ihnen gekommen. Eben ſo wenig waren ſie im Theater zu finden, welches bereits eröffnet war. Von der Außenwelt abgeſchloſſen, lebten ſie in ihren Häuſern, nur mit wenigen Per⸗ ſonen verkehrend, die ihnen völlig ergeben waren. Beim Herzog konnte ich ſie nur ſelten und dann nur im Vorbeigehen treffen, ſie kamen nur des Abends und 8 2 — 169— waren flüchtig, wie der Wind, bald dieſer, bald jener Thür ſich bedienend. Sie ſchienen, auch hierin vom Hauche Gottes unterſtützt, mit einem Mittel, ſich un⸗ ſichtbar zu machen, verſehen zu ſein. Aber alle dieſe mannichfachen Hinderniſſe, ſtatt mich zu ermüden oder abzuſchrecken, ſtachelten meine immer lebhafter hervorkretende Begierde mehr und mehr. Ich mußte an ſie heran, um jeden Preis— zu welchem Zweck, das wußte ich ſelber noch nicht; aber es trieb mich ihnen entgegen, wie mit einer innern übernatürlichen Gewalt. Endlich, auf keinem Wege meinem giele näher rückend, entſchloß ich mich, etwas zu thun, was ich ſchon längſt hätte thun ſollen, näm⸗ lich den Herzog geradezu zu bitten, mich mit ihnen bekannt zu machen und mir ſo die beſte Gelegenheit zu geben, die weiſen und tugendhaften Herren aus erſter Hand kennen zu lernen. Da geſchah etwas, was ich nicht erwartet hatte und was mich ſchneller und richtiger zum Ziele brachte, als alle meine bisherigen Bemühungen. Wir waren mitten im Dezember. Es war wieder ein Freitag, alſo ein Nachtwandlertag. Ich verfolgte mit einem wahren Ingrimm die drei vor mir her⸗ ſchreitenden Männer und war nahe daran, in eine Art 8 — 170— Wuth auszubrechen, als die kleine Pforte vor meinen Augen hinter ihnen in's Schloß ſprang. Abermals unbefriedigt und vor Verlangen nach einer Aufklärung brennend, kehrte ich in meine Wohn⸗ ung zurück— am nächſten Morgen dem Herzog meine Bitte vorzutragen, war ich feſt entſchloſſen. Mit dieſem Gedanken legte ich mich nach Mitternacht zu Bett. Noch lag ich ſchlaflos darin, als es an meiner Thür klingelte. Ich ſprang ſchnell auf und öffnete das Fenſter. „Wer iſt da?“ „Ach— ſind Sie es ſelber? Ich bin es, Bern⸗ hard, der Kammerdiener des Herrn Herzogs. Kommen Sie ſogleich zu Sr. Durchlaucht, er befindet ſich un⸗ wohl.“ Aha! Mir ſchlug das Herz vor Freude. Ich ſprang mit einer Art Wolluſt in die Kleider. In zehn Minuten war ich an der Thür, vor der Bernhard auf⸗ und abgehend mich erwartete. 1 „Was giebt es, Bernhard?“ „Ach, es iſt ſchlimmer, als es noch je geweſen. 4 Der Herr Herzog kam vor einer Viertelſtunde von ſeinem gewöhnlichen Gange zurück. Er ſtarrte mich mit verwirrten Blicken an. Dann ſiel er mir um den Hals und ſchluchzte dabei wie ein Kind. Ich konnte — 1˙— ihn gar nicht beruhigen.„Rufe mir den Doktor,“ ſagte er,„ich muß einen Menſchen ſprechen, der Augen hat— ich habe keine mehr.“ Da ſprang ich denn fort und da bin ich. Sie werden ja ſehen, wie es iſt.“ „Es iſt gut ſo, Bernhard; ſo mußte es einmal kommen. Gott hilft. Wie? Gehen wir nicht in ſein Schlafzimmer?“ „Nein, er ſitzt noch auf in ſeinem geheimen Ka⸗ binet. Sie werden Sich über ſein Ausſehen wundern, ſo verſtört und unglücklich iſt er.“ Leiſe wurde die Thür geöffnet, leiſe trat ich ein. Der Herzog ſaß auf einem Feldſtuhle zuſammen⸗ gekauert vor dem Kamin und ſtarrte, wie er es ſo oft that, in die rothe Gluth, mir beim Eintreten den Rücken zukehrend. Sein Geſicht war bleich, ſein Haar hing verworren, wie ich es nie geſehen, da er ſtets große Sorgfalt auf ſein Aeußeres verwandte, über die Stirn, ſeine Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren von einem aſchfarbigen Ringe umgeben. Im Ganzen ſah er aus wie ein Menſch, der etwas Entſetzliches erblickt hat oder dem eine Todesgefahr droht, oder deſſen Seele hülfloſer Verzweiflung anheim⸗ gegeben iſt. „Guten Abend, gnädigſter Herr!“ ſagte ich heute zuerſt mit leiſer, ehrerbietiger und weicher Stimme, da ich ſah, daß er eines tröſtenden Beiſtandes bedurfte. „Ich ſehe leider, daß ſie krank ſind.“ Er drehte den Kopf langſam nach mir herum und gab mir die Hand. Ich war erſchrocken über den tief traurigen, zerknirrſchten und unbeſchreiblich wehmüthigen Ausdruck ſeines Geſichts.„Seien Sie mir nicht böſe,“ fing er endlich mit leiſer Stimme an,„daß ich Sie aus dem Bette holen ließ; aber ich mußte Geſellſchaft haben— und auf Sie ſiel meine Wahl unter allen Menſchen, die in meinem Geſichtskreiſe leben. Ja, ich fühle mich wirklich krank, das heißt nicht leiblich, denn alle meine Organe thun ihre Schuldigkeit, geiſtig aber ganz und gar. Sehen Sie mich an und beur⸗ theilen Sie meinen Seelenzuſtand darnach: Ich bin über mich ſelbſt erſchrocken, als ich zufällig vor einen Spiegel gerieth. Aber mir iſt zu Muthe, als ſtände ich auf der Schwelle zu einem großen Unglück, einem ſchrecklichen Ereigniß, deſſen geheimnißvolle Falten ich nicht glätten und durchdringen kann. Es weht eine ſchaurig kalte Luft um meine Seele, ſo daß ſie zu frieren ſcheint, und mein Blut rollt ſchwer und bang in meinen Adern. Haben Sie ſchon ſolche Gefühle kennen gelernt? Stammen ſie aus dem Leibe oder aus der Seele?“ 8 X „ kenne ſie wohl. Sie ſtummem oft aus dem 3 — 173— Leibe, oft aus der Seele, oft aus beiden zugleich, denn iſt eins von beiden leidend, ſo leidet das andere mit, das liegt in der Natur unſeres aus irdiſchen und göttlichen Elementen gemiſchten Stoffs. In der Regel aber“— und hier erhob ich meine Stimme und ließ meine Augen ausdrucksvoll auf den ſeinigen ruhen— „deuten dieſe Gefühle an, daß unſere Seele ſich mit Dingen beſchäftigt, die wir abſchütteln ſollten, weil ſie nicht nothwendig ſind zu unſerem Leben und ver⸗ derblich für unſer Glück und unſere Ruhe.“ „Sehr gut geſagt, ein vortrefflicher Rath in Worten! Aber wer kann das? Schütteln Sie ſie ab! Als wenn ich ein Pudel wäre, der ſich das Waſſer aus dem Felle ſchütteln kann. Nein, Doktor, die Dinge, die dieſe Gefühle hervorrufen, ſitzen bei mir zu tief, ich müßte mich ganz umſchaffen können, wollte ich ſie los werden. Ach! das Leben gefällt mir nicht, es iſt kein Reiz, kein Duft, keine Blüthe mehr darin. Ich habe keine genügende Beſchäftigung, der ich mich, wie ſonſt, mit ganzer Herzensfreudigkeit hingeben könnte, und daher habe ich Langeweile. Ich muß, ich muß Zerſtreuung haben— ich habe wirklich an eine große Reiſe gedacht— und doch kann ich bei dieſer Stim⸗ mung meines Landes und unter den jetzigen unglück⸗ ſeligen Verhältniſſen nicht fort. Auch Ihre ngerin —-— 174— bleibt ſo lange— hat ſie noch nicht geſchrieben, wann ſie eintrifft?“ „Sie hat mir ſchon drei Mal geſchrieben; und ich erwarte alle Tage die Anzeige der Stunde, wann ſie kommt. Weihnachten aber iſt ſie gewiß hier.“ „Das iſt gut, das iſt doch etwas Angenehmes und Neues. Vielleicht haben wir dann ein kleines Freudenfeſt. Ihr kennt Euch alſo beide ſchon lange?“ „Von Jugend an; ſie war ſechs, ich zehn Jahre alt, als wir uns zuerſt in Amſterdam ſahen.“ „Ihr ſeid innig befreundet?“ „Wir lieben uns— wie Bruder und Schyweſter.“ „Ihr Glücklichen! Alle Menſchen haben Freunde in dieſem Leben— was habe ich dafür? O, ein Mann wie ich kann keinen Freund haben.“ „Das kann ich mir nicht denken. Warum nicht, Durchlaucht?“ „Weil Jeder, der mit mir verkehrt, mehr oder weniger eigennützig iſt, nur ſeinetwegen, nicht meinet⸗ wegen mein Freund ſein will!“ „Dann mache ich eine Ausnahme hiervon, Durch⸗ laucht— ich bin ganz allein Ihretwegen Ihr Freund — verzeihen Sie die Anmaßung, die in dieſen meinen Worten liegt, aber es iſt, wie ich ſage— meine Perſon kommt in Bezug auf Sie in gar keinen Betracht. Ich — 175— wünſche von Ihnen für mich nichts mehr. Sie haben mir ſchon zu viel gegeben. Wie Sie mich hier vor Sich ſehen, habe ich mich Ihnen und Ihrem Vortheil allein und mit ganzer Seele geweiht.“ Er ſah mir treuherzig in die Augen, verſuchte zu lächeln, aber er vermochte es nicht zu Stande zu brin⸗ gen, ſein Gram ſaß zu tief und zu feſt. Dennoch nickte er mit dem Kopfe, als wollte er mir ſeinen Dank be⸗ zeugen. Noch einmal bot er mir die Hand und drückte die meinige— das hatte er noch nie gethan. Und eine Weile meine Hand in der ſeinigen behaltend und mich dabei feſt anblickend, fragte er:„Wollen Sie wirklich mein Freund ſein— in voller Bedeutung des Wortes?“ Ich legte meine Hand auf mein Herz und ſagte laut und feſt: „Ja, Herr Herzog!“ „Gut— ich nehme Ihre Freundſchaft an. Aber ich ſtelle ſie ſogleich auf die Probe. Beantworten Sie, was ich frage, aber ſprechen Sie kein Wort mehr, als zum Verſtändniß nothwendig iſt.“ Und meine Hand loslaſſend und ſein Geſicht in beide Hände ſtützend, fragte er leiſe und kaum verſtändlich:„Was halten Sie von dem Religionswechſel eines Menſchen? 2. — 176— Ich glaubte nicht recht gehört zu haben und bat um eine Wiederholung ſeiner Frage. Er ſprach ſie noch einmal lauter und deutlicher aus, blieb aber in ſeiner eigenthümlichen Stellung. „Aha,“ dachte ich,„wir rücken vorwärts!“ Und augenblicklich antwortete ich klar und verſtändlich:„Die Beantwortung dieſer Frage kann ich in wenige Worte zuſammenfaſſen. Ein einzelner Menſch kann ſeine Religion wechſeln; ob er gut daran thut, Gott damit wohlgefällig iſt, weiß nur Gott allein. Aber der Menſch muß ſein Gewiſſen zu Rathe ziehen; was das erlaubt, mag er thun. Niemandem iſt er darüber Rechenſchaft ſchuldig; auch hat es weiſe und erhabene Menſchen gegeben, die ihre Religion aus beſſerer, rei⸗ nerer Ueberzeugung mit einer anderen vertauſcht haben, denn von dieſer Ueberzeugung hängt am Ende Alles ab—“ 12 „Weiter! Sie wollen noch mehr ſagen.“ „Das will ich. Bisher ſprach ich von einem Privatmanne— er mag ſein, wer er will. Ein Fürſt aber”“— und hier erhob ich meine Stimme—„hat andere Rückſichten zu nehmen. Er muß ſein Land, ſein Volk und das Wohl deſſelben vor Augen behalten. Und in Bezug auf ihn möchte ich die Frage verneinen. Denn an proteſtantiſches Land— ich nehme ein ſolches — m- 4 zum Beiſpiel an— will und gebraucht prote⸗ ſtantiſche Fürſten, das liegt in der Natur der Sache, das liegt in ſeinem Blute, ſeinem Geiſte, in der un⸗ trennbaren Wechſelwirkung beider. Eine einſeitige Ver⸗ änderung dieſer Verhältniſſe kann nur Böſes erzeugen. Unfrieden, Unglauben, Zwietracht, Mißtrauen— kurz Alles, was aus dieſer trüben Quelle fließt.“ „Haben Sie ganz und aufrichtig Ihre Meinung geſagt?“ „Ganz und aufrichtig.“ „Ich bin zufrieden— ſo weit ſind wir einig, denn das iſt auch meine Anſicht der Sache, wenn ſie auch von Anderen bekämpft wird. Jetzt aber eine andere Frage. Wir ſind nur Menſchen und können alſo irren. Nur Gott allein irrt nicht. Wenn nun aber Gott ſelbſt will, daß wir unſere Ueberzeugung in kirchlichen Dingen wechſeln, und wenn er uns befiehlt, wenn er zu uns ſpricht, daß wir es hören, auf daß wir ihm folgen— wie dann?“ 3„Wie, Durchlaucht? Das verſtehe ich nicht. Wie kann ein Menſch wiſſen, daß Gott das verlangt? Wie kann er Gottes Worte hören, dieſen ſeinen Be⸗ fehl vernehmen? Denn Gott ſpricht ja nicht perſön⸗ lich zu uns— nur in leiuen Werken tönt ſeine all⸗ mächtige Stimme.“ Fritz Stilling. IV. 12 4 38 4 *— 1s— „Freilich wohl, das habe ich bisher auch gedacht. Aber, Doktor, es giebt Dinge auf Erden, die unbe⸗ greiflich ſind, Dinge, die wir mit unſeren irdiſchen Sinnen nicht erfaſſen können, und alſo höhere Sinne, wie z. B. den Glauben, anwenden müſſen, um ſie zu verſtehen. Und ich, ich kenne, ja, ich ſehe ein ſolches Ding, unmittelbar von Gott kommend, das ſpricht zu mir, das beſiehlt mir, auf nichts Irdiſches zu achten, nicht auf meine innere Stimme, nicht auf die der Menſchen, auch wenn ſie brüllend würde, wie die des Orkans— ſondern allein der Stimme zu gehorchen, die es ſelbſt ſpricht, die von Gott kommt. Wie nun?“ „Durchlaucht, hören Sie mich wohl an. Solche Dinge und Stimmen giebt es auf Erden nicht. Wenn uns eine ſolche Stimme gepredigt wird, ſo tönt ſie aus der Wüſte, wo Aſche, Staub und Verweſung iſt, aber kein Leben, keine Wahrheit, keine Zweifelloſigkeit. HOſt hat man ſich angeblich einer göttlichen Stimme bedient, um Jemanden, der weich genug war, den Eindrücken derſelben nachzugeben, nach einer beſonderen Abſicht und zu einem beſonderen Zwecke zu leiten. Dann lag aber jedesmal irgend ein Betrug zu Grunde, eine Hinterliſt; man bediente ſich künſtlicher Mittel, un dieſen Zweck zu erreichen und man hat ihn leider oſt damit erreicht. Sind nun Sie dieſer angeblich götta⸗ — 1o— 4 lichen Stimme ſicher? Wer läßt ſie hören? Wer ermahnt Sie, darauf zu achten? Nein, nein, gnädigſter Herr— Sie ſchenken mir Ihr Vertrauen, ſagen Sie, aber Sie ſchenken es mir nur halb, denn Sie ver⸗ bergen mir mehr, als Sie mir aufdecken. Laſſen Sie mich ganz in Ihr Herz blicken, ſagen Sie mir dreiſt und offen, um was es ſich handelt, und ich werde Ihnen als Menſch, als Chriſt, vor allen Dingen aber als Mann der Wiſeenſchaft eben ſo offen ſagen, was Sie glauben können und was nicht. Sprechen Sie.“ Er ſchwankte ſichtbar. Meine Worte hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er blickte hin und her und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn, der in dicken Tropfen darüber hin rieſelte. „Sie haben Recht,“ ſagte er endlich,„es muß klar zwiſchen uns werden. Ich habe zwar mein Wort gegeben, nicht eher von dieſer merkwürdigen Erſcheinung zu ſprechen, als bis ich vollkommen von ihrer Wahrheit überzeugt bin; aber i fürchte, es nie ganz werden zu können.“ „Um zu einer vollkommenen Ueberzeugung zu ge⸗ langen, müſſen Sie Belehrung ſuchen und eine vorur⸗ theilsfreie Meinung anhören. Fragen Sie mich— oder haben Ihnen Menſchen auch darüber ein voll⸗ kommenes Schweigen abgezwungen?“ „O, Menſchen nicht! Gott ſelbſt hat es mir abgezwungen.“ „Das iſt nicht möglich, Durchlaucht, das kann nicht ſein. Gott zwingt uns zu nichts durch Zeichen, die unſeren geſunden Sinnen wahrnehmbar ſind— und um ſo weniger glaube ich an dieſe Zeichen, wenn er zwingen ſoll. Gott braucht nicht zu zwingen, er braucht nur zu wollen, und er überzeugt uns ſchon.“ 8 „Doktor, ich glaube Ihnen, ich vertraue Ihnen, Sie ſprechen ehrlich und warm— und ſo hat auch mein eigenes Herz ſchon oft zu mir geſprochen. Hören Sie mich alſo an, Sie müſſen mich aber nicht ver⸗ rathen—“— „Nein— aber helfen— dienen—. worin ich kann.“ „Wohl! Belehren Sie mich zunächſt. Sagen Sie mir, wiſſen Sie von einer Lehre in der Welt, die man den thieriſchen Magnetismus nennt?“— Hal! Ich ſtaunte— wozu das hier? Söllte ich noch einmal in die verlockende Tiefe dieſer trüben Quelle hinabſteigen? Aber ich faßte mich ſchnell und ant⸗ wortete:„Ja, eine ſolche Lehre giebt es und ich kenne ſie, ſogar die Wiſſenſchaft hat ſich ihrer be⸗ mächtigt.“ 4 1 „ 1 „Nun wohl. Gehen wir weiter. Kennen Sie einen Zuſtand, den man Somnambulismus nennt?— Sie ſind ja Arzt.“ „Ich kenne ihn— es giebt einen ſolchen Zuſtand.“ „Ha! Und auch einen, den man Hellſehen nesnt?“ „Wie!“ rief ich, denn ich durchſchaute augenblick⸗ lich die ſchlau und doch dumm angelegte Schlinge— „Hat man Ihnen etwa einen Hellſeher gezeigt?“ „Eine Hellſeherin wenigſtens, ja, man hat ſie mir gezeigt. Was halten Sie davon?“ Von einem tief unter geheimer Decke, ohne Zweifel zu unredlichen Abſichten veranſtalteten Betrug in meinem Innern überzeugt, theilte ich ihm mit, was ich in meinem Leben über dieſen Zuſtand gehört, geleſen und erfahren hatte. Wie ich, nachdem ich lange darüber nachgedacht, an dem Vernommenen gezweifelt und zu den gelehrteſten und aufgeklärteſten Männern Berlins gegangen wäre, um ihre Meinung zu hören,— wie dieſe mir geſagt, daß, obgleich man künſtlich einen ſolchen Seelenzuſtand erzeugen könne, der etwas Un⸗ begreifliches, noch nicht vollkommen Erkanntes in ſich trage, man dennoch der Meinung ſei, daß unter hun⸗ dert Fällen wenigſtens neun und neunzig Mal ein Betrug dabei obwalte. „Weiter,“ rief er,„den Beweis, den Beweis von dem, was Sie ſagen, und ich will Sie verehren als der Weiſeſten Einen.“ „Beweiſen kann man nicht die Nichtexiſtenz dieſes ohne Zweifel krankhaften Zuſtandes, aber man kann oft den Betrug beweiſen, der dahinter ſteckt. Erzählen Sie mir den Zuſammenhang Ihrer Anſchauungen und vielleicht ſehe ich dann klar und kann Ihnen den Be⸗ weis liefern, daß auch Sie betrogen ſind.“ „Das wäre mir das Liebſte, obwohl ich es ſo leicht nicht glauben werde. So hören Sie denn. Aber ich muß etwas weit ausholen— Sie ſind doch nicht müde? Nun gut— ach! es iſt eine traurige Ge⸗ ſchichte, derer ich hier gedenken muß. Aber ich will, ich will mich bezwingen, der Wahrheit zu Liebe. Sehen Sie, Doktor, ich bin nicht ſeit kurzen Tagen oder Jahren von dem Daſein des Hellſehens unter⸗ richtet. Ich war noch jung, als ich davon erfuhr und von einem Manne erfuhr, der mir einſt ſehr nahe ſtand und, obwohl ebenfalls noch jung, doch ein ſehr kenntnißreicher Mann war. Er ſchloß mir das Ge⸗ heimniß jener Lehre auf und ließ mich einen Blick in die unbegreiflich tiefe Macht der theilbeiſe göttlichen Natur des Menſchen thun.“ Bei dieſen Worten wurde ich ſehr bewegt, denn ich ahnte, was kommen würde. Ich hatte mich in luucht⸗ 2 — 183— meinen Stuhl, auf den ich mich niedergelaſſen, zurück⸗ gelehnt und hörte mit großer Spannung und immer mehr wachſendem Antheil zu. „Ach!“ fuhr er fort.„Dieſer Mann, an den ich alle Tage mit tiefer Wehmuth und mit Gefühlen denke, die ich Ihnen nicht vollſtändig enthüllen kann, war mir ſehr lieb und theuer. Er war einer meiner erſten Jugendfreunde. Und merkwürdig— jetzt fällt es mir erſt ein und ich muß Ihnen bei alledem mein ganzes Herz öffnen— er ſtand in einem ähnlichen Verhältniſſe zu mir, wie Sie, denn er war, was Sie ſind, mein Arzt und Rathgeber.“ „Ah!“ machte ich, indem ich ein halb künſtliches, halb natürliches Erſtaunen verrieth. „Haben Sie nie von ihm gehört? Doch wie ſollten Sie nicht, in der plauderhaften Stadt hört man ja Alles.“ „Meinen Sie Herrn von Schellenberg Durch⸗ „Ja, den meine ich.“ „Wohl, von dem habe ich gehört. 4 „Auch von meinem Streite mit ihm?“ 13„Von Ihrem Streite— Nein!“ „Nun, ich meine jenen unglückſeligen Vurfull der uns auf ewig trennte—, — 184— „Von dem habe ich allerdings gehört.“ „Und was haben Sie davon gehört? Heraus damit, ich muß auch von Ihnen die Wahrheit hören, wenn ich ſie ſelbſt ſagen ſoll— „Wenn Sie es denn wollen, ſo hören Sie es. Man hat mir das traurige Verhältniß mitgetheilt, in welchem er einſt zur Gräfin Brandſtein ſtand—“ „Ha! Das iſt es, was ich meine. Und was hat man Ihnen davon geſagt?“ „Die Wahrheit, Durchlaucht!“ „Welche Wahrheit— auch ich kenne ſie—“ „Daß das Unrecht auf Ihrer Seite war!“ Er ſenkte traurig den Kopf und ſchwieg lange. Endlich fuhr er fort: „Ja, man hat Ihnen die Wahrheit geſagt, ich ſehe es. Aber hören Sie auch mich an. Ich habe ihm in einer Zeit der Verblendung, der Selbſtüber⸗ ſchätzung und des fürſtlichen Muthwillens ein großes Unrecht gethan. Aber— glauben Sie mir— wenn ein Menſch ein ſo großes Unrecht büßen kann, ſo habe ich es gebüßt. Ich bin ſeit jenen unglücklichen Tagen nie wieder meines Lebens froh geworden, denn hier — hier in meiner eigenen Bruſt lebte mein ſtrengſter Richter. Und dieſer Richter hat den Schellenberg ſtreng — 185— an mir geahndet. O, und wiſſen Sie, daß er mir einmal erſchienen iſt—?“ „Erſchienen? Im Geiſte, im Traume oder in der Wirklichkeit?“ „O, im Geiſte und Traume erſcheint er mir alle Tage und Nächte— aber ich meine in der Wirklich⸗ keit, und Sie— Sie ſelbſt waren damals dabei—“ „Ich, und wo war das?“ „In jenem Landhauſe auf dem Montmartre, wo ich krank lag und Sie zum erſten Male an meinem Lager ſaßen. Jener Ordonnanzoffizier des Königs von Preußen— wiſſen Sie es noch—?“ „Nun— was?“ „Das war erl“ „Herr von Schellenberg? Sie ſetzen mich in Er⸗ ſtaunen. Sie haben ihn erkannt?“ „Gewiß habe ich ihn erkannt, und ich war mehr erſtaunt darüber, als Sie es jetzt ſein können, denn er kam mit einem Herzen voller Vorwürfe und Droh⸗ ungen zu mir— er kam, um ſich zu rächen— und nur Ihre Gegenwart allein hat ihn daran verhindert.“ „Meine Gegenwart?“ „Sie ganz allein, und darum gewann ich Sie ſchon damals lieb und ließ Sie ungern von mir. — 186— Aber— daß ich Ihnen Alles ſage— er wird noch ein Mal kommen— ich erwarte ihn jeden Tag.“ „Aengſtigt Sie das? Doch— Sie kommen ganz von Ihrer Erzählung ab— Sie wollten mir von der Hellſeherin azaͤhlen, die man Ihnen hat erſcheinen laſſen—“ 4 „Ja, Sie haben Rech Aber meine Gedanken haben mich auch heute zu ihm geführt, wie ſie mich alle Tage zu ihm führen,— ſehen Sie— alſo Scel⸗ lenberg hat mir zuerſt von einer Hellſeherin geſprochen— „Entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie unterbreche, aber ich fühle mich verpflichtet dazu. Herr von Schel⸗ lenberg, obgleich er Sie mit jener Lehre bekannt machte und damals ſelbſt daran glaubte— hat ſich ſelber geirrt und ſeinen Irrthum ſpäter erkannt—“ „Wie? Woher wiſſen Sie das? Kennen Sie ihn denn?“ „Ein Berliner berühmter Profeſſor w war ſein Stu⸗ diengefährte— beide glaubten an den Magnetismus — beide erkannten nach Jahren ihren Irrthum— das hat mir jener Profeſſor in Berlin ſelbſt geſagt, der gerade Herrn von Schellenberg— dieſen klaren Kopf— als den Beweis der Möglichkeit dieſes Irr⸗ thums aufſtellte.“ „Wie? Max hätte ſich geirrt?“ fffir ſehr natürlich hielt. Endlich, vor einem Viertel⸗ „Gern— und nun mit leie ſern Biſchof kennen, mit ihm ſprach ich ebenfalls über — 187—* „Ja, man hat ihn betrogen— Sie ſehen alſo, man konnte auch Sie betrügen—“ „Sie ſagen mir etwas ganz Neues und ſetzen mich in ein großes Erſtaunen. Der Schellenberg iſt betrogen—? Haha! Ja, dann konnte man mich auch betrügen— aber Sie gehen ſehr ſicher zu Werke, Doktor, Sie legen die Axt unmittelbar an die Wurzel, 4 denn Schellenberg war die Wurzel, aus der der Baum e meines Glaubens wuchs. Ei „So iſt es kein Wul Sie ſehen es. Aber fahren Sie daß Sie irre gingen. in Ihrem Berichte.“ a Herzen. Schel⸗ lenberg hatte mich ſchon lange vekläſieh, ſeine Lehre⸗ aber blieb in meiner Bruſt zurück. J habs ſie gründ⸗ lich ſtudirt und Alles geleſen, was dar zu leſen war. Aber ich wollte die göttliche Wahrhei t auch einmal lebendig ſehen, hatte jedoch lange keine Gele⸗ genheit dazu. Da lernte ich vor einigen Jahren un⸗ die Sache, die mir immer noch am Herzen lag. Und ſiehe da— auch er glaubte daran, er beſtärkte mich ſogar noch mehr in dieſem Glauben. Er gab mir Bücher, die ich noch nicht kannte, er führte mich lang⸗ ſam und allmälig weiter, bis ich zuletzt das Ganze 8— 188— jahr, wollte er mir den Beweis liefern, daß wir an eine Wahrheit glaubten. Er ließ eine berühmte Som⸗ nambule— Thereſia heißt ſie, ich weiß aber nicht, woher ſie ſtammt— kommen— ſie kam— ich ſah ſie, ich hörte ſie und— durch ihren Mund ſprach Gott zu mir—“. „Und wo, Durchlaucht, ſagen Sie mir ſchnell, wo, in welcher Behauſung hörten Sie dieſen Mund zu ſich ſprechen?“ „In ſeinem Palais lebt ſte verborgen— alle Freitage Nachts hat ſie ihre Verzückungen, ihre hellen Augen— ich habe ſie oft ſchon gehört—“ „Fahren Sie fort— Sie ſehen, ich höre mit allen Sinnen—“.. ‚Aber ſie verlangt etwas viel von mir, dieſe Seherin, und es hat mich ſtutzig gemacht. Sie ver⸗ ſpricht mir zwar alle Segnungen des Himmels— ſie zeigt mir die ſieben Wundenmaale des Heilands, die ſich alle Freitage Nachts um zwölf Uhr in ihrer Hand und auf ihrer Stirn öffnen und bluten— ſie verheißt mir Vertebung aller Sünden— ſelbſt meiner ärgſten, der gegen Schellanbera— aber Alles nur unter einer Bedingung— 3 „Unter welcher?“ 2 — 189 ₰ „Daß ich meine nriigon wechſele und dem Glau⸗ ben des Biſchofs ſchwöre— Beinahe hätte ich, obgleich mir über dieſe nieder⸗ trächtige Bosheit die Haare zu Berge ſtanden, laut aufgelacht. Denn dieſer Betrug kam mir doch etwas zu plump vor, er ſchien mir aus einem leeren Gehirne zu ſtammen und es dauerte lange, ehe ich begreifen lernte, wie ein ſonſt ſo vernünftiger und aufgeklärter Mann, wie der Herzog war, den Schlingen eines ſchlauen Prieſters und ſeiner Helfershelfer hatte zur Beute fallen können. Allein um in das ſchlüpfrige Gebiet religiöſer Argliſt einzudringen und die unglaub⸗ liche Tollkühnheit prieſterlicher Herrſchſucht zu ergrün⸗ den und zu begreifen, iſt oft der ſchärfſte Verſtand viel zu armſelig und ſchwach; die Macht des angedrohten, mit Menſchenſinn begabten Gottes auf den Lippen die⸗ ſer Jünger des verwerflichſten Fanatismus iſt zu ge⸗ waltig, um ihr mit menſchlich einfachem Verſtande ſieg⸗ reich entgegen zu treten, ihr verheerendes Schwert iſt flammender, als das des Engels des Paradieſes, es verwüſtet die Herzen und verbrennt die Gehirne; mit dem Geläute ihrer ehernen Glocken rufen ſie fromme Gebete hervor, die ihnen genügen würden, ſtiegen ſie auf zu wem ſie wollten, wenn ſie nur dazu dienten, angeblich die Ehre Gottes zu verherrlichen, während 4— = 190— ſie in Wahrheit dazu beſtimmt ſcheinen, ihre Allmacht über irdiſche Schickſale zu vergrößern und zu befeſtigen. Man hat von verſchiedenen Seiten den Unglauben als das Troſtloſeſte und Verderblichſte gerichtet, was dem menſchlichen Herzen auf dieſer Erde zuertheilt werden könne, aber ich bin der Meinung, daß der übermäßige Glaube, der Glaube, der ſich ſelbſt über Gottes Thron erhebt und die Wagſchale des Guten und Schlimmen in die Hände fanatiſcher Prieſter legt, mehr Schaden hervorgerufen und größere Sünden entwickelt hat, als jener. en Auch den Herzog alſo wollte man zu dieſem allein⸗ ſeligmachenden Glauben bekehren, er ſagte mir es ja ſelbſt. Was man weiter damit bezweckte, war nicht ſchwer zu enträthſeln. Durch ſeine Perſon wollte man auch ſein Volk gewinnen; war ein Fürſt, ein Volk mit ſeinem Beiſpiel vorangegangen, ſo konnte vielleicht ein zweites und drittes nachfolgen. Das war freilich ein kühnet und abentheuerlicher Plan, aber welche Pläne der Art hat nicht der vor Nichts zurückſchreckende, namentlich in düſteren Schöpfungen fruchtbare Men⸗ ſchengeiſt ausgebrütet? Es war für mich nicht ſchwer, das ganze Machwerk jeſuitiſchen Geiſtes hier auf einen Blick zu durchſchauen, meine ganze Seele aber bäumte ſich leidenſchaftlich auf, dieſem Plane entgegenzutreten, 5 — 491— und ſoviel in meinen ſchwachen Kräften lag, ein ein⸗ faches aber verſtändliches Wort mit dreinzureden,— und demgemäß ging ich ſogleich an's Werk. „Halten Sie ein, Durchlaucht,“ rief ich und er⸗ hob mich von meinem Stuhle—„ich ſehe genug; die ganze Abſicht jenes Prieſters, der Ihnen die Hellſeherin untergeſchoben, und ſeiner Helfershelfer liegt mir klar vor Augen. Offen geſagt, Sie befinden ſich in den Händen von Betrügern, die, wie ſie mit Ihrem Seelen⸗ heil ein Spiel treiben, auch Ihr irdiſches Lebensglück in's Verderben ſtürzen und Ihr Volk mit Ihnen zu⸗ gleich betrüben wollen. Haben Sie der Seherin etwas zugeſagt?“ ‚RNichts. Ich ſchwebe aber zwiſchen Himmel und Hölle, denn die Entſcheidung drängt unaufhaltſam auf mich ein. Ich ſehe keinen Ausweg, der mich aus die⸗ ſem Labyrinthe führt. O, wenn Sie Recht hätten, wenn man mein von Oede und Reue zerkniryſchtes Herz mißbraucht und meinen unter den Schlägen des Schick⸗ ſals ſich beugenden Geiſt irre geführt hätte!“ „Das hat man allerdings beabſichtigt. Noch ſtehen Sie aber erſt auf der Schwelle des nahenden Unheils— Sie dürfen keinen Schritt weiter thun.— Haben Sie Vertrauen genug zu mir, ſich ganz und —* — 192— unbedingt meiner Leitung zu überlaſſen? Ich weiß einen Ausgang aus dieſem Labyrinthe.“ „Zeigen Sie ihn mir und meine ganze fernere Zukunft wird durch Ihr Licht erleuchtet ſein. Was ſoll ich thun, um den Betrug, wenn es einer iſt, zu enthüllen?“ „Für's Erſte thun Sie Nichts, was Sie unauf⸗ löslicher an jene Männer bindet. Machen Sie keine Zugeſtändniſſe, halten Sie mit allen Verſprechungen zurück. Sodann aber laſſen Sie mich das Wunder⸗ mädchen mit meinen klaren menſchlichen Augen an⸗ blicken. Sage ich Ihnen dann: ſie iſt von Gott ge⸗ ſandt! dann thun Sie, was Sie wollen, wechſeln Sie Religion und Ueberzeugung, beginnen Sie Krieg mit Ihrem Volke, mit der ganzen aufgeklärten Welt— bevor ich aber dieſen Ausſpruch nicht von mir gegeben — thun Sie keinen Schritt.“ „Ihr Vorſchlag gefällt wir, ich verliere dabei nichts.“ „Sie gewinnen Alles, die Anſicht der Mahhat und die Befeſtigung Ihrer Seelenruhe.“ „Wenn es ſo iſt, wie Sie ſagen, ſo haben wir eeine zeugungsreiche Nacht hinter uns und einen helleren Morgen vor uns. Aber man wird große Augen über meine plötzliche Unterſuchungsluſt machen— — 193— „Wer wird dieſe großen Augen machen?“ „Der Biſchof und ſeine Freunde, die Miniſter.“ „Das muß Ihnen ſchon der Anfang eines Be⸗ weiſes ſein, daß man ein unwürdiges Spiel mit Ihnen treibt.“ „Sie haben Recht. Aber was wollen Sie, daß ich ihnen ſage?“ „Hören Sie mich an. Wir müſſen die Sache na⸗ türlich einleiten. Sie gehen alle Freitage Nachts in das biſchöfliche Palais?“ „Ja.“ „Gehen Sie nicht mehr hin, widerſetzen Sie Sich — man laſſe die Seherin zu Ihnen kommen—“ „Wie ſoll ich das anfangen?“ „ Auf folgende Weiſe. Sagen Sie, Sie glaubten zwar an ihre göttliche Kraft, aber Sie fühlten Sich zu leidend, Ihre Beſuche in kalter Winternacht fort⸗ zuſetzen, man habe Ihnen jeden abendlichen Ausgang verboten. Um das heilige Werk jedoch fortführen zu können, müſſe die Kranke in Ihr Schloß, in Ihre unmittelbare Nähe überſiedeln, Sie würden für ein ge⸗ heimes und zweckdienliches Zimmer Sorge tragen—“ „Und dann— hier im Schloß?“ „Geht man auf dieſen Vorſchlag nicht ein, ſo haben Sie ſchon den Beweis, daß man Ihnen nicht Fritz Stilling. IV.„ 13 — 194— recht traut, mithin etwas zu fürchten hat. Sie er⸗ blicken alſo ſchon im Hintergrund eine Lüge. Geht man darauf ein, ſo überlaſſen Sie mir das Uebrige, ich ſelbſt werde die Seherin prüfen und ihren Zuſtand der Verzückung unterſuchen.“ „Aber wie wollen Sie das anfangen, da ich Sie doch nicht einführen kann—?“ „Sie müſſen mir Alles überlaſſen, Durchlaucht. Geſtatten Sie mir, ein für meine Abſichten geeignetes Zimmer zur Wohnung der Kranken auszuwählen und es zu meinem Vorhaben zweckmäßig einzurichten?“ „Ihr Vorſchlag gefällt mir und ich geſtatte Ihnen Alles. Es giebt leerſtehende Wohnungen genug im alten Schloſſe, die abgelegen und Jedermann unzu⸗ gänglich ſind. Verfahren Sie ganz nach Ihrem Be⸗ lieben damit. Wenn Sie aber wahrnehmen ſollten, daß die Hellſeherin eine Gottgeſandte iſt?“ „Dann hat der Biſchof Recht und ich Unrecht, und Sie, gnädigſter Herr, können thun und laſſen, was Sie wollen, ich miſche mich in nichts mehr. Aber ich zweifle an dieſem Fall— wir werden ja ſehen! Außer uns aber darf Niemand eine Ahnung von unſerem Unternehmen haben, an das ich ſchon morgen Hand anzulegen beginne, falls Sie es genehmigen—“ V „Ich ſtelle Alles zu Ihrer Verfügung.“ — 195— „So bin ich zufrieden. Nächſten Freitag, heute über acht Tage, werde ich mit meinen Zurüſtungen zu Stande gekommen ſein; vielleicht bewegen Sie ſchon bis dahin den Biſchof, die Kranke in's Schloß bringen zu laſſen. Alles Uebrige wird ſich finden.“ „Sie haben einen Stein von meiner Bruſt ge⸗ wälzt, der mich zu erdrücken drohte— womit ſoll ich Ihnen danken?“ „Mit der Ueberzeugung, daß der Allmächtige in ſeiner Weisheit bisweilen Menſchen auf die Erde ſendet, die, ſo klein und unwichtig ſie ſcheinen, doch oft aus⸗ erleſen ſind, ein großes und bedeutſames Werk aus⸗ zuführen. Denn ich halte es für groß und bedeut⸗ ſam, dem vor uns liegenden Betruge die Maske ab⸗ zuziehen und ſo die Welt von einem Ungeziefer zu reinigen, welches dieſe ſchöne Erde ſchändet. 44 „Sie gebrauchen harte Worie gegen Leute, die ich bis heute hochgehalten habe—, „Die aber nichts deſto weniger mit kaltem Herzen und im Innern über Ihre Leichtgläubigkeit lachend, Sie morgen in den Abgrund geſtoßen hätten. Nein, Durchlaucht, meine Worte ſind für jene Leute nicht zu hart, denn jene Leute haben einen Panzer um ihre Bruft, härter als Stahl— man muß mit Keulen auf 13* ſie ſchlagen, wenn man ſie zu Boden ſchmettern will — und das will ich, ſo wahr mir Gott helfe!“ „‚Nehmen Sie Sich nicht zu viel vor— jene Menſchen ſind ſtark.“. „Ich weiß es, aber ich fürchte ſie nicht, denn mein Herz iſt rein.“ „So ſegne Gott den Bund dieſer Nacht. Und nun leben Sie wohl!“— Mit einem Eifer, wie ich nie in meinem Leben von einem ähnlichen geſtachelt war, eilte ich nach Hauſe. Schon früh am nächſten Morgen war mein ganzer Plan vollendet. Es war noch nicht acht Uhr, als ich mich ſchon im Schloſſe befand, um den Platz auszuwählen, an welchem ich meine Netze ausſtellen und das Wild fangen wollte, welches ich— ich verberge dem Leſer noch den Gegenſtand und die Gründe meiner Ver⸗ muthungen— ſicher vor Augen zu haben glaubte. Stadt durchläuft, 4 ſeit einem Jahrhuß 1 xOgDX p2⸗ VII. Der Knoten meines Lebens beginnt ſich zu löſen und wieder zu verwickeln. Von dem treuen Kammerdiener des Herzogs geführt und einem Baumeiſter meiner Bekanntſchaft begleitet, denen ich die ſtrengſte Verſchwiegenheit über unſer Vor⸗ haben auferlegt hatte, durchwandelte ich die weitläufigen Räume des herzoglichen Schloſſes. Die Hinterfront deſſelben, an dem kleinen Fluſſe gelegen, welcher die beſtand aus alten Gebäuden, die einer Umgeſtaltung unterworfen geweſen waren. Zimmer derſelben wurden nur bei außerordentlichen Gelegenheiten und zahlreichen Be⸗ ſuchen benutzt, waren aber wohnlich eingerichtet gind hingen mit den neueren Schloßtheilen durch Korridore und Treppen zuſammen. Unter dieſen mit alten Leder⸗ tapeten geſchmückten Zimmern wählte ich zwei zu meinem 4 =— 198— 1 Gebrauche aus, die keine Verbindung mit einander hatten und durch eine etwa zwei Fuß dicke an ge⸗ ſchieden waren. Das eine war groß, das andere klein;— das erſte hatte ich für die Somnambule, das zweite zu meiner Beobachtung beſtimmt. Beider Eingänge lagen von einander getrennt auf verſchiedenen Fluren; ihre äußeren Wände waren dick, ihre Höhe bedeutend. Zu dieſen Räumen nahm ich die Schlüſſel in Beſchlag und gab dem Baumeiſter meine Anweiſung, die derſelbe von verſchwiegenen Handwerkern in aller Stille und möglichſter Schnelligkeit ausführen ließ. Ich hatte mir für dieſe meine Einrichtung die Zimmer im Kloſter zum heiligen Franziskus, in wel⸗ chen das den Leſern gewiß noch in Erinnerung be⸗ findliche ſprechende Heiligenbild hing, zum Muſter ge⸗ nommen, nur ließ ich hier die nöthigen Anſtalten ſehr bequem treffen und nach genau durchdachtem Plane erweitern. Von dem Krankenzimmer leitete ich eine große Schallröhre, die oben an der Decke, mitten in einer großen Arabeske der Ledertapete begann, nach meinem Zimmer. Hier mündete ſie hinter einer mit einer Feder verſchließbaren Klappe, die in ſolcher Höhe angebracht war, daß ich in aufrechter Stellung mit meinem Ohre das Nebenzimmer beherrſchen konnte. „Außerdem aber ließ ich an drei verſchiedenen Punkten, 2 1 — 190— die ebenfalls in dunklen Arabeskenſtrichen endigten, um nicht wahrgenommen werden zu können, die Wand durchbohren, damit auch meinen Augen der Zutritt in das Heiligthum des Krankenzimmers in allen Richt⸗ ungen geſtattet ſei. Alles wurde raſch und nach Wunſch zu Ende ge⸗ bracht. Als die Probe angeſtellt und das Werk des Unternehmens würdig befunden worden war, ließ ich das Krankenzimmer mit allen möglichen Bequemlich⸗ keiten verſehen; aber auch mein Zimmer ſtattete ich ſorglich aus, denn ich wollte ſelbſt auf längere Be⸗ obachtungen, wenn ſie nothwendig werden ſollten, vor⸗ bereitet ſein. Als ich auch hiermit zu Stande gekom⸗ men war, begab ich mich zum Herzog und drang in ihn, ſeine Vorſtellungen über den Wechſel der Kranken⸗ wohnung zu beginnen und, ſobald eine Entſcheidung darüber getroffen worden, mich von derſelben in Kennt⸗ niß zu ſetzen.— Unterdeſſen waren wir im letzten Monate des Jahres vorgeſchritten und näherten uns bereits der Grenze des nächſten. Es war Dienſtag. Ich erwar⸗ tete mit. unbeſchreiblicher Spannung die Annäherung des Freitags. Einſtweilen hatte ich alle meine Ver⸗ ſuche, den beiden Miniſtern mich perſönlich zu nähern, eingeſtellt, erſt nach dem Frgehnuß des nächſten Freitags — 200— wollte ich mit voller Kraft die mir geſtellte Aufgabe an ihnen auszuführen beginnen. Da wurde meine auf dieſe wichtige Angelegenheit allein gerichtete Aufmerkſamkeit auch in andere nicht minder bedeutungsvolle Richtungen gelenkt. Ich erhielt drei Briefe auf einmal, alle drei aus Berlin, darunter einen von Ludovikus. Unſerem Abkommen gemäß zeigte er mir vertraulich an, Maximilian habe die Abſicht kund gegeben, das Weihnachtsfeſt auf ſeinem neuen Gute in aller Stille zuzubringen, Franziskus und er ſelbſt würden ihn dahin begleiten. Maximilian habe kein Wort über die Vorgänge in der Reſidenz geäußert, er ſei ſchweigſam und zurückhaltend wie immer, ſcheine aber auf Alles gefaßt und zu Allem entſchieden. Ich ſollte, meinem gegebenen Worte treu, den Schreiber dieſes nicht gegen ihn verrathen, denn er habe ihm Alles verſchwiegen, was er durch mich in Erfahrung gebracht. Als ich dieſen Brief zu Ende geleſen, fühlte ich mein Herz in der Bruſt zittern, denn ich ſah die Zeit gekommen, wo auch von einer anderen und nicht min⸗ der gefährlichen Seite her die Ruhe des Herzogs, meines Herrn, bedroht werden würde. Aber auch auf dieſe Erſchütterung war ich gefaßt, auch nach dieſer Seite hin hatte ich meinen Entſchluß zur Reife gebracht. — 201— Der zweite Brief war eine kurze, launige Epiſtel von Ludwig Devrient. Er würde kommen, ſchrieb er, und ich würde ihn ſehen. Er liebe die Dunkelheit der Nacht und das Schwirren der Geiſter. Ich ſolle mich rüſten, denn auch ich würde einen Geiſt erblicken. Dieſe Mittheilung verſtand ich nicht. Sie ſchien mir aber in meiner jetzigen Lage gleichgültig und ich legte ſie, ohne ihre wörtliche Erörterung zu verſuchen, bei Seite. Um mich aber wieder ſanfter, glücklicher und hoff⸗ nungsvoller zu ſtimmen und gleichſam Milch in mein aufgeregtes Blut zu träufeln, hatte mir das Schickſal den dritten Brief geſandt. Er war von Sidi und meldete mir, daß ſie ſchon am nächſten Tage, alſo am Mittwoch, in der Reſidenz eintreffen und es gerne ſehen würde, wenn ich ihr einige Meilen bis zu einem Orte, den ſie nannte, entgegenkäme. Schhnell traf ich meine letzten Vorkehrungen zu ihrem Empfange und überließ das Uebrige den freudig ſchaffenden Händen meines alten Freundes Lehmann. Er hatte mit großen Koſten ſein ganzes Haus zum Empfange der Künſtlerin prachtvoll eingerichtet. Trep⸗ pen und Fluren, durch verborgene Oefen erwärmt, wcken mit Statuen, Bildern und Blumen geſchmückt. Das Wohnzimmer Sidi's ſelber, ein großer Saal und zu — 202— meiner Wohnung gehörig, war durch eine Fülle tro⸗ piſcher Gewächſe in ein kleines Paradies umgeſtaltet. Möbel von der feinſten Arbeit und zum bequemſten Gebrauche erdacht, waren darin aufgeſtellt; inmitten einer duftenden Blüthenlaube ſtand der ſchöne Flügel, den er aus ſeinem eigenen Muſikzimmer hatte herauf bringen laſſen. So fand die unbekannte Königin ſei⸗ ner Verehrung Alles vor, was zu ihrer Bequemlichkeit und Annehnlichkeit dienen konnte. Als ich alle dieſe Einrichtungen ſah und zum zehnten Male im Einzelnen durchging, ſchwamm ich in einem Meere von Entzücken. Die drohenden Wetter⸗ wolken der ſo verſchiedenartig herannahenden Ereigniſſe waren meinem Geſichte beinahe ganz entſchwunden, mein Herz ſchwoll von Hoffnung und Freude allein. Um mein Eintreffen mit Sidi nicht auffällig zu machen und ſie erſt ein Paar Tage in Ruhe für mich zu behalten, hatte ich daſſel auf die ſpäteren Stun⸗ den des Tages feſtgeſetzt und darnach alle Vorbereit⸗ ungen in meinem Hauſe treffen laſſen. In meinem neuen Galawagen, den mir der Herzog nach meiner erfolgreichen Rückkehr von Berlin, zum Beweiſe ſeiner Zufriedenheit, gnädigſt geſchenkt und den ich mit Pel⸗ zen aller Art warm und behaglich ausgeſtattet hatte, — 203— fuhr ich der theuren Freundin ſchon Vormittags bis nach dem beſtimmten Orte entgegen. Der Tag war trübe, aber mein Herz war heiter, ſo ging denn auch meine kurze Reiſe ſchnell und an⸗ genehm von Statten. Meine Pferde flogen leichtfüßig dahin, als wüßten ſie, welche ſchöne Laſt ſie heimholen ſollten. Schon vor Mittag war ich an Ort und Stelle. Ich war durch die bezeichnete kleine Stadt gefahren und hielt am anderen Ende derſelben in einem Gaſt⸗ hofe vor dem Thore. Hier nahm ich das beſte Zim⸗ mer in Beſchlag, ließ es wärmen und räuchern und beſtellte ein Mittageſſen. Aber meine Ungeduld ließ mich nicht lange in einem ſo engen Raume verweilen. Ich beſtieg meinen Schimmel, den ich mir von meinem Diener ebenfalls hierher hatte führen laſſen und ga⸗ loppirte die Straße entlang, auf welcher die Erwartete kommen mußte. Ich brauchte nicht weit zu reiten; ſchon von ferne erkannte ich an dem mit Koffern und Kiſten hoch bepackten Wagen die reiſenden Damen. Wie ein junger Sturmwind war ich am Schlage und aus den Bügeln. Chriſtel und Grete ſaßen innerhalb des Wagens, die Dienerin vorn unter dem Holbdeck, der Poſtillon ſuhr vom Sattel aus. Es war kein Platz mehr für mich an ihrer Seite, ich mußte wieder zu Pferde ſteigen, als der erſte Freudenrauſch unſerer — 204— Begrüßung vorüber war. Aber, eine Hand auf den geöffneten Schlag gelegt, galoppirte ich, vor Glück und Freude zitternd, nebenher. Chriſtel, das Auge lächelnd und von Liebe ſchimmernd auf mich, aber dabei etwas ängſtlich auf das muthige Thier unter mir gerichtet, beobachtete jede meiner Bewegungen. Worte wurden nur wenige gewechſelt, die freudige Erſchütterung war auf beiden Seiten zu groß und die Bewegung zu raſch. Da kamen wir vor dem Gaſthauſe am Ende des Städt⸗ chens an, ich führte die Wiedergewonnene mit einem wahren Triumphe in ihr behagliches Zimmer. Hier reichte ſie mir beide Hände und begrüßte mich mit ihrer alten Wärme und Innigkeit. „Alſo Du biſt da? Da biſt Du! O wie herr⸗ lich! O wie glücklich macht mich das!“ Das waren ſo ungefähr die erſten Worte, die über unſere Lippen gingen. Man kennt ja die kurze und nur zu wohl gemeinte Art ſolcher Begrüßungen, wo das Herz tau⸗ ſend Worte, die Lippen aber keines haben. Ich theilte ihr meine Abſicht mit, erſt am Abend in meinem Hauſe mit ihr einzutreffen, um ihren Ein⸗ zug nicht bekannt werden zu laſſen, und ſie billigte ſie oollkommen. Wir ſpeiſten, ſo gut in dem Wirthshauſe zu ſpeiſen war, dann plauderten wir, und die Zeit ver⸗ ging uns auf dieſe Weiſe wie im Fluge. Schon brach — 205— die Dämmerung herein, denn wir hatten einen der kürzeſten Tage des Jahres. „Laß Greten mit der Dienerin in Eurem Wagen vorausfahren,“ bat ich,„und erzeige mir die Ehre, mit mir in dem meinigen zurückzukehren.“ „Wie? Du haſt auch einen Wagen hier? Du warſt ja zu Pferde—“ „Muß ich Dir nicht gleich im erſten Augenblick alle meine Beſitzthümer zeigen? Verdenke mir nicht die kleine Eitelkeit— gewiſſen Leuten zeigt man ja ſo gern Alles, was man hat.“ „So fahret, Kinder, fahret!“ rief ſie Greten zu. So!“ ſcherzte Grete.„Ich ſoll Euch alſo allein laſſen? Das fällt mir gar nicht ein. Wenn er Dich nun entführte, Sidi, und wir hätten das Nachſehen?“ „Du biſt immer noch die alte Grete!“ rief ich. „Beeilet Euch, daß Ihr in den Wagen kommt, ich habe große Ueberraſchungen für Euch zu Hauſe.“ „Auch für nic ſegßfrage Grete mit glühenden Wangen. „Gewiß, und für Dich die allergrößte!“ „Nun, ſo will ich es denn wagen; leben Sie wohl, mein ſehr verehrtes Paar, fahren Sie glücklich!“ Der ſchwere Reiſewagen fuhr mit friſchen Poſt⸗ pferden davon. Ich ließ ihn eine weite Strecke vor⸗ aus, wohl wiſſend, ihn einholen zu können, wenn ich wollte. Es dunkelte bereits, als auch wir in unſern. Wagen ſtiegen, der vor unſere Thür gerollt kam und zwei blendende Laternen am Bocke zeigte. „Wie!“ rief Sidi.„Das iſt Dein Wagen und auch die Pferde gehören Dir?“ „Ja, mein Kind, ſteig ein und erkälte Dir die Füßchen nicht.“ „Du ſcheinſt mir in der That ein ſehr vornehmer Herr geworden zu ſein,“ flüſterte ſie, als ich ihr die Hand beim Einſteigen bot. Und als ſie nun im In⸗ nern des Wagens ſaß, die vorſorglich ausgebreiteten Pelze und ſein ganzes ſchöne Innere ſah— da ſchaute ſie mich faſt wehmüthig vor Freude an, hatte aber keine Worte mehr. Da pfiff der Kutſcher und die munteren Gold⸗ füchſe tanzten dahin. „ Fliegen ſie nicht gut?“ fragte ich.„Die habe ich vom Herzog, wie a0en den Er hat ihn mir geſchenkt zur Belohnu aß ich Dich für ihn gewonnen habe. Ich verdanke ihn alſo eigentlich Dir. O, wie lange habe ich mich auf dieſe kurze Reiſe mit Dir gefreut! Wie glücklich bin ichg Dich endlich in einem Raume zu ſehen, der mir gehört, wenn er auch ſo klein iſt, wie dieſer!“ Und ich ergriff mit wonnigem Vorte finden. Und die Pferde liefen ſo überaus ſchnell, und es ſchien mei⸗ — 207— Beben ihre Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. Sie . lächelte. 4 „Du küſſeſt meinen Handſchuh,“ flüſterte ſie und erröthete leicht. Ich hatte es nicht einmal bemerkt, dennoch fühlte ich eine kleine Anwandlung von Schaam über meine leidenſchaftliche Haſt, aber mich verzehrte eine innere, nie gefühlte, halb freudige, halb beklom⸗ mene Gluth. „Ich darf nicht wagen, Deine entblößte Hand zu küſſen— ſie würde frieren— es iſt kalt.“ „Da— dann werde ich ſie Dir wohl ſelbſt bie⸗ ten müſſen— o Deine Lippen ſind heiß, mein Freund, Du thuſt das Gegentheil, ſtatt ſie zu erkälten—“ Ich blickte ſie dabei an, wie ſie das ſo ruhig ſagte und hielt meinen Eifer zurück. Ich ſeufzte im Stillen, ſah aus dem Wagen— verfolgte mit meinen Augen in immer längeren Pauſen den ſchon zurückge⸗ legten und noch vor uns liegenden Weg. Ach! ich hatte ihr ſo viel le und nun konnte ich keine eg war außerdem nur kurz, ner weit abſchweifenden Seele nur wenige Minuten gedauert zu hahen, ſo ſahen wir die Reſidenz, von glänzenden Laternen ſchimmernd, dicht vor uns liegen. Dieſer Anblick aber lenkte unſere Aufmerkſamkeit von — 208— uns ſelber ab, wie wandten uns wieder den Außen⸗ dingen zu. Da war das Thor erreicht, wir raſſelten durch die langen Straßen der Stadt dahin— endlich waren wir am Schloß, gleich darauf vor meiner Wohnung. Der Wagen fuhr in den Thorweg ein, die Thüren ſchlugen hinter uns zu und wurden geſchloſſen und verriegelt— Sidi war in meiner Behauſung; kein Fremder wußte es, kein aufdringlicher Beſuch konnte uns in unſerem Glücke ſtören. Ich hob die warme, liebliche Geſtalt aus ihrem Sitze, ich hätte ſie gern in überſtrömender Wonne die Treppe hinaufgetragen, aber ich ſchämte mich vor den Umſtehenden. Denn Lehmanns ſtanden ſchon mit Gre⸗ ten da und bewillkommneten den ſehnlich erwarteten Beſuch. Raſch wurde die hell erleuchtete Treppe er⸗ ſtiegen; Sidi war über den Schmuck derſelben betroffen. „Gilt das mir, theuerſter Freund?“ flüſterte ſie, leiſe zitternd, als ich ſie hinttührte. „Wem ſonſt? Du ſiehſt, wie willkommen u hier biſt. Sei mir hier zehnfach gegrüßt und Dein Eingang geſegnet— das iſt die Thür!“ Aber dieſe Thür wurde von innen geöffnet und meine alte Mutter, glänzend in ihrer prunkloſen ſchwar⸗ zen Tracht, die ſie gewöhnlich trug, die ſchneeweißen — 209— Haare über der wolkenloſen Stirn geſcheitelt, die ein — einfaches Häubchen bedeckte, trat der Ankommenden K in ihrer ganzen harmloſen Friedfertigkeit entgegen. „Sidi, meine alte Mutter— Mutter, da iſt die Chriſtel, die langerſehnte—“ „Deine Mutter!“ hörte ich ſie aufjauchzen, und ſchon hatte ſie ſie umſchlungen und küßte ſie ſo laut und innig, daß es mir im tieſſten Herzen wiederhallte. Meine Mutter weinte vor Freude, ſie m te ſich ohne Unterlaß die hellen Thränen trocknen, die aus ihren blöden Augen rieſelten. So ſaßen ſie beide neben einander in dem herrlichen Saale, den ein lieblicher Wohlgeruch erfüllte und zahlloſe Kerzen erleuchteten. Lehmanns hatten ſich für's Erſte zurückgezogen, ſie kamen erſt etwas ſpäter auf meinen Wuunich wieder herein. „Ach, ich bin leider blind, mein liebliches Kind,“ ſchluchzte meine Mutter und legte ihre Arme um die ſchwellenden Schultern Sidis,„aber ſieh, ich ſehe Dich doch im Geiſte und fühle Deine ganze, liebe, ſo lange erſehnte Nähe— doch o, verzeihe der alten Mutter Deines treuen Freundes, ſie nennt Dich Du, wie ſie Dich immer im Stilen genannt hat, als Du noch nicht bei ihr warſt „O theuerſte Frau, Mutter meines vie gelichten 3 Stilling. IV. 14 — 210— Freundes, der mir ja immer wie ein von Gott gege⸗ bener Bruder war— wie glücklich machen Sie mich damit—!“ Und ſie ſchmiegte ſich inniger an ſie und bedeckte die kleine Frau faſt ganz mit ihren Armen und Küſſen. Meine Mutter aber ſaß wie betäubt neben ihr und lauſchte mit vorgeneigtem Kopfe auf den be-⸗ rauſchenden Wohlklang dieſer glockenreinen Stimme, deren Ton ihr tief in das Herz zu dringen ſchien. Endlich ſagte ſie:„Kaum bedaure ich, daß ich Dich nicht ſehe, denn ſo ſchön kannſt Du nicht ausſehen, wie ich Dich höre und fühle. O glaube mir, meine an⸗ deren Sinne ſind gut. Ja, ja, ſo habe ich mir das Mädchen gedacht, von dem mein Fritz ſo oft geſprochen — geſegnet ſei Dein Eintritt in dieſes Haus des Friedens, der Eintracht und der Freundſchaft!“ Da traten Röschen und Karl wieder ein. Wir drei erhoben uns und die Vorſtellungen und Begrüß⸗ ungen begannen von Neue heide ſtanden verwundert da und blickten die hohe, reizende Geſtalt der ſchönen Künſtlerin an, denn das war ſie ja in ihren Augen mehr als meine Jugendfreundin. Karl war wie ge⸗ blendet von einer Schönheit, die er ſich ſo groß nicht vorgeſtellt. Da erſt kam Sidi ganz zu ſich und blickte ſich in dem ſchönen Zimmer um. Alles und Jedes — — 211— bewunderte ſie und für jede das Auge überraſchende Zierrath hatte ſie ein liebevolles Wort. Plötzlich fiel ihr Auge auf den Flügel.„Ach!“ rief ſie—„da ſteht auch mein Lieblingsinſtument— und es iſt ſchon geöffnet— darf ich es verſuchen?“ 559 Meinem muſikaliſchen Freunde verging der Athem; er machte eine Reihe von Geberden durch, von denen er ſelbſt nichts wußte. Ich mußte ſchon im Voraus über das Entzücken lächeln, was ich nun bei ihm im Ausbruch begriffen ſah. Aber ſchon ſaß die Herrliche am Flügel, ſchlug ein paar Akkorde an und— heraus aus tiefer Bruſt ſchmetterten Töne, die rauſchend und klingend an den hohen Decken und Wänden des Saales widerhallten. Alle Augen und Ohren öffneten ſich weit, meine Mutter ſaͤß wie verzückt auf ihrem Platze. Karl wurde blaß wie eine Leiche und ſeine Frau flüch⸗ tete ſich erſchrocken hinter ihn. Auch ich ſtand wie eine Bildſäule da. Wer hatte auch je ſolche Perlen⸗ töne gehört. Dann abet, und als ob ſie unſeren Wunſch errathen hätte, fiel die Sängerin in meine Lieblingsarie, die Agathe im Freiſchütz ſingt:„Sie nahte mir der Schlummer.“— Doch, ich kann mir die Beſchreibung hirrdon er⸗ ſparen. Man denke ſich die Wirkung dieſer Muſik, von dieſer Stimme, aus dieſer Bruſt geſungen. Alles 14* σ — 212— war bezaubert. Meine Mutter, aufſtehend, wankte mit ausgebreiteten Armen der Sängerin, nachdem ſie geendet, entgegen, ſchluchzend:„Meine Tochter, meine Tochter!“ und ſchloß ſie, in hen efßina der Wolluſt aufgelöſt, in ihre mütterlichen Arme.— Das war der erſte Theil des glücklichen Abends. Die aus einem Nebenzimmer hervortretende Grete er⸗ innerte mich, daß wir noch einen zweiten Theil vor uns hatten. In dieſem Augenblick meldete mir mein Diener, der Herr Doktor Goy ſei in meinem Zimmer und begehre mich zu ſprechen.. „Aha!“ ſagte ich und wiſchte mir den Schweiß ab, der in dichten Tropfen von meiner Stirn floß. Sodann rief ich Karl herbei und bat ihn, in einem Nebenzimmer Alles nach unſerer Verabredung zu ver⸗ anſtalten, in zehn Minuten würde ich in daſſelbe ein⸗ treten. Darauf begab ich mich, eine ernſte Miene an⸗ nehmend, in mein Studirzimmer, wo ich meinen alten Freund ſchon auf dem Sopha ſitzend fand, den ich abſichtlich um dieſe Zeit zu mir beſtellt, aber durch einen Nebeneingang des Hauſes und auf einer kleineren Treppe hatte eintreten laſſen. Ernſt Goy hatte ſich in der That eine ſtattliche Figur zugelegt, ſeitdem ich ihn dem Leſer nicht wieder vorgeführt; ſein Umfang war faſt noch einmal ſo ſtark, — 213— wie der meinige. Er war heute Abend, wie zu jeder Zeit jetzt, ſehr ſorgfältig und fein gekleidet, denn er hatte viel durch mich zu thun bekommen und lebte in günſtigen äußeren Verhältniſſen. 4„Guten Abend, mein lieber Goy!“ begrüßte ich ihn.„Du biſt pünktlich und das iſt mir lieb. Ich habe ein Geſchäft für Dich.“ „Ich ſtehe zu Dienſten, wie immer, Du weißt es. Was giebt es?“ „Es iſt etwas Ernſthaftes. Du mußt eine Nacht⸗ wache thun. Ich habe eine vornehme Dame im Hauſe, die krank geworden iſt.“ „O, eine vornehme Dame, und bei Dir im Hauſe, wie kommt denn das?“ „Sie befindet ſich auf der Reiſe und iſt hier krank geworden. Sie wohnte zuerſt im Gaſthof, Leh⸗ manns haben ſie aus Mitleiden in ihr Haus genommen und ich habe ihr eins von meinen leer ſtehenden Zimmern eingeräumt. Haſt Du Zeit, hier zu bleiben?“ „Für Dich Alles und immer! Du haſt zu be⸗ ſtimmen, aber was fehlt ihr?“ „Sie hat leider ein organiſches Herzübel mit con⸗ geſtiven Beſchwerden nach dem Kopfe; wir werden ihr zur Ader laſſen müſſen— ſei auf ihren Puls auf⸗ merkſam, wenn Du bei ihr wachſt; ſobald Du eine 8 — 214— Zunahme in ſeiner Frequenz und Fülle findeſt, ſo ſäume keinen Augenblick und gebrauche die Lancette.“ „Schon gut, wenn es weiter nichts iſt— aber was haſt Du ſelber? Du biſt ſo unruhig.— Dir iſt doch nichts Uebles begegnet?“ Und er ſah mich fragend an, während ich einen künſtlichen Seufzer ausſtieß.„Ach,“ ſagte ich—„alter Freund, mir iſt ebenfalls nicht behaglich zu Muthe. Ich habe eine böſe Nachricht erhalten.“ „Wie? Und das ſagſt Du mir erſt jetzt?“ „Eile nicht, ſie zu hören, denn ſie betrifft auch Dich.“ „Du erſchreckſt mich— was iſt denn geſchehen?“ „So höre es denn, wenn Du ein Mann biſt und die unvermeidlichen Schläge des Schickſals zu ertragen vermagſt— ich habe von Chriſtel und Grete eine Nachricht—“ 3 „Wie— von ihnen— was für eine? Ich bitte Dich 1724 8 „Darf ich Alles ſagen— biſt Du darauf gefaßt?“ „Heraus damit, wenn Du nicht willſt, daß mich der Schlag auf der Stelle rührt.“ Als ich die mit dieſen Worten verbundene Miene der Verzweiflung auf ſeinem Geſichte ſah, konnte ich trotz meines angenommenen Ernſtes das Lachen nicht — 215— unterdrücken, ich zog daher raſch mein Tuch hera1us und verbarg mein Geſicht darin. Er nahm es für Wahrheit und glaubte, ich weinte vor Schmerz. Er ergriff meinen Arm.„Menſch,“ rief er,„Fritz, habe Erbarmen, Du tödteſt mich hundertfach mit Deinem Zögern— ſage mir Alles— ſind ſie todt?“ „Ja, todt für uns— denn, denn— ſie ſind beide verheirathet!“ Er fiel lautlos auf einen Seſſel und ſtöhnte— ich ſelbſt lief wie ein Verzweifelnder, nur um meine Freude zu verbergen, im Zimmer auf und nieder. „Verheirathet!“ ſtammelte er und griff ſich in die Haare.„Grete! Du Undankbare!“ „Und Chriſtel!“ rief ich, die Hände ringend. „Wen, wen hat ſie geheirathet, ſage es mir— ich würge den Unglücklichen!“ „Sie ſind uns beide unerreichbar, mein Freund, alſo tröſte Dich— ich habe mich auch ſchon getröſtet.“ „Schon getröſtet?— Ich werde mich hüten— ich will mich nicht tröſten— wüthen will ich lieber, raſen— ſage mir, wo finde ich die Schändliche, und wenn ſie hundert Meilen von hier entfernt iſt— ich muß ſie noch einmal ſehen und— zermalmen. Ha!“ „Sei doch nicht thöricht— ſei ein Mann— es ſind Weiber, Weiber— ach— haha!“ Und ich be⸗ — 216— gann laut zu ſchluchzen, womit ich mein ſchallendes Gelächter bedeckte. Aber ich fühlte, daß ich der Scene ein Ende machen mußte, ich fing an meine ernſte Halt⸗ ung zu verlieren. Ich ging alſo an die Thür, öffnete ſie ein wenig und that, als ob ich mit einem außen ſtehenden Diener ſpräche. „Ja,“ ſagte ich laut,„wir kommen!“ „Was giebt es?“ ſchrie er mit einer Donnerſtimme, die durch das ganze Haus ſchallte.„Was iſt?“ „Die Dame hat ihren Anfall, ſie bedarf unſerer Hülfe—“.. „Jetzt— jetzt ſoll ich gehen? Ich kann nicht—“ „Ermanne Dich, faſſe Dich und folge mir.“ Ich ſelbſt that, als ob ich mich männlich zuſammennähme und ergriff ſeinen Arm. Er folgte mir mechaniſch, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, die Arme ſchlotternd, das Geſicht bleich wie der Tod. So zog ich ihn über den Flur und trat mit ihm in das vorerwähnte Zimmer, welches wir von einer matt brennenden Lampe dürftig erleuchtet fanden. Auf dem Sopha unter einer ſeidenen Decke lag eine Geſtalt, die Kranke vorſtellend. Lehmanns ſtanden beide da⸗ neben, die Hände gefaltet. Wir näherten uns der an⸗ geblichen Herzkranken. Ernſt Goy hatte die Augen 2 — 2417— auf, aber er ſah nichts, er ſchaute in ſich hinein, wo Alles öde und leer war. „Guten Abend, Madame,“ ſagte ich.„Wie geht es?“. Grete hatte ſchon mit ihren ſcharfen Augen meinen Begleiter erfaßt; ſie zitterte am ganzen Leibe, denn ſein 1 Zuſtand war ihr nicht entgangen. Lehmann jedoch hatte ſie vorbereitet. Sie kicherte zwar, aber ihre ge⸗ waltige Bruſt arbeitete vor Aufregung unter der Decke ſo, daß ich jeden Augenblick glaubte, ſie würde ihre Feſſeln ſprengen. „Wie geht es?“ fragte ich noch einmal. Es erfolgte keine Antwort. Die blitzenden Augen der ver⸗ meintlichen Kranken ſogen mit Behagen die wohlge⸗ nährte Geſtalt ihres alten⸗Freundes ein.„Da,“ ſagte ich zu dieſem,„ſieh ſelbſt und überzeuge Piih von ihrem Zuſtand.“ Ernſt Goy näherte ſich dem Lager— er warf einen unausſprechlich troſtloſen Blick auf die Kranke. Endlich, da er ihr volles, glühendes und von Ge⸗ ſundheit ſtrotzendes Geſicht ſah, wurde er aufmerkſamer und ſtreckte den Kopf vor. Schon blickte er ſcharf und immer näher tretend auf ſie hin— da ertrug die vor Lachen und zurückgehaltener Regung beinahe erſtickende — 218— Grete ihre Lage nicht länger; ſie ſchlug die Decke zu⸗ rück, ſprang auf und ſchrie: „Mir geht es gut, Herr Doktor— guten Abend!“ Ernſt Goy war wie vom Blitz gerührt— er trat einige Schritte zurück und öffnete die Augen, wie man ein Fenſter öffnet, um friſche Luft einzulaſſen. „Grete!“ brüllte er mit einer Stimme, daß die Wände bebten. „Ernſt Goy!“ rief auch Grete, und noch ein Augenblick und ſie ſprang an ſeinen Hals und drückte ihn ſo feſt an ſich, wie ſie mich früher ſo oft gedrückt hatte. „Und Du biſt verheirathet?“ ſchrie er, als er wieder Athem genug dazu hatte. „Verheirathet? Ich? Wer ſagt das?“ „Der da hat es geſagt— und Chriſtel iſt auch verheirathet— 2“.. „Er lügt, er lügt— wie würde ich hier ſtehen, wenn ich verheirathet wäre——?“ „O dann, o dann iſt es gut“— und er ſtieß einen Seufzer aus, der die Scheiben klirren machte.— Und ſo entwickelte ſich die abendliche Scene, und die Kranke war geneſen und der Getäuſchte war ent⸗ täuſcht. Wwohl dem, der ſo raſch zur Geneſung und zur . 8 F — 219— Aufklärung ſeiner Täuſchung gelangt, wie die herzens⸗ kranke Grete und mein von Glück berauſchter alter Freund!— Dieſer glückliche und ſcherzhafte Abend aber ging ernſteren Tagen vorher, wie das Vorſpiel eines dü⸗ ſteren Drama's oft heiter und ſonnig iſt. Schon in früher Stunde des nächſten Morgens wurde ich uner⸗ wartet an die ſchwierigen Verwickelungen erinnert, die noch auf meinem Wege lagen und gelöſt werden mußten, bevor ich an mein friedliches Ziel gelangt war. Miein Diener meldete mir einen fremden Herrn, der nur mir allein ſeinen Namen ſagen wolle. Ich ließ ihn eintreten und ſah zu meiner Ueberraſchung den angehenden Schauſpieler Karl Seydelmann eintreten, den ich ſchon beinahe ganz aus meiner Erinnerung verloren hatte.— „Ach!“ ſagte ich—„Herr Seydelmann! Seien Sie mir gegrüßt! Sie haben Wort gehalten.“ „Ich halte immer Wort— Sie haben mir dieſen Beſuch geſtattet und ich bin geſtern gekommen und er⸗ warte meinen großen Meiſter hier zu finden.“ 1 4 8 — 220— „Er iſt aber noch nicht da. Indeſſen hat er mir geſchrieben, daß er in dieſen Tagen eintrifft; ſonſt aber bin ich nicht im Stande geweſen, ſeine launige Mittheilung zu verſtehen— da, leſen Sie ſelbſt.“ Und ich gab ihm den kurzen Anſagebrief des Künſt⸗ lers, den ich mir aufbewahrt hatte. Der junge Mann las die wenigen Zeilen ſeines erhabenen Vorbildes mit Entzücken. Sogleich aber ſagte er:„Ich kann Ihnen vielleicht einige Aufklärung über das Dunkel geben, welches für Sie in dieſen Worten liegt. Ich habe mit einem vertrauten und von allen Vorgängen unterrichteten Freunde in Berlin eine Correſpondenz unterhalten und auf dieſe Weiſt jeden Schritt des großen Künſtlers in Erfahrung ge⸗ bracht. Er kommt wirklich hierher und wird am Abende des heutigen Tages ſeine Reiſe antreten, wozu er einen dreiwöchentlichen Urlaub erhalten hat.“ „Aber warum kündigt er ſich mir dann nicht ge⸗ nauer und verſtändlicher an? Mein Freund, in deſſen Hauſe ich hier wohne, hat ihm eine behagliche Wohn⸗ ung in Stand geſetzt und es wäre wünſchenswerth, zu wiſſen, in welcher Stunde er eintrifft.“ Der junge Schauſpieler lächelte.„Er iſt ſonder⸗ 4 bar, dieſer Mann,“ ſagte er,„man kann ſich ſeine Eingebungen ſelten hinreichend erklären. Aber ich habe 4 * 3 84 ſprochen. 1 1 1 221— in Erfahrung gebracht, daß er in den letzten Wochen eine ihn ſtark feſſelnde, vornehme Bekanntſchaft gemacht und daß der Gegenſtand derſelben ihn eingeladen hat, mit ihm hierher zu reiſen und bei ihm einſtweilen ein⸗ zukehren. 44 „Eine vornehme Bekanntſchaft— hier aus der Reſidenz?“ „Das weiß ich nicht. Aber der Herr ſoll ein Gut hier in der Nähe beſitzen und dorthin wird ihm der nach neuen Anregungen jagende Künſtler wohl zunächſt folgen. Ich ſchwieg betroffen und beſann mich.— Sollte es möglich ſein, daͤchte ich— aber zu welchem Bueile das? Unbewußt hatte ich die letzten Worte laut ge⸗ „Zu welchem Zwecke?“ fragte der Schauſpieler. „Da fragen Sie mich zu viel. Ludwig Devrient iſt ein unbegreiflicher Abentheurer, er hat immer Zwecke, ſie liegen aber oft im Verborgenen.“ „Es iſt gut— wo ſind Sie abgeſtiegen?“ „Im Gaſthofe zur deutſchen Krone.“ „Ich freue mich, Sie wiederzuſehen. Warten wir Dervrients Ankunft ab— er hat mir ſeinen Beſu zugeſagt und wird nicht mushlelben, Einſtweilen werde 5 — 222— ich mir aber Mühe geben, ſeinen Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Haben Sie ſich ſchon dem Intendanten unſerer Bühne vorgeſtellt?“ „Ach nein— ich habe doch keine Hoffnung, hier zu ſpielen, ich bin ja erſt ein Schüler. Auch liegt das gar nicht in meiner jetzigen Abſicht— ich trete bis jetzt nur auf ganz kleinen Bühnen auf— das Studium allein— Sie wiſſen es ja— hat mich hierher geführt.“ „Sie haben Recht. Kann ich Sie mit irgend Etwas unterſtützen?“ „Ich danke— ich wollte mich nur bei Ihnen melden und Ihre Hülfe in Anſpruch nehmen, ſobaſd ich meine Studien beginnen kann.“ „Aha, wenn er kommt. Ich werde Sie nicht vergeſſen.“ „So leben Sie wohl!“ „Kommen Sie heute Abend wieder zu mir, viel⸗ leicht kann ich Ihnen ſchon Auskunft geben.“ Er verſprach es und ging, ließ mich aber in ſeltſamen Gedanken zurück. Devrient mit einem vor⸗ nehmen Herrn in Bekanntſchaft? Auf einem Gute in der Nähe— ſollte das, konnte das Maximilian ſein? — Lag etwa eine tiefere Abſicht in dieſem Bunde? Es konnte wohl ſein. Sollte er mit irgend einem Plane meine Pläne durchkreuzen, mir gar zuvorkommen — 223— 2 in der Entwickelung ſeines Geſchicks? Nein, das durfte er nicht. Alſo heute Abend geht er auf die Reiſe!— Ich rechnete.— Da muß er Sonnabend Nachmittag eintreffen— es iſt gut— ich werde Sonnabend nach Stromberg reiten und ſehen, woran ich bin. Sonnabend, ha, das iſt der Weihnachts⸗ abend! Vorher aber kommt der Freitag— ein düſterer Tag— bis dahin iſt noch viel zu thun. O meine ſtille Weihnachtsfreude— wo bleibt ſie? Ich muß Sidi auf lange und häufige Abweſenheiten meinerſeits vorbereiten— wie wäre es, wenn ich ihr ſchon jetzt eine Mittheilung darüber machte— ich hätte eine Vertraute— ſie könnte mir helfen, mich treiben, be⸗ ruhigen— ja— das ſoll geſchehen! Und es geſchah noch an dieſem Tage. Und ich fand wirklich in ihrer Theilnahme am Vorgehenden eine große Beruhigung, außerdem aber war ihr meine Unruhe erklärt, die ich ihr doch nicht hätte verbergen können. Sie hatte ſich vorgenommen, erſt nach Be⸗ ginn des neuen Jahres als Künſtlerin in der Reſidenz aufzutreten, ſo lange wollte ſie in aller Stille bei uns leben; auch waren die Vorarbeiten zum Freiſchütz auf unſerer Bühne nicht eher vollendet, und darin ſollte ſie ja zum erſten Male vor unſerem Publikum erſcheinen. Ach! ſo wenig mir das gefiel— ich konnte es nicht — 224— ändern, hatte ich ſie doch bei alledem noch über acht Tage für mich.— Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, kleidete ich mich an und begab mich auf das Schloß, wohin ich um elf Uhr beſchieden war. Ich trat beim Herzog ein und fand ihn in ziemlicher Gemüthsruhe. Sein Auge war klarer, als es lange Zeit vorher geweſen war. „Sie haben mir einen guten Rath gegeben,“ ſagte er, als er mich begrüßt hatte.„Aber ich habe einen ſchweren Kampf gehabt. Ich habe meine Abſicht aus⸗ geſprochen und— man hat geſtutzt.“ „Ich dachte es mir wohl.“ 3 „In der That, man ſchien ſehr betroffen. Ich erhielt nicht ſogleich Antwort vom Biſchofe, dem ich mein Anliegen vorbrachte, er hielt erſt eine Konferenz mit ſeinen Freunden und dem Beichtvater des kranken Maädchens ab, welcher zugleich ihr Arzt und Magne⸗ tiſeur iſt.“ „Wer iſt dieſer Beichtater?“ „Ein alter Mann, aber rüſtig an Kraft und grof an Geiſt wie an Frömmigkeit— ſo iſt e er mir wenig⸗ ſtens geſchildert..) „lUnd haben Ew. Durchlaucht ghe die Anon des Biſchofs erhalten?“. — 225— „Ja. Geſtern Abend war er mit den beiden Miniſtern ſelbſt bei mir. Man hatte ſich Alles über⸗ legt, entwickelte einen großen Vorrath verfänglicher Fragen, brachte wichtige Einwendungen vor und ſuchte meinen Entſchluß zu erſchüttern—“ „Sie blieben aber dabei?“ „Standhaft. Ich ſtellte ihnen als Bedingung mei⸗ nerſeits auf— ich wollte mich nicht mehr wie ein Dieb in der Nacht aus meinem Hauſe ſchleichen—“ „Und— ich brenne vor Begierde—“. „Und man ging, obwohl ſichtlich ungern, auf die Aenderung ein. Noch heute Abend, in aller Stille, wird man die Kranke hierher bringen, uachdem man ſelbſt in meiner eigenen Begleitung geſtern Abend das ausgewählte Krankenzimmer genau unterſucht und es ffr angemeſſen erklärt hat.“ „ Ah! So werde ich ſie alſo ſehen!“ „Das iſt Ihre Sache— ich weiß nicht und will nicht wiſſen, was Sie unternommen haben— aber ich verlaſſe mich darauf, daß Sie mir keine Blöße geben.“ „„Befürchten Sie nichts, Durchlaucht; ich will die Zlößen Anderer entdecken, Ihre Perſon darf in gar keine Mitwirkung kommen. Ich handle für Sie, aber ich gehe allein in's Feuer.“ Fritz Stilling. IV. 415 ö—— — 226— „So bin ich zufrieden. Wie ſoll ich mich aber morgen Nacht verhalten, wenn ich die Kranke beſuche?“ „Thun Sie wie immer, laſſen Sie nichts blicken, was den Verdacht erwecken könnte, Sie hätten bereits Ihre Anſicht geändert. Sobald die Sitzung morgen Nacht zu Ende iſt, werde ich mich bei Ihnen ein⸗ finden und Ihnen meine Meinung darlegen.“ „So iſt es alſo abgemacht. Gott gebe ein glück⸗ liches Ende— ich habe Hoffnung, aber ich habe auch Beſorgniß.“ „Ich habe keine—“ „So leben Sie wohl!“ Ich ging, aber ich hatte nur ſo gethan, als ob ich keine Beſorgniß hegte. Meine Beſorgniß hatte jedoch ein anderes Ziel, als die ſeine— dennoch ver⸗ folgte ich ruhig meinen Plan und verrichtete wie alle Tage meine Geſchäfte in anſcheinend größter Gemüths⸗ ruhe, die mir nur vollſtändig zu eigen war, wenn ich in das klare Auge meiner Sidi ſchaute und in ihrer Nähe verweilte— und das that ich, ſo oft ich Zit und Gelegenheit dazu hatte. VIII. Die Somnambule, ihr Magnetiſeur und deren Beſchützer. DJaß ich ſehr geſpannt war, endlich einmal eine Som⸗ nambule zu ſehen, die vom Himmel auserwählt und geſandt war, dem Fürſten eines proteſtantiſchen Landes das Licht des Lebens, die wahre und unverfälſchte Religion, zu enthüllen, auf deren ſchirmendem Fittich er allein in das Himmelreich getragen werden konnte, bedarf hier wohl keiner Erörterung. Beinahe war dieſe Spannung ſo groß, wie das Intereſſe, welches ich an der mir noch dunklen Perſönlichkeit derer nahm, die ſo glücklich geweſen waren, dieſer göttlichen Pro⸗ phetin habhaft zu werden. Kaum vermochte ich daher meine leidenſchaftliche Aufregung zu bewältigen und mich in ein ruhiges Abwickeln der bevorſtehenden Er⸗ eigniſſe zu fügen. Sidi, die jetzige Vertraute aller 15* — 228— meiner Kümmerniſſe und Beſtrebungen, der ich endlich auch dieſe Laſt mitgetheilt, hatte Mühe, mich in den Schranken männlicher Faſſung zu erhalten, und ſie that dies mit einer Aufopferung von Beredtſamkeit und Zärtlichkeit, die unter anderen Umſtänden hingereicht haben würde, mich in einen Himmel voller Glückſelig⸗ keit zu verſetzen. So aber machte mir dieſe Theil⸗ nahme meinen jetzigen Zuſtand eben nur erträglich, und als endlich der Donnerſtagabend herangenaht war und ich meinen erſten Beobachtungsgang in mein ge⸗ heimes Gemach im Schloſſe antreten ſollte, ſiehe, da kam, durch ihr Zureden herbeigeführt, eine friedliche Zuverſicht und Gemüthsheiterkeit über mich, die ich kurz vorher kaum noch für möglich gehalten hatte, die mich aber geſchickt machte, mit voller Faſſung dem be⸗ deutungsvollen Unternehmen entgegenzutreten, welches ich mir vom Schickſal aufgebürdet ſah. Der Herzog hatte ſeinen Kammerdiener Bernhard mit dem Umzuge der Kranken beauftragt. Durch dieſen wurde ſie, in der That von einem alten Geiſtlichen begleitet, in aller Stille in das Schloß geführt. uUum neun Uhr Abends kam der alte Diener in mein Haus und berichtete dieſe große Thatſache. Ich machte mich ſogleich auf den Weg. Von einer anderen Seite des Shloſſes her, ſo daß es nicht möglich war, mit den— —-— 229— Bewohnern oder Beſuchern des geheimen Krankenzim⸗ mers irgend wo zuſammen zu ſtoßen, begab ich mich in mein kleines Gemach, deſſen Boden ich mit weichen Decken hatte belegen laſſen, um ſelbſt meinen leiſeſten Schritt zu verbergen. Ich riegelte die Thür hinter mir zu und befand mich im Dunkeln. Ich ſah nichts, als bisweilen die kleinen Funken, die aus meinen eigenen Augen ſprangen, und hörte nichts, als das Schlagen meines Herzens, welches mir gegen die Bruſt häm⸗ merte, als wollte es ſeine enge Behauſung ſprengen. Leiſe drückte ich auf die Feder, die mir die Ausſicht auf das Krankenlager verſchaffen ſollte, und ließ ſie ſpielen. Aber ſiehe, da zeigte ſich etwas Unerwartetes. Denn als ich mein Auge an die wohlbekannte Oeffnung legte, ſah ich nichts. Die Eingangsöffnung war da, aber die Ausgangsöffnung ſchien verſtopft. Betroffen und Anfangs den Verdacht hegend, man habe meinen Belauerungsplan entdeckt, ſtand ich einen Augenblick nachdenkend da. Sogleich aber begab ich mich an die zweite Oeffnung und pries dabei meine Eingebung, wenigſtens an drei gedacht zu haben. Wenn aber nun auch die übrigen verſtopft waren? Schnell, um mich deſſen zu verſichern, legte ich mein Auge an— hal 1 da faßte ich ſchon einen fernen Lichtſchimmer auf, der Durchgang der kleinen Röhre war alſo frei. Ich — 230— athmete auf. Lange blieb ich in derſelben Lage und gewöhnte mein Auge an das Dämmerlicht, welches ich in der Ferne erblickte. Allmälig nahm dieſes Licht an Helligkeit zu und ich ſah deutlich einen dunklen Schatten durch den matt erleuchteten Raum ſich hin und her bewegen. Nachdem ich mich genügend von dem nur geringen Umfange des zu überſchauenden Raumes über⸗ zeugt, begab ich mich an die dritte Oeffnung. Dieſe lag für mich heute am günſtigſten, das überblickte ich ſogleich. Ich ſah nicht allein klarer, als auf der an⸗ deren Seite, was wahrſcheinlich von der Stellung des Lichts im Zimmer herrührte, denn ich erſpähte das Bett der Kranken und auf einem kleinen Tiſche davor eine grünbeſchattete Lampe, ſondern ich faßte auch den auf⸗ und abwandelnden Schatten deutlicher in's Auge. Nur konnte ich ſein Geſicht nicht ſehen, er mußte ſich erſt ſetzen, denn auf dieſe Vorausſetzung war die Richt⸗ ung dieſes Sehrohres angelegt. 8 Da mich meine Augen alſo für's Erſte unbefriedigt ließen, nahm ich zu meinen Ohren meine Zuflucht. Ich öffnete die dazu angebrachte Klappe und legte meinen Kopf an. Anfangs hörte ich nichts, als das Summen der Luft in der Röhre oder das Rauſchen meines eigenen in heftiger Bewegung wallenden Blutes. Alles ſchien ſtill in Nebenzimmer. Allmälig aber nahm die Kraft — 231— meines Organes zu und ich erlauſchte deutlich genug die auf dem Teppiche des Zimmers hinſchlurrenden Tritte eines Wandelnden, welches vermuthlich der Beichtvater war, denn ein krankes Mädchen hatte wohl keinen ſo ſchweren Fuß. Da brach der Schritt plötz⸗ lich ab und augenblicklich hörte ich Jemand ſprechen. „Thereſia, mein Kind,“ ſagte eine Anfangs etwas dumpf klingende Stimme,„wie befindeſt Du Dich hier in der neuen Behauſung?“ „Ich danke Ew. Ehrwürden,“ antwortete eine zweite, aber feinere und ſchwächliche Stimme, die von Zeit zu Zeit durch einen leichten Huſten unterbrochen wurde,„es geht mir leidlich wohl. Wir haben es gut bei dem Herrn Herzog.“ Ahal dachte ich. Sie weiß alſo ſchon, daß ſie bei dem Herzog iſt— vorwärts! „Werden wir auch unſere Speiſe aus ſeiner Küche erhalten?“ fragte dieſelbe Stimme. „Speiſe? Leibliche Speiſe, meine Tochter? O! denke nicht an den Leib, wo es ſich allein um die Seele handelt, die von dem glänzenden Lichte des Schöpfers geſpeiſt wird. Aber gewiß wird man uns nicht hungern laſſen.“ „und wohnſt Du denn auch neben mir, wie Beim Herrn Viſchof⸗ 29. — 232— „Nein, mein Kind— man hat nicht daran ge⸗ dacht, mir dieſe Aufmerkſamkeit zu erweiſen— mein Zimmer liegt jenſeits des Flures— und das eben ſtimmt mich unbehaglich und etwas mißtrauiſch zu⸗ gleich. Mir gefällt es hier nicht ſo gut, wie bei Sr. Hochwürden, dem edlen Biſchof. Die prieſterliche Luft that mir wohler, als die herzogliche.“ Und es erfolgte eine lange Pauſe nach dieſem Ge⸗ ſpräche, welches außer dem Worte„mißtrauiſch“ wenig Aufſchluß gab, wenn mir nicht der Ton der Stimme des redenden Mannes von Augenblick zu Augenblick bekannter geklungen hätte. Ich gab mir alle Mühe, das Geſicht deſſelben zu ſehen, aber es gelang nicht, obgleich ich über eine Stunde im Zimmer verweilte. Nach dieſer Zeit ſchloß ich meine Klappen, öffnete die Thür und entfernte mich. Am nächſten Morgen— es war der verhängniß⸗ volle Freitag gekommen— begab ich mich auf Um⸗ wegen im Innern des Schloſſes, die nur Wenige ſo genau kannten wie ich, in mein Beobachtungszimmer. Die mittlere Schauöffnung war und blieb ver⸗ ſchloſſen; man hatte, wie ich ſpäter erfuhr, das Bild des Gekreuzigten darauf gehängt und dieſe Stelle zu⸗ fällig gewählt, weil ſie gerade dem Bette der Kranken gegenüber lag. Auch heute war das Zimmer, wie ich und Geneſung daraus ſchöpfen. Eben ſo hatte ich — 233— durch die beiden anderen Oeffnungen erkannte, ziemlich dunkel, man hatte ſich bemüht, das unverfälſchliche Tageslicht des allſehenden Schöpfers durch Vorhänge vor den Fenſtern ſo viel wie möglich auszuſchließen. Dennoch aber gelang es mir nach längerer Beobachtung endlich, ein krank und elend ausſehendes weibliches Antlitz, welches einem verwachſenen Körper anzuge⸗ hören ſchien, wahrzunehmen. Von dem Geſicht des Beichtvaters aber konnte ich wieder nichts erhaſchen, eben ſo wenig hörte ich ihn ſprechen, er ſchien in einer für mich unerreichbaren Ecke am Fenſter zu leſen. So bereitete ich mich denn auf meine längere Be⸗ obachtung am Abend vor. In Folge eines früheren Berichts des Herzogs, daß ihm mitgetheilt ſei, die Kranke genieße Freitags keinen Biſſen Speiſe und ſchlafe den ganzen Tag in vollkommener Bewußtloſig⸗ keit, hatte ich gerade an dieſem Morgen durch eine der Kranken zugewieſene Dienerin, ohne daß dieſelbe meine Mitwirkung erfuhr, mehrere Teller mit Leckereien, Früchten allerlei Art vom ſchönſten Ausſehen und über⸗ zuckerte Kuchen in das Krankenzimmer bringen und dabei ſagen laſſen, der Herr Herzog ſende von ſeiner eigenen Tafel der armen Kranken dieſes kleine Labſal, der Segen Gottes möge darauf ruhen und ſie Kraft — 234— für den Herrn Beichtvater einige Faſchen wohlſchmecken⸗ den, aber ſehr kräftigen Ungarweins auftiſchen laſſen.— Es war alſo Freitag Abend. Um neun Uhr ver⸗ ließ ich meine von Licht und Freude ſchimmernde Wohn⸗ ung und begab mich in mein einſames, dunkles Käm⸗ merlein im Schloſſe. Vorſichtig ſchloß ich alle Oeff⸗ nungen auf; das mittlere Schauloch war noch verſtopft. Ich ſtellte mich zuerſt an das zur Linken angebrachte. Wieder ſah ich den grünen Lichtſchimmer vom vergan⸗ genen Abend, wieder wandelte der männliche Schatten auf und ab. Auch die rechts gelegene Oeffnung gab mir keinen näheren Aufſchluß. Ich nahm alſo meinen Platz am Hörrohre ein. Anfangs hörte ich nur die bekannten leiſen, über den Teppich hingleitenden Schritte des wandelnden Mannes; nach einigen Augenblicken vernahm ich aber auch dieſes Geräuſch nicht mehr und es wurde Alles ſtill. Der Beichtvater war alſo entweder in Gedanken verſenkt ſtehen geblieben oder hatte ſich ſchweigſam auf einem Stuhle niedergelaſſen. Da gab er wieder ein Lebens⸗ zeichen von ſich. Ich vernahm deutlich das Entkorken einer feſtverſchloſſenen Flaſche und gleich darauf das leiſe und perlende Gerieſel einer in ein Glas vorſichtig ausgegoſſenen Flüſſigkeit. Der Herr Beichtvater hatte alſo Durſt zu einem guten Glaſe Ungar. Es ſchmeckte — 235— ihm auch vortrefflich, denn nach einem etwas unge⸗ wöhnlich langen Zuge ließen ſeine Lippen ein lautes Schnalzen und ſeine Bruſt einen ſo frohen Seufzer des Wohlgefallens hören, daß man beinahe Luſt bekam, Theilnehmer ſeiner Genüſſe zu werden. Aber da flüſterte es plötzlich vom Bette der Kranken her: „Gieb mir auch ein Glas davon— er duftet ſo ſchön und ſchmeckt gewiß noch beſſer.“ „Wie, Thereſia, mein Kind— ſchläfſt Du denn nicht?“ „Nein, ehrwürdiger Vater; aber mich hungert und durſtet.“ „Mein Kind, darin irrſt Du. Du verwechſelſt die Sehnſucht nach göttlicher Speiſe mit der nach dieſer irdiſchen. Jetzt kannſt Du aber nichts erhalten— nachher, wenn wir fertig ſind. Der Wein könnte Dich berauſchen— Du biſt ſchwach und nicht daran gewöhnt, dies Getränk aber iſt ſtark, und Du weißt, wir haben eine wichtige Nacht vor uns.“ „Ach! So miſche mir Waſſer darunter, wenn er für mich zu ſtark iſt—“ „Auch das nicht— ich muß durchaus auf meinem Willen beſtehen. Nachher ſollſt Du trinken, ſo viel Du willſt— jetzt aber gedenke allein Deiner und meiner Pflicht— wir ſind bald am Ende.“”“ 8 — 236— „Ach, theurer Vater, es dauert ſo lange! Es wird mir ſo ſchwer! Ich habe ein ſo großes Ver⸗ langen nach friſcher Luft— darf ich auch nichts eſſen?“ „Was willſt Du, eine Frucht oder ein Biskuit?“ „O, gieb mir beides— laß mich auch den leckeren Kuchen koſten, den Du eben verſuchſt.“ Raſch ſprang ich an ein Sehloch und ſchaute hin⸗ durch. Der Schatten des Mannes kreuzte das Zim⸗ mer, bückte ſich zu der Kranken herab und gab ih wahrſcheinlich das Verlangte. Ich kehrte an das Hör⸗ rohr zurück. „Ach! wie das ſchmeckt!“ ſagte die Kranke.„Herr⸗ lich! So etwas habe ich nie gegeſſen, ſelbſt beim Herrn Biſchof nicht. Gieb mir mehr.“ „Da haſt Du— nun iſt es aber auch genug. Aber, mein Kind, haſt Du auch die Worte behalten, die Du heute ſprechen wirſt?“ „Ich weiß Alles, vertraue meinem Gedächtniß; aber um Eins bitte ich Dich. Laſſe es nicht ſo lange dauern, wie ſonſt. Höchſtens eine kurze Viertelſtunde, länger halte ich es nicht aus.“ Da ſchlug die Schloßuhr die zehnte Stunde. Ich 4 ſchloß mein Hörrohr und behan llbſt einen Spazier⸗ gang in meinem Zimmer. Ich eigentlich ſchen genug gehört— meine Meinung wär beſtätigt, der 1* — 237— „ Betrug war handgreiflich. Aber— ich wollte noch mehr hören und wo möglich ſehen— denn die Stimme des redenden Mannes haftete ſchon deutlicher in meinen Ohren, ich glaubte einige noch in meinem Gedächtniß aufbewahrte Klänge einer beſtimmten Ausdrucksweiſe, namentlich wie die Worte gezogen und betont wurden, wieder erkannt zu haben. Es war daher natürlich, daß ich mich, von einer geheimen Wuth angeſtachelt, in eine Aufregung verſetzt ſah, wie ich keine ähnliche jemals empfunden zu haben glaubte. Dennoch aber unterbrach ich von Zeit zu Zeit mein im Gehen fort⸗ geſetztes Nachdenken, horchte bald durch das Rohr, bald ſchaute ich durch die eine oder die andere Seh⸗ öffnung. Es ſchlug halb elf. Da trat der männliche Schatten, nachdem er noch ein Glas Wein getrunken, wahrſcheinlich um ſein ermattendes Gewiſſen anzu⸗ feuern, vor das Bett der Kranken und beugte ſich zu ihr herunter. Aber er drehte mir den Rücken zu, ich connte alſo nichts von ſeinem Thun ſehen. Raſch an ddas Rohr ſpringend, hörte ich indeſſen folgende Worte: 4„ Chereſia, meine Tochter, die wichtige Stunde naht. Ich ſpreche Dich frei, kraft der mir verliehenen Gewalt, von allen⸗ nen Sünden, von ſchon began⸗ enen und noch zu Regeheiden— im Namen Gottes, * 2 — 238— des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Schlafe, mein Kind, und erfülle die heilige Pflicht, die Dir durch mich von dem Herrn Biſchof auferlegt iſt.“ Und als er darauf ſchwieg und ich mich wieder an meine Sehöffnung geſtellt hatte, glaubte ich einige mir bekannte Handbewegungen an ihm wahrzunehmen, woraus ich ſchloß, daß er magnetiſche Manipulationen mit der Kranken vornahm. Es folgte jetzt eine tiefe Stille. Meine in einem weiten Kreiſe herumflatternden Gedanken halfen mir die Zeit verſchlingen— es ſchlug elf Uhr. Da hörte ich, wie der Beichtvater mit einer gewiſſen Haſt einen Stuhl ergriff und ihn auf eine andere Stelle trug. Er ſetzte ſich. Ich beobachtete ſcharf durch die Oeffnung zur Rechten, vor der er in ziemlich gerader Richtung, ſechs Schritte von mir entfernt, ſaß. Schon ſah ich ihn bis zur Bruſt— plötzlich beugte er ſein Geſicht etwas tiefer, der Kranken entgegen— es kam in meinen Sehſtrahl— ich fuhr zuſammen— beinahe hätte ich einen Laut der Verwunderung und der Freude von mir gegeben. Ich hatte das blaſſe, abgezehrte und eckige Geſicht des Beichtvaters auf einen Augenblick geſehen, aber dieſer Augenblick hatte hingereicht, es vollſtändig zu erkennen. Ich hätte darauf geſchworen, — 239— mich nicht zu irren. Unauslöſchlich waren dieſe ſcharfen, unheimlichen und lauernden Züge in mein Gedächtniß gegraben. Sein Haar war zwar ſtärker gebleicht als früher und bedeckte ſeinen ganzen Kopf, aber auf ſeiner ſtark hervorragenden und ſpitzen Naſe ſaß, wie im Kloſter zum heiligen Franziskus, eine mir ſehr wohl bekannte meſſingene Brille mit gefärbten Gläſern. Wer war es, wer konnte es anders ſein, als der ſchlaue Pater Henrikus, der ehemalige Vikarius unſeres guten alten Kloſters?— Ich befand mich in einer unglaublichen Aufreg⸗ ung, die mich nicht lange aufmerkſam an einem und demſelben Platze ließ. Ich überhörte ſogar den Ein⸗ tritt des Herzogs und ſeiner Begleiter und die Worte, die zu ſeiner Begrüßung geſprochen wurden. Erſt nach einer Weile faßte ich mich wieder und, die Oeff⸗ nungen für meine Augen aufgebend, ließ ich allein mein Ohr Zeuge des Vorgehenden ſein. Aber ich täuſchte mich ſehr, ich erhielt keinen beſonderen Auf⸗ ſchluß mehr; es wurden überhaupt nur wenige Worte geſprochen. Der Vorgang im Allgemeinen aber war folgender. Der Herzog war eingetreten und hatte ſich auf einen Stuhl, wahrſcheinlich in der Nähe der Kran⸗ en, niedergelaſſen. Ihm zur Seite ſaßen, in für mich umndurädringbarem Schatten, ſeine Begleiter, im din 3 — 240— tergrunde am Fußende des Bettes üäand der Sünden vergebende Pater Henrikus. „Schläft ſie feſt?“ fragte der Herzog mit gleich⸗ gültiger Stimme. „Durchlaucht, ſie ſchläft den Schlaf der auf der Erden Müden, aber der im Himmel Wachenden.“ „Darf ich ſie berühren?“ „Im Namen Gottes, ja!“ „Sie iſt kalt und ſteif, wie immer— ha— und ſie blutet wieder.“ „Der Sohn Gottes ſpricht heute wie immer durch das Blut, welches die verruchten Hände der Menſchen ihm entzogen haben.“ „Laßt ſie ſprechen, wenn ſie ſprechen kann.“ „Thereſia, meine Tochter, ſprich und verkünde den unabänderlichen Willen des ewigen Gottes. Legen Sie die Hand auf ihre Herzgrube, Durchlaucht— ſo — verkünde den Willen Gottes, Thereſia.“ irt Und mit langſam pathetiſchem, künſtlich geheim⸗ nißvollem Tone ſprach die Kranke: „Du, der Du biſt ein Mann der Stärke und Ge⸗ walt auf Erden, habe Ehrfurcht und Gehorſam vor den Geboten des ſtärkeren Herrn im Himmel. Glaube an ihn und Deine Gebete werden erhört werden. Alle Deine Sünden, ſo groß ſie ſind, ſollen Dir vergeben — 241— ſein in Ewigkeit. Tritt aber an den Tiſch unſeres Herrn und gelobe und glaube an die einzige und allein⸗ ſeligmachende Kirche auf Erden und im Himmel.“ Hier ſtand der Herzog plötzlich und mit Geräuſch auf. „Es iſt ſo dumpf und ſchwül hier im Zimmer!“ ſagte er etwas heftig. „Das merke ich auch an der Kranken,“ ſprach des Beichtvaters Stimme—„ſie iſt unruhig— ihr Schlummer iſt nicht ſo kräftig, ihre Kraft nicht ſo innerlich wie ſonſt— hal ſie bewegt ſich ſchon, ſie wird ihre Krämpfe wieder bekommen— „Die will ich nicht ſehen!“ rief der Herzog und eilig war er zum Zimmer hinaus, eben ſo eilig gefolgt von ſeinen Begleitern. „Iſt er fort?“ fragte Thereſia mit ihrer natür⸗ lichen Stimme. „ Ja, meine Tochter, er hat ſeinen Beſuch heute ſelbſt abgekürzt.“ „Gieb mir ein Glas von dem ſchönen Wein— ha! Du trinkſt ihn ja nur allein.“ Sie ſchwieg. Ich ſprang raſch an das Sehloch zur Rechten, wohin ich glaubte, daß der Pater ſich bewege, und ich kam zu rechter Zeit, um zu ſehen, wie die Kranke aufge⸗ ſprungen war und ſich in gieriger Haſt über die Teller Fritz Stilling. IV. 16 — 242— der Speiſe bückte und mit vollen Händen ihren Mund verſah.— Ich fühlte eine ungeheure Luſt in mir, an das Schallloch zu treten und mit donnernder Stimme hin⸗ durch zu ſchreien:„Pater Henrikus, guten Abend, Du ſchurkiſchſter aller Schurken!“ Aber ich bezwang mich. Ein Eckel, größer als meine Luſt dazu, erfüllte mich; ich konnte kaum die wenigen Minuten mit Ruhe ab⸗ warten, die ich für hinreichend zur Entfernung des Herzogs und ſeiner würdigen Begleiter, der übermäßig frommen Miniſter, hielt. Ich ſchloß meine Vorricht⸗ ungen, um ſie nicht mehr zu benutzen, ſie hatten mir hinreichende Dienſte geleiſtet. Eine halbe Stunde ſpäter wurde ich von Bern⸗ hard beim Herzog eingeführt, der ſchon allein auf ſeinem Zimmer war und zu des alten Dieners Ver⸗ wunderung eine Flaſche Wein verlangt und dieſe jetzt geöffnet vor ſich ſtehen hatte. Ich wollte reden, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen. „Doktor!“ ſagte er.„Ich weiß nicht wie mir iſt. Aber Ihr Mißtrauen hat mir alle Andacht benommen⸗ Beinahe kam mir der ganze Hokuspokus heute ſelbſt wie eine Gaukelei vor. Nun, was haben Sie erkund⸗- ſchaftet?““ „Mein Mißtrauen war gerechtſertigt, guäd 4— 243— Herr, nur allzu ſehr. Die Beweiſe bleibe ich Ihnen indeß noch ſchuldig— ich habe für jetzt nur eine Bitte.“ „Auch die will ich Ihnen gewähren— da— trinken Sie ein Glas Wein mit mir— ich danke Ihnen übrigens, Ihre Belehrung hat mir Augen und Gewiſſen zugleich geöffnet, von einem Religionswechſel iſt bei mir keine Rede mehr, ſelbſt wenn es eine wirk⸗ liche Hellſeherei wäre—“ „Aber von anderen Dingen, Durchlaucht; darf ich meine Bitte vortragen?“ 4 „Wohl bekomm's! Sprechen Sie ſie aus!“ „Verſchaffen Sie mir Zutritt zu den beiden Excel⸗ lenzen, Ihren Herrn Miniſtern— ich muß ſie morgen ſprechen.“ 1 „Sie müſſen? Warum?“ „Weil ich ſie zu kennen glaube, wie ich den Beichtvater der armen Kranken erkannt habe.“ „Wie? Alſo wirklich? Haben Sie geſehen und gehört, was Sie wollten?“ „Zu meiner ganzen Zufriedenheit— und hoffent⸗ lich auch zu der Ihrigen.“ 4 „und was wollen Sie von den Miniſtern?“ „Ich will ſie beſuchen. Dann aber laſſen wir die heiligen Feſttage ruhig vorübergehen. Ich habe 16 — 244— Maßregeln zu treffen, die ich Ihnen jetzt nicht enthüllen kann— vor allen Dingen aber bitte ich um Zutritt zu den Miniſtern— ich muß ſie morgen, noch vor Tiſche, geſprochen haben, und eben ſo den Biſchof.“ „Halten Sie den Biſchof auch für einen Betrüger?“ „Ja, Durchlaucht, gerade heraus geſagt, ich halte ihn dafür— mir dämmert ein Licht auf, deſſen Leuchten, ſobald Sie es erblicken werden, Sie ent⸗ ſetzen wird.“ „Erſchrecken Sie mich nur nicht noch mit Ihren Enthüllungen— ich habe ſo ſchon genug— da— klingen wir an auf eine gute Löſung— ich danke Ihnen— aber, da fällt mir ein— beim Biſchof haben Sie eine gute Einführung— er war heute nicht dabei, er hat ſich unpäßlich melden laſſen— fragen Sie in meinem Namen nach ſeiner Geſundheit bei ihm vor—“ „Ah— er war heute nicht dabei?“ „Nein— haben Sie ihn geſehen— ich nicht.“ „Ich konnte keinen von den Herren ſehen, da ich ſie aber alle drei ſehen muß, ſo ſprach ich eben meine Bitte deshalb aus.“ „Ah, Doktor— ſo hängt es ninmaen Ach, ich bin heute müde, ſo müde, wie ich lange nicht ge⸗ weſen, und das verdanke ich Ihnen. Gehen Sie, — 245— Gottes Namen, zu den Herren, machen Sie ſich ſelbſt den Auftrag von mir dazu— ich bin mit Allem zu⸗ frieden.“ „So erlauben Ew. Durchlaucht, daß ich mich entſerne?“ „In Gottes Namen— ſchlafen Sie wohl! 4 Der Morgen des Sonnabends war gekommen. Auf den Herrn Biſchof hatte ich es zuerſt abgeſehen. Er war ja unpäßlich, vielleicht auch ein wenig ſchlau außerdem, wollte erſt abwarten, wie die erſte nächtliche Zuſammenkunft bei der Seherin im Schloſſe ablaufen und ob ſie durch keinen Zwiſchenfall ſich auszeichnen würde. Haha! So ſah ich wenigſtens die Sache an und beſchloß, ihm aus Theilnahme an dieſer ſeiner Unpäßlichkeit meinen erſten Beſuch abzuſtatten. Um zehn Uhr ließ ich meinen Galawagen an⸗ ſpannen und fuhr in ſcharfem Trabe vor das biſchöf⸗ liche Palais. Es war ein überaus neblichter, kalter, unfreundlicher Morgen, die ganze undurchdringbare Atmoſphäre ſchien mit aus der Ferne ſchon fühlbaren Schneewolken überladen zu ſein. — 246— „Iſt der Herr Biſchof zu ſprechen?“ fragte ich den mich empfangenden Thürſteher. „O!“ erwiederte dieſer und kratzte ſich mit einem etwas kritiſchen Geſichte hinter den Ohren—„Seine Hochwürden iſt wohl zu Hauſe, aber— die Morgen⸗ ſtunde ſcheint mir etwas ſehr früh zu einem Beſuche.“ „Ah! Seine Hochwürden iſt vielleicht krank?“ „Krank? Daß ich nicht wüßte— aber“ „Aber ich komme im Auftrag Sr. Durchlaucht des Herrn Herzogs— „Das iſt etwas Anderes— dann freilich— bitte, ſteigen Sie gefälligſt die Treppe hinauf.“ Und er zog eine Schelle, die den dienſtthuenden Lakaien herbeirief. Ich ließ mich mit meinem vollen Titel an⸗ melden, denn dieſem Manne gegenüber würde ich mir es übel genommen haben, mein Licht unter den Scheffel zu ſtellen. In zwei Minuten ward ich durch eine große Thür eingelaſſen und ſtand in einem pracht⸗ vollen Zimmer, Auge in Auge dem Gewaltigen gegen⸗ über, der in dieſer ſchönen Stadt über Herzen und Seelen, ſelbſt des Gewaltigſten, zu gebieten zu haben glaubte. Wen ſah ich aber vor mir? Ich hatte dieſe Geſtalt nicht allein vor langen Jahren, ſondern auch kürzlich einige Male im Vorzimmer des Herzogs, ob⸗ woohl nur flüchtig, und dann durch andere Gedanken — 247— von ihr abgezogen, geſehen. Er war ein umfangreicher Mann geworden, dieſer Herr Biſchof, wie ſchon vor funfzehn Jahren ſeine Jugend verheißen hatte. Aber ſeine in Breite und Wölbung gewaltige Bruſt, wie ſtark ſie auch immer geweſen, war von ſeinem ſtärkeren Leibe überflügelt worden. Dieſer ſchien einem Berge ähnlich, der in der Art, wie er hier getragen wurde, etwas Majeſtätiſches und Würdevolles zeigen ſollte, wenn überhaupt ein aufgeſchwemmter Leib Majeſtät und Würde zeigen kann. Auch ſein früher ſchon volles Geſicht hatte an Fülle zugenommen, es war rund, wie ein Vollmond und beinahe eben ſo glänzend und feurig, denn die irdiſchen Genüſſe, denen ſich dieſer Mann des Himmels überließ, ſpiegelten ſich in allen Farben und Stoffen darauf ab. „Alſo ich habe die Ehre?“ fragte mich eine trom⸗ petenartige Stimme, die ein ſeit langer Zeit in meiner Bruſt ſchlummerndes, aber nicht vergeſſenes Echo er⸗ weckte.. „Ich ſelbſt, Ew. Hochwürden, habe die Ehre, von Sr. Durchlaucht mit dieſem frühen Beſuche beauf⸗ tragt zu ſein. Er ſchickt mich, ſeinen Leibarzt, hier⸗ her, um ſich nach Ihrem Befinden erkundigen zu laſſen, welches, wie Seine Durchlaucht fürchtet, in den letzten Tagen nicht ganz nach Wunſch war.“ — 248— „Seine Durchlaucht ſind ſehr gnädig, und Sie, Herr Geheimerath, ſehr gütig. Darf ich bitten, Platz zu nehmen!“— Wir ſaßen und ſchauten uns etwas lange mit gegenſeitiger höflicher Dreiſtigkeit an. Aus ſeinen waſſerblauen Augen, um die ſich einige Schatten gleich den niedergeſchlagenen Dünſten einer geiſtigeren Flüſſig⸗ keit gelagert hatten, blickte eine kleine, biſchöfliche Neu⸗ gierde hervor, die ſich wahrſcheinlich auf die uner⸗ wartete Sendung des Herzogs bezog; aus den meinen ſprühte— ich fühlte es ſelbſt und bemühte mich auf alle Weiſe, es zu mäßigen— ein durchbohrendes Feuer, welches nie ein Diplomat haben muß, wie ich in dieſem Augenblicke einer war, aber ich hatte ſchon in der kurzen Zeit meiner Anweſenheit beim Biſchof ſo viel geſehen und gehört, als ich an ihm zu ſehen und von ihm zu hören gekommen war. „Alſo Ihre Geſundheit?— darf ich Seine Durch⸗ laucht in dieſer Beziehung beruhigen?“ „Vollkommen, mein Herr! Männer von meiner Conſtitution leiden etwas an der Leber— ach! es iſt eine unglückliche Conſtitution, die ein höchſt mäßiges, faſt karges Leben verlangt. Aber der Herr hat ſie ge⸗ geben, wie er Alles giebt, und man muß ſich ja ſchon hier auf Erden an Entſagung gewöhnen. So ver⸗ — 249— langt es die Vorſchrift Gottes.“ Und er bekreuzte ſich mit demüthig gen Himmel aufgeſchlagenen Augen. „Wohl, wohl! Aber beobachten Sie die Vor⸗ ſchrift Gottes mit Strenge— entſagen Sie wirklich etwas. Ich bin ein Arzt, ich durchſchaue Ihr Leiden. Mäßigen Sie immerhin Ihre leiblichen Genüſſe, das wird Ihnen wohlthun, denn es giebt Fälle im Leben, wo ein plötzlicher Schlagfluß—“ Und er ſprang auf.„O! Machen Sie mich nicht ängſtlicher, als ich ſchon bin— beſorgen Sie etwas dergleichen von mir?“. „Nicht im Geringſten— ich warne nur im In⸗ tereſſe des Herrn Herzogs. Sie wiſſen, unſer Beruf legt uns die Pflicht auf, um das Wohl der Menſchheit ſtets beſorgt zu ſein.“ „Ach! Welch' köſtlicher Beruf!“ rief er mit Salbung und ſetzte ſich wieder.„Wäre ich nicht Prieſter— ich möchte Arzt ſein. Doch das bringt mich auf eine Frage, die mir für jetzt die wichtigſte iſt. Sie ſind ja der Leibarzt des Herrn Herzogs. Was halten ⸗Sie von der Geſundheit unſeres gnädigſten Herrn?“ „O, in dieſer Beziehung befürchten Sie Michts; ſeine Geſundheit iſt vortrefflich.“ — 250— „Entſchuldigen Sie meine laienhafte Anſicht, aber ich bin darin nicht ganz Ihrer Meinung.“ „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“ „Ich— ich habe ſo meine eigenen kleinen Be⸗ denken. Ich verkehre etwas zu viel mit dieſem guten Herrn— Gott erhalte ihn mir lange!— und da finde ich, er hat bisweilen kleine ſonderbare Launen und dieſe ſtammen ohne Zweifel aus— aus einer mangelhaften Verdauung— ſo meine ich.“ „Ach, iſt es das? Ew. Hochwürden Verdauung ſcheint freilich beſſer zu ſein, als die ſeine, aber— ich für meine Perſon bin auch mit dieſer ganz zu⸗ frieden, und was die kleinen Launen anbetrifft, ſo finde ich ſie in der That erträglicher, als die großen, die andere Leute haben.“ „ Freilich, freilich, aber, Herr Leibmedikus— ſeien Sie nicht zu kurzſichtig in Ihrer Diagnoſe. Das Leben eines ſo hohen Herrn iſt von großer Wichtigkeit für alle ſeine Unterthanen— ſorgen Sie ja für ihn; ich, ach! ich kann nur bei dem Allerhöchſten für ihn beten!“ Und er blickte wieder wie der demüthigſte Seelenhirt heuchleriſch zum Himmel. „Es wird Sr. Durchlaucht ſehr wohlthuend ſein, durch mich zu hören, daß ſie der Gegenſtand Ihrer ſo großen Beſorgniß und Fürbitte iſt, welche letzteee — 251— gewiß von außerordentlicher Wirkſamkeit ſein wird, aber ich gebe Ihnen noch einmal die Verſicherung, daß die erſtere vollkommen unbegründet iſt.“ Und ich ſtand auf; ich hatte genug an dem Prieſter, der ſich um den Leib ſeines Herrn ſo viel zu bekümmern ſchien, wie um ſeine Seele. „Und wollen Sie mich ſchon wieder verlaſſen?“ „Ich habe meine Pflicht erfüllt und mich von Ew. Hochwürden vollkommener Geneſung überzeugt— aber, aber— der Schlagfluß, Herr Biſchof— nehmen Sie dieſe Warnung nicht zu gering; es weht bisweilen ein böſer, giftiger Wind durch die Welt, ſo eine Art Sturm, der die Blüthen des Lebens zerknickt und lieber die Großen als die Kleinen niederwirft. Dies iſt der einzige Fall, wo es beſſer iſt, ein winziger Strauch als eine Eiche zu ſein.“ „Haha! Ja wohl, ja wohl! Aber ich bin nicht groß, ich bin ja nur klein— ein winziger Strauch, wie Sie ſo hübſch ſagen“— und er klopfte ſich wohl⸗ gefällig auf den herrlichen Bauch—.„Und was den Sturm betrifft, wie Sie ſo richtig bemerken, ſo bin ich in meiner Jugend— hahal ſelbſt ſo eine Art da⸗ von geweſen, und da fürchte ich ihn nicht ſo ſehr— haha! Darf ich bitten, Sr. Durchlaucht meinen un⸗ 9 terthänigſten Reſpekt zu bezeugen?“. 1 — 252— „Ich werde es nicht vergeſſen— Herr Biſchof! ich habe die Ehre!“ Und mit einer tiefen Verbeugung war ich hinaus, lächelnd, das Herz vor Freude in meiner Bruſt hüpfen fühlend, denn dieſer Herr geſtand ſelbſt ein, was ich ja nur zu ſehen gekommen war, in ſeinem Leben einſt eine Art Sturm geweſen zu ſein. Raſch ſprang ich in den Wagen und ließ zum Miniſter der Finanzen fahren. Wir wollen ſehen, ſagte ich zu mir, ob ſich der Herr Blitz eben ſo verwandelt hat, wie der Herr Sturm— wie ſah er doch aus — ach ja— er muß es ſein und kein Anderer. Da hielt mein Wagen ſchon vor dem ſchönen „Hotel Sr. Excellenz. Ich ſchritt langſam in das von innen geöffnete Haus und fragte nach dem Herrn Miniſter. „Bedaure— er iſt für Niemand zu ſprechen.“ „Bedaure auch, daß ich ihn dennoch ſprechen muß. Seine Durchlaucht, der Herzog befiehlt es—“ „Wie? Sollte ich die Ehre haben—?“ „Nein, mein Freund, ich bin nur ſein Abgeſändter, aber ich muß Seine Excellenz in wichtigen Auftrigen ſprechen.“ „Das iſt etwas Anderes!„ Und raſch nurde die Schnur gezögen, die einen Diener mir entgegenführte. — 253— In fünf Minuten ſtand ich Sr. Excellenz, dem Herrn Finanzminiſter gegenüber. Es war, wie ich erwartet, derſelbe kleine ſchmächtige Mann, der mir neulich erſt beim Betrachten eines Gemäldes im Vorzimmer des Herzogs aufgefallen war— ich flog mit meinem Blicke nach dem mir an ihm unvergeßlichen Kennzeichen, ſeinen glühwurmartig glimmernden Augen, und dieſe Augen flogen blitzartig ſchnell auch auf mich.„Ahl! riecht der Blitz. den Schwefel noch?— dachte ich— Hat der Tiger in ihm nicht mehr die Witterung des Löwen?“ Und während ich dieſes dachte, machte ich eine tiefe Verbeugung und brachte meinen Gruß von Sr. Durchlaucht an. „Seine Durchlaucht iſt ſehr gütig!“ flötete er mit einer etwas ſanfteren Stimme als ſein Beſchützer, der Biſchof.„Und was befiehlt Seine Durchlaucht?“ „Seine Durchlaucht hat eine ſchlechte Nacht ge⸗ habt,“ begann ich. „Das thut mir ſehr leid. Aber was ſoll man gegen dieſe ſchlafloſen Nächte thun? Auch ich habe ſie bisweilen. Es ſind böſe Einflüſſe von Außen her, die uns die Ruhe rauben, eben ſo wie die böſe Wit⸗ terung uns den Genuß der freien Luft raubt—“ „Und der Sturm uns elältet und de Douner und der Blitz uns erſchreckt— 8 „Sehr richtig bemerkt— aber Sie ſprachen von der ſchlafloſen Nacht Sr. Durchlaucht.“ „Ja. Aber in dieſer ſchlafloſen Nacht hat Seine Durchlaucht einen hellen Gedanken gehabt—“ 3 „Dann iſt ſie doch zu etwas nütze geweſen— aber Sie machen mich neugierig“— und ſein Auge bohrte ſich wie ein brennender Stachel in die meinen, es war, als wenn ich die Schärfe deſſelben körperlich fühlte. „Er hat ſich mit dem Wohle der Armen und Be⸗ drängten beſchäftigt und beſchloſſen—“ „Beſchloſſen— was?“ Und ſeine Augen ſchienen aus ihren Höhlen herauszutreten und ſich an die mei⸗ nigen zu klammern. „Ein allgemeines Sroßes Krankenhaus für alle Konfeſionen zu gründen.“ „Ah! Und für alle Konfeſſionen— das iſt ein ſehr humaner Gedanke, ganz der erhabenen und milden Denkungsart des Herrn Herzogs ent ſprechend.“ „Und da Sie, als Miniſter der Finanzen, dabei ein Wort mitzuſprechen haben, ſo ſendet er mich, der ich als Arzt ebenfalls dabei betheiligt bin, zu Ew. Excellenz, um durch meinen Mund Ihre leberein, ſtimmung noch heute vor Tiſche enrgegenaunehnene 4 „Ah— iſt es ſo eilig?“ — 255— „Ja, Seine Durchlaucht hat den Gedanken ein⸗ mal erfaßt und— Sie wiſſen es ja— was er ein⸗ mal erfaßt hat, führt er auch aus.“ „GGebe es Gott, daß es ſo iſt!“ ſeufzte der ehe⸗ malige fromme Bußprediger und ſchleuderte einen Vi⸗ pernblick an die Decke des Zimmers.„Aber ich bin ganz damit einverſtanden— natürlich. Das Nähere aber—“ „Das behält der Herr Herzog ſich vor— natür⸗ lich, ſage auch ich. Alſo ich kann Ew. Excellenz Bei⸗ fall ausſprechen?“ „Ich lege ihm meine ganze Bereitwilligkeit ge⸗ horſamſt zu Füßen.“ „So iſt mein Beſuch nicht vergebens geweſen. Ich habe das Licht der Intelligenz aus Ihren Augen leuchten geſehen, auf welches der Herr Herzog mich ſchon vorher aufmerkſam gemacht hat—“ „Sie machen mich ſchamroth und überhäufen mich mit Güte; ich bitte, meine unterthänigſte Ehrfurcht Sr. Durchlaucht auszuſprechen.“. Er machte mir eine höchſt anmuthige Verbeugung und ich ſprang ſehr vergnügt die Treppe hinab.„Sturm und Blitz ſind da,“ ſagte ich frohlockend, als ich weiter fuhr;„nun wollen wir ſehen, ob der Zahn der Zeit aauch vom Zahn etwas übrig gelaſſen hat. Ein herr⸗ dieſe Herren. Von den Prolenßiern ſind ſie zu den Patriciern gegangen, von den Patriciern zu den Fürſten und haben den Fuß auf ihren Nacken geſetzt. Aber Geduld! Wir haben auch einen Fuß für Euren Nacken. Und welchen! O Maximilian, Maximilian! Du allein biſt würdig, dieſe Brut zu zertreten. Dir eüihe ich im Voraus den Antheil des Löwen zu!“ Und ich kam zu Sr. Excellenz, dem Miniſter des Innern, der Polizei, des Handels und Gott weiß welcher Einrichtungen im Staate! Eigentlich hatte ich mich auf dieſen meinen letzten Beſuch am meiſten ge⸗ freut, denn der Pater Zahn war von jeher in meiner Erinnerung mein Liebling geblieben. Und nicht etwa, weil er mich einmal in ſeinem Zorn den Barbierge⸗ ſellen genannt und mich zum Jeſuitenzögling hatte machen wollen— ach nein! Sein Geſicht, welches ich neulich erſt in ſeiner ganzen höhniſchen Frechheit auf ſeinem ungeſchlachten Leibe aus dem Kabinet des Herzogs hatte daherwandeln geſehen, hatte mir immer von den drei Bußpredigern den größten Widerwillen eingeflößt. Der Leſer weiß ſchon, ich liebe die frechen und gemeinen Geſichter, mit einem Worte, die Ohr⸗ feigenſichter nicht, und ein ſolches baͤtſe ja mein aue Bekannter Zahn.— — 256— ⸗ licher Dreimännerbund! See Wort gehalten, — 257— Ich wurde erſt wieder, wiesbei den anderen Herren, wegen wichtiger Geſchäßte Sr. Excellenz abgewieſen, da ich aber wichtigere Eun Seiten Sr. Durchlaucht zu erkennen gab, öffneten ſich auch hier alle Pforten. Ich ſtand noch im Vorzimmer und wartete auf den mich anmeldenden Diener. Da hörte ich durch die eben aufgehende Thür ein unendliches, lautes und beinahe ſchallendes Gähnen, und ich lachte beinahe eben ſo laut auf.„Aha!“ dachte ich,„der ewig müde und gelangweilte Pater Zahn verräth ſich ſchon, bevor er ſich ſehen läßt— nun, wir wollen ihm nächſtens eine Scene bereiten, bei der er nicht vor langer 2 Weile gähnen wird.“ Die Thür ging ganz auf und ich ſchritt über die Schwelle des Mannes, der es einſt ſo herzlich mit mir gemeint hatte. Der Leſer kennt ſo gut wie ich den langen, hageren, ſtarkknochigen Miniſter des In⸗ mnern mit ſeiner Mappe, ſeinem geträumten Weltall unter dem Arme, mit den gewaltigen Kiefern, dem gefräßigen Maul und den herkuliſchen Zähnen, womit er Alles verſchlingen und zerbeißen zu wollen ſchien, was in ſeinen Bereich kam. So ſtand er vor mir und lächelte mich höhniſch an, wobei ich mir gehörig Zeit nahm, zu bemerken, daß Pater Zahn der am wenigſten gealterte von ſeinen Kameraden waͤar. Fritz Stilling. IV. 17 — 258— „Alſo Sie kommen von Sr. Durchlaucht?“ fragte er mit ſeiner gewöhnlichen frechen Dreiſtigkeit.„Wie. befindet ſie ſich?“ „Vortrefflich, Excellenz, obwohl ſie die letzte Nacht nicht gut geſchlafen hat. Aber Seine Durchlaucht hat oft ſchlafloſe Nächte, weil ſie manchen Kummer hat— das iſt ja, wiſſen Sie, ein Erbtheil der Fürſten— „Ja wohl, ja wohl! Darf ich aber zuerſt fragen, wen ich die Ehre habe vor mir zu ſehen— mein dummer Diener hat Sie nicht verſtanden.“ „So habe ich das doppelte Vergnügen, mich ſelber vorzuſtellen. Ich bin der Geheimerath Dr. Stilling, der Leibarzt Sr. Durchlaucht—“ 4 „Ah— ſehr erfreut, ſehr erfreut! Stilling— Stilling! Der Name klingt mir bekannt—“ „Was!“ dachte ich.„Sollte Herr Zahn etwa auch ein übermäßig gutes Gedächtniß haben?“ „Sie irren wahrſcheinlich,“ ſagte ich,„ich habe wenigſtens noch nicht die Ehre gehabt, Ew. Exeellenz perſönlich zu begrüßen, denn ich mußte leider auf das Vergnügen verzichten, Sie ſchon früher zu ſehen, als ich auf Befehl Sr. Durchlaucht Ihnen meine Auf⸗ wartung machte.“ 9 „Ich empfange Niemand!“ ſagte er grob. 1 — 259— „Und ich gehe zu Wenigen aus eigenem Antriebe!“ erwiederte ich eben ſo.„Und ich erlaube mir die Be⸗ merkung, daß ich ſelbſt jetzt nur auf Befehl des Herrn Herzogs, meines Gebieters, vor Ihnen ſtehe und mir zum zweiten Male ſchon die Freiheit nehme, Ihnen meine Verbeugung zu machen.“ Und ich machte ihm eine ironiſche ſehr tiefe Ver⸗ beugung, die er ſich auslegen mochte, wie er wollte, aber ſogleich ſehr leutſelig, obwohl zum erſten Mal, erwiderte. „So muß ich dem Herrn Herzog meinen Dank für das Glück ſagen, Ihre Bekanntſchaft mir wenig⸗ ſtens jetzt noch verſchafft zu haben—“ „Ich habe nichts dagegen; aber Sie geſtatten mir vielleicht, mich jetzt des Auftrags zu entledigen, den ich für Sie empfangen habe?“ „Ich bin ganz Ohr, mein Herr!“ „So werde ich ganz Zahn ſein!“ dachte ich. „Der Herr Herzog iſt ein vortrefflicher und ge⸗ rechter Regent,“ fing ich an,„er hat das Wohl aller ſeiner Unterthanen im Auge, wenn er auch bisweilen, wie z. B. jetzt, eine gewiſſe Partei mehr zu berücl⸗ ſühtigen ſcheint, als die andere.“ „Ah! Sie wollen von einer gewiſſen Partei fprechen, ich weiß aber nicht, zu welcher Sie ſelbſt gehören.“ 17 / — 260— „Wie können Sie zweifeln! Bin ich nicht des Herzogs Diener, muß ich nicht ſeinen Vortheil aüain im Auge haben, eben ſo wie Sie?“ „Sie haben Recht, ich verſtehe; bitte, fahren Sie— N fort.“ „Seine Durchlaucht beabſichtigt alſo, ein Waiſen⸗ haus zu gründen, nicht allein für ſeine proteſtantiſchen, ſondern auch für ſeine katholiſchen Unterthanen—“ „ Ah, ſehr wohl— Sie ſind kuihnliſch— wenn ich Sie noch ein Mal unterbrechen darf—“ „Ja, das bin ich,“ ſagte ich feſt, aber ſichtbar ergrimmt, denn Herr Zahn wollte mir etwas zu ſtark auf den Zahn fühlen. „Aber uun— was ſoll ich dabei thun?“ „Sie möchten Sich die Sache überlegen, bis Sie zu Sr. Durchlaucht kommen, um Ihre ganze Anſicht darüber zu entwickeln.“ „Der Herr Herzog iſt in der That ſehr gnädig. Er kommt meinem ſehnlichſten Wunſche entgegen. Iſt das aber Ihr ganzer Auftrag?“ „Sind Sie mit dieſem noch nicht befriedigt?“ „Vollkommen— uber Sie ſcheinen etwas eilig zu Werke zu gehen—“ „Ich habe viele Vſente und muß meine Ge⸗ ſchäfte in Finde Fumnachen⸗ 44 — 2* . vollkommene Uebereinſtimmung.“ — 261— „Aber man baut im Fluge keine Waiſenhäuſer.“ „Die baue ich auch nicht, das war nicht meine Abſicht, die mich hierher führte— oder hielten Sie mich vielleicht für einen Baumeiſter?“ „Bei Leibe nicht— aber wie iſt Seine Durch⸗ laucht ſo plötzlich auf dieſen Einfall gekommen, er hat mir doch geſtern noch nichts davon geſagt?“ „Er hat den Plan dazu in dieſer glücklichen Nacht gefaßt, ſo ſagt er mir wenigſtens, und da er die beiden Feſttage allein auf ſeinem Belvedere zubringt, ſo will er, da heute weder Vortrag noch Sitzung iſt, den beruhigenden Gedanken mit auf ſeinen Landſitz nehmen, daß Ew. Excellenz mit ihm einverſtanden iſt.“ „Ah— nun verſtehe ich Sie— das hätten Sie mir gleich ſagen ſollen—“ „Verzeihen Ew. Excellenz, ich bin wohl ein guter Arzt, aber kein ſo gewandter Diplomat wie Sie—“ „Sie beſchämen mich mit Ihrem Lobe— ich bin — ich bin—“ 3 „Alſo Sie ſind einverſtanden?“ „Kann ich es anders ſein? Es iſt ein ſo natür⸗ licher Wunſch aller Menſchenfreunde, die armen kleinen Kinder wohl verſorgt zu ſehen, alſo auch der meinige. Ueberbringen Sie gefälligſt dem gnädigſten Henn meine — 262— „So habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ „Mein Herr Geheimerath— auf Wiederſehen!“ „Sie ſind ſehr gütig— ich werde Sie an Ihr Wort erinnern. Guten Morgen!“ Ich ſtieg zum letzten Mal in meinen Wagen und fuhr zum Herzog, dem ich zu ſeiner eigenen Verwun⸗ derung ſeinen neueſten Entſchluß ankündigte, ein Kranken⸗ und Waiſenhaus für alle Konfeſſionen zu gründen. „Aber das war ja meine Abſicht gar nicht in rief er lächelnd. „Aber Sie haben mir Ihren Auftrag an dieſe Herren ſelbſt freigelaſſen.“ „Ach ſo! Ei, ei, Doktor! Sie bringen am Ende auf dieſe Weiſe Ihre Schäfchen in's Trockene und haben ſelbſt dieſen ſchönen Plan gehabt?“ 3 „Iſt es ein ſchlechter Plan, der Ew. Durchlaucht die Ueberzeugung verſchafft, daß Sie von jenen Mi⸗ niſtern ſchlecht bedient ſind?“ „Und bin ich das wirklich?“ „Ew. Durchlaucht ſollen Sich die Antwort ſelbſt ſagen, wenn Sie ſehen werden.“ „ So bin ich zufrieden. Gott gebe ſeinen Segen! Ich fühle mich leichter als je und hoffe, daß aller Kummer hald vorüber iſt.“. — 263— „Er wird bald vorüber ſein, auch ich hoffe es— verleben Sie Ihre zwei Feiertage auf dem Belvedere in Ruhe und Heiterkeit, und— das Uebrige wird ſich finden.“ „Sie nehmen die Sache leicht, Doktor!“ „Ach nein, Durchlaucht, ſie iſt noch immer ſher genug— aber ich wünſche frohe Feiertage—, „Und ich auch— leben Sie wohl!“ 1 ——— —ͤ—— IX. Ein Weihnachtsabend. Selten hatte ich in den letzten Wochen mein Haus mit ſo leichtem Herzen betreten, wie an dieſem Tage; es ſchien ſich Alles nach Wunſch zu geſtalten und zu Gunſten derer zu entwickeln, denen ich meinen Beiſtand gewidmet hatte. Nur noch ein ſteiler Berg war zu überſteigen, und bevor ich nicht auf deſſen Gipfel ſieg⸗ reich ſtand, konnte ich von ungetrübter Ruhe und Zu⸗ friedenheit nicht träumen. Dieſer Berg war Maximi⸗ lians unvergeſſener Haß und Racheplan gegen den Herzog, einen Mann, der mir in früheren Tagen, zu⸗ folge jener Erzählung meines Freundes, als ein Tyrann vor Augen geſtanden hatte, jetzt aber, da ich ihn näher kannte und er mein Herr geworden war, deſſen b Gnade und Güte ich ſo Vieles verdankte, mehr bemit⸗ leidenswerth als ſtrafwürdig ſchien. Was nun Maxi — 265— * milian auch gegen ihn auszuüben entſchloſſen war, ich hatte mir vorgeſetzt, zwiſchen beiden die Vermittlerrolle zu übernehmen und der heutige Tag war zu dieſem ſchwierigen Werke auserſehen, falls des jungen Seydel⸗ manns Vermuthung ſich als richtig erwies, daß De⸗ vrient heute am Orte ſeines Beſuches eintreffen würde, und falls die meinige nicht falſch war, Maximilian habe jenen auf ſein Gut mitgenommen. Wie der Leſer weiß, hatte ich den Weihnachts⸗ heiligabend alljährlich auf Brandſtein zugebracht und auch diesmal war mit den beiden Noringen eine freund⸗ ſchaftliche Zuſammenkunft daſelbſt verabredet; nur wollte ich mir die Fahrt dahin und das trauliche Feſt draußen noch dadurch verſüßen, daß ich Sidi meine Gefährtin ſein ließ, die ich dann, während ich nach Stromberg zu Maximilian ging, ſo lange bei der Gräfin laſſen wollte, bis ich ſie nach Beendigung meiner ernſten Ge⸗ ſchäfte wieder abholen konnte. Unſere Weihnachtsbe⸗ ſcheerung in der Stadt war daher, um dieſe Anord⸗ nung nicht zu ſtören, erſt auf den Morgen des Weih⸗ nachtstages ſelbſt feſtgeſetzt. Sidi hatte ſich mit dieſem Vorſchlage einverſtanden. erklärt, wie ſie ja mit allen meinen Wünſchen einvels ſtanden war, und ſo machten wir uns ſchnell an die Auosfährung deſſelben. Nach einem zeiigen Minngs. — 266— mahle ſetzten wir uns in unſeren ſchönen Wagen und rollten munter unſerem nächſten Ziele entgegen. Die dicken Nebelſchichten, die am Morgen dieſes Tages den Himmel bedeckten, hatten ſich gegen Mittag in Schneewolken auf die Erde herabgeſenkt. Jetzt hüllten ſie die Erde in einen leichten weißen Mantel ein, ließen aber dafür den Himmel wieder in ſeiner ganzen herrlichen Bläue hervortreten. Nachmittags kam ſogar die Sonne zum Vorſchein und beſtreute den Weg mit funkelnden Lichtpunkten, während wir unſere Zeit mit Plaudereien über die vorliegenden Verhältniſſe verbrachten. Sidi kannte jetzt ſo genau wie ich das traurige Schickſal der ſchönen Dame, zu der ich ſie führte, ſie wußte, zu welchem Zwecke ich Maximilian heute aufſuchte, und man kann ſich denken, daß ſie die Schwierigleit meiner Aufgabe nicht geringer anſchlug, als ich. Aber ihr ſanfter Zuſpruch, ihre freundliche Ermunterung, mit Nachdruck und voller Hoffnung an ein Werk zu gehen, welches nur Gutes bezweckte, ſtärkte und belebte mich von Neuem, wozu nicht wenig die Entlarvung der drei ehemaligen Bußprediger beitrug, die ich ihr unterwegs in allen Einzelnheiten als neueſtes Ergebniß mittheilte. 5 Als ich mit meiner Erzählung zu Ende war, näherten wir uns ſchon raſch den Bergen und die . — — 267— ſchöne winterliche Landſchaft derſelben forderte meine Begleiterin zu einem Genuſſe auf, der ihr, die immer nur in geſchloſſenen Städten gelebt hatte, ziemlich fremd war und ſie daher mit einer ungekannten Freude er⸗ füllte. Als wir nun aber immer tiefer in die Wälder gerie⸗ then und, langſamer vordringend, eine Höhe nach der anderen erreichten, wobei die tiefe Stille dieſer C Einöden ihr Herz mit erhabenem und doch anmuthigem Schauer bewegte, da faßte ſie ſanſt meine Hand und ſagte: „Hier iſt es reizend, mein Freund, hier zu leben muß eine Wonne ſein!“ „Wenn Du glücklich biſt, ja, meine liebe Chriſtel; wenn Du ein vorwurfsfreies Herz, einen leichten Le⸗ bensmuth haſt und der innerſte Keim Deiner Seele von keiner Qual, mag ſie heißen, wie ſie will, zernagt wird, ja, dann haſt Du Recht.“ 5 „Freilich, mein Lieber, nur einen ſolchen Gemüths⸗ zuſtand kann ich vor Augen haben— ich meine, ich würde mich in dieſer Stille und Emnſanteit ſchrauken⸗ los glücklich fühlen.“ „Wenn Du allein wäreſt? Und wollteſt Du ſelbſt die Freuden und Genüſſe der großen Welt dafür opfern?“ Sie beantwortete die erſte Frage nicht, wohl aber ſchickte ſie ſich an, die zweite zu bejahen, als wir, wie⸗ der raſch heranrollend, Brandſtein erreichten. — 268— Ich will nicht bei der Ueberraſchung verweilen, die mein Erſcheinen mit einem ſo unerwarteten, aber deſto willkommeneren Gaſte daſelbſt herbeiführte. Die Gräfin und Thekla waren entzückt über das liebliche Geſchöpf, welches ich ihnen als meine treue Jugend⸗ freundin und zugleich als die große Künſtlerin vor⸗ ſtellte, deren Talent, verbunden mit ihrer äußeren Be⸗ gabung, ſie vollſtändig zu würdigen wußten. Aber ich verweilte nicht lange in dieſem anmuthigen Kreiſe, ich rüſtete mich bald zu meinem bedeutungsvollen Gange nach Stromberg, indem ich der Gräfin die Mittheilung machte, ich hätte Urſache, anzunehmen, der Sachwalter ihres unbekannten Nachbars ſei von ſeiner Reiſe zu⸗ rückgekehrt, und ich wolle daher meine abgebrochenen Unterhandlungen über den Ankauf des Gutes mit ihm von Neuem beginnen. Beim Abſchiede bat ich ſie noch, den beiden Noringen, ſobald ſie kämen, Chriſtel nicht als die Sängerin Sidi, ſondern als meine Verwandte vorzuſtellen, damit das Geheimniß der Anweſenheit derſelben auf keine Weiſe vorzeitig enthüllt werde. So nahm ich Abſchied und, von Sidi einen ermuthigenden Blick erhaſchend, der mir das Gelingen meines Planes zu verheißen ſchien, trat ich meinen einſamen Weg durch den ſtillen Wald und über die Berge ohne Zagen an. „ 1— 269— K N Der Schnee lag hier nur in ſehr geringer Menge und ſetzte meiner kurzen Wanderung keine Hinderniſſe entgegen. Aber es war beinahe vier Uhr, als ich den Gipfel des Berges erreicht hatte, und wieder breitete ſich eine undurchdringliche Nebelſchicht vor den klaren Gewölben des Himmels aus und miſchte ſich mit der Dämmerung des Abends, Land und Flur raſch in das dunkle Kleid der Schatten und der frühzeitig herein⸗ brechenden Nacht zu hüllen. Als ich mich unbemerkt dem Schloſſe näherte, aus welchem nicht der leiſeſte Ton, der die Anweſenheit mehrerer Menſchen verrathen hätte, zu vernehmen war, blickte ich mich rings um und war erſtaunt über die ſo überaus ſchnell nahende Nacht. Aber um ſo ſchneller trieb mich eine innere Stimme vorwärts, den Tag heraufzubeſchwören, deſſen Licht auszubreiten ich gekommen war. Ich pochte an die kleine Seitenthür, die früher immer geöffnet war, als Ludovikus im Schloſſe verweilte, und ſiehe, der alte Diener, der damals ſein Gefährte geweſen war, öffnete ſte mir auch jetzt. Das ſchien mir ein Zeichen von guter Vorbedeutung zu ſein. „Iſt der alte Herr Aſchhaupt hier?“ fragte ich, nachdem ich ihn begrüßt und er uüche laicht wieder er⸗ kannt hatte. „Da Sie mich, ſeinen Diener, hier ſehen, kan * 7 G 22— 270— 8 ich die Frage wohl nicht gut verneinen, mein Herr. „So führen Sie mich ſchnell zu ihm.“ „Ach, Herr, ich darf Niemanden in das Schloß klaſſen, ich habe kreuge Befehle.“ Das ſchien mir ein noch beſſeres Vorzeichen von der Anweſenheit des neuen Beſitzers zu ſein, aber ich ließ meine Freude nicht merken, ſondern bat nur den Diener, ſich in aller Stille zu ſeinem alten Herrn zu begeben und ihm meinen Beſuch kund zu thun. Das Weitere würde dann dieſer ſelbſt veranlaſſen. Der Diener wies mich in ein kleines Gemach neben der Thür und entfernte ſich eilig, um ſeinen Auftrag auszurichten. Ich brauchte nicht lange zu warten; in wenigen Minuten ſtand ich wieder vor meinem alten Ludovikus, der mich herzlich bewillkommnete und, den Finger auf die bärtige Lippe legend, flüſterte: 1 „Komm, wir ſind Alle da—“ „Maximilian auch?“ „Ja, ja, er iſt da— aber woher weißt Du, daß wir ſchon heute hier eintreffen würden?“ „Du ſiehſt, ich erfahre Alles— führe mich zuerſt zum Guardian, den meine Seele zu begrüßen verlangt.“ Er ging mir voran, ich folgte ihm mit ſchlagendem Herzen, wie es uns immer ſchlägt, wenn wir einen kss 241— Wt. Freund wieder ſehen ſollen, in deſſen Auge wir lange Jahre nicht geblickt haben. Da öffnete er die Thür und ſiehe da! bei einer hell brennenden Lampe die Zeitung leſend, ſah ich meinen alten Gönner, den ehe⸗ maligen Guardian vom Kloſter des heiligen Franziskus, gemächlich an einem Tiſche ſitzen. „Franziskus!“ rief Ludovikus.„Schaue auf und betrachte den Freund, den ich Dir bringe.“ Dceer Leſende erhob ſich— o wie bebte mein Herz vor Luſt, den alten würdigen, freundlichen Herrn zu erblicken, der mir ſo viel Gutes in meiner Jugend er⸗ wieſen hatte! Er kannte mich nicht, ich aber erkannte ihn ſogleich wieder, obwohl er bedeutend gealtert und ſtärker geworden war, einen langen Bart trug und ſein vollſtändiges Kopfhaar in weißer Fülle ſeinen Scheitel bedeckte Da fing ich an zu ſprechen: „Hochwürdigſter!“ ſagte ich leiſe und ernſt.„Zwan⸗ zig Jahre ſind vergangen, ſeitdem ich das Glück hatte, von Ihrer wohlwollenden Stimme zum erſten Mal begrüßt zu werden, funfzehn, ſeitdem Sie, voll tröſten⸗ den Zuſpruchs, mich an den Rhein begleiteten, wo ich mich von Ihnen trennte, um in Münſter meinen Stu⸗ dien obzuliegen und meiner dunkeln Zukunft entgegen⸗ zugehen. Wie! Kennen Sie Ihren einſtigen Liebling nicht mehr, den kleinen Fritz Stilling, des armen * 22— 83 Schneiders Sohn, dem Sie in ſeiner verwaiſten Jugend ein Vater, ein Freund und Beſchützer waren?“ Eine dunkle Röthe freudigen Erſtaunens färbte die milden Züge des gemüthlichen Greiſes. Einen ſchnellen Blick auf Ludovikus werfend, gleichſam fra⸗ gend, ob der Fremde die Wahrheit ſpräche, und auf deſſen bejahenden Wink die Lampe erhebend und an mein Geſicht haltend, ſtaunte er mich an, als wenn ihm das Räthſel eines neuen Lebens gelöſt würde. „Iſt es möglich!“ rief er.„Fritz Stilling!“ „Ja, theuerſter Franziskus— Fritz Stilling!“ Und ſchon lag ich in ſeinen Armen. Eine halbe Stunde widmete ich mich der Freude des Wiederſehens. Dann aber erhob ich mich. Ludo⸗ vikus, an meiner zunehmenden Unruhe meinen Wunſch errathend, nahm meine Hand, führte mich durch einige Zimmer und ließ mich vor einem Gemache ſtehen, deſſen Thür, zur Vorſicht, damit kein unberufener Lauſcher ein innerhalb geſprochenes Wort vernehme, mit einer dicken Friesdecke verhangen war. „Sieh, mein junger Freund,“ ſagte Ludovikus— „in dieſem Zimmer athmet die Bruſt, an der Du ſo lange nicht gelegen— ruhelos wie immer ſchreitet der beklagenswerthe und doch ſo brave Mann auf und nie⸗ der und giebt allein ſeinen ihn verzehrenden Gedanken 8 — 23— Raum. Tritt ein zu ihm, und wenn Du es mit Gottes Hülfe vermagſt, gieb ihm und uns den lange entbehrten Frieden wieder.“ „Das will ich verſuchen, Ludovikus, iſt er allein?“ „Ich glaube es, denn ſein neuer Freund, der große Künſtler, den er, ich weiß nicht weshalb, hierher geführt hat, verließ ihn erſt vor wenigen Minuten, um auf ſeinem Zimmer einige Briefe zu ſchreiben.“ Er winkte mit der Hand zum Gruß und ließ mich allein. Ich ſtand vor der Thür Maximilians, meines Freundes, der gekommen war, in ſeinem ein Menſchenalter hindurch genährten Grimme einen Blitz⸗ ſtrahl auf das Haupt Deſſen fallen zu laſſen, den ich, ſogar mit meinem Leben, wenn es nöthig werden ſollte, zu vertheidigen bereit war, ſelbſt gegen Maximilian. Aber dahin, hoffte ich, würde es nicht kommen. Ich faßte mich ſchnell, beſchwichtigte das ungeſtüme Klopfen meines Herzens, ſchlug den Vorhang zurück und, ohne meinen Eintritt durch irgend ein Zeichen anzukündigen, drückte ich raſch das Schloß auf— und ſiehe, ich ſtand vor einer hohen, ſtolzen, gebieteriſchen Geſtalt, die, den Kopf auf die Bruſt geneigt, die Hände auf dem Rücken gefaltet, vor einem kniſternden Kamin⸗ Auer und vier brennenden Wachskerzen, die dennoch as große Gemach nicht ganz erhellten, auf und nieder Frritz Stilling. V. 18 a.* — 22— ſchritt und mich, den ungerufen Eindringenden, mit Staunen und ſichtbarem Unbehagen in den edlen Zügen anblickte.. Ach! wie ſah er noch ſo kräftig und wohl aus, wie üppig lockte ſich ſein ungebleichtes Haar auf ſeinem Scheitel und wie geiſtig friſch leuchtete ſein funkelndes ſtolzes Auge— aber welche Betrübniß, welcher Schmerz lag um dieſe Augen und in den feſten Linien dieſes die volle Kraft des Mannes zeigenden Antlitzes! „Gott ſcheint es wirklich gewollt zu haben,“ be⸗ gann ich meine Anrede,„daß unſere Lebenswege noch ein Mal zuſammentreffen ſollten, denn ſiehe, hier ſtehen wir beide, nach ſo langer Zeit der Trennung, uns wieder gegenüber und ich begrüße Dich, Du vielge⸗ liebter Freund, mein theurer Maximilian, mit den⸗ ſelben dankbaren und herzlichen Empfindungen, mit denen ich Dich einſt in jener Nacht, am Ufer des Rheins, einſam aber getroſt verlaſſen habe. Wie? Kennſt Du mich nicht mehr? Willſt Du dieſe Dir dargebotene Hand nicht ergreifen, die Du ſo oft in die Deinen gedrückt haſt, da ſie noch nene nd ſchwächer war?“ Er trat mir einen Schritt näher, bog den Ko⸗ gegen mich vor und rief:„Iſt es ein Traum? Täu ſe mich mein Ohr nicht? Sehen meine alten Au.s — 7 rhen 4— 275— recht— Fritz, biſt Du es, der lebendig vor mir ſteht?“ „Ja, Maximilian, ich bin es!“ Und ich näherte mich ihm ganz und, wie ich als Jüngling an ſeiner Bruſt gelegen, lag ich auch als Mann daran und fühlte das laute Klopfen dieſes edlen Herzens wieder, welches funfzehn Jahre entfernt von dem meinigen ge⸗ ſchlagen hatte. „Iſt es möglich,“ rief er, ſich ermannend,„Du hier, bei mir, dem Einſamen und Verlaſſenen? Aber wie?“— und er fuhr heſtig mit dem ſtolzen Kopfe — in die Höhe—„Woher weißt Du, daß ich auf Strom⸗ berg bin— iſt ein Verräther in meiner Nähe oder haſt Du mich mit liſtigen Spähern umſtellt?“ „Keins von beiden, mein Freund, nur der Zufall hat mir Deine wahrſcheinliche Anweſenheit verrathen, und mein Herz, oder wenn Du lieber willſt, das Vor⸗ gefühl der Erfüllung Deines ſehnlichſten Wunſches, einmal wieder in der Nähe Deines Vaterlandes zu ſein, hat mich unter allen Edelleuten der Umgegend— auf Dich ſchließen laſſen, der, Gott allein weiß, zu velchem Zwecke, den großen Künſtler Devrient hierher geführt hak.“ 2 „Ha! Auch das weißt Du?“ „Ich vermuthe es vielmehr, wie ich Dir ſage“— 18* 5 8— — 276— und ich erzählte ihm, was mir der junge Seydelmann über ſeinen Meiſter mitgetheilt hatte. „Das iſt ein ſeltſames Zuſammentreffen von Um⸗ ſtänden und Du haſt Deinen guten Kopf zum Er⸗ rathen meiner tief verborgenen; läne vortrefflich ab⸗ gerichtet, mein lieber Freund⸗ Bevor wir aber über dieſes Wiederfinden uns eundſchaftlich unterhalten, laß uns zuerſt Wichti kes abthun. Sage mir alſo den Grund, warum zdu in ſo heimlicher Stille, trotz meiner nothwendigen Vorſicht, jeden Eindringling von mir fern zu halten, meine Nähe ſuchſt, denn daß Dich eine höhere And ernſtere Abſicht hierher treibt, deren Hauch ich fühle, obwohl ich ſie nicht ganz durchſchaue, ſagt mir/ Dein eigenes Geſicht, worauf Zweifel, Un⸗ ruhe und Rückhalt, mir zum Sprechen deutlich, aus⸗ geprägt liegen.“— „Maximilian, Du zweifelſt auch an mir? Iſt es nicht ein hinreichender Grund, der mich hierher treibt, weil mein Herz ſich ſehnte, endlich Dir wieder nahe zu ſein? Haſt Du die innigen Bande der Freund⸗ ſchaft, einer Freundſchaft, die für mich ohne Ende iſt, vergeſſen, die uns einſt mit einander vereinigt hatten?“ „Ich habe ſie nie und werde ſie nie vergeſſen, mein theurer und ergebener Freund, aber eben, weil die Bande der Freundſchaft innig waren, und weil Deine — 277— Theilnahme an meinem düſteren Geſchick— ſieh, Du errötheſt— den größten Theil Deiner Liebe zu mir ausmachte, ſo glaube ich, daß Dich auch jetzt noch ein anderer Grund, als jene Liebe ſelbſt, hierher ge⸗ führt hat— ſprich und ſage mir alſo dreiſt und ehr⸗ lich, wie ſonſt, was in Deinem Herzen liegt, damit ich ſehe, ob ich in Dir einen vollkommenen Freund vor mir habe, und ich werde Dir eben ſo ehrlich meine Antwort ſagen.“ „Wohlan! Du bringſt uns beide ſogleich auf den richtigen Weg. Ja, Maximilian, mich führt eine große, eine wichtige Abſicht hierher— und ich werde Dir nichts verſchweigen, denn viel liegt für Dich auf meinem Herzen— ſage Du mir aber zuerſt, was führt Dich hierher und welchen geheimen Plan birgt das tiefe Geheimniß, mit dem Du Dich hier umgiebſt?“ „Iſt meine Anweſenheit an dieſem Orte nicht ſehr natürlich? Iſt dies nicht mein Haus— gehören die umliegenden Ländereien nicht mir? Kann ich nicht hier ſo gut wie andersto meine Tage in Ruhe be⸗ ſchließen?“ „In Ruhe, Maximilian? Sieh, auch Du er⸗ rötheſt bei dieſen Worten. Und ich will Deine Rede mit dem Gedanken ergänzen, den Du mir verbirgſt: und liegt nicht dort in der Nähe dieſes Hauſes die * —- 278— Grenze meines Vaterlandes, nach der ich mich ſo viele Jahre vergeblich ſehnte— athmet nicht wenige Schritte von hier das herrliche und unvergeßliche Weib, welches ich immer liebte und noch liebe und um welches man mich ſo hinterliſtig betrog? Und endlich, Maximilian — o laß mich die ganze Wahrheit ſagen— wohnt da drüben, jenſeits jener Berge, nicht der gewaltige Mann, der mich um dieſe Liebe, des Lebens höchſtes Glück, betrog— habe ich nicht ein Recht, in ſeiner Nähe mich einzuniſten und mit meinem Auge ſein Be⸗ ginnen zu durchſpähen und mit meinem Arm ſeine Bahn zu durchkreuzen?“ Betroffen von meinen lebhaft geſprochenen Worten, ging er heſtigen Schrittes vor mir auf und nieder, ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich ſtürmiſch und ſeine Augen blitzten, wie ſie blitzen konnten, wenn ein Sturm ſeinen Buſen durchwühlte. „Jal“ rief er endlich und blieb mit plötzlich er⸗ bleichendem Geſicht dicht vor mir ſtehen—„Ja, Du haſt Recht, Du haſt mich errathen, Du haſt meine Sehnſucht, meine Liebe und— meine Rache nicht ver⸗ geſſen, ſo wenig wie ich. Wohlan denn, höre es, Du, der Du ſein Diener biſt und für ſein Leben und ſeine Ruhe Deine Nächte opferſt, wie ich auch die meinen geopfert hätte, wenn es mir vergönnt geweſen der Umſtände jetzt dieſelbe Stellung inne haſt, die ich einſt, minder glücklich als Du, die meine nannte, höre es und verhindere es, wenn Du kannſt,— ich bin hierher gekommen, um mich an Deinem Fürſten und Herrn— denn der meine iſt es nicht mehr— wie ich es ihm und mir zugeſchworen, und wie es Gott gelobt, auf eine Weiſe zu rächen, die einzig in ihrer Art und unerhört, aber— aber, ſeiner verſtockten Bos⸗ heit und meiner endloſen Qual würdig iſt.“ Ich trat auf ihn zu, ruhig und gefaßt, legte meine Hand auf ſeine Schulter und ſah ihm feſt in das ſo ſchöne, ſo glänzende, aber auch von glühendem Haſſe ſo düſter blitzende Auge, indem ich ſagte: „Maximilian, höre auch mich. Die bitteren Ge⸗ fühle, die Deine Bruſt bewegen und Deine geſtählte Kraft zu dunklen Thaten treiben, ſind gerecht; ich kann ſie Dir nicht verdenken, denn man hat Dich gröblich mißhandelt. Aber höre mich ganz an und ſchau' in mein Auge, Mann, und ſenke das Deine nicht in die Nacht Deiner trüben Gedanken— ich, ich ſage es Dir und ich ſchwöre es Dir: Du wirſt Dich nicht an dem Herzog rächen, oder nur auf eine Deiner würdigere Weiſe. Denn, wenn Du Dich auch. vollkommen kennſt und Deinem Grimme dieſe Rache 2 —— wäre— Du, der Du durch eine unbegreifliche Fügung — 280— gelobt haſt— ich kenne Dich und Dein edles Herz beſſer als Du.“ „Spende meinem Herzen keine ſchmeichleriſchen Lobſprüche— ich bin kein Knabe mehr, denn ich bin zwanzig Jahre älter als Du. Mein Haar fängt an zu erbleichen und die Faſern meines Herzens haben längſt den höchſten Grad ihrer Härte erreicht— aber Du irrſt Dich in meinen Vorſätzen, wenn Du ſie für ſchwankend hältſt— ſie ſind unerſchütterlich— ja, ſie ſind es, und Niemand, ſelbſt Du nicht, wird ſie aus meiner Seele reißen.“ „Niemand, Max? Wenn es nun aber doch Je⸗ manden giebt, der dieſen Verſuch unternähme?“ „Nenne ihn mir— und ich werfe ihn zu den Todten.“ „So wirf mich dahin— denn ich bin es, der Dich nicht allein liebt, ſo innig liebt und hoch verehrt, ſondern ich bin es auch, der Dich vor Dir ſelber ſchützen will, denn was Du zu thun beabſichtigſt, iſt Deiner und des erhabenen Geiſtes unwürdig, den der Schöpfer der Welt ſo verſchwenderiſch in die Falten Deiner Seele gelegt hat.“ Er ſah mich ſtarr an und ſchien betroffen von dem tiefen und ergreifenden Tone, mit dem ich dieſe Worte geſprochen hatte.„Und Du biſt es,“ fragte er — 281— endlich mit unglaublicher Wehmuth,„Du, der dieſese an mir wagen will? Haſt Du den Tannenwald beim Kloſter der Franziskaner vergeſſen?“ „Nein, ich habe nichts vergeſſen— ich bin der⸗ ſelbe, der ich damals war. Aber ich habe etwas da⸗ zu gelernt, was ich damals noch nicht wußte, was ich aber jetzt— hier Dir zu ſagen gekommen bin.“ „So laß es mich hören, um von mir zu ver⸗ nehmen, daß ich es für nichtig erkläre.“ „Magſt Du es thun, wenn Du es kannſt. Alſo Du willſt Dich rächen? Was bezweckſt Du damit? Du willſt einen Anderen ſtrafen. Wohl! Er hat dieſe Strafe verdient. Wie aber, ſchaffſt Du Dir da⸗ mit das verlorne Glück wieder? Kannſt Du Dir ein neues Leben damit geben, aus welchem alles Böſe, was Dein Leben öde und traurig gemacht hat, ver⸗ wiſcht iſt?“ „Mein Glück liegt hinter mir, ich habe darauf verzichtet.“ „Das haſt Du nicht, das darfſt Du nicht. Denn ich, ich bin hier, um es Dir als ein einſt verlorenes, jetzt eben wiedergefundenes, von Neuem darzubringen,. es in Deine Hand zu legen und Dir— wenn ich Dir auch Deine Jugend nicht wiedergeben kann— — 282— einen glücklichen und ſanſten Lebensabend, ein reueloſes Alter zu bereiten.“ „O! Du verſprichſt viel— beinahe daſſelbe, was mir einſt wohl ſüße Träume im Schlafe verheißen haben; aber, mein Freund, Du biſt kein Gott, nicht einmal ein Zauberer— Du kannſt nicht mehr ihun, als Menſchen thun— und das iſt für mich zu wenig.“ „Auch Menſchen vermögen oft viel. Irre Dich nicht in mir. Nicht vergeblich hat mich die Vorſehung Dir zum zweiten Male in den Weg geſtellt— zum Lerſten Mal begegnete ich Dir auf dem Montmartre wieder— heute begegne ich Dir hier. Siehſt Du darin keine höhere Fügung? Du ſchweigſt. So will ich vollenden. Harter und ſtolzer Mann, Du haſt in Deinem Herzen Kummer und Wehmuth— aber Du haſt über den ſteten Blick in Dein eigenes Herz ver⸗ geſſen, auch in das Herz Anderer zu ſchauen.“ „Und in welches ſoll ich ſchauen, um Troſt und Freude für das meine zu gewinnen?“ „Glaubſt Du Kummer und Wehmuth allein für * dDich geſchaffen? Ich will Dich eines Beſſeren belehren. Nei zuerſt in das Herz Deines Feindes— des Herzogs.“ „Was würde ich da ſehen, als Trotz und Hoch⸗ NX muth, Leichtſinn und Uebermuth?“. 4 — 283— „O! Du haſt vergeſſen, daß ein allſehende CFcichtender Gott lebt. Und dieſer richtende Gott hat alle jene ſchlimmen Eigenſchaften, die Du eben nannteſt, 1 ausgewiſcht aus ſeinem Herzen und ſtatt ihrer Sorge, Qual, Elend und Reue darin zurückgelaſſen— denn ſieh, meine Augen, die hier vor Dir von wahrer Menſchenliebe glänzen und in Deine Seele fürſprechend dringen— ſie haben tief auch in ſeine Seele ge⸗ ſchaut, und was ſie da gefunden haben, o Max— das gönne ich Dir nicht.“ Er ſchwieg und ſenkte immer tiefer ſein Haupt. Ich nahm es für ein gutes Zeichen und enthüllte ihm meine mit dem Herzog zugebrachten Nächte, wie er ſelbſt das Geſpräch auf ihn gebracht und ſeine Weh⸗ muth und ſeine Reue über das Vergangene vollſtändig geſtanden und beklagt habe. „Es iſt nicht möglich,“ rief er, als ich zu Ende war.„Er kann mich nicht geliebt haben, denn er hat mir zu wehe gethan!“ „ Das fühlt Niemand mehr als er, und er würde Millionen dafür geben, die Vergangenheit ungeſchehen. zu machen, die ihm Tag für Tag und Stunde für. Stunde— ſo ſagte er ſelbſt— nach jener That ver⸗ düſtert und verbittert hat.— Aber ich bin roi nicht 284— fertig mit meinem Wiſſen. Ich kenne noch ein anderes Herz, in welches Du blicken mußt—“ „Und welches wäre das?“ „Kennſt Du eine Gräfin Brandſtein?“ „Fritz Stilling— woran mahnſt Du mich?“ „Woran ich Dich mahnen muß— kennſt Du ſte?“— „Ja, ich kenne ſie— ich habe ſie wenigſtens ge⸗ kannt—“ „Du weißt alſo auch, daß ſie zehn Minuten ent⸗ fernt von hier, in einem ſtillen Thale, in tiefſter Ab⸗ geſchiedenheit ein Leben voll chriſtlicher und menſchlicher Liebe lebt?“ „Ich habe es gehört, aber was ſoll das hier?“ 4 „Weil ich auch als ihr Anwalt vor Dir ſtehe — denn wiſſe, ich bin auch ihr Freund geworden und habe auch in ihr Herz geblickt—“ „Sprich, Du Allwiſſender— oder Du tödteſt mich—“ Und ich erzählte ihm, wie mich der Zufall zur Gräfin geführt und mich zu ihrem Freunde gemacht, wie ſie mir ſelbſt in einer ſtillen Stunde ihr Schickſal mitgetheilt, und wie Maximilians immer gehegte Vor⸗ ausſetzung die richtige geweſen, daß ſie unſchuldig,/ — 285— vollkommen unſchuldig, und einzig und allein als ein Opfer der Bosheit ihrer eigenen Mutter gefallen war. „Und haſt Du kein Gefühl mehr für ſie,“ fragte ich,„für ſie, die noch ſo viel für Dich hat? Willſt Du auch ſie gänzlich elend machen, indem Du Deine Rache an dem Herzog übſt, und willſt Du dadurch eine Scheidewand zwiſchen Euch aufſtellen, 4 die Euch auf ewig trennt?“ e Er hatte ſich geſetzt und ſeinen Kopf in ſeine Hände gelegt. Ich trat an ihn heran und legte eine Hand auf ſeine Schulter.„Und ich bin noch nicht fertig mit meinen Vorſtellungen,“ fuhr ich fort.„Ich will Dich noch in andere Herzen blicken laſſen— merke auf Maximilian— vielleicht findeſt Du in ihnen, was Du ſo ſehr zu wünſchen ſcheinſt, Grund und Stoff zur Sättigung Deiner Rache.“ „Rache? An wem könnte ich mich noch rächen, als an dieſem Einen?“ „Ich will Dir ſogar Dreie dafür geben. Er⸗ innerſt Du Dich noch an das ſprechende Heiligenbild im Franziskanerkloſter?“ „Hal Woran erinnerſt Du mich?“ „An die drei Jeſuiten, die Dir, dem edlen Wilde, nachzuſpüren gekommen waren und ſo ſchreckliche Worte in jener unvergeßlichen Nacht ausſprachen, daß Du — 286— mir ſelbſt von ihnen ſagteſt: Merke Dir dieſe hölliſchen Worte. Faſſe ſie in Dein Gedächtniß und Dein Herz, und wenn Du dieſer Brut begegneſt, vertilge ſie mit der Flamme Deines reinen Geiſtes, erſticke ſie in den Netzen ihrer eigenen Schlauheit und beweiſe ſo der Welt— Gott— Dir ſelber, daß Du nicht biſt wie einer von dieſen.“ „Und dieſe Brut— dieſe prahleriſche Brut?“ „Sie ſind nicht allein prahleriſch geweſen, ſie ſind vollkommene Schurken geworden, denn ſie haben ihre damaligen Worte in Wahrheit betnanidalt— „Du ſpannſt mich auf die Folter— „Aber ſieh, ſie ſind in meiner Hand; ich halte ſie feſt, ſie ſind mein— Dein, wenn Du willſt, und Du kannſt ſie zertreten. Denn ſie ſind die böswilligen Rathgeber des ſchwach und elend gewordenen Fürſten, den Du zu vernichten gekommen biſt, durch die er, an den Rand des Verderbens gelockt, ſein Volk in's Unglück ſtürzt und ſein ſchönes Vaterland in ein Bet⸗ haus voller heuchleriſchen Gewinſels verwandelt. Sie allein haben die furchtbaren Kabalen geſchmiedet, unter denen Deine Landsleute ſeufzen und in Unzufriedenheit gegen den Thron ihres Herrn murren, denn wiſſe“— und nun erzählte ich ihm, wie die drei Männer ſich allmälig emporgeſcheeungen und, durch äußere Ver⸗ — 287— hältniſſe begünſtigt, endlich ſich des Ohres des Her⸗ zogs bemächtigt und ihn an die Schwelle des Religions⸗ wechſels ſogar geführt hatten—„und ſiehe,“ ſo endigte ich meine Erzählung,„an dieſem Gelingen ihrer ſcheußlichen Pläne— biſt du Schuld—“ „Ich? Du willſt mich auch noch beſchimpfen?“ „Nicht beſchimpfen— aber ich muß die Wahrheit ſagen, die ich hier vertrete. Du haſt den Samen jener myſteriöſen Schwärmerei in das gläubige Herz des Herzogs geſtreut, indem Du ihm Kenntniß gabſt von einem höheren Seelenzuſtande der Somnambulen, der Hellſeherei. Er hat Dir auch darin geglaubt, wie er Dir immer glaubte und dieſen Glauben bis zum Aber⸗ glauben fortgebaut. Jene drei hölliſchen Rathgeber haben den Grund gelegt gefunden, worauf ſie das Ge⸗ bände ihrer Täuſchung errichten konnten, und ſie ſind eifrig und ſchlau genug zu Werke gegangen. Denn ſie haben den Keim, den Du in ſeine Bruſt gelegt, zur Giftpflanze aufwuchern laſſen und ihm eine Seherin vörgeführt, die von Gott ſelbſt geſendet zu ſein ihm vorlügt und ihn bewegt, wozu ſie ihn zu bewegen an⸗ geleitet iſt. Da aber habe ich mich Deiner Worte im coſter erinnert und bin zwiſchen ihn und ſeine Ver⸗ derber getreten, indem ich ihm zurief: Halten Sie ein, 4 — 288— Herr Herzog, Sie irren in Ihren Vorausſetzungen, denn auch Herr von Schellenberg hat ſich darin geirrt—“ „Woher weißt Du das?“ „Von dem Profeſſor K... in Berlin, der mir es ſelbſt geſagt.“ „Wie? Stehſt Du mit dem Teufel im n Bunde, daß Du Alles weißt?“ „Mit Gott, ſage lieber, denn er hat meine Wege dahin gelenkt, wo ich erfuhr, was mir zu wiſſen noth⸗ wendig war.“ Er ſchwieg lange und ſtarrte in die kniſternde Gluth des Feuers, das im Kamine praſſelte und ein Stück Holz nach dem andern in Kohle verwandelte. Plötzlich drehte er ſich heftig zu mir herum und fragte ſchnell: „Iſt das Alles wahr, was Du mir ſo eben geſagt?“ „Ich will es auf das Evangelium beſchwören!“ „Dann laß mir eine Stunde Zeit— ich will allein mit mir zu Rathe gehen— Du ſollſt meinen Entſchluß nach Ablauf dieſer Stunde erfahren“.. „Ich gebe ſie Dir, aber ich halte ſie ſtrenge inne — nach der abgelaufenen Zeit bin ich wieder bei Dir.“ Ich ging hinaus und begab mich zu den eden alten Freunden, die mich in großer Bewegung erwarteten und verwundert in mein flammendes Geſicht ſchauten. — 289— „ Du haſt viel Zeit gebraucht, was haſt Du aus⸗ gerichtet?“ fragte Ludovikus. „Ich habe ihm meine Arznei tropfenweiſe einge⸗ gooſſen und er trägt ſie jetzt in ſeinen Eingeweiden mit ſich herum. Ich bin gewiß, daß ſie wirken wird— warten wir eine Stunde, ſo lange hat er ſich Bedenk⸗ zeit ausgebeten.“ Und die Stunde ging raſch vorüber. Ich trat wieder bei ihm ein und ſagte:„Deine Stunde iſt ver⸗ floſſen, Maximilian, nun aber iſt die meine gekommen.“ Er ſaß wieder, wie vorher, auf dem Seſſel und hatte das Geſicht in den Händen verborgen. Ich näherte mich ihm und hob ſeinen Kopf empor. Da ſah ich Thränen, heiße Thränen ſein Antlitz über⸗ fließen, das wohl wenige dieſer koſtbaren Tropfen ge⸗ ſehen haben mochte. Ich hatte ſchon meinen Pelz übergeworfen und hielt meinen Hut, zum Weggehen ggerüſtet, in der Hand. Er bemerkte es ſogleich, als er ſein Auge zu mir erhob. „Was haſt Du beſchloſſen?“ fragte ich mit ſo weichem Tone, wie ich ihn annehmen konnte. „Willſt Du mich ſchon verlaſſen?“ „Ich habe heute noch mehr zu thun.“ „Wohin gehſt Du von hier?“ „Zur Gräfin Brandſtein, die mich erwartet.“ Fritz Stilling. IV. 19 — 290— „Ha! Und weiß ſie, daß ich hier bin?“ „Sie hat keine Ahnung davon.“ „Kann ich ſie ſehen— von Weitem nur 2* Ich überlegte.„Es iſt möglich,“ ſagte ich,„aber Du darfſt ſie nicht erſchrecken, ſie iſt auf nichts vor⸗ bereitet.“ „Laß ſie mich ſehen, und wenn— wenn ihr Auge noch eine Spur der alten Flamme bewahrt— ſo— ſo „Was dann?“ „So will ich Dir bei ihr— meine Antwort geben.“ „Das nehme ich an— komm, ich will Dich zu ihr führen.“ Es war acht Uhr Abends, als wir das Schloß verließen und die kalte Nachtluft unſere heißen Stir⸗ nen umfächeln fühlten. Aber dieſe Luft war auch kräftig und belebte mein Blut wieder, mich zu neuen Hoffnungen ſtählend. Er hatte meinen Arm gefaßt und ſchritt lebhaft aber ſchweigend neben mir her. So ſtiegen wir den Berg hinauf und erreichten die Stelle, wo die aufgehäuften Steine die Grenze des herzoglichen Gebietes bezeichneten. „Sieh, Maximilian,“ ſagte ich,„hier iſt die Schwelle Deines Baterlandes. Bis hierher hat mich — 291— Emmeline ſelber begleitet, als ich zum erſten Male nach Stromberg ging.“ „Und was wollteſt Du auf Stromberg?“ „Ich kam im Auftrag des Herzogs, hoffend, das ſchöne Gut um jeden Preis für ihn kaufen zu können, denn er hatte lange nach ſeinem Beſittz getrachtet.“ „Und weißt Du, warum? Aber laß mich auf dieſen Steinen einen Augenblick verweilen. Hatte er vielleicht eine Ahnung, daß ich der unbekannte Käufer ſein könne?“ „Ich weiß es nicht genau, aber es iſt möglich. Er ſah Dich im Wachen und im Traume alle Tage lvoor ſich ſtehen und fürchtete Deine Nähe—“ „Aha, das war ſein Gewiſſen!“ „Wohl war es das. Mir aber ſagte er, er wolle ceeinen fremden Nachbar in ſo unmittelbarer Nähe der Graäfin dulden.“) 5„Alſo er liebt ſie noch?“ „Nein, das weiß ich gewiß, aber er achtet ſie hoch wegen ihrer ſeltenen Tugenden.“ „So laß uns weiter gehen.“ Wir ſtiegen raſch Berg auf, Berg ab; endlich kamen wir vor Brandſtein an.. dier ſind wir am Baie ſagte 19. nſieh die — 292— reizende Gegend, ſelbſt in der Nacht und im Winter iſt ſie ſchön.“ „In dieſem einſamen Schlößchen wohnt Em⸗ meline?“ „Ja, hier wohnt ſie.“ Wir näherten uns dem Hauſe, um welches herum die tiefſte Stille herrſchte. Ich ſpähte nach allen Seiten, ſah aber Niemanden, der uns hätte belauſchen können. Wir betraten die Veranda. Ich wußte, daß die Gräfin mit ihren Gäſten in dem großen Saale war, deſſen jetzt verſchloſſene Thüren auf dieſe Veranda führten. Maximilian ſetzte ſich auf eine Stufe der Treppe und ſeufzte laut. Da hob er plötzlich ſein Haupt empor und horchte aufmerkſam. Und auch ich öffnete mein Ohr, denn eine mir nur zu wohlbekannte Stimme ließ in dieſem Augenblick ihre glockenreinen Töne durch die verſchloſſenen Thüren und Fenſter weit in die ſtille Nachtluft hinausklingen. Maximilian ſprang auf.„Was iſt das für eine wunderbare Stimme?“ fragte er erbebend.„Sie er⸗ innert mich wie der Ton der Nachtigall an den Früh⸗ ling meines Lebens.“ „Laß ſie Eingang finden in Deine Seele— Du haſt noch viele Frühlinge vor Dir. Es iſt aber die Stimme meiner Jugendfreundin, der ehemaligen kleinen 4 — 293— Chriſtel, die ich in Amſterdam kennen gelernt und von der ich Dir ſchon in meiner Kindheit erzählt habe.“ „Nein, nein, nein, ſie iſt es nicht. Ich verſtehe mich auf ſchöne Stimmen. Und ich glaube ſie zu kennen, denn ſo kann nur ein Engel ſingen.“ „Du tänuſcheſt Dich nicht, Sidi iſt ein Engel—“ „Die Sidi? Aus Berlin? Wie kommt dieſes hochbegabte Weſen hierher?“ „Es iſt meine Chriſtel, Chriſtel van Hees— ich ſage Dir es ja. Ich habe ſie zum Herzog eingeladen, ſie iſt gekommen, ſie wohnt bei meiner Mutter und ich habe ſie heute der Gräfin vorgeſtellt.“ „O Du Glücklicher! Bewundre dieſe Stimme, ſie dringt bis in's tiefſte Herz und beſeligt es—“ „So laß ſie in das Deinige dringen und es zur Milde bewegen— auch Du kannſt noch glücklich werden.“ „Laß mich Emmeline ſehen und ich will es für möglich halten.“ Ich trat auf die Veranda und näherte mich einem der Läden, welche die Fenſter verſchloſſen. Ich wußte, wie man ſie mittelſt einer Feder von Außen öffnen konnte und vermuthete, daß ſie, da es noch früh war, von Innen nicht verriegelt waren. Ich fand meine Vermuthung beſtätigt; der Aden ſprang ohne Geräuſch auf und ich ſchlug ln vorſichtig ein paar — 294— Finger breit zurück. Maximilian war ſchon hinter mir und ſchaute mit vorgebeugtem Kopfe und keuchendem Athem in's Innere des vor uns liegenden Zimmers. Auf einem großen Tiſche brannte ein koloſſaler Weihnachtsbaum mit hundert farbigen Lichtern; er ſtreute einen beinahe magiſchen Schein durch das große, glänzende Gemach. Auf dem Tiſche lagen die Ge⸗ ſchenke, die die liebreiche Gräfin ihren Freunden heute geſpendet. Die Kinder, ihre Pflegebefohlenen, hatten die Gaben der Liebe ſchon empfangen und waren wieder entlaſſen. Die Gräfin war alſo mit ihren Gäſten allein. Aber ich ſah ſie ſelber nicht. Sidi, ihre voll⸗ kommene ſchöne Geſtalt in ein graues Atlaskleid ge⸗ hüllt, ſaß am Flügel und ſang einige kleine ſanfte Wiegenlieder, die das Herz des Menſchen milde und vergebungsreich ſtimmen. Vor ihr ſtanden die beiden Noringen, Vater und Sohn, ihr zur Seite Thekla, alle drei in tiefes Entzücken verſenkt. „Ha, ſie iſt es, es iſt die Sidi!“ hörte ich ihn an meiner Seite flüſtern.„Aber wer iſt die andere junge Dame in dem roſarothen Kleide?“ „Es iſt Thekla, der Gräfin und des Herzogs Tochter—“ „Hal ſie iſt bn ähnlich!“ — 295— „Aber nicht ihm allein. Er ſagte mir ſelbſt, ſie habe von ihm nur das Körperliche— von einem An⸗ deren aber die Seele.“ „Wer iſt dieſer Andere?“ „Frage Dich ſelber. Emmeline hat nur Einen geliebt und dieſer Eine— biſt Du!“ „Still!“ rief er und barg ſeinen Kopf an meiner Bruſt. „Du wollteſt mir hier Deine Antwort geben, Maximilian— Er ſchwieg, aber— er weinte. „Eine Antwort will ich haben, Du haſt ſie mir verſprochen.“ „Gehe hinein und zeige mir die Gräfin!“ ſprach er mit haſtiger, flüſternder Stimme.„Stelle ſie mir hier an das Fenſter, daß ich ihr Geſicht ſehen kann, — dann, dann— wenn Du mich nachher nicht wieder findeſt— kehre ruhig nach Hauſe zurück.“ „Und Deine Antwort?“ „Erwarte mich morgen Abend allein in Deinem Zimmer— Niemand darf mich ſehen— ich will zuerſt meinen alten Vater beſuchen und Noringen— und dann Dich.“ 3„Und kann ich auf Dein edles Herz rechnen, mein alter, treuer, wohlwollender Freund?“ . — 296— „Rechne, worauf Du willſt. Aber gehe hinein und quäle mich nicht länger.“ Ich drückte ihm die Hand und verließ ihn, um mich durch die hintere Thür in's Haus zu begeben. Als ich in's Zimmer getreten war und die Verſam⸗ melten begrüßt hatte, ſah ich mich ſchnell nach der Gräfin um. Sie hatte ſich in einen Winkel zurückge⸗ zogen, um ihren Thränen, die ihr Chriſtels Geſang ausgepreßt, im Stillen freien Lauf zu laſſen. Ich winkte ihr, und ſie folgte mir ſogleich, unbemerkt ihre naſſen Augen trocknend. Ich ſtellte mich mit dem Rücken gegen das Fenſter, ſo daß ſie mit dem Geſicht dahin gewendet ſtand. „Wie gefällt Ihnen meine Freundin, gnädigſte Frau?“ Sie lächelte freudig. Das wollte ich; ſie war ſo ſchön, wenn ſie lächelte. „Sie haben uns einen Schatz zugeführt,“ ſagte ſte innig. „Das iſt ſie auch— alſo ſie gefäll Ihnen?“ „Köſtlich! O wie ſchön und reizend ſie iſt! Und ſie ſpricht eben ſo ſchön, wie ſie ſingt, und ſie fühu, wie ſie ſpricht.“ „Haben Sie viel mit ihr geſprochen?“ — 297— „Ich habe ihr ganzes kindliches Herz durchforſcht — Sie blieben ſo lange fort— haben Sie etwas ausgerichtet?“. „Ich hoffe es.“— Da war es mir, als hörte ich einen lauten Seufzer dicht hinter mir an die Schei⸗ ben ſchlagen. Ich drehte mich unwillkürlich um, aber ich konnte in dem Dunkel, welches draußen herrſchte, nichts erkennen. In dieſem Augenblick trat Sidi an uns heran und bot mir freundlich die Hand. In ihrem Auge lag etwas Schwimmendes, Verführeriſches, was ich noch nie darin wahrgenommen hatte. Ich drückte ihre Hand und nickte ihr zu. „Haſt Du ihn gefunden?“ flüſterte ſie. Ich nickte abermals und begab mich zu den übrigen Gäſten. Die beiden Noringen blickten mich verwundert an, ſie hatten keine Ahnung gehabt, daß ich im Beſitz einer ſo ſchönen Verwandten ſein könne.— Eine Stunde ſpäter verließen wir Brandſtein. Vater und Sohn fuhren in ihrem, Sidi und ich in meinem Wagen zurück. Ehe ich aber das Haus ver⸗ ließ, näherte ſich mir die Gräfin und legte mit be⸗ deutungsvoller Miene eine ſchöne, große, weit geöffnete Roſe in meine Hand. Dabei lächelte ſie verſtohlen und deict den Finger auf ihre ſchwellenden Lippen. 1— „“— — 298— „Was ſoll die ſchöne Roſe, gnädigſte Frau?“ „Still! Sehen Sie ſie an— ſie iſt weit geöffnet. Ich wünſche Ihnen Glück.“— Ich ſaß ſchweigend und nachdenkend neben Sidi, eben ſo ſchweigend und nachdenkend hingen ihre Blicke an meinem Geſichte. Ihre Augen ſchienen noch zu ſchwimmen. „Warum blickſt Du mich ſo wunderbar geheim⸗ nißvoll an?“ fragte ich ſie. Sie näherte ſich mir und legte ihren lockigen Kopf ſanft auf meine Schulter. „Wie gefällt Dir die Gräfin?“ fuhr ich nach einer Weile fort, um doch etwas zu ſprechen. „Sie iſt immer noch eine ſchöne und herrliche Frau.“ 1 „Du haſt Recht— womit habt Ihr Euch die Zeit vertrieben, als ich weg war?“ „Du bliebeſt zwar lange, aber die Zeit iſt mir kurz geworden. Sie hat mir viel von Dir erzählt, dieſe ſchöne Frau.“ 1. „Was kann ſie Dir von mir erzählt haben, was Du noch nicht wüßteſt?„) „Ol es giebt ſo viele Dinge, die Werth für uns Frauen haben, von denen Ihr Männer nichts wißt!“ rief ſte und ließ mit ihrer hellen Silberſtimme ein ſo — 299— fröhliches Lachen erklingen, daß es mir wonniglich durch Mark und Bein ſchauerte.„Aber Du mußt nicht Alles hören wollen, was ſie mir anvertraut hat,“ fuhr ſie fort,„Frauen haben ja immer Geheimniſſe, wie Du weißt. Erzähle mir lieber, was Dein Freund Maximilian geſagt hat.“ „Ja,“ ſagte ich,„das will ich!“ Und ich erzählte ihr Wort für Wort unſere inhaltreiche und bedeutungs⸗ ſchwere Unterredung. X. Die Sylveſternacht. Am Abend des erſten Weihnachtstages hielt ich mich zu Hauſe; vom Eintritt der Dunkelheit an erwartete ich mit wachſender Spannung den verſprochenen Beſuch Manximilians. Aber er kam nicht. Schon wurde ich unruhig und ging mit mir zu Rathe, wie ich im Fall ſeines Ausbleibens mich verhalten ſollte, als um neun Uhr mein Diener einen Fremden meldete, der ſeinen Namen zu nennen ſich weigere. Ich begab mich ſelbſt hinaus und ſiehe, er war es, der längſt Erſehnte. In mein Zimmer mir folgend, blickte er ſich forſchend um. „Sind wir ganz allein, Fritz, und vor jeglicher Belauſchung geſchützt?“ „Ja, Maximilian, Du kannſt es von mir nict anders erwarten; lih habe für Alles geſorgt.“ — 301— „ Du wohnſt hübſch hier und in einem ſchönen Hauſe. Deine Verhältniſſe ſind alſo günſtig?“ „Ich danke meinem Gott für alles Gute, was er mir ſo reichlich gegeben hat. Kann ich ihm auch da⸗ für danken, daß er Dich mir wiedergegeben hat?“ „Wie meinſt Du das?“ „Darf ich Deinen Eintritt in mein Haus einen geſegneten nennen?“ Er reichte mir die Hand und blickte mich lächelnd an.„Du haſt Wort gehalten,“ ſagte er,„Du haſt ſie mir gezeigt— ſie iſt noch ſchön— die Jahre ſind beinahe ſpurlos über ſie dahin gegangen— nur in ihrem Innern hat der Gram gewüthet— ſie gehört auch in dieſer Beziehung zu den Auserwählten.“ „Ich bin derſelben Meinung, aber— welche Ant⸗ wort bringſt Du mir?“ „Siehſt Du es nicht an meinem aufgehellten Ge⸗ ſicht? Wäre ich überhaupt gekommen, wenn ich Deinen Wünſchen zu widerſtreben mich geneigt fühlte? Hier haſt Du meine Hand— Du haſft dieſes ſtolze, felſen⸗ feſte Herz mit dem lebendigen Hauche Deiner milden Seeie beſiegt— ich ſchone den Fürſten dem Vater⸗ lande zu Liebe, welches Buben zerfleiſchen— ſiehe alſo da, was Du für ein großer Meiſter geworden bbiſt!“ Rühme mich nicht für eine That, die Jeder ge⸗ than hätte, der mit einem Manne, wie Du biſt, zu verhandeln hatte, zumal wenn er, wie ich, in ſeinem Leben immer ſeine Pflicht zu erfüllen gelehrt worden iſt. Ich habe Dich nicht durch eigene Gewalt und Ueberlegenheit, ſondern mit Hülfe der Waffen beſiegt, die Du ſelbſt in meine Hände gelegt. Maximilian allein konnte den Maximilian beſiegen! Aber was ſagſt Du zu dieſen drei verruchten Menſchen? Wer hätte es für möglich gehalten, daß ſie uns bis heute zu ſchaffen machen würden?“ „Meinſt Du die Prediger der Buße? Ha! Bald ſollen ſie ſelber Buße thun. Ihretwegen komme ich zu Dir— ich will ihnen mit meinem ſchärfſten Meſſer bis an die Seele dringen— meine Rache wird gründ⸗ lich und ſchrecklich, aber auch gerecht ſein.“ „Was willſt Du mit ihnen beginnen?“ „Das laß allein meine Sorge ſein. Gegen ge⸗ wöhnliche, menſchliche Waffen ſind ſie ſtich⸗ und hieb⸗ feſt, eine kleine Doſis Gift tödtet ſie nicht. Ich mußte mir daher ein ganz eigenes hereiten, womit ich ſie er⸗ würgen will. Ich habe die ganze Nacht mit dieſem Ludwig darüber gebrütet. Er hat einen vortrefflichen Gedanken gehabt, einen wahren Satansgedanken, wie 4 — 303— er ſie in ſeiner genialen Abentheuerlichkeit bisweilen erzeugt, und den will ich ausführen.“ „Meinſt Du den Ludwig Devrient? Alſo ihn? Aber ſage mir zuerſt, zu welchem Zwecke hatteſt Du ihn mit auf Dein Schloß genommen?“ „Mein Freund, ich fand Gefallen an ſeinem eigen⸗ thümlichen, halb göttlichen, halb teufliſchen Weſen, woraus ſeine Natur zuſammengeſetzt iſt. Solche Men⸗ ſchen kommen in einem Jahrhundert nur ein Mal vor. Ich hatte gehört, der Herzog wolle dieſen großen Künſtler ſehen und ſich an ſeinem Talente erfreuen. Da nahm ich mir vor, ihm demſelben in ſeiner ganzen Größe, aber in einer nach meiner Abſicht geformten Geſtalt zu zeigen. Es gelang mir, das kindlich lenkſame Ge⸗ müth des ſeltſamen Mannes für mich und meinen Plan zu gewinnen; wir arbeiteten gemeinſchaftlich an meiner ſo lange aufgeſparten Rache. Da kamſt Du geſtern und machteſt einen Strich durch dieſen Plan. Ich gab den erſten auf und habe nun einen zweiten entworfen, der jenem aber ähnlich iſt und der ohne Wandelung ausgeführt werden ſoll. Frage mich in⸗ deſſen nicht, wie er beſchaffen iſt. Du ſollſt damit Qüberraſcht werden und Deine Freude daran haben. Du wirſt eingeſtehen, daß er meiner und unſeres er⸗ habenen Zweckes würdig iſt. Dazu mußt Du mir * — 304— aber noch Manches mittheilen, was ich wiſſen muß⸗ und deshalb bin ich heute Abend hierher gekommen. Bei meinem Vater und meinem Freunde Noringen bin ich ſchon geweſen und ich werde ſie auch morgen noch ſehen. Sie ſind von meinem Vorhaben unterrichtet und ſtimmen mir vollkommen bei. Auch Meiſter Lud⸗ wig wird morgen zu Dir kommen und ſich nach ver⸗ ſchiedenen Dingen erkundigen. Gewähre ihm Alles, was er verlangt, fördere mit allen Deinen Kräften ſeine ſonderbaren Wünſche. So viel aber will ich und muß ich Dir ſagen: ich habe die Sylveſternacht zur Ausführung meines Planes gewählt. Ich werde als neuer Beſitzer von Stromberg ein großes Feſt geben. Ich werde den Herzog, die Miniſter, den Biſchof und den ganzen Hof einladen; Alles, was in der Stadt oder in Zurückgezogenheit auf dem Lande lebt, ſoll bei mir erſcheinen— werden aber jene drei Herren dieſer Einladung Folge leiſten?“ „Du mußt ſie durch den Herzog zu dem Feſte befehlen laſſen, dann müſſen ſie kommen.“ „Der Vorſchlag iſt gut— aber der Herzog ſelbſt?“ „Lade ihn immerhin als Beſitzer von Stromberg ein; ſchreibe ihm, Du hätteſt durch mich ſeinen Wunſch erfahren, das Gut zu beſitzen— er ſolle es am Sil 1 veſterabend in Augenſchein nehmen.“ — 305— „Vortrefflich— ich ſehe, Du biſt in einer guten Schule hier bei Hofe geweſen.“ „So etwas macht ſich ganz von ſelbſt. Willſt Du aber den Herzog im Schloſſe ſelbſt empfangen? Er würde Dich augenblicklich erkennen, denn Du haſt Dich faſt gar nicht verändert.“ „Wie kannſt Du das denken! Noringen der Aeltere wird die Pflichten des Wirthes erfüllen und mich entſchuldigen. Erſt wenn die Maſchine ihre Wirk⸗ ung gethan— wollen wir ſehen, ob er mich kennen zu lernen verlangt.“ „Welche Maſchine? Doch nicht etwa eine Hüllei⸗ maſchine?“ „Eine Art davon. Ja, ich will die drei büßenden Frommen bei lebendigem Leibe auf einem Feuer röſten, daß alle Zuſchauer ihre Freude daran haben ſollen. Zählen ſie viele Verbündete bei Hofe?“ „Faſt keinen einzigen.“ „So bin ich zufrieden. Wir werden eine gute Komödie haben. Du mußt mir aber helfen, den Her⸗ zog zur Annahme meiner Einladung zu bewegen; ohne ihn und die drei ſchwarzen Herren wäre das Ganze eine Seifenblaſe.“ „Sei unbeſorgt. Er wird gern kommen, denn er haſcht nach Zerſtreuungen, er langweilt ſich mit den Fritz Stilling. IWV. 20 — 306— Frommen über die Maßen. Darf ich ihm ſagen, daß er Devrient bei Dir ſehen wird?“ „Ha! Du ahnſt meinen Plan. Ja, wenn es nöthig iſt, ſage es ihm. Aber für jetzt genug hiervon. Ich habe noch eine Frage für Dich. Was ſollte die Roſe beſagen, die Dir Emmeline geſtern Abend beim Abſchied ſo bedeutungsvoll in die Hand drückte?“ „Warſt Du noch draußen um dieſe Zeit?“ „Ich habe Euch abfahren geſehen— nun— darf 4 ich es hören?“ „Ja,“ ſagte ich, indem mir plötzlich ein raſcher Gedanke durch den Kopf ſchoß,„ſieh, hier iſt die Roſe!“ Und ich holte ſie vom Fenſter her, wo ſie in einem Glaſe Waſſer friſch und duftig blühte.„Sie 1 gab ſie mir und ließ mich ahnen, daß, ſo weit dieſe Roſe geöffnet iſt, ſo weit auch ihr Herz nur— für Einen offen ſtehe.“ 8 „Wie? Iſt das Wahrheit? Sie liebt mich wirk⸗ 1 lich noch?“ 4 „Noch eben ſo, wie vor fünf und zwanzig Jahren. Das nennt man Treue!“ „Ja, aber ach! welche lange fürchterliche Zeit!“ „Jammere nicht, ſondern genieße! Da haſt Du auch die Roſe zum Andenken.“ d — 307— Er nahm ſie, drückte lange ſeine Lippen darauf und verbarg ſie dann in ſeinem Buſen. „Auch Deine Roſe iſt ocher weit wuſmet, Em⸗ meline!“ dachte ich. ſ Den Reſt des Abends aber bugun wir mit Er⸗ zählungen über die lange Zeit unſerer Trennung hin. Um zwölf Uhr Mittags am nächſten Tage, als Ludwig Devrient. Er ſah munter und vergnügt aus, wie ich ihn noch nie geſehen hatte. Als er in mein Zimmer trat und den jungen Schauſpieler bemerkte, ſtutzte er. „Wie!“ rief er.„Mein Schatten auch hier? Verfolgen Sie mich wirklich durch die ganze Welt, mein Herr?“ „Bis zum Acheron, mein großer Meiſter!“ janchzie freudig der junge ſtrebſame Mann. „Seien Sie ſtolz darauf,“ nahm ich das Wort. „Ein Meiſter wird oft durch ſeine Schüler mehr ge⸗ adelt, als durch ſeine Nebenbuhler. Er hat Sie nun einmal zum Vorbild genommen und beharrt auf ſeinen 20* gerade der junge Seydelmann bei mir war, erſchien 4 — 308— Vorſatze. Das zeugt von großer, ruhiger und alſo bedeutungsvoller Entſchloſſenheit.“ „Sie reden ihm warm das Wort. Nun— ſei es darum! Aber hier bin ich— ich grüße Sie und habe ſogleich einen Wunſch vorzutragen.“ „Wünſchen Sie Spanier, Ungar oder Griechen?“ „Haha! Sie greifen meine ſchwächſte Seite an. Aber heute, jetzt wenigſtens nichts von dem Allen— wir haben Geſchäfte, zum Teufel, mein Herr, und* wichtige Geſchäfte! Jetzt gilt es, den Kopf oben zu behalten. Nachher aber, wenn wir fertig ſind— geben Sie her, ich bin eben kein Koſtverächter von Gottes ſüßen Thränen. Vor allen Dingen aber zeigen Sie mir den Beichtvater Ihrer Somnambule.“ „Den Beichtvater— den im Schloſſe?“ „Denſelben, dieſen hölliſchen Seelenverkäufer!“ „Sie ſollen ihn ſehen.“ „und dann muß ich auch den Biſchof und die 3 erhabenen Miniſter ſprechen, und zwar lange ſprechen. Ich ſterbe vor Verlangen, ihnen zu beichten und ſie beichten zu laſſen.“⸗— „Das iſt eine ſchwere Aufgabe.“ „Nicht ſo ſchwer, wie Sie denken. Ich verſchaffe mir Eingang. Wir haben bereits vorgearbeitet. Ich werde mich ihnen von hohen Perſonen empfohlen vor — 309— ſtellen— von Patriciern und Fürſten— he! ihren* Freunden! Wann kann ich ſie ſprechen?“ „Nachmittags von vier bis ſechs am beſten.“ „Abgemacht! Seydelmann! Heda! Wachen Sie auf aus Ihrem Schlummer— was begrinſen Sie mich ſo? Sie haben mir einmal geſagt, Sie könnten zeich⸗ nen. Sie wollten mich malen. Treffen Sie mit dem Bleiſtift?“ 4„Ich habe dieſe Kunſt einſt zu meinem Vergnügen getrieben und einige Vollkommenheit darin beſeſſen,“ erwiederte der Gefragte beſcheiden. „Verſtehen Sie es noch? Kurz geantwortet und draſtiſch!“. „Ich hoffe es.“. „So werden Sie mich zu den Herren begleiten. Sie können dann mit mir nach Stromberg fahren und bei mir einige Tage verleben. Heda, mein Herr! Es wird Studien regnen— der Himmel wird ein Gewitter ſchicken, Blitz und Sturm ſind ſchon da. Man wird naß werden und ſich ſchütteln— Sie faſſen mit an — wir tauchen Sie unter— tief, bis an die Haar⸗ ſppitzen! Außerdem aber“— wandte er ſich zu mir— 1„muß ich die erſten Schauſpieler Ihrer Bühne beſuchen.“ „Die kenne ich ſchon und weiß, wo ſie wohnen 74 ni Seydelmann nhlosem * — l0— „So ſollen Sie mein Mentor ſein— ich will auch einmal den Telemach ſpielen!“ Und er ſchnitt ihm ein Geſicht, daß mir über dieſen Telemach die Haare zu Berge ſtiegen. „Haha!“ rief er und konnte ſeine Freude kaum mäßigen. 3 „Es giebt eine Komödie, wie ſie noch nie dage⸗ weſen iſt. Aber wir haben auch einen Zweck, der uns in das heißeſte Feuer treibt. Wir wollen einmal ver⸗ ſuchen, was wir können. Losſchlagen wollen wir, eine Schlacht liefern— bluten müſſen ſie alle, die Feinde — bluten, bluten— ha!“ Und während er dies mehr für ſich als für uns laut hervorſprudelte, war er nach ſeiner Art im Zimmer auf⸗ und abgeſchritten, hatte ſeine Glieder hin⸗ und her⸗ gebogen und mit ſeinem bei jedem Gedanken wechſeln⸗ den Geſicht ein Schauſpiel ganz eigener Art aufge⸗ führt. Seydelmann ſtand wie erſtarrt vor ihm und verſchlang jedes ſeiner Worte, jede ſeiner Geberden mit aufgeriſſenen Augen und offenem Munde. Aber der merkwürdige Menſch hatte keine Ruhe im Hauſe. Er ging mit Seydelmann davon, ohne mir faſt einen Gruß zu ſagen, um die Schauſpieler auszuſuchen, die ſeine Puppen werden ſollten und die — 311— er einmal nach ſeiner Manier wollte tanzen laſſen, wie er ſagte.— Am Abende dieſes Tages aber, nachdem er mit Seydelmann den erſten Beſuch beim Biſchof und den beiden Excellenzen gemacht, mit großer Befriedigung heimgekehrt war und ein Paar Flaſchen guten Ungars aus Lehmanns Keller geleut hatte, verlangte er eifrig nach der Somnambule. Ich führte ihn ſelbſt in das geheime Zimmer des Schloſſes, wohin uns ebenfalls ſein Schatten begleitete. Mehrere Stunden ſtand er ohne Regung vor der Schallröhre und den Sehlöchern und that weiter nichts, als daß er ſich vor Entzücken die Hände rieb. Als er endlich mit mir nach Hauſe ging, ſagte er: „Nun noch einen Schluck— dann in den Wagen. Ich bringe große Beute mit nach Hauſe— die Ex⸗ cellenzen gefallen mir, beſonders der Zahn.“ Und er blieb ſtehen und gähnte wie dieſer, ſo daß ich erſchrak und den Bußprediger in zweiter Geſtalt vor mir zu ſehen glaubte. gwei Tage ſpäter kehrte der Herzog vom Belve⸗ dere in die Stadt zurück. Eine Stunde ſchon nach 8 — 312— 3 ſeiner Ankunft ließ er mich durch Bernhard rufen, der mir mittheilte, daß ſein hoher Herr ſo heiter ſei, wie er ſeit langen Jahren nicht geweſen. Ich begab mich in’s Schloß, fand das Vorzimmer leer und den Herzog allein, ich konnte alſo ſogleich vorgelaſſen werden. „Nun,“ ſagte er mit freundlichem Geſichte,„die Feiertage ſind glücklich voküber. Ich habe ſie nicht gern, ſie kommen mir immer länger und langweiliger vor, als alle übrigen Tage, die Gott geſchaffen hat. Was giebt es Neues hier? Sie ſind wieder auf Stromberg geweſen?““ „Ja, Durchlaucht, ich war da.“ „Und wie ſteht es mit dem Kauf?“ „Der Sachwalter hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben.“ „Ich auch nicht— man muß ſich ſo leicht nicht abſchrecken laſſen. Ich danke Ihnen aber im Voraus, Sie ſind ein guter Unterhändler— da— leſen Sie, welchen Brief ich aus Berlin heute Morgen empfangen habe.“ „Aus Berlin? 7 „Ja, er trägt wenigſtens die Auiſchriſt daher— ſo leſen Sie doch.“ Ich nahm den mir dargebotenen Brief in die Hand — 313— 4 und ſah augenblicklich, daß er von Ludovikus zittern⸗ der Hand geſchrieben war. Ich las Folgendes: „Gnädigſter Herr! „Ew. Durchlaucht haben mir die Ehre erwieſen, Sdich „durch den G. R. Dr. Stilling nach meinem Gute „Stromberg erkundigen zu laſſen. Ich bin nicht „abgeneigt, Ihnen daſſelbe zu überliefern, falls es .„Ew. Durchlaucht noch daſſelbe Vergnügen gewährt, „es zu beſitzen, wenn Sie es betreten und kennen „gelernt haben werden. Darf ich mir die Freiheit „nehmen, Sie zu dieſem Beſuche unterthänigſt ein⸗ „zuladen, ſo ſpreche ich den Wunſch hiermit aus, „Ew. Durchlaucht möge dem kleinen Feſte beiwoh⸗ 4„nen, welches ich am nächſten Sylvveſterabend Punkt „fünf Uhr beginnen laſſen werde, wenn Ew. Durch⸗ „laucht keine andere Zeit dazu zu beſtimmen ge⸗ „ruhen ſollten. Ich würde mir die Ehre gegeben „haben, Höchſt Sie perſönlich zu dieſem ländlichen „und einfachen Feſte einzuladen, wenn mich meine „Geſchäfte nicht noch bis kurz vor jenem Tage in 1„Berlin gefeſſelt hielten.— Da ich für etwa drei⸗ „hundert Perſonen in meinem Schloſſe Raum habe, nſo trage ich Ew. Durchlaucht noch die Bittesvor,. „die Einladungen in Hochdero Namen an ſämmtliche „Edelleute des Hofes, die höchſten Beamten des — 314— „Civils und Militairs, einſchließlich beider Geiſtlich⸗ „keiten, ſo wie die Behörden der Stadt ergehen „laſſen zu wollen. „Die vorausgeſetzte Genehmigung dieſer erſten „Bitte läßt mich noch eine zweite wagen. Da ich „eine Theatervorſtellung beabſichtige, es mir aber „in der Eile der Ausführung an den nothwendigen „Hülfsmitteln gebricht, ſo wage ich zu hoffen, Ew. „Durchlaucht werden mir von denjenigen Schauſpie⸗ „lern, Muſikern und Technikern einige Tage Ge⸗ „brauch zu machen geſtatten, die ich dem Herrn In⸗ „tendanten Grafen von O. als die gewünſchten werde „bezeichnen laſſen. „Ich verharre in unterthänigſter Ergebenheit ꝛc. Graf Brunneck.“ „Das iſt ein höchſt ſonderbarer Brief ſagte ich und reichte das Blatt hin. 1 „Sonderbar, ja, aber hübſch, offen und ehrlich, wie ich es liebe. Und ein Graf Brunneck iſt es— nun wiſſen wir doch, wen wir vor uns haben— und der gute Herr ſcheint mir, nach der Handſchrift zu ur⸗ theilen, ſchon etwas gebrechlich zu ſein. Aber, in der That, er macht uns ein Vergnügen, was mir gerade fehlte. Und nun gar am Sylveſterabend. Den habe ich immer zu einem guten Spaße geliebt. Das iſt ganz nach meinem Geſchmack.“ „Und wenn ich Ew. Durchlaucht darauf aufmerk⸗ ſam machen darf, denn ich habe bereits von dem Sach⸗ walter des Herrn auf Stromberg von dieſem beabſich⸗ tigten Feſte gehört, ſo kann ich Ihre Neigung, dahin zu gehen, erhöhen, wenn ich zu verrathen mir erlaube, daß der berühmte Devrient aus Berlin ſeinen erſten Auftritt dort begehen wird, bevor er nach der Reſidenz kommt.“ „Devrient? Das iſt ja herrlic Es wird immer hübſcher. Es iſt alſo etwas Großes! Das iſt ja eine wahrhafte Ueberraſchung. Ah— wir müſſen Alles ſehr ſchnell beſorgen. Bitte, ſehen Sie doch nach, ob Niemand im Vorzimmer iſt.“ Ich trat zur Thür hinaus und ſchaute mich um. „Niemand als Herr von Noringen iſt da!“ ſagte ich zurüklehrend. 8. „Noringen, der Vater oder der Sohn?“ „Der Sohn, Durchlaucht!“ „Rufen Sie ihn herein.“ Otto von Noringen trat raſchen Schrittes über die Schwelle und ſtattete ſeinen militairiſchen Gruß ab. „Thun Sie mir einen Gefallen, Noringen?“ — 316— fragte leutſelig der Herzog. Der junge Offizier ver⸗ beugte ſich bloß. 3 „Gehen Sie doch ſogleich beim Intendanten der Schauſpiele vor und befehlen Sie ihm in meinem Namen, zu thun, was in dieſem Briefe ſteht. Da leſen Sie auch. Eben ſo erfolgen alle Einladungen nach Stromberg in meinem Namen.“ Der junge Mann ſtand vor ſeinem Fürſten, hielt den Brief verwundert in der Hand und erröthete. „Warum werden Sie roth?“ „Ich freue mich, Durchlaucht.“ „Da thun Sie Recht— junge Leute müſſen Freude haben. Da fällt mir ein— man ſagt ja, eine Freude kommt nie allein— daß ich Ihnen auch eine machen kann. Sie ſind lange genug mein Adjutant als Lieute⸗ nant geweſen— Sie ſind von heute an Rittmeiſter— „Durchlaucht!“ „Wollen Sie ſonſt noch etwas?“ „Nur meinen innigſten Dank ausſprechen—“ „Ich dachte, Sie hätten noch etwas Anderes auf dem Herzen.“ Und eer warf mir einen ſehr verſtänd⸗ lichen Blick zu. Ich lächelte. „Sonſt— ſprechen Sie, ich bin bei Laune.“ Der neue Rittmeiſter wurde im Geſichte roth wie das Blut, das unter der Haut deſſelben kreiſte, aber — 2 — 317— ſeine Sprache ſtockte und ſeine Augen wußten nicht, wohin ſie ſehen ſollten. „Sprechen Sie,“ fuhr der Herzog lauter fort, „ſonſt muß ich ſprechen. Aber ich will doch nicht hoffen, daß es wahr iſt, was man ſich in die Ohren tuſchelt, daß— daß Sie verliebt ſind— Sie wiſſen, ich liebe nicht verliebte Offiziere.“ „Durchlaucht!“ ſtammelte der verliebte Rittmeiſter. „Laſſen Sie es gut ſein— ich ſehe, man hat Sie verläumdet. Meine Sorge allein wird es ſein, Ihnen eine verſtändige, reiche und ſchöne Hausfrau auszuſuchen— aha! ich habe den rechten Punkt ge⸗ troffen— er entfärbt ſich ſchon wieder. Nun— genug für heute, gehen Sie und thun Sie, was ich befohlen. Guten Morgen, Doktor!“ Der glückliche, aber auch verdutzte neue Rittmeiſter wankte aus dem Zimmer des Fürſten wie ein Trun⸗ kener. Er bedurfte meines Armes, als er die Treppen hinunter ſtieg. „Was war das?“ feagte er, als er, unten an⸗ gekommen, in der friſchen Morgenluft hoch aufathmete. „Du biſt Rittmeiſter und ſollſt obendrein eine Frau haben— biſt Du nicht zufrieden mit dem daä pelten Glück?“ „Den Teufel auch! Ich will mich nicht von ihm verheirathen laſſen, wie er ſo viele verheirathet hat—“ „Wenn er Dir aber ſeine Tochter giebt?“ „Ah— wäre es möglich! Glaubſt Du, daß er Thekla meinte?“ „Ich glaube es ganz beſtimmt, denn es kam mir wie eine Anſpielung auf Dein Verhältniß mit ihr vor.“ „Wenn Du Recht hätteſt— Menſch! ich jagte mein beſtes Pferd heute todt, wenn ich nach Brand⸗ ſtein ritte—“ „Da wäreſt Du ſehr thöricht. Ich würde ganz ruhig hinausreiten und unterwegs Pläne machen.“ „ Da ſieht man, daß Du nicht verliebt biſt— Du reiteſt im Schritt, ein Verliebter aber jagt auf Tod und Leben.“ „Meinſt Du? Wollen wir wetten, wer von uns beiden am meiſten verliebt iſt,— Du oder ich?“ „Ja— die Wette gehe ich ein. Wer wird aber Schiedsrichter zwiſchen uns ſein?“ „Wir ſelber— das Wort des Einen oder An⸗ deren genügt—„. „Gut, und wann wird ſie bezablke „Einen Tag nach der Hochzeit— „Wie? Heirathen wir denn zuſammen?— O, nun duchſchaur ich Dich. Du haſt mich zum Beſten. — 319— Ich Narr, der ich Deinen Scherz für Ernſt hielt— guten Morgen!“ Und er ſchwang ſich auf ſein zum Dienſte des Fürſten immer bereit ſtehendes Pferd und ritt zum In⸗ tendanten der Schauſpiele.— Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich in der Reſidenz die Nachricht von dem ſeltſamen Feſte auf Stromberg. Daß der Herzog ſelbſt die Einladungen angeſagt, gab dem Feſte einen Anſtrich von Bedeutung, der es in den Augen der Geladenen zu einem Ereigniß beſonderer Art erhob. Und ſehr bald, man wußte eigentlich nicht recht, wer das Geflüſter in Gang gebracht, ver⸗ breitete ſich das Gerücht, der Herzog beabſichtige chuf Stromberg, am Schluſſe des alten und beim Beginne des neuen Jahres, dem ſehnſuchtsvoll harrendem Lande ein ganz eigenthümliches Geſchenk zu machen. Und wie man erſt an das Fabeln gekommen war, ging man noch weiter und einige kluge Augen blickten ſogar durch das Vergrößerungsglas der Einbildung und Hoffnung und wollten ſchon vorausſehen, die beiden angefeindeten Miniſter ſeien in Ungnade gefallen, ein Regierungs⸗ wechſel ſtehe bevor, der dem Lande den gebrochenen Frieden wiedergebe und von dem Nacken des Volkes das Joch abheben werde, welches jene fremden Empor⸗ kömmlinge, übermächtig genug, darauf gelegt hatten. — 320— Dieſe Gerüchte aber trugen ſich nur in auserwähl⸗ ten Kreiſen herum, der Partei der Bedrohten kam kein Wort davon zu Ohren. Daß aber auch ſie zu dem Feſte geladen, wie man ſehr bald erfuhr, ſchien jene Gerüchte Lügen zu ſtrafen; man hatte alſo Grund genug, zu ſchwanken und in dem ſich widerſprechenden Benehmen des Herzogs ein geheimnißvolles, unerklär⸗ bares Gebahren zu finden, welches ſowohl der Hoffe nung wie der Beſorgniß Raum ließ. So blieb zuletzt nur noch eine allgemeine Spannung zurück, die von Stunde zu Stunde wuchs, je mehr von den Anord⸗ nungen verlautbarte, die auf Stromberg mit herzog⸗ lichen Mitteln ſelbſt getroffen wurden. Denn es blieb nicht lange verborgen, daß vom Hoftheater nicht allein Mitglieder der Bühne und Kapelle, ſondern auch De⸗ korationen aller Art nach dem Landſitze des fremden Grafen wanderten, und endlich ſogar wurde das Ge⸗ heimniß durch den Herzog ſelber kund: der große Devrient aus Berlin ſei herübergekommen und werde jenem Feſte durch ſein erſtes Auftreten eine ganz be⸗ ſondere Weihe geben. Ich befand mich bei allen dieſen hin⸗ und her⸗ ſchwankenden, wahren und unwahren Mittheilungen in einer eigenthümlichen Lage. Alles und Jedes erwogen, war ich nicht ganz fre von Beſorgniß. Freilich wohl — — 321— traute ich Maximilians Klugheit und Umſicht und De⸗ vrients Genie einen genügend großen Einfluß zu; hatten ſie aber den vorausgeſetzten glücklichen Erfolg ſicher in Händen? Das war eine bedeutſame Frage, derem Antwort ich mir nach meinem Wunſche wohl zurechtlegen, aber nicht mit Gewißheit bejahend aus⸗ ſprechen konnte.— Devrient war nach jenem erſten Beſuche jeden Tag auf einige Stunden nach der Stadt gekommen, aber er erſchien mir hier ein ganz anderer Menſch als in Berlin. Zum erſten Male in ſeinem Leben war er mäßig im Genuſſe des überall freigebig geſpendeten Weines; man ſah es ihm an, daß er ſeine ganze in⸗ nerliche Kraft auf einen Wurf geſetzt hatte, denn auf ſeiner von Natur wohlgebildeten und klaren Stirn lag eine Wolke des Nachdenkens, des Grübelns, des Schaffens, die ich in ſeiner früheren gewöhnlichen Sorgloſigkeit niemals wahrgenommen hatte. In dieſen Tagen auch hatte er ſeine mannichfachen Beſuche bei den Gewalthabern fortgeſetzt und endlich ſeine Studien, wie er ſagte, beendet. Am Mittag vor dem Feſte kam er, von ſeinem Schatten begleitet, in meine Wohnung, zum letzten Mal vor dem Ausbruch des Sturmes, wie er ſich aus⸗ drückte. Sein Auge⸗ war verſchleiert, wie die Sonne Frit Stilling. W. 21 — 322— hinter Gewitterwolken; es fehlte ihm an Worten, man ſah ihm auf den erſten Blick an, daß eine Welt von Gedanken ſein Inneres in Beſchlag genommen habe und ſeine Mittheilung nach Außen hin verhindere. „Ich bin fertig,“ ſagte er mit faſt tonloſer Stimme zu mir, als er ſich verabſchiedete,—„ich gehe nach Hauſe. Gebe mir Gott morgen einen guten Tag, ich habe ihn nöthig. Leben Sie wohl, auf Wiederſehen! Sie können mir ſpäter ſagen, ob ich etwas von der Kunſt verſtehe oder nicht, die Kunſt meine ich, wie man in einem Staate das Oberſte zum Unterſten— ja ſo! beinahe hätte ich geplaudert. Leben Sie wohl!“ Und er ſtieg mit ſeinem Schatten in den ſchon bereit ſtehenden Wagen und fuhr wie eine donnernde Windsbraut nach Stromberg.— 4 Der von allen Seiten ſehnlichſt erwartete Syl⸗ veſtertag war endlich gekommen. Ein herrliches ge⸗ lindes Froſtwetter verſprach eine angenehme Hin⸗ und Rückreiſe. Ich traf ſchon früh meine Vorbereitungen zur Abfahrt, denn ich wollte vor allen Uebrigen an Ort und Stelle ſein. Sidi wünſchte mir Vergnügen und Maximilians Unternehmungen den beſten Erfolg. 7 — 323— Mit ſo guten, von ſo ſchönen Lippen geſprochenen Wünſchen meinen Weg antretend, glaubte ich nichts befürchten zu dürfen, und ſo fuhr ich Mittags zwei Uhr fröhlich und hoffnungsvoll davon. Ich nahm zuerſt meinen Weg nach Brandſtein. Hier wußte man bereits, daß ein Graf Brunneck auf Stromberg ein⸗ getroffen ſei oder vielmehr eintreffen werde und zum heutigen Abend den Herzog und den ganzen Hof ein⸗ geladen habe. Otto von Noringens Standeserhöhung hatte auf Thekla einen ſehr beruhigenden Eindruck ge⸗ macht. Sie ſchwamm in einem Meere von Wonne und gab ſich den roſigſten Einbildungen hin, wie ſie für die liebende Jugend geſchaffen zu ſein ſcheinen. Ich mußte noch einmal Wort für Wort Alles wieder⸗ holen, was der Herzog ihrem Geliebten in meiner Gegenwart geſagt hatte; erſt als ich damit zu Ende war, ließ man mich fort. Durch dieſen Aufenthalt kam ich etwas ſpäter, als ich wollte, in Stromberg an und hatte hier Gelegenheit, zu bemerken, daß der Wunſch, an dieſem ſeltſamen Feſte pünktlich Theil zu nehmen, ein allgemeiner war, denn ich war bei Weitem⸗ nicht der erſte Gaſt auf dem ſchönen Landſitze. Von allen Seiten kamen faſt zu gleicher Zeit die Wagen herangerollt und entluden ſich ihrer geſchmückten In⸗ ſaſſen. Es ging ſſtark gegen fünf Uhr, als ich mit 21* einigen Edelleuten die große Treppe des neuen Schloſſes hinanſtieg. Noringen der Aeltere, von ſeinem Sohne und einigen vertrauteren Freunden, worunter ſich mehrere Stabsoffiziere befanden, unterſtützt, machte in Erman⸗ gelung des noch abweſend gemeldeten Beſitzers den Wirth auf eine Weiſe, daß man ihn beinahe ſelbſt für den Feſtgeber zu halten geneigt war. Bald wogten die fröhlich angeregten Gäſte ſtaunend und bewundernd durch die lange Reihe der Prunkgemächer auf und ab. Die großen Räume waren im neueſten Geſchmacke ver⸗ ziert und ſtrahlten in einem Lichtmeere hellglänzender Wachskerzen. Nach ſeinem Gefallen wählte ein jeder der zahlreichen Gäſte dies oder jenes Zimmer zum erſten Verweilen, wie es ſeinem Geſchmacke am meiſten entſprach. Allmälig füllten ſich die Säle und endlich ſtrotzten ſie von glänzenden, bebänderten und ſchwarz gekleideten Geſtalten. Allgemein aber war man ver⸗ wundert, keine Damen zu ſehen, die, wie man ſich plötzlich in die Ohren raunte, von dem unverheiratheten Beſitzer des Schloſſes für ewige Zeiten aus dieſem Feenſchloſſe verbannt ſeien. Man ſtand eben, in große und kleine Gruppen getrennt, erwartungsvoll da, als ſich die Thüren öffneten und, unter Vortritt Sr. Hoch⸗ würden, des Biſchofs, die beiden Miniſter erſchienen und eine ihrem Range entſprechende Würde mit de — 325— hoheitsvollen Gefühle perſönlicher Bedeutſamkeit zur Schau trugen. Aber ihre Verbeugungen, die ſie rechts und links ſpendeten, wurden etwas kalt erwiedert; die verſchiedenen Gruppen ſchloſſen ſich feſter gegen ſie ab, und ſo blieb ihnen nichts übrig, als einen kleinen Kreis für ſich allein zu bilden, wofür ſie ſich mit höhniſchen Blicken und geflüſterten Schlagworten an den gegen ſie Partei nehmenden Anweſenden rächien. Um halb ſechs Uhr, als bereits alle Eingeladenen verſammelt waren, wurde die Ankunſt des Herzogs verkündet. Er trat mit dem freundlichſten Lächeln herein und ſah würdevoll und leutſelig zugleich aus, welche Miene er, wenn er wollte, ſo gut anzunehmen verſtand. Der alte Kammerherr von Noringen begrüßte Seine Durchlaucht im Namen des Beſitzers und zeigte an, daß Letzterer i r noch nicht anweſend ſei, jedoch jeden Augenblick erwartet würde; nichts deſto weniger aber werde das Schauſpiel Punkt ſechs Uhr ſeinen Anfang nehmen. Der Herzog ſchien Anfangs darüber verwundert zu ſein, indeſſen verſtanden es einige halb und halb eingeweihte Freunde Noringens, ſeine Ge⸗ danken zu zerſtreuen und ſeine Aufmerkſamkeit auf die Schönheiten des von ihm ſo ſehr begehrten Beſitzthums zu lenken. Von ſeinem Kriegsminiſter, einem alten und hochverdienten General, begleitet, wandelte er durch * — 326— die Reihen der Gäſte, begrüßte bald dieſen, bald jenen, und ſprach laut ſeine Freude aus, die ſo lange nicht geſehenen Herren einmal wieder willkommen zu heißen. Nur an den beiden Miniſtern, die mit dem Biſchof jene kleine dunkle Gruppe bildeten, und gegen die er in der That ſeit der vorletzten Freitags⸗ nacht eine ſtarke Abneigung fühlte, ging er kalt und kaum mit dem Kopfe nickend vorüber, eine Geſinnungs⸗ darlegung, die allgemein bemerkt wurde und freudiges Staunen erregte, indem man ſich der ſchadenfrohen Hoffnung hingab, die Vermuthungen, die man über den eigentlichen Grund dieſes Feſtes gehegt, ſeien denn doch wohl nicht ſo ganz aus der Luft gegriffen ge⸗ weſen. Nachdem eine zahlloſe Reihe glänzender Diener Erfriſchungen, kalte und warme Getränke herumgereicht und die Gäſte irgend einen beliebten Imbiß an den ſchwer belaſteten Speiſetafeln genommen hatten, hörte man in der Ferne von einem großen Orcheſter den vaterländiſchen Feſtmarſch ertönen. Wie auf einen Wink fing man an, ſich in Bewegung zu ſetzen und dem Orte des Schauſpiels ſich zu nähern. Wir traten alſo in den größten und glänzend er⸗ leuchteten Saal. Am höheren Ende deſſelben war die Bühne aufgeſchlagen. Unmittelbar davor waren die Zuſchauerplätze durch reihenweis geordnete Seſſel be⸗ — 327— zeichnet. Das Orcheſter befand ſich in einem Neben⸗ zimmer; man wollte ein Schauſpiel für die geladenen Gäſte, nicht für die ausübenden Muſiker aufführen. Sobald daher ihr Muſikſtück beendet war, ſchloſſen ſich die Thüren des Nebenzimmers, in dem ſie ſich be⸗ fanden, und wurden erſt wieder geöffnet, ſobald der Vorhang gefallen war. Ich erwähne dies hier im Voraus, um mich in meiner ſpäteren Schilderung nicht ſo oft unterbrechen zu müſſen. Dem Herzog hatte man einen etwas erhöhten Platz zur linken Seite der Bühne angewieſen; von hier aus konnte er nicht nur die Vorgänge auf dem Theater, ſondern auch die vorderſten Reihen der Zu⸗ ſchauer, Mann für Mann, genau überſehen. Hinter ſeinem Stuhle ſtand der ältere Noringen. Um ihn herum ſaßen ſeine Generale, Adjutanten und die auch im Unglück ihm treu gebliebenen Edelleute ſeines Hofes. In der erſten Reihe der Zuſchauer, gerade in der Mitte derſelben, nahmen die Würdenträger der Regierung, der Biſchof zwiſchen ſeinen Freunden, den beiden Miniſtern, Platz. Um ſie herum, dicht gedrängt, bildete ein Kranz von Stabsoffizieren eine Arf Ehrenwache um die bedeutungsvollſten Männer des Staates. An dieſe reihte ſich die übrige Zuſchauermenge, bunt durch einander gemiſcht, wie es Neigung oder Zufall mit ſich brachte. 8 — 328— Bis jetzt wußte noch kein Menſch den Titel des aufzuführenden Schauſpiels. Da fiel es dem Herzog ein, danach zu fragen, und augenblicklich überreichte ihm ſein dienſtthuender Kammerherr einen Zettel, der das Nothwendige enthielt. Kein Anderer aber erhielt einen ſolchen, nur hörte man bald im Kreiſe herum den Namen des Stückes ausſprechen:„Die Fürſten⸗ mörder“ erſchallte es von Mund zu Mund, verfaßt von einem Unbekannten, aber ſo dargeſtellt, daß alle mitſpielenden Perſonen der Reihe nach ſich den Augen und Ohren der Zuſchauer entwickeln würden. Wie man auch über dieſe Seltſamkeit verwundert ſein mochte, man war ſchon vorbereitet, hier etwas Außergewöhnliches zu erleben und man hatte auch keine Zeit zu weitläufigen Bemerkungen übrig, denn der Feſtmarſch des Orcheſters war bereits in eine einfache aber ergreifende Kirchenmuſik übergegangen, die von ſo beruhigender Wirkung war, daß ſie faſt augenblicklich die Gemüther beſänftigte und würdig auf die Vorgänge hinüberleitete, die ſich ſogleich darſtellen ſollten. Die Muſik ſchwieg und der Vorhang flog zum erſten Mal auf. Man ſah einen von der Morgendämmerung warm und anmuthig beleuchteten Wald. Im Hintergrunde erblickte man ein einſames Kloſter, deſſen Fenſter von innen erhellt waven und aus deſſen Hallen ein wunder⸗ — 329— lieblicher Chorgeſang betender Mönche erſcholl. Lang⸗ ſam und allmälig entwickelte ſich der Geſang aus der Tiefe des alten Kloſters, immer lauter ſchwoll er an, und zuletzt ließ er eine Stimme allein hörbar werden, die mir durch Mark und Bein ſchauerte. Mein Herz erſtarrte. Ich ſah augenblicklich, was mir und den Zuſchauern bevorſtand, denn ich erblickte im Schatten des Waldes das alte Kloſter, worin ich ſelbſt fünf Jahre in kindlicher Freude und Luſt gelebt hatte. Die herrlichen Töne aber, die ſo eben in nie ſo gewaltig und rein gehörtem Baſſe aus dem Kloſter erſchollen, trugen noch mehr dazu bei, mich tief und wonnig zu bewegen, denn ich erkannte ſogleich Maxi⸗ milians wunderbare und majeſtätiſche Stimme, der das Alter eben ſo wenig ihre Kraft, wie ihre Reinheit und Milde benommen hatte.— Ich hatte meinen Platz gerade dem Herzog gegen⸗ über gewählt und mein Auge fiel während dieſes Ge⸗ ſanges unwillkürlich auf ſein Geſicht. Dadurch erhielt ich Gelegenheit, die ungeheure Wirkung dieſer Stimme zu begreifen, denn der Herzog, kaum von den erſten Schwingungen derſelben getroffen, erhob faſt erſchrocken ſein Haupt und horchte mit beinahe athemloſer Auf⸗ merkſamkeit. Plötzlich ſank er in ſeinen Stuhl zurück, faltete die Hände und ſenkte den Kopf auf die Bruſt. — 330— Man konnte annehmen, daß der friedliche, klagende Geſang ſeine Seele berührt hätte, die ſo gern mit göttlichen Dingen verkehrte. Aber ich glaubte noch eine andere Empfindung in ſeiner hingeſunkenen Sunt ung wahrzunehmen. Von ihm flog mein Auge zu dem Biſchof und ſeiner Umgebung hinüber. Auch ſie ſenkten das Haupt, aber nicht, weil ihnen die Stimme bekannt war, wie dem Herzog, ſondern weil der Vorgang im Innern des Kloſters ihr heiliges und frommes Herz zu rühren den Anſchein haben ſollte. Da ſchwieg der ſchöne Geſang; die Kloſterpforten öffneten ſich und heraus trat der Chor der Mönche, das vorher hegonnene Tedeum fortſetzend, und ſchritt Paarweiſe zwei Mal über die Bühne, worauf er ſich langſam im Hintergrunde verlor. Nur drei Mönche blieben auf der Bühne zurück. Ich traute meinen Augen kaum, als ich ſie genauer betrachtete, denn, waren ſie es wirklich oder täuſchte ich mich, ich ſah meinen alten Pater Guardian, Ludo⸗ vikus und endlich Maximilian vor mir, letzterer aber abſichtlich ſeinem Vorbilde am wenigſten ähnlich. Die dieſelben vorſtellenden Schauſpieler waren vortrefflich geſchult und namentlich die beiden erſteren Strich für Strich der Wirklichkeit nachgebildet. Mein Auge verließ — 331— ſie und ging zu dem Mittelpunkt der vorderſten Zu⸗ ſchauer über, und auch hier begegnete ich drei ſtaunen⸗ den Geſichtern, die wie gebannt auf den redenden Mön⸗ chen ruhten, die ſich mit den Namen Franziskus, Lu⸗ dovikus und Maximilian anredeten und als ſolche ihr Spiel fortſetzten. Die Handlung begann ſehr einfach. Es wurde die friedliche Stille hervorgehoben und die Eintracht der Mönche innerhalb der klöſterlichen Mauern gerühmt, während draußen in der Feindſchaft und Tücke der Welt die Kriegesfackel entbrannte und Menſchen gegen Menſchen wie die wilden Thiere des Waldes ihre Lei⸗ denſchaften entfeſſelten. Das Geſpräch der drei Mönche wurde unterbrochen durch einen ziemlich erwachſenen Knaben, der— man denke ſich mein Erſtaunen— unverkennbar meine Art und Weiſe zu ſprechen und ſich zu bewegen blicken ließ. Auch trug er meinen Namen und wurde als Schützling des Kloſters vor⸗ geführt. Kurz, ich ſah die Geſchichte meines Lebens ſich hier zum zweiten Male in gedrängter Kürze vor meinen Augen entwickeln, denn ſie ſpann ſich allmälig fort bis in meine gegenwärtige Zeit. Doch, eilen wir nicht der Vorſtellung voraus. Als der Name des Knaben genannt wurde, ver⸗ mehrte ſich die allgemeine Aufmerkſamkeit; Aller Augen 2 — 332— richteten ſich auf mich und ich fühlte die brennende Wirkung, die eine ſolche Fluth neugieriger Blicke immer mit ſich bringt. Auch der Herzog ſah mich an, wollte lächeln und mir zuwinken, aber es gelang ihm nicht recht. Ein dunkles Gefühl, daß noch etwas Anderes, Ernſteres dieſem harmloſen Anfange folgen werde, ver⸗ eitelte den wohlwollenden Ausdruck ſeines Geſichtes und machte es bang und erwartungsvoll. Die drei Mönche entfernten ſich nach Beendigung ihres Geſprächs und ließen den Knaben allein zurück, nur der Pater Maximilian verbarg ſich hinter einem Baum und belauſchte Worte und Handlung des mit ſich redenden Knaben. Dieſer, Gott dankend, daß er ihm im Kloſter eine Zufluchtsſtätte bereitet, ließ ſich vor einem Heiligenbild nieder und betete. Und hier entſpann ſich nun die Scene, wie ich ſie im erſten Theile dieſer Geſchichte beſchrieben und deren Haupt⸗ perſonen der genannte Mönch und zuletzt der Pater Vikarius bildeten. Da erſchien des letzteren Geſtalt ſelber und verſetzte mein Blut in eine unglaubliche Wallung, denn Pater Henrikus war dargeſtellt, wie er leibte und lebte, in jedem Zuge, jeder Bewegung, bis auf die meſſingene Brille, die loſe auf ſeiner ſpitzen, ſchnüffelnden Naſe ſchwebte. Als er Maximilians und des Knaben Geſpräch belauſcht hatte, beklagte er ſich — 333— ingrimmig über die Lauheit der jetzigen Frommen, drohte mit irdiſchen und himmliſchen Strafen und verhieß endlich die Ankunft der zur Buße der Sünder herbei⸗ gerufenen Jeſuiten, die den Sündenpfuhl der Welt mit der Süße und Lieblichkeit ihrer Bannmigleit rein waſchen ſollten. Hier faßte ich mir ein Herz und richtete mein Auge wieder auf die drei ehemaligen Jeſuiten. Es gehörte Muth und ein hartes Herz dazu, ſich an ihrer beginnenden Seelenqual zu weiden. Ohne Zweifel ahnten ſie, was kommen würde und ſahen ſich doch dabei in eine Falle eingeklemmt, aus der kein Ent⸗ rinnen möglich war. Bleichen Angeſichts ſchauten ſie düſter und voll ohnmächtiger Wuth vor ſich hin, aber noch feſt und gedrungen, das Geſchick gleichſam her⸗ ausfordernd, welches an dieſem unſeligen Abend über ſie herein zu brechen drohte. Doch da wurde meine Aufmerkſamkeit wieder zur Bühne gezogen. Lauter, aber ſtreng dem Leben nach⸗ gebildeter, ſehr unharmoniſcher Weihegeſang erſcholl von ferne und es nahte die Prozeſſion der die Buß⸗ prediger einholenden frommen Gemeinde. Voran ſchritten Knaben, grüne Zweige, bunte Fahnen und Heiligenbilder in den Händen tragend; ihnen folgten plärrende Frauen, ganz kleine Kinder an den Armen nachſchleifend, um — 334— ſie ebenfalls des Ausfluſſes der göttlichen Stunde theil⸗ haftig werden zu laſſen; ſodann kamen überirdiſch blickende Männer, denen die Tabakspfeifen und Brannt⸗ weinflaſchen aus den Taſchen guckten. Hinter ihnen ſchritt Pater Henrikus her, die ſcheinheiligen Augen in den offenen Himmel bohrend, und hinter ihm endlich die drei Jeſuiten, gefolgt von einem unregelmäßigen Schwarme, der ihre Rockzipfel gefaßt hielt und in⸗ brünſtig mit gottſeligen Küſſen bedeckte. Da aber, als ich die drei Bußprediger genauer betrachtete, gerann mir das Blut. Ich ſah ſie, nicht wie ſie in früheren Jahren ausgeſehen, ſondern, um ſie von den Anweſenden deſto leichter erkennen zu laſſen, in ihrer jetzigen,„ſchärfer hervortretenden Per⸗ ſönlichkeit. Plötzlich fiel mein Blick, unwiderſtehlich gefeſſelt, auf die eine dieſer Geſtalten, und ich ſchauerte unwillkürlich zuſammen. Devrient erſchien zum erſten Mal auf der Bühne, in der Geſtalt des Paters Sturm, dem Biſchofe ähnlich wie ein Apfel dem andern, der ihm, gleichſam um das vollkommene Ebenbild zu zeigen, wie vom Schickſal dicht vor ſeine Augen ge⸗ ſetzt ſchien. Noch dazu war ſein ſchwarzes Prieſter⸗ kleid beinahe von demſelben Schnitt, wie das, welches der wirkliche Prieſter in dieſem Augenblick trug. Ein allgemeines Beifallsgemurmel erhob ſich plötzlich von 1 1 — 335— allen Seiten und hier und da ließen ſich die Ananiſ hören:„das iſt er, das iſt Devrient!“ Selbſt im Kleinſten waren ſich die beiden aönlich. Devrient zeigte dieſelbe unförmliche, dicke, aufge⸗ ſchwemmte Geſtalt, den watſchelnden Gang, das Zwin⸗ kern der Augen, die ſalbungsvolle Bewegung der Hände und des Kopfes. Und das Geſicht dieſes Kopfes, wie ſah es aus! Er ſchien es dem Vollmonde ſelber geſtohlen zu haben; kaum ſah man darin eine Andeut⸗ ung einer nebelhaft verſchwommenen Naſe und verſtohlen im Hintergrunde ſich verkriechende Augen, nur der fletſchende Mund trat in ſeiner Breite und Sinnlichkeit deutlicher hervor, als in dem am Himmel glänzenden Mondbilde.„ Und gerade in dem vorderen Mittelgrund der Bühne ſtellte ſich das würdige Kleeblatt auf, Zahn gegenüber Zahn, Blitz gegenüber Blitz, Sturm gegen⸗ über Sturm. Und nun fing der letztere an zu ſprechen. Mit wahrhaft dröhnender Stimme— wo hatte dieſelbe bisher in ſeiner Bruſt geſchlafen?— verkündete er die beſeligende Ankunft der drei heiligen Väter. „ ier ſind wir,“ donnerte er das ſtaunend auf⸗ horchende Publikum an,„die Welt zu erleuchten, zu * belohnen und zu beſtrafen. Hier iſt Pater Zahn, der die Sünden der Menſchelk wegfreſſende Bekehrer, hier 27 — 336— Blitz, der zerſchmetternde Rächer der Unthaten und Laſter, hier bin ich, Sturm ſelber, der über die Gräber unheilig Begrabener dahinbrauſende Sturm.“ Hier ſchmetterten ſeine kurz abgeriſſenen Worte und brüllten aus ſeiner gigantiſchen Bruſt hervor, hohl und tief, wie die Stöße des wild brauſenden Sturmes. Mir erhob ſich das Haar vor Grauen, eben ſo den übrigen bei dieſen Tönen erbebenden Zuſchauern. Ein Anfangs lauteres Murmeln des Beifalls er⸗ ſtickte, kaum geboren, in ſich ſelber, der Beifall gab ſich zuletzt nur durch Schweigen und ängſtliches Athmen kund— der ſprechendſte und erſchütterndſte Beifall, den es giebt. Da ſah ich die drei Arbilder der Schau⸗ ſpieler an. Zahn faß, mit ſeinen Händen ſeine Knieen uum-⸗ klammernd, mit offenem Munde und gläſern ſtierenden Augen da; Blitz hatte den ſcharfen Ausdruck ſeines ſtechenden Auges verloren und ſchien ſeinen kleinen Körper in den Falten des Rockes ſeines Nachbars ver⸗ bergen zu wollen; Sturm ſelber, der fromme Biſchof, reckte ſeinen ſtierartigen Kopf dem Sturm auf der Bühne entgegen, als erblickte er, vor Schrecken in Stein verwandelt, zu ſeinem Entſetzen ſein zweites 34 in einem vorgehaltenen Bpitgch 3 A 22 e u — 337— „Sehen Sie den Biſchof und Ihre Miniſter an!“ raunte in dieſem Augenblick der Kammerherr von Noringen dem Herzog zu. Dieſer erhob ſeinen funkelnden Blick, ſchüttelte ſich vor Grauen und ſchien einen Augenblick lang ſeine Gedanken verloren zu haben. Aber das Stück ſpielte weiter. Der Haß des Paters Henrikus ſchürte das glimmende Feuer der Jeſuiten gegen den edlen Maximilian und den Knaben zur Flamme an und— die Scene des ſprechenden Heiligenbildes entwickelte ſich raſch und natürlich. Ich muß kurz ſein in der Aufzählung dieſer Scenen; man hat ſie alle im Gedächtniß und kennt ja die einzelnen Vorgänge genau. Nur weniger Einzelnheiten will ich gedenken. Maximilian und der Knabe ſaßen lauſchend vor dem Heiligenbilde ihrer gelle. Man hörte deutlich die Jeſuiten hinter der Scene ſprechen, Zahns krampf⸗ haftes Gähnen leitete das Geſpräch ein. Wort für Wort, wie ich es ſelbſt damals angehört, und noch dazu in denſelben Tönen glaubte ich wieder zu ver⸗ nehmen, denn ach! Devrient ſelber ſtand hinter der Bühne und ſprach mit verſchiedenen Stimmtönen allen Dreien nach. Mein Blut ſchien mir ſchwer und kalt wie Eis durch die Adern zu rollen. Ich glaubte jene ſchreckliche Nacht noch einmal und in ergreifenderer Wahrheit zu durchleben. Man hätte hüren müſſen, Fritz Stilling. IV. an, e e h,e 2ner. 8 wie er donnerte, als er den Pater Sturm ſeinen Fluch gegen die ketzeriſchen Fürſten ſchleudern ließ. „Noch zehnmal,“ brüllte er,„können neue Ge⸗ nerationen auf einander folgen, ehe die Menſchheit um einen Gedanken vorwärts geſchritten iſt! Dafür wollen wir um ſo raſcher vorwärts ſchreiten. Auf den Flügeln des Sturmwindes über ihre Köpfe dahin! Ob ſie untergehen und verkommen in Dummheit— uns einerlei— wir ſind die Leuchten der Welt, wir ſind die Gewaltigen— im Willen und im Geiſte. Und wir wollen es ſein. Laßt uns erſt ein Paar Jahre älter werden! Zuerſt beſiegen wir die Proletarier, dann die Patricier, zuletzt die Fürſten, die ketzeriſchen Fürſten. An die Fürſten müſſen wir heran— herunter müſſen ſie unter unſern Fuß,“ man hörte ihn damit den Boden ſtampfen—„und wir über ihnen ſtehen. So regieren wir die Welt. So will es unſer Recht, ſo will es unſer Geſetz, ſo wollen es unſere himmliſchen Leidenſchaften und Begierden. Vorwärts Triebe! Vorwärts Gedanken! Ihr könnt nicht hoch genug fliegen. Ich werde ſie haben, ich muß ſie haben— und— ſollte mich die Hölle verſchlingen!“ Dieſe Worte ſprach er mit ſo dämoniſcher Ge⸗ walt, mit ſo ausdrucksvoller teufliſcher Betonung, daß man, obgleich man ihn nicht ſah, ſich unwillkürlich 6 — 339— ſein grinſendes Geſicht vorſtellte, das wohl eher dem eines Satans als eines Menſchen ähnlich ſehen mochte. Die drei auf die Häupter der Fürſten tretenden ehemaligen Jeſuiten lagen bei dem Erguß dieſer Rede mit ihren Leibern dicht an einander. Sie athmeten kaum, einer ſchien ſich in den andern verkriechen zu wollen. Da fiel der Vorhang— ein endlos ſchallender Jubelruf brach ſich Bahn— die Thüren des Neben⸗ zimmers öffneten ſich und eine rauſchende Muſik ver⸗ ſchlang den hundertſtimmigen Lärm. Der Herzog ſprang wie eine Feder von ſeinem Stuhle auf und drehte uns den Rücken zu. Er ſprach heftig mit Noringen und dem Kriegsminiſter, die ihn zu beruhigen ſchienen; endlich ſetzte er ſich wieder. Ich übergehe jetzt die weitere Handlung des Stücks, die in einzelnen weſentlichen Zügen meinem Leben nach⸗ gebildet war, in manchen Dingen aber davon abwich, wie ſie das dramatiſche Intereſſe erheiſchte. Die drei Jeſuiten ſtiegen durch Ränke und Schlauheit empor, drängten ſich in die Nähe eines Fürſten und wollten an ihm nun ihr verheißenes Kunſtſtück verſuchen. Der Knabe des Kloſters dagegen trat als erwach⸗ ſener Mann auf, kam in die Nähe deſſelben Fürſten und wurde, was ich war, ſein Arzt und Rathgeber. Jetzt verſtand der Herzog ſchon vollkommen, was man — 340— ihm zeigte. Er änderte jeden Augenblick die Farbe und nickte mir zu wiederholten Malen ſeinen Beifall zu. Die Handlung ſchritt weiter vor. Man wollte den Fürſten zum größeren Ruhme Gottes ſeiner ange⸗ ſtammten Religion abwendig machen. Man berath⸗ ſchlagte, wie dies am beſten zu bewerkſtelligen ſei. Zuletzt baute man auf ſeine aus dem Schlummer ge⸗ weckte Gläubigkeit und beſchloß, durch eine künſtlich abgerichtete Hellſeherin ihm den letzten Stoß zu verſetzen. Da ſah ich den Herzog zuſammenzucken.— Als nun aber ſein Arzt kam und dem Fürſten den ihm geſpielten Betrug enthüllte, da lächelte er mich an und winkte unverhohlen mit der Hand. Man wurde auf den Herzog ſo aufmerkſam, wie man es ſchon lange auf mich und die drei Würdenträger geworden war. Da ſchlägt der Arzt, zum Beweiſe der Wahrheit ſeiner Ueberzeugung, dem Fürſten vor, die heiligen Männer zu belauſchen. Es wird das ſprechende Hei⸗ ligenbild in Wirkſamkeit geſetzt. Der Fürſt geht dar⸗ auf ein und begiebt ſich mit ſeinem Rathgeber in die geheime Kammer. Hier war dem Schauſpiele und mit ihm dem Haupttheile des Feſtes ein unvorhergeſehenes Ende beſtimmt. Die beiden Miniſter und der Biſchof ſahen das Geheimniß ihres unheilvollen Lebenslaufes enthüllt, —— — 341— der Herzog ebenſo und— die Kataſtrophe konnte nicht anders ſein, als ſie ſich jetzt darſtellte. Der überwältigte Biſchof lag wie ein bewußtlos Träumender mit ſtieren Augen und aufgeriſſenem Munde hinten über in ſeinem Seſſel. Zahns furchtbares Gebiß klapperte hörbar an einander. Blitz war ſtumm und ſah, geiſtig vernichtet, einem Blödſinnigen ähnlich. Da ſprang der Herzog von ſeinem Stuhle empor. Die linke Hand gebieteriſch gegen die Bühne aus⸗ ſtreckend, gebot er augenblicklichen Einhalt. Man ſchien dies Ereigniß hinter der Bühne erwartet zu haben, denn der Vorhang rauſchte ſogleich herab. Dann auf ſeinen Seſſel tretend und die ganze Ver⸗ ſammlung überſchauend, rief er mit heller, aber ſeine tiefe Bewegung verrathender Stimme: „Wer mich liebt und mir treu und gewogen iſt, folge mir!“ Wie von unſichtbaren Federn emporgeſchnellt, ſpran⸗ gen ſeine Offtziere auf und jauchzten ihm ein donnern⸗ des Hurrah entgegen. Der Sieg der Wahrheit über Lug und Trug hatte ſich überall im Sturmſchritt Bahn gebrochen. Noch ein Mal aber gebot der Herzog Ruhe, und mit der Hand auf die vernichteten Opfer zeigend, rief er: „Bewachet ſie! Sie ſind Euere Gefangenen, denn e= ſte haben gegen Euch eben 8 fervelhaſt wie gegen mich, gehandelt!“ 2 Und nun, von einem rauſchenden Gewoge zuſtim⸗ mender, jubelnder Menſchen umbrauſt, verließ er den Saal und ſtellte ſich im Mittelpunkte einer der zunächſt gelegenen großen Räume auf. Hier ſtand er mitten im Kreiſe ſeiner Getreuen mit hoch erhobener Geſtalt und funkelnden Augen; ſeine ganze Mannheit hatte er in dieſem Augenblick wieder erlangt, die die drei unberufenen Bußprediger mit ihren nichtsſagenden Ge⸗ beten, in denen kein Gedanke Wahrheit, kein Funken Göttlichkeit war, kriechend und Alaueend ſo lange unter⸗ drückt hatten. „Rufet mir Stilling herbei!“ gebot der Herzog mit donnernder Stimme. Augenblicklich wurde mir Platz gemacht und ich ſtand vor ihm. Als er mich ſah, wurde ſein Auge vor Rührung und Milde feucht. „Doktor!“ ſtammelte er mehr, als er ſprach.„Sie wiſſen Alles— Ihre Geſchichte hat man mir zum Beſten gegeben. Ich habe daraus etwas gelernt. Sie müſſen wiſſen, wer mir und meinem treuen Volke dieſen unermeßlich großen Dienſt geleiſtet. Reden Sie!“ Ich war erſtarrt— ich ſollte hier Auskunft geben? Darrauf war ich nicht vorbereitet. Dennoch trat ich — 343— einen Schritt vor, legte die Hand auf mein Herz und verbeugte mich tief. Aber da gewahrte ich, daß eine andere Hand, ein kühnerer Gedanke mir zu Hülfe kam. Ich ſah eine Nebenthür ſich öffnen und eine ſeltſame Gruppe den uns umſtehenden Kreis durchbrechen, wäh⸗ rend der ältere Noringen mir haſtig einige Worte zu⸗ flüſterte. „Durchlaucht,“ ſagte ich nun,„ich wußte freilich, wie wichtig Ihrem Gewiſſen der reine Glaube Ihrer Väter und wie heilig Ihrem Herzen das Glück Ihrer Unterthanen und die Wohlfahrt Ihres Landes war. Aber nicht ich habe dieſes kühne Schauſpiel veranſtaltet — ein kühnerer Geiſt und ein edleres Herz hat Ew. Durchlaucht dieſen großen Dienſt geleiſtet. Laſſen Sie mich ſchweigen, heben Sie aber Ihr Haupt empor und ſchauen Sie Sich um— kennen Sie den Mann da, der hinter Ihnen ſteht?“ Der Herzog drehte ſich ſchnell um, blickte einen Augenblick ſcharf in die angedeutete Richtung und fuhr dann mit einem Ausrufe des höchſten Erſtaunens, wenn nicht Schreckens, zurück. Denn, von zwei alten Freun⸗ den geführt, war eine greiſe Geſtalt herangetreten, deren zitterndes aber Ehrfurcht gebietendes Haupt, welches ſchneeweiße Locken bedeckten, ſich tief vor dem Herzoge beugte. Auf einen Stock geſtützt, hatte ſie in ſtiller * Würde dageſtanden und den Augenblick Erwartot, den ich ſo eben eingeleitet. „Ha!“ rief der Herzog.„Schellenberg! Treten Sie aus dem Grabe hervor? Bringen Sie mir Kunde vom Jenſeits? Mann— was wollen Sie hier?“ „Nein, Durchlaucht,“ ſprach der halb zuſammen⸗ geſunkene Greis, deſſen faltiges Geſicht bei jenem un⸗ erwarteten Ausruf der Verwunderung ſeines ehema⸗ ligen Herrn von einer Thränenfluth überſchwemmt wurde —„Nein, Durchlaucht, wohl trete ich aus dem Grabe der Vergeſſenheit hervor— denn es giebt auch ein Grab des Lebens, wie es eins des Todes giebt— und wage mich noch ein Mal an das blendende Licht des Gottestages, denn ich möchte nicht gern länger vergeſſen ſein— ich könnte darüber ſterben— ich möchte viel lieber noch ein Mal den Schimmer einer glücklichen Stunde und Ew. Durchlaucht leuchtendes Auge ſehen— denn ich habe lange genug im Stillen geweint.“ „Weinen Sie nicht mehr— verſchonen Sie mich mit Ihrem Schmerze— auch ich habe genug davon — aber nun, was wollen Sie und was führt ei aus Ihrer Einſamkeit hierher?“ „Durchlaucht, ich komme nicht für mich— für wen aber könnte ich ſonſt kommen? Hier, meine alten — 345— Freunde umſtehen mich und winken mir zu mit ihren treuen Augen, mich voll Muth und Hoffnung an Ihr mildes, fürſtliches Herz zu wenden— o, Sie wiſſen wohl, was ich liebe, denn Sie kennen mich ja ſeit langer Zeit—“ „Und was lieben Sie?“ „Außer Gott liebe ich meinen Fürſten, und beiden habe ich es oft bewieſen. Außer dieſen beiden aber liebe ich, kann ich nur noch lieben meinen Sohn— denn ich habe weiter nichts auf Erden als ihn.— O, Gnade, Durchlaucht, Gnade, Gnade für meinen ver⸗ bannten Sohn!“ Und er fiel auf die Erde und lag knieend vor den Füßen ſeines Herrſchers. „Gnade! Gnade! Gnade!“ murmelte es laut im Kreiſe um die ergreifende Gruppe, auf die jetzt Aller Augen voll funkelnder Erwartung gerichtet waren. Da faßte ſich der Herzog mit beiden Händen nach der Bruſt, als wollte er ein tief ſitzendes beängſtigendes Gefühl aus ſeinen langen Banden löſen— raſch trat er auf den Greis zu, der zu ſeinen Füßen kauerte, und hob ihn empor... „Meine Herren!“ rief er mit lauter Stimme— „Sie brauchen nicht um Gnade zu flehen für Einen, für den dieſer da bittet, nein, Ihrer Stimmen bedarf es nicht, denn dies, hier, mein eigenes Herz hat ihn ſchon längſt begnadigt. Aber Du, alter Mann, wo haſt Du Deinen Sohn, daß ich ihn ſehe, wenn auch er mich zu ſehen verlangt, und daß er mein fürſtliches Wort höre, wenn er es hören will?“ Da öffnete ſich noch ein Mal der große Menſchen⸗ kreis und herbei durch die Menge ſchritt, hocherhobenen und kühnen Hauptes, feſten, aber doch geſänftigten Blickes, die ſchöne Geſtalt des verbannten Edelmannes. Vier Schritte entfernt vom Herzog blieb er ſtehen und ſchaute ihn an. Der Herzog aber, erſchrocken, daß der ſo lange Gefürchtete ihm ſo nahe ſei, trat einen Schritt zurück und ſtarrte ihn an, wie Jener ihn anſtarrte. So blickten ſich die beiden Männer, die fünf und zwanzig Jahre in bitterem Haſſe einander entfremdet geweſen waren, beide geprüft und mit Schmerzen reich geſegnet, aber beide die Schmerzen beſiegend und rüſtig in ungebrochener männlicher Kraft, Auge in Auge. „Schellenberg!“ rief der Herzog mit gebrochener Stimme—„Schellenberg! was bringen Sie mir und wie kommen Sie an dieſen Ort?“ „Durchlaucht,“ antwortete eine tiefe und mächtig aus der ergriffenen Bruſt ſich löſende Stimme,„nicht ich komme hierher, ſondern Sie— denn ich bin hier in meinem Eigenthum, ich bin bei mir. Ich wohne 3 * — 347— auf Stromberg, und Stromberg iſt mein— ich bin heute der Wirth und Sie ſind mein Gaſt!“ „Ah!“ rief der Herzog und fühlte nach ſeiner tropfenden Stirn.„Alſo ich habe mich doch nicht geirrt!“ Aber Maximilian fuhr ſogleich fort:„Aber Sie fragen mich, Durchlaucht, was bringen Sie mir? Geſtatten Sie mir dagegen zu fragen: Durchlaucht, was geben Sie mir, wenn ich Ihnen etwas Gutes bringe?“ „Meine Hand— da haben Sie ſie!“ „Ich nehme ſie an!“ Und frei und ehrlich reichte er ſeine Rechte hinüber, die der Herzog ſogleich ergriff. So ſtanden ſie einen Augenblick ſtill, während der ſie umgebende Kreis ernſter Männer in banger Erwartung der Löſung des peinlichen Auftrittes blieb. Da winkte der Herzog mit der Hand und der Kreis um ihn vergrößerte ſich, alle Umherſtehenden traten mehrere Schritte zurück. Und auf den einſt ge⸗ liebten, ſo ſchwer gekränkten, dann verbannten, jetzt aber ſchon halb verſöhnten Freund und Diener zu⸗ gehend, legte der Herzog vertraulich ſeinen Arm auf die Schulter deſſelben und ſagte mit gepreßter, aber weithin verſtändlicher Stimme: neg— ich freue ni, Sie ſo unerwartet — 348— vor mir zu ſehen, und ich danke Gott für dieſen ſchweren, aber ſchönen Augenblick. Aber nicht hier, nicht unter den Augen des zuſchauenden Hofes, kann ich thun, was ich Ihnen gegenüber thun muß— Abbitte leiſten für das Geſchehene. Ich kenne noch ein Herz, welches eben ſo große Anſprüche an dieſe meine Worte hat, wie das Ihrige, und wenn Sie der Mann geblieben ſind, der Sie früher waren, und ein wirkliches ver⸗ gebungsreiches Herz im Buſen tragen, ſo verlaſſen Sie mit mir einige Augenblicke dieſe Räume und folgen Sie mir dahin, wo ich allein und ungehindert vor Ihnen reden kann.“ Maximilian ſchaute auf und ſchien ihn zu be⸗ greifen. Aber das Verlangen des Herzogs war ſtark und kam unerwartet. Der von tauſend ſüßen und bitteren Gefühlen ergriffene Mann, ſo kraftvoll er auch war, ſchien zu taumeln, denn ſein Herz mochte wohl überfließen, wenn er bedachte, was ihm im nächſten Augenblicke bevorſtand. „Stilling!“ rief der Herzog mir zu.„Sie ſind unſer Vertrauter und Mitwiſſer aller unſerer Geheim⸗ niſſe geweſen— ich weiß es, ich fühle es— thun Sie heute noch einen Schritt für mich und eilen Sie nach Brandſtein, um die Perſon, die ich meine, auf unſoßs Ankunft vorzubereiten.“ — 349— Ich raffte mich auf. Schnell durchbrach ich den um uns geſchloſſenen Kreis und ſprang die Treppen hinab. Meinen Pelz raſch um die Schultern werfend, obgleich mich eine innere Gluth beinahe verzehrte, und meinen Hut ergreifend, lief ich zum Schloſſe hinaus und ſtrebte, ſo eilig mich meine Beine tragen wollten, dem jenſeits der Berge gelegenen Hauſe zu. Athemlos kam ich davor an und verſchaffte mir Einlaß. In der Haſt Pelz und Hut abzulegen ver⸗ geſſend, trat ich in einer wahrhaft fieberhaften Auf⸗ regung bei der Gräfin ein. Dieſe lag im Schatten des Zimmers auf einem Seſſel, Thekla ſaß am Liſche und las ihr aus einem Buche vor. Kaum ſah mich die Erſtere, ſo ſprang ſie von ihrem Sitze empor und ſtürzte mir entgegen. „Mein Freund!“ rief ſie, auf das Heftigſte er⸗ ſchrocken—„Was bringen Sie uns— ich ſehe es Ihnen an, es iſt etwas Waiihtiges, Verhängnißvolles, Entſetzliches geſchehen—— „Nein, gnädigſte Frau, beruhigen Sie Sich!“ brachte ich athemlos hervor.„Wohl iſt etwas Wich⸗ tiges und Großes geſchehen, aber es iſt nichts Ent⸗ ſetzliches.“ „Sprechen Sie— Sie tödten mich mit t Jhrem „Sögern 4 — 350— Und tief Athem holend, fuhr ich fort:„Der Herzog iſt auf Stromberg— Sie wiſſen es— kennen Sie den Beſitzer deſſelben, der heute das Feſt giebt? Ahnen Sie nicht, wer es iſt, wer es ſein kann?“ 3 Die Gräfin drückte beide Hände feſt auf ihr Herz, das ihren Buſen ſtürmiſch bewegte, und mit gepreßter Stimme ſprach ſie: „Sagen Sie es mir— ich kann jetzt Alles hören.“ „Sie wiſſen es ſchon— ich ſehe es Ihnen an — ſo kann Sie nur ein einziges Gefühl erſchüttern. Aber Sie wiſſen noch nicht, daß ſie verſöhnt und Freunde ſind, daß ſie hierherkommen, ja, daß ſie, glaube ich, ſchon da ſind.“ „Wer?— Wo?— Bei mir?“ Aber ich hatte nicht mehr Zeit zu antworten, denn draußen auf der Veranda hörte ich ſchon feſte Tritte das Herannahen der Erwarteten verkünden. Sie wa⸗ ren beinahe eben ſo raſch gelaufen, wie ich, ihr Bote. Schnell öffnete ich ſelbſt die Thür der Veranda, und ſogleich fiel der düſter glimmende Schein brennender Fackeln, die die begleitenden Diener in Händen hielten, in das trauliche Gemach. Aber ſchon trat der Herzog eiligen Fußes ein, an ſeiner Hand Maximilian von Schellenberg führend; hinter ihnen her kamen, etwas langſamer, die beiden Noringen, Vater und Sohn. 2 — 351— Maximilians breite Bruſt hob ſich gewaltſam, kaum vermochte ſie ſo viel Luft einzuathmen, wie der geſteigerte Lebensproceß in ſeinem Herzen verlangte. Da ſtieß er einen frohlockenden Schrei aus und trat einen Schritt vor; ſein blitzſchnelles Auge hatte die ſchöne Geſtalt der Gräfin erfaßt. „Gnädigſte Frau,“ ſagte der Herzog und ver⸗ beugte ſich tief vor der bebenden und mit purpurner Gluth übergoſſenen Dame, die ſich vor Erregung kaum auf ihren Füßen hielt,—„Sie ſehen mich unerwartet in ſpäter Stunde in Ihrer ausbedungenen Einſamkeit erſcheinen— ich bitte um Entſchuldigung deshalb. Aber die Vergangenheit hat ihre Pforten aufgethan und es iſt Zeit, daß ich ihr Rechnung trage. Ich komme zu Ihnen, um vor Ihnen und Dieſem zu be⸗ kennen, daß ich vor Jahren ein ſchweres Verbrechen beging, ein Verbrechen, welches nicht die Menſchen, wohl aber Gott an mir bitter geſtraft hat. Könnten Sie in mein Herz ſehen, es bedürfte wahrlich meiner Worte nicht; ſo aber muß ich ſprechen und ich ſpreche gern. Wohl kann ich hoffen, daß Gott mir meine Sünden verziehen hat, denn er ſchickt mir Den, um den ich in einſamen Stunden der Nacht auf meinen Knieen demüthig gebeten habe; darf ich aber auch hoffen, Sie werden nicht erbarmüngsloſer ſein als Gott? Schellen⸗ 5 — 352— berg, treten Sie näher und ermannen Sie Sich. Sie ha⸗ ben nichts Böſes gethan, alſo zittern Sie nicht. Wohlan denn— kennen Sie dieſes herrliche Geſchöpf Gottes?“ „Ich kenne ſie— ſie liebte mich einſt!“ „Maximilian!“ rief eine innig flehende und halb gebrochene Stimme. „Und Sie, Schellenberg, lieben Sie ſie nicht mehr?“ „Ich liebe ſie noch, wie ich ſie immer und allein geliebt!“. „Das hat auch ſie gethan, ich weiß es am beſten. Und Sie können ſie lieben, denn wenn der Schnee rein iſt, der vom Himmel fällt, und die Luft, die vom Meere daherweht— dieſe iſt wie Schnee und Luft— ich bürge mit meinem fürſtlichen Worte dafür.“ 1 Und einen Schritt vortretend und einen Ruf aus⸗ ſtoßend, der allen Anweſenden durch die Seele ſchmet⸗ terte, ſprang mehr, als er ging, Maximilian auf Emmeline zu. Aber auch ſie trat ihm entgegen und es war rührend anzuſehen, was nun geſchah, denn beide, als ſie ſich Angeſicht zu Angeſicht gegenüber⸗ ſtanden, fielen zur ⸗Erde und knieten, ſich die Hände reichend, dicht vor einander. Da wurden unſre Augen naß und auch der Herzog mußte ſich die ſeinigen trocknen. Er wandte ſich ab und blickte in dem ſtillen, heim⸗ 3 lichen Gemache umher, wo ſo viele Seufzer der Sehnſucht 1 3 — 353— und Erinnerung ausgehaucht waren— da fielen ſeine Augen auf Thekla, die in der Thüre zum Nebenzimmer ſtand und mit heißen Zähren der eben berichteten Scene zugeſchaut hatte. „Thekla, mein Kind!“ rief er.„Da biſt Du! Guten Abend, meine Tochter! Tritt näher zu uns und vermehre unſer Glück. Haſt Du mir vielleicht auch einen Wunſch vorzutragen?“ Und ſein Blick fiel voll und fragend auf Noringen, den jüngeren, der ſchweigend und mit gebeugtem Haupte neben ſeinem Vater in einer Ecke des Zimmers ſtand. Aber die mit Worten, wie der mit dem Blick Ge⸗ fragte blieben beide ſtumm. —„Ihr antwortet nicht, meine Kinder— ſo laßt . dieſen da ſprechen. Doktor! Was wünſchen dieſe Kinder?“ 3 „Von Ihnen geſegnet zu ſein, Durchlaucht!“ „So kommt her!“ Und mit einer Hand die er⸗ röthende Tochter, mit der anderen den bewährten jungen Freund ergreifend, legte er die Hände beider in einan⸗ der; dann aber, ſich flüchtig im Kreiſe verneigend, ver⸗ ließ er raſch das Zimmer und das Haus, und Noringen, deer Aeltere, und ich folgten ihm. — 4—— Fritz Stilling. V. XI. Schluß. Nach Beendigung jener ernſten und ergreifenden Sce⸗ nen hatten wir eine heitere und lärmvolle Nacht auf Stromberg zugebracht; vortrefflicher Geſang, entzückende Orcheſtermuſik, Devrients unnachahmlicher Humor und die mannichfachen Freuden einer ausgeſuchten Tafel hielten die überaus angeregten Gäſte bis weit nach Mitternacht zuſammen. Der Herzog ſelbſt, nicht viel früher aufbrechend, hatte ſich den leidenſchaftlichen Aus⸗ brüchen politiſcher Befriedigung von Seiten der ganzen Verſammlung nicht entziehen können; er hörte mit lächelndem Geſicht die glühenden Dankesreden an, die ihm und den Befreiern des Vaterlandes, den Veran⸗ ſtaltern des heutigen Feſtes, von ſeinen Edelleuten, denen die Stromberg'ſchen Weine die Zunge gelöſt zu haben ſchienen, dargebracht wurden. 14 Güügßwnnſch zum neuen Jahre darbringen.“ — 355— Ich ſelbſt war erſt vier Uhr Morgens in der Stadt angekommen, hatte aber auch da noch keine Ruhe und noch weniger Schlaf finden können, denn das in der vorangegangenen Nacht Geſchehene und Gehörte kreiſte in meinem Gehirne und lenkte meinen Blick auf den langen Lebensabſchnitt, der jetzt vollendet hinter mir lag und deſſen Verwickelungen mit der Beendigung jenes bedeutungsvollen Drama's zugleich ihre Löſung gefunden hatten. Voll von Dankgefühl gegen die gött⸗ liche Vorſehung, vertraute ich mich ihrem ferneren Schutze an, hoffend, daß der vor mir liegende Tag nicht minder glücklich als der verfloſſene ſein werde. Mit ſolchen Gedanken entſchlief ich endlich; aber um acht Uhr Morgens erhob ich mich ſchon wieder und kleidete mich an. Um meiner Mutter einen gute Morgen zu wünſchen, wie ich gewöhnlich that, begab ich mich ſogleich in ihr Zimmer, überbrachte ihr meinen Neujahrswunſch und theilte ihr die weſentlichſten Vor⸗ fälle des vergangenen Abends mit. Bon ihr ging ich an Chriſtels Thür und klopfte an dieſelbe an. „Wer iſt da?“ fragte die für nich lieblichſte Stimme auf Erden. „Ich bin's, Chriſtel, und ich wil Dir u einen 23: „Ich danke Dir, aber entſchuldige uns, mein lie⸗ ber Freund, wir ſind beim Ankleiden— wir kommen nachher ſelbſt zu Dir.“ „So wünſche ich Dir einen guten Morgen— vor Mittag ſiehſt Du mich nicht wieder, ich habe Geſchäfte.“ „So lebe wohl bis dahin— verlief das Feſt geſtern nach Wunſch?“ „Erfreulich und folgenreich— Du ſollſt es er⸗ fahren. Alſo auf Wiederſehen!“ Gleich darauf wurde meine heute ſo koſtbare Zeit von einem ganzen Haufen angeblich glückwünſchender, in der That aber nur neugieriger Menſchen in Anſpruch genommen. Alle wollten wiſſen, was geſtern geſchehen war, denn das auf den Flügeln des Windes eilende Gerücht hatte ſich ſchon in den mittleren Klaſſen der Stadt Bahn gebrochen. Die Leute aber, die von mir etwas Neues erfahren wollten, geberdeten ſich meiſt, als wenn ſie mir etwas mitzutheilen hätten und ver⸗ ſuchten auf dieſe Weiſe den Grund ihres frühen Be⸗ ſuches ſo ſchlau wie möglich zu verdecken. „Guten Morgen, theuerſter Freund,“ ſagte der Erſte,„ich wünſche von Herzen Glück zum neuen Jahr. Aber da ſind ja merkwürdige Dinge geſtern vorge⸗ fallen!“ „Ja, freilich, merkwürdig genug!“ — 357— 2 „Aber wie iſt das Alles ſo plötzlich geſchehen, ſo auf einen Schlag? Wer hat dabei die Hand im Spiele gehabt?“ „Große Ereigniſſe, mein Lieber, bereiten ſich ſtets im Dunkeln vor und zeigen ſich dann plötzlich wie der Blitz. Wir armen Menſchen ſehen und hören ſie wohl, wenn ſie vollendet ſind, aber wir bemerken die geheimen Fäden nicht, die ſie ſpinnen und weben. Guten Mor⸗ gen und ein glückliches Jahr!“— „Wiſſen Sie ſchon,“ ſagte der Zweite, der bei⸗ nahe im Galopp in mein Zimmer geſtürzt kam,„daß den katholiſchen Biſchof der Schlag gerührt hat, daß er gelähmt an allen Gliedern und ſprachlos, aber bei voller Beſinnung nach Hauſe gebracht iſt und von Ge⸗ richtsdienern bewacht wird?“ „Ja, ich weiß es.“ „Und auch, daß die beiden Miniſter— möge ſie der Teufel holen— im herzoglichen Gefängniß ſitzen und daß ihnen der Proceß gemacht wird?“ „Auch das weiß ich.“ „Gott, Sie reden ja gar nicht— mir köͤnnen Sie es doch ſicher anvertrauen, ich ſage es Niemandem wieder. Aber, iſt es denn wahr, daß ſie den Herzog nünih haben katholiſch machen wollen?“ 8 2*— 358— „Es iſt wohl möglich, mein Herr, indeſſen wünſche ich Ihnen das fröhlichſte Neujahr.“— „Ha!“ rief der Dritte,„haben Sie es gehört, der Schellenberg iſt wieder da— es hat eine große Scene gegeben— der Herzog hat ihn begnadigt und ſogar, was ich jedoch nicht glaube, umarmt— der gute Herzog! Aber er ſoll ſehr alt geworden ſein, der arme Schellenberg!“. „Ja, er iſt um gerade ſo viele Jahre älter ge⸗ worden, als er vom Lande entfernt geweſen iſt. Das iſt erſtaunlich— aber ich wünſche Ihnen ein recht, recht glückliches Neujahr!“— Hatten dieſe drei erſten Beſucher mich nur gelang⸗ weilt, ſo that mir der vierte mit ſeinen Fragen weh. „Guten Morgen, Doktor,“ ſagte er.„Alſo der Devrient iſt da und die große Sängerin auch?“ Woher wiſſen Sie das?“ „ Die ganze Stadt ſagt es, ſie hat ja geſtern vor dem Herzog auf Stromberg geſungen.“ „So, das iſt mir neu!“. „Und übermorgen ſingt ſie im Freiſchütz— nur Schade, daß der Weber nicht kommt—“ „Ja wohl, das weiß i0, und das iſt wenigſtens wahr.“ „Herrliches Wetter! crnlicher Neujahrstag! 1 — 359— 8½ Wir leben in einer merkwürdigen Zeit— guten Morgen!“ Jetzt hatte ich genug. Ich befahl meine Thür zu ſchließen, denn ich hätte den ganzen Tag damit zubringen können, die tauſenderlei Meinungen der Rathenden und Neugierigen anzuhören. Ich ſtellte mich an's Fenſter und erwartete jeden Augenblick einen um die Ecke des Schloſſes biegenden Wagen. Und da kam er wirklich. Vier herrliche Pferde riſſen ihn wie der Sturmwind daher. Er hielt vor meiner Thür und in wenigen Augenblicken ſtürzte ſich Maximilian in meine Arme. „Heil Dir zum neuen Jahre, Du mein theurer, über Alles geliebter Freund!“ rief er frohlockend. „Nun, Maximilian, Du haſt aber lange ge⸗ ſchlafen!“ 8 „Ich? Ich bin gar nicht im Bette geweſen. Jetzt iſt nicht Schlafens Zeit, mein Freund. Wir müſſen wachen und nachholen, was wir ſo lange ver⸗ ſchlafen haben. Aber, Fritz, was ſoll ich Dir ſagen, um mich Dir ganz verſtändlich zu machen?“ „Wie? Verſtehe ich Dich denn nicht ſchon lange? Sage mir gar nichts und ich werde Dich am beſten begriffen haben. In vielen Dingen denkt man ſich *— 360— lieber etwas, als daß man es ſich ſagen läßt, ſo geht es mir wenigſtens.“ „O Fritz— wie glücklich bin ich— ich fange ein neues Leben an!“ „Habe ich es Dir nicht vorher geſagt? Und doch haſt Du mich ſo lange vergeblich reden laſſen— aber vergeuden wir nicht die Zeit mit Dingen, die ſich von ſelbſt verſtehen. Haſt Du vergeſſen, welcher Beſuch uns bevorſteht— es iſt zehn Uhr und die beſtellten Gerichts⸗ leute erwarten uns gewiß ſchon an Ort und Stelle.“ „Ha! Es iſt wahr. Komm, laß uns gehen und die Sache ſchnell abthun— es iſt das letzte Stück Galle, was auf meinem Herzen laſtet.“ Und wir begaben uns eiligſt in's herzogliche Schloß, wo uns einige Gerichtsdiener erwarteten, denen wir Arbeit verſprochen hatten. Sie folgten mir 4 8 mit dem dieſen Leuten eigenen, eilfertigen Inſtinkte. Zunächſt führte ich Maximilian in das geheine G⸗ mach neben der Wohnung der Somnambule und machte ihn mit den Einrichtungen deſſelben bekannt. Dann trat ich ſelbſt, die mich begleitende Wache vor die Thür der Kranken ſtellend und ihr den letzten Auf⸗ trag ertheilend, ohne alle Anmeldung in das Kranken⸗ zimmer. Da ſah ich den vortrefflichen Beichtvater mit ſeiner Patientin an einem zierlich beſtellten Tiſche ſitzen — *.. 2 . nicht.“ — 361—* und behaglich ein feines Biskuit in ſeine Taſſe Kaffee mit herzoglicher Sahne tauchen. Es ſchmeckte ihm herrlich und ſowohl er, wie ſeine Pflegbefohlene, ſahen ganz fröhlich aus. „Guten Morgen, mein Herr!“ ſagte ich. Er ſtand auf und trat mir entgegen, ſein ſtechen⸗ des Auge voll Verwunderung auf den unerwarteten Störenfried heftend. „Was wünſchen Sie, mein Herr, und warum ſtören Sie dieſe Kranke in ihrer Morgenruhe?“ „O! Ihre Ruhe iſt ſo wichtig nicht, wie ich ſehe, Sie ſtören ſie ſelbſt und frühſtücken ſogar ge⸗ mächlich mit ihr.“ „An meine heilbringende Nähe iſt ſie gewöhnt— ich bin ihr Arzt und Beichtvater. Aber wen habe ich die Ehre vor mir zu ſehen?“ „Das werden Sie ſogleich erfahren. Ich komme im Namen des Herrn Herzogs.“ „Ah! Seine Durchlaucht läßt uns gewiß zum neuen Jahre Glück wünſchen?“ „Das thut er freilich und das thue ich auch auf meine Art. Aber Sie fragen mich, wer ich bin. Sehen Sie mich einmal genau an, mein Herr.“ „Ich ſehe Sie ſchon lange an, aber ich kenne Sie 4½— 362— „Klingt Ihnen auch meine Stimme nicht bekannt? Fragen Sie Ihr Gedächtniß— ich wenigſtens habe Sie ſchon lange erkannt.“ „Schon lange— wie ſoll ich mir das deuten? Ich ſehe Sie zum erſten Mal.“ „Ich bediene mich nur Ihrer eigenen Worte. Aber Sie irren Sich— wir ſind wirklich alte Bekannte.“ Der ehemalige Pater Vikarius riß die Augen auf und ſetzte ſeine Brille zurecht. Es ſchien ihm etwas unheimlich zu Muthe zu werden, denn meine Stimme hatte etwas Schneidendes angenommen, was ich nicht zu unterdrücken vermochte, ſo ſehr ich mir auch Zwang anthat, meine Gefühle nicht vor der Zeit zu verrathen. „Sie haben ein ſchlechtes Gedächtniß,“ fuhr ich fort,„ich habe ein bei Weitem beſſeres. So muß ich denn wohl ſelbſt meinen Namen nennen, den ich ſo gern von Ihnen hätte ausſprechen hören. Ich bin auch ein Arzt, aber kein Beichtvater, wie Sie, wenn Sie mich nicht für den Ihrigen in der Folge anneh⸗ men wollen. Mit einem Wort, ich bin der Leibarzt Sr. Durchlaucht, der⸗ Geheimerath Dr. Stilling— in meiner Jugend nannten Sie mich Fritz, den Buben, den jungen Teufel, den Zögling des Ketzers!“ Und ich blickte ihm ſcharf in die Augen, die ſich mit einem trüben Flor zu umziehen begannen. * — 369—* „Mein Herr!“ ſammelte er,„ich— Sie ſehen — ich bin— 1 „Ja, Sie ſind, ich weiß es wohl, der fromme Pater Henrikus!“ Und er fiel auf einen Stuhl und bedeckte ſein aſchenbleiches Geſicht mit den Händen, während die plötzlich ſehr hellſehende Thereſia in eine Ecke des Zimmers flüchtete und, auf einem Stuhle zuſammen⸗ gekauert, ſich ſchweigend verhielt. „Ermannen Sie Sich,“ fuhr ich fort,„es ſtehen Ihnen noch neue Ueberraſchungen bevor, Sie ſollen ſogleich noch mehr Bekannte vor ſich ſehen.“ Da ſprang er entſchloſſen auf und ſtellte ſich mit höhniſcher Geberde vor mich hin.„Mein Herr!“ rief er,„das iſt eine Beleidigung— ich kenne Sie nicht; ich ſtehe hier unter dem Schutze des Herzogs und mei⸗ nes eben ſo mächtigen Herrn, des Biſchofs.“ „Unter beiden haben Sie geſtanden, die Zeit iſt vorüber. Wir ſind durch Ihre Bemühungen wirk⸗ liche Hellſeher geworden. Der Biſchof liegt in den letzten Zügen, denn der Höchſte der Herren hat ihn mit ſeiner Zuchtruthe berührt— und feine erhabenen Freunde, die Herren Miniſter, ſitzen im Stockhauſe, wo ſie ſeit Jahren hätten ſitzen ſollen, wenn Gott nicht zu langmüthig geweſen wäre.“ — 36 4— „Mein Herr, Sie reden irre— ich zweifle an Ihrem Verſtande— denn das kann nicht ſein und ich— ich kenne Sie nicht!“ „Nicht? Das wundert mich. Vielleicht aber ken⸗ nen Sie einen Anderen. Erinnern Sie Sich auch nicht eines gewiſſen Maximilians, eines großen Ketzers, der mit Ihnen und mir im Kloſter der Franzikaner am Rhein lebte?“ „Nein, mein Herr, auch den kenne ich nicht, Sie irren ſich in meiner Perſon!“ „Sollte es wirklich ſein? Das wollen wir ein⸗ mal verſuchen!“ Und ich erhob meine Stimme und rief laut:„Maximilian, öffne Dein Ohr! Täuſche ich mich, oder ſehe ich den Pater Vikarius vor mir?“ Da donnerte die Stimme des Gerufenen von der Höhe des Zimmers herab und ſchallte durch das ganze Gemach wie das Brauſen des Sturmwindes:„Du täuſcheſt Dich nicht, Fritz, mein Freund— er iſt es, ich ſehe ihn und ich höre ihn— guten Morgen, Pater Henrikus!“ Und als wenn eine Stimme vom Hinmel her⸗ unter gebrauſt wäre und ſein halsſtarriges Herz in tauſend Stücke zerſchmettert hätte, ſo brach der ent⸗ larvte Betrüger augenblicklich zuſammen. Er fiel auf die Kniee und beugte ſein ſündhaftes Haupt. — 365— Ich klatſchte in die Hände. Und herein, Maxi⸗ milian voran, traten die lächelnden Diener des Ge⸗ richts. Der am Boden liegende Heuchler aber klap⸗ perte bei dieſem ſchrecklichen Anblick mit den Zähnen und hatte die Sprache verloren. Nur ſeine Augen hafteten auf dem ſtumm vor ihm ſtehenden Maximilian, der ihn mit ſeinem beredten Schweigen wie mit der tödtlichſten Waffe durchbohrte. Ich ſprach nur noch wenige Worte; auch die bei⸗ den Beamteten machten nicht viele Umſtände. Sie er⸗ griffen den Betrüger und entführten ihn dem herzog⸗ lichen Schloſſe, welches ſeine unreine Gegenwart ſchon zu lange beſudelt hatte. Das von Krämpfen ergriffene Wundermädchen aber wurde ſogleich in das ſtädtiſche Krankenhaus abgeführt. Während Maximilian zum Herzoge hinauf ging, kehrte ich in mein Haus zurück. Ich fand Ernſt Goy meiner warten. Er war fein wie ein Bräutigam ge⸗ kleidet und hatte glänzend weiße Handſchuhe auf den Fingern. Aber er ſah betrübt aus und ſchien von einem tiefen Kummer bewegt. „Guten Morgen, Ernſt Goy,“ ſagte ich.„Alſo ü — 366— Du kommſt, mir Glück zu wünſchen. Wohlan, ich thue desgleichen.“ „Du haſt mich errathen, mein lieber Freund, das iſt allerdings ein Grund meines Beſuches. Gott gebe Dir ſeinen ganzen Segen!“ „Und Dir nicht minder— aber Du ſiehſt aus, als ob Du nicht ganz auf den Segen bauteſt, der Deinen Lippen entfließt. Du haſt gerade kein Neu⸗ jahrsgeſicht heute.“ „Ach, Fritz, Du ſiehſt mich zerknickt— mit mir iſt es aus.“ „Schon wieder einmal? Du ſetzeſt mich in Er⸗ ſtaunen. Was iſt denn vorgefallen?“ „Ach!“ ſeufzte er laut und ſchlug die Augen nie⸗ der.„Ach, die Grete!“ „Grete? Spukt die ſchon wieder in Deinem Gehirn? Was haſt Du mit Grete?“ „Ich will es Dir nur ſagen— geſtern Abend war ich hier, und ſie betrug ſich ganz freundlich gegen mich. Als ich aber mit meiner Angelagenheit heraus⸗ rückte— und um ihre Hand bat—) „Die hat ſie doch gewiß angenommen?“ Sie hat mich ausgelacht, wie immer, wenn ich davon zu reden anfing.“ „Zum Teufel! Nein! Das hat ſie eben nicht. 5—— — 367— „Ausgelacht? Du ſcherzeſt!“ „Du machſt mich wahnſinnig mit Deinem Zweifel — das iſt nicht zum Scherzen.“ „Aber welchen Grund hat ſie, daß ſie Deine Hand verſchmäht?“ „Sie hat zwei, einen abſcheulichen und einen un⸗ gerechten. Einmal ſagt ſie, ſie bliebe beim Theater, ſo lange ihre Herrin, die Sidi, dabei bliebe, es gefiele ihr ſo gut in dieſer Lage. Ha! Du ſeußzeſt auch dar⸗ über. Iſt das nicht ein abſcheulicher Grund? So⸗ dann aber ſagte ſie, ich hätte eher kommen ſollen, wenn ich ſie heirathen gewollt, jetzt ſei ſie zu alt.“ „Willſt Du mir waß die Grete ſogleich herbei⸗ rufen?“ Er ſprang willig hinaus; einen Augenblick darauf kam er mit ſeiner alten Freundin zurück. „Grete!“ ſagte ich.„Hier iſt Ernſt Goy.“ „Ja, Herr Geheimerath, ich ſehe ihn. Er iſt nicht ſo klein, daß man ihn aus dem Auge verliert, wenn er vor Einem ſteht.“ „Aber er bittet um Deine Hand— hat e er ſie nicht durch ſeine lange Liebe und Treue verdient?“ „Das wohl— aber was macht er ſich aus 8 — ich bin ihm zu alt; er möchte viel lieber eine Jüngere heirathen.“ — 368— „Grete!“ rief drohend der anhängliche Verehrer der koloſſalen Schönheit und ſtampfte unwillig mit dem Fuße. „Ernſt Goy!“ rief Grete und machte es ebenſo. „Ihr ſeid ein ſeltſames Paar,“ ſagte ich,„Ihr gebt einander nichts nach. Aber, Grete, er hat mir ſo eben vertraut, daß er Dich mehr als jede Jüngere liebt— findeſt Du kein Gefühl in Deiner Bruſt, das Dich zu ihm zieht?“ Sie drehte ſich um und kicherte.„Was hab' ich von ihm? Sobald er mich hat, iſt er meiner über⸗ drüſſig und läuft mir davon.“— 1 „Grete!“ rief der verläumdete Liebhaber und holte ſein ſeidenes Taſchentuch hervor. „Ernſt Goy, was willſt Du?“ „Deine Hand— ich liebe Dich fürchterlich— ich kann nicht länger ohne Dich leben—“ i mn „Das haſt Du ſchon als ſechszehnjähriger Naſe⸗ weis geſagt, und Du lebſt immer noch..“.. 3„Ich ſage es aber heute zum letzten Mal— ent⸗ weder— oder— Du wirſt meine Frau— oder— „Oder ich werde es nicht! Haha! Du nimmſt eine andere.“ n 3 „Grete,“ beſänftigte ich,„die Sache iſt ernſt ge⸗ worden mit der Zeit, laß das Scherzen ſein. Mache ihn glücklich— ich will für ihn bürgen— — 369— *☛ „Sie? Für den Sauſewind?“ „Das iſt er nicht mehr. Sieh, er iſt ein geſetzter Mann geworden und hat ſein gutes Brot.“ „Ich glaube es und ich weiß es. Aber warum wird er denn immer grob, wenn er mir ſeine Liebe erklärt? Ich bin ein Weib und habe ein weiches ⁸ 3 Herz, wenn auch mein Aeußeres etwas unförmlich iſt.“ Und auch Grete fing an, etwas Naſſes im Auge zu trocknen. „Wenn es nur das iſt, ſo will ich hoffen, daß ſeine Grobheit bis jetzt eine leidenſchaftliche Eigenſchaft ſeines Dich entbehrenden Herzens iſt. Gehörſt Du ihm erſt, ſo wird er ſchon höflicher werden. Nicht wahr, Ernſt Goy?“ „Ich will ſie auf den Händen tragen, ich will ſie ver⸗ göttern, ich will, mit einem Worte, nie wieder grob ſein.“ „Du hörſt es— antworte ihm.“ Grete kicherte wieder und ſah ihren alten Liebhaber, der nur aus Liebe grob war, ſchalkhaft von der Seite an. 4 „Und wenn ich es nun verſuchen wollte?“ flüſterte ſie. „Grete!“ brüllte er wie ein Löwe, der ſeine Löwin gefunden hat und ſtürzte auf ſie los. „Ernſt Goy!“ rief ſie—„Du zerquetſcheſt mich — iſt das Deine Höflichkeit?“ Fritz Stilling. IV. 24 8 — 370— Aber ich hatte genug geſehen und gehört— ich 1 fühlte mein eigenes Herz warm werden und ging aus 7 dem Zimmer. 6 Eine Stunde ſpäter war daſſelbe wieder frei; die Beiden, die ſich ſo früh verloren und ſo ſpät erſt wieder gefunden hatten, waren einig geworden. Ich ſetzte mich auf meinen Schreibſtuhl und ſtarrte meine Bücher an. In ihnen ſchien mir nur eine todte Weisheit zu liegen— ich ſehnte mich nach lebendiger. Da ging die Thür leiſe hinter mir auf und ein leichter Fuß trat behutſam über meinen Teppich daher. „Guten Morgen, mein Freund, und ein glückliches 1 neues Jahr!“ flötete eine liebliche Stimme. Ich ſprang auf. Chriſtel ſtand vor mir, im voll⸗ ſtändigen Tagesanzuge, ſchön wie eine Roſe und lächelnd wie der Morgen, der ſie mit Thau benetzt. Die runden, warmen Schultern quollen voll über das ſchwarze Atlas⸗ kleid hervor, welches ihre reiche Bruſt umſpannte, und ihre goldenen Locken wogten bei jeder enegund um den herrlichen Kopf. „Chriſtel!“ rief ich verwundert—„So ſchön habe ich Dich nie geſehen!“ „Ich habe auch etwas lange zu meiner Toilette gebraucht, mein Lieber, es iſt ja Neujahrstag. Ich möchte gern, daß der Eindruck, den Du heute von mir 1 4 8 1 — — — 371— empfängſt, das ganze Jahr andauert— ſieh, ich bin nur ein Weib und alle Weiber ſind etwas eitel. „Das höre ich von Dir zum erſten Mal. Aber ich wünſche Dir tauſendfaches Glück zum neuen Jahre.“ „Und ich habe nur ein einfaches für Dich— Du biſt ſchon ſo reich geſegnet.“ „SDu haſt Recht. Gott iſt licbztich gegen mich geweſen.“ „Aber dennoch ſeufzeſt Du, mein Freund?“ „Ach ja! Doch da fällt mir ein— übermorgen wirſt Du zum erſten Mal ſingen— man wird Dich änſtaunen— man wird Dich vergöttern.“ Sie ſchüttelte leiſe den Kopf und ihr blaues, klares Auge füllte ſich mit glänzenden Perlen. „Du ſchüttelſt den Kopf— was ſoll das bedeuten?“ „Daß ich nicht ſingen werde— ich werde nicht das Theater betreten, ich werde bei Dir bleiben— hier werde ich vielleicht ſingen, aber man wird mich viel⸗ leicht nicht vergöttern.“. „Ich verſtehe Dich nicht— ſprich deutlicher.“ „Ich bin nicht mehr beim Theater, mein Freund!“ „Chriſtel!“ rief ich und fühlte, wie alle Schleuſen meines Herzens ſich öffneten und alles Blut unauſ⸗ haltſam mir nach dem Geſichte ſtrömte. „Wenn Du es aber verlangſt,“ luhr ſe ſcalthaſt — 2— fort,„ſo werde ich mich entſchließen, ferner auf dem Thuheater zu ſingen.“ „Nein, nein,“ rief ich,„ich habe dieſes Verlangen durchaus nicht.“ „Dann bin ich zufrieden— und haſt Du mir nichts Anderes zu ſagen?“ „Was ſoll ich Dir ſagen? Du ſiehſt mich ver⸗ wirrt— ich weiß nicht, was ich von Deinem neuen Entſchluſſe denken ſoll.“ „Denke das Beſte und ſchaue mich an, wie Du mich einſt auf der Brücke der Havel angeſchaut haſt — da war ich noch keine Künſtlerin und wäre viel⸗ leicht nie eäne geworden, wenn Du bei mir geblieben wäreſt— Reuz Du die Wahrheit? Aber die Kunſt?“ „Ich ſpreche immer die Wahrheit, mein Freund; und die Kunſt? Ach, die lebt mehr in meinem Herzen als in meinem Ehrgeiz. Sie geht mir nicht über das ganze Glück des Lebens und das Glück— „Das ſprichſt Du nicht aus Dir— das hat Dir meine Mutter oder die Gräfin Beandſtein geſagt.“ „Du wunderbarer Mann! Wenn das ein Vor⸗ wurf iſt, ſo trifft er mehr Dich als mich— müſſen mir erſt Andere ſagen, was Du mir nie geſagt haſt?“ „Was habe ich Dir nie geſagt?“ —— F= — 373— „Muß ich es Dir denn auch jetzt noch ſelbſt ſagen: daß Du mich liebſt?“ 4 „Chriſtel— Du weißt es? Ja, ja, nun kann ich es ſagen: o, ich liebe Dich ſo lange ſchon und ſo unbeſchreiblich innig!“ Und ſie trat mir einen Schritt näher, blickte mir voll in's Auge und, indem ſie ihre weiße Hand auf meine Schulter legte, flüſterte ſie: 2 „Wirklich? Und erſt heute ſagſt Du mir das? Zehn Tage ſchon bin ich in Deinem Hauſe, nachdem ich eben ſo viele Jahre vergebens auf Dich gehofft— ſo viele Stunden haben wir allein zugebracht und nie hat dieſes ſüße Wort einen Ausgang aus Deinem Herzen gefunden?“ „Wie konnte ich, wie durfte ich— Du warſt eine große Künſtlerin geworden—“ „Laß die Künſtlerin für immer in mir begraben ſein, vergiß ſie und ſiehe in mir nur das Weib, das liebende Weib. Denn ſieh, ich bin offener als Du— ich liebe Dich auch, und eben ſo lange, wie Du mich liebſt, habe ich Dich innig geliebt.“ „Mit ſchweſterlicher Liebe oder—“ „Mit dieſer Liebe!“ Und ihre Arme öffneten ſich und ich lag an dem treuen, reinen Herzen welches Gott — 374— für mich geſchaffen zu haben ſchien und deshalb ſchon in meiner Kindheit an meine Seite geſetzt hatte. Da glitt ein anderer, noch leiſerer Schritt über den Teppich, und als wir aufſchauten, ſahen wir meine Mutter vor uns ſtehen. „Meine Kinder!“ rief ſie.„Ich ſehe es nicht mit meinen Augen, aber ich ſehe es in meinem Geiſte — Ihr habt Euch gefunden und haltet Euch um⸗ ſchlungen— darf ich meinen mütterlichen Segen vom Himmel herabflehen?“ Und vor ihr niederſinkend, fählten u wir ihre ſanfte „Hand auf unſerem Scheitel laſten und die Worte, die ſie weinend und doch freudig über uns ſprach, ſchienen uns das koſtbarſte Geſchenk des Himmes zu ſein, denn wir waren von einer liebenden Mutter geſegnet.—— Eine Stunde ſpäter war ich beim Herzog. Er hielt ein Schreiben in der Hand, elche er langſam Plernns Da,“ ſagte er,„das fehlte mir noch! Nun bin ich auch von Ihnen betrogen— leſen Sie— die Sängerin ſagt ab— ſie will nicht mehr auf dem Theater ſingen—ℳ „Durchlaucht,“ rief ich, vor Freude ſtrahlend— „ja, Ihnen ſagt ſie es ab, aber mir hat ſie zugeſagt, denn ſie wird mein Weib!“ —,— „Wer? Die Sidi? Ah! Nun durchſchaue ich den ganzen Streich. Sie haben mir einen tüchtigen geſpielt. Ich glaubte, Sie ſeien mein Diplomat in Berlin geweſen, und Sie waren ihr eigener. Darum waren Sie ſo glücklich! Nun, ich vergebe es Ihnen — aber ich werde doch wenigſtens ihre Stimme ein Mal hören?“ „So oft Sie befehlen, nidigſte Herr, wir ſind tief in Ihrer Schuld. 44 „Davon wollen wir ſchweigen— die meinige werde ich abzutragen ſuchen— ich will wenigſtens Ihre Aus⸗ ſtattung beſorgen, damit ich doch etwas Freude davon habe, und wo wird die Hochzeit ſein?“ „Auf Stromberg, Durchlaucht!“ „Auf Stromberg! Ah! Ein herrlicher Ort dazu. Ich kann ihn zwar nicht mehr beſitzen, denn er hat einen Herrn, der ſeiner würdig iſt, aber ich habe mich getröſtet, denn auch ich habe Ruhe in meinen anderen Schlöſſern gefunden. Und durch Sie allein habe ich ſie gefunden.“ „Ich that nur meine Schuldigkeit, Durchlaucht!“ „Wollte Gott, jeder Fürſt fände Diener, die ſo ihre Schuldigkeit verſtehen und üben wie Sie— Sie ſind mir ein Freund geworden. Ich drücke Ihnen die Hand— gehen Sie und ſeien Sie ſo glücklich, wie 4 8 Haben Sie den Schellenberg ge⸗ Sie es verdienen. ſehen?“ „Ja, Durchlaucht!“ „Aber Sie wiſſen es doch— er iſt ſo eben abge⸗ reiſt und mit ihm drei Andere— Mutter und Tachter und Bräutigam.“ „Abgereiſt? Und das erfahre ich von Ihnen?“ „Ja, ich hatte den Auftrag dazu— hier ſind Briefe an Sie. Das junge Paar kommt einen Tag vor der Hochzeit wieder. Sie aber ſollen auf Strom⸗ berg wohnen und dort Ihre Flitterwochen zubringen — da, nehmen Sie und leſen Sie zu Hauſe. Guten 3 Morgen!“ Ich wankte hinaus, über die Maßen von dem betroffen, was ich ſo eben gehört, und doch war es ſo natürlich.— Es war ein lieblicher Maientag. Die warme Sonne ſtreute ihr goldigſtes Licht durch die friſch be⸗ laubten Bäume und Sträucher, und die Nachtigallen ließen ihre ſehnſuchtsvollen Stimmen darin erſchallen. Es ruhte eine ſo friedliche Ruhe auf dem ſchönen Stromberg, als wäre es ausgeſtorben und als lebten .. 1 * — 377— nur die Vögel, die Lüfte und die Blumen darin. Und dennoch war viel Leben und mit dieſem Leben auch viel Glück in den Gemächern und ſchattigen Umgebun⸗ gen des Herrenſchloſſes, denn ein neuvermähltes Paar, welches erſt am Tage vorher mit zwei anderen Paaren das Gelübde ewiger Treue abgelegt, hatte ſeinen Auf⸗ enthalt darin genommen. Ich wandelte mit meiner für immer wieder gewonnenen Chriſtel durch die ſchat⸗ tigen Laubgänge, ſie hing an meinem Arme und ihr lockiger Kopf ruhte, nur leiſe geflüſterte, aber doch wohl verſtandene Worte lispelnd, auf meiner Schulter. Wir waren ſo glückſelig, wie zwei Menſchen unter dieſen Umſtänden es ſein können. Da hörten wir einen Kuckuk in den Gebüſchen rufen und ſchauten aus unſerer ſeligen Träumerei auf. „Wie lange wird dieſes unſer Glück dauern,“ ſcherzte Chriſtel und lächelte mich an—„laß uns zählen!“ „Verſuche die Götter nicht,“ entgegnete ich ihr. „Ol die Götter ſprechen nicht durch einen Kuckuks⸗ mund, ſie haben andere Stimmen für uns— aber laß mich einmal zählen.“ Und ſie zählte zehn, zwanzig, dreißig Mal— da aber ſchien es, als wenn dem Kuckuk die Stimme ausginge, wenigſtens wechſelte er den Ton und endlich fing er laut zu lachen an. Aber “ er lachte wie ein Menſch, dieſer Kuckuk, und ſiehe, wir fanden, daß uns dieſer Göttermund getäuſcht hatte, denn aus den Gebüſchen ſprang ein muthwilliges Paar hervor, Otto von Noringen, Thekla an der Hand haltend, und jubelte über den trefflich gelungenen Scherz. Das junge Paar, erſt vier und zwanzig Stunden vermählt, wie wir, hauſte auf Brandſtein und war in aller Heimlichkeit herüber gekommen, um ſein Glück durch das unſrige zu verdoppeln. „Ach, Otto, mein Freund,“ rief ich,„biſt Du gekommen, die Wette zu bezahlen— wer iſt nun der Verliebteſte von uns beiden?“ „Ich will Alles bezahlen,“ lautete die fröhliche Antwort,„ſogar eine Wette, die ich noch nicht ent⸗ ſchieden verloren habe, denn ich bin in ſo ſpendungs⸗ reicher Laune, wie nie. Aber verſchone mich mit dem Abrechnen, ich ſage Dir lieber gleich, daß ich über alle Begriffe glücklich bin, obwohl ich nicht ſagen kann, ob ich es mehr bin als Du, denn Du ſiehſt mir eben auch nicht unglücklich aus.“ „Was reden die ernſten Männer vom Rechnen?“ jubelte Thekla, indem ſie am Arme ihrer neuen Freun⸗ din daher hüpfte.„Ich glaube gar, ſie haben kauf⸗ männiſche Geſchäfte!“ „Die haben ſie immer, meine Liebe,“ rief oheie ——y —=ͤ 4 — 379— das gehört zum Weſen des Mannes— aber auch wir haben welche, wir wollen ſie wenigſtens haben.“ Und ſie ſah mich mit einer ſtrahlenden Innigkeit an, wobei ihre Augen den Aeußerungen ihrer ſchönen Lippen wi⸗ derſprachen, was eine Seltenheit an ihr war. Aber wir Vier ſollten nicht lange allein bleiben, denn aus einem Gange hervor wandelte eine in ihrer Art ſeltſame und eben ſo würdevolle Gruppe. Meine Mutter, an jedem Arme von einem ſilberhaarigen Greiſe geleitet, trat langſamen Schrittes daher und näherte ſich uns. Franziskus und Ludovikus, die beiden Getreuen, führten ſie umher und bezeichneten ihr mit Worten die Schönheiten des Orts, die ihr Auge nicht ſehen konnte. Als ſie in unſere Nähe gelangt waren, blieben ſie ſtehen. „Warum bleibt ihr ſtehen und tretet nicht ganz heran?“ fragte ich. „Das iſt wider die Abrede,“ entgegnete mit ſeiner alten herzlichen Milde der ehemalige Guardian—„Ihr bleibt für Euch und wir für uns, nur der Zufall und der lachende Kuckuk hat uns in Eure Nähe geführt.“ Und augenblicklich umlenkend, ſchritten ſie wieder den breiten ſchattigen Weg zurück, den ſie gekommen waren, dem ſchwellenden See entgegen. Da kam von einer anderen Seite eine andere und — 380— unerwartetere Störung. Zwei Reiter ließen ſich blicken und ſtiegen eben von den Pferden, die ein ebenfalls berittener Diener in Empfang nahm. Erſtaunt hoben wir unſere Augen auf, denn wir ſahen den Herzog und den alten Noringen vor uns. Sogleich trat ich ihnen entgegen und begrüßte ſie ehrerbietig, während die jungen Frauen in den Gebüſchen ſich verſteckten. „Wir bitten um Entſchuldigung,“ rief der Herzog, „aber ſchon glaubten wir, Stromberg ſei ſo einſam wie Brandſtein, deſſen Vögel ausgeflogen ſind; indeß ſehen wir, daß wir uns geirrt. Darf ich die Dame des Hauſes begrüßen?“ 1 Sobald Chriſtel dieſe lautgeſprochenen Worte in ihrem Verſteck hörte, warf ſie die kleine weibliche Ziererei bei Seite und trat mit holdgeröthetem Geſicht hervor, indem ſie ſich vor dem Herzog verbeugte. „Zürnen Sie nicht, meine ſchöne Frau,“ ſagte der galante Herzog,„ich komme nicht, um zu ſtören. Heute wundern und mich rühren laſſen, wie neulich, lieber ein andermal— wir kommen heute nur auf einen Augen⸗ blick und als Boten, um unſeren Kindern— denn das ſeid Ihr ja Alle— eine Nachricht zu überbringen. Geben Sie ihn hin, Noringen, und dann auf und davon!“ will ich auch nicht die ſüßen Töne Ihrer Stimme be⸗ — — 381— Und der alte Kammerherr nahm einen Brief aus ſeiner Taſche und legte ihn in meine Hand. Er trug die Aufſchrift: An die Glücklichen in Stromberg und Brandſtein. „Das iſt für uns Alle!“ rief ich freudig. „Ja!“ entgegnete der Herzog—„und ich habe die Ehre, mich zu empfehlen— adieu, Thekla, mein Kind— adieu, Sidi, ſchöne Sängerin— adieu, Ihr beneidenswerthen Männer!“ Und mit Augen und Händen winkend, beſtiegen die Beiden ihre Pferde und ritten lachend den Weg zurück, den ſie gekommen waren. Ich aber ging bei Seite und erbrach den Brief. Da aber war ſchon eine leichte Geſtalt an meiner Seite und ergriff meinen Arm, und augenblicklich auch eine zweite; Otto von Noringen aber ging, uns alle Drei anſchauend, rückwärts einen Schritt vor uns her. „Wollt Ihr mitleſen?“ fragte ich, da die ſechs glühenden Augen ſich neugierig auf das Schreiben richteten. „Ja— das wollen wir— nun, mach' ihn nicht zu.“ „So leſet oder höret lieber, denn ich will ihn Euch vorleſen— dann weiß Otto auch gleic, was darin ſteht.“ Und ich las folgende Worte: — 382— „Meine geliebten Kinder und Freunde! „Wenn dieſer Brief in Eure Hände gelangt, werdet „Ihr glücklich ſein. Gott erhalte Euch dieſes Glück „lange Zeit! Aber auch zwei andere Herzen haben „noch einmal ein Glück gefunden, welches ſie ſchon „für ewig verloren gegeben hatten. „Um vor den Einflüſſen freudiger Unruhe, die in „Eurer Stadt den vorgefallenen Ereigniſſen folgen „mußte, bewahrt zu bleiben, zog ich es vor, mich „ſchnell an einen Ort zu begeben, der mich aller un⸗ „nöthigen Gemüthserſchütterung überhebt. Emmeline „war mir auf meinen Wunſch dahin gefolgt. Jetzt, „nachdem auch Thekla und Otto uns verlaſſen haben, „ſind wir wieder allein. Wir hielten lange und „ernſte Berathungen mit einander. Es galt, unſere „ ganze Zukunſt vor jederlei Kümmerniß ſicher zu „ſtellen. Wenn wir der oberflächlichen Meinung der „Welt gefolgt wären, hätten wir vielleicht nie wieder „das vollkommene Glück gefunden, welches uns jetzt „umſchließt, denn dieſe Meinung der Welt erhebt „oft Anſprüche, die die einzelnen Menſchen nicht zu „unſere Herzen und handelten, wie dieſe uns ant⸗ „worteten. Auf dieſe Antwort hat Emmeline ihr „Geſchick mit dem meinigen auf ewig verbunden, — „erfüllen vermögen. So aber fragten wir allein — — 383— „und dies iſt der Grund meines heutigen Schreibens. „Auch wir ſind ſo glücklich, wie Ihr, vielleicht noch „glücklicher, denn wir genießen die uns noch vor⸗ „behaltenen Tage mit Ruhe und Klarheit des Ver⸗ „ſtandes und mit Dankbarkeit gegen Gott, der, „nachdem er uns ſo viel genommen, jetzt um ſo „mehr gegeben hat. 4 „Die Tage des Unfriedens, des Schmerzes und „der Leidenſchaft ſind vorüber, wir gehen dem fried⸗ „lichen Abend des Lebens entgegen. Die Nacht, die „einſt auf ſolchen Abend folgt, kann nur von ſüßen „und holden Träumen erfüllt ſein, und das hoffen „wir mit Gott, unſerem gnadenreichen Schöpfer. „Kinder, ſeid zu Hauſe glücklich. Wir ſind nach „Italien, dem Lande der ewigen Sonne, gereiſt, um „vielleicht erſt nach Jahren zu Euch zurückzukehren. „Wenn wir aber dann zu Euch kommen, hoffen wir „Niemanden zu finden, der uns zürnen wird, daß wir „nach einer vierteljahrhundertjährigen Trennung noch „ein Glück erſtrebten, welches vielleicht ohne dieſelbe „nnicht ſo vollkommen geweſen wäre, wie es jetzt iſt. „Gott erhalte Euch und gebe Euch Frieden. Die Eurigen. Maximilian und Emmeline.“ — 384— „Das iſt die größte Freude, die wir heute noch haben konnten!“ riefen wir Alle zuſammen, drückten uns die Hände und ſchauten uns mit Augen an, die noch mehr ſprachen, als unſere Worte. Aber die Sonne, die bisher freundlich über uns gelächelt, hatte eben ihren Tageslauf vollendet und ſank träumeriſch und ſtill hinter den blauen Bergen nieder. Chriſtel und ich geleiteten mit dieſer ſcheidenden Sonne die Freunde nach Brandſtein, dann aber kehrten wir, im Innerſten unſerer Seele beglückt, wieder nach Strom⸗ berg zurück. Und an dem leer gewordenen Himmels⸗ raume ſtieg, als wir unſere neue Heimath erreicht, für jene glänzende Sonne der ſtillere Mond herauf, und auch er begrüßte uns wohlthuend mit ſeinem himm⸗ liſchen Lichte, wie ſeine mächtigere und größere Schweſter es vor ihm gethan. Und bald ruheten wir in Frieden und vergaßen die Mühſeligkeiten und Sorgen der Welt, die das Schickſal ſo reichlich auf unſeren Jugendpfad geſtreut hatte. Ende des vierten und letzten Theiles. Druck von H. Voigt in Penig⸗ — —y * 1 — 7