4 26⁶ Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 Eduard Oftmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seeih- und Jeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 4 für wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„„—„»„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 5 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird peſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — 1 Erinnerungen ͤ aus dem Leben eines Arztes. 6 4 3 Von Philipp Galen, Verfaſſer des„Inſelkoͤnigs“ und des„Irren von St. James.“ Dritter Theil. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1854. — Fritz Stilling. Dritter Theil. —— I. Die Zwillingsbrüder. Das war der erſte Tag unſerer militairärztlichen Thä⸗ tigkeit, aber er blieb nicht der einzige im Angeſicht des alten und ruhmgekrönten Rheims. Wir hatten mit ihm zunächſt nur den erſten Akt des großen Trauer⸗ ſpiels, welches man Krieg nennt, aufgeführt. Die fruchtbaren Felder und Auen rings herum ſollten noch von heißeren Tropfen Menſchenblutes befeuchtet werden, denn der zürnende Kriegsgott war noch nicht geſättigt von dem bereits vergoſſenen; er brauſte gierig daher, zahlreichere Opfer zu fordern. Wieder graute der Tag und wir erſt halb aus⸗ geruhte Aerzte begaben uns zu unſeren Verwundeten, um ſie zu dem bevorſtehenden Transporte vorzubereiten — — 6— und uns freie Hand zu ſchaffen, da wir ſtündlich auf neue Arbeit gefaßt ſein mußten. Raſch wurden die vorhandenen Wagen mit ihrer koſtbaren Fracht belaſtet und als wir damit fertig waren, glaubten wir ſchon eine Ruheſtunde vor uns zu haben, als der Befehl kam, die fliegende Abtheilung des Lazareths ſchleunigſt wieder gegen Rheims vorrücken zu laſſen. In Eile nahm ich Abſchied von meinen freundlichen Wirthen, die mir noch zwei wohlverpackte Flaſchen Sillery an das Pferd brachten, und ſprang in den Sattel, meiner Abtheilung nachzutraben, die ſchon einige Minuten voraus war. Und es war Zeit, daß wir wie⸗ der im Angeſichte Rheims erſchienen. Früh Morgens um neun Uhr waren unſere braven Truppen, die in ihren Bivouaks ruhig kochten, ſchmauſten und ſchliefen, durch den Ruf aufgeſchreckt: es zeigen ſich feindliche Kavalleriemaſſen von allen Seiten! Leider war dieſe Nachricht nur zu wahr. Denn kaum hatte man die Gewehre ergriffen, ſo ſah man, wie von der kühlen genluft herbeigeweht, trabende Kolonnen rechts und ks ſchwenken, um unſere lagernden Infanteriebataillone unvermuthet über den Haufen zu werfen. Und das wäre ihnen wahrſcheinlich vollſtändig gelungen, wenn nicht ein unglückliches, aber diesmal rettendes Ereigniß, welches Niemand vorhergeſehen, eingetreten wäre und * die Franzoſen von dem erträumten raſchen Siege zu⸗ rückgehalten hätte. Denn kaum hatte die Mehrzahl unſerer Truppen ihre Strohlager verlaſſen, ſo wirbelten mitten aus dem Lager Rauchmaſſen empor, die, wie mit Sturmesflügeln ſich verbreitend, den feindlichen Reitern ſowohl wie uns die freie Ausſicht verdeckten. Durch irgend eine Unachtſamkeit war unſer Bivouak in Brand gerathem und ſo ſchnell theilte ſich das kriechende Feuer, von einem leichten Nordwinde begünſtigt, der allgemeinen Umgebung mit, daß die in nächſter Nähe ſtehenden Compagnieen nicht ſchnell genug entfliehen konnten. Viele geladenen Gewehre gingen dabei von ſelbſt los und feuerten ihre Ladung auf Freund und Feind ab, ſelbſt die in den Patrontaſchen verwahrten Patronen fingen Feuer und richteten eine unvermuthete und oöft ergötzliche Verwirrung an. Wären unſere Ge⸗ danken nicht auf ernſtere Dinge gerichtet geweſen, wir hätten über die hier und da ſpielenden Scenen lachen müſſen. Denn die beſtürzten Landwehren, die platzen⸗ den Patronen ihrer Kameraden gewahrend, ſprangen aus Reih und Glied, behende hierhin und dahin hüpfend, um dem praſſelnden Feuerwerk zu entgehen, und oft, ſchon wenn ſie ſich befreit glaubten, fing das Feuer in ihrer eigenen Mitte zu ſprudeln an. Die Verwirrung war groß und eine Menge Brandwunden kamen zum — 8— Vorſchein, zerriſſener Montirungsſtücke nicht zu gedenken. Aber ſchon nahten ernſtere Vorfälle. Einige Baraken von Stroh waren von den Flammen ergriffen, bevor die darin Schlafenden geweckt werden konnten, und man zog an verſchiedenen Stellen ganz und halb verbrannte Körper aus der Gluth. In dieſem Augenblick erſchienen wir Aerzte in der Nähe des Bivouaks und unſere Hände wurden eine Stunde lang mit Verbinden und Verladen ddeer Verwundeten beſchäftigt. 3 Den Feinden mochte die eben beſtandene Gefahr eine größere geſchienen haben, als uns ſelbſt, denn ſie hielten jenſeits des Bereichs der Flammen und des Rauches und ließen dadurch den Unſrigen Zeit, ſich zu ſammeln und zum ernſteren Widerſtande vorzube⸗ reiten. 3 Denn dieſer wurde jetzt in der That eine Noth⸗ wendigkeit und daher ſchnell in Ausführung gebracht. Mit gefälltem Bajonett drangen die pommerſchen Land⸗ wehren auf dem geraden Wege nach Rheims vor und ſo heftig war ihr brauſendes Dahinſtrömen und ihr Hurrahgeſchrei, daß die feindliche Kavallerie geſpalten und zur Seite gedrängt wurde. Dennoch wurden viele der Unſrigen niedergehauen und zu Gefangenen gemacht, woher es auch kam, daß wir, langſam hinterher ziehend, vwoenig Verwundete in unſere Hände bekamen. Und— — — 9— ſo unglücklich der Tag für uns begontten zu haben ſchien, ſo glücklich endete er. In kurzer Zeit ſahen wir geſchloſſene Maſſen preußiſcher Truppen auf einer Anhöhe geſammelt ſtehen und ſich anſchicken, den durch⸗ brochenen Feind nach Rheims zurückzudrücken. In die⸗ ſem Augenblick öffneten ſich die Thore der alten Königs⸗ ſtadt und die Ruſſen zogen unter Trommelſchlag und Hörnerſchall zu unſerer Unterſtützung herbei. Das aber war ein ergreifender Augenblick für einen Theil der franzöſiſchen Kavallerie, die, nun zwiſchen zwei Feuern eingeklemmt, mitten auf der Chauſſee hielt und nicht wußte, wohin ſie ausweichen ſollte. Ein ſchönes Huſarenregiment, mit von Gold blitzen⸗ den rothen Uniformen und Bärenmützen auf prächtigen Pferden, nur aus Pariſern beſtehend, wie wir ſpäter hörten, hielt vor unſeren Augen. Anfangs geſchloſſen harrend, ſah man ſie bald unruhig werden; Unſchlüſſig⸗ keit, was zu thun ſei, verriethen alle ihre Bewegungen. Da wurde von ruſſiſcher und preußiſcher Seite zugleich das Zeichen zum Angriff gegeben und ein Paar Ka⸗ nonenkugeln ſchlugen mitten in das ſchöne Regiment ein. Es entſtand ein Gewoge unter den wiehernden und ſchnaubenden Pferden, wie wenn ein mächtiger Windſtoß ein hochähriges Kornfeld in fluthende Be⸗ wegung ſetzt. Bald fingen ſie an, ſich an einander zu — e lanſſenden Schützen. Und das rettende Ufer, ſchon ſo — 10— 6 drängen, bald, von ihren Reitern geſtachelt, dehnten ſie ſich wieder aus einander. Und fort donnerte das Geſchütz und die Kugeln ſtreckten ohne Erbarmen Menſchen und Pferde nieder. Aber was geſchah da? Die Franzoſen, nicht wiſſend, wohin ſie ſich retten ſollten, blieſen eine Fanfare. Schon glaubten wir, daß ſie in raſendem Galopp gegen uns losſtürzen würden, um unſere Reihen wiederum zu durchbrechen, als wir ſie plötzlich ſchwenken und ſich den Ufern der Vesle zuwenden ſahen, deren jenſeitige Felder von keinem Feinde beſetzt waren und ihnen die einzige Rettung zu bieten ſchienen. Wenige Minuten dauerte es und das ganze Regiment, von immer ſtär⸗ kerem Feuer gelichtet, ſetzte in den Fluß, der ſeine Fluthen langſam dahin rollte, als bereite er ſich vor, in feier⸗ licher Stimmung ſeine Opfer zu empfangen. Aber der dräuende Schlachtengott war diesmal gegen die bisher ſiegreichen Feinde. Es entrollte ſich ein entſetzliches Schauſpiel vor unſeren ſtarrgewordenen Augen. Die mit den aufgeregten Wellen kämpfenden und ſich einander niedertretenden Pferde mit ihren kühnen Reitern wurden jetzt von Ruſſen und Preußen beſchoſſen. Jeder aus dem Waſſer auftauchende Körper, ob Menſch oder Roß, war ein ſicheres Ziel der dicht an das Ufer — 41— nahe geglaubt, nahm faſt keinen Einzigen auf, denn es war hoch und ſteil und die ermüdeten und erſchreckten Pferde konnten daſſelbe nicht erklimmen. Wie lange das Gemetzel, der Kampf mit dem Elemente und den Menſchen dauerte, ich weiß es nicht. Mein Kopf wir⸗ belte und über meine Augen legte ſich ein Nebel, der mich eine Weile der Gegenwart entriß. Als ich wieder aufſchaute, ſah ich nichts mehr von dem ſchönen Regi⸗ mente; kein Mann, kein Roß, außer einigen Gefangenen, entkam— alle hatten die erbarmungsloſen Wellen in ihrem Schooße verſchlungen. Man glaube nicht, daß dieſes unvermuthete und für uns ſo ſiegreiche Ereigniß von unſeren Truppen mit Jubel begrüßt wurde. Lautlos, bleichen Ange⸗ ſichts ſtanden ſie, das nie Geſchehene mit ihren er⸗ ſtarrten Sinnen bedenkend, und es bedurfte der wieder⸗ holten Zurufe ihrer Führer, ſie wieder in Ordnung und Bewegung zu ſetzen. So zogen ſie ab nach Rheims, nur wir einige Zeit Zurückbleibende ſtanden noch an dem grünen Ufer der Vesle, um hier und da einen Arm oder ein Bein aus den Fluthen auftauchen zu ſehen. In dieſem Augen⸗ blick traf beim Lazareth der Befehl ein, einige Aerzte mit ein Paar Wagen nach Rheims zu ſchicken, um einige ſchwerverwundete Offiziere herauszuholen. Ohne Auf⸗ — 12— 3 8 enthalt wurde der Befehl befolgt. Ich wurde mit Ernſt Goy und Suwarow nebſt einigen Wagen zur Erfüllung des Auftrages auserſehen. Meine beiden Gefährten hatten ſich bald beritten gemacht und ſo folgten wir denn raſch und ſo nahe wir konnten unſeren voran⸗ ſchreitenden Truppen. Aber dieſer kurz ſcheinende Weg ſollte uns nicht leicht werden. Eine heilloſe Verwirrung zeigte ſich bald überall, links, rechts, vor und hinter uns. Die ganze Straße war mit erſchoſſenen Pferden, die ſich noch krümmten und wimmerten, mit todten Menſchen, umge⸗ worfenen Wagen und allen möglichen Gegenſtänden pedeckt. Es war mit einem Wort unmöglich, darauf fortzukommen.— So waren wir denn endlich gezwungen, von dem eingeſchlagenen Wege abzuweichen, um nur raſch nach Rheims hinein zu gelangen, denn die feindliche Kaval⸗ lerie, die uns vorher umgangen hatte, ſchien geneigt, von. den Höhen auf uns herabzuſtürzen und das an ihren Brüdern begangene Unheil zu rächen. Wir ſprangen über die Gräben der Chauſſée hinweg und warfen uns, ſo ſchnell wir konnten, in die daneben liegenden Aecker und Wieſen. Aber auch hier war das Vorſchreiten mühſelig genug, denn da die Fluren von tiefen und breiten Waſſergriden vielfach durchſchnitten waren, blieben viele unſerer Fahrzeuge und Geſchütze in den Untiefen derſelben ſtecken. Wir ſelbſt, die Gräben durchwatend, überſpringend und abwechſelnd hinein⸗ fallend, gelangten, von Kopf bis zu Fuß durchnäßt, endlich in die Stadt, was ein großes Glück für uns war, denn die Franzoſen folgten auf dem Fuße und wurden nur durch ein heftiges Kartätſchenfeuer von den Mauern ferngehalten. So waren wir denn in Rheims. Wohl fanden wir unſere Kranken, von denen jedoch keiner ſo be⸗ deutend, wie geſchildert, verwundet war, aber wir mußten bei ihnen bleiben, ſtatt ſie mit uns zu nehmen, denn wir wären auf dem Rückmarſche ſammt ihnen ge⸗ fangen worden. Hier hörten wir auch, daß die Ruſſen ihren General St. Prieſt durch einen Schuß verloren, daß ſein Nachfolger im Kommando, als er es über⸗ nehmen wollte, vom Schlage gerührt, und daß daſſelbe auf den preußiſchen General Jagow übergegangen ſei, der aber bereits mit der Hauptarmee vorausgeeilt war. Trotz der ſo eben ausgeſtandenen Gefahren und Mühſeligkeiten fühlten wir uns in Rheims doch aufge⸗ legt, uns einmal einen guten Tag zu machen. Vor allen Dingen beſuchten wir die weltberühmte Kathedrale und fanden dieſelbe von einer unglaublichen Menſchen⸗ maſſe beiderlei Geſchlechts gefüllt, um an einer Hoch⸗ — 14— meſſe Theil zu nehmen. Es wurde mir dadurch un⸗ möglich gemacht, die ſchöne Kirche in allen Einzeln⸗ heiten zu betrachten, ich erinnere mich nur noch, daß ich den Hochaltar wie von Gold und Edelſteinen unter der tageshellen Erleuchtung blitzen ſah. Außer einigen zerſchoſſenen und theilweiſe abge⸗ brannten Häuſern hatte Rheims nicht viel gelitten und wir fühlten uns, in den belebten Straßen auf⸗ und abwandelnd, einmal wieder ſo ruhig, wie man ſich in einer feindlichen Stadt fühlen kann, wenn man gerade nicht angegriffen zu werden befürchtet. Aber ſchon zehn Uhr Abends hatte dieſes ſüße Gefühl kurzer Ruhe und Sicherheit ein Ende. Deut⸗ lich hörte man ein ſtarkes Gewehrfeuer von dem Ende der Stadt, welches dem, von wo wir eingezogen, ent⸗ gegengeſetzt lag, herüberſchallen. Die kurmärker Land⸗ wehren, meiſt auf Straßen und Plätzen verweilend, zogen ſogleich Kundſchaft ein und da ergab ſich denn, zu un⸗ ſerer nicht geringen Beſtürzung, eine ganz neue und jetzt am wenigſten befürchtete Ausſicht. Ein Theil unſerer Truppen hatte Befehl bekommen, Rheims ſchleunigſt zu verlaſſen und ſich mit der voraufziehenden großen Armee zu vereinigen. Wir allein, ein kurmärkiſches Bataillon 3 und einige andere Truppen, waren, jedenfallszvergeſſen, 4 urückgelaſſen, und ſahen nun das Vergnügen vor uns, — am nächſten Tage von den andrängenden Franzoſen gefangen zu werden. Denn jene Schüſſe zeigten ihre Nähe an und wir erfuhren bald, daß die abziehenden Preußen und Ruſſen ſich durch ſie hindurchgeſchlagen hätten. Alle, Offtziere und Gemeine, ſtanden murrend und ſtarrten ſich ob der beinahe unglaublichen Neuig⸗ keit an. Ein ſchleſiſcher Major, deſſen Namen ich leider nicht weiß, rief die Offiziere zuſammen und erklärte ihnen, daß ſie verloren oder gefangen ſeien, wenn ſie ſich nicht entſchlöſſen, ebenfalls die Franzoſen zu durch⸗ brechen und mit den vorangegangenen Truppen ſich noch nachträglich zu vereinigen. 2 Bald war dieſer kühne Entſchluß als der beſte an⸗ erkannt und gegen Mitternacht ſchon wurde er ohne Aufenthalt ausgeführt. Es war eine ruhige, wolkenloſe Nacht; nur die Sterne leuchteten matt vom Himmel herunter, ſonſt war es ziemlich finſter. In aller Stille wurden die Thore geöffnet und wir ſchlüpften hinaus. Voran die kur⸗ märker Landwehren, denen wir drei Aerzte mit unſeren Krankenwagen folgten, dann einige Pommern. Ich ritt neben einem befreundeten Ofſizier, Namens Körner, der ſich mir ſchon bei mehreren Gelegenheiten durch eine männlich feuerfeſte Seele und eine liebenswürdige Ge⸗ müthlichkeit bemerkbar gemacht hatte. Lautlos und an⸗ — 416— fangs ohne Hinderniß ſchritten wir auf der Chauſſee dahin. Kaum aber waren wir um die nächſte Wendung der Straße gekommen, ſo ſahen wir links und rechts vom Vege weithin leuchtende Bivouakfeuer. Unſer Führer ritt kühn auf der Straße vorwärts und that, als ſähe er jene Feuer und die lagernden Menſchen dabei nicht, die wir ſehr bald als Franzoſen erkannt hatten. Unbe⸗ greiflich iſt mir bis heute geblieben, was nun geſchah. Wir waren ſchon zwiſchen den beiden Bivouaks und noch machte kein Menſch Miene, uns in den Weg zu treten, obwohl einige Anrufe ſich hören ließen und fran⸗ zöſiſch beantwortet wurden. Ob ſie uns ſelbſt für Fran⸗ zoſen hielten, iſt möglich; bald aber fingen ſie an zu ſchießen. Anfangs waren ſie gewiß getäuſcht, und als ſie ihren Irrthum einſahen, mochten ſie ſich vielleicht zu ſchwach oder uns zu ſtark zu einem unſicheren Nacht⸗ kampfe halten. Ihre paar, mehr muthwilligen als ernſten Schüſſe trafen Keinen von uns, denn die Kugeln flogen über uns fort und ſchlugen in ihre eigenen, ſich gegenüberliegenden Bivouaks ein. Aber warum hatten ſie nicht die Chauſſée ſelbſt beſetzt? fragte ſich Mancher von uns in dieſer denkwürdigen Nacht, die uns Alle zu Gefangenen oder Leichnamen hätte machen können. Genug, wir zogen unbehindert, wiewohl etwas eiligen Jußes ab, und als der Tag Fraute, waren wir ſchon weit von unſeren ſaumſeligen Feinden entfernt. Unauf⸗ haltſam und nur von dem Wunſche beſeelt, unſere Ar⸗ mee einzuholen, marſchirten wir weiter, den nächſten Tag und wieder eine Nacht fort. Nur wenige Stunden wurden bisweilen den erſchöpften Menſchen und Thieren zur nöthigſten Nahrung und Ruhe vergönnt. Und alle hielten wacker aus, bis wir am dritten Morgen das Bivouak des Pirch'ſchen Corps und ſomit die große Armee erreicht hatten. Mit Mühe fand ich mein La⸗ zareth wieder, welches auf Umwegen der großen Armee nachgefolgt war, und gegenſeitig war das begrüßende Willkommen aufrichtig, als man uns geſund wieder ſah, denn man hatte meine kleine Abtheilung ſchon längſt für verloren gehalten. Und meine Freude war dabei um ſo größer, weil ich die Verwundeten, die zu holen ich nach Rheims geſchickt war, in die Hände derer abliefern konnte, die ſo ſehnſüchtig nach ihnen verlangt hatten. Jetzt marſchirten wir dicht auf den Ferſen der großen Armee und auf breiten, ſchönen Straßen unſerem endlichen Ziele, der Stadt Paris entgegen. Allen klopfte das Herz lauter, wenn davon geſprochen wurde, daß wir es bald ſehen würden, das bewunderungswürdige Haupt und Herz des ſtolzen Frankreichs, das völker⸗ ſaafſide Bett des Rieſen, der die ganze Welt zu ſeiner ritz Stilling. III. 2 — 18— eigenen Luſt und Befriedigung in Trümmer zerſchlagen wollte. Aber noch waren wir nicht da, noch viele Schweiß⸗ und Blutstropfen ſollten vergoſſen werden, ehe wir ſeine ſtolzen Thürme und Paläſte ragen ſahen und ſeine volksbelebten Barrieren betraten. Zunächſt kamen wir nach Chateau Thierry, deſſen altes Schloß wir aus den bereits knospenden Bäumen uns entgegenleuchten ſahen. Hier, in dieſer kleinen Stadt war ich zum erſten Mal Augenzeuge der unge⸗ bändigten Wuth aufgeregter Krieger. Schon weit vor der Stadt hatte ſich das Gerücht verbreitet, die Ein⸗ wohner derſelben hätten kranke und verwundete Preußen lieblos mißhandelt. Kaum waren die Truppen daher an die erſten Häuſer gelangt, ſo zeigte ſich die Folge dieſes Gerüchts. Die verſchloſſenen Hausthüren wurden mit den Kolben eingeſtoßen, etwa noch vorhandene Men⸗ ſchen verjagt und dann die Häuſer geplündert. Ich habe ein beraubtes Zimmer geſehen. Es ſah grauſig aus. Alle Möbel waren mit den Kolben zerſchlagen, der Inhalt derſelben herausgewühlt, Brauchbares mit⸗ genommen, Unbrauchbares zerſtört. Kein Menſch war im ganzen Hauſe zu ſehen, eben ſo wie die ganze übrige Stadt plötzlich ausgeſtorben erſchien. Vergebens waren Ermahnungen und Befehle der Offiziere, den Thaten der Rache Einhalt zu thun; das kochende Blut der — 19— Wüthenden verlangte Genugthuung und die arme Stadt litt unter ihren Verwüſtungen. Mehrere Franzoſen, die ihr Hab und Gut vertheidigen wollten, ſprangen hier über die Klinge, aber wahrſcheinlich verloren auch wir von den Unſrigen, denn wer kann bei ſolcher Verwirr⸗ ung das Einzelne überſehen und die Vorgänge in ab⸗ gelegenen Häuſern überwachen. Von Chateau Thierry zogen wir nach Meaux. Hier hatten die Franzoſen die Brücke über die Marne abgebrochen und wir mußten halten, um uns eine neue ſchlagen zu laſſen. In der nächſten Nacht wurde ſchon zur Ausführung geſchritten und es machte mir ein großes Vergnügen, unſere Pionire theils im Dunkeln, theils bei Fackelſchein ihre Arbeit vollführen zu ſehen. Die Schnelligkeit, die Umſicht, der Eifer, mit dem dies ge⸗ ſchah, war mir noch nie vorgekommen. Menſchenarme arbeiteten mit Rieſenkräften und ſchon ſahen wir den künſtlichen Bau allmälig entſtehen, der uns hinüber in das Herz Frankreichs tragen ſollte, als wieder etwas Schreckliches geſchah. Plötzlich erhellte ſich, wie von hundert Sonnen erleuchtet, die Luft und das Firmament. Die Erde unter uns ſchien ſich aus den Angeln zu heben und dem Himmel entgegen zu ſtürmen; ein Krachen wie von tauſend Gewittern zugleich erſchütterte die Luft dann war Alles ſtill— ruhig— finſter, ja, ſtiller 238 — 20— und finſterer als zuvor. Die abziehenden Franzoſen, vor uns nach Paris weichend, hatten das große Pulver⸗ magazin in Meaux in die Luft geſprengt, aber zu früh, und es hatte mehr ihnen, als uns geſchadet. Die Nervenerſchütterung, die nach gewonnener Ueberzeugung der Thatſache in uns zurückblieb, läßt ſich kaum mit etwas Erlebtem oder Bekanntem vergleichen. Aber unſere Glieder bebten ſtundenlang und alle Geſichter ſahen bleich und verſtört aus.. Am anderen Morgen, nach ſchlafloſer und unruhiger Nacht, zogen wir über die fertig gewordene Brücke und ſahen mit eigenen Augen die entſetzlichen Verwüſtungen, die unſere Ohren ſchon am Abend vorher vernommen und unſere Einbildungskraft ſich vorgeſtellt hatte, in noch ſchaurigerer Wirklichkeit. Häuſer, Bäume, Erd⸗ wälle, Alles war aus ſeinen Wurzeln geriſſen und im wüſten Wirrwar durch einander geworfen. Zwanzig bis vierzig Fuß lange Balken waren, kleinen Holzſtückchen gleich, Tauſende von Schritten weit umhergeſchleudert und ſteckten jenſeits der Stadt wie Splitter in den weichen Aeckern und Gärten. Arme und Beine von Menſchen, zerriſſene Montirungsſtücke, verkohlte Gegen⸗ ſtände allerlei Art lagen wie Saatkörner ausgeſtreut auf den Feldern rings um. Kein Fenſter, kein Dach in der Vorſtadt war heil— Alles in einen rauchenßen — 21— „ Trümmerhaufen verwandelt, aus dem man überall ge⸗ bratene Menſchen und Thiere hervorzog. Als wir dieſen erſchütternden Anblick in unſerem Rücken hatten, fand ein zweiſtündiger Aufenthalt ſtatt, um uns Zeit zum Sammeln zu geben; dann aber ging es weiter, dem vor uns fliehenden Marmont'ſchen Corps nach, bis zum Abend, wo Halt gemacht und ein Bivouak bezogen wurde. Ein Bivouak! Welch ſonderbares, luftiges, kühles und doch ſo natürliches Ding! Wo die freie Natur unſer Haus, der Mutterboden unſer Bett, die ſpielenden Winde unſer Dach ſind! In dem keine beſchränkenden Wände uns feſſeln, keine verſchloſſene Thür von der Welt uns abſperrt, wo wir keines künſtlichen Fenſters bedürfen, um Alles, Alles zu ſehen und zu hören, was es Neueſtes da draußen giebt— ach ja! Das iſt Alles recht hübſch, recht freundlich, recht natürlich, aber dennoch iſt ein Bivouak kein ſo angenehmes Ding, wie ich es mir in meiner poetiſchen Jugend vorgeſtellt und wie ich es ſo eben zu ſchildern verſucht. Freilich! im warmen, duftigen Sommer, in der friedlichen Heimath oder auf einem ſtillen Fleckchen ſchöner Gotteserde, da es eine Wolluſt, eine Nacht unter Gottes freiem Himmel zu liegen, zu ſchwärmen und die funkelnden Sterne über ſich zu zählen— aber im Kriege, vor — 22— dem jagenden oder hinter dem gejagten Feinde, wo man hungrig und müde an Ort und Stelle kommt und an allen Gliedern gelähmt wieder aufſteht, um ſogleich wieder an die blutige Arbeit zu gehen, oder vielleicht gar bald erſchoſſen und zertreten zu werden, da iſt es denn doch etwas ſehr Unbequemes, Unnatürliches und Widerwärtiges. Und dieſes war mein erſtes ordentliches und großes Bivouak, im feuchten Monat März, bei heulendem Nord⸗ winde, nahe an dem zwar fliehenden, aber alle Tage blutige Opfer fordernden Feinde. Und um ſo mehr wird es mir im Ganzen wie im Einzelnen unvergeßlich ſein, da es mir beſtimmt war, in dieſem Bivouak eine große Freude, aber auch einen großen Schmerz zu erleben. Dieſes unſer Bivouak war mit dem Rücken an den Abhang eines langen und ziemlich hohen Berges ge⸗ lehnt, auf deſſen höchſten Spitzen viele aufmerkſame Poſten hin und her ſchritten. Vor unſeren Augen aber lag die Straße nach Paris, durch eine ländliche, mit Bäumen und Hänſern belebte Gegend führend, die im Oſten und Weſten durch ein kleines Flüßchen bewäſſert und im ſüdlichen Hintergrunde von noch höheren Bergen begränzt wurde, über deren breiten Rücken ſich jetzt ſchon die Dämmerung des Abends gebreitet hatte. — 23— Unſer Lazareth hatte, abgeſondert und am watteſten von den vor uns lagernden Truppen entfernt, eine Stelle für ſich allein bezogen; unſere Wagen, gleich zum Ab⸗ fahren eingerichtet, ſtanden in gerader Linie aufgeſtellt; dahinter, vor dem Winde geſchützt, raſteten unſere braven Pferde und hinter den Pferden wir. In unſerer nächſten Nähe hauſten unſere ſteten Begleiter, die Huſaren, die jetzt verſtärkt waren, denn da wir oft flüchtigen Laufes unſeren Weg fortſetzen mußten, hatte man uns die lang⸗ ſamere Infanterie ganz abgenommen. Heute nun, gleich nach dem Einrücken in unſer Bivouak, hatte ein Wechſel unſerer militairiſchen Wache ſtattgefunden, wie ſchon öfters, und ſtatt der preußiſchen Huſaren hatten wir einmal herzoglich...ſche erhalten. Schon bei dem erſten Klange dieſes Namens hatte ich einen Stoß in meinem Herzen gefühlt. Denn jene Truppen gehörten zu einem Regiment deſſelben Herzogs, der in Maximilians Leben eine ſo düſtere Rolle geſpielt. Mit Aufmerkſamkeit hatte ich daher ihrem Einrücken beigewohnt und mich über die kräftigen Pferde und die ſchönen Leute in ihren braunen, mit gelben Schnüren beſetzten Jacken und Dollmans gefreut. Eben waren ſie abgeſtiegen, da näherte ſich der kommandirende Offizier der Abtheilung unſerem Oberſtabschirurgus und begrüßte ihn, indem er ihm die Mittheilung des eben Geſchehenen nnch. Der Offizier war ein junger, hochgewachſener, mit ernſten, männlichen Geſichtszügen begabter Mann von edelem Anſtande und angenehmen Bewegungen. Als er nach kurzem Geſpräch wieder davon gegangen war, ſagte mein Chef zu mir, der ich bei dem eben geſchilderten Vorgange in ſeiner Nähe geſtanden hatte: „Das iſt ein hübſches Regiment und hat freund⸗ liche Leute, artiger als die unſrigen. Herr Lieutenant van Hees hat ſich ſo eben zu unſerem Beſchützer auf die nächſten acht Tage angeſagt.“ „Van Hees?“ rief ich.„Sagen Sie van Hees?“ „Ja, warum ſoll ich nicht van Hees ſagen? Iſt er Ihnen bekannt?“ „Ja— nein, wie Sie wollen! Ich muß ihn aber ſogleich ſprechen.“ Und davon ging ich, mit hoch⸗ klopfendem Herzen, den kommandirenden Offizier der herzoglichen Huſaren zu ſuchen. Aber ich fand ihn nicht ſogleich, er war wieder zu Pferde geſtiegen, um noch einige Obliegenheiten zu erfüllen. Schon dunkelte es und er war noch nicht zurück gekehrt. Und obgleich ich ſeiner Bekanntſchaft mit na⸗ menloſer Spannung entgegen ſah, ſo war es mir doch beinahe lieb, daß unſer Zuſammentreffen ſich verzögerte, ich konnte nun erſt das unruhige Pochen meines Herzens beſchwichtigen, denn woran mahnte mich nicht dieſer Name, dieſer Mann, dieſer Sohn! Es war Nacht geworden; alle meine vorher em⸗ pfundene Müdigkeit hatte ſich verloren, ich war voller Erwartung deſſen, was ſich zunächſt ereignen würde. Hell loderten die Bivouakfeuer auf und beleuchteten den trüber gewordenen Nachthimmel, hier und da einen ſtärkeren Schein über die ruhenden Menſchen und Pferde werfend, während der Hintergrund des maleriſchen Bildes in undurchdringlichem Dunkel blieb. Da mich fror, näherte ich mich einem der Feuer, um welches unſere Leute Suppe kochten. Hier trat mein Burſche zu mir und meldete, daß Herr van Hees endlich in ſeinem Bivouak ſei. Haſtigen Schrittes ging ich ſogleich zu den Hu⸗ ſaren gegenüber und näherte mich dem Feuer, in deſſen Bereiche der Geſuchte ſeinen Platz haben ſollte. Ich ſah ihn von der flackernden Flamme beleuchtet ſitzen, den Kopf in die Hände geſtützt und vornüber gebeugt, als ſchliefe oder ſänne er über irgend etwas träu⸗ meriſch nach. „Herr Lieutenant van Hees,“ ſagte ich ſanft und berührte grüßend meine Kopfbedeckung. Sogleich ſprang er auf und blickte mich fragend an. Augenblicklich er⸗ kannte ich an ſeinen Geſichtszügen ſeine Abſtammung, ———— 3 1— 26— 1 er hatte das längliche Geſicht ſeines Vaters, dieſelben treuen Augen und den redlichen, obwohl etwas ſtrengen Zug um den Mund. „Es iſt nichts Dienſtliches, was mich zu Ibnen führt,“ begann ich,—„laſſen Sie uns hier am Feuer niederſitzen— denn ich habe Ihnen einen Gruß zu bringen.“ „Einen Gruß?“— Und damit ſetzten wir uns, und ich bemerkte jetzt erſt neben meinem Gefährten einen anderen Offizier, der, feſt in ſeinen Mantel gewickelt, noch im Bereich der wohlthätigen Flammen lag. „Ja, einen Gruß; und es wird Ihnen wunder⸗ bar vorkommen, daß ich dieſen Gruß jetzt, hier an⸗ bringe. Aber ich habe Sie ſchon längſt in Gedanken geſucht und das Geſchick führt mich eben jetzt uner⸗ wartet mit Ihnen zuſammen. Haben Sie je von einem jungen Menſchen gehört, der Fritz Stilling heißt?“ „Fritz Stilling?— O ja— ja wohl! Aber ich kenne ihn nicht perſönlich— läßt er mich grüßen?“ „Nein, denn dieſer Fritz Stilling bin ich ſelbſt, und ich habe den Auftrag von Ihrem Vater, dem Herrn Major van Hees, dem ich ſo Vieles verdanke, S ie zu grüßen, wo ich Sie finde.“ „Von meinem Vater?“ fragte der junge Mann mit wehmüthiger Stimme, während zugleich ein jäher — N * Schreck in ſeinen Mienen aufblitzte.—„Wie? Sind Sie eine Erſcheinung? Kommen Sie vom Himmel? Soll das eine Mahnung oder eine Vorbedeutung ſein?“ „Vom Himmel?“ fragte ich wunderbar betroffen. „Ihr Vater iſt doch nicht todt?“. „Ach ja, mein Herr, er iſt ſchon ſeit Jahr und Tag todt, denn das Leben des Menſchen iſt nur kurz, wie Sie von ihm ſelbſt wiſſen werden— und ſo eben, ehe Sie hierher kamen, dachte ich an ihn.“ Sprachlos, vom tiefſten Schmerze ergriffen, ſtand ich vor ihm.— Einige wenige erläuternde Worte machten uns unſer gegenſeitiges Verhältniß klar und es dauerte nicht lange, ſo ſaß ich neben dem jungen Manne, der wie ein Bruder meine Hand in der ſeinigen hielt. „Es iſt merkwürdig,“ ſagte er,„welche ſonder⸗ baren Verknüpfungen oft das menſchliche Leben bietet. Ich hatte mir eben die Sterne da oben angeſehen und den Schöpfer, den man ſich zwiſchen ihnen wohnend denkt, gefragt, auf welchem wohl die Seele dieſes meines guten, vortrefflichen Vaters in Seligkeit ſchwelgen möge? Da kommen Sie und bringen mir einen Gruß von ihm. Ich glaubte in der That erſt, Sie ſeien vom Himmel von einem dieſer Sterne zu mir herabge⸗ ſtiegen, um mir von ihm die erfragte Antwort zu bringen. O, wie die Schickſale der Menſchen wunderlich ſind!— — 27— — 28 Aber erlauben Sie, es iſt noch Einer bei mir, der von Ihrem Beſuche wiſſen muß— ſehen Sie, da liegt er, Anton, mein Zwillingsbruder!“ Und ihn am Arme ſchüttelnd, ſagte er laut:„Anton, mein Bruder, ermuntere Dich, hier iſt Jemand, den der Vater ſchickt.“ „Der Vater?“ Tahs der Erweckte in halber Schlaftrunkenheit. 1 „Sehen Sie,“ fuhr der erſtere, Ludwig genannt, fort—„er wundert ſich auch über Ihre Botſchaft— nun ja, der Vater! Aber er läßt uns noch durch einen alten, wenigſtens im Geiſte alten Bekannten, von der Erde grüßen, denn Herr Stilling wußte nicht, daß er geſtorben war.“ des Schlafes und der Ruhe vergeſſen und unſere Er⸗ innerungen nach früheren Zeiten gewendet, die noch nicht von Krieg und Tod und ihrem düſteren Gefolge heimgeſucht waren.— Von Chriſtel wußten ſie nichts Näheres, als daß ſie in Prag im Schutze einer wohlwollenden Familie geblieben ſei, um ſich in ihrer Kunſt zu vervollkommnen, was ſie ihnen ſelbſt, nach erfolgtem Tode des Vaters, geſchrieben hatte. O, wie waren meine Gedanken dieſe Nacht ſo wirr und eigenthümlich! Ich lag ſchon längſt wieder auf meinem eigenen Strohlager und wälzte mich Und bald ſaßen wir drei neben einander, hatten — 29— ſchlaflos hin und her. Chriſtel allein in der Welt und ich im Kriege! Aber wenn dieſer Krieg vorüber iſt— das war mein erſter und letzter Gedanke— dann hält mich nichts mehr zurück. Ich ſuche ſie auf, um— um— Da raſſelten dumpf die wirbelnden Trommeln und brachten uns den Morgengruß des neuen Tages. Und es wurde lebendig im Lager, die Pferde ſchüttelten ſich und wieherten nach ihrem Futter, und auch die Men⸗ ſchen rüttelten ſich auf aus ihrer unerquicklichen Ruhe. Man reckte zuerſt die ſteifen Glieder und dann— ging es weiter zur täglichen mühſeligen Arbeit.— Und wieder wurden die Franzoſen in wilder Jagd vor uns hergetrieben. Bald hierhin, bald dorthin wichen ſie aus und immer waren die Verbündeten wie Hetzhunde hinter ihnen her, voller Hoffnung, ſie endlich zum Stehen zu bringen. Aber vergebens; es lag nicht im Plan der auf ihr Letztes zurückgeworfenen alten Sieger, ſchon hier eine entſcheidende Schlacht anzu⸗ nehmen, ſie wollten uns hinhalten, ermüden, um für ſich Zeit zu gewinnen und ihre geſammelten Kräfte auf den letzten Wurf zu ſetzen. So hatten wir jeden Tag die ermüdendſten Mäuſche, im Zickzack uns bewegend, und dabei die gefährlichſten Gefechte zu beſtehen, die 4 — 30— in der Regel bis vier Uhr Nachmittags dauerten, zu welcher Zeit man, von Anſtrengung erſchöpft, das Bi⸗ vouak bezog. Unſere ärztliche Thätigkeit beſtand im Vorreiten in die Nähe der hinterſten Bataillone, Ab⸗ ſitzen und Verbinden, Wiederaufſitzen und oft bis in die ſpäte Nacht wurde unſere Hülfe in Anſpruch genommen. Aber ich hatte jetzt eine neue und theilnehmende Ge⸗ ſellſchaft bei allen dieſen Vorfällen. Die Zwillings⸗ brüder waren, wie man in kriegeriſchen Zeiten, wo Stunden gleich Jahren gerechnet werden und ein Tag oft einen ganzen Feldzug ausmacht, ſo bald ſich an ein⸗ ander ſchließt, beſtändig in meiner Naͤhe; wir waren befreundet geworden und hatten uns Alles mitgetheilt, was Werth für den Einen oder den Anderen haben konnte. So waren wir endlich zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Franzoſen uns nur deshalb kreuz und quer herumzogen, um uns ſo lange wie möglich von dem Mittelpunkt ihrer Exiſtenz, von Paris, fern zu halten, und uns dann erſt vor ihre Kanonen und Bajonette zu nehmen, wenn ſie ihre Streitkräfte vollſtändig beiſammen hätten. Und ſo war es in der That bei ihnen be⸗ ſchloſſen. Wir waren bis zum 29. März gekommen und nur noch einen Tagemarſch und ein Tagewerk von dem Ziele unſerer Beſtrebungen entfernt. Die allge⸗ — 31— meine Erwartung, die Spannung auf das Bevorſtehende wurde ſo groß, wie ſie nie geweſen war, das Dyängen und Verlangen der Truppen nach vorn unaufhaltſamer, denn der Menſch liebt es in allen Lagen des Lebens, heftig und hitzig zu werden, wie das edle Roß, wenn er das Ziel ſeiner Anſtrengungen dicht vor Augen hat, und es nur noch kurzer Zeit bedarf, es zu erreichen. Er will in ſeinem ganzen unbeſtrittenen Beſitz ſehen, was ſeine Sinne, die Fühlhörner ſeiner Seele, ſchon im Voraus in Beſchlag genommen haben. Alſo vorwärts, immer vorwärts, wenn es auch Blut und Leben koſtet, haben müſſen wir, was wir wünſchen! Ach ja! immer vorwärts! Ich ging auch mit und war voll freudiger Hoffnung auf den letzten Sieg, und ſonderbar! dennoch war mein Herz ſchwer, wie von einem geheimnißvollen Kummer bedrückt, ohne daß ich wußte, warum? Es lag eine Unruhe in mir, eine Haſt und ein unbeſtimmter Drang nach der Vollendung eines unbe⸗ kannten Schickſals, den ich mir nicht erklären konnte, denn ich befand mich leiblich ganz wohl. Da, noch ehe die Nacht herabſank, die uns vom 30. März, dem großen Sieges⸗ tage, trennte, ſollte ich von dieſer Angſt und Unruhe er⸗ löſt werden, aber durch einen neuen Schmerz und eine Erſchütterung meiner Seele, die ich mir nicht ſo nahe geträumt hatte. Doch ich will kurz ſein, das Unglück kann man nicht ſchnell genug von ſeinen Schultern werfen. Es war alſo der 29. März. Langſam und be⸗ dächtig folgte das Lazareth, hier und da einen zurück⸗ geſendeten Verwundeten aufnehmend, den voranrückenden Truppenkörpern. Den dumpfen Kanonendonner, den Trommelwirbel, das knatternde Gewehrfeuer hörten wir gar nicht mehr, ſo hatten wir uns an das alltägliche Gelärm gewöhnt. Wir hatten eben eine Stunde der Ruhe gehabt— das heißt, wir hatten nur einige leichte Verbände angelegt und waren dem Hauptlazareth etwa 2000 Schritte voraus; ich ritt mit Anton van Hees dicht vor den zugführenden Huſaren, während der ältere Bruder beim Hauptlazareth ſeinen Dienſt verſah. In dieſem Augenblick wurde das Feuer vor uns ſtärker und ſchien raſch näher zu kommen; endlich war es dicht vor uns, in der Nähe eines Dorfes, wo der Feind ſich geſetzt zu haben ſchien. Wir hielten an, und da das Lazareth dem Orte des Gefechts zu nahe ge⸗ kommen war und für die Betheiligten keine Sicherheit mehr bot, ſo wurde der Befehl zum Wenden gegeben. Dies geſchah bei der ungleichen Beſchaffenheit des Bodens und zufolge der ſchlechten Bauart der ſchwer⸗ fälligen Wagen leider ſehr langſam und wir waren eben zumn Zweck gelangt, als ein gewaltiger Stoß einer — 33— großen unerwartet von der Seite herangaloppirenden Kavalleriemaſſe auf die vor uns aufgeſtellten Truppen geſchah und dieſe zurückdrängte. Augenſcheinlich war das ganze Lazareth in Gefahr, umzingelt und gefangen zu werden. Da ritt Ludwig van Hees mit ſeiner ganzen Schwadron zwiſchen uns Flüchtige und den Feind. Aber dieſer, im Heranſtürzen begriffen, war im Sieges⸗ ſchritt, und der iſt, wie man wohl weiß, ſchwer aufzu⸗ halten. Indeſſen thaten die braven herzoglichen Hu⸗ ſaren ihr Möglichſtes. Es entſpann ſich ein in ein⸗ zelne Gruppen aufgelöſetes Reitergefecht, ein ſchönes Schauſpiel für das zuſchauende Auge, aber gefährlich und in der Regel ohne entſcheidenden Erfolg. Die Reiter ſchienen ſich von ihrem perſönlichen Muthe ver⸗ locken zu laſſen und mehr an ſich als an das Allgemeine zu denken. Aber die perſönliche Tapferkeit, ſei ſie ſo groß ſie will, giebt bei ſolchem gewaltigen Sturme keinen Ausſchlag. Schneller als ich es hier mittheilen kann, war das Gefecht im heißeſten Gange und der grüne Raſen zwiſchen den Kirſchbäumen vor dem Dorfe, wo daſſelbé ſtattfand, war bald von Blut geröthet und mit Leichen bedeckt. In dieſem Augenblick ſah ich An⸗ ton van Hees vom Pferde ſinken. Ueber ihm aber ent⸗ ſpann ſich ein heftiger Kampf, der einen lebendigen Knäuel verwickelter Menſchenleiber und Pferdenglich. Fritz Stilling. III 3 1 Von allen Seiten ſtürzten die Huſaren heran, ihrem Offizier zu Hülfe, denn Ludwig van Hees, mit hoch⸗ geſchwungenem Säbel, war, um ſeinen Bruder zu retten, mit aller Macht der Leidenſchaft auf das wilde Gedränge zuerſt losgeritten. „Wo mein Bruder bleibt, bleibe ich auch!“ rief er den andringenden Freunden und Feinden zu—„vor⸗ wärts, laßt mich heran!“— So weit konnte ich nur wahrnehmen, was ge⸗ ſchah, denn ich wurde zu derſelben Zeit einige hundert Schritt hinterwärts von meiner nächſten Pflicht in An⸗ ſpruch genommen, die ich mit bebender Hand und ſo gepreßten Herzens verrichtete, wie nie. Ich glaubte noch Trommelwirbel in der Nähe und das Kommando⸗ wort eines Infanterieangriffs, dann eine Salve und Hurrahgeſchrei zu vernehmen, dann aber ſchwieg das Getümmel, als hätte die Kämpfenden alle mit einem Male die dampfende Erde verſchlungen. Der Feind war geſchlagen, zurück in das Dorf gedrängt und weit darüber hinaus von den Unſrigen verfolgt. Aber was that ich unterdeß? Ach! ich ſaß unter den Bäumen auf dem Vorplatze des Dorfes— neben mir lag die zerſtampſte Leiche Antons, vor mir der auf den Tod verwundete Ludwig van Hees. Beide Brüder, vom Augenblick ihrer Entſtehung an vereint, — 35— zuſammen erwachſen und zu Männern gebildet, bei einem Regimente, einer Schwadron für die Freiheit des Vater⸗ landes fechtend und auf das Zärtlichſte einander ergeben, hatte das Geſchick auf demſelben Ehrenfelde in derſelben Stunde ereilt, denn daß der kaum noch athmende Bru⸗ der nur noch wenige Augenblicke zu leben hatte, ſagte mir mein erfahrungsreicher Blick. Er lispelte nur noch Worte zu mir, die ich, über ihn gebeugt und ſeinen Herzſchlag unterſuchend, nur zu wohl verſtand.„Sehen Sie,“ ſagte er,„Sie waren für mich doch eine Erſcheinung, ein Bote von dem Sterne meines Vaters, woher er mir ſeinen Gruß ſandte und mich zu ſich rief. Ach! er hatte Recht, das Leben iſt ſo kurz!“— Das waren ſeine letzten Worte; ſeine Uhr und Brieftaſche, wie die ſeines Bruders hatte er mir ſchon zum Andenken überliefert. Noch einen Blick auf den blauen Himmel gerichtet, als ob er den Stern ſuche, den bewußten, wo der Geiſt ſeines Vaters ſchwebte, und dann noch mit einem rührenden Ausdruck ſeines braunen Auges wie zum Abſchiede mich betrachtend, ſchloß er dies Auge auf der Erde, um es an einem lichteren Orte wieder zu öffnen und die Herrlichkeit Gottes zu ſchauen.— Dort vor dem Dorfe— Drancy mit Namen— unter den Kirſchbäumen, wurde von treuen Huſarenhänden das weite Grab gegraben. Darin ruhen die Zwillings⸗ — 36— brüder, wieder im Tode vereint, wie ſie nie im Leben getrennt geweſen waren. Und als ich, der Letzte, von dem ſo früh aufgeworfenen Grabe ſchritt und meinen Thränen willig den Lauf ließ, da war es mir, als wenn der bedrückende Kummer, der Tage lang, ſeitdem ich die Brüder gefunden, auf meiner Bruſt gelegen hatte, von ihr genommen wäre. Ich fühlte mich frei und leicht wie das Kind, welches die Strafe überſtanden hat und nun die Belohnung vor ſich ſieht. War dieſer unbe⸗ ſtimmte Druck und Drang eine Ahnung, ein Vorgefühl? Ich weiß es nicht. Nur Gott allein weiß es, der das Menſchenherz ſo wunderbar geſchaffen hat und den ge⸗ heimnißvollen Zug unſerer Seele kennt, welche unſicht⸗ bare Fühlfäden zwiſchen ihr und dem verborgenen Zu⸗ kunftstraume laufen.— Und zum letzten Mal verſuchte ich meine müden Augen zu ſchließen, ehe es mir vergönnt war, das neue herrliche Licht des anbrechenden Tages zu ſchauen, des Tages der ſiegreichen Schlacht von Paris, die am nächſten Morgen ihren Anfang nahm. Der Ordonnanzofſizier des Königs von Preußen. Es war ſechs Uhr Morgens am 30. März 1814, als unſer Feldlazareth den Befehl erhielt, ſeine Stellung für den bevorſtehenden Kampf einzunehmen. Alle Trup⸗ pen waren bereits auf dem Marſche, von allen Seiten floſſen die Brigaden und Regimenter, wie Ströme in das Meer fließen, nach einem Punkte zuſammen und überall, wohin man ſich wandte, hörte man freudige Zurufe und brüderliche Begrüßungen unter den daher raſſelnden Streitern wechſeln. Ein ſolches Ereigniß aber, wie heute Jedermann bevorſtand, war auch noch niemals dageweſen. Der bisher allmächtige Feind ſollte in ſeinem letzten Zufluchtsorte ergriffen, der übermüthige Tiger in ſeiner Höhle erſchlagen werden. Zu dieſem — 38— 5 erhabenen Kampfe rüſteten ſich Alle mit einem Muthe und einer Schlachtenfreudigkeit, die ihres Gleichen noch nie gehabt hatten. Und, woher es kam, Niemand wußte es, ein ſtolzes Siegesgefühl ſchwellte eines Jeden Bruſt, vom höchſten Offizier bis zum geringſten Troßbuben herab. Darum ſah man auch nirgends jene ängſtliche und bedrückende Unruhe, welche ſich ſonſt ſo oft auf den Geſichtern der in den Kampf geführten Krieger aus⸗ prägt, ſelbſt wenn ſie die tapferſten ſind. Der Tod hatte ſeine Schrecken und der blutige Schmerz ſeine Betrübniß verloren, da es zum letzten Male für König und Vaterland galt. Alles war ſogar heiter und fröhlich und deshalb um ſo kräftiger, beſonnener, ausdauernder. Schweigend aber mit raſchem Feldſchritt ging die Infanterie in die ihr angewieſenen Stellungen, mit ge⸗ zähmter Ruhe rückte die Kavallerie nach. Nur die Ar⸗ tillerie raſſelte im Galopp daher, als könne ſie ihr Ziel nicht früh genug erreichen, Tod und Verderben in die franzöſiſchen Reihen zu ſchleudern. Für mich war es ein großer, ſchwerer, aber unvergeßlicher Tag. Ich ſollte der erſten regelmäßigen Schlacht beiwohnen; daher war ich neugierig auf jede Kleinigkeit. Rings herum ſpähte ich, die Truppen zu erblicken, die ich ſo lange Zeit vergeblich zu ſehen gewünſcht hatte— denn in Berlin hatte ich ſie damals verfehlt— das unüberwindliche —— „ erſte, ſogenannte York'ſche Corps. Und ich ſah es⸗ heute, wenigſtens theilweiſe. Aber wie ſah es aus;: Ach! Jene wahrhaftigen, wieder aus dem Todesſchlafe erſtandenen Spartaner, jene wirkliche Siegesgarde, von den Schneefeldern Rußlands bis an den ſonnigen Strand der Seine daherziehend, Alles vor ſich niederwerfend, dem Tode in tauſend Geſtalten trotzend, ihres Führers und des eigenen Heldenmuthes gewiß— ſie ſahen zer⸗ lumpt und abgeriſſen aus wie die Bettelbuben. Hun⸗ dertfach mit bunten Lappen geflickte Kleidungsſtücke, hungerbleiche, aber wettergepeitſchte Geſichter, abgema⸗ gerte, aber ſehnenſtarke Pferde— das war es, was man an dieſen ruheloſen, aus tauſend Todesquellen lebendig hervorgegangenen Männern ſehen konnte, was man aber nicht, oder nur in ihren Augen blitzen ſah und in ihrem Innern ſchlagen zu fühlen glaubte, das war ihr ungebrochenes Herz, ihr löwenartiger, unge⸗ bändigter Siegesmuth, der in das dichteſte Feuermeer ging, wie ein Kind zum Spielplatz. Wohl waren es Männer, ganze Männer, dieſe York'ſchen Männer, und das ganze Vaterland weiß, was es ihnen und ihrem Führer zu danken hat. Hiermit iſt über ſie Alles geſagt!— Unſere fliegende Feldlazarethabtheilung hielt ſich 5„Sieht im Rücken der Truppen, ſo dicht wie möglich; 8¹ 40 ruhig mit vorſchreitend, wenn ſie vorſchritten, ruhig ſeit⸗ wärts gehend, wenn ſie ſeitwärts gingen. Wir ſtanden auf der halben Höhe eines ſanft anſteigenden Hügels, der ſich allmälig gegen den Montmartre erhebt. Oben auf der Spitze deſſelben war eine Batterie aufgepflanzt, von einem kühnen und braven, aber unwilligen Haupt⸗ mann befehligt, deſſen Namen ich noch heute weiß, da ich ſchon früher ſeine Bekanntſchaft gemacht hatte. Er hieß Holſche. Er war einer der zum Schill'ſchen Corps gehörigen Offiziere, den die Franzoſen 1809 gefangen genommen und zum Todtſchießen beſtimmt hatten. Auf dem Wege von Minden nach Kaſſel ihnen entſprungen, hatte er ſeinen Feinden einen finſteren Grimm bewahrt, und nie habe ich einen Menſchen mit ſolchem freudig⸗ trotzigen Geſicht ſeine blutige Pflicht erfüllen ſehen, wie er ſie heute erfüllte. Ich hielt mich, ſo oft und lange ich konnte, in ſeiner Nähe auf, denn ich liebte das krachende Werk der Artillerie, und blickte geſpannt auf jede ihrer Bewegungen, die ſo ruhig und doch ſo ſchnell und wirkſam vor ſich gingen, als würden ſie zu Hauſe auf dem friedlichen Exercirplatze eingeübt. Ich war von meinem Schimmel abgeſtiegen und ſtand in der Nähe der Holſche'ſchen Batterie. Er ſelbſt nickte mir einmal beim Vorüberreiten zu und ſagte: „Guten Morgen, Doktor! Heute wollen wir ihnee Eins auf den Pelz brennen, was ſie nicht vergeſſen werden. Hol der Teufel alle Franzoſen!— Vorwärts, Kameraden, Feuer! Es geht los!“— Und es ging los; ich glaube, es war um neun Uhr Morgens. Die erſten Kanonenſchüſſe donnerten herüber und hinüber und brachten das Blut der Auf⸗ horchenden in Wallung. Denn ſo ein erſter Kanonen⸗ ſchuß iſt für Kampfesluſtige wie eine luſtig zum Tanze auffordernde Muſik; ſie hat eine elektriſche Wirkung, ſte belebt, ſie ſtärkt, ſie verdoppelt den guten Willen und die männliche Kraft. Wir ſtanden auf dem äußerſten linken Flügel der ganzen Armee. Hier führte der König von Preußen ſelbſt ſeine hochgewachſenen, ſchönen Garden in's Ge⸗ fecht. Mit langen Schritten ſah ich ſie in gerader Linie wie auf dem Manöverplatze auf den Feind losmarſchiren. Mir pochte das Herz vor Luſt dabei, und ich hätte meinen Säbel herausreißen und mit ihnen vorgehen mögen. Von allen Seiten ging es nun zugleich vorwärts; mitunter wohl ſauſte eine Kanonenkugel grimmig daher, wühlte ſich in den Sand, ſprang dann wieder auf und rollte in kurzen hüpfenden Sprüngen dahin. Aber was wollten heute die Kanonenkugeln ſagen, wenn ſie auch hiier und da eine Lücke riſſen und ein Paar blutende — 22— Männer zur Erde warfen! Gleich immer wieder war die Lücke geſtopft, die Reihen hergeſtellt und es ging weiter vor, immer langſam, ruhig, immer vorſichtig, aber energiſchgnd feſt nachdrückend.* 3 Da kam ein Prinz auf einem ſchönen braunen Pferde herangeſprengt. Zehn Schritte von mir hielt er ſtill, während ich gerade einen Verwundeten verband. Es war der ritterliche Prinz Auguſt, damals eine Helden⸗ geſtalt. Er hatte ein Fernrohr in der Hand und ſprach einige Worte zu Holſche. Dann ſteckte er es ein und nahm eine Tabakspfeife aus ſeiner Satteltaſche. Eben war er beim Stopfen oder Anzünden derſelben, da kam eine ſolche, vorher beſchriebene Kugel und ſchlug gerade unter ſein Pferd, dieſes und ihn ſelbſt mit Erde und Staub bewerfend. Das edle Thier machte einen unge⸗ heuren Satz, ſtand aber gleich darauf wieder baumſtill, nur leiſe den Kopf vorſtreckend, die Ohren anlegend und mit einem Fuße ſcharrend, als möchte es gern mit vor in das Getümmel. Der Prinz aber ſtopfte ruhig ſeine Pfeife weiter und nahm ſie in den Mund. Dann ritt er im Galopp davon. Gleich darauf ward mein Auge von einem an⸗ deren Gegenſtande angezogen. Rechts von uns war eine Chauſſée, auf welcher lange Reihen Kanonen und 8 —— mit ſechs Schimmeln beſpannt und fuhr langſam über das Feld, vielleicht zu ſeiner Batterie. In dieſem Augenblicke ſchlug eine Granate hinein— der Wagen flog auf in tauſend Trümmern und rbreitete eine Wolke von Papier um ſich her, nrnun die Hülſen ſeiner Patronen. Die ſechs Schimmel aber und ihre Reiter, alle unverletzt, gingen mit den Ueber⸗ bleibſeln des Wagens in raſender Karriere durch die aufſtaunenden Truppen, ein mächtig herrlicher Anblick! Aber ſchon war der Tag bedeutend vorgerückt; die Zahl der Verwundeten vergrößerte ſich und wir hatten manchmal mehr zu thun, als wir beinahe zu leiſten im Stande waren. Von zehn Uhr Morgens an bis Nachmittags vier Uhr war ich kaum noch ein Zeuge von dem, was um mich her vorging. Um vier Uhr aber konnte ich mich verſchnaufen. Und da war ſchon Alles vorüber. Doch noch Einzelnes kann ich berichten. Etwa um die genannte Zeit ſah man Par⸗ lamentaire, lange Stangen tragend, an denen weiße Fahnen flaggten, durch die Truppen ſprengen, um die Kapitulation der Stadt Paris anzubieten. Gleich darauf galoppirten die Adjutanten wie raſend, Jeden umreitend, der ihnen in den Weg kam, umher, an ibre Degen weiße Tücher gebunden, dieſe ſchwenkend and den Befehl bringend, das Feuer einzuſtellen. — 4— Es war ein großartiger Augenblick— ein Stück. Weltgeſchichte wurde meiſterhaft im Angeſichte der Zu⸗ ſchauenden abgerollt. Wie mit einem Zauberſchlage endete plötzlich das donnerartige Gekrach der großen Geſchütze und das knatternde Gebläff der kleinen Ge⸗ wehre. Alles wurde ſtill, wie wenn der heilige, fried⸗ liche Abend ſeine Schwingen über die leiſe athmende Erde breitet. Da lockte Holſche's Donnerſtimme mich wieder in ſeine Nähe. „Kameraden!“ rief er, auf der Höhe des Mont⸗ martre ſtehend und ſeinen ausgeſtreckten Arm gegen das unabſehbare Meer von Kirchen, Paläſten und Häuſern der Weltſtadt Paris ſchüttelnd—„Kameraden! da ſeht Ihr's— das iſt Paris! Ihr habt gut ge⸗ ſchoſſen heute— für König und Vaterland— nur noch einmal einen Schuß, den letzten, für mich, Euren Hauptmann. Vorwärts, Kanoniere, eine doppelte Ladung— ſo— faßt ſie gut, die verdammte Stadt — Feuer!“ UILInd hin donnerte der Schuß und ſchleuderte ſein vernichtendes Eiſen mitten in die angſterfüllte Kaiſer⸗ ſtadt hinein. Das war der letzte Kanonenſchuß, den ich an dieſem Tage hörte.— aàg.— — 5— Aber man war noch nicht ganz ſicher, daß die Einſtellung aller Feindſeligkeiten nachhaltig ſein würde, man beſorgte ernſtlich einen neuen Ausbruch derſelben, wenn vielleicht Napoleon ſelbſt mit ſeiner Armee vor der Stadt erſchiene. Daher hielten unſere Truppen anfangs ihre eroberten Stellungen beſetzt, rückten aber gegen Abend dicht vor die Thore der Stadt, in die ſich die franzöſiſche Armee zurückgezogen hatte; ein großer Theil der Verbündeten blieb ſogar die Nacht über mit dem Gewehr im Arm, alle Geſchütze auf die Stadt gerichtet und die Artilleriſten mit brennenden Lunten daneben ſtehen. Wir Anderen machten es uns in dem halb ſtädtiſchen Bivouak bequem und richteten unſere ganze Aufmerkſamkeit auf die plötzliche Verän⸗ derung der Scene, die die lieben Pariſer ſelbſt jetzt vor unſeren Augen aufzuführen begannen. Kaum hatte nämlich die Kunde der eingeſtellten Feindſeligkeiten die große Stadt durchlaufen, ſo ſpazierten neugierige und friedfertige Haufen daraus hervor, ſich die geträumten Menſchenfreſſer, die Preußen und Ruſſen, aus der Nähe zu beſehen. Aber wie verwundert waren ſie, nur einfache und gutmüthige Menſchen in ihnen zu finden! *. Sehr reichlich war unter dieſen erſten Neugierigen das ſchöne Geshlecht vertreten. Mit graziöſen Be⸗ wegungen, leuchtenden Augen und lächelnden Geſichtern hüpften ſie am Arme ihrer Begleiter daher, zierlich die ſeidenen Kleider haltend, daß ſie in dem Staube und Schmutze des Bivouaks keinen Schaden litten. Alles und Jedes betrachteten ſie und ſprachen laut ihre Ver⸗ wunderung aus, daß die feindliche Armee ſo groß ſei, da man ihnen doch geſagt, ſie ſei bis auf wenige Ueberbleibſel gänzlich vernichtet. Es waren dieſe erſten bei uns erſcheinenden Fran⸗ zoſen nur leichtſinnige und von dem ſchweren Verhäng⸗ niß ihres Vaterlandes nur oberflächlich oder gar nicht berührte Leute. Die ernſteren und bedächtigen blieben daheim, die ungeheure Wandelung im Geſchicke der Menſchen bedenkend, welche ſie aus den Siegern der Welt zu Gefangenen in ihrer eigenen Hauptſtadt ge⸗ macht hatte. O welche tiefe Lehre lag in dieſer ein⸗ zigen Betrachtung! Was mußten die gebildeten Be⸗ wohner dieſer Stadt im Herzen fühlen, als ſie ihren ganzen Horizont von den Bajonetten feindſeliger und ſiegreicher Völker in der Abendſonne blitzen ſahen! — Wohl freute ich mich als Preuße dieſer ihrer qual⸗ vollen Gefühle, als Menſch aber unnſe ich ſie auf richtig bedauern.— Noch einer ergötzlichen Scene aber erinnere ich unh, die ſchon an dieſem erſten Abend, glaube ich, —— — 1)— unter meinen Augen im Bivouak dicht vor den Barrieren der Stadt vorfiel. Unter den verſchiedenen uns an⸗ ſtaunenden Pariſern erſchien auch ein junger, ſehr wohl gekleideter Stutzer, eine Reitpeitſche in der Hand und ein vergoldetes Augenglas in das rechte Auge geklemmt haltend. Mit edler Dummdreiſtigkeit begaffte er alle Beſitzthümer ſeiner großmüthigen Feinde bis in's Ein⸗ zelne. Auch in unſere Nähe kam er und blieb hier einige Augenblicke ſtehen, die Ambülancen betrachtend, die allerdings nicht wie Kutſchen von Pariſer Voll⸗ endung ausſahen. Er lächelte halb verächtlich bei ihrem Anblick und wollte ſich, einige witzige Worte murmelnd, eben entfernen, als ein in der Nähe ſtehender bärtiger Koſak von rieſiger Größe an ihn herantrat. Der Stutzer war mit ganz neuen und ſehr ſchön lackirten Stulpſtiefeln bekleidet, die dem Koſaken außerordentlich in die Augen ſtachen. Als der Franzoſe achſelzuckend ſich zum Weggehen drehte, hielt ihn der Koſak auf und gab ihm mit einer freundſchaftlichen Pantomime zu verſtehen, die ſüuien Stulpſtiefel ihm zum An⸗ denken zu überlaſſen. Der Franzoſe aber verſtand nicht oder wollte nicht Verf hen⸗ was man von ihm ſo überaus zutraulich verlangte. Das nahm der reiz⸗ bare Koſak übel; er rief fluchend einige mir unver⸗ ſtändliche Worte und verſetzte dem Franzöfen einen — 48— tüchtigen Hieb mit ſeinem Kantſchu, indem er ihm bedeutete, ſich augenblicklich auf die Erde zu ſetzen. Dieſe Sprache war ſchon verſtändlicher. Der Franzoſe warf einige ſcheue Blicke um ſich, ob Niemand ihm helfen wolle; da aber kein Retter zur Hand⸗ war, machte er aus der Noth eine Tugend und ließ ſich ſanſt auf den Boden nieder, worauf der Koſak ohne Säumen wie der bereitwilligſte Diener ihm die Stiefel mit eigener Hand auszog. Als er ſie hatte, ſchwenkte er ſie triumphirend über den Kopf, gab ihrem vorigen Beſitzer einen neuen Hieb mit dem Kantſchu und rief: „Paſcholl— nach Paris!“ Wie mit Blut übergoſſen, einen kläglichen Aus⸗ druck auf dem verdutzten Geſichte, eilte der Stutzer, weniger ſtolz als er gekommen war, heim, mit ſeinen eben nicht ſehr weißen Socken alle feuchten Stellen des Bodens vorſichtig vermeidend. Ein unbändiges Gelächter aller Zuſchauenden begleitete und verfolgte ihn, und ich ſah ihn noch, wie er in die nächſte Barriere trat und eins der nächſten Häuſer eilfertig zu erreichen ſtrebte. Aber auf ſeinem beſchämenden Gange wandelten Tauſende und Alle ergötzte der Stutzer mit Reitpeitſche und Augenglas, aber ohne Stiefel auf ſchmuzigen Socken dahin ſchleichend.— Es begann zu dunkeln. Ich hatte noch einige ——— 4 — 49— leicht Verwundete zum Verbande erhalten und wollte mich eben anſchicken, an meine Abendmahlzeit zu denken, als ich zum Oberſtabschirurgus berufen wurde. Und hier trat der Augenblick ein, wo mein ganzes Lebensſchickſal eine andere Wendung nehmen ſollte. Freilich ahnte ich das damals nicht, denn wer kann wiſſen, von welchen Folgen ein einziger Schritt im Leben begleitet iſt. Sorg⸗ und ahnungslos begab ich mich ſogleich zu dem Vorgeſetzten, der Folgendes zu mir ſagte: „Mein lieber Stilling! Sie ſind heute wie immer thätig und fleißig in Erfüllung Ihrer Pflicht geweſen, ich muß Ihnen meine ganze Zufriedenheit ausſprechen. Laſſen Sie für heute Ihre Arbeit ruhen, ich habe eine kohnendere für Sie. Hier iſt ein Bote eines vornehmen Patienten— ich glaube, es iſt der Herzog von... Er ſchickt zu uns und bittet um einen verſtändigen Arzt, denn er iſt verwundet. Folgen Sie dem Boten und ſehen Sie, was es iſt. Finden Sie es von Be⸗ deutung, ſo erwarte ich Ihre Meldung, ſonſt nicht.“ Ich horchte hoch auf, bezeigte aber meine Dank⸗ barkeit und wollte mich eben mit dem harrenden Boten, einem Diener in Livree, entfernen, als mein Stabs⸗ khirurgus heran trat, der in der Nähe geſtanden und hen Befehl gehört hatte, indem er ſagte: Fritz Stilling. III. 4 4 — 50— „Herr Kollege, wollen Sie nicht lieber mir den Auftrag ertheilen— ich habe nichts zu thun und kenne den Herzog von Anſehen.“ Mein Chef lächelte, ſchüttelte aber den Kopf. „Nein, mein lieber Kollege,“ ſagte er,„diesmal muß ich Ihre Bitte abſchlagen. Ich wäre am liebſten ſelbſt zu dem hohen Patienten gegangen, habe aber den ſtrengen Befehl erhalten, daß keiner der oberen Be⸗ amten das Lazareth verlaſſe, da man nicht wiſſen kann, was die Nacht bringt. Alſo gehen Sie, lieber Stil⸗ ling— guten Abend!“ Ich verneigte mich noch einmal und folgte nun raſch dem Boten, der mir nach einem allerliebſten Landhauſe voranſchritt, welches, einige tauſend Schritte von unſerem Bivouak entfernt, am Abhang des Mont⸗ martre neben einer Mühle lag und einen ſchönen An⸗ blick über die ganze Stadt gewährte. Wir traten ein; ich wurde in ein Vorzimmer geführt und einen Augen⸗ blick allein gelaſſen. Hier hatte ich kaum Zeit, über das merkwürdige Geſchick nachzudenken, welches auch mich in die Nähe dieſes Fürſten brachte, als die Thür aufging und ein ſehr junger Offizier erſchien, der mich freundlich einlud, zu Sr. Durchlaucht in's Zimmer zu treten, nachdem er einige Worte mit mir gewechſelt— hatte. Er war von mittlerer Größe, angenehmen und — 51— doch männlichen Zügen, die ein liebenswürdig ariſto⸗ kratiſches Gepräge trugen, hatte blaue Augen, dunkel⸗ blonde Haare, aber einen ſehr hellblonden, faſt weißen, ſchön geſchwungenen Schnurrbart. „Ah!“ ſagte er.„Endlich alſo ein Arzt! Guten Abend, Herr Doktor! Sie ſind vom preußiſchen Feld⸗ lazareth, nicht wahr?“ Ich bejahte es und er fuhr fort:„Es iſt uns mit den Aerzten wunderlich gegan⸗ gen. Sr. Durchlaucht Leibarzt liegt krank in Rheims. Der Oberarzt ſeines Leibregiments iſt heute Mittag ſchwer verwundet, die anderen ſcheinen auf ihrem Poſten unentbehrlich zu ſein, denn wir haben nach zweien ge⸗ ſendet und bis jetzt iſt noch keiner von ihnen hier ge⸗ weſen.“ S 3 Er ſprach dies ſo ſanft und freündlich aus, daß ich mich gleich von Anfang an zu ihm hingezogen fühlte; überdies trug er die Uniform deſſelben Huſaren⸗ regiments, bei welchem die Zwillingsbrüder geſtanden hatten. Ich fragte, ob er ſie gekannt und er bejahte es mit Rührung. „Alſo Sie ſind der Arzt, der ſie ſo liebevoll un⸗ terſtützt hat? Das freut mich. Seine Durchlaucht hat ſich ſchon oft nach Ihnen erkundigt. Aber jetzt folgen Sie mir; unſer hoher Patient iſt bereits von einem Feldſcheer verbunden, aber die Wunde ſchmerzt . 4* 8 8 AA 2 und blutet zuweilen. Uebrigens,“ fügte er lächelnd hinzu,„ſcheint ſie mir von keiner Bedeutung zu ſein.“ Wir traten in ein hellerleuchtetes, großes und ſehr behaglich ausgeſtattetes Zimmer. Der Herzog ſaß auf einem Seſſel, den ganzen Körper in einen großen Pelz gewickelt, während der verwundete rechte Arm nur mit dem Hemde bekleidet war. Nach kurzer Vorſtellung meiner Perſon und einigen einladenden Worten ſeiner⸗ ſeits, näher zu treten, machte ich mich ſogleich an das kranke Glied. Es war ſchmerzhaft und das war kein Wunder, denn der erſte Wundarzt hatte die Verletzung zwar kunſtgemäß, aber zu feſt verbunden, wahrſchein⸗ lich, um eine mögliche Blutung zu verhüten. Sobald ich daher den Verband gelöſt hatte, hörte der Schmerz auf, aber eine gelinde Blutung aus kleinen zerriſſenen Hautgefäßen ſtellte ſich wieder ein. Es war weiter nichts als ein Streiſſchuß der äußeren Fleiſchtheile des Oberarms, nicht gerade tief, aber auch nicht flach. Mit einem Wort, eine Wunde, wie man ſie bei einem vornehmen Manne gern hat, denn man kann beim erſten Anblick überzeugt ſein, keine Gefahr zu laufen und ſie bald zu heilen. „Noringen, machen Sie die Thür zu und laſſen Sie Niemand mehr herein, wer auch kommen mag; * — 53— der junge Mann hier verſteht ſeine Kunſt, ich ſehe es auf den erſten Blick. Nun— was meinen Sie?“ Ich glaubte meinen Ohren kaum zu trauen, als ich jenen Namen hörte. Alſo Noringen hieß der junge hübſche Adjutant. Er mußte der Sohn deſſelben No⸗ ringen ſein, der Maximilians Freund geweſen war. Aber ich dachte jetzt nicht weiter darüber nach, ſondern beantwortete die Frage des Herzogs dahin, daß die Wunde ohne alle Gefahr ſei und in einigen Wochen vollſtändig vernarbt ſein werde. „Einige Wochen! Alſo doch! Aber die Blutung — ſchadet die nicht?“ „Die werde ich ſogleich ſtillen. Ich brauche aber ein großes Gefäß kalten Waſſers und ein Paar Hand⸗ tücher. Sonſt nichts.“ Alles wurde ſogleich durch einen Kammerdiener, einen alten, flinken und dabei ſchweigſamen Mann her⸗ beigeſchafft. Ich legte dem Kranken ganz einfach ein naſſes Handtuch auf die Wunde und erklärte ſodann den nächſten Verband für beendigt, nachdem ich dem Arm einen Stützpunkt in einer um den Hals geſchlun⸗ genen Serviette gegeben hatte. „Wie? Schon fertig? Weiter nichts— aber die Blutung?“ — 54— Ich beruhigte ihn und erbot mich, an Ort und Stelle zu bleiben, bis alle Gefahr der Blutung vor⸗ über ſei. „O, das verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Sie nicht eher fortlaſſe. Ich werde Ihnen Urlaub aus⸗ wirken. So. Aber mich hungert— darf ich eſſen?“ „Ohne alles Bedenken. Glücklich Der, der was hat!“ „Wie— glücklich? Haben Sie etwa nichts?“ „Seit heute Morgen neun Uhr habe ich keine Zeit zum Eſſen gehabt.“ „Ol mein Gott! Noringen— drei Couverts! Sie ſind mein Gaſt heute— wir ſpeiſen unter uns, ohne alles Ceremoniel. Ich liebe es ſo. Nun erzählen Sie mir etwas; ich bin ſehr neugierig. Haben die Preußen viel verloren?“— So begann das Geſpräch und ſo wurde es ohne allen Zwang fortgeſetzt, bis der Kammerdiener meldete, die Tafel ſei ſervirt. Ich fand dabei den Herzog gar nicht ſo übel, er ſprach in etwas kurzem Tone, aber ſonſt doch wie ein gewöhnlicher Menſch und war dabei freundlich genug. Seine Geſtalt war hoch und etwas voll; ſein Geſicht fein, aber nicht ganz offen. Ich ſah ſogleich, was Maximilian damit gemeint hatte, wenn er ſeine Augen flammend und zugleich verſchleiert — 55— rf 1 nannte. Dieſer eigenthümliche, beinahe myſtiſche Aus⸗ druck lag wirklich in ihnen, obwohl das künſtliche Lichtund das von der überſtandenen Gemüthsbewegung etwas veränderte Geſicht heute Abend mich verhinderte, es genau zu ſtudiren. „Ihren Arm!“ ſagte er, und ſtützte ſich feſt darauf, als ich ihn hinreichte.„Sie müſſen nun einmal mit Noringen und meinem Kammerdiener meine einzigen Stützen ſein. Im Felde muß man ſich behelfen und ich bin mit Euch Dreien zufrieden.“ Wir traten in das Tafelzimmer und ſpeiſten herr⸗ lich, herrlich wie ein Gott in Frankreich, wie man zu ſagen pflegt. Wir offenbarten dabei ſämmtlich einen wolfsartigen Appetit, was nach unſern heutigen Er⸗ lebniſſen natürlich war. Da der Herzog von mir die Erlaubniß erhielt, ein Glas Champagner zu trinken, ſo tranken wir natürlich denſelben Wein, blieben aber nicht bei einem Glaſe ſtehen. Eben wollte Seine Durchlaucht die Tafel auf⸗ heben, als eine rührende Muſik vor den Fenſtern er⸗ ſcholl. Es war die Stunde des Abendgebets der Truppen gekommen und dieſes wurde eingeleitet durch einen Choral, der, von mehreren Muſikchören geblaſen, in unſerer heutigen Stimmung von außerordentlicher Wirkung war. Der Herzog ſenkte das Haupt und — 56— 8 faßte mit ſeiner linken die rechte Hand. Vir alle Drei beteten ſtill und dankten unſerem Gott von Herzen. „Ja,“ ſagte der Herzog, als der Choral geendet war,„wir können mit dem heutigen Tage zufrieden ſein, ich auch— wenn dieſe Kugel vier Zoll mehr links ging, war ich dahin. Nun aber wollen wir an unſere Nachtruhe denken.“ „Es iſt Alles bereit,“ meldete der Kammerdiener, als wir uns eben vom Tiſche erhoben. Man hatte auf den Wunſch des Herzogs im Nebenzimmer einen großen Seſſel mit Betten belegt, darauf ſollte er ſchlafen. Ich machte ihm einen neuen kalten Umſchlag, als er ſich niedergelegt und nahm auf einem zweiten, ihm gegenüberſtehenden Seſſel Platz, auf dem mir die Nachtruhe anbefohlen war, denn Seine Durchlaucht fürchtete immer noch eine Blutung und ich mußte von Zeit zu Zeit nach der Wunde ſehen. Kaum war der Herzog in ſeinem Bette und ich ſaß auf dem meinigen— da trat der Adjutant von Noringen ein. „ Durchlaucht,“ ſagte er, di iſt ein Ordonnanz⸗ offizier Sr. Majeſtät des Königs von Preußen, ſich nach Hochdero Befinden zu erkundigen. Soll ich ihn einlaſſen?“ „Seine Majeſtät iſt ſehr gütig— er mag eintetci 4 .— 57— Ich ſtand auf, um mich zu entfernen; aber der Herzog rief mich ſelbſt zurück, indem er ſagte, ich dürfe ihn nicht verlaſſen. Da ging die Thür auf und herein trat eine hohe Geſtalt, die etwas ſtolz, faſt ge⸗ bieteriſch getragen wurde, ſonſt aber geſchmeidig und ungezwungen ſich bewegte. Von den kräftigen Schul⸗ 4 tern dieſer Geſtalt blickte kühn ein ausdrucksvoller Kopf -mit feinen, aber bleichen Zügen herab, die jedoch eine große Brille beſchattete. Ihre Uniform war die eines Majors vom Generalſtabe. 4 „Guten Abend, mein Herr!“ empfing ihn leutſelig der Herzog.. „Sie kommen von Seiner Majeſtät?“ „Ja, Durchlaucht— ich komme von meinem König und Herrn.“ Das war ſein erſtes, mit tiefer und ſtark tönender Stimme geſprochenes Wort. Hatte mich ſein ganzes Weſen ſchon gleich beim erſten Erſcheinen— ich wußte 6 Anfangs nicht warum— bewegt, ſo lief ein kalter Schauder durch meinen ganzen Körper, als ich den ttiefen und metallenen Klang dieſer wohllautenden Stimme hörte. Alle Fibern meiner Seele wurden dadurch angeſpannt und faſt mit Gewalt mußte ich den unwillkürlichen Ruf meines Herzens zurückdrängen: „Ha! Maximilian!“ —. 58— Aber auch er ſchien bewegt, als er mich ſo unver⸗ muthet ſah und gewiß erkannte, denn gleich bei ſeinem Eintritt in's Zimmer hatte er einen ſchnellen Blick „auf die Anweſenden geworfen und auch mich auf der 3 Stelle damit erfaßt. Eine feine Röthe, nur mir allein erklärbar, überlief ſein Geſicht, als er mich wahrge⸗ nommen und unwillkürlich zögerte ſein Fuß, ſogleich weiter vorzuſchreiten. Bald aber hatte er ſich wieder geſammelt und, wie ſchon geſagt, geantwortet:„Ja, Durchlaucht, ich komme von meinem König und Herrn!“ Gleich darauf aber fügte er hinzu:„Er hat zu ſeinem Bedauern vernommen, daß Sie verwundet ſind und mich geſchickt, um zu erfahren, ob die Wunde gefähr⸗ lich iſt oder nicht.“ „Ich danke Sr. Majeſtät und Ihnen! Dank Gottes Fürſorge und der Hülfe dieſes Arztes— ich werde nur einige Wochen an mein Zimmer gebunden 4 ſein. Das iſt Alles, was ich Ihnen über meinen Zu⸗ 4 ſtand ſagen kann.“ „Ich muß zudringlicher ſein, Durchlaucht,“ er⸗ widerte der Offizier und ſah mich bei dieſen Worten noch einmal ſcharf an,„aber wenn dieſer Herr auch’”“ — umd hier begrüßte er mich verſtohlen mit Aug und Hand—„die Gefahr für beſeitigt erklärt— ich muß — 59 mit eigenen Augen ſehen, wie die Wunde beſchaffen iſt— ſo lautet mein Befehl.“ „So kommen Sie und überzeugen ſich ſelbſt!“ Und der Herzog nahm raſch mit eigener Hand das naſſe Tuch ab, die Wunde auf dieſe Weiſe entblößend. Der auf jede Bewegung aufmerkſame Ordonnanzoffizier trat— und ich irre mich nicht, denn ich hatte in dieſem Augenblick hundert Augen— mit bebender Lippe ganz nahe an das Lager des hohen Patienten, beſchaute genau die drei Zäll lange Wunde und be⸗ rührte mit kundigem Finger den Verlauf des Arm⸗ knochens. Als er ſich überzeugt, daß derſelbe heil, verbeugte er ſich, trat raſch in den Schatten des Zim⸗ mers zurück— denn ich hatte ihm mit einer Kerze bei ſeiner Unterſuchung geleuchtet— und, einen Blick auf den Herzog, einen auf mich werfend, fragte er: „So darf ich mich wieder entfernen, Durchlaucht?“ „Gehen Sie mit Gott und grüßen Sie Seine Majeſtät. Morgen bin ich in Paris und hoffentlich wohlauf. Leider kann ich nicht mit beim großen Ein⸗ zuge ſein und muß den meinigen im Stillen feiern. Guten Abend, mein Herr— aber Ihr Name?“ und er drehte den Kopf noch einmal nach ihm um. Der Ordonnanzoffizier richtete ſich ſtolz und feſt in ſeiner ganzen Höhe auf. Seine Bruſt dehnte ſich eben 8 ſo ſihr, wie die meinige ſich zuſammenzog. Dann, nach einigem Zögern, ſprach er mit lauter und, wie, mir ſchien, natürlicherer Stimme als bisher die Worte aus:„Ich bin der Major Emmelin vom General⸗ ſtab Sr. Majeſtät!“ Kaum hatte er dies geſprochen, ſo war er zur Thür hinaus, ohne alles Ceremoniel, wie der Herzog es liebte. Ich athmete kaum und hielt meinen Blick unverwandt auf den Herzog gerichtet, denn die Be⸗ tonung des Namens war ſtark und konnte ihre Be⸗ deutung nicht verfehlen. Der Herzog aber, plößlich wie mit tauſend Ohren lauſchend, hatte ſeine geſunde Hand an die Stirne gelegt und verdeckte mir ſo ſein Geſicht. Gleich darauf ſeufzte er laut, legte ſich zu⸗ rück und ſagte:„O!“— Weiter nichts. „Doktor!“ rief er plötzlich—„Sind Sie da?“ „Ja, Durchlaucht, hier bin ich.“ „Geben Sie mir zu trinken— mich durſtet und doch friert mich. So! Fühlen Sie meinen Puls, 14 3 glaube, ich bekomme das Fieber.“ 4 „Das wäre etwas früh, dewch wäre es maaic. Ihr Puls iſt gut— aber—“ „Was aber?“ — 61— „Ihr Herz ſchlägt ſtark— ich höre es ſogar.h „Laſſen Sie das— das iſt bei mir häufig der Fall— ein andermal davon. Wo haben Sie ſtudirt?“ „In Münſter und Berlin.“ * „Alle Examina überſtanden?“ „Alle!“ „So ſeien Sie zufrieden— manche Menſchen müſſen bis an ihr Ende Prüfungen beſtehen— auch ich— auch ich—“ Er ſchwieg und legte ſich nieder. In dieſem Augenblick erſchien abermals der Adjutant, leiſe ein⸗ tretend, auf der Thürſchwelle. „Ew. Durchlaucht,“ ſagte er,„bitte ich um Ent⸗ ſchuldigung; aber es iſt noch ein Bote von Sr. Ma⸗ jeſtät dem Könige von Preußen da, ſich nach Hochdero Befinden zu erkundigen.“ „Wie, noch Einer? Seine Majeſtät iſt ja heute ſſhr gnädig. Aber wenn dieſe Gnade die ganze acht durch dauert, ſo bedanke ich mich dafür. Wer es denn?“ „Es iſt der Diviſions⸗General⸗Chirurgus Sr. Majeſtät Garden, der Dr. Wiebel.“ „Aha! Nun, der ſoll mich noch unterſuchen— — 62— man verfährt etwas inquiſitoriſch mit mir— immerhin, laſſen Sie ihn eintreten.“ Der Adjutant verließ das Zimmer und gleich darauf trat ein mittelgroßer, ziemlich ſtarker Mann mit gutmüthigem, aber etwas gewöhnlichem Geſicht herein. Er blieb beſcheiden an der Thüre ſtehen und verbeugte ſich tief. „Treten Sie näher, Herr Doktor!“ rief der Herzog und winkte mit der linken Hand.„Sie ſchickt auch der König?“ „Auch, Durchlaucht? So viel ich weiß, bin ich der erſte Bote, den der König ſendet; denn in dem Augenblick, wo ich Seine Majeſtät verließ, erfuhr er erſt Ihre Verwundung und hieß mich eilen. Ich eilte ſehr, mir kann Niemand von Sr. Majeſtät zuvor⸗ gekommen ſein.“ Der Herzog drehte ſeinen Kopf ganz herum und ſtarrte den Sprecher mit offenem Munde an.„Ho wiſſen Sie es nicht, Doktor,“ ſagte er etwas leiſe u d gezwungen,„der Major Emmelin vom General Sr. Majeſtät war ſo eben hier, von Ihrem Hu ſelbſt geſendet.“ „Emmelin, Durchlaucht? Das muß ein Irrtz ſein. Ich kenne alle Offiziere voni Generalſtab Sr — 63— — Majeſtät perſönlich, aber ein Major Emmelin iſt nicht dabei.“ 3 Der Herzog ſah den Dr. Wiebel zuerſt an und blieb 1 dann mit ſeinem eine Weile auf meinem— ich fühlte es t ſelbſt— glühenden Geſicht haften.„Wie!“ rief er. —„Irre ich mich oder phantaſire ich ſchon mit offenen Augen? Haben Sie ihn nicht auch geſehen, Doktor?“ g„Ja, Durchlaucht,“ ſagte ich,„ich habe ihn auch ) geſehen und er nannte ſich Emmelin.“ „Da ſehen Sie— Sie müſſen ſich irren.“ 1„Ich irre mich nicht!“ betheuerte der hartnäckige Diviſionschirurgus der königlichen Garden. r 2„So laſſen Sie es gut ſein— dann wird ihn der Kaiſer von Oeſterreich geſandt haben— was wünſchen Sie von mir?“ „Darf ich Ew. Durchlaucht Wunde ſehen— 2“ „Auch Sie? Nun wohl— hier iſt ſie!“ V Der nachherige preußiſche Generalſtabsarzt der Atmee und Leibarzt des Königs bückte ſich und unter⸗ ſuchte die Wunde faſt eben ſo genau, wie ſein Vor⸗ änger es gethan. „Sie iſt nicht gefährlich,“ ſagte er.„Dieſer Arzt ger hat ſie verbunden? Wo ſtehen Sie?“ 1 64— *ℳ„Beim fliegenden Feldlazareth Nr...“ ſagte ich. „Aha! Das iſt ein gutes Lazareth. Wie heißen Sie?“ 2 4 „Dr. Stilling!“ „Stilling? Da ſind Sie der ehemalige Famulus Murſinna's?“ „Der bin ich, Herr Diviſionschirurgus!“ „Sie ſind in guten Händen, Durchlaucht. Dieſer junge Mann hat bei uns in Berlin etwas gelernt— ich bezeuge es ihm— ich kenne ihn dem Rufe nach. Darf ich mich alſo beurlauben, Durchlaucht— ich ſehe, Sie wollen ruhen?“ „Gehen Sie in Gottes Namen und ich bedanke mich bei Sr. Majeſtät. Aber noch Eins— kann ich den jungen Mann da bei mir behalten, bis ich ge⸗ neſen bin?“ „So lange Sie befehlen, er ſteht ganz zu Ew. Durchlaucht Dienſten. Ich werde noch heute meinem Kollegen Voeltzke Meldung darüber machen.“ „So iſt es gut— leben Sie wohl!“ Der preußiſche Diviſionsarzt verbeugte ſich und verſchwand. Wir waren wieder allein. Der Herzog verſank in tiefes Sinnen, ſtarrte trübe vor ſich 1 und ſchüttelte mehrmals den Kopf. „Es iſt merkwürdig,“ ſagte er endlich—„ſehr merkwürdig! Dieſen Ordonnanzoffizier muß ich noch einmal ſehen!“ Und er wandte ſich um und ent⸗ ſchlief oder lag wenigſtens ſtill. Auch ich ſchlief von Zeit zu Zeit auf meinem Seſſel, nachdem ich bisweilen, den Arm des Patienten betrachtend, die Umſchläge über denſelben erneuert hatte. III. Der Kourier aus dem preußiſchen Hauptquartier. So war ich denn auf völlig unerwartete Weiſe plötzlich meiner kurzen militairiſchen Laufbahn entrückt und ſah mich wider alle Vermuthung in den Strudel eines wunderbaren Verhältniſſes gezogen. So aber gehen die wichtigſten Veränderungen in unſerem Leben immer am ſchnellſten vor ſich und in der Regel dann, wenn wir am wenigſten an eine Wandelung gedacht oder darnach geſtrebt haben. Und ſo iſt es 1 am beſten für uns. Gottes Schickungen müſſen nell kom⸗ men, denn nur ſo bringen ſie mit der demüthigen Be⸗ wunderung ſeiner Allmacht den beruhigenden Glauben u hervor, daß ein höheres Weſen alle unſere Angelegen⸗ heiten lenkt, was, wenn es auch von vielen Denker als unmöglich, alſo buchſtäblich unwahr erklärt wird, doch die kindliche Ergebung in ſeinen allgewaltigen 8 — 67—. Willen wenigſtens bei dem Gläubigen verſtärkt und ihn zu neuer Ausdauer anfeuert. Am frühen Morgen des 31. März war ich mit „Genehmigung des Herzogs nach meinem Feldlazareth geeilt, um von meinen bisherigen Kameraden Abſchied zu nehmen, die ganz erſtaunt waren über das uner⸗ wartete Geſchick, welches mich ſchon jetzt von ihrer Seite riß. Namentlich konnte ſich der Stabschirurgus nicht genug darüber verwundern und wäre gar zu gern an meiner Stelle geweſen.„Aber nur die Jugend hat Glück,“ bemerkte er giftig,„und das Verdienſt muß ſchweigen.“ Ernſt Goy vertröſtete, ſich, daß ich auch in meiner neuen Stellung, die doch nur vorübergehend ſein könnte, an ihn denken würde. Die Truppen fand ich ſchon zum feſtlichen Einzug in Paris aufmarſchirt. Schnell ließ ich meinen Koffer nach dem Landhauſe tragen und übergab meinen guten Schimmel, den ich nach des Himmels Rathſchluß in dieſem Leben nicht wieder beſteigen ſollte, meinem Burſchen, der beim Lazareth blieb und mit Thränen von mir Abſchied nahm. Dann eilte ich zum Herzog zurück und kleidete mich in Civilkleider, was derſelbe für die Dauer meines Aufenthalts in ſeiner Nähe ge⸗ wünſcht und mir durch ſeinen Adjutanten hatte be⸗ merklich machen laſſen. Mittags zwölf Uhr, als die 5* 8 — 68— Monarchen ſchon in Paris waren, erſchienen die her⸗ zoglichen Fouriere auf dem Montmartre, berichtend, daß das Quartier in der Stadt zum Empfange ihres Herrn bereit ſei. Der Herzog fuhr mit zwei Generalen und ſeinem Adjutanten ſogleich hinein; ich mit ſeinem alten Kammerdiener und zwei Sekretairen bald darauf; die anderen Hofbeamten folgten zu Pferde mit der Bagage. Um ein Uhr ſaßen wir ſchon beim Frühſtück, mitten in Paris in dem Hötel eines reichen Bankiers, welches am Vendoͤmeplatz gelegen war und uns ge⸗ ſtattete, Zuſchauer eines Schauſpiels zu ſein, welches 1 uns mehr wie irgend ein anderes den Wankelmuth des franzöſiſchen Volkes vor Augen führte. Denn nicht allein liefen die Nationalgarden, die ſich geſtern noch für Napoleon geſchlagen hatten, hinter ihren durch 3 die Straßen reitenden Präfekten und Mairen her und riefen: Vive Louis XVIII., Vive le roi de Prusse u. ſ. w., ſondern ein ungeheurer Volkshaufe beeilte ſich auf dem genannten Platze ſelbſt, die ſchöne Sna Napoleons von ihrer großen Siegesſäule ſetalguraßen Zuerſt warf man unter Hohngelächter des verſammelte Volkes ſeinen Lorbeerkranz mitten unter die tobende Haufen. Bei verſtärktem à bas-Rufe legte man ſtarke Stricke um den Hals der Statue, ſpannte drei alte Karrengäule davor und peitſchte ſie übermäßig an, das — 69— Kunſt⸗ und Siegeswerk aus ſeiner Befeſtigung zu löſen, ein Unſinn, denn wenn es herabfiel, ſchlug es wenigſtens ein halbes Hundert patriotiſcher Männer todt, was freilich kein großer Schaden geweſen wäre. Da das aber nicht gelang, ſo wurden einige Kupferſchmiede in die Höhe geſandt, um die eiſernen Stangen, an denen die Bildſäule befeſtigt war, los zu feilen, eine ſchwierige und langſame Arbeit, die das lärmende Volk unten mit einer Art Katzenmuſik begleitete, denn man hatte leere Tonnen herbei gerollt, auf denen man mit Knitteln trommelte, ſobald die Arbeiter oben zu ruhen ſchienen. Und das thaten ſie dem Manne an, den ſie noch vor wenigen Tagen vergöttert, der ihre Söhne zu hundert Siegen geführt und den franzöſiſchen Ruhm zu einem unvergänglichen gemacht hatte. So ſteht es mit dem Volke, der Welt und der Beliebtheit bei derſelben. Fir dieſes Volk, dieſe Welt handle man, kämpfe man, opfre man ſich. Ol— Als der Herzog in unſerem Beiſein dieſem ver⸗ rätheriſchen Treiben eine Weile zugeſehen, wendete er ſich voll Abſcheu weg und man mußte auf ſeinen Be⸗ ziehl die Fenſter verhängen.„Ich möchte dieſe Kanaille mit Kartätſchen niederſchießen laſſen,“ ſagte er knir⸗ ſchend.„Ich bin nicht Napoleon's Freund, er hat mich mißhandelt, aber das iſt doch eine zu große Nie⸗ 5 44 1 8 2 5 4 5³ 1 7 d 8 deerträchtigkeit. Doktor! ich glaube, meine Wunde ölntet wie mein Herz, ſehen Sie nach!“ Ich ſah nach, fand aber Alles in Ordnung. „Sie ſehen ganz anders aus in dieſen Kleidern,“ fuhr er fort,„der Tauſend ja! Es iſt wahr, Kleider machen Leute! Sie glichen in Ihrer blaublauen Jacke einem Pferde, dem man eine Kameelshaut über⸗ gezogen hat. Nehmen Sie dieſen Vergleich nicht übel, aber bleiben Sie ſo— Sie gefallen mir jetzt beſſer. Und nun wieder zu Tiſche, meine Herren!“* Ich übergehe meinen vierzehntägigen Aufenthalt in Paris mit dem Herzog und ſeinem kleinen Hofhalt. Er hat nichts beſonders Merkwürdiges für meine Leſer, die ſich denken können, daß ich in der berühmten Stadt Nichts unbeſucht und ungenoſſen ließ. In dieſen vier⸗ zehn Tagen engeren Beiſammenſeins hatte ich e M Vertrauen des Fürſten gewonnen und mich mit dem jugendlichen Adjutanten, Otto von Noringen, befreun⸗ det, der mein Begleiter auf allen Ausflügen geworden war, ſo oft uns der Herzog einige Stunden dazu ge⸗ ſtattete. Und er war nicht karg mit, dieſer Erlaubniß, 1 1 ermunterte uns vielmehr oft ſelbſt und öffnete reichlich 3 1 — ſeine Börſe für unſer Vergnügen. Ich befand mich ganz wohl dabei und eignete mir ſchnell das Benehmen an, wie es unter ſolchen Verhältniſſen erfordert wird. Die Majeſtäten machten während dieſer Zeit dem Her⸗ zog ihren Beſuch, den er ſelbſt ſpäter erwiederte; auch hatte er nach dem Ordonnanzoffizier des Königs von Preußen geforſcht; was er aber darüber erfahren, war für uns ein tiefes Geheimniß geblieben. Nach dieſen vierzehn Tagen erhielt das Herzog⸗ liche Corps, nachdem die Preußen, Oeſterreicher und Ruſſen ſchon theilweiſe in die Provinzen abmarſchirt waren, den Befehl, nach der Picardie aufzubrechen, dort Cantonnements zu beziehen und die nähern Ver⸗ ordnungen abzuwarten. Ich will hier in meinem Be⸗ richte gleich einige Wochen vorausſchreiten und melden, daß, als endlich der Befehl kam, nach Deutſchland zu⸗ rückzukehren, derſelbe von Oben bis Unten herunter mit innerem Widerſtreben und lauten Aeußerungen all⸗ Pmeiger Unzufriedenheit aufgenommen wurde. Alſo Friede, ſchon jetzt!“ ſagte man unverholen. Das iſt ſchnell gegangen. Die Franzoſen haben acht Jahre Deutſchland verwüſtet und Millionen dar⸗ aus fortgeſchleppt, wir müſſen das reiche und ſchöne Frankreich in beinahe ſo viel Wochen räumen und neh⸗ men nichts daraus mit, als unſern Ruhm, unſere Ehre 4 1 72 und unſere Wunden? Mit dieſer Anordnung können ſich allein die Todten befriedigt fühlen, denn ſie ſehen und hören nichts mehr, wir Lebenden aber gewiß nicht. Haben ſich aber auch die Herren Diplomaten nicht ver⸗ rechnet? Iſt Alles hier für ewig beendet? Wir glau⸗ ben es nicht. So raſch, kann keine neue Regierung ſicher geſtellt werden. Napoleon iſt nur in Elba— wir gehen nach Deutſchland— nun wohl— wir wer⸗ den ja ſehen!“ Die Mitglieder meines Lazareths hatte ich oft in Paris und einige Male auch auf dem Marſche nach der Picardie getroffen, wohin daſſelbe ebenfalls ge⸗ ſchickt wurde. Nach etwa ſechs Wochen erhielt es den Befehl, nach Deutſchland zurückzukehren. Ich nahm für immer von demſelben Abſchied, denn ich war bereits davon entlaſſen, was der Herzog im Stillen bewirkt hatte, da er mich noch bei ſich zu behalten wünſchte, nachdem er längſt wieder geneſen war. Ich konnte damit nur zufrieden ſein, wenn mir auch der Abſchied von meinen Kriegsgefährten und namentlich von Ernſt Goy ſchwer wurde, der ſeinerſeits in Verzweiflung war, als er ohne mich in ſeine Heimath zurückkehren ſollte. Allein das Schickſal wollte es einmal nicht anders und ſo mußte es geſchehen. Wir verabredeten briefliche Mittheilungen und beſprachen das Nothwendigſte über — 73— Chriſtel's und Grete's Auffindung, auf die unſere Auf⸗ merkſamkeit beſtändig gerichtet blieb. Im Mai trat das Lazareth ſeinen Rückmarſch an und ich habe außer Ernſt Goy niemals einen ſeiner Theilnehmer wieder geſehen.— Doch jetzt kehre ich zu meinem neuen Gebieter und zu unſerer Reiſe nach der Picardie zurück. Dieſe wurde in wenigen Tagen und in höchſt bequemen Reiſe⸗ wagen vollendet, da der Herzog noch kein enges Klei⸗ dungsſtück auf ſeinem Arm tragen, alſo auch nicht reiten konnte. Wir erhielten ein ſehr ſchönes Quartier auf dem Schloſſe des Grafen de la Mière. Daſſelbe liegt fünf bis ſechs kleine Meilen von der Küſte des Pas de Calais entfernt, in einer fruchtbaren Ebene, von dunklen Wäldern umgeben, unmittelbar an einem Nebenflüßchen der Somme, mit der es ſeine gelblichen Fluthen, eine Viertelſtunde nördlich vom Schloſſe, ver⸗ einigt. Das Schloß ſelbſt war groß und fürſtlich ein⸗ gerichtet, obwohl im veralteten Styl erbaut, und von einem herrlichen Parke mit Faſanen⸗ und Wildgehege umgeben. Der Graf rühmte ſich, ein Vetter Ludwigs XVIII. zu ſein und wollte uns als ſolcher zeigen, was er den Befreiern ſeines Vaterlandes ſchuldig zu ſein glaubte. Demnach war Alles und Jedes für die vie⸗ len neuen Bewohner des Schloſſes in Bereitſchaft ge⸗ * 4 2 1 74 „ ſetzt, denn nicht allein der Herzog mit ſeinem Hofhalt woohnte daſelbſt, ſondern auch zwanzig Offtziere des⸗ ſelben kurmärkiſchen Landwehrregiments, mit welchem ich vor einigen Monaten den Marſch nach Paris an⸗ getreten hatte; ich fand alſo manche Bekannte von Rheims her, ſo auch den mir befreundeten Lieutenant Körner. Wir waren alſo hier nicht einſam, und wenn wir es auch geweſen wären, der Herr Graf de la Mière hätte uns unſere Zeit ſchon zu vertreiben ge⸗ wußt. Er war ein ſchöner, großer, ſehr gebildeter und dabei ritterlicher Mann, ſchon etwas bei Jahren, aber im Umgang fein und liebenswürdig, wie alle Franzoſen von vornehmer Abkunft, die am Hofe ihrer Könige gelebt haben. Er ſaß gewöhnlich mit unſerm Herzog und einigen Eingeladenen allein bei Tafel, zu welcher Ehre jeden Tag je zwei von allen Anweſenden der Reihe nach gelangten. Wir Anderen ſpeiſten dann unter uns in einem prachtvollen Saale, deſſen Wände die lebensgroßen Ahnenbilder des gräflichen Hauſes ſchmückten. Die Gemahlin und Tochter unſeres edlen Wirthes bekamen wir aber nicht zu ſehen, denn dieſe hatten ſich während der Kriegszeit in ein Kloſter zu— Amiens zurückgezogen. Unvergeßlich werden mir die ſehs Wochen ſein, die wir, meiſt junge und lebensluſtige Leute, im Be⸗ beanſpruchen könnte, nur müſſe er ſofort 500 Franken — 75—. ginn des ſchönen Frühlings 1814 hier verlebten. Uns ſtand Alles zu Gebote, worüber unſer reicher Wirth zu verfügen hatte. Wagen, Pferde, Dienerſchaft, Wild⸗ park, Keller und Küche, ja, ſelbſt ſeine Garderobe hatte er freigebig geſpendet, denn es waren wohl Manche unter uns, die einer kleinen Aushülfe mit feiner Wäſche bedurften. Ein gräflicher Kammerdiener kam jeden Morgen auf jedes Einzelnen Zimmer und fragte nach ſeinen Bedürfniſſen, wobei er mit der ausgeſuchteſten Zuvorkommenheit Allerlei anzubieten niemals unterließ. Anfangs ſcheuten ſich Viele, das ſo freundlich Darge⸗ botene anzunehmen, da daſſelbe ſich aber ſo oft und immer dringender wiederholte, ſo wurde man allmälig dreiſter und beinahe Alle nahmen Etwas zum Anden⸗ ken mit. Dabed lebten wir alle Tage im größten Wohl⸗ gefallen; wir jagten, fiſchten, ſpielten Billard, ritten, fuhren und ſpeiſten vortrefflich. Die ganze Umgegend beſuchten wir nach und nach und ich zweifle, daß es im übrigen Frankreich einen edleren und freigebigeren Wirth gegen die Verbündeten gegeben hat, als der unſerige ſich erwies. Um dieſe Zeit traf auch der Armeebefehl ein, wo⸗ nach jeder Ofſtzier, der das nahegelegene England zu beſuchen wünſchte, ohne Weiteres ſechs Wochen Urlaub 76— in Baarem aufzuweiſen haben. Als der Graf hiervon hörte, fragte er alle ſeine Gäſte, ob ſie von dieſem Anerbieten nicht ſogleich Gebrauch machen wollten? Als ſie aber ſchwiegen, bot er jedem mit der freund⸗ lichſten Miene hundert Louisd'or aus ſeiner Schatulle an, mit dem höchſt edlen Beiſatze: er wolle dieſes Geld Niemandem ſchenken, wer es nicht geſchenkt zu haben wünſche, man könne ihm den Vorſchuß nach Belieben über Jahr und Tag wieder zurückſenden, er werde mit Allem zufrieden ſein. Dennoch nahm von den Anwe⸗ ſenden keiner das Anerbieten an, nur zehn Offtziere erbaten ſich Urlaub nach Paris und lebten drei Wochen daſelbſt im Hotel des Grafen auf ſeine Koſten wie vornehme Herren. Einer meiner liebſten Ausflüge vom Schloſſe er⸗ ſtreckte ſich etwas weit, dennoch trat ich ihn jede Woche zweimal in Begleitung bald dieſes, bald jenes Be⸗ kannten an. Ich meine den Ausflug nach der ſechs Meilen entfernten See. An dieſer konnte ich mein weichgeſtimmtes Herz nicht genug weiden. Als ich zum erſten Male das Branden der Wogen hörte und auf den glänzenden Schaumkronen des unabſehbaren Meeres ſchöne engliſche und franzöſiſche Schiffe gleich Schwänen mit ausgebreiteten Flügeln ſchwimmen ſah, ward ich beinahe krank vor Sehnſucht nach einem — 77— unbekannten Etwas. Otto von Noringen war dieſes Mal allein bei mir und theilte die ganze Innigkeit meines neuen Gefühles. Lange ſaßen wir an der Stelle, wo die hüpfende Somme ihre Waſſer in den weiten Schooß des Meeres ergießt und ſchauten dem Spiele der Wellen zu, wie ſie an das Land herauf brodelten und die kleinen zarten Muſcheln vor unſeren Füßen gleichſam als Geſchenke liegen ließen, mit denen man ſo gern in kindiſchem Ergötzen ſpielt. Da ſahen wir ſchwer beladene Barken vom Meere daher ziehen und kleine Nachen den heimkehrenden weit hinaus ent⸗ gegen fahren, ihnen in etwas die große Laſt zu er⸗ leichtern. Auf unſere an einen Fiſcher gerichtete Frage, womit die Barken beladen ſeien, erfuhren wir, es ſeien Auſtern, die eben friſch und kühl von den nahen Bänken gefiſcht wären. Noringen machte große Augen und ſagte, ihm flöſſe ſchon das Waſſer vor Vergnügen im Munde zuſammen. Auch ich bekam einen ungewöhn⸗ lichen Appetit nach dieſen leckeren Biſſen und bald trat ein Fiſcher an uns heran und hielt uns für einen Franken einen ganzen Korb voll entgegen. Wir ſchleppten die köſtliche Beute ſelbſt in das nächſte Haus, ließen ein Paar Flaſchen Champagner bringen und aßen, ſo lange wir konnten. Den Reſt ließen wir in einen kleinen Korb packen und brachten — 18— ihn den verwunderten Freunden mit nach dem Schloſſe, die von nun an eben ſo große Luſt empfanden, das Meer zu ſehen, wie wir. Am Abende dieſes mir unvergeßlichen und lieb⸗ lichen Maitages begegnete mir im Schloſſe Folgendes: Es war etwa elf Uhr Abends, der Herzog hatte Noringen und mich, nachdem wir ihm unſeren Ausflug in allen Einzelnheiten mitgetheilt, ſchon entlaſſen und wir lagen in meinem Schlafzimmer, welches neben dem meines Freundes gelegen war, im Fenſter, um uns an der warmen Nachtluft zu laben, die mit dem duftigen Gewürz des Meeres geſchwängert ſchien, als leiſe ein Diener unſeres Wirthes hinter uns eintrat und mich zu ſprechen verlangte. Als ich mich ihm genähert hatte, überbrachte er mir mit leiſer Stimme den Gruß ſeines Herrn und die Bitte, denſelben Punkt zwölf Uhr in ſeinem Gemache zu beſuchen, wobei er verſprach, mich abzuholen, damit ich in dem weitläuſigen Ge⸗ bäude nicht das rechte Zimmer verfehle. Einigermaßen verwundert hörte ich dieſe Einladung an, ſagte aber natürlich zu. Noringen, dem ich faſt nichts verbarg, erwartete, neugierig gleich mir, die ſtille Mitternachts⸗ M ſtunde. Punkt zwölf Uhr kam der Diener wieder und führte mich zum Grafen. Dieſer trat mir, auf den 3 1 Zehen ſchleichend, mit geheimnißvoller Miene entgegen “ — 70— und bot mir einen Seſſel an. Wir ſetzten uns beide, nachdem das Zimmer vorſichtig geſchloſſen worden war. „Mein Herr,“ fing er mit leiſer Stimme an,„Sie ſind ein Mann von Ehre, das hat man mir verſichert und davon habe ich mich überzeugt. Ich fordere von Ihnen als ſolchen das feierliche Verſprechen, das Ge⸗ heimniß, welches ich Ihnen anzuvertrauen habe, Nie⸗ mandem zu offenbaren, ſelbſt Ihrem beſten Freunde, dem Herrn von Noringen, nicht. Denn mir iſt die größte Verſchwiegenheit und Sorgfalt hinſichtlich des⸗ ſelben auf die Seele gebunden.“ Ich erſtaunte immer mehr, gab aber ohne Zögrrn das geforderte Verſprechen. „Mein Herr,“ fing er wieder an,—„Sie ſind der Begleiter des Herrn Herzogs, aber der Herr Herzog ſelbſt darf nicht wiſſen, daß wir beide in dieſem Augen⸗ blicke dieſe Sache verhandeln. Ich habe heute am ſpäten Abend einen Kourier aus Paris empfangen, der mir ein Schreiben brachte, worin die Frage ent⸗ halten war, ob dieſe Perſon“— hier zeigte er mir eine Adreſſe mit meinem ganzen Namen—„auf meinem Schloſſe wohne?“ „Ja, Herr Graf, dieſe Adreſſe iſt die meinige.“ „Nun wohl, ſo beſcheinigen Sie mir hier auf dieſem Tiſche, daß ich den Inhalt, der in dieſem — o— meinem Schreiben lag, auf die mir vorgeſchriebene Weiſe in Ihre Hände abgeliefert habe.“ Und dabei haäͤndigte er mir einen Brief ein, der ebenfalls meine Adreſſe trug. Ich that ſogleich, wie er verlangte. „Jetzt bin ich zufrieden. Der Kourier hat mir geſagt, daß er aus dem Hauptquartier Sr. Majeſtät des Königs von Preußen komme und daß die Sache wichtig wäre. Ich habe mich derſelben entledigt, wie meine Ergebenheit und Achtung vor Sr. Majeſtät es verlangt.“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar, Herr Graf,“ ent⸗ gegnete ich mit Herzklopfen, denn ich hatte bereits an den kühnen Schriftzügen der Adreſſe den Schreiber erkannt,„und ich geſtehe, daß dieſer Brief wichtig, für mich wenigſtens ſehr wichtig iſt— er kommt—“ „Halt! Das will ich nicht wiſſen. Und damit Sie ihn ungeſtört und von Niemandes Neugierde be⸗ läſtigt, leſen können, begeben Sie ſich gefälligſt in dieſes Kabinet. Ich ſelbſt werdenes hinter Ihnen ver⸗ ſchließen und ſo lange davor Wache ſtehen, bis Sie mir ein Zeichen die Thür zu öffnen geben.“ Auf das Höchſte betroffen über die Wichtigkeit, die der Graf dieſem Schreiben gab und nicht bekannt mit der diplomatiſchen Genauigkeit, mit der er ſolche — 81— Dinge zu führen pflegte, aber zugleich auch ſeinen ſonderbar großartigen Charakter würdigend, begab ich mtich in das Kabinet, deſſen Thür ſogleich hinter mir verſchloſſen wurde, und erbrach— was? einen Brief Maximilians, den erſten, den ich von ihm ſeit 1807 in meinen Händen hielt. Eilfertig, zitternd riß ich das Siegel auf. Es fiel mir zuerſt ein Wechſel von hundert Pfund Sterling in die Hand, ſodann aber las ich folgende Worte: „Mein theurer und lieber Freund! „Erſt heute und unter den Dir bekannt gewor⸗ „denen Umſtänden iſt es mir möglich, dieſe Zeilen nſicher in Deine Hand gelangen zu laſſen. In Paris „ſtellten ſich mir unüberwindliche Schwierigkeiten in „den Weg, Dich allein und ohne Deinen ſteten Beglei⸗ nter zu treffen, die ich, wie ich hoffe, auf dem Schloſſe „des Herrn Grafen de la Miere, den ich als Ehren⸗ nmann kenne, nicht zu befürchten habe. Ich muß „durchaus im Dunkeln handeln, denn man war mir nauf der Spur, darian gehe ich jetzt um ſo ſorgſamer „zu Werke. Mein theurer Fritz! Ich habe Dich nnicht vergeſſen und Jahre lang vergeblich geſucht. „Da, gerade wo ich Dich am wenigſten erwartete, „trateſt Du mir in den Weg. Du haſt mich er⸗ „kannt, ich habe es an der wechſelnden Farbe Deines Fritz Stilling. III. 6 ——— 4⁸ 3 5 8 8 1 — 82— „Geſichts und an dem Zittern Deiner Glieder ge⸗ „ſehen. Du liebſt mich auch noch, eben ſo wie ich „Dich liebe— ich fühle es an meinem Herzen. „Nimm Dich in Acht, wenn Du mich noch einmal „unverhofft treffen ſollteſt— verrathe dann Dich „und mich nicht. Ich verfolge raſtlos meinen Plan „und Gott wird ihn auch gelingen laſſen, ich fühle „es bereits. Ich werde alt— ehe ich aber mein „Haupt zur Ruhe lege, muß es zwiſchen ihm und „mir entſchieden ſein. An jenem Abend auf dem „Montmartre wollte ich weiter nichts, als mich über⸗ „zeugen, ob ſeine zufällige Wunde tödtlich ſei oder „nicht. War ſie es, ſo mußte ich auf ſeinem Sterbe⸗ „bette noch Genugthuung finden; da ſie es nicht „war und Du vielleicht von Gott an ſeine „Seite geſtellt warſt, ſo nahm ich es für einen „Wink, daß meine Zeit noch nicht gekommen ſei. „Forſche nicht nach mir und ſprich mit Niemandem „über mich, ſelbſt mit Noringen nicht, der der Sohn „meines früheren Freundes und jetzt Dein Freund „iſt. Für mich liegt darin ein neuer Beweis einer „ſteten in den Wolken über uns waltenden Vor⸗ „ſehung. Damit Du ſiehſt, daß ich mein Dir im „Kloſter gegebenes Verſprechen nicht vergeſſe, lege „ich einen kleinen Wechſel bei. Du wirſt ihn jetzt — 83— nzwar nicht nöthig haben, denn Geiz gehört zu den „Eigenſchaften Deines jetzigen Herrn nicht. Aber „ein junger Mann in Deinem Verhältniß muß neigenen Boden haben, auf den er fußen kann; „nimm alſo und genieße, ſieh Dir das herrliche „England an und beſchaue die Welt. Lebe wohl nund vergiß nicht das Kloſter zum heiligen Fran⸗ „ziskus.“ Als ich zu Ende geleſen und den Brief in meiner Taſche verwahrt hatte, klopfte ich an die Thür. Der Graf öffnete ſie mir, machte mir eine tiefe Verbeugung und ließ mich von demſelben Diener, der mich her⸗ gebracht, auf mein Zimmer zurückführen. Noringen lag ſchon im Bett und ſchlief. Am nächſten Morgen fragte er mich nach der Urſache meines langen Aus⸗ bleibens und ich ſchob es auf ein Unwohlſein des Grafen, was er auch glaubte. Ich aber ſchlief die ganze Nacht nicht, denn ich ſah ein, daß meines theuerſten Freundes Zukunft noch nicht gelichtet war, und daß es vielleicht auch mir beſtimmt ſei, eine Rolle in der Entwickelung derſelben zu übernehmen. Am nächſten Morgen ſchloß ich den Brief in meinen Koffer und legte all' mein Geld zuſammen, welches ich etwas vermehrt fand, denn ich hatte nicht allein vom Herzog viel empfangen, ſondern auch die 6* — — 4— 84— Erbſchaft der Zwillingsbrüder betrug eine große Summe. Als ich damit fertig war, ging ich zum Herzog, der nach mir geſchickt hatte. „Ich gehe nach London!“ rief er mir ſchon von Weitem freudig entgegen.„Wollen Sie mit? Ihre Reiſe ſoll aus meinem Beutel beſtritten werden. Aber Sie müſſen ſich geſchwind beſinnen, denn ſchon morgen geht es fort; ich muß eher da ſein, als der Kaiſer von Rußland und der König von Preußen, ſonſt habe ich nichts als das leidige Ceremoniel auf dem Nacken.“ „Auf eine ſolche gnädige Einladung, Durchlaucht, braucht wohl kein Beſinnen zu folgen. Ich gehe mit Ihnen, dankbar und gern.“ „So iſt es abgemacht. Aber bis morgen früh müſſen Sie reiſefertig ſein!“—. Der Graf de la Miere führte uns ſelbſt wie i m Triumphzuge nach Dieppe, wo für Seine Durchlaucht ein engliſches Schiff ganz im Geheimen gemiethet war. Hier erfolgte der zärtlichſte Abſchied; der Herzog um⸗ armte wiederholt den Grafen und auch wir wurden von Letzterem mit vielen höflichen Redensarten entlaſſen, die wir nach Kräften erwiederten. Unſer bis an's Ende höflicher Wirth wartete am Lande, bis wir das Schiff beſtiegen hatten, dann erſt ſetzte er ſich in ſeinen präch⸗ —— 4 zahlloſen Dienerſchaft nach ſeinem Schloſſe zurück. Auch dieſen edlen Mann habe ich niemals wieder⸗ geſehen. Mit einem Gefühl nie empfundener Wonne betrat ich zum erſten Mal ein Seeſchiff, und noch dazu ein engliſches. Ich ſchwärmte damals und ich ſchwärme noch jetzt für die See. Denn ich unterlaſſe es niemals, auf meinen jährlichen Ausflügen irgend wo einen Blick auf das unermeßliche Meer zu werfen, und jedesmal macht es denſelben unnennbaren, ich möchte ſagen, göttlichen Eindruck auf mich; es ſcheint mir gewiſſer⸗ maßen eine Frakturſchrift Gottes ſelbſt und eins ſeiner erhabenſten Werke zu ſein, und es würde mich ſtets in ſeiner beweglichen, bald brauſenden und ſtürmiſchen, bald lieblichen und überredenden Geſtalt ſelbſt mehr in Verwunderung ſetzen, als ein Berg von gediegenem Golde. Es war am 1. Juni 1814, als wir bei ſehr leichtem Winde und langſam ſchwellender Fluth nach anderthalbtägiger Fahrt bei Brighton den engliſchen Boden betraten. Nie habe ich mich ſo leicht und den kleinen Sorgen des Lebens entrückt gefühlt, als da ich meinen Fuß auf das merkwürdige Land des freien Großbritanniens ſetzte. Wir eilten ſogleich mit ſchnellen Poſtpferden nach London. 86— Ueber dieſen unſern langen Aufenthalt in England nuß ich ebenfalls kurz ſein. Unſere Aufnahme war überall eine glänzende. Allein drei Monate blieben wir in London und auf den umliegenden Landſitzen des hohen engliſchen Adels, der ſich beeiferte, den Her⸗ zog und ſeine Begleitung mit britiſcher, das heißt, nie dageweſener Gaſtfreundſchaft zu behandeln. Auch die großartigen Feierlichkeiten in London und Windſor, als 3 die hohen Majeſtäten herüber kamen, machte ich ſämmt⸗ lich mit. Der 1. September war der Tag, der zu unſerer Abreiſe nach Schottland feſtgeſetzt war, als Depeſchen aus Deutſchland ankamen, die des Herzogs Anweſenheit in ſeinem eigenen Lande für höchſt noth⸗ wendig erkennen ließen. Sogleich war ſein Entſchluß gefaßt, dahin abzureiſen. Er rief aber Noringen und mich zu ſich und ſprach folgende gütige Worte zu uns: „Meine Herren, ich danke Ihnen für Ihre bis⸗ herige Begleitung und bedauere, mein Wort nicht halten und Sie ſelbſt nach den ſchottiſchen Hochlanden führen zu können. Da Sie aber in. nicht gebraucht werden, ſo geſtatte ich Ihnen, die Reiſe für ſich allein zu unternehmen. Ihnen, lieher Noringen, gebe ich wein Jahr Urlaub. Sie ſind jung und das Leben in der Welt wird Ihnen vortheilhaft ſein; Sie können keinen beſſern Begleiter haben, als dieſen jungen — 87 2 Arzt, er iſt eben ſo heilſam für Ihren Leib wie für Ihren Geiſt. Alſo genießen Sie Ihre Jugend. Ihre Reiſekoſten beſtreite ich, wie ich ſie beſtritten haben würde, wenn ich bei Ihnen geblieben wäre.— Ihnen aber, mein lieber Doktor, brauche ich keinen Urlaub zu ertheilen— Sie ſind frei und Ihr eigener Herr. Wenn ich auch Ihnen dieſe Reiſe aus meinen Mitteln vergönne, ſo habe ich damit noch nicht meine ganze Dankbarkeit abgetragen, die ich Ihnen und Ihrer Theilnahme an meinem Schickſal ſchuldig zu ſein glaube. Aber ich hoffe, Sie nicht zum letzten Male geſehen zu haben. Wenn Sie von Ihrer Reiſe zu⸗ rückkehren und es Ihnen in Preußen nicht mehr ge⸗ fält— kommen Sie zu mir. Wir haben kein ſo großes, aber dafür ein ſchönres Land. Sie ſollen mir jederzeit willkommen ſein.— Guten Morgen, meine Herren!“ Und er ließ uns nicht einmal Zeit, unſern tief⸗ gefühlteſten Dank abzuſtatten. Schon mit dem nächſten Schiffe ging er nach Oſtende ab, nachdem er uns noch einen jungen kräftigen Diener zur Begleitung zuge⸗ wieſen hatte. 3 Als Noringen und ich uns allein ſahen, fielen wir uns um den Hals, wir waren mit einem Worte entzückt. Denn war die Reiſe bisher mit dem Herzog eine vergnügliche geweſen, ſo hatten wir doch immer Neinen gewiſſen ceremoniöſen Dienſt gehabt— jetzt aber waren wir im vollſten Sinne des Wortes frei, und wir beſchloſſen, dieſe ſchöne Freiheit auch beſtmöglichſt zu benutzen. Augenblicklich verließen wir die Haupt⸗ ſtadt Euglands und wandten uns dem Norden zu. Ueber Birmingham und Mancheſter gingen wir nach Liverpool. Dann an den maleriſchen Ufern der irlän⸗ diſchen See hinauf, deren ſchöne Inſeln wir beſuchten, über Preſton, Lankaſter, Carlisle nach Edingburg. Hier und in der Umgegend verweilten wir lange Zeit. Die Monate November, December, J Januar und Februar verlebten wir in den Gebirgen Schottlands, denn der Winter daſelbſt hatte für uns Reize, wie wir ſie nirgends wieder gefunden, wir wollten ja hier am nordiſchen Meere den Frühling abwarten und das Erwachen dieſer großartigen Natur aus dem langen Winterſchlafe be⸗ wundern. Im März waren wir in Aberdeen. Von da gingen wir nach Perth und hier war es in den erſten Tagen des Aprils, wo wir Napoleons Rückkehr nach Frankreich und Ludwigs XVIII. Flucht erfuhren. Die eilfertig ausgeſtopfte Puppe war alſo wirklich nicht feſt auf den franzöſiſchen Thron befeſtigt. Kaum hatten wir dieſe erſtaunliche und doch ſo natürliche Nachricht vernommen, ſo wußten wir auch, was Europa und 4* — 89— uns bevorſtand, und augenblicklich war unſer nächſter Entſchluß gefaßt. Wir eilten, ſo ſchnell wir konnten. dem Süden zu, diesmal den Weg mitten durch das ſchöne Land wählend, um im Fluge das Verſäumte nachzuholen. In den erſten Tagen des Mai's trafen wir wieder in London ein und ſahen mit eigenen Augen alle Vorbereitungen zum neuen Kriege ſich entwickeln. Nach einer Woche ungeduldigen Harrens endlich fanden wir Gelegenheit, ein engliſches Schiff zu be⸗ ſteigen, welches Kriegsvorräthe nach dem feſten Lande führte, und langten bei nicht ganz günſtigem Winde mit demſelben in beinahe drei Tagen in Oſtende an. Hier nahmen wir Poſt und fuhren nach Brüſſel. Nach dieſer Stadt ſtrömte Alles von verſchiedenen Seiten Hals über Kopf zuſammen, um ſich zum bevorſtehenden Waffentanz kameradſchaftlich zu begrüßen. Die Völker waren ſchnell wieder aus dem kurzen Taumelſchlaf er⸗ wacht, in den ſie die hellſehenden und allwiſſenden Diplo⸗ maten eingewiegt hatten, und ſandten ihrer Truppen ſo viele, wie ſie aufbringen konnten, um das nur halb⸗ vollendete Werk mit letzter Hand zu Ende zu führen. Auch wir beide ſchauten uns nach allen Weltgegenden um, welchem Truppentheile wir uns anſchließen ſollten, denn das ſtand bei uns feſt, daß wir noch einmal den Marſch nach Paris mitmachen wollten; dahin allein nur konnte es gehen, um den alten wieder losgebröchenen Tiger vollkommen feſt an die Kette zu legen und den wandelbaren Franzoſen den haſtig übergeworfenen Kai⸗ ſermantel noch einmal von den Schultern zu reißen. Alſo zogen wir unſere bequemen Reiſekleider wieder aus und holten die zerknitterten Uniformen aus dem Reiſekoffer hervor; bald ſah ich wieder blaublau aus, wie der Herzog ſpöttelnd über meine glänzende Uniform ſich damals geäußert hatte. Noringen hätte am liebſten mit ſeinen Landsleuten gekämpft— wo wollte er ſie aber bei dem Wirrwarr, der ringsum herrſchte, finden? Kein Menſch wußte, wo ſie ſtanden, oder ob ſie überhaupt in der Nähe waren. Ich natür⸗ lich ſchloß mich am liebſten wieder den Preußen an. Im Ganzen aber war es uns einerlei, wo wir ein Un⸗ terkommen fanden, nur wollten wir gern ſo lange wie möglich zuſammenbleiben. Zwiſchen Namur und Lüttich, in der Gegend von Gembloux— das erfuhren wir beſtimmt— hatten ſich große preußiſche Truppenmaſſen aller Waffengat⸗ tungen geſammelt, auf dieſen Punkt glſo richteten wir bald unſer Augenmerk. Endlich ſchien uns der richtige Augenblick gekommen. Wir nahmen einen Bauer⸗ wagen und fuhren nach Gembloux. In Charleroy lag ein preußiſches Hauptquartier in Cantonnement. b — 91.— Wir waren daſelbſt, wie Jedermann, der zwei ge⸗ ſunde Arme und guten Willen beſaß, willkommen. Für Noringen war leicht ein Unterkommen zu finden, für mich ſchon weniger, da Feldlazarethe für den Augen blick nicht vorhanden und die einzelnen Regimenter ziemlich mit Aerzten verſehen waren. Als freiwilliger Ueberzähliger war ich indeſſen überall gerne geſehen, denn im Ganzen gebrach es leider an Aerzten; der neue feindliche Ueberfall war zu raſch geſchehen, und was man in den inneren Provinzen des Vaterlandes noch beiſammen hatte, langte erſt ſpäter an, als es kaum noch nöthig war. Es kam alſo auf unſere eigene Entſcheidung an und was wir zumeiſt gefürchtet hatten, geſchah zuerſt, wir mußten uns trennen, wozu ſchon die verſchiedene Richtung unſeres Berufes beitrug. Mein Freund trat als freiwilliger Streiter bei einem preußiſchen Dragonerregiment ein, ich ſchloß mich dem Füſilierbataillon des zweiten weſtphäliſchen Landwehr⸗ regiments an, welches mir beſonders geſiel, da es faſt aus lauter jungen Leuten beſtand, die freiwillig, wie ich, die Waffen ergriffen hatten. So war der 14. Juni herangekommen. Schon an dieſem Tage langten bei uns franzöſiſche Ueber⸗ läufer an, das Heranrücken einer großen franzöſiſchen Armee verkündend, die mit einem Schlage Alles ab⸗ 8 — — 92— machen und jeglichen Feind, auch wenn es eine ganze Welt wäre, auf der Stelle vernichten wolle. Dieſe Nachrichten waren Zündſtoff für unſere muthige und zum Theil noch nie im Feuer geweſene Armee, die mich den menſchlichen Geiſt in ſeiner ganzen Blüthe, Kraft und Hingebung an eine vorgeſetzte erhabene Aufgabe anſtaunen ließ. Junge Burſche, kaum dem Knaben⸗ alter entwachſen, dabei ſchwächlich und zart gewöhnt, waren die feurigſten; der Patriotismus, dieſes edelſte aller menſchlichen Gefühle nach Kinder⸗ und Eltern⸗ liebe, verdoppelte ihre ſchwachen Kräfte und Alle wollten lieber ſterben, als den Monarchen von Elba, wie ſie ihn nannten, noch einmal in Deutſchlands geſegnete Fluren einbrechen ſehen. IV. Ein Blick auf das Schlachtfeld von Belle⸗Alliance. Ich marſchirte ziemlich leichten Muthes neben meinen Füſilieren her, in der Richtung auf Charleroy. Hier angelangt, wurde ein langer Halt gemacht, der den jungen Männern Gelegenheit bot, ſich die Langeweile durch Späße allerlei Art zu vertreiben. Hätten dieſe harmloſen und naturwüchſigen Leute einen richtigen Be⸗ griff von der ihnen bevorſtehenden großen Schlacht gehabt, ſie würden gewiß ihrem Vergnügen einen Zügel angelegt haben. So aber gaben ſie ſich ganz ihrem jugendlichen Frohſinn hin und ließen Gott allein für den folgenden Tag ſorgen. Poſſenreißer giebt es in allen Regimentern; die Weſtphalen aber, die ich hier kennen lernte, zeichneten ſich darin beſonders aus. Ein Theil von ihnen führte einen Bären an einem Strohſeile herum, den ein junger Menſch darſtellte, — 94— und der, dick mit Stroh umyickelt, allerdings einem Ungeheuer ähnlich ſah. Dieſer Bär ſetzte namentlich die jungen Bäuerinnen in Angſt, dier ſich ſchauluſtig in der Nähe der Soldaten verſammelt hatten und kreiſchend und jauchzend davonliefen, wenn er mit auf⸗ gehobenen Tatzen in ihre Nähe kam und ſie umarmen wollte. Ein anderer Theil beſorgte vor der Zeit und etwas zu ruhmredig Napoleons Leichenbegängniß. Dazu hatte ein Spaßmacher eine große hölzerne Puppe aus ſeinem Quartiere mitgebracht, Die Napoleon vor⸗ ſtellte. Auf Gewehre gelegt, würde ſie ſeierlich zu Grabe getragen, wobei eine gedämpfte Trommel, von einem Tambour in Hemdsärmeln gerührt, die Trauer⸗ muſik abgab. So ſpielte man den Tod vor Beginn einer mörderiſchen Schlacht, die ihn bald in ernſterer Geſtalt vor die Augen der Uebermüthigen führen ſollte. Aber gerade dieſe Gegenſätze charakteriſiren am beſten den menſchlichen, um Himmel und Hölle würfelnden Geiſt. Jene Todtenbeſtattung wurde plötzlich durch den Donner eines nicht allzu entfernten Signalſchuſſes un⸗ terbrochen. Augenblicklich entäußerte man ſich jeder Maskerade und blickte etwas ernſter um ſich. Auf allen Geſichtern zeigte ſich dem aufmerkſamen Be⸗ ſchauer der erſte Eindruck einer möglichen Gefahr. Auch ſtellte ſich ſelbſt bei den Redſeligſten ein feierliches — ⁰ ⁰ — 95.— und erwartungsvolles Schweigen einee ſogar dieſe hatten die Witterung einer Schlacht. In dieſem Augenblick traf durch einen Ueberläufer die Nachricht ein, daß der Feind, 150,000 Mann ſtark, die franzöſiſche Grenze bereits überſchritten habe und in Eilmärſchen herannahe. Unſere ihm zunächſt ſtehenden Vorpoſten wurden auch bald von ihm zurück⸗ geworfen und kamen laufend und außer Athem faſt gleichzeitig mit dem Feinde nach Charleroy. Sogleich wurden wir rückwärts befehligt und es ging denn auch eine ſo lange Strecke in dieſer Richtung fort, daß ich ſchon glaubte, wir würden vor dem Feinde laufen bis an der Welt Ende, als unſer Schritt gemäßigt und endlich Stillſtand geboten wurde. Etwa elf Uhr Morgens hatten wir den erſten entmuthigenden Anblick eines geſchlagenen Bataillons. Nie werde ich dieſen trauervollen Anblick vergeſſen. Welches es war, weiß ich nicht mehr, der Major aber, glaube ich, hieß Monſterberg. Er brachte von ſeinem ganzen Bataillon 200 Mann aus den feindlichen Feuer, und ſelbſt dieſe theilweiſe blutend und lahm. Aber keiner von ihnen wollte verbunden ſein—„das Bischen hätte nichts zu bedeuten,“ meinten ſie,„die da vorne lägen, ſähen anders aus, ſie ſeien niedergeritten und niedergeſäbelt, wie Gras!“ — 96.— Wir nahmen jetzt unſern Weg nach einer Anhöhe hinter dem Dorfe Gilly, einem Kirchhofe gegenüber, mit dem Rücken an die Liſiere eines Waldes uns lehnend. Unſere Tirailleure wurden weit vorgeſchoben und verſteckten ſich, ſo gut ſie konnten; ſie ſahen den Feind zuerſt herannahen, der gegen Mittag in Gilly einrückte. Ich war auf einen Baum geklettert, um den neuen und großartigen Anblick, den Feind ſo dicht vor uns zu ſehen, aus erſter Hand zu haben, was mir ſeit Rheims, und ſelbſt damals nicht in ſo großen Heeres⸗ haufen, nicht wieder geboten war. Sorglos, ohne Vorpoſten auszuſenden, mit ſchnellen, kurzen Schritten und das Gewehr wie zum Spiele im Arm tragend, kamen ſie daher, einen glänzenden und überwältigenden Anblick bietend, denn wir ſahen die alten ruhmgekrönten Garden und Grenadiere in ihren von Metall blitzenden Uniformen und Bärenmützen vor uns. In Gilly ſetzten ſie ſich feſt und wir hörten deutlich von Zeit zu Zeit den aus rauhen Kehlen kommenden Ruf herübertönen: Vive Pempereur! Ein für uns bedeutungsvolles Zeichen, daß der Kaiſer wahrſcheinlich ſelbſt drüben kommandire. Das war nun eben für unſere jungen Truppen keine zu große Ermuthigung.„Napoleon und ſeine Garden zuerſt uns gegenüber! Gott gebe — 92— ſeinen Segen!“ So hörte man Manchen zaghaft, aber auch hoffnungsvoll ſprechen. Allmälig aber wurde der Feind thätiger und wir lauſchten ihm mit allen Sinnen entgegen. Da kam er heran, aber Anfangs nur mit einem kleinen Truppen⸗ theil, gleichſam ſeinen lang vorausgeſtreckten Fühl⸗ hörnern, etwa eine Compagnie ſtark, die, vollſtändig geſchloſſen, daher ſchritt und ſich eines Strohhãuschens bemächtigte, welches zwiſchen ihm und uns lag; auch ſahen wir zugleich, daß er Geſchütze unſerer ganzen Front gegenüber herbeizog. Jetzt erfolgte wieder ein erwartungsvoller Still⸗ ſtand in allen ſeinen Bewegungen. Es mochte Nach⸗ mittags zwiſchen vier und fünf Uhr ſein, als ein feind⸗ licher General mit vielem Gefolge in die Nähe jenes Strohhäuschens geritten kam; man ſagte, es ſei Grouchy oder Napoleon ſelber. Er ſchaute ſich durch ein Fern⸗ rohr ganz gemächlich alle unſere Stellungen an. Kaum war er wieder im Galopp davongeritten, ſo marſchirte jene kleine Kolonne vom Strohhäuschen näher an uns heran, frank und frei, als ginge ſie ſpazieren, ohne alle Vorhut und mit einer Dreiſtigkeit, die Jedermann in Erſtaunen ſetzte. Da aber kam ſie in den Bereich unſerer Tirailleure. Ihre knatternden Gewehrſchüſſe waren das erſte Feuer, was wir an dieſem Tage ſahen Fritz Stilling. III. 7 — 98— und hörten. Aber bald ging es ernſter los. Unſere Paar Tirailleure wurden von größeren nachdrängenden Maſſen zurückgeworfen und kamen blutend bei uns an. Wir Aerzte hatten ſogleich hinter der Front zu thun. Kaum mit unſerem erſten Geſchäft zu Ende, ſahen wir uns reithlich mit ſchweren Paßkugeln aus Batterieen beworfen, die der Feind wie im Fluge immer näher an uns heranfuhr. Ich lief raſch zu einigen jungen Leuten hin, die von den erſten Kugeln getroffen waren, und bot ihnen meine Hülfe an. Die meiſten Geſchoſſe aber gingen über uns fort und ſchlugen in das Dra⸗ gonerregiment ein, bei welchem Otto von Noringen Dienſte genommen hatte. Voller Beſorgniß folgte mein Auge oft dieſen traurigen Boten und ſuchte ihre Wirkung zu erſpähen, denn mein Herz ſchlug angſtvoll für den Freund. Und dieſe Wirkung ſollte nicht aus⸗ bleiben. Die Pferde der Dragoner fingen an ſich zu bewegen, hierhin und dahin zu drängen. Einige ſchnaubten und ſtiegen in die Höhe und waren kaum zu bändigen. Lange aber konnte ich nicht rückwärts ſchauen, denn mir waren nur raſche Blicke vergönnt, da meine Augen und Hände bei meinen Verwundeten ſein mußten. Ein ſolche ſchwere Paßkugel in ein geſchloſſenes Bataillon einſchlagen zu ſehen, gewährt einen grauen⸗ — 99— vollen Anblick. Bleiche und ſtarr emporgerichtete Ge⸗ ſichter verfolgen ſie im Fluge, verſchlingen gleichſam ihre Wirkung mit den Augen— raſch wenden ſich die Köpfe links und rechts, um zu ſehen, welches Unheil ſie angerichtet, links und rechts weichen die Menſchen ſchrittweiſe aus, um bald dieſe, bald jene Kugel zu vermeiden, während ſie ſich in die lebendigen Glieder wühlt und da und dort ein winſelndes Häuf⸗ chen niederſtreckt. 1 Nach den erſten Schüſſen jener Batterie zog ſich dieſe zurück und an ihrer Stelle wurde Kavallerie ſichtbar. Nun hielt man es für gerathener, ſich etwas mehr dem Walde zu nähern, deſſen gefährlichen Vor⸗ palatz unſere Dragoner unterdeſſen geräumt hatten. Wir gingen, rückwärts tretend, aber die Augen gegen den Feind gerichtet, zurück, um die Chauſſée, die nach Fleurus führt, zu erreichen, die eben durch jenen Wald läuft. Ehe wir aber in den Schutz der erſten Bäume gelangen konnten, mußten wir ein ziemlich großes Stück freies Feld überſchreiten. Immer raſcher traten wir zurück, aber der Feind war noch raſcher hinter uns her, denn er wollte unſerer noch früher habhaft werden, als wir in den Wald ſchlüpfen konnten. In geſtrecktem Galopp jagte er heran, wir hörten ſchon das ſchnaubende/ Gebrauſe ſeiner Pferde. Augenblick⸗ 1 — 4 4 4 — 100— lich wurde Halt kommandirt und ein Quarrè gebildet. Ich konnte nicht mehr hinein und blieb, zwiſchen die vorderſten Baumreihen des Waldes geklemmt, mit zit⸗ terndem Herzen des Ausgangs harrend, als Zuſchauer ſtehen. Die gewaltigen Küraſſiere ſtürzten auf ihren großen Pferden gegen unſer Bataillon heran, ein Trompeter mit wahrer Todesverachtung den übrigen voraus, dicht vor unſeren Bajonetten zum Einhauen blaſend— da aber ſtürzte er, von zehn Kugeln ge⸗ troffen, aus dem Sattel und ſein Grauſchimmel ging im Fluge davon. Hinter ihm dicht heran aber waren ſchon die geharniſchten Reiter— etwa vierzig Schritte von unſerem Batalllon entfernt, erhielten ſie eine volle Salve, die wirkſam war. Die Pferde ſtutzten, prallten rückwärts und, von einem zweiten Kugelregen durch⸗ ſchauert, ſtürzten ſie, blutend durcheinandergeworfen, gänzlich zurück, einen Haufen Leichen als einzige Spur ihres Daſeins vor uns laſſend. Nun aber flog das Bataillon ſelbſt zurück in den Wald und jetzt ſah ich unſere jungen Leute angſtvoll, mit bleichen Geſichtern ſich dem Dickicht zuwenden. Manche ſogar vergaßen ſich ſo weit, ihre Kochkeſſel wegzuwerfen, um nur ſchneller fortzukommen. Die Ofſtziere ſchritten aber fluchend und wetternd ein und bald kam Ondnung und Zucht wieder zum Vorſchein. Im Walde angelangt, fühlten 7* — 101— wir uns ſicher, hoch auf und frei athmete man mit der bisher beklommenen Bruſt und wendete den Blick for⸗ ſchend auf das blutige Feld zurück. O welches glück⸗ liche Gefühl nach ſo tödtlicher Jagd! Aber der Feind mußte ebenfalls bedeutend gelitten haben, denn er ver⸗ folgte uns nicht. Wäre er dicht auf unſeren Ferſen geblieben, kein Mann wäre davon gekommen, denn bevor wir die Chauſſee im Walde erreichten, mußte das ganze Bataillon Mann für Mann über Hecken, Zäune und Gräben klettern. Als aber dieſes Hinder⸗ niß überſchritten war, gingen wir wieder in hergeſtellter Ordnung weiter und ſtellten uns in Gemeinſchaft mit einer ganzen Infanteriebrigade bei dem Dorfe Lam⸗ büvert auf, wo wir ein Bivouak bezogen. Das war unſer erſtes Treffen und in Folge des⸗ ſelben richteten wir uns etwas gedemüthigt und ſchwei⸗ gend im Bivouak ein. Aber ſchon früh am 16. Juni hieß es, eine größere Schlacht ſtände bevor. Das erſte ſtürmiſche Hochgefühl, ſchlachtgerüſtet vor den Feind zu gelangen, war ſichtbar abgekühlt; man hatte gleich aim erſten Tage einen etwas ſtarken Vorgeſchmack bekommen, der die Lüſternheit des vorſchnellen Muthes etwas herabſpannte. Ruhig indeſſen marſchirte man weiter PKber Bry gegen Ligny. Zwiſchen beiden Dörfern wurden wir auf dem ſie verbindenden Feldwege auf⸗ — 102— geſtellt, wo ich mich hinter der Front aufhielt und Alles überſchaute, ſo weit mein kleines Taſchenfernrohr reichte. Und folgendes war genau die Stellung, die ich überſehen konnte. Unſer rechter Flügel wurde durch den vom Dorfe St. Amand la Haye nach Sombref führenden Weg durchſchnitten. Ungefähr 500 Schritte vor ihm am Wege nach St. Amand la Haye lag die Mühle von Buſſy, rechts davon dieſes Dorf ſelbſt, links das Dorf St. Amand, gerade in der Mitte aber das maſſiv erbaute Dorf Ligny. Dieſe Dörfer, welche tiefer lagen, als die von uns eingenommene Stellung, und mit ihren Enden beinahe an einander reichten, waren von einer Brigade unſeres erſten Armeecorps beſetzt. Rechts von Bry zog ſich nach St. Amand la Haye eine Hügelkette. Aus Bry ſelbſt wurden für uns einige wenige Lebensmittel geholt und raſch vertheilt. Bis zwei Uhr Nachmittags blieb Alles ruhig; wir aßen theils etwas trockenes Brod aus der Hand, theils plauderten wir. Die einzige merkliche Beweg⸗ ung zeigte ſich unter den hin und her ſprengenden Adjutanten. Endlich um halb drei Uhr wuden die Gewehre zur Hand genommen und nun der Befehl zum Vorrücken erwartet. Dieſes lange Warten aber hatte viel Gutes für die jungen Truppen. Man hatte ſich umblicken und die großen Maſſen verpündeter — 103— Truppen nah und fern betrachten können, die bis in unabſehbare Ferne in gemeſſener Ordnung aufgeſtellt waren. Ferngläſer wanderten von Hand zu Hand und man nahm dadurch wahr, daß man nicht allein und ohne Hülfe dem Feinde gegenüberſtehe. Namentlig boten die Kavalleriekolonnen auf dem rechten Fli einen prächtigen und troſtreichen Anblick dar 1 Truppen fingen bei ſolchem Schauſpiel wiede lich zu werden. Und gerade in di gleichſam um den Muth derſelbe zu beleben, erſchien der alte F der brennenden Pfeife im M großes Gefolge, wie der tigen Kometen. die Treffen hinunte Auch vor unſerem? mit vorgeneigten los, Kinder, es zu hoch. Ap feuernden denn Gegen drei Uhr endlich machte ſich der angreifende Feind von den Dörfern St. Amand und St. Amand de la Haye her bemerklich. Beide griff er zugleich an. Jetzt ſprach der Führer unſeres Bataillons einige Worte zu demſelben und die Hauptleute eben ſo zu in Compagnieen, empfahl das Vaterland ihren g und Herzen und ermahnte namentlich zur Ruhe, erie gegen ſie käme. Und das nahmen an Gemüthe, man ſah es den jungen vom beſten Willen beſeelt waren. ie Schlacht begonnen. Bevor dilderung von dem begebe, geſehen, muß ich eines beim ganzen Bataillon leich Anfangs einen ieß Helle. Durch⸗ n ſchwerfälligem, witzigen Geiſtes, tismus in die — 105— von Ligny. Hier aber wurde er plötzlich ſtill, ſein ſonſt ſo geröthetes Geſicht erbleichte und er erklärte Jedermann, ſeine letzte Stunde habe geſchlagen. Kurz vor Beginn des Kanonendonners ſchickte ſein Kamerad, der Hauptmann v. d. Mark, den Fähndrich Vogelſang, von dem ich ſogleich noch mehr ſprechen werde, mit einem Glaſe Cognac zu dem etwas entfernt ſtehenden Helle, damit er ſich etwas Muth trinke. Helle aber ſchüttelte auf jede Frage:„Helle, wie geht's!“ troſtlos den Kopf und wies ſogar den jungen Mann mit dem Cognac zurück, indem er ſagte:„Ich danke, Freund, ich bedarf nichts mehr; in einer Stunde bin ich nicht mehr unter den Lebenden.“ Und ſiehe da, eine der erſten Kugeln warf ihn wirklich nieder und das Ba⸗ taillon mußte erbarmunglos über die warme Leiche ſeines Kameraden hinwegſchreiten. Alſo die Schlacht begann. Eine vor uns ſtehende Brigade im erſten Treffen war aus den beſchriebenen Dörfern geworfen worden und kam zurück; nun war die unſrige an der Reihe. Langſam, über Helle's Leidhe hinweg, gingen wir vor. Schon waren wir bis in die Nähe des Dorfes St. Amand gelangt und hattenn die beſte Hoffnung eines günſtigen Erfolgs, da eröfffnete eine bis dahin ime Dorfe verdeckte Batterie ihr Iwuer gegen uns. Allesnſtutzte und ſchaute auf, — 106— zumal die krachenden Zweige und Aeſte der von den Kugeln getroffenen Bäume auf die Köpfe unſerer Leute herabfielen. Zugleich trat ein feindliches Bataillon von der Seite hervor und gab Salve auf Salve. Die Franzoſen waren uns Ange in Auge gegenüber; mancher von uns vergaß beis dieſem noch nicht ge⸗ ſehenen Anblick das Feuern und ſtarrte verblüfft den kühnen Feind an. Aber das ununterbrochene Feuer deſſelben und ſeiner Batterie war für unſer Bataillon zu ſtark; es fielen ſo viele Leute, daß man ſchon in Gedanken den Augenblick kommen ſah, wo kein Menſch mehr davon am Leben ſein würde, Wie eine wohl⸗ treffende Kegelkugel ihre hölzernen Gegner umwirft, ſo fielen und brachen hier die Menſchen vor den eiſernen Geſchoſſen zuſammen. An Verbinden der Wunden war in dieſem ſchrecklichen Augenblick nicht zu denken. Man zog uns denn auch zurück, was gerade nicht in ſehr ſchöner Ordnung geſchah, und um die Verwirrung dabei vollſtändig zu machen, warf ſich das erſte Ba⸗ taillon unſeres Regiments, eben ſo zerſchoſſen wie wir, verzweiflungsvoll in das unſrige hinein. Aber die Offiziere, überall an der Spitze, thaten ihre Schuldig⸗ keit, und in fünf Minuten war die Unordnung beſei⸗ tigt. Das Bataillon ſtad geſchloſſen, ſo ſtark es noch war, wieder da, P ieorwärts ging es zunpduen. X ₰ * — 107— Angriff mit erneuter Faſſung. Aber— wieder ohne Erfolg. Der erſte ſchreckliche Eindruck der würgenden Kugeln war zu ſtark geweſen, ſelbſt die Beherzteſten zagten, als neue Verluſte unſere Reihen lichteten. Da es offenbar nicht zum Siege ging, wurden wir unter mörderiſchem Geſchützhagel abermals zurückgezogen und das hinter uns ſtehende zweite Treffen rückte an unſere Stelle. In dieſem aber ſtanden ſchon alte und gediente Truppen. Gleichſam um uns zu zeigen, wie ein braver Soldat in das Feuer gehen müſſe, ſchritten ſie ruhig an unſerer Seite vorüber, die Offiziere ihre Pfeifen rauchend, einen beklagenswerthen Blick auf uns werfend, aber in bewundernswürdiger Haltung. Und ſie nahmen auch das Dorf, blieben aber davor ſtehen, weil der Feind ihnen neue und friſche Kolonnen entgegenſchickte. Was jetzt eigentlich vorne vorging, weiß ich nicht mehr genau, die Entfernung von uns war zu groß und der Pulverdampf ließ nichts mehr deutlich er⸗ kennen. Wir ſtanden wieder auf unſerem alten Stand⸗ orte, bemerkten aber bald, daß Alles rückwärts ging, daß alſo die Schlacht verloren ſei. Um neun Uhr zogen auch wir ab. Mit welchen Gefühlen dies aber geſchah, kann ich kaum ſagen. Wir waren beinahe S — 108— Alle beſchämt und eingeſchüchtert, wie Knaben, die die Ruthe verdient haben. Anfangs lautlos neben ein⸗ ander hergehend, wagten wir kaum, uns anzublicken. Erſt auf dem Marſche über Waweren nach Tilly in dunkler Nacht ſprachen wir wieder mit einander. Nie in meinem Leben habe ich einen erſchöpfen⸗ deren Marſch gemacht, als dieſen. Nachdem wir den ganzen Tag ohne kräftige Nahrung auf den Beinen geweſen, geſchlagen und beſiegt waren, ſollten wir noch laufen. Viele ſchleppten ſich nur mit der größten Mühe fort, beſonders die noch nicht zwanzig Jahre alten Soldaten. Ich ging eine ganze Stunde lang neben einem ſiebzehnjährigen Fähnrich, eben jenem ſchon erwähnten Vogelſang. Dieſer junge Mann hatte ſchyn ſ ſeit einigen Tagen meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch genghmen. Klein, ſchwächlich, blond von Haaren und mit kinderblauen, treuherzigen Augen, ſchien er eher zum Spielwerk, als zum Krieger in Völkerſchlachten geſchaffen. Und dennoch war er immer einer der vorderſten, muthigſten, zuverläſſigſten geweſen. Jetzt brach er vor Erſchöpfung beinahe zuſammen. Aber Aeltere faßten ihn unter die Arme und ſchleppten ihn fort, während ein großer, ſchweigſamer Füſilier freiwillig ſein Gewehr neben dem ſeinigen trug. Eine — 409— rührende Seene, wie der ältere und ſtarke Krieger den jüngeren und ſchwachen unterſtützt*). Als nun aber auch in derſelben Nacht beim all⸗ gemeinen Stöhnen und Seufzen der Uebermüdeten ſich plötzlich ein heſtiger Regen vom Himmel ergoß und bald alle Wege grundlos machte, erreichten unſere Be⸗ ſchwerden ihren höchſten Grad. Wäre des Feindes *) Dieſer junge und vortreffliche Mann beſtand, wie ich ſpaͤter hoͤrte, alle verzweifelten Strapazen und Kämpfe bis Paris mit einer Ausdauer, Seelenſtaͤrke und Herzensfreudigkeit, wie ſie bei ſo jungen und ſchwaͤchlichen Leuten ſelten gefunden wird. Aus dem Kriege zuruͤckgekehrt, trat er in den Civildienſt, blieb aber bis auf den heutigen Tag aktiver Landwehroffizier bei demſelben Bataillon, dem jetzigen 3. des 15. Landwehrregiments. Noch im Jahre 1853, als ich zufaͤllig auf einer Reiſe Weſt⸗ phalen beruͤhrte, traf ich ihn wieder und ſah ihn als Haupt⸗ mann— noch eben ſo klein, eben ſo ſchwaͤchlich, aber eben ſo freudig und treu ſeinem Koͤnig und Herrn ergeben— bei einer Landwehruͤbung mit ſeiner Compagnie iſ Parade vorbeimar⸗ ſchiren, und ich wurde von einer tiefen Ruͤhrung ergriffen, als ich bedachte, wie viele Schritte dieſer aͤcht deutſche Mann von Jugend an bis in ſein Alter fuͤr ſeinen Koͤnig gethan hatte. Als ich ihn neulich ſah und begruͤßte, trug er noch keinen Orden, auch nicht das eiſerne Kreuz; erſt im Dezember 1853 erhielt er das Ritterkreuz des Hohenzollern⸗Ordens, nachdem ſeine Compagnie ihn ſchon vor Jahren mit einem koſtbaren Ehren⸗ degen beſchenkt hatte. Perſoͤnlich geliebt und geſchaͤtzt von allen alten Wehrmännern, erſchien er mir noch eben ſo ruͤſtig, wohl⸗ gemuth und koͤnigstreu, wie im Jahre 1815. Ein ſeltenes Bei⸗ ſpiel von menſchlicher Dauerhaftigkeit und Willensſtaͤrke. Macht nicht auch gebrochen geweſen und hätte er uns verfolgt— ich glaube, es würden Wenige von uns übrig geblieben ſein, die etwas von dieſem traurigen Nachtmarſch erzählen könnten. Um ein Uhr Morgens endlich wurde dem Ba⸗ taillon einige Ruhe vergönnt. Alles ſtürzte keuchend zu Boden in das naſſe Gras und— gab der Natur ihr Recht. Jeder blieh in tiefem Schlafe liegen, wo⸗ hin er gerade fiel, und als bei Tagesanbruch das Kom⸗ mando zum Aufbruch mahnte, wurden viele Hingeſun⸗ kene nur mit Mühe erweckt und aufgerichtet, kaum fähig, auf ihren wunden Beinen zu ſtehen. Und nun, da der Tag für neue Mühſeligkeiten anbrach, man von einem nagenden Hunger gepeinigt wurde, ſich nach Brot umſah und keines da war, weil die Proviant⸗ wagen auf den ſchlechten Wegen nicht herankommen konnten, da glaubte man, jetzt ſei das Ende des Le⸗ bens und ſeiner Leiden gekommen. Langſam, bei fortwährendem Regen und auf grund⸗ loſen Wegen, ſetzte man den angetretenen Rückmarſch fort. Gegen zehn Uhr Morgens ſahen wir nicht weit von uns den Feldmarſchall Blücher vorbeireiten und ein wortreicher Brigadegeneral aus ſeinem Gefolge ſprach, um unſer Gefühl vollends in den Grund zu⸗ — 1— bohren, unverholen ſeinen Tadel über die Schwäche des Bataillons in der Schlacht aus. So, von dem ſchrecklichſten aller Gefühle: beſiegt zu ſein, gedemüthigt, ermüdet, vom Hunger überwältigt und obendrein vor Aller Ohren getadelt, zogen wir im ſtrömenden Regen traurig und niedergeſchlagen da⸗ hin. Ich hätte viel darum gegeben, einen ſolchen Tag nicht erlebt zu haben. Mein leerer Magen bellte, aber mein Herz war noch verödeter als er. Indeſſen hielt ich mich zuſammen, während einige junge Leute, in voller Verzweiflung, wie abgehetzte Hunde, raſch einen Büchſenſchuß weit voranliefen und ſich ſo lange nieder⸗ warfen, bis das Bataillon wieder heran war, um auf dieſe ſeltſame Weiſe wenigſtens einige Augenblicke zu ruhen. Wenn man bedenkt, daß dieſe jungen Leute ſeit dem Morgen des 15. Juni, alſo ſeit beinahe ſechzig Stunden keine Ruhe gehabt, ſich auf den Tod mit einem überlegenen Feinde geſchlagen, dabei gehungert hatten und immerfort marſchirt waren, ſo wird man dieſe grenzenloſe Abſpannung erklärlich finden. Nachmittags am 17. endlich bezog das Bataillon ein Bivouak. Auch ein ſchönes Vergnügen beim hef⸗ tigſten Gewitterregen, der kalt wie Eis auf die er⸗ hitzten Körper herabrieſelte! Indeſſen die Erſchöpfung war zu groß— hier und da warfen ſich die halb auf⸗ — 112— * geriebenen Menſchen in die triefenden Gebüſche— ich desgleichen, und wir öffneten unſre ſchweren Augen nicht eher, als am Morgen des verhängnißvollen 18. Juni. 4 Aber wie erhoben wir uns? Steif, kalt, bei⸗ nahe gelähmt an allen Gliedern und in unſerm In⸗ nerſten zermalmt. Da aber ſchickte Gott uns einigen Troſt. Der bisher ſo düſtere Himmel heiterte ſich auf, die Sonne trat klar aus dem Gewölk hervor und belebte uns wieder, indem ſie uns vor allen Dingen Wärme gab. Mit neuen Gefühlen der Hoffnung blickten wir das ſchöne Tagesgeſtirn an, welches, verhängnißvoller als die Sonne von Auſterlitz den Beſiegten, zum letzten Mal die glänzende Laufbahn des größten Feldherrn ſeiner Zeit beſcheinen ſollte. Gleich nach Tagesanbruch waren auch Nahrungsmittel herbeigeſchafft, namentlich Schlachtvieh. Mit wahrer Gier wurde es in Empfang genommen, zerriſſen und, kaum halb gekocht, ühen verzehrt. Bei immer wärmerem Sonnenſchein und zuſticdtn geſtelltem Magen erheiterte ſich das Gemüth des Sol⸗ daten von Augenblick zu Augenblick, und man nahm mit Freuden den Befehl entgegen, um zehn Uhr wieder marſchfertig zu ſein. Denn es hatte ſich— wie, weiß ich nicht— das Gerücht verbreitet, man müſſe den — u3—. Engländern zu Hülfe eilen, die den Franzoſen eine große Schlacht liefern wollten. Dieſes Gerücht belebte plötz⸗ lich Alles wieder. Im Geſchwindſchritt ging es voran. Gegen Mittag hörten wir zum erſten Mal den dumpfen Kanonendonner in der Ferne, der bei Waterloo zum Himmel aufſtieg. Dieſer allmälig ſtärker, tief und ſchaurig daher rollende Donner wirkte auf uns wie eine Stimme von Oben. Ohne Befehl belebte ſich unſer Tritt und von allen Lippen vernahm man den Ausſpruch, ſich auf Tod und Leben zu ſchlagen, um die bei Ligny empfangene Scharte auszuwetzen und auch einmal, wenngleich zum Tode reif, gelobt zu werden. Als man aber immer fort marſchirte und doch dem Schlachtfelde nicht näher kam, zeigte ſich eine neue Erſcheinung in den dahineilenden Reihen— eine Art verzweiſelnder Ungeduld. Man hätte laufen mögen, um auf dem Felde der Ehre nicht zu ſpät anzulangen. Aber Blücher war längſt vor uns da. Wir ſollten uns, ſo hieß es bald, mit dem linken Flügel der Engländer in Verbindung ſetzen und den Feind in der Flanke angreifen. Wir drangen alſo unaufhaltſam auf beinahe ungangbaren Feld⸗ und Holz⸗ wegen vor; häufig ſtockte der Marſch, man konnte oft wegen eines Sumpfes nicht vorwärts und mußto, ſeit⸗ wärts abbiegend, andere Wege aufſuchen. Nament⸗ Fritz Stilling. III. ·8 * — 114— lich die Geſchütze hatten unendliche Mühe durchzu⸗ kommen und blieben nicht ſelten ganz ſtecken. Daher kamen wir erſt nach unerhörter Anſtrengung am Abende zwiſchen acht und neun Uhr in die Nähe des weltberühmten Schlachtfeldes von Belle⸗Alliance, und zwar war es das vom Feinde noch beſetzte Dorf Planchenoit, gegen welches unſer Bataillon zunächſt anrückte. Nicht gerade ſehr ermuthigt wurde man, als ein Haufen Verwundeter vom Bülow'ſchen Corps uns langſam entgegenwankte. Aber dieſe Verwundeten ſelbſt waren es, die durch Zurufe den Muth unſerer Truppen anfeuerten, und als endlich eine junge und berittene Marketenderin, einen in den Mund geſchoſſenen Hu⸗ ſaren geleitend, beim Vorbeireiten uns zurief:„Lauft Kinder, lauſt, es geht gut, die Franzoſen reißen aus!“ da ſtürzte Alles, wie mit friſchen Rieſenkräften voran. Gleich darauf trafen ähnliche Nachrichten ein zallgemein hieß es, der Muth der Franzoſen ſei gebrochen und ihre Reihen begännen zu weicen. Zuletzt liefen wir in wahrem Sturmſchritt gegen das Dorf Planchenoit los, welches von den Bülow'ſchen Truppen wiederholt genommen und verloren war, und mit dem erſten Bataillon unſeres Regiments und einem pommerſchen Bataillon vereint, rückten wir mit ge⸗ fälltem Bajonett in das Dorf ein. Aber— wo war —— ——— 4 — 1415— der Feind? Er hatte unſer Herankommen nicht abge⸗ wartet, vielmehr das Dorf verlaſſen und ſandte uns beim Abziehen nur nach einige ſich ſeitwärts verirrende Kugeln entgegen. Daher, und um ihm raſcher in den Rücken zu kommen, umgingen wir theilweiſe das Dorf und gelangten hinter demſelben auf eine Anhöhe, wo wir einen Augenblick, vom Laufen athemlos, raſteten. Dann ging es weiter dem fliehenden Feinde nach über einen Theil des großen Schlachtfeldes hin, bei tages⸗ hell ſcheinendem Monde, der weit und breit Alles zu ſehen erlaubte. Aber ach! was beleuchtete dieſer Mond, der auf der Erde ſchon ſo Vieles geſehen hat und noch ſo Vieles ſehen wird? Eine großartigere Zerſtörung hat wohl nie ein Menſchenauge erblickt. Ganze Haufen und lange Reihen Todter, Verwundeter, Mann neben Mann, Geſchütze, Wagen, Pferde, Waffen und ſonſtiges Kriegsmaterial bedeckten weit und breit das dampfende Gefild. Ver⸗ wundete Engländer lagen unter ihren weißwollenen Decken, in unabſehbaren Reihen wie in nie ſo groß dageweſenen Krankenhäuſern, und winſelten. Dann kam man an großen übereinander geſchichteten nicht mehr lebenden Haufen dieſer edlen Truppen vorüber — das waren niedergerittene Quarres. Lahm ge⸗ ſchoſſene Pferde, leiſe wimmernd, vor Hunger ſterbend, 8* hinkten um uns herum, Hülfe oder eine mitleidige Hand ſuchend, die ſie todt ſtach.— Annfangs vermied man es ſorgfältig, die am Wege liegenden Verwundeten mit den Füßen zu berühren, das Herz bebte vor ſolchem Thun zurück. Als aber zuletzt kein anderer Weg mehr übrig blieb, ſchritt man eiligen Fußes über Leichen und noch athmende Menſchen⸗ leiber hinweg. Das Bataillon bog auf die nach Genappe führende große Straße ein. Hier ſah es noch grauenvoller aus, denn hier lagen die niedergeſchmetterten und niederge⸗ ſäbelten Franzoſen in dichteſten Haufen. Die ganze Chauſſée ſah wie ein großer, endloſer Schiffbruch aus; Geſchütze, Gewehre, Säbel, Pulverwagen und Trümmer aller Art lagen aufgethürmt, wie abſichtlich ausgeſtreut, umher. Zertretene und zerfahrene Leichen bedeckten in Maſſen die Straße, namentlich Küraſſiere, aus deren weggeworfenen Panzern man hätte Brücken bauen kön⸗ nen. Alle Gräben neben dem Wege waren mit Leichen und Sterbenden bis zum Rande gefüllt, jeder Einzelne hatte nur ein Plätzchen geſucht, wo er mit Ruhe und unverfolgt ſeinen Geiſt ausathmen konnte. Mir ſtand beinahe das Herz ſtill— wie hier helfen oder Hand anlegen? Es war nicht möglich, ich hatte nicht einmal Mittel dazu bei der Hand.— Endlich konnten wire — 117— vor Menſchen⸗ und Pferdeleibern nicht weiter, wir überkletterten ſie ſeitwärts, um das freie Feld zu er⸗ reichen und ungehinderter unſeren Marſch fortſetzen zu können. Erſt um Mitternacht wurde geruht. Aus einem dicht bei unſerem Lager liegenden Dorfe ſollte Waſſer geholt werden, aber man konnte nicht an die Brunnen gelangen. Hunderte verendender Menſchen lagen um dieſelben herum; durſtend und mit dem Tode ringend, wollten ſie wenigſtens in der Nähe eines lebenden Quelles ſterben. Die vorhandenen Aerzte, wie auch ich, thaten, was ſie konnten, aber unſer Bemühen verſchwand bei der Maſſe Unheils und Verderbens, bis auch uns zu⸗ letzt die allgemeine Müdigkeit übermannte und wir neben Todten und Sterbenden dem anbrechenden Morgen mit ſchaurigen Träumen entgegenſahen. Aber ach! welches Schauſpiel beleuchtete das in aller Pracht aufgehende Tagesgeſtirn? Kann ein Pinſel es im Ganzen malen oder eine Feder es auf wenigen Seiten beſchreiben? Nein! denn unabſehbar war das Todtengefild, das Elend, die Verzweiflung. Menſchen und Thiere, blutend, ſtarr und bleich unter einander gemiſcht, bedeckten die Felder, die Gebüſche, — 118— die Wege— Entſetzen Dem erregend, der nicht unter ihnen lag. In einer ſolchen ſchauerlichen Umgebung wurde ein allgemeines Gebet, dann ein Danklied und zuletzt die Siegeshymne von den zurückgebliebenen Truppen geſungen und geblaſen. Nie wohl haben menſchliche Kehlen aus erſchütterterem Herzen ein Loblied zu den Ohren des Schöpfers emporgeſandt! Und dieſem grauenvollen Lobliede folgte der grau⸗ ſame Befehl, ſich zu ſchmücken, ſo gut es ginge, um in Genappe vor dem Feldmarſchall Blücher in Parade vorbei zu marſchiren. Alle murrten über dieſen Befehl, Alle aber erfüllten ihn, obſchon mit wundem Herzen. So marſchirte man über Genappe gegen Charleroy. Bei jenem Dorfe hatte das Füſtlierbataillon des preußi⸗ ſchen 15. Infanterieregiments, wie bekannt, den Wagen Napoleon's erbeutet. Wir ſahen davon einige komiſche Trümmer. Ein Major, man ſagte, es ſei der Führer des Bataillons, ſaß auf freiem Felde, beinahe ver⸗ barrikadirt hinter Silbergeſchirr und allerlei Koſtbar⸗ keiten. Es wurde hier gehandelt und geſchachert wie auf einem Jahrmarkte. Die Füſiliere wühlten wie Maulwürfe in dem Kothe nach edlen Steinen, und es gab Offtziere, die ſich hier ein Vermögen ſammelten für Lebenszeit, oder auf einige Stunden wenigſtens, — 110— denn was man ſo leicht auf offener Straße findet, haftet an den Fingern weniger, als das mit Mühe Erworbene. Alle an der Straße von Genappe nach Charleroy liegenden Häuſer und Gehöfte waren mit feindlichen Verwundeten überfüllt; faſt nirgends ſah man hülfreiche Hände, wo ſollten ſie auch bei ſo zahlloſen Verwundeten herkommen? Denn hier lagen nicht allein die bei Belle⸗ Alliance Verwundeten, ſondern auch die vor Quatrebras vom 16. Juni, und ſelbſt die dort Getödteten waren bis jetzt noch unbeerdigt geblieben. Manche dieſer Leichen waren ihrer Kleidungsſtücke ſchon beraubt und lagen nackt auf Gottes grüner Erde, ein ſcheußlicher Anblick, den die ſcharf herab blickende heiße Sonne noch ſcheuß⸗ licher machte, indem die Verweſung raſch eintrat und namentlich von den ſchon faulenden Pferden ſich ein ſolcher Geſtank ringsum verbreitete, daß man öfters ohnmächtig zu werden befürchtete. Hier bekam ich denn des Krieges⸗ und Siegesanblickes genug. Hier unter Blut und Leichen lernte ich die Segnungen des Friedens ſchätzen und ich hätte Hunderte von Schreiern heutiges Tages auf jenes Schlachtfeld gewünſcht, um ihnen zu zeigen, was ſie verlangen, wenn ſie bei jeder kleinen Verwickelung großer Staaten: Krieg, Krieg! ſchreien. — 120— Und gleichſam, als ob die Vorſehung mit dem wider⸗ willigen Gefühl meines empörten Herzens, daß Menſchen ſich ſo Unmenſchliches anzuthun vermögen, Erbarmen gehabt hätte, ſchnitt ſie meine kriegeriſche Laufbahn hier plötzlich wie mit einem ſcharfen Meſſer ab. Aber wiederum gebrauchte ſie, wie ſie es ſo oft thut, Mittel, die, ſo bitter ſie im Augenblicke erſchienen, doch ſpäter Heil im Gefolge hatten. Wir waren in Quatrebras angekommen; ich ging langſam und vom tiefſten Ekel gegen Alles, was ich ſah, ergriffen, hinter meinem Truppentheile her, indem ich mir Gewalt anthat, einen moraliſchen Schleier vor meine Augen zu legen, um des Anblicks des menſchlichen Elends in meiner Umgebung überhoben zu ſein, welches ich als einzelner Menſch nicht zu lindern vermochte. Da kamen wir an einem einzelnen Hauſe vorüber, vor deſſen ein⸗ geſchoſſener Thür einige preußiſche Dragoner ſtanden und ihre geſattelten Pferde am Zügel hielten. Sie ſchienen in bedenklicher Berathung ſich zu befinden und ſprachen mit zuſammengeſteckten Köpfen. Ich ſtand ſtill und ſah ſie mir näher an, ich glaubte ſie wieder zu erkennen. Und in der That, ſie gehörten zu demſelben Regimente, bei welchem mein Freund Otto von Noringen Dienſte genommen hatte. Ich wollte eben ſeinen Namen ausſprechen und mich nach — 421— ihm erkundigen, als Jemand innerhalb des Hauſes an das kleine Fenſter pochte. Ich ſchaute mich um und wer beſchreibt meinen freudigen Schreck, als ich unſeren treuen Diener ſah, der uns auf der Reiſe nach Eng⸗ land und Schottland begleitet hatte und bei Noringen auch im Felde geblieben war. Aber er ſah bleich und kummervoll aus. Im Nu mein Bataillon und Alles vergeſſend, war ich in dem kleinen Zimmer und hier ſah ich zwei Verwundete auf einem erbärmlichen Lager liegen, einen mir fremden Dragoneroffizier und meinen Freund ſelber. Raſch ließ ich mir von dem Diener das Noth⸗ wendigſte erklären. Mit Blücher faſt zugleich auf dem Schlachtfelde von Belle⸗Alliance angelangt, hatte das Dragonerregiment die erſten beſten Franzoſen von der Flanke genommen, einige Bataillone über den Haufen geritten und ſich alsdann mit auf die ſiegreiche Ver⸗ folgung des fliehenden Feindes begeben. Hierbei war der ſchon bei Ligny leicht verwundete Noringen geſtürzt und die Pferde einiger Regimenter, über ihn fortgehend, hatten ihn wie eine Leiche niedergetreten. Das war ſeine hauptſächlichſte Berwundung. Obgleich ſein ganzes Geſicht entſtellt und verſchwollen war, ſo erkannte er mich doch ſogleich, aber zu ſprechen vermochte er kein Wort, da ſeine Bruſt ſtark gequetſcht war. Dem anderen —-— 122— Offizier war es eben ſo ergangen; die treuen Dragoner hatten ſie bis Quatrebras gebracht, wollten aber nun, da ſie ihre Offiziere in meinen Händen ſahen, ihrem Regimente nacheilen, um auch ihren Theil am Siege über Frankreich in Empfang zu nehmen. Ich ließ ſie abziehen und meinem Bataillonskommandeur Bericht über mein Zurückbleiben abſtatten, indem ich auf dieſe Weiſe meine Bagage Preis gab, die bei der Landwehr blieb, wobei ich nicht viel verlor, denn mein Geld hatte ich theils bei mir, theils, wie auch Noringen, bei einem Bankier in Brüſſel niedergelegt. „Raſch ſaßte ich nun mit dem herzoglichen Diener einen Entſchluß. Hier, ohne alle Mittel der Heilung und Pflege, konnten wir die Verwundeten nicht laſſen, vorwärts konnten wir ebenfalls nicht, denn es wurde unmittelbar im Rücken der ſiegreichen Armee nicht beſſer, alſo blieb unſer Augenmerk allein auf Brüſſel gerichtet, wobei wir aber wieder rückwärts das ganze Schlachtfeld von Belle⸗Alliance überſchreiten mußten. Freilich, eine unangenehme Reiſe, aber hier galt kein Beſinnen. Schon gegen Mittag dieſes Tages erhielt ich für den ungeheuren Preis von zehn Louisd'or einen leidlichen Strohwagen von dem Bewohner des kleinen Hauſes, in welchem wir uns befandenz auf dieſen legten wir ſorgſam, nachdem ich beiden zur — 123— Ader gelaſſen, unſere Verwundeten und traten nun unſeren Weg, den Wagen zu beiden Seiten geleitend, langſam zu Fuße an. So ſah ich das traurige Schlacht⸗ feld noch einmal, aber in einem anderen Lichte. Zahlloſe Schaaren von Bauern aus der Umgegend waren auf⸗ geboten und von ſelbſt gekommen, die Leichen von den noch Lebenden zu ſondern, wobei ihnen engliſche, bel⸗ giſche und deutſche Aerzte treulich zum Seite ſtanden. Schon waren ungeheure Löcher gegraben, die Todten darin zu beerdigen, und hunderte von Fahrzeugen allerlei Art, aus der ganzen Nachbarſchaft herbeigeholt, ſtanden bereit, die blutenden Brüder nach Brüſſel und anderen Orten zu führen. Dieſem endlos langen und langſam dahin kriechenden Trauerzuge ſchloſſen auch wir uns an, aber erſt nach Mitternacht am Morgen des 20. Juni erreichten wir die überfüllte Stadt, in der es mir gelang, ein Unterkommen in demſelben Gaſthofe zu finden, wo ich früher einige Wochen mit Noringen mich aufgehalten hatte. Hier beſchloß ich zu bleiben, bis meine beiden Verwundeten geneſen waren und ich ſie ohne Gefahr in ihre Heimath ſchaffen konnte. V. Ich gründe mir eine neue Heimath. Aber die völlige Geneſung meines Freundes ließ etwas lange auf ſich warten, während ſein glücklicherer Ge⸗ fährte in der ſechsten Woche ſchon nach Paris abgehen konnte. Seine Lunge hatte bedeutend durch Quetſchung gelitten und ich fürchtete Anfangs eine allmälig ſich entwickelnde organiſche Krankheit derſelben. Hierin aber täuſchte ich mich glücklicherweiſe. Vom Herzog, dem ich ſogleich von Brüſſel aus über alle Vorfälle Bericht erſtattet hatte, erhielt ich neue Mittel und die Anweiſung, den Kranken nicht eher zu verlaſſen, als bis er vollſtändig geneſen wäre, was ich ohuedies nicht gethan hätte, denn ich hatte nichts zu verſäumen und konnte in Brüſſel ſo gut leben wie anderswo. So blieben wir den ganzen Herbſt und Winter in dieſer ſchönen Stadt und das Frühjahr 1816 rückte allmälig 81 — 125— heran und brachte die Hoffnung mit, meinen Freund, den ich bereits wie einen Bruder liebte, in dieſem Sommer vollſtändig ſich erholen zu ſehen. Am 1. Juli gingen wir zu ſeiner letzten Kräftigung nach Oſtende. Dort blieben wir bis zum letzten September. Jetzt war er wieder blühend und ſtark, wie an jenem Tage, da ich ihn zum erſten Mal auf dem Montmartre neben ſeinem Herzog ſah, und wir faßten den Entſchluß, daß er jetzt in ſeine Heimath zurückkehren ſolle. Mit dem Verſprechen, ihn bald in ſeinem Vaterhauſe wieder aufzuſuchen, trennte ich mich von ihm, denn mich zog es zunächſt unwiderſtehlich nach Weſel, meiner alten Mutter einen unverhofften Beſuch abzuſtatten. Ich habe in der letzten Zeit wenig über meine dieſe theure Frau betreffenden Gefühle geſprochen; aber der Leſer kann mir glauben, wenn ich verſichere, daß ich ſie, wie alle meine Lieben, keine Stunde aus den Gedanken verloren hatte. Ich ging ſchon lange mit dem Plane um, ſie ganz zu mir zu nehmen, ſobald ich nur erſt einen Ruheort und ein hinreichendes Auskom⸗ men gefunden hätte. Ihr dieſe frohe Hoffnung mit⸗ zutheilen, flog ich zu ihr und fand ſie Gottlob gefund. Mit welchem Entzücken ſchloß ſie mich, den lange nicht Melü enn in ihre Arme! Wie floſſen ihre Lippen ſon Dankesworten gegen Gott den Allmächtigen, und — 126— ihre armen blinden Augen von freudigen Thränen über! Wohl war ihr Haar gebleicht, aber ihre gerade Halt⸗ ung, ihr klares Gefühl trug unverkennbar die ſicheren Zeichen einer allgemeinen Geſundheit zur Schau, wenn auch ihr Augenlicht auf immer dahin war. Eine ganze Woche blieb ich bei ihr, beſchenkte ſie reichlich mit Allem, was ihr Noth that und theilte ihr alle meine Schickſale und meine Hoffnungen auf die Zukunft mit, dann, neuerdings von ihrem Segen begleitet, kehrte ich nach Berlin zurück, um meine Angelegenheiten in Ord⸗ nung zu bringen. Gegen Ende Oktobers traf ich da⸗ ſelbſt ein und mein erſter Gang führte mich zu meinem alten Lehrer Murſinna, den ich leider auf dem Kran⸗ kenlager fand. „Aha!“ ſagte er, als ich ihm mein ganzes Leben ſeit unſerer Trennung erzählt hatte.„Alſo doch noch lebendig nach ſo vielen Leiden und Schrecken— und geſund? Das iſt beinahe mehr als man verlangen kann. Ich freue mich aber ſehr. Alſo zu Ihrem Herzog wollen Sie? Ich verdenke es Ihnen gar nicht. 240 Thaler Gehalt und eine Landwehrbataillonsarzt⸗ ſtelle, die man Ihnen vielleicht geben möchte, ſind aller⸗ dings für einen Barbiergeſellen beinahe genug, aber für Sie, der das große Leben kennen gelernt und beſſere„ Koſt genoſſen, wäre das nur eine Beleidigung. Gehen — 127— Sie mit Gott; auch außerhalb Ihres engern Vater⸗ landes können Sie mit Geiſt und Herz ein Preuße bleiben— ich wünſche Ihnen in allen Dingen den beſten Erfolg und ich glaube, er wird Ihnen nicht fehlen.— Ihre Sachen und Bücher ſtehen bei mir in beſter Verwahrung, nehmen Sie ſie mit oder laſſen Sie ſie ſtehen, ſo lange es Ihnen beliebt.“ „Ich laſſe ſie noch hier mit Ihrer Erlaubniß, ich habe erſt eine Reiſe nach Prag vor.“ „Nach Prag? Halt! Beinahe hätte ich es ver⸗ geſſen; ich habe ja einen Brief an Sie aus Prag. Da— in jenem Schubfach muß er liegen— Donner⸗ wetter! ich werde alt und vergeßlich, ich merk's!“ Man kann ſich lebhaft meine Gefühle bei dieſer unvermutheten Nachricht denken. Aber ach! der Brief war ſchon im Jahre 1813, gleich nach erfolgtem Tode des Majors van Hees, geſchrieben, den mir Chriſtel anzeigte, mit der Meldung, ſie habe ſich in den Schutz einer befreundeten Familie begeben und erwarte den berühmten Weber, der nach Prag zu kommen verſpro⸗ chen habe. Er ſolle ihr den letzten Glanz und die letzte Feile in ihrer Kunſt geben, dann wolle ſie vor die Welt treten, ja, das müſſe ſie ſogar jetzt, da der Major ohne Teſtament geſtorben und mithin ſein gan⸗ zes Vermögen an ſeine Söhne gefallen ſei. Wie glücklich, aber wie wehmüthig auch dieſe Nachricht mich ſtimmte, kann ich nicht beſchreiben. Wohl mochte noch öfter die theure Hand an mich geſchrieben haben, aber der hereinbrechende Krieg mit allen ſeinen Wirrniſſen hatte die Briefe verſchlagen. Nun aber fühlte ich plötzlich eine ungeheure Sehnſucht an meinem Herzen reißen, ich hatte keinen Augenblick Ruhe mehr, ehe ich nicht das Kleinod meines Lebens wiederſah und ich beſchloß, ſogleich nach Prag abzureiſen. Schon am nächſten Morgen ſaß ich im Poſtwagen und rollte überglücklich auf der Landſtraße nach Dresden dahin. In Dresden blieb ich vier Tage, um mir ſeine hauptſächlichſten Sehenswürdigkeiten zu betrachten, die ich jedoch, nachdem ich Paris, London und ſo viele andere große Städte geſehen, außer der Gemälde⸗ gallerie und dem grünen Gewölbe ſehr unanſehnlich fand. Das romantiſche Gebirge in der Umgegend ſprach mich ſchon mehr an, obgleich die Jahreszeit nicht einladend war, und ich ſtrebte zu heftig mit allen Sin- nen nach Prag, um für andere Gegenſtände die erfor⸗ derliche Ruhe und Aufmerkſamkeit zu haben. So traf ich denn, alles Uebrige von meinem Geiſte abſchüttelnd, Mitte Novembers in Prag ein. Sogleich eilte ich nach dem mir von Chriſtel be⸗ ziechneten Hauſe in der Nähe der ſchönen über die raſch — 129— ſtrömende Moldau führenden Brücke. Und wohl traf ich das richtige Haus, denn die mir dem Namen nach bekannte Familie hatte wirklich darin gewohnt, auch von der jungen ſchönen Dame mit der herrlichen Stimme und in Trauerkleidern wußte man mir zu ſagen. Das aber war auch Alles, denn die ganze Familie war vor einem halben Jahre abgereiſt, man wußte nicht wohin, glaubte aber, nach Italien. Da ſtand ich denn wie betäubt, alle meine Hoff⸗ nungen ſo bald zu Grabe getragen zu ſehen. Nach Italien konnte ich der mir Entrückten nicht nach, dazu reichte mein Geld nicht aus, das erlaubten meine ge⸗ genwärtigen Verhältniſſe nicht, darauf war ich auch gar nicht vorbereitet. Und ſo auf's Ungewiſſe hinein zu jagen, dazu war ich nicht Abentheurer genug. Aber noch einen Verſuch wollte ich machen, um die verlorene Spur aufzufinden, denn ich hatte in meinem Gaſthofe gehört, daß der ſchon damals berühmte Muſikdirector Karl Maria von Weber, der eigentlich um dieſe Zeit ſchon Prag verlaſſen hatte und in Berlin anſäſſig war, gerade jetzt einige Tage in der Hauptſtadt Böhmens ſich aufhielt. Ich ging alſo nach ſeiner bald erforſchten Wohnung und traf ihn glücklich zu Hauſe. Da ſah ich denn dieſen wenige Jahre ſpäter ſo weltberühmten Tondichter vor mir ſtehen. Voll Ver⸗ Fritz Stilling. III. 9 — 130— wunderung blickte ich in dieſes ſonderbar zartedele, durchſichtige und etwas kränkliche Geſicht mit den klaren, vernünftigen und doch ſo poetiſch romantiſchen Augen, und viele Jahre ſpäter noch, wenn ich mir die Er⸗ innerung an dieſen Tag zurückrief, fühlte ich den hef⸗ tigen Eindruck wieder in meinem Herzen erwachen, den dieſes erhabene Genie damals ſchon darin hervorrief. Mit ſichtbarem Vergnügen und einer Art Ver⸗ klärung in ſeinen geiſtreichen Zügen hörte er meine Frage nach Chriſtel van Hees an.„Das iſt eine Meiſterin erſten Ranges,“ ſagte er, indem eine zarte Röthe ſeine Wange überflog,„wie ich noch keine ge⸗ hört. Wir werden bald große Dinge von ihr erleben. Ich habe mir vorgeſetzt, für ſie eine Muſik zu ſchreiben, wie ſie noch nicht dageweſen iſt. Nun, warten wir die Zeit ab. Aber— wo iſt ſie? Nach Wien, mein Herr, ſo viel ich weiß, aber weiter reicht meine Kunde nicht. Auf dem Theater hat ſie noch nicht geſungen, ſie ſträubt ſich dagegen, das liebe Kind, ſonſt wäre ihr Aufenthaltsort bald nicht mehr in Dunkel gehüllt. Wenn Sie ſie ſehen, grüßen Sie ſie von mir und ſie ſoll die Erſte ſein, der ich mein neues Werk bringe.“ Als ich mich darauf von dem großen Meiſter ver⸗ abſchiedet hatte, mußte ich lächeln. Grüßen Sie ſie von mir! Ja wohl, aber— wenn Sie ſie ſehen, hatte — 131— er gleich hinzugefügt. Das iſt die Hauptſache.— Alſo nach Wien! Gut. Auch nach Wien zu gehen war ich bereit. Ich kam in Oeſterreichs lebensvoller und harm⸗ loſer Hauptſtadt an. Ich fragte, forſchte überall; ich durchlief die ganze Stadt; bei allen Muſikern pochte ich an, alle Sänger und Sängerinnen beſuchte ich— Niemand wußte etwas von Chriſtel van Hees. Zuletzt ging ich auf die Polizei, was ich eigentlich zuerſt hätte thun ſollen, aber auch hier kannte man nicht einmal ihren Namen. Da fiel ich denn in eine tiefe, nie empfundene Niedergeſchlagenheit. Als wenn es mir angeweht wäre, fühlte ich plötzlich, daß ich aus meiner erſten Jugend bereits in das reifere Mannesalter getreten ſei, daß ich in der Welt erſt ein Unterkommen ſuchen müſſe, daß ich Pflichten gegen meine Mutter und mich ſelbſt zu erfüllen habe, und daß es mir nicht länger anſtehe, auf's Gerathewohl in der Welt herumzuſtreifen. Aber o! Allein ſollte ich wieder heimkehren und allein in einer fremden Stadt mir eine Heimath ſuchen? Alle dieſe durch einander fahrenden Gedanken machten mir große Schmerzen; ich wäre nach den jahrelangen erſt kürzlich überſtandenen Mühſeligkeiten ſo gern in den Hafen der Ruhe eingelaufen; ich ſehnte 9* mich ſo ſehr nach einem heimiſchen Herde, einem fried⸗ lichen Familienkreiſe— und gerade die Perſon, die ich am ſehnſüchtigſten verfolgte, die allein mir dieſes Alles geben konnte, gerade ſie wich mir aus, gerade ſie fand ich nicht. Als wenn es nicht immer ſo im Leben wäre, oder uns wenigſtens ſo vorkäme! Welcher Menſch findet ſogleich, was er ſucht? Das Leben und ſeine Irrgänge ſind weit und labyrinthiſch— das ſollte auch ich zur Genüge erfahren. Da verfiel ich denn zum erſten Male in jene tiefe und ſchmerzliche Wehmuth, die das arme Men⸗ ſchenleben ſo bitter und ſchwer macht. Die Welt kam mir ſo öde, wüſt und leer vor, daß ich recht lebhaft empfand, wie der von dieſem Leben ebenfalls zerſchüt⸗ telte Maximilian auf den Gedanken kommen konnte, Frieden und Genuß in den Mauern jenes ſtillen Klo⸗ ſters zu ſuchen. Wochenlang trieb ich mich in dieſer traurigen Gemüthsverfaſſung, um mich blickend und doch nicht ſehend, horchend und doch nicht hörend, in Wien um⸗ her. Nicht mehr die geſunden, die fröhlichen, die lachenden Menſchen hatten jetzt Reiz für mich, allein die kranken, die ſiechen, weinenden in den großen Hoſpi⸗ tälern ſuchte ich auf. Schon war Weihnachten vor⸗ —* 86— — 133— über und ich trat ohne Nachdenken in das Jahr 1817 ein, und immer noch nicht konnte ich mich entſchließen, dahin zurückzukehren, wo mich einzufinden ich ſo feier⸗ lich verſprochen hatte. Endlich im Januar kehrte ich nach dem ſchönen Prag zurück. Hier blieb ich, einzig und allein den Krankenhäuſern mich widmend, bis Ende Februars. Dann ging ich nach Dresden und Leipzig und blieb daſelbſt bis März. Mir war es in meiner damaligen Gemüthsſtimmung faſt einerlei, wo ich war. Jede Stadt, jede Geſellſchaft, jedes Geſpräch war mir gleichgültig, nichts hatte für mich Reize und Anzieh⸗ ungskraft. Ich glaube, ich wäre Jahre lang grübelnd und träumend herumgeirrt, wenn nicht endlich der Zu⸗ ſtand meiner Kaſſe ernſtlich an eine Rückkehr gemahnt hätte. Da erwachte ich plötzlich aus meiner geiſtigen Schlaftrunkenheit und die Wirklichkeit ſtand wieder. in ihrer wahren Geſtalt vor mir. Ich ſah mich beinahe wieder arm, wie ich früher geweſen war, und dahin, glaube ich, mußte es kommen, um mich wieder auf den richtigen Weg des Lebens, den der Thätigkeit. zurückzuführen, welche allein die Tröſterin für alle gei⸗ ſtigen und auch viele körperliche Leiden iſt.— Und ich wollte nun raſch wieder thätig ſein, das ſchlaffe Nichtsthun, wie ein unbrauchbares ſchweres Kleidungsſtück im Sommer, abwerfen und mich der — 134— wohlthuenden Arbeit überliefern. Einige Wochen blieb ich noch in Berlin, nahm hier Abſchied von allen meinen Gönnern und Bekannten und freute mich, Ernſt Goy in äußerlich zufriedener Lage zurückzulaſſen, da er nach dem Feldzuge ſeine Stellung in dem kleinen Krankenhauſe wieder eingenommen hatte. Dann end⸗ lich Anfang Mai's trat ich meine Reiſe nach der Re⸗ ſidenz des Herzogs an. Und o, wie wurde ich angenehm überraſcht von der milden Lieblichkeit und dem einfachen Reize der Gegend, in welcher ſie lag! Rings von bewaldeten und blau ſchimmernden Bergen umgeben, wohlgebaut an einem ſtill dahin fluthenden kleinen Fluſſe, halb ver⸗ deckt von einem friſchgrünen Blättermeere freundlicher Gärten— und dieſes ſchöne Ganze ſtrahlend und blitzend unter einer wohlthuenden Maiſonne— wie verſöhnend und beſänſtigend wirkte dieſer Anblick auf mein verödetes Herz und wie froh ſtimmte mich die ſtillflüſternde Hoffnung, in ihren Mauern wenigſtens Ruhe und Zufriedenheit der Seele, die ſchönſten Güter des menſchlichen Lebens, wiederzufinden, die ich ſo lange entbehrt und für die ich geſchaffen zu ſein doch ſo oft und ſo lebhaft geträumt hatte. Ich ſtieg in einem Gaſthauſe von beſcheidenem Ausſehen ab, kleidete mich ſorgfältig und begab mich — 135— in das Haus des Vaters meines Freundes, des Kam⸗ merherrn von Noringen, denn er war ſchon ſeit langer Zeit aus dem Soldatenſtande geſchieden und dafür mit jener Stelle bei Hofe bekleidet. Kaum hatte man meinen Namen ausſprechen ge⸗ hört, ſo war es, als wenn mir der Vorhang eines neuen Lebens aufgezogen wurde. Otto war zu Hauſe und ſtellte mich glückberauſcht ſeinem Vater vor. Leider war ſeine Mutter ſchon ſeit mehreren Jahren verſtorben. Man nahm mich wie einen längſt erwarteten älteren Sohn auf und ſprach Dankſagungen aus, die ich in dieſer Ausdehnung verdient zu haben nicht zugeſtehen konnte. Man empfahl mir ſogleich dies und das, um mir das Leben in der Reſidenz behaglich zu machen und verſprach dafür nach Kräften mitzuwirken. Hierin aber hatte ich meine eigenen Anſichten. Und ſo ſchlug ich von vornherein das Anerbieten des reichen Kam⸗ merherrn aus, ſein Haus zu beziehen; vielmehr richtete ich mich ſchon in den nächſten Tagen, einfach aber be⸗ quem, in einem zufällig leer ſtehenden Häuschen in der Nähe eines Thores ein, wo ich einen Garten mit Roſen vor der Thür und die Fernſicht auf die blauen Berge jenſeits des Fluſſes hatte, der dicht an meiner Thür vorüberrieſelte. Hier ſchlug ich mein Aſyl auf, hier beſchloß ich, die nächſte Zukunft herannahen zu ſehen — 136— und meine gute Mutter, ſobald es die Umſtände er⸗ laubten, herzuführen, damit ſie bei mir und mit mir lebe, und damit wir Beide, in gleichem Elemente neben einander ſchwimmend, auch einmal wieder zuſammen glücklich wären. Als ich ſo in gemüthlichſter Zurückgezogenheit einige Tage in meinem kleinen Häuschen zugebracht und mich in das neue Verhältniß möglichſt hineinge⸗ lebt hatte, erſchien eines Morgens Otto von Noringen und meldete mir, der Herzog werde mich heute Nach⸗ mittag empfangen, aber nicht auf dem Schloſſe in der⸗ Stadt, ſondern auf einem Belvedere, eine Meile davon entfernt.„Da Du ihn mit einigen vertrauten Dienern dort allein triffft,“ meinte mein junger Freund,„ſo brauchſt Du keine große und auffallende Toilette zu machen; laß uns alſo hinausreiten, ich werde Dir ein Pferd ſchicken und Du holſt mich dann ab.“ Dies geſchah auch. Ich ritt eben von meiner Thür fort, um in die Stadt einzulenken, als mein Freund mir ſchon entgegen kam, das Thor zu unſerem Ausgang wählend, welches dicht bei meinem Hauſe lag. Hierüber wunderte ich mich, da ich doch von ihm — 137— ſelbſt gehört, daß unſer Ziel, das Belvedere, an der entgegengeſetzten Seite der Stadt liege. „Ich muß Dir nur einigen Aufſchluß geben,“ ſagte Noringen, neben mir am Fluſſe dahin reitend,„denn Du denkſt über jede Kleinigkeit nach und man kann Dir nicht das geringſte Geheimniß verbergen. Sieh, der Herzog hat ſeine Launen, vielleicht auch ſeine Gründe, und er thut aus Klugheit, wahrſcheinlich allein Deinetwegen, was er thut. Er will Dich empfangen und in ſeinem Lande begrüßen, ohne daß Jemand er⸗ fährt, daß Du ſein Schützling biſt, denn er ſagt mit Recht:„Sehen die Menſchen, daß ich ihn begünſtige, ſo hat er ſogleich Feinde, und die darf ein Anfänger, wie er, nicht haben.“ Ich ſah ſogleich die Wahrheit des Geſagten ein, und mußte die Gewandtheit des Herzogs in ſolchen Dingen, und ſeine Fürſorge für mich, bewundern; ich für meine Perſon hätte, wie mein Sinn und meine Erfahrung damals war, nicht im Entfernteſten an ſolche höſiſchen und menſchenſcheuen Schliche gedacht. Da es ein ſchöner Maitag war, ritten wir lang⸗ ſam um die weitläufige Stadt herum und kamen nach einer angenehm verplauderten Stunde vor dem auf einem ſchönen Berge gelegenen und in altdeutſchem Style erbauten Belvedere an. Ein Diener nahm ſchweigend — 138— unſere Pferde in Empfang und ich folgte meinem Freunde in das allerliebſte Schlößchen, welches eine weeite Fernſicht in die nahen Gebirge und auf die vie⸗ len die Reſidenz umgebenden Dörfer und endlich im tiefſten Hintergrunde auf dieſe ſelbſt bot. Wir ſtanden eben auf einem Altan, dem ſchönſten Platze des ganzen Landſitzes, als hinter uns der Herzog hervortrat und mit der Hand mir einen Wink gab, ihm in ein nah⸗ gelegenes Zimmer zu folgen. Ich gehorchte ſogleich, bemerkte aber, daß Noringen auf ſeinem Platze blieb. So ſtand ich denn dem Herzoge noch einmal, nach beinahe dreijähriger Trennung, wieder gegenüber. Ich ſah ihn mir ſogleich genau an und fand iün in Betreff dieſer kurzen Zeit ſehr verändert. Denn er war nicht mehr der einfache und kranke General in dem Landhäuschen des Montmartre, auch nicht mehr der leutſelige Gaſt des Grafen de la Miere bei Amiens oder der vornehme Reiſende in England mit jenem zutraulichen und entgegenkommenden Weſen, nein! er war hier auf ſeinem Schloſſe, auf ſeinem Grund und Boden der regierende Herr,— das ſah ich auf den erſten Blick, ſo freundlich er ſich auch im Ganzen gegen mich bewies. Vielleicht trug ſeine ein⸗ fache und doch vornehme Kleidung zu dieſer Veränder⸗ Damals trug er Uniform und er nahm ſich ung bei. n — 139— darin aus wie jeder andere General; heute war er in einen dunkelgrünen Frack gekleidet und der Ordens⸗ ſtern ſeines Hauſes prangte wie eine kleine Sonne auf ſeiner Bruſt, und in dieſer Kleidung ſah er bedeutender und gewaltiger aus, als mit den ſteifen Generalsepau⸗ letten und den goldenen Schnüren behangen. Er be⸗ wegte ſich mit bei Weitem mehr Adel und Würde, ſeine Züge hatten einen feineren, ariſtokratiſcheren Ausdruck, er war mehr Duft als Stoff, mehr innere Gebunden⸗ heit als äußerer Glanz, mit einem Wort, er glich nicht mehr einem Soldaten, ſondern einem wirklichen Fürſten. Aber mit dieſer vortheilhaften Wandelung war eine zweite vor ſich gegangen, die mir nicht ſo gut gefiel. Sein früher ſchon etwas träumeriſcher Blick, ſein halb⸗ verſchleiertes Auge hatte ſich beinahe ganz mit trüben Wolken bedeckt. Er ſchlug ſelten und nie ganz die Augenlider auf, und ſchien ſo beſtändig in ſein Inneres zu ſchauen. Etwas unleugbar Myſtiſches, Frömmeln⸗ des lag in den abgeſpannten Zügen um ſeinen Mund, und ſeine Stirn, ſonſt ſo klar und friſch, machte den Eindruck, als ob ſein Gehirn ermüdet, überſättigt ſei und doch dabei nach etwas Unerreichbarem trachte. „Alſo da ſind Sie bei uns,“ fing er freundlich und ſich auf einen Seſſel niederlaſſend an, während ich vor ihm ſtehen blieb, was er ſonſt nie duldete,— — 140— „ich freue mich, Sie wiederzuſehen; aber Sie ſind etwas lange herumgeſchwärmt.“ „Die Wiſſenſchaft will Nahrung haben, Durch⸗ laucht, und ich mußte für mein ganzes Leben ſammeln. Ich brauche Weisheit.“ „Wiſſenſchaft und Weisheit! Ach ja! Doch ſeid nicht zu ſtolz darauf, denn alle Eure Wiſſenſchaft iſt Prahlerei und Eure Weisheit Träumerei. Aber lernet, lernet, lernet— mir iſt es recht und wenn es auch nur dazu diente, Eurer Selbſtſucht zu genügen. Frei⸗ lich iſt es immer Etwas; ich wünſchte nur, ich hätte eine Kleinigkeit davon für mich. Aber ſtill davon— ich liebe das nicht.— Sie bewohnen alſo ein kleines abgelegenes Haus? Wie? Das gefällt mir. Man muß klein anfangen, um wirklich groß zu werden. Ach! ich kann nicht höher kommen. Aber— Sie können da aus Ihrem kleinen Hauſe wenigſtens wie aus einem Lugfenſter ſo recht nach Behagen die große Welt beobachten, ehe Sie ſich ſelbſt in ihre heiße Fluth ſtürzen. Ha, das wäre etwas für mich!— O, bleiben Sie lange darin; nur in einem kleinen Hauſe, unge⸗ ſehen, unbemerkt, iſt man glücklich. Und ſehen Sie ſich um, bevor Sie unzertrennliche Bekanntſchaften ſchließen, man muß vorſichtig ſein— ich liebe das — 11— ſo.— Ich bin Ihnen noch dankbar für Vieles. Sie haben Noringen Gutes gethan. Ich werde es all⸗ mälig abtragen— aber haben Sie Geduld. Augen⸗ blicklich kann ich und will ich nichts für Sie thun, Sie müſſen Ihre eigenen Kräfte erſt verſuchen. Sollten Sie indeſſen Bedürfniſſe haben, ſo laſſen Sie es mich durch meinen Adjutanten wiſſen, er iſt einer von den Wenigen, denen ich vertrauen kann— Niemand außer uns Dreien ſoll davon erfahren. Im Uebrigen kommen Sie nie zu mir, wenn ich Sie nicht rufen laſſe, in der Stadt am wenigſten, das wüßte gleich jeder Vogel auf dem Dache. Ich habe meine Gründe dafür, die Sie ſpäter begreifen werden. Zur Zeit bekümmern Sie ſich nicht um mich, ſprechen Sie nie etwas über mich— ich erfahre Alles wieder, denn ſo gut es Ohren unter den Menſchen giebt, ſo giebt es leider auch Zun⸗ gen, die man nicht abſchneiden und ausreißen kann. Vor allen Dingen aber ſehen Sie ſich um, lernen Sie Ihre Leute kennen und warten Sie Ihre Zeit ab. Denn jeder Menſch hat ſeine Zeit und die Ihrige kommt einmal gewiß.“ Er ſprach dieſe abgeriſſenen Gedanken raſch hinter einander, ohne abzuſetzen, beinahe in einem Athem; ich fand keine Gelegenheit, ein einziges Wort einzu⸗ ſchalten, fühlte aber um ſo tiefer daß es ihm Be⸗ — 142— dürfniß ſei, einmal frei von der Leber weg mit einem Bekannten zu ſprechen. Er fuhr auch ſogleich fort: „Meine Zeit iſt vorüber und ich habe ſie vielleicht nie recht erfaßt. Der Grund davon war nicht allein Unklugheit von mir, ſondern auch Starrſinn, woran ſo Viele heut zu Tage leiden. Jetzt warte ich ver⸗ geblich auf ihre Wiederkehr.. Jetzt ſind Andere an der Reihe, und ſie ergreifen ihre Mittel tüchtig und gebrauchen ſie ſogar gegen mich. O Doktor, Doktor! Wie haben ſich die Zeiten geändert! Ich wollte, ich könnte wieder umkehren und noch einmal von vorne anfangen. Dann aber gäbe ich das Meſſer nicht wieder aus der Hand, während ich jetzt nur noch das Heft halte— aber die Klinge, die Klinge— die will Jeder haben, und ich— ich habe ſie nur noch halb. — O Doktor, ſehen Sie, ich habe Sorgen, Sorgen, Sorgen! Und ich habe Sie hierher in dieſe Einſam⸗ keit beſchieden, um Ihnen das zu ſagen, damit die Leute mich nicht behorchen und meine Gedanken weiter trätſchen. Denn in der Stadt, unter dem Troß und der Kanaille des Hofes— da haben ſie Eſelsohren und Luchsaugen, die hören und ſehen Alles, ſelbſt die Gedanken im Kopf und die Ueber⸗ bleibſel von Empfindungen im Herzen. O! heute es die ſchlauen, klugen, allwiſſenden Miniſter, die an — 143— meinem Innern reißen, morgen die beleidigten, ſtolzen, habſüchtigen Edelleute, übermorgen iſt es das miß⸗ handelte, pochende, bettelnde Volk. Wem ſoll ich gerecht ſein? Allen? Das iſt unmöglich, denn ſie verlangen zu viel und immer das Entgegengeſetzte. Und könnte ich mich in tauſend Theile ſchneiden laſſen und jedem einen Theil geben, und ich hätte Alles weggegeben— ſie wären dennoch nicht zufrieden. O, es iſt ſchwer, heutigen Tages ein gerechter Fürſt zu ſein! In Paris, als wir die Franzoſen endlich be⸗ ſiegt, glaubten wir, wir würdel nun zu Hauſe wenig⸗ ſtens Ruhe haben. O ja doch! Hier peinigen uns die Feinde nicht mehr, aber hier plagen uns die lieben Freunde. Alle glauben Wunder was ſie gethan haben, daß ſie die Franzoſen aus dem Lande gejagt, und thun ſo, als hätten ſie mir das ungeheüre Opfer ihrer An⸗ ſtrengung gebracht, und doch haben ſie es meiſt für ſich allein gethan. Was lag mir, dem Manne ohne Ehrgeiz, daran, ob ich ein Fürſt blieb oder ein Privat⸗ mann; ich konnte überall in der Welt anſtändig leben; alles Uebrige, Rang, Ehren, einen Hof brauche ich in meinem Herzen nicht— nun ſind ſie Sieger ge⸗ blieben und wollen mir dafür an den Leib. O, o, ol wer hätte das gedacht!— Aber ich widerſetze mich, ich kämpfe, ich ſtreite. Aber dazu bedarf ich Menſchen, — 14— Männer, die es mit Gott, mit der Welt, mit mir und mit ſich ſelbſt gut meinen— und die muß ich haben. Doktor, verſtehen Sie mich?“ „Ich glaube, Durchlaucht!“ „Nun wohl, ſo warten Sie Ihre Zeit ab, viel⸗ leicht können auch Sie mir einmal helfen, wie Sie mir ſchon einmal geholfen haben. Sagen Sie aber Niemandem, daß Sie bei mir geyeſen ſind, ſonſt iſt es auch mit Ihrer Hülfe vorbei. Ich kenne das. Ich muß unſichtbare Geiſter um mich haben, wenn ſie wirk⸗ ſam ſein ſollen. O— ſehen Sie da, die ſchöne Ge⸗ geng, das herrliche Land— das Alles iſt mein. mnte man nicht froh darüber, nicht glücklich damit, dankbar dafür ſein? Und doch bin ich es nicht, und warum bin ich es nicht? Die Menſchen, die da unten und weit und breit herum wohnen und die ſich, ſo viel ſie können, immer näher an mich drängen, ſie möchten am liebſten Alle Herzöge ſein; und was könnten wir von ihnen hoffen, wenn ſie es wären? Nichts, nichts, glauben Sie mir, ich kenne ſie; die beſten von ihnen ſind die, die nichts ſein wollen. Aber dieſe ſind ſelten. Eines aber will ich Ihnen noch ſagen, und das iſt mein Troſt. Gott verläßt mich nicht, er thront über mir in heiliger Majeſtät. An ihn habe ich mich gewandt und an ihn werde ich mich noch häufiger wenden und inniger anſchließen, und nur die haben Recht, die behaupten, daß er allein unſer Ruhm, unſer Troſt, unſer Beiſtand ſei!“ Und er ſtand da und hatte ſeine Augen zum erſtenmal heute voll und ganz gegen den Himmel auf⸗ geſchlagen, der in ſeiner unſchuldsvollen Reinheit gleich⸗ ſam lächelnd uns entgegenblickte. Was ich aber in dieſen Augen ſah, gefiel mir nicht. Wohl ſpiegelte ſich Demuth, Ergebung und religiöſes Gefühl darin ab, aber es war eine erkünſtelte Demuth, eine gemachte Ergebung, ein religiöſes Gefühl aus Nothdurft. Und es tauchte in mir plötzlich wie durch eine innere r-. leuchtung der Gedanke auf, als wenn der vor mir ſtehende Mann bereits auf Abwege gerathen ſei und den Abhang ſchon hinunterrolle, der in's Verderben führt. Aber— dieſer Gedanke kam mir ſo unverhofft und erſchien mir daher ſo wenig begründet, daß ich ihn nicht fortführte, ihn vielmehr mit Gewalt abbrach, denn ich liebte es nicht, den aufſteigenden Dünſten der Einbildung nachzujagen, wo ich zur Quelle ihrer Entſtehung und der Wahrheit hinabſteigen konnte. Und dieſe Quelle ſah ich oder glaubte ich in tiefer Schicht der Vergangenheit ſprudeln zu hören, und da ich den Schlüſſel zu dieſer Vergangenheit beſaß, be⸗ ſchloß ich ihn hervorzuholen und leiſe die Riegel der⸗ Fritz Stilling. III. 10 * — 146— ⁴ ſelben zu verſuchen, ob ich vielleicht den Roſt der Zeit überwinden und in ihrer Tiefe die Quelle ſelbſt könnte ſprudeln ſehen.—— Bald darauf verabſchiedete mich der Herzog und ich ritt ſchweigend und in tiefes Nachdenken verloren mit meinem Freunde in die Stadt zurück. Derr düſtere Ernſt der mir geſchilderten Gegen⸗ wart und die tief wehmüthige Erinnerung an vergan-⸗ gene Zeiten und mir ſo theure Perſonen, die dieſer Be⸗ ſuch in mir heraufbeſchworen hatte, ſollte in Folge einer günſtigen Fügung der Vorſehung noch an demſelben Abend durch eine unverhoffte Freude bedeutend gemil⸗ dert werden. 1 Es war zur Zeit der Abenddämmerung, als ich mich auf den Weg zu meinem Freunde begab, um mit ihm noch einen verabredeten Spaziergang zu unter⸗ 4 nehmen. Als ich am Schloſſe vorüber ging, athmete 1 4 ich mit Vergnügen den Duft der Frühlingsblumen — ein, welche die prachtvolle Terraſſe zierten, die zu den großen Portalen der herzoglichen Wohnung hinauf⸗ führte. Um dieſelben auch von einer noch nicht ge⸗ ſehenen Seite zu betrachten, ſchlug ich den Weg. durch eine breite und ſchöne Straße ein, deren geſüömackvolle* Häuſer meinen Blick bei jedem Schritte mehr und mehr feſſelten. Eben ging ich an einem der ſchönſten 17— vorüber, als mein Ohr von dem lauten Klang rollen⸗ der Geldſtücke berührt wurde, die eine geſchäftkundige Hand, wahrſcheinlich beim Zählen, raſch auf einander fallen ließ.„Aha, hier wohnt ein Geldmann,“ ſagte ich im Stillen zu mir,„er klappert mit dem Inhalt ſeiner vollen Kaſten und zählt ſeinen heutigen Gewinn. Ach, ich habe für mich nicht mehr viel zu zählen, meine Kaſſe wird bald erſchöpft ſein und es wird Zeit, daß ich ſie wieder zu füllen anfange.“ Mit dieſen eben nicht ſehr tröſtlichen Gedanken erhob ich mein Auge und blickte an dem Hauſe empor; dabei fiel es auf ein ganz neues Schild, welches die Firma des Geldmenſchen zeigte. Aber beinahe erſchrocken fuhr ich zurück, als ich in großen goldenen Buchſtaben den Namen Carl Lehmann las. Mein Herz pochte eben ſo neugierig, wie ungeſtüm. Und wie von einer inneren Stimme getrieben, und als ob nicht viele Menſchen dieſen einfachen Namen führen könnten, ſprang ich die ſteinerne Treppe des Hauſes hinauf, zog Ne Schelle und erkundigte mich, ob Herr Carl Lehmann zu Hauſe ſei, da das untere Geſchäftslokal wegen der vorgerückten Tageszeit kereits geſchloſſen war. Ich wurde nun eine Treppe hoch und in daſſelbe Zimmer gewieſen, aus dem jener ſilberne und mich verlockende Klang nach unten gedrungen war, und wer beſchreibt nun mein 10* — 148— Erſtaunen und meine Freude, als ich in dem Geld wie⸗ genden Kaufherrn meinen theuren Jugendfreund ſelber erblickte. Aber er war noch mehr betroffen als ich, da ich ihm ganz unvermuthet nahe gekommen war, und mit einem lauten Freudenſchrei ſprang er mir an den Hals. In wenig Augenblicken erzählte ich ihm, was mich in ſeine Nähe geführt und wie ich es als ein Glück be⸗ trachtete, ihn in derſelben Stadt zu finden, wo ich mich vor kurzer Zeit häuslich niedergelaſſen hatte. Darauf kam das Erzählen an ihn und ich hörte zu nicht ge⸗ ringer Ueberraſchung Folgendes: Sein Vater war vor einigen Jahren geſtorben und hatte ihm, dem einzigen Sohne, ein größeres Vermögen hinterlaſſen, als erwartet worden war. Carl, zu einem tüchtigen Kaufmann herangereift, veräußerte ſogleich ſehr vortheilhaft die Niederlaſſung am Rhein mit dem ganzen Schifferbetrieb, heirathete dann ein ſehr wohlhabendes Mädchen, die Tochter ſeines früheren Principals in Braunſchweig und ließ ſich als Groß⸗ händler und Bankier in... nieder, wo ich ihn fand. Hier nahm ſein Geſchäft bereits einen höheren Schwung und er ſah ſich bald in eine ſo vortheilhafte Lage ver⸗ ſetzt, wie ein Menſch auf Erden ſie nur wünſchen kann. „Du biſt alſo verheirathet?“ fragte ich, indem mir das Blut heißwallend zu Kopfe ſtieg. . — 149— „O, und mit einem allerliebſten Weibchen! Komm Du mußt ſogleich mein weißes Röschen ſehen.“ Und hinab ſprangen wir wieder die Treppe, wie zwei Knaben, die zum Spiele rennen. Beinahe hatten wir die Jahre vergeſſen, die zwiſchen unſerer erſten Jugend und dem heutigen Tage lagen. Und da ſah ich denn ſein weißes Röschen in holder Verſchämtheit vor mir, denn Karl hatte ihr oft von mir und unſeren Jugendſtreichen erzählt und mich der lieben Frau viel zu lobpreiſend geſchildert, was ich ſogleich zu meinem eigenen Bedauern vernehmen mußte. Sie hieß Roſa, war von zarter blaſſer Ge⸗ ſichtsfarbe, aber eine höchſt angenehme und liebliche Erſcheinung, deren Sprache und Benehmen eine vor⸗ treffliche Geiſtes⸗ und Herzensbildung verrieth. Wir verbrachten einen glücklichen Abend und blieben bis Mitternacht zuſammen, und als ich mich in noch ſpäterer Stunde in meinem einſamen Häuschen zur Ruhe begab, konnte ich nicht umhin, mir die Hoffnung auszumalen, daß ich mit dieſer Erneuerung einer alten Freundſchaft einen großen Schritt zu meiner eigenen Beſſerſtellung gethan habe. Und die Zukunft entſprach vollſtändig dieſen meinen angenehmen Erwartungen. Ich habe nie einen Men⸗ ſchen wieder geſehen, der ſo geſchaffen war, Vergnügen — 150— und Zufriedenheit unter ſeiner Umgebung zu verbreiten, wie mein Freund Lehmann. Von Gemüth immer heiter, ohne Launen, ohne Neid gegen Reichere und Höhergeſtellte und ohne Hoffart gegen minder Begün⸗ ſtigte, zeigte er ſich ſtets und überall, wie er war, gefällig, mittheilend, ſich und Anderen das Leben erleichternd. Er gab was er vermochte, wenn er nur einen Menſchen glücklich machen konnte. Seine Lieblingsneigung, zärt⸗ lichſt gepflegt und gehegt, war, noch immer wie ſonſt, die Muſik und die Schauſpielkunſt. Er beſaß einen ſchönen Flügel, ſang mit klarer und angenehmer Stimme allerliebſte Lieder und verſuchte ſich ſelbſt in der Com⸗ poſition derſelben. Als Mann von Beſitz war es ihm leicht, einen auserwählten Kreis von Muſikfreunden um ſich zu verſammeln, und ſo war denn ſein ge⸗ räumiges und koſtbar eingerichtetes Haus ein Sammel⸗ platz aller derjenigen Perſonen, die in der Reſidenz auf Verſtändniß und Ausübung dieſer ſchönen Künſte Anſpruch machen konnten. Allmälig ſtieg ſeine dilet⸗ tantiſche Liebhaberei zu einer wahren künſtleriſchen Voll⸗ endung und ſein Ruf als Beſchützer der Kunſt ver⸗ breitete ſich von Jahr zu Jahr in immer größere Kreiſe. Selbſt von Außerhalb beſuchten ihn dann und wann verſchiedene große Talente und fanden ſich ſtets bei ihm angenehm unterhalten, denn ſein Haus war eben .* b — — 151— ſo gaſtlich, wie ſein Enthuſiasmus geläutert und för⸗ dernd. Und als nun im Winter die große Oper und das Schauſpiel des Herzogs eröffnet wurde, für die derſelbe ungeheure Summen aus Geſchmack und Kunſt⸗ ſinn verwendete, da ſah man im Lehmann'ſchen Hauſe Alles vereinigt, was die Bühne zierte und beim Publi⸗ kum im größten Anſehen ſtand. Das ich dieſe ſo ſchön gebotene Gelegenheit mit allem Eifer ergriff, mich nicht allein zu vergnügen, ſondern meinen früher ſchon oberflächlich erwähnten Kunſtdrang auszubilden, brauche ich wohl kaum noch zu bemerken. Ich war ſpäter als Arzt des Hauſes faſt ein täglicher Beſucher deſſelben und zuletzt ein eben ſo enthuſiaſtiſcher Verehrer der Kunſt, wie mein Freund Lehmann ſelber. Doch ich bin hiermit ſchon um einige Zeit meinem Lebenslaufe vorausgeſchritten und muß daher meinen nachſichtigen Leſer bitten, für's Erſte wieder mit mir in mein kleines Haus und meinen duftenden Roſen⸗ garten zurückzukehren, woſelbſt er noch eine Zeit lang beſcheiden an meiner Seite verweilen und alle Drang⸗ ſale mit durchleben muß, die auch mir in meiner neuen Heimath nicht erſpart bleiben ſollten. VI. Mein erſter Patient und ein plauderhaftes Ehepaar. Allmälig, je heimiſcher ich mich in meiner neuen Lage zurecht finden lernte, fing ich an, in der Stadt mich umzuſchauen und auf das Treiben und Leben darin meine Aufmerkſamkeit zu richten. Ich beobachtete die einzelnen Familien, die mir nach und nach, als der Mühe werth, gekannt zu ſein, bezeichnet wurden und ihre Gewohnheiten, die Liebhabereien der Männer und die Neigungen der Frauen, und, mit einigem Scharfblick begabt, den meine eigenthümliche Erziehung und mannichfachen Erfahrungen weiter ausgebildet hatten, ſchaute ich tief unter die geheimnißvolle Hülle, welche die in der Verſtellung immer kunſtfertigen Be⸗ wohner einer Reſidenz ſo trügeriſch über alle ihre Ver⸗ hältniſſe zu breiten verſtehen. Und da ſah ich denn mancherlei Neues, aber wenig Erfreuliches. Ein verzweiflungsvoller und koſt⸗ ſpieliger Krieg war erſt vor Kurzem beendigt und hatte dem lange begehrten Frieden endlich Platz gemacht. Die Fluth aufregender Gedanken, Meinungen und Wünſche, welche jeder Krieg, wie ein wogendes Meer ſeine Schaumkronen, mit ſich bringt, hatte ſich ver⸗ laufen, und die Ebbe des Alltäglichen, Gemeinen und Langweiligen war nach und nach wieder eingetreten. Leſer! haſt Du ſchon einen Uferſtrich an einer ſtür⸗ miſchen See geſehen, auf welchem Fluth und Ebbe wechſeln? Haſt Du die tanzende Fluth beobachtet, auf der ſtolze Schiffe, Abgeſandte von Königen und Völkern, dahinſegeln, reiche Gaben bringend und fort⸗ tragend? Aber haſt Du auch beobachtet, was da bleibt auf dem Strande, wenn dieſe Wogenfülle mit ihren ſpielenden Waſſern ſich verlaufen hat? Ach! da iſt viel Schlamm, Schmutz und Unrath zurückgeblieben, da wimmelt es von zappelnden Ungethümen des ſchöpf⸗ ungsreichen Meeres, da ragen Trümmer untergegangener Herrlichkeit aus dem faulenden Sumpfe hervor und laſſen außer einem trägen ſtinkenden Dunſte nichts übrig, als die Hoffnung, daß eine friſch aufſchäumende Brandung den wi⸗ derlichen Anblick des troſtloſen Meeresgrundes mit ſeinem ſſchimmernden Fluthenmantel bald wieder bedecken möge. — 154— Etwas dem ſehr Aehnliches ſah ich auch in dieſer Ebbe, der Frucht des neuen und leider allzu ungewohnt gewordenen Friedens. Nur zu deutlich erkannte ich die Züge des trüb bleichen Bildes, welches mir der Herzog bei meiner erſten Vorſtellung mit Meiſterhand davon entworfen hatte, ich erblickte die ernüchterte Gegenwart in ihrer ganzen nackten und Widerwillen erregenden Blöße. Der Soldat, der ſiegreich den blutigen Kampf überſtanden, hatte ſich während deſſelben rohe Ge⸗ wohnheiten angeeignet. Er hatte den großartigen Er⸗ folg geſehen, den ein wohlgeſchwungenes Schwert und die überlegene Gewalt erzielen kann, er hatte ſich an Handhabung dieſes Schwertes und dieſer Gewalt ge⸗ wöhnt und trug beide, ohne zu wiſſen, was er that, mit hinüber in ſein neues friedliches Daſein, an das er ſich aus früheren Zeiten kaum noch zu erinnern ſchien. Er wollte befehlen, herrſchen, unterdrücken, genießen, ſo viel, und arbeiten, ſo wenig wie möglich. Er praßte, vergeudete, ſpielte und zechte— das war Alles, was er that, was er thun zu können ſich den Anſchein ggb. Und das Schlimmſte und die menſch⸗ liche Schwäche am deutlichſten Charakteriſirende dabei war: er pochte auf ein Recht, er maßte ſich das wohl⸗ erworbene Verdienſt an, ſo leben und allein ſeinem — 155— Leibe wohlthun zu dürfen, weil er ihn— ſo meinte er beſchränkter Weiſe— für die Zurückgebliebenen oft genug dem Geſchoß des Feindes preisgegeben hatte. Daß dieſe Anmaßung ſchmerzende Wunden riß und nicht überall aus demſelben Geſichtspunkte betrachtet wurde, war leicht, erklärlich. Und die Folge davon war, daß eine große Kluft zwiſchen dem Krieger⸗ und Friedensſtande ſich aufthat, eine Kluft, die nie und nirgends wohlgethan und weder die Wünſche des einen, noch die Erwartungen des anderen jemals befördert hat. Der mit größerer Bildung begabte Beamte, von jeher und überall geneigt, ſtolz auf ſein Wiſſen und ſeinen Fleiß zu ſein, ſſah mit ſchonungslos tadelnder Miene auf das rohe Gebahren des Kriegerſtandes herab, dem alle äußere Ehren wie Segen des Him⸗ mels zufielen. Er glaubte ſich durch das Gepränge jenes zurückgeſetzt, murrte erſt im Stillen, dann all⸗ mälig lauter und heftiger in geſelligen Vereinen und zog ſich endlich ganz in wenig zahlreiche auserleſene Zirkel zurück, die mit ihren Mitteln und. Geſinnungen geyiſſer⸗ maßen wie Eisbrecher gegen den Anſturz der mächtigen Schollen eines in ſich erſtarrten und verhärteten feind⸗ lichen Elementes daſtanden. So bildeten ſich nach und nach Kreiſe, die man bald nur als die einzig gebildeten und für die Gegenwart erſprießlichen zu — 156— betrachten ſich gewöhnte, deren Mitglieder unter ein⸗ ander in vollkommener Uebereinſtimmung des allge⸗ meinen Thuns und Laſſens waren, alle Ausgeſchloſſenen aber für feindſelig und nicht exiſtirend erklärten, deren Meinung man entweder mit allen Kräften bekämpfen oder mit allen Sinnen ignoriren müſſe. Der Bürger endlich, der große und kleine, mit nur ſehr wenigen Ausnahmen, ſchien aus dem Reiche dieſer beiden mächtigen Körperſchaften ganz verſtoßen zu ſein. Und doch trug er das erhebende Bewußtſein mit ſich herum, große Opfer gebracht zu haben, um den jetzigen Zuſtand der Dinge herbeigeführt zu ſehen. Mit Recht glaubte er ſich überall verachtet und hintangeſetzt, wo er ſich blicken ließ und ein kerniges Wort mitreden wollte. Schon hörte man hier und da das heimliche Ziſcheln, daß das viele Geld, was man ſo mühſelig herbeigeſchafft, ſo gut wie weggeworfen ſei und zu beſſeren und dem Ganzen erſprießlicheren Zwecken hätte benutzt werden können. Ja, die Aufgebrachteſten dieſer Klaſſe gingen noch weiter. Auf ihren althergebrachten bürgerlichen Stolz pochend, ſchrieben ſie ſich Verdienſte zu, die ſie in der That beſaßen, deren Anerkennung nöthigenfalls mit den Fäuſten erobert werden könnte. Soll ich noch etwas über die Stimmung und das aber, da ſie verſagt wurde, ihrer Meinung nach 1 .—— Treiben des Hofes zu damaliger Zeit hinzufügen, eines Hofes, den ich freilich noch nicht aus eigener Anſchau⸗ ung, nur aus den ſtachlichten Reden der drei vorher⸗ benannten Klaſſen vorläufig aus der Ferne kennen. lernte? Ich will es, denn wenige Worte werden ge⸗ nügen, das Lebensbild jener ſchönen und doch in ihrem Innern ſo unterwühlten Stadt im Umriß wenigſtens darzuſtellen. Alle dieſe eben geſchilderte Zwietracht und Feind⸗ ſeligkeit fand ihren Widerhall in der Umgebung deſſen, dem alle drei Stände zugleich unterthan waren, und um den herzoglichen Thron drängten ſich voller Eigen⸗ nutz die Vertreter aller Parteien, die ich hier nur zu dreien angegeben habe, die aber in der That ihrer viel mehrere waren. Denn wie es nicht anders ſein konnte, jeder Stand hatte ſich aus einer ihm ange⸗ hörigen bevorrechtigten Familie dieſen oder jenen Ban⸗ nerträger erkoren, und dieſe hielten es nun für ihre Schhuldigkeit, den Fürſten mit Klagen, Vorwürfen und Forderungen zu überſchütten, die ſämmtlich zu berück⸗ ſichtigen und zu gewähren derſelbe doch unmöglich im Stande war. Daß dabei der glatte Boden des Hofes ein Tummelplatz aller perſönlichen Leidenſchaften wurde, verſteht ſich von ſelbſt, und das Uebelſte dabei war, daß jeder Kämpfer nicht für eine große gemeinſame Sache rang, ſondern für ſich allein ſo viel Brocken und Lappen 348 begehrten Ehre herabzureißen bemüht war, wie er nur habhaft werden konnte. Keiner liebte und achtete ſeinen Nachbar, der Eine witzelte, ſtichelte über und auf den Anderen, und nur in dem einen Punkte ſtimmten Alle überein, daß ſie um die Gunſt⸗ bezeugungen des Mächtigſten, und wenn dieſe nur in Worten oder Blicken beſtehen ſollten, buhlten und krochen, obgleich Niemand einen warmen Herzſchlag der Theilnahme und wahrer Neigung für ihn übrig hatte. 4 3 Mit einem Wort, es war eine ſchlimme Zeit, und diejenigen, die, wie ich, in ſtiller Beobachtung lebend, die erſten Jahre des Friedens köſtlich und nur zum Genuſſe reif ſich vorgeſtellt, hatten ſich über alle Maßen geirrt. Dieſe allein beobachtenden, ſich geirrt habenden und im Ganzen wohlmeinendſten Köpfe bildeten auch eine eigene Klaſſe für ſich, und wie man für Alles einen Namen findet, ſo hatte man auch ſie ſehr bald aber auch ſehr falſch bezeichnet, indem man ſie die Hinterhaltigen, die Lauernden, die ſchweigſam Unzu⸗ friedenen nannte. Obgleich ich mich ebenfalls zu diefer letzteren Klaſſe rechnen konnte, wenn ich mich überhaupt zu einer zählen wollte, ſo war ich wenigſtens nicht hinterhaltend, lauernd und mit Gott und der Welt unzufrieden. Ich verhielt mich allerdings ſchweigſam und wartete, wie mir der Herzog angerathen, meine Zeit ab; ich hielt Augen und Ohren geöffnet, bemühte mich aber ſo viel wie möglich, den Mund geſchloſſen zu halten, denn ich habe immer gefunden, daß man die größten Unan⸗ nehmlichkeiten des Lebens ſich nicht durch Auge und Ohr, wohl aber durch einen zu leicht und zu viel ge⸗ öffneten Mund zuzieht. Ich hatte meine ganze innere Thätigkeit einzig und allein auf meine beginnende Praxis gerichtet, aber ach! hiermit ſah es, offen ge⸗ ſagt, ſehr dürftig aus. Wohl hatte ich mich zeitig den Mitgliedern der Stadtobrigkeit vorgeſtellt und meine Aufnahme in die ſtädtiſche Gemeinde mit allen nöthigen Formen in's Werk geſetzt, wohl hatte ich meinen unbedeutenden Namen in alle öffentlichen Blätter rücken laſſen— aber dadurch hatte ich noch lange keinen Patienten bekommen. Ich ſaß vom Morgen bis zum Abend in meinem Zimmer, ſcheute mich, es nur auf Augenblicke zu verlaſſen und quälte mich dabei mit eben ſo langweiligen Studien wie Gedanken ab. Aber wo blieben die Hülfeſuchenden, denen ich ſo gern Ge⸗ neſung und Theilnahme geboten hätte? Irgend wo anders, bei mir aber erſchien kein einziger klagender und Rath ſuchender Menſch.— — 160— Endlich aber, am achten Tage meines erwartungs⸗ vollen Alleinſeins, klopfte es an meine Thür. Mit Vertrauen erweckender, milder Stimme rief ich mein freudiges Herein! und als auch da der hülfeſuchende Gaſt noch zögerte, in das Heiligthum ſeines Retters zu treten, öffnete ich raſch mit eigener Hand die Thür, einen höflichen Bückling für den freundlichen Menſchen bereit haltend. Aber— nur ein altes armes Weib, mit einem halb verhungerten Knaben auf dem Arme, erſchien demüthig auf der Schwelle und bat ſich meinen Rath für denſelben aus. Ich gab ihn ihr und ein paar Groſchen dazu, um das ſchön geſchriebene Recept bezahlen zu können.— So ging es fort und fort und ich war endlich ſchon vier Wochen in der reichen Re⸗ ſidenz, ohne ein einziges Stück Geld aus ihren Taſchen geſehen zu haben, als was ich mir ſelbſt für meine paar übrig gebliebenen Goldſtücke gewechſelt hatte. Das war bitter, das ſchlug meine kühnen Er⸗ wartungen von der herzoglichen Stadt im Ganzen etwas nieder, von der ich Beſſeres gehofft hatte. Und was mich am tiefſten demüthigte, war, daß ich mit Niemandem über mein Mißgeſchick ſprechen, Niemandem meinen Kummer anvertrauen konnte. Im Gegentheil, um der Welt Sand in die Augen zu ſtreuen, mußte es ſo ſcheinen, als ob ich eine ungeheure Praxis hätte — 161— und von ihrer Laſt beinahe erdrückt würde, und als ob es mir gar nicht darum zu thun wäre, meine vor⸗ theilhafter geſtellten Kollegen aus dem Sattel zu heben, in dem ſie ſeit langer Zeit mit eben ſo feſter wie be⸗ haglicher Gemüthlichkeit ſaßen. Hier aber kam mir mein ſonderbares und aller Charlatanerie abgeneigtes Naturell in die Quere. Ich gehörte nicht zu der leider ſo großen Zahl von Aerzten, die ſich auf den Markt des Lebens zu ſtellen wiſſen und ſo thun können, als hätten ſie alles Wiſſen dieſer Welt allein in ſich aufgenommen, als wäre die ganze Schale der Weisheit Aeskulaps allein auf ihr Haupt ausgeſchüttet und als hätten ſie das beſondere Vor⸗ recht, vor allen Uebrigen die Menſchen mit ihren Mix⸗ turen kuriren zu können. Ich verſtand es nicht, Straßen auf, Straßen ab zu laufen, hier und dort zu klingeln, nach dieſem und jenem Bewohner zu fragen, überall ſpähend einzuſprechen und vielleicht durch eine glück⸗ liche Hinterthür mich wieder fortzuſchleichen, um in einer anderen Straße gleichſam wie ein halbtodt Ge⸗ hetzter mit ſchweißtriefendem Antlitz hervorzubrechen. Ach! dieſe ſo viel geübte Kunſt verſtand ich nicht und — ich darf es nicht verſchweigen— ich wollte ſie auch nicht verſtehen, denn ich verachtete ſie als etwas Ge⸗ meines, als etwas, meinen Charakter und meine Kunſt Fritz Stilling. III. 11 — 162— Entwürdigendes. Dafür aber hatte ich auch nicht den Gewinn, den ſolche Heilkünſtler erringen, ich blieb un⸗ gekannt, unbeachtet, ungeſucht. In dieſer unangenehmen Lage mochte ich wohl eine etwas niedergeſchlagene und bekümmerte Miene zur Schau tragen; denn ſowohl Noringen wie Leh⸗ mann fragten mich wiederholt, ob mir etwas fehle, ob ich etwas bedürfe? Aber mir fehlte und ich bedurfte nie etwas, denn ich hätte lieber trockenes Brot ge⸗ geſſen, als meine Verhältniſſe offenherzig preisgegeben, in die ich mit ſo gläubiger und laut verkündeter Hoffnung eingetreten war. Der Herzog ließ auch nichts von ſich hören, ich ſah ihn nicht einmal mehr und glaubte, was ſo Viele und nicht immer mit Unrecht von ſo hohen Perſonen glauben, er habe als Fürſt den armen Doktor ver⸗ geſſen, mit dem ihn ſein Geſchick einmal anderwärts zu einer vertrauteren Vereinigung zuſammen geführt. Und ich wunderte mich hierüber gar nicht, ich fand es ſogar ſehr natürlich, denn ein Herzog, ein Herrſcher über ſo viele Menſchen hat mehr zu thun, als um den Hunger und Durſt eines Einzelnen ſich zu bekümmern. Endlich aber ſollte ich doch einmal einen Patienten erhalten. Eines Tages kam ich ſpät von Lehmanns, wo ich mich ſehr häufig des Abends aufhielt, nach Hauſe, I — 163— als meine alte Wirthin, die meinen kleinen Haushalt beſorgte, ſchon auf dem Flure mit dem Lichte mir ent⸗ gegentrat und freudig ſagte: „Herr Doktor, ich gratulire, Sie werden einen Patienten bekommen!“ Ach, welche Demüthigung lag allein ſchon in dieſen wenigen Worten! Die gute Frau hatte offen⸗ bar an meinem zurückgezogenen Leben bemerkt, daß eine gewiſſe Ebbe bei mir einzuziehen begann und war vielleicht um ihre Hausmiethe beſorgt. Nichtsdeſto⸗ weniger nahm ich eine ziemlich gleichgültige Miene an und entgegnete: „Das iſt mir lieb— wer iſt denn dieſer Patient?“ „O, ein reicher Mann, der Beſitzer des ſchönen, großen Hauſes da drüben, aber ein entſetzlicher Geiz⸗ hals, der nichts thut, als daß er ſein vieles Geld zählt, was er im Kaſten liegen hat, um es ſchimmeln zu laſſen.“ „Aber wie kommt er zu mir?“ „Ei, er ging heute Abend hier vorüber, als ich vor der Thür ſaß und ſtrickte. Dabei huſtete er ſo ſehr.„Sie haben einen böſen Huſten, Herr Nachbar,“ ſagte ich.—„Ja, liebe Frau, den habe ich.“— „Aber den müſſen Sie nicht haben,“ erwiederte ich, „mehmen Sie doch einen Arzt an.“—„O, die Aerzte 11* — 164— ſind ſo theuer und die Apotheker obendrein,— nein, nein! ich kurire mich ſelbſt!“—„Ich weiß aber einen ſehr billigen,“ ſagte ich wiederum und nannte Sie. Er erkundigte ſich gleich darauf ſehr begierig nach Ihnen und verſprach zuletzt, Sie morgen rufen zu laſſen.“ „Vortrefflich, liebe Frau, ich danke Ihnen, Sie ſorgen für meine Kundſchaft. Aber wir wollen es ab⸗ warten. Unterdeſſen ſchlafen Sie wohl!“ Am nächſten Morgen aber ſaß ich wie auf Kohlen vor meinem Schreibtiſche, denn ich erwartete jeden Augenblick den Boten des Geizhalſes eintreten zu ſehen. Es wäre doch ein Anfang, dachte ich, und ſchon ath⸗ mete ich etwas freier bei dieſem Gedanken. Endlich, zes ging„ſchon gegen Mittag, kam wirklich ein alter Diener und bat mich, ſeinen kranken alten Herrn da da zu beſuchen. Ich folgte dem Diener auf dem Fuße unnd wurde in ein Vorzimmer geführt, welches ſehr ſchäbig ausſah, denn es fehlten ſogar die Vorhänge an den ſeit Jahren nicht gewaſchenen Fenſtern. Offenbar hatte mein neuer Patient nicht auf ſo ſchnelle Dienſtfertigkeit meinerſeits gerechnet, denn er ließ mich lange warten und ich hatte während dieſer Zeit keine andere Unterhaltung, als durch die ſchlecht ſchließende Thür aus dem Neben⸗ zimmer heraus das Klappern gezählter Geldſtücke zu I — 165— vernehmen, wobei ich mich in den erſten zehn Minuten einigermaßen beruhigte. Als aber das Klappern immer fort dauerte, und bald der eine, bald der andere Kaſten geöffnet, verſchloſſen und wieder geöffnet wurde, riß mir die Geduld. Denn meine Zeit war mir koſtbar, es konnten unterdeſſen drei andere Patienten in mein Haus gekommen ſein, und da ich endlich einſah, mit wem ich es hier zu thun hatte, ſo beſchloß ich, mich nicht länger zum Narren halten zu laſſen und dem Geizhals zu zeigen, daß ein Arzt kein Sklave der Reichen iſt. Ich fing alſo auch an zu huſten wie er, aber etwas ungeduldig und laut. Da aber auch das nichts half, wurde ich wirklich böſe und ſtand ſchon im Be⸗ griff, mich zu entfernen, als der Geldzähler, nachdem er alle Kaſten wohl verſchloſſen, die von innen ver⸗ riegelte Thür öffnete und einen prüfenden Bliſk auf mich warf. „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ fragte er trocken. „Sind Sie der Herr..2“ „Ja, mein Herr, der bin ich.“ „Ich aber bin der Doktor Stilling und Sie haben mich rufen laſſen, um Ihre Geſundheit herzuſtellen, nicht aber um Ihr Geldzählen mit anzuhören. Ich muß Sie ein für alle Mal bitten, mich nicht ſo lange — 166— warten zu laſſen, denn ich habe keine Zeit und jede Minute iſt für mich koſtbar, ich muß ſie mir alſo be⸗ zahlen laſſen.“ „O!“ Und er ſtarrte mich mit offenem Munde und verzweiflungsvoller Geberde an.„Das thut mir leid,“ fuhr er fort,„daran habe ich gar nicht gedacht. Haben Sie denn ſo viel zu thun?“ „Sehr viel, mein Herr!“ „Mein Gott, ich begreife gar nicht, wie man. viel zu thun haben kann, ich merke das durchaus nicht. Aber, mein Herr, in einem Punkte irren Sie ſich vielleicht— Sie wollen ſich jede Minute bezahlen laſſen? Wie meinen Sie das? Ich bin ein armer Mann. Die Rechnungen der Aerzte ſind an und für ſich ſchon ſo groß—“ „Wenn Sie von mir zu große Rechnungen be⸗ fürchten, ſo ſollen Sie gar keine haben—“ „O das wäre vortrefflich—“ „Wir können aber gleich mündlich mit einander feſtſeten, was Sie für jeden Beſuch zahlen wollen, dann ſind Sie und ich außer Verlegenheit. Zahlen Sie alſo ganz nach ihren Mitteln und Kräften!“ „Ah! Nach meinen Mitteln und Kräften! O, Sie ſehen, ich bin ſo ſchwach. Und da ich auch arm — 167— bin, ſo ſeien Sie mitleidig. Wie viel wollen Sie haben?“ „Mein Herr, ich bin kein Rechenmeiſter oder Kaſſenbeamter— thun Sie, was Sie können, oder was Sie wollen und damit gut! Und nun zu ihrer Krankheit!“ „Ah! O! Ich fühle mich ſchon beſſer. Wir wollen es bis morgen, oder— nein! bis ein anderes Mal laſſen, ich werde es mir überlegen.“ Ich lachte ihm laut in's Geſicht, nahm meinen Hut, grüßte den armen, ſchnellbeſſer gewordenen Mann mit einer Miene, die ihn in Stein zu ver⸗ wandeln ſchien und ſprang haſtig die Treppe hinunter. Das war mein erſter Patient in der Herzogs⸗ ſtadt, aber leider war er arm und— geſund, denn ſchon meine bloße Anweſenheit hatte ſeine Krankheit verſcheucht, er ließ mich nie wieder rufen. War ich nicht ein heilbringender Arzt? In dieſen Tagen, wir waren ſchon bis an's Ende des Sommers vorgerückt, erhielt ich eine Einladung zu einem der Aerzte der Reſidenz, dem einzigen, der mir einigermaßen kollegialiſch entgegengekommen war, — 168— und doch war er der angeſehenſte von allen, denn es war der Leibarzt des Herzogs ſelber. Es war dies der nämliche Mann, der im Feldzuge, wie ſich der Leſer erinnern wird, krank in Rheims zurückgeblieben war und ſeinem Herrn nicht nach Paris hatte folgen können, der mir alſo wider ſein Wiſſen und Willen zu meinem damaligen Glücke verholfen hatte. Ich mußte daher dankbar gegen ihn ſein und ſeine freund⸗ ſchaftliche Einladung annehmen, die mir ſonſt ſehr gleichgültig war, denn ich bin nie ein Freund von dergleichen Förmlichkeiten geweſen, die meiſt auf weiter nichts als Eſſen, Trinken und Klatſchen hinauslaufen. Es war dies aber ein ſonderbarer und vielleicht kaum jemals dageweſener Leibarzt eines Fürſten. Schon als ich ihm vor einigen Monaten meine Aufwartung ge⸗ macht und ihn zum erſten Male geſehen, hatte ich nicht begreifen können, wie der Herzog, dieſer feine und ge⸗ bildete Mann, einen ſolchen Leibarzt wählen konnte, denn ſein Aeußeres hatte mehr Bäuriſches als Höfiſches an ſich. Ich ſtellte über dieſe ſonderbare Wahl, ohne irgend Jemanden nach dem Grunde derſelben zu fragen, ſtillſchweigend meine Vermuthungen an, und daß dieſe richtig waren, ſollte ich im Hauſe des Leib⸗ arztes ſelbſt erfahren, wie der Leſer ſogleich ſehen wird. Ich begab mich alſo um die gehörige Zeit zu — 169— dem viel beſchäftigten Kollegen und traf ihn, meiner ſchon harrend, auf ſeinem Studirzimmer. Doch, be⸗ trachten wir ihn zuerſt etwas genauer und belauſchen zunächſt den Siegel ſeiner Seele, ſein Geſicht. Man begegnet zuweilen ſo dummen, ſeichten und frechen Geſichtern im Leben, daß man vom erſten Augenblick an ſich aufgefordert fühlt, ſie zum Gruße und zur Weihe der neuen Bekanntſchaft zu ohrfeigen. Ich nenne dieſe Geſichter Ohrfeigengeſichter. Es wird uns oft ſchwer, den Kitzel, den wir bei ſolcher Be⸗ gegnung in unſerer Hand fühlen, zu beſiegen und un⸗ ſere nothgedrungene Schlagfertigkeit zurückzuhalten. Es ſt nicht immer die Dummheit allein, die uns aus dieſen Geſichtern anglotzt, nicht die Böswilligkeit, die ſie in unverkennbaren Zügen tragen, auch nicht die Gemeinheit, ihrer Abſichten und Empfindungen, die ſie verrathen, welche uns zu dieſem Thun anlockt. Aber gewiß iſt es, daß immer etwas von dieſen drei Eigen⸗ ſchaften, die unſerem feinfühlenderen Innern ſo feind⸗ ſelig ſind, auf ihnen zu finden iſt. Nicht ſelten ſogar iſt bei manchen Menſchen die größte Dummheit mit der größten Frechheit gepaart, und das iſt, für mich wenigſtens, eine der unleidlichſten Verbindungen. Beiſpiele des eben Geſagten wird jeder Menſchenbeob⸗ achter zu Dutzenden auf ſeinen Lebenswegen gefunden haben, alſo auch meine Anſicht aus eigener Erfahrung beſtätigen können. Ein ſolches oder wenigſtens dem ähnliches Geſicht offenbarte der Mann, von dem ich jetzt reden will. Frech war es nicht, ganz gewiß nicht, aber ſeicht und feiſt und beſchränkt ohne allen Zweifel. Es glänzte von Fett und Wohlbehagen und trug dabei eine ſo thieriſche Genußſucht in allen Zügen zur Schau, daß ich, wie noch ſelten in meinem Leben, einen eigen⸗ thümlichen Widerwillen davor empfand, wenn gleich ich ihm eine gewiſſe Gutmüthigkeit, die die Grenzen der Albernheit berührte und gewiſſermaßen einem ver⸗ edelten Blödſinne glich, nicht abſprechen konnte. Seine Redeweiſe entſprach vollkommen dieſem ſeinem Ausſehen, ſie war abgebrochen, plump, geradezu, wie man zu ſagen pflegt. Damit aber war eine, bei Leuten, die viel mit Höflingen verkehren, ſehr ſeltene Plauderhaftigkeit verbunden, die ich noch bei keinem Menſchen in der Reſidenz gefunden hatte und die ihre Widerwärtigkeit nur dadurch verlor, daß der Herr Geheimrath Dr. Sömmering— ſo will ich ihn hier nennen— mit derſelben Niemandem Schaden zufügte, weil er nicht Geiſt genug beſaß, Anderen damit zu nahe zu treten, vielmehr dadurch nur ſeine eigenen Blößen enthüllte. Er empfing mich übrigens freundlich und —— — 171— lud mich ſogleich zum Sitzen neben ihm auf ſeinem weichen Sopha ein. „Guten Abend, Herr Kollege,“ ſagte er, mit ſeiner ſchwammigen feuchten Hand die meinige berührend, wobei mich eine ſeltſame Empfindung des Mißbehagens durchſchauerte,„nun, da ſind Sie. Willkommen! Habe Sie ſchon erwartet und meine Patienten heute Abend auf morgen vertröſtet; ein Karrenpferd, wie unſereins, will auch einmal Ruhe haben und ſein bis⸗ chen Speiſe in Gemüthlichkeit verzehren. He! Wie geht's? Haben wohl noch nicht viel zu thun?“ „Nein, ſehr wenig ſogar, doch muß für die trübe Gegenwart die lichtere Zukunft einſtehen.“ „Ja, ja— he! Hab's mir gleich gedacht— kenne das— kenne Alles, iſt hier Jedem ſo ergangen, mir auch; aber es kommt einmal anders— ein glück⸗ licher Wurf— eine berühmte kranke Perſon— ha⸗ ha! und die ganze Geſchichte ändert ſich.“ „Weiſen Sie mir mit einem glücklichen Wurf eine ſo berühmte kranke Perſon zu, geben Sie mir von Ihrem Ueberfluß!“ „Haha! Zuweiſen! Geben! Alles will haben! Selbſt ſich etwas ſuchen muß der Mann— aber, aber — ich will Ihnen doch etwas abgeben— haha! von meinem Ueberfluß— und wenn es auch nur ein Rath — 172— iſt. Aber er iſt gut, und Sie wiſſen ja, guter Rath iſt theuer. Haha! Ich ſpreche aus Erfahrung— kann ein Lied davon ſingen— hören Sie mich an.“ „Ich höre, Herr Geheimer Rath! Und ich ſetzte mich ſteif vor ihn hin und ſah aufmerkſam in ſeine weit aufgeriſſenen Augen und auf ſeinen hoch erhobenen Zeigefinger, als ob ich einen Ausſpruch der Glück ver⸗ heißenden Pythia vernehmen ſollte. „Sie müſſen ſich verheirathen!“ platzte er heraus. „Ja, ja, und gut verheirathen. Entweder ein Mäd⸗ chen aus einem angeſehenen Hauſe, oder aus einem reichen— haha! ich kenne das! Hübſch braucht ſie nicht zu ſein, iſt ſie es nebenbei, um ſo beſſer— denn Sie müſſen wiſſen, ich betrachte eine Frau wie ein ſchmackhaftes Gericht— hat es die Köchin ausgeputzt — gut! ſo haben meine Augen auch etwas davon. Alſo— ſind Sie gut verheirathet, ſo haben Sie eine Baſis. Baſis giebt Praxis. Praxis giebt Geld. Geld giebt Anſehen— Anſehen giebt alles Uebrige. Haha! Da haben Sie's. Sehen Sie mich an. Ich war auch einſt ſo ein Stümper wie Sie— bitte um Entſchuldigung, ich will Sie nicht beleidigen— ich meine nicht in der Wiſſenſchaft, das verſteht ſich von ſelber— ich meine im Beutel— mit einem Wort, ich hatte keinen Heller, der mein Eigenthum war. Da 3 — — 173— nahm ich meine Frau, eine vortreffliche Frau für mich, — Vermögen leidlich, Familie gut, ſehr gut— und nebenbei auch von der Köchin herausgeputzt, alſo hübſch, ſehr hübſch. Sie iſt die Tochter eines Kol⸗ legen, der ſchon längſt geſtorben iſt und mein Vor⸗ vorgänger beim Herzog war. Das half— auf Ehre! Das ſchob die Karre nach. Ich machte ein Haus— gab gute Eſſen, prächtigen Wein, ſchaffte mir Wagen und Pferde an. Da kamen die Patienten und glaubten Wunder was von mir! Ich ſagte dazu nicht Nein und die Welt ſagte immer lauter Ja! Da ward ich ein Mann. Und um den Topf voll zu machen, wurde ich auch noch Leibarzt beim Herzog— nun war ich erſt recht ein gemachter Mann— auf Ehre! Denn nun ſtrömte mir auch der Hof zu, ich hatte kaum ſo viel Zeit, mich ſatt zu eſſen und zu trinken, denn der Ruhm macht hungrig und mager— auf Ehre!“ „Das iſt eine ſehr lehrreiche Geſchichte,“ warf ich gleichgültig hin—„aber wie hieß Ihr Vorgänger im Amte?“ „Meinen Sie meinen Vor vorgänger— den Vater meiner Frau?“ „Nein, Ihren nächſten Vorgänger, der Sie zum gemachten Manne machte?“ — 174— „Aha! Sie meinen den vorigen Leibarzt? Ah! 'S war nur ein junger, unerfahrener Mann— und 's iſt eine— eine faule Geſchichte, eine ſehr faule Geſchichte— aber ein ander Mal davon, ich mag mir nicht den Appetit zu heute Abend verderben. Apropos, wiſſen Sie, daß der Herr Herzog ſich bei mir nach Ihnen erkundigt hat?“ „So!“ ſagte ich gedehnt und lauſchte mit Span⸗ nung, denn ich bildete mir ſchon ein, mein Wirth hätte einen annehmlichen Auftrag vom Fürſten an mich in Bereitſchaft. „Ja,“ fuhr er fort,„er wollte wiſſen, was Sie trieben. Dabei that er ſo, als ob er Sie kenne, doch ſprach er ſich nicht klar darüber aus— aber freilich, man verſteht ihn oft nicht.— Ach! der arme Herr! Er hat viele Sorgen, ſehr viele. Nun kommen auch noch die infamen Pfaffen dazu und gehen ihm zu Leibe—“ „Die Pfaffen? Wo kommen denn die mit einem Male her?“ 1 „Wo ſie herkommen? Mit einem Male? O Sie Unwiſſender! Stammen Sie aus Böotien? Unter uns geſagt, ich kann die ſchwarzen Kerle nicht leiden — auf Ehre! Ich gehe auch gar zu gern um die Kirche herum, wie ein Schulknabe um die Schule, um 1 — 175— nicht zu hören und zu ſehen, wie ſie ſchreien und die Augen verdrehen, als ſäße darin ihr göttlicher Beruf. Aber wo ſie herkommen? Kommen die nicht überall her, aus den Wolken, dem Waſſer, ſelbſt der Hölle? Miſchen ſie ſich nicht in jede Angelegenheit, ſogar in Politik? Legen ſie ihre ſegnende Pfote nicht in jede auf⸗ und niederſteigende Wageſchale, um ſie nach dem ſchlimmen Ende hin ſchwerer zu machen? Und warum ſollten ſie auch nicht, ſind ſie nicht von Gott ſelbſt ge⸗ ſandt, den glücklichen Menſchen Unheil— bah!“ Und er ſchlug ſich ſo heftig auf den ſemmelweichen Mund, daß es klatſchte.„Bahl! ich ſchwatze aus der Schule— na! Sie ſind ein vernünftiger Mann— Sie werden mein Vertrauen nicht mißbrauchen.“ „Gewiß nicht. Aber, Herr Kollege, was ſagen Sie da? Die Pfaffen beim Herzog? Er iſt ja evan⸗ geliſch, und ich denke, die evangeliſchen Geiſtlichen hier zu Lande ſind nichts als ſchweigende, fromme und uneigennützige Diener des Herrn?“ „Diener des Herrn! Diener des Teufels, Herr! O was Sie unwiſſend ſind, ich glaube wirklich, Sie ſind ein Thebaner! Sie kennen die Welt gar nicht. Wo leben Sie denn? Das iſt ja Alles jetzt umge⸗ wandelt. Auch die Evangeliſchen wollen Oberwaſſer haben und nehmen die Katholiſchen zum Muſter, ja, — 176— ſpielen mit ihnen vielleicht unter einer Decke. Und wahrhaftig! Ich verdenke es ihnen nicht, ſie bringen beide ihr Schäfchen in's Trockene, dieſe Brüder in Gott.— Aber bilden Sie Sich ja nichts Falſches ein. Nicht die evangeliſchen Schwarzröcke ſind es allein, die dem Herzog zu ſchaffen machen, bewahre! Denn ein Unheil kommt nie ohne Begleitung— auch die katho⸗ liſchen beißen und reißen an ihm, was ſie können, beſonders ſeitdem der neue Biſchof, der alle Welt be⸗ kehren will, die Erlaubniß vom Herzog erhalten hat, ſeinen langweiligen Biſchofsſitz mit dem lebhafteren Reſidenzleben zu vertauſchen. Unter uns— und ſagen Sie es keinem Kinde im Mutterleibe wieder“— und hier ſank ſeine laute Stimme zu einem kaum hörbaren Flüſtern herab—„haben Sie denn noch gar nichts munkeln gehört? Gar nichts? Auf Ehre! das iſt ſtark. Er will ja katholiſch werden, ſagt die Welt— nicht ich ſage das, hören Sie wohl— er ſoll ja ſchon im Geheimen beichten— aber das glaube ich nicht, es iſt nur ein Gerücht, ein niederträchtiges Gerücht — hol' den der Teufel, der es weiter klatſcht— er denkt gewiß nicht daran, ich will mich dafür verbür⸗ gen— aber daher rührt ja die ganze Katzbalgerei hier am Hofe, daher die beiden Parteien, die Evan⸗ geliſchen und die Katholiſchen— darum liegen ſich * — 177— ja eben die Miniſter, die Präſidenten, die Generale in den Haaren und der Teufel weiß, wohin das führen mag— aber mein Gott, mein Gott, ich ſitze und ſchwatze hier und Sie leben in der Stadt ein halbes Jahr und wiſſen das nicht? Menſch, fühlen Sie denn die nahende Windsbraut nicht? Mann, Mann, was ſind Sie in der Kultur zurück!“ Ich hatte mich während dieſes erbaulichen Aus⸗ falles in meinen bequemen Platz zurückgelehnt und ſtarrte den Schwätzer mit aufgeriſſenen Augen an. Ich traute meinen Ohren kaum und konnte Alles ſo raſch nicht verarbeiten, wie ich es hörte. Ich weiß nicht, wohin uns das begonnene Geſpräch geführt haben würde, wäre nicht in dieſem Augenblicke die Thür auf⸗ gegangen und ein ſehr niedliches, ſchlankes und leb⸗ haftes Mädchen mit einem freundlichen Knix herein⸗ gehüpft, um ihren Vater aufzufordern, mit mir zu Tiſche zu kommen, der angerichtet ſei. „Aha, Thereschen, das iſt gut— ſieh da— das iſt mein Herr Kollege, der Doktor Stilling! Und das iſt Thereſe, meine Jüngſte, Herr Kollege!“ Ich machte meine Verbeugung und fing nun an, den guten Rath des lieben Kollegen ſchon beſſer zu begreifen. Alſo, er hatte Vorrath von dieſer Waare. Thereſe war erſt die jüngſte! Nun, ſo übel iſt ſie Fritz Stilling. III. 12 — 178— nicht— aber für mich? Ach! Nein, nein, Herr Ge⸗ heimer Rath, Ihr offenbarer Rath iſt ſehr gut, aber für mich paßt er nicht. Sei auf Deiner Hut, Fritz,„ Du tanzeſt hier zwiſchen Ciern— zertritt keins! 9 Jo A 2 Und wir frlat ſogleich dem voranhüpfenden jungen Mädchen durch einige Zimmer, auf welchem Wege die obigen Gedanken meinem kreiſenden Gehirn entſchlüpften. Wir traten in ein ſehr hübſches, aber einfach meublirtes Tafelzimmer, und da ſah ich denn den ganzen Reichthum an weiblicher Baſis meines guten Kollegen. Er hatte außer ſeiner, wie er ſagte, von der Köchin herausgeputzten Frau drei Töchter, alle drei hübſch, alle drei geſchaffen, einen Mann zu be⸗ glücken, und vielleicht auch alle drei geneigt, den erſten beſten Bewerber anzunehmen. Ich wurde ihnen mit väterlicher und kollegialiſcher Würde vorgeſtellt und erfuhr dabei zu meinem Erſtaunen, daß ich heute Abend der einzige Gaſt im Hauſe ſei, eine Auszeich⸗ nung, die einen kleinen Beigeſchmack von Abſicht hatte, der mich in meinem vorigen Gedankengange nur noch mehr beſtärkte. Wir ſaßen bei Tiſche und ſpeiſten und tranken vortrefflich. Denn die Zurichtung einer feigen Taſel 9) — 179— verſtand die Frau meines Kollegen augenſcheinlich, ſonſt aber verſtand ſie feeilich, offen geſagt, ſehr wenig, denn ſie war eine kleine Gans, obwohl eine recht nette und fette Gans. In einer halben Stunde hatte ſie mich beinahe mit ihrer ganzen Familiengeſchichte be⸗ kannt gemacht, von der ſehr ſchweren Geburt der älteſten Tochter an bis zur vollendeten Erziehung der jüngſten — ich wußte Alles, was die jungen Damen gelernt, was ſie geſtickt, was ſie genäht hatten, an welchen Orten ſie geweſen und erzogen waren— ich kannte ihren Umgang, ihre Neigungen, ihre Eigenſchaften, denn die redſelige Mutter aß faſt gar nichts, ſondern ſprach, oder ſprudelte eigentlich ihre zahlloſen Neuig⸗ keiten hervor, um mich in die Geheimniſſe ihrer Fa⸗ milie gründlich einzuweihen, während der Vater ihr Syſtem ausglich, indem er jetzt kein Wort ſprach, aber wenigſtens für ſeine Frau mit aß und trank. Daß man mich in Beziehung auf die drei Jungfrauen als ein jagdbares Wild betrachtete, ſah ich hier noch deut⸗ licher als vorher ein, und ich will verſuchen, dem Leſer von der Art und Weiſe, wie dieſe Jagd angeſtellt wurde, einen kleinen Begriff zu geben. Uebrigens ſchien die Mutter ſich mit ihren Töchtern zu verſtehen; dieſe ſchwiegen und eine jede ſenkte, wenn von ihr die Rede war, beſcheiden das Köpfchen auf den Teller, 12* — 180— oder machte ſich mit dem Nebentiſche zu ſchaffen, oder verließ ſogar eine Zeitlang das Zimmer. „So kennen Sie uns denn, mein lieber Herr Doktor,“ ſagte meine dicke Gans, die zu meiner Rechten ſaß, während ihr Gänſerich an meiner Linken ſchmauſte und mich zum Trinken nöthigte, als ſollte ich ein tiefes Loch in ſeinen Keller trinken.„So kennen Sie uns denn, und es macht mir viel Ver⸗ gnügen, Sie endlich einmal bei uns zu ſehen, wir hatten uns das ſchon lange vorgenommen, aber mein Mann meinte, es ſei noch nicht Zeit—“ „Burrrr!“ machte hier der Mann und trank ein ganzes Glas Burgunder auf einmal aus. „Zeit, ja! Aber, aber, was ich ſagen wollte— liebe Marie, gehe doch einmal hinaus und ſieh, wo die Paſtete bleibt— ſehen Sie, das iſt Marie, meine Aelteſte. Sie iſt ein ſehr ernſtes, und ich muß ohne Schmeichelei hinzuſetzen, ein gediegenes Mädchen, ein wahres Goldmädchen. Was ſie für ſchöne ſchwarze Locken hat! Und ſie hat viel gelernt und dabei einen ſehr zuverläſſigen Charakter. Ihr Mann— ich meine ihren künftigen— muß ein geſetzter, verſtäͤndiger Mann ſein und ſie nach ihrem ganzen Werthe zu ſchätzen wiſſen, denn ſie wird an ſeiner Seite keine üble Rolle ſpielen- nun? Noch ein Gläschen? Wie? Ahl da iſt dierſaſtete! — 181— Aber, aber, liebe Agnes, die Sauce, die Sauce!— Sehen Sie, die da eben hinausgeht, das iſt meine Agnes, meine Zweite, mein Ebenbild. So ſah ich aus, als ich jung war, ganz ſo zart rund, ſo blühend ſchlank und doch vollſtändig in jeder Beziehung. Das iſt eine Wirthſchafterin, wie ſie im Buche ſteht. Um⸗ ſichtig, fleißig, achtſam im Großen und Kleinen, vom Morgen bis Abend thätig, eine wundervolle Köchin, und dabei ſo gut, ſo harmlos, ſo ganz wie ich, daß ich, wenn ich ein Mann wäre—“ „Burrrr!“ machte hier wieder der Mann und ſchenkte ſich ein neues Glas Burgunder ein. „Ja, ja— was ich ſagen wollte— wer ſie ein⸗ mal bekommt, iſt gut gebettet. Sie hält ein Haus allein zuſammen mit ihrer Sparſamkeit. Sie will auch keinen reichen Mann, nur einen, der ſie empfindet, der ſie durchdringt, der ſie—“ „Burrrr!“ machte ſehr laut der Mann und ſchüt⸗ telte den die Paſtete kauenden K Kopf. „Aha, da iſt die Sauce! Nun möchte ich auch bald den Btaten darnach haben— liebe Thereſe, ſieh, wo Heinricht bleibt— ach! die Bedienten! dieſes ſchreck⸗ liche Volk! Sie glauben nicht, was man mit dieſer Abart von Menſchen für Sorge und Mühe hat!— ſbet vas ich von Thereſe ſagen wollte— das iſt — 182— unſer Kleinod, unſer Herzblatt, das jüngſte Kind unſerer—“ „Burrrr!“ kaute der Mann zwiſchen den Zähnen hervor und goß ein Glas Wein nach, um den Weg für den ſchweren Transport in den Magen etwas ſchlüpf⸗ rig zu machen. 3 „Sie iſt ſehr fein gebildet— ſehr fein, ich meine Thereſe, das kann ich Ihnen verſichern. Sie ſpricht engliſch und franzöſiſch wie deutſch, aber richtiges Deutſch, das iſt die Hauptſache. Und Klavier ſpielt ſie— o! Herr Doktor, zum Erbarmen, zum Rühren, ſie iſt eine wahre Virtuoſin. So iſt ſie mit ihren Talenten ganz für die höheren Zirkel geboren, und geſchaffen, einen Mann glücklich zu machen, der— der— meinem Mann einmal in ſeinem Amte folgt. „O!“ ſagte der Mann und holte tief Luft nach der gehabten Anſtrengung.„Ich lebe ja noch!“ „Ich ſehe es, mein Kind, ich ſehe es, Gott ſei Dank! Aber wir ſprechen von der Zukunft, mein Lieber. Eine gute Mutter denkt eben ſo wohl an morgen, wie an heute— habe ic nicht Recht, Herr Doktor?“ „Sie haben ſehr Recht!“ ſagts ich. Das waren die erſten Worte, die ich bei Tiſche zu ſprechen Ge legenheit hatte. — 183— „Ja,“ fuhr ſie fort,„was ich ſagen wollte— Schade, daß unſer Herr Herzog nicht verheirathet iſt 1— Thereſe paßte ſo recht an den Hof—“ „Und warum iſt er nicht verheirathet?“ fragte ich durchbrechend. „Warum? O, mein Gott— wer weiß das! Aber, aber, Kinder, verlaßt uns doch einen Augen⸗ blick, beſorgt den Nachtiſch und die— die Bowle— hört Ihr—“ „Aha, Kollege! Jetzt hat ſie Sie fort,“ brummte der Alte heraus—„jetzt ſchickt ſie die Mädchen hin⸗ aus, und ich weiß, was kommt— na, entſchuldigen Sie mich einen Augenblick, ich habe die Geſchichte 7 ſchon ſo oft gehört und will lieber unterdeſſen die Bowle beſorgen.“ Und er ging hinaus und ich war mit der red⸗ ſeligen Gans allein, die dicke Fetttropfen vor Freude ſchwitzte, mir eine hoͤchſt merkwürdige Geſchichte er⸗ zählen zu können. Aber für mich war dieſe Geſchichte intereſſanter, als ſie ſelbſt glauben mochte; vorher mußte ich hören, jetzt wollte ich hören, und das ändert den Eifer der Sprechenden gewaltig. Da ich vor Verlangen brannte, die Aufklärung von Verhält⸗ niſſen zu erhalten, die mir nicht gleichgültig waren, ſo endlich, die Feuerlinie ihres Geſprächs mit Gewalt mochte mir die Neugierde wohl aus den Augen blitzen; dieſer Umſtand zündete die ganze Leidenſchaft der Er⸗ zählenden an und ſie fuhr eilfertig fort: „Sie fragen mich, lieber Doktor, warum der Herzog nicht verheirathet iſt? Ei, wiſſen Sie denn nicht, daß er verheirathet war?“ „Nein, das weiß ich durchaus nicht— alſo er iſt Wittwer?“ „Wittwer? Ja, nein, wie man es nehmen will. Doch, mit einem Worte, die Wahrheit kann ich Ihnen ja doch nicht verbergen, denn ſage ich es Ihnen nicht, ſo ſagen es Ihnen zehn Andere, da will ich denn lieber diejenige ſein, die Sie einweiht. Alſo— er iſt nicht eigentlich Wittwer, denn er iſt von ſeiner Gemahlin — geſchieden.“ „Ah! Geſchieden!“ „Ja, leider, von einem Engel in Menſchengeſtalt. Sie ſind nur, drei Jahre verheirathet geweſen und eigentlich nur drei Wochen verbunden, denn der Herzog konnte ihr vieles Weinen nicht vertragen und verließ ſie daher ſehr bald.“ „Ihr vieles Weinen? Wie ſo denn das?“ „Ja, ſehen Sie, das iſt eben die unangenehme Geſchichte und hat den klatſchſüchtigen Weibern— Gott — 185— verdamme ſiene vielen Stoff zum Gewäſch geboten. Sehen Sie, ſie war eigentlich nicht, wie man es nennt, ebenbürtig, ſie war nur eine einfache Adlige, obwohl ſehr, ſehr ſchön, aber dabei blutarm. Darum hat er ſie ſich auch nur an, die linke Hand antrauen laſſen, und zwar faſt mit Gewalt, denn ſie wollte ihn nicht, ſie — ſie liebte einen Anderen. Sehen Sie, dieſer Andere war eben der Vorgänger meines Mannes, des Herzogs Freund und Leibarzt, ein Herr von Schellenberg, ein vornehmer, ſchöner, reicher, junger Mann; der liebte das Fräulein, die Emmeline von... ohne Wiſſen des Herzogs, und der Herzog liebte wieder das Fräulein ohne Wiſſen des Herrn von Schellenberg. Da kam nun eines Tages eine ſchöne Geſchichte zum Vorſchein. Der Herr von Schellenberg wollte den Herzog ermor⸗ den und überfiel ihn mit Dolch und Piſtole in ſeinem Zimmer; darauf wurde er flüchtig und verbannt, ſein Name an den Galgen geſchlagen und der Herzog ver⸗ fiel Jahre lang in eine außerordentliche Menſchenſcheu. Und eben in dieſer Periode wurde mein Mann ſein Arzt. Er wollte keinen jungen, ſchönen— ich will ſagen liebenswürdigen oder verführeriſchen mehr. Er wählte nur Männer von Gediegenheit, Würde und einem gewiſſen Alter zu ſeinem Umgang. Aber das Unglück mit der Dame war einmal geſchehen. Gleich .— 186— nach der Flucht des Herrn von Schallazberg wollte er ſie heirathen, aber ſie wollte ihn nicht und es dauerte beinahe ein Jahr, ehe ſie ſich auf Zureden ihrer Eltern dazu entſchloß. Er machte ſie zur Gräfin und ließ ſie ganz nach ihrem Wunſche auf ihrem Gute— ei,’ wie heißt es doch— wohnen, denn an den Hof kam ſie nie. Das gab denn viel Streit, viel Hader, viel Unglück. Da murrte das Land, da murrten die Mi⸗ A iſter, die Herren und das Volk— und, der Herzog war vielleicht anderer Meinung geworden, er trennte ſich von ihr.“ „Und wie— lebt ſie noch jetzt?“ „Gewiß lebt ſie noch, und wie ein Engel voll von Milde und Tugend lebt ſie— ach! ſie ſoll noch immer ſehr ſchön ſein— und das ganze Land liebt und ver⸗ ehrt ſie, denn ſie opfert ſich für das Wohl der Menſch⸗ heit und was ſie beſitzt, giebt ſie den Armen und Waiſen—“ „Und ihr erſter Geliebter— wo iſt der?“ „Ja, wo iſt er? Verſchollen! Man ſagt, im Kriege, in den er ſich aus Verzweiflung geſtürzt, ſei er geblieben— ob es wahr iſt, weiß ich nicht— aber ſehen Sie da, da kommt die Bowle und die lieben Kinder dazu— ſo, ſo— hierher, Thereschen!“— Und wir genoſſen den Nachtiſch und die Bowle und plauderten über Alles und Jedes bis Mitternacht. Da erſt gelang es mir, mich loszureißen und zu Hauſe meinen verworrenen Gedanken über das halb Wahre, halb Falſche des Vernommenen nachzuhängen. 4 VII. — Ein lohnender Ritt in die Berge. Ein Geklätſch, wie es im vorigen Kapitel beſchrieben iſt, hat immer Folgen, mag es auch ſo falſch ſein, wie es will. Wenigſtens ſetzt es das Blut in Gährung und treibt Blaſen im Gehirn auf, die nicht ſelten zu Handlungen führen, welche ohne daſſelbe nie geſchehen wären. Das wußte ich wohl und ich nahm mich in Acht. Was ich mir ſelbſt nach jenem erfahrungsreichen Abend vorredete oder brütend und grübelnd entwarf, mag dem Leſer für's Erſte noch verborgen bleiben; die wichtigen Ereigniſſe, die ſich meiner bald bemächtigten, werden es ohne mein Hinzuthun enthüllen. Augen⸗ blicklich hatte es nur die Folge für mich, daß ich, je feſter ich mein Herz verſchloß, um ſo weiter meine Ohren öffnete und den allgemeiner werdenden Flü ereien, die mir früher gleichgültig geweſen waͤren, volle Auf — 189— merkſamkeit ſchenkte. Da vernahm ich denn allerdings überall, wohin ich kam, Klagen über Gebrechen und Vorfälle, die, von Oben her drohend, das ganze Land aufwühlten und Jedermann Beſorgniſſe vor dunkel bevorſtehenden Ereigniſſen erweckten, Gebrechen und Vorfälle, die, ob wahr oder falſch, ſchon dadurch fühl⸗ bar in's Leben treten, daß man ſie als wirklich oder wenigſtens unausbleiblich wahrzunehmen glaubt. Das Publikum iſt von jeher und überall ein albernes, kin⸗ diſches Weſen voller Leichtgläubigkeit und Selbſtſucht geweſen und wird niemals vernünftiger werden. Es urtheilt ſelten nach dem Wirklichen und Geſchehenen, ſondern weit lieber nach dem Vermutheten und Einge⸗ bildeten. So ſagte man bald geradezu, der Herzog befinde ſich in den Händen einer Partei, die man ſchon damals mit dem auch jüngſt wieder beliebten Namen Kamarilla belegte, die ihn und demzufolge das Land in’'s Verderben ſtürzen würde, ohne daß man im Stande war, die Perſonen zu bezeichnen, aus denen dieſelbe beſtand, denn diejenigen, deren Namen man anführte, konnten unmöglich eine ſolche ſchlimme Ein⸗ wirkung hervorbringen, da es anerkannt bewährte und kluge Männer waren, denen das ganze Land ſeine Blüthe, ſeinen Reichthum und ſein Gedeihen in jederlei Art offenbar verdankte. Ich konnte in meiner damaligen — 190— Stellung noch nicht unter die geheimnißvolle Decke ſchauen, welche die Höflinge über das ganze Treiben des Hofes auszubreiten verſtehen, ich mußte für's Erſte nur glauben oder nicht glauben, was man mir ſagte, und bei meinem offenen, aller Geheimnißkrämerei abholden Weſen und meiner Hingebung an den Herzog, den ich zwar für fehlerhaft, wie alle Menſchen, aber nicht für ſchlecht und laſterhaft hielt, war ich nur zu geneigt, lieber gar nichts als Alles zu glauben, was ich hörte. Dennoch war meine Aufmerkſamkeit, wie geſagt, geweckt und ich ging von jetzt an Schritt vor Schritt mit allen neu auftauchenden Gerüchten. Der Winter von 1817 zu 1818 war herange⸗ kommen. Meine Lage war noch nicht die beſte. Doch erhielt ich mich ſo ziemlich von Woche zu Woche. Ich hatte einige Praxis in dem Stadtviertel erhalten, worin meine Wohnung lag, die ich wahrſcheinlich meiner Wirthin verdankte, und verdiente gerade ſo viel, als ich zu meinem einfachen Leben gebrauchte, aber auch nicht einen Groſchen mehr, ſo daß ich Alles, was man Vergnügen nennt, damals als für mich nicht vor⸗ handen betrachten konnte. So war ich faſt nur auf meine beiden Freunde und mein eigenes Haus be⸗ ſchränkt, und ſelbſt das Schauſpiel und die ſchöne Oper, welche ſeit dem October in Blüthe ſtanden, — 191— entwickelten ihre ganze Herrlichkeit, ohne daß ich den ſo lebhaft erſehnten Genuß derſelben mir ein einziges Mal gewähren durfte. Endlich aber hielt ich dieſe geiſtige Entſagung nicht mehr aus. Leibliche Ent⸗ behrungen, Hunger und Durſt allenfalls konnte ich er⸗ tragen, aber verbauern wollte ich nicht. Ich beſchloß alſo nach täglichem und hartem Kampfe, mich ge⸗ radezu meinem Freunde Lehmann anzuvertrauen, ihm meine ganze Lage zu eröffnen und ihn um augenblick⸗ liche Hülfe anzuſprechen. Es war dies für mich jeden⸗ falls ein trauriger und bisher noch nie in meinem Leben unternommener Schritt, und wer darin irgend eine Erfahrung gemacht hat, weiß, wie bitter dieſelbe iſt, ohne daß ich ihm meine beſondere Empfindung in dieſer Lage genauer auszumalen brauche. Es war ein kalter aber ſonniger Decemberſonntag, an dem ich mein Vorhaben auszuführen beſchloß, denn ich ſpeiſte an dieſem Tage bei meinem Freunde. Vor Tiſche ging ich noch ein wenig ſpazieren und hatte dabei das Unglück, der Frau Geheimräthin Söm⸗ mering zu begegnen, die ihre Töchter zur Schau ſpazieren führte, wie eine Henne, ſtolz auf die reiche Nachkommenſchaft, ihre Küchlein den fremden Hähnen zeigt. Ich war nicht wieder im Hauſe des Herrn Kollegen geweſen, weil ich ſeinem Rathe kein Ohr zu — 192— leihen gedachte und mir die Auseinanderſetzung ſeiner Baſis noch zu lebhaft im Gedächtniß geblieben war, als daß ich nach einer ähnlichen Belehrung ſchon wieder Bedürfniß fühlen ſollte. Hier aber konnte ich ſeiner Gemahlin nicht ausweichen, denn ſchon von Weitem ſah ich ihre lächelnde Miene, welche deutlich Zufriedenheit verrieth, daß ich ihr gerade in das Netz lief, welches ſie über mich zu werfen nun einmal ent⸗ ſchloſſen ſchien. Ich zog alſo meinen Hut und ſprach einige hergebrachte Worte zu ihrer Begrüßung. „Ei, Sie ungetreuer Ritter, guten Morgen!“ rief ſie mit einer ſo laut krähenden Stimme, daß alle Hähne und Hennen auf der Promenade zu uns hingelockt wurden und mich wie einen ausländiſchen Puter anglotzten.„Nun, das muß ich geſtehen, das iſt eine eben ſo ſeltene, wie angenehme Begegnung, Sie ſind doch nicht krank geweſen? Warum machen Sie ſich denn ſo abſichtlich unſichtbar— ich dachte, ich glaubte, ich hoffte ſchon— Thereschen, komm auf dieſe Seite— ſo, nun ſagen Sie mir doch, wie geht es Ihnen denn?“ Ich wollte eben einige Worte erwiedern, als alle Spaziergänger um uns her ſtehen blieben und ſich umſchauten. Man hatte den Wagen des Herzogs von ferne erblickt, der den ſonnigen Morgen benutzte, ſich — 193— ein wenig ſpazieren rollen zu laſſen. Er kam ſchnell heran; wir blieben wie die Uebrigen ſtehen und ich zog ehrerbietig meinen Hut. Mit ſeinem Falkenauge, das er immer noch hatte, wenn er es haben wollte, hatte er mich und die Gruppe um mich herum ſogleich erfaßt. Und als er wieder grüßte, lächelte er bedeut⸗ ungsvoll, was mir um ſo weniger entging, da ſich einige Augen an meiner Seite befanden, die der liebe Gott zu meinem Beiſtand in dieſem Punkte heute ge⸗ ſchickt zu haben ſchien. Denn kaum war er vorübergefahren, ſo wandte ſich die Geheimräthin triumphirend zu mir um.„Haben Sie geſehen,“ ſagte ſie,„Seine Durchlaucht haben uns ſehr huldvoll angelächelt. Aha! Und ich weiß, warum? Er freut ſich, Sie bei uns zu ſehen, denn er hat meine Kinder lieb und würde ſehr gern ſehen, wenn— wenn—“ „Burrrr!“ machte eine tiefe Stimme neben uns und ſiehe da! der Herr Geheimrath ſelber war unbe⸗ merkt hinter uns hergeſchritten. Wir begrüßten uns und ſetzten den Spaziergang plaudernd fort, wobei ich ſo glücklich oder ſo unglücklich war, eine neue Ein⸗ ladung zum Abend zu erhalten. Da ich nicht anders ausweichen konnte, ſo ſagte ich geradezu, ich hätte mit Fritz Stilling. III. 43 A — 194— einem Freunde die Verabredung getroffen, uns heute Abend im Theater zuſammen zu finden. „Nun, das trifft ſich ja wunderſchön,“ ſagte meine runde Gans, die unzertrennlich an meiner Seite blieb, „wir gehen auch in's Theater, da ſehen wir uns und nachher— kommen Sie mit zu uns.“ Alſo ich war wieder gefangen, ich ſollte durchaus wieder Bowle trinken und Marie, Agnes und Thereſe preiſen hören. Punkt ein Uhr aber, ſo verlangte es der Ton der Reſidenz, war die öffentliche Promenade zu Ende und Alles beeilte ſich, nach Hauſe zu fliegen und ſich an der bereit ſtehenden warmen Suppe zu laben. Und der Gott der Zeit hatte heute Erbarmen mit mir, denn eben ließ er dieſe wichtige Stunde laut erſchallen. Ich empfahl mich alſo und ſtieg mit einem etwas beklom⸗ nonen Herzen die Treppe zu meinem Freunde hinauf, dem ich jenen bewußten Vortrag zu halten beſchloſſen hatte. Allein, ich war vergebens beklommen geweſen, denn ich ſollte wieder die Erfahrung machen, daß mein altes Glück mich noch nicht ganz verlaſſen habe. Es half mir heute beſſer, als ich ihm zugemuthet. Denn kaum ſaßen wir an dem gaſtlichen Tiſch, das weiße Röschen uns beiden gegenüber, da fragte mich mein Freund:„Aber ſo ſage mir um Gottes willen, Fritz, — 195— willſt Du Dein Leben als Einſiedler beſchließen? Man ſieht Dich ja nirgends. Wo ſteckſt Du denn alle Abende? Ich habe Dich ſtets im Theater geſucht und niemals gefunden. Haſt Du den Geſchmack daran verloren?“ „Im Gegentheil, mein Lieber, ich ginge gern hin, aber ich kann nicht.“— „Du kannſt nicht? Und warum nicht?“ „Warum? Ei, das iſt mein Geheimniß.“ „Haſt Du für mich eins— das iſt mir neu— heraus damit; gieß' ihm ein, Röschen, löſe die ſchweréh Zunge.“ Wir ließen die Gläſer an einander klingen und leerten ſie. Mir wurde ſchon etwas leichter zu Muthe; der halbe Weg ſchien bereits zurückgelegt. Bald aber ſollte ich unvermuthet am Ziele ſein. Denn mein ſcharfſichtiger Freund fing ſchon an, mein Geheimniß zu durchdringen. 4 „Höre mal,“ ſagte er mit ſeiner alten Herzlich⸗ keit,„Du kommſt mir ſeit langer Zeit etwas bedrückt vor— laß uns wie zwei alte Freunde mit einander reden. Sieh, Röschen und ich ſind nur eine Seele — alſo ſprich, was fehlt Dir und warum beſuchſt Du das Schauſpiel nicht?“ „Mit einem Wort, mein lieber Freund, wenn Du es denn durchaus hören willſt— mein geringer Erwerb 13* . - 196— durch ärztliche Praxis geſtattet mir ein 1 koſtbares Leben nicht.“ „Ah! Wäre es möglich! Und ich weiß davon nichts? Das betrübt mich in Wahrheit. Höre mal, ich bin ſeit acht Tagen etwas leidend. Komm doch nachher in mein Zimmer und unterſuche meinen Zu⸗ ſtand. Ich muß um Deinen ärztlichen Rath bitten. Bis jetzt ſind wir immer geſund geweſen, nun aber, glaube ich, fängt das Leiden an.“ Und wir verſtanden ihn beide; Röschen klatſchte vor Freuden in die Hände und ſprang auf, ihren Mann zum Troſt für ſein Leiden zu küſſen; ich ſchaute nach⸗ denklich auf meinen Teller. Noch beſſer aber verſtand ich ihn eine Stunde ſpäter, nachdem er mir in ſeinem Geſchäftszimmer die Mittheilung ſeines Leidens ge⸗ macht. Ich hatte ihm ein Recept verſchrieben und er hatte mir daſſelbe gethan. Von dieſem Tage an hörte wenigſtens mein Leiden nach der einen Richtung auf und ich beſuchte das Theater nach Herzensluſt. Und wie das Unglück nie allein kommt, ſo hat auch das Glück oft ſeinen Begleiter auf den Ferſen. Am nächſten Morgen— die Bowle war glücklich über⸗ ſtanden und die Küchlein hatten ihre Schuldigkeit ge⸗ than— beſuchte mich Otto von Noringen. Er ſchien etwas trübe geſtimmt und ſprach ſehr wenig. Da ich — 197— mich ſelbſt nicht allzu geneigt zum Plaudern fühlte, denn mein neues Glück hatte noch nicht ganz mein altes Unglück aus der Erinnerung verwiſcht, drang ich eben nicht lebhaft in ihn. Endlich aber ſagte er ſeuf⸗ zend:„Höre, Fritz, ich muß Dir etwas ſagen. Eigent⸗ lich ſchickt mich mein Vater heute zu Dir. Du biſt ein ſeltener Gaſt bei uns geworden und lebſt wie ein Eremit. Warum zeigſt Du Dich nicht öfter? Warum beſuchſt Du keine Geſellſchaften? Das taugt für einen jungen Arzt nicht. Ueberhaupt machſt Du Dich als ſolcher zu wenig bemerklich. Warum zum Beiſpiel ſchaffſt Du Dir nicht ein Pferd an? Ein Pferd macht oft den Mann bemerklich, der darauf ſitzt. Schon des⸗ halb mußt Du Dir eins zulegen.“ „Sehr ſchön geſagt, mein Freund. Aber ein Pferd wächſt mir nicht im Stall von ſelbſt und frißt außerdem Hafer und Heu.“ „ Aha, ich verſtehe Dich. Weiter wollte ich nichts wiſſen. Guten Morgen. Halt, um es nicht zu ver⸗ geſſen, Du ſollſt morgen eine Suppe bei uns eſſen.“ Und ich erſchien, um dieſe Suppe zu eſſen. Nach Tiſche— es dämmerte ſchon der nahende Abend herauf ſchlug man noch einen Spazierritt vor. Ich ſtimmte ein. Ein Diener meldete, die Pferde ſtänden bereit. Auf dem Hofe, in den wir hinabſtiegen, ſtanden drei — 198— ſchöne, geſattelte Pferde. Mir wurde ein prächtiger Schimmel zugewieſen. Er erinnerte mich an meinen muſikaliſchen Schimmel, den ich im Kriege geritten und ich gab unterwegs mein Mißgeſchick beim erſten Ritte zum Beſten. „Wenn Sie dieſe Erinnerung an jenes Pferd er⸗ freut,“ beantwortete Otto's Vater meine Erzählung, „ſo behalten Sie den Schimmel, den Sie da reiten, zum Andenken an dieſen Krieg— Still! Kein Wort! Bei Ihnen muß man handeln, ohne zu fragen.“ All' mein Sträuben, mein beſcheidenes Ablehnen war vergeblich. Ich hatte und behielt den Schimmel. Und am nächſten Morgen kam dazu ein großer Wagen voll Hafer und Heu in meinen Hof gerollt, worüber meine Wirthin große Augen machte, beinahe ſo groß wie ich ſelber. Aber die Sache war geſchehen und ich mußte mich in mein Schickſal fügen, was mir unter den gegebenen Verhältniſſen nicht allzu ſchwer wurde. Jetzt aber begann ein neues und friſches Leben für mich. Ich fing wirklich an, mich bemerklich zu machen. Keinen Nachmittag ließ ich verſtreichen, ohne mich auf den Rücken meines herrlichen Pferdes zu ſetzen und das Geſchenk der Freundſchaft würdig zu benutzen. Ich war, Otto wußte es wohl, ein Freund vom ſchnellen Reiten geworden und liebte es, mit ver⸗ 1 — 199— hängtem Zügel von Ort zu Ort zu eilen, um die Welt raſch von allen Seiten zu erfaſſen. Dieſe Neigung hatte er auch vor Augen gehabt, als er ſeinem Vater dieſes edle Thier für mich auswählen half, welches noch dazu früher ſein eigenes Leibroß geweſen war. Es war feurig, flüchtig wie der Wind, ausdauernd und dabei ſo gefügig, daß mich eine unbeſchreibliche Wonne anwandelte, wenn es mich auf ſeinem ſtolzen Rücken dahintrug. Die ganze ſchöne Umgegend der Reſidenz durchflog ich ſo zu wiederholten Malen, denn ich wollte Alles genan kennen lernen. Bald aber wa⸗ ren in der Nähe alle Winkel durchforſcht, ſo daß ich mich auf weitere Ausflüge vorbereitete. Zuletzt drang ich meilenweit in das Land, denn auch die weitere Ferne lockte mich unwiderſtehlich an. Oft begleitete mich Otto auf dieſen Ritten, wenn es ſein Dienſt beim Herzog erlaubte, oft aber auch ritt ich allein und die⸗ ſes Alleinſein in der großartig ſchönen Natur wurde mir in kurzer Zeit eben ſo ſehr ein Bedürfniß, wie eine reichſtrömende Quelle früher ungeahnter Reize. Und war mir das ſchon ein Vergnügen im Winter ge⸗ weſen, wo ſelbſt die bitterſte Kälte mich meiner Ge⸗ wohnheit nicht abwendig machte, wie mußte es mir nicht im Frühling behagen, als die rauhen Winde ver⸗ flogen, die ſchwellenden Knospen hervorbrachen und die — 200— laue, ſüße Luft das Blut wieder fröhlicher hüpfen ließ. Wie war ich ſo ſelig in dieſen Tagen des erwachenden jungen Jahres. Ich fühlte mich lebhaft in meine erſten genußreichen Frühlinge in der Umgebung des alten Kloſters am Rhein zurückverſetzt. Da hatte ich auch einen Begleiter, der mich das Leben ſüß und doch ſo kräftig empfinden ließ. Aber ach! wo mochte er jetzt ſein? Wenn er wieder einmal an meiner Seite wäre, welches Glück, welche Luſt! Doch ſtill, ſtilll— Das iſt vorbei, Alles vorbei— hierher kommt er nie wie⸗ der!— Und ich drückte mit Gewalt meine ſtürmiſch aufwallenden Gefühle in den Hintergrund meiner Seele zurück, und um ſie auf andere Dinge hinzuleiten und mich dadurch zu beruhigen, wandte ich meinen Blick fauf die herrliche Natur, die mir dieſes Jahr viel ſchö⸗ ner und blüthenreicher vorkam als ſonſt. Und das iſt eine merkwürdige Erſcheinung. Je älter wir werden, um ſo mehr entzückt uns das junge, aufblühende Jahr. Selbſt das Grün der Bäume und Sträucher ſcheint uns immer ſaftiger, reicher zu werden; das Aufbrechen der Blumen, das Keimen der Saat beobachten wir genauer, die goldene Aehre dünkt uns viel ſtrotzender, wir prüfen Alles und Jedes, als hätten wir es noch nie genoſſen und könnten unſere Sinne nicht genug daran ſättigen. Iſt das eine unbewußte Ahnung, daß 3 * — 201— wir älter werden und daß allmälig die Zeit naht, wo dieſer Frühling kein Frühling mehr für uns iſt? Oder ſpricht dieſe junge Natur wirklich lebendiger, kräftiger zu unſerem gereifteren Alter, bringt ſie uns verſtänd⸗ lichere Botſchaft von dem allgütigen Vater an deſſen Herrlichkeit und Geheimniß wir alle Tage näher heran treten? Mag es ſein, was es vill, es iſt aber ſo.— Auch ich hatte damals die köſtliche Empfindung, als ob ich jenen meinen jüngſten Frühling mit noch nie erlebtem Freudengefühl genoß. Ich hielt es kaum bis zum Mittag in der Stadt aus, der Drang nach freier Luft wurde faſt zur Sehnſucht in mir. O! und mir ging das Herz da draußen ſo weit auf, als ich die Thäler, die Berge, die Felſen des ſchönen Landes ſah, als ich die grünenden Auen durchjagte, als ich die balſamiſchen Wälder langſam im Schritt durchdrang, die ſich in mannichfachem Wechſel an Berge und Thäler ſchloſſen und Alles ringsum wie ein großes natürliches Gehege umkreiſten. Wie glücklich könnte der Mann ſein, dachte ich oft, der dies herrliche Stück Erde ſein nennt, wenn, wenn— ja wenn!— Wie glücklich könnten wir Alle ſein, wenn wir ein ſolches Wenn nicht auch als undurchdringbare Schranke vor unſerem Willen, vor unſeren Neigungen und Wünſchen hätten! Ach ja wohl, wir können das Alle!— — 202— Es war ein herrlicher Maientag. Ich hatte mein Pferd vor mein Speiſehaus führen laſſen und ritt un⸗ mittelbar nach Tiſche ab, denn ich beabſichtigte heute einen weiten Weg zurückzulegen. In einer Richtung war ich nämlich noch nie weiter, als etwa eine Meile vorgedrungen und doch hatte man mir geſagt, daß gerade in dieſer, etwa in doppelter Entfernung, die ſchönſte Gegend im ganzen Lande zu finden ſei. Da⸗ hin wollte ich denn heute. Langſam ritt ich zur Stadt hinaus; vor dem Thore angekommen, ſetzte ich mein Pferd in Trab und hatte auf dieſe Weiſe bald eine kleine Meile zurückgelegt. Nun wurde mir die Gegend unbekannt und, meine Neugierde zu befriedigen, ritt ich wieder im Schritt voran, denn je weiter ich kam, um ſo lieblicher und romantiſcher wurde Alles um mich her. Ich hatte ſchon die erſte kleinere Bergkette durch⸗ brochen und eilte der zweiten höheren zu, jenſeits wel⸗ cher die Grenzmarken unſeres und des benachbarten Fürſtenthums lagen. Wellenförmig auf⸗ und nieder⸗ ſteigende Saatfelder, alle wohl beſtellt, breiteten ſich Anfangs zu beiden Seiten des hügeligen Weges aus, links und rechts vor mir in der Ferne tauchten düſtere Tannenwälder auf, dann und wann mit ſchattigen Buchen und Eichen untermiſcht, die in vollſter Friſche und Fülle prangten. Allmälig kam ich ihnen näher. — 203— Da hatte ich den kleinen Fluß vor mir, der auch an meinem Gärtchen vorüber rauſchte und hier plötzlich aus einer tiefen Schlucht zum Vorſchein kam, um ſich bald darauf in Schlangenwindungen wieder im Dunkel der Berge zu verlieren. Ich überſchritt ihn auf einer allerliebſten Brücke von friſchem Birkenholz. Kaum war ich hinüber und wandte mich rechts in den Buchen⸗ wald, da änderte ſich wie durch einen Zauberſchlag der ganze Charakter der Gegend. Blöcke von röthlichem Geſtein, hier und da unter den Bäumen umhergeſtreut und mit Moos und Farrenkräutern überwachſen, ver⸗ kündeten ſchon die Nähe des felſigeren Gebirges, und als ich, dem Zufall meine Führung überlaſſend, mich zwiſchen den Buchen den Berg hinauf arbeitete, ge⸗ langte ich plötzlich in einen Wald von Edeltannen, der meine Gedanken augenblicklich in jene Zeiten und Drte zurückverſetzte, wo Maximilian an meiner Seite gewandelt war. Betroffen hielt ich mein ſchnaubendes Pferd an und blickte mich um. Meine Ungeduld, immer vor⸗ wärts zu kommen, hatte mich zu weit in die Höhe geführt; hinauf war ich zwar glücklich gelangt, hinab zu reiten aber boten ſich größere Schwierigkeiten dar. Ich ſprang aus dem Sattel und führte mein Pferd behutſam den glatten Abhang wieder hinunter, um ⅓ — 204— eine bequemere Stelle zum Durchreiten der Berge zu finden. Aber immer tiefer kam ich in das Dickicht und ſchon entſchloß ich mich zum unmittelbaren Rück⸗ zug, als ich Menſchenſtimmen zu hören glaubte und dieſen zuerſt nachzugehen mich entſchloß. Und ich hatte mich nicht getäuſcht; immer lauter drang der vernom⸗ mene Ton durch die Gebüſche und endlich unterſchied ich deutlich das klagende Jammergeſchrei eines Kindes. Lautlos ſtand ich und horchte auf, nur das Schnup⸗ pern meines Pferdes und laute Athmen ſeiner weiten „Lungen war in meiner Nähe zu hören. Da ſchlugen jene klagenden Töne ſtärker an mein Ohr und ich vernahm jetzt auch den Schall einer älteren Stimme, als wenn ein Hülfsbedürftiger in der Ferne um Bei⸗ ſtand riefe. Da hielt ich mich nicht länger mehr auf, ich begegnete dem Ruf mit meiner lauten Stimme, indem ich rief:„Geduld, Geduld, ich komme!“ Und raſch zog ich mein Pferd am Zügel hinter mir her und durchbrach zuletzt faſt mit Gewalt die mir entgegenſtrebenden Zweige des Tannengehölzes. Da ſah ich denn plötzlich ein rührendes Bild vor mir. Am Abhange eines ſteilen Felsſtückes ſtand ein junges Mädchen zur Erde gebückt, bemüht, ein auf dem Boden liegendes Kind von acht bis neun Jahren außzurichten. Die Kleine war gefallen und hatte ſich beſchädigt. Kaum aber war ich in die Nähe der Gruppe gelangt, ſo ſchien ich ſelbſt mehr der Gegenſtand der Forſchung des älteren Mädchens geworden zu ſein, als ſie es für mich war. Denn ſie ſtarrte bald mich, bald das Pferd an, das ich am Zügel hinter mir her zog. Aber wie ſah dieſes Mädchen, oder vielmehr dieſe junge Dame aus? Es war ein reizendes Geſchöpf. Groß, ſchlank, von klarem, engelgleichem Geſicht, welches dunkle, halb aufgelöſte Locken dicht und voll umrin⸗ gelten. Sie war in ein leichtes, ſeidenes Gewand gekleidet und hatte um die entblößten wachsbleichen Schultern nur ein leichtes Tuch von geſprenkeltem Sammet geſchlungen. Einen kleinen Strohhut mit grünem Schleier hielt ſie in der Hand. Ich war noch im Anſchauen dieſer ſo unerwarteten Schönheit ver⸗ loren, als ſie mich ſchon mit rührend lieblicher Stimme anſprach.„Mein Herr,“ ſagte ſie,„wer Sie auch ſind, Sie ſcheinen mir von Gott geſandt. Dieſes arme Kind iſt jenen Fels heruntergeſtürzt und ich ſtehe hier ſchon ſeit einer halben Stunde, beklommen und rathlos, wie ich es nach Hauſe ſchaffen ſoll.“ Mein Auge fiel auf das Kind am Boden, welches nicht mehr ſchrie, als es die nahe Hülfe ſah.„Weſſen iſt das Kind?“ fragte ich, da ich nicht fragen konnte, wer die Führerin deſſelben ſei? — 206— „Ach, es iſt eine von meiner Mutter erzogene arme Waiſe, die da unten am Fuße der Felſen wohnt und mich vielleicht mit Vorwürfen überſchüttet, die ich nicht verſchulde.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Fräulein, ich über⸗ nehme Ihre Vertheidigung, und nun wollen wir ſehen, was dem Kinde geſchehen iſt, denn ich bin zufällig ein Arzt.“ „Ein Arzt? Ach, dann ſind Sie mir doppelt von Gott geſchickt!“— Während ſie das mit rührender Stimme und ge⸗ falteten Händen ſprach, hatte ich mein Pferd an einen Baum gebunden, mich zu dem Kinde herabgebückt und den Zuſtand deſſelben überflogen. Leider überzeugte ich mich ſehr bald, daß der rechte Schenkel des Kindes oberhalb des Kniees gebrochen war. Ich theilte dieſes Ergebniß meiner Unterſuchung der jungen Dame nicht mit, ſondern erbot mich nur, das Kind ſelbſt in ihrer Mutter Wohnung zu tragen, was ſie auch zu wünſchen ſchien; denn ſie nahm ſogleich mein Anerbieten dankbar an und, indem ſie ſelbſt den Zügel meines Pferdes vom Baume löſte, ſagte, ſie mit wehmüthiger Stimme: „Nehmen Sie das Kind, ich nehme das Pferd.“ „Fürchten Sie ſich denn nicht vor dem Thiere?“ 9 — 207— „Nein, nein, ich verſtehe mit Pferden umzugehen — eilen Sie nur und folgen Sie mir, ich werde Sie den nächſten Weg führen.“ Ich nahm das wieder ſchreiende Kind ſo geſchickt und ſanft wie möglich auf meine beiden Arme und trug es, Anfangs mit Leichtigkeit, bald aber mit Mühe der davon eilenden Dame nach, bis ich zuletzt nur mit der größten Anſtrengung mich fortbewegen konnte, denn die Laſt wurde immer ſchwerer, je mehr meine Kräfte abnahmen, und der Weg war in Anbetracht der nöthigen Vorſicht uneben und lang. Wohin ich geführt wurde, ſah ich kaum, denn ich hielt meine Augen faſt nur auf meine Kranke gerichtet, deren Schmerzen ich mit allen möglichen Troſtgründen zu beſchwichtigen verſuchte. Endlich aber war das Ende unſerer Beſchwerden gekommen, ich ſah unſer Ziel vor mir. Mitten zwiſchen zwei Felſen, die an dieſer Stelle weit durchbrochen waren und im freien Hintergkunde ein kleines, zwiſchen Gebüſch verſtecktes Dorf ſehen ließen, ſtand dicht an dem durch die Felſenſpalte ſich ringelnden kleinen Fluſſe ein reizendes Landhaus, in halb ſchweizeriſchem, halb italieniſchem Geſchmack er⸗ baut. Durch einen prachtvollen Blumengarten ſchlüpf⸗ ten wir eilig dahin, traten in eine noch wenig beſchat⸗ tete Veranda und trafen hier eine ältere Dame, die * — 208— uns haſtig entgegengelaufen kam, als ſie uns in ſo ſonderbarem Aufzuge einher ziehen ſah. Mit wenigen Worten wurde ihr einige Aufklärung gegeben, und ohne mich viel um meine glänzende Umgebung zu beküm⸗ mern, that ich nur meine Pflicht an dem mir anver⸗ trauten Kinde. Sogleich wurde mir ein koſtbares Lager angewieſen, worauf ich es ſanft niederlegte. In dieſer angenehmen Lage erſt beruhigte ſich die kleine Patientin vollſtändig und, die Hände faltend und die unſchul⸗ digen Augen bittend gegen die Dame auſſchlagend, ſagte ſie:„Frau Gräfin— ich kann nicht dafür!“ In einer Viertelſtunde war ich mit meiner nächſten Arbeit zu Stande gekommen und ich ſtand da und ſchaute auf mein Werk, den Schweiß abtrocknend, der mir in großen Tropfen von der Stirn rieſelte. Jetzt erſt erhielt die ältere Dame volle Aufklärung über das Vorgefallene. Ich ſetzte mich in einem Nebenzimmer nieder, wo⸗ hin ich zu treten eingeladen war und ruhte mich aus. Mir wurden Erfriſchungen und Wein dargeboten, von denen ich ſchweigend genoß. Ich war mit der Mutter der jungen Dame, die, jetzt erſt von ihrer Aufregung ermannt, weinend das Zimmer verlaſſen hatie, a allein und ſchaute dieſe an. — 209— „Wen habe ich die Ehre vor mir zu ſehen?“ fragte ich. „Ich bin die Gräfin Brandſtein, jenes iſt meine Tochter, und das verwundete Kind eins meiner Pfleg⸗ linge.“ „So will ich Ihnen ſagen, gnädigſte Frau, wer ich bin.“ Und ich nannte meinen Namen und meinen Wohnort, ſo wie den Zufall, der mich in die Nähe ihres Landſitzes geführt. Die Gräfin ſchaute mich fragend und, wie es ſchien, mit einem halb ungewiſſen, halb zweifelhaften Blicke an, ſprach aber kein Wort. Eben ſo wenig ich, denn ich hatte viel zu ſehen und vielleicht noch mehr zu denken. Selten habe ich eine vollkommenere Schönheit vor Augen gehabt, als die, welche jetzt vor mir ſtand. Sie war, wie ich ſpäter erfuhr, neun und dreißig Jahre alt, ſah aber um zehn Jahre jünger aus. Von Wuchs hoch, voll und gebieteriſch, war doch ihre ganze Erſcheinung mild und herablaſſend. Ihr Haar war dunkel, noch dunkler als das ihrer Tochter, ihre Geſichtsfarbe aber bleich wie glanzloſe Perlmutter. Ihre Augen ſanftblau, ihre Brauen voll und ſchön geſchweift, ihre Lippen zart aber innig belebt. Der Ausdruck dieſes ſchönen Geſichtes aber war hinreißend. SFritz Stilling. IlI. 14 — 210— Eine unendliche Trauer verbreitete ſich, allmälig von der wolkenloſen Stirn beginnend, über ihre Augen bis zum Munde und hüllte das ganze wunderbare Geſicht wie in einen halbdurchſichtigen Schleier von Wehmuth und Milde ein. Alſo dieſe Bruſt hatte Schmerzen empfunden, das las ich auf den erſten Blick. Schon hierdurch allein wurde meine ganze Theilnahme rege. Wir ſprachen wenig mit einander und nur über den traurigen Vorfall des Tages, worüber ich ſo gut tröſtete, wie ich es vermochte; aber ihre Augen ſprachen bei Weitem mehr, ſie hefteten ſich mit einer deutlich wahrnehmbaren Scheu, beinahe mit Aengſtlichkeit auf mich, wie ich die meinen ſelbſt, voller Verwunderung, von ihrem Antlitze nicht losreißen konnte. „Ich wende mich in der Regel an einen Arzt,“ ſagte ſie endlich,„der jenſeits jenes Dorfes in der nächſten Stadt des benachbarten Landes wohnt, denn die Aerzte in der Reſidenz ſind zu weit von uns ent⸗ fernt—“. „Befürchten Sie nicht, daß ich Ihrer Neigung entgegentreten werde,“ ergänzte ich,„ich werde das Kind Ihrem Arzte gern überlaſſen.“ „Das habe ich nicht ſagen wollen, mein Herr; im Gegentheil, ich werde dankbar ſein, wenn Sie uns — 211— die Ehre Ihres Beſuches ferner ſchenken wollen, allein Sie haben Mühe von dem weiten Wege.“ „Nicht die geringſte. Ich reite zu meinem Ver⸗ gnügen alle Tage meilenweit und bin wenig durch an⸗ dere Geſchäfte behindert. Wollen Sie mich wieder⸗ ſehen, ſo befehlen Sie, wo nicht, ſo werde ich willig gehorchen.“ Die Dame ſchwieg wieder einen Augenblick, als ginge ſie im Stillen mit ſich zu Rathe.„Es iſt gut,“ ſagte ſie darauf mit einer freundlichen Verneigung, „kommen Sie, ja, kommen Sie, aber nur eine Bitte erfüllen Sie mir dabei.“ „Alle, die Sie mir vorzutragen die Güte haben werden.“ „Ich habe nur dieſe eine. Sprechen Sie gegen Niemanden über dieſen Unglücksfall— erregen Sie auf keine Weiſe die Neugierde der Städter— lenken Sie nicht ihre Aufmerkſamkeit auf mich; überhaupt er⸗ zählen Sie Niemandem, wo Sie heute geweſen ſind und wen Sie getroffen haben. Ich liebe die Einſam⸗ keit und das Schweigen, ſelbſt in Bezug auf die Theil⸗ nahme der Menſchen.“ Miin Herz bebte, ich verſprach aber Alles. Eine halbe Stunde ſpäter ritt ich langſam und nachdenklich auf einem ebeneren und kürzeren Wege der Stadt zu. 14* — 212— Am nächſten Tage wollte mich Otto von Noringen auf meinem Spazierritte begleiten. Ich lehnte es freundlich ab und bat ihn, mich allein meinen Ritt beendigen zu laſſen, Geſchäfte eigener Art vorſchützend. Sogleich ſtand er von ſeinem Vorhaben ab und ich ſah ihn zu einem anderen Thore hinausreiten. Nachmittags um drei Uhr war ich mit den noth⸗ wendigen Verbandſtücken ſchon wieder in Brandſtein — ſo hieß das Gut der Gräfin ſelbſt. Ich wurde mit unverholener Freude empfangen. Der kleinen Kranken ging es den Umſtänden gemäß erträglich. Ich hielt mich etwa nur eine Stunde auf und ver⸗ ſprach, am nächſten Tage wieder an Ort und Stelle zu ſein. Sonſt wurde nichts Bedeutendes geſprochen. Nur, als ich Abſchied nahm, fiel mir eine Frage auf. Die Gräfin, mich bis zur Veranda begleitend, ſah mein Pferd, welches ein Diener am Zügel hielt, und fragte ſanft aber doch mit erkennbarem Nachdruck; „Noch Eins, Herr Doktor! Wie kommen Sie zu dem ſchönen Pferde dort?“ „Zu dem Schimmel? Er iſt ein Geſchenk meines Freundes, oder vielmehr des Vaters meines Freundes.“ „Ihres Freundes? Darf ich wiſſen, wie er heißt?“ „Ich habe keinen Grund, ſeinen Namen zu ver⸗ — 213— ſchweigen, es iſt der Lieutenant Otto von Noringen, Adjutant des Herrn Herzogs—“ „So, ſo!“ ſagte ſie dann und betrachtete mich mit noch größerer Verwunderung als vorher, die aber mit ungewöhnlicher wenn gleich zurückgehaltener Herz⸗ lichkeit verbunden war. „Und haben Sie Wort gehalten in Bezug auf meine Bitte?“ fuhr ſie fort. „Mein Freund Otto von Noringen ſelbſt hat keine Ahnung von dem geſtrigen Vorfall und meinem Hierſein.“ „Ich glaube Ihnen— Sie ſehen danach aus. Auch danke ich Ihnen— bis morgen alſo! Leben Sie wohl!“— Ich ritt heute noch langſamer und nachdenklicher fort, als geſtern. Heute beſchäftigten mich zwei Dinge. Einmal die Mutter und dann die Tochter, die ich heute länger und bei größerer Gemüthsruhe betrachtet hatte. Das Schickſal der Mutter erregte an und für ſich ſchon meine innigſte Theilnahme, denn ihre Bruſt barg unzweifelhaft die Löſung eines mir noch unbekannten . ſchweren Geheimniſſes; aber die Tochter, woran erin⸗ nerte mich die? Mit einem Worte, an zwei Menſchen, die mir auf meinem ſonderbaren Lebenswege begegnet und beide von gleich großer Bedeutung für mich waren. Körper und Geiſt, dieſe beiden ſich ſo entgegengeſetzten und doch ſo eng verbundenen Pole, trugen in ihrem Weſen ein verſchiedenes und doch im Ganzen überein⸗ ſtimmendes Gepräge, deſſen Grund in einer Wechſel⸗ wirkung von Perſonen und Verhältniſſen lag, die ich mir pſychologiſch recht wohl erklären konnte, wogegen auch weder die Wiſſenſchaft noch die Erfahrung ſprach. Denn ſo groß die Aehnlichkeit der Tochter mit der Mutter in Bezug auf die Schönheit und die allgemeine Ausbildung ihrer Formen war, ſo erinnerte ſie mich doch in einzelnen leichten und nur bisweilen gleichſam in Wolkengeſtalt vorüberſchwebenden, dämmerartigen Lichtblitzen zu gleicher Zeit an jene beiden Männer. So hatte ſie zwar die Form des Kopfes, die Stirn, den Mund, überhaupt mehr die körperlichen Züge des Fürſten, dabei aber auch die unnachahmlich ſtolze Grazie, den lebhaften Ausdruck der feuerſprühenden Augen, den überredenden Zug um die Lippen, und vor allen Dingen die ſtolzedlen Bewegungen, glſo mehr das geiſtige Mienen⸗ und Geberdenſpiel meines un⸗ vergeßlichen Freundes Maximilian.— In der That! Ich konnte es mir nicht länger verhehlen, meine neue Bekanntſchaft hatte mich in ein Labyrinth von Vermuthungen gelockt, die noch an demſelben Abend vollſtändig gelöſt und gerechtfertigt werden ſollten. Zum erſten Mal ging ich aus freien Stücken und mehr aus Theilnahme als aus Neugierde an dem Schickſal mir ſo theurer Perſonen, zur Ge⸗ heimräthin Sömmering. Ich traf ſie glücklicherweiſe allein; ihr Mann und ihre Töchter waren in eine Ge⸗ ſellſchaft gegangen, ſie ſelbſt aber war wegen einer leichten Unpäßlichkeit zu Hauſe geblieben. Von ihr erfuhr ich ſehr bald, ohne irgend eine verrätheriſche Andeutung zu machen, auf meine ſcheinbar zufällige Frage nach der Gräfin Brandſtein, daß dieſelbe die frühere Gemahlin und Thekla ihre und des Herzogs Tochter ſei. Die Zeit ſchritt unaufhaltſam vor, mit ihr meine unausgeſetzten Beſuche in Brandſtein.„Meine kleine Patientin war in einigen Wochen ſchon ſo gut wie geneſen. Ich hatte Gelegenheit gehabt, mich auf dem eben ſo ſchönen, wie einſam mitten in wilder Fels⸗ und Waldgegend gelegenen Gute umzuſehen. Sehr bald hatte ich das ganze jetzige Leben der Gräfin und den vollen Umfang ihrer allgemeinen Wohlthätigkeit kennen gelernt. Sie hatte in ihrem Parke ein großes Haus bauen laſſen, worin alle Waiſenkinder der Um⸗ — 216— gegend wie in einer großen Familie erzogen, unter⸗ richtet und auf eine für ihre Zukunft zweckmäßige Weiſe vorbereitet wurden. Sie hielt und beſoldete ſich ihre eigenen Lehrer und Lehrerinnen und war ſo im voll⸗ kommenſten Sinne die Mutter der Armen und Be⸗ drückten geworden. In ſolcher Thätigkeit fand ſie allein Beruhigung und Ergebung in ihr trauriges Schickſal. Denn ach! wie mußte es in dem Buſen dieſer Frau ausſehen! Ich hatte einige prüfende Blicke in ihr Inneres geworfen, denn ich war ſchon lange in mannichfachen äußeren Dingen ihr Vertrauter ge⸗ worden und auf dem beſten Wege, es auch in Bezug auf ihre allen Uebrigen verborgenen Gefühle zu wer⸗ den. Allmälig hatte ich mich gewöhnt, länger bei ihr zu bleiben, mich in gewichtigere Geſpräche mit ihr einzulaſſen, oder auch über dies und das, was ihr unbekannt geblieben oder wichtiger als das Alltägliche erſchien, offenherzig zu plaudern. Stets aber, darum bat ſie mich, kam ich des Nachmittags, denn den Vor⸗ mittag, ſo ſagte ſie mir, hätte ſie ganz und gar ihren mannichfachen Haus⸗ und Familienbeſchäftigungen ge⸗ widmet. Ich konnte hierin nichts Auffälliges finden. Zuletzt behandelte man mich wie einen Hausfreund, was der Arzt, leichter als jeder andere Menſch, zu werden Gelegenheit hat. Ich benutzte dieſes mir ſo — 217— bald geſchenkte Vertrauen auf die redlichſte Weiſe, ich hielt Alles zurück, was ſie verwunden konnte, aber ich gab genau auf Alles Acht, was ſie mir in allge⸗ meinen Gedanken und Abriſſen über ihr Leben in trau⸗ licher Stunde allmälig mittheilte. Schon lange hatte ich bei dieſen eifrig fortgeſetzten Unterhaltungen bemerkt, daß ſie mich mit mehr als gewöhnlicher Theilnahme beobachtete. Sie trug eine Frage auf ihrem Herzen, das merkte ich wohl, aber es dauerte lange, ehe die⸗ ſelbe den Weg bis zu ihren Lippen fand.— So waren wir allmälig in den Juli gekommen und faſt täglich ritt ich zu ihr hinaus; nur bisweilen überſchlug ich einen Tag, um mich Otto von Noringen zu widmen, damit meine häufigen und einſamen Wan⸗ derungen nicht ſeine Neugierde erregten und ich dadurch zu einer unerwünſchten Mittheilung hinſichtlich derſelben genöthigt würde. Hierin aber war ich ohne Grund beſorgt, denn mein Freund hatte gerade um dieſe Zeit ſeine Gedanken auf mir ganz unbekannte Angelegen⸗ heiten gerichtet, er war einſylbiger, zurückhaltender als je, ſeine ſonſt ſo klare und immer jugendlich heitere Stirn hatte ſich verdüſtert und ſein zuſammengepreßter Mund verſchloß, eine ſeltſame Erſcheinung bei ſeiner mittheilſamen Natur, geheimnißvoll die geiſtige Span⸗ nung ſeiner vielbeſchäftigten Seele. Ich bemerkte dieſen F„„ 5 Se Auℳ, 4 23 — 218— Wechſel ſeiner Gemüthsſtimmung wohl, obſchon ich, ſelbſt in ungewöhnlicher Aufregung befangen, ſo that, als bemerkte ich ihn nicht.— Es war ein heißer Julitag; ich war langſam nach Brandſtein geritten und kam erſt gegen vier Uhr da⸗ ſelbſt an. Thekla war mit den Pfleglingen ihrer Mutter und deren Lehrern ſpazieren gegangen, ich befand mich mit der Gräfin allein. Sie ſchlug mir einen Spazier⸗ gang in den Wald vor. Ich nahm ihr Anerbieten wie immer raſch und warm an. Sie hing ihren Strohhut an den Arm, ich trug ihren Sonnenſchirm, denn der Wald bot kühlenden Schattens genug. So gelangten wir ziemlich ſchweigſam an einen romanti⸗ ſchen Punkt. Von einem hohen Felſen aus blickten wir auf das ſchöne vor uns liegende Land hinab, Berge, Thäler und Auen überfliegend, deren Aecker von der üppigſten Fruchtfülle ſtrotzten. Sie ſaß an meiner Seite im Mooſe und ſchwieg, nur bisweilen richtete ſie ihr kummervolles Auge, beinahe lauſchend, auf mich hinüber. „Mein Freund,“ fing ſie endlich an,„laſſen Sie uns ein zutrauliches Wort mit einander reden. Sie ſind ſchon ſeit beinahe acht Wochen unſer täglicher Gaſt und haben uns durch Ihre geſchickte Hand und „Ihr liebreiches Weſen viel Gutes gethan. Auch haben — 219— wir gegenſeitig über Mancherlei unſere Meinungen aus⸗ getauſcht, nur über Eins haben Sie ſtets geſchwiegen. Und gerade das möchte ich von Ihnen am liebſten erfahren. Anfangs, ich geſtehe es offen, war mir Ihre unerwartete Erſcheinung nicht ganz angenehm; ich fürchtete, von einem Fremden in unſerem ſtillen Leben unterbrochen und aus meiner mir ſo wohlthätigen Ruhe aufgeſcheucht zu werden. Jetzt denke ich anders, denn ich kenne Sie. Sie ſind mir zum Troſt von Gott in meine Einſamkeit geſchickt, ja, Thekla hat ihrerſeits Recht, wenn ſie ſagt, Sie ſeien doppelt von ihm geſendet. Mir ſind Sie es vielleicht, ohne es ſelbſt zu wiſſen, dreifach. Laſſen Sie mich heute eine Bitte wagen, die vor Ihnen gerade jetzt auszuſprechen, Ihr ſtilles und lauſchendes Weſen mich ermuntert und ermuthigt. Ja, mein Freund, Sie haben in Ihren Ausdrücken, Ihrem Gedankengange, wie ſoll ich ſagen, in Ihrem ganzen Weſen Züge, Worte und Anklänge, die mich an längſt vergangene Zeiten erinnern und mir einen Abſchnitt aus meinem Leben heraufbeſchwören, welcher der traurigſte und doch zugleich der glücklichſte deſſelben war. Ich kann mir dieſes ſonderbare Zu⸗ ſammentreffen von nur mir bekannten Einzelnheiten nicht gut erklären, es mag vielleicht zufällig ſein. Ich aber bin gewohnt, auch in manchem Zufalle die Waltung — 220— eines höheren Weſens zu erkennen und ich bitte Sie, mich fernerhin nicht mehr in Ungewißheit darüber zu laſſen. Seien Sie recht aufrichtig gegen mich und öffnen Sie mir Ihr Herz. Doch damit Sie ſehen, daß ich nicht zu viel von Ihnen verlange oder viel⸗ mehr etwas, was ich nicht ſelbſt zu erwidern geſonnen bin, ſo laſſen Sie mich zuerſt ganz offen von mir ſelbſt zu Ihnen ſprechen. Sollten Sie in dieſer meiner Erſchließung eine Selbſtdemüthigung erkennen, ſo bin ich auch damit zufrieden, denn ſeit langen Jahren bin ich mir bewußt, die Demuth ſelbſt zu ſein und mich gern und willig dem Schalten und Walten deſſen zu unterwerfen, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin.— Sie wiſſen ohne Zweifel, wer ich bin?“— Und ihr ſchönes, reines, blaues Auge ruhte bei dieſer gewiß ſchwer über ihre Lippen fließenden Frage voll und unverſchleiert auf meinem Geſichte. „Ja,“ ſagte ich,„ich weiß es, Frau Gräfin.“ „Nun, ſehen Sie, da iſt ja der erſte ſchwere Schritt ſchon gethan. Was bange ich noch! Haben Sie Ihren Stein ſchon auf mich geworfen?“ „Meinen Stein? Wie meinen Sie das? Können Sie dafür, daß Sie die Gattin eines Mannes wurden, der Sie nicht zur Herzogin machen konnte?“ „Aha! So meinen Sie es. Nun ja! Ich — 221— fahre in meiner Demüthigung fort. Sie wiſſen alſo bloß von mir, daß ich die Gattin des Herzogs war. Nicht? Wiſſen Sie nur das allein? Haben Sie nichts Anderes gehört?“ „Ja, ich habe noch Anderes gehört. Sie waren, bevor Sie die Gattin des Herzogs wurden, die Braut — eines Andern.“ „Eines Andern— wie Sie das ausſprechen, als ob Sie ihn kennten. Aber das iſt es gerade, was ich meine. Werfen Sie auch darum keinen Stein auf mich?“— Ich war über ihre Offenheit betroffen. Vielleicht fühlte ſie das drängendſte Bedürfniß, ſich irgend Wem zu offenbaren, und ich ſchien ihr vielleicht das paſſendſte Gefäß dazu zu ſein. Aber ich ſchwankte keinen Augen⸗ blick in meinem Handeln.„Nein,“ erwiederte ich,„ich am wenigſten bin berufen, irgend einen Stein auf Sie zu werfen. Im Gegentheil, ich glaube am allerwenigſten, was die böſe Welt etwa von Ihnen ſprechen könnte.“ „Wie ſo am wenigſten? Haben Sie vielleicht ſchon die gute über mich urtheilen gehört? Sie ver⸗ wirren mich— Sie wiſſen vielleicht mehr von mir als ich denke. Ich bitte Sie, ſeien Sie deutlicher gegen mich— ich beſchwöre Sie—“ „Ich kann es noch nicht— fahren Sie zuerſt fort.“ — 222— „Ich bin fertig, ich habe nichts mehr zu ent⸗ hüllen. Jetzt ſind Sie an der Reihe. Erzählen Sie mir zuerſt, wie Sie Otto von Noringen kennen ge⸗ lernt haben, ich muß das wiſſen.“— Dieſe unerwartete Aufforderung führte mich eine Weile irre. Was ging ſie Otto von Noringen an? Aber da blitzte es heller in mir auf. Sie wollte mich von Otto von Noringen ſprechen laſſen, um vielleicht von ihm auf einen Anderen übergehen zu können. Ich ließ ſie gewähren. Ich fing alſo, ohne zu zaudern, meine Erzählung unmittelbar von der Schlacht bei Paris an. Ich berichtete, wie ich zum Herzog gerufen war und dort den jungen Noringen zum erſtenmal getroffen hatte. Da aber kam ich an den Punkt, wo der Ordonnanzoffizier des Königs von Preußen in's Zimmer trat. Ich ſtockte und überlegte. „Fahren Sie fort!“ ermunterte ſie mich. Ich erzählte alſo die Meldung deſſelben und den Fortgang des Krieges— nur den Brief des Kouriers verſchwieg ich— ferner die Schlacht von Ligny, malte dann das Schlachtfeld von Belle⸗Alliance aus und wie ich da den Freund wieder gefunden und in Brüſſel gepflegt, endlich aber, wie ich nach der Reſidenz ge⸗ kommen war, um dort mein Brot zu finden. „So,“ ſagte ſie,„das iſt ein ſchöner Abriß eines — 223— Theiles Ihrer Lebensgeſchichte. Sie haben als wackrer Mann gehandelt. Und dafür haben Sie das Pferd zum Geſchenk erhalten?“ „Nicht allein das Pferd; auch die Freundſchaft des Sohnes und die Achtung des Vaters.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Man drückt aber unter Verhältniſſen ſeine Freundſchaft und Achtung durch äußere Gaben der Anerkennung aus.— Iſt Ihnen der Herzog auch ſo dankbar geweſen?“* „Er hat mich freundlich aufgenommen und lächelt mich an, ſo oft er mich ſieht.“ „Ah, und weiter nichts?“ „Was ſoll ich weiter verlangen?“ „Sie ſind ſehr beſcheiden. Nehmen Sie für's Erſte auch meinen Dank, daß Sie einen Menſchen, den Sohn des Kammerherrn von Noringen, mit menſchlicher Güte behandelt haben. Ich kenne den Vater dieſes jungen Mannes, ja, ich kenne den jungen Mann ſelbſt. Ach ja!“— Nun fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, doch ſuchte ich meine Erregung zu verbergen. Sie fuhr auch ſogleich fort: „Der Vater iſt ſogar mein Freund— das heißt — ich lege es auf Ihr Gewiſſen— im Stillen mein Freund; verborgene Fäden verknüpfen unſer — 224— Schickſal— Niemand aber, kein Menſch außer Ihnen, darf davon eine Ahnung haben.“ „Ihr Geheimniß ruht in meiner Bruſt wie im Grabe!“ betheuerte ich und legte meine Hand auf mein Herz. „Ich glaube Ihnen— Sie ſind mir jetzt ſchon ein größerer Freund, als Sie vielleicht denken, Sie können mir vielleicht künftig einen wichtigen Rath geben, da Sie die Verhältniſſe kennen, in denen ſich mein Schickſal bewegt. Ich danke Ihnen für Alles, für Sie ſelbſt am meiſten.“ Und ſie reichte mir ihre ſchöne Hand hin, auf die ich mich niederbeugte und dabei einen Seufzer ausſtieß, den ich kicht in meinem Herzen behalten konnte. „Warum ſeufzen Sie?“ „O!l. Mir flogen Gedanken durch die Seele, wie man ſie bisweilen hat, wenn man ſich an eine Sache erinnert, und im Verfolg dieſer Erinnerung uns noch eine andere einfällt.“ „Welche Sache fällt Ihnen dabei ein, wenn Sie meine Hand küſſen?“ „Gnädige Frau,“ ſagte ich und fühlte beinahe eine Thräne aus meinem Gehirn in mein Auge träu⸗ feln—„kann ich nicht auch ein Geheimniß haben?“ — 225— „Ha! Ich dachte es mir— wie richtig habe ich in Ihnen geleſen!“ Und ſie faßte noch einmal meine Hand, drückte ſie und ſah mich ſprachlos an. So ſaßen wir beide einige Minuten und unſere Augen drangen einander bis tief auf den Grund unſerer Seelen. Endlich ſtand ſie auf und trocknete ſich die Augen mit einem Tuche. Ich hatte keine Thräne ge⸗ ſehen, aber ſie mochte wohl ſo viele nach Außen ver⸗ goſſen haben, daß ſie jetzt nur noch innerlich weinte. Ich folgte ihr ſchweigend; ſo erreichten wir die Veranda, das Haus. Eine halbe Stunde ſpäter ritt ich heim, verſprechend, mein nächſter Beſuch ſolle län⸗ ger dauern.— Meine Rückkehr von dieſem Hauſe ſollte immer gedankenvoller ſein, wie mein Hinritt. Daß ich an dieſem Tage, auf dieſem Rückwege Manches, Vieles bedachte und einen Entſchluß faßte, der unſer Verhältniß zu einem ganz neuen umwandeln mußte, brauche ich dem aufmerkfamen Leſer wohl nicht weit⸗ läufig aus einander zu ſetzen. Fritz Stilling. III. VIII. Eine alte und eine junge Liebe. Ich war durch einige Geſchäfte zwei Tage lang ver⸗ hindert, Brandſtein zu beſuchen; ſo bald ich mich aber frei fühlte, ritt ich hinaus. Ich ritt beklommen, viel⸗ leicht wegen des am Himmel drohenden Gewitters und der heißſchwülen Luft; ich ritt auch langſam, denn ich mußte meinen ganzen Athem behalten. Die Gräfin ſtand ſchon auf der Veranda und ſchaute mir mit un⸗ verholener Freude, aber auch mit ſichtbarer Unruhe entgegen. „Ich habe Sie mit Spannung erwartet, mein lieber Freund,“ lautete ihre erſte Begrüßung;„wo blieben Sie ſo lange? Sie ſind zwei Tage nicht hier geweſen. Iſt irgend etwas Neues vorgefallen?“ „Was ſollte wohl in meiner jetzigen Lage mit mir vorgefallen ſein, gnädige Frau?“ verſetze ich, — 227— um nur etwas zu ſagen und die eigenthümliche Stim⸗ mung meines Herzens zu verbergen. „Ol ich gedachte dieſen Augenblick nicht der Ihrigen. Aber verſetzen Sie ſich in meine Lage. Ich lebe, ſeit⸗ dem Sie mich verlaſſen, zwiſchen Himmel und Erde — oder ſollten Sie vergeſſen haben, was Sie mir neulich verſprachen, da Sie gingen?“ „Was hätte ich denn verſprochen? Davon weiß ich in der That nichts.“ „O! wie ſind Sie heute ſo kalt und verſchloſſen! Ihr Auge ſprach neulich offener— kann man nicht eben ſo gut mit den Augen und der darin lebenden Seele verſprechen, als mit dem Munde?— Kommen Sie, kommen Sie herein, ich habe Thekla zu den Kindern geſchickt, wir ſind allein. In den Wald können wir heute nicht, denn das Gewitter da oben droht Sturm und Regen— bleiben wir alſo im Hauſe, ſo, hier in meinem Zimmer, hier ſtört uns Niemand — auch hier iſt Gott!“ Und ſie ſetzte ſich mit ſichtbarer Spannung mir gegenüber auf einen Seſſel, fuhr aber ſogleich haſtig zu ſprechen fort, wobei ich zum erſten Mal eine feine Purpurröthe über ihr gewöhnlich ſo bleiches Geſicht fliegen ſah:„Und nun raſch; ſeien Sie ganz mein Freund und ſchließen Sie mir Ihr Herz auf. Alles 15* — 228— aber ſchütten Sie heraus, was Sie für mich darin haben, mag es Tod und Verzweiflung— oder Leben und— Hoffnung ſein!“ „Hoffnung?“ ſtammelte ich in Ermangelung eines anderen Wortes, denn ich wußte in der That nicht, wie ich dem Sturm ihrer Gefühle begegnen ſollte, der mit dem des Himmels, der draußen ſo eben ein ſchau⸗ riges Lied zu heulen begann, in Einklang zu ſtehen ſchien. Aber ich erſchreckte ſie mit dieſem fragend ge⸗ ſprochenen Worte; ihre Augen vergrößerten ſich und blickten mich mit der größten Unruhe an, wovon ihr wogender Buſen, der, ach! wie viele Stürme nieder⸗ gekämpft hatte, ein ſichtbares Zeichen gab. „Wie kommen Sie zuerſt,“ fing ich an,„zu dem Glauben, daß meine Mittheilung, mein Geheimniß, wenn Sie wollen, mit Ihren Empfindungen oder gar Ihrem Schickſal in Verbindung ſteht?“ „Soll ich Ihnen das noch weitläufig auseinander⸗ ſetzen? O, haben Sie Erbarmen mit meinem armen Herzen. Sprechen Sie. Ich habe Ihnen ſchon einmal geſagt, daß in Ihrem Weſen, Ihrem Benehmen, ja, in Ihrer Sprache etwas liegt, was mich an einen Anderen erinnert. Zwiſchen Ihnen und ihm liegt eine mir unklare aber dennoch bemerkbare Uebereinſtimmung. Ich wiederhole Ihnen das jetzt noch einmal mit Innig⸗ — 229— keit, mit Leidenſchaft, wenn Sie wollen— ol und Sie ſind ſogar auch Arzt, wie er— da hören Sie es, ich hab' es geſagt— nun ſchweigen Sie noch länger, wenn Sie ein Herz im Buſen tragen.“ Und ſie fing ſo heftig an zu ſchluchzen, daß ich meine ganze Mannhaftigkeit zuſammen nehmen mußte, um meine Gedanken zu ſammeln und alle herumflat⸗ ternden Gefühle der Wehmuth, des Schmerzes und der Freude in Worte zu kleiden. Und ſo hob ich folgender⸗ maßen zu ſprechen an: „So iſt denn der Augenblick gekommen, gnädigſte Frau, den ich mir ſeit langen Jahren, obwohl mit ge⸗ ringer Hoffnung der Erfüllung, nicht nur als wünſchens⸗ werth, ſondern ſogar zu meiner eigenen Beruhigung nothwendig vorgeſtellt habe, und ich ſtehe hier vor Ihnen, wie ich an einem anderen Orte einſt vor einem Anderen ſtand, mit dem einzigen Unterſchiede, daß ich damals ſein Zuhörer war, jetzt aber der Erzähler ſeiner Mittheilungen bin. Wenn ich in dieſem für mich ſo feierlichen Augenblicke Freude und innige Dankbarkeit gegen Gott, den Schöpfer alles Guten, empfinde, ſo ſage ich damit nur das Wenigſte; ich fühle mehr, ich fühle die innigſte Freude, das höchſte Entzücken, was ein Menſch auf Erden fühlen kann, wenn er, wie ich es jetzt bin, Anwalt und vielleicht Vertheidiger ſeines — 230— Freundes und Wohlthäters iſt. Zwar habe ich keine Einwilligung von ihm, von dem wir ſprechen, oder den ich meine, das zu unternehmen, was ich jetzt vor Ihnen unternehmen will, aber Sie ſind außer ihm die Einzige auf der Welt, die meine Enthüllungen zu er⸗ fahren nöthig hat, der ſie nützen, der ſie Schmerzen, aber vielleicht auch Freuden bereiten können. Hören Sie zunächſt, wie mein Leben vorher war, ehe ich das Glück hatte, ſein Freund zu werden, denn das bin ich geworden mit ganzer Seele, mit ganzer Hingebung, mit ganzer und vollkommener Erwiderung ſeinerſeits.“ „O raſch— raſch— raſch— ich liege auf der Folter!“ „Sie werden noch lange darauf liegen, denn ich muß Sie langſam und vorſichtig führen; der Weg iſt eben ſo weit, wie er ſchwierig zu überwinden iſt. Ich beginne alſo mit meiner Kindheit— ich ſtamme aus Weſel—“ Und nun erzählte ich ihr von meiner Jugend, meinem erwachenden Bewußtſein in der Mühle beim Kanonendonner, von meiner traurigen Lage als ver⸗ waiſtes Kind, meiner einſamen Wanderung nach Hol⸗ land, meiner Ankunft im Kloſter, wie es der Leſer kennt, nur erzählte ich es ihr kürzer, raſcher, gedrun⸗ ggener. Und ſiehe da! Was ich mit dieſer ſanften, — 231— unſchuldigen Erzählung bezweckt hatte, ſah ich erfüllt: meine Zuhörerin beruhigte ſich allmälig und wurde zuletzt auf meine eigenen Schickſale aufmerkſam, wäh⸗ rend ſie vorher nur an die eines Anderen gedacht hatte. Zuletzt ſogar lächelte ſie mir zu, winkte theilnehmend, drückte mir die Hand und ſah ſo ruhig und glücklich aus, wie ſie damals ausgeſehen haben mochte, als Maximilian ihr ſeine eigene Geſchichte erzählte. Jetzt aber kam ich auf die Ereigniſſe im Kloſter zu ſprechen und ich mußte der Männer Erwähnung thun, die daſelbſt ſo viel Einfluß auf meine Ausbild⸗ ung gewannen. Ich nannte den Pater Guardian, Lu⸗ dovikus und endlich, den Namen betonend, Maximilian. „Was!“ ſchrie ſie plötzlich auf.„Pater! Pater? Iſt er in ein Kloſter gegangen?“ „Warten Sie es ab, mit Ruhe, gnädige Frau, ſonſt höre ich ganz auf—“ „Ich warte, ich warte— Sie ſehen es— ich bin ſtumm wie die Nacht— fahren Sie fort!“ Ich erzählte weiter, wie ich mit vieler Mühe und Aufopferung mich in Maximilians Herz geſtohlen, wie ich aber endlich durch unaufhörliche Ergebenheit und Liebe ſeine ſtolze Zurückhaltung bezwungen, wie ich dann ſeine Belehrungen empfangen, wie ich mit ihm lange Jahre ein Zimmer bewohnt, wie er mich endlich — 232— wie einen Bruder oder Sohn lieb gewonnen und mir an meinem ſiebzehnten Geburtstage im Walde ſeine Lebensgeſchichte erzählt hatte. „O, erzählen Sie ſie mir, wie er ſie erzählte!“ unterbrach ſie mich. „Nein! Geduld! Noch bin ich nicht ſo weit— ſeine Geſchichte kommt zuletzt.“— Und ich fuhr fort in meiner Erzählung, wie die drei Bußprediger unſere Ruhe ſtörten, wie unſere Trennung darauf erfolgen mußte und wie groß unſer Schmerz dabei war. „O Gott, o Gott! Wie treffend ſchildern Sie ihn. Wie ſah er damals aus— nur dies Eine ſagen Sie mir!“. „Schön, ſtolz, männlich, beinahe fürſtlich!“ „Das iſt er, das iſt er, ich ſehe ihn— ja, ja, er iſt's, Sie malen mir ſein Geſicht vortrefflich— o, o— ſo ſteht er vor mir.“ Und ſie ergriff meinen ihr zunächſt liegenden Arm mit einer beinahe widerſtandsloſen Gewalt und hing mit ihren feurig glänzenden Augen an meinen Lippen, als wollte ſie die Gedanken meines Herzens belauſchen, ehe ſie an den Tag getreten waren.— Ich fuhr lang⸗ ſam fort. Mit wenigen Worten erwähnte ich meine Drangſale in Münſter, mein kurzes Glück beim Major van Hees und Chriſtel und unſere abermalige Trennung. — 233— Sie wurde wieder aufmerkſamer und ſtiller. Dann ging ich auf Berlin über, erzählte ihr meine Noth, meine Bemühungen, vorwärts zu kommen, ſprach über meine vortrefflichen Lehrer und Gönner. Dann kam der Krieg und hier war ich ſehr bald auf den Punkt gelangt, wo ich vor einigen Tagen meine Erzählung begonnen hatte und erwähnte noch einmal des könig⸗ lichen Boten beim Herzog.„Und wer war dieſer Or⸗ donnanzoffizier des Königs von Preußen?“ fragte ich. „O— war er es?“ „Ja, er war es; ich erkannte ihn auf der Stelle und er mich auch.“ „Aber der Herzog?“ ſtammelte ſie und wurde bleich wie der Tod.„Und was wollte er vom Herzog?“ „Was er vom Herzog wollte, ſollen Sie ſogleich erfahren. Aber ob der Herzog ihn erkannte? Ich glaube es. Er ſchien betreten, er ſchaute in ſich hinein — ſein Gewiſſen ſprach vielleicht, ja, er ſchien ſogar einige Furcht zu verrathen.“ „O, er hatte Grund dazu— fahren Sie fort!“ Ich kam auf meine nähere Verbindung mit dem Herzog und demzufolge noch einmal, wie ſchon früher, auf das Schloß des Grafen de la Miere zu ſprechen, ſodann auf den Kourier aus dem preußiſchen Haupt⸗ quartier. — 234— „Dieſer Kourier war wieder er?“ „Nein! Aber er brachte einen Brief von ihm. Und hier— zur Beglaubigung meiner Ausſage und zur Feſtſtellung ſeiner Perſon und ſeiner Gefühle gegen mich— iſt dieſer Brief.“ Und ich zog den ſchon bereit gehaltenen Brief aus meiner Taſche hervor und reichte ihn ihr hin. Sie riß ihn mir aus der Hand, ver⸗ ſchlang die Zeilen mit ihren Augen und drückte das Blatt innig an ihre Lippen und ihr Herz. „Er iſt es!“ ſprach ſie dann mit eiſiger Ruhe. „Er lebt, er hofft— wenigſtens auf Rache. O!“ „Ja, auf Rache hofft er— für ſie lebt er— ich fürchte es. Aber hören Sie weiter, ich bin noch nicht ganz zu Ende. Sie wiſſen nun meine Geſchichte ganz—“ „Ja, aber die ſeine noch nicht—“ „Hier iſt ſie.“ Und ich erzählte mit faſt den⸗ ſelben Worten dieſelbe Geſchichte, wie ich ſie im erſten Theile dem Leſer erzählt und wie ſie mit unauslöſch⸗ lichen Zügen in mein Gedächtniß gegraben ſtand. Und ich war bis zu dem winterlichen Feſte am Tage vor Maximilians erträumter Hochzeit gekommen. Da erhob ſie ſich. Mit vorgebeugtem Körper und hoch athmender Bruſt ſchien ſie die Worte aus meinen Lippen zu ſaugen. Alle ihre Gefühle waren in dieſem Augenblicke, wo ich ihn im Kloſter fand. — 235— ſo bitteren Augenblicke in dem Sinne ihres Gehörs vereinigt.— Ich ſprach von ſeiner Verzweiflung, wie er ſie mit dem Herzog abfahren ſah, ſeiner Wuth, ſeiner Raſerei— das wußte ſie bereits— und wie er am nächſten Morgen zum Herzog geeilt. „Und was that er da? Das iſt mir ein Ge⸗ heimniß geblieben, was Niemand mir löſen konnte.“ „Ich kann es Ihnen löſen. Er forderte ſeine Geliebte von dem Manne, der ſie ihm geſtohlen; er drohte, als er gekränkt, beleidigt wurde; er vergaß den Fürſten in dem frevelnden Menſchen vor ſich—“ „Und legte er Hand an ihn—?“ „Nein!“ rief ich mit lauter Stimme und erhob mich heftig.„Nein, das that er nicht!“ „So danke ich Gott! Ich habe es ſelbſt nie geglaubt. Jetzt bin ich ruhig, jetzt fahren Sie fort bis zum Ende, denn ſobald Sie fertig ſind, habe auch ich Ihnen eine Geſchichte zu erzählen.“ „Ich bin ſchon am Ende. Er entwich, denn man wollte ihn ergreifen, der Herzog ſelbſt ſtellte ihn als ſeinen Mörder dar, er verbannte ihn, er ſchlug ſeinen ehrlichen Namen an den Schandpfahl. Er verließ das Land.“ Und nun erzählte ich ruhig weiter bis zu dem — 236— „Still!“ rief ſie beinahe drohend und ſtand wie eine Statue von Erz vor mir, deren funkelnde Augen und ſpringende Muskeln allein ihr das Anſehen eines lebendigen Weſens gaben.„Sie haben mir Alles ge⸗ ſagt— und ich danke Ihnen— nur Eins haben Sie mir verſchwiegen. Und das iſt das Wichtigſte, für mich das unendlich Wichtigſte. Was ſagte, glaubte, hoffte er von mir? Hielt er mich für ſchuldig?“ „Nein!“ ſagte ich laut, aber ich konnte in dieſem rührenden Augenblicke meine Gefühle nicht bemeiſtern, ich fing wie ein Kind zu ſchluchzen an. Denn ſie ſprang empor, mir entgegen, umſchlang mich mit bei⸗ den Armen und ſah mir voll und freudig in die thrä⸗ nenden Augen; dann aber ließ ſie ſogleich wieder von mir ab und fiel auf die Kniee. Die Hände faltend, blickte ſie wie ein betender Engel zu mir empor und ſagte leiſe, ergeben, demüthig:„Bitte! Noch einmal! Noch einmal und genauer laſſen Sie mich das hören!“ Und ich wiederholte langſam, Wort für Wort, was Maximilian mir geſagt: daß er ſie für unſchuldig, für überliſtet, vom Herzog und ihren eigenen Eltern überliſtet gehalten habe. „So iſt es gut!“ rief ſie mit einem unendlich rührenden Ausdruck ihres in dieſem Augenblicke ver⸗ klärten Geſichtes—„Vater! Du hörſt es im Himmel! — 237— Ich danke Dir— Du haſt mein jahrelanges Flehen erhört— Du ſendeſt mir einen Boten, einen Engel von Dir— er ſagt mir, was ich einzig auf dieſer Welt noch zu hören wünſchte, wonach ich verlangte mit brennendem Herzen— daß er, er, den ich über Alles, Alles auf der Welt geliebt und den ich noch eben ſo liebe— mich ſelbſt für unſchuldig hielt!— Ja, mein Herr, mein Freund, mein Engel! Hören Sie nun auch mich an. Ich bin unſchuldig— ſo unſchuldig, wie der Himmel da oben an jenem Toben und Stürmen in den Wolken und an dem Blitzen iſt, die wüthend gegen die Erde ſprühen. Ach! ich hatte damals keine Ahnung von der Wirklichkeit des Vor⸗ gehenden. Der Herzog war immer nur gütig gegen mich geweſen, nie hatte er durch irgend ein Merkmal verrathen, daß er Unbilliges, Unmögliches von mir erwarte. Erſt als er ſich ſo unverhofft in den Schlitten an meine Seite ſetzte und die Pferde fortpeitſchte, ſtieg in meiner unſchuldigen Kinderſeele ein Schatten von der Nacht ſeines Herzens auf. Aber er wußte mich zu beruhigen; er ſagte, es ſei ein Scherz, den ver⸗ liebten Bräutigam zu ängſtigen, um ihm die nach⸗ folgende Wonne um ſo ſüßer zu machen. Raſch fuhren wir der Stadt entgegen. Wir befanden uns im letzten Schlitten. Jeden Augenblick glaubte ich Max zu Pferde — 238— hinter uns her galoppiren zu hören; aber er kam nicht. Ich bat den Herzog, ihn zu erwarten, den Scherz nicht zu weit zu treiben— er wußte mich abermals mit ſanften Worten zu beruhigen. Da, plötzlich, dicht vor der Stadt, bog er vom Wege ab— ließ die Pferde im Galopp ihren Weg fortſetzen und— führte mich auf ſein Belvedere. Angſtvoll ſtieg ich aus dem Schlit⸗ ten— da traten mir meine Eltern mit freudigem Ge⸗ ſicht entgegen und grüßten mich herzlich. Ich war wie neu geboren. Ich ſah, ich glaubte wenigſtens den Scherz in ſeiner ganzen Geſtalt zu erkennen. Aber ach! ich war weit entfernt, das Allerſchrecklichſte zu ahnen. Denn am nächſten Morgen, als ich jeden Augenblick Max kommenzu ſehen glaubte— der Her⸗ zog hatte uns ſogleich verlaſſen und war in demſelben Schlitten zur Stadt zurückgekehrt— gerieth ich in ein Labyrinth von Sehnſucht, Angſt und Beklommen⸗ heit, wie ich nie empfunden hatte. Meine Eltern, na⸗ mentlich meine Mutter, denn mein Vater war ebenfalls am Morgen nach der Stadt gefahren und ich habe ihn ſeitdem nie wiedergeſehen, ſuchte mich zu beruhigen, ohne daß es ihr gelang. Da kam der Herzog ſelbſt, aber von einer Schwadron ſeiner Garden begleitet. Wuth ſchnaubend trat er in unſer Zimmer. „Warum die Garden, Herr Herzog?“ fragte ich. — 239— „Weil Sie mich ſchützen müſſen vor Deinem Ge⸗ liebten, Weib— er hat mich ermorden wollen— er iſt geflohen— aber ich denke ihn noch zu ergreifen.“ „Da, mein Freund, ſank der finſtere Vorhang meines Geſchickes vor das Glück meines Lebens herab, von nun an war es ganz in Nacht und Finſterniß ge⸗ taucht. Und hier haben Sie die ganze Komödie, die der Fürſt geſpielt, um mich die Hauptperſon eines Trauerſpiels werden zu laſſen. Alles Uebrige können Sie ſich beinahe erklären. Ich ſah den Herzog in Wochen nicht, er drang ſich mir nie auf, er ließ erſt meine Bitterkeit und meinen tiefen Seelenſchmerz ſich zerſtreuen. Ich glaubte an den Mordanfall, denn er war mir ſehr natürlich vorgekommen und wurde von allen Seiten meiſterhaft geſchildert. Ich bedauerte meinen Freund, denn ach! an mich dachte ich damals nicht. Aber meine Seele hatte doch eine zu heftige Erſchütterung erlitten, die Widerſtandsfähigkeit meines jugendlichen Körpers war nicht ſtark genug. Ich ſank auf's Krankenbett. Tauſendmal flehte ich hier zu Gott, mich ſterben zu laſſen, um mich dort wenigſtens in lichteren Räumen mit meinem Geliebten zuſammen zu führen, denn für dieſe Erde, das ſah ich wohl, war er mir für immer verloren. Aber meine Bitte wurde nicht erhört. Ich genas. Doch war jetzt eine ruhige Ergebung in mein Gemüth eingekehrt, ich ſah mich als ein ſchonungslos preisgegebenes Opfer für dieſe Welt beſtimmt. Meine Mutter und einige be⸗ kannte Höflinge, die wahrſcheinlich vom Herzog be⸗ ſtochen waren, redeten mir zu, beſtürmten mich, ſtellten mir immer wieder meinen verlorenen Geliebten als Fürſtenmörder, als Verbannten, als Geächteten, den Herzog aber als ſchuldloſen und undankbar behan⸗ delten Freund deſſelben dar. Der Herzog ließ mir ſeine Hand antragen. Ich ſchlug ſie aus. Er wieder⸗ holte perſönlich ſeinen Antrag, heuchelte die innigſte, wärmſte, ergebenſte Liebe, beklagte ſein, mein und Maxens Geſchick. Ich wies ihn abermals zurück. Da fing die ſchreckliche Komödie mit meiner Mutter an. Sie wurde krank— ſie lag anſcheinend auf dem Sterbebette. Hier ließ ſie mir die Wahl, mich, mich — Gott! erſparen Sie mir das Wort— oder dem Herzog mich zu verbinden. Schon ſeit Jahren hätte er ihr Verſprechen, ſeit Jahren ſchon lebte ſie und mein Vater nur allein von ſeiner Gnade. Da ſank ich zu⸗ ſammen, wie das arme, junge, unſchuldige Reh, deſſen kochende Bruſt das unbarmherzige Blei des Jägers getroffen hat. Auch ich war getroffen— ich war ſo gut wie geiſtig todt.— „Der Herzog ward mein Gatte. Nuͤr drei Tage — 241— war er es. Denn die ſchnelle Wiedergeneſung mei⸗ ner Mutter hatte meinen ganzen Geiſt und die Kraft deſſelben plötzlich wieder erweckt. Da begann meine Traurigkeit, mein Jammer, meine Verzweiflung im ganzen Umfange und mit der größten Heftigkeit ſich Luft zu machen. Das konnte der Herzog nicht ertragen, vielleicht auch— war er meiner ſchon über⸗ drüſſig. Er vermied mich. Als er nach einigen Jahren ſich mir wieder näherte, wies ich ihn mit Härte von mir— ja, ich ſagte ihm, ich hätte ihn nie geliebt— ich liebte nur Max und würde ihn ewig lieben. Das war das rechte Wort, um ihn auf ewig aus meiner Nähe zu verbannen. Ich habe ihn nie wieder geſehen. Ich erhielt dies Gut und große Summen Geldes. Ich fing mein jetziges, einſames, trauriges aber thätiges Leben an. Dieſe Thätigkeit allein ſchützte mich vor dem Wahnſinn, denn mit zunehmenden Jahren ſah ich von Tage zu Tage klarer ein, welch' gräßliches Spiel man mit meinem Leben, meinem Glück getrieben hatte. Sie kennen dieſe Thätigkeit. Doch ich muß noch Eins erwähnen. Thekla wurde geboren. Jedes Jahr an einem be⸗ ſtimmten Tage bis zu ihrem zwölften Jahre wurde ſie zum Herzog geführt. Ich fürchtete nie, daß er ſie mir nehmen würde, denn ich fürchtete nichts mehr. Seit Fritz Stilling. III. 4 416 — 22— ſechs Jahren aber hat er auch ſie nicht wieder zu ſehen verlangt, er hat uns wahrſcheinlich beide ver⸗ geſſen. So ſind wir denn für einander todt und das iſt das Beſte. Er iſt für mich nur ein Schatten, der noch bisweilen meine Ausſicht verdüſtert, ein Hauch, der mir ein trübes Bild vergangener Zeiten heranweht — das innere Auge meiner Seele iſt— auf Jenſeits gerichtet.— Und nun frage ich Sie, halten auch Sie mich für unſchuldi, da Sie meine ganze Geſchichte kennen?“ „Ja!“ rief ich,„bei Gott dem Almäͤchtigen!“ und ich ſchlug mit meiner Hand in die ihrige ein, die ſie mir hinhielt und deren Druck ich herzlich erwiderte, wobei ſie mir innig in die Augen ſah.— Und das lange und mächtige Gewitter, welches uns während unſerer Unterhaltung umtobt, hatte in dieſem Augenblick ſein Ende erreicht. Der krachende Donner hörte auf und die zuckenden Blitze ſprühten nicht mehr. Von dem Himmel aber ergoß ſich ein milde ſtrömender Regen, als wolle auch er über das bittere Schickſal Emmelinens ſein Beileid bezeugen. Und er weinte lange, dieſer Himmel, und groß waren die Tropfen ſeiner göttlichen Thränen.— 4 Ich konnte den Abend nicht nach der Stadt zu⸗ rückkehren, denn die Wege waren in Bäche verwandelt.“ — 243— Es war meine erſte Nacht, die ich in Brandſtein zu⸗ brachte. Am frühſten Morgen aber, als die Waſſer verlaufen waren und die Sonne wieder frohlockend aus den Wolken brach, hatte ich freie Bahn. Schon ehe die Damen ihr Lager verlaſſen, warf ich mich auf mein Pferd und flog im Galopp meinem Hauſe zu, um hier— einer neuen Scene der Erregung und des Schmerzes beizuwohnen, die ich am wenigſten ſchon jetzt erwartet hatte. Es war ſieben Uhr Morgens, als ich vor meinem Hauſe in der Stadt ankam. Schon von Weitem ſah ich Otto von Noringen im Garten auf und ab wan⸗ deln und augenſcheinlich meiner warten. Er ſchien in großer Unruhe zu ſein und warf nach allen Seiten ſpähende Blicke, um mich von irgend einer doch end⸗ lich herannahen zu ſehen. Plötzlich bemerkte er mich und trat mir vom Gitter meines Gartens raſch ent⸗ gegen. 1. „Gott ſei Dank,“ rief er,„daß Du da biſt! Ich konnte es ohne Dich nicht mehr aushalten. Aber wo warſt Du? Du haſt uns Alle in Sorge geſetzt. Du bleibſt faſt alle Tage acht Stunden aus und jetzt — 244— kommſt Du ſogane des Nachts ſchon nicht mehr nach Hauſe?“ „Wundert Dich das bei meinem Beruf als Arzt? Kannſt Du Dir mein Ausbleiben nicht ſelbſt erklären? Giebt es nicht Kranke, die mich eine Nacht von meinem Hauſe⸗ abhalten können?“ Dabei waren wir in's Zimmer getreten und ich blickte meinen Freund etwas genauer an. Er ſchien von einem tiefen Seelenſchmerze gefoltert zu werden, den ich ſchon lange, wenn gleich in matterer Färbung, an ihm wahrgenommen zu haben mich jetzt lebhaft erinnerte. Aber ich war ſelbſt während der letzten Zeit in ſo großer Gemüthsbewegung geweſen, daß mir das fremde Geſchick weniger nahe getreten war, als das eigene. „Fritz,“ fing er jetzt mit bedeutſamer Miene an —„es iſt nicht Alles zwiſchen uns, wie es ſein ſollte. Du verbirgſt mir etwas mir noch Unbekanntes ſehr ſorgfältig und entziehſt Dich meinem Umgange mit deutlich erkennbarer Abſicht.“ „Das Erſte iſt wahr, das Zweite nicht.“ „Am Ende doch. Du hätteſt ſonſt längſt an mir etwas entdecken müſſen, was mich quält, was mich foltert, was ich— gerade heraus geſagt— nicht länger allein tragen kann.“ — 245— „Das habe ich auch längſt entdeckt, mein Freund; da Du aber ſchwiegſt, ſo hielt ich es für meine Schul⸗ digkeit, ebenfalls zu ſchweigen.“ „Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich Dir in allen dieſen Dingen nicht recht glaube. Vielleicht macht das die Vermuthung, daß auch Du mir etwas ver⸗ birgſt.“ „Das iſt möglich. Aber ſo ſprich. Wir wollen ſehen, ob ich Dich in Deinem Kummer tröſten, oder ob Du mein Schweigen mit Ruhe ertragen kannſt.“ „Fritz, mein Freund, es iſt ein Gegenſtand von Wichtigkeit, der mich beſchäftigt.“ „Ich glaube es Dir; um ſo aufmerkſamer werde ich ſein, Dir zuzuhören.“ „Gieb mir Dein Wort, Dein Ehrenwort, daß Du Alles für Dich behältſt, was ich Dir anvertrauen werde.“ „Das kann ich nicht. Ich muß erſt wiſſen, was Du mir anzuvertrauen haſt.“ „Wie? Du zweifelſt an meiner Rechtſchaffenheit?“ „Keinen Augenblick. Sogar glaube ich, daß Du mich aus freien Stücken von jenem Ehrenworte ent⸗ binden wirſt, ſobald ich Dein Geheimniß weiß und Dir zu rathen oder zu helfen geneigt bin. Wozu alſo ein Ehrenwort, eine ſo heilige Sache? Sei überzeugt, — 26— daß ich vor Jedermann verſchweige, was Du verſchwiegen haben willſt, wenn ich ſehe, daß es nothwendig iſt; keine Macht der Welt aber wird mich abhalten, Dein Geheimniß zu enthüllen, wenn ich einſehe, daß ich Dir dadurch nützen oder helfen kann.“ „Gut denn! Aber es iſt etwas, was Du wahr⸗ ſcheinlich nicht vermutheſt. Helfen kannſt Du mir nicht, höchſtens rathen, denn es geht über Deine Machtvollkommenheit. Auch will ich für's Erſte keine thatſächliche Hülfe, nur von meiner Bruſt ſoll der Druck herunter, er zerſprengt ſie. Entweder ich— verliere dabei den Verſtand, oder— ich ſterbe, wenn ich es nicht länger ertragen kann.“ „O— ſpricht ſo ein Mann, der dem tauſend⸗ fachen Feuer des Feindes in's Auge geblickt hat?“ „Ja, ſo ſpricht er, ich wenigſtens ſpreche ſo. Denn ich bin in Leidenſchaft, in Aufregung, ſelbſt im Feuer, wie keins mir je ſo vernichtend gegenüber geſtanden hat. O mein Freund, ſei nicht ſo ſtreng, ſo kalt, ſo 3 ſchulmeiſterlich— öffne Dein Gemüth, Dein Herz, Deine ganze Freundſchaft für mich. Ich leide, Fritz, ich leide entſetzlich und ich ſehe kein Ende dieſes Leids.“ „Ol Mit einem Worte alſo— Du biſt verliebt?“ „Wie? Du weißt es? Von wem weißt Du es?“ * Nun,— „Armer Schelm! Von wem ich es weiß? Von Dir ſelber— da, blicke in den Spiegel, und wenn Du Augen zum Sehen haſt, urtheile!“ „Urtheilen? Ich kann jetzt nicht— mein Ver⸗ ſtand liegt in den letzten Zügen. Eben darum komme ich zu Dir.“ 3 „Mein Freund— genug der langen Vorrede. Ich verſtehe Dich, ich bin Dir auch zu helfen oder zu rathen geneigt. Aber ich muß wiſſen, um was es ſich handelt. Zur Sache denn. Schließe Dein Herz auf und laß den Lippen entſchlüpfen, was Dich ſo elend macht.“ „So ſei es, in Gottes Namen! Höre mich wohl an. Du kennſt meinen Vater, meinen rechtſchaffenen Vater. Er hatte vor langen Jahren einen Freund. Dieſer Freund war unglücklich. Dieſer Freund hatte eine Geliebte, dieſe Geliebte nahm ihm ein vornehmer Mann weg—“ „Ah!“ „Unterbrich mich nicht. In ſeiner Noth kam der Freund zu meinem Vater. Er konnte das Geſchehene leider nicht ungeſchehen machen— er—“ 1„Laß ab— ich kenne die Geſchichte. Du ſprichſt von Herrn von Schellenberg?“ „Ah— Du kennſt ihn?“ — — 248— „Ich kenne ſeine Geſchichte. Ich weiß Alles. Seine Geliebte wurde des Herzogs Frau.“ „Ja— o, es iſt herrlich, daß Du das ſchon weißt. Dieſe Frau aber hatte eine Tochter—“ „Und dieſe Tochter iſt des Herzogs Kind— ja, weiter—“ „Nun? Und? Dieſe Tochter—“ „Die liebſt Du.“ „Das weißt Du auch?“— Und er ſtarrte mich mit ſo verwunderten Blicken an, daß ich beinahe laut gelacht hätte, denn ich hatte ſehr bald die ganze Ge⸗ ſchichte errathen.„Ja,“ ſagte ich,„daß weiß ich— ich ſchließe es wenigſtens aus Deiner ganzen Erzählung. Aber fahre fort.“ „Wohlan! Dieſe Dame, die Gräfin Brandſtein, blieb ſtets mit meinem Vater in vertrauter Verbindung, um ſich dann und wann nach ihrem verbannten Freunde, dem Herrn von Schellenberg zu erkundigen. Aber dieſe Verbindung mußte ſehr geheim gehalten werden, der Herzog durfte keine Ahnung davon haben, ſonſt wäre es meinem Vater ſchlimm ergangen. Du ſiehſt alſo ein, weshalb ich Dich um Deine Verſchwiegenheit bitte.“ „Ich ſehe es ein— fahre fort.“ — —— — 249— „Als ich aus Brüſſel zurückgekehrt war, theilte mir mein Vater eines Tages im Vertrauen ſein Ver⸗ hältniß mit der Gräfin mit, und zwar gezwungen da⸗ durch, weil er in Ungewißheit über Herrn von Schellen⸗ bergs Schickſal war. Er fragte mich, ob ich nie von dieſem Manne gehört, da auch er den Krieg, ich glaube mit den Preußen, mitgemacht.“ „Hatteſt Du von ihm gehört?“ „Nie ein Wort.— Er erlaubte mir ſogar eines Tages, ihn nach Brandſtein zu begleiten. Er ſtellte mich vor. Da ſah ich— ach!“ .„Fräulein Thekla von Brandſtein!“ „Wie— auch ihren Namen weißt Du?“ „Wie Du ſiehſt— ja. Weiter!“ „Das ſetzt mich in Erſtaunen. Wie kannſt Du das Alles wiſſen? Du biſt hier nicht bekannt.“ „Forſche nicht, ſondern erzähle.“ „Gut. Ich ſah alſo des Herzogs Tochter— des Herzogs— und— liebte ſie. Was ſagſt Du dazu?“ „Was ich dazu ſage? Nichts. Du biſt Herr von Noringen, ſie iſt eine Gräfin von Brandſtein. Du kannſt ſie alſo heirathen.“ „Willſt Du mich verſpotten?“ „Willſt Du ſie nicht heirathen?“ —-— 250— „Fritz! Welches Glück wäre das für mich! Sie iſt ſo ſchön und gut!“ „Nun alſo. Ich meine es aufrichtig.“ „Aber der Herzog— wird er ſeine Einwilligung geben?“. „Man muß es verſuchen.“ „Thor! Dieſer Verſuch eben iſt die Klippe, an der mein Schiff ſtrandet. Aber warte, ich bin noch nicht ſo weit. Ich begleitete alſo meinen Vater, ein⸗ mal, zweimal, dreimal. Im Ganzen wohl zwanzig⸗ mal. Da, vor etwa acht Wochen, erhält mein Vater einen Brief aus Brandſtein, nie mehr Nachmittags, ſondern Vormittags die Gräfin zu beſuchen.“ „Ah!“ rief ich ſehr erſtaunt, denn ich ſah jetzt mit einem Male meine geringe Perſon im Hintergrunde erſcheinen. Die Gräfin wollte ihre beiden Geheimniſſe, die am Ende auf eins hinausliefen, vor der Hand ſich nicht vermiſchen laſſen. „Siehſt Du,“ fuhr er fort,„das erregte meinen ganzen Kummer und einen ſchrecklichen Verdacht. Denn Vormittags kann ich nie mit hinausreiten, da habe ich Dienſt beim Herzog und, nähme ich Urlaub, ſo würde er wiſſen wollen, warum? Mein Geheimniß wäre vor der Zeit enthüllt; er am wenigſten aber darf eine zu frühe Vermuthung hegen.“ 2„Du haſt ſehr Recht— Du konnteſt auf dieſe Weiſe nicht mehr nach Brandſtein. Und weißt oder ahnſt Du vielleicht, warum Du nicht mehr Nachmittags kommen durfteſt?“ „Nein, das weiß ich leider nicht, und das iſt die andere Hälfte meiner Qual, denn ich fürchte—“ „Was?“ „Daß ein Nebenbuhler mir den Rang abgelaufen hat.“. „Hahaha!“ Und ich lachte überlaut mit einer wahren Herzensfreude. —„Du lachſt? Du tödteſt mich mit Deinem Spotte. Meine Befürchtung, wenn ſie wahr, wäre ein großes Unglück.“ „Nun, mein lieber Otto, bis jetzt iſt dieſes Un⸗ glück noch nicht vorhanden. Höre mich wohl an. Er⸗ kläre Dich raſch der Dame Deines Herzens und Du wirſt Dein Schickſal vernehmen.“ „Erklären? Wie ſoll ich denn das? Ich kann ja nicht hinaus—“ „So erkläre Dich ſchriftlich oder durch Deinen Vater.“ „Ah bah! Daran habe ich bis jetzt nicht gedacht. Doch nein, das geht auch nicht. So weit bin ich noch nicht vorgeſchritten. Ich muß nothwendig erſt — 252— noch einmal mit Thekla ſprechen und ſie in Bezug auf die Erwiderung ihrer Liebe prüfen.“ „Gut. Aber nun der Herzog. Was willſt Du mit dem beginnen?“ „Das iſt erſt das Zweite, mein Freund. Habe ich erſt die Billigung der Mutter und die Neigung der Tochter, dann läßt ſich der Herzog vielleicht auch zu meinem Gunſten bewegen. Er liebt mich; Thekla iſt keine Fürſtin— ich ſehe alſo keinen Hinderungs⸗ grund.“ „Ich auch nicht, durchaus keinen; im Gegentheil, glaube ich, wird er froh ſein, das Mädchen ſo wohl verſorgt zu ſehen. Du biſt einer ſeiner erſten Kava⸗ liere bei Hofe, Nachfolger Deines Vaters. Alſo dieſer Punkt beirre Dich nicht. Laufe alſo Sturm— zeige Deine Leidenſchaft— der Mutter und der Tochter.“ „Ja wohl, aber wie? Dieſen Rath eben begehrt; ich von Dir.“ „Höre mich an. Heute gebe ich Dir noch keinen Rath. Aber morgen.“ „Warum erſt morgen?“ „Das iſt meine Sache. Muß ich nicht auch über⸗ legen? Morgen ſollſt Du einen beſtimmten und guten Rath von mir hören— biſt Du damit zufrieden?“ — 253— „Du ſiehſt, indem Du dies ſprichſt, ſo heiter, ſo vertrauensvoll, ſo glücklich aus Lamir iſt, al dürft' ich Hoffnung hegen, wenn ich Dir folge— „Folge mir getroſt und komme morgen zu mir. Dann mein Rath.“ „Ich komme— Du biſt mein einziger wahrer Freund in der Stadt— ich verdanke Dir ſchon ſo viel, vielleicht auch noch das!“ „Laß es gut ſein— Freunde müſſen ihre Freund⸗ ſchaftsbeweiſe nicht aufzählen— und jetzt muß ich meine Kranken beſuchen.“ „Reiten wir nicht heute Nachmittag zuſammen?“ „Nein! Heute nicht, aber morgen wahrſcheinlich.“ „Ich bin damit zufrieden— lebe wohl!“ 8 Es ſchien mir beſtimmt, jetzt mehr auf der Land⸗ ſtraße und dem Pferde zu leben, als im Zimmer bei meinen Büchern und Kranken. Kaum hatte ich mein Mittagsbrod verzehrt, ſo war ich ſchon wieder unter⸗ wegs nach Brandſtein. Man empfing mich mit un⸗ verholener Freude. Thekla war gegenwärtig. Ich ließ einen prüfenden Blick über ihre ſchöne Geſtalt, ihr ausdrucksvolles, von reinſter Herzensgüte lraßlendes Geſicht laufen und fand, daß mein Freund keinen üblen Geſchmack hatte. Meine Miene, meine Haſt in Worten und Geberden mußte die Gährung meines Innern ver⸗ rathen. Kaum konnte ich das Geheimniß meines Her⸗ zens verbergen. Die Gräfin beobachtete mich aufmerk⸗ ſam, fragend. Endlich ſah ſie mich offen und forſchend an, ohne jedoch ein Wort dabei zu ſprechen. Ich deutete verſtohlen auf Thekla. Sie verſtand mich ſogleich und ſagte zu dieſer: „Thekla, ich gehe mit dem Doktor in's Freie. Erwarte mich hier, wir kehren bald zurück.“ „Wie Du willſt, geliebte Mutter.“— Wir waren im Walde, im ſchönen, grünen, ver⸗ trauensvollen Walde.„Was haben Sie Neues, Sie Glücksbringer?“ fragte mich das ſchöne Weib, ſobald wir unbeobachtet waren.„Wenn mich Ihr Geſicht⸗ nicht täuſcht, ſo iſt es etwas Gutes.“ „Freilich, ich wenigſtens ſehe nichts Schlimmes dabei.“ Und ich erzählte ihr kurz und bündig die ganze heutige Unterredung mit meinem Freunde. „Alſo wirklich!“ ſagte ſie, als ich zu Ende war. „Ich habe es längſt vermuthet. Gewiß, Ihretwegen allein habe ich ſeinem Vater die Vormittage zu ſeinen Beſuchen bezeichnet; er durfte ja nicht mit Ihnen hier zuſammentreffen, bevor ich nicht im Beſitze Ihres — 255— vollſtändigen Vertrauens war. Jetzt iſt es etwas An⸗ deres. Was halten Sie von dieſer Neigung?“ „Ich finde ſie ſehr natürlich. Beide paſſen für einander. Er iſt ihrer, ſie ſeiner werth. Und Sie?“ „Ich hege dieſelbe Meinung. Aber der Herzog?“ „Auch da ſehe ich keinen Hinderungsgrund. Im Nothfall könnten Sie Sich an ihn wenden. Er wird Ihnen nichts abſchlagen.“ „Aber wenn er über Thekla anders beſtimmt hätte?“— „Das müſſen wir abwarten. Für's Erſte mag es unter uns geheim bleiben. Sind Sie Ihrer Diener gewiß?“ „Vollkommen. Sie rühren nicht vom Herzog her.“ „So wollen wir die Löſung des Knotens Gott überlaſſen. Er thut viel.“— „Ja, ja, er thut viel. Ach ja! Ich will ſelbſt gern noch unglücklicher werden, als ich ſchon bin— wenn nur mein Kind dabei glücklich wird.“ „So iſt es alſo beſchloſſen. Ueberlaſſen Sie mir die Durchführung unſerer nächſten Aufgabe. Darf ich Otto auf meine Art benachrichtigen? Darf er mich vor allen Dingen hierher begleiten?“ „Thun Sie, was Sie und wie Sie wollen, ich vertraue Ihnen ganz.“ — 256— „So iſt es gut. Aber halt! Bald hätten wir das Wichtigſte vergeſſen. Wie ſteht es mit Fräulein Thekla? Fühlt auch ſie eine Neigung zu dem liebens⸗ würdigen jungen Offizier?“ Die ſchönere Mutter erröthete für ihre ſchöne Tochter. Ich ſah, daß ſie ſchon mehr wußte, als ich ahnte. „Sie hat eine Neigung für ihn— ich vermuthe: es ſtark, wenn ſie es mir auch nicht vollſtändig aus⸗ geſprochen hat. Aber Sie wiſſen, in dieſem Punkte ſind junge Mädchen ſchweigſam.“— „Dann iſt Alles gut. Das alſo war der Anfang — morgen kommt das Ende.“ „Nicht das Ende ſchon, mein Lieber, ſo weit ſind wir noch nicht. Erſt zum Mittelpunkt gelangen wir morgen— der Herzog iſt das Ende.“ „Sie haben Recht— alſo zuerſt zum Mittel⸗ punkt!“ Und ich reichte ihr meinen Arm, lächelnd und freudig, auch ſie einmal lächeln zu ſehen, und führte ſie zu Thekla in's Haus zurück, nachdem ich ihr noch einen Wunſch ausgeſprochen und ſie mir denſelben zu⸗ geſagt hatte. — 257— Einer meiner erſten Patienten, die am frühſten Morgen des anderen Tages meine philoſophiſche Ruhe unterbrachen, war mein herzenskranker Freund. Ich mußte unwillkürlich lächeln, als ich ihn ſo pünktlich, mit ſo erwartungsreicher und doch ſorgenvoller Miene bei mir eintreten ſah. „Du lächelſt,“ ſagte er,„das ſcheint mir ein guter Morgengruß zu ſein. Hier bin ich und nun bitte ich um Deinen Rath.“ „Du preiſeſt den Tag zu früh, mein lieber Freund; aber wenn ich Dir Deinen Wunſch auch jetzt noch nicht erfüllen kann, ſo heiße ich Dich doch willkommen. Wie haſt Du geſchlafen?“ „Geſchlafen? Ich bitte Dich, ſprich nicht vom Schlaf zu mir. Seit einer Woche mache ich kein Auge mehr zu.“ „Das iſt ein ſchlimmes Zeichen. Aber ich glaube es nicht ganz. Kein Menſch kann ſo lange wachen und dabei geſund ſein.“ „Ich bin auch nicht geſund— ich bin todeskrank.“ „Wie ein Verliebter— jal. Das geht immer zum Sterben. Dieſe Todeskranken unterſcheiden ſich aber von anderen dadurch, daß ſie wieder zum Leben erwachen. Das ſcheint mir wichtig.“ „” ſprächeſt Du wahr! Gälte das auch von mir. 44 Fritz Stilling. III.. 17 — 258— „Wenn Du nicht von ſelbſt erwachſt, erwecke ich Dich— da haſt Du meine Hand darauf.“ „Soll das der Anfang Deines guten Rathes ſein?“ „Nimm ihn als ſolchen an und komme heute Nach⸗ mittag um zwei Uhr vor meine Thür mit Deinem ſchnellen Braunen. Wir wollen einen Spazierritt machen. Dann haben wir Muße genug, zu plaudern, dann will ich mich hören laſſen. Jetzt nicht.“ „O, ich bitte Dich, verſchiebe es nicht länger— ich brenne.“. „Ich weiß es und ſehe es. Aber keinen Augen⸗ blick früher oder ſpäter. Das iſt meine letzte Ent⸗ ſcheidung.— Herein!“— Ein zweiter aber leiblich Kranker unterbrach unſer Geſpräch. Noringen ging, da er ſah, daß ich und das Schickſal im Bunde mit einander gegen ihn waren.— Kein Soldat in der ganzen Reſidenz war dieſen Tag pünktlicher, als mein trauter Freund. Punkt zwei Uhr war er auf ſeinem ſchnellen Braunen vor meiner Thür. Mein Schimmel ſtand ſchon geſattelt im Stall. Ich ließ ihn herausführen und ſtieg auf. Schweigend ritten wir ab. Ich wählte nicht genau den Weg nach Brandſtein, ſondern den, welchen ich zufällig das erſte Mal dahin eingeſchlagen hatte. — 259— „Wir ſind lange nicht zuſammen geritten,“ ſagte ich zu meinem Gefährten, der ſchweigend neben mir ritt und ein Auge auf ſein Pferd, das andere auf mich gerichtet hielt. „Nein!“ entgegnete er.„Aber Du wollteſt mir etwas ſagen.“ „Ich ſage ja ſchon etwas— hörſt Du nicht?“ Es erfolgte eine Pauſe, die ich benutzte, um mein Pferd in einen ſtarken Trab zu ſetzen, denn unſer Weg war weit. Der ſchnelle Braune hatte Mühe, meinem Schimmel Stand zu halten. Eine halbe Stunde ritten wir ſo weiter. Der Braune fing bereits an zu triefen, denn es war heiß.. 1 „Du reiteſt ſchnell,“ bemerkte mein Freund;„ſieh, wie naß ſchon mein Pferd iſt.“ „Du haſt Recht— ich werde mein Feuer mäßigen, es brennt ſtärker als Deins. Aber Du biſt ſelbſt daran Schuld, Du haſt mich angeſteckt.“— Und wir ritten wieder im Schritt vorwärts. Wir kamen in die Berge— an den Fluß, wo er ſich durch den Hohlweg zwängt— in den Buchen⸗ wald, und endlich zwiſchen die Tannen, wo die moos⸗ bewachſenen Steinblöcke lagen. „Wohin führſt Du mich?“ fragte Otto von Noringen. 47 — 260— „Habe Geduld— ich will Dir etwas Schönes zeigen. Nie haſt Du etwas Schöneres geſehen.“ „O!“— Wir gelangten in die höheren Berg⸗ gegenden. Endlich in das Tannengeſtrüpp, wo ich zu⸗ erſt den Ruf des verwundeten Kindes gehört hatte. Ich ſtieg ab und führte mein Pferd wie das erſte Mal am Zügel, meinen Freund bittend, ein Gleiches zu thun. Stillſchweigend, aber äußerſt verwundert und von Zeit zu Zeit den Kopf ſchüttelnd, gehorchte er. Da ſtanden wir vor dem röthlichen Felſen, von dem die Kleine vor mehreren Wochen herabgeſtürzt war. „Hier laß uns einen Augenblick ruhen,“ ſagte ich. „So! Binden wir unſere Gäule an dieſen Baum.“ Er that Alles, wie ich, aber immer verwunderter über mein ſeltſames Benehmen. „Sieh,“ ſagte ich,„von dieſem Felſen iſt neulich ein junges Mädchen herabgeſtürzt.“ „ Fritz! Iſt's möglich! Du erſchreckſt mich ent⸗ ſetzlich.“ „Sei ohne Sorge, ich bin ein guter Arzt; habe ich doch in Frankreich Erfahrung genug gehabt. Du weißt es ja. Und Gott hat mir bis jetzt immer bei⸗ geſtanden. Ich habe noch keinen Todten hier in mei⸗ ner Praxis gehabt.“ — 261— „Du Glücklicher! Aber es können ihrer noch ge⸗ nug kommen.“ „Es werden leider ſogar noch ihrer viele kommen.“ In dieſem Augenblick glaubte ich Menſchenſtimmen in der Ferne ſprechen zu hören. Ich horchte vorſichtig auf, um es meinem Begleiter nicht merken zu laſſen. Man hatte meinen Wunſch von geſtern Abend befolgt, man war pünktlich wie wir. Noch einige Minuten und die Stimmen wurden deutlicher. „Da kommt Jemand,“ ſagte mein Freund, ſcharf nach der Gegend lauſchend, woher der Schall kam. „Ja, Du haſt Recht. Doch ich muß mich mei⸗ nes Rathes erinnern.“ „Jeßzt?“ „Willſt Du ihn jetzt nicht? Ich halte dieſen Augenblick für die geeignetſte Zeit.“ „Ich will ihn— ich will ihn— immer— ge⸗ ſchwind, ehe wir geſtört werden.“ „Nun ſo höre meinen Rath an. Laß Dich durch die uns jetzt etwa begegnenden Menſchen in Deiner Aufmerkſamkeit nicht ſtören. Sei vielmehr ſehr auf⸗ merkſam. Und wenn Du dann zum Schluſſe dieſen Rath gut findeſt, ſo danke mir dafür.“. — 262— „Iſt das Dein ganzer Rath?“ „Ja, das iſt er“— und ich deutete mit der Hand auf die grünen Gebüſche, die ſich in dieſem Augenblicke aus einander bogen und die Gräfin Brandſtein mit ihrer Tochter ſehen ließen. Mein herzenskranker Freund ſtand wie vom Blitz gerührt da. Er blickte auf mich— auf die Damen; dann ſeine Kopfbedeckung von der benetzten Stirn rei⸗ ßend, nahm er eine Haltung an, wie ein Gardiſt, der vor ſeinem Könige ſteht. „Gnädigſte Frau,“ ſagte ich—„hier iſt ein Pa⸗ tient. Dieſer Ort im Walde, in der romantiſchen Oede ſo wild und ſchaurig, aber auch ſo lieblich und ſo ver⸗ lockend, birgt Gefahren für ihn. Laſſen Sie uns die⸗ ſelben meiden. Darf ich um Ihren Arm bitten, um Sie hinwegzuführen?“ Die Gräfin nahm lächelnd und ſchweigend meinen Arm. Ein Diener trat hinter uns aus dem Gebüſch und löſte die Zügel der Pferde. Was die Beiden hin⸗ ter uns thaten, weiß ich nicht. Ich hatte Auge und Ohr abgewandt und ſchritt langſam und nachdenklich neben dem ſchönen Weibe her, welches mir dankbar und freudig den Arm drückte, indem es flüſterte: „Gott gebe ſeinen Segen! Meinen hat er ſchon. Thekla hat gebeichtet.“ — 263— „Auch meinen! So wird ihm ja auch ein An⸗ derer den ſeinigen nicht verſagen!“ Als wir vier Stunden ſpäter, die Gräfin und ich wieder allein, vor der Thür des Hauſes, im tiefen Schatten der jetzt dicht belaubten Veranda ſaßen und leiſe Worte flüſterten, rauſchten neben uns die Zweige einer duftigen Lindenlaube. Wir ſchwiegen und horch⸗ ten auf. Da drang zu unſern Ohren jener ſüße, ſtille Laut ſanft flüſternder Lippen, der ſo wenig hörbar iſt und doch ſo viel zu bedeuten hat. Wir blickten uns an. Meine Begleiterin lächelte unter Thränen und wandte dann den Kopf nach einer vollen Roſe um, die ſpät aber duftig an einem Strauche zu ihrer Rechten blühte. Ich wandte meinen Kopf zur Linken und pflückte eine kleine Knospe von einem ähnlichen Strauche. Dann wendeten wir uns langſam wieder gegen einander. Sie hielt die aufgeblühte Roſe, ich die Knospe in der Hand. Wieder ſuchten ſich unſere Blicke und fielen zugleich auf die Blumen, die wir in unſeren Händen hielten. — 264— „Welcher Duft!“ ſagte Emmeline, beinahe eben ſo leiſe flüſternd, wie zwei andere Stimmen vorher ge⸗ flüſtert hatten.„Riechen Sie!“ „Wohl! Aber die meinige— ſie duſtet noch nicht! Riechen Sie!“ „Auch die Ihrige würde bald ihren köſtlichen Wohl⸗ geruch entfaltet haben, wenn Sie ſie nicht frühzeitig abgebrochen hätten.“ „Ach ja!“ ſtöhnte ich und ein tiefer Seufzer löſte ſich aus meinem Innerſten los. „Aber Gott läßt mehr wachſen,“ tröſtete ſie.„Auch Ihre Roſe wird einſt aufblühen. Warten Sie es ab.“ „Ach ja!— Und die Ihrige? Soll ich Ihnen auch ſagen, was wie eine Prophezeihung klingt?“ „Nein, nein, um Gotteswillen nicht— keine Prophezeihung! Nur Geduld— Ergebung— De⸗ muth— weiter will ich nichts!“ „Und doch auch vielleicht ein wenig Hoffnung!“ dachte ich, und wir ſaßen Beide lange und ſchweigend neben einander und ſchauten zu den unbekannten Fer⸗ nen über uns empor. Da blickte der erſte Abendſtern funkelnd durch die hin und her ziehenden kleinen Wölkchen und unſere umflorten Augen fielen zugleich auf ſein uhlich ſtrah⸗ lendes Licht. — 265— „Sehen Sie den Stern da,“ ſagte ich,„das iſt ein Zeichen von Ihm. Er hat uns gehört und als Antwort enthüllt er uns eins ſeiner vielen zuwinkenden Augen.— Kommen Sie hinein— wir müſſen an die Rückkehr denken.“— IX. Mein erſter Todter, der mir aber das Leben giebt. Wer kennt nicht das Glück und die Luſt der jugend⸗ lichen Liebe, wenn ſie, von ganzem Herzen gegeben und erwidert, zum erſten Mal im Leben in helllodern⸗ den Flammen aufſchlägt und den Betheiligten das ganze Erdenrund zum Paradieſe umwandelt, ſollte ſie ſelbſt in den engen Mauern einer unbekannten Hütte nur ihr Licht leuchten laſſen! Aber ein noch lebhaf⸗ teres Glück iſt es, eine noch freudiger genoſſene Luſt, wenn ſie, wie bei unſeren Liebenden, unter der Hülle der Verborgenheit ihr Daſein beginnt und nur zu geheim⸗ nißvoller Reife ſich entwickeln darf. Sie iſt zuſammen⸗ gedrängter, alſo inniger, jedem menſchlichen Späher⸗ blick verborgen, alſo ſüßer, denn die verbotenen Früchte ſind ja von jeher und überall die ſüßeſten geweſen. — 267=— Und einen Schirm hatte dieſe glückliche und ge⸗ heimnißvolle Liebe, wie ſie ihn häufig, aber nicht immer findet— die Mutter und der Freund wachten über ihr, zu denen ſich bald ſogar noch der Vater Otto's ge⸗ ſellte. Er wurde in kurzer Zeit ein vorſichtiger Theil⸗ nehmer unſerer ſtillen, in tiefe Oede begrabenen Freu⸗ den. Allmälig erſt, als keine Störung ſichtbar wurde, erſtarkte das Gefühl unſerer Sicherheit, nie aber fühl⸗ ten wir uns allzu kühn verſucht, daſſelbe auf eine ge⸗ fährliche Probe zu ſtellen; alle Lauſcher, alle Mitwiſſer waren von ſelbſt oder durch unſere Vorſicht ausge⸗ ſchloſſen, und das war auf dem einſam gelegenen Brandſtein leichter durchzuführen, als irgend wo an⸗ ders. Die Dienerſchaft war treu und ihrer Herrin unbedingt ergeben; fremde Beſucher trafen nie ein; Verkehr mit der äußeren Welt war ſo gut wie gar nicht vorhanden, denn die Gräfin lebte abgeſchloſſen von Allem, und von den Landleuten des nächſten Dor⸗ fes, ihren Waiſen und deren Erziehern erfuhr kein Menſch etwaige Vorgänge im Herrenhauſe. Wir Männer dagegen waren in der Stadt bei unſeren Bekannten und Freunden eben ſo vorſichtig; nie ſprachen wir in Gegenwart Fremder von unſerem Landſitze, wie wir ihn unter uns nannten, nie theilten wir irgend Jemandem, ſelbſt dem vertrauteſten Diener — 268— nicht, das Ziel unſerer Ritte mit. Und das war noth⸗ wendig, denn bei Hofe ſowohl, wie in den höheren ⸗ Kreiſen der Stadt, hatte man eine Art Inſtinkt für die Auffindung aller geheimen Liebelei, jedes ver⸗ botenen oder geheimnißvollen Umgangs; man erhaſchte jeden Vorfall dieſer Art mit Leidenſchaft, um ſich daran durch gegenſeitige Mittheilung zu ergötzen, und beinahe nichts blieb dieſen neugierigen Lauſchern und Faul⸗ lenzern verborgen. Von jenen erſten Tagen des Auguſt's an, den ganzen Herbſt und Winter hindurch, beſuchten wir zu Zweien, zuweilen auch zu Dreien, dann aber von ver⸗ ſchiedenen Seiten heran und auf verſchiedenen Wegen nach Hauſe reitend, den Landſitz in den Bergen, um in ſeiner abgelegenen Stille bei ungezwungener Unter⸗ haltung und im Austauſch theilnehmender Freundſchaft glücklich und zufrieden zu ſein, wie ſonſt nirgends auf der Welt. Im Laufe dieſes Winters war es auch, wo der Kammerherr von Noringen und ſein Sohn Mitwiſſer meines Antheils an unſerem Geheimniß wurden, und nun konnten wir ungehindert, ſo oft uns die Luſt anwandelte, vergangene Zeiten an unſerer Erinnerung vorüberrauſchen laſſen und des Verſchollenen gedenken, der unſeren Herzen eben ſo nahe, wie unſeren Sinnen weit entrückt war. Ein wie ſeltenes und glück⸗ — 269— liches Verhältniß dieſe Theilnahme an einem und dem⸗ ſelben Geſchick, welches mit Jedem von uns auf irgend eine Art innig verwebt war, zu Stande brachte, kann ich hier kaum beſchreiben, genug, es fehlte uns zum vollkommenen Glücke nichts, als die Anweſenheit dieſes Einen ſelbſt. Dieſe aber wurde von Allen als etwas Unmögliches und daher kaum zu Wünſchendes betrachtet und daher faſt nie mit Worten erwähnt.— Der Sommer des Jahres 1819 war herange⸗ kommen und verſchwand auch wieder. Wir traten in das Jahr 1820 ein. In meinen Verhältniſſen hatte ſich faſt nichts geändert, außer daß ich unter einer gewiſſen Klaſſe von Bewohnern der Reſidenz geſuchter und bekannter geworden war. Die vornehme Geſell⸗ ſchaft aber blieb mir gänzlich verſchloſſen und ich ſuchte ſie auch nicht, noch weniger aber drängte ich mich ihr auf. Denn ich bildete mir ein, für dieſelbe nicht ge⸗ ſchaffen zu ſein; ich ſah allzu große Unterſchiedspunkte in unſeren beiderſeitigen Lebenslagen und war ſchon froh, für mich und meine wenigen Freunde leben zu können. Endlich im Winter 1820 ſollte ein unerwar⸗ tetes Ereigniß eintreten, welches zunächſt meine eigenen Verhältniſſe und dadurch rückwirkend auch die meiner Freunde bedeutend veränderte, in einer Art zu meinen Gunſten, in einer anderen zum Nachtheil unſerer bisher — 20— ſo glücklichen und faſt ununterbrochenen Zuſammen⸗ künfte in Brandſtein. Von Zeit zu Zeit war ich mit einer Einladung in das geheimräthliche Haus beglückt worden, ohne daß dadurch ein vertrauterer Verkehr angebahnt worden wäre. Die Mutter ſetzte pflichtgetreu ihre Anſpielun⸗ gen, der Vater ſein hemmendes Burrr, ich meine Gleichgültigkeit fort. Dieſes Benehmen meinerſeits ſchien man gar nicht begreifen zu können, ich war ein rechter Thor in den Augen der vorſorglichen Mutter; denn was konnte ich Beſſeres erwählen, als eine ihrer hübſchen Töchter? Vermögen war da, Anſehen auch, alſo würde mir ja die Erbſchaft der herzoglichen Stelle beim zunehmenden Alter des Vaters, der ſchon etwas ſchwerbeweglich und gleichgültig wurde, nach ihrer Meinung auch nicht ausbleiben. Und doch war ich zu keinem entgegenkommenden Schritte zu bewegen. Ach nein! Und man ahnt gewiß, warum? In dem Innerſten meines Herzens war ein Altar für einen Allen unbekannten Gott aufgeſchlagen, und vor dieſem Altare betete ich alle Tage im Stillen. Oft mit Wehmuth, oft mit freudenvoller Rückerinnerung, oft mit ſchrankenloſer, faſt verzweifelnder Sehnſucht. Aber was half mir das Alles? Weit, weit von einander getrennt liefen unſere Bahnen, und ob ſie ſich jemals — 271— 8 wieder nähern ſollten— wer konnte das vorherſagen? Alſo ſchloß ich, allein auf Gott vertrauend und einer dunklen Hoffnung mich überlaſſend, den Schrein meines Herzens ſorgfältig zu, zog den Schlüſſel davon ab und bewahrte ihn als das größte Kleinod meines Lebens.— Es war das Weihnachtsfeſt des Jahres 1820 gekommen. Wir drei geheimnißvoll Verbündete hatten uns verabredet, einen der drei feſtlichen Tage in Brand⸗ ſtein gemeinſchaftlich zuzubringen. Am heiligen Abend war ich zum Geheimrath eingeladen, da ging es alſo nicht, denn ich fand keinen triftigen Grund, dieſe Ein⸗ ladung abzulehnen. So war unſer gemeinſames Weih⸗ nachtsfeſt denn auf den erſten Feiertag feſtgeſetzt. Aber auch an dieſem Tage ſollte ich draußen nicht erſcheinen können und zwar aus einem Grunde, den der Leſer gewiß eben ſo wenig erwartet, wie ich ihn damals vorausſah. Ich begab mich alſo am heiligen Abend zu meinem Herrn Kollegen. Ein großer, blendend ſtrahlender Baum ſtand auf dem mit reichen Feſtgaben beladenen Tiſche; auch mir hatten die kunſtfertigen Hände der drei Töchter des Hauſes ſchöne Geſchenke gearbeitet, unter andern einen großen Teppich, damit mein Fuß, wie die Mutter lächelnd ſagte, warm wäre, wenn ich — 272— ſo mutterſeelenallein in meiner einſamen Stube ſäße unnd kein weibliches Weſen vorſorglich meinß Wlede erwärmte. Ich war hierdurch ſehr unangenehm berührt, ich wäre gern, wer weiß wie weit von dieſer liebevollen Aufmerkſamkeit entfernt geweſen. Und doch mußte ich eine beglückte und dankbare Miene annehmen. .„Na ſehen Sie,“ ſagte die Mutter,„das iſt ſchon ein Stück in die Wirthſchaft— die anderen werden auch folgen— ſammeln Sie nur, damit Ihre Frau— „Burrr!“ machte der aufhorchende Alte.„Heute aber wollen wir auch eine ſchöne Bowle trinken,“ ſagte er dann—„von Ananas! Thereschen hat ſie einge⸗ macht. Wie weit ſeid Ihr damit, Kinderchen?“ Sie nurde gebracht, es wurde tüchtig getrunken, 2 am meiſten aber trank der überglückliche Vater. Ich ſchaute ihn öfters an und ſah, wie ihm das Blut heftig zu Kopfe ſtieg. „Seien Sie vorſichtig, Herr Geheimerrath,“ er⸗ mahnte ich.„Sie wiſſen doch, was à ſür einen Habitus Sie haben?“ „Dummes Zeug, den habe ich ſchon mit auf die Welt gebracht, ich war immer vollblütig. Leute wie ich— gute, einfältige, dumme Leute werden gar nicht oder nur ſelten krank. Euch Sanguiniker und doch ſo nüchterne und ſichere Leute trifft nur dies Loos.“ „Männchen!“ erwiederte die Gattin—„Du wirſt Dich doch nicht ſelbſt einfältig und dumm ſchelten?“ „Ah was! Ich bin heute bei Laune, bin glück⸗ lich und offenherzig, wir haben ja Weihnachten. Chriſtus, der Wahrheitsmenſch iſt bei mir eingekehrt. Jeder weiß am beſten, was er werth iſt— nicht wahr, mein Gänschen?“ Erſt um Mitternacht konnte ich nach Hauſe zu⸗ rückkehren. Mein Kopf war etwas benommen, obgleich ich nicht mehr getrunken hatte, als ich vertragen zu können gewiß war. Dennoch aber war es mir im Innern heiß, bedrückt; ich fühlte eine ungewohnte Laſt auf meinem Herzen liegen. Die Nacht war kalt, klar, die Sterne flackerten luſtig am Himmel, die Erde war dick mit gefrorenem Schnee bedeckt und die halbe Mond⸗ ſichel beleuchtete ſie hell und rein. Ich beſchloß, im Freien herum zu wandeln, bis ich mich hinlänglich ab⸗ gekühlt und zur Ruhe geneigt fühlte. Ich habe die Nacht ſo gern, die ſternenhelle, friedliche, heilige Nacht mit ihrem beredten Schweigen, ihren Geheimniſſen, ihrer Schöpfungskraft inmitten ihrer erhabenen Ruhe. Die Leidenſchaften, die des Tages toben, die Mühen, die Sorgen ruhen, der Fritz Stilling. III. 18 — 274— menſchliche Geiſt ſtärkt ſich zu neuen Anſtrengungen und Unternehmungen, während der ewig arbeitende und keiner Ruhe bedürfende Geiſt Gottes allein über ihm wacht. Wenn ich in einer ſolchen ſtillen Nacht von einem Krankenbette nach Hauſe zurückkehrte, blieb ich oft mitten auf der Straße ſtehen, blickte empor zum Sternenhimmel und athmete mit Wolluſt die balſa⸗ miſche Luft ein, die mir neue und wunderbare Kräfte zu verleihen ſchien, die Schwierigkeiten meines Lebens überwinden half, und mit ihrem bedeutſamen Schweigen tauſend Räthſel löſte, die der geſchwätzige Tag nimmer offenbart. Müdigkeit empfand ich faſt nie bei ſolchen Ge⸗ legenheiten, denn es giebt wohl ſelten Menſchen, die dem Bedürfniß unſerer gemeinſamen Schwäche, zu ruhen, in ſo geringem Maße unterworfen wären, und nooch wenigere, die ſo wenig in ihrem Leben geſchlafen haben, wie ich. Mein ewig thätiger und in die Zu⸗ kunft drängender Geiſt ſchien nicht zur Ruhe kommen zu können und hielt den Körper leider von dem oft erwünſchten Schlafe ab. Vier Stunden ſchlief ich Nachts gewöhnlich nur; vor zwei Uhr ſchlief ich faſt nie und um ſechs Uhr war ich ſtets wieder munter. Die Nächte, in denen ich mich niederlegte und ohne „ S X — 235— alle Beſinnung bis zum Morgen ſchlief, kann ich zählen, die meiſten dieſer kamen im Feldzuge nach außerge⸗ wöhnlichen Anſtrengungen vor, wogegen die Nächte, in denen ich kein Auge ſchloß, unzählbar ſind. Die heutige Nacht war für mich eine ſolche voll⸗ kommen ſchlafloſe, oder ſchien es werden zu wollen. Ich empfand nicht die geringſte Schläfrigkeit, obwohl meine innere Hitze durch die äußere Kälte allmälig vertrieben wurde. Es ſchlug ein Uhr, als ich nach Hauſe zu gehen mich entſchloß. Vor demſelben ange⸗ kommen, ſah ich Licht im Innern. Auch ſtand die Thür auf und mein Diener trat mir raſch entgegen. „Ah, ſehr gut, Herr Doktor,“ ſagte er,„daß Sie da ſind. Der Geheimrath Sömmering hat ge⸗ ſchickt, Sie möchten ſogleich zu ihm kommen.“ „Sömmering? Da bin ich ja vor einer Stunde geweſen.“ „Ja, aber vor zehn Minuten hat man unſer Haus beinahe geſtürmt.“ „So!“ Und ich lief mit bewegtem Herzen ſo raſch wie ich laufen konnte dem Feſthauſe zu, in dem zwar der große Baum nicht mehr brannte, aber doch die vorderen Fenſter noch alle erleuchtet waren. Man lief innen hin und her. Haſtig ſprang ich die Treppe 1 188 hinauf— da kam mir ſchon Thereſe weinend entgegen, rufend:„Geſchwind, geſchwind, der Vater ſtirbt!“ In zwei Minuten ſtand ich an ſeinem Bette, hatte ihn nur angeſehen und wußte ſchon, was ihm begegnet war. Vor wenigen Stunden hatte er noch geſagt: „Dumme Leute werden nicht krank,“ und nun hatte ihn ſchon der Schlag gerührt. Meine Bemühungen ſchienen ihn Anfangs zu ſich ſelbſt zu bringen, aber ſein dickes Blut wollte nicht recht fließen. Es geſchah Alles, was geſchehen konnte. Die Mutter bat mich um's Himmelswillen, ſie nicht zur Wittwe und ihre Töchter zu Waiſen zu machen, ehe ſie verſorgt ſeien, aber was konnte ich thun? Meine Pflicht. Ich blieb bis zum Morgen— dann faſt den ganzen andern Tag am Krankenbette— es kamen noch zwei oder drei Aerzte aus der Stadt hinzu. Wir Alle, ſo gut, als wenn wir nur Einer geweſen wären, ſchüttelten mit übereinſtimmenden Mienen den Kopf und zuckten die Achſeln— eine ſchreckliche Pantomime, Re ſchon in ſo vielen Familien geſehen iſt und immer Unheil be⸗ deutet hat. Endlich am dritten Tage war unſere menſchliche Kunſt und Wiſſenſchaft am Ende— Gott hatte ſein Wort geſprochen und wir Menſchen mußten uns beugen. Er war todt. Ich übergehe die folgenden Trauerſcenen im Hauſe, — 277— ſie bieten dem Leſer kein Intereſſe. Jeder kennt die Folgen eines ſolchen Ereigniſſes, zu denen wir Aerzte leider das erſte Privilegium und den vorderſten Zu⸗ ſchauerplatz haben, den wir gern Jedermann überlaſſen würden, wenn ihn nur Einer nehmen wollte. Drei Tage ſpäter— und man hatte ſich ſchon in die neue Lage der Dinge gefunden. Die Trauerkleider waren angelegt, die Thränen waren getrocknet, es wurde nur noch ſtill geſeufzt. Noch drei Tage ſpäter, und auch die Seufzer waren verflogen und die Neugier regte ſich ſchon deutlich wieder— wer wohl der Nach⸗ folger des entſchlafenen Vaters ſein möchte?— So iſt der Menſch, ſo iſt er begabt und ausgeſtattet! Hat das die Vorſehung zu ſeinem Glücke oder zu ſeinem Unglücke gethan? Ich glaube das Erſtere, obgleich mit dieſem Glauben ein Schatten auf das menſchliche Herz fällt. Aber nicht allein im Hauſe des Verſtorbenen war dieſe Neugier rege, ſie lief wie eine anſteckende Krank⸗ heit auch durch die ganze Stadt. Vornämlich waren die Aerzte von einer fieberhaften Aufregung befallen; ſie 1 N — 278— * ſuchten gegenſeitig Beiſtand und Hülfe bei ihren Kolle⸗ gen und kamen fleißiger denn je zuſammen, obwohl ihre Einigkeit und Freundſchaft ſonſt eben keine brü⸗ derliche geweſen war. Mit dieſen aufregenden Forſch⸗ ungen und Meinungsaustauſchen gingen beinahe acht Tage hin, kein Menſch wußte, was der Herzog be⸗ ſchließen würde; Niemandem hatte er, ſo viel man we⸗ nigſtens erfuhr, ſeine Anſicht der Dinge dargelegt. Bald aber ſprach man davon, er ſei im Hauſe der Wittwe geweſen und habe ihr einen Beileidsbeſuch ge⸗ macht. Mir war das Letztere gleichgültig, ich hoffte von dieſem Hauſe nichts und hatte nie etwas davon gehofft, dennoch freute ich mich über die Aufmerkſamkeit des Herzogs, ſcheute mich aber, die Schwelle des ſo beehrten Hauſes zu betreten, da Derjenige, der mich allein dahin gezogen hatte und dem ich einige Dank⸗ barkeit ſchuldete, nun entſchlafen war. Mit einem Male, am Neujahrsmorgen, hieß es, ein auswärtiger und ſehr berühmter Arzt ſei zum Her⸗ zog beſchieden worden. Letzterer habe lange mit ſich gekämpft, jetzt aber ſeine Wahl getroffen. Als ich dieſe Nachricht vernahm, die jedenfalls eine flügge ge⸗ wordene Ente war, beſiel mich beinahe ein Zittern— ich dachte ſogleich an Herrn von Schellenberg. Bald darauf aber trat mir die Unmöglichkeit dieſer Wahl — 279— vor Augen und ich mußte ſelbſt über meine leichte Er⸗ regbarkeit lächeln, die aber in dieſem Falle ſo natür⸗ lich war. 1 Es war am Neujahrstage Mittags zwölf Uhr. Ich ſaß auf meinem Stuhle und las, bevor ich zu Tiſche ging. Da klopfte es an meine Thür. Herein trat, zu meiner ganz beſonderen Verwunderung, der alte herzogliche Kammerdiener, der ſeinen Herrn in dem Feldzuge begleitet hatte, den ich alſo ſehr genau kannte und der mir ein großes Wohlwollen ſeit jener Zeit be⸗ wahrt hatte. Er war, wie gewöhnlich, ganz ſchwarz und äußerſt ſauber gekleidet und lächelte heiter, als er ſich mir gegenüber ſah. „Guten Morgen, mein lieber Bernhard,“ ſagte ich.„Ei, Sie ſind mir ſehr willkommen; Sie haben ſich gewiß meiner einmal erinnert und wolle neuen Jahre gratuliren?“ „Ja, Herr Doktor, das will ich, obſchon ich meine geringe Perſon nicht in den Vordergrund ſtellen will. Denn ich habe die Ehre, von Sr. Durchlaucht, dem Herrn Herzog zu kommen.“ „Ah! Ich danke Ihnen, und was iſt der Grund dieſer mich ehrenden Sendung?“ 1 „Ei! der Herr Herzog laſſen Ihnen Glück wün⸗ n mir zum ſchen.“ ₰ 4 zog hatte immer ſo etwas Geheimnißvolles an ſich, — 280— Das war mir neu. Ich war aufgeſtanden und hatte den Boten zum Sitzen neben mir auf dem Sopha genöthigt. 4„Der Herr Herzog iſt ſehr gnädig— das iſt aber das erſte Mal ſeit 1814— Sie wiſſen doch, es ſind ſieben Jahre her, lieber Bernhard, daß wir zuſammen in Frankreich und England waren.“ „Ja wohl ſind es ſieben Jahre her— ich weiß es nur zu gut. Ach, und ſieben lange, ſchwere Jahre, und die kommenden werden immer ſchwerer als die ge⸗ weſenen, ach ja!“ Und der alte Mann mit dem grauen Kopfe ſchüttelte traurig und ſtill dieſes ehrwürdige Glied ſeines Körpers.„Aber,“ fuhr er fort,„ich muß mich meines Auftrages ganz entledigen. Der Herr Herzog hat die Hofleute, Militairs und ſonſtigen Körperſchaften zur Gratulation heute Morgen in der Stadt empfangen. Für einige Auserleſene wird er heut Nachmittag auf dem Belvedere ſein. Sie ſollen auch dahin kommen und zwar Punkt drei Uhr.“* Ich ſah den Boten ſtarr an und ſprach kein Wort. Er fuhr fort:„Kein Menſch aber ſoll wiſſen, daß ich hier bei Ihnen geweſen bin oder daß Sie nach dem Belvedere berufen ſind. Sie wiſſen ja, der Herr Her⸗ — — 281— und das nimmt zu mit den Jahren— ſehr, ſehr zu 4 — ich weiß es am beſten.“ Und er ſtand auf, um wieder fortzugehen. Als er ſchon an der Thüre war, zögerte und lächelte er mit einem etwas ſehr verſchmitzten aber dennoch zu⸗ traulichen Geſichtsausdruck.. „Herr Doktor,“ ſagte er,„ich habe noch nicht meinen eigenen Glückwunſch ausgeſprochen. Ich thue das jetzt— recht ſehr— haha! Nun, Sie werden ja ſehen.“ „Was werde ich ſehen, mein lieber Bernhard?“ „Ja, ja!“ Und er legte ſeine fein behandſchuhten Finger auf den Mund, drckte die alten gutmüthigen Augen zu und nickte herzlich lächelnd wiederholt mit dem Kopf.„Ja, ja! Was Ihnen der Herr Herzog ſagen wird! Guten Morgen, Herr Doktor!“ Man kann ſich meine Ueberraſchung denken. Aber ich zwang mich mit Gewalt, nicht über den Grund dieſer geheimnißvollen Sendung zu grübeln, welcher Art er auch ſein möge. Abermals war mein Ritt nach Brandſtein gekreuzt und ich war ſomit genöthigt, Otto meine Begleitung abzuſagen, obwohl ich ihm den eigent⸗ lichen Grund meines Zurückbleibens verſchwieg. Punkt zwei Uhr ſchon ſtieg ich zu Pferde und ritt in feiner ſchwarzer Kleidung, über die ich meinen — 282— Pelz geworfen hatte, zu dem Thore hinaus, welches die Landſtraße nach dem Belvedere eröffnete. Derſelbe Kammerdiener empfing und führte mich Schlag drei Uhr beim Herzog ein. Er war allein mit ihm hinausgefahren, und in dieſem Augenblicke kein anderer Menſch im Schloſſe, als er und der Kaſtellan mit ſeiner Familie, die indeſſen ein abgelegenes Neben⸗ häuschen bewohnte. Der Herzog ſchritt mit geſenktem Haupte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, in einem großen, einfachen Gemache auf und nieder, welches allein durch ſeine ſchöne weite Ausſicht ausgezeichnet war, jetzt aber durch ein hell praſſelndes Feuer in einem ſchwarzmarmornen Kamine ein ungemein gemüthliches Anſehen hatte. Ich warf aber kaum darauf einen Blick und ſah allein den mächtigen Mann an, der mich zu ſich beſchieden. Er war bedeutend gealtert, ſeitdem ich ihn nicht wieder ſo genau geſehen, und blickte finſter vor ſich nieder, wobei er mich Anfangs gar nicht zu bemerken ſchien. Seine Miene war noch abgeſpannter, ermüdeter als früher, er gähnte bisweilen krampfhaft und ohne innere Befriedigung. Endlich hob er ſeinen ausdrucksvollen die Höhe und ſah mich an. I — 283— „Ew. Durchlaucht kommen mir gnädigſt zuvor— ich wünſche Ihnen Heil und Segen in jederlei Geſtalt.“ „Heil und Segen!— Danke!“— Und er ging wieder weiter in ſeinem vorigen Schrikt, den er auch meiſt in dem folgenden Geſpräche beibehielt, während ich immer noch in der Nähe der Thür, den Hut in der Hand und mit Aufmerkſamkeit ihn beobachtend, daſtand. Endlich fuhr er wieder zu ſprechen fort: „Wir haben uns lange nicht geſehen, hm! Das war gut ſo. Ich habe Ihnen durch meine Bekannt⸗ ſchaft keine Feinde gemacht— ich weiß es. Faſt kein Menſch kennt Sie, und die Wenigen, mit denen Sie verkehren, lieben Sie. So muß es ſein, ſo wollte ich es haben. Mein Plan iſt mir gelungen, obwohl es für Sie etwas lange gedauert hat, bis ich mich Ihrer zu erinnern ſchien. Aber— ich hatte Sie nicht vergeſſen, ach nein! Ich habe Ihnen ſtets meine Er⸗ innerung bewahrt, denn ich vergeſſe nie etwas Gutes, was man mir geleiſtet hat, ich bin gern dankbar.— Da fällt mir eben ein, mein alter Sömmering iſt mir geſtorben. Sie haben ihm ja die letzte Hülfe erwieſen. Thut mir leid um ihn und ſeine Familie— hübſche Töchter, aber ein dummes Weib! Was mi langt— für mich war er ſeit langer 3 it nu halb da, ich hatte ihn aufgegeben— iſt — 284— mehr als ein Doktor geweſen. Ich habe aber gern Leute um mich, die mehr ſind, als ſie vorſtellen. Wiſſen Sie ſchon, auf wen meine Wahl zu ſeinem Nachfolger gefallen iſt?“ „Nein, Durchlaucht, das weiß ich nicht.“ „Hm! Man iſt ſehr neugierig. Man hat mir ſehr viel Vorſchläge gemacht, ſehr vielen guten Rath ertheilt. Haha! Diesmal aber habe ich meine Ohren verſtopft, ich bin allein mit mir zu Rathe gegangen. Ja, ich habe ſelbſt gewählt, nach meinem eigenen Wohlgefallen. Das darf ich ſelten thun.— Ich kenne einen Mann, dem ich Vertrauen ſchenke und der mir gefällt. Nicht allein als Arzt, auch als Menſch. Er muß ſich an meine Ferſen binden, muß mein ganzes Vertrauen zu erringen ſuchen— denn er und mein Beicht—, ich wollte ſagen, mein Geiſtlicher, ſind zwei nothwendige Perſonen in meiner Umgebung. Ich werde alt— ſehen Sie meine grauen Haare— ich zähle funfzig! Die Gebrechen des Leibes kommen heran, die der Seele brechen auf— ol weite, klaffende Wun⸗ den ſeh' ich— ſie alle müſſen geheilt werden. Und mein Arzt, mehr noch mein Vertrauter, muß ſie mir heilen helfen. Wollen Sie das?“ „Ich— Durchlaucht?“ ich höfiſch, mit meinen Offizieren militairiſch, mit — 285— „Ja, Sie— denn ich habe Sie zu meinem Leibe arzt beſtimmt.“ Es folgte eine ſtumme Scene— ich war noch um einen Schritt mehr zurückgetreten und ſtarrte ihn an, unvermögend, ein einziges Wort hervorzubringen. Er aber trat näher an mich heran, reichte mir die Hand und fuhr fort: „Stilling! da haben Sie mein Vertrauen— ich fordere Sie hiermit auf, mir das Ihrige zu geben. Sie find kein Hofmann, das weiß ich und darum ver⸗ achte ich Sie auch nicht, wie ſo viele Andere. Sie ſind ein unbefangener, klarer, vorurtheilsfreier Menſch — ich hoffe es, denn Sie ſehen ſo aus— auch ver⸗ ſtehen Sie zu denken— das liebe ich. Ich will Men⸗ ſchen um mich, die ſich nicht bücken, wenn ich ſie an⸗ ſehe, und ihren Geiſt niederducken, wenn ich huſte. Ich will Menſchen um mich, die mit mir reden wie Menſchen, die mir in's Geſicht blicken können und denen ich in die Seele ſchauen kann. Ich will auch nicht allein die Angelegenheiten meines Leibes mit Ihnen bereden, wie ich mit Sömmering that— ich will Ihren Gedankenaustauſch haben, ich will Ihre Meinung hören— wenn ich darnach frage— verſteht ſich! Mit meinen Kammerherren und Höflingen ſpreche — 286— meinem vertrauten Arzte will ich menſchlich ſprechen. Erſparen Sie Sich künftig alle überflüſſigen Worte, wenn wir allein ſind— bringen Sie die Durchlaucht und die allerhöchſte Gnade ſo ſelten⸗ Wie⸗ möglich an; in der Zeit, die Ihre Zunge dieſe Worte zu ſprechen braucht, kann ſie ein wichtigeres zu Stande bringen. Wenn Andere dabei ſind, iſt es etwas Anderes— da 1 muß man ſich Gewalt anthun. Nicht ich habe die Ceremonie geſchaffen, die ich verachte, die Höflinge ſelbſt haben ſie ſich als Laſt aufgelegt, damit ſie doch etwas zu tragen haben außer ihren Ketten und Orden. 1 Die Narren! Doch ſtill— ich darf ſie ja nicht ver⸗ 8 ſpotten, ſie ſind ja meine Zierde, mein Schmuck! Dummes Zeug! Das ganze Hofweſen mit ſeinen Masken, Mänteln, doppelten Geſichtern und blutloſen Herzen iſt für mich nur aus Nothwendigkeit da. O Stilling! Menſchen, Menſchen, Menſchen will ich haben! Seien Sie mir ein Menſch, ich bitte Sie darum, denn ich bedarf ihrer— ich fange an, ſcwach. zu werden— Sorgen habe ich ſchon lange— o, aber jetzt häufen ſie ſich zu Bergen— ſie erdrücken mich beinahe— von allen Seiten ſchlägt man auf mich ein, ſchaarenweiſe kommen ſie wie Raubvögel, die an meinen Eingeweiden zerren und beißen— habe ich denn ſo viel Gift in mir? Sonſt lieben ſie ja nichts. Doch, — 287— ſchweigen wir heute davon, wir werden uns ſchon näher kennen lernen, denn ich werde Sie oft gebrauchen.— Nun alſo zu Ihrem Dienſt, Herr Geheimrath! 4 „Durchlaucht,“ rief ich und ſprang empor— „auch das?“* 4 „Auch das, verſteht ſich, das iſt nothwendig. Sie können ja nicht der einfache Doktor bleiben, wenn Sie mit den Hofleuten in Berührung kommen— und das 3 kann jetzt nicht mehr ausbleiben. Werfen Sie alſo Ihr Incognito ab und treten Sie hervor an's Tages⸗ licht der Welt. Brüſten Sie Sich etwas im Angeſicht der Motten— geben Sie Sich eine Miene— gehen Sie bei Einigen, die ich Ihnen bezeichnen werde, in die Schule, die Leute verſtehen es vortrefflich, einen Schmetterling aus einer Raupe zu machen. Aber— und das iſt die Hauptſache— bleiben Sie innerlich, was Sie ſind— ein harmloſer Beobachter, treu, wahr, warm gegen mich— gegen alle Uebrigen meinetwegen ein Fuchs, zwanzig Grad Kälte oder was Sie ſonſt wollen— ich will Sie aber für mich haben, wie Sie bis jetzt waren und ſind. „Kommen Sie jedoch nur, wenn ich Sie rufen laſſe, dann aber laſſen Sie mich nicht lange warten. Ihr kleines Haus geben Sie auf— ziehen Sie mehr in meine Nähe. Und damit Sie allen Dummköpfen 8 — 288— imponiren, die Sie jetzt ſchaarenweiſe unter Ihren Patienten haben werden, weil ich Ihr Patient bin, ſo treten Sie gleich würdevoll auf. Dazu müſſen Sie Wagen und Pferde haben und Sie ſollen ſie haben. Sobald Sie in Ihrer neuen Wohnung ſind, laſſen Sie es mich durch Bernhard wiſſen— dem können Sie in allen Stücken trauen, er iſt bewährt— ich bin Ihnen dieſe kleine Ausſteuer ſchuldig. Ihr Gehalt eträgt nur tauſend Thaler. Das iſt wenig. Aber es kommt mehr ein, denn Sie werden Patienten er⸗ um die Ehre zu haben, von meinem Leibarzt kurirt zu werden. Man muß die Welt nehmen, wie ſie iſt. Lachen Sie ſie aus, aber nehmen Sie ihr Geld. Sie iſt voller Dummköpfe, wie ein Kornfeld voll von Unkraut. Hier haben Sie meine Anſicht der Dinge. Ich durch⸗ ſchaue Alles, Alles, Alles, wenn man davon auch keine Ahnung hat, denn ich habe eben ſo viele Augen wie Ohren zu meinem Dienſte. Und nun gehen Sie und theilen Sie Ihrem Freunde Noringen Ihr junges Glück mit. Er wird bald von ſeinem Spazierritte zurück⸗ kehren, den er mit ſeinem Vater unternommen hat. ſchloß— Sie ſpeiſen bei mir, ich werde Sie bei Hofe halten, die Ihnen beinahe eben ſo viel geben, blos Morgen Mittag um zwei Uhr ſeien Sie im Stadt⸗ voorſtellen. Die Liſte Ihrer nothwendigen Beſuche ſollen — — 289.— Sie durch Bernhard erhalten, damit Sie als Unkun⸗ diger keinen vergeſſen und beleidigen, denn dergleichen vertragen die Narren am wenigſten. Machen Sie die Runde in meinem Namen und nehmen Sie die Kompli⸗ mente der Welt entgegen— die ſüßen! Guten Abend — leben Sie wohl!— Bernhard— ſind die drei Herren im Vorzimmer?“ „Ja, gnädigſter Herr!“ s5 Ich wollte mich noch bedanken— er ſchnitt durch 4 8 jene Frage Alles ab und wendete ſich dem Fenſter z. Ich ſchritt mit Bernhard, der mir ſeine Glückwünſche herzlich wie ein alter Freund ſtammelte, durch ein Vor⸗ zimmer. Hier ſah ich drei ſchwarz gekleidete Herren in eifrigem und leiſem Geſpräche ſich unterreden. Der eine ſchien ein katholiſcher Prälat zu ſein; er ſpraech am lauteſten. Der Ton ſeiner Stimme fiel mir auf, aber ich dachte nicht lange darüber nach, denn mein Herz ſchwoll vor Freude über. Ich warf meinen Pelz um die Schultern, ſprang die Treppe hinunter, ſetzte mich auf mein Pferd und jagte mit verhängten Zügeln nach Brandſtein, wo ich meine Freunde verſammelt wußte. Hier kam ich ſchon bei voller Dunkelheit an. Unbemerkt näherte ich mich dem Stalle— die Pferde von Vater und Sohn waren noch darin. Ich ließ den erſteren herausrufen, theilte ihm mit kurzen Worten 1 Fritz Stilling. III. 3 19— * — 290— meine Erhöhung mit und bat ihn, mich auf ceremonielle Weiſe den Damen vorzuſtellen, denn ich wollte meine 8 Rolle mit einem Scherze beginnen und mich an ihrem Erſtaunen weiden. Dieſe kleine Eitelkeitsbefriedigung kunne ich nicht von der Hand weiſen.— Der alte Kammerherr trat in das Verſammlungs⸗ zimmer mit höfiſchem Weſen, hinter ihm ich— und die Hand mit Grandezza von ſich ſtreckend und auf mich deutend, ſagte er: „ Gnädigſte Frau und gnädigſtes Fräulein! Ich habe die Ehre, Ihnen den Leibarzt Sr. Durchlaucht des Herrn Herzogs, den Geheimenrath Dr. Sriläing vorzuſtellen. 41 Alle ſtanden wie verſteinert da. Kein Menſch hatte Solches erwartet. Sie ſchienen ſämmtlich die 8 Sprache verloren zu haben. Thekla's Mutter war die 5 erſte, die Faſſung und Worte fand. „Stilling, mein Freund,“ rief ſie,„das iſt ein Glück für Sie— für uns ſcheint es keines, iſt aber vielleicht doch eines. Sie werden uns dadurch häufiger entzogen werden, aber Sie können ein wichtiger, ein mächtiger Mann im Lande, alſo auch für uns werden, wenn Sie wollen. Es iſt merkwürdig— mein Ge⸗ liebter und mein Freund in derſelben Rolle! Ah! Erinnern Sie Sich der Worte in Herrn von Schellen⸗ — 291— bergs Brief, den er Ihnen durch jenen Kourier ſchickte: „Es waltet in den Wolken über uns eine Vorſehung — dieſe Vorſehung ſtellt Dich an die Seite des Her⸗ zogs.“ Sehen Sie, wie prophetiſch er ſprach. Laſſen Sie auch uns dieſe Vorſehung bitten, daß ſie Ihnen, ihm und uns beiſtehe. Das iſt mein ganzer von Herzen kommender Glückwunſch für heute!“ 8 19: Gaſt zu ſein. Sonderbare Welt! X. Sch gelange auch ohne Baſis zu Praxis, Geld und Anſehen. Vierzehn Tage hatte ich wenigſtens damit zuzubringen, in der Reſidenz herumzufahren und die mir befohlenen Beſuche abzuſtatten. Glücklicherweiſe nahmen mich ſehr Wenige und nur die auf meine Perſon Aller⸗ neugierigſten an— denn das war Styl ſo in den hböheren Kreiſen. Man gab ſeine Karte ab und nahm einige Tage ſpäter die der den Beſuch Erwidernden ent⸗ gegen. Das war bequem aber drollig. Ich fing ſchon an, ganz neue Studien zu machen. Ich hatte immer bisher gedacht, man mache ſich Beſuche, um ſich perſönlich kennen zu lernen; hier aber erfuhr ich, man brauche blos ein Stück Papier in die Hand zu eehmen, überall vorzufahren und es abgeben zu laſſen, m wohlbeſtallter, anerkannter, hof⸗ und hausfähiger Man fügt ſich aber 8* Ne, — 293— leicht in dergleichen und lernt bald eben ſo närriſch zu ſein, wie alle Uebrigen. Ein Name, den ich auf der mir überſandten Liſte gewiß zu finden geglaubt hatte, ſtand nicht darauf, e8. war der des alten Kammerherrn von Schellenberg. Nichtsdeſtoweniger ließ ich vor ſeinem Hauſe halten und ſtieg in Perſon aus, denn ich fühlte ein gro Verlangen, dieſen alten Herrn von Angeſicht zu Ange ſicht zu ſehen. Sein Leibdiener aber, den ich rufen ließ, ſagte mir, ſein Herr ſähe keinen Menſchen mehr, denn er ſei altersſchwach, taub und ohne Unterlaß be⸗ trübt. Das Letztere glaubte ich ihm gern. 6n „Sieht er denn auch keinen Arzt?“ fragte ich. Der alte Diener ſchaute mich verwundert an. „Nein,“ ſagte er ſchwermüthig,„auch keinen Arzt, er behandelt ſich ſelber.“— „Aha!“ dachte ich.„Homöopath!“„Ich bin der Leibarzt Sr. Durchlaucht,“ agte ich dann laut und gab meine Karte ab. Der Diener ſah mich mit, bleichem und erſchrockenem Geſicht an und geleitete mich mit tiefen Verneigungen an den Wagen. Später er⸗ fuhr ich, daß dies derſelbe Mann war, der in Maxi⸗ milians Dienſten ſtand, als er das Land verließ. Mein Titel hatte alſo eine in meinen Augen erklärliche Be⸗ deutung für ihn. — 294— Die Verwunderung der Neugierigen und ſonſt Alles Wiſſenden, die nach dieſen ſo plötzlichen und unerwarteten Beſuchen in der Stadt herrſchte, läßt ſich weit eher denken, als beſchreiben. In allen Kreiſen, hohen und niederen, ſprach man davon. Wer mich ſah, ſtaunte mich an, als hätte er mich noch nie ge⸗ ſehen, oder als hätte ich plötzlich eine Maske von meinem Geſichte genommen und ſchaute nun aus einem an⸗ deren Menſchen heraus. Man geberdete ſich mit einem Male, als ob ich ein höheres Weſen geworden wäre; man grüßte mich höflicher, ergebener, freundlicher, man ſuchte meine Nähe, man wollte gern einige Worte von mir hören und ſo erkundigte ſich faſt Jeder nach dem Befinden Sr. Durchlaucht. Hier ſah ich ſo recht aus erſter Hand, auf wie merkwürdige Weiſe eine amtliche, oder ſtaatliche, oder blos perſönliche Stellung das Verhältniß eines Men⸗ ſchen zu den Uebrigen augenblicklich verändert. Her⸗ kunft, Reichthum, Geiſtesgaben und große Leiſtungs⸗ fähigkeit, jedes für ſich oder in Gemeinſchaft mit ein⸗ ander, ſind herrliche Dinge, um ihrem Beſitzer ein Poſter zu unterbreiten, aber bei Weitem nicht ſo ab⸗ ſolut allmächtig, wie eine ihm dargebotene öffentliche Stellung. Gieb einem Manne von Herkunft oder Reich⸗ thum eine ſolche, und er wird bei Weitem noch mehr — 295— erſcheinen, als er vorher war; ja, gieb ſelbſt einem Mann ohne alle äußere und innere Begabung dieſelbe, und er wird immer und ſogleich etwas ſein, was er ohne ſie nie geworden wäre. Ich ſpreche hier natür⸗ lich nur von der Meinung und Geltung, in der man bei der allgemeinen großen Bevölkerung ſteht; ein ur⸗ theilsvoller Menſch wird den einfachen, wenn auch armen und nicht durch Abſtammung ausgezeichneten Mann von Bildung immer zu ſchätzen und ihm ſeine 4 richtige Stellung anzuweiſen wiſſen. So erging es mir. Als ich meine Ernennung zum herzoglichen Leibarzt in der Taſche hatte, war ich ſchon ein gemachter Mann, wie mein Vorgänger es nannte. Früher nicht beachtet, nicht einmal ge⸗ kannt, ſah man jetzt plötzlich in mir etwas Bedeuten⸗ des und Werthvolles, und ich war meinem innerſten Weſen nach doch um nichts bedeutender oder werthvoller geworden. Alſo das äußere Weſen allein giebt hierin den Ausſchlag, und das eben iſt für den nachdenkenden Menſchenbeobachter ein betrübender, ja ſogar demüthi⸗ gender Gedanke. Welches Gefühl aber überkam mich, wenn ich i ſtillem Herzen dieſen ſo plötzlichen Wechſel meines Schickſals betrachtete! Von Armuth und Entbehrung war ich mit einem Male zum Ueberfluſſe gelangt. Ein — 296— ſonderbares Gefühl, in der That! Es iſt dem ſchwachen Menſchengeiſte nicht zu verdenken, wenn er in dieſer — ungewohnten Lage Anfaugs aus ſeiner bisher nieder⸗ 3 gedrückten Stimmung zu einigem Uebermuthe hinge⸗ riſſen wird. So ging es auch mir. Ich wußte in den erſten Tagen meines Glückes gar nicht, was ich mir zu Gute thun, welches von meinen Bedürfniſſen ich zunächſt befriedigen ſollte. Aber der materielle Teufel ſiegte auch in mir. Ich aß und trank zuerſt ſehr feine Sachen, und als nun ein angenehmes Ge⸗ — fühl der Befriedigung über mich kam, überlegte ich mit Ruhe, was nun an die Reihe kommen ſolle? Man fühlt ſich hierbei ſo ſicher, ſo ſtolz, ſo ſelbſtſtändig in ſeiner menſchlichen Schwäche und neu geträumten Würde, daß man den Platz, auf den man ſich nieder⸗ läßt, mit einem wahren Triumphe behauptet, und es iſt Einem dabei zu Muthe, als müßte Jedermann wahrnehmen, daß man einige Goldſtücke in der Taſche zu viel hat. Ach! auch ich war ein Menſch, und ich bekenne dieſe meine Schwäche gern, denn ich gehöre nicht zu denen, ie von ſich glauben, Gott habe ſe in guter Laune Welt mitgegeben, als allen Uebrigen. Das war nun Alles ſehr ſchön und angenehm, geſchaffen und ihnen ein Stück Weisheit mehr auf die 95. ich mußte aber auch weniger Angenehmes ſchmecken und in vielen Dingen ein bitteres Lehrgeld geben. Denn ich war in mancherlei Hinſicht noch ein Schüler im Leben, ich mußte mich in die unbegreiflichen Geheim⸗ 8 niſſe der höheren Formenwelt gewiſſermaßen erſt ein⸗- weihen laſſen, ich war vollkommen Neuling darin. Ich lernte hier erſt begreifen, wie man ſich in ſolchen Kreiſen beinahe erniedrigen und demüthigen muß, um als Mann von Anſehen und Achtung zu gelten, während oft ge⸗ rade der in den Augen Anderer Demüthigſte in ſeinem eigenen Herzen ſich über Alle erhebt. Man ſpielt den Unterthänigſten und iſt der Hochmüthigſte— ich ſpreche hier nicht von mir, ſondern von den Sitten und Ge⸗ wohnheiten der Welt— man kriecht äußerlich und fliegt innerlich; man nimmt eine ſo glatte Außenſeite, ſo ſüße Worte an, während man innen voller Dornen iſt und flucht und wettert und rädert. Und mit einem ſolchen vervollkommneten Weſen dringt man, ge⸗ tragen auf den Fittigen des Tones, in die Region der hohen Welt ein, denn ſo will es, ſo verlangt es die vornehme, die civiliſirte, die große Welt! Daß ſich Gott erbarme! Und wer in dem Strome dieſer vo nehmen Welt bewundert und geliebkoſt mit fortſchwim⸗ men will, muß wie die Anderen eine Larve vornehmen und den Harlekin ſpielen, ſonſt iſt er ein todter Mann, — 298— noch mehr als das, ein nie dageweſener, ungeborener, der nicht einmal das Recht hat, einen Leichenſtein der Erinnerung auf ſeinen Grabhügel ſetzen zu laſſen. O wie oft dachte ich, als ich allmälig zur ruhigen Beſinnung zurückkehrte, an meine ſtille, kleine Wohnung am Fluſſe zurück, wo Niemand mich ſtörte, als dann und wann ein Hülfsbedürftiger, wo Niemand mich meiſterte, als das Werk meiner Meiſter, meine Bücher, die Wiſſenſchaft, die Kunſt. Wie war ich früher ſo ruhig, ſo heiter, ſo natürlich glücklich geweſen— und jetzt mußte ich ein ganz anderer, behutſamer, vorſichtiger Mann ſein, der keinen kleinen Fehltritt ungeſtraft thun durfte, der ſeine vorwärts gewachſenen Augen rückwaͤrts und ſeine Ohren wie ein Fuchs nach allen Seiten ge⸗ wendet halten mußte. Ich hatte immer gern das Mienenſpiel anderer Menſchen beobachtet, jetzt mußte ich weit mehr mein eigenes vor jedem Einzelnen, der mich beobachtete, in Schranken halten, ich mußte lächeln, wenn Andere lächelten, ernſt ſcheinen, wenn ich lachen wollte, lachen, wenn mir das Weinen nahe war. Aber es ging nicht anders. Ich war unter Wölfen und mußte auch ein Wolf ſein. Und ich heulte mit⸗ unter als Wolf entſetzlich, ich ſperrte weit meinen Rachen 1 auf, ich rollte meine Augen im Kreiſe, ich ging auf Raub aus, wie ſie, oder that wenigſtens ſo. Eine — 299— herrliche, ſchöne Welt! Und dieſe Welt nennt man eine vernünftige und geſittete? Daß ſich Gott er⸗ barmel fage ich noch ein Mal. 8 4 Und da kamen ſie zu mir gelaufen und defabern n* in ganzen Heerden, die lieben Wölfe. Und die aller⸗ erſten und in dichteſten Haufen waren die Herren Kol⸗ legen der Stadt. Bei meinem Einzuge vor fünf Jahren hatte ich ihnen allen meinen Beſuch gemacht, kein Ein⸗ ziger aber, außer dem verſtorbenen Sömmering, hatte ihn mir erwiedert. Jetzt kamen ſie Alle ungerufen zu mir, ſchüttelten mir die Hände, gratulirten mit einer Innigkeit, daß ihnen die Augen überliefen, und thaten dabei, als wenn ſie mich längſt im Stillen für den Würdigſten und Geſcheidteſten gehalten hätten. Ich gab ihnen aber ihr früheres Betragen jetzt mit Wucher zurück. Ich ging zu keinem Einzigen wieder. Einem von ihnen ſogar drückte ich einen Denkzettel für Lebenszeit auf. Es war noch dazu ein junger Mann, wie ich, der bei meinem Eintreffen in der Reſidenz eben ſo wenig zu thun hatte, wie ich und der mir ſchon vor fünf Jahren ſeinen Gegenbeſuch, wenn auch nur aus Mitleidenſchaft, hätte machen müſſen. Er war damal aber nicht gekommen, hatte ſogar hinter meinem Rüs in der Stadt das Gerücht verbreitet— ich hätte m zwar daſelbſt als Arzt niedergelaſſen, hegte aber nie — 300— die Abſicht, zu praktiziren. Und das war in der That voon Wirkung geweſen. Manche Patienten blieben nur an Folge dieſer Mittheilung von mir fort— er erhielt aber dadurch keinen einzigen mehr. Dieſer Mann kam jetzt auch in glänzender Toilette zu mir. Ich ließ ihn eine halbe Stunde im Vorzimmer warten und dann ſchickte ich meinen Bedienten hinaus, mit der Botſchaft: ich bedauerte ſehr, ihn nicht empfangen zu können, der Herr Herzog hätte befohlen. Nichtsdeſtoweniger grüßte er mich bei jeder Begegnung auf das Unterwürfigſte und that, als ob er mein vertrauteſter Freund wäre. Wer ſich aber wirklich meiner unerwarteten Er⸗ hebung mit ganzem Herzen hingab, das war, außer den Bewohnern von Brandſtein und den beiden No⸗ ringen, mein alter Freund Lehmann und ſein bleiches Röschen. Dieſer edle und gutherzige Menſch war ſo glücklich über mein neues Loos, als wenn ihm ſelbſt das größte Heil widerfahren wäre, und er ging mir ſogleich mit allerlei Rath und That an die Hand. Er verhalf mir auch in den erſten Tagen ſchon zu einer geräumigen und glänzenden Wohnung, indem er mir das ganze zweite Stockwerk ſeines eigenen Hauſes ab⸗ Möbeln und allem nothwendigen Zubehör ein, und ſein Röschen ſpielte dabei die Hausfrau, als wenn ſie 4 trat, was gerade leer ſtand. Er richtete es mir mit — — 301— halb die meinige wäre. Ach! wie lieblich und rührend kam mir das vor, wie heimiſch fühlte ich mich in meinen behaglichen Räumen, wenn dieſe rührige Frau und ihr in Allem ſo kundiger Mann um mich herum wirth⸗ ſchafteten und mir noch dies und das wohnlicher zu⸗ recht ſtellten. 3 Kaum war ich in dieſer Wohnung, aus deren Fenſtern ich in die des Herzogs ſehen konnte, ſo kam auch Bernhard mit Wagen und Pferden angezogen. Der Herzog war hinter ſeinen Verſprechungen nicht zurückgeblieben, er war ſogar darüber hinausgegangen. Zwei herrliche Goldfüchſe aus ſeinem Marſtalle zogen meinen bequemen, leicht dahin rollenden Wagen, und ich ließ ſie tüchtig laufen, um der Stadt und ihren Bewohnern zu zeigen, nicht wie mein Kutſcher fahren könne, ſondern wie eilig ich es habe. 4 Und in der That, eilig hatte ich es auch. Denn die Patienten kamen ſchaarenweiſe unter meine Hände. Ich wußte gax nicht, wen ich zuerſt und wen ich zuletzt beſuchen ſollte, denn die wenigſten waren wirklich krank, höchſtens aus Neugierde und weil es Ton geworden war, mich zum Arzt zu haben. Alles, Alt und Ir — 302—— mich in dieſe Geſchäftigkeit zurecht finden konnte, h flog und nahm mir kaum Zeit zum Eſſen und ean bis auch hier die Gewohnheit die Spitze meiner G abſtumpfte und ich einſehen lernte, daß man in wenigen Minuten viel thun und doch Stunden für ſich erübrigen könnte. Aber an Einem gebrach es mir ſehr. Das war ein geſchickter, dienſtfertiger, mir ganz ergebener und in jedem Augenblicke zu Gebote ſtehender Gehülfe, ein Wundarzt, ohne den ein vielbeſchäftigter Arzt in einer ggroßen Stadt kaum beſtehen kann. Ich überlegte mir ſchnell die Sache, dann faßte ich einen Entſchluß, den ich in der nächſten Woche ſchon ausführte und mit dem ein zweiter verbunden war, wovon icj ſogleich ſprechen werde. Ich ſchrieb nämlich an Ernſt Goy nach Berlin, theilte ihm meine jetzige Lage mit und ſprach mein Bedürfniß nach einem zuverläſſigen Gehülfen aus. Falls er geſonnen ſei, ſeine jetzige kleine aber gewiſſe Stellung mit einer größeren aber ungewiſſen bei mir zu vertauſchen, ſolle er mich beſuchen, ſich umſchauen und zur Probe einige Zeit bei mir verweilen; gefiele mnicht, ſo könne er jederzeit in ſein altes Ver⸗ hältniß zurückkehren. Ich hatte mich in meinem alten Freunde und derte Neigung bewahrte, ſo entſchloß er ſich raſch, gab — 303— Lebensgefährten bei dieſer Wahl nicht geirrt. Er be⸗ ſaß noch immer ſeine alte Wander⸗ und Veränderungs⸗ luſt, und da wohlbekannte Fäden ſein Schickſal mit dem meinigen verknüpften und er mir eine unverän⸗ gegen meine Abſicht ſeine Anſtellung in Berlin ganz auf und langte ſchon in wenigen Tagen, ſobald er einen Stellvertreter gefunden hatte, mit Sack und Pack 8 vor meiner Thür an. Ich war bei ſeiner Ankunft gerade nicht zu Hauſe und fand ihn bei meiner Rückkehr äußerlich ſtolz und ſich in die Bruſt werfend, aber dennoch innerlich etwas bedrückt auf dem Sopha in meiner Schreibſtube ſitzen. Zwar war ſein altes Gemüth, ſein heiteres Tempera⸗ ment, ſein ſtarker rüſtiger Körper unverändert, aber in ſeinem Auge ſpiegelte ſich unverkennbar eine gewiſſe Trübung wieder, die aus ſeinem Herzen herauf zu dämmern ſchien und mir ſogleich auffiel. Mit ſicht⸗ barer Rührung drückte er mir die Hand und dankte mir für meine unvergängliche Freundſchaft. Er habe Alles verlaſſen, ſagte er, um zu mir zu kommen und im Alter, wie in der Jugend wieder an meiner zu ſtehen. „Aber,“ fuhr er fort,„Fritz, mein Junge, hör ich bin erſtaunt über Alles, was ich hier ſehe und Gott — 304— höre. Du wohnſt prächtig, für mich faſt zu prächtig, biſt Leibanzt eines Herzogs, ſollſt herrliche Pferde, Wagen und Diener haben— wer hätte das in Am⸗ ſterdam beim alten Humperdink gedacht! Gottes Wege ſind doch munderbar, und ich fange an zu glauben, daß Dn v ihm mit baſonders auten Abſichten auf die Welt g t biſt. 4, nder kann wiſſen und erkläre„Ernſt Goy, was eer Erſchaffung bezweckt hat? Wir könner uns ihm nur allein demüthig und dankbar e Rweiſen Wenn er mich aber vorzugsweiſe beglückt hat, ſo hat er auch Deiner nicht vergeſſen, denn ſiehe da, Du biſt wieder bei mir, und ich hoffe, unſere Ver⸗ binduns wird von jetzt an eine unauflösliche ſein.“ „Haha! Das wußte ich ſogleich, als ich Deinen Brief las. Sieh, ich habe darum auch Alles verlaſſen, 3 Alles aufgegeben, um mich Dir ganz zu weihen.“ „Das iſt wieder ein Stück Deines alten Leichtſinns, Ernſt Goy; wenn es Dir nun hier nicht behagte?“— „O, beſorge das gar nicht. Warum ſollt' es mir nicht behagen? Da ich Dich hier ſehe und ſo munter en, Geſtalt und Zügen— denn, nimm es mir nicht übel, Du biſt in Deiner ganzen Lrſcheinung ein ſund, friſch und jugendlich, immer noch derſelbe ggute Kerl, obgleich ſo ganz und gar verändert in — 305— Bischen vornehm geworden— ſo fühle ich mich auch durchaus hier zu Hauſe. Berlin war mirgſchan längſt ein Gräuel geworden, und ich lebte wie ein Sklave in meinem Hoſpital, das ich täglich nur zu beſtimmten Stunden verlaſſen konnte. O, es wa ei 1 ndeleben. Aber bei Dir iſt Freiheit 2 ſehe es an Dir.“ „Frohlockeznicht zu früh uch hat ihre Grenzelt und mein Leben ſeine 8 „Ja, ja, ich glaub's, ich ſehe es; Di drinnen in Deinem Herzen, wie mir in dem meinigen. Ach, Fritz, mein Junge, keine Nachricht, 9r keine eSpur von— von—?“ „Von wem? Von Deiner Grete? Wie? vaui Du noch immer an ſie?“ „Junge, daß ich Dich nicht verſchlinge! Ob ich noch an ſie denke! O und wie! Aber Du ſagſt. meine Grete. O, wäre ſie mein! Sie iſt zwar beinahe ſo alt wie ich, und ich bin neun und dreißig — aber, ſiehſt Du, ich liebe ſie noch immer, und wenn ſie käme, und käme ſie aus der Hölle und wollte mich zum Teufel machen— ich nähme ſie, weiß 3 es G noch heute zur Frau!“ „Es wäre auch Unrecht, wenn Du das wollteſt. Lieben und treu ſein kann und muß m Fritz Stilling. III. 20 — 306— nur ein Mal im Leben— mir geht es darin wie Dir. Aber nein, mein lieber Ernſt, ich habe keine Nachricht, keine Spur, weder von Deiner Grete, noch von meiner Chriſtel und ich— bin auch ſchon zwei und dreißig Jahre alt.“ „Aber zum Teufel! wo mögen ſie nur ſein? Denn ich ſetze immer voraus, ſie werden bei einander leben, wie wir— hat ſie denn die Welt verſchlungen?“ „Sie können geſtorben oder— verheirathet ſein, was für uns beinahe daſſelbe iſt.“ „Fritz, ich bitte Dich, ſprich nicht ſo. Du ver⸗ ſetzeſt mir einen Dolchſtich zum Willkommen. Sieh, ich zittere ſchon bei dem bloßen Gedanken— ich könnte ein Mörder werden, wenn ſie ein Anderer hätte“— und er lief mit ſeiner alten Leidenſchaft wie ein Ra⸗ ſender durch das Zimmer, ſo daß ich jeden Augenblick glaubte, er würde ein Rad ſchlagen und mir dabei meine Spiegel zertrümmern. „Beruhige Dich, mein Freund, mit Toben und Schelten wird hier nichts gewonnen. Der Himmel hat uns ſo viel gegeben, wir müſſen ihm ſchon dafür dank⸗ bar ſein. Alſo Du bleibſt jedenfalls bei mir?“ 5 Auf ewige Zeiten, wenn Du mich nicht fortjagſt.“ So bin ich zufrieden. Verdienſt kann ich Dir genug zuweiſen; ein kleines Häuschen— daſſelbe, in — — 307— dem ich früher gewohnt— ſollſt Du auch haben, und das Uebrige wird ſich finden. Jetzt laß uns aber zu Tiſche gehen; wirf Deine Reiſekleider ab und mache Dich zurecht— höre aber noch eins; bevor Du hier an die Arbeit gehſt, mußt Du erſt eine Reiſe unter⸗ 4 nehmen. 44 8 „Eine Reiſe? Wohin? Du teuuſt mai Lbb- haberei dafür, ich rziſe gern. 5. „Das habt ich mir gleich gedacht und durum thabe ich Dich dazu auserſehen. Morgen alſo ſetzeſt Du Dich auf die Poſt und fährſt nach Weſel.“ 8 „Nach Weſel? Was ſoll ich denn da?“ „Meine gute, alte, blinde Mutter holen. Sie muß von jetzt an bei mir wohnen. Für ihr Unter⸗— kommen bei mir iſt ſchon im Ganzen und Einzelnen 3 geſorgt und ich habe auch ſchon an ſie geſchrieben, damit Du ſie gerüſtet vorfindeſt. In Weſel, wenn ſie nicht Luſt hat, mit der Poſt zu reiſen, nimmſt Du einen bequemen Wagen— an Geld ſoll es Dir nicht fehlen— läſſeſt ſie alle Nächte ruhen, ſtrengſt ſie nie übermäßig an und führſt ſie geſund und unbeſchäͤdigt hierher. Bedenke, es iſt meine Mutter— un alt und blind und ſchwach!“ „Junge, Deine Mutter! In dieſem W für mich Alles enthalten. Ich will ſie wie u * — 308— Augapfel hehiten und ſie ſoll mit meiner Wartung und Pflege zufrieden ſein. Wie ein Kind will ich ſie päppeln, ha! eine beſſere männliche Amme ſoll es für dieſes kleine alte Kind auf der ganzen Welt nicht geben.“ Und dieſe koloſſale männliche Amme ſpeiſte vor⸗ trefflich mit mir zu Mittag, ſetzte ſich Abends in den Poſtwagen und fuhr davon, um das kleine alte Kind, wie er es nannte, meine gute Mutter zu holen. . 3 3 Einige Wochen ſpäter— damals reiſte man nicht. ſo raſch, wie heut zu Tage— hielt eines Abends ein ſehr bequemer Reiſewagen vor meiner Thür. Karl und Roſa, die gerade den Thee bei mir tranken, um meine äglich wachſende Ungeduld etwas zügeln zu helfen, ſprangen raſch an das Fenſter. Siehe, da öffnete ſich der Wagenſchlag und Ernſt Goy's mächtige Geſtalt ſprang mit einem gewaltigen Satze heraus. Dann aber drehte er ſich herum, ſprach einige Worte in den Wagen hinein und ließ ſeine Hände ihnen folgen. Er faßte etwas Zartes, Lebendiges in ſeine Arme— er hob es auf, wie man ein Kind aufhebt, und einige Minuten ſpäter trug er ſeine lebendige Laſt keuchend die Treppe herauf und legte mir mein altes Mütterchen auf in weichſtes Sopha nieder. Da iſt ſie,“ ſagte er, tief Athem ſchöpfend,„da ha zu Dein und mein Kind, die alte Mutter— und nun, Frau Stilling— aufgeblickt!— ja ſol ich — 2 — — 309— wollte ſagen, hören Sie ihn, fühlen Sie ihn, da iſt er— Ihr Sohn, der kleine Fi, der vornohm ge⸗ wordene Doktor!“ Aber ſchon lag ſie an meinem Herzen, die ſilber⸗ haarige Greiſin, an dem Herzen ihres ſtarken, kräf⸗ tigen Sohnes. Gott! welches Glück giebſt Da Boch 3 Deinen Menſchen auf Erden!— Da ſaßen wir denn, die beiden Lehmann, Ernſt Goy und ich, im Kreiſe um die mir ſo theure Frau, und ſchauten ſie vor Freude ſchweigend anß ſie, die mit ihren matten Augenſternen nichts ſah, aber mit ihren übrigen Sinnen Alles genau erfaßte, was nur leiſe wie ein Hauch in ihre Nähe kam. „Mein Kind, mein Sohn,“ ſagte ſie lächelnd, nalſo hier, bei Dir ſoll ich wohnen und leben? Weißt Du aber auch, daß ich bei aller Freude, die ich empfinde, beſorgt bin, ich werde Dir eine Laſt ſein?“ „Mütterchen! Wie kannſt Du Deinem Sohne, dem einzigen Weſen auf der Welt, welches mit Dir durch Gottes Spruch verbunden und verwachſen iſt, zur Laſt ſein? Hier, die gute Frau meines alten Freundes Lehmann, hat Dir eine Wärterin verſchafft, welche immer bei Dir und um Dich ſein wird, und was ich ſelbſt an Zeit übrig habe, ſoll Dir auch von mir ge⸗ widmet ſein.“ 3 4 Uund ſie weinte vor Freuden, die alte Mutter und 14 ſtreckte ihre wachsbleichen, feinen Hände dankend nach uns Allen aus. 8 8 Am ſpäteren Abende aber, als ich ſie in hrem 4— 310— weichen Bette wohl zur Ruhe gebracht ſah, ſaß ich allein an ihrer Seite, ihre Hand nach langer Zeit ein⸗ mal ungeſtört wieder in der meinigen haltend. „ und fühlſt Du Dich wohl bei mir, meine Mutter?“ fragte ich ſie im vollen Genuſſe meines kindlichen Glückes und ſtreichelte ihr die durchſichtigen, zarten 3 Kind! Wie kann eine Mutter ſich nicht wohl fühlen, bei einem Sohne, der ſo iſt, wie Du. Es iſt Alles ſo angenehm, ſo fein, ſo heiter bei Dir.“ „Woher weißt Du das?“ „ Ich fühle es— ich rieche es— ich athme es, ich habe das innere glückliche Bewußtſein davon. Gott hat mir das Licht meiner Augen genommen, aber er hat mir dafür das Licht der inneren Sinne gegeben, und dieſes Licht iſt ſtark und hell. Ich fühle und verſtehe Alles, ſelbſt die guten und die böſen Menſchen kenne ich heraus.“ 54 o8!l und wie gefällt Dir denn mein Freund und ſeine junge Frau?“ „Das bleiche Röschen? Ach, er iſt ſo gut wie ſie und ſie iſt ſo gut wie er— das ſind liebe Leute — Ernſt Goy iſt auch gut, nur zu heftig in ſeiner Liebe.“. „Das meint er nicht ſo— die Natur hat ihn nun einmal ſo geſchaffen.“ es nur, damit Du ſiehſt, daß ich es weiß. Aber höre. Bei der ſanften Stimme des bleichen Röschens iſt es „Ich weiß es wohl und tadle ihn nicht, ich ſage 1 4 4 — ——y — 311— mir eingefallen— haſt Du denn noch kein Röschen gefunden, welches Dir Dein Haus zum Parndieſe wandelt, wie jenes ihm?“ „Meine Mutter, woran erinnerſt Du mich! Ach, ja, ja, ich ſcheine ſo glücklich, doppelt jetzt, da ich Dich in meiner Nähe habe— und doch blutet m Herz, iſt krank vor Sehnſucht— na einzigen— Du kennſt ſie ja!“ 8 „Iſt es noch immer dieſelbe, die kleine aus Amſterdam?“ „Ja, dieſelbe, meine Mutter, aber ſie wid je groß geworden ſein und noch ſchöner, als ſie früher war.“ „Höre, mein Sohn— wo iſt Deine Hand— hier, es iſt gut— ſieh, Du mußt nicht murren. Gott hat Dir ſo viel gegeben, da Du doch ſo wenig An⸗ ſprüche auf etwas hatteſt; vertraue ihm auch darin ich glaube an ihn. Wir alten Leute aus einer ver⸗ gangenen Zeit haben den Spruch: Was Gott zu⸗ ſammen fügen will, das reißen keine Menſchen aus einander— alſo glaube, vertraue, hoffe!“ „Mutter, Mutter! ſprächeſt Du wahr!“ „Ich ſpreche wahr— ich ſehe Deine Chriſtel im 3 Geiſte— ich höre ihre ſilberhelle Stimme wie eines guten Engels Stimme klingen— ja, ja— gute inct — mein Sohn— gute— Nacht!“ 3 Und ſie ſank hinten über und verfiel in den ſ ſüßen Schlaf der Müden, Unſchuldigen und der ſo leiſe und lieblich und doch ſo erquickend der eines Kindes iſt — 312— 8 Und ich ſaß eine Weile bei ihr, lauſchte auf ihren geſunden, kaum hörbaren Athem und hüllte ihre zarten Glieder feſter in die warmen Decken ein. Noch einen dankbaren und freudigen Blick warf ich auf ihr ruhig ergebenes, demüthiges und mildes Geſicht— ich konnte mich nicht trennen von dieſem geſegneten An⸗ blicke— und ſprach im Stillen einige aus dem Herzen ſtrömende Worte zu Gott. O, es iſt ein ſo ſüßes Gefühl, noch eine Mutter uf Erden zu haben, wenn ſie auch blind, alt und ebrechlich iſt— wie glücklich war ich noch gegen ſo Viele— und ich ſollte murren? ſas war mein letzter Gedanke, als ich endlich Schlafende verließ, und mein erſter, als ich nach kurzem aber geſundem Schlummer wieder zur neuen ätigkeit erwachte und bei dem roſigen Scheine des geſchenkten Tages mir nicht verhehlen konnte, daß ich mich im Ganzen in einer beneidenswerthen Lage befand. Ende des dritten Theiles. Drus von Z. voigt in Penio. — — —— — 2 8 3 3 88 4 6