Schhloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — KLeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe zinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet k 3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 23 Bücher: 3 4 Bücher: 6 Bücher: an 1 Menat⸗ 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. be der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ſelben von mir geliehen, Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes. Von Philipp Galen, Verfaſſer des„Inſelkoͤnigs“ und des„Irren von St. James“. . Zweiter Theil. 4— Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1854. Fritz Stilling. Zweiter Theil. I. Das ſprechende Heiligenbild. Bevor wir uns dem Kloſter bis zur Eingangspforte genähert hatten, waren wir ſchon bemerkt worden; der Guardian ſelber hatte uns erwartet und öffnete die äußere Pforte. Sein Geſicht zeigte unverkennbar den Ausdruck des Staunens und Unwillens, ſo wie des Zweifels an der Wahrheit und Möglichkeit deſſen, was ihm geſchehen war. „Still!“ ſagte er zu uns, ſobald wir auf der Vorflur angekommen waren,„tretet leiſe auf, die Väter ſind im Refektorium und brauchen nicht zu wiſ⸗ ſen, daß wir beiſammen ſind. Kommt mit mir; ich habe Befehl ertheilt, uns das Eſſen für eine ſpätere Zeit warm zu halten; für jetzt aber erlaubſt Du wohl, Maximilian, uns nach Deiner Zelle zu begeben. Sie iſt abgelegen und wird nicht ſo häufig dum einen Fragenden betreten, wie die meinige.“ Sogleich ſchritt Maximilian uns voraus und öff⸗ nete die Thür ſeiner Zelle. Ich wollte mich durch ſie hindurch in meinen kleinen Wohnraum begeben, als ich einem ſeiner leuchtenden Blicke begegnete, der mir unmittelbar in ſeiner Nähe zu bleiben befahl. Der Guardian bemerkte meine Anweſenheit wohl, einige Worte aber, die Maximilian ihm zuflüſterte, mochten ihm deſſen Abſicht begreiflich machen und er gab mir ſelbſt einen Wink, in der Zelle bei den verſammelten Männern zu verweilen. Indeſſen ſtellte ich mich an's Fenſter und that, als ob ich den Wald betrachtete, ob⸗ wohl ich meine guten Ohren geſpannt auf das hielt, was anfangs hinter meinem Rücken verhandelt wurde. „Nun, ſo ſetzt Euch!“ rief der Guardian mit bebender Stimme—„und was denkt Ihr wohl, was mir geſchehen iſt? Ihr werdet es nicht glauben, wenn ich es Euch ſage. Denn, um es kurz zu machen, Ihr kennt die zweckmäßigen Einrichtungen des Kloſters und ſeine frommen Bewohner, die Mönche. Eure An⸗ ſchauung muß Euch auch belehrt haben, daß Ordnung, Zucht, Gehorſam und Gottesfurcht in unſeren Mauern und nach Außen hin geübt werden. Ihr kennt auch die um uns herum wohnenden Menſchen. Habt Ihr je wahrhaft frommere Chriſten geſehen, als wir ſie zu unſeren Beichtkindern zählen? Sind die Menſchen irgend wo fleißiger, gehorſamer, nüchterner geweſen? Sind an irgend einem Orte der Welt weniger Ver⸗ brechen und Thaten ruchloſer Leidenſchaft je verübt worden, als hier? Nein, nein, nein! Ich ſehe es Euren mir beiſtimmenden Mienen an: Ihr wißt es, Ihr glaubt es, Ihr beſchwört es, denn es iſt die Wahrheit. Und doch, was konnte mir, dem Oberen und Vertreter dieſes Kloſters, bei dieſem meinen rein⸗ ſten Bewußtſein geſchehen?“ Und er zog einen Brief aus ſeiner Kutte und warf ihn mit den deutlichſten Spuren des Zornes und Widerwillens auf den Tiſch, daß er auf der Platte deſſelben laut ſchallend aufſchlug.„Hier ſehet, was man mir ſenden, höret, was man mir ſchreiben konnte; und wenn Euer Unwille darüber eben ſo groß iſt, wie der meinige, ſo ſaget mir, was Ihr thun würdet, den Streich, der mir drohet und mich gefährdet, abzuwen⸗ den, und Euch, mich und das Kloſter ſelbſt vor der nahenden Demüthigung zu bewahren.“ Und er ergriff den Brief, entfaltete ihn und las mit vor Aufregung zitternder Stimme Folgendes: „Mit tiefer Betrübniß, mein hochwürdiger Bru⸗ „der, habe ich aus weiter Ferne mit den Augen „meines wachenden Geiſtes wahrgenommen, daß das „heilige Licht des Glaubens in Eurer Nähe nicht — 8— „mehr ſo hell leuchtet, daß der Zügel des Gehor⸗ „ſams und kirchlicher Zucht nicht mehr ſo ſtraff ge⸗ „halten wird, wie ehedem und wie es zur Macht „und zum Anſehen unſerer heiligen Kirche, zur Er⸗ „kräftigung ihrer Bekenner und zum Heile aller da⸗ „bei betheiligten Seelen nothwendig iſt. In die „Mauern Eures Kloſters ſind Geſinnungen und „Neuerungen gedrungen, die ebenſowohl das An⸗ „ſehen ſeiner Bewohner nach Außen hin ſchwächen, „wie das Heil der Euch untergebenen Seelen ge⸗ „fährden, alſo dem Willen und dem Zwecke der „Kirche nicht hinreichend entſprechen. Und Ihr, Ihr „duldet es nicht allein, nein, Ihr befördert dieſes „Unweſen noch. Wie konnte es demnach anders „ſein, als daß die Gnadenwelle des Lichtes, das „von Eurer Heiligkeit ausſtrömen ſoll, gedämpft „und umwölkt nach Außen hin dringe? daß die „chriſtlichen Tugenden im Schwinden begriffen, daß „der religiöſe Eifer gebrochen iſt, daß die kirchlichen „Pflichten vernachläſſigt werden? Wie konnté es nanders ſein, o vielgeliebter, hochwürdiger Bruder, „als daß die Euch untergebenen Väter, wie ſie „früher ein Beiſpiel der Sittlichkeit, der Zerknir⸗ „ſchung und aller übrigen kirchlichen Tugenden wa⸗ ren, jetzt das Vertrauen ihrer Beichtkinder verlo⸗ 4 „ren, ihr altes ehrwürdiges Anſehen bei anderen „wahrhaft frommen Klöſtern eingebüßt haben und „für alle aufgeklärten und wahrhaft Gott ergebenen „Herzen ein Stein des Anſtoßes, noch dazu in einer „ſo trüben und traurigen Zeit der allgemeinen ſitt⸗ 4 „lichen Aufregung, geworden ſind? O, daß ich „gerade Euch das ſagen muß! daß ich auf Euch die „Schale meines oberhirtlichen Zornes ausgießen „muß! Gehet noch zur rechten Zeit in Euch, er⸗ „hebet Eure Seele aus dem Schmutze der ſittlichen „Verſumpfung, und ſchwingt das Euch mit Bedacht „verliehene Schwert mit Nachdruck gegen die Uebel⸗ „thäter und Unreinen, die unter Euch ſind.“ „Auf daß dies Euch aber leichter gelinge und „Ihr mit größerer Kraft des Vollbringens ausge⸗ „ſtattet werdet, ſo habe ich in meiner umſichtigen „und wahrhaften Liebe für Euch, Euer Kloſter und „die Euch untergebenen Seelen beſchloſſen, einen „reineren Quell der ewigen und unſterblichen Lehre „Euch zufließen zu laſſen. Reiniget damit Eure „und der Eurigen beſtäubte Seelen, kräftiget Euer „geſunkenes Herz zu dauerhafterer Uebung Eurer „Pflicht, erhebt Eure ganze, Euch einſt inwohnende „Standhaftigkeit, damit Euer Kloſter auch ferner vein Aſyl betrübter Herzen und gebeugter Geiſter — 10— „werde und meine Augen wieder Wohlgefallen an „Euch haben mögen. Ich ſende Euch zu dieſem „Behufe, und ſchon in den nächſten Tagen, drei „hochehrwürdige Väter, anerkannt durch ihren Pflicht⸗ „eifer, ihre Frömmigkeit, ihre geiſtige Macht und „KFülle, aus dem biſchöflichen Seminar zu..., es „ſind die Väter Zahn, Blitz und Sturm. Nehmet „ſie wohl in Eurem Gotteshauſe auf, verpfleget ſie, „wie die Kinder des Herrn verpflegt werden müſ⸗ „ſen, auf daß ſie aus der körperlichen Speiſe auch „neue Nahrung zur geiſtigen gewinnen, überhaupt „unterwerfet Euch Allem, was ſie in des Höchſten „heiligem Namen, zu ſeiner Ehre und zu ſeinem „Ruhme von Euch verlangen werden. Nur auf „dieſe Weiſe ſeid Ihr ſicher, Euch einſt auf dem „Pfühle des Himmels zu betten und in mir zu ſe⸗ „hen Euren gnädigen Oberhirten und Fürſprecher, „den 1 Pater Provinzialis ꝛc.“ Ein tiefes Schweigen ſtaunender Verwunderung bielt die Lippen der Anweſenden nach Vorleſung dieſes merkwürdigen oberhirtlichen Schreibens eine Weile ge⸗ feſſelt. Als ich mich, darüber verwundert, langſam — 1— nach dem Tiſche umwandte, wo die drei Männer ſa⸗ ßen, ſah ich die Blicke des Guardians und meines Lehrers auf Maximilian geheftet, deſſen Stirn, je län⸗ ger das Schweigen dauerte, ſich um ſo dunkler färbte, aber allmälig ſtolz und willenskräftig erhob. „Da habt Ihr,“ ſagte er ernſt aber ſanft,„was ich Euch ſo oft geſagt habe. Nicht Ihr oder Eure Beichtkinder ſind es, die man züchtigen und prüfen will, ſondern ich, ich allein bin das räudige Schaf Eurer Heerde; und um nicht geradeaus auf das rechte Ziel loszugehen und mit einem Schlage die ge⸗ faßte Abſicht zu verrathen, macht man Umſchweife, zieht Euren längſt erprobten Wandel zur Unterſu⸗ chung und verhängt über Euch die Strafe, die allein mir zugedacht iſt. Glaubt es mir, Pater Henrikus hat uns dieſe Ermahnungsſchrift zugezogen und die⸗ ſen Beſuch auf den Hals gebracht; ich erkenne ſeinen ſchleichenden Schritt aus dem ſehr geſchickt gewählten Gange der Einleitung und ſein lauerndes Auge blickt mich aus jeder Zeile dieſes Schreibens an. Guter Pater Franziskus, unter dieſen Umſtänden ſehe ich leider den Zeitpunkt gekommen, wo ich nicht länger Deine Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen darf, denn ich will Euch kein Störenfried ſein— laßt mich mei⸗ nes Weges ziehen und behaltet die Ruhe Eures Her⸗ — 12— zens und den Frieden Eures Kloſters. Das iſt meine ſofortige und meine beſte Entſchließung.“ Beide Männer erhoben zugleich ihre Stimmen gegen dieſen Ausſpruch; der Guardian aber ſchwieg zuerſt und ließ Ludovikus das Wort, der mit ſprudeln⸗ der Heftigkeit ſich alſo äußerte: „Nicht zu eilig, mein lieber Maximilian,“ ſagte er,„Du ſiehſt nicht Alles hier im rechten Lichte. Wohl magſt Du dem Vikarius ein Dorn im Auge ſein, aber willſt Du vor ihm ſo ſchwach Dich zeigen, bei'm erſten Anlauf ſeines Haſſes von unſerer Schwelle zu weichen? Willſt Du ein Mann der bleichen Furcht geworden ſcheinen und vor einigen Bußpredigern ent⸗ fliehen, die man uns, aus Gott weiß welchen Grün⸗ den vielleicht ſchickt?“ „Furcht?“ rief Maximilian und erhob noch ſtolzer ſein edles Haupt—„Furcht, Ludovikus? Ich hoffe, Du haſt dieſes Wort nicht mit dem Bedachte, mich zu kränken, geſprochen. Welchen Prieſter auf der Welt ſollte ich fürchten und wäre er mit dem Bannſtrahl des allerhöchſten Prieſters der Chriſtenheit ausge⸗ rüſtet?“ „Ruhig, Ihr Männer,“ rief der Gnardian jetzt mit ſeiner ſanften, verſöhnenden Stimme dazwiſchen, „ruhig! Vor allen Dingen biſt nicht Du allein in die⸗ — 13— ſem Schreiben bezeichnet, Maximilian, ſondern wir Alle, das heißt, das Kloſter, ſeine Bewohner, unſere Beicht⸗ kinder und namentlich ich, der Guardian dieſes Klo⸗ ſters. Nicht der Haß gegen Dich allein hat den Vika⸗ rius vermocht, uns dies Gewitter heraufzubeſchwören, ſondern auch ſeine längſt gehegte Eiferſucht gegen mich. Ich habe es lange empfunden und nur des lie⸗ ben Friedens halber meine Meinung zurückgehalten. Jetzt aber iſt die Zeit dazu gekommen und ſie ſoll nicht ungenützt vorübergehen. Maximilian, mein Freund, erfülle meine Bitte und ſprich für jetzt noch nicht da⸗ von, mich und dieſes Kloſter zu verlaſſen. Noch ſind wir nicht dahin gebracht, dies Deines eigenen Vortheils wegen wünſchen zu müſſen und ich für meine Perſon werde mich vor den prüfenden Augen dieſer drei Väter zu reinigen wiſſen. Das iſt auch nicht der Punkt, warum ich Euern Rath verlangte, vielmehr iſt es das Heil der im ganzen Umkreis lebenden und uns anver⸗ trauten Seelen. Wir erhalten alſo Bußprediger für unſere ſtillen Mauern, und gleich drei auf einmal. Haha! Wir, die Mönche von St. Franziskus, die im Geruche reinſter Frömmigkeit am ganzen Rheine ſtehen! Wenn es nicht zum Weinen wäre, wahrhaftig, es wäre faſt zum Lachen! Was wird man ſagen? Mit Fingern wird man auf uns weiſen und flüſtern: — 11— Sehet, ſie müſſen ihre Sünden einem Gewaltigern beichten! Glaubet es mir, es ſtehet feſt: Der Ruf unſeres Kloſters iſt dahin und die guten Zeiten unſe⸗ res Lebens ſind vorüber. Bald wird man uns in alle Welt von dannen jagen und hinter uns her rufen: ſuchet Euren Heiland, wo Ihr wollt, und wenn Ihr Heilige ſeid, ſteiget auf und— Himmelſakrament! Ich fühle Galle in meinem Munde, wenn ich es be⸗ denke! Und wie heißen dieſe lieben Väter, die ſie uns zur Beſſerung ſenden? Zahn, Blitz und Sturm! Haha! Die Väter Jeſu lieben es, ihren von Gott ihnen gegebenen Namen zu übertünchen und aus dem Gedächtniſſe des Sterblichen zu ſtreichen, um einen anderen anzunehmen, der ihrem Zwecke beſſer entſpricht und ihre Aufgabe klarer andeutet, in der Wirklichkeit aber ihrem inneren Charakter und Weſen angepaßt iſt. Nun, und was werden wir da zu ſehen und zu hören bekommen? Einen beißenden, einen brauſenden und verſengenden Bußrediger. Wahrlich, eine köſtliche Mi⸗ ſchung und eine herrliche Beigabe für unſer armes Kloſter. Und unſere gute, ſtille, friedliche Bevölke⸗ rung, was wird ſie ſagen?“. „Was wird ſie ſagen!“ unterbrach ihn der all⸗ mälig warm werdende Pater Ludovikus,„Sie wird uns für abgeſetzt vom lieben Herrgott erklären und den neuen Patres wie einem neuen Meſſias zuſtrömen; das ſehe ich Alles voraus, denn ſo iſt der Lauf der lieben Welt.“ „Noch drei Prediger!“ ſagte Maximilian ſinnend, „und beinahe dreißig ſind ſchon hier. Welcher Schwall von Worten wird ſich in die langen Ohren der Beicht⸗ kinder ergießen, welche Fülle von Tröſtung und gött⸗ licher Liebe wird ſich vom Himmel in die Herzen der Gläubigen herabſenken, und welche volle Schale ſeines Zornes wird über Euch ſeinen Zorn ausgießen! O Ihr Armen, man wird Eure Beichtkinder zu Heiligen erziehen!“ „Zu Heiligen?“ rief ſtürmiſch Ludovikus.„Das will man, glaube ich, gerade gar nicht. Du kennſt wohl nicht ſo genau, wie wir, die Triebfedern und den Endzweck des heiligen Ordens Jeſu. Nicht um die Religion iſt es ihnen zu thun, nicht um die Frömmig⸗ keit der ihnen untergebenen Seelen. Wir leben in einer Zeit, wo die Religion in den letzten Zügen liegt und andere despotiſchere Zwecke die Welt regieren. Hier, jetzt liegen andere, nähere Abſichten zum Grunde. Ein ganzes Volk wollen ſie ſich unterthänig machen und die Geiſter von Fürſten und Nationen beherrſchen, um ſich ſelbſt auf den Häuptern dieſer zu Prieſterfür⸗ ſten emporſchwingen zu können. O wenn wir allwiſ⸗ — 16 ſend wären und die Augen des Vaters da oben hät⸗ ten, um die Hüllen dieſer Bußprediger zu durch⸗ ſchauen! O, hätten ſie doch ein Fenſter in ihrer Stirn oder noch lieber eins hier in der Bruſt— was wür⸗ den wir für ſchöne und erbauliche Dinge zu ſehen be⸗ kommen!“ Der Guardian, aufmerkſam zuhörend, biß ſich vor Wuth auf die Nägel und ſprach nicht mehr, deſto mehr aber arbeiteten ſeine innerſten Gedanken.„Meine Brüder,“ ſagte er endlich mit Entſchiedenheit,„ich muß wiſſen, warum man mir dieſe Bußprediger ſchickt. Unſer Wandel iſt rein und ſtraflos, unſere Beichtkinder ſind gut, fromm und fleißig— was ſoll dieſe Komödie bedeuten? Ich werde mir den erſten beſten von dieſen Vätern ausſuchen und mit ihm ein Wort des Ernſtes ſprechen.“ „Haha!“ lachte Ludovikus beinahe fröhlich,„Du wirſt viel von ihm erfahren. Es ſind ſtille, zuge⸗ knöpfte, Dorchende Herren— Poſaunen für das Volk, Truhen ohne Schlöſſer für uns— kennſt Du die Söhne Loyola's nicht beſſer?“ Marimilian hatte lange ſinnend für ſich dageſeſ⸗ ſen, endlich ſagte er drohend:„Wenn ſie mit Waffen der Argliſt wider Euch ſtreiten, ſo halte ich Euch für klug und kühn genug, Eure Nacken nicht gutwillig un⸗ — 17— ter ihr Joch zu beugen. Seid Männer, ſchärfet Eure eigenen Waffen und ſchmettert ſie nieder, indem Ihr ſie entlarvt.“ „Männer!“ rief der Guardian.„Als wenn Männer gegen Jeſuiten etwas ausrichten könnten, die die Klugheit der Schlangen beſitzen und Mittel in Händen haben, wie wir ſie nicht zu finden wiſſen.“ „So, und wer hindert Euch denn, ebenfalls Schlangen zu ſein, wie ſie?“ „Unſer Gewiſſen, Maximilian, und unſere Reli⸗ gion. Wir ſind Prieſter und Diener Gottes, ſeiner Herrlichkeit allein ergeben wir uns, nicht den Erbärm⸗ lichkeiten des Erdenmenſchen. Wir weichen keinen Fuß⸗ breit von unſerer Pflicht.“ „Eure Pflicht gegen die Menſchen aber erfordert, daß Ihre kluge Prieſter ſeid. Franziskus, ich bitte Dich, höre mir zu. Schenke mir dieſe drei Männer. Ich fühle eine große Luſt in mir, dieſem Bater Zahn auf den Zahn zu fühlen, dieſen verſengenden Zlitzſtrahl mit kaltem Erdenwaſſer zu begießen, dieſen bralſenden Sturmwind auf ſeinem Weltgange aufzuhalten. Schenke ſie mir und in wenigen Tagen ſollſt Du wiſſen, was ſie ſind, was ſie wollen, warum ſie hierher gekommen find. Sind ſie Deinetwegen oder des Kloſters, oder der Beichtkinder wegen gekommen, ſo will ich mich 8 Pis Stilling. II. 2 — 18— in die Sache nicht miſchen, möget Ihr ſie dann allein ausfechten— ſind ſie aber meinetwegen geſchickt, ſo laßt mich handeln, wie es mir recht und nützlich er⸗ ſcheint. Ich habe noch größere Pflichten zu erfüllen, als mir hier im Kloſter obliegen— Ihr wißt es— und ich bin nicht geſonnen, meinen Weg durch die 6 Ränke eines Jeſuiten durchkreuzen zu laſſen. Soll ich meine Schritte weiter ſetzen— vorwärts, ich bin jede Stunde gerüſtet. Es gelüſtet mich gerade ſehr, nach Spanien zu gehen; da giebt es gegenwärtig auch einen Unterdrücker zu bekämpfen. Es zuckte ſchon lange in meinen Armen, ein ſchneidendes Schwert zu ſchwingen und es an dem Schädel eines egoiſtiſchen Tyrannen zu verſuchen. Doch, noch einmal, laßt mich zuerſt Euer Werk hier zu Ende führen— ſchenke mir dieſe drei Väter, Franziskus, ich bitte Dich, ich möchte die Fackel ſein, die dieſe heilige Trinität beleuchtet!“ 2 ui willſt Du an ſie gelangen und ihre Abſichten erfahren?“ „Kennt der Vikarius das Geheimniß dieſes Hei⸗ kidenr fragte dann mit flüſternder Stimme Maximilian. Der Guardian erröthete, blickte zuerſt Ludovikus, daräuf mich an, ſchwieg aber. „Gegen dieſen,“ ſagte Maximilian, auf nih zei⸗ — 19— gend,„hege keinen Argwohn. Ich bürge für ihn, ja, ich brauche ihn zu meinem Unternehmen, denn er ſolle. mein drittes Ohr und mein Handlanger ſein. Noch einmal, kennt Henrikus das Geheimniß?“ „Ich weiß es nicht, aber wir könnten es bald er⸗ proben.“ „So thut es; ſprecht mit ihm und richtet in ſei⸗ ner Gegenwart die Wohnung für dieſe ehrwürdigen Väter ein, damit ihre Leiber, geſtärkt auf weichem Lager, die leiblichen Speiſen nicht entbehren, um ſo die geiſtigen zu gewinnen, wie es in jenem vortref lichen Schreiben heißt.“ 3 „Ich werde gleich nach dem Eſſen, uns jetzt begeben, mit dem Vikarius die nöthig 5 ſprache nehmen. Folget mir, die Mönche haben das Refektorium verlaſſen und ſind im Garten. Kommt Zeit, kommt Rath!“ „Noch einen würde ich geben, wenn Du es er⸗ laubſt. Streite über nichts mit Henrikus. Theile ihm einfach die Thatſache mit und höre, was er ſagt.“ „So ſei es!“— Und wir gingen in das Refektorium hinab, wo es mir auch an dieſem Tage, ungeachtet der eben über⸗ ſtandenen geiſtigen Aufregungen, dennoch vortrefflich ſchmeckte. — 20— Unmittelbar nach Beendigung unſeres Nachtiſches . ſahen wir den Pater Guardian und Vikarius friedlich neben einander im Garten auf⸗ und abwandeln. Wer die Verhältniſſe nicht näher kannte, hätte unmöglich in dieſen beiden harmlos erſcheinenden Geſtalten die ſtar⸗ ken Gegenſätze heraus erkannt, wie Himmel und Hölle, mehr oder minder entwickelt, in der Bruſt dieſer beiden an Geſinnung, Gemüth und Streben ſo verſchieden be⸗ gabten Männer ſich gegenüberſtanden. Wer war grö⸗ ßer von beiden, der eine an Wohlwollen, Menſchen⸗ freundlichkeit und wahrer Religioſität, oder der andere an Bosheit, verſteckter Heimtücke und mönchiſcher Heuchelei?— Um vier Uhr Nachmittags war ihr Geſpräch im Garten beendet und den Mönchen nach der Meſſe die Anzeige von der demnächſt erwarteten Ankunft der Bußprediger gemacht. Man denke ſich das Erſtaunen dieſer harmloſen Menſchen, die ihrem Gott und ſeinem Stellvertreter auf Erden mehr Ehren und Hingebung erwieſen, als ihnen vielleicht ſelbſt erforderlich erſchien. Und nun drei Bußprediger auf einmal, ſie mit Gewalt in den Himmel zu treiben! Und für das Kloſter zum heiligen Franziskus! Bald ſah man ſie die geſchorenen Köpfe zu einem großen Knäuel zuſammen ſtecken und hörte ſie flüſtern und ſich fragen, was das zu bedeu⸗ ¹ — 21— ten habe, und wer wohl im Stande ſei, ihnen über die tiefere Bedeutung dieſer ſeltſamen Neuigkeit Aufſchluß zu geben? Bald darauf aber ſah man ſie einzeln ver⸗ theilt, oder in Gruppen vereinigt durch Wald und Garten wandeln, um über die nächſte bedeutungs⸗ ſchwere Zukunft nachzudenken, denn es mochte wohl lange nicht im Kloſter ein Tag geweſen ſein, der in ſo kleinem Kreiſe ſo große und wichtige Dinge zuſammen⸗ gefaßt hatte.. Gleich nach der Mittheilung des Ereigniſſes an die Mönche verfügte ſich der Pater Guardian mit dem Vikarius in das obere Stockwerk des Kloſters. Da ich gerade in ihrer Nähe war, wurde ich von Erſterem aufgefordert, vom Bruder Pförtner den Schlüſſel zu den Beſuchszimmern zu holen. Wir Drei ſtiegen alſo die Treppe hinauf und ich ſelbſt ſchloß das neben Maxi⸗ milian's Zelle liegende große Zimmer auf. Es war beſſer und reichlicher ausgeſtattet, als irgend ein an⸗ deres im ganzem Bereiche des Kloſters, denn es pfleg⸗ ten hier die umziehenden Biſchöfe, fremde Guardiaue, der Pater Provinzial und ſo weiter zu wohnen. Es ſtand ſogar ein altes Kanapee und ein Dutzend gepol⸗ ſterter Seſſel mit hohen Lehnen darin. Ich war, wie man ſich denken kann, ein genauer Beobachter des Vi⸗ karius. Er ließ ſeine Blicke langſam und forſchend — 2— auf allen Gegenſtänden im Zimmer ruhen, gleichſam prüfend, ob ſie auch gut und bequem genug für die ehrwürdigen Sendboten wären. Er ſchien aber befrie⸗ digt zu ſein, denn er lächelte mit der Hälfte ſeines ver⸗ kniffenen Mundes und lobte die Anordnungen des Guardians, der noch einige Tiſche in das Zimmer zu bringen, wie auch drei gute Betten im danebenliegen⸗ den Schlafgemache aufzuſchlagen befahl. Nach den vier alten Oelbildern, von denen je zwei an den bei⸗ den Seitenwänden des Wohnzimmers hingen, blickte er, ſo viel ich bemerken konnte, gat nicht, obgleich ich auf Maximilian's Antrieb meine Aufmerkſamkeit genau darauf gerichtet hielt. Er kannte alſo das Geheimniß des in des Letzteren Zelle hängenden Bildes nicht, da er ſonſt nicht zugegeben haben würde, daß die drei Väter dicht daneben, alſo in dem Bereiche des gefähr⸗ lichen Bewohners derſelben untergebracht würden. Gleich nach Beendigung dieſes kurzen Geſchäfts begab ſich der Vikarius auf die Wanderſchaft, wahr⸗ ſcheinlich um den frommen Seelen der umwohnenden Gemeinden die Ehre und Gnade nitzutheilen, die ih⸗ nen durch den Beſuch der drei nach ſeiner Meinung ausgezeichneten und erleuchteten Mitglieder des Ordens Jeſu zu Theil geworden war. Am Abende dieſes für mich ſo ereignißreichen — 23— Tages, der mit meinem künftigen Leben, wie ich da⸗ mals nicht vermuthen konnte, in ſo naher Beziehung zu ſtehen von der Vorſehung beſtimmt war, ſaß ich in meinem Zimmer ruhig bei den Büchern, als Maximi⸗ lian von einem Beſuche beim Guardian heimkehrend, bei mir eintrat. Gleichzeitig hörten wir nah und fern die Thüren der einzelnen Zellen ſchließen, in die ſich ihre einſamen Bewohner jeden Abend pünktlich zu der⸗ ſelben Stunde zurückzogen. Ich packte meine Bücher bei Seite und wollte mich eben entkleiden, um eben⸗ falls ſchlafen zu gehen, als Maximilian mich wieder in ſein Zimuer rief. „Kleide Dich noch nicht aus,“ ſagte er,„wir haben noch ein Geſchäft gemeinſchaftlich zu verrichten, aber warten wir noch eine halbe Stunde, um den Vä⸗ tern Zeit zum Einſchlafen zu laſſen.“ Ich ſetzte mich alſo zu ihm und erwartete eine Erklärung dieſes ſpäten Geſchäfts, aber er ſchwieg hart⸗ näckig, bis die Kloſteruhr halb zehn Uhr ſchlug. Jetzt ſtand er leiſe auf und ſchloß, was er ſelten that, ſeine Zellenthür von innen zu, wobei er vorſichtig zu Werke ging, daß Niemand im Stande war, etwa von außen durch das offen bleibende Schlüſſelloch zu uns herein zu blicken. Ich wußte nicht, was dieſe Vorbereitung 2,— zu bedeuten habe. Dann nahm er einen Stuhl und trug ihn unter das alte Heiligenbild, welches, wie ich ſchon früher erwähnt, ſeinem Bette gegenüberhing und irgend einen der tauſend Heiligen der römiſchen Kirche vorſtellte, von der Zeit aber geſchwärzt und in den einzelnen Zügen nur noch ſchwer zu erkennen war. Auf dieſen Stuhl ſtieg er, während ich unſere Studirlampe emporheben und zu ſeinem Thun damit leuchten mußte. Darauf ſuchte er einen kleinen Schlüſſel aus ſeiner Kapuze hervor und bemühte ſich, an dem linken Holz⸗ rahmen des Bildes eine Oeffnung zu finden, in die der Schlüſſel paſſen ſollte. Endlich fand er ſie und ſteckte den Schlüſſel hinein. Mit einiger Mühe gelang es, das kleine, von Weitem unſichtbare und faſt verroſtete Schloß zu öffnen und ſiehe, kaum war es geſchehen, ſo löſte ſich das auf eine ſtarke Eiſenplatte gemalte Bild von der Wand ab und drehte ſich, wie die Thür eines Wandſchrankes, auf ſeinen Angeln nach der rechten Seite. Vorſichtig wurden die Angeln auf der inneren Fläche des Bildes mit dem Oele unſerer Lampe ge⸗ tränkt, um ihre Schuldigkeit leichter und ſchweigſamer zu thun. Als dies geſchehen war, ſchlug er das Bild zurück und es zeigte ſich in der nun ſichtbaren Aus⸗ höhlung der Wand ein zweites viel beſſer erhaltenes Bild, eine büßende Magdalena darſtellend, die aber — 25— ihre Augen und Lippen, wie im inbrünſtigen Gebete, weit geöffnet hielt. „Es geht,“ flüſterte Maximilian,„gieb mir das Licht her. So. Sieh, der Mund iſt offen, die Augen auch— und richtig, dahinter iſt ein feines Gitterwerk. Nun, wollen wir es auch gleich verſuchen. Begieb Dich jetzt leiſe in das Beſuchszimmer nebenan— der Schlüſſel ſteckt im Schloſſe— ziehe ihn ſanft heraus und ſchließe von innen wieder zu. Dann gehe in dem Zimmer einige Schritte auf und ab und ſprich mit mäßig lauter Stimme irgend welche Worte.“ Ich that ſogleich, wie mir geheißen war. In zwei Minuten war ich in dem finſteren Beſuchszimmer, ſchritt auf und nieder und ſprach einige Worte. Plötz⸗ lich aber ſchrak ich zuſammen, ſo daß ich beinahe auf die Kniee gefallen wäre, denn aus dem einen alten Oelbilde an der Wand, welches mit dem in Maximi⸗ lian's Zelle in Verbindung zu ſtehen ſchien, ſchallte mir eine ziemlich laute und im erſten Augenblicke un⸗ bekannte Stimme entgegen. Schon glaubte ich mich von einem verborgenen Lauſcher entdeckt, als ich deut⸗ lich Maximilians klare Stimme erkannte, die mir ver⸗ ſtändlich zurief, noch weiter von der Wand fortzugehen und einige Worte in leiſerem Tone zu ſprechen. Ich that es und bald darauf rief er mich wieder zurück. — 26— Als ich, den Schreck noch in allen Gliedern füh⸗ lend, wieder in ſein Zimmer trat und die Thür ge⸗ ſchloſſen hatte, lachte er laut, und indem er das Bild wieder in ſeine gewöhnliche Lage brachte, verſchloß und vom Stuhle ſprang, ſagte er: „Es geht vortrefflich, beſſer als ich dachte. Es iſt das erſte Heiligenbild, vor dem ich eine aufrichtige Achtung empfinde und von welchem ich überzeugt bin, daß es Wunder hervorzubringen vermag, denn es ſpricht in der That. Der alte Werkmeiſter, der es zu ſeinem oder irgend einem anderen Zwecke ſo ge⸗ ſchickt vollführt hat, hat gewiß nicht bedacht, daß es auch mir zu dem meinen ſehr dienſtbar ſein würde. Wundere Dich übrigens nicht; in der Höhlung der Wand iſt ein Hörrohr verborgen, welches deutlich alle im Nebenzimmer geſprochenen Worte bis zu unſeren Ohren dringen läßt. Jetzt aber laß uns zu Bette ge⸗ hen und morgen werde ich Dir die nothwendigen Er⸗ läuterungen zu unſerem neueſten Vorhaben geben. Gute Nacht, Fritz!“— II. Zahn, Blitz und Sturm. Die drei nächſten Tage wurden von den mehr oder minder Betheiligten im Kloſter, wie man ſich denken kann, in größerer oder geringerer Spannung verlebt. Unter den Mönchen. urde von nichts als den erwar⸗ teten Bußpredigern rochen während der Guardian, Ludovikus und Maximilian in Gegenwart Anderer kein Wort darüber äußerten. In den umwohnenden Gemeinden aber wurde von Tage zu Tage eine allge⸗ meinere Aufregung bemerkbar, die, wahrſcheinlich durch den überall und immer thätigen Pater Henrikus an⸗ geſchürt, ſich am deutlichſten auf den dummen und ſonſt unveränderlichen Geſichtern einzelner frommer See⸗ len ausprägte. Die Landleute, Fiſcher und Schiffer, gewöhnlich vom Morgen bis zum Abend fleißig bei der Arbeit, ſtauden faullenzend hie und da in Grup⸗ — 28— pen beiſammen und faſelten im Vöraus von Wunder⸗ dingen, die ſich ihrer Meinung nach bald ereignen würden; in ihren Beichten waren ſie kurz und ober⸗ flächlich, indem ſie wahrſcheinlich ihre Hauptſünden für die Bußprediger aufſparten; die Kirche beſuchten ſie truppweiſe und zahlreicher als ſonſt, gleichſam all⸗ mälig zu dem bevorſtehenden frommen und allgemeinen Betſturme ſich vorbereitend. Hierauf aber beſchränkte ſich auch alle Thätigkeit, die man in ihrem äußeren Verhalten wahrnehmen konnte, denn ihre im Frühjahre ſo gehäuften Arbeiten auf dem Felde, in den Scheu⸗ nen, auf dem Waſſer ſchienen plötzlich nicht mehr ſo nothwendig zu ſein, man ließ ſie gleichgültig liegen; Pferde, Kühe und Schweine wa ſich in dieſer Zeit ſelbſt überlaſſen und trieben ſich in Gärten und Wäl⸗ dern umher; ſelbſt die kleinen Kinder, ſonſt mit gro⸗ ßer Sorgfalt von den Müttern gepflegt, wurden haſtig gefüttert und einem kaum älteren Kinde oder einer ganz alten und lahmen Nachbarin zur Obhut überlaſſen. Den Pater Vikarius ſah man faſt gar nicht mehr im Kloſter; er brachte ganze Stunden am Ufer des Rheines zu, der Ankunft der Erſehnten entgegen har⸗ rend. Er mußte alſo genauer als der Guardian ſel⸗. ber von dem nächſten Ziel ihrer Reiſe und ihrer An⸗ kunft bei uns unterrichtet ſein.— Es war der vierte Mai, aber ein froſtiger, win⸗ diger, unbehaglicher Tag, wie ſie uns dieſer liebe Frühlingsmonat im nördlichen Deutſchland leider ſo oft ſchenkt. Maximilian war gleich nach Tiſche im Walde geweſen und hatte den Vikarius abermals am Rheine ſtehen und ſeine Blicke ſüdwärts gerichtet geſehen. Es mochte etwa fünf Uhr Nachmittags ſein, als wir beide, unſeren Lieblingsaufenthalt, die Edeltannen, ver⸗ laſſend, die Straße kreuzen wollten, die vom Kloſter zum Fluſſe führt. Da hörten wir ſchon aus weiter Ferne jenes rauſchende, unruhige Gewoge, welches eine große Volksmenge, wenn ſie auf den Beinen iſt, immer in ihrer Vorhut oder in ihrem Gefolge hat. Sehr bald unterſchieden wir, daß die heranziehenden Menſchen abwechſelnd ſprachen, jubelten und dazwiſchen einzelne Stellen feierlicher Lieder, wenn auch nicht ſangen, doch wenigſtens heulten. Maximilian ſtand ſtill und blickte den Weg nach dem Rheine hinab. Ich war dicht hin⸗ ter ihm. „Nun wird es bald warm werden,“ rief er lä⸗ chelnd, indem er ſich nach mir umwandte,„denn da kommen unſere Frühlingsboten. Schaue hin und weide Dein junges Herz an dem Triumphzuge ſo wahrhafter Frommen.“ Ich folgte ſeinem deutenden Finger mit dem Auge 97 — — 30— und ſah Folgendes: Voran ſchritten Arm in Arm der Pater Vikarius und ein langer, in einen ſchwarzen, beinahe bis auf die Knöchel reichenden Rock gekleideter Mann— es ſchien der Zahn der Geſellſchaft zu ſein, der ſich drohend zuerſt zeigte— ſein Geſicht war von einem breitrandigen ſchwarzen Hute halb bedeckt. Im Ganzen hatte er nichts Jeſuitiſches an ſich und ſah aus, wie die Weltprieſter noch heut zu Tage ausſehen, wenn man ſie in ſtolzem Selbſtgefühl auf den Stra⸗ ßen einer katholiſchen Stadt ſpazieren gehen ſieht. Sie treten dabei allerdings etwas ſicher und zwanglos auf, denn ſie wiſſen und fühlen, daß ſie hier zu Hauſe ſind. Seine dünnen Beine ſteckten in ſchwarzſeidenen Strümpfen und ſeine breiten, etwas ſch werfälligen 14 1 3 Apoſtelſchuhe wurden durch große ſilberne Schnallen zuſammengehalten. Eben ſo gekleidet folgten die zwei anderen Bußprediger, wie der Blitz und der Sturm gewöhnlich vereinigt, das heißt, ihre Arme ebenfalls brüderlich in einander geſchlungen. Unmittelbar hinter ihnen traten mit beſonderer Salbung zwei oder drei Bewohner der Umgegend her, die die kleinen Koffer der Reiſenden trugen und ſich dabei geberdeten wie ein junger Prieſter, der das Allerheiligſte zum erſten Male über die Straße trägt. Hinter dieſen vorzugs⸗ weiſe Beglückten aber drängte ſich der große Schwarm —,— — 31— frommer, überirdiſch blickender Pfarrkinder aus den nächſten Gemeinden, plaudernd, betend, ſingend, wie es ihnen gerade der Geiſt eingab, der ſie heute ergrif⸗ fen und erleuchtet hatte. Langſam zog dieſer von Minute zu Minnte an⸗ ſchwellende Haufe die Straße entlang, ohne uns zu ſehen, denn wir hatten uns ſeitwärts in einem dichten Gebüſche mannshoher Tannenſprößlinge niedergelaſſen. Kaum aber waren ſie vorüber, ſo blickten Maximilian und ich uns verwundert au— denn unſere Gedanken wurden zu gleicher Zeit auf denſelben Punkt gelenkt. Wir Alle im Kloſter hatten uns nämlich unter den empfohlenen ehrwürdigen Vätern in der That ehrwür⸗ dig ausſehende, wenn nicht alte, doch reife Männer vorgeſtellt und was ſahen wir jetz 8t2 Junge, noch nicht dreißig Jahre alte, bartloſe, beinahe ſtudentenartige Menſchen, die mit kecken, herausfordernden Schritten einhertraten, kaum zu ahnen im Stande, wie ernſt das Leben und wie gewichtig der Beruf eines Prie⸗ ſters, geſchweige denn der eines Bußpredigers ſei. Maximilian ſchüttelte unwillig ſein edeles Haupt und murmelte einige Worte, die ich nicht verſtand. Endlich ſagte er laut zu mir:„Das ſieht eher wie eine Komödie, denn wie eine ernſte Angelegenheit aus. Und dieſe jungen Fante ſollten gekommen ſein, dem . — 2— Pater Guardian und Ludovikus eine Moralpredigt zu halten? Nimmermehr kann das die Abſicht des Pro⸗ vinzials geweſen ſein— er darf der Würde ſeines Amtsbruders nichts vergeben— nein, nein, er hat junge, liſtige Jäger oder, deutlich geſprochen, Spür⸗ hunde abgeſchickt, um ein Wild zu jagen, welches kräf⸗ tiger und weniger zahm iſt, als dieſe harmloſen, fried⸗ fertigen Mönche. Ich bin wirklich neugierig auf ihr Benehmen— komm, laß uns ihnen folgen, und wenn ich auch keinen Bußprediger dieſer Art ſprechen hören mag, dieſe aufgeklärten Tugendhelden und Retter des Menſchengeſchlechts muß ich Auge in Auge beſchauen.“ Und raſch wandten wir uns dem Zuge nach, deſ⸗ ſen Spitze bereits das Kloſter erreicht hatte und in der Pforte deſſelben verſchwunden war. Aber ſchon waren die Mauern des alten Gotteshauſes von allen Seiten wie belagert. Neugierige, Fromme, Gläubige, vor Allen aber Sündige, hielten die Schwelle ſo dicht beſetzt, daß wir uns kaum durchzudrängen vermochten, und von allen Seiten ſtröͤmten jeden Augenblick neue Schwärme herbei. Als wir mit Mühe die Pforte erreicht hatten und dieſe uns von innen geöffnet war, fragte Bruder Jo⸗ hannes, der Pförtner, indem er mit ſeinem ſanften d *.* n Weſen die Fremden vom Eintritte abhielt:„Was wollt Ihr ſchon jetzt hier?“ „Wir wollen beichten!“ riefen Alle im Chor. „Morgen fangen ſie erſt an, meine Kinder, heute ruhen ſich die guten Väter von den Mühſeligkeiten ihrer Reiſe aus.“ „Schließe die Thür,“ ſagte Maximilian ernſt und half mit eigener Hand das ſchwere Thor vor den Na⸗ ſen der heftig andrängenden Menge verriegeln. Auf der Treppe begegneten wir dem Guardian, der ſich zu den Angekommenen begab.„Haſt Du die Volksmaſſe geſehen, die beichten will?“ fragte Maxi⸗ milian mit bedeutungsvollem Lächeln. „Ja, ja! Das arme Volk! Wo kommen die vie⸗ len Sünder mit einem Male her? Entweder ſind ſie früher gegen uns Verſtockte geweſen, oder ſie ſind jetzt Heuchler. Das wirft kein gutes Licht auf unſere Beichtkinder. Wenn man dergleichen ſieht, ſollte man die Luſt an ſeinem Berufe verlieren.“ Und beide Hände, wie ſeine Art bei wichtigen Ver⸗ anlaſſungen war, abwehrend über den Kopf ſchwenkend und ein inneres Anathem ſprechend, ging er an uns vorüber, ſeine neuen Gäſte in ihrem Zimmer zu be⸗ grüßen. „Sie ſind in der Falle!“ inbelte Marimilig als Fritz Stilling. II. 83 8 . — 34— die Thür unſerer Zelle hinter uns zugeworfen war, und ſeine Augen blitzten wie vor Kampfesluſt.„Jetzt, Unheil, wirke! Zahn— beiß! Blitz— verſenge! Sturm— heule! Ihr habt einen Mann vor Euch!— Und nun komm, mein Junge, laß uns zuerſt in's Re⸗ fektorium hinabſteigen, wo wir in einigen Minuten ſelbſt das Labſal haben werden, die„Herrlichen“ von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen.“ Lautlos und mit aufgeriſſenen Augen ſtanden die Mönche im Refektorium auf ihren Plätzen vor und hinter den Tiſchen, als die Thür aufging und der Guardian, als Wirth voran, hinter ihm die drei Je⸗ uiten, und zum Schluſſe, wie der Schwanz des Gan⸗ zen, der Pater Vikarius eintrat. Der erſte war ſtill, freundlich wie gewöhnlich, aber ernſt; der letzte ſah aus wie ein räudiger Hund, der ſich unter den Knit⸗ tel eines mächtigen Herrn duckt und ſich dennoch, über ſein augenblickliches gutes Unterkommen befriedigt, kaum vor Freude zu laſſen weiß. Die alsbald erfol⸗ gende Vorſtellung war kurz und wurde ziemlich lau mit einer Art unterdrückten Seufzers von Seiten des guten Franziskus geſprochen. Bald ſaßen Alle auf ihren Plätzen und griffen die vorgelegten Speiſen an, — 335— nachdem das übliche kurze Tiſchgebet geſprochen war. Wir aber wollen uns während dieſer leiblichen Er⸗ bauung der guten Mönche die ehrwürdigen Väter, den Zahn, den Blitz und den Sturm etwas genauer be⸗ trachten. Im Allgemeinen trug keiner der drei Gäſte einen ſchon feſt ausgeprägten und beſonders zu benennenden Charakter auf ſeinem Geſichte; die gern und gut über⸗ malende Jugend vergoldete und verbrämte noch mit leicht verwiſchbarer Schrift die nicht völlig ausgebilde⸗ ten Züge mit einem Schimmer von Milde, Heiterkeit und leichter Lebensfriſche, obwohl eine ihren Jahren angemeſſene Blüthe keinesweges mehr bei ihnen vor⸗ handen war, denn alle drei ſahen, in der Nähe und genau betrachtet, etwas abgeſpannt, ermüdet und ge⸗ langweilt aus, vielleicht eine unmittelbare Folge ihrer langen Reiſe, vielleicht aber auch eine unausbleibliche Wirkung ihrer frühen und unausgeſetzten Studien und Denkanſtrengungen— denn das muß man den guten Vätern Jeſu laſſen, zu arbeiten lernen und verſtehen ſie, eben ſo gut, wie die Jugend zu bearbeiten. Alle drei bemühten ſich bei Tiſche augenſcheinlich ſo heiter, leutſelig und gewinnend wie möglich auszuſehen, und faſt herzlich gegen Jedermann zu lächeln, und nicht ein einziges Mal entfuhr einem von ihnen an dieſem 8. 3* Abend ſchon ein lauernder, ſeitwärts gerichteter Blick, eine forſchende Geberde, überhaupt irgend eine unge⸗ wiſſe, unberechnete Muskelbewegung. Still ſaßen ſie und aßen ſtark und etwas haſtig, als triebe ſie ein in⸗ nerer Drang zu einer maaßloſen Eile an und als hät⸗ ten ſie noch heute einen langen Weg zurückzulegen, eine Art fieberhafter Aufregung, die ſie wiederholt und mit Mühe, aber nicht immer mit gleichem Erfelge zu beherrſchen vermochten. Faſſen wir zunächſt den Pater Zahn etwas näher in's Auge. Er war lang, hager, knochig von Geſtalt und von bleicher Geſichtsfarbe. Seine Naſe war nicht unedel, ſeine Stirn breit, ſein Haar blond und dicht, ſeine Augen grau und etwas groß. Im Ganzen bot ſein nicht häßliches Geſicht nur einen einzigen auffal⸗ lenden Zug. Seine Unterkiefer und die demſelben be⸗ nachbarten Theile, oder wie ein berühmter Phyſiologe ſich oft ausdrückte, ſeine Freßorgane waren ungeheuer an Stärke und Umfang entwickelt. Sein bauchartiger Mund verſchlang mit einer Geſchwindigkeit ohne Glei⸗ chen entſetzliche Biſſen, die ſein tadelloſes Gebiß, wel⸗ ches einem Pferde Ehre gemacht haben würde, augen⸗ blicklich zermalmte und vertilgte, als wolle es thatſäch⸗ lich beweiſen: Wer unter meine Botmäßigkeit geräth, iſt geliefert. Sein Auge blickte dabei etwas träume⸗ — 327— riſch umher, als wiſſe es nichts von dem eben voll⸗ brachten thieriſchen Prozeſſe; ſeine innere ſchon ange⸗ deutete Haſt aber verriethen ſeine leicht beweglichen Finger, die, knöchern und wuchtig, bald am Brode, bald an Gabel und Meſſer wie irrende Inſektenfühler herumzuckten. Gehen wir zu ſeinem Nachbar, dem Blitz, über. Er war ein kleiner, ſchmächtiger, ebenfalls blaſſer Menſch, aber mit eckigen Zügen, ſpitzer Naſe, hervor⸗ ſtehenden Backenknochen, glühwurmartigen Augen und rabenſchwarzen Haaren begabt. Er ſah nur ſelten von ſeinem zinnernen Teller und deſſen bergartigen Auf⸗ thürmungen empor, und dann nur, als ob er in Er⸗ fahrung bringen wolle, ob man ihn anſehe. Ertappte er dann etwa einen neugierigen Blick, ſo verſchwand der ſeinige ſogleich wieder, indem er ihn flugs in ſei⸗ nen Teller oder in eine noch größere Schüſſel mit neuem Vorrathe tauchte. Das Auffallendſte an ihm war für mich dieſer irrende, glühende Blick, der einen intelligenten, rührigen Geiſt verrieth und einige Male beinahe funkelnd auf meinem Antlitz, mich raſch durch⸗ dringend, haften blieb. Auch Maximilian ſah er einige Male an, aber nur flüchtig und gleic 3 wiſſere er ſich, daß er der ſei, den er Verlangen trug. Seine Stimme, abweichend von dem . — 38— tönenden und klangreichen Organe ſeiner Gefährten, war einigermaßen dünn, matt, belegt, bisweilen ſogar lispelnd und im Ganzen über alle Begriffe ſüß, und ſollte ſeiner Meinung nach gewiß herzbezwingend ſein. Der Dritte, der Sturm, war der älteſte und wohlgenährteſte und mit allen Anlagen begabt, in die⸗ ſer Richtung es etwas weit zu bringen; dabei hatte er eine ſtierartige Stirn, eine Bruſt wie Acolus mit zwei gewiß ſehr handfeſten Lungen und einen doggenartig dicken Hals. Sein Geſicht bot nichts Gefälliges und Beſonderes dar, es war breit, voll und eigentlich ge⸗ mein, wobei mir eine gewiſſe gelbliche Färbung auf⸗ 7 4. fiel, die, wie ich ſpäter erfuhr, das Zeichen einer etwas ſchwammigen und aufgetriebenen Leber iſt. Seine waſſerblauen Augen ſprachen für mich nur eine thieri⸗ ſche Sprache, die Sprache der Genußſucht nach allen Richtungen hin. Was aber am meiſten an ihm auf⸗ fiel, ſo daß man es nicht wieder vergaß, wenn man es einmal gehört, war ſein, mit ſeinen Lungen vollſtändig übereinſtimmendes, in der That donnerartig dröhnendes Stimmorgan. Wenn er ſprach, und er ſprach von ſei⸗ nen Gefährten am meiſten, ſo klang es wie Trompe⸗ tenton, es erſchüt die Herzen und rief die Geiſter wach, und wahrſcheinlich deshalb eben ließ er ſich auch gern und oft hören.— — Das Mahl war zu Ende, der Wein ausgetrun⸗ ken, das Gebet geſprochen. Mit einſchmeichleriſchem Weſen drängten ſich die drei Ehrwürdigen an den Guardian und baten ihn, ihnen noch heute die be⸗ rühmten Einzelnheiten des Kloſters zu zeigen. Die⸗ ſer war ſogleich dazu bereit und ſchritt ihnen voran, vom Vikarius und einigen Mönchen gefolgt, unter denen Pater Hilarius ſehr bemüht war, den erhabenen Gäſten die Vollkommenheiten ſeiner Küchen⸗ und Kel⸗ lerräume ſichtbar vor Augen zu ſtellen. Pater Ludovikus, Maximilian und ich waren bei dieſem Hausgange nicht zugegen; wir ſaßen unterdeß im Garten auf einer abgelegenen Bank und tauſchten in flüſterndem Geſpräch unſere Bemerkungen über die heutigen Erlebniſſe aus, bis die Kühle des Abends meinen heute etwas ſtark engbrüſtigen Lehrer zwang, ſeine Zelle zu ſuchen. Auch Maximilian und ich ver⸗ fügten uns bald hinauf und ſetzten uns an unſere Bücher, mit denen ich mich ziemlich aufmerkſam be⸗ ſchäftigte, während mein ernſter Gefährte ſein Buch bald bei Seite ſchob und, in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken, den Kopf auf die Bruſt geneigt, langſam auf⸗ und niederging. Ich wollte einige Male zu ſprechen anfangen, aber er winkte mit der Hand, zu ſchweigen, und wies auf ſeine Stirn, was mir andeutete, er — 1—. — 20— wolle in ſeinem Nachſinnen nicht geſtört ſein. Wenig⸗ ſtens zehn Mal aber ſah er nach der Uhr, und als endlich die Kloſterglocke die neunte Stunde ſchlug, ließ er einen Stoßſeufzer hören, wie ein Menſch, der froh iſt, daß endlich der erwartete Augenblick da iſt, wor⸗ anf er lächelnd zu mir ſagte: „Es iſt neun Uhr; jetzt werden ſie bald kommen — ich kann den Augenblick vor Ungeduld nicht erwar⸗ ten, wo ich ſie eintreten höre und ſie mich zum erſten Male ihren Herzensaustauſch vernehmen laſſen. Es iſt wichtig, was ſie zuerſt ſagen, obgleich ſie noch nicht viel Stoff geſammelt haben können, und morgen wer⸗ den wir ſicher ſchon mehr hören.— Aber was ſehe ich da? Noch Menſchen vor der Thür! Sind ſie wahnſinnig geworden?“ Und er trat dicht an's Fenſter und blickte in die ziemlich mondhelle Nacht hinaus. Und in der That, noch jetzt lagerten theils, theils ſtanden Menſchenhau⸗ fen in der Nähe des Kloſters und blickten ſehnſüchtig, mit gefalteten Händen, zu den erleuchteten Fenſtern des Hauſes empor. „Ich ſehe es kommen,“ fuhr er fort,„ſie bleiben die Nacht hier, um morgen die Erſten im Beichtſtuhl zu ſein. Die Narren! Sie allein ſind daran Schuld, daß jene Prieſter ſich ſo viel auf ihre Machtvollkom⸗ —— — menheit: binden und löſen zu können, einbilden, denn ſie wollen betrogen ſein.“ In dieſem Augenblicke hörten wir viele Schritte die Flur herabkommen, die Nebenthür wurde aufge⸗ ſchloſſen, und gleich darauf traten mehrere Perſonen in das Beſuchszimmer ein. „Sie ſind es,“ flüſterte Maximilian, ſchloß ſelbſt unſere Thür, löſchte die Lampe aus und ſprang raſch auf den ſchon bereitſtehenden Stuhl. Bald hatte er mit ſeinem kleinen Schlüſſel das geheime Schloß ge⸗ funden und drehte ihn mit flüchtiger Hand um. Er that geräuſchlos ſeine Schuldigkeit und augenblicklich waren wir im Bereiche aller Geheimniſſe, die etwa im Nebenzimmer verhandelt werden würden. Das Be⸗ wußtſein deſſen, was um mich geſchah, war mir klar; meine geiſtige Aufregung war daher ſo groß, daß ich zitterte und gleichſam ein kalter Strahl mir wiederholt den Rücken herabrieſelte. Gleich darauf aber wurde meine Aufmerkſamkeit von den Vorgängen im Neben⸗ zimmer in Anſpruch genommen und ich horchte athem⸗ los. Wir unterſchieden deutlich des Vikarius Stimme, der den Fremden eine gute Nacht bot und die Worte hinzufügte: „Alſo ich werde ihn Euch bei Zeiten ſchicken, er — 2— hat eine leichte Hand und iſt darauf vortrefflich geübt. Eine gnadenreiche und ſüße Nacht. Lebt wohl!“ Hinaus ging er, ſchloß die Thür und wir hörten ſeine weiche Fußbekleidung langſam über den Sand der Flur knirſchen; Maximilian ſtieg leiſe vom Stuhle nieder, ſchüttelte mich vor Freude an den Schultern und ſetzte ſich ſelbſt auf den Stuhl, ſeinen Kopf, wie um ihn zum lebhafteren Aufmerken und dauerhafteren Feſthalten zu unterſtützen, auf ſeine Hände legend. Gleich darauf tönte aus dem Nebenzimmer ein gewaltig lautes Gähnen bis zu uns herüber; es war, als wenn ſich des ehrwürdigen Paters Zahn entſetz⸗ licher Rachen öffnete und ihn dabei Pater Sturm'’s Lungen unterſtützten. Dann hörte man einige unter einander gemiſchte Tritte durch das große Zimmer ſchleichen, wobei kein Wort geſprochen wurde. Die neuen Bewohner ſchienen vor allen Dingen ihre klö⸗ ſterliche Wohnung nach allen Seiten in Augenſchein zu nehmen. „Nun, da ſind wir!“ ſagte endlich die ſüßliche Stimme des Paters Blitz.—„Ein erbärmliches Klo⸗ ſter in allen Stücken, recht für Bettelmönche paſſend, ich habe es mir gleich gedacht.“ „Das Eſſen war kräftig genug und vollauf!“ — 23— donnerte Sturm's, ſelbſt jetzt in der Mäßigung ge⸗ waltige Stimme.„Wie gefällt Euch aber der Pater Guardian?“ „Es iſt ein gutmüthiger Schwachkopf,“ züngelte Blitz,„wir können mit ihm machen, was wir wollen. Ueberdies ſcheint er unſicher zu ſein und Furcht zu ha⸗ ben. Aber vortrefflich hat ſie Henrikus doch Alle ge⸗ ſchildert, ich kenne ſie ſämmtlich einzeln wieder, ſobald ſie mir vor die Augen kommen.“ „Sehr vortrefflich!“ wiederholte Zahn.„Sehr gut! Namentlich dieſen Halbmönch mit den leuchten⸗ den Augen— wie heißt er doch— Maximilian, ja; wie konnte ſich Henrikus aber ſo über ihn irren und ihm nicht anſehen, daß er die Kutte nur wie im Faſt⸗ nachtsſpiele trägt! Mir hätte der Provinzial es nicht zu ſagen gebraucht! Daß er kein Prieſter, und noch weniger ein Mönch iſt, ſagt mir ſchon ſein Geſicht. Es fehlt ihm blos der Schnauzbart und ich würde ihn für einen Reiteroffizier halten— das liegt ihm in der Haltung, in den Geberden, im Gange— in Allem!“ Maximilian ſprang auf und ballte die Fäuſte ge⸗ gen das Heiligenbild hin. Gleich darauf aber be⸗ zwang er ſich und ſetzte ſich wieder ruhig nieder. „Bleibt Ihr noch auf?“ fragte Sturm's Stimme. „Ich bin müde, ich gehe zu Bette. Gute Nacht!“ — 4— „Wart, wir gehen mit!“ lispelte Blitz. Noch einige Augenblicke und der ſchwache Licht⸗ ſtreifen, welcher vom Nebenzimmer aus durch die offe⸗ nen Augen und den Mund der Madonna in der Wand gefallen war, erloſch— die ehrwürdigen Väter waren in ihrer Kammer zu Bette gegangen. Marimilian ſchloß das Bild und zündete unſere Lampe wieder an, wobei ich ſah, daß ſein Geſicht wie mit Blut übergoſ⸗ ſen war. „Dieſe Natter, der Henrikus!“ ſagte er leiſe. „Ich wünſchte, ich könnte einmal meinen Fuß aufeſet nen Nacken ſetzen und ihm das falſche Gehirn aus⸗ treten. Er hat uns verrathen. Habe ich es nicht gleich geſagt? Sie kennen mich. Der Provinzial hat ihnen das mich betreffende Geheimniß, welches er in den Papieren ſeines Vorgängers gefunden, mitgetheilt. Sie ſpüren nach mir— aber was wollen ſie? Kaum kann ich es denken— doch, geh zu Bett, Fritz; kehre Dich nicht an mich, ich habe zu überlegen— gute Nacht, mein Sohn!“— Am anderen Morgen in aller Frühe, wir hatten kaum unſer Bett verlaſſen, klopfte es ſehr beſcheiden, faſt demüthig, an unſere Thür. Sobald ſie geöffnet war, trat der Vikarius mit einem ſeiner freundlichſten Geſichter in unſere Zelle. Er hatte ein Anliegen, das ſahen wir ſogleich. „Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich ſo früh ſtöre,“ begann er mit einſchmeichelndem Tone, der un⸗ ſere Vermuthung nur noch mehr beſtärkte,„aber ich habe ein kleines Geſuch an unſeren guten Fritz hier zu bringen.“ Das war das erſte Mal, daß ich mich aus die⸗ ſem Munde den guten Fritz nennen hörte. Ich ſpitzte die Ohren und Maximilian ſtand, halb abge⸗ wendet, aber ſcharf aufhorchend da. „Die guten Väter hier nebenan,“ fuhr er mit einer ſeitlichen Biegung ſeines Kopfes fort,„wünſchen barbiert zu ſein und haben keinen Muth, ſich den zit⸗ ternden Händen unſeres alten Laienbruders Jakobus anzuvertrauen. Ich habe ihnen Hoffnung gemacht, daß Deine geſchickte Hand, Fritz, ihnen dieſen kleinen Dienſt während ihres kurzen hieſigen Aufenthalts lei⸗ ſten wird.“. Maximilian warf einen Blick auf mich, den ich ſofort verſtand; aber auch ohnedies wäre meine Ant⸗ wort nicht anders ausgefallen, als ich ſie gab. Ich fühlte weder Neigung noch Beruf, einem Jeſuitenpater und Bußprediger, dem Spürhunde meines Freundes, geſchweige denn Dreien auf einmal, irgend einen Dienſt — 46— zu leiſten, und wäre es nur der höchſt einfache gewe⸗ ſen, eine Weile lang ihre feine Naſe in meinen Hän⸗ den zu halten. —„Pater Vikarius,“ entgegnete ich daher dreiſt,„ich bin kein Barbier von Profeſſion mehr. Den hochwür⸗ digen Pater Guardian ſcheere ich aus Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit; einem Fremden aber werde ich die⸗ ſen Dienſt nie erweiſen, wenn es nicht mein eigener Wille iſt. Der Bruder Jakobus zittert heute nicht mehr als geſtern, da er Sie noch barbierte, auch habe ich meine Aufgaben zu lernen und alſo weder Luſt noch Zeit, Ihrer Aufforderung Folge zu leiſten.“ „Wie, mein Sohn— Du weigerſt Dich, die ehr⸗ würdigen Väter zu bedieneu? Oder habe ich falſch ge⸗ hört?“ Ich wollte antworten, als Maximilian heftig auf⸗ fuhr und mir das Wort abſchnitt.„Pater Vikarius,“ ſagte er mit ſchneidendem Tone,„Ihr habt nicht falſch gehört— Fritz hat ſich deutlich genug ausgedrückt. In kurzer Zeit wird er Student einer erhabenen Wiſ⸗ ſenſchaft ſein, und da führt man nicht mehr das Scheermeſſer.“ Der Vikarius that, als ob er den Unwillen des Sprechers kaum bemerkt und ſeine Worte verſtanden hätte.„So iſt es Dein ernſter Wille, mein Sohn, 8 — 1,— daß Du mir die Erfüllung dieſer Bitte verweigerſt?“ wandte er ſich noch einmal an mich. . Mein ernſter Wille, Pater Vikarius; ich verwei⸗ 2 7) gere die Erfüllung und ich danke den ehrwürdigen Vä⸗ tern für ihr Vertrauen.“ „So wünſche ich Euch einen guten Morgen!“ Kaum war er zur Thür hinaus, ſo ſchlug Maxi⸗ milian ein lautes Gelächter auf.„Das war brav, mein Junge,“ ſagte er, mir die Hand ſchüttelnd. „Keine knechtiſchen Dienſte dieſen— knechtiſchen Hun⸗ den! Bravo! Du biſt in meiner Achtung geſtiegen!“— Der Tag ſchritt vor und mit ihm die Wirkſam⸗ keit der neuen Bußprediger. Schon am frühen Mor⸗ gen hatten ſie ſich in die Beichtſtühle geſetzt und ihr ſogenanntes heiliges Amt begonnen. Das Volk zankte ſich beinahe um die Ehre, zuerſt an die Reihe zu kommen. Noch zwanzig Schritte von den Stühlen entfernt, lagen ſie ſchon auf den Knieen und beteten, bis ihre Vorgänger abſolvirt waren und, den Segen der Vergebuug in ſich, ganz zerknirſcht davonſchlichen. Weiber und Mädchen waren, wie immer, am zahl⸗ reichſten verſammelt. Das dauerte bis Mittag und noch war nicht die Hälfte der Anweſenden ihrer Sün⸗ den ledig. Nach Tiſche ging es von Neuem los und 4 — 28— dauerte, bis die Schatten des Abends die alte Kirche in ihr Nachtgewand gehüllt hatten. Die zuletzt übrig bleibenden mußten mit Gewalt aus dem Kloſter ge⸗ trieben und bis zum Morgen vertröſtet werden— ſo ſtark war der Andrang. Ich ſah mir dieſes unnatür⸗ liche Treiben nur flüchtig an und hatte mein Augen⸗ merk mehr auf Maximilian und den Guardian gerich⸗ tet, die faſt den ganzen Tag über in eifrigem Zwie⸗ geſpräche begriffen waren. Ich ahnte nicht im Entfernteſten, daß ich ſelbſt ein Hauptgegenſtand ihrer Berathungen war, ſollte es aber ſchon am nächſten Tage zu meinem Schrecken erfahren. Der Guardian äußerte auch gegen Maximilian den Wunſch, ein Theil⸗ nehmer unſerer Hörſtudien in der nächſten Nacht zu ſein, wogegen ſich aber letzterer nachdrücklich auflehnte, vorſchützend, ſein ſpäter Beſuch bei uns könne bemerkt und beargwohnt werden, in der That aber aus reinem Zartgefühl, um den braven Guardian vor den mög⸗ lichen Anmerkungen über ſeine eigene Perſon zu be⸗ wahren, wie wir ſie ſchon am erſten Abend zu hören in der Lage geweſen waren. Und um es gleich hier vorweg zu berühren, am dritten Tage ihres Verweilens im Kloſter hatten ſich die ehrwürdigen Väter genügend von den Mühſalen ihrer Reiſe ausgeruht und begannen ihre Bußpredigten. — 49— Täglich hielten ſie drei, des Morgens, Mittags und Abends eine, wobei ſie in der Art abwechſelten, daß je einer von ihnen täglich einmal, aber jeden Tag zu einer anderen Stunde, predigte. Des Morgens und Abends ſprachen ſie für das große Publikum, des Mittags für die Bewohner des Kloſters allein. Der Zudrang dazu war natürlich ungeheuer, die kleine Kirche war bis zum Erdrücken voll und nicht einmal den vierten Theil der frommen Zuhörer faßte ſie. Weit vor den Außenthüren hinaus lagen die Andächtigen auf den Knieen, beugten ihr Haupt und murmelten zahlloſe Gebete, von denen ſie vielleicht ſelbſt kein Wort verſtanden. Es kann hier meine Aufgabe nicht ſein, den In⸗ halt jener Predigten auch nur andeutungsweiſe mitzu⸗ theilen. Die neuere und neueſte Zeit iſt reich genug an Aufſchlüſſen der Thätigkeit dieſer reiſenden Herrn. In faſt allen öffentlichen Blättern können wir Bedeu⸗ tendes und Unbedeutendes darüber leſen. Im Allge⸗ meinen nur erwähne ich, daß die drei Redner bei uns nicht zu den großen Künſtlern ihres Berufes zu rech⸗ nen waren. Selbſt im Kloſter übertrafen einige Fran⸗ ziskaner ſie bei Weitem. Zwar gaben ſie ſich viele Mühe, den Mönchen zu beweiſen, daß ſie nicht auf dem rechten Wege der Volksbeglückung wären, und Fritz Stilling. l. 4 — 50— daß ſie mit heiligerer Begeiſterung ihr großes Werk angreifen müßten, wobei ſie unendlich vor Anſtren⸗ gung und Selbſtkaſteiung ſchwitzten. Zahn ſprach oft ſchneidende Worte und biß gewiſſermaßen tief in das Fleiſch der Sünder ein; Blitz lispelte Süßigkeiten und malte ihre künftige Seligkeit im Himmel aus, wenn ſie ſo lebten und ſich bethätigten, wie ſie ſollten; und Sturm endlich donnerte entſetzliche Verwünſchung auf die Häupter der Lauen herab, wenn ſie nicht in ſich gehen und durchaus die Hölle verdienen wollten. Das war aber auch Alles. Zu dem Volke ſprachen ſie wenig über kirchliche Dinge. Sie knüpften bei Weitem mehr an dem hänuslichen Leben deſſelben an, durchforſchten es nach allen Richtungen, erläuterten die allgemeinen Menſchenpflichten und verſuchten, ihren Zuhörern klar zu machen, was ein Menſch thun müſſe, wenn er einſt das Himmelreich und nicht das Fege⸗ feuer erreichen wolle. Dennoch war die Begeiſterung, oder eigentlich der Fanatismus der Zuhörer alle Tage im Steigen begriffen. Die Zahl der Andächtigen wuchs von Tage zu Tage; aus weiteſter Ferne kamen ſie gewallfahrtet, Fahnen und Blumen tragend, und das Geſinge und Geplärre dauerte faſt ununterbro⸗ chen vom frühſten Morgen bis in die ſinkende Nacht hinein. ,— Doch kehren wir jetzt zu dem zweiten Abend der Anweſenheit unſerer Nachbarn und auf Anſere einſame Zelle zurück, wo wir hören werden, was das wunderthätige Marienbild ſo willfährig und zu unſerem eigenen Nutzen uns berichtete. III. Ein Blick und ein Schritt in die Zukunft. Es war halb zehn Uhr Abends, die Mönche hatten ſich bereits in ihre Zellen zurückgezogen und wir, in unſerem nur vom Mondenlicht matt beleuchtetem Zim⸗ mer, ſtanden auf unſeren Poſten. Die Thür war wohl verſchloſſen, die Lampe gelöſcht und das Bild geöffnet. Da traten nebenan die Väter ein, wieder vom Pater Vikarius, ihrem Leithammel, geführt. Nachdem er ihnen eine gute Nacht gewünſcht hatte und ſeine ſchlur⸗ renden Schritte in den Gewölben des Kloſters verhallt waren, horchten wir, den Athem anhaltend, mit allen Sinnen auf. Und wieder erſcholl jenes wallfiſchartige Gähnen, wie am vorigen Abend, dann war Alles ſtill; nur von Zeit zu Zeit deutete ein unbeſtimmtes Ge⸗ räuſch an, daß die heiligen Väter ſich auskleideten und ihre Nachttoilette anlegten. 1 — 53— „Nun,“ begann endlich Pater Zahn die erbau⸗ 8 liche Abendunterhaltung,„der erſte ſaure Tag iſt glück⸗ lich überſtanden. Gott ſei Dank! Ich bin erſtaunlich müde.“ „Das biſt Du immer.“ „Daß ich nicht wüßte! Wißt Ihr, Eins ärgert mich aber vor Allen.“ „Und das wäre?“ „Dieſer widerſpenſtige, junge Lümmel, der Bar⸗ biergeſelle! Er iſt in einer ſchlechten Schule groß ge⸗ worden, das merkt man an ſeinem Ungehorſam. So eine junge Kreatur will ſchon einen Willen haben, das fehlte auch noch! Hätte ich ihn doch unter meiner Fuchtel, ich wollte ihm ſeine langen Ohren etwas auf⸗ ſchließen und ihm die Grundelemente des menſchlichen Daſeins einprägen. Was meint Ihr dazu? Sollten wir den Jungen nicht gewinnen können, wenn wir es auf die rechte Weiſe anfingen? Sein Geſicht verräth Intelligenz und ſein Eigenwille Kopf! Sind nicht für uns alle die, die da hoffen laſſen und verſprechen? Wenn wir ſtatt eines Fanges zwei machten, hätten wir dann nicht doppelt Ehre und Lohn zu erwarten? Der Junge gefällt mir, eben weil er widerſpenſtig iſt und mich geärgert hat. Dieſe Gerte kann ein Baum werden. Ich werde ihn nicht aus den Augen laſſen e 1 Koloß iſt gegen dieſen Zwerg, um deſſenwillen wir hier — 34— — Zahn hat ihn gepackt, Ihr Herrn, und Zahn läßt, wie Ihr wißt, ſo leicht nicht wieder los. Was meinſt Du, Blitz, verſprichſt Du Dir keine Leuchte von die⸗ ſem Glühwurm?“ „Ich weiß nicht,“ erwiderte der Gefragte mit et⸗ was leiſerer Stimme,„wie Dich gegenwärtig ein ſo junger Burſche beſchäftigen kann, der noch dazu nicht einmal dem Prieſterthum ſich gewidmet hat. Wollten wir alle Menſchen, die etwas mehr Geiſt haben, als zur gewöhnlichen Nothdurft gehört, zu den Unſrigem bilden, wir würden bald eine Legion ſolcher jungen Teufel und keinen Raum ſie unterzubringen haben, ſelbſt wenn unſere Seminarien ſo groß wären wie die Kaſernen der Fürſten. Denn bei Loyola's Seele, den ich vergöttere! es giebt jetzt leider zu viel Geiſt auf der Welt und es tauchen der Klarſehenden und ratio⸗ naliſtiſchen Philoſophen aus allen Sümpfen und Pfü⸗ tzen in ſolcher Maſſe auf, daß unſere geweihte Zahl ſich kaum dagegen behaupten kann. Wir müſſen ſchon gepanzert genug einherſchreiten, dieſer gottesläugnenden Phalanx einen Keil entgegenzuſchieben. Nein, nein, guter Zahn, ſprich mir von dieſem Knaben nicht wie⸗ der, Du giebſt Deinem Widerſacher eine Blöße; richte vielmehr Dein ganzes Augenmerk auf den, der ein — 55— ſind, auf jenen Halbmönch, wie Du ihn geſtern nann⸗ teſt, dieſen Augentodtſchläger. In Wahrheit, ich möchte vor dieſem Menſchen beinahe Reſpekt haben. Er ſieht nach etwas ganz Beſonderem aus. Glaubt es mir, Blitz riecht den Schwefel, wie ein Tiger den Löwen riecht. Umſonſt ſind wir nicht hinter ihm her, wie die Teufel hinter einer unverdorbenen Seele. Man kann auf die Feinheit und Umſicht unſerer Oberen fluchen! Ich habe ihn heute vergebens einige Male auf's Korn genommen— er iſt ſtich⸗ und hiebfeſt. Seine Augen bohrten ſich in die meinigen, die doch ziemlich verpan⸗ zert ſind, als wollten ſie wie durch Stahl und Riegel bis in meine Seele dringen. Hoho! die ſitzt tief, Pater Maximilian! Sachte, ſachte! Wir ſind auch noch Leute— jünger freilich als Du, aber wir haben ſtarke Augen und Zungen, und die Erfahrungen Aelterer, als Du biſt, und Geſtählterer, als Du ſcheinſt, liegen wie ein aufgeſchlagenes Buch in unſerer Bruſt. Ich bin neugierig, zu erfahren, wie es ſich eigentlich mit ihm verhält. Sobald ich meinen Bericht fertig habe — und ſchon morgen muß er abgehen— ſo frage ich an, wie und wann wir ihm beikommen ſollen? Ob min Schlauheit, Verführung oder— Gewalt, mit Hülf⸗ der weltlichen Obrigkeit, die in dieſem Falle doch zu etwas nütze wäre. Wir müſſen ſchnell ſein, blitzartig, damit wir ihn überraſchen, denn ich bin des Gelingens nicht ſo ganz ſicher bei ihm. Er hütet ſich. Erfiſt ſelbſt Schlange genug, die Blutsverwandtſchaft zu wit⸗ tern. Aber— der Burſche! Gebt Acht, ich packe ihn! In ſechs Tagen kann die Antwort auf meine An⸗ frage hier ſein— dann thut Euch auf, Wolken, ſchleu⸗ dert den Blitz— und hal er ſoll ihn treffen, durch und durch bis in's Leben!— Was ſitzeſt Du ſo ſtill, Sturm, und brüteſt in Dich hinein? Haben Dir Deine Beichtkinder heute zu ſchaffen gemacht?“ „Der Teufel ſoll ſie Alle holen!“ brüllte beinahe der alſo Angeredete.„Solch erbärmliches Leben, wie wir hier führen, ertrage ich nicht lange. Warum ſchickt man uns zu einem Doppelzwecke hierher? Einer ſoll den anderen verdecken. Gut! Aber darum uns ſo an⸗ ſtrengen? War der eine nicht ſchon mächtig genug, unſere Glieder zu rühren? Mußte auch noch die lang⸗ weilige Buhlmutter, die Beichte dazu kommen, um uns zu zeigen, daß wir Laſtthiere ſind? Und dieſes dumme Volk dabei! Gott erhalte es in ſeiner Dumm⸗ heit, aber für Unſereins iſt die Aufgabe zu traurig. Welcher langweilige, erbärmliche unſinn in ihren Beich⸗ ten! Welche kindiſche vorſündfluthliche Schwäche in ihren Köpfen! Wenn ich nicht bisweilen ſchliefe und träumte— ich könnte es nicht ertragen. Und wie G— 57— väßlich ſind dieſe Weiber! Welche abgeſchmackte, alle zimmliſchen Formen entſtellende irdiſche Trachten! Da lode ich mir noch meine ſüddeutſchen Mädels, da iſt Kem, Blut und Feuer drin— o wenn ich doch erſt wieter zu Hauſe wäre!“ „Du haſt Recht,“ fiel hier Zahn wieder ein:„es wäre kaum zu ertragen, wenn man nicht bedächte, daß wir hier nur auf einer Durchgangsſtufe ſtehen, nur eine Treppe ſteigen, um auf die Höhe zu gelangen, wo unſeies Strebens Ziel, Genuß und Macht thront. Wollen wir denn ewig Bußprediger und Anfänger in der hohlen Kunſt, Menſchen in die Beichte zu nehmen, bleiben? Beim heiligen Franziskus! wie dieſe Dumm⸗ köpfe ſagen, nein! das wollen wir nicht!“ „Nein, nein, das wollen wir nicht,“ faßte wieder Sturm ſeine Rede haſtig auf und ſchlug mit ſeiner ſchweren Fauſt auf einen harten Gegenſtand, wahr⸗ ſcheinlich einen Tiſch, der vor ihm ſtand.„Das wol⸗ len wir bei Loyola’s Seele nicht! Aber ich ärgere mich, wenn ich ſolch dummes Volk ſehe— Jahrhun⸗ derte gehen dahin, und ſie wachſen nicht an Verſtand und Einſicht, Jahrhunderte lang wandeln ſie in Blöd⸗ ſinn und Tollheit dahin. Schlage ihnen mit der Fauſt vor die Stirn, ja, meinetwegen mit Keulen, und be⸗ weiſe ihnen ſonnenklar, daß ihre Prieſter Betrüger und — 58— Fuchsſchwänzer ſind— und ſie glauben es nicht Sie wiſſen es beſſer, daß wir von Gott und ſie von Teufel ſtammen. Bei allen ihren Heiligen ſelber! Wir haben noch eine lange Zeit der Herrſchaft vor uns. Wir erleben nicht unſeren Untergang. Noch zehrmal können neue Generationen auf einander folgen, ehe ſie um einen Gedanken vorwärts geſchritten ſind. Dafür wollen wir um ſo raſcher vorwärts ſchreiten; uf den Flügeln des Sturmwinds über ihre Köpfe dahn! Ob ſie untergehen und verkommen in Dummheit— uns einerlei— wir ſind die Leuchten der Welt, wir ſind die Gewaltigen— im Willen und im Geiſte. Und wir wollen es ſein! Laßt uns erſt ein paar Jahre äl⸗ ter werden— zuerſt beſiegen wir die Proletarier, dann die Patricier, zuletzt die Fürſten, die ketzeriſchen Fürſten. An die Fürſten müſſen wir heran— herun⸗ ter müſſen ſie unter unſeren Fuß— und wir über ihnen ſtehen. So regieren wir die Welt. So will es unſer Recht, ſo will es unſer Geſetz, ſo wollen es un⸗ ſere himmliſchen Leidenſchaften und Begierden. Vor⸗ wärts, Triebe! vorwärts, Gedanken! Ihr könnt nicht hoch genug fliegen. Ich werde ſie haben, ich muß ſie haben— und— ſollte mich die Hölle verſchlingen!“ „Zuerſt aber iſt es des Schreiens genug, theurer Sturm,“ unterbrach ihn der müde gewordene Blitz, 3 3 — 59— „laß uns lieber zu Bette gehen. Träume darin weiter von Deinen Begierden und laß auch uns etwas träu⸗ men. Gute Nacht, lieber Bruder, gute Nacht, Zahn!“ „Gute Nacht, gute Nacht!“— Ihr Licht erloſch. Maximilian ſchloß das Bild, ſtieg vom Stuhle herunter und, ohne die Lampe an⸗ zuzünden, ſaß er lange ſchweigend und nur bisweilen ſeufzend da. Unterdeß zündete ich das Licht ſelber an. Da blickte er mich an und ich ſah Thränen über ſeine Wangen rinnen. „Maximilian!“ rief ich,„Du weinſt!“ „Ja, ich weine— warum ſollte ein Mann nicht weinen, der Buben ſo ſprechen hört und ſte nicht au⸗ genblicklich beſtrafen kann. Ich habe genug gehört— ich mag nicht mehr hören— nicht ein Wort mehr, es geht nicht mehr in mein Ohr und mein Herz hin⸗ ein. Arme Proletarier! Arme Patricier! Arme Für⸗ ſten! Von dieſen laßt Ihr Euch beherrſchen? Von dieſen Euch blenden und berücken? O! Und da ſollte man nicht Mann genug zum Kampfe ſein? Man ſollte das Schwert eher ruhen laſſen, als bis die Erde leer ſteht von Menſchengeſchlechtern, wenn ſolche noch unter ihnen ſind?— Iſt das die Religion der Liebe, die dieſer Abſchaum der Menſchheit predigt? Fritz, mein Junge, Du biſt Zeuge von dieſen Gedanken und — 60— Worten der Hölle geweſen— horche nie wieder, denn es iſt eben ſo bitter, wie ein Stück von der Zukunft zu wiſſen— aber merke ſie Dir, dieſe hölliſchen Worte. Faſſe ſie in Dein Gedächtniß und Dein Herz, und wo und wann Du dieſer Brut begegneſt— vertilge ſie mit der Flamme Deines reinen Geiſtes, erſticke ſie in den Netzen ihrer eigenen Schlauheit und beweiſe ſo der Welt— Gott— Dir ſelber, daß Du nicht biſt wie einer von dieſen!—“ „ Doch genug davon! Für diesmal wollen wir uns damit begnügen, ſie zu kennen und ihre Pläne auf eine ihnen unverhoffte Weiſe einfach zu durchkreuzen. Ich ſpare ſie mir für die Zukunft auf, ſte werden mir wohl noch einmal im Leben begegnen, wenn ſie ausge⸗ wachſene Männer und ganze Böſewichter geworden ſind. Jetzt ſind ſie nur noch Wortklauber und Maul⸗ helden, noch nicht über die Anfangsgründe ihres Katechismus hinaus— der Kampf wäre heute zwiſchen uns zu ungleich. Nur mit meines Gleichen liebe ich zu ſtreiten oder mit Beſſeren und Stärkeren! Warten wir es alſo ab. Und nun, mein Sohn, gehen wir beide ſchlafen— ich bin müde, ſehr müde— die Dinge, die ich heute gehört, haben meinen Geiſt nie⸗ dergebeugt und er muß ſich zur Ruhe begeben. Mor⸗ gen wird er wieder friſch und fröhlich ſein— dann — 61— ſollſt Du erfahren, was Du und ich, was wir Beide thun müſſen und zwar auf der Stelle. Gute Nacht, mein Sohn!“ Und er drückte mich innig und lebhaft, zum erſten Male, ſeitdem wir uns kannten, an ſeine ſtürmiſch bewegte Bruſt.„Wir müſſen uns trennen.“ „Wie?“ rief ich,„uns trennen?“ „Ja— Du gehſt in Deine Zelle, ich bleibe in der meinigen. Gute Nacht!——— Als ich am nächſten Morgen erwachte und Maxi⸗ milian einen guten Tag zurief, antwortete er nicht. Ich ſtand auf und fand ſein Bett leer. Schon glaubte ich, er hätte das Kloſter gänzlich verlaſſen, da ſah ich ihn durch das Fenſter im eifrigen Geſpräche mit dem Guardian aus dem Walde zurückkehren. Erſt nach langer Zeit betrat er wieder ſeine Zelle und meldete mir, daß der Guardian mich zu ſprechen wünſche. „Und iſt Dir wohler, als geſtern Abend?“ fragte ich beſorgt, denn ſein Geſicht war bleicher als gewöhn⸗ lich, und auf ſeiner ſorgenvollen Stirn lag der Schatten einer tiefen, geiſtigen Ermattung, als wenn er in der Nacht unter ſchweren Gedanken kein Auge geſchloſſen hätte. § „Mir iſt ganz wohl,“ ſagte er.„Geh aber zum Guardian— er hat Dich bald und nothwendig zu ſprechen.“— . — 62— Der Guardian ſaß in ſeiner Zelle allein auf ſei⸗ nem großen Seſſel und hatte den Kopf auf die rechte Hand geſtützt. Sobald ich eingetreten war, ſtand er auf und riegelte die Thür ab; ich hatte alſo etwas Ernſtes zu erwarten. „Mein Sohn,“ fing er an,„da biſt Du, das iſt gut. Was Du aber auch jetzt hören wirſt, behalte es für Dich allein und ſprich mit Niemandem darüber, als mit Deinen beiden Lehrern, Ludovikus und Maxi⸗ milian, die bereits unterrichtet und vollkommen mit mir einverſtanden ſind. Mein lieber Fritz, Du weißt, daß beſchloſſen war, Dich bis zu Deinem achtzehnten Lebensjahre hier im Kloſter zu behalten und daß wir, Deine Freunde, nicht gern Dich um einen Tag früher ſcheiden ſehen. Aber Verhältniſſe, die ich nicht herbei⸗ geführt, die vielmehr Gott uns wahrſcheinlich zu unſe⸗ rer Prüfung geſandt hat, und die Du Dir vielleicht ſchon jetzt, gewiß aber künftig ſelbſt klar machen wirſt, beſtimmen mich, dem mir von Deinem beſten Freunde, dem Pater Maximilian, gegebenen Rathe Folge zu leiſten und Dich bald— in den nächſten Tagen ſogar ſchon— aus dem Kloſter zu entlaſſen.“ „Wie?“ rief ich erſtaunt und erſchrocken zugleich, „in den nächſten Tagen ſchon?“— „Ja, mein Sohn; und je früher Du gehſt, um — 63— ſo beſſer wird es für Dich ſein. Denn Deine Zukunft muß von mir, Deinem Erzieher und Leiter, ſicherer geſtellt werden, als ſie augenblicklich hier bei uns er⸗ ſcheint, und an mir iſt es ebenfalls, Dich darauf auf⸗ merkſam zu machen, daß wir gewohnt ſind, Dich in allen Stücken unſeren Belehrungen gehorſam zu finden. Sieh— ob Du einige Monate früher oder ſpäter Deine Studien in Münſter beginnſt, wohin Du ja zu⸗ erſt zu gehen entſchloſſen warſt, das iſt im Ganzen einerlei; die Vorleſungen haben erſt ſeit Kurzem be⸗ gonnen und Du kannſt mit einigem Fleiße das Ver⸗ ſäumte leicht nachholen, ſobald Du die Prüfung für Deine Univerſitätsreife abgelegt haſt. Und wenn das auch nicht wäre— Du müßteſt jedenfalls von hier fort, denn wichtige Umſtände erheiſchen es. Deine Kenntniſſe, ſo berichtet mir Ludovikus werden hinrei⸗ chend ſein, Dich jene Prüfung beſtehen zu laſſen, und Du wirſt— ich vertraue Dir— fortfahren, wie Du hier begonnen haſt, fleißig, redlich und gottgetreu zu ſein.“ „Mein Sohn, erinnere Dich, es ſind jetzt fünf Jahre, als die Urſulinerin Dich als kleinen Knaben in meine Hände lieferte. Habe ich das Verſprechen ge⸗ halten, welches ich ihr zu Deinem Beſten gegeben habe? Wie?“ „O Hochwürdigſter!“ rief ich, und lautes Schluch⸗ zen erſtickte meine Stimme— Er umfaßte mich und drückte mich an ſich, während er meine Stirn väterlich küßte.„Sieh,“ ſagte er,„ich bin ſtolz darauf, aus dem kleinen Bäumchen, als wel⸗ ches Du zu mir kamſt, einen ſolchen Baum gezogen zu haben. Gebe Gott, der Herr, daß die Früchte, die wir von Dir hoffen, unſerer Erwartung entſprechen mögen!— Doch, laß mich kurz ſein; es liegt uns jetzt ob, in kurzer Friſt Wichtiges zu thun. Es iſt alſo abgemacht, Du gehſt und zwar ſchon in den näch⸗ ſten Tagen. Ich werde Deine Kleider von dem Laien⸗ bruder in Ordnung ſetzen laſſen; mit Wäſche biſt Du hinreichend verfehen. Du gehſt alſo nicht als Bettler von uns, den Bettlern. Was die Koſten Deiner fer⸗ neren Studien anbetrifft, denn die werden wohl tag⸗ täglich zunehmen, ſo hätte ich Dir gern eine Summe Geldes mit auf den Weg gegeben. Allein, Du weißt, ich bin nur der Obere eines Kloſters, we lches meiſtens von Almoſen lebt. Ich ſelbſt darf nichts beſitzen und beſitze nichts, als was zum Frommen des Kloſters ver⸗ wandt werden muß. Dennoch aber habe ich einen kleinen Sparpfennig für Dich zurückgelegt, der zwar nicht der Rede werth iſt, aber doch hinreichen wird, Deine Reiſe und Deine erſten Auslagen in Münſter — 65— zu beſtreiten. Für die Zukunft habe ich an etwas An⸗ deres, Beſſeres gedacht. Sieh, ich habe einen ſehr guten Freund in Münſter, den Probſt B... Wir ſind Jugendbekannte und Studiengenoſſen. An ihn werde ich Dir ein Schreiben mitgeben, und er wird Dir, ich bin deſſen gewiß, zu Deiner weiteren Ausbil⸗ dung genügende Anleitung und Unterſtützung angedei⸗ hen laſſen, ſo daß er in dieſer Beziehung gewiſſer⸗ maßen die Fortſetzung von mir ſelber iſt. Alſo blicke getroſt und ohne Bangen in die nächſte Zukunft: für die fernere wird Gott ſorgen. Schreibe mir bisweilen, wie es Dir geht. Auf dem Wege nach Münſter kannſt Du Deine Mutter beſuchen. Deine Abreiſe von hier werde ich ſelbſt ins Werk ſetzen, bekümmere Dich gar nicht darum, überhaupt thue gegen Jedermann, als ob Du nichts davon wüßteſt. Und nun geh in Deine Zelle und ſammle Dich, denn ich ſehe, meine Mitthei⸗ lung hat Dich erſchüttert und das alte Kloſter liegt Dir noch am Herzen. Lebewohl, mein Junge, und ſpäter ein Mehreres.“ 3 Betrübt im Innerſten meiner Seele und ganz im Stillen meine heißen Zähren niederſchluckend, ſchlich ich in meine Zelle.„Maximilian!“ rief ich dem mich erwartenden Freunde entgegen:„Wir müſſen uns alſo doch und auf immer trennen?“ Fritz Stilling. II. 5 — 66— „Ja— auf immer, wenn Gott es nicht anders beſchloſſen hat, mein Junge. Laß es uns alſo feſt in's Auge faſſen und kurz abmachen, das iſt immer das 4 4 Beſte. Du gehſt, denn Du mußt gehen, und Du wirſt wiſſen oder vermuthen, warum? Denn Deine Ohren haben es geſtern gehört und Dein Verſtand wird es begriffen haben. Dieſe Höhle iſt nicht mehr der Auf⸗ enthaltsort für junge Löwen, nur Füchſe, Hyänen und Wölfe hauſen noch darin. Alſo fort von hier— fort in die friſche, fröhliche Welt. Faſſe munter das Leben an, und munter wird es Dir entgegen treten. O, Du gehſt einem glücklichen Daſein entgegen— aber ich— wohin gehe ich?“ „Bleibſt Du denn nicht hier?“ fragte ich ver⸗ wundert.„Willſt Du denn auch fort?“ „Gewiß will ich das und noch vor Dir und wei⸗ ter fort, als Du. Schon der nächſte Morgen wird mich nicht mehr in dieſen Mauern ſehen.“ 5 „Ich ſtand mit weit aufgeriſſenen Augen da und ſtarrte ihn ſprachlos an. Ich ſchien heute beſtimmt, Wunderdinge zu erleben. Ich konnte ſie nicht alle mit einem Mal erfaſſen.— 1 „Beruhige Dich,“ fuhr er fort,„es muß ſo ſein. Ich habe keine Luſt, mein Leben fernerhin in den Netzen— dieſer da hinzubringen, das Leben hat noch — 67— andere Anſprüche an mich und ich— an das Leben auch. Alſo fort, und Du ſollſt mir ſogar dazu be⸗ hülflich ſein, denn Niemand im Kloſter, außer Fran⸗ ziskus, Ludovikus und Dir, darf von meiner Äbreiſe erfahren. Verſtehſt Du?“ „Ich verſtehe!“ ſagte ich, ſchauernd vor Weh⸗ muth. „Heute Nacht, wenn Alles ſchläft— wir haben ja Mondſchein— fährſt Du mich über den Rhein. Ich vertraue mich Deinem jungen Arme an, denn ich weiß, Du verſtehſt es. Wie Du wieder in's Kloſter unbemerkt zurückkommſt, iſt Dir bekannt. Wirſt Du morgen gefragt, wo ich din? ſo ſagſt Du, ich ſei über Land gegangen. Meine Bücher und ſonſtigen Beſitz⸗ thümer behält einſtweilen Ludovikus. Ueber das ſonſt nothwendig zu Beſprechende haben wir noch den gan⸗ zen Tag vor uns. Jetzt laß uns davon abbrechen, Ludovikus wird ſogleich hier ſein und dann trennen wir uns nicht mehr bis zur Nacht,“— 8 Man kann ſich eine Vorſtellung von den Gefüh⸗ len machen, die in mir Kobten und denen ich ſo ganz unvorbereitet zum Naube ewordem war. Trennung vom Kloſter, vom Guardin von KLudovikus und Marximilian, Trennung von mänem grünen Wald, deſſen jungfräuliche Schatten ſo eber anfingen, ſich vor „ —— — 68— meinen Augen auszubreiten, Trennung von Allem, was mir lieb und theuer geworden war, und von dem ſüßen Frieden der ganzen Umgebung— o, wie weh that ſie mir! Und doch mußte es ſein; und es war auch gut ſo. Der Menſch muß wachſen, wie der Baum wächſt, er muß dem Winde und dem Wetter trotzen lernen, hinauf muß er treiben, den Wolken ent⸗ gegen durch warme und kalte Luft, auf daß er er⸗ ſtarke! Neigungen und Gewohnheiten— wie ſüß werden ſie uns! Aber losreißen muß ſich der Menſch von ihnen, wenn das Schickſal es fordert, wenn die Pflicht ihn ruft, wenn die Gebote eines höheren Le⸗ bens ſeine Theilnahme, ſeine Kräfte beanſpruchen. Alſo fort— fort— fort ohne Zaudern— ohne Wanken— mit Gott!— Ludovikus kam. Er war noch betrübter als ich, auch er ſollte ſich von zwei Freunden trennen, die er durch jahrelangen Umgang und mancherlei gemein⸗ ſchaftliches Erlebniß lieb gewonnen hatte.„Mir bleibt nichts, als Franziskus und meine Bücher,“ ſagte er. „Ihr habt die Welt für Euch— was habe ich?“ „Ach, mein Freund,“ erwiderte Maximilian,„ich ſchenke Dir meine Welt— gieb mir die Deine dafür. Aha! Du zauderſt— „Gewiß zaudere ich— aber nicht meinetwegen, * — 69— ſondern Deinetwegen— Du biſt ſieben und dreißig— ich ſieben und vierzig— Du biſt geſund, ich bin krank—“ „Und wenn ich dennoch mit Dir tauſchte—?“ „So gieb her Deine Seele!“— Und beide um⸗ faßten ſich und küßten ſich herzlich, indem ſie beide lächelten, während mir die heißen Thränen über die Wangen liefen. „Aber Deine Haare?“ rief Ludovikus plötzlich. „Man wird Dich auch ohne Kutte an der Tonſur für einen Mönch erkennen—“ Ein allgemeines Stillſchweigen trat ein. Wir waren alle Drei verwundert, daran nicht gedacht zu haben.. „Ich weiß Rath!“ rief ich endlich. „Nun? Und?“ „Ich ſcheere Dich ganz kahl, fahre Nachmittag mit der Fähre hinüber und hole eine Perücke von dem alten Franzoſen, der neben dem Dom in Xanten wohnt.“ Man beſann ſich nicht lange, man ſtimmte ein. Für andere Kleider— es waren freilich die eines Prieſters— hatte ſchon der Guardian Sorge ge⸗ tragen.— Als die Mönche nach Tiſche in der Kirche ver⸗ ſammelt waren, um eine erhabene Bußpredigt des Pa⸗ ters Zahn, handelnd über das Herz Jeſu, anzuhö⸗ ren, begab ich mich eiligen Fußes nach der Fähre und fuhr, von Niemandem unterwegs bemerkt, in Geſell⸗ 8 ſchaft eines fremden Kärrners und ſeines Gaules über den Rhein. Haſtig eilte ich nach anten, ſprang in den Dom, um ihn mir noch ein Mal in ſeiner ganzen Herrlichkeit einzuprägen, und verfügte mich ſodann in das Haus des alten Franzoſen, der wegen ſeiner gu⸗ ten Perücken in der ganzen Umgegend berühmt war. Unter einem großen Vorrath war nur eine einzige, die mir gefiel und des ſchönen Geſichtes Maximilian's würdig zu ſein ſchien. Sie war zwar dunkler, als ſein natürliches Haar und beinahe faſt ganz ſchwarz, ſie paßte aber auch auf meinen Kopf, der dieſelbe Größe wie der ſeinige hatte, und war weder zu künſt⸗ lich gelockt, noch ganz ſchlicht; mit einem Wort, ſie ſah natürlich aus. Ich bezahlte ſie mit dem Gelde, welches ich von Maximilian dazu empfangen hatte, ließ mir ihre Befeſtigungsart erklären und ſie ſorgfäl⸗ tig einwickeln, um ſie in die Taſche ſtecken zu können, und ging dann, um bei Niemandem irgend einen Ver⸗ dacht zu erregen, noch eine Weile in der Stadt ſpa⸗ zieren. Langſam und allmälig mich der Fähre nähernd, ſtieg ich kurz vor ihrer Abfahrt ein und kam nach un⸗ gefähr zwei Stunden Abweſenheit wieder im Kloſter an, wo ſich ſchon eine ungeheure Menge Andächtiger zur Abendpredigt eingefunden hatte. Mit Mühe ge⸗ „langte ich durch die Pforte und eilte nach meiner Zelle, um mein Kleinod zu verbergen. Maximilian fand ich mit Ludovikus im Garten, und als ich zu ihnen trat, gab ich ihnen mit den Augen ein Zeichen, daß der Auftrag ausgeführt ſei. Darauf erhoben ſie ſich und wir ſpazierten umher, kein Wort über unſer Vorhaben verlierend, denn wir waren nicht allein und auch die drei edlen ehrwürdigen Väter ſchöpften friſche Luft, um neue Kraft für ihre ferneren Anſtrengungen zu ſammeln. Wohl flogen ihre Blicke oft und lange zu uns Dreien herüber, wir aber beachteten ſie nicht mehr; für uns waren ſie nicht mehr vorhanden in der Ge⸗ genwart, wir hatten allein die Zukunft vor Augen. Während der Abendpredigt, die von faſt allen Mönchen beſucht war, trennte ich mich von meinen bei⸗ den Freunden, um mich nach dem mir befreundeten Lehmann'ſchen Hauſe zu begeben. Ich hatte die Be⸗ kanntſchaft unterhalten und beſuchte von Zeit zu Zeit die Familie meines früheren Jugendgefährten, nament⸗ lich wenn mich die Luſt anwandelte, in Geſellſchaft eines Schiffers oder auch allein ein wenig zu ſegeln; denn die geringe Geſchicklichkeit, die zu dieſem Unter⸗ — 72— nehmen gehört, hatte ich mir längſt und ohne Mühe angeeignet, während der Muth, der, eben ſo wie bei'm Reiten, eigentlich dabei die Hauptſache iſt, mir von Natur eigen war. Heute aber hatte ich die Abſicht, mir einen leichten und lenkſamen Nachen für die Nacht auszuſuchen. Ich ſprach mit dem Oberſchiffer darüber und bat ihn, mir einen ſolchen zu leihen, da ich ſpät Abends eine kleine Fahrt machen wolle. Er nickte mir Genehmigung zu und ließ mich wählen, was ich wollte; ich ſuchte meine Geräthſchaften in dem dazu beſtimm⸗ ten kleinen Bretterhauſe zuſammen und legte ſie wohl⸗ geordnet bei Seite. Bald war auch das vollendet. Ich verfügte mich wieder in's Kloſter zurück, aus deſ⸗ ſen Thüren eben die Volksmaſſen mit geſenkten Köpfen und bußfertigen Mienen nach Hauſe ſtrömten. So war der Abend herangekommen und ich konnte mich, da es halb neun Uhr ſchlug, ohne Weiteres auf meine Zelle begeben, die ich leer fand, denn Maximi⸗ lian war bei'm Guardian und nahm von dieſem Ab⸗ ſchied. Um neun Uhr kam er; er war ſtill, in ſich gekehrt, nachdenklich, aber feſt und kühn wie immer; ſeine Augen leuchteten, wie gewöhnlich, wenn eine große Gemüthsbewegung ihn erſchütterte, gleich einer düſteren Flamme. Schon war er eine Weile in mei⸗ ner Nähe und noch hatte er kein Wort geſprochen. Er 1 3 — 73— kramte in ſeinem Schreibpulte herum und nahm end⸗ lich eine kleine Börſe zur Hand, die in der Ecke eines Schubfaches gelegen hatte. „Fritz!“ rief er. „Hier bin ich, Maximilian, was befiehlſt Du?“ „Komm, noch ein Wort. Es iſt vielleicht das letzte, was ich Dir ſagen kann. Zu ermahnen, zu treiben brauche ich Dich nicht, denn Du treibſt Dich allein; führen kann ich Dich nicht mehr, denn ich bleibe nicht länger in Deiner Nähe, alſo mag Gott Dich führen! Studire fleißig, ſei redlich und— ſtrebe nach Oben! Ich meine nicht nach Rang und Ehre— aber nach Erkenntniß, Menſchenliebe und Gottesfurcht! Mittel haſt Du nicht, alſo die können Dich nicht he⸗ ben— um ſo leichter aber wird Dein Fortkommen ſein, denn ſo iſt der Welt Lauf. Ich habe immer ge⸗ funden, daß Menſchen mit geringem Beſitz beſſer und leichter durch die Welt gekommen ſind und oft höhere Stufen erreicht haben, als von Jugend an Begiüterte. Und das iſt klar. Dieſe verlaſſen ſich auf ihr Geld, und das läßt ſie oft im Stiche; jene verlaſſen ſich auf ſich ſelbſt, ihre Kräfte, ihren Geiſt, ihren Muth, und dieſe bleiben uns bis an unſer Ende getreu. Alſo rüſtig vorwärts, mein Junge!— Sieh! hier habe ich mein ganzes augenblickliches Vermögen— es find — 2722— zwanzig Goldſtücke. Da— wir wollen theilen— dieſe zehn ſind Dein.“ „Maximilian!“ „Still! Dieſe ſind Dein, mehr kann ich für jetzt nicht entbehren, aber in kurzer Zeit kann ich mehr er⸗ halten. Vielleicht bin ich im Stande, Dir von Zeit zu Zeit nach Münſter Unterſtützung zu ſenden; geht es, ſo erhältſt Du etwas. Erhältſt Du nichts, ſo denke nicht, daß ich Dich vergeſſen habe, mir mangelt dann nur die Gelegenheit, mich Dir zu nähern. Es wäre möglich, daß wir uns auf unſerm Lebenswege noch einmal begegneten. Wo und wann dies auch ſei — merke auf, was ich Dir ſage— richte Dich als⸗ dann ganz nach meinem Benehmen. Will ich Dich erkennen, ſo äußere Deine Freude, mich wieder zu ſe⸗ hen, wie Dein Herz es verlangt— thue ich, als kenne ich Dich nicht, ſo verrathe mit keiner Miene, daß Du weißt, wer ich bin. Ich bin fertig— Gottes Se⸗ gen mit Dir auf allen Wegen— Amen!“— Er hatte ſeine Hand auf meinen Kopf gelegt, ſah mir noch einmal tief, tief in die Augen und küßte mir die Stirn. Da hörten wir leiſe draußen an unſere Thür pochen. Sogleich öffneten wir. Es war Ludo⸗ vikus, der, um nicht gehört zu werden, auf Socken herbeigeſchlichen war. Er kam, um Abſchied zu neh⸗ — — 75— men und mir bei der bevorſtehenden Operation zu leuchten. Wir ſchritten ſogleich zum Werke. Ludovi⸗ kus hielt die Leuchte, während ich Maximilian's Kopf einſeifte. Mit leichter Mühe war der ganze Kopf kahl geſchoren; er ſah merkwürdig aus. Als nun aber die dunkle Perücke aufgeſetzt war, mußten wir, ſo ernſt wir geſtimmt waren, lächeln, denn er ſah faſt noch merkwürdiger aus und war kaum zu erkennen. Raſch entledigte er ſich nun ſeiner Kutte und deſſen, was er darunter trug, und ſchlüpfte leicht in die ſchwarzſeide⸗ nen Strümpfe und die kurzen Beinkleider der Welt⸗ geiſtlichen, die er von Franziskus erhalten hatte. Al⸗ les paßte auf ſeine vollen und muskulöſen Glieder. Er ſah ſchön und ſtattlich aus, ich hatte früher nie ſeine Haltung ſo vornehm, ſeinen gleichmäßig geform⸗ ten und kräftigen Körperbau ſo bedeutend gefunden, die Kutte hatte alle ſeine perſönlichen Vorzüge ver⸗ hüllt. Auch die ſchwarze Tuchweſte und das weiße Halstuch mit den großen Schleifen ſtanden ihm gut, nur der mit ſeinen langen Schöößen weibiſch ſchotternde Rock paßte nicht zu ſeiner männlichen Figur. Endlich waren wir fertig. Er beſah ſich in ſeinem kleinen Handſpiegel und lächelte. Darauf ſetzten wir uns ſtill nieder und lauſchten, ob wir e viallaih ein verdächtiges Geräuſch hör⸗ — 76— ten. Das ganze weite und mit Menſchen angefüllte Kloſter lag wie in tiefer Grabesſtille, nur die große Uhr auf der unteren Flur tickte hörbar bis zu uns herauf. „Sie ſchlafen!“ ſagte Maximilian leiſe.„Wir ſind die einzigen Wachenden von allen Bowoßnem die⸗ ſes Kloſters.“ „Auch Franziskus wird nicht ſchlafen können,“ ſeufzte beinahe Ludovikus. Dabei wandte ſich ſein Blick wehmüthig auf den theuren Freund, dem der meinige folgte; dann ſahen wir uns beide an, mußten aber das Geſicht abwenden, weil wir die mit jeder Mi⸗ nute ſtärker aufſteigende Rührung unſere Augen flüſſig machen fühlten. „Ehe ich es vergeſſe,“ fing Maximilian wieder an—„hier iſt der Schlüſſel des Bildes da, Ludovi⸗ kus, gieb ihn dem Guardian wieder— da— es iſt mir ordentlich leicht um's Herz, daß ich ihn los bin — ach! er hat ſchwer auf meiner Seele gelegen.“ „Haſt Du heute nichts Neues gehört?“ Maximilian machte eine abwehrende Geberde mit der Hand und runzelte die Stirn. Darauf flüſterte er mit Abſcheu: „Ich habe genug gehört— mich ekelt davor— 9, hätte ich nie jenes Sloß „Dann würdeſt Du nicht den Vortheil haben, Dich heute aus ihren Fängen entfernen zu können—“ „Bahl ſie hatten mich noch nicht— ich würde aber auch nicht den Menſchen in ſeiner vollkommenſten Scheußlichkeit kennen gelernt haben— dieſe ſind ſchlim⸗ mer als Diebe und Mörder— ſie ſtehlen den Glau⸗ ben und morden die Seele.“— Es ſchlug Elf. Der Mond war prächtig aufge⸗ gangen, die Sterne flimmerten am klaren Himmel und nur ein faſt unmerklicher Weſtwind ließ die zarten Blätter der friſchbelaubten Bäume leiſe aneinander rauſchen. „Es wird Zeit,“ ſagte Maximilian.„Wir müſſen wohl aufbrechen?“ „Noch nicht, mein Freund, warte noch eine halbe Stunde.“— Auch dieſe ging vorüber, es f ſchlug halb Zwölf. Maximilian wurde unruhig. Da ſtand Ludovikus auf; hoch richtete er ſich empor, ſeine Miene nahm etwas Feierliches und Würdevolles an. Er hob ſeine Hand und ließ ſie leiſe in die ſchon offen gehaltene Rechte des Freundes fallen. „Gott will es,“ ſagte er,„und ſo ſei es! Lebe wohl!“ Und dienb r ſchloſſen ſich feſt an ein⸗ — 78— ander.— Wir löſchten die Lampe— Ludovikus ſchlich zuerſt hinaus— wir folgten ihm ſo leiſe wie möglich. Ohne Störung gelangten wir an die Kloſterpforte, die Ludovikus behutſam öffnete. Noch ein Händedruck— und die Thür lag zwiſchen ihm und uns. Raſch eilten wir dem Rheine zu und erreichten in Kurzem Lehmann's Haus. Der Hund, der uns mit Bellen empfing, ſchwieg, ſobald er mich erkannte, und lief lautlos in ſeine Hütte zurück. Meine zurecht⸗ gelegten Geräthſchaften fand ich ſogleich; in wenigen Augenblicken waren ſie im Boote. Die Segelſtange wurde an ihren Ort gebracht, das Segel entrollt und das Tau davon in meiner Nähe am Steuer befeſtigt. Maximilian ſaß vor mir und ſtieß kräftig das Fahr⸗ zeug vom Ufer ab. Es flog in den rauſchenden Fluß und faſt augenblicklich faßte der Wind die flatternde Leinwand. Noch ein paar Augenblicke, und ſchon wa⸗ ren wir über hundert Fuß vom Ufer entfernt, während der Schnabel unſeres kleinen Schiffes immer mächtiger in die Waſſer eindrang. Maximilian jubelte laut und drückte meine linke Hand, während meine Rechte feſt auf dem Steuer lag. So fuhren wir eine Zeitlang ſchweigend dahin, während nur das murmelnde Rau⸗ ſchen der Wellen vor dem Kiele zu unſern Ohren drang und unſre Blicke da den Himmel — 79— gerichtet waren, deſſen blaues Rieſenzelt, wie mit gol⸗ denen Flitttern beſäet, klar und rein in ungemeſſener Weite ſich über uns ausſpannte. „Wo willſt Du landen?“ fragte ich Maximilian. „Das iſt mir gleich; fahre für Dich ſo günſtig an wie möglich, denn Deine Rückfahrt wird ſchwieri⸗ ger werden.“ „Das thut nichts; ich lavire, und wenn das zu lange dauert, lege ich die Ruder ein— ich habe kräf⸗ tige Arme.“ Das war unſer ganzes Geſpräch, während wir um Mitternacht, von einer friſchen Briſe begünſtigt, über den alten Vater Rhein ſetzten. In nicht gar langer Zeit erreichten wir das jen⸗ ſeitige Ufer in einer Bucht unterhalb anten, die tief genug war, um den Nachen an das Land zu laſſen. Maximilian ſprang hinaus— ich folgte ihm. Meine Kehle war mir wie zugeſchnürt und auf meinem Her⸗ zen lag es bleiſchwer. „Wohin gehſt Du zunächſt?“ fragte ich, um doch etwas zu ſprechen. „Das laß meine Sorge ſein— ich kenne die Wege und habe mein Ziel vor Augen. Und nun— laß uns ſcheiden! Kein Wort mehr, als— lebe wohl und Gott beh ei brav— ſei glücklich!“ — 80— Noch eine ſtumme Umarmung, ein Händedruck — und er ſprang in die nächſten Gebüſche. Meinen Augen und Ohren war er bald entſchwunden, nur mein Herz glaubte noch das ſeine ſchlagen zu fühlen. Einen Augenblick ſtand ich, blickte ihm ſcharf nach, konnte aber keine Spur mehr von ihm entdecken. Dann wiſchte ich mir die Thränen aus den Augen, ging in das Boot zurück, ſtellte das Segel anders und ſtieß ab. Meine Rückfahrt war in der That ſchwieriger und ging langſamer von Statten, als meine Hinfahrt. Bis über den größten Strom hinaus, der an dieſer Stelle wie bekannt, ſehr ſtark iſt, ſteuerte ich bald links bald rechts. Als das rollende Rauſchen unter mir et⸗ was abnahm und ich mich in glatterem Waſſer glaubte, zog ich das Segel ein und legte meine Ruder aus. Aber das mächtige Strömen des alten Fluſſes trieb mich weit abwärts; mit aller Mühe und lebhaft arbei⸗ tend gelang es mir doch nur, das jenſeitige Ufer faſt eine Viertelſtunde nördlich von Lehmann's Hauſe zu erreichen. Hier legte ich den Nachen feſt an eine Weeido, beſchließend, ihn am nächſten Morgen von den Schiffern holen zu laſſen, was ich auch that. Dann aber eilte ich beinahe fliegend durch den Wald; es ſchlug halb drei Uhr, als ich das Kloſter erreichte. Von dem ſtärker erwachten W trieben, hat⸗ — 381— ten ſich unterdeß Wolken am Himmel geſammelt und verdunkelten die halbe Scheibe des Mondes, und das war mir ganz lieb. Bald hatte ich, Niemand ge⸗ wahrend, das Kloſter umgangen und ſtieg, von Pater Hilarius gut unterrichtet, über die alte Mauer. Dank ſeiner wohlerworbenen Freundſchaft war ich auch mit dem Schlüſſel zur Küche verſehen. In etwa zehn Mi⸗ nuten war ich in meiner Zelle und in halb ſo viel Zeit lag ich im Bette, ohne daß außer dem Guardian und Pater Ludovikus irgend ein Menſch meine Ab⸗ weſenheit und mein Thun geahnt hatte. Schon um ſteben Uhr Morgens ſtattete ich dem Guardian meinen Bericht ab, der auch Ludovikus ſo⸗ gleich mitgetheilt wurde, erfuhr aber dabei zu meinem Schrecken, daß ich ſelbſt am nächſten Tage in aller Frühe abreiſen würde. Der beklemmende Gedanke die⸗ ſer ſchnellen Veränderung meines Lebens ließ mich die Einſamkeit meiner Zelle und die Trennung von meinem verehrten Freunde leichter ertragen. Ich lief ſchon Vormittags in den Wald, meinem alten Vertrauten meine Noth zu klagen, aber er tröſtete mich heute nicht, im Gegentheile, er ſagte mir nur allzu verſtändlich, daß ich allein ſei mein Lebensſtern mich verlaſſen 8 Fritz Stilling. 6 — 82— 3 habe, und am lauteſten ſprach er das aus, als ich in den ewig grünen Tannenwald kam, durch den ich mit Maximilian ſo oft gewandelt war, und zum letzten Male in meinem Leben in dem Mooskeſſel ſaß, wo er mir ſeine Geſchichte erzählte, die ich mir ſchon ſo oft im Geiſte wiederholt hatte, daß ich ſie beinahe eben ſo gut wie er auswendig wußte. Noch einmal ſah ich mich überall um, beſuchte alle geheimen Plätze meiner jugendlichen Träume, dann, gefaßt und hoffnungsvoll, wie es die Jugend glück⸗ licher Weiſe ſo leicht iſt, kehrte ich heim und erſchien bei Tiſche. Wohl bemerkte man den leeren Platz Maxi⸗ milian's; da ſeine Abweſenheit aber nichts Seltenes war, fragte Niemand danach. Erſt am Abende erkun⸗ digte ſich Pater Blitz beim Guardian, wo Pater Maxi⸗ milian ſei?„Er iſt auf's Land gegangen, Speiſe zu holen,“ erwiederte dieſer. Man ſchien es zu glauben. Faſt den ganzen Nachmittag und Abend brachte ich im Geſpräche mit dem Guardian und Ludovikus zu. Endlich hatten wir uns Alles geſagt, was wir uns ſagen konnten, nichts war mehr übrig, als die Traurig⸗ keit in meinem Herzen und das ängſtliche Bewußtſein, von vortrefflichen Menſchen ſcheiden zu müſſen und ſie vielleicht, ja wahrſcheinlich, nie wieder zu ſehen. Mein Dank war geſprochen— ich war mit meinen Wohl⸗ — 83— 8 thätern abgefunden. Ich beſtieg zum letzten Male meine einſame Zelle und mein eben ſo einſames Lager. Welche Gedanken ſummten durch mein Gehirn, welche Empfindungen durchzuckten meine Seele! Man laſſe mich darüber ſchweigen, ich kann ſie doch nicht ſo tief, ſo rührend, ſo innig ſchildern, wie ſie damals waren.— Morgens um ſechs Uhr ſchon holte mich der Guar⸗ dian ſelbſt von meiner Zelle herunter. Einen alten Koffer, worin meine kleinen Beſitzthümer lagen, die mir die Güte meiner Erzieher und Freunde im Laufe der Zeit verehrt, hatte ein verſchwiegener Laienbruder ſchon um vier Uhr Morgens nach Lehmann's Hauſe geſchafft. Dahin gingen auch wir. Schon aus dem höher gelegenen Walde zum Rheine hinabſteigend, ſahen wir Ludovikus haſtig und keuchend uns nacheilen. Wir blieben ſtehen und erwarteten ihn. Als wir, ab⸗ ſichtlich gleichgültige Dinge ſprechend, am Waſſer an⸗ gekommen waren, ſah ich ein Kohlenſchiff vor Anker liegen, welches mich bis nach Weſel mitnehmen ſollte. Eben läutete ſeine Glocke. und die wir⸗ 6* belnden Wogen des Stromes erfaßten es— ein ſchar⸗ fer Morgenwind hob das ſchwere Segel und— hin⸗ auf, entgegen dem Strome unbekannten Lebens ward ich widerſtandslos dahin getragen. Da ſah ich die beiden Getreuen, nachdem ſie noch einmal mit emporgehobenen Armen zum Abſchiede ge⸗ winkt, einſam und ſtill ihren Rückweg antreten und bald hatten die Schatten des Waldes ihre dunklen Ge⸗ ſtalten verſchlungen. IV. Wie ein Student eſſen und hungern kann. Die Freude meiner Mutter, mich ſo unverhofft wieder bei ſich zu haben, war eben ſo groß, wie ihre Verwun⸗ derung über die plötzliche Wandelung meines Schick⸗ ſals. Und als ich vor ihren Ohren nun meinen Beu⸗ tel mit Gold und anderem Gelde erklingen ließ und ihr ſagte, wie viel darin ſei, da hielt ſie mich gar für einen ſteinreichen Menſchen, ermahnte mich aber, vor⸗ ſichtig zu ſein, damit es mir nicht wieder ſo ergehe, wie auf der Reiſe von Amſterdam nach der Heimath. Uebrigens dankte ſie Gott für das mir bisher wieder⸗ fahrene Glück, worin ich ihr von ganzem Herzen bei⸗ ſtimmte. Die eigentliche Urſache meiner ſo ſchnellen Abreiſe aus dem Kloſter theilte ich ihr natürlich nicht mit; es wäre zu weitläuftig geweſen und hätte ihr auch unnöthige Sorge bereitet. Ich ſchenkte ihr ein — 86— neues warmes Kleid für den nächſten Winter und blieb bis zum anderen Morgen bei ihr, bevor ich meine Reiſe nach Münſter antrat, denn es drängte mich mit aller Macht eines vorwärtsſtrebenden jugendlichen Her⸗ zens der Zukunft entgegen. Mein kleiner Koffer wurde einem Fuhrmanne anvertraut, der ihn in drei Tagen nach Münſter zu ſchaffen verſprach, für damalige Zeit eine ungeheure Schnelligkeit in Betreff einer Reiſe von etwa zehn Meilen. Ich ſelbſt beſchloß wieder zu Fuße zu wandern, und ſo ſah mich denn der Morgen des nächſten Tages abermals auf dem Marſche. Aber wie ganz anders waren die Gefühle, die mich auf dieſem Wege begleiteten, als zu der Zeit, da ich uach Holland ging und aus Holland zurückkehrte! Da⸗ mals ein ſchwaches, armes, unerfahrenes, faſt von je⸗ der Hülfe verlaſſenes Kind, allein auf des großen nahe vollkommen ausgewachſener Menſch mit mannich⸗ facher Erfahrung und Kenntniß ausgerüſtet, noch im⸗ mer auf Gottes Hülfe rechnend, aber ſchon die eigene in Anſchlag bringend! Dabei war ich geſund, wohlge⸗ muth, hoffnungsvoll und, die häufigen Gedanken an den. Außerdem aber war ich reich, oder ich kam mir wenigſtens ſo vor, denn ich hatte damals den Glauben, Gottes Hülfe bauend— jetzt ein ſtarker, großer, bei⸗ das kürzlich Verlorene abgerechnet, heiter und zufrie⸗ —— die ſiebzig Thaler, die ich im Ganzen bei mir trug, könnten niemals ein Ende nehmen. Glückliche Zeit, glückliche Jugend! Wie ſchnell geht ſie vorüber und wie ſchnell kommen die Erfahrungen ganz anderer und bitterer Art. Ich brachte zwei und einen halben Tag auf der Reiſe zu. Gegen Mittag des dritten Tages zog ich, nicht der hoffnungsloſeſte ihrer jungen Studenten in die Univerſität Münſter ein. Altes trauliches Münſter! Wie gern und oft er⸗ innere ich mich Deiner und der in Deinen Mauern ver⸗ lebten bitteren und ſüßen, ach! nur zu ſüßen Stunden! Noch immer ſehe ich im Geiſte Deine alten ſchönen Kirchen mit den herrlichen gothiſchen Thürmen und höre das wohlklingende Geläut ihrer dröhnenden, ſum⸗ menden und ſilberhellen Glocken. Noch immer betrachte ich in feierlichem Schweigen Deine alten deutſchen Gie⸗ bel, Deine Erinnerungen aus der Wiedertäuferzeit, die verhängnißvollen ſchwebenden Körbe am Lamkberti⸗ thurme, und Deine ſchrecklichen Zangen unter dem ſchönen Bogen des herrlichen Rathhauſes. Noch im⸗ mer betrete ich voll heiligen Staunens Deinen alten Friedensſaal mit ſeinen Rüſtungen, ſeinen Bildern und hiſtoriſchen Reliquien. Endlich aber ſehe ich noch ſo deutlich wie damals Deine Straßen und Plätze belebt — 88— von eilfertig dahinſchlüpfenden Prieſtern in ihren lan⸗ gen, fliegenden Röcken, ſeidenen Strümpfen und ſilber⸗ nen Schuhſchnallen, ſo eilig, als verſäumten ſie das Himmelreich, wenn ſie nicht zeitig an Ort und Stelle wären O, welche traurige und wohlthätige Erinne⸗ rungen zugleich überſtrömen bei dieſen Rückblick mein altes Herz!— Schon vor dem Stadtthore begegnete mir ein jun⸗ ger Menſch, der eine auffallend bunte Mütze und einen mit Schnüren beſetzten kurzen Rock trug; ich hielt ihn anfangs für einen herumziehenden Seiltänzer, wie ich ſie als Kind in Weſel und auch wohl ſpäter in Xanten geſehen. Er warf einen durchbohrenden Blick auf mich, der ich mein altes, kleines Ränzel auf dem Rücken trug und ziemlich unbefangen und keck einherſchritt. Nachdem er mich eine Weile genau, von Kopf bis zu Fuß und von allen Seiten mit einer Art Kennerblick gemuſtert, rief er endlich:„Guten Morgen!“ was mich eigentlich ſehr verwunderte, da es doch bereits MNittag war. „Guten Morgen!“ rief er alſo.„MSe uid Du?“ entgegen. „Student!“ warf ich ihm mit Innigem Stolze „Student? Hoho! Da gieb mir die Hand; ich —iN — 89— dachte es beinahe. Ich bin es auch. Du willſt es aber wohl erſt werden? Haſt Du ſchon eine Kneipe?“ „Eine Kneipe? Wie?“ „Eine Wohnung meine ich.“ „Nein, die habe ich leider noch nicht.“ „So komm, ich will Dir eine verſchaffen,— klein aber billig, ſchlecht aber gut. Was willſt Du ſtudiren?“ „Die Wundarzneikunde.“ „Aha! Da bin ich Dein Kollege. Wohlan denn, Fuchs!“ „Juchs!“ dachte ich.„Seh' ich ſo aus?“. Wir ſchritten faſt durch die halbe Stadt, die mix in den bis jetzt geſehenen Theilen gegen Weſel und Nanten ungeheuer groß vorkam, gegen Amſterdam aber ein Flecken erſchien, und langten in einem Gäßchen in der Nähe der Rothenburg an, wo mein Kamerad mich in eine Art Herberge führte, welche mehreren Studen⸗ ten zur Wohnung diente. Sehr bald war auch ich untergebracht, aber in einem Kämmerlein, nicht größer als meine Zelle im Kloſter, dagegen viel ſchmutziger und über alle Maßen nach Taback ſtinkend. Die ein⸗ zige Annehmlichkeit an ihr war die Ausſicht auf einen ziemlich hübſchen Garten. Indeſſen tröſtete ich mich, denn nicht allzu lange beſchloß ich hier wohnen zu bleiben; ich wollte erſt ſehen, was mein neuer Be⸗ — 90— ſchützer, der Probſt, an den ich vom Guardian einen Empfehlungsbrief hatte, dazu ſagen würde. Gegen Abend, nachdem ich mich ausgeruht, bürſtete ich denn auch meine Kleider ſo rein wie möglich, ſuchte den Brief hervor und fragte mich nach der Straße zurecht, in welcher der Probſt nach der Aufſchrift des Briefes wohnen ſollte, ohne jedoch ſeinen Namen zu nennen. Ich mußte faſt durch die ganze Stadt nach ihrem an⸗ deren Ende wandern und in der Nähe des biſchöflichen Palaſtes fand ich denn auch endlich das bezeichnete Haus, welches groß und hübſch war und mir eine gute Aufnahme verſprach. Ich ſchellte. In der geöffneten Thür erſchien ein 2 alter Mann, der halb wie ein abgelebter Prieſter, halb wie ein Bedienter ausſah; vielleicht war er beides. „Was wünſchen Sie?“ „Ich möchte den Herrn Probſt ſprechen.“ „O!— Das geht nicht.“ „Warum denn nicht?“ 3 „Weil er ſeit geſtern begraben iſt.“ 4 r Begraben? Wie? Ich habe einen Brief an ihn.“ — 7— „Den können Sie ihm in den Himmel nach⸗ ſchicken, wenn er ihn leſen ſoll.“. „Wenn Sie ihn beſorgen wollen, da iſt er, ich wünſche Ihnen glückliche Reiſe!“. — — 91— Der Mann ſah mich theils verblüfft, theils et⸗ was beleidigt an, brummte einige Worte, worin das Wort Naſeweisheit vorkam und ſchlug mir zuletzt die Thür dicht vor der Naſe zu. Da ſtand ich mit meinem Briefe in der Hand und meinem Probſt im Himmel. Was ſollt' ich thun? Es blieb mir nichts anderes übrig, als nach Hauſe zu gehen. Und das that ich denn ohne Weiteras. Aber langſam, betrübt und eigentlich nicht wiſſend, was ich zunächſt beginnen ſollte, ſchlich ich mehr als ich ging, die Straßen entlang, denn ich hatte nicht im Gering⸗ ſten erwartet, daß der Probſt eher in den Himmel überſiedeln würde, bevor er meinen Brief geleſen. Ich erzählte ſogleich meinem Wirthe mein neue⸗ ſtes Mißgeſchick. „Das hätten Sie auch von uns erfahren und ſich den Weg erſparen können, wenn Sie mir ihr Vor⸗ haben mitgetheilt hätten,“ ſagte er.„Nun bleiben Sie wohl bei mir wohnen?“ „Gewiß! Aber ob er denn wohl keinen Erben hinterlaſſen hat?“ „Wer, der Probſt? O, junger Mann, junger Mann! Probſt und Erben! Sie ſind in Münſter, einer gottesfürchtigen und geſitteten Stadt!“ „Daß weiß ich; aber kann denn ein Probſt keinen — 92 Neffen oder ſonſtigen Verwandten, ohne Gott und die Sitte beleidigt zu haben, hinterlaſſen?“ „Ja ſo, ja ſo— verzeihen Sie! Davon habe ich aber keine Kunde.“ „Nun, das wollt' ich ja nur wiſſen-— geben ſie mir ein Butterbrot— aber ein tüchtiges!“ „Ein ächt Münſterſches, ſogleich!“ Ich war alſo jetzt auf meine eigenen Hülfsquellen angewieſen, und um ſogleich das richtige Ende anzu⸗ greifen, begab ich mich, nach genauerer Erkundigung, ob er nicht auch geſtern geſtorben und im Himmel ſei, zu dem furchtbaren Manne, bei dem ich meine Prü⸗ fungen behufs meiner Immatrikulation ablegen mußte. Ich wurde freundlich aufgenommen, aber zunächſt an einen alten Schulmann verwieſen. Dieſer hörte mein Anliegen aufmerkſam an und erwiderte dann, es koſte zwei Thaler. „Hier ſind ſie.“ „So kammnen Sie morgen früh um acht Uhr vider zu mir.“— Ich mußte drei Tage bei ihm arbeiten und dann noch eine mündliche Prüfung beſtehen. Am fünften Tage holte ich mir meinen Beſcheid. Ich hatte die — 93— Prüfungen beſtanden. Schon in den nächſten vier und zwanzig Stunden war ich immatrikulirter Student der Univerſität Münſter in der Disciplin: Wundarzneikunſt. Das koſtete wieder einige Thaler. O— ich war ja ſehr reich! Alsbald wieſen mich die mit mir in einem Hauſe wohnenden Studenten freundlich zurecht, nannten mir die Profeſſoren, die ich beſuchen, und die Vorleſungen, die ich, wie ſie es nannten, belegen müßte. Dabei erfuhr ich auch den Preis dieſer Vorleſungen, aber zu⸗ gleich die menſchenfreundliche Mittheilung, daß einige der Profeſſoren, und zwar die ärmſten Teufel von al⸗ len, ſtundeten, andere dagegen, und zumeiſt die be⸗ gütertſten, nicht, denn dieſe Profeſſoren, ſagten ſie, ſind eben ſo große Kameele wie Nilpferde und haben einen Goldhunger wie Danae's Amme. Was den Preis der Vorleſungen anbetraf, ſo be⸗ kam ich einen großen Schreck darüber. Er ſchien mir ungeheuer, denn er griff meine Reichthümer entſetzlich an. Auch für meine Wohnung nebſt Eſſen und Zube⸗ hör mußte ich monatlich vier Thaler bezahlen— ich kam alſo höchſtens, wenn ich meiſterhaft ſparſam lebte, ein Jahr mit meinem Gelde aus. Ein Jahr! Nun, das iſt zwar lang, dachte ich, und dann muß irgend⸗ woher Hülfe geſchafft werden. Indeſſen, ich ſollte ſehr * bald die Erfahrung machen, daß auch noch andere An⸗ ſprüche an meine Kaſſe gemacht wurden. Ich hatte nämlich einige Vorleſungen als ſogenannter Hospitant beſucht, um mich darin einſtweilen umzuſehen. Alle Kollegen glotzten mich, als ich in den Hörſaal trat, mit fabelhaft neugierigen Blicken an, als wenn ich ſelbſt ein Nilpferd wäre. Warum das? fragte ich zu Hauſe meine Tiſchgefährten. Sie lächelten und ſchiel⸗ ten auf meinen Rock, den der gute Laienbruder im Kloſter gemacht hatte. Bald erfuhr ich geradezu, daß dieſe Kleidung wohl gut genug für ein Kloſter, aber nicht gut genug für einen Studenten der Wundarznei⸗ kunſt in Münſter ſei. Ich kämpfte anfangs hartnäckig gegen dieſe vorurtheilsvolle Meinung, aber zuletzt un⸗ terlag ich ſchmählich. In acht Tagen war ich daher vom Kopf bis zu den Füßen wie ein Student gekleidet, aber ach! beinahe drei Goldſtücke, die erſten, die ich je in meiner Hand gehabt, waren davongeflogen. Und ſo fanden ſich faſt alle Tage neue Ausgaben; bald wurde ein Buch, bald etwas anderes nicht weniger Nothwendiges erhandelt. Und zuletzt mußte ich doch wirklich die Vorleſungen belegen, das Hospitiren half zu nichts, denn einige Profeſſoren fingen ſchon an, ſobald ſie das Katheder betraten, mich mit etwas unfreundlichen 3 und mir zeitig genug erklärten Blicken zu betrachten. — 95— Als die erſte nothwendige Vorleſung war mir die Oſteologie*) bezeichnet worden. Der Profeſſor, der dieſelbe vortrug, ſollte ein ſehr gieriges und nament⸗ lich Gold verſchlingendes Nilpferd ſein. Dennoch be⸗ ſchloß ich zu ihm zu gehen, mich ſehr armſelig aber freundlich zu geberden und ſeinen unnatürlichen Gold⸗ hunger auf die Probe zu ſtellen. Und hier ſollte ich mich abermals von meinem kleinen Glück auch auf der Univerſität überzeugen, wie ich es ſchon früher, freilich in anderer Geſtalt, im Bar⸗ bier von Sevilla und im Kloſter der Franziskaner ken⸗ nen gelernt hatte. Denn ich ſollte nicht allein auf eine ſo eigenthümliche Weiſe, daß ich ſie nie vergeſſen werde, die Oſteologie und einige andere Kollegien frei erhalten, ſondern auch nebenbei unerwartete Vortheile erreichen. Ein junger Menſch muß Glück haben, ſagt das Sprüchwort, und diesmal bewährte es ſich bei mir vollkommen. Ich begab mich alſo mit einigem Herzklopfen in das in meiner Nachbarſchaft gelegene Haus des ge⸗ fürchteten Profeſſors. Eine träge Magd wies mich durch mehrere Zimmer in das letzte von allen. Ich klopfte beſcheiden an und hörte mit Entſetzen ein furcht⸗ *) Die Knochenlehre. — 96— bares Herein! mir entgegenſchallen. So konnte nur ein wirkliches Nilpferd ſchreien. Ich machte die Thür auf und erblickte zwei Perſonen, eine Dame und einen Herrn, die an ihrem Nachmittagskaffeetiſch ſaßen. Er⸗ ſtere war die Frau des Profeſſors, letzterer er ſelbſt. Die Frau war ſehr hübſch, jung, blühend, und ſchien jeden Augenblick Mutter werden zu wollen. Ihr locki⸗ ger Kopf aber war mit einem Tuche umwunden und ihre Haltung und der Ausdruck ihrer Mienen zeigte, daß ſie am empfindlichſten aller körperlichen Schmer⸗ zen, am Zahnſchmerz im höchſten Grade litt. Sie er⸗ hob ſich ſogleich und wankte aus dem Zimmer, als ich hereintrat; und nun ſtand ich vor dem Profeſſor al⸗ lein. In der That, ein ſeltſamer Anblick wurde mir hier zu Theil, ſo daß ich, ganz erſtaunt, mich zuerſt ſchweigend verhielt. Denn ich glaubte anfangs, ein mit Haut und Haaren überzogenes Skelett aus dem geheimnißvollen Schranke meines Oheims in Amſter⸗ dam vor mir zu ſehen. Eine ſolche Dürre an einem lebendigen Menſchen war mir noch nie vorgekommen, ſo daß er in dieſer Beziehung am allerwenigſten einem Nilpferde ähnlich ſah. Ich wunderte mich jetzt nicht mehr, daß er Profeſſor der Knochenlehre geworden war.* „Was wollen Sie von mir?“ fragte er endlich „ 2 in einem ziemlich artigen Tone, aber doch etwas em⸗ pfindlich, daß ich ihn bei ſeinem Kaffee geſtört. Ich ſetzte ihm meine Lage auseinander, ſagte ihm, ich ſei arm und wolle doch gern vorwärts; ſchließlich bat ich, mir die benannte Vorleſung zu ſchenken. „Ei zum Teufel!“ gief er viel bitterer und lau⸗ ter.„Sie ſollten gar nicht ſtudiren, wenn Sie arm ſind.“ „Gerade, Herr Profeſſor; wenn ich mich wäre, würde ich vielleicht nicht ſtudiren.“ „Sie ſcheinen etwas unverſchämt zu ſein, mein Herr, trotz Ihrer Leichenbittermiene.“ Ich verſchluckte das Unv erſchämt, aber die Leichenbittermiene hielt ich feſt.„Leichenbitter⸗ miene?“ ſagte ich.„Sollte ich Ihnen gegenüber eine Leichenbittermiene angenommen haben, ſo iſt es nicht meine Schuld— ich habe mich vor Ihnen entſetzt— Sie ſehen ſo krank aus.“ Er wurde bei dieſen Worten noch bleicher, als er ſchon von Natur war und warf einen erſchrockenen Blick in den Spiegel. „Bekümmern Sie ſich nicht um mein Ausſehen,“ fuhr er fort—„da haben Sie eine Karte. Wie iſt Ihr Name?“ „Fritz Stilling und hier iſt mein Zeuguiß. 5 Fritz Stilling. II. 7 — 5 — 98— „Schon gut— leben Sie wohl!“ Eben drehte ich ihm dem Rücken, um mich zu ent⸗ fernen, da ſchrie die hübſche Frau im Nebenzimmer laut auf. Augenblicklich ſprang der Mann vor mir hinaus. Da ich, um nach der Treppe zu gelangen, dieſes Nebenzimmer durchſchreiten mußte, ſo war ich gezwungen, Zeuge der vorgehenden Scene zu ſein. Die hübſche Frau lag auf einem Sopha und ſchrie:„Ich halte es nicht mehr aus, der Zahn muß heraus.“ Ihr Mann ſchien ganz zerknirſcht und ſchnitt ein affenartiges Geſicht, was mich zum Lachen gebracht ha⸗ ben würde, wenn ich meine Gedanken nicht ſchon auf einen anderen Gegenſtand gerichtet gehabt hätte. Ur⸗ plötzlich nämlich fuhr es mir wie eine höhere Einge⸗ bung durch den Kopf. Ich ſtand ſtill und erlaubte mir mit beſcheidener Miene zu fragen:„Hat(Ihre liebe Frau Zahnſchmerzen?“ „Zum Teufel, Herr, ſehen Sie das nicht? Und wie, ſind Sie noch da?“ „Ja,“ ſagte ich,„wie Sie ſehen! Laſſen Sie mich einmal den kranken Zahn Ihrer lieben Frau un⸗ terſuchen— ich verſtehe mich darauf.“ „Sie?!“ Und er maß mich mit einem beinahe verächtlichen Blick. „Ja, ich— ich habe ſehr viel Zähne ausgezogen.“ „In Ihren jungen Jahren?“ „Allerdings, denn ich war bei einem Zahnarzt in der Lehre.“ „O!“ rief die hübſche Frau—„Helfen Sie mir! Mein Mann iſt zwar Profeſſor der Zähne, aber aus⸗ ziehen kann er keinen einzigen.“ Der Profeſſor der Zähne lächelte verächtlich und zeigte ſein ganzes Ge⸗ biß— ich fürchtete mich aber nicht mehr vor ihm, denn ich hatte bereits die Karte zu ſeinen Vorleſungen in der Taſche. Schnell hatte ich meine Mütze hinge⸗ worfen, ſtand vor der Leidenden und ſah mir genau ihren kranken Zahn an, den ſie mir mit ihrem niedli⸗ chen Finger bezeichnete. Es war der erſte Backzahn links im Unterkiefer und er ſchien mir nicht ſehr feſt zu ſitzen. „Den will ich ohne Weiteres herausziehen,“ ſagte ich keck,„warten Sie einen Augenblick.“ „Wie?“ rief der Profeſſor erſtaunt.„In ihrem jetzigen Zuſtande?“ „Ja wohl— warum denn nicht?“ entgegnete ich, ſehr gelehrt thuend, im Grunde aber verſtand ich ihn nicht, denn ich war in gewiſſen Dingen noch ſehr un⸗ wiſſend.„Das iſt ja nur eine Kleinigkeit— in ei⸗ 7* — 100— ner Sekunde iſt die Sache abgemacht. Ich will nur meinen Pelikan holen.“ Im Nu ſtürzte ich nach Hauſe, im Nu war ich wieder da, glühend vor Luſt, dem Zahn einen Streich zu ſpielen. Die hübſche Frau ſetzte ſich muthig, zwar nicht auf den krähenden Hahn im Hauſe meines On⸗ kels, aber doch auf ein hohes Kiſſen, welches ich vom Sopha auf die Erde gelegt hatte. Schnell machte ich mich dann bereit, legte mein Inſtrument kunſtgerecht an, und— krach! der Zahn war heraus, während der Profeſſor der Zähne, ſich die Ohren zuhaltend, wie ein Waſchbär im Zimmer auf und ablief. Sie hatte nicht einmal geſchrieen. Wer war fro⸗ her als ich? Und doch— die junge hübſche Frau! Denn kaum hatte ſie ſich den Mund mit Waſſer aus⸗ geſpült, ſo rief ſie:„Mein Herr! wie dankbar bin ich Ihnen, Sie ſind ein guter Zahnarzt— ich fühle mich wie im Himmel, guter Gott!“ Der Profeſſor machte ein langes Geſicht, faßte mit der rechten Hand in ſeine Taſche— beſann ſich aber eine Weile. „Mein Herr,“ fragte er endlich kleinlaut,„was bin ich Ihnen ſchuldig?“ „Schuldig? Nichts! Man muß einem Menſchen helfen, wo man kann. Und wollen Sie mir helfen — 101— — ſo leihen Sie mir einige Bücher, denn ich bin wirk⸗ lich arm.“ „O, wenn Sie weiter nichts wollen— gern, ſehr gern. Kommen Sie ſogleich mit in meine Bibliothek und ſuchen Sie ſich aus, was Sie gebrauchen.“ „Erlaube, lieber Mann, einen Augenblick!“ rief die Frau frohlockend—„Und was bin ich Ihnen ſchuldig?“. 1 „Sie?“ fragte ich und beſann mich, während der Profeſſor vor Erſtaunen ſeine Sprache verloren hatte. Da fuhr mir eine närriſche Idee durch den Kopf. Die Frau war ſo ſehr hübſch, ſo freundlich, ſo glücklich! „Geben Sie mir einen Kuß!“ ſagte ich und beugte ſchon lächelnd mein Geſicht vor. „Teufel!“ rief der Profeſſor und wiſchte ſich den Mund.„Das iſt ein infamer Kerl— das iſt zu viel — das könnte ich ihm wenigſtens nicht geben—“ „Und von mir iſt es das Wenigſte, was ich ihm geben kann“— rief ſie, ſprang auf mich zu und hauchte leiſe einen Kuß auf meine Wange. Das war die erſte weibliche Lippe, die mich außer der meiner Mutter berührt, ſeitdem ich Amſterdam 1 verlaſſen hatte. E/102 Einige Wochen ſpäter fragte mich der Profeſſor am Schluſſe einer Vorleſung, wie es mir ginge? „Ich ſtudire fleißig, Herr Profeſſor!“ „Das iſt mir lieb— eſſen Sie aber auch gut?— Sie ſehen etwas magerer aus als früher.“ Ich zuckte die Achſeln.„Eſſen Sie Sonntags bei mir,“ fuhr er fort und gab mir die Hand. Ich verbeugte mich dankend und ſchon am nächſten Sonn⸗ tag war ich um zwölf Uhr bei ihm in ſeinem Biblio⸗ thekzimmer. Da kam ſeine hübſche Frau herein, auf ihren Ar⸗ men ein allerliebſtes Püppchen tragend und ſchaukelnd. „Sehen Sie,“ ſagte ſie außerordentlich freundlich, „iſt es nicht niedlich? Das verdanke ich Ihnen!“ „Bitte!“ rief der Profeſſor und ſah mich beinahe grimmig an.„Bilden Sie ſich nichts ein— es iſt nur eine halbe Stunde nach Ihrer Zahnoperation ge⸗ boren— ich habe es mir gleich gedacht. Du aber“ ſagte er zu ſeiner Frau—„lerne Dich künftig hübſch logiſch ausdrücken.“ Und nicht allein Sonntags aß ich von jetzt an beim Profeſſor, und faſt jedesmal mein bald bekannt ge⸗ wordenes Leibgericht: Backobſt mit Klößen und Schwei⸗ nebraten, ſondern auch bisweilen in der Woche. Au⸗ ßerdem aber gab er mir alle ſeine Vorleſungen frei. 3 1 4 — Ash⸗, 1103— 8 Daß ich ſchon in den erſten Tagen meines Auf⸗ enthalts zu Münſter meinen alten Freund und Spiel⸗ kameraden Karl Lehmann aufgeſucht, wird man ſich wohl ſchon gedacht haben. Er war bei einem Kauf⸗ mann in der Hollbecker⸗Straße in der Lehre und ſollte im nächſten Jahre Kommis werden, dann aber in ein größeres Handlungshaus nach Braunſchweig überſie⸗ deln. Er hatte ſich im Geſchäft ſeines jetzigen Herrn durch Thätigkeit, Fleiß und eine ſeltene kaufmänniſche Umſicht ausgezeichnet und dadurch deſſen ganzen Bei⸗ fall gewonnen. Ich war ganz erſtaunt, als ich ihn zum erſten Mal wiederſah. Er war noch größer ge⸗ worden als ich und in Allem und Jedem ein hübſcher Junge. Seine frühere Wildheit war gänzlich ver⸗ ſchwunden und ſein leichtfertiges Weſen hatte einer nachdenklichen und freundlichen Milde Platz gemacht; ſelbſt ſeine Geſichtszüge hatten einen Zug überreden⸗ der Sanftmuth angenommen und ſtanden mit der Gutmüthigkeit ſeines Herzens in vollkommenſtem Ein⸗ klang. Mit einem Wort, Karl Lehmann hatte ſich ſehr zu ſeinem Vortheil verändert, und am meiſten war ich verwundert, einen mir noch unbekannten Hang nach den Künſten und ſchönen Wiſſenſchaften bei ihm vorzufinden. Alle ſeine Mußeſtunden verwandte er auf das Studium der neueſten klaſſiſchen Dichterwerke Sonntags, als er eiligſt zu mir gelaufen kam und — 104— des Vaterlandes, und dem zunächſt war ſein Trieb zur Muſik und Schauſpielkunſt am meiſten entwickelt. Er ſelbſt hatte eine ſehr weiche, biegſame und wohl⸗ lautende Stimme und ſang allerliebſte Liederchen zur Guitarre, in die ich oft, wenn wir in meiner Woh⸗ nüng allein waren, mit meinem kräftigeren und tiefe⸗ ren Organe eingriff. Von Hauſe empfing er anſehn⸗ liche Zubußen, denn ſein Vater war allmälig ein ſehr wohlhabender Mann geworden und Karl war ſein ein⸗ ziger Sohn. Daher kam es denn, daß er mich oft unterſtützte, wenn ich, wie man ſehr bald ſehen wird, in äußerſte Noth gerieth, und daß ich, an ſeinen Vor⸗ räthen, die er mir öfters überbrachte, mich labend, in Wahrheit ſagen kann, von ihm oft allein geſpeiſt und getränkt worden zu ſein. Leider durfte er in ſeinen jetzigen Verhältniſſen nur alle vierzehn Tage zu ſei⸗ nem Vergnügen ausgehen, und ich konnte ihn nicht gut beſuchen, da er bei Tage auf ſeinem Komptoir zu thun hatte, Abends aber ſtets bei ſeinem Herrn oder mit einigen Kommis zuſammen war, mit denen er gemein⸗ ſchaftlich nur ein ſehr enges und mir wegen ſeines Geruchs nach Käſe widerwärtiges Kämmerchen be⸗ wohnte. Es war im Juli und am Nachmittage eines — 105— mir eine troſtloſe Nachricht überbrachte. Ich hatte nämlich in den Tagen meines Verweilens in Münſter, ſo bald ich häuslich eingerichtet war und meine Prü⸗ fungen beſtanden hatte, an den guten Guardian ge⸗ ſchrieben und ihm über mein Mißgeſchick bei'm ſchon begrabenen Probſt Mittheilung gemacht, ſo wie, daß ich nun ohne alle Stütze ſei und von ſeiner Güte einen zweiten Empfehlungsbrief an irgend einen anderen he⸗ güterten Geiſtlichen ſehnſüchtig erwartete. Auf dieſen Brief hatte ich keine Antwort erhalten und hierüber oft gegen Karl meine“ An jenem Sonntage nun erzäh dieſer das Neueſte, was ihm ein Brief aus ſeiner Heimat ſo eben mitge⸗ theilt hatte. Acht Tage nach meiner Abreiſe vom Klo⸗ ſter war nämlich ein Befehl der kaiſerlichen Regierung daſelbſt eingetroffen, wonach das Kloſter ſofort zu ſchließen, der Beſitz deſſelben an das Kloſter zu Dor⸗ ſten zu übertragen und die Mönche augenblicklich zu entlaſſen ſeien. Der Guardian war ſogleich nach An⸗ kunft dieſes Befehles mit Ludovikus abgereiſt, und ſchon in den nächſten Tagen hatten ſich die armen unnd verwaiſten Mönche auf den Weg gemacht, um, Aim alle Welt zerſtreut, ſich irgend wo anders ein er⸗ ſprießliches Unterkommen zu ſuchen. Die drei Buß⸗ prediger, die nach meiner Abreiſe noch dageweſen, wa⸗ ——ÿõ — 106— ren allein einige Zeit zurückgeblieben, hatten das ganze Kloſter durchſucht und, nachdem ſie nichts von Bedeu⸗ tung vorgefunden, waren auch ſie nach anderen Orten ihrer Wirkſamkeit aufgebrochen. So war mir das Schweigen des Guardians, der mich in Münſter in guten Händen glaubte, erklärt, und die Möglichkeit, von dieſer Seite eine ſo überaus nothwendig gewordene Unterſtützung zu erlangen, war gänzlich verſchwunden. In raſcher und mir beinahe als Selbſtverzehrung erſcheinender Folge hatten meine Reichthümer abge⸗ nommen. Drei bis vier Kollegien hatten eben ſo viele Goldſtücke verſchlungen; Kleider, Miethe und derglei⸗ chen hatten den Reſt aufgezehrt und ſchon im Monat September war ich auf einige elende Broſamen ange⸗ wieſen, die mir mein Wirth noch zukommen ließ, der, ſo lange ich zahlen konnte, freundlich und, wie er ſagte, chriſtlich geſinnt geblieben war, jetzt aber, da ich, wie er ſehr bald merkte, mit meinem Gelde zu Ende gekommen, nicht allein mürriſch, ſondern ein wahrer Heide geworden war. Dennoch behielt er mich im Hauſe, in Erwartung vielleicht, daß der traurigen Ebbe wieder eine glückliche Flut folgen würde; an ſei⸗ ner Mittagstafel durfte ich aber nicht mehr erſcheinen, und daher lebte ich an den Tagen, wo ich nicht bei'm — 107— Profeſſor aß, von einigen kleinen, grauen, ſtark ge⸗ ſäuerten Brötchen, Salzkuchen genannt, deren Zähig⸗ keit ich durch Vermiſchung mit etwas Waſſer leidlich flüſſiger zu machen verſuchte. Wie mein körperlicher Zuſtand bei dieſer armſeli⸗ gen Speiſung litt, kann man ſich denken, zumal ich die unerhörteſten Anſtrengungen machte, in meinen Studien vorwärts zu kommen. Ich arbeitete von vier Uhr Morgens bis zwölf Uhr Abends, und von dieſer übermäßigen geiſtigen Anſpannung ſchreibt ſich die traurige Schlafloſigkeit her, die mich von jetzt an faſt durch mein ganzes Leben begleiten ſollte. Daß ich da⸗ bei nicht fett werden konnte, verſteht ſich von ſelbſt; ich bemerkte es aber nicht einmal und es fiel mir erſt auf, als mir der Profeſſor eines Sonntags aus freien Stücken darüber Mittheilung machte. Ich hatte mei⸗ nen glücklicherweiſe gelehrigen Magen nämlich daran gewöhnt, ſich nur ein oder zwei Mal die Woche voll⸗ ſtändig zu ſättigen und zwar an der Tafel meines ſon⸗ derbaren Univerſitätslehrers ſelbſt. Ich aß oder ver⸗ ſchlang vielmehr alsdann ganz ungeheure Portionen, von deren Fett und Kraft ich wie ein Hamſter die übrigen Tage der Woche lebte. An jenem Sonntage nun gab der Profeſſor ſehr ſorgſam Acht auf das, was ich aß, und ſagte endlich mit einer ſauerſüßen Miene: — 108— „Mein lieber Studioſus, wiſſen Sie, worüber ich mich wunders?“ Seine hübſche Frau und ich blickten ihn ſelbſt höchlichſt verwundert, an. „Daß Sie,“ fuhr er fort,„bei ſo ſtarkem Appe⸗ tit ſo ſichtbar an Körperfülle abnehmen. Sie ſind jetzt wirklich beinahe ſo mager wie ich.“ Mir lief ein Schauer durch den Leib, und ſogleich legte ich die Gabel hin und ſah den Profeſſor der Knochenlehre mit einer Art Entſetzen an. So mager ſollte ich geworden ſein?! „Mein lieber Mann,“ ſagte die Frau freundlich, „man ſollte beinahe glauben, Du ſeieſt neidiſch auf unſeren jungen Freund. Laß ihn eſſen, ſo viel er will, ich richte mich darauf mit Freuden ein— er iſt. im Wachsthum. Nehmen Sie, Herr Stilling, nehmen Sie!“ Und ſie bot mir mit wohlwollendem Geſicht ein ſechſtes Hammelrippchen an, welches ich mit einem Berg von Gemüſe und Kartoffeln ſeinen Vorläufern ſogleich nachſandte. Ach! hätte die gute Frau gävußt, wie oft mich hungerte, wenn ich nicht an ihrem Tiſche aß, ſie hätte vielleicht noch für geheime Speiſen geſorgt, aber ihr von meiner Noth Mittheilung zu machen, ging über mein Vermögen. Ich ſchwieg, arbeitete und hungerte — 199— im Stillen. Und das dauerte den ganzen nächſten Winter hindurch, der mich mit einem neuen unbekann⸗ ten Gaſte, dem Froſte, ja der eiſigen Kälte, beſchenkte, denn nur an beſonders feierlichen Tagen wurde es für unumgänglich nothwendig erachtet, den Ofen mit einer matten Glut, wenn nicht heiß, doch wenigſtens warm zu machen. In dieſer bitteren Armuth und Entſagung faſt aller Lebensgenüſſe verlebte ich ein und ein halbes Jahr, und erſt im Oktober des Jahres 1808 ſollte ich durch die Eingebung eines anderen, abermals auf mei⸗ ner Lebensbahn erſcheinenden Menſchen Gelegenheit er⸗ halten, mir das Allernöthigſte zu meinem ferneren Le⸗ bensunterhalt durch eine alte und ganz unbeachtet ge⸗ laſſene Kunſtfertigkeit zu verdienen. V. Wie ein Student das liebe Brot verdient. Ziemlich erſchöpft, denn ich hatte ſeit drei Tagen nichts Warmes genoſſen, wollte ich eines Morgens aus einer Vorleſung nach Hauſe gehen und war ſchon an die nächſte Ecke meines Gäßchens gekommen, als ich, um dieſe umbiegend, gegen einen Menſchen lief, der ſo ungeſtüm wie eine Windsbraut durch die Stra⸗ ßen fegte. Beinahe ſtießen wir mit den Köpfen gegen einander. Ich ſchaute ziemlich gleichgültig aus meinem kummervollen Nachdenken auf und ſah ein erzürntes Geſicht vor mir, erkannte aber. ſogleich meinen alten Lehrer Ernſt Goy aus Amſterdam. Er war es in der That, leibhaftig, wie ſein Bild noch in meiner Seele ſtand, ſogar noch, wenn auch nicht in denſelben, doch in einen ähnlichen ſchwarzen Mancheſterrock gekleidet, der aber ſtatt der früheren zinnernen Knöpfe mit viel — 111— größeren von Perlmutter beſetzt war. Auch er blieb ſtehen wie ich, als er mich voller Ueberraſchung ihn angaffen ſah, aber er erkannte mich nicht ſogleich wie⸗ der; ich war ihm zu groß, zu ernſt und was die Hauptſache war— zu mager geworden. „Ernſt Goy,“ rief ich endlich,„kennſt Du mich nicht mehr?“ Kaum hatte er meine Stimme gehört, ſo fiel er wie aus den Wolken. Beinahe hätte er auf offener Straße vor Freuden ein Rad geſchlagen.„Wer— wie— was?“ ſchrie er,„doch nicht gar der kleine Fritz— he?“ „Sogar der große, ja, ganz gewiß, er ſelber; da haſt Du ſeine Hand und nun komm, meine Woh⸗ nung iſt hier in der Nähe— freuen wir uns unſeres Wiederſehens und erzählen wir uns unſere Schickſale.“ „Topp! ich bin dabei,“ rief er, kniff ſeinen Scheerbeutel von ſchwarzem Sammt feſter unter den Arm und ſchritt, ſeine freudige Aufregung kaum be⸗ meiſternd, raſch neben mir her. In einigen Minuten ſaßen wir in meinem ärmlichen Zimmer, in dem ſich Ernſt Goy ſogleich mit kenneriſcher Miene umſah und ſagte:„Höre mal— Du biſt hier nicht in den beſten Verhältniſſen— ich riech' es.“ „Du kannſt es auch hören,“ erwiderte ich,„aller⸗ — 12— dings bin ich nicht in den beſten Verhältniſſen, in recht ſchlechten ſogar; aber erzähle Du mir zuerſt Deine Schickſale, dann kommen die meinigen. Was biſt Du, was fängſt Du hier an, wohin ſtrebſt Du?“ „Hoho! Was ich bin? Erſter Geſchäftsführer bei einer Wittwe— alt, häßlich, nichts, gar nichts für mich, aber— großes Geſchäft! das kannſt Du glau⸗ ben. Was ich hier anfange? Womit ich anderswo aufgehört habe: ich treibe die Kuuſt. Und wohin ich ſtrebe? Nach einem vollen Beutel und angenehmen Leben.“— „So? Alſo immer treibſt Du noch die Kunſt? Du mußt Dich aber darin ſehr vervollkommnet haben und beinahe zum Profeſſor reif ſein?“ „Das will ich meinen! Ich glaube nicht, daß im ganzen Weſtphalen und Rheinlande ein Meiſter iſt, wie ich, der ſein Scheermeſſer, ſeinen Pelikan und ſei⸗ nen Schnepper ſo führen kann, wie dieſe Hand.“ Ich lachte von ganzem Herzen— denn Ernſt Goy war der alte, nicht im Mindeſten verändert, im⸗ mer noch derſelbe Sauſewind, auf den Flügeln des Leichtſinns durch die Welt ſchwebend.„Aber erzähle, erzähle, Ernſt Goy, ich brenne vor Begierde, alle Deine Schickſale zu erfahren.“— „O, die ſind ſehr einfach und bald erzählt. Ach — 113— daß der alte Humperdink ſo grauſig und ſchnell um⸗ kommen mußte— es war doch hübſch im Barbier von Sevilla! Und Grete— o!— Nun, um anzufangen, ich blieb ſo lange in Amſterdam, wie Grete dablieb.“ „Und wo blieb denn Grete?“ „Sie ging mit dem Major van Hees—“ „Van Hees? Und mit Chriſtel?“ fragte ich athemlos. „Ja, mit der kleinen Chriſtel in die weite Welt, Gott weiß, wohin? Und das iſt eben mein einziger Kummer, denn Grete— ich ſchwöre es Dir feierlich, war mein Stern, mein Alles— meine einzige wahre Liebe—“ „Ich weiß es, weiter—“ „Nun, als ſie der reiche van Hees als Jungfer für die kleine Chriſtel zu ſich genommen— eine etwas dicke Jungfer— und mit ihr davon gereiſt war, da ſagte auch ich dem alten Amſterdam lebewohl und ging nach Deutſchland zurück. Ich bin in Weſel drei Jahre geweſen und habe daſelbſt beim Wundarzt Hartmann ſtudirt.“ „Studirt? Was denn?“ „Nun, was denn anders, als meine Kunſt? Zweifelſt Du, daß dies Fach eben ſo groß iſt, wie die 8 Fritz Stilling. lI. — 114— Philoſophie? O, der alte Hartmann war ein großer Bartphiloſoph!“ 3 „Weiter, weiter!“ „Von Weſel, dieſem alten Hundeneſte, dieſer fin⸗ ſteren Kaſerne, ging ich rheinaufwärts nach Düſſel⸗ dorf. Da gefiel es mir gar nicht. Breitſpurige Men⸗ ſchen, ſchlechte Bezahler, auf ihr fließendes Waſſer und ihren ſauren Wein eingebildete Windhunde— weiter nichts— von da ging ich nach Cöln. Das iſt eine große Stadt, Donnerwetter! Was für Mädels!“ „ Aber Grete, Ernſt Goy?“ „Ja, Grete— ach, wenn ich wüßte, wo die wäre! Ich glaube, die verſtände es allein, mich zu einem vernünftigen Menſchen zu machen. Nun, in Cöln blieb ich bis vor ſechs Wochen. Da ward ich hierher verſchrieben und da bin ich und ſehe Dir Deine ganze Kümmerlichkeit auf Deinem mageren aber im⸗ mer noch hübſchen und gutmüthigen Geſichte an. Ar⸗ mer Junge! daß Dein Oheim erſticken mußte, wie Schade!“ 3 „Still! Er iſt im Himmel und wir noch immer auf der Erde!“ „Wo wir auch ein Weilchen bleiben wollen; mag Himmel Himmel ſein, aber Erde iſt Erde, ſo viel weiß ich! Nun aber erzähle Du.“ — — ——— — — 115— — „Ach ja!“ Und nun erzählte ich, was mir für Ernſt Goy tauglich erſchien; denn ſo ſehr ich mich freute, ihn wiederzuſehen, ſo fühlte ich doch, daß trotz ſeiner vollkommenen Meiſterſchaft in ſeiner Kunſt zwi⸗ ſchen ihm und mir eine große Kluft entſtanden war, die ſelbſt unſere getheilte Jugendluſt nicht ausfüllen konnte, denn ich war in Ludovikus und Maximilian's Händen geweſen und hatte denken und arbeiten ge⸗ lernt. Als ich fertig war und Ernſt Goy meine ganze gegenwärtige Lage überſah, ſeufzte er einen Augenblick, dann aber fing er laut zu lachen an und rief:„Du biſt trotz aller Deiner Weisheit dennoch ein großer Dummkopf!“ „Das glaube ich Dir gern— es giebt klügere Leute.“ „O, die meine ich nicht. Auch die nicht allzu klugen, wie zum Beiſpiel ich, ſind in dieſer Beziehung klüger als Du; ich wäre nie ſo tief geſunken. Hun⸗ gern? Pfui!“ „Was meinſt Du damit?“ „Nun, natürlich meine ich den Broterwerb. Willſt Du denn gänzlich verhungern? Du ſiehſt ja ſchon jetzt aus, wie ein Märtyrer, den man au's Kreuz ge⸗ ſchlagen hat. Verwerthe doch Deine Geſchicklichkeit!“ 8* — —— — 116— „Verwerthen? Wie denn— was hätte ich denn zu verwerthen?“ „Höre mich, an, ich weiß Rath.“ „Das ſollte mir lieb ſein. Ich eſſe ſchon die Früchte Deiner Worte, ehe ich die letzteren noch höre.“ „Ich habe eine große Kundſchaft, namentlich viele Vornehme und Reiche— „Was hilft mir das?“ „Ich will Dir einige abgeben.“ „Von der Kundſchaft? Wie ſo? Was ſoll ich damit?“ „Nun, Du mußt als Student der Wundarznei⸗ kunſt nicht zu ſtolz ſein. Nimm Dein ſchönes Meſſer zur Hand, wenn Du es noch haſt, ſteh früh auf und barbiere ein paar vornehme Herrn. Davon kannſt Du wenigſtens alle Tage eine warme Suppe nebſt Zube⸗ hör genießen.“ Ich lehnte mich in meinen Stuhl zurüc— dachte nach— kämpfte mit meinem natürlichen Stolze, ach! mich hungerte ſehr. „Wenn es aber die Studenten und Profeſſoren erfuhren,“ ſagte ich halb leiſe—„dann bin ich ein todtes— Kameel!“ 3 „Todtes Kameel? O, Du haſt ſchon den Ver⸗ ſtand verloren, vor Hunger, glaube ich.“ * — —— hof am Principal⸗Markt. Da kehren nur reiche Leute — 117— „Noch nicht ganz. In ihrer Meinung todt— meine ich. Die Studenten haben Ehrgeiz, Selbſtge⸗ fühl, ein wiſſenſchaftliches Bewußtſein—“ „Wiſſenſchaftlich? Du Narr! Habe ich das nicht auch? Sag' es doch den Studenten nicht— zeig' es den Profeſſoren nicht— laß ſie nicht in Deine Karten ſehen— mit einem Worte: barbiere heimlich.“ Das ſchien mir nicht ſo übel zu ſein. Ich hatte nur ein gewiſſes Vorurtheil zu überwinden, und— der Hunger in einem neunzehnjährigen Menſchen überwin⸗ det ja Alles— mein wiſſenſchaftlicher Stolz war ſchon bedeutend im Abnehmen. Ernſt Goy redete zu, ſtellte die Sache von allen Seiten in ihrem Glanze dar und ſiehe— der Ent⸗ ſchluß, ſeinem Rathe zu folgen, ſtieg mit einem Male rieſengroß vor meiner Seele auf. „Topp!“ ſagte nun auch ich.„Hier haſt Du meine Hand. Gieb mir die Kundſchaft— gieb mir Brot— ich bin Dein, Ernſt Goy. Aber ein Teufel, wer es unter die Menſchen bringt!“ „Ich werde mich ſehr davor hüten. Wenn es meine Alte erführe, bräche ſie mir das Genick. Sie iſt auf die Nahrung erpicht, wie ich auf Greten. Gott ſoll mich bewahren! Sieh— ich habe da auch den Gaſt⸗ — 118— ein. Ich werde mit dem Kellner ſprechen, er iſt mein Freund. Alle vornehmen Reiſenden ſollſt Du haben, Du mußt aber Morgens früh hingehen und Dich melden laſſen—“ „Ja, ja— weiter!“ „Was denn weiter? Aha? Willſt Du noch ein Meſſer haben? Eins reicht nicht weit—“ „Gieb her!“ „Da haſt Du zwei. Ich werde ſie Dir abziehen, wenn ſie ſtumpf ſind. Aber jetzt muß ich Dich ver⸗ laſſen, die Kunſt zu üben. Wann treffe ich Dich wieder?“ „Alle Abende und ſonſt, wenn ich zu Hauſe bin.“ „Vortrefflich! Wenn Du aber nicht zu Hauſe biſt, treffe ich Dich nicht. Wie?“ Wir lachten und ſchüttelten uns die Hände. Ich roch ſchon wieder von Weitem einen Braten. „Aber vergiß mir nicht den Kellner im Gaſthofe am Prinzipal⸗Markte—“ „Noch heute wird er die Meldung empfangen. Adieu, mein Junge, adien, Fritz! Ach welcher Tag! Wenn ich nun noch Greten fände— ich würde verrückt vor Wonne!— — 119— Ernſt Goy hielt ſein Wort. Schon am Abende deſſelben Tages wurde ich dem Kellner des großen Gaſthauſes vorgeſtellt und erhielt von ihm gewiſſer⸗ maßen meine Beſtallung, indem er mir die verſchiede⸗ nen Zeiten nannten, welche für die beabſichtigten Ope⸗ rationen die geeignetſten ſchienen. Am nächſten Mor⸗ gen ſteckte ich meine Meſſer und ein kleines, ebenfalls von Ernſt Goy erhaltenes Etui in meine Rocktaſche, nahm aber des beſſeren Anſehens wegen meine Stu⸗ dentenmappe unter den Arm und begab mich, etwas kleinlaut, aber im Ganzen gefaßt und hoffnungsvoll, an den Ort meiner neuen Wirkſamkeit. Der Kellner ließ mich in ſeinem kleinen Zimmer niederſitzen und ſiehe da, ich fand, daß ich auch hier ganz gut ſtudiren konnte. Im Verlaufe der einen Stunde, die ich in dem Gaſthauſe zubrachte, wurde ich von drei Reiſen⸗ den in Anſpruch genommen und verdiente ſchon ſo viel, daß ich meinem Wirthe die Mittheilung machen konnte, ich würde an dieſem Tage wieder ſein Gaſt ſein. Aber ach! armer Wirth!— Ich erſchien an der Mittagstafel; alle Speiſen jedoch, die aufgetragen wurden, ſchienen mir für mich allein nicht einmal aus⸗ reichend zu ſein, geſchweige denn für zwei Dutzend Perſonen. Denn, man mag es mir glauben, ich war — 120— ausgehungert wie ein Wolf, der nur alle vier Wochen ein junges Lamm ſpeiſt, in der Zwiſchenzeit aber mit Wurzelwerk und ausgetrockneten Knochen ſich begnü⸗ gen muß. Mein Wirth machte anfangs etwas verblüffte Au⸗ gen, als er mich wie ein Verzweifelter einhauen und wenigſtens die Hälfte der aufgetiſchten Speiſen wie ein Kinderſpiel vertilgen ſah. Indeſſen, er überwand bald ſeinen Kummer, lächelte und ſetzte mir nur um ſo mehr vor. Und der Mann beſaß einen praktiſchen Blick. Er hatte ſchon im Voraus eingeſehen, daß die⸗ ſer Heißhunger bald vorüber ſein würde, wenn ich ihn erſt einige Tage vollſtändig geſtillt hätte. Und ſo war es auch. Schon nach einer Woche aß ich nur wie ein einfach hungriger Menſch; nach vier Wochen aber ge⸗ hörte ich zu den mäßigen Eſſern, an denen ein Wirths⸗ halter ſeine Freude hat, denn ſie verrathen gerade ſo viel Appetit, um ſeiner Küche Ehre zu machen und doch ihn nicht zu Schanden zu eſſen. Meine Arbeit im Gaſthofe ging dabei fortwährend glücklich von Statten und wurde von einem ziemlich reichen Erfolge gekrönt; faſt jeden Morgen fand ich zwei auch drei Gönner und auch die Stunde in des Kellners Stübchen war hierbei für keine verlorene zu rechnen. Das Angenehmſte für mich dabei war, daß . 8 —— — 121= Niemand in der Stadt meinen neuen Beruf erfuhr, denn Niemand ſah mich denſelben erfüllen, Niemandem theilten die Eingeweihten das Geheimniß mit. Schon war ich ſo weit in meiner neuen Anſicht der Dinge ge⸗ kommen, daß mir Ernſt Goy's Rath eine hinimliſche Eingebung erſchien, und ich fing an einzuſehen, daß ſeine vielgeprieſene Gelehrſamkeit und Kunſt doch nicht ganz zu verachten ſei. Mir wenigſtens hatte ſie ein neues und erträgliches Daſein geſchaffen und ich war dem Urheber deſſelben in der That von ganzem Her⸗ zen dankbar, hoffend, auch ihm einmal ein unerwarte⸗ tes Glück in die Hände ſpielen zu können. Da ſollte dieſes neue und kaum empfundene Daſein durch ein noch ſeltſameres Spiel des Schickſals ein unerwartetes Ende finden; ob dieſes Ende aber der Anfang eines allerneueſten Glücks oder Unglücks war, wird der Leſer ſelbſt, ſobald er es erfahren, am beſten beurtheilen können. Es war am 21. Dezember 1808, als ich ſchon Keine ganze Stunde in meinem kleinen Abſteigequartier vergeblich zugebracht hatte. Es war zwar ein vor⸗ nehmer Reiſender angekommen, hatte der mir freundlich ergebene Kellner gemeldet, aber er war noch nicht aufgeſtanden, denn es war erſt acht Uhr Morgens. „Kommen Sie in einem Stündchen wieder,“ rieth mir der Kellner;„wenn er nach Ihnen verlangt, werde ich ſagen, Sie würden ſogleich erſcheinen.“ Langſam packte ich meine Sachen zuſammen und eben ſo langſam ging ich aus dem Hauſe. Es war ein friſcher Wintermorgen mit kräftiger Luft und et⸗ was ſcharfem Winde, aber ſchon brach die Sonne durch den Nebelſchleier und verſprach einen freund⸗ lichen Tag. Ich hatte gerade nichts zu thun, mochte auch nicht den weiten Weg nach meiner Wohnung ohne beſonderen Grund zurücklegen, und ſo beſchloß ich, ein wenig ſpazieren zu gehen. Damit mein Vergnügen mich aber nicht zu weit führe und meinen Pflichten im Gaſthofe abwendig mache, ging ich, die Mappe unter dem Arm, die ein Unkundiger allerdings für einen Scheerbeutel halten konnte, die Hände in den Rock⸗ taſchen, um ſie warm zu halten, und ein Liedchen ſum⸗ mend, wie es der junge Student ſo gern thut, vor dem Gaſthofe langſam auf und nieder, wobei ich jedes⸗ mal, wenn ich vor das Haus kam, einen ſehnſüchtigen Blick in die Höhe warf, um zu ſehen, ob das mir bezeichnete Fenſter des Fremden ſeinen Vorhang noch nicht bald aufrollen würde. Etwa ſechs Mal war ich ſchon vor dem Hauſe auf⸗ und abgeſchritten und die Zeit fing mir an etwas lang zu werden, weil ich nicht gewohnt war, ſie im Nichtsthun zu verbringen— da — 123— kam ich wieder vor das Haus und ſiehe! der Vorhang war plötzlich aufgerollt. Der Bewohner des Zimmers hatte alſo ſeinen Tag begonnen.„Jetzt wird es bald Zeit ſein,“ dachte ich und blickte voller Erwartung in die Höhe. Da blieben meine auf das Fenſter ge⸗ richteten Augen gefeſſelt, denn dieſes wurde eben geöffnet und ein reizender Mädchenkopf, von dichten blonden Locken umwallt, ſchaute freundlich auf mich herab. „Kommen Sie herauf!“ rief die neue Erſchei⸗ nung mit einer mich wunderbar bewegenden Stimme und winkte dabei anmuthig mit der Hand. „Aha!“ dachte ich,„Du biſt ſchon angemeldet und erwartet— Teufel! Sehe ich denn wirklich aus wie ein Barbier?“ Obgleich durch den letzten Gedanken etwas ver⸗ wundet, ſprang ich doch ziemlich ſchnell die Treppe hinauf und klopfte an die Thür des mir bekannten Zimmers. „Herein!“ rief eine tiefe, ernſte und männliche Stimme. Einen Morgengruß auf den Lippen, trat ich ein und ſah einen großen und ziemlich ſtarken Mann vor mir, der im Morgenanzuge auf einem Stuhle ſaß und las. Er war allein. Als er mich mehr eintreten hörte als ſah, denn er erhob ſeinen in das Buch ver⸗ tieften Blick nicht zu mir, ſtand er auf und ſtellte einen Stuhl vor ein Fenſter, um ſich meinem Unternehmen zu fügen. Schnell hatte ich meine Vorbereitungen be⸗ endet und fing an, ihn einzuſeifen. Da faßte ich ſeinen Kopf und ſein Geſicht ſchärfer in's Auge und— mich überlief es ſiedend heiß. Ich mußte mich einen Augenblick von der geiſtigen Er⸗ ſchütterung, die mein ganzes Weſen gleichſam durch⸗ wühlt hatte, erholen. Denn ich ſah— der Leſer denke ſſich meinen freudigen Schreck— Niemand anders vor mir, als den Major van Hees aus Amſterdam. Zwar war er gealtert; ſein Haar war noch grauer geworden und in ſeinen Geſichtszügen ſpiegelte ſich deutlich eine gewiſſe Erſchlaffung und geiſtige Müdig⸗ keit ab, aber dennoch erkannte ich ihn auf der Stelle. Er ſah mich immer noch nicht an, und das war mir bei meiner offenbaren Aufregung ſehr lieb; in Gedanken vielleicht mit anderen Dingen beſchäftigt, blickte er nach dem Fenſter, während ich wieder raſch 1 Hand anzulegen begann, denn ich wollte mich beeilen, aus Furcht, jene vorhergeſehene Erſcheinung jeden Augenblick eintreten zu ſehen, die meinem Vorhaben⸗ jedenfalls ſogleich Einhalt geboten haben würde. Meine ſonſt ſo feſte Hand wollte zittern; ich be⸗ ſchwichtigte jedoch mit großer Willenskraft das zum Herzen ſtrömende Blut und fing mit eilfertigen Zügen meine leichte Arbeit an. Auch ging ſie glücklich ohne irgend einen Mißgriff von Statten. Schon trocknete ſich der alte Herr ab, ich legte eben das Meſſer in mein Etui— da ging die Thür auf und herein trat— das junge Mädchen, welches mich herauf gerufen hatte. Ich ſtand wie verſteinert vor ihr— ſie war es — Chriſtel war es— aber in ihrem ſonnigſten Glanze, in der zarteſten Fülle ihres jugendlichen Liebreizes, wie eine junge Roſe leuchtend, auf deren unerſchloſſene Knospe ſo eben der erſte Strahl der begrüßenden Morgenſonne fällt. Wie groß war ſie geworden, wie voll ihre For⸗ men, wie ſchlank ihre geſchmeidigen Glieder und wie anmuthig ihr ganzes Weſen dabei— und doch war ſie erſt funfzehn Jahre alt. Sie ſtand vor mir, ihr großes blaues Auge voll auf mich gerichtet, aber noch ſprach ſie kein Wort. Nur dieſes große leuchtende Auge ſprach eine Frage aus, die ich zu verſtehen glaubte. Endlich, nachdem dieſer ſtumme Auftritt eine Weile gedauert hatte, wandte der Major ſeine Blicke ebenfalls fragend auf ſie und auf mich— erſt jetzt ſah er mich zum erſten Male an. 3 — 4126— „Nun?“ ſagte er gedehnt.„Was giebt's?“ „Vater!“ rief ſie mit ihrer glockenreinen Stimme, die für mich hingereicht hätte, ſie aus einer Million fremder Menſchen augenblicklich heraus zu erkennen— „Vater, iſt es möglich?“ „Was iſt möglich?“ fragte er wieder und ſeine Blicke wurzelten ſtärker auf mir. „Ich glaube,“ ſagte ich jetzt leiſe—„ich denke—“ „Nun, was glauben und denken Sie? Was giebt es denn, Chriſtel?“ „Chriſtel!“ rief ich.„Darf ich meinen Augen trauen? Sind Sie es, oder ſind Sie es nicht?“ „Ja!“ rief ſie und ſprang mir wie ein junges Reh entgegen,„ja, ich bin es und Sie ſind— Fritz Stilling aus Amſterdam!“ Dieſes Wort erklärte Alles. Der Major van Hees blickte lächelnd auf mich— noch lächelnder, als er ſah, daß Chriſtel meine beiden Hände ergriffen und mit freudig thränendem Geſicht mir in's Auge ſchaute. „Wie kommen Sie hierher?“ fragte der gute alte Mann nach einigem ſtill lſchweigenden Erſtaunen und drückte mir herzlich die Hand. „Ach!“ rief ich, noch an allen Gliedern vor Freude zitternd,„ach! Herr Major, das iſt eine lange und mitunter ſehr traurige Geſchichte. Wenn ſie aber — 127— Intereſſe für Sie hat, will ich ſie Ihnen nachher er⸗ zählen; jetzt aber kann ich nicht, denn ich bin zu glück⸗ lich und im Innerſten meiner Seele zu ſehr überraſcht, von den wenigen Menſchen, die meinen Lebensweg ver⸗ ſchönert haben, gerade meine liebſte kleine Jugend⸗ freundin hier ſo unerwartet wiederzuſehen.“ „Mir iſt es ebenfalls lieb, daß ich Sie ſehe. Ich bin noch in Ihrer Schuld und ich hätte ſie Ihnen gern längſt abgetragen, aber Sie waren aus Amſter⸗ dam wie verweht nach jenem großen Unglück. Wie oft haben wir von Ihnen geſprochen und die Chriſtel da hat manche Thräne des Mitgefühls um Sie ge⸗ weint. Nein, laß mich es ſagen, mein Kind, und wehre mir nicht. Denn wohl dem jungen Herzen, wel⸗ ches innig an einem Jugendfreunde hängt und ſo glücklich iſt, in dieſer trüben Welt ein gleichgeſtimmtes, anhängliches Herz ſein nennen zu könnnen! Aber wie, Stilling, Sie ſind immer noch ein Barbier?“ „Ach nein, Herr Major, nur in kurzen Augen⸗ blicken des Tages und dann nur aus Noth, denn“— und hier erzählte ich ihm, wie ich zu dieſem Broterwerb gekommen war und wie er verborgen vor aller Welt betrieben wurde. „So, ſo!“ ſagte er, als ich geendigt.„Aus Noth alſo? Hm! Und Student? Hm!— Ich ſehe ——— ——— — — 128— Alles, wie es iſt!— Nun, wiſſen Sie was? Barbie⸗ ren Sie nicht mehr heimlich; ich wünſche es nicht und Sie ſcheinen mir auch nicht dazu gemacht zu ſein. Was Sie dadurch verlieren, will ich Ihnen erſetzen. Und, hören Sie, haben Sie heute Zeit?“ „Zeit! Für Sie? O gewiß, den ganzen Tag!“ „Nun, wir haben auch nichts zu verſäumen und für's Erſte nichts zu thun, als uns eine Wohnung zu ſuchen, denn wir bleiben einige Zeit in Münſter.“ „O wie herrlich, wie vortrefflich, Herr Major!“ „Das iſt Ihnen lieb? Mir auch. So werden wir bisweilen Geſellſchaft haben, denn wir fühlen uns oft vereinſamt, ſind hier fremd und haben nicht die Abſicht, ſchnell entſtehende und eben ſo ſchnell vorüber⸗ gehende Bekanntſchaften zu machen. Wiſſen Sie was? Schenken Sie uns den heutigen Tag— erzählen Sie uns Ihre Erlebniſſe und hören Sie die unſrigen an. Das Weitere wird ſich dann finden. Aber den Scheer⸗ beutel da— weg damit, das mag ich nicht leiden! Sie ſind zu etwas Beſſerem beſtimmt. Selbſt Ihr Oheim würde ſich ſchämen, wenn er Sie noch jetzt damit handthieren ſähe.“ Die letzten Worte waren in Chriftel's Abweſenheit geſprochen, die mit einem Male, wie durch einen plötz⸗ lichen Gedanken aufgejagt, zur Thür hinausgeſprungen — — — 129— war, jetzt aber wieder hereinkam, eine Perſon nach ſich ziehend, die, als ſie mich ſah und ſprechen hörte, laut aufſchrie, ſo laut, daß die Wände hallten, und mich dann mit einem Paar Armen umfaßte, deren Stärke eben ſo groß war, wie die Zärtlichkeit ihrer Beſitzerin. „Grete!“ rief ich, ganz verwundert über ihr jetzi⸗ ges Ausſehen, denn ſie war an Geſicht eben ſo hübſch, wie an Fülle reich, und eben ſo zierlich gekleidet, wie ſie hübſch und rund war.„Grete, Du auch hier? Und Du kennſt noch Deinen kleinen Pflegebefohlenen?“ „Großer Gott!“ rief ſie und fing bitterlich an zu weinen.„Was man nicht alle Tage erlebt! Kaum in Münſter angekommen, finden wir ſchon unſern guten lieben Fritz, von dem wir ſo oft geſprochen, nach dem wir ſo viel gefragt haben! Aber ach! wie ſchwach ſieht das Kind aus, obgleich es ſo groß geworden iſt, und die Wangen wie blaß 4 „Ich bin lange nicht mehr in Deiner Pflege ge⸗ weſen, Grete—“ „Auch nicht in der der guten Tante— o wenn ſie Sie ſo ſähe!“ „Und weißt Du, wer noch hier in Münſter iſt?“ fragte ich liſtig. „Wer kann noch hier in Münſter ſein? Ich kenne keinen Menſchen auf der Welt.“ Fritz Stilling. II. 9 — 130— „Wie? Auch Ernſt Goy nicht?“ „Ach! der Windbeutel!“ rief fie, erröthete ſtark und lief flugs zum Zimmer hinaus, das Frühſtück zu beſorgen, wie ſie ſagte, und wie ſie es ſo oft in Am⸗ ſterdam gethan. Noch ehe die Sonne dieſes für mich ſo glücklichen Tages herniederſank, kannten Herr van Hees und Chri⸗ ſtel alle meine bisherigen Schickſale. Nur Maximi⸗ lian's Geſchichte und die Belauſchung der Bußprediger hatte ich ihnen verſchwiegen, denn beides war nicht mein alleiniges Eigenthum. Chriſtel hatte während meiner Erzählung manche Thräne vergoſſen und ſelbſt der Major war einige Male in großer Rührung im Zimmer auf und abgeſchritten. „Das Alles iſt Gottes allmächtige Leitung,“ ſagte er, als ich fertig war—„ich erkenne ſein Walten in jeder Kleinigkeit. Wer das nicht ſieht, iſt blind. Ja, ja!— Nun, nun! Wir wollen ſehen! Das kann man ändern— das darf nicht wieder vorkommen!— Das Menſchenleben iſt kurz— die Gelegenheit Gutes zu thun— wirklich Gutes— nur ſelten— ja, ja! Wir wollen ſehen! Er iſt gut geblieben— man hört es ihm an der Stimme und ſieht es ihm an den — 131— Augen an— nun, nun!l ich hab's mir oft im Stillen gelobt— und jetzt wirft ihn mir die Vorſchung ſelbſt in den Weg— jetzt iſt er da—!“ Nach Beendigung dieſes Selbſtgeſprächs, welches er in ähnlicher Weiſe, wie ich ſpäter zu bemerken oft Gelegenheit hatte, häufig und bei allen einigermaßen wichtigen Veranlaſſungen hielt, gab er mir die Hand, drückte ſie und ſagte:„Glauben Sie mir, Sie ſollen uns unicht umſonſt wiedergefunden haben— ich heiße van Hees— ich bin ein alter Soldat— große Weis⸗ heit beſitze ich nicht— aber ich habe ein Herz, ein dankbares, menſchenliebendes Herz— Nun, nun— erlauben Sie, ich muß einmal hinausgehen— da, da — bleiben Sie, bleiben Sie!“ Und er ging hinaus, die Rührung zu verbergen, die ihn ſo plötzlich ergriffen hatte. Währenddem aber ſaßen Chriſtel und ich neben einander auf dem So⸗ pha, unſere Hände haltend und ſtarrten uns ſprachlos an, wie zwei Puppen thun, die in einen Kaufladen Tag und Nacht ſich gegenübergeſtellt ſind. Darauf erzählte ſie mir lächelnd ihre kleine Ge⸗ ſchichte, zum Dank für meine große, wie ſie ſagte. Aus Amſterdam war ſie mit dem Pflegevater nach dem Haag gezogen. Da waren ſie bis vor drei Wochen geblieben. Verhältniſſe, wahrſcheinlich in den politi⸗ 9 ——— — 132— ſchen Begebenheiten wurzelnd, hatten den Major nach Deutſchland getrieben. Münſter hatte er gewählt, weil hier ein alter, zwar blinder, aber ausgezeichneter und berühmter Geſangmeiſter hauſen ſollte, deſſen Unter⸗ richt Chriſtel genießen wollte, denn, das hatte ſie mir gleich am Morgen ſchon geſagt: ſie habe vom guten Papa die Erlaubniß erhalten, ihre Stimme ausbilden zu laſſen, ſo weit es möglich wäre,„denn dieſe Stimme,“ fügte ſie mit leichtem Erröthen und einer engelhaften Beſcheidenheit hinzu,„iſt etwas ſtark und gut gewor⸗ den, Fritz.“ „So? Und Du— ich wollte ſagen, Sie wollen am Ende eine Künſtlerin werden?“ „Das kann wohl dahin kommen, wenn es Gott will. Denn Papa ſagt: der Menſch ſei verpflichtet, die Talente auszubilden, die die Natur in ihn gepflanzt 4 hat, er habe ſie nicht nur zum Scherze und bloßem Zeitvertreib erhalten, das Leben ſei ernſt, und ſo müß⸗ ten es auch die Beſtrebungen wackerer Menſchen ſein.“ O! Eine Künſtlerin! Das war mir wieder etwas ganz Neues. Und dieſer C Gedanke war ſo lebendig in mir geworden, daß ich ohne mein Wiſſen das Wort: Künſtlerin! laut ausſprach. „Noch bin ich es nicht!“ rief Chriſtel und lachte ſo heiter und mit einem ſo glockenreinen Tonfall, daß — 133— er mich mit dem neuen Gedanken faſt verſöhnte.„Jetzt bin ich nur noch eine Schülerin, und über die Zukunft wollen wir uns den Kopf nicht zerbrechen. Freuen wir uns lieber, daß wir uns wieder gefunden haben und zeigen wir dem Vater ein freundliches Geſicht, wenn er wieder kommt, denn er ſieht nicht gern ernſte oder gar traurige Geſichter an jungen Leuten. Das Leben iſt kurz, ſagt er ſehr oft, und man muß es genießen, wie und ſo lange man kann.“ Es war ſchon neun Uhr Abends, als ich endlich das Haus verließ, worin ich heute ſo glücklich geweſen war und in welches ich am Morgen mit ſo geringen Hoffnungen auf den kärglichen Lohn einer handwerks⸗ mäßigen Dienſtverrichtung getreten war. Ich war aufgeregt bis in die innerſten Fugen meines Weſens und ſo glücklich, wie ich es noch nie geweſen war. In ſolcher Stimmung hat es mich immer getrieben, auch andere Menſchen glücklich zu ſehen und wo möglich, glücklich zu machen. Und das ſollte denn auch heute Abend noch geſchehen. Ich ging alſo, von tauſend in⸗ neren Bewegungen getrieben, ſchnell zu Ernſt Goy. Er wohnte an der Oberwaſſerkirche. Das Haus ſeiner „Alten“ war noch geöffnet. Eben trat ich hinein, da. kam er mir ſchon entgegen, eine lange Pfeife rauchend. 134— „Hol der Teufel alle Studenten!“ rief er, als er mich an der Stimme erkannte.„Wo haſt Du Dich heute umher getrieben? Ich bin drei Mal in Deinem Hauſe geweſen und Dein Wirth, der Philiſter, glaubt, Du ſeieſt auf und davon gegangen; denn daß Du ſelbſt das Mittagsbrot verſäumt, ſcheint ihm ein greifbares Corpus delicti Deines Verbrechens zu ſein.“ „So, ſo!“ ſagte ich und ſchmunzelte. „Nun— Geheimniſſe? Was giebt's? Du lacſt?“ 5 „Setz die Pfeife fort, nimm Deine Mütze und folge mir. Ich habe Dir etwas zu erzählen.“ „Ich kann ja die Pfeife auch mitnehmen— wo⸗ hin ſoll es gehen?“ „Nein, nein, ohne Pfeife. 3is wiideſt Du doch nur zerbrechen.“ „Hoho! Alſo eine Paukerei? Sieh, da ſteht ſie ſchon— ich bin fertig, wenn's beliebt.“ Ich faßte ihn unter den Arm und zog ihn mit mir fort, dem Domplatze zu, als wollte ich den Weg nach meiner Wohnung einſchlagen. Wir waren gerade unter den Kaſtanienbäumen vor dem Dome angelangt, als ich ſo weit in meiner Erzählung gekommen war, ihn zu fragen:„Und wer, glaubſt Du, kann dieſer Herr und dieſe Dame geweſen ſein?“ 135— „Hol' der Geier Deine Herren⸗ und Damenbe⸗ kanntſchaften— wie ſoll ich das wiſſen?“ „Nun,“ ſagt' ich und blieb vor ihm ſtehen— „es war Niemand anders, als der Major van Hees und— Chriſtel!“ „Gott ſoll mich verdammen!“ rief er mit einem ächt holländiſchen Fluche—„Es iſt nicht möglich!“ „Aber dennoch wahr— und wer war noch dabei?“ „Menſch!“ ſchrie er und packte meine Gurgel, als hätte ich ihm an's Leben gewollt—„Wer war noch dabei?“ „Nun, laß mich nur los, Du würgſt mich— Grete, wer denn ſonſt als Grete?“ „Grete? Himmel! Teufel und drei Millionen Barbiergeſellen! 1 ſagſt Du?“ „Ich mußte übermäßig lachen, denn er ſchrie ſo laut, daß alle Vorübergehenden verwundert ſtehen blie⸗ ben und uns anſchauten. „Wo iſt ſie— in welchem Hauſe?“ „Komm, ich will es Dir zeigen—“ „Halloh, halloh!“ brüllte er laut und ſchlug ein 3 prächtiges Rad in dem Schnee, der ſeit einigen Stun⸗ den gefallen war, wobei er einen kleinen Schornſtein⸗ fegerjungen zu Boden warf und einen Hund ſo grim⸗ mig trat, daß er kläglich heulte, gleich darauf aber eerrrserer e eee — 136— dem ſich Umſchwenkenden in den Rockſchooß biß. Ich glaubte anfangs, er hätte den Verſtand verloren. Nun 8 aber brach ſeine Liebeswuth erſt recht los. Er fiel mir um den Hals, küßte mich und drückte mich, daß mir wieder angſt und bange wurde. Endlich ſtand er ſtill und ließ von mir ab.„Wie ſieht ſie aus?“ fragte er dann mit leidenſchaftlicher Geberde.„Iſt ſie noch hübſch rund? Iſt ſie auch nicht zu alt geworden? Hat ſie noch immer ihre ſüße Taille?“ „Haha! Sie iſt noch hübſcher als ſonſt und hat eine Taille, wie nie!“ „Alle Wetter, komm, ich kann es nicht mehr aus⸗ halten, ich muß ſie ſehen.“ Und nun lief er, als wollte er im Sturme das Haus einrennen, wo ſeine kleine Holländerin wohnte, und zuletzt trabten wir neben einander her, wie zwei junge Hunde, von denen jeder einen vergrabenen Kno⸗ chen zuerſt erreichen will. Aber ſiehe— das Haus war ſchon verſchloſſen. Da ſtanden wir dicht davor. Ernſt Goy daſſelbe an⸗ ſtarrend, als hätte er es nie geſehen, oder als wäre es eine eben erſt geſchaffene Merkwürdigkeit. „Der dumme Lümmel, der Hausknecht!“ rief er. „Und ich kann ſie nun heute nicht mehr ſehen— wie — 137— ſoll ich denn ruhig einſchlafen, wenn ich ſie nicht ge⸗ ſehen habe?“ Ich beruhigte ihn und vertröſtete ihn auf den fol⸗ den Tag. „Ich danke Dir,“ ſagte er wehmüthig.„Du. kannſt gut tröſten, Du haſt ſie den ganzen Tag vor Augen gehabt! O warum biſt Du nicht eine Stunde früher gekommen!“ „Wenn ich nun gar nicht gekommen wäre, Hans Narr?“ „Du haſt Recht, Du biſt ein prächtiger Junge. Ich will vernünftig ſein, morgen iſt auch noch ein Tag. Gute Nacht, Grete, gute Nacht, liebe Grete— o Grete! Grete!—“ VI. Genieße das Leben, das Leben iſt kurz. Als ich am nächſten Morgen nach Beendigung mei⸗ ner Vorleſungen und meiner nothwendigſten Arbeiten das Haus am Principalmarkt wieder betrat, hörte ich, was ich ſchon im Stillen vermuthet, daß gleich nach Tagesanbruch Ernſt Goy daſelbſt geweſen und einen wahren Höllenlärm losgelaſſen habe. Grete war ihm in der That erſchienen und hatte eine Stunde lang mit ihm geſchwatzt, geweint und gelacht, endlich aber, nach⸗ dem er ſie übermäßig lange von ihrer Arbeit abgehal⸗ ten, war er von ihr mit einigen zur Vernunft und Ruhe ermahnenden Worten in Gnaden entlaſſen worden. Chriſtel erwartete mich ſchon am Fenſter und ver⸗ kündete mir mit freudeſtrahlendem Geſicht, daß die ge⸗ wünſchte Wohnung bereits gefunden ſei, daß nämlich der Wirth des Gaſthauſes, worin ſie ein vorüberge⸗ * hendes Unterkommen gefunden, ſich entſchloſſen habe, ihnen einen Theil ſeines Nebenflügels, der nach dem Garten hinaus lag, mit allem Zubehör auf unbe⸗ ſtimmte Zeit zu vermiethen. „Iſt das nicht herrlich, Fritz, iſt das nicht präch⸗ tig?“ rief das reizende Geſchöpf, ſchlug vor Freuden in die kleinen Hände und ſchmetterte einige Läufe aus ihrer Kehle, die ſie mich beinahe für eine bezauberte Nachtigall hätten halten laſſen.„Nun brauchen wir nicht immer die langweilige Straße zu betrachten und die eilfertigen und doch nichts vollbringenden Men⸗ ſchen hin und herlaufen zu ſehen. Da ſitzen oder ge⸗ hen wir ganz ſtill und fröhlich in dem Garten herum, pflanzen und pflücken Blumen und ſtudiren recht flei⸗ ßig zuſammen, Du Deine Viſſenſchaften und ich die Muſik.“ Man ſieht, unſer früheres kindliches Vertrauen hatte ſich ſehr bald wieder eingefunden, wir nannten uns ſchon wieder Du, wie vor ſieben Jahren, und daran war hauptſächlich der Major ſelber Schuld ge⸗ weſen. Am erſten Abend hatte ich mich ein Mal ver 1 ſprochen und da ſagte er:„Kinder, nennt Euch nur wieder in Gottes Namen Du, denn Ihr ſeid beide noch jung und die Schnürſtiefel. des verkünſtelten Le⸗ bens werden Euch ſpäter noch genug drücken. Ueber⸗ — —— ͤ““ dies iſt es mir lieber, wenn Ihr es vor meinen Au⸗ gen, als hinter meinem Rücken thut. Seid wie Ge⸗ ſchwiſter, liebt Euch als ſolche und machet Euch das Leben leicht— denn es iſt ja ſo kurz!“ Ich freute mich, wie ſie, über den freuudlichen Gartenaufenthalt, erlaubte mir aber zu bemerken, daß ich nicht viel darin ſtudiren würde, da ich dies lieber zu Hauſe thun und nur meine Erholungsſtunden bei ihr zubringen wollte. „Du Närrchen!“ rief ſie und patſchte mir in's Geſicht, wie ſie es als Kind ſo oft gethan.„Aber freilich, Du weißt es ja noch nicht. Geh nur hinein zum Papa und höre, was er Dir zu ſagen hat. Und wenn es etwas Erfreuliches iſt, ſo mache ein recht dankbares und glückliches Geſicht. Er iſt ſo gut und ſieht die Menſchen ſo gern glücklich und froh.“ Da öffnete ſich ſchon die Thür des Nebenzimmers und herein ſchaute das wohlwollende und doch immer ſo ernſte Geſicht des alten Majors.„Sind Sie da, Fritz?“ fragte er und nickte mit dem grauen Kopfe ſei⸗ nen Morgengruß.„Es iſt gut, kommen Sie einmal zu mir herein!“ Ich trat in ſein Zimmer, er aber ging nach ſeiner Gewohnheit nachdenkend, wie er wohl ſeine heutige Mittheilung beginnen ſollte, eine Zeit lang vor mir X ℳ 4— 141— hin und her. Endlich ſtand er ſtill, ſah mich ernſthaft an und ſagte: „Höre, mein Sohn— auch ich muß Dich wieder Du nennen können, wenn das alte Vertrauen zwiſchen uns von Neuem aufleben ſoll, alſo höre, was ich Dir ſagen will. Ich habe Dir einen Vorſchlag zu machen, den Dir andere Menſchen aus verſchiedenen Gründen vielleicht nicht machen würden; ich weiche aber in man⸗ chen Stücken von der alltäglichen Meinung der Ueber⸗ klugen ab und liebe es, meine eigenen Gedanken zu verfolgen und, wo es geht, ſie auch zu verwirklichen. Diesmal geht es recht gut, und macht vielleicht drei oder vier Menſchen auf einen Schlag glücklich. Sieh, Du erinnerſt Dich noch an jenen Tag, wo Du als zehnjähriger Knabe auf dem Wege von Naarden nach Amſterdam meine Brieftaſche auf der Landſtraße fan⸗ deſt. Wohlan denn, ſchon damals hatte ich großes Mitleid mit Deiner verlaſſenen Lage und dachte, Dich recht nach Herzensluſt für Deine Ehrlichkeit belohnen zu können. Aber Gott wollte es anders; er trennte uns, führte uns auf verſchiedenen Wegen herum und ließ uns erſt dann wieder einander treffen, als wir vielleicht in ſeinen Augen dazu würdiger geworden waren. Wiſſe denn, daß Dein damaliger Fund von großer Wichtigkeit für mich und die Meinigen war 8 5 —— —— 142 Ich meine damit aber nicht die große Summe Geldes, die in der Taſche lag, denn es giebt Beſſeres und Wichtigeres auf der Welt als Geld, ſondern Papiere, die ſich auf meine verſtorbene Frau und meine beiden Zwillingsknaben Ludwig und Anton, bezogen und die mich, wenn ſie verloren gegangen wären, für die Zu⸗ kunft in große Verlegenheit gebracht hätten. Schon hatte ich lange Zeit vergeblich nach dieſer Taſche ge⸗ ſucht und mein Geiſt wurde trübe und ſchwer; da kamſt Du und gabſt ſie mir mit einem ſo ehrlichen und freundlichen Geſicht, daß ich es bis heute noch nicht vergeſſen kann.“ „Was ich nun damals an Dir nicht gut machen konnte, will ich jetzt nachholen. Du haſt in Deinem Leben, ſo viele brave Menſchen Dich auch gefördert haben, noch nicht das Glück kennen gelernt, im Schooße einer ſtillen, traulichen Familie Dich Deines jungen Lebens zu freuen. In meinen Augen und nach mei⸗ nem Herzen iſt das aber das größte Glück in dem kurzen, unruhigen Menſchenleben. Dieſes Glück ſollſt Du jetzt kennen lernen und zugleich mich, Chriſtel und Grete glücklich machen, denn wir alle Drei wünſchen gleichmäßig, Dich als ein Mitglied unſerer kleinen Fa⸗ milie zu betrachten. Ich habe Dir ein Stübchen ne⸗ ben dem meinigen zugedacht. Bringe Deine Sachen 1 8— dahin und ſtudire fleißig. Die Dir übrig bleibenden Stunden verleben wir gemeinſchaftlich auf nützliche und angenehme Weiſe, und kommen dann ernſte Au⸗ genblicke, ſo helfen wir uns gegenſeitig darüber hin⸗ weg. Sieh, in jetzigen traurigen Zeiten, wo man eigentlich nie mit Zuverſicht auf den anderen Tag rechnen kann, iſt es erſprießlich und troſtreich, wenn Familien, die zuſammen gehören, auch redlich zuſam⸗ menhalten, ſo lange es geht. Von Dir bilde ich mir ein, Du gehöreſt zu uns, alſo ſollſt Du es auch mit uns halten. Daß ich die Koſten Deiner Studien und Deinen geringen Lebensunterhalt von jetzt an beſtreite, verſteht ſich von ſelbſt; ich werde Dich aber bitten, Deine Bekanntſchaft mit dem Profeſſor fortzuſetzen und ſeinen Tiſch vor wie nach, wenn er Dich einladet, zu beſuchen. Es iſt dies eben ſo gut ein Beweis Dei⸗ ner Dankbarkeit, wie ein Vortheil für Deine Studien; man muß ſolche Leute lieben, denn ſie ſind eben ſo wohlmeinend, wie ſie nützlich ſind.— Biſt Du nun mit meinem Vorſchlag einverſtanden und gehſt Du gern darauf ein, ſo gieb mir Deine Hand— das iſt Alles, was ich von Dir verlange; denn ein Handſchlag iſt für den Mann⸗ Verſprechen, Schänun und Gelöbniß ſeiner ganzen Treue.“ „Herr Major!“ rief ich.„Einverſtanden nur? Glücklich, überglücklich bin ich darüber, und ich weiß nicht, wie ich meinen tiefgefühlteſten Dank augenblick⸗ lich ausſprechen ſoll!“ „Dank, Fritz? Dank?— O, mein Sohn, ſprich ihn mir nicht aus, ich laſſe mir nicht gern Dank ſa⸗ gen. Aber handle danach und zeige mir durch Dein ganzes Betragen, daß Du der biſt, für den ich Dich vom erſten Augenblick an gehalten habe. Und nun ſind wir fertig, nun gehe zu Chriſtel undterzähle ihr das Neueſte.“ 4 Er machte mir ſelbſt die Thür auf, deutete mit dem Finger in ihr Zimmer und nahm mir ſo die Worte gleichſam vom Munde weg. Man kann ſich vorſtellen, daß ich nicht ſäumte, den mir gemachten Vorſchlag ſo bald wie möglich aus⸗ zuführen. Schon am nächſten Tage zogen wir Alle in unſere neue Gartenwohnung und richteten uns recht behaglich darin ein. So wohnte ich denn ſo ange⸗ nehm, wie ich noch nie im Leben gewohnt hatte, und ich war ſo glücklich, wie ich es noch nie geweſen war. Mir war auf meinem unruhigen Lebenswege eine neue Sonne aufgegangen und ihre Strahlen durchwärm⸗ ten, ja, durchglühten mich mit ſo innerlichem Wohlbe⸗ hagen, daß ich ſie noch lange nachfühlen ſollte, nach⸗ — 145— dem auch ſie wieder, wie all' mein jugendliches Glück, raſch und unerwartet untergegangen war. Und wie nun der Major van Hees für mein all⸗ gemeines Wohlbefinden geſorgt hatte, ſo dehnte er ſei⸗ nen väterlichen Sinn auch auf einzelne Kleinigkeiten meiner Lebensbedürfniſſe aus. Ich erhielt anſtändige und, wie ſich ausdrückte, meinen jetzigen Verhält⸗ niſſen und meinem wiſſenſchaftlichen Standpunkte an⸗ gemeſſene Kleider. Sodann wurden mir alle Bücher beſtellt, die ich für jetzt und die nächſten Jahre zum Studium gebrauchte, wobei ich die Bemerkung machen lernte, daß es ſich aus eigenen Büchern noch einmal ſo gut lieſt und angenehm ſtudirt, wie aus geliehenen. Auch Inſtrumente wurden mir gekauft und ich beſitze noch heute einige Beſtecks, welche den Namen des In⸗ ſtrumentenmachers in Münſter und die Jahreszahl 1809 tragen. So war denn ein ſehr bemerkbarer und vortheil⸗ hafter Wechſel in allen meinen Verhältniſſen eingetre⸗ ten, und nicht allein der Profeſſor der Knochenlehre und ſeine hübſche Frau machten große Augen, als ſie mich in einer ganz neuen Umhüllung am nächſten Sonntag in ihr Speiſezimmer treten ſahen, ſondern Fritz Stilling. II. 10 1 — 146— auch meine Studiengenoſſen zeigten ſich lebhaft ver⸗ wundert, wenn ſie mich in den Vorleſungen ſo ſäuber⸗ lich gekleidet und nachher auf öffentlichen Spazier⸗ gängen in Geſellſchaft des vornehm blickenden alten Kriegers und eines reizenden, alle Welt bezaubernden jungen Mädchens bemerkten. Den meiſten Spaß aber hatte ich hierbei durch Ernſt Goy. Meine Fürſprache hatte ihm nämlich vom Major die Erlaubniß ausgewirkt, uns des Sonntags Nachmittags und Abends beſuchen und an unſeren Unterhaltungen wie an unſerer Mahlzeit Theil neh⸗ men zu dürfen. Außerhalb des Hauſes durfte er ſich natürlich nicht mit uns blicken laſſen, wie auch Grete nicht mit uns ging, und er hatte auch Zartgefühl ge⸗ nug, das von ſelbſt zu bemerken, denn der ariſtokrati⸗ ſche Stolz des alten van Hees vergaß nie, daß Ernſt Goy nichts als ein alltäglicher Barbiergeſelle war. Dennoch war er ihm dankbar für ſeine gegen mich mehrfach bewieſene aufopfernde Freundſchaft und zeigte ihm dies auch auf jede Weiſe. Dagegen hatte Ernſt Goy verſprechen müſſen, ein ordentliches und nüchter⸗ nes Leben zu führen, den Leichtſinn an die Luft zu ſetzen, fleißig zu ſein und wo möglich auch in ſeinen Kenntniſſen Fortſchritte zu machen, um in Zukunft als ſtudirter Wundarzt ſich irgend wo niederlaſſen und der 8 Menſchheit nützlich erweiſen zu können. Und wunder⸗ bar genug! Mochten es dieſe ſo wohlgemeinten und ernſten Ermahnungen des würdigen Mannes, oder mochten es die geheimen drohartigen Aeußerungen der feinfühlenden Grete ſein— Ernſt Goy nahm ſich ſicht⸗ bar zuſammen, fing an, einige Vorl ugen zu beſu⸗ chen und beſtrebte ſich, jene einfachen Kenntniſſe in der niederen Chirurgie zu erlangen, die ihn wenigſtens um eine Stufe über ſeine jetzige Stellung erhoben. Mit dem Scheerbeutel aber, obgleich er ſich einen von vio⸗ lettfarbigem Sammt und mit ſilbernen Flittern beſetzt, hatte anfertigen laſſen, ließ er ſich nie wieder vor uns, ungern ſogar vor mir allein ſehen, da er ſich die Mei⸗ nung angeeignet hatte, die ich ihm ſelbſt ſpäter nicht wieder ausreden konnte, daß ein Theil des vornehmen Weſens Herrn van Hees und ſeiner ſchönen Pflege⸗ tochter auf mich übergangen ſei. Und ſo war denn die Verbindung mit dieſer ausgezeichneten Familie ſo⸗ wohl für ihn wie für mich in Bezug auf unſer Aeu⸗ ßeres und Inneres von gleich großem Nutzen geweſen, und wenn wir beide in unſerem ſpäteren Leben— freilich in verſchiedener Weiſe und unſerer perſönlichen Bildung angemeſſen— eine höhere Stellung einnah⸗ men, als wir in unſerer Jugend für möglich gehalten und erſtrebt hatten, ſo können wir nur dieſem unver⸗ . 10* 148 geßlichen Manne unſern Dank dafür ſagen, was ich den Manen deſſelben hiermit von ganzem Herzen und laut und öffentlich thue, wie ich es ſo oft im Stillen, wenn ich mit meinem Gotte allein war und mit ihm Abrechnung ha ausgeſprochen habe. Mit vieler Mühe war endlich der alte und einſt ſo berühmte Geſangmeiſter aufgefunden und zu einem Beſuche vermocht worden, ohne ſich jedoch zur Ueber⸗ nahme irgend eines Unterrichts im Voraus verbind⸗ lich zu machen. Es war dies ein geborener Italiener, ehemaliger Schüler Farinelli's, aber ſeit vielen Jahren n Deutſchland lebend und jetzt in ſeinem gebrechlichen Alter im Hauſe eines weſtphäliſchen Grafen das Gna⸗ denbrot genießend, Namens Ferueci. In den erſten Tagen des neuen Jahres(1810) kam er denn auch vor unſer Haus gefahren, von ſeinem Enkel, einem ſchwarzlockigen Knaben mit dunklem Geſicht und Au⸗ gen, vorſichtig in deu Gartenſaal unſerer Wohnung Erſcheinung und kam mir vor, wie der blinde Beliſar, von der Hand ſeines Sohnes durch die undankbare Welt geführt. Er war, wie geſagt, ein alter Mann, geleitet. Der ganze Menſch glich einer alten klaſſiſchen aber von würdevoller Haltung, mit eisgrauem, ſtark⸗ — 149— lockigen Haar und Bart, ſchönen, klaren, antiken Ge⸗ ſichtszügen, lebendigem Ausdruck in Geberde und Ton, aber vollſtändig erblindet. Er trug das ehrwürdige Haupt meiſt auf die Bruſt geſenkt, als ſuche er in den Tiefen derſelben allein das unbekaugte Geheimniß menſchlichen Ringens, ſchien aber einem unbe⸗ ſchreiblich wohlorganiſirten Gehör begabt zu ſein, denn auch das leiſeſte, hauchartig in ſeiner Umgebung ge⸗ ſprochene Wort entging ihm nie.— Es war etwa eine Stunde vor Mittagszeit, als ihn der Major zu uns in den großen Gartenſaal führte, wo der herrliche Flügel ſtand, das einzige Mö⸗ bel, welches Herr van Hees auf ſeiner Reiſe von Hol⸗ land hierher begleitet hatte. Chriſtel ſprang ihm ſo⸗ gleich mit vor Freude und Ergebenheit gerötheten Wan⸗ gen und fliegenden Locken entgegen und begrüßte ihn mit ihrer klangvollen Stimme, die für mich wenigſtens den Ton und den Reiz eines beinahe göttlichen We⸗ ſens hatte. „Ach!“ ſagte der blinde Meiſter und erhob ſtolz ſein gebeugtes Haupt—„Ach! das iſt die junge Dame, die ſingen lernen will— ich höre es an der Stimme. Wohlan! ihre Organe ſind geſund, ihre Bruſt kräftig, ihr Kehlkopf rein— wo ſind Sie? Ge⸗ ben Sie mir die Hand, daß ich Sie auch fühle!“ 150 Chriſtel ſtreckte ihm ſogleich beide Hände entgegen und drückte ſeine runzliche und vom Alter erkaltete Hand zwiſchen ihre beiden von friſchem Lebensblute ſo warmen und ſchönen Hände. „Schön ifuhr er fort.„Sehr ſchön! Wenn die Stimme bei'm Singen ſo weich und elaſtiſch iſt, wie das Fleiſch dieſer Hand, ſo können wir einen Verſuch machen. Wo iſt der Flügel?— Aha! ich höre ſchon ſeinen Ton— er iſt gut— vortrefflich iſt er— nun, kommen Sie her— ſetzen Sie ſich und ſingen Sie mir irgend ein kleines Lied— von welchem Meiſter Sie wollen. Je einfacher aber, um ſo beſſer— aber frei, ungezwungen, mit lauterer Bruſt!“ Und er ſtellte ſich, von ſeinem Enkel, der immer an feiner Seite blieb und ſich liebevoll an ihn lehnte, wenn er ſtill ſtand, abermals geführt, ſo weit wie mög⸗ lich vom Flügel entfernt, mit dem Rücken gegen ein Fenſter. Ich ſah Chriſtel an. Mein Herz pochte mir ſo ungeſtüm, als wenn ich ſelbſt dieſe gefährliche Probe beſtehen ſollte. Aber ſie, nicht im Geringſten einge⸗ ſchüchtert, ſetzte ſich vor den Flügel, ließ einige ſanfte Akkorde erklingen und ſang dann, wie er es verlangt, eines jener weichen, bisweilen noch das Menſchenohr beglückenden Wiegenlieder, welches die Seele einlullt * — 151— und zum ſüßen Schlummer vorbereitet, wie ein Aus fluß jener erhabenen Ruhe, die da oben im Himmel zu finden uns verheißen iſt. 2 Mein Herz bebte gewaltig— mein Ohr hielt ich den berauſchenden Tönen entgegen, die ſich aus der reinen Bruſt des jungen Weſens wie Himmelshauche loszulöſen ſchienen, mein Auge dagegen feſt auf den alten blinden Meiſter geſpannt. Gleich bei dem erſten Tone hatte er den weißen Kopf noch tiefer auf die Bruſt geſenkt, die Hände gefaltet und war ſo ganz und allein Ohr. Aber dieſe Töne— woran erinnerten ſie mich? Ach! Maximilian! rief es in meiner Seele— das wäre etwas für Dich, für Dein armes zerriſſenes Herz — warum biſt Du nicht hier, denn ſo ſingſt Du ja auch! Langſam anſchwellend, dauerhaft aushaltend, mäch⸗ tig ſich in die Höhe emporſchwingend flutheten dieſe Töne wie flüſſige Wellen aus dieſer jungfräulichen Bruſt hervor, und eine ſolche kindlich rührende Empfindung zauberten ſie aus meinem Innern in meine Augen her⸗ auf, daß ich mir eine wohlthuende Thräne raſch ab⸗ trocknen mußte. Aber dieſelbe Erſchütterung, die mich damals in dem Mooskeſſel bei Maximilian's Geſang durchſchauert hatte, rieſelte mir auch diesmal den Rü⸗ * — 152— cken herab, und es ſchien mir, als ſträubten ſich meine Haare, von einer erhabenern Gewalt emporgezogen, in die Höhe. Da war der kurze Geſang, von dem man jedes einzelne Wort, jede kleinſte verhauchende Sylbe deut⸗ lich verſtanden hatte, zu Ende. Chriſtel, bleich vor innerer Aufregung, nur das Herz vom lebhaft wallen⸗ den Blute erfüllt,— denn ſie ſang ſtets mit ganzer Hingebung— ſtand auf und ſah den Meiſter lächelnd an, der immer noch ſchwieg. Es war, als ließe er erſt ganz und vollſtändig die gehörten Töne in dem In⸗ nern ſeiner Bruſt verhallen, nachdem ſie ſchon längſt an den Wänden des Saales ſich zu Ende geklungen hatten. Da ſtreckte er die Arme aus, trat einen Schritt mit erhobenem Haupte vor und umſchlang die ſich na⸗ hende Sängerin mit beiden Armen. Innig, väterlich drückte er ſie an ſich und hauchte einen gleichſam wei⸗ henden Kuß auf ihre reine Stirn. „O!“ ſagte er.„Mein Kind, mein Fräulein— was haben 273 mich hören laſſen! Solche Stimme habe ich lange nicht vernommen. So ſpricht allein Gott zu den Menſchen durch einen unter Millionen vorzugsweiſe begabten Mund. Und dieſe Stimme wollen Sie mir auf ein Jahr ſchenken? Wie ſoll ich Gott dafür genügend danken? Ich hatte nicht geglaubt, 153— in meinen alten Tagen noch einmal ſolches Glück zu genießen. So ſingt man ja nur in dem alten geſeg⸗ neten Italien, meiner Heimat. Ja, mein Kind, ja, ja, tauſendmal ja— Sie ſollen, Sie müſſen meine Schülerin ſein, und was Sie von mir lernen kön⸗ nen, ſollen Sie lernen. Aber ach! lange können Sie meinem Unterricht nicht genießen, ein begabterer Meiſter als ich muß Sie in die Schule nehmen, denn Sie ſind eigentlich ſchon über meine Fähigkeiten hin⸗ ausgewachſen, und nur Kleinigkeiten kann ich Ihrer Ausbildung noch hinzufügen.“ Chriſtel ſenkte beſcheiden ihren Strahlenblick und flüſterte einige verwirrte Worte des Dankes und der⸗ Freude. „Und wieviel Stunden wollen Sie ihr wöchentlich geben?“ fragte der gerührte Major und klopfte den guten Alten auf die Schulter. „Alle Tage eine, mein Herr, denn wir müſſen uns beeilen, dieſe Gottesſtimme zu pollenden; unſere Ohren und unſre Kenntniſſe ſind zu ſchwach für ſie— die Ohren der Welt werden bald von ihr erfüllt ſein — und das Menſchenleben iſt kurz und— „Ha!“ rief der alte Krieger—„Sag' ich es nicht immer? Ja, ja, mein Freund, das Leben iſt kurz, ge⸗ nieße und handle der arme Menſch, ſo früh er kann, — 154— ſo lange er vermag. O, wir verſtehen uns prächtig, Meiſter Ferucci!— Und ſoll das Kind zu Ihnen kommen?“ „Nein, nein, nein! Ich habe ſolches Zimmer nicht und ſolchen Flügel nicht— und eine Stimme, wie dieſe, muß geſchont werden, wie das Auge im Kopf; für ſie ſind die naſſen Wege, die kalten Winde und die feuchten Dünſte nicht— nein, hier, hier al⸗ lein wollen wir arbeiten, wollen wir ſingen, wollen wir dem Gotte der Tonkunſt opfern, denn hier gefällt es mir wohl!“— Und die Stunden nahmen ſchon am nächſten Tage ihren Anfang und wurden fortgeſetzt mit einem Eifer von beiden Seiten, der eben ſo wohl dem alten Mei⸗ ſter, wie der jungen Schülerin Ehre machte. Die Folge aber lehrte, daß dieſer alte Meiſter die Vortrefflichkeit der italieniſchen Singſchule mit den Ge⸗ diegenheiten der deutſchen würdig verband. Aber er fand auch eine vollkommene phyſiſche Bildung der Tonwerkzeuge in der Kehle ſeiner Schülerin vor. Er läuterte ſie nur, indem er ihr noch eine zauberhaftere Reinheit und eine wunderbarere Biegſamkeit gab. Er lehrte ſte das ſanftanſchwellende Tragen und Binden der Töne in vollkommenſtem Maaße, er vollendete ihre Ausſprache und zeigte ihr durch ſein vortreffliches — 155— Beiſpiel, wie das erhabene Meiſterſtück des italieni⸗ ſchen Geſanges, das Recitativ, gehandhabt werden müſſe. Dabei unterließ er aber nie, zu erinnern, daß die Baſis des großartigen, erhebenden und belebenden Geſanges auf Feſtigkeit und Sicherheit des Tonan⸗ ſatzes und der Tonfortbildung beruhe. Er eröffnete ihr namentlich den ſiegreichen Weg, wie der Sänger das menſchliche Gemüth gleichſam im Sturm erobern müſſe, und belehrte ſie, daß Einfachheit in der Aus⸗ ſchmückung, Charakter in der Auffaſſung und tiefe Be⸗ deutſamkeit in jedem Tone vom vortragenden Sänger feſtgehalten werden müſſe. „Mit würdiger Auffaſſung,“ ſagte er,„muß der Künſtler an die Erfüllung ſeines Zweckes gehen, mit Ergebung an ſeinen Schöpfer, von dem er ſie hat, muß er ſeine Stimme erſchallen laſſen, mit ſelbſtge⸗ fühlter Wonne muß er das Herz der Hörer durch⸗ ſchauern. Nur wenn er das iſt, das vermag, das er⸗ ſtrebt, nur dann allein iſt er ein Künſtler, wie er ſein ſoll, um die Menſchen zu beglücken und zu entzücken, nur dann iſt er ein großer Künſtler— und Sie— Sie, mein Töchterchen, Sie müſſen das werden, oder ich— ich verſtehe nichts von der Muſik!—“ 4 Für den ſittenreinen Jingüng giebt es wohl. kein größeres Glück auf dieſer Erde, als wenn er ſeine 4 ſchuldloſen Tage an der Seite eines mit leiblichen und geiſtigen Vorzügen gleich hoch begabten weiblichen We⸗ ſens in leidenſchaftsloſer Hingebung und im Bewußt⸗ ſein vollkommener Gegenſeitigkeit ſeiner bumleſen Ge⸗ fühle ruhig und ungeſtört hinbringen kann. Mir 1 ward dieſes ſeltene und große Glück in vollkommen⸗ ſtem Maaße damals zu Theil. Chriſtel's und meine V Tage waren allein unſere Tage, das heißt, wir füll⸗ ten ſie uns ganz und gegenſeitig mit uns und unſe⸗ rem Beginnen ſelbſt aus. Durch Nichts ward unſer faſt geſchwiſterartiger und doch von einem wärmeren Gefühle belebter Verkehr geſtört oder getrübt. Der alte Major kannte uns und ließ uns ohne alle Ein⸗ 8— ſchränkung nach unſerer Neigung gewähren; er zwang uns nie ſeine ernſtere Geſellſchaft auf, wenn wir ſeiner nicht zu bedürfen ſchienen, denn er wußte ja, wie gern wir bei ihm waren, und wollte nicht durch ſeine düſte⸗ rern Anſchauungen unſere jugendlichen Freuden ver⸗ kümmern. Morgens, Mittags und Abends, ſtets wa⸗ ren wir beiſammen, wenn unſere Pflichten und Arbei⸗ ten es uns erlaubten; im Hauſe, im Garten, auf Spaziergängen, überall, wo es anging, waren wir un⸗ zertrennlich. Ich that Alles, was ſie gern hatte, wenn — 157— es mir irgend möglich war; ich war ihr Lehrer in ſo Manchem, was ich beſſer wußte als ſie, und ihr Schü⸗ ler in ſo Vielem, was die Natur ihr freigebiger ge⸗ währt hatte, als mir— und ſo waren wir uns mit ganzer Seele ergeben. Ob das ſchon Liebe war? Das weiß ich nicht. Daß es aber Liebe werden konnte, das weiß ich jetzt gewiß. Aber daran dachte ich da⸗ mals auch nicht im Entfernteſten. Ich hatte ja Alles von ihr, was ich meiner Anſicht nach haben konnte— ihre Gegenwart, ihre Nähe— war das nicht ſchon Glück und Seligkeit genug? Ich brauchte ſie nicht zu fragen: Haſt Du mich lieb? Denn ich wußte ja, daß ſie mich lieb hatte, ſie zeigte es mir ja mit tau⸗ ſend Handlungen, was bedurfte es da noch der über⸗ flüſſigen Worte? Und auch ſie fragte mich nicht da⸗ nach, denn ſie ſah ja meine treue und volle Hingebung aus jeder Pore meines Körpers und Geiſtes dringen. O, welche ſüßen Stunden verlebten wir ſo in traulicher Gemeinſchaft! Oft, in der Stunde der Dämmerung, die der Major ſo ſehr liebte, daß er ſich ſchwer entſchließen konnte, Licht anzünden zu laſſen, ſa⸗ ßen wir Drei auf dem Sopha, Chriſtel in der Mitte, jeder von uns eine ihrer Hände haltend, ſie bisweilen trillernd, jodelnd, ſich bald zu dem Einen, bald zu dem Andern neigend, alle zuſammen von der Vergangen⸗ ͤͤͤͤ 158— heit plaudernd, die Gegenwart preiſend und von der Zukunft allein träumend. Denn ſobald wir von letz⸗ terer zu reden begannen, ſtand der Major auf und ſagte:„Kinder, laßt das— nicht von Morgen ſpre⸗ chen, das iſt Gottes Sache,— heute, heute leben wir; gebt nicht die duftigſte Blume aus Eurem Le⸗ benskranze allzu freigebig aus der Hand— genießet die Stunde, den Augenblick, denn in dieſem Genuſſe iſt Euer ſchönſtes Glück enthalten, welches ſchnell ge⸗ nug entflieht, Ihr werdet es ſehen— denn das Leben iſt kurz!“—. Und o, wie nur allzuſehr hatte der erfahrene Mann Recht! Wie oft habe ich mir in ſpäteren Ta⸗ den und bedauert, es nicht immer und überall beherzigt zu haben. Denn das Menſchenleben iſt wirklich ſehr kurz, und noch dazu ein glückliches Leben rollt wie Nacht und Tag, und plötzlich iſt der Augenblick ge⸗ kommen, wo man unverhofft an der Grenze eines ernſteren Abſchnittes ſteht und ſich ſagen muß— es iſt vorbei, das Glück— es liegt ſchon hinter mir!— So war es mit mir, mit Chriſtel und mit unſe⸗ ver ſo harmloſen und doch ſo tief wurzelnden Verbin⸗ gen ſein Lieblingswort wiederholt, es beſtätigt gefun⸗- Apollo's Sonnenwagen ohne Aufenthalt dahin, durch dung. Raſch war der Sommer dem Frühling gefolgt, Goldſtücken gefüllt war. 159 noch raſcher war der Sommer in den Herbſt überge⸗ gangen und wieder war der kalte, ſchneereiche Winter vor der Thür. Noch am Weihnachtsabend waren wir fröhlich, glücklich, ahnungslos beiſammen geweſen, hat⸗ ten uns freundlich beſchenkt, wie unſere Mittel es er⸗ laubten, und ſchon einen Tag darauf war unſere Freude getrübt, unſer ſtilles Glück zerronnen, und wir waren gezwungen, zu bedenken, daß es auch für uns einen Glücksumſchwung gab und daß die Zukunft uns ein minder freundliches Geſicht zeigen könne, als die ſüße Gegenwart. Und gerade von einem Manne ſollte dieſe Zerſtörung unſeres Glückes kommen, dem ich ſie am wenigſten zugemuthet hatte, einem Manne, den ich ſo liebte und verehrte, wie ihn alle Anderen mit der 1 Zeit lieben und verehren gelernt hatten, von dem alten Meiſter Ferucci. Es war am erſten Weihnachtstage, als er uns beſuchte und Chriſtel ein großartiges Recitativ ſingen ließ. Nie hatte ſie ſo ergreifend, ſo kraftvoll, ſo be⸗ geiſtert geſungen. Als ſie fertig war, blieb Ferucci ſtill in ſich gekehrt und ſchien kaum die Aeußerungen der Dankbarkeit zu hören, womit ihn der Major über⸗ chüttete, indem er ihm einen von Chriſtel ſelbſt gear⸗ beiteten Beutel gab, der faſt ganz mit funkelnden — 160— „Ach!“ ſeufte der alte Sänger—„Herr van Hees— dieſer Lohn— ſo gern er gegeben iſt— ich weiß es— und obgleich er mir nützlich iſt— verbit⸗ tert mir doch mein jetziges ſüßeſtes Gefühl. Denn ich kam gern hierher, um mein altes Herz zu erquicken und meine ſchon dahinflatternde Seele mit neuer Le⸗ bensgluth zu berauſchen— und nun ſoll ich ſie nicht mehr hören, dieſe Stimme— „Wie?“ riefen wir Alle.„Wollen Sie nicht mehr zu uns kommen?“ „Hört mich an, Ihr Lieben, ich tunn es Euch nicht länger verbergen, denn mich drängt mein Ge⸗ wiſſen, es Euch zu offenbaren. Die Stunde unſerer Trennung iſt gekommen. Meine Schülerin kann von mir nichts mehr lernen. Ein größerer Meiſter, mit jüngerer und gewaltigerer Kraft begabt, muß ihren Fittig zum höchſten Fluge beſeelen. Höret mich an und befolget meinen Rath, denn ich meine es gut mit dieſem lieben, jungen Weſen, ja, es wäre eine Sünde, wenn ich ihn verſchweigen und ſie von ihrer großen Zukunft zurückhalten wollte: Gehet nach Prag—“ „Nach Prag?“ riefen wir Alle zugleich. „Ja, nach Prag! Ich habe mich rings im Geiſte umgeblickt und keinen Ort der Welt gefunden, der ⁵ — 161— augenblicklich und in dieſen kriegeriſchen Zeiten beſſer für ſie geeignet wäre. In Prag leben große Künſtler — auch ich habe einen Freund daſelbſt, noch jünger an Jahren und größer an Kunſt als ich, einen Schüler des unſterblichen Caffarelli. An dieſen habe ich bereits ſchreiben laſſen und er hat mir meinen Wunſch zuge⸗ ſagt, dieſe junge Dame weiter zu bilden. Allein er hat mir nicht verſchwiegen, daß auch ſeine Kunſt nur noch eine Ruine, wenn auch eine ſchöne Ruine iſt. Aber ſtatt ſeiner gäbe es in Prag noch erhabenere Kräfte. Die jetzige Geſangskunſt iſt in einem großen Umſchwunge begriffen. Die deutſchen Meiſter haben ſie aus dem Staube erhoben und ſtehen mit giganti⸗ ſcher Rieſengröße auf den höchſten Stufen im Tempel der Kunſt. Sie ragen ſchon in vielen Dingen kopfhoch über ihre italieniſchen, im Staube der Vergangenheit modernden Brüder. Und da iſt ein junger Mann, ſchreibt mir mein Freund, Weber mit Namen, der hat ſich bereits für die nächſte Zeit nach Prag entſchieden. Er iſt ein Rieſe in der Kunſt, wie die Welt ihn nicht oft geſehen, ein Geiſt, wie er ſelten durch das Reich der Töne gebrauſt, ein Meiſter im Bilden und Schaf⸗ fen, wie nur wenige mit ſterblichem Leibe geboren. Sende die Schülerin, ſchreibt der Freund, und Weber ſoll ſie zu einem ſeiner verkörperten Töne bilden, und SFritz Stilling. II. 11 4 W was ich ſelbſt zu ihrer Vervollkommnung beitragen kann, ſoll geſchehen!“— Geſprochen war das Wort des redlichen Meiſters und es wirkte innerlich fort in den Herzen der Be⸗ theiligten in ſeinem bedeutungsvollſten Umfange, aber es erſchütterte uns eben ſo ſehr, wie es uns erhob. Denn daß der Major nun nach Prag gehen würde, war nach dieſem Ausſpruche unbezweifelt. Hatte er doch feſt und unwiderruflich beſchloſſen, Alles aufzubieten, um ſeine Pflegetochter nicht halb, ſondern ganz, und ſo tief ſie konnte, in den Tempel der irdiſchen Göttlich⸗ keit, der Kunſt, eindringen zu laſſen. Damit aber war auch eine gänzliche Umgeſtaltung unſerer Verhältniſſe und Schickſale verbunden, denn ich konnte ihn nicht begleiten, ich mußte mich alſo von beiden trennen.— Trennen! Welcher Gedanke, welcher furchtbare Ge⸗ danke, nachdem ich erſt kurze Zeit daß ſüßeſte Glück im Schooße dieſer Familie genoſſen hatte! Und noch dazu ſollte ſehr bald dieſer Gedanke zur That werden und die Trennung raſcher geſchehen, als ich dachte. Schon am zweiten Tage nach jenem entſcheidenden Ausſpruche des alten Meiſters rief mich der Major Abends in ſein Zimmer. Er war weich, faſt gerührt 8 geſtimmt und vermied es, in mein Geſicht zu ſchauen, weil er ſich wohl denken mochte, wie daſſelbe ausſah. 4 — 163— „Mein Sohn,“ ſagte er mit wehmüthigem Tone, „ich kann Dir leider nicht länger verhehlen, was ich über uns zu beſchließen für meine Pflicht gehalten habe. Ich werde Chriſtel, unſere geliebte Chriſtel, nach Prag führen, um ſie ganz und vollſtändig für die Muſik ausbilden zu laſſen. Iſt das geſchehen, erſt dann kann ich ihrer und meiner Zukunft ruhig entgegen⸗ ſehen, denn dann habe ich meine Aufgabe bis an's Ende gelöſt und meine ganze Pflicht erfüllt. Du weißt, ich liebe das. Du kannſt uns leider nicht da— hin begleiten, denn Deine Studien nähern ſich ihrem Ende und Dein Lebenszweck liegt inmitten der Gren⸗ zen Deines Vaterlandes. Du mußt Dich durch Dein Wiſſen emporſchwingen und ein Mann werden, wie ſo Viele zu Männern geworden ſind, und nicht gerade die Schlechteſten, das heißt, im Kampfe und im Drange des Lebens. Alſo, wohlan denn, friſch hinein und muthig angefaßt! Hier in Münſter ſollſt Du nicht bleiben, die Erinnerung an uns würde in dieſen Räu⸗ men einen Schatten auf Deine Lebensſonne, Deinen jugendlichen Frohſinn werfen; auch haſt Du lange ge⸗ nug die Weisheit dieſer düſteren Stadt genoſſen, ſtrebe alſo weiter und wende Dich vorwärts. Dn ſollſt nach Berlin gehen. Berlin iſt die königlichſte Stadt unter allen Städten Deutſchlands, außerdem hat ſie jetzt eine * 11* — 164— Univerſität und vortreffliche Lehrer, denn nach der Mitte des Vaterlandes ſtreben immer die beſten Kräfte, und ich verdenke es ihnen nicht. Auch giebt es in einer ſo großen Stadt der Wege viele und breite, einen jun⸗ gen Menſchen wie Dich zum Glücke zu führen. Ich werde Dich ferner dort wie hier unterſtützen, und weil die Kriegszeiten die Geldſendungen erſchweren, werde ich Dir ſogleich für die erſten zwei Jahre mitgeben, was Du etwa gebrauchen magſt. Die Koſten Deiner Prüfungen, ſobald Du mich von deren Annäherung in Kenntniß ſetzeſt, werde ich ebenfalls tragen, denn ich halte das für meine Schuldigkeit. Das war es, was ich Dir ſagen wollte. Nur noch um Eins bitte ich Dich. Erſpare es mir, Deinen Kummer zu ſehen, denn Kummer wirſt Du empfinden, da Du von uns gehſt. Jetzt weißt Du Alles; rüſte Dich. Schon Ende Februars reiſen wir ab. Bis dahin ſei glück⸗ lich, zufrieden und genieße den Tag, den Dir Gott giebt. Denn Du weißt ja— das Menſchenleben iſt kurz!“— O, wer beſchreibt meinen Jammer nach dieſer ſo freundlichen Rede, wer mein ganzes Herzeleid— und ich ſollte es nicht einmal blicken laſſen! Da wurde denn im Stillen manche Thräne vergoſſen, und ich konnte es nicht verwehren, daß meine Blicke, wie centnerſchwere — 165— 4 Laſten ſich an Chriſtels liebe Augen hingen und ſich ihre ſchönen Züge, jeden einzelnen beſonders, feſt und unausreißbar einprägten für lange, lange Zeit, denn ich hatte eine unbeſtimmte und traurige Ahnung, daß dieſer unſerer jetzigen Trennung kein ſo baldiges Wie⸗ derſehen folgen würde. Und wie nahm Chriſtel dieſe Veränderung unſeres Schickſals auf? Ach, ſie ertrug ſie ſtandhaft, wie ein Engel auf Erden ja Alles erträgt, was ihm aufgebürdet wird. Wohl blickte ſie mich oft trübe und wehmüthig lächelnd an, aber ein kleines Lächeln war ja immer noch dabei, und war das nicht ein Troſt? O, in die⸗ ſer letzten Zeit unſeres Beiſammenſeins ruhten unſere Hände oft länger und wärmer in einander— unſere Augen ſogen ſich voll von dem Blicke des Anderen— wir verſtanden uns wohl, obgleich unſere Lippen kein Wort über die Bedeutung dieſer Blicke ſprachen. Und ſo neigten ſich die Tage unſerer Freuden, und der Tag der Reiſe, die wir zuſammen antreten ſollten, rückte näher, und endlich mit immer ſchnelleren Rieſenſchritten. war die Stunde der Abreiſe ſelbſt herangekommen. Ich hatte von meinen verſchiedenen Bekannten in Münſter Abſchied genommen und auch meinem guten Profeſſor und ſeiner hübſchen Frau meinen wärmſten Dank für ſo viele Güte geſagt. Zweierlei erhielt ich — 166— von ihnen zum Geſchenke beim Abſchiede. Von ihr eine in Perlen geſtickte Reiſetaſche,„zum Andenken an den glücklich ausgezogenen Zahn,“ fügte ſie lächelnd bei; von ihm einen Brief an den Berliner Profeſſor Murſinna, worin ich auf das Wärmſte empfohlen war. Ich legte den Brief in die Taſche und verbeugte mich. Dann drückten ſie mir beide die Hände und wünſchten mir alles mögliche Glück auf meiner ferneren Lauf⸗ bahn. Auch dieſer letzte Abſchied war hinter mir. Eine tumultuariſche und ziemlich lächerliche Scene führte uns am Schluſſe wieder Ernſt Goy in ſeiner leidenſchaftlichen Verehrung für Grete auf. Es war am letzten Sonntage vor unſerer Abreiſe, als er wie gewöhnlich kam und ſehr traurig ausſah. Als der Major ſich am Abend aus unſerem Zimmer entfernt hatte, brach endlich das lange verhaltene Ungewitter mit ſeinem ganzen alten und lauten Ungeſtüm aus. „Alſo, Grete,“ fing er an,„Du willſt mich ver⸗ laſſen?“ „Wie Du weißt, ja!“ „Und Du willſtt nicht meine Frau werden?“ „O geh, wir ſind Beide noch zu jung, und Du beſonders biſt noch zu windbeutelig. Werde ein dauerhaft geſetzter Mann, dann komm und ſtelle Dich vor, und wenn Du mir dann noch gefällſt und ich nicht verſagt bin, ſo wollen wir ſehen.“ „O Du Grauſame! Und das ſoll ein Troſt ſein? Weißt Du wohl, daß Du allein mich zu einem ſtillen und kopfhängeriſchen Leben führen kannſt, und daß ich nur durch Dich ſo werden kann, wie Du es wünſcheſt?“ „Dann wirſt Du wohl ſchlecht werden, wenn wir uns nicht mehr ſehen, wie? Nun, dann ſind wir ja geſchiedene Leute von heute an! Werde ſchlecht und lebe wohl für immer!“ „Grete! In's Teufels Namen! Wie gehſt Du mit mir um! Mache mich nicht verrückt! Ich kann nicht ohne Dich leben!“ „Ich aber kann ohne Dich jetzt noch ganz gut leben!“ „Grete! Ich ſterbe vor Deinen Augen, wenn Du ſo hartherzig biſt.“ „Das möchte ich wohl mit anſehen. Stirb mal ein Bischen!“ Und er raufte ſich vor Wuth die Haare aus und fing vielleicht damit an zu ſterben. Chriſtel und ich 4 ſuchten ihn zu beruhigen. „Nein,“ rief er,„nein! Was ſoll ich allein hier, in dieſem düſteren Loche, wo mir keine Sonne mehr ſcheint, wenn Ihr fort ſeid. Es iſt beſchloſſen, ich gehe — 168— mit Euch und ſollte ich wie ein Huud neben Euerm Wagen herlaufen, ich gehe mit Dir wenigſtens, Fritz, wenn mich dieſe undankbare Grete nicht haben will. Du biſt der Einzige, an dem mein Herz, außer an ihr, hängt. Mit Dir kann ich doch von ihr ſprechen — ich habe einmal gute Geſellſchaft kennen gelernt— ich habe keine Luſt mehr, mich wieder in Unrath zu tauchen und mit Lumpen zu verkehren. Auch will ich ſtudiren und etwas Tüchtiges lernen, damit ich ihr, ihr, der Grauſamen, einſt ein angenehmes Leben bereiten kann. Ich habe mir ein hübſches Sümmchen geſpart, davon kann ich auch zwei Jahre leben und eine Prü⸗ fung beſtehen. Wenn das verzehrt iſt, eſſe ich Kieſel⸗ ſteine und trinke Waſſer, wie das Vieh, mein Magen verdaut ſie. So iſt es, ſo ſoll es ſein; noch heute kündige ich meiner Alten. Grete, heda! ich trotze Dei⸗ nem Starrſinn, warum machſt Du mich unglücklich— Welt! ich lache Dir in's Geſicht— ſieh— da liegt der Scheerbeutel und heute noch fängt ein neues Le⸗ ben an— ich gehe mit Dir nach Berlin, Fritz, und ſoll mich der Teufel holen! Ich habe es geſagt!“ Wir lachten alle Drei wider Willen über dieſen komiſchen Ausbruch ſeines verliebten Ingrimms und ſuchten ihn zu beruhigen, was auch mit Hülfe Gretens naach einiger Zeit gelang. Der Major hatte nichts da⸗ „ 8. 8 — 169— * gegen, daß er mit uns die Reiſe antrat, falls er auf dem Bocke neben dem Kutſcher vorlieb nehmen wollte. Aber er hätte ſich als Schwenkpfanne zwiſchen die Räder binden laſſen, wenn es nicht anders gegangen wäre. So ſtiegen wir fünf Perſonen denn eines Mor⸗ gens in einen Miethswagen und fuhren ſtill und nach⸗ denklich aus den Thoren der alten weſtphäliſchen Hauptſtadt. Es war im trüben und kalten Februar, als wir aus dem düſteren Münſter abgefahren waren, und acht oder zehn Tage ſpäter ein lieblich ſonniger Märztag, als wir in dem freundlichen Potsdam anlangten, wo unſere letzte Trennung vor ſich gehen ſollte. O ſon⸗ niges, lieblich lächelndes Potsdam, ſchon damals durch den Kunſtſinn Deiner Könige und durch das Spiel der launigen Natur ſchön und königlich geſchmückt— noch ſehe ich in meiner Erinnerung unſere Wohnung da⸗ ſelbſt, den Gaſthof in der Nähe des Schloſſes und die großen Kaſtanienbäume davor, die ſchon ſaftige Knos⸗ pen zu treiben anfingen. Noch immer ſehe ich auch Deinen blauſchimmernden, klaren Fluß, die friedliche Havel, von der langen Brücke aus, auf der wir ſtan⸗ den und hinab und hinauf blickten, unſere Augen an Deinen luſtig ſpielenden Wellen labend!— 4 „ 4 Der Major ging, mit Ernſt Goy in ein ernſt⸗ haftes Geſpräch vertieft, vorauf, hinter ihm Chriſtel, an meinem Arme hängend; die treue Grrte, betrübt und ſchweigend, folgte uns nach. Chriſtel drückte meinen Arm an ſich und flüſterte mit ihrer lieblichen Stimme:„Dorthin gehſt Du, Fritz!“ „Und dorthin gehſt Du!“ entgegnete ich, indem ich in die entgegengeſetzte Richtung deutete.„Und wann ſehen wir uns wieder?“ 1 „Wann Gott will, Fritz!“ „Und wirſt Du an mich denken, Chriſtel?“ „Oft, immer, mein Freund, ich gelobe es Dir, und laß uns den lieben Gott bitten, uns recht bald wieder zuſammen zu führen.“ „O, wenn es davon abhängt, Chriſtel, ich will ihn täglich auf den Knieen darum anflehen. Ich würde Dich ſo gern— ſo gern wiederſehen.“ „Auch ich Dich, Fritz— wir ſind recht glücklich bei einander geweſen—“ „Geweſen— ja, ja,“ ſagte ich und blickte nord⸗ wärts, und ſie ſüdwärts, den entgegengeſetzten Lauf des ſchimmernden Fluſſes entlang.— „Höre, Fritz,“ ſagte der alte Major plötzlich und geſellte ſich zu uns.„ „Man kann nicht wiſſen, wohinn — 171— 4 Dich Deine Wege führen. Sollteſt Du einmal meinen Kinden pen Ludwig und Anton, den Zwillingen be⸗ gegnen grüße ſie herzlich von mir, ich habe lange nichts von ihnen gehört.“ „Und wo halten ſie ſich auf, Herr Major?“ „Sie ſtehen jetzt bei den Gardeyſären des Her⸗ zogs von***.“ „Was?“ rief ich und konnte kaum mein Staunen bemeiſtern—„des Herzogs von**?“ Er hatte nämlich denſelben Herzog genannt, an deſſen Hofe Maximilian's Geſchichte ſich zugetragen hatte. „Ja, allerdings, was iſt denn dabei? Du er⸗ ſchrickſt ja beinahe—“ „O— ich— ich habe ſchon oft von dieſem Her⸗ zoge gehört—“ „Weiter nichts?— Alſo grüße ſie und ſage ihnen: meinen Segen hätten ſie— ſie ſollten ſich aber mei⸗ netwegen— ja— meinetwegen bewahren— verſtehſt Du?“ „Ja, ja, Herr Major!“— Am nächſten Morgen ſtand der bepackte Reiſewa⸗ gen vor unſerm Gaſthofe. Wir umarmten, wir küßten uns, wir hingen einander an den Hälſen. „Vorwärts!“ rief der Major mit alter Kommando⸗ — 172— ſtimme, während eine große Thräne langſam über ſei⸗ nen grauen Schnurrbart rollte. Chriſtel küßte mich zum letzten Male, zum n letten Male ruhte meine brennende Hand in der ihrigen— ſie ſprang dann raſch dem Major nach, die Treppe hinunter.— Ernſt Goy ſtand noch vor Greten.„Grete!“ rief er flehend und doch dabei drohend—„Siehſt Du, ſie küſſen ſich— gieb mir auch einen— Wie, Du willſt nicht— Grete— ich fange an zu fluchen—“ „Fluche nicht— da haſt Du einen— nun, nun, nicht ſo ungeſtüm und gewaltſam— einen nur!“ Aber er hatte ihr ſchon wenigſtens ein Dutzend geraubt und ſprang hinter ihr die Treppen hinunter, als wollte er ſich vor Verzweiflung den Hals brechen. Da ſaßen ſie im Wagen, da knallte die Peitſche— da winkten ſie tauſend Mal mit ihren Händen— und da waren ſie fort und ich war mit Ernſt Goy allein — allein mit unſeren vollen Herzen, unſern ſtrömen⸗ den Augen, unſerer blutenden Seele——— „So, ja, ſo iſt es im traurigen Menſchenleben!“ ſeufzte ich—„Genieße es, denn es iſt ja ſo kurz— VII. Ein Schüler unter Meiſtern. Es war am 9. März 1811, als ich in Geſellſchaft meines treuen Ernſt Goy mit einer erbärmlichen Fuhr⸗ gelegenheit von Potsdam nach Berlin reiſte und da⸗ ſelbſt Nachmittags fünf Uhr anlangte. Die Größe der Stadt, die ungeheure Regſamkeit auf den breiten Stra⸗ ßen, die überall ſichtbaren Menſchenmaſſen machten auf mich einen peinlichen, beinahe ängſtlichen Eindruck. Unbekannt mit allen neuen Verhältniſſen, ohne irgend einen Führer oder Rathgeber, mußten wir unſerm gu⸗ ten Glücke überlaſſen, wohin es uns führen würde. Und diesmal führte es uns ziemlich ſchlecht. Ein ärmlich gekleideter Menſch, der uns aus dem Wagen hatte ſteigen geſehen, mochte ſogleich bemerken, daß wir Fremde ſeien, und bot uns ſeine Dienſte an. Ernſt Goy muſterte ihn vom Kopf bis zum Fuß und fragte ihn, wer er wäre? Er erhielt die Antwort, daß er F — 174— ſelbſt ja noch nicht gefragt wäre, wer er ſei, und daß man hier in Berlin ſolcher naiven Zumuthungen ſich entſchlagen könne. „Dann können wir Sie auch nicht gebrauchen,“ erwiderte Ernſt Goy mit ſeiner unſanfteſten Stimme. Der Menſch ſchlich mit einem ſchlechten Witz auf den Lippen davon, bald darauf aber kam ein anderer, deſ⸗ ſen Dienſte ich ſogleich annahm, ohne nach ſeinem Na⸗ men, Rang, Stand und Vermögen zu fragen. Er führte uns auf unſern Wunſch, eine Wohnung zu ſu⸗ chen, und nach meiner Mittheilung, daß wir Studenten ſeien, zwei Stunden lang durch die Stadt, wobei er nicht müde wurde, meinen ziemlich ſchweren Koffer zu tragen, während ein zweiter Führer Ernſt Goy's Sa⸗ chen auf die Schulter genommen hatte. Schon fing es an zu dunkeln, als wir endlich in einer abgelegenen Straße, der Papenſtraße, unweit des Neuen⸗Marktes ein Unterkommen fanden, und zwar nach dem Hofe hinaus im zweiten Stockwerk eines ziemlich alten Hau⸗ ſes, deſſen untere Räume ein Geſellſchaftslokal bilde⸗ ten, in der Berliner Sprache Weißbierkneipe genannt. Hier kämen faſt alle Studenten der Hauptſtadt des 3 Abends zuſammen, hatte mir mein geſprächiger Füh⸗ rer geſagt, und wir könnten ſogleich die beſte Be⸗ kanntſchaft machen.— ** — 175— Unſer neuer Wirth, ein ſchwammig aufgetriebener, aber gutmüthiger und ſehr ſpaßhafter Mann, ſchien ſich unſeres Vertrauens ſehr zu freuen. Er hätte gern Studenten im Hauſe wohnen, ſagte er, denn ſie ſeien vortreffliche Hausgenoſſen, ſie gingen ſo wenig aus, nicht einmal nach den Kollegien, da ſie alle Be⸗ quemlichkeiten im Hauſe haben könnten— noch dazu für billiges Geld. Darauf führte er uns ſelbſt in un⸗ ſer Zimmer, was wir ziemlich erträglich und mit zwei guten Betten verſehen fanden. Eine Magd heizte ſo⸗ gleich einen ſchwarzen Ofen, wie ich von ſolcher Form und Größe noch nie in meinem Leben geſehen hatte, überzog die Betten und brachte Waſſer und Licht herbei. Sogleich theilten wir uns brüderlich in die vor⸗ gefundenen Möbel, nur das alte, ſchwarz überzogene und etwas von Fett glänzende Sopha wollten wir ge⸗ meinſchaftlich genießen, wozu ich eigentlich nicht die ge⸗ ringſte Neigung verſpürte. Wir packten ſogleich unſre Habſeligkeiten aus, und als auch dieſes geſchehen war und die Stube anfing etwas warm zu werden, ſetzten wir uns, von einem flackernden Talglichte dürftig beleuchtet, einander gegen⸗ über auf zwei Stühle und ſahen uns eine Weile ſchweigend an. Wir mochten wohl beide Verſchiedenes zu bedenken haben. 7 — 176— „Nun, Ernſt Goy,“ fing ich endlich an, um doch etwas zu ſagen,„wir ſind in Berlin.“ „Ha! Ja, ja, ich weiß es— ich habe es mir aber hier ſchöner gedacht.“ „Nun, wir ſind ja eben erſt angekommen und müſ⸗ ſen uns in das neue Leben ſchicken lernen. Du gehſt doch morgen mit durch die Stadt, um ſie zu beſehen, wenn ich meinen Brief beim Profeſſor Murſinna ab⸗ gebe?“ „Gewiß, gewiß— aber zum Teufel! Ich habe eine Art Wolfshunger, trotz meiner Traurigkeit, ſo daß ich glaube, ich werde ihn ſtillen müſſen.“ „Das wollen wir auch, das ſind wir uns ſogar ſchuldig, Ernſt Goy. Aber höre doch das Gelächter hier unter uns— was iſt das?“ Allmälig hatten ſich die Gäſte unten im Gaſtzim⸗ mer eingefunden und es wurde von Augenblick zu Au⸗ genblick lebhafter im Hauſe. Endlich entſtand ein Höllenlärm, mit ſolchem Geſumme, Thürwerfen und nur halb verſtändlichen Ausrufungen vermiſcht, daß wir anfangs glaubten, es ſei ein Unglück geſchehen. Wir wurden aber bald eines Beſſeren belehrt, denn ein Knabe erſchien und meldete, der Bierfiſch wäre fertig, wenn wir eſſen wollten. „Bierfiſch?“ fragte Ernſt Goy.„Was iſt das?“ 4 — „Das iſt ein Fiſch in Bier gekocht, mein Herr!“ „Na, meinetwegen in Tinte— komm, Fritz, ich habe Hunger wie ehemals in Amſterdam. Aber Hum⸗ perdink's Küche wird es wohl nicht ſein.“ Wir ſtiegen die Treppe hinab und wurden in ein langes, niedriges, durch und durch mit Tabacksrauch gefülltes Zimmer gewieſen, an welches ſich zwei bis drei ähnliche in unabſehbarer Länge anſchloſſen. Ich mußte ſogleich huſten, als ich eintrat. Ob der Wirth die Kopf an Kopf gedrängt ſitzenden, meiſt jungen Gäſte ſchon auf uns aufmerkſam gemacht hatte oder aus einem anderen Grunde, genug, Alle drehten die Köpfe nach uns herum und betrachteten uns ſehr ge⸗ nau, als wir an einer der langen Tafeln, um einen Platz zu ſuchen, hinabſchritten. An lauten und luſti⸗ gen Schmauchern vorüber führte uns der behende Wirth in ein Nebenzimmer, wo nur geſpeiſt wurde und der Rauch erträglicher war. Man brachte Jedem von uns, ohne weiter zu fragen, was wir eſſen woll⸗ ten,— denn es gab in dieſem Hauſe jeden Abend nur ein Gericht, welches Alle aßen— einen Teller mit zwei ziemlich großen Stücken braun geſottenen Fiſches, was Ernſt Goy überaus wenig erſchien. Da aber Brot in Fülle auf dem Tiſche lag, ſo beruhigte er ſich und begann ſein Mahl. Die. ſpitzen Gräten abgerechnet, Fritz Stilling. Il. 12 — 178— fand ich die Speiſe, obwohl ſie ſehr ſalzig war, ganz appetitlich. Ernſt Goy hatte beinahe zwei Brote und einen halben Fiſch im Leibe, als er ſich über einen ſehr großen Durſt beklagte, wie er ſich vorher über Hunger beklagt hatte. .„Nun,“ ſagte ich,„Getränk giebt es ja hier ge⸗ nug— ſieh nur dieſe großen, langen, dicken Gläſer mit dem wie Gold glänzenden Inhalte und dem fauſt⸗ breiten Schaumdeckel darauf— ſo etwas habe ich nie geſehen, ich werde kein ganzes Glas zwingen können.“ „Hoho! ich trinke wenigſtens drei, meinen Durſt gering angeſchlagen. Sie— heda, Menſch! bringen Sie mir doch auch ein ſolches Faß voll!“ „Ein Faß, mein Herr?“ fragte der Knabe naiv. Der auf jedes Geſpräch horchende Wirth kam ſogleich ſchmunzelnd herbei und glaubte nach dieſer Aeußerung große Trinker in uns vor ſich zu haben, wonach er noch einmal ſo freundlich wurde. Bald darauf hatten wir, was wir verlangten und Ernſt Goy arbeitete ſich ſchon mit gewaltigen Zügen durch das nie geſehene Schaumelement. Es dauerte gar nicht lange, ſo hatte er ſein erſtes Faß, wie er es nannte, leer und begehrte bald darauf das zweite. „Das ſchmeckt vortrefflich,“ ſagte er,„aber ich bekomme immer mehr Durſt, je mehr ich trinke— — 179— Donnerwetter! aber das kribbelt ja ganz verteufelt in der Naſe— was iſt das?“ „Das iſt der Geiſt meines Biers, meine Herrn,“ erläuterte der Wirth, der auch dieſe an kein beſtimmtes Ohr gerichtete Frage vernommen hatte,—„ein Ge⸗ tränk, wie keins auf Erden; das iſt das berühmte Berliner Weißbier— in Stangen, genannt eine de fühle Blonde!“ „In Stangen? Ich ſehe ja keine!“ „Sie werden ſie bald fühlen, wenn Sie ſo fort trinken,“ bemerkte ein nebenan ſitzender Bürger,„denn das Bier ſchwemmt auf— Sie müſſen nicht ſo viel und ſo raſch trinken— Stangen nennt man übrigens hier die hohen Gläſer—“ Ernſt Goy nickte dankend für die Belehrung, ließ ſich aber nicht abhalten, ſeinen Durſt zu ſtillen, denn er trank drei oder vier ſolche Stangen. Dann aber wurde er, was gar nicht ſeine Gewohnheit war, ganz ſtill. Unterdeß hatte ſich der Lärm in den Vorderzim⸗ mern wo möglich noch vergrößert und verallgemeinert. Beinahe hundert Studenten ſaßen da in langen Rei⸗ hen, tranken und ſangen und jubelten, ſo daß man bei dem immer dicker werdenden Rauche in der Hölle un⸗ ter jungen Teufeln zu ſein glaubte. —— — 180— „Nun, was macht der Durſt?“ fragte ich Ernſt Goy, der mich mit immer verwunderungsvollerem Blicke anſtierte. „Ich— ich kann nicht mehr!“ erwiderte er ſtöh⸗ nend.„O, mein Leib— ich fühle die Stangen— komm und laß uns zu Bette gehen.“ Ich erhob mich; als Ernſt Goy aufſtand, tau⸗ melte er beinahe. Der Rauch, das Bier, das Ge⸗ ſchrei und die Neuheit aller dieſer Erlebniſſe und Ge⸗ nüſſe hatten ihn ſchwindeln gemacht. Mit Mühe gelangten wir auf die Hausflur. Hier ſtand ein Student, der des Guten zu viel genoſſen hatte, an die Wand gelehnt und, mochte es Zufall oder Abſicht ſein, beim Vorübergehen ſtieß er mit Ernſt Goy zuſammen. 4 „Dummer Junge!“ erſcholl es von den Lippen des angetrunkenen Studenten. „Wie?“ rief Ernſt Goy ſich aufraffend—„Mei⸗ nen Sie mich?“ „Ja, Sie meine ich, Vieh Sie!“ „Vieh?!“— Und ehe der ſo verwunderungsvoll Fragende es ſich verſah, hatte er einen wackeren Fauſt⸗ ſchlag auf die Naſe, daß er einen Schritt rückwärts taumelte. Aber dieſer Spaß war dem gutmüthigen Studenten der Wundarzneikunſt doch zu neu und zu — 181— grob. Er faßte ſich kurz.„Wie!“ rief er,„Du Ber⸗ liner Windhund willſt einen weſtphäliſchen Bullenbei⸗ ßer anpacken? Das ſoll Dir ſchlecht bekommen“— * und mit einer Wuth, der nur ſeine Schnelligkeit gleich kam, hatte er den Studenten zur Erde geworfen und bedeckte ihn mit Schlägen. Der alſo Behandelte brüllte wie ein Thier, das man zur Schlachtbank führt. Wenigſtens ein Dutzend Studenten ſtürzten im nächſten Augenblicke zur Thür heraus und fragten, was es gäbe? Ich glaubte jetzt den Zeitpunkt gekommen, mei⸗ nen Gefährten aus der Schlacht zurückziehen zu müſſen, die Reſerven des Gefallenen waren mir zu ſtark. Ich faßte ihn am Rocke und riß ihn mit mir die Treppe hinauf. Man hatte uns in dem Tumulte und bei dem dämmernden Flurlichte nicht bemerkt, und bald ſaßen wir auf unſerm Stübchen eingeriegelt, wo ſich Ernſt Goy das Blut abwuſch, welches der Berliner Wind⸗ hund ſeiner weſtphäliſchen Naſe entlockt hatte. „Das iſt ein ſchlimmer Anfang, Ernſt Goy, 4 ſagte ich—„laß das künftig bleiben.“ „Hol's der Teufel— ſeine Naſe hat noch mehr abbekommen— aber das Bier— das Bier“— wim⸗ merte er—„ich glaube, der Kerl hat mich vergiftet — ich muß zu Bett— wo ſteht es— ah dal Es — 182— iſt gut, zieh mir die Stiefel aus— ich kann mich nicht bücken— ich glaube wirklich, ich habe vier Stan⸗ gen im Leibe.“* Ich that ihm den Liebesdienſt, und bald Inge er tief in den Federn begraben. Auch ich ging zu Bett, konnte aber wegen des entſetzlichen Lärms im unteren Gaſtzimmer vor ein Uhr kein Auge ſchließen. Ernſt Goy glaubte ich längſt eingeſchlafen— da wälzte er ſich im Bette und ſtöhnte jämmerlich. „Was haſt Du, Ernſt Goy, thut Dir die Naſe weh?“ „Ach, Naſe! Was kümmert mich die!— Grete! Grete!“ „Ach ſo!“ dachte ich und ſagte im Stillen:— „Chriſtel!“ „Höre,“ ſtöhnte mein Kamerad weiter—„hier gefällt es mir nicht, hier bleibe iih nicht bänge— ach! wenn Du wüßteſt“— „Was denn? Gieb Dir Mühe, ſhlaf ein, ich bin müde!“ „Ach ja, ich auch— aber wenn Du wüßteſt, wie ſchön ſie küßt—!“ Armer Ernſt Goy, dachte ich und drehte mich zum letzten Mal herum— auch ich kenne Jemanden, der ſehr ſchön küht— aber ich c ſage es Keinem!— — 183—. Am nächſten Morgen begab ich mich frühzeitig auf den Weg, wobei Ernſt Goy leider nicht mein Be⸗ gleiter ſein konnte, denn ſein Geſicht ſah um die Naſe herum aus, wie das eines Pavians, das heißt blau und geſchwollen. Ich ging durch die belebte Königs⸗ ſtraße, über den Schloßplatz, die Linden hinunter bis zur Friedrichsſtraße und brauchte wenigſtens zwei Stunden zu dieſem Wege, ſo viel des Neuen und Sehenswerthen trat mir überall entgegen. Endlich erreichte ich das Haus des Profeſſors Murſinna, der damals in der Nähe der Weidendammerbrücke wohnte. Er befand ſich glücklicherweiſe zu Hauſe, denn er war unpäßlich, da er ſonſt um dieſe Zeit gewöhnlich ſeinen Geſchäften und ſeiner großen Praxis nachging. Ein Diener führte mich in ſein Bücherzimmer, und da ſah ich den ſo eigenthümlichen Mann mit den kurzen wei⸗ ßen Haaren, der großen und ſcharfgebogenen Adler⸗ naſe, dem zuſammengekniffenen Munde und den dü⸗ ſter, aber ſcharf blickenden Augen in dem faltenreichen Geſichte vor mir ſitzen. Wenn man oft behaupten hört, daß viele Leute in der Welt ihren Namen mit Recht führen, indem ei⸗ nige oder mehrere Eigenſchaften ihres Charakters mit demſelben übereinſtimmen, ſo hatte man wenigſtens in Bezug auf Murſinna mit dieſer Behauptung einiges ——— =——— —— Recht, ich ſage einiges, denn vollkommen ſtimmten beide nicht zuſammen. Er war allerdings häufig, und gewöhnlich bei der erſten Begegnung mit einem Frem⸗ den, etwas murrfinnig; allein im Verlauf der Unter⸗ haltung und bei näherer Bekanntſchaft wurde er oft freundlich und vertraulich, was ſogar nicht ſelten in ſpaßhafte Offenherzigkeit hinüberſtreifte. Da ich die⸗ ſem Manne— ohne ſein großes Zuthun freilich— vielleicht mein ſpäteres Glück verdanke, denn viele mei⸗ ner künftigen Erlebniſſe leiteten ſich von ſeinem Um⸗ gange her, eigentlich aber noch weiter von dem Briefe, den ich ihm vom Profeſſor aus Münſter überbrachte, ſo muß ich hier dieſer meiner erſten Unterredung mit ihm etwas umſtändlicher gedenken, wenngleich ich mir vorgeſetzt habe, die vielen bedeutenden Männer, die ich in den nächſten zwei Jahren in Berlin genauer ken⸗ nen zu lernen ſo glücklich war, nur im Vorbeigehen zu erwähnen, da meine Aufgabe noch groß und die ſpä⸗ teren Verwickelungen meines Lebens dem Leſer viel⸗ leicht von größerem Intereſſe ſind, als die Schilderun⸗ gen damals lebender, ohnehin bekannter Männer. Ich trat alſo mit einer tiefen Verbeugung bei ihm ein, meinen Brief in der Hand haltend, wobei ich mich im Stillen glücklich pries, daß ich dieſen wenig⸗ ſtens noch auf der Erde beſtellen konnte. 2* — — 185— „Guten Morgen,“ ſagte er mürriſch,„ich bin krank— was wollen Sie?“ „Ich bringe herzliche Grüße aus Münſter vom Herrn Profeſſor... und dieſen Brief“ „Ah— dem Knochenmanne— hoho!“ Und er ſchnalzte mit der Zunge, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn ihn ein angenehmer Gedanke überkam, während er es niemals that, wenn er böſe oder unzufrieden war.„Was macht er? Hat er Kinder?“ „Ja, zwei; einen Knaben und eine Tochter.“ „Brav, ein Pärchen! Geben Sie den Brief her.“ Ich reichte ihn hin und er erbrach und las ihn ſogleich. Als er fertig war, ließ er einen forſchenden Blick über meine geringe Perſon gleiten und ſagte: „So! Alſo Student der Medizin! Wie lange haben Sie ſtudirt?“ „Drei und ein halbes Jahr.“ „Das iſt lange— freilich in Münſter auch! Sie hätten ſchon voriges Jahr hierherkommen ſollen, hier lernt man in einem Jahr, was dort in zweien.“ „Das ging aber nicht, Herr Profeſſor, ich war zu arm.“ „So! Was können Sie, was wiſſen Sie?“ „Steht das nicht im Briefe?“ fragte ich ganz be⸗ ſcheiden. — 186— „Was im Brief ſteht, Grünſchnabel, ſehe ich wohl, ich will es von Ihm allein hören!“ Und er ſah mich mit einem böſen und beinahe unheimlichen Blicke an. Ich nannte ſogleich alle Disciplinen, ſo wie die Kliniken, die ich beſucht. „So!“ ſagte er wieder und machte eine lange Pauſe. Schon glaubte ich, ich ſei entlaſſen, weil er nach ſeiner Taſchenuhr ſah— da fragte er mich raſch: „Wo ſind Sie her?“ „Aus Weſel. Später aber bin ich in Amſterdam und dann im Kloſter zu... geweſen.“— „Was haben Sie in Amſterdam gemacht?“ „Barbieren gelernt!“ Kaum war das Wort her⸗ aus, ſo fing er lebhaft mit der Zunge an zu ſchnalzen, ſah mich durchdringend an und machte eine höchſt freundliche Miene. „Barbiert? Das iſt mir lieb Haha! Das habe ich auch gethan und bin doch ein Kerl geworden — ich liebe die Leute, die von der Pike an gedient haben, es ſind gewöhnlich handfeſte Burſchen— aber warum ſind Sie nicht bei'm Handwerk geblieben?“ „Weil ich Trieb und Drang nach Viſeeſchaft und Kunſt in mir fühlte.“ „So! Das freut mich. Was haben Sie im Kloſter gemacht?“ — 187— „Meine viſſenſchaftliche Grundlage gelegt.“ „So! Hören Sie! Sie gefallen mir mit Ihrer natürlichen Offenherzigkeit. Sie müſſen aber bald an dis Examina denken. Wird das gehen?“ „Mit Gottes und Ihrer Hülfe, Herr Profeſſor“ eer war nämlich Examinator—„wird es ja wohl gehen. 24 „Mit meiner Hülfe? Wie meinen Sie das? Denken Sie, ich werde ein Auge zudrücken, weil Sie mir dieſen Brief bringen?“ „Gewiß nicht; ich werde Sie ſogar bitten, beide Augen recht weit aufzumachen und zu ſorgen, daß ich nicht, ohne etwas zu wiſſen, beſtehe, denn ich will aus eigenem Antriebe zu einer Stufe des Lebens gelangen, die mir Ehre macht, und lernen, um vielleicht wieder lehren, jedenfalls aber etwas Gutes leiſten zu können.“ „Ah! Alſo Sie wollen promoviren?“ „Ganz gewiß, und ſchon in einem halben Jahre denke ich Doktor zu ſein.“ 5 „Saſa! Langſam, langſam!— Hören Sie mal, Sie gefallen mir, wie geſagt,— ich kann Sie gerade jetzt gebrauchen. Mein Famulus iſt an der Schwind⸗ ſucht geſtorben— infame Krankheit— wollen Sie ſeine Stelle einnehmen?“ „O, mit tauſendfachem Danke, Herr Profeſſor!“ — 188— „Gut, ich bin es zufrieden— nun habe ich we⸗ der Wahl noch Qual— wohl! verſuchen wir es mit einander. Ich bin bisweilen etwas grob, ich ſage es Ihnen gleich— aber dann müſſen Sie ein Auge zu⸗ drücken, ich drücke auch mal wieder eins zu— wenn Sie doch mit zwei offenen meinerſeits renommiren— Na! wo wohnen Sie?“ „In der Papenſtraße.“ „Gott bewahre mich! Wie kann man in der Pa⸗ penſtraße wohnen? Das iſt ja am Ende der Welt. Sie wollen wohl dem Sißuiſter was zu verdienen geben?“ „Das gerade niihi aber freilich iſt es abge⸗ legen—“ „Das brauchen Sie mir nicht zu ſagen— ver⸗ ſtehen Sie mich? Das verſtehe ich allein— ſchwei⸗ gen Sie vor dem alten Murſinna—“ Ich war ſtill wie die Uhr unter ſeinem Spiegel, die lautlos auf Mitternacht zeigte, während es noch nicht einmal Mittag war. Er beruhigte ſich auch bald wieder und fuhr fort: „Sie müſſen näher bei mir wohnen, ich muß Sie am Faden halten, zann ich brauche Sie oft. Sodann zu Ihren ndnhe mich, hören Sie ſie an: Sie beſuchen alle meine Vorleſungen, meine Kliniken und — 189— aſſiſtiren bei meinen Operationen. Dann führen Sie die Liſte meiner Zuhörer— die nicht belegt haben, werfen Sie aus dem Auditorium und ſind dabei ſo grob wie möglich— mein verſtorbener Famulus war darin prächtig— denn das junge Volk will viel ler⸗ nen, aber wenig bezahlen. Außerdem kommen Sie je⸗ den Morgen hierher und—“ „Putzen mir die Stiefel!“ dachte ich, würde je⸗ den Augenblick herausfahren, ſolchen Herrnton hatte er angenommen, indeſſen fuhr er fort:„und beſorgen die laufenden Geſchäfte— Ihre weiteren Arbeiten werden ſich dabei finden. Dafür haben Sie frei: ſämmtliche Kollegien und Kliniken bei mir und meinen Kollegen, außer bei G..., der läßt ſich von Hund und von Katze bezahlen— ferner freies Examen bei mir. So ſind wir alſo einverſtanden. Aber vor allen Dingen ziehen Sie in meine Nähe, in die Mittelſtraße etwa, damit Sie ſich nicht die Lunge auslaufen und auch die Schwindſucht kriegen. Sodann gehen Sie zu Hufeland, Horn und Graefe, um ſich ihnen in mei⸗ nem Namen vorzuſtellen. Heim ſollen Sie auch ken⸗ nen lernen, er iſt die Sonne an unſerm Doktorhim⸗ mel. Leider lieſt er kein Kollegium, dazu hat er keine Zeit. Aber ſprechen hören ſollen Sie ihn. Alle dieſe Herren grüßen Sie von mir, und damit Sie etwas da⸗ „ — 190— bei zu thun haben— da— ſo tragen Sie dieſes Circulare herum, und Jeder, deſſen Name daraufge⸗ ſchrieben ſteht, ſoll es unterzeichnen. Uebrigens fan⸗ gen die Kliniken erſt im April an; bis dahin haben Sie Zeit, in Berlin herumzulaufen und Ihre Naſe⸗ weisheit zu befriedigen, denn auch Sie werden an die⸗ ſer Jünglingstugend leiden. Und nun ſind wir fertig — leben Sie wohl bis morgen früh und ſchonen Sie Ihre Lunge.“— Ich ging langſam die Treppe hinab und dachte über meine neue unverhoffte Anſtellung nach, die erſte im Leben und darum nicht die leichteſte, und in der That, ich fand ſie in Zukunft eben ſo reich an Leiden, wie an Freuden. Das aber ſah ich ſchon am erſten Tage ein, ich war da einem ſeltſamen Menſchen, einem wahren Heiden unter das Meſſer gelaufen.— So war ich denn, ohne vorher die geringſte Ah⸗ nung davon gehabt zu haben, Famulus bei einem be⸗ rühmten Profeſſor in Berlin geworden. Das will ſa⸗ gen: ein Sklave der Launen eines Gelehrten, der ein Leben der Mühen und der Aufopferung für einen fremden Willen führt, aber auch befähigt iſt, ein tüch⸗ tiges Stück von der allgemeinen Gelehrſamkeit in ſich aufzunehmen. Und das war die Hauptſache und im Ganzen mein Wunſch und meine Abſicht. Sehr bald 1 — 191— hatte ich die Bekanntſchaft aller kliniſchen Lehrer ge⸗ macht, mit denen Murſinna in näherer Beziehung ſtand und von denen ich noch Mancherlei lernen mußte, bevor es zum Examen ging. Alle hatten mich gut aufgenommen und ſuchten mich vorzugsweiſe zu fördern, beſonders Hufeland und Horn, die beiden Hauptärzte in der Charité; namentlich der letztere ſagte mir in ſeiner hervorſtechenden Eigenthümlichkeit, ſeinem ſprudelnden Humor und ſeinen blitzartigen Gei⸗ ſtesausbrüchen außerordentlich zu. Natürlich war ich in allen ihren Kliniken zu finden, bei allen Operatio⸗ nen mußte ich meine Hände in Blut tauchen, in allen Krankenſäälen Berlin's war ich zu Hauſe. Und über⸗ all hinter mir her wie mein Schatten, gleichſam wie⸗ der mein Famulus, trat Ernſt Goy in ſeinem ſtrah⸗ lendſten Glanze auf. Ich ſchmuggelte ihn in alle Kollegien ein, die für ihn Nutzen haben konnten, und wie ich mich ſelbſt zur Arbeit und zum Lernen trieb, ſo trieb ich auch ihn dazu, ſo daß er ſich oft beklagte: ihm rauche der Kopf von allem Wiſſen und er müſſe befürchten, ihn noch ganz in Feuer und Flamme auf⸗ gehen zu ſehen. Er hatte freilich auch nicht ſo viel Zeit zu verlieren, um vorwärts zu kommen, wie ich, denn er war ſieben Jahre älter; indeſſen wollte und konnte er auch nicht ſo weit wie ich, da ihm die wiſſen⸗ — 192— ſchaftliche Vorbildung, in allen Wiſſenſchaften, mögen ſie heißen, wie ſie wollen, die Hauptgrundlage, abging. Indeſſen war er fleißig, ſtrebſam und verſprach, auch als künftiger Wundarzt einſt ſo viel zu leiſten, wie er ehemals als Barbiergeſelle geleiſtet hatte. VWaren nun unſere Arbeiten und Mühen ſehr viel⸗ fältiger und verwickelter Natur, ſo waren unſere Ver⸗ gnügungen um deſto einfacher und nicht allzu koſtſpie⸗ lig. Unſere Weißbierkneipe in der Papenſtraße hatten wir ſchon nach einigen Wochen aufgegeben und waren in die Mittelſtraße zu einer ziemlich bejahrten Wittwe gezogen. Dieſe hatte einen erwachſenen Sohn, der beim königlichen Theater als Conuliſſenarbeiter ange⸗ ſtellt war, und durch ihn gelangte Ernſt Goy auf die Bühne. Als er das erſte Mal aus einem großen Rit⸗ terſchauſpiele nach Hauſe kam, erzählte er mir ſo Unge⸗ henerliches und Ueberirdiſches, daß ich neugierig wurde und bald darauf zum erſten Male in meinem Leben ein Schauſpielhaus beſuchte. Aber welcher Eindruck! Welches Blendwerk für meine der Kunſt ſo ſehr erge⸗ bene Seele! Eine ſtürmiſche Fluth von neuen Gedan⸗ ken und Empfindungen ſtrömte in mein leicht erweichtes Herz. Alles drehte ſich in meinem Geiſte, wie in Folge einer inneren Revolution um und um. Ich hörte die herrlichſte Muſik durch alle meine Sinne — 193— rauſchen und ſie entzünden— ich ſah reizende, niege⸗ ſehene Geſtalten, wie längſt geahnte Traumbilder, an meiner Seele vorüberſchweben— ich vernahm Worte, wie ich ſie nie vernommen, und wurde durch ſie wie auf Flügeln der Leidenſchaft in die ſüßen Geheimniſſe dieſer verführeriſchen Kunſt getragen. Was Wunder, daß von jetzt an mancher Thaler in jene unſichtbare Kaſſe hinter dem Gitter ſprang, daß ich manche koſthare Stunde, ſonſt der Arbeit und der ſtrengen Wiſſenſchaft geweiht, in Thalias Tempel verbrachte! Aber der Nutzen, den ich aus dieſen verlorenen Stunden zog, war dennoch groß und für mein bisher ſo einfaches Leben unberechenbar, denn meine Erfahrungen wurden erweitert, meine Lebensanſichten bereichert, meine An⸗ ſchauungen dehnten ſich auf ein von mir noch unbebau⸗ tes, unermeßlich großes und ergiebiges Feld aus. Wie ich vorher in den Büchern die Wiſſenſchaft ſtudirt, ſo ſtudirte ich jetzt die Menſchen und ihre Leidenſchaf⸗ ten in den Vorführungen der Kunſt, und es kam mir vor, als wäre mein Lebenslauf nicht lang und breit genug, die Fülle des unerwarteten neuen Schatzes zu faſſen und zu verarbeiten. Aber Murſinna kam ſehr bald hinter dieſe neuen von mir mit ſo großer Inbrunſt betriebenen Studien. Selbſt ein fleißiger Theaterbeſucher, hatte er mich einige. Fritz Stilling. II. 13 —, 194— 4 Male von ſeinem Platze aus bemerkt und mit ſeinem ſcharfen Blicke meine leidenſchaftliche Gluth für die Genüſſe der Bühne heraus erkannt; nach einigen un⸗ bedeutenden Anſpielungen folgte einen Tag nach Auf⸗ führung der Jungfrau von Orleans eine ernſte Straf⸗ predigt— er ſchnalzte dabei nicht mit der Zunge— ja, er war grob, ganz abſcheulich grob. Und das half. Im nächſten Oktober meldete er mich ſelbſt zum Examen rigorosum an— vier Wochen ſpäter war Alles abgemacht, meine Theſen vertheidigt und meine Promotion erfolgt. Zum Thema meiner Diſſer⸗ tation hatte ich die Eigenſchaften und Gebrechen des menſchlichen Kehlkopfes gewählt. Wie ich dazu ge⸗ kommen, erräth der Leſer, ohne daß ich es beſonders erwähne. Chriſtel, die mit allen ihren unausſprech⸗ lichen Reizen in mein tiefſtes Weſen gepflanzt war und daſſelbe wie ein reineres und höheres Element durch⸗ drang, hatte mich zu dieſer Aufgabe geführt. Ich glaubte tiefer in den Quell ihrer geheimnißvollen Lei⸗ ſtungen eingeweiht zu werden, wenn ich mit dem ana⸗ tomiſchen Meſſer und der phyſiologiſchen Loupe die Faſern des klangvollen Organs zergliederte, welches bei ihr ſo vollkommen ausgebildet war. Und ſo war ich Doktor der Medizin und Chirur⸗ gie geworden. Welch' erhabener Titel, welche großartige — — Stellung in der bürgerlichen Geſellſchaft für mich, den 1 kleinen armen Schneiderjungen aus Weſel, Humperdink's Lehrling, Ludovikus Schüler! O, man verdenke mir es nicht, wenn ich damals etwas ſtolz auf die hinter mir liegenden Abſchnitte meines Lebens zurück ſah, denn ich hatte mein jetziges Daſein ja ſo redlich durch ſtrenge Arbeit verdient. Geht es doch beinahe allen Menſchen einmal ſo im Leben. Der junge Offtzier, wenn er zum erſten Male ſeine Epauletten und ſeine Schärpe anlegt, blickt hochmüthig auf alle Welt herab, die nicht in Roth und Gold gekleidet geht; der junge Prieſter, wenn er zum erſten Male den Ornat über ſeinen alltäglichen Rock zieht, hält ſich den buntgeklei⸗ deten Menſchen gegenüber für den unmittelbaren Sendboten des gewaltigen Gottes; der Rechtsgelehrte, wenn er zum erſten Male den Richterſtuhl beſteigt, dünkt ſich allein für makellos und Alles unter ihm er⸗ ſcheint ihm ſchuldvoll und ſtraffällig, er träumt ſich ein zweiter Daniel auf Erden zu ſein. Und ich— auch ein ſchwaches Menſchenkind— ſollte nicht ſtolz darauf geweſen ſein— Recepte verſchreiben, Kranke heilen, Sterbende— in den Himmel befördern zu dürfen? Ol ich hätte keines Weibes Sohn ſein müſſen, wenn ich nicht damals eitel auf mich ſelbſt geweſen wäre— und ich war es, wahrhaftig, durch und durch!— 43* — 196— Und nun, kurze Zeit nach der eben überſtandenen Promotion, trieb der alte Murſinna mich mit Gewalt in's Staatsexamen.„Es geht,“ ſagte er,„wir ſind im Zuge— drauf los.“ Und Hufeland flüſterte er eines Tages in meinem Beiſein halb leiſe zu:„Mein Famulus ſchneidet wie ein Alter— er hat von mir was gelernt— der Junge hat Augen, Hand, Muth — wir wollen ihn vorwärts in's Feuer ſchicken.“ Und ich ging in das wiſſenſchaftliche Feuer, wie ich ſpäter in das eiſerne ging— muthig, ergeben, vertrauensvoll auf Gott. Und Gott— half! Schon Oſtern 1812 war ich fertig, mit Allem fertig, was da⸗ zu gehört, und konnte nun die ganze Welt, in meiner Einbildung wenigſtens, kuriren. Aber mein Geld— wo blieb das? Es war bis auf den letzten Pfennig darauf gegangen, trotz aller Sparſamkeit, aller Einſchränkung, aller ſchon früher er⸗ lernten Entbehrungen. Und ſiehe, als ſchon der letzte Thaler angeriſſen war, als ich ſchon verzweifeln und in meiner Angſt meinem Gönner Murſinna mich anver⸗ trauen wollte, da ſchickte mir derſelbe Gott, der mir bisher ſo väterlich zur Seite geſtanden, eine neue Hülfe, und dieſe neue Hülfe war mit einem großen Troſte und einer ungemeſſenen Freude verbunden. Man höre! — 197— Den Morgen nach Vollendung meiner Staats⸗ prüfung trat ich halb verklärt vom Ruhme und halb verdüſtert von Geldnoth bei meinem Meiſter ein. Er ſaß auf ſeinem Stuhle und ſchien ſchon auf mich zu warten. „Na, da ſind Sie,“ rief er mir entgegen,„ich gratulire. Es iſt gut gegangen. Hufeland iſt ſehr zufrieden, Horn auch— Graefe nicht minder— er lobt ihre Worte wie Ihre Meſſerſchnitte— na, und da muß ich wohl auch etwas loben. Es kommt ſelten. Haha!— Sie bleiben aber doch mein Famulus? Wollen doch jetzt nicht etwa davon laufen und ſchon auf eigene Fauſt kuriren?“ „Ich habe keinen Gedanken daran, Herr Profeſ⸗ ſor, ich will erſt— durch Sie— in das geheimniß⸗ volle Räthſel der Praxis eingeweiht werden.“ „Na, das denke ich auch, und ich hoffe, es ſoll ſchon gehen. Das iſt eben der Jammer der eben fer⸗ tig gebackenen Aerzte, daß ſie nun gleich wie junge Enten herumſchwimmen wollen. Aber das Leben iſt für den Menſchen kein Element, wie das Waſſer für eine Ente. Alle Geſchicklichkeit und Allwiſſenheit unſer⸗ eins iſt bei Weitem nicht ſo gut conſtruirt, wie der Schwimmfuß eines Waſſervogels. Bei Leibe nicht, ſo wahr ich Murſinna heiße! Haha! Bleiben Sie hübſch bei mir— Sie ſollen eine kleine Praxis haben, und — 198— erſt dann, wenn ich ſage: Ente! ſchwimme!— dann marſch hinaus— aber nicht auf einen Pfuhl, worin nur Stäckerlinge ſchwimmen, nein! gleich auf's Welt⸗ meer— da giebt's Wallfiſche und Perlen. Haha! Aber halt“— hier verdüſterte ſich ſein C Geſicht augen⸗ blicklich, er hörte auf zu ſchnalzen und ſah mich mit einem vorwurfsvollen Blicke an: „Halt! da fällt mir gerade zur rechten Zeit eine andere Geſchichte ein. Heißen Sie nicht mit Vornamen Fritz?“ „Ja, Herr Profeſſor, ſo heiße ich.“ „Nun, dann iſt es richtig. Wns haben Sie denn ausgefreſſen?“ „Ich?“ fragte ich erſtaunt und ſtarrte ihn mit großen Augen an. „Ja— Sie; wenn ich ſage: Siel ſo meine ich keinen Anderen. Glotzen Sie mich nicht ſo an. Wo iſt das Ding? aha, hier! Da iſt eine Vorladung für Sie auf die Quäſtur der Univerſität— da ſehen Sie—“ Ich nahm das Blatt und las es, es war wirk⸗ lich, wie er ſagte.. „Nehmen Sie und gehen Sie— und kommen Sie wieder, wenn es was Schlimmes iſt— vielleicht kann ich helfen. Guten Morgen!“ Mit hängenden Ohren ſchlich ich zur Quäſtur. — — 199— Man fragte mich genau nach meinem Namen. Und als ich mich legitimirt, bändigte man mir einen mit einem Wechſel beſchwerten Brief ein, der ſchon zwei Mal in Berlin geweſen war und mich nicht hatte fin⸗ den können. So wie ich nur die Aufſchrift ſah, ſprang mir das Herz in die Augen und preßte mir eine froh⸗ lockende Thräne heraus. Der Brief kam aus Prag vom Major van Hees. Ich ſtürzte wie ein Beſeſſener nach Hauſe, aller Pathos meiner neuen Würde war vergeſſen, riß den lieben Sendboten auf und las zehn Mal hinter einander, was auf ſeinen papiernen Blät⸗ tern ſtand. Ach! ich hatte viel zu leſen, denn Chriſtel hatte vier, der Major ſelbſt zwei und Grete einen Bo⸗ gen voll geſchrieben. Außerdem lagen hundertfunfzig Thaler in Wechſeln darin. Beinahe wäre ich in die Kniee geſunken, um Gott für ſo viele Güte und Liebe zu danken, die er dieſen theuren Menſchen für mich Armen eingeflößt. Und was las ich in dieſen langen Mittheilungen? Ach, der Leſer mag ſich das wohl denken. Liebe, Freundſchaft, Ergebenheit in jeder Zeile, in jedem Worte. Alle waren dieſelben für mich geblieben, wie ich ſie früher erkannt, alle waren ge⸗ ſund, heiter, friſch und hoffnungsvoll. Chriſtel machte große Fortſchritte in der Kunſt und wünſchte mir das⸗ ſelbe in der Wiſſenſchaft. — 299— O, dieſer ſelige Tag wurde in meinem Kalender roth angeſtrichen und der Abend in aller Stille auf meinem einſamen Zimmer in Gedanken an die Lieben verbracht, die mir nebſt meiner guten alten Mutter die Theuerſten auf der Welt waren. Allmälig, von Woche zu Woche in meinen Be⸗ kanntſchaften und Erkenntniſſen vorſchreitend, kam ich, wie Murſinna es mir verſprochen hatte, in die Praxis hinein. Er ſowohl, wie Heim und Hufeland, wies mir einige Familien zu, in denen ich, unter jener Mei⸗ ſter Aufſicht und Leitung, meine ſchülerhaften Opfer auf dem Altar Aeskulaps niederlegte. Daß ich dabei meine geliebten Krankenhäuſer nicht verſäumte, meine Kenntniſſe immer noch zu erweitern und meine Beob⸗ achtungsgabe auszubilden bemüht war, braucht wohl nicht erſt erwähnt zu werden, denn nur durch vieles Sehen, Verſuchen, Selbſtanfaſſen lernt der Arzt ſein ſchweres Berufsgeſchäft, welches dem Anfänger in ſei⸗ ner dünkelhaften Verblendung oft ſo leicht erſcheint und nur dem wirklich tief eingedrungenen Meiſter ſeine Schwierigkeiten enthüllt, wenn er es mit ſich und der Menſchheit ehrlich meint. Auch Ernſt Goy folgte min allmälig in Ablegung — 201— ſeiner Prüfungen nach, und wie ich ihn früher in den Vorleſungen hinter mir hergeſchleppt, ſo zog ich ihn auch jetzt in den verſchiedenen Krankenhäuſern mit mir herum. Ja, auf meine Verwendung erhielt er in einem ſtädtiſchen Hospitale eine kleine Beſtallung, wovon er zwar nur oder kaum nothdürftig leben, dabei aber doch ſich auf eine beſſere Zukunft vorbereiten konnte. So waren wir allmälig in den Monat Oktober 18412 gelangt, und— ich weiß es ſogar ganz genau aus meinem Tagebuche— es war der zwölfte Tag dieſes Monats, als mir Abends, nach mühſam voll⸗ brachtem Tagewerke und nachdem ich einen langen Brief nach Prag abgeſandt, beim Kramen in meinen Papieren das Heft Maximilian's in die Hände fiel, welches er ſelbſt über den Lebensmagnetismus verfaßt und mir vor ungefähr fünf Jahren geſchenkt hatte. Maximilian! Wo mochte er wohl ſein, der theure Mann? Das hatte ich mich ſo oft gefragt, ohne es mir beantworten zu können, und heute fragte ich mich wieder ſo und abermals vergeblich. Ach! er war ver⸗ ſchollen für mich, vielleicht lag er ſchon längſt in Gra⸗ bes Ruhe, denn ich wußte ja, daß ſeine Abſicht gewe⸗ ſen war, in den Krieg zu ziehen und gegen den Unter⸗ drücker von Europa mitzſeiner ganzen männlichen Kraft einzuſtehen. Und Krieg, Kampf, Blut und Tod hatte — 202— es genug ſeit unſerer Trennung gegeben, das weiß ja die Welt, wie ich es damals ſelbſt erlebte. Lange dachte ich an die Perſon des Schreibers dieſer Zeilen, ehe ich an die Durchleſung derſelben von Neuem ging. Denn ich hatte ſchon oft und wieder⸗ holt jene Blätter durchforſcht, ohne mich jedoch, ich ge⸗ ſtehe es offen, von der Wahrheit des Geſagten über⸗ zeugt gefunden zu haben. Denn es ſtand zu ſehr mit Allem im Widerſpruche, was die Weisheit und Erfah⸗ rung meiner von mir ſo hoch verehrten Lehrer mir als möglich und wahrſcheinlich darüber mitgetheilt hatte. Hufeland zwar hatte wohl einige Male am Krankenbette und auch in ſeinen Vorleſungen darauf angeſpielt und dieſen oder jenen Kranken als vorzugsweiſe zu magne⸗ tiſchen Verſuchen geſchickt bezeichnet, aber er war doch zu vorſichtig, oder zu diplomatiſch, Aeußerungen zu thun, die vollſtändig den Schleier wegzuziehen ver⸗ mochten, den er vor unſeren Augen wenigſtens über ſeine wahre Anſicht der Sache gebreitet hatte. Und doch, ſollte Maximilian, dieſer klare, offene, geiſtreiche Kopf, der das Wahre vom Falſchen, das Mögliche vom Unmöglichen ſo wohl zu ſichten verſtand, ſollte er ſeine ganze Kraft und Meinung an ein Hirn⸗ geſpinnſt geſetzt haben? Freilich, er ließ in ſeiner Schrift immer noch eine Hinterthür offen, denn er hatte — 203— nie geſagt:„es iſt ſo, es muß ſo ſein,“ ſondern im⸗ mer:„es ſcheint eine Kraft vorhanden zu ſein, ich glaube es, ich kann mir es wohl ſo denken!“ Und dann hatte er ſich und mich wieder auf eine künftige klarere Einſicht vertröſtet, der Zukunft die völlige Lüf⸗ tung des Schleiers überlaſſen und mich nur zum Aus⸗ harren, zur Selbſtforſchung aufgefordert, keineswegs mich aber blindlings zum Glauben an dieſe wunder⸗ bare Erſcheinung gedrängt und geſtachelt. Konnte nicht auch er mit ſeinem klaren Verſtande und ſeinem guten Herzen von Betrügern betrogen ſein, wie ſo viele andere berühmte Aerzte und Denker betrogen zu ſein vorgaben und dadurch die gläubige Welt ganz und gar an der Wahrheit der neuen Erſcheinung zweifeln ließen? A Dieſe mir ſchon oft und lange vorſchwebenden Ge⸗ danken kamen mir diesmal mit aller Friſche wieder in's Gedächtniß, und ich beſchloß, endlich jetzt ſelbſt Verſuche und Beobachtungen anzuſtellen, denn die Zeit war ja auch für mich gekommen, wo ich meine Studien dar⸗ über nicht zu vernachläſſigen brauchte, ich hatte die Zeit zum Forſchen und ſo wollte ich ſie zu ſo ernſten und intereſſanten Unterſuchungen benutzen. Zuvor aber, ehe ich an's Werk ſelbſt ging, wollte ich noch Eins thun. Ich wollte ernſtlich und eindring⸗ — 204— lich mit verſtändigen und von mir hochgeachteten Män⸗ nern darüber ſprechen, ihre Meinung hören und mir dadurch wenigſtens die Möglichkeit einer Zweckserrei⸗ chung offen erhalten. Ich ging alſo ſchon am andern Morgen zunächſt zu Murſinna und theilte ihm mein Anliegen offen und einfach mit. Aber beinahe wäre er ernſtlich böſe ge⸗ worden, als ich kaum davon angefangen, denn er fuhr vom Stuhle auf, ging mit fechtenden Armen vor mir auf und ab und nannte mich einen Undankbaren in der Wiſſenſchaft, der ſich ſeinen Famulus ferner nicht nen⸗ nen dürfe, weil er durch das viele Studiren wahr⸗ ſcheinlich ſein bischen Verſtand verloren habe. Ich beruhigte ihn, indem ich ſagte, ich fragte ja bloß nach ſeiner Meinung— ich ſelbſt hätte ja dar⸗ über gar keine— er ſolle mir auch hierin Lehrer ſein, wie er es in ſo manchem andern Guten geweſen. „Guten?“ fuhr er auf.„Den Teufel auch, Herr! Nennen Sie das Gutes, was aller Welt die Köpfe verrückt und womit die ganze bisherige, mühſam er⸗ rungene Wiſſenſchaft über den Haufen geworfen wird, noch dazu mit einer einzigen Armbewegung? Nein, nein, nein! Nichts da von dieſem durch Wunderkram veredelten Blödſinn! Wenn Sie mein Freund bleiben 41 4 — 205— wollen, ſchweigen Sie mir von dem Unſinn ſtill— abgemacht!— Wie befindet ſich unſer Operir⸗ ter?“——— Von der unzugänglichen Heftigkeit meines Mei⸗ ſters keineswegs vollkommen eingeſchüchtert, ging ich zu Heim. Der immer gefällige, freundliche und hülf⸗ reiche Mann hörte mich ruhig an. Schon während ich zu ihm ſprach, hatte er einige Male gelächelt. Als ich fertig war, grinſ'te er auf ſeine gewöhnliche liebens⸗ würdige Art und verzog den Mund auf eine ſo ſon⸗ derbare Weiſe, als wiſſe er eigentlich ſelbſt nicht, was er antworten ſolle, wobei mich jedoch ſein kluges, tief⸗ dringendes Auge mit einer wohlwollenden Offenherzig⸗ keit anblickt. „Ja, jg,“ ſagte er endlich,„ich glaub's!“ „Was glauben Sie, Herr Geheimerath?“ „Daß Sie das anzieht— ich bin nicht mehr jung genug dazu und— und, wenn man nur wenigſtens Zeit für dergleichen hätte. Hm, hm! Aber ich— ich für meine geringe Perſon glaube es nicht eher, als bis ich es ſehe, wie ich überhaupt nichts glaube, was ich nicht ſehe.“. „O!“ ſagte ich—„Sehen Sie denn den lieben Gott?“ Er ſah mich ſcharf an, nahm eine Priſe und rief: — 206— „Ja, ja, ja— ich ſehe ihn— Millionenmal je⸗ den Tag— ſehen Sie ihn nicht?“ „Wie Sie es meinen— freilich— auf dieſe Weiſe ſehe ich ihn auch— aber perſönlich— 2“ „Perſönlich? Können Sie denn etwas Perſönli⸗ ches an ihm ſehen? Den Tauſend auch! Wollen Sie Ihn mit dem Magnetismus vergleichen? Nein, nein, nein! An Gott brauche ich nichts Perſönliches zu ſehen, am Magnetismus aber will ich es ſehen, denn mir ſcheint es ſo göttlich nicht zu ſein, wie man es macht.“ „Da werden Sie aber lange warten können, Herr Geheimerath!“ „Nun, dann warte ich— dazu habe ich Zeit— und wenn ich es nicht erlebe, ſo kommen nach mir auch noch Leute, die die Weisheit und das Licht brauchen können, und mehr als ich habe.— Wollen Sie ſonſt noch etwas wiſſen— mein Latein darüber iſt zu Ende. Gehen Sie aber zu Hufeland, der hat darin eine fei⸗ nere Naſe. Haha!———“ Und ich ging zu Hufeland.— Hufeland war ein Hofmann, ein feiner, glatter Hofmann, und dabei, wie man weiß, ein durch und durch gebildeter, wiſſenſchaft⸗ licher, philoſophiſcher Kopf. Er machte es bei meiner jetzigen Frage, wie er es ſchon oft in den Vorleſungen — —— — 207— gemacht. Er hob den Schleier nicht, der unſeren Au⸗ gen ſeine Anſicht der Dinge verhüllte. Auch jetzt ſprach er Verſchiedenes in die Länge und Breite, und am Ende war ich ſo klug wie vorher, und das ſagte ich ihm geradezu. „Nun ja!“ erwiderte er.„Denken Sie, ich will mich an den Pranger ſtellen? Soll ich laut und öffent⸗ lich ſagen: ich glaube es, damit ſie mich, wenn ich todt bin, mit der ganzen Mesmer'ſchen Schule und Kleriſei in ein Loch werfen? Nein, lieber Stilling, ſo lieb Sie mir ſind— das thue ich auch Ihnen gegenüber nicht. Aber ich will Ihnen etwas ſagen— unter vier Augen— Sie müſſen mir aber verſprechen, nicht aus⸗ zuplaudern, daß ich Ihnen dazu gerathen—“ „Ich verſpreche es mit Hand und Mund—“ „Ich bin es zufrieden— Verſuche wollen Sie anſtellen? Das können Sie— gehen Sie zu K.... der iſt offenherziger, der hat noch mehr Erfahrung darin als ich— Sie kennen ja ſeine Schrift darüber, denn, denn— denn— nun, Sie werden ja ſehen— aber ſagen Sie ihm nicht, daß ich Sie zu ihm ſchicke, ſonſt hat er gleich einen Haken auf mich— adieu! le⸗ ben Sie wohl!— Grüßen Sie Murſinna!“— Alſo zu K.... Und das war der letzte, zu dem ich zu gehen beſchloß. Hier aber begegnete mir etwas — 208— ſo Eigenthümliches, daß ich es ganz zu ſchildern un⸗ ternehmen muß, weil es nicht allein meine ganze jetzige Beſtrebung in Bezug auf den thieriſchen Magnetis⸗ mus mit einem Schlage niederwarf und mich aller fer⸗ neren Hoffnungen, die Wahrheit zu ergründen, für den Augenblick beraubte, ſondern weil es, wie wenige von den vielen über ihn erzählten Zügen, ſo ganz den merkwürdigen Charakter dieſes ſeltenen, allgemein ge⸗ liebten und verehrten Lehrers an den Tag ſtellt, eines Lehrers, deſſen Namen hier nicht nennen zu dürfen, ich aus verſchiedenen Gründen bedaure. Der Profeſſor K.... war zu der Zeit, wo er dem Leſer vor Augen tritt, noch kein alter Mann, ſo⸗ gar noch in den kräftigſten Mannesjahren; aber ſeine, ſtetes angeſtrengtes Denken erfordernden, Beſchäftigun⸗ gen, ſein ernſtes, gemeſſenes und mehr in ſein Inne⸗ res gedrängtes Weſen ließen ihn an Jahren vorge⸗ rückter erſcheinen, als er wirklich war. Seinen ziem⸗ lich hohen Körper bewegte er langſam und gravitätiſch beim Gehen vorwärts, wobei er ſeinen römerartig kurz⸗ lockigen Kopf frei und kühn umherblicken ließ. Dieſer Kopf aber trug in ſeinen feinen Linien die deutlichſten Spuren geiſtiger Bildung und Spekulation an ſich. Sein blaſſes Geſicht war nicht durch ſcharf hervorſte⸗ chende Züge bezeichnet, aber man las mit einiger Auf⸗ — 209— merkſamkeit Dinge darin, welche die meiſten Menſchen in den Winkeln ihres Herzens zu verbergen pflegen. Dieſer gelehrte Mann machte nie einem Menſchen ein Hehl aus ſeinen augenblicklichen Empfindungen. Freude, Zorn, Ergebenheit, Haß, Zutrauen, Mißtrauen — Alles was er empfand, ſpiegelte ſich zum Greifen deutlich in ſeinen Zügen ab. Am meiſten ſichtbar war dies in den Falten um ſeinen Mund, den er fortwäh⸗ rend im Muskelſpiele bewegte, bald öffnete, bald zuſam⸗ menkniff und dieſe Bewegungen dann durch den ſchar⸗ fen aber gutmüthigen, ſogar bisweilen herzlichen Aus⸗ druck ſeines Auges unterſtützte. Er war ein großer Arzt, durch und durch in al⸗ len Fächern gebildet und namentlich in der Chirurgie ein anerkannter Meiſter. Klar in ſeinen Forſchungen, war er ungemein gewandt in Anwendung aller mögli⸗ chen Mittel, die ihm eine reiche Erfahrung als Arzt an einem großen Krankenhauſe zu Gebote geſtellt hatte. Er liebte in ſeinen Anſchauungen eben ſo ſehr, wie in ſeinen Vorträgen, die Gewißheit, er dachte und grü⸗ belte ſo lange über einen zweifelhaften Punkt, bis er ſagen konnte: Meine Herren, dies iſt ſo wahr, wie drei mal drei neun! Eher war er nie befriedigt, und ſo be⸗ lehrte er ſeine Schüler, die, was ſie bei ihm lernten, in ihrem ganzen Leben nicht wieder vergaßen, weil ſie Fritz Stilling. II. 14 — 210— ſich ſtets der damit verknüpften Beweisgründe des verehrten Lehrers erinnerten. Welchen Nutzen ein ſol⸗ cher Mann für aufmerkſame und lernbegierige Schül er haben konnte, iſt leicht zu begreifen; welche allgemeine Liebe und Verehrung er erworben, beſtätigen wir Alle freudig, die wir das Glück hatten, aus dem reichen Born ſeiner klaren Geiſtestiefe zu ſchöpfen. Zu dieſem Manne alſo ging ich, um mich von ihm in Bezug auf den thieriſchen Magnetismus unterwei⸗ ſen zu laſſen. Hätte ich gewußt, daß dieſer thieriſche Magnetismus den einzigen Kummer ſeines Lebens heraufbeſchworen, und ihn jedesmal, wenn man in ſei⸗ ner Gegenwart davon zu ſprechen anfing, in die größte Reizbarkeit, ja, in Jähzorn verſetzte, ich hätte mich ge⸗ hütet, mein Unternehmen auszuführen, ſelbſt wenn die aus ſeiner intereſſanten Unterhaltung geſchöpfte Be⸗ lehrung für mich verloren gegangen wäre. Ich wurde in ſein Studirzimmer gewieſen, weil er in ſeinem gewöhnlichen Empfangszimmer gerade mit einer Dame ſprach. Jenes war ſehr groß, aber durch viele Möbel, Bücherſchränke, Inſtrumentenappa⸗ rate dergeſtalt beengt, daß man kaum ſo viel freien Raum wahrnahm, um ſich bequem umdrehen zu kön⸗ nen. Selbſt der mittlere Raum, in anderen Zimmern meiſt frei gehalten, war bei ihm von einem großen — 211— Tiſche eingenommen, der wiederum mit allerlei Gegen⸗ ſtänden faſt überladen war, die jedoch ſämmtlich in muſterhafter, beinahe mathematiſcher Regelmäßigkeit aufgeſtellt und— ich möchte ſagen— nach Winkel⸗ maaß und Cirkelſchlag aufgebaut waren. Ich behielt Zeit genug, mich in dieſem merkwürdi⸗ gen Zimmer hinreichend umzuſchauen, denn es dauerte beinahe eine halbe Stunde, ehe das Geſpräch mit der Dame im Nebenzimmer zu Ende war. Ich blickte während dieſer Zeit neugierig in einige Bücher, be⸗ trachtete verſchiedene Inſtrumente, beſah zuletzt gerade einen aus Steinpappe ſehr ſchön gefertigten Globus — als die Thür aufging und ernſten Geſichts und mit gravitätiſcher Haltung der Profeſſor eintrat. Da ich ſein Herankommen nicht gehört hatte, weil der Fuß⸗ boden in ſeinem Hauſe überall mit weichen Teppichen belegt war, ſo erſchrack ich unwillkürlich über ſeine plötzliche Erſcheinung, machte dabei eine haſtige Be⸗ wegung und— ſtieß mit dem rechten Arm eine Flaſche von einem Tiſche, die auf den Teppich fiel, zerbrach und zu meinem Schrecken ein Meer von ſchwarzer Tinte zwiſchen dem Profeſſor und mir ergoß. Da ſtanden wir beide, er an der Nord⸗, ich an der Südküſte dieſes ſchwarzen Meeres, und ſtarrten uns verwundert an, wobei ſich, in mir wenigſtens, das 14* — 212— unangenehme Gefühl eines ärgerlichen Erſchreckens kundthat. Ich hatte im Augenblick keine Worte und deutete nur mit Miene und Hand auf den angerichte⸗ ten Schaden. Anfangs ſchien es, als wenn der vor mir ſtehende 65 und die Reinlichkeit und Ordnung über Alles liebende 1 Mann in Zorn losbrechen wollte, ſogleich aber faßte er ſich und fing ſogar bedeutungsvoll zu lächeln an. „Da haben wir's!“ ſagte er.„Aengſtigen Sie ſich nicht, mein lieber Doktor, durchaus nicht; es konnte nicht anders ſein, es iſt heute ein Unglücks⸗ tag für mich. Ja, tröſten Sie ſich, eigentlich iſt mir ganz Recht damit geſchehen, denn warum ließ ich die Flaſche da auf dem Tiſche ſtehen?“ Ich ſlüſterte einige Worte der Entſchuldigung und ſtand noch immer, trotz ſeiner beruhigenden Worte, un⸗ angenehm aufgeregt da. „Laſſen Sie es gut ſein und ſetzen Sie ſich,“ fuhr er fort.„Es koſtet nur einen neuen Teppich, und das iſt nicht ſo arg. Die Lehre aber, die Sie mir heute geben, iſt für mich von Bedeutung, denn Sie beſtä⸗ tigt meine Erfahrungen; ich konnte den Unfall vor⸗ her ſehen und war unklug genug, ihm nicht vorzubeu⸗ gen. Sehen Sie, ich bin in dieſer Beziehung eine Art Fataliſt. Denn es giebt, ich kann es beſchwören, — 213— für jeden Menſchen Tage, an denen ihm, er mag an⸗ fangen, was und wie ſchlau er es will, Alles miß⸗ glückt. Der heutige Tag iſt für mich ein ſolcher: ich bin aber durch Erfahrung daran gewöhnt und beklage mich daher nicht. Früher freilich brachte mich derglei⸗ chen aus der Faſſung; nachdem ich aber darüber nach⸗ gedacht, bin ich zu folgendem wichtigen Reſultate ge⸗ kommen: Wenn ich Morgens ganz friſch und fröhlich aus meinem Bette aufſtehe und an nichts Schlimmes denke, und mir dann ein Unheil begegnet, ſo ärgere ich mich natürlich; ſobald aber das zweite Unheil dar⸗ auf folgt, ſo ſage ich mir: gelehrter Herr, ſei vernünf⸗ tig, es iſt heute ein Unglückstag, es wird auch noch das dritte Unheil geſchehen. Nun kann kommen, was will, es findet mich gewappnet und gelaſſen und bringt mich nicht aus meiner philoſophiſchen Ruhe. Sehen Sie, dieſes Meer von Tinte auf meineg allerneueſten und ſchönſten Teppich iſt heute ſchon mein drittes Un⸗ glück, und nun mag noch kommen, was der Teufel ſchickt, es würde mich nicht im Geringſten aufbringen, ja, ich würde dazu lächeln, denn ich habe es vorher gewußt. Selbſt wenn Sie bei'm Hinausgehen aus dieſer Thür nachher mir meine Kleinigkeit von Naſe abquetſchten, ich würde es mit Gleichmuth ertragen, denn warum nahm ich mich nicht in Acht und bringe — 214— meine Naſe in Ihre gefährliche Nähe?— Doch— laſſen wir das— ſehen Sie nicht mehr dahin, Sie ändern es nicht— ich habe Ihnen nun meine Anſicht der Dinge entwickelt— was verſchafft mir die Ehre Ihres angenehmen Beſuchs?“ Ich verbeugte mich und erwiderte:„Obgleich ich Ihre philoſophiſche Faſſung bewundere, Herr Pro⸗ feſſor, und mir dieſelbe zum Muſter nehmen werde, ſo muß ich doch daran zweifeln, daß nach dem Vorge⸗ fallenen mein Beſuch gerade angenehm für Sie iſt. Indeß ich bin gekommen, um Ihnen eine Gewiſſens⸗ frage vorzulegen, um mich ſelbſt zu unterrichten, und da Sie ſtets ſo gütig ſind, Ihre Belehrungen uns jungen Leuten offen mitzutheilen, ſo hoffe ich, keine Fehlbitte zu thun.“ „Eine Gewiſſensfrage?“ wiederholte er und ſah mich aufmerkſam und mit ſeinem Stuhle einige Zolle näher rückend, voller Theilnahme an. „Ja, Herr Profeſſor; ich bin wißbegierig und gehe gern an die Quelle, um zu ſchöpfen. Sie ſind für mich dieſe Quelle und- „So ſchöpfen Sie!“ und er nahm eine unge⸗ heure Priſe aus einer ſchönen goldenen Doſe. „Ich komme zu Ihnen, um aufrichtig zu fragen, da Sie große Erfahrungen in dieſem Punkte geſam⸗ — 215— melt, darüber nachgedacht und ſogar geſchrieben haben — was iſt Ihre wahre Meinung in Bezug auf— den thieriſchen Magnetismus?“ Kaum war das Wort heraus, ſo veränderte ſich der ganze gemüthliche Auftritt. Ich war in der That mit der Hand in die glühenden Kohlen gefahren, und das Feuer, welches vor mir aufblitzte, ſollte mich bei⸗ nahe verſengen. Denn er ſprang auf— ſtieß rechts und links verſchiedene Dinge mit ſeinen herumfahren⸗ den Armen um und ſchrie mit den Zeichen des voll⸗ kommenſten Zornes auf ſeinem ſprechenden Antlitz: „Da— da haben wir's! Das iſt zu viel, mein Herr, das iſt das größte Unheil von allen, die mir heute widerfahren, das iſt kein Meer von Tinte, das iſt ein Meer von Abſcheulichkeit und Hinterliſt— ha! welcher unbarmherzige Dämon hat Sie zu mir ge⸗ ſchickt?“. Ich ſtand wie verſteinert vor ihm und ſchaute den vorher ſo gelaſſenen Mann mit Verwunderung an— er war wie verwandelt, er ſchien aus einem Mentor ein Donnergott geworden zu ſein. „Wer mich geſchickt hat?“ fragte ich kleinlaut. „Meine Wißbegierde, Herr Profeſſor!“ „Ihre Wißbegierde? Ihre Neugierde, wollen Sie ſagen. He? Dieſer Beelzebub der vorlauten Ju⸗ — 216— gend! Alſo das iſt der Satan, der mich heute plagt? Nein, nein, nein! Man hat Sie zu mir geſchickt, um mir dies große Leid anzuthun?“ „Gewiß nicht, Herr Profeſſor!“ betheuerte ich. „Ich bin leider aus eigenem Antriebe gekommen.“ Und ich ſah deutlich, wie dieſe Worte ihn beruhigten. „Nun,“ fuhr er etwas milder fort,„dann iſt es noch gut. Ich dachte ſchon an den alten Murſinna, er hat bisweilen ſolche Kneifzangen im Leibe— aber, haha! da hat mein Zorn doch einmal wieder über meine Philoſophie triumphirt— ſehen Sie, wie ſchwach der Menſch iſt— jetzt ſehe ich es ein— ich habe Un⸗ recht— denn es giebt, ja, ja, es giebt Unglückstage — und dieſer iſt ein ſolcher, der allerärgſte, ich be⸗ greife es.“ „Aber wie ſollte eine ſo unſchuldige Frage— 2“ „Mein Herr, hören Sie mich an. Ihre Frage war es nicht, die mich aufbrachte, aber die Sache ſelbſt, um die es ſich hier handelt. Erfahren Sie denn, daß ich in meinem ganzen Leben Arbeit in Fülle gehabt habe, und daß mir alle dieſe Arbeit Freude und Befriedigung gebracht hat. Die Arbeit aber, die ich auf den Gegenſtand verwandt, welchen Sie jetzt erwähnen, hat mich allein nicht nur unbefriedigt ge⸗ laſſen, ſondern mir geradezu wehe gethan. Doch, Sie — 2417— wiſſen vielleicht nicht, daß ich dieſer Angelegenheit we⸗ gen im ſchwarzen Buche der Weiſen ſtehe, was eben ſo viel iſt, als wenn ein Student wegen demagogi⸗ ſcher Umtriebe an's ſchwarze Brett genagelt wird. Denn ſehen Sie, ich bin ſo thöricht geweſen, meine jugendlichen und abentheuerlichen Gedanken und meine damit verbundenen oberflächlichen Erfahrungen als Wahrheiten, als Offenbarungen meiner allerſublimſten Seele zu betrachten, und dieſe ſogar— gedruckt in die Welt zu ſchicken. Das war eine ungeheure Dumm⸗ heit, mein Herr, die ich mir nie vergeben werde. Denn, wiſſen Sie, kaum war das verhängnißvolle Buch in alle Weltgegenden verſandt, kaum laſen die kritiſchen Augen der Gelehrten und die blöden Augen der Dummen meinen ehrlichen Namen auf dieſem Buche— da fing das Unheil meines Lebens an, wel⸗ ches bis dahin ſo harmlos und glücklich geweſen war. Ich wurde verhöhnt, verſpottet, verklagt, verläſtert wie Judas Iſcharioth, der den Herrn verrathen hat, und — und, was das Schlimmſte war und was ich den⸗ noch keinem Menſchen ſagen durfte— ich ſah ein, daß man gegen mich Recht hatte; denn kurz nach dem Er⸗ ſcheinen jenes Buches bemerkte ich, daß ich— betro⸗ gen war, daß ich alſo, den Betrug lebendig fortpflan⸗ zend, ebenfalls als Betrüger daſtand; denn was hal⸗ — 218— fen mir alle meine Aufklärungen— das infame Buch war fertig, gedruckt, ſehr ſchön ſogar gedruckt, und lag vor Aller Augen da, wie Gottes ſchöne Natur vor der Menſchen Augen liegt.“ „O!“ ſagte ich und bedauerte tief, d daß ich dieſe Scene herbeigeführt. Er bemerkte auch ſogleich meine Stimmung und fuhr beſänftigt fort: „Faſſen Sie ſich, Sie können nicht dafür— das Unheil liegt in mir, nicht in Ihnen; warum war ich ſo zrlaut? Es iſt mir ganz Recht Eeichohen, ich ſehe es ein.“ 8 „Alſo wirklich betrogen, Herr Profeſſ or?“ „Wirklich belogen und betrogen, und ich nicht al⸗ lein, ſondern zugleich ein Freund und Studiengefährte, mit dem ich in Halle, Heidelberg, Göttingen ſtudirt, ein Mann, ſo klar, ſo rein, ſo voller ehrlichen Stre⸗ bens wie ich— denn unſere Somnambule, die man uns unter die Hände geſchoben, war von einem Prie⸗ ſter, ihrem Beichtvater, bearheitet, und ſie, ſie und er ſtreuten uns Sand in die allzu gelehrten und deshalb getrübten Augen.“ 2 „In Halle, Heidelberg, Göttingen—— 2“ dachte ich.„Wer war dieſer klare Mann?“ fragte ich mit Herzklpfen und verglich in Gedanken das Alter des vor mir Stehenden mit dem eines Anderen. — 219— „Wer es war? Das kann ich Ihnen dreiſt ſagen, denn er weiß jetzt ſeinen und meinen Irrthum auch und hat mir um ſo eher geglaubt, als ich es ihm vor zwei Jahren ſchrieb, da ein Beichtvater, ein Prie⸗ ſter, von denen er nie viel hielt, der Betrüger war— es war ein junger Edelmann— ſchön— gut— vor⸗ trefflich— nachher Leibarzt des Herzogs von...“ „Max Nippold von Schellenberg!“ rief ich. „Wie? Sie kennen ihn?“ „Ja, ja, Herr Profeſſor, ich kenne ihn ſehr gut. Wo iſt er? Wiſſen Sie was von ihm?“ Er ſtand ſcharfblickend vor mir, als ſchaue er in mein Herz. Meine Aufregung war ihm nicht entgan⸗ gen, er ſchien zu fühlen, daß ein Geheimniß mich mit dem Genannten verband. „Ah ſo!“ ſagte er—„Alſo Sie kennen ihn?“ „Ja, ja, ich kenne ihn und bin in Ungewißheit über ſein Schickſal.“ „Wenn Sie weiter nichts wollen— das hätten Sie mir gleich ſagen ſollen, da hätten wir uns beide nicht zu ereifern gebraucht— er ſchreibt mir alle Jahre einen langen Brief— er iſt nicht glücklich geworden — jüngſt iſt er in Spanien geweſen, hat in Saragoſſa für Freiheit und Leben gekämpft, iſt dann in Oeſter⸗ reich geweſen, wo er daſſelbe gethan—“ — 220— „Aber jetzt, jetzt— wo iſt er jetzt?“ „Jetzt iſt er bei York in Preußen, oder wenigſtens iin der Nähe von York, denn er ſieht einen Umſchwung aller Verhältniſſe voraus und will mit unter den Vor⸗ derſten ſein, die dem Unterdrücker der civiliſirten Welt den Schuh auf's Auge drücken—“ „Ah! alſo er lebt, Gott ſei Dank!“ Und ein langer Seufzer hob und erleichterte meine Bruſt. Was wir nun noch ſprachen, weiß ich nicht mehr, ich überhörte Alles. In meinem Gehirne gährte es. Ich hatte einen neuen Gedanken in mir aufſteigen ge⸗ fühlt. In einer halben Stunde ſaß ich zu Hauſe in meinem Zimmer und grübelte über dieſen Gedanken nach, den ich in Wirklichkeit und That zu verwandeln beſchloß. VIII. 6 Der Schüler tritt auf den Schauplatz der Welt. Ich habe bisher nichts oder nur ſehr wenig über die großen politiſchen Ereigniſſe geſprochen, die ſeit meiner Lobenszeit die Welt erſchütterten, jetzt aber führt mich mein Lebenslauf nothwendig ſelbſt darauf. Das Jahr 1812 war gekommen und der große erdbebenartige Orkan, welcher in den Schneefeldern Rußland's gegen die Eroberer Europa's losgelaſſen werden und den un⸗ geheuerſten Wechſel in Sieg und Macht herbeiführen 4 4 ſollte, ließ ſich ſchon in wenigen aber doch bemerklichen 3 Vorzeichen, gleichſam in kleineren vorlaufenden Erd⸗ ſtößen, allmälig fühlen. Es wehte eine ſcharfe und belebende Luft durch die Geiſter der unterdrückten Na⸗ tionen; aufmerkſam wandten ſich die Blicke Aller vol⸗ ler Beſorgniß und doch voller Hoffnung dem nordiſchen Kampfe entgegen, von deſſen ſchneebedeckten und blut⸗ 222— gerötheten Gefilden das brauſende Gegengewitter ſei⸗ nen Anfang nehmen ſollte. Man befand ſich damals in einer merkwürdigen Spannung und Erregtheit; alle ſonſtigen Lebensbedürfniſſe waren in den Schatten ge⸗ treten vor dem einen großen Bedürfniß, den ſchweren, erdrückenden Stein der Sklaverei von der frei gebore⸗ nen Bruſt abzuwälzen. Das Vergnügen, ſonſt in aller⸗ lei Form und Geſtaltung die menſchlichen Leidenſchaf⸗ ten beherrſchend, erblaßte und verlor ſeinen alten, ge⸗ wohnten Reiz; man dachte, hoffte, arbeitete viel mehr einem allmälig lebendiger und klarer hervortretenden Gefühle entgegen. Man aß und trank nicht, wie ſonſt, um nur zu eſſen und zu trinken und ein gewiſſes Wohlbehagen dabei zu empfinden, ſondern man aß und trank nur um ein zur Erhaltung des Lebens nothwen⸗ diges Bedürfniß zu befriedigen; ja, man ſchlief weni⸗ ger als ſonſt, man wachte lieber in Vorausſicht einer fröhlichen lichten Morgenſtunde und hatte ſtets for⸗ ſchend und horchend Auge und Ohr auf Rußland ge⸗ wandt. Es war, als ob man die Waſſer im Schick⸗ ſalskeſſel der Völker ſieden und brodeln hörte und als erwarte man jede Stunde irgend einen Ausbruch von Innen her, der den Deckel deſſelben abwerfen und das gar gekochte Ungethüm vor die verwunderungsvollen Augen der zuſchauenden Welt ſtellen würde. — 223— Woher man das Alles erwartete, wie man das Alles vorausſah, ich kann es mir nicht anders erklären, als daß es der brennende Wunſch aller Derer war, die, Jahre lang unterjocht und mit Füßen getreten, geiſtig und phyſiſch das Leben von Sklaven führten, das lange genug getragene ſchimpfliche Joch abzuſchütteln und mit erleichtertem Nacken und freigewordenem Geiſte dem Weltzertrümmerer und ſeinen Knechten trotzig in das gorgonenbleiche Geſicht zu blicken. Das elektriſche Fluidum hatte Zeit gehabt ſich anzuhäufen; wenn es einmal losbrach, brach es ge⸗ waltig los. Das ſahen wir Alle ein. Und daß die beſtimmte Vorahnung vorhanden war, vom Norden müſſe es diesmal kommen, das bezeugen mir gewiß Alle, die damals mit mir gelebt und nicht gedanken⸗ und planlos das Getreibe des tobenden Weltgeiſtes mit angeſchaut haben. So lange meine Studien mich Tag und Nacht beſchäftigt hatten, ſo lange hatte ich mein inneres und äußeres Geſicht den politiſchen Ereigniſſen nicht zuge⸗ wandt. Jetzt waren meine Hauptſtudien beendet und ich gewann Zeit und bekam Luſt, mich nach dem Stande des Wetters draußen umzuſchauen. Ach! da ſah ich nicht viel Angenehmes und Gutes. Mein Vaterland getheilt, in ein kleines Kernſtückchen zuſam⸗ — 224— mengedrängt, am allen Enden und Ecken von feindli⸗ chen Heeren umgeben, von franzöſiſchen Wächtern be⸗ obachtet, theilweiſe auch von franzöſiſchem Zügel ge⸗ leitet. Eine Menge von Kräften bereit, eine große und gewaltige That zu wagen, aber dieſe Kräfte noch ge⸗ bunden, gleichſam in den Schraubſtock der Furcht ge⸗ preßt, nicht begeiſtert genug, ſich kühn an das Mor⸗ genroth der Freiheit und des Lichtes zu wagen. Schon lange gährte es in den tauſend jungen Herzen, und die jugendlichen Arme zuckten, während die geſchloſſe⸗ nen Lippen verpönte Flüche murmelten. „Maximilian iſt in Preußen, im Angeſichte des Krieges,“ war mir zufällig geſagt, und dieſes Wort rüttelte mich aus meiner Ruhe auf, wie der Schall einer Trompete die Thatkraft des ſchlummernden K Krie⸗ gers erweckt, und zeigte mir den Weg, den allein zu wandeln für mich jetzt eine moraliſche Nothwendig⸗ keit war. Schon am Morgen nach dieſem Tage trat ich be⸗ klommen und aufgeregt bei Murfinna ein.„Was ha⸗ ben Sie,“ ſagte dieſer,„ſind Sie unwohl?“ „Nein, Herr Poofeſſor, aber ich glaube, wir wer⸗ den Krieg bekommen.“ „Haha! Haben Sie ein Geſicht geehe, oder ha⸗ ben Sie das geträumt?“ ——— — 225— „Ich glaube es ſchließen zu müſſen aus den auf⸗ geregten Gemüthern und der Lu, d die im ganzen Lande dazu herrſcht.“ „So mit einem Mal? Dummes Zeug! Wir ha⸗ ben keinen Krieg und werden ſobald keinen haben. Sie ſind albern. Sie denken doch nicht daran, auch mitzugehen, wenn es losbricht?“ „Ganz gewiß; ich werde nicht zurückbleiben, ver⸗ laſſen Sie ſich darauf.“ „Was? Und das ſagen Sie mir, dem alten Mur⸗ ſinna? Sie ſind ein Undankbarer! Jetzt, nachdem ich Sie dazu gebracht, was Sie ſind, wollen Sie mich verlaſſen? Oho! Daraus wird nichts, gar nichts. Wie können Sie denken, daß ich Sie jetzt entbehren kann, da Sie meine rechte Hand geworden ſind? Ihre Zukunft liegt noch feſt verſchloſſen in meiner Linken — ſehen Sie— ich halte ſie zu— und ich brauche ſie bloß zu öffnen und davon fliegen Sie als—„, „O, o öffnen Sie ſie— ich bitte Sie darum—“ „Machen Sie mich nicht im Ernſt böſe— ich glaube, Sie faſeln. Was wollen Sie denn ſchon? Phantaſiren Sie? Die Weltgeſchichte ſteht ja jetzt ſtille— die Franzoſen werden da oben einfrieren, dann i*ſt Alles vorbei. Nein, nein, warten Sie. Wenn es losbricht— bei uns— meinetwegen— drauf los— Fritz Stilling. II. 45 — 226— ich werde ſchon dafür ſorgen, daß Sie nicht hintenan ſtehen, aber vorher nur keine Schrullen, bitte ich mir aus. Noch einmal, ich verlange es von Ihnen, ſtecken Sie mich alten Mann nicht mit Ihren albernen Ge⸗ ſichtern an— ich laufe am Ende auch noch mit, wenn Alles fortläuft— aber das ſage ich Ihnen, Sie kom⸗ men nicht eher aus dieſer meiner linken Hand los, als ich ſelbſt es will. Abgemacht— da ſind Ihre heuti⸗ gen Beſuche—!“ Alſo für's Erſte war ich noch gebannt, mein alter Magier hielt noch den wirkſamen Zauberſtab, ſeine Zuchtruthe über mir, und ich gehorchte, wenn auch murrend und ſcheltend.— Wir wurden drei Monate älter und lebten fiebe⸗ riſch aufmerkſam, alle Sinne auf die bevorſtehenden und als gewiß vorausgeſetzten Ereigniſſe geſpannt, fort. Da drang der Ruf jener ungeheuren, anfangs ungeglaubten, bald aber nur zu wahr geſchilderten ret⸗ tenden That zu unſeren Ohren. Der große und er⸗ habene Mann, York mit Namen, hatte den Schritt gewagt, den einzigen, der unſerer Ehre und unſerem Ruhme noch fehlte, um alle ſchlafengegangenen Hoff⸗ nungen zu lebensfriſchen Thaten zauberartig ſchnell aus ihrem Schlummer zu wecken. Er hatte das Schwert aus der Scheide gezogen, worin es beinahe — 227— verroſtet wäre, und es vor den Augen des ganzen Preußenlandes in der Sonne des allmächtigen Gottes blitzen laſſen. Dieſer Blitz aber leuchtete gleich einem Wetterſtrahl bis zu uns und noch weiter herüber, und das elektriſche Fluidum, lange zuſammengepreßt und gebunden, brach wie ein Blitzſtrahl mit himmliſchem Donner los, deſſen Gekrach alle Herzen, Zungen und Arme zauberähnlich ſchnell entfeſſelte. Das Jahr 1813 begann, ein Jahr, wie wir Preu⸗ ßen es noch nicht erlebt, wie es wohl ſelten herrlicher und glänzender einem Volke vom Alterthume bis jetzt geleuchtet hat. Wir ſahen die erfrorenen und beſieg⸗ ten Franzoſen in Berlin, in unſerer nächſten Nähe, wir ſahen ſie alle Tage, wie ſie ſich von Neuem rü⸗ ſteten, um uns vielleicht auf's Neue zu unterjochen, aber dann auf ewig. Das trieb uns zum Widerſtande. CEs ſtachelte uns, es peitſchte uns mit Gewalt in die Schlacht. Am 22. Januar ging der König von Berlin ab. Wir waren ſtill, denn wir ahnten, faſt kann ich ſagen, wir wußten, was die nächſte Folge davon ſein würde. Wir ſchliefen nur noch mit einem Auge, mit einem Ohr — die anderen beiden waren offen nach Breslau ge⸗ wandt. Da erſchüen die Morgenröthe des 3. Februars. 15* — 228— Strahlend ging ſie am Himmel und wiederſtrahlend in unſeren Herzen auf. Das Volk, das heißt wir Alle wurden zu den Waffen gerufen. Am 6. Februar Morgens trat ich bei Murfüna ein. „Hören Sie,“ ſagte er,„ich habe etwas Meuis 44 „Ich auch!“ „Zuerſt komme ich— doch nein— ſprechen Sie zuerſt, was haben Sie?“ 1 „Wir haben Krieg, wie ich lange geſagt, öffnen Sie jetzt Ihre linke Hand.“ „Zum Donnerwetter! Nein! Schweigen Sie ſtill. Hören Sie erſt meine Neuigkeit. Ich fange auch an zu fürchten, und wiſſen Sie was?“ Ich ſchüttelte mit dem Kopf, ſchwieg aber. „Daß mir Alle davon laufen werden und ich al⸗ lein hier ſitzen bleibe. Das wäre eine ſchöne Ge⸗ ſchichte! Murſinna in Berlin allein, die Thore und Häuſer bewachend! Nein! Lieber laufe ich mit davon.“ Hahaha! Und wir lachten beide aus Herzensluſt. „Aber warten Sie,“ ſagte er, als er ſich ausge⸗ lacht hatte,„ſo raſch geht es nicht. Und nun hören Sie endlich meine Neuigkeit zu Ende. Sehen Sie, ich habe eine große Wohnung— 3 vird mir ſo ein⸗ ſam darin— ziehen Sie zu mir— Ich ſtand da, über dieſen ſonderbaren Vorſchlag — 229— auf das Aeußerſte betroffen. Was ſollte das heißen? Aber im Augenblick hatte ich ihn durchſchaut— er wollte mich feſt an die Kette legen, anſtatt daß ich ihn bewachte, wollte er mich bewachen, wie einen Hund, damit ich ihm nicht entliefe. Ich ſagte es ihm auch geradezu. „Nun ja! Und wenn das meine väterliche Ab⸗ ſicht wäre? Was dann? Ich will Ihr Beſtes. Sie ſollen mir nicht gleich wie ein aufgeſcheuchter Vogel beim erſten Trompetenſtoß davon flattern, ich habe Beſſeres mit Ihnen vor. Glauben Sie etwa zu ſpät zu kommen? Irren Sie ſich micht. Es giebt noch viel zu thun. Laſſen Sie den Feind erſt aus Deutſchland hinaus geprügelt ſein, dann nach Frankreich— dann erſt iſt der rechte Krieg da, wie er ſein muß, in Fein⸗ desland— dann kommen auch Sie noch immer früh genug.“ „ Alſo ich ſollte hier ruhig zuſehen und warten und auf der Bärenhaut liegen, wenn um uns herum Blut fließt und unſere Brüder den Sieg für die Frei⸗ heit erringen?“ „Bärenhaut? Wie koͤnnen Sie mir ſo etwas ſa⸗ gen? Sie ſind ſelbſt ein Bär. Blut fließt? Glauben Sie, daß es ohne uns fließen wird? Daß wir hier die warmen rothen Wellen nicht ſehen werden? Hoho! — 230— Gerade das iſt es, warum ich Sie bei mir behalten will. Gewiß, man wird Blut hier in der Nähe ver⸗ gießen und dann wird man Hände gebrauchen, es zu ſtillen. Sehen Sie mich an— hier ſteht der alte Murſinna— er allein kann es nicht mehr— er muß flinke Hände und gute Augen zu ſeinem Beiſtand ha⸗ ben. Wo ich ſtehe, da ſtehen Sie auch. Aber nicht wahr, mein lieber Stilling, nicht eher?“ Das war das erſte Mal, ſo lange ich ihn kannte, daß er mich: lieber Stilling angeredet. Ich war be⸗ wegt und zeigte es ihm durch meine Miene, wenn auch nicht durch Worte. „Na, ja, da haben wir's— Sie haben mich ver⸗ ſtanden. Alſo, abgemacht! Sie ziehen in mein Haus — guten Morgen!“ Und allerdings, das war abgemacht. Ich zog noch an demſelben Tage bei ihm ein, aß an ſeinem Tiſche und ſchlief in einem Zimmer neben dem ſeinigen. Von Abreiſe und Krieg konnte keine Rede ſein, denn es war einleuchtend genug, er wollte mich nur nach ſeiner Anſicht und, wie er mir damit einreden wollte, zu meinem eigenen Beſten verwenden. Aber ich mußte lange auf dieſe Verwendung warten. Geſchlagen wa⸗ ren die großen Schlachten des Befreiungskrieges von Groß⸗Görſchen an bis Leipzig, die Ruhmesleuchten — 231— in den Annalen des preußiſchen Heeres. Viel Blut war gefloſſen und ſelbſt in die Thore Berlins hatten ſich Ströme davon ergoſſen von denen, die bei Groß⸗ beeren und Dennewitz gefallen waren. Wir waren Tag und Nacht auf den Beinen und Murſinna arbei⸗ tete an meiner Seite und an allen Orten wie der rü⸗ ſttgſſte, der muthigen jungen Streiter. Denn der Arzt iſt auf dem Felde der Wunden auch ein Streiter, und oft ein ſehr ſiegreicher; aber die Wunden, die er ſchlägt, heilt er auch wieder, oder hat wenigſtens die gute Ab⸗ ſicht, es zu thun, während der Krieger mit dem Schwerte in der Hand die Abſicht hat, ſo viel Blut und Wun⸗ den wie möglich zu erzeugen, um ſie nicht wieder zu heilen. Da war denn endlich auch die Völkerſchlacht bei Leipzig geſchlagen und immer noch hielt Murſinna ſeine linke Hand geſchloſſen. Ich war ruhig ergeben gewe⸗ ſen, denn ich durfte mit der mir zugewieſenen Thätig⸗ keit nicht unzufrieden ſein. 1 Da kam er an einem der nächſten Tage zu mir in mein Zimmer.„Nun, guten Morgen, Stilling!“ rief er, noch in der Thür ſtehend.„Na— da— da— da! ich mache meine linke Hand auf— fliegen Sie fort, der rechte Zeitpunkt iſt da.“ Ich war überraſcht.„Wohin denn ſoll ich flie⸗ — 232— gen?“ fragte ich.„Die Schlacht bei Leipzig iſt ja geſchlagen!“ „O, Sie Blinder— iſt Ihnen bei mir der Staar noch nicht geſtochen? Glauben Sie denn, daß jetzt Al⸗ les vorbei iſt? Halten Sie den ganzen Feldzug für beendet? Proſit die Mahlzeit! Jetzt geht es erſt recht los, jetzt ziehen wir in Feindes Land, über den Rhein, juchhe! Das iſt erſt der ächte Krieg. Sein Sie zu⸗ frieden und danken Sie mir, anſtatt zu brummen; das müſſen Sie nicht von mir lernen, das behalte ich gern für mich allein. Aber Sie kommen nun nicht mehr als Stümper in den Krieg— nein! Sie ſind ein Mann, ein kleiner Meiſter geworden. Ich ſelbſt lege Ihnen dieſen Titel bei. Jetzt können Sie mehr helfen und nützen als früher, jetzt gehen Sie mit Gott und ich— ich komme Ihnen vielleicht auch bald nach.“— „Aber wohin ſoll ich mich denn wenden?“ „Ruhig! Laſſen Sie mich doch ausreden. Ge⸗ hen Sie noch heute Morgen zu Görcke— ich habe geſtern mit ihm geſprochen. Er will Sie anſtellen. Es wird ein neues Feldlazareth für Frankreich mobil gemacht i erden, dabei ſollen Sie mitwirken. Natür⸗ lich werden Sie nicht den Oberbefehl erhalten, denn Sie ſind kein protektionirter Militairarzt, Sie haben ——— — 233— keine ſoldatiſche Disciplin. Aber begnügen Sie ſich mit dem, was er Ihnen giebt, Sie können ſich auch darin auszeichnen, und da Sie als Freiwilliger mit⸗ gehen, können Sie jeden Augenblick Ihre Stellung wechſeln, wenn Sie eine beſſere vor Augen haben. Gehen Sie alſo zu Görcke und ſagen Sie ihm einen guten Morgen vom alten Murſinna und Sie hießen Stilling. Das wird genug für ihn ſein. Adieu!“— Mit denſelben Worten trat ich eine Stunde ſpä⸗ ter bei dem damaligen allgemein bekannten General⸗ Stabs⸗Chirurgus Dr. Görcke ein, bei dem ich an die⸗ ſem Tage zufälliger Weiſe Zeuge einer drolligen, aber auch ſehr ernſten Scene zu fein beſtimmt war. Görcke war in dieſen Tagen über alle Maaßen beſchäftigt, denn er leitete, wie bekannt, das ganze Militair⸗Medicinal⸗Weſen mit ſeltenem Kenner⸗ und Scharfblick, und was das bei einem ſo ernſten, alle Kräfte anſpannenden Kriege heißen will, kann ſich Jeder ſelbſt ſagen. Er nahm mich in Folge jenes Grußes ſehr wohlwollend auf.. „Ich will mit Ihnen ein Weilchen plaudern,“ ſagte er,„es ſoll mir zur Erholung dienen, denn wir haben viel zu thun. Der alte Murſinna, mein Frennd, — 234— hat Sie ſehr warm empfohlen, und, wenn Sie es noch nicht wiſſen, er liebt und ſchätzt Sie ſehr. Leider kann ich nicht ſo viel für Sie thun, wie ich wohl möchte, denn im Militair, wiſſen Sie, muß man, wenn auch nicht ausſchließlich, doch ſo viel wie möglich die gedienten Leute berückſichtigen. Ich errichte alſo jetzt ein Reſerve⸗Feldlazareth, ein Mittelding zwiſchen leich⸗ ten und ſchweren, doch eigentlich mehr leicht als ſchwer. Es ſind uns viele Aerzte todt⸗ oder lahmge⸗ ſchoſſen und wir brauchen Rekruten. Aber woher ſie alle nehmen? Vollſtändige Barbiere wollen wir nicht und ganz zuverläſſige Aerzte haben wir nicht mehr, denn alles Brauchbare iſt bei der Armee. Sie ſind mir alſo ſehr erwünſcht, und wenn Sie noch Jemand haben, ſchlagen Sie ihn vor, es ſind noch mehrere Stellen unter der Ihrigen unbeſetzt. Sie erhalten bei dieſem Lazareth den Rang eines Oberhirurgug mit zwanzig Thalern Gehalt.“ „Das iſt ſehr wenig!“ unterbrach ich ihn. „Ich weiß es, o, glauben Sie mir! Aber wir haben nicht mehr und kein Menſch kann mehr geben, als er hat. Meine Nachfolger werden für ihre Unter⸗ gebenen einſt mehr thun können, wenn wir wieder Frie⸗ den haben, ich habe ihnen nur für's Erſte wacker vor⸗ gearbeitet. Ich habe den rauhen Stein behauen, ſie — 235— mögen ihn glätten. Doch weiter zu unſerm Geſchäft. Ihr nächſter Vorgeſetzter iſt der Stabschirurgus K..., der Ober⸗Stabschirurgus Ihres Lazareths, noch nicht ernannt, wird am Rheine zu Ihnen ſtoßen, denn Sie ſind für die Campagne in Frankreich beſtimmt. Jener, Ihr jetziger Chef, iſt ein gedienter Mann, in militairi⸗ ſchen Geſchäften wohl erfahren, das iſt die Hauptſache; ſeine übrigen kleinen Fehler überſehen Sie, und wenn Sie finden, daß Sie in manchen Dingen an ſeiner Stelle beſſer wären, als er ſelber, ſo denken Sie menſchlich— es geht ja für das allgemeine Beſte. Die Zeit Ihres Aufbruchs iſt noch nicht beſtimmt, hal⸗ ten Sie ſich aber fertig für jeden Augenblick. Sobald das Perſonale vollſtändig iſt, empfangen Sie Ihre Pferde und Utenſilien. Wenn der Krieg beendet iſt, und es gefällt Ihnen im Militair, ſo bleiben Sie, es wird Avancement in Fülle geben.“ Ich wollte mich eben in Dankesworten ergehen, als ein alter Diener leiſe hereintrat und ſeinem Herrn einige Worte in's Ohr flüſterte. „Ein Mädchen?“ fragte Görcke erſtaunt. „Ja, Herr General⸗Stabschirurgus! Und ſie weint ſo ſehr.“ „Laß ſie ſogleich eintreten. Entſchuldigen Sie, — 236— Herr Doktor, aber Sie ſollen doch auch ſehen, was wohl ein Mädchen von mir wollen mag.“. Sogleich trat ein hübſches, blondes, junges Mäd⸗ chen herein, anſtändig gekleidet, aber mit etwas leicht⸗ fertigem Geſichtsausdruck. Thränen erſtickten ihre Stimme und eine Weile ſtand ſie laut ſchluchzend vor dem gewaltigen Manne. „Was wollen Sie, mein Kind?“ redete er ſie freundlich an. „Ach, mein Herr, ich bin ſehr unglücklich. Ich habe einen Geliebten, der mir die Ehe mit tauſend Schwüren verſprochen hat. Jetzt, ſagt er, ſchicken Sie ihn in den Krieg, und da könne aus der Heirath nichts werden. Iſt er einmal fort, ſo kommt er nicht wieder und ich gräme mich todt. Lieber nehme ich mir das Leben.“ „Aber was ſoll ich denn da thun, mein armes Kind?“ 1 „Ihn ermahnen, daß er mir mein Verſprechen hält und ſich trauen läßt, ehe er davon geht.“ „Wie heißt der ſo ſehr Geliebte?“ „Suwarow!“ „Suwarow? Ahl! ich erinnere mich— warten Sie einen Augenblick, er wohnt nicht weit von hier, er war heute Morgen ſchon einmal bei mir, um ſich 2 — 237— ſeine Beſtallung zu holen— ich will ihn rufen laſſen, dann wollen wir ſehen, was zu thun iſt.“ Er öffnete ihr mit dieſen Worten eine von den vier Thüren des großen Saals, worin wir uns befan⸗ den, und nöthigte ſie freundlich, in dem Nebenzimmer zu verweilen, bis ſie gerufen würde. Darauf ſandte er ſogleich nach dem Manne, deſſen Ehe ſo ſehnſüchtig begehrt wurde. Als das Mädchen im Nebenzimmer war, ſetzte er ſich wieder auf ſeinen Süuhl n und lächelte mich an.„ „Da ſehen Sie,“ ſagte er,„was man in dieſen Zeiten Alles thun ſoll, ſogar Chen muß man ſchließen. Aber das arme Ding dauert mich, ſie iſt ſo hübſch und jung; wir wollen doch ſehen, was Herr Suwarow dazu ſagt.“ Ich war ebenfalls neugierig auf die Entwicklung geworden und wartete in ruhigem Geſpräch über Dies und Jenes auf das Erſcheinen des Vorgeforderten. Da trat der Diener abermals ein und meldete, diesmal laut ſprechend, es ſei ſo eben noch ein Mäd⸗ chen gekommen, welches den Herrn zu ſprechen wünſche. „Was?“ rief dieſer.„Noch Eine? Will ſie auch einen Mann? Das wird komiſch. Laß ſie ein⸗ treten!“ Sogleich trat mit raſchen, energiſchen Schritten 4 — 238— ein hochgewachſenes, ebenfalls hübſches Mädchen ein, verbeugte ſich kurz und fragte, ob ſie die Ehre habe, vor dem Herrn General⸗Chirurgus zu ſtehen? „Ja, mein Kind, was wünſchen Sie?“ „Mein Herr, ich bin verlobt mit einem jungen Mann, der zur Armee abgehen ſoll. Er hat mir die Ehe verſprochen und ich laſſe ihn nicht eher fort, als bis er mein Mann geworden.“ „Aber was geht das mich an?“ „Sie ſchicken ihn fort, ſagt er, und er müſſe ge⸗ horchen.“ „So! Das muß er auch— aber wie kann ich Ihnen helfen?“ „Ihm bedeuten, daß er ſeine Aniiht gegen mich erfüllt.“ Görcke ſah mich mit kaum unterdrücktem Lächeln an und fragte nach dem Namen ihres Geliebten. „Suwarow!“. „Was, Suwarow? Sie irren ſich!“ „Ich mich irren? Mein Herr, in dem Namen, den man künftig ſelbſt führen ſöll, irrt man ſich nicht.“ „Sie haben Recht. Kommen Sie, treten Sie eine Weile in dies Zimmer, Sie ſollen ſogleich die Ent⸗ ſcheidung haben, ich erwarte Suwarow eben ſelbſt. 44 Und mit ihr gehend, die fröhlich an ſeiner Seite — 239— dahin hüpfte, führte er ſie in ein zweites Zimmer, welches neben demjenigen lag, worin das erſte Mäd⸗ chen ſich befand. Zu mir zurückgekehrt, fing er laut zu lachen an. „Das giebt eine Komödie, auf deren Entwicklung ich geſpannt bin,“ ſagte er.„Der Tauſend auch! Das ſcheint ein Künſtler zu ſein, den man anſtaunen muß — zwei ſo hübſche Herzen zu durchbohren und beide heirathen zu wollen!“. Kaum hatte er ausgeſprochen, ſo erſchien d Diener zum dritten Mal und lachte ſelbſt. 8 „Es iſt noch ein Mädchen da und will Sie ſprechen!“ „Hol' ſie der Kuckuk! Noch eins? Sind ſie des Teufels? Bin ich ein Beichtvater? Das geht zu weit— laß ſie herein, es kommen am Ende noch zwanzig!“ Er war ernſt geworden, ich wurde es auch, und wir erwarteten mit Spannung den dritten Auftritt. Die Thür ging auf und ein blendend ſchönes Mädchen mit roth geweinten Augen, aber ziemlich ge⸗ faßt, trat in's Zimmer. „Wie? Wollen Sie auch heirathen?“ redete ſie Görcke an. „Ja, Herr Doktor! Ich will es— ich muß ſo⸗ — 240— gar. Mein Verlobter will mich verlaſſen, ohne mir zu halten, worauf zu beſtehen ich berechtigt bin.“ „Heißt er Suwarow?“ fragte Görcke kleinlaut. „ Ja, ja, ſo heißt er— o Sie kennen ihn— dann bin ich glücklich, dann hat er mich nicht belogen, er nannte ſie immer ſeinen Gönner.“ Sprachlos ſtand der alte Mann vor mir und ſtarrte mich an. Er wußte nicht mehr, was er ſagen ſollte. Der dreifach in Anſpruch genommene Gönner kratzte ſich hinter den Ohren. „Warten Sie,“ ſagte er endlich,„ich werde Su⸗ warow holen laſſen, und Sie ſollen ſogleich eine Ant⸗ wort haben. Wie ſie aber ausfällt, liegt nicht in mei⸗ ner Hand.“ Und wie die beiden erſten führte er auch dieſes Mädchen durch die dritte Thür in ein Neben⸗ zimmer. „Wenn jetzt noch eine kommt,“ flüſterte er,„habe ich kein Zimmer mehr. Das iſt ja eine verfluchte Ge⸗ ſchichte, die mir Angſt macht. Was thut nun ein kluger Feldherr, he?“— „Man muß erſt mit dem Manne der heiligen Trinität ſprechen und die Wahrheit von ihm heraus⸗ bringen; die Entſcheidung muß ihm allein überlaſſen bleiben.“ 9 „Gewiß, das iſt auch meine Meinung. Was 8 — 241— aber mit den beiden Anderen anfangen, denn eine kann er doch nur ehelichen? Den Teufel auch! Wären ſie mir doch vom Halſe geblieben!“ Da kam der Diener zum vierten Male und mel⸗ dete den geſchickten Taktiker Suwarow ſelbſt, der ſich aber jetzt in ſeiner eigenen Schlinge fangen ſollte. Er trat herein, ein großer junger Mann mit einer geiſt⸗ reichen Phyſiognomie, auffallender Adlernaſe aber höchſt verſchmitzten und doch gutmüthigen, rollenden Augen. Er verbeugte ſich tief vor ſeinem Meiſter. „Guten Morgen, Herr Suwarow!“ „Guten Morgen, Herr General⸗Stabschirurgus!“ „Ich habe Sie rufen laſſen, um Ihnen eine Frage vorzulegen. Sind Sie ein. Türke?“ Der Gefragte ſtarrte etwas verblüfft den Frager an, aber er faßte ſich ſchnell, denn er war nicht auf den Kopf gefallen.„Nein,“ ſagte er demüthig,„ich glaube an Chriſtus.“ „So, aber Ihr Name klingt etwas ausländiſch. Vielleicht ſind Sie ein Ruſſe?“ „Auch nicht— höchſtens habe ich die Ausdauer und den Muth deſſelben. Sonſt bin ich ein Weſt⸗ preuße.“ „Aha! Sie haben mich um eine Anſtellung bei'm Reſerve⸗Feldlazareth gebeten?“ Fritz Stilling. II. 16 4 242 „Ja, und Sie haben ſie mir bereits gewährt.“ „Freilich, wenn Sie hier in Berlin nicht gebun⸗ den ſind.“ Der junge Mann ſchwieg, aber ſein Auge rollte bald auf ſeinen Chef, bald auf mich und dabei machte er eine Geberde mit Armen und Händen, als wenn ihm ſchon das Waſſer bis an den Hals ginge. „Alſo ja— heraus mit der Sprache, Herr! Durch wen und mit wem ſind Sie gebunden?“ „O, das kann ich ſo genau nicht ſagen—!“ „Wie, Herr? Das wiſſen Sie nicht? Keine Aus⸗ flüchte— ich will die Wahrheit wiſſen, ich muß ſie wiſſen— ſonſt nehme ich meine Anſtellung zurück.“ Der weſtpreußiſche Suwarow ſchaute hoch auf und ſchüttelte ſich vor Entſetzen. Sein zuſſiſcher Muth wurde auf eine harte Probe geſtellt.— „Sie haben einem Mädchen die Ehe verſprochen — haben Sie nicht die Abſicht, dieſes Verſprechen zu halten?“. Der weſtpreußiſche ruſſiſche Türke athmete hoch auf.„Ja, gewiß habe ich die Abſicht!“ ſtöhunte er. „So iſt's gut. Ich will Ihnen aber etwas ſagen. Sie wiſſen ſelbſt nicht, wer und was Sie ſind; weder ein Weſtpreuße noch ein Ruſſe ſind Sie— Sie ſind 2 43— ein ächter Türke— ein Heide— wollen Sie den Beweis? Warten Sie einen Augenblick!— Da, ſehen Sie!“ Und er ſchritt raſch auf die drei Thüren zu und böffnete ſie, aus denen die drei Mädchen ſchnell hervor⸗ kamen, denn ſie hatten ihren Hahn ſchon am Krähen erkannt. Sobald ſie ſich aber gegenſeitig im Angeſicht hatten, blieben ſie wie angedonnert ſtehen und ſchauten abwechſelnd Görcke, Suwarow und ihre Nebenbuhle⸗ rinnen an. Ich hatte meine Augen udddicig auf den ſtummen vielherzigen Mann gewandt,, wie in den Grund gebohrt, vor uns ſtand und den halbes Leben vielleicht gegeben hätte, wenn er ſich unſichtbar hätte machen können. Endlich fragte ſein Chef ernſt⸗ haft, beinahe ſtreng: .„Nun, mein Herr, welches iſt Ihre Geliebte?“ „Ich— ich— ich!“ ſchrieen alle drei Mädchen zuſammen. „Ich habe Euch nicht gefragt— ich frage dieſen.“ „Herr General⸗Stabschirurgus,“ ſtammelte dieſer endlich,„ich bin in Verzweiflung!“ Walähe ii Ihre Geliebte?“ donnerte Görcke. !“ ſchrieen die Mädchen wieder. Der Chef des Medizinal⸗Stabs der Armee wurde böfe. Dann aber fing er zu lachen an, denn er konnte ſich nicht länger bemeiſtern, und ſagte: „Meine lieben Kinder, Ihr armen Mädchen— ich kann ja nichts dafür— ich habe Euch die Che nicht verſprochen— wäre es Eine geweſen, ich hätte einen Machtſpruch gethan, aber bei Dreien bin ich ſo unmächtig, wie der König und der Papſt. Es ſcheint mir aber, daß keine von Euch bevorrechtigt iſt, alſo vertragt Euch darum oder laßt ihn ganz los, denn Ihr ſeht, er kann ſich im Augenblicke ſelber nicht ent⸗ ſcheiden.“ „Er muß entſcheiden!“ ſprach das energiſche zweite Mädchen.„Er muß!“ „Ich habe das Vorrecht!“ ſagte die Dritte.„Er weiß es am beſten!“ Das erſte Mädchen ſchwieg, weinte aber im Stil⸗ len fort. Als jedoch ihre dritte Gefährtin ſo klar ge⸗ ſprochen, trat ſie wehmüthig an Görcke heran und ſagte mit ergebenem Tone: „Mein Herr, ich danke Ihnen— ich trete zurück — für mich iſt er nicht, ich bin allein belogen. Gu⸗ ten Morgen!“ Kaum war ſie zur Thür hinaus, ſo ſprang die zweite hervor und rief:„Mein Herr, auch ich! Ich verachte Herrn Suwarow— ich will ihn jetzt nicht, auch wenn er mich wollte. Aber ich bin von ihm be⸗ trogen.“ — — Auch ſie verließ das Zimmer und nur die belo⸗ gene und betrogene blieb ſtehen. „Suwarow!“ ſagte jetzt Görcke ernſt.„Stej ſeben, wie die Sachen ſtehen. Sie thun mir leid. Ein feu⸗ riger Ofen iſt für einen Mann genug. Es bleibt Ihnen aber eine Frau, um an ihr gut zu machen, was Sie an vielen verbrochen haben. Thun Sie Ihre Pflicht, mehr kann ich Ihnen nicht ſagen.“ Der überführte Türke ſeufzte und ſah das ſtehen⸗ gebliebene ſchöne Mädchen an.„Suſanne,“ ſagte er, „ich halte Dir mein Verſprechen— noch morgen biſt Du meine Frau!“ „So iſt es Recht— gehen Sie und ſeien Sie ſo thätig auf dem Felde der Ehre, wie Sie es auf dem der Liebe geweſen ſind, und ich werde mit Ihnen zu⸗ frieden ſein. Das Uebrige iſt Sache Ihres Gewiſſens — ich mag mich damit nicht beſchweren, ich habe mit mir allein zu thun.“ Beide verbeugten ſich dankbar und gingen zuſam⸗ men hinaus. Görcke blieb allein mit mir und trock⸗ nete ſich den Schweiß von der Stirn.„Da ſehen Sie, ſagte er,„was ein General⸗Stabschirurgus der Armee für Soldaten hat. Mohrenwetterelement! Der Kerl iſt ein Todtſchläger, wie ich noch keinen geſehen! Ich bin ordentlich mürbe geworden— ich muß früh⸗ — 246— ſtücken. Gehen Sie, grüßen Sie Murſinna und be⸗ ſuchen Sie Ihren Vorgeſetzten K... Guten Morgen!“ Er gab mir die Hand. Ich aber ſtieg ernſter, als ich gekommen war, die Treppe hinab. Ich hatte in der letzten Stunde ein Stück Leben vor meinen Au⸗ gen aufführen geſehen. Von meinem jetzigen oberſten Chef begab ich mich zu Ernſt Goy und theilte ihm mein neues Verhältniß mit.„Was,“ rief er,„Du willſt ohne mich fort? Das geht nicht. Sind wir ſo weit zuſammen gegan⸗ gen, gehen wir auch weiter zuſammen. Was ſoll ich allein in dieſem Steinhaufen thun, wenn alle Männer davonlaufen und nur die alten Weiber und kleinen Kinder zurückbleiben— ich laufe lieber mit Euch. Juchhe, nach Frankreich!“ Und er begab ſich ſogleich zu Görcke, um ſich mit meiner Empfehlung zum Laza⸗ rethchirurgus anzumelden, wozu er auch mit Dank an⸗ genommen wurde. Von Ernſt Goy ging ich zu meinem neuen Vor⸗ geſetzten, dem Stabschirurgus K..., um mir die klei⸗ nen Fehler an ihm zu beſehen, die unſer oberſter Chef, der ſeine Leute kannte, ſchon angedeutet hatte. Aber ich ſah am erſten Tage nichts Beſonderes, denn mein * — 247— neuer Mentor war im Ganzen harmlos und unſchäd⸗ lich. Dieſer Mann brauchte einige Zeit, um ſeine gu⸗ ten und ſchlimmen Seiten zu entwickeln. Damit aber der Leſer dieſen Herrn kennt, wie auch ich ihn bald 4 kennen lernte, ſo gebe ich ihm hier eine kleine Schilde⸗ rung von ihm, nicht etwa, weil er ſo vieler Mühe werth iſt, ſondern weil er der Typus einer ganzen Klaſſe von Menſchen iſt, die von Gott erſchaffen ſchei⸗ nen, um der Welt im Ganzen ſehr wenig zu nützen, lſlber im Einzelnen denjenigen, die ihnen unglücklicher Weiſe untergeordnet werden, das Leben noch ſchwerer zu machen, als es an ſich ſchon iſt. Von Hauſe aus mit kümmerlicher Schulbildung und einem höͤchſt mäßigen Geiſtesgrade begabt, war die⸗ ſer kleine Monarch außerordentlich eitel auf ſeine lan⸗ gen Feldſcheerdienſtjahre, faſt eben ſo ſehr wie auf ſeine blankgewichſten Stiefel, die er jedem neuen Bekannten zehn Mal als ein Phänomen erſter Größe vorwies, allein deshalb, um ſeinen ganz gewöhnlichen Fuß als einen ſehr zierlichen bewundern zu laſſen. Denn er liebte es, den Jüngling mit grauen Haaren in Form einer Ruine vorzuführen. Gegen Vorgeſetzte ſpielte er den Bedienten und wußte ſich durch tauſenderlei Er⸗ bärmlichkeiten bei ihnen unentbehrlich zu machen; Un⸗ tergebenen gegenüber trug er ein gelehrtes und dün⸗ kelhaftes Anſehen zur Schau, wie ein perſonificirter Oberwurmdoktor. Alle vornehmen Leute gab er vor perſönlich zu kennen, und erzählte gern die Worte, die ſie vor zwanzig Jahren zu ihm geſprochen haben ſollten. Ich habe nie Jemanden gekannt, der ſo wenig merkte wie er, daß er Allen, mit denen er umging, zum heimlichen Geſpött diente, denn er hatte eine unüber⸗ ſchwenglich günſtige Meinung von ſich ſelbſt. Dabei that Jedermann das von ihm Befohlene anders, als es befoh⸗ len war, indeſſen das wurmte ihn nicht, hatte er doch das Vergnügen des Befehlens genoſſen. Merkwürdig war ſein Widerſpruchsgeiſt und ſein hartnäckiges Feſthalten an einer vorgefaßten Meinung, und war ſie auch noch ſo falſe ch. Immer wußte er eine Sache anders und beſſer vorzu⸗ tragen, wie ein Anderer, und wenn er auch nur ein einziges Wort daran ändern ſollte. Nie hörte er zu Ende, was ein Anderer ſprach, um nur in aller Eile ſeine Meinung an den Mann zu bringen. Alles hatte er beſſer geſehen, gehört, erfahren. Das erſtreckte ſich ſogar auf die alltäglichſten Kleinigkeiten, zum Beiſpiel, wenn Jemand von einem guten Eſſen erzählte, welches er genoſſen, ſo unterbrach er ihn, um zu bemerken, daß er vor Jahren ein noch viel beſſeres verzehrt. Und das in einer ſo langweiligen, ſchleppenden, weit⸗ ſchweifigen Art, daß auch der Munterſte zu gähnen anfing. 35 — 249 An wiſſenſchaftlicher Bildung eine Null, in ge⸗ ſelligem Verkehre ein abgelebter Geck, war er allein durch ſein Alter, was er mit Verdienſt für gleichbedeu⸗ tend hielt, in ſeine jetzige Stellung gelangt, und wir hatten oft zu bedauern, keinen kräftigeren Führer vor uns zu haben. Rechnet man zu dieſen inneren Vor⸗ zügen noch die äußeren, das heißt, einen kurzen, ge⸗ drungenen Wuchs, ein bäuriſches Weſen, linkiſche Be⸗ wegungen und endlich eine ſtockende, nur nach langem Suchen das rechte Wort findende Sprache, ſo hat man das vollkommene Bild unſers damaligen, einfältigen aber herzlich gutmüthigen Gewalthabers.— Am anderen Tage meldete ſich Herr Suwarow bei mir, der mit Ernſt Goy und noch zwei Chirurgen 4 zu meinen nächſten Untergebenen gehörte. Ich mußte unwillkürlich lächeln, als ich ihn bei mir eintreten ſah. Er war aber heute ſehr demüthig und ließ die Ohren lang herunter hängen. „Sind Sie verheirathet?“ fragte ich. „Das geht ſo ſchnell nicht, Herr Doktor! Ich muß erſt aufgeboten werden— aber ich heirathe Suſanne 1 gewiß. O!l was war das geſtern für ein Tag! Er wird mir ewig zur Lehre dienen. Ich hätte in den Boden ſinken mögen, als ich die drei Veſtalinnen ſo unvorbereitet ſah. Ich fürchtete gedreitheilt zu wer⸗ — 250— den und blickte mich ſchon nach dem Meſſer um, denn der General⸗Stabschirurgus ſchneidet außerordentlich gut.“ 8. „Laſſen Sie es abgemacht ſein— ſein Sie thä⸗ tig und das Uebrige wird ſich finden.“ Und es fand ſich, denn ſelten habe ich einen ſo entſchloſſenen und umſichtigen Feldarzt geſehen, wie er in der ihm zugewieſenen Sphäre war. 3 Es kann nicht meine Aufgabe ſein, in den nächſt⸗ folgenden Blättern eine genaue Schilderung des Feld⸗ zugs in Frankreich im Jahre 1814 und 15 liefern zu wollen. Abgeſehen von den zahlloſen und vortrefflich darüber handelnden Berichten, die alle Welt kennt, kann und will ich auch aus anderen Gründen hier keine ähnliche Kriegsgeſchichte erzählen. Ich kann nicht, weil mir beinahe alle ſoldatiſche Bildung, ſogar bis auf die militairiſchen Ausdrücke herab, abgeht, weil ich von der Taktik der Schlachten und Feldzüge nichts ver⸗ ſtehe und weil ich endlich überhaupt nicht gern von Dingen rede, die meinen Empfindungen und Anſichten 3½ fern liegen. Sodann aber will ich nicht, weil ich einſehe, daß eine ſolche allgemeine epiſodenartige Schilderung in den Rahmen meines kleinen Lebens⸗ 251— bildes nicht paßt; daſſelbe ſogar an Farbe, Ausdruck und Intereſſe ſchwächt. Ich will daher nur ſchildern, was Andere gar nicht oder nur andeutungsweiſe be⸗ richtet haben, ich will von dem Feldzuge mittheilen, was ich davon verſtehe und was ich in der tumultua⸗ riſchen Gefühlserregung jener erhabenen und unver⸗ geßlichen Stunden ſelbſt erlebt und empfunden habe. Zunächſt nun kehre ich zu den Tagen zurück, die in Berlin uns in voller Arbeit fanden, um uns zu einem entſcheidenden Feldzuge zu rüſten, und ich bin dem Leſer ſchuldig zu berichten, wie meine geringe Perſon ſich in das ungewohnte Verhältniß gefunden und welche untergeordnete Rolle ſie in dem großen Drama mitgeſpielt hat. Ich war alſo mit vielen Anderen beſtimmt, nur als Arzt jenen großen Feldzug mitzumachen, nicht als ſogenannter Combattant. Ein Unterſchied, ſo unge⸗ recht, ſo geſucht und ſo recht die Engherzigkeit der Menſchen aufdeckend, wie ſelten einer. Alſo der nicht mit dem Gewehr in der Hand ſtehende, aber dennoch todtgeſchoſſene Arzt iſt eines weniger ruhmvollen To⸗ des geſtorben, als der Soldat, der im Hintertreffen unbeweglich, Gewehr bei'm Fuß ſtehend, neben ihm erſchoſſen wird? Wenn ſie verwundet werden, erhält dieſer eine Auszeichnung als Mitkämpfer, jener, der — 252— Arzt, nur die eines theilnehmenden Zuſchauers— und alle Welt hat das Recht, nach Jahren zu ſagen: Se⸗ het da, das iſt ein Doktor! Er trägt zwar auf ſeiner Bruſt das Zeichen, daß er dabei geweſen, aber im Kampfe ſelbſt gefochten und geblutet hat er nicht! O Welt! Wie kalt und unverſtändig biſt du in Beurtheilung ſo wichtiger, für hochherzige und ihrer Pflicht warm ergebene Männer, ſo überaus heiliger Sachen! Doch, das iſt ja ſchon ſo oft und vergeblich erörtert worden— wozu verliere ich unbekannter Wurm noch darüb er einige leicht verſchallende Worte! Merkwürdig! Schwierigere Dinge im Leben hat man viel leichter und früher durchdrungen und ihre Schattenſeiten in Lichtſeiten zu verkehren gewußt— aber wie lange hat es gedauert, bevor der Offtzier⸗ ſtand eingeſehen, daß der Arzt des Soldaten, alſo auch des Offiziers, doch eine ziemlich nothwendige und kei⸗ neswegs überflüſſige Perſon ſei? Hat jener wiſſen⸗ ſchaftlich gebildete und kenntnißreiche junge Mann, vor wenigen Jahren in dem entelligenten Preußen, ſogar nicht noch mit dem Range, der Stellung und der Löh⸗ nung eines Unteroffiziers, das heißt eines leidlich dreſ⸗ ſirten Bauers, zufrieden ſein müſſen, trotzdem er allen Anſprüchen des Staats und der wiſſenſchaftlichen Au⸗ ihm zu beweiſen, vergebens, und wer es weiß, der vor Gottes Augen, die Blöße ſeines kummervollſten toritäten entſprochen, trotzdem er die akademiſche Würde eines Doktors erlangt hatte? Jetzt freilich iſt es anders geworden, in Vielem wenigſtens anders, in Manchem noch immer ſehr, ſehr ſchlecht; ja, hegt man doch jetzt noch die Meinung, es gäbe Stellungen im militairärztlichen Stande, in wel⸗ chen die Betheiligten ſich von Mondſtrahlen oder, wie ein Kanarienvogel, von ein paar Saamenkörnchen ſät⸗ tigen und erhalten könnten! Doch, wer das nicht weiß, der glaubt es nicht, alſo iſt meine Mühe, es ſchweigt lieber, denn er ſieht auch nicht gern, außer Gedankens aufgedeckt. Freilich, im Kriege iſt die Stellung eines Arztes immer beſſer als im Frieden geweſen. Da ſahen Viele klar ein, was ein Arzt werth iſt, wenn er dicht an ihrer Seite ſtand und eine augenblickliche Hülfe bei Gefahren zur Hand hatte, die entweder den Tod oder im beſten Falle eine geringe Verkrüppelung zur Folge hatten. Iſt aber der Arzt im Frieden nicht eben ſo ehrenwerth, wie im Felde? Der Soldat ſollte doch bedenken, welche Rolle er ſelbſt eigentlich im Frieden ſpielt und dann den Abglanz ſeines eingebildeten Glanzes auch auf den ſo oft verachteten Arzt zurück⸗ — 254— fallen laſſen, der in geſunden und in kranken Tagen, immer bereit zu helfen, in jeder Stunde der Nacht, nie an ſeine eigene Ruhe denkend, an ſeiner Seite ſteht und einzig und allein ſeine Schmerzen zu lindern be⸗ müht iſt. Als ich damals in das Militair trat, war mir Alles neu und ungewöhnlich, vom Benehmen gegen Vorgeſetzte an, bis zu meiner Kleidung herunter. Ich muß eine ſonderbare Figur in jener Zeit geſpielt ha⸗ ben. Jeden Augenblick trat mir, ob aus einem dun⸗ kelen Gefühl meiner untergeordneten Stellung oder der Unkenntniß meiner übernommenen Pflichten, weiß ich nicht, die Schaamröthe auf das Geſicht, ſo beim Grü⸗ ßen eines Vorgeſetzten, beim Geradeſtehen, wenn eine hohe Perſon vorüber ritt oder fuhr, oder gar bei der allergewöhnlichſten Anrede irgend eines mit glänzenden Epauletten geſchmückten Offiziers, wobei ich mir im⸗ mer als ein auf einen Präſentirteller geſtelltes Etwas vorkam, auf das die begehrlichen Blicke von Jedermann gerichtet waren. Man glaube nicht, das dies Dumm⸗ heit meinerſeits war, oder daß die gleichgültigen Blicke ſo vieler Vorgeſetzten opder ihre barſche Anrede mich aus der Faſſung brachten. Nein, es war dies ganz allein die Neuheit der Sache. Denn allmälig tauchte in mir die Wahrheit vor dem Scheine auf.„Ich er⸗ 4 — 255— kannte als Hauptſache beim militairiſchen Weſen, daß es nur die Form ſei, die man gleißneriſcher Weiſe an⸗ nehmen müſſe, ohne ſich etwas dabei zu denken, um die richtige und vorſchriftsmäßige Figur zu ſpielen. Erſt einige Wochen in der Uniform bis zum Kinne ſteckend, lernte ich mich ſehr bald darin bewegen und benehmen, denn auch ohne Exercirunterricht kann ein vernünftiger Menſch mit nur geringer Mühe ſich ein ſoldatiſches Weſen aneignen. Aber das Allerſchlimmſte für mich war das Rei⸗ ten. Ich hatte nie ein Pferd beſtiegen, nie auf dem warmen Rücken eines lebendigen, ſich ſo haſtig bewe⸗ genden und gern ſeinen eigenen Trieben folgenden Thieres geſeſſen. Und, nachdem ich zwei Tage ein ſolches Thier mein genannt, mußten wir ſchon bei ei⸗ nigen Hochwürdenträgern in Parade vorbeimarſchiren und— in's Feld rücken. Man kann ſich meine Lage dabei lebhaft vorſtellen, zumal wenn man bedenkt, welche herrlichen Roſinanten in der Regel dem armen Doktor zwiſchen die Beine geſchoben werden. Und hierin liegt abermals ein großer Mißgriff des ſoldatiſchen Gebrauchs gegen den in vielen Din⸗ gen ſtiefmütterlich behandelten Arzt. Wir Aerzte ver⸗ langen für uns kein andaluſiſches Roß, keinen engli⸗ ſchen Wettrenner, keine arabiſche Vollblutſtute, aber — 256— was wir für uns verlangen können und müſſen, das iſt ein ruhiges, ſchnelles und doch dauerhaftes Pferd. Denn alle dieſe Eigenſchaften braucht der Arzt an die⸗ ſem ſo edlen Thiere. Gerade er iſt auf ſie am meiſten angewieſen, denn es ſoll ihm zur Fortbewegungsma⸗ ſchine dienen, um ihn ſchnell und ſicher an den Ort ſeiner Hülfeleiſtung zu tragen. Denn des Arztes Arbeit be⸗ ginnt oft da, wo die der Anderen aufhört und er muß noch friſch an Kräften ſein, wenn alle Uebrigen vor Müdigkeit ſchon hinſinken. Das wußten die Franzo⸗ ſen zum Beiſpiel ſehr wohl, und darum hatten ſie auch ſo viele Aerzte beritten gemacht, als ſte Pferde für ſie erlangen konnten. Wie es mir nun mit meinem kriegsgerüſteten Pferde erging, ſoll man ſogleich erfahren.— Mit ungeheuren Anſtrengungen, die aber von un⸗ zähligen freiwilligen Opfern redlich unterſtützt wurden, hatte das ausgeſogene und zer ückotte Vaterland alles Nothwendige vorbereitet, um 4 friſchen Kräften und neuen Mitteln den letzten und bedeutungsvollſten Kampf zu Ende führen zu können. Auch wir beka⸗ men unſer beſcheiden Theil hiervon. Alle unſere Fuhr⸗ werke, Geſchirre, Geräthſchaften, Bandagen und In⸗ ſtrumente, und was zur Vervollſtändigung einer ſo großartigen Einrichtung, wie ein leichtes Feldlazareth iſt, gehört, waren neu vom vorderſten Hufeiſen bis zum hinterſten Rade. Um einem Unkundigen von der Ausdehnung und Koſtbarkeit eines ſolchen wandernden Lazareths nur einen ungefähren Begriff zu geben, theile ich mit, daß die Inſtandſetzung deſſelben bei⸗ nahe dreizehn tauſend Thaler und ſeine monatliche Un⸗ terhaltung beinahe acht hundert Thaler koſtete. Es gehörten dazu ein und ſechzig Menſchen und funfzig Pferde. Ob alle dieſe koſtſpieligen Einrichtungen ſo vortrefflich und zweckgemäß waren, wie ſie in einem ſo ernſten Kriege. ſein mußten, bleibt dahingeſtellt. Man 4 hatte wenigſtens dem beſten Willen die ſchnellſte That folgen laſſen.„Uns ſchienen ſie im Augenblick des Empfanges geeignet, einen ganzen Kirchhof ſchon Begrabener wieder lebendig zu machen, an Ort und Stelle des Gebrauchs ſahen wir dagegen ein, daß nicht Alles Gold iſt, was glänzt, und daß es gut ge⸗ weſen wäre, wenſtein manchen Dingen dem theoreti⸗ ſchen Kopfe, der ſie ſ ſchön erdacht, eine praktiſche Hand zur Seite geſtanden hätte. Indeſſen ſei hier gleich von vornherein bemerkt, daß ein geringes Plus oder Minus hierbei keinen Ausſchlag giebt. Die Hauptſtärke der Leiſtung liegt allein in dem guten Willen und der Anſtellungsfähigkeit der Leiſtenden, Fritz Stilling. II. 17 — 258— denn ich habe in meinem erfahrungsreichen Leben Großes mit ſehr kleiuen Mitteln zu Stande bringen, und den kleinſten Erfolg bei den herrlichſten Mitteln ausbleiben geſehen. Das iſt in dieſem Punkte gerade eben ſo, wie in allen anderen menſchlichen Einrichtun⸗ gen und Unternehmungen. Der Tag zur Empfangnahme kam allmälig heran und wir Angeſtellte ſahen uns alle zum erſten Male perſönlich verſammelt, um die inneren Eingeweide ei-⸗ 4 nes fliegenden Lazareths in Augenſchein zu nehmen und ſeinen erſten Flügelſchlag zu verſuchen. Wie ge⸗ ſagt, wir waren entzückt von unſerer Maſchinerie und verſprachen uns goldene Berge, zumal wir es ſelbſt waren, die damit vor die Augen der Welt treten und wie Männer handeln ſollten, ohne für's Erſte danach zu fragen, ob auch Diejenigen entzückt wären, denen wir die Schärfe unſerer Meſſer und die Spitzen unſe⸗ rer Lanzetten zugedacht hatten. Schnell wurden die vier⸗ und zweiſpännigen Wa⸗— gen bepackt, oder eigentlich ausgeſtopft, denn Vieles— was auf dem Schlachtfelde zum augenblicklichen Ge⸗ brauch bereit ſein muß— bedurfte ſogar einer gewalt⸗ thätigen Zuſammenſtampfung, um in ſein beſtimmungs⸗ mäßiges Behältniß zu paſſen. Eben ſo ſchnell wurden — 259— die für uns ausgewählten Pferde angeſpannt und un⸗ ſere Trainfuhrleute in ihre neuen Kittel geſteckt. Aber ach! da zeigte ſich ſchon ein großer Uebelſtand. Alle Leute, die zum Fahren und Reiten mit zum Theil un⸗ eingefahrenen und ungerittenen Pferden beſtimmt wa⸗ ren, verſtanden weder das Eine noch das Andere. Es iſt auch zu viel verlangt, wenn ein armſeliger, krumm⸗ beiniger Schneidergeſelle, eben aus ſeiner Werkſtätte hervorgeholt, plötzlich ein ſcheues Pferd beſteigen oder vom Sattel aus vier wilde Durchgänger zügeln ſoll. „Dieſer große Uebelſtand, jetzt beſeitigt oder nach Möglichkeit verbeſſert, war damals ein Gegenſtand gro⸗ ßer Aergerniß und Betrübniß für uns. Gleich bei der erſten Probefahrt auf dem großen ſandigen Exercir⸗ platze vor’'m Brandenburgerthore, gingen drei Wagen allzu flüchtigen Laufes davon— ſie wollten vielleicht ihrem Namen Ehre machen— drei Schneidergeſellen flogen aus den Sätteln und zwei Schuſter brachen ſich Arme und Beine dabei. Mehrere Wagen wurden um⸗ geworfen und mußten ſelbſt in's Lazareth zur Heilung wandern. Am zweiten Tage eine ähnliche Flucht mit Verwüſtung im Gefolge— am dritten ſchon Parade, r welcher alle Betheiligten ſelbſt handelnd erſcheinen nußten, alſo auch ich. Doch nun komme 17* — 260— ich zu meiner erſten Ritterſchaft, trübſeligen Ange⸗ denkens. Eigentlich ſollten wir berittenen Glieder des flie⸗ genden Feldlazareths für eine gewiſſe Summe uns ſelbſt Pferde beſchaffen. Da aber für den ausgeworfe⸗ nen Preis kein Roß, höchſtens nur Mähren in und um Berlin zu haben waren, ſo kamen wir darum ein, uns die Pferd in Natur zu ſtellen. Man ging wohlwol⸗ lend genug darauf ein, und eines ſchönen Morgens weckte mich mein neuer Burſche, indem er einen Schimmel vor der Thür wiehern ließ und mir dann dienſtergebenſt anzeigte: dies ſei mein Schlachtroß. Etwas zaghaft und mit prüfendem Auge überflog ich die ſchneeweißen Glieder meines zweiten Ichs und, in der That, ich fühlte mich befriedigt, denn mein Schim⸗ mel war kräftig, mäßig groß und noch nicht vollkom⸗ men ein Greis, trotz ſeiner verdächtigen Haare. Er ſtand dieſen Augenblick ſehr ruhig vor meiner Thür und blickte mich, wie es mir ſchien, etwas verlegen und prüfend von der Seite an. Sogleich ließ ich ihm etwas zu freſſen geben, um mich bei ihm beliebt zu machen, und als dies mit einiger Haſt geſchehen war, wurde er mit meinem nenen Geſchirr bekannt gemacht, welches mir mein theurer Meiſter Murſinna groß⸗ müthig verehrt hatte. Dann gingen wi beide in 1* 5 — 261— höchſt vertraulicher Nähe, um, uns an einander zu gewöhnen, vor das Thor, wo ich für meine Perſon ziemlich unmuthig— muthig anlangte. Der Kaval⸗ lerie⸗Wachtmeiſter, der unſerem Lazareth als zweiter techniſcher Führer beigegeben war, begleitete mich und erzählte mir unterweges, daß beſagter Schimmel ein ausrangirtes Trompeterpferd eines Huſarenregiments ſei, flüchtig wie der Wind, dauerhaft wie Herkules, aber dabei mit einem äußerſt muſikaliſchen Ohre be⸗ gabt. Was das Letztere bedeuten ſollte, verſtand ich nicht recht, ſollte es aber in kürzeſter Zeit erfahren. Denn auf dem Exercirplatz angelangt, wo gerade we⸗ nige Menſchen ſich zeigten, beſtieg ich zum erſten Mal den Rücken eines ſo tugendhaften Geſchöpfes. So lange es ſtill ſtand, ſaß ich ziemlich bequem und ſicher, auch im Schritt fand ich die Bewegung angenehm ge⸗ nug. Eben ſo glaubte ich die Zügelführung ſehr leicht begriffen zu haben, denn ich lernte ſehr hald verſtehen, was Fühlung war, und begann mich dabei allmälig ſelbſt zu fühlen. Nun aber— denn ich mußte ſchnell lernen— ging das Traben los; in der That eine wunderbare, halb ſtoßende, halb hüpfende Bewegung, die dem Zuſchauer mehr Vergnügen gewährt, wie Dem⸗ jenigen, der ſie zum erſten Mal ſelbſt verſucht. Aber ich überwand die hüpfenden Stöße tapfer, hielt die Schenkel feſt, die Arme mäßig an den Leib gepreßt, die Bruſt heraus, den Rücken hohl, den Kopf gerade, wie mein Leibſtallmeiſter mich freundlich unterwies. Da, gerade bei der zweiten Biegung, wo ſpäterhin der Circus ſtand, kam ein Poſtwagen gefahren. Der dumme Poſtillon verſtand wahrſcheinlich nicht, wie ſchwer das Reiten ſei, oder wollte mich die muſikali⸗ ſche Eigenſchaft meines Schimmels kennen lehren. Kräftig ſtieß er in ſein Horn— ich hörte es noch— aber ſehen, ſehen konnte ich nichts mehr, Alles ward vor meinen Augen blau, himmliſch blau. Denn bei'm erſten Schalle des Horns hatte mein Schimmel, dem ich den Namen Pegaſus gegeben, die Ohren geſpitzt, den Kopf erhoben und— ehe ich es mir verſah, machte er trotz meiner guten Zügelführung: kehrt, gerade dem vielleicht befreundeten Poſtillon entgegen. Er erreichte ihn auch glücklich— ich aber nicht, denn ich lag, et⸗ was eingeſchüchtert, obwohl unverletzt, in dem weichen Sande des Thiergartens, von der lieben Straßen⸗ jugend umjauchzt und umſprungen, wie ein in ſeiner Pflicht untergegangener Held. Jetzt verſtand ich das Wort des Wachtmeiſters, was nämlich ein muſikaliſches Pferd ſei. Nichtsdeſto⸗ weniger, obgleich etwas langſamer als das erſte Mal, beſtieg ich den Rücken meines Pegaſus von Neuem. — 263— Diesmal blies kein Poſtillon und ich fiel auch nicht wieder in den Sand. Am zweiten Tage daſſelbe glückliche Reſultat. Am dritten Parade. Mir ſchlug das Herz, als wir im Schritt durch die Straßen der Stadt zum Thore hin⸗ aus ritten und fuhren, wobei ich die Ehre hatte, zum erſten Mal neben meinem Chef, dem Stabschirurgus, zu reiten, der nicht viel feſter ſaß als ich, aber natür⸗ lich ſich das Anſehen gab, als ſei er ein berühmter Kunſtreiter. Vor'm Thore angelangt, ſtellten wir uns in Reih und Glied auf, das heißt, wie ſich ein fliegendes Feld⸗ lazareth aufzuſtellen für nöthig hält. Hier fanden ſchon einige Mißhelligkeiten zwiſchen meinem Chef und dem techniſchen Führer des Lazareths, dem kommandirten Offizier, einem alten, erſt jüngſt mit den Epauletten be⸗ gabten Wachtmeiſter ſtatt. Dieſer wollte die Wagen ſo, jener anders geſtellt haben. Endlich entſchied ein Kriegskommiſſariatsbeamter, der dabei war, daß die Aufſtellung der Wagen und Pferde auf dem Marſche und bei Paraden Sache des Offiziers, alles Uebrige aber Sache des dirigirenden Stabschirurgus ſei. Wir ſtanden lautlos, wie unter den Waffen er⸗ graute Grenadiere. Nur mein Auge ſchaute rechts — 264— und links, ob auch kein Poſtillon wieder daher komme. Aber keiner erſchien, nirgends war auch nur ein Ge⸗ danke von Muſik zu hören. Da kamen verſchiedene Offiziere, Aerzte, Beamte, alle zu Pferde heran, unter ihnen einige meiner Bekannten, die mich lächelnd be⸗ grüßten und die ich lieber heute nicht begrüßt hätte. Man ritt an unſerer Front auf und ab, muſterte Alles und Jedes und lobte Vieles, beſonders die blankgeputzten Schneidergeſellen, die vor Angſt ſchwitz⸗ ten, obgleich es ziemlich kalt war. Da wurde Marſch kommandirt, und ſchon bei dieſem muſikartigen Tone machte mein Schimmel einen Satz, der einem engliſchen Renner Ehre gemacht hätte. Aber ich hatte diesmal Glück, ich verlor blos meine Mütze, die mir ein mit⸗ leidiger Straßenjunge wieder emporreichte. Jetzt ging es im Schritt fort. Es machte ſich prächtig. Da wurde Trab commandirt und ich weiß nicht, wie es kam, ich that gar nichts dazu und dennoch trabte mein Schimmel von ſelbſt, aber leider ſo heftig, daß ich trotz allen Zerrens und Drückens plötzlich der erſte im Zuge war. Eben wollte er ſich beruhigen— da — Tarata! kam der befreundete Poſtillon von neulich daher und— fort ging mein Schimmel, ihn abermals zu begrüßen, während ich ſelbſt liegen blieb, wo ich gerade zu liegen kam. Alles lachte— ich auch, obgleich ich mich ſchämte wie ein junges Mädchen, welches zum erſten Mal öf⸗ fentlich tanzen ſoll. Aber was half's, es mußte über⸗ wunden werden; und es ward überwunden. Die Offiziere des Lazareths, wozu ich in Folge meiner Stellung auch gehörte, wurden zuſammenge⸗ rufen und belobt, ſogar ich wegen meiner männlichen Faſſung bei einem ſo großen Unglück, auf einer Pa⸗ rade vom Pferde zu fallen. Dazu wurden noch einige ermunternde Worte gefügt und uns angekündigt, daß wir am nächſten Tage nach Magdeburg abmarſchiren würden. Raſch machte ich überall meine Abſchiedsbeſuche. Sehr gern hätte ich noch vor meiner Abreiſe in den Krieg einige liebevolle Worte und einige klingende Goldſtücke aus Prag abgewartet, denn eine Stadt wie Berlin iſt einem geldgefräßigen Raubthier gleich zu ach⸗ ten, aber— es kam kein Brief; jener mit den hundert⸗ fünfzig Thalern war der letzte geweſen. Meine Adreſſe zwar hatte der Major, meinen Abmarſch in den Krieg wußte er, ich hatte ihn wenigſtens nach Prag gemel⸗ det, aber ach! die unglücklichen Kriegszeiten mochten wohl den Faden unſerer ſo ſüßen Verbindung durch⸗ ſchnitten haben. Ich mußte mich mit meinem Trakta⸗ — 266— ment begnügen und ich begnügte mich, hatte ich doch ſchon weniger beſeſſen. Am nächſten Morgen um ſechs Uhr aber ſammelten wir uns auf unſerm Paradeplatze und ritten mit gutem Gewiſſen, ruhig und Gott er⸗ geben, in die ſtürmiſche Zukunft hinaus. IX. Der erſte Kugelgruß. In einem winterlich freundlichen und nicht zu kalten Morgen in der Mitte Januars 1814 traten wir alſo wohlgemuth unſern Marſch gegen Frankreich an. Wir ritten den ganzen erſten Tag nur Schritt, um die Pferde langſam an die ungewohnte Anſtrengung zu gewöhnen; ich meiſt für mich allein, denn der zweite Oberchirurgus hielt ſich ſtets in der Nähe des Stabs⸗ chirurgus an der Spitze des Zuges, und Ernſt Goy ſaß mit Suwarow, die ſich bald aneinander geſchloſſen, meiſt in einer der Ambülancen, nur von Zeit zu Zeit ein Stündchen zu Fuße gehend. Gegen Ende dieſes erſten Marſches, als wir ſchon Potsdam von einem Berge herab in naher Ferne liegen ſahen, fühlte ich mich entſetzlich müde, und als ich abſtieg, war ich ſo ſteif, daß ich kaum die kleine Treppe, die zu meinem — 268— Quartier führte hinauf klettern konnte. Ich fand die⸗ ſes in der Lindenſtraße bei einem Fleiſcher, Namens Neumann, glaube ich. Hier ſtärkte man mich mit Wein, Fleiſch und Bier dergeſtalt, daß ich einen ganz falſchen Begriff von Marſchquartieren bekam, denn ich träumte ſie mir nun alle ſo gaſtreich, freundlich und behaglich. Selbſt beim Abmarſch am nächſten Morgen fand ich die Satteltaſchen meines Schimmels ſo voll geſtopft von Gebratenem und Geiſtigem, daß es eher wie ein Paukerpferd, denn ein Doktorpferd ausſah. Den zweiten Tag machten wir einen noch größeren Marſch, denn wir ritten bis Brandenburg, welches wir beim entſetzlichſten Schneegeſtöber erreichten. Als ich hier vor meinem Quartier anlangte, war ich faſt außer Stand zu gehen; meine Beine, vom Reiten und der Kälte erſtarrt, kamen mir wie aus Holz gedrechſelt vor, und mein freundlicher Wirth, der Muſikdirektor Cru⸗ ſius, führte mich wie einen Verwundeten nach meinem Zimmer. Dieſer Mann hatte vier ſehr hübſche Töchter, von denen die Ruſſen vor einiger Zeit, als ſie bei ihm in Quartier gelegen, die älteſte, als nach ihrem Ge⸗ ſchmacke die ſchönſte, mit Liſt und Gewalt hatten mit⸗ nehmen wollen. Man war darüber noch in Angſt und hatte eigentlich nicht gern wieder Einquartierung ge⸗ nommen. Indeſſen mit einem Doktor glaubten ſie es — 269— noch einmal verſuchen zu können und ſie hatten auch in der That nichts von mir zu fürchten. Dennoch blickten die lieblichen Mädchen mich etwas ſcheu an, denn es mag allerdings keine Kleinigkeit für ein ſo junges Weſen ſein, von einem mit der Knute bewaff⸗ neten und nach Knoblauch ſtinkenden Ruſſen ſo leiden⸗ ſchaftlich verehrt zu werden, daß er ſie ſogar mit in den Krieg ſchleppen will. Das jüngſte dieſer vier Mädchen, Minchen mit Namen, habe ich noch vor ei⸗ nigen Jahren wiedergeſehen. Ich fuhr in ihrer Ge⸗ ſellſchaft auf der Eiſenbahn dem Rheine zu, wo ſie, glaube ich, eine Tochter verheirathet hatte; zufällig ſprach ſie den Namen ihres Vaters aus und dieſer Klang war meinem Gedächtniß ſo treu geblieben, daß einige Nachfragen mich bald auf die richtige Spur lei⸗ teten. Die Frau war noch hübſch und ſah überaus jugendlich aus. Dergleichen Wiederbegegnungen im Leben ſind wie freundlich winkende Blümchen am Rande des Weges, von denen der vorbeiſchreitende Wanderer den Duft einathmen muß, ſo lange er Organe dafür beſitzt, denn man begegnet leider auch Dornen und Diſteln genug. Von hier aus zogen wir in ununterbrochenen Märſchen, nur alle vier oder fünf Tage einen Raſttag haltend, über Magdeburg, Kaſſel, Marburg dem Rheine entgegen. In der That, eine ſchöne Reiſe, namentlich zu Pferde, mit dem man ſich endlich vertraut gemacht hatte, wenn es nicht Winter und unſere Verhältniſſe beim Lazareth im Allgemeinen günſtiger geweſen wären. Im Einzelnen zwar fehlte es mir nie an Unterhaltung, denn Ernſt Goy war häufig mein Reitgefährte. Er hatte ſich ſehr bald die Gunſt von Jedermann zu er⸗ werben gewußt und erhielt bald von dieſem, bald von jenem ein Pferd geborgt, worauf er ſeinen langen Leichnam warf. Er ſpielte zwar dabei eine erbärmliche Figur, indem er mit dem Leibe des Pferdes einen ſpitzen Winkel von beinahe fünfundvierzig Graden bil⸗ dete, indeſſen er ſaß, ritt und plauderte dabei ſo un⸗ verdroſſen und ſcherzhaft, daß er allen Mitgliedern un⸗ ſerer Karavane unentbehrlich geworden war. Daſſelbe e war der Fall mit Suwarow, der den Mund ungeheuer voll zu nehmen wußte, ſobald man auf politiſche Dinge 3 zu ſprechen kam, und von dem man hätte glauben kön⸗ nen, er brauche blos mit ſeiner Hand zu winken und mit ſeinen ſprechenden Geſichtsmuskeln zu zucken, um Frankreich mit ſammt Napoleon und ſeiner Armee in ſeine Taſche zu ſtecken. Minder erfreulich hatte ſich das Verhältniß zwi⸗ ſchen unſerm Chef und den einzelnen Gliedern des La⸗ zareths geſtaltet, denn er ſtand ſchon in wenigen Tagen ———— ganz allein. Der zugführende Offtzier, der Inſpektor, der Apotheker, der Rendant— kein Menſch verkehrte mit ihm, denn Alle hatte er bereits durch ſein pedan⸗ tiſches Weſen von ſich entfernt. Ich für meine Per⸗ ſon hielt mich zu keinem beſonders, ſondern ritt, ſprach und wohnte mit denen, die mir gerade in den Weg kamen, und das ſcheint mir auch auf ſolchen Märſchen das Beſte zu ſein, falls man nicht Jemand hat, den man aufrichtig liebt und in ſein Inneres aufnehmen kann, dies Heiligthum, welches man nie ungeſtraft vergeuden darf. Bisweilen that mir der Herr Stabs⸗ chirurgus die Ehre an und ſuchte meine Nähe, oder er ließ mich auffordern, ihm vorn an der Spitze des Zuges Geſellſchaft zu leiſten, was mir ſtets eine Pein ſonder Gleichen verurſachte. Denn ich habe nie einen Menſchen geſehen, der von ſeiner Allwiſſenheit ſo voll⸗ kommen überzeugt war, wie er. Er wußte und kannte Alles und immer beſſer als jeder Andere, ſelbſt wenn er keinen Begriff von der Sache hatte. Anſtrengung übrigens koſtete eine Unterhaltung mit ihm nicht, denn man brauchte ihm faſt nie zu antworten, obgleich mir die Langeweile bei ſeiner Unterhaltung oft beſchwer⸗ licher wurde, als die ſchwierigſte Arbeit. Er ſprach ohne Aufhören und ſtets in einem belehrenden Tone, wie wenn ein Dorfſchulmeiſter einem achtjährigen Kna⸗ — 22— ben die erſten Begriffe des Abe beibringt. Ich dachte dann auch natürlich in der Regel an andere Dinge, als an das was er erzählte, und nickte nur gelegent⸗ lich mit dem Kopfe, mit welcher Aufmerkſamkeit er auch ſchon zufrieden war, da er im Ganzen nur ſich hören wollte. Ich habe nie mit dieſem Manne ein hartes Wort gewechſelt, und dennoch weiß ich beſtimmt, daß ich in ſeinen Augen ein Gräuel war, denn er ſchien inſtinktmäßig zu fühlen, daß unſere Naturen nicht die geringſte Verwandtſchaft mit einander hatten und daß er in meinen Augen nur vorhanden war, wenn ich ihn gerade ſah. So ging unſer Marſch ruhig aber nicht allzu an⸗ genehm von Statten; ich lernte allmälig, von meinem Stallmeiſter fort und fort unterwieſen, reiten und mei⸗ nen Pegaſus verſtehen, bis wir endlich nach vier bis ſechs Wochen ſo weit in unſerer Bekanntſchaft vorge⸗ rückt waren, daß er in mir den Herrn erkannte, während er früher mein Herr geweſen war. Unſere Quartiere fanden wir bald auf Dörfern, bald auf einem Gute, ſeltener in einer Stadt. Gute und ſchlechte Unterkunft wechſelte, Strohlager folgten auf weiche Betten, Brot und Kartoffeln auf feine Gerichte, und an Alles gewöhnte ſich unſer Leib, der ſich in der That viel leichter in Entbehrungen ſchicken lernt, als unſer — 273— Geiſt. Denn jener mochte hungern und durſten, frie⸗ ren und ſchwitzen, es kam ein Tag, wo er ſich wieder erquicken konnte, dieſer hatte aber keine Nahrung und darüber trauerte er. Und am traurigſten wurde ich, als ich gegen Mitte Februars die von Eisſchollen trei⸗ benden Fluthen des Rheines wiederſah. Mein Geiſt flog dreißig Meilen nordwärts und ging in ſeinen Er⸗ innerungen ſieben Jahre zurück. Ach! mein ſtilles Kloſter, meine lieben Freunde, mein grüner Wald und Alles, was ich in ihnen gefunden— wo waren ſie ge⸗ blieben? Doch der Menſch muß nie zurückblicken, um ſich trüber zu ſtimmen, nur um ſich zu erheben, mag er es thun. Lieber dringe er vorwärts in's dunkle Leben hinein, denn das allein vermag die Gedanken an die Vergangenheit zu verbannen. Und wir hatten in der That ein neues und dunkles Leben vor uns und bald ſollte uns ſein gewaltiger Flügelſchlag hörbar und fühlbar umrauſchen. Denn wir waren bereits mit gro⸗ ßer Gefahr bei Ehrenbreitſtein über den Rhein geſetzt. Unſere unbändigen Pferde, unſere unbehülflich ſchwe⸗ ren Wagen und unſere linkiſchen Fuhrleute waren wahrlich nicht dazu geeignet, die ohnehin ſchwierige Ueberfahrt zu erleichtern. Aber wir kamen glücklich hinüber und betraten das linke Rheinufer, jenes ſchöne Fritz Stilling. II. 18 Land, den Zankapfel zweier mächtiger Völker, auf deſ⸗ ſen Fluren im Augenblicke alle Leidenſchaften der Men⸗ ſchen wütheten, wo Mord und Todtſchlag nicht allein Gebot, ſondern eine Ehre war, wo um Kaiſer⸗ und Königskronen gewürfelt und die Geſchicke ganzer Na⸗ tionen wie Spielbälle durcheinander geworfen wurden. Wir waren alſo in Coblenz und glaubten ſchon die Schneemaſſen des Nordens hinter uns zu haben, die unſern bisherigen Marſch ſo ſchwierig und un⸗ freundlich gemacht hatten, aber noch waren wir nicht ſo weit. Noch immer arbeiteten wir uns, namentlich in den Bergen, mit unerhörter Anſtrengung hindurch. Wir berührten Boppard, St. Goar, Trier, Luxemburg, dann gelangten wir auf die große Straße von Verdün, über Chalons gegen Rheims, der großen Armee und ihren Siegen, aber auch ihren blutenden Menſchen ent⸗ gegen. Hier auf dieſem Wege ſollten wir die eigenthüm⸗ lichen Gefühle kennen lernen, die den Menſchen ergrei⸗ fen, wenn er ſich dem Feinde nähert und wenn das ſeinen Anfang nimmt, was man Gefahr zu nennen pflegt. So lange wir in Deutſchland oder wenigſtens deutſch geſinnten Ländern marſchirt waren, hatte Jeder⸗ mann unſern Eifer geſpornt, uns ſeinen Beifall zu erkennen gegeben und uns als Vaterlandsvertheidi⸗ — 275— ger ehrenvoll aufgenommen und zu fördern geſucht. Sobald wir aber den Landſtrich erreichten, wo franzö⸗ ſiſche und deutſche Intereſſen ſich kreuzten und beider Blut ſich miſchte, benahm man ſich ſchon anders. Man warnte uns mit finſteren Blicken und einzelnen Worten. Die Macht der Franzoſen hielt man noch lange nicht für gebrochen, ſie ſammele ſich nur, um mit lawinenartiger Sturmesgewalt wieder daher zu brauſen und uns Alle zu Atomen zu zerquetſchen. Da⸗ durch wurden wir natürlich etwas ernſter und vorſich⸗ tiger geſtimmt und fingen an, kameradſchaftlich zuſam⸗ men zu halten. Wir ritten ſchon mit größerem Be⸗ dacht vorwärts, mehr in Stillſchweigen verharrend, die Blicke fortwährend gerade aus gerichtet, jeden Luftzug beachtend und fragend, ob er uns nicht Kunde von vornher bringe. Als wir nun aber das ſo oft geprie⸗ ſene und ſchöne Land Frankreich erreichten, als die Spuren der Verwüſtung von Freund und Feind im⸗ mer deutlicher wurden und der Krieg in ſeiner ſcheuß⸗ lichen Geſtalt uns immer näher rückte, da trat ein Gefühl des Unwillens in uns ein. Der männliche Trotz fing ſein keckes Spiel in uns an zu treiben, wir fühlten, daß wir Männer ſeien und daß eine heilig⸗ ernſte Angelegenheit uns in dieſe vom Vaterlande ſp weit entfernten Fluren gefordert habe. 18 * — 276— Schon bei Luxemburg hatten wir militatriſche Begleitung erhalten. Eine Schwadron alliirter Rei⸗ terei ſetzte ſich an unſere Spitze, ein Zug Infanterie ſchloß das Ganze— wir waren alſo inmitten der Gränzen des Krieges ſelbſt. O wie wurde da ſchon in der Ferne jeder Buſch, jedes einzeln ſtehende Haus, jeder verdächtige Hügel mit den wachſamen Augen durchforſcht! Obgleich noch die verbündete Armee vor uns war, ſo ſchien es uns doch, als wenn uns die Gefahr wie eine Schlinge ſchon über den Hals gewor⸗ fen würde. Endlich machten wir in einem erbärmlichen Dorfe oder Vorwerke, worin kaum die nöthigſten Lebensmit⸗ tel für Menſchen und Vieh zu finden waren, Halt. Es kamen alle Tage Boten an, die uns von den Er⸗ eigniſſen Mittheilung brachten, die vor uns geſchahen. Rheims, von den Franzoſen beſetzt, ſollte genommen werden, man erwartete nur noch einige Truppen aus Deutſchland. Und dieſe ſollten nicht lange ausbleiben; am 10. oder 11. März, wir lagen bereits mehrere Tage auf unſerem Vorwerke, kamen ſie an, branden⸗ burgiſche Regimenter, darunter, glaube ich, das fünfte kurmärkiſche Landwehr⸗Regiment. Doch ich kehre jetzt zu meinem Lazarethe zurück um zu ſchildern, was bei dieſem vorging und von mei⸗ — 277— nem beſchränkten Geſichtspunkte aus die nächſten blu⸗ tigen Vorgänge zu beſchreiben.— Bald nach unſerer Ankunft in jenem kläglichen Vorwerke war unſer eigentlicher Chef, der Oberſtabs⸗ chirurgus G... eingetroffen und hatte mit kräftiger Hand die Zügel ſeiner Regierung ergriffen. Augen⸗ blicklich war ein neues Leben bei unſerem kleinen Völk⸗ chen eingekehrt. Er war ein ſtattlicher, ſehr gebilde⸗ ter und umſichtiger Mann in den beſten Jahren, der ſehr wenig ſprach, aber um ſo mehr handelte. Er brachte auch die Nachricht mit, daß in kurzer Zeit die Stadt Rheims genommen werden würde und daß uns alſo Thätigkeit in Fülle erwartete. Kaum war er un⸗ ter uns, ſo berief er ſämmtliche Mitglieder des Laza⸗ reths zuſammen und theilte uns in zwei Hälften, in die fliegende und in die ſtehende Abtheilung. Mein alter Stabschirurgus wurde Führer der erſten und ich ſein unmittelbarer Untergebener; nächſt mir und auf meinen Wunſch wurden uns Ernſt Goy und Suwarow und zwei andere Chirurgen zugetheilt. Wir erhielten den Wachtmeiſter zum Zugführer, einen vierſpännigen Wagen mit Lazarethutenſilien, einen zweiten mit Ban⸗ dagen und Inſtrumenten und einer kleinen Apotheke und die beiden Ambülancen mit den dazu gehörigen Trainleuten. Wir Genannte mußten jeden Augenblick * — 278— des Aufbruchs gewärtig und ſtreng auf unſerm Poſten ſein, denn dieſe fliegende Abtheilung war beſtimmt, uunmittelbar hinter der Feuerlinie ſich irgend wo feſtzu⸗ ſetzen und die Verwundeten aus erſter Hand zu em⸗ pfangen, ſie zu beſorgen und alsdann zur ſichereren Aufbewahrung der zweiten, ein paar Stunden hinter g 5 uns ſtehenden Abtheilung zuzuſenden, die ſie dann ih⸗ rerſeits nach Umſtänden behielt, oder wieder weiter zurück in die in allen großen Städten angelegten La⸗ zarethe lieferte. Es iſt dieſes häufige Fortſchaffen und Umtauſchen der Kranken aus einem Raume in den anderen, aus einer Stadt in die andere und oft wohl zwanzig bis dreißig Meilen weit zurück, eine für die Betheiligten auf den erſten Augenblick allerdings grauſam erſchei⸗ nende Maaßregel. Allein der Krieg iſt überhaupt ein Uebel und der davon Betroffene wird nicht auf Dau⸗ nenbetten gelagert. Jedoch erſcheint dieſe Maaßregel grauſamer, als ſie iſt, ſie hat ſogar große Vortheile auf ihrer Seite. Denn ſchlechte und überfüllte Kran⸗ kenzimmer, wie ſie gewöhnlich in der Nähe des Schlachtfeldes gefunden werden, ſind Todesbetten, und ein Transport durch die friſche Luft, ſo unbequem und ſchwierig er wird, iſt für einen einigermaßen beweg⸗ lichen Kranken weit zuträglicher, als das Verbléiben in den erſten beſten Niederlaſſungen, zumal die am wei⸗ teſten zurückliegenden immer die beſten Lazarethe, weil zugleich auch die ruhigſten, ſind. Nachdem alſo dies angeordnet, wurden die gro⸗ ßen Wagenkaſten geöffnet und uns und den Kranken⸗ wärtern und Gehülfen, ſo viel ihrer da waren, das Nothwendigſte zum augenblicklichen Bedarf verabreicht. Außerdem erhielten mein Chef und ich Anweiſungen, um nach allerlei Vorkommniſſen in Uebereinſtimmung mit den höchſten Befehlen handeln zu können. Sodann wurden ein Dutzend Huſaren in die Umgegend ver⸗ ſandt, mit Stroh gefüllte Bauerwagen heranzuſchaffen, damit wir die nöthigen Mittel zur Hand hätten, die Verwundeten zurück zu ſchicken, wozu unſere beiden Staats⸗Ambülancen am wenigſten tauglich waren und auch bei Weitem nicht ausreichten. Sollten die um⸗ wohnenden Landleute nicht gutwillig ihre Fuhren ſtel⸗ len, ſo mußte Gewalt gebraucht werden, denn die Wa⸗ gen waren nothwendig, und, was für die Huſaren das Wichtigſte war, von dem Diviſionär befohlen. Froh über den erhaltenen Auftrag und Tag und Nacht zu jeder wagehalſigen Thätigkeit bereit, ſattelten ſie flugs ihre Pferde und galoppirten zu zwei und zwei in ſechs verſchiedenen Richtungen munter davon. Gegen Abend deſſelben Tages kehrten ſie mit einigen ſiebzig Fuhr⸗ — 280— werken zurück und erzählten, wie ſie mit ihren Klingen unter dem böswilligen Volke herumgefuchtelt hätten, das ſich geſtellt, als verſtände es nichts und doch Al⸗ les recht gut begriffe.„Denn hat ſolche Bauernſeele etwa keinen Inſtinkt?“ fragte ein luſtiger Huſar naiv. „Wir wiſſen noch ſehr gut, wie die Franzoſen es bei uns gemacht, und da wollen wir ihnen zeigen, daß wir etwas gelernt haben, indem wir es noch beſſer. machen.“ Wir zählten den 12. März. Ich werde den Tag nie vergeſſen, denn ich wäre beinahe erſchoſſen worden und noch dazu von einem redlichen Pommer, der nur ſeine Pflicht gethan, wenn er ſeine Flinte auf mich losgebrannt hätte. Es war Abend geworden, wir waren Alle etwas unruhig über die Verzögerung des Bevorſtehenden und gingen ſpazierend im Dorfe auf und ab. In trauliches Geſpräch mit Ernſt Goy vertieft, war ich vielleicht zu weit über die letzten Hänſer hinausgekommen und zugleich von der Dun⸗ kelheit überraſcht. Da, auf der Rückkehr begriffen, wurde mir von einem am Abend ausgeſtellten Poſten Stillſtand geboten, zugleich ein aus dem Buſche blitzen⸗ des Gewehr entgegengehalten und das Feldgeſchrei ab⸗ gefordert. Wir erhielten alle Morgen Looſung, Pa⸗ role und Feldgeſchrei; aber da wir ſie bisher noch — 281— nicht gebraucht hatten, gingen wir etwas nachläſſig damit um. Die Looſung war diesmal Paris, das Feldgeſchrei Friedrich Wilhelm oder Guſtav Adolf, die Parole hatte ich ganz vergeſſen. Bei der Frage nach dem Feldgeſchrei ſchwankte ich alſo zwiſchen jenen bei⸗ den Namen; ſprach ich das falſche Wort aus, ſo ſaß mir die Kugel im Leibe, wohin das Bajonett des Pommern ſehr nachdrücklich gerichtet war. Alle meine Gedanken concentrirten ſich plötzlich auf dieſen einen Hauptbrennpunkt und ich zermarterte mich mit der Ueberlegung, wie ich der Gefahr ausweichen ſolle, die jede Minute größer wurde. Ich fing an mit dem Scharfſchützen zu parlamentiren. „Das geht nicht,“ ſagte er,„ſein Sie, wer Sie wollen, ich ſchieße Sie mauſetodt, das iſt mein Befehl. Die Franzoſen ſind Spitzbuben und Sie können auch einer ſein.“ „Ich bin weder das Eine, noch das Andere— komm hervor und Du wirſt es ſehen.“ „Ich werde mich hüten. Antwort oder Feuer!“ „Die Looſung iſt Paris!“ ſagte ich angſtvoll, während mir die Zunge am Gaumen klebte. „Das iſt ſchon richtig! Feldgeſchrei— laut— aber nicht zu laut!“ — 282— „Friedrich Wilhelm!“ preßte ich heraus und augenblicklich ſenkte ſich das Gewehr. Der Pommer aber murrte:„Warum haben Sie mir das nicht gleich geſagt, da Sie es wußten? Es macht mir kein Vergnügen, einen ehrlichen Menſchen todt zu ſchießen, aber ich muß. Jetzt können Sie paſſiren.“ In Schweiß gebadet, kam ich mit meinem Ge⸗ fährten zu Hauſe an; dieſer Vorfall aber hatte die gute Folge, daß wir die Stichwörter künftig außer⸗ ordentlich genau behielten. In dieſer Nacht ſchloß ich kein Auge— mir ſchwebte immer der Pommer vor, mit ſeinem blinken⸗ den Bajonett und den Worten: Antwort oder Feuer! Ernſt Goy lag neben mir auf der Streu und wälzte ſich ebenfalls ruhelos. Es mochte Mitternacht ſein, als er mich anrief: „Biſt Du wach?“ „Ja, Ernſt Goy, ich kann nicht ſchlafen.“ „Ich auch nicht. Gieb Acht, heute geht's los. Es iſt der Dreizehnte; das iſt eine böſe Zahl. Laß uns aufſtehen und ſehen, ob Alles fertig iſt.“ Wir ſtanden auf und zündeten Licht an. Ich fühlte einen brennenden Durſt. Aber Waſſer war nicht zu haben, denn die ſchlafenden Bauern waren unerweckbaͤr; ſie verharren. — 283— hatten ſich, wie jede Nacht, in ihrer Kammer verbarri⸗ kadirt. Es waren böswillige Leute, die wohl was zu eſſen hatten, es uns aber nicht gaben, wenn wir nicht drohten, und das liebte ich für meine Perſon nicht. Suwarow verſtand es beſſer, mit ihnen umzugehen und das Begehrte zu erlangen. Er ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch und brüllte:„Bauer, gieb was zu freſſen!“ Worauf denn jedesmal ein guter Biſſen erſchien, während wir uns mit den dürftigen Vorräthen des Lazareths behelfen mußten. Bis zwei Uhr ſaßen wir auf und plauderten. Dann wurden wir müde und warfen uns wieder auf das Stroh nieder. Kaum aber hatten wir uns aus⸗ geſtreckt, ſo hörten wir in der Stille der Nacht den Galopp eines nahenden Pferdes und gleich darauf ſprang ein Mann auf den Steinen des Vorhauſes aus dem Sattel. Sogleich ſtanden wir vor der Thür. Es war eine Ordonnanz, die eine Depeſche für den Oberſtabs⸗ chirurgus in der Hand hielt. Ich nahm ſie ihm ab und brachte ſie unſerm Dirigenten. Wir ſollten an⸗ ſpannen und ſatteln, hieß es, und jeden Augenblick des Aufbruchs gewärtig ſein, aber in tiefſter Stille — 284— „Siehſt Du,“ mahnte Ernſt Goy,„ich habe es geſagt!“ Und Alles wurde in größter Stille und Eile be⸗ folgt. Bald hielt die fliegende Abtheilung auf der* Straße, wir ſtanden neben unſern geſattelten Pferden. So erwarteten wir den Anbruch des Tages, der etwa um ſechs Uhr erfolgte. Da erſchien eine zweite Or⸗ donnanz, ein brauner Huſar. Die Depeſche, die er mitbrachte, befahl, wieder auszuſpannen und zu war⸗ ten, uns aber nicht vom Quartiere zu entfernen, bis eine dritte einen neuen Befehl brächte. Obgleich Mancher über die ſich widerſprechenden Befehle murrte, die uns die Ruhe nahmen, ohne uns Arbeit zu geben, ſo thaten wir doch, was befohlen war. Wir bereiteten unſer mageres Frühſtück und fütterten die Pferde. So wurde es neun Uhr Morgens. Eben wandelten wir im Dorfe auf und nieder, da zeigte ſich ein Poſtillon auf ſchäumendem Pferde. Er hielt ein Blatt Papier, mit Bleiſtift beſchrieben, in der Hand. 3 „Vorwärts!“ hieß es darin,„was die Pferde laufen können, auf der Straße nach Rheims!“ Jetzt ging es haſtig an die Arbeit. Wir halfen mit eigenen Händen die Pferde anſpannen. Als Al⸗ a* — 285— les fertig war, die Fußgänger in den Ambülancen ſa⸗ ßen, ſprangen wir in die Sättel. Vorauf dreißig Huſa⸗ ren, dann der Stabschirurgus, ich und der Wachtmeiſter, dann die Lazarethequipagen, gefolgt von ſämmtlichen Bauerwagen, hinten am Ende wieder eine Abtheilung Huſaren. So ging es im ſchärfſten Trabe vorweg. Alles lief gut ab; die Pferde waren zum erſten Mal vernünftig, gleichſam als ahnten ſie etwas Ernſtes; die Kutſcher fuhren vorſichtig; ſo that Jeder ſeine Schuldigkeit. Zwei Stunden waren wir, mitunter galoppirend, fortgetrabt, als wir uns einem kleinen Dorfe näherten, welches, glaube ich, Beine hieß. Da kam uns ein Kriegskommiſſariatsbeamter entgegengeſprengt und be⸗ fahl uns, in dieſem Dorfe vorläufig zu bleiben. Es gäbe heute nichts, es ſeien Gegenbefehle angelangt, aber morgen gewiß.„Suchen Sie ſich ein Unterkom⸗ men, ſo gut es geht, denn das Dorf iſt mit Mann⸗ ſchaft überfüllt,“ fügte er hinzu. Wir ſtiegen von unſeren triefenden Pferden und blickten uns um. Aus allen Fenſtern, Thüren, Böden und Scheunen beguckten uns Ruſſen mit langen Bär⸗ ten, Taback kauend und ſchmauchend, Weiber in allen möglichen Geſchäften darunter gemiſcht. Koſacken rit⸗ . — 286— ten auf ihren kleinen Pferden mit den hohen Sätteln, die Lanzen quer über die Kniee gelegt, kokettirend auf und ab. 4 5 Wir pochten an verſchiedene Häuſer, nirgends aber war ein Unterkommen zu finden. Endlich trafen wir ein Wirthshaus. „Aufgemacht!“ „Hier iſt nur für Gäſte Raum! Einquartierung haben wir ſchon!“ „Wir ſind Gäſte!“ Und ſchon waren wir darin. Wir drückten uns Alle in der einen Gaſtſtube zuſam⸗ men, außer den Trains, die auf der Straße bei ihren Pferden und Wagen blieben. Das war ein langweiliger und trüber Tag in die⸗ ſem überfüllten Dorfe, etwa zwei kleine Stunden von Rheims gelegen. Glücklicherweiſe ging er ſchnell vor⸗ über in dem Treiben der Krieger, denen wir verwun⸗ dert zuſchauten, denn von einer Gefahr hatten dieſe wüſten Maſſen keine Ahnung— morgen konnten ſie ſchon alle todt ſein, aber was that ihnen das heute? Wir erhielten hier nicht einmal Stroh für die Nacht und lagen ſchlaflos auf bloßer Erde, den Kopf 8 auf die Sättel geſtützt, mit dem Mantel zugedeckt. Morgens vier Uhr konnte ich es nicht mehr aushal⸗ ten, ich war wie gerädert, denn ich hatte in dieſer und der vorigen Nacht kein Auge geſchloſſen und bei ma⸗ gerer Koſt beide Tage in großer Aufregung zuge⸗ bracht. Ich trat, um mich zu erfriſchen, in's Freie; noch war die Nacht ſternenklar und es wehte ein friſcher Wind, Rheims entgegen, als wollte Gott ſelbſt uns auf ſeinen allmächtigen Flügeln unſerem heutigen Ziele entgegenführen. Unmittelbar vor dem Hauſe lagen unſere Leute und Pferde auf Heu und Stroh, welches die Ruſſen zurückgelaſſen, nachdem ſie truppweiſe ſchon um Mitternacht vorgerückt waren. Um halb ſechs Uhr erſchien derſelbe Kriegskommiſſair, der uns geſtern hier im Orte aufgehalten hatte, um uns zum letzten Mal vorwärts zu jagen. „Laſſen Sie Ihre Pferde laufen, was ſie können,“ ſagte er zu dem Offizier, der unſere Huſaren führte, „man wird das Lazareth bald gebrauchen. Seitwärts von Sillery ſcheint mir die beſte Poſition für daſſelbe zu ſein. Sie aber, Herr Stabschirurgus, wählen Sie kein Dorf, nur einzeln liegende Häuſer oder Höfe zu Ihrer Niederlaſſung und gehen Sie nicht zu nahe 9 heran. Die Artillerie, überhaupt jede Truppe, muß ſtets vor Ihnen ſein. Viel Glück auf den Weg— guten Morgen, meine Herrn!“— nt d Bald war Alles wieder an Ort und Stelle und im ſcharfen Trabe ging es abermals vorwärts, nun endlich der nächſten Entſcheidung entgegen. Mir pochte das Herz; ich hätte gewünſcht, mich leiblich kräftiger zu fühlen, denn zwei ſchlafloſe Nächte, karge Nahrung und Gemüthsbewegung dabei ſind nicht geeignet, die Körperkräfte ſelbſt junger Leute zu ſteigern. Indeſſen die Aufregung, in die wir uns allmälig hineinritten, ſtellte bald das Gleichgewicht zwiſchen Leib und Seele wieder her. Da mußte nochmals gehalten werden. Eine ruſ⸗ ſiſche Infanterie⸗Brigade kreuzte unſern Weg, und da die Straße ſchmal war, ſo wollte ihr Vorübermarſch für unſere Ungeduld kein Ende nehmen. Endlich hat⸗ ten wir wieder Luft und vorwärts ging das Geraſſel des langen Zuges eine Anhöhe hinauf. Kaum aber waren wir auf den Gipfel derſelben gelangt, ſo wurde wieder Halt gemacht, denn wir waren, wie uns ſehr bald geſagt wurde, zu weit vorgegangen und konnten im Augenblick nicht wieder zurück, weil zur Wendung der ſchweren Wagen kein Raum vorhanden war. 0 — 289— Aber was ſahen wir? Eine weite, von wellenar⸗ tigen Hügelketten, die alle mit Weinſtöcken bepflanzt waren, umgebene Ebene, durch die ſich die Vesle gleich einer gelblichen Schlange ringelte; dicht vor uns, bei⸗ nahe in der Mitte dieſer Ebene, das ſtolze alte Rheims, die Krönungsſtadt ſo vieler franzöſiſchen Könige, mit ihrer herrlichen emporragenden Kathedrale— jetzt aber der todtſpeiende Mittelpunkt und zugleich das Wurf⸗ ziel aller drohend aufgepflanzten Geſchoſſe. Denn im Halbkreiſe rings auf den Hügeln waren ruſſiſche und preußiſche Batterieen aufgefahren und jeden Augen⸗ blick erwartete man das Zeichen zum Beginn der Feind⸗ ſeligkeiten. Auch in unſerer nächſten Nähe ſtanden vier Geſchütze, umgeben von ſorgſam lauſchenden Kanonie⸗ ren mit brennenden Lunten. Noch war der Horizont klar und jeder Gegenſtand, ſelbſt in großer Weite, ge⸗ nau zu erkennen; in fünf Minuten aber ſchon ſollte es anders ſein. „Sie ſind zu nahe hier!“ rief der Führer dieſer Batterie unſerem Stabschirurgus zu—„wenden Sie ſich ſeitwärts— raſch— denn—“ Da brach er ab und ließ uns unſchlüſſig ſtehen und zuſchauen. Denn der erſte Kanonenſchuß, ein Signal für alle übrigen, rollte ſo eben von einem der Frit Stilling. II. 19 . gegenüberliegenden Hügel herunter und augenblicklich begann der Pulverdampf den friedlichen Anblick zu trüben, indem er ſich von den Höhen in die Ebene ſenkte und gleich einem dicken Schleier die Phyſiogno⸗ mie der Gegend verdunkelte. Mit einem Krachen, das ich in meinem Leben nicht vergeſſen werde und von einem Sprunge meines ſchnaubenden Pferdes begleitet, welcher mich beinahe wieder abgeſattelt hätte, fingen auch unſere Geſchütze an, ihr Feuer gegen die arme Stadt zu ſpeien. Ich zitterte wie Espenlaub und das dumpfe Rollen der Hau⸗ bitzen dröhnte wie ein Erdbeben in meinen Eingeweiden wieder. Aber wie bald iſt man an eine ſolche Muſik gewöhnt, wie ſchnell peruhigen ſich die aufgeſchreckten Nerven und geben ſich einer Art wüthender Schaden⸗ freude hin. Schon in fünf Minuten verloren dieſe krachenden Donner all ihr Schreckliches, zumal auch nicht ein einziger Wiedergruß aus der Stadt nach un⸗ ſerer Seite erfolgte. Aber ſchon nahte auch dieſer mit angſtvoller Spannung erwartete Augenblick. Von meinem tanzenden Pferde hin und her geriſſen, wel⸗ ches mit den Hufen ganze Erdſtücke in die Luft warf, ſah ich es gern, daß uns von Jemandem, ich weiß nicht mehr, wer es war, ein Hof in der Ebene, rechts von Sillery zu unſerer Niederlaſſung angedeutet wurde, — 291 4 und wir wollten uns eben dahin in Bewegung ſetzen, nachdem auch unſere Batterie in Karriere vorwärts gegangen war, als ein trauriges Exeigniß uns be⸗ lehrte, daß wir nicht ein unſchuldiges Schauſpiel, ſon⸗ dern ein Trauerſpiel von tiefer Bedeutung vor unſe⸗ ren Augen hatten. Zwanzig Schritte vor uns ſtanden die begleiten⸗ den Huſaren, deren Pferde auf und nieder wogten. Ihr Führer allein hielt bewegungslos ſechs bis acht Schritte von ihnen entfernt auf ihrem linken Flügel. In dieſem Augenblick ſauſte die erſte Kugel daher— wir hörten einen harten Schlag oder Stoß, wie wenn ein Brett getroffen wird— dann ſahen wir von dem Führer der Huſaren zwei Gegenſtände, einen links und einen rechts, in die Luft fliegen, während das Pferd mit ſeinem Reiter auf und davon ging, wie von einer Windsbraut weggefegt. Dieſe beiden Gegenſtände waren der Tſchako und der Kopf, die dem Manne ab⸗ geſchoſſen wurden, während das Pferd den kopfloſen Rumpf durch die Ebene trug, der ſich, zu unſerem Entieben noch mehrere Minuten lang in ſitzender Stellung erhielt, dann aber hinten überſchlug und all⸗ mälig vom Sattel glitt. Weiter ſah ich nichts mehr, denn ſchon waren die Huſaren in Marſch, unſere Wa⸗ gen folgten, und mein Pferd, ohne meiner Führung 19* — 292— zu bedürfen, galoppirte inſtinktmäßig ſeinen hüpfenden Gefährten nach. Tief ergriffen trabten wir ſchweigſam dahin, nur von Zeit zu Zeit mit einem Blick uns unterredend. So kamen wir bei jenem kleinen Gehöft, einem Winzer⸗ hauſe, an, wo unſer Lazareth für die nächſten Stun⸗ den in Thätigkeit geſetzt werden ſollte. Es war Zeit, daß wir ein Unterkommen fanden, denn kaum waren wir an Ort und Stelle, ſo kamen Verwundete in ſolcher Menge an, daß wir nicht wuß⸗ ten, wem zuerſt beizuſpringen ſei. Ein großes Zim⸗ mer hatten wir ſchnell in Beſchlag genommen und die darin befindlichen Möbel vor die Thür geworfen, denn wir brauchten Platz. Bald auch ein zweites und drit⸗ tes. Ernſt Goy und Suwarow arbeiteten dabei wie Rieſen. Hier herein trug man auf Schultern, Stüh⸗ len, Leitern und Bahren, was man gerade hatte, die Verwundeten, meiſt pommerſche und brandenburger Landwehren. Dieſe Leute waren von ihrem Unglück gar nicht ſo tief erſchüttert, wie ich es mir gedacht hatte; ſie ſahen zwar bleich und mehr erſchrocken als traurig aus, klagten aber nur über einen ungeheuren Durſt, der ſogleich geſtillt wurde. Sonſt aber ſpra⸗ chen ſte ruhig und bedauerten, das ſchöne Rheims nicht „ — 293— beſuchen zu können, worauf ſie ſich ſo ſehr gefreut hätten! Wir ſechs Aerzte arbeiteten in Hemdsärmeln, meiſt zwei und zwei bei einem Verwundeten beſchäftigt. Glücklicher Weiſe waren den erſten keine Glieder ab⸗ zunehmen, was immer viel Zeit erfordert, daher ſie denn auch, ſchnell verbunden, auf die bereitſtehenden Wagen gepackt und zur zweiten rückwärts ſtehenden Abtheilung des Lazareths gefahren wurden. So be⸗ kamen wir Luft und freie Hände; aber nicht lange dauerte es, ſo kamen wieder neue Verwundete an und wir arbeiteten fort und fort, ohne zu wiſſen, was es an der Zeit ſei, ohne ein Bedürfniß zu fühlen, an nichts denkend, als nur allein an das zunächſt Vor⸗ liegende Hand anzulegen. Ich war mir eigentlich mei⸗ nes Handelns gar nicht bewußt, Augen, Kopf und Hände verrichteten ſelbſtthätig ihr blutiges Geſchäft und erſt, als wir wegen ausbleibender Verwundeten zu arbeiten aufhörten, bemerkten wir an unſeren trie⸗ fenden Geſichtern, an unſeren ſteifen Gliedern und an der Mattigkeit unſeres ganzen Körpers, daß wir flei⸗* ßig geweſen waren. So war es beinahe Abend geworden und wir hatten noch keinen Biſſen über unſere Lippen gebrucht. — 294— Da, eben hatten wir den letzten Mann ſo weich wie möglich auf ſeinem Strohwagen gebettet, kam der Be⸗ fehl, uns, ſobald wir fertig wären, nach dem anderen Theil des Lazareths zurückzubegeben und zu helfen, weil daſelbſt noch viel zu thun ſei. In wenigen Au⸗ genblicken hatten wir uns gereinigt und gerüſtet und denſelben Weg zurücktrabend, den wir am Morgen ge⸗ kommen waren, langten wir nach einer halben Stunde ſcharfen Rittes am Orte unſerer neuen Beſtimmung an. Aber einen grauſigeren Anblick, als mir da zu Theil wurde, hatte ich bisher noch nicht vor Augen gehabt. Ein großer und begüterter Winzerhof war in ein einziges, bluttriefendes Hoſpital verwandelt worden, alle darin enthaltenen Möbel lagen haufenweiſe vor den ausgehobenen Thüren zerſtreut umher. In allen Zimmern, einige wenige ausgenommen, waren Stroh⸗ matrazen mit weißen wollenen Decken darüber ausge⸗ breitet, und darauf lagerten Leib neben Leib, Fuß ge⸗ gen Fuß, alſo mit den bleichen Geſichtern ſich anſtar⸗ rend, die Verwundeten. Im Ganzen in ihr Schickſal männlich ſich ergebend, verhielten ſie ſich ſtill, nur zu⸗ weilen ächzend, ſtöhnend und nach einem Labektrunk rufend. Die meiſten Wunden waren durch Kartätſchen⸗ und ſchwere Geſchützkugeln entſtanden, namentlich — 295— hatten die pommerſchen Landwehren ſtark gelitten, die das mit Kartätſchen vertheidigte Stadthor im Sturme genommen hatten. Auch Ruſſen lagen unter den Preu⸗ ßen, und ſchon von Weitem konnte man ſie an ihrem Gewimmer erkennen, denn der ruſſiſche Soldat, wie alle zum ſlaviſchen Volksſtamm Gehörige, ſelbſt Polen nicht ausgenommen, ſonſt ſo muthig und ſtandhaft im Gefechte, ſind weichlich, thränenreich und oft ſogar wei⸗ biſch, wenn ſte verwundet und von Schmerzen ergriffen ſind.. Freilich waren jetzt nach unſerer Ankunft viele hülfreiche Hände vorhanden, aber auch der Verwunde⸗ ten gab es genug. Erſt zehn Uhr Abends waren wir mit verſchiedenen Operationen und Verbänden fertig. Da überkam mich plötzlich ein ſolches Gefühl von Abſpannung, Müdigkeit und Hunger, daß ich zur Un⸗ g g g 3 terſtützung meiner Kräfte phyſiſch gezwungen wurde. Ich trat in das erſte beſte Zimmer ein, um mir von irgend Jemandem etwas zu fordern, als ich ein neues und unerwartetes Schauſpiel vor Augen ſah. Auf einem Sopha in einem ſehr freundlichen Zimmer lag eine ohnmächtige und in Nervenzuckungen ſich wälzende Dame; es war die Frau vom Hauſe, deren Mann ein reicher Weinbergsbeſitzer, händeringend und um — 296— Hülfe flehend mir entgegenſchritt. Sehr bald hatte ich den Zuſtand der Kranken erkannt und einige aus un⸗ ſerer Apotheke ihr eingeflößte Tropfen brachten ſie wie⸗ der zu ſich, die der Schreck, die Angſt, das blutige Entſetzen der nächſten Umgebung niedergeworfen hatte. Bald erhob ſie ſich und dankte mir mit rührenden Worten „Geben Sie mir zu eſſen,“ rief ich ſtatt aller Antwort,„ich kann kaum noch auf meinen Füßen ſtehen, ich habe ſeit drei Tagen gehungert.“ In kürzeſter Zeit wurde mein Begehren geſtillt. Man brachte eine Flaſche Sillery, den ich hier zum erſten Male trank, Brot und Fleiſch. Ich faßte letz⸗ teres vor Gier mit den Fingern und verſchlang es, fügte darauf ſchnell einige große Biſſen ſehr ſchönen weißen Brotes hinzu und trank raſch ein paar große Gläſer ſchäumenden Weines aus. Da— nie iſt mir wieder etwas Aehnliches begegnet— ich ſaß gerade auf dem Sopha neben der Dame— glitten mir die Hände ſo zu ſagen vom Munde, ich ſank hinten über und augenblicklich, ohne meiner bewußt zu werden, ver⸗ fiel ich in eine Art Schlummer, wie ich nie einen ſüße⸗ ren und leichteren genoſſen habe, den aber die unge⸗ heure und dauernde Anſtrengung bütihn iß ſchnal herbeigezaubert hatte. —— 297— Eine Stunde etwa mochte ich traumlos dagelegen haben, als ich geweckt wurde und zwar durch meinen erſten Chef, der mich ihn zu begleiten bat. Ich erhob mich und fühlte mich außerordentlich geſtärkt. Wir tranken erſt noch einige Gläſer Wein, ich nahm noch einige Schnitte Brot und Fleiſch mit auf den Weg, dann folgte ich meinem Führer auf dem Fuße. Es war Mitternacht. Wir beſprachen zuerſt Mancherlei für den kommenden Morgen und wandel⸗ ten darauf durch die Zimmer der Verwundeten, die ſtill, ergeben und meiſt mit gefalteten Händen unter ihren weißen Decken lagen, mitunter nur ein leiſes Geſtöhn, ein Aechzen, kaum eine Klage ausſtießen, um die ruhig daneben Schlafenden nicht zu erwecken. Vor einem jungen Burſchen vom kurmärkiſchen Landwehr⸗Regimente blieben wir ſtehen. Ich werde ſeinen rührenden Geſichtsausdruck nie vergeſſen. Eine Kugel. war mitten durch ſeine Bruſt gegangen und hatte ſeine Lunge durchbohrt, ohne ein großes Blut⸗ gefäß zu verletzen. Angſtvoll, laut röchelnd und mit ſchwer aufathmender Bruſt lag er da; keine Klage ent⸗ floh ſeinen Lippen, nur ſeine hellblauen Augen bohr⸗ ten ſich in die meinen, als begehrten ſie ſtillſchweigend Hülfe und Beiſtand. Ich kniete neben ihm nieder, faßte ſeine Hand und beruhigte ihn mit tröſtendem Zu⸗ — 298— ſpruch. Dieſer hülfloſe, flehende Blick aber hatte den Stein, der wie ein ſchwerer Alp den ganzen Tag auf meiner Bruſt gelegen, gehoben— ich fühlte ein nie empfundenes Bedürfniß— ich verließ das Zimmer, ging auf den Hof und hier, wo Niemand mich ſah, als die Millionen funkelnder Sterne am blauen reinen Himmel— ließ ich meinen Thränen freien Lauf. „Vater dort oben!“ ſchluchzte ich.„Warum läſſeſt Du ſo viel Elend zu? Was haben dieſe armen jun⸗ gen Menſchen gethan, ſo zu bluten, ſo zu leiden? Ah, freilich, ſie bluten und ſterben für König und Vater⸗ land— und das iſt ihr einziger Troſt!“— Und mir wurde nach dieſem unwillkürlichen Thrä⸗ nenerguß leichter um's Herz, ich fühlte mich wieder geſtählt gegen das von Außen ankämpfende Leid. Ich ſchritt leiſe vor die Thür des auf einem Hügel liegen⸗ den Hauſes und ſchaute mich um. In lautloſer Stille breitete ſich rings die friedliche Nacht aus. Auf die Berge und Thäler hatte ſich endlich der Frieden her⸗ abgeſenkt, der den Tag über dieſe freundliche Gegend geflohen war. Am ganzen Horizont aber herum loder⸗ ten auf den Hügeln die Wachtfeuer der bivouakirenden Preußen, während die Ruſſen in das eroberte Rheims eingezogen waren. Eine Weile ſtand ich in ſtiller Be⸗ trachtung und ſchlürfte die belebende Nachtluft ein; — — 299— noch einen Blick warf ich auf die lodernden Höhen, verfolgte den Rauch der, darüber emporwirbelnd, den klaren Nachthimmel trübte und langſam nach Paris ſich wälzte— dann aber ſchlich ich zurück in mein Haus und warf mich in mein weiches Bett, welches 1 mir, zuvorkommend genug, die dankbare Hauswirthin 1 hatte bereiten laſſen. Ende des zweiten Theils. — 2 —;——— ——— 1 Druck von Oswald Kollmann in Rochliz. 8 3 5 4 3 4 4 4 3