— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v . on.. Eduard Oktmann in Gießen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 hr offen. 3 2. Lesepreis. Bei be eines 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* beträgt: 3 für wöchentlich 2385 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: au⸗ Monat: 1 Nk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mtk.— Pf. ,. II u 2 9— 1/— Ir 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung r Bücher auf ihre eigenen Koſten und G 6. Schadenersatz. defecte Bücher(nament Ladenpreis erſetzt werde ückgabe eines geliehenen Buches wird von 2 —— Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes. Von Philipp Galen, Verfaſſer des„Inſelkonigs“ und des„Irren von St. James“. 8 Erſter Theil. Leipzig,. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1854. Fritz Stilling. Erster Theil. 1 I. Arm, aber geſegnet. Ich bin am 28. April 1789 zu Weſel am Rhein ge⸗ boren. Mein Vater war ein wohlhabender Mann, Eigenthümer eines kleinen, doch hübſchen Hauſes und ſeines Handwerks ein Schneider. Ich erinnere mich noch lebhaft zweier Lindenbäume mit rundgeſchnitte⸗ nen Kronen, die vor unſerem Hauſe in der Kreuz⸗ ſtraße ſtanden und vielleicht noch ſtehen, ſo wie eines geräumigen Zimmers, worin auf hohem Bocktiſche zehn bis zwölf ſingende Geſellen im Kreiſe bei der Arbeit ſaßen. Im kleinen engen Nebenſtübchen aber ſtand vor ſeinem Zuſchneidetiſche, ernſten Angeſichts, die große Scheere in der Hand, mein Vater ſelber, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick durch die Thür auf ſeine luſtigen Arbeiter werfend. Ich ſpielte dabei bald hier bald da herum, die bunten Puchlippihen Aihaſhen die, von dem einen oder dem andern Tiſche fallend und ſich anhäufend, einen natürlichen Teppich bildeten, der eine ganze Woche auf dem Fußboden des Zimmers liegen blieb, Sonnabends aber, nach dem Abendbrote, von meiner Mutter und einer flinken Magd mit zwei großen Beſen ausgefegt wurde. Das ſind beinahe alle Erinnerungen aus meiner frühſten Jugendzeit. Später aber habe ich durch die Erzählungen meiner Mutter und einiger Nachbarn ver⸗ nommen, daß mein Vater zwar ein ernſter und wort⸗ karger, aber auch ein ſtreng fleißiger und dabei zart⸗ fühlender Mann geweſen ſei, der das Zutrauen ſeiner Obrigkeit und die Liebe ſeiner Mitbürger im vollſten Maaße genoſſen habe. Meine Mutter, die wir ſpäter noch näher kennen lernen werden, war eine kleine, rüh⸗ rige, blaſſe Frau von weichem Herzen, großer Fröm⸗ migkeit und nie ermüdender Thätigkeit. Geſchwiſter hatte ich keine mehr, denn drei Brüder und eine Schwe⸗ ſter waren ſchon vor meiner Geburt in ihrer erſten Kindheit geſtorben. 3 Mein Selbſtbewußtſein wurde fräͤh, in meinem 1 ſechſten Lebensjahre ſchon, auf eine ſehr ernſte Weiſe geweckt, und gerade dem heftigen Eindrucke, den die⸗ ſelbe auf mein kindliches Gemüth machte, ſchreibe ich den —— Umſtand zu, daß der Augenblick des Erwachens dieſes Selbſtbewußtſeins mir ſo feſt in der Erinnerung geblieben iſt. Eines Morgens nämlich, ich glaube, es war ein kirchlicher Feiertag und die Glocken des nahen Mathe⸗ naerkirchthurms hatten noch nicht ihre friedlichen Töne verklingen laſſen, klirrten plötzlich die Fenſterſcheiben unſeres Wohnzimmers und ein dumpfer Donner dröhnte durch die Straßen der Stadt, in welcher eilende Men⸗ ſchen ſchreiend umherliefen und auf- und abjagende Pferde Funken aus den Steinen ſprühen ließen. Mein Vater ſprang vor die Thür, kehrte aber bald darauf blaß und aufgeregt zu uns zurück. Er ſprach mit der weinenden Mutter eine Zeitlang in ſeinem Zuſchneide⸗ kabinet; dieſe band darauf ein kleines Bündel zuſam⸗ men und legte es auf den Tiſch. Etwas ſpäter trat mein Vater wieder hervor, ſeinen Rohrſtock in der Hand haltend und einen klappernden Säbel an ſeiter Seite nachſchleppend. Er ſetzte ſeinen kleinen dreieckigen Hut auf ſeine graue Perrücke, küßte meine Mutter, die die Hände rang, und ſprach einige ermahnende Worte zu den zwei älteſten zurückgebliebenen Geſellen, denn die. übrigen jüngeren hatten bei dem erſten Kanonenſchuß das Haus in größter Eile verlaſſen. Ich ſah alle dieſe Vorgänge mit ziemlicher Gleichgül⸗ tigkeit an, denn ich wußte nicht, was ſte bedeuteten. Als — 8— aber meine Mutter, die Schürze vor den Augen, mei⸗ nem Vater, der ſich noch mit einem Nachbar beſprach, vor die Thür nachgeeilt war, faßte ich plötzlich, ich weiß nicht warum, den Entſchluß, dem Vater heimlich nach⸗ zugehen. Es wurde mir leicht, mich den Augen der Bewohner des Hauſes zu entziehen, denn alle waren in einer ſichtbaren Beſtürzung und wenig geneigt, auf die in der Regel gleichgültigen Bewegungen eines Kin⸗ des zu achten. Mein Vater ſchlug den Weg nach dem Rheinthor ein; hundert Schritte hinter ihm folgte ich etwas lang⸗ ſamer nach. Auf der Straße lief Alles ſchreiend hin und her. Kanonen und Pulverkarren, mit ſchäumen⸗ den Pferden beſpannt, jagten um die Wette auf und ab; dumpfer Kanonendonner dröhnte in raſchen Schlä⸗ gen vom Rheine her. Als ich meinen ziemlich ſchnell gehenden Vater am Eingang des Rheinthores einen 8 Augenblick ſtehen bleiben und mit einem Offtzier ſpre⸗ hen ſah, ſtand ich ebenfalls ſtill, indem ich mich in eine Thürniſche drängte, da eben ein Pulverwagen vor⸗ beeiraſſelte. Gleich darauf folgte ich meinem Vater wie⸗ der, kam trotz der das Rheinthor ſtopfenden Menge glücklich in’s Freie und betrat die Brücke, die zur Rheinthormühle führt, meinen Vater beinahe am Ende deielben erblickend, der eiligen Schrittes iest der Mühle 84 — 2 zuging. In dieſem Augenblicke wurde ich heftig er⸗ ſchreckt. Ein ſchwerer Gegenſtand, von dem ich ſpäter hörte, daß es eine Granatenkugel war, fiel dicht neben mir mitten in den Feſtungsgraben. Schlamm und trübes Gewäſſer ſpritzte hoch auf und befleckte mir Ge⸗ ſicht und Kleider. In dieſem Augenblick ſah ſich mein Vater um, warf einen Blick auf die Stelle, wo die Granate niedergefallen war, und dann einen hinter ſich. Schon hatte er ſich gewandt, um weiter zu eilen, da kehrte er ſich noch einmal um und erblickte mich.„Gro⸗ ßer Gott!“ rief er,„was willſt Du hier, Fritz?“ Und ſchnell zu mir tretend, umfaßte er mich mit ſeinen Ar⸗ men, hob mich empor und trug mich mit ſich fort. Gleich darauf waren wir an der Mühle. Ein Sergeant ſtand an dem Eingange derſelben und ſchrie meinen Vater ſchon von Weitem mit barſcher Stimme an: „Meiſter! ſeid Ihr des Teufels? Was wollt Ihr mit dem Jungen hier?“ „Er iſt mir ohne mein Wiſſen nachgelaufen, Ser⸗ geant, und jetzt kann ich ihn doch nicht zurück bringen. Ich will ihn in die Mühle legen, da iſt er wenigſtens vor den Kugeln ſicher.“ Geſagt, gethan. Ich wurde in eine Ecke des un⸗ teren Mühlenraums niedergelegt und mit heftigen Wor⸗ ten verwarnt, bei Todesſtrafe mich nicht vom Platze — 10— zu rühren. Mein Vater räumte und arbeitete im Müh⸗ lenraum herum; was er that, weiß ich nicht. Wahr⸗ ſcheinlich aber gehörte er zu der Bürgermiliz, die ſich bewaffnet hatte, um die ſchwache Garniſon in der Ver⸗ theidigung der Feſtung und bei dem Aufwerfen neuer Schanzwerke zu unterſtützen, denn Weſel wurde von den Franzoſen beſchoſſen. Für diejenigen Leſer, die mit der Oertlichkeit mei⸗ ner Vaterſtadt nicht vertraut ſind, muß ich erwähnen, daß Weſel er Zeit nicht zu den ſtärkſten Feſtun⸗ gen gehörte, daß aber der breite Rheinſtrom, nachdem die Brücke abgebrochen war, dem Feinde das unüber⸗ ſteiglichſte Bollwerk bot. Unmittelbar an das bomben⸗ feſte düſtere Rheinthor ſchließt ſich eine vielleicht zwei- hundert Schritt lange hölzerne Brücke, die Rheinthor⸗ brücke, welche über den eben ſo breiten Feſtungsgraben führt, und etwa abermals zweihundert Schritte weiter dem Rheine zu liegt jene Mühle, die damals für bom⸗ benfeſt galt und in Kriegszeiten theils zur Warte, theils zur Aufbewahrung von Munition dienen mochte. In ihrem unteren Raume, in dem ich mich damals befand und der etwa eine Fläche von zwölf Schritten in die Breite und Länge darbot, lagen demzufolge ver⸗ ſchiedene Gegenſtände umher, an den Seiten bis zur Decke aufgehäuft und nur in der Mitte einen engen 8 — 11— Raum zur Durchfahrt übrig laſſend. Auf einer dieſer Tonnen, Kiſten oder Ballen ſaß ich nun und ſchaute neugierig umher. Zwiſchen Brücke und Mühle, alſo hinter mir, ſah ich bald eine Menge Kanoniere mit ihren Geſchützen anlangen, vor mir aber, dem Fluſſe entgegen, bemerkte ich anfangs nichts, als einen fünf bis ſechs Fuß hohen Wall, an dem mehrere Soldaten und Bürger, unter ihnen mein Vater, emporgekrochen waren, den Kopf über die Schanze erhebend, um den Feind zu erſpähen, bei jedem Schuße abge ſich weislich duckend und einige Schritte abwärts wendend. 4 Wie lange ich hier ſaß, weiß ich nicht und eben ſo wenig, was ich dachte. Endlich aber fühlte ich eeinige Langeweile und die knabenhafte Neugier ſtachelte mich an, ebenfalls auf den Wall hinauszukriechen und zu ſchauen, was denn da zu ſehen ſei. Mein Vater war gerade abſeits gegangen und ich war nahe daran, meinen wagehalſigen Vorſatz auszuführen, als mir ein Anblick zu Theil wurde, den ich nie vergeſſen werde, und der eigentlich der Brennpunkt aller dieſer meiner iugendlichen Erinnerungen iſt. Auf dem etwa ſechs Fuß hohen Walle vor der Mühle, dem Rheine zu, hatte man nämlich, während ich im inneren Mühlrauute geſeſſen, zwei Geſchütze auf⸗ — 12 gefahren, die von ſechs bis acht Artilleriſten bedient wurden und vor einigen Minuten ihren brüllenden Mund geöffnet hatten. Es krachte entſetzlich von dem mir ſo nahe gelegenen Walle herunter. Die erſten donnerartigen Schüſſe raubten mir beinahe jeden Ge⸗ danken, ſo erſchrocken war ich; allmälig aber gewöhnte ich mich daran und endlich ſogar fand ich an den kräu⸗ ſelnden Luftwellen des aufſteigenden Pulverdampfes und dem kräftigen Geruche deſſelben eine Art Wohl⸗ gefallen, an welchem die kindiſche Neugier und der an⸗ geborene knabenhafte Muthwillen ihren Antheil haben mochten. Ein vom Fluſſe herüberwehender Morgenwind hatte eben dieſen ſtark duftenden Nebelſchleier zur Seite getrieben und ich ſah nun deutlich die beiden mir zunächſt ſtehende bückte ſich in dieſem Augenblicke ein Artilleriſt, um zu zielen, als plötzlich, indem er ſich wieder aufrichtete und:„Feuer!“ kommandirte, ein heftiger Schlag hörbar wurde, der Mann verſchwand und den Wall herunter zu meinen Füßen eine dunkele, blutige Maſſe ſtürzte, die ſich wie im Wirbel herumzu⸗ drehen ſchien und von welcher zuletzt nichts als einige Stücke Fleiſch und blutige Lappen übrig blieben, die. den Raſen um mich her roth färbten und mich ſoger * Kanonen vor mir auf dem Walle ſtehen. Ueber die — 13— ſelbſt mit einigen warmen Tropfen zu meinem nicht geringen Entſetzen beſprützten. Es war dies das erſte Blut, welches ich in mei⸗ nem Leben ſah und der erſte zerſtückelte Leichnam, in welchen vor meinen Augen, ſchneller als ein Gedanke, ein lebendiger Menſch, inmitten ſeiner Jugendkraft und Lebensthätigkeit verwandelt wurde. Ich ahnte damals nicht, daß es mir beſchieden war, in Zukunft viele ſolche Anblicke zu erleben und mehr Blut fließen zu ſehen, als einem fühlenden Weſen auf dieſer Erde lieb ſein kann. Was kurz nach dieſem Vorfalle in der Mühle und um mich her vorging, weiß ich nicht mehr. Nachdem ich aber einige Stunden, von Niemandem beachtet, in meiner Ecke, vielleicht auf einer Pulvertonne, geſeſſen, empfand ich einen quälenden Hunger. Glücklicherweiſe erſchien um dieſe Zeit mein Vater wieder in der Mühle und ich bat ihn, mir etwas zu eſſen zu geben. Er zuckte die Achſeln und blickte ſich ſuchend um, aber er fand nichts für mich. „Du mußt warten, thörichter Junge,“ ſagte er, „bis wir in die Stadt zurückkehren; warum biſt Du nicht zu Hauſe geblieben!“ „Was will denn das Kind?“ fragte ein Grena⸗ dier, der ſoeben in die Mühle trat und einen blutigen Lappen um die linke Hand gewickelt trug. „Der Junge hat Appetit und d ich habe kein Stück⸗ chen Brod für ihn.“ „Da kann ich helfen, Meiſert Da, bindet mir die Binde feſt— ſo, und nun faßt in meinen Brod⸗ beutel— habt Ihr das Brod?“ 1 „Ja,“ rief mein Vater und brach mir ein Stück von dem groben Kommisbrod des Verwundeten ab, welches mir vortrefflich ſchmeckte, aber kaum hinreichend war, meinen übergroßen Hunger zu ſtillen. Kurz nach dieſer Zeit, ich glaube, es ging ſchon gegen Abend, kam ein Bürger, es war ein Schmied und unſer nächſter Nachbar in der Kreuzſtraße, haſtig vom Rheinthore her in die Mühle gelaufen und rief laut den Namen meines Vaters. Dieſer ſprang ſo 1 gleich herbei und fragte, was man von ihm wolle „Lauft nach Hauſe, Nachbar,“ verſetzte der Schmied,„lauft, lauft! Eine Granate iſt in Euer Haus gefallen und hat gezündet.“ 48 Mein Vater ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen, konnte aber kein Wort hervorbringen, ſo⸗ ſehr hatte ihn der neue Schrecken übermannt. Endlich faßte er ſich, wies auf mich und rief:„Kamerad, ich bitte Euch, nehmt Euch meines Jungen an, ich muß zu meinem Weibe eilen.“ Und mit dieſen Worten ſprang er davon und ich ſah ihn ſich mit ängſtlicher Geberde durch die Menſchen drängen, welche die Neugier oder irgend eine Beſchäf⸗ tigung auf die Rheinthorbrücke getrieben hatte. Bald darauf ergriff mich die kräftige Hand des Schmiedes und zog mich zum Stadtthore hin. Ich mochte dem lebhaft bewegten Manne aber wohl zu langſam gehen, denn er hob mich auf ſeine Arme und trug mich bei⸗ nahe im vollen Laufe in die Stadt. Aber nach weni⸗ gen Schritten ſchon wurde ſeine Eile gehemmt, denn die Straßen waren voller Menſchen, raſſelnde Spritzen jagten mit wüthender Haſt an uns vorbei und kreuz⸗ ten mehrere Male unſern Weg. Durch Nebengaſſen gelangten wir endlich in die Kreuzgaſſe, fanden dieſelbe aber geſperrt, denn es brannte darin an mehreren Or⸗ ten. 15 Nein Beſchützer ſetzte mich im Hauſe eines Be⸗ kannten ab, dann lief er raſch davon. Es dunkelte be⸗ reits. Man brachte Licht in das Zimmer, in welchem ich mich befand; eine mitleidige Frau gab mir hinrei⸗ chend zu eſſen, dann wurde ich müde und bald ſchlief eggin, Angſt, Blut und Tod vergeſſend, wie nur ein Kind ſchnell und ahnungslos das Unglück des Lebens vergißt. 8 — 46—. Ach! ich wußte nicht, daß dieſer eine Tag über meinen ganzen künftigen Lebenslauf den Stab gebro⸗ chen hatte! Denn das Feuer, mochte es nun durch eine feindliche Granate oder durch ſonſt einen unglücklichen Zufall entſtanden ſein, hatte alle irdiſchen Beſitzthümer meiner Eltern verzehrt. Aus einem wohlhabenden Manne war mein Vater ein Bettler geworden und ich — war der Sohn dieſes Bettlers.— Ich ſah meine Eltern erſt nach einigen Tagen wie⸗ der. Sie hatten, wie ich, ein Unterkommen bei mitlei⸗ digen Nachbarn gefunden. Nie werde ich den Anblick meines Vaters vergeſſen, als er eines Morgens wan⸗ kend in das Zimmer trat, in welchem ich mit anderen Knaben ſpielte. Er ſah bleich und kummervoll aus und ſprach kein Wort. Mich blickte er ſo wenig wie die übrigen Kinder an. Meine ſchluchzende Mutter machte ihn auf mich aufmerkſam, aber es war, als wenn er das Gehör verloren hätte. Freilich, ſein Un⸗ glück war grenzenlos geweſen. Er hatte mit einem Worte Alles verloren. Das Feuer war ſo ſchnell aus⸗ gebrochen und die Hilfe war, da an vielen Orten ge⸗ holfen werden mußte, ſo mangelhaft geweſen, daß ihm nur einige Bettſtücke und das Wenige geblieben war, was er gerade am Leibe trug. Doch erfuhr ich dieſes erſt längere Zeit nachher von meiner Mutter, als ich ſchon 3 — 17— verſtändiger geworden war und Nachdenken genug be⸗ ſaß, das uns widerfahrene Unglück einigermaßen be⸗ greifen zu können. Ich übergehe hier die nächſte Zeit nach jenem Un⸗ glückstage. Die Franzoſen hatten die Belagerung Weſels aufgegeben und waren ſüdlicher gezogen, einen günſtigeren Uebergangspunkt am Rheine ſuchend. Mein Vater, meine Mutter und ich waren wieder zuſammen, wir bewohnten gemeinſchaftlich ein Dachſtübchen in einer engen Gaſſe, aus deſſen kleinen Fenſterchen ich nichts als den Giebel des gegenſßherſtehenden Hauſes wahrnehmen konnte. In dieſem Dachſtübchen— ich habe davon eine lebhafte aber trlurige Erinnerung be⸗ wahrt— glaube ich noch meinen armen Vater zu ſehen, wie er, in ſeiner Troſtloſigkeit vor ſich hin brü⸗ tend, ſtill und ſchweigſam auf einem alten Seſſel mit drei Beinen ſaß, von Zeit zu Zeit mit den Händen nach ſeiner Bruſt griff und dabei leiſe Seufzer aus⸗ ſtieß. Meine Mutter, ſtill weinend, ſaß ihm gegenüber, ſtrickte langſam, trocknete ſich die Augen und ſah ohne Unterlaß meinen Vater ängſtlich, flehend, liebevoll an. So verging eine lange Zeit. Wovon meine El⸗ tern damals eigentlich lebten, da mein Vater auch nicht das Geringſte durch irgend eine Arbeit erwerben konnte, Fritz Stilling. I. 2 — 18— weiß ich nicht. Vielleicht wurden ſie von einigen alten und treu gebliebenen Freunden unterſtützt, war dies aber der Fall, ſo weiß ich beſtimmt, daß meinem Va⸗ ter jeder Tropfen, den er trank, und jeder Biſſen, den er aß, bitter ſchmeckte. Aus dieſem Grunde fing denn auch meine Mutter bald mit ihren eigenen Händen für Fremde zu arbeiten an, anfangs heimlich, denn mein Vater litt ſichtbar, wenn davon geſprochen wurde; ſodaun aber, als ihr Erwerb nicht mehr zu verbergen war, vor ſeinen Augen. Sie war von jeher ſehr ge⸗ ſchickt im Zurichten feiner Wäſche und ſchmucker Klei⸗ der geweſen, wie ſie denn nicht allein früher im Wohl⸗ ſtande, ſondern auch jetzt in ihrer Armuth imr ßerſt ſauber und reinlich gekleidet ging, und auch mich ſtets dazu angehal arbeitung feiner Wäſche ihre jetzige Hauptbeſchäftigung. Wenigſtens verdiente ſie ſo viel damit, daß für mei⸗ nen Vater die Arzeneien und die nothwendigſten ſtär⸗ kenden Speiſen, für mich aber der Schulunterricht be⸗ zahlt werden konnte. Aber ſie ſelbſt arbeitete ſich bei dieſen edlen Beſtrebungen, einen kranken Mann zu er⸗ halten und ein junges Kind unterrichten zu laſſen, ſichtbar ab, und da unſere Freunde fürchteten, die un⸗ ſtrengende Arbeit möchte auch für ihre gewohnte und an ten hatte. So wurde denn die Be⸗ —— 6 Geſundheit uachtheilig werden, ſo mußte ſie wenigſtens — 19— die nächtlichen Arbeiten unterlaſſen, was indeſſen erſt geſchah, als es vielleicht ſchon zu ſpät war. Von den Beſuchern, die uns damals von Zeit zu Zeit beglückten, ſind mir vorzugsweiſe zwei im Ge⸗ dächtniſſe geblieben, theils weil ſie am häufigſten kamen, theils weil ſie zumeiſt unſer Elend uns erträg⸗ lich machten, denn die früheren alten Bekannten und Nachbarn, die ſonſt ſo häufig des Abends einen Buch⸗ weizenpfannkuchen bei uns verzehrt und aus des Va⸗ ters bleiernem Tabakskaſten ſich die Pfeife geſtopft hat⸗ ten, kamen jetzt viel ſeltener und die meiſten blieben allmälig ganz aus. IJene zwei vorher angedeuteten Beſucher waren ein Arzt und ein Geiſtlicher, beides junge Leute, ihrem Berufe treu ergeben und von warmen, tieffühlenden Herzen. Der Arzt hieß, glaube ich, Eichelberg, und iſt, wenn ich nicht irre, derſelbe, der erſt vor wenigen Jahren in Weſel als Phyſikus geſtorben und den Ruf eines geſchickten und braven Mannes mit in's Grab— genommen hat. Zu ihm hatte meine Mutter ihre Zu⸗ flucht nehmen müſſen, als mein Vater unverkennbar mehr und mehr dahinſiechte, ohne jedoch irgend ein hervorſtechendes äußerliches Krankheitsſymptom zu ver⸗ rathen. Auch verordnete ihm der junge Arzt anfangs nichts als ein Glas ſtärkenden Weines und ſchob den — 22 Hauptgrund ſeines Uebels auf die geiſtige Erſchütte⸗ rung, die jener Unglückstag in ſeinen Nerven zurück⸗ gelaſſen hatte. Aus demſelben Grunde wahrſcheinlich führte er nach einiger Zeit den jungen Geiſtlichen zu uns, der Kaplan an unſerer Kirche war und Kleine hieß. Dieſer ſetzte ſich bei ſeinem erſten Beſuche zu meinem Vater an's Bett, faßte ſeine Hand und redete ihm tröſtlich zu. Mein Vater aber nickte wohl Bei⸗ fall, lobte ihn auch ſehr, als er fortgegangen war, allein eine dauerhafte Beſſerung brachten auch dieſe Tröſtungen und Zuſprüche nicht bei ihm hervor. Auf dieſe beiden ehrenwerthen Männer beſchränkte ſich mehrere Jahre lang faſt der ganze geſellige Ver⸗ kehr in unſerem Hauſe; Beide ſorgten auf jede Weiſe für unſer Beſtes, Mutter Verdienſt, ſo daß es mir natürlich ſchien, wenn Letztere mich aufforderte, ſie mit dankbarem Herzen in mein Abendgebet einzuſchließen. Namentlich für mich ſorgte der Kaplan, ein Mann, deſſen Aeußeres mir noch jetzt, nach ſo langen Jahren, ziemlich deutlich vor Augen ſchwebt; er war hoch gewachſen, blond von Haaren und mit freundlichen Mienen ausgeſtattet. Er war es auch zunächſt, der mich in eine Schule brachte, die nur ein geringes Schulgeld in Anſpruch nahm; freilich war es die ſogenannte Armenſchule, in welcher gaben Rath und verſchafften meiner 4 die Kinder der Bettler und Hülfsbedürftigen unterge⸗ bracht wurden. So vergingen einige Jahre und ich war bereits ein ſtämmiger Burſche von acht Jahren geworden, als mein Vater eines Morgens plötzlich aus dem Bette ſprang, ſich geſund und kräftig erklärte und Arbeit ſuchen zu müſſen vorgab, um Frau und Kind zu er⸗ nähren. Meine Mutter erſchrack hierüber ſehr und glaubte anfangs, er habe den Verſtand verloren; den⸗ noch half ſie dem alten Manne in die Kleider und redete ihm freundlich zu. Ich habe, ſehe ich hier, ver⸗ geſſen, über das Alter meiner Eltern zu ſprechen und muß es alſo nachholen. Mein Vater war damals drei⸗ undſechzig Jahre alt, meine Mutter dagegen etwa zwan⸗ zig Jahre jünger. Ich war alſo ſchon in vorgerücktem Alter beider Eltern und zehn Jahre ſpäter, als mein jüngſter verſtorbener Bruder geboren, alſo ein Nach⸗ zügler oder ein Geſchenk Gottes, wie es ſo hübſch die römiſche Kirche nennt. Meine Mutter half alſo an jenem Morgen dem alten Vater, deſſen Haar während ſeiner Krankheit ſchneeweiß geworden war, in die Klei⸗ der und wollte ihn auch auf ſeinem Gange begleiten. Allein er litt es nicht und verließ uns eiligſt, ohne ſein Frühſtück angerührt zu haben, während meine Mutter ihm folgte, um ihn vor etwaigem Schaden zu bewah⸗ — 22— ren, wie man einem Kinde auf der Straße nachgeht, um zu ſehen, ob es ſeinen Weg findet. Mein Vater ſtieg die Treppen des Rathhauſes hinan und blieb lange Zeit in dem Innern deſſelben. Freudeſtrahlend kam er endlich zurück; der Bürger⸗ meiſter hatte ihm, wie er ſagte, eine kleine Anſtellung verſprochen. Welcher Art dieſe aber war, wußte er auch nicht einmal anzudeuten. Dieſe erſte Freude in⸗ deſſen verſchwand wieder allmälig, denn bald waren vier Wochen vergangen und von der erhofften Anſtel⸗ lung keine Rede geweſen⸗ Schon wollte der arme Mann wieder verzweifeln, als eines Morgens ein Ma⸗ giſtratsbote bei uns eintrat und ihn auf das Rath⸗ haus beſchied. Dieſen Morgen war es das letzte Mal, daß ich meinen Vater in einer Art von Fröhlichkeit ſah. Er ſprang beinahe die Treppe hinunter und hatte ſogar ſeinen alten Hut zu nehmen vergeſſen, den ihm meine Mutter auf die Straße nachtrug. Nach einer halben Stunde kehrte er langſam und— ein ſeltener Anblick für die Mutter und mich— leiſe weinend zu⸗ rück. Man hatte ihm eine— Nachtwächterſtelle ange⸗ boten. Er, ein alter Mann mit weißem Haupte, ge⸗ brochener Kraft und gebeugtem Geiſte— ein Nacht⸗ wächter! Wir weinten alle zuſammen, ich namentlich, weil 1 ich die Eltern weinen fah, und aßen dieſen Tag kein Mittagsbrod. Trotz der Vorſtellungen meiner Mutter aber, daß dieſer Poſten für meinen Vater nicht geeig⸗ net ſei, beſtand derſelbe doch darauf, ihn anzunehmen und ich mußte ſogar eines Abends von der Wittwe ſeines Amtsvorgängers, der kürzlich verſtorben war, eine alte roſtige Pike und ein blechernes Horn holen. Als ich mit dieſen Inſignien eines erbärmlichen Amtes in die Stube trat, ſchrie mein Vater laut auf und ſank hintenüber in ſeinen Stuhl. Wir glaubten anfangs, er ſei todt. Bald darauf kam der junge Doktor und er⸗ klärte meiner Mutter, daß ſein Herz, wie man zu ſagen pflege, gebrochen und er nicht im Stande ſei, jenes Horn und jene Pike zur Bewachung ſeiner Mitbürger jemals zu gebrauchen. Einige Tage darauf fanden wir meinen Vater des Morgens todt im Bette liegen und ich war mit mei⸗ ner troſtloſen Mutter allein auf der Welt. Von der ſchrecklichen Stunde ſeiner Beerdigung und der entſetz⸗ lichen Stille, welche nach unſerer Rückkehr vom Fried⸗ hofe in unſerem Dachſtübchen herrſchte, ſchweige ich, denn dergleichen erregt nur das Mitgefühl der Be⸗ theiligten allein.— Abermals vergingen zwei Jahre, als mein Schick⸗ ſal durch ein neues und unerwartetes Unglück eine * entſcheidendere Wendung nehmen ſollte. Meine Mut⸗ ter hatte fortgefahren, fleißig für keichere Leute zu ar⸗ beiten und um für ſich und mich reinliche Kleider zu beſchaffen und die Koſten meiner kleinen Schulbücher zbeſtreiten, hatte ſie mehr gearbeitet, als ihr dienlich war. Vergebens warnte der Arzt, der uns von Zeit zu Zeit aus alter Gewohnheit beſuchte, ja, er verbot ernſtlich jede nächtliche Arbeit. Aber meine Mutter war eben ſo ungehorſam in dieſem Punkte, wie unermüd⸗ lich in ihren Anſtrengungen. Nachdem ſie bei Tage ge⸗ waſchen, gebügelt und gebeſſert hatte, nähte und ſtickte ſie Abends bis ſpät in die Nacht bei dem matten Lichte einer kleinen Lampe, nachdem ich längſt in mein Bett gegangen war. Und da dieſe unausgeſetzten Anſtren⸗ gungen noch häufig von reichlichen Thränenergüſſen be⸗ gleitet waren, die ihre Augen wund rieben, ſo war es nicht zu verwundern, daß allmälig eine Abnahme ihrer Sekhkraft eintrat, die bald einen ernſteren Charakter annahm. Wenigſtens erklärte eines Tages der Arzt in meiner Gegenwart und, wie mir ſchien, mit betrübtem Geſichte und einer deutlich wahrnehmbaren Aengſtlich⸗ keit, daß von jetzt an alle feinen Arbeiten aufhören müßten und namentlich bei Lichte nicht mehr genäht werden dürfte. Da nun natürlich auch das Leſen ver⸗ boten war, ſo begann eine traurige Zeit für meine 1 arme Mutter. Stundenlang ſaß ſie geſenkten Haup⸗ tes in demſelben Seſſ ell, in welchem früher ſo oft mein Vater geſeſſen und ſeufzte, wie ehedem mein Vater ge⸗ ſeufzt. Wenn ich mich alsdann gedrungen fühlte, aus kindlichſter Seele ein Wort der Tröſtung zu äußen, ſo wurde die Sache erſt recht ſchlimm, ſie fing leiſe zu weinen an und rieb ſich die Augen ſo roth, daß ſie noch am andern Morgen geſchwollen waren. „Ach, mein Kind,“ pflegte ſie oft zu ſagen, in⸗ dem ſie mit ihren immer magerer werdenden Händen mich an ſich zog,„ich weine nicht meinetwegen, denn für mich bin ich ganz zufrieden.“ „Und warum weinſt Du denn, liebe Mutter?“ „Ganz allein um Dich, mein Kind!“ Und nun fing ſie laut an zu ſchluchzen.— Da ich ſehr gut leſen gelernt hatte und gern laut las, ſo ergötzte ich mich oft des Abends im Winter da⸗ mit, meiner Mutter aus den Büchern vorzuleſen, welche uns der gute Kaplan geliehen hatte, und das war für die arme Frau ein hoher Genuß. Wenn wir dann im Bette lagen, beſprachen wir das Geleſene und meine Mutter erläuterte mir manches für mich noch Unverſtändliche mit liebevollen Worten und lehr⸗ reichen Bemerkungen. Mit der Zeit aber glauhte ich 1 wahrzunehmen, daß meine Mutter nicht mahr 1 auf⸗ merkſam meiner Vorleſung zuhörte, wie früher, oder daß ſie das Gehörte bereits vergeſſen habe, denn meine Anfragen des Abends beantwortete ſie oft falſch oder ſuchte der Antwort ſogar auszuweichen. Obgleich mir dies immer auffallender wurde, ſo ſchwieg ich doch, um ſie nicht zu betrüben. Erſt ſpäter habe ich mich dar⸗ über aufgeklärt, indem ich mir dachte, daß ſie ihren eigenen Gedanken mehr nachgehangen, als auf meine Vorleſung geachtet hatte. Was mochten dies aber wohl für traurige Gedanken ſein? Daß ſie traurig waren, ſah ich an ihrer kummervollen Miene, ihrem bleichen, immer ſpitzer werdenden Geſichte und an den verſchwol⸗ lenen und roth geweinten Augen, mit denen ſie mich des Morgens beim Frühſtück anzulächeln bemüht war. Als der Frühling ſich näherte— ich war gerade 3 meinem zehnten Geburtstage nahe— hatte ſie häufige und lange Geſpräche mit dem Kaplan, deren Zuhörer ich ſchon ſeit längerer Zeit nicht mehr ſein durfte. Ich 1 1 wurde dann zu den Nachbarkindern oder auf die Straße geſchickt, um mit ihnen zu ſpielen, wozu ich indeſſen in dieſer Zeit wenig Luſt empfand, denn mir ging das Leiden meiner Mutter nahe und ich fühlte mich eigent⸗ lich nur in ihrer Nähe wohl, wenn ſie, wie gewöhn⸗ lich, liebevoll und mit ihrer milden Stimme mütter⸗ lich und freundlich zu mir ſprach. — 2)— Eines Tages— es war gerade ein Sonntag und wir waren ſo eben aus der Kirche in unſer Dachſtüb⸗ chen zurückgekehrt— kam der Doktor Eichelberg zu uns. Er war ſonſt immer heiter und erzählte ſogar bisweilen ſpaßhafte Geſchichten. Heute aber ſchien er mir ſehr ernſt und wortkarg und ſein kluges Auge war wunderbar forſchend auf das Geſicht meiner Mutter geheftet. „Frau Stilling,“ begann er nach ſeiner Begrü⸗ 7 ßung,„ich komme heute abſichtlich um dieſe Zeit zu Ihnen, ich habe Sie in der Kirche geſehen und beob⸗ achtet. Laſſen Sie mich bei dieſer Morgenbeleuchtung Ihre Augen betrachten, da die Sonne heute ſo klar ſcheint.“ Und er ſtellte ſich vor meine Mutter mit dem Rücken gegen das Licht und ſchaute lange und auf⸗ merkſam in beide Augen meiner Mutter. Als er ſeine Unterſuchung beendet hatte, ſprach er kein Wort, ſon⸗ dern nahm Hut und Stock und ging leiſe grüßend aus der Thür. Ich ſchlich ihm, ich weiß nicht warum, nach und hörte, wie er der unten auf der Hausflur fragen⸗ den Wirthin des Hauſes, wahrſcheinlich in Antwort auf ihre Anrede, erwiderte: „Es iſt, wie ich fürchtete, der grüne Staar.“. „O mein Gott! alſo keine Hülfe, Herr Doktor?“ — 28— „Keine, liebe Frau; ich werde mit dem Kaplan Kleine ſprechen.“ Und er ging. Mich überlief es ganz kalt, da ich 4 die Worte„keine Hülfe“ hörte, denn ich dachte ſo⸗ — gleich an den Tod auch meiner Mutter. Ich ſchlich leiſe über den Hof in den kleinen Garten hinter unſe⸗ rem Hauſe und weinte mich aus. Als ich eine Stunde ſpäter in das Dachſtübchen zurückkehrte, fand ich den Kaplan im eifrigen Geſpräche mit meiner Mutter und er faltete eben ein Papier zuſammen, welches er ihr vorgeleſen zu haben ſchien. Meine Mutter ſagte blos: „Ich bin damit zufrieden, Herr Kaplan, ich danke Ihnen und möge es Gott zum Guten lenken!“ Noch einen wenn auch kleineren Kummer empfand ich um dieſe Zeit. Meine Mutter hatte, wie es bei 4 2 unſerer Armuth nicht anders ſein konnte, bisher immer ſelbſt unſere Speiſen bereitet, und dieſe Speiſen hatten mir, obgleich ſie höchſt einfach waren, immer ſehr gut geſchmeckt. Seit einiger Zeit durfte ſie nicht mehr am Feuer ſtehen und eine arme Frau, unſere Nachbarin, war die Köchin unſerer Mahlzeiten geworden. Dieſe Mahlzeiten aber, mir ſchien es wenigſtens ſo, obwohl meine Mutter nie ein Wort darüber äußerte, ſchmeghten durchaus nicht ſo, wie ich es gewohnt war, auch wa⸗ ren ſie an Menge ſehr dürftig und ich ſtand nicht ſel⸗ — 29— ten, ohne mich jedoch zu beklagen, nur halb geſättigt vom Tiſche auf. An einem Tage, wo mir dies recht auffällend war, fragte mich plötzlich meine Mutter, ob ich auch geſättigt ſei? Ich bejahte die Frage, um ſie nicht traurig zu ſtimmen? Indeſſen ſchien das mütter⸗ liche Ohr aus meinem leiſen:„Ja, liebe Mutter!“ das Gegentheil errathen zu haben, denn ſie umfaßte mich, mit den Armen nach mir taſtend, und zog mich an ihr Herz, indem ſie in ein krampfhaftes Weinen ausbrach. „Gedulde Dich, mein Kind,“ brachte ſie ſchluch⸗ zend her L.„gedulde Dich noch eine kurze Zeit. Es wird bald teſſer werden und ich werde weder um Dich noch Du halb geſättigt vom Tiſche aufzu⸗ zu weinen ſtehen braucheh⸗ An demſelben Tage brachte der Poſtbote, der eine ſeltene Erſcheinung bei uns geworden war, einen Brief. Meine Mutter zitterte, als ſie ihn berührte, und da ſie ihn mit ihren faſt ganz erblindeten Augen nicht mehr ſelbſt leſen konnte, ſo ſteckte ſie ihn behutſam in ihren Buſen, was mir wunderbar vorkam, da ich ja ſehr gut Geſchriebenes leſen konnte. Abends kam der Kaplan und ich wurde auf die Stkäße geſchickt. Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen ſein, als der Geiſtliche mich wieder herauf⸗ 30—. rief. Die Dämmerung war bereits eingetreten und ich ſah meine Mutter, von einem mattroſigen Strale der untergehenden Sonne nur halb beleuchtet, auf ihrem Stuhle ſitzen, die Hände wie im Gebet gefaltet, das Geſicht bleich, aber eine unausſprechliche Rührung darauf ausgebreitet. 1 „Fritz,“ ſagte der Kaplan, als ich mich vor meine Mutter geſtellt hatte,„komm' und höre, was Dir Deine gute Mutter zu ſagen hat.“ „Mein Kind,“ begann dieſe mit zitternder Stimme,f „Du biſt verſtändig genug, die Wahrheit deſſen, was ich Dir ſagen werde, begreifen zu können. Du weißt, welches Unglück Dein armer Vater vor vier Jahren gehabt hat und welches Unheil darauf in dieſer langen Zeit gefolgt iſt. Der allmächtige Gott muß das Maaß f meiner Leiden, die ich demüthig auf mich nehme, noch nicht für vollwichtig genug halten, um mich den Lohn ſeiner Gnade finden zu laſſen, darum hat er mir das Augenlicht genommen und in kurzer Zeit werde ich ſelbſt die Sonne des Himmels nicht mehr ſehen kön⸗ nen. Nicht meinetwegen allein beklage ich dieſes Uebel, vielmehr hauptſächlich Deinetwegen, denn ich kann nicht mehr für Dich ſorgen, wie mein armes Mutterherz es vweerlangt und wie Deine Erziehung es nothwendig macht. In Gemeinſchaft mit unſerem guten Beicht⸗ t — 31— vater habe ich daher beſchloſſen, ehe es zu ſpät iſt, für Deine Zukunft zu ſorgen und Dir ein Unterkom⸗ men zu bereiten, wie es Deine Jugend verlangt. Wiſſe, ich habe noch einen Stiefbruder in Amſterdam, der in guten Verhältniſſen lebt und ein tüchtiger Wundarzt iſt. An ihn habe ich ſchreiben und unſre Lage ſchil⸗ dern laſſen, und ſiehe, wie ich gehofft, hat er heute ge⸗ antwortet und will Dich bei ſich aufnehmen, wenn Du die Luſt und den Muth haſt, zu ihm nach Amſterdam zu gehen, denn meine Mittel reichen nicht ſo weit, Dich auf eine bequemere Weiſe dahin ſchaffen zu laſ⸗ ſen. Es iſt nun allein die Frage: willſt Du zu ihm und haſt Du den Muth, zu Fuße nach Amſterdam zu wandern?“ „Meine Mutter,“ antwortete ich feſt, obgleich mir die mit Mühe zurückgehaltenen Thränen beinahe das Herz abdrückten,„wenn ich mich von Dir trennen ſoll und muß, ſo habe ich den Muth, überallhin zu gehen, wohin Du und der Herr Kaplan mich gehen heißeſt.“ „So ſegne Dich Gott, mein Kind, und hier der Herr Kaplan wird Dich, bevor Du Deinen Weg an⸗ trittſt, confirmiren und Dich an den Tiſch des Herrn treten laſſen, damit Du geweiht biſt für jegliches Be⸗ genniß. Denn obwohl Du noch jung biſt, ſo hält der Herr Kaplan T Dich doch für reif und verſtändig genug, ggeerüſtet und getroſten Muthes ſei. — 32— jenes ernſte und heilige Werk zu beginnen. Und jetzt, mein Sohn, gehe hinaus und überlege Dir wohl, was Dir bevorſteht, ich habe noch mit Herrn Kleine zu ſprechen und Du ſollſt gerufen werden, wenn wir Dei⸗ ner bedürfen.“ ¹ Ich ging, oder vielmehr, ich ſchlich die Treppe hinab, indem ich Thränen über Thränen vergoß, ob wegen der bevorſtehenden Trennung von meiner Mut⸗ ter oder aus einem anderen Grunde— ich weiß es nicht mehr. —— Mehrere Wochen waren vergangen, als endlich der Tag meiner Abreiſe von Weſel erſchien. Ich hatte den letzten Religionsunterricht und das heilige Abend⸗ mahl von unſerem guten Kaplan empfangen und war von ihm und meiner Mutter genügend auf meine weite Fußwanderung vorbereitet worden. In ein neues Jäckchen von grauer Leinwand gekleidet, neues Schuh⸗ werk an den Füßen, ein kleines Ränzchen auf dem Rücken, worin zwei Paar von meiner Mutter geſtrickte Strümpfe, drei Hemden, ein Halstuch und ein Gebet⸗ buch enthalten waren, trat ich vor meine Mutter im Dachſtübchen und meldete ihr, daß ich zu meiner Reiſ — — 33— „So gehen wir mit Gott!“ ſagte ſie und ergriff meine Hand. Vor der Thür auf der Straße wartete ſchon der wackere Geiſtliche, der treue Gefährte und Theilnehmer aller Leiden und Bekümmerniſſe unſerer Familie. Es war ein herrlicher Morgen eines der erſten Junitage und nicht allzuwarm; ein reiner blauer Himmel wölbte ſich über uns und ein friſcher Morgen⸗ wind bewegte leiſe die Blätter der Bäume, die ſich eben erſt in vollſter Jugendblüthe entfaltet hatten. Der Geiſtliche hatte meiner langſam ſchreitenden Mutter den Arm geboten, ſie hielt feſt mit ihrer linken Hand meine rechte umſchloſſen. So wendeten wir uns durch die Stadt dem Cleverthore zu, ohne faſt ein einziges Wort zu ſprechen, ſo lange wir innerhalb der Feſtungs⸗ gräben waren. Durch das dunkle Gewölbe des alten Thores ſchritten wir hindurch und traten nun in Got⸗ tes freie Natur, deren kräftige Morgenfriſche unſern bebrückten Athem wie mit neuer Lebenshoffnung zu erheben ſchien. Langſamen Schrittes wandelten wir die breite Landſtraße hinab, an den damals nur ſpar⸗ ſam ſtehenden Häuſern der Vorſtadt vorbei und ge⸗ langten endlich ganz in's Freie, wo kein Haus mehr F ſehen und nur der unabſehbar weite Weg, der nad Holland führt, mit ſeiner doppelten Pappelreihe vor uns lag. Von Zeit zu Zeit fühlte ich die⸗Hand Fritz Stilling. J. 3 3 2 — 34— meiner Mutter krampfhaft um die meinige zucken, was mir jedesmal ein Zeichen gab, auch die ihrige, gleich⸗ ſam ermuthigend, liebevoll zu drücken. Und wenn ich dann zu ihren blöden Augen meinen Blick erhob, ſo ſchienen mir auch die Muskeln ihres Geſichtes jenes Zucken zu wiederholen, als wenn ſie bemüht war, einen inneren, immer heftiger aufſteigenden Schmerz gewaltſam zurückzudrängen. Ich wunderte mich anfangs über das hartnäckige Schweigen der neben mir Wandelnden, die gerade in einem Augenblicke ihrer Stimme Einhalt geboten, der mir ſo recht zur gegenſeitigen Mittheilung geeignet ſchien; da ſie aber ſchwiegen, ſo ſchwieg auch ich, und bald kam es mir vor, als ob in dieſem ſchweigſamen Wandeln mehr des Feierlichen läge, als in der ver⸗ traulichſten und liebevollſten Unterhaltung. 4 So gelangten wir auf eine kleine Anhöhe, von der herab, rückwärts blickend, man die Thürme der Stadt und die höchſten Häuſer bequem überſchauen konnte. Bis hierher hatten meine Gefährten mir das Geleit zu geben ſich vorgenommen. Rechts am Wege, von ſchattigen Linden traulich umgeben, ſtand ein ſtei⸗ nernes Muttergottesbild, davor eine Raſenbank, 14 der die Vorübergehenden knieend zu beten pflegten. Auf dieſe Raſenbank ließen wir uns nieder, ich in der — 35— Mitte, die Mutter und der Geiſtliche mir zur Seite ſitzend. Jeder von ihnen hielt eine meiner Hände, aber immer ſchwiegen ſie noch. Meine Mutter ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen, was ſie mir ſagen ſollte, denn ihr Geiſt mochte wohl von bitteren Gedanken er⸗ füllt und ihr mütterliches Herz von ängſtlichen Gefüh⸗ len beklommen ſein, da ſie ihren letzten und einzigen Sohn ohne Rather und Führer in die weite Welt zu ſchicken vom Schickſal genöthigt war. „Mein Sohn,“ fing ſie endlich leiſe an,„höre die Mutter noch einmal zu Dir reden und merke Dir ge⸗ nau, was ich ſage. Du gehſt jetzt weit von mir ffort, auf einem langen und unbekannten Wege, in eine neue und Dir vielleicht nicht allzu freundlich geſinnte Welt. Meine armen trüben Augen haben jetzt nur noch einen ungefähren Schimmer von Deinem lieben Kindergeſicht und ſind wahrſcheinlich nicht ſo glücklich, Dich noch einmal in Deiner männlichen Ausbildung in Zukunft zu ſchauen— laß mich daher Dein Ant⸗ litz noch einmal, ſo viel ich kann, in meine Sinne faſ⸗ ſen— ſo—. Achl ich kann ferner nicht Deinen Weg wie bisher vom Unrath ſäubern, aber das große Auge Lottes wird mich vollſtändig vertreten und Dir eine Leuchte ſein, die alle Deine Wege erhellet. Ich flehe zu ihm, wie ich ihn oft in meinen Nothen amgefleht, 8 auch jetzt, und wie er mich früher gütig erhört hat, ſo wird er mich, das ſagt mir eine innere Stimme, auch diesmal erhören und wird Dich ſchirmen und be⸗ ſchützen, ja, wird Dir Vater und Mutter und Freund zugleich ſein. Habe alſo Vertrauen zu ihm, wie ich es habe, und ich zweifle keinen Augenblick daran, Du wirſt nie ohne Rath und Beiſtand ſein. Mein Kind, ich bin ein armes und gebrechliches Weib, aber ohne Schuld arm und gebrechlich; wäre ich wohlhabend oder nur weniger arm, nicht die Macht einer Welt hätte Dich aus meinen Armen und von meiner Seite reißen ſollen. So aber thue ich Deinetwegen das Schmerz⸗ lichſte, indem ich dem Willen der Vorſehung gehorche, und trenne mich von Dir; beuge auch Du Dich vor ihm, der da oben in den Wolken thront, und wandle wie ein braver, rechtſchaffener Menſch Deinen ferneren Weg. Was ich Dir nicht geben kann, hinreichende Unterſtützung zu Deiner künftigen nothwendigen Aus⸗ bildung, wird Dir Gott durch meinen Stiefbruder ge⸗ ben, denn er hat es mir in ſeinem Briefe treulich ver⸗ ſprochen. Gehorche ihm wie Deinem Vater und liebe ihn, wie Du Deine Mutter geliebt haſt. Du wirſt mir ſchreiben, wie er Dich empfangen hat, und hie u3 unſer braver Freund, wird Dir meine Antwort zukoch⸗ bei 1 men laſſen. Gern hätte ich für Dich geſamme — 37— meinen alten Freunden und Nachbarn, um Dir einen größeren Zehrpfennig mit auf den Weg zu geben, als ich jetzt zu thun im Stande bin. Aber die Unter⸗ ſtützung der früheren Freunde ſcheint mir nicht den Segen in ſich zu ſchließen, den der karge Sparpfennig der Mutter birgt, denn es klebt vielleicht ein trüber Gedanke des Unwillens an der erbetenen Gabe„wäh⸗ rend an der kleinen Mitgift der Mutter nur Wohl⸗ wollen und Segen haftet. Hier gebe ich Dir, was ich habe— es ſind nur zwei Speziesthaler. Lange haben ſte ſchon in meiner Truhe für Dich gelegen und wenn meine Bitten da oben erhört werden, wird der Segen Gottes ſie in Deiner Hand verzehnfachen. Da, nimm ſte und Gott vermehre ſie Dir! Baue auf ihn— liebe ihn immer— thue nur das Rechte und Gute, damit, wenn Du wieder zu mir zurückkehrſt und ich Deine Stimme höre, ich daraus vernehme, daß Du mit Ehren mein Sohn und mit Demuth das Kind Gottes biſt. Hier— nimm meinen Segen und— Gott ge⸗ leite Dich!“— Ich war bei den letzten Worten, die meine Mut⸗ ter ſprach, vor ihr auf die Kniee geſunken und hatte mennen Lockenkopf unter ihre ſegnende Hand gebeugt. Ach! wie leicht ruhte ſie auf meinem Scheitel und doch, welche Wärme und welcher Troſt ſtrömte aus ihr auf 4 — 38— mich über! Es war, als wenn der Segen Gottes, durch ihre Hand hindurchgehend, fühlbar ſich in meine Seele ſenkte, und ich gelobte im Stillen, zu handeln und zu leben, wie ſie mir gebot. Als ſie geendet, umſchloſſen wir uns mit den Ar⸗ men und ich weinte lange und laut an ihrer Bruſt. Da, als ſie mich endlich losgelaſſen, ſagte der Geiſtliche zu mir, indem er aufſtand:„Fritz, die Worte Deiner Mutter umſchließen Alles, was ich Dir ſagen könnte; ich weiß nichts mehr hinzuzufügen, als: wache und arbeite! Und ſo ſei der Segen des Herrn mit Dir! Lebe wohl, mein Sohn, und bleibe, wie Du jetzt biſt, gut und fromm!“ Bei den letzten Worten ließ er in meine Hand eine kleine Rolle mit Geld gleiten und als ich ihn dar⸗ auf verwundert anſah, winkte er ſtill mit der Hand, daß ich ſchweige und der Mutter nichts davon ver⸗ rathe. Ich drückte ihm dankbar die Hand und er küßte mich. Noch einige Augenblicke— und ich ſtand allein. Meine Mutter und der Geiſtliche waren davongeſchrit⸗ ten und hatten ſich wieder der Stadt zugewendet. Da fing mein Herz ſo heftig an zu ſchlagen, daß ich gla⸗ te, es müßte mir zerſpringen. Ich mußte laut w gen, ob ich auch nicht wollte, und ſprang meiner Mutter nach, —— fiel ihr um den Hals und dankte ihr für alles Gute, was ſie mir in meinem Leben erwieſen. Noch einmal machte ſie ſich aus meinen Armen los und der Geiſt⸗ liche zog ſie fort, dem Thore entgegen. Ich aber ſtand, ſo lange ich ſie ſehen konnte, und ſchaute ihr nach, bis der ſich krümmende Weg ſie mir entzog. Da wandte auch ich mich und ſchritt, allein von Gott geleitet, der Fremde, der Zukunft, dem Leben entgegen. II. Der Barbier von Sevilla. Ich habe mich etwas lange bei dieſen kleinen Begeg⸗ niſſen meines jugendlichen Lebens aufgehalten, aber der nachſichtige Leſer verzeihe mir, es waren ja die einzigen wenigen Erinnerungen, die mich mit meinen Erzeugern verknüpften, und ich werde ihn bald raſcher in ein thatkräftigeres Leben und das Gewühl meiner ferneren Tage führen. Als ein zehnjähriges, unerfahrenes Kind alſo trat ich jene erſte und ernſte Ausflucht in meinem Leben an. Ich war arm und verlaſſen, aber keineswegs troſt⸗ los und furchtſam, vielmehr fröhlichen und Gott erge⸗ benen Herzens. Nur das bittere Gefühl unvermeide licher Trennung von meiner Mutter lag augenblicklich ſchwer auf meinem Gemüthe. So ſchritt ich in eerſten Zeit bedrückt dahin, mechaniſch, gedankenlos, 1 — 41— „ohne etwas Beſtimmtes um mich her mit meinen Sin⸗ nen wahrzunehmen, denn meine innere Erſchütterung hatte mir für die Gegenwart das Gefühl des Selbſt⸗ bewußtſeins genommen. Eine Art lebendiger Maſchine wankte ich auf dem ſtaubigen Wege fort, Baum an Baum tanzte an mir vorüber, ohne daß ich ſie eigent⸗ lich ſah, ich war nur damit beſchäftigt, die Thränen zu trocknen, die in ungewohnter Fülle meinen Augen entquollen. Endlich aber kam ich wieder zu mir ſelber; ich beſchloß mich zu faſſen, drückte mein naſſes Tuch in die Taſche und ſprach einige ermuthigende Worte mir zum Troſte; dann ſtand ich ſtill. Aber noch wagte ich nicht, mich noch einmal umzuſehen; ich fürchtete, meine Mutter zu erblicken, die, die Arme gegen mich erhoben, mit ihrer ſanften Stimme mich zurückrief. Endlich drehte ich mich mit einer gewiſſen Haſt, in der eine Art von Selbſtbezwingung lag, um, und da ich nichts von dem Befürchteten wahrnahm, fühlte ich mich getröſtet, mein ganzer natürlicher Muth kam mir wie⸗ der und, anſtatt rückwärts zu ſchauen, wandte ich mich ſchleunigſt vorwärts, der unbekannten Ferne entgegen. Ich muß eine tüchtige Strecke rüſtig fortgeſchritten ſen, denn als ich nach etwa einer halben Stunde zur Seitaſah, bemerkte ich einen Wegweiſer, auf dem„We⸗ ſel eine halbe Meile“ geſchrieben ſtand. Ich glaubte — 722— ſchon ſehr weit vom mütterlichen Hauſe entfernt zu ſein und ging etwas langſamer, denn mein Ränzel drückte mich und der Schweiß tropfte mir von der Stirn her⸗ ab. Noch eine Stunde weiter vorgerückt, empfand ich einen nicht unbedeutenden Appetit und ſah mich nach einer bequemen Stelle am Wege um, um mein von Hauſe mitgenommenes Frühſtück ſo behaglich wie mög⸗ lich zu verzehren. Bald ſaß ich in der Vertiefung eines Grabens, den Rücken an einen Baum gelehnt, und ſelten hat mir ein Stück graues Brot, in deſſen Mitte eine große Scheibe Wurſt gelegt war, ſo herr⸗ lich geſchmeckt, wie an dieſem Morgen. Als ich mit meiner kleinen Mahlzeit zu Ende war und die noch übrig gebliebene Hälfte in die Taſche ſteckte, kam mir das Geldröllchen des Kaplans in die Hand. Ich öff⸗ nete es neugierig und fand funfzig kleine Stüber vor, für mich damals ein unerſchöpflicher Schatz, die mir der gute Mann wahrſcheinlich abſichtlich in einzelnen! Stücken verabreicht hatte, um mich des läſtigen und 8 gefährlichen Geſchäfts des Wechſelns zu überheben. Da ich plötzlich ſo viel Geld zu meiner Verfügung ¹ ſah, glaubte ich auch einen kleinen Durſt, der ſich all⸗ mälig bemerklicher machte, ſtillen zu dürfen. Ich trot ſo in das zunächſt gelegene Bauernhaus und trank al ir einen ganzen Stüber ein großes Glas Milch aus, — 23— nachdem ich mich erſt vorſichtig abgekühlt, wie die Mutter ſorgſam es geheißen. Dann ging ich wieder weiter. Es mochte kurz vor Mittag ſein, als ich mich müde werden fühlte. Ein friſch zuſammengetragener Heu⸗ haufen auf der Wieſe am Wege lud mich gaſtfrei ein und bald hatte ich Vergangenheit, Gegenwart und Zu⸗ kunft in ſüßem Schlafe vergeſſen. Als ich erwachte, kam ich mir wunderbar einſam vor. Es war Niemand da, der mich, wie ſonſt meine Mutter, fragte:„Haſt Du gut geſchlafen, mein Sohn?“ Ich hatte mir im⸗ mer gedacht, auf einer Reiſe müßten dem Wanderer ſo⸗ gleich ſehr viele Menſchen, Wagen und Pferde begeg⸗ nen, und nun, obgleich ich ſchon beinahe drei Stunden unterweges war, ſah ich mich immer noch ganz allein, nur in der Ferne waren einige Landleute auf dem Felde . mit ihrer Arbeit beſchäftigt. Mittags aß ich für zwei Fettmännchen in einer Dorfherberge, welche am Wege lag, ein Stück Brod und holländiſchen Käſe, ſchlief darauf eine gute Stunde auf der Ofenbank, dann ging ich langſamen Schrittes wieder weiter, denn ich hatte erfahren, daß Rees, mein veutiges Ziel, in drei kurzen Stunden zu erreichen ſei. Ich fing an, etwas müde zu werden, als ich etwa eine halbe Stunde vor Rees einem Manne begegnete, den 442— ich an ſeiner Kleidung für einen Schulmeiſter erkannte. Nach meiner Beantwortung ſeiner Fragen: wer ich ſei, wohin ich wolle und warum ich allein wandere? for⸗ derte er mich auf, langſam zu gehen, er wolle nur eine Beſtellung in einem nahe gelegenen Hauſe machen und dann mich bis Rees begleiten. In zehn Minuten hatte er mich auch wirklich wieder eingeholt und bald Alles von mir erfahren, was ich zu verſchweigen keine Ur⸗ ſache hatte. Er ergriff meine Hand, und als wir die Stadt erreicht, führte er mich in ſein ärmliches Haus, welches dicht am Rheine lag, ſpeiſte, tränkte und be⸗ herbergte mich, und begleitete mich am nächſten Mor⸗ gen eine Strecke auf dem Wege nach Emmerich. Als ich wieder allein war und die Hitze des Ta- ges anfing ſich fühlbar zu machen, fand ich mich auf⸗ gelegt, über mein Schickſal etwas nachzudenken. Trübe Gedanken wollten mir ſchon durch den Kopf fahren, indem ich an meine zurückgebliebene blinde Mutter dachte, als ein zweiſpänniger Wagen mich einholte und raſch an mir vorüber rollte. Ein alter Herr ſaß allein darin, der mich im Vorbeifahren ziemlich genau ge⸗ muſtert hatte. Als er mir etwa hundert Schritte vor⸗ 4 aus war, bückte er ſich aus dem Wagenſchlage und ſah ſich noch einmal nach mir um. Gleich darauf hielt der Wagen. 1 4 „Wohin willſt Du, Kleiner?“ „Nach Amſterdam!“ „Hoho! Heute doch nicht? Steige ein, ich fahre bis Arnheim.“ Ohne Umſchweife folgte ich der freundlichen Ein⸗ ladung und ſaß bald wunderhübſch weich auf einem Kiſſen. Das war das erſte Mal, daß ich das Glück hatte, in einem Wagen zu fahren. Ich kam mir or⸗ dentlich vornehm vor, als ich durch das niedliche Em⸗ merich raſſelte, wo ich über die ungeheure Breite des Rheins erſtaunte, da er hier wenigſtens noch einmal ſo breit wie bei Weſel iſt. Gegen Mittag hielt der Wagen in einem ſehr hübſchen und reinlichen Dorfe, und ich erfuhr, daß wir jetzt in Holland ſeien. Ich wunderte mich ſehr, daß die Menſchen hier nicht an⸗ ders ausſahen, als bei uns, und nock mehr, daß ich ſo ziemlich ihre Sprache verſtand, die eigentlich nur ein plattes Bauerndeutſch war, wie es auch nicht viel anders in der Umgegend von Weſel geſprochen wird. So freundlich der alte Herr, mit dem ich fuhr, gegen mich war, ſo wenig ſprach er doch, denn er las faſt beſtändig in einem prächtig eingebundenen Buche, welches er vorſichtig in ſeiner großen Bruſttaſche bei ſich trug. In jenem Dorfe aber lud er mich mit ihm zu ſpeiſen ein. Es ſchmeckte mir köſtlich und auch ein — 46— Glas Wein mußte ich mit ihm trinken, wovon ich ganz ſchläfrig wurde. Er ſtieß ſogar auf eine glückliche Reiſe mit mir an; dann aber war er wieder ſtill und las in ſeinem Buche weiter. Die Raſt kam mir hier etwas lang vor und ſchon glaubte ich, der Herr habe mich und mein Fortkommen vergeſſen, als er mich von der Thürbank, auf der ich mich niedergelaſſen, abrief und fragte, ob ich noch Hunger habe? Auf meine vernei⸗ nende Antwort ließ er anſpannen und wir fuhren wie⸗ der weiter. Wie lange wir unſre Reiſe fortſetzten, weiß ich nicht, denn ich ſchlief in meiner Wagenecke, 4 als ich plötzlich durch ein ſtarkes Geraſſel geweckt wurde. Wir fuhren eben durch ein langes, dunkles Thor und es war beinahe Nacht geworden. Ich bekam einen ge⸗ waltigen Schreck, denn ſchon glaubte ich wieder in We⸗ ſel zu ſein. Auf meine Frage: wo wir ſeien? ſagte mein gütiger Herr: „In der Feſtung Arnheim, mein Sohn; Du haſt einen guten Nicker gemacht.“ 1. Bald darauf hielt der Wagen vor einem Gaſt⸗ haus. Der Wirth ſprang aus der Thür und begrüßte den Herrn, der ein Bekannter von ihm zu ſein ſchien. Dieſer gab mir zum Abſchied die Hand und ich bedank mich bei ihm. „Der Kleine ſchläft bei Euch, Mynherr, uaßt es 1 — 17— ihm an nichts fehlen, ich zahle für ihn— morgen Mittag bin ich wieder hier. Gute Nacht!“ Fort fuhr er, und der dicke Wirth, den ich Herr Mynherr nannte, worüber er lachte, führte mich in ein kleines Zimmer, wo ich in Fülle zu eſſen und zu trin⸗ ken bekam. Nachher aber ſchlief ich herrlich in einem köſtlichen Bette. Am nächſten Morgen führte mich ein Knabe, der mir eine ſchreckliche Spukgeſchichte erzählte, die ſich vor einiger Zeit in Arnheim ereignet hatte, nach dem Thore, welches die Straße nach Amersfoort eröffnet. An dieſem Tage war die Hitze ſehr läſtig und ich wurde ungewöhnlich früh müde. Die Haut meines Rückens prickelte mir unter dem Ränzel und der Schweiß ſtrömte mir unabläſſig die Stirn herunter. Ich ging daher ſehr langſam und erreichte gegen Abend ein Dorf, in welchem ich bei dem erſten beſten Bauer auf einem 1 Heuboden ſchlief. Der nächſte Reiſetag— es war ein Donnerſtag — führte mich nach der Stadt Amersfoort, in deren Umgebung ich zum erſten Male kleine Berge ſah, wo⸗ nach ich mich ſchon lange geſehnt hatte. Gern wäre 8 länger in dieſer reizenden Gegend geblieben, aber ich war zu jung, um darin umherzuſtreifen, und ich durfte ja auch nicht bei dieſer meiner erſten Reiſe, 3* ben. — 38— die einen ernſthaften Zweck hälte an mein Vergnügen denken. Am Freitag kam ich ziemlich früh Nachmittags nach Naarden, einer kleinen befeſtigten Stadt. Hier erſchrack ich beinahe, als ich ein ſo großes Waſſer vor mir ſah, daß ich die gegenüberliegenden Ufer nicht mehr erkennen konnte. Es ſei der Zuvderſee, ſagte mir eine Gärtnersfrau, neben der ich ſeit einer Stunde rüſtig dahinſchritt. Sie machte mich auch auf die hier ge⸗ bräuchlichen Waſſerfahrzeuge aufmerkſam, Treckſchuiten genannt, die von Pferden an langen Stricken wunder⸗ bar ſchnell gezogen werden, erklärte mir überhaupt Vielerlei, was ich jedoch nicht recht verſtand, denn ſie ſprach etwas zu raſch und zu undeutlich. Als ich am nächſten Morgen— es war ein Sonnabend— aus meinem Wirthshauſe auf der Straße nach Amſterdam coortſchritt, ſah ich mitten auf dem Fahrwege einen Ge⸗ genſtand liegen. Ich nahm ihn auf und ſah, daß es eine ziemlich gefüllte Brieftaſche von grünem Leder war. Innerhalb des ſilbernen Drückerſchloſſes, welches ich öffnete, ſtand mit goldener Schrift der Name van Hees gedruckt. Vorſichtig ſteckte ich ſie in meine Bruſttaſche und ſchritt vorwärts, in Gedanken verſunken, wer woht ſo unglücklich geweſen ſei, dieſe Taſche verloren zu ha⸗ . Ich war noch nicht ſehr weit gegangen, als mir 4½ — 49— ein offener Wagen entgegen kam, der langſam fuhr, denn dicht vor den Pferden her ging ein großer Herr mit ergrautem Haar, deſſen ſtarker Schnurrbart aber noch ganz ſchwarz war. Als er mir nahe genug ge⸗ kommen war, um ſich verſtändlich machen zu können, rief er mir zu: „Junge, haſt Du nichts gefunden?“ „Ja, mein Herr, eine Brieftaſche.“ „Wo iſt ſie?“ „Hier!“ „Ich danke Dir. Wo willſt Du hin?“ „Nach Amſterdam.“ „Amſterdam iſt groß. Wen willſt Du beſuchen?“ „Meinen Oheim.“ „Es giebt viele Oheime daſelbſt.“ „Der meinige heißt Humperdink und iſt ein Wundarzt.“ Der fremde Herr ſah mich an und lächelte.„Wie? Humperdink iſt Dein Oheim?“ „Ja, mein Herr!“ „Und was willſt Du bei ihm?“ „Ich bin ein armes Kind, mein Vater iſt todt, meine Mutter blind und ich ſoll bei ihm die Wund⸗ arzneikunſt lernen.“ Dceer Fremde ſchwieg und lächelte nicht mehr. Er Fritz Stilling. I. 4 nahm ſeinen Hut von der ſchwitzenden Stirn und trock⸗ nete ſie mit einem ſeidenen Tuche ab.„Gut,“ ſagte er endlich,„gehe nur dieſen Weg weiter— er führt gerade auf Amſterdam zu. Am Thore frage nach dem Barbier von Sevilla, jeder Menſch kennt ihn, das iſt Dein Oheim Humperdink. Da haſt Du— doch nein! ich werde Dich in Amſterdam belohnen, Du ſiehſt wie ein ehrlicher Junge aus. Es thut mir leid, daß ich Dich nicht in meinem Wagen mitnehmen kann, aber ich muß auf ein paar Tage nach Utrecht. Nun, Lebe⸗ wohl bis auf Wiederſehen, mein Junge!“ Und damit ſtieg er in den Wagen, der unter⸗ deſſen gewendet hatte, und fuhr in raſchem Trabe da⸗ von, daß der Staub, den ſeine Räder aufwühlten, mich 4 beinahe erſtickte. Je mehr ich mich der großen Hauptſtadt Holland's näherte, um ſo heißer ſchien mir die Luft zu werden und um ſo mehr entbehrte ich des wohlthuenden Schattens, der mich bisher von Zeit zu Zeit gekühlt . hatte, denn die Bäume verſchwanden allmälig und das fruchtbare Land breitete ſich rings in ungeheure Wieſenflächen aus, auf denen nur bie und da ein klei⸗ nes und vereinſamtes Buſchwerk, deſto mehr klappernde Womühin aber zu ſehen waren. Auf dieſen her lichen, ſaſtagrinen Wieſen weideten, ſo weit meine 1 Augen reichten, Heerden brauner Rinder und zwar in ſolcher Menge und von ſolcher Größe und Schönheit, daß ich, darüber erſtaunt, lange Zeit verweilte, um ſie gehörig zu betrachten. Um den unerträglichen Staub der großen Straße zu vermeiden, ſchritt ich einen ſchmalen und ſich ſchlängelnden Fußpfad auf einer die⸗ ſer Wieſen entlang, als ſich der Himmel plötzlich von allen Seiten mit dunkelen Wolken umzog, ein ſtarker Wind zu wehen begann und ein mächtig dröhnender Donnerſchlag ſich dicht über mir hören ließ. Gleich darauf ſchien ſich der Himmel ſelber zu öffnen, denn es ſtürzte ein ſolcher Strom Waſſers herab, daß ich in zwei Minuten bis auf die Haut durchnäßt war. Sorg⸗ ſam blickte ich mich rings nach einem Schutzdache um, aber es war nirgends eins in der Nähe zu ſehen. Blitz folgte jetzt auf Blitz und Donnerſchlag auf Don⸗ nerſchlag. Mir wurde dabei etwas ängſtlich zu Muthe, ddeenn die bisher ruhig weidenden Kühe fingen an zu brüllen und liefen, die Hörner drohend zur Erde ge⸗ beugt, in toller Flucht rings um mich her. Ich kehrte wieder auf die große Straße zurück, auf der mich wenigſtens ein Graben vor den Anfällen der wild ge⸗ wordenen Thiere ſchützte. Endlich, als ich nicht mehr näſſer werden konnte, erreichte ich ein kleines Haus, in deſſen offene Thür ich ohne Weiteres trat. Das gan 4 z9 6 — 52— Haus war leer, wenigſtens antwortete Niemand auf meinen wiederholten Zuruf. Die Bewohner waren wahrſcheinlich nach der Stadt oder auf den Anger zum Melken der Kühe gegangen. Ich ſetzte mich vor einem kleinen Kamine nieder, deſſen Feuer leider ausgelöſcht war, und, ohne mein Ränzel abgelegt zu haben, über⸗ raſchte mich hier der Schlaf, denn meine Müdigkeit war ſehr groß. Als ich mit ziemlich ſteifen Glied⸗ maßen wieder erwachte, ſandte die untergehende Sonne gerade noch einige blaßrothe Scheideſtrahlen in die offenſtehende Thür des kleinen Hauſes herein und ich ſah, daß das Gewitter vorüber war und der Regen aufgehört hatte. Schnell machte ich mich wieder auf den Weg. Als ich auf dem noch naſſen Pfade etwas eilig dahinſchritt, bemerkte ich, daß die Scene um mich her ſich inſofern geändert hatte, als die Anger zu bei⸗ den Seiten des Weges ſich mit regſamen Menſchen belebt hatten. Aber ich ſah meiſt nur Frauen, die, mit bis zum Knie aufgeſchürzten rothen Röcken, auf den Köpfen glänzend polirte Gefäße und in der Hand einen kleinen Schemel tragend, von Kuh zu Kuh gin⸗ gen, um dieſelbe zu melken. Da mich der Durſt ſehr 1 peinigte, trat ich, bis über die Knöchel im Waſſer watend, an ein auf ihrem Schemel ſitzendes Mädchen heran und bat ſie um einen Schluck Milch. Sie ſah 5 mich freundlich vom Kopfe bis zu den Füßen an, lächelte und hob ihren blanken Eimer auf, um mich trinken zu laſſen. Nie hat mir ein Trunk ſüßer ge⸗ ſchmeckt und nie habe ich mich danach gelabter gefühlt Ich trank, ſo lange ich konnte, und das Mädchen war freundlich und ſtark genug, den ſchweren Eimer eben ſo lange an meinem Munde in der Schwebe zu halten. „Willſt Du nach der Stadt, Kleiner?“ fragte ſie mich. „Ja, und ich danke Ihnen recht ſehr für die ſchöne Milch, ich war ſo arg durſtig.“ „Das habe ich wohl gemerkt— willſt Du noch einmal trinken.“ „Nein, ich kann nicht mehr.“ „Aber Du biſt ſo naß, Du wirſt Dir das Fieber holen.“ „O, ich fürchte mich nicht und bin immer geſund geweſen, nur bin ich ſehr müde. Iſt es noch weit nach Amſterdam?“ „Wenn Du raſch nach der Stadt kommen willſt, ſo warte ein wenig, oder gehe lieber langſam voran, immer den großen Weg entlang. Es wird ſogleich ein Wagen kommen, der mich und die Milch nach der Stadt holt. Sieh, da drüben, glaube ich, kommt er ſchon. Nun geh voran, ich hole Dich bald ein.“ — 5— Und ſo ging ich denn raſchen Schrittes voran, denn mich fröſtelte etwas, obgleich es noch immer ſehr warm war. Nicht lange aber dauerte es, ſo holte mich der Wagen mit dem freundlichen Mädchen ein. Sie ſaß auf einer kleinen Bank, die ſie mit mir theilte, r ihrend ein Knabe fuhr, und war von blechernen und hölzernen großen Milchgefäßen ganz umringt. Sobald ich neben ihr ſaß, peitſchte der Knabe das ſchwere, ſtämmige Pferd kräftig an und wir rollten ziemlich raſch der Stadt entgegen. Als mich aber wie⸗ derholt ein ſichtbarer kalter Schauer überlief, band ſich das Mädchen ihr eigenes großes Buſentuch ab und wickelte mich feſt darin ein. So ſaß ich ganz behag⸗ lich und planderte Alles aus, wonach mich meine wiß⸗ 8 begierige Nachbarin fragte. 1 Es war beinahe Nacht, als wir in die Stadt einfuhren. Ich hatte bisher immer Weſel für die ſchönſte und größte Stadt auf der Welt gehalten, wie 4 erſtaunte ich aber jetzt, als ich die ungeheuern Häuſer, die langen Brücken, die ſchönen Kirchen, die vielen Kanäle, Grachten genannt, und vor Allem die von ſo vielen lachenden, ſprechenden und wohlgekleideten Me ſchen belebten Straßen Amſterdam's ſah. Das aunn liche Mädchen benannte mir Alles, was ich ſah, ich babe aber das Meiſte beinahe wieder vergeſſen. as 4 * — 57 lich, wir waren ſchon faſt eine halbe Stunde, von vie⸗ len Wagen und Sänften, die Menſchen trugen, aufge⸗ halten, in der Stadt gefahren, hielt unſer Milchkarren in der Nähe eines Kanals vor einem großen Hauſe an, über deſſen Thür, zu der einige ſteinerne Stufen hinaufführten, ein ungeheures blaues Schild hing, auf welchem ein goldenes Bild befindlich war, einen Mann vorſtellend, der von einem anderen ſehr anmuthig mit dem Scheermeſſer bedient ward. Mit großen goldenen Buchſtaben ſtand darunter: Zum Barbier von Sevilla, und zu beiden Seiten des Bildes warét an eiſernen Stangen wenigſtens acht wie Gold glänzende metallene Becken aufgehängt. Ich war alſo am Orte meiner Be⸗ ſtimmung angelangt. „Hier, Kleiner, biſt Du zu Hauſe; ſteig herab und wärme Dich,“ ſagte meine Führerin. Gleich darauf erſchien in der Hausthür ein unge⸗ heuer großes, breites und dickes, aber dabei ſehr hüb⸗ ſches junges Mädchen, welches mit meiner Führerin einige raſche Worte wechſelte. Dann ſtieg ich herab, dankte der letzteren und befand mich alsbald auf der chen Schwelle des Barbiers von Sevilla. Der Milchkarren fuhr ab und ich war abermals in Geſell⸗ ſchaft einer Fremden. „Gott ſoll mich verdammen!“ rief mit ſehr kräf⸗ — 36— tiger Stimme meine neue Gefährtin.„Du biſt ja ſo naß wie ein Pudel, der in die Amſſtel gefallen iſt! Was würde die Herrſchaft ſagen, wenn ſie nach Hauſe käme und Dich ſo fände. Geſchwind in die Hinter⸗ ſtube und die Kleider gewechſelt! Komm raſch, kleiner Vetter aus Weſel!“ Und mich beinahe mit der Leichtigkeit fortſchlep⸗ pend, mit der man einen Stecken trägt, trug ſie mich mehr als ſie mich zog, in den etwas düſteren Hinter⸗ grund des Hauſes, wo mir beim raſchen Vorübergehen ein eigenthümlicher Anblick zu Theil wurde. Dieſer große Hinterraum ſchien die Küche zu ſein, denn außer blank geſcheuerten kupfernen und zin⸗ nernen Gefäßen aller Art, die an den Wänden herum⸗ hingen, brannte unter einem großen Keſſel, der an einer eiſernen Kette befeſtigt war, ein mächtiges Feuer. Um dieſes herum waren mehrere Stühle geſtellt und auf dieſen ſaßen gruppenweiſe fünf bis ſechs junge Leute von ſiebzehn bis achtzehn Jahren, deren Geſichter ſonderbar grell von dem flackernden Feuer beleuchtet wurden. Dieſe mitunter ſehr großen jungen Leute voelführten einen Höllenlärm, denn ſie lachten, ſangen und ſchwatzten um die Wette, ſo daß man vor lautem Geſchrei kein Wort verſtehen konnte. Ich war ganz verdutzt davon, während ſie nicht die geringſte Notiz » — 57— von mir nahmen. Weitere Bemerkungen konnte ich nicht anſtellen, denn die Großmagd Grete— das war und ſo hieß meine neue Führerin in dem Hauſe meines Oheims— ſchleppte mich ein paar Stufen hin⸗ auf in ein großes Zimmer und riß mir hier ſchleunigſt die naſſen Kleider vom Leibe, ſo daß ich beinahe fürch⸗ tete, ſie würden nur in Fetzen wieder aus ihrer mäch⸗ tigen Hand kommen. Ohne ſich aber im Geringſten um meine Beſorgniſſe zu bekümmern, noch weniger aber mein Schamgefühl ſich zu Gemüthe ziehend, das mich mit Erröthen übergoß, als ich halbnackt vor einem fremden Frauenzimmer ſtand, warf ſie meine naſſen Kleider über einen Stuhl, zog eine große Schublade auf und nahm ein drei Ellen langes Hemde, wahr⸗ ſcheinlich ein Kleidungsſtück meines Oheims, heraus, zog es mir blitzſchnell über den Kopf, band mir ſodann eine wollene Leibbinde um den Körper, die mir vom Halſe bis zu den Knieen reichte und zog mir einen Schlafrock von dunkler Wolle darüber, der mir drei Fuß auf dem Boden nachſchleppte und eben ſo wie das Hemde in den Aermeln eine halbe Elle über meine Dande hinausragte. Ich war ganz betroffen über die Schnelligkeit, mit der dies Alles geſchah und gäbe jetzt etwas darum, wenn ich meine damalige drollige Ver⸗ zwandlung mit eigenen Augen noch einmal anſchauen — 58— könnte. Indeß ließ ich es ruhig geſchehen, da ich es nicht ändern konnte. Im nächſten Augenblick raffte die Magd meine naſſen Kleider zuſammen und lief damit aus dem Zimmer; gleich darauf aber kam ſie ſchon wieder und brachte eine Menge Schüſſeln auf einem Brette herein, deren Inhalt zehn hungrige Menſchen hätte ſättigen können, wenn ſie da geweſen wären. Ich wußte gar nicht, was ich zuerſt eſſen ſollte, und mußte Alles auf ihr Geheiß koſten, Rahmmilch, Käſe, harte Eier, Schinken, Wurſt, Brot und Fleiſch. Während ich nun dieſe Speiſen ſo tapfer ver⸗ ſchlang, wie mir möglich war, erfuhr ich, daß mein Oheim und meine Tante ſich auf einem Taufſchmauſe befänden und erſt ſpät in der Nacht wieder zurückkeh⸗ 4 ren würden, ſo wie, daß jene lärmenden Geſellen, deren Getobe bis in meine Stube heißt, Barbiergeſellen meines Oheim ſelbſt war ſchon ſeit einigen Tagen erwar und Grete hatte Befehle empfangen, mich gehörig z bedienen, wenn ich etwa heute Abend eintreffen ſollt Kaum fühlte ich mich vollſtändig geſättigt, die Magd mir gar nicht glauben zu wollen ſchien, ich nach ihrer Meinung nur wie ein Sperling geß hatte, ſo wurde ich in ein Bette gepackt, welches n für ein Dutzend Menſchen eingerichtet zu ſein ſchien, denn es war ſo groß und weit wie eine kleine Stube. Ich verſchwand förmlich darin und kaum konnte ich einen Schimmer von dem Lampenlichte wahrnehmen, das auf dem Tiſche brannte, nachdem die Magd ihr letztes Werk gethan, das heißt, ein halbes Dutzend entſetzlich ſchwerer Betten auf meinen kleinen Körper gehäuft hatte. Ich lag wie unter einer Preſſe und fing ſogleich dermaßen zu ſchwitzen an, daß ich glaubte, ich würde mich ganz in Dunſt und Waſſer auflöſen. Das war aber heilſam, denn ſo entging ich dem für Fremde unausbleiblichen holländiſchen Willkommen, dem Fieber. Am nächſten Morgen, nachdem ich ſchon eine Weile die Augen aufgemacht und vergebens einen ſichtbaren Ausgang aus meinem Bettlabyrinth ge⸗ ſucht hatte, öffnete ſich die Thür und, gravitätiſchen Schrittes, von der dienſtfertigen Grete gefolgt, eben ſo groß wie dieſe, nur noch an Breite und Dicke ſie werragend, trat eine nicht unſchöne und ſehr ſauber in dunkle Stoffe gekleidete Frau mittleren Alters in mein Zimmer. Dies war meine Tante, die Frau Humperdink. Ihre Geſichtszüge, von friſchen Farben — 60— belebt, drückten wohl eine gewiſſe, nicht grade allzu weibliche Feſtigkeit, aber doch auch keine Härte aus, und ihr nußbraunes Auge ſchaute unter einer ſtark mit Spitzen beſetzten Morgenhaube wohlwollend genug in die Welt. Langſam, wie ihr gewöhnlicher Hausſchritt war, kam ſie auf mein Bett los und fing ſogleich an, einige Bettſtücke mit ihren ſtarken Armen bei Seite zu wühlen, um mich, den ſechs Fuß tief in Daunen Ver⸗ grabenen, an's Tageslicht zu ziehen. 4„Grete!“ war ihr erſtes Wort,„ein anderes Hemd— er ſchwitzt! Ei! das iſt er? Bei'm lieben Gott! Solchen kleinen Knirps von Jungen habe ich in meinem Leben noch nicht geſehen. Und zehn Jahre 1 ſoll er alt ſein? Das muß ein Irrthum ſein. Da 4 hätten wir das große Bett nicht aufzuſchlagen ge⸗ braucht, eine Wiege hätte für ihn hingereicht! Guten— Morgen, Herr Neffe, gut geſchlafen?“. „Guten Morgen, Frau Tante; ich danke, ich habe gut geſchlafen und wünſche Ihnen daſſelbe.“ „Grete! beim lieben Gott! Was ſpricht das Kin für eine Sprache? Iſt das holländiſch? Biſt D auch aus Dorſten gebürtig, wie mein kleiner Ehe⸗ gemahl?“ 4 S „Nein, aus Weſel, liebe Tante!“ Still, Bube, wer fragt Dich? Nicht allzu v u 7/ — 61— laut, denn ich kenne Deine Herkunft. Aber merke Dir Eins gleich zu Anfang: es giebt nur eine einzige reine und richtige Sprache in der Welt, und das iſt die hol⸗ ländiſche Sprache, gegen welche die deutſche ſich ver⸗ hält, wie der ſaure Eſſig zum ſüßen Syrup— wenn Du meine Gunſt erlangen wilſſt, ſo lerne baldigſt hol⸗ ländiſch.— Vor allen Dingen aber, Grete, müſſen wir aus dem Schwächling einen Menſchen machen. Ich binde ihn Dir auf die Seele. Füttre ihn wie ein junges Schwein, das man fett machen will. Ich kann die kleinen und mageren Menſchen nicht leiden, wenn ſie auch Kinder ſind. In meinem Hauſe muß Alles hübſch rund, glatt und rothwangig ſein, wie ich ſelber, damit es nicht heiße, die Leute hungerten bei mir. So, nun biſt Du friſch gekleidet, mein Bürſchchen, laß „Dich jetzt von der Grete waſchen und iß, was man Dir vorſetzt.“ *„Ich danke, Grete,“ ſagte ich zu dieſer, die meis nen Kopf in einen Porzellankübel tauchen wollte und ſich zu dieſer Arbeit ſchon die Aermel über ihre dral⸗ len Arme aufgeſchürzt hatte,„ich kann mich ſchon allein 4 waſchen.“ „Faß ihn und waſch' ihn, Grete, ich befehl's! So! hier iſt der Schwamm und hier die Seife. Reibe ihm die Haut tüchtig— nur zu, auf daß ſie weich * — 62— und elaſtiſch wird, damit ſie ſich dehnt und Fett auf⸗ nimmt. Bei'm lieben Gott, er ſieht ſchon ganz an- ders aus!“ So wurde ich gewaſchen, geſeift und zum Fett⸗ aufnehmen vorbereitet. Als dieſes Unternehmen been⸗ digt war, wurde ein ganzer Tiſch, mit Theegeſchirr und Eßwerk beladen, hereingebracht und ich that hier ſo lange meine Schuldigkeit, wie ich es vermochte, während welcher Zeit meine Tante ſo gütig war, nebſt den ſaftigſten Biſſen mir auch einige Fragen über 8 meine Mutter vorzulegen. “ Dies war der erſte Morgengruß in meines Oheims Hauſe. Eine Stunde ſpäter wurde mir angekündigt, 3 daß ich ſogleich die Ehre haben würde, dieſem ſelber vorgeſtellt zu werden. Grete führte mich denſelben 1 Weg, den ich Abends vorher gegangen war, zurück in das Vorhaus. In der Küche war es am Morgen be⸗ deutend ſtiller, als am Abend vorher; kein Studen war zu ſehen oder zu hören und nur zwei oder dr wohlbeleibte Mägde wirthſchafteten lautlos in ihren Berufe. Meine Tante ſchien eine muſterhafte Hau frau mit etwas diktatoriſcher Beimiſchung zu ſein und die Studenten tanzten in der That nur, gleich de Mäuſen, wie man zu ſagen pflegt, auf Tiſchen und — 63— Bänken, wenn der Kater und die Katze nicht zu Hauſe waren. 1 Ich betrat alſo das Vorderhaus. Rechts und links vom Flur, zunächſt der Hansthür, lagen zwei große Zimmer. In dem zur linken Hand wurden die beſuchenden Kunden bedient, dieſes durfte nie und nim⸗ mer ein Frauenzimmer betreten. Das zur Rechten war das Beſuchzimmer, in welchem aber auch alle wichtigen Handlungen, wenn ſie Hausmitglieder betrafen, vorge⸗ nommen wurden. Darum befand ſich auch heute Mor⸗ gen mein Oheim darin, denn meine Vorſtellung war eine ſolche wichtige Handlung, während ſein gewöhn⸗ liches Wohn⸗, Sprech⸗ und Schlafzimmer eine Treppe hoch lag, welches letztere meine Tante mit ihm theilte. Ich war ſehr geſpannt, meinen Oheim zu ſehen, denn ich glaubte, der Bruder meiner Mutter, wenn er auch nur ihr Stiefbruder ſei, müſſe dieſer ſehr ähn⸗ lich ſehen. Aber wie ſehr täuſchte ich mich. Die 4 Thür öffnete ſich unter Grete's einer Fauſt, wäh⸗ rend ihre andere mich mit einem gewiſſen, nicht unge⸗ ſchickten Puffe, der Berge hätte verſetzen können, in's 3 Zimmer ſchleuderte, balb komiſchen Spru fördert wurde. Da † 4 weshalb ich denn auch mit einem ng bis in die Mitte deſſelben be⸗ ſah ich denn meinen theuren Oheim in gan⸗ — 64— zer Perſon vor mir ſitzen, und obgleich ich etwas ge⸗ rührt war, zum erſten Male in meinem Leben, außer meinen Eltern, einem Blutsverwandten gegenüberzu⸗ ſtehen, ſo verſchwand doch meine Rührung ſogleich, als ich dieſe ſonderbare und gutmüthige Perſönlichkeit ſah. Auf einem großen und bequemen, mit braunem Leder überzogenen Lehnſtuhl, die dampfende Thonpfeife in der linken Hand, mit der rechten eine Theetaſſe, die gewiß ein Quart faßte, zum Munde führend, ſaß mein Oheim, vom Kopf bis zu den Füßen in leichten Nanking 2 gekleidet. Selbſt im Sitzen ſchien er ein Rieſe zu ſein, 7* denn er war ſo breit und ſein Bauch ſo kugelrund, daß er den ganzen ungeheuren Lehnſtuhl damit aus füllte, und ſeine Beine glichen zweien Säulen, einen ganzen Thurm zu tragen geeignet ſchienen. Se Geſicht, auf dem zunächſt meine Augen haften bliebe war dunkelroth, äußerſt ſorgfältig barbiert und zie lich männlich und hübſch, aber ohne irgend eine Spur von Aehnlichkeit mit meiner Mutter. Seine Haar⸗ farbe konnte ich nicht erkennen, denn eine fußlange baumwollene Zipfelmütze reichte beinahe bis zur Na ſenwurzel herab. Dicke Dampfwolken ſtiegen aus ſei⸗ nem Munde hervor, als er die Taſſe niedergeſetzt hatte und bei meinem Sprunge in's Zimmer ein behäbiges Lächeln nicht unterdrücken konnte. * 5 „Aha!“ begann er ſeine Rede.„Alſo da biſt Du. Willkommen in Holland! Was macht die Mut⸗ ter? Gieb mir die Hand, Junge, wie heißeſt Du?“ Bei der Nennung meiner Mutter kam mir eine Thräne in's Auge. Ich unterdrückte ſie aber ſogleich und beantwortete ſchnell alle ſeine Fragen, indem ich meine geforderte Hand hinreichte. „Ich heiße Fritz Stilling; ich grüße von meiner Mutter ihren guten Bruder; ſie ſelbſt aber iſt leidend an den Augen, faſt blind und in jeder Hinſicht hülfs⸗ 1 bedürftig.“ „Hm! das thut mir leid, ſehr leid. Hm! Arme Frau! Hat nicht viele Freuden in ihrem Leben gehabt, hm! Warum heirathete ſie auch einen Schneider! habe es ihr gleich geſagt! Doch das ſage ich nicht zu Dir 1 dummer Junge, ſondern zu mir ſelber; Du mußt nie darauf achten, wenn ich zu mir ſelber ſpreche.— Wie alt biſt Du und was willſt Du hier?“ „Ich bin zehn Jahre alt und ſoll die Wundarzuei⸗ kunſt bei Ihnen lernen.“ „Kunſt? Sehr gut. Hm!l Sie iſt eine Kunſt, das virſt Du bald erfahren. Aber wie, Du hliſ ſie ler⸗ nen? Willſt Du denn auch?“ „Ja, lieber Oheim, ich habe Luſt zur Arbeit, ich bin gern fleißig und freue mich, Gutes bei Ihnen zu lernen.“ Fritz Stilling. I. 5 * 4 „Hm! Nicht übel! Haſt Du ſchon gefrühſtückt?“ 3 „O ja, ſehr viel!“ 1 „ Das konnt ich mir denken. Höre, Fritz, Du ſollſt bei mir etwas Gutes lernen. Wir werden bald ſehen, ob Du für die Kunſt geſchaffen biſt. Doch da⸗ zu haben wir noch Zeit. Du biſt geſtern erſt ange⸗ e kommen. Acht Tage laſſe ich Dir für Dich. In der Zeit ſollſt Du andre Kleider bekommen, damit Du holländiſch ensſihſ/ jetzt ſiehſt Du noch— ruppig* aus. 44 2 3* „Wie?“ fengtr ich, denn ich glaubte ihn nicht recht verſtanden zu haben. 4 „Dummer Junge, ſchweig', wenn kluge Leute re⸗ 4 b den, das iſt die erſte Regel hier im Hauſe. Alſo— 4 ich gebe Dir acht Tage Zeit, Dich an die Regeln im Hauſe zu gewöhnen. Sieh' Dir dabei die Stadt an, bürgere Dich ein, fülle den Magen und Deine hohlen Backen, damit Du holländiſch ausſiehſt, ſonſt verdirbſt Du es von vorn herein mit meiner Frau; nach Ab lauf dieſer acht Tage beginnt der Unterricht und das Weiitere wird ſich finden. Grete!“ Dieſes mit Donnerſtimme ausgeſtoßene Wort rief das Faktotum des Hauſes, die unermüdliche und in allen Enden und Ecken aufmerkſame Magd in's Zim⸗ — 67—— mer. Sie behielt die Thür in der Hand und horchte ſtill auf die Befehle ihres Herrn. „Rufe mir den Schlingel Ernſt Goy herein!“ Das Mädchen verſchwand und an ſeine Stelle trat nach einigen Minuten eine andere Erſcheinung, die ich am vergangenen Abend am Feuer flüchtig ge⸗ ſehen zu haben mich erinnerte und die allerdings ein etwas ſchlingelhaftes Ausſehen hatte. Der ungefähr ſiebzehn Jahre alte„Student“, deſſen perſönliche Be⸗ kanntſchaft zu machen ich zuerſt die Fhre haben ſollte, war groß, kräftig, brünett und im Ganzen hübſch, trug aber den unzweifelhaften Ausdruck des Leichtſinns in 1 ſeinem ganzen Weſen zur Schau. Er zeigte eine nach⸗ läſſig lächelnde Miene, ein gewiſſer gutmüthiger, aber ſpötriſcher Zug lag um den Mund, und eine unver⸗ kennliche jugendliche Sinnlichkeit in ſeinen beweglichen Au⸗ n Gekleidet war er in einen abgetragenen ſchwar⸗ Jen Ma ſcheſterrock mit großen zinnernen Knöpfen und eben ſolche Beinkleider, den Hemdenkragen trug er, über den Rockkragen etwas weit zurückgeſchlagen und dadurch ließ er ſeinen nervigen Hals und einen Theil ſeiner Bruſt etwas weiter entblößt ſehen, als nöthig war. Die Aermel ſeines Rockes waren etwas zu kurz, ſo daß ein Paar auffallend dunkelrothe Fäuſte von ſchwerem Kaliber ziemlich grauenerregend daraus her⸗ 8 8 5* — 68— vorſahen. Am rechten Zeigefinger trug er einen ſchma⸗ len Goldreif, den er indeſſen wohlweislich vor meinem Oheime zu verbergen bemüht war. Etwas verlegen, mit vorgebeugtem Kopfe und hängenden Ohren trat dieſer ächte, windbeutelige Bar⸗ biergeſelle vor ſeinen Herrn, den er, nachdem er mich flüchtig angeblickt, mit einer unverkennbaren Ergeben⸗ heit anſtarrte.. „Ernſt Goy,“ begann mein Oheim,„nicht weil Du mein Liebling, ſondern weil Du ein Deutſcher biſt und eben ſo gut holländiſch wie deutſch ſprichſt, habe ich Dich zu dem Geſchäfte auserſehen, welches ich Dir ſogleich auftragen will.— Aber, zum Teufel, warum ſtopfſt Du Deine rechte Hand in die Hoſentaſche, wenn Du mit mir ſprichſt? Iſt das ein Zeichen von Anſtand oder eine neue vortreffliche Angewohnheit Deiner wer⸗ then Perſon? Hand heraus!“ Die Hand erſchien etwas zögernd am Ta und es zeigte ſich ſogleich der ſchon vorher ern goldene Reif daran. „Hm! Zum Teufel auch, Ernſt Goy, was ſoll das Ding, der Ring da? Seit wann trägt man Ringe bei mir im Geſchäfte? Wo haſt Du das Ding her?“ 2 „Mit Verlaub, Herr Doktor(ſo wurde mein Oheim von inen Studenten genannt), der Ring iſt — 69— Gretens, ich habe ihn von ihr! Aber nur zum Spaße, Herr Doktor!“ „Grete!“ donnerte es wieder von den Lippen mei⸗ nes Oheims, die nebenbei einen Dampf von ſich wir⸗ belten, wie eine losgeſchoſſene Kanone. Die Gerufene kam ſogleich und trat, von der Hand des Gewaltigen näher gewinkt, mitten in's Zimmer. „Grete, Wahrheit! Woher hat der Schelm da den Ring an ſeiner Hand und zu welchem Zwecke? Zeig; ihn, Ernſt Goy!“ Die Hand wurde vorgeſtreckt; Grete erröthete ſicht⸗ bar vor Unwillen und ſtarrte bald ihren Herrn, bald mich an. „Mit Verlaub zu ſagen, Herr Humperdink, Herr Goy hat ihn mir geſtern Abend mit Gewalt vom Fin⸗ ger gezogen, als wir am Feuer in der Küche ſaßen.“ „ Tauſend Schwerenoth, Herr Goy, ich verbitte mir das! Du wirſt Dich acht Tage lang nicht am Kbendfeuer blicken laſſen, merke Dir das, auch in die⸗ ſen acht Tagen nicht auf Kundſchaft gehen. Noch ein⸗ mal ſolch' ein Diebſtahl— und Holland iſt für Dich zu eng geworden!“ „Diebſtahl— Herr Doktor?“ — 70— „Halt's Maul, Schlingel— Grete, Du kannſt gehen.“ Grete entſchlüpfte, ſo leicht ihr. ſchwever Körper entſchlüpfen konnte, und es entſtand nach ihrem Ab⸗ gange eine Pauſe, die nur durch dichtere Rauchwolken ausgefüllt wurde, unter deren Beiſtand mein Oheim ſeine gewöhnliche Faſſung und Gemüthsruhe bald wie⸗ der gewann. „Ernſt Goy,“ fuhr er darauf mit beſänftigtem Tone fort,„ich will Deinen Leichtſinn vergeſſen, Deine 1 Strafe haſt Du. Höre, warum ich Dich gerufen habe. Dieſer Knabe iſt mein Neffe. Er ſoll hier geſund und ſtark werden und außerdem die Kunſt lernen. Dich habe ich auserſehen, ihn in den Anfangsgründen der⸗ ſelben zu unterrichten, weil ich weiß, daß Du kannſt, was Du willſt. Behandle ihn gut— ich verbitte mir jede übliche Empfangsfeierlichkeit— und höre ich binde ihn Dir nicht auf Deine Seele und Gewiſſen, denn Du haſt keins von beiden, ſondern auf Dein dummes Genie. Ich meine aber nicht hiermit Deine Hopſer und Sprünge, ſondern die Führung des Scheermeſſers, die kunſtgerechte Handhabung des Peli⸗ kans und den weiſen Gebrauch des Schneppers Ab⸗ gemacht— Du biſt entlaſſen.“ Stolz winkte er mit der Hand, uthfn. mit ö Ich hörte, Du wäreſt gekommen und ich wollte Dich . — 71— noch geſenkteren Ohren, als er gekommen war, ſchlich Ernſt Goy zur Thüre hinaus, nachdem er einen ver⸗ zweifelten Bückling verſucht hatte. Gleich nach ihm erhob ſich mein Oheim und ent⸗ fernte ſich ebenfalls, wahrſcheinlich, um ſich ſeine aus⸗ gerauchte Pfeife wieder zu ſtopfen, und ich war allein im großen Beſuchzimmer, in dem ich mich nun erſt umſah, und es über alle Maßen vornehm ausgeſtatte fand, denn ich nahm Spiegel, Bilder und Teppiche wahr, Dinge, welche ich noch nicht viel in meinem Le⸗ ben geſehen hatte. Eben wollte auch ich mich entfernen, weil ich nicht wußte, was ich allein im Zimmer anfangen ſollte, als ſich die Thüre leiſe öffnete und ein reizender Mädchen⸗ kopf, von blonden Locken reichlich umwallt, hereinguckte. Die großen blauen Augen deſſelben glänzten mir wie freundliche Sterne entgegen und ihre kirſchrothen Lippen lächelten, wie nur die Lippen eines Engels lächeln können. „Guten Morgen,“ flötete das kleine Geſchöpf in reiner deutſcher Sprache,„biſt Du der Vetter aus Weſel?“ „Ja, der bin ich und wer biſt Du?“ „Ich bin Chriſtel van Hees, Deine Nachbarin. * ſehen. Wenn Du Zeit haſt, können wir zuſammen ſpielen.“ Dabei war ſie in's Zimmer gehüpft und hatte mich bei der Hand gefaßt. Von Greten erfuhr ich ſpäterhin, daß ſie eine geborene Deutſche und das Pflegekind des Majors van Hees ſei, eigentlich anders heiße, ſechs Jahr alt, aber ein Wunder in jeder Be⸗ ziehung ſei. 8 Das war mein erſter Morgen im Barbier von Sevilla. 4 III. Aufangsgründe, Fortſchritte und Ende in meiner Kunſt. er Aus dem Vorſtehenden erſieht man ſchon, ohne daß ich es noch beſonders anführe, daß es mir im Hauſe meines Oheims zu Amſterdam an nichts Aeußerlichem gebrach. Ich wurde von Jedermann freundlich behan⸗ 8 delt, vortrefflich geſpeiſt und hatte ein ſchönes Bett. Was will ein Knabe von zehn Jahren mehr? Und doch wollte ich mehr. Ich dachte oft an meine arme Mutter nach Weſel zurück, die es nicht ſo gut hatte wie ich, und ich würde jeden Tag gern und freudig meine ganze Mittagsmahlzeit hingegeben haben, wenn ich ſie nur täglich fünf Minuten hätte ſehen und ſprechen können. Ach! in ihrem mütterlichen Tone, ihrer Sprache, ihrem ganzen Weſen lag etwas ſo Weiches, Rühren⸗ und ſah dabei Alles, was ein Knabe von meinem 4. des, Herzgewknnendes, was ich mit Worten nicht be⸗ ſchreiben kann. Alles das ſah und hörte ich nun nicht 1 mmehr und konnte es nicht ſehen und hören. Das ſagte ich mir ſelbſt und zu wiederholten Malen, und darum fügte ich mich mit der Zeit. Die erſten acht Tage in Amſterdam waren bald vorüber. Ich hatte mich ſchon an die Unruhe im Hauſe des geſchäftsreichen Barbiers von Sevilla ge⸗ wöhnt, lernte ſchnell mich in Kleinigkeiten ganz hol⸗ ländiſch ausdrücken, wodurch ich noch höher in der Gunſt meiner Tante ſtieg, und that überhaupt gern Alles, was ich ihr gleichſam an den Augen abſah und was ich von ihr als gern geſehen wußte. Mit der kleinen Chriſtel ſpielte ich täglich ein paar Stunden. ging mit ihr an das Waſſer vor der Thür, wo wir mit vielen Freuden die auf⸗ und niederfahrenden Boote 4 betrachteten, auch mitunter uns ſelbſt auf einem klei⸗ nen Boote ſchaukelten, welches ihrem Vater gehörte. In der Stadt wurde ich theils von Grete ſelbſt, theils von einem damit beauftragten Studenten— denn 1 Ernſt Goy hatte ſtrengen Hausarreſt— herumgeführt —— Ss S ter in der berühmten und alterthümlichen Stadt ſehen konnte. Bald hatte ich mich ganz in das ſo unge⸗ wohnte Treiben eingelebt und ſtand mit allen Bewoh⸗ - 75 nern des Hauſes, in dem ſehr viel Mittelalterliches zu⸗ rückgeblieben war, auf gutem Fuße. Herr van Hees, der den letzten franzöſiſchen Feld⸗ zug in der Champagne unter dem Könige von Preußen mitgemacht hatte und dabei leicht verwundet worden war, ſeitdem aber, als geborener Holländer, in Amſterdam zurückgezogen und von ſeinem Vermögen lebte, hatte näch ſeiner Rückkehr von Utrecht meinen Oheim, ſeinen Nachbar und Leibmedikus, wie er ihn ſcherzweiſe nannte, beſucht und ihm meinen glücklichen Fund auf der Land⸗ ſtraße erzählt. Hierdurch war ich eigentlich am aller⸗ meiſten in der Gunſt meiner Verwandten geſtiegen und man erlaubte mir ſehr gern, das Haus des vornehmen Nachbars zu beſuchen und mit deſſen reizender Pflege⸗ tochter mich kindlich zu unterhalten. Die kleine Chri⸗ ſtel war in der That ein ſogenanntes Wunderkind ganz eigener Art. Für ihr Alter war ſie körperlich und geiſtig außerordentlich entwickelt und verrieth große Anlagen zur Muſik. Ihr Pflegevater, der verwittwet war und zwei Zwillingsſöhne in einer ausländiſchen Erziehungsanſtalt hatte, liebte ſie ſehr und gewährte ihr jeden natürlichen Wunſch. Er beſaß ein ſehr ſchö⸗ acs Klavier und es dauerte nicht lange, ſo nahm er einen guten Lehrer an, der das Kind in den Anfangs⸗ gründen der Muſik unterrichtete. Ihre kleine Hand —— * 2 Humperdink'ſchen Hauſes ſtreng angehalten wurden, Ernſt Goy in mein Zimmer kam, ſeinen langen Hals — 76— lernte ſehr bald die Taſten bewegen und es war eine meiner höchſten Vergnügungen, ſie in ihren allmäli⸗ gen Fortſchritten zu beobachten und ihrem Spiel zu⸗ zuhören. Dabei trällerte ſie oft mit ihrer hellen und klaren Stimme ein Kinderliedchen und es währte nicht lange, ſo bewog ſie auch mich, mit ihr zu trällern und endlich Theil an ihrem Unterricht zu nehmen. So ge⸗ ſchah es, daß ich ſpielend die Muſik lernte und früh⸗ zeitig Geſchmack an dieſer herrlichen Kunſt gewann. Auch in den Anfangsgründen mehrerer Wiſſenſchaften wurde ich in einer Schule unterwieſen, in die mein Oheim mich nach einigen Wochen geführt hatte, worin, nach damaliger Gewohnheit, täglich vier Stunden, zwei Vormittags und zwei Nachmittags, Unterricht e er theilt wurde. Doch ich eile hier ſchon den Ereigniſſen 4* voraus und muß zu Ernſt Goy zurückkehren, der, als p ſeine achttägige Strafzeit vorüber war, den Haupt⸗ unterricht begann, worin er mir als Lehrmeiſter ge⸗ geben war. Es war ein Sonntagsmorgen, als nach dem Be⸗ ſuche des Gottesdienſtes, wozu alle Bewohner des mir entgegenſtreckte und lächelnd bemerkte: „Fritz, ich bin frei, kann wieder thun und laſſen, — 77— was ich will; morgen früh beginnt unſer Unterricht, ſobald das Fruͤhſtück genoſſen iſt. Folge mir jetzt in den Garten und ſieh, was ich kann.“ Dieſer ſogenannte Garten lag hinter dem Hofe des Hauſes und beſtand aus einem großen viereckigen Raſenfleck, um den herum ein breiter Weingang lief und an deſſen vier Ecken große Nußbäume ſtanden, in deren Zwiſchenräumen Tulpenbeete angebracht waren, die mit großer Sorgfalt von meinem Oheim ſelber in Ordnung gehalten wurden und zur Tulpenzeit auch mit herrlichen Exemplaren jener in Holland ſo ſehr be⸗ ⸗. liebten Blumen geſchmückt waren. Sobald wir uns im Garten befanden, die Thür nach dem Hofe ſorglich geſchloſſen und Ernſt Goy berzeugt war, daß wir allein und ungeſehen zwiſchen den Weinlauben ſeien, begann er ſeine Kunſtſtücke mir zu zeigen, indem er zuerſt ſeinen Rock auszog und ſorgfältig zuſammengefaltet auf den Raſen legte. Mit einem ungeheuren Satze ſodann, wobei er Augen und Mund weit aufriß, warf er ſich auf die Hände, ſtreckte 3 die Beine hoch in die Luft und lief zu meinem Er⸗ ſtaunen rings um den Raſenfleck auf den Händen her⸗ um. Mit einem ſtarken Schneller warf er ſich gleich darauf wieder auf die Füße, lachte überſelig laut auf, drehte ſich ſeitwärts, ließ ſeinen langen Körper erſt auf — 71— eine Hand, dann auf die andere nieder und zeigte eine ſo vollkommene Fertigkeit im ſogenannten Radſchlagen, daß er mir nicht allein große Bewunderung einflößte, ſondern auch jedem herumziehenden Künſtler dieſer Gattung heutigen Tages damit Ehre gemacht haben würde. Athemlos erhob er ſich endlich und ſtarrte mich mit blaurothem, geſchwollenem Geſicht und mit von Blut ſtrotzenden Augen an. „Mach das nach,“ ſagte er,„und ſieh, wie ſchwer es iſt.“ „Ich glaube es Dir, aber ich kann es nicht.“ „Uebe Dich; ich konnte es anfangs auch nicht und jetzt bin ich, ich kann wohl ſagen, ein Meiſter 1 darin geworden. Vorwärts— laß Dich nieder— zuerſt die linke Hand— ſo— ſieh!“ Und ich verſuchte es ſogleich, fiel aber ungeſchickt auf die Naſe, die mir ganz ſtumpf und breit geworden zu ſein ſchien und auch einige Tropfen Blut von ſich gab. Ernſt Goy erſchrack darüber ſehr und ſah ſich beſorgt um. Schnell lief er zu einem Regenfaß unter der Dachtraufe und wuſch mich mit ſeinem Taſche tuche rein, wobei er mich bat, von dieſem Unglücksfe meinem Oheim nichts zu ſagen, was ich ihm auch ver⸗ ſprach und hielt. Für heute hatten ſeine Kunſtſtücke — 79— und meine Uebungen ein Ende, wurden aber alle Sonntage äamſig fortgeſetzt, ſo daß ich auch in dieſer Kunſt einige nicht bemitleidenswerthe Fortſchritte machte, was meinem Lehrer ein großes Vergnügen zu gewäh⸗ ren ſchien. Am Montag nach dem vorerwähnten erſten Sonn⸗ tage begann der ernſtere Unterricht in der großen Kunſt und zwar folgendermaßen: Ich wurde mit großer Ceremonie und ernſtem Gebahren des weiſen Studenten zum erſten Mal in die Geſchäftsſtube des Hauſes geführt und ſah mich in einem weiten Raum, deſſen Hinterwand von großen Glasſchränken einge⸗ nommen wurdo, deren Scheiben aber durch grüne Vor⸗ haänge undurchſichtig gemacht waren. In der Mitte des Zimmers ſtand ein runder Tiſch mit tiefen Schub⸗ kaſten. Mehr zum Fenſter hin ein niedriger Schemel, der mit bunter Stickerei bezogen war, die einen kkähen⸗ den Hahn vorſtellte. Rechts und links von den Fen⸗ ſtern ſtanden zwei koloſſale Drehſpiegel, davor zwei be⸗ queme Stühle, über deren gepolſterten Rückenlehnen relne Servietten oder Handtücher hingen. Auf dieſen ſihlen pflegten die Kunden zu ſitzen, die barbiert zur Ader gelaſſen wurden; auf dem Hahne aber en ſich diejenigen niederlaſſen, denen ein Zahn riſſen werden ſollte, denn dieſe drei Verrichtun⸗ — 80— gen wurden allein in dem geheimnißvollen Zimmer ausgeübt. Für heute, wo gerade kein Beſuch gegenwärtig war, begnügte ſich Ernſt Goy damit, mir die Schub⸗ kaſten des Tiſches und das verborgene Innere der Schränke zu zeigen. In den erſteren lagen ſehr ſchön gearbeitete Beſtecke mit Raſiermeſſern, Zahninſtrumen⸗ ten jederlei Art und jederlei Alters, ſowie Schnepper und Lanzetten zum Blutlaſſen, wenigſtens für eine ganze Armee hinreichend. In den letzteren aber ſtan⸗ den zu meinem nicht geringen Schrecken, als ſie mir unerwartet entgegengrinſ'ten, große Menſchenſkelette deren Knochen auf künſtliche Art zuſammengefügt wa⸗ ren und die dazu dienten, den Studenten zu zeigen, wie man einem Knochenbruche oder einer Verrenkung am lebenden Körper heilfertig begegnen müſſe. Auch einzelne Schädel lagen in reichlicher Anzahl darin, von denen ein Theil ohne Zähne war, ein andrer aber die herrlichſten Zahnreihen zeigte. Von letzteren dienten einige dazu, dem wißbegierigen Kunden einen ſchöſten Zahnſchmuck zu zeigen und ihn auf das Verdiäuſt eines Zahnkünſtlers aufmerkſam zu machen; ander gegen, dem Schüler Gelegenheit darzubieten, ſ⸗Le⸗ geübte Hand zuerſt an ein nicht mehr ſhm dus Gebiß zu legen. In einem beſonderen ſe 169 b Behälter, welches Ernſt Goy aufzog, ſah ich zu mei⸗ nem gränzenloſen Erſtaunen mehr als einen Scheffel ausgeriſſener Zähne liegen, von denen Vorzeiger be⸗ hauptete, wenigſtens den vierten Theil ſelber aus ih⸗ rer natürlichen Begränzung gebrochen zu haben, was ich ihm auch mit einem leichten Hautſchauder glaubte. Eben ſchloß er den Schrank wieder, als ein lei⸗ ſes, beſcheidenes Pochen an der Stubenthür vernom⸗ men wurde. „Das iſt ein Kunde,“ ſagte Ernſt Goy wichtig, indem er ſich in die Bruſt warf.„Er klopft ſo leiſe, weil er ängſtlich iſt vor dem kommenden Schmerz. Meine Erfahrung ſagt mir, daß er ſich einen Zahn will ausreißen laſſen. Ich habe heute den Dienſt— gieb Acht, Du kannſt etwas lernen.— Herein!“ rief er mit ſtolzem und lautem Tone. Langſam, beſcheiden und augenſcheinlich etwas ängſtlich trat ein ungeſchlachter Landmann ein. Er klagte ſogleich über heftige Zahnſchmerzen und bat, ihm den Uebelthäter auszuziehen. Mit höchſt wichtiger ien ließ Ernſt Goy ihm den Mund öffnen und be⸗ ſah ſein Gebiß und den kranken Zahn. „Das iſt eine Kleinigkeit,“ fagte er,„ſetzt Euch — da auf den Hahn.“ Der Bauer hatte Mühe, mit ſeinem ſeijen Kör⸗ di Stilling. I. 6 4 — 82— per, ohne zu fallen, auf den niedrigen Schemel zu ge⸗ langen, und ſah ſich ängſtlich um, denn Ernſt Goy war an einen Kaſten des Tiſches getreten und hatte ihn hervorgezogen. „Seht Euch nicht um!“ rief er ſtreng,„ſchaut lieber wohlgemuth zum Fenſter hinaus— Ihr werdet ſogleich von Euren Schmerzen befreit ſein.“ Zu mir aber ſagte er flüſternd, indem er mir ein eiſernes In⸗ ſtrument zeigte:„Das iſt der berühmte Pelikan, der Allerbarmer, ein wahrer Sorgenbrecher— ſo faßt man ihn, paß auf!“ Und ein rothſeidenes Tuch um einen der gefähr⸗ lichen Haken ſchlingend, ſtellte er ſich, die Arme mit einer gewiſſen kunſtgemäßen und anmuthigen Bewe⸗ gung vorſtreckend, hinter den Patienten.— Haltet ſtill, mein Lieber,“ ſagte er in ſüßem 7 — Tone,„ein Augenblick und Ihr ſeid den Sünder los.“ Aber dieſer eine Augenblick dauerte etwas lange. 84 Kaum ſaß das Eiſen im Munde des Mannes, ſo brüllte er entſetzlich; beinahe hätte ich ihm geholfen. Aber Ernſt Goy ließ ſich nicht ſtören, er war in wiſ⸗ ſenſchaftlicher Arbeit begriffen. Er zog und brach und drückte, daß mir angſt und bange wurde und ich jeden Augenblick glaubte, den Kopf des Unglücklichen vor ſeine Füße rollen zu ſehen. Mit einem Male und ohne — 83— daß ich ſah, wie es geſchah, war der Patient vom Hahne heruntergeriſſen, aber der Allerbarmer Pelikan⸗ hielt mit eiſerner Gewalt ſein Opfer feſt. Ich ſah den Operateur an; ſein Geſicht war dunkelroth, wiſſen⸗ ſchaftliche Wuth prägte ſich in allen ſeinen Zügen aus. Er ſchwitzte, aber dies hinderte ihn nicht, wie ein Kar⸗ renpferd zu ziehen. Schon befand er ſich mit dem Bauer im Hintergrunde des Zimmers und der Bauer brüllte wie ein angeſtochenes Schwein; da trat mein Oheim zur Thür herein, ein einziger Blick fiel auf Ernſt Goy und ſein Opfer und er hatte begriffen. Er winkte dem erſteren ſeitwärts zu, von dem Kranken aocbzulaſſen. Indeſſen gehorchte der junge Künſtler nicht ſogleich, ſeine Ehre ſtand auf dem Spiel— noch ein Druck, ein furchtbarer Bruch mit einer ungeheuren Anſtrengung gethan— und der Uebelthäter, der heil⸗ rateurs. Der Bauer wuſch ſich ſeinen Mund aus und ſchien ſehr glücklich.„Der Herr Doktor haben ſchwere Arbeit gehabt,“ ſagte er,„aber Sie ſind ſehr geſchickt, 1 ich bin zufrieden— hier iſt mein Dank, die Hälfte für den Zahn, die andere für die Mühe.“ Und er legte ein blankes Guldenſtück auf den Tiſch und ver⸗ ließ grüßend das Zimmer.. 6 loſe Zahn lag heil in der Hand des konſequenten Ope⸗ — 84— Ernſt Goy wiſchte ſein Inſtrument ab und blieb mäuschenſtill ſeitwärts ſtehen. Der Oheim aber ſagte lächelnd und in unterweiſendem Tone:„Welches Glück der Menſch hat! Reißt einen Zahn aus wie ein Ka⸗ meel und bekommt einen Gulden! Ich hätte für den ſchnellſten und geſchickteſten Zug nur einen halben zu fordern gewagt. Aber ſo iſt es leider in unſerer Kunſt — der Charlatan trägt immer und überall den Sieg davon. Indeſſen aufgepaßt, Ernſt Goy! Mehr Ruhe, viel mehr Ruhe! Auf dem Hahne muß er bleiben! Wozu dieſes Reißen, dieſes Abrackern? Damit ſchän⸗ deſt Du die Kunſt. Zahnbrechen iſt keine Kunſt; einen Zahn kunſtgemäß entfernen, das iſt die Aufgabe. Da haſt Du zwei Stüber!“— 3 An einem der nächſten Tage wurde ich in der Behandlung und Führung des Scheermeſſers unter⸗ wieſen, was Ernſt Goy für eine Hauptſache in der Barbierkunſt bezeichnete. Denn das bischen Muth, welches dazu gehörte, es an das Fleiſch zu legen, könne ſogar bei einem Weibe gefunden werden„Für die geſchickte Führung des Pelikans,“ ſetzte er hinzu, „wie Du es bei mir geſehen haſt, biſt Du noch zu ſchwach; für die Anwendung des Schneppers oder gar der Lanzette biſt Du zu unwiſſend und zu unerfahren. Das Scheermeſſer aber kann ſelbſt ein Kind führen — . ——— — lernen, und je jünger die Hand, um ſo leichter der Strich, um ſo zarter der Anſatz. Bei der nächſten Leiche werden wir Gelegenheit haben, Deine Anlagen zu prüfen, an einen lebendigen Leib darfſt Du Dich aber erſt wagen, wenn Du die Probe beſtanden haſt.“ „Leiche?“ fragte ich mit einem kleinen Fröſteln —„und was für eine Probe denn?“ „Nun, über die Probe darf ich Dir nichts ſagen, das iſt ein Amtsgeheimniß; aber was die Leiche anbe⸗ trifft, ſo wirſt Du Dich doch wohl nicht ſogleich an einem Herrn verſuchen wollen? Das habe ſelbſt ich nicht gewagt. Kleiner Kerl, in einem halben Jahre woollen wir uns wieder ſprechen, bis dahin gieb Acht und beobachte genau meine Handführung, ich habe nicht allein großes Geſchick darin, ſondern werde auch oft von unſerm Meiſter wegen meiner Anmuth belobt.“ „Ja, ich habe es geſehen. Wozu liegt aber hier die gekerbte Seife neben den Schneppern?“ „Das iſt wahr— Du haſt Recht. Die Seife kannſt Du ſchon jetzt zur Ader laſſen. Sieh, ſo faßt man kunſtgerecht den Schnepper— ſo drückt man ihn tos— in dieſe Rinne der Seife, kein Haarbreit da⸗ neben, muß der Schnitt fallen, paß auf— Schnapp, da ſitzt er.“ Ich übte mich in dieſen kleinen Handgriffen und — 36— fand, daß ſie keine Schwierigkeiten boten. Während— einer dieſer Uebungen trat mein Oheim zu uns. „Das iſt recht, Fritz,“ begann er im Meiſtertone, „ich bin mit Deinem Fleiße und Deiner Anſtelligkeit zufrieden. Wenn Du zwei oder drei Jahre älter biſt, werde ich Dir die Anatomie der Blutgefäße des menſch⸗ lichen Armes vortragen; bis dahin darfſt Du kein Blut vergießen, außer etwa bei'm Schröpfen. Aber, Knabe, merke Dir das, es iſt das Grundprincip unſerer erha⸗ benen Kunſt, was ich Dir ſage. Sei ſtets im Leben, auch in der Zukunft Deiner Praxis, mag ſie ſo groß oder klein ſein, wie ſie will, vorſichtig mit dem Blut⸗ verguſſe. Blut iſt der edelſte Stoff im Menſchen. Ohne 1 Blut kein Leben, denn im Tode gerinnt es, C de Du einmal Blut abzapfeſt, bedenke Dich zweimal, tlie⸗ ber dreimal. Es entſteht nicht ſo leicht und bald wie⸗ der, wie das Haar wächſt, welches das Scheermeſſer entfernt. Mit dieſem iſt es etwas Anderes. Das Haar zu ſtutzen, iſt oft eine Wohlthat, jenes zu nehmen, 4 kann ein Todtſchlag werden. Barbiere, ſo viel u kannſt, laſſe zur Ader ſo wenig wie möglich. Und wahrhaftig, ſo lange die Menſchen die Thorheit be⸗ 4* gehen, ſich die Haare abzuſchneiden, die die Natur wachſen läßt, ſo lange geht Dir darin der Stoff nicht aus. Aber, andere Zeiten, andere Sitten! Vielleicht — 87— erlebſt Du es noch, daß ſie vernünftig werden und die Haare wachſen laſſen; dann aber— ſind wir nicht mehr!“ Ernſt Goy gaffte mit offenem Munde ſeinen alſo ſprechenden Lehrer an, denn dergleichen wiſſenſchaftliche Weisheit hatte er ihn vielleicht noch nie vortragen hören.„Wie denn, Herr Doktor,“ fragte er,„iſt es denn eine Thorheit, den Bart ſich zu ſcheeren? Ich muß Ihnen ja jeden Morgen dieſen Liebesdienſt er⸗ weiſen.“ „Narr! bedanke Dich für die Ehre und ſchweig 6 wenn klügere Leute ſprechen. Ziemt es mir etwa, mir, dem Meiſter und Lehrer in der Kunſt, ſtruppig wie ein Raubmörder umherzuwandeln, vor dem ſich die kleinen Kinder fürchten? Muß ich nicht des guten Beiſpiels wegen ſonnenklar beweiſen, was unſere Kunſt vermag?“ „Ja— aber—“ „Halt's Maul und geh' auf die Kundſchaft!“ . Sehr bald hatte ich Gelegenheit, zu zeigen, daß ich das Geſchick beſaß, ein Scheermeſſer zu führen. Ein armes Kind in der Nachbarſchaft war geſtorben und Ernſt Goy trabte mit mir hin, des Kindes Koff ———““——— — — 88— von ſeinen Haaren zu befreien. Dafür wurden der armen Mutter zu ihrer Freude ein paar Stüber be⸗ zahlt. Zwar ſchnitt ich einige Male in die Haut, aber Ernſt Goy jauchzte dennoch über meine Geſchicklichkeit, die er angeboren nannte. „ Es iſt viel ſchwerer, einen Todten zu ſcheeren, als einen Lebendigen,“ belehrte er mich.„Bei jenem iſt die Haut zuſammengeſchrumpft, ſie runzelt ſich, man ſchneidet leicht in die ſich bildende Hautfalte; bei'm Lebendigen iſt ſie glatt, elaſtiſch, voller Lebensſaft. Die Wiſſenſchaft nennt das turgor vitalis. Möchten doch bald mehr Nachbarn ſterben, damit Du fortſchrei⸗ teſt, denn ich bin ſtolz auf Deine Entwickelung— Du haſt Anlagen.“ Und ſo ſchritt ich von Leiche zu Leiche, die mir nicht mehr wie das erſte Mal einen Schauder einflößte, allmälig zu einem Lebendigen. Ich fürchtete indeſſen ſehr, ihn mit meinem Meſſer zur Leiche zu machen und das Herz klopfte mir ſtark dabei. war Niemand bei dieſer erſten Operation zugegen, als mein Lehrer Ernſt Goy. Es ging mit einigen Kratzen ab. Das nächſte Mal aber ging es ſchon beſſer, es erfolgte nur ein Kratz. Das dritte Mal war ich Triumphator. Ernſt Goy theilte das glückliche Ereig⸗ niß dem Oheime mit. Dieſer war ſehr erfreut, fragt — 89— mich aber, ob Ernſt Goy geſchnurrt habe? Auf meine Verneinung ſagte er:„Gut! Morgen ſoll die Probe ſein. Beſtehſt Du ſie, ſo bekommſt Du einen Gulden.“ „Welche Probe?“ fragte ich heimlich Ernſt Goy. „Warte es ab, ich darf Dir nicht bange machen.“ Ich ſchlief beinahe die ganze Nacht nicht, por Angſt, der unbekannten Probe nicht gewachſen zu ſein und ich konnte mir gar nicht denken, worin ſie beſtehen würde. Am nächſten Morgen, es war ein Sonntag, wurde ich nach dem Frühſtücke in das Geſchäftszimmer gerufen. Ich trat mit Herzklopfen ein, welches noch ſtärker wurde, als ich ungewöhnlicher Weiſe alle Stu⸗ denten verſammelt und in feierlichem Stillſchweigen fand. Alle betrachteten mich auf eine gewiſſe geheim⸗ nißvolle Art. Gleich darauf pochte es laut an die Thür. Man rief: herein! Da trat zu meinem Erſtau⸗ nen und Schrecken mein Oheim ſelber ein. Er hatte eine feierliche Miene angenommen und ſpra Wort. 4 „Meine Herren,“ ſagte er endlich in einem bitten⸗ ch kein 2 den Tone, wie ich ihn nie bei ihm gehört hatte,„ich wünſche barbiert zu ſein— wer wird mich bedienen?“ Alle blickten mich an. Jetzt erſt verſtand ich den Scherz und begriff den Ernſt des Scherzes. Auswei⸗ chen konnte ich nicht, ohne mich in den Augen der gan⸗ — 1 So war ich, noch nicht ganz elf Jahre alt, iin⸗ — 90— zen Verſammlung bloszuſtellen, daher machte ich gute Miene zum böſen Spiel. Schon ſaß mein Oheim auf dem Scheerſeſſel. Ich ſeifte ihn leicht und vollkommen ein. Alle nickten bei dieſer Ceremonie mit dem Kopfe. Meine kleinen Finger tippten ſehr richtig in der vor⸗ geſchriebenen Linie zwiſchen Naſe und Oberlippe herum, ohne die erſtere zu färben, was in dieſem Falle gewiß Gelächter hervorgerufen hätte. Dann ergriff ich kunſt⸗ gerecht ein gutes Meſſer und zog es ab. Nun faßte ich mir ein Herz, umſpannte ſanft mit der Linken, die Finger in die vorgeſchriebene Form ſpreizend, meines Oheims Geſicht— es war wegen ſeiner glatten Fülle ſehr leicht zu ſcheeren— und, in wenigen Minuten war das große Werk ohne Kratz beendet. 1 Beinahe hätte ich das Meſſer zu Boden fallen laſſen und dadurch wieder Alles verdorben, ſo ſehr er⸗ ſchrack ich jetzt, denn Alle klatſchten Beifall. Mein Oheim aber ſtand auf, nahm die von meiner Hand artig dargebotene Serviette, wiſchte ſich das Geſicht ab, umarmte und küßte mich— er roch ſehr nach Seife und Tabak— und ſagte feierlich:„Geſellen! Dieſer iſt mein approbirter Lehrling von heute an, er hat die Probe beſtanden. Hier iſt Dein Gulden, mein Junge, und nun komm zur Tante.“ 91— geweiht in die große Kunſt des Barbierens. So auch lernte ich Schröpfen, Aderlaſſen und, nachdem ich es vorher an Todtenſchädeln verſucht, an wackligen Zäh⸗ nen auch das Zahnausreißen. Mein Oheim war mit mir zufrieden und ich war glücklich. 5 Aber die Zeit hat Flügel, wir wiſſen es Alle nur zu wohl, und ich hatte, ſchneller als ich es für möglich gehalten, ſchon zwei Jahre im Hauſe meines guten Oheims verlebt, dachte an keine andere und beſſere Zukunft und hegte nur zuweilen einen trüben Gedan⸗ ken in Bezug auf meine arme Mutter, als ein Ereig⸗ niß eintrat, welches mich abermals in eine neue und unverhoffte Bahn treiben ſollte. Wir zählten den 28. April 1801, ich war alſo zwölf Jahre alt geworden, als ich früh Morgens von der guten Grete, die in einem Alkoven neben meinem Zimmer im Hinterhauſe ſchlief, geweckt wurde. Es war ein trüber und nebeliger Morgen und man fror beinahe wie im Februar. Grete wünſchte mir Glück zu meinem Geburtstage und verehrte mir einen ſelbſtge⸗ backenen Kuchen, auf deſſen bezuckertem Rande zwölf kleine Kerzen brannten. Nachdem ich mich angekleidet, ging ich zu meinem Oheime und meiner Tante, die — 92— wegen des feſtlichen Tages im Beſuchszimmer ihr Frühſtück einnahmen, und empfing auch hier gute Wünſche und einige neue Kleider, ſowie ein Beſteck mit verſchiedenen Inſtrumenten und einigen vortreff⸗ lichen Scheermeſſern zum Geſchenke. Gleich darauf kamen Herr van Hees und Chriſtel, um Abſchied von uns zu nehmen. Denn derſelbe wollte in Erbſchafts⸗ angelegenheiten einige Zeit den Haag beſuchen und ſein Pflegekind ſollte ihn diesmal begleiten. Dieſes liebe Kind, nun acht Jahre alt, war mir ganz in die Seele gewachſen. Wir waren wie Bruder und Schweſter. Wir ſpielten zwar immer noch zuſam⸗ men, führten aber ſchon ganz verſtändige und über un⸗ ſer Alter eigentlich hinausgehende Geſpräche. Die Muſik hatten wir mit großem Eifer betrieben; zwar war ich nicht ſo geſchickt und ſo herrlich bei Stimme wie Chriſtel, aber ich hatte doch Fortſchritte gemacht und ſang einen ganz hübſchen Sopran, weshalb ich auch ſchon einigemale als Chorknabe auf den Straßen und bei feſtlichen Gelegenheiten in der Kirche hatte mitwirken müſſen. Wie ſehr mich alſo Chriſtc's Abreiſe ſchmerzte, brauche ich nicht zu erwähnen. Wir weinten inniglich, als wir uns Lebewohl ſagten und ſchwuren uns ewige Freundſchaft zu, und in der That, dieſer Abſchied am — 93— Morgen verdarb mir den ganzen Tag, indem er mich mit einer mir ſonſt unbekannten trüben Stimmung er⸗ füllte. Als Herr van Hees und ſein Pflegekind unſer Haus verlaſſen hatten, ging ich allein, trotz des feinen Sprühregens, im Garten auf und nieder, um mich wenigſtens etwas zu zerſtreuen. Das Mittagseſſen wurde ſpäter in aller Stille und wie gewöhnlich abge⸗ halten, nur bekam ich nachher ein Glas Rothwein, von dem mein Oheim jeden Tag eine volle Karaffe nach Tiſche trank.. Ich weiß nicht, wie es kam, ich konnte aber den ganzen Tag und beſonders, je näher der noch trübere Abend rückte, den Gedanken an meine Mutter nicht aus dem Kopfe verbannen, und es war mir zu Muthe, als müſſe ihr etwas Unheilvolles begegnet ſein. Ich ſprach aber mit Niemand darüber, ſelbſt mit Grete nicht, die nach Chriſtel meine ergebenſte Vertraute war. Abends um ſechs Uhr, beſonders im Winter, verſammelten ſich gewöhnlich alle Bewohner des Hau⸗ ſes um das lodernde Feuer des Heerdes in der gro⸗ ßen Küche. Mein Oheim und meine Tante, die auch häufig mit an dieſem. Fener ſaßen, der eine rauchend und erzählend oder belehrend, die andere wollene Strümpfe ſtrickend, waren heute auf ihrem Zimmer im oberen Stockwerke geblieben. Die Späße und Schnur⸗ ren, die gewöhnlich in dieſer gemüthlichen Stunde im Kreiſe der jugendlichen Bewohner des Hauſes losge⸗ laſſen wurden, wollten mich heute gar nicht beluſtigen. Ich ſaß ſtumm und gedankenvoll zwiſchen Grete und Ernſt Goy, eine Anordnung, die meine Tante getrof⸗ fen hatte, wahrſcheinlich um die Flüſtereien zu mäßigen, mit denen Ernſt Goy Greten unabläſſig zu überſchüt⸗ ten pflegte. Es ſchlug acht Uhr. Da donnerte es wie ſo häufig von oben herab: „Grete!“ Grete ſprang ſogleich mit behenden, aber mächtigen Sätzen, ſo daß die kleine Treppe krachte, die Stufen hinauf. Nach einer Weile kam ſie wieder her⸗ unter und flüſterte mir in's Ohr, mein Oheim begehre mich zu ſprechen. Sogleich ging ich hinauf und fand das gemüth⸗. liche Paar höchſt behaglich vor einem mit blankem Ge⸗ ſchirre beſetzten Theetiſche ſitzen. Meine Tante ſtrickte, mein Oheim aber rauchte nicht, ſondern hielt die aus⸗ gegangene Pfeife und einen offenen Brief in der Hand. Ich weiß nicht, warum mir meine Verwandten in der Stellung, wie ich ſie heute Abend vor mir ſah, ungemein rührend vorkamen, aber ich fühlte ſo recht, — 95— als ich jetzt vor ihnen ſtand, wie viel ich ihnen bereits ſchuldig geworden war. „Mein Sohn,“ fing mein Oheim mit einer etwas milderen Stimme als gewöhnlich an—„ſetze Dich eine Weile zu uns und trinke eine Taſſe Thee mit uns. Da— die Tante hat ſie Dir ſchon zubereitet. Höre, mein Sohn, Du haſt heute zum zweiten Male Deinen Geburtstag in meinem Hauſe begangen und ich habe Dir ſchon dieſen Morgen geſagt, daß ich mit Deiner Aufführung und Deinem Fleiße zufrieden bin. Ich wiederhole Dir das jetzt noch einmal. Ich habe Dich ſo lieb, wie meinen einzigen Sohn, der leider in Java iſt und erſt in einigen Monaten von ſeiner Reiſe zurückerwartet wird. Ich werde Dich auch darum fer⸗ ner auf allen Deinen Lebenswegen unterſtützen.“ Ich wollte einige Worte des Dankes ſtammeln, aber Thränen unterdrückten meine Stimme. „Laß es gut ſein, Fritz,“ fuhr er fort und nahm den Brief in die Höhe, den er vorher geleſen hatte. „Haſt Du noch einen beſonderen Wunſch für jetzt oder⸗ künftig? Beſinne Dich— nur will ich Dir gleich ſagen, daß ich meinerſeits ſchon in ſo fern an Deine Zukunft gedacht habe, als ich geſonnen bin, Dich nicht Zögling meiner Schule allein bleiben zu laſſen. Du ſollſt, ſo Gott will und Du Luſt dazu haſt, ein ordent⸗ . 3 8— — — 96— licher gelehrter Doktor werden und dadurch meiner freilich immer ſtümperhaften Erziehung Ehre machen — haſt Du ſonſt noch etwas auf dem Herzen?“ „‚Nein, nein, mein guter Oheim,“ ſtammelte ich, „ich habe nichts als Dank auf dem Herzen für Deine Liebe, wenn es nicht der Wunſch iſt, meine gute Mut⸗ tter zu ſehen und ihr von dem Ueberfluſſe, der mich umgiebt, etwas mitzutheilen.“ „Mein Kind, das iſt ein natürlicher und mir er⸗ freulicher Wunſch. Aber ich kann Dich darüber beruhi⸗ gen. Ich habe ſchon längſt, ohne es Dir mitzutheilen, für Deine Mutter in alle Zukunft geſorgt. Sie iſt in einer wohlthätigen Blindenanſtalt, denn— erſchrick nicht vor der ganzen Wahrheit— ſie iſt vollſtändig blind geworden.“ „Ach, mein Gott!“ weiter konnte ich nichts ſagen. „Fritz! Sei ruhig, faſſe Dich. Gott hat es ge⸗ geben! Auch erträgt ſie ihr Geſchick mit Ergebung und Geduld, wie ſie mir in dieſem Briefe ſchreiben läßt. Sie grüßt Dich und ſchickt Dir zu Deinem Wiegenfeſte ihren erneuerten Segen. Das wollt' ich Dir ſagen, mein Junge. Nun trinke Deinen Thee aus und dann laß uns allein.— Grete!“ 8 Grete erſchien auf der Stelle, ſah aber ſehr nie⸗ * deergeſchlagen aus. —— — 97— „Grete, es iſt ſo kalt hier; bringe uns ein Koh⸗ lenbecken herauf, wir wollen uns ein wenig wärmen, ehe wir zur Ruhe gehen.“ 4 Grete ging, erſchien aber nicht wieder. Nach eini⸗ ger Zeit wurde ich ihr nachgeſchickt, um zu ſehen, war⸗ um ſie zögere. Ich ſuchte ſie vergeblich im ganzen Hauſe. Endlich fand ich ſie auf ihrer Kammer, mit dem Kopfe auf einem kleinen Tiſche liegend und weinend. „Grete, die Kohlenpfanne!“ rief ich.„Aber Du weinſt— was fehlt Dir denn?“ „Ach, Du armes Kind,“ ſchluchzte ſie,“ ſchlang ihren vollen Arm um meinen Leib und zog mich an ihre rieſige Bruſt.„Deine Mutter iſt ganz erblindet und ſo arm— könnte ich doch bei ihr ſein!“ „Wie, haſt Du es gehört?“ „Ja, ich habe an der Thür geſtanden, als Dein Oheim es ſagte.“ Und nun fingen wir beide an zu weinen und trö⸗ ſteten uns gegenſeitig. Als ich nach einer Weile auf das Zimmer meines Oheims zurückkehrte und den Grund der Zögerung Gretens erzählte, ſah ich die Kohlenpfanne ſchon unter dem Tiſche ſtehen, auf die der Oheim und die Tante ihre Füße geſetzt hatten Frit Stilling. 7 — 98— Gleich darauf verabſchiedeten ſie mich und ich ging zu Bette. Grete pflegte von allen Bewohnern des Barbiers von Sevilla Morgens zuerſt aufzuſtehen und zwar um fünf Uhr. Sie machte immer ſogleich den Theetiſch zurecht, den dann mein Oheim und ſeine Frau um ſechs Uhr dampfend und mit allem Nöthigen verſehen fanden, Um dieſe Zeit mußte Alles im Hauſe uuf den Beinen ſein. Ich war an dem Morgen nach meinem vorher be⸗ zeichneten Geburtstage gegen ſechs Uhr damit beſchäf⸗ tigt, mich zu waſchen, als ich einen entſetzlichen Angſt⸗ ſchrei unten in der Küche zu hören glaubte. Ich krock⸗ nete mich raſch ab und ſprang auf den erſten Treppen⸗ abſatz hinaus. Alles war wieder ſtill. Einen Augen⸗ blick ſpäter aber hörte ich ein Schreien und Rufen im Hauſe, wie noch nie. Raſch mich vollſtändig anklei⸗ dend eilte ich die Treppe hinab und hier erfuhr ich denn bald den entſetzlichen und für mich unbeſchreiblich unglücklichen Vorfall.. Grete hatte den Theetiſch wie gewöhnlich in ihr Herrſchaft Frühſtückszimmer angerichtet, aber vergebli auf ihr Erſcheinen gewartet. . — 9— rung nicht begreifend, war ſie in ihr unverſchloſſenes Schlafzimmer getreten und hatte hier die beiden Che⸗ leute im Kohlendampfe erſtickt gefunden. Sie ſaßen, wie ſie geſtern Abend am Theetiſche geſeſſen, aber, in ihre Seſſel zurückgeſunken, ſteif und kalt. Nun ging eine aufgeregte Scene im Hauſe vor. Alle Barbiergeſellen, ſechs an der Zahl, und zwei eiligſt herbeigerufene Aerzte bemühten ſich um die Wette mehrere Stunden lang, die ſchnell in die Küche herabgetragenen Entſeelten in's Leben zurückzurufen, Sechs willige Schnepper ſetzten ſich mit einem Male in Bewegung— es wurde mit zehn Bürſten zugleich ge⸗ rieben— von kräftigen Lungen wurde abwechſelnd lebendiger Athem eingeblaſen, ſtarkriechende Eſſenzen unter die Naſen gehalten, Senfteige gelegt, endlich brennender Siegellack auf die entblößte Bruſt geträu⸗ felt— Alles, Alles aber vergebens, denn ſie waren und blieben todt. 7 Nun ging es an ein Schreien und Wehklagen ohne 1 Gleichen. Grete beſonders geberdete ſich wie eine Wüthende. Sie ſchlug mit Fäuſten und Füßen um ſich, wie ihre gigantiſche Natur es verlangte, und ver⸗ ſchonte Niemand dabei. Ich ſelbſt erhielt einige Püffe, als ich ihr zu uahe kam und die Leichen beſehen wollte — 100— und Ernſt Goy trug acht Tage lang eine geſchwollene Naſe und ein blaues Auge davon. Bald kam die ganze Nachbarſchaft in Aufruhr und das allbekannte Haus füllte ſich mit Neugierigen und Theilnehmenden. Einige Stunden ſpäter erſchienen ſchon die Tod⸗ tenbeſchauer und in ihrem Gefolge ſehr wichtig thuende Gerichtsperſonen in ihren neueſten Perrücken und mit großen ſilberbeſchlagenen Stöcken. Nur eine kurze Stunde ſtöberten ſie in allen Winkeln herum, ſahen Jedermann mit mißtrauiſchen Blicken an und ſchon waren alle Zimmer, Kaſten und Schlöſſer verſtegelt; uns blieben allein das Geſchäfts⸗ und unſere Schlaf⸗ zimmer zum beliebigen Gebrauche frei. Wie es dabei eigentlich herging, wer das Alles veranſtaltet, kaun ich unmöglich genau angeben, aber ſolche traurige Vor⸗ gänge kommen ja überall vor, Jeder kennt ſie und kann ſich auch meinen Gemüthszuſtand dabei vorſtellen, der ich in einer Verfaſſung war, daß ich Alles nur halb ſah und hörte. Drei ungemüthliche, troſtloſe und unvergeßliche Tage verlebten wir ſo, ſie dauerten uns wenigſtens ſo lange wie drei Wochen, trotz aller Arbeit, allen Laufen allen Hin⸗ und Herredens. Am Ende dieſer drei Ta fand die Beerdigung ſtatt.Ich glalbe, halb Am 22* 8 3* 4 ——— 10¹ dam war auf den Beinen, denn der Barbier von Se⸗ villa war ein allbekannter und geachteter Mann in allen Kreiſen der Stadt und ſeine ſchnelle Todesart hatte die allgemeine Theilnahme erweckt. Jedermann wollte mich dabei ſehen und doch fragte nachher kein Menſch mehr nach mir. Endlich war auch dieſe traurige Feierlichkeit vor⸗ über; wir waren Alle im Sterbehauſe verſammelt, in deſſen ſonſt ſo belebten Räumen jetzt eine Todtenſtille herrſchte. Ernſt Goy ſaß in einem Winkel und flennte, Grete war nicht aus ihrem Alkoven zu bringen, wo ſie unaufhörlich ſchluchzte; die Anderen thaten, was ſie woollten, wenn ſie nicht ihre Kunden zu bedienen hatten. „Wenn der Sohn noch hier wäre,“ rief man all⸗ gemein,„dann wüßte man doch, was man zu thun hätte, dann käme man vielleicht noch zu dem Seinen. Aber ſo!“ Bald auch zeigten ſich die unausbleiblichen Folgen allgemeiner Dienſtauflöſung. Einer nach dem Andern ſuchte ſeine Habſeligkeiten zuſammen und verließ das Haus, Manche ſogar auch die Stadt, um ſich ein anderes Unterkommen zu verſchaffen. Zuletzt waren nnr noch Grete, eine alte Hausmagd, ich und Ernſt N —yy— 102— Goy übrig, welcher letztere, glaube ich, allein wegen Gretens blieb. In dieſen unheilvollen Tagen berathſchlagten wir Drei miteinander, was zunächſt mit mir anzufangen ſei. Ich wollte durchaus nach Weſel zurück, denn die Sehnſucht nach meiner Mutter war unter den jetzigen Umſtänden unwiderſtehlich geworden. Grete ſträubte ſich aber mit allen Kräften dagegen und wollte mich, wenn ich doch ginge, begleiten. Dem widerſetzte ſich b aber Ernſt Goy, indem er die Anſicht vorbrachte, daß ſie an das Haus gebunden ſei, weil eine treue Seele wenigſtens daſſelbe hüten müſſe. Und dadurch wurde ſie überzeugt und zum Bleiben beſtimmt. Endlich hatte ſie ſich auch dazu entſchloſſen, mich allein reiſen zu laſſen. Meine kleinen Habſeligkeiten wurden zuſammengeſucht, meine Erſparniſſe überzählt. Ich zog meine beſten Kleider an, genügende Wäſche wurde in mein Ränzel gepackt und Grete ſchenkte mir eine alte Börſe für mein Geld. Denn ich beſaß nicht nur die unangerührten zwei Speziesthaler von meiner Mutter, meinen theuerſten Schatz, ſondern noch einige Stüber von dem Gelde des Kaplans, ſo wie den durch die glückliche Probe verdienten Gulden, dem Ernſt Goy einen zweiten und Grete einen dritten hinzufügte. All dieſes Geld ſteckte man in die alte Börſe, die Spezies⸗ 8 — — 103— thaler ausgenommen, die ich in einem kleinen ledernen Beutel an einem Bande um den Hals trug. So war die Scheideſtunde gekommen, alle meine Taſchen waren mit Speiſen überladen und der Abſchied ſollte beginnen. Grete heulte beinahe vor Schmerz, als ich ihre Hand ergriff und ihr für alle Liebe und Mühe, die ſie mit mir gehabt hatte, dankte. Sie drückte und küßte mich dergeſtalt, daß mir einige Male der Athem ausging. Aehnlich war es mit Ernſt Goy. Beide geleiteten mich durch die Stadt, vor das Thor hinaus, beinahe eine Meile Weges weit. Hier, unter einer großen Windmühle, die in zahlloſen Gruppen rings die nächſte Umgebung Amſterdams bilden, fand unſere Trennung Statt. Noch eine doppelte Um⸗ armung, noch einmal dreifache Thränen und ich— war wieder allein und auf der Landſtraße nach Weſel ein einſamer Wanderer.— IV. Die Urſulinerin. Mleine zweite Wanderung fiel inmitten eines freund⸗ lichen Mai's. Rings um mich her ſproßte und keimte Alles, und die Vögelchen ſangen ſo munter in den Lüften und den zitternden Zweigen der Bäume, daß es eine Luſt geweſen wäre, dies erneute Leben ringsum mit einem heiteren Gemüthe bewundern und genießen zu können. Ach! dieſer ſüße Genuß wurde mir da⸗ mals nicht zu Theil. Die kurz vorhergegangenen ſchrecklichen Tage drückten zu ſchwer auf mein Herz, als daß es ſogleich kindlich froh und unbefangen hätte in die Welt ſchauen können. Nur der Gedanke, bald 4 meine Mutter wiederzuſehen, war mir von Anfang an ein Balſam für mein Leid, er beflügelte meine Schritte und trieb mich ohne Raſt weiter, wenn ich anfing, vo Traurigkeit müde und vor Müdigkeit traurig zu werden. Dennoch aber ging ich, die Gedanken der Geger⸗ wart abgerechnet, mit ganz anderen Gefühlen dieſen Weg zurück, als ich ihn vor zwei Jahren in entgegen⸗ geſetzter Richtung gewandert war. Ich war zwei Jahre älter geworden, ein großer Unterſchied in jenem glück⸗ lichen Alter; und wenn ich auch nicht nach meiner ſeli⸗ gen Tante Wunſch und Abſicht ein Rieſe geworden, ja, überhaupt nicht einmal auffallend gewachſen war— denn ich wuchs erſt von meinem dreizehnten bis ſieb⸗ zehnten Jahre zu meiner vollen Größe— ſo war ich doch kräftiger, muthiger und vor allen Dingen erfah⸗ rener geworden. Ich hatte viele fremde Menſchen kennen gelernt, Männer und Frauen, wußte mit ihnen deutſch und holländiſch zu verkehren, kannte ſchon mehr das Gefährliche der Welt oder glaubte es wenigſtens zu kennen und begann allmälig mir das menſchliche Leben in einem ganz kleinen Horizonte nach meiner Art darzuſtellen. Vor allen Dingen aber trug ich jetzt Etwas in mir, was mich in meinen Augen bedeutend über die Zeit meiner erſten Reiſe erhob, ich meine das Bewußtſein: etwas gelernt zu haben. Ich war meines Oheim's Schüler geweſen, hatte Ernſt Goy zum Leh⸗ rer gehabt, hatte ich mir nicht von beiden mancherlei Nützliches angeeignet? Konnte ich mir nicht im Noth⸗ falle überall mein Brot als Bartputzer ſelber verdienen? Ja, dieſes Bewußtfein, ich geſtehe gern die kleine Eitelkeit ein, erhob mich ſehr und es kam mir vor, als ob ich mit der mir beigebrachten Kunſt einen wahren Schatz von Weisheit in die vor mir liegende Welt ſchleppte. Aber ſo ſind die Träume der Jugend, jeden Tag glauben wir in Erkenntniß höher geſtiegen zu ſein, und nicht ſelten geſchieht es, daß wir heute mit Verachtung auf die That blicken, die wir geſtern mit Wonne und ſtolzem Selbſtgefühl und mit Aufbie⸗ tung aller unſerer phyſiſchen und moraliſchen Kräfte vollbracht haben. Thörichte aber auch glückliche Jugend! Jetzt denke, handle und urtheile ich über mich ſelbſt und Andere anders. Ob vielleicht richtiger? Beant⸗ worte ſich das Jeder ſelbſt, der ſich im Alter weiſe dünkt, während ſeine Jugend von dem göttlichen Hauche des Inſtinktes geleitet wurde.— Dooch ich kehre zu meiner Reiſe zurück, die wenig⸗ ſtens mit einigen Worten erwähnt werden muß, da ſich an ſie eine bedeutende Wandelung meines ganzen Lebensweges knüpft. In der erſten Nacht alſo ſchlief ich wieder in Naarden, und zwar in demſelben Zimmer d deſſelben Wirthshauſes, wo ich vor zwei Jahren eine Nacht zugebracht hatte. Und obgleich ich dieſelbe Nagd noch traf, die mich damals bedient, ſo erkannte ſie mich doch nicht wieder, wenigſtens ſagte ſie nichts und ich — —— ſchwieg auch, da mir dieſer Umſtand ſchmeichelhaft war, indem ich mich für bedeutend gewachſen hielt und ich auch andere Dinge in Gedanken hatte. Am zwei⸗ ten Abende in Amersfoort ſchwankte ich, ob ich einen Tag in den ſchönen Bergen bleiben oder weiter gehen ſollte. Hätte ich das Erſte gethan— dann wäre ich vielleicht Zeitlebens ein Barbier geblieben, doch— ich darf dem Kommenden nicht vorgreifen. Ich entſchied mich endlich dahin, mich nicht in den Bergen umzu⸗ ſehen, ſondern unaufhaltſam nach Weſel zu eilen. So ging es denn am dritten Morgen von Amers⸗ foort nach jenem kleinen Dorfe oder Flecken, ich glaube, es heißt Ede, wo ich vor zwei Jahren auf einem Heu⸗ boden geſchlafen hatte. Die Erinnerung daran that mir, nachdem ich in Amſterdam auf Daunen geruht, nicht ſehr wohl und ich glaubte mit meiner gefüllten Börſe auf ein Bett Anſpruch machen zu können, zumal die Mainächte ziemlich kalt waren. Ich ging alſo nach der Herberge des Ortes und bat um ein Stübchen mit einem Bette. Es war noch ziemlich früh am Tage und ich konnte mir noch etwas die Gegend beſehen, die vwar flach und im Ganzen unſchön, aber mit einigen Bäumen beſetzt war, die in ihrem zarten Frühlings⸗ chmucke von Jugend an meine Freude geweſen ſind. Als ich hier, von meinem Ränzel befreit, im — 108— Freien langſam umherging, traten zwei junge Leute, Wanderburſchen wie ich, an mich heran, die ſehr freundlich thaten und nach Allem und Jedem in der Unterhaltung zu fragen wußten. Kinder von zwölf Jahren ſind zwar plauderhaft und mittheilſam, ich aber war es in meiner damaligen Stimmung weniger und antwortete wahrſcheinlich ungenügend in Anbetracht der großen Neugier der Fremden. Gerade dieſe Zurück⸗ haltung indeſſen erregte vielleicht in den mir immer abenteuerlicher erſcheinenden Burſchen den Verdacht, daß ich einen Grund haben müſſe, ihnen meine Ver⸗ hältniſſe zu verſchweigen. Bei’m Abendeſſen, welches gemeinſchaftlich in Gaſtzimmer verzehrt wurde und ſehr kärglich war, ſaßen die beiden Wanderer mir gegenüber. Ich ging ſchon um neun Uhr zur Ruhe, um am anderen Tage wieder früh munter zu ſein. Als ich am Morgen meine kleine Zeche unten in der Wirthsſtube bei einer Taſſe warmer Milch bezahlte und dabei einen Gulden wechſeln mußte, ſtanden die jungen Leute vom vorigen Abend in der Nähe. Das vom Gulden herausbekou⸗ mene kleine Geld that ich in meine Börſe und ſteckte dieſe, ich weiß es beſtimmt, in die Taſche meines Bein⸗ kleids. Gleich darauf, nachdem die Burſchen mir ſeh freundlich die Hand gereicht, gute Reiſe gewünſcht uny — 109— bei'm Umthun meines Ränzels mir behülflich geweſen waren, trat ich meinen Weg an. Ich ging allein. Ich hatte einen ziemlich kurzen Marſch vor mir, da es von Ede bis Arnheim nur vier kleine Poſtſtunden ſind; daher ging ich langſam, ganz nach meinem Gefallen. Dicht vor Arnheim ſah ich an einem Vorſtadthauſe bei einem Bäcker ſehr leckere Fladen am Fenſter ſtehen. Mich wandelte die Luſt an, einen davon zu verzehren.“ Ich trete in den Laden, habe den Kuchen ſchon zum Einbeißen in der Hand— da, wer beſchreibt mein Entſetzen, vermiſſe ich Gretens Geſchenk, meine volle Börſe. Mir ſträubten ſich die Haare auf dem Kopfe empor und ein kalter Schauer rieſelte über meinen Rücken. All' das ſchöne Geld, für die ganze Reiſe ausreichend, mit einem Male verloren! Der Bäcker ſah meinen Schrecken und ſchenkte mir zum Troſt den Fladen, weiter konnte oder mochte er nichts thun. Ich aber, kaum ihm dankend, ſtürzte vor die Thür und lief eine große Strecke weit den Weg zurück, den ich ſo eben gekommen war; aber vergebens. Wohl er⸗ müdeten meine Beine, wohl ſchwindelte mir der Kopf, allein meine Börſe fand ich nicht wieder. Wankend, vor Müdigkeit und Kummer, betrat ich das dunkele Thor von Arnheim. Unwillkürlich trugen mich meine Füße in daſſelbe Gaſthaus, vor welchem mich der — ———— — 410— „ freundliche alte Mann vor zwei Jahren abgeſetzt und für mich bezahlt hatte. Der Wirth erinnerte ſich mei⸗ ner und ich erzählte ihm ſogleich mein letztes Unglück, was gewiß nicht das größte der bisher erlebten war. Damals aber ſchien es mir unglaublich groß zu ſein. Er bedauerte und fragte mich, ob ich denn Alles ein⸗ gebüßt habe? Da fielen mir meine zwei Speziestha⸗ ler ein, die konnten nicht mit verloren ſein. Schnell griff ich nach dem Beutelchen am Halſe und ſtehe! es hing an ſeinem Platze und war von ſeinem köſtlichen Inhalte ſchwer. Ich zeigte es ihm. Der Mann lä⸗ chelte und ſagte:„Nun, was denn mehr? Du haſt ja noch, was klagſt Du denn?— Joſeph, dem Kua⸗ ben Nr. 31“ Ich begriff den hartherzigen Mann gar nicht, daß er meinen Schmerz nicht begreifen konnte. Freilich hatte ich noch Geld; was ich aber hatte, wollte ich meiner Mutter zuliebe behalten— das wußte und konnte er freilich nicht wiſſen. In Arnheim alſo flog mir ein Speziesthaler da⸗ von. Den anderen behielt ich glücklich und will ich hier gleich erwähnen, daß ich denſelben als eine Erin⸗ nerung an die einzige Mitgift meiner guten Mutter bis auf den heutigen Tag aufbewahrt habe und ſtets in meiner Börſe mit mir herumtrage. Oft beſchaue — 411— 8 ich ihn, der ſo viel Freude und Leid mit mir getheilt, und es iſt mir dann, als könnte er mir beinahe eben ſo viel erzählen, als ich hier dem nachſichtigen Leſer erzähle. Vorſichtig ſteckte ich das vom Wirth in Arnheim empfangene Geld in meine Bruſttaſche, und froh, daß ich wieder ſo viel kleines Geld zur nächſten Zehrung herausbekommen, ſchritt ich meinen Weg vorwärts. Der Verluſt wurmte mich aber doch ſehr, denn es ſtieg in mir der Gedanke auf, daß ich das Geld nicht verloren, ſondern daß es mir von den beiden Tauge⸗ nichtſen bei'm Anſchnallen meines Ränzels entwendet wor⸗ den ſei. Ich war alſo dumm geweſen, daß ich das Geld in ihrer Gegenwart gezeigt und die Börſe in meine Taſche geſteckt hatte. Dieſe Dummheit that mir mei⸗ ner ſelbſt wegen weh; ich habe mir nie dergleichen ver⸗ geben können, wenn ich ſie nach geſchehener That ein⸗ ſah. Auch habe ich in meinem ferneren Leben größere Dummheiten begangen, aber ich glaube nicht, daß mich je eine ſo geſchmerzt hat, wie dieſe erſte. Sie hatte aber den Vortheil, daß ich beſchloß, in dieſem einen Punkte wenigſtens klüger zu werden, und mir iſt ſpä⸗ terhin wohl Geld auf unbegreifliche, aber nie dnrh Freifliche Weiſe abhanden gekommen. Doch ſehen wir, was mir an dieſem Tage begeg⸗ —— — 112— nete. Er war gegen meine Vermuthung in meinem Lebenskalender roth angeſtrichen, denn die Vorſehung, Gott oder der Zufall— wer es auch war— ſandte mir für meinen kleinen überſtandenen Kummer ein großes Glück, ſo groß, daß ich ſelbſt jetzt ſeinen Um⸗ fang nicht ganz ermeſſen kann, da ich ohne daſſelbe wahrſcheinlich niemals im Stande geweſen wäre, dieſe meine Erinnerungen niederzuſchreiben; denn mein ganzes Leben nahm von dem heutigen Tage an eine völlig unerwartete und ſo bedeutende Wandelung, daß es mir heute noch wunderbar aſchein⸗ wenn ich d d über nachdenke. Die Thatſache ſelbſt aber iſt, wie wir wgleh ſe⸗ hen werden, eine höchſt einfache. Langſam ging ich zum Thore von Arnheim hin⸗ aus, denn es war heute der erſte warme und ſogar ſehr warme Tag im Monat Mai 1801. Ich hatte mir vorgenommen, bis Emmerich zu wandern, wenn meine Kräfte ſo weit reichten, und daher mußte ich* ſparſam mit ihnen umgehen. Ich hatte auf dieſe Weiſe, langſam vorſchreitend, ich weiß nicht wie viel Stunden gemacht, als ich die preußiſche Gränze er⸗ reichte, was ich an den vaterländiſchen Farben des Schlagbaums erkannte. Ein gewiſſes Freudengefühl überkam mich, als ich mich wieder in meinem Heimat⸗ 3 / — 113— unde ſah. Ich glaubte meiner Mutter mit einem Male näher gerückt zu ſein und mehr Anſprüche auf den Beiſtand der Menſchen zu haben. Ein ſonderbares aber ſehr häufig und bei vielen Menſchen ſich wieder⸗ holendes Gefühl! Kaum hatte ich die Grenze überſchritten und war in ein kleines Erlengebüſch gelangt, welches ſich rechts und links von der Straße in die Umgegend ausbrei⸗ tete, ſo gewahrte ich ſchon von Weitem unter zwei prächtigen, in der erſten Blüthe ſtehenden Linden ein ſteinernes Muttergottesbild, in einen kleinen hölzernen ſchrein eingeſchloſſen und mit grellen Farben bemalt, wie man dergleichen in katholiſchen Ländern ſo häufig am Wege findet. Vor dieſem Muttergottesbilde blieb ich ſtehen und ſchaute es lange an. Ich habe nie, auch nicht einmal als Kind, vor ein ſolches Muttergottesbild, mochte es aus Holz, Stein oder Gold ſein, mich niederwerfen und es als meinen Gott anbeten oder nur bitten können, bei meinem Gott für mich ſich zu verwenden. Dieſer Weg war mir ſtets zu weit und unbequem. Gott lag mir unmittel⸗ bar viel näher, ich trat immer gern ohne Anmeldung ſofort in ſein Wohnzimmer und ſprach vor ihm ſelbſt meine Bitte kurz und bündig aus. Ich weiß wohl, daß die Eatholüſhc Religion lehrt, nicht dieſe oft Von Fris Srünna. 8. 8 ————— 2 erbärmlicher Menſchenhand geſchnitzten Bilder anzu⸗ beten, daß ſie nur verlangt, man ſolle ſich unter die⸗ ſem Bilde den Vermittler zwiſchen Gott und ſich vor⸗ ſtellen; indeß, wie geſagt, ſolcher Vermittler, alſo ſol⸗ cher Bilder bedurfte es für meinen reinen Glauben nicht. Das ſchöne Bild Gottes lebte viel erhabener und göttlicher in mir, und wo ich gerade war, in freier Natur, vor einem Altare oder in einem Dachſtübchen, ich warf mich ſtets vor ſeinem Stuhl unmittelbar nie⸗ der und fühlte überall ſeine Nähe gleich ſtark, ſeine Einwirkung und Begnadigung gleich groß. 4 Als ich dieſe oder ähnliche Betrachtungen auf meine damalige kindliche Art angeſtellt, ſetzte ich mich zu den Füßen des Muttergottesbildes nieder und dachte zum erſten Male ernſtlich über den verſchiedenen Glau⸗ ben der Menſchen nach. Dieſes Nachdenken, ich weiß es noch heute ſo gut, als wenn es geſtern geſchehen wäre, wurde durch eine plötzliche und unwiderſtehliche Müdigkeit unterbrochen, wie ſie junge Leute nach gro⸗ ßen Anſtrengungen oft überkommt. Faſt augenblicklich ſchlief ich, den Ränzel auf dem Rücken behaltend, ein. Während meines Schlafes muß ich von der Raſen⸗ bank, auf der ich ſaß, herabgeglitten ſein, denn ich fand mich, als ich erwachte, lang im Sande vor der Bank ſigrn. Doch, verharren wir noch eine Wei . 15 bei meinem Schlafe. Dieſer war ängſtlicher Natur. Ich träumte ſehr lebhaft. Ich ſah meinen Oheim und meine Tante mit dem Tode ringen, ſah, wie ſie all⸗ mälig erſtickten, Hülfe ſuchten und nicht fanden. Ich wollte die Hülfe herbeiholen und konnte nicht von der Stelle, endlich verſuchte ich zu ſchreien, und ich glaube, ich ſchrie wirklich. Da erwachte ich— eine Hand be⸗ rührte ſanft meine Schulter— ich ſchlug die Augen auf und blickte um mich. Erſt allmälig ſah ich Alles deutlich. Auf der Straße hielt ein Wagen mit zwei kleinen Pferden beſpannt, vor mir ſelbſt aber ſtand, mit etwas ängſtlichem Ausdruck auf ihrem wachsbleichen Geſicht, eine ältliche Dame im Nonnengewande der Urſulinerinnen, von deren liebevollem Weſen, nament⸗ lich gegen Kinder, mir ſo oft meine Mutter erzählt hatte. Sie war klein und mager, ihr ernſtes, würdevolles und mildes Geſicht litt, wie ſchon geſagt, an einer auffallen⸗ den Wachsbleiche, wie man ſie bei älteren Kloſterfrauen ſo häufig findet, aber hoheitsvoll umfloß ſie ihr ſchwar⸗ zes langes Wollengewand und ſchneeweiß glänzten die Falten ihres Vorhemdchens und ihres Stirnbandes. Ich ſprang auf die Füße und ſah die Erſcheinung verwunderungsvoll an, denn ich glaubte anfangs, die Mutter Gottes ſelbſt habe mir dieſe heilige Fr n zu meinem Schutze geſendet. — 116— „Biſt Du krank, mein Kind?“ fragte ſie mich mit wohllautender und ſanfter Stimme. „Nein, ich habe nur geſchlafen und geträumt.“ „Biſt Du allein hier auf der Landſtraße und wo⸗ hin willſt Du ohne jeden Gefährten?“ „Ich bin allein auf der Reiſe und will nach Weſel. 74 „So folge mir in meinen Wagen, ich werde Dich an Dein Ziel bringen, da ich Weſel auf meinem Wege berühre.“ Ich folgte, wie man ſich denken kann, ohne Zö⸗ gern und bald ſaß ich neben ihr. Die kleinen Pferde aber liefen ſo raſch dahin, daß der bequeme Wagen wie mit dem Winde auf der guten Straße rollte. Was ſo Beſonderes an mir zu ſehen war, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß meine neue Führerin faſt kein Auge von mir verwandte. Sie ſchien mit ihrem ſanften und klugen Blick bis in mein Innerſtes dringen zu wollen, bis ſie endlich ihren ſtillen Gedan⸗ ken Worte lieh und geradezu fragte: „Wie kommſt Du ſo jung, ſo allein und ſo furcht⸗ los auf dieſe weite Wanderung?“ Das! war denn freilich der paſſende Schlüſſel zu einem gehorſamen Schloß und ich erzählte ihr Alles, was ich von mir wußte, von Anfang meines Bebans —— — 117— an bis auf den jetzigen Augenblick, und nichts ließ ich meines Wiſſens aus. Aufmerkſam und ſchweigend hörte die Nonne zu, wobei ſie mich fortwährend forſchend anſah, als ob ſie die Wahrheit meiner Ausſagen gleichſam aus meinem Weſen herausſaugen wollte. Als ich zu Ende war, hielten wir in Emmerich. Wir raſteten etwa eine halbe Stunde, um die Pferde verſchnaufen und füttern zu laſſen. Mir wurde auf Geheiß meiner Begleiterin ein wohlſchmeckendes Frühſtück vorgeſetzt, über welches ich mich mit großem Appetit hermachte. Sie ſelbſt genoß nur eine Taſſe Fleiſchbrühe und ein Brötchen. Dar⸗ auf fuhren wir wieder weiter. Im Wagen ſitzend, legte ſie mir wiederholt verſchiedene Fragen vor, die ich ſo genau wie möglich beantwortete, weil ſie viel Gewicht darauf zu legen ſchien, namentlich auf den Umſtand, daß meine Eltern aus Dorſten herſtammten. „Und haſt Du Luſt,“ fragte ſie,„das erlernte Handwerk auch ferner fortzuſetzen?“ „Es iſt eine Kunſt,“ erwiderte ich,„wenigſtens hat mein Oheim das ſehr oft geſagt.“. „In ſeinem Sinne hat er auch Recht gehabt, Du wirſt das noch ſpäter begreifen. Ich kenne aber eine bei Weitem ſchönere und erhabenere Kunſt. 24 „Und welche wäre das?“ fragte ich naiv. 7 — 118— „Es iſt die Kunſt, Gott zu dienen und den Men⸗ ſchen Gutes zu thun. Haſt Du mich verſtanden?“ „Ein Wundarzt zu ſein, heißt aber auch den Menſchen Gutes thun.“ 2 „An dem Leibe, ja, ich meine aber an 1 der Seele.“ „Aha, ich verſtehe!“ „Und haſt Du keinen Trieb, keine Neigung, Dich dieſem erhabenen Werke zu widmen?“ 4 „Ich habe zu Allem Neigung und Trieb, uns gut iſt und meine Mutter zufrieden und Falih ma⸗ chen kann.“ 15 „So bin auch ich zufrieden,“ ſchloß ſie,„morgen woollen wir mehr davon ſprechen. Wir werden bald in Rees ſein, da wirſt Du Dich gedulden müſſen, ich habe in der Stadt Geſchäfte und will die Nacht darin zubringen. Morgen gleich nach Tagesanbruch fahren f wir gen Weſel.“* uUnd ſo geſchah es. Wir blieben in Rees und ich wurde auf ihre Koſten ſehr anſtändig verpflegt. Am nächſten Morgen, kurz nachdem wir den Wa⸗ 1 gen beſtiegen hatten, ſagte die Nonne Folgendes zu mir: 1 „Mein Sohn, höre mich wohl an. Ich habe Alles, was Du mir über Dich mitgetheilt haſt, gründ⸗ lich überlegt. Habe Vertrauen zu mir, ich will Dir 1 8 1 — 119— 1 auch ſagen, wer ich bin. Ich bin die Oberin des Ur⸗ ſulinerinnenkloſters zu Dorſten und komme aus Arn⸗ 4* heim, wo ich eine kranke Verwandte beſucht und ge⸗ tröſtet habe. Ich kenne vom Hörenſagen Deine Fa⸗ milie und ihre traurigen Schickſale. Auch habe iche geſtern in Rees Jemand geſprochen, der mir Deine Ausſagen zum Theil beſtätigt hat. Als ich Dich geſtern am Wege liegen ſah und ängſtlich um Hülfe rufen 4 hörte, glaubte ich, von der heiligen Mutter Gottes her⸗ eigeführt zu ſein, Dir dieſe Hülfe zu bringen. Und doas will ich und muß ich, denn es iſt dies mein irdi⸗ ſcher Beruf. Ich habe bereits einen Plan mit Dir im SHerzen. Du willſt zu Deiner Mutter nach Weſel zu⸗ rück. Haſt Du wohl reiflich bedacht, daß Dir die Mutter nicht helfen kann, daß Du ihr ſogar ein Hin⸗ derniß biſt, welches ihr Kummer und Sorge bereitet? Sie iſt blind und unfähig, für Dich zu ſorgen. Wo⸗ von willſt Du bei ihr leben? Wer ſoll Deine Er⸗ ziehungskoſten beſtreiten? Aber beruhige Dich, ich werde in Weſel Deine Mutter beſuchen und ihr erzäh⸗ len, daß Du geſund, brav und getroſt im Herrn biſt. Siehe, ich habe einige gute Freunde und Brüder in einem Kloſter, welches beinahe auf unſerem heutigen Wege liegt; dahin werde ich Dich bringen. Es iſt nicht allzu weit von Weſel entfernt, und Du kannſt 1. 8 120— von Zeit zu Zeit Deine Mutter beſuchen. Ich bin überzeugt, daß meine Freunde, die Bewohuer jenes Kloſters, Dich gern aufnehmen und erziehen werden. Magſt Du dann einen Beruf wählen, zu welchem Dein Herz Dich treibt, im Prieſter⸗ oder Laienſtande, ſie werden um Gottes und meinetwillen für Deine Zu⸗ kunft ſorgen. Was ſagſt Du zu dieſem Plan, gefällt er Dir?“ Anfangs war 9 über dieſen ihren Vorſchlag er⸗ ſtaunt, aber die Sanfftmuth, mit der ſie ihn mir mit⸗ 4 theilte, beruhigte mißh ſchnell. Allmälig fing ich an, einzuſehen, daß ſie Recht habe, und das war keine ſchwere Aufgabe. Denn bei meiner Mutter, die in einem Blindenhauſe lebte, konnte ich in der That nicht auf die Dauer bleiben, und wohin ſollte ich mich wei⸗ ter wenden? Auf's⸗Ungewiſſe in die Welt geſchleu⸗ dert zu werden 4 wan mir nicht halb ſo recht, als in die Hände guter und verſtändiger Menſchen zu gera⸗ 1 then, was mir die Oberin verſprach. Ich ſagte alſo nach einigem Nachdenfen zu, worüber ſie außerordent⸗ lich befriedigt ſchien. Gleich darauf erkeichten wir eine Stelle der Land⸗ ſtraße, von welcher zur rechten Hand ein ſandiger Sei⸗ tenweg abführte. Auf dieſen befahl die Oberin den Wagen zu lenken. Wir näherten uns alſo dem Rhein — 121— und nicht lange dauerte es, ſo konnte ich von meinem hohen Sitze die grünlichen Wogen dieſes großen und ſchönen Fluſſes dahin ſchwellen ſehen. Zugleich fuhren wir in einen prächtigen Buchenwald ein, worin die Vögel ihr Morgenlied zwitſcherten, ſonſt aber die ſüßeſte Ruhe herrſchte. Noch eine Strecke weiter, und wir gelangten in eine noch nicht alte Anpflanzung ſaftgrü⸗ ner Edeltannen, deren harzige Knospen einen friſchen und balſamiſchen Duft in die Luft verſtreuten. Da hörte ich von ferne eine ſilberhelle Glocke das bekannte Angelus läuten und bald darauf ſahen wir die fried⸗ lichen Mauern eines großen, viereckigen, aus grauen Quaderſteinen errichteten Gebäudes durch die grünen Wipfel ragen. Das Kloſter lag auf einer mooſigen Anhöhe, von welcher herabblickend man deutlich den breiten Rheinſtrom und an ſeinem jenſeitigen Ufer zur linken Hand die Thürme des Xantener Domes in bläulichem Nebel auftauchen ſehen konnte. Der Wagen hielt vor dem Eingangsthore des Kloſters, über deſſen Giebel ein ſteinernes Kreuz ſich erhob, welches zwei Lanzen kreuzten und eine Dornen⸗ krone zierte, deren früher vergoldete, jetzt aber halb ‚verroſtete Spitzen matt in der Mittagsſonne leuchteten. Unter dieſem Kreuze in einer Mauerniſche aber ſtand das ungefäͤßr drei Fuß hohe ſteinerne Bild eines Frau — 122— sknidenduchs, mit den Varben des Lebens roh be⸗ malt, wie wir noch heutigen Tages dieſe frommen Männer einherwandeln ſehen. Wir ſtiegen aus und traten in eine kleine Vor⸗ halle, an deren Wand ein kleiner Kaſten befeſtigt war, worauf die Worte ſtanden: Wer giebt, den ſegnet Gott. Daneben hing in Kreuzesform der Griff eines Schellenzuges. An dieſem zog meine Begleiterin und wir hörten den Ton einer ſilbernen Glocke leiſe durch die ſtillen Räume des Kloſters zittern. Es dauerte ziemlich lange, bis wir aus der Tiehfe des Hauſes her den ſchlurrenden Schritt eines weichen Schuhes über den ſteinernen Fußboden der Flur glei⸗ ten hörten, denn es war die Zeit des Mittagseſſens und die Mönche und Laienbrüder ſämmtlich im Refek⸗ torium verſammelt. Endlich ward die Thür von einer leichten Hand geöffnet und ein junger Mann mit ſanf⸗ ten, friedfertigen Geſichtszügen, der Bruder Pförtner, trat uns mit fragender Miene entgegen. Er trug die gewöhnliche braune Kutte der Franziskaner, ihre weiß⸗ ledernen Sandalen an den Füßen und ihre hänfene Doppelchorde mit dem Roſenkranze daran um den Leib geſchlungen. Nur die Art der Schuur ſeines Haupt⸗ haares verrieth, daß er kein Pater, das heißt, ge⸗ weihter Prieſter, vielmehr nur ein Laienbruder, ein 1 mönchiſcher Arbeiter war, der ſich aus der 9 zu⸗ rückgezogen und den eſt des Kloſters unterworfen hatte. Er trug nämlich nicht, wie die Mönche, den nackt geſchorenen Kranz, die Krone genannt, in der Mitte des behaarten Kopftheils, ſondern ſein Haar war zur oberen Hälfte auf dem Kopfe ſtehen geblieben, während die untere Hälfte, etwa eine Handbreit, nach unten und hinten glatt abgeſchoren war, ein Gegen⸗ ſtand, der mir als Kunſtverſtändigem ſogleich in die Augen fiel.. Kaum hatte der Bruder Pförtner meine Beglei⸗ terin angeblickt, ſo verneigte er ſich tief und legte die rechte Hand auf ſeine Bruſt. „Friede ſei mit Dir!“ begann die Oberin.„Ich grüße Dich, Bruder Johannes; ſeid Ihr bei Tiſche?“ „Ja, Euer Hochwürden, die Väter ſind im Refek⸗ torium, ſie werden aber ſogleich mit ihrer Mahlzeit zu Ende ſein.“ „So führe uns einſtweilen in's Sprechzimmer und bitte den Pater Guardian, mir einen Augenblick Gehör zu ſchenken.“ Bruder Johannes öffnete uns dienſtfertig das erſte in dem langen, mit rothen Flieſen gepflaſterten Korridor gelegene Zimmer und bat uns einzutreten. Sodann begab er ſich eiligſt fort. 68 war ein einfaches, weißgetünchtes, mittelgro⸗ ßes Gemach, in der Mitte mit einem hölzernen Tiſche von unpolirtem Eichenholze, rings herum an den Wän⸗ den mit eben ſolchen Bänken und einigen Stühlen ver⸗ ſehen. Dem eiſernen Ofen gegenüber an der Wand hing als einziger Schmuck ein Krucifix mit dem Hei⸗ lande von Gußeiſen und daneben ein Namensverzeich⸗ niß der im Kloſter anweſenden Mönche und Laienbrü⸗ der. Von erſteren zählte ich vierundzwanzig, von letz⸗ teren zwölf. Nach einigen Minuten trat mit etwas haſtigem Schritte, freudige Regung auf dem wohlgenährten aber männlichen Geſichte, der Gerufene in das Zimmer. Er war ein großer, breitſchultriger Mann, etwas ſtark im Leibe entwickelt, mit offenen Zügen und hellbraunem Haar, etwa vierzig Jahre alt. Seine blauen Augen drückten offenbar Aufrichtigkeit, Wohlwollen und Her⸗ zensgüte aus. „Geſegnet ſei Dein Eintritt, ſehr würdige Schwe⸗ ſter!“ rief er der Oberin entgegen und ſtreckte ihr ſeine fleiſchige Rechte hin, die ſie ſogleich erfaßte und ihren herzlichen Druck lebhaft erwiderte.„Welch ein freundlicher Zufall führt Dich hierher und womit kann ich Dir dienen?“ „Nicht der Zufall, hochwürdiger Franziskus, führt 8 — 125— mich zu Dir, ſondern der Wille des Höchſten. Es 4 betrifft das Schickſal dicſes armen Knaben(hier ſah ich das gegen mich gerichtete behagliche Geſicht des Paters auf eine ſanfte Weiſe lächeln), den ich auf der Straße unter dem Muttergottesbilde an der Grenze gefunden und in meine Obhut genommen habe. Aber ſage mir, weilen die Brüder Maximilian und Ludovi⸗ kus noch im Hauſe?“ „Gewiß, Schweſter, gewiß— ſoll ich ſie Dir rufen?“ 4„Nein, Franziskus, ich will nur mit Dir ſprechen. Habe ich es gethan, ſo muß ich noch heute nach Weſel und Dorſten— aber laß uns in das geheime Sprechh zimmer treten, ich habe Dir ernſte Dinge zu ſagen.“ Der Guardian nickte Beifall und öffnete die Thür zum Nebenzimmer, welches, wie ich ſpäter erfuhr, das 4 letzte dem Fremdenbeſuche geſtattete Zimmer war, auch bisweilen zur Speiſung vorüberwandernder Armen diente, mit deſſen hinterſter Wand die eigentliche Klau⸗ ſur des Kloſters begann. Wohl eine volle halbe Stunde dauerte das ge⸗ heime Geſpräch zwiſchen dem Guardian und der Ur⸗ fulinerin, und ich konnte, ohne zu horchen, ihr ziem⸗ lich lautes Flüſtern vernehmen. Als dieſe Zeit verfloſſen war, während welcher ich zwei oder drei Mal die Na⸗ 4 — 126— men er Mönche auf der ea durchgeleſen hatte, tra⸗ ten die beiden Oberen m riedigten Mienen wieder in das erſte Zimmer und blickten mich an. „Sei mir willkommen, mein Sohn,“ redete der Guardian mich an und nahm meine kleine Hand, die ſeine große beinahe vollſtändig einhüllte,„ſei mir ſehr willkommen! Du biſt von heute an ein Mitglied un⸗ ſeres guten Hauſes, wenn Du es ſonſt willſt, ich aber will Dein Vater und meine Brüder ſollen auch Deine Brüder ſein. Ich werde jedoch heute noch mehr mit Dir reden. Und nun, ſehr würdige Schweſter, willſt Du in der That nicht die guten Väter ſehen?“ „Nein, Franziskus, heute nicht, ich habe Eile. Grüße ſie von mir und— halte Dein Wort. Deine Hand noch einmal darauf!“ Und ſie reichten ſich die Rechte, dann darüber ge⸗ kreuzt auch die Linke und drückten ſie ſich eine Weile ſo lebhaft, daß das rothe Fleiſch der Hand des Paters ſich weiß färbte. Darauf ſagte mir die Oberin Lebewohl, indem ſie mir mit der Rechten die Hand gab und die Linke auf meinen Scheitel legte; dann ging ſie, von uns Beiden begleitet, zur Kloſterpforte, und fuhr raſch den Weg zurück, den ſie mit mir gekommen war. — 127— Laut ſchlug hinter ihr und uns die Pforte zu, und mich an die Hand nehmend, ſchritt der Pater Guardian langſam einen langen Korridor hinab und eine Treppe hinauf— ich war, ohne je daran gedacht zu haben, Bewohner eines Kloſters geworden.— 4 V. Das Kloſter und ſeine Bewohner, die Franziskaner. Bevor ich in der Erzählung meiner Lebensereigniſſe fortfahre und dem Leſer die Charaktere der Männer ſchildere, die von jetzt an einen überwiegenden Einflußs auf meine ferneren Schickſale ausüben ſollten, will ich ihn in verſchiedene Einzelnheiten des Kloſterlebens ein⸗ weihen, die er kennen muß, um eine klare Vorſtellung von meinen damaligen Verhältniſſen zu gewinnen. Und dieſe waren freilich von allen meinen bisherigen Erlebniſſen ſo gänzlich abweichend, daß ich anfangs oft mein Herz vor Einſamkeit ſchauern fühlte; allmälig aber goß gerade dieſe tiefe Stille, die Werkſtatt einer mächtigen inneren Sammlung, einen ſo ſüßen und heiligen Frieden über mein Gemüth und meine Wiuſche⸗ daß ich mich nicht erinnern kann, ſemal — 129— während meines Aufenthalts in dem Kloſter der gutei Vranziskäner Und das war ganz einfach zu erklären. Gewöhnt ſich doch der Menſch an Alles, ſelbſt an das ſeinen natürlichen Anlagen Entgegenſtrebende. Er fühlt die Gegenſätze des Lebens bei wichtigen Veränderungen deſſelben wohl, ſie bedrücken ihn oft ſchmerzlich, aber er überwindet ſie und gewinnt zuletzt ſogar die Kette lieb, die ihn gefeſſelt hält. Wie ſollte es mir, dem Kinde, nicht ſo ergangen ſein, deſſen Herz noch Wachs war, deſſen Gedanken noch zu leiten, deſſen Triebe noch zu regeln waren? Und wohl mir! Mit Gottes Hilfe wurde ich gut geleitet und zu ernſten Regeln erzogen, wofür ich ihm noch jetzt alle Tage meinen tiefgefühlten Dank ſage, da ich den guten Menſchen, die mir jene Wohlthaten erwieſen, denſelben leider nicht mehr ſagen kann.— Die romantiſche Lage des Kloſters im ſchattigen, duftreichen Walde auf einer grüffen Anhöhe, die den Rhein in einer Ausdehnung von wenigſtens zwei Stunden beherrſcht, kennt man ſchon. Das Gebäude lelbſt, beinahe drei Jahrhunderte alt, aber vor einigen Jahren wieder friſch in Stand geſetzt, nahm, wie faſt alle Klöſter, einen viereckigen, von allen Seiten mit 8 Baulichkeiten umſchloſſenen Raum ein. Drei davon Frit Stinins. I. 9 * Räumlichkeiten, das große Refektorium, die Bibliothek, — 130— enthielten im Untergeſchoße die allgemein beuutzten die Bußſäle, die Apotheke und ſo weiter, im oberen Stockwerke die Zellen der Mönche und Laienbrüder, und der zu disciplinariſchen Bußübungen verurtheilten Weltgeiſtlichen, denn auch von dieſen hielten ſich immer einige zu meiner Zeit im Kloſter auf. Der vierte Flügel umfaßte die Wirthſchaftsräume, die ungeheure Küche, die Brauerei, Bäckerei und Schlächterei, denn alle dieſe Gewerbe wurden im Kloſter ſelbſt betrieben und von einem Pater beaufſichtigt; ferner das Waſch⸗ haus und die Wohnungen der acht Kloſterknechte. Innerhalb dieſer vier Flügel lag der Kloſterhof mit thurmhohen Haufen klein geſpaltenen Holzes Jahr aus Jahr ein wohlbeſetzt. Durch die Küche gelangte 3 man unmittelbar in den Kloſtergarten, einen hübſchen und mit mannichfachem Gemüſe⸗ und Küchenvorrath bepflanzten Aufenthaltsort, der die herrlichſten Obſt⸗ bäume enthielt, in ſeiner äußerſten Umfaſſung aber, wie bei meinem Oheime in Amſterdam, Weinlauben blicken ließ, an deſſen Spalieren die wohlſchmeckendſten Trauben alljährlich zur Reife gelangten. An der öſt⸗ lichen Wand ſpaltete ſich dieſer Weingang und ließ im grunde eine blau getünchte Mauerniſche ſehen, der in oßes Nmeifi mit dem Heilande dar — 131— von jedem Theile des Gartens aus bemerkbar war. Auf der weſtlichen Gartenſeite war die Weinlaube eben⸗ falls, aber in größerer Ausdehnung, geſpalten und hier war die Breitſeite eines Kreuzganges ſichtbar, der, von Säulen getragen, nach dem Garten hin offen ſtand und bei Wind oder Regenwetter den Bewohnern des Kloſters einen verdeckten Raum zum Spazieren⸗ gehen darbot. Die Mitte des Gartens aber war durch eine Sonnenuhr von Sandſtein bezeichnet, um die her⸗ um ziemlich geſchmackvolle Blumenbeete mit Sitzbän⸗ ken angelegt waren. Die Kirche mit dem kleinen ſpitzen Glockenthurme lag außerhalb der vier Ringmauern an der Weſtſeite des Kloſters. Ihr Inneres war in altdeutſchem Style ausgeſchmückt und in die gewöhnlichen zwei Abthei⸗ lungen geſchieden. Das Schiff nicht allzu groß, war von einem Chorgange umgeben, der an ſeinen langen Seiten vier altväteriſche Beichtſtühle, an ſeiner hinteren ſchmalen aber eine ſehr alte, wiewohl klangvolle Orgel zeigte. Langgezogene Spitzbogenfenſter, mit kleinen in Blei gefaßten blaßblauen und rothen Scheiben verſehen, ließen nur ein mattes Dämmerlicht in dieſen Raum ſallen, deſſen Sitz⸗ und Kniebänke von altem Nuß⸗ banmholze geſchnitzt waren. Das Chor, durch die alte Glasmalerei⸗ ſeiner bei⸗ 9* 4 — 132— 4 den Fenſter noch mehr beſchattet, lag hinter einem metallenen Gitterwerke einige Stufen höher als das Schiff der Kirche. Sein geweihter Raum war mit Holzſchnittarbeiten alter Meiſter, Heiligenbildern und ſteinernen Bildſäulen verſtorbener Biſchöfe ſehr ſchön verziert. Rings herum, im Halbkreiſe, der nur nach dem Schiffe und dem Hochaltare hin geöffnet war, ſtanden in zwei Reihen hintereinander vierzig Chor⸗ ſtühle für die Mönche des Kloſters, von Buchsbaum⸗ holz ſchön geſchnitzt und durch langen Gebrauch wie mit der glänzendſten Politur überzogen. Auf den Pulten vor jedem dieſer Stühle lagen große aufge⸗ ſchlagene Gebetbücher, deren Alter nur nach Jahrhun⸗ derten berechnet werden konnte. Der Hochaltar war mit weißer Oelfarbe geſtrichen und lackirt, hatte aber durch die Zeit ein vergilbtes Anſehen angenommen, ſeine hervorſpringenden Ecken und Leiſten aber waren ſtark vergoldet. Das Altar⸗ bild von der Hand eines niederländiſchen Meiſters ge⸗ malt, ſtellte die Abnahme Chriſti vom Kreuze dar. Vor dieſem Hochaltar, ungefähr in der Mitte des Chores hing, von vergoldetem Metalle, die heilige Lampe an langen ſilbernen Ketten herab. Und ſchließlich ſtanden nicht allein auf dem Hochaltare, ſondern auch auf zwei kleinen Nebenaltären an ſeiner Seite groß „ 3 —yy— 1 bei ihr in großer Anzahl diejenigen Frommen einfan⸗ — 133— und kleine ſilberne Leuchter, mit Wachskerzen von jeder Größe und Dicke beſteckt. Der Gottesdienſt war im Kloſter auf folgende Weiſe geordnet: Die Frühmeſſe, von der ich für im⸗ mer entbunden blieb, fand um halb fünf Uhr Morgens ſtatt, und ſelbſt im Winter war dieſelbe immer ſchon von einigen frommen Zuhörern aus der nächſten Um⸗ gegend beſucht. Um halb ſieben Uhr wurde die allge⸗ meine Meſſe für ſämmtliche Kloſterbewohner geleſen; dieſer mußte auch ich ſtets beiwohnen. Zu ihr wurde kein Laie von Außen zugelaſſen. Hier wurde der Wohlthäter des Ordens gedacht und für ihr Seelen⸗ heil eine beſondere Meſſe geleſen. An Sonntagen wurde dieſe Art Hochmeſſe durch Geſang verherrlicht; ſechs Mönche und zwei Laienbrüder, vorzugsweiſe mit guten Stimmen begabt, waren die Sänger, aber auch der allgemeine Geſang der Mönche ließ nichts von dem autſetzlichen Geplärre hören, welches man leider noch jetzt in ſo vielen katholiſchen Kirchen findet. Um halb acht Uhr Morgens fand die ſogenannte Studen⸗ tenmeſſe Statt. An dieſer nahmen zumeiſt die jungen Leute der Nachbarſchaft Theil. Um zehn Uhr war all⸗ gemeine Meſſe für Erwachſene und Kinder, Männer und Frauen. Sie hieß die Langſchläfermeſſe, weil ſich 9 — 134— den, welche die erſte wegen ihrer frühen Stunde unbe⸗ ſucht gelaſſen hatten. Sonntags wurde um dieſe Zeit die Predigt gehalten, die abwechſelnd, wie die Meſſen, von den Mönchen geſprochen wurde, jedoch kamen einige von ihnen, die den Beifall der Zuhörer genoſ⸗ ſen, öfter an die Reihe. Auch dieſe Predigt durfte ich nie verſäumen und ich hörte ſie gern, weil meiſten⸗ theils gute und erbauliche Dinge geſagt wurden. Sonntags Nachmittags von drei bis vier Uhr war feierliche Vesper, der ich ſchon darum gern beiwohnte, acht Männerſtimmen ausgeführt wurde, an der ich ſpäterhin, nachdem man meine gute Stimme entdeckt hatte, ſelbſtthätig Theil nehmen durfte. Um halb fünf Uhr in der Woche war Abendmeſſe, gewöhnlich nicht ſo fleißig wie die Morgenmeſſe und dann nur von al⸗ Weiber⸗Meſſe“ genannt wurde. Um zwölf Uhr um Mitternacht endlich war Kloſter⸗ und Büßermeſſe, an denen nur die jungen Mönche und Büßenden, alſo die verbannten Weltgeiſtlichen beſonders, Theil nehmen waren von dieſer nächtlichen Andachtsübung frei. zwölf Uhr das Mittageſſen, und um ſechs Uhr Abende weil jedesmal eine ſchöne kirchliche Muſik von jenen ten Frauen beſucht, weshalb ſie ſcherzweiſe die„Alte⸗ mußten; Kloſterbewohner über vierzig Jahre hinaus Um ſechs Uhr Morgens wurde das Frühſtück, um das Abendeſſen, ſtets gemeinſchaftlich im Refektorium, eingenommen. Zwiſchen dieſen Stunden wurde nichts geſpeiſt, eine Anordnung, die mir gar nicht gefiel, weil mein jugendlicher Appetit einen häufigeren An⸗ reiz empfand, die ich aber bald zu umgehen wußte, wie man ſpäterhin ſehen wird. Die zwiſchen den Meſſen und Speiſeſtunden lie⸗ gende Zeit war jedem Einzelnen zum beliebigen Ge⸗ brauche überlaſſen und wurde nach Bedürfniß zum Leſen, Schreiben, Spazierengehen, Beichtehalten oder zum Geſpräch benutzt. Nach neun Uhr Abends durfte Niemand mehr außer Bett ſein, was auch genau be⸗ folgt wurde, da man Morgens wieder früh bei der Hand ſein mußte. Uebrigens bemerke ich gleich im Vorans, daß alle dieſe eben angegebenen Regeln, gleich allen Regeln in der Welt, auch hier im Kloſter ihre Ausnahmen hat⸗ ten. Der Pater Guardian konnte nach Belieben einem Jeden Dispens ertheilen, wie er denn auch, was ſich von ſelbſt verſteht, Strafen verſchiedenen Grades dik⸗ tiren konnte. Nach dieſer einleitenden Mittheilung ehren wir zu dem Tage meiner Ankunft im Kloſter zurüt — 136— war fünf Uhr und die Nachmittagsmeſſe vorüber, als ich aus meiner kleinen Zelle, die mir neben der des Guardians eingeräumt worden war, zu dieſem gerufen wurde. Ich trat alſo zum erſten Male bei'm hochwürdi⸗ gen Pater Franziskus ſelber ein. Er ſaß auf einem hohen gepolſterten Lehnſtuhle vor einem Tiſche und hatte ein aufgeſchlagenes Buch nebſt einem großen Glaſe appetitlichen Bieres vor ſich. Ich erblickte in ſeinem geräumigen Zimmer einen großen Bücherſchrank, einige kleine Tiſche an den Wänden mit verſchiedenen Gegenſtänden bedeckt, von denen kein einziger den Kloſterprieſter verrieth. Auch nahm ich einen ziemlich ſtarken Geruch von holländiſchem Kanaſter wahr, und wirklich! in der einen Ecke ſtand eine irdene Pfeife, die, nach dem daraus aufſteigenden Dampfe zu ur⸗ theilen, noch nicht ganz kalt geworden war. Sein Bett, mit wollenen Decken reichlich verſehen, ſtand in dem kleinen, offenſtehenden Nebenzimmer; auch faßte mein ſchneller Blick ein kleines Betpult darin auf, worüber ein Krucifix aus Ebenholz mit einem Heiland von Elfenbein hing. Ich trat alſo vor den Guardian und ſah ſein würdevolle aber freundliche Miene ohne Zagen an. 1 i Abend, mein uSehn⸗ fing er zu ſpreche — — 137— an.„Nun, haſt Du Dich ſchon bei uns umgeſehen? Iſt Dein Zimmer Dir groß genug?“ „Ich danke, Hochwürdigſter, es iſt groß genug und das Kloſter liegt in einem ſchönen grünen Walde.“ „Das wollt' ich meinen! Es iſt hübſch hier, ach ja!“ Und er ſeufzte auf eine Weiſe, daß mir ſein letz⸗ ter Ausdruck etwas zweifelhaft vorkam. Sogleich aber fuhr er fort:„Indeſſen— ich will Dir das Herz nicht ſchwer machen, nur vorbereiten auf die Zukunft will ich Dich. Es iſt ein wenig einſam hier für einen Knaben Deines Alters. Du wirſt Dich aber daran gewöhnen und es werden ſich mit der Zeit genug, Spielgefährten in der Umgegend für Dich finden. Alſo ſuche Dir immerhin einen aus, er ſoll mir willkommen ſein, wenn er geſittet und beſcheiden iſt. Nun noch Eins. Ich werde Dich nachher bei'm Abendeſſen den verſammelten Patres und Fratres vorſtellen. Alle nennſt Du Du, nur mich und den Pater Vikarius nennſt Du Sie, ſo iſt es Sitte bei uns. Fürchte Dich übrigens nicht vor den vielen dunkelen Kutten, die Du auf einem Flecke verſammelt finden wirſt. Sie ſehen nur von Außen ſo dunkel aus— innen, hier im Herzen, fließt bei Manchem ein helles, fröhliches Blut, das wirſt Du bald und zu Deiner Freude erfahren.— Sodann, wenn Dich einmal etwas bedrückt, was Dir — 138— die Beichte erſchwert, ſage es mir; überhaupt habe Vertrauen zu mir, und nach mir zu Jedermann. Wir werden es uns angelegen ſein laſſen, Dich zu fördern und Deinen Lebensweg zu ebenen; das habe ich meiner Schweſter in Gott, der Oberin der Urſu⸗ linerinnen, gelobt und ich— ich, der Guardian von St. Franziskus— halte, was ich verſpreche. Du verſtehſt mich!— Und nun, wie ſteht's mit Deinem Wiſſen? Was haſt Du gelernt? Was kannſt Du?“ Ich nannte Alles bei'm Namen, was ich wußte, und da dies in der That ſehr wenig war, ſo fügte ich den Wunſch bei, bald mehr zu lernen. „Dem kann genügt werden, habe Geduld. Ich 4 werde Dir ſogleich Deinen künftigen Lehrer vorſtellen und Du wirſt mit ihm zufrieden ſein können. Alſo ein Wundarzt wollteſt Du gern werden?“ „Ja, Ew. Hochwürden, wenn es angeht, obwohl mir die Frau Oberin einen anderen Rath gegeben hat.“ „Hm! Ich weiß ihn. Geduld! Frauen denken darin anders als Männer. Du ſollſt bei uns zu nichts gezwungen werden, frei ſollſt Du in Zukunft ſchalten und walten können über Deine Beſtimmung — das iſt des Menſchen eigene Sache. Geht er dann fehl, ſo iſt es ſeine Schuld und keines Anderen.— — 439— Und wie? Barbieren kannſt Du ſchon und zur Ader laſſen und Zähne ausziehen?“ „Ja, Ew. Hochwürden, letzteres ſo ziemlich, bar⸗ bieren aber gut.“ „So? Das iſt ſpaßhaft. Wer wird ſich Dir aber anvertrauen? Du biſt ja noch ein Kind.“ „Ich habe es aber ſchon zwei Jahre lang gethan und meine Probe beſtanden und Geſichter geſchoren, die Runzeln hatten und alle möglichen Schwierigkeiten boten. Laſſen Sie an Ihrem Geſichte es mich einmal verſuchen— Sie ſind, glaube ich, ſeit vier bis fünf Tagen nicht barbiert.“ „Junge— nicht ſo haſtig!“ rief der Guardian lächelnd und ſtrich ſich mit dem Rücken ſeiner Hand langſam über das Kinn, um die Schärfe ſeines Bar⸗ tes zu prüfen. Er knirſchte unter ſeinen Fingern und meine Hand juckte mir vor Vergnügen und Hoffnung, ihn zu glätten.„Wenn Du mich ſchindeſt, ſo iſt es mein Blut, welches fließt, und mein der Schmerz oben⸗ drein.“ „Hochwürden, ich will mich ſelber bis in's Herz ſchneiden, wenn ich Sie verwunde. Laſſen Sie mich einen Augenblick fort, ein gutes Meſſer zu holen, wel⸗ ches ich beſitze, und im Nu, wenn Sie Seife haben, ſollen Sie bedient ſein.“* — 140— „Junge— halt!“— Aber ich war ſchon zur Thür hinaus und holte ein herrliches engliſches Meſſer, welches ich mit einigen anderen Inſtrumenten zu mei⸗ nem Geburtstage von meinem Oheime zum Geſchenke erhalten hatte. Als ich wieder in's Zimmer zum Guardian zurückgekehrt war, ſtand ſchon ein Seifnapf und ein Pinſel zu meiner Verfügung bereit. „Ich will mich Dir einmal anvertrauen, mein Sohn,“ ſagte der Guardian mit ernſter Stimme,„ob⸗ gleich ich ſelbſt nicht weiß, wie ich ſo dumm ſein kann, Dir meine Kehle darzubieten. Doch Du ſiehſt ehrlich aus und ich habe heute meinen muthigen Tag..“.. „Sie ſollen es auch nicht bereuen, Hochwürdig⸗ ſter, ſehen Sie nur, ich bin es gewohnt.“ Während ich dieſe Worte ſprach, hatte ich ihn ein⸗ geſeift und fing mit leichter Hand und langen Zügen ſein ſehr leicht zu behandelndes Geſicht, denn es war rund und voll, zu ſcheeren an. In drei Minuten war ich fertig. Der Guardian beſah ſich lächelnd in einem kleinen Handſpiegel und belaſtete genau ſein Kinn und ſeine Wangen. „Herrlich!“ rief er.„Das muß ich fngen. Du biſt ein Schatz, in der That von der Mutter Gottes geſendet, denn dieſe Arbeit iſt mir ſchon lange ſauer — 141— geworden. Du ſollſt mich von jetzt an einen Tag um den anderen bedienen.“ „O, jeden Tag, wenn es nöthig iſt.“ „Es iſt nicht nöthig, ich beſuche keine Geſellſchaf⸗ ten und ſehe keine Damen als im dunkelen Beichtſtuhl — alle zwei Tage iſt übermäßig genug.“ „Aber Sie haben ja heute erſt Damenbeſuch ge⸗ habt!“ ſchaltete ich ein. „Still, das war eine Schweſter in Gott, die ſieht die Haare und Flecken auf meinem Geſichte nicht.“ Und von dem heutigen Tage an barbierte ich einen um den anderen Tag den guten Guardian, ſo lange wir zuſammen blieben, und es waren nicht meine unangenehmſten Augenblicke im Kloſter, die ich in ſei⸗ ner ſtets heiteren Geſellſchaft zubrachte. Ich war ſtolz auf ſein Vertrauen und— ich ſchäme mich nicht es zu ſagen— ich bin es noch heute, wo ich Niemand mehr mit dem Meſſer zu ſcheeren brauche, jenem braven, edlen Manne in meiner Jugend den kleinen Dienſt haben erweiſen zu können. Gleich nach verrichtetem Geſchäfte trat er vor die Thür und rief einen Knecht herbei, der ihn zu hedienen pflegte. — 142— „Noch jetzt, Hochwürdigſter?“ fragte der Knecht. „Es wird gleich angerichtet werden.“) „Noch jetzt, ſogleich, ich habe mit ihm zu reden, das Eſſen kann fünf Minuten warten. Aber er ſoll ſich nicht übereilen, ſag' ihm, damit er nicht außer Athem ankommt.“ Nach einigen Minuten hörten wir einen etwas ſchweren Tritt langſam die Treppe heraufkommen, denn Pater Ludovikus war ſchon unten im Refektorium ge⸗ weſen. Es dauerte eine Weile, ehe er in's Zimmer trat. Da ging die Thür auf und herein ſchritt ein Mönch, der mit folgenden Worten vom Guardian be⸗ grüßt wurde: „Ludovikus! Ecce homo! Siehe, da iſt er. Du haſt Dir lange einen Schüler gewünſcht, Deine Weis⸗ heit in ein jüngeres Gefäß auszuſchütten, hier ſtelle ich ihn Dir vor. Die Mutter Gottes hat ihn Dir ſelber geſchickt.“ Aber der Mönch antwortete noch lange nicht. Er war ſtark engbrüſtig und das Treppenſteigen ſchien ihm ſeinen ganzen Lebenshauch genommen zu haben. Er ſtand keuchend vor uns und drückte beide Hände gegen ſein Herz. Er war nicht groß, aber breit, be⸗ ſonders in der Bruſt, vielleicht zu breit im Verhält⸗ niſſe zu ſeinem übrigen Körper gebaut. Wie ich ſpäter — — 143— hörte, ſollte er an einem organiſchen, wiewohl nicht all⸗ zu gefährlichen Bruſtübel leiden, und wahrſcheinlich ſtand ſein ſtark gewölbter Bruſtbau mit dieſer Krank⸗ heit in Verbindung. Seine Engbrüſtigkeit hinderte ihn aber nur ſelten an ſeinen Arbeiten, denn ſie befiel ihn nur periodiſch und ging in der Regel ſchnell vorüber. Heute hatte er ſie ſehr ſtark und ſeine Geſichtsmuskeln arbeiteten beim Athmen gewaltig und faſt krampfhaft mit, wobei ſeine Züge ein faſt diaboliſches Ausſehen annahmen und ſeine Stirnhaare ſich emporzuſträuben ſchienen. Je mehr die Aufregung ſeiner armen Bruſt ſich aber legte, um ſo ſanfter wurden ſeine Züge und endlich trugen ſie nur noch den Ausdruck eines ruhigen, mildherzigen aber ſcharfſichtigen Denkers. Und alle dieſe Eigenſchaften waren dem guten Pater Ludodikus in der That eigen, dem ich ſo viel verdanks und den ich noch heute in der Erinnerung ſo liebe, wie ich ihn damals bei ſeinen Lebzeiten nur lieben konnte. Endlich war ſeine Beängſtigung ganz gewichen und er ſetzte ſich auf einen Stuhl, dem Guardian ge⸗ genüber, während ich aufrecht vor Beiden ſtand und mit einem forſchenden Blicke meines künitidmn Lehrers beglückt wurde. „Haſt Du mit Pater Maximilian geſprochen, Lu⸗ dovikus?“ fragte der G Guardian. — 14 „und was hat er geſagt?“ „Er hat nach ſeiner Art nichts geſagt. Ich hoffe aber das Beſte.“ „Ich auch. Nun, wie gefällt Dir Dein Schüler?“ „Wenn ſein Inneres ſeinem Aeußeren entſpricht, gut?“. „Du trifft immer den richtigen Punkt. Mann, gieb mir Deine Gelehrſamkeit, ſo will ich Dir mein Glück geben.“ „Und ich könnte Dir mit dem Gegentheil ant⸗ worten, wenn nicht unterdeſſen die Linſen kalt würden,“ verſetzte Pater Ludovikus. Zu mir aber gewandt, fügte er mit ſo ſanftem Tone hinzu, daß er mich ſo⸗ gleich ganz gewann:„Folge uns, mein Sohn. Mor⸗ gen frühtum acht Uhr werde 9 Dich zu mir holen und prüfen und dann, ſo⸗Du wilſtt, wie ich, ſollſt Du auch ein kenntnißreicher Menſch werden, wie Du mir als ein hoffnungsvoller empfohlen biſt.— Iſt es ge⸗ fällig, Bruder Franziskus?“ Und er wies mit emporgehobenem Arm lachelnd auf die Thür, durch die wir jetzt alle drei in das un⸗ tere Stowerl hinabſchritten. 8 8 3 15*„ Trotzdem mir der Pater Guardian den Winkege⸗ „ geben hatte, mich nicht vor ſo vielen dunkelen auf— einem Flecke verſammelten Kutten zu entſetzen, ſo brachte doch die Geſellſchaft aller dieſer Mönche, die ich im Refektorium unſerer harrend fand, einen gewiſ⸗ ſean geſpenſtiſchen Eindruck auf mich hervor. Dabei dieſe ſonderbar geſtalteten Mienen, die um ſo mehr aauffielen, da die Kleidung dieſelbe und die Köpfe gleichmã geſchoren waren, alſo nur der Unterſchied im Geſichte und höchſtens in der Haltung wahrgenom⸗ men werden konnte— wie ſoll ich dieſen erſten wun⸗ derbaren Eindruck auf mein jugendliches Gemüth der Wahrheit getreu ſchildern!— * Das Refektorium war ein mehr langes, als brei⸗ tes Zimmer. An dgar hintern Wand, dem ungeheuren eiſernen Ofen am Keren Ende gegenübes hing ein niederländiſches altes Oelbild, das Abendmahl des Heilands vorſtellend. Sonſt war weiter nichts darin als der gedeckte Tiſch in eckiger Hufeiſenform, von hochlehnigen Bänken auf beiden Seiten umgeben.. Alle Verſammelten ſtanden bereits, vielleicht ſehr hungrig, vor ihren Plätzen am Tiſche, als wir eintraten, und . verneigten ſich vor dem Guardian. Dieſer, mit der eeinen Hand auf mich weiſend, ſagte ganz einfach: 1„Meine ehrwürdigen Patres und Fratres eis Stiling. l. S hier iſt 1246— ein neuer und unſer jüngſter Hausgenoſſe; nehmt ihn willig auf, fördert und liebt ihn, denn er iſt eine Waiſe, und laſſet ihm unſer beſcheidenes Haus eine Stätte des Friedens ſein. Im Namen des Heilandes, Amen!“ Dabei trat er an ſeinen Platz und wies mir den meinigen in ſeiner Nähe zwiſchen Pater Ludovikus und SHilarius an. Darauf wurde von einem Pater ein kurzes Tiſchgebet geſprochen und wir ſetzten uns. Bevor ich mich jedoch in Gedanken und Worten meines erſten Abendeſſens im Kloſter zum heiligen Franziskus erinnere, geſtatte mir der Leſer, wenn auch nur mit wenigen Bemerkungen, der Patres zu gedenken, die ich ihm nothwendig ſobald wie möglich vorführen muß. Es ſind dies nur drei, außer dem Pater Ludobikus, den er ſchon kennt, und alſo beſchwere ich ſeine Nachſicht und ſein Gedächtniß nicht. Zunächſt aber bemerke ich, daß ich unter allen Verſammelten nur etwa drei bis vier ſilberhaarige fand, die meiſten waren ziemlich jung, zwiſchen dreißig und vierzig, wenige über funfzig hinaus. Dickwanſtige Geſtalten mit hängenden ſchlaffen Geſichtern, rothen Augen und Naſen, wie man gewöhnlich die Mönche in einem Klo⸗ ſter ſich denkt und nicht immer ganz der Wahrheit Ier 4 = ſtens einen oder zwei und dieſe waren die älteſten von aallen. 3 Guardian. Neben ihm zur Rechten ſein Stellvertreter, wenn er abweſend oder krank war, der Pater Vika⸗ rius, Henrikus mit Namen, zur Linken aber der ſchon öfter erwähnte Pater Maximilian. Dieſen gegenüber ſaßen wir drei vorher Genannte. Der Pater Vikarius, ein düſterer Mann mit ergrauendem Haar, ſchien älter als er war, denn er zählte, wie ich ſpäter erfuhr, noch zwei Jahre weniger als der Guardian. Sein langer Kör⸗ per aber entbehrte jeder blühenden und verjüngenden Fülle, er war mager, ſpitzknochig und ſchmal. Sein Ge⸗ ſicht gefiel mir vom erſten Augenblick an nicht ſonder⸗ lich; auch blickte er auf mich nicht ſehr freundlich und will⸗ kommen heißend. Ich ſchien ihm vielleicht eine über⸗ flüſſige Bürde für das Kloſter zu ſein. Alle einzelnen Theile dieſes ziemlich gelb gefärbten Geſichts ſtimmten inſofern harmoniſch mit den übrigen Körpertheilen, als ſie ebenfalls ſpitz und hervorſtehend waren, namentlich die Naſe und die Backenknochen. Auch die Augen des Paters Vikarius waren ſcharf geſchlitzt und lagen, ſehr klein und glitzernd, unter ſtark hervorſtehenden Augen⸗ ßen Buſche liegt. Sie warfen faſt ſtets einen ſtechen⸗ 10v Unmittelbar unter dem Abendmahlbilde ſaß der. — 148— den Blick um ſich, der keinesweges dadurch gemildert wurde, daß er durch das hellblaue Glas einer in Meſ⸗ ſing gefaßten Brille fiel. Noch bemerke ich hier ſo⸗ gleich, daß der Pater Vikarius gewöhnlich für ſich allein lebte, wenig ſprach und nur im nothwendigſten Verkehr mit dem Guardian ſtand. Auch ſuchten We⸗ nige ſeine Geſellſchaft, denn keinem behagte ſein ſchrof⸗ fes und ſchneidendes Weſen, welches immer den An⸗ ſchein hatte, als brüte er über Gedanken, die, wenn ſie verwirklicht werden könnten, den ganzen Zuſtand der jetzigen Dinge im Kloſter über den Haufen werfen würden. Einen ganz anderen Eindruck machte auf mich das Geſicht und Weſen des zur linken Hand des Guardians ſitzenden Paters Maximilian. Ich war ihm am Nach⸗ mittage, als ich mir den Kloſtergarten beſah, ſchon einmal begegnet, er hatte mich aber anſcheinend nicht bemerkt, da er wie gewöhnlich tief in Gedanken verfunken einherſchritt. Wie gern hätte ich nun, da er mir beinahe gerade gegen⸗ über ſaß, in ſein Auge geſchaut, das mir Vieles und Schö⸗ 4 nes zu verheißen ſchien, wenn es ſeinen übrigen Zügen ent⸗ ſprach. Aber auch jetzt ſchien er mich durchaus nicht zu bemerken, denn er warf, wenigſtens nach meiner Wahr⸗ nehmung, keinen einzigen Blick auf mich. Daher kam ver mir nach dem erſten Anſchein ſehr ſtolz vor. Von — 149— Geſtalt war er groß und kräftig; ſein ſchön geformter Kopf war mit kaſtanienbraunen Haaren bedeckt und wurde, wie man den Kopf des Jüngers Johannes dar⸗ ſtellt, etwas zur Seite geneigt getragen, als drücke eine innere ſchwere Laſt ihn dahin. Sein Geſicht war bleich, aber von edlem Ausdruck und ſchien, wie das des Vikarius, obwohl in ganz anderer Richtung, eben⸗ falls ſehr ernſte Gedanken zu verarbeiten. Er war mit dem Guardian innig befreundet und außer dieſem ver⸗ kehrte er faſt nur mit Pater Ludovikus, mit dem er häufig in der Bibliothek zuſammen arbeitete. Gewöhn⸗ lich aber ging er allein, ſprach ſehr wenig und ſah immer ernſt, faſt ſorgenvoll aus, was mich vom erſten Augenblick an außerordentlich zu ihm hinzog. Er machte alle Tage weite Spaziergänge im Walde und war durch die Gunſt des Guardians von manchen Dingen, zum Beiſpiel vom Predigen und den ſoge⸗ nannten Bettelgängen dispenſirt. Doch ich komme zu dem letzten Pater, den ich näher beſchreiben muß, zu meinem Tiſchnachbar zur Linken, meinem guten Pater Hilarius. Er war der Aufſeher der Küche und aller der Anſtalten, welche Lie⸗ ferungen für dieſelbe zu leiſten hatten, und zu dieſem Amte paßte er vortrefflich, denn er war ein mönchiſches Leckermaul. Kein Menſch wußte beper als er, wie 3— 150— Braten oder ein Fiſch oder ſonſt eine leckere Speiſe dem Gaumen erſprießlich zubereitet werden mußte, er hielt dies für ſeine Pflicht, wie er mir bisweilen ſagte und übte ſie, wo er nur konnte. Von Geſtalt war er klein und behende, in Weſen und Worten ſehr lebhaft, namentlich in der Küche vor den kochenden Kloſter⸗ knechten, und ſchon ſeine ſchmunzelnden, gleichſam ko⸗ ſtenden Augen verriethen ſichtbar den lüſternen Prickel, der auf den Nerven ſeiner kenneriſchen Zunge thronte. Etwas Eigenthümliches an ihm bot noch die Gewohn⸗ heit, hinten in der Kapuze ſeiner Kutte eine Doſe mit Schnupftaback zu tragen, die er oft, mit dem Arme über den Kopf greifend, hervorſuchte und jedem B⸗ gegnenden, ohne Unachide des Standes und Alters, anbot. Nachdem ich dieſe drei in verſchiedener Art ber⸗ vorragenden Patres oberflächlich geſchildert, bemerke ich noch, daß bei der Tafel die übrigen nicht nach dem Alter, ſondern wie es Gewohnheit oder Neigung mit ſich brachte, durcheinandergemiſcht ſaßen. Nur an dem einen Ende der Tafel ſaßen die Laienbrüder zuſammen, die gegen die Patres eine große Beſcheidenheit im Be⸗ nehmen und in Worten an den Tag legten. Die Be⸗ dienung geſchah durch vier Kloſterknechte, die in fhi gewöhnliche Arbeitstracht gekleidet waren. — 151— d Das Eſſen war, obwohl nicht ſo ausgewählt und fein bereitet wie bei meinem Oheim in Amſterdam, doch kräftig und genießbar. Heute zum Beiſpiel hatten wir eine Linſenſuppe mit Speck und einen großen gekoch⸗ ten Schinken nachher. Vortrefflich war das Brot. Nie in meinem Leben habe ich wohlſchmeckenderes ge⸗ geſſen, es hielt die Mitte zwiſchen Weiß⸗ und Schwarz⸗ brot und ſah erbſengrau aus. Auch das Bißr, wovon jeder Tiſchgenoß einen ziemlich großen zinnernen Be⸗ cher voll vor ſich ſtehen hatte, war wohlſchmeckend und ſtoffreich, ziemlich dunkelbraun von Farbe und ſchäumte ſtark, was ich immer ſehr geliebt habe, womit aber den Herren Patres durchaus nicht gedient war, weil ſie dadurch ihre Portion verringert glaubten. Bier, Brot, Gemüſe wurde, wie ſchon erwähnt, im Kloſter ſelbſt bereitet und gezogen, wo aber die großen Maſſen Fleiſch, Fiſch und ſo weiter herkamen, wußte ich anfangs nicht, bis ich erſt ſpäter erfuhr, daß die umliegenden Gemeinden verpflichtet ſeien, daſſelbe dem Kloſter zu liefern, und daß dies nie in kargem, vielmehr in ſehr reichlichem Maaße geſchehe, daß über⸗ haupt mehr Speiſe vorhanden, als gebraucht würde, wes halb denn auch an Arme, Wandernde und Kranke all gli bedeutende Spenden verabreicht wurd die Bettelgänge, im Kloſter ſelb 2 — 152— chenſprache Terminationsgänge genannt, Vielerlei in's Haus, zum Beiſpiel Eier, Geflügel, Käſe, Wurſt. Wein lag auch im Keller, doch hörte ich ſehr bald, daß derſelbe nur auf dem Zimmer des Guardians oder, wenn vorneh⸗ mer Beſuch da war, bei Tafel, außerdem aber nur noch von Schwächlichen und Kranken getrunken wurde. Das erſte Abendmahl war vorüber; ich ging zur gehörigen Zeit zu Bett und ſchlief auch im Kloſter vortrefflich. Am nächſten Morgen holte mich Pater Ludovikus auf ſeine Zelle, in der ich ſehr viele Bücher und gelehrte Dinge aufgeſtellt ſah, und begann unſer Tagewerk damit, meine Kenntniſſe zu prüfen. Dies dauerte etwa eine Stunde. Ob er damit zufrieden war, weiß ich nicht, wenigſtens ſprach er ſich darüber nicht deutlich aus. Als jedoch die Prüfung zu Ende war, ſagte er Folgendes in liebreichem Tone zu mir: „Nun, ich ſehe, es wird gehen. Du biſt noch jung, aber fleißig mußt Du ſein, denn Du haſt ein großes Feld zur Bearbeitung vor Dir. Deine Lektio⸗ nen werden in der Hauptſache folgende ſein: Deutſch und Franzöſiſch, Latein und Mathematik, Heauriuhi und Geſchichte.“ „Was?“ feagte ich,„Deutſch? das iſt ja meine — Mutterſprache, die kann ich ja!“ Kreilich, aber Du ſprichſt ſie wie ein junger Holländer, und außerdem, glaube mir, könnten von vierzig Millionen Deutſch Redender neun und dreißig Millionen mit großem Nutzen Deutſch ſprechen und ſchreiben lernen. Unſere Mutterſprache richtig zu brau⸗ chen, iſt ſchwerer als es ausſieht, und ſeltener als es gut iſt.— Und Franzöſiſch mußt Du lernen, damit Du es kannſt, wenn Du es nöthig haſt.“ 4 „Werde ich es denn nöthig haben?“ 4 „Leider, ja! werden wir es Alle bald noͤthig ha⸗ ben, ich ſehe es kommen, und dann wird es beſſer ſein, wir lernen es in der Jugend im Spielen, als im Alter unter Thränen. Doch laſſen wir das jetzt. Er⸗ ſchrick nur nicht vor den vielen verſchiedenen Zweigen des Lernens. Es ſieht im Ganzen mehr aus als es iſt. Auch iſt das Jahr lang, denn es hat 365 Tage, und jeder Tag muß wenigſtens ſeine ſechs Arbeits⸗ ſtunden haben, wenn der Menſch ſeine übrige Zeit mit innerer Zufriedenheit und Behaglichkeit verleben will. Sogar Sonntags einige Stunden zu arbeiten, belei⸗ digt, meiner Meinung nach, weder Gott, noch ſchändet es den Tag. Eſſen, trinken und ſchlafen wir doch Sonntags, und iſt arbeiten ſündhafter als das? Doch, ſehen wir noch einmal die Zahlen der Stunden an. In vier Jahren kann man viel lernen. Vier mal 365 mal ſechs Stunden machen aber 8760 Stunden aus, — 154— und in dieſer Zeit muß ein vernünftiger Menſch ſo viel an Weisheit ſammeln können, als alle Prüfungen des Lebens von ihm verlangen. Alſo tummle Dich, zergreife jede Gelegenheit, die Vorrathskammer Deines Geiſtes zu füllen. Und haſt Du ſie gefüllt, ſo übe Dich und wiederhole, das iſt die Hauptſache.— Und nun noch Eins. Von mir kannſt Du nicht Alles ler⸗ nen, meine Weisheit iſt nur ein Atom gegen die Weisheit der Welt. Lerne daher auch von Anderen, zum Beiſpiel vom Pater Maximilian; zeige Dich ihm gefällig, er iſt ein kluger und kenntnißreicher Mann und kann Dir namentlich förderlich werden, wenn Du dabei beharrſt, Wundarzt werden zu wollen, denn er iſt ſelbſt ein Arzt und ein ſehr tüchtiger, das kann ich Dir verſichern.“ „Sehr wohl, wie ſoll ich mich ihm aber gefällig zeigen? Er ſieht mich nicht einmal an und vermeidet mich.“ „Kind, das ſcheint Dir nur ſo. Du mußt Dich an ſeine etwas eigenthümliche Art und Weiſe gewöh⸗ nen. Warte die Zeit ab. Durchbrich ſein ſtarres We⸗ ſen mit Geduld und Ergebenheit. Uebrigens ſei ver⸗ ſichert, daß er Dich ſcharf genug beobachtet, um bald zu wiſſen, was Du werth biſt, denn er iſt ein Men⸗ ſchenkenner wie Wenige, und einem Knaben, wie Dir, ſieht man ſo bald auf den Grund ſeiner Seele, wie einem klaren Waſſer.“ Mit dieſer Unterredung, die ich hierhergeſetzt habe, weil ſie manches Charakteriſtiſche enthielt, begann mein langer und warum ſoll ich es nicht ſagen, ſegens⸗ reicher? Unterricht bei meinem neuen Lehrer. Denn was ich an Schulweisheit beſitze, habe ich von ihm, der ſo umfangreich und gründlich in ſeinen Wiſſen war, wie ſelten ein jetziger Schulmeiſter. Eigentlich war er Naturforſcher, namentlich aber ein großer Bo⸗ taniker und Chemiker. Er hatte bisweilen, beſonders wenn ſeine Engbrüſtigkeit eintrat, eine etwas heftige Art der Belehrung an ſich, denn er war alsdann kurz, ſtreng, bisweilen ſogar rauh. Sobald er aber wieder geneſen, war er die Milde ſelbſt. Und ſo wurde un⸗ ſer Unterricht regelmäßig alle Tage fortgeſetzt und ich hatte meine Freude daran, Dinge zu hören und zu behalten, von denen ich mir in Weſel und Amſterdam nichts hatte träumen laſſen. VI. Jugendſtreiche, die gute Anlage zum künktigen Mönch verrathen. Erſt wenige Wochen waren vergangen und ſchon war ich im Kloſter ſo gut eingebürgert, wie ich es nur im Barbier von Sevilla geweſen zu ſein mich hatte rüh⸗ men können. Auch war ich bereits mit allen Oertlich⸗ keiten und Perſönlichkeiten des Hauſes und ſeiner um⸗ gebung bekannt, wie man es in meinen Jahren ſein konnte, als ich eines Abends vor Schlafengehen zum Guardian gerufen und zu meiner großen Freude mit einem unerwarteten Vorſchlage überraſcht wurde. „Fritz,“ ſagte der gute Pater,„Du haſt Dich nun an uns gewöhnt; ich hoffe, es wird Dir hier an nichts gefehlt haben und Du wirſt für's Erſte keine Luſt fühlen, uns ſobald wieder zu verlaſſen?“ Mein, ganz gewiß nicht, Hochwürden!“ — 157—— „Nun gut, ſo will ich Dir eine Freude bereiten. Sieh, hier iſt ein Brief von unſerer guten Urſuline⸗ rin, die Dich hierhergebracht hat. Sie grüßt Dich. Auch hat ſie ihr Verſprechen gehalten und Deine Mut⸗ ter in Weſel beſucht. Sie iſt in ihrer Art wohl und dankt Gott für Dein neues Unterkommen. Du haſt aber gewiß Verlangen, ſie einmal zu ſehen. Das kann zufällig morgen geſchehen. Einer unſerer Knechte fährt nach Weſel, um einige Schweine für's Kloſter zu ho⸗ len; er wird Dich mitnehmen, alſo mache Dich fertig, denn es geht morgen in aller Frühe fort.“ O, wer war glücklicher, als ich! Ich ſollte meine gute Mutter wiederſehen! Ich ſprang vor Freuden und konnte faſt die ganze Nacht nicht ſchlafen. Schon um vier Uhr war ich zur Reiſe gerüſtet und ging lauernd um den Stall herum, in dem die Pferde noch ihr Futter fraßen. Endlich waren dieſe vor den Leiter⸗ wagen geſpannt, und ich ſaß neben dem Knechte auf einem Strohſack und fuhr durch den duftigen grünen Wald nach Weſel, meiner lieben Heimat. Man kann ſich die Seligkeit meiner Mutter den⸗ ken, als ſie mich nach ſo langer Trennung wieder bei ſich wußte. Wohl eine Stunde lang ließ ſie mich nicht aus ihren Armen und ich mußte wohl zehnmal alles und jedes Erlebte erzählen. Der gute Ohe n hatte 7 8. 158 ihr aus eigenem Antriebe eine kleine Penſion ausge⸗ ſetzt, von der ſie jetzt in einem ſtillen Hauſe ſorgenlos lebte. Ihre Zukunft war alſo geſichert und ſie war um ſo glücklicher, da auch ich ein Unterkommen gefun⸗ den hatte, welches ihr nichts koſtete, denn für meine Unterhaltung wäre ihr von ihrem geringen Beſitz nichts übrig geblieben. Doch die Zeit drängte, der Tag ver⸗ ging wie im Fluge, und der Kloſterknecht kam ſchon Nachmittags drei Uhr wieder mit der Erklärung, daß die Schweine glücklich auf dem Wagen und alſo die Stunde der Rückkehr gekommen ſei. Nach einigen vergoſſenen Thränen, zärtlichen Umarmungen und fri⸗ ſchen Ermahnungen ſchied ich denn, in der Hoffnung, bald einmal wieder Schweine zu holen, und langte Abends um neun Uhr mit meinen grunzenden Beglei⸗ tern glücklich im Kloſter an.— FKier hatte ſich ſeit einiger Zeit mein Verhältniß in Bezug auf meine Unterhaltung und Zerſtreuung dadurch weſentlich gebeſſert, daß ich in der Perſon des Sohnes eines Rheinſchiffers einen Genoſſen gefunden hatte. Sein Vater bewohnte nicht weit vom Kloſter ein freundliches Häuschen am Flußufer und ſah ſeinen Handel⸗ von Jahr zu Jahr mehr gedeihen. mein Spülleſ hrte, ſpäter und noch jetzt mein alter, Dieſer gutmüthige, muntere und ſchlaue Knabe, jahrelang 5 — 459— treugebliebener Herzensfreund, hieß Karl Lehmann. Er war größer als ich, blond von Haaren und von noch leichterem Geblüt, ſals meine geringe Perſon. Er hatte die glückliche Gabe von der Natur empfangen, jedes Ding im Leben von der roſigen Seite aus zu betrachten, daher trug er das Leben ſelbſt leicht und froh, und das Glück ſtrömte überall ſeinem redlichen Eifer mit vollen Segeln zu. Da man ihn im Kloſter ſchon lange kannte und wegen ſeiner munteren Laune und Herzensgüte lieb hatte, ſo verzieh man ihm gern die luſtigen Streiche, die er früher allein, jetzt aber mit mir verbunden, allezeit auszuführen nur zu leicht geneigt war, und es dauerte nicht lange, ſo nahm er ſogar an meinem Unterricht Theil, was nicht wenig dazu beitrug, meinen Eifer zu ſpornen, denn er war ein fähiger, aufgeweckter Knabe und hatte, was man im Leben einen anſchlägigen Kopf nennt. Sehr bald hatte er mir meine Lebensgeſchichte abgelockt und mir zur Belohnung dafür ſeine eigene aufgetiſcht, die et⸗ was weniger hervorſtechend als die meinige und im Ganzen ſehr kurz war. Nach kurzer Bekanntſchaft tha⸗ ten wir Alles gemeinſam, was wir gemeinſam thun konnten und nicht in die ſtrengen Regeln des Kloſters griff; und da wir zuſammen ſpielten, lernten und gin⸗ gen, ſo war es naͤtürlich, daß wir auch zufammen — 160— dumme Streiche machten, wobei ich durch ihn zu Din⸗ gen ermuthigt wurde, die ich, wenn ich allein geblieben wäre, wahrſcheinlich in meinem Leben nicht zu Stande gebracht hätte. Er auch war es, um mit der Erzäh⸗ lung nur einiger unſerer Jugendthaten zu beginnen, der mich aufmerkſam machte, wie man ſich auch außer den eigentlichen Mahlzeiten des Kloſters ſchmackhafte Biſſen verſchaffen konnte, denn mein Appetit hatte imn dieſer Zeit die höchſte Stufe ſeiner Ausbildung er⸗ reicht, wozu gewiß die Bewegung in der freien Luft, mein ſchnelles Wachsthum und meine geſunde Conſti⸗ tution, die ſich allmälig lebhafter und ſtärker ent⸗ wickelte, beitrug. Als ich ihm eines Tages erzählte, wie mir die langen Pauſen zwiſchen den Mahizeima im Kloſter gar nicht ſonderich behagten, ſagte er: „Du biſt ein Thor. Fange es klug an; Pna Hilarius iſt der Mann, Deinen Hunger zu ſtillen. Geh' ihm um den Bart, ich kenne ihn, er iſt gut und außerdem Inhaber der Schlüſſel aller Vormnihslam mern.“ Das war ein guter Vorſchlag und es wurden allerlei Pläne ausgebrütet, die anfangs nicht recht atücken wollten, bis mir ſpäter ein glücklicher Zufall, der nachher erzählt werden muß, die volle Gunſt des Paters Hilarius verſchaffte. Für jetzt kamen wir — — 161— unſerem Ziele nur langſam näher und erſt nach vielen vergeblichen Verſuchen überſprangen wir die letzten Schranken, wo wir denn gewannen, was wir ſo eifrig erſtrebt hatten. In den Zwiſchenzeiten unſeres unter⸗ richts nämlich ſpazierten wir oft im Kloſtergarten um⸗ her und naſchten hier recht nach Herzensluſt von den reifen kleineren Früchten, die zum Nachtiſch der from⸗ mmen Väter beſtimmt waren. Aber Pater Hilarius lhatte ein wachſames Auge, ſogar zwei. Oft pochte er an ein Küchenfenſter und drohte lächelnd mit dem Fin⸗ ger, wenn wir bei einem ſchönen Strauche etwas zu lange ſaßen, wobei er anfangs nur ermahnte, vorſich⸗ tig im Genuſſe des unreifen Obſtes zu ſein. Das hielt uns nun gerade nicht ſehr davon ab; aber wir gingen weiter. Der Beſuch des Gartens verlangte, wie der Leſer weiß, den Durchgang durch die Küche. Hier roch es bisweilen ſehr appetitlich. Unſere Zun⸗ gen aber waren eben ſo und noch mehr begehrlich, als unſere Naſen. Eines Tages kamen wir gerade hin⸗ durch, als zwei Körbe mit Fiſchen ausgepackt wurden. Wir warfen nur einen einzigen kundigen Blick darauf und ſchon hatten wir begriffen. Scheinbar gleichgül⸗ tig und leiſe mit einander ſprechend traten wir in den Garten. „Weißt Du, was darin iſt?“ ragte Fritz Stilling. 1. 1 — 162— mann, als wir außer dem Bereiche der Ohren des Paters waren.„Der eine enthält Stockfiſche, der an⸗ dere getrocknete Bücklinge. Sie ſind zwar nicht ſo ſchmackhaft wie friſch geräucherte, aber immer angenehm genug. Laß den Pater aus der Küche und wir wollen ſehen, ob nicht einer oder der andere zu bewegen iſt, ſich zwiſchen unſere Zähne zu bemühen.“ Wir ſpionirten lebhaft, aber der Pater ſchien heute mit wichtigen Anordnungen in der Küche beſchäf⸗ tigt und hielt unſerer Geduld Stand. Schon wurden wir leidenſchaftlich, denn die Fiſche dufteten ſogar bis in den Garten. Endlich glaubten wir nicht länger zoͤgern zu dürfen, denn unſer Appetit war der Ver⸗ zweiflung nahe. Wir wagten uns alſo kühn in das Heiligthum. Aber o weh? Der Pater ſtand ſeitwärts in einer Ecke, hielt ſeine Schnupftabaksdoſe in der Hand und belehrte zwei Knechte, die mit großen Holz⸗ ſchlägeln auf einen armen Stockfiſch losarbeiteten, um ihn breit zu klopfen. „ Jakob, ich habe Dir ſchon ſo oft geſagt,“ ſprach er in in didaktiſchem Tone,„das ſtarke und lange Klopfen der Fiſche iſt nach der alten Schule. Wir haben Fortſchritte gemacht, Kinder, nehmt doch Ver⸗ nunft an. Laßt es für heute genug ſein. Legt ihn lieber in laue Milch, ehe Ihr ihn kocht, dann ſchmeckt — 163— ¹ er viel beſſer und iſt ſaftiger und zergeht wie Butter auf der Zunge.— He, Ihr Jungen, was ſchnuppert Ihr da? Wittert Ihr das Wild, Ihr jungen Hunde? Hier iſt nichts für Euch, wartet bis zur Mittagszeit.“ Aber Karl Lehmann's Hand war hinter ſeinem Rücken raſcher geweſen, als des Paters Auge. Er hatte ſchon zwei herrliche Bücklinge gepackt, in ſeine Taſche zuſammengedrückt und winkte mir mit den Au⸗ gen, ihm in den Garten zu folgen. Die Näſcherei verdiente beinahe einen anderen Namen, aber der Ge⸗ ruch der Fiſche und mein Appetit rannte meine Be⸗ denklichkeit zu Boden. In kurzer Zeit war unſer Fang in der hinterſten Ecke der Weinlaube verſpeiſt, als der Pater plötzlich am anderen Ende erſchien. Schnell wurden Köpfe, Gräten und Schwänze weggeworfen und wir ſchritten unbefangen dem Pater entgegen und an ihm vorüber. Eben wollten wir uns aus der Ge⸗ ſichtsweite deſſelben entfernen, als wir hinter uns bei⸗ nahe einen Angſtſchrei und gleich darauf unſere Namen rufen hörten. Langſam drehten wir um, da trat er uns ſchon entgegen, in der Hand die beiden unglück⸗ lichen Bücklingsſkelette haltend. „Hol' der Teufel und alle Heiligen den Sünder! Hier ſind die Leichname zweier fußlangen Bücklinge. . 11* — — — 164— Wer hat ſie gefreſſen? Jungen— heda! Wer hat dieſe zu Schanden gemacht?“ „Das wird die Katze geweſen ſein,“ erwiderte mein Spielkamerad meiſterhaft unbefangen,„ohne Zweifel, Herr Pater, ich habe ſie vorher an der Küchenthür lauern geſehen.“ „Die Katze? Ich habe ſogar zwei geſehen, es waren aber Kater, und wenn ich nicht irre, zweibeinige obendrein! Aufgepaßt! Ich werde Eurer Pfiffigkeit einen Riegel vorſchieben, wenn Ihr lange Finger macht!“ Und er eilte ſogleich in die Küche, den Verſchluß der Fiſche beſorgend, ſo daß weder Katzen noch Kater, weder vier⸗ noch zweibeinige, Gelegenheit zur Befriedigung ihres harmloſen Zungenkitzels fan⸗ den.— Allmälig kam die Zeit der Wein⸗ und Aepfelreife. Bäume und Spaliere hingen zum Brechen voll; Stützen und Netze waren überall angebracht. Jeden Morgen wurden die in der Nacht abgefallenen Aepfel aufgeleſen und in den Keller getragen. Mit dem Weinnaſchen ging es nicht recht, wir wußten in der Eile nicht die Schalen zu beſeitigen, und dieſe mit zu verſchlingen fühl⸗ ten wir keine Neigung. Aber die Aepfel, die konnte man in den Taſchen verbergen und überall verzehren. Sehr bald ertappte man uns aber dabei. Pater Hi⸗ larius, immerwährend auf der Lauer, erſchien unver⸗ muthet eines Nachmittags, betaſtete unſere Taſchen und entlarvte in uns die gefährlichen Katzen.„Oho! Jun⸗ „“ ſagte er,„das iſt nicht Recht, ſie ſind noch — ganz reif; wartet doch ein wenig, nachher ſchme⸗ cken ſie beſſer.“ „Sie ſchmecken ſchon jetzt ganz gut, Herr Pater,“ ſagte Karl Lehmann,„und ſind ſo reif, daß ſie ab⸗ fallen.“ „Ich ſehe gar nicht, daß ſie vor Reife abfallen, Ihr Höllenhunde, ich ſehe es durchaus nicht. Ich verbitte mir ernſtlich, die Aepfel abzureißen, ſonſt werde ich mit Seiner Hochwürden und Pater Ludovikus ſprechen.“ „Aber, Herr Pater,“ fragte ich,„dürfen wir denn nicht einen oder den anderen aufnehmen und eſſen, wenn er im Graſe liegt?“ „Einen oder den anderen? Nun freilich— aber nur, wenn er im Graſe liegt.“ Wir gingen und warteten, daß einige uns den Gefallen thun und abfallen würden, aber es ſielen keine oder nur ſehr wenige im Verhältniſſe zu unſerem Appe⸗ tite, der wieder in der Blüthe ſtand. Mit Steinwür⸗ fen vermochten wir auch nichts zu erreichen, denn das konnte Jedermann in der Küche hören und ſehen Wir — 166— fielen alſo auf einen anderen Plan, es möglich zu machen, gefallene Aepfel zu ſpeiſen. Dieſer neue Plan war ſo natürlich, daß ich mich wunderte, nicht eben ſo leicht wie mein Spielgefährte darauf gelom⸗ men zu ſein. Wir fingen uns nämlich an zu haſchen und rich⸗ teten es dabei ſo ein, daß wir uns ſtets unter einem Apfelbaume faßten. Wir balgten uns, daß der uns zuſchauende Pater oft laut lachen mußte. Auch ſchlug ich bisweilen dabei das vom Ernſt Goy gelernte Rad. Kaum aber hatte Pater Hilarius ſich einen Augenblick abgewandt, ſo änderte ſich unſer Zweikampf. Merk⸗ würdig war es, daß alsdann jedesmal einer von uns ſo heftig gegen den Baumſtamm geſchleudert wurde, daß es Aepfel regnete. So hatten wir gefallene Aepfel. Aber auch dieſer Kunſtgriff fand ſein Ende. Denn dem ſchlauen Pater war die merkwürdige Taktik nicht entgangen und er gebot uns, wenn wir uns fer⸗ 4 ner balgen wollten, es lieber im Walde zu thun. Und 3 ſo hörte unſer Zwiegefecht auf, da es im Walde keine Aepfel regnen wollte. Eines Morgens, es war am Sonnabend und die Studentenmeſſe eben zu Ende, als Karl Lehmann und ich durch den Wald hinab nach dem Rheinufer luſt⸗ wandelten. Hier, dicht am Hauſe des Vaters meines — 167— Freundes ſtanden, durch dichtes Weidengeſtrüpp gegen den Anprall der Wogen geſchützt, mehrere Boote, grö⸗ ßere und kleinere, mit Rudern und Segelwerk verſehen, um jeden Augenblick im Geſchäfte verwandt werden zu können. Mein Freund, auf dem Waſſer erzogen liebte und ſcherzte mit dem flüſſigen Elemente und ver⸗ ſtand es, ſelbſt bei'm ſtärkſten Winde ein Segelboot ſicher zu führen. Schon ſeit längerer Zeit hatte er auch mir darin Unterricht ertheilt und die Jugend lernt ja, wie man weiß, Alles ſehr ſchnell und das Ueberflüſſige am ſchnellſten. Wir fuhren alſo häufiger ſpazieren, als nothwendig war, und ſtets kehrten wir glücklich wieder heim. Heute begnügten wir uns aber, in dem Kahne zu ſitzen, ihn zu ſchaukeln und die ſtar⸗ ken Wellen des Stromes ſich an den Kieſeln des Ufers brechen zu ſehen. Es war ein überaus warmer Tag am Ende des Septembers und der Rhein wallte heute verhältnißmäßig ſo ſanft dahin, wie wir ihn faſt noch nie geſehen hatten. Lange ſaßen wir ſchweigend und ſchauten den Fluß hinauf bis zu der Stelle, wo die Fähre, in dortiger Gegend Punte genannt, nach Nanten überſetzt und folgten dann dem hinüberfliegen⸗ den Gefährte mit den Augen an das jenſeitige ufer, wo ſie endlich auf den Thürmen des Doms haften blieben. Da unterbrach mit einem Male der Sohn 21 — 168— des Schiffers unſer Stiliſchweigrm, indem er zu mir ſagte: „Biſt Du ſchon einmal drüben in Nanten ge⸗ weſen?“ „Nein!“ „O, wie Jammerſchade! Die Kirche iſt ſehr ſchön. Weißt Du aber, was noch ſchöner iſt?“ „Nun?“ „Drüben im Fährhauſe giebt es ein ſehr gutes Glas Wein. Du haſt den jüngſten Jahrgang wohl noch nicht verſucht?“ „Jahrgang? Was ſoll ich damit verſuchen⸗ Ich verſtehe Dich nicht.“ „Nun, ich meine den jungen Wein vom vorigen Jahre. Es iſt zwar kein Siebenundachtziger, ſchmeckt aber doch vortrefflich.“ „Ich habe überhaupt noch keinen Rheinwein ge⸗ trunken; bei meinem Oheime kam nur Rothwein auf den Tiſch; ich glaube, es war franzöͤſiſcher.“ „Was! Du ein Rheinländer und keinen Rhein⸗ wein getrunken? Schäme Dich! Komm und laß uns heute Nachmittag hinüberfahren und eine Flaſche zu⸗ ſammen trinken. Des. Fährmanns Sohn iſt mein Freund, er wird uns welchen verſchaffen und ſollte ich ——— ihn ſelbſt bezahlen, ſo verſchlägt das nichts, ich bin — — 169— ſtolz darauf, Dir zuerſt unſern Wein zum Koſteu vor⸗ zuſetzen. Willſt Du?“ 4 „Ob ich will! Wenn ich nur die Erlaubniß er⸗ halte, hinüberzugehen— wir könnten ſonſt auch mit der Punte die Fahrt verſuchen.“ „O was Punte! Das iſt gar keine Luſt, das geht ſo langſam, wie ein alter Karrengaul bergauf ſchleicht. Ei was, wir rudern uns hinüber, das macht Appetit, der Rhein iſt ruhig und vielleicht kommt ein wenig Wind und wir ſegeln ſogar. Wann iſt Deine lateiniſche Stunde heute Nachmittag zu Ende?“ „Ich habe heute keine, Pater Ludovikus iſt zu engbrüſtig./ 6 „Nun wohl, ſo iß geſchwind und dann komm hierher. Sage im Kloſter, Du gingeſt zu mir.“ Der Vorſchlag war verführeriſch, das Wetter ein⸗ ladend; Waſſerfahrt, Xantener⸗Dom, junger Wein lockte—„Vorwärts,“ ſagte ich,„ich bin dabei!“ 3 Schneller hatte ich nie meine dicken Bohnen und meinen Stockfiſch verſchlungen, als dieſen Mittag, und doch konnte ich nicht eher fort, als bis das Gebet ge⸗ ſprochen war. Dann aber eilte ich in Pater Ludovi⸗ kus Zelle und ſagte ihm, ich würde den Nachmittag im Lehmann'ſchen Hauſe zubringen. Er nickte beiſtim⸗ mend mit dem Kopfe, denn er war gerade ſehr leidend, 8 — 170— und ich flog davon wie ein junger Sturmwind, dem die Flügel losgelaſſen ſind, dem Rheine zu. Karl ſaß ſchon im Boote und hatte Alles zurecht gelegt. Ein ſanfter Nordoſt hatte ſich erhoben und war unſerer Fahrt günſtig. Wir landeten nach einer kleinen halben Stunde nicht weit von der Fährbrücke, befeſtigten das Boot und ſchlüpften in das Fährhaus, den Sohn des Ueberfahrers ſuchend. Bald war er gefunden und von unſerem Vorhaben unterrichtet. Er verſprach Wein zu beſorgen, bis wir vom Dome zurückgekehrt wären. Raſch ſchlugen wir den kurzen Weg über das Feld nach der Stadt ein, beſichtigten im Fluge die herrliche Kirche, die an Vollendung im Ganzen und Einzelnen ihres Gleichen ſogar bis jetzt nicht hat, und kehrten durſtig und begehrlich an den Strand zurück. Hier, in einer kleinen abgelegenen Laube im Garten des Fährmanns, hielt unſer dritter Spießgeſelle zwei Fla⸗ ſchen und drei Gläſer bereit. Wir fingen an zu trin⸗ ken. Mir ſchmeckte der vielgerühmte junge Rheinwein anfangs ſehr ſauer. Je mehr ich aber trank, um ſo mehr ſchien er mir an Säure zu verlieren und an Süßigkeit zu gewinnen. Bald waren die zwei Flaſchen geleert. Es wäre Alles gut abgelaufen, wenn wir da- bei ſtehen geblieben wären. Aber der rheiniſche Teun- fel, der die Menſchen verführt, mehr zu trinken, als . — 171— vernünftig iſt, packte auch uns an und wir wurden ſeine Opfer. Bei der vierten Flaſche ſchmeckte ich für meine Perſon gar nichts mehr, die Jugend des Weins hatte meine eigene Jugend bezwungen. Dennoch trank ich unter fortwährendem Gelächter und Gejauchze der beiden Anderen und verlor mein heutiges Ziel, das Kloſter, ganz aus den Augen. Plötzlich bemerkten wir, daß es dunkelte und ein heftiger Wind ſich erhoben hatte, der den alten Vater Rhein wie einen Stören⸗ fried am Schopfe ſchüttelte. Mich ſchüttelte er auch am Schopfe und mein Kopf ward wirr. Ich wollte noch zurück mit der Punte, aber Karl Lehmann litt es nicht, indem er, glaube ich, anführte, es ſei ſchmach⸗ voll, zu Fuße zu Hauſe anzulangen, nachdem wir fort⸗ geſegelt wären. Ich gab nach, denn ich hatte weder Willen noch Kraft zum Widerſtande. Der Rhein kam mir außerdem wie ein Rinnſtein vor, den ich über⸗ ſpringen könnte, wenn ich es nur wollte. Ich verfiel auf tauſend Tollheiten, von denen ich jetzt keine einzige mehr weiß. Endlich, als es ſchon ganz dunkel gewor⸗ den war, taumelte der junge Charon, der uns im be⸗ rauſchten Zuſtande der Unterwelt nahe gebracht hatte, fort und kam nicht wieder. Wir legten Beide die Köpfe auf den Tiſch und fingen an zu ſchnarchen. Nach einer Weile erwachte ich, ich glaube vor eFroſt, * — 172— und doch hatte ich eine Hitze in mir, wie ein glühen⸗ der Ofen. Auch Karl wurde wieder munter. Wir er⸗ hoben uns beide maſchinenmäßig— taumelnd beweg⸗ ten wir uns fort— wahrſcheinlich, um in das Fähr⸗ haus zu gelangen. Es war verſchloſſen. Wir wankten zurück, einer ſich an dem andern haltend— da ſtießen wir auf ein kleines Haus, deſſen Thür offen ſtand. Karl trat zuerſt hinein— ich ihm nach. Ich fühlte, wie ich der Länge nach hinſtürzte, aber auch, daß ich weich und warm lag. Ich war mit meiner augen⸗ blicklichen Niederlage zufrieden. Wir müſſen beide ſehr feſt und lange geſchlafen haben, denn als wir erwachten, ſchien die Sonne zur offenen Thür herein. Mich umſchwebte ein warmer, ſonderbarer Duft— aber im Kopfe nebelte es mir noch und im Magen empfand ich ein ekles Gefühl. Da erſchien ein Mann in der Thür. „Jeſus Maria! Was iſt denn das?“ ſchrie er. „Wo ſind die Säue? Da liegen ja Knaben im Sau⸗ ſtall!“ Nach einigen Minuten waren wir an's Tages⸗ licht gezerrt. Ich hätte vergehen mögen vor Schmerz, und doch mußte ich über den Anblick meines Gefähr⸗ ten krampfhaft lachen. Wie ſah er lächerlich und gräß⸗ lich aus! Die Haare zerzauſt, die Kleider triefend von brauner Flüſſigkeit, das Geſicht kaum menſchlichen * “ — 173— Anſehens! Und ich— o, welch' ein Erwachen! Und dieſes tiefe innere Schaamgefühl, dieſer phyſiſche und moraliſche Jammer, der darauf folgte! Mit einem Wort, ich kann das Gefühl des Unheils, welches mich beinahe erſtickte, nicht beſchreiben. Allmälig verſammelte ſich um uns mit wiehern⸗ dem Gelächter die ganze Bewohnerſchaft des Fährhau⸗ ſes; man wollte uns eben abwaſchen, ja, meinen Freund hatte eine willige Magd ſchon mit einem Eimer friſchen Waſſers begrüßt, da erſchien mit der eben anlangenden Punte— heilige Mutter Gottes, ſchütze mich!— Pater Hilarius mit zwei Kloſterknech⸗ ten, voller Angſt, die beiden Entwichenen nur als Leichen wiederzuſehen. Nie aber werde ich ſeine Ge⸗ berde und ſeinen Geſichtsausdruck bei unſerm unver⸗ hofften jetzigen Anblick vergeſſen. Er erhob mit den Zügen des Abſcheu's beide Arme gen Himmel und ſprach ein inbrünſtiges Apage Satanas. Denn er glaubte anfangs, durch ein Wunder der Mutter Gottes geblen⸗ det zu ſein. Aber die Fähre fuhr augenblicklich wieder ab; er trieb uns wie zwei Verbrecher hinein und wir, ſtarrend von Schmutz und Entſetzen, folgten willen⸗ los. Die Knechte aber ruderten unſer Boot hinüber, um es dem Vater meines Freundes wieder zuzuſtellen. Welche Gedanken mich unterweges auf dieſer kur⸗ — 174— zen Waſſerfahrt befielen, weiß ich nicht mehr, nur ſchien mir der Rhein nicht tief genug, mich hineinzuſtürzen und meine Schmach auf ſeinen Boden zu verſenken. Wir langten jenſeits an; unter erbaulichen Reden des Paters legten wir den ziemlich weiten Weg nach dem Kloſter zurück, während mein Freund ſich ſchon ab⸗ ſeits nach Hauſe geſchlichen hatte, eine wohlverdiente Tracht Schläge ſeines ſonſt nicht allzu ſtrengen Vaters in Empfang zu nehmen. Wie ich durch die Kloſter⸗ pforte kam, weiß ich nicht mehr, ich glaube, die Schaam hatte mich blind und unſichtbar zugleich gemachk. Dicht davor aber begegnete mir das Schlimmſte, in meinen Augen das Schmachvollſte, was mir begegnen konnte. Denn Pater Maximilian trat mir hier un⸗ verhoſſt entgegen, und zum erſten Male leuchtete ſein Auge gegen mich auf. Es ſchien mir in Feuer zu ſchwimmen und ich gab ihn in meinem jetzigen trauri⸗ gen Zuſtande für mich auf ewig verloren. In der Küche angekommen, mußte ich mich ent⸗ kleiden. Zwei Knechte wuſchen und ſalbten mich— vielleicht um mich zum Opferthier herauszuputzen; we⸗ nigſtens iſt es gewiß, daß ich im Stillen ſchon an eine lebendige Einmauerung in meinem erfinderiſchen Geiſte dachte. Denn kaum hatte man mir eine kleine alte Mönchskutte, die kleinſte, die man finden konnte und 9 1 — 175— die dennoch einen halben Fuß hinter mir herſchleppte, in Ermangelung anderer Kleidungsſtücke übergewor⸗ fen, ſo wurde ich wie im Triumphe zum Pater Guar⸗ dian geführt, zu dem ſich bereits Pater Hilarius be⸗ geben hatte, ſeine pflichtſchuldige Meldung über den Erfolg ſeiner Sendung abzuſtatten. Als ich mit einer tiefen Verbeugung eintrat, hatte er ſie ſchon beendet; aber was ſah ich mit meinen pfeilſchnell herumlaufen⸗ den Blicken? Zuerſt den Pater Guardian, der, wie es mir ſchien, ein gewiſſes inneres Lächeln, wahrſchein⸗ lich über mein halbmönchiſches Ausſehen, nicht verbei⸗ . ßen konnte; ſodann aber, ach! den Pater Vikarius, der leider zufällig bei'm Guardian war. Er ſchaute mich mit einem durchbohrenden Blicke an und ſah aus wie eine grimmige Dogge, die über einen fremden klei⸗ nen Hund herfallen will, von der Gegenwart ihres Herrn aber zurückgehalten, für diesmal nur die ſpitzen Zähne zeigt. Er rümpfte die Naſe und ſagte dann, zum Guardian gewandt: „Er wird Dir das Zimmer verpeſten, Hochwür⸗ ddigſter, mich ekelt vor ſolchen Bubenſtreichen.“ Und er erfaßte glücklicherweiſe die Thürklinke und enthob ſich, vom Pater Hilarius gefolgt, der eine un⸗ geheure Priſe in ſeine feine Naſe geſtopft hatte. Mir — 176— aber wurde das Herz leicht, als ich mich jetzt dem gu⸗ ten Pater Guardian gegenüber allein ſah. „Fritz,“ fing er mit ſeiner gewöhnlichen milden Stimme an und immer noch kam es mir vor, als ob er nur gewaltſam ein Lächeln unterdrücke,„Fritz, Du haſt großes Unrecht gethan; zuerſt uns in Beſorgniß verſetzt, ſodann—“ „Ew. Hochwürden, ja, ja,“ fiel ich ein, indem ich die Hände rang,„ich weiß es, ich ſühle 705 aber ich kann nicht dafür— der junge Wein— „Ja, ja, der junge Wein, ich glaube es Dir. Aber erzähle mir Alles und wie es gekommen iſt.“ Und ich erzählte Alles, von unſerer ſtolzen Ueber⸗ fahrt bis zum Erwachen in unſerer ſchmählichen Nie⸗ derlage im Schweinekoben. Jetzt lächelte er wirklich, gleich darauf fing er herzlich und laut zu lachen an. Dann legte er ſeine rechte Hand auf meinen Kopf und ſagte ſanft: „Fritz, ich will hoffen, daß Dir dieſes Begegniß eine Lehre und Warnung für die Zukunft ſein wird. Du biſt jung und unerfahren— jetzt haſt Du eine traurige aber belehrende Erfahrung gemacht. Meide böſe Geſellen und beſonders die Flaſche. Es ſteckt ein guter und ein böſer Geiſt in ihr, der letzte den erſte⸗ ren n püpichnall überraſchend. Den boſen Pen 5 jeht — 177— kennen gelernt. Ich für meine Perſon vergebe Dir, denn ich ſehe die Sache, wie ſie iſt. Aber ſtrafen muß ich Dich dennoch, der Disciplin wegen. Gehe vier Tage nicht aus Deiner Zelle, bis dahin wird man das Ergebniß im Kloſter vergeſſen haben; Pater Ludovikus wird Dich auch dort unterrichten. Laß Dich aber für's Erſte vom Pater Vikarius auf keinem Fehltritt ertap⸗ pen und flehe im Stillen zur Mutter des Heilandes, daß ſie bei ihm für Dich ſpreche. Gehe und beſſere Dich.“ Laut fing ich-an zu ſchluchzen, küßte ſeine wider⸗ ſtrebende Hand und begab uchee meine einſame Zelle, wo ich mich heulend auf mein Bette warf und der miuzuuf und allen Heiligen gelobte, den jungen 2 Die vier Tage meiner Einſperrung gingen bald vorüber; Pater Ludovikus, wiederhergeſtellt, hatte mir zuerſt einen langen, Vortrag über die Nüchternheit ge halten und mir mitgetheilt, daß Karl Lehmann acht TZage lang⸗ das Kloſter nicht betreten dürfe, ſodann mich aber wie ſonſt unterrich tet. In dieſen acht Egen Fritz Stilling. I. 12 8 — 178— trat jener ſchon früher angedeutete Zufall ein, der mir Pater Hilarius Gunſt für alle Zeiten erwarb und mir Speiſe und Trank, wann ich ſie auch begehrte, in Fülle eintrug. Es war nämlich 9 Uhr Abends am 1. Oktober des Jahres 1801, als ich meine Zelle betrat, um mich zur Ruhe zu begeben. Das Fenſter derſelben lag bei⸗ nahe dicht über der äußeren Kloſterpforte, die in den Wald führte. Ich wollte mich eben entkleiden, als ich zufällig an das Fenſter trat und hinaus ſah. Der Himmel war klar wie flüſſiges Silber und ein glän⸗ zendheller Mondſchein hatte den Wald in jenes Däm⸗ merlicht getaucht, welches der leicht beweglichen Men⸗ ſchenbruſt ein ſo tiefes Gefühl für Poeſie und Schwär⸗ — merei einflößt. Ich war ganz im Anſchauen verſunken, . denn ich hatte den ſchönen Wald, der noch grün und belaubt war, noch nie ſo zauberhaft erleuchtet geſehen. Da war es mir, als hörte ich draußen die Kloſterpforte ſich leiſe öffnen und gleich darauf einen Menſchenfuß auf dem Sande der ſteinernen Schwelle knirſchen. Dann ſchnappte der Drücker des Pfortenſchloſſes zu und Alles war wieder einen Augenblick ſtill. Ich horchte mit Herzklopfen auf, denn ich dachte ſogleich an einen Dieb. Bald aber hörte ich Jemanden leiſe einige Worte murmeln, worauf ich behutſam das Fen⸗ — 179— ſter öffnete. Ich bückte mich hinaus und ſah dicht an der Pforte einen Menſchen ſtehen, der leiſe aber doch hörbar abermals einige Worte ausſtieß, die einem Fluche auf ein Haar glichen. „Verdammt ſeien alle Heiligen,“„ſagte die Stimme, „daß ſie mich hier feſtbannen!“. Ich glaubte Pater Hilarius Stimme zu erkennen, bückte mich hinab und flüſterte:„Biſt Du es, Pater Hilarius?“. „Ja, mein Junge, ich bin's. Ha! Dich ſchicken die Heiligen mir zur Hülfe.“ „Was giebt es denn, und womit kann ich Dir helfen?“ „Komm leiſe die Treppe herab, mein Junge, und öffne die Pforte. Meine Kutte iſt eingeklemmt und ich habe keinen Schlüſſel, das Schloß von Außen zu öffnen.“ Schnell löſchte ich meine Lampe und huſchte leiſe wie ein Geiſt die wohlbekannte Treppe hinab. Bald war ich im Vorflur, denn die Thüren im Kloſter wa⸗ ren alle von Innen durch einen Druckſchnepper, von Außen aber nur durch einen Schlüſſel zu öffnen. Gleich darauf hatte ich die Hauspforte aufge⸗ chloſſen und dadurch den Pater aus ſeiner Haft befreit. „Gelobt ſei Deine Wachſamkeit!“ ſagte er.„Ich 12* „ — 180— hätte können bis zum Morgen hier hängen bleiben. So, nun gehe wieder hinein, ich danke Dir.“ Aber ich war nicht geneigt, mich ſo raſch abſpei⸗ ſen zu laſſen und, die Thür offen laſſend, folgte ich dem Pater, der eiligſt in den Wald entſchlüpfen wollte, einige Schritte auf den Vorplatz. „Aber wohin willſt Du ſo ſpät, Pater. Hilarius?“ „Mein Sohn, meine Wege ſind nicht Deine Wege; ich will aber mein Thun nicht vor Dir verber⸗ gen und ſage Dir daher, ich mache einen kleinen Spa⸗ ziergang, um einige Kräuter zu ſuchen, die in der Suppe ſehr wohl ſchmecken und nur im Mondſchein gedeihlich gepflückt werden können.“ „O, Pater Hilarius, laß mich mit Dir gehen,“ bat ich,„ich möchte auch einmal den Wald bei Mon⸗ denſchein ſehen, vielleicht kann ich Dir bei'jm Sammeln der Kräuter behülflich ſein.“ Der Pater beſann ſich.„Hm!“ ſagte er,„Du haſt mir aus der Falle geholfen, vielleicht iſt es eine Schickung der Mutter Gottes. Komm mit, aber ſchließe zuvor die Pforte.“ „Wie kommen wir aber wieder hinein?“ „Das laß meine Sorge ſein, Du wirſt es fehen, wenn Du zu ſchweigen verſprichſt.“ Ich verſprach es, und nachdem ich die Pforte leiſe — 181— an mich gezogen hatte und das Schloß zugeſchnappt war, folgte ich ihm mit raſchen Schritten in den Wald. Es war kühl im Freien, aber die Luft von jener belebenden Friſche durchwürzt, die man in ſchönen Ok⸗ tobernächten bei'm Mondenſchein im Walde mit allen Organen ſo ſehr einzuſaugen liebt. Raſch eilten wir vorwärts, da ſchien es mir, als ob Pater Hilarius etwas Schweres unter ſeiner Kutte trage. „Was haſt Du da?“ fragte ich. 4 „Still, ein Gewehr!“ ſagte er und zog eine kurze Stutzflinte unter ſeinem Kleide hervor, vor der ich an⸗ fangs erſchrack. „Aber was willſt Du damit?“ „Mein Junge,“ ſagte er lächelnd,„ich muß Dir die Wahrheit ſagen. Am 4. Oktober iſt des Hochwür⸗ digen Namenstag, den ich für meine Perſon immer gern zu feiern pflege. Er iſt Liebhaber von einem guten Rehbock und dieſen zu— fangen, iſt meine heutige Aufgabe.“ „Ah— ſo! Ich verſtehe. Nun, ich gehe mit, denn ich bin unter dem Schutze eines chtwürdigen Mannes.“ „Das biſt Du! Die Heiligen wiſſen es! Jeßt aber ſtill!“. Wir wandten uns zuerſt dem Rheine zu, dan — 182— aber ſchritten wir zur linken Hand quer in den Wald hinein. Sehr bald hatten wir, da wir eilig gingen, die Grenzen der Kloſterwaldungen überſchritten, das glaubte ich meiner Ortskenntniß nach beſtimmt anneh⸗ men zu dürfen. „Wie iſt mir denn, Pater Hilarius,“ fing ich wieder an, um mich vielleicht eines Beſſeren belehren zu laſſen—„gehört dieſer Theil des Waldes mit dem Wilde darin denn dem Kloſter? Ich denke, von jenen Birken da ehinten an beginnen die Beſitzungen des Grafen— „Mein Sohn, welche Frage! Erſtens täuſcheſt Du Dich bei dem ſchwachen Lichte, welches der Mond auf den dunkeln Wald herabſendet, ſodann— ſodann — Stl war da nicht etwas?“ „Nein, ich habe nichts geſehen. Und ſodann?“ „Sodann leben die wilden Thiere des Grafen und des Kloſters in Freundſchaft, ſchon aus nachbar⸗ licher Geſinnung; ſie beſuchen ſich gegenſeitig; und kein Menſch auf der Welt, und wäre es der Graf ſelber, könnte den Thieren anſehen, ob ſie von ihm oder von uns gekommen wären. Nein, nein, es iſt eitel Irr⸗ thum und Täuſchung, wer das glaubt. Und außerdem freut ſich der Graf jedesmal, wenn einer von uns ſich auf ſeine Koſten gütlich thut. Warum ladete er ſonſt — 183— den Pater Guardian ſo oft zu ſeiner Tafel? Aber hierbei fällt mir ein, da ich vorher von der Lieblings⸗ ſpeiſe des Hochwürdigen ſprach— jeder Menſch hat ſeine Lieblingsſpeiſe. Mir zum Beiſpiel geht nichts über einen friſchen, acht bis zehn Pfund ſchweren Salm — und Du haſt wahrſcheinlich auch eine—“ „O! ſogar mehrere!“ „Siehſt Du wohl. Alſo merke es Dir— wenn Du einmal Appetit haſt, ſei es Morgens oder Nach⸗ mittags, melde Dich bei mir und wenn ich Deine Liebhaberei irgend beſitze, ſo ſollſt Du ſie haben.“ „Ich danke im Voraus, Pater Hilarius, und weerde nicht auf mich warten laſſen. Aber was machſt Du da?“ 1 „Sieh, mein Sohn, ich lade meine Flinte. Denn dieſer Fleck des Waldes iſt mein heutiges Ziel. Das nennt man in der Jägerſprache einen Anſtand— hier dieſe Baumwand und jene Lichtung davor. Dort im Gebüſch liegt ein Waſſer, darin ſaufen die böſen Thiere, die ſo viel ſchönes Getreide verwüſten. Wenn ſie nun von uns aus, alſo unſere Thiere, nach dem Waſſer wollen, müſſen ſie an uns vorbei. So. Hier bleiben wir; kauere Dich im Mooſe nieder und gieb mit Dei⸗ nen jungen Augen Acht. Sobald Du ein feiſtes Thier ſiehſt, giebſt Du mir, aber ohne Worte, ein Väichen 44 — 184— Ich ließ mich auf dem Mooſe nieder und an mei⸗ nen jungen Augen lag es nicht, wenn ich kein feiſtes Thier ſah. Die Nacht war in der Lichtung beinahe tageshell, die Schatten der Bäume verdunkelten ſie allein ſtellenweis, und ich erinnere mich, in dieſer Waldeinſamkeit bei mondenheller Nacht, während des tiefen Schweigens um mich herum, die erſten Träume von jugendlicher Schwärmerei in mir dunkel aufdäm⸗ mern gefühlt zu haben. Denn plötzlich, ich weiß nicht, wie es kam, fiel mir die kleine Chriſtel ein. Wo mag ſie jetzt weilen? dachte ich. Im Haag iſt ſie gewiß nicht mehr, alſo in Amſterdam. O, wenn ſie hier wäre und mit mir dieſe trauliche, düſtere Einſamkeit theilen könnte! Sie würde ſich zwar vielleicht fürch⸗ ten, ich aber würde ſie tröſten.— Dieſe meine Knabengedanken wurden kaum nach ihrem Entſtehen durch einen Freudenausruf von Pater Hilarius Lippen unterbrochen. 3 „Still!“ rief er, obgleich ich kein Wort ſagte—— „Da kommt etwas!“ Ns. Und ſo war es. In dem Gebüſch rechter un knackte es. Dann trat, anmuthig den leichten dßs 1 wiegend und ſich bald links bald rechts wendend, 3 ziemlich großes Thier aus dem Schatten des Wnd hervor. Es ging langſam und ſchnuppernd quer über — 185— den freien Raum der Lichtung dem Waſſer entgegen. Ich war athemlos, ganz im Anſchauen verſunken und dachte nicht im Geringſten an meines Begleiters mörderiſche Abſicht. Da wurde ich faſt zu Tode er⸗ ſchreckt. Das Thier ſah ſich gerade, glaube ich, nach uns um, als bemerke es unſere unheilvolle Nähe. In dieſem Augenblick geſchah ein ſchrecklicher Knall dicht an meiner Seite, ein Feuerglanz färbte die umgeben⸗ den Gebüſche glühend roth, dem ein Ruf des Froh⸗ lockens ebendaher folgte. Das Thier machte einen ungeheuren Sprung, faſt uns entgegen. Pater Hila⸗ rius warf ſein Gewehr fort und rannte auf das Wild los. Ich blieb wie angewurzelt im Graſe liegen, ſo ſehr hatte ich mich erſchrocken. „Komm her!“ rief er,„Komm geſchwind her— aha, da biſt Du— ſieh, gerade auf das Blatt, wie ſich's gehört. Haha! Gedankt ſeien alle Heiligen und beſonders der heilige Franziskus!“ Und raſch ein langes Meſſer von der Scheide entblößend, welches er ebenfalls unter ſeiner Kutte ge⸗ tragen, riß er das ſchöne noch ſeufzende Thier mehr damit auf, als er es ſchnitt und waidete es aus. Als dieſe Arbeit gethan war, trocknete er ſich mit einem ALuche den Schweiß vom Geſicht und griff über den Kopf nnch ſeiner Doſe, die er mir dann zuerſt unhe — 186— Ich wußte, daß er böſe wurde, wenn man ſie zurück⸗ Mn wies, daher tauchte ich meine Finger hinein und be⸗ dankte mich. So— dann nahm er ſein Gewehr wie⸗ der auf und ſagte: „So weit wären wir, mehr will ich für heute nicht. Nun faß' an und hilf mir's auf die Schulter heben. Da an die Hinterläufe.“ Das ſchwere Stück Arbeit war gethan. Der Pa⸗ ter hatte das Reh auf ſeinem Rücken und keuchte neben mir her durch den Wald, während ich ſeine Flinte trug. Drei oder vier Mal raſteten wir, und Mitternacht war längſt vorüber, als wir die alten Mauern unſers gu⸗ ten Kloſters aus dem Schatten der Bäume wieder her⸗ vortreten ſahen. Wir wandten uns nach der Garten⸗ ſeite. Hier blieben wir ſtehen. „Ach!“ ſagte Pater Hilarius,„das war ein ſau⸗ res Stück Arbeit. Nun noch über die Mauer und der Lohn kommt ſpäter. Bleib' einen Augenblick hier ſtehen; ich werde dir von jenſeits der Mauer einen . Strick zuwerfen, deſſen Schlinge Du um den Hals des Thieres legſt. Du haſt dann weiter nichts zu thun, als mir zu folgen. Sieh, hier iſt eine Art Treppe in den Steinen— gieb Acht!“ Und ſchnell kletterte er auf die Mauer, ſaß ritt lings auf derſelben und verſchwand dann hinter ihr — 187— Nach einigen Minuten flog das Ende eines Stricks mit einer Schlinge daran vor meine Füße. Ich ſchnürte den Hals des armen Thieres ein. Als ich damit fertig war, folgte ich leichtfüßig dem Pater, der mir bei'm Herunterſteigen behüflich war. Dann half ich ihm an dem Stricke ſeinen Fang über die Mauer ſchleifen. Wir hatten es im Garten. In einigen Mi⸗ nuten waren wir mittelſt eines Schlüſſels, den Pater Hilarius bei ſich trug, in der Küche. Hier wurde das Wild untergebracht und wir traten unſern Weg unbe⸗ hindert in das Innere des Kloſters an. Ehe ich von dem Pater ſchied, ſagte er zu mir mit feierlicher und ſanfter Stimme:„Mein Sohn, wenn Du übrigens denken ſollteſt, Du habeſt heute Nacht irgend ein Unrecht begangen, ſo finde Dich mor⸗ gen früh bei mir im Beichtſtuhl ein, ich werde Dich abſolviren. Ich meinestheils werde daſſelbe bei'm Hochwürdigen thun und ruhig meiner Strafe entge⸗ genſehen. Gute Nacht und gehabe Dich wohl!“ Die Kloſterglocke ſchlug ein Uhr, als ich in mein Bett kroch und die ganze Nacht von Jägern, Mond⸗ ſchein, Chriſtel und Rehbraten träumte.—— VII. Pater Maximilian. Verlaſſen wir jetzt dieſe kleinen und ſpaßhaften Einzel⸗ heiten meines jugendlichen Lebens, die doch nur einen vorübergehenden Einfluß auf die ſpätere Entwickelung deſſelben haben, und wenden wir uns zu den ernſten und wichtigeren Vorfällen, die noch in dem erſten Jahre meines Aufenthalts im Kloſter beginnen und dann in bald größerer, bald geringerer Schnelle und Bedeutung auf einander folgen ſollten. Das Jahr 1801 rückte vor und näherte ſich all⸗ mälig ſeinem Ende. Auf den Herbſt war der Winter gefolgt. Verſchwunden war das luſtige Grün des Waldes, verweht die laue balſamiſche Luft; die Erde ſah fahl und ergraut aus wie ein abgelebter Menſch, und über ihren ſtarren Körper ſpannte der Himmel trauernd ſeine düſtere und kalte Winterdecke aus. — 189— Zwar auch dieſe Zeit hatte für mich damals mannichfache neue Freuden und Genüſſe, denn der fal⸗ lende Schnee, dieſes für Knaben immer vergnügungs⸗ reiche Geſchenk des winterlichen Himmels, und der mit Eis treibende murrende Strom gewährten dann und wann wünſchenswerthe Abwechſelungen; im Ganzen aber geſtaltete ſich das Leben im Kloſter nicht allzu er⸗ freulich und geſellig. Die gemeinſchaftlichen Spazier⸗ gänge im Walde, der trauliche Aufenthalt im Garten hatten mit den Früchten der Bäume, Sträucher und Reben ein Ende genommen. Der engere Verkehr in den einzelnen Zellen begann. Das Refektorium be⸗ ſtrebte ſich, ſeinen Namen Ehre zu machen, denn die Verſammlungen in demſelben nach dem Eſſen dauerten länger als im Sommer und nicht ſelten wurde ein lan⸗ ger Winterabend bei einem Glaſe ſchäumenden Bieres unter Plaudern und Erzählungen darin verbracht, oder von einem von der Reiſe zurückkehrenden Pater eine alte Zeitung vorgeleſen, die des Neuen, Großen und Unerwarteten noch immer genug für uns von der Welt Abgeſchiedene enthielt. Denn die Mönche des Kloſters politiſirten eben ſo gern wie die Kannegießer des All⸗ tagslebens und ihre politiſche Bildung hatte, durch die gewaltſamen Begebenheiten der Außenwelt gez eitigt, ihre anfängeriſche Bildung begonnen. 4 — 190— Was blieb mir, dem vereinzelten Knaben unter dieſen vielen Männern, weiter übrig, als mich fleißig hinter meine Bücher zu ſetzen, zu leſen und zu lernen? Und wohl mir, daß ich hierin ein großes Behag3en fand, daß mir, Dank der beinahe väterlichen Fürſorge des guten Paters Ludovikus, in meinen Studien eine ganz neue Welt aufging. Er erlaubte mir jetzt ſchon häufiger, ihn in die Bibliothek zu begleiten, die ein großer Ofen wohlthätig durch und durch erwärmte, und da durfte ich denn in alten Legenden und Folian⸗ ten, die, in vergelbtes Schweinsleder gebunden, zu Hunderten auf den beſtäubten Repoſitorien ſtanden, blättern und nach Mirakeln ſuchen, ſo viel ich nur wollte. So ging freilich erträglich genug eine Woche nach der anderen in raſchem Fluge vorüber und wir näherten uns dem Weihnachtsfeſte, an das ich mit Wehmuth dachte, wenn meine Erinnerungen auf das vorige Jahr zurückfielen, wo ich in Amſterdam in dem behaglichen Feſtzimmer meines Oheims ſo ſchöne Ge⸗ ſchenke erhalten hatte. Indeſſen war mir zur beſonde⸗ ren Ermunterung ein Beſuch bei meiner Mutter waͤh⸗ rend der Feiertage verſprochen, und wenn dies Ver⸗ ſprechen nicht gehalten wurde, ſo lag das weder am Pater Guardian, noch an mir, da unerwartete Ereig⸗ niſſe entreten ſollten, die mir jenen Beſuch unter ſagten. und die feierliche Vesper verfehlte er nie. Sieiaber — 191— Ich komme jetzt wiederum auf den ſchon erwähn⸗ ten Pater Maximilian zurück. Vergebens waren bis⸗ her meine knabenhaften Bemühungen geweſen, mich in der Gunſt dieſes von mir ſo hoch geſchätzten Mannes, obgleich ich ihn eigentlich noch gar nicht kannte, empor⸗ zuſchwingen. Ruhig, ſtolz und einſam ging er ſeinen gewöhnlichen Weg, und nicht nur mich allein beachtete er wenig oder gar nicht; denn auch sede übri⸗ gen Patres zeigte er kalte Zurückhaltung; es war, als wenn er gar nicht zu ihnen gehörte. Nur mit dem Pater Guardian und Ludovikus lebte er in eigenthüm⸗ lich innigem Verkehre, während zwiſchen ihm und dem Vikarius etwas Schrofferes noch als Kälte herrſchte. Welcher Art ſein Verhältniß zum Kloſter und ſeinen Bewohnern eigentlich war, konnte ich damals noch nicht durchdringen, das aber ſtand feſt, daß er in vielen Be⸗ ziehungen und vor vielen Anderen Vorrechte genoß, die ihm die Gunſt des Guardians allein zu gewähren ſcien. Was die Erfüllung ſeiner religiöſen Pflichten anbetraf, ſo war es augenſcheinlich, daß er auch hierin weniger an ſtrenge Regeln gebunden war, als die übrigen Mönche. Er beſuchte zwar dann u wann eine Meſſe, in den meiſten aber fehlte er, und beichten ſah ich ihn niemals, Nur das ſonntägliche Hochamt — — 192— feſſelte ihn die muſikaliſche Aufführung, da er, wie ich bald erfuhr, der Mufik leidenſchaftlich ergeben war. Schon lange hatte ich, wenn ich auf die ſchönen Vorträge des Sängerchores andächtig horchte, eine tiefe und ge⸗ waltige Stimme herauserkannt, der die übrigen Stim⸗ men als der leitenden folgten. Das war ſeine Stimme. Es lag Mehan und unnennbare Gewalt in dieſen durch Mark und Bein dringenden Tönen. Von tiefer, melancholiſcher Färbung, wie ſeine ganze Er⸗ ſcheinung, erſchütterte ſie jedesmal meine Nerven ſo ſehr, daß ich oft dem Weinen nahe gebracht wurde, wenn ich aufmerkſam ihren Schwingungen nachlauſchte, die ſich an den Wölbungen des hohen Chores brachen und, wieder herabfließend, in den Herzen der Zuhörer langſam verhallten. Wenn er einzelne ſchöne Stellen allein ſang, war Alles Ohr, namentlich der Guardian und Pater Ludovikus; ſie hingen an ſeinen Lippen und hielten die Hände gefaltet, als ergöſſe eine himm⸗ liſche Erſcheinung ihre volltönenden Schallwellen über alle Geiſter. Und ſelbſt der Pater Vikarius, dieſer verſchloſſene und verbiſſene Mann, lieh ihnen nicht un- gern ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Ddieſe erhabene Stimme begeiſterte mich zur Nach⸗ eiferung, und ich theilte dem Pater Ludovikus eines Tages mit, daß auch ich mit einer kleinen Stimme be⸗ — 193— gabt wäre. Ich glaubte mich hierdurch dem angeſtaun⸗ ten Sänger zu nähern, allein ich hatte mich abermals verrechnet. Wohl wurde ich eines Tages an der Or⸗ gel von dem Laienbruder geprüft, der das Geſchäft des Orgelſpielens übernommen hatte, auch war Pater Maximilian zu dieſer Zeit in der Kirche, anderweitig beſchäftigt, zugegen, aber er wandte nicht einmal ſeinen Kopf nach meinem Geſange um, denf ſem ihm vielleicht armſelig, ſchwach und kindiſch vor. In Folge dieſer Prüfung hielt man mich für befähigt, im Chore mitzuſingen und ich empfing meine Noten zur Uebung. Am Abende nach jener Probe fragte ich Pater Ludovikus, wie ich geſungen hätte? „Du haſt gut geſungen, auch hat Pater Maximi⸗ lian Deine Stimme gerühmt.“ „O.— hat er ſie denn gehört? Er hat ja nicht einmal den Kopf nach mir umgewandt.“ „Kind! Merke Dir das, alle Menſchen hören nicht mit hingeneigtem Kopfe und Pater Maximilian braucht deſſen nicht, um Deine Fähigkeit zu begreifen. Ich habe es Dir ſchon einmal geſagt, er iſt ſchwer zu ergründen und zu erfaſſen, obwohl er auf Alles merkt, was um ihn her vorgeht.“ „O weh— und er hat mich damals in meinem Schmutze geſohen, als ich aus dem Schweinekoben kam. 44 Fritz Stilling. 13 — 194— „Ach, das hat er längſt vergeſſen, wie wir Alle. Solche Kleinigkeit hat keinen Einfluß auf ſeine Mei⸗— nung, auch hat er Dein Mißgeſchick bei'm Guardian für ſehr natürlich und verzeihlich erklärt, als der Vika⸗ rius es als eine Todſünde zur Sprache brachte. Aber behalte das für Dich.“ Mich erfreute dieſe Mittheilung ungemein und ich war von Neuem bedacht, mich auf irgend eine Art dem geheimnißvollen Manne zu nähern, wiewohl vergebens, bis um die Zeit des Weihnachtsfeſtes etwas Unerwar⸗ 3 tetes geſchah, was alle meine Hoffnungen in dieſer Beziehung belebte, mich aber auch zugleich mit Kum⸗ maer und Sorge ſeinetwegen erfüllte. Eines Tages nämlich, bei Tiſche ſitzend und mei⸗ naen Antheil Linſen und Rindfleiſch verzehrend, bemerkte ich, daß Pater Maximilian's Platz unbeſetzt blieb. An weite Wanderungen ſeinerſeits gewöhnt, glaubte ich ihn auch diesmal auf einer ſolchen begriffen. Aber auch Abends blieb ſein Stuhl leer und es ward ſogar kein Teller für ihn hingeſetzt. Als zur Frühſtückszeit am nächſten Morgen daſſelbe geſchah, wurde ich un⸗ ruhig und glaubte, daß er eine längere Reiſe unter⸗ nommen habe. Auf meine Anfrage erfuhr ich aber zu meinem Leidweſen von Ludovikus, daß ſein Freund ſich krank it beftnde eine ſehr ſclichte Nacht gehabt habe und 1* erfahrenen Arzt gerufen wiſſen will. Sonſt hat er — 195— unvermögend ſei, in den nächſten Tagen ſeine Zelle und ſein Bett zu verlaſſen. Ich wurde jetzt, ich weiß nicht aus welchezn Grunde, von einem ſonderbaren Gedanken wemgaut, indem ich mir einbildete, der Pater werde und könne durch keines Menſchen Hülfe als die meinige ſeine Geſund⸗ heit wieder erlangen. Meine Nachforſchungen nach ſeinem ferneren Befinden bei meinem Lehrer hatten indeſſen nur unzureichende Aufſchlüſſe zur Folge und ich begnügte mich für's Erſte, hoffnungsvoll auf ſeine Geneſung zu warten und dafür einige wohlgemeinte Gebete vor dem Hochaltare gen Himmel zu ſenden. Am Abende dieſes Tages, als ich auf Ludovikus Zelle arbeitete, wurde dieſer hinausgerufen, und als er nach einer halben Stunde wiedererſchien, ging er geſenkten Hauptes in dem kleinen Raume auf und nieder, ohne ſeine innere Unruhe ganz verbergen zu können. „Haſt Du etwas Trauriges erfahren, Pater Lu⸗ dovikus?“ fragte ich theilnehmend. „Rein, mein Sohn, Trauriges nicht, aber doch Ernſtes, was mich zum Nachdenken zwingt. Unſer Freund Maximilian iſt wahrhaft krank und ſein Zu⸗ ſtand flößt mir Beſorgniß ein, da er durchaus keinen 913* — 196— die Kranken hier im Kloſter behandelt und nun, da er ſelbſt leidend iſt, hat er Niemand zu ſeiner Unter⸗ ſtützung als meine ſchwache Perſon.“ „Ich will ſogleich nach anten hinüberfahren und einen Arzt holen,“ rief ich in meiner Beſtürzung und ſprang ſchon vom Stuhle auf. „Gemach, Knabe, gemach! Warten wir den Mor⸗ geu ab. Ich habe ihm wenigſtens einen kühlenden Trank für ſeine heißen Lippen gemiſcht und hoffe, der⸗ ſelbe werde ſeine Wirkung thun. Morgen wollen wir ſehen!“ Der Morgen kam, ich eilte früh in Ludovikus Zelle. Dieſer aber war ſchon zu ſeinem Freunde ge⸗ gangen. Als er endlich zurückkehrte, trug ſein Geſicht . einen noch ſorgenvolleren Ausdruck, als am vorigen Abend und er verhehlte mir nicht, daß der Krank⸗ heitszuſtand ſeines Patienten ſich keineswegs gebeſſert habe. „Ach,“ bat ich flehentlich den Pater,„laß mich zu ihm gehen, ich will ihn pflegen, bei ihm ſitzen, ihm das Getränk reichen und jeden Dienſt verrichten, deſ⸗ ſen er bedarf.“ „Hm! Ich habe nichts dagegen, werde aber rauuur mit Franziskus ſprechen.“ Um elf Uhr, nach der Stndeutenmeſſe der ie — 197— heute beigewohnt, wurde ichebenachrichtigt, Ludovikus werde mich zum Kranken führen. Ich konnte die Zeit kaum erwarten, bis es geſchah. Die Zelle Pater Maximilian's gehörte zu den größeren und beſſeren im Kloſter. Sie hatte zwar nur ein Fenſter in dem Flügel, der die Ausſicht nach dem Rheine bot, war aber geräumig genug, ſein Bett, einen großen Schreibtiſch und einen nicht minder gro⸗ ßen Bücherſchrank zu faſſen. Rechts von der Thür, durch die man eintrat, hing an der Wand ein altes, faſt ſchwarz gedunkeltes Heiligenbild von ziemlich ſchö⸗ ner Malerei. Sonſt aber war nichts Anderes darin zu ſehen, wie in jeder der übrigen Zellen. Das Bett ſtand links vom Eingang, dem Bilde gegenüber; dicht dahinter befand ſich eine zweite Thür, welche in eine kleine Nebenzelle führte, die aber unbewohnt und bis auf ein altes Bettgeſtell leer war. Ich trat beinahe zitternd und mit ſtarkem Herz⸗ klopfen ein. Der Kopf des Kranken lag, dem Lichte abgewendet, nach der Thür blickend. Mein Auge fuhr blitzſchnell nach ſeinem edlen Antlitze. Ach, es war roth, heiß und durch das Fieber ſichtbar verändert; die Augen hielt er geſchloſſen, nur die Finger bewegte hüpfend auf der wollenen Decke, die über ſeinen in ſeinos Hemde gekleideten Körper gebreitet war. — 198— Ich mußte mich, damit er mich nicht ſogleich ſehe, hin⸗ ter ſein Kopfkiſſen ſtellen und erhielt Unterweiſung, wie ihm der kühlende Trank, wenn er nach ihm verlange, löffelweiſe zu verabreichen ſei. Darauf entfernte ſich Pater Ludovikus leiſe und mit der Hand mir zum Abſchiede winkend. Ich athmete hoch auf; ich war zum erſten Male mit dem ſeltſamen Manne allein in einem Zimmer. Nachdem ich ihn lange angeſchaut und mich an ſeinem zwar veränderten aber immer noch edlen Geſichte er⸗ freut hatte, blickte ich mich neugierig im Zimmer um. Ein großes Buch lag aufgeſchlagen auf ſeinem Ar⸗ beitstiſch. Ich ſchlug den Titel auf und las: die Lehre von dem Lebens⸗Magnetismus, von einem Schüler Mesmer's. Ich verſtand davon nichts und fuhr in meinen Beobachtungen weiter fort. Daneben lag ein anderes größeres Buch; ich ſchlug es ebenfalls auf; es war eine Partitur der berühmten hohen Meſſe von Sebaſtian Bach. So betrachtete ich Mehreres, was ich ohne große Neugier zu verrathen betrachten konnte. Dann wandte ich mich wieder dem Kranken zu. „Waſſer!“ rief er mit matter Stimme. 8 3 4 cch ſprang ſogleich auf und flößte ihm ein Löffel von der bezeichneten Flüſſigkeit ein. Das wa meine erſte mediziniſche Handreichung. — 199— Mittags wurde ich in's Refektorium gerufen. Ich ließ jedoch den Guardian bitten, mir mein Eſſen auf die Krankenſtube zu ſenden, da ich dieſelbe nicht gern verlaſſen wolle. Man willfahrte mir. Ich aß raſch und wenig, denn mein ganzer, ſonſt ſo bedeutender Appetit war plötzlich verſchwunden. Nachmittags ka⸗ men der Guardian und Ludovikus ſelbſt, ſetzten ſich eine Weile vor das Bett und beſprachen ſich mit flü⸗ ſternden Worten. Endlich ſtanden ſie auf und traten an's Fenſter. Ich lauſchte mit zenſend Ohren, was ſie ſagen würden. „Was meinſt Du?“ fragte der Guardian. „Es iſt nicht ſchlimmer, nicht beſſer.“ „Wollen wir nicht einen Arzt rufen laſſen?“ „Wenn ich meinem Herzen allein folgen wollte, ſo würde ich Ja ſagen. Mir iſt es aber, als wenn eine innere Stimme, von dem Kranken ſich auf mich über⸗ tragend, ſich dem widerſetzte. Er will keine Arzenei und nimmt keine, ich weiß es, denn er hat es mir oft geſagt. Seine Natur helfe ſich ſtets allein.“ „Aber dieſe Krankheit iſt ernſtlicher als ein ge⸗ wöhnliches Uebelbefinden. Ich bin beſorgt, Ludovikus, ich kan es mir nicht länger verhehlen.“ udovikus ſchwieg, er ſann nach. In dieſem Au⸗ dabit ſeufzte der Kranke laut auf und legte Vee — 290— rechte, feine und ſchon jatzt merklich abgemagerte Hand auf ſeine glühende Stirk. Wir eilten an's Bett. „Willſt Du etwas, Maximilian?“ fragte der Guardian mit weicher Stimme. Er ſchlug die Augen auf, blickte die beiden Män⸗ ner eine Weile ſtarr an und ſagte dann:„Nein, nein, nein! Legt mir nur kalte und feuchte Tücher auf die Stirn. Ich brenne. Aber keinen Arzt!“ Es geſchah ſogleich, indem ein Gefäß mit Eis⸗ waſſer in's Zimmer gebracht und mir die Verabrei⸗ chung der Tücher übertragen wurde. Auf meine Bitte geſtattete der Guardian, daß mein Bett im Neben⸗ zimmer zubereitet wurde; mehr verlangte ich nicht, durfte ich doch ſo Tag und Nacht in des Verehrten 1 Nähe bleiben. In der erſten Nacht ſchlief ich faſt gar nicht. Jeden Augenblick ſprang ich aus dem Bette, um zu ſehen, ob der Kranke etwas bedürfe. Gegen Morgen ſchien er zu ſchlummern und ich ſchlief vor Müdigkeit ebenfalls ein. Als ich erwachte, war noch Niemand da. Ich drückte ein neues Tuch aus und breitete es vorſichtig über ſeinen Kopf. Er ſchlug die Augen auf und ſah mich zum erſten Mal, ſeit ich im uucesee lange und, wie es ſchien, aufmerkſam an. Mg — 201— „Wer biſt Du?“ fag er matt.„Ich kenne Dich nicht.“ „Fritz Stilling!“ antwortete ich.„Der Knabe im Kloſter.“ „Was thuſt Du hier?“ „Man hat mir Deine Pflege übertragen.“ Es erfolgte keine Antwort und er ſchloß wieder die Augen. So ging es zwei, drei Tage fort, das Weih⸗ nachtsfeſt hindurch, nur mit dem Unterſchiede, daß Pater Ludovikus ſo gütig war, mehrere Stunden des Tages im Nebenzimmer des Kranken zu ſitzen und mir mit leiſer Stimme den gewohnten Unterricht zu ertheilen. Denn dieſes wurde jetzt als mein Wohn⸗ zimmer betrachtet. Ich dachte während dieſer Zeit an keine Reiſe nach Weſel mehr. Das Befinden des Kranken blieb ſich im Ganzen gleich, nur magerte er bedeutend ab; aber die Hitze in ſeinem Kopfe ſchwand, an ihre Stelle war ein wohlthätiger Schweiß getreten, er ſchlief länger und ruhiger und ſeine Finger beweg⸗ ten ſich nicht mehr ſo krampfhaft wie früher. Bis⸗ weilen ſprach er ſogar ſchon einige Worte mit mir, wiewohl ohne eigentlichen Zuſammenhang. Da, am ſiebenten Tage, oder vielmehr in der ſiebenten Nacht, die ich ſchon bei ihm zubrachte, wurde ich plötzlich durch — 202— einen Schrei aus dem lafe geweckt. Im Nu war ich aus dem Bette und an der Seite des Kranken. Er hatte ſich aufrecht geſetzt und ſtarrte mit weit ge⸗ öffneten Augen in die blaue Luft. Dann erhob er die Hand, ſtreckte ſie weit von ſich und rief mit einem ſo wilden Geſichtsausdruck und ſo entſetzlich zerknirſch⸗ ten Tone, daß er mir noch heute in den Ohren gellt: „Da fährt er hin— holt ihn ein, holt ihn ein, ſonſt iſt Alles verloren!“ Nach dieſem wirren Ausbruch ſeiner Phantaſie legte er ſich nieder und ſchlief ruhig ein wie ein Kind. Es war der Höhepunkt ſeiner Krankheit geweſen, von nun an wurde es allmälig beſſer. Er ſchlief länger und ununterbrochener fort. Nur trank er noch ſehr viel von dem wiederholt erneuerten Labemittel. Als ich zwei Tage nach dieſer für mich ſchreckensvollen Nacht Morgens an ſein Bett trat, bevor noch Jemand in der Zelle geweſen war, hatte er die Augen auf und ſein ganzes Geſicht trug nicht mehr das Gepräge der Starrheit, vielmehr einer ruhigen Erſchlaffung, die je⸗ doch mit Bewußtſein verbunden war. Fragend blickte er mich lange Zeit an.* „Wie kommſt Du hierher?“ fragte er endlich ver⸗ wundert. „Ich habe Dich gepflegt, Pater Maximilian,“ — 203— erwiderte ich,„als Du ſehr krank warſt. Gelobt ſei Gott im Himmel, Du ſiehſt jetzt beſſer aus.“ „Habe ich in meiner Krankheit Dinge geſprochen, die Du verſtanden haſt?“ „Nur einmal und nur wenige Worte.“ „Welche Worte waren das?“ Ich wiederholte ſie ihm Sylbe vor Sylbe mit demſelben Ausdrucke, den ich behalten, da er meine Seele ſo tief erſchüttert hatte. „Weiter nichts? Beſinne Dich und ſei aufrichtig.“ „Weiter gar nichts, ich weiß es beſtimmt und ſchwöre es Dir zu.“ „So iſt es gut. Ich werde geneſen. Ich danke Dir.“ 8 Gleich darauf kamen der Guardian und Ludovikus und ſprachen lange und leiſe mit dem Kranken, nur einige Male glaubte ich meinen Namen nennen zu hören. Beide aber erfreuten ſich ſehr der eingetretenen Beſſerung. Als der Kranke und ich am Nachmittage deſſelben Tages wieder allein waren, rief er:„Fritz, biſt Du da?“ „Ja, Pater Maximilian, ich bin immer da. Wünſcheſt Du etwas?“ 88 „Wenn Du mir gefällig ſein willſt, ſo ſchließe jenes Pult auf. Der Schlüſſel muß im Schloſſe — 204— ihn her.“ Ich trug den Kaſten an ſein Bett. Er öffnete ihn und nahm eine ziemlich große Phiole heraus. „Rühre mir von dieſem Salze,“ ſagte er,„einen Eß⸗ löffel voll unter ein friſches Glas Waſſer.“ „Wird Dir das auch heilſam ſein? Soll ich nicht vorher den Pater Ludovikus rufen, damit er Dir rathe?“ „Nein, ich verſtehe mich beſſer darauf als er— beeile Dich.“ Ich rührte den Trank ein und reichte ihn bin. Er roch daran und trank dann raſch das ganze Glas leer. ſtecken. So. Rechts in der Ecke ſteht ein Kaſten, gieb „So!“ ſagte er,„das iſt mein ganzes Leiden, nun wird die Wirkung nicht ausbleiben.“ Und bald darauf war er wieder eingeſchlafen und ſchlief ſo lange, daß mir beinahe bange wurde. Am nächſten Morgen aber, nachdem die wahrſcheinlich er⸗ wartete Wirkung des Mittels reichlich eingetreten war, ſagte er zu mir mit freundlichem Tone: „Fritz, jetzt bin ich wieder auf dem Wege der Geneſung, ich bedarf Deiner Wartung nicht mehr. Ich danke Dir für Deine Bemühungen, Du kannſt mich aber jetzt verlaſſen.“ — 205— „O beſter Pater,“ bat ich,„weiſe mich nicht von Dir. Ich bin ſo gern gekommen, habe ſo viele Tage und Nächte an Deinem Lager zugebracht und möchte noch länger bei Dir bleiben.“ „Warum?“ fragte er in etwas ſtrengerem Tone. „Ich habe Dich lieb— ich habe ja Niemanden auf der Welt als meine Mutter, und die iſt blind und arm—“ „Du haſt den Pater Guardian und Ludovikus—“ „O ja, ich habe ſie, Gott ſei Dank! und liebe ſie ſehr— Dich habe ich aber noch mehr lieb.“ „Mich? Warum?“ „Ich weiß es nicht, aber ich habe Dich vom er⸗ ſten Augenblicke lieb gehabt, als ich Dich ſah, und Du haſt mich niemals angeblickt.“ Er verſank in tiefes und langes Schweigen. End⸗ lich glaubte ich eine vereinſamte Thräne in ſein leuch⸗ tendes Auge treten zu ſehen, die er aber raſch und im Entſtehen zerdrückte. Er ergriff meine Hand. „Darf ich Dir glauben, mein Sohn?“ Ich fiel auf die Kniee, faßte ſeine beiden weißen Hände und ſprach:„Pater Maximilian, vertraue mir, ich ſchwöre es bei meiner Seele, ich liebe Dii ob⸗ gleich ich nicht weiß, warum?“ Er Kerrichelte mein Haar, mein Gpſich und bicke — 206— mich liebevoll an.„Ich will Dir vertrauen, mein Sohn,“ ſagte er,„Dein junges und ehrliches Auge wird mich nicht täuſchen. Bleibe bei mir und behalte mich lieb— auch mich lieben Wenige auf der Welt. In den nächſten Tagen ſollſt Du mir Deine ganze Geſchichte erzählen, wie Du ſie Franziskus erzählt haſt. Ich will ſie aus Deinem eigenen Munde hören.“ Und auf ſeine Verwendung gab der Guardian nach, daß ich in ſeiner Nebenzelle bleiben dürfe, und ich wohnte darin, ſo lange ich noch im Kloſter war. Die Geneſung des Kranken ſchritt raſch fort— eines Abends erzählte ich ihm miſſ Eebenszwibigue I Am nächſten Morgen ſtand er zu erſten Male auf und ich erhielt die Erlaubniß, ihm ſein Haupt⸗ und Barthaar zu ſcheeren, was ich mit liebevoller Hand und einer Art von Begeiſterung that, ſo ſehr hatte dieſer ſeltene Mann mein junges Herz gefeſſelt. Von dieſer Zeit an begann nun ein ganz neues Leben für mich im Kloſter. Ich fühlte mich nie mehr allein; von — meinem Unterrichte ging ich in meine Zelle und arbei⸗ tete ſtill für mich oder ſprach mit Pater Maximilian, der es ſich angelegen ſein ließ, durch weiſe Belehrung das von Ludovikus theoretiſch empfangene Wiſſen von — 207— der Seite praktiſcher Brauchbarkeit zu beleuchten. So wiederholte ich bei ihm, ſo lernte ich von ihm und wurde allmälig und ohne es zu merken, geiſtig in die Wahrhaftigkeit und Helligkeit des Lebens übergeführt, obwohl ich leiblich noch innerhalb der düſteren Mauern eines Kloſters war. Und dieſer ſeltene Mann, mein jetziger faſt be⸗ ſtändiger Gefährte, hatte eine ganz beſondere Gabe, mir einen Gegenſtand des Lernens und Lebens zu⸗ gänglich und erfreulich zu machen und mich dadurch zu ſeiner vollſtändigen Erforſchung anzufeuern. Er be⸗ leuchtete ihn ſtets von dem Punkte ſeiner Anwendung aus. Das war mir etwas ganz Neues, zum Beiſpiel in der Mathematik und in der Geſchichte. So lernte ich nicht blos mechaniſch etwas Geweſenes, Todtes, ſo lernte ich geiſtig etwas Gegenwärtiges, Lebendiges. Auch meine Religionsanſchauungen nahmen unter ſei⸗ ner Darſtellung eine ganz andere, kräftigere und wahr⸗ haftigere Geſtalt an, denn Pater Maximilian hatte zwar jene innere Herzensreligion, die von Gott kommt und zu Gott geht, aber er war kein Frommer, kein Orthodoxer in der kirchlichen Bedeutung des Wortes. Zwar Katholik, war er ein aufgeklärter, denkender, im Wiſſen und Glauben fortſchreitender Katholik. Und merkwürdig war es, wahrzunehmen, wie er in Ver⸗ — 208— hältniß meiner geiſtigen Fortſchritte ſelbſt ſanfter, mit⸗ theilender, hingebender gegen mich und Andere wurde. Die Rinde ſeines ſtolzen und kalten Weſens ſchmolz gleichſam allmälig dahin, wie das Eis vor der herauf⸗ ſteigenden Sonne langſam ſchmilzt, er drückte ſich fortan weniger kurz in Worten aus, er nahm wärmeren An⸗ theil an dem Treiben Anderer und ſchloß ſich ſelbſt be⸗ reitwilliger gegen ſie auf. Ich erklärte mir dieſe Um⸗ wandelung ſpäter, als ich erſt ſeine Erziehung und Lebensereigniſſe kennen gelernt hatte, ſehr wohl, obgleich ſie mir zu der Zeit, von der ich jetzt ſpreche, noch ganz dunkel und räthſelhaft war. Sein bisher verſchloſſenes Innere hatte in meinem jugendlich offenen Herzen, wenn auch nur ein kleines, doch immer ein Gefäß ge⸗ funden, in welches er ſeine Gefühle und Gedanken aus⸗ ſchütten konnte; kein Menſch aber auf der Welt, und ſei er der Klügſte und Erhabenſte, kann, ohne etwas Neues in ſich aufzunehmen, etwas Altes aus ſich ab⸗ geben. Ohne es zu wiſſen, findet zwiſchen dem, den wir belehren, und uns, ſchon während der Belehrung ſelbſt, eine Gegenſeitigkeit des Aufſchluſſes Statt, wir tauſchen uns aus, und wenn wir auch nur Geringeres⸗ erhalten, als wir geben— wir erhalten i immer Etwas. Von mir konnte Pater Maximilian freilich nicht viel lernen, aber Eins lernte er gewiß. Er verſtand — 209— ſehr bald mein ganzes junges Herz, er begriff meine vollkommene Hingebung, er erkannte meine ungetheilte Neigung zu ihm. Durch die belebenden Ausſtrömun⸗ gen dieſer jugendlichen Seele wurde er ſelbſt belebter und dadurch ward ſein Weſen weicher, vertrauensvoller, hingebender. Und obgleich ich gerade zwanzig Jahre jünger war als er, ſo erkannte ich doch ſehr bald, oder wenigſtens im Laufe der nächſten Jahre, daß ich all⸗ mälig ſein junger Freund im Herzen, ſein Genoß im Geiſte wurde. Ob hierzu meine ſchnelle, körperliche und geiſtige Entwickelung, die jetzt mit Rieſenſchritten erfolgte, beitrug, weiß ich nicht, aber höchſt wahrſchein⸗ lich war es ſo. Das aber iſt ganz gewiß, daß in den nächſten drei Jahren, die ich im Kloſter verlebte, eine eben ſo große Umwandelung in und an mir, wie an meinem Zellengefährten vorging, denn eben ſo viel, wie ich an Alter, Wachsthum, Geiſtesſtärke zu ihm hinaufgeſtiegen war, ſchien er an Wärme, Herzlichkeit und Offenheit zu mir herabgeſtiegen zu ſein, ſo daß endlich ein Zeitpunkt eintrat, wo ich glauben durfte, es beſtehe kein Geheimniß mehr in ſeiner Bruſt, welches ich nicht wußte, keine Regung, welche ich nicht ver⸗ ſtand, kein Wunſch, welchen ich nicht mit ihm zu thei⸗ len fähig war. Wir weilten ſteks viel zuſammen, nicht allein im Fritz Stilling. I. 14 — 210— Zimmer, ſondern auch im Freien, im Garten, im Walde, auf weiten Spaziergängen, die er gern und⸗ häufig unternahm und auf welchen die vertraulichſte Unterhaltung über alle möglichen Dinge zwiſchen uns ſtattfand. Oft nahm Pater Ludovikus, ja der Guar⸗ dian ſelber, an ſolchen weiteren Ausflügen Theil, und das Zuſammenſein von uns Vieren wurde immer frucht⸗ barer, unſer Verhältniß immer inniger, als die bedeu⸗ tungsvolle Zeit, in der wir lebten, ihre gigantiſchen Erſchütterungen bis in unſer einſames Kloſter fühlbar herüberſchwirren ließ. Oft wurde von dieſer oder jener Seite gefragt, wie ſoll das werden, wohin ſoll das kommen, was haben wir zu erwarten? Denn daß unſer Vaterland einer verhängnißvollen Kataſtrophe entgegenſchritt, war dem beobachtenden Geiſte der drei mit mir verbundenen Männer lange kein Geheimniß mehr.—. Das eben Erwähnte konnte ich nur im Fluge vortragen, nur Einzelnes vermochte ich anzudeuten— denn Alles und Jedes vollſtändig zu entwickeln, wäre unmöglich geweſen, da mir noch ſo viele wichtige Er⸗ eigniſſe, im Kloſter ſelbſt vorfallend, zu erzählen übrig ſind, daß ich bei der größten Beſchränkung und Son⸗ 1 derung den mir geſtatteten Raum beinahe ſchon in Et⸗ was überſchreiten muß. So mag denn das in den — 211— letzten Blättern Angedeutete genügen; die jetzt folgen⸗ den Thatſachen werden anſcheinende Lücken ergänzen. und etwaiges Dunkel hinreichend aufklären. Im Herbſte des Jahres 1804 war leider Karl Lehmann aus meiner Nachbarſchaft geſchieden; bis da⸗ hin hatten wir unſern freundſchaftlichen Umgang unun⸗ terbrochen fortgeſetzt. Zu dieſer Zeit aber wurde er nach Münſter geſchickt, um in ein Handlungshaus zu treten und Fndurch ſeiner Beſtimmung näher zu rücken, denn er ſollte, nach ſeinem Wunſche und ſeines Vaters Willen, ein Kaufmann werden und ein recht großer, hatte mir der heitere Knabe oft im Scherze, aber es dennoch ernſtlich meinend, geſagt. Ich fühlte ſeine Ab⸗ weſenheit in der erſten Zeit wohl, aber Pater⸗Maxi⸗ milian füllte die geriſſene Lücke bald vollſtändig aus. Auch waren während N Zeit, die ich hier im Fluge durchwandele, mannithfache Aenderungen im Kloſter eingetreten; bekannte Mönche waren ausge⸗ ſchieden, theils nach anderen Klöſtern übergeſiedelt, theils geſtorben; für ſie waren jüngere wieder eingezo⸗ gen. Im Ganzen aber bemerkte man keine große Ver⸗ änderung, da die Hauptperſonen dieſelben geblieben waren und ihren alten Verkehr unwandelbar beibehal⸗ ten hatten. Freundſchaft, Aufmunterung, Duldung herrſchten unter Allen, und die einzige Störung, welche 14 4* — 212= Vikarius aus, der vor wie nach im Stillen brütend ſeine Tage verlebte und mit ſcharfem Blick, wie ein Habicht, aus der Ferne unſer Thun und Treiben bewachte und von Zeit zu Zeit bemäkelte. Eines Vorfalles beſonders erinnere ich mich, der uns trübe Stunden bereitete, und der, da ſpätere Handlungen und Ereigniſſe wahr⸗ ſcheinlich mit ihm in Verbindung ſtehen, hier genauer erwähnt werden muß. dieſes ſchöne Verhältniß zuweilen trübte, ging vom Pater VIII. Der Pater Vikarius. * 1 Es war in demſelben Winter, bald nach überſtandener Krankheit des Pater Maximilian, als ich mich eines Tages, ich weiß nicht mehr genau aus welcher Veran⸗ laſſung, ich glaube aber es war der Namenstag mei⸗ ner Mutter, in die Kirche begab, um meine Andacht im Stillen zu verrichten und für eine gute Geſundheit und ein langes Leben derſelben zu beten. Ich trat mit den Gefühlen der Ehrfurcht gegen Gott und der Dankbarkeit gegen alle Menſchen, die mir Gutes er⸗ wieſen hatten, in den heiligen Raum, ich welchem ich zu dieſer Stunde allein zu ſein glaubte. Draußen im freien Walde hatte die nahende Dämmerung ſchon ihre Schatten herabgeſandt, alſo herrſchte in der Wbe Kirche beinahe völlige Dunkelheit. Nur die h lige Lampe verbreitete mit ihrem flackernden Lichtglanze einen 5⁵ matten Schein über das hohe Chor, der zunächſt ziem⸗ lich ſcharf auf ein Bild von Wachs fiel, welches über einem der kleinen, ſchon früher erwähnten Seitenaltäre in einem Glasſchrein hing. Von wem und aus welcher alten Zeit es herrührte, weiß ich nicht, es wurde auch wohl wenig von den Mönchen, mehr dagegen von eini⸗ gen ſehr frommen Beſuchern der Kirche aus der Um⸗ gegend beachtet, die ihm eine große Wunderkraft nach verſchiedenen Richtungen bin zuſchrieben. Eigentlich war dieſes Bild eine Fratze, denn ſelbſt die gewöhn⸗ lichſten Kinderpuppen haben oft etwas Feierlicheres und Anziehenderes an ſich, als dieſe mit einer Krone von Goldpapier geſchmückte formloſe Figur. Ich warf mich vor dieſem Bilde nieder, weil es zufällig über dem Altare hing, vor dem ich betete, ſonſt dachte ich nicht einmal daran, wie ich ja ſchon früher in dieſen Blättern meine Meinung über dergleichen Darſtellungen ausgeſprochen habe. Während ich auf meinen Knieen lag und betete, hörte ich hinter mir einen feſten Schritt ſich langſam nähern, deſſen hohler Klang von dem Steinboden emporſtieg und an den düſteren Wölbungen des Gotteshauſes dumpf wieder⸗ hallte. Ich ſtand auf, denn ich hatte mein Gebet be⸗ endet. Als ich mich umwandte, ſah ich den Pater Maximilian vor mir, deſſen wohlbekannter Schritt ſe 8 1 — 215— mir ſchon aus der Ferne ſeine angenehue Nähe ver⸗ kündet hatte. „Was haſt Du vor dem Bilde da gethan?“ fragte er ernſt, indem er verächtlich mit der Hand nach der Wachspuppe deutete. „Vor dem Bilde? Nichts. Ich habe nur auf den Stufen des Altares für meine Mutter gebetet, deren Namenstag heute iſt.“ ⸗ „Dein Ausſpruch thut mir wohl, mein Knabe,“ ſagte der Pater feſt und feierlich, wobei ſeine weithin tönende Stimme laut durch die ganze Kirche ſchallte. „Ich glaubte ſchon, man hätte Dir Ehrfurcht vor jener Puppe eingeprägt. Es hätte mir wehe gethan, wenn Deine reine Jugend mit dem groben Irrthume befleckt würde, als wäre Gott oder irgend ein kleiner Theil von ihm in einem ſolchen von erbärmlicher Menſchenhand geflickten Machwerke vorhanden. Bete überall, denn Gott iſt überall, aber vor ſolchem Bilde bete nie, denn in dieſem iſt Gott am allerwenigſten. Ueberhaupt, mache das Beten nicht zu Deinem Hauptgeſchäfte. Gott ſieht Dichglieber arbeiten und fröhlich ſein, als immer nur ſcheinbar fromme, in Wahrheit aber ſinn⸗ loſe Worte ſprechen, die man ſich, ohne etwas Gött⸗ liches dabei zu denken, leider nur zu leicht angewöhnt. 4 28 — 216— Er iſt zufrieden mit einem Worte, wenn es aus dem Herzen aufſteigt, und dann mag es geſprochen oder gedacht werden im Walde, oder im Bette, oder wo es ſonſt ſein mag. Viel beten und nur beten, um zu beten, heißt frömmeln, aber nicht fromm ſein, und am wenigſten kann es Gott lieb ſein, wenn ſein heiliger Name zu tauſend Malen ohne Sinn und Verſtand vor ſolchem Lumpenwerke gewinſelt wird. Das iſt Bilder⸗ und Götzendienſt, aber kein Gottesdienſt. Komm, laß uns ein wenig in's Freie gehen, ſelbſt der kalte Odem Gottes iſt reiner und geheiligter als dieſer von ſtin⸗ kendem Weihrauche angefüllte Prieſtertempel. Er faßte meine Hand und drehte ſich um, der Thüre zu, als eine finſtere Geſtalt aus dem nahegele⸗ genen Beichtſtuhle ſich erhob und einige Schritte vor uns langſam dem Ausgange der Kirche zuſchritt. Augenblicklich hatte ich an ihren Umriſſen und ihrem ſchleichenden Gange die Geſtalt erkannt. Es war der Pater Vikarius, deſſen Anweſenheit in unſe⸗ rer Nähe ich am wenigſten vermuthet und gewünſcht hatte. Ich drückte daher voller Beſorgniß, daß er jene freiſinnigen Worte gehört hätte, die Hand Maximilian's und deutete mit der anderen auf den vor uns ſchrei⸗ tenden Mönch. Er drückte meine Hand wiedes, aber in einer Art und Weiſe, daß ich daraus entnahm, er * 24 — 217— kümmere ſich wenig um den Anweſenden und ich ſolle völlig ohne Beſorgniß ſein. Vor der Thür der Kirche auf der Flur brannte wie gewöhnlich eine helle Lampe. Unter ihr blieb der Vikarius ſtehen und erwartete uns. „Fritz Stilling!“ ſagte er mit ſinſterer Miene und grobem Tone,„erſcheine ſogleich bei mir in der Zelle.“ „Ich werde ihn aber begleiten, Pater Vikarius,“ erwiderte Maximilian mit gebieteriſchem Tone, wie ich ihn noch nie ſprechen gehört, und indem er ſich ſtolz und hoheitsvoll emporrichtete.„Ich bin begierig, zu erfahren, was Ihr dem Knaben zu ſagen habt, wenn ich, ich, der Pater Maximilian, in Eurem Sinne ein freies, aber wahres Wort geredet habe.“ „Mit Dir habe ich nicht zu ſtreiten,“ erwiderte ſtolz und kalt der Vikarius, indem er einen flammen⸗ den Blick auf meinen Begleiter ſchleuderte,„Du biſt in meinen Augen ſchon lange ein verrätheriſcher Ketzer.“ „Und Ihr ſeid nicht mein Beichtvater oder mein Apoſtel, oder mein Sittenprediger; beruhigt Euch, ich werde Euch niemals dieſer Ehre würdigen.“ „Wie? Und das wagſt Du mir in Gegenwart dieſes Knaben zu ſagen, der hier ein Beiſpiel nehmen ſoll, wie man ſich würdig, ſein Lebelang Gott zu die⸗ nen, vorbereiten muß?“ — a1s „Ja, das wage ich Euch nicht allein in Gegen⸗ wart dieſes Knaben, ſondern auch in Gegenwart Got⸗ tes und des ganzen Kloſters zu ſagen, Gottes, der Allles hört, Eure Worte und meine Worte, und Euch beſſer verſteht, als Ihr Euch vielleicht ſelber verſteht. Uebrigens iſt dieſer Knabe, ſo viel ich weiß, nicht hier im Kloſter, um ſich zum Mönchsleben nach Eurer Art vorzubereiten, wie Ihr zu glauben Euch die Miene gebt, ſondern um erzogen zu werden und in dieſer Stätte des Friedens Kenntniß und Bildung ſich anzu⸗ eignen. Ich ſollte meinen, ſeine Beſtimmung wäre Euch ſo gut bekannt, wie mir und allen Bewohnern dieſes Kloſters.“ Der Vikarius winkte mit der Hand und einer Miene, als ſei er überſättigt von den Ketzereien des Verhaßten, der furchtlos und gebietend vor ihm ſtand. Er drehte ſich um und höhnte:„Ihr werdet ſehen, wohin das führt— ich aber werde ſorgen, daß das Kloſter nicht überſchwemmt werde mit unreinen Schla⸗ cken, die das Heiligthum ſchänden und die Strafe des Höchſten auch auf die Unſchuldigen herabziehen.“ „Mit Worten iſt hier nichts gethan und Euer mönchiſcher Hochmuth iſt eine unreinere Schlacke hier⸗ ſelbſt, als meine und des Knaben Anweſenheit.. Und er wandte ſich fort, wie Einer, der ſchon zu — 2419— viel gehört und geſprochen hat, und trat, mich an der Hand haltend, in die ſtille Zelle des Guardians, dem er Wort für Wort das Vorgefallene mittheilte.** „Laß es gut ſein, Maximilian,“ ſagte dieſer mit— ſeiner ſanften und überredenden Stimme, indem eine ſchnell vorübergehende Röthe des Unwillens ſeine vol⸗ len Wangen überflog.„Es iſt ja nicht das erſte Mal, daß der Pater Henrikus Dich mit ſolchen Worten ſei⸗ ner übertriebenen Frömmigkeit überſchüttet, Du kennſt, ihn ja ſo gut wie ich. Laß ihn gewähren und ſelbſt, wenn er droht, wie er ſchon früher gethan, auf Deine Entfernung anzutragen, bleibe ruhig und getroſt, denn er hat ja nicht die Macht, weder Dich, noch den Kna⸗ ben aus dieſen Mauern zu vertreiben. Doch ich hoffe, ddieſe meine Aufforderung wird nicht nöthig ſein und Du wirſt von ſelbſt bei uns bleiben, ſo lange es Dir gefällt, denn der Pater Provinzial hat es Dir geſtat⸗ tet; und auch der Knabe bleibt hier, ſo lange wir es für gut und erſprießlich für ihn halten, denn auch das hat er erlaubt, trotzdem Henrikus uns jeden Tag ſein Verweilen vorwirft. Ich würde mich aber freuen, wenn Dein und des Paters Vikarius Angeſicht ſich V nicht immer wie zwei donnernde Feuerſchlünde gegen⸗ über ſtänden, denn der Zank um das Erhabene kaun ddeas Erhabene nie noch mehr erheben, und der Frieden ——— — 220— kann nie durch Unfrieden befördert werden.“ Und zu Maximilian ſich neigend, fügte er etwas leiſer hinzu: „Nimm Dich in Acht, Du ſtreiteſt nicht mit ſeinen Waffen.“ „Und er hat nicht meine vertrauende und um⸗ panzerte Bruſt!“ ſagte laut und feſt Maximilian. „Ich hoffe es, und nun kommt; wir wollen den Pater Ludovikus von ſeinen Büchern erlöſen und einen Spaziergang in der Dämmerung unternehmen, um uns mit ihm des Windes des Herrn zu erfreuen.“ 6 Doch kehren wir zu dem Winter 1804 zurück, bis wohin ich ſchon früher in meinen vorläufigen Mitthei⸗ lungen gekommen war. Es war eine aufgeregte Zeit für unſere ganze Umgegend und das Kloſter. Ein ſiegreiches franzöſiſches Heer ſtand unter Marmont in der Nähe von Utrecht, war alſo von uns nicht allzu⸗ weit entfernt. Viele Klöſter waren ſchon aufgehoben, andere hatten große Beſchränkungen erlitten. Man fürchtete Alles, weil man eigentlich nicht wußte, was man zumeiſt fürchten ſollte. In dieſen ſtürmiſch be⸗ wegten und ängſtlichen Zuſtand unſeres Kloſters ſiel wie eine beruhigende Gnadenwolke von Oben, der un⸗ erwartete Beſuch des Paters Provinzialis, der damals, — 221 8½ glaube ich, wie noch jetzt, in Paderborn ſeinen Sitz hatte. Wenn dieſer alte, wohlwollende und allgemein geliebte Mann bei uns erſchien, brachte er ſtets etwas Gutes mit ſich. So auch diesmal. Er beſchwichtigte ſogleich alle Beſorgniſſe, beſeitigte alle Furchtausbrüche für die Gegenwart, erweckte alle Hoffnungen für die Zukunft wieder. Er hatte, wie er ſagte, von höchſten und allerhöchſten Perſonen die Kunde, daß unſer Klo⸗ ſter bei'm Umſturz aller Dinge nicht angetaſtet wer⸗ den, daß alle Beſitzthümer demſelben ohne Beſchrän⸗ kung verbleiben würden. Ob er dieſes Alles beſtimmt wiſſen konnte, laſſe ich dahin geſtellt ſein; genug, der Segen ſeines Erſcheinens war da, er hatte den aufge⸗ regten Gemüthern die frühere Ruhe wiedergegeben, und das war für's Erſte das Nothwendigſte. Mit dem Pater Guardian war er übrigens auf das In⸗ nigſte befreundet, und er blieb auch diesmal mit dem⸗ ſelben oft ſtundenlang in ſeiner Zelle in geheimſter Be⸗ rathung eingeſchloſſen ſitzen. Manche alte Flaſche Weins wurde dabei geleert und auch wir bekamen, wenn auch eine geringere Sorte, bei Tiſche davon zu koſten. Mit dem Pater Vikarius hatté er eine lange und ernſthafte Unterredung, eben ſo mit Pater Maxi⸗ milian, den er, wie es mir ſchien, mit Auszeichnung und nicht wie einen gewöhnlichen Mönch behandelte. 2 — 222— Mein Verbleiben im Kloſter beſtätigte er bis zum achtzehnten Lebensjahre; wenn ich dann etwa Prieſter werden und zu dieſem Zwecke ein Seminar beſuchen wolle, ſollte ich je nach meinem Gefallen irgend eine Weltgeiſtlichen⸗Stelle, oder dies oder ein anderes Klo⸗ ſter zu meinem Aufenthaltsorte wählen können. Wid⸗ mete ich mich aber dem geiſtlichen Stande nicht, ſo müſſe ich jedenfalls mit Vollendung des achtzehnten Lebensjahres das Kloſter verlaſſen. Endlich ſchied er wieder. Da aber kam der hin⸗ kende Bote ſeines Beſuches unerwartet nach. Er er⸗ öffnete uns nämlich bei'm Abſchiedsmahle im Refekto⸗ rium eine Neuigkeit, die uns Alle in das grenzen⸗ loſeſte Staunen verſetzte und faſt alle Mönche, wie auch mich, mit wahrhafter Kümmerniß erfüllte. Er ſtellte es nämlich als dringend nothwendig und für unſer Kloſter beſonders erſprießlich dar, daß der Pater Guardian eine Rundreiſe zu enezen Biſchöfen antrete, die ihn ſogar bis Rom führen und ein ganzes Jahr vom Kloſter entfernt halten könne. Das Wort war geſprochen und Alle wußten, was ſie wiſſen ſollten; dieſes Wort aber hatte bei faſt Al⸗ len eine große Mißſtimmung hervorgerufen, bei Eini⸗ gen ſogar eine tiefe Bekümmerniß, denn es verſtand ſich von ſelbſt, daß der Pater Vikarius während der 4— 223— Abweſenheit des Guardians die Stelle deſſelben ein⸗ nehmen würde. Und kaum war der Provinzial abge⸗ reiſt, kaum hatten wir uns von dem erſten Schrecken dieſer bedeutungsvollen Thatſache erholt, da wurden ſchon die Rüſtungen zur Abreiſe des Guardians be⸗ gonnen, ſein kleiner Koffer gepackt und eine paſſende Reiſegelegenheit geſucht. Ich will mich nicht allzulange bei dem betrüben⸗ den Abſchiede des Guardians aufhalten, der nun theils öffentlich, theils insgeheim genommen wurde. Auch mir wurde eine lange Predigt in ſeiner Zelle, in Gegen⸗ wart der Patres Ludovikus und Maximilians, gehal⸗ ten. Letzterer wurde zum Frieden und zur Selbſt⸗ überwindung ermahnt; aber auch der Vikarius zur Mäßigung und Innehaltung der Grenzen ſeiner Be⸗ fugniß aufgefordert, vorzüglich aber vor Mißbrauch ſei⸗ ner Gewalt gewarnt. 3 Eines Morgens, an einem ſchönen, ſonnigen De⸗ zembertage, geleiteten wir den vielgeliebten Mann an den Rhein, wo ein vorüberkommendes Kohlenſchiff ihn aufnahm und nach dem Süden beförderte. Fort war er und der Pater Vikarius ergriff ſogleich die Zügel der Kloſterregierung mit fühlbarerer Hand. Alle hatten vorhergeſehen, was geſchehen würde, und Niemand hatte ſich getäuſcht, denn es trat Alles buchſtäblich ein, — 224— was befürchtet worden war. Aber bevor ich den kleinen Quälereien übergehe, deren Druck bald alle Mitglieder des Kloſters mehr oder minder empfinden ſollten, muß ich noch einer wichtigen Nachricht erwäh⸗ nen, die einige Tage nach der Abreiſe des Guardians bei uns eintraf. Der alte, gute Provinzial, der uns ſo eben verlaſſen, war plötzlich und unerwartet noch auf der Reiſe geſtorben, bevor er ſeine Heimat er⸗ reicht, und dieſer Nachricht folgte in einigen Wochen eine zweite, nicht minder wichtige, daß nämlich der Nachfolger deſſelben in der Perſon des... bereits er⸗ nannt ſei. Hatte der Vikarius über die erſtere Nachricht mit zurückgehaltener Freude nur gelächelt, ſo frohlockte er laut über die zweite. Der neu ernannte Provinzial war ſein Freuud und ſtand im Geruche, den Jeſuiten mehr als ergeben zu ſein. Beide Nachrichten brachten aber, wie es ſich von ſelbſt verſtand, bei den meiſten Kloſtermitgliedern den entgegengeſetzten Eindruck her⸗ vor. Alle trauerten im Stillen über den großen Ver⸗ luſt und fürchteten im Voraus von den Entſchließun⸗ gen des neuen geſtrengen Herrn. Selbſt der ſonſt unerſchütterliche Maximilian wurde bei dieſer Nachricht betroffen und hielt mit Ludovikus geheime Zwieſprache, zufolge welcher er aber wieder mit dem alten Ver⸗ * trauen und ſeiner gewöhnlichen ſtolzen Selbſtbeherr⸗ ſchung dahinſchritt und ſich in alle neuen Verfügungen des Vikarius ſchweigſam fügte. Denn dieſe neuen Verfügungen hatten zumeiſt ihn perſönlich betroffen. Gehen wir jetzt zu dieſen ſelbſt über. Zunächſt ward die Erlaubniß des Guardians, daß alle Mönche und Laienbrüder im Kloſter nach ihrem Gefallen, wo ſie wollten, bei Tiſche ſitzen konnten, aufgehoben. Ferner⸗ hin ſollte für die Reihenfolge der Tiſchordnung nur das Alter der Patres und Fratres, wie ſie in das Kloſter gekommen waren, maaßgebend ſein. Es ſaßen alſo jetzt die Alten zuſammen für ſich, und eben ſo die Jüngeren, ich kam dabei an das Ende der Tafel, ne⸗ ben dem jüngſten Laienbruder zu ſitzen und konnte mich mit den Patres Ludovikus, Maximilian und Hilarius nur durch Blicke aus der Ferne unterhalten. Sodann wurde der Dispens des Guardians, kraft welches Maximilian von den Bittgängen und ei⸗ nem Theil der Meſſen befreit war, aufgehoben; er, wie alle übrigen, ſollte, mit dem Schnappſack und dem Wanderſtab gerüſtet, von Ort zu Ort ziehen und von Bauern und Höfen die nothwendigen Speiſen holen. Endlich drittens mußte auch ich alle Meſſen be⸗ ſuchen, ſoviel ihrer geleſen wurden, und ſogar Mitter⸗ Fritz Stilling. I. 415 nachts wollte mich der geſtrenge Meiſter dabei haber, wogegen ſich aber Ludovikus ernſtlich auflehnte, indem er erklärte, ich ſei kein Mönch und meine körperliche raſche Entwickelung erheiſche die nächtliche Ruhe; ich ſei vielmehr nur des Studiums und der Erziehung halber im Kloſter. Außer dieſen drei mich und meine Freunde berüh⸗ renden Hauptgeboten wurden noch mehrere andere ge⸗ geben, die von geringerer Bedeutung waren; zum Bei⸗ ſpiel über die Dauer des Aufenthalts im Garten, über die Grenzen der Spaziergänge außerhalb des Kloſters, und was dergleichen mehr war. Sie wur⸗ den aber wenig beachtet und noch weniger befolgt, denn der Pater Vikarius hatte keine Polizeimänner zur Unterſtützung ſeiner Befehle im Kloſter und die Patres und Fratres hatten wohl alle Ohren, aber ſie ſchienen ſämmtlich mit einem Male ſchwerhörig gewor⸗ den zu ſein, ein Uebel, gegen welches ſelbſt Maximilian, ſo geſchickt er als Arzt war, kein Mittel empfehlen konnte. Und wie in der Welt Alles ertragen wird und ertragen werden muß, wenn es keine Abhülfe da⸗ gegen giebt, als ein geduldiges Herz, ſo wurden auch die ſtrengen Verordnungen des neuen Herrn ertragen; bald hatte man ſich daran gewöhnt und wußte, daß er für's Erſte nicht weiter gehen konnte, als er bereits e — 227— 8* gegangen war. Hiermit begnügte man ſich und ver⸗ trieb ſich übrigens die Zeit ſo gut, wie man konnte, während der ſtrenge Herr allein für ſich ſtand, gar keinen Umgang hatte und faſt einzig auf ſeine einſame Zelle beſchränkt war; denn ſobald er ſich einmal im Garten unter den Mönchen ſehen ließ, verlor ſich Ei⸗ ner nach dem Andern aus ſeiner Nähe und wich ihm aus, wie man einer Schlange ausweicht, weil man von ihr weiß, daß ſie Gift in ſich trägt und einen verbor⸗ genen Zahn zum Beißen hat. Auf ſeiner Zelle aber ſchien der gute Pater Vi⸗ karius alle Hände voll zu thun zu haben. Er ſchrieb faſt immer, wenn er allein war. Die Berichte, die er ſo ämſig ſeinem neuen Vorgeſetzten, dem Provinzial in Paderborn lieferte, mögen eben kein gutes Licht auf das Kloſter geworfen haben, denn die Folgen der⸗ ſelben blieben nicht aus, wie wir ſpäterhin ſehen wer⸗ den. Und auf wen er dabei ſeinen grimmigſten Haß geworfen hatte, war nicht leicht zu verkennen, wenig⸗ ſtens machte Pater Maximilian ſelbſt ſich keine Täu⸗ ſchungen darüber. Nie aber habe ich ihn ſtolzer und ſiegreicher geſehen, als in dieſer ſeiner Prüfungszeit, und wohl konnte er ſtolz und ſiegreich ſein, denn er beſaß ein Herz, welches nicht zu zittern verſtand, und allen Stichen und Angriffen offener Leidenſchaftlichkeit, . 4 15* 7 — 228— wie verborgener Hinterliſt des Paters Henrikus männ⸗ lich und ſogar drohend widerſtrebte. Ohne mich bei den immer näher heranſtürmenden politiſchen Ereigniſſen jener Zeit aufzuhalten, die ja ohnedieß bekannt genug ſind und mehr oder minder im Kloſter mitempfunden wurden, erwähne ich hier nur, daß wir während jener oben geſchilderten Vorgänge in das Jahr 1805 eingetreten waren. Der Winter war nicht allzu ſtreng geweſen, der Frühling entwickelte ſich ſchnell, und Wälder und Fluren erſchloſſen ihre Schätze, reichlich und ergötzlich für Auge und Herz. Es war in den erſten Tagen des Juni, als den Pater Maximilian die Reihe traf, einen jener vieler⸗ wähnten Bittgänge anzutreten. Frühzeitig benachrich⸗ tigt, hatte Ludovikus mir den Tag zur Begleitung des Freundes überlaſſen. Maximilian trug einen gro⸗ ßen leeren Sack über der Schulter, ich einem Korb von ziemlichem Umfange in der Hand. Beide waren wir mit tüchtigen Knitteln verſehen. Morgens acht Uhr gingen wir fort und ſchlugen zunächſt den Weg nach dem Rheine ein. Der Wald duftete, Blüthen Wund Kräuter goſſen ihre ſüßeſten Gerüche in die linde Luft 4 220— aus; es war eine Wolluſt, in vertraulichem Geſpräch mit einem Freunde dahinzuwandeln, wie man ſie in der Jugend und der Frühlingszeit, wenn die Wärme des Blutes und des Jahres noch nicht zur Hitze aus⸗ geartet iſt, bisweilen zu genießen Gelegenheit hat. Wir waren bereits in einigen Höfen geweſen und 3 Maximilian hatte ſchon einige Hühner geſammelt, wäh⸗ rend ich ſelbſt vorſichtig ein Schock Eier in meinem Korbe trug. Wir ſchritten in ziemlich ununterbagchenem Geſpräch weiter vor, als mein Begleiter plötzlich ſtehen blieb und ſagte:„Komm, laß uns dieſen Weg eine Strecke zurückgehen und dann durch die Edeltannen den Weg nach des Grafen Schloß verfolgen. Er ſelbſt iſt zwar nicht anweſend, aber ſeinen Verwalter dürfen wir heute nicht vorübergehen; ſo füllen wir am ſchnellſten unſere Taſchen.“. Geſagt, gethan. Bald nahm uns das dunkele Gehölz balſamiſcher Edeltannen auf, in dem wir wohl eine halbe Stunde lang, ohne faſt zu ſprechen, fort⸗ ſchritten. „Hier iſt es herrlich,“ ſagte Pater Maximilian, „wenn gleich die Schuhe beim Gehen auf den Nadeln glatt werden; findeſt Du es nicht auch? Du ſchweigſt aber. Haſt Du etwas auf dem Herzen?“. „Ja, Maximilian, ich habe Dich ſchon lange nach — 230— etwas fragen wollen und heute ſoll es endlich geſche⸗ hen. Ich habe mir ſchon oft den Kopf darüber zer⸗ brochen, kann es aber nicht ergründen und verſtehen. Gieb mir Aufſchluß über das, was ich wünſche.“ „Nun, was mag das für ein wichtiges Ding ſein?“— „Du haſt unter Deinen Büchern ein Buch, wel⸗ ches von einem Schüler Mesmer's— ich kenne dieſen nicht— verfaßt iſt und über den Lebens⸗Magnetis⸗ mus handelt.“ „Ha!— Was ſoll es damit?“ „Was iſt das? Ich verſtehe es nicht.“ „Mein junger Freund, höre mich an. Klügere und ältere Leute als Du haben ſchon oft daſſelbe ge⸗ than, was Du jetzt thuſt, und eingeſtanden: wir ver⸗ ſtehen das nicht. Sie haben auch Recht damit gehabt. Denn nur höhere und begabtere Organiſationen kön⸗ nen das große und erhabene Geheimniß begreifen, wel⸗ ches in dieſem räthſelhaften Worte liegt. Nicht Vie⸗ len iſt es gegeben, die Wahrheit zu ergründen, die der Begriff dieſes Wortes umfaßt, und leider haben ſich deshalb ungeſchickte und erbärmliche Menſchen genug gefunden, die den unverſtandenen Begriff nach ihrer Auffaſſung, zu eigenem Nutzen und zu Anderer Scha⸗ — 231— den uszubeuten nicht errötheten. Und dadurch iſt die erhabene und unerſchöpflich tiefe Lehre des Magnetis⸗ mus im Allgemeinen in Verruf gekommen; man hat ſie verdammt, als etwas Unſittliches, man hat ſie lä⸗ cherlich nea als etwas Phantaſtiſches, und zuletzt hat man ſie für ein Hirngeſpinnſt Verrückter oder für ein Kunſtſtück argliſtiger Betrüger gehalten. Im Gan⸗ zen aber biſt Du noch zu jung und unerfahren in der Wiſſenſchaft, um zu verſtehen, was ich Dir darüber vorläufig mittheilen möchte. Nur ſoviel erfahre: die Lehre von Lebens⸗Magnetismus iſt keine Träumerei, ſondern es liegt ihr eine, wenn auch nur wenig er⸗ forſchte, Wahrbeit zum Grunde. Beſchäftige Dich üb⸗ rigens nicht vorzeitig mit dieſer Lehre, Du könnteſt das Nützlichere darüber aus den Augen verlieren. Erſt wenn Du Dein Studium als Arzt vollendet und dann noch Luſt und Zeit haſt, tiefer in den verborgenen Geiſt der Natur und ihre geheimnißvollen Quellen zu drin⸗ gen, erſt dann magſt Du Dich darum bekümmern. Und auf daß Dir dieſer Weg ein leichter werde, will ich Dir, wenn Du mich verläſſeſt, eine Schrift mitthei⸗ len, die ich ſelbſt verfaßt habe und die Alles geſam⸗ melt enthält, was Wahres und Wichtiges in dieſer Lehre von aufgeklärten Männern bisher feſtgeſtellt iſt. Bis dahin aber laß es ruhen— künftig ein Mehreres — 232— darüber.— Hier aber laß uns einen Augenblick nie⸗ derſitzen.“— Wir hatten den ſchönen Weg durch die Edeltan⸗ nen zurückgelegt und waren in eine trichterförmige Vertiefung gekommen ‚die mit einem weichen Teppich ſchwellenden Mooſes bedeckt war. Rings umher in weiterem Umkreiſe ſchüttelten im leichten Morgenwinde junge Buchen und Erlen ihre kühlenden Wipfel, deren dichtbelaubtes Blätterwerk den Strahl der wärmer ge⸗ wordenen Sonne kaum durchdringen ließ. Maximi⸗ lian war durch das Gehen und Sprechen warm ge⸗ worden, er warf ſich in das kühle Moos nieder und ſtreckte ſeine Glieder behaglich darauf hin. „Wie das erquickend iſt,“ ſagte er freudig,„am Buſen der wohlmeinenden Erde zu liegen und himm⸗ liſche Milch aus ihren vollen Brüſten zu trinken— o Kuabe, wie ſchön iſt die Welt und wie niederträchtig häßlich machen ſie die Menſchen!“ Und er ſtarrte mit weitgeöffneten Augen in das reine Blau des Himmels empor und ſchien darin den Schöpfer ſuchen zu wol⸗ len, der dieſe ſchöne Welt zur Freude der Menſchen geſchaffen und doch darin die Schlange mit ihrem Gifte und die verführeriſcheſte Schlange von allen, den Menſchen mit ſeinem nimmerſatten Geiſte und ſeinen Leidenſchaften zugelaſſen hat. .— 233— Dann begann eine Nachtigall erſt leiſe, dann lauter, dann mächtig zu ſchlagen, ihre ſchmetternden Töne füllten das Gebüſch, die Luft und unſer Ohr. „Horch!“ rief Maxmilian und ſetzte ſich aufrecht hin—„das iſt ein Bote aus jener beſſeren Welt, wo es keine Schlangen und vielleicht auch keine Menſchen giebt.“ 4 Wir horchten athemlos, entzückt, überwältigt von der hinreißenden Gewalt, welche die Stimme einer klagenden Nachtigall ausſtrömt. Maximilians edles Geſicht röthete ſich mehr und mehr, ſeine Miene nahm etwas Lächelndes und Glückſeliges an, was ich ſelten an ihm wahrgenommen hatte, und ſichtbar brach ſich eine innere und lebendige Wallung in ihm Bahn. Ich blickte auf ihn hin wie auf einen mir unbekannten Menſchen. „Sie ſchweigt!“ rief er laut.„Ha! Mich wan⸗ delt die Luſt an, auch meine Stimme ſie hören zu laſſen und die ihrige wieder damit hervorzulocken. Knabe, Gefährte, Freund— höre, was Du noch nie gehört haſt; ich will einmal vergeſſen, daß ich ein Mönch bin, will einmal wieder jung und glücklich ſein — höre mich an!“ Er ſtand auf, ſeine breite Bruſt dehnte ſich kräf⸗ — 234— tig; er blickte zum Himmel auf und beide Arm ihm entgegenſtreckend ließ er eine Stimme erſchallen, die mir durch Mark und Bein ſchmetterte, ſo daß die Er⸗ ſchütterung meiner Nerven Entzücken und Wonne gleich einem kalten Schauer durch meinen ganzen Körper rieſeln ließ. Er hatte ein Recitativ einer der neueren Opern gewählt, dem ſich eine ergreifende Arie anſchloß. Ich glaube, ſie ſtammte aus Mozart's erhabenſtem Meiſterwerke. Ich ſtand auf und athmete nicht mehr. Meine Ohren waren mit ſeinen Tönen zuſammenge⸗ wachſen und meine Augen verſchlangen ihn faſt. Mäch⸗ tiger habe ich nie eine menſchliche, tiefe, beinahe don⸗ nernde Stimme erſchallen hören. Im lauten Echo wiederhallte ſie in der blauen Ferne, gegen die kryſtal⸗ lenen Gewölbe des Himmels aufſteigend. Die tau⸗ ſend Vögel, die eben erſt mit ihren friſchen Kehlen um uns geſchmettert und geflötet hatten, verſtummten, gleichſam verwundert, wie es eine ſolche Stimme geben könne. Lauſchend waren der Wald, die Nachtigall und die Lüfte, lauſchend war auch ich ganz Ohr. Er endete. Triumphirend wie ein Sieger ſchritt er heftig, die Arm auf⸗ und abbewegend, auf dem Ra⸗ ſen hin und her, mit leuchtenden Augen und geröthe⸗ ter Stirn zum reinen Himmel aufblickend. Endlich ſtand er ſtill, ſah mich an und rief: — 235— „Nun— was ſagſt Du jetzt? Haſt Du ſchon ſo etwas gehört?“ Ich wußte nicht, was ich ſagen ſollte.„Nein,“ ſagte ich endlich,„nein, Maximilian, nein! Aber wo haſt Du dieſe Stimme her? Im Kloſter haſt Du nie ſo geſungen.“ „Ha! So ſingt man nicht im Kloſter, ſo ſingt man allein vor Gott, oder höchſtens vor einem Men⸗ ſchen, der es verſteht, oder vor ſich ſelber. Ja, ich kann's noch, noch bin ich ungeſchwächt an Kraft und Jugend, noch bin ich— ich!“ „Aber wo haſt Du das her, Maximilian?“ fragte ich immer noch erſtaunt, beinahe erſchrocken. „Wo ich es her habe? Von der Natur, von Gott, von wem ſonſt? Ach, dieſe Stimme, mein lie⸗ ber Fritz, ſo ſchön ſie iſt, ſie hat mir doch mehr Kum⸗ mer in meinem Leben verurſacht, als irgend etwas Anderes, und ſo lieb ſie mir iſt— ich wollte— oder nein! ich würde ſie doch nicht fortgeben, denn ſie ward mir von Ihm!“ „Aber die Ausbildung, Maxmilian? Du mußt in der Jugend guten Unterricht genoſſen haben?“ „Freilich, freilich! Aber ſieh! Gerade die Aus⸗ bildung der Stimme iſt es, was an der meinigen nicht das Vorzüglichſte iſt. Die letzte Stufe der Vollkom⸗ — 236— menheit fehlt mir— ich konnte ſie nicht erreichen, weil, weil— ich nicht ſollte. Aber an Kraft, Umfang, Fülle, Ton— ich kann es Dir ja dreiſt ſagen— hier hört mich ja Niemand, der mich für einen Lügner oder einen eingebildeten Thoren halten könnte— thut es mir Niemand nach, Niemand, ſage ich, denn es giebt in ganz Deutſchland keine Stimme wie die meinige.“ „Aber ich ſollte meinen, auch Deine Ausbildung ſei vollendet?“ „Das kennſt Du nicht. Sieh, mit der menſch⸗ lichen Stimme iſt es, wie mit dem edlen Roſſe und dem funkelnden Diamanten. Zwiſchen natürlicher und ausgebildeter Stimme iſt es derſelbe Unterſchied, wie zwiſchen einem wilden und zugerittenen Pferde, wie zwiſchen einem rohen und geſchliffenen Diamanten. Ich hätte vollkommen darin werden können wie keiner — aber— es ſollte nicht ſein— und es iſt gut ſo!“ Und er verſank in trauriges Schweigen, indem er ſich wieder niederſetzte, ſtützte den Kopf in die Hand und verlor ſich in ſeine eigenen Gedanken. Nach einer Weile fing ich wieder an:„Maximi⸗ lian, Du haſt mir ſchon ſo vieles erzählt, aber über Dein eigenes Leben haſt Du immer geſchwiegen. Heute habe ich den erſten Zug daraus erfahren— laß mich — 237— das Ganze wiſſen, erzähle mir einmal vollſtändig die Begebenheiten Deines Lebens— ich bitte Dich darum!“ „Lieber Junge!“ erwiderte er mit weicher und gefühlvoller Stimme:„ich habe ſelbſt darüber ſchon nachgedacht. Du ſollſt auch einſt meine Lebensge⸗ ſchichte vernehmen, wie ich die Deine vernommen habe. Aber glaube mir, obgleich ich keine blinde Mutter habe und nicht ſo arm bin wie Du, ſo iſt ſie doch noch bitterer als die Deine. Sie verlangt aber ein reifes und geſtähltes Herz, denn ſie iſt voll von Erſchütte⸗ rungen, die ein zartes Herz brechen könnten. Du biſt zwar ſtark, groß, verſtändig für Deine Jahre, aber— warte noch. An dem Tage, wo Du Dein ſiebzehntes Jahr erreicht haſt— alſo in einem Jahre— wenn Deine Jugendbildung vollendet iſt und das weite, grelle Leben vor Dir liegt, dann ſollſt Du ſie zu Deiner eigenen Stählung und Läuterung von mir vernehmen. Bis dahin gedulde Dich. Jetzt aber laß uns weiter gehen und— Eier, Butter und Hühner ſammeln!“ Und wir thaten, wie er ſagte und kehrten erſt ſpät Abends, nachdem wir auf einem Gute gegeſſen, mit einem vollen Sacke und Korbe, keuchend unter un⸗ ſerer ungewohnten Laſt in das Kloſter zurück— —x— IX. Mein Geburtstagsgeſchenk. Und wieder war raſch und unmerklich ein langer Zeitraum verſtrichen und jenes traurige, aber auch heilvolle Jahr für unſer Vaterland war angebrochen, von dem in unſerer Geſchichte eine neue und glänzen⸗ dere Aera beginnen ſollte, als die kurz vorhergegan⸗ gene geweſen war. Freilich, wir, in der Gegenwart lebend, ſahen damals nur das Traurige; das Heilvolle, noch im Schooße der Zukunft verborgen, aber aus je⸗ nem Traurigen hervorkeimend, konnten wir kurzſichtigen Menſchen noch nicht durchſchauen. Aber ahnen moch⸗ ten wir es theilweiſe wohl, wenigſtens gab es unter den Männern, mit welchen ich damals lebte, einige, die ſich nie das Grauen der Gegenwart verbargen, aber auch die Hoffnung der Zukunft nie aus den Au⸗ gen und dem Herzen verloren, ja, eine ruhmvolle Wie⸗ — 239— derauferſtehung ſeltener und nie dageweſener Art, weit⸗ ſichtig genug, vorausverkündeten.— Im Kloſter war auch dieſes letzte Jahr in ſeiner 8 gewöhnlichen Weiſe verſtrichen, nichts Beſonderes war geſchehen, nur die Hoffnung keimte mit dem jungen Jahre hervor, im Laufe der nächſten Monate von den kleinen Leiden befreit zu werden, die aus der zeitigen Herrſchaft des Paters Vikarius entſprungen waren.. Mein Unterricht bei'm Pater Ludovikus wurde regelmäßig fortgeſetzt; redlich hatte der wackere Mann ausgehalten und trotz ſeiner körperlichen Gebrechen, die aber merkwürdiger Weiſe mit den Jahren immer geringer geworden, war er bis zum Ende deſſelben eben ſo willfährig und hingebend geblieben, wie er am Anfange geweſen war. Und glücklicherweiſe wurde er dadurch für ſeine langen Mühen belohnt, daß er ſei⸗ ner Ausſaat entſprechende Früchte an ſeinem Schüler wahrzunehmen glaubte. Ich war ſo ziemlich für ein ernſtes Studium reif, freilich nur, wie man es in da⸗ maliger Zeit verlangte, denn die allgemeine und in's Einzelne gehende Bildung oder vielmehr Ausdrechſelung der heutigen Jugend war mir wohl nicht mit den vor⸗ handenen Mitteln beizubringen geweſen. Was ich aber wußte, wußte ich ordentlich und es ſaß feſt; in manchen Diß iphen ſogar, zum Beiſpiel im Lateini⸗ X — 240— ſchen, konnte ich dreiſt mit einem heutigen Primaner den Wettkampf aufnehmen. Da erſchien am 26. April 1806 Mittags, gerade als alle Bewohner des Kloſters im Refektorium ver⸗ ſammeelt waren, unerwartet und zu allgemeiner Freude unſer guter Pater Guardian. Ein Schiff hatte ihn in der Stille wieder gebracht und er war an's Land ge⸗ ſtiegen, ohne von irgend einem Bekannten der Umge⸗ gend bemerkt worden zu ſein. Ich ſehe ihn noch an jenem Tage in meiner Erinnerung vor uns ſtehen, friſch und geſund, glücklich und ſtrahlend vor Freude, wieder unter den Seinigen in der geliebten Heimat zu ſein. „Junge!“ rief er, als die Begrüßung auch an mich gekommen war,„wie biſt Du gewachſen und kräf⸗ tig geworden! Nun, ich ſehe es, Du ſtehſt immer noch mit dem Pater Hilarius, dem Küchenmeiſter, auf gu⸗ tem Fuße. Hal welch' männliches Geſicht hat er be⸗ kommen! Da darf er wohl“— wandte er ſich an die Patres Ludovikus und Maximilian, die, herzlich froh, ihn wieder zu haben, unzertrennlich an ſeiner Seite ſtan⸗ den—„da darf er wohl heute Abend ein Glas Wein mit uns auf meiner Zelle trinken? Komm, Fritz, Du biſt mit unſeren Freunden eingeladen und wie ſie will 3 44— kommen!** — 241— Und während der Pater Vikarius dieſen Abend grollend und brütend, aber auch im Stillen triumphi-⸗— rend, denn er wußte, was wir noch nicht wußten, ſeine Pläne bis zum Pflücken gereift— auf ſeiner Zälle zu⸗ brachte, ſaßen Ludovikus, Maximilian und ich deim Guardian und berichteten mit kurzen Worten das Vor⸗ gefallene und hörten die Erlebniſſe des Guardians auf ſeinen Reiſen von ihm erzählen. „Freunde,“ ſagte er,„vergeſſet das Vergangene, denn nun iſt die Trennung und was ſie Uebles mit ſich brachte, vorüber; der einſtweilige Regent hat dem noch lebenden alten Könige ſein Scepter wieder über⸗ geben, und es ſoll vor wie nach milde und weiſe ge⸗ ſchwungen werden. Von heute an iſt die alte gute Ordnung in Allem wieder hergeſtellt, wie ſie früher war, Ihr habt Eure Freiheit, zu ſchalten und zu wala ten nach Gottes Willen und Eurer Einſicht, und nun laßt uns auf ferneres Wohlergehen und inniges Zu⸗ ſammenhalten ein volles Glas dieſes alten Weines lee⸗ ren— mögen wir noch viele Jahre freudig und fröh⸗ lich bei einander leben!“ „Bis auf mich!“ ſagte ich, nachdem wir getrun⸗ Wen,„denn übermorgen über ein Jahr bin ich achtzehn alt.“. „Ein Jahr iſt lang, mein Sohn, es kann ſich 4 Fritz Stilling. I. 16 2 — 242— Vieles darin ändern. Fürchten und bangen wir nicht vor der Zeit. Und Du wirſt glücklich ſein, auch ein⸗ mal dem Leben anzugehören, und das Leben wird Dir heiter und ſonnig erſcheinen. So ſei es, trinken wir darauf!“ „„Wolle es Gott!“ dachte ich,„Amen!“ und ceerte mein Glas.— Ich konnte des nächſten Tages Schluß und den Anfang des darauf folgenden kaum erwarten. Mir war ja verheißen, Pater Maximilian's Geſchichte zu hören, und daß er ſelbſt an ſein Verſprechen dachte, ſah ich ihm wohl an, denn er war ernſter, ſchweig⸗ ſamer und feierlicher geſtimmt, denn je. Endlich brach die Sonne des 28. April hervor. Ich war alſo ſieb⸗ zehn Jahre alt. Welcher Reichthum an Jahren hinter mir, dachte ich, aber welcher noch größere vor mir! Welche hohe Stufe der Entwickelung für mich Armen, Verwaiſten, Verlaſſenen hatte ich erſtiegen! Aber welche Ausſichten lagen vor mir, welche Hoffnungen, welche Erwartungen? Ach! ich war immer noch ſehr arm, ſehr hülfsbedürftig, um weiter zu kommen, aber — ich war ſiebzehn Jahre alt, alſo reich an Jugend, reich an Kraft und Geſundheit, reich an Hoffnung und Vertrauen— war ich nicht trotz meiner Arnulh und Sülihedrſtiateit zu beneiden? — 243— Und es war ein ſchöner Tag dieſer 28. Aprih) ein wahrer Frühlingstag mit keimenden Gräſern, grünen⸗ den Blättern und ſchlagenden Nachtigallen. Ich war ſchon früh auf den Beinen und rüſtete mich feierlich zu dem Bevorſtehenden. Denn ich hatte ein Gefühl, als ob mir etwas Ernſtes begegnen ſollte. Um neun Uhr Morgens trat ich vor Maximilian und blickte ihn fraäh⸗ gend an. Er richtete ſein großes glänzendes Auge auf mich und fragte:„Biſt Du fertig?— Nun wohl, ſo will ich Dir mein Verſprechen halten. Komm, laß uns in den Wald gehen und verfolgen wir den Weg durch die Edeltannen nach dem Mooskeſſel hin, dort ſind wir ungeſtört.“ Und ſchweigſam aber raſch ſchritten wir unſerem Ziele entgegen, als könnten wir Beide die Zeit nicht erwarten, er, ſeine Zunge zu löſen, ich, meine Ohren zu füllen. Endlich waren wir an Ort und Stelle an⸗ gelangt. „Fritz,“ ſagte er, indem er ſich zu mir auf den Raſen niederließ, meine Hand ergriff und warm drückte, „ich wünſche Dir Glück zu Deinem heutigen Feſttage; Du trittſt heute in das männliche Alter und biſt, der Reife Deines Innern nach, in Folge Deiner Erziehung und Deines Umgangs, ſchon ein angehender Mann. Bleibe gut und redlich, wie Du es jetzt biſt, das An⸗ 16 8 — 244— dere giebt Gott. Aber auch mir wünſche Glück zu dem heutigen Tage, daß ich, wie Du einen Mentor gefun⸗ den haſt, in Dir einen Schüler beſitze, in deſſen mit⸗ fühlendes Herz ich den Kummer meiner Seele aus⸗ ſchütten kann. Du biſt heute nicht allein der Glück⸗ liche, der ſeinen Geburtstag feiert, denn Du biſt heute erſt ſiebzehn, ich aber bin ſiebenunddreißig Jahre alt, wir ſind Beide an demſelben Tage, nur zwanzig Jahre auseinander, geboren.“ „Maximilian!“ rief ich und fiel ihm, überſtrö⸗ mend von Gefühl, um den Hals. „Ich danke Dir, mein Junge, ich danke Dir innig. Ich verſtehe Alles, was Dein einfacher Ausruf ſagen will. Doch jetzt laß mich eilenzys brennt mir auf dem Herzen, die Laſt will herunter, ſie hat lange genug einſam und der Stunde der Erlöſung harrend darauf gelegen. Was Du aber auch erwarteſt, erwarte nicht zu viel. Mein Leben iſt, ein einziges Ereigniß abge⸗ rechnet, nur eine Kette fortlaufender innerer, nicht äu⸗ ßerer Erſchütterungen geweſen. Mein Lebenslauf liegt mehr in meinem Herzen, als auf den Bahnen des Lebens ſelbſt verzeichnet. Dahin alſo, in meines Her⸗ zens Tiefen mußt Du mir folgen. Zürne nicht, wenn Du mich nicht liebenswerth findeſt, ich kann nicht an⸗ ders ſein, als ich gemacht bin, und mich nicht anders — f ſchildern, als ich mich gezeigt habe. Ich habe mir aber vorgenommen, Dir alle meine Gedanken und Ge⸗ fühle, die ich durchkämpft und durchrungen, ſtreng nach der Wahrheit mitzutheilen, denn ich habe mich geprüft und gefunden, daß ich es kann, daß ich es darf. Un⸗ terbrich mich auch nicht mit Fragen, laß meine Seele wie ein ſtilles Gewäſſer vor Deinen Augeit dabinflie⸗ ßen; der Steine des Anſtoßes, über die es brandend ſchlug, hat es früher genug gefunden.“ 2 „Ich muß mir aber für Dich zuerſt einen Namen geben, an dem Du mich erkenneſt. Ich nenne Dir nicht den, durch den ich im Leben bekannt geworden bin; der aber, den ich Dir nenne, gehört mir eben ſo gut, wie der andere, denn er iſt meiner Familie als zweiter Name eigen. Ich heiße Max Nippold von Schellenberg und bin der Sohn eines vornehmen Hof⸗ beamten, der noch jetzt am Hofe des Herzogs von... lebt. Brüder hatte ich nicht, wohl aber zwei Schwe⸗ ſtern und beide waren älter als ich. Beide wurden von einer Dame im Hauſe des Vaters erzogen, wie auch ich von früher Jugend an ebendaſelbſt einem ſtren⸗ gen Erzieher untergeben war. Meine Mutter war leider früh geſtorben und mein Vater war in ſeine höfiſchen Geſchäfte ſo tief vergraben, daß er in meiner Kindheit nie eine Stunde für mich übrig hatte.... — — 246 „Ich kann wohl ſagen, daß ich in meinem ganzen Leben ſtets im Kampfe mit den Formen dieſes Lebens geweſen bin, denn ich habe nie begreifen können, wie die Menſchen ſo thöricht ſein konnten, das Natürliche, unter deſſen Schutze ſie allein glücklich zu ſein ver⸗ aufzulege ,die ſie beſchränkten und verſchrumpften, und ſich ſo in einen ſelbſt geflickten Mantel der Heu⸗ chelei und des Scheines zu hüllen, der Alles verbirgt, A³ Natur gepflanzt hat. Im Hauſe meines Vaters wa⸗ net, von denen niemals, nicht einmal unter beſonderen Umſtänden, ſelbſt in Kleinigkeiten abgewichen werden nach Hauſe und forderte aus Hunger ein Stück Brot äße man nicht, während ich glaubte, man äße, wenn man hungrig ſei. Hatte ich Luſt auszugehen, ſo hieß umgebenden Dinge und Verhältniſſe. Fand ich etwas mochten, qh ſtreifen, ſich ſelbſt künſtliche Regeln dafür was der weiſe Schöpfer aus reiner Vatergüte in ihre * ren alle Vorgänge, alle Verrichtungen und Unterneh⸗ 4 mungen nach beſtimmten Regeln und Formen berech⸗ durfte. Kam ich zum Beiſpiel von einem Spaziergange oder einen Apfel, ſo wurde mir geſagt, um dieſe Zeit es, um dieſe Zeit ſpeiſt man; war ich müde, ſo mußte ich wachen; wollte ich arbeiten, ſo mußte ich ſpielen. So ging es im Kleinen, ſo ging es im Großen. So auch fand ich es ſpäter bei Beurtheilung der mich — 247— gut oder ſchön, ſo wurde mir geſagt, es ſei ſchlecht, oder häßlich, oder nicht für mich paſſend. Wählte ich mir zum Beiſpiel einen hübſchen Knaben aus der Nach⸗ barſchaft zum Umgange aus, ſo ward er mir verbo⸗ ten, denn der Knabe ſei nur eines Krämers Sohn. Lobte ich einen Künſtler, den ich da odezz dort gehört und der mich begeiſtert, ſo wurde mit Hohnlächeln er⸗ widert: es ſei nur ein Geiger. Eine Dame, die ich widerwärtig häßlich, katzenartig freundlich, plauderhaft und ſelbſtſüchtig fand und dafür erklärte, wurde ver⸗ göttert wegen ihrer Schönheit, Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit; einen tugendhaften, getreuen Diener hörte ich nur einen diebiſchen Lump nennen. So wurde meine ganze jugendliche Anſchauung aus ihrem rich⸗ tigen Geſichtspunkte gerückt, ich wußte nicht mehr, was ich ſagen, ob ich über dieſen oder jenen Punkt ſprechen oder ſchweigen ſollte, und ob ich überhaupt eine andere Meinung haben durfte, als andere Menſchen. Natürlich dachte ich über dieſen Meinungsunterſchied oft und gründlich nach, und da ich keinen vernünftigen Grund dafür fand, ſo verſchloß ich mich in mich ſelber und behielt meine Ueberzeugung für mich. Und dies nahm mit meinem vorrückenden Alter, meinen wachſen⸗ den Bekanntſchaften, meinem reiferen Verſtande immer mehr zu; überall, wohin ich kam, fand ich daſſelbe — 248— Widerſtreben gegen meine Meinungen, denſelben Ge⸗ genſatz von meinen richtigen und vernünftigen Ueber⸗ „zeugungen. So abſcheulich und ungerecht mir dies ſchien, ſo glaubte ich doch anfangs das Unrecht auf meiner Seite, ich fürchtete, meine Augen ſeien trübe, ſie ſähen allein Alles dunkel, meine Ohren taub, ſie hörten falſch, meine Begriffe einfältig, ſie urtheilten nicht nach dem geſunden Menſchenverſtande. Was iſt denn aber gut, edel, ſchön und wahr? fragte ich einſt meine ältere, mir im Begreifen des damaligen Zuſtan⸗ des aller Verhältniſſe weit überlegene Schweſter, und bekam die Antwort: ſchön, gut, edel und wahr iſt, was die Welt ſo nennt, denn der einzelne Menſch iſt zu beſchränkt, um eine richtige Meinung zu haben. Da⸗ mit war ich aber nicht zufrieden, denn ich fand ſchon in Einzelnheiten, daß nicht dieſe Welt, ſondern ich eine richtige Meinung ihr gegenüber habe. Und ner iſt denn dieſe Eure richtig urtheilende Welt? fragte ich weiter. Das ſind wir, ſagte ſie, die Vornehmen, der Hof, die Leute von Stand!“ „Ach ſo! dachte ich un mpfand über das Alles eine tiefe Betrübniß und gewöhnte mich immer mehr daran, meine Anſicht für mich zu behalten und die der Anderen nur zu beobachten, nich zu bekritteen. Da fand ich denn endlich mit zunehmendem Alter den — 29— 9 Schlüſſel zu dieſem ganzen unnatürlichen Weſen. Es war nicht wirklich ſo, wie man mir ſagte, es war nur Sitte, Gewohnheit ſo zu ſein, zu ſprechen und zu urt. theilen; am Hofe nannte man es feine Sitte, Anſtand, Ton und Benehmen, während ich es hätte Lug und Trug nennen mögen. Das war für mich aber etwas ganz Neues. Indeſſen lernte ich dieſen Unſinn all⸗ mälig begreifen. Was mich aber am meiſten dabei ſchmerzte und mir einen großen Widerwillen gegen dieſe feinen Menſchen einflößte, das war die allmälig gewonnene Einſicht, daß man nur alles das für richtig, voortrefflich und erhaben hielt und ausgab, was in ei⸗ naem geiſſen, ſehr enggezogenen Kreiſe unter dieſen Menſchen geſchah. Nur die ſogenannten vornehm Ge⸗ borenen, die Standesperſonen und ihre Kinder hatten ein Recht, ihre eigene Meinung zu ſagen, ſich ſo oder ſo zu geberden, dies oder das zu thun, wenn auch Alles, was ſie ſagten und thaten, ſo unrecht und un⸗ 4 vernünftig wie möglich war. Alles, was unter oder außer dieſem Kreiſe ſtand, kam nicht in Betracht, nicht zur Geltung.(. rſo gut wie nicht vorhan⸗ den, ja, es war erbärmlich, nicht der Beachtung werth, oder wohl gar gemein und perächtlich. Ich wurde troſtlos über dieſe a rucuung, denn gerade das, was ich in jenen erhabenen Kreiſen ſah und hörte, — — 250— war in meinen Augen falſch, unſittlich und gemein— in den geringgeſchätzten aber erblickte ich häufig ein edles Beſtreben, Fleiß, Edelmuth und Sitte, kurz die guten Eigenſchaften des menſchlichen Herzens im Ver⸗ halten und Handeln. Auf dieſe Weiſe bekam ich einen wahren Ekel vor der ſogenannten hohen Geſellſchaft, denn ich ſah ſehr wohl, daß ſie vor der Welt eine Maske trug, die äußerlich blendete und ihre eigenen häßlichen Züge verdeckte, mir aber keinen Augenblick ihre wahre Geſtalt verhüllte. Was that ich nun, was konnte ich hierbei thun? Nichts, als mich im Innern von dieſer Maske, von dieſer Geſellſchaft abwenden, ſie verläugnen, wie Gott den Teufel verläugnet hatte und ihr einen ewigen Krieg ſchwören. Ich ſchwor ihn und ich begann ihn. Aber ach! dieſer Krieg zog ſich durch mein ganzes Leben hindurch, und ich, der Ein⸗ zelne, alſo der Schwächere, unterlag in dieſem Kriege.“ „ Ich war in meiner Erziehung ſo weit vorgeſchrit⸗ ten, daß ich mich fragen konnte, zu welchem Berufe willſt Du Dich für Dein Leben entſchließen? Mein Vater nahm ſich die Zeit, eines Tages mit meinem Erzieher hierüber ein paar Worte zu wechſeln. Ich erfuhr, daß ich, wie nicht anders zu erwarten geweſen war, zu einem Hofſchranzenleben herangebildet werden ſollte und daß man mir bei möglichem Widerſtreben die Empfänglichkeit für dieſes Leben einzuflößen wiſſen werde. Es wurde dieſe Einflößung verſucht, mit allen Mitteln, aber ſie gelang dennoch nicht. Ich wollte kein Hofſchranze, das heißt, kein faulenzender, ſich bückender, kein ſüßer und doch in meinen Augen ver⸗ ächtlicher Sklave werden, ich wollte ein Menſch ſein, frei nach meinen Einſichten, meinen Neigungen ſchalten und walten. Das gab ſchlimme Auftritte und bittere Worte, denn da ich nicht augenblicklich und mit Dank gehorchte, legte man mir Schnürſtiefel an— man wollte mich mit Gewalt zu jenem ſcheinbaren Glücke zwingen. Aber einen Geiſt, wie den meinigen, der einen Blick in das große pulſirende Herz der Menſch⸗ heit und einen anderen in den faulen Abgrund der Geſellſchaft geworfen hatte, zwingt man ſo leicht nicht. Ich wurde zwar als ein Unwürdiger, Abtrünniger, Verlorener betrachtet, das war mir aber ſehr gleich⸗ gültig. Daß aber auch meine Schweſtern mich als einen ſolchen betrachteten und behandelten, war mir ſchmerzlich. Ich wurde von ihnen aufgegeben, ſie wurden von mir bedauert, und ſo zogen wir uns all⸗ mälig ganz von einander zurück. Schließlich ward ich im Hauſe als eine Art Diener, Fremder betrachtet oder vielmehr geduldet. Ich bekam mein Eſſen auf mein Zimmer geſchickt, meinen Erzieher verabſchiedete — 252— man als unfähig und für jetzt unnöthig, und ich ward mir endlich ſelbſt überlaſſen, und das war noch das Beſte, was man für mich thun konnte. Denn, was man bei mir für eine Beſtrafung und einen Verluſt hielt, das ward mir eine Belohnung und ein Gewinn ich bildete unter ſolchen Verhältniſſen meinen Cha⸗ rakter vollſtändig aus, um damit auch ſpäteren Unbil⸗ den männlich und kühn trotzen zu können. Und außer⸗ dem hatte ich dabei das Glück, für mich lernen und leben zu können.“ „Ich war nun ſechszehn Jahre alt. Wenn ich meinen Vater einmal zufällig ſah, wurde ich mit Ach⸗ ſelzucken bedacht; begegnete ich meinen Schweſtern, wurde ich mit Naſenrümpfen angeblickt. Im Gauzen wurde ich nicht mehr zu ihnen gezählt, und zuletzt war ich Allen ſehr gleichgültig geworden, denn aus mir konnte ihrer Meinung nach nie etwas werden. Ich aber hatte dagegen beſchloſſen, daß trotzdem aus mir etwas werden ſollte und nun begann erſt der hart⸗ näckigſte Kampf.“ „Unter den Gaben, mit denen mich die gütige Natur beſchenkt, war beſonders eine ſelten und her⸗ vorragend. Es war die Gabe einer vortrefflichen Stimme. Auf ihre Entwickelung verwandte ich viele Zeit und Mühe, denn ich hoffte, damit einſt etwas — 253— Tüchtiges leiſten zu können. Ich wollte ein Künſtler, ein Sänger werden, wie ich deren zu meiner Erbauung und Erhebung bisweilen in der Reſidenz kennen gelernt hatte. Leider war ich unvorſichtig genug, irgendrein⸗ mal gegen Jemand von dieſer Abſicht zu ſprechen. Ich wurde vor meinen Vater beſchieden und es gab eine arge Scene. Schließlich wurde ich als ein Dummer, Unſinniger, Unedler bezeichnet, der ſeinen Stand, ſeine Abkunft verunreinige, und mit dieſem Troſte auf mein Zimmer gejagt. Ich war eben ſo verwundert wie ent⸗ rüſtet. Wo ſitzt denn das Edle, Adlige an dieſen Menſchen? fragte ich mich. Kann ich es ſehen? Nein! — Hören? Nein!— Vermuthen? Nein!— Sitzt es auf ihrer Stirn, im Geſicht, im Herzen? Ach nein! — Wo ſitzt es denn? In der Einbildung? Ja, ja, ja! rief es in mir. Sind ſie klüger, als andre Leute? fuhr ich fort. Nein, im Gegentheil!— Haben ſie mehr gelernt, ſind ſie fleißiger geweſen? Nein!— Leiſten ſie mehr? Dieſe Frage konnte ich mir lange nicht beantworten. Ich mußte erſt erfahrener werden, um die richtige Antwort zu finden. Später aber fand ich ſie— denn ich ſah, was ſie leiſteten. Sie leiſte⸗ ten in der That viel— in ihrer Art; ich aber, ob⸗ woohl ich wie ſie die drei zauberhaften und wahrſchein⸗ lich ſymboliſchen Buchſtaben vor meinem Namen trug, — 254— mochte das in meiner Art nicht leiſten. Ich konnte und mochte mich nicht bis zur Erde bücken, wie ſie, wenn ein um einen Grad Höherer kam und mich an⸗ redete. Ich ſah in jedem Höheren immer nur den Menſchen, wie ich ſelbſt einer war, nie den hoch⸗ geſtellten Menſchen. Ich konnte nicht immer lä⸗ cheln, wenn ſie mich anblickten, nicht immer ſchöne Worte auf den Lippen haben, während es in mir über 3 ihre Dummheit und ihren Dünkel zürnte und kochte. Ich konnte mein ganzes Innere nicht verläugnen und die Wahrheit verhehlen, wenn man eine Lüge von mir verlangte. Mit einem Wort, ich ſprach, was ich dachte und fühlte und that, was mir beliebte. Ach! das war für mich ſehr natürlich, aber— das war ſehr dumm, das war gerade die Grundurſache meines Mißgeſchicks, und dennoch würde ich heute ſo ſprechen und thun, und wenn mir noch herberes Mißgeſchick bevorſtände, als mir in meinem Leben begegnet iſt.“. „Wie erbärmlich ſind dieſe Menſchen! dachte ich oft. Freilich, aber noch erbärmlicher kamen mir die⸗ jenigen vor, die ihre eigene Würde tagtäglich verläug⸗ neten und ſich zu Schuhputzern, Kammerjungfern und Schleppenträgern dieſer mit den drei zauberhaften Buch⸗ ſtaben Begabten erniedrigten, die ſich aufgaben, um ſich jenen hinzugeben, die ſich in Duft aufgelöſt hät⸗ — 255— ten, um ſich von jenen aufſchnuppern zu laſſen, mit einem Wort, die ſich ſelbſt verachteten, um nur von je⸗ nen ein holdes Lächeln gnädigen Beifalls und erhabe⸗ ner Anerkennung zu gewinnen.“ „Endlich faßte ich mir einmal ein Herz, ging zu meinem Vater und ſagte:„Willſt Du mich eine Künſt⸗ lerlaufbahn betreten laſſen?“ „Du biſt verrückt! Ich habe Dich nicht erzo⸗ gen, um Dich als Drehorgelmann vor mir zu ſehen.“ „Ich habe aber Talent, eine gute Stimme—“ „Die habe ich auch— Du hörſt ſie ſo eben—“ „So laß mich eine andere Laufbahn betreten—“ „Mit Freuden, welche? Willſt Du Page bei'm Herzog werden?“ „Ich danke— ich bin nicht gut genug dazu— laß mich ſtudiren.“ 1 „Studiren? Was willſt Du ſtudiren?“ „Die Naturwiſſenſchaften— 4 kann ich auch bei Hofe glänzen.“ „Glänzen? Gut! Studire fe Hier ſind ſechs— hundert Thaler für das erſte Jahr. Sind ſie ausge⸗ geben— ſchreib. Dann ſtudire weiter— ſo viel Du willſt und wozu Du Luſt haſt— Adieu!“ „Und wer war froher als ich! Fort war ich auf Adlerſchwingen— in die friſche, freie, fröhliche Welt 4 ————— 8 — — 256— hinein— um zu lernen, um zu leben, um endlich ein Menſch nach meiner Anſicht zu ſein.“ 3 1 4. „Ich wählte die Univerſität Halle zu meinem er⸗ ſten Ausfluge. Eine lärmende Schaar lebensluſtiger Burſchen hieß mich tauſend Mal willkommen und bald fand ich mich unter ihnen heimiſch. Für den ſo eben glücklich überſtandenen Druck im väterlichen Hauſe entſchädigte mich hier laute, ungebundene Luſt und Ingendfriſche. In wenigen Tagen aber war ich ſchon von dieſem neuen Paradieſe geſättigt, denn das Stu⸗ dentenleben in Halle war damals etwas übermäßig na⸗ türlich und berührte die Gränzen der Rohheit. Vom Studiren war niemals die Rede, die Vorleſungen wurden nur zuweilen beſucht, um ſich darin von den Strapazen der Commeree auszuruhen. Bald indeſſen hatte man meine ſchöne Stimme entdeckt, ich wurde ſchon als Fuchs der Liebling aller Senioren, und un⸗ ter allen Fenſtern, wo Serenaden gebracht wurden, lei⸗ ſtete ich das Hauptſächlichſte. Ich wurde überall ver⸗ wandt, wo man mich gebrauchen konnte, und die Burſchenſchaft rechnete es ſich zum Ruhm an, mich zu den Ihrigen zu zählen. Unter dem Namen! Nippold, der Sänger! ſtehe ich für ewig in den Annalen der — 257— Hallenſer Burſchenſchaft verzeichnet. Mein Ruf ver⸗ breitete ſich auf Windesflügeln von Ort zu Ort. Ein Concert, welches die Studenten einſt zum Beſten eini⸗ ger Kinder verunglückter Halloren veranſtalteten, zog eine große Menge Fremder aus der ganzen Umgegend herbei. Auch die vornehme Welt war dabei reichlich vertreten, ſogar einige junge Fürſtenſöhne und Prin⸗ zeſſinnen von benachbarten Höfen beehrten unſern Mu⸗ ſenſitz. Ich ſang, ſo gut ich ſingen konnte und mir wurde nach Beendigung des Concerts eine große eh⸗ renvolle Abendmuſik gebracht, wofür ich die Ehre hatte, die ganze Burſchenſchaft aus meiner Taſche zu er⸗ quicken. Die verſammelt geweſenen hohen Herrn und Damen hatten nach meinem Namen gefragt und ließen mich am anderen Morgen ſogar zu ſich rufen. Es wurden mir viele ſüße Dinge mit der glaubwürdigſten Miene entgegengeflüſtert. Dieſe meine muſikaliſche Fertigkeit und der Beifall, den ſie erntete, hatte mich in meiner Selbſtachtung erhoben, ohne mich eitel ge⸗ macht zu haben. Ich gab mir nur noch mehr Mühe, die in meinen Verhältniſſen möglichſte Ausbildung zu erreichen. Bald darauf erfolgte eine Einladung nach dem nicht weit entfernten Fürſtenſitze jener Herrſchaf⸗ ten. Ich reiſte mit Kourierpferden dahin ab, ſechs bis acht reitende Studenten vorauf und hinterdrein. Dieſe Fritz Stilling. I.. 17 6 — 258— blieben im Gaſthauſe, ich wandte mich zum Schloſſe. Hier nahm man mich gnädig, beinahe gütig auf und ſetzte mir ſehr gute Speiſen und Getränke vor. Eine ſchöne Dame, die ich ſchon neulich in Halle bemerkt hatte, tändelte und ſcherzte mit mir und ſchenkte mir endlich einen Blumenſtrauß, in welchem ein Brillant verborgen war. Vom Geſange und vom Singen aber war keine Rede. Abends fuhr ich wieder etwas er⸗ nüchtert heim. Noch einige Male erhielt ich duftende Briefchen mit honigſüßen Worten von dieſer Dame und die wiederholte Bitte, die Reſidenz als einen Tem⸗ pel der— Kunſt zu betrachten und recht bald wieder 1 darin zu erſcheinen, um dem Gotte der Muſe zu opfern. Mich langweilte es aber, immer zu eſſen, zu trinken, zu tändeln und von ſchmachtenden Augen mit ge⸗ ſchminkten Wangen begafft zu werden. Ohne Zweifel hielt man mich für einen ſehr blöden Schäfer und— gab mich auf. Als mir dies Verfahren ſpäterhin bei größerer Lebenserfahrung klar wurde, habe ich ſelbſt über meine aufrichtige Ergebenheit und meinen guten — Glauben an die Kunſtverſtändigkeit jener Schönen herzlich gelacht. Ich beſuchte aber nie wieder dieſe Siirenenreſidenz.“ „Bald darauf erhielt ich von meinem Vater einen Brief; es war der erſte, den ich von ihm in meinem . 259 84 Leben empfing. Die Kunde meines muſikaliſchen Auf⸗ tretens vor hohen Herrſchaften und ihr ungetheilter Beifall war zu ſeinen Ohren gelangt und gnädig auf⸗ genommen worden.„Er freue ſich,“ ſchrieb er mir, „daß ich vor Ihreu⸗ Durchlauchtigkeiten geſungen, ich ſolle es auch ferner thun, nicht aber vor der Kanaille — dem Publikum. Wenn ich meine Stimme recht kavaliermäßig ausbildete, würde ich gewiß bei meiner Rückkehr nach Hauſe die Ehre haben, am Hofe des Herzogs eine ſehr ſchöne Stellung zu finden. Einlie⸗ gend ſende er mir zweihundert Thaler zu ein rkleinen Vergnügungsreiſe.“ 3 „Dieſer Brief ließ mich zuerſt lachen, dnn aber erröthen. Ich warf ihn mit dem Gelde in einen ver⸗ borgenen Kaſten, denn ich ſchämte mich vor mir ſelber, daß mein Vater mir dergleichen ſchreiben konnte. Vor Fürſten zu ſingen hatte ich keine Luſt mehr, vor der Kanaille auch nicht, aber dem Publikum der guten Mittelklaſſe traute ich ſchon etwas mehr Geſchmack und Urtheil zu. In den nächſten Ferien entſchloß ich mich endlich, daſſelbe einmal zu prüfen und auch an mir ſelbſt zu erfahren, welche Freuden das öffentliche Leben für mich bewahrte. Ganz im Stillen ſchloß ich ein Bündniß mit einem jungen Künſtler aus Leipzig. Er war mit einem trefflichen Tenor und einer reizen⸗ 172 — 260— den Frau begabt. Er überredete mich, im ſtrengſten Incognito eine kleine Kunſtreiſe in fremde Städte mit ihm zu unternehmen. Ich ging darauf ein und lieh ihm zu dem Ende die Hälfte meiner vorräthigen Gel⸗ der. Ich habe ſie nie wiedergeſehen. Auch den Ver⸗ dienſt aus unſeren Concerten ſprach ich ihm großmüthig zu, denn es wäre mir unmöglich geweſen, mein Talent mit dem Bewußtſein zu zeigen, dafür bezahlt zu wer⸗ den. In einer der größeren Städte Süddeutſchlands gaben wir das erſte Concert. Der donnernde Beifall, der mich auszeichnete, erſchütterte ſchon nach dem erſten Geſange den altersſchwachen Saal. Bei der zweiten Erſchütterung brach ein hoher Balkon zuſammen und mehrere Menſchen fanden dabei ihren Tod. Mich jagte es wie einen Verbrecher aus dieſer Stadt, der ich nur Unglück bereitet hatte. In einer zweiten derſelbe Bei⸗ fall, dieſelbe Auszeichnung, aber kein Todesfall. Man ſtellte mir am ganzen Tage auf den Straßen nach, Jeder wollte mich ſehen, mit mir ſprechen. Auch das Publikum ſchien mir ſo aufdringlich zu ſein mit ſeiner Gunſt, wie die Fürſten. Ich ſtieg einen bedeutenden Schritt in der Leiter meiner Erwartungen vom öffent⸗ lichen Leben herunter. Alle Blätter waren mit meinem falſchen Namen gefüllt, mein Ruf flog von Stadt zu Stadt; Einladungen und Anerbieten liefen von allen — 261— Seiten ein. Da, eines Abends, nach Beendigung eines glänzenden Concerts, als mein Theilnehmer an dem glücklichen Erfolge, der junge Tenor, von ſeinen Lor⸗ beern und ſeiner Einnahme träumend im Weinzimmer ſaß, machte mir ſeine reizende Frau den Vorſchlag, mit ihr auf und davon und zum Theater überzugehen, wobei ſie mir geſtand, ſie ſei nicht mit jenem Künſtler verheirathet, ſondern nur ſeine platoniſche Freundin. Ich verließ ſie noch an demſelben Abende, nachdem ich dem argloſen Tenor den wahren Charakter ſeiner Be⸗ gleiterin enthüllt hatte. Nichtsdeſtoweniger blieb er mit ihr zuſammen.“ „Auf dieſe Weiſe hatte ich ſehr bald den Geſchmack am Kiünſtlerleben verloren und fühlte mich einiger⸗ maßen gedemüthigt. In Halle wieder angelangt, wollte ich mich bei den Studien von meiner moraliſchen Nie⸗ lage erholen, aber ich ward mit Gewalt in die wüſten Gelage der Studenten gezogen. Ihr Gebrüll und höl⸗ liſches Gebräu, der halleſche Breihan, war mir längſt zuwider, ich konnte keine zwanzig Quart da⸗ von verſchlucken, wie ſie. Daß man einer Lumperei halber alle Tage den Schläger zog und Blut vergoß, widerte mich ebenfalls an. Ich blieb einige Tage zu Hauſe, um zu leſen, nachzudenken und einen Entſchluß zu faſſen. Da kamen meine Herren Confratres, war⸗ — 262— fen meine Bücher aus dem Fenſter, nahmen mir mein Geld aus dem Kaſten und ſchleppten mich mit Gewalt in ihre Kneipe. Hier, in einem großen Kreiſe ſitzend, brüllten ſie, daß die Scheiben zitterten, und zechten, bis ſie nur taumelnd aufſtehen konnten Als ſie end⸗ lich gegen Morgen aufbrachen, ſchlugen ſie ſich auf den Straßen blutig mit den Halloren und blieben endlich bis zum anbrechenden Tage in den Rinnſteinen liegen.“ „Ich hatte genug in Halle; von einem vernünfti gen Studium konnte hier für mich keine Rede ſein. Aus dieſer Zeit ſchreibt ſich mein Widerwille gegen das Wirthshausleben her. Ich habe nie begreifen können, wie Familienväter— jungen Leuten will ich es immer gern verzeihen— den ganzen Abend und je⸗ den Abend in demſelben von Tabaksdampf erfüllten Loche ſitzen, mit ſchmutzigen Karten ſpielen und ſchlech⸗ tes Getränk zu ſich nehmen mochten, während ſie zu Hanſe, in ihrem ſauberen Stübchen, bei ihrer Haus⸗ frau und ihren Kindern, oder mit einigen guten Freun⸗ den ſich des Lebens freuen konnten. Aber freilich, die Neigungen der Menſchen ſind wie ihre Geſichter und Gaben verſchieden!“ „Ich ging nach Göttingen, miethete mir in einer Vorſtadt ein kleines Häuschen in einem dichtbelaubten Garten, holte nieine Bücher hervor und widmete mich — 263— allein der Wiſſenſchaft, der reiſenden Künſtler⸗ und Studenten⸗Wirthſchaft für immer den Rücken kehrend. Ich hatte in beiden nicht den Glanz, die Reinheit und die Befriedigung gefunden, die ich mir davon vorge⸗ ſpiegelt. Jetzt zog ich mich, wie eine Schnecke, in mein Haus zurück und fing ernſtlich zu arbeiten und zu denken an. Das dauerte ein Jahr. Ein berühm⸗ ter Profeſſor zog mich nach Heidelberg. Hier, in Gottes ſchöner Natur, unter ſeinem blauen, milden Himmel, hatte ich zum erſten Male in meinem Leben Stunden der ſüßeſten Befriedigung und vollkommen⸗ ſten Gemüthsruhe. Ich ſtudirte fleißig und füllte meine Mußeſtunden mit Muſik aus, wozu ich mir einen kleinen Kreis hochgebildeter Muſiker und anſpruchsloſer Dilettanten herangezogen hatte. Während meiner hie⸗ ſigen ſtrengen Studien bildete ſich allmälig mein gan⸗ zer künftiger Charakter und meine Anſicht vom Leben aus, denn ich war viel allein und brachte meine Zeit nur mit ernſten und brauchbaren Dingen hin. So be⸗ kam ich eine von der wilden Studentenart ganz abwei⸗ chende Richtung. Ich wurde durch und durch ein ern⸗ ſter, in mich gekehrter, ſtets über Alles nachdenkender Menſch. Allen leichtſinnigen Zerſtreuungen abgeneigt, gab ich mich ganz meiner Wiſſenſchaft, der Arzneikunde hin. Bald war die Zeit meiner Prüfungen herange⸗ — 264— rückt; ich begab mich auf die Univerſität meines Vater⸗ landes und legte ſie hier glücklich ab. Ich war alſo ein Arzt geworden. Da fiel mir eines Tages, als ich die Bibliothek durchſtöberte, der Mesmerismus in die Hände. Das war mir etwas ganz Neues, Wunder⸗ bares, Geheimnißvolles. Ein friſcher Quell des Lebens floß mir aus dieſer Lehre hervor und ich füllte meine ganze Zeit mit dem Studium derſelben aus. Sehr bald fand ich, daß ſie zwei Seiten hatte, eine wirk⸗ liche und natürliche und eine künſtliche, charlatanartige. Wie ſich von ſelbſt verſteht, wandte ich mich der erſte⸗ ren zu, denn kein Menſch hat ſich je weniger als ich zum Charlatan geeignet. Ich verabſcheute von ganzem Herzen jeden falſchen Schein, jede übertünchende Maske, jede marktſchreieriſche Thätigkeit, ſo alſo auch den ge⸗ rühmten praktiſchen Mesmerismus in ſeiner alltäg⸗ lichen und eigentlich uneigentlichen Bedeutung. Ich trieb ihn blos als Wiſſenſchaft und ſchon war das hin⸗ reichend, alle meine Kräfte und mein ganzes Nach⸗ denken in Anſpruch zu nehmen.“ „Nach einem beinahe jahrelangen Studium deſſel⸗ ben erhielt ich von meinem Vater die Mittel, auf wiſ⸗ ſenſchaftliche Reiſen zu gehen. Ich beſuchte alle wegen ihrer Schönheiten berühmten Gegenden Deutſchland's, alle ſeine großen intelligenten Städte. In allen nam⸗ ——- haften Krankenanſtalten war ich zu Hauſe und die Vertreter der mediziniſchen Wiſſenſchaft wurden meine Freunde. Aber auch die Künſte vernachläſſigte ich nicht, denn ich hörte alle großen Tonkünſtler unſeres damit überaus geſegneten Vaterlandes. Gegen das Ausland hatte ich einen unüberwindlichen Widerwillen. Es kam mir vor, als halte mich eine unbekannte, bei⸗ nahe dämoniſche Gewalt davon zurück, als würden noch Ereigniſſe in meinem Leben eintreten, die mich doch, wider meinen Willen, dahin treiben würden. Endlich kehrte ich in meine Vaterſtadt zurück und bezog ein einſames kleines Haus in einem abgelegenen Theile derſelben. In meinem väterlichen Hauſe hatte ſich im Weſentlichen Nichts geändert, es herrſchte genau das alte, gegen alle Neuerungen ſtich- und hiebfeſte For⸗ menweſen darin vor. Eben ſo am Hofe, wo mein Vater und meine verheiratheten Sehmweſtorn eine Haupt⸗ rolle ſpielten.“ „Ich blickte mich in meiner Vaterſtadt und unter meinen gleichalterlichen Landsleuten von Familie um. Ich war damals ſechsundzwanzig Jahre alt. Großer Gott! welche troſtloſe Erfahrungen mußte ich machen! Ich ſah in meinen früheren Jugendgefährten nur junge zahn⸗ und haarloſe Greiſe mit hohlen Köpfen, ausge⸗ braunten Herzen und verwüſteten Mägen. Ich fand — 266— ſie zum größten Theile dem Leichtſinne, dem Nichts⸗ thun, dem materiellen Lebensgenuſſe allein ergeben. Nichts Gründliches, Ernſtes, Gediegenes bemerkte ich, Alles aber untergraben, hohl, ſowohl unter den jungen Leuten des Civils wie des Militairs. Morgens ſtan⸗ den ſie gegen elf Uhr ſchläfrig und mit gerötheten Au⸗ gen auf. Bei einem Kuchenbäcker nahmen ſie ihr weichliches Frühſtück ein. Dann gingen ſie eine Stunde an ihr Geſchäft, auf ihre Büreaus oder auf die Parade. Das nannten ſie Arbeit. Von da in ein Weinhaus. Von da nach einem Vergnügungsorte. Von da zu einer Schmauſerei oder auf einen Ball oder zu Spiel und Trank. So lebten ſie alle Tage. Bücher ſah ich bei Keinem, ſelten beſaß einer Papier und Tinte und Jeder, wenn ich ihm ein Recept verſchreiben wollte. Viele von ihnen jagten den öffentlichen Schönheiten lnach und vergeudeten ihre letzte Jugendkraft damit; Andere achteten die Tugend anſtändiger Mädchen ſo gering, daß ſie ſie öffentlich an den Pranger ſtellten und ein leichtfertiges Spiel mit ihnen unterhielten. Wohin ſoll das führen? dachte ich, und daran ſoll ich einen Gefallen finden?— Ich beſuchte, wie es ſich nicht anders thun ließ, einige Geſellſchaften und Bälle, um auch dort das allgemeine Treiben kennen zu ler⸗ nen. Ich ſah zu, wie man aß oder eigentlich fraß, ich hörte die koketten Süßigkeiten an, die man der ſchönen Welt gleißneriſch auftiſchte. Bald war ich überfüllt von dieſen Speiſen, mein Magen und mein ernſter Sinn widerſtand hartnäckig ſolchen ſogenannten Ver⸗ gnügungen, ich ſehnte mich nach geiſtiger Speiſe. Ich ſuchte wieder die Einſamkeit. Nur unter den Bäumen, im wilden abgelegenen Forſte, wo ich mit meinem Schöpfer und mir allein war, ward mir wohl. Hier dachte und grübelte ich, hier ſpann ich Pläne der Zu⸗ kunft. Hier arbeitete, hier hoffte ich. Zuwider waren mir die alltäglichen Geſichter leichtfertiger Männer und vergnügungsſüchtiger Frauen. Schon wenn mir von Weitem ein bekanntes Geſicht aus der leichten Tages⸗ geſellſchaft begegnete, ward mir unheimlich zu Muthe und ich vermied es, indem ich mich verbarg oder mei⸗ nen Weg anderswohin lenkte.“ ss 1 „Glaube nicht, daß ich damals krank war. Im Gegentheile, ich war nie geſünder und kräftiger, nie heiterer und zufriedener gewefen. Nur bedauerte ich den allgemeinen Leichtſinn, die oberflächliche Bildung, das Gängeln und Schaukeln auf der ernſten Woge des Lebens. Freilich nannten ſie mich den Hypochonder, den Menſchenfeind, den Philoſophen, aber welche Lip⸗ pen ſprachen dieſe Wörter aus? Waren ſie für mich maßgebend, konnten die Handlungen meiner Umgebung — 268— für mich Wegweiſer ſein? Gewiß nicht. Ich fing, wie ich innerlich ſchon lange zürnte, auch äußerlich zu zür⸗ nen an, und hielt es für meinen Beruf, in kleineren und größeren Geſellſchaften den Sittenprediger zu ſpie⸗ len. Aber ach! mein junger Freund, das iſt ein eben ſo mühſeliges wie undankbares Geſchäft. Mein Loos war das aller dieſer moraliſchen Märtyrer, denn theils predigte ich tauben Ohren, theils lachte man mich aus.“ „Da brach, wie oft aus heiterem Himmel ein Blitzſtrahl hervorbricht, plötzlich etwas Unerwartetes in dieſen Wirrwarr herein. Eine anſteckende Krank⸗ heit, ein bösartiges Nervenfieber, verderblich wie je eine Seuche war, zeigte ſich mit einem Male in der Stadt. In allen Kreiſen, allen Familien, allen Stän⸗ den forderte es ſeine Opfer. Zuerſt ſtarb der alte Herzog, dann meine beiden Schweſtern, dann eine große Menge jener leichtſinnigen, überlebten jungen Leute. Zuletzt ging es auch an einige Vernünftigere. Eine allgemeine, entſetzliche Furcht packte Jedermann, trieb Alle in ihre Häuſer, in ihr Inneres zurück. Es er⸗ folgte eine faſt gänzliche, aber leider nur augenblickliche Säuberung aller Verhältniſſe. Ich hatte während die⸗ ſer traurigen Zeit alle Hände voll zu thun gehabt und, nicht durch meine Geſchicklichkeit und mein Wiſſen, wohl aber durch die Hülfe Gottes, zählte ich als Arzt — 269— * die meiſten guten Erfolge in der Stadt. Ich kam mit einem Male in Ruf und erhielt, ohne ihn erſtrebt zu» haben, einen bedeutenden Namen.“ „Mein Vater, tief gebeugt von dem Verluſte ſei⸗ ner hoffnungsvollen Töchter, erinnerte ſich plötzlich, daß er noch einen, und zwar den einzigen Sohn habe, mit thränenden Augen und offenen Armen trat er eines Morgens in mein Zimmer und weinte bei mir ſeinen Kummer aus. Ich war ſehr leicht zu rühren und ſelbſt ſehr tief bewegt, denn der alte Mann war in einer bejammernswerthen Lage. Auf ſeine Bitte zog ich in ſein prachtvolles Haus, wo mir eine großartige Wohnung eingeräumt und ausgeſtattet wurde. Wir waren zum erſten Male gute Freunde geworden.“ „Auch am Hofe, durch das Beiſpiel und unter Leitung des jugendlichen neuen Herzogs, machte ſich 4 ein Umſchwung aller Verhältniſſe bemerkbar. Man tanzte, ſpielte, jagte und kokettirte nicht mehr allein, man fing an zu denken und ſeine Kräfte zu Rathe zu ziehen. Alte ausgediente Kreaturen wurden beſeitigt, jüngere vielverſprechende herangezogen. Das Alles that meinem Herzen wohl, ich hoffte auf eine ganz neue, vernünftige, geſäuberte Welt. Aber ich irrte, wie alle Weltverbeſſerer irren, die da glauben, ein Erdbeben veredele das Menſchengeſchlecht, während es — 270— daſſelbe nur in Angſt und Schrecken verſetzt und da⸗ durch einen Augenblick ſtutzig macht. Man weiht und verſpricht dem Heiligen eine Kerze, wenn man in Noth iſt, und glaubt ſich für alle Zeit geborgen, wenn ſie gekauft iſt und auf dem Altare brennt. Kurzſichtiges, unverbeſſerliches Menſchengemüth! Und dennoch hatte ich damals glücklichere Tage als früher.“ „Eines Morgens, die Epidemie hatte faſt aufge⸗ hört und meine Zeit gehörte wieder mir, begegnete ich auf einem Spaziergange mit meinem Vater im herzog⸗ lichen Parke dem jungen Herzoge ſelbſt. Schon von Weitem machte er Miene mit uns zu ſprechen. Er ſtand vor uns ſtill. Wir grüßten ehrerbietig, und, ich ſah einen hübſchen, dunkelhaarigen Mann vor mir mit gefälligem Benehmen und anmuthigen Bewegungen; auch ſeine Sprache klang mild und freundlich.“ „Mein alter Herr,“ ſagte er zu meinem Vater, der noch ſeinen Hut in der Hand hielt,„bedecken Sie ſich. Ihre grauen Haare machen Ihnen das zur Pflicht. Iſt das Ihr Sohn, der berühmte junge Doktor?“.*. „Ja, Durchlaucht, er iſt es.“ „Und warum haben Sie ihn mir noch nicht vor⸗ geſtellt?“— „Mein Vater ſchlug verwirrt die Augen nieder. Jetzt hielt ich es an der Zeit, das Wort zu nehmen. „Durchlaucht,“ ſagte ich,„ich bin nur ein einfacher Arzt, ein Menſch, der ſeine Studien lieber hat, als das Geräuſch und Vergnügen der Welt. Mein Wunſch und Wille war es allein, unbemerkt zu bleiben.“ „Sie haben ſich aber verdient gemacht, ich habe viel von Ihnen gehört. Ich hoffe, wir ſind jetzt nicht vergeblich bekannt geworden, beſuchen Sie mich. Gu⸗ ten Morgen!“ „Mein Vater war entzückt, ich eigentlich beſorgt. Ich hatte in dem Auge des Fürſten eine Flamme be⸗ merkt, die mir etwas zu brennend für einen Menſchen⸗ beglücker ſchien. Dieſes Auge hatte das Funkeln eines SSwenzüchters, nichtsdeſtoweniger war es in einen nebelartigen Schleier myſtiſcher Träumerei gehüllt. Eine gefährliche Verbinduuge Dennoch that ich mei⸗ nem Vater den Gefallen und ſtellte mich 3 Herzoge 3 und ſeinem kleinen Hofe vor, denn er war unverhei⸗ rathet.“ „In kurzer Zeit war ich dem Fürſten unentbehr⸗ lich gkworden. Ich wurde oft' zu ihm gerufen, mußte bei ihm ſpeiſen, mit ihm fahren und reiten, er ſchenkte mir ſein Vertrauen. Er fühlte ſich einnkam. Ach! das fühlte ich mich ſchon lange. Ich, empfand alſo eine Art Sympathie für den jungen Herrſcher und glaubte — 2322— ihm nützlich werden zu können. In dieſer Zeit ſtarb ſein alter Leibarzt;— ohne mich dazu berufen zu füh⸗ len, ward ich an die Stelle deſſelben geſetzt, erhielt einen Titel und, um vollſtändig ein Hofmann zu wer⸗ deu, einen Orden! Meines Vaters höchſter Ehrgeiz, ſein jahrelanges Streben war erfüllt— ich war eine Perſon am Hofe ſeines Monarchen geworden.“ X. Die Moral meines Geburtstagsgeſchenks. „Ich will Dir jetzt eine gute Lehre für Dein Leben und die Beurtheilung der Menſchen geben, mein jun⸗ ger Freund,“ fuhr mein Erzähler fort,„die Du Dir für alle Zukunft merken magſt. Du wirſt danach die Menſchen viel richtiger erkennen und würdigen lernen. Ich ſchien in dem damaligen Glanzpunkte meines Le⸗ bens glücklich zu ſein und wurde demgemäß von Allen beneidet. Ach! Beurtheile Du aber nie voreilig und nach dem äußeren Anſchein allein das Glück oder Un⸗ glück eines Dir im Leben begegnenden Menſchen. Schaue tiefer und länger in ſein Inneres. Denn in beiden Richtungen tiuſcht man ſich nur zu oft und zu ſtark. Der mit allen irdiſchen Gütern Geſegnete, alſo glücklich Erſcheinende ſchleppt oft ein inneres, ver⸗ ſchwiegenes Leid mit ſich herum, welches keine Seele Fritz Stilling, I. 18 — 24— auf dieſer Welt ahnt, und der armſelige, elende Menſch trägt in ſeinem ſtillen Buſen oft Freuden, die ihm kein Kröſus abkaufen könnte. Die Natur ſcheint in dieſer Beziehung ihre äußeren Ungerechtigkeiten ausgeglichen und für Freud' und Leid ein gleichgroßes Gegengewicht ihrem Geſchöpfe gegeben zu haben. So ging es auch mir— Niemand ſah mir damals ein Leiden an, und doch trug ich einen tiefen, ungekannten Kummer in mir; Alle hielten mich für ſehr glücklich, und— war ich es? Nein, ich war es nicht. Und warum war ich es nicht? Ich will es hier zu entwickeln verſuchen. Eigentlich war ich zunächſt über mein ſchnell erfülltes Geſchick überraſcht und nicht ganz mit mir zufrieden. Ich war ohne alle Anſtrengung, ohne Kampf an ein Ziel gelangt, welches Andere mit Aufopferung aller ihrer Kräfte und Mittel zu erreichen Jahre lang ver⸗ gebens ſich bemühen, und das eignete ſich für meine ewig ſtrebſame und arbeitende Natur nicht. Ich mußte wagen, kämpfen, um etwas Großes zu gewinnen, und eben deshalb, weil ich mir nichts errungen, fühlte ich mich beklommen und demüthig, und glaubte, wie es mir von ſelbſt zugefallen ſei, könne es mir auch leicht wieder entriſſen werden. Doch das war es nicht al⸗ lein, nicht hauptſächlich, was mich in Mißſtimmung hielt. Ich fühlte mich allein— allein unter Tauſen⸗ — 275— den meinesgleichen. Das iſt aber ein trauriges Loos. Denn wenn es ſchon ein peinliches Gefühl iſt, im 4 Kreiſe von zehn oder zwanzig Perſonen auf einige we⸗ nige Stunden ſich nicht zu Hauſe zu fühlen, ſo iſt es noch tauſend Mal qualvoller, ſein ganzes Leben lang unter Fremden und Fernſtehenden zu wandeln. Es giebt ſo Vieles im menſchlichen Daſein, was man nicht allein tragen kann oder mag, die Vorſehung hat ein⸗ mal den Menſchen geſellig gebildet und ihm den Drang nach Mittheilung in die Seele gelegt. Er erfüllt ſei⸗ nen Zweck nicht, er widerſtrebt ſogar ſeiner Beſtim⸗ mung, wenn er getrennt und abgelöſt von allen Gleich⸗ fühlenden ſeinen traurigen Weg allein dahinzieht. Wohl hatte ich auf meinen bisherigen Bahnen Gefährten, ſelbſt Freunde gefunden, allein wo waren ſie? In der ganzen weiten Welt zerſtreut, verfolgten ſie ihre Le⸗ benszwecke. Ach! und mit jedem Jahre, je älter ich wurde, ſehnte ich mich um ſo mehr nach einem Her⸗ zen, das ich ſo ganz an das meine, vielgeprüfte her⸗ aufziehen, dem ich mich ſo ganz hingeben, und welches ſelbſt, mit friſchen ſaftigen Trieben ſich um das meine rankend, einen Stamm und eine Liebe mit mir bil⸗ dete. Dieſes thut und kann aber nur ein weiches, hingebendes, weibliches Herz, das, den Mann ſeiner Wahl einmal erfaßt habend, nimmer von ihm läßt.“ 18* — 276— „In Ermangelung dieſes weiblichen Herzens fühlte ich mich höchſt unglücklich. Wenn ich den Tag über gearbeitet hatte, gefahren, geritten, gelaufen war und am Abend noch rüſtig, voll von den Eindrücken des Tages, nach Hauſe kam, ſo ſtanden meine großen Wohnräume leer, gähnten mich an und ſchienen mich verwundert zu fragen: Wo bleibſt Du ſo lange? Warum läſſeſt Du uns ſo lange einſam und leer ſte⸗ hen? Fülle uns an mit Weſen voller Frohſinn und Jugendfriſche, gieb uns eine Gebieterin, deren Stirn wir mit duftenden Blumen ſchmücken, deren Fuße wir weiche Teppiche unterbreiten wollen. Ha! dieſe Stille, dieſe Einſamkeit, dieſe Oede um mich her konnte ich 1 nicht länger ertragen; ich wollte inmitten des Lebens nicht den Todten ſpieken, ich wollte vielmehr geliebt ſein, geliebt mit allen Wonnen eines menſchlichen und gefühlvollen Herzens.“* 4 „Als ich einmal zu dieſem Entſchluß gekommen war, blickte ich mich um in dem reichen Garten der Mädchen meines Vaterlandes. Haus für Haus durch⸗ ging ich in Gedanken, Kopf für Kopf muſterte ich, Herz um Herz befragte ich. Aber ach! wer in dieſem Blüthengarten ſucht, findet die richtige Blume gewiß nicht, die ihm gefällt; vom Himmel muß ſie ihm fal⸗ len, wie das Sonnenlicht, vom Himmel ihm darge⸗ — 277— boten, geſchenkt werden, gleichſam von der Vorſehung⸗ erleſen, damit ſie als eine überraſchende Gabe erſcheine und im Fluge das lodernde Herz beglücke.“ „So hatte ich die großen Familien durchmuſtert und keine gefunden, die ich für mich geſchaffen ge⸗ glaubt hätte, denn ich hatte einen wähleriſchen Geiſt. Rein, wie Gottes gefallener Schnee, mußte ſie ſein, anmuthig wie der duftende Frühling, ergeben wie das Abendroth der untergehenden Sonne, die ihrer Köni⸗ gin von Welten zu Welten folgt— und wo findet man eine ſolche Seele, ein ſolches Weſen, ein ſolches Weib, wenn man es gerade ſucht.“ „Von den hohen Familien ſtieg ich eine Stufe niedriger; Du weißt, auf meinen Adel gab ich nichts, Vorurtheile kannte ich nicht. Hier hätte ich wohl eine Gefährtin finden können; aber man kam mir zu ge⸗ fällig entgegen, man ließ mich fühlen, daß ich ein zu ſehr gewünſchter Mann ſei, und das ſtieß mich wieder zurück, denn auch die Gewählte meines Herzens ſollte mit einigem Kampfe erobert werden, ſo wollte es mein ſtarrer und unbeugſamer Geiſt.“ 4 „Doch, was helfen in dieſem Punkte alle Berech⸗ nungen, alle Pläne, alle Vorausſichten— es kam Al⸗ les anders, als ich es dachte und wollte. Denn eines Tages, als ich bei'm Herzog zur Tafel war, erſchien — 278— eine nene Familie bei Hofe— die Mutter des Her⸗ zogs lebte damals noch— beſtehend aus Vater, Mut⸗ ter und Tochter. Sie hatten ſich lange in Italien aufgehalten, der Geſundheit des Vaters wegen, der jetzt geneſen war. Ich kannte ſie nicht, nicht einmal dem Namen nach. Sie wurden mit großer Höflich⸗ keit von Seiten des Herzogs behandelt und betrugen ſich ſelbſt mit jenem ungezwungenen und gefälligen Weſen, welches man oft als das Erbtheil ſolcher Fa⸗ milien findet, die lange an Höfen oder unter Menſchen von höchſter geiſtiger Bildung gelebt haben. Der Va⸗ ter bekleidete eine hohe Stelle bei Hofe; das Einkom⸗ men dieſer bildete aber ſein ganzes Vermögen, denn er war ſonſt arm. Sein früheres nicht unbeträcht⸗ liches Beſitzthum, ſo ſagte man mir wenigſtens, hatte er im Spiel verloren. Die Mutter war eine Kokette der alten Zeit, noch Spuren früherer großer Schön⸗ heit zeigend, dabei gewandt und in allen Dingen be⸗ wandert. Das hätte mir die Augen öffnen ſollen, mir wenigſtens bedenklich erſcheinen müſſen, aber— ich war wie geblendet. Denn die ſiebzehnjährige Toch⸗ ter— welche Erſcheinung, welches Weib! Doch ich will ſie Dir hier nicht beſchreiben, wer kann überhaupt eine Schönheit beſchreiben? Aber ſchön war ſie, wie ein Maientag, lächelnd wie die junge Frühlingsſonne, — „— — 279— heiter und— ol laß mich davon ſchweigen, denn alle dieſe Schilderungen zerreißen mir noch jetzt die Seele. Mit einem Wort, wen ich vor mir ſah, war Emme⸗ line von... Ich ſaß freilich an der Tafel des Her⸗ zogs, aber ich aß nicht, denn ich hatte allen Appetit verloren. Meine Augen und Ohren allein ſättigten ſich. Ich hatte genug geſehen und gehört. Ich kam nach Hauſe und dankte Gott, daß ich in meinem Zim⸗ mer wieder allein war; denn ich mußte mir Luft ma⸗ chen, meine Empfindungen ausſchreien, mein Herz wäre ſonſt zerſprungen. Ich ſchritt in meinem Zim⸗ mer ſingend auf und ab. Nie, glaube ich, habe ich ſchöner, mächtiger, ergreifender geſungen, es war, als wenn meine Seele ſich aushauchen wollte. Darauf warf ich mich auf ein Pferd und jagte einige Stunden in den Wäldern umher. Nun erſt kam die Ueber⸗ legung. Aber was ſollte ich noch überlegen? Es war ſchon Alles entſchieden— Emmeline war die ein⸗ zige Perſon auf der Welt, die mir gehören konnte und die mir gehören ſollte. Doch ich ging behutſam und langſam zu Werke, ſo gern ich auch Alles ſchnell beendigt geſehen hätte. Denn ich hatte den natür⸗ lichen Wunſch, erſt von ihr geliebt zu ſein. Bisher hatte ich mich immer geſträubt, in den Geſellſchaften des Hofes zu ſingen. Jetzt war Niemand ſchneller be⸗ — — 280— reit, wenn er dazu aufgefordert wurde, als ich. Ich ließ meine Stimme erſchallen und ich kannte die Wir⸗ kung dieſer Stimme. Doch, was ſoll ich hier weit⸗ ſchweifig ſein, laß mich mit wenigen Worten das Wich⸗ tigſte ſagen: noch waren nicht vier Wochen vergangen, ſo hatte ich die beſtimmte Ueberzeugung, daß ich ge⸗ liebt wurde.“.. „Ich ſprach im Geheimen mit meinem Vater über dieſe Angelegenheit. Aber anſtatt ſogleich auf meinen Wunſch einzugehen, beſann er ſich. Das fiel mir auf. Waren die...s doch bei'm Herzog angeſehen, beklei⸗ dete der Vater doch eine hohe Stelle am Hofe, waren ſie doch vom beſten Adel— und mein Vater beſann ſich?“ „Er iſt ein Spieler!“ ſagte er endlich. „Was geht mich der Vater an, will ich ihn hei⸗ rathen?“ 83 „Die Mutter iſt eine Kokette!“ „Was geht mich die Mutter an, will ich ſie hei⸗ rathen? Warum mit einem Male dieſe Bedenklichkei⸗ ten, mein Vater? Von Dir hätte ich das am wenig⸗ ſten erwartet.“ „Sie leben allein von der Gunſt des denags „Davon leben hier ſehr Viele.“ „Es iſt Deine eigene Sache!“ ſagte er zuletzt. — 281— „Du biſt mein einziger Erbe. Deine Schweſtern ſind ohne Nachkommen geſtorben. Sprich mit dem Her⸗ zog!“ „Und ich ſprach mit dem Herzog. Er hörte mich ruhig an, zufällig hatte er dabei den Kopf abgewandt. Als er iſich zu mir umwendete, ſah ich ſeine Stirn bleicher geworden, ſeine Augen aber funkelnd wie nie. Indeſſen verſchleierte er ſie ſogleich mit jenem däm⸗ mernden Mantel, den er geſchickt darüber zu breiten verſtand, wie keiner. Darauf lächelte er, ſehr fein lä⸗ chelte er.“ „Sie haben einen guten Geſchmack,“ ſagte er endlich,„wir wollen es uns überlegen.“ „Wie— überlegen? Durhlnug— giebt es ei⸗ nen Hinderungsgrund?“ 4 „Daß ich nicht wüßte 8 wollen denn die Eltern?“ „Wenn Sie dafür ſind— gewiß— ſo denke ich.“ „Sprechen Sie mit ihnen— guten Morgen!“— „Und ich ſprach auch mit den Eltern. Es gab acht Tage Aufſchub, weil man mit dem Herzog ſpre⸗ chen müſſe.“ „Das Alles kam mir wunderbar, ſeltſam vor, ich hegte aber durchaus keinen Argwohn. Man berieth ſich wahrſcheinlich mit dem Herzog, erhielt ſeine Bei⸗ — 282— ſtimmung und— nach acht Tagen bekam ich die be⸗ jahende Zuſage.“ „Wer war glücklicher als ich? Alle Bedenklichkeiten, Seltſamkeiten waren vergeſſen, ich war Bräutigam und — war geliebt. Das war die Hauptſache und das wußte ich beſtimmt.“ „Unſere Verlobung ward öffentlich bekannt gemacht; wir machten und empfingen die üblichen Beſuche und Glückwünſche. Mein Vater war ſtill aber thätig. Er ließ meinen ganzen Haushalt vollſtändig und unſerem Stande gemäß einrichten, die Braut brauchte blos als meine Frau einzuziehen; um eine Ausſteuer handelte es ſich bei ihr nicht, es handelte ſich vielmehr nur noch um den Tag der Vermählung.“ „Ich hatte keine Ruhe mehr— ſchrankenlos trieb mich mein Verhängniß vorwärts. Ich beſtürmte den Herzog mit Bitten. Er wich mir immer aus, wenn ich davon zu ſprechen anfing. Auch war er einſylbi⸗ ger, zurückhaltender gegen mich geworden. Als ich einmal zu ihm kam, traf ich den Vater meiner Braut bei ihm, beide waren in eifrigem Geſpräch. Ich wurde zwar empfangen, aber bald wieder verabſchiedet. End⸗ lich, nach wiederholten Bitten, erhielt ich mit zögernder Stimme von meinem Herrn die Erlaubniß zu meiner Verbindung; ſie ſollte am letzten Tage des. Januars — 283— ſtattfinden— wir hatten Weihnachten. Das war ein etwas kalter Termin für dieſe herzenswarme Ver⸗ einigung.“ „Doch, laß mich raſch vorwärts eilen— mein Herz⸗ blut fängt an zu erſtarren, da ich dieſe Tage noch ein Mal, wenn auch nur in der Erinnerung, durchleben ſoll, und die letzten Schritte zum Galgen ſind immer die martervollſten— man thut daher wohl, ſie abzu⸗ kürzen.“ „Mit meiner Braut hatte ich häufige und ſüße Rückſprache genommen, ach! ich hatte ihr ſo viel mit⸗ zutheilen, und ſie ſchien mir ſo gern zuzuhören. Ich war ſo lange allein geweſen und hatte eine einſame und keine frohe Jugend gehabt— nun ſollte ich nicht mehr allein und ſie immer bei mir ſein— für die ver⸗ lorene Vergangenheit ſollte die Zukunft um ſo ſchöner, um ſo genußreicher werden.“ „Das war ungefähr das Hauptthema zu unſeren Unterhaltungen, die uns aber in den letzten Wochen ſehr beſchränkt wurden. Denn man gab uns zu Ch⸗ ren viele und glänzende Feſte, die mir für meine Per⸗ ſon ſehr überflüſſig vorkamen, für Emmeline indeß mir nicht glänzend genug ſchienen. Die ſchönſten von al⸗ len gab der Herzog ſelber. Er war allmälig wieder freundlicher gegen mich geworden und trat in der gan⸗ zen alten, ungetrübten Heiterkeit auf— das ſchläferte alle meine unbeſtimmten Beſorgniſſe wieder ein.“ „In den letzten Tagen vor unſerer Vermählung beſuchte mich mein Vater eines Abends— ich glaube, Mitternacht war ſchon vorüber— auf meinem Zim⸗ mer. Ich war noch ganz friſch und ſchrieb.“ „Wie, mein Vater, ſo ſpät noch wach?“ „Ja, mein Sohn, und zwar Deinetwegen. Um elf Uhr kamſt Du erſt nach Hauſe und nun ließ ich die Dienerſchaft ſchlafen gehen, weil ich ungeſtört mit Dir reden wollte. Ich habe nur wenige aber wichtige Worte mit Dir zu ſprechen.“ „Sein Weſen war ſo ganz anders als gewöhnlich, während er dies ſprach; man erkannte den vorſichtigen und kalten Hofmann gar nicht heraus; es lag ſogar etwas Feierliches, Liebevolles darin— ich fühlte, daß ich ihn jetzt wirklich ſehr und mehr als je liebte, ſo kalt und herzlos er auch in früheren Jahren gegen mich geweſen war.“. „Sprich,“ ſagte ich,„ich höre.“ „Wie ſtehſt Du mit dem Herzog, mein Sohn?“ „Mit dem Herzog? Wie immer— ich denke 97 , C— — 285— „Ich denke nicht ſo— man raunt ſich Verſchie⸗ denes in die Ohren—“ „Das hat man von jeher und überall gethan und meiſt ohne Grund. Aber warum ſoll ich mit dem Herzog weniger gut ſtehen, als ſonſt? Haſt Du eine begründete Beſorgniß? Er zeigt ſich gerade jetzt freund⸗ licher gegen mich, als lange Zeit.“ „Hm! Du kennſt dieſe Herrn nicht. Sei auf Deiner Huth. Ich weiß beſtimmt, daß er Dich nicht leiden mag— Du biſt ihm zu ſtark— zu ſehr Mann—“ „Aber woher weißt Du das?“ „Still!— Ich habe— Deinetwegen— ich habe gehorcht!“ „O— und was haſt Du„gehört? Du haſt Dich vielleicht getäuſcht?“ „Ich täuſche mich nicht— ich bin ein alter Fuchs — ich kenne mein Element. Es iſt zwar glatt, aber meine Füße ſind darauf zu treten gewohnt. Was ich aber gehört habe? Iſt, daß er Dich nicht leiden mag — und was man ſich in die Ohren raunt—?“ „Nun?“ „Daß er in Deine Braut vernarrt iſt— „Mein Vater!“ „Mein Sohn!“ 3 — 286— „Ich heirathe ſie aber in acht Tagen—“ „Du haſt ſie noch nicht und das iſt es eben, warum ich kam— heirathe ſie nicht— mache Dich auf und davon— laß Alles im Stich, Deine Ehre aber nimm mit— Du biſt ein Schellenberg— es iſt Dein Vater, der Dir das räth.“ „Ich war wie vernichtet, ſank auf einen Stuhl und fühlte mein ſonſt ſo ſtarkes Herz gegen Jie Wandun⸗ gen meiner Bruſt krampfhaft klopfen.“ „Nein!“ rief ich plötzlich mit gewaltiger Kraft⸗ anſtrengung—„Nein! ich gehe nicht fort— laſſe ſie nicht im Stich— ich trotze ihm— ich bin ſtark — er hat Recht, wenn er mich für einen Mann hält, ich will es ihm beweiſen—“ „So!“ ſagte mein Vater gedehnt und lächelte wehmüthig.„Ich glaube es, daß Du es willſt— ob Du es aber kannſt, das iſt eine andere Frage. Aber gut— ſei ein Mann und handle als ſolcher— ich bin's zufrieden— mich aber kannſt Du niemals anklagen, daß ich Dich nicht gewarnt hätte—“ „Nein, nein, mein Vater!“ rief ich und ſiioß ihn tief bewegt und innig in meine Arme. — 287— „Der nächſte Morgen brach an, ohne mich auf meinem Lager gefunden zu haben. Ich wälzte große Entſchlüſſe in mir herum. Endlich hatte ich einen ge⸗ faßt. Sobald es die Sitte erlaubte, ging ich zu Em⸗ meline. Ich beobachtete ſie genau— ich durchforſchte alle ihre Mienen— ich blickte tief in ihre blauen Au⸗ gen bis in ihr Herz hinein— ſie war unſchuldig— und ich behaupte es noch heute vor Gott und allen Menſchen— ſie war unſchuldig. Nun hatte ich keine Beſorgniß mehr— ich fühlte meine ganze Kraft zu⸗ rückkehren, die mir ſchon aus voreiliger Furcht hatte entſchlüpfen wollen— ich war wieder wie in früheren Tagen Max Nippold von Schellenberg.—“ „Das letzte Hoffeſt vor meiner Hochzeit ward drei Tage vorher vom Herzoge veranſtaltet. Es ſollte eine prachtvolle Schlittenfahrt werden, nach einem zwei ſtarke Meilen entfernten alten Jagdſchloſſe. Alle Vor⸗ bereitungen dazu wurden im Großen und Ganzen ge⸗ troffen; beinahe vierzig Schlitten waren mit Damen und Herren beſetzt, die Reiter nicht mitgerechnet. Es war zwar ſehr kalt, dafür aber gab es Mittel und Pelze. Ich ſollte allein mit Emmeline in einem ſchö⸗ nen Schlitten fahren, den der Herzog mir am frühen Morgen deſſelben Tages zur Schau vor's Haus ſandte. Es war eine ſeegrüne, reichvergoldete, mit rothem 8 — 288— Sammt ausgeſchlagene Muſchel, mit Tigerdecken ver⸗ hüllt und von zwei arabiſchen Schimmelhengſten ge⸗ zogen.„Eine Muſchel,“ hatte der Herzog mir durch einen Kammerherr ſagen laſſen,„in welcher Venus dem Hymen entgegenfährt, mit Tigerfellen bedeckt, weil ſie Tigerherzen bezwungen hat.“ „Freilich! er konnte dieſes Bild wohl gebrauchen — er hatte den Text dazu gemacht. Jetzt weiß ich aber am beſten, wer der gierigſte bezmungene Tiger war.“ „Die Abfahrt war auf elf Uhr Vormittags feſt⸗ geſetzt— im Jagdſchloſſe ſollte getafelt und am Abend mit Fackeln und Muſik nach Hauſe gefahren werden.“ „Das war ganz hübſch, wurde auch Alles ſo aus⸗ geführt, denn das Programm wgr von einem Meiſter entworfen und wurde von ihm ſelbſt in's Werk geſetzt.“ „Um zehn Uhr Morgens, ich war ſchon zur Fahrt gerüſtet, empfing ich durch die Poſt einen Brief ohne Namensunterſchrift. Es ſtanden nur wenige Worte darin:“ „Max, hüte Dich, daß Deine Venusmuſchel, an⸗ ſtatt zu Hymen, Dich nicht an den Styx, in den Nachen des Charon führt.“ „Die Schriftzüge kannte ich nicht, ich glaubte aber, dies ſei das letzte Mittel geweſen, welches mein Vater 6 8 — — 289— anwandte, um mich nach ſeiner Meinung zu lenken. Ich ſteckte den Brief in die Taſche, hüllte mich in meinen Pelz und ſtieg in den bereitſtehenden Schlitten, deſſen Pferde ein herzoglicher Diener an den Zügeln hielt, bis ich eingeſtiegen war, und dann fortging, denn er war nur für zwei Perſonen eingerichtet. Als auch Emmeline darin und neben mir ſaß, lenkte ich auf den Schloßhof, wo ſchon faſt alle übrigen Schlit⸗ ten und Reiter verſammelt waren. Gleich darauf kam der Herzog die Treppe herunter, lächelte uns gnädig an, ſtieg zu Pferde, ſetzte ſich in Galopp und ſprengte ſelbſt dem langen Zuge voran. Hinter ihm her die ganze ſtolze Ariſtokratie ſeines Herzogthums, in koſt⸗ bare Pelze gehüllt, von Sammt und Seide, Gold und Perlen ſtrahlend.“ „Wäre das nicht für Tauſende ein glänzendes Hochzeitsgeleit geweſen? Aufrichtig geſagt, ich ſah von dem Allen nichts, mein Herz war bereits geſchloſſen, ich blickte nur meine Braut an— das Uebrige in der Welt war für mich nicht mehr da.—“ „Wie ſchon geſagt, es war ein kalter aber ſchöner Wintertag, der 28. Januar, einer meiner vielen Feſt⸗ tage. Fußhoher Schnee bedeckte den erſtarrten Boden Fritz Stilling. I. 19 — 290— und in den ſchräg auf die Erde fallenden Sonnen⸗ ſtrahlen flimmerte die gefrorene Feuchtigkeit der Luft wie ein Meer von kaum ſichtbaren Diamanten. Da ein ſcharfer Wind gerade gegen uns blies, ſo konnten wir nicht viel ſprechen, aber Emmelinens linke Hand lag auf meinem Knie— ich fühlte alſo ihre ſüße Nähe, denn meine beiden Hände gebrauchte ich, die wilden Hengſte zu bändigen, die wie Apollos geflügelte Roſſe mit der Muſchel der Venus dahinſtürmten.“ „Wir kamen im Jagdſchloſſe an. Die Tafel vor den lodernden Kaminen war herrlich, die Stimmung allgemein heiter, der Herzog von allen Verſammelten der Heiterſte. Es wurden viele und außerordentlich wohlgemeinte Toaſte geſprochen, nur der Herzog ſprach nicht. Er trank aber deſto mehr Champagner mit feu⸗ rigem Burgunder gemengt, wie um ſein ſtarres Blut zu kühnem Wagniß zu entflammen. Da ich neben Emmeline ſaß und mich Pit ihr in ein koſendes Ge⸗ ſpräch verſenkte, alle übrigen Vorgänge aber nur wie unbedeutende Schatten an meiner Seele vorübertanz⸗ ten, ſo verging mir die Zeit wie im Fluge. Der Abend war gekommen, ohne daß wir es merkten. Es . dunkelte ſchon ſtark, als man uns an die Fenſter rief, dem neuen Schauſpiel im Freien zuzuſehen. Eine große Anzahl Diener hatte die Fackeln bereits ange⸗ — — 291 zündet und ſtand unten vor der Thür, ihre Herrſchaf⸗ ten erwartend, die ſchon einzuſteigen und abzufahren begannen. Ich erinnere mich noch, daß ich weiter nichts als den blutig rothen Schein des von den dü⸗ ſteren Lichtern gefärbten Schnee's von dem Ganzen ſah, ſo ſehr waren meine Gedanken alle in einem Bilde vereinigt. Die Muſik, ſchon weit vorauf und von uns entfernt, ließ dabei von Zeit zu Zeit dumpf und trüb ihre Hörnertöne über die gefrorne Erde und durch die dicke Luft ſchallen. Jetzt trat der Herzog an uns heran und verwickelte uns in ein Geſpräch. Aber er wandte ſein Auge nicht mehr auf mich, nur auf meinen ſchöne Braut hielt er es geheftet. Es lag etwas Ha⸗ bichtartiges in ſeinen Zügen, die von dem feurigen Weine ſichtbar entflammt waren. Endlich war nur ein Schlitten, eben unſere Muſchel, noch übrig. Raſch waren wir in unſere Pelze gehüllt und ſtiegen die kurze Treppe hinunter, Encteline vom Arme des Her⸗ zogs geführt. Vor der Thür angekommen, ſah ich meinen Schlitten dicht vor mir ſtehen; zwei Vorreiter mit Fackeln ſchienen mir etwas zu haſtig abzureiten. Emmeline ſaß ſchon im Schlitten— eben blickte ich mich nach dem Reitknechte mit dem Pferde des Her⸗ zogs um, den ich aber nicht finden konnte, da trat der Herzog ſelbſt dicht an den Schlitten, wandte ſich halb 19 — 292— zu mir und ſprach mit rauhem Tone die folgenden Worte:“ „Mein Herr! Sie ſehen, wir ſind zu Dreien— Zwei faßt die Muſchel der Venus nur. Es iſt beſſer, daß Sie zu Fuße gehen, als ich— ich wünſche Ihnen einen guten Abend!“ „Und ſchnell ſich in den Schlitten werfend, jagte er, die Zügel der Hengſte ſchüttelnd, davon, die ihre Vorreiter im ſauſenden Galopp einzuholen bemüht waren.“ „Ich ſtand allein, unter Gottes freiem Himmel zmin ner ſternenklaren aber bitterkalten Nacht— was war das? War mir eine Sternſchnuppe auf das Ge⸗ hirn gefallen und hatte es mir verſengt? Mir war ei⸗ nen Augenblick zu Muthe, als hätte ich den Verſtand oder wenigſtens mein Selbſtbewußtſein verloren. Erſt nach langer Zeit— ich weiß nicht, wie lang ſie war — kam mir die Beſinnung wieder. Wie? rief ich laut aus, Das— mir?—“ „Immer noch tönte in meinen Ohren ein gellen⸗ der Schrei, der im Augenblick der raſchen Abfahrt des Herzogs aus der Muſchel nach mir zu rufen ſchien— noch ſehe ich in weiter Ferne die tanzenden und in der gefrorenen Luft allmälig verſchwimmenden — 293— ſich entfernenden Glocken und den dumpfen Schall der in der Nacht erſterbenden Hörner— und ich ſtand immer noch auf demſelben Flecke. Da erhob ich mich und ſah mich rings um. Wenn es noch einen Troſt für mich gab in meiner damaligen Erniedrigung, ſo war es der, daß kein Menſch geſehen und gehört hatte, was vorgegangen war, denn Alle waren ſchon weit vorauf— nur Emmeline und mein eigenes Herz wuß⸗ ten darum. Dieſes Herz aber war für ſich allein ſtolz und erhaben genug— ſelbſt einem Herzoge entgegen zu treten.“ „Ich hatte meinen Entſchluß gefaßt und ging in dem tiefen Schnee, in meiner nur zum Fahren eingerichteten warmen Bekleidung, eine Weile fort. Heiße Ströme über⸗ wallten dabei in raſcher Fluth mein pochendes Herz, meine ganze phyſiſche und moraliſche Gewalt war in dieſem ſchweren Augenblicke auf einen Punkt in meiner Stirn concentrirt. Ich wußte, was ich wollte. Raſch und immer raſcher ging ich mühſam dahin. Aber der Plan, den man gegen mich ausgeführt, war kühn an⸗ gelegt und ſchlau berechnet. Ich hatte zwei ſtarke Meilen zu Fuß zurückzulegen, und dieſe legt man mit ſchwerer Bekleidung, bei fußhohem Schnee nicht in fünf Minuten zurück. Ich fing an bald zu ermüden, meine Aufregung, die Anſtrengung aller meiner Sinne trug — 294— das ihrige dazu bei— meine ſtarken Entſchlüſſe wur⸗ den immer matter, je länger ich ging— ſchon nach einer Stunde war ich erſchöpft, obgleich ich kein Scchwächling war, und ich hatte noch zweie vor mir. In welchem Zuſtande ich endlich vor der Stadt an⸗ kam, kann man ſich denken, Beſchreibung iſt hier über⸗ flüſſig.“ „Es war ſchon Mitternacht vorbei. Ich hatte in meiner Erſchöpfung wieder einen anderen Plan gefaßt, und den führte ich aus.“ „Wenn einen Menſchen ein ſo ſchmerzhafter und betäubender Schlag getroffen, wie mich damals einer traf, ſo iſt es heilbringend und tröſtlich für ihn, wenn er im erſten furchtbaren Augenblicke mit ſich und ſei⸗ nem Schöpfer allein iſt, um ſeine übriggebliebenen Seelenkräfte zu ſammeln und ſeinen Geiſt ſich zurecht finden zu laſſen; hat er aber dieſe erſte Stufe ſeiner Faſſung wieder erſtiegen, ſo taugt das Alleinſein nichts mehr, das ihn in Verzweiflung ſtürzen würde, er ſieht ſich vielmehr nach einem mitfühlenden und theilneh⸗ menden Menſchen um, an deſſen Bruſt er ſeine ver⸗ vundete Bruſt lege, aus deſſen Stimme er neuen Muth, aus deſſen Rath er neues Leben ſchöpfe.“ „In einer ſolchen Lage befand ich mich damals; ich mußte einen Menſchen ſehen und ſprechen hören, um meine Anſicht der Dinge nach der ſeinigen zu be⸗ urtheilen. Obwohl ich keinen durchaus vertrauten Freund in der Reſidenz beſaß, ſo zählte ich doch meh⸗ rere gute Bekannte darin, und unter dieſen wußte ich einen Ehrenmann, dem ich auch meine Ehre, wenn ſie in Gefahr war, jeden Augenblick ohne Bedenken anver⸗ trauen konnte. Es war dies ein Flügeladjutant des Herzogs, der damalige Rittmeiſter des herzoglichen Garde⸗Reiter⸗Regiments, Joſeph von Noringen. Auch er war Theilnehmer des heutigen Feſtes und unter den Erſten geweſen, die ſich zu Pferde vom Jagdſchloſſe entfernt hatten. Er war ein guter Soldat, ein biederer, gerader Menſch, ein vortrefflicher Kamerad, zwar dem Herzoge mit ganzer Seele zugethan, aber der Gerech⸗ tigkeit eben ſo wie der Pflicht ergeben, mit einem Worte ein ächter Edelmann von altem Schrot und Korn.“ 8 en 29 Als ich in jener Nacht heftig an ſein Fenſter klopfte, trat er raſch hervor, obwohl er ſchon im Bette gelegen hatte. Er konnte mich nicht gleich erkennen, dazu war es zu dunkel, aber er öffnete das Fenſter und fragte, wer da ſei und was man von ihm wolle?“ „Ich bin es, Schellenberg!“ ſagte ich leiſe— — 296— „öffnen Sie mir Ihre Thür, ich verlange augenblick⸗ lich Ihren Rath!“ „Mein Gott!“ rief er,„was haben Sie vor? Sie und— heute— hier iſt der Schlüſſel— da — ich werde ſogleich Licht anzünden.“ „In einigen Minnten war ich bei ihm im Zimmer und ſtand ihm gegenüber. Mein wüſtes Ausſehen, meine triefende Stirn, meine ganze auf meinem Ge⸗ ſichte ausgeprägte Gemüthsverfaſſung kündigte ihm auf den erſten Blick ein Unglück an, er war aber weit entfernt, die ſeltſame Wirklichkeit zu ahnen. Sprach⸗ los ſtand er vor mir und blickte mich erſtaunt an, während er ſich in den Pauſen meiner haſtigen Erzäh⸗ lung raſch ankleidete.“ „Er wollte anfangs nicht glauben, was ich ihm ſagte, er hielt mich vielmehr unter der Einwirkung einer krankhaften Phantaſie befangen, denn der ganze Vorgang erſchien ihm zu überraſchend, zu auffallend, zu gewaltſam herbeigeführt. Zwar hatte er auch jenes Flüſtern von der Neigung des Herzogs vernommen, aber er hatte es für bedeutungslos, für vorübergehend, für eine fürſtliche Laune gehalten. Als er mit den er⸗ ſten zurückkehrenden Schlitten in die Stadt gekommen war, hatte er ſich von ihnen getrennt und, vom Ritte und der Kälte ermüdet, ſich nach Hauſe begeben und 1 — 297— zur Ruhe gelegt. Das Alles ſchien mir natürlich und es verhielt ſich auch ſo.“ „Mein armer Schellenberg,“ ſagte er, als ich mit meinem Berichte zu Ende war, indem er mir die Hand drückte,„Sie ſind in einer traurigen Lage; ich empfinde ſie ganz und begreife ihre Leidenſchaftlichkeit. Wenn mir dergleichen begegnet wäre—“ „Was würden Sie thun?“ unterbrach ich ihn. „Ja, was thun? Das iſt auf der Stelle ſchwer zu entſcheiden. Laſſen Sie uns nicht wie zwei heiß⸗ blütige Knaben, ſondern wie zwei Männer die Sache überlegen, denn ſie iſt ernſt. Alſo Ihre Braut hat Ihren Namen gerufen, als er— mit ihr abfuhr? Das iſt wichtig!“ „Sie hat einen Angſtſchrei nach mir ausgeſtoßen— der mir noch in den Ohren gellt— das weiß ich gewiß!“ „Sie iſt alſo in Ihren Augen unſchuldig?“ „Wie ich— ich ſchwöre es Ihnen zu.“ „Nun— dann ſehe ich noch nicht das Schlimmſte vor mir. Was wollen Sie? Warten Sie doch erſt ab, ob Sie ſie nicht zu Hauſe bei ihren Eltern finden, und ob der Herzog Ihnen nicht vor Ihrer Hochzeit einen kleinen ſcherzhaften Streich hat ſpielen wollen, um dieſelbe um ſo reizvoller zu machen.“ „dm! Das wäre ein ſehr übertriebener Scherz, — 298— auf eine ſehr ernſthafte Weiſe eingeleitet— aber doch wäre es möglich!“ „Sicher! Aber vor morgen am Tage können wir das nicht erfahren— ich werde Ihnen auf jede Weiſe behülflich ſein— was ſoll ich thun, um Ihnen meine Theilnahme zu beweiſen?“ „Warten Sie— ich muß mich freilich gedulden, ich habe kein Recht, das Haus meiner Schwiegereltern nach Mitternacht zu betreten— wenn ich aber keine hinreichende Auskunft bei ihnen erhalte? Wenn man von dem Vorgange ſelbſt nichts weiß?“ „Ihre Braut wird Ihnen doch ſagen können, ob ſie ungefährdet entkommen iſt?“ „Sie haben Recht— wenn ich ſie aber— nicht finde?“ „Der Rittmeiſter zuckte die Achſeln— er beſann ſich abermals—„Dann ſind die Eltern mit im Bündniß,“ ſagte er endlich widerſtrebend—„dann— aber gehen wir nicht zu ſchnell, erſt machen Sie jenen Beſuch, dann bringen Sie mir Beſcheid; vor allen Dingen aber faſſen Sie keinen übereilten Entſchluß— es iſt eine Ehrenſache der verwickeltſten und gefährlich⸗ ſten Art— um neun Uhr muß ich zum Herzoge zum Vortrage; ich werde Ihnen berichten, was ich bei ihm ausgeforſcht habe— aber wo wollen Sie hin?“ — — 299— „Nach Hauſe— ich bin erſchöpft.“ „Diesmal nicht, mein Freund. Laſſen Sie mich ein Wort des Ernſtes mit Ihnen ſprechen. Sie befin⸗ den ſich in einer Aufregung, daß Ihnen die Einſam⸗ keit das Bitterſte ſein muß, was es giebt— bleiben Sie bei mir, ich habe ein Bett für Sie, Sie ſollen Alles haben, was Sie gebrauchen, und morgen, wenn der Tag anbricht, überlegen wir gemeinſchaftlich von Neuem und mit ernüchterten Sinnen.“ „Ich ſah ein, daß er Recht hatte; ich weiß auch nicht, was ich gethan hätte, wenn ich allein geweſen wäre; alſo blieb ich. Als ich ihm beim Zubettgehen die Hand reichte, fühlte ich an dem Drucke der ſeini⸗ gen, daß ich mir einen Freund erworben und verhieß, ihm nie zu vergeſſen, was er heute an mir gethan.“ „Meine Nacht war ſchrecklich, ich ſchlief keine halbe Stunde. Entſetzliche Bilder ſtellten ſich meinem Geiſte und meinem liebeskranken Herzen dar. Ich faßte tauſend verſchiedene Entſchlüſſe, tauſend Mal warf ich ſte wieder um, um neue zu faſſen. Endlich graute zu meinem Glücke— oder zu meinem Unglücke der Tag. Ich ſprang aus dem Bette, ich konnte die kör⸗ perliche Ruhe nicht länger ertragen. Joſeph von No⸗ ringen folgte ſogleich meinem Beiſpiele.“ — 300— „Ich habe Muth,“ ſagte er,„obgleich ich nicht weiß, woher er mir kommt. Geben Sie Acht, es wird ſich Alles aufklären, wir werden uns vergeblich um die Nacht betrogen haben; der Herzog kann keinen Ernſt aus der Sache machen—“ „Man ſollte es meinen,“ erwiderte ich,„oder er müßte bei ſeinem Unternehmen vergeſſen haben zu über⸗ legen, was ein verzweifelter Menſch zu thun im⸗ Stande iſt.“ „Raſch kleidete ich mich an und ſchon um acht Uhr ſchellte ich am Hauſe des Vaters meiner Braut. Ein alter mir ergebener Diener öffnete die Thür.“ „Ach, gnädiger Herr, ſo früh?“ fragte er er⸗ ſtaunt. „Wo iſt Deine Herrſchaft? Iſt ſie ſchon aufge⸗ ſtanden?“ „Das weiß ich nicht, ſie iſt ja nicht hier.“ „Nicht hier?“ brüllte ich beinahe.„Wo iſt ſie denn?“ „Sie iſt ja geſtern zu der Schlittenfahrt abgeholt und nicht zurückgekehrt— aber ich glaube, ſie wollte verreiſen—“ „Verreiſen? Nach der Schlittenfahrt? So kurz vor der Hochzeit? Und das Fräulein— Emmeline?“ „Gütiger Gott, Herr, Sie tödten mich mit Ih⸗ — 301— ren Augen— ſie iſt auch nicht da— Sie haben ſie ja geſtern ſelbſt abgeholt— Es wird ihr doch kein Unglück widerfahren ſein—?“ „Ich hatte genug. Mit langen Sprüngen mehr wie Schritten eilte ich durch die noch menſchenleeren Straßen zu meinem Freunde. Er war verwirrter als je, nachdem er das Neueſte gehört, und wußte augen⸗ blicklich keinen Rath. Bald darauf eilte er auf's Schloß zum Herzoge, während ich zu meinem Vater lief. Dieſer konnte vor Beſtürzung kein Wort heraus⸗ bringen, als—„habe ich es nicht geſagt? Siehſt Du! Die Eltern wiſſen darum— klage mich nicht an!“. „Ich klage Dich nicht an, mein Vater— aber — aber—“ „Bald darauf kam der Adjutant des Herzogs in mein Haus.„Nun?“ fragte ich ihn, während mein Herz aus meinen Augen und über meine Lippen zu ſpringen ſchien.“ „Ich bin ſo klug wie vorher.“ „Haben Sie ihn nicht geſprochen?“ „Eine Viertelſtunde lang, wie gewöhnlich. Er war kurz, eilig, finſter, kalt. Als ich meinen militairiſchen Vortrag beendigt hatte, blieb ich ſtehen—“ „Was wollen Sie noch?“ herrſchte er mich an. — — 302— „Euer Durchlaucht, ich habe eine Bitte, in eines Freundes Namen—“ „Sein Sie kurz— was wollen Sie?“ „Herr von Schellenberg—“ „Ha!“ rief er und ſein Geſicht wurde bleich und lang.„Was iſt's mit ihm?“ „Er iſt in Verzweiflung.“ „Warum?“ „Um ſeine Braut!“ „Wie ſo?“ „Sie iſt nicht nach Hauſe gekommen— iſt ver⸗ ſchwunden.“ „ Dann wird er keine Hochzeit machen können— daß iſt das Ganze, ich bedaure ihn.“ „Aber gnädigſter Herr— wo iſt ſie?“ „Mein Herr! Geht das mich an? Bin ich ihre Zofe oder in Herrn von Schellenberg's Dienſt? Mag er die Eltern fragen—“ „Das iſt meine Unterredung mit dem Herzoge, und hier bin ich.“. „Was?“ rief ich.„Ich ſoll die Eltern fragen und er weiß, daß ſie ebenfalls verſchwunden ſindd? Und er bedauert mich noch? Gut! Wir wollen ſehen!“ „In weniger als fünf Minuten befand ich mich im Schloſſe, trotz Noringen's Bemühungen, mich auf⸗ ſtürmte ich die breiten ſteinernen Treppen hinauf— — 303— zuhalten, trotz meines Vaters herzbrechender Bitten— denn ich hatte meinen Entſchluß gefaßt. Im Nu im Nu war ich im Vorzimmer des Herzogs— kein Diener war augenblicklich zu ſehen— Gott ſchien ſie fortgeſchickt zu haben— ich blieb eine Zeitlang athem⸗ los ſtehen, um mich zu verſchnaufen. Die Zunge klebte mir am Gaumen, meine Lippen bebten, ich hätte doch anfangs kein Wort hervorbringen können. End⸗ lich klopfte ich feſt und ſtark an die Thür— keine Antwort. Ich öffne ſie und— der Herzog ſelbſt ſteht im Morgenkleide vor mir— ſein Geſicht wie mit Blut übergoſſen, da er mich ſo plötzlich vor ſich ſieht. Wie ich ausſah, weiß ich nicht, an ſeinem erſchrockenen Antlitze aber fühlte ich, daß er ein Meduſenhaupt vor ſich zu ſehen glaubte.“ „Ich nahm mich zuſammen, ich wollte zuerſt ſanft ſein, wie ein Kind, welches um ein Zuckerwerk bittet. Mit bebender Stimme alſo ſaßte ich: „Herr Herzog— Gnade!“ „Warum Gnade?“ „Daß ich ſo früh und unangemeldet eintrete, aber 77 es war kein Diener draußen— Iſt das die ganze Gnade?“— Er wurde alſo „₰ — 304— bitter. So ſtieg ich denn auch eine Stufe in meinem Grimme höher.“ „Euer Durchlaucht können ſich denken, daß ich begierig bin, zu erfahren, wie Sie nach der geſtrigen Anſtrengung— geſchlafen haben“ „Anſtrengung? O— gut! Was noch?“ „Und— und— wo Sie meine Braut gelaſſen haben?“ fuhr ich mit einer Donnerſtimme heraus, daß es an den hohen Wänden wiederhallte, denn ich be⸗ merkte an ſeinem ſchamloſen Benehmen, ſeinem kalten, feindſeligen Blicke, daß ich das Opfer eines Buben⸗ ſtücks war.“ „Herr von Schellenberg— was erfrechen Sie ſich? Wiſſen Sie, wo und vor wem Sie ſtehen?“ „Ja— vor meinem Herzoge, der die C Gerechtig⸗ keit hier auf Erden vertreten ſoll, ſie aber mit Fißen— tritt außer Ihnen iſt aber noch ein Anderer zugegen— „Ich ſehe keinen— Sie ſcheinen im Paroxys⸗ mus— „Aber ich, ich fühle, ich ſehe, ic verſtehe ihn— daß Sie ihn nicht ſehen, wundert mich nicht— er wird Sie einſt auch nicht ſehen— da Oben wohnt er — ſein durchdringendes Auge reicht bis in dieſes Zim⸗ mer, es ſieht Sie und ſieht mich— und wo iſt meine Dieb!“ 2 * 6*— 305— 4 Braut? frage ich noch einmal in der Allgegenwart deſſen da Oben!“ „Er wollte an eine Glocke gehen— ich ſchnitt ihm den Weg ab und ſtieß ſeine Hand zurück— er ſah ſich nach Waffen um— ich merkte es wohl.“* „Halt!“ rief ich.„Fürchten Sie, Herr Herzog, daß Sie allein ſind?— ich bin auch allein— aber freilich, auf meiner Seite iſt die göͤttliche Vorſehung — auf der Ihren iſt nichts, nichts als das Bewußt⸗ ſein einer— niederträchtigen Schuld— Sie ſind ein „Schellenberg!“ rief er, die Hand emporſtreckend —„ich verzeihe Ihnen, denn Sie ſind wahnſinnig—“ „Ich verzeihe Ihnen aber nicht, denn Sie ſind ſelbſt bei Verſtande ein Dieb. Und wahnſinnig? Nein, Derr Herzog, Sie irren ſich; ich bin nur ein verzwei⸗ felter Mann, weiter nichts— doch ſprechen Sie, wo iſt meine Braute Sch frage zum letzten Male!“ „Leichenblaß ſah er mich vom Kopf bis zu den Füßen an, aber gleißneriſch lächelnd und eine beſchwich⸗ tigende Handbewegung gegen mich verſuchend.“ „Schellenberg, ſein Sie vernünftig— ich will Alles vergeſſen, aber— laſſen Sie von der Parthie — treten Sie ſie mir freiwillig ab— was wollen Sie dafür?“ Fritz Stilling. l.. 20 — 306— „Wie, Mann— Menſch— Herzog!“ rief ich und packte ihn an der Bruſt.„Sie wollen ein Edel⸗ mann, ſogar ein Fürſt ſein und machen mir dieſen Vorſchlag? Noch einmal— meine Braut oder— Ihr Leben! Heut' oder künftig!“ „Seine Augen ſtarrten mich graß und verzweifelt an— er hatte Furcht, ich ſah es— ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft, er konnte nicht mehr ſprechen. Was ich im nächſten Augenblick gethan haben würde, weiß ich nicht— da öffnete ſich die Thür und zwei Diener, wahrſcheinlich von meiner tobenden Stimme herbeige⸗ lockt, traten ein. Ich hörte den Herzog aufſchreien: „Hülfe, Hülfe, Mörder!“ Die Diener blickten ſich um, als trauten ſie ihren Augen und Ohren nicht, oder als ſuchten ſie den vermeintlichen Mörder in den Ecken. Während dieſer Zeit und dem Herzog nur noch 3 das Wort:„Erwarten Sie meine Rache!“ zuſchleu⸗ dernd, war ich ſchon auf der Treppe. Ein mir be⸗ kannter enger Seitengang führte mich bald in'’s Freie. Ich flog durch den Park, gelangte in eine Straße, ging ſchnell nach meinem Hauſe, ſprang in mein Zim⸗ mer, in welchem mein Vater mich erwartete, und ver⸗ riegelte es. Jetzt ſteckte ich ſo viel Geld zu mir, als * ich beſaß; mein Vater, als er ſah, was vorging, gab mir, was er vorräthig hatte, und verſprach, alle meing — 307— auf ihn ausgeſtellten Wechſel zu zahlen. In wenigen Minuten hatte ich einige Sachen zuſammengerafft, die 1 ich in ein Haus in der Vorſtadt zu ſenden bat, wel⸗ ches ich bezeichnete. Wir tauſchten nur wenige Worte — er hatte aber genug gehört— da pochte es ſchon b an die Hausthür. Ein Kommando Wachſoldaten er⸗ ſchien und forderte Einlaß. Ich ſprang die Hinter⸗ 8 treppe hinunter— floh durch den Garten, ſetzte über die Mauer und erreichte die Vorſtadt und das bezeich⸗ nete Haus, eine gemeine Tanzkneipe. Von hier aus ſchickte ich nach der Poſt— ein Wagen kam raſch ge⸗ nug, meine Sachen wurden gebracht— ich warf mich hinein— in zwei Stunden war ich jenſeits der näch⸗ ſten Grenze. Schon am anderen Tage las ich mein Signalement in der Zeitung— in Verbindung mit em J fall auf den Herzog— ich war auf em Vaterlande verbannt, denn— ich i: war ja ein Frſtenmörder.“—— 3 „Hier haſt Du meine Geſchichte, doch höre noch das letzte Ende.— Ich war alſo abgereiſt. Zuerſt ging ich ſo raſch und ſo weit wie möglich, denn ich glaubte, je weiter ich von dem Orte meines Elends entfernt wäre, um ſo kleiner und unbedeutender würde mir dies Elend ſelbſt erſcheinen. Allein ich täuſchte mich in dieſem Glauben. Es war, als wenn es mir 4 20 6 folgte, eben ſo raſch wie ich ging, als wenn es hinter meinen Ferſen wäre und an mir klebte, ſo daß ich mich nicht von ihm loswickeln konnte. Als ich dies er⸗ kannte, kam eine Zeit, wo ich ſtumpf, unempfindlich faſt maſchinenartig hin und her ſchwankte; wo ich nicht wußte, was in mir und um mich war, was ich thun, was ich laſſen ſollte— das war der Anfang einer geiſtigen Kriſis, die ſich in mir vorbereitete, welche aber glücklicherweiſe mein ſteinernes Herz erweichte und meinen Geiſt zum Beſſeren lenkte. Denn es ward wieder klar vor meinen Augen und ich empfand wie⸗ der, daß ich ein Menſch, obgleich ein unglückſeliger Menſch und voll des unermeßlichſten Schmerzes war. Ach, und mit dieſem unermeßlichen Schmerze durch⸗ ſtreifte ich die Welt! Ich ſaß auf den nackten Spitzen der Granitberge Skandinavien's und ſchaute mit ſtar⸗ rem Blicke in die taumelnden Eisberge des Nordmeers hinaus— ich lag an dem blauen Buſen des leiſe ſchaukelnden mittelländiſchen Meeres im Golf von Nea⸗ pel und ſenkte meine gedankenſchweren Blicke tief in die grundloſen Fluthen hinein. Ach! wo ich aber den Grund dieſer Meere ſah, im Norden und Süden— nirgends war er tiefer und unergründlicher, als mein Leid. Und überall über mir war der große Himmel ſo klar, ſo rein, ſo durchſichtig— nur der verlorene —— * — 309— Himmel in meiner Bruſt war allein düſter und ſchwer und undurchdringlich! Auch auf den Trümmern des ſchönen Griechenlands ſaß ich und trauerte über ſeinen tiefen Fall. Aber ſo zerbrochen ſeine Tempel, ſo zer⸗ ſtückelt ſeine Säulen lagen— welches Chaos von Brocken und Steinen und Staub ſie bildeten— es kam mir dieſes Chaos nicht wüſter vor, als meine durchwühlte Bruſt, in der alle, alle Lebenskeime und Hoffnungen zu Atomen zermalmt und in alle Winde verſtreuet waren.—“ „Von allen dieſen Reiſen kehrte ich nach Jahren erſt zurück; ich betrat endlich wieder die Fluren Deutſch⸗ lands, hörte wieder meiner Brüder Sprache reden und immer näher und näher kam ich den Grenzen meines kleinen aber ſchönen Vaterlandes, aus dem ich auf ewig verbannt war. Ach! es zog mich mit tauſend ſüßen Erinnerungen und Wünſchen dahin— aber ebenſo ſtieß es mich mit tauſend bitteren Empfindungen davon zurück. Alle meine Gefühle damaliger Zeit— und dieſe habe ich auch bis heute noch bewahrt— dräng⸗ ten ſich in drei Hauptrichtungen zuſammen. Zuerſt durchſchauerte mich eine unnennbare Sehnſucht nach den Stätten, wo ich erwachſen war; ſie waren, ich weiß nicht wie es kam, im Laufe der Zeiten immer feſter mit den Empfindungen meines Herzens verwo⸗ — 310— ben. Sodann erfüllte mich das ſchmerzhafte aber doch ſeelenvolle Gefühl des Verlangens nach— dem einzi⸗ gen Weibe meiner Wahl. Nur ſehen wollte ich ſie noch einmal, ihren leiſen Athemzug erſpähen, ihren leichten Fußtritt vernehmen— und dann, dann mich wieder von ihr wenden, denn ſie lebte ja nicht mehr für mich, für mich war ſie ja todt. Das dritte Ge⸗ fühl aber in meiner Bruſt war nicht das ſchwächſte, vielleicht das gewaltigſte von allen, welches ich je ge⸗ hegt, denn es war der Drang, die ungeſchwächte, lei⸗ denſchaftliche Gier nach Rache an dem Räuber meiner Ehre, meiner Geliebten, meines Lebensglücks. Ihn wollte, mußte ich noch einmal treffen— dann aber mußte er oder ich aus dieſem Leben ſcheiden. Das habe ich ihm und mir gelobt, und ihm wie mir werde ich es halten. Und ich fühle es tief in meiner Bruſt, daß er es weiß, daß er fürchtet, daß ich es halte!—“ „Du wirſt mich fragen, ob mir nie etwas über die Verhältniſſe meiner Heimat zu Ohren gekommen iſt? Nein, nichts als was ich in öffentlichen Blättern darüber geleſen. Alles aber, was ich darin fand, hatte für mich keinen perſönlichen Reiz, keine Anziehungs⸗ kraft. Auch wollte ich nichts Genaueres wiſſen, ich fürchtete mich, zu hören, was ich nicht hören wollte und doch einmal hören muß. Ich hätte leicht an mei⸗ —— — — 3411— nen Vater ſchreiben können, Andere mochte ich nicht in Verlegenheit ſetzen, mit mir im Schriftwechſel ertappt zu werden, denn ich war ja ein Verurtheilter, ein Für⸗ ſtenmörder— aber eine unbezwingbare Scheu hielt mich auch von meinem Vater zurück, denn von ihm hätte ich auch ohne Frage gewiß mehr gehört, als mir für den Augenblick lieb geweſen wäre. Indeſſen iſt er geſund, ſein Alter iſt rüſtig, er kann noch lange leben — bis— bis meine Sendung erfüllt iſt. Stürbe er, ſo ginge ſein Vermögen auf ſeine jüngere Schweſter über— von dieſer würde es künftig immer wieder an mich zurückfallen, wenn andere Richter über meine That anders geurtheilt hätten. Ich hoffe aber, daß er leben bleibt, nicht um mir meine Wechſel zu zahlen, wie er bisher immer gethan, von wo ſie auch einlie⸗ fen, ſondern, um ihn noch einmal zu ſehen, noch ein⸗ mal an ſeinem Halſe zu weinen und ihm für ſeine vä⸗ terliche Liebe zu danken.“ „Ich war endlich genug herumgeſchwärmt und ſehnte mich nach Ruhe; aber nach Ruhe unter Men⸗ ſchen, denn ich wollte nicht wieder den Dämonen der Einſamkeit zum Raube verfallen. Wo ſollte ich dieſe aber finden? Wo ſind die Menſchen, wenn ihrer meh⸗ rere beiſammen ſind, ruhig? An ein Kloſter dachte ich nicht, das lag mir ferner als Alles, das ſtimmte nicht mit meiner Erziehung, meinen Ueberzeugungen, mei⸗ nen Religionsbegriffen überein.“ „Da kam ich nach Panten drüben am Rhein, um den ſchönen Dom zu betrachten, der mir in Cöln als ein Meiſterwerk erſten Ranges bezeichnet worden war. Ich hielt mich ſtundenlang unter ſeinen himmelanſtre⸗ benden Säulen auf. Als ich heraustrat und an das Ufer des Rheines kam, um mit der Fähre überzuſetzen, fand ich den Guardian dieſes Kloſters deſſelben We⸗ ges ziehen. Wir fuhren zuſammen hinüber und wir ſprachen viel mit einander. Wie ihm meine Bedrückt⸗ heit auffiel, ſo zog mich ſeine leutſelige Güte, ſein feſtes und doch ſanftes Weſen an. Ich begleitete ihn nach ſeinem Kloſter, welches er mir zeigen wollte. Der ſchöne duftige Wald umher nahm mich auf nnd kühlte mit ſeinem undurchdringlichen Schatten mein heißes Blut. Zuerſt fühlte ich mich durch die tiefe Stille, die darin herrſchte, erſchüttert, allmälig kam eine nie gefühlte Stimmung des Friedens über mich. Ich blieb mehrere Tage bei dem gaſtfreien Mönch und er⸗ zählte ihm einzelne Abſchnitte aus meinem ſonderbaren Leben. Alles aber erzählte ich ihm damals noch nicht. Auch theilte ich ihm meine Wünſche und Hoffnungen, meine Sehnſucht und meine Bedürfniſſe mit. Er machte mir den Vorſchlag, bei ihm zu bleiben, ſo lange —— 1 — 313,— es mir gefallen würde. Ich wies denſelben anfangs zurück, denn ich beſorgte, die Kunde meines Aufent⸗ halts möchte bald in weitere Fernen dringen und ihm und mir Unannehmlichkeiten bereiten. Aber er war beharrlich, der gute Guardian, und wußte allmälig und ſtill meine Beſorgniſſe zu zerſtreuen. Eine lange geheime Berathung endlich führte uns zu einem Ent⸗ ſchluß, den wir auch bald darauf ausführten. Jener vortreffliche Pater Provinzialis, der im vorigen Jahre geſtorben iſt, beſuchte das Kloſter und ihm enthüllte ich mich vollſtändig, weil er mir ein großes Vertrauen einflößte. Er verſprach über meine Lage dem Ordens⸗ general in Rom zu ſchreiben, und er hielt Wort. Kraft einer ſchriftlichen Erlaubniß, die ich von dieſem erhielt und noch beſitze, befinde ich mich in dieſem Klo⸗ ſter, im Gewande und unter den äußerlichen Formen eines Mönches, ohne es in der Wirklikkeit zu ſein. Still, Fritz, wundere Dich nicht zu ſehr, ich bin kein Prieſter und kein Pater, ich heiße nur ſo und ſehe nur ſo aus. Du haſt mich nie eine Beichte abhalten ſe⸗ hen, nie predigen hören, jetzt weißt Du den Grund davon. Ich war von allen Pflichten, die einem Mit⸗ gliede des Franziskanerordens auferlegt ſind, befreit; was ich indeſſen doch als ſolches gethan habe, habe ich aus freiem Antriebe gethan und weil ich es der — 314— Hülle, in der ich einhergehe, angemeſſen fand. Es iſt dies die erſte Maske, die ich in meinem Leben trage. Der Pater Vikarius weiß das nicht und braucht das nicht zu wiſſen; er glaubt mich wirklich in den Orden der Franziskaner eingetreten und daher ſtammt der fanatiſche Eifer, mit dem er mich unabläſſig verfolgt, wenn er mich den ſtrengſten Pflichten der Brüderſchaft abgeneigt ſieht.“ „So haſt Du mich hier gefunden— ruhig, ge⸗ faßt, ernſt die Gegenwart betrachtend, meine ganze Hoffnung feſt auf die Zukunft gerichtet, denn die drei Haupttriebfedern meiner Seele ſind mir unwandelbar treu geblieben— Du kennſt ſie— und bleiben mir ewig, bis ich ihr Ziel, wenn auch ſpät, erreicht haben werde. Und dieſe Stunde wird auch noch ſchlagen. Alle meine früheren geiſtigen Beſitzthümer haben mich auch hier nicht verlaſſen, eben ſo wenig meine menſch⸗ lichen Eigenſchaften, die ich nicht mehr verbeſſern kann— ſo habe ich meine ganze frühere Starrheit und Un⸗ beugſamkeit behalten, aber auch das Gefühl für Recht, Menſchlichkeit und Wahrheit ſind mir treu geblieben. Freilich habe ich im Laufe einiger Jahre hier genügend eingeſehen, daß ich meinen eigentlichen Lebenszweck verfehlt habe, und daß es vielleicht ehrenvoller geweſen wäre, dem Sturme des Lebens die Stirn geboten zu V 4 1 1 — haben, um darin zu wirken und zu kämpfen für höhere Güter, als mich in die Einſamkeit eines Kloſters zu begraben, um den alle Tage wiederkehrenden Schmerz eines zerriſſenen Herzens fort und fort zu empfinden. Jenes wäre männlicher geweſen, dies aber ſagte mir mehr zu. Für's Erſte habe ich daher das Letzte vor⸗ gezogen, ohne einen Theil meiner Mannheit einzubü⸗ ßen und meiner Zukunft etwas zu vergeben, denn ich bedurfte zunächſt der Ruhe— und wäre es die des Grabes geweſen— der Ruhe, um meinen Geiſt zu ſammeln, mein Gemüth zu befeſtigen, meinen verlore⸗ nen Glauben an die Menſchheit wiederaufzurichten. Und ſiehe, mein junger Freund, dieſe Ruhe habe ich hier gefunden, mein Gemüth iſt wieder befeſtigt, mein Glaube an die Menſchheit aufgerichtet. So ſchreite ich, ich fühle es jetzt mehr denn je, meiner vollſten Entwickelung und der Läuterung meiner Seele für dieſe Welt mit großen Schritten entgegen.“ „Hier haſt Du Alles, was ich Dir bekennen kann — nichts habe ich verhehlt. Jetzt erkenne die Wich⸗ tigkeit des menſchlichen Lebens und die Heiligkeit eines jeden Schrittes, den Du in demſelben thuſt. Arbeite und lerne, thue Recht und ſcheue Niemand. Aber ſei weich, fügſam, gerecht und wahr. Vor Allem aber vertraue dem, der da oben thront und auch jetzt, Se⸗ — 316—. gen ſpendend, auf uns herabblickt— ſelbſt ich— ich vertraue noch jetzt auf ihn, und er wird auch mich zu meinem Ziele führen.“ Hier ſchloß der Erzähler ſeine wunderbare und mich tief ergreifende Geſchichte, und ließ mich in tiefes Staunen, aber auch in einen großen Schmerz verſenkt zurück. „Guter, armer Maximilian,“ ſagte ich zu ihm und faßte ſeine beiden Hände—„was haſt Du ge⸗ litten, und wie habe ich Dir Unrecht gethan, wenn ich von Dir glaubte, Du verachteteſt das Menſchenge⸗ ſchlecht, da Du mich nicht zu beachten ſchienſt, der ich nur ein Knabe war—“ „Sei ſtill, mein Sohn, ich habe Dich wohl be⸗ achtet, wie ich auch nie das Menſchengeſchlecht ver⸗ achtet habe. Ich fühlte längſt das Bedürfniß, von einem jungen, reinen, unbefleckten Herzen erkannt und geliebt zu werden, denn die Jugend mit ihrem offenen Herzen iſt die Blüthe der Welt mit lieblich duftendem Kelche— aber ich mußte jenes junge Herz erſt genau und lange prüfen, damit ich nicht noch einmal getäuſcht würde. Du haſt die Prüfung beſtanden und in einer ———— ℳ für mich ernſten und gefährlichen Stunde bekannt, daß Du mich liebteſt, warm, innig, uneigennützig— und ſchon damals liebte ich Dich wieder. Laß uns jetzt glücklich ſein, ſo lange wir hier zuſammen ſind, denn wir wiſſen nie, wie lange das kurze Erdenglück dauert. Blicke Dich um und merke auf jene kleine Wolke dort oben— ſo rein und ſonnenklar in dieſem Augenblicke der Himmel auf uns herablächelt, und ſo klein wie ſie ſelber iſt— ſie kann in kurzer Zeit heranwachſen zu einer drohenden Wetterwolke, die Sonne verhüllen und mit Regen und Sturm uns überſchütten— Stillt hörteſt Du nichts?“ Wir horchten ſchweigend auf und auch ich glaubte eine ſchwache aber bekannte Stimme den Namen Maxi⸗ milian's rufen gehört zu haben. „Es iſt Jemand aus dem Kboſter, der uns ruft,“ ſagte ich,„wir werden zu Tiſche kommen ſollen. „Nein, mein Freund, darum ruft man nicht ſo, das iſt nicht Sitte im guten Kloſter, auch iſt es noch nicht Zeit zum Mittagstiſche— es muß etwas Beſon⸗ deres vorgefallen ſein!“ In dieſem Augenblicke theilten ſich die kleinen Gebüſche um den Mooskeſſel, in welchem wir ſaßen, und unter den Bäumen erſchien die wohlbekannte e — 318— ſtalt des Paters Ludovikus. Wie er uns ſah, ſtand er ſtill und gerſuchte ein freundliches Geſicht zu machen, obgleich ſeine Geſichtsmuskeln dagegen arbeiteten. Die Hände drückte er mit der ihm gewöhnlichen ſchmerz⸗ haften Geberde gegen die Bruſt. Das raſche Gehen hatte ihm den Athem genommen und er mußte ſich erſt erholen, bevor er ſprechen konnte. Wir waren ſogleich aufgeſtanden, um ihm entgegenzugehen und ihn zu un⸗ terſtützen. „ Ah!“ rief er,„Ah, es wird ſchon beſſer. Es iſt gut, daß— ich Euch gefunden habe— ich dachte mir's, daß Ihr hier wäret— ſeid Ihr fertig mit Eu⸗ rer Geſchichte?“ „Ja, Ludovikus,“ ſagte Maximilian,„ich bin fer⸗ tig und er weiß Alles ſo genau wie Du. Aber wa⸗ rum kommſt Du ſelbſt, uns heim zu holen. Iſt Etwas vorgefallen?“ „Der Pater Guardian ſchickt mich, Dich zu ſuchen, Maximilian. Es iſt ihm etwas Unangenehmes begeg⸗ net und er begehrt augenblicklich Deinen Rath.“ „Etwas Unangenehmes? Was denn?“ „Ich weiß es ſelbſt noch nicht, denn er hat noch nichts darüber mitgetheilt. Aber er hat Brief empfangen und kaum hatte er ihn zu Ende g — 1 2 4 5 4 3 ſen, ſo iſt er zu mir gekommen. Wo iſt Maximilian? fragte er raſch und heftig.— Im Walde mit Fritz, ihm ſeinen Geburtstag feiern zu helfen.— So lauf und ſuch' ihn— er ſoll ſogleich mit Dir zurück⸗ kommen.“ „Aber was ſteht in dem Briefe?“ fragte ich ihn. „Du ſollſt es hören, auch Deinen Rath begehre ich, wir Drei aber müſſen erſt bei einander ſein— Ihr werdet Euch wundern.— Und ſo nahm ich meinen Waldſtock und ſuchte und fand Euch. Nun aber kommt geſchwind!“ „Und haſt Du gar keine Ahnung, was in dem Briefe enthalten iſt?“ fragte Maximilian beklommen. „Gar keine, durchaus keine— er ſchien mir aber vom Pater Provinzial zu ſein— die richtige Form hatte er wenigſtens.“ „Ach, dann hat dem Guardian und uns Allen der vortreffliche Pater Vikarius Etwas eingebrockt. Gieb Acht, ich habe Recht. Nun laß uns aber, ſo ſchnell Du kannſt, zurückkehren.“ Und wir erhoben uns und durchſchritten ſo raſch den Wald, wie der ſchwerathmende Pater Ludovikus uns folgen konnte. Die kleine vorhererwähnte Wolke am Himmel aber hatte ſich unterdeſſen vergrößert und 4. — 320— ſchnell den ganzen Horizont wie eine düſtere mächtige Hand umſpannt. Und ſchon fielen dicke Tropfen in 4 das jungfräuliche Blätterwerk des neuen Frühlings, 4 als wir von ferne die alten Mauern des Kloſters zwiſchen den Bäumen liegen ſahen. Ende des erſten Theils. 6 Druck von Oswald Kollmann in Rochlitz.