Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Sduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet 8 wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ eträgt: 1 für wchentlich 3 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 4 We.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. Pf. „ 3„ 2„„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben füͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt' der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 3 1 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * 1 * 8 Der Sohn des Gürtners. Noman von Philipp Galen. Erſter Theil. — e8n Leigzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1861. Erstes Mapitel. Meine erſten Jugendjahre. Viele Freuden hat der Menſch vor Anderen voraus, deſſen Wiege an einem ſchönen Orte dieſer Erde ſtand. Denn von Jugend an, von hochbewaldetem Berge herab, die weite Welt mit ihren grünen Fluren und ihrem blauen Himmel zu betrachten oder mitten unter Blumen, duftenden Geſträuchen und rauſchenden Bäu⸗ men die erſten Eindrücke kindlichen Lebens zu empfan⸗ gen, iſt eben ſo lieblich und wohlthuend, wie am flie⸗ ßenden Waſſer zu wohnen, die ſich kräuſelnde Welle kommen und verſchwinden zu ſehen und Morgens und Abends wie einen Gruß aus der Ferne die Stimmen der Natur zu vernehmen, deren Gaben immer ie köſtlichſen und dauerndſten ſind, womit uns de gütige Schöpfer das irdiſche Leben geſegnet hat. Der Sohn des Gärtners. I. 2 O5 meine Wiege an einem ſo bevorzugten Orte dieſer Welt ſtand, weiß i daß meiner Eltern Haus, als ich zur Unterſcheidung der mich umgebenden Gegenſtände und Dinge auf einem reizenden Fle meine kleine Heimat fü Erdenrunde hielt. die ſchönſte von alle wiß Jedem, der ſie zum erſten Male ſah. Mein Vater war nämlich fürſtlicher Hofgärt kleinen ſouverainen Fürſtenthümer, worau Deutſchland, wie man weiß, leider ſo überreich iſt, und das Fürſten⸗ thum W..., eins der abgerundetſten und wohlhahend⸗ ſten Ländchen, iſt wegen ſeiner Naturſchönheiten von jeher für eine der koſtbarſten Perlen im großen Län⸗ ſchatze unſers Vaterlandes gehalten worden. Das ganze Gebiet beſteht aus luſtig an einander gereihten Bergen und Thälern, an die ſich ſaftige Weiden, üppige Felder und ſchattige Waldungen lehnen, und gerade im Mittelpunkt, hoch auf baumreichem Fels⸗ plateau, erhebt ſich das alte fürſtliche Schloß, das ſeit Jahrhunderten der Stammſitz einer eben ſo ritterlichen wie allen Künſten des Friedens ergebenen Herrſcher⸗ familie iſt. Unmittelbar um das, ſtolz und frei über die tiefer ſtehenden Waldwipfel ragende Schloß dehnt 4 gelangte, cke lag, ſo daß ich länge Zeit r die ſchönſte auf dem ganzen Und in der That, wenn auch nicht ner in einem jener ch nicht, wohl aber weiß ich, n, ſchön lag und erſchien ſie ge⸗ 2 3 6 ſich faſt bis zum Fuße des terraſſenförmig abgeſtuften Berges der wohlunterhaltene Schloßgarten aus; breite und ſchmale Schlangenwege laufen durch üppige mit Blumen geſchmückte Raſenflecke hinauf und hinab, und die von der Natur freundlich dargebotenen Plätze hat ſinnig die Kunſt benutzt, um dem Ganzen eben ſo viel Abwechſelung wie dem Einzelnen Behaglichkeit zu verleihen, denn von zahlloſen Ruheſitzen blickt man nach allen Seiten durch offene Waldlichtungen über die darunter liegenden Thäler und. Ebenen fort, welche gar maleriſch ein Flüßchen durchrieſelt, deſſen an⸗ muthige Windungen nicht wenig dazu beitragen, die Ausſicht von oben her noch mannigfaltiger und reicher zu machen.. Wohl fünfhundert Schritte tiefer als das Schloß auf einer breiteren Terraſſenfläche und mitten im ſchönſten Roſengarten, lag nun das kleine Haus, wel⸗ ches meine Eltern bewohnten. Es war meines Vaters Dienſtwohnung und hatte bereits ſeit langer Zeit den Hoſgärtnern zum Aufenthalt gedient. Schon die Vorgänger meines Vaters mochten ihre ganze Kunſt aufgeboten haben, es in Bezug auf ſeine Umgebung ſo reich wie möglich auszuſchmücken und damit zu zeigen, was ein Gartenkünſtler im engeren Kreiſe her⸗ vorzuzaubern vermöge; an ſeiner baulichen Ge g . 4 8 und Ausbeſſerung dagegen war wohl ſeit vielen Jah⸗ ren nichts geſchehen, wenigſtens hörte ich meinen Va⸗ ter oft darüber klagen, daß man ſeine Hütte ſo lange werde ſtehen laſſen, bis ihm das altersſchwache Dach über den Kopf zuſammenſtürze. Allerdings war zu dieſer Befürchtung wohl einiger Grund vorhanden, denn das mit dünnen Holzſchindeln bedeckte Dach erlag faſt der Laſt des immergrünen Hauslauchs und den gewichtigen Stämmen jahrhun⸗ dertalten Epheus, der ſich mit tauſend Aeſten und Zweigen darüber hinſchlängelte, jedoch dadurch nicht wenig zur Verzierung des Hauſes und ſeiner Um⸗ gebung beitrug. Das ganze, nur ein Stockwerk hohe Gebäude ſah aus wie ein grüner Hügel, aus dem kaum im Abendſonnenſchein die Fenſter hervorleuchte⸗ ten, denn alle vier Seiten waren ſo dicht mit Wein⸗ blättern und Rankengewächſen überzogen, daß nirgends ein Stück des verwitterten Mauerwerks ſichtbar wurde. Aber außer dieſer an ſich ſchon ſchweren und das Bauwerk allmälig zerſtörenden Laſt hatte das kleine Gebäude noch eine andere, wiewohl nicht minder ſchöne zu tragen. Von allen vier Ecken des Daches liefen gewaltige Ariſtolochiengewinde und andere Schling⸗ pflanzen nach vier ihnen gegenüberſtehenden Linden⸗ bäumen, umſchlangen dieſe und ſetzten ſich, allmälig 5 dünner und leichter werdend, nach den vier Pfoſten eines alten Gitterwerks fort, welches den Roſengarten nur zum Schein umſchloß, da die Eingänge deſſelben, nachdem die Thüren längſt zertrümmert und beſeitigt waren, Tag und Nacht den Beſuchenden von allen Seiten offen ſtaͤnden. So übertünchte und verſchönerte die Natur in Verbindung mit ihrer Lieblingstochter, der Kunſt, einen Ort, dem das Handwerk minder wohlgewollt hatte, ja, den es beinahe vergeſſen zu haben ſchien, und gerade weil die Lücken und Spalten des Ganzen durch den reichlichen Blätterſchmuck nicht ſo leicht zu Tage traten, hatte man verabſäumt, dem Gebäude des Gärtners die Rückſicht widerfahren zu laſſen, welche ſonſt wohl auf die übrigen Dienſtwoh⸗ nungen der fürſtlichen Beamten verwandt wurde.* Rings um meiner Eltern Haus nun, allmälig berganſteigend bis zum Schloßplateau hinauf, zog ſich, wie geſagt, der Blumengarten, weniger jedoch be⸗ ſtimmt, um den Hofleuten einen angenehmen Aufent⸗ halt oder Gelegenheit zu Spaziergängen zu bieten, als um im Sommer zur Vorrathskammer der Ge⸗ wächſe und Blumen zu dienen, die, je nach der Jahres⸗ zeit, nach der oberſten Terraſſe wanderten und die nͤcſte Umgebung. des fürf ſtlichen Sühloſſes ſchmtten, * 6 Kleinen um meines Vaters Haus geſchildert habe. Gewaltig, ſtark und hoch ſtrebten hier aus dem Blumengewirr die Mauern des alten Fürſtenſitzes auf, hier Thürme und Thürmchen, dort Baſtionen und 5 Zinnen zeigend, wie ſie eins nach dem andern der Geſchmack der Zeit oder die Nothwendigkeit der äuße⸗ ren Verhältniſſe aufgebaut und dem urſprünglich ein⸗ fachen Gemäuer bald ein ſchützendes Bollwerk, bald eine beliebte Zierrath beigefügt hatten. * Verlaſſen wir jedoch das Schloß, ſeine äußeren und inneren Schätze noch eine Weile und kehren wir zunächſt noch einmal nach dem beſcheidenen Häuschen des fürſtlichen Hofgärtners zurück. So niedlich ſich das Ganze von Außen darſtellte, und ſo erwünſcht dem Uneingeweihten der Aufenthalt darin erſcheinen mochte, die inneren Verhältniſſe ent⸗ ſprachen leider, wie ſo häufig, den poetiſchen Erwar⸗ tungen nicht, die ein Fremder, der es zum erſten Male flüchtig betrachtete, wohl davon hegen konnte. Ich war das einzige Kind, welches, ſo lange meine Eltern es bewohnten, darin aufwuchs, ſpielte, die Blumen in ſeiner Umgebung blühen und die Früchte reifen ſah. Meine Mutter war eine unendlich ſanfte, gute und dabei ſehr hübſche Frau, die, wegen ihrer vortrefflichen Eigenſchaften allgemein beliebt, keine Neiderin im 7 ganzen Umkreiſe beſaß, was an einem ſo kleinen Orte und unter den zahlreichen Beamten einer fürſtlichen Hofhaltung eine ſeltene Erſcheinung ſein dürfte. Sie war die Tochter eines ziemlich bemittelten Geiſtlichen, der, einige Meilen von W... entfernt, auf einem Dorfe wohnte, das jedoch nicht unſerm Fürſten, ſon⸗ dern ſeinem mächtigeren Nachbar, dem Herzog von B... gehörte. Noch immer ſehe ich die milde, ergebungsvolle Miene und den wie unter einem ſchweren Drucke ge⸗ beugten Gang dieſer vielfach geprüften Dulderin vor mir. Ihr ruhiges, harmloſes Geſicht, ſo wohl zum Lächeln geſchaffen, war in der Regel tief beſchattet von tauſendfältigem inneren Weh, und nur ſelten zuckte ein flüchtiger Freudenſtrahl darüber hin. Ruhig in ihr Schickſal ergeben, bewegte ſie ſich vor meinen Augen auf und nieder, verrichtete alle Arbeit mit finnendem Schweigen und erfüllte ihre Pflichten mit muſterhafter Pünktlichkeit vom frühen Morgen bis in die ſinkende Nacht. Nur ſehr ſelten habe ich ihre ſanfte Stimme im fröhlichen Gelächter erſchallen hören; Freude kehrte nur dann in unſer ſtilles Haus ein, wenn, was indeſſen leider nicht allzu häufig geſchah,. ihr Vater ſie beſuchte, denn dieſer Beſuch r der einzige, der ſie mit dem glücklicheren gen⸗ 8 welt verknüpfte, da ihre Mutter ſehr früh und ihre ältere Schweſter ſchon vor Jahren geſtorben war. Außer ihrem Vater liebte ſie mich am meiſten auf der Welt, das hat ſie mir nicht nur ſehr oft ſelbſt geſagt, ſondern das ſah ich und fühlte ich auch an jeder wohlthätigen Handlung, die ſie ſo reichlich auf mich häufte, ſo daß ich es ihr jetzt, wo ſie längſt im Grabe liegt, nicht genug danken kann. Mit mir beſchäftigte ſie ſich außerordentlich viel; meine Kleidung ſtellte ſie in den frühſten Kinderjahren nur mit eigenen Händen her, hielt auf eine ungewöhnliche Sauberkeit an mei⸗ nem Leibe und wandte große Sorgfalt auf meine Erziehung, meine geiſtige Entwicklung und mein phy⸗ ſiſches Wohlbehagen, da, nach Lage der Dinge, von andrer Seite her ſehr wenig dafür geſchah. In allen Stücken erwies ſie mir ſo eine ungemein mütterliche Zärtlichkeit, ja, dieſelbe nahm bisweilen und gerade in den unglücklichſten Momenten ihres Lebens eine faſt leidenſchaftliche Innigkeit an, die ihre höchſte Höhe er⸗ reichte, wenn mir von Außen her, wie nur zu oft, irgend ein unverdientes Leid drohte. Dieſes Leid ging, ſo weit ich es wenigſtens beurtheilen kann, ſtets von meinem Vater aus, und zu dieſer Ueberzeugung gelangte ich ſehr früh, indem ſie, ſoviel ich mich erinnere, faſt mit den erſten Symptomen meines erwachten Selbſtbewußtſeins zu⸗ ſammenfällt. Man ſollte meinen, es müßte mir ſchwer werden 4 oder ſehr peinlich ſein, das, was ich jetzt erwähnen will, der größeren Welt mitzutheilen, allein dies iſt nicht der Fall. Ich bin von Jugend an, erſt von meiner braven unglücklichen Mutter, dann von einem bei Weitem höher ſtehenden Freunde, deſſen natürliche Geiſtesanlage und frühe Charakterentwicklung einen ſehr großen Einfluß auf mich ausübten, daran ge⸗ wöhnt worden, ſtets unbefangen und mit offener Kundgebung meiner Meinung vor die Augen und r Ohren der Menſchen zu treten, ſo daß ich auch in 6 dieſem Falle von keinem falſchen Schaamgefühl ver⸗ 1 leitet werde, die Wahrheit zu verſchweigen; überdies zwingt mich die Nothwendigkeit dazu, wenn ich anders die Abſicht hege, daß der Leſer, als der ſtille Theil⸗ nehmer meiner jugendlichen Freuden und Leiden, alle meine Verhältniſſe klar durchſchauen ſoll. 4 Mein Vater, der Hofgärtner, war nämlich ein ſo⸗ genannter Quartaltrinker. Mehrere Wochen, ja Mo⸗ nate lang, blieb er der nüchternſte, fleißigſte, vernünf⸗ tigſte Menſch, der in jedem Punkt, als Gatte, Vater und Chriſt, ſeine Pflicht erfüllte. In dieſer Zeit lag er mit ſeltener Hingebung und unverwüſtlicher Aus⸗ —— 10 4 dauer ſeinem Amte ob; er pflegte die Blumen, gab die praktiſchſten Anweiſungen im Kreiſe des ihm an⸗ vertrauten Gebietes, entwarf wunderſchöne Anlagen auf dem Papier und führte ſie dann mit ſeinen Ge⸗ hülfen pünktlich in Park und Garten aus, Alles auf's Beſte ordnend und bedenkend, bei welchen Verrich⸗ tungen er ſich ſtets als ein höchſt productiver, durch und durch gebildeter Gartenkünſtler zeigte, den ſein Herr mit Recht ſchätzte und ihm deshalb viel durch die Finger ſah, da die Schattenſeiten ſeiner Exiſtenz demſelben leider nicht unbekannt geblieben waren. Allerdings war er in dieſer ſeiner gemüthlichen Periode der Rüchternheit wenig geſprächig, er zog ſich ſogar gern vom Umgange mit anderen Menſchen zu⸗ 4 rück, lebte lieber für ſich und gab ſich einem brüten⸗ den Schweigen hin, das manchmal den Anſchein einer heimlichen Reue annahm, da er ſich alsdann ſeiner traurigen Leidenſchaft nur zu gut bewußt ſein mochte. War nun Altes eine Zeit lang recht gut und zu all⸗ gemeiner Zufriedenheit gegangen, ſo hörte er plötzlich auf zu eſſen, zu arbeiten, zu ordnen, und erſt heimlich, dann offenbar und ſich vor keinem Menſchen mehr ſchenend, trank er unglaubliche Quantitäten von aller⸗ lei berauſchenden Getränken. In der Regel fing er * gemächlich mit Wein an; erſt eine halbe, dann eine 2. ☛‿-—— 11 ganze Flaſche täglich, dann zwei oder drei, bis ihm dieſer verhältnißmäßig zu milde Genuß keinen Reiz mehr bot und er nun zu Rum oder Cognac über⸗ ging, den er zuletzt quartweiſe verſchluckte. Die Folgen dieſes unmäßigen Genuſſes kann man ſich leicht vorſtellen. Er kam in dieſen Zeiten faſt nie aus dem Hauſe, die ganze übrige Welt ekelte ihn an, er ſaß unbeweglich in ſeinem Zimmer auf einem ledernen Seſſel, in der Nähe ſeines Vorrathsſchrankes, bekümmerte ſich weder um das Wetter, noch ſeine Ge⸗ ſchäfte, und hatte vor keinem Menſchen auf der Welt den geringſten Reſpect. In dieſen tra⸗ rigen Tagen führte meine Mutter hauptſächlich das d nen in⸗ dem ſie nicht allein den unglücklichen Mann vor allem Schaden zu bewahren ſuchte, ſondern auch außer dem Hauſe nach Möglichkeit ſeine Geſchäfte verrichtete, den Gehülfen die nothwendigſte Arbeit anwies, die Rechnungsbücher führte und alle Sorgen für das Hausweſen und meine Erziehung übernahm. Im höchſten Paroxysmus der Trunkenheit meines Vaters konnte ſie allerdings nur wenig oder gar nicht das Haus verlaſſen, hier mußte ſie ihre Kräfte, ihre Sorgfalt, ihre Mühwaltung um das Zehnfache ſteigern, denn in dieſem Zuſtande geberdete ſich de Unglückliche wie ein wildes Thier. Alles w 12 1 ſeinen Bereich, unter ſeine Hände kam, ſchlug er, ſtrafte er ohne Erbarmen für früher begangene Miß⸗ griffe, für die er ein ungeheures Gedächtniß ent⸗ wickelte; die ihm nahe tretenden Menſchen beſchädigte er, alle erreichbaren Gegenſtände, Möbel, Hausgeräth, vernichtete er und war ſo im Stande, in blinder Wuth ein Werk zu zerſtören, woran er Wochen lang mit Anſtrengung gearbeitet hatte. In dieſem traurigen Zuſtande kannte er keine Achtung vor Geſchlecht und Alter, zwiſchen Fürſt und Bettler machte er wenig Unterſchied; ſeine Frau, mich ſelbſt, die Gartenarbei⸗ ter ewnaf, er mit derſelben ſchonungsloſen Roh⸗ heit, demſelben feindlichen Haſſe, und Jeder, den er von uns mit Würfen oder Püffen erreichen konnte,. fiel unter ſeinen Streichen, bis ſeine Wuth der Er⸗ ſchöpfung wich und ein durch das ganze Haus ſich hörbar machender Schlaf uns und ihn ſelbſt von ſei⸗ nen Leiden befreite. Meine Mutter, ich und ein bra⸗ ves altes Hausmädchen, welches aus der heimat⸗ lichen Pfarre mit der erſteren hierhergewandert war, litten zu ſolchen Zeiten die Qualen der Hölle, und nur wenn, was bisweilen geſchah, der Fürſt oder die Fürſtin ſelber in ſeinen Geſichtskreis traten, mäßigte er ſich vorübergehend, und ſeine erhitzten Wangen und ſeine wild rollenden Augen verriethen dann allein 2 8 5 3 3 8 —,— 14 4 13 den in ihm kochenden Vulkan, der um ſo ſtärker wie⸗ der zum Ausbruch kam, je länger die aufgezwungene Mäßigung gedauert hatte.. Von den Leiden meiner Mutter in dieſen ſich jährlich mehrmals wiederholenden Perioden will ich ſchweigen, ſie liegen zu offen am Tage, um noch be⸗ ſchrieben werden zu müſſen. Der Eindruck aber, den ſie auf mein junges Gemüth hervorbrachten, war fürchterlich und ich glaube, nichts auf der Welt hätte mir einen ſo bitteren Widerwillen gegen den über⸗ mäßigen Genuß berauſchender Getränke einflößen können, als der Aublick meines in toller Wuth toben⸗ den Vaters. Wenn es irgend zuläſſig war, vermied ich daher dieſen Anblick; bleich und zitternd verkroch ich mich in irgend einen Winkel des Hauſes oder Gartens, blickte verzweifelnd und die Hände ringend den Himmel an, und bat wiederholt Gott, nur meine arme Mutter zu ſchützen, damit ich nicht ganz ver⸗ laſſen auf Erden und ohne alle Hülfe den wüthenden Händen des ſchrecklichen Mannes preisgegeben ſei. Gott muß meine mit Thränen geſprochenen Ge⸗ bete erhört haben, denn er ſchützte in der That meine Mutter, und wenn ich, nach überſtandener Angſt in’ss Haus zurückkehrend, ihr bleiches Geſicht, ihre ſelbſt im höchſten Herzenskummer mich freundlich anlächelnde Miene ſah, ſtürzte ich mich in ihre Arme, ſchluchzte laut und erwiderte aus vollem Herzen die ſchmeicheln⸗ den Liebkoſungen, mit denen ſie mich dann zu über⸗ häufen pflegte. Der Uebergang zur Nüchternheit und Beſonnen⸗ heit erfolgte bei meinem Vater eben ſo raſch und ohne allen ſichtbaren Grund, wie der zur Trinkſucht. Aus dem Schlafe erwachend, rieb er ſich die Augen, blickte gleichſam Hülfe ſuchend um ſich und nahm mit Dank die erquickenden Speiſen und Getränke entge⸗ gen, die meine Mutter alsdann ſchon für ihn bereit hielt. Nachdem er nur wenige liebreiche Worte zu ihr oder mir geſprochen, wuſch er ſich, kleideke ſich ordentlich an und ging in den Garten, wo er ſogleich alle Geſchäfte an dem Punkte und mit dem alten Eifer wieder aufnahm, wo er ſie beim Ausbruche der Leidenſchaft gelaſſen hatte. Es wundert mich noch heute, daß ſeine Autorität über ſeine Untergebenen unter dieſen Umſtänden ſo wenig litt; ich glaube aber, daß dieſe guten Leute ſeinen leidenſchaftlichen Hang von der rechten Seite erfaßt und erkannt hatten: daß er mehr ein unglück⸗ licher als ſtrafbarer Mann ſei, und ſo fühlten ſie ein tiefes Mitleid mit ihm und widmeten vor wie nach ſeiner höheren Einſicht willig ihre Kräfte, wozu denn 15 auch wahrſcheinlich der Umſtand viel beitrug, daß der Arme in ſeinen geſunden Tagen der leutſeligſte, ru⸗ higſte und leidenſchaftsloſeſte Vorgeſetzte war, der allen ihren Wünſchen ein offenes Ohr lieh und that, was in ſeinen Kräften ſtand, um ihnen das Leben und Wirken bei ihm ſo angenehm wie möglich zu machen. Nach meines Vaters frühzeitig ausgeſprochenem Wunſche und Willen, ſollte ich Kunſtgärtner und ſo⸗ dann einſt ſein Nachfolger im Amte werden, wofür er alle Mittel aufzubieten verſprach; ein Ziel, welches allerdings nicht ſo überaus ſchwer zu erreichen gewe⸗ ſen wäre. Allein meinen Beifall fand dieſe Abſicht durchaus nicht. Ich ſah und roch zwar die Blumen ſehr gern, hatte auch meine Freude an den alle Jahre ſich neu geſtaltenden Verbeſſerungen und Verſchöne⸗ rungen des fürſtlichen Parks und Gartens, verſchmähte ebenſowenig die reifen Obſtſorten der Treibhäuſer und Spaliere, aber mein ganzes Leben mit der Pflege dieſer Zierden der Gartenkunſt hinzubringen und das mir durch alle ſeine Kleinigkeiten und Mühſeligkeiten zuwidergewordene Geſchäft meines Vaters fortzuſetzen, dazu verſpürte ich nicht die geringſte Luſt in meinem auf Größeres und Weiteres gerichteten Geiſte. Mein ganzes Beſtreben vielmehr, in jüngeren Jahren unbe⸗ wußt, in ſpäteren von ernſtem Willen unterſtützt, ging — 16 einzig und allein dahin, ein Gelehrter von Fach zu werden. Was das Wort„von Fach“ bedeute, wollte mir allerdings noch lange nicht klar werden, allein es war mir von meinem Großvater, dem Prediger, ein⸗ mal in's Ohr geträufelt und da wirkte es fort und fort, bis es meine Seele entzündet hatte, die mit einer ſeltenen Fähigkeit und Zähigkeit begabt war, alles ein⸗ mal Erfaßte wunderbar ſchnell weiter zu entwickeln und unverwiſchbar feſtzuhalten. Der alte Pfarrer hatte ſehr bald meine Neigung, ſeinem Wunſche zu willfahren, erkannt und er ſchürte das ſtille Feuer mit belebendem Hauche, ſo daß er, meine Mutter und ich ſelbſt es endlich als gewiß annahmen, ein Gelehr⸗ ter ſolle und müſſe aus mir werden, was es auch koſten möge und wie es auch bewerkſtelligt wer⸗ den ſolle. Von dem Augenblicke an, wo ich in der Stadt⸗ ſchule, nach der ich jeden Tag zweimal über den hohen Schloßberg wanderte, da das Hauptſtädtchen unſeres Fürſtenthums jenſeit deſſelben lag, leſen gelernt und von meiner Mutter weitere Anleitung empfangen hatte, das Geleſene zu begreifen und meinem Gedächtniſſe einzuprägen, gab es für mich kaum einen anderen, geſchweige denn einen größeren Reiz als eben das Leſen ſelbſt. Allerdings war die Hauptquelle, aus 17 der ich dieſe geiſtige Nahrung ſchöpfte, nur ſehr ein⸗ fach und wenig umfangreich, aber ſie war gut. Außer meinen Schulbüchern befanden ſich im Beſitze meiner Mutter nur eine ſehr ſchön gedruckte Bibel, einige Reiſebeſchreibungen von fernen Weltgegenden und Schiller's Gedichte. Alle dieſe Bücher las ich von Anfang bis zu Ende wiederholt durch, bis ich große Abſchnitte daraus auswendig wußte, die ich ſowohl meinem Vater, wenn er vernünftig war, wie meiner Mutter zu jeder Zeit lebhaft vortrug. Erſterer dul⸗ dete dieſe unſchuldige Gedächtnißübung ſtets, ſo lange er nüchtern war; begegnete er mir dagegen im trun⸗ kenen Zuſtande mit einem Buche in der Hand, ſo hieb und riß er es mir jedesmal fort, woher es denn kam, daß ſämmtliche Bücher in unſerm Hauſe bald beſchä⸗ digt, theilweife ſogar halb entblättert waren. „Geh' in's Treibhaus,“ ſchrie er dann gewöhnlich, indem er mir fürchterliche Püffe mit auf den Weg gab,„und lerne mit Pflanzen umgehen! Das iſt das einzige Vernü itige auf der Welt, alles Uebrige iſt Spiegelfechtere der Hölle!“ 6 Solche Vor⸗ und Nachſchläge trieben mich dann jedesmal aus ſeiner Nähe und ich flüchtete ſo ſchnell und weit wie möglich, nur um dem Wütherich raſch aus den Augen zu kommen. Eines Tages aber, ich Der Sohn des Gärtners. I. 2 18 erinnere mich deſſelben ſehr wohl und lange Zeit hat das Gehörte in meinem Kopfe fortgeſummt, konnte ich wegen ſtarken Unwetters das Haus nicht verlaſſen, ich blieb alſo in der nächſten Stube, wo gewöhnlich meine* Mutter arbeitete, in einem Winkel hocken und hörte da zu meinem Entſetzen den ganzen ſchrecklichen Vor⸗ gang mit an, der obiger thatkräftiger Ermahnung auf dem Fuße folgte. Mein Vater war an dieſem Tage beſonders un⸗ wirſch, und meine Mutter bemühte ſich mit alle Mitteln, ihn auf ſeinen Stuhl und zum Schlafe zu bringen. Allein das gelang diesmal nicht, die Scene wurde ſogar noch ärger und meine arme Mutter flüch⸗ tete endlich ſelbſt weinend und händeringend in ihr Zimmer, wo ſie mich zu ihrem nicht geringen Erſtau⸗ nen mit klappernden Zähnen ſitzen und meinen zer⸗ fetzten Schiller bebend in den Händen halten ſah. „Wie,“ ſagte ſie ſchluchzend und mich an ſich drückend,„haſt Du gehört, Kurt, was der Vater ge⸗ ſprochen hat?“ 84 7 Ja, meine Mutter, ich habe es ehr deutlich ge⸗ hört; hat er denn mich mit dem„Strolche“ gemeint?“ „Gott bewahre, mein Kind, er ſprach von einem ganz anderen Menſchen!“ erwiderte ſie bebend und noch viel bleicher werdend als vorher. 3 3 3 8 ¹ 19 Das Geſpräch oder vielmehr das Gezänk zwiſchen meinen Eltern aber hatte folgendermaßen gelautet. „Der nichtswürdige Strolch!“ brüllte mein Vater in ſeiner ſchrankenloſen Wuth.„Wenn er kein Gärt⸗ ner wird, drehe ich ihm den Hals um!“ „Sprich nicht ſo gottlos und unchriſtlich!“ ant⸗ wortete ſchluchzend meine Mutter.„Du wirſt ihm nichts zu Leide thun, dafür laß mich ſorgen.“ „Abgemacht! Ich drehe ihm den Hals um, wenn er kein Gärtner wird.“ „Dann mußt Du ihn mir zuerſt umgedreht haben, und mein Mörder wirſt Du doch wohl nicht werden wollen?“ „Von Dir iſt nicht die Rede, von der unnützen Brut, dem Jungen rede ich, der mir alle Tage läſtiger wird und den ich mir abſchütteln werde bei der erſten Gelegenheit, wie eine überreife Birne vom vollen Baume.“ „Flemming, ſei nicht 44 amenigüihe ich fürchte mich faſt 3 wenn ſo ſprichſt.“ „Das ſollſt Du nch will Allen Furcht ein⸗ jagen, das iſt meine Luſt!“ „Wehe, Mann, daß Du ſo ſprechen kannſt. Meinſt Du ſo die feierlichen Gelübde zu halten, die Du mir einſt in ernſter und doch freudiger Stun de ausge⸗ 2* ſprochen haſt? War das die Abſicht des edlen Man⸗ nes, der unglücklichen Mutter—“ „Still! Schweig mir mit Deiner Abſicht, ich 3 enne Dein Geſchwätz ſchon. Was geht mich die Ab⸗ ſicht eines Anderen an— he? Wer hat mir hier etwas zu befehlen,— ich frage, wer?“ Die Antwort meiner Mutter verſtand ich nicht recht, denn ſie wurde mit leiſerer Stimme, die oft von lautem Schluchzen unterbrochen wurde, gegeben, aber mein Vater erwiderte kreiſchend und auf meine Mutter losſchlagend: „Jetzt iſt es mit meiner Geduld vorbei! Da haſt Du Dein Theil! Und nun bekenne augenblicklich, was ich wiſſen will und nie erfahren kann. Wer war der edle Mann, der verfluchte Vater von der erbärm⸗ lichen Beſtie, ſprich, ich will es wiſſen, oder Deine letzte Stunde hat geſchlagen!“ Bis hierher hatte ich nur das Gezänk verfolgen können, denn es endigte unerwartet ſchnell. Mein Vater ſelbſt, von einer ehicgun oder einem Anfall von Reue ergriffen, hatte ſich auf ſeinen Stuhl geworfen und meine Mutter war in ihrer Her⸗ zensangſt auf ihre Stube geflüchtet. Daß er mich nicht mit der erbärmlichen Beſtie gemeint hatte, woran ich nach der Verſicherung meiner Mutter nicht mehr 21 zweifeln konnte, da ſie nie die Unwahrheit ſprach, war mir ein wahrer Troſt, denn mich mit einem ſol⸗ chen Namen ſelbſt von meinem unzurechnungsfähigen Vater nennen zu hören, wäre mir ein Vorwurf ge⸗ weſen, den meine jugendliche Philoſophie von mir ab⸗ zuſchüttein ſich vergebens bemüht hätte. Wie geſagt, lange ſchwirrten die gehörten Worte in meinem Ge⸗ dächtniſſe, ich ſprach ſogar noch einmal mit meiner Mutter darüber, allein ihr ſanfter Zuſpruch und ihre wiederholte Ausſage, daß ich keineswegs gemeint ge⸗ weſen ſei, beruhigten mich endlich gänzlich und ich habe glücklicher Weiſe nie wieder ein ähnliches Ge⸗ ſpräch zwiſchen meinen Eltern zu belauſchen Gelegen⸗ heit gehabt. Daß ich unter den erwähnten Umſtänden meinen Vater nicht übermäßig liebte, braucht kaum geſagt zu werden, er erſtickte nur zu oft den Durchbruch meines kindlichen Gefühls gegen ihn und trieb ſeine blinde Wuth bisweilen ſo weit, daß ich mich ſogar oft auf der Abſicht we, ihn von ganzem Herzen zu haſ⸗ ſen, wie mir von jeher der Haß gegen alles Böſe und Gewaltthätige eingeflößt worden war. Und nicht allein in Folge der rohen Angriffe, die mir ſelbſt zu Theil wurden, verlor ſich allmälig die Neigung zu meinem Vater ganz aus meiner Bruſt, vielmehr war es die unwürdige Behandlung meiner Mutter, die mich am heftigſten erbitterte, zumal dieſe, ohne zu wanken und zu weichen, fortfuhr, ihre Pflichten gegen den gewaltthätigen Ehemann zu erfüllen und ihn mit der innigen Sorgfalt zu umgeben, die ein zärtlich lie⸗ bendes Weib nur für den braven und ehrbaren Mann zu zeigen pflegt. Jenes Gefühl der Abneigung und des Unwillens gegen meinen Vater nun iſt bei mir auch in ſpäteren Jahren leider das vorherrſchende geblieben, während ich meine Mutter bis an das Ende ihrer Tage zärt⸗ lichſt geliebt habe und ihr bis zur heutigen Stunde für alle ihre Mühwaltung in meiner unberathenen Jugend Dank ſage und ſie ſegne, daß ſie mich gehegt, und gepflegt, wie nur eine Mutter ein wohlgerathenes Kind hegen und pflegen kann. Wenn man die bisher geſchilderten Verhältniſſe in meinem elterlichen Hauſe erwägt, wird man es er⸗ klärlich finden, daß unſer Verkehr mit der Außenwelt nur ein ſehr beſchränkter war. Mein Vater hatte faſt gar keinen Umgang. Niemand wollte ſich mit ihm verbrüdern, vielmehr vermied ihn Jedermann nach Kräften in der Trunkenheit, wie er Jeden in der 3 23 Nüchternheit vermied. In letzterem Zuſtande war er, wie ſchon erwähnt, ſehr ſchweigſam, zurückhaltend, faſt menſchenſcheu, und das nahm mit den Jahren und dem allmäligen Verfall ſeiner Geſundheit in einem ſo hohen Grade zu, daß er zuletzt nur zu ſei⸗ nen Untergebenen das Nothwendigſte ſprach und ſelbſt die gewöhnlichen Abendunterhaltungen mit mei⸗ ner Mutter fallen ließ. Nur zuweilen ſuchten einige reiche Gutsbeſitzer oder Pächter aus der Nachbarſchaft ihn auf, um ſei⸗ nen Rath einzuholen, den er ihnen gern ertheilte, ſobald es einem ſeine Kunſt betreffenden Gegenſtande galt. Alle Leute in der ganzen Umgegend kannten ſeine Einſicht und ſeinen guten Geſchmack, und wo es alſo einen hübſchen Park oder einen reizenden Garten anzulegen gab, mußte er immer ſeine Meinung ſagen oder wohl gar Pläne entwerfen, die dann genau nach ſeiner Angabe ausgeführt wurden. Auch der Pfarrer, mein Großvater, beſuchte uns jedes Jahr ein⸗ oder zweimal, aber er hielt ſich nie lange auf; 1 ſprach nur mit der Mutter einige Stunden ſehr angelegentlich und lebhaft, küßte mich, ſtrich mir das dunkle Lockenhaar aus der Stirn und ermunterte mich, recht fleißig zu ſein, damit ich ein tüchtiger Gelehrter werde. Mit dem Vater hatte er 24 nicht gern etwas zu thun; er redete in der Regel nur wenige Worte mit ihm, reichte ihm kühl die Hand und verließ ſtets haſtig das„traurige Haus im Para⸗ dieſe“, wie er unſere Wohnung nannte, über das er ſo oft vergebliche Segenswünſche ausgeſprochen hatte. Meine Mutter beſaß allerdings einige gleichaltrige Freundinnen in der nahen Stadt, meiſt Frauen von Beamten, wie ſie ſelber, aber dieſe kamen auch nur ſelten zum Beſuch, denn der Kummer meiner Mutter war zu groß, um ſich ihnen ganz mitzutheilen, und allein aus dieſem Grunde, vermuthe ich, zählte ſie unter ihren näheren oder ferneren Bekannten keine einzige wahre Herzensfreundin. Viele Frauen ſogar, mit denen ſie ſehr gern ſprach, wenn ſie einmal in der Stadt war, fürchteten ſich, unſer Haus zu betre⸗ ten, da ſie nie wiſſen konnten, ob der Dämon darin entfeſſelt ſei oder nicht, und ob ſie nicht einem Fami⸗ lientrauerſpiel entgegengingen, deſſen Anblick keinem zartfühlenden Menſchen Freude und Wohlbehagen verurſachen kann. ½ Eine große Abwechſelung in meinem Leben ward mir in der frühſten Jugend alſo nicht zu Theil; Spiel⸗ kameraden hatte ich eben ſo wenig, denn auch die Kinder der Nachbarſchaft flohen unſer Haus oder wurden abſichtlich davon fern gehalten; für alle dieſe 25 Entbehrungen entſchädigte mich aber eine andere Un⸗ terhaltung, die ich ſogar, ſobald ich ſie nach Erwachung meines Selbſtbewußtſeins richtig würdigen lernte, mit zu den größten Genüſſen zählen muß, die mir in meiner Jugend vergönnt worden ſind. Wenn nämlich in unſerm Hauſe einigermaßen Friede herrſchte, der Vater bei ſeinen Geſchäften und das Hausweſen vollkommen in Ordnung war, liebte es meine Mutter, einen Spaziergang in die freie Natur zu unternehmen und denſelben oft eine Meile weit nach irgend einer Richtung in der Umgegend des Schloſſes auszudehnen. Sie nahm mich dabei ſehr gern mit, zeigte mir alles Bemerkenswerthe, machte mich auf jedes Schöne aufmerkſam und weckte ſo in mir die Vorliebe für eine herrliche Natur, deren Weben und Walten ſie mit einer unnachahmlichen Spürkraft auch in den kleinſten Aeußerungen der⸗ ſelben zu entdecken vermochte. An ihrer Hand ein⸗ herhüpfend und ihren milden, belehrenden Worten lauſchend, hatte ich auf dieſe Weiſe ſehr bald die nähere Umgebung unſeres Städtchens kennen gelernt, und über Wieſen, Fluren und Aecker hin ſtrebten wir, je älter ich wurde, in um ſo weitere Ferne, bis wir end⸗ lich unſre Ausflüge ſogar bis auf jenen ſ ſpitzen Bergkegel ausdehnten, der beinahe eine Meile von unſrer Wohnun 26 entfernt, ſich noch höher als das Schloß ſelbſt erhebt und den ſchönſten Fernblick auf deſſen alterthümliche Architektur wie über das ganze, gleich einem Garten rings umher liegende Land gewährt. Auf der Spitze dieſes Bergkegels, den bis zur halben Höhe mächtige Waldbäume bedeckten, blieben wir dann gewöhnlich ſitzen; meine Mutter zog eine leichte Arbeit hervor und ich, neben ihr Platz nehmend und mit ihr ſprechend, pflückte Feldblumen aller Art, die in bunteſter Mannigfaltigkeit auf dieſem ſchönen Erden⸗ fleck wuchſen. Sehr häufig aber bemerkte ich dabei, daß die Hände meiner Mutter unbeweglich in ihren Schooß geſunken und ihre Augen mit wehmuthsvoller Starr⸗ heit auf das ſtattliche Schloß in der Ferne gerichtet waren. Auch kam dabei wohl eine Thräne in ihr ſanftes blaues Auge, jedesmal aber, wenn ſie bemerkte, daß meine ſpähenden Blicke darauf achteten, verſuchte ſie zu lächeln, gab mir einen liebevollen Wink und fragte:„Iſt das nicht ſchön, mein lieber Kurt?“ Nur um ihr zu gefallen, brachte ich anfangs ein ſchnelles„Ja, ja, Mutter!“ hervor, ſpäter aber ent⸗ deckte ich wirklich die angedeutete Schönheit und mein, die Gegenſtände allmälig verſtändlicher erfaſſendes Auge gewann Einſicht in die verſchiedenen Farbenbil⸗ 27 der, die Lichtreflexe und die grell oder lieblich ſich ab⸗ ſtufenden Gegenſätze von Berg und Thal, Wald und Fluß, Himmel und Erde. Außer dieſen kleinen Fußwanderungen, die mir, mit dem trüben Leben in unſrem Hauſe verglichen, einem großen Feſte gleichkamen, gab es für mich noch eine andere Freude, die mein junges Herz oft hoch⸗ auf ſchlagen machte und eine um ſo größere Bedeu⸗ tung für mich gewann, je älter und vernünftiger ich wurde. Dieſe Freude hing mit dem eben erwähnten Schloſſe zuſammen, das mir von frühſter Jugend an als etwas Hochheiliges, Ehrwürdiges und Unantaſt⸗ bares geſchildert und vorgekommen war. Mit den Bewohnern deſſelben trafen wir im Ganzen ſelten oder höchſtens nur durch einen Zufall perſönlich zu⸗ ſammen. Der Fürſt ließ meinen Vater ſtets zu ſich befehlen, wenn er mit ihm zu ſprechen wünſchte, und war mein Vater zu der feſtgeſetzten Zeit gerade un⸗ zugänglich, ſo ward er für krank ausgegeben, was der Fürſt verſtand, da ihm, wie allen übrigen Schloß⸗ und Stadtbewohnern, die unglückliche Leidenſchaft ſei⸗ nes Hofgärtners bekannt war. Die Fürſtin kam faſt nie in die Nähe unſrer Wohnung; ſie liebte die wei⸗ ten Spaziergänge, zumal das Bergſteigen nicht, und deshalb erging ſie ſich gewöhnlich auf der oberſten 28 Schloßterraſſe und den dieſelbe zunächſt begränzenden Gartenanlagen. Die Damen und Herren des Hofes dagegen kletterten bisweilen auf den Abhängen des Berges herum und ſpazierten auch wohl durch den Roſengarten meines Vaters, wenn er in voller Blüthe ſtand, an unſer Haus heran aber wagte ſich Niemand und den Kindern des Fürſten war es geradezu unterſagt, bis auf eine gewiſſe Entfernung ſich unſern Gränzen zu nähern, wenn ſie einmal ihre Ausflüge mit ihren Erziehern und Kammerfrauen in die Richtung unſrer Wohnung unternahmen. Nur ich allein genoß bisweilen den Vorzug, in das Schloß zu kommen und ſogar den Einen oder Anderen vom Hofe zu ſehen und zu ſprechen, und das hing folgendermaßen zuſammen. Von den höchſten Perſonen des Hofes ſowohl wie von denen ihres Gefolges wurden ſehr häufig, zu jeder Jahreszeit, Blumen und namentlich Bouquets beſtellt, da viele Feſtlichkeiten bei Hofe dergleichen zum Geſchenk für Andere oder zum eigenen Schmuck erheiſchten. Auch Obſt wurde, in zierliche Körbchen reizend verpackt und mit Blättern und Blumen verziert, faſt täglich hinaufgeſandt, und da war denn meine Mutter immer diejenige, welche alle dieſe Sendungen mit eigenen Händen zurichtete, denn ſie beſaß ein außerordentliches 29 —Q¶·¶Aq Geſchick und einen ungemein feinen Geſchmack, Blumen auszuwählen, zu ordnen und zu binden, weshalb mein Vater auch nie etwas dagegen einzuwenden hatte, wenn ſie ſich dieſer Arbeit unterzog, zumal ſie genau wußte, welche Blumen und Früchte ſie ſchonen mußte und welche ſie ſchneiden und brechen durfte. Wenn ihr dann einmal ein Strauß recht wohl ge⸗ lungen, oder wenn die Pfirſiche, die Kirſchen, die Trauben recht auserleſen waren, beauftragte ſie oft mich, ihren Liebling, die Körbchen nach dem Schloſſe zu tragen, und ich ſtieg dann, ſtolz auf meinen Auf⸗ trag und mit möglichſter Behutſamkeit die ſteilen Bergpfade hinan, um im Schloſſe ſelbſt dem Kaſtellan oder dem dienſthabenden Kammerdiener die lieblichen Kinder Flora's und Pomona's zu überliefern. Bei dieſen Gängen kam es denn nicht gar zu ſelten vor, daß mir Perſonen vom Hofe begegneten, und trat mir einmal die Fürſtin ſelbſt in den Weg, ſo rief ſie mich ſtets an, nickte mir freundlich zu und fragte:„Biſt Du wieder da, Kurt? Hat Deine Mut⸗ ter auch dieſe Blumen gewunden?“ Und auf mein ohne alle Schüchternheit geſprochenes:„Ja, Durch⸗ laucht!“ pflegte ſie dann wohl zu ſagen:„Grüße Deine Mutter von mir. Adieu, Kurt!“ Am liebſten aber trug ich Blumen und Früchte 3 nach dem Schloß hinauf, wenn ich wußte oder ahnte, daß die kleine Prinzeß davon ihr Theil erhielt, denn dieſes engelgleiche, liebliche Kind mit den blaßgoldenen wogenden Locken, die einzige Tochter des fürſtlichen Paares, wurde von meiner Mutter abgöttiſch verehrt, weshalb ſie auch mir eine ganz beſondere Anhänglich⸗ keit und Neigung dafür eingeflößt hatte. Doch ich glaube, daß hier die beſte Gelegenheit i*ſt, einige wenige Worte über unſern Fürſten und ſeine Familie, ſo wie über das Verhältniß zu ſagen, in dem die Mitglieder derſelben unter einander lebten und zu uns, allen übrigen Bewohnern der Stadt und alſo auch des ganzen Ländchens ſtanden. Der Fürſt war ein Mann im kräftigſten Mannes⸗ alter, hoch gewachſen, mit ſtolz edlem Geſicht und einer Haltung, wie ſie nicht ritterlicher und vornehmer ge⸗ dacht werden kann. In ſeinem Weſen nach Außen hin war er mehr ernſt als freundlich, doch im Ganzen leutſelig und Jedermann zugänglich. Bisweilen und zwar wenn er zornig oder bei übler Laune war, hatte er etwas Herriſches im Ausdruck der Miene, etwas unduldſam Strenges in ſeinen Forderungen, im Allge⸗ meinen aber zeigte er in jederlei Hinſicht eine große Herzensgüte, wenngleich auch ein zähes Feſthalten an allen durch das Herkommen geheiligten Gebräuchen 31 und Gewohnheiten damit verbunden war. So herrſchte denn auch eine beinahe an militairiſche Pünktlichkeit gränzende Gleichförmigkeit in allen Vorgängen auf dem Schloſſe, mochte es nun Geſchäfte oder Vergnü⸗ gungen, beſondere Feſte oder den regelmäßigen Lauf des alltäglichen Lebens betreffen. Jahr aus, Jahr ein bewegte ſich Alles in ſeinem etwas ſteifen und vor⸗ geſchriebenen Schritt fort. Jeder Tag hatte ſeine be⸗ ſonderen Arbeits⸗ und Vergnügungsſtunden, jede Jahreszeit ihre eigenthümlichen Einrichtungen und Ge⸗ nüſſe, jeder Beamte und Diener ſeinen ganz genau begränzten Geſchäftskreis; eine auch nur geringe Ab⸗ weichung von der ſchematiſirten Vorſchrift war verpönt und rief ſtets einen Verweis oder wenigſtens eine be⸗ krittelnde Meinungsäußerung höheren Orts hervor. Das wußte Jeder genau und ſo befleißigte man ſich, den üblichen Schritt, das hergebrachte Maaß einzuhalten und nur in den allerſeltenſten Fällen davon eine Aus⸗ nahme zu machen. Im Ganzen bewahrte das Leben im Schloſſe und vorzüglich durch die Neigung des Fürſten dazu hervor⸗ gerufen, einen etwas patriarchaliſchen Anſtrich; alte treue deutſche Sitte herrſchte überall und nur wenige Mitglieder des fürſtlichen Gefolges verriethen die Nei⸗ gung, von der alten Etikette abzuweichen, höhererſeits 32 unliebſame Neuerungen einzuführen und hinter dem Rücken des Fürſten ihren eigenen Genüſſen und Ver⸗ gnügungen zu leben. So waren auch die Stunden der Tafel, die Zahl der Gänge dabei und das Deſſert vorgeſchrieben, und eine willkürliche Abwei⸗ chung davon kam einem öffentlichen Vergehen gleich, das zwar nicht mit geſetzlichen Strafen, aber mit Stirnrunzeln und rügenden Bemerkungen gebrand⸗ markt wurde. Einen größeren Gegenſatz, als er zwiſchen dem Fürſten und ſeiner Gemahlin beſtand, kann man ſich kaum vorſtellen; ſie wich faſt in jeder Beziehung von. ihm ab, weshalb es ihr auch Mühe und manche Ueber⸗ windung gekoſtet haben mag, ſich an das einfache und abgemeſſene Hofleben in W... zu gewöhnen. Als Tcochter des Herzogs von L..., mit großen Glücksgü⸗ teern geſegnet und an ein äußerſt glänzendes Hoflager gewöhnt, fand ſie ſich ſchwer in die allerſeits ſparſa⸗ mere Einrichtung des kleineren Hofes in W..., allein die Liebe, die ſie zu ihrem Gemahl hegte, ließ ſie bei ihrer Jugend die Gewohnheiten früherer Jahre bald vergeſſen und ſich allmälig an die Gebräuche der zweiten Heimat gewöhnen. Sie war eine zierliche, zart bleiche aber dabei ſehr ſchöne Dame, etwas reiz⸗ 35 bar, nerpös, aber fromm, gütig und gerecht, ſo daß 33 ſie überall Menſchen fand, die ſich ihr willig fügten, obwohl Einige der Meinung waren, daß ſie etwas weniger ſtolz und ceremoniös hätte erſcheinen koͤnnen. Während der Fürſt mehr die Bewegungen im Freien, die Jagd, das Reiten und Fahren liebte, zog ſie es vor, im Innern des Schloſſes kleine Feſte zu feiern, im Kreiſe ihrer Damen das Neueſte des Tages zu beſprechen oder allein für ſich in einem guten Buche zu leſen, wohin der Fürſt ſchwer zu bringen war. Seine Natur war kräftiger, mehr das Aeußere des Lebens umfaſſend; die ihre feiner, ätheriſcher, mehr das Innere des Menſchenherzens erwägend. Er war ein Mann feſten, unumſchränkten Willens, geradeaus zum Ziele führender That, ſie eine Frau von bedenk⸗ licher Ueberlegung, mit einem Geiſte endloſer Prüfung und zaudernder Unentſchloſſenheit begabt, ſo daß es häufig Vorkommniſſe in Beider Leben gab, in denen ſie ſich nie geeinigt haben würden, hätte die Fürſtin nicht eine unglaubliche Nachgiebigkeit beſeſſen und am Ende immer das Ja geſprochen, welches nicht ſelten von der anderen Seite gebieteriſch und gleichſam als unumgänglich vorausgeſetzt wurde. So war der Charakter des Hofes und der meiſten Perſonen daſelbſt ein feſter, ernſter, bisweilen ſogar ſtrenger; Humor habe ich ſpäter in Nichis zefunden, Der Sohn des Gärtners. I. 8 ³ 34 und Leichtfertigkeit gehörte zu den am meiſten ver⸗ pönten und alſo ſeltenſten Dingen. Die Ehe dieſer beiden fürſtlichen Perſonen war mit fünf Kindern geſegnet, von denen der Erbprinz, Bruno, ſechs Jahre aäͤlter als ſeine Schweſter Hilde⸗ gard war, welcher dann drei Prinzen, Alexander, Leo und Armin, folgten, von denen der jüngſte zu der Zeit, von der ich hier ſpreche, noch auf den Armen getragen wurde. Bruno, der Erbprinz, war ungefähr mit mir in gleichem Alter und ein für ſeine Jahre großer, kräftiger und dabei ſchöner Knabe, der in ſeinem gan⸗ zen Weſen die Eigenſchaften des Vaters vorherrſchend zeigte, obwohl in gemildertem Grade, was er gewiß den ſanfteren Einflüſſen ſeiner Mutter verdankte. Er hatte dunkles Haar, braune feurige Augen und liebte ein raſches entſchiedenes Handeln, zu dem er ſich nie zu entſchließen brauchte, ſondern zu dem ihn ſtets ein innerer lebhafter Trieb hinzureißen ſchien. Nie habe ich ihn in ſpäteren Jahren, wo ich ihm ſo nahe ſtand, ſchwanken und zaudern geſehn, immer war er in und mit ſich fertig, immer zu der That augen⸗ blicklich bereit, die er für unaufſchiebbar oder noth⸗ wendig erkannt. Und namentlich muß ich das von 3 iym nachrühmen in allen Dingen, wo es ſich um 3⁵ einen guten und edlen Zweck handelte. Konnte er nützen, ſo nützte er bald, fühlte er ſich zum Helfen berufen, ſo half er ſchnell, mußte er ein Opfer brin⸗ gen, ſo brachte er es auf der Stelle. Um Jemanden etwas Uebles anzuthun, ihn zum Beiſpiel für eine ſchlechte Handlung zu ſtrafen, verfuhr er dagegen viel langſamer; er beſann ſich lange, erwog Alles hin und her und rief ſich die guten Eigenſchaften des Menſchen in's Gedächtniß; kam er aber dann zum Schluß, es müſſe ſchnell mit friſcher Hand zugegriffen werden, ſo verfuhr er raſch wie der Blitz, und mächtig war der Schlag, der auf das auserkorene Opfer nie⸗ derfiel. Aus dieſen nur leicht hingeworfenen Eigenſchaften will ich keine Schlußfolgerungen für künftige Zeiten ziehen, man kann ſich aber wohl vorſtellen, daß ein ſolcher Charakter, wenn er einmal auf den Thron ge⸗ langte, von entſcheidendem Einfluß auf ſein ganzes Land, alle ſeine Unterthanen und noch weit darüber hinaus werden mußte, eine Erwägung, die außer mir ſpäter viele Andere anſtellten und namentlich der alte Fürſt, der ſchon in jungen Jahren vor ſeinem Erb⸗ prinzen, obwohl er ſich ſonſt vor nichts fürchtete, eine wahre Angſt hatte, wenn er die Schnelligkeit und Schärfe gewahrte, mit der ſein Sprößling die wich⸗ 36 tigſten Dinge erfaßte, ſie kurz überlegte und mit Win⸗ deseile in's Leben führte. Einer einzigen vorherrſchenden Neigung will ich hier noch gedenken, die den kräftig heranwachſenden Prinzen ſchon in früher Jugend beſeelte. Das war die faſt leidenſchaftliche Liebe zu ſeiner um ſechs Jahre jüngeren Schweſter Hildegard, die ſich auf Schritt und Tritt hervorkehrte und Jedermann bekannt war, der nur im Entfernteſten die fürſtlichen Kinder zu beobachten Gelegenheit hatte. Allerdings war die Prinzeß ein liebreizendes, bildſchönes Kind von faſt engelgleicher Milde und Anmuth, und außerdem Bruno's Schweſter, allein Beides findet ſich ſehr häufig, ohne daß die Brüder eine ſo abgöttiſche Ver⸗ ehrung für ihre kleinen Schweſtern zeigen. Wo er ſie traf oder nur von Weitem erblickte, eilte er auf ſie zu, hob ſie mit ſeinen kräftigen Armen empor und küßte und herzte ſie, wie ein kleines Mädchen ſeine herzallerliebſte Puppe küßt und herzt. Auch war die kleine Prinzeß empfänglich für dieſe heiße brüder⸗ liche Inbrunſt, ſie hatte ihren großen Bruder eben⸗ falls außerordentlich lieb, und oft habe ich den alten Fürſten pon Weitem ſtehen und mit ſichtbarer Rüh⸗ rung die zärtliche Gruppe dieſer beiden Kinder be⸗ trachten ſehen. 37 Im Aeußern wich die kleine Hildegard nicht un⸗ bedeutend von dem älteren Bruder ab. Er hatte dunkle Haare und Augen, ſie, wenigſtens im Kindes⸗ alter, ſeidenweiche hellblonde Locken und blaue Augen, und dieſe Augen waren ſo ſeltſam geformt, daß ich ſchon in früheren Jahren nicht wußte, worin ſie eigent⸗ lich von den Augen anderer Menſchen ſo ſehr ab⸗ wichen, bis ich viele Jahre ſpäter erſt die Erfahrung machte, daß es nicht allein die Größe und Rundung derſelben ſei, was ſo auffallend erſchien, ſondern hauptſächlich der faſt blendende Glanz und die uner⸗ gründliche Tiefe, in die man bei ihnen gleichſam bis in die innerſte Seele ihrer Beſitzerin hineinzublicken glaubte. Beide Kinder— von den drei jüngeren Prinzen will ich hier nichts Näheres ſagen, da ſie nur ſehr geringen Einfluß auf mein Leben äußerten und weit weniger mit mir in Berührung traten— waren für meine Mutter und mich die Gegenſtände unſerer höch⸗ ſten Verehrung und Ergebenheit, wir hatten ſie un⸗ ausſprechlich lieb, ohne eigentlich zu wiſſen, warum. Vielleicht liebten wir ſie ſo, weil ſie die Kinder unſers guten Herrn waren, der ſo manche Nachſicht gegen meinen unglücklichen Vater übte, oder weil der Eine der Inbegriff aller künftigen Hoffnungen und die Andere ſein Augapfel war. Ich hätte Jahre lang mein Frühſtück und Vesperbrod darum gegeben— und das will für einen ſchnell wachſenden und kräf⸗ tigen Knaben viel ſagen— nur um mit ihnen ein paar Worte reden zu dürfen, und doch geſchah dies nur ſelten, da außer den Blumen und dem Obſt, welches ich ihnen brachte, kein Verbindungsglied zwiſchen uns vorhanden war. 8 Ich erinnere mich ſehr wohl, daß ich mich oft darauf ertappte, von irgend einem Hinterhalte aus die kleine Prinzeß zu belauſchen, um vielleicht nichts weiter als höchſtens einen einfachen Stimmlaut aus ihrem Munde oder den blendenden Schimmer ihres weißen Kleidchens zu erhaſchen. Ein ſolches geheimes Beginnen, wenn es mit Erfolg gekrönt war, ſtimmte mich immer außerordentlich glücklich, ich vergaß darüber das namenloſe Weh des elterlichen Hauſes, welches alle Tage zunahm und kein Ende verhieß, und fühlte mich dadurch wenigſtens im Geiſte in Kreiſe verſetzt, an die ich doch unter meinen Verhältniſſen höchſtens mit der Phantaſie hinanreichen konnte. So weiß ich noch recht gut, daß ich einmal einen wahren Feſttag in dieſer Art feierte. Ich wandelte auf einer der höheren Schloßterraſſen herum und pflückte Himbeeren, wozu ich den Auftrag von meiner Mutter empfangen und zu dieſem Zweck einen hübſch geflochtenen Korb mit auf den Weg erhalten hatte. Eben in beſter Arbeit begriffen, hörte ich Stimmen von ferne auf derſelben Terraſſe entlang ertönen, und als ich vorſichtig lauſchte, erkannte ich die Prinzeß, die mit ihrer Erzieherin, einer jungen Gräfin von Wetterau, und einer franzöſiſchen Bonne des Weges kam, laut lachte und ſcherzte und dabei ihr ſilber⸗ nes Stimmchen wie die Lerchen des Aethers erſchal⸗ len ließ. Schnell ſprang ich, um ihnen nicht im Wege zu ſein, hinter ein dichtes Himbeergeſträuch, aber gerade dieſes war es, dem auch die kleine Prinzeß zuſtrebte. So ſtand ſie mir bald gegenüber, nur durch die Blät⸗ ter von mir getrennt, die das Gebüſch entfaltete. Und ſiehe, als die älteren Damen näher kamen, er⸗ fuhr ich den Grund dieſes Zufalls, denn gerade in dem genannten Buſch hatte ein Hänfling ſein Neſt gebaut und in demſelben lagen drei bis vier halb federloſe Junge, die melodiſch zwitſcherten, als die Alte entflog und die Prinzeß das volle Neſt den Damen zeigte. Wie gebannt blieb ich auf meinem Poſten ſtehen; ich hatte endlich einmal die Gelegenheit beim Schopfe gefaßt und konnte ungeſtört in das wunderbare Augenpaar blicken, das voll kindlicher Freude und glänzend vor innerem Entzücken auf das Neſt und ſeinen Inhalt gerichtet war. In dieſem Augenblick bemerkte die Gräfin meinen Korb mit Himbeeren, den ich unglücklicher Weiſe mit⸗ — ten auf dem Wege hatte ſtehen laſſen, und ſo dauerte es nicht lange und ich war entdeckt. Aber da ſollte ich eine neue Freude erleben. Denn als ich hervor⸗ getreten war und den Grund meiner Anweſenheit an⸗ gegeben hatte, betrachtete die Prinzeß mit Wohlge⸗ fallen die von mir geſammelten funkelnden Himbeeren, und als ich ihr davon zu eſſen anbot, ſetzte ſie ſich mit den Damen auf den Raſen nieder und ſpeiſte meinen ganzen Vorrath auf, während ich ſprachlos und in bewunderndes Anſchauen verſunken dicht da⸗ neben ſtand und kaum ſo viel Geiſtesgegenwart be⸗ ſaß, die Fragen zu beantworten, welche die ſehr vor⸗ nehm und hochfahrend ſich geberdende Hofdame an mich zu richten mir die Ehre erwies. Als ich hierauf nach Hauſe zurückkehrte und mei⸗ 3 ner Mutter den abermals gefüllten Korb überreichte, fühlte ich mich hoch beglückt, den ganzen Tag über ſchwamm mein Herz in namenloſer Wonne und zum erſten Mal beſchwerten mich die Wuthausbrüche des 5 5 ——— Vaters nicht, der gerade an dieſem Tage in einem unſäglich beklagenswerthen Zuſtande war. — — 41 Auch andere kleine Freuden ähnlicher Art wurden mir in Folge meiner häufigen Spaziergänge in der näheren Umgebung des Schloſſes zu Theil, indem ich dabei oft Zeuge der Spiele und Unterhaltungen der fürſtlichen Kinder und namentlich des Erbprinzen ward. Für dieſen nämlich und ſeinen Geſellſchafter, den Sohn des Hofmarſchalls Grafen von Treufels, war ein be⸗ ſonderer Spielplatz hergerichtet, der auf einer breiten und geräumigen Terraſſe in der Nähe des Schloſſes, nur etwa hundert Fuß tiefer als dieſes lag. Ueppige Buchen, Kaſtanien und Linden ſchloſſen dieſen Platz von dem übrigen Park ab und der Boden war über⸗ all mit dem weichſten Raſen bewachſen. In der Mitte deſſelben hatte man Kletter⸗Wipp⸗ und Spring⸗ bäume aufgepflanzt, an denen die Knaben von ihrem Turnlehrer unterrichtet wurden und um die herum ſich ſehr häufig ein ſchauluſtiges Publicum verſammelte, um die Sprünge und ſonſtigen Kunſtfertigkeiten der eifrigen Schüler zu bewundern. Etliche Male war ich ſo glücklich, wenigſtens als ungeſehener Zuſchauer an dieſen die Muskeln ſtärkenden Uebungen Theil zu nehmen; hinter einem dicht belaubten Gebüſch ver⸗ borgen, ſah ich wohl eine Stunde lang allen dieſen mir unbekannten Spielen zu und lachte herzlich mit, als auf der einen Seite die Knaben, auf der andern ————— der Turnlehrer an einem Seile zogen, welches jene dann plötzlich losließen, wodurch der Lehrer zu Falle kam und unter allgemeinem Gelächter den Raſenab⸗ hang hinab in das Gebüſch kollerte, deſſen Blätter mich verbargen. Es betraf dieſes Mißgeſchick, welches wahrſchein⸗ lich nicht ohne Abſicht herbeigeführt war, einen Mann, der faſt vom ganzen Hofperſonal ſehr wenig und am wenigſten von ſeinen Schülern geſchätzt, aber dennoch vom Fürſten ſelbſt aus unbekannten Gründen überaus gnädig berückſichtigt wurde. Er hieß Beau und werde ich ihn ſpäter noch ſehr oft zu nennen haben, da er auserleſen war, viele Jahre hindurch auch auf mein Leben verſchiedentliche Einwirkungen zu äußern. Der Fall that ihm keinen Schaden, nur ärgerte ihn das Gelächter der Knaben und umſtehenden Zuſchauer, denn er wurde ganz blaß und gab für dieſen Tag ſeine Turnübungen auf. Dergleichen Vorfälle ereigneten ſich öfter, und da ich die Unterrichtszeit genau kannte, ſo ſtellte ich mich ſo oft in meinem geheimen Verſteck bei demſelben ein, als es meine Verhältniſſe geſtatteten. Wenn ich dann mein unermüdliches Auge an dem kleinen Schauſpiel geſättigt hatte und nach Schluß des Unterrichts ein⸗ ſam nach Hauſe ſchlich, überfiel mich nicht ſelten eine mir ſonſt nicht eigenthümliche traurige Gemüthsſtim⸗ mung. Man glaube nicht, daß es ein im Stillen wucherndes neidiſches Gefühl war, was mich dabei peinigte, ach nein, Neid kannte ich damals noch nicht und auch ſpäter hat mir dieſer böſe Dämon nur wenig zu ſchaffen gemacht. Es war vielmehr, einen anderen Grund konnte ich mir wenigſtens nie dafür angeben, das immer lebhafter in mir aufkeimende Bewußtſein meiner iſolirten freudloſen Lage. der innere Trieb, auch mich unter Menſchen zu miſchen, mit ihnen Gedanken und Wünſche auszutauſchen und an Freuden Theil zu nehmen, die für eine ſtrebensvolle Jugend geſchaffen ſind und alſo im kindlichen Herzen eine ſo natürliche Neigung für ähnliche Genüſſe er⸗ wecken. Wen hatte ich zu Geſpielen, zu Gefährten meiner erwachenden jugendlichen Träume und Hoff⸗ nungen? Niemanden. In meine Nähe kam kein Knabe, deſſen Seele ich die wucheriſch aufſchießenden Bilder der meinigen hätte anvertrauen können, denn meine Schulkameraden ſprachen in den kurzen freien Zwiſchenräumen des Unterrichts nur wenig mit mir und in meinem Hauſe ließ ſich keiner blicken, weshalb ich alſo aus einem gewiſſen Stolze, der ſo leicht ſich zur Einſamkeit geſellt, keinen anderen aufzuſuchen die Neigung empfand. Auch ward ich, wenn ich einmal ““ 43 die heiße Luſt fühlte, mich dieſem oder jenem Knaben inniger anzuſchließen, von einer gewiſſen Scheu heim⸗ geſucht, einen Fremden in das troſtloſe innere Getriebe unſers häuslichen Weſens blicken zu laſſen; unwillkür⸗ lich, faſt inſtinctartig bebte ich vor allen, dieſen Punkt berührenden Aufklärungen zurück und ſo blieb ich vor wie nach mir ſelbſt überlaſſen, eine vollkommene Beute der traurigen Gedanken, die ſich allmälig in meinem Kopfe einzuniſten begannen. Am ſeltſamſten war mir eines Tages zu Muthe und nie zuvor hatte ich etwas Aehnliches erlebt, ge⸗ fühlt, gedacht; von dieſem Tage an zogen wunderbare Geſtalten, Wünſche und Begierden durch meine Seele, die mich ein ganzes halbes Jahr begleiten, ja ſelbſt bei Nacht verfolgen ſollten, ſo daß ſelbſt meine Träume gleichſam auf ein unerreichbares Ideal hinzudeuten anfingen. Ich muß dieſes Tages etwas genauer gedenken, denn von ihm ſchreibt ſich eine neue Periode meines Jugendlebens her, wie denn auch bald danach mein ganzes Leben eine Wendung nehmen ſollte, die weder meine Eltern noch ich ſelbſt im Entfernteſten voraus⸗ ſehen konnten. Es war ein lieblicher, warmer und ſonnenreicher Julitag, auf den der Geburtstag des Erbprinzen fiel. 45 Wenige Tage vorher hatte ich ſelbſt daſſelbe Alter er⸗ 8 reicht und Niemand mir dazu einen Glückwunſch ge⸗ ſprochen als meine Mutter und unſre alte Magd. Mein Vater bekümmerte ſich nie um dergleichen Tage im Bereiche ſeiner Familie, und noch niemals hatte er mir ein Geſchenk gemacht, wie es doch bei faſt allen Vätern Sitte iſt und eben ſo viel Freude er⸗ weckt, wie es das kindliche Herz dankbar und zufrie⸗ den ſtimmt. Daß zu dem Ehrentage des Prinzen, um ihn recht feierlich zu begehen, große Vorbereitungen ge⸗ troffen wurden, wußte ich aus Erfahrung, diesmal aber, wo er das zwölfte Jahr abſchloß, ſollten unge⸗ wöhnliche Vergnügungen ſtattfinden, und ſo waren denn, wie ſehr bald verlautete, alle Söhne der adli⸗ gen Familien der Reſidenz eingeladen, um an dem Feſte auf dem Schloſſe ſelbſt Theil zu nehmen. Meine Mutter wand ſchon am Tage vorher eine Menge Kränze und Guirlanden, und zwölf reizende, duftende Blumenbouquets wurden in einen Korb gelegt, um am nächſten Morgen nach dem Schloſſe zu wandern, während jene von der Dienerſchaft bereits am ſpäten Abend abgeholt wurden, um damit das Zimmer des glücklichen Prinzen zu ſchmücken. Schon am frühen Morgen, als ich auf der zur Schule, die ich diesmal in meinen beſten Klei⸗ dern beſuchte, den Korb mit den zwölf Sträußen mit⸗ nahm, um ihn auf dem Schloſſe abzuliefern, war ich ſehr ernſt und feierlich geſtimmt. Langſam ſtieg ich den Berg hinan und konnte mein Auge kaum abwen⸗ den von dem Glanze und der Farbenpracht der Blü⸗ then, welche meine gute Mutter diesmal mit allem Aufwande ihres feinen Geſchmacks zuſammengefügt hatte. Als ich vor dem Blumenmeere auf der ober⸗ ſten Terraſſe, welches die Vorderfront des Schloſſes umfluthete, angelangt war, blieb ich einen Augenblick athemlos ſtehen und horchte mit Spannung nach dem Schloſſe hinauf, aus deſſen geöffneten Fenſtern ein lieblicher Geſang herabſcholl, den die Sänger der Stadt ausführten, um dem geliebten Erbprinzen auch ihren Tribut mit einer fröhlichen Morgenmuſik darzubringen. Mich ergriffen die ſelten gehörten Töne tief, und, in eigenthümlicher Zerſtreuung befangen, bemerkte ich kaum, daß ein Lakai zu mir trat und mir die Blu⸗ men abnahm, die ich vielleicht ſelbſt dem einſtigen Thronerben überreichen zu dürfen gehofft hatte. Da der Geſang nicht ſogleich wieder beginnen wollte, ent⸗ fernte ich mich langſam, ſchlich der Stadt zu und be⸗ trat die Schule, in der ich, wie ich glaube, an dieſem Tage nicht viel gelernt habe. 47 Da ich Nachmittags keinen Unterricht und meine Mutter mir die Erlaubniß gegeben hatte, frei in Park und Garten umherzuſchweifen, ſo begab ich mich ſehr bald auf meinen Lauerpoſten imt Gebüſche des Spiel⸗ platzes, denn ich wußte ſehr wohl, daß hier die Haupt⸗ feſtlichkeit des Tages ſtattfinden würde. Es mochte etwa drei Uhr ſein, als der Erbprinz, von ſeinen Lehrern und den eingeladenen Gäſten be⸗ gleitet, aus dem Speiſeſaale auf den Spielplatz her⸗ abtrat, wo ſich ſehr bald ein ſehr lebhaftes Gewühl entwickelte und der vielen Anweſenden Stimmen laut durcheinanderſchallten. Zunächſt theilten ſich die Kna⸗ ben in zwei Parteien und begannen nun Spiele, die ich nur dem Namen nach kannte, denen ich aber noch niemals perſönlich beigewohnt. Es wurden Einzeln⸗ kämpfe und allgemeine Schlachten geliefert, es wurde geklettert und geſprungen, gewippt und am Seile ge⸗ zogen, und als dies Vergnügen mehrere Stunden ge⸗ dauert, wurde unter den Bäumen von den Lakaien eine lange Tafel gedeckt und mit auserleſenen Leckereien, Früchten und Confitüren beſetzt. Aus meinem Verſtecke gewahrte ich Alles und Je⸗ des bis auf die geringſten Kleinigkeiten, und ich be⸗ wundere noch heute die Geduld, mit der ich ſelbſt an meinem Platze ausharrte, als die Geladenen ſich an die geſchmückte Tafel begaben, ihre Plätze einnahmen und mit augenblicklicher Unterbrechung ihres Freuden⸗ geſchnatters zu ſchmauſen anfingen. Plötzlich aber fuhr mir ein ſeltſamer Ruck durch die Bruſt. Als hätte ein ſpitzes Meſſer mein laut klopfendes Herz berührt, empfand ich ein unausſprech⸗ liches Weh darin, und eine unwiderſtehliche Macht trieb mich von meinem Platze fort. Ich konnte dem wieder lauter werdenden Feſte nicht länger zuſchauen und von einem unbekannten Drange geſtachelt, ging ich faſt bewußtlos den Berg hinab, auf Pfaden, die ich ſpäter niemals wiederfinden konnte, da ich mein Augenmerk auf nichts Aeußeres gerichtet hielt. Träumeriſch ſchlich ich durch Berg und Thal und beſchrieb einen weiten Bogen um mein väterliches Haus, an das ich in dieſem Augenblicke nicht erinnert werden mochte. So kam ich am Fuße des Schloßber⸗ ges an, überſchritt die Brücke, die über den kleinen Fluß führte, und war nun auf das freie Feld ge⸗ langt, das ſich, mit Waldung und Wieſengrund ab⸗ wechſelnd, bis zu dem Bergrücken erhob, den ich ſchon ſo oft mit meiner Mutter beſucht hatte. Erſt als ich die höchſte Spitze, unſern gewöhnlichen Ruheſitz, er⸗ ſtiegen, glaubte ich den Punkt erreicht zu haben, wo ich meine Gedanken ſammeln und über mich ſelbſt * 8 49 und die geheimnißvollen Triebe in meiner Bruſt zum Klaren kommen könne, und ſo ſetzte ich mich auf den Rafen nieder, ſtützte die Arme auf die Kniee, legte meinen Kopf in die Hände und betrachtete mit einer Art innerlichen Schauers das fernliegende Fürſtenſchloß, deſſen Spiegelfenſter eben im letzten Strahle der ſin⸗ kenden Sonne in Goldpurpur aufleuchteten. Lange ſchaute ich darauf hin, bis der letzte Gluth⸗ ſchein des himmliſchen Lichtes erloſch und allmälig die grauen Schatten des Abends die Ferne verſchleierten. Da erſt hatte meine lange Träumerei einen beſtimm⸗ ten Gegenſtand, mein hin und her wogendes Gedan⸗ kenchaos eine erkennbare Geſtalt angenommen. „Wie manche Menſchen doch ſo reich und begütert ſind,“ ſagte ich zu mir, zwar nicht mit denſelben Wor⸗ ten, aber ungefähr war das doch der, meiner damali⸗ gen Kpebenanſicht entſprechende Gedankengang,„daß ſie ſich und Anderen ſo große Freuden bereiten kön⸗ nen, wie ich ſie eben dort drüben habe laut werden ſehen! Wunderbar, höchſt wunderbar! Wie ſind ſie zu dieſen Reichthümern und Mitteln gekommen? Durch Erbſchaft! Alles iſt ihnen zugefallen, ohne daß ſie eine Hand darum geregt hätten. Seltſam, höchſt ſeltſam! Andere arbeiten Tag und Nacht und quälen ſich im Schweiße ihres Angeſichts, ohne ka Der Sohn des Gärtners. I. 4 50 mehr als das tägliche Brod zu erwerben, das ſie und ihre Familie zum Lebensunterhalt bedürfen. Ich be⸗ greife eigentlich den Grund und die Abſicht dieſes Unterſchiedes nicht ſo recht. Sind die Leute, die je⸗ nes herrliche Schloß bewohnen, allen übrigen Men⸗ ſchen ſo hundertfach überlegen an Tugend, Weisheit und Frömmigkeit, daß ſie vor ihnen ſo ausgezeichnet wurden, oder iſt es ein Glückszufall, der gerade ſie dazu erleſen hat, wie wohl das Glücksrad bald auf dieſe bald auf jene Nummer fällt?— Wenn nun jener Fürſt durch irgend ein Unglück in die Lage käme, ſein Schloß und ſeine übrigen Güter zu ver lieren, würde er das gutwillig ertragen oder wiß er das Verlorene erkämpfen und erſtreben mit⸗ aller Macht? Gewiß würde er das Letzte thun und viel⸗ leicht erhielte er es wieder durch eigene Kraft und durch eigenen Willen. Hm! Alſo man kön doch dergleichen erkämpfen und gewinnen! der ue iſt mir neu und eigentlich ein angenehmer Gedanke. Ach, aber was hilft mir das? J win nur ein ar⸗ mer Menſch, eines Gärtners Sohn, ich erbe von Nie manden einen größeren Beſitz, ich kann ihn alſo auch nicht verlieren und nicht wieder erkämpfen. Aber— welch' wunderbar herrliches Gefühl ergreift mich da— ich habe doch gehört, wie mancher Menſch reich und ich nicht mehr ſo traurig wie vorher. Ich habe mich recht mit dieſen Gedanken geſtärkt. Ich komme mir . 4* 51 groß und mächtig geworden iſt, der auch nichts beſaß als was ich beſitze! Alſo man kann doch etwas werden, was man nicht iſt, etwas erreichen, was man nicht hat, etwas aus ſich machen. Aus ſich machen! Was heißt das? Alle Kräfte, alle Fähigkeiten, alle Begabung daran ſetzen, um ſich auf eine Stelle zu ſchwingen, die hoch liegt wie jenes Schloß! O frei⸗ lich, das iſt ein köſtlicher Gedanke, denn dahin zu kommen, das müßte eine hohe Luſt und ein ſchöner Lohn ſelbſt für die ſchwerſte Arbeit ſein!— Dazu fühle ich wohl den Trieb in mir. Ich wollte mich auch recht anſtrengen und nicht ſolcher Thor und Schwächling ſein wie mein elender Vater da unten! Ja, das wollte ich und ich will es wenigſtens verſu⸗ chen. Ich will doch einmal ſehen, ob ich nicht auch etwas erreichen und werden kann, was die Mühe des Lebens lohnt, ich will ſtreben, denken, trachten— ach, ja freilich, wenn ich erſt groß und alt genug dazu bin, denn jetzt bin ich noch zu jung und zu ſchwach, und ich weiß noch ſo viel wie gar nichts. Ich muß lernen— lernen— lernen, bis ich was weiß, und das, wenn man ſich ſo recht lebhaft die Möglichkeit davon vorſtellt, iſt auch ein Triumph!— O, jetzt bin 5² ordentlich gewachſen vor. Da— jetzt iſt der letzte Schimmer von der Sonne verſchwunden— jetzt bricht die Nacht herein— und da brennen ſchon die Lich⸗ ter in den fürſtlichen Gemächern. Hm! Ich möchte auch wohl einmal um einen Tiſch mit ihnen ſitzen, wo ſo viele Wachskerzen flammen. Ihnen tief in die Augen ſehen und ſie fragen: ſeid Ihr denn wirklich ſo viel beſſer und ſtärker als iche Ach, aber das liegt noch weit ab, und ehe ich ſo viel gelernt habe, bis ich unter ſolchen Menſchen ſitzen kann, wer weiß, was bis dahin geſchehen iſt und was ich dann für Neigungen und Wünſche habe, denn meine Mutter ſagt: die Neigungen und Wünſche der Menſchen wech⸗ ſeln alle Jahre, alle Monate, alle Wochen, ja faſt alle Tage, und was wir heute für ſchön und wünſchens⸗ werth halten, ſcheint uns morgen häßlich und abge⸗ ſchmackt. Wie wandelbar alſo doch der Menſch und wie bald groß und bald klein er iſt! Aber ich, ich bin nicht ſo wandelbar. Ich werde dies Schloß noch morgen und immer für ſchön und wünſchenswerth halten, und bevor ich mir nicht ein ähnliches errun⸗ gen, will ich mich nicht zufrieden geben.“— Man ſteht, der kleine, winzige Gärtnerſohn trug kein geringes Maaß von Wünſchen mit ſich herum und hoch empor flatterten ſeine kühnen Gedanken prüft. 33 ſchon in der Kindheit. Die Erfahrung hat mich aber⸗ belehrt, daß ſolche Wünſche nichts ſchaden, im Gegen⸗ theil, daß ſie nützen, denn ſie treiben den Kern, der in den fruchtbaren Boden gelegt iſt, mit Sturmesge⸗ walt empor, ſie tragen und heben den Geiſt, ſie ſät⸗ tigen und erquicken das Herz, das ſo oft ſchmachtend unter der Glühhitze des Lebens verwelkt, und oft, ja ſehr oft, ſind die Wünſche und Triebe der Kindheit die Fittige geweſen, auf denen der erwachſene Menſch zur erſtrebten Höhe emporgeflogen iſt, wie ja ſchon Goethe ganz richtig bemerkt:„was man ſich in der Jugend wünſcht, hat man oöft im Alter die Fülle“, und 4 Goethe war ein practiſcher Menſch und hat an ſich ſelbſt die Menſchen ſtudirt und ihre Geſchicke ge⸗ Doch um auf jenen Abend wieder zurückzukom⸗ men, der, ich wiederhole es, wichtig für meine ganze fernere geiſtige Entwicklung war, da er mich mit eiſernem Eifer an die Arbeit und zum Nachdenken 3 trieb, ſo ſtieg ich viel munterer wieder den Berg hinab, als ich binaufgeſchlichen war, und die kindli⸗ chen Träume in mir, die ſich zu großartigen Viſionen geſtaltet hatten, nach deren Verwirklichung meine ganze Seele lechzte, nagten ſeitdem in mir fort, riſſen mich oft gewaltſam aus dem müßigen Schlafe nd jagten mich mit einem wahren Ungeſtüm in die mächtigſte Strömung geiſtigen Lebens, in das Stu⸗ dium hinein, dem ich fortan alle Kräfte zu widmen beſchloß, um ſo einen Platz in der Menſchheit zu er⸗ ringen, der mir durch meine äußeren Verhältniſſe auf ewig verſagt ſchien. weites Kapitel. Eine That, die wichtige Folgen für mich hat. — Den Somt ner und Herbſt deſſelben Jahres, in welches die oben hebe Feier des prinzlichen Geburts⸗ tages fiel, verlébte ich ganz ſo wie die früheren Jahre, nur daß ich mneuem ſtillen Vorſatze treu blieb, einen außerordentlichen Fleiß auf meine Schularbeiten ver⸗ wandte und demzufolge auch die Belobigung meiner Lehrer und die Zufriedenheit meiner Mutter einerndtete. Neues und beſonders Bemerkenswerthes, deſſen ich mich lebhaft erinnerte, fiel weder in unſrem Hauſe noch außer demſelben vor; erſt dem nächſten Winter war ein Ereigniß vorbehalten, das ich auch dem Leſer genauer ſchildern muß, da ſich von ihm nicht allein die vollſtändige Umwandlung meines bisherigen ein⸗ förmigen Daſeins, ſondern auch die eigenthü lich 56 Geſtaltung meines ganzen ſpäteren Lebensſchickſals herſchreibt. Der Winter des Jahres 1824 rückte ſehr früh⸗ zeitig in unſer bergiges Ländchen ein und ſchon im November fror es ſo ſtark, daß die Eisdecke auf unſerm kleinen Fluſſe faſt die Dicke von einer halben Elle er⸗ reichte. Ich war damals etwa zwölf und ein halbes Jahr alt, aber man hätte mich für fünfzehn halten können, da ich ungewöhnlich früh entwickelt und ſehr kräftig gebaut war. Daß ein harter Winter für Kna⸗ ben meines Alters und meiner Conſtitution ſeine be⸗ ſonderen Freuden hat, weiß jeder Menſch, ich aber theilte dieſelben weniger mit den gleichaltrigen Söhnen unſrer Nachbarſchaft, denn ich hatte ja keinen eigent⸗ lichen Gefährten, der meinen Beitritt zu den allge⸗ meinen Vergnügungen vermittelt hätte, ich war allein auf mich ſelbſt angewieſen und meine Freuden mußte ich bei Weitem mehr in der ſtillen Arbeit im elter⸗ lichen Hauſe als in Spielen und dem gewöhnlichen Zeitvertreib für Kinder meines Alters außerhalb deſ⸗ ſelben ſuchen. Nur ein Vergnügen hatte und beutete ich aus, und das war das Schlittſchuhlaufen auf der ſeeartigen Erweiterung unſeres Flüßchens, das jenſeits des Schloßberges, nicht weit von der Stadt, ein ge⸗ räumiges Waſſerbecken bildete, welches der fröhlichen Jugend im Winter zum allgemeinen Tummelplatze diente. Ich hatte das Schlittſchuhlaufen ſchon ſehr früh gelernt und, weil ich muthig und kräftig war, eine bedeutende Fertigkeit darin erlangt, ſo daß ich für den bei Wei⸗ tem beſten Läufer in meiner ganzen Klaſſe galt. Da meine Eltern in der Regel erſt um halb zwei Uhr zu Mittag aßen, ſo hatte ich von meiner Mutter ein für alle Mal die Erlaubniß erhalten, nach Schluß des Unterrichts eine Stunde auf dem Eiſe zu bleiben, und ich benutzte dieſe Erlaubniß faſt täglich, wenn es das Wetter irgend geſtattete. Es war dies auch die Stunde, in welcher der Erbprinz mit ſeinen Begleitern gewöhnlich Schlittſchuh lief, und ich hatte bisweilen die Ehre, von ihm bewundert und ſogar gegrüßt zu werden, wenn ich im vollſten Laufe an ihm vorüber⸗ flog, da dies eine Kunſt war, in deren Ausübung er, in allen übrigen körperlichen Geſchicklichkeiten ſonſt ſo bewandert, mir auf keine Weiſe gleichkam. Das allgemeine Wintervergnügen der jungen Stadt⸗ bewohner auf dieſem Eisſpiegel mußte einen anlocken⸗ den Reiz gewähren, denn bisweilen erſchienen ſogar die Damen des Hofes mit einigen Cavalieren, und wenn ſie auch damals noch nicht, wie es jetzt faſt überall Sitte iſt, an den Uebungen und Wettläufen Theil nahmen, ſo ſtanden ſie doch, in ihre warmen Pelze gehüllt, am Rande des zugefrorenen Sees ſtill und ſchauten neugierig und voller Spannung dem Gewühle zu, das ſich vor ihren Augen entwickelte. So war es faſt den ganzen Winter hindurch ge⸗ weſen, ſogar bei bitterer Kälte, und ſo war es noch mehr der Fall, als die Witterung gelinder wurde und die wärmeren Strahlen der Februarſonne ſchon die allmälige Annäherung des Frühlings verkündeten. Es war der 28. Februar, ein mir unvergeßlicher Tag, gekommen. Am 24. hatten wir noch ſtarken Froſt gehabt, in der folgenden Nacht aber ſtellte ſich ein warmer anhaltender Südwind ein und in den nächſten Tagen folgte entſchiedenes Thauwetter, ſo daß das Eis mürbe wurde, jedoch noch ſtark genug blieb, um uns leidenſchaftliche Schlittſchuhläufer ohne anſchei⸗ nende Gefahr zu tragen. Als die letzte Unterrichtsſtunde des Vormittags vorüber war, packte ich meine Mappe zuſammen, nahm ſie unter den Arm und trug in der andern Hand meine Schlittſchuhe, um ſie wahrſcheinlich zum letzten Mal in dieſem Jahre zu benutzen, da meine Mutter bereits die Warnung hatte fallen laſſen, das Eis würde uns kaum noch tragen und wir möchten behutſam zu Werke geben. 3 Als ich eben aus d em Stadtthor trat, kam mir 59 ein Gärtnergehülfe meines Vaters entgegen, und da er mich die Schlittſchuhe in der Hand halten ſah, blieb er ſtehen und ſagte:„Willſt Du zu Eiſe gehen, Kurt? Thu es nicht, das Eis iſt zu mürbe, Du könnteſt einbrechen.“⸗ Durch dieſe Worte nicht im Geringſten einge— ſchüchtert, ſetzte ich nur um ſo raſcher meinen Weg fort, in der Hoffnung, dadurch noch einige Minuten vor dem völligen Aufgang des Eiſes zu gewinnen. Der Gehülfe aber ſchien die Wahrheit geſprochen zu haben, denn ich fand das Eis ziemlich leer von ſeinen gewöhnlichen Beſuchern, obgleich die Söhne vieler Hofbeamten, unter ihnen die Gäſte des Erbprinzen bei ſeiner letzten Geburtstagsfeier, am jenſeitigen Ufer ſtanden, hie und da das wankende Eis prüften und ein lautes Gelächter erſchallen ließen, wenn einer von ihnen bis an das Knie einbrach und dann an das Ufer waten mußte. „Die Thoren!“ dachte ich in meinem allzu kußnen Sijnn,„da ſtehen ſie drüben, wo das Eis ſchon ge⸗ borſten iſt; hier auf meiner Seite hält es noch und ich werde ihnen zeigen, daß ich noch eine Luſtfahrt unternehmen kann.“ Gedacht, gethan! Nach kurzer Ueberlegung warf ich meine Mappe auf den Boden, kniete ni 4 60 ſchnallte mir die Schlittſchuhe feſt, wenig darauf achtend, daß man mir vom jenſeitigen Ufer her zurief, das eingeleitete Wagniß noch vor dem Verſuch wieder aufzugeben. Da geſchah etwas, was mich vielleicht vom Unter⸗ gange rettete, indem es mich vom Schlittſchuhlaufen zurückhielt, nichts deſtoweniger aber mich wider alles Erwarten in eine Lage brachte, die verhängnißvoll für mich geworden iſt. Es kam nämlich in demſelben Augenblick, als ich das mürbe Eis betreten wollte, eine vierſpännige Hof⸗ equipage vom Schloſſe hergefahren, und mit meinen Falkenaugen erkannte ich ſehr bald darin die Prinzeſſin Hildegard mit ihrer Erzieherin, der Gräfin Wetterau, der gegenüber ihr damaliger Anbeter, der Kammerherr Graf Hohenheim, Platz genommen hatte. Da ſie gerade auf den Platz zufuhren, wo ich ſtand, ſo wußte ich was geſchehen würde, und begab mich daher eilig hinter einen dort ſtehenden Holzſchuppen, um die Anlangenden gleichſam aus einem Hinterhalte völlig ungeſtört beäugeln zu können. Es dauerte nicht lange, ſo hielt die glänzende Equipage ſtill, der Kam⸗ merherr ſprang von ſeinem Sitze herab, hob zuerſt die kleine Prinzeß heraus und half dann auch der Gräfin beim Ausſteigen. Von einem Lakaien gefolgt, 61 ſetzten ſich die drei vornehmen Leute in Bewegung und gingen im langſamſten Schritt längs des kleinen Sees dahin, um die milde Luft und den Morgen⸗ ſonnenſchein mit möglichſtem Behagen zu genießen. Anfänglich hielt die Gräfin die Prinzeß an der Hand, als ſie ſich aber bald in ein eifriges Geſpräch mit ihrem Verehrer einließ, entſchlüpfte ihr das kleine holde Weſen und ging, ſich anmuthig wiegend und bückend, hüpfend und ſpringend hinter den Beiden her, wie es die Gewohnheit lebhafter Kinder iſt, wenn ſie ſich einmal vom täglichen Zwange erlöſt und der eigenen Willkür überlaſſen ſehen. So hatte ich denn Gelegenheit und Muße genug, die kleine Prinzeß, den allgemeinen Liebling des Ho⸗ fes, recht nach Herzensluſt zu betrachten, und es machte mir ein außerordentliches Vergnügen, bei ihren haſtigen Kinderbewegungen ihr blondes Lockenhaar und die weißen Federchen ihres feinen Seidenhutes im Winde flattern zu ſehen. Die beiden erwachſenen Perſonen, in ihre eigenen Angelegenheiten überaus vertieft, mochten die Prinzeß wohl unter der Obhut des nachfolgenden Dieners geſichert glauben und ſchritten, ohne ſich ein einziges Mal umzublicken, etwas raſcher auf dem eingeſchlagenen Pfade fort. Die Prinzeſſin aber ſprang ſeitwärts, ald hierhin bald dorthin, und konnte es trotz der V Abmahnungen des alten Lakaien nicht unterlaſſen, bis⸗ weilen auf das Eis zu treten und darüber hin zu ſchlittern, wie ſie es die Knaben am jenſeitigen Ufer 3 thun ſah. 8 Endlich gelangten die unachtſamen Spaziergänger V an eine Stelle des Sees, die rings mit Stangen be⸗ zeichnet war, welche andeuteten, daß das Eis hier nicht feſt ſei und daher nicht betreten werden dürfe. Die Gräfin ſchritt mit ihrem Begleiter raſch an dieſer Stelle vorüber; Beide ſchienen die ganze Welt um ſich her vergeſſen zu haben und waren in ihre Plau⸗ derei ſo arg vertieft, daß ſie ſich erſt umdrehten, als ein furchtbarer Angſtſchrei hinter ihnen erſcholl, der vom jenſeitigen Ufer her ſein zwanzigfaches Echo fand. Dieſer Schrei aber kam aus dem Munde des alten Lakaien, der, ſchon lange voller Angſt am Ufer hin und her laufend, dem gefährlichen Vergnügen der unerfahrenen Prinzeß zuſah, ohne daß er Macht ge⸗ nug über ſie beſeſſen hätte, ſie von dem ſchwankenden Eiſe zurückzurufen. Denn plötzlich, etwa zwanzig Schritte vom Ufer, gerade da wo der See über ſechs Fuß Tiefe hatte, war die kleine Prinzeß vor ſeinen Augen verſchwunden, die morſche Eisdecke hatte unter ihren Füßen nachgegeben und ſie war, einen hellen Hülfe⸗ 63 ruf ausſtoßend, in das eiskalte Waſſer gefallen. Die 8 drüben am Ufer ſpielenden Knaben hatten den Vor⸗ gang mit angeſehen, ſtanden aber, als das Unglück⸗ geſchehen, gleichſam erſtarrt ſtill und ſchrieen nur um Hülfe, während doch keiner von ihnen über das Eis lief, um dieſe Hülfe möglicher Weiſe perſönlich zu bringen. Ich ſelbſt hatte jeden einzelnen Schritt der Prin⸗ zeß mit adlerſcharfen Augen aus meinem Verſteck verfolgt, und ich muß geſtehen, mir ſträubten ſich da⸗ bei vor nie empfundenem Grauen die Haare auf dem Kopfe und mein Herz ſchien ſtill zu ſtehen, denn es war mir zu Muthe, als erriethe ich durch ein inſtinct⸗ artiges Ahnungsgefühl, was zunächſt kommen würde. Kaum aber ſah ich das dunkelblaue mit Hermelin beſetzte Sammtmäntelchen verſchwinden, ſo riß mich ein unwiderſtehlicher Drang aus meinem Verſtecke hervor und, wohl wiſſend, daß ich vom Ufer her an der Stelle des Vorfalls nicht an die Untergeſunkene gelangen könne, ſprang ich mit einem verzweiflungs⸗ vollen Satze mitten auf das gebrechliche Eis und lief aus allen Kräften dem Orte des Unheils zu. Wie ich mit heiler Haut dahin gelangt, weiß ich noch heute nicht anzugeben; ich ſah, hörte und fühlte nichts, was um mich und unter mir geſchah, mein brennendes Auge war nur auf den einen Punkt gerichtet, wohin ich mit allen mir zu Gebote ſtehenden Kräften ſtrebte. Wohl ſchwankte und wogte das loſe Eis unter mir, ſo haben es alle Zuſchauer nachher mir wohl hundert⸗ mal erzählt, aber was that es mir, der ich nur ein Ziel vor Augen hatte, das ich ſo ſchnell wie möglich erreichen mußte, wollte ich nicht zu ſpät kommen. Endlich war ich da— aber ach— das haltbare Eis war zu Ende und vor mir ſah ich das kalte Waſſer über zerſtückelte Eisſchollen wirbeln, zwiſchen denen das liebliche kleine Geſchöpf, die Zierde unſers Fürſtenhauſes, anſcheinend rettungslos verſchwun⸗ den war. Da packte mich ein nie empfundener, wüthender Schmerz in der Bruſt. Himmel und Erde verrannen mir wie ein graues Nebelgewölk vor den Augen und ich that etwas, deſſen Erfolg ein ſehr zweifelhafter, aber unter den obwaltenden Umſtänden für mich wie vielleicht auch für das arme Opfer von Entſcheidung ſein mußte. Ich glaubte nämlich im Waſſer das weiße Hütchen der Prinzeß wahrzunehmen— es ſchien mir erreichbar— und da ich ſchwimmen konnte, dachte ich im Stande zu ſein, das Leben der Gefährdeten zu retten. Ich ſprang alſo, wie ich war, vom ſchon brechenden Eiſe in das Waſſer und, wunderbar g⸗ 65 nug, in demſelben Augenblick tauchte, wie von ihrem guten Engel empor⸗ und mir entgegengehoben, die Prinzeß auf und ich ergriff mit meiner Linken, die ihr zunächſt war, den Hut, und da dieſer ſogleich ſich aus ſeinen Banden löſte, auch das Haar der Sinken⸗ den, während ich mit der Rechten und den Füßen furchtbare Anſtrengungen machte, mich über Waſſer zu halten und dem Ufer zuzuſchwimmen. Ob mir das völlig gelungen wäre, weiß ich nicht; ich fühlte nur, daß mir ſehr bald die Kräfte ſchwan⸗ den, daß ich ſelbſt mehrere Male unter das Waſſer kam, von Eisſchollen geſtoßen und geritzt wurde, aber immer gelangte ich wieder auf die Oberfläche, wobei ich Beſinnung genug behielt, um wahrzunehmen, daß ich dem Ufer immer näher kam und daß von dem⸗ ſelben her ein Mann, bis zum Leibe im Waſſer wa⸗ tend, mir angſtvoll ſchreiend und winkend entgegen⸗ ſtrebte. Plötzlich fühlte ich mich von meiner Laſt befreit, der Lakai hatte ſie mir abgenommen und auf das Land getragen; von allen Seiten aber liefen nun ſchreiende und die Hände ringende Menſchen herbei, von denen, wie ich zu bemerken glaubte, die Gräfin Wetterau am lauteſten und jämmerlichſten ſchrie. Um mich bekümmerte ſich weiter Niemand und Der Sohn des Gaͤrtners. I. 5 66 das fand ich auch ganz in der Ordnung. Halb be⸗ ſinnungslos kroch ich an's Ufer, ſchüttelte mich und ſank dann nieder, um einen Augenblick friſchen Athem zu ſchöpfen. ur glaubte ich noch wahrzunehmen, daß mang die regungsloſe Prinzeß in den nahen Schuppen trug, um ſie in's Leben zurückzurufen, da bereits der Wagen, der ſie gebracht, ganz um den See herumgefahren war, um ſie unterhalb einer zwei⸗ ten Brücke, die dort über den Fluß führte, wieder in Empfang zu nehmen. Plötzlich wachte ich wie aus einem angſtvollen Traume auf. Ich blickte um mich und da kam eine ſchreckliche Angſt über mich. Es war mir, als ob ich allein an dem Vorgefallenen ſchuld ſei, und von einem unbeſtimmten Triebe aufgejagt, an allen Gliedern bebend und mit den Zähnen klappernd, riß ich mir die Schlittſchuhe ab, erhob mich dann, vergaß ſelbſt meine Mappe mit den Büchern vom Boden aufzu⸗ heben und lief, was ich laufen konnte, am Ufer des Sees, des Fluſſes entlang, bis ich die erſte kleine Brücke erreichte, über die man ſchreiten muß, wenn man vom Schloßberge auf das freie Feld gelangen 5 will, von wo ich nur noch zehn Minuten bis zur Wohnung meiner Eltern hatte. Eben als ich triefend und ſchon ſtarr vor Kälte 67 Wagen. Ich warf einen Blick darauf und ſah, daß es der Hofmedicus Doctor Hünerbein war, der von einem Krankenbeſuche über Land heimkehrte.„Herr Doc⸗ tor,“ rief ich athemlos,„geſchwind, geſchwind, die Prinzeſſin iſt ertrunken— dort, dort im Schuppen liegt ſie!“ Ich ſah noch, wie der Kutſcher auf die Pferde einhieb und der Wagen mit Windeseile über den ſtarren Boden raſſelte, dann weiß ich nicht mehr, was hinter mir geſchah, denn ich lief wieder, ſo raſch mich meine erſtarrten Beine tragen konnten und als hätte ich nun erſt meine Schuldigkeit gethan, dem Garten zu, den ich auch bald erreichte und, allein durch den inneren Froſt dazu angetrieben, darin das Ananas⸗ treibhaus aufſuchte, wo, wie ich ja ſo gut wußte, im⸗ mer eine Hitze von einigen dreißig Graden herrſchte. Glücklicherweiſe war die Thür des Treibhauſes nicht verſchloſſen; ich huſchte hinein und hockte mich nun im äußerſten Winkel unmittelbar auf dem war⸗ men Ofen nieder, wo ich mir zum erſten Male Zeit nahm, meine wirren Gedanken zu ordnen und das heftige ſchlagende Herz zur Ruhe kommen zu laſſen. Wie lange ich hier brütend ſaß und tauſend nene, nie gedachte Entwürfe in meinem aufgeregten Hirr über die Brücke eilen wollt, verſperrte mir dieſelbe eim 68 heraufbeſchwor, weiß ich nicht, daß ich aber innerlich außerordentlich beſchäftigt war, bewies mir nachher die Uhr, denn zwei ganze Stunden waren mir unglaub⸗ lich ſchnell vergangen, ohne daß mich irgend ein äu⸗ ßeres Ereigniß aus meinem Brüten geweckt oder ein im Treibhauſe beſchäftigter Gärtner in der Verarbei⸗ tung meiner Phantaſieen geſtört häͤtte. In dieſen zwei Stunden waren auch meine Kleider wieder ganz trocken geworden, der Froſt, der mich vorher geſchüt⸗ r einer behaglichen Wärme gewichen und nur der Gedanke peinigte mich zuletzt:„Was wird ſich nun zunächſt begeben? Wer wird mich aus der Angſt reißen oder mir ſagen: die Prinzeſſin iſt todt, Du haſt ſie zu ſpät zu retten verſucht und ihr dabei ganz das ſchöne goldne Lockenhaar ausgeriſſen In ſolchen mich ſelbſt am meiſten quälenden Fra⸗ gen befangen, ward ich plötzlich durch die laut krei⸗ ſchende Stimme meines tobenden Vaters in's wirkliche Leben zurückgerufen, und als hätte mir Jemand den ganzen Zuſammenhang alles in den zwei letzten Stun⸗ den Geſchehenen zugeflü telt, wa 11 man mich zur Eſſenszeit vergeblich zu Hauſe erwartet, Vater endlich, Beginn ſeiner Trinkperiode war, daß man mich überall geſucht und mein der gerade wieder im da er mich nirgends gefunden, in Wuth gerathen ſ * ſtert, wußte ich alsbald, daß und mir den Untergang geſchworen haben, wenn er mich an irgend einem Orte teeffen ſollte, an dem ich ohne ſein Wiſſen und Wollen ver⸗ 1 weilte. Allein dies war noch nicht Alles, was ſich wäh⸗ rend dieſer zwei Stunden zugetragen, und will ich das Fehlende hier gleich nach meiner ſpäteren Erkun⸗ digung ergänzen. Als mein Vater, nachdem man mich umſonſt eine Stunde am Mittagstiſch erwartet, eben in vollſter Wuth aus einem Winkel in den an⸗ dern lief, um mich zu ſuchen und zur Rechenſchaft über mein Ausbleiben zu ziehen, brachte ein Gehülfe, der auf dem Schloſſe zu thun gehabt, die Nachricht des von mir erzählten unglücklichen Vorfalls in mein väterliches Haus; mein Vater aber, anſtatt durch die Mittheilung, daß ich eine rühmliche That vollbracht, beſänftigt zu werden, verfiel nur in einen noch größe⸗ ren Zorn und ſchob in ſeiner Ideenverwirrung die Schuld des Vorgefallenen allein auf mich. Nieman⸗ den ſeine Abſicht mittheilend, ergriff er einen Kantſchu, den er zu beliebigem Gebrauche ſtets irgendwo ver⸗ ſteckt hielt, ſtürzte in's Freie und rief nach mir mit einer Stimme, die durch den ganzen Garten ſchallte. Da er mich vergeblich bald hier, bald dort ſuchte, ſteigerte ſich ſeine blinde Wuth nur um ſo mehr, und 70 als ihn der Zufall endlich in das Treibhaus führte, wo ich mich verſteckt hielt und er mich bald erſpähte, ſtürzte er auf mich los, zerrte mich tobend und ſchreiend an den Haaren in's Freie und ſchlug hier unbarmherzig auf mich los, trotzdem ich ihm mit lau⸗ ten Bitten und Vorſtellungen zu beweiſen ſuchte, daß ich ja gar nichts gethan hätte, eine ſolche unerhörte Züchtigung zu verdienen. In Wahrheit, nie war eine edle That übler vergolten worden, das heißt für den Augenblick, denn Gott ſelbſt, deſſen Lohn wie Strafe nicht immer gleich auf das Haupt des Thäters fällt, hatte in ſeinem allmächtigen Willen beſchloſſen, daß mir zehnfacher Segen aus jener meiner Handlung er⸗ ſprießen ſollte. Vielleicht Aehnliches denkend oder vielmehr hoffend, empfing ich denn meine unverdienten Schläge mit unglaublicher Reſignation. Keine Klage, kein Laut drang mehr über meine Lippen, ſo wehe die hageldicht fallenden Streiche mir auch thaten, nur mit den Zähnen knirſchend und meines Vaters zorn⸗ geröthetes Geſicht mit einer an Haß gränzenden Bit⸗ terkeit betrachtend, ſagte ich mir zehnmal in einem Athem:„Laß ihn ſich nur austoben, endlich wird er doch aufhören. Es iſt ſeine Natur, zu ſchelten und zu ſchlagen, ohne Grund und Einſicht, und wenn er ſich müde dem a ht hat, wird die Aufklärung kommen, 71 er wird ſich ſchämen und Du wirſt gerechtfertigt da⸗ ſtehen, vor ihm wie vor allen übrigen Menſchen.“ Dieſe Aufklärung und Rechtfertigung aber ſollte jetzt ſehr bald und wie ſie Niemand, am wenigſten ich ſelbſt erwartete, erfolgen, denn plötzlich hörte ich verſchiedene Stimmen ſich uns nähern und endlich trat meine Mutter, meinem Vater ſchon aus der Ferne zurufend, von mir abzulaſſen, an uns heran, während dicht an ihrer Seite ein Knabe lief und, ſobald er das unerwartete Schauſpiel gewahrte, meinem Vater in den Arm fiel und mit Worten der höchſten Entrüſtung und des gerechteſten Tadels ihm ſein ſchonungsloſes Verfahren vorhielt. Dieſer Knabe war kein Anderer als der Erbprinz ſelber; wie er aber hierhergelangt und was ihn zu meiner Mutter geführt, will ich jetzt erſt in der Kürze erzählen, bevor ich in der Entwickelung der ſchnell ſich folgenden Ereigniſſe fortfahre. Unmittelbar nachdem ich die Prinzeß aus dem Waſſer geholt und ſie an das Ufer getragen, wo der alte Lakai ſie meinen Händen entnahm, hatte man das Kind anſcheinend leblos in den erwähnten Schup⸗ pen gebracht. Wie von Gott geſendet traf hier der durch mich benachrichtigte Hofmedicus ein, dem es alsbald gelang, das Kind in's Leben zurückzurufen, worauf er es in ſeinem eigenen Wagen nach dem Schloſſe fuhr und hier ſeine Bemühungen fortſetzte, das erſtarrte junge Blut in Bewegung zu bringen und im warmen Bettchen die feindliche Kälte mit den erforderlichen Mitteln zu verſcheuchen. Hier erfuhren denn auch zuerſt die fürſtlichen El⸗ tern den haarſträubenden Vorfall in ſeinem ganzen Umfange, und die haſtigen Erzählungen des Grafen Hohenheim, der ſich eifrigſt bemühte, die Schuld von ſich und der Gräfin Wetterau ab und auf den alten Lakaien zu wälzen, dem ſie die Bewachung der Prin⸗ zeß vergeblich anvertraut haben wollten, trugen nicht wenig dazu bei, die Gefahr für das Kind als eine außerordentliche und mein Verhalten als ein äußerſt rühmliches erſcheinen zu⸗ laſſen. Die beſtürzten Eltern wichen nicht aus dem Zim⸗ mer der Kranken, und erſt als der Arzt erklärt hatte, es ſei nun keine Gefahr mehr vorhanden und das Kind werde nicht den geringſten Schaden davon er⸗ leiden, beruhigten ſie ſich und dankten Gott, daß er die Hülfe zur rechten Zeit in meiner und des Arztes Perſon herbeigeführt habe. „Ja, ja,“ ſagte dieſer gutmüthige Mann,„dem Jungen, dem Kurt, verdanken Ew. Durchlaucht allein das Leben der Prinzeß; er hat ſie nicht nur aus dem 73 Waſſer geholt; ſondern auch mich zur rechten Zeit in den Schuppen geſandt.“ Als der Erbprinz dieſe Worte und die Erzihlun⸗ gen der bei dem Vorfalle Anweſenden vernahm, ge⸗ rieth er vor Entzücken faſt außer ſich. Er liebte ſeine kleine Schweſter ſo zärtlich, daß er kaum die Zeit erwarten konnte, den Retter ihres Lebens zu ſehen und ihm mit überſtrömenden Worten den Dank ſeines Herzens zu ſpenden. Aber erſt als die Prinzeß end⸗ lich die Augen aufſchlug, lächelnd um ſich blickte, ihre Eltern und Geſchwiſter bei Namen nannte und ſich auf Befragen ganz wohl erklärte, gaben Erſtere hoch⸗ beglückt den ungeſtümen Bitten des Knaben nach und befahlen, einen Boten nach mir zu ſenden und mich, wenn ich in der Lage wäre, vor ihnen zu erſcheinen, auf das Schloß zu führen, um mir für meine Helden⸗ that ihren vorläufigen Dank auf der Stelle abzu⸗ tragen. 4 Als der Prinz dieſe Abſicht ausſprechen hörte, hielt er ſich ſelbſt für den ſchnellſten Boten, und ohne eine Minute zu verlieren, ſtürzte er fort und kam gerade in dem Augenblick bei uns an, als ich den erſten Dank aus der Hand meines 3 empfing. So erfuhr denn dieſer erſt jetzt, was eigentlich geſchehen war, und auf der Stelle ern chtert, ließ er ch beſchämt in ſeine Stube, wo Tag über keinem von mir ab und ſchli er ſich einſchloß und den ganzen Menſchen vor Augen kam. Ich ſelbſt aber, an allen Gliedern bebend, nur Ohren für die Mittheilung des Prinzen, der mir mich im Triumphe mit ſich ſeine hatte die Hände drückte und, fortziehend, mir wiederholt verſicherte, daß Schweſter gerettet ſei und daß ich ihm nur folgen ſolle, um den Dank ſeiner Eltern von dieſen ſelbſt zu erhalten. So kam ich denn, ohne zu wiſſen wie es geſchah, n, ward in das Kranken⸗ mit ihm oben auf dem Schloſſe a zimmer geführt und ſah hier das gerü hrte fürſtliche Paar und einen großen Theil der oberſten Hofbeamten in lebhaft redenden Gruppen um das Bett der kleinen Prinzeſſin ſtehen, die eben im Begriff war einzuſchla⸗ ſen, weshalb wir uns Alle, außer dem Arzte und einer dienſtthuenden Kammerfrau, in ein anſtoßendes Zim⸗ mer begaben, wo ſich dann der Dank der beglückten Eltern in einem endloſen Strom über mich ergoß. Nachdem mir Beide und alle Uebrigen die ſchmeichel⸗ haſteſten Warte geſagt und der Erbprinz mich ſeiner vollſten Erg eit verſichert, kam ich erſt allmäͤlig wieder zu d der vorher im Treibhauſe, als mich mein Vo ſchlug, mir aufgeſtoßene Gedanke, 9 1 — 4 75 davonzulaufen und meinem tyranniſchen Peiniger, der mich wie einen Mörder behandelte, zu entfliehen, ſchwand bald vor den Ausbrüchen des Dankes dahin, der mir von allen Seiten geſpendet ward, und es that m unendlich wohl, als ich bemerkte, daß man mich mit— Augen betrachtete, als hätte ich dem Fürſten ein neues Reich erobert oder als wäre ich ein Wunderthier, dem man nicht ohne Befriedigung in das vor Rührung ſchwimmende Auge blicken könne. So beruhigte ich mich denn allmälig und ſammelte — meine arg durch einander gerüttelten Lebensgeiſter, bis ich endlich mit einiger Ueberlegung die verſchiede⸗ nen Fragen beantworten konnte, die bald von dieſer, bald von jener Seite auf mich einſtürmten. Als aber der Fürſt mir zuletzt nahe trat, mich wohlwollend an⸗ ſchaute und fragte, ob ich auch ſchon ganz trocken und ob mir kein Schaden aus meiner kühnen That erwach⸗ ſen ſei, da kam der Erbprinz lebhaft an uns heran und, noch immer in Folge des ganzen unerwarteten Ereigniſſes leidenſchaftlich aufgeregt, berichtete er mit fliegenden Worten, wovon er im Garten ſo eben Jeuge geweſen, wie mein berauſchter Vater eerdient geſchlagen, und bat darauf, möglich wirken, 76 „Ich will daran denken, mein Sohn,“ erwiderte der gütige Fürſt,„nur wollen wir uns nicht übereilen, damit wir auch in Wahrheit etwas Gutes für den rſinnen. Alſo laß ihn für jetzt nach Hauſe gehen, bi gen haben wir Zeit genug, ſein Wohl zu bedenken.“ Gern ſtimmte der junge Prinz in dieſen Vorſchlag ein, wenngleich er nach ſeinem feurigen Naturell am ¹ liebſten auf der Stelle mir eine große Belohnung hätte ausſetzen ſehen; dafür aber beſchenkte er mich V ſeinerſeits mit einem ganzen Haufen eilig zuſammen⸗ geraffter Dinge, von denen er glaubte, daß ſie mir angenehm ſein könnten, und ſo kehrte ich endlich nach Hauſe zurück, wo ich der immer noch weinenden Mut⸗ ter alles Vorgefallene auf's Genauſte erzählte. Sie ſchloß mich in die Arme, küßte mich lange und wiedern holt und ermunterte mich, Geduld zu haben mit dem Vater, es werde ja endlich wohl beſſer mit ihm wer⸗ den, ſie habe auch Geduld und immer die Erfahrung gemacht, daß, wer ſein ihm aufgebürdetes Schickſal mit Ergebung trage, zuletzt in Allem den Sieg erringe. eich denn an meine Arbeit zurück, beſuchte ge die Schule wieder und empfing r derſelben ein warmes Lob, indem 5 les verwichenen Tages meinen Mit⸗ 77 ſchülern als Beiſpiel aufſtellte und auf mich als das Werkzeug Gottes hinwies, welches auserwählt geweſen ſei, das hohe Fürſtenhaus vor einem großen Schmerze zu bewahren, indem ich mein eigenes Leben Spiel geſetzt habe, um das der kleinen P zu retten. Man verzeihe, daß ich hier ſo viel Aufhebens von einer That mache, die im Ganzen mehr die Eingebung einer augenblicklichen Regung als das Reſultat einer überlegten ruhmwürdigen Aufopferung geweſen war; ich führe auch alle Einzelnheiten nur darum an, um dem Leſer mitzutheilen, daß alles auf mein Haupt gefallene Lob mich weder eitel noch ſtolz machte, nein, vielmehr fühlte ich mich dadurch gedemüthigt, indem lich nicht begreifen konnte, was denn eigentlich ſo Großes darin liege, daß ich mich ein wenig naß ge⸗ macht und der Kälte ausgeſetzt habe, da ich doch da⸗ durch das Leben eines Kindes gerettet hätte, deſſen Erhaltung für uns Alle von ſo großer Bedeutung war. Von dieſem Gedanken ergriffen, ſchlich ich bei⸗ nahe zerknirſcht im Hauſe umher, allmälig aber, als ich mir Alles in ſtillem Nachdenken wiederholte, was mir ſeit den letzten beiden Tagen geſchehen, kam eine feierlich gehobene Stimmung über mich und in dieſer blieb ich den ganzen Tag hindurch, wozu noch die 1 „ 78 Art und Weiſe das Ihrige beitrug, mit der meine gute Mutter mich behandelte, indem ſie mir eine zarte Aufmerkſamkeit erwies, als wäre ich plötzlich aus einem de ein erwachſener Menſch geworden, auf den man ückſicht nehmen und dem man daher mit Achtung begegnen müſſe. Selbſt mein Vater ſchien ſich von dieſem Benehmen einigermaßen leiten zu laſſen, wenigſtens ließ er mich in Ruhe und bekümmerte ſich gar nicht um mich. Das Ereigniß des vorigen Tages hatte wenigſtens das Gute bei ihm gehabt, daß es ihn diesmal gewalt⸗ ſam aus ſeiner Trunkenheit aufgeſchüttelt; er hatte augenblicklich die Flaſche weggeſchloſſen und ſeine Arbeit wieder aufgegriffen, was bisher noch nie ſo raſch und plötzlich geſchehen war. So verging uns dieſer Tag und auch der größte Theil des folgenden, ohne daß wir die geringſte Kunde vom Hofe her vernommen hätten; nur am Mittag des zweiten Tages kam ein Lakai vom Schloſſe, be⸗ ſtellte einige Blumen und erzählte auf Befragen mei⸗ ner Mutter, daß die kleine Prinzeß ſich vollkommen wohl befinde und mit ihren Brüdern im Zimmer ſpiele wie früher. 2 Als es an dieſem Tage zu dunkeln begann und nur der Mond voll und prächtig am Horizonte em⸗ 2 porſtieg, ſaß ich bei meiner Mutter am Fenſter; da tauchte plötzlich ein Schatten draußen auf und ehe wir es uns verſahen, trat der Erbprinz in's Zimmer, begrüßte uns freundlich mit wenigen Worten und lud mich dann ein, mit ihm ein wenig hinauszukommen, da er mir etwas Wichtiges zu ſagen habe. Natürlich folgte ich ſogleich dieſer Aufforderung und bald war ich mit dem fürſtlichen Knaben allein, der meine Hand erfaßt hatte und mit mir den Weg nach dem Schloſſe einſchlug, aus dem er ſich, wie ich aus einzelnen Andeutungen zu entnehmen glaubte, diesmal heimlich und aus dem einzigen Grunde ent⸗ fernt hatte, um mit mir einige Worte reden zu kön⸗ nen. Nachdem er über verſchiedene Dinge geſprochen, mich nach meinen Neigungen für die Zukunft befragt und auf ſchonungsvolle Weiſe auch die traurige Lei⸗ denſchaft meines Vaters berührt hatte, ſagte er, in⸗ dem er einen Augenblick ſtehen blieb: „Höre, Kurt, ich will Dir einmal etwas ſagen, aber Du darfſt noch mit Niemanden darüber reden, am wenigſten mit Deinem Vater, damit er uns keinen Strich durch die Rechnung macht. Hätteſt Du wohl Luſt, Dein elterliches Haus zu verlaſſen, zu uns auf das Schloß zu ziehen und am Unterrichte meiner L Leh⸗ „rer mit mir Kheil zu nehmen?“ 3 ——— 2*— Erſchrocken ſtand ich bei dieſen Worten vor dem fürſtlichen Knaben, der mir mit edler Ruhe und freundlicher Miene dieſen unerwarteten Vorſchlag machte, und mir fehlten im vollen Sinne die Worte, ihm darauf nur das Geringſte zu erwidern. Er fuhr daher fort, indem er etwas lebhafter wurde und mir dadurch nur zu ſehr ſeinen eigenen Wunſch verrieth, daß ich das Dargebotene annehmen möchte.„Sieh,“ ſagte er,„ich habe meinen Vater gebeten, Dich aus Deinem väterlichen Hauſe zu nehmen, weil Du da⸗ ſelbſt nichts lernen kannſt, und mein Vater hat mir verſprochen, meine Bitte zu erfüllen, falls Du ſelbſt und Deine Eltern nichts dagegen haben. Damit Du nun vorbereitet biſt und Zeit zur Ueberlegung haſt, komme ich ſelbſt zu Dir, morgen Mittag aber wird meine Mutter die Deinige rufen laſſen und ihr das Ergebniß ihrer Berathung mit meinem Vater mit⸗ theilen. Wenn ſie Dich dann nach Deinem Willen fragt, wirſt Du Dich auf die Antwort ſchon vorher beſonnen haben und hoffentlich ohne Zögern beiſtim⸗ men. Nicht wahr? Oder habe ich mich in meinen Erwartungen getäuſcht?“ Was ich auf dieſes hochherzige und unvermuthete Anerbieten erwiderte, weiß ich nicht mehr, ich war ſo ſehr überraſcht, daß ich nur wenige Worte zu ſtam⸗ 81 meln vermochte; auch ſchwindelte es mir im Kopfe, daß meine kindlichen Wünſche, die ich ſo oft im Stil⸗ len gehegt, ſo bald erfüllt werden und ich in dem Schloſſe ſelbſt wohnen ſollte, das mir von jeher als der Inbegriff alles Großen und Schönen auf Erden erſchienen war. Dennoch mußte der Erbprinz mit meiner Erwiderung zufrieden ſein, er dankte mir, und indem er mir noch einmal die Hand reichte, entfernte er ſich, mit raſchen Schritten die letzte Terraſſe erſtei⸗ gend, bis wohin wir in unſerm leiſen Zwiegeſpräche gelangt waren.— Beinahe taumelnd und oft ſtill ſtehend und mein neues Glück wiederholt im Fluge überdenkend, ſchritt ich nach Hauſe zurück, und dankte Gott, daß ich mei⸗ nen Vater nicht im Zimmer bei meiner Mutter traf, denn ich hätte ihm diesmal nicht in's Geſicht ſehen können, da ich eine unbeſtimmte Furcht empfand, er werde nicht mit meinem und des Prinzen Wunſche übereinſtimmen und ſich meiner Ueberſiedelung in das Schloß widerſetzen, eine Furcht, die ganz unbegrün⸗ det war, wie ſchon der nächſte Tag lehren ſollte. Meiner Mutter aber verſchwieg ich den Plan des Fürſten nicht und es kam mir vor, als wäre ſie mehr erſchrocken als erfreut darüber und als beſtehe ſie einen inneren Kampf, mich von ſich zu laſſen, trotzdem Der Sohn des Gaͤrtners. 1. 6 —— 8² die gemeinſchaftliche Erziehung mit dem Sohne des Fürſten doch nur erſprießliche Folgen für mich haben konnte. Am nächſten Morgen fand ich die Augen meiner Mutter von reichlich vergoſſenen Thränen geröthet, aber ſie war gefaßt und, wie mir ſchien, entſchloſſen, in meinen Abzug aus dem väterlichen Hauſe ohne Widerſpruch zu willigen, obgleich ſie über die ganze Angelegenheit kein Wort ſprach und nur bisweilen insgeheim einige innige Blicke über mich hinſchwei⸗ fen ließ. Gegen Mittag, gerade als wir zu Tiſche gehen wollten, erſchien ein Lakai und berief im Namen der Fürſtin meine Mutter auf das Schloß. Mein Vater machte verwunderte Augen, um ſo mehr, als meine Mutter den Befehl mit großer Ruhe hinnahm und kein Wort des Erſtaunens hören ließ. Nachdem wir gegeſſen, kleidete ſich meine Mutter zum Beſuche auf dem Schloſſe an und ging langſam, gleichſam mit feierlichen Schritten, in ihrem ſchwarzſeidenen Kleide, durch den Garten den Schloßberg hinauf, während ich ſie mit klopfendem Herzen ſo lange auf dieſem Wege verfolgte, als ich ſie mit den Augen erreichen konnte. Meine Mutter blieb ungewöhnlich lange bei der 4 83 Fürſtin, wenigſtens ſchien es mir in meinem erwar⸗ tungsvollen Zuſtande ſo. Was zwiſchen Beiden ins⸗ geheim verhandelt, habe ich nie erfahren, denn das kurze Reſultat, welches uns nachher mitgetheilt ward, konnte unmöglich beide Frauen ſo lange beſchäftigt haben. Nur ſo viel ſteht feſt, daß meine Mutter weinend nach Hauſe kam, mich lebhaft küßte, nachdem ſte in's Zimmer getreten, und den ganzen Tag in Sonntagskleidung blieb, da es vielleicht ihre feierliche Stimmung alſo erheiſchte. Als bald nach ihrer Rückkehr mein Vater in's Zimmer trat und fragte, was die Fürſtin von ihr gewollt habe, berichtete meine Mutter 94*9 ſehr kurz und bündig, daß es ſich um meine Zukunft handle, daß der Erbprinz, nachdem er mich in Folge 9— der letzten Vorfälle liebgewonnen, auf eine großartige Q 1 Belohnung beſtehe und daß der Fürſt daher beſchloſ⸗ ſen habe, mich auf das Schloß zu nehmen und mit 74νε ſeinem Sohne erziehen zu laſſen. 52 2¹ Als meine Mutter ſo weit gekommen, ſchwieg ſie und blickte ſtill vor ſich nieder, wahrſcheinlich irgend einer Aeußerung meines Vaters entgegenſehend. Die⸗ ſer aber brummte unverſtändlich einige Worte vor ſich 5 hin und fragte dann, was ſie der Fürſtin geantwor⸗ tet habe. „Natürlich,“ ſagte meine Mutter tief aufathmend, 6 „habe ich den großartigen Vorſchlag angenommen; es kann für Kurt nichts Beſſeres geben, ſeine Zukunft wird dadurch geſichert, und mag man ihm eine Stel⸗ lung anweiſen, welche es ſei, ſo wird er doch Gele⸗ genheit haben, alle ſeine Neigungen zu befriedigen und etwas Tüchtiges zu lernen. Nicht wahr, mein Sohn?“ Ich bejahte dieſe Frage und lehnte mich dankbar an die Schulter meiner Mutter; es kam mir aber ſeltſam vor, daß dieſe ſo ſelbſtſtändig über mich be⸗ ſchloſſen und nicht einmal vorher meinen Vater dar⸗ über zu Rathe gezogen hatte. Allein dieſer ſchien weder Beifall noch Widerſpruch zu erkennen, am an⸗ dern Tage aber glaubte ich wahrzunehmen, daß er . ganz beſonders wohlgelaunt ſei, als ob er ſich freue, 1 meine Sorge weniger auf den Schultern zu haben und 3. mich dabei in ſo guten Händen zu wiſſen. Den ganzen Abend kramte meine Mutter in mei⸗ ner Wäſche herum, die immer im beſten Zuſtande erhalten war, und da erfuhr ich denn nachträglich, daß, wenn der Doctor Hünerbein, der morgen bei uns einſprechen werde, um ſich von der völligen Ge⸗ ſundheit und Makelloſigkeit meines Körpers zu über⸗ zeugen, ein günſtiges Urtheil über mich fällen würde, 123 damit ganz einverſtanden zu ſein, wenigſtens gab er 8⁵ mein Einzug in das Schloß ſchon am nächſten Tage ſtattfinden und daß ich außer meiner Wäſche nur meine Sonntagskleider mitnehmen ſollte, da der Fürſt vom erſten Augenblicke meines Aufenthaltes bei ſeinem Sohne an für alle meine Leibes⸗ und Lebensbedürf⸗ niſſe Sorge tragen laſſen werde. Ueber den bevorſtehenden Beſuch des Hofmedicus erlaubte ich mir im Stillen einige Verwunderung zu äußern, denn was der an meinem Körper noch unter⸗ ſuchen wolle, war mir damals durchaus nicht klar; ſpäter aber, als ich ſehr genau mit den Eigenthüm⸗ lichkeiten der fürſtlichen Familie, ſo wie mit den un⸗ umgänglichen Hausgeſetzen der ganzen Hofhaltung be⸗ kannt wurde, ſah ich ein, warum man den Arzt zu mir geſchickt, und damit der Leſer wenigſtens ſofort im Klaren ſei, will ich hier gleich einer ganz beſon⸗ deren Eigenthümlichkeit in den Anſichten, Beſtrebun⸗ gen und Vorurtheilen unſerer höchſten Herrſchaften, ſo wie ihrer Anforderungen an die ſie umgebenden Perſonen gedenken, da an dieſer Stelle vielleicht die beſte Gelegenheit iſt, dergleichen Dinge zu beſprechen. Am Hofe des Fürſten, der ſelbſt ein ſchöner Mann war und eine ſehr ſchöne Frau beſaß, war vor allen Dingen das Schönheitsgeſetz im Schwange, das heißt, man nahm auf äußere Begabung und Reinheit der Formen eine ungemeine Rückſicht, pflegte ſie auf jede Weiſe und ſuchte ſie überall zu cultiviren. Das galt nicht allein von den Gegenſtänden, mit denen man ſich umgab, das galt auch insbeſondere von den Per⸗ ſonen, aus denen man die Hofhaltung zuſammenſetzte. So waren die Kammerdiener und Lakaien ſämmtlich ausgeſucht ſchöne Leute und nirgends habe ich beſſer geſtaltete und ſauberer gekleidete Kutſcher und Reit⸗ knechte geſehen als am Hofe zu W... Aber nicht nur auf das in den unteren Regionen dienende Per⸗ ſonal erſtreckte ſich dieſe Liebhaberei, auch auf das viel höhere dehnte man ſie aus, und ich glaube wohl annehmen zu dürfen, daß ein Beamter bei Hofe, wenn er ſehr ſchön war, mehr Ausſicht auf Anſtellung und Beförderung hatte als ein Mann, der ſich durch Kenntniſſe oder Geiſt auszeichnete, falls ihn die Gra⸗ zien vernachläſſigt. Man konnte dies allerdings eben ſo wohl als eine in ſeiner Natur begründete äſthetiſche Nothwendigkeit wie auch als eine Schwäche des Fürſten betrachten, und als ſolche war ſie, wie ich ſpäter ſelbſt erfahren, oft von ſehr unangenehmen Erfahrungen be⸗ gleitet, allein es war einmal Brauch, danach zu ver⸗ fahren, und Niemand in der Umgebung der fürſtli⸗ chen Perſonen beſaß Einfluß genug, denſelben auszu⸗ rotten und das legal gewordene Schönheitsprincip, 2 8 wie man es offiiciell nannte, durch ein auf würdigerer und gerechtfertigterer Grundlage ruhendes zu erſetzen. Der Erbprinz, der in dieſer Beziehung eine ganz an⸗ dere Richtung nahm, als ſie ſein Vater befolgte. kämpfte ſpäterhin vergeblich dagegen, das Schönheits⸗ prineip wurde ſtets in ſeiner ganzen Ausdehnung bei⸗ behalten, die Garde des Fürſten— ſo nannten wir ſpottweiſe, wenn wir unter uns waren, die ſchönen Hofleute und die ganze nähere Umgebung des Lan⸗ desherrn— vermehrte ſich täglich, und es wurde in den oberſten Regionen ſtets eine große Freude laut, wenn es gelungen war, für ein abgegangenes Indi⸗ viduum ein an äußerlichen Vorzügen reich begabtes neues zu finden und einzuſtellen. Der Fürſt ſelbſt erklärte dieſe in ihm zur Richtſchnur gewordene Hand⸗ lungsweiſe für eine Befriedigung des allgemeinen Schönheitsgefühles, welches jedem feinen und noblen Manne beiwohne, und bezeichnete einen Menſchen, der ihn auf dieſe Weiſe befriedigte, als einen Menſchen von Exterieur, weshalb das Wort„Exterieur“ auch bei uns ſehr beliebt war, jedoch ſtets auf ironiſche Weiſe an den Mann gebracht wurde. Was mich nun ſelbſt betraf, als ich des Glücks theilhaftig werden ſollte, in die nächſte Umgebung des Prinzen gezogen zu werden ſo lag es nach obigem 8 31 Hauptgrundſatze bei Hofe ganz auf der Hand, daß man ſich vergewiſſern wollte, ob ich auch in jeder Beziehung begabt genug ſei, dem herrſchenden Schön⸗ heitsſinn nicht auf irgend eine Weiſe ſtörend in den 4 Weg zu treten. Mein Geſicht kannte man hinreichend und es entſprach den allgemeinen Anforderungen; meine Entſchloſſenheit war auch bekannt, und ſo wollte man ſich blos verſichern, ob ich auch nicht insgeheim an irgend einem plebejiſchen Gebrechen litte, etwa an einer anſteckenden und die intacte Schönheit des un⸗ tadelig gewachſenen Prinzen gefährdenden Hautkrank⸗ heit, vor der man bei Hofe eine faſt kindiſche Furcht hegte, oder an einem ſonſtigen Uebel, das mich nicht geeignet erſcheinen ließ, im Kreiſe fürſtlicher Perſonen aufzutreten, mit ihnen an einem Tiſche zu ſitzen und in nächſter Gemeinſchaft mit ihren Kindern zu leben. Aus dieſem Grunde alſo wollte man den Hofmedicus zur Prüfung zu uns ſenden, und ich mußte mich ſchon dem Ausſpruch dieſes Mannes unterwerfen, der in jeder Beziehung geſchaffen war, der Aengſtlichkeit der höchſten Perſonen in beſagter Richtung Vorſchub zu leiſten, da er mit allen Gewohnheiten und Eigen⸗ heiten derſelben bekannt und ehemals ſelbſt ein Mann von Exterieur geweſen war, der, wie man ſich erzählte, voorzüglich ſeiner geraden Haltung und ſeinem blühen⸗ —— — 89 den Geſichte, auf dem keine Falte aufkommen durfte, die einträgliche Hofmedicusſtelle verdankte. Es war zufällig ein Sonntag, an welchem dieſer Herr ſeinen amtlichen Beſuch abſtatten ſollte, und nachdem ich mit meiner Mutter aus der Stadtkirche gekommen war, ſaß ich in ziemlicher Spannung am Fenſter, um den bedeutungsvollen Mann zu erwarten, der darüber zu entſcheiden hatte, ob ich in höhere Regionen entrückt werden oder in der Dunkelheit mei⸗ nes geringen Standes verbleiben ſollte. Schon ging es ſtark gegen Mittag und er war immer noch nicht da. Meine Mutter hatte ſich zu mir geſetzt und wir ſahen uns wiederholt ſchweigend an, vielleicht Beide bedenkend, ob denn wohl der wichtige Ausſpruch noch vor Tiſche erfolgen werde oder nicht, wonach ich bei⸗ nahe eine kin diſche Sehnſucht, mit Angſt vor dem Ausgang gemiſcht, zu hegen begann. Da klopfte es plötzlich ſehr vorſichtig und leiſe an das nach der hinteren Gartenſeite gelegene Fenſter und die große Geſtalt des Hofmedicus Doctor Hüner⸗ bein, deſſen Geſicht heute jedoch einen etwas ängſtli⸗ chen Ausdruck darbot, wurde ſichtbar. Der Herr Doctor war nämlich trotz ſeiner herkuliſchen Erſchei⸗ nung ein leidlich furchtſamer Mann; er hatte aus Er⸗ fahrung zur Genüge kennen gelernt, wie ſchwer mit 4 * meinem Vater umzugehen ſei, wenn er nicht gerade bei Laune war, einen Fremden zu empfangen, und da er nicht wußte, ob er jetzt zur günſtigen Stunde ge⸗ kommen, ſo pochte er behutſam an das Fenſter meiner Mutter, um vorläufig einige nähere Erkundigungen einzuziehen. Natürlich ſprang ich ſogleich hinzu, öffnete es und lud den Herrn ein, näher zu treten. „Ja, ja,“ ſagte er wispernd,„ich will wohl her⸗ einkommen, aber es iſt doch Alles in Ordnung, mein Junge, he? Der Hofgärtner iſt doch bei Laune?“ „Er iſt gar nicht da, Herr Hofmedicus,“ erwiderte meine Mutter, aus der Tiefe des Zimmers hervortre⸗ tend,„kommen Sie nur herein, Sie ſind willkom⸗ men.“ Gleich darauf ſchritt die hohe Geſtalt des fürſtlichen Leibarztes durch die Thür, aber obgleich er gehört, daß 4 mein Vater nicht anweſend ſei, konnte er es doch nicht unterlaſſen, einen ſcheuen Blick in alle vier Winkel des Gemachs zu werfen, gleichſam um ſich zu verge⸗ wiſſern, daß er keinen Ueberfall irgend woher zu be⸗ ſorgen habe. „Alſo Alles in Ordnung, meine beſte Frau?“ ſagte er frendig.„Hm, das iſt prächtig! Was mich betrifft, ſo möchte ich mich nicht ſo grob behandeln laſſen, wie Ihr Mann den armen Jungen da behan⸗ 91 — delt hat, nachdem er eine ſo gute That vollbracht. Na, diesmal haben die Prügel eine angenehme Folge gehabt, Kurt, und ich wollte meinen Buben gleich hauen, wie Dein Vater Dich gehauen hat, wenn ich wüßte, der Fürſt übernähme ſtatt meiner die Sorgen und Koſten ſeiner Erziehung.“ „Thut er es denn allein darum, Herr Hofmedi⸗ cus?“ fragte meine Mutter mit einem ganz leiſen Schmollen, das ihr nur zu leicht eigen war, wenn ir⸗ gend Jemand mich in ihren Augen anzutaſten ver⸗ ſuchte. „Nein, nein, das will ich nicht ſagen, aber es iſt doch hauptſächlich der Grund, warum der Erbprinz den Fürſten ſo lange mit Bitten beſtürmt hat, Ihren Sohn ſeinem Vater zu entziehen. Natürlich— ich weiß es recht gut, warum man den Kurt in das Schloß nimmt.“ „Nun, warum denn, Herr Hofmedicus?“ „Weil er den Augenblick wahrzunehmen verſteht, eine fürſtliche Perſon dem Verderben zu entreißen. Der Prinz kann auch einmal in die Patſche gerathen, und da iſt es troſtreich, Jemanden in ſeiner Nähe zu wiſſen, der zugreift, wo das Zugreifen an der Zeit iſt. Hoho, mein Junge, das war hübſch von Dir, ja, ia, und obendrein Deine Geiſtesgegenwar 92 den Ort der Gefahr zu ſchicken! Es hätte ſchlimm ausgeſehen, wenn ich fünf Minuten ſpäter gekommen wäre, und weil das glücklicher Weiſe nicht geſchehen iſt, habe ich auch den Orden erhalten, den ich— ſehen Sie hier— heute zum erſten Male trage.“ Meine Mutter trat an ihn heran, betrachtete das mit funkelnagelneuem Glacehandſchuh ihr entgegenge⸗ haltene Ehrenzeichen und lächelte fein, worauf ſie ihren Glückwunſch abſtattete. „Hoho,“ ſagte der redſelige Hofmedicus,„ich weiß, warum Sie ſo ſchlau lächeln. Ihr Junge, mei⸗ nen Sie, hätte den Orden eher verdient als ich, und ohne ſein Zuthun wäre ich gewiß zu ſpät gekommen. Haha, das iſt wahr, ſehr wahr! Aber einem ſolchen Buben kann man doch noch keinen Orden verleihen, und ich bin außerdem ein Mann, der ihn ſchon lange verdient hat. Na, haben Sie Geduld, der Orden wird ſich ſpäter auch bei ihm einfinden, der Junge hat ſo Etwas an ſich, was die Blicke der Menſchen auf ihn lenkt.— Doch nun, mein Bürſchchen, muß ich Dich ganz genau beſehen— zeig' mir einmal Deinen Mund her— hm! Die Zähne ſind gut, weiß wie Milch und ſtark wie Wolfszähne,— nun, werde nicht roth, mein Junge; ſtarke und feſte Zähne zeugen von einem ſtarken und feſten Charakter. Hm, —— [.[— 93 9 Dein Geſicht iſt auch nicht übel, friſch und offen, mit blauen Augen und braunen Haaren, keine üble Ver⸗ bindung— alſo das„Exterieur“ iſt da. Nun aber ziehe einmal Deine Jacke aus und laß mich Deinen inneren Menſchen auch betrachten.“ Meine Mutter verließ lächelnd das Zimmer, um nicht zu ſtören, wenn der Doctor meinen inneren Menſchen betrachtete, wie er ſich ſeltſam genug aus⸗ drückte, und ich zog meine Jacke aus, womit indeſſen noch nicht alles Nöthige geſchehen war, und ſo fiel ein Stück nach dem andern von mir ab, bis ich voll⸗ kommen entblößt vor dem wichtigen Manne ſtand, der ein heimliches Schmunzeln blicken ließ, als er erſt meine Armmuskeln und ſo nach und nach meinen gan⸗ zen übrigen Körper einer genauen Prüfung unterwarf. „Es iſt genug, mein Junge“, ſagte er endlich, „ziehe Dich wieder an;“ und da in dieſem Augen⸗ blicke meine Mutter draußen am Fenſter vorüber ging, rief er ſie herein und ſagte, gleichſam gratu⸗ lirend:„Meine liebe Frau Flemming, ich bin mit Ihrem Jungen zufrieden. Er iſt gewachſen wie eine Tanne und blank wie eine Taube. Ich werde mich ſogleich zu Sr. Durchlaucht begeben und meinen unter⸗ thänigſten Rapport abſtatten. Bereiten Sie ſich alſo immer auf den Umzug vor, der Erbprinz will ſeinen 94 Kumpan haben, lieber heute als morgen.— Ah, da kommt der Hofgärtner, nun wird es Zeit, daß ich gehe. Adieu, adieu, meine liebe Frau! Auf Wieder⸗ ſehn, mein Junge!“. Mein Vater trat gerade durch die eine Thür herein, als der Hofmedieus durch die andre ver⸗ ſchwand und mit etwas haſtigen Schritten ſeinen Wagen zu erreichen ſuchte, der auf der Hinterſeite des Hauſes hielt. Alsdann gingen wir zu Tiſche und nahmen unſere Mahlzeit ſo ſchweigſam ein, als hätten wir ſämmtlich unſer Sprachorgan verloren, denn ſo war es Sitte bei uns, ſeitdem die traurige Verfaſſung meines Vaters alle Neigung zur froͤhlichen Mittheilung aus meiner Mutter und meinem Herzen verbannt hatte. Am Abend deſſelben Tages aber erſchien ein fürſt⸗ licher Lakai bei uns und brachte den Befehl, mich am folgenden Morgen um elf Uhr auf das Schloß zu ſenden, meine Sachen würde man ſchon vorher ab⸗ holen und ich könnte mich alſo gefaßt machen, die Nacht darauf unter dem fürſtlichen Dache zu ſchlafen. Ich ſchloß in der folgenden Nacht kein Auge vor Aufregung. In Gedanken ſah ich ſchon alle meine kindlichen Träume verwirklicht, und doch hatte ich eine unbeſtimmte Angſt vor neuen bitteren Erfahrungen, die mir bevorſtänden, und vor der Erfüllung von Au 101 ahmlichen Würde ſchien ſie mir über allem Menſchlichen erhaben, als ob ſie auf Wolken ſchritte, und als ich erſt den Homer kennen lernte, ſagte ich mir, daß Jupiters Gemahlin unmöglich etwas Olympiſcheres habe an ſich tragen können, als dieſe Fürſtin, die wie zum Herrſchen über alle Welt geboren ſchien. Die drei kleinen Prinzen kamen uns nur ſehr wenig in den Weg, ſie waren zu jung, um mit uns etwas Gemeinſames zu treiben, und da ſie auch ihre eigenen Erzieher und Lehrer erhielten, ſo ſahen wir ſie in den erſten Jahren ſehr wenig und nur dann, wenn, was freilich alle Tage zu einer beſtimmten Stunde geſchah, die ganze Familie auf einer Stelle verſammelt war. Ein Gleiches kann ich von der jungen Prinzeß ſagen, ja ſie war noch ſeltener für uns vorhanden, als ihre Brüder, und wenn die große Zärklichkeit des Erbprinzen für fie dieſen nicht oft zu ihr getrieben hätte, wäre ſie für uns, wenigſtens in den erſten Jahren, ein unnahbare Perſon geblieben. Gegen mich aber legte ſie ſtets ein freundliches Weſen an den Tag, denn ihr älteſter Bruder verſäumte es nicht, ihr von Zeit zu Zeit in Erinnerung zu rufen, daß ich mein Leben für ſie in die Schanze geſchlagen und daß ſie mir daher zu ſtetem Danke verpflichtet ſei. Gleich am 102 erſten Tage meiner Ankunft im Schloſſe hatte ihre Mutter ſie zu uns geführt und ihr aufgetragen, mir für meine Hülfe perſönlich ihren Dank zu ſagen. Sie hatte das auf eine ſo reizende und doch ver⸗ ſchämte Weiſe gethan, daß ich mich übermenſchlich be⸗ glückt fühlte und ſchon damals nicht zu begreifen an⸗ fing, was es denn eigentlich ſo Großes ſei, ein in's Waſſer gefallenes Kind aus den Wellen zu ziehen, 5 wenn man die Fähigkeit und den Muth dazu beſitzt. Außer den fürſtlichen Perſonen kam ich nun auch mit den Hofleuten in mehr oder minder nahe Berührung. Wie ſchon erwähnt, waren es ſämmtlich ſchöne wohl⸗ gewachſene Männer und Frauen, vollkommen den An⸗ forderungen des am Hofe gebieteriſch auftretenden Schönheitsprincipes entſprechend. Ihr Inneres frei⸗ lich ließ, was ich jedoch erſt ſpäter erkannte, Manches zu wünſchen übrig, und ſelten wohl mögen ſo viele müßige, obenhin lebende, mit nichts Ernſtlichem be⸗ ſchäftigte Menſchen an einem Orte verſammelt geweſen ſein wie hier. Nach äußerem Wohlleben trachteten Alle, der innere Gehalt des Daſeins war für die Meiſten eine unbekannte Welt. Wie man ein Feſt nach dem andern herbeiführe, ſich ſo ſchön wie mög⸗ lich dazu ſchmücke, wie man den Leib pflege und vor allen Dingen, wie man die Zeit ſo raſch wie möglich 103 tödte, das war die Hauptaufgabe, die Jeder und Jede an dieſem Hofe mit allen Kräften zu löſen ſuchte. So war ihre Eriſtenz einer vergoldeten Nuß zu ver⸗ gleichen, die innerlich hohl und ohne ſchmackhaften Kern ſich zeigte; ein Vegetiren des Leibes und ein vollſtändiges Vergeſſen, Ignoriren aller höheren Seelen⸗ triebe; eine Reihe von ſchnell auf einander folgenden Genüſſen, ohne einen einzigen Genuß zu würdigen oder dem Schöpfer alles Guten ſich dankbar dafür zu erweiſen. Man ſah ſtets nur lachende Geſichter, ſich tief verbeugende Geſtalten, hörte nur heitere und an⸗ genehm ſtimmende Worte. Unnöthige Sorge machte ſich kein Einziger, wenigſtens gewahrte man nichts davon, und ſo rollte der Strom des Lebens ſo leicht und fließend hin, wie nirgends; der geiſtige Wind, der draußen toben mochte, in höheren oder niederen Regionen, traf hier auf gut verſchloſſene Fenſter, und vor der Kälte des äußeren Welttreibens wußte man die feine empfindliche Haut durch prächtige Vorrich⸗ tungen, warme Pelze und lodernde Kamine dauernd zu ſchützen. Das Wort Politik vor Allem war hier ein ſtreng verpöntes, und ich erinnere mich nicht, in den erſten Jahren meines Aufenthalts im Schloſſe je einen Menſchen über Dinge ſprechen gehört zu haben, welche die Entwickelung der ſtaatlichen Verhältniſſe 104 Europa's betrafen. Man lebte ſo ſüß, ſo luſtig, ſo gedankenlos am Hofe zu W.. fort, als wäre dies das einzige Land auf der Erde, als wäre der Fürſt von W... der einzige Fürſt der Welt und ſeine Reſidenz die einzige große Stadt auf dem ganzen Erdenrund. Daß man alſo im Allgemeinen daſelbſt ſehr glücklich und zufrieden war, verſteht ſich von ſelbſt. Erſt das noch in der Ferne grollende Jahr 1830 ſollte bedenk⸗ liche Geſichter, Sorgen und Befürchtungen ganz unge⸗ wohnter Art hervorrufen, jetzt aber war man noch weit davon entfernt, Alles ging glatt und raſch dahin wie das gut ſegelnde Schiff auf der ſpiegelklaren Woge des gefahrloſeſten Meeres. Auf dieſe Weiſe verfloß den höchſten Perſonen ein Jahr ſo ſanft und ruhig wie das andere. Dann und wann wurde einmal ein kleiner Ausflug nach einem anderen Schloſſe unternommen, die größere Reiſeluſt aber, wie ſie heute unter den Fürſten Europa's herrſcht, war noch nicht aus ihrem Schlummer erwacht. Theils waren die Wege zu ſchlecht, theils mochte man ſich von ſeiner ruhigen Bequemlichkeit zu Hauſe nicht tren⸗ nen, denn wo in der Welt gab es wohl angenehmere Zerſtreuung als eben zu Hauſe? Hier erwartete alle Betheiligten zweimal täglich eine herrliche Tafel, oft durch Muſik gewürzt, und dreimal konnte man ſich täglich in neuen und glänzenden Kleidern zeigen. Spazierfahrten wechſelten mit intereſſanten Ritten und 1 Gängen ab, Concert folgte auf Concert, eine Theater⸗ . vorſtellung auf die andere, Bälle, Maskeraden und Scherze allerlei Art blieben auch nicht aus und wurden von den dazu beſtallten Perſonen in mannigfaltigſter Abwechſelung erfunden— was konnte ein genußlieben⸗ der Menſch, ein glatter Cavalier, eine ſchöne, galante Dame mehr vom irdiſchen Daſein verlangen? Doch, wir haben noch Eins vergeſſen, ein Bedeu⸗ tendes, Großes, ein Vielſagendes zu heutiger Zeit, damals freilich noch ein Nichts— das Volk, die Un⸗ terthanen des Fürſten. Man konnte kein zufriedene⸗ res, ruhigeres Völkchen beherrſchen, als das damalige in W... es war. Mäuschenſtill gingen ſie ihre ge⸗ ſetzlich erlaubten Wege, gehorſam fügten ſie ſich in die Vorſchriften der Behörden und bezahlten jede Steuer ohne Murren, wie es heute leider ſo ſelten geſchieht. Alle bückten ſich übermäßig tief und ehrfurchtsvoll vor den Perſonen des Hofes, alle waren ungeheuer unter⸗ thänig, man ſchrieb noch nicht in den überflüſſigen Zeitungen ſo merkwürdige Dinge, wie heute die ſchreck⸗ lichen Literaten es thun, man ſchwatzte noch nicht in ddeen Weinſtuben über die öffentlichen Fragen, denen ſich allein die Diplomaten und Miniſter mit 106 quälten. Ohne geiſtige Anregung, ohne große weit⸗ abliegende Ziele, ohne gewaltige Beſtrebungen, die heutzutage das Menſchenherz in Bewegung ſetzen und den Geiſt beflügeln, lebte man im Beamten⸗ und Bürgerſtande im Kleinen fort, wie man bei Hofe im Großen lebte, und Jedermann war mit ſeinem Erden⸗ loſe zufrieden, denn ein ſüßer Schlummergeiſt ruhte auf den ganzen Lande und beſänftigte und befriedigte ſogar Diejenigen, die damals für unrnhige Köpfe galten, die man aber nach heutigem Maaßſtabe höch⸗ ſtens für alltägliche, nur dem durchaus nothwendigen geiſtigen Fortſchritte huldigende Conſervative halten würde. Das neue Leben, in welches ich nun eingetreten war und das ich vom erſten Tage an in gleichem Inge mit den Andern führte, als hätte ich ſchon Jahre darin zugebracht, war allerdings trotz ſeiner ſtrengen Regelung ſehr angenehm, aber ſo ungeheuer ſchien es mir nicht von dem anderer Knaben abzuweichen, wie ich mir früher in meinen jugendlichen Träumen es wohl vorgeſtellt hatte. Mir wenigſtens bot ſich, die gehäufteren Vergnügungen abgerechnet, welche die be⸗ deutenderen Mittel geſtatteten, kein großer Unterſchied zwiſchen meinem ehemaligen und jetzigen Leben dar; höchſtens fand ich mehr Gelegenheit, meiner Neigung, 107 etwas Tüchtiges zu lernen, nachzukommen, da die Leh⸗ rer ausgezeichnet waren und uns jede mögliche Nach⸗ hülfe zu Theil werden ließen. Die kleinen Abweichungen von meinem früheren Daſein lernte ich ſehr bald überwinden, da ſie meiſt in erfreulicher Geſtalt auftraten und jeder Menſch ſich viel leichter an reichlichere Genüſſe in allen Dingen gewöhnt als umgekehrt. Auch in meines Vaters Hauſe hatte ich von jeher mein eigenes Zimmer ge⸗ habt und allein geſchlafen, ſo daß ich darin alſo nicht den Hauptunterſchied ſinden konnte, der vielen Kna⸗ ben, wenn ſie in neue Verhältniſſe treten, ſo bedeu⸗ tend erſcheint. Hegte ich einmal, was in der erſten Zeit ziemlich oft geſchah, beſondere Sehnſucht nach meiner Mutter, ſo lief ich in der erſten beſten Zwi⸗ ſchenſtunde raſch zu ihr hin, küßte ſie und kehrte dann, durch ihre und meine Freude doppelt beglückt, mit neuen Kräften und guten Vorſätzen in das Schloß zurück. An meinen Vater dagegen dachte ich von jetzt an ſehr wenig und ſeine traurige Verirrung bekümmerte mich nur meiner Mutter wegen; bei Hofe wurde ſei⸗ ner niemals Erwähnung gethan, ſei es nun, um mir eine unausbleibliche Beſchämung zu erſparen, ſei es, weil man es nicht der Mühe werth hielt, von einem 108 Manne zu ſprechen, der ſich ſo oft der Gnade ſeines Fürſten unwürdig erwieſen hatte. Bisweilen begegnete ich ihm an irgend einer Stelle des Schloßgartens, dann näherte ich mich ihm und erkundigte mich nach ſeinem Befinden, da er, wie mir meine Mutter geſagt, bald nach meinem Ausſcheiden aus dem Hauſe zu kränkeln anfing, woran gewiß ſein unregelmäßiges Leben am meiſten ſchuld war. Meines neuen Zimmers Lage nach dem Garten, wo ſo ſchöne Bäume ſtanden, ſo herrliche Blumen dufteten und die Vögel ſo munter in der Morgen⸗ frühe ſangen, erheiterte mich ſehr. Mit dem erſten Tone dieſer Stimmen, das heißt ſobald ſie an mein Ohr drangen, erhob ich mich von meinem Lager, das allerdings nicht ſo weich wie im mütterlichen Hauſe war, da nach dem Willen des Fürſten der Prinz eben ſo wenig wie wir Uebrigen ſich auf irgend eine Weiſe verweichlichen ſollte, trat dann an das Fenſter und ſchaute in die freie Natur hinaus, die von jeher die Theilnehmerin aller meiner Freuden und Leiden ge⸗ weſen war. Hatte ich hier Auge und Ohr gelabt, ſo wuſch ich mich und kleidete mich an und zwar in die neuen und ſchönen Kleider, die ich gleich am er⸗ ſten Tage meines Einzuges erhalten und die denen des Prinzen ganz gleich, obwohl ſelbſt im Winter 109 etwas leicht waren, um uns auch hierin von aller Verwöhnung fern zu halten. Sodann begab ich mich durch das Nebenzimmer, in welchem der Prinz mit dem Grafen Treufels wohnte, in das Zimmer des erſten Lehrers, der den Rang eines Gouverneurs be⸗ kleidete, wo das Frühſtück gemeinſchaftlich eingenom⸗ men und dann ſogleich zur Arbeit geſchritten wurde. Das Frühſtück mußte Sommer und Winter ſo früh aufgetragen werden, daß der Unterricht Punkt ſieben Uhr beginnen konnte, und nur an Sonn⸗ und Feier⸗ tagen fand darin eine Ausnahme ſtatt, ſo lange ich ſelbſt ein Bewohner des Schloſſes blieb. Von ſieben bis zehn Uhr ging der Unterricht ununterbrochen fort, bald in der einen, bald in der andern Disci⸗ plin, um zehn Uhr aber ward das zweite Frühſtück eingenommen und zwar, ſobald es das Wetter oder die Jahreszeit erlaubte, im Garten, im Schatten einer ſchönen, alten Linde auf der oberſten Schloßterraſſe, wo man zu dieſem Zwecke einen hinreichend großen Tiſch mit Bänken aufgeſtellt hatte. Von elf bis zwölf Uhr war wieder Unterricht. Um Zwölf wurden kind⸗ liche Spiele und Promenaden, unter Aufſicht des einen oder anderen Lehrers unternommen, jedoch dehnten ſich letztere nie über den Schloßpark aus, um uns nicht für die Nachmittagsſtunden zu ermüden und für 110 das ernſtere Studium unzugänglich zu machen. Um zwei Uhr wurde gegeſſen und zwar aßen wir drei Knaben mit dem Gouverneur allein, nur an Feſt⸗ und Geburtstagen hatten wir die Ehre, zur fürſtlichen Tafel gezogen zu werden, falls keine vornehmen Gäſte anweſend waren. Von drei bis vier Uhr war wieder Unterricht, entweder im Schreiben oder Zeichnen, und von Vier bis Fünf turnten wir an der ſchon früher von mir bezeichneten Stelle der Terraſſe. Dieſer Turnunterricht wich von dem jetzt gebräuchlichen einiger⸗ maßen ab, denn wir kletterten, ſprangen und liefen nicht allein, wie man es heute noch auf Turnplätzen fieht, ſondern wir wurden auch in allen möglichen ritterlichen und höfiſchen Stellungen geübt, um uns ſo die Eigenſchaften anzueignen, die ein wohlgebilde⸗ ter Mann aus hoher Familie beſitzen muß, wenn er überall und immer eine reſpectable Figur zur An⸗ ſchauung bringen will. Namentlich waren es die Stellungen des Geradeſtehens, des Bruſtherausſtreckens und die Zierlichkeit der verſchiedenartigſten Verbeu⸗ gungen, die hier gelehrt wurden, wozu noch ſpäter die Exercierübungen mit dem Gewehre, die Fecht⸗ und Schießunterweiſungen kamen, die uns viele Unterhal⸗ tung und manches Vergnügen gewährten und die in der That außerordentlich dazu beitrugen, uns für ſpä⸗ — was ihm ſehr leicht wurde, da wir jungen Leute von der Natur Dreiſtigkeit und, wie es ſchien, auch An⸗ tere Zeiten Kraft, Anmuth der Bewegungen und eine leichte Art und Weiſe der ſogenannten Repräſentation beizubringen. Um fünf Uhr endlich waren wir des ſtrengen Dienſtes und der ſchulmeiſterlichen Aufſicht enthoben, von dieſer Zeit an blieben wir uns meiſtens ſelbſt überantwortet, und wenn uns auch in der Regel un⸗ ſer Gouverneur aus freien Stücken noch ferner Ge⸗ ſellſchaft leiſtete, ſo beſaß er doch Tact genug, die ernſte Schulmeiſtermiene abzulegen und uns mehr und mehr unſerm eigenen Naturell und unſern ſpeciellen Neigungen zu überlaſſen. Wir benutzten die Stunden von fünf bis acht Uhr gewöhnlich zu weiteren Aus⸗ flügen, die wir theils zu Fuß, theils auf kleinen Eſeln unternahmen, die uns zu dieſem Behufe überliefert waren und in deren Führung uns ein beſonders an⸗ geſtellter Reitknecht die nöthigen Anweiſungen ertheilte, ſage genug dazu mitgebracht hatten. Um acht Uhr fand das Abendeſſen ſtatt, das wir wieder mit unſerm Gouverneur allein einnahmen, wenn wir nicht mit der fürſtlichen Familie einen Ausflug machten, was im Sommer ſehr häufig geſchah. Nach dem Abend: eſſen blieben wir bei einander und ergötzten uns an verſchiedenen Spielen, an Löſung von Charaden, Kopf und Gedächtniß übenden Aufgaben und an⸗ deren ähnlichen Unterhaltungen. Um zehn Uhr end⸗ lich gingen wir zu Bett, um vortrefflich zu ſchlafen und uns zur Erneuerung des nächſten Tagewerks mannhaft zu ſtärken. So blieb es im Ganzen und Einzelnen Jahre hindurch; kleine Aenderungen, je nach der Jahreszeit, der Witterung und dem Belieben des Fürſten blieben allerdings nicht aus, im Ganzen aber bekümmerte ſich der Letztere ſcheinbar ſehr wenig um uns, und wenn wir nicht nach ihm ſahen, er ſelbſt ſchien nie nach uns zu ſehen. Er hatte ſeine Schul⸗ digkeit in Bezug auf ſeinen älteſten Sohn gethan, indem er ſeinen Lebenslauf geregelt, und da er ihn in den beſten Händen wußte oder wenigſtens gläubte, ſo lag auch mit Ausnahme einiger beſonderer Veran⸗ laſſungen keine Nothwendigkeit vor, ihm noch ſpeciel⸗ lere Pflichten und Laſten aufzubürden. Doch hier muß ich nun endlich einige genauere Mittheilungen über die uns zu Theil gewordenen Lehrer folgen laſſen, da deren Unterrichtsweiſe, ihr geiſtiges Uebergewicht und auch ihr beſonderer Cha⸗ rakter einen großen Einfluß auf unſere fernere geiſtige und leibliche Entwicklung ühten. Die Lehrer, die in deer nahegelegenen Reſidenz, einem etwas mittelalter⸗ 113 lichen und langweiligen Städtchen zu finden waren, 3 genügten dem fürſtlichen Paare zur Erziehung ihres Erbprinzen nicht und ſo hatte man ſich dazu entſchlie⸗ ßen müſſen, mit nicht geringen Opfern einige auser⸗ wählte Leute aus größerer oder geringerer Ferne zu dieſem Zwecke zu verſchreiben. Jene hielt man theils für zu ſpießbürgerlich, zu pedantiſch, für zu wenig unterrichtet oder in Bezug auf die äußeren Formen zu wenig entwickelt für den fürſtlichen Dienſt, nament⸗ lich aber entſprachen ſie nicht dem höfiſchen Schön⸗ heitsprincipe, ſie waren nicht geleckt, nicht glatt genug 4 und trugen nur zu ſehr den Anſtrich eines gemeinen Herkommens zur Schau. So waren denn endlich mit Mühe einige feine und überaus gebildete Herren auf⸗ gefunden, die es ſich für guten Lohn und noch beſſere Tafel angelegen ſein ließen, einen fürſtlichen Knaben und ſeine Gefährten mit irdiſcher Weisheit zu füllen; wir hatten einen Lehrer für Mathematik, Geſchichte und Sprachen, einen anderen für Muſik und Natur⸗ wiſſenſchaften und endlich einen dritten für das Zeich⸗ nen, Schreiben und den unentbehrlichen Turnunter⸗ richt erhalten. Der erſte aller drei Lehrer, der in Mathematik, Geſchichte und Sprachen unterrichtete, war der ſcho genannte Gouverneur oder eigentliche Er Der Sohn des Gärtners. I. Prinzen. Er war der Sohn eines armen Officiers, der, nachdem ihn das Schickſal höchſt traurige Erfah⸗ rungen hatte machen laſſen, es für gut gehalten, ſich ſeines Adels als eines überflüſſigen Ballaſtes zu ent⸗ ledigen und als einfacher Privatmann ein bürgerliches Geſchäft zu beginnen, von dem er nothdürftig lebte und ſeine Kinder erzog. Hier bei Hofe hatte man ſogleich die Abſtammung des älteſten Sohnes dieſes Ehrenmannes ausgewittert, ſeinen Adel hergeſtellt und ſo hieß derſelbe von jetzt an wieder, wie ſein Vater früher geheißen: Herr von Transfeld. In meiner Jugend habe ich keinen geiſtreicheren, fleißigeren und ſeinen Pflichten eifriger ergebenen Mann ge⸗ kannt, und ich ſowohl wie der Erbprinz und ſogar der von uns Dreien am wenigſten lernbegierige Graf Treufels, verdanken ihm einen großen Theil unſers gelehrten und allgemein weltlichen Wiſſens. Streng in den Unterrichtsſtunden, war er immer aufgelegt, uns im Guten, Rechten und Schönen zu unterweiſen, und in den Mußeſtunden war er unſer treuſter Ge⸗ fährte, zu allem Erlaubten geneigt, jeden unſerer billigen Wünſche mit Nachſicht erfüllend und ſtets be⸗ reit, bei dem 5 für uns das Wort zu führen, enn von anderer Seite her, was, wie man ſehen ird, nur zu oft geſchah, Klage über uns Pführt 115 4 wurde. Ich habe nie einen Menſchen kennen gelernt, der ein ſolches Geſchick beſaß, ein Geſpräch für die ihm anvertraute Jugend intereſſant zu machen, ſie für den Gegenſtand, den er vortrug, zu begeiſtern und die Neigung zu erwecken, immer Höheres und Beſſeres zu erſtreben, als was in der Welt für hoch und gut genug gehalten ward. Er mochte vom Allergewöhn⸗ lichſten zu ſprechen beginnen, immer erhob ſich der Flug ſeiner Gedanken zu etwas Edlerem, ſo daß er zuletzt mit Bedeutendem und Großartigen ſchloß und wir ſtets eine ganze Fülle von Dingen kennen lern⸗ ten, die gar nicht im Kreiſe ſeiner Lehrobjecte lagen. So erinnere ich mich zum Beiſpiel eines ſeiner Ge⸗ ſpräche auf einem Spaziergange in die benachbarte Waldung ſehr wohl. Es fing an zu regnen und der Erbprinz wollte ſchon darüber ein knabenhaftes Mur⸗ ren hören laſſen, als Herr von Transfeld plötzlich über den Witterungswechſel zu ſprechen begann, von da auf die verſchiedenen Temperamente der Menſchen überging, daraus auf die Neigungen derſelben ſchloß, bald ſo bald anders regiert zu werden, ſodann den Charakter und die Geſinnung der jetzt in Europa regierenden Herrſcher beleuchtete, auf die verſchieden begabten Völker und Reieneag. von der Neuz auf das Alterthum überging und endlich au Weiſe bei der Grazie, der Bildſamkeit und der Schön⸗ heitsidee der Griechen anlangte, über die er ſich gern und häufig auszuſprechen beliebte. So zog ſich immer wie ein goldener Faden ein innerer Zuſammenhang durch ſeine Vorträge wie durch ſeine alltäglichſten Geſpräche und wir lernten nicht nur ſtündlich bei ihm, ſondern nahmen auch unbewußt goldene Regeln von ihm auf, die uns aus ſeinem Munde immer viel werthvoller als aus dem anderer Lehrer erſchienen. So kam es denn auch, daß er uns in vielen an⸗ deren Dingen als die er hauptſächlich zu lehren hatte, unterwies und daß wir durch ihn auf Gegenſtände geführt wurden, die einen Prinzen zu lehren damals noch nicht in der Mode war oder in der augenblick⸗ lichen Nothwendigkeit lag. Er war zum Beiſpiel ein ſogenannter ſtarker Politiker und ſeine Anſichten ent⸗ ſprachen keineswegs den damals geltenden Anſichten des Hofes und des Fürſten, der ihn zur Erziehung ſeines Sohnes berufen hatte; er war ein freiſinniger, ſeine Gedanken mit ruhiger Würde ohne Leidenſchaft entwickelnder Mann, und wenn man geahnt hätte, was im Kopfe dieſes ſeltenen Lehrers verborgen ſei und welche Ideen der junge Erbprinz daraus ſchöpfen werde, ſo würde gewiß Anſtand genommen haben, n ſeinen wichtigen Poſten anzuvertrauen, falls nicht 117 ſeine ausgezeichnete Perſönlichkeit auch hier den Sieg davon getragen hätte. Denn er war durchweg ein ſchöner Mann, an Haltung, an Geſichtsausdruck, von edler und ruhiger Sprechweiſe und nobel in ſeiner Geſinnung, was man in ſo hohem Grade von den übrigen Lehrern durchaus nicht behaupten konnte. Was mich betrifft, ſo hatte ich ſehr bald das Glück, von dieſem Erzieher liebgewonnen zu werden; mein Fleiß, mein Eifer, alles Mögliche zu lernen, ge⸗ fiel ihm, er gab ſich Mühe, mir recht verſtändlich zu werden, zumal er hoffte, daß auch der Erbprinz von meinem Triebe mit fortgeriſſen werden würde, was allerdings in vieler Hinſicht der Fall war. Auch ich gewann ihn außerordentlich lieb, und als dies Ver⸗ hältniß uns Beiden erſt offenbar ward, ſtrebten wir uns immer näher zu rücken, uns immer größeres Vertrauen zu ſchenken, und Lehrer wie Schüler hatten Erfolg und Freude in Fülle davon. Da er dem Prinzen und mir ſehr lange erhalten blieb, uns nach mehreren Jahren auf die Univerſität und große Reiſen begleitete, und ſpäter ſogar ganz in die ſpeciellen Dienſte des Erbprinzen trat, ſo werde ich noch oft Gelegenheit haben, ſeiner Erwähnung zu thun und bemerke hier nur, daß nie etwe wiſchen uns Dreien vorfiel, was unſere dehn ſhens und Zu⸗ neigung nur auf eine halbe Stunde erſchüttert hätte. Die übrigen Lehrer entſprachen im Allgemeinen der Erwartung, die man von ihnen hegte; ſie zeich⸗ neten ſich durch nichts Beſonderes, weder Gutes noch Schlimmes, aus und hatten demzufolge mehr oder minder Erfolg bei ihren Schülern. Ich lernte von allen ſoviel in meinen Kräften ſtand, denn ich war wißbegierig, wie nur ein regſamer Knabe es ſein kann, von Anfang an, wie ich es ſelbſt noch heute bin, denn für mich giebt es nun einmal keinen Zu⸗ ſtand als den des Wachſens, Zunehmens und Lernens, und ich glaube, ſelbſt wenn ich das Unglück hätte, hundert Jahre alt zu werden, würde man mich, falls die Geiſteskräfte und meine Sinne mich nicht ver⸗ ließen, noch eben ſo gern in die Schule des Lebens und Lernens gehen ſehen, wie ich es damals that. Der Prinz ſelbſt lernte nur das leicht, was ihm ein beſonderes Vergnügen gewährte, und das war die Mathematik, die Geſchichte vor allen Dingen, und die neueren Sprachen. Für alles Uebrige hatte er wenig Sinn, er war zu reell, zu ſehr den Handlungen des Lebens geneigt, um an den feineren und unzugäng⸗ licheren wiſſenſchaftlie n Spitzfindigkeiten Gefallen zu finden, und da ſeine Thatkraft ſehr zeitig auf die Bühne der Welt trat, wie denn überhaupt ſeine ganze geiſtige und körperliche Entwicklung gleich der meinigen äußerſt früh erfolgte, ſo war auch der Kreis ſeines ſchulmäßigen Lernens ſehr bald geſchloſſen, woraus jedoch nicht hervorgehen ſoll, daß er ein beſchränkter und unwiſſender Mann ward, im Gegentheil, das Leben ſelbſt begann da die Fortſetzung ſeiner Lehren, wo die Schule die ihrigen beſchloſſen hatte, und von ihm lernte der thatkräftige Prinz ungeheuer viel, viel mehr, als mancher niedriger geborene Menſch wohl ſein ganzes Leben lang in der Schule lernen würde, wenn er ſie ohne Unterlaß beſuchte. Habe ich nun von dem guten Genius unſerer lern⸗ begierigen Jugend geſprochen, ſo muß ich auch dem Leſer den böſen Dämon vor Augen führen, der uns wohlweislich zu Theil geworden war, damit auch bei uns die Bäume nicht die Neigung verriethen, in den Himmel zu wachſen. Alle übrigen Lehrer, die man für den Prinzen gewonnen, entſprachen mehr oder weniger als Herr von Transfeld den Anforderungen des Schönheitsprincips des Fürſten, dieſer eine aber, von dem ich jetzt ſprechen will, entſprach ihm auf keine Weiſe. Es war unmöglich geweſen, für die gymnaſtiſchen Uebungen, den Schreib⸗ und Zeichen⸗ unterricht einen Adonis nufnndeen, und ſo hatte man, in Verzweiflung über dieſe Grauſamkeit des un⸗ beugſamen Schickſals, ſich entſchließen müſſen, einen Mann anzunehmen, der allerdings am allerwenigſten für einen fürſtlichen Hof und die Erziehung ſo ſtolzer, ehrliebender und gutgearteter Knaben geſchaffen war. Merkwürdiger Weiſe hieß er Beau, war aber im Ganzen und Einzelnen ein Scheuſal. Woher ſein Name ſtammte, ob er ein angeborener oder angenom⸗ mener war, weiß ich nicht, nur ſo viel iſt gewiß, daß nichts in ſeinem Weſen demſelben entſprach, und ſo wollte es uns oft in unſrer ſchalkhaften Laune be⸗ dünken, als hätte man ſich bei Hofe, da man kein ſchönes Exterieur für dieſen Poſten hatte finden kön⸗ nen, wenigſtens mit dem Namen eines ſolchen be⸗ gnügt. Um zuerſt von dieſem Exterieur zu ſprechen, ſo war Herr Beau ein Mann von mittlerem Wuchſe, hager, knochig und ſah ſtets, trotzdem er gewöhnlich für Viere aß und trank, verhungert und verkümmert aus. Sein Körper, der ſich übrigens gewandt und in den leichteren gymnaſtiſchen Uebungen ſogar ſehr geſchickt zeigte, war höchſt dürftig entwickelt und nahm beim Gehen oder Laufen ſtets eine abſcheuliche Ver⸗ zerrung an, indem ſich ſein Oberleib von den Hüften bis zum Halſe zu igden ſchien, weshalb wir ihn oft mit einer Schraube rglichen, die beim Gehen in 121 ewiger Bewegung von unten nach oben begriffen war. Auf der Spitze dieſer Schraube nun ſaß ein Kopf mit einer fuchſigen Perrücke, deſſen hintere Seite von dem gewöhnlichen Menſchenhaupte in nichts abwich, von vorn aber geſehn uns von jeher, nicht Schrecken und Furcht, aber den größten Widerwillen eingeflößt hatte, denn es konnte kein affenartiger grimaſſirtes und dabei abſtoßenderes Menſchenantlitz geben. Das noch leidlich jugendliche Geſicht war ſchlaff, reichlich gefaltet und nahm jederzeit eine Miene von Bedeutung an, die aber nur lächerlich wurde und höchſtens das Gepräge pädagogiſcher Affectation ver⸗ rieth. Sobald er mit ſeiner ſcharfen, ſchrillenden Stimme in didactiſcher Weiſe langſam und feierlich redete, zog er die Augenbrauen bis zur Hälfte der niedrigen Stirn empor und verzerrte dabei ſo gräßlich den Mund, daß man befürchten mußte, das ganze Ge⸗ ſicht werde ihm gleichſam aus dem Munde fallen. Dabei befliß er ſich, nur ſehr ſchön gewählte Worte hören zu laſſen, er ſprach überaus blumenreich, poe⸗ tiſch und legte einen ganz bedeutenden Nachdruck auf jedes ſeiner höchſt unbedeutenden Worte. Da er ein ſtarker Schnupfer war, dieſer Leiden⸗ ſchaft jedoch nur heimlich fröhnen konnte, indem die Hofetikette Leuten ſeiner Stellung gewiſſe Schranken darin auferlegte, ſo ließ er ein eigenthümliches Schnüf⸗ feln hören, wenn ſeine dicke Naſe ein Bedürfniß nach der braunen Speiſe empfand, und ſah er den günſti⸗ gen Augenblick ab, wo es unbemerkt geſchehn konnte, ſo ſtopfte er ſich mit unnachahmlicher Virtuoſität und Schnelligkeit einen ganzen Ballen des aufgeſpeicherten Vorraths in die Naſenhöhlen. Im Unterricht war er Pedant durch und durch und ſetzte ſich ſeinen Schülern gegenüber ſtets auf das hohe Pferd, als wäre er aller menſchlichen Weisheit oberſter Prieſter und die ganze Welt müſſe ſich ihm unterthänig erklären, obgleich er nichts als Schreiben und Zeichnen lehrte. Als Turner war er, wie ge⸗ ſagt, gut, als Lehrer ritterlicher und vornehmer Stel⸗ lungen aber nahm er eine ſo lächerliche Figur an, daß wir trotz des beſten Willens oft laut lachen mußten, was dann jedesmal eine Rüge von dem Fürſten hervorlockte, dem unſer geringes Schicklich⸗ keitsgefühl bei paſſender Gelegenheit hinterbracht wor⸗ den war. War der Unterricht beendet, ſo liebte es Herr Beau, ſich in unſre Geſellſchaft zu drängen; da wir aber mit den fortſchreitenden Jahren ſehr bald ſeiner überdrüſſig wurden, ſo ſuchten wir ihn abzuſtreifen wo es ging, was jedoch ſchwer hielt, denn Herr Beau — 123 hatte etwas von der Natur der Klette an ſich oder des Blutigels, der, hat er ſich einmal feſtgeſogen, ſitzen bleibt, bis er von ſüßem Safte überquillt. Auch beim Eſſen bot dieſer gute Mann eine höchſt widerliche Erſcheinung dar; er ſtopfte ſich nämlich mit ſolcher Haſt voll, daß es ausſah, als fürchte er, man würde ihm darin zuvorkommen und ihm nichts übrig laſſen, um ſeinen fürchterlichen Hunger zu ſtillen, der ſo ſehr alles ſchickliche Maaß überſchritt, daß er allein mehr, als wir drei Knaben und Herr von Transfeld zuſammen, aß. Die bisher geſchilderten Eigenſchaften aber, ſo un⸗ leidlich ſie erſcheinen mögen, waren bei Weitem noch nicht ſeine unliebenswürdigſten, ja wir wären glücklich geweſen, wenn wir nur dieſe zu überſehen oder zu überwinden gehabt hätten. Herr Beau hatte etwas Jeſuitiſches, Schlangenartiges, Kakodämoniſches an ſich, was ſich äußerlich nur durch ſein irrendes lauern⸗ des Auge und durch den ſchadenfrohen Zug um ſeinen Mund bemerklich machte, heimlich aber hinter dem Rücken Derer ausbrach, denen er ein Ungemach be⸗ reiten wollte. Mit einem Worte, Herr Beau war der geheime Spion am Hofe zu W.., der Belauerer aller Intriguen, Vorfälle, Ereigniſſe, mochten ſie be⸗ treffen was und wen ſie wollten, und wer ihm ein gutes Wort, oder gar ein paar Flaſchen Wein und ein reichliches Eſſen gab oder nur von ferne riechen ließ, der konnte ihn um den Finger wickeln, die Schlange kroch aus ihm heraus und er wandte ſich ſcherwenzelnd ſo lange hin und her, bis er das Gift eingeſogen hatte, was er ausſpritzen wollte. Es hat mich immer gewundert, daß der Fürſt, ein ſo edler, ruhiger Mann, dieſem Menſchen gegen⸗ über ſo lange in einer Selbſttäuſchung verblieb, indem er ſich gern ſeine Bemerkungen erzählen ließ und oft danach zu unſerem und Anderer Schaden handelte. Wodurch Herr Beau des Fürſten Gunſt gewonnen, iſt immer unaufgeklärt geblieben und haben wir ſpäter ſtets die Meinung gehabt, daß es allein die kriechende unterthänige Schmeichelei war, die dem eitlen Fürſten wohlgethan. Gewiß iſt daß Beau nur deshalb ein heimlicher Aufpaſſer aller noch ſo kleinen Vorfälle war, um ſie in vergrößertem Maaßſtabe an die große Glocke zu ſchlagen und dadurch ſich ſelbſt auf eine höhere Stufe der Gunſt und Anerkennung zu ſchwin⸗ gen, was ihm leider nur zu gut glückte und wodurch er jetzt und ſpäter mehr Unheil am Hofe ſtiftete, als irgend ein anderer Menſch. Freunde hatte er übrigens bei Hofe nicht, man vermied ihn inſtinctmäßig, denn Jedem waren ſeine 12⁵5 böſen Eigenſchaften bekannt, und unter allen Perſonen, die ich zu nennen habe, war es nur eine, die mit ihm ein näheres Bündniß einging, aus dem einzigen Grunde, weil ſie auf ähnliche Weiſe als Weib war, was Herr Beau als Mann vorzuſtellen die hohe Meinung von ſich hegte. Dieſe eine Perſon, von der ich leider noch oft zu ſprechen⸗ haben werde, da ich ihr ſehr viel Bitteres verdanke, war die Erzieherin der Prinzeß Hildegard, die Gräfin Wetterau, ſpätere Gräfin von Hohenheim. G Was dieſe beiden ſich in allem Uebrigen ſo fern ſtehenden Perſonen mit einander verband, iſt immer nur eine Vermuthung unter uns geweſen. Die ſtolze, in ihrer Jugend nicht ganz unſchöne, aber in ihrem Weſen ſtets ſehr hoffärtige Gräfin konnte an Herrn Beau keinen perſönlichen Reiz finden, und doch gab es Augenblicke, in denen man ſtark dieſen Verdacht hegen mußte. Unſrer Meinung nach hatten allein die auf Stelzen geſchraubten Schmeicheleien des Turn⸗ lehrers, die er ſogar in gereimten Verſen ſeiner An⸗ gebeteten darzubringen den Muth oder vielmehr die Frechheit beſaß, ihren hochfahrenden Sinn geſchmolzen und ihren ſehr eitlen Geiſt dem würdigen Sänger entgegengeführt; außerdem war ſie eine Intriguantin, wie er ein Intriguant, Beide begegneten ſich alſo in 126 ihrem Lieblingstreiben und Beide ſuchten dadurch Macht und Einfluß zu gewinnen, was ihnen auch bis zu einer gewiſſen Höhe gelang, wobei ſie ſich denn bei Gelegenheit nach Kräften in die Hände arbeiteten und gegenſeitig unterſtützten. Von Herrn von Transfeld erfuhr ich einmal ſpäter, daß Beau ſich durch den lehrreichen Umgang mit der in allen höfiſchen Dingen wohl unterrichteten Gräfin zu einer höheren diploma⸗ tiſchen Carrière habe einweihen laſſen wollen, und das glückte ihm in der That vollſtändig, denn Herr Beau ward wirklich ein Diplomat, nur ſo hoch für uns und S Andere, daß wir nicht die geringſte Luſt hegten, auf ſeinem kühnen Luftfluge ihm zu folgen, aus dem er denn auch zur Zeit, wie die Folge lehren wird, wie Ikarus zur Erde taumeln ſollte. Ddie Gräfin ihrerſeits behauptete der Fürſtin ge⸗ gernüber, die ſie einſtmals über ihr Verhalten zu Herrn Beau zur Rechenſchaft zog, daß nur eine reine plato⸗ niſche Zuneigung zwiſchen ihnen ſtattfinde, daß das Aeußere des Mannes bei ihr durchaus nicht in Be⸗ tracht komme, ſondern daß nur der höhere Gedanken⸗ flug, die ſchwungvolle Phantaſie ſeines edlen Geiſtes und die unergründlich reiche Poeſie ſeines Herzens ihr zuſage, wodurch ſie von ihm mehr lerne, als man aus allen Büchern lernen könne, wie ihr denn auch 127 erſt durch ihn die großen Dichter des In⸗ und Aus⸗ landes zum Verſtändniß gekommen ſeien. Hier nur ſoviel von beiden Perſonen. Man ver⸗ zeihe mir, daß ich ſo viele Worte über ſie gemacht habe, allein Beide waren vom Schickſal dazu auser⸗ lefen, mich hart zu prüfen, und namentlich die Gräfin hat mir in ſpäteren Jahren viel Bitteres bereitet, wogegen gerade Herr Beau dazu beſtimmt war, mein Verhältniß zum Erbprinzen zu einem viel innigeren zu geſtalten und viel dauernder zu machen, als es von Natur ſchon war und jemals werden zu können in der Möglichkeit zu liegen ſchien. In der angedeuteten Weiſe nun lebten wir unbe⸗ kümmert einen Tag wie alle Tage einige Jahre fort und merkten den Umſchwung der Zeit an nichts, als daß wir größer und ſtärker wurden, daß allmälig unſre Augen ſich aufthaten und die Welt betrachteten, und daß wir ganz im Stillen anfingen, uns Meinungen über Perſonen und Dinge zu bilden, die wir früher weniger beurtheilt als, laut unantaſtbarer Tradition, für vollendete Größen und unerreichbare Wunder ge⸗ halten hatten. Ich war damals vollkommen glücklich oder, um mich richtiger auszudrücken, ich hatte keine Klage, denn das Bewußtſein des Glücks oder Unglücks, was nothwendig zu dem Begriff deſſelben gehört, war mir noch fern; ich war jung, heiter, fröhlich; keine Unruhe weckte mich am Morgen, keine Sorge hielt mich Abends vom Schlafe ab, und mein ganzes Leben war ſo geregelt und für alle meine Bedürfniſſe der⸗ geſtalt geſorgt, daß ich undankbar geweſen wäre, wenn ich noch irgend einen Wunſch darüber hinaus hätte hegen ſollen. Der einzige Kummer, den ich in frů⸗ heren Jahren gehabt, die Betrachtung der traurigen Leidenſchaft meines Vaters, war von mir geyichen, ſeitdem ich nicht mehr ſo oft Zeuge davon war; zwar ſah ich ihn oft irgend wo, ſprach auch bei ihm vor, wenn er nüchtern war, was ich immer auf irgend eine Weiſe zu erkunden wußte, aber in einen Zwiſt gerieth ich nicht mehr mit ihm, da alle früheren Verbindun⸗ gen zwiſchen uns aufgehört zu haben ſchienen. Er ſelbſt zeigte nie mehr die Miene, mir etwas zu Leide thun zu wollen, ja, er ging mir ſogar aus dem Wege, wenn er nüchtern war, ſobald er es nur unbemerkt thun konnte, und ſichtbar erfreut war er jedesmal, wenn ich nach längerem Beſuche wieder ſein Haus verließ, um nach dem Schloſſe zu meinen Gefährten, meinen Büchern und Spielen zurückzukehren. Meine Mutter blieb vor wie nach die ſorgende, 129 gute, liebevolle Frau; ſie ſah mich immer lieber kom⸗ men als gehen und ſtets floß ſie von Zärtlichkeit über, wenn ich ſie wie ehemals liebkoſte und ſie wegen unſerer Trennung zu tröſten verſuchte. Da ſie ſelbſt kein Glück auf der Welt genoß, ſo freute ſie ſich wenigſtens über das meine, und jedesmal gelang es mir, ihr wehmüthiges Geſicht aufzuheitern, wenn ich ihr erzählte, wie gut es mir im Schloſſe erginge. Erſt jetzt erkannte ich, mit welcher chriſtlichen Geduld ſie ihr trauriges Geſchick ertrug und wie wenig Freu⸗ den ihr auf Erden beſchieden waren, ja, ſpäter, als mein Vater in Folge ſeiner unregelmäßigen Lebensweiſe ſchwächlich und hinfällig wurde und einer ſorgfältigen Pflege bedurfte, bewunderte ich ſie, denn ſie opferte ſich für ihn auf, ging ihm Tag und Nacht zur Hand und niemals kam ein murrender Laut oder eine leiſe Klage über ihre Lippen, wenn ſie bei dieſer unabläſ⸗ ſigen Plage die Abnahme ihrer eigenen Kräfte ſpürte oder bei irgend einem hervorbrechenden körperlichen Weh wohl ſelbſt der Ruhe und Pflege bedurft hätte. Mit dem Prinzen, dem Grafen und mir wuchſen auch die kleinen Brüder des erſteren und vor allen erfreulich ſein Liebling, die Prinzeß, heran. Im Gan⸗ zen kamen wir wenig mit ihr in Berührung, denn da ſie ihre eigenen Lehrerinnen und Geſpielinnen und Der Sohn des Gärtners. I. 9 ihre beſondere Lebensordnung hatte, die nicht ganz mit der unſrigen zuſammenfiel, ſo trafen wir ſie nur bisweilen zufällig, was bei dem Prinzen jedesmal eine laute, bei mir aber eine zunehmende ſtille Freude hervorrief, da wir Beide das kleine Weſen, das alle Tage reizender wurde, beinahe vergötterten. Auf Abendſpaziergängen der fürſtlichen Familie in ſchönen Sommertagen, an denen wir zuweilen Theil nehmen durften, wenn kein fremder Beſuch da war, ſab ich ſie am häufigſten und ich war glücklich, wenn ch ihr einmal wie früher dabei einen ſchönen Strauß über⸗ reichen konnte, den ich mir zu dieſem Behufe oft genug heimlich von meiner Mutter vorbereiten ließ. Da ſie ſich aber ſehr wenig um mich bekümmerte, vielmehr mit ihren Freundinnen ausſchließlich verkehrte und von ihren Lehrerinnen abſichtlich von den„wilden Jungen“ fern gehalten wurde, ſo war unſere Annähe⸗ rung immer nur von ſehr kurzer Dauer, was ich eben ſo ſehr beklagte wie der Prinz, deſſen Neigung zur Schweſter in ſtetem Wachſen begriffen blieb. Ja, in Zukunft, je älter wir wurden und je ſtattlicher und ſchöner die Prinzeß heranwuchs, wurde die kluft⸗ artige Trennung zwiſchen ihr und uns immer größer, und zuletzt war es dem Prinzen faſt nur in den Zimmern der Mutter, wohin ich ihm nie folgte, ge⸗ —————N— 131 ſtattet, mit ſeiner Schweſter länger in vertraulicher Unterhaltung zu verweilen, da eine ganz unnütze Prüderie von Seiten der die Prinzeſſin umgebenden Damen ſie von allem und jedem Verkehr’ mit jungen Leuten männlichen Geſchlechts zurückzuhalten ſtrebte, was uns und auch Herrn von Transfeld damals und ſpäter als eine ganz naturwidrige Erziehungsmethode erſchien. Von dem Entwicklungsgange, den wir drei Knaben ſo allmälig einſchlugen und namentlich was den des Prinzen betrifft, werde ich in einem künftigen Kapitel ſprechen, zunächſt jedoch habe ich drei beſondere Vor⸗ fälle mitzutheilen, die etwa nach zwei oder drei Jah⸗ ren meines Aufenthalts im Schloſſe ſich ereigneten und das Bemerkenswertheſte ſind, was aus dieſer Periode meines Lebens den Leſer intereſſiren dürfte. Aber auch deshalb bin ich ſogar verpflichtet, wenigſtens den er⸗ ſteren Vorfall des Genaueren zu erörtern, da er von großer Bedeutung für mich war, indem er ein viel vertraulicheres und innigeres Verhältniß zwiſchen dem Prinzen und mir hervorrief, als es ſonſt zwiſchen zwei ſo verſchieden geſtellten Perſonen ſtattzufinden pflegt, ein Verhältniß, durch welches mein ganzes ferneres Leben wahrſcheinlich ſeine eigenthümliche und mir vom Schickſal beſchiedene Geſtaltung empfing. Viertes Anpitel. Das Attentat auf Herrn Brau. Wir mochten etwa zwiſchen dem vierzehnten und ünfzehnten Jahre ſtehen, als ſich der erſte Vorfall zeh el— zutrug, deſſen Held Herr Beau, unſer gymnaſtiſcher Lehrer war. Die beiden Jahre, in denen wir drei Knaben genügende Gelegenheit gehabt hatten, dieſen genüg genheit gek Mann aus nächſter Nähe zu beobachten, waren hin⸗ reichend geweſen, uns über ſeinen Charakter, ſeine guten und böſen Seiten aufzuklären und ich muß be⸗ kennen, daß wir einen gründlichen Widerwillen gegen ihn hegten, der ſogar oft auf dem Sprunge ſtand, in offene Fehde und erbittertſten Haß überzugehen. Und allerdings trug Herr Beau hiervon ganz allein die Schuld, denn unſern übrigen Lehrern waren wir auf das Freundſchaftlichſte zugethan, wie es zwiſchen Per⸗ —— 133 ſonen in dieſem Verhältniß ſo natürlich iſt, da gutgeartete Knaben, wie wir es alle Drei waren, ſtets Diejenigen zu lieben und zu achten pflegen, von denen ſie nur Gutes lernen, vorausgeſetzt daß dieſes Gute nicht mit dem Kantſchu eingebläut oder mit pädagogiſcher Ueberhebung und wiſſenſchaftlichem Hochmuth eingetrichtert wird. Auge in Auge uns gegenüber, war zwar Herr Beau immer ſehr glatt, faſt kriechend artig, einſchmeichelnd zudringlich und ſeine Lippen floſſen von Zärtlichkeit und von lehrerhafter Sorgfalt für unſer Wohl über. Hinter unſerem Rücken aber, und das hatten wir nicht allein ſelbſt oft erlauſcht, ſondern auch von einem al⸗ ten Kammerdiener des Fürſten erfahren, deſſen Aug⸗ apfel der Erbprinz von jeher geweſen, verläumdete und verklagte er uns beim Fürſten, wo er nur konnte; jedes unſchuldige Verſehen, mochte es nun in einer linkiſchen Bewegung, in einem Schreibfehler oder einem falſchen Grundſtrich beſtehen, ſtellte er als Verbrechen erſter Claſſe dar und beſchwor d dadurch nicht ſelten eine fürſtliche Ungnade über unſere Häupter herauf. Die⸗ ſes thörichte und eben keine große Lebensweisheit ver⸗ rathende Benehmen entſprang nicht etwa aus der wohl⸗ meinenden Abſicht, uns durch die erzwungene Rüge Seitens der väterlichen Autorität zu beſſern Dund um ſo leichter vom abſchüſſ⸗ ſſigen Wege des Leichtſinns fernzn.— 134 halten, ſondern allein aus angeborener Klatſchſucht, aus dem unwiderſtehlichen Triebe, ſelbſt die erbärmlichſten Intriguen zu ſpinnen, und dem unbezwinglichen Drange, ſich einen Einfluß zu verſchaffen, der, auf weſſen Hülfe er ſich auch ſtützen mochte, dem Herrn Lehrer einſt von Vortheil zu werden verſpräche. Leider hatte er ſich in dieſer Hoffnung nicht getäuſcht. Der Fürſt, der ſonſt ein redlicher, gerader und ſcharfſichtiger Mann war, beſaß die Schwachheit, für Klatſchereien, wenn ſie intereſſant vorgebracht wurden und dadurch ſeine ärg⸗ ſte Feindin, die Langeweile verſcheuchten, ſehr zugäng⸗ lich zu ſein, und leider erzählte Herr Beau ſeine halb. erfundenen, halb übertriebenen Geſchichten mit ſolcher Meiſterſchaft, daß die Wahrheit derſelben dem Fürſten gleichſam in's Geſicht zu ſpringen ſchien. In gleichem Maaße, wie ſich Herr Beau nun bei dem Fürſten durch ſolche heimliche Mittheilungen liebes Kind zu machen verſtand, hatte er ſich ganz und gar um unſre Neigung gebracht, und nachdem in Folge einiger Zurechtweiſungen und ernſtlicher Vorwürfe Seitens des Fürſten der Krieg zwiſchen jenem und uns erſt einmalaus⸗ gebrochen war, konnte man bei unſrer Beharrlichkeit wohl vorausſetzen, daß wir ihn ſo lange fortführen würden, bis eine ernſtliche Niederlage auf dieſer oder jener Seite er⸗ folgt und ſo ein erzwungener Friede wiederhergeſtellt wäre. 135⁵ Wir hatten jedoch, als wir dieſen Krieg mit unſern anfangs ſehr ſchwachen Mitteln begannen, nicht auf die ſchmiegſame Katzennatur unſers Gegners gerechnet, der ſich überall, wo er den Kürzern zu ziehen glaubte, blitzſchnell zurückzog, die Krallen verbarg und ein freund⸗ liches Schnurren hören ließ, dagegen, ſobald er ſeinen Vortheil voraus ſah, plötzlich aus ſeiner Höhle wieder hervorſprang und ſeine Krallen triumphirend in die Seiten des ſchwächeren Feindes ſchlug. Es war daher wohl leicht, den Herrn Beau in einer offenen Feld⸗ ſchlacht zu beſiegen, aber im Plänklergefecht und nament⸗ lich im Hinterhaltlegen und Lauern waren wir ihm bei Weitem nicht gewachſen, da uns dieſe ſeine Haupt⸗ taktik in unſern Jahren gänzlich unbekannt war. Zu jener offenen Feldſchlacht nun rüſteten wir uns insge⸗ heim, indem wir uns vornahmen, die erſte beſte Ge⸗ legenheit zu ergreifen, unſerm Feinde einen ſo gewal⸗ tigen Schlag auf das Haupt zu verſetzen, daß er ein für allemal an ſeiner Wiedererhebung verzweifelte und durch weiſes Nachgeben einen unverbrüchlichen Frieden mit uns einginge. Welche Trugſchlüſſe in unſern Jahren und Ver⸗ hältniſſen! Was konnten wir dem verhaßten Manne wohl anthun, um ihn ganz und für immer aus dem Felde zu ſchlagen? Doch, unſre Gedanken reichten da⸗ **— 136 mals nicht weiter als unſre Augen, und dieſe tummel⸗ ten ſich in einem ſo engen Kreiſe, daß unſer Irrthum uns wohl zu verzeihen war. Genug, unſre Feindſchaft war auf’ Höchſte geſtiegen und nahe daran, in offene Rebellion auszubrechen, und wenn wir uns noch eine Weile in Ruhe verhielten, ſo dankten wir dies blos den Ermahnungen des Herrn von Transfeld, der ſehr häufig ein Ohrenzeuge unſrer Attentaworbereitungen war, die Sache aber einmal für zu ſpaßhaft hielt, um ſie ernſtlich zu unterſuchen, ſodann aber auch dem Herrn Beau ſo wenig gewogen war, daß er ihm einen kleinen Hieb von unſrer Hand von Herzen gönnen mochte. Wie dem nun ſein mag, endlich waren wir zum Angriff entſchloſſen und nur um das Wie und Wo handelte es ſich noch. Wir waren noch nicht recht einig, was wir beginnen wollten, als uns der Zufall den rechten Moment in die Hand ſpielte und Herrn Beau in unſre Schußlinie brachte, um ihm wenigſtens eine nachdrückliche Verwarnung zukommen zu laſſen, daß er nicht fortfahren dürfe, ein Anderer vor unſern Augen als hinter unſerm Rücken zu ſein. Es war damals Mode bei uns— und faſt alle Jahre brachten andere Moden auf— mit dem Blas⸗ rohr nach allen möglichen Zielen zu ſchießen. Von uns Knaben war dieſer Zeitvertreib ſogar auf die 137 8 größeren Leute übergegangen und man konnte ſehr häuſig Damen und Herren irgendwo im Schloßgarten verſammelt finden, wo ſie aus ſehr zierlich gearbeiteten Blasröhren, welche Mundſtücke von Glas oder Metall hatten, mit allerliebſt befiederten Eiſenſtiften nach einer Scheibe ſchoſſen, woran ſogar der Fürſt und die Fürſtin in ſofern Theil nahmen, als ſie bisweilen ſehr wünſchenswerthe Preiſe für die geſchickten Sieger ausſetzten. Mochten nun dieſe erwachſenen Perſonen nicht unſre Geſchicklichkeit darin beſitzen oder nicht den Werth auf dieſe Kunſt legen, den wir darauf legten, ggenug, kein Einziger von ihnen faßte das Ziel ſo ſcharf⸗ in' Auge wie wir, und wenn wir einmal aufgefordert wurden, in Gegenwart Aller unſern Meiſterſchuß zu thun, ſo erregte unſere Sicherheit den allgemeinſten Beifall und wir fühlten uns nicht wenig geſchmeichelt und zu neuen Anſtrengungen ermuthigt, wenn Einem von uns, unter denen kein Neid herrſchte, ein reizen⸗ der kleiner Gewinn zufiel. Der unfehlbarſte Schütze von uns Dreien war der Graf, nach ihm kam der NPrinz, dem ich mich erſt in dritter Linie anſchloß, ob⸗ gleich es mir durchaus nicht ſchwer wurde, einen Sperling ſicher aus den höchſten Baumzweigen zur Erde zu befördern oder eine emporgehaltene Degen⸗ klinge auf dreißig Schritt Entfernung zu treffen. 138 Dank dieſer Geſchicklichkeit und unſrer großen Lieb⸗ haberei für dieſe Uebung ſah man uns denn auch faſt nie ohne unſer Blasrohr im Park einhertrotten, und überall, wo wir gingen und ſtanden, führten wir außer unſerm ſcharfen Geſchütz, den gefährlichen Nägelpu⸗ ſcheln, noch ein Stück weichen Thons in der Taſche, aus dem wir geſchickt und geſchwind kleine Kugeln kneteten, mit denen wir äußerſt gern nach Zielen ſchoſſen, die uns unſer Wurfgeſchoß nicht wieder zurückgaben. Herr Beau, der etwas kurzſichtig war, aber aus Eitelkeit keine Brille tragen wollte, liebte dies Spiel eben nicht ſonderlich und wahrſcheinlich nur deshalb nicht, weil er darin nicht unſer Meiſter ſein konnte, weshalb er auch ſtets dagegen eiferte und nicht ge⸗ nug von dem Unheile predigen konnte, welches ein übelangebrachter Schuß im Gefolge haben könnte. Nichtsdeſtoweniger behielten wir diesmal die Ober⸗ hand und, von unſerm Erzieher geleitet, ſtreiften wir durch Wald und Flur, um uns in unſerm Jägerhand⸗ werk zu vervollkommnen und Ehre bei den etwaigen Zuſchauern einzulegen. Eines Tages nun hatte Herr Beau auch wieder bei Sr. Durchlaucht Klage geführt, daß wir mit un⸗ ſern Blasröhren zu eifrig umgingen und darüber wichtigere Uebungen vernachläſſigten, eine Klage, die durchaus unbegründet war, da wir am wenigſten die Uebungen vernachläſſigten, in denen Herr Beau mit⸗ zuſprechen hatte, weil ſie unſerm Geſchmacke gerade ſehr zuſagten. Dennoch ging der Fürſt auch diesmal auf die Klage ein, berief Herrn von Transfeld und unterſagte zur Strafe drei Wochen lang das Schießen mit unſerer Lieblingswaffe.* Als dieſer Befehl uns in aller Form überbracht wurde, ergriff uns und namentlich den Prinzen eine entſetzliche Wuth gegen den Urheber dieſes Verbots und wir thaten uns ſchon am erſten Abend zuſammen, um über eine Rache zu brüten, die dem uns wider⸗ fahrenen Unrecht und unſerm Aerger die Waage hielt. Endlich, nachdem wir lange vergeblich hin und her geſonnen, verfielen wir leider auf einen ſehr ungeſchick⸗ ten und kindiſchen Plan, indem wir beſchloſſen, bevor wir die dreiwöchentliche Strafe anträten, noch den Hauptprobeſchuß zu thun, der in nichts Anderem be⸗ ſtehen ſollte, als dem Herrn Beau ſelber, dem Ge⸗ genſtande des allgemeinen Widerwillens, die Perücke, die immer ſehr loſe auf ſeinem Kopfe befeſtigt war, ſo daß ſie bei jeder Bewegung wackelte, vom Kopfe zu ſchießen. Dabei waren wir Alle ſo ſehr von un- ſrer Geſchicklichkeit überzeugt, daß wir an keinerlei Gefahr dachten, am wenigſten aber die Abſicht un 140 innewohnte, die lebendige Zielſcheibe unſrer Geſchoſſe ernſtlich zu beſchädigen. Es kam alſo nur darauf an, den zu befolgenden Plan feſtzuſtellen, um uns vor den Folgen möglichſt zu ſchützen, die wir überdies in unſrem Eifer auf keine Weiſe zu berückſichtigen uns Zeit ließen. Schon am nächſten Tage war der Plan fertig und beſtand aus folgenden einzelnen Zügen. Herr Beau pflegte ſich Nachmittags einige Minu⸗ ten vor dem Beginne der gymnaſtiſchen Uebungen auf dem dazu auserwählten Platze einzufinden und ſich dann, namentlich wenn es heiß war, unter einem alten Lindenbaume niederzulaſſen, um deſſen dicken Stamm eine wohlerhaltene Raſenbank lief. An dem zum Pro⸗ beſchuß feſtgeſetzten Tage ſollten wir Drei ſchon vor der Ankunft des Herrn Beau uns am Orte einfinden, aber wohlweislich verborgen halten. Die beiden be⸗: ſten Schützen, der Prinz und der Graf, ſollten ſich, der Eine links, der Andere rechts im Gebüſche, die Kugel im Laufe, verſteckt halten, ich ſelbſt aber ſollte mich im Augenblicke des Attentats hinter die Linde ſchleichen und, im Fall der Schuß gelang und wäh⸗ rend die Ueberraſchung den Getroffenen außer Faſſung brachte, die abgefallene Perücke ergreifen und irgend wo in die Gebüſche werfen, damit der alſo baarhaupt gewordene Mann— und das war unſere Hauptab⸗ 141 ſicht— genöthigt würde, zum Geſpötte der ganzen Schloßdienerſchaft in ſeiner kahlen Blöße, worin ihn noch Niemand geſehn, auf ſein Zimmer zu eilen, was ihn, wie wir wußten, in große Verlegenheit ſetzen mußte, da er nicht ſogleich einen anderen ſauber ge⸗ lockten Haarputz beſaß. Aus dieſem kleinen Plane erſieht man, daß wir nicht allein ſehr kühne Leute, ſondern auch ſehr unbe⸗ I ſorgt um die Folgen deſſelben waren, und zur Feſt⸗ ſtellung dieſer ſorgloſen Kühnheit muß ich des Wei⸗ teren berichten, daß wir keinen Augenblick zögerten, den Plan auszuführen, nachdem er in ſeinen Haupt⸗ punkten erſt feſtgeſtellt war. An demſelben Tage noch ſollte das große Werk vollführt werden, und obgleich ich von einigem Herz⸗ klopfen über den Ausfall des Unternehmens geplagt wurde, als ich mich behutſam an die Stelle des At⸗ tentats ſchlich, ſo war ich doch eben ſo pünktlich auf meinem Poſten wie meine beiden Kameraden, die ſich mit aufopfernder Bereitwilligkeit den bedenklichern * Theil des Probeſtücks vorbehalten hatten. Als ich, leiſe ſchleichend wie ein whlreſſirter Hühnerhund, unhörbar mich der großen Linde näherte und ein gelindes Rauſchen in den ſeitwärts ſtehenden Gebüſchen mir verkündete, daß die beiden Jäger dem 142 Anſtandsorte zueilten, ſaß Herr Beau mit unterſchla⸗ genen Armen, wahrſcheinlich ſchon wieder feine Liſten gegen uns erſinnend, auf der Bank, mit lauernden Augen ſehnſüchtig in die Ferne ſchauend, aus der feine hoffnungsvollen Schüler hervortreten ſollten, um ſeinen edlen Unterricht zu empfangen. Als wir für's Erſte nicht erſchienen, wurde der Herr etwas unruhig, ohne Zweifel brütete er ſchon einen neuen Anklage⸗ act ob unſrer Verſpätung bei der ſo überaus wichti⸗ gen Stunde aus, rückte hin und her und trocknete ſich von Zeit zu Zeit mit einem rothſeidenen Taſchentuche den Schweiß von der Stirn, nach welcher Procedur er jedesmal ſeine Naſe mit einer Priſe verſorgte, deren wollüſtige Einſaugung er ſtets mit einer eigen⸗ thümlichen Schnüffelmuſik begleitete. Endlich war ich, ohne von ihm bemerkt zu werden, hinter den Baumſtamm gelangt und waktete nur auf das Zeichen von den beiden Jägern, daß ſie ſchußfer⸗ tig ſeien, um mich auf die Erde niederzukauern und nach der röthlichen Perücke zu greifen, die ich in der Phantaſie ſchon auf dem Raſen liegen ſah. aueii ertönte das verabredete Zeichen, ein gut einſtudirtes Miauen; von der rechten Seite ließ ſich der Graf, von der linken der Prinz mit ſeltener Vir⸗ moſität vernehmen. Ich kauerte mich nieder und — 143 ſtreckte ſchon die Hand aus, um den zur Erde gefal⸗ lenen Hauptſchmuck triumphirend zu ergreifen. Faſt in demſelben Augenblicke hörte ich das Blaſen von beiden Seiten; es drang aus voller Bruſt hervor und die Schüſſe fielen faſt zu gleicher Zeit auf das Opfer. Aber o Schrecken! Nicht die Perücke fiel zur Erde, ſondern der ganze Lehrer der Gymnaſtik und Zeichen⸗ kunſt, und obendrein ſtieß er ein ſo mörderiſches Weh⸗ geſchrei ans, daß ich anfangs nicht umhin konnte zu glauben, man habe ihm einen ſcharfen Pfeil mitten in's Gehirn gebohrt und er ſei nahe daran, ſeinen ſchöpferiſchen Geiſt auszuhauchen. Mehr erſchrocken als vorberechnet war, erhob ich⸗ mich ſogleich, während meine beiden Gefährten, von ihrem unglückſeligen Schuſſe eben ſo in Angſt geſetzt, wie zwei Wieſel davonſtoben, ſo daß die rings um ſie knackenden Feia der Geſträuche deutlich die Rich⸗ tung ihrer Flucht verriethen. Ich aber, anſtatt da⸗ von zu laufen, ſprang aus meinem Verſtecke hervor und auf das an der Erde liegende Opfer zu, ob aus Neugierde, ob aus Angſt oder Theilnahme— ich weiß es ſelbſt nicht zu ſagen. 8 Ich fand Herrn Beau in einer ganz verzweifelten Stellung, aus der er ſich jedoch bald wieder erh und, mit den Händen nach dem Kopfe und dem eine 144 Auge fahrend, ein furchtbares zweites Wehgeſchrei er⸗ tönen ließ. Der Schuß von der rechten Seite, den der Graf gethan, hatte ſicher wie immer ſein Ziel erreicht und die Perücke halb vom Kopfe auf die an⸗ dere Seite gedrückt, die Thonkugel des Prinzen aber, die wahrſcheinlich eine Secunde früher abgeſandt, war etwas zu tief gefallen und hatte gerade die Stelle getroffen, wo die etwas bläuliche Naſe des Herrn Beau ſich zum Auge abdachte. Der Schmerz des Getroffenen mußte entweder ſehr groß oder er ſelbſt des Glaubens ſein, ſein Auge ſei ausgeſchoſſen, wes⸗ halb er denn auch wie unſinnig ſchrie und nach kur⸗ zem wilden Umherfahren ſpornſtreichs nach dem Schloſſe lief, unterwegs noch die verſchobene Perücke auf den ihr zukommenden Platz rückend. Daß er mich bei ſeinem raſchen Umblick wahrgenommen, konnte ich mir nicht verhehlen, er mochte mich alſo Wohl für den Thäter halten, was indeſſen wieder nicht möglich war, wenn er mit einiger Ueberlegung meine Stellung hin⸗ ter dem Baume in Anſchlag brachte. Ich verlor ihn bald aus den Augen und traf mit meinen ſich vor Lachen ſchüttelnden und doch etwas geängſtigten Genoſſen auf dem dazu beſtimmten Platze zuſammen, wo wir uns niederließen und nun das zu⸗ cſt Nothwendige beriethen. Wir kamen bald dahin ——— 145 überein, uns ſo raſch wie möglich nach dem Turn⸗ platze zurückzubegeben, um, gleichſam ohne alle Wiſſen⸗ ſchaft des Vorgefallenen, unſern Lehrer daſelbſt zu erwarten. Dies wurde ausgeführt, aber nachdem wir etwa eine Viertelſtunde ruhig auf der Bank geſeſſen, die kurz vorher unſer Opfer eingenommen, erſchien in großer Aufregung der Fürſt felber, an ſeiner Seite Herr von Transfeld und außerdem noch einige andere Herren, die gerade bei Erſterem geweſen waren, als die große Kunde des unerhörten Attentats das ganze Schloß in Aufregung verſetzte und als erſten Schritt. die Nothwendigkeit erkennen ließ, einen Lakaien nach der Stadt zu entſenden, um den Hofmedicus Dr. Hü⸗ nerbein eiligſt zu dem Verwundeten zu rufen, der ſein Augenlicht für alle Ewigkeit verloren ausgegeben hatte. Nie habe ich den ſonſt ſo ruhigen Fürſten in ſol⸗ cher Aufregung geſehen; er faßte ſeinen Sohn heftig am Arm und ſchüttelte ihn vor Zorn, indem er laute Worte der Entrüſtung mit Androhung der härteſten Strafe ausſtieß. Sodann gebot er uns Dreien, ohne Verzug auf unſre Zimmer zu gehen und dieſelben an dieſem Tage nicht mehr zu verlaſſen; die Strafe werde unmittelbar erfolgen, ſobald der Thatbeſtand feeſtgeſtellt ſei und der Arzt ſeinen Ausſpruch über Leben oder Tod des Opfers abgegeben habe. Der Sohn des Gaͤrtners. I.— 10 * ——— 146 Mäuschenſtill und etwas ſtark eingeſchüchtert ge⸗ horchten wir dem ſtrengen Befehle und lauſchten mit klopfendem Herzen auf die Ankunft des Arztes, die auch bald erfolgte, worauf einige Bewegung im Zim⸗ mer des Verwundeten entſtand, die uns noch unbe⸗ haglicher ſtimmte. Endlich nach einer bange verlebten halben Stunde erſchien der alte Kammerdiener, der dem Erbprinzen mit Leib und Seele ergeben war, heimlich bei uns und berichtete zu unſerer Herzens⸗ beſchwichtigung, daß Dr. Hünerbein erklärt habe, die Blutung, die am Patienten ſichtbar wäre, käme ganz allein von dem Klaps auf die Naſe und hätte nichts zu bedeuten; das Auge ſelbſt aber ſei gar nicht ver⸗ wundet, jedoch müſſe man jeder Entzündung vorbeugen und Eis auf das beſchädigte Organ legen; Ruhe thue dem Patienten vor allen Dingen Noth und er müſſe wenigſtens acht Tage das Zimmer hüten. Unſer Herz ſchlug höher auf, als wir dieſe Nach⸗ richt empfingen, ward aber einigermaßen wieder be⸗ unruhigt, als bald darauf Herr von Transfeld erſchien und den Beſcheid brachte, daß wir, ſo lange Herr Beau das Zimmer hüten müſſe, Gefangene auf den unſrigen ſeien; dieſe Gefangenſchaft aber habe mit derr eigentlichen Beſtrafung nichts zu thun und letztere werde erfolgen, ſobald der Thäter bekannt geword 147 wäre. Er rathe uns als Freund, ein reumüthiges Bekenntniß abzulegen, um dadurch das Strafmaaß, welches der Fürſt ſonſt ohne Zweifel ſehr hoch be⸗ ſtimmen würde, bedeutend zu verringern. Außerdem ſagte uns der gute Mann kein Wort, wenigſtens an dieſem Tage nicht; er mochte in ſeiner einſichtsvollen Weiſe und in Betracht der großen An⸗ reizung zu dem Attentate, die Herr Beau ſelbſt ver⸗ ſchuldete, wohl eine Milderung unſerer That erblicken, die, wenn man die Abſicht erwog, die wir vor Augen gehabt, eher zu knabenhaft übermüthig als übertrieben verbrecheriſch war. Ein reumüthiges Bekenntniß alſo wurde von uns verlangt? Ja, aber das war gerade das, was von uns am wenigſten zu erwarten ſtand, denn wir hatten uns ſämmtlich gelobt, niemals und bei keiner Gelegen⸗ heit Einer den Andern zu verrathen, und daß Jeder von uns Wort halten würde, wußten wir nur zu gut. Wir ſchwiegen alſo auch diesmal ſtill und als der Erzieher nach längerem Warten keine befriedigende Antwort erhielt, empfahl er ſich mit Achſelzucken, um, wie es von ihm verlangt worden war, höheren Orts den ungünſtigen Ausfall ſeiner Vorunterſuchung zu berichten. 10* Schon eine Stunde nachdem Herr von Transfeld 148 das Zimmer verlaſſen, ward uns der Befehl zu Theil, uns in das Privatgemach des Fürſten zu verfügen, um daſelbſt vor ein ſtrenges Gericht geſtellt zu wer⸗ den. Wir erſchraken, denn dergleichen war noch nicht vorgekommen und wir wußten zur Genüge, daß der Fürſt, wenn er einmal einen ernſten Vorſatz gefaßt, auch der Mann dazu war, ihn eben ſo ſchleunig wie ſtreng durchzuführen. 3 Mit einer Art Verbrechermiene, die beſonders am Grafen ſtark auffiel, während der Prinz der unbe⸗ fangenſte von uns war, traten wir den bitteren Ge⸗ richtsgang an. Der Prinz ſchritt zuerſt, ich zuletzt in das Audienzzimmer, wo der Fürſt mit gerunzelter Stirn auf einem Stuhle am Fenſter ſaß und las, während Herr von Transfeld in ſichtbar peinlicher Lage am anderen Fenſter lehnte. Als wir uns der Reihe nach vor unſerm Richter aufgeſtellt und ver⸗ beugt hatten, erhob Seine Durchlaucht ſich ruhig, ſtellte ſich ebenfalls drei Schritte vor uns herriſch auf und ließ einen merkwürdig forſchenden Blick über uns laufen, ſo daß mir zu Muthe war, als müſſe er ſchon jetzt im Stande ſein, in unſern Herzen zu leſen und auf's Genauſte eines Jeden Thäterſchaft bis in's Kleinſte zu beurtheilen.. „Wer von Euch,“ fing er mit gebieteriſcher Stin 149 zu ſprechen an,„hat es gewagt, auf Herrn Beau, Euern Lehrer und mir ſehr werthen Diener, aus der Ferne wie ein ächter Buſchklepper feige und hinter⸗ liſtig zu ſchießen?“ Auf dieſe allgemeine, an uns Drei zugleich ge⸗ richtete Frage erfolgte keine Antwort, wir waren junge Charaktere, und da Jeder ſchwieg, ſchöpfte Einer aus der Haltung des Anderen Muth. Der Fürſt ſchien über unſer ſchweigſames Verhal⸗ ten ein gewiſſes triumphirendes Gefühl zu hegen, wenigſtens warf er Herrn von Transfeld einen ſelt⸗ ſamen Blick zu, ſagte aber dann mit geſteigertem Ernſte:„Alſo Ihr ſchweigt! Das konnte ich mir faſt denken, Ihr ſeid alle Drei verſtockte Buben. Was haſt denn Du, Bruno, zuerſt auf meine Frage wegen der Thäterſchaft in Rede zu erwidern?“ Der Erbprinz hob ſeinen ſchönen dunklen Kopf in die Höhe, erroͤthete leicht und ſagte dann ruhig und mit feſter Stimme:„Ich habe darauf nur das Eine zu erwidern, daß ich weder feig und hinterliſtig, noch ein verſtockter Bube bin.“ So wenig uns dieſe Antwort überraſchte, da ſie ganz der Art und Weiſe des Prinzen entſprach, ſo ſehr ward der Fürſt ſelbſt davon betroffen. Er dehnte ine mächtige Bruſt gewaltig aus, biß ſich auf die Lippen und fuhr zum Grafen gewendet fort:„Und Du, Treufels, welche Antwort haſt Du Dir aus⸗ gedacht?“ „Keine, Durchlaucht!“ erwiderte der Gefragte treu⸗ herzig, worüber der Fürſt und ſogar Herr von Trans⸗ feld ein flüchtiges Lächeln blicken ließ. „So denke Dir jetzt eine aus,“ fuhr der Fürſt etwas milder fort,„und gieb mir den Thäter und die Veranlaſſung dazu an.“ Der Graf ſchwieg mit ſeltener Standhaftigkeit, er hatte ſich bereits in ſein Schickſal ergeben und wartete nur auf Entlaſſung aus dieſem ſchrecklichen Verhör, um jede, auch die härteſte Strafe zedaldin über ſein Haupt ergehen zu laſſen. „Alſo Du ſchweigſt hartnäckig,“ fuhr der Fürſt fort.„Gut, das iſt ein genügendes Eingeſtändniß. So ſage denn Du, Kurt, wer der Anſtifter und Haupt⸗ thäter Eurer ruchloſen That iſt.“ „Gnädigſter Herr,“ ſagte ich, mich leicht verbeu⸗ gend und, wie mir ſelbſt ſchien, mit etwas bebender Stimme,„wenn der Prinz und der Graf ſchwei⸗ gen, ziemt es mir nicht, auch nur ein Wort zu ſagen.“ „Hoho!“ fuhr der Fürſt auf,„ich weiß hier nichts von einem Prinzen und Grafen, Ihr alle Drei ſei vor meinen Augen nur drei gleichartige Spießgeſellen, alſo ſprich getroſt.“ „Gnädigſter Herr,“ fuhr ich im beſcheidenſten Tone fort,„ich wage dennoch nicht, die Frage nach dem Thäter zu entſcheiden, da ich ſelbſt darüber in Zwei⸗ fel bin.“ „Aha, gut! So ſeid Ihr es alle Drei geweſen. Nun, das dachte ich mir und ſo ſollt Ihr denn auch alle Drei dieſelbe Strafe erleiden. Herr von Trans⸗ feld, dieſe Burſchen ſind Ihre Gefangene; ich über⸗ antworte ſie Ihnen und ſpreche den Befehl aus, ſie ab⸗ geſondert in einzelne Zimmer zu bringen, ſie nie zuſam⸗ men kommen und keinen Schritt vor die Thür ſetzen zu laſſen. Ihre Gefangenſchaft aber ſoll ſo lange dauern, als das geringſte Zeichen der Verletzung an Herrn Beau wahrzunehmen ſein wird und ſollte es ein hal⸗ bes Jahr dauern. Ich will und werde ſtreng ſein, damit ſolchen Ungebührlichkeiten und frecher Selbſt⸗ hülfe ein für alle Mal vorgebeugt werde. Und nun noch Eins. Jeden Morgen wird Bruno um acht, Treufels um neun, und Flemming um zehn Uhr zu Herrn Beau geführt, um ihm für die ihm angethane Unbill Abbitte zu leiſten. So will ich es und ſo ſoll es ſein, der Mann hat ſchon um mich dieſe Genug⸗ thuung verdient. Ich bin fertig und damit Punctum!“ 15² Er wies gebieteriſch mit der Hand nach der Thür, wir aber blieben alle Drei, wie auf einen und den⸗ ſelben geheimen Antrieb, gleichſam verblüfft ſtehen und ſahen ihn groß an. Hätte uns ſchon die Aus⸗ ſicht auf eine möglicherweiſe halbjährige Gefangenſchaft niedergedonnert, der letzte Zuſatz der täglichen Abbitte vor unſerm bitterſten Feinde, verſteinerte uns und ich hätte es beſchwören können, daß wenigſtens der Prinz ſich nie dazu verſtehen würde, denn ich kannte ihn und wußte, wie er über dergleichen dachte. Da wir nun aber dem Winke des Fürſten keine Folge leiſteten und er uns ſeinen Willen zur Genüge kund gethan zu haben glaubte, ſo ging er ſelbſt aus der Thür, und da Herr von Transfeld ihm auf dem Fuße folgte, ſo blieb uns nichts anderes übrig, als ebenfalls das Zimmer zu verlaſſen, da uns nichts mehr darin zurückhielt. Was der Prinz, und der Graf auf dieſem kurzen Wege dachten oder was ſie ſprachen, wußte und hörte ich nicht; mein ganzes Innere wirbelte durch einander und ein unwiderſteh⸗ licher Anreiz drängte ſich mir plötzlich auf, mich für den Prinzen zu opfern, um ihm die überaus demüthi⸗ gende Abbitte bei Herrn Beau zu erſparen. Wäh⸗ rend alſo die beiden Knaben langſam nach ihren Zim⸗ mern gingen, zog mich eine unbekannte Gewalt dem 153 Fürſten nach, und als ich ihn auf der oberſten Schloß⸗ terraſſe entlang gehen ſah, eilte ich auf ihn zu und nachdem ich ihn erreicht, wagte ich es, mich ihm in den Weg zu ſtellen und mit lauter Stimme auszu⸗ rufen:„Durchlaucht, nehmen Sie die Strafe vom Prinzen ab, ich will Ihnen augenblicklich den Thäter nennen. Ich bin es ſelbſt geweſen, der dem Herrn Beau in's Auge geſchoſſen hat.“ Aber da ſollte mir etwas Unerwartetes und in V meiner jetzigen Lage für mich ganz Fürchterliches ge⸗ ſchehen.„Ah!“ rief der Fürſt und blieb gleichſam verdutzt vor mir ſtehen.„Alſo Du biſt es geweſen? Siehe, von Dir habe ich das am wenigſten erwartet, denn ich hielt Dich für dankbarer, als Du Dich da⸗ mit erweiſeſt. So ſei denn dem Prinzen, wie Du ihn nennſt, die Strafe erlaſſen, Du aber, Du gehe aus meinen Augen. Deine Strafe ſoll darin be⸗ ſtehen, daß Du dahin zurückkehrſt, woher Du gekom⸗ men biſt, und mag Dich Dein Vater mit ſeinen Prü⸗ geln beſſer erziehen, als Du es hier mit Zuckerbrod haſt haben wollen.“ Nach dieſen Worten drehte er mir ſtolz den Rücken und ſchritt langſam ſeinen Weg weiter, mir aber war zu Muthe, als ob die Sonne plötzlich vom Himmel gefallen und dunkle Nacht auf mich herabgeſunken 154 wäre. Wie ich von der Terraſſe in den tiefer gele⸗ genen Garten und Park gelangte, weiß ich nicht, mir ſteht nur noch der Moment vor Augen, als ich plötz⸗ lich vor dem beſcheidenen Häuschen meiner Eltern ſtand und mein Vater mit weit geöffneten Augen mich in meiner demüthigen Stellung gewahrte, die an und für ſich ſchon hinreichte, ihn beinahe errathen zu laſſen, was mir ſo eben begegnet ſei. Aber da ſollte der Blitz erſt ganz auf mich her⸗ niederfallen, denn kaum hatte ich meinem Vater ge⸗ ſagt, der Fürſt habe mich im Zorne nach Hauſe ge⸗ ſchickt, ſo brach ſeine alte Wuth gegen mich aus und, nach dem erſten beſten Stock greifend, wollte er auf mich losſtürzen und mich ſchlagen wie ehemals. . Indeſſen nur bis hierher ſollte meine Demüthi⸗ gung und Erniedrigung ſich erſtrecken. Der Schreck und die Furcht, dieſe alte längſt vergeſſene und über⸗ ſtandene Brutalität jetzt noch einmal wieder erwachen und ſich gegen mich kehren zu ſehen, gab mir mit einem Male den Muth und die Kraft der Verzweiflung ein, denn kaum hatte der Vater den Stock erhoben, um den erſten Schlag zu führen, ſo fiel ich ihm in den Arm und rief ihm mit ſchmetternder Stimme zu, daß ich mich nicht mehr ohne Grund von ihm ſchla⸗ gen ließe, daß ich an eine andere Behandlung gewöhnt — voten hatte. 155 ſei und daß ich dem Fürſten ſelbſt jetzt noch, trotzdem— er mir zürne, meine Klage über ihn vorlegen werde. Der Ausdruck meiner Miene mußte meine Worte kräftig unterſtützen, denn kaum hatte ich leidenſchaft⸗ lich erregt jene Sätze ausgeſtoßen, ſo ließ mein Vater den Stock fallen, warf mir einen merkwürdig ſcheuen Blick zu und ſchlich in den Garten, als ſei er ſich ſeines Unrechts bewußt und weiche nicht allein dem Gebote des Rechts, ſondern auch der Kraft des Stärkeren. Ich aber trat darauf in das Haus, fiel meiner Mutter um den Hals, und dieſe, immer au Thränen Ueberfluß habend, vergoß unzä lige, indem ſie mich mit allen möglichen Gründen heonen verſuchte, die ihr die mütterliche Angſt und Sorge um mich augen⸗ blicklich eingeben mochte. Man kann ſich die Stimmung vorſtellen, in der wir die nächſten Stunden mit einander verbrachten. Endlich hatten wir uns ausgeweint, meine Mutter hatte den ganzen Zuſammenhang erfahren, aber auch ihr blieb der eigentliche Thäter verſchwiegen, da es nicht mehr in meiner Abſicht liegen konnte, den Groll des Fürſten auf ſeinen Sohn zu wälzen, für den ich mich allein, um ihn zu ſchützen, als Opfer darge⸗ 156 Eine nicht minder große Niedergeſchlagenheit hatte ſich meiner bisherigen Gefährten bemächtigt, als ſie bald nach meinem Weggehn in Erfahrung gebracht, welcher Handlung ich mich zu meinem eigenen Scha⸗ den unterzogen. Sowohl der Prinz wie der Graf hatte mich lieb und Beide konnten meine Geſellſchaft nicht mehr gut entbehren. Aber auch des Prinzen Ehrgefühl wurde dadurch geweckt; ſein Gerechtigkeits⸗ gefühl konnte nicht dulden, daß ein Anderer für eine That leiden ſollte, die er ſelbſt begangen, und ſo be⸗ rieth er ſich ſchnell mit dem Grafen, und die Folge davon war, daß der Prinz, ohne ſich an ſeine Haft zu kehren, zum Fürſte ging, meine Unſchuld betheuerte und ſich ſelbſt als Schuldigen angab. Später hat mir die Fürſtin ſelbſt erzählt, daß dieſe gegenſeitige Aufopferung von uns beiden Kna⸗ ben, die am lauteſten Zeugniß von unſrer Neigung ablegte, den Fürſten tief gerührt und dieſer deshalb beſchloſſen habe, diesmal Gnade für Recht ergehen zu laſſen. Ich kann nur ſo viel ſagen, daß ich gegen Abend dieſes Tages, als ich mit meiner mich immer nooch tröſtenden Mutter am Fenſter ſaß, plötzlich den Fürſten ſelber in den Garten meines Vaters treten, auf unſer Haus zuſchreiten und dann, was er noch nie gethan, zu uns in das Zimmer kommen ſah. ““ 157 Mir zitterten die Kniee dergeſtalt vor Angſt, daß ich ihm kaum entgegengeben konnte; als er aber die wieder thränenden Augen meiner ihm die Thür öffnenden Mutter gewahrte, machte er eine beſchwichtigende Geberde mit der Hand und ſagte gütig: „Laſſen Sie das Weinen, Frau Flemming! Die Sache hat ſich zu Gunſten Kurt's aufgeklärt und Bruno hat ſich ſelber als Thäter angegeben. Wirſt Du auch jetzt noch läugnen, Kurt, daß mein Sohn den ſchlimmſten Schuß abgefeuert? Du kannſt es dreiſt ſagen, Bruno hat Alles eingeſtanden.“ Mir pochte das Herz vor unendlicher Wonne, aber dennoch konnte ich mich nicht entſchließen, meinen geliebten Prinzen der bewußten That zu bezüchtigen. „Durchlaucht,“ ſagte ich mit flehendem Tone,„wenn Bruno ſelbſt Ihnen geſagt, daß er es geweſen, dann brauche ich es ja nicht einzugeſtehn. Das Wort eines Fürſtenſohnes, Ihres eigenen Sohnes, muß mehr Geltung bei Ihnen haben als das meine.“ „So,“ ſagte der Fürſt und lächelte dabei freund⸗ lich,„ſo alſo ſteht die Sache! Nun, Du biſt ein bra⸗ ver Junge, Kurt; komm und laß Alles vergeſſen ſein. Ihr werdet drei Tage Stubenarreſt erhalten und das ſoll diesmal Eure ganze Strafe ſein.“ 8 158 Meine Mutter wollte in der Freude ihres Her⸗ zens dem Fürſten die Hand küſſen, er aber litt es nicht und ſagte nur zu mir:„Lauf, lauf hinauf, ſie erwarten Dich ſchon, ich habe noch mit Deiner Mut⸗ ter zu ſprechen.“ Ich ließ mir das nicht zweimal ſagen. Flüchtig meine Mutter umarmend, ſprang ich hinaus, und als ich oben im Zimmer beim Prinzen anlangte, wo er ſchon einſam als Gefangener ſaß, wurde ich von ihm mit Triumphgeſchrei empfangen und er ſagte mir folgende Worte, die ich nie vergeſſen habe, da er ſie mir mein ganzes Leben hindurch gehalten hat: „Kurt, Du biſt in Wahrheit denn Du haſt nicht nur meine Schweſter vom Tode gerettet, ſondern mir auch eine ehrenrührige De⸗ müthigung vor dieſem ſpeichelleckeriſchen Beau er⸗ 1 ſpart. Ich vergeſſe Dir das mein Leben lang nicht. Ja, Du ſollſt von jetzt an mein beſter und wahrer Freund ſein und ich will Dir beweiſen, wie lieb ich Dich habe. Von heute an ſagſt Du zu mir Du und wenn ſie ſich auch Alle die Zunge darüber abbeißen vor Aerger, ich will es vor mir ſelbſt und meinem 3 Vater verantworten.“ 3 Mit dieſem Triumphe für mich alſo ſchloß die Geſchichte des Attentats auf Herrn Beau, und für — 1 dieſen ſelbſt hatte daſſelbe glücklicherweiſe keine anderen Folgen, als daß er einige Tage das Zimmer hütete und daß, wie Graf Treufels ſpäter ſagte, ſeine Naſe nur etwas bläulicher geworden ſei und er noch häu⸗ figer als ſonſt bei ſeinen ſchönen Reden ſchnüffele. Fünftes Anpitel. — 8 Die platoniſchen Freunde. Der zweite Vorfall, den ich hier erwähnen will, iſt ganz anderer 24. etwas de— gleicht dem erſten nur inſofern, als er ſich ebenfalls auf Koſten des Herrn Beau ereignete, der ſich aber diesmal in der Gräfin Wetterau, ſeiner platoniſchen . Freundin und Lehrerin in der höheren Diplomatie, eine Schickſalsgefährtin auserkoren hatte. Wie man es ſehr natürlich finden wird, blieb zwiſchen unſerm Lehrer und uns, nachdem der Krieg einmal begonnen und zu nicht unbedeutenden Niederlagen auf beiden Seeiten geführt hatte, immer ein. Reſt von Groll und Mißtrauen zurück, der auch nie mehr ganz ſchwand und ſelbſt noch fortdauerte, als wir ſchon längſt Herrn Beau's Fuchtel entwachſen waren und dieſer durch 161 die Gunſt des Fürſten und ſeine Heuchelei eine nicht ganz unanſehnliche Carrière am Hofe zu W... ge⸗ macht hatte, die ihn zu der Zeit, als wir Knaben waren, wohl kein Menſch in der ganzen Stadt vor⸗ ausgeſagt haben würde. Zwiſchen dem erſten Attentate und dieſem Angriffe auf die beiden geheimen Verbündeten mochte etwas mehr als ein halbes Jahr liegen; man glaubte allge⸗ mein den Frieden zwiſchen uns wiederhergeſtellt, und da es kein weiteres öffentliches Aergerniß gab, wonach man ja, oberflächlich genug, in der Regel die inneren Zuſtände der ſchen und ihre Verhältniſſe unter einander beur ſo ſchmeichelte man ſich von einer Seite, des Fürſten Macht und Wille habe uns impo⸗ nirt und die Furcht vor ſeinem ſtrengen Strafgericht werde uns ein für alle Mal von ähnlichen Attentaten zurückſchrecken. Aber ach! wie hatte man ſich in der kräftig heranwachſenden Selbſtſtändigkeit einiger jun⸗ ger Leute und der unbeugſamen Willensenergie des Prinzen verrechnet! Nein, nie konnte der Widerwille, den er einmal gegen den katzenartigen Lehrer gefaßt, bezwungen werden, nie konnte zwiſchen Beiden ein anderes Gefühl die Oberhand gewinnen als die wohl⸗ begründete Abneigung einer höheren und edleren Na⸗ tur gegen ein mit Gewalt von Außen aufgedrungenes Der Sohn des Gaͤrtners. I. 11 Weſen, das aus Falſchheit, Heuchelei und kriechender Schlangenliſt beſtand und vor dem alle rechtlich Den⸗ kenden ſchon in damaliger Zeit einen unwillkürlichen Schauder empfanden, wenn es nur in ihre Nähe kam. Auch in Herrn Beau mochte der Groll gegen uns Drei fortwurmen, und wenn er auch ſtets mſt lächeln⸗ der Miene unter uns trat und uns den„ſchonſten, herrlichſten guten Morgen“ bot oder mit hochtraben⸗ den Worten unſere Leiſtungsfähigkeit bei Wewiſſen halsbrechenden Uebungen herausſtrich, er meinte es nicht ehrlich mit uns, ja, wir wußten es nur zu gut, er ſuchte jede Gelegenheit auf, un ie ſchon früher, beim Fürſten oder der Fürſtin inse herabzuſetzen oder, wo dies nicht anging, unſer Licht weniaſtend mit einigem Schatten zu umgeben. Jedoch war er mit. ſeiner vereinzelten Kraft nicht im Stande, in Fſe Hinſicht mit Erfolg gegen uns anzuſtreben, dazu man⸗ gelte es ihm an der nöthigen diplomatiſchen Gewandt⸗ heit und auch an allgemeiner Machtvollkommenheit, und eben weil er ſeine Unzulänglichkeit darin ſelbſt erkannte, ſo ſuchte er ſich eine Gefährtin, die gemein⸗ ſchaftlich mit ihm gegen uns operirte und, im Beſitze weit größeren Einfluſſes, auch den ſeinigen mit ver⸗ größern half. Dieſe Verbündete war und ward ihm immer mehr— das war ihr ſchſüchtiger Charakter, ihr planvolles 1 Losarbeiten a i höheres Ziel, eine angeborene Vorliebe zu Kabalen und Intriguen und, was dazu . 5 Intrig geſchlecht gehörten, und gingen nun gemeinſchaftlich jene intriguante Dame, die ſchon damals in jungen Jahren ihr Wohlgefallen darin fand, in ihrer bevor⸗ zugten Stellung eine bedeutende Rolle zu ſpielen und ſich ſo viel Anſehen wie möglich zu verſchaffen, um künftig noch eine größere zu übernehmen, was ihr auch in mancher Beziehung bis zu einer gewiſſen Gränze vollkommen geglückt iſt. Obgleich auf ganz verſchiedener Stufe der Bil⸗ dung und des Herkommens ſtehend, obgleich von In⸗ nen wie von Außen einander ganz unähnlich, hauen dieſe beiden Perſonen doch etwas Gemeinſames, und gehört und dabei hilft, ungemein viel Talent zur Heuchelei und Kriecherei. Ob dieſe beiden Perſonen ſich nun einen beſtimm⸗ ten Plan gemacht, auf einem genau abgeſteckten Wege nach einem feſten Ziele zu ſchreiten, weiß ich nicht und glaube ich kaum, meiner Meinung nach begegne⸗ ten ſich vielmehr ihre gemeinen Naturen anfangs nur zufällig, ſie fanden einigen Geſchmack an einander, erkannten an ihren Augen, daß ſie Beide zum K Katzen⸗ auft Raub aus, denjenigen Theil der Beute unmer 11— für ſich behaltend, der ihrem Naturell und Appetite am meiſten zuſagte. Ob man aus dieſem Bündniſſe ſchließen kann, daß die Gräfin gegen ihren, allgemein für ihren Bräuti⸗ gam gehaltenen Verehrer, den Grafen Hohenheim, eine falſche Rolle ſpielte, glaube ich kaum, wenn ich nicht annehmen will, daß ſie überhaupt eine Perſon war, die gegen Jedermanne mochte es ſein wer es wollte, falſch war und ſtets nur nach ihrem augen⸗ licklichen Intereſſe handelte. Sie liebte es einmal, recht viel verehrt und häufig Angebetet zu werden, und warum ſollte man ihr dieſe rzug nicht ein⸗ räumen, da ſie ihrer eigenen Meinung nach wirklich eine kleine Gottheit in ihrem Kreiſe auf Erden war? Wenn alſo Graf Hohenheim, der damals nur ein un⸗ bedeutender Kammerherr war und erſt ſpäter von ſeinem damals noch lebenden Oheim ein ziemlich bedeutendes Vermögen erben ſollte, ſie öffentlich ver⸗ ehrte und hinter ihr her lief, warum ſollte ſie nicht auch den ſtillen Huldigungen des Herrn Beau ein geneigtes Ohr leihen, die dieſer bei günſtiger Gele⸗ genheit ſo herrlich in gereimten Verſen zu ſtammeln wußte, mit denen er die vornehme Dame überſchüt⸗ tete und an denen er mit Kopfßzerbrechen arbeitete, ſelbſt wenn er uns Unterricht ertheilte? Ja, ſ ſie war . 165 das Alpha und Omega ſeiner Phantaſieen und P. ſieen, das wußten wir, denn wir hörten oft Aben oder wenn der ganze Hof auf Beſuch außerhalb u blos die Gräfin wegen der Prinzeſſin zurückgebliebe war, ſeine mit Pathos vorgetragenen D Declamationen an, die er anfangs mit lauter Stimme in deren Zim⸗ mer vortrug, dann aber, ſobald die Bezüglichkeiten zu ſeiner Duleinea zur Sprache kamen, leiſer und zuletzt, b wenn er die völlige Zerknirſchung ſeiner Seele zeigen wollte, nur flüſternd hervorhauchte. Durch dieſe immer nur insgeheim ſtnttſindenden Beſuche geriethen wir jungen Leute ſehr bald auf den Verdacht, daß dieſelben abſichtlich hinter dem Rücken des Grafen Hohenheim geſchähen und daß die⸗ ſer ſich ſehr ärgern müſſe, wenn er etwas davon er⸗ führe. Und da er auch mit zu den Perſonen ge⸗ hörte, die wir aus verſchiedenen Gründen nicht leiden konnten, ſo bildete ſich ſehr bald in unſeren Köpfen der Wunſch aus, unſeren drei Widerſachern zugleich einmal eine kleine Schlacht zu liefern und uns und ihren übrigen zahlreichen Gegnern eine anmuthige Komödie aufzuführen. Als wir einmal erſt ſo weit gelangt waren, blieb bei unſerer Erfindungsgabe und unſerm kühnen Unternehmungsgeiſte nur noch ein Schritt zur Ausführung ſelbſt übrig und dieſer ver⸗ gerte ſich nur aus dem einzigen Grunde, weil wir gerade einen geeigneten Moment abwarten wollten, um vollkommen ſiegreich aus dem Kampfe hervor⸗ zugehen. Doch bevor ich den Knabenſtreich erzähle, den wir in unſerer Unbefangenheit, ohne uns eigentlich der Tragweite ſeiner möglichen Folgen bewußt zu ſein, und vielmehr nur um eine Probe unſerer Phantaſie abzulegen, dißn drei Perſonen ſpielten, muß ich noch einen Hauptgrund anführen, der uns gegen die Gräfin und Herrn Beau damals in Harniſch brachte. Wir erlangten nämlich von Tage zu Tage mehr die Ueber⸗ zeugung, daß Beide, wo ſie nur konnten, uns nicht nur jeden Genuß verkümmerten und abſichtlich dahin arbeiteten, uns den fürſtlichen Eltern als überaus wilde und unbezähmbare Buben darzuſtellen, ſondern daß ſie auch, Letzteres als Grund vorſchützend, Alles aufboten, um uns ſo ſelten wie möglich die Unterhal⸗ tung mit der Prinzeſſin Hildegard genießen zu laſſen, wonach wir doch von jeher mit ganzer Seele trachte⸗ ten, da wir ſie alle Drei, der eine mit brüderlicher, die andern Beiden mit abgöttiſcher Inbrunſt ver⸗ ehrten. Man ſtelle ſich nun vor, um wie viel ergrimmter wir werden mußten, wenn wir ſahen, daß Herrn Beau in dieſer Beziehung Alles vergönnt war, was wir zu erſtreben vergeblich die größte Mühe aufwendeten. Er beſuchte nicht nur die Gräfin auf ihrem Zimmer, um mit ihr zu zeichnen oder ihr ſeine Gedichte 4 leſen, und traf da natürlich faſt immer die Prinzeß, der er die ſüßeſten Schmeicheleien auftiſchte,— es war ihm ferner nicht nur geſtattet, Beide auf kleinen Spaziergängen zu begleiten, nein, er genoß auch den Vorzug, mit der Prinzeß, ſeiner Oüſſfen und dem Grafen Hohenheim in einem Wagen zu ſitzen und an größeren Parthieen Theil zu nehmen, von denen wir zufolge unſrer vorgeblichen Verwilderung grundſalich ausgeſchloſſen blieben. Und das ſollte uns nicht gegen beide Perſonen in Feuer und Flamme bringen, die überdieß nur zu oft unſre jugendliche Ohnmacht mit witzelnden Worten und höhniſchen Blicken beſpöttelten? Denn daß ſie dies thaten, war uns leider zu oft klar geworden. Man brauchte nur einmal die triumphartige Miene dieſes häßlichen Beau zu ſehen, wenn er mit ſeiner ſchönen Begleitung ſtolz an uns vorüberrollte und wir in ſtillſchweigender Verehrung unſre Hüte zogen, um der feſten Ueberzeugung zu ſein, daß er eben einen vergifteten Pfeil auf uns abſchieße und das Ohr der Prinzeß mit Stachelwörtern über unſer wildes Gebahren bearbeitete. Nein, das konnte nicht ₰ * 168 länger ertragen werden, und mußte es dennoch geſchehen, ſo ſollten Herr Beau und Gräfin Wetterau wenigſtens erfahren, daß wir uns für ſo viel Geringſchätzung zu rächen verſtänden. Die Ausführung dieſer Rache ließ etwas lange auf ſich warten, aber ſie kam endlich und eine zufällige Mißſtimmung zwiſchen der Gräfin und dem Grafen Hohenheim ſelbſt war es, die uns die Gelegenheit dazu bot. Dieſer Ehrenmann, der in der That ſpäter der „Gemahl der Gräfin Wetterau wurde, ſein und ihr väterliches Vermögen aber zuſammen zu Grunde richtete und dann irgend wo ein klägliches Ende nahm, wäh⸗ rend er, wie wir ſehen werden, ſeine Wittwe der Großmuth der Prinzeß Hildegärd überließ, war, wie viele Hofcavaliere ſeiner Zeit, ein ſehr nachſichtiger Herr in allen den Punkten, in denen auch er gern auf die Nachſicht ſeiner Herzensdame rechnete, allein er litt doch bisweilen an einigen Anwandlungen von Eiferſucht, die dann jedesmal eine Art kleinen Guerilla⸗ krieges zwiſchen ihm und der Gräfin herbeiführten. Da dieſe ſelbſt eben ſo wenig wie Herr Beau unter dem Hofperſonal beliebt war— die Diener⸗ ſchaft war entſchieden gegen Beide, was mir ein ſiche⸗ res Licht auf ihre Charaktere zu werfen ſcheint— ſo fehlte es nicht an bisweiligen Anſpielungen und Necke⸗ reien, mit denen man den Grafen Hohenheim auf die Gefährlichkeit des Herrn Beau aufmerkſam zu machen ſich den Spaß erlaubte. Er lächelte dann aber ſtets ſehr hofmänniſch und ſchaute mit vornehmer Miene auf den armen Tölpel von Lehrer herab, der ſich ſeiner Meinung nach nicht anmaßen durfte, auf fremdem Revier einen Sperling zu ſchießen und der ſich in der That dennoch anmaßte, nicht allein Sperlinge, ſondern ſogar Hochwild zu jagen. Nichtsdeſtoweniger ſtieg einiger Groll gegen Herr Beau in ihm auf und alle Welt ſah allmälig das Ungewitter heranrücken, das ſich über dieſen zuſammenzog. Das war natürlich Waſſer für unſre Mühle. Wir horchten und lauerten, wo wir nur konnten, und ſobald wir eine Aeußerung erſchnappten, daß nun bald einmal etwas Großes ge⸗ ſchehen müſſe, um das ſeltſame Verhältniß in ein kla⸗ reres Licht zu ſtellen, da freuten wir uns nicht wenig und gelobten, unſrerſeits mitzuhelfen und mit eigenen Händen die Schlinge auszuwerfen, die über den Köpfen unſrer beiden Hauptfeinde zuſammengezogen werden ſollte. Das Wie und Wo war natürlich auch hier noch verborgen, aber der Zufall gab uns auch diesmal den Sieg in die Hand, der noch dazu ſo vollſtändig ſein ſollte, wie wir ihn uns nie hatten träumen laſſen. 170 Uebrigens muß ich erwähnen, daß Treufels und ich diesmal nur die Zuſchauer, wenigſtens nur die Mitbe⸗ rather waren, und daß der Prinz allein die Schlinge zuzog, in denen er die beiden Vögel zum Ergötzen des ganzen Hofes fing. Die Fürſtin hatte mehrfach von dem eigenthümlich platoniſchen Verhältniß ſprechen hören, welches zwiſchen der Gräfin und Herrn Beau beſtand, und ſie hatte es nicht unterlaſſen, in ihrer zarten Weiſe der Erſteren einige Worte darüber zu ſagen und dabei auf die Plaudereien hinzudeuten, die hie und da laut wurden. Das hätte der Gräfin ein hinreichender Wink ſein müſſen, auf der Huth zu ſein, und da auch Herr Beau von Herrn von Transfeld einige Andeutungen erhielt, mit Schonung zu Werke zu gehen, ſo mußte ein Jeder auch von ihm erwarten, er werde ſeine Beſuche ſelte⸗ ner eintreten laſſen und die Aufmerkſamkeiten verringern, die er überall und immer der platoniſchen Freundin ſpendete. Allein gerade dieſe Winke hatten das Gegentheil zur Folge, die beiden Perſonen fühlten eine gewiſſe Kraft in ſich, dem allgemeinen Andringen Trotz zu bieten, mit gänzlicher Hintanſetzung jeder Autorität allein nach ihrem Gefallen zu leben und ihr vertrau⸗ liches Verhältniß vor wie lh fortzuſetzen. Eines Tages nun hatte ſich Graf Hohenheim bemüßigt ge⸗ funden, der Gräfin ſeine Verwunderung hierüber zu äußern, und dabei von derſelben hören müſſen, ſie ſehe Herrn Beau nur, wenn er ihr Zeichenunterricht ertheile oder Vorträge über Literatur halte. Sie betrachte das als eine ſehr günſtige Gelegenheit zu ihrer weiteren geiſtigen Ausbildung und ſie werde ſich von Nieman⸗ den darüber Vorſchriften machen laſſen, da die Fürſtin ſelber ſie ermuntert habe, die Anweſenheit Beau's zu benutzen, um nicht ſowohl ein Vergnügen mehr zu haben, als um ihre überflüſſige Zeit würdig zu benutzen. Etwas ſchmollend verließ der Herr Kammerherr diesmal die Dame ſeines Herzens, mit der dies Ge⸗ ſpräch auf einem Spaziergange ſtattgefunden hatte. Es war im Frühjahr und die erſten Märzlüfte wog⸗ ten koſend durch die aus ihrem Schlummer erwachte Natur; Alles ging, ritt und fuhr ſpazieren, Tag aus, Tag ein, und nur Diejenigen blieben zu Hauſe, die, wie wir, ſich an vorgeſchriebene Stunden halten muß⸗ ten oder durch andere wichtige Gründe an ihr Zimmer gefeſſelt waren. Herr Beanu, der von Herrn von Transfeld einen zweiten und etwas herberen Wink erhalten hatte, ſeine Aufmerkſamkeiten gegen die Gräfin nicht zu übertrei⸗ ben, knirſchte vor Wuth darüber, gelobte zwar Nach⸗ achtung, war aber innerlich nur ſehr wenig geneigt, ſeine platoniſchen Unterhaltungen dem einſeitigen Be⸗ lieben Anderer aufzuopfern. So weit waren die Verhältniſſe gediehen, als der vom Schickſal auserleſene Tag erſchien, welcher den Huldigungen des Herrn Beau ein gewaltſames Ende bereiten ſollte. Es war in den erſten Tagen des April. Eine warme Sonne ſandte ihre beglückenden Strahlen vom Himmel hernieder und ſchon früh am Morgen ward vom Fürſten ſelbſt eine große Parthie zu Wagen nach einem beliebten Vergnügungsort des Hofes angeſagt. Groß und Klein ſollte daran Theil nehmen, nur wir drei Knaben nicht, um unſere Stun⸗ den nicht zu unterbrechen, d dafür aber war uns zuge⸗ ſagt, um fünf Uhr Nachmittags dem Zuge nachzu⸗ reiten, um wenigſtens von dem Schluſſe des allgemei⸗ nen Vergnügens unſere kleine Beute zu erhaſchen. Wir waren damit zufrieden, denn wir fanden an unſeren eigenen Unterhaltungen ſchon damals mehr Geſchmack, als an den Genüſſen der Erwachſenen, unter denen wir doch nur geduldete Leute und erſt halbberechtigte Theilnehmer waren. Um drei Uhr Nachmittags nach der Tafel ſollten die Wagen vor⸗ fahren und die im Schloſſe verſammelte Geſellſchaft 173 abholen. Wir trieben uns um dieſe Zeit auf dem Schloßhofe umher und erfuhren zufällig dabei, daß die Gräfin Wetterau nicht an der Parthie Theil neh⸗ men werde, da ſie ſich habe krank melden laſſen. So ſtieg denn die Prinzeß in den Wagen zu ihrer Mutter und in wenigen Minuten war der ganze Zug hinter dem Bergrücken verſchwunden und rollte munter ſeiner Beſtimmung zu. Wir aber begaben uns in unſer Arbeitszimmer, wo ſehr bald Herr Beau eintraf und mit ſichtbarer Erregung uns einen ſehr flüchtigen Un⸗ terricht ertheilte. Schon lange vor Ablauf der feſt⸗ geſetzten Zeit ſchloß er denſelben, indem er ſagte, er wolle uns an dieſem Tage, wo alle Welt Freude hätte, auch welche gönnen, und wir möchten die Stunde bis Fünf nach unſerm Belieben benutzen. Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, ſo ſteckten wir die Köpfe zuſammen und hielten eine ſchnelle diploma⸗ tiſche Berathung ab.„Alle Welt hat heute Freude,“ ſagte der Prinz,„uns hat Herr Beau auch welche gegeben, ich finde es alſo ſehr natürlich, daß er eben⸗ falls eine hat. Wohlan denn, ich weiß was ich weiß, und wenn mir das Schickſal günſtig iſt, ſoll er heute die Strafe für alle ſeine Sünden bezahlen und die verwetterte Dame da oben auch. Folgt mir und ge⸗ horcht pünktlich meinen Befehlen!“ 174 Wir wollten zögern, uns einige Aufklärung er⸗ bitten, allein der Prinz war unerbittlich, er hatte ſeinen Plan gefaßt und wollte keine Minute verſtrei⸗ chen laſſen, um ihn in's Werk zu ſetzen. Der Graf mußte auf ſein Gebot nach Herrn Beau's Zimmer gehen und beobachten, wann und wohin er ſich aus demſelben entferne; ich ſelbſt erhielt den Auftrag, mich zu vergewiſſern, daß die Thür, die aus dem Empfangs⸗ zimmer der Gräfin in unſer Schulzimmer führte, ver⸗ ſchloſſen und verriegelt ſei, und den Schlüſſel zu mir in die Taſche zu ſtecken. Der Prinz ſelbſt aber be⸗ gab ſich auf den Corridor hinaus und poſtirte ſich hier ſo, daß er den Eingang zu den Gemächern der Gräfin im Auge behielt, ſelbſt aber dabei von Nie⸗ manden geſehn wurde, was an dieſem Tage um ſo weniger zu befürchten war, als der größte Theil der Schloßdienerſchaft die Wagen begleitete. 8 Um nun dem Leſer das Folgende begreiflich zu machen, muß ich ihm einige Andeutungen über die Lage der Zimmer geben, in denen ſich die Hauptſeene zutrug. Ueber dem Erdgeſchoß des Schloſſes, in wel⸗ chem ſich die Keller, Küchen, Vorräthszimmer und einige Domeſtikenwohnungen befanden, lag ein hohes Parterre. Dieſes nahm auf der Hauptfront der Fürſt und die Fürſtin ein. An die Zimmer der Letzteren 2 175 ſchloſſen ſich im Seitenflügel zunächſt das Zimmer der Prinzeß, dann das der Gräfin, dann ein leerſtehen⸗ des Empfangszimmer für Letztere und endlich unſer Schulzimmer und des Erbprinzen Wohnung, der ſich die unſrigen anreihten. Die Thür, welche die Ge⸗ mächer der Fürſtin von denen ihrer Tochter trennte, wurde ſtets verſchloſſen gehalten und konnte nur von der Fürſtin ſelbſt geöffnet werden, wenn ſie die Prin⸗ zeß ſehen oder deren Unterricht beiwohnen wollte. Dieſe Thür war alſo auch jetzt verſchloſſen und da die Fürſtin abweſend war, konnte von hieraus Nie⸗ mand in das Zimmer der Gräfin gelangen. Hierauf hatte der Prinz ſeinen Plan gebaut, da auch von der andern Seite her Niemand aus der Gräfin Zimmer in das unſrige gelangen konnte und der Zugang zu demſelben nur vom Corridore aus möglich war. Er ſtand noch nicht lange auf ſeinem Beohachtungspoſten, ſo kam Graf Treufels angeſtürzt, mit der Meldung, Herr Beau werde ſogleich in einem ſeiner beſten Anzüge erſcheinen, um irgend wo eine Viſite abzuſtatten. Er ſehe ſehr feierlich aus und trage ein Packet Bücher unter dem Arme. Der Prinz hieß ihn ſchweigen und zog ihn mit in ſein Verſteck. Hier ſtanden ſie nicht lange, ſo ſchraubte ſich der pla⸗ toniſche Freund wie eine friſch gedrechſelte Pugpe die 176* Treppe herauf, und als er vor der Thür der Gräfin 3 angelangt war, blieb er ſtehen, räusperte ſich, blickte ſich etwas erregt nach allen Seiten um und klopfte dann raſch an die Thür. Eine Minute ſpäter war er hinter derſelben verſchwunden und nun trat der Prinz hervor, ſchlich ſich auf dem mit einem Teppich belegten Corridor leiſe zu derſelben Thür, drehte mit ungemeiner Fingerfertigkeit und vorſichtiger Bedächtig⸗ keit den Schlüſſel im Schloſſe um, zog ihn leiſe her⸗ aus und ſteckte ihn in die Taſche, worauf wir alle Drei, nachdem dies an mehreren Thüren wiederholt war, flüchtigen Fußes und glücklicher Weiſe von Nie⸗ manden bemerkt die Treppe hinabſchlüpften und einen unſerer Spielplätze aufſuchten, wo wir uns vor Lachen ausſchütteten, denn nach aller Menſchen Berechnung war Herr Beau jetzt, ſo lange der Prinz es wollte, ein Gefangener auf dem Zimmer der Gräfin und kein Menſch im Stande, ihn aus demſelben zu be⸗ freien. 9 Eben aber hatten wir uns von unſerm Lachen er⸗ holt und fingen eine neue Berathſchlagung an, was ſich nun zunächſt ereignen werde und was wir dabei 8 zu thun hätten, als wir von einem ſehr heftigen Un⸗ wetter überraſcht und in das Schloß zurückgetrieben wurden. Schwarze Wolken in gedrängten Maſſen * 177 waren am Himmel heraufgezogen, ein eiskalter Wind blies über die Felder und ein heftiger Regenguß ver⸗ breitete ſich blitzſchnell über Nähe und Ferne, die noch ſo eben unter den Strahlen der Frühlingsſonne ge⸗ lächelt hatte. Kaum aber woren wir in unſern Zim⸗ mern angelangt, ſo ereignete ſich eine neue unerwar⸗ tete Scene. Die zur Luſtparthie abgefahrenen Wa⸗ gen, die den Witterungswechſel ſchon früher wahrge⸗ nommen als wir, waren auf Befehl des Fürſten um⸗ gekehrt und fuhren nun einer nach dem andern in das Schloß ein. Wir, einigermaßen überraſcht und im erſten Augen⸗ blicke nicht an Herrn Beau denkend, ſprangen lebhaft die Treppen hinab, um an den Ankommenden, die von Waſſer trieften, eine neue Freude zu haben, aber eben als wir am Fuße der Treppe anlangten, fuhr der Fürſt ein, ſtieg im Portale aus und ſchritt die Treppe nach ſeinen Gemächern hinauf. Als er unſer hier anſichtig ward, grüßte er freundlich und ſagte:„Seid zufrieden, daß Ihr zu Hauſe ge⸗ blieben; es iſt unangenehm, mitten auf einem Vergnügungswege umkehren zu müſſen. Wo iſt Herr Beau, Bruno, iſt Eure Stunde denn ſchon zu Ende?“ „Ja, Vater, ſie iſt zu Ende,“ erwiderte der Der Sohn des Gärtners. I. 12 178* Prinz ruhig.„Herr Beau hat uns einige Freude gönnen wollen und vor der Zeit frei gelaſſen.“ „So, ſo!“ erwiderte der Fürſt nachdenklich.„Aber, wo iſt er jetzt?“ fuhr er, wie mir ſchien, etwas neu⸗ gierig fort. „Ich weiß es nicht, mein Vater.“ „Man ſuche Herrn Beau,“ ſagte der Fürſt zu einem anweſenden Diener,„und ſchicke ihn ſogleich zu mir, ich habe mit ihm zu ſprechen.“ Hiermit ſchritt er nach ſeinen Zimmern empor, wir aber ſchlichen etwas beſorgt auf die unſrigen, denn wir ahnten dunkel, was nun kommen könnte, wenn man Herrn Beau, der bei der Gräfin eingeſperrt ſaß, überall ſuchen und nirgends finden würde. So geſchah es denn auch. Herr Beau wurde an⸗ fangs von einem, dann von mehreren Dienern geſucht, aber keiner war ſo glücklich, ihn anzutreffen und ihm den Beſcheid des Fürſten mitzutheilen. Herrn Beau's Lage in den Zimmern der Gräfin und die Situation dieſer ſelbſt muß nicht ſehr ange⸗ nehm geweſen ſein, als ſie plötzlich die rückkehrenden Wagen hereinrollen hörten, Herr Beau ſich ſchleunigſt zurückziehen wollte und eingeſchloſſen fand. Welche Mittel ſie aufgeſucht, um aus der Klemme zu gera⸗ then, weiß ich natürlich nicht; daß ſie nichts unver⸗ * 179 ſucht gelaſſen, ſetze ich voraus, aber Alles half ihnen nichts, kein Menſch hatte den Schlüſſel, keiner öffnete die Thür von unſerer Seite, um den Platoniker ent⸗ ſchlüpfen zu laſſen, und von der Seite der Fürſtin her war höchſtens eine demüthigende Ueberraſchung aber keine Rettung zu erwarten. So mochte etwa eine gute Stunde vergangen ſein, das Wetter hatte ſich aufgeklärt, der Regen war vor⸗ übergezogen und man konnte alſo wieder den Garten betreten. Wir waren froh, wieder in's Freie zu kom⸗ men, denn es laſtete ein kleiner Alp auf unſerem ſchuldbewußten Herzen, und doch waren wir unendlich neugierig, wie ſich die Komödie entwickeln würde. Dem Fürſten hatte man bereits die Meldung gemacht, Herr Beau ſei nirgends zu finden, und der Befehl war darauf ertheilt, man ſolle ihn zu ihm ſchicken, ſobald man ihn ſähe. Jetzt aber nahte die Entwicklung von einer ande⸗ ren Seite her. Die Fürſtin, die bis dahin die Prin⸗ zeß in ihrem Zimmer behalten, hatte einen Diener zur Gräfin geſandt, um ſich nach ihrem Befinden er⸗ kundigen zu laſſen; erſt wenn ſie erfahren, daß ſie außer Bett ſei, wollte ſie zu ihr gehen. Der Lakai aber kam ſehr bald mit der Meldung zurück, das Zimmer der Gräſin ſei verſchloſſen und der Schlüſſel müſſe inwendig ſtecken oder abgebrochen ſein. Nie⸗ mand aber habe auf ſein Klopfen und Rufen eine Antwort ertheilt, weshalb er glaube, daß die Gräfin ihr Zimmer verlaſſen habe. Dies war eine ſonderbare und höchſt überraſchende Nachricht, da man wußte, daß die Gräfin wegen Krankheit die Nachmittagsfahrt nicht habe mitmachen wollen. Etwa zu dieſer Zeit trat der Fürſt bei ſeiner Ge⸗ mahlin ein und vernahm nun auch, was vorgegangen war; auch unter der Dienerſchaft verbreitete ſich das Gerücht, weder Herr Beau noch die Gräfin ſei zu finden, und ſobald es die Diener wußten, erfuhren es auch die Hofleute, die nun herbeigelaufen kamen, die Köpfe zuſammenſteckten und ſich ganz lächerliche und wunderbare Geſchichten erzählten. Einer von ihnen allein aber lachte nicht und das war der Graf Hohenheim. Kaum hatte er vernom⸗ men, was vorging, ſo begab er ſich ſelbſt an die Thür der Gräfin und klopfte beſcheiden an. Da aber auch er keine Antwort erhielt und die Thür wirklich ver⸗ ſchloſſen war, ſo begab er ſich in den Garten und beobachtete von hier aus die Fenſter ſeiner Geliebten. Auch an dieſen Fenſtern war Niemand zu ſehen. In einiger Aufregung ſchritt er durch den Garten hin 181 und traf zufällig uns, die wir mit dem beſten Humor Ball ſchlugen und thaten, als ob uns de ganze Weſt nichts anginge. „Sagt,“ rief uns der Graf an,„habt Ihr Euern. Lehrer Beau nicht geſehen?“ „Nein,“ erwiderte der Prinz ruhig und mit einer Miene, die des Gottes des Geheimniſſes würdig war, „aber vor einer Viertelſtunde, glaube ich, hat er dort oben am Fenſter der Gräfin geſtanden.“ Graf Hohenheim ſtutzte, als ob eine Kanonenku⸗ gel ihm in's Geſicht zu fliegen im Begriff ſtände. Im Augenblick darauf aber eilte er ohne den gering⸗ ſten Gruß von uns fort und begab ſich zur Fürſtin, um ihr den Ausſpruch des Prinzen zu überbringen. Der Fürſt ſaß noch bei ſeiner Gemahlin, als der Graf eintrat und Beiden mit ſeinem Ausſehen Schrek⸗ ken einflößte. Er ſtotterte ſeine Neuigkeit hervor und ſchien ſich nicht zu wundern, als der Fürſt ſeiner Ge⸗ mahlin einen bedeutſamen Blick zuwarf. Dieſe aber erhob ſich im Augenblicke, bat die Herren ihr zu fol⸗ gen und öffnete in einem der folgenden Gemächer die Thür, die zu dem Zimmer der Prinzeſſin führte. Bis hierher folgten der Fürſt und der Graf, die Fürſtin aber ſchritt allein in das Zimmer der Gre in, und wer beſchreibt ihr Erſtaunen, als ſie dieſe in Thränen 182 gebadet auf einem Sopha ſitzend und Herrn Beau in unbeſchreiblicher Verwirrung mit ſchlotternden Knieen und bebenden Lippen vor ihr ſtehen ſah. Auf der Fürſtin Ruf trat der Fürſt und auch der Graf ein und— hier konnte ich den Vorhang vor dieſen Act unſerer Jugendgeſchichte fallen laſſen, wenn ich nicht ganz einfach noch zu ſagen hätte, daß Herr Beau mit einem ſehr ungnädigen Geſicht durch die Zimmer der Fürſtin aus ſeiner unfreiwilligen Haft entlaſſen wurde, die Hofkabale ſich aber in einen end⸗ loſen Strom von Erfindungen über die geheimnißvol⸗ len diplomatiſchen Unterhaltungen des eingeſchüchter⸗ ten Paares ergoß. 3 Nur Eins war und blieb ein Räthſel, nämlich, daß Niemand auf den Gedanken kam, daß einer von uns die Hand im Spiele gehabt, Niemand, ſage ich, aber ich meine hiermit nicht die Betheiligten ſelber. Wenigſtens das weiß ich aus ſpäteren Erfahrungen beſtimmt, daß die Gräfin ſtets mich für den Verruch⸗ ten gehalten, der ihr dieſen heilloſen Streich geſpielt und daß ſie mir deshalb Wiedervergeltung zugeſchwo⸗ ren, die auch, wie der Leſer ſpäter erfahren wird, auf mein in dieſer Sache gewiß unſchuldiges Haupt gefallen ie 1 Die eben erzählte Komödie hatte aber noch ein 183 ſehr hübſches und intereſſantes Nachſpiel, welches all⸗ 3 gemeines Staunen und nicht enden wollende Verwun⸗ derung erregte, als es bekannt wurde. Nachdem nämlich der Fürſt mit Herrn Beau an demſelben Tage noch ein, wie es ſcheint, ſehr ernſtes Gefpräch geführt und von ihm erfahren hatte, daß irgend ein böswilliger Menſch der Gräfin und ihm dieſen Streich geſpielt haben müſſe, wurde etwas ſpäter im Schloſſe bekannt, daß vom Fürſten für den Ueberlieferer der abhanden ge⸗ kommenen Schlüſſel ein Preis ausgeſetzt ſei, da man möglicherweiſe vom Orte des Auffindens derſelben auf den Thäter zurückſchließen könne. Daß alſo ein eifri⸗ ges Suchen danach ſtattfand, iſt ſehr erklärlich, aber Niemand war an dem erſten Tage ſo glücklich, den Fund zu thun und den beträchtlichen Preis zu per⸗ dienen. Am nächſten Morgen aber fand ein neugieriger Stiefelputzer beim Reinigen der Kleider die corpora delicti in— man denke ſich das frohlockende Erſtau⸗ nen des ganzen Hofes, als auch dieſer Umſtand ſehr bald bekannt wurde— der Taſche des Hausrocks von Herrn Beau ſelber. Wie ſie dahin gekommen, iſt ſehr bald geſagt. Als Alles zu Bett gegangen, war der Prinz noch einmal auf den Corridor hinausgeſchlichen, welchen 184 unſere Lehrer bewohnten, um ſich der bis dahin glück⸗ lich verborgen gehaltenen Schlüſſel zu entledigen, und als er dabei die über die verſchiedenen Stühle geleg⸗ ten Kleider der Herren ſah, hatte er die Laune, ge⸗ rade Zerrn Beau's Rock die koſtbaren Preisſtücke ein⸗ zuverleiben. Eben ſo gewiß, wie die ganze Sache höchſt komiſch, war es auch, daß das Geheimnißvolle derſelben dadurch noch vermehrt und lange Zeit das Räthſel blieb, an deſſen Löſung ſich unzählige Köpfe verſuchten, ohne einen anderen Erfolg als höchſtens den einer dunklen Vermuthung über die wahren Ur⸗ heber der ſehr natürlichen Zauberei zu erzielen. Wir aber lachten oft im Stillen darüber, hüteten uns jedoch ſehr wohl, ein neues Complott gegen unſern uUrfeind zu ſchmieden, da es zu Tage lag, daß ſolches nicht immer ſo günſtig verlaufen würde, wie es mit dem letzten geſchehen war. Sechstes Mapitel. Aleſſandra, die Prophetin. Der dritte Vorfall, den ich hier erzählen will, ereignete ſich in demſelben Sommer, ſtand mit den beiden vorigen in gar keiner Verbindung und betraf mich zumeiſt, indem das ernſte und faſt ſeltſame Er⸗ eigniß mich auf kurze Zeit zum Gegenſtande wunder⸗ barer Vermuthungen und räthſelhafter Neugierde machte, obwohl es keinen weſentlich nachwirkenden Einfluß auf meine Zukunft ausübte.. Es war ein heißer Sonntag im Auguſt und wir befanden uns in der kleinen Schloßkirche, in welcher der Oberhofprediger eine ſehr langweilige und ein⸗ ſchläfernde Predigt hielt, was ihm und uns leider nicht ſelten begegnete. Die Schloßkirche lag auf der Stadtſeite des Schloſſes und nahm den Irüßte Theil 186 eines maſſiven Thurmes ein, der ſchon im Mittelalter erbaut war und in Conſtruction wie Ausſchmückung die unverkennbaren Spuren ſeines hohen Alters, aber auch ſeiner Dauerhaftigkeit blicken ließ. Eine ſpitz⸗ gewölbte Decke ruhte auf zwölf ſtarken Pfeilern von Quaderſteinen; in der halben Höhe dieſer Pfeiler lief eine Galerie herum, welche die Logen für die Damen des Hofs und der bevorrechteten Stände der Stadt enthielt, während auf den unteren Bänken nur die Cavaliere und Hofbeamten, ſo wie die wenigen Offi⸗ ciere Platz fanden, die zu der kleinen Truppe gehör⸗ ten, welche in der Reſidenz garniſonirte. Die fürſt⸗ liche, blau drapirte Loge lag auch in der erſterwähn⸗ ten Galerie, dem Altare zunächſt, wenige Schritte von der alten aus ſteinhartem Holze geſchnitzten Kan⸗ zel entfernt; unter der winzigen Orgel, die dem Altar gegenüber auf der ſchmalen Seite der Galerie ſtand, befand ſich die Eingangsthür. Da die Kirche nur ſehr klein und deshalb auch nur für die Perſonen des Hofes und ſeiner nächſten Umgebungen beſtimmt war, ſo wurde ſie natürlich von dem größeren Stadtpublieum nie beſucht und es gingen dieſem daher die herrlichen Reden verloren, die der geiſtvolle Oberhofprediger ſeinen vornehmen Pfarrkindern alle Sonntage darin zu halten pflegte. 187 5 Nur ſelten verirrte ſich ein neugieriger Fremder hier⸗ her und gab dann jedesmal die ſehr unkirchliche Ver⸗ anlaſſung, die Aufmerkſamkeit der höchſten und hohen Herrſchaften von den Worten des Geiſtlichen abzu⸗ leiten, indem man ſich in aller Stille die Köpfe zer⸗ brach, wer der fremde Eindringling ſein und aus wel⸗ cher Gegend der Welt er wohl herſtammen möge. Da der Fürſt und namentlich die Fürſtin ſehr ſtrenge auf den Kirchenbeſuch hielt, Beide auch nie⸗ mals Sonntags fehlten, wenn ſie nicht krank oder abweſend waren, ſo mußten wir Knaben natürlich ſehr eifrige Kirchgänger ſein, und damit wir nicht träu⸗ mend daſäßen oder unſer der Andacht geweihtes Nach⸗ denken auf ungehörige Dinge richteten, war der Ge⸗ brauch eingeführt, daß wir uns eine Stunde nach dem Schluß des Gottesdienſtes in des Fürſten Gemach be⸗ gaben, um daſelbſt Rechenſchaft abzulegen, welche Ein⸗ drücke die Rede des ehrwürdigen Predigers in unſerm Herzen und Gedächtniß zurückgelaſſen hätte. Ich erinnere mich, daß unſere Antworten nicht immer den Erwartungen entſprachen, die man an uns zu ſtellen ſich für berechtigt hielt, ja daß nicht ſelten Verweiſe von Seiten des ſtrengen Vaters unmittelbar auf die milden Auslaſſungen des Predigers folgten. Auch fielen bisweilen einige Entgegnungen von unſ Seite vor, die allgemeines Lachen hervorriefen, wenn ſie in weiteren Kreiſen bekannt wurden, was die fürſt⸗ lichen Eltern jedoch niemals abhielt, ſchon den näch⸗ ſten Sonntag wieder unſere Aufmerkſamkeit zu prüfen und nach dem Ausfall der Antworten die Fortſchritte unſerer geiſtigen Capacität zu bemeſſen. Um hier nur zwei kleine Fälle der Art zu erwäh⸗ nen, ſo ſtanden wir Drei eines Tages bald nach einer Frühpredigt im fürſtlichen Gemache zur Prüfung be⸗ reit. Die Fürſtin ſaß auf einem Divan mit ſehr feierlich gehaltener Miene und der Fürſt, ernſt wie immer, auf einem Stuhl daneben, während im grö⸗ ßeren Kreiſe die dienſtthuenden Hofdamen und Kam⸗ merherren auf Seſſeln ihre Plätze behaupteten. Wir hatten uns ſchon vor dem fürſtlichen Paare und dem verſammelten Rath verbeugt und erwarteten nun mit einiger Spannung die gewöhnlichen Fragen. „Guten Morgen, meine Kinder,“ ſagte mit ſeinem väterlichſten Tone der Fürſt.„Ich will wünſchen, daß die heutige ſchöne und eindringliche Predigt un⸗ ſers Herrn Oberhofpredigers großen Eindruck auf Euch gemacht und Euern Sinn zu den beſten Vorſätzen für alle Zukunft ermuthigt hat. Bruno, mein Sohn, ſprich laut und deutlich, was hat der ehrwürdige Redner heute geſagt?“ 1 139 Der Prinz, der niemals ein Schalk war, ſtets offen, geradeaus und ehrlich ſprach, wie er es meinte, wurde diesmal etwas verlegen, was ſonſt nicht in ſeiner Natur lag. Er erröthete, ſenkte den Kopf, erhob ihn dann plötzlich wieder und ſagte endlich mit feſter Stimme:„Eigentlich hat er nur ſehr wenig ge⸗ ſagt, wenigſtens nichts, was mir beſonders aufgefallen wäre.“ Kaum war das ehrliche und der Wahrheit völlig entſprechende Wort heraus, ſo fing der ganze Kreis der Damen und Herren an erſt zu kichern, dann aber, als Einer ſich an dem Andern ermuthigte, laut zu lachen, bis endlich ſogar das fürſtliche Paar ſeine ernſte Miene nicht mehr beherrſchen konnte und ſeine lachenden Geſichter hinter den vorgehaltenen Tüchern verbarg. Glücklicherweiſe trat eine Störung ein, welche das Examen unterbrach, indem ein hoher Beſuch aus der Nachbarſchaft eintraf, ich weiß ſonſt nicht, wie daſſelbe geendigt haben und wie der Fürſt zu dem Ernſt zurückgekehrt ſein würde, den doch die feierliche Stunde und ſeine Abſicht erheiſchen mußte. Ein andermal ſtanden wir in ähnlicher Weiſe vor unſerm Herrn und Meiſter und wieder ertönte die an den Prinzen gerichtete Frage:„Bruno, mein Sohn, was hat der Prediger heute Gutes geſagt?“ 190 „Sehr viel, mein Vater!“ lautete die augenblick⸗ liche Antwort. 3 „Das iſt brav, mein Sohn; führe weiter aus, was Du behalten haſt.“ Und mit dreiſter Stirn fuhr der Prinz fort:„Er hat uns aufmerkſam gemacht auf den Leichtſinn der Damen und Herren bei Hofe, er hat ihre Putzſucht getadelt und ihren Lügengeiſt gegeißelt—“ „Halt ein, mein Sohn,“ unterbrach ihn der Fürſt, da alle Welt ringsum ſehr lange Geſichter machte und noch mehr von den ihnen aufgebürdeten Gebrechen zu hören fürchtete,„Du ſprichſt nur vom Nebenſächlichen; er hat allerdings Andeutungen ähnlicher Art gemacht, allein was war der Hauptgegenſtand ſeiner Predigt?“ „Mein Vater, ich habe gerade das von mir ſo eben Geſagte für die Hauptſache gehalten und das Uebrige habe ich nicht recht verſtanden.“ Die Fürſtin rückte verlegen auf ihrem Divan hin und her, die Damen räuſperten, die Herren ſchneuzten ſich und Alles war im Begriff, in einen ſehr verzeih⸗ lichen Aufruhr zu gerathen, als die Thür aufging und der Oberhofprediger ſelber eintrat, der diesmal vom Fürſten die Einladung erhalten hatte, bei Hofe zu erſcheinen, um ſpäter an der leckeren Tafel für ſeine Muühwaltung ſich zu erholen. Als ihn der Fürſt in der Thür erblickte, ſtand er ſogleich lächelnd auf, ſchritt ihm entgegen und ſagte: „Ew. Hochwürden kommen zur rechten Zeit; dieſe Knaben da wollen uns eben auseinanderſetzen, was ſie als die Hauptſache von Ihrer heutigen Predigt erkannt haben.“ Der Fürſt hatte gleichſam nur im Scherz geſpro⸗ chen und darin eine Nothbrücke zu etwas Anderem finden wollen, der Prediger aber nahm es für Ernſt und erwiderte:„Nun, da bin ich ſehr neugierig!“ ließ ſich auf den gebotenen Platz nieder und ſah uns fragend an, als die Fürſtin ſich in's Mittel legte und dadurch klüglich der peinlichen Scene ein Ende machte, in die der unbeugſame Prinz den frommen Mann unzweifelhaft verſetzt haben würde. An dem Sonntage nun, von welchem ich Ein⸗ gangs dieſes Kapitels ſprach, ſaßen wir in der ge⸗ drängt vollen Kirche. Es war übermäßig heiß und der Geiſtliche trug in Wahrheit nichts zu unſerer Er⸗ bauung oder Erfriſchung bei. Alles war matt und ſchläfrig, alle Mienen abgeſpannt, alle Augen trübe. In dem Momente der hoͤchſten Erſchöpfung nun, als ſogar einige alte Damen aus der Stadt ſchon mit dem Kopfe nickten, erweckte alle Zuhörer plötzlich das Knarren der Eingangsthür unter der Orgel, und al 192 ſie ſich weiter aufthat, wurde eine ſeltſame Geſtalt ſichtbar, die ſicher noch nie in dieſem geweihten Raume erblickt worden war. Alle richteten die Köpfe empor, der Fürſt, die Fürſtin, ihre nächſte Umgebung und endlich ſogar die müdeſten und verſchlafenſten Zuhörer; ja, der Ober⸗ hofprediger auf der Kanzel ſelbſt hielt einige Zeit im Reden inne und ſchaute mit offenem Munde und gleich⸗ ſam verzaubert den hier nie geſehenen Gaſt an. In der That, dieſer Gaſt war eine Erſcheinung, wohl des aufmerkſamen Anſchauens werth, denn es war eine Zigeunerin, wie man ſie bisweilen noch in den bergigen Gegenden Süd⸗ und Mitteldeutſchlands von Land zu Land wandern ſieht. Sie war noch jung, hoch gewachſen und von wunderbar ſchönem Geſichts⸗ ausdruck, trotzdem ihr tiefdunkler Teint auf den erſten Blick etwas Unreines bot,— aber nur auf den erſten Blick, denn hatte man das ſeltſam um ihren Kopf verſchlungene ſchwarze Haar und die glühenden dunklen Augen, die blendend weißen Zähne zwiſchen den klei⸗ nen kirſchrothen Lippen wahrgenommen, ſo dachte man nicht mehr an das einzelne Fremdartige, ſondern das allgemeine ſchöne Ganze brachte den mächtigſten Ein⸗ druck hervor, trotzdem die Umhüllung, in der ſie ein⸗ hertrat, nicht ganz den Anforderungen entſprach, welche die Oberhofmeiſterin an die Beſucherinnen dieſer Kirche zu ſtellen gewohnt war. Nur etwa eine Minute lang hatte die Fremde, die ſich auf ihrem Umherſtreifen ohne Zweifel an die⸗ ſen Ort verlaufen, in die Kirche geſchaut, dann aber, als ſie die vielen ernſten Geſichter der Verſammlung voller Spannung auf ſich gerichtet ſah, zog ſie ſich blitzſchnell zurück und ſchloß ſogleich die Thür, die wiederum ihr widerwärtiges Knarren hören ließ. Dieſe eine Minute hatte hingereicht, alle Müdigkeit und Langeweile der frommen Zuhörer für den ganzen Tag zu verſcheuchen. Jedermann richtete den Kopf empor, raffte ſich zuſammen und der Geiſtliche ſuchte mit Mühe den verlorenen Faden ſeiner Predigt auf⸗ zufinden, was ihm endlich gelang und wobei er ſchließlich in ſein Gebet die Umherirrenden, Obdach⸗ loſen und Bedürftigen mit einſchloß, was diesmal einen großen Beifall bei dem ganzen Publicum hervor⸗ brachte. Als der Gottesdienſt zu Ende war, trennte ſich die kleine Gemeinde und Jeder begab ſich an die ihm zugewieſene Stelle oder in ſein Haus zurück. Wir drei Knaben beſtanden an dieſem Tage unſere Prüfung ſehr gut und erndteten dafür Lob und die Erlaubniß ein, an demſelben Nachmittage uns der Vergnügungs⸗ Der Sohn des Gärtners. I. 13 3* 194 parthie anzuſchließen, die bereits ſeit einigen Tagen vom Fürſten vorbereitet war. Kaum aber hatten wir die Prüfnng beſtanden, ſo benutzten wir noch die Zeit vor Tiſche, um nach dem ſchönen Störenfried zu forſchen, der heute Morgen den Gottesdienſt unterbrochen und auch uns, nach gegenſeitigem offenen Geſtändniß, ein ſo großes Intereſſe eingeflößt hatte. Aber ſo viel Anfragen wir überall hielten, ſo raſch wir auf allen Wegen, die das Mäd⸗ chen eingeſchlagen haben konnte, durch den Garten, den Park bis zur Brücke des Fluſſes hinunter um den ganzen Schloßberg herum trabten, wir waren nicht ſo glücklich, daſſelbe zu entdecken oder nur eine Spur von ſeinem flüchtigen Fuß ausfindig zu machen. Zur Tafel im Schloſſe fanden ſich an dieſem Tage ſehr viele Gäſte aus der Stadt und Umgegend ein, denn der Fürſt hatte, da er ihn wegen irgend eines 5 mir entfallenen Ereigniſſes feiern wollte, eine große Anzahl eingeladen; vom ſchönſten Wetter begünſtigt, trat man denn auch nachher in einer endloſen Reihe von Wagen den etwa eine Meile langen Weg nach dem beliebten bairiſchen Häuschen, einem fürſtlichen Jagdſchloſſe im Habichtswalde an, und Alle, die die Ehre genoſſen, an der Fahrt Theil zu nehmen, erfreu⸗ ten ſich der beſten Laune, vor Allen der Fürſt, der * 195 ſelbſt zu Pferde war, wie denn auch wir auf Eſeln ſchon eine halbe Stunde vor Abgang des großen Zuges unſre Reiſe angetreten hatten. Auf dem grünen Raſen, der die ganze Lichtung bedeckte, auf deren höchſter Stelle mitten im dunklen Walde das Forſthaus ſich erhob— welches ich dem Leſer künftig noch viel näher zu beſchreiben haben werde, weil ſich dort viele für uns wichtige Ereigniſſe zutragen ſollten— war eine endlos lange Tafel ge— deckt und mit zahlloſen Taſſen und den appetitlichſten Kuͤchen beſetzt, denn hier ſollte Kaffee getrunken und dann unter den Bäumen, an einer eigens dazu her⸗ gerichteten Stelle, getanzt werden. Die zahlreiche Geſellſchaft, aus dem größten Theil des Adels der Umgegend und dem ganzen Hofperſonal beſtehend, langte ſehr bald nach uns an, und wir drei Knaben hatten die Ehre, ganz unten an dem einen Ende des langen Tiſches ein Eckchen zu erhalten, wo nicht allein unſre Lehrer, ſondern diesmal— o Freude! — auch die Prinzeſſin Hildegard mit ihren Geſpielin⸗ nen und außerdem noch ein ſehr anſehnlicher Ringel⸗ kuchen, recht dick mit Zucker beſtreut, ihren Plaß ge⸗ funden hatten. Als der Kaffee eingenommen und der größte Theil des Kuchens verzehrt war, zerſtreuten ſich die Erwach⸗ 132 196 ſenen nach verſchiedenen Richtungen, um irgend ein beliebtes„geiſtreiches“ Spiel zu beginnen, und da ſie zu unſerm Aerger die Prinzeß mit wegnahmen, ſo hielten wir uns durchaus nicht für verpflichtet, in ihrer Nähe zu bleiben und zogen es wie gewöhnlich vor, auf eigene Hand Unterhaltung zu ſuchen, weshalb wir bald den lärmenden Haufen verließen und nach irgend einer Seite des Waldes hin die Schritte lenkten. Wir waren eben ſo weit gekommen, daß wir nur noch matt das Lachen und Jauchzen der Spielenden aus der Ferne vernehmen konnten, als unſer Freund, der Förſter Waldſtein, den der Leſer als Kaſtellan des bairiſchen Häuschens auch noch näher kennen lernen wird, uns begegnete und, indem wir freudig ſeine biedere Hand ſchüttelten, vertraute, daß wir heute einen ganz beſonderen Genuß haben würden, indem eine Viertelſtunde von dieſer Stelle entfernt eine wandernde Zigeunertruppe ihr Lager aufgeſchlagen, und daß der Fürſt, dem er bereits davon Meldung gemacht, erlaubt habe, daß ſie die Nacht dort bliebe. Uebrigens komme er eben von dem Lager her und habe die Leute in dankbarer Ergebenheit zurückgelaſſen, denn der Fürſt habe ihnen alle möglichen Leckerbiſſen, ein ganzes Kalb und ein Dutzend Flaſchen Wein zu⸗ geſandt, die ſie nun am Abend zu verſchmauſen gedächten. 4 Grraf die naive Frage, wer denn der Glückliche von 197 Wir dankten ihm und folgten der Richtung, die er angegeben, denn es war klar, daß wir nun kein anderes Ziel als das Zigeunerlager vor uns haben konnten, und da der Fürſt ſelber in ſeiner Herzens⸗ güte den armen Leuten ein Geſchenk gemacht, be⸗ ſchloſſen wir unſrerſeits ihnen ebenfalls eins zu machen. So ſetzten wir uns denn zuerſt im Walde nieder, zogen unſre kleinen Börſen hervor und zählten ihren Inhalt. Der Prinz hatte etwa drei Thaler, der Graf beinahe eben ſo viel, ich aber ſogar einen Dukaten . darin, den mir einſt meine Mutter zum Geburtstage verehrt und den ich ſeitdem wie eine Reliquie überall mit mir herumgetragen hatte. Die gute Laune, in der wir einmal waren, bewog uns, ſehr freigebig zu ſein, wir thaten alſo unſre Baarſchaft zuſammen— ich opferte natürlich meinen Dukaten— wickelten das ganze Geld in ein Stück Papier und beſchloſſen groß⸗ müthig, dem ſchönen Mädchen, welches am Morgen die Kirche beſucht, wenn es zu der Truppe gehörte, das Geſchenk zu überreichen, um ſich dafür ein neues Kleid zu kaufen, da uns das alte, obgleich wir es nur ſehr flüchtig geſehen, für die Reize, die es umſchloß, lange nicht mehr gut genug zu ſein ſchien. Als wir eben wieder aufbrechen wollten, that der 198 uns ſein ſollte, der es ihr überreichte? Der Prinz beſann ſich kurz.„Kurt,“ ſagte er,„hat eigentlich das Meiſte geopfert und billiger Weiſe ſollte er der Spender ſein; aber wir wollen looſen, oder nein, hier liegen Steine: wer mit einem davon jene Birke trifft, iſt der Sieger.“ „Wenn wir ſie aber alle Drei oder nur Zwei treffen?“ fragte der immer ſicher gehende Graf. „Wenn Zwei treffen, ſo ſtechen ſie, bis Einer verliert— alle Drei treffen wir ſie gewiß nicht.“— Geſagt, gethan. Drei Steine flogen in die ange⸗ gebene Richtung, aber nur einer traf— der meinige. „O, wenn doch jedes Recht ſo leicht und ſicher ſiegte!“ rief der Prinz frohlockend, gab mir das Geld, das er bereits in der Taſche getragen und eilte dann mit uns raſch der kleinen Lichtung zu, in welcher die Zigeuner, maleriſch genug, ihr wanderndes Lager auf⸗ geſchlagen hatten. Dieſe Lichtung, von einigen hundert Schritten Umfang und rings von dunklen Tannen eingefaßt, zeigte nur an einzelnen Stellen ein niedriges Buſch⸗ werk, der übrige Grund war frei und mit friſchem Waldmoos ausgepolſtert. Genau im Mittelpunkte hatten die Zigeuner ein tiefes Loch gegraben, worin ein kleines, von trocknem Reiſig langſam genährtes * * 199 Feuer brannte. An dem einen Rande der Tann hockten drei bis vier Männer, mit dem Zertheilen des geſchenkten Kalbes beſchäftigt; zwei ältere Frauen kochten am Feuer und mehrere kleine Kinder, halb⸗ nackt, lagen hier und da herum, ſchlafend oder ſpie⸗ lend, wie es ihnen beliebte, denn hier herrſchte nirgends ein Zwang, eine Vorſchrift. Den das Mahl zurüſtenden Männern gegenüber, ebenfalls dicht an den Bäumen, ſtanden zwei kleine Zigeunerwagen, mit verwittertem grauen Tuche überſpannt, vier bis ſechs polniſche ab⸗ gemagerte Pferdchen liefen ohne Zügel frei umher, Gras und was ſie ſonſt vorfanden, mit ſeltenem Be⸗ hagen verſpeiſend. Zur Seite des letzten Wagens war ein ziemlich großes Zelt aufgerichtet, deſſen Thür durch einen zurückgeſchlagenen Leinwandzipfel bezeichnet war. Innerhalb des Zeltes ſah man einige wollene Decken und auf oder unter ihnen mehrere junge Weiber mit Kindern, dieſe nährend oder mit ihnen ſpielend, bunt durcheinander gemiſcht liegen. Wir hatten den Weg bis zum Lager mit einiger Haſt zurückgelegt, als wir aber die eben beſchriebene Einrichtung genauer in's Auge faßten, ſchritten wir langſamer vor, denn es ſchien uns doch nicht ſo ganz geheuer, ohne Weiteres unter dieſe wilden Kinder der Natur zu gerathen. Allein kaum hatten uns zuerſt 200 die Frauen am Feuer bemerkt, ſo riefen ſie uns in verſtändlichem wiewohl ſeltſamem Deutſch heran und erzählten mit vor Freude blitzenden Augen, daß ſie heute alle ſehr glücklich wären, der Fürſt hätte ihnen große Geſchenke zukommen laſſen und ſogar einen Be⸗ ſuch in der nächſten Stunde verheißen. Dieſe letzte Nachricht war uns neu und befriedigte uns eigentlich nicht; wir wären am liebſten ein Stünd⸗ chen allein bei den traulichen Waldleuten geblieben, die uns, je länger wir ſie betrachteten, um ſo beſſer geſtelen, ſelbſt die Männer, die ein ungemein wildes Ausſehn und doch dabei ein ſanftes und zuthuliches Weſen zeigten. Gleichſam wie in Folge früherer Verabredung ließen wir alle Drei unſere Blicke in die Runde ſchwei⸗ fen, aber die Perſon, die wir ſuchten, fanden wir nicht, bis ich endlich die Frage laut werden ließ, ob nicht ein junges Mädchen von ihnen heute Morgen im Schloſſe geweſen und dabei aus Zufall in die Kirche gerathen ſei. „Wir beſuchen nicht gern die Kirchen Eures Volks,“ antwortete eine der Frauen,„aber ich glaube, Du haſt Recht, wenn Du ſagſt, der Zufall habe eine unſerer Töchter dahin geführt. Sie hat Euch wohl geſtört, Ihr blanken Hofkinder, wie? Nun, verzeiht 201 ihr, ſie hat es nicht gewollt und noch weniger übel gemeint. Wenn Ihr wüßtet, wer ſie iſt und was ſie kann, Ihr würdet Ihr deshalb nicht zürnen.“ „Wir zürnen ihr nicht im Geringſten,“ rief der Prinz,„aber wer iſt ſie und was kann ſie denn?“ „Sie iſt Aleſſandra, die Prophetin, und ſie kann erkennen, was Gut und Böſe iſt, auf hundert Schritt, denn ihr Auge iſt Feuer und ihr Herz iſt Milch, wie nie eins der Kinder unſers Stammes ſo rein und lauter war.“ „Wo iſt ſie denn?“ wagte der Graf ſchüchtern zu fragen. „Sie liegt dort im Zelt und ruht ſich, denn ſie iſt nur ein Weib und der lange Weg hat ſie müde gemacht.“ Bei dieſen Worten hatten wir wieder einen Ge⸗ nuß, denn die Ohren Aleſſandra's, der Prophetin, ſchienen, wie ihre Augen Feuer und ihr Herz Milch, ebenfalls von beſter Gattung zu ſein, da ſie die nur leiſe geſprochenen Worte der Alten vernommen hatte und ſchon faſt unhörbar aus dem Zelte heraus ge⸗ treten war. Wir Knaben ſtanden ganz erſtarrt vor dem Zi⸗ geunermädchen, als es langſam und majeſtätiſch auf uns zuſchritt, und beinahe hätten wir die Mützen vor 202 ihr gezogen, ſo überraſchend wirkte ihr wunderbarer Wuchs und die glänzende Schönheit ihres Geſichts auf uns. Ich, der ihr zunächſt ſtand, hatte ſchon das Papier mit dem Gelde gefaßt, denn daß nur ſie es von mir empfangen würde, war ausgemacht. „Guten Tag, Ihr ſchönen Knaben!“ ſagte herzlich und liebreich das Mädchen.„Es iſt hübſch, daß Ihr zu uns kommt, ich bin auch heute Morgen bei Euch geweſen. Aber was hältſt Du da in der Hand, dunkler Schelm,“ ſagte ſie zu mir,„ich ſehe, daß Du es mir geben willſt, was iſt es?“ „Du ſcheinſt wirklich eine Prophetin zu ſein,“ erwiderte ich,„wenigſtens haſt Du diesmal meine Abſicht errathen. Sieh, es iſt nur eine Kleinigkeit, aber wir Drei, die wir es Dir gemeinſchaftlich bieten, haben nicht mehr bei uns gehabt.“ Die Zigeunerin ſtreckte den bis zur Schulter ent⸗ blößten runden Arm aus und nahm mit ihrer bron⸗ zenen Hand das Packetchen in Empfang, welches ich ihr hinreichte. Sie wog es mit einer graziöſen Kopf⸗ bewegung und lächelte dann. „Es iſt Metall!“ ſagte ſie mit einem raſch über uns hinblitzenden Blick,„Ihr ſeid nicht allein reich und vornehm, Ihr ſeid auch gut, Gott lohne es Euch — doch was iſt das??“ Die Hand, mit der ſie das Geld genommen, deu⸗ tete bei dieſen Worten nach dem Walde und ihr Hals dehnte ſich weit vor, als wollte ſie die Nahenden ſchon aus der Ferne durchmuſtern. uns um und ſahen nun den ganzen Hof daherkom⸗ men, der Fürſt und die Fürſtin an der Spitze, von der Dienerſchaft und Allem gefolgt, was um das bairiſche Häuschen verſammelt geweſen war. Die Eltern des Prinzen ſchienen ſich nicht zu wun⸗ dern, uns ſchon an Ort und Stelle zu treffen, viel⸗ leicht auch hatte ihnen der Förſter geſagt, daß wir das Lager aufgeſucht; vielmehr waren ſie mit ihrem zahlreichen Gefolge eben ſo begierig wie wir vorher, die ſeltſamen Geſtalten der braunen Wanderer und ihre nomadiſchen Verrichtungen zu betrachten, die, von dem ehrenvollen Beſuche überraſcht, ſich in ihrer ganzen wilden Grandezza in maleriſchen Stellungen vor ihm gruppirten und die Anrede des hohen Herrn zu erharren ſchienen, die auch nicht lange auf ſich warten ließ. Nachdem einige freundſchaftliche Worte ausgetauſcht und von Seiten des Zigeunerhäuptlings warme Dank⸗ ſagungen geſprochen waren, ließ ſich das Fürſtenpaar die ganze Familie der Fremden vorſtellen und unter⸗ hielt ſich leutſelig mit ihnen, wie es ſo gan Raſch drehten auch wir 2 204 Art lag, und ſo kam es denn, daß auch die Herr⸗ ſchaften ſich bald nach dem jungen Mädchen erkun⸗ digten, welches ſchon am frühen Morgen ihre Auf⸗ merkſamkeit erregt hatte. Da trat denn Aleſſandra zum zweiten Mal hervor und auf Alle machte ſie ſichtbar denſelben vortheilhaften Eindruck wie auf uns. Als aber der Fürſt einige Andeutungen von dem hohen Anſehn erhielt, in welchem das Mädchen unter ihren Verwandten ſtand, lächelte er heiter und fragte wie im Scherz, ob ſie wirklich die Gabe der Weiſſagung beſitze. „Der hohe Herr möge mich prüfen!“ erwiderte das Mädchen, ſtolz ihre Rabenhaare ſchüttelnd und die bronzenen Hände feierlich vor dem Buſen kreuzend und ſich verbeugend. „Wohlan denn,“ rief der Fürſt nach tiagem Be⸗ ſinnen,„wir wollen es verſuchen! Ohne Zweifel weißt Du, wer ich bin und wer dieſe Dame hier an meiner Seite iſt?“ „Ich weiß es,“ lautete die Antwort, die mit einem beſcheidenen Neigen des ſchönen Kopfes geſprochen wurde.„Der Stern Gottes leuchtet in Euren Augen und zeigt mir, daß Ihr mächtige Fürſten der Erde ſeid.“ 4 „Nun, nicht gar mächtig zwar, aber Fürſten ſind 205 wir allerdings. Sag' an, Mädchen, und ſcheue Dich nicht, die Wahrheit zu ſprechen: werde ich lange leben und immer der geliebte Vater meines Volkes ſein?“ „So gieb mir Deine Hand, Herr, auf daß ich in ihr die Antwort leſe, die Du begehrſt.“ Der Fürſt zog ſeinen weißen Handſchuh aus und reichte die feine Hand hin, welche die Zigeunerin dreiſt ergriff und lange prüfend beſchaute.„Ja, Herr,“ ſagte ſie dann mit freudigem Geſichtsausdruck, „Du wirſt lange leben und immer der geliebte Vater Deiner vielen Kinder ſein.“ „Wird mein Erbe glücklich werden und auf den Spuren weiter wandeln, die ich ihm vorgetreten habe?“ Das Mädchen ſchaute aus der Hand, in die ſie wieder geblickt, empor und ſah dem Fragenden feſt in die freundlichen, aber hoheitsvoll leuchtenden Augen. „Er wird Sturm, viel Sturm erleben,“ ſagte ſie langſam und feierlich,„mehr als Du wünſcheſt und er denkt.“ „Haſt Du ihn ſchon geſehn und iſt er Dir als mein Erbe bezeichnet worden?“ „Ich glaube ihn geſehn zu haben, aber als Deinen Erben hat ihn mir Niemand bezeichnet.“ „So ſieh dahin— da ſtehen drei Knaben. Wenn Du die ächte Weisheit beſitzeſt, ſo wirſt Du aus 206 ihnen den rechten herauserkennen— wer von ihnen iſt niein Erbe und wer wird den Sturm erleben, von dem Du ſprachſt?“ Die Augen aller Anweſenden flogen wie elektriſirt durch dieſe Frage auf uns herüber. Wir ſtanden dicht vor dem Mädchen, ich ihr zufällig zunächſt, dann kam der Graf und zuletzt der Prinz. Ich war damals wie auch ſpäter der größte und ſtärkſte unter meinen Gefährten, obwohl der Prinz, wie ich mir denke, ein ausdrucksvolleres, wenn auch weniger in die Augen fallendes Geſicht hatte, als das meine war. Als Aleſſandra nun dieſe neue und ſicher ſchwierige Aufgabe erhielt, trat ſie noch näher an uns heran, legte, bei mir beginnend, die Hand auf unſere Köpfe, ſah uns mit brennendem Auge feſt an und nach kur⸗ zem Beſinnen haftete es auf mir und ſie ſagte:„Das iſt des Fürſten Sohn und Erbe oder keiner von dieſen Dreien; er wird große Stürme zu Waſſer und zu Lande erleben, aber am Ende glücklicher ſein als Ihr Aſlel⸗ Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, ſo brach die ganze Geſellſchaft des Fürſten in ein lautes und jubelndes Lachen aus. Der Irrthum war zu hand⸗ greiflich, um von leichtblütigen Höflingen ſtillſchweigend hingenommen werden zu koͤnnen. 207 Als das Mädchen aber zürnend, wiewohl ohne im Geringſten eingeſchüchtert zu ſein, ſich abwenden wollte, erhob der Fürſt die Hand, um Stille zu gebieten, und ſagte lächelnd:„Kind, Deine Prophezeihung war diesmal falſch. Der, dem Du ſeine Zukunft enthüllt, iſt gar nicht mein Sohn und eben ſo wenig ein Fürſt. Beſinne Dich alſo noch einmal und zeige mir den wahren Erben.“ „Herr!“ rief das Mädchen mit erhobener Stimme und einem wahrhaft flammenden Gluthblick,„Du ſiehſt nur mit des Menſchen Auge, ich aber ſehe mit dem Auge Gottes. Du denkſt an das Aeußere und beurtheilſt es, ich aber ſehe und beurtheile das Innere. Und ſo ſage ich Dir noch einmal, es iſt nicht falſch, was ich ſprach, ſondern wahr. Wenn dieſer Knabe auch nicht von Fürſten gezeugt iſt, ſo wird er doch ſitzen auf fürſtlichem Stuhle und die Beſten unter Euch werden ihn einſt als den Ihrigen lieben und halten.“ Sobald ſie dieſe Worte geſprochen, drehte ſie ſich ſtolz und langſam um und ging mit majeſtätiſchen Schritten ihrem Zelte zu, in dem ſie bald verſchwand. Diesmal aber erfolgte kein Gelächter, ſondern ein all⸗ gemeines Staunen und Schweigen, dem nicht undeut⸗ lich eine unwillkürliche Verſtimmung beigeſellt war. 208 Bald darauf brach der Fürſt mit ſeinem Gefolge auf und begab ſich nach dem Forſthauſe zurück, was auch wir in tiefſter Stille und einigermaßen enttäuſcht thaten. Ich fühlte eine Anwandlung von geheimer Schaam, obwohl ich keinen Grund mich zu ſchämen hatte, und das mochte ſich in meinem ſtillen Weſen und meinem verlegenen Geſicht ausdrücken. Als der Prinz dies gewahrte, umfaßte er mich herzlich, drückte mich an ſich und ſagte:„Kurt, ich weiß nicht, warum Du ſo ſchweigſam und wie nieder⸗ gedonnert biſt; ich würde an Deiner Stelle frohlocken, denn Dir iſt eine ſchöne Zukunft prophezeiht. Mich hat der Ausſpruch jenes Mädchens befriedigt und ich gratulire Dir im Voraus. Aber halt, da ſteht die Gräfin Wetterau, ſie hat uns was Wichtiges zu ſagen. Hören wir, was ihr roſiger Mund für köſtliche Worte ſpenden wird.“. In der That, unter einer alten Eiche, die dicht am Wege nach dem Forſthauſe ſich erhob, ſtand meine alte Feindin, die junge Gräfin, und ihr zur Seite ihre beiden Verehrer, Graf Hohenheim und Herr Beau, alle Drei hohnlächelnd und wie zum Angriff auf einen ohnmächtigen Gegner gerüſtet. Als wir näher traten, lächelte mich die Gräfin in ihrer vornehmen ſpitzen Weiſe an, und niemals war ſie mir widerwärtiger als 209 in dieſem Moment geweſen, wo ich eher einer Er⸗ munterung als einer Demüthigung bedurft hätte. „Die jungen Herren gehen ja ſehr langſam,“ ſagte ſie bitter,„am liebſten wären ſie wohl bei den Zigeu⸗ nern geblieben, um ſich noch mehr ſolche ſchöne Wahr⸗ heiten ſagen zu laſſen, wie wir ſie zu unſerer Freude ſo eben vernommen haben?“ „Da haben Sie Recht, Gräfin!“ rief munter der Prinz, der immer bereit war, einen ehrlichen Kampf auf der Stelle auszufechten.„Mir wenigſtens hat es dort beſſer gefallen, als unter dieſer alten Eiche, denn da war Licht über uns, wo hier nur Schatten um uns iſt.“ Die Gräfin knixte ironiſch gegen den Prinzen und erwiderte:„Diesmal, mein junger Herr, hatte ich nicht Luſt, mit Ihnen eine Lanze zu brechen; ich wollte nur dem künftigen Fürſten gratuliren, der heute ſeine Krone in spe aus ſehr ſchönen, aber nichts deſtoweniger ſehr ſchmutzigen Händen empfan⸗ gen hat.“ 8 „So danke ich Ihnen,“ ſagte ich in einer An⸗ wandlung nie empfundenen Stolzes, der mich immer unwiltnrih überfiel, wenn ich mich mit dieſer Dame Auge in Auge ſah.„Auch mit dieſer Krone, die mir Aleſſandra verheißen, bin ich zufrieden, Der Sohn des Gartners. I. 14— 210 da ich noch nie auf eine andere Anſpruch erhoben habe.“ „ Anſpruch erhoben!“ ſcherzte die Dame heiter und ging mit ihren Begleitern langſam von der Eiche fort.„Wahrhaftig, ich glaube, er möchte ein Prä⸗ tendent werden, dieſer Gärtnerknabe! Bilde Dir nichts ein, mein Sohn!“ rief ſie mir dann nach, als wir raſch ſeitwärts ſchritten, um aus ihrer Nähe zu kom⸗ men,„höchſtens kannſt Du ein Fürſt werden, wie der Vater der Prophetin einer iſt. Nicht wahr, meine Herren, das war ein köſtliches Schauſpiel. Hahaha!“. Der Leſer glaube nicht, ich habe ihm dieſe kleine Scene mitgetheilt, um ihn auf etwas Großes und Ungewöhnliches in Bezug auf meine Perſon vorzube⸗ reiten. Das war nicht mein Wille und meine Ab⸗ ſicht. Ich habe ſie ihm nur erzählt als ein Ereigniß aus meinem Leben, wie es ſo häufig der Zufall her⸗ vorruft und damit Staunen, Aergerniß oder vergeb⸗ liche Hoffnungen erregt. Ich bin nicht zu der hohen Ehre und Würde auf einem Thronſeſſel zu ſitzen ge⸗ langt, dazu ſind nur wenige Menſchen berufen un glücklicher Weiſe gehörte ich nicht zu dieſen. Alle wie in allen derartigen Prophezeihungen etwas Wah⸗ res liegt, wenn man ſie zu deuten oder das ver⸗ 211 5 ſchleierte Bild in ihnen zu entſchleiern verſteht, ſo lag auch für uns und mich etwas Wahres darin, was der Leſer zu ſeiner Zeit erfahren wird, wenn auch er im Stande iſt, die mir zu Theil gewordenen Zeichen auf richtige Weiſe zu deuten. Siebentes Kapitel. Das bairiſche Häuschen. So verging die Zeit allmälig und unvermerkt, und wir traten aus den Jahren der Kindheit in das Alter eines reiferen Bewußtſeins, unſerer ſelbſt und der uns umgebenden Perſonen und Gegenſtände, ohne daß große äußere oder innere Revolutionen unſre gei⸗ ſtige Entwicklung überſtürzt, oder gar, was noch ſchlimmer iſt, unſre allgemeine und ſpecielle Bildung mit einem höfiſchen Firniß überzogen hätten. Nein, wir wuchſen langſam, naturgemäß und aus einem in⸗ neren Nothwendigkeitstriebe empor, und jeder Tag in unſerm Leben, jeder Schritt in unſerer Erkenntniß tein nach dem andern auf den guten baute einen S Mutter Natur in unſer Herz und in Geiſtig entwickelte ſich von uns Dreien der Prinz am ſchnellſten, kräftigſten, wenigſtens in Bezug auf die Feſtigkeit ſeines Willens, auf die Beharrlichkeit ſeines Charakters und eine gewiſſe, unmöglich näher zu bezeichnende Weiſe, das ihn umgebende Leben von der rechten Seite zu erfaſſen und ſich gegen die An⸗ griffe deſſelben mit einer Art eiſernen Panzers zu umgürten. Er war wie eine junge Eiche, die mit großer intenſiver Naturkraft begabt iſt und von allen um ſie toſenden Winden nur geſtärkt und gefeſtigt, nie aber gebeugt oder gar umgeworfen wird. Schon in ſeinen jungen Jahren ſah man dem kleinen, ge⸗ drungenen Zweige an, welch' ein ſtolzer, unbeugſamer Stamm er einſt im Sturme des Lebens werden ſollte. Unbeugſam, das iſt das paſſendſte Wort, wenn man ſein ganzes Weſen genau und völlig bezeichnen will. In gewiſſer Beziehung kam er mir immer wie von Eiſen oder Stahl vor, denn was er ſich einmal in den Kopf geſetzt, führte er durch, mochten die Hinder⸗ niſſe auch noch ſo mannigfaltig und bedeutend ſein. Die weiteſten Ziele erreichte er gleichſam ſpielend, die ſchwerſten Aufgaben errang er mit unwiderſtehlicher Gewalt, und wenn ihm etwas einmal recht ſchwer wurde, ſo pflegte er zu ſagen:„Siehe da, ein neuer und hoher Berg! Wohlan denn, nehmen wir unſe 214 Kräfte zuſammen! Hinauf müſſen wir, für uns ſind die Höhen und Gipfel! Vorwärts, meine Freunde!“ Und dieſe Charakterſtärke, dieſe Lebenskraft ent⸗ wickelte und arbeitete er aus ſich heraus, ohne allen Eifer, ohne alles Abjagen, ohne die geringſte Haſt und Begier zu zeigen. Langſam aber kräftig rückte er vor und bei jedem ferneren Lebensabſchnitte wurde ſeine Ruhe ſichtbarer, dauerhafter, in ſich ſelbſt aus⸗ gebildeter. So gerieth er ſelten in Leidenſchaft; mit dem größten Gleichmuthe, der beſonnenſten Umſicht nahm er die ſchwierigſte Aufgabe vor, und wie er langſam ſprach, ging, aß und arbeitete, ſo prägte ſich in jeder ſeiner Bewegungen, Geberden und Handlun⸗ gen eine gewiſſe plaſtiſche Ruhe aus, die ganz ſeiner edlen und feſten äußeren Erſcheinung entſprach und Jedermann überraſchte, der Gelegenheit hatte, ſein feuriges Auge zu ſehen und doch dabei den klaren Geiſt zu ſpüren, der dieſes Feuer bändigte und das lebhaft fortrollen wollende Rad in das Geleiſe der Ruhe und Mäßigung zurücklenkte. Nur auf dem Pferde zeigte er dieſe ſtete Ruhe nicht; das langſame Reiten war ihm von jeher ein Gräuel geweſen und kein Pferd flog ihm ſchnell genug, denn für ihn gab es nie einen Weg zum Ziele, ſondern nur das Ziel ſelbſt. 4 21⁵ Der vollkommene Gegenſatz von ihm war der kleine ſchmächtige Graf Treufels. Dieſer entſprach im Ganzen und Einzelnen den Neigungen und Beſtrebun⸗ gen der Familie, aus der er entſproſſen war. Er war ein kleiner Hofmann von Jugend an. Leichtblütig, wandelbar, alle Geſtalten annehmend, ſich beugend wenn es nöthig, ſich wieder aufrichtend wenn es zu⸗ läſſig, nahm er das Leben von ſeiner leichteſten Seite, und die angenehmſten Augenblicke deſſelben waren ihm ſtets auch die Hauptaugenblicke. So machte ihm auch das Lernen, die Arbeit an und für ſich kein Vergnügen, er lernte und arbeitete nur, weil ſein Verhältniß zum Prinzen es erforderte; dem Spiele huldigte er ſchon mit mehr Hingebung, ſein ganzes Herz aber weihte er den eigentlichen Tändeleien und klein⸗ lichen Genüſſen, wie er ſie die erwachſenen Hofleute mit vollem Eifer betreiben ſah. So war er auf dem beſten Wege ein hoffertiger Cavalier, ein moderner Ritter, ein galanter Modeherr zu werden, und da der Prinz ihn allmälig dieſe Geſtaltung annehmen ſah, ſo wandte er ſich innerlich immer mehr von ihm ab, je reifer und männlicher er ſelbſt wurde und je deut⸗ licher ſein Charakter das Gepräge erhielt, das er zu⸗ letzt für ſein ganzes Leben bewahren ſollte. Was mich ſelbſt betrifft, ſo darf ich vielleicht ſchon 216 aus Beſcheidenheit nicht allzuviel über mich ſagen, auch ſprechen hoffentlich meine ſpäteren Handlungen mein ganzes Weſen deutlicher aus; nur ſoviel muß ich erwähnen, daß ich frühzeitig lernte, mich zu fügen, und ohne meiner Männlichkeit etwas zu vergeben, meinen jungen Stamm dahin zu beugen, wohin der herrſchende Wind ihn trieb. Und der herrſchende und mich beherrſchende Wind blies mir von jeher von meinem fürſtlichen Freunde her; wozu er mich be⸗ ſtimmte, das that ich, aber da er mich zu nichts Un⸗ edlem, Unrechten und Erheuchelten beſtimmte, vielmehr nur zu dem, wohin ſeine ungekünſtelte Natur von ſelber neigte, ſo hatte ich keinen Schaden davon. Vor allen Dingen war ich dankbar gegen die Vor⸗ ſehung, daß ſie mein Geſchick mit ſo gnädiger Güte in die Hand genommen; ich erkannte völlig, welches Glück mir zu Theil geworden war, und ich vergaß auch nie, den alten Fürſten auf jede Weiſe meine Empfindungen darüber erkennen zu laſſen. So ging ich denn mit dem Prinzen freien, kühnen Schrittes meine mir vorgezeichnete Bahn entlang, mit ihm Hand in Hand überſtieg ich die Berge, die ſich vor uns aufthürmten, mit ihm Hand in Hand ſtand ich auf den herrlichen Gipfeln, die wir Dank unſerer beharr⸗ lichen Beſtrebungen erreichten, aber ich theilte auch 217 Arbeit, Mühe und Kampf mit ihm, wie ja das Leben ſie jedem Sterblichen in den Weg wirft, den die all⸗ mächtige Vorſehung auf dieſen ſeltſamen Planeten ge⸗ ſetzt hat. „ Allmälig, als wir heranwuchſen und ohne daß wir es ſo recht eigentlich merkten, wurden wir drei Gefährten in die große Arena eingelaſſen, die man einen fürſtlichen Hof nennt. Erſt ließ man uns gleich⸗ ſam nur durch eine kleine Oeffnung das wirre Gee treibe ganz aus der Ferne betrachten; dann machte man uns eine kleine Seitenpforte auf, durch die wir ungeſehen einſchlüpften und als unbemerkte Kobolde unſer geheimes Weſen trieben; dann aber lud man uns ein, durch eine breitere Pforte gefälligſt näher zu treten, bis wir endlich mit dem großen Haufen durch das weite Thor einſtrömten, welches man in der Hofſprache: Courfähigkeit nennt. Offen geſtanden aber war der erſte Genuß, der uns zu Theil wurde, als wir noch aus der Ferne durch das kleine Guckfenſter hineinſchauten, der beſte geweſen, denn aus ſolcher Ferne ſahen viele Dinge ſchön, groß und bedeutend aus, die in der Nähe be⸗ trachtet in der That ſehr häßlich, nichtig und unbe⸗ deutend ſind. Je näher wir aber der großen Sonne kamen und endlich, als wir uns gar mit dem großen 6 * 218 Haufen durch die weiteſte Pforte in das Allerheiligſte ſtürzten und von den köſtlichen Düften und Genüſſen trinken wollten, an denen ſich die Uebrigen ſchon voll gelabt hatten, da fanden wir die ſo heiß geträumten Strahlen dieſer Sonne ſehr kühl, die Düfte ſehr zwei⸗ deutig, die Genüſſe ſehr ärmlich, und was wir für lauter Gold und Edelſtein gehalten, war eitel Schaum⸗ werk und künſtlich geſchliffenes Glas. Welche hohe Meinung hatten wir zum Beiſpiel in unſeren jüngeren Jahren von der alle Welt beglücken⸗ den Feſtlichkeit gehabt, welche man in der Reſidenz einen fürſtlichen Theezirkel nannte. Das muß köſtlich, göttlich ſein, hatten wir uns gedacht. Ach, als wir aber dieſen Theezirkel erſt näher kennen lernten, da fanden wir eine ungeheure Fülle von langer Weile vor, ſo daß wir bald Furcht bekamen, abermals mit einer Einladung dazu beehrt zu werden. Denn was war es für uns junge, naturwüchſige und der Frei⸗ 1* heit gewohnte Leute für ein Vergnügen, zwei Stun⸗ den lang mit dem Hute unter dem Arme, die Thee⸗ taſſe vorſichtig in der Hand haltend, damit ſie uns um Gotteswillen nicht entſchlüpfe, und mit geſpannten Augen und Ohren, als müßten wir immer zum Laden oder Abſchießen unſerer Pfeile gerüſtet ſein, in einem Kreiſe von Damen und Herren zu ſtehen, die ſich 219 Alle ungebeure Lügen aufbanden, unverſchämte Schmei⸗ cheleien ſagten, von Geiſt und Talent ſchwatzten und doch keins von beiden beſaßen, ihr wahres Geſicht hinter einer dicken Maske von Schminke und einge⸗ lerntem Lächeln verbargen und nicht ein Korn von der Wahrheit ſprachen, die ihnen Gott der Herr in's Herz gelegt hatte? Wir dachten wunder was für Aufſchlüſſe über das Leben wir in dieſem vielgerühm⸗ ten Zirkel erhalten würden, und was war unſere ganze Ausbeute? Wir erfuhren, daß Seine Durchlaucht heute ſehr gnädig, Seine Exeellenz ſehr gütig ſeien, daß Ihre Durchlaucht ſehr ſchön ausſehe, Ihre Gna⸗ den ſehr liebenswürdig wären, und konnten dabei allerdings unſere von Herrn Beau eingetrichterten Verbeugungen, Haltungen und Kopfſenkungen an den Mann bringen,— aber Genuß, Vergnügen oder gar Vortheil hatten wir davon auf keine Weiſe. Nein, da war unſer ſtilles und harmloſes Natur⸗ leben, an das wir von jeher gewöhnt, in dem wir fröhlich aufgewachſen, doch ſchöner und ſegenbringen⸗ der; da konnten wir heiter und ungeſtört unſere Mei⸗ nungen austauſchen und ſprechen, wie uns der Schna⸗ bel gewachſen war, da brauchten wir nicht zu ſchwei⸗ gen, wenn uns das Reden, und zu reden, wenn uns das Schweigen paſſend erſchien. Da durften wir 220 lachen, wenn Einer einen guten Einfall gehabt, da konnten wir ſtehen oder ſitzen, je nachdem unſre Friſche oder Müdigkeit es verlangte, da waren wir mit einem Wort Menſchen, und hier— hier waren wir, das gewahrten wir ſehr wohl, nur Puppen, die ein bald übermüthiger, bald melancholiſcher Harlekin, Etikette genannt, an einem unſichtbaren Faden nach ſeinem Gefallen lenkte. Was mich insbeſondere betrifft, ſo fühlte ich mich namentlich anfangs noch mehr von dem Zwange die⸗ ſes Hoflebens bedrückt, als der Prinz, denn ich ſagte mir beſtändig:„Du gehörſt nicht in dieſen goldenen Kreis, Du biſt nur ein Baum, der wider ſeine Natur in dieſen Boden verpflanzt iſt und der hier nun und nimmer gedeihen kann.“ Meine angeborene Zurück⸗ haltung ließ mich daher wünſchen, ein für alle Mal von dieſem Zwange frei zu bleiben, zumal mir immer das ſpitze Geſicht der Gräfin Wetterau in ſolchen Augenblicken auffiel, die mir zu ſagen ſchien:„Was willſt Du Tölpel hier? Du biſt eine Krähe unter den Tauben, marſch fort mit Dir zu Deines Gleichen!“ Als ich aber den Prinzen bat, mich von der Tortur dieſer Hoffrenden zu entbinden und mich nie zu einen Genuſſe zu zwingen, zu dem mir alle Organe verſagt waren, ward er faſt unwillig und ſagte:„Wie, Du 221 willſt mich allein auf dieſem glatten Boden laſſen? Soll ich ſtraucheln und will mich Niemand halten? Du willſt draußen trinken, während ich hier durſte? Gott bewahre! Und vor den Geſichtern hier fürchteſt Du Dich, vor dieſem da“— er meinte die Gräfin —„insbeſondere? Daß ich Dich nicht für feige halte, Kurt! Schneide ihr wieder eins, das kannſt Du, denn ſie hat keine Macht über Dich; Du biſt mein Freund und Gefährte, wenn Du es nicht übel nimmſt, mein Schatten, und wo ich alſo bin, biſt Du auch, oder ſie ſoll Alle der Teufel holen, Groß oder Klein, mit oder ohne Bart, wenn ſie Dir eine froſtige Miene machen!“ So mußte ich denn wider meinen Willen gehorchen und Mitgenoß der vielen Hoffreuden ſein, die uns fortan in ewig wiederkehrendem Einerlei geboten wur⸗ den, und es ward mir nur ſehr ſelten geſtattet, be⸗ ſcheiden aus der Ferne als Zuſchauer zu figuriren, wozu mich doch meine ganze Neigung zog. War ich dann aber der Theilnehmer An einer großen Hofaction geweſen, war einmal ein recht glänzendes Feſt gefeiert worden, dann kam ich jedesmal mit einer wahren Herzkrankheit nach Hauſe. Eine eigenthümlich traurige Gemüthsſtimmung befiel mich ſchon in den glänz enden Säälen, ich ſtahl mich ſo früh wie möglich fort. um 222 nuch einen kräftigen Labezug aus dem reinen Natur⸗ duft einzuſangen, und erſt hier dehnte ſich meine Bruſt wieder mächtig aus, denn hier, das fühlte ich wohl hundertmal, war ich wirklich zu Hauſe, hier war ich von Jedermann gern geſehen, hier ſchaute mich kein geſchminktes Geſicht an, hier hörte ich nur Stimmen der Wahrheit, ſah ich nur das Lächeln der unver⸗ fälſchten Natur, und Alles und Jedes verſtand meine Meinung, wie ich den Sinn von Allem und Jedem verſtand. Auch der Prinz ſchien bald etwas Aehnliches zu empfinden; ſeinem geſunden Magen ſagten die ſüßen Speiſen der Hoffeſte eben ſo wenig zu und er ſehnte ſich nach kräftigerer Koſt zurück. Als er aber dieſen Widerwillen erſt einmal empfunden, ſträubte er ſich viel energiſcher und erfolgreicher als ich gegen den unnatürlichen Zwang der Etikette. Sobald er erſt mathematiſch bewieſen ſah, daß er ſich nirgends ſo langweile als bei Hofe, ſobald er ſich durch den Ver⸗ kehr mit den glatten Herren und den Augenfunkelnden Damen in nichts gefördert erkannte, da lag ein für alle Mal die ganze Hohlheit des ſogenannten großen Lebens vor ihm aufgedeckt und er kehrte eifriger denn je zu der kühnen freien Ungezwungenheit zurück, der wir ſeit Jahren da draußen gehuldigt hatten. So 223 5 gaben wir uns vor wie nach den leiblichen Uebungen, dem Fechten, Reiten, Turuen, Schwimmen und Schießen hin und zogen uns, ſo oft es ging, unter irgend einem Vorwande von den officiellen Vergnügungen zurück, nach denen ein ſo allgemeines Trachten und Drängen ſtattfand, daß man die Abweſenheit Einzelner wohl bisweilen überſehen konnte. Und ſo kam es denn, trotzdem uns ſo mancher Anreiz zu Theil wurde, das Leben von der allerleichteſten Seite aufzufaſſen, ja vielleicht eben weil man uns gern auf der ſchlüpfrigen Bahn des allgemeinen Lebensgenuſſes geſehen hätte, daß wir mehr dem eigenen Naturell als den Einflüſſen der uns umgebenden Menſchen folgten, daß wir, mit einem Wort, eine ernſtere Geiſtesrichtung einſchlugen, als man uns von vornherein zu geben die Abſicht gehabt hatte. Nur Graf Treufels ſtimmte hierin nicht ganz mit dem Prinzen und mir überein, und um ſo 6 4 weniger, je älter wir wurden, bis wir plötzlich wie divergirende Sternſchnuppen ganz aus einander liefen, er die glatte Hofbahn betrat, wir dagegen unſre eigene verfolgten, die allerdings den Prinzen wie mich zu Zielen führte, die wir uns in unſrer Jugend nicht im Traume hatten beifallen laſſen. Aber gerade das Abweichen des Grafen von unſern Neigungen un Beſtrebungen, war es, glaube ich, was viel dazu 224 trug, mich dem Prinzen noch näher zu bringen und ihn noch inniger an mich zu feſſeln, denn als ihn der Graf ſpäter verlaſſen, um die Studien der jungen Weltbürger mit den Intriguen des Hofmanns zu ver⸗ tauſchen, wollte er keinen. neuen Gefährten an ſeiner Seite haben, ſo lebhaft der Fürſt dieſe Abſicht auch ausſprach; er fühle ſich, ſagte er ihm wiederholt und eindringlich, in meiner Geſellſchaft glücklich, er verlange keinen anderen Begleiter, und ſo blieb ich, was ich * ſeit meinem zwölften Jahre geweſen und was mich ſo ſtpolz und glücklich machte: fortan ſein einziger und beſter Freund. Doch ich kehre jetzt wieder zu unſrer Jugendge⸗ ſchichte zurück, die nun bald ein lebhafter gefärbtes Colerit annehmen wird, und verſetze den Leſer etwa in die Periode, die zwiſchen unſerm fünfzehnten und ſechszehnten Lebensjahre lag. Um dieſe Zeit hatten ſchon mannigfache Veränderungen ia unſrer Lebens⸗ weiſe ſtattgefunden. Die kindlichen Spiele hatten ernſteren Unterhaltungen Platz gemacht, die Blasröhre waren den Piſtolen und Flinten, die hölzernen Rappiere den ſtählernen gewichen, und ſtatt der ehemaligen hartmäuligen Eſel hatten wir flinke, munter trabende Ponies erhalten, auf denen wir nun meilenweit in die Runde flogen und uns einer Freiheit und Freizügig⸗ 225 keit erfreuten, die nothwendig ein Beſitzthum des denkenden Menſchen ſein muß, wenn er ſich zufrieden 8 und glücklich fühlen will. Aber nicht allein die kind⸗ lichen Vergnügungen hatten ernſteren Unternehmungen, und leichtere Spiele ſchwereren Uebungen Platz ge⸗ macht, auch in Bezug auf unſre Studien hatten ſich von ſelbſt mehrfache Abweichungen von den zuerſt auf⸗ geſtellten Lehrplänen ergeben. Vor allen Dingen war Herrn Beau's Einfluß in den Hintergrund ge⸗ treten und das war an und für ſich ſchon ein uner⸗ meßlicher Fortſchritt; ſchreiben und zeichnen konnten wir zur Genüge, das lehrte der edle Mann nun den jüngeren Brüdern des Prinzen, und was das Turnen anbetraf, ſo hätte er jetzt ſelbſt bei uns in die Schule gehen können, denn nie hatte er ſo kühne und wage⸗ halſige Luftſprünge gelehrt, als er ſie jetzt alle Tage von uns zu ſehen bekommen konnte. Zur Belohnung für die Ausbildung unſers Körpers aber hatte der dankbare Fürſt, der, den Sympathieen der Gräfin Wetterau folgend, alle Tage mehr anfing, in dem unſchönen Leibe dieſes Paraſiten eine ſchöne Seele zu entdecken, demſelben die Stelle eines geheimen Privat⸗ ſecretairs übertragen, der er nun neben⸗ ſeinen übrigen Beſchäftigungen auf das Eifrigſte oblag A fand er Gelegenheit genug, ſich in der Pübenen diplo Der Sohn des Gärtners. I..* 15 226 matiſchen Carriere zu vervollkommnen, wie er früher ſo oft gewünſcht, und alle die geheimnißvollen Talente an den Mann zu bringen, mit denen ihn, zum Nach⸗ theil des vertrauensvollen Fürſten, die Natur ſo über⸗ reich ausgeſtattet hatte,— doch das wird ja noch deutlicher die Zukunft entſchleiern. Alle Stunden aber, die früher Herrn Beau zuertheilt geweſen, nahm jetzt Herr von Transfeld und noch ein anderer Lehrer bei uns ein, und dieſen beiden pflichtgetrenen Männern verdanken wir alle Schulweisheit, für die man unſre Herzen ſchon in jungen Jahren zu entflammen ſo ver⸗ nünftig war. Je bedeutungsvoller aber die Fortſchritte ſich er⸗ wieſen, die wir hierdurch in der Erkenntniß des Guten, Edlen und Schönen machten, um ſo größere Luſt fand ſich auch allmälig in uns Beiden ein, die große Welt icht allein in dem Mittelpunkte, auf dem wir lebten, unſrer Heimat, ſondern auch in ihrer Peripherie kennen zu lernen und mit hervorragenderen Menſchen in Be⸗ rührung zu kommen, als damals bisher in unſre Nähe gerathen waren. Glücklicherweiſe leitete uns auch hierin Herr von Transfeld auf erwünſchte Art an, denn er war kein philologiſcher Pedant, der den Buchſtaben für edler als den Sinn hielt, er liebte die ſtrenge Schulweisheit nur als Mittel zum Zweck, er ſehnte 227 ſich ſelbſt in ein großartigeres, geiſtreicheres Leben hinein, und das beſchränkende Ceremoniell eines kleinen deut⸗ ſchen Fürſtenhofes war ihm ein Gräuel, was, da wir es wußten, vielleicht mit dazu beitrug, uns Abneigung dagegen einzuflößen, obgleich jener brave Mann ſeine Pflicht niemals ſo weit verletzte, daß er ſeinen Abſcheu vor Hoffeſten und den Forderungen der Etikette dabei ſeinen Schülern offen gezeigt hätte. Allein wir hatten feine Naſen von der Natur empfangen, wir witterten ſchon von Weitem, was uns zuträglich und erfreulich war, und als wir geiſtig erſt ſo weit gereift waren, daß wir mit Herrn von Transfeld unſre Meinungen darüber austauſchen konnten, öffnete dieſer edle Mann das Viſir ſeines Herzens und ließ uns tief und ganz in die Wünſche und Hoffnungen blicken, die er nicht nur für ſich, ſondern auch für Andere zu erſehnen ſo ehrlich war. Als wir aber erſt ſo weit gelangt, begann ſich eine neue Morgenröthe am Himmel unſerer Hoffnun⸗ gen zu entſchleiern. Der Hof und die Perſonen, die ſich wie Bienen um die Honigwabe daran herumtrie⸗ ben, kümmerten uns ſehr wenig mehr; der Iſisſchleier des Fürſtenglanzes fing an immer tiefer zu ſinken, der ſtrahlende Nimbus um eine nur von Aberwitzigen für 3 untäglich gehallene und beneidete Größe 15⸗ 228 mälig, und im innerſten Herzen dämmerte uns die freudige Ahnung von einem freien, glücklichen Men⸗ ſchenleben auf, von dem aller Fürſtenglanz und Reich⸗ thum immer nur ein unendlich geringer Bruchtheil iſt. Doch bevor ich in meiner Erzählung zur Darſtel⸗ lung der allmälig in uns auftauchenden Ideenwelt ſchreite, will ich noch einmal und zum letzten Male in unſere Jugend zurückkehren und dem Leſer ein Bild entrollen, das er nun endlich genauer kennen lernen muß. Ich meine jenes bairiſche Häuschen, in deſſen Nähe Aleſſandra, die Prophetin, mir einen Fürſtenſeſſel verheißen hatte,— ein Ort, der ſowohl für den Prinzen wie für mich von einer verhängnißvollen Bedeutſamkeit werden ſollte, ſo verhängnißvoll und bedeutſam, wie wohl keine von allen Perſonen, die am Hofe des Fürſten lebten, dieſen ſelbſt mit einbe⸗ griffen, hätte ahnen können, als man uns zum erſten Male dahin führte und ſagte:„Da ſteht das allbe— liebte bairiſche Häuschen, das der Fürſt ſelbſt erbaut und mit dieſem Namen geſchmückt hat.“ Betrachten wir denn dieſen Ort und zunächſt ſeine Entſtehung etwas genauer; es liegt ein Stück Roman⸗ tik darin und darauf, und wahrlich! romantiſch genng waren die Ereigniſſe und Vorfälle, die ſich noch fer⸗ ner darin zutragen ſollten. 4 * 229 Der Fürſt hatte in den erſten Jahren ſeiner Ehe mit ſeiner Gemahlin eine Reiſe nach München und den bairiſchen Hochalpen unternommen, auf der ſie unter Anderen ein junger Forſtcandidat, Namens Waldſtein, begleitete. Dieſer, wie immer die Umge⸗ bung des fürſtlichen Paares, war ein ſchöner, kräfti⸗ ger und dabei vortrefflicher Mann, ein wahrer Kern⸗ menſch, der das Herz auf der Zunge und die Seele im Auge trug. Auch liebte ihn der Fürſt ſehr und wollte ihm für alle Zukunft wohl. Auf der Reiſe nun, und zwar bei einer Gemsjagd im Hochgebirge, gerieth der Fürſt durch einen Sturz in Lebeusgefahr, Waldſtein aber hatte das Glück, ihn mit großer Kühn⸗ heit und Anſtrengung zu retten, und von dieſem Augenblicke an blieb Waldſtein der erklärte Günſtling des Fürſten und Niemand aus der ganzen Umgebung war ihm ſo theuer wie er. Dieſe Gunſt wußte Wald⸗ ſtein dahin zu benutzen, daß der Fürſt ihm die Er⸗ laubniß ertheilte, ein armes aber ſehr ſchönes Mäd⸗ chen aus jener Gegend, dem er ſeine Liebe zugewandt, zu heirathen; die elternloſe Hochländerin wanderte mit nach dem Norden und gewann ſich durch ihre Schön⸗ heit und naive Liebenswürdigkeit die Gunſt des fürſt⸗ lichen Paares, wie ſie ihr Gatte ſchon ſeit langer Zeit beſaß. Den jungen Chelenten eine Aufuertſam⸗— 230 keit zu erweiſen, der ſchönen Frau eine angenehme Heimat zu bereiten und dabei ſich ſelbſt eine wohn⸗ liche Stätte zu gründen, baute der Fürſt gleich nach der Rückkehr von der Reiſe das bairiſche Häuschen, das allerdings nur ein Häuschen hieß, aber ſeinem Umfange und Inhalte nach ein ſehr anſehnliches, hübſches und reiches Haus war, und als es fertig ge⸗ worden, wies er dem glücklichen Paare die unteren Räume zum Wohnſitze an, indem er Waldſtein zum fürſtlichen Hofförſter ernannte, mit welchem Amte eine nicht zu verachtende Einnahme verbunden war. Der Bau ſelbſt war ganz im Style der Häuſer aufgeführt, die der Fürſt im bairiſchen Alpenlande ſo wohnlich und geſchmackvoll gefunden hatte, die Einrichtung aber und die vollkommene Ausſtattung, die er darin den jungen Leuten zukommen ließ, entſprach völlig ſeinem eigenen Geſchmacke und legte eben ſo viel Zeugniß für ſeine Hochherzigkeit wie ſeine Freigebigkeit ab. Das Haus lag, wie ſchon erwähnt, auf einer ra⸗ ſenbedeckten Lichtung im fuürſtlichen Gebirgswalde, Habichtswald genannt, und zwar auf einer der höch⸗ ſten Bergkuppen der ganzen Umgegend. Nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen hin waren durch die Wälder ſymalene Lichtungen gehauen und durch alle dieſe ſcweillte der Blick des Bewohners weit 231 und tief in das Land hinein, in allen Weltgegenden zuletzt auf einem Punkte ruhend, der für das Auge erfreulich wie überraſchend war, wie man denn auch von dem großen Saale des Obergeſchoſſes aus in der Ferne das fürſtliche Schloß in W... ſelbſt auf ſei⸗ nen grünen Terraſſenbergen herrlich herüber blinken ſehen konnte. Auf allen Seiten aber umſchloß den Gipfel des Berges, auf welchem das bairiſche Häus⸗ chen ſtand, ein ſchöner und ſchattiger Hochwald, in dem man große Heerden des edelſten Wildes zog, weshalb denn auch hier zu beſtimmten Zeiten die fürſtlichen Jagden abgehalten wurden, deren Mittel⸗ und Brennpunkt das bairiſche Häuschen ſelber blieb. Um es dem Leſer noch etwas genauer vor Augen zu führen, obgleich er gewiß ſchon ähnliche Gebäude irgend wo erblickt hat, ſo beſtand es aus zwei Stock⸗ werken, die durch eine außen rings herum laufende Galerie von einander getrennt waren, über die ſich aber das weit vorſtehende und mit Steinen beſchwerte Dach ſchützend ausdehnte. Die unteren Räume wa⸗ ren theils dem Hofförſter zur Wohnung angewieſen, theils dienten ſie zu häuslichen Verrichtungen und zur Aufbewahrung von allerlei Jagdgeräth; die erſtere war überaus bequem und wohnlich möblirt, glich aber nicht im Entfernteſten dem oberen Stockwerte zu demr 8 “ 232 man auf einer unter dem vorhängenden Dache liegen⸗ den Außentreppe gelangte, um deren Geländer ſich eine reiche Fülle wilden Weines und üppiger Schling⸗ gewächſe rankte. Obgleich nun der Fürſt dieſes Wald⸗ haus nur zur Zeit der regelmäßig ſtattfindenden Jag⸗ den beſuchte und ſonſt nur ausnahmsweiſe dann und wann ein paar Stunden daſelbſt verbrachte, ſo war es doch ſo vollſtändig zum Bewohnen eingerichtet, daß ſogar die ganze fürſtliche Familie darin hätte Auf⸗ nahme finden können, ohne in ihrer gewohnten Be⸗ quemlichkeit irgend eine Einbuße zu erleiden, da es der größeren und kleineren Räume in genügender Anzahl beſaß. Die innere Einrichtung nun war im altdeutſchen Style gehalten; geſchmackvoll ohne Luxus, reich ohne Ueberladung, gemüthlich ohne Einſchrän⸗ kung. Alle Wände waren mit polirtem Holzgetäfel bekleidet und die Fußböden eben ſo kunſtvoll zuſam⸗ mengefügt wie im glänzendſten Zuſtande erhalten. An dieſen Wänden prangten die herrlichſten Gemälde, die ſich ſämmtlich entweder auf die Jagd oder auf das Leben in den bairiſchen Alpen bezogen. Dazwi⸗ ſchen waren bildliche Darſtellungen allerlei Thiere in Holzſchnitzarbeit angebracht, denen man in jenen Hoch⸗ landen begegnet. In gleicher Weiſe verriethen alle Möbel und Geräthe ſchon in ihrer Zuſammenſetzung 233 dieſelbe Abſicht, denſelben Zweck des Erbauers und Beſitzers: hier einen gefälligen Mittelpunkt für das Jagdleben zu ſchaffen, dem der Fürſt in früherer Zeit und auch jetzt noch periodenweiſe mit Liebhaberei er⸗ geben war. So bemerkte man unter Andern auch ſehr ſchöne Geweihe von Hirſchen und Rehen, alle Jagdutenſilien in feinſter und vollendetſter Geſtaltung, ferner alle Bequemlichkeiten, nach denen ein Jäger ſich ſehnt, wenn er vom Pirſchen ermüdet heimkehrt und einer eben ſo wohlthätigen wie genußreichen Ruhe entgegenſieht. Die Kamine in den größeren und klei⸗ neren Gemächern verbreiteten im Herbſt die ange⸗ nehmſte Wärme, reizende Teppiche, den Moosgrund des Waldes nachahmend, bedeckten den glatten Par⸗ quetboden, grüne, warme Portieren von ſchweren Stoffen verſchloſſen alle Thüren, eihmakweehe hänge beſchatteten alle Fenſter, und Keller und Küche lieferten Alles und Jedes, was ein hungriger Magen und eine feine Zunge nur Herrliches und Erfriſchen⸗ des begehren mag. Daß wir Knaben dieſen Ort, nachdem wir ihn erſt einmal betreten hatten, bald lieb gewannen und ſo oft wie möglich zu beſuchen trachteten, verſteht ſich von ſelbſt. Ich erwähne alſo nur, daß von einer ge⸗ iſſen Zeit an unſer Streben faſt allein nur nach ihm gerichtet war, beſonders ſeitdem wir Pferde er⸗ halten und damit anfangen konnten, was wir wollten, ſobald die Stunde unſerer Freiheit geſchlagen hatte. In der Regel begleitete uns Herr von Transfeld auf dieſen Ausflügen, aber oft, wenn er anderweitig be⸗ ſchäftigt war oder, was er ſehr liebte, ſeine einſamen Wege nach irgend einem Orte der Nachbarſchaft ver⸗ folgte, ritten wir auch allein, nur von des Prinzen Reitknecht Turner begleitet, dem die Pflege unſerer Pferde oblag, und mochten wir auch ein ganz anderes Ziel in der Umgebung des Schloſſes zuerſt erwählt haben, immer kehrten wir ſchließlich im bairiſchen Häuschen um dort unſere beliebten Uebungen im i 1 Jagen und Fiſchen mit dem größ⸗ mit ſolchen von des Förſters Gattung umzugehen, ihr Naturell raſch aufzufaſſen und ſie demgemäß zu 23⁵ behandeln, hatte etwas Unwiderſtehliches, und wer dem Prinzen erſt einmal in's Auge geblickt und ſeinen warmen Händedruck empfangen, war ein für alle Mal für ihn gewonnen und fügte ſich ohne Widerrede in den immer feſt und unwandelbar ausgeſprochenen Willen des allmälig zum Jüngling herangereiften Fürſtenſohns. Waldſtein ward denn alſo unſer Lehrer in allen Künſten der Jagd, aber er ſchloß uns auch mit ſeinem für die ganze Natur warmfühlenden Herzen den ge⸗ heimnißvollen Zauber des dunklen Waldlebens auf, für welches er ſchwärmte, wie einſt für ſeine einzige Jugendliebe. So wurden wir durch ihn zu Schützen mit allen möglichen Feuerwaffen und nach allen mög⸗ lichen Zielen gebildet, und wir erreichten darin eine Vollkommenheit, wie ſie nur dann erlangt zu werden pflegt, wenn eine natürliche Begabung mit frühzeitiger Uebung und angemeſſener Leitung ſich verbindet. War es alſo ein Wunder, daß wir Drei, nament⸗ lich der Prinz und ich, uns zu dem biederen Wald⸗ ſtein hingezogen fühlten, daß wir den Forſt mit ihm nach allen Richtungen durchſtreiften und kaum die Zeit erwarten konnten, wo es uns vergönnt war, das bairiſche Häuschen auf unſern Pferden zu erjagen, das uns immer heiter und zufrieden ſtimmte, ſobald wir 236 es nur von ferne aus dem Schatten des Waldes auf⸗ tauchen ſahen? Aber außer dem Förſter gab es noch ein anderes Anziehungsmittel im bairiſchen Häuschen, und ich wage es nicht, genau die Zeit zu beſtimmen, wo der Wunſch, nur bei Waldſtein zu ſein, dem Wunſche Platz machte, auch einem anderen Augenpaar daſelbſt zu begegnen. Der Förſter bewohnte nämlich ſein einſam gelege⸗ nes Haus nicht allein; wenn die Vorſehung ihm auch ſein treues ſchönes Weih ſchon vor vielen Jahren genommen, ſo hatte ſie ihm doch in der einzigen Toch⸗ ter deſſelben einen nicht gering anzuſchlagenden Erſatz geboten, denn Elsbeth, welche die Eigenſchaften bei⸗ der Eltern im vollſten Maaße geerbt und noch einige andere, nicht minder liebenswürdige, dazu empfangen hatte, war dem vereinſamten Manne ein Kleindd von namenloſem Werth. In ihr, der hlgerathenen Toch⸗ ter, erblickte und ſck r nicht nur die köſtliche Hinterlaſſenſchaft der früh verſtorbenen Gattin, ſondern überhaupt das einzige Gut, welches ihn mit dem Leben auf innige Weiſe verband und dieſem ſelbſt den letzten und alſo unſchätzbaren Reiz verlieh. Elsbeth verdiente aber auch dieſe gränzenloſe Liebe vollkommen; das Ebenbild ihrer Mutter in jüngeren 237 Jahren, wie uns der Vater ſo oft verſichert, machte ſte in der Nationaltracht jener, die ſie ſtets beibehielt, von Anfang an einen außerordentlich angenehmen und neuen Eindruck auf uns, und wenn wir das lebhaft feurige und doch dabei ſinnige Mädchen in dem ſchwarzen ſilbergeſtickten Sammtmieder und im kurzen runden Röckchen nicht ſahen, ſobald wir im Forſthauſe anlangten, ſchien uns immer die eigentliche Sonne des Waldes zu fehlen, wenn dieſe auch ſelbſt in ihrer ganzen hehren Majeſtät ihre Gluthſtrahlen uns ent⸗ gegenſandte. Elsbeth war aber nicht allein ein ſchönes, friſches, wackeres Kind in jeder Beziehung, nein, ſie war auch mit großen Gaben geboren, die ihre Erſcheinung zu einer nicht alltäglich wahrnehmbaren ſtempelten. Von naivem Weſen, aufgelegt zu jedem Scherz, munter ein⸗ gehend auf jeden unſerer Wünſche, war ſie raſch in ihren Bewegungen und führte dieſe doch ſo leiſe aus, daß man ſie nie kommen oder gehen hörte, vielmehr wie einen leicht beſchwingten Vogel immer ſchweben zu ſehen glaubte. Furchtlos wie ſelten ein Mädchen, von Jugend auf an das Waldleben gewöhnt, an allen Handlungen und Geſchäften ihres Vaters Theil neh⸗ mend, begleitete ſie dieſen und auch uns auf die Jagd, ſchoß mit uns nach der Scheibe dnd nur auf ein ſi K 238 hendes oder ſtehendes Wild mochte ſie ihre ſelten feh⸗ lende Kugel nicht abſenden, da ihr Herz dazu zu weich war und die braunen Thiere ihr zu glücklich ſchienen, um ſie ſo früh ſchon dieſem Glücke zu entreißen. Auch zum Fiſchfang auf dem unfern im Walde ge⸗ legenen Weiher begleitete ſie uns, und kein Weg war ihr zu weit, kein Sonnenſtrahl zu warm oder kein Winterſturm zu kalt, wo ſie nicht gern unſere Gefähr⸗ tin geweſen wäre, wenn nur ein Wink von uns ſie dazu veranlaßt hätte. 3 Und ſeltſam, nicht allein draußen im Walde war Elsbeth zu Allem brauchbar und aufgelegt, auch im Innern des Hauſes beſaß ſie ein großes Geſchick, ſich überall und immer beliebt und unentbehrlich zu machen. Ja hier erſt recht kam ihre weibliche Natur zum Vor⸗ ſchein, denn hier ordnete ſie Alles und Jedes mit gefügiger Hand auf das Zweckmäßigſte an und be⸗ wegte ſich dabei ſo ſylphenhaft auf und nieder, daß wir oft nur ein leichtes Rauſchen, wie das eines ſanf⸗ ten Frühlingswindes, hinter uns vernahmen, wenn ſie thätig war, um uns Alles ſo wohlig und nett zu machen, daß wir unſere Freude daran hatten, wenn wir es mit Augen ſahen. Obgleich ſie nun mit den 3 gewöhnlichen Hausarbeiten nichts zu thun hatte, da⸗ eine alte Verwandte des Förſters darüber die Ober⸗ 239 aufſicht führte und dienende Hände genug vorhanden waren, das Ganze in Ordnung zu halten, ſo liebte Elsbeth es doch, mit eigenen Augen ſich zu über⸗ zeugen, ob auch im oberen Stockwerk jedes Einzelne ſo geſtaltet ſei, wie es ſich für die Wobnung eines Fürſten oder Prinzen zieme, und ſo fanden wir denn in unſern kleinen Zimmern Alles ſtets ſo geordnet und geſtellt, wie wir es liebten und die kleine Fee des Hauſes es uns mit ihren aufmerkſamen Ohren bald abgelauſcht hatte. Außer dieſer feineren Glättung des höheren Hausweſens war aber Elsbeth auch über⸗ aus fleißig in der Anfertigung jener zierlichen Ar⸗ beiten, die dem weiblichen Geſchlecht insbeſondere zu⸗ gefallen ſind, und ein ſeltenes Geſchick bei der Erler⸗ nung derſelben war ihr von der Natur zu Theil ge⸗ worden. Was ihre Augen an zarter Stickerei, Häkelei oder dergleichen ſahen,— ſie ruhte nicht eher, als bis ſie es ebenfalls anfertigen und als angenehmes Ge⸗ ſchenk bald Dieſem bald Jenem verehren konnte. Wunderbar iſt es, wie dies Kind, von Jugend auf ſo von aller Welt geſchieden, ſo ſelten mit Kindern ihres Alters und Geſchlechts zuſammenkommend, ſich 3 ſo ſelbſtſtändig und reich entwickeln konnte, allein abe: geſehn von dem guten Keime, den die Natur in ſie gelegt, hatte ſich ihr Vater von jeher ihrer angenom⸗ men, war ihr Lehrer in Allem geweſen, was er ſelbſt wußte, und hatte überdieß bis zu ihrem vierzehnten Jahre eine Lehrerin im Hauſe gehalten, die ihre Pflicht in der Erziehung des einſamen Kindes voll⸗ kommen zu erfüllen verſtanden. In Bezug auf ihr Alter erwähne ich, daß ſie nur etwa vier Jahre jünger war als wir ſelber, alſo in dieſer Beziehung zu uns paßte, da ein von der Natur begabtes Mädchen ſich geiſtig viel raſcher entwickelt als Knaben, ſelbſt wenn dieſe, wie ſie uns geboten ward, die beſte Anleitung von der Welt haben. Da dem Förſter viele Geſchäfte oblagen, die ihn theils weit nach verſchiedenen Richtungen in den Forſt führten, wo ſeine Unterbeamten wohnten, theils aber auch an den Schreibtiſch feſſelten, ſo war er nicht ſelten genöthigt, Elsbeth allein in unſerer Geſellſchaft zu laſſen, was ſtets ohne alle Beſorgniß geſchah, denn für ſo treu und redlich wie er ſelbſt war, hielt er jeden anderen Menſchen in ſeiner Umgebung, und etwas Arges, ſei es was es ſei, vom Erbprinzen und ſeinen Gefährten zu denken, wäre in ſeinen Augen ein Zweifel 1 eigenen Tugend geweſen. So kam es denn, daß wir vier jungen Leute häu⸗ fig und in völliger Ungeſtörtheit bei einander waren. Bei gutem Wetter tummelten wir uns natürlich mehr 241 im Freien, ſtürmte oder regnete es aber einmal, was uns auch nicht vom Beſuche des Forſthauſes abhielt, ſo blieben wir in den ſchönen Zimmern des oberen Stockwerks und auch da mußte uns Elsbeth Geſell⸗ ſchaft leiſten, wo ſie bald mit mir, bald mit dem Grafen, am häufigſten aber mit dem Prinzen Schach ſpielte, was dieſer ſie als ſein Lieblingsſpiel ſchon lange gelehrt und welches ſie ſo raſch begriffen hatte, daß es mir nicht eben leicht war, ihr eine Parthie abzugewinnen, wobei ich freilich erwähnen muß, daß ich niemals ein bedeutender Schachſpieler geweſen und geworden bin.. Daß Herr von Transfeld uns oft nach dem bairi⸗ ſchen Häuschen begleitete, habe ich ſchon geſagt, er ſtörte uns aber nie in unſerm Vergnügen, da es nicht in ſeiner Gewohnheit lag, nach beendigtem Unterricht ſich in unſern Zeitvertreib zu miſchen, wenn wir ihn nicht etwa ſelbſt um ſeine Theilnahme baten. Ge⸗ wöhnlich ſaß er in irgend einer Ecke, mit einem Buche in der Hand, das er ſtets in der Taſche trug, oder er wandelte bald allein, bald mit dem Förſter im Freien umher, oder er legte ſich, was eins ſeiner Lieb⸗ lingsvergnügen ausmachte, im Schatten einer Buche nieder und ſchaute durch ihre Zweige den blauen Him⸗ mel an, innerlich brütend und arbeitend, wie ein de Der Sohn des Gaͤrtners. I., 3 242 kender Geiſt, gleich dem ſeinen, es wohl zu lieben pflegt. Aber auch ihm gewährte der Beſuch im Forſt⸗ hauſe ſtets ein großes Vergnügen und ohne Auffor⸗ derung ſpornte er ſein Pferd zum kräftigſten Galopp, wenn wir das Schloß verließen und die Richtung nach dem Habichtswalde einſchlugen. Was konnte es aber auch Schöneres geben, als da draußen in der Wonne und Frieden athmenden Natur zu leben, Abends im Schatten der Bäume zu ſitzen und durch die grünen Zweige die goldene Sonne funkeln zu ſehen, wenn ſie purpurn niederſank und dann der ganze Wald und ſeine Bewohner entſchlummerten, ſo daß feierliches Schweigen ringsum herrſchte und wir, in träumeriſches Anſchauen verſunken, unſere jungen Herzen pochen hörten, die der Ferne entgegenſchlugen und doch ſo gern in der Nähe verweilten, als fände zwiſchen beiden, Nähe und Ferne, eine gebeimnißvolle Wechſelwirkung ſtatt und als müßten wir erſt hinaus in's große Leben, um ſpäter mit um ſo innigerer Be⸗ friedigung in die kleine Heimat zurückzukehren. O. wie ſchmeckte uns die mit ſüßem Rahm bedeckte Milch, die Elsbeth ſelbſt auf die ſchneeige Dammaſtdecke des Tiſches geſtellt, das ſchöne graue Brod und die friſche 6 Butter ſo gut, die uns hier ſo freundlich geboten wurden, wie ſehnten wir uns ſchon am Morgen dahin 243 — und wie kehrten wir freudig am anderen Tage wie⸗ der, wenn die Stunde unſerer Freiheit geſchlagen batte! Glückliche Zeit! Wer hat nicht hier oder dort in einer oder der anderen Art eine ähnliche verlebt, wer hat nicht wie wir den Vollgenuß der Jugend dabei empfunden, und wer ſehnte ſich nicht nach ihr noch in manchen Stunden ſelbſt der ſpäteſten Jahre zurück? Denn wenn wir auch jetzt in anderer Weiſe glücklich und zufrieden ſind— ſo glücklich, ſo zufrie⸗ den, wie wir damals waren, können wir nur einmal ſein und leider niemals wieder werden. Das iſt das ſchöne Vorrecht der Jugend, welches ihr nichts auf der Welt, keine Macht, kein Gebot, kein Wille ent⸗ zieht, und um es ganz und recht zur Genüge zu ge⸗ nießen, braucht man kein vornehm Geborener, noch viel weniger der Sohn eines Fürſten oder Königs zu ſein!— Aber nicht allein im Sommer und in den ſchönen Tagen des Frühjahrs und Herbſtes pilgerten wir nach unſerm kleinen Hochlande, wie wir es im Scherze zu nennen beliebten, auch im Winter und ſogar in den kälteſten und unfreundlichſten Tagen, bei Sturm und Schneegeſtöber, gingen, ritten oder fuhren wir hinaus, um zu ſehen, was unſere dortigen Freunde machte! und um mit ihnen, vor einem mahn gen Kamin eue 244 ſitzend, zu plaudern und unſere in früheren Tagen begonnenen Unterhaltungen fortzuſetzen. So erinnere ich mich noch heute eines ſolchen Tages mit großer Freude, wo wir beim ſchönſten Sonnenſchein im Februar zu Schlitten hinausfuhren, aber vom Sturm überfallen und bis ſpät am Abend feſtgehalten wurden. Es war dies der zum fünften Mal wiederkehrende Jahrestag des traurigen Zufalls, der ſo glücklich geendet und mich in das Schloß des Fürſten und den näheren Umgang ſeines Sohnes ein⸗ geführt hatte. Wir waren am Morgen, es war zu⸗ fällig ein Sonntag, nach dem Gottesdienſt bei der Fürſtin geweſen und hatten ihr und der Prinzeß Hilde⸗ gard unſere erneuerten Glückwünſche dargebracht. Bei dieſer Gelegenheit wurde mir immer die Ehre zu Theil, einen Kuß auf die Hand der ſchönen Prinzeß zu drücken, ſo wie das Glück, aus ihrem Munde einige Worte zu hören, die mich jederzeit, auch bei härteſter Kälte, noch einmal in das Waſſer zu treiben im Stande geweſen wären, wenn ich ihr einen ähnlichen Dienſt hätte erweiſen dürfen. Nachdem der Prinz ſeine Schweſter wiederholt umarmt und geküßt und dabei verheißen hatte, nie zu vergeſſen, daß er mir das Glück, dieſen Tag zu. erleben, verdauke, ſagte er zu mir bei der Rückkehr 245 nach unſern Zimmern:„Sieh, Kurt, das iſt heute ein ſchöner Wintertag, ein bischen kalt zwar, aber das ſchadet nichts; wir wollen ihn auch wirklich als Feier⸗ tag betrachten und unmittelbar nach Tiſch nach dem Hochlande fahren.“ „Wir ſind ja erſt vorgeſtern dageweſen, Bruno!“ „Das iſt einerlei, heute dürfen wir ſchon ein we⸗ nig ſchwelgen und wer weiß, ob das Wetter lange ſo günſtig bleibt.“ Geſagt, gethan; Herr von Transfeld wurde zu Rathe gezogen und da er nichts einzuwenden hatte, ſo wurde raſch ein Schlitten beſtellt und dem Kutſcher befohlen, ſich mit dem Reitknecht Turner der Parthie zu Pferde anzuſchließen, um bei der Nachhauſefahrt am dunklen Abend uns mit Kiehnfackeln den Weg anzudeuten, der bei dem hohen Schneefall und den vielen im Winter ſchwer zu unterſcheidenden Bäumen nicht ſo ganz leicht innezuhalten war. Als wir um drei Uhr abgeſpeiſt hatten, was wir unter uns thaten, da gerade ein vertraulicher Beſuch bei dem Fürſtenpaare angelangt war, ſtiegen wir in den vorgefahrenen Schlitten. Der Prinz, Herr von Transfeld und der Graf ſaßen zu Dreien auf dem einzigen Sitze, ich nahm meinen Lieblingsplatz auf der Pritſche ein und ließ die Kraft meines Armes ſich im 246 vollſten Glanze zeigen, indem ich ſo mächtig mit der großen Peitſche knallte, daß alle Welt, die es hörte, ſich die Ohren zuhielt. Die Sonne ſchien bei der Abfahrt prächtig, ſie blitzte in jedem Schneekryſtall auf der Erde und den Zweigen der Bäume wieder und die Pferde liefen ſo ſchnell, daß es eine Luſt war und wir Alle uns in der heiterſten Stimmung befanden. Kaum aber wa⸗ ren wir an den Fuß des Schloßberges gelangt und eilten der Brücke zu, die über den kleinen Fluß auf das freie Feld führte, ſo verſchwand die Sonne hinter Wolken, der Himmel verfinſterte ſich ringsum und zu⸗ gleich brauſte ein gewaltiger Schneeſturm uns ent⸗ gegen. „Vorwärts!“ rief der Prinz, der die Zügel der ſchönen Grauſchimmel führte, indem er ſie ungeſtüm ſchüttelte,„tummelt Euch!“ und wir flogen plöͤtzlich ſo eilig davon, daß die voraufreitenden Diener ihre Pferde in ſtarken Galopp ſetzen mußten. Aber ſo ſehr wir auch eilten, der Sturm faßte uns doch und wir kamen arg mitgenommen und mit hochrothen Ohren und Naſen vor dem Waldhauſe an, aus dem deer Förſter und Elsbeth ſogleich hervorſpangen, als ſie von Weitem unſern beſchneiten Zug herannahen ſahen. Nachdem wir die einſamen Waldbewohner freund⸗ 247 lich begrüßt hatten und von ihnen eben ſo willkom⸗ men geheißen waren, eilten wir die Außenſtiege nach dem Oberhauſe hinauf und waren nicht wenig ver⸗ wundert, des Prinzen Lieblingszimmer, ein reizendes kleines Gemach an der vorderſten Ecke des Hauſes be⸗ haglich warm und die praſſelnden Holzſtücke im Kamine in voller Gluth zu finden. „Ha!“ rief der Prinz,„es iſt Feuer hier, wer hat dies angenehme Wunder bewirkt?“ Der Förſter lächelte.„Es wurde beinahe zum Scherz angemacht, Durchlaucht,“ ſagte er,„aber Elsbeth war heute Nachmittag ſo beſtimmt der Meinung, daß Sie uns beſuchen würden, daß ich für alle Fälle ſor⸗ gen wollte, und ſo ließ ich es anzünden.“ „Elsbeth iſt ein vortreffliches Mädchen und ſie hat ſchon wieder bewieſen, daß ſie mehr Verſtand als unſere Hofdamen hat. Natürlich leiſtet ſie uns nach⸗ her Geſellſchaft. Nun aber raſch einen guten Kaffee, Waldſtein, und dann“— hier flüſterte er ihm leiſe zu—„machen Sie uns eine Bowle Punſch. Ich lade Sie mit dazu ein, es iſt heute ein gewiſſer Ge⸗ burtstag wieder— Sie wiſſen ja!“ „Ich weiß, ich weiß,“ erwiderte der Förſter trau⸗ lich und warf mir einen herzlichen Blick zu,„es ſoll Alles beſorgt werden, wie Ew. Durchlaucht es wünſchen. 4 248 Eine Stunde ſpäter war es ſchon halbe Nacht draußen; die Fenſter wurden geſchloſſen und wir ſaßen beim Kerzenſcheine, dicht vor dem flammenden Kamine bei der Bowle, nachdem der Kaffee diesmal ſehr raſch beſeitigt war. O, es war dies ein trauliches kleines Zimmer bei ſolcher Winterzeit, die brauſend und ungeſtüm von Außen her an das Fenſter pochte, aber keinen Einlaß zu uns glücklichen Menſchen erhielt. Es war gerade groß genug, um ſechs Perſonen bequem zu faſſen. Es hatte nur ein Fenſter und eine demſelben gegen⸗ über liegende Thür, und dieſe wurde durch eine Por⸗ tiere von grünem Plüſch geſchloſſen, durch welche man in ein größeres Nebengemach trat. An der Wand links vom Fenſter ſtand ein kleiner Divan, mit grü⸗ nem Sammt überzogen; darüber hing ein ſchönes Jagdſtück von einem niederländiſchen Meiſter; vor dem Divan ſtand der mit Hornſtücken und Fuchs⸗ zähnen ausgelegte Eichentiſch, um den wir Alle, die ſiedende Bowle über einer Spiritusflamme in der Mitte, ſaßen. Zur Rechten von uns, in der Ecke ne⸗ ben der Thür, loderten die hellen Flammen im Ka⸗ min auf und an der Wand rechts vom Fenſter, uns gegenüber, erhoben ſich zwei koſtbare Schränke, mit Gewehren und Piſtolen gefüllt, darüber prangten zwei . 249 3 große Jagdbilder und aus den freien Zwiſchenräumen der Wände ſprangen überall kleine Rehkronen hervor, die mit Jagdtaſchen und ſonſtigen zum Waidmanns⸗ handwerk gehörigen Dingen beladen waren. Ueber dem Kamine aber blitzte ein herrlicher venetianiſcher Spiegel den Kerzenglanz zurück und auf dem Geſimſe darunter glänzten ſchöne bunte Kryſtallpokale, aus denen nur bei Gelegenheit einer großen Jagd getrun⸗ ken wurde, die dann im Kreiſe herumgingen und vom Fürſten ſelbſt gefüllt zu werden pflegten. 1 In der einen Ecke des Divans ſaß Herr von Transfeld, dem heute ganz behaglich unter uns zu Muthe war; neben ihm,dem Kamin zunächſt, der Prinz. Ihm gegenüber, ebenfalls am Kamine, hatte Elsbeth ihren Platz, von Zeit zu Zeit von dem wohl⸗ ſchmeckenden Feuergetränk nippend und das jugend⸗ liche Geſicht ſtrahlend von Schönheit und Lebens⸗ friſche. Neben ihr ſaß ich, dann kam der Graf und zwiſchen dieſem und Herrn von Transfeld ſaß der Förſter ſelber, der den Wirth machte und die Gläſer vollſchenkte. „Meine Freunde!“ rief der Prinz plötzlich,„ich bin heute ſehr glücklich! Wer weiß, wann ſolch ein Tag wiederkehrt! Ich finde es immer hübſcher hier im Hochlande und wenn— wenn ich erſt 250 werde ich ſtets zur Erinnerung an meine ſchöne Ju⸗ gendzeit nicht nur im Sommer, ſondern auch im Winter längere Zeit hier wohnen. Wißt Ihr was? Wir wollen darauf ein Friedensglas leeren, wie mein Vater es nennt und wie die Wilden in Amerika ihre Friedenspfeife rauchen, mit der ſie es ſo ehrlich mei⸗ nen. Herunter da mit dem großen Pokale von Ru⸗ binglas und nun füllen Sie ihn, Waldſtein, bis an den Rand!“ „Den Pokal hier, Durchlaucht? Es iſt das Mund⸗ glas Ihres Herrn Vaters! Es wird nicht gehen, der Punſch iſt zu heiß und der Kryſtall hält die Hitze nicht aus, er ſpringt.“ „Er ſpringt nicht, verlaſſen Sie ſich darauf. Ich Mehe dafür ein. Halt— wir wollen die Haltbarkeit des Glaſes eine Prophetin ſein und es zugleich ſeine Probe für alle Zeiten beſtehen laſſen. Hält der Po⸗ kal es aus, ſo gehen unſere Wünſche, hier einſt län⸗ ger zu wohnen, in Erfüllung; ſpringt er, ſo bleiben unſere Träume Schäume, wie ſo viele Träume der Menſchen!“ Er hielt das Glas hin, der Förſter zögerte immer noch, das heiße Getränk einzuſchütten, und wir Ande⸗ ren ſchauten voller Spannung auf den Vorgang hin, 3 balb ſuschlinn das Glas werde ſpringen, halb hoffend, 251 es werde dem allgemeinen Wunſche genügen und ſeine Haltbarkeit beweiſen. „Gießen Sie ein, unverzagt!“ rief der Prinz mit glänzenden Augen. Der Förſter zögerte nicht länger, er goß vorſich⸗ tig einen Löffel voll in den Pokal, dann den zweiten, den dritten und endlich füllte er ihn bis an den Rand. Der Kryſtall hielt die Probe aus, er ſprang nicht, trotzdem ſich ſeine funkelnde Außenſeite mit einem dichten Perlſchleier, wie vor Angſt ſchwitzend, bedeckte. „Halloh!“ riefen wir und, kindlich vergnügt, klatſchten wir Alle vor Freuden in die Hände, daß wir einſt in unſerm Alter, wie jetzt in der Jugend, längere Zeit auf dem ſchönen Waldhauſe wohnen würden. „Seht Ihr,“ rief der Prinz wieder,„man muß nur etwas wagen, wenn man etwas gewinnen will. Nun fange ich aber an ihn zu leeren, oder nein, Elsbeth, weihe Du ihn mit Deinen rothen Lippen ein und Jeder thut einen ſo langen Zug wie möglich, wir wollen ſehen, ob wir ihn ſo mit einer Kreiſung leeren. Das ſoll die zweite Probe für uns ſein, daß wir es ehrlich mit unſern eigenen Wünſchen meinen.“ Elsbeth probirte das Ge, änk, aber es war noch 252 zu heiß.„Durchlaucht,“ ſagte ſie freundlich lächelnd, „laſſen Sie uns noch eine Weile warten, ſonſt können wir beim beſten Willen nicht beweiſen, daß wir es ehrlich meinen.“ „Du haſt Recht; ſo warten wir noch! Zehn Minuten verfloſſen unter heiterem Geſpräch ſehr raſch. Da ergriff Elsbeth, die kein Auge von dem Pokale verwandt hatte, das Glas und ſagte, mit der Hand es außen befühlend:„Jetzt wird es gehen!“ „So trink, Kind, aber vernünftig, nicht wie ein — zinperlichs Mädchen.“ „Ich werde trinken, ſo lange ich kann!“ erwiderte ſie ernſt und doch dabei herzlich vergnügt. Und den Pokal an die Lippen ſetzend, verſuchte ſie erſt lang⸗ ſam, dann aber trank ſie mit einigen vollen Zügen und ſo reichlich, daß wir ſchon jetzt merkten, der Bo⸗ den des Glaſes werde keinen Tropfen mehr aufzu⸗ weiſen haben, wenn er an den Letzten von uns käme. „Die meint es ehrlich!“ rief der Prinz, beinahe jauchzend.„Jetzt kommſt Du, Kurt, ich will diesmal der Letzte ſein.“ Ich nahm das Glas aus Elsbeth's Händen und trank nach Kräften. Desgleichen der Graf und der Förſter; als aber das Glas in Herrn von Trausfeld's 19 Hände kam, lächelte eraeſchalkhaft und ſagte:„Ich 253 habe einen ſehr großen Durſt. Wenn ich es nun zu ehrlich mit meinen Wünſchen meinte, Bruno, was ſagten Sie dann?“ „Zu ehrlich kann es kein Menſch meinen,“ ant⸗ wortete der Gefragte,„und wenn Sie mir nur einen Tropfen darin laſſen, ſo iſt es mir lieber, als wenn wir ihn Alle nicht leer geſchafft hätten.“ Herr von Transfeld trank, aber nur mäßig, um kein Spielverderber zu ſein.„Bravo!“ riefen wir Alle, als der Prinz das Glas zuletzt ergriff.„Freunde,“ ſagte er aufſtehend,„ich ſehe, wir meinen es Alle mit einander ehrlich, nun, ſo trinke ich denn dieſen Reſt auf Euer Aller Wohl und mag es Euch einſt bei mir hier gefallen, wie es mir jetzt ſchon unter Euch gefällt!“ Er trank das Glas bis auf die letzte Neige leer, ſtellte es dann bei Seite und bemerkte, es habe jetzt ſeine Schuldigkeit gethan und nun müßte ein Jeder von uns die ſeinige thun und etwas erzählen. Nach einigem Hin⸗ und Herreden kamen wir überein, daß der Aelteſte den Anfang machen müſſe, und ſo begann der Förſter nach kurzem Beſinnen von ſeinen Kriegs⸗ zügen zu erzählen, die er 1813 und 1815 mit dem Fürſten unternommen und wobei er namentlich bei der Schlacht von Belle⸗Alliance längere Zeit verweilte, 254 indem er die blutigen Vorgänge beſchrieb, die den großen Sieg der Verbündeten und die Niederlage der Franzoſen zur Folge hatten. Da ſprang plötzlich der Prinz wieder auf und rief:„Laſſen Sie es genug ſein mit Ihren traurigen Schilderungen, Waldſtein; Elsbeth iſt ganz bleich ge⸗ worden und ich bin auch kein Freund von ſolchen entſetzlichen Scenen. Der Krieg iſt ein Unſinn, vom Geſichtspunkte der Civiliſation und der hohen Bil⸗ dung des heutigen Menſchengeſchlechts betrachtet, das letzte Ueberbleibſel der längſt zu Grabe getragenen Beſtialitätp und Barbarei der Menſchen. Erzählen Sie uns lieber etwas Angenehmes, da wir doch ſo gemüthlich beiſammen ſitzen, zum Beiſpiel von Ihren Reiſen mit meinem Vater in der Schweiz, das hören wir Alle gern, nicht wahr?“ Wir ſtimmten ihm ſämmtlich bei und ſo begann denn der Förſter ſein Lieblingsthema, indem er von den Bergen Tyrols erzählte und uns in die ſchönen Jahre ſeines Lebens verſetzte, wo er jung und glück⸗ lich war und den Schatz ſeiner Jugend, die Mutter Elsbeth's kennen gelernt hatte. Wir ſaßen aufmerkſam hörend um ihn her; Elsbeth hielt die kleinen Hände im Schooße gefaltet und das Auge geſenkt, als der Lieblichkeit ihrer Mutter mit der ſchönen Färbung be⸗ 255 geiſterter Rückerinnerung gedacht wurde. Als er aber von dem Leben in den Thälern und auf den Bergen jenes herrlichen Landes ſprach, wurden wir Alle mit ihm entzückt; wir ſahen den Aufgang und Niedergang der Sonne, das Strahlen des zwiſchen Wolkengebirgen hinſegelnden Mondes, und hörten das Glockengeläut der Rinderheerden und den jodelnden Geſang der Bewohner jener Felsthäler. Vergebens ſah Herr von Transfeld einmal über das Andere nach der Uhr, vergebens winkte ich leiſe dem Erzähler zu, immer fuhr er weiter fort und immer mit neuem Antheil neigte der Prinz ſein aufmerkſames Ohr dem Munde des Sprechenden hin. Endlich aber kam dieſer zu Ende, blickte ſich fröhlich im Kreiſe um und ſagte ſchließlich: „Wer die Welt und ihre Sitten und Gebräuche nicht geſehn, wer die Menſchen auf den Höhen und in den Thälern nicht kennen gelernt, der hat nicht gelebt, ſelbſt wenn er tauſend Jaͤhre auf dieſer Erde wandeln ſollte. Wäre ich jung und reich, ich reiste um die ganze Erde und ruhte nicht eher, als bis ich jedes Land derſelben beſucht, das einen Namen hat; erſt dann würde ich mich befriedigt und beglückt in meiner Heimat fühlen.“ „Sie haben Recht,“ erwiderte der Prinz nachdenk⸗ lich,„reiſen muß ſchön ſein und reiſen will ich, viel — 256 und weit, das iſt mein Plan. Gott gebe. die Ge⸗ währung! Jetzt aber, meine Freunde, wollen wir noch ein Glas auf die Erfüllung dieſes Wunſches leeren, dann haben wir heute einen glücklichen Abend verlebt und wir wollen ihn im Alter noch öfter wiederholen, uns freuend an den Träumen unſrer Jugend und Gott für die Erfüllung unſrer heißen Wünſche dankend.“ Diesmal füllte Elsbeth die Gläſer, bis an den Rand voll, und wir ſtießen ſie fröhlich und hoffnungs⸗ voll aneinander, denn des Prinzen Worte riefen unſre ganze Beiſtimmung hervor. Der Reſt des Punſches aber wurde den Dienern hinabgeſandt, damit auch ſie eine kleine Erquickung bei der ſcharfen Luft genöſſen; ſo liebte es der Prinz und hielt es, ſo oft ſich ihm die Gelegenheit dazu bot. Bald darauf hüllten wir uns in unſre Mäntel, der Schlitten fuhr vor und die Reiter ſtanden ſchon mit ihren Fackeln bereit, die ein magiſches Licht über den Schnee und die freundliche Architektur des bairiſchen Haͤuschens warfen. Wir ſtiegen ein, nachdem wir den Zurückbleibenden die Hände geſchüttelt; diesmal aber nahm Herr von Transfeld die Zügel, denn die Pferde waren unruhig und machten jegliche Vorſicht nöthig. Ich ſtieg wieder auf meine Pritſche, und als ich mich noch einmal nach dem Hauſe wandte, in deſſen Thür 257 die Tochter des Förſters ſtand und uns glücklich lächelnd nachſchaute, fiel gerade das Fackellicht blendend auf ihre zierliche Geſtalt und ihr liebreizendes Geſicht. Sie ſah dabei ſo ſchön aus, wie ich nie etwas Aehnliches geſehen, und der Prinz mochte das Gleiche empfinden, denn er blieb ungewöhnlich lange vor dem Schlitten ſtehen und ſchaute freudig nach dem Hauſe zurück. Endlich aber ſaßen wir Alle feſt und raſch ſtoben die Pferde davon, ihr helles Geläut weit durch den Wald ſendend, durch den wir in ſpäter Abendſtunde fuhren und deſſen verſchlungene Wege, von unſern Vorreitern richtig geleitet, wir ohne jeden Unfall hinter uns ließen, indem wir kaum nach ſtündiger Fahrt wohlbehalten im Schloſſe anlangten. Wir waren Alle darin einig, einen ſo glücklichen Abend erlebt zu haben, wie wir ihn in der Fürſtenwohnung gewiß nicht zu erwarten gehabt, denn was iſt aller Glanz und Ruhm der Welt gegen den Austauſch befreundeter Herzen, die, wenn auch nicht alle gleich jung, wie die unſrigen, doch hier von gleich menſchlichen Empfindungen und lauteren Entſchlüſſen geſchwellt wurden! Der Sohn des Gärtners. I. 17 Ichtes Papitel. Wir werden Studenten. Wir waren etwas ſpät nach Hauſe gekommen, viel ſpäter, als es ſonſt Sitte und Gewohnheit war, und einer der Erſten, der uns im Schloſſe begegnete, war Herr Beau, als hätte er auf der Lauer geſtanden, um unſre Ankunft zu erſpähen und gehörigen Ortes um⸗ gehend kundzuthun. Sicher erfuhr er, wo wir geweſen waren, und gerade die häufigen Beſuche in unſerm Hochlande regten ſeine Galle auf, denn er wußte, daß wir gern und glücklich daſelbſt waren, und einen Menſchen glücklich zu ſehen, deſſen Glück er nicht theilen durfte, war für den neidiſchen Geheimſchreiber ſtets eine un⸗ erträgliche Pein geweſen. Daß er ſeine Erkundigungen mit paſſenden Bemerkungen an den rechten Mann ge⸗ bracht, erfuhren wir ſchon am nächſten Tage zur Ge⸗ 259 nüge, denn Herr von Transfeld wurde ſehr früh zum Fürſten berufen und führte mit ihm ein Geſpräch von einiger Wichtigkeit, deſſen Inhalt ich erſt ſpäter erfuhr, das ich aber dem Leſer gleich hier mittheilen will. „Transfeld,“ empfing der Fürſt unſern Erzieher mit zwar ruhiger Miene, aber doch von irgend einer kleinen Sorge innerlich bewegt,„wir haben Sie und die Knaben geſtern Abend vergeblich zur Tafel erwartet. Wo ſind Sie mit ihnen ſo lange geweſen?“ „Im bairiſchen Häuschen, gnädigſter Herr.* „So. Sie gehen ſehr oft mit Ihren Zöglingen dahin?“ „Aufzuwarten, Durchlaucht. Was kann es auch Geſunderes, Friſcheres geben als die Bewegung im Freien, den Aufenthalt in dem lieblichen Hauſe und die Uebungen, denen Ew. Durchlaucht Sohn mit ſeinen Gefährten daſelbſt obliegt?“ „Das iſt ganz gut und ich bin durchaus nicht dagegen. Allein zu häufig wünſche ich den Beſuch bei Waldſtein nicht. Verſtehen Sie mich recht, ich habe gegen den Mann nichts einzuwenden, er iſt mir ſogar lieb und werth, aber ich habe einen Verdacht.“ „Einen Verdacht, gnädigſter Herr? Dieſer Aus⸗ ſpruch überraſcht mich. Sprechen Sie J-re Befü 2 260 tungen ganz aus, vielleicht bin ich am beſten im Stande, Sie vollſtändig und für immer zu beruhigen.“ „Das wäre mir lieb— indeſſen iſt es nichts von Bedeutung, wie Sie anzunehmen ſcheinen. Ich wünſche nur über Etwas in's Klare zu kommen und darum fordere ich von Ihnen, daß Sie mir die Wahrheit ſagen.— Man ſagt mir und, ich geſtehe, es iſt eine beachtenswerthe Stimme, die mir das ſagt, daß der Flemming am meiſten an Waldſtein hängt und daß nur auf ſeinen Antrieb der Beſuch des Forſthauſes im Schwange iſt. Iſt dem ſo, Transfeld, oder nicht? Und iſt es, ſo will ich wiſſen, warum es ſo iſt.“ Herr von Transfeld geſtand mir ſpäter ſelbſt ein, daß er bei dieſen Worten des Fürſten in einiges Erſtaunen gerathen ſei, ſich aber ſehr bald gefaßt und ſogar ein leiſes Lächeln nicht habe unterdrücken können, denn er habe ſofort die„beachtenswerthe Stimme“ erkannt, die dem Fürſten den kleinen Ver⸗ dacht in's Ohr zu flüſtern gewußt.„Flemming?“ ſagte er ſodann,„Kurt Flemming? Sie ſind durchaus im Irrthum, Durchlaucht, wie ich gewiß weiß. Kurt geht zwar ſehr gern nach dem Waldhauſe, aber vor⸗ zugsweiſe iſt er nicht das Triebrad zu den häuſigen Beſuchen daſelbſt. Er folgt darin nur den Wünſchen des Prinzen, und alle drei jungen Leute, wie auch 261 ich ſelbſt, finden daſelbſt Alles, was ſie ſuchen, Unter⸗ haltung, Belehrung, Unterricht in manchen für das Leben höchſt wichtigen Dingen.“— Der Fürſt lächelte fein. Da ihm Herr von? 1un feld aber als ein zuverläſſiger und wahrheitsliebender Mann bekannt war, dem er unbedingt vertraute, ſo nahm er ſogleich eine völlig beruhigte Miene an und fuhr fort:„Sie haben Recht, es wird auch nicht an⸗ ders ſein, man muß nicht Alles glauben.“ „Gnädigſter Herr,“ entgegnete jetzt Herr von Trans⸗ feld dreiſt,„es ſcheint, als habe man eine wirkliche Befürchtung in Ihnen erweckt. Wollen Sie die Gnade haben, mir dieſelbe offen mitzutheilen? Ich als Er⸗ zieher des Prinzen, des Erbprinzen, gnädigſter Herr, bin verantwortlich für Alles, was jetzt und in Zukunft geſchieht, und es würde mir wehe thun, zu denken, daß Ew. Durchlaucht auch nur eine kleine Wolke der Sorge an dem Zukunftshorizonte Ihres Sohnes auf⸗ ſteigen ſähe.“ „O, ich ſpreche nicht von meinem Sohn, Trans⸗ feld, ſo ernſt iſt es glücklicher Weiſe nicht. Aber die Verantwortung würde ich d doch nicht ſo ganz und gar übernehmen, wie Sie es zu wollen ſcheinen. Man kann nie wiſſen, was in dieſer Jugend ſteckt. Die Welt iſt vorgeſchritten, ſchreitet alle Tage mit Rieſen⸗ 262 ſchritten weiter vor, und kein Menſch kann dafür ſtehen, daß ſie immer die Wege geht, die wir ihr für jetzt vorgezeichnet haben, alſo auch Sie nicht.“ „Und dennoch, Durchlaucht, muß ich zu meiner eigenen Beruhigung wünſchen, daß Sie mir alle Ihre Sorgen in dieſer Beziehung mittheilen, ſelbſt wenn es nur ein kleiner Schatten davon wäre.“ „O, wie geſagt, Sie nehmen die Sache zu ernſt. Das wollte ich nicht. Ich hatte nur den Kurt dabei im Auge. Der Junge iſt hübſch, faſt zu hübſch für einen Mann ſeines Standes, und dabei gewachſen wie ein Ballettänzer erſten Ranges. Sapperlot, das iſt die Wahrheit. Nun ſagte man mir aber, der Junge wiſſe das und habe ein Auge auf das weibliche Geſchlecht— „Wie?“ unterbrach ihn Herr von Transfeld höch⸗ lichſt verwundert. „Nun ja, was will das auch ſagen? Es kann im⸗ mer hier der Fall ſein.“. „Es iſt aber diesmal durchaus nicht der Fall, gnädigſter Herr, das will ich beſchwören. Ich kenne ihn genau.“ „So, ſo, das iſt mir lieb. Alſo keine ordinaire Liebſchaft mit der Tochter des Waldſtein?“ „Gott im Himmel!“ rief Herr von Transfeld bei⸗ 263 nahe außer Athem aus,„Wer hat Ew. Durchlaucht dieſe durchaus falſche Meinung von dem Knaben bei⸗ gebracht?“ „Still, er iſt kein Knabe mehr. Ihre Schüler ſind lange über die Knabenjahre hinaus, wir können uns das nicht verhehlen, und möglich iſt möglich bei ſo feurigem Blut. Ueberdieß, die Elsbeth iſt hübſch und wird noch viel hübſcher werden, ich ſehe es alle Tage zu meinem Erſtaunen; ſie gleicht ihrer verſtor⸗ benen Mutter wie ein Ei dem andern. Sehen Sie, im Ganzen habe ich nichts dagegen, Transfeld. Der Kurt kann die Elsbeth ſpäter heirathen, das giebt ein ſchönes Paar, ich ſtatte das Mädchen ſogar unter allen Umſtänden aus, aber— jetzt— jetzt möchte ich noch nicht, daß der Kurt meinen Bruno auf ſolche albernen Gedanken brächte, ſie haben noch ernſtere Dinge zu thun, bis ſie Männer ſind, und die Leiden⸗ ſchaft wird ohne ſo frühzeitige Nahrung früh genug in ihnen erwachen. Alſo aufgepaßt, Transfeld! So kann ich denn ruhig ſein?“ „Vollkommen, gnädigſter Herr, ich ſtehe dafür ein. Kurt denkt nicht an eine ſo vorzeitige Neigung, er hat gar kein Herz, keinen Sinn dafür, ſein ganzes Streben iſt auf die Arbeit, die geiſtige Arbeit gerich⸗ tet, und ich kenne keinen jungen Menſchen ſeines Alters, . mäßigen Fortſchritte weit über ſeine Jahre hinaus gemacht hat.“ „Das zu hören iſt mir lieb, Transfeld. Nun gehen Sie, ich habe Geſchäfte— es bleibt unter uns, was wir geſprochen haben— Sie verſtehen mich?“ „Ja, gnädigſter Herr, aber ich bitte dringend, hüten Sie ſich vor der„beachtenswerthen Stimme,“ die Ihnen ſolche unbegründete Mittheilungen macht, ich mißtraue ſolchen Einflüſterungen immer.“ „Nicht immer, Transfeld, man muß nur vorſichtig ſein. Manchmal zünden ſie uns ein helles Licht in der Dunkelheit an—“ „Viel öfter aber führen ſie uns wie die Blender der Sümpfe in die Irre!“ unterbrach ihn Herr von Transfeld mit Nachdruck. „Auch möglich, Sie haben Recht. Guten Morgen, Transfeld. Halt! Laſſen Sie die Knaben aber nichts von unſerer Unterredung merken, auch nicht merken, ſage ich, denn die Taugenichtſe haben einen unglaub⸗ lichen Verſtand, Ohren wie die Füchſe und Augen wie die Luchſe. Sie wittern Alles und Jedes aus, die jungen Raben! Haha! Ich kenne das und man muß vor ihnen verteufelt auf der Huth ſein!“— Der Fürſt hatte Recht, wir waren wirklich mit Luchsaugen begabt, denn wir ſahen Herrn von Trans⸗ feld ſinnend und nachdenklich ſein Zimmer betreten und witterten Unrath, obgleich wir nicht wußten, was wir verbrochen haben ſollten. Er aber ließ ſich in der That nichts merken und nachdem er einen Spazier⸗ gang in den Schloßgarten gemacht und mit Herrn Beau— das hörten wir von einem Diener— einige harte Worte gewechſelt, kam er wieder heiter zu uns zurück, um mit uns den Horaz zu leſen, der damals unſer Lieblingsdichter war und aus dem der Prinz das Integer vitae, scelerisque purus ſich zur le⸗ benslänglichen Richtſchnur genommen hatte. Zwiſchen ernſten Studien, körperlichen Uebungen und unſchuldigen Vergnügungen nun getheilt, verfloß uns die Zeit raſch und unbemerkt, und ehe wir es ahnten, hatten wir das achtzehnte Lebensjahr zurück⸗ gelegt und waren in das Jünglingsalter eingetreten. Herr von Transfeld, der nach jeder Richtung hin des Prinzen Intereſſe mit großer Aufmerkſamkeit im Auge behielt, hatte ſchon oft gegen den Fürſten einige An⸗ deutungen fallen laſſen, daß er mit ſeinem Unterricht bei uns am Ende ſei und daß dem Prinzen nun noch andere Unterweiſungen zu Theil werden müßten. Dieſe Andeutungen aber hatte der Fürſt ſtets zu über⸗ hören geſchienen; es mochte ihm wohl Mühe verur⸗ ſachen, zu einem Entſchluß zu gelangen, deſſen Aus-⸗ führung von bedeutendſtem Einfluß auf des Prinzen Zukunft ſein mußte. „Sie mögen es immer noch eine Weile ſo ſort treiben,“ ſagte er eines Tages, als er bei guter Laune war,„und erſt zu Weihnachten“— es war im Jahre 1828—„erwarte ich Ihre Vorſchläge, lieber Trans⸗ feld, was nun weiter geſchehen ſoll. Gehen Sie ge⸗ nau zu Werke, prüfen Sie ſcharf und behalten Sie Alles im Auge, was für meines Sohnes Gegenwart erſprießlich iſt und für ſeine Zukunft bedeutungsvoll werden muß. In Allem aber mag Gott ſeinen Segen geben!“ Damit war alſo Herr von Transfeld für diesmal entlaſſen, dagegen mit ſeinen Anträgen und Rath⸗ ſchlägen auf eine beſtimmte Zeit verwieſen. Der Prinz ließ ſich das gefallen, da er doch nun eine ſichere Ausſicht auf irgend eine wichtige Veränderung in ſei⸗ nen jetzigen Verhältniſſen gewonnen, die ihm, ſo an⸗ genehm ſie waren, doch nach und nach etwas eintönig, ja mitunter ſogar langweilig und gezwungen vorkamen. Was nun unſere geiſtige Ausbildung zu jener Zeit betrifft, ſo waren wir nicht ſolche unglückliche und doch bisweilen angeſtaunte Viel⸗ oder Halbwiſſer, zu wel⸗ chen die heutige Jugend nur zu oft ausgedrechſelt und gleich den Jagdhunden mit moraliſcher Hetzpeitſche dreſſirt wird, eine Dreſſur, die mit ſchuld iſt an dem ganzen Jammer, den wir täglich in faſt allen Ver⸗ hältniſſen an den zu Männern heranwachſenden Jüng⸗ lingen wahrnehmen. Viele von ihnen werden halb⸗ reif geboren, ſind mit zwölf Jahren überreif im Wiſſen und Leiſten und mit achtzehn ſchon faul, wie der Apfel, der, im Treibhauſe gezeitigt, plötzlich in das windige freie Land verſetzt, und nun ohne Schutz und Kraft da draußen vom kleinſten Windſtoße vom Zweige ge⸗ worfen wird. Wohin, rufen wir bei dieſer Gelegen⸗ heit aus, ſoll unſer Erziehungsſyſtem führen, wenn wir von achtzehnjährigen Menſchchen ſchon verlangen, was früher ein bedeutender und erfahrener Mann erſt am Ende ſeines thatenreichen Lebens wußte? Wollen die Männer, die an der Spitze der öffentlichen und privaten Erziehung ſtehen, durchaus den Dampf und den elektriſchen Funken in das organiſche Leben der Jugend, in Herz und Sinn, Seele und Geiſt einfüh⸗ ren, ſo mögen ſie auf ihrer Huth ſein, daß dieſer Dampf, dieſer elektriſche Funke nicht einmal ſich gegen die Quelle wende, aus der er entſprungen, und, allen künſtlichen Sicherheitsventilen Hohn ſpre⸗ chend, den Dampfkeſſel, die ganze Kunſtmaſchine und 268 den Herrn Maſchinenmeiſter ſelbſt mit in die Luft ſprenge. Eine gute Erziehung, gründliche wiſſenſchaftliche Bildung iſt eine ſchöne und wünſchenswerthe Sache, wir wiſſen und bekräftigen das gewiß aus eigener Erfahrung, aber übereilte Erziehung, univerſelle Ausdrechſelung in einem noch nicht niet⸗ und nagel⸗ feſt gewordenen Kopfe iſt eine ſehr böſe und gefähr⸗ liche Sache, wobei wir nicht einmal die Polypen und Paraſiten mit in Anrechnung bringen, die ſich ſchmarotzend mit am Baume der Erkenntniß laben, die ſo früh zum Durſte aufgereizte Seele an eine trübe Quelle locken, aus der ſie nur unreine Säfte ſaugt, und mit dem Körper zugleich auch den Geiſt verwüſten und vernichten. Das lehren unſere Ge⸗ fängniſſe, unſere ellenlangen Verbrecherliſten, das lehren endlich am ſchlagendſten— unſere Irren⸗ häuſer.— Was wir Knaben gelernt hatten, war nicht über⸗ mäßig viel, aber was wir wußten, wußten wir ordent⸗ lich. Man hatte uns Zeit gelaſſen, außer dem Wuſt der Buchſtaben und Worte auch den Sinn zu faſſen und die Bedeutung des Erlernten dem glücklicher Weiſe treuen Gedächtniß einzuprägen. Homer und Horaz wußten wir beinahe auswendig, und wie jener 269 alles Griechiſche einbegriff, was wir konnten, ſo war dieſer die Spitze unſers Lateins. In der Mathematik und Phyſik hatten wir das Nöthige, in der Geſchichte 3 und Erdbeſchreibung das Meiſte, in der Literaturge⸗ ſchichte das Beſte gelernt. Auch Franzöſiſch ſprachen wir, wie man erwarten kann, fertig, Engliſch leidlich, vor allen Dingen aber kannten und pflegten wir un⸗ ſere Mutterſprache, die uns die ſchönſte und beſte Sprache der ganzen Welt zu ſein ſchien. Hierin ging der Prinz ſo weit, daß er nie leiden konnte, wenn Jemand in ſeiner Umgebung ein fremdes Wort ge⸗ brauchte, wofür wir ein gutes deutſches beſaßen, und jede junge Dame, mochte ſie noch ſo ſchön und vor⸗ nehm ſein, war in ſeinen Augen, wenn ſie das Deutſche nur als Nothbehelf parlirte und dafür lieber fremde Ausdrücke gebrauchte, deren Bedeutung ſie oft nicht einmal verſtand, eine Närrin, was er in ſpäteren Jahren Vielen ohne Scheu in's Geſicht ſagte.— So kam denn endlich das beſprochene Weihnachts⸗ feſt heran, und als die Feiertage vorüber waren, wurde Herr von Transfeld zu einer ernſten Berathung in das Arbeitscabinet des Fürſten befohlen. „Haben Sie redlich über die Punkte nachgedacht, Transfeld, die wir vor einem Vierteljahre beſprachen? 24„ fragte ihn der Fürſt. 270 „Ja, Durchlaucht, und nach reiflicher Erwägung bin ich kein Haarbreit von meiner früheren Anſicht ab⸗ gewichen, die ich ſchon damals anzudeuten mir erlaubte.“ „Still noch davon! Hat mein Sohn niemals den Wunſch geäußert, vielleicht in einem großen Militair⸗ ſtaate ſein Heil als Soldat zu verſuchen?“ „Nie, Durchlaucht, er hat ſich ſogar wiederholt und offen dagegen ausgeſprochen. Seine engere Hei⸗ mat, ſagte er mir, ſei zu klein, um ſpäter darin die etwa errungenen Kenntniſſe und Liebhabereien zu ver⸗ werthen, überdieß aber habe er keine Luſt, ſich zu einer Maſchine zu erniedrigen, was der Soldat, der einen Befehlshaber über ſich hat, mehr oder minder immer iſt und ſein muß. Er halte den Soldaten im Frieden für ein koſtbares und überflüſſiges Spielwerk, der Krieg aber ſei für ihn eine Spätgeburt und ge⸗ höre in das Mittelalter hinein, jetzt müßten vielmehr der Geiſt, die Intelligenz Schlachten liefern und in ſolchen Schlachten allein wünſche er ein großer Feld⸗ herr und ein bekränzter Sieger zu werden.“ „Hm! Nicht übel! In manchem dieſer Dinge hat er Recht und ich ſtimme ihm wohl bei. Im Ganzen jedoch nicht. Wieviel aber iſt von Dem, was Sie eben ſagten, aus Ihrem und wieviel aus des Prinzen Kopfe gefloſſen?“ 271 . „Fragen Sie ihn ſelber, Durchlaucht, er wird kei⸗ nen Augenblick anſtehen, Ihnen unumwunden ſeine Meinung zu ſagen.“ „Ich danke.. Ich kenne ſeine Unumwundenheit ſchon zur Genüge. Er iſt ein junger Streithengſt, ein Rechthaber, ein Todtſchläger mit Worten. Ich mag mich von ihm nicht ſchlagen laſſen. Hm! Nein, machen wir Beide das unter einander ab, ich freue mich, daß Sie ſein ganzes Vertrauen und zugleich das meinige beſitzen. Nun, wenn er auch noch ein bischen wild iſt, er wird ſich auch noch die Hörner abſtoßen, und wenn er einſt in meine Fußtapfen tritt, wird er zahm und ſtill ſein, wie wir Alle es geworden ſind und jeden Tag mehr werden müſſen, die wir einen Fürſtenhut tragen und ein kleines Scepter in den Händen halten.— Nun aber ſagen Sie mir aufrich⸗ tig Ihre Meinung. Was fangen wir mit ihm zu⸗ nächſt an, laſſen wir ihn reiſen?“ „Noch nicht, Durchlaucht, aber ſpäter. Erſt muß er eine feſte Baſis gewinnen, von der aus er ſich und die Welt beſchaut; er muß große Männer ſprechen und lehren höͤren, er muß, mit einem Worte, Kennt⸗ niſſe ſammeln, um ſpäter die Kenntniſſe der Menſchon würdigen und benutzen zu können.“ „Nun— Sie wollen doch nicht— was meine 272 „Laſſen Sie den Prinzen eine Univerſität oder zwei, ja drei beſuchen—“ „Was!“ fuhr der Fürſt, einen Schritt zurückpral⸗ lend, auf.„Sie geben mir da einen ſchönen Rath! Soll er ein Demagoge werden?“ 3 Herr von Transfeld lächelte milde.„Es wird nicht Jeder ein Demagoge, der Univerſitäten beſucht und das Edle, Schöne und Gute derſelben auf die rechte Weiſe benutzt. Vielmehr hat er dabei Gelegenheit, ein frei und billig denkender Mann zu werden, eine Säule aus ſich zu machen, an die Jeder ſich in Stunden der Noth und Gefahr lehne, und ſo nicht allein für ſich, auch für Andere zu lernen. Das Alles aber iſt die Aufgabe eines Fürſten heutiger Zeit, wie ich es we⸗ nigſtens verſtehe.“ Der Fürſt ging unmuthig im Zimmer auf und ab. Herr von Transfeld hatte mit kühner Hand die Axt an die Wurzel ſeiner abweichenden Denkungsart gelegt.„Was, Univerſität!“ rief er dann.„Ich bin auch auf keiner Univerſität geweſen und doch eine Säule für mich, meine Familie und meine Untertha⸗ nen geworden— meinen Sie nicht?“ Herr von Transfeld verbeugte ſich und ſtimmte mit aufrichtigen Worten völlig bei. „Nun ſehen Sie. Ich bin der Meinung, für min, die Studien an einer Univerſität zu beginn 273 einen Fürſtenſohn iſt das Leben die beſte Univerfftät. Sind Sie nicht dieſer Anſicht?“ „Nicht ganz, Durchlaucht. Seitdem Sie ein Prinz waren, haben ſich die Zeiten, die Menſchen und die Anforderungen an dieſelben geändert; auch an die Fürſten macht man heute größere Anſprüche, gleich wie an den Lehrer, den Techniker, den Arzt und überhaupt jeden Mann von Bildung.“ Der Fürſt ſenkte den Kopf, ging ſinnend auf und nieder und vergaß beinahe Herrn von Transfeld's An⸗ weſenheit. Plötzlich fuhr er wie aus einem Traume empor.„Ich will es mir überlegen, Transfeld,“ ſagte er haſtig,„ich will mit meinen Räthen darüber ſpre⸗ chen. Im Ganzen ſehe ich darin kein Unglück. Man kann es jeden Augenblick corrigiren, ihn ab⸗ rufen. Würden Sie meinen Sohn zur Univerſität begleiten?“. „Von ganzem Herzen gern. Ich habe ihm meine beſten Jahre gewidmet und werde auch ferner fort⸗ fahren, ſein Hort und Freund zu ſein wie bisher.“ „Hm! Das läßt ſich hören— dann freilich! Sie haben mir mit dieſem letzten Worte in Wahr⸗ heit eine beruhigende Arzenei eingegeben. Aber wir wollen nichts übereilen— wann iſt der beſte der Sohn des Gaͤrtners. J. 1 8 274 „Kommende Oſtern iſt meiner Meinung nach der äußerſte Termin, Durchlaucht!“ „Und welche Univerſität ſchlagen Sie vor?“ „Zunächſt Bonn— dann Göttingen— dann Hei⸗ delberg und zuletzt vielleicht Berlin.“ „Der Tauſend! Das iſt viel Gelehrſamkeit für einen Prinzen. Wird er das Alles verdauen?“ „So gut wie er bisher alle ſeine Schulgelehrſam⸗ keit verdaut hat, wenn ſie ihm in den richtigen Do⸗ ſen eingegeben wird.“ „So ſei es denn abgemacht, ich werde es überle⸗ gen. Am Sylveſterabend ſollen Sie meinen Entſchluß vernehmen, bis dahin ſchweigen Sie gegen Jedermann von unſern Plänen.“— Der Sylveſterabend kam und mit ihm die Mit⸗ theilung an unſern Erzieher, daß ſeine Anſicht den Sieg davon getragen und daß wir zu Oſtern die Univerſttät Bonn beziehen würden. O, welche Aus⸗ ſicht war das für uns junge Leute, die von der Welt noch nichts geſehen und von dem Studententhum eine ſo merkwürdige Vorſtellung gewonnen hatten, daß es uns ſchwer geworden wäre, davon eine Definition zu fern, wenn man danach gefragt hätte. chon am nächſten Morgen, als wir uns nach em Brauch bei Zeiten zum Fürſten und ſeiner nicht ertragen würde, weil ſie überzeugt wäre, daß 275 Gemahlin begaben, um ihnen unſern Neujahrswunſch darzubringen, erhielten wir von Erſterem die Beſtäti⸗ gung unſeres Glückes, und als Mittags große Cour und der ganze Adel der Umgegend verſammelt war, wurde die große Neuigkeit veröffentlicht und rief ein ungeheures Staunen hervor, denn Bruno war der erſte Sproß des Hauſes W..., der ſeine Regenten⸗ weisheit aus den erſten Quellen des menſchlichen Wiſſens ſchöpfen ſollte. Die ganze Verſammlung be⸗ trachtete daher den Mann des Tages mit wunderbar weit aufgeriſſenen Augen und fand ihn plötzlich er⸗ ſtaunlich gewachſen, groß und ſchön. Jedermann be⸗ mühte ſich, nur ein Wort mit ihm zu wechſeln, und nur einige ſtolze Barone vom alten Schlage rümpften die Naſe, da ihnen die Neuerung, die man mit dem künſtigen Regenten beabſichtigte, vollkommen über⸗ flüſſig und in Bezug auf die Folgen geradezu ſchäd⸗ lich erſchien. Am meiſten von allen anweſenden Perſonen aber war die Prinzeſſin Hildegard betroffen, die damals etwa ihr zwölftes Lebensjahr erreicht hatte. Als ſie von der Trennung hörte, die ihr von ihrem theuren Bruder bevorſtand, fing ſie laut an zu weinen, ſtürze ſich in ſeine Arme und ſagte, daß ſie dieſe Tre 188 276 ihren Bruder nun für das ganze übrige Leben ver⸗ loren hätte.. „So begleite uns und ſtudire mit uns!“ ſcherzte der Prinz und ſtellte mir darauf in heiterſter Laune das ſchöne Kind als unſre Gefährtin in Bonn vor, ein Scherz, der die Prinzeſſin beruhigte, mir aber und dem Grafen, die wir Beide für die ſchöne Fürſten⸗ tochter glühten, das Blut lodernd in' Geſicht jagte. Von Seiten des Fürſten ward nun Alles in Be⸗ reitſchaft geſetzt, um dieſen Auszug zu einem feierlichen Act zu geſtalten, und lange vor der Abreiſe wurden für unſre Unterkunft in Bonn die nöthigen Schritte gethan. Die Zeit verging unter Hoffen und Bangen raſch und endlich trennte uns nur noch eine kurze Woche von einem unſerer wichtigſten Lebensabſchnitte. Die Perſonen, die den Prinzen begleiten ſollten, waren längſt ausgewählt, die näheren Verabredungen mit Herrn von Transfeld getroffen, der der oberſte Leiter der großen Expedition werden ſollte, und es blieb endlich in der Heimat nichts mehr übrig, als dem letzten zu Ehren des Prinzen veranſtalteten Feſte bei⸗ zuwohnen, Abſchied von unſern Lieben zu nehmen und in den Wagen zu ſteigen. m Tage vor dem Feſte auf dem Schloſſe beſtiegen wir ſchon Nachmittags gleich nach Tiſche unſre Pferde 277 und jagten, diesmal ohne Herrn von Transfeld's Be⸗ gleitung, nach dem bairiſchen Häuschen hinaus. Noch einmal ſaßen wir mit dem wackern Förſter und ſeiner ſchönen Tochter in dem kleinen Lieblingszimmer am lodernden Kamin, tranken noch einmal Punſch und ſuchten uns den Abend ſo angenehm wie ſonſt zu vertreiben. Aber die frühere heitere Luſt wollte dies⸗ mal nicht ſo recht in Gang kommen und als wir uns endlich erhoben, um Abſchied zu nehmen, floſſen ſogar Thränen, denn dem Förſter wurden die Augen feucht, als er dem Prinzen ſeine Segenswünſche ausſprach, und Elsbeth konnte vor lautem Schluchzen ſogar zu keinem Worte kommen. Auch mir ging die Trennung ſehr nahe, nur der Prinz blieb äußerlich unerſchüttert, trotzdem die Ent⸗ färbung der Wangen die in ſeinem Innern vorgehende Bewegung verrieth.„Ich weiß nicht, warum Ihr Alle traurig ſeid,“ ſagte er,„da wir gehen. Wir verlaſſen Euch ja nur, um zu Männern heranzureifen, und kehren wir wieder, ſo ſoll das alte Leben hier von Neuem beginnen, ja es ſoll noch ſchöner werden, das verſpreche ich Euch, ſo wahr ich Bruno heiße!“— So war auch dieſer Abſchied überſtanden und wir rüſteten uns am nächſten Tage zu dem großen 80 feſte, bei dem wir Drei diesmal die Hauptrollen ſpiel 278 ſollten, denn ich darf es nicht verſchweigen, von dem Augenblick an, wo es bekannt ward, ich ſolle des Prinzen Gefährte ſelbſt auf der Univerſität, alſo wahr⸗ ſcheinlich auch ſein künftiger Begleiter durch's Leben ſein, gewann ich in den Augen der Eitlen, Ehrgeizigen und Speculirenden ſichtbar an Bedeutung und man hielt es nicht mehr unter ſeiner Würde, mit mir freundlich zu reden, ja mir ſogar die Hand zu ſchüt⸗ teln und die Hoffnung auf frohes Wiederſehen aus⸗ zuſprechen. Im Schloſſe herrſchte an dieſem Tage eine unge⸗ heure Regſamkeit und aller Glanz ward aufgeboten, den Abſchied des Erbprinzen ſo feierlich wie möglich zu geſtalten. Abends um acht Uhr trafen alle Gäſte in großer Gala ein und die Feſtſäle waren von rau⸗ ſchenden Damen und fein gekleideten Herren faſt über⸗ füllt. Allerlei mit goldenen Stickereien bedeckte Uni⸗ formen miſchten ſich mit dem ſchwarzen Zopfrock, die Damen aber wetteiferten in bunter Farbenpracht und Edelſteinſchimmer, wie überall bei dergleichen Gelegen⸗ heiten, und die Trompeten und Pauken, zum Tanze auffordernd, ſchmetterten durch den großen Prunkſaal ſo gewaltig, daß man kaum ein Wort des Zunächſt⸗ ſtehenden auffangen konnte. Merkwürdig, zum erſten Maͤl in meinem Leben 279 ſtimmte mich dieſes Gewirr und Gelärm nicht trau⸗ rig, ſondern faſt ſtolz hob ſich dabei meine Bruſt, in der doch nur beſcheidene Zurückhaltung und die alte Scheu vor dem hoheitsvollen Gepränge wohnte. Mag es nun ſein, daß ich von dem Feſtglanze wirklich be⸗ geiſtert war, oder ſprach ſchon der Gedanke mir Muth und Hoffnung ein, daß ich nun bald von einem er⸗ künſtelten glänzenden Leben befreit ſein würde, in dem ich bisher nur eine untergeordnete Rolle geſpielt, daß ich nun in die Freiheit des Lebens und Lernens treten dürfte, wo nur der Geiſt die Menſchen regiert und wo Niemand mich daran erinnerte, daß ich, als niedrig geborener Menſch, nur geduldet und aus Anſtand unter Höheren gelitten ſei und daß der bloße Hauch eines Gewaltigen mich in die Oede meines früheren Daſeins zurückſtoßen könne— genug, ich war glück⸗ lich, ich war heiter, ich kannte mich ſelbſt kaum mehr. In die eben angeführten Gedanken verloren, ſtand ich in einer Ecke des von Kerzen ſchimmernden Saales und ſchaute dem bunten Gewirre der Tanzenden zu. Eigentlich ſah ich nichts Einzelnes, nur das große Ganze, der Tumult, der Flitter, floß vor meinen Augen wie ein wogendes Meer hin und her, denn meine Gedanken beherrſchten in ſolchen Angenblicken ſtets me Sinne und machten ſie unfähig, ihre nächſten Functionen zu verrichten. Da ſtieß mich Jemand an den Arm. Ich ſchaute auf und der Prinz ſtand an meiner Seite. „Kurt,“ ſagte er,„was ſtehſt Du ſo träumeriſch da, als ob Dir das Feſt nicht mitgälte?“ „Es gilt auch nicht mir, es gilt allein Dir!“ „So will ich Dir beweiſen, daß auch Du mit ge⸗ feiert wirſt. Sieh dort nach dem Balkon hinauf. Siehſt Du meine Schweſter dort? Nun wohl, Du ſollſt zu ihr kommen, ſie will mit Dir tanzen.“ „Bruno!“ rief ich faſt erſchrocken aus, aber der Prinz war ſchon von meiner Seite entwichen und in dem großen wirbelnden Haufen verſchwunden. Wie von einem bedeutungsvollen, nie geahnten Ereigniß überraſcht, fühlte ich mein Hirn ſchwindeln; alle Pulſe klopften und ich ſah aus dem ganzen Gewirr ſich drehender Menſchen nur eine holdſelige Geſtalt, die auf dem erhöhten Platze unter einem rothſeidenen Baldachin ſaß und lächelnd nach mir herüber ſchaute. Was ſollte ich thun? Aber ſiehe da, wenn mein Kopf in dieſem Augenblick ſeine Schuldigkeit nicht that, meine Muskeln thaten ſie, denn ich bewegte mich, ohne Willen, ohne Kraft, faſt nur aus Inſtinct nach dem Ende des Saales hin, wo, von den Uebrigen getrennt, ie höchſten Perſonen ſaßen, nur von ihren Traban⸗ 281 ten umgeben; wie die kleinen Sterne ſich um den großen Mond ſchaaren. Da aber blieb ich plötzlich wieder ſtehen. Der Gedanke ergriff mich:„Wie, wenn Bruno Dich ge⸗ täuſcht hätte und Du nun eine unerhörte Dreiſtigkeit an den Tag legteſt und dafür mit Verachtung geſtraft würdeſt?“ Was ich gethan hätte, wenn ich mir ſelbſt überlaſſen geblieben wäre, weiß ich nicht; plötzlich aber ergriff eine Hand die meinige und zog mich mit ſich fort. Bruno war wieder zu mir getreten und führte mich zu ſeiner Schweſter, indem er ſagte:„Da iſt er, Hildegard, er brennt vor Entzücken, mit Dir einen Walzer zu tanzen.“ Stumm verbeugte ich mich, aber da ſah ich, daß meine Angſt umſonſt geweſen war, denn die Prinzeſſin, wie Hebe holdſelig lächelnd, erhob ſich von ihrem Stuhle, und eine Minute ſpäter flog ich mit ihr die Reihen hinunter, vor Wonne kaum athmend, keines Gedankens mächtig, keines Wortes fähig, welch letzteres ja auch gar nicht verlangt worden war. Als ich mit wirbelnden Sinnen meinen pflichtſchul⸗ digen Walzer beendet und die Prinzeſſin zu ihrem Platze zurückgeführt hatte, verbeugte ich mich ehr⸗ furchtsvoll, ſtammelte einige Dankesworte und wollte mich ſchon wieder entfernen, als die Prinzeſſin, 282 Athem holend, ſagte:„Herr Flemming, ich habe eine Bitte!“ Da war's, als ob ein Schleier vor meinem Hirne niederſänke und alle Gedanken, die mir ſonſt ſo reich⸗ lich zu Gebote geſtanden, waren wieder unter meine Herrſchaft zurückgekehrt.„Durchlaucht,“ erwiderte ich, mich abermals verbeugend,„wenn menſchliche Kräfte und ein reiner Wille eine Bitte erfüllen können, ſo iſt die Ihrige ſchon im Voraus von mir erfüllt.“ „Ich danke Ihnen,“ entgegnete ſie, ſich näher zu mir beugend, da in dieſem Augenblick die Gräfin Wetterau an ihre Seite zurückgekehrt war und uns ihr Ohr zugeneigt hielt.„Bleiben Sie meinem Bruder treu wie bisher, und ſchützen Sie ihn vor jeder Gefahr, wie Sie auch mich einſt beſchützt haben. Wollen Sie das?“ „Ich will es und werde es!“ ſagte ich mit wort⸗ loſer Begeiſterung. „So geben Sie mir die Hand darauf!“ Sie reichte mir ihre feine, leider mit einem glän⸗ zenden Handſchuh bedeckte Hand hin. Ich wagte es, ſie zu ergreifen und meine Lippen darauf zu drücken; dann aber, dann— ſah ich nichts mehr. Ich hatte den geſchmückten Sitz der erhabenen Perſonen aus dem Auge verloren, nur die ſchöne Geſtalt, die ſchönſte von allen Anweſenden, wie mir ſchien, die ſo eben 2zu 283 mir geredet, ſtand ſeit dieſem Moment mir überall und immer vor der Seele. Einige Minuten ſpäter ordnete man ſich in den Nebenſälen zur Tafel. Es war an kleinen Tiſchen für kleinere zuſammengehörige Zirkel angerichtet. Ich weiß nicht mehr, neben Wem ich ſaß, was man ſpeiſte, was man trank; das aber weiß ich beſtimmt, daß, als auch das Souper zu Ende war und Alles ſich an⸗ ſchickte, nach den vorgefahrenen Wagen zu ſtürzen, plötzlich am Ausgange des letzten Zimmers eine rau⸗ ſchende Geſtalt mir zur Seite erſchien und laut und ſchneidend ſagte:„Herr Flemming!“ Ich drehte mich um und ſah in das böſe Auge meiner Erbfeindin, der Gräfin Wetterau. „Was befehlen Sie, meine Gnädige?“ fragte ich kalt. „Nichts, nichts, mein Herr Student; aber lernen Sie recht was Tüchtiges, damit auch wir einſt von Ihnen profitiren können.“ „Es wird mein ganzes Beſtreben ſein; und Sie—“ „Und ich— nun, was ich?“ „Verlernen Sie Manches bis dahin, damit wir von Ihnen nicht wieder zu lernen brauchen, was wir bis dahin längſt vergeſſen haben werden.“ Ein durchbohrender Blick ſchoß aus ihrem Auge in das meine, aber ich gab ihn mit Nachdruck zurück, 284 denn ſo weit war ich dieſer Perſon gegenüber bereits mit meinen Kräften gediehen.„Auf Wiederſehen!“ rief die ſtolze Dame mit einem ganz eigenthümlichen Ausdrucke bitterſten und herausfordernden Haſſes. „Auf Wiederſehn! Ja, ja!“ entgegnete ich feſt und ebenfalls bedeutungsvoll, und gleich darauf trennten uns die abgehenden Damen und Cavaliere. Am nächſten Morgen herrſchte eine ungewöhnliche drückende Stille im Schloſſe und doch hatten die Diener alle Hände voll zu thun, die verſchiedenen Koffer zu füllen und zu verpacken, die dem abreiſenden Fürſtenſohn und ſeinen Begleitern mit auf den Weg gegeben werden ſollten. Endlich um elf Uhr Mor⸗ gens fand die Abſchiedsſcene ſtatt und wir drei jun⸗ gen Leute hatten uns zu dieſem Zwecke mit Herrn von Transfeld in das dazu beſtimmte Zimmer begeben. Bald nach unſerm Eintritt erſchien der Fürſt, die Fürſtin am Arme führend, und hinter ihnen die wei⸗ nende Prinzeß, die diesmal zu meiner Freude nicht von ihrem Schatten, der Gräfin, begleitet war. Nach den erſten Begrüßungen hielt uns der Fürſt eine lange Rede, in der ſehr viel von den Pflichten ver⸗ 285 lautete, die der Prinz gegen ſeine Eltern und ſeine Familie zu erfüllen habe, wobei auch der Pflichten gegen ſeine einſtigen Unterthanen mit einigen vorſich⸗ tigen Andeutungen Erwähnung geſchah. Auch an den Grafen und mich richtete er einige beherzigenswerthe Sätze, die wir demüthig anhörten, worauf wir auf unſer Gewiſſen verſprachen, den Anordnungen des Herrn von Transfeld zu gehorchen, dem Prinzen treu ergebene Freunde und, falls es Noth thue, Beiſtand in jeglicher Gefahr zu ſein. Als dieſe Rede beendet, begannen die Abſchieds⸗ ceremonieen ſelber, ein mir immer ſehr fataler Mo⸗ ment und um ſo peinvoller, je mehr Zwang man dabei ſeinen Gefühlen auferlegen muß; erſt nachdem der Fürſt auch mir die Hand gereicht, ich der Fürſtin ſer Prinzeſſin die Hand geküßt hatte und mich nun draußen in der friſchen Luft befand, ward mir wieder wohler und ich fühlte mich mir ſelbſt zurückge⸗ geben. Um zwei Uhr ſollte die Abreiſe erfolgen und da ich bis dahin noch eine Stunde für mich behielt, eilte ich zum letzten Mal den Schloßberg hinunter, um meinen Eltern Lebewohl zu ſagen. Mein Vater, der damals ſchon häufig kränklich war und ganze Tage das Zimmer hüten mußte, machte mir, wie man ſich denken kann, den Abſchied 286 nicht ſehr ſchwer. Er ſprach einige kurze und bün⸗ dige Worte, empfahl mir, mich immer der Gunſt des Fürſten werth zu zeigen, und ließ mich dann mit mei⸗ ner Mutter allein, die ſchon Thränen vergoß, noch während mein Vater ſprach. Als dieſer das Zimmer verlaſſen, kam jene dicht zu mir heran und ſetzte ſich neben mich auf das Sopha, auf dem ich heute hatte Platz nehmen müſſen. Sie war in einer merkwürdigen und mir eigentlich unbegreiflichen Stimmung. Bald ſchluchzte ſie vor Freuden, daß ich nun endlich ſo weit gelangt ſei, und bald vor Schmerz, daß ſie mich verlieren ſollte. Sie war ſtark und wieder ſchwach, gebrochen und doch wieder ermuthigt. Bald ſprach ſie zärtliche Worte der Liebe, bald ließ ſie dunkle Andeutungen, geheim⸗ nißvolle Winke fallen, die ich zu verſtehen eeim beſten Willen nicht im Stande war. Endlich, oh 2 zu einem durchgreifenden Entſchluſſe gelangen zu können, ſich mir deutlicher zu machen, wie ich zu glauben anfing, zog ich zufällig die Uhr und da ich ſah, daß es eine Stunde nach Mittag war, wo wir zum letzten Male mit dem Fürſten ein Frühſtück einnehmen ſollten, er⸗ hob ich mich, um mein Lebewohl zu ſprechen. Meine Mutter ſchien ſich Gewalt anzuthun, umarmte mich innig, ſegnete mich mit ihrem frommen Sinne zu allen 287 ferneren Wegen und entließ mich endlich, bis auf die unterſte Terraſſe des Berges mir das Geleit gebend. Ich war ſehr betrübt, als ich ſie hinter dem noch kahlen Buſchwerk des Parkes verſchwinden ſah, und ſtand einige Zeit ſtill, um ihr nachzuſchauen und liebe⸗ voll an ſie zu denken, trotzdem ich keine ſichtbare Spur mehr von ihr vor mir hatte.„Die Kinder können nicht immer im Hauſe der Eltern bleiben,“ ſagte ich endlich zu mir,„ſie müſſen in die Welt fliegen wie die jungen wilden Tauben und ſich eine neue heimat⸗ liche Stätte ſuchen. So thue ich auch. Lebe wohl, du väterliches Dach, lebe wohl, meine gute Mutter! Der Kummer, den ich bei Dir empfand, iſt vergeſſen und nur Deine unendliche Liebe bleibt mir im treuen Gedächtniß. Mag Dich der liebe Gott für alles Gute ſegnen, was Du mir gethan, und meinem Vater Beſonnenheit und Mäßigung verleihen, das würde auch für Dich das Beſte ſein, was Du erlugn könn⸗ teſt. So lebe wohl und möglichſt beglückt in Deinem von Roſen umdufteten, aber von Dornen noch reicher bedachten Hauſe, lebe wohl!“ Ich wandte mich raſch und eilte flüchtig den Berg hinauf, wo ich gerade zur rechten Zeit anlangte, um an dem gemeinſchaftlichen Familienfrühſtück Theil zu nehmen. Als dies aber eilig beendet war, hörten wir 288 ſchon die Wagen, die uns entführen ſollten, vor das große Thor raſſeln, und als dann ein Kammerdiener eintrat und meldete:„Durchlaucht, die Wagen ſind vorgefahren!“ ſprangen wir Alle zugleich von den Stühlen auf und begannen den letzten, mehr ſtummen als lauten Abſchied zu nehmen. Fünf Minuten ſpä⸗ ter hatten wir unſere Plätze eingenommen und die flüchtigen Pferde ſtoben davon, uns raſch dem Weſten entgegenführend, der diesmal unſer lange erſehntes Ziel war. Der Fürſt, nachdem er erſt einmal den Entſchluß gefaßt, ſich von ſeinem älteſten Sohne zu trennen und ihn auf die Univerſität zu ſchicken, wollte, daß dies mit einigem Pompe und dem Range des jungen Studenten entſprechenden Rückſichten geſchehe. Er ſollte ſich in ſeinen neuen Verhältniſſen nicht allein behaglich fühlen, ſondern auch mit Glanz unter die ſtolze akademiſche Jugend treten, die zwar damals noch nicht wie in manchem Semeſter der heutigen Zeit, die Sprößlinge mächtiger Könige und Herrſcher zu den Ihrigen rechnete, aber doch viele Söhne des höchſten und hohen Adels aufzuweiſen hatte, die hier ihre erſten Lorbeeren erringen und ſich für ihre ſpä⸗ teren Lebenskämpfe ſattelfeſt machen ſollten. So hatte er uns denn mit ſeinen reichen Mitteln ſehr glänzend ausgeſtattet. Wir nahmen nicht allein drei ſchöne Equipagen mit auf den Weg, ſondern Jeder von uns Vieren hatte auch ein herrliches Reitpferd zum Ge⸗ ſchenk erhalten, und ſelbſt der größte Theil unſrer Dienerſchaft war gut beritten. Im erſten Wagen ſaß mit ſeinen ihm perſönlich beigegebenen Dienern, einem treuen Kammerdiener und einem anderen La⸗ kaien, der Prinz und Herr von Transfeld; den zweiten kleineren füllte Graf Treufels und ich mit unſerm Diener aus, und der dritte, dem Turner mit den Pferden voranritt, trug unſre Ausrüſtung, die für den erſten Ausflug in der Regel etwas zu reich⸗ haltig auszufallen pflegt.. Da wir von der erſten Station aus, bis wohin uns die fürſtlichen Pferde gebracht, mit Poſtrelais fuhren, unſre eigenen Pferde aber langſam nachkom⸗ men ließen, gelangten wir in wenigen Tagen an un⸗ ſer Ziel, und es war im Abenddunkel eines freund⸗ lichen Märztages, als wir jenſeit des königlichen Rhein⸗ ſtromes die Thürme und Häuſer Bonn's zu uns her⸗ überleuchten ſahen. Bonn! Die Uniberſität! Das Siebengrbiugs, der erſte Ausflug in die Welt und achtzehn Jahre alt Der Sohn des Giͤrtnars I. 19 ) 290 Mit allen Mitteln verſehen, die das Leben angenehm und erfreulich geſtalten— welche Ausſicht! Welche Fülle von Genüſſen lag vor uns, welche Ausbeute erhofften wir, welche ſehr erklärliche Sehnſucht ſchwellte unſre jugendlichen Herzen! Ha! Aller Druck der Welt liegt hinter uns, alle Freiheit derſelben vor uns! Nur Gleichgeſinnte, Gleiches Erſtrebende er⸗ warten uns, alle Tagen ſollen wir neu geboren wer⸗ den in Jugendluſt, Weisheitsdrang und Geiſtesfülle! O wie thöricht iſt, der Dich, Du ſchöne, wohlgerüſtete Jugend, nicht auf die rechte Weiſe, ganz und doch mit Maaß genießt! Doch ich will meinen Empfindungen hier keinen allzu freien Spielraum geſtatten, ich will mich lieber bald in unſer neues Daſein vertiefen, denn wir ſtehen jetzt erſt auf der eigentlichen Schwelle unſers künfti⸗ gen Lebens und Wirkens, und Vieles iſt noch zu ſchildern übrig, von dem wir Alle damals, als wir ſo glücklich und hoffnungsreich nach Bonn flogen, noch— keine Ahnung hatten. In Folge der Fürſorge des Fürſten bezogen wir ein ſchön gelegenes und geräumiges Haus in einem Garten unfern des Rheinufers, von deſſen Fenſtern aus wir das köſtliche Siebengebirge zu jeder Stunde betrachten konnten. Wir waren geradezu entzückt, als 291 wir den erſten Blick darauf warfen und obenein der klarſte Vollmond unſern Einzug verherrlichte. Unſere ganze Wohnung war erleuchtet und der Beſitzer der⸗ ſelben, ein wohlhabender Mann, der ſich mit den un⸗ teren Räumen des Hauſes begnügte, führte uns ſelbſt umher und machte uns mit den für uns getroffenen Einrichtungen bekannt. Wir fanden Alles beinahe noch beſſer als wir es erwartet, die Möbel waren modern, bequem und überaus zweckmäßig für unſre Bedürfniſſe aufgeſtellt. Jeder von uns Vieren hatte ein beſonderes Schlafgemach, ſo hatte es der Fürſt gewollt, und ſein beſonderes Studirzimmer; nur der Speiſeſalon war zum gemeinſchaftlichen Gebrauch be⸗ ſtimmt, und neben dieſem gab es noch einige ſehr hübſch geſchmückte Zimmer, die wir zu beliebigen Zwecken benutzen konnten. Da uns reichliche Mittel zu Gebote ſtanden, das Leben nach allen Richtungen zu genießen, und da die Vorleſungen in den erſten drei Wochen noch nicht be⸗ gannen, ſo traten wir gleich in den nächſten Tagen, nachdem wir die Univerſität und die Stadt beſichtigt, einen kleinen Ausflug nach dem Siebengebirge an, der uns ſo überaus behagte, daß wir noch einige Male vor Beginn der Studien ſogar zur Wieder⸗ holung deſſelben verlockt wurden. Trotz dieſer noch 19 . 292. nie genoſſenen Freuden konnten wir aber kaum die Zeit des Beginns der erſten Vorleſungen erwarten und ich glaube nicht, daß es damals ſo eifrige Stu⸗ denten in Bonn gab, wie wir es waren, wozu bei uns allerdings der Reiz der Neuheit das Hauptſäch⸗ lichſte beitragen mochte, da wir keinen rechten Begriff von dem öffentlichen Unterricht an einer großen Uni⸗ verſität hatten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir ſämmtlich kein beſtimmtes Fachſtudium betreiben ſollten und daß namentlich dem Prinzen keine wiſſenſchaftlichen Grän⸗ zen geſetzt waren. Bei ihm kam es vorzüglich auf die allgemeinere Ausbildung ſeines Geiſtes an, er ſollte ſich geſchickt machen zu ſeinem künftigen erhabe⸗ nen Berufe, und durch die Vorträge der Lehrer mehr das für die Welt Nützliche und die Menſchen Wiſſens⸗ werthe als die theoretiſchen Spitzfindigkeiten der Wiſ⸗ ſenſchaften ſelbſt kennen lernen. Was für eine vor⸗ zügliche Neigung den Grafen beſeelte, weiß ich nicht, er ſprach ſich wenigſtens niemals klar darüber aus; wahrſcheinlich wollte er nur der Begleiter des Prin⸗ zen ſein, denn daß es ihm nicht auf das Studium ankam, bewies er ſchon dadurch, daß er uns nach einem halben Jahre verließ, als ſein Vater geſtorben war und ſeine Mutter ihn in ihrer Nähe zu. 293 wünſchte. Ich füge daher gleich hier bei, daß er ſchon im Herbſte nach W... zurückkehrte, daß wir allerdings anfangs dadurch eine Lücke in unſerm klei⸗ nen Kreiſe empfanden, die ſich aber bald durch grö⸗ ßere Innigkeit zwiſchen uns ausglich und aus der außerdem die Annehmlichkeit erwuchs, zu Hauſe einen verläßlichen Correspondenten zu haben, der uns von allen Vorfällen ſchneller und beſſer in Kenntniß ſetzte, als es die officiellen Berichte thaten, die hinterher einliefen. Der Graf trat bald nach ſeiner Rückkehr in die Heimat auf einige Zeit in's Militair, bevor er Kammerherr des Fürſten wurde, und ſollten wir ihm daſelbſt nicht wieder begegnen, ſo will ich nur be⸗ merken, daß er ſtets unſer Freund blieb und ſelbſt bis auf den heutigen Tag wenigſtens eine ſchriftliche Ver⸗ bindung unterhalten hat, was wir leider nicht von unſern übrigen Jugendbekannten behaupten können. Doch ich muß nun auch Einiges von meinen per⸗ ſönlichen Neigungen zum Studium ſagen und da kann ich in Wahrheit behaupten, daß ich ein Student war, wie er ſein ſoll, nicht allein mit Leib und Seele, ſon⸗ dern auch an Fleiß und Ausdauer. Ich hatte mir zwar auch keine beſtimmten Gränzen geſetzt, aber mein Vorſatz, ſo viel zu lernen wie möglich, ſtand feſt, denn mich verzehrte ein faſt leidenſchaſilichet Trieb zu lernen, zu wiſſen; und mein Durſt, aus der reich⸗ ſten Quelle zu ſchöpfen, nahm von Tage zu Tage zu, ſo daß ich auf die uns umgebenden Außendinge meine Aufmerkſamkeit weit weniger richtete als der Prinz und ſogar der eifrig fortſtudirende Herr von Traus⸗ feld. So hatte ich mich ſehr bald in das Studium der Philoſophie vertieft, trieb daneben Literaturge⸗ ſchichte und Geſchichte wie zur Erholung, und behielt ſelbſt noch einige Zeit und Luſt übrig, den Prinzen in ſeine Collegia zu begleiten, da Herr von Trans⸗ feld der Anſicht war, er müſſe nicht allein die Staats⸗ wiſſenſchaften kennen lernen, ſondern auch einen tie⸗ feren Blick in die Jurisprudenz werfen und ſich nebenbei mit den Geheimniſſen der Theologie be⸗ ſchäftigen. Herr von Transfeld ſelbſt war der fügſamſte, ge⸗ fälligſte Mentor, der uns mit auf den Weg gegeben werden konnte, er trat uns nie hemmend entgegen, ging immer munter und willig neben uns her, er⸗ theilte blos hier und da ſeinen Rath und drängte ſich nie unſerer Geſellſchaft auf, wenn wir ihn nicht be⸗ ſonders dazu ermunterten. Mit ſeinen eigenen Lieb⸗ lingsſtudien beſchäftigt, blieb er viel allein, ging ſeine eigenen Wege und traf nur dann mit uns zu⸗ ſammen, wenn die feſtgeſetzten Speiſeſtunden ſchlugen 8 295 oder ein allgemeines Unternehmen in Ausführung ge⸗ bracht wurde. 1 1 So waren wir ſämmtlich ſehr bald in den gün⸗ ſtigſten Fluß gekommen, ſchwammen freudig in der begonnenen Richtung mit dem Strome fort und hatten unſere Luſt daran, wenn ein friſcher geiſtiger Wind die Segel unſrer Hoffnung ſchwellen machte. Wäh⸗ rend ich aber mit großem Eifer meinen Studien ob⸗ lag, weder vor⸗ noch rückwärts ſchaute und mit der Gegenwart vollauf beſchäftigt war, rückte der Prinz langſam und mit ruhigem Gleichmuth vor. Ohne Zweifel war ich von uns Dreien der Fleißigſte, aber eben ſo gewiß iſt, 8 der Prinz am meiſten von uns ſeinem Nachdenken Raum gab, und das iſt auch eine allſeitig fördernde Arbeit. Alles, was er hörte, ſah, las, ſuchte er auf die ihm bekannten Verhältniſſe zu⸗ rückzuführen, anzuwenden und daraus einen Leitſtern für künftige Zeiten zu gewinnen. Das ging aber freilich nicht an einem Tage vor, das entwickelte ſich erſt allmälig, Eins aus dem Andern, und ich merkte es eigentlich erſt aus unſern ſpäteren Geſprächen, von denen ich dem Leſer nothwendig bald eine Probe geben muß. Im Ganzen lebten wir für's Erſte faſt eben ſo wie in W.. fort; die Arbeit wechſelte mit dem Vergnügen, Ausflüge reihten ſich an Ausflüge, 296 immer aber kehrten wir wieder gern an unſern häus⸗ lichen Heerd und in die Vorleſungen der genialen Männer zurück, die damals in Bonn ihr Wiſſen leuchten ließen. Unſer Umgang war in den erſten Monaten ſehr beſchränkt; wir ſchloſſen uns zwar nicht von Anderen bedächtig ab, aber wir ſuchten ſie auch nicht zuvor⸗ kommend auf. Wie immer in Bonn, ſtudirten auch damals viele Söhne adliger und reicher Familien da⸗ ſelbſt, aber ſie hatten ſich ſehr bald in kleine Parteien zerſpalten, die ihre eigenen excluſiven Verſammlungen abhielten und ſich ſehr wenig um die übrigen Com⸗ militonen kümmerten. Auchtherrſchte unter ihnen kein rechtes geiſtiges Streben vor, ſie waren nur dem Na⸗ men nach Studenten, zeigten ſich zwar in ihrer Klei⸗ dung als ſolche, nahmen auch einen gewiſſen burſchi⸗ koſen Anſtrich an, im Ganzen aber klang ein unleid⸗ licher ſublimer Ton durch, der verächtlich auf das übrige Menſchengewimmel herabſchaute und den Glacée⸗ handſchuh, den feinen Hut und den Frack immer mehr und mehr einzubürgern die Neigung verrieth. In dieſen Kreiſen nun fand der Prinz keine be⸗ ſondere Befriedigung, obgleich er ſich ihnen einige Male anzuſchließen verſuchte, immer aber kehrte er wieder zu ſich ſelbſt und uns zurück. Allmälig jedoch 297 warf er ſein ſcharfes Auge und ſeinen klaren Geiſt auf die Studirenden der mittleren Klaſſe und da fand er denn bald, was er vergebens bei Jenen geſucht. Allein noch zögerte er, dieſen jungen Leuten einen Schritt entgegenzuthun, die ſich ſo wenig um die Vor⸗ nehmeren kümmerten wie dieſe um ſie, denn ein feiner Tact bewahrte ihn ſtets davor, Verbindungen zu ſchließen, die ſich nachher nicht ſtichhaltig erwieſen un eine übereilte Trennung erheiſchten, was immer un überall unter beiden Parteien eine unbehagliche Ver⸗ ſtimmung zurückläßt. Um von der geiſtigen Bewegung zu ſprechen, die damals unter den Studirenden auf faſt allen deutſchen Univerſitäten herrſchte, ſo war ſie in ihrer gewaltigen Urkraft und ihrer langſam aber ſicher fortrückenden Folgerichtigkeit faſt allein nur in dieſen mittleren Klaſſen anzutreffen. Ein friſcher Geiſt brach ſich unter dieſen jungen Leuten mit einer unaufhaltſamen Gewalt Bahn und riß Alles mit ſeiner Strömung fort, was Hand und Fuß einmal verſnchsweiſe dinein 6 geſetzt hatte. Die Verfolgungen, Einſperrungen, die Verbannungen und das ſyſtematiſche Verſchließen jeder vaterländiſchen Laufbahn, welche die eben hinter uns liegende Generation zu drücken, zu knechten, zu per⸗ horresciren begann, hatten nichts, gar nichts gefruch⸗ 298 tet, denn der menſchliche Geiſt, namentlich wenn er erſt die jugendlichen Seelen in Flammen geſetzt und die Köpfe berauſcht hat, der Geiſt, der, ſeiner Be⸗ ſtimmung folgend, zum Höheren, Beſſeren, Göttlichen ſtrebt, läßt ſich auf keine Weiſe, durch kein Gewalt⸗ mittel, keine Strafe, und ſei ſie auch noch ſo hart, unterdrücken, bewältigen, auslöſchen. Immer wieder richt er in kleinen Flammen aller Orten aus, zün⸗ elt empor, und ehe man es ſich verſieht, hat ſich eine Flamme gebildet, ſo groß, ſo intenſiv, daß ſie nicht allein weit hin leuchtet, ſondern auch läuternd und klärend die Gemüther Derer durchdringt, die den Muth haben, ihre Augen darauf zu richten und ihr Herz daran zu erwärmen. Daß ein Entſcheidungs⸗ kampf zwiſchen den Vorkämpfern der Reaction und Reformation herannahte, war ſchon lange nicht mehr zu verkennen; eine ſchwüle Luft, wie Venturini ſagt, drückte ſchon im Anfange des Jahres 1830, gleichſam als Verkündigerin heranziehenden Unwetters, beäng⸗ ftrgend die Bewohner aller civiliſirten Staaten unſers Welttheils. Nicht blos die Gewalthaber, ſondern faſt jeder mit geſunden Sinnen den Zuſammenhang zwi⸗ ſchen Urſache und Wirkung beobachtende Menſch fühlte ſich durch ſolche Zeichen der Zeit gedrungen, den Zug der Wetterwolken zu beobachten, die immer 299 ſichtbarer am weſtlichen politiſchen Horizont ſich auf⸗ thürmten. Wenn nun ſchon die ruhig an ihrem Heerde ſitzen⸗ den und gemächlich lebenden Menſchen ſolches Un⸗ wetter nahen ſahen und ihre Unruhe nicht bergen konnten, wie mußte es erſt unter der feurigen Jugend hergehen, die auf Univerſitäten zu engeren oder wei⸗ teren Kreiſen vereint, mit hochgeſpitzten Ohren und weit aufgeriſſenen Augen auf den nahenden Sturm lauſchte! Waren ſie nicht einer Pulvertonne zu ver⸗ gleichen, in die nur ein zündender Funke zu fallen braucht, um Alles, was ſie umgiebt, in Rauch und Flamme zu hüllen? Und in der That, dieſe Pulvertonne fing ſich auch ſchon damals in Bonn zu bilden und zu füllen an, und den jungen Menſchen ſtachelt ein leidenſchaftliches Begehren, ſich an den Ort zu drängen, wo, wie man ihn errathen läßt, Großes ſich vorbereitet, ſelbſt wenn damit keine geringe Gefahr verbunden iſt. So hatten ſich denn auch in Bonn damals ſoge⸗ nannte Verbindungen gebildet, geheime und öffentliche, erlaubte und unerlaubte, und es ward darin nicht allein wacker gezecht und geſungen, ſondern auch ein warmes, ja wohl ein heißes Wort geſprochen. Die⸗ ſen Verbindungen ſchloſſen wir uns natürlich nicht an, 4½ 30⁰0 Herr von Transfeld hatte gänzlich davon abgerathen und auch der Prinz fühlte kein Verlangen, in Ver⸗ hältniſſe ſich zu miſchen, deren Zwecke und Ziele nicht klar und beſtimmt hervortraten und deren Erfolge alſo jedenfalls außer aller Berechnung lagen. Allein ganz und gar blieben wir, und namentlich der Prinz, doch nicht davon fern. Er hatte gelegentlich hier und da ein Wort fallen laſſen, man hatte es aufgefangen, zu eigenen Gunſten gedeutet, und ehe man es ſich verſah, war eine kleine Schaar um ihn verſammelt, die, ebenfalls aus verſchiedenen Gründen von be⸗ ſtimmten Verbindungen ſich fern haltend, eine Art freier Gemeinde bildete, deren Wortführer nicht zu verachten zund deren Tendenzen, mild und ungefähr⸗ lich in Izu auf jene anderen wilderen Verbrüde⸗ rungen, dennoch nach einem Ziele ſtrebten, welches ſchon vielen Regierungen Kopfweh verurſacht hat und ſogar noch heutigen Tages das Blut fieberhaft durch ihre Adern nach Hirn und Herzen treibt. In dieſen kleineren Kreiſen weilte der Prinz von Zeit zu Zeit ſehr gern; wenn ich durch meine unaus⸗ geſetzten Arbeiten zu Hauſe zurückgehalten ward, ging oder ritt er, falls die Verſammlung entfernter von Bonn zuſammentrat, allein dahin, trank ſeinen Schop⸗ pen Moſelwein wie die Uebrigen, und kam dann 301 Abends etwas ſtill und in ſich gekehrt zurück. Allmä⸗ lig auch tauchten in ſeinen Gewohnheiten einige Neuerungen auf, die mir allerdings auffielen, jedoch ſo bedeutungslos ſchienen, daß man kaum einen Ge⸗ danken der Beſorgniß daran knüpfen konnte. So erinnere ich mich noch eines Abends ſehr wohl, wo ich ſpät bei meinen Büchern ſaß und ganz und gar die Zeit vergaß, in welcher ſonſt der Prinz zurückzukehren pflegte. Ich wußte, daß er, wie er ſie ſelbſt nannte, ſeine„freie Gemeinde“ beſuchte, in der an dieſem Abend ein neu angekommenes Mitglied, von geringem Herkommen und ohne äußeres Anſehen, aber ein feuriger Kopf, mit einer vortrefflichen Zunge begabt, eine Disputation über die gegenwrtige poli⸗ tiſche Weltlage angekündigt hatte. Erſt nach elf Uhr kam endlich der Prinz nach Hauſe und fand mich über meine Bücher gebückt vor der Studirlampe ſitzen. Kaum aufblickend, nahm ich plötzlich einen ungewohnten Duft um mich her wahr, und als ich meine Augen erhob, ſah ich den Prinzen* ganz gemüthlich eine Cigarre zwiſchen den Lippen halten. „Was!“ rief ich aufſpringend,„Du rauchſ eine Cigarre? Das iſt ja etwas ganz Neues und nie Dageweſenes!“ 302 „Warum ſollte ich nicht eine Cigarre rauchen?“ erwiderte er lächelnd, und beſah und beroch ſchmun⸗ zelnd die zierliche Rolle, nachdem er ſie ſeinen Lippen entzogen.„Das Ding ſchmeckt gut, riecht noch beſ⸗ ſer und bringt ganz eigenthümliche Gedanken hervor.“ „Eigenthümliche Gedanken?“ fragte ich verwun⸗ dert.„Was denn für welche?“ „Ja ſieh, das kann ich Dir nicht ſo genau und auf einmal ſagen, Du mußt es erft ſelbſt verſuchen. Aber Du glaubſt nicht, wie ſonderbar Einem zu Muthe wird, wenn man den Rauch, der ſo ſchön duftet, ſo ungenirt und frank und frei zum Himmel aufwirbeln ſieht. Dieſer Rauch kehrt ſich an nichts, an kein Ge⸗ bot oder Perbot, er entwickelt ſich, ſteigt auf, ſucht irgend eine Oeffnung, durch die er entſchlüpfen kann und— fort iſt er, wohin ihm Niemand zu folgen vermag— in die Lüfte, wohin auch die Geiſter der Menſchen ſtrömen ſollen, wenn ſie den irdiſchen Leib verlaſſen. Iſt das nicht ein Vorzug, den ſo ein win⸗ ziges Ding vor vielen anderen bedeutenderen Din⸗ gen hat?“ Ich war ganz erſtaunt, ihn ſo reden zu hören und ſah ihn mir genau an, ob er nicht etwa einen Schop⸗ pen zu viel getrunken habe. Aber das war durchaus nicht der Fall und lag auch gar nicht in ſeiner Art. 303 Ich ſagte nur, indem ich meine Bücher zuſchlug: „Was haben wir doch für Fortſchritte gemacht, ſeit⸗ dem wir unſer heimatliches Dach verließen!“ „Wir werden noch viel größere machen,“ erwiderte er ernſt und bedeutſam,„verlaß Dich darauf, ich ſehe es ſchon jetzt alle Tage mehr ein. Und Das ſteht einmal feſt, die Cigarre wird in W... eingeführt, und paß einmal auf, ich ſage es Dir voraus: Hun⸗ derte werden es mir nachthun, die jetzt noch keine Ahnung davon haben, ich bringe das Rauchen bei Hofe in die Mode, und ſo wird, ſo ſoll es auch mit anderen Dingen ſein.“ „Mit welchen denn zum Beiſpiel?” „Mit freiem Denken und freiem Reden! Das gefällt mir, daß der Menſch ſagen kann was er denkt. Davon fällt die Welt nicht zuſammen und die Fürſten nicht von den Thronen. Gott ſtehe ihnen bei, wenn ſie ſo wackelig ſäßen!“. „Aber Du vergiſſeſt die Polizei, die nicht gern ſieht, wenn man Alles ſpricht, was man denkt.“ „Nicht gern ſieht? Lächerlich, Kurt, ſoll man, kann man nur das thun und treiben, was irgend ein Menſch, irgend eine Potenz gern ſieht? Was geht mich die Polizei an!“ „Dich freilich nicht, aber die Anderen. „Oho! Meinſt Du, ich beanſpruchte Vorrechte? Da irrſt Du. Was ich thue, ſoll jeder Andere thun dürfen, denn ich ſelbſt begehe kein Unrecht. Das iſt es eben, was ich will, was ich beanſpruche.“ „Aber wenn die Anderen ein Unrecht begehen, was dann?“ „Dann mögen ſie es büßen, Geſetze muß es ge⸗ ben, aber vernünftige Geſetze, dem Geiſte der Zeit entſprechende und dem göttlichen Willen nicht wider⸗ ſtrebende Geſetze!“—— Derartige Geſpräche fielen ſeit dieſer Zeit häufi⸗ ger vor und der Prinz ſchien ſeine ganz beſondere Freude daran zu haben, ſeine geiſtigen Fortſchritte, wie er ſagte, vor mir glänzen zu laſſen. Aber auch in anderen Dingen ließen ſich Neuerungen und Ab⸗ weichungen von früheren Gewohnheiten blicken. So weit ich mich erinnern kann, hatte ich nie eine Zei⸗ tung in ſeiner Hand geſehen; jetzt las er ſie, wo er r nur habhaft werden konnte, und nicht lange dauerte es, ſo abonnirte er ſelbſt darauf und plötzlich fluthete ein ganzes Meer politiſcher Druckſchwärze um uns, denn der Prinz hatte bei Weitem nicht an einer genug, von weit her wurden ſie verſchrieben und von Tag zu Tag mit lebhafterem Eifer verſchlungen. Um dieſe Zeit begann auch der Buchladen eine ₰ 305 große Anziehungskraft auf ihn zu üben. Stunden⸗ lang ſaß er darin und blätterte alle möglichen Bro⸗ chüren durch, von denen er dann immer einige aus⸗ ſuchte und mitbrachte, die er auch uns mittheilte, jedoch dabei im Vertrauen ſagte: ſie ſeien eigentlich verboten, doch nur für das dumme Volk. Ein verſtändiger Menſch könne Alles leſen, ſelbſt das Gefährlichſte und Abenteuerlichſte, und was ihn ſelbſt beträfe, ſo könne er, je mehr er dergleichen Dinge leſe, um ſo weniger begreifen, warum ſolche Blätter verboten würden, ein⸗ mal, weil man ſie doch leſen könne, und zweitens, weil das Gute darin ſich von ſelbſt Bahn brechen, das Unnütze und Böſe aber keinen Anklang finden würde, denn der menſchliche Geiſt ſtrebe nur zum Guten, das Böſe verlocke ihn zwar oft für kurze Zeit auf Abwege, immer aber kehre er wieder zur Wahrheit, das heißt zum rechten Wege zurück. So las ich denn dieſe Zeitungen und Brochüren auch, allein ich muß geſtehen, ſie ſagten mir nicht ſo zu, wie dem Prinzen, und meine Bücher waren und blieben mir lieber. Das erkannte er übrigens, als ich es ihm ſagte, an, wie er denn jeden Menſchen gern ſeinen Lieblingsweg verfolgen ließ, und oft äußerte er ſich beifällig über meine Conſequenz in der einge⸗ ſchlagenen Richtung. Mein unermüdlich vorwärts Der Sohn des Gaͤrtners. 1. 2o 306 drängender Trieb, zu lernen, ließ mir ſchon damals keine Ruhe mehr. Alles, was andere Menſchen wuß⸗ ten und konnten, wollte ich auch wiſſen und können, und ſo warf ich mich mit einem wahren Ungeſtüm auf und in die Arbeit. Aber ach! mir ging es wie allen übrigen Sterblichen mit ähnlichem Willen und ähnlicher Neigung. Alle Tage ſah ich mehr und mehr ein, daß ein ganzes Menſchenleben, zumal wenn es von zahlloſen zeitraubenden Verpflichtungen und Ge⸗ ſchäften in Anſpruch genommen wird, nicht ausreichend ſei, die Triebkraft des ganzen Feldes zu erſchöpfen, welches ein regſamer Geiſt zu bebauen wünſcht, und ich mußte mich täglich mehr beſchränken lernen, um wenigſtens die nothwendigſten und wichtigſten Fächer des mir für meine Verhältniſſe erforderlich erſcheinen⸗ den Wiſſens aufzuſchließen. Der Prinz ſah oft mit Erſtaunen auf meinen unabläſſigen Fleiß und lächelte beifällig darüber. Eines Abends war ich ſo recht in ſchwierige Studien vertieft, als er bei mir eintrat und ſagte: „Kurt, Du biſt ein fleißiger Menſch und haſt eine Ausdauer, wie Wenige. Ich wünſchte, mir wäre etwas davon zu Theil geworden. Aber die Menſchen ſind verſchieden begabt, was auch ganz gut ſein mag; meine Neigung geht mehr auf das practiſche Können als auf 307 das theoretiſche Wiſſen, und nur was mir für mein Leben nützt, hat Werth für mich.“ „Oho,“ ſagte ich,„ich denke, daß Alles was ich treibe und übe, mir auch für mein Leben nützen wird!“ „Da haſt Du auch Recht, mein Freund,“ erwiderte er ermunternd,„lerne alſo ſo viel Du willſt und kannſt, das wird mir auch von Nutzen ſein. Du ſollſt einmal mein Miniſter werden und wenn Du dann Alles im Kopfe haſt, brauche ich kein Lexikon aufzuſchlagen, was mir immer eine Art Demüthigung bereitet, da ich mir geſtehen muß, daß ich ein ungeheuer unwiſſender Menſch bin im Vergleich mit dem, was in jenen Büchern ſteht.“— Dergleichen Reden befeuerten mich nur noch mehr und ich ſetzte Tag und Nacht meine Studien fort, wo ich nur eine Stunde Zeit dazu fand. Bisweilen aber tauchte denn doch trotz aller unſrer Beſchäftigungen und Vergnügungen das Verlangen nach der Heimat in uns auf und namentlich der Prinz war es, der eines Abends große Sehnſucht dahin ausſprach. „Kurt,“ ſagte er,„es iſt hier recht hübſch, ich habe was gelernt, Fortſchritte gemacht, aber— weißt Du, was mir fehlt? Unſer Hochland fehlt mir. Es iſt zwar nicht ſo hoch, wie jene Felſen dort, nicht ſo ro⸗ G 20 308 mantiſch, aber es iſt ſchöner, friedlicher, ſtiller, und ich glaube, ich würde ein viel beſſerer Menſch werden, wenn ich alle Abende zwei Stunden daſelbſt zubringen könnte.“ „Wir werden es ja nächſtens wiederſehen,“ ent⸗ gegnete ich.„Das für Bonn beſtimmte Jahr iſt bald um und dann, denke ich, vollenden wir erſt unſre pro⸗ jectirte Rheinreiſe und kehren zunächſt auf einige Wo⸗ chen nach Hauſe zurück, ehe wir nach Göttingen gehen.“ „Prächtig, ja, das wollen wir thun. O wie freue ich mich auf den alten Waldſtein und— auf Elsbeth. Sie muß recht gewachſen ſein, Kurt!“ „Und Deine Schweſter auch!“ wagte ich einzu⸗ ſchalten. „O meine Schyeſter! Hildegard! Welche liebliche Erinnerung! Wie ſehne ich mich, ſie an mein Herz zu drücken! Du haſt Recht. Wann reiſen wir ab?“ „In vier Wochen, denke ich.“ „Stimmt Transfeld uns bei?“ „Vollkommen, wie immer!“ „So iſt es gut. Ich dächte aber, wir könnten ſchon in drei Wochen reiſen— 2“ „Du haſt zu entſcheiden, ich bin jeden Augenblick bereit, ſobald meine Collegien geſchloſſen ſind.“ — 309 An Leib und Seele geſund, an Geiſt und Herz gefördert, traten wir alſo in den Oſterferien des Jahres 1830 unſre kleine Reiſe an, die für die da⸗ maligen Verhältniſſe allerdings groß genug war. Den Rhein hinauf fuhren wir auf jener köſtlichen Straße, die den Strom entweder zur Rechten oder Linken be⸗ hält und von deren Höhen herab die Burg⸗ und Schloßruinen ragen, die jenes Land einſt ſo gefährlich und ſpäter ſo romantiſch gemacht haben. Als Bruno dieſe Ueberbleibſel einer noch ſehr weit in der Cultur rückwärts liegenden, ſogenannten ritterlichen Zeit zer⸗ bröckelt auf uns herabſchauen ſah, ſagte er: „Es mag einſt ſchön und berrlich geweſen ſein, als Stamm⸗ und Zwingherr da oben zu hauſen, die Wege zu verſperren, Zoll zu erheben oder zu ſtehlen und zu morden, wie es beliebte, aber wenn dieſe Herren heute noch in ähnlicher Art ihr Weſen trieben, würde ich einer der Erſten ſein, der ihre Veſten belagerte und ſie dem Erdboden gleich machte. Ein ſolcher Krieg gegen die Barbarei einer privilegirten Klaſſe iſt ein edles und humanes Werk, ganz das Gegentheil von den Kriegen, die wir heutzutage gegen die anſtrömende Civiliſation von einigen Kraftherren führen ſehen, die von Zeit zu Zeit poltern zu müſſen glauben, damit die Welt noch an ihre Macht und Gewalt glaube und * 310 ihr herrliches Geſchlecht nicht ausgeſtorben wähne. Es iſt gut, daß ich nicht vor vierhundert Jahren ge⸗ lebt habe, ich würde der Feind aller raubenden Gra⸗ fen und Herren und der Beſchützer aller Kaufleute und Juden geworden ſein, ſo ſehr ich das krämerhaft aufgeblaſene Volk und die wucheriſchen Juden der Jetztzeit haſſe und verachte!“— Ueber Mainz, Mannheim, Karlsruhe zogen wir nach Baſel hinab, beſuchten die nördlichen Cantone der Schweiz und kehrten endlich über München und Nürnberg nach W... zurück, wo wir zwei Wochen bleiben woll⸗ ten, bevor wir uns nach Göttingen begaben. Als wir eines ſchönen Tages unvermuthet auf dem Schloſſe zu W... eintrafen, erregten wir ein ſo freu⸗ diges Staunen bei Groß und Klein, daß ich mich nicht erinnern kann, etwas Aehnliches der Art jemals wieder erlebt zu haben. Nicht allein der Fürſt und ſein Hof gab ſeine Freude durch beſondere Feſtlichkeiten kund, auch die Bewohner der Stadt jubelten dem Erbprinzen entgegen und veranſtalteten ſogar zu ſeinem Empfange eine Illumination, an die ſich ein großer Ball ſchloß, als wäre ihnen ein neuer Erbe des alten Stammhauſes geboren. Allerdings waren die hoch⸗ adligen Damen und Herren überaus erſtaunt, uns in der neuen Studententracht, in blauen mit ſchwarzen 311 Schnüren reichlich beſetzten Pikeſchen, bei dieſen Feſten erſcheinen zu ſehen, was bis dahin noch niemals am Hofe vorgekommen war, allein als ſie ſich erſt an den wunderſamen Anblick gewöhnt hatten und den ſchönen Fürſtenſohn in der Nähe anſchauten, wie er ſo ſtolz, ſicher und unbefangen in ſeiner wiſſenſchaftlichen Uni⸗ form einherſchritt, da fanden ſie den Aufzug ſehr natürlich, bewunderten ihn unaufhörlich und es hätte nicht viel gefehlt, ſo wären die Damen in reich mit Schnüren beſetzten Taillen erſchienen— einer ſolchen Popularität erfreute ſich ſchon damals bei einem Theile der Reſidenzbewohner mein edler Freund. Als eine der, ihre Vorliebe am ſichtbarſten zur Schau tragen⸗ den Damen, trotzdem ſie damals ſchon die erklärte Braut des Grafen von Hohenheim war, zeigte ſich die Gräfin Wetterau; voll leidenſchaftlicher Hingebung folgte ſie dem viel jüngeren Prinzen auf Schritt und Tritt und ſuchte ihn bei jeder Gelegenheit in ein Geſpräch zu verflechten. Bruno aber, der gegen ſie den alten ſo wohl verdienten Groll im Herzen trug, ging ihr vor wie nach aus dem Wege und ſchärfte auch mir alle Vorſicht im Benehmen gegen ſie ein,„denn eine geborene Schlange, wie ſie eine iſt,“ ſagte er,„ver⸗ birgt nur darum ihren Giftzahn und zeigt gleißneriſch ihre ſchillernde Haut, weil ſie noch nicht ſicher iſt, ihren Feind mit Erfolg angreifen und verwunden zu kön⸗ nen. Dich kann ſie noch weniger leiden als mich, alſo nimm Dich in Acht!“ „Sie vergöttert Dich ja,“ erwiderte ich ſcherzend, „ſiehſt Du das nicht?“ „Das eben verletzt mich. Sähe ſie in mir nichts als den Menſchen, ſo wollte ich mir ihre Verehrung gefallen laſſen, aber da ſie nur dem Prinzen in mei⸗ ner Perſon Weihrauch ſtreut, ſo danke ich für die Ehre, ich bin lieber das Erſte als das Letzte, und das hoffe ich auch dieſer falſchen Creatur noch beweiſen zu können.“ Auf mich machten die vielen rauſchenden und da⸗ mals ſo raſch auf einander folgenden Feſte einen wun⸗ derbar niederbeugenden Eindruck. Es lag zu jener Zeit eine Wehmuth in meinem Herzen, die ich eigent⸗ lich auf nichts begründen konnte. Wenn ich dieſen glänzenden Verſammlungen beiwohnte, befiel mich ſtets eine tief trübe Stimmung.„Welcher Luxus und welche Nüchternheit,“ ſagte ich zu mir,„welche Fülle und welcher Mangel macht ſich hier geltend! Welche wilde Janitſcharenmuſik berauſcht unſer Ohr und welche ſchaalen Redensarten lähmen unſern Geiſt! Ueberall iſt Geſchrei und Gelärm und nirgends ein Gedanke, ein Gefühl. O, wie viel beſſer ſchmeckten mir mein 313 ſchwarzes Brod und meine Milch unter den Bäumen des ſtillen Waldhauſes da draußen, als die leckeren Gerichte und perlenden Weine in dieſen goldſtrahlen⸗ den Gemächern! Ach, und wenn ich dieſe liebliche Fürſtentochter dort ſehe, die ſchönſte ihres Geſchlechts, wie die Knospe in ihr ſich entfaltet und bald in die köſtlichſte Blüthe übergegangen ſein wird, wie bald wird eine rauhe Hand gierig ſich danach ausſtrecken und das Kleinod an ſein vertrocknetes Herz reißen, um es wieder damit aufzufriſchen und zu neuem Schlage zu beleben! O, o, wenn ich nur nicht einſt dazu auserleſen werde, das mit anzuſehen, ich könnte es nicht ertragen!“. Gleich am zweiten Tage nach unſerer Ankunft in W... ritten wir Morgens ganz früh, noch bevor irgend Jemand im Schloſſe uns bemerken und ver⸗ folgen konnte, nach unſerm Hochlande hinaus. Wel⸗ ches ſchöne Willkommen, welche beruhigende Freude wurde uns da zu Theil! Lange Zeit hielt der Prinz die Tochter Waldſtein's an der Hand feſt und konnte ſich an den Veränderungen nicht ſatt ſehen, die er an ihr wahrnahm.„Elsbeth,“ ſagte er,„Du biſt auf dem beſten Wege, meiner Schweſter den Rang in meinem Herzen ſtreitig zu machen; fahre ſo fort, Mäd⸗ chen, ich rechne es mir für ein beſonderes Glück an, — 314 zwei Weſen zu kennen und zu haben, die ich ſo liebe wie ſie und Dich.“ Elsbeth, frei von aller Ziererei und Uffectation, ſchlug zwar die Augen bei dieſen ſeltſamen Worten nieder, aber raſch erhob ſie ſie wieder, lächelte den Prinzen und mich freudig an und ſprang dann haſtig davon, den Tiſch zu decken und die Speiſen aufzu⸗ tragen, die wir zum Frühſtück genießen ſollten. Einen um den andern Tag wiederholten wir die⸗ ſen Beſuch, ſo oft wir nur eine Stunde dafür frei hatten, und als wir endlich wieder Abſchied nahmen, ließen wir abermals zwei Trauernde zurück, denen der Prinz das zweite Licht des Tages zu werden be⸗ gann. Noch einer anderen Perſönlichkeit muß ich bei die⸗ ſem erſten Beſuche gedenken, die ſich mehr denn je und gewiß nicht ohne Nebenabſicht, in unſere Nähe zu drängen verſuchte. Ich meine Herrn Beau. Ich hatte auf ſeinem perfiden Geſichte wohl das ſpöttiſche Lächeln bemerkt, als er unſerer zum erſten Male in der ſtudentiſchen Kleidung anſichtig wurde. Nichts⸗ deſtoweniger nahm er gleich darauf eine unterthänige Miene an, beglückwünſchte uns wie zwei alte Freunde und verſicherte uns ſeiner unerſchütterlichen Anhäng⸗ lichkeit. Um uns zu täuſchen und vielleicht um ſo 4 ¹ 315 leichter unſer Vertrauen zu gewinnen, erheuchelte er eine ihm ſehr ſchlecht ſtehende Burſchikoſität in Wor⸗ ten und Werken und ſtieß uns dadurch nur noch mehr von ſich zurück. Dabei ſuchte er uns, wo es irgend ging, auszuhorchen, und da er es beim Prinzen nicht ſo geradezu wagte, warf er ſich auf unverſchämte Weiſe an mich heran, ſo daß ich genöthigt war, mein war⸗ mes und im Ganzen freundliches Weſen mit einer künſtlichen Eisrinde zu umziehen. Ohne Zweifel ging ſein Beſtreben nur dahin, un⸗ ſere Meinungen über verſchiedene Dinge zu erforſchen, um ſie in verbeſſerter Auflage dem Fürſten, ſeinem Goönner, zu hinterbringen und dadurch Gelegenheit zu haben, deſſen Gunſt in noch höherem Grade zu gewinnen. Ich war jedoch überall und ſtets auf meiner Huth, weniger dagegen der offenherzige und immer geradeaus gehende Prinz. Er fand ſogar ein Vergnügen daran, über ſeine jetzigen Anſichten Worte fallen zu laſſen, die, wenn ſie in die rechten Ohren geträufelt wurden, als fürchterliches Gift wirken muß⸗ ten. Dies führte eines Tages eine Scene herbei, die der Prinz keineswegs beabſichtigt hatte, aber wenn Herr Beau dadurch eine bitterſchmeckende Lehre mehr empfing, ſo durfte er dieſelbe nur ſeiner Lauſcher⸗ und Horcherwuth zuſchreiben. 316 ..+— 7 Um nicht aus der Gewohnheit und dem Zuſam⸗ menhange zu kommen, ließ ſich der Prinz alle in Bonn geleſenen Zeitungen, Brochüren und ſonſtigen periodiſchen Schriften nach W... nachſenden, und da der fürſtliche Poſtbote, der ſie vom Poſtamte in der Stadt holte, alle an den Hof eingehenden Briefe und Sendungen zuerſt in das Cabinetsbüreau des Fürſten trug, wo Herr Beau als Secretair fungirte, ſo nahm dieſer in ſeiner Neugierde ſehr bald Kenntniß von den Titeln der Brochüren und den Namen der Zei⸗ tungen, von denen einige damals einen ſehr üblen Klang hatten. Einige dieſer Sendungen waren ſchon öfters verſpätet und ſichtbar durchſtöbert in des Prin⸗ zen Hand gelangt und als er darüber weiter nach⸗ forſchte, ergab ſich ſehr bald, wer der unberufene Spürer und Leſer ſei. Der Prinz war nicht geneigt, ſich dergleichen Ein⸗ griffe von Herrn Beau gefallen zu laſſen, und da er ihn deshalb ſprechen wollte, begab er ſich in den Park, wo zu der Zeit Herr Beau den jüngeren Brü⸗ dern des Prinzen, ſeinen Zöglingen, Turnunterricht ertheilte. Die Knaben, von denen der älteſte damals zwölf Jahre alt war, ſtanden wohlgeſchult auf ihren Plätzen und bemühten ſich, dieſelben Stellungen der Courtoiſie und Grazie anzunehmen, die auch wir einſt 317 an dieſem Orte hatten durchmachen müſſen, und wir blieben daher eine Weile ſtehen und ſahen dem Vor⸗ gange zu, der uns ſchon durch die Erinnerung an un⸗ ſre Jugendtage einiges Vergnügen gewährte. „Herr Beau,“ ſagte der Prinz nach einiger Zeit zu dem Lehrer, der noch immer ſeine ſchraubenartigen Bewegungen blicken ließ, die uns früher ſo zuwider geweſen waren,„wenn Sie mit Ihrem Unterrichte zu Ende ſind, möchte ich auch ein Wort mit Ihnen re⸗ den. Laſſen Sie ſich jetzt nicht ſtören, wir werden uns auf jene Bank ſetzen und die Zeitung leſen, bis Sie fertig ſind.“ Herr Beau verbeugte ſich unterthänig, wir aber ſetzten uns auf die Bank unter demſelben Baume, in deſſen Schatten einſt der verhängnißvolle Schuß auf den Urheber unſerer jugendlichen Kümmerniſſe gefallen war. Sowohl der Prinz wie ich nahmen, nachdem wir den Stellungen und Sprüngen der jungen Welt noch einige Aufmerkſamkeit geſchenkt, eine Zeitung zur Hand und laſen ämſig darin. Herr Beau aber, der wohl kein gutes Gewiſſen haben mochte, warf von Zeit zu Zeit einen lauernden Blick auf die ernſte Miene meines Gefährten und ſuchte im Stillen Zweck und Gegenſtand der geforderten Unterredung zu ent⸗ räthſeln, die ihm in Kurzem bevorſtand. Um den 318 jungen Herrn, den er zugleich fürchtete und verläum⸗ dete, vielleicht günſtig für ſich ſelbſt zu ſtimmen, nahm er eine überaus liebreiche Miene und höfliche und un⸗ gebundene Redeweiſe an, wie wir ſie nie von ihm zu hören ſo glücklich geweſen waren, aber dieſe plumpen und offenbaren Kunſtſtücke glitten an dem ernſten Prinzen wie von einem ſtählernen Panzer ab. Endlich war der Unterricht zu Ende. Die jungen Prinzen zogen lärmend ab und Herr Beau machte ſich zur bevorſtehenden Conferenz bereit. Langſam ſich uns nähernd, wiſchte er, wie um uns zu rühren, mit einem Tuche den Schweiß von ſeiner Stirn, räusperte ſich und ſtand endlich mit einem tiefen Bückling vor dem kräftigen Jünglinge, der einſt ſein Schüler ge⸗ weſen war. 3 „Es iſt ſehr warm heute,“ ſagte er lispelnd; „ich habe meine Pflicht erfüllt, Durchlaucht, und ſtehe nun zu Ihren Befehlen.“ „Warten Sie noch einen Augenblick,“ erwiderte der Prinz, ohne von ſeinem Blatte aufzuſehen und las erſt den Satz zu Ende, den er begonnen hatte. Als er damit fertig war, faltete er das Papier zu⸗ ſammen, nahm einige Brochüren aus der Taſche und reichte ſie mit der Zeitung dem Lehrer der Gymnaſtik und Geheimen⸗Secretair hin. 319 „Nehmen Sie gefälligſt dieſe Blätter,“ begann der Prinz,„leſen Sie die Titel und ſagen Sie mir dann, ob Sie dieſelben ſchon einmal vor Geſicht ge⸗ habt haben.“ Herr Beau ſchauerte zuſammen, als ihm die Blät⸗ ter etwas heftig zwiſchen die Finger geſchoben wur⸗ den, denn das Eis in Stimme und Miene des Prin⸗ zen war hart gefroren und auf ſeiner ſonſt ſo klaren Stirn hing eine drohende Wetterwolke. „Ich?“ ſagte der Schraubenmann langſam, nach⸗ dem er die verſchiedenen Titel geleſen,„ich, dieſe Blätter und Zeitungen?“ „Ja, Sie, wer denn ſonſt? Spreche ich nicht deutlich?“ „Nein, Durchlaucht, Dergleichen leſe ich nicht, darf ich nicht leſen, es wäre wider— geſtatten Sie mir dieſe Offenherzigkeit— wider meine Pflicht und mein Gewiſſen.“ „O, geniren Sie ſich nicht, Sie wiſſen ja ſeit langer Zeit, daß ich die Offenherzigkeit liebe und zu Zeiten ſelbſt übe, ſprechen Sie immerhin, wie Sie der Geiſt treibt; aber ich ſehe nicht ein, warum es gegen Ihr Gewiſſen wäre, dergleichen Wahrheiten, wie ſie in dieſen Blättern enthalten ſind, zu leſen.“ „Wahrheiten? Das iſt mir etwas Neues, Durch⸗ 320 laucht; ich glaube, Sie belieben zu ſcherzen. Man nennt ja in ganz Deutſchland dieſe Zeitungen Lügen⸗ blätter, und Sie— Sie mit Ihrer wahrheitslieben⸗ den Seele— werden dem doch nicht widerſprechen wollen?“ „Und wenn ich es nun doch thäte? Wenn ich ſogar mit meiner wahrheitsliebenden Seele mir er⸗ laubte, Ihnen zu ſagen, daß es keine Lügenblätter ſind, die Sie da in der Hand halten, daß ſogar große, bedeutungsvolle Wahrheiten darin ſtehen, wie dann?“. „Durchlaucht— ich begreife nicht—“ „Ah, Sie begreifen nicht, das iſt etwas Anderes. Doch, was halte ich mich auf, Sie belehren zu wollen, das iſt vergebliche Mühe. Sie wiſſen Alles, ſind ſo⸗ gar mein Lehrer in Mancherlei geweſen und ich muß alſo noch immer einigen Reſpect vor Ihrem Wiſſen haben. Einen Rath aber, einen wohlgemeinten, kön⸗ nen Sie doch von mir annehmen. Ich rathe Ihnen alſo, leſen Sie dieſe Blätter. Ja, ja, machen Sie nur immer ſo große Augen, wie Sie jetzt machen, um ſie recht genau zu leſen. Es ſteht Viel darin, was Sie wiſſen ſollten, und legen Sie das, was Sie Gutes darin finden, Denen vor, die Sie oft um Ihre Meinung in ſolchen Dingen befragen. Selbſt Für⸗ 321 ſten“— er betonte dieſes Wort ſtark—„ſollten damit bekannt werden. Und wenn ſie nur täglich eine ſolche Zeitung läſen, darüber nachdächten und danach handelten, ſo würden ſie großen Vortheil für ſich und ihr Land davon ziehen. Sie aber müſſen, um ſich in der höheren Diplomatie zu vervollkommnen, was ja von jeher Ihr Beſtreben war, nicht allein die Blätter und Schriften leſen, die unter der Fuchtel des Cenſors ſtehen, nein, mein Herr, Sie müſſen ſolche leſen, die aus einem freien Selbſtgefühl hervor⸗ gegangen ſind, die den Geiſt unverfälſcht wiedergeben, welchen Gott den Menſchen eingehaucht hat, und die von Leuten herrühren, die ſchreiben und ſprechen dür⸗ fen, wie ihnen der Schnabel naturgemäß gewachſen iſt.— Das war mein Rath, Herr Beau; benutzen Sie ihn nach Kräften, wie und wo Sie wollen. Aber ich habe Ihnen außerdem noch eine Rüge zu ertheilen.“ „Eine Rüge?“ wiſperte der Schraubenmann, der bald roth, bald blaß unter dem Damollesſchwert geworden war, das dicht über ſeinem Haupte hing. „Ja, eine Rüge, ſage ich. Denn Sie haben mir vorher die Unwahrheit geſagt. Oder irre ich mich? Sind dieſe Zeitungen nicht eher in Ihren Händen geweſen als in den meinigen, wie?“ Der Sohn des Gärtners. I. 21 322 „Durchlaucht, ſie wurden im Cabinet abgegeben und da habe ich ſie geſehen.“ „O, wer ſpricht vom Sehen! Sehen können Sie ſie, auch beriechen und beſchnüffeln, ſo viel Sie wol⸗ len, aber aus ihrem Verſchluß löſen, wie hier ge⸗ ſchehn— und das haben Sie gethan, mein Herr— das dürfen Sie nicht. Ich wenigſtens verbitte mir das von Ihnen. Von jetzt an fordere ich, daß Sie die Sendungen, die unter meiner Adreſſe hier anlan⸗ gen, mögen es Briefe oder Druckſachen ſein, nicht im Cabinet behalten, um ſie zu höheren Zwecken zu verwenden, ſondern ſofort an ihre Adreſſe befördern. Haben Sie mich verſtanden?“ „Ich bedaure,“ flüſterte Herr Beau,„Sie erzürnt zu haben, aber Sie ſind im Irr—“ „Gehen Sie!“ ſagte der Prinz ruhig und machte mit der Hand eine vornehme Abſchiedsbewegung, was ihm ſo fürſtlich ſtand,„Sie haben mir lange genug in der Sonne geſtanden— der kalte Schatten, den Sie werfen, iſt mir unheimlich.“ Der Arme verbeugte ſich, ſogar auch vor mir, was er noch nie gethan, und ſchlich von dannen, ohne Zweifel froh, daß er außerhalb der Wirkung des prinz⸗ lichen Gluthblickes war. „Dem hab' ich's gut eingetränkt,“ ſagte der Prinz lachend, als er verſchwunden war,„meine Packete öffnet er nicht wieder. Ah, aber da kommt mein Vater mit Herrn von Transfeld. Er hat gewiß ſei⸗ ner jungen Sprößlinge Luftſprünge ſehen wollen und nun kommt er zu ſpät. Das geſchieht den Fürſten leider oft. Aber er zeigt eine ernſte Miene— ſieh, er hat uns erblickt und macht Kehrt— was bedeu⸗ tet das?“ Eine Stunde ſpäter erfuhren wir von Herrn von Transfeld, was das bedeutete, denn er kam, um uns mitzutheilen, daß er mit dem Fürſten des Prinzen wegen eine ernſte Unterredung gehabt, daß er uns aber ein günſtiges Reſultat mittheilen könne.„Göt⸗ tingen ſtand auf dem Spiele,“ ſagte er. „Wie!“ rief der Prinz,„wir ſollten nicht nach Göttingen?“ „Beinahe nicht, doch hören Sie. Ich hatte die Ehre, Sr. Durchlaucht ein Referat über unſern Auf⸗ enthalt zu Bonn zu liefern. Er war mit Ihrem Fleiß und allem Uebrigen zufrieden.„Und nun wol⸗ len⸗Sie nach Göttingen?“ fragte er.„Das gefällt mir nicht recht. In Hannover iſt der Teufel los. Die Regierung zankt ſich ohne Unterlaß mit den Un⸗ terthanen. Das iſt häßlich, das mag ich nicht leiden. Das Unrecht liegt auch hier wie immer auf be 1 21-r 324 Seiten, die Einen wollen zu raſch haben, die Ande⸗ ren zu langſam geben. Die Regierung ſollte dies⸗ mal nachgeben, ſie iſt wirklich im Unrecht, wie mir ſcheint, aber freilich, man giebt das Heft nicht gern aus der Hand, wenn die Schneide ſcharf geſchliffen iſt. Und nun wollen Sie mit meinem Sohne nach Göttingen!“ „Warum nicht, Durchlaucht,“ ſagte ich.„Die Zwiſtigkeiten in Hannover gehen uns ja gar nichts an. Wir wollen weder mit der Regierung noch mit den Unterthanen verkehren. Wir wollen ſtudiren, die Univerſttät Göttingen beſuchen und die Vorleſungen ihrer großen Mäͤnner, der dortigen Profeſſoren, hören.“ „Schweigen Sie mir von den Profeſſoren ſtill!“ rief er ärgerlich.„Die haben auch mitunter den Teu⸗ fel im Leibe und brüten Eier aus, deren Inhalt ſie oft ſelbſt nicht gern eſſen würden, wenn er lebendig geworden und ihnen über den Kopf gewachſen iſt.“ „Wir werden nur die beſten hören,“ wagte ich zu erwidern. „Ah, die beſten, das kenne ich. Wer am meiſten und lauteſten raiſonnirt, hat den ſtärkſten Zulauf, die Jugend iſt einmal ſo und mein Junge, der Bruno, hört auch gern eine Muſik mit Pauken und Trompeten.“ Wir lachten und Herr von Transfeld lachte mit. 325 „Ja, ja,“ fuhr er fort,„ich lachte auch in Gegenwart Sr. Durchlaucht und das ſchien ihn zu freuen, denn gleich darauf ſagte er:„Nun, ich will nicht dagegen ſein. Gehen Sie nach Göttingen. Aber ich werde mein Auge offen halten. Bei dem erſten Lärm, den es giebt, werde ich wie eine Bombe unter Euch platzen und dann den Marſch in ein ruhiges Land blaſen.“— Das war der Inhalt unſerer Unterredung, Durchlaucht, und ſo können Sie Jedermann ſagen, daß wir nach Göttingen gehen, wo ſchon Alles zu un⸗ ſerm Empfange bereitet iſt.“ „Alſo nach Göttingen!“ riefen wir jauchzend, und rüſteten in den nächſten Tagen Alles zur Abreiſe. Meine Eltern konnte ich diesmal leider nicht ſehen, ſie waren nach M... gereiſt, wo mein Großvater lebte, der, wie man mir ſagte, krank geworden war. Da mein Vater Rene über ſein vergangenes Leben ſpüren mochte, ſo begleitete er diesmal meine Mutter, um möglicher Weiſe ſeinen Schwiegervater zum letzten Male zu ſehen und ſich mit ihm zu verſöhnen, ehe er das Zeitliche verließ. So reiſte ich denn ohne die Segens⸗ wünſche meiner Mutter ab, aber ich hoffte im Stillen, daß ſie mich auch begleiteten, ohne daß ſie hörbar in mein Ohr gedrungen waren. Keuntes Knpitel. Eine unvorhergeſehene Wirkung der Georgia Augusta. Der Abſchied von der fürſtlichen Familie und den Schloßbewohnern war abermals genommen und wir ſtiegen mit freudiger Spannung in die Wagen, um ſo bald wie möglich die damals ſo berühmte Georgia Augusta auch einmal von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Als wir nun durch das vom Frühlingsſonnen⸗ ſchein ſo heiter beglänzte Land fuhren und uns fröh⸗ lich von der roſigen Zukunft unterhielten, konnten wir nicht ahnen, daß das Jahr, deſſen vierten Monat wir ſchon erreicht, nicht allein für uns, ſondern auch für ganz Europa ſo verhängnißvoll werden ſollte. Aller⸗ dings wußten wir, daß es überall gährte und kochte, daß Unzufriedenheit bei Groß und Klein faſt in allen Landen zu finden war, aber daß dieſes Jahr mit dem Umſturz von Thronen enden und zahlloſe, für unſern ganzen Erdtheil wichtige Ereigniſſe im Gefolge haben würde, ſo wie daß wir, ohne unſre wiſſenſchaftlichen Zwecke völlig erreicht zu haben, in noch nicht Jahres⸗ friſt die berühmte Georgia Augusta wieder verlaſſen müßten, das dachten wir damals gewiß nicht. Nachdem wir uns nur kurze Zeit auf einigen Zwiſchenſtationen aufgehalten hatten, langten wir nach wenigen Tagen eines Abends in Göttingen an. Wir fanden in einem ſchönen und alterthümlichen Hauſe am Markt eine ſehr freundliche und geräumige Woh⸗ nung vor, in der wir uns bald nach alter Gewohnheit behaglich niederließen. Doch bevor ich einzelne Ereigniſſe aus unſerm Leben hervorhebe, muß ich in allgemeinen Umriſſen des damaligen Lebens in Göttingen gedenken und werde ich hierin ſo kurz wie möglich ſein, da ich vor⸗ ausſetzen muß, daß den meiſten meiner Leſer die dor⸗ tigen Verhältniſſe zu jener Zeit einigermaßen be⸗ kannt ſind. In Göttingen, deſſen höchſte Blüthezeit allerdings ſchon einige Jahre vor unſerm Eintreffen gefallen war, lebten und wirkten damals die berübmteſten 328 Männer der Wiſſenſchaft und ich will nur die für uns wichtigen namentlich hervorheben. Es waren die politiſchen Rechtslehrer Mühlenbruch und Göſchen, die Hiſtoriker und Staatswiſſenſchafter Heeren, Gervinus und Dahlmann, die Literatoren Diſſen und die bei⸗ den Grimms, die Philoſophen Ewald, Herbart und Hugo und endlich der Aſtronom Gauß, obgleich wir auch viele Andere zeitweiſe frequentirten und achten lernten. Es läßt ſich leicht begreifen, daß unter Vorantritt ſolcher wiſſenſchaftlicher Heroen der geiſtige Verkehr und das akademiſche Leben ein bedeutendes ſein mußte, nebenbei zeigte ſich auch unter den Lehrern und Schülern der Univerſität eine große Neigung zur freieren Auffaſſung des politiſchen Strebens, wozu damals leider viel Stoff in Hannover von Außen her gegeben war.. Trotzdem aber herrſchte unter den Studirenden, die durch die Reichhaltigkeit und Vielſeitigkeit der Vorleſungen angelockt und geiſtig befriedigt wurden, ein anſtändiger Ton, Profeſſoren und Studenten wett⸗ eiferten mit einander, ſich das Leben leicht und an⸗ genehm zu machen, und unter den vielen, den höhe⸗ ren Ständen angehörenden Studirenden hatten ſich abgeſchloſſene Kreiſe gebildet, wie ſie auf keiner an⸗ deren deutſchen Univerſität beſtanden und durch ein 82 e freiſinniges gehaltvolles Streben ſich die Wege zu einer großen und bedeutenden Zukunft bahnten. Der Reichthum, die Größe und Koſtbarkeit der Bibliothek von Göttingen iſt weltbekannt, daher brauche ich darüber nicht zu ſprechen, mir vor Allen aber ward dieſelbe eine unerſchöpfliche Quelle redlichſten Beſtrebens und Lernens, und jede mir zu Gebote ſtehende Mußeſtunde benutzte ich rechtſchaffen, mich darin häuslich niederzulaſſen und meinen eigenen Weg in der wiſſenſchaftlichen Ausbildung zu verfolgen, wo⸗ zu ich die Anleitung nicht allein von Herrn von Transfeld, ſondern auch von vielen mir bald näher ſtehenden Lehrern der Akademie ſelbſt erhielt. Leider fanden wir eine überall ſichtbar hervortre⸗ tende Mißſtimmung unter den Bürgern der Stadt und den Studirenden ſelbſt gegen das bisherige Ver⸗ fahren von Seiten der hannoverſchen Regierung vor, eine Mißſtimmung, die in allen Gauen des Landes, von den höchſten bis zu den niedrigſten Kreiſen herab, ihren wohlbegründeten Widerhall fand. Von dieſer Mißſtimmung bis zur bedenklicheren Aufregung war in Göttingen ſelbſt unter den vielen feurigen Ge⸗ müthern, mit denen die mit ihrer Lage unzufriedene Bürgerſchaft ſympathiſirte, nur ein kurzer Schritt, und nicht allein unter den jüngeren Privatdocenten, auch 8 3 1 330 unter politiſch erfahrenen Männern fanden ſich Hitz⸗ köpfe genug, die mit feuriger Beredſamkeit die Noth⸗ wendigkeit politiſcher Reformen predigten, was natür⸗ lich bei einem großen Theile der leicht entzündbaren Jugend einen lebhaften Anklang fand. Als nun im Juli die Revolution in Paris aus⸗ brach, in Braunſchweig im September Herzog Carl verjagt und eine neue Ordnung der Dinge in beiden Staaten eingeführt wurde, lagerte ſich auch über das kleine Göttingen eine blitzesſchwangere Wolke, die nicht wieder aus ihrer Stellung wich, bis ſie ſich im Januar des folgenden Jahres verhängnißſchwer genug über das freundliche Städtchen entlud. Doch davon ſpäter, wenn ich über meinen Freund, den Prinzen, das Noth⸗ wendige nachgetragen haben werde. In den erſten Monaten unſers Aufenthalts in Göttingen lebten wir verhältnißmäßig ſehr zurück⸗ gezogen von allem äußeren Verkehr; der Prinz, der außer den Zeitungen und politiſchen Abhandlungen, die in Maſſen von allen Seiten zuſtrömten, wenig las, beſchränkte ſich darauf, zu hören und dann in ſtiller Abgeſchiedenheit darüber nachzudenken und mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen. Herr von Transfeld, der auch hier ſeinen eigenen Beſtrebungen nachging, ſpeiſte, ritt und fuhr mit uns, ſonſt aber kamen wir 5 381 nur in geringe Berührung mit ihm, beſonders ich, der ich mit raſtloſem Eifer meine Ausbildung in jeder Richtung betrieb und meine ganze Zeit theils in den Hörſälen, theils auf der Bibliothek, theils in ſtillſter Forſchung auf meinem eigenen Zimmer verbrachte. Bis zum Ausbruch der Julirevolution zeigte der Prinz jedoch ſeine gewöhnliche heitere und unbefangene Miene, weder Herr von Transfeld noch ich bemerkten die geringſte Abweichung von ſeiner früheren Art und Weiſe zu leben und das Leben in den Kreis ſeiner Betrachtungen zu ziehen. Kaum aber war die Nach⸗ richt jenes blitzſchnellen Thronwechſels über Deutſch⸗ land hingeflogen, ſo nahm ſein Geſicht einen mehr denn ernſten Ausdruck an, er zog ſich eine Zeit lang ganz von dem bisherigen Verkehr zurück und geſtattete uns nur ſelten einen flüchtigen Einblick in ſein Gemüth, das überaus aufgeregt war, trotzdem er ſeinen äuße⸗ ren ruhigen Anſchein vor aller Welt zu bewahren wußte. Als nun aber die Septemberereigniſſe in Braunſchweig bekannt wurden und außerdem die viel⸗ fachen Bewegungen in faſt allen Ländern des deutſchen Reiches, ja Europa's lauter und lauter heranſtürmten, da ging eine längſt vorbereitete eigenthümliche Wand⸗ lung im Geiſte des Prinzen vor, die wir beide ihm zunächſt Stehenden aber anfangs gänzlich mißkannten, 332 da er gegen keinen von uns ſeine Anſichten genauer entwickelte. Wir glaubten nämlich, das alte ſtolze Stamm⸗ und Herrſchergefühl rege ſich in ſeiner Bruſt, der unbezwingliche, tief in jedes Fürſten Herz ſchlafende Löwe ſei erwacht und er werde nun grollend und die Mäh⸗ nen ſchüttelnd hervortreten, um der ungehorſamen Unter⸗ thanenwelt den Fehdehandſchuh hinzuwerfen, allein— wie ſehr hatten wir uns in unſerm jungen Freunde geirrt! Damals, Anfangs October war es, daß Bruno ſich zwei oder drei Wochen lang ganz von uns zurück⸗ zog und nur Mittags bei Tiſche mit uns zuſammen⸗ traf, ohne jedoch faſt nur ein Wort zu reden. Nach Tiſche ließ er ſein Pferd ſatteln und ritt, nicht mehr im Galopp wie früher, ſondern im ruhigſten Schritt zu irgend einem Thore hinaus. Herr von Transfeld, auf das Aeußerſte beunruhigt, ritt ihm eines Tages heimlich nach und da ſah er ihn eben ſo ſtill durch die Felder und, den Blick in ſich gekehrt, ganz in tiefſter Stille nachdenkend. hinreiten, als hätte er mit ſich ſelber einen wichtigen Rath abzuhalten. „Er brütet über Etwas,“ ſagte Herr von Trans⸗ feld an dieſem Abend zu mir,„aber ich kann nicht ergründen, was es iſt. Ich befinde mich in einer un⸗ angenehmen Lage, ich kann es wohl ſagen, denn ich ſehe nicht, wie die Geſchichte enden ſoll.“ „Haben Sie Geduld,“ erwiderte ich,„ich kenne ihn und habe Vertrauen zu ſeiner Einſicht. Er kann nichts Uebles mit ſich herumtragen und wir werden eher über das Großartige ſeiner Gedanken, wenn wir ſie hören, zu ſtaunen als über den Irrweg, den Sie befürchten, zu klagen haben.“ „Wenn er nur bald damit an's Tageslicht treten wollte, ich habe gar keinen Schlaf mehr, er beküm⸗ mert mich.“ „Mich gar nicht, ich ſchlafe prächtig und lebe einen Tag wie alle Tage ruhig fort.“ „Ich ſehe es wohl und bewundere es, wie Sie die Luſt und Ruhe zur Arbeit behalten können, wo Alles in wirrer Haſt zuſammen und wieder auseinander läuft.“ „Das iſt Anlage, Temperament, Herr von Trans⸗ feld.“ „Nein, es iſt Ihr übertriebener Arbeitsdrang, mein Lieber. Wer ſo arbeitet wie Sie, mit dem ganzen Körper, der ganzen Seele und allen ſeinen Fähigkeiten, der ſieht und hört nicht, was um ihn her vorgeht.“ „O, ich ſehe und höre es wohl.“ „Ja, aber mit Ihren Augen und Ohren, und die ſind mit Buchſtaben und Zahlen ausgefüllt—“ „Sagen Sie mit Gedanken und Begriffen, ſo werden Sie es vielleicht richtiger bezeichnet haben. 334 „Ja, ja doch, ich ſtimme Ihnen bei. Aber der Prinz, Flemming, was machen wir mit dem?“ Ich ſchüttelte den Kopf.„Wir machen vor der Hand nichts mit ihm, viel eher wird er aus uns etwas machen, geben Sie Acht.“ „Sie ſprechen in Räthſeln, die ich nicht löſen kann.“ „Haben Sie Geduld, ſage ich, die Zeit wird ſie Ihnen löſen.“ Und in der That, die Zeit ſollte ſie ihm und mir löſen, obwohl auf eine ganz andere Weiſe, als wir erwarteten.— Wie in Bonn, ſo hatte der Prinz bald nach ſeinem Eintreffen in Göttingen eine kleine Geſellſchaft von Studenten ausfindig gemacht, deren Verkehr ihm ſehr 4 zuſagte und mit deren einzelnen Gliedern er dann und wann ſogar häufiger zuſammen kam. Es waren dies nicht die Hitzköpfe, die im Januar des folgenden Jahres mit fünfhundert Mann das Königreich Han⸗ nover über den Haufen ſtürzen oder wenigſtens dem Angriff deſſelben einen erfolgreichen Widerſtand ent⸗ gegenſetzen wollten, nein, es waren beſonnene, redlich vorwärts ſtrebende, aber in Bezug auf das Wohl Deutſchlands im Ganzen und Einzelnen freiſinnig denkende junge Männer, die durch keine über⸗ ſtürzende Handlung, keine Revolution, ſondern im 333 ruhigen beſonnenen Fortſchritt und geiſtiger Aufklä-⸗ rung das große Ziel zu erreichen ſuchten, wie es ja auch jetzt wieder das Beſtreben ſelbſt großer Regie⸗ rungen geworden iſt, das Heil des gemeinſamen Vater⸗ landes auf geſetzmäßige Weiſe herbeiführen zu wollen. Dieſe jungen Männer wollten keinem Fürſten Deutſchlands zu Leibe gehen, ſie wollten keinen Thron umſtürzen, aber ſie wollten, daß die Fürſten Deutſch⸗ lands zur Einſicht gelangten, daß auch von ihrer Seite Etwas geſchehe, was dem großen Ganzen erſprieß⸗ lich ſei. Allerdings könne das, meinten ſie, nur durch perſönliche Opfer erreicht werden, aber ſie hätten das Vertrauen wenigſtens zu einigen von Deutſchlands Fürſten, daß ſie dieſe Opfer bringen und ſich dadurch ſelbſt für ewige Zeiten eine Denkſäule des Ruhmes in ihrem Vaterlande errichten würden. Wie und auf welchem Wege, mit welchen Mitteln dieſe ruhigen und wirklichen Vaterlandsfreunde zu Werke gehen wollten, ob vielleicht durch ſpätere geiſtige Einwirkung, wie ich beinahe vermuthe, weiß ich nicht, ſo viel aber iſt gewiß, daß es ihnen gelungen war, auch unſern Prinzen für ihre Pläne zu gewinnen, und daß er ihnen ſeinen Beiſtand, wenigſtens für künftige Zeiten, zugeſagt. Hierüber ſollte ich eines Abends aufgeklärt und 336 dadurch zugleich das ganze Räthſel gelöſt werden, wel⸗ ches Herrn von Transfeld in ſo große Unruhe verſetzt hatte. Es war in den letzten Tagen des October, als ich mit Letzterem gemeinſchaftlich das Abendeſſen ein⸗ nahm, nachdem der Prinz wie gewöhnlich vergeblich auf ſich hatte warten laſſen. Nach Tiſche begab ich mich wieder an meine Arbeit und vergaß darüber ganz die Zeit. Plötzlich erhebe ich das Auge und ſehe, daß es Mitternacht iſt. In dieſem Augenblicke fiel mir der Prinz ein, er war noch nicht nach Hauſe gekommen. Ich ſtand von meiner Arbeit auf, trat an's Fenſter und ſchaute in die mondhelle Nacht hin⸗ aus, die, ungewöhnlich mild und klar, eher einer Mai⸗ als Octobernacht glich. Als ich das Fenſter öffnete, um mich hinauszulehnen, war der Marktplatz men⸗ ſchenleer; kaum aber hatte ich einige Minuten hin⸗ ausgeblickt, ſo trat um die nächſte Ecke zur rechten Hand, eine große, hoch aufgerichtet gehende Geſtalt, die nur dem Prinzen angehören konnte, obwohl ſie viel langſamer und gemeſſener einherſchritt als er zu gehen pflegte. Vor unſerm Hauſe angekommen, blieb ſie ſtehen, ſchaute nach dem klaren Mondbilde hinauf, murmelte einige abgeriſſene Worte und wandte ſich dann zur Thür, um ſie aufzuſchließen. Es war wirklich der Prinz, mein Auge hatte mich nicht getäuſcht. Schnell kam er die Treppe herauf und anſtatt, wie er in der Regel that, in ſein Zimmer zu gehen, pochte er an das meinige und rief:„Biſt Du noch wach, Kurt?“ Ich öffnete die Thür und trat ihm freundlich ent⸗ gegen, aber ſogleich wich ich erſtaunt zurück, denn auf ſeinem ſonſt ſo klaren Antlitz lag ein düſterer Aus⸗ druck, trotzdem ſein Auge ungewöhnlich lebhaft glänzte und mir verrieth, daß ſeine Seele von ſeltener Auf⸗ regung bewegt ſei. Offenbar war er in der Geſell⸗ ſchaft ſeiner neuen Freunde geweſen, hatte mit ihnen viel hin und her disputirt und befand ſich in jenem unbehaglichen Zuſtande, den eine lebhafte und nur durch die Fluͤchtigkeit der Zeit abgebrochene Unter⸗ haltung zu hinterlaſſen pflegt. „Guten Abend, Bruno,“ ſagte ich warm, wie ich es immer that, wenn ich ihn in innerem Zwieſpalt ſah. „Ja, ich bin noch wach, meine Bücher laſſen mich nicht ſchlafen, ſie ſind zu intereſſant.“ „Deine Bücher ſind intereſſant? Das mag ſein, es giebt aber noch Intereſſanteres als Bücher, glaube mir, denn ſie ſind todt und ſtarr und nur der Augenblick, den der Menſch erlebt und benutzt, iſt Der Sohn des Gärtners. I. 22 338 lebendig und warm. Ich könnte Dir gleich jetzt in dieſem Augenblicke etwas recht Intereſſantes erzählen.“ „Thu es,“ ſagte ich und ſtellte mich mit dem Rücken gegen den Tiſch, ihm das Geſicht zukehrend, das im Schatten blieb, während auf das ſeine der Schein meiner großen Lampe fiel. Aber anſtatt mir zu antworten oder ſeine Erzäh⸗ lung zu beginnen, ging er eine Weile ſchweigſam mit ineinandergeſchlagenen Armen vor mir hin und her, blieb dann plötzlich ſtehen, ergriff meine Hand und ſagte langſam und feierlich, aber doch dabei von in⸗ nerer Aufregung ſichtbar durchbebt:„Ja, Kurt, ich will Dir, meinem beſten und vertrauteſten Freunde, die Gedanken enthüllen, die mich ſeit Monaten ver⸗ folgen, die ich nicht länger zurückweiſen kann und die ich endlich, endlich vor Dir in Worte kleiden muß. Kurt, mir ſind die Augen geöffnet und ich ſehe klar. Wie ſeltſam und unſeren früheren Anſichten fremd es aber iſt, was ich ſehe— es ſtimmt zu ſehr mit den Empfindungen meines Herzens überein, als daß ich an der Wahrheit deſſelben zweifeln könnte. Höre mich alſo an und unterbrich mich nicht, nachher magſt Du mir ſagen, was Du davon denkſt. Sieh, Kurt, ich bin der Sohn eines Fürſten, aber darauf lege ich, wie Du weißt, keinen beſonderen Werth in Bezug — auf mich ſelbſt, und nur das, was die Menſchen in ihrer Geſammtheit betrifft, hat fürnmich einen großen Werth und einen dauernden Gehalt. Richte einmal Deinen Blick auf Deutſchland— was ſiehſt Du da? Was? Iſt es nicht eine Schmach, was wir ſehen? Sind nicht Geſetze gegeben, um die Menſchen danach zu leiten und zu beſſern, und werden ſie von Denen ſelbſt beobachtet, die ſie gegeben und zu halten be⸗ ſchworen haben? Aber nun ſieh, mein Freund, Ge⸗ ſetze drücken immer nur das Bedürfniß der Geſellſchaft der Zeit aus, in welcher und für welche ſie verfaßt wurden. Neue Geſtaltungen und neue Zeiten ver⸗ langen auch eine Umgeſtaltung und Verbeſſerung der Geſetze. Das mag ſchwierig und nicht immer ange⸗ 3 nehm für Diejenigen ſein, welche ſie flicken oder gar von Neuem ſchmieden müſſen, aber es iſt einmal ſo, es muß geſchehen. Und warum muß es geſchehen? Das Wohl der ganzen Nation verlangt und bedarf es, und wenn die Fürſten von gleicher Geſinnung be⸗ ſeelt und für eine nationale Einigung und Erhebung begeiſtert ſind wie ihre Völker, ſo müſſen ſie endlich Hand anlegen zum großen Werke, das lange erwünſcht iſt und bald gefordert werden wird. Denn, mein Freund, es giebt für die Menſchen ein Recht der geſchichtlichen Fortentwickelung, ein Recht auf Be⸗ 22* 340 friedigung unveräußerlicher Bedürfniſſe, und die Für⸗ ſten zuerſt müſſen dieſem Rechte Rechnung tragen und nicht allein auf das Recht ihrer abſoluten Machtvoll⸗ kommenheit mit eiſerner Hartnäckigkeit beſtehen. Meinſt Du nicht auch?“ Er ſchwieg und ſah mich durchbohrend an. Ich aber wußte nicht, was ich erwidern ſollte, denn ich hatte keine Ahnung, wohin ſein Gedankengang ſtrebte, da mir ſeine Art und Weiſe zu ſprechen nicht vollkom⸗ men klar war.„Ja, ja,“ ſagte ich ruhig,„fahre aber erſt fort; ich ſehe, Du willſt mir noch mehr ſagen.“ 3 „O noch viel mehr, ich fange erſt an. Sieh, wie oft haben wir von unſerem Vaterlande geſprochen, ſeine Bedeutung für die Entwickelung ganz Europa's anerkannt und dabei ſeine Größe gewünſcht; aber das iſt vor Allem gewiß, Deutſchland kann nur wirklich, groß und bedeutend ſein, wenn es einig iſt. Daraus aber folgt, daß es einig ſein muß, wenn es nicht zu Grunde gehen oder zum Geſpött des Auslandes, was daſſelbe iſt, werden ſoll. Und ſieh, ich habe es mir hundertmal hin und her überlegt, geprüft bei Tag und Nacht, und immer habe ich daſſelbe Reſultat ge⸗ funden, Es wird und muß einſt ſo ſein und was ich dazu beitragen kann, will ich gern und freudig geben, 341 und ſollte es mein eigenes Herzblut ſein. Leider aber, glaube ich, ſind nicht alle Fürſten meiner Meinung, und ſo wird die große Zeit, in der es dazu kommt, noch fern liegen. Das aber iſt gewiß, Kurt, ſo lange Deutſchland ungefährdet bleibt, kommt es nicht dazu, Deutſchland muß in allen ſeinen Theilcn, im Ganzen-— und im Einzelnen, gefährdet und unglücklich ſein, um groß zu werden, das hat die Weltgeſchichte ſchon ofter bewieſen und die Weltgeſchichte hat. Recht. Schrecklich, daß es ſo iſt, ſchrecklich, daß man erſt beſiegt oder geknechtet ſein muß, um Mann zu wer⸗ den in der vollen Bedeutung des Worts! Das iſt es, was ich Dir ſagen wollte und worüber Du noch nicht laut ſprechen darfſt. Niemand außer uns darf es wiſſen, ſtill und leiſe müſſen wir tragen, was in uns gährt und kocht, aber treu und warm wollen wir es im innerſten Herzen bewahren und erſt dann, wenn es in uns und Anderen reif und feſt geworden iſt, ſoll es an das Licht des Tages treten,— nicht wahr, Kurt?“ Ich ſchüttelte bedenklich den Kopf, denn es war mir noch immer nicht ganz klar, was er wollte.„Willſt Du mir nicht helfen, das Große zu beſtehen?“ fragte er mit hell aufblitzendem Auge. „Gewiß,“ erwiderte ich,„ich will Dir redlich bei⸗ 342 ſtehen, ſo viel in meinen ſchwachen Kräften liegt, aber Mühe wird es machen, gewiß!“ „Was Mühe! Die ſcheue ich nicht und wir Alle nicht, die ſo denken wie wir.“ „Denken denn ſchon viele Fürſten ſo wie Du?“ „Leider nein, aber ſie werden ſo denken müſſen, wenn die Noth an ihren Hals tritt.“ „Das iſt ein kritiſcher Augenblick und es kann noch lange dauern, bis er erſcheint. Sollteſt Du nicht in gewiſſen Träumereien befangen ſein, Bruno, und Dir die Geſtaltung der Zukunft leichter vorſtellen als ſie ſein wird?“ „Mag ſein, auch in Träumen mögen wir uns noch wiegen, aber einmal wacht man aus jedem Traume auf und die Wirklichkeit iſt da; auch für die hohen Herren wird ſie nicht ausbleiben.“ „Das wird kein angenehmes Erwachen ſein, mein Freund, und es wird Kopfzerbrechen koſten, ehe ſie irgend einen Entſchluß faſſen.“ „Einen Entſchluß? Der kann ihnen nicht ſchwer werden, es giebt nur einen.“ „Welchen?“ „Die kleinen Fürſtenthümer, in ihrer Vielheit und Zerriſſenheit, bringen dem großen Ganzen in ſeiner 343 Einheit Schaden, ſie müſſen daher aufhören und die⸗ ſes dadurch groß und mächtig auferbauen.“ „Wie? Würdeſt Du zum Beiſpiel Dein ganzes wohlererbtes Reich und Land hingeben, um Deutſch⸗ land zu einem großen Ganzen zu verhelfen?“ „Auf der Stelle, mein Freund, ich will es Dir mündlich und ſchriftlich zuſichern. Das iſt das ein⸗ zige Ziel, was mir vor Augen ſchwebt, bei Tag und Nacht, im Wachen und im Traume, und ich bin über⸗ zeugt, daß ich dadurch nur das Beſte, nicht allein für mich, ſondern auch für Alle thun kann, die Gutes von mir zu erwarten berechtigt ſind.“ „Du magſt im Ganzen Recht haben, kannſt aber auch ſchon als Fürſt eines kleinen Landes für das Wohl Derer ſorgen, die berechtigt ſind, es von Dir zu erwarten. Du kannſt eine große Zahl Menſchen glücklich machen, wenn Du ihnen ein gerechter, edler und gewiſſenhafter Fürſt und Herr biſt.“ „Ach, was will es ſagen, mein Freund, ein ein⸗ ziges Glied des ganzen großen Körpers ſanft zu bet⸗ ten und wohl zu pflegen, und dieſen Körper ſelbſt auf harter Pritſche foltern zu laſſen! Was hat das Ganze für Vortheil davon? Nein, nein, wenn man etwas Gutes will, muß man es gründlich wollen, und darum müſſen wir kleinen Fürſten einen Finger 344 opfern, um Deutſchlands Hand groß, frei und reich zu machen. Sieh, wohin ſoll denn das ewige Schau⸗ keln und Schwanken zwiſchen unſern beiden großen Nachbarn führen? Wenn uns der Franzoſe nichts Uebles thut, thut uns der Ruſſe etwas Bitteres an, und wie wir jetzt ohnmächtig und getheilt ſind, wird es dem Einen oder Anderen gelingen, dies nach ſei⸗ nem Belieben heut oder morgen zu thun. Dies Be⸗ lieben aber mag und will ich ihm nicht zugeſtehen. Wir ſelbſt müſſen die Herren ſein und nach unſerm Belieben die Welt lenken oder ihr ſo viel Achtung einflößen, daß ſie uns zu lenken nicht die Luſt ver⸗ ſpürt. Weg alſo mit allem Zaudern und Bedenken, das Schlaraffenleben hat lange genug gedauert, es iſt Zeit aufzuwachen aus dem Taumel des Genußkitzels, in den alle Welt ſeit Jahren verſunken iſt. Der Geiſt des neunzehnten Jahrhunderts iſt ein anderer geworden, und wenn die Fürſten nicht ihre Schuldig⸗ keit thun, dann—“ „Nun, dann?“ fragte ich, ebenfalls warm werdend. „Dann mögen ſie es ſich ſelbſt zuzuſchreiben haben, wenn ſie in Noth gerathen und nicht allein die Liebe und das Vertrauen ihres Volkes, ſondern alles übri 2 Hab und Gut mit einbüßen. Wie es aber jetzt on manchen Herren getrieben wird, iſt es faſt zu arg 345 und geht über alle menſchlichen Begriffe. Nicht ein⸗ mal der Gabe dürfen ſich die Menſchen bedienen, die ihnen Gott zum Unterſchiede von den Thieren ver⸗ liehen, ſie dürfen nicht frei denken und ſprechen und alſo auch nicht ſchreiben, denn das Schreiben iſt ja nichts als das Fixiren des Gedankens. Ja, nicht ein⸗ mal beten ſollen ſie zu Gott nach ihrem Gefallen, und ſelbſt ihre innerſten Herzensgefühle ſollen ſie in kalte vorgeſchriebene Formeln zwingen. Mit dem freien Denken, Sprechen, Schreiben und Beten aber müſſen vernünftige Geſetze eingeführt und redlich gehandhabt werden, oder ich wollte, wenn ich ein ſolcher gemiß⸗ handelter Unterthan wäre, lieber heute als morgen in die Wildniß wandern und mit den Thieren ver⸗ kehren, die auch ohne Geſetze wachſen und gedeihen.“ Ich lächelte und doch mußte ich ihm innerlich Recht geben.„Du ſprichſt da ſchöne Dinge,“ ſagte ich, „aber es iſt ein weiter Weg von dem guten Willen bis zur Ausführung einer ſo großen That.“ „Ich werde ihn zurücklegen, lane mir, und ſie wenigſtens verſuchen.“ „Und wenn ſie Dir nicht getingt?“ „Dann werde ich mich von meinem Throne zurück⸗ 4 ziehen und lieber ein Privatmann mit gutem Gewiſ⸗ ſen, als ein Fürſt ohne Kraft und Einfluß ſein. So 346 verſeſſen bin ich nicht auf etwas, was, wenn es keine wahre Bedeutung hat, nur ein leerer Schall, ein Wahnbild, ein Phantom iſt.“ „Wir wollen es beſchlafen, Bruno,“ ſagte ich ab⸗ lenkend;„kommt Zeit, kommt Rath; vielleicht findet ſich noch ein Ausweg aus dieſem traurigen Laby⸗ rinthe.“ „Nichts von Ausweg, nichts von Ausweg, mein Freund. Hier giebt es nur einen einzigen Weg und der führt geradeaus. Aber beſchlafen wollen wir es, doch Du wirſt ſehen, ich werde morgen eben ſo den⸗ ken wie heute, und eben ſo feſt entſchloſſen ſein zu thun, was ich nur mit der Aufopferung meiner Ehre unerfüllt laſſen könnte.“ Und in der That, er dachte morgen und noch in ſpäteren Tagen eben ſo wie an dieſem Abend. Ich aber war in nicht geringe Beſorgniß vor irgend wel⸗ chen ſchlimmen Folgen dieſer ganz neuen Geiſtesrich⸗ tung verſetzt und beeilte mich am nächſten Morgen, ſobald ich ihn ungeſtört ſprechen konnte, zu Herrn von Transfeld zu gehen und ihm meine ganze Unterredung mit dem Prinzen mitzutheilen. Wenn ich aber der Meinung geweſen war, Herr von Transfeld werde gleich mir über die wunderbare Umwandelung unſers Gefährten beſtürzt und um ſeine fernere Handlungs⸗ ———— 347 weiſe beſorgt ſein, ſo hatte ich mich vollſtändig in ihm geirrt. Im Gegentheil, nachdem er mich ruhig hatte ausſprechen laſſen, lächelte er ganz behag⸗ lich, trank in aller Gemüthsruhe ſeinen Kaffee dabei und ſagte: „Mein lieber Kurt, wenn es weiter nichts iſt, dann ängſtigen Sie ſich nicht ohne Noth. Wer hat auf der Univerſität nicht ſchon Aehnliches empfunden, gedacht und— im Uebrigen ohne alle Conſequenzen ſeinen Wolkenflug zurückgelegt? Ich ſelbſt war einſt ein gewaltiger politiſcher Schwärmer, und ſehen Sie, welchen ruhigen und conſervativen Mann die Welt aus mir gemacht hat. Daß der Peinz einmal Feuer fangen würde, habe ich von Anfang an gewußt, als er den erſten Schritt über die Schwelle einer deut⸗ ſchen Univerſität ſetzte, denn das gehört zum jugend⸗ lichen Leben eines gebildeten Deutſchen, wie Ihnen Jeder ſagen wird, der die Milch der Alma mater eingeſogen hat. Aber das thut nichts, das iſt ein⸗ mal ſo und es muß ſogar ſo ſein. Das iſt ein Stachel, ein Anreiz zur inneren gewaltigen Refor⸗ mation des Geiſtes, die uns Allen nothwendig iſt, wenn wir nach Außen hin etwas Erkleckliches leiſten wollen. Daß dieſe Reformation beim Prinzen ſchon lange im Anmarſch war, iſt mir bekannt, und ich wundere mich, daß Sie erſt jetzt dieſe Entdeckung ge⸗ macht haben, da Sie doch ſonſt ſein ganzes Ver⸗ trauen beſitzen. Laſſen Sie ihn ruhig gehen, es iſt in ihm wie beim jungen Wein, der gährt und treibt und die unnützen Schlacken ausſtößt. Wenn er ordentlich ausgegohren, kann der Wein ſehr ſchmack⸗ haft werden, denn er hat Feuer und Kraft wie irgend einer. Für alle übrigen Folgen ſtehe ich, ich kenne den Charakter, das Herz und die Seele meines Zög⸗ lings. Nie wird er ein Revolutionair ſein, nie zur Umſturzpartei gehören, wie Sie zu fürchten ſcheinen, und wenn er jemals gegen irgend Jemand rebellirt, ſo iſt es gegen ſich ſelber, um ſich ſelbſt zu zwingen, den Menſchen ein Genüge zu thun, die er einſt zu beherrſchen haben wird.“ „Gut,“ ſagte ich,„damit ſtimme ich überein, aber wenn er nun ganz und ſo weit gegen ſich ſelbſt rebel⸗ lirt, daß er ſich vom Throne ſtürzt, in dem Glauben, damit ein nothwendiges Opfer zu bringen— wie dann?“ „Wie dann? Nun, dann thut er ſich doch ſelbſt ein Genüge, dann ſchafft er ſich ſein eigenes Glück und davon werden Sie ihn doch nicht zurückhalten wollen?" „Von ſeinem eigenen Glück gewiß nicht, aber was wird ſein Vater, der Fürſt, dazu ſagen?“ 349 „Das iſt freilich etwas Anderes, mein Lieber, das wird aber nicht unſere Sache ſein. Glauben Sie die Macht zu beſitzen, dieſe junge Eiche anders wachſen zu laſſen, als ſie ſchon gewachſen iſt und noch weiter wachſen will? Wenn Sie der Meinung ſind, ſo ke nen Sie ihn nicht.“ „Aber wird der Fürſt nicht zürnen, wenn er er⸗ fährt, daß Sie geduldet haben, daß der Prinz dieſe Gedanken gefaßt hat?“ „Wie kann er mir darüber zürnen? Ich bitte Sie! Kann ich dafür, daß mein ehemaliger Zögling Gedanken von einer gewiſſen Färbung und Richtung faßt? Das hieße mir eine unmögliche Verantwor tung aufbürden. Auch habe ich mich von dieſer Verantwortung, da ich Aehnliches vorausſah, wie jetzt eingetroffen iſt, im Voraus ſrei gemacht, indem ich dem Fürſten Alles darlegte, was ſei⸗ nem Sohne auf einer deutſchen Univerſität begegnen 5 könne.“ „Daun wundre ich mich nur, daß er ihn dahin hat ziehen laſſen.“ „Da haben Sie Recht, das hat mich auch gewun⸗ dert. Aber— ich ſpreche vertraulich zu Ihnen, lieber Kurt— der Vater ſchien mir einige Beſorgniß vor dieſem Sohne zu hegen, er war ihm geiſtig zu ſchnell 3⁵⁰ gewachſen, er war froh, ihn eine Weile aus dem Hauſe, aus den Augen zu haben, denn womit ſollte er ſeinen Heißhunger ſättigen, womit ſeine Neigungen befriedigen, wenn er zu Hauſe blieb? Er wäre viel· leicht auf ganz andere Dinge verfallen, wenn er nichts zu denken gehabt hätte, und da halte ich und hielt der Vater noch immer eine kleine deutſche Großſchwär⸗ merei für gerathener. Ueberhaupt, laſſen Sie ihn nur erſt die Zügel einer Regierung in der Hand hal⸗ ten, er wird ſie ſo gern ergreifen wie ſeine Vettern, und ebenſo zügelfeſt die Roſſe lenken, wie ſie auch von anderen Händen gelenkt werden.“ „Das glaube ich nicht, hierin weiche ich von Ihrer Meinung ab, ich kenne ihn beſſer. Was er einmal mit Leidenſchaft ergriffen, führt er aus, mag's kom⸗ men, wie's will.“ „Nun dann gebe ihm Gott ſeinen Segen, aber ich glaube es nicht.“ „Die Zukunft wird es lehren.“* „Die Zukunft wird Viel lehren, ja, auch Sie werden von Ihrem Eifer im Studium nachlaſſen und ein ganz behaglicher Lebemann werden, wenn die Jahre dazu gekommen ſind.“ Ich lächelte und ſchüttelte den Kopf.„Wenn Sie dem Prinzen ſo richtig die Zukunft vorhergeſagt wie 351 mir jetzt, ſo ſehe ich ein, daß auch ein Mentor ſeinem Telemach gegenüber im Irrthum ſein kann.“ „Wir wollen es abwarten, hoffentlich leben wir Beide noch lange genug dazu.“ . Das war mein Geſpräch mit Herrn von Transfeld uͤber dieſen hochwichtigen Punkt. Ob er nun im In⸗ nern anderer Meinung war als er mich nach ſeinen Worten glauben ließ, oder ob er(im Stillen dem Prinzen zu ſeinen neuen Plänen von Herzen bei⸗ ſtimmte, ich habe es nie ergründen können, ich glaube aber, daß ein ſo edler und wahrhafter Mann, wie Herr von Transfeld war, damals wirklich ſich im Irr⸗ thum befand und denſelben ſpäter nur nie hat ein⸗ geſtehn wollen. Von dieſem Zeitpunkt an aber hielt ich mich mehr in des Prinzen Nähe auf, ich hatte eine Art Ahnung von einer in der Ferne heraufdämmernden Gefahr, und die Bitte, der ſchönen Prinzeß, ihrem Bruder in jeder Noth nahe zu ſein, klang mir noch immer in den Ohren. Der Prinz ſelbſt freute ſich über meinen Nachlaß im häuslichen Fleiße, machte mich mit ſeinen Gefährten näher bekannt und da fand ich allerdings 35² nichts Gefährliches, denn die Meinungen, die ich im Kreiſe dieſer beſonnenen jungen Männer ausſprechen hörte, waren ſo natürlich und ſchienen mir der Wahr⸗ heit ſo entſprechend zu ſein, daß ich keinen Widerſpruch hätte ausfindig machen können, ſelbſt wenn ich wider beſſeres Wiſſen dazu geneigt geweſen wäre. So verging uns der November und December ſehr raſch und das Jahr 1831 ſchaute mit trüben Augen in unſere Stube, denn die Vorgänge in Göt⸗ tingen ſelbſt und in der Nachbarſchaft waren nicht der Art, um einen heiteren Jahresanfang hoffen zu laſſen. Die Unzufriedenheit der Bewohner der Stadt, von beredten Parteifuͤhrern heftig genährt, wuchs von Tage zu Tage und drohte in helle Flammen auszubrechen; die Unnachgiebigkeit der Regierung, auch in ſolchen Dingen, wo ſie hätte nachgeben müſſen, wenn ſie den Ruhm einer verſtändigen und vorurtheilsfreien Anſicht behaupten wollte, erbitterte ſelbſt die Ruhigſten und Mildeſten— da brach in dem benachbarten Oſtero de jener Aufſtand aus, der auch Göttingen in das Ver⸗ derben riß, und nun ſchlugen die Flammen aller Or⸗ ten empor, die bis dahin nur hie und da durch ihren Rauch eine gefährdete Stelle verrathen hatten. Wie das Alles in einander griff, wer das Eine oder An⸗ dere verſchuldet— die Geſchichtsbücher geben darüber 3⁵53 eine viel genauere Auskunft, als ich ſie geben kann, und ſo will ich hier nur berichten, was ich ſelbſt er⸗ lebte, ohne mich weiter auf Grund und Urſache deſ⸗ ſelben einzulaſſen. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich in den erſten Tagen des neuen Jahres das Gerücht unter den Studirenden in Göttingen: die Oſteroder hätten eine Bürgergarde organiſirt und eine handfeſte Petition an das Cabinetsminiſterium in Hannover abgehen laſſen. Gleich darauf folgte die Nachricht, das Miniſterium hätte gar nicht auf die Petition geantwortet, ſondern. eine Militairmacht abgeſchickt und die Unruheſtifter in Oſterode ergreifen laſſen. Dieſe, die Advocaten Dr. König und Freytag, ſeien in Ketten nach Han⸗ nover abgeführt. Wir hielten dies Alles für Uebertreibungen, wie ſie zu ſolchen Zeiten ſo häufig ihren Umlauf halten, wurden aber bald eines Beſſeren belehrt, als in Göt⸗ tingen ſelbſt ein allgemeines Durcheinander entſtand, die Plätze und Straßen ſich belebten, Menſchenhaufen ſich bildeten, öffentliche und geheime Redner auftra⸗ ten und die Bürgerſchaft wie die Studenten nach einem beſtimmten Ziele hinarbeiteten, das alle Ver⸗ nünftigen ſchon damals ein unklug projectirtes Wag⸗ ſtück nannten. Der Sohn des Gärtners. I.. 23 3 4 354 Bis zum 8. Januar blieb jedoch noch Alles in der Schwebe; bis dahin aber war Ordnung in die bewegten Maſſen gekommen und am Morgen dieſes Tages zogen zu unſerer nicht geringen Verwunderung bewaffnete Bürger unter Anführung der Doctoren Seidenſticker und Eggeling, und in vollem Wichs ſtolzirende Studenten unter Leitung der Privatdocen⸗ ten Doctor Ahrens und Rauſchenplatt, auf den Markt, 8 dicht unter unſern Fenſtern in vollen Reihen ſich auf⸗ ſtellend. Uns, die wir gemüthlich auf das Gewirr 4 hinabſahen, kam das Ganze ſehr ſpaßhaft vor und der Prinz befahl ein paar Flaſchen Wein zu bringen, um, wie er ſcherzhaft ſagte, auf die Geſundheit der ſtädtiſchen Soldateska zu trinken, die ſich vorausſicht⸗ lich einen tüchtigen Schnupfen holen werde. Von unſerm Fenſter aus ſahen wir nun die auf einander folgenden Vorgänge ruhig mit an, konnten aber aus den lebhaften Geberden und dem heftigen Durcheinanderſchreien des großen Haufens nicht ent⸗ nehmen, was man weiter beabſichtigte, bis ein bekann⸗ ter Student bei uns eintrat und meldete, daß man beſchloſſen habe, in großer Zahl auf das Rathhaus zu ziehen und die Entlaſſung und Abführung des Poli⸗ zeicommiſſairs Weſtphal aus der Stadt zu verlangen, was denn auch, wie die Betheiligten ſ rühmten, 4 4 1 355 mit großem Anſtande geſchah. Hiermit glaubte man die allgemeine Ruhe herbeigeführt zu haben, aber wir ſahen noch nichts davon, denn anſtatt daß es ſtiller auf den Straßen wurde, mehrte ſich der Lärm von Minute zu Minute und bald war der Markt abermals Kopf an Kopf gedrängt voll, worauf endlich eine Proclamation verleſen wurde, in und kraft welcher ſich alle Anweſenden gegenſeitig verpflichteten, die beſtehende Ordnung aufrecht zu erhalten, aber ſogleich eine Peti⸗ tion an den König zu ſenden und darin um eine Ständeverſammlung zu bitten, die das Wohl des treuen Volks berathe und dem Lande eine freie Ver⸗ faſſung gebe. Zur Unterzeichnung dieſer Petition fanden ſich nicht weniger als zweitauſend Bürger und fünfhundert Studenten auf dem Rath hauſe ein. Als auch dies zu Stande gebracht und unterdeſſen der Abend herangekommen war, gickelte ſich eine neue Reihe von lärmvollen Schauſpielen ab. Dem guten Hofrath Langenbeck, dem natürlichen Widerſacher aller politiſchen Beſtrebungen, hatte man die Ehre zuge⸗ dacht, das Commando der bewaffneten Studenten⸗ ſchaar zu übernehmen; er hatte daſſelbe aber nur unter der Bedingung antreten wollen, daß man ver⸗ ſpreche, keine politiſchen Zwecke mit den bewaffneten Commilitionen verfolgen zu wollen. Das galt für 4* 233I eine Beleidigung der zum Größten ſich berufen füh⸗ lenden Studenten, und man ſammelte ſich flugs vor dem Hauſe des friedliebenden Gelehrten und brachte ihm ein donnerndes Pereat, was ihn gewiß ſehr ein⸗ geſchüchtert hat, da es ganz grauſig durch die kalte Abendluft ſcholl. Bald darauf erhellten ſich die Fen⸗ ſter der Straßen und des Marktplatzes, und bei all⸗ gemeiner Illumination kamen die jetzigen Herrſcher voon Göttingen wieder auf dem Markte zuſammen und ließen, wunderbar genug, bald die kriegeriſchen Klänge der Marſeillaiſe und bald das friedliche God save the King erſchallen. Wir lagen wieder im Fenſter und ſahen dem nächtlichen Treiben mit ſeltſamen Gefühlen zu. Der Prinz, der den ganzen Tag ſehr ernſt und ſchweigſam geweſen war und etwas mehr als wir Uebrigen ſeine innerliche Aufregung beherrſcht hatte, ſchüttelte wieder⸗ holt den Kopf und ſagte endlich, vom Fenſter zurück⸗ tretend und daſſelbe ſchließend: „Das iſt eine ſchöne muſikaliſche Verbindung, die wir da eben gehört haben. Mit dem einen Fuße marſchiren ſie wüthend gegen alle Tyrannen und den andern ziehen ſie demüthig zurück und bitten Gott, ihnen ihren König zu erhalten und zu ſegnen. Da mache ſich Einer einen Vers d'raus! Das ſcheint mir — ¹ 4 357 der kategoriſche Imperativ in noch nie dageweſener ſanfter Form zu ſein. Entweder— Oder! heißt es auch hier, und das iſt unter ſolchen n Umſtänden keine edle Sprache. Nein, nein, das gefällt mir nicht und auf beiden Seiten ſehe ich das Unrecht haufenweiſe liegen. Das ſollte mir nicht begegnen, wenn ich der Herrſcher eines ſo ſchöuen Landes wäre. Ich würde es nie ſo weit kommen laſſen. Ich ſchämte mich zu Tode, wenn mir das Meſſer auf ſolche Weiſe an die Kehle geſetzt würde. Lieber möchte ich ein einfacher Schulmeiſter auf dem erſten beſten Dorfe als ein ſo gemißhandelter Landesherr ſein. Aber das kommt davon, wenn man ſich ſelbſt in die traurige Stellung bringt, nicht nachgeben zu dürfen ohne ſeiner Ehre etwas zu vergeben. Pfui! w bärmliche Zänke⸗ rei um das Bischen Mein Dein! Gebt den Menſchen, was ſie zu beanſpr en ein angeborenes Aunhr haben, und Ihr werden niemals in ihnen Re⸗ wollen wir ein Glas an das ieoft der vernünfnigen Fürſten und der geſitteten Völker trinken, nur dieſe ſind einander werth und ſie werden ſtets wie gute 358 Freunde neben und mit einander in allen Nöthen des Lebens ſtehen.“— Am Morgen des 9. Januar— es war ein Sonn⸗ tag— wurden wir ſchon früh durch die auf⸗ und ab⸗ ziehenden Patrouillen geweckt, die ſich ganz ungeheuer kriegeriſch geberdeten und einen übermäßigen Lärm machten. Bald erfuhren wir auch, daß man einen neuen Gemeinderath gewählt und daß der akademiſche Senat und der Stadtmagiſtrat ſeine Functionen ein⸗ geſtellt habe. Gegen Mittag, als die Sonne etwas hinter den grauen Wolkenſchleiern hervorblickte, for⸗ derte der Prinz uns zu einem Spaziergange auf; wir leiſteten ihm ſogleich Folge und liefen ein paar Stunden vor den? en im Freien umber, alles mit Augen Geſehene⸗ allen Richtungen beſprechend und den Ausgang rophe eihend, wie er nachher wirk⸗ lich kam. Herr v ansfeld wich ſchon ſeit meh⸗ reren Tagen keine von der Seite des Prin⸗ zen, hatte aber, in weiſer Vorſicht die möglichen Er⸗ ei hedenkend, in der Stille alles nicht zu noth⸗ i Gebrauch Beſtimmte einpacken laſſen. r Nachmittag verging leidlich ruhig, nur die Bürgerſchaft und die Studenten bewegten ſich wie in einem Ameiſenhaufen geſchäftig auf und ab, plößlich aber gegen Abend kam eine ſeltſame Strömung unter 359 die großen Haufen, und die fand denn bald ihre Er⸗ klärung in dem blitzſchnell herumgetragenen Gerücht: es rücken von allen Seiten königliche Truppen gegen die Stadt vor. 4 Das hieß denn nichts Anderes als ſich zum Kampf auf Leben und Tod bereit halten, und ſo raſſelten denn bald die Trommeln der Bürger und Studenten durch die Stadt, in kriegeriſchem Generalmarſch Jung und Alt zu den Waffen rufend; dabei läuteten die Sturmglocken, die ſchwerbewaffneten Studenten eilten nach den Thoren und beſetzten dieſe und die Wälle mit ausgeſuchten Kerntruppen. Faſt zu derſelben Zeit erſchien in unſrem Hauſe eine akademiſche Deputation, beſtehend aus vier Studenten, von denen der eine ein ſehr angſtbleiches Geſicht zeigte, jedoch ſehr gut zu reden verſtand. Er forderte im Namen der Com⸗ militonen Seine Durchlaucht, den Prinzen, auf, ſich der Bewegung anzuſchließen, und trug ihm in Aner⸗ kennung ſeiner einflußreichen Stellung ein Commando an einem Hauptthore an. 4 Wir ſtanden Alle um den Prinzen herum, als er den Sprecher mit der größten Aufmerkſamke d hörte, ſich dann ſehr höflich aber ernſt verbeugte und ſagte:„Meine Herren, ich erkenne vollkommen die Ehre an, die Sie mir hierdurch zu Then werden laſſen, bedaure aber, nicht in der Lage zu ſein, ſie annehmen zu können. Ich bin nicht nach Göttingen gekommen, um in Kriegsdienſte zu treten oder ſie zu üben, oder gar den Feldherrn zu ſpielen, ſondern um den Geiſt der ſtudirenden Jugend Deutſchland's ken⸗ nen zu lernen und ſelbſt ein wenig von den Wiſſen⸗ ſchaften mir anzueignen. Thun Sie, was Ihnen Ihr Gewiſſen vorſchreibt, ich werde der immer laut reden⸗ den Stimme des meinigen folgen.“ Die Deputation verſchwand; wie mir vorkam, etwas eingeſchüchtert von dem edlen Ernſte der Worte, die ſie vernommen, und dem ſprühenden Auge des jungen Fürſten, der alle ihre Mitglieder um einen Kopf überragte; der Prinz aber begab ſich zu dem Commandirenden der Stadt, dem Oberſtlieutenant von Bothmer, um ihm für ſeine eben ſo ritterliche wie menſchliche Handlungsweiſe zu danken, denn um die Aufregung nicht noch mehr zu ſteigern und vor Allem die exaltirten Muſenſöhne vor Blutverguß zu bewahren, hatte er ſein Ehrenwort gegeben, daß keiner der beurlaubten Soldaten, die vor den Thoren ſtan⸗ den und zum Einzug ſich anſchickten, die Stadt betre⸗ ten ſolle, weshalb er ſie auch auf eigene Verantwor⸗ tung in die Heimat zurückſandte.— Der Prinz, dem dieſe Handlungsweiſe zu Ohren — 361 gekommen war und dem ſie als das Verſtändigſte er⸗ ſchien, was er in dieſen Tagen geſehen, wollte dem edlen Manne ſeine Achtung beweiſen, und indem er ihm die Hand drückte, ſagte er:„Ich bin ſtolz dar⸗ auf, die Hand eines Mannes zu berühren, der es ſo wohl verſteht, ſeine Pflicht gegen ſeinen König wie gegen ſeine Mitmenſchen zu üben. Sie ſtanden auf einem unangenehmen Poſten zwiſchen dieſen beiden ewigen Widerſachern: Regierung aund Volk, aber Sie haben ihn mit Würde behauptet und mit Menſchlich⸗ keit geziert. Sollte Ihnen jemals ein unverdientes Unheil begegnen, ſo wenden Sie ſich an mich, ich liebe und ehre Männer wie Sie und werde mich glücklich ſchätzen, Sie einſt zu meinen Freunden zu zählen.“ 3 Auf dem Rückwege von dieſem Beſuch begegneten wir dem, ſtatt des Hofraths Langenbeck, neu erwähl⸗ ten Studentenführer, dem Dr. Rauſchenplatt mit ſei⸗ ner die Stadt vertheidigenden Schaar. Er trug große Waſſerſtiefel, einen Gürtel um den Leib mit Piſtolen, eine Flinte auf dem linken Arm und, wenn ich nicht irre, einen blanken Schläger in der Rechten. In die⸗ ſem Außzuge ſah er furchtbar genug aus, um den Studenten die Hoffnung einzuflößen, er werde ſchon mit dem Hauch ſeines Mundes die anrückenden 8 362 geſchah. Die ganze Stadt glich jetzt einem in größter Unruhe befindlichen Ameiſenhaufen. Lärmende, ſin⸗ gende, ſchreiende Schaaren zogen hin und her, Frauen, Jungen, von Neugierde und Uebermuth geſtachelt, mengten ſich in buntem Gewirr darunter und wir waren Zeugen von Scenen, die wenn nicht zum Wei⸗ nen, doch gewiß zum Lachen waren. Dennoch aber mußte die anfangs ſo große Neigung, ſich den königlichen Truppen zu widerſetzen, nicht von langer Dauer ſein, denn man beſchloß ſehr bald, eine Deputation an den Herzog von Cambridge nach Han⸗ nover zu ſenden und auch die Nachbarſtädte aufzu⸗ fordern, das Gleiche zu thun und ſich für das in Un⸗ gnade gerathene Göttingen zu verwenden. Dies ſtimmte indeß nicht mit den zu allem Ernſt entſchloſſenen Regierungsmaaßregeln überein. Die Re⸗ gierung fühlte ſich ſtark genug und forderte deshalb völlige Unterwerfung der rebelliſchen Stadt, weshalb ſie eine genügende Waffenmacht eiligſt gegen Göttingen vorrücken ließ. In wenigen Tagen war Fußvolk, Reiterei und Geſchütz vor der Stadt aus den benach⸗ barten Garniſonen zuſammengezogen. Während man aber die Antwort des Herzogs, welche die Deputirten bald bringen mußten, zurückerwartete und wir auf den Ausgang des ungleichen Kampfes ſehr geſpannt den nächſten Tagen entgegenſahen, ereignete ſich in Bezug auf uns ein zwar unerwarteter, aber in Anbetracht der Zeitumſtände in Göttingen leicht erklärlicher Vor⸗ fall, indem ein Bote des Fürſten aus W... mit Cou⸗ rierpferden anlangte, der Herrn von Transfeld einen Brief überbrachte, worin es hieß: „Angeſichts Dieſes, mein lieber Herr von Trans⸗ feld, begeben Sie ſich mit Ihrer ganzen Begleitung nach Darmſtadt, wo Sie mich ſelbſt treffen werden, da das Ordnen gewiſſer Familienverhältniſſe meine Reiſe dahin nothwendig gemacht hat. Ich hoffe, daß mein Sohn dieſem meinem Wunſche gehorſam ſich fügen wird. Graf Hohenheim, der Ihnen die⸗ ſen Brief überbringt, hat den Auftrag, Sie nach Darmſtadt zu geleiten.“ Herr von Transfeld las dieſen Brief erſt ſtill für ſich und gab ihn dann dem Prinzen, der unterdeſſen den Grafen Hohenheim begrüßt hatte, welcher ihm aller⸗ dings kein angenehmer Bote ſein konnte, da er mit ihm und ſeiner jetzigen Gemahlin, der ehemaligen Gräfin Wetterau, ſtets auf geſpanntem Fuße gelebt hatte. Als der Prinz den Brief geleſen, faltete er ihn ruhig zuſammen und ſagte lächelnd, gegen den Grafen gewandt: 364 „Warum ſollte ich mich dieſem Befehle meines Vaters nicht fügen? Er hat ſogar ſehr viel Grund, mir den Rath zu ertheilen, Göttingen zu verlaſſen, denn hier ſieht und lernt man jetzt nicht viel Ver⸗ nünftiges. Die Leute in der Stadt mögen Recht haben mit ihrem Zorn, aber Unrecht haben ſie, daß ſie glauben, einen Elephanten mit einer Ruthe todt⸗ ſchlagen zu können. Ich mag Göttingen nicht wieder⸗ ſehen, meine Idee von der Menſchenbeglückung und der Forderung ihrer unveräußerlichen Rechte iſt eine andere, und die wollen wir wo möglich in Heidelberg weiter verfolgen. So viel iſt gewiß, ich habe eben ſo wenig Luſt, ein Unterdrückter wie ein Unterdrücker zu ſein. Mögen ſich Leute dazu finden, ich gebe mich niemals dazu her. Das werde ich meinem Vater ſelbſt — zu h zu ſagen ſehr bald die Ehre haben.— Wann kön⸗ nen wir reiſen, Herr von Transfeld?“ „In zwei Stunden wird Alles bereit ſein, Durch⸗ laucht; glücklicher Weiſe habe ich ſchon ſeit einigen Tagen meine Vorbereitungen dazu getroffen.“ „Ah, Sie ſind ein vorſichtiger Mann! Und nun lebe wohl, ehrwürdige Georgia Augusta! Wir wa⸗ ren hierher gekommen, voll Hoffnung, an Deinen Brüſten unſer Herzblut mit Weisheit zu füllen, aber Du haſt uns nur eine Erfahrung für's Leben gegeben, die wir ſo früh nicht erwarteten. Allein wir wollen uns bemühen, weiſer zu werden, glaube mir, und Deine Ermahnungen ſollen nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen ſein. Geduld, meine Freunde! We⸗ nige Jahre werden es lehren, daß wir nicht verge⸗ bens hier geweſen ſind und dies traurige Stück Welt⸗ geſchichte vor unſern Augen mit abwickeln ſahen. Wir wollen es uns eine Lehre ſein laſſen und ein Beiſpiel daran nehmen, damit wir nicht in eine ähnliche Lage gerathen, wie dieſer arme König und jener Herzog von Braunſchweig. Auch fern vom eingebildeten Glanze eines Thrones und ohne das zweifelhafte Glück, über Hunderttauſende zu herrſchen, giebt es Wohlſein und Zufriedenheit, und dieſe zu erreichen, wollen wir trachten, noch ehe uns das Schickſal auf den Scheideweg geſtellt und mit rauher Stimme uns unſer Ja oder Nein abgefordert hat. Auf Wieder⸗ ſehen, meine Herren, wenn die Wagen vorgefahren ſind!“ Er machte uns eine Verbeugung und entfernte ſich, Einen unter uns mit verwunderten Augen und weit aufgeriſſenem Munde zurücklaſſend, denn Graf Hohenheim hatte nicht im Geringſten den Sinn ver⸗ ſtanden, der hinter dieſen Worten verborgen lag, den Herr von Transfeld und ich uns ſchon beſſer deuten 366 konnten, da uns des Prinzen Geſinnung allmälig kla⸗ rer geworden war. „Was meint er und was will er denn?“ fragte uns der Graf, indem er ſich halb zu Herrn von Transfeld und halb zu mir wandte.„Ich verſtehe ihn nicht.“ „Ich auch nicht,“ erwiderte ich und ging ſchnell dem Prinzen nach, der mir heimlich einen Wink ge⸗ geben hatte. Auch Herr von Transfeld ſuchte den Kammer⸗ herrn auf ähnliche Weiſe abzuſpeiſen, und da es ihm gelang, ſo waren wir bald Alle in voller Thätigkeit, uns auf unſere bevorſtehende Abreiſe vorzubereiten. Und noch ehe die Königliche Antwort aus Han⸗ nover anlangte, daß nur unbedingte Unterwerfung in Göttingen etwas nützen könne, daß Alles in das alte Geleiſe hergebrachter Ordnung zurückkehre, daß die neue Behörde der alten weiche, die Königlichen Trup⸗ pen die Stadt beſetzten, ſämmtliche Studenten die Univerſität verließen und mit Ueberlieferung der Uebelthäter die alte Ordnung der Dinge wiederher⸗ geſtellt würde, ſtiegen wir in unſere Wagen und fuh⸗ ren durch die Truppen vor den Thoren, die uns kein Hinderniß in den Weg legten, dem Süden zu. So lag denn mit Göttingen einer unſerer wichtigſten 367 Lebensabſchnitte hinter uns, und vor uns dehnte ſich von Neuem eine unbekannte Welt aus, der wir voll feurigen Jugendmuthes, aber doch in unſern erſten Hoffnungen nicht wenig enttäuſcht, entgegeneilten, da wir uns nicht verhehlen konnten, daß, um die Weisheit der Welt zu erlangen, auch Erfahrungen mit in den Kauf genommen werden müßten, die bitter ſchmeckten und wohl im Stande wären, die ſtolzen Erwartun⸗ gen eines jugendlichen Herzens etwas herabzuſpannen, deren Verwirklichung wir für eine ſo leichte Sache gehalten hatten. Ende des erſten Theils. 8 8 Druck von Oswald Kollmann in Leipzig. —— ——— 8 8 „ Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind von demſelben Verfaſſer ferner folgende Romane erſchienen: Baron Brandau d Seane Dde. Aus den Papieren eines Arztes. 2 Bde. 8. geb. II. Auflage. 1860. 5 Thlr. Der Irre von St. Zames. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes. 4 Bände. 8. geh. IV. Auflage. 1858. 4 Thlr. Der Inſelkönig. Ein Roman in fünf Bänden. 8. geh. III. Auflage. 1858. 3 Thlr. 18 Ngr. Fritz Stilling. Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes. 4 Bände. 8. geh. II. Auflage. 1856. 4 Thlr. 15 Ngr. Andreas Burns und ſeine Familie. chichtliches Lebensbild aus dem deutſch⸗däniſchen Kriege 1848— 1850. e. 8. eleg. geh. 1856. 6 Thlr. 4 *