— er Leibbibilorher deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Wibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.——— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 2 4 für nechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Pir beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——y———————— ——— ———————— * Der Peuchtthurm auf Eap Tarath. Zweiter Theil. auf Cap Wrath. KRoman Philipp Galen. Zweiter Theil. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1862. 3 —— 8— 8„ S N A„ 2 N 8 4 5 an 8 111 — 8 N A N—— — K. 2 2 . 5 *½ 5 9 4 8 . 8 8 84 Aℳ 2—— 8 ⁵ 2 8₰ ₰ 8 an 8 Q . 3 4 Erſtes Rapitel. Eine Neiſe nach der Durneß⸗ Bai. In der Nacht vor der Abreiſe nach dem Norden hatte es wieder geregnet, gegen Morgen aber klärte ſich das Wetter auf, ein friſcher Südoſtwind trieb das feindliche Gewoͤlk ſiegreich vor ſich her und ſchon um ſechs Uhr ſtrahlte der Himmel im reinſten Blau, während die Sonne noch mit den über Berg und Thal wogenden Nebeln kämpfte. Als etwa um acht Uhr die Pferde auf die hintere Terraſſe geführt wur⸗ den, um ihre Reiter aufzunehmen, ſchwebte nur noch über dem Shin⸗See ein halbdurchſichtiger Dunſtſchleier, die Erde dampfte in Nähe und Ferne und zwiſchen den tropfenden Bäumen des Parks lag die ſchwin⸗ dende Feuchtigkeit wie ein goldener Duft ausgebreitet, der die ſchöne Umgebung noch maleriſcher machte und Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 1 2 den Hochländern die Bemerkung entlockte, daß das Wetter den Tag über vortrefflich bleiben werde. Je höher die Sonne aber am Himmel emporſtieg, um ſo mehr verflüchtigte ſich auch jener goldene Duft, nur über den See noch wogte und huſchte er eilfertig hin, als ſuche er in den düſteren Höhlen der jenſeitigen Berge ein ſicheres Unterkommen, und in die Lichtun⸗ gen des Waldes, durch welchen man anfangs zog, drangen ſchon die Strahlen der Sonne mit ſo ſieg⸗ reicher Kraft, daß der Raſen wie im ſmaragdenen Schimmer leuchtete, wenn das Licht des Tages auf ſeine Thauperlen fiel. Der Zug der Reiſenden ſelbſt hatte ſich folgen⸗ dermaßen geordnet. Voran gingen zu Fuße, mit halb tanzenden, halb ſpringenden Schritten, die beiden hoch⸗ ländiſchen Führer von Glory⸗Craig⸗Hall, nachdem ſie jedoch den Damen die Verſicherung gegeben, ſie wür⸗ den an ihrer Seite und zur Leitung der Pferde bei der Hand ſein, ſobald der bedenklicher werdende Weg ihren Beiſtand nöthig machen ſollte. Hinter ihnen folgte— ob es Zufall oder Abſicht war, daß ſich die Paarung alſo geſtaltete, wollen wir dahingeſtellt ſein laſſen— Lionel Lowdale mit Martha Tiefenſee, Erſte⸗ rer und ſo lange der Weg es erlaubte, an Letzterer Seite ſich haltend, jeden Augenblick bereit, ihr irgend 3 3 einen Dienſt zu leiſten oder den Fragen zu begegnen, welche die ſtille Dame an ihn richten möchte. Hinter Beiden ritten Georgy und Arnold Tiefenſee, denen ſich unmittelbar Mrs. Sarah Davis und Mary, die Zofe der Lady, anſchloſſen. Sodann folgten die vier vom Admiral geſandten Packpferde, jedes genau den Huf in die Spuren des vorangehenden ſetzend und mit Ergebung die ſchweren Koffer und Taſchen tra⸗ gend, die man geſchickt an ihren Packſätteln befeſtigt hatte. Den langen Zug ſchloſſen die berittenen Diener Lionel und Georgy Lowdale's, die ſie ſtets auf ihren Reiſen begleiteten und mit ihren ſchönen Livréeröcken dem Ganzen einen Anſtrich vornehmer Bedeutſamkeit gaben. Bewaffnet waren die Herren wie die Diener mit ihren Jagdflinten, die Hochländer dagegen trugen feſte und lange Stöcke mit eiſernen Spitzen und Meſſer im Gürtel oder im Strumpfbande, nicht ſowohl als Schutzmittel, gegen äußere Feinde gerichtet, denn die brauchte man nicht zu befürchten, als vielmehr aus Gewohnheit und um jeden Augenblick damit bei der Hand zu ſein, wo man vielleicht ihrer bedürfen würde. Nachdem Lionel Lowdale ſeiner Dame vorſichtig in den Sattel geholfen und mit großer Sorgfalt dar⸗ auf geachtet, daß ſie bequem und feſt ſaß, ſchwang er ſich leicht auf ſein kleines Pferd, trabte an ihre Seite 112 4 und betrachtete nicht ohne Rührung ihr ſinnendes Ge⸗ ſicht, deſſen dunkle Augen voller Spannung der ſchönen Beleuchtung des Parks und ſeiner Umgebungen zuge⸗ wendet waren. „Sitzen Sie auch recht bequem, Miß Martha?“ fragte er freundlich.„Kann ich Ihnen Ihre Lage noch in irgend etwas erleichtern? Es thut mir leid, daß ich Sie nicht in meinem Londoner Wagen, mit Vieren beſpannt, vor das Thor meines Onkels fahren kann, aber die Wege in dieſem bergigen Theile der Hoch⸗ lande erlauben nicht einmal einen zweirädrigen Karren und unſre braven Pferde werden noch manchen Schweißtropfen vergießen, bevor wir an unſer Ziel ge⸗ langt ſind.“ „Ich danke,“ erwiderte Martha mit dem ihr eigenen ſanften Lächeln,„ich ſitze ſo bequem, wie ich es nur wünſchen kann. Der Schimmel hat einen angenehmen Gang und ich bin vollſtändig auf alle Schwierigkeiten der Reiſe gefaßt, an die wir ja auch ſchon ſo ziemlich gewöhnt ſind. Wie viel Meilen ha⸗ ben wir bis Glory⸗Craig⸗Hall?“ „Das ließe ſich genau ſehr ſchwer beſtimmen,“ erwiderte Lionel.„Wäre der Weg eben und führte er geradeaus wie die Chauſſeen in Ihrer Heimat, ſo hätten wir vielleicht nur dreißig Meilen zurückzulegen; 5 ſo aber klettern wir Berg auf und ab, umreiten die größten Berge, die Seen und Moore, müſſen die beſten Stellen in den Furten ſuchen, und ſo mögen wir im Ganzen wenigſtens vierzig Meilen vor uns haben, von denen die größere Hälfte auf den heutigen Tag fällt.“ „Zwanzig engliſche Meilen! Das ſind ja nur vier deutſche!“ ſagte Martha ſinnend.„Sollte das zu weit für einen Tag ſein? Wir können ja bisweilen ruhen, wenn es Georgy zu beſchwerlich wird, ich er⸗ trage es ſchon.“ „O, Georgy bedarf der Ruhe noch weniger, ſie iſt ſtärker als Sie—“ ½ „Scheinbar gewiß, aber ſicher nicht ſo an die Mühen des Lebens gewöhnt wie ich.“ Dieſe mit der alten Unterwerfung unter ihr Ge⸗ ſchick und einer gewiſſen rührenden Demuth geſproche⸗ nen Worte brachten Lionel Lowdale zum Schweigen, er wollte das Geſpräch nicht gern auf die Mühen. des Lebens geführt wiſſen, die er von der Schweſter ſeines Freundes abzuhalten ſchon ſeit langer Zeit feſt entſchloſſen war; er leitete es daher bald auf andere Gegenſtände, wozu ihm die Gegend, durch die ſie ihren Weg nahmen, die beſte Gelegenheit bot. Unterdeſſen war das Paar hinter ihnen in einer 6 ganz anderen Unterhaltung begriffen. Georgy, ſtrahlend vor Freude, daß ſie das ungaſtliche Meanach⸗Lodge im Rücken hatte und dem theuren Oheim entgegen⸗ ging, konnte die trübe Miene des Doctors nicht recht begreifen, der, ungewöhnlich ſchweigſam, über die ſelt⸗ ſamen Ereigniſſe nachdachte, die er auf dieſer Reiſe erlebt hatte. Er ging abermals einem unbekannten Orte entgegen und ſo angenehm ihm auch der Verkehr mit den Freunden war, ſo mußte er ſich doch geſtehen, daß er in der geprieſenen Heimat des Engländers bis jetzt nicht gefunden, was er zu finden erwartet hatte. Auch der ſich ihm ſo lebhaft aufdrängende Gedanke, daß er ſich jetzt mit jedem Schritte dem Orte nähere, von wo ſein Vater ihnen einſt das letzte Lebenszeichen gegeben, ſtimmte ihn ernſt, und da Georgy errieth, was in dieſer Beziehung in ſeinem Geiſte vorging, ſo leitete ſie das Geſpräch darauf hin, in der Hoffnung, den trüben Geiſt zu bannen, wenn ſie ihn dreiſt und kühn angriff. „Herr Doctor,“ ſagte ſie, nachdem ſie ihn lange voller Sympathie von der Seite betrachtet und ihre Worte reiflich überlegt hatte,„Sie denken zu viel über das, was in Ihnen iſt, und genießen alſo zu wenig, was um Sie her vorgeht. Man muß den Morgen eines Tages nicht damit beginnen, daß man ſich die 1 — 7 Sorgen zurückruft, die uns am Abend vorher gepei⸗ nigt haben.“ Arnold Tiefenſee's Miene wurde freundlicher, als er den wohlklingenden Ton vernahm⸗und die gute Ab⸗ ſicht errieth, womit dieſe Worte geſprochen wurden. „Sie müſſen mir verzeihen, Mylady,“ ſagte er,„daß ich ſo ſchweigſam und unaufmerkſam bin; allein es iſt einmal meine Gewohnheit, jeden Tag mit ernſtem Nach⸗ denken zu beginnen, ſelbſt wenn ich einer Freude ent⸗ gegengehe. Uebrigens werden Sie finden, wenn Sie ſich in unſre Lage verſetzen, daß ich Grund genug habe, über die Vergangenheit nachdenklich zu ſein und daß ich nicht zu ſanguiniſch von der Zukunft nur glänzende Reſultate erwarten darf.“ „Laſſen Sie ab von der Vergangenheit,“ erwiderte Georgy mit leichtem Erröthen,„ich mag auch nicht daran erinnert ſein. Sie war in der That nicht ſo angenehm, wie wir Alle gewünſcht hatten, allein wir haben ſie jetzt hinter uns und das, was uns bevorſteht, wird mehr Stoff zur Heiterkeit bieten. Rechnen Sie mit mir beſtimmt darauf: diesmal täuſcht uns unſre Hoffnung nicht.“ Und ſie fing an, von ihrem Oheim zu ſprechen, ſeine Güte zu preiſen und den Gaſt all⸗ mälig auf die Dinge vorzubereiten, denen er am äußerſten Ende ihrer Heimat begegnen würde, wodurch es ihr 8. auch gelang, ihn froher zu ſtimmen, in welcher Beſtrebung ſie die Scenerie der Landſchaft, durch die ſie nach und nach kamen, auf das Nachdrücklichſte unterſtützte. Vom Wildpark aus, der Meanach⸗Lodge im Oſten umſchloß, führte der Weg zuerſt in weſtlicher Richtung, wobei man den Shin⸗See ſtets im Auge behielt, der unter ſeinen wogenden Nebelſchleiern noch immer halb verborgen lag. Bis zum Tiagfluſſe, der zu dem nord⸗ öſtlichen See gleiches Namens führt, waren die Reiſen⸗ den ſchon früher auf ihren Spazierritten vorgedrungen, da ſie aber ſtets auf ſeinem rechten Ufer geblieben, hatten ſie ihn nie überſchritten. Dieſe Unternehmung ſtand ihnen nun heute zum erſten Male bevor. Ehemals führte eine Brücke über den etwa zwanzig Fuß breiten Fluß, aber die reißenden Bergwaſſer, die im Frühjahr, wenn der Schnee ſchmilzt, mit brauſen⸗ dem Ungeſtüm dem Shin⸗See zuſtürzen, hatten ſie längſt verwüſtet, und da man einen ſolchen Unfall alle Jahre befürchten mußte, hatte Niemand daran gedacht, den einfachen Bau wiederherzuſtellen. Es blieb den Reiſenden daher nichts übrig, als eine Furt zu ſuchen, was ihnen auch mit Hülfe der Hochländer ſehr bald gelang. Man hielt einige Augenblicke an und die Damen bereiteten ſich auf den Uebergang des Fluſſes vor. 3 — 9 Ihre zu der beſchwerlichen Reiſe ſchon verkürzten Reit⸗ kleider wurden noch höher geſchürzt, man ſetzte ſich feſt in die Sättel und von den ſicheren Händen der Hoch⸗ länder geleitet, ſtiegen die kleinen Pferde muthig den Abhang zum ſchäumenden Waſſer hinab, wateten bis zum Knie durch die Furt und kletterten behende am jenſeitigen Ufer wieder empor. Das Zagen und Herz⸗ klopfen Martha Tiefenſee's nahm ab, als ſie hier Georgy und ihren Bruder zuerſt den feſten Boden wieder gewinnen ſah und da ſie zugleich ein Blick ihres Begleiters ermuthigte, war ſie dreiſt genug, ſich ihrem Pferde anzuvertrauen, welches auch ſchnell und glücklich den vorangegangenen Gefährten folgte. Jetzt führte der Weg dicht am ſanften Abhange hin, der an dieſer Seite das nördliche Ende des Shin⸗ Sees einſchloß, an deſſen gegenüberliegendem Ufer aber das wilde Uarrangebirge ſich in ſeiner ganzen Majeſtät vor den Blicken der Reiſenden ausbreitete. Hoch thürm⸗ ten ſich vor ihnen die beiden größten Bergrieſen dieſer Gegend auf, der Ben⸗More und der Ben⸗Uarran, auf deren dreitauſend Fuß hohen Gipfeln ewiger Schnee lag, obwohl von ihnen aus zahlloſe kleine Rinnſale, ſtlbern in der Morgenſonne glitzernd, herniederrauſchten, um ihren tollkühnen Uebermuth in den blauen Fluthen des Shin⸗Sees zu kühlen. 10 Alle Reiſenden ritten jetzt in tiefſtem Schweigen dahin; die ausgezackt und ſeltſam geſtalteten grau⸗ braunen Felſen am jenſeitigen Ufer zogen unwider⸗ ſtehlich ihre Blicke an und der ſanfte röthliche Schim⸗ mer, den die höher ſteigende Sonne über die Gipfel der Pyramidenberge goß, bot in der That ein Schau⸗ ſpiel dar, das ihrer aufmerkſamſten Beachtung werth war. Von jetzt an aber wandte ſich der Weg ganz nach Norden, im Weſten blieb das allmälig ſich ſenkende Uarrangebirge wohl eine halbe Stunde lang an ihrer Seite und im Oſten dehnte ſich ein unabſehliches Hügelmoor aus, das bis zum Tiagfluß reichte, der ſich hier ſtark nach Oſten krümmte. Nach einer halben Stunde jedoch trat das Gebirge weiter zurück, die Gegend öffnete ſich und zwei kleine, reizend geformte ovale Seen, der Griam⸗ und Merkland⸗See, rollten ihre blauen Wogen bis dicht an den ſchmalen Pfad heran und ſpiegelten die jenſeitigen ſchroffen Felſen⸗ wände in wunderbarer Klarheit wieder, die ſich hoch über ihnen emporthürmten. Hinter dem letztgenannten See begann ſich das Uarrangebirge in kleinere Hügelketten zu ſenken, deren runde Kuppen, mit fußhohem rothblühenden Haidekraut bedeckt, im Strahle der Sonne wie purpurne Roſen⸗ felder glühten. Bis zu dieſem Punkte war den Rei⸗ — 11 ſenden kein lebendes Weſen, weder Menſch noch Thier, begegnet, erſt hier ſahen ſie auf den ſanften Abhängen kleine ſchwarze Schaafe weiden und ein hochländiſcher Knabe jagte ſich mit ſeinem zottigen Hunde herum. An einem der niedrigſten Abhänge zeigte ſich auch endlich das erſte Haus, und da deſſen Umgebung einen bequemen Ruheſitz mit angenehmer Fernſicht bot, for⸗ derte Lionel Lowdale ſeine Begleiter auf, eine Stunde zu raſten und aus den mitgebrachten Vorräthen das Frühſtück einzunehmen. Man ſtieg von den Pferden, die man ſich ſelbſt überließ, und trat in die Nähe der hochl ändiſchen Hütte, deren Lage in der ödeſten Einſamkeit, trotz ihres bau⸗ fälligen Zuſtandes, einen maleriſchen Anblick darbot. Sie lehnte ſich mit ihrer hinteren Wand an einen mit Fichten bepflanzten Abhang, vor ihr ſtanden zwei kleine dunkle Pechtannen und daneben eine Käſepreſſe, die mitten in voller Arbeit war. An ihren Seiten breitete ſich ein kleines Kartoffelfeld aus, welches der Fleiß ihrer Bewohner mit Mühe dem elenden Boden abge⸗ rungen hatte. Das Häuschen ſelbſt war aus rauhen Felsſteinen zuſammengeſetzt, deren Fugen Moos und Lehmerde verkitteten, und das niedrige Dach, aus deſſen Oeffnungen ein gelblicher Rauch in die klare Luft empor wirbelte, mit Schilf, Raſen und Moos bedeckt. Die Thür beſtand aus rohen Brettern, ohne Schloß und Riegel, und die zwei kleinen Fenſter glichen Löchern, von einem ſo geringen Umfange, daß man kaum den Kopf hindurch ſtecken konnte. Nachdem man dieſes wenig anſprechende Aeußere eine Weile betrachtet, forderte Lionel ſeine Gefährten auf, auch das Innere zu betreten und den Bewohnern einen Beſuch abzuſtatten. Es beſtand aus einem ein⸗ zigen raucherfüllten Raume, der durch bretternen Ver⸗ ſchlag in zwei Theile geſchieden war, deren einen die Menſchen und den andern einige ſchwarzgetheerte Schaafe und Ziegen bewohnten. Den Boden bildete eine tennenartig feſtgetretene Lehmſchicht; über einem großen Feuerheerd an der hinteren Wand hing an einer Kette ein Keſſel über der Torfgluth, und in der Nähe deſſelben ſtanden ein roh gezimmerter Tiſch und einige hölzerne Schemel, während das Lager in einer dunklen Ecke aus dürrem Mooſe aufgeſchüttet war. Doch wir haben noch ein wichtiges Hausmöbel vergeſſen— das unvermeidliche Salzfaß, an der Wand neben dem Heerde angebracht und aus einem rohen hölzernen Kaſten beſtehend, der vorn mit einem Loch verſehen war, durch welches derjenige griff, der des darin verwahrten Salzes bedurfte. Außer dieſen nothwendigen Lebensbedürfniſſen 1 02 aber hatte dies elende Zimmer noch einen Schmuck aufzuweiſen— den Stammbaum der Familie. Es war ein altes auf Strohpapier erbärmlich gemaltes Bild und ſtellte einen geharniſchten Ritter dar, aus deſſen Bruſt ein Baum ſproßte, der ſich in unzählige Aeſte verbreitete; darunter ſtand der Name des einſt ſo mächtigen Clans, zu dem auch dieſe Familie ge⸗ hörte: Mac⸗Pherſon. Am Feuer ſaß ein triefäugiges Weib, in ziemlich abgetragene aber keineswegs zerriſſene Kleider gehüllt. Sie machte nicht die geringſte Bewegung, als ſie die jungen und ſo ſchön gekleideten Fremden eintreten ſah, außer daß ſie ein grinſendes Lächeln blicken ließ, wo⸗ mit ſie den dargebrachten Morgengruß nach ihrer Art freundlich erwiderte. Lionel lud ſie ein, mit vor die Thür zu kommen, was ſie auch ſogleich that und bald darauf mit ſcheuer Verwunderung, aber dankbarem Ge⸗ ſichtsausdruck, von den ihr dargereichten Speiſen ge⸗ noß. Nachdem ſie nur Weniges gegeſſen und ein Glas Wein getrunken, lief ſie nach dem Abhange hin, wo ihre Schaafe weideten, kam aber nicht eher wieder zurück, als bis die Fremden ſchon weiter gezogen waren. „Wie gefällt Ihnen dies Haus?“ fragte Lionel Martha Tiefenſee. 14 „Es iſt ſchrecklich, ſolch Elend habe ich nie ge⸗ ſehen.“ „Sie irren, wenn Sie dieſe Leute für elend hal⸗ ten; ſie ſind arm und glücklich und haben nie etwas Anderes kennen gelernt— was wollen Sie mehr? Man kann mit Wenigem zufrieden ſein. Sind wir etwa um ſo glücklicher, als wir reicher ſind als ſie?“ Ueber Martha's bleiches Geſicht flog ein Schim⸗ mer glückſeliger Zufriedenheit, als ſie antwortete:„O ja, Sir, wie reich ich bin, das ſehe ich jetzt zu meinem Troſte ein.“ „Und was bedeutet der Stammbaum da drin⸗ nen?“ fragte Arnold.„Darf man glauben, daß dieſe armen Leute wirklich mit jenem geharniſchten Rit⸗ ter in irgend einer verwandtſchaftlichen Verbindung ſtehen?“ „Ohne allen Zweifel. Ganz Schottland beſteht eigentlich nur aus wenigen Familien, alle aber ſind mit einander verwandt und ein heiliges Band der Erinnerung wie unauflöslicher Innigkeit umſchlingt ſie. Die Mac⸗Pherſons ſind ein weit verbreiteter Stamm oder Clan geweſen, und unter ihren Vorfahren mögen Ritter und Helden geblüht haben, wie unter allen übrigen Clans. Wer weiß, ob die Vorfahren dieſer armen Leute nicht einſt die unſrigen als mächtigere 15 Häuptlinge beherrſchten, die Woge des Menſchenglücks ſteigt und ſinkt, und man muß ſich hieraus eine Lehre nehmen. Wer hoch ſteht, kann fallen, und wer niedrig ſteht, kann ſich erheben. Warum lächelſt Du ſo ſchel⸗ miſch, Georgy?“ Georgy reichte ihrem Bruder freundlich die Hand und ſagte, zu Martha gewendet:„Sieh, mein Bruder fängt an weiſe zu werden, Dein Unterricht und Bei⸗ ſpiel haben genützt. Fahre darin fort, denn die De⸗ muth iſt eine Tugend, von der ein engliſcher Lordsſohn vor allen übrigen Menſchen profitiren kann.“ Martha erröthete und trat zu ihrem Bruder, der die dürftige Hütte umſchritt, um ſich einen Eindruck von der Bauart derſelben einzuprägen, während Georgy noch einmal ſtill in den inneren Raum ſchlüpfte und an dem Stammbaume der geſunkenen Mac⸗Pherſons ein Zehnpfundnote befeſtigte, die ſie den Bewohnern zum Geſchenke ließ. Nachdem man etwa eine Stunde geraſtet, um die Ponies für den bevorſtehenden beſchwerlichen Weg ſich gehörig verſchnaufen zu laſſen, brach man wieder auf. Zunächſt gelangte man nun an eine Furt, die über einen Fluß führte, der ſich in den Merkland⸗See ergoß, und da ſie nur ſchmal und nicht tief war, ver⸗ 16 urſachte die Ueberſchreitung nicht die geringſte Mühe. Hinter der Furt ſelbſt tauchte im Schutze eines lang⸗ geſtreckten Berges ein kleiner Flecken, Ladmore, auf, eigentlich ein ärmliches Dorf, aus an einander gereih⸗ ten Hütten beſtehend, die allerdings in beſſerem Zu⸗ ſtande und größer als jene zuerſt beſchriebene waren. Wild ausſehende Hochländer, alte und junge Weiber, Kinder, von einer Rotte kläffender Hunde begleitet, kamen mit vor Neugierde glotzenden Augen aus den Thüren gelaufen, um die vorüberziehende Geſellſchaft zu bewundern, alle aber erwieſen ſich freundlich, als ſie die Hochländer vom Glory⸗Craig erkannten, ſchwenkten die reich betroddelten Mützen und erhoben die Hände zum wohlgemeinteſten Gruße. Bald nach dieſem erſten folgte auf der entgegen⸗ geſetzten Seite des Weges ein zweites ähnliches Dörf⸗ chen, Kinloch mit Namen, und von hier aus begann ſich der Weg gewaltig zu heben, da man die weſt⸗ lichen Ketten des Meal⸗Rynies⸗Gebirges, an die ſich der wilde Dirry⸗Moor⸗Wald gegen Oſten lehnt, über⸗ ſteigen mußte.. Ddiieſes Gebirge bildet die Waſſerſcheide der nord⸗ weſtlichen Hochlande und von nun an floſſen die Berg⸗ ſtröme weſtlich in das Caledoniſche Meer, oder gegen Norden hin in die Baien, welche das Nordmeer in — 172. die ſchottiſchen Felſen geriſſen hat. Der Weg, der auf die Höhe deſſelben führte, wurde ſo ſchmal, daß nur ein Pferd auf demſelben Raum behielt, und die Führer faßten die Zügel der Ponies, welche die damen trugen, um ſie zu ſtützen und ihnen das mühſame Klettern zu erleichtern. Es war ein ziemlich nacktes, nur dann und wann mit Haidekraut bedecktes Felſen⸗ gebirge, mitunter ſumpfig, trotz der Höhe, und der ſchmale, mit Geröll bedeckte Pfad lief im ſteilſten Zick⸗ zack hinauf, von Zeit zu Zeit kleine Abſätze bildend, auf denen die wackeren Pferde ſtets aus eigenem An⸗ triebe einige Minuten ſtehen blieben, um ſich zu ver⸗ ſchnaufen. Arnold konnte das angſtvolle Keuchen und Röcheln der ſich furchtbar anſtrengenden Thiere nicht länger ertragen, er ſprang aus dem Sattel, Lionel folgte ihm, und ſo kletterten Beide langſam hinter den Pferden der Damen her, deren ſich eine gewiſſe Beſorgniß be⸗ mächtigt hatte und die keine Worte finden konnten, um ihre Empfindungen laut werden zu laſſen. Als man aber auf der Höhe des etwa zweitauſend Fuß hohen Gebirges angelangt war, hielt man wieder längere Raſt und wurde dabei für alle Mühe und Noth durch einen wunderbar ſchönen Anblick belohnt. Denn unten am Fuße der abſchüſſigen Felſen dehnte 2 Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. — — —j½.j.q— 18 ſich der im Sonnenlicht funkelnde More⸗See aus, von länglich gewundener Geſtalt, wie faſt alle hochländiſche Seen, aber ſo klar und rein und im tiefſten Frieden ruhend, als hätte ſeine Ufer noch nie ein Menſchenfuß betreten. Lionel erzählte, daß er einer der tiefſten Seen ſei und daß man bei dreitauſend Fuß ſeinen Grund noch nicht erreicht habe. Nachdem die Geſellſchaft ſich lange an dem köſt⸗ lichen Anblick gelabt und die Gegend beſprochen, durch welche ſie zog, lenkten die Führer die allgemeine Aufmerkſamkeit nach Oſten hin und da erhob ſich in ihrer ſtattlichen Größe die herrliche braune Pyramide des Ben More, deſſen ſchneeiger Gipfel im roſigen Sonnenſtrahle glitzerte und ſeine Giesbäche mit brau⸗ ſendem Getöſe dem See gleiches Namens zuſendete. Prachtvoll war der Anblick dieſes Schauſpiels und lange Zeit verging, ehe man ſeine Bewunderung ganz aus⸗ ſprechen konnte. Lionel hatte ſeinen Arm um Arnold's Schultern gelegt und deutete mit der Hand auf einige der ſtrah⸗ lendſten Giesbäche hin.„Wie gefällt Dir unſre nordiſche Heimat?“ fragte er freudig, dabei einen Blick nach Martha hinüberſendend, die in ähnlicher Weiſe von Georgy umſchlungen wurde. Arnold ſchüttelte voller Bewunderung den dunklen 19 Kopf und vermochte nur zu ſagen:„Sie iſt groß, Deine Heimat, nicht an Ausdehnung, aber an Inhalt — viel größer, als ich es für möglich gehalten.“ „So habe Geduld,“ erwiderte Lionel,„Du wirſt ſie auch ſchön finden, laß uns erſt an das Meer ge⸗ langen, das da drüben im Weſten ſchon brandet. Sie hſt Du den ſilbernen Streifen dort in der Ferne?“ „Ja, ich ſehe ihn— iſt das das Meer?“ „Ja, es iſt der Horizont über dem atlantiſchen Ocean!“ Alle ſtanden entzückt, ſchweigend vor Staunen über das Erhabene, Gewaltige, was der mächtige Schöpfer Himmels und der Erden ſchon hier unten dem Menſchen zu ſchauen gegeben hat.— Endlich aber mußte man an die Fortſetzung der Reiſe denken und da der Weg jetzt bergab führte, for⸗ derten die Herren die Damen auf, mit ihnen einen kürzeren Pfad zu Fuße zu verfolgen, um den kleinen Pferden ihre Mühe etwas zu erleichtern, was ſie auch ſofort thaten und nun rüſtig einen ziemlich ſteilen Ab⸗ hang hinabklommen. So kam man denn endlich am Ufer des More⸗Sees an und mußte nun den gewöhn⸗ lichen, nach Norden führenden Weg verlaſſen, um zſeit⸗ wärts an den romantiſchen Stack⸗See zu gelangen, an welchem unmittelbar Alan Ferguſon's Haus. lag. 2* — An einem(uſtig rauſchenden Flüßchen entlang reitend, das den More⸗ mit dem Stack⸗See verband und deſſen hügelige Ufer ſchon Spuren menſchlicher Cultur wahrnehmen ließen, gelangte der Zug gegen drei Uhr Nachmittags an den Fuß des gewaltigen Arcle⸗Berges und nachdem ſeine ſüdlichen ſchroff abfal⸗ lenden Abhänge umritten, ſah man eine umfangreiche Fichtenanpflanzung vor ſich, die im beſten Gedeihen begriffen war. Der bisher etwas breitere Weg vertiefte und ver⸗ engerte ſich hier ſchluchtartig; man ritt ſtets zwiſchen Fichten einen kleinen Abhang hinab, an deſſen Aus⸗ gang ein zauberartig ſchöner Anblick die Reiſenden er⸗ wartete. Sie gewahrten nämlich einen rings von hohen hroffen Felſen eingeſchloſſenen, beinahe cirkelrun⸗ den See, den Stack⸗See, zu dem eben nur die Schlucht den einzigen Zugang bildete, durch welche ſie daher⸗ zogen. Da, wo dieſe am See mündete, ſtand auf einer kleinen Anhöhe, die zu einem niedlichen Garten umgearbeitet war, das freundliche Pachthaus Ferguſon’s, aus rothem Geſtein erbaut und mit wohl beſchnittenem Schilf bedeckt, gegenüber aber ragte der über dreitau⸗ ſend Fuß hohe Arele⸗Berg auf und von ihm aus zo⸗ gen ſich bis dicht an das dunkle Waſſer rings um den See thurmhohe Felsmauern von einem röthlich brau⸗ 21 nen Geſtein, deren Spitzen in wunderbar geformte Zinken, Nadeln und Säulen ausliefen, die oft auf einer ſo dünnen Baſis ſaßen, daß man jeden Augen⸗ blick ihren Niederſturz befürchten konnte. Dicht am See herum wuchs einiges Schilf und ein hellgrünes ſaftiges Gras, und auf dieſem letzteren weidete ein Theil der ſchwarzen Schaafheerde Ferguſon's, ſo wie einige zottige weiße Pferdchen, die muthig wieherten, als die Gäule der Reiſenden näher kamen. In demſelben Augenblicke wurde auch ſchon der Wirth mit ſeinem Weibe ſichtbar, einer ſchmucken, leb⸗ haften Frau, an deren Hand ſich zwei Kinder anklam⸗ merten. Alle ſtürzten mit lautem Willkommenruf aus ihrem anſehnlichen Hauſe, worauf der Pächter und ſeine Frau zuerſt den Damen beim Abſteigen halfen und ſie baten, unverweilt näher zu treten, was dieſe denn auch, ſichtlich ermüdet, von Herzen gern thaten, während die Herren noch draußen blieben und mit Ferguſon einige nothwendige Verabredungen trafen. Sie fanden jedoch ſpäter die Damen in bequemen Kleidern in einer einfach möblirten, aber wohnlichen Stube vor, in der Alles von Reinlichkeit und Sauber⸗ keit ſchimmerte, und Mary Ferguſon war ſo eifrig für ihrer Gäſte Wohl beſorgt, daß ſelbſt der verwöhnten Lordstochter kaum etwas zu wünſchen übrig blieb. Nachdem man dann eine wohlbereitete Mahlzeit eingenommen, zu der die mitgebrachten Vorräthe frei⸗ lich das Beſte beigetragen, führte Ferguſon mit triumphi⸗ rendem Geſicht ſeine Gäſte an den See, umging mit ihnen einen Theil deſſelben und zeigte die Felſen, an die er ſein Haus angeklebt und wo er ſo glücklich lebe, wie er ſagte, daß er auch daſelbſt einſt begraben wer⸗ den wolle. Es mochte etwa ſechs Uhr Abends ſein, als ſchon tiefer Bergſchatten auf das einſame Haus fiel, denn die Sonne ging für die Bewohner deſſelben etwa um dieſe Zeit unter. Man ließ ſich auf Bänken am Ufer des Sees nieder, der ſich allmälig mit einer dünnen Nebelhülle überzog, und blickte mit ſtummer Bewunderung nach dem ſchwarzen See hinab und zu dem Schneegipfel des Ben Arcle hinauf, der oben in der Luft, wie tief unten im wiederſpiegelnden Waſſer in roſigem Schimmer glühte. Die lautloſe Stille um ſie her, die erhabene Majeſtät und Größe der hochländiſchen Natur ſtimmte alle Anweſenden ernſt und feierlich, und ſo verſtummte an dieſem Abend die heitere Unterhaltung und gab nur den Gefühlen Aller angemeſſenen Betrachtungen Raum, wie ſie ein ſolcher Ort ſo natürlich hervor⸗ zurufen pflegt. Mary Ferguſon hatte für die Bequemlichkeit ihrer .23 Gäſte auch während der Nacht geſorgt. Die Damen fanden überaus weiche und reinlich überzogene Betten vor, und die Herren ein gutes Strohlager, woraus ſie ſich mit Hülfe ihrer Plaids ganz treffliche Ruhe⸗ ſtätten bereiteten.. Am nächſten Morgen jedoch weckte Alan Ferguſon ſeine Gäſte ſehr zeitig. Der See war ganz unter einer dichten Nebelhülle verſchwunden und auch die Spitzen der Felſen blieben unſichtbar. Man nahm raſch das Frühſtück ein und bereitete ſich dann zum Aufbruch vor, wobei Ferguſon erklärte, daß er ſeinen werthen Gäſten bis hinter die gefährlichſten Stellen ihrer ganzen Reiſe im Corikinloch⸗Paß das Geleit geben wolle. Man nahm das freundliche Anerbieten dankbar an und nachdem ſich Alle von der Hausfrau verab⸗ ſchiedet und Georgy derſelben den thatkräftigſten Bei⸗ ſtand für die Zukunft zugeſagt, warf man noch einen Blick auf den See, der ſich noch immer eigenſinnig verhüllte, als hätte er den Fremden am vorigen Abend Schönheit und Romantik genug gezeigt. In wenigen Minuten ſaßen denn wieder Alle auf den ausgeruhten Pferden, die muthig wieherten und mit beſchleunigten Schritten ihren beſchwerlichen Weg antraten. „Beſter Sir,“ ſagte Ferguſon mit ächter hoch⸗ ländiſcher Herzlichkeit, indem er ſich beim Abreiten dicht 24 an Lionel's Seite hielt,„ich hätte Sie gewiß nicht ſo früh aus meinem Hauſe gelaſſen, da Sie jedenfalls zeitig genug nach Craig⸗Hall kommen, wenn ich nicht die Nothwendigkeit eines ſo frühen Aufbruchs erkannt hätte. Sehen Sie da, der hochländiſche Nebel will heute nicht fallen, er ſteigt vielmehr empor und es wird nicht lange dauern, ſo haben wir ein Wetter, wie an jenem Tage, wo ich Sie auf dem Wege nach dem Aſſynth⸗Moor in der Höhle traf. Treiben Sie alſo die Damen etwas an, damit wir noch vor dem Regen durch den Paß kommen, die Wege darin ſind ſchon übel genug bei trockenem Wetter, wie viel mehr nicht, wenn das vom Himmel ſtrömende Waſſer ſie ſchlüpfrig und ſumpfig macht.“ Lionel ließ ſein Auge rings umherſchweifen und glaubte dem erfahrenen Landmanne beiſtimmen zu müſ⸗ ſen. Anſtatt dichter zu werden, wie es beim Nebel geſchieht, wenn er fällt, wurde er allmälig durchſich⸗ tiger und ſchien von der ihn abweiſenden Erde in höhere Regionen zu flüchten; bisweilen huſchte er raſch am ſteilen Bergkamme vorüber und ließ dann einen grauen Felſenzacken wie in der Luft ſchwebend ſehen, bisweilen wirbelte er ſpiralförmig in die Höhe und ſammelte ſich daſelbſt in ſo dichten Maſſen an, daß man vom Him⸗ melsgewölbe keine Spur ſah und nicht die geringſte — ———— 1 2 Hoffnung hegen durfte, daß die aufſteigende Sonne ihn beſiegen würde. Schaurig ſchön nahmen ſich bei dieſer ſeltſamen Beleuchtung die Felſengebilde aus, die von Zeit zu Zeit in der Ferne wie geſpenſtiſche Schatten auftauch⸗ ten; Ferguſon aber duldete keinen Aufenthalt und führte die Geſellſchaft durch den Fichtenwald und an die Ufer des Morefluſſes zurück, da den nördlichen Umritt des Arele⸗Berges ein meilenlanger Sumpf auf jener Seite unmöglich machte. Als man ſo endlich auf den alten Weg gelangt war, ließ Ferguſon die Pferde halten und bat mit lauter Stimme alle Anweſenden, genau auf ſeine Anweiſung zu achten. Er ſelbſt würde zu Fuß gehen und überall Hülfe leiſten, wo ſie nöthig werden ſollte, es möchte ſich aber Niemand ängſtigen, wenn die Berge etwas nahe zuſammenrückten und der Weg ſo gut wie unſichtbar würde. Er theilte darauf die Reiter einzeln ab, blieb mit den Hochländern bei den Damen und ließ ſeinen klugen Fuchshengſt, der die Wege am beſten kannte und jeden Stein prüfte, ehe er feſt auf ihn trat, ohne Reiter den Zug eröffnen. Ihm folgte Lionel, dann Martha und Georgy, welcher ſich Arnold anſchloß, worauf die Uebrigen kamen. „Hier beginnt der Corikinloch⸗Paß!“ rief Fergu⸗ 26 ſon mit lauter Stimme.„Oeffnen Sie Alle Ihre Augen, aber lockern Sie die Zügel der Pferde, ſie gehen beſſer ohne alle Führung, und nur von Zeit zu Zeit laſſen Sie einen Anruf hören. Das ermuntert und belebt ſie.“ Kaum hatte man ſeine Worte vernommen, ſo fand man ſie auch ſchon beſtätigt. Der Weg verengerte ſich, jede Baumvegetation hörte auf und kahle, nackte ſchwarze Felſen ſtarrten den Reiſenden von beiden Seiten entgegen, immer näher zuſammenrückend und dadurch einen bei⸗ nahe beängſtigenden Eindruck hervorrufend. Der ſchmale Pfad, von Schritt zu Schritt reichlicher mit loſem Ge⸗ rölle bedeckt, ſenkte ſich, um bald wieder um ſo ſteiler emporzuſteigen, und ſtets führte er an Abhängen und gähnenden Schlünden vorüber, in denen über zahlloſe Trümmerfelsblöcke ein wild brauſender Sturzbach grollte, deſſen Waſſer alle fünfzig Schritt weit von oben her neuen Zufluß durch größere und kleinere Rinnſale erhielten, die oft unter den Füßen der Pferde wegbrodelten und den ſchwierigen Pfad nur noch ſchlüpf⸗ riger und gefährlicher machten. So gelangte man an eine Stelle, wo ein ver⸗ kümmertes Birkenbäumchen einſam und verlaſſen quer über den Weg hing. Hier begaben ſich Ferguſon und die Hochländer auf die abſchüſſige Seite des Weges, — 27 ergriffen die Zügel der Pferde mit kräftigen Händen, drängten ihre Köpfe, indem ſie ſie ſtützten, nach der höheren Felswand und hielten ſie ſo vom Sturze in die Tiefe ab. Kaum wagten die bleichen Reiſenden einen Blick in die jähen Abgründe an ihrer Seite zu werfen, deren grauſigen Anblick das wilde Rauſchen des Sturzbaches vermehrte. Ihre Bruſt athmete von Minute zu Minute beklommener, denn der Paß ver⸗ engte ſich allmälig ſo ſehr, daß man beide hoch in in die Lüfte ragenden Felſenmauern beinahe mit aus⸗ gebreiteten Armen erreichen konnte. An einer etwas gangbareren Stelle und bevor es ungemein ſteil bergan ging, ließ Ferguſon die ängſtlich ſchnaubenden und laut keuchenden Pferde einen Augen⸗ blick halten. Die Scenerie war wilder denn je und man ſchauderte unwillkürlich, wenn man den Blick um ſich warf. Die Felſen erſchienen kahl und grau, wie aus Eiſen gegoſſen, ſeltſame Zacken und Auswüchſe ſprangen aller Orten hervor, tief unten brodelte das Sturzwaſſer über die Trümmer, die groß und klein nicht nur auf dem Abhange, ſondern auch auf dem ſchmalen Kamme lagen, den die Pferde beſchreiten mußten, wodurch er faſt unwegſam wurde. Immer aber brachen ſie ſich Bahn, vorſichtig prüfend ſetzten ſie ihre behaarten Hufe langſam auf die Steine, wenn 28 ſie auch oft dabei bis an die Kniee in den Moraſt ſanken, der zwiſchen den Felstrümmern gleichſam un⸗ ſichtbar lagerte, und ſtießen dabei ein leiſes freudiges Gewieher aus, wenn ſie einen ſicheren Haltpunkt wie⸗ der erreicht hatten. Dabei rauſchten aus ihrer Ein⸗ ſamkeit aufgeſchreckte Adler mit ungeheuren Fittigen dicht über den Köpfen der Reiſenden hin und ließen ein Geſchrei hören, das der wilden Scenerie, die ſie umgab, einen noch rauheren Charakter verlieh. Als ſie ſo eine Weile hielten, ſich ruhten und nur durch Blicke mit einander ſprachen, erhob Fer⸗ guſon den Kopf nach dem grauen Himmelsgewölbe und ſchüttelte ihn dann.„Nehmen Sie Ihre Plaids vor,“ ſagte er,„der Regen wird nicht lange auf ſich warten laſſen. Dann aber rüſtig voran, wir müſ⸗ ſen oben auf dem Kamme ſein, bevor es in Strö⸗ men gießt.“ 82 Lionel war der Erſte, der ſeinen eigenen feſten Plaid um die ſchlanke Geſtalt Martha's wand und feſtband, eine Freundlichkeit, die nun auch Arnold ſo⸗ gleich der Schweſter ſeines Freundes erwies, was dieſe ſich lächelnd und dankbar gefallen ließ, da ſie an der⸗ gleichen Aufmerkſamkeiten von Seiten des jungen Arztes wenig gewöhnt war. Kaum aber hatten auch die jun⸗ gen Männer ein paar von den Dienern hingereichte Tücher umgelegt, ſo rieſelte ein feiner eiskalter Staub⸗ regen herab, der Höhen und Tiefen völlig verſchleierte und den an ſich ſchon ſo ſchwer erkennbaren Pfad, welchen man verfolgen mußte, faſt ganz unſichtbar machte. „Vorwärts!“ rief Ferguſon mit gewaltiger Stimme, und ohne auf einen Antrieb ihrer Reiter zu warten, fingen die wackeren Ponies an, die vor ihnen liegende ſteilſte Höhe zu erklettern, was ſie auch mit ungemei⸗ ner Ausdauer, wiewohl großer Mühe vollbrachten. Nach einer Viertelſtunde hatte man den höchſten Punkt erreicht und damit den Paß überwunden. Jetzt näßte der Regen die Reiſenden nur, aber er gefährdete ſie nicht mehr, und mit munterer ſchlagenden Herzen ſetzten Alle die Reiſe fort, bis man an die höhlenartige Vertiefung einer ungeheuren Felſenſpalte gelangte, in die man hineintrat, um unter ihrem natürlichen Schutz⸗ dache den Regen a üN und zugleich von Ferguſon Abſchied zu nehmen, der die Geſellſchaft nur bis hier⸗ her zu begleiten die Abſicht ausgeſprochen. Nach einer halben Stunde mäßigte ſich der Re⸗ genguß und man durfte daran denken, die Reiſe wei⸗ ter fortzuſetzen. Mit warmen Dankesworten und end⸗ loſem Händeſchütteln aber entließ man zuvor den Päch⸗ ter vom Stack⸗See und vertraute ſich nun den vom Admiral geſandten Männern an. Der Weg führte jetzt allmälig wieder bergab, wiewohl durch einen endloſen Moraſt, in deſſen mit Moos hekleidete Pfützen die Pferde oft bis über die Kniee einſanken. Kein⸗ Baum, kein Strauch war rings zu ſehen, Alles war wüſter, kahler Grund. Nur in der Ferne gegen Nor⸗ den und zu beiden Seiten tauchten graue, wildge⸗ zackte Felſenketten auf und eine ſolche Oede und ein⸗ tönige Farbloſigkeit lag auf der ganzen Gegend, daß Arnold ſie das ſichtbare Element der Melancholie nannte, worin ihm alle Uebrigen beiſtimmten. Aeußerſt ſelten nur durchbrachen ein ächzender Vogelſchrei oder das ferne Rauſchen eines tobenden Bergwaſſers oder die auf den nackten Fels fallenden Tropfen des ab⸗ nehmenden Regens die athemloſe Stille— ſonſt war Alles ringsum öde, leer und todt. Allmälig indeſſen klärte ſich die Luft auf, die Nebel hatten ſich in Geſtalt von Waſſer wieder zur Erde zurückbegeben und an einzelnen Stellen wurde der blaue Himmel ſichtbar, was gerade zu rechter Zeit geſchah, um den Reiſenden noch den ſchönen Rück⸗ blick auf den Ben Arcle zu geſtatten, der ſich zuerſt von den Nebelgebilden loslöste und mit ſeiner weißen Spitze grell von dem dunkleren Himmel abſtach. Nach längerem Genuſſe dieſes ſchönen Anblicks ſetzte man die Reiſe mit größerer Heiterkeit fort, zu⸗ mal die Hochländer erklärten, daß in wenigen Stunden der Horizont ſich ganz lichten und ein vollkommen ſchöner Nachmittag folgen werde. So ſtieg man denn munter den ſanften Abhang nach dem Flecken Nimarle hinab, ſchenkte dem in Weſten ihm gegenüberliegenden Balloch⸗See einige Augenblicke und betrat dann den Lord⸗Reay⸗Wald, der mit ſeinen düſteren Kiefern eine angenehme Abwechſelung bot und von welchem Lionel erzählte, daß er eins der Heirathsgüter ge⸗ weſen ſei, welche ſeine Mutter Lord Londale zuge⸗ bracht habe. Da der Weg durch den Wald breiter und aus⸗ getretener war, ja ſogar von kleinen Wagen aus Weiden⸗ geflecht befahren wurde, mit denen die Landeseinwohner den Torf von den Bergen holen, ſo ritt man wieder neben einander und ergötzte ſich an heiterem Geſpräch, indem man ſeine Gedanken über die Reiſeerlebniſſe austauſchte, deren Gefahren ſo eben glücklich überſtan⸗ den waren. So blieb denn auch der Lord⸗Reay⸗Wald hinter ihnen liegen, bis die Hochländer etwa um Mittagszeit erklärten, daß der oſtwärts liegende See, den man von einer Anhöhe erblickte, der Durneß⸗See ſei, daß aus ihm der Durneßfluß entſpringe und ſich in die gleichnamige Bai ergieße, daß die Geſellſchaft alſo drem erſtrebten Ziele ziemlich nahe gekommen wäre. Da der Durneßfluß den Weg, den man zog, kreuzte, ſo mußte noch einmal eine Furt durchſchritten werden, und diesmal waren damit einige Schwierigkeiten verbunden, weil der heftige Regen am Morgen ſogar die kleinſten Bäche in reißende Ströme verwandelt hatte. In⸗ deſſen ging es mit einigem Naßwerden ab, und als nun das jenſeitige Ufer erreicht war, bemerkten Alle zu ihrer Freude, daß die Gegend ein anderes Anſehen gewann, indem Kartoffel⸗ und Haferfelder mit einander wech⸗ ſelten und ſichtbar den Fortſchritt der Cultur verkün⸗ deten, womit auch die beſſere Bauart der hie und da ſah man bei der Arbeit auf dem Felde; ſtatt der ſchwarzen Schaafe machten ſich kleine Kühe bemerklich, und je mehr ſich die Berge zu anſehnlichen Hügeln niederſenkten und anmuthig grüne Thäler ſichtbar werden ließen, glaubte man an der Tracht der Leute und verſchiedenen anderen Einzelnheiten die Nähe der See zu erkennen, die an allen Orten der Welt Spuren ihrer mächtigen Einwirkung bis tief in das Land zu ſenden pflegt. Der Durneßfluß blieb von jetzt an links neben den Reiſenden liegen, erweiterte ſich allmälig ſeearttte auftauchenden Häuſer übereinſtimmte. Auch Menſchen 33 und ging endlich, nachdem er von allen Seiten neue Zuſtrömungen erhalten, in die Bai über, der er ſeinen Namen verliehen hat. Muthig wieherten die Pferde, als es jetzt einen grünbegrasten Hügel hinanging, der Reay⸗Wald weiter zurück trat und plötzlich ſeitwärts des freundlichen Fleckens Achintail die herrliche Durneß⸗Bai blau her⸗ überſchimmerte, an deren breiter Mündung in die See Alle das Ziel der mühſamen Reiſe liegen wußten. In dieſem Flecken nun beſchloß man zwei Stun⸗ den zu ruhen und ein wohlverdientes Frühſtück ein⸗ zunehmen. Der Ort hatte ein hoch auf dem Berge gelegenes Gaſthaus, von wo ſich eine herrliche Ausſicht über die ſpiegelklare Bai bot, denn die Sonne war bereits ſtrahlend am Himmel hervorgekommen und goß über Land und Waſſer ihren goldenen Glanz aus. O wie wonnig klopfte Allen das Herz, als ſie nun auf dem Berge vor dem Gaſthauſe ſtanden und die ſchöne Bai betrachteten! Aus der Oede und Einſam⸗ keit des wilden Felſengebirges war man in das be⸗ lebte Gewoge einer fröhlichen Welt zurückgekehrt, der kalte Stein war dem grünen fruchtbaren Boden und der toſende Bergſtrom der klar und heiter rollenden Salzfluth gewichen. Von allen Seiten ruderten und ſegelten leichtbeſchwingte Boote herbei, um auf den Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 3 34 Fiſchfang auszuziehen oder mit weiter nördlich ankern⸗ den Seeſchiffen zu verkehren, und überall gab ſich Leben und Bewegung kund, woran das menſchliche Auge ſo großen Gefallen findet, wenn es lange nichts als formloſe Trümmer, graue Steine und herzloſe Oede geſehen hat. Arnold Tiefenſee hatte ſein Fernglas hervorge⸗ holt und ſchaute aufmerkſam nach allen Seiten, wäh⸗ rend Lionel mit den Damen ſprach.„Was iſt das für ein felſiger Wald jenſeits der Bai?“ fragte er einen Hochländer, der aufmerkſam an ſeiner Seite ſtand. „Der Tarfe⸗Wald, Sir, der zum Theil Sir Colin gehört.“ „Und was für ein röthliches, gerade jetzt von der Sonne beſchienenes Gebäude iſt das da drüben jenſeit des Waldes, hinter dem unmittelbar das Meer zu wogen ſcheint?“ „Das iſt der Leuchtthurm auf Cap Wrath, Sir!“ erwiderte der Mann, indem er bei Seite trat, da er eben von ſeinem Gefährten abgerufen wurde. Arnold Tiefenſee ſank der Arm mit dem Glaſe nieder und lange ſtand er unbeweglich und ſchaute das ihm ſo denkwürdige Gebäude an, das man bei ſo klarem Wetter ſchon mit bloßem Auge wahrnehmen konnte. Nachdem er aber eine Weile ſeinen Gedanken nachgehangen, ging er zu den Damen, ſaßte ſeiner Schweſter Arm und führte ſie abſeits von den An⸗ deren.„Da haſt Du ihn,“ ſagte er wehmüthig,„da iſt das Cap Wrath und dort auf der Spitze ſteht der Leuchtthurm, den wir nie werden vergeſſen können.“ Obgleich Martha vorbereitet war, bald von dieſem Thurme zu hören, ſo erſchrak ſie doch, als ihr Bruder den ihrem Herzen ſo bedeutungsvollen Namen aus⸗ ſprach; ſie lehnte ihren Kopf an ſeine Schulter, und Beide ſtanden geraume Zeit ſprachlos und in liebe⸗ voller Umſchlingung da, die weder Georgy noch Lionel ſtörten, da ſie den innigſten Antheil an Beider Ge⸗ fühlen nahmen.— Zwei Stunden ſpäter hatte die Geſellſchaft ge⸗ ſpeist und ſich ausgeruht, und es war noch nicht drei Uhr, als ſie wieder aufbrach, um den letzten Theil der Reiſe ohne Anſtrengung zu vollenden. Zwar führte der Pfad den Berg hinab und einen anderen wieder hinauf, allein die Wege wurden von Ort zu Ort beſſer, die Gegend belebter und Handel und Wandel machten ſich auf dem Lande wie auf dem Waſſer bemerkbar, was Allen eine angenehme Zer⸗ ſtreuung gewährte. Drei oder vier Flecken waren noch zu durchreiten, die immer größer, reinlicher, wohlhaben⸗ 3* der wurden und deren Bewohner ſich alle von Fiſcherei und Schifffahrt nährten. Auf der Durneß⸗Bai ſah man jetzt ſchon hochbordige Schiffe kommen und gehen und endlich, als bei dem Flecken Kildhall der höchſte Hügel dieſer Gegend erſtiegen war, bemerkte man von fern gerade gegen Norden einen wohlgepflegten grünen Abhang, den herrliche Bäume ſchmückten und ein weit⸗ hin ſichtbarer Bau krönte, auf deſſen hoͤchſtem Thurme eine weiße Flagge ſtolz und majeſtätiſch ihre ſeidenen Falten im Winde entrollte. „Und nun, Georgy,“ rief Lionel Lowdale, vor Freude glühend,„nun, Arnold und Miß Martha, kommt her, ſeht da— da iſt der Glory⸗Craig und da oben liegt Glory⸗Craig⸗Hall mit ſeiner uns grüßen⸗ den Flagge und ſeinen im Sonnenglanze gaſtlich ſchim⸗ mernden Fenſtern— was wollt Ihr mehr?“ Aber ſeine Erwartung auf eine freudige und laut kundgegebene Beiſtimmung ſollte nicht ſo ganz erfüllt werden. Wohl ſtarrten Alle nach dem lange erſehnten Punkte hin, aber ſie ſchwiegen, mochte nun einerſeits ihre Freude das gewoͤhnliche Maaß überſchreiten, oder andererſeits ſich ernſtere Gedanken damit verbinden, genug, man war bewegt wie lange nicht vorher, denn das Bewußtſein, endlich ein ſehnlich erſtrebtes Ziel erreicht zu haben, bringt in der Regel eine Stockung 2 37 aller klaren Gefühle hervor und ruft nur dunkle Em⸗ pfindungen wach, von denen wir nie wiſſen, ob ſie eine angenehme Erfüllung unſerer Hoffnungen verheißen oder wieder nur ein trügeriſches Blendwerk unſerer Einbildungskraft ſind.. Nach einiger Zeit wurde der Ritt bergabwärts fortgeſetzt und bald eine reizende Fichtenwaldung und darauf ein etwa acht Fuß hohes grünes Gehege er⸗ reicht, deſſen Pforte gaſtlich geöffnet war und ein Häuschen zeigte, in welchem der Parkhüter von Glory⸗ Craig⸗Hall wohnte, denn dahin war man wirklich am Ende einer eben ſo intereſſanten wie beſchwerlichen Reiſe gelangt. Zweites Rapitel. Der Empfang auf Glory⸗Craig⸗Hall. Schon lange bevor die Reiſenden den Eingang des Parkes von Glory⸗Craig⸗Hall erreicht hatten, ging ein Mann mit leichtem Strohhut und einfachem blauen Rocke bekleidet, deſſen eigenthümlicher bequemer Schnitt den Seemann nicht verkennen ließ, unruhig auf der ſüdlichen Schloßterraſſe hin und her. In ſeinen auf dem Rücken gekreuzten Händen hielt er ein koſtbares Fernglas und oft nahm er es vor das Auge und ſchaute dadurch ſehnſüchtig den grünen Abhang hinab, ob er noch nicht die lange erwarteten Gäſte kommen ſähe. Endlich jedoch ſollte ſeine Sehnſucht befriedigt werden. Zuerſt erſchienen die beiden Hochländer als treue Führer an der Spitze des Zuges, dann entwickelte ſich dieſer allmälig ſelbſt aus den dunklen Gebüſchen 39 der Tiefe und erſtieg langſam den breiten Weg, der nach der Höhe des Schloſſes führte. Als der Admiral ſich überzeugt, daß die Heran⸗ kommenden die Erwarteten ſeien, trat er raſch in die Eingangshalle des Schloſſes zurück und zog an einem Glockenringe, worauf ein heller Ton durch das ganze Haus ſchallte und eine reichliche Anzahl Diener her⸗ beirief, von denen die meiſten die Kleidung der Berg⸗ ſchotten und zwar in denſelben Farben und Muſtern trugen, wie wir ſie ſchon früher an Ferguſon und Joe Duncan bezeichnet haben. So, im Kreiſe der Seinigen ſtehend, mit vor Aufregung und Freude geröthetem Geſicht, empfing Sir Colin Cameron ſeine Gäſte und da Georgy zuerſt im Galopp auf ihn zuſprengte, ſchloß er ſie ſchon in die Arme, noch ehe ſie von ihrem klei⸗ nen Pferde geſtiegen war. „Mein Oheim!“—„Meine Georgy!“ tönte es von zwei verſchiedenen Lippen, und die Letztere war ſo freudig bewegt, als ſie den theuren Verwandten nach ſo langer Trennung in vollkommener Geſundheit und Lebensfriſche wiederſah, daß ſie— was bei ihr ſelten geſchah— ein paar Thränen des Glückes vergoß, ein Anblick, der den alten Admiral erſt recht in Rührung verſetzte. Da er mehr Menſch als Brite war, ſo hielt er es nicht unter ſeiner Würde, auch den nun herbei⸗ ————— 2 4 8 40 eilenden Neffen in die Arme zu ſchließen, und nach⸗ dem er ihn raſch mit einigen Worten begrüßt, blickte er ſich alsbald nach den Gäſten deſſelben um, denen bereits die Diener aus dem Sattel geholfen hatten. Ungemein mild und freundlich, wiewohl ernſt und gehalten, war das Geſicht des ehrenwerthen Sir Colin, als er jetzt zuerſt zu dem Arzte Lionel Lowdale's trat, ihm mit einer unbeſchreiblichen Bewegung des Ver⸗ trauens und zugleich des Dankes die Hand hinſtreckte und ihm dabei voll und freudig in's dunkle Auge ſah. Ein Händedruck, welch' alltägliches Ding, und doch, wieviel Bedeutung kann darin liegen, darein gelegt werden! Wer hiütte nicht ſchon beim Handreichen * Bekannter oder Fremder höchſt ſeltſame Bemerkungen zu machen Gelegenheit gehabt? Wie ſich Jemand zu uns ſtellen will, ob er kalt, oder warm, herzlich oder fremd, vornehm oder familiär ſich geberdet oder iſt, ob er heuchelt oder es aufrichtig meint, alles das ſieht man aus der Art der Darreichung der Hand, das fühlt man bei dem Druck derſelben, der ſo verſchieden und eigenthümlich bei jedem Menſchen iſt, wie es verſchie⸗ dene Charactere, Herzen und Geſinnungen giebt. Wer das lange und aufmerkſam beobachtet hat, erlangt oft eine genaue Kenntniß, ein ſcharfes Urtheil darin, und ich will Dir, lieber Leſer, wenn ich irgend wo dieſem „—„ . 1 3 A 8 ſ 41 Acte beiwohne, auf der Stelle ſagen: wer von beiden Theilen nicht allein der gutmüthigſte oder aufrichtigſte, der ſtolzeſte oder beſcheidenſte, ſondern auch wer der ge⸗ bildetſte Mann iſt. Wer nun den Händedruck des, Admirals geſehen, ſeine Miene dabei beobachtet, der hätte gewußt, aus welchem Herzen er kam, mit welchen Gefühlen und Ge⸗ ſinnungen er gegeben wurde, und auch Arnold Tiefen⸗ ſee wußte das auf der Stelle. Denn nie vielleicht in ſeinem Leben hatte er einen ſo warmen, innigen, dank⸗ baren Händedruck empfangen, wie dieſer es war, er wiederholte ſich immer von Neuem, ohne aufzuhören, er verlängerte ſich, ohne ermüdend zu werden, und da⸗ mit war ein ſo eigenthümlicher, vielſagender Blick ver⸗ bunden, daß er ohne Worte bis tief in die Seele drang und von ihr verſtanden werden mußte. O, es war dies der erſte Händedruck, der dem unſcheinbaren jungen Manne von einem älteren Mitgliede der Familie ſeines Freundes zu Theil ward, und der erſte wohl⸗ thuende, ihm blitzſchnell in dieſem Augenblick zuflie⸗ gende Gedanke war, daß dieſe Begrüßung allein ſchon geeignet ſei, ihn alle Vernachläſſigung und Hintan- ſetzung vergeſſen zu laſſen, die ihm auf Meanach⸗ Lodge von einem Manne widerfahren war, der we⸗ nigſtens dem Geſetze der Natur nach ſeinem ehe⸗ 2 maligen Patienten noch viel näher ſtand, als der Admiral. „Wackerer junger Mann,“ ſagte dieſer endlich mit bewegter Stimme,„und auch Sie, meine theure Miß — o geben Sie mir Ihre kleine Hand— alſo Sie machen mir wirklich die Freude, mich in meiner ſtillen Einſamkeit zu beſuchen? O, ich begrüße Sie ſo freudig wie dankbar und heiße Sie herzlich auf dem alten Craig⸗Hall willkommen! Sie ſind jetzt weit von Ihrer Heimat entfernt, aber ich denke, wir werden im Stande ſein, es Ihnen auch bei uns heimiſch zu machen. So, und nun hinein, Kinder, hinein in das Haus, Ihr ſeid Alle lange genug unter dem Regen und im Sonnen⸗ ſchein geweſen. Da, Georgy, nimm meinen Arm, und Sie, Miß, bitte ich um den Ihren.“ Solches mit lächelnder Miene, aber immer noch mit höchſt bewegter Stimme ſprechend, ſchritt er den jungen Männern voran, die mit der vor Ermüdung halbtodten Mrs. Sarah Davis bald nachfolgten. Arnold fühlte ſich bei dieſer unerwartet freund⸗ lichen Begrüßung gleichſam wie von dem Strahle eines nie empfundenen Glückes belebt; alle Sorge, die noch kurz vorher auf ſeinem Herzen gelegen, ſchwand auf der Stelle und er lächelte freudig Lionel Lowdale an, der triumphirend an ſeiner Seite ſchritt und wieder⸗ 1 43 holt ſagte:„Nun, ſiehſt Du jetzt, wie willkommen wir ſind? Habe ich Dir zu viel Gutes von unſerm Oheim erzählt?“ Sir Colin führte die Damen in ihre Zimmer, die dicht neben einander lagen, dann ließ er ſie allein, um ihnen Zeit zur Ruhe oder zur Toilette zu gewähren —„Was Ihr nun wollt, Kinder,“ rief er heiter, „nur laßt uns bei der etwas verſpäteten Mahlzeit nicht zu lange auf Euern Anblick warten!“ Sodann geleitete er Lionel und Arnold in ihre Wohnung und nachdem er auch ſie wohl untergebracht, begab er ſich raſch in den öſtlichen Thurm, ſprang rüſtig die Treppe hinauf und verſchwand hinter der⸗ ſelben Thür, die wir ihn ſchon früher aufſuchen ſahen.— Georgy hatte ihre Freundin verlaſſen und war in ihr Zimmer gegangen, wohin man eben die Koffer brachte. Martha behielt alſo Zeit, ſich in dem ihr zugewieſenen Raume umzublicken und über die Schön⸗ heit und Behaglichkeit deſſelben ſich zu freuen. Es war ein eher kleines als großes, aber ungemein wohn⸗ liches Gemach im weſtlichen großen Thurme, mit einem geräumigen Altan vor einem der ſpitzbogigen Fenſter, das zugleich eine Thür vorſtellte. Die koſtbaren Möbel darin waren alle mit herrlichem Sammet, in ſchottiſchen Muſtern und Farben überzogen, allerliebſte Landſchaf⸗ ———— — 2. ten, in Oel gemalt, ſchmückten die mit hellblauer Da⸗ maſttapete bekleideten Wände, und auf dem Altan ſtanden blühende Topfgewächſe, die eine geſchickte Hand eben ſo geſchmackvoll ausgewählt wie zierlich geord⸗ net hatte. Martha hatte kaum Zeit gehabt, allem Vorhan⸗ denen und für ſie ſo ſinnig Bereiteten einen kurzen Blick zu ſchenken, ſo klopfte ein beſcheidener Finger an die Thür, und auf ihren Ruf trat ein weibliches Weſen herein, deſſen plötzliche Erſcheinung die junge Fremde nicht 1 überraſchte. Es war ein kleines, etwa achtzehnjähriges Mädchen mit außerordentlich leich⸗ ten Bewegungen und ſprechendem Mienenſpiel. Sie hatte eine dunkle, bronzeartige Geſichtsfarbe, ſprühende ſchwarze Auge, rabenſchwarze Haare, und Zähne zwi⸗ ſchen den Korallenlippen, die an glänzender Weiße und regelmäßiger Bildung wohl ſelten ihres Gleichen finden mochten. Martha hielt ſie für eine Orientalin, indeſſen ſprach ſie gut Engliſch, obgleich mit ſtark ſchot⸗ tiſchem Accent, den Martha bereits auf ihrer Reiſe verſtehen gelernt hatte. Die Eingetretene kündigte ſich mit ſchalkhaft lächelndem Geſicht als Lizzy Duncan, die Dienerin der fremden Miß an, und bat ſo freundlich und höflich, ſich ihre Dienſte gefallen zu laſſen, daß Martha auf's ☛ — Neue von der Art und Weiſe überraſcht war, wie man ihr an dieſem Orte Gaſtfreundſchaft erwies. Sie nahm denn auch dankbar die Dienſte des hübſchen jungen Mädchens an, das ihr in einer bisher geſchloſ⸗ ſenen Wandvertiefung ihr reizendes Schlafcabinet zeigte, und bald ſtanden Beide vor den geöffneten Koffern, eifrig beſchäftigt, wie es Damen zu ſein pflegen, die ſo eben von einer beſchwerlichen Reiſe gekommen ſind und ſchon wieder an die Erneuerung ihrer Toilette denken müſſen.*£ Lionel Lowdale war noch nicht halb mit Umklei⸗ den fertig, als der Admiral ſchon bei ihm eintrat und freundlich ſcherzend ſeine Dienſte anbot. Er ſehnte ſich mit dem Neffen zu ſprechen, den er ſo lange nicht geſehen und der während ſeiner Abweſenheit aus einem Jüngling ein Mann geworden war, was er ihm auf eine ſchmeichelhafte Weiſe zu erkennen gab. „Und Georgy,“ ſagte der Admiral in Folge des begonnenen Geſprächs,„hat ſich noch mehr verändert als Du, was iſt ſie für eine Dame geworden— wie ſchön, Linny, und ach! wie ähnlich ihrer Mutter!“ „Ja,“ erwiderte Lionel,„ſchön iſt ſie, Onkel, aber auch gut und verſtändig; ſie ſieht ganz mit meinen Augen die Welt und das erbärmliche Treiben der Men⸗ 46 ſchen an, der ich doch Beides, wie Du weißt, ſtets mit den Deinigen betrachtete.“ Sir Colin ſchüttelte dem geliebten Neffen die Hand und ließ ſich nun von ihm die Familienereigniſſe aus den letzten Jahren berichten. Lionel ſchilderte ruhig, während er im Ankleiden fortfuhr, was er er⸗ lebt, und kam dann natürlich auf ſeine Reiſe nach Deutſch⸗ land zurück, wobei er des Doctor Tiefenſee und ſeiner Schweſter mit einer Wärme Erwähnung that, die des edelherzigen irals lebhafteſten Antheil erregte. „Aber w aſt Du mir nun von Meanach⸗Lodge zu ſagen?“ fragte der Oheim, als obiger Gegenſtand ſo ziemlich erſchöpft war. Lionel erzählte offen, obgleich mit wehmüthigem Herzen, was ſich daſelbſt zugetragen, und ſetzte die Verhältniſſe auseinander, in denen er ſeinen Vater getroffen. Der Admiral ſchwieg, als er den letzten uner⸗ quicklichen Vorgang vernommen, aber man ſah ihm an, wie empfindlich er von dem kalten Empfange der Kinder und ihrer Gäſte von Seiten ſeines Bruders berührt war.„Da habt Ihr alſo nicht viel Freude an dem ſchönen Shin⸗See genoſſen?“ ſagte er endlich, als Lionel den Hut nahm und ſeine Toilette für be⸗ endigt erklärte. — 47 „Nein, Onkel, Freude gar nicht, inſofern wir ſie außer unſerm kleinen Kreiſe ſuchten. Wir hofften aber um ſo mehr, ſie bei Dir zu finden, und darum brachen wir ohne Zögern nach Deiner freundlichen Einla⸗ dung auf.“ „Das war recht, mein Junge, aber wir verhan⸗ deln noch weiter über dieſe Dinge; ich bin ſehr neu⸗ gierig und muß noch viel mehr hören. Jetzt wollen wir die Anderen aufſuchen, ich höre ſie da unter dem Fenſter ſprechen— ah, ſie ſehen ſicgas Meer an— das freut mich.“ 1 Er nahm den Neffen unter den Arm und trat mit ihm auf die nördliche Terraſſe zu Georgy und den Anderen hinaus, die ſich an dem großen Rundblick labten, den dieſer Punkt bot; ſie waren eben auf den in einer breiten Spalte der bewaldeten Felſen von Tarfe ſichtbaren Leuchtthurm gerathen und betrachteten ihn nun mit ihren Ferngläſern. Als der Admiral unter ihnen erſchien, ließen ſie von ihrer Beobachtung ab, dieſer aber ermunterte ſie fortzufahren, indem er ihnen noch beſſere Gläſer an dem paſſendſten Orte aufſtellen zu laſſen verſprach, und ſagte dann, zu Arnold und Martha Tiefenſee ſich wendend: „Ja, ja, der alte Thurm da drüben hat alſo für Sie eine ſo liebe und doch traurige Bedeutung er⸗ 48 halten? Linny hat mir davon geſchrieben und es mir auch jetzt eben mündlich wiederholt. Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, mein lieber Herr Doctor, und Sie, theure Miß, daß Ihnen ſolch' Unglück in ſo früher Jugend begegnet iſt. Morgen früh, werther Sir, werde ich Sie bitten, mir ein Stündchen zu ſchenken, und dann ſollen Sie mir den unglücklichen Vorgang in aller Ausführlichkeit erzählen. Ich in⸗ tereſſire mich außerordentlich dafür und um ſo mehr, da ich Cap Wagth und ſeine Bewohner genau kenne. Der alte au ns ſich jedenfalls Ihres Herrn Va⸗ ters erinnern, wenn dieſer, wie ich höre, eine Woche bei ihm gewohnt hat. Sobald ich den Sachverhalt näher kenne, wollen wir ſelbſt den Thurm beſuchen und ſehen und hören, wie die Sachen liegen. Bis dahin aber, meine jungen Freunde, laſſen Sie ſich von der Wehmuth nicht übermannen, die, wie ich ſehe, noch immer in Ihren Herzen wohnt. Genießen Sie die flüchtigen Stunden des Lebens, ſo lange ſie Ihnen zu Gebote ſtehen, und bedenken Sie, daß es Gottes Wille geweſen, der Ihnen eine ſo ſchwere Prüfung auferlegte. Auch ich habe manchen tiefen Kummer erfahren, aber 4 immer gefunden, daß er mir zur Erlangung eines höheren, inneren Friedens, der einzigen irdiſchen Glück ſeligkeit, nothwendig war.“ 3 49 Arnold äußerte mit wenigen Worten ſeine Dank⸗ barkeit über dieſe wohlwollenden Tröſtungen und Ge⸗ ſinnungen, und Martha ſtand mit thränenvollen Augen neben ihrem Bruder und konnte ſeine Worte nur durch verſtändliche Geberde und eine unausſprechlich dank⸗ bare Miene unterſtützen. In dieſem Augenblicke trat Joe Duncan an den Admiral heran und fragte be⸗ ſcheiden und mit halblauter Stimme, ob er zum Diner läuten laſſen dürfe. „Ja, Joe, laß die alte Glocke äuten, wir werden wohl Alle Appetit haben, da das Mittagsmahl ſich bis zum Abend hinausgezogen hat.“ Joe verſchwand und der Admiral wollte ſo eben Martha um ihren Arm bitten, als Georgy zu ihm ſagte:„Wer iſt dieſer hübſche braune Mann, Onkel — haſt Du ihn aus Indien mitgebracht?“ Der Admiral lächelte mit einem ſeltſamen Aus⸗ drucke, der nicht ganz ohne Verlegenheit war und viel⸗ leicht daher entſpringen mochte, daß es ihm ſchwer wurde, die Wahrheit zu verhehlen.„Diesmal irrſt Du, mein liebes Kind,“ erwiderte er, das Auge auf die See hinausrichtend, um das ihrige zu vermeiden. „Wenn ich Joe Duncan aus Indien mitgebracht, hätte er ſehr raſch Schottiſch gelernt und europäiſche Sitten angenommen. Nein, nein, Joe und ſeine Schweſter Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 4 3 50 Lizzi, die ich zu Ihrer Dienerin erkoren, Miß, ſind Eingeborene dieſes Landes.“ „Aber ihre dunkle Geſichtsfarbe, ihr Haar, ihre Augen, Onkel,“ rief Georgy erſtaunt,„das Alles ſpricht doch nicht dafür, daß ſie vollblütige Schotten ſind?“ Der Admiral, ſo lebhaft in die Enge getrieben, lächelte noch viel verlegener als vorher, und offenbar hätte er es gern geſehen, wenn dieſe Fragen nicht an ihn gerichtet worden wären.„Du magſt Recht haben, Georgy,“ ſagte er endlich, ſchon gegen Martha ſich verbeugend und um ihren Arm bittend,„es kann leicht ſein, daß etwas orientaliſches Blut in ihren Adern fließt, wer weiß das ſo genau, und— und, Kind, wenn Du ganz genau ihren Stammbaum kennen zu lernen wünſcheſt, will ich mir Mühe geben, deſſelben habhaft zu werden. Jetzt aber, meine Damen und Herren, hat die Glocke lange genug geläutet— darf ich bitten, mir zu folgen?“ Arnold Tiefenſee bot Lady Georgy den Arm, Lionel Lowdale führte Mrs. Sarah Davis zu Tiſch, die ſo eben im rauſchenden Seidenkleide und den Hut auf dem Kopfe in vorſchriftsmäßigem Dinercoſtüme zu den Uebrigen herausgetreten war, und man begab ſich in den neben der Bibliothek gelegenen alterthümlichen Speiſeſaal, wo Charly Waterford, der alte Haushof⸗ 21 meiſter Sir Colin's, in feiner ſchwarzer Kleidung und den Suppenlöffel ſchon in der Hand haltend, die Ge⸗ ſellſchaft mit tiefer Verbeugung empfing. Wenige Minuten ſpäter hatte man ſich um den reich mit Blumen und Silbergeſchirr geſchmückten Tiſch geordnet und ſpeiste mit ungemeiner Behaglichkeit und in heiterſter Laune, die vom Admiral ausſtrömte und ſogar die beiden deutſchen Gäſte ergriff, die, von Na⸗ tur ſo ernſt und zurückhaltend, hier doch ſchon in den erſten Stunden fühlten, daß es auch in weiter Ferne und Fremde eine Heimat geben könne, wie ſie ihnen ihr freundlicher Wirth in ſeinen erſten Begrüßungs⸗ worten verheißen hatte. Dieſer aber, obgleich geſprächig und unterhaltend nach allen Seiten hin, hielt doch fortwährend ſeine Aufmerkſamkeit auf die Gäſte gerichtet. Jeden Ge⸗ ſichtssug der vier jungen Leute durchforſchte er, jede Miene beobachtete er, und was er dabei in Erfahrung brachte, mußte ſein Herz mit Freude und Zufrieden⸗ heit erfüllen, denn er wurde von Augenblick zu Augen⸗ blick wärmer und herzlicher, bis er zuletzt in Nachdenken und Schweigſamkeit verfiel und mit wehmüthig innigem Blick bald die Kinder ſeines Bruders, bald deren Freunde betrachtete. So ging das Mahl auf angenehme Weiſe zu Ende 4* und eben wollte man ſich von den Stühlen erheben, als in einer zufälligen Geſprächspauſe ein ferner Ka⸗ nonenſchuß ſich hören ließ, welcher bewirkte, daß die Gäſte einen fragenden Blick auf den Admiral warfen. „O,“ ſagte Letzterer, der dieſe Blicke verſtand, „das hat nichts Schlimmes zu bedeuten. Dieſer Schuß bezeichnet den Untergang der Sonne und wird vom Lootſenhauſe auf Cap Wrath jeden Abend abge⸗ feuert. Er giebt Lawſon das Signal, ſeine Lampen anzuzünden— und ha! Da haben wir auch unſer Signal, daß die Sonne unter den Horizont geſun⸗ ken iſt.“ Er ſagte das Letztere mit lächelndem Munde, denn in demſelben Augenblick ließ ſich eine ſeltſame Muſik unter den Fenſtern des Speiſeſaales vernehmen. Es war der Dudelſackpfeifer des Admirals, ein rieſiger alter Schotte mit grauweißem Haar und Bart und im maleriſchen Hochländercoſtüm, der aus ſeinem prachtvoll verzierten Inſtrumente jene mit wachſender Stärke anſchwellenden Töne hervorbrachte, die ohne beſtimmte Melodie, bald jubelnd aufjauchzend, bald melancholiſch dahinſchwindend, nur dem eigenthümlich geformten Beutel entſtrömen, der mit dem linken Arme bearbeitet und deſſen elarinettartig geſtaltetes Mund⸗ ſtück mit vollen Backen geblaſen wird, ſeit uralten 53 Zeiten her, ſo lange Menſchen die rauhen Berge der Hochlande bewohnen. Alle Anweſenden ſprangen von ihren Stühlen auf und traten an die Fenſter, um das Schauſpiel mitanzuſehen, welches der gravitätiſch einherſchreitende Leibpfeifer des Admirals aufführte, und ſelbſt Lionel und Georgy, ſo ſehr ſie an, dieſe nationale Muſik ge⸗ wöhnt ſein mochten, glaubten nie in ihren vaterlän⸗ diſchen Bergen eine ſolche ſtürmiſch ermuthigende und wieder melancholiſch klagende Weiſe vernommen zu haben, wie ſie ihnen hier zum Beſten gegeben wurde. „Sehen Sie da,“ ſagte der Admiral, mit eigen⸗ thümlicher Rührung auf den patriotiſchen Hochländer deutend, der mit aufgeblaſenen Backen und mächtig arbeitenden Armen langſam ſeinen Weg fortſetzte, „ſehen Sie da den alten Knaben, ſieht er nicht ſo wild und fremdartig aus wie das alte Schottland ſelber? So eifrig im Pfeifen wie er iſt Keiner im ganzen Umkreis dieſer Berge. Er wäre unglücklich, wenn ich die Miene annähme, ſeine Dienſte entbehren zu können. Ich finde dieſe Muſik gewiß nicht ſchön, aber der Alte, der ſchon dreißig Jahre, zu Waſſer und zu Lande, meine Umgebung mit ſeinen Klängen erfüllt, würde vor Gram ſterben, wenn ich ihm ſeine Morgen⸗ und Abendhymne unterſagen wollte. Der Mann hat ſeinen 54— Stolz und ſeine Meinung von ſich wie wir Alle. Er⸗ tragen alſo auch Sie ihn— er verrichtet damit eine Art Gebet, indem er für das Wohl ſeines Vaterlan⸗ des fleht, und ich bin der Letzte der Menſchen, der irgend Wem die Art und Weiſe verdenken möchte, wie er zu ſeinem Schöpfer ſpricht.“ Bald nach dieſen Worten begab ſich der Admiral mit ſeinen Gäſten auf die Terraſſe, um die milde Abendluft einzuathmen und ſich an dem großartigen Anblick des ſtill wogenden Meeres zu erfreuen. Dann aber, als er die jungen Leute in ein harmloſes Geſpräch verwickelt ſah, verließ er ſie unbemerkt und trat ſeinen geheimnißvollen Gang nach dem öſtlichen Thurm an. Eine halbe Stunde ſpäter war er wieder bei ihnen 6 und verbrachte den ſpäteren Abend in belehrenden Geſprächen, indem er den ihm aufmerkſam Zuhörenden von ſeinen weiten und gefährlichen Reiſen durch alle Meere der Erde erzählte, wobei ſich eine eben ſo reiche Erfahrung wie die vollkommenſte Liebenswürdig⸗ keit und Beſcheidenheit ausſprach, ſo daß Allen ein Genuß geboten wurde, wie ihn noch Keines von ihnen in dieſer Art erlebt hatte. Die Nacht war auf die ſchottiſche Nordküſte her⸗ abgeſunken und die Bewohner von Glory⸗Craig⸗Hall —— 5⁵ hatten ſich in die ihnen zugewieſenen Gemächer zu⸗ rückgezogen. Es herrſchte eine wohlthätige Stille in den weitläufigen Räumen des alten Schloſſes und nur die Wogen des großen Oceans rauſchten mit dumpfem Gemurmel herauf, da ihr gewaltiges Gebrauſe, wie es der ſtärker wehende Wind jetzt verurſachte, durch die Ferne bedeutend gemildert wurde. Martha Tiefenſee hatte zuerſt noch ihren Bruder einige Augenblicke bei ſich geſehen und herzliche Worte mit ihm ausgetauſcht. Lange hatte ſie ihn nicht ſo freudig bewegt gefunden wie an dieſem Abend, er hatte ſogar mit ihr geſcherzt, was er ſo ſelten that, und dann mit höchſter Befriedigung von den Ein⸗ drücken geſprochen, die er ſchon an dieſem erſten Tage auf Glory⸗Craig⸗Hall empfangen. Gleich nachdem er ſie verlaſſen, war Georgy Lowdale gekommen, um ihr noch einmal eine gute Nacht zu ſagen und ſie mit den zärtlichſten Liebkoſun⸗ gen zu überſchütten. Ihr Onkel, erzählte ſie, wäre ganz glücklich, ſie Alle in ſeiner nächſten Umgebung zu haben, er fühle ſich einmal wieder als Mitglied einer Familie, die er ſo lange entbehrt, und er wolle den gebotenen Genuß ſo lange wie möglich bewahren, ehe er ſich wieder, wenn das je geſchähe, noch einmal in das Gewoge des öffentlichen Lebens begebe. „Ich glaube wohl,“ hatte Martha nach einigem Nachſinnen gleichſam unwillkürlich geſagt,„daß er Euch ſo lange wie möglich bei ſich behalten will, Ihr ſteht ja ſeinem Herzen ſo nahe.“ „O, er hat dies nicht allein in Bezug auf uns geſagt, Martha,“ erwiderte Georgy,„glaube das ja nicht. Er hat Euch mit in dieſen Wunſch einge⸗ ſchloſſen. Ihr habt Beide einen überaus günſtigen Eindruck auf ihn gemacht und er ſehnt ſich nur, Euch in Euren Nachforſchungen auf dem Cap Wrath von Vortheil ſein zu können.“ Martha ſeußzte und lächelte ſchmerzlich dabei. „Mach' nicht mehr ſolch' trübes Geſicht, Martha,“ bat Georgy mit ihrem bezaubernden Lächeln,„ſei heiter und froh, wie wir es Alle find.“ „O, ich bin heiter und froh, mehr als Du denkſt, nur wohnt mir das Glück noch innerlich und es be⸗ darf einiger Zeit, um es auch äußerlich ſichtbar werden zu laſſen.“ „Gebe es Gott! Doch Du wirſt müde ſein und ſo will ich Dich jetzt verlaſſen. Schlafe wohl, Lieb⸗ chen, und wache morgen recht glücklich auf.“ Sie küßte ſie zärtlich und entfernte ſich dann. Gleich nach ihr trat die aufmerkſame Lizzy ein und fragte, ob ſie der Miß einen Dienſt leiſten könne. — 57 „Ich danke Ihnen,“ erwiderte Martha ſanft,„ich bin gewohnt mich allein auszukleiden. Aber wecken Sie mich morgen recht zeitig, wenn ich die Zeit ver⸗ ſchlafen ſollte, ich ſtehe gern früh auf.“ Lizzy knixte und verſprach es zu thun. Anſtatt aber zu gehen, blieb ſie ſtehen, ſah mit einer rühren⸗ den Freundlichkeit die fremde Miß an und trat dann zu ihr heran, ergriff ihre Hand und küßte ſie.„Sie ſind ſo traurig, Miß,“ ſagte ſie herzlich.„Seien Sie es doch nicht, wir ſind jetzt Alle ſo froͤhlich, daß der gute Herr wieder da iſt, und Sie müſſen es auch werden.“ „Ich werde es auch, Lizzy,“ erwiderte Martha mit ihrer ſanften, herzgewinnenden Stimme und dank⸗ barem Blick,„doch müßt Ihr Alle ein wenig Geduld mit mir haben. Ich bin fremd hier und Alles, was mich umgiebt, die Menſchen wie das Land und das Meer, iſt mir neu, ich muß mich erſt an ihr Weſen und ihre bewältigenden Eindrücke gewöhnen.“ „Nicht doch, liebe Miß. Das Land und das Meer freilich, die mögen Ihnen neu ſein, aber La dy Georgy und Mr. Lionel, die ſind Ihnen doch ge⸗ wiß nicht mehr fremd. Sie meinen es ſo gut mit Ihnen—“— „Woher wiſſen Sie das?“ 58 „O, das ſehe ich, und Jeder ſieht es, der Au⸗ gen hat.“ Martha kam eine Thräne in's Auge, ob vor Rührung oder Freude— wer weiß es?„Gute Nacht, Lizzy,“ ſagte ſie dann plötzlich,„vergeſſen Sie mich morgen früh nicht.“ Lizzy ſchüttelte den zierlichen Kopf, knixte noch einmal, grüßte ehrerbietig mit der Hand und ſchlüpfte aus dem Zimmer. Martha war allein, wonach ſie ſchon lange ein großes Bedürfniß gefühlt. Sie empfand keine Mü⸗ digkeit, im Gegentheil war ihr Geiſt reger denn je und ihr zarter Körper beſaß Elaſticität genug, dem Geiſte gehorſam zu ſein. Vor allen Dingen fühlte 8 ſie den unabweisbaren Trieb, mit ſich zu Rathe zu gehen, die verlebten letzten Tage ſich in's Gedächtniß zurückzurufen und namentlich ſich ihrer gegenwärtigen Lage ſo recht bewußt zu werden, die ſie mit einem nie empfundenen Wohlgefühl zu erfüllen begann. Sie konnte es ſich nicht läugnen, das Leben fing hier an, ihr eine freundliche Lichtſeite zuzukehren. Vortreffliche— Menſchen waren ihr rathend und theilnehmend nahe getreten und bemühten ſich mit allen Kräften, ſie glücklich und froh zu machen— das verkennt kein Menſch, am wenigſten ein klar denkendes und fühlen⸗ 59 des Weib, mit einem Herzen und einer Seele begabt, wie Martha Tiefenſee. Allein die von jeher in ihr vorherrſchende Anſpruchsloſigkeit, ihre Beſcheidenheit und namentlich die ihr zur zweiten Natur gewordene demüthige Unterwerfung unter ein rauhes Geſchick veranlaßten ſie, nicht zu ſchnell auf die plötzlich herein⸗ brechenden Spenden des Lebens zu hoffen und zu bauen; im Hintergrunde ihrer Gedanken ſchlummerte noch immer die Sorge, daß wieder rauhere Tage kommen könnten, denn wer lange, ja ein ganzes Le⸗ ben faſt in Kümmerniß und erfolgloſen Mühen zuge⸗ bracht hat, kann nur ſchwer an eine Aenderung dieſes Zuſtandes glauben, er hofft zwar, aber mit jener zu⸗ rückhaltenden Vorſicht, die das wahre⸗ Glück der Zu⸗ friedenheit mit ſich ſelbſt und der Welt nie ganz zum Durchbruch kommen läßt. Wohl zehn Minuten, nachdem Lizzy ſie verlaſſen, ſaß Martha in der Tiefe ihres mild erleuchteten Zimmers allein, und dachte ſtill und ergeben über ihr vergan⸗ genes und gegenwärtiges Leben nach. Das letztere führte ſie auf Gott zurück, mit dem ſie ja ſo gern und oft ſprach, den ſie ſo gut verſtand und der auch ſie, ſo meinte ſie wenigſtens, von Grund aus ver⸗ ſtehen mußte. Nachdem ſie aber in wenigen innigen Worten ihr Herz ihrem Schöpfer dargelegt und um 60 ſeinen ferneren Beiſtand gebeten, ſtand ſie auf und trat, von irgend einem inſtinctartigen Gefühle oder einem hörbaren Vorgange in der Außenwelt gelockt, auf den Altan hinaus, der ſich vor ihrem Fenſter aus⸗ breitete und hoch über der unter ihr liegenden Tiefe ſchwebte. Die Blumen, die darauf ſtanden, dufteten lieblich in der friſchen Nachtluft und ſie hielt ſich eine Weile damit auf, ihrer ſtillen Heimat zu gedenken, wo ſie ähnliche Düfte von ähnlichen Blumen ſo oft eingeathmet hatte. Dann aber wandte ſie ihre Blicke auf die umliegende Gegend hinaus, die nur theil⸗ weiſe ſchlummerte, und ſogleich war ihr ganzes Weſen mit einer hehren und bewundernden Andacht erfüllt, da Alles, was ſie ſah und hörte, ihr vollkommen neu war und unbeſchreiblich mächtige Eindrücke in ihr her⸗ vorrief. 1 Obgleich in den längſten Tagen des Jahres hier hoch oben im Norden die Nächte in der Regel faſt: unmerklich ſind, überaus raſch vorübergehen und in warmen Sommern von einer zauberhaften Schönheit ſtrahlen, ſo war doch dieſe Nacht im Juli keine ſo völlig ungetrübte und unmerkliche. Zwar prangte vor und über ihr das blaue Himmelsgewölbe mit Millionen Sternen beſäet, aber nach Nordweſten hin war es von dunklen Wolken verhüllt, die ein allmälig anſchwellen⸗ 61 der Wind raſch über den atlantiſchen Ocean hertrieb. Dieſer ſelbſt grollte in der Ferne mit einem dumpfen Summen und Brauſen, das immer näher kam und die Brandung an den Felſen immer lauter und gewal⸗ tiger ertönen ließ. Nachdem ſie aber eine geraume Zeit mit ſtaunendem Behagen dieſen Vorgängen ge⸗ lauſcht, richtete ſie ihr Auge nach Süden und Weſten hin und da war es zuerſt wieder der Leuchtthurm, der mit ſeinem funkelnden Lichte, das weit über die ſchwarzen Wogen nach allen Seiten fiel, gleichſam wie mit drohendem Auge in das einſame Mädchen⸗ herz herüberblickte, das ſo allein und ſcheinbar hülflos mit ihrem Bangen und Zagen in der nordiſchen Nacht auf hoher Warte ſtand. Lange hatte ſie ſo auf dieſes hellflammende Auge hingeblickt und dabei vielleicht wieder den alten Schmerz im Herzen empfunden, den ſie eben erſt bezwungen, als ſie ſich endlich mit Gewalt davon los riß, denn ſie wollte nicht mehr an die Nachtſeiten ihres Lebens denken, ſie wollte ſich einmal dem lichtvollen Tage und ſeinen Freuden ergeben, und ſo war ſie ſtark genug, Alles von ſich abzuſchütteln, was ſie mit endloſem Kampfe und unnöthiger Sorge zu erfüllen trachtete. Vom Leuchtthurme ſchweifte ihr Auge über den Wald von Tarfe fort, der mit ſeinen düſteren Kiefern⸗ ſchatten, ſeinen ſchwarzen Klippen und Schluchten bis dicht an die Durneß⸗Bai reichte. Auf dieſer verweilte lange ihr Auge, denn ſie verhielt ſich friedlich und ſtill im Verhältniß zu dem großen Meere da draußen und ſpiegelte zitternd die blinkenden Sterne wieder, die ſo feſt am nächtlichen Himmel thronten. Am jenſeitigen Ufer der Bai lag kein Flecken, kein Dorf, ja nicht einmal ein einſames Fiſcherhaus; überall ragten nur ſchroffe Abſtürze, gähnten offene und weite Klüfte des ſchwarzen Felſengebirges, das jenem großen Walde zur unerſchütterlichen Grundlage diente. Gerade Craig⸗Hall gegenüber glaubte Martha bei der ſchwachen Sternenbeleuchtung einen tiefen dunklen Punkt zu erkennen, der ſchon am Abend, als ſie zum erſten Mal auf der Terraſſe ſtand, ihre Blicke angezogen. Sie hatte fragen wollen, was das für ein ſchwarzer, einer tiefen Aushöhlung ähnlicher Punkt wäre, allein ſie hatte es vergeſſen oder war zufällig davon abgezogen worden. So ſcharf indeſſen ihr Auge war, ſie konnte es jetzt bei dem nächtlichen Dunkel noch weniger erkennen als am Tage, und über⸗ dieß war die Entfernung zu groß, um einzelne Ge⸗ genſtände zu unterſcheiden, da die beiden Ufer an dieſer Stelle mindeſtens zwei engliſche Meilen von einander entfernt lagen. 63 Als Martha nun, ſie wußte ſelbſt nicht warum, auf dieſem Punkte mit ihrem Auge länger haften blieb, als auf irgend einem anderen, ſchien es ihr, als beginne ſich derſelbe allmälig zu erhellen und klarer aus dem ihn umgebenden dunklen Schatten hervorzu⸗ treten. Und es war wirklich ſo. Erſt drang ein hellerer bleicher Schimmer aus der düſteren Kluft jenſeits hervor, dann färbte ſich der Fels und ein Theil des Waldes darüber mit einem matten Roth, als erleuchte eine Fackel einen großen dunklen Raum, und zuletzt fiel ſogar der Reflex eines helleren Lichtes auf die zitternden Wellen hinaus, die dicht gegen die Felſen drängten und in ihre Höhlungen hineinleckten.. Martha ſtand unheimlich bewegt und ſchaute voller Verwunderung auf die ſeltſame nächtliche Er⸗ ſcheinung hin. Allein als ſie noch über die Urſache derſelben nachdachte, war ſie ſchon wieder verſchwun⸗ den, die dunkle Felswand lag wieder im tiefſten Schatten da und Alles ringsum war Nacht, wie ſie vorher auf der Nähe und Ferne geruht. Mit dem Gedanken, daß es vielleicht ein Fiſcher geweſen, der bei nächtlicher Stunde mit Fackeln auf ſeinen Fang ausgehe, zog ſich Martha endlich vom Altan zurück, ſchloß die Thür, entkleidete ſich langſo m — 6 4— und legte ſich auf ihr ſeidenweiches Lager, auf dem ſie jedoch nur wenig Ruhe fand, denn die Neuheit ihrer Lage und die tauſendfachen Eindrücke der jüngſt vergangenen Tage hatten ihr Blut erregt und hielten ſie wach, indem ſich Alles und ſogar Das vor ihrer Phantaſie rieſengroß und ſchreckhaft darſtellte, was in der Wirklichkeit nur klein und unbedeutend ge⸗ weſen war. Drittes Rapitel. Der letzte Brief. Schon lange vor dem Frühſtück, das laut Verab⸗ redung auf der nördlichen Terraſſe in einer grünen, nach der See hin blickenden Laube ſollte eingenommen werden, hatte Arnold Tiefenſee mit ſeiner Schweſter einen Morgenſpaziergang unternommen und dabei die Sonne in ihrer ganzen goldenen Glorie über das Meer aufgehen ſehen. Es bot dies einen ſo pracht⸗ voollen Anblick dar, wie ſie ihn noch nie genoſſen hat⸗ ten. Der Nordweſtwind, der die Nacht über geweht, war gegen Morgen in eine leichte Südbriſe überge⸗ gangen und nun wogte die blaue Fluth ringsum in mäßigen Wellenbergen, ſprühend und glitzernd im purpurnen Wiederſtrahle des hehren Lichtkörpers, der am ungetrübten Himmel glanzvoll emporſtieg. Am Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 5. 4 — ³⁶ fernen Horizonte zogen große Segel vorüber, nach Weſten und Oſten ſteuernd, und am klippenreichen Strande der ſchottiſchen Küſte flogen Kutter und Schooner auf und ab, um an ihre alltägliche Arbeit zu gehen. Den lieblichſten Anblick aber bot die Durneß⸗Bai dar. Da der Wind ſanft aus Süden wehte, war ſie nur mit kleinen Wellen bedeckt, die gleichſam ſpielend und tanzend nach dem offenen Meere hinausſtrebten und auf ihrem funkelnden Rücken eine Fülle von Fiſcher⸗ booten und Küſtenfahrzeugen ſchaukelten. Die weſt⸗ liche ſchroffe Felſenküſte war von der heraufſteigenden Sonne noch nicht erleuchtet und ſo warfen die dunklen Riffe und Kuppen derſelben noch tiefe Schatten bis zur Mitte des großen Waſſerbeckens, aber ſchon flim⸗ merte es auf der bewegten Oberfläche wie mit ahnen⸗ dem Vorgefühl des kommenden Tages, und in kurzer Zeit mußte die Sonne auch hierher gedrungen ſein und mit ihrem roſigen Lichte die düſteren Schatten vertreiben. Joe Duncan war auf Geheiß Herrn ſchon frühe beſchäftigt geweſen, an verſchiedenen, dazu geeigneten Punkten einige der beſten Fernröhre auf tragbaren Gerüſten außzuſtellen. Als der Admiral in's Freie trat, fand er daher alle ſeine Gäſte eifrig bemüht, 67 durch die Gläſer zu ſchauen, und er begrüßte ſie herz⸗ lich, indem er Jedem die Hand drückte und ſich nach ſeinem Befinden erkundigte. Nachdem er zuletzt Georgy auf die Stirn geküßt, wandte er ſich von Neuem zu Martha um und blickte aufmerkſam forſchend in ihr freundliches Geſicht, das in dem ſchwarzen Kleide, welches ſie wieder trug, noch bleicher erſchien als am vorigen Tage.„Sie häben ſchlecht geſchlafen, liebe Miß,“ ſagte er, ihr noch ein⸗ mal die Hand reichend,„ah, ich wußte es wohl, in fremden Betten ruht es ſich das erſte Mal ſelten gut und Wind und Wellen haben auch etwas unſanft ge⸗ heult dieſe Nacht, nicht wahr? Doch das wird ſich beſſern,— ha, da läutet die Glocke und nun wollen wir unſer Frühſtück einnehmen.“ Er führte Martha zu dem Tiſche, der mit appetit⸗ lichen Speiſen in der Laube an der Brüſtung der nörd⸗ lichen Terraſſe aufgeſtellt war, von wo man, durch das Schloß vor dem Morgenwinde geſchützt, das Meer, die Durneß⸗Bai und en gegenüberliegenden Wald von Tarfe am Beſten überſchauen konnte. Bald hat⸗ ten Alle Platz genommen und während des Eſſens un⸗ terhielten ſie ſich von der Gegend, dem ſchönen Mor⸗ gen und anderweitigen Dingen, bis Martha in einer zufälligen Geſprächspauſe am Schluſſe des Mahles 5⸗ die Frage an den Admiral richtete, was das für ein großer dunkler Punkt am jenſeitigen Ufer ſei, den man, von hier aus geſehen, für eine Vertiefung des Felſens halten möchte. 1 „Ah,“ erwiderte der Gefragte,„Sie haben ein ſcharfes Auge, meine kleine Miß, und finden leicht das Intereſſanteſte und Merkwürdigſte heraus, was unſre Gegend aufzuweiſen hat. Sie haben Recht, jener dunkle Punkt iſt wirklich eine Vertiefung des Felſens und man nennt ſie die Smow⸗Höhle. Sie iſt aller⸗ dings bei Weitem nicht ſo bekannt und noch viel we⸗ niger von Fremden beſucht als die Fingals⸗Höhle auf der Inſel Staffa, und dennoch birgt ſie vielleicht zehn⸗ fach mehr des Wiſſens⸗ und Staunenswerthen, als jene weitberühmte Baſaltgrotte. Es giebt nur wenige Menſchen in dieſer Gegend, die ſie bFfucht haben, und vielleicht gar keinen, der bis an ihr ſchauriges Ende vorgedrungen iſt und ihre ziemlich unbekannten Ge⸗ heimniſſe erforſcht hat. Dazu trägt gewiß der Aber⸗ glaube viel bei, der bei de wohnenden Leuten herrſcht, die ächte Hochländer ſind noch an Spuk, Zauberei und ſchwarze Männchen glauben und ſich natürlich vor Geſpenſtern fürchten. Iu Wahrheit mag die Höhle auch in früheren Zeiten die Stätte ge⸗ heimnißvoller Handlungen celtiſcher Prieſter geweſen ſein, zu deren Verheimlichung die erhabene und ſchauer⸗ liche Natur im Innern des ſeltſamen Baues gewiß mit beigetragen hat. Sie unterſcheidet ſich von der Fingals⸗Höhle namentlich dadurch, daß das Meer nur bis zur Hälfte derſelben einſtrömt, dann aber machtlos gegen einen großen Felſenkörper ſtößt, auf dem man feſten Fuß faſſen und in das Innere eindringen kann. In der Mitte dieſes Felſenkörpers ſteht ein? Druidenſtein, der früher als Opferaltar benutzt ſein mag. Weiter hinauf bricht der Smowfluß, der von den Tarfebergen her unter den Felſen ſeine Bahn gefunden, durch die grauen Trappſteinmauern, wühlt ſich weiter und wei⸗ ter und bildet endlich einen brauſenden Waſſerfall, der ſich im Geröll verliert und ungeſehn aus zahlloſen Felſenſpalten in die Bai a bfließt, weshalb auch die Strömung des Waſſers ſeltſamer Weiſe dem Beſuchen⸗ den aus der Höhle entgegenfließt.“ Die Zuhörer hatten dieſer Erzählung mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit gelauſcht und als der Admi⸗ ral ſchwieg, nahm Lionel zuerſt das Wort.„Das iſt intereſſant, Onkel,“ ſagte er,„und natürlich müſſen wir dies Wunderwerk beſuchen. Du biſt doch gewiß ſchon darin geweſen?“ „O ja,“ erwiderte der Admiral lächelnd,„ein kleines Stück habe ich geſehen, wenigſtens ſo viel mir 70 davon mein damaliger Begleiter zeigen konnte. Es war etwa vor fünfzehn Jahren, als ich den Verſuch anſtellte, indeſſen bin ich nicht weiter als bis zu einer Stelle gekommen, von der aus man das Rauſchen des Waſſerfalles deutlich vernehmen konnte. Geſehen habe ich ihn alſo noch nicht und jetzt fühle ich kaum noch Neigung dazu, denn man muß mühſam und vorſichtig klettern, kriechen und ſpringen, meine Lieben, wenn man das ferne Ziel in dieſer kleinen Unterwelt errei⸗ chen will.“ „Das ſchadet nichts,“ ſagte Lionel,—„ich muß hin— gehſt Du mit, Arnold?“ „Ganz gewiß,“ erwiderte dieſer. „O,“ nahm Georgy mit muthigem Augenleuchten das Wort,„wir wollen es auch ſehen, nicht wahr, Martha?“ Martha nickte ſchweigend.„Gemach,“ rief nun der Admiral,„ja, wir wollen Alle einmal hinüber ſegeln und wenigſtens den Druidenſtein ſollen die Damen in Augenſchein nehmen. Die Herren können dann noch weiter ihr Heil verſuchen und wir wollen uns dazu mit den nothwendigen Hülfsmitteln verſehen.— Aber nun ſagen Sie mir, meine liebe Miß,“ wandte er ſich zu Martha,„wie haben Sie ſobald die Entdeckung die⸗ ſer Höhle gemacht?“ „Ich bin durch eine eigenthümliche Erſcheinung in dieſer Nacht darauf geführt worden,“ erwiderte Martha, hold erröthend, und erzählte, wie ſie auf dem Altan geſtanden und was ſie am Abhange des Tarfe⸗ Waldes bewerkt zu haben glaubte. Der Admiral ſchenkte ihrer Mittheilung volle Auf⸗ merkſamkeit, als ſie aber zu ſprechen aufhoͤrte, ſchüttelte er verwundert ſeinen ehrwürdigen Kopf und ſagte ver⸗ bindlich, aber doch höchſt beſtimmt:„Nein, meine liebe Miß, da haben Sie ſich doch wohl, wenn nicht in der ganzen Erſcheinung, doch gewiß in dem Orte geirrt. Wie ſollte mitten in der Nacht Licht in die Smow⸗ Höhle kommen?“ „Geſehen habe ich es beſtimmt,“ erwiderte Martha, „und meine Augen ſind ſo gut, daß ſie ſich ſelten in ſolchen Wahrnehmungen täuſchen.“ „Ich glaube es wohl, Miß, aber diesmal— er⸗ laube ich mir die Vortrefflichkeit Ihrer Augen doch zu bezweifeln.“ „Es ſind vielleicht Fiſcher geweſen, die ihre Netze ausgelegt oder eingeholt haben,“ bemerkte Lionel. „Das habe ich auch ſchon gedacht,“ fügte Martha hinzu.„Aber das Licht kam von Innen aus einem dunklen Orte heraus, ohne daß ich ſeine Flam⸗ men ſehen konnte, und alſo natürlich nicht weiß, ob eine Fackel oder ſonſt Etwas das brennende Mate⸗ rial war.“ „Nein, nein,“ ſagte der Admiral nach längerem Sinnen,„auch Fiſcher waren es nicht, denn in der Nähe der Smow⸗Höhle fiſcht kein Menſch aus dieſer Gegend, und Fremde ſind, ſo viel ich weiß, nicht hier. Allein, mag es geweſen ſein, was es will, ich werde mich danach erkundigen, und habe ich Unrecht gegen Sie,“ ſetzte er mit einer höflichen Verbengung gegen Martha hinzu,„ſo ſollen Sie auf mein Eingeſtändniß deſſelben nicht zu warten brauchen.— Jetzt aber, Herr Doctor, wende ich mich zu Ihnen. Sind Sie geneigt, mir die verſprochene Geſchichte— von dem Thurm dort zu erzählen?“ „Jeden Augenblick, Sir Colin, ſobald Sie Zeit und Luſt haben, mich anzuhören.“ „Die habe ich gerade jetzt und ſo wollen wir uns in die Bibliothek begeben, da ſind wir ungeſtört. Was aber fangen die anderen Herrſchaften unterdeſſen an?“ „Wir machen einen Spazierritt durch den Park, Onkel, und betrachten uns Deine neuen Anpflanzungen,“ erwiderte der Neffe. „Gut, damit bin ich zufrieden. So kommen Sie denn, Herr Doctor, und wenn nicht eher, meine Damen, ſo ſehen wir uns Alle zu Tiſche wieder, wobei ich bei⸗ 73 läufig bemerken will, daß es auf Craig⸗Hall Mittag und Abend iſt, wenn Gott dieſelben ſchickt.“ „Das heißt?“ fragte Georgy ſchelmiſch. „Du weißt es wohl, Liebe, ich ſpeiſe gern etwas früh, um die zweite Hälfte des Tages nicht ganz zu verlieren.“ „Und wann befehlen der Herr Admiral?“ fragte ſie mit einem Abſchied nehmenden Knix. „Um zwei Uhr, wennes beliebt.“ Damit nahm er Arnold Tiefenſee unter den Arm und führte ihn in das Schloß, während die Anderen noch einige Zeit am Frühſtückstiſche ſitzen blieben, be⸗ vor ſie ſich zum Morgenritt anſchickten. „Nun, mein lieber junger Freund,“ ſagte der Admiral zu ſeinem Begleiter, als ſich Beide recht ge— müthlich in der ſo behaglichen Bibliothek niedergelaſſen hatten,„nun ſind wir allein und Niemand wird unſre Unterhaltung ſtören. Jetzt ſeien Sie einmal recht of⸗ fenherzig gegen mich und denken Sie nicht daran, daß wir uns erſt ſo kurze Zeit kennen. Betrachten Sie mich vielmehr als Ihres Freundes Lionel Lowdale's zweites Ich, dem Sie ja Ihr ganzes Vertrauen ge⸗ ſchenkt, und halten Sie die Ueberzeugung feſt, daß Niemand ein ſo offnes Ohr für Ihre Worte haben kann 74 wie ich. Ich nehme ſchon meines Reffen wegen den innigſten Theil an Ihrem Schickſal und ſeitdem ich Sie und Ihre Schweſter mit Augen geſehen, ſeitdem Sie unter meinem Dache ſind, iſt meine Theilnahme nicht wenig gewachſen. Alſo erzählen Sie, aber recht genau, bitte ich, damit ich ein möglichſt klares Bild von den vorliegenden Verhältniſſen gewinne.“ Dabei griff er nach einigen Cigarren, bot Arnold eine an, der ſie ablehnte, und nachdem er die ſeinige in Brand geſteckt, legte er ſich bequem in ſeinen Seſſel zurück, wobei er die großen, klugen blauen Augen mit menſchenfreundlichſtem Wohlwollen auf ſeinem Gaſte ruhen ließ. Arnold Tiefenſee dagegen fühlte ſich nicht in ſo behaglicher Lage. Es hatte ihm immer großen Kum⸗ mer verurſacht, nur an die bittere Vergangenheit zu denken— jetzt ſollte er vor einem Fremden darüber reden und dazu entſchloß er ſich nicht ſo leicht. Als er jedoch erſt den Anfang und dabei die Bemerkung gemacht, daß der Admiral ihm nicht allein mit den Ohren, ſondern auch mit ganzer Seele zuhöre, floſſen ihm die Worte leichter vom Herzen, bis er zuletzt ge⸗ läufig, ſogar lebhaft die traurige Geſchichte ſeines Vaters und ſeine eigene Lebenslaufbahn vortrug. „Mein Vater,“ erzählte er,„war der zweite Sohn 7⁵ eines namhaften Arztes in Frankfurt am Main und verlor beide Eltern ſehr frühzeitig, weshalb er und ſein älterer Bruder ſchon in jungen Jahren auf ſich ſelbſt und die zeitigſte Entwickelung ihrer Fähigkeiten angewieſen waren, da ihr Vater ihnen nur ein ſelbſt für Deutſchland ſehr geringes Vermögen hinterlaſſen hatte. Allein einige edle und begüterte Menſchenfreunde in ihrer Vaterſtadt nahmen ſich wohlwollend der bei⸗ den Knaben an und ermöglichten es, daß ſie ihren Neigungen folgen und ſich den Wiſſenſchaften widmen konnten. Der Bruder meines Vaters wählte die Mathe⸗ matik und Aſtronomie zu ſeinem Studium und erreichte dadurch zunächſt ein erwünſchtes Ziel. Er ward in Würzburg Docent an der Univerſität, dann Profeſſor in Zürich und zuletzt nach Edinburg berufen, wo er als Praeſes der aſtronomiſchen Geſellſchaft ſich einen Namen erwarb und vor zehn Jahren ſtarb.“ „Wie,“ unterbrach ihn der Admiral mit dem Aus⸗ druck des Staunens und des lebhafteſten Antheils, nder Profeſſor Tiefenſee in Edinburg war Ihr Onkel?“ „Ja, Herr Admiral.“ „Ei, das iſt mir neu, aber erfüllt mich mit um ſo größerer Theinahme für Sie, denn Ihr Onkel war ein Ehrenmann und mir wohl bekannt. Ich beſitze ſogar Briefe von ihm, die er mir in Bezug auf ſeine 76 Wiſſenſchaft, der auch ich ergeben war, nach verſchiede⸗ nen Weltgegenden ſchrieb.“ Arnold Tiefenſee verneigte ſich dankbar für dieſes ſeinem Oheim ertheilte Lob und fuhr ſodann in ſeiner Erzählung alſo fort:„Ich habe ihn nie gekannt und mein Vater ſelbſt hatte ihn mehr als zwanzig Jahre nicht geſehen. Er heirathete in Edinburg die Tochter eines befreundeten Gelehrten, hatte aber keine Familie und verlor ſeine Frau ſchon im vierten Jahre ſeiner glücklichen Ehe. Mein Vater dagegen hatte die Geo⸗ logie und Mineralogie zu ſeinem Studium erwählt und trieb dabei aus Liebhaberei Alterthumskunde, ein Stu⸗ dium, welches ihm großes Vergnügen gewährte, aber ſeiner irdiſchen Wohlfahrt gerade nicht ſehr förderlich war. Nach abwechſelndem Aufenthalt an verſchiedenen Lehranſtalten wurde er zuletzt an die Univerſität der Stadt berufen, in welcher Ihr Neffe uns gefunden hat, und dort blieb er, alle ſeine Zeit nur der Wiſſen⸗ ſchaft und ſeiner Familie widmend, für die er allein lebte. Gott weiß es! nirgends ſonſt wo werden die Wiſſenſchaften eifriger getrieben, als in Deutſchland, aber nirgends werden ihre Verbreiter, Lehrer und Pfleger ſchlechter beſoldet, als bei uns! Mein Vater arbeitete Tag und Nacht, um ſeiner zahlreichen Fa⸗ milie die Mittel zu einer guten Erziehung zu verſchaf⸗ —— —— 44 fen, aber trotzdem er ſich faſt dabei aufrieb, gelang es ihm dennoch nur, gerade ſo viel zu erwerben, als zu einem einigermaßen anſtändigen Auskommen für uns Alle nothwendig war. Die Vergnügungen und Unterhaltungen der Welt exiſtirten daher für ihn nicht, nur ſeine Bücher und Kinder verſchafften ihm Zer⸗ ſtreunng und das genügte ſeinem anſpruchsloſen Ge⸗ müth. Einen Wunſch freilich hatte er ſeit den Jüng⸗ lingsjahren gehegt, der ſich über dieſe Zerſtreuungen hinaus erſtreckte, allein die Erfüllung deſſelben war ihm ſtets nur ein frommer Wunſch geblieben. Er ſehnte ſich nämlich, die Welt und ihre Erſcheinungen, über die er ſo viel geleſen, gehört und nachgedacht, mit eigenen Augen zu ſehen und ſeinem Wiſſen und Leiſten dadurch einen feſteren Grund, eine lebhaftere An⸗ ſchauung zu geben. Bisher hatten ſeine Sammlungen den Mangel an Selbſtſchau erſetzen müſſen und er fuhr fort, einen nicht unbedeutenden Theil ſeines Einkom⸗ mens für die Erweiterung derſelben anzuwenden. Deshalb galten ihm dieſe Sammlungen auch für ein koſtbares Heiligthum, und zwiſchen und mit ihnen lebte und wirkte er bis zu dem Tage, wo ich ihn von uns ſcheiden und endlich die längſt erſehnte Reiſe antre⸗ ten ſah. „Es traf nämlich vor etwa zehn Jahren die Nach⸗ — ʃ——j. 78 richt bei uns ein, mein Onkel in Edinburg ſei ge⸗ ſtorben und habe in Ermangelung leiblicher Erben ſeinem Bruder ſein ganzes Vermögen hinterlaſſen. Der Erbe aber müſſe ſelbſt nach Schottland kommen und ſich als ſolcher legitimiren, um den Nachlaß flüſſig zu machen und ſodann in Empfang zu nehmen. Mein Vater war mit meiner Mutter einig, ſofort dieſe Reiſe antreten zu müſſen, um ſo eher, da er dadurch zugleich endlich ſeine Sehnſucht befriedigen und einen Theil von Eunropa kennen lernen konnte, der für einen Ge⸗ lehrten ſeines Fachs ſo unendlich viel Sehens⸗ und Wiſſenswerthes enthält. Mein Vater alſo verſorgte ſich mit den nothwendigen Papieren, nahm Abſchied von uns und ſtieg in den Wagen, um— Heimat und Familie nie wiederzuſehen.“ Arnold, von innerer tiefgreifender Bewegung übermannt, hielt einen Augenblick inne. Der Admiral legte ſeine Cigarre weg, reichte ihm mit herzlich theil⸗ nehmender Miene die Hand und bat ihn dann, nach⸗ dem er einige Worte innigſten Bedauerns geſprochen, ſeine Erzählung fortzuſetzen. „Ja,“ ſagte Arnold,„er reiste ab, halb voll Trauer und halb voll Freude. Voll Trauer, weil er die Orte beſuchen ſollte, wo ſein einziger Bruder zu⸗ letzt gewirkt, voll Freude, durch dieſe Reiſe zu den 79 Mitteln zu gelangen, die ihm und ſeiner Familie eben ſo große Hülfe, wie Genuß und das Aufhören jeder Sorge für alle Zeiten verſprachen. „Sein erſter Brief lief aus Hamburg ein und machte uns Alle überaus glücklich, weil er ſelbſt in der glücklichſten Laune geſchrieben war. Ich zählte damals achtzehn Jahre und konnte alſo mit meiner Mutter ſchon innigeren Antheil an den Erfolgen meines theuren Vaters nehmen. Der zweite Brief kam aus London und war erfüllt mit zahlloſen Aus⸗ rufungen der Bewunderung alles Deſſen, was der Reiſende bereits geſehen und erlebt hatte. Endlich langte auch ein Brief aus Edinburg an, mit der Meldung, daß er als Erbe anerkannt, die Hinter⸗ laſſenſchaft mit einigen Opfern flüſſig gemacht habe und nun glücklicher Beſitzer von zehntauſend Pfund Sterling ſei, was für unſere deutſchen Verhältniſſe ein ſchönes Vermögen war und ihn zu einem unabhängi⸗ gen wohlhabenden Manne machte, wie es auch uns die glücklichſten Ausſichten für die Zukunft verhieß. „Von Edinburg ging mein Vater, um die nörd⸗ lichſten Gebirge Schottlands zu beſuchen, zuerſt nach Aberdeen. In langſamen Tagereiſen drang er bis zum Cap Wrath vor, um von da aus die Hebriden und Orkney⸗Inſeln zu bereiſen, wohin von jeher ſein 30 Sinn geſtrebt hatte. Vom auchtſurn auf Cap Wrath ſchrieb er den letzten Brief an uns. Plötzlich aber blieben ſeine Briefe aus. Monate vergingen und wir hörten nichts von ihm. Meine Mutter, krank und elend vor Sorge um ſein Leben, ließ durch ſchriftliche Anfragen Seitens einiger Freunde nach ihrem Manne forſchen. Es erfolgte von keiner Seite her eine befriedigende Antwort. Meine Mutter, halb verzweifelnd, wandte ſich mit ſtürmiſchen Bitten an die engliſche Geſandtſchaft, um genauere Nachforſchun⸗ gen anſtellen zu laſſen. Die Antwort ließ lange auf ſich warten. Sie lautete dahin, daß der Profeſſor Tiefenſee allerdings auf Cap Wrath geweſen ſei und ſich auf einem Kohlenſchiff nach der Inſel Lewis ein⸗* geſchifft habe. In Lewis ſei er aber nie eingetroffen,. eben ſo wenig wie das Schiff, und es ſcheine daher zweifellos, daß er mit letzterem bei dem großen Sturme, der kurz nach ſeiner Abreiſe ausgebrochen, gleich vielen anderen Schiffen an den Küſten Schottlands geſcheitert oder auf offenem Meere untergegangen ſei. Näher nachzuweiſen ſei das Schickſal des deutſchen Profeſſors nicht, wie das ja auch nach der Lage der Dinge für begründet erkannt werden müſſe.“ Der Erzählende ſchwieg, vor Aufregung bleich und ſchwer athmend. Auch der Admiral ſchwieg, blickke „ 81 3 ſinnend vor ſich nieder und ſagte endlich, zu dem jun⸗ gen Manne die wohlwollenden Augen erhebend:„Nun — und was weiter?“ „Was weiter? Mein Vater war und blieb ver⸗ ſchwunden und mit ihm die große Summe Geldes, die er in Edinburg von ſeinem Bruder geerbt hatte.“ „Wie?“ rief der Admiral erſchrocken.„Hatte der Unglückliche denn die ganze Summe bei ſich?“ „ Die ganze Summe, leider!“ „Aber, mein Gott, das war ja ſehr unvorſichtig von ihm!“ konnte ſich der Admiral nicht enthalten zu ſagen.„Wie kam er denn auf den ſeltſamen Ge⸗ danken, ſo viel Geld auf ſolcher Reiſe mit herumzu⸗ ſchleppen?“ Arnold zuckte die Achſeln und lächelte ſchmerzlich. „So haben wir uns oft ſelbſt gefragt, Herr Admiral, aber mein Vater, der nie an den Beſitz großer Geld⸗ ſummen gewöhnt war, nicht wußte, wie ſorgſam man damit umgehen muß, und vor allen Dingen kein Un⸗ heil ahnend, hatte die engliſchen Banknoten, in die er das ererbte Vermögen umgeſetzt, bei ſich behalten, wahrſcheinlich, weil er ſie da am ſicherſten hielt. Meine Mutter mahnte ihn von dieſem Vorhaben ab, als er darüber ſchrieb, allein er war entweder zu ſorglos, um darauf zu achten, oder zu Gottvertrauend, um an Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 6 ——.———— eine perſönliche Gefahr zu denken. Genug, in ſeiner faſt unbegreiflichen Zuverſichtlichkeit und vielleicht nur an ſeine Wiſſenſchaft, die merkwürdigen Alterthümer ſeiner Umgebung und an das Glück ſeiner Familie denkend, behielt er das Geld bei ſich und ſo habon wir es mit ihm zugleich verloren.“ Der Admiral blickte kopfſchüttelnd vor ſich nieder. „Ja, ja,“ ſagte er,„komiſche Leute ſind dieſe Ge⸗ lehrten— in der That— ſehr oft wenigſtens. Mit dem Gelde wiſſen ſie meiſt ſchlecht umzugehen. O, und von dieſem Gelde hing bei Ihrem Vater doch ſo Viel ab! Das Wohl und Weh der ganzen Fa⸗ milie! Es wäre vielleicht Alles ganz anders gekom⸗ men, wenn er es Ihrer Mutter geſandt hätte. Ganz gewiß! Aber ſo, wie es iſt, iſt es doppelt ſchmerzlich, ich fühle es mit Ihnen, mein junger Freund.— Und Sie haben nie wieder etwas von Ihrem Vater gehört?“ „Nie, Herr Admiral; und um ſo mehr habe ich immer von dem Zeitpunkte an, wo wir an ſeinem Tode nicht mehr zweifeln konnten, den lebhaften Wunſch gehegt, einmal ſelbſt nach Cap Wrath zu reiſen und perſönliche Nachforſchungen nach dem Verſchollenen anzuſtellen.“ nichts mehr, mein junger Freund?“ „O, o, ja freilich— aber Sie hoffen doch wohl 83 „Gott bewahre! Hoffnung haben wir keine an⸗ dere als die, irgend etwas Näheres über ſeinen Aufent⸗ halt auf dem Leuchtthurm und die Art und den Tag ſeiner Abreiſe nach Lewis zu erkunden.“ „Das laſſe ich mir gefallen. O, wäre ich hier geweſen, als man die Nachforſchung nach ihm an⸗ ſtellte, und hätte ich davon etwas erfahren, ich hätte ſie perſönlich leiten können, aber das kann noch nach⸗ träglich geſchehen und wir hören gewiß noch manches Neue. Doch davon wollen wir ſpäter ſprechen. Für jetzt ſind Sie mir noch den Schluß Ihrer Erzählung ſchuldig— den will ich erſt hören.“ „Welchen Schluß, Herr Admiral?“ „Wie es Ihnen ergangen iſt, nachdem Sie Ihren Vater und mit ihm die Ausſicht auf Ihre ganze Zu⸗ kunft verloren hatten.“ „Ach, Sir, das iſt keine freudenreiche Erzählung und ich mag nur wenig Worte darüber verlieren. Die erſte Zeit verging uns in namenloſer Trübſal, um ſo mehr, als meine Mutter elend und krank wurde und bald darauf vor Gram und Schmerz ſtarb. Ich blieb mit meinen ſechs Geſchwiſtern völlig verwaist zurück. Aber unſer Unglück war noch nicht groß genug, denn zwei meiner Schweſtern ſtarben an einem Tage am Scharlachfieber, zwei andere ein Jahr ſpäter 84* 7 an der Bräune und mein jüngſter Bruder ertrank. So blieb ich mit meiner Schweſter Martha allein übrig.“ „Mein Gott!“ rief der Admiral, fragend zum Himmel aufblickend,„iſt es denn möglich?“ „Ja, Sir, es war möglich, denn ſo geſchah es wirklich. Wie geſagt, ich war damals etwa neunzehn Jahre alt und hatte ſo eben unter den Augen meines Vaters mein Studium der Naturwiſſenſchaften begon⸗ nen, denn ich fühlte die Neigung, den Spuren Jenes zu folgen und, ſo viel in meinen Kräften ſtand, ein noch größeres Feld zu bearbeiten, als es ihm thunlich geweſen war. Doch das mußte nun leider unterblei⸗ ben, meine Wünſche waren jugendliche Täuſchungen geweſen und die Bitterkeit des armſeligen Menſchen⸗ lebens trat mit harter Forderung an mich heran. Die Wiſſenſchaft an und für ſich ernährte mich und meine arme Schweſter nicht, und ich mußte ſie nun des Er⸗ werbes, der Exiſtenz wegen betreiben. O, das war bitter, war traurig, war elend für meinen nach Oben ringenden Geiſt. Doch was half's? Man gab mir den Rath, Medizin zu ſtudiren, und ich befolgte ihn, der Nothwendigkeit das ſchwere Opfer bringend. Ach, ich wußte vorher, daß ich eben ſo wenig wie mein Vater für die kleinen Dinge des Lebens, die das Herz 8* 7 . allmälig aufreiben und zermalmen, geboren war. Die mediziniſche Wiſſenſchaft ließ mich ein ewiges Streben und Ringen nach Vorwärts ohne Ende und innere Befriedigung vorausſehen und ich täuſchte mich leider nicht. Ich verfiel damals in eine Art Mißſtimmung, die an Wehmuth gränzte und meinem ganzen Weſen einen düſteren Anſtrich gab. Denn ſehr bald er⸗ kannte ich meine geringe Befähigung zu dem ergriffe⸗ nen Studium. Ach, das Studium der Medizin macht den Menſchen nicht glücklich, zumal den nicht, der ein weiches und für die Leiden ſeiner Mitmenſchen em⸗ pfängliches Herz beſitzt. Die tauſend verſchiedenen Gebrechen ſeines Geſchlechts kennen zu lernen, iſt nie⸗ derdrückend und demüthigend für einen nach Oben ſtrebenden Geiſt und verkümmert das in uns ſchlum⸗ mernde, ſo wohlthuende Sehnen nach höherer Vollen⸗ dung. Doch ich hielt die Hand auf mein unwillig pochendes Herz und ging an die ſaure Arbeit, ohne Trieb, ohne Luſt, nur dem bitteren Stachel der Noth⸗ wendigkeit gehorchend. Gönner hatte ich nicht, ich mußte mir alſo allein zu helfen ſuchen. Ich arbeitete mit Aufbietung aller meiner Kräfte, immer nur das Ziel im Auge behaltend, deſſen ich bedurfte, und ſtehe da, es gelang, Gott war mir gnädig und ich erhielt endlich durch die Verwendung eines meiner Lehrer eine Anſtellung als Arzt an einer großen neuen Krankenanſtalt, wo mich die erſten glücklichen Er⸗ folge bisweilen mit meiner verfehlten Lebensbahn aus⸗ ſöhnten. In dieſer Anſtalt lernte ich Ihren Neffen kennen.“ Er ſchwieg und ſenkte die Augen zu Boden. Der Admiral, dem das Herz während der Erzählung warm und voll geſchlagen, ließ ſeine leuchtenden Blicke mit bewundernder Innigkeit auf ihm ruhen und ſagte dann mild:„Und Ihre Schweſter?“ „Ach, meine Schweſter! Das iſt eine beſondere Geſchichte, Herr Admiral. Sehen Sie ihr Auge, ihre Miene an, und wenn Sie in den Zügen der Menſchen leſen können, werden Sie wiſſen, wer und was meine Schweſter iſt.“ „Ich habe nicht nur geleſen, mein Freund, ich habe auch gehört. Lionel und Georgy haben mir heute Morgen in aller Frühe davon erzählt.“ „So kann ich darüber ſchweigen.“ „Ja, mein Freund, ſchweigen Sie, ich habe heute genug gehört. Hier, nehmen Sie meine Hand, zum Zeichen, daß ich von dieſem Augenblick an Ihr und Ihrer Schweſter aufrichtiger und wahrer Freund bin. Weitere Worte will ich darüber nicht machen, ich liebe die Thaten mehr. Alſo ſtill davon. Nun aber geben 24 1 Sie ſich keiner ferneren Traurigkeit hin. Die Schmer⸗ zensuhr Ihres Lebens iſt abgelaufen und hoffentlich leuchtet ein neuer Tag mit hellerem Lichte vor Ihnen auf. Sie ſind ein Mann, und ein Mann muß zu kämpfen und den Feind des Lebens zu beſiegen ver⸗ ſtehen. Auch ich habe gekämpft, mehr als Sie vielleicht denken. Tauſend Gefahren und Schmerzen habe ich ſiegreich überſtanden, von denen jede einzelne mir eine Todeswunde zu bringen ſchien. So tief die Woge mich auch oft ſchleuderte, ſie hat mich immer wieder emporgehoben. Warum? Weil ich weder die Hoff⸗ nung auf ein allmächtiges großes Weſen da Oben, noch den Muth in meiner Bruſt verlor. Muth alſo, Muth, mein Lieber, und Hoffnung! Es kann, und es wird. beſſer werden! Laſſen Sie uns jetzt dieſe Unterredune. endigen, die mir genügende Aufklärung über Sie ſelbſt verſchafft hat. Ich möchte über Mancherlei nachdenken, was Ihre Erzählung in mir angeregt. Doch noch Eins— ſind Sie im Beſitze des Briefes, den Ihr Vater vom Cap Wrath an Ihre Mutter ſchrieb?“ „Ja, den habe ich ſogar bei mir, hier iſt er.“ „Darf ich ihn leſen?“ „Ich bitte darum, und da Ihne. 8. Deutſche vielleicht nicht ſo geläufig iſt, habe ich mir erlaubt, eine treue engliſche Ueberſetzung beizufügen.“ „Das iſt gut, das iſt gut— o, geben Sie her!“ Der Admiral erfaßte begierig die Schriftſtücke und ſah dann den jungen Arzt fragend an, der noch etwas ſagen zu wollen ſchien.„Nun, was wollen Sie noch?“ fragte er. „Herr Admiral, wie ſoll ich Ihnen für Ihre Güte danken?“ ſagte Arnold warm und leiſe. „O, kommen Sie mir noch nicht mit Ihrem Dank, wo ich kaum einen guten Willen zeige. Ich bin Ihnen viel größeren Dank ſchuldig, für Alles, was Sie und Ihre Schweſter an meinem Neffen 8 1 F gethan—“ „Herr Admiral!“ 1„Still, ſtill, wir wollen uns nicht überbieten. Wir wiſſen jetzt, was wir an einander haben und woran wir uns halten können. Gehen Sie, ich will zunächſt den B ef leſen und dann bedenken, was ich zu thun habe.“ 1 Er blieb vor Arnold Tiefenſee ſtehen, ſah ihm tief in die Augen und drückte ihm dabei männlich und herzlich die Hand. Dann geleitete er ihn zur Thür und glei arauf war er allein, den Brief in der Hand haienen die letzte Kunde von einem Manne gab, der ſein Weib und ſeine Kinder ſo innig geliebt, ſo brav und fleißig geweſen, und der doch ſo wenig . Erfolg aus allen ſeinen Mühen und Sorgen hatte er⸗ wachſen ſehen. Eine Weile ging der Admiral langſam im Zim⸗ mer auf und ab. Tiefe Rührung lag auf ſeinem Ge⸗ ſicht, als er die gelb gewordenen, halb zerleſenen Blät⸗ ter betrachtete, die ſchon oft von Hand zu Hand ge⸗ gangen waren und viele Spuren von darauf vergoſſe⸗ nen Thränen trugen. Die Handſchrift des Profeſſors war klar, feſt, ſicher und deutete auf einen hochgebil⸗ deten Mann. Der Admiral las die erſten Worte darin, aber obgleich er Deutſch ſprach, ſo ward ihm doch das Leſen des Geſchriebenen ſchwer und er nahm die eben ſo ſchön geſchriebene Ueberſetzung, in die der Brief ſelbſt eingeſchloſſen war. Endlich ſetzte er ſich auf den Seſſel vor dem Schreibtiſche und las lang⸗ ſam und mit Bedacht folgende Zeilen. „Mein theures Weib, und alle Ihr meine lieben, lieben Kinder! Tauſend, tauſend herzliche Grüße zu⸗ erſt aus weiter, weiter Ferne, aber von einem Orte, wo Gott eben ſo liebreich und herrlich waltet, als bei uns und an jedem anderen Orte der Welt!— Seit⸗ dem ich Edinburg verlaſſen, iſt dies das erſt reiben, welches ich an Euch richte, ich hatte weder Ruhe noch Gelegenheit dazu, ſo, wie ich wollte, mich gegen Euch auszuſprechen, denn meine Reiſe führte mich theilweiſe 90 durch ein, wenngleich ſchönes, doch immer wildes und nur ſtrichweiſe cultivirtes Land. Die Herren Englän⸗ der ſollten doch zuerſt an die Cultur bei ſich in Schott⸗ land und Irland denken, ehe ſie ſich zu Predigern und Geſetzgebern derſelben in andrer Herren Ländern aufwerfen!“ „Sehr recht, ſehr wahr!“ unterbrach ſich der Ad⸗ miral einen Augenblick im Leſen.„Der Mann ſpricht aus meiner Seele. Doch weiter!“ „Ich habe auf meinem Wege Vieles gefunden, was noch ſo weit in die Vergangenheit zurück zu ragen ſcheint, daß es manche Menſchen bei uns gar nicht glauben würden, wenn ich es ihnen erzählte. Viele Leute hier können weder ſchreiben noch leſen, und vor Hexen, Zauberern und ſchwarzen Männchen fürchtet ſich noch eine große Zahl. Deutſchland halten Viele für gleichbedeutend mit Rußland und ſind der Meinung, daß Wölfe, Bären und wilde Schweine bei uns auf der Straße ſpazieren gehen. Einige fragten mich, ob es wahr ſei, daß unſer ganzes Land von Sümpfen und Moräſten durchzogen und ob die Kälte wirklich ſo groß ſei, daß wir neun Monate im Jahre Pelze tra⸗ gen müßten? Von dem Volk der Deutſchen glauben ſie, daß es nur halb aus Profeſſoren und halb aus Soldaten beſtehe, daß wir ſtatt der Gedanken nur trübe 91 unentwickelte Gefühle haben, und daß ſie mit einem Scheltworte uns Alle durch ein Nadelöhr jagen könn⸗ ten. Iſt das Weisheit oder Ignoranz? Ich überlaſſe Euch die Entſcheidung. So könnte ich noch eine halbe Stunde im Schildern fortfahren, aber ich begnüge mich mit dem hier Geſagten, indem ich mir das Uebrige auf mündliche Mittheilung verſpare. „Doch ich kehre jetzt zu mir und meiner Reiſe zu⸗ rück. Ich habe große Wunderwerke Gottes und auch bewundernswerthe Werke menſchlichen Geiſtes und des Fleißes menſchlicher Hände geſehen und für meine Wiſſenſchaft namentlich eine reiche Ausbeute erzielt. Schottland iſt ein zauberhaftes, nicht immer ſchönes, aber faſt überall ein ſeltſames, großartige und erhabene Eindrücke hervorrufendes Land, und die ſchreckliche Geſchichte deſſelben iſt mir erſt aus der Anſchauung der Naturſchöpfungen darin verſtändlich geworden. Bei⸗ des ſteht mit einander im innigſten Einklange. Der Ort, an dem ich mich jetzt aufhalte, iſt ein von der Welt abgelegener, einſamer und eigentlich melancho⸗ liſcher Ort, wie es meiſt ganz Schottland iſt, aber er bietet Anblicke dar und bringt Eindrücke hervor, die ich mit meiner armen Feder unmöglich beſchreiben kann. Ich müßte ein Dichter ſein, um Euch einen richtigen Be⸗ griff davon zu geben. Ich wohne nämlich im Leuchtthurm 8 ——ꝛ—ꝛ—— 2 ——ÿõʒõ—õ— éEEE— 92 auf Cap Wrath, einem Baſaltfelſen, der ſechshundert Fuß hoch ſich über das Meer erhebt, nach drei Him⸗ melsgegenden nichts als die ſchäumende, brüllende See und nur nach Süden hin einen düſteren Wald, ſchwarze Felſen, Klüfte und Schluchten zeigt. Es iſt das nord⸗ weſtliche Ende Europa's und vor mir liegt der uner⸗ meßliche Weg über den atlantiſchen Ocean nach Amerika offen. Denkt Euch das und verſucht mir nachzufühlen, was ich hierbei fühle. „Am Fuße des Leuchtthurms, auf einer vor der höchſten Springfluth geſchützten Klippe liegt eine ſo⸗ genannte Rettungsſtation mit einigen Lootſenhäuſern, denn die hieſige Küſte iſt wegen ihrer vielen Riffe und Klippen ſehr gefährlich, wozu auch der Golfſtrom beiträgt, der, vom mexikaniſchen Meerbuſen heran⸗ ſtrömend, namentlich bei Weſtſtürmen mit Gewalt gegen die ſchottiſche Küſte braust und ſchwache Schiffe ret⸗ tungslos dagegen ſchleudert. „Mich haben vor einigen Tagen zwei brave Hoch⸗ länder zu Pferde hierher gebracht und ich habe ein leidliches Unterkommen gefunden, da ich ja, wie Ihr wißt, keine großen Anſprüche erhebe. Der Hauptbe⸗ wohner des Thurms, der außer einem ſtupiden Ge⸗ hülfen, nur eine alte Dienſtfrau um ſich hat, die ihm das Hausweſen beſorgt, iſt Mr. Lawſon, der Leucht⸗ —ᷓ————— thurmwärter, ein ſeltſamer Mann mit wunderlichem Aeußern, aber ſonſt vortrefflich, bieder und ein wahrer Segen für die armen Seefahrer, die an dieſe unwirth⸗ liche Küſte verſchlagen werden. Er iſt in der ganzen Gegend berühmt als geſchickteſter Lootſe, der keine Ge⸗ fahr ſcheut, dem Scheitern nahe Schiffe und Menſchen⸗ leben zu retten. Er ſteht ſtets auf der Lauer nach ſolchen Unglücklichen, und ſobald er von ſeinem Thurm aus ein verlorenes Schiff wahrnimmt, klettert er ſeine Felſentreppe hinab, ſteigt in ein wie Kork ſchwimmen⸗ des Rettungsboot und durchſchneidet mit rieſiger Kraft und nur von wenigen Gehülfen begleitet, die ſeiner Leitung vertrauen, die ſturmgepeitſchten Wellen, um Menſchen zu retten und ihre Güter zu bergen. Na⸗ türlich hat er auch ſeinen Vortheil davon, wenigſtens ſagten mir die Hochländer, daß er ein ſehr wohlhaben⸗ der Mann ſei, aber das verdunkelt in meinen Augen ſeine Leiſtungen und ſeinen hochherzigen Muth nicht und ich achte und liebe ihn, obgleich ich ihn in ſeiner edlen Thätigkeit zu ſehen noch keine Gelegenheit fand. Seine Bruſt iſt mit einer Fülle von Ehrenzeichen ge⸗ ſchmückt, die ihm verſchiedene Potentaten für zahlreiche Rettungen ihrer Unterthanen aus Lebensgefahr ver⸗ liehen. „O, mein theures Weib, könnte ich Dich doch im 94 Fluge hierher an meine Seite verſetzen und auf die Spitze des allen Stürmen trotzenden Leuchtthurms neben mich ſtellen, um Dich einen Blick auf das wogende, ſchäumende, brüllende Meer hinauswerfen zu laſſen— o was würdeſt Du ſchauen! Ich wage es Dir nicht zu beſchreiben, aber denken kannſt Du es Dir. „Ich wollte anfangs nur einen Tag hier bleiben, aber nun ich einmal da bin, kann ich ſo bald nicht wieder fort, ich habe mich noch lange nicht ſatt ge⸗ ſehen und die Trennung von dieſem unvergeßlichen Punkte wird mir ſehr ſchwer werden. Dabei klettere ich in den Felſen herum, bin bald unten am Strande, wenn Ebbezeit iſt, bald oben auf dem Thurm, wenn die Fluth ſich heranwälzt, was einen überwältigenden Anblick bietet. Und überall finde ich Großes, Schönes und Erhabenes, was ich mir früher nur aus Büchern nothdürftig angeeignet habe, jetzt in lebendiger Ge⸗ ſtalt, allen meinen Sinnen erkennbar, verſtändlich und zugänglich. „Herr Lawſon hat mir gegen ein billiges Mieths⸗ geld für acht Tage mein Quartier zugeſagt. Er för⸗ dert mich in allen Unternehmungen und ſteht mir überall rathend und helfend zur Seite. Er hat mir geſagt, daß ich in fünf Tagen mit einem Kohlenſchiff nach Lewis, der größten hebridiſchen Inſel, überſetzen —— 4 9⁵ könne, die nur einige vierzig engliſche Meilen vom Cap Wrath entfernt iſt. So werde ich denn bleiben, bis das Schiff kommt und mich mitnimmt. Von den Hebriden gehe ich nach den Orkney⸗Inſeln und dann kehre ich zu Euch zurück— o! Glaube mir, ich trage eine Wonne im Herzen, der ich keinen Namen zu geben weiß. Ich bin jetzt im Beſitz ſo vieler Mittel, daß ich fortan nicht mehr um unſre Zukunft beſorgt zu ſein brauche. Zehntauſend Pfund Sterling, ſiebzig⸗ tauſend Thaler nach unſerem Gelde, ſind mein, ſind unſer! In zwanzig fünfhundert Pfundnoten ruhen ſie wohl eingenäht in meiner Weſtentaſche, was ich geſtern mit Hülfe des guten Lawſon vollbrachte, der mich ſchalt, daß ich ſo viel Geld bisher in meiner Reiſetaſche um den Hals trug. Allerdings habe auch ich oft gedacht, ich hätte dies Geld Euch ſenden oder in Edinburg laſſen können, allein bei der Sendung konnte es verloren gehen, und die Abreiſe von Edin⸗ burg geſchah ſo ſchnell, daß ich eigentlich zu gar keiner Ueberlegung darüber kam. Nun, jetzt trage ich es ja ſicher bei mir und es kommt Euch noch immer zeitig genug zu. Jetzt will ich ruhen von meinen Arbeiten — das heißt, mit Gemächlichkeit und Behagen arbei⸗ ten, und Euch Genüſſe gewähren, die Euch leider bis⸗ her verſagt blieben. Vor allen Dingen aber ſollen unſre Kinder Nutzen davon ziehen. Arnold ſoll nach vollbrachten Studien reiſen und Gottes wunderreiche Welt ſehen, und Martha und die anderen Mädchen haben nun eine kleine Ausſteuer, die ſie einem braven ſtrebenden Manne noch wünſchenswerther macht. Ob ſie mich nun daheim zum ordentlichen Profeſſor pro⸗ moviren oder mich als etwas Außerordentliches mein ganzes Leben herumlaufen laſſen, iſt mir jetzt einerlei, mein Ehrgeiz erſtreckt ſich nur auf Euer Wohl, mein häusliches Glück und mein kleines erbärmliches Men⸗ ſchenwiſſen. „Zwei Tage ſpäter. Es iſt Alles beim Alten und ich befinde mich ganz wohl, aber meine Abreiſe wird etwas früher ſtattfinden, als ich vermuthet, ſchon morgen vielleicht, da das bewußte Kohlenſchiff zeitiger gekommen iſt, was mir heute unten am Strande ein Lootſe geſagt hat. Nun, wie Gott wlll, ich bin jetzt mit Allem zufrieden.— Ich wohne hier ſehr beſchei⸗ den, aber ich bedarf ja für mich auch nicht mehr. Lawſon hat zwei Zimmer in ſeinem Thurme, in denen Fremde wohnen können, eins für vornehme und eins für geringere Leute, welches letztere außer einem Bett nur noch einen Tiſch und zwei Stühle aufweiſ't. Mit dieſem habe ich— o wie herzensgern— vorlieb neh⸗ men müſſen, denn in das beſſere Gemach war wenige „½ — 974— Stunden vor mir ein vornehmer Mann, aus London, glaube ich, ein Lord, eingekehrt, der ſich ebenfalls einige Tage hier aufhalten will. Sein Name, obgleich ich ihn ſchon gehört, iſt mir dieſen Augenblick nicht gegen⸗ wärtig. Es iſt ein unruhiger und, wie es ſcheint, mit ſich und der Welt unzufriedener Mann, der nur mit dem Leuchtthurmwärter ſpricht, mit dem er genau be⸗ kannt zu ſein ſcheint. Sie führen lange Unterredungen und es muß wichtig ſein, was ſie verhandeln, denn Beide zeigen hinterher ſtets eine ernſte und beinahe ſorgenvolle Miene. Herr Lawſon behandelt den Frem⸗ den mit großer Achtung, aber auch der Lord iſt gegen ihn viel ſanftmüthiger, als gegen ſeinen Diener, den er nur ſchilt. „So ſchlafe ich denn in meinem kleinen winklichen Kämmerchen vortrefflich, und die Speiſen, die man mir vorſetzt, ſind ſchmackhaft, obwohl nur ſehr einfach. Ich ſtehe mit Tagesanbruch auf und mein erſter Gang iſt auf den Thurm, unter die Laterne, von der ich nur ein Stockwerk entfernt wohne. Da werfe ich denn meine Blicke über das unendliche Meer, erſt zu Gott hinauf, dann zu Euch hinüber, danke Ihm und ge⸗ denke liebevoll Euer und ſegne Euch. O, mein theu⸗ res Weib, obgleich ſo allein und abgeſchieden von aller Welt, bin ich doch glücklich im Gedanken an Euch, denn Der Leuchtiyurm auf Cap Wrath. II. 7 —————— 98 wenn ich zu Euch zurückkehre, ſitzt die Sorge nicht mehr hinter mir im Sattel, ſondern Freude, Wonne, Genuß quillt uns von allen Seiten entgegen. Doch ich muß für jetzt ſchließen. Heute Mittag geht dieſer Brief durch einen Boten ab, den Herr Lawſon nach einem Flecken ſendet, wo die nächſte Poſtſtation iſt. Lebet wohl, meine Geliebten! Ich küſſe Dich tauſend⸗ mal, treues Weib, und eben ſo alle Kinder. In wenigen Wochen ſehen wir uns wieder— Gott ſegne Euch bis dahin! Lebet wohl— lebet wohl! „Zwei Stunden ſpäter. Ich muß obigen Zei⸗ len noch ein paar Worte beifügen, um Euch zu ſagen, daß ich morgen noch nicht von hier fort kann, wie mir Herr Lawſon ſo eben gerathen hat. Es iſt ſtürmiſches Wetter eingetreten, das Meer tobt und brüllt gegen die Felſen und iſt ringsum mit Wogenbergen und ſchneeigem Schaum bedeckt. Bei gegenwärtigem Winde, der ſcharf aus Weſten bläst, geht das Kohlenſchiff nicht ab und ich muß ausharren, ſo lange es Gott gefällt. Ich thue es gern, denn ich kann mich nur ſchwer von dem Anblick des Meeres an dieſer Stelle losreißen. Ich war ſo eben auf dem Thurm mit dem Lord und dem Wärter und durchforſchte mit dem klei⸗ nen Fernglas in Perlmutterſchaale, welches Du mir letzten Weihnachten geſchenkt, den Horizont. Auch der Lord beehrte mich, hindurchzuſchauen und lobte das Glas. Ich trenne mich nie von ihm und trage es ſtets in der Hand oder in der Bruſttaſche dallich es jeden Augenblick gebrauchen kann. „Der brave Lawſon ſteht auf der Lauer nach ſcheiternden Schiffen, um ihnen zu helfen, wenn ſie ſeiner Hülfe bedürfen ſollten. Wenn bis heute Mittag keins zu ſehen iſt, will er mich zu der berühmten Smow⸗Höhle führen, worin viel Merkwürdiges und Schönes zu finden ſein ſoll. Ich werde Euch ſpäter über dieſen Ausflug Bericht erſtatten, Lawſon ſpricht mit Entzücken davon. Der Lord, als er davonghörte, wollte uns begleiten, aber Lawſon rieth ihm davon ab, weil er meinte, daß die Parthie zu anſtrengend für Seine Herrlichkeit ſei. „So— nun bin ich am Ende mit Schreiben und ſo eben iſt auch der Briefbote gekommen. Noch einmal — lebet wohl— Gott ſegne Euch— bald haben wir uns wieder!“— Hier ſchloß der Brief. Der Admiral legte den⸗ ſelben zuſammengefaltet vor ſich auf den Tiſch und lehnte ſich dann, tief gerührt und doch dabei ernſt ſinnend in ſeinen Stuhl zurück.„Er hat ſie nicht wiedergeſehen,“ ſagte er wehmüthig zu ſich ſelber. „Der arme Mann, o, und die noch viel ärmeren Kin⸗ 100 der! Die Ausſteuer iſt ihnen verloren gegangen, alle geträumten Genüſſe ebenfalls und eine noch größere Sorge als früher bei ihnen eingekehrt. Hm! Aber wo iſt der Mann geblieben? Ohne Zweifel geſcheitert mit dem Schiff, das ihn nach den Hebriden bringen ſollte, da er nie daſelbſt angekommen iſt, wie man in Erfahrung gebracht. Freilich, ſehr denkbar! Aber ich werde das zu erforſchen ſuchen, ſo genau wie mög⸗ lich. Lawſon muß ſich ſeiner erinnern, Layſon iſt zuverläſſig— ich bin ſehr geſpannt darauf.— Und das Geld? Alſo auch verloren? O, die armen, armen Kinder, welchen innigen Antheil nehme ich an ihnen! Zehntauſend Pfund in eine Weſtentaſche ein⸗ genäht— welche Sorgloſigkeit— das ſieht einem ſo einfachen Mann, dem Profeſſor ähnlich. Hm!“ Der Admiral ſtand vom Stuhle auf, ging einige Male nachdenklich im Zimmer auf und ab, trat dann an den Tiſch, nahm den Brief, verließ damit die Bibliothek und begab ſich bedächtig und langſam, offenbar tief nachſinnend, nach dem öſtlichen Thurm⸗ zimmer, wohin wir ihn ſchon öfters faſt geheimnißvoll gehen ſahen.. Fünftes Rapikel. Die geſchwiſterlichen Pläne. Als er aber nach einer Stunde, kurz bevor ſeine jungen Gäſte von ihrem Spazierritte zurückkehrten, wieder in der Bibliothek ſichtbar wurde, war er noch ernſter und nachdenklicher als vorher. Auf ſeiner ſonſt ſo heiteren Stirn ſchwebte eine düſtere Wolke, wie man ſie nur ſelten und bei höchſt wichtigen Ver⸗ anlaſſungen darauf wahrnahm. Er hielt den Brief noch in der Hand, ſchlug ihn wiederum auf und las einige Stellen bedächtig prüfend noch einmal durch. Dann ſetzte er ſich wieder in Bewegung und mit ge⸗ ſenktem Haupte ſchritt er unruhig hin und her, als ein leiſes Geräuſch an der Thür ihn unterbrach und die ſchöne Geſtalt Georgy's, die Schleppe des Reit⸗ kleides über dem linken Arm tragend, ſtrahlend von 8 102 Anmuth, Freude und Jugendfriſche auf ihn zutrat und, als ſie ihn ſo ernſt und trübe ſah, vor Verwunderung ſtillſtehend, ausrief:„Wie, Onkel, Du biſt allein und ſo nachdenklich?“ „Ja, mein Kind, wie Du ſiehſt, bin ich allein und auch nachdenklich. Ich habe Grund dazu, nachdem ich ſo eben dieſen Brief geleſen.“ „Ah— ja— das iſt ein unglücklicher Brief, Onkel, ich kenne ihn und er hat mich oft ſchwermüthig gemacht.“ Plötzlich hielt ſie inne und erhob das Auge zu dem Bilde über dem Schreibtiſch, deſſen koſtbarer Rahmen an einer Stelle unter den verſcho⸗ benen Falten des ſeidenen Vorhangs ſichtbar war. „Was iſt das für ein Bild, lieber Onkel, und warum verhüllſt Du es ſo ſorgſam?“ fragte ſie. Der Admiral erhob das Auge blitzſchnell zu dem fragenden Antlitz ſeiner Nichte und mochte dabei ſelbſt die Röthe fühlen, die ſeine männlichen Züge erglühen machte, denn einigermaßen verlegen und doch wohl⸗ thätig von der Frage berührt, antwortete er nach einigem Beſinnen:„Dies Bild iſt mir ſehr werth, mein Kind, und ſo neidlos ich ſonſt bin, gönne ich nur Wenigen das Glück, es anzuſchauen.“ „Auch mir nicht?“ lantete die ſchelmiſch herzliche dn 103 „O ja,“ ſagte der Admiral ſanft,„da— ſieh es Dir an und freue Dich mit mir.“ Bei dieſen Worten zog er den Vorhang ganz davon zurück, wandte aber das Auge nicht von Georgy ab, um den Eindruck zu beobachten, den der Anblick des Bildes auf ſie hervorbringen würde. Georgy betrachtete das ſchöne traurige Geſicht der ſchottiſchen Dame mit warmem Antheil und ahnungsvollem Schweigen. Es gefiel ihr ſichtbar, man ſah es an dem Funkeln ihres ſchönen Auges und am Lächeln ihres Mundes.„Wer iſt dieſe Dame?“ fragte ſie endlich. „Eine Perſon,“ erwiderte der Admiral mit leiſer, vor innerer Bewegung ſtockender Stimme,„die mir im Leben nicht ſo nahe ſtand, wie nach ihrem Tode — die mir unendlich werth war und der ich ein Gelübde ausgeſprochen habe, welches ich nie vergeſſen werde.“ „O dann verzeih' meine Neugierde— es muß ein Geheimniß für mich und jeden Anderen ſein—“ „O nein, Georgy, ganz gewiß nicht. Du kennſt alſo dieſe Dame nicht, erinnerſt Dich ihrer wenigſtens nicht, und doch ſtand ſie Dir und Lionel näher als irgend einem Anderen auf der Welt. Mit einem Wort: es iſt Eure Mutter, Lady Georgiana Lowdale.“ — Ueber Georgy's blühendes Geſicht fuhr ein blitz⸗ artiges Leuchten der Freude, und dennoch erſchrak ſie und ihre Wangen erbleichten ſichtlich. Sie lehnte ſich an den Arm des Admirals, erhob den Kopf zärtlich zu ihm und ſagte beinahe flüſternd:„Meine Mutter! O, mein theurer Onkel, welches Glück und doch wel⸗ cher Schmerz für mich, daß ich endlich einmal ihr liebes Antlitz ſehe! Aber wie kommſt Du zu ihrem Bilde?“ „Ach,“ ſagte der Admiral ſchmerzlich bewegt,„das iſt eine traurige Geſchichte, die traurigſte faſt aus meinem ganzen Leben. Wie lieb und theuer mir Deine Mutter war, ehe ſie die Gattin Deines Vaters wurde, wußte außer mir Niemand auf der Welt, und ſie am wenigſten. Allein ſie erkannte meine Werthſchätzung erſt in viel ſpäterer Zeit, nachdem ſie ſchon manche harte Prüfung erfahren, und zum Beweiſe ihrer Ach⸗ tung ſandte ſie mir kurz vor ihrem Ende ihr Bild, mit der Bitte, es für Euch zu bewahren und ihrer noch in ſpäteren Jahren freundlich zu gedenken, meine Freundſchaft ihr aber dadurch zu beweiſen, daß ich bei Euch, ihren vielgeliebten Kindern, die Stelle eines Vaters verträte, wenn die Trübſale der Welt Euch meinen Schutz und meine Liebe für wünſchenswerth ſollten erachten laſſen. Mit dieſem Wunſche ſchied ſie 10⁵ von mir und ich nahm das Bild mit dem feſten Vorſatz an, ihren Wunſch und ihre Bitte treu und männlich zu erfüllen.“ „Mein Oheim!“ rief Georgy und breitete beide Arme aus, den theuren Mann damit zu umfangen. Auch er umſchloß ſie mit den Armen, drückte ſie feſt an ſich und küßte dann väterlich ihre Stirn. „Sei mein, ſei unſer Vater!“ ſchluchzte Georgy, heiße Thränen vergießend.„Ach! Du weißt es ja, was ich meine— die Trübſale, die unſere Mutter vorausgeſehen, ſind nicht ausgeblieben und laſſen es wünſchenswerth erſcheinen, daß Du eines Vaters Stelle bei uns vertrittſt.“ „Gern, willig, von ganzem Herzen, mein Kind!“ ſagte ſtolz und freudig Sir Colin und warf dem ſchönen traurigen Antlitz der Verklärten einen Blick innigſter Befriedigung zu.„Ja, ich will es ſein, ich bin es ſchon, was Euch nur ein Vater ſein kann!“ „Und ich danke Dir, o ich danke Dir, für mich und Linny— wir wiſſen ja Beide, was wir an Dir haben!“ „Ich denke auch zu wiſſen, was ich an Euch habe. Ja. Und wir wollen uns alle Drei hoffentlich nicht in einander täuſchen. Euer Vater— nun, verzeih' mir, daß ich darüber rede— mag ein ganz guter 106 Mann für ſich und ſeine Freunde ſein— ſeine Kinder und ſeinen Bruder aber, glaube ich, kennt er nicht.“ „Nein, nein,“ ſagte Georgy, wehmüthig den Kopf ſchüttelnd und ihn gegen des Oheims Bruſt drückend —„er kennt Dich und uns nicht, und— ich fürchte, er will uns auch nicht kennen. Ach!“ „Laß uns genug darüber geredet haben, meine Tochter, wir verſtehen uns ja doch, auch ohne Worte. Ich bin Euer guter alter Oheim und Ihr ſeid meine Kinder. Nicht wahr, Ihr wollt es doch ſein?“ „O, wie gern, mein theurer, theurer Onkel!“ Es erfolgte eine Pauſe, die für Beider Gefühle eine Erholung und zugleich auch ein Austauſch tief verborgener, geheimnißvoller Empfindungen war. Der Admiral mochte am wenigſten wiſſen, wie er das be⸗ gonnene Geſpräch fortſetzen ſollte, aber der erfinderiſche Geiſt oder das inſtinctartige weibliche Gemüth Georgy's kam ihm zu Hülfe. „Ach,“ ſagte ſie, indem ſie ſich wieder inniger an ihn ſchmiegte,„wie wohl thut es einem Herzen, ſich an das warme Herz eines theuren Menſchen lehnen zu können und Kraft und Muth für fernere Leiden daraus zu ſchöpfen. Unſere armen Freunde, von deren Vater dieſer Brief da das letzte Lebenszeichen und 107 der ſichtbare Beweis einer ohnmächtigen Liebe iſt, haben dieſes Glück im Leben nicht kennen gelernt. Verwaist, ohne jede Stütze, jeden Beiſtand, ſind ſie in das Leben getreten, haben ſeine dornenvollen Pfade durchwandelt und nur in ſich ſelbſt die Stütze gefunden, die uns die Natur und die gütige Vor⸗ ſehung in Dir gegeben hat.— Wie gefallen Dir dieſe, unſere Freunde?“ Der Admiral lächelte wieder, da er das Geſpräch in dieſe Bahn zurückgeführt ſah, ſetzte ſich auf ſeinen Seſſel, nachdem Georgy auf einem daneben ſtehenden latz genommen und ſagte:„Der junge Arzt iſt ein vollkommener Gentleman, Georgy, edel, wacker, treu und wahr. Ich kann ihm meine ganze Achtung nicht verſagen, ſelbſt wenn nicht der Umſtand, daß er Dei⸗ nem Brnder ſich ſo hülfreich erwieſen, für ihn in mei⸗ nem Herzen ſpräche.“ Georgy ſchwieg hartnäckig und ſenkte den lockigen Kopf vor ſich nieder, als ſuche ſie vor ſich am Bo⸗ den ein Geheimniß auf, das, wenn es vorhanden war, doch gewiß nur an einem anderen Orte ſchlum⸗ mern konnte. „Ja,“ fuhr der Admiral fort, der dieſe Bewe⸗ gung nicht zu bemerken ſchien,„ich habe ihn gleich, faſt auf den erſten Blick lieb gewonnen, es liegt Etwas 108 in ihm, in ſeiner Miene, ſeinem Auge, was zu dem Herzen ſpricht, und ſchon darum muß ſeine Einwirkung als Arzt eine überaus heilſame ſein. Auch iſt er mir ein ſichtbarer Beweis, wie weit es ein Menſch in der Welt bringen, ich meine, was er als Menſch werden kann, auch ohne außer ſich Mittel und Stützen zu finden, die ſo vielen Anderen oft nutzlos zu Gebote ſtehen. Nun— Du ſchweigſt ja— meinſt Du nicht, daß ich Recht habe?“ „O ja, gewiß— aber ich dachte nur eben än Martha, ſeine Schweſter. Was hältſt Du von der?“ Der Admiral erhob ſeinen Kopf, ſchaute prüfend in Georgy's leuchtendes Auge und ſagte:„Ach, mein Kind, das iſt eine Perle, die ungeſehen auf dem Grunde des Menſchenmeeres liegt. Nur der glückliche Fiſcher vermag ſie an das Tageslicht zu ziehen und ihren Werth zu ergründen. Martha Tiefenfen hat eine Seele, wie mir nur ſelten eine ſo rein, tief und edel vorgekommen iſt. Das liegt ihr im Auge, in jeder Bewegung, in jedem Worte. Jedes einfache Wort aus ihrem Munde ſcheint mir ein heiliger Geſang zu ſein, der zum Herzen ſpricht, den Geiſt erhebt und das Gemüth beruhigt. 41 „O, Onkel,“ fuhr Georgy lebhaft auf,„nicht wahr, ſo iſt ſie! Ja, Du haſt ſie auf den erſten 109 Blick erkannt. So wie ich ſie anfangs beurtheilte, hat ſie ſich erwieſen bis auf dieſen Augenblick. Nicht wahr, ſie iſt ſo recht geſchaffen, um einen Menſchen glücklich zu machen?“ Der Admiral ſtutzte, mehr über den unbeſchreiblich zärtlichen Blick im Auge der Sprecherin, als über ihre Worte.„Einen Menſchen?“ ſagte er ruhig.„Du meinſt doch zunächſt damit ihren Bruder? O ja, der iſt gewiß durch ihre Liebe beglückt!“ „Gewiß, mein theurer Onkel! Aber ein Mädchen, das auf die Weiſe, wie Martha es thut, ihren Bru⸗ der liebt und beglückt, iſt gewiß auch geſchaffen, der⸗ maleinſt einen anderen Mann glücklich zu machen!“ Der Admiral ließ einen tiefen Blick auf das er⸗ röthende Geſicht der Nichte fallen, die von einem heiligen Feuer der Freundſchaft durchdrungen ſchien. „Gewiß.“ ſagte er vorſichtig,„aber es mag nur wenige Männer auf dieſer Erde Zeben, die ein Weib mit ſolcher Seele lieben könnte.“ „Es braucht auch nur einer zu ſein, mein Oheim!“ „Ah, Du thuſt ja, als hätteſt Du einen ſolchen in Bereitſchaft?“ 8 „Und wenn ich nun einen hätte?“ rief Georgy aufſtehend und ſich zärtlich an den Oheim lehnend. —— 110 „O ſieh,“ fuhr ſie lebhaft fort, auf das Bild ihrer Mutter deutend,„ſieh dahin, Onkel, ſie hat Dich ge⸗ beten, Vaterſtelle bei uns zu vertreten— es iſt Ge⸗ legenheit dazu vorhanden— vertritt ſie!“ „Aber mein Gott!“ rief der Admiral mit vor Er⸗ regung ſchwankender Stimme und unruhig aufſtehend —„was ſoll ich denn thun?“ „Für den Einen ſorgen, deſſen Glück in Deine Hand gelegt iſt.“. „In meine? Wen meinſt Du damit?“ „Meinen Bruder!“ ſagte Georgy feſt und klar. „Ah!“ erwiderte der Admiral matt, vor dem jetzt ein zartes Geheimniß ſich enthüllte.„Hegt Linny etwa eine beſtimmte Reigung zu dieſem bleichen Mädchen?“ „Es könnte wohl ſein,“ erwiderte Georgy mit einer eines Diplomaten würdigen Miene,„er ſpricht zwar nie davon, ſelbſt zu mir nicht, aber ich weiß, was ihm Noth thut— eben eine Seele, wie er ſelbſt eine hat. O, Dir, Dir allein will ich es bekennen, ich habe ſchon lange, ganz im Stillen, dieſen Plan in mir zurechtge⸗ legt, und er kann gelingen, wenn Du mit auf meine Seite trittſt—“ „Halt' ein, Georgy, Du vergißeſt, wer Du biſt und wer Lionel iſt— der Erbe—“ —— Menſchen—“ „Ich vergeſſe den Erben und denke nur an den „Gut, aber Deinen Vater darfſt Du nicht ver⸗ geſſen!“ „Mein Vater!“ ſagte Georgy, in Thränen aus⸗ brechend.„O Gott, theurer Onkel— warum peinigt mich dieſer Gedanke, der doch ſonſt ein ſo natürlicher iſt, ſo ſchmerzlich? O, vertritt Du doch die Stelle des Vaters— denke an unſre Mutter— ſieh, da iſt ſie und ſieht Dich mit ihren kummervollen Blicken er⸗ munternd an!“ Den Admiral erfaßte eine tiefe, vielleicht nie em⸗ pfundene Rührung. Er legte ſeine Hände auf ihren Kopf und drückte ihn ſanft.„Geduld, Kind,“ ſagte er gütig, aber beſtimmt,„ſei nicht zu eilig! Es gilt, viel mehr zu erforſchen, zu überlegen, als—“ „Ich habe Alles erforſcht, überlegt—“ „Aber ich nicht.“ „So beeile Dich damit.“ „Kind,“ ſagte der Admiral in wirklicher, Ver⸗ legenheit, da er überall auf den hartnäckigſten Wider⸗ ſpruch, den eines weiblichen Herzens, ſtieß,„Du haſt mich mit dieſem Plane überraſcht, ich geſtehe es—“ „Wenn er Dir nur zuſagt, dann wird die Ueber⸗ raſchung bei einigem Nachdenken weichen.“ 1 112 „Das wollen wir hoffen, Georgy— halt, es kommt Jemand— wer iſt es?“ Die Thür ging halb auf und Lionel's freundliches Geſicht ſchaute durch den Spalt.„Störe ich?“ fragte er, einen halb verwunderten Blick auf ſeine glühende Schweſter und den ſichtlich erregten Admiral werfend. „Nein, nein,“ ſagte Georgy,„tritt nur ein, Du ſtörſt uns nicht, ich bin fertig. Guten Morgen, mein theurer Onkel, guten Morgen, Linny, ich will mich zum Eſſen ankleiden, es wird nicht mehr viel Zeit dazu ſein.“ Sie ging haſtig fort und ließ den Admiral nicht ohne Verlegenheit zurück, die aber ſofort wich, als Lionel den Blick auf das enthüllte Bild richtete und wie ſeine Schweſter fragte, wen es vorſtelle. Der Admiral erklärte es auf ähnliche Weiſe wie vorher und es erfolgte daſſelbe Erſtaunen, dieſelbe Freude, nur daß Lionel als Mann eine ruhigere Em⸗ pfindung zeigte als ſeine lebhafter fühlende Schweſter. „Ich danke Dir, mein Oheim, für dieſe unerwartete Ueberraſchung,“ ſagte er.„Alſo ſo ſah meine Mutter aus! O, ſie muß eine ſchöne Frau geweſen ſein!“ „Wie Deine Schweſter es jetzt iſt, nur war ſie nicht ſo heiter, ſo ſorglos, ſo unbekümmert.“ „Nein, das ſieht man. Weißt Du, es erinnert * 113 mich etwas in ihrem Geſicht an Martha Tiefenſee, mein Oheim.“ „So,“ ſagte dieſer langſam.„O ja, es iſt der Zug unbeſtimmter Traurigkeit um ihren Mund und vielleicht auch im Blick, obwohl Martha Tiefenſee bei Weitem nicht ſo ſchön iſt—“ „Es iſt wenigſtens eine andere Schönheit, mehr die des Ausdrucks als der Züge. Ach, auf bloße Schönheit gebe ich ſehr wenig, wenn damit nicht andre Eigenſchaften gepaart ſind.“ „Was für welche— etwa die, welche Martha Tiefenſee hat?“ fragte der Admiral lauernd. Lionel ließ ſich auf den Seſſel nieder, auf dem vorher ſeine Schweſter geſeſſen und ſagte:„Ich bin diesmal nicht wegen Martha Tiefenſee zu Dir gekom⸗ men, mein Onkel, vielmehr wegen ihres Bruders.“ „Ah!“ entſchlüpfte es dem Admiral und er machte eine Miene dabei, als errathe er, was nun folgen würde. 3 „Haſt Du den Brief dort geleſen, Onkel?“ „Ja, mein Sohn, ich habe ihn geleſen und ich will Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um die Wünſche des braven jungen Mannes zu er⸗ füllen.“ „Du wirſt auch mir damit einen großen Gefallen Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 8 114— erweiſen, thu' es ja und recht bald. Er verdient Deine ganze Fürſorge.“ „Ich thue es ſchon Euretwegen, die Ihr Euch ſo ſehr für dies Geſchwiſterpaar intereſſirt.“ „O nein, nicht unſretwegen, ſie verdienen es ihrer ſelbſt wegen. Arnold Tiefenſee iſt ein Mann, wie es nur wenige auf der Welt giebt.“ Der Admiral lächelte heimlich.„Er iſt ganz ge⸗ ſchaffen dazu, ein Weib glücklich zu machen, nicht wahr?“ fragte er, indem er ſich alle Mühe gab, ernſt zu bleiben. Lionel ſah ihn verwundert an.„Wie kommſt Du darauf in dieſem Augenblick?“ fragte er, während ſeine Wangen zu glühen begannen. „Nun, es kommt mir gerade in den Sinn.“ „Dann iſt Dir etwas mit meinen Gefühlen ſehr Uebereinſtimmendes in den Sinn gekommen. Ich wünſchte Arnold wohl einmal recht glücklich und für die vielen Entbehrungen, die er getragen, entſchädigt zu ſehen.“ „Das muß man Gott überlaſſen.“ „Ja, aber die Menſchen, die es vermögen, müſſen ihrerſeits auch dazu beitragen.“ Der Admiral lächelte jetzt ohne Purücthaltung. 1 „Ja, ja,“ ſagte er,„das wollen wir auch thun. Haſt Du etwa mit ihm einen Plan?“— 4 aaanzukleiden. 115 „Einen Plan? Wie fragſt Du ſo ſonderbar?“ „Nun, ich meinte nur. Ich bin aber überzeugt, daß Doctor Tiefenſee in ſeinem Vaterlande gewiß einſt ſein Auskommen und ſein Glück finden wird.“ „Das Vaterland iſt uns in dieſem Punkte nicht immer hold, ihm war es das bisher gewiß nicht. Des Menſchen Vaterland erſtreckt ſich überhaupt nicht über die kleine Scholle Erde, auf der er zufällig geboren ward— er iſt vielmehr ein Weltbürger— das iſt auch Deine Meinung, ich weiß es.“ „So, weißt Du das? Nun ja, Du magſt Recht haben— aber ſtill— da läutet die Mittagsglocke— wir ſind Beide noch nicht angekleidet— machen wir uns fertig—“ „Ach, Onkel, ich hatte Dir noch ſo viel zu ſagen—“ „Ich ſtehe Dir ein andermal gern zu Dienſten— heute aber, jetzt— wollen wir ſpeiſen.“ „So gieb mir Deine Hand und verſprich mir, im Fall der Noth Vaterſtelle bei uns zu vertreten— bei Georgy wenigſtens— willſt Du?“. „Von ganzem Herzen, mein Sohn!“ ſagte der Admiral mit feinem Lächeln und reichte dem Neffen die Hand, der bald darauf ging, um d ſtch zum Diner Lange ſtand der Admiral vor dem Bilde der zu 4 8* — 116 früh Geſchiedenen und ſchaute fragend in ihr traurig ſchönes Auge empor. Dann trat er an ein Fenſter und warf einen Blick auf die weite blaue See hinaus, die friedlich wie ſelten gegen die felſigen Geſtade bran⸗ dete. Eine geraume Zeit ſtand er ſo faſt unbewußt vor ſich hinſtarrend und ſprach nur mit ſeinem Schöpfer, wie er ſo oft in allen Theilen der Erde, auf allen Meeren mit ihm geſprochen. Seine Seele war ruhig, ſein Herz friedlich, und es ſchlug warm und voll für das Wohl aller Menſchen, wie viel mehr nicht für das Wohl Derer, die ihm ſo nahe ſtanden wie eigene Kinder. „Das muß ich ſagen,“ rang es ſich endlich von ſeinem Herzen los,„da habe ich einen ſchönen Plan ver⸗ nommen und einen nicht minder ſchönen leicht errathen können. Zu hoch verſteigen ſich Beide nicht, das muß wahr ſein, und doch ſind ſie die Kinder eines ſtolzen, hochmüthigen Briten! O Albion, ſei nicht zu verwegen, zu hochfahrend, zu rückſichtslos gegen andere Völker, ſei nicht tollkühn und vertraue nicht allzu ſehr auf Deine Macht und Herrlichkeit. Auch Du kannſt ſchwache Stunden haben und es ſind ſchon mächtigere Voͤlker zu Grunde gegangen. Nicht ſelten ſind ſcheinbar Schwache und Unbedeutende die herrlichſten Sieger geworden. Doch—“ und er kehrte wieder von dem weiteren Fluge 8 ** *₰ in den Umkreis ſeiner Familie zurück—„warum ſollte 117 3 dieſer Plan in dieſem Falle nicht ausführbar ſein? Auch Söhne ſtolzerer Eltern haben ein fuhlendes Herz gehabt und ich— ich bin der Letzte der Menſchen, der einen Stein auf ſie wirft, weil ſie mehr an ihre Ge⸗ fühle als an ihren ſogenannten irdiſchen Vortheil dach⸗ ten. Auch ich habe an letzteren nie gedacht und doch, und doch— giebt es eine wunde Stelle in meinem Herzen.— Alſo ich gebe meinen Beifall— faattert, ihr Tauben— weht luſtig, ihr Winde— doch, wird das nützen? Ich bin nur ein armer zweitgeborener Sohn, und mein Bruder, der ſtolze Brite, iſt Pair von England und Lord! O, es wird ſchwer halten, auch ſeinen Beifall zu erringen. Aber ich will es ver⸗ ſuchen, wenn ich finde, daß der Plan ein guter und erſprießlicher iſt. Haha! Hier ſorgt einmal die Schweſter für den Bruder. Und Georgy? Nun, die ſorgt ſchon allein für ſich. Die iſt ſelbſtſtändig wie Linny, ſie geht im Nothfall nach Gretna⸗Green und ſagt Albion Lebe⸗ wohl, um in Deutſchland nach ihrem Herzen zu leben. Und das ſoll ein Weib auch— ihrem Herzen le⸗ ben, wenn es lauter und fromm iſt. Das iſt ihr Be⸗ ruf. Ah, ich ſehe da eine hübſche Arbeit vor mir auf⸗ geſtapelt— ich habe nur ſchwaches Geſchütz gegen einen ſtarken Feind. Immer zu— ich habe ſchon öfter geſagt, es muß biegen oder brechen— es gilt— hinauf mit der Flagge— zeigt dem Feind Euer ehrlich Ge⸗ ſicht— Feuer!— Was giebt's Joe?“ Joe Duncan war eilig in's Zimmer getreten und fragte, ob Sir Colin nicht zum Diner kommen wolle, die anderen Herrſchaften wären ſchon alle verſammelt. „Ja, Joe, ich komme— gieb mir den Rock her— ſo, nun bin ich aufgetakelt— vorwärts!“ Joe Duncan ſtand ganz verwundert und ſtaunte ſeinen Herrn an, der ein auffallend rothes Geſicht hatte und ſeltſame Worte laut vor ſich hinſprach. Als er aber die Bibliothek verließ, ſchloß er ſich ihm an und folgte ihm in den Speiſeſaal, wo in der That ſchon Arnold Tiefenſee und ſeine Schweſter ihren Wirth mit ahnungsloſer Ruhe und Freundlichkeit, Linny und Georgy mit Herzklopfen erwarteten, um auf ſeinem Geſicht die Gedanken zu leſen, die ihn nach ihrem Beſuche heimgeſucht hatten. Fünftes Rapitel. Der unglückliche Diplomat. Seit dem obigen Geſpräche mit ſeiner Nichte und ſeinem Neffen widmete der Admiral dem deutſchen Ge⸗ ſchwiſterpaare eine noch viel größere Aufmerkſamkeit als zuvor und nur wenige Stunden des Tages ver⸗ gingen, wo er ſie nicht im Auge behielt und ihrem ſtillen Leben und Treiben mit dem lebhafteſten Intereſſe zuſchaute. Auch war er ganz der Mann dazu und be⸗ ſaß das wohlwollende Gemüth und den theilnehmenden Geiſt, um die harmloſe Herzlichkeit mitzuempfinden, die Arnold und Martha mit einander verknüpfte, und es verurſachte ihm daher ein großes Vergnügen, wenn er ſeine Gäſte heiter und die ſie umgebende Natur mit Entzücken genießen ſah. Vielfach konnte man ihn daher in den beiden nächſten Tagen mit Arnold und 120 Martha verkehren ſehen; bald ging er auf gemein⸗ ſchaftlichen Spaziergängen mit dem Einen, bald mit der Andren und ſtets fand man ihn in ein lebhaftes Geſpräch über verſchiedene Dinge des Lebens verfloch⸗ ten, was ihm ſelbſt den größten Genuß zu gewähren ſchien. Denn nicht allein ſprach er ſich darüber in dieſem Sinne gegen ſeine Verwandten aus, ſondern man merkte ihm auch die innere Befriedigung an, die er von Stunde zu Stunde mehr empfand, er wurde noch vertrauensvoller, als er von Anfang an geweſen, und die Art und Weiſe, wie er namentlich der ſanf⸗ ten Martha begegnete, verrieth nur zu ſehr, daß er ſie ſchon in ſo kurzer Zeit herzlich liebgewonnen habe. Der junge Arzt und ſeine Schweſter dagegen hatten nicht die geringſte Ahnung, wie aufmerkſam ſie von dem edlen Bruder Lord Londale's beobachtet wur⸗ nen, wenngleich die ihnen dargebotene Gaſtlichkeit ihr ganzes Weſen erwärmte und ihre bisherige Sorge mehr und mehr ſchwinden ließ. Harmlos wie immer genoſſen ſie mit dankbarer Hingebung die gegenwär⸗ tigen frohen Stunden, und hätte nicht der ſo nahe Leuchtthurm, auf den oft unwillkürlich ihr Auge ſiel, das alte innerliche Bangen und Herzweh in ihnen wieder wach gerufen, man hätte ſie gewiß bald voll⸗ kommen heiter und fröhlich geſehen, denn ſie fühlten 121 ſich in Glory⸗Craig⸗Hall und im ungeſtörten Umgange mit denen ihnen ſo theuren Menſchen daſelbſt glück⸗ licher denn je. Nicht weniger heiter und völlig ſorgenlos, ja noch viel mehr als ſonſt, bewegten ſich Lionel und Georgy zwiſchen dem Oheim und ihren Freunden hin und her. Nachdem Beide, was freilich Keines vom Ande⸗ ren wußte, den Stein von ihrer Bruſt gewälzt und dem braven Onkel ihr Vertrauen geſchenkt, glaubten ſie die hemmenden Schranken ihres gegenwärtigen Glücks überſtiegen zu haben; nur von dem Verlangen getrieben, ihren Freunden Genuß und Freude zu be⸗ reiten, genoſſen ſie ſelbſt den Lohn für ihre ſchönen Beſtrebungen, indem ſie ſich, ſo fern von dem geräuſch⸗ vollen Treiben der Welt, vollkommen befriedigt und heimiſch im hohen Norden fühlten. Der Admiral hatte den Tag bereits feſtgeſetzt, an welchem der erſte Ausflug nach Cap Wrath unter⸗ nommen werden ſollte, und in Anbetracht, daß man vielleicht länger bleiben könnte, die Zeit gewählt, wo der Vollmond ſein ſtrahlendes Licht über Wald und Fels, Land und Meer ausgoß, um dadurch die Reiſe ſelbſt angenehmer zu machen, mochte ſie nun zu Lande oder zu Waſſer ausgeführt werden. Für den Fall, daß letzteres geſchehen ſollte, lag der kleine Kutter in 122 5 der Durneß⸗Bai vollſtändig gerüſtet vor Anker und ſchaukelte ſich anmuthig auf den ſpielenden Wellen, die, nur von leiſen Winden bewegt, in den ſchönſten Tagen des Jahres alle Stürme vergeſſen zu haben ſchienen, † von denen ſie ſonſt ſo oft heimgeſucht wurden. Das nächtliche Licht in der Smow-Höhle hatte weder Martha, noch irgend ein Anderer ſeit jener erſten Nacht wiedergeſehen. Der Admiral hatte Vorkehrungen getroffen, daß ſtets ein wachſames Auge darauf ge⸗ richtet war, aber die Vertiefung im Felſen blieb dunkel wie immer und Sir Colin neckte Martha wiederholt, daß ihr gutes Auge ſie doch getäuſcht habe, was dieſe mit ſtillem Lächeln hinnahm, obgleich ſie innerlich nur zu ſehr von der Richtigkeit ihrer Beobachtung über⸗. zeungt blieb. 1 Nur eines Zwiſchenfalls in dem jetzt ſo ſorgloſen Leben der jüngeren Bewohner von Glory⸗Craig⸗Hall müſſen wir hier noch Erwähnung thun, der ſowohl Lionel wie ſeine Schweſter in einige Bewegung ver⸗ ſetzte und ihnen zu einer geheimen Berathung über den Admiral Veranlaſſung gab. An dem Tage näm⸗ lich, bevor die Reiſe nach dem Leuchtthurm angetreten werden ſollte, ſuchte Lionel gegen Abend den Oheim auf, um mit ihm über irgend Etwas Rückſprache zu nehmen. Er hatte ihn ſo eben noch mit Arnold Tiefenſee. 123 im Geſpräche durch den Park wandeln ſehen und als Letzterer zu den Damen auf die Terraſſe trat, ging er in die Bibliothek, da er den Geſuchten daſelbſt am ſicherſten zu treffen glaubte. Allein der Admiral war weder in der Bibliothek, noch in irgend einem anderen Zimmer des Schloſſes zu finden, ſo eifrig ihn Lionel auch ſuchte. Dieſer kehrte daher in den Park zurück und fragte Arnold, ob er nicht wiſſe, wohin Sir Colin gegangen ſei. Arnold wußte nur, daß er in's Schloß gegangen und bezeichnete Lionel die Thür, durch welche er eingetre⸗ ten war. Lionel begann ſein Suchen von Neuem, fand aber auch diesmal den Oheim nicht und auf ſeine Fragen, die er an verſchiedene Diener richtete, wußte ihm Nie⸗ mand Auskunft zu geben. Endlich trat ihm auf der vorderen Terraſſe in der Nähe des öſtlichen Thurmes Joe Duncan entgegen und da dieſer in der Regel zu wiſſen pflegte, wo ſein Herr ſich aufhielt, ſo fragte ihn Lionel, wo Sir Colin zu finden ſei. Joe, immer freundlich und zuvorkommend, lächelte diesmal auf eine ſeltſam verlegene Weiſe und erwiderte mit einer Befangenheit, die Lionel auffiel, daß er es nicht wiſſe. Lionel wollte eben zu den Uebrigen zurückkehren, 124 als er, in der hinteren Thür vor dem Thurme ſtehend, den Oheim langſam und bedächtig die Treppe deſſelben herabſteigen und, als er ſeiner anſichtig ward, wieder umkehren und im oberen Stockwerk verſchwinden ſah. Jetzt vermuthete Lionel eine abſichtliche Verheim⸗ lichung der Abweſenheit und des Aufenthalts Sir Colin's und er begab ſich auf die nördliche Terraſſe, wo er ſeine Schweſter und Arnold beſchäftigt fand, die Felstreppe hinabzuſteigen und von irgend einem Punkte Ausſchau auf das Meer zu halten, während Martha von der Brüſtung her ihnen zuſah, von Zeit zu Zeit in ein Buch blickend, das ſie wie gewöhnlich bei ſich trug. Lionel wechſelte einige Worte mit ihr und rief dann Georgy zu ſich heran.„Georgy,“ ſagte er, mit ihr abſeits gehend,„weißt Du vielleicht, was unſer Oheim im öſtlichen Thurm zu thun hat, der meines Wiſſens unbewohnt iſt? Ich habe ihn lange vergeblich geſucht, Niemand wollte wiſſen, wo er war, und als ich ihn endlich jene Treppe herunter kommen ſah und er mich gewahrte, machte er ein überraſchtes Geſicht, wandte ſich um und kehrte in den Thurm zurück.“ „Das iſt freilich ſeltſam, Linny, und Du machſt mich ein wenig neugierig. Ich habe daſſelbe auch ſchon einige Male bemerkt, aber ich mag nicht fragen, warum er ſo häufig, namentlich Morgens und Abends zu beſtimmten Stunden, jenen Thurm beſucht.“ „Soll ich ihn gerade heraus fragen?“ „Nein, thu' es lieber nicht. Wenn Sir Colin uns etwas zu verbergen hat, ſo haben wir nicht das Recht, uns in ſein Vertrauen zu drängen. Ueberhaupt ſcheint mir dieſe Angelegenheit nicht gerade wichtig zu ſein.“ Beide hätten ſicher noch weiter darüber geſprochen, wäre nicht gerade in dieſem Augenblick eine völlig unerwartete Störung dazwiſchengekommen. Joe Duncan kam nämlich eiligen Schrittes heran, fragte, wo Sir Colin ſei, und meldete auf Lionel's Frage, was es gebe, daß ſo eben zwei Hochländer mit einem Frem⸗ den in den Park geritten wären, welcher Letztere wahrſcheinlich zum Beſuche auf Glory-Craig-Hall eintreffe. Ein Beſuch auf Craig⸗Hall aber war ein zu ſel⸗ tenes Ereigniß, als daß nicht alle Anweſenden dem⸗ ſelben hätten mit Spannung entgegen ſehen ſollen. Sie begaben ſich daher auf die ſüdliche Terraſſe und und da war denn die Ueberraſchung, als ſie den Fremden allmälig erkannten, in der That ſo groß, daß ſie kaum ihren Augen trauen zu dürfen glaubten. Denn kein Anderer war der Nahende, als Mr. John 126 Poltroon, der, von zwei Hochländern begleitet, den Berg heraufzog und dem Admiral ſeine angenehme Gegenwart zu ſchenken geneigt ſchien. Die vier jungen Leute ſtanden dicht beiſammen, ohne ſich zu regen, als Mr. Poltroon, ſchon von Weitem ehrerbietig grüßend, was gar nicht in ſeiner Art lag, vom Pferde ſtieg. Lionel ging ihm nun allein einige Schritte entgegen, ohne weder eine Be⸗ grüßung noch eine Frage auszuſprechen, da er der Meinung war, nur der jeden Augenblick erwartete Ad⸗ miral könne einen ſo unverhofften Beſuch auf die ge⸗ eignete Weiſe empfangen. John Poltroon, trotz aller ſeiner perſönlichen Dreiſtigkeit gewiß nicht von Verlegenheit frei, als er gerade diejenigen, die er ſuchte, auf einem Punkte vereinigt fand, wollte eben den Mund aufthun, als der Admiral zur rechten Zeit erſchien und ſeinen Gäſten die Bewillkommnung des läſtigen Fremden abnahm. Um dabei nicht im Wege zu ſein, zogen ſich die vier jungen Leute alsbald zurück, nachdem Lionel dem Ad⸗ miral einen Blick zugeworfen hatte, den derſelbe glück⸗ licher Weiſe verſtand. Im Ganzen machte die unerwartete Erſcheinung Mr. Poltroon's auf Lionel und ſeine Gefährten nicht den trüben Eindruck, wie man nach dem Vorangegangenen Grund ſeines Beſuchs darzulegen begann. wohl hätte denken können. Der Umgang mit dem Admiral hatte ſie erſtarkt und die bitteren Ereigniſſe auf Lowdale⸗Caſtle in den Hintergrund ihrer Erinne⸗ rung gedrängt. Während Lionel und Georgy daher das Erſcheinen des aufdringlichen Gaſtes mit lächeln⸗ der Verwunderung betrachteten, nahmen es die deut⸗ ſchen Geſchwiſter nur mit ergebenem Schweigen und abwartender Gelaſſenheit auf. Erſt als ſie auf die andere Seite des Schloſſes zurückgekehrt waren, machte ſich Lionel durch die an Georgy gerichteten Worte Luft:„Nun, was will denn der Herr auf Glory⸗Craig⸗Hall?“ „Das laß ihn mit Sir Colin abmachen,“ erwiderte Georgygleichgültig.„Für mich wenigſtens iſt er nicht da.“ „Aber er wird uns die Fahrt nach Cap Wrath verderben, Georgy?“ „Das ſollte mir leid thun. Indeſſen kann er doch unmöglich lange hier bleiben.“. „So warten wir es ab, und nun kommt!“ rief Lionel wieder heiter.„Wir werden ſehr bald erfahren, was dieſer ſeltſame Beſuch zu bedeuten hat.“ Unterdeſſen hatte ſich Mr. Poltroon dem Admiral vorgeſtellt und war von Letzterem in die Bibliothek geführt worden, wo er ſogleich Platz nahm und den 4⸗ Lowdale, dem das ruhige imponirende Weſen Sir Colin's gar nicht beſonders gefiel,„ich bitte um Ent⸗ ſchuldigung, daß ich als eine Ihnen vollkommen fremde Perſon Ihre Gaſtfreundſchaft auf kurze Zeit in An⸗ ſpruch nehmen muß. Allein ich bin nicht aus eigenem Antriebe zu Ihnen gekommen, vielmehr nur dem be⸗ ſonderen Wunſche Sr. Herrlichkeit, des Viscount von Lowdale gefolgt, der mir außer den Grüßen an Sie ſelbſt auch einige Aufträge an ſeine Kinder mitgege⸗ ben hat.“ Der Admiral, der dem langſam und vorſichtig Sprechenden mit ſtolzer Haltung gegenüber ſaß und ruhig die Entwicklung ſeiner einſtudirten Anrede ab⸗ wartete, verbeugte ſich höflich, aber überaus kalt und agte: „Ich bedaure, daß Sie einen ſo unbequemen Ritt in eine ſo entlegene Gegend angetreten haben, zumal wenn Sie nicht aus eigenem Antriebe denſelben unternahmen. Aber darf ich Sie fragen, warum Vis⸗ count Lowdale nicht ſelber kam, wenn er mit ſeinen Kindern ſo Wichtiges zu verhandeln hatte?“ John Poltroon räusperte ſich verlegen und ver⸗ mochte kaum mit aller ſeiner zu Hülfe gerufenen Freche heit den Blick des edlen Mannes auszuhalten, der während dieſer Worte mit dolchartiger Schärfe auf ſeinen Mienen haftete.„Herr Admiral,“ erwiderte er ausweichend,„ich bin von Sr. Herrlichkeit nicht unter⸗ wieſen, auf dergleichen Fragen eine Antwort zu geben. Ich denke mir nur, daß er, wenn er nicht ſelbſt kam, wohl ſeine Gründe dafür hatte, ſo gut wie ich die meinigen, daß ich ſeinen Wunſch erfüllte und dieſen in der That ſehr beſchwerlichen Ritt unternahm.“ Mr. Poltroon gähnte bei dieſen Worten und legte auch durch ſeine ganze Haltung und die nach⸗ läſſige Weiſe, mit der er ſprach, ſeine Ermüdung an den Tag. Der Admiral, der ſchon aus den Erzäh⸗ lungen Lionel's und Georgy's wußte, was für einen Mann er in ſeinem neuen Gaſte vor ſich hatte, brach daher die Unterredung kurz dadurch ab, daß er ſagte:. „Mr. John Poltroon, ich ſehe, Sie ſind von Ihrer Reiſe erſchöpft. Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen ein Zimmer anweiſen laſſen, damit Sie ſich umkleiden und ein wenig ruhen können. Um neun Uhr nehmen wir den Thee ein. Wenn Sie es nicht vorziehen, bei Ihrer Ermüdung auf Ihrem Zimmer Ihr Abendbrod zu verzehren, ſo werde ich Sie um die angegebene Zeit benachrichtigen und in den Speiſe⸗ ſaal geleiten laſſen.“ Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 130- Mr. Poltroon verneigte ſich dankend, bat an dem allgemeinen Abendeſſen Theil nehmen zu dürfen und folgte dem Diener, den der Admiral durch Joe hatte herbeirufen laſſen. Sir Colin, nicht gerade erheitert durch dieſes Geſpräch, begab ſich zu den jungen Leuten und theilte ihnen ſeine kurze Unterredung mit dem Abgeſandten des Viscounts mit. Zugleich benachrichtigte er ſie, daß derſelbe es vorgezogen habe, mit ihnen gemein⸗ ſchaftlich zu ſpeiſen, und daß ſie ſich alſo darauf ge⸗ faßt machen müßten, mit ihm bei Tiſche zuſammen⸗ zutreffen. „Das wird ein intereſſantes Mahl werden,“ ſagte Lionel lachend zu ſeiner Schweſter.„Der arme Onkel! Er wird die Koſten der Unterhaltung allein zu tragen haben, denn wir werden uns Alle ſehr wenig um dieſen Mr. Poltroon bekümmern.“ „Das verdenke ich Euch auch nicht,“ erwiderte der Admiral in wiederhergeſtellter guter Laune,„und ich will mich gern ein paar Stunden zum Opfer für das allgemeine Wohl hergeben. Ueberdieß iſt unſer Abgeſandter kein allzu feiner Mann und er wird ſich, wie mir ſcheint, nach ſeinem Ritt mehr mit der ma⸗ teriellen Stärkung ſeines Leibes als mit der Sättigung 1 Nun aber kommt, Kinder,— ſeines Geiſtes beſchäftigen. 131 laßt uns noch einen Spazierritt machen, damit es hier ſtill werde und der neue Gaſt ungeſtört ruhen kann. — Ich bin neugierig auf den Inhalt ſeiner Depeſchen, ſo gut wie Du, Linny, he?“ Die letzten Worte waren an Lionel allein gerich⸗ tet, da ſich Arnold mit den Damen bereits fortbegeben hatte, um ſich zu dem Ritte zu rüſten. „Faſt denke ich mir, was er bringt,“ ſagte Lionel, düſter vor ſich hinſchauend,„aber von mir hat dieſer Geſandte kein cavaliermäßiges Entgegenkommen zu er⸗ warten.“ „Höre ihn ruhig an und dann antworte, nicht allein wie Dir Dein Herz, ſondern auch Deine männ⸗ liche Ehre gebietet. Mit Leuten von der Gattung, zu der dieſer Cröſusſohn gehört, kann man nicht ent⸗ ſchieden genug ſprechen.“ „Er ſoll mit meiner Entſchiedenheit zufrieden ſein, verlaß Dich darauf. Ah, da kommen die Pferde ſchon, und nun munter, Onkelchen, munter, noch ſind wir bei Dir, und morgen, ſpäteſtens übermorgen, ſegeln wir nach dem Leuchtthurm.“ Der Admiral ſeufzte ganz leiſe, Lionel jedoch hörte es nicht, ſondern ergriff ſein Pferd am Zügel, ſetzte ſich auf und trabte mit ihm luſtig auf dem Raſen herum, bis die Anderen kamen, wo er wieder 9* — abſtieg und Miß Martha ihren kleinen Pony be⸗ ſteigen half. Als man ſich zum Thee Puntt neun uhr zuſam⸗ menfand, trat mit ſelbſtzufriedenem Geſicht und in feinſter Geſellſchaftskleidung Mr. John Poltroon ein, und nachdem er der Verſammlung eine ſeiner halb un⸗ geſchickten, halb nachläſſigen Verbeugungen zum Beſten gegeben, ging er auf den Admiral zu, der ihm einen Platz an ſeiner Seite anbot. Im Ganzen verlief das Abendmahl, wie man es erwartet hatte. Der Admiral opferte ſich redlich, in⸗ dem er dem fremden Gaſt die wenigen Fragen, zu denen ihn das Kauen und Schlucken kommen ließ, ruhig beantwortete; Lionel unterhielt ſich mit Martha, Arnold mit Georgy ganz in gewöhnlicher Art, und Mr. Poltroon gab ſich dabei das Anſehen, als ob die vier jüngeren Leute gar nicht für ihn vorhanden wären, die ihrerſeits froh waren, als der Admiral Georgy das Zeichen gab, ſich zu erheben, und dann zu Mr. Poltroon ſich wendend, ſagte: „Sie ſind vielleicht gewohnt, Sir, nach ihren Mahlzeiten noch eine Stunde bei der Flaſche ſitzen zu bleiben. Ich bedaure, daß ich Ihnen dabei keine Geſellſchaft leiſten kann. Ich bin ein nüchterner Mann — und folge überall meinen einfachen Gewohnheiten. Geniren Sie ſich alſo nicht, bleiben und trinken Sie, ſo lange es Ihnen beliebt.“ Da Mr. Poltroon, etwas verwundert über dieſe ſehr verſtändliche Anrede, auch die vier jungen Leute mit dem Admiral zugleich aufſtehen ſah, erhob er ſich ebenfalls. Als ihm aber nun Lionel aus der Ferne eine ceremonielle Verbeugung machte, ging er auf den⸗ ſelben zu und ſagte:„Mr. Lowdale, ich bitte Sie, mir morgen früh eine Stunde zu ſchenken, damit ich Ihnen die Aufträge Ihres Herrn Vaters ausrichten kann.“ „Sehr gern, Sir, aber ich bitte, bald nach ſieben Uhr zu mir zu kommen, da wir auf acht Uhr unſre Reiſe nach dem Cap Wrath feſtgeſetzt haben.“ Mr. Poltroon riß ſeine waſſerblauen Augen vor Verwunderung, faſt vor Schrecken weit auf. Das war eine frühe Stunde und er pflegte bis zehn Uhr, na⸗ mentlich nach einem ſolchen Ritte, zu ſchlafen.„O, Sir,“ entgegnete er,„dann bitte ich Ihre Reiſe um einige Stunden aufzuſchieben. Es wird mir unmöglich ſein, mich in ſo kurzer Zeit aller der Aufträge zu ent⸗ ledigen, die ich empfangen habe.“ „Haben Sie denn noch andere als an mich zu beſtellen?“ fragte Lionel, ſcheinbar über die Maaßen verwundert.— 134 Mr. Poltroon ließ einen eben nicht ſehr geiſt⸗ reichen Blick über die Damen ſchweifen, die ſcheinbar gleichgültig zuhörend neben den Herren ſtanden, jedoch das ſeltſame Geſpräch gleichwohl mit Antheil verfolgten. „Ja,“ ſagte er zögernd,„ich habe noch mehrere Auf⸗ träge auszurichten,“ wobei er auch einen zweiten Blick auf den deutſchen Arzt warf, als wolle er ihm andeuten, daß auch er ſich auf eine Unterhaltung unter vier Augen gefaßt zu machen habe. Darauf ließ er Allen eine kurze Verbeugung zu Theil werden und entfernte ſich. Arnold und die Damen folgten ihm zuerſt. Als dieſe das Zimmer verlaſſen hatten, ſahen ſich die allein Zurückgebliebenen, der Admiral und ſein Neffe, fragend an.„Das alſo iſt der Freund Deines Vaters, Lionel?“ ſagte Sir Colin. „Ja, Onkel, der Fohn des reichen Mr. John Poltroon aus London.“ „Gut! Und vor dieſem gewöhnlichen Menſchen habt Ihr und die Tiefenſees weichen müſſen?“ „So iſt es, mein Onkel.“ „Nun ja, ja, ja!“ rief der Admiral lebhaft und ſeinem Neffen die Hand hinreichend,„Nimm es ihm nicht übel, Linny, er iſt Dein Vater, aber der Menſch kann nicht gegen ſeine Natur handeln— und— und „ — aber was mag dieſer Menſch von Dir wollen?“ F 7 * 13⁵ „Das werden wir morgen erfahren ich habe Geduld. Und nun gute Nacht!“ „Gute Nacht, mein Junge— nur unverzagt! Auch ich verſtehe es, ein Vater zu ſein!“ „Ich weiß es—o ich weiß es und danke Dir!“ Sie ſchüttelten ſich herzlich die Hand und verließen nach verſchiedenen Seiten den Speiſeſaal. Georgy und Martha plauderten gemüthlich auf ihrem Zimmer wie alle Abende, bis Arnold kam, um ſeiner Schweſter den gewöhnlichen Gute⸗Nacht⸗Gruß zu bringen. Georgy erhob ſich ſogleich, küßte Martha, reichte Arnold die Hand und ging fort, da ſie noch Lionel bei ſich erwartete, wie ſie ſagte. „Nun, Martha,“ fragte der Bruder, als Beide allein waren,„was geht jetzt wieder hier vor?“ Martha erhob das ſanfte Geſicht zu ihm empor, ſah ihn mit ihren dunklen ſprechenden Augen bei Weitem nicht mehr ſo kummervoll an wie früher und ſagte die wenigen Worte:„Laß kommen, was will, mein Freund; ich bin jetzt in der Stimmung, Alles mit Gleichmuth und Ruhe zu ertragen. Nur das Eine empfinde ich ſchmerzlich, daß unſre Reiſe nach dem Thurm dort wahr⸗ ſcheinlich wieder vertagt iſt.“ „Die Tage folgen raſch auf einander, Martha, 136 und wienmir ſ ſcheint, haben wir keine Eile, das zu er⸗ fahren, was uns nun nicht mehr entgehen kann.“ Martha drückte ihrem Bruder die Hand, die noch in der ihren ruhte und erwiderte ſanft:„Du haſt Recht. Aber der Anblick dieſes Mannes hat mir doch wieder das Herz etwas zuſammengeſchnürt, das eben noch ſo frei und zwanglos geſchlagen hatte.“. „Nun,“ entgegnete Arnold mit energiſch aufflam⸗ mendem Blick,„mir nicht, Martha. Mag er bringen was er will! Von mir, wenn er auch an mich einen Auftrag hat, wie es ſcheint, darf er nicht mehr die Rückſicht erwarten, die ich ihm im Hauſe unſers da⸗ maligen Wirthes ſchuldig war. Ich bin hier der Gaſt Sir Colin's und mit dem Viscount habe ich nichts hr zu ſchaffen.“ Martha hob ihren Blic verwundert zu dem Ge⸗ ſicht des Bruders auf, das mit einer ungewöhnlich lebhaften Farbe bedeckt war.„Aber ſprich ruhig mit ihm,“ ſagte ſie ſchmeichelnd,„wenn er überhaupt mit Dir zu ſprechen hat.“ „Wie ein Mann es muß, Martha, ruhig und verſtändlich. Verlaß Dich darauf. Und nun, gute Nacht!“ 4 Lionel Lowdale war am andern Morgen ſchon vor 137 ſechs Uhr munter, hatte bald darauf einen Spazier⸗ gang im Park gemacht und ging nun, eine Cigarre rauchend, in ſeinem Zimmer auf und ab, als ihm Mr. Poltroon gemeldet wurde. Dieſer erſchien noch ver⸗ ſchlafen und mürriſch, daß er vollſtändig nüchtern ſich einer Arbeit unterziehen mußte, die ſeinen Gewohn⸗ heiten ſo ſehr widerſprach und zu der er ſich am liebſten mit einer ganz beſonderen Stärkung verſehen hätte. Lionel legte ſogleich die Cigarre bei Seite, blieb am Kamin ſtehen und erwartete mit vollkommener Gemüths⸗ ruhe die Eröffnungen des Abgeſandten ſeines Vaters, der ſich an ihm ſeine erſten diplomatiſchen Sporen verdienen ſollte. Mr. Poltroon trat mit ſeinem ſchläfrigen, plumpen Schritt in das Zimmer, blickte ſich gemächlich eine Weile darin um, als wolle er die Ausſtattung deſſelben taxiren, und näherte ſich dann dem Sohne ſeines Freun⸗ des, der ihn mit lächelnder Miene betrachtete, obwohl er nicht die geringſte Bewegung machte, dem Beſuche entgegenzugehen, der ihm zum erſten Male ſo nahe trat. „Guten Morgen, Mr. Lowdale,“ begann der Ab⸗ geſandte ohne weitere Förmlichkeit,„Sie ſehen, ich bin pünktlich, obgleich es mir verteufelt ſauer geworden iſt, ſo früh aufzuſtehen. Aber in einem ſo ſeltſamen Lande, wie dieſes Schottland iſt, muß man Neuerungen [———— annehmen, die man in London für Excentrieitäten ver⸗ ſchreien und ſehr bald beſeitigen würde.“ „Zur Sache, Sir!“ entgegnete Lionel Lowdale ruhig und mit ernſtem Blick.„Halten Sie ſich nicht bei der Meinung Londons über die Sitten von Per⸗ ſonen und Ländern auf, ſondern geben Sie mir ein⸗ fach die Meinung Viscount Lowdale’s zu erkennen, wo⸗ zu Sie dieſe Unterredung allein gefordert haben.“ „Sehr wohl, Sir, Sie ſcheinen in Geſchäften die Kürze zu lieben, und ich, beim Teufel, bin ganz Ihrer Meinung darin und verſtehe auch das überflüſſige Wortſpiel nicht. Alſo zur Sache!— Doch Sie er⸗ lauben wohl, daß ich mich ſetze— ich bin in der That noch wie gerädert nach dem verdammten Ritt durch die Berge.“ „Machen Sie es ſich dequem, Sir, da— mir geſtatten Sie aber wohl zu ſtehen, da ich mich hin⸗ reichend ausgeruht habe und überdieß hoffe, daß Ihre Aufträge ſich mit wenigen Worten ſagen laſſen werden.“ Der ernſte und kalte Ton in dieſen Worten fiel Mr. Poltroon nicht angenehm in's Ohr. Dennoch ſetzte er ſich, machte es ſich überaus bequem, ſchlug die Beine über einander und ſagte mit der Miene eines Protectors:„Ihr Herr Vater bedauert zunächſt, daß gewiſſe Mißverſtändniſſe zwiſchen ihm und Ihnen 139 ausgebrochen ſind, und hegt den aufrichtigen Wunſch, dieſelben möglichſt bald beſeitigt zu ſehen.“ Mr. Poltroon ſchwieg, voller Neugierde, die Wirkung dieſer ſeiner erſten diplomatiſchen Rede wahr⸗ zunehmen. Jedenfalls erwartete er eine entſprechende und ihn ermunternde Antwort. Lionel aber behielt nur ſeine aufmerkſam lauſchende Stellung bei und ſagte kalt:„Sprechen Sie weiter, Sie haben mir wahrſcheinlich noch mehr zu ſagen.“ „O ja,“ fuhr Mr. Poltroon, durch dieſe Ruhe mehr verſtimmt als eingeſchüchtert fort;—„und um Ihnen ſeine väterliche Geſinnung genauer und ſicht⸗ licher darlegen zu können, bittet er Sie, mit Ihren Gäſten wieder nach Meanach⸗Lodge zu ihm zurück⸗ zukehren.“ Lionel lächelte bitter.„Mein Herr,“ ſagte er, „iſt das Ihr ganzer Auftrag?“ „Die erſte Hälfte, Sir, wenn es beliebt.“ „So laſſen Sie auch gleich die zweite Hälfte hören — wenn es beliebt.“ Mr. Poltroon gerieth etwas außer Faſſung. Dieſe Gelaſſenheit wurde ihm unbehaglich.„Sie ent⸗ ſchuldigen,“ erwiderte er,„ich erwarte erſt Ihre Ant⸗ wort auf meinen— auf den Vorſchlag Sr. Herrlich⸗ keit, meine ich.“ 140 „So, Sie warten darauf? Nun, dann erfahren Sie, daß dieſer Ihr erſter Vorſchlag, mag er aus⸗ gehen, von Wem er wlll, nicht meinen Beifall hat.“ „Wie? Warum denn nicht?“ „Weil ich in ſo wichtigen Familienverhandlungen, wie die vorliegenden ſind, keinen Unterhändler, keinen Zwiſchenträger annehme, mag er ein Londoner Millio⸗ nair oder irgend etwas Anderes ſein. Nur von Mund zu Mund und von Angeſicht zu Angeſicht mit meinem Vater werde ich die zwiſchen uns obſchwebenden Dif⸗ ferenzen verhandeln.“ „Aber, Mr. Lowdale, Sie ſetzen mich in eine nicht geringe Verlegenheit. Ich muß doch dem Herrn Vis⸗ count eine Antwort bringen?“ „Wollen Sie noch eine andere Antwort? Gut! Da haben Sie ſie: Rapportiren Sie, daß ich jetzt auf Glory⸗Craig⸗Hall zum Beſuch bei meinem Oheim, dem Admiral Sir Colin Cameron bin, daß ich mich daſelbſt ſehr glücklich fühle und für's Erſte das gaſt⸗ liche Dach deſſelben nicht zu verlaſſen gedenke. Ich werde nach Meanach⸗Lodge zurückkehren, wenn es mir beliebt, aber nicht eine Stunde früher.“ Mr. Poltroon ſchauderte unwillkürlich zuſammen. Die Ausführung eines diplomatiſchen Auftrages, wie er ihn übernommen, kam ihm mit einem Male viel 141 ſchwerer vor, als er vermuthet. Ehe er aber noch ein Wort finden konnte, das ſeinen Empfindungen ange⸗ meſſen war, kam ihm Lionel zuvor, indem er faſt hef⸗ tig ſagte:„Und nun, Sir, bitte ich um die zweite Hälfte Ihres Auftrages.“ Mr. Poltroon räusperte ſich, er war ganz heiſer geworden und hatte ſich gewiß bei dem verteufel⸗ ten Ritt erkältet.„Nun gut denn,“ ſagte er endlich, „Ihre Ablehnung meines erſten Vorſchlags nöthigt mich, einen Schritt weiter zu thun und Ihnen den Wunſch und Willen Sr. Herrlichkeit deutlicher auseinanderzu⸗ ſetzen.“ „Wie? Den Wunſch und Willen?“ unterbrach ihn Lionel Lowdale mit blitzendem Auge.„Will er mich wie einen Knaben behandeln— durch Sie?“ Mr. Poltroon zuckte die Achſeln und ſchlug ver⸗ legen die Augen nieder. „So ſprechen Sie weiter!“ fuhr Lionel wieder ruhiger fort. „Seine Herrlichkeit ſieht nur mit Schmerz Ihren vertrauten Verkehr mit— mit dieſen deutſchen—“ Lionel hob warnend die rechte Hand in die Höhe. „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte er mit bleicher Stirn und bebenden Lippen,„und verletzen Sie nicht Ge⸗ fühle in mir, die mit den Wünſchen meines Vaters —— 142 nicht das Geringſte zu thun haben. Jetzt fahren Sie fort.“ „Ich entledige mich nur meines Auftrages, Sir, mehr oder weniger kann ich nicht thun.— Mit einem Worte, Sir, Mylord ſieht mit Schmerz dieſen ver⸗ trauten Verkehr. Er hat eine angeborene Antipathie gegen alle Ausländer und ſo auch gegen dieſe Leute. Er verlangt— ja, er verlangt, daß Sie dieſelben in ihre Heimat zurückſenden, wenn Sie nicht mit ihnen nach Meanach⸗Lodge kommen und die Gaſtfreundſchaft Ihres Vaters in Anſpruch nehmen wollen.“ „Es iſt genug, Sir,“ ſagte Lionel entſchieden und verließ ſeinen Platz am Kamin.„Was können Sie für die Widerſprüche, in denen Viscount Lowdale ſeine Meinungen kund zu geben pflegt. Sie haben ſich nur Ihres Auftrags entledigt und ich verzeihe Ihnen. Jetzt verlaſſen Sie mich. Auf den erſten Theil Ihres Auf⸗ trags haben Sie eine Antwort— auf den letzten kann ich— Ihnen keine geben.“ „Wie, Sir, Sie weiſen die Bitte Ihres Herrn Vaters zurück?“ „Vollſtändig.“ John Poltroon ſeufzte, vor Anſtrengung wahr⸗ ſcheinlich, denn der Schweiß war ihm auf die Stirn getreten und er wußte nicht mehr, was er ſagen ſollte. „So bin ich alſo mit Ihnen zu Ende?“ fragte er, mit faſt kläglicher Stimme. „Gänzlich— und für immer, hoffe ich.“ Mr. Poltroon griff nach ſeinem Hute, den er auf einen Stuhl geſtellt, und ſchickte ſich zum Gehen an. Lionel Lowdale dagegen ſtand unbeweglich wie eine Säule vor ihm und warf nur einen Blick auf den un⸗ glücklichen Diplomaten, der dieſen wie ein Dolchſtich traf.„Dann habe ich die Ehre, mich Ihnen zu em⸗ pfehlen!“ ſagte er huſtend. Lionel lachte laut auf, als die Thür hinter dem Abgehenden zufiel, rieb ſich die Hände und ſagte: „Dachte ich es doch! Weiter nichts? Nun, damit wären wir ja bald fertig geworden. Haha! Und darum dieſen„verteufelten“ Ritt hierher? Darum Sir Colin und uns Alle in Unruhe verſetzen? O— da geht der Onkel— ich muß ihm doch gleich Mit⸗ theilung von dieſer Scene machen!“ Und er nahm ſeinen Hut, brannte ſich eine neue Cigarre an und trat auf die Terraſſe hinaus, wo der Admiral, ſeine Pflanzen betrachtend, langſam auf und nieder ſpazierte. Mr. Poltroon dagegen ſetzte ſeinen Weg auf der entgegengeſetzten Seite des Corridors fort, ohne eigent⸗ ———— 144 lich zu wiſſen, wohin er ging. Er trocknete ſich den Schweiß von der Stirn und war voll Hoffnung, die größte Schwierigkeit des Tages hinter ſich zu haben. Eben wollte er eine Treppe erſteigen, um wieder zu ſeinem Zimmer zu gelangen, als Doctor Tiefenſee ihm aus einer Thür entgegentrat und ſeinen Gedanken augenblicklich eine andere Richtung gab. „Mr. Tiefenſee,“ ſagte er, den für ſeine engliſche Zunge ſo ſchweren Namen nur mit Mühe herausbringend, „haben Sie eine Minute Zeit für mich übrig?“ Arnold blieb, die Thür in der Hand haltend, ſtehen und bejahte die Frage. „Wo kann ich ungeſtört mit Ihnen reden?“ „Treten Sie hier ein,“ ſagte Arnold ruhig und öffnete die Thür zu ſeinem Zimmer wieder, in welches Mr. Poltroon haſtig eintrat, äußerſt zufrieden, ſo bald den zweiten Mann getroffen zu haben, an den er eine Botſchaft auszurichten hatte. Als er aber in das Zim⸗ mer getreten war, ſah er ſich erſtaunt darin um, es war ein ſehr glänzendes Gemach mit wundervoller Ausſicht auf die See, und bei Weitem koſtbarer aus⸗ geſtattet, als das, worin er eben den Reffen des Ad⸗ mirals angetroffen. „Oho!“ dachte er,„macht man hier noch mehr 1 Umſtände mit einem Doctor als mit dem Sohne eines 145 Lords und mit mir? Nun, ich denke das nicht zu thun und um ſo leichter mit ihm fertig zu werden.“ „Darf ich bitten, Platz zu nehmen, Sir,“ ſagte Arnold Tiefenſee mit ungewöhnlichem Ernſte und deutete auf einen Stuhl, während er ſich ſelbſt auf einen anderen in einiger Entfernung niederließ. Und als Mr. Poltroon ſaß, fuhr er fort:„Jetzt ſtehe ich Ihnen zu Dienſten, was können Sie mir zu ſagen haben?“ Das ſtark betonte Wort können machte Mr. Poltroon wieder etwas ſtutzig. Er erhob das Auge und blickte den jungen Arzt forſchend an. Aber da traf es auf einen ſo ruhigen, tief dringenden und ernſten Blick, daß er inſtinctartig fühlte, auch hier werde ſeine Arbeit keine allzu leichte ſein. „Ich komme im Auſtrage Mylord Lowdale's zu Ihnen!“ begann Mr. Poltroon mit neugeſammeltem Muthe. „Das haben Sie ſchon angedeutet. Was haben Sie mir von ihm zu ſagen?“ „ Sr. Herrlichkeit thut es leid, daß Sim vor einiger Zeit nicht ſo gebührend auf Meanach⸗Lodge empfangen worden ſind, als— als es eigentlich in Mylords Abſicht gelegen hatte.“ Arnold Tiefenſee lächelte bitter und da der Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 10 —————— 146 Sprechende inne hielt, ſagte er nur:„Fahren Sie fort, ich höre.“ „Es würde ihm daher angenehm ſein, wenn Sie mit Ihrer Schweſter zu ihm zurückkehren wollten, er iſt von ſeiner Unpäßlichkeit, die ihn neulich befallen, wieder hergeſtellt und hofft jetzt mehr Genuß von Ihrer Geſellſchaft zu haben. Er ladet Sie daher zu übermorgen zur Tafel ein und ſchlägt dann vor, mit ihm nach Weſtmoreland oder London zu reiſen, wo Sie größere Bequemlichkeit als in Schottland und eine ausgewähltere Geſellſchaft finden werden. Meinerſeits muß ich hinzufügen, daß Seine Herrlichkeit dieſe für Sie ſo ehrenvolle Einladung mit einer Wärme ausge⸗ ſprochen hat, daß Sie ſich nur dadurch geſchmeichelt fühlen können.“. „Mein Herr,“ erwiderte Doctor Tiefenſee mit ſeiner ganzen edlen Ruhe,„ſowohl Sie wie der Vis⸗ count Lowdale irren ſich in mir, wenn Sie glauben, daß ich es für eine beſondere Ehre halte, von einem ſogenannten vornehmen und reichen Manne zur Tafel geladen und von ſeinen köſtlichen Weinen einige Minu⸗ ten berauſcht, oder von ſeinem heuchleriſchen Blicke be⸗ trachtet oder gar mit einem ſcheuen Händedrucke be⸗ gnadigt zu werden. Ach nein, daraus mache ich mir ſehr wenig und ich ziehe es bei Weitem vor, an einem 3 7 147 Orte und unter Menſchen zu weilen, deren Launen nicht ſo oft wechſeln und die nicht nach Belieben von Unpäßlichkeiten heimgeſucht werden, die mehr aus den Gebrechen ihrer Seele und ihres Charakters, als aus denen ihres Leibes entſpringen. Ueberdieß bin ich hier, nach meiner Anſicht der Dinge, bei einem viel vor⸗ nehmeren Manne, als ich bei Ihrem Gönner wäre, bei einem Manne, der im Dienſte ſeines Vaterlandes ſich Lorbeeren erworben hat, was Viscount Lowdale meines Wiſſens nie zu Stande gebracht.“ „Sir,“ rief Mr. Poltroon ganz verwirrt vor Er⸗ ſtaunen über die Dreiſtigkeit, mit ihm auf dieſe un⸗ erhörte Weiſe zu reden,„bedenken Sie, daß es der Vater Ihres Freundes iſt, von dem Sie ſo reden!“ „O, mein Herr, hat Ihr Lord bedacht, daß ich der Freund ſeines Sohnes war, als er mich in Ihrer Gegenwart ſo ſchnöde behandelte?“ „Sir, Sie vergeſſen den Namen, die Stellung, die Viscount Lowdale in der Welt einnimmt!“ „Ach ja,“ verſetzte Arnold Tiefenſee mit ironiſchem Lächeln, das nicht ohne Bitterkeit war,„Sie haben Recht, in der heutigen Welt werden allerdings mehr bedeutende Namen als bedeutende Menſchen in eine Stellung gebracht. Indeſſen, Sir, braucht man im Leben keine hohe Stellung einzunehmen, kein öffent⸗ 10* —— 148 liches, hervorragendes Amt zu bekleiden, um ein achtungs⸗ werthes und nützliches Mitglied der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft zu ſein. Freilich— das Urtheil des großen Haufens über dieſen Punkt kann hier nicht maaßgebend ſein, der bückt und beugt ſich tief und immer tiefer vor den blendenden Scheingrößen, die mit Ketten und Ehrenzeichen pfauenartig auf⸗ und abſtolziren. Bücken und beugen auch Sie ſich, ſo tief und vor Wem Sie wollen, mir aber überlaſſen Sie gefälligſt, mich vor Denen zu beugen, die ich meiner Verehrung für wür⸗ dig halte. Jetzt ſagen Sie ſelbſt, was ich auf den Namen und die Stellung eines— Viscount Lomdale geben kann.“ Mr. Poltroon ſah den lebhaft, aber immer noch ruhig redenden deutſchen Arzt über alle Maaßen ver⸗ wundert an. Er hatte ihn kaum verſtanden und auf Entgegnungen, wie er ſie eben von ihm gehört, war er am allerwenigſten vorbereitet. Dennoch ſammelte er ſich wieder, nahm eine beleidigte Miene an und ſagte hochtrabend: „Sie ſetzen mich in ein Erſtaunen, wofür ich keine Worte finde. Doch— bleiben wir bei meinem Auf⸗ trage: Sie ſchlagen alſo die Anerbietungen der Freund⸗ ſchaft und des Wohlwollens eines ſo angeſehenen Mannes leichtfertig in den Wind?“ 149. „Leichtfertig? Ganz gewiß nicht, dieſe Eigenſchaft liegt am wenigſten in meiner Natur. Aber ich weiſe ſie einfach zurück, weil ſie mir auf keine Weiſe zu⸗ ſagen. Und das wird mir hoffentlich erlaubt ſein, der ich alle Verbindungen mit Lord Lowdale aufgege⸗ ben habe. Auch bin ich auf einige Wochen vom Herrn Admiral auf Craig⸗Hall eingeladen, ich habe die Ein⸗ ladung dankbar angenommen und ſehe keinen Grund ein, warum ich mich plötzlich nach einem Orte zurück⸗ wenden ſollte, wo ich noch kurz vorher Jedermann im Wege war. Ueberdieß,“ fügte er lächelnd bei,„haben Sie mir neulich ſelbſt die weiſe Lehre gegeben, daß man ſich auf die Freundſchaft Vornehmer nicht ſtützen muß, die nur dünnes Eis iſt, durch welches ein unge⸗ ſchickter Fuß leicht bricht.“ „Ah,“ fuhr Mr. Poltroon hitzig auf,„und Sie erinnern mich auch an die Antwort, die Sie mir gaben — doch, davon ein andermal— hier handelt es ſich um viel wichtigere Dinge.“ „Ich habe noch nichts Wichtiges von Ihnen ge⸗ hört— was Sie vorbrachten, betrachten Sie als ab⸗ gemacht— ich habe meine Meinung ausgeſprochen und werde ſie niemals ändern.“ Dieſe mit großer Beſtimmtheit ausgeſprochenen Worte ſchienen einen tiefen Eindruck auf Mr. John Poltroon zu machen. Er ſaß ſtumm da und blickte ſinnend zu Boden. Plötzlich aber flog ein unverſchäm⸗ tes Lächeln über ſeine groben Züge, er räusperte ſich, warf ſich in die Bruſt und ſagte rauh:„Gut denn, die Freundſchaft ſchlagen Sie aus— vielleicht aber bin ich dennoch im Stande, Ihnen im Namen Sr. Herrlichkeit einen Vorſchlag zu machen, der Ihnen noch angenehmer als ſeine Freundſchaft ſein wird, da er Ihnen noch größere— Vortheile bietet.“ „Vortheile? Sie ſcherzen!“ erwiderte Arnold Tiefenſee lächelnd und mit ruhigſter Unbefangenheit. „Hat mir Lord Lowdale Vortheile zu bieten? Das iſt mir etwas ganz Neues. Doch reden Sie, ich bin ge⸗ ſpannt, von dieſen Vortheilen zu hören.“ „Sir,“ ſagte Mr. Poltroon mit gemeinem Tone, „mit Ihnen muß man deutlich ſprechen, da Sie eine gentlemaniſche Sprache nicht verſtehen. Mit einem Worte, Lord Lopdale ſieht die Verbindung ſeines Sohnes und Erben mit Ihnen— ſehr ungern. Er würde Alles thun, um das Netz zu zerreißen, welches Sie über den Kopf des unerfahrenen Lionel Lowdale geworfen haben.“ Bei dieſen unverſchämten Worten wurde Arnold Tiefenſee bleich, aber er behielt ſeine völlige Faſſung bei. Er ſtand langſam vom Stuhle auf, ſtellte ſich 151 hinter denſelben, ſeine Lehne mit krampfhaftem Griff umſpannend, und ſah den frechen Sprecher mit einem Blicke an, den dieſer in dem ſanften Auge des Deutſchen nicht vermuthet hatte.„Sprechen Sie weiter!“ ſagte er dann mit einer Stimme, die vor gewaltſam zurück⸗ gehaltener innerer Bewegung hohl klang. „Nun gut denn. Hören Sie. Was ich Ihnen jetzt en beweiſen, daß Lord Lowdale ſagen werde, wird Ihn ſondern auch den Grund nicht allein Ihre ganze Lage, Ihrer Freundſchaft mit ſeinem Sohne erkannt hat, und daß er der Mann dazu iſt, trotz dieſes egoiſtiſchen Grundes Ihrerſeits, Ihrer Lage eine beſſere Wendung zu geben, falls Sie auch hierin ſeinen Edelmuth mit Ihrer thörichten Hartnäckigkeit nicht von ſich ſtoßen wollen. Verletzen darf Sie mein Vorſchlag nicht, denn er entſpringt aus dem beſten Willen, Ihnen zu dienen. Arzt an einem deutſchen Hospitale und über kurz oder lang müſſen Sie in Ihr Vaterland und an den Ort Ihrer Wirk⸗ ſamkeit wieder zurückkehren. Um Ihnen nun dieſe Rückkehr zu erleichtern, ſobald Sie ſie Mylords Wunſche gemäß bald eintreten laſſen, bietet er Ihnen eine Summe, deren Größe Sie ſelbſt nach Ihrem Bedürfniß beſtimmen ſollen, und, he Ihnen— als Freund des Viscounts ſetzen. Viscount Ihren Begriffen junger Mann, ich rat — dieſe Summe nicht zu niedrig anzu Lowdale iſt ein wohlhabender, nach Sie ſind 42²2 ſogar ein reicher Mann— fordern Sie alſo dreiſt, und, mein Wort darauf, er wird alle Ihre Anſprüche befriedigen und Ihnen damit gewiß den Beweis ſeiner Freundſchaft geliefert haben.“ Arnold Tiefenſee ſenkte den Kopf auf die Bruſt, ließ die Stuhllehne fahren und ging wankenden Schrittes einige Male im Zimmer auf und ab. Mr. Poltroon hielt das Spiel für gewonnen; er athmete freudig tief auf und lächelte verſtohlen in ſich hinein. Allein er hatte ſich völlig geirrt, wenn er glaubte, auf dieſe Weiſe den Sieg über den edlen jungen Mann errungen zu haben. Arnold Tiefenſee kämpfte nur mit ſich ſelbſt, um die tödtliche Beleidigung, die ſo eben ſein Herz, ſeinen Stand, ſeine Ehre ge⸗ troffen, zu verwinden und in der nothwendig zu ge⸗ benden Antwort nicht in der Aufwallung gerechten Zornes Worte zu gebrauchen, die ihn nachher reuen könnten. Auch gelang es ihm, ſich männlich zu faſſen und mit Ruhe, ja ſogar mit Kaltblütigkeit folgende Worte zu erwidern. „Mein Herr! Sie haben mir ſo eben eine Be⸗ leidigung angethan, wie noch nie zuvor ein Menſch, und eigentlich ſollte ich, von gerechter Verachtung er⸗ füllt, Sie keines Wortes mehr würdigen. Allein ich bezwinge meine perſönlichen Empfindungen gegen Sie und ſage Ihnen mit Ruhe, daß ich mich kaum über Ihr Betragen gegen mich wundern kann. Sie ge⸗ hören einer Nation an, deren einzelne Mitglieder oft im Großen und Ganzen ungeſtraft thun, was Sie eben hier in einem ſpeciellen Falle zu unternehmen gewagt. Denn Ihr ganzes Verhalten gegen mich gleicht auf ein Haar dem ruhmredigen Verfahren Ihrer ſich ſo edel geberdenden und in der That nur zu oft ſo unwürdig handelnden Landsleute gegen die meini⸗ gen in ihren Meinungen und Ausſprüchen ihrer ge⸗ leſenſten öffentlichen Blätter. Darin bieten ſie den meinigen nur Freundſchaft und Bündniß an, wenn ſie Vortheil davon zu haben glauben, den Beweis ihrer vorgeſchützten brüderlichen Liebe aber bleiben ſie uns ſcculdig, auch wenn ſie dazu nur den kleinen Finger zu rühren brauchten. Wir wiſſen das wohl und ſehen es Jahr aus, Jahr ein bei wichtigen Veranlaſſungen ſich ewig wiederholen. Gehen wir nicht augenblicklich auf ihre Wünſche, die ſtets dem Egoismus entſpringen, ein, ſo überſchüttet man uns mit Schimpfreden und verſpottet uns, indem man unſere nationale Schwäche und Zerriſſenheit, die der Einzelne nicht verſchuldet, zur Zielſcheibe ſeiner ſchnöden Witze macht. Aber wie ich glaube und hoffe, daß mein Vaterland, mein Volk, der Hülfe des Ihrigen nicht bedürfen und den etwa nöthigen Beiſtand in ſich ſelbſt finden wird, ſo bedarf auch ich des Beiſtandes Ihres Gönners nicht und werde meine Laufbahn ohne ſein Zuthun wie ein Mann vollenden, der ſeine Pflicht kennt und zu er⸗ füllen verſteht. Wohlan denn, Sie halten mich für arm— ja, ich bin es, aber ich bin dennoch ſtolz dar⸗ auf, nicht auf dieſelbe Weiſe zum Reichthum gelangt zu ſein, wie Sie, und wenn mir die Eigenſchaften abgehen, welche das klingende Gold in ſeinem Ge⸗ folge zu haben pflegt, ſo beſitze ich dafür vielleicht die der menſchlichen Seele, die ſowohl Lord Lowdale wie Sie weder zu achten, noch zu beſitzen ſcheinen. Ge⸗ nug, Sie halten mich auch für beſtechlich— warum? Weil Sie glauben, daß ein Mann, der Geld über⸗ flüſſig hat, Alles zu ſprechen und zu thun ſich erlau⸗ ben darf, ſobald es ſeinen perſönlichen Vortheil betrifft. O, mein Herr, Sie kennen andere Länder und Men⸗ ſchen nicht, und ſo kennen Sie auch mich nicht— und darum verzeihe ich Ihnen. Gehen Sie nun zu Ihrem erhabenen Lord und ſagen Sie ihm, daß ich, ich, Arnold Tiefenſee, obwohl ich arm ſei, mich für viel zu reich halte, als daß er mir mit allem ſeinem Reich⸗ thum die Freundſchaft abkaufen könnte, die mich und ſeinen Sohn verbindet, und daß ſelbſt— nehmen Sie 34 das Wort hin— die gemeinen Vorſchläge, deren 2 155 Ueberbringer Sie waren, mich nicht von Lionel Low⸗ dale abwendig machen, mich vielmehr noch viel enger mit ihm verbinden werden, da ich einſehe, daß ein Mann, der ſolchen Vater hat, wenigſtens eines Freun⸗ des bedarf, um nicht an der Rechtlichkeit und Tugend⸗ haftigkeit der ganzen Menſchheit zu zweifeln. Ja, mein Herr, ſehen Sie mich nicht ſo verblüfft an, ich meine es, wie ich es ſage— Ihr Lord exiſtirt von jetzt an nicht mehr für mich,— ſeinen Unterhändler aber, möge er ſein, wer er wlll, verachte ich.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich ſtolz ab, nahm ſei⸗ nen Hut, und ohne den Zurückbleibenden eines Blickes zu würdigen, ſchritt er ſtill und geräuſchlos zur Thür hinaus. John Poltroon ſtand eine Weile unbeweglich auf derſelben Stelle, kaum ſeinen Augen trauend, daß ihn dieſer elende Deutſche ſo verächtlich verlaſſen, noch ſei⸗ nen Ohren, die niederſchmetternden Worte gehört zu haben, die er geſprochen hatte. Er blickte ſich ſcheu um, ob auch Niemand Zeuge dieſer Unterhaltung ge⸗ weſen, und dann, da er doch nicht immer in dieſer Lage bleiben konnte, ſchritt er wuthſchnaubend aus dem Zimmer, um das letzte Mittel zu verſuchen, eine Freundſchaft zu ſprengen, die ſeinem Gönner ſo verhaßt war und ihm ſelbſt ſo verderblich werden zu wollen ſchien. Sechstes Napitel. Die mißlungene Werbung. Um ſich ein wenig zu erholen und abzukühlen, denn dieſe letzte Verhandlung hatte ihn noch wärmer gemacht, als die vorige, ging Mr. Poltroon einige Minuten in's Freie, vermied aber wohlweislich die Stellen, an denen er irgend einem der Schloßbewohner zu begegnen fürchten mußte. Als er auf dieſem Gange ſo weit ſeines Grimmes Herr geworden, daß er ſich zur Fortſetzung ſeiner diplomatiſchen Verhand⸗ lungen wieder fähig fühlte, kehrte er in das Schloß zurück, um den erſten beſten Diener zu Miß Tiefenſee zu ſenden, der er zunächſt ſeine Aufmerkſamkeit wid⸗ men wollte. Und ſiehe da, da kam ihm zur rechten Zeit in dem Corridor, der an die Treppe des öſtlichen Thurmes ſtieß, die niedliche Zofe der Miß, Lizzy) 157 Duncan entgegen, und auf ſeine Frage erhielt er die Antwort, daß der Herr Admiral mit den Damen auf der nördlichen Terraſſe beim Frühſtück ſitze, daß alſo Miß Martha jetzt nicht zu ſprechen ſei. „Willſt Du nicht wenigſtens hingehen, mein ſchö⸗ nes Kind, und der Miß meinen Wunſch melden, ſie ſo bald wie möglich zu ſprechen?“ Da er bei dieſen Worten einen Arm Lizzy's er⸗ griffen hatte und mit der andern ihre Taille umfaſſen wollte, ſchlug ihm das unyillig erröthende Mädchen auf die Hand und ſagte, ſeinen Arm zurückſtoßend: „Pfui, Sir, ſchämen Sie ſich. Sie ſind hier in keinem Wirthshauſe in London, ſondern bei Sir Colin Cameron auf Glory⸗Craig⸗Hall.“ Und da er ſie trotzdem feſt hielt, rief ſie erzürnt: „Sir, laſſen Sie mich los oder ich rufe Sir Colin— er verſteht es, die Unſchuld in Schutz zu nehmen.“ Da er aber immer noch nicht von ihr abließ, vielmehr ihr den Mund zuhalten wollte, biß ſie ihn mit ihren ſcharfen Zähnen ſo nachdrücklich in einen Finger, daß er laut aufſchrie und ſie ſogleich losließ, was ſie ſich augenblicklich zu Nutze machte und wie ein gejagtes Reh davonlief. „Hexe Du! Verdammt!“ rief ihr Mr. Poltroon nach.„Was, hat man es hier auch mit wilden Katzen 158 wie mit bärbeißigen Deutſchen zu thun? Bei Gott, der Finger blutet— ei! ein herrliches Land das— ſelbſt die hübſchen Mädchen beißen!“ Und ſeinen ſtark blutenden Finger mit dem Taſchen⸗ tuche umwickelnd, ſuchte er raſch ſein Zimmer auf, vor dem ihm glücklicher Weiſe ein Diener begegnete, dem er den Wunſch zu erkennen gab, auf ſeinem Zimmer einen kleinen Imbiß zu genießen, denn das Wort„Frühſtück,“ welches der biſſige Mund Lizzy's hören laſſen, hatte ihm mit einem Male bemerklich gemacht, daß er noch vollſtändig nüchtern ſei. Der gewünſchte Imbiß, und zwar von der kräf⸗ tigſten Art, war bald zur Stelle, und als der auf⸗ wartende Diener ſich wieder entfernen wollte, bat Mr. Poltroon, ihm zu melden, wann Miß Tiefenſee ihn in ihrem Zimmer empfangen könne. Der Abgeſandte Lord Lowdale's ſpeiste jetzt mit einem Behagen, wie ſelbſt er es vor einer halben Stunde nicht für möglich gehalten hatte, denn glück⸗ licher Weiſe gehörte er zu der Klaſſe von Leuten, deren Appetit in jeder Lebenslage oben ſchwimmt, wie das Oel auf dem Waſſer. Zur beſonderen Stärkung, deren er an dieſem geſchäftreichen Tage mehr denn je be⸗ durfte, trank er auch eine Flaſche guten Portwein, den Sir Colin ſelbſt einſt von Reiſen mitgebracht, und als er endlich ſeinen leiblichen Bedürfniſſen vollkommen Genüge gethan, hörte er mit Vergnü⸗ gen, daß die deutſche Miß ihn in ihrem Zimmer erwarte. So rüſtete ſich John Poltroon denn zum neuen Kampfe und bald trat er in das reizende Gemach ein, welches Martha bewohnte und an einer Seite unmit⸗ telbar an Georgy Londale's Zimmer ſtieß. Martha ſaß, als Mr. Poltroon bei ihr eintrat, nur mit ihren Gedanken beſchäftigt, auf dem Sopha, der an das Fenſter mit der weiteſten Ausſicht gerückt war. Aengſtlich, und doch gefaßt, da ihr wahrſchein⸗ lich ein ſtärkerer Geiſt Muth eingeſprochen und Bei⸗ ſtand verheißen hatte, richtete ſie ihr ſanftes Auge auf den fremden Mann, der ihr und ihrem Bruder ſchon ſo feindſelig entgegengetreten war und dem ſie doch nie Gelegenheit gegeben, ihr mit böſen Plänen und Ab⸗ ſichten nahe zu kommen. In ihrer faſt kindlichen Un⸗ ſchuld, bangend und ungewiß, was ihr nun zunächſt begegnen würde, ſaß ſie jetzt wie eine Taube einem Geier gegenüber, denn Mr. Poltroon durchbohrte ſie beinahe mit ſeinen glotzenden Augen, indem er ſich vielleicht klar zu machen ſuchte, was dieſes ſo ſichtlich unſchuldige Weſen dem reichen Lord gethan oder thun könne, daß er ſie mit ſo feindſeligen Augen betrachtete 160 und ſogar mit ſeinen Forderungen bis in den hohen Norden Schottlands verfolgen laſſe. „Mein Herr,“ unterbrach Martha ſeinen geheim⸗ nißvollen Gedankengang,„was haben Sie mir zu ſagen?“ „Miß,“ erwiderte Mr. Poltroon mit einer faſt höflichen Verbeugung,„ich will mich nicht lange bei der Einleitung aufhalten. Ich habe Ihrem Bruder den Wunſch Lord Lowdale's überbracht, mit Ihnen nach Meanach⸗Lodge zurückzukehren, unter dem Ver⸗ ſprechen, daß er daſelbſt willkommen ſein ſolle.“ Martha horchte hoch auf, obgleich es ihr nichts gehabt, ihr wie den Uebrigen die Aufträge Mr. Pol⸗ troon's mitzutheilen.„Und was hat mein Bruder dar⸗ auf erwidert?“ fragte ſie, die Augen vor den ſcharfen Blicken des Fremden niederſenkend. „Er hat wider alle Erwartung die ehrenvolle Ein⸗ ladung des Viscounts abgelehnt.“ „Das würde ich auch gethan haben!“ ſagte Martha, raſch und ſtolz den Kopf erhebend. „So, ſo— nicht ſo eilig, Miß, überlegen Sie beſſer, was Sie thun.— Danach,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„habe ich Ihrem Bruder noch einen anderen Vorſchlag gemacht“— und er ſetzte ihr An war, was ſie hörte, da ihr Bruder ſchon Zeit abt 161 mit ungeſchmückten Worten die weiteren Anerbietungen Lord Lomdale's auseinander. Martha ſchlug wie beſchämt die Augen nieder und fragte mit kaum verſtändlicher Stimme: „Und was hat mein Bruder hierauf erwidert?“ „Er hat auch dieſe vollſtändig zurückgewieſen.“ „Das hätte ich auch gethan,“ ſagte Martha feſt und mit edler Energie. „ Aber das dürfen Sie nicht thun, Miß. Sie verſcherzen dadurch Ihre ganze Zukunft und ich komme gerade zu Ihnen, um Sie zu bitten, Ihren Einfluß bei Ihrem Bruder anzuwenden—“. „Halten Sie ein, Sir, ich weiß, was Sie 8 wollen, aber meine Ohren wie mein Herz ſträuben ſich gegen ſolche uns entehrenden Vorſchläge. Wenn Sie glaubten, ich würde denſelben zugänglicher ſein als mein Bruder, ſo irrten Sie ſich in mir, wie Sie ſich in ihm geirrt; im Gegentheil, ich habe mit Freuden bereits von ihm ſelbſt erfahren, was er darauf erwidert, und ich drücke auch Ihnen gegenüber meinen ganzen Beifall über ſein Verhalten hiermit aus. Lord Low⸗ dale und Sie haben uns für Bettler gehalten, die hierhergekommen ſind, um ein Almoſen zu empfangen, aber wir ſind reicher, als Sie denken, denn wir be⸗ ſitzen Gefühl und Verſtand genug, uns mit Abſchen— Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 11 162 mit Abſcheu, mein Herr, von Ihnen und D Demjenigen abzuwenden, der Ihnen ſolche, den Ueberbringer ſelbſt demüthigende Aufträge gegeben hat. Und jetzt, Sir, habe ich genng mit Ihnen geſprochen— ich bitte Sie, mich zu verlaſſen und womöglich nie wieder in meinen Weg zu treten, da ich Sie doch nie mehr bemerken würde.“ Sie erhob ſich von ihrem Stuhle und ſah den vor Staunen unbeweglich vor ihr Sitzenden mit einem ſo wunderbar tiefdringenden und glühenden Blicke an, daß ihm von Neuem Schweißtropfen auf die Stirn traten. Er ſtand mechaniſch auf, trat der langſam Zurückweichenden einen Schritt näher und ſagte mit höhniſchem Lächeln: „Armer kleiner Wurm, Sie dauern mich. Sie haben eine bittere Schule durchgemacht, und ſind doch noch nicht klüger geworden? O, gehen Sie in ſich, folgen Sie nicht dem Beiſpiel eines ſo hartſtirnigen, querköpfigen Bruders— handeln Sie vielmehr in ſchweſterlicher Liebe für ihn und nöthigen Sie ihn, an⸗ zunehmen, was Lord Lowdale in ſeiner Großmuth— „Hat Lord Lowdale dieſen Ausdruck ſelbſt ge⸗ braucht, als er Sie hierherſandte, oder entſtammt er Ihrem eigenen ſinnreichen nepfeni fraan da eine Stimme hinter Mr. Poltroon, und als er ſich umn⸗ 163 wandte, ſah er Georgy leuchtenden Blickes und mit hochaufragender ſtolzer Geſtalt vor ſich ſtehen, die von ihm ungehört ſchon während der letzten Worte hinter ſeinem Rücken in das Zimmer getreten war. Während Mr. Poltroon ſich umwandte, um mit Erſtaunen dieſen ſtärkeren Gegner zu betrachten, war Martha aus dem Zimmer geſchlüpft und der Herr Ab⸗ geſandte erkannte nur zu deutlich, daß man einen klei⸗ nen diplomatiſchen Scherz mit ihm getrieben. Obgleich er zu lächeln verſuchte, war er doch ſichtlich betroffen und als er erſt die mehr drohende als ſanfte Miene der Tochter ſeines Gönners durchforſcht hatte, mochte er nur um ſo mehr fühlen, daß es ein ſchweres und undankbares Geſchäft ſei, Diplomatie zu treiben, wenn man ſo wenig Beruf von der Natur dazu empfangen habe wie er. So ſtand er nun geraume Zeit der Lady gegenüber, „die ihn nur durchbohrend anſah, betrachtete ſie und konnte keine Worte finden, die ſeine Lage verbeſſert hätten. „Nun, Sir,“ fuhr Georgy mit ſcharfem, klaren Tone zu reden fort,„Sie antworten mir nicht auf meine Frage, ſo erlaube ich mir denn, Ihnen eine andere vorzulegen. Sie haben heute ſchon viele Unterredungen gehabt, wie wiisſe ennen haben Sie vielleicht auch mir etwas zu ſagen?“ 3 11* * 2 „Mylady— Sie kommen meinem Wunſche zu⸗ vor,“ ſtotterte Mr. Poltroon.„Ja, allerdings, ich habe Ihnen ſogar etwas ſehr Wichtiges zu ſagen, viel Wichtigeres, als was ich Ihrem Herrn Bruder und jenen Deutſchen geſagt—“ „Sprechen Sie dreiſt weiter, ich ängſtige mich nicht, und was die Wichtigkeit Ihrer Mittheilung be⸗ trifft, ſo zweifle ich ſehr, daß es etwas von Bedeutung giebt, was zwiſchen uns zu verhandeln wäre.“ „Aber zwiſchen Ihrem Vater und uns— das iſt allerdings ein bedeutungsvoller Punkt, Mylady!“ Georgy's Wangen flammten, denn es lag in dem Tone, womit Mr. Poltroon ſprach, und im Ausdruck ſeiner Miene ein dämoniſches Lächeln, das einen ge⸗ wiſſen Triumph vorherzuverkünden ſchien.„Mylady,“ fuhr er fort,„ich bin an dieſem Orte nicht glücklich in Bezug auf die Aufträge geweſen, die mir Lord Lowdale gegeben hat, ſie ſind bisher alle geſcheitert. Wenn ich daher zögere, auch Ihnen den mir gewor⸗ denen Auftrag zu enthüllen, ſo verdenken Sie mir das gewiß nicht. Ja, gerade Ihnen gegenüber wird es mir am ſchwerſten zu ſprechen, da, was ich Ihnen ſagen muß, eben ſo wichtig für Ihren Vater, wie für Sie und mich iſt.“ „Reden Sie dreiſt, Sir, ich habe ſtarke Nerven, 165 namentlich Männern gegenüber, die ſo weit alle Rück⸗ ſicht, die ſie Damen ſchuldig ſind, außer Augen ſetzen, wie Sie es eben gegen ein Weſen gethan haben, das nur ſeine Unſchuld zum Schutze und ſeinen Edelmuth zum Vertheidiger hat.“— „Sie erleichtern mir meine unangenehme Lage durch dieſe Worte, Mylady, und ich will es verſuchen, mich kurz zu faſſen. Mit einem Worte: Ihr Herr Vater, den Sie ſo reich glauben—“ „Halt, Sir, Sie irren, ich habe mich noch nie um das Vermögen meines Vaters bekümmert, da ich für meine Perſon nichts mehr von ihm zu erwarten, vielmehr von meiner Mutter gerade ſo viel empfangen habe, als meinen Wünſchen und Verhältniſſen entſpricht.“ Mr. Poltroon riß die Augen weit auf, als ver⸗ nehme er etwas Unglaubliches. Aber zuletzt lächelte er wieder.„O, Mylady,“ ſagte er,„es handelt ſich hierbei nicht ſowohl um Sie, als um Ihren Herrn Vater, und als gute Tochter werden Sie ein Opfer zu bringen wiſſen, wenn Ihr Vater auf Ihre Hülfe baut.“ „Auf meine Hülfe? Wie ſo?“ „So iſt es. Ihr Vater hat ſich in den reichen Ertrag ſeines Vermögens nicht zu finden gewußt. Er hat mehr ausgegeben, als er beſaß und— mein Vater iſt ſein Gläubiger.“ „Nun,“ entgegnete Georgy lächelnd,„warum ſagen Sie mir denn das? Was gehen mich dieſe— Pri⸗ vatverhältniſſe an und was kann ich dabei thun?“ „Alles, Mylady. Mit einem Strich die Rech⸗ nung durchſtreichen, die etwas hoch angelaufen und ſonſt ſchwer abzutragen iſt.“ „Und wie denn?“ Mr. Poltroon ſchlug die Augen nieder, als ſchäme er ſich, das Folgende zu ſprechen. Wäre er nicht bis hierher vorgedrungen, er hätte niemals ſeinen Auftrag ausgerichtet, denn zum erſten Male fühlte er wie durch innere Eingebung, daß er einen völlig falſchen Wurf gethan, daß Lord Londale's Tochter ſeinen Wünſchen unerreichbar ſei und daß ſein Vater— leider— noch lange der Gläubiger Mylords zu bleiben die Ehre haben werde. „Mylady,“ ſagte er, nur noch matt gegen den ſtrahlenden Blick ihres Auges ankämpfend, das ihn bereits niedergeſchlagen,„Sie können Ihrem Vater von ungehkurem Nutzen ſein, wenn Sie— ihn da⸗ durch von ſeiner ſchweren Verpflichtung befreien, daß Sie ſich entſchließen— mir Ihre Hand zu reichen—“ Bis hierher kam er nur mit ſeinem letzten diplo⸗ matiſchen Vorſchlage. Georgy lachte laut auf und einen Schritt näher an ihn herantretend, rief ſie: V 167 „Sir, ich will nicht glauben, daß Sie— von dem Flück, eines engliſchen Lords Freund zu ſein, trunken ſind, denn nur ein Trunkener oder ein Blödſinniger kann die Meinung hegen, Georgiana Lowdale, die Nichte Sir Colin Cameron's, des Admirals, werde einen Mr. Poltroon, den Sohn eines ehemaligen Krä⸗ mers der City von London, heirathen. Sagen Sie das Lord Lowdale, den ich von ganzem Herzen bedaure, in die Hände eines Gläubigers gefallen zu ſein, der ſein armſeliges Geld für ſo koſtbar hält, damit Herzen und Seelen erkaufen zu können. Sie aber, Sir, kehren Sie ſo raſch zu ihm zurück wie möglich, er kann nicht ſchnell genug erfahren, daß er Kinder beſitzt, die wiſſen, was ſie ſich ſelbſt und ihrer Ehre ſchuldig ſind. Ich für meine Perſon wenigſtens glaube nicht, daß Gott der Herr den Vätern deshalb Kinder gegeben hat, daß ſie ihn auf Koſten ihres eigenen Lebensglückes und mit Aufopferung ihrer Seele aus den Händen von Wucherern loskaufen, wenn er ſo unweiſe gegen ſich ſelbſt, ſo undankbar gegen Gott geweſen iſt, ſich mit ihnen in ſo nahe Verbrüderung einzulaſſen!“ Und ohne ihm auch nur eine Bewegung der Hand als Abſchiedsgruß zukommen zu laſſen, ſchritt ſie ſtolz aus dem Zimmer und trat in die Bibliothek, wo ſie den Admiral mit ſeinen Inſtrumenten beſchäftigt fand, 168 — nachdem ihn ſo ebe laſſen hatten. „Mein Oheim!“ rief ſie, nun nicht länger ihre Thränen zurückhaltend,„höre, was mir geſchehen iſt!“ Und ſie erzählte Wort für Wort, was für eine ſeltſame Unterhaltung ſie mit Mr. Poltroon gepflogen hatte. Der Admiral hörte ſie mit unausſprechlicher Rüh⸗ rung an.„Mein armes Kind,“ ſagte er,„ich bedaure von ganzem Herzen, daß Dir dieſer Auüftritt nicht er— ſpart werden konnte. Aber trauere nicht darüber.“ „Aber mein Vater, Oheim!“ „Dein Vater! Ja, hm! Wenn Du meine wahre Meinung hören willſt, ſo muß ich Dir ſagen, daß ich ihn nicht beklagen kann. Wenn er mit einem jähr⸗ lichen Einkommen von zweihunderttauſend Pfund noch genöthigt iſt, Schulden zu machen, die er nicht be⸗ zahlen kann, ohne ſeine Kinder zu verhandeln, dann wird er auch mit einer Million nicht reichen. Ich kenne ſeine Verſchwendungsſucht— ach ja! Anſtatt auf ein paar Jahre nach dem Continent zu gehen, wo er mit tauſend Pfund jährlich anſtändig leben kann und ſo ſeine Schulden zu tilgen, will er ſeine Kinder dieſelben mit ihrem Herzblut bezahlen laſſen. O— muß es denn ſolche Menſchen geben! Und d beklage ich.“ i die andern jungen Leute ver⸗ as eben 169 Georgy fiel in ſeine Arme und er drückte ſie zärt⸗ lich an ſein Herz.„Habe ich recht gethan, mein Onkel?“ ſchluchzte ſie. 3 „In meinen Augen gewiß, ob in den Augen Deines Vaters, bezweifle ich. Doch höre mich, Georgy, und ſieh mich an— ich muß Dir einen kleinen Troſt in dieſer bitteren Stunde zukommen laſſen— jetzt gefällt mir Dein Plan ſchon beſſer—“ .„Welcher Plan?“ „Den Du mir neulich in— in Betreff Linny's anseinandergeſeht haſt—“ „Theuerſter Onkel!“ „Still! Ruhig! Noch ſind wir nicht ſo weit, ich ſage nur, er gefällt mir ſchon beſſer— und ich will mich bemühen, ihn noch genauer zu prüfen. Doch jetzt laß mich los— nun habe auch ich noch einige Worte mit Mr. Poltroon zu ſprechen.“ Georgy hielt den theuren Mann noch lange feſt und verſuchte ihn noch einmal auf den bewußten Plan zurückzuführen. Allein dies gelang ihr diesmal nicht, er beobachtete eine gewiſſe abſichtliche Zurückhaltung und blieb darin ſo ſtandhaft, daß Georgy ſich genöthigt ſah, ihn nach wenigen Minuten zu verlaſſen, während der Admiral ſelbſt in einiger Bewegung, aber äußer⸗ lich ſeine ganze Ruhe bewahrend, nach dem Zimmer 170 ſchritt, welches er dem zuletzt angekommenen Gaſte zur Wohnung hatte anweiſen laſſen. Mr. Poltroon ſtand mit gedunſenem Geſichte neben ſeinem kleinen Koffer und packte mit zitternder Hand einige Sachen, unter anderen einen koſtbaren Brillantſchmuck ein, der, wie ſein Beſitzer, die beſchwer⸗ liche Reiſe nach dem Norden vergeblich gemacht hatte. Als er den Admiral feſt und gebieteriſch, mit funkeln— den Augen und in ſteifer Haltung eintreten ſah, ahnte er, was folgen würde, verbeugte ſich achtungsvoll und ſah ihn dann voller Erwartung an. „Sir,“ ſagte Sir Colin mit durchbohrendem Ernſte, „ich habe nur wenige Worte mit Ihnen zu ſprechen und ich bedaure, daß Sie möglicher Weiſe darin einen Bruch der Gaſtfreundſchaft erblicken können, deren Beobachtung mir von jeher heilig geweſen iſt und zu deren Aufkündigung gegen irgend eine Perſon ich noch nie in meinem Leben genöthigt worden bin— bis auf den heutigen Tag.“ „Sir Colin,“ ſtammelte Mr. Poltroon,„ich denke mir, was Sie ſagen wollen— aber Sie ſehen, ich packe ſchon meine Sachen ein.“ „So. Das iſt vernünftig von Ihnen, Sir. Ver⸗ zeihen Sie, daß ich Ihnen das nach Seemanns Art gerade heraus ſage. Aber die Verhältniſſe zwingen 171 mich dazu, wenn ich mir nicht den Frieden meines Hauſes ſtören laſſen will, und wenn ich gewußt hätte, mit welcher Fracht Ihr Schiff beladen war, wäre es nie mit meiner Bewilligung in meinen Hafen einge⸗ laufen— kehren Sie alſo ruhig in Ihre Heimat zu⸗ rück und ich wünſche Ihnen den beſten Segelwind dazu.“ Mr. Poltroon ſtand erſchüttert vor dem biederen alten Manne, deſſen ſonſt ſo ſanftes Auge Blitze ſprühte und der bei aller Aufregung doch eine Würde zeigte, die ſelbſt einem John Poltroon hohe Achtung ein⸗ flößen mußte. „Herr Admiral,“ ſagte er faſt zerknirſcht,„ich gehe, aber mir müſſen Sie verzeihen. Wenn Jemand die Schuld von dem Allen trägt, ſo bürde ich ſie allein Ihrem Bruder auf, denn nur auf ſein Geheiß bin ich zum erſten Mal ein Diplomat geweſen, und dies Ge⸗ ſchäft hat mir ſo ſchlecht gefallen, daß ich nie wieder . daran denken werde, es irgendwo zu wiederholen.“ Der Admiral mußte unwillkürlich bei der kläg⸗ lichen Miene lächeln, die der verunglückte Diplomat bei dieſen Worten blicken ließ.„Es iſt gut,“ ſagte er mit ſeiner alten Milde—„haben Sie auch ordentlich gefrühſtückt?“ 1 „O Gott, ja, Sir Colin, und ich werde in vier⸗ undzwanzig Stunden keinen Appetit mehr empfinden.“ 172 „So reiſen Sie mit Gott, Sir— leben Sie wohl!“ Und mit der Hand grüßend, ohne ſie nach dem Gaſte auszuſtrecken, verließ er ihn, um, leiſe pfeifend, zu den vier jungen Leuten im Garten zu gehen, denen er die neuſte Mähr, die Abreiſe Mr. Poltroon's be⸗ treffend, zu verkünden hatte. — Ueber alle Begriffe ermüdet, von einem Unwetter, das ihn unterwegs befallen, genöthigt, die ſchrecklichſte Nacht ſeines Lebens in einer erbärmlichen Hütte zu⸗ zubringen, langte Mr. Poltroon erſt am Mittag des nächſten Tages wieder in Meanach⸗Lodge an. Der Viscount ſaß gerade beim zweiten Frühſtück, und ſah ihn mit Erſtaunen in ſein Zimmer treten, denn die Miene ſeines Geſandten war ſo bedrückt und abgeſpannt, daß er anfänglich glaubte, es ſei ihm ein Unglück begegnet.„Run,“ rief er ihm, vom Tiſche aufſtehend entgegen,„was iſt denn geſchehen, daß Sie ſchon wieder da ſind?“ „Alles vorbei, Alles vorbei, Mylord— alle unſre ſchönen Pläne ſind geſcheitert—“ „Wie? Geſcheitert? Wie iſt denn das möglich? Dann haben Sie es wohl auf die unrechte Art an⸗ gefangen?“ 172 „O Gott bewahre! Aber der Commodore— den Admiral meine ich— hattez glaube ich, ſolche Anſtal⸗ ten getroffen, ſeine Kanonen ſo paſſend aufgeſtellt und zur rechten Zeit losgebrannt, daß ich es ein wahres Glück nennen muß, nicht vollſtändig in den Grund gebohrt worden zu ſein.“ Und nun erzählte er im Zuſammenhange alles Erlebte, wobei er ſich indeſſen nicht enthalten konnte, von den vorhandenen einladen⸗ den Speiſen zuzulangen, da ſein Appetit in den letz⸗ ten vierundzwanzig Stunden Zeit und Gelegenheit ge⸗ habt, ſich wieder fühlbar zu machen. Der Lord da⸗ gegen hatte allen Appetit verloren und ſaß mit ge⸗ ſenktem Kopfe und zu Boden geſchlagenen Augen ſei⸗ nem Gaſte gegenüber. Erſt als derſelbe zufällig er⸗ wähnte, daß man auf Glory⸗Craig⸗Hall ſich zu einer Fahrt nach Cap Wrath rüſtete, fuhr er aus ſeinem Träumen auf, ſtarrte den Redenden mit aufgeriſſenen Augen an und rief: 3 „Was, nach Cap Wrath wollen ſie?“ „Ja, Mylord, aber es iſt mir ſehr gleichgültig, wohin ſie wollen— ich weiß, wohin ich will!“ „Und wohin wollen Sie denn?“ „Nach London— und Sie werden micc hoffent⸗ lich begleiten.“ „Ich? Ich denke nicht daran!“ 474 Mr. Poltroon ſah den plötzlich ſo ſtill und be⸗ dächtig gewordenen Viscount groß und nicht ohne Verwunderung an, indem er dabei mit vollem Munde im Kauen inne hielt, was ein ergötzliches Bild ge⸗ währte.„Wollen Sie hier bleiben oder vielleicht ſelbſt Ihren Geſandten ſpielen?“ würgte er endlich hervor. „Das wird ſich finden!“ murmelte Lord Lowdale zerſtreut. „Ich wünſchte nur, es hätte ſich zwiſchen uns erſt Alles gefunden, was ich ſchon lange vergeblich ſuche—“ „Was meinen Sie?“ „Die Hand Ihrer Tochter— oder meines Vaters Geld, Mylord.“ Lord Lowdale ſank wie zerknirſcht zuſammen. Plötz⸗ lich aber fuhr er unwillig auf.„Poltroon,“ rief er hef⸗ tig,„ich hoffe nicht, daß Sie ſich meine üble Lage zu Nutzen machen wollen?“ „Was geht mich Ihre üble Lage an— haben Sie ſich um die bekümmert, in die Sie mich— da oben hin geſchickt? Den Teufel auch! Sie wiſſen nicht, was es heißt, fünf Reden in einem Athem hal⸗ ten und Jedem nur Grobheiten ins Geſicht ſagen zu müſſen, denn darin beſtand doch eigentlich nur meine ganze Aufgabe!“ 175 „Ich danke Ihnen,“ erwiderte der Lord cere⸗ moniös und einen ganz anderen Ton annehmend, „Sie ſagen mir da ſelbſt eine Grobheit in's Geſicht.“ „Na, ich bin noch daran gewöhnt und ſo nehmen Sie ſie geduldig hin— verſchlucken kann ich ſie mit dieſem ſauern Weine nicht.“ Lord Lomdale ſtand vom Stuhle auf, Mr. Pol⸗ troon widerte ihn in der That mit ſeinen gemeinen Manieren auf das Heftigſte an.„Mr. Poltroon,“ ſagte er mit ſteifer Trockenheit,„ich verbitte mir ſolche Reden an meinem Tiſche—“ „Dazu haben Sie allerdings ein Recht, Mylord, aber auch ich, Mylord, habe ein Recht zu ſagen: Ge⸗ ben Sie mir meines Vaters Geld und dann Gott be⸗ fohlen! Ich habe mich genug bei Ihnen gelangweilt und bin es müde, nach Ihren mir unverſtändlichen An⸗ weiſungen zu handeln.“ „Mr. Poltroon,“ erwiderte der Lord mit halb ge⸗ brochener Stimme und kummervollem Geſichtsausdruck, „Sie, oder vielmehr Ihr Vater ſoll ſein Geld haben. Ich werde dafür Sorge tragen, verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf und dann ſind wir für ewig quitt mit einander. Beleidigungen aber verbitte ich mir von Ihnen, ich bin nicht in der angenehmen Laune, dergleichen für einen Scherz bei der Flaſche hinnehmen zu können.“ ₰ 176 „Das ſoll er auch gar nicht ſein, Lowdale, alter Junge!“ rief Mr. Poltroon eben ſo plump wie brutal, dem der ſtarke Wein nach dem haſtigen Ritt ſchnell in den Kopf zu ſteigen ſchien.„Ich ſcherze mit Ihnen nicht mehr und Sie haben es mit mir auch nicht ge⸗ than, als Sie mich nach dem Craig— Craig— Gott erhalte mir meine Zunge— ſchickten. Gehen Sie künftig ſelbſt, wenn Sie ſo widerſpenſtige Kinder haben und von ihnen Gott weiß was verlangen— aber wahrhaftig, Sir, was ſie mir darauf erwiderten, klang fatal in meinen Ohren, und doch war es in der That nur die Wahrheit und Sie hätten ſie eigentlich an meiner Statt hören ſollen. So iſt es, Mylord, und ich bedanke mich vor der Ehre, Ihr Schwiegerſohn zu ſein— die Dame hat Low⸗ dale'ſche Zähne und ich trage meine Haut nicht gern unnöthiger Weiſe zu Markte— ich danke, ja— ich danke, Sir—“ 5 Weiter kam Mr. Poltroon in ſeiner mit lallen⸗ der Zunge geſprochenen Rede nicht. Nachdem er ſich in die heftigſte Aufregung hineingeſprochen, hielt er es für das Gerathenſte, kurz abzubrechen und das Zimmer und deſſen Inhaber zu verlaſſen, und Lord Lomdale machte keine Miene, ihn zurückzuhalten. Er war immer ſtiller geworden, je lauter ſich Jener 167 vernehmen ließ, und als er endlich allein war, ſank er auf einen Stuhl und ſagte mit gefalteten Händen: „Gott ſei Dank, daß er fort iſt, und nun bin ich ihn hoffentlich auf ewig los. Und das Geld— o, das ſoll mich nicht drücken, ich werde es zu ſparen wiſſen — das ſchwelgeriſche Leben ekelt mich ſchon lange an — aber nun— nun kann ich wieder ungeſtört an mich ſelbſt denken. O mein Gott, die Lage iſt fürch⸗ terlich, in der ich mich befinde. Colin hat meine Kinder um ſich verſammelt, die ich von mir geſtoßen, und mit ihnen dieſe— dieſe Deutſchen auch. O, ich weiß, er wird ſie Alle mit ſeiner Güte bezaubern— — das verſtand er von jeher— und ich, ich ſtehe außer dem Kreiſe der Meinigen und bin ein Spiel⸗ ball in der Hand— eines einzigen Menſchen— o!“ Der Kopf ſank ihm auf die Bruſt und er mur⸗ melte leiſe in ſich hinein. Plötzlich fuhr er wieder in die Höhe.„Ich ſehe Alles kommen, wie es kommen muß,“ rief er zähneknirſchend.„Colin wird ſeine mächtige Hand ausſtrecken über ſie und— mich zer⸗ malmen! O Mutter, Mutter, haſt Du auch das vorausgeſehen?— Doch nein,“ rief er wieder mit neu erwachendem Muthe,„ſo weit iſt es denn doch noch nicht! Noch kann ich wachſam ſein, kann Vieles Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 12 178 verhindern— aber der Weg, der traurige, bittere Weg, den ich wandeln muß, iſt mir vorzeichnet und keine Gewalt der Erde hält mich davon zurück.“ Eine Stunde wohl blieb er unbeweglich im Zim⸗ mer auf ſeinem Stuhle ſitzen. Der erſte matte Son⸗ nenſchein dieſes Tages war in ſein Fenſter und gerade über ſein Geſicht gefallen und das heiterte ihn wun⸗ derbar auf, aber ſtimmte ihn auch zugleich weich und mild. Er klingelte und als ſein Kammerdiener William eintrat, befahl er, ſogleich Mr. Donald zu rufen. Der alte graue Diener des Hauſes, der nur ſel⸗ ten die Ehre hatte, vor ſeinen ſtrengen Herrn beſchie⸗ den zu werden, erſchien mit gebeugtem Haupte und trauriger Miene.„Donald,“ empfing ihn der Lord mit matter Stimme, nachdem er einen kurzen Blick auf ihn geworfen,„ich bin in der letzten Zeit rauh und hart gegen Euch Alle geweſen?“ 1 „Ach, gnädigſter Herr,“ ſeufzte Donald mehr als er ſprach,„das mag wohl ſo ſein!“ „Nun ja, ich fühle es jetzt ſelbſt, aber ſieh— ich war etwas krank—“ „Sind Sie denn jetzt geneſen, Mylord?“ fragte der ehrliche Schotte mit verwunderungsvoll aufgeſchla⸗ genen Augen. 179 Der Viscount hob ſeinen Kopf in die Höhe, verſuchte zu lächeln und ſagte:„Ja, ich glaube es. Ihr müßt mir alſo verzeihen— und— und, Do⸗ nald, wenn jetzt mein Sohn wiederkommt— mag er mitbringen wen er will— nimm ſie Alle gut auf— verſtehſt Du?“ Donald überkam eine gewaltige Rührung und die hellen Thränen liefen ihm über die gefurchten Wangen, denn ſo gütig und ſanft hatte er ſeinen ge⸗ ſtrengen Gebieter noch nie ſprechen hören.„Gnädigſter Herr,“ ſtammelte er,„ich verſtehe ſchon und freue mich darüber wie ein Kind.“ „Nun gut, Donald, und nun laß morgen früh, das Wetter mag ſein wie es will, meine Pferde ſat⸗ teln—“ „Wollen Sie nach Weſtmoreland zurück, My⸗ lord?“ Der Viscount ſchüttelte traurig den Kopf.„Ich wollte, ich könnte es, Donald, aber nein, ich gehe wo anders hin. Mr. Poltroon wird ebenfalls morgen reiſen, aber ich will bis dahin weder mit ihm eſſen, noch trinken— verſtehſt Du?“ Donald nickte lächelnd und im Stillen triumphi⸗ rend mit dem Kopfe. „Und dann, Donald, und dann— komm ganz 12* nahe, ich mag das nicht laut ſprechen— wenn Du mich nicht wiederſehen ſollteſt—“ „O, gnädigſter Herr— was ſoll das bedeuten?“ rief Donald, dem es bei dem umgewandelten Lord unheimlich zu werden anfing, vor Schrecken laut aus. „Still! Wenn Du mich nicht wiederſehen ſollteſt, ſo bleibe Deinem neuen Herrn— meinem Sohne hoffentlich— treu und anhänglich— treu und ehrlich währt am längſten, ſagt man, und das iſt wahr— werſehſt D Du?“ Donald verlor die Sprache. Dicke heiße Thrä⸗ nen füllten ſeine Augen, ſo daß der Lord nur wie in einem trüben Nebel vor ihm zu ſitzen ſchien. Er nickte blos ſtumm mit dem Kopfe und ſtarrte unbe⸗ weglich vor ſich hin. „So,“ fuhr der Lord fort,„und nun laß mich allein. Verſchaffe mir zu morgen früh zwei zuver⸗ läſſige Hochländer, die die Wege nach dem Norden kennen—“ „O, nach dem Norden wollen Ew. Herrlichkeit?“ Der Lord nickte bejahend. „Und Sie werden Sir Colin ſehen?“ Der Viscount ſchauderte und ſagte kaum ver⸗ nehmbar:„Ja!“ Donald ſank vor ſeinem Herrn auf die Kniee, 1⁰ ſtreckte ihm flehend die Hände entgegen und bat:„O, gnädigſter Herr, dann grüßen Sie ihn von mir!“ Der Viscount warf einen ſchrecklichen Blick auf den alten Diener, der ſeinen jüngeren Bruder lieber hatte als ihn,— es war noch ein Stoß, den er an dieſem ſchon ſo reich damit geſegneten Tage empfing. Aber er hielt ihn aus, nickte matt mit dem Kopfe und ſagte leiſe:„Ich werde ihn grüßen.“ „Und Mr. Linny und Lady Georgy auch!“ „Ich werde ſie grüßen— und jetzt verlaß mich!“ Donald, von nichts als von Verſöhnung und Eintracht zwiſchen dem Visconnt und ſeinen Ver⸗ wandten träumend, eilte zu der alten Bridget, um ihr ſeinen Triumph zu verkünden. Am naächſten Morgen um ſieben Uhr aber ſtanden viele Pferde, zu einer größeren Reiſe gerüſtet, auf der Terraſſe von Meanach⸗Lodge bereit. Mr. John Poltroon ſchlug zuerſt den Weg nach Süden ein, Lord Lowdale eine Stunde ſpäter den entgegengeſetzten, und friedliche Stille herrſchte wieder auf dem verlaſſenen Landſitze, wie früher, bevor die letzten Gäſte es betreten hatten. Der Himmel aber ſchien das Unternehmen Vis⸗ count Lowdale's nicht begünſtigen zu wollen. Er hatte ſich mit düſtergrauen Wolken verſchleiert, das Gewitter—— des vorigen Tages kehrte in einzelnen Blitzen und 182 Donnerſchlägen wieder und ein heftiger Wind blies vom weſtliche Meere her, den Ritt über die kahlen Berge und durch die ſchlüpfrigen Thäler noch unleid⸗ licher zu machen. Dennoch aber ſetzte Lord Lowdale ſeinen Weg ohne Säumen fort, es ſtürmte in ihm ſelbſt viel zu ſehr, als daß er das Unwetter außer ſich hätte bemerken ſollen. 3 1 Siebentes Rapitel. Der Leuchtthurm auf Cap Wrath und ſein Wärter. Mr. Poltroon hatte nicht allein eine gewiſſe Ver⸗ ſtimmung unter die Bewohner von Glory⸗Craig⸗Hall, ſondern auch ſchlechtes Wetter mitgebracht, das bis dahin nichts zu wünſchen übrig gelaſſen. Am Tage ſeiner Abreiſe war die Luft ſchon Morgens ſehr ſchwül geweſen und gleich nach Mittag zog ein Gewitter über den Tarfe⸗Wald herauf, wie es ſo heftig lange nicht in dieſer Gegend gewüthet hatte. Alte Bäume wurden vom Sturme entwurzelt, ungeheure Felſenblöcke von den Gebirgskämmen in die Schluchten und Thäler ge⸗ worfen und das Meer tobte in ſeiner ganzen feſſelloſen Furie einher. Der Admiral brachte den Nachmittag und Abend mit ſeinen Gäſten größtentheils in der Bibliothek zu und betrachtete von dem ſicheren behag⸗ 184 lichen Orte aus den majeſtätiſchen Aufruhr der Ele⸗ mente. Er ſprach dabei höchſt lehrreich über Stürme und Gewitter im Allgemeinen und erzählte viele ein⸗ zelne Begebenheiten ähnlicher Art aus ſeinem ereigniß⸗ reichen Leben in verſchiedenen Ländern und Meeren der Erde. So verging ihnen der Tag und da das Unwetter gegen Abend etwas nachließ, hoffte man, am nächſten Morgen die Reiſe nach Cap Wrath endlich antreten zu können. Allein dieſer allgemeine Wunſch ſollte noch nicht erfüllt werden. Am nächſten Tage ſtrömte der Regen unaufhörlich vom Himmel und ein eiſiger Nordweſtwind machte jeden Aufenthalt im Freien höchſt unangenehm. Erſt am Abend lichteten ſich die Wolken, ein wärmerer Oſtwind jagte ſie über Meer und ſo ſetzte man die Reiſe auf den nächſtfolgenden Morgen feſt. Als der Admiral, bald nachdem ſein Pfeifer den anbrechenden Tag mit dem Dudelſack begrüßt, auf⸗ ſtand, war ſein erſter Blick auf die See gerichtet. Er hatte den ſcharfen Wind während der Nacht pfeifen gehört und zweifelte nun, ob die Reiſe nach dem Cap, wie man beſchloſſen, zu Waſſer ausgeführt werden könne. Zwar hatte ſich jetzt der gewaltige Wind ge⸗ legt, die Wolken zogen nicht mehr ſo übereilt am ziem⸗ lich klaren Himmel daher, allein die See war noch 185 immer in heftiger Bewegung, ſie ging hohl und ſchleu⸗ derte noch berghohe Wogen an das ſtöhnende gelſeu⸗ ufer herauf. Es mochte etwa ſechs Uhr Morgens ſein, als auch Lionel ſchon bei Sir Colin eintrat, um nach ſeiner Meinung zu forſchen.„Nun, Onkelchen,“ ſagte er, nachdem er ihn freundlich begrüßt,„was meinſt Du, werden wir die kurze Fahrt nach dem Cap mit dem Kutter wagen können?“ Der Admiral warf einen Blick auf das Meer, zuckte dann die Achſeln und ſagte:„Für mich, mein Junge, hat das keine Gefahr und Ihr Männer wür⸗ det es auch am Ende beſtehen, aber warum wollen wir die Damen, die an dergleichen nicht gewöhnt ſind, der läſtigen Seekrankheit ausſetzen und ihnen vielleicht den ganzen Tag verderben?“ „Du meinſt alſo, wir geben die Waſſerfahrt auf?“ „Für diesmal— ja! Laß uns lieber heute rei⸗ ten, und ein andermal fahren wir um ſo behaglicher am felſigen Ufer entlang, was heute doch nicht mög⸗ lich wäre, da wir die hohe See halten müßten. Zu Lande mag es wehen wie es will, wenn es nur nicht regnet, im Tarfe⸗Wald trifft uns der Wind nicht ſo leicht, und die Damen ſind ja auch ſchon an dieſe Art zu reiſen gewöhnt.“ 186 Lionel ſtimmte gern ſeiner Meinung bei und ging, um die Einleitungen zu dem Vorhaben zu treffen. Um ſieben Uhr, als die Damen laut Verabredung am Frühſtückstiſch erſchienen, war bereits Alles abge⸗ macht und ſie erfuhren, daß ihnen ein etwa zwölf Meilen langer Ritt bevorſtand. Beide waren damit überaus einverſtanden, denn die mit Schaum bedeckte und das Klippenufer peitſchende See hatte ihnen ſchon im Stillen Furcht eingeflößt, aber ſie hatten ihr Be⸗ denken nur nicht laut ausſprechen wollen. So frühſtückte man denn raſch, worauf ſich die Damen in ihre Zimmer zurückbegaben, um ſich zu dem Ritt anzukleiden. Während dieſer Zeit nahm der Admiral den ungemein ſtillen Doctor bei Seite und bat ihn, auf dem Leuchtthurm ſelbſt ſich ganz paſſiv zu verhalten, an Niemanden, wer er auch ſei, eine Frage in Betreff ſeines Vaters zu ſtellen, nicht ein⸗ mal ſeinen Namen zu nennen und Alles ihm ſelbſt zu überlaſſen, da er die nothwendigen Nachforſchungen völlig ſelbſtſtändig anzuſtellen wünſche. Arnold ſah den freundlichen Rathgeber, der immer ſo wohlwollend und liebreich, und diesmal faſt väterlich mit ihm ſprach, einigermaßen verwundert an. Der Admiral bemerkte es und ſagte ſogleich: „Sie brauchen nicht zu beſorgen, mein junger Freund, 187 daß mich irgend ein beſonderer Grund hierzu treibt, nein, es iſt ganz allein der Umſtand, daß ich mit der betreffenden Perſönlichkeit genau bekannt bin und daß ich als unparteiiſcher Fremder weit ruhiger über die Vergangenheit ſprechen kann als Sie, da Ihnen das Herz ſchwellen wird, wenn Sie den Ort betreten und die Perſonen ſehen, die in Ihren Gedanken mit den⸗ letzten Augenblicken Ihres Vaters ſo innig verſchmolzen ſind. Nein, laſſen Sie mich ganz allein die erſten Fra⸗ gen ſtellen, Niemand darf ahnen, daß irgend Einer von uns perſönlich dabei betheiligt iſt, und ſo werden wir das Gewünſchte am leichteſten erfahren.“ Arnold verſprach danach zu handeln und theilte auch den Uebrigen ſein Verſprechen mit, indem er ſie bat, hierin nichts gegen die Vorſchriften des Admirals zu unternehmen, was durchaus nothwendig war, da ein oder das andere Wort ſonſt leicht Arnold und Martha als die Kinder des Verſchollenen hätte ver⸗ rathen können. „ Bald nach acht Uhr endlich war man mit allen Vorbereitungen zu Stande gekommen. Die Pferde ſtanden geſattelt vor der Thür, die zur Begleitung befohlenen Diener hielten ſich bereit und die jungen Leute traten paarweiſe auf die ſüdliche Terraſſe heraus, wohin ſie vom Admiral beſchieden worden waren. 188 Man wartete bereits eine Weile, aber der Wirth vom Hauſe ließ ſich immer noch nicht blicken. Lionel kehrte in die Bibliothek, ſein Wohn⸗ und Schlafzim⸗ mer zurück, aber er war nirgends zu finden. Endlich, nachdem man alle Diener vergeblich nach ihm umher⸗ geſchickt, erſchien er mit Joe Duncan in der Thür des öſtlichen Tburmes. Dem ihn aufmerkſam beobachtenden Lionel erſchien ſein Geſicht bleicher als gewöhnlich, ſeine Miene bewegt und in ſeinem ganzen Benehmen ſprach ſich eine gewiſſe Sorge aus, die er trotz aller aufge⸗ wendeten Mühe nicht ganz verbergen konnte. Als er bemerkte, daß die jungen Leute ſchon 4 augenſcheinlich längere Zeit auf ihn warteten, entſchul⸗ 3 digte er ſich haſtig und mit unbeſtimmten, abgeriſſenen Worten, als er aber Joe Duncan ſich auch einem ge⸗ ſattelten Pony nähern ſah, blieb er ſtehen, dachte einen Augenblick nach und ſagte: „Joe, begleite uns heute lieber nicht. Bleib' zu Hauſe und thue hier Deine Pflicht!“ Ein bedeut⸗ ſamer Blick begleitete dieſe Worte, den Joe richtig auszulegen ſchien; er verbeugte ſich daher vor ſeinem Herrn, half ihm in den Sattel ſteigen und kehrte, als die Geſellſchaft abgeritten, mit eiligen Schritten in den Thurm zurück, um— um ſeine Pflicht zu thun, wie ihm geheißen war. 5 41³9 Während nun der Admiral mit den beiden Damen den Zug eröffnet,— Mrs. Sarah Davis war dies⸗ mal ſehr gern zu Hauſe geblieben, um ſich nach ſo vielen anſtrengenden Tagen redlich zu pflegen— Lionel und Arnold ihnen folgen und ſie nun alle die Durneß⸗ Bai umreiten, über den Fluß auf einer Fähre ſetzen und dann in den düſteren Tarfe⸗Wald mit den ſchau⸗ rigen Schluchten und den wilden Klippenbergen ein⸗ dringen, wollen wir unſrer Gerwohnheit nach vorher einen Blick auf das Cap Wrath, ſeinen Thurm und deſſen Bewohner werfen, damit wir daſelbſt ſchon be⸗ kannt ſind, wenn die Reiſenden anlangen, und mit ihnen ohne Zögerung an die Löſung ihrer ſchweren Aufgabe gehen können. Der Tarfe⸗Wald erſtreckt ſich mit ſeinen ſchroffen Abhängen bis beinahe zum Cap Wrath, deſſen weſt⸗ lichſte in das Meer hinausragende Klippe, welche den ſo oft genannten Leuchtthurm trägt, nur die äußerſte Spitze deſſelben iſt. Wild, zerklüftet, öde, ſchaurig und abgelegen iſt dieſe ewig von Winden umbrauste Felſengegend genug und nur wenige Menſchen athmen ringsum, entweder in einigen tief unten am Klippen⸗ ſtrande gelegenen Lootſenhütten, oder in einem ein⸗ ſamen Meiler mitten im dichteſten Gehölz des Tarfe⸗ Waldes wohnend. Nur das ohrenzerreißende Gekreiſch 190 unzähliger Möwenſchaaren, die mit ihrem breiten weißen Fittich den Thurm umkreiſen und in den Spalten der Felſen ihre Neſter bauen, und der dumpfe Unkenton grauweißer Eidergänſe beleben dieſe großartige Strand⸗ gegend, ſonſt iſt Alles ringsum ſtill und todt, ſo lange nicht die Elemente, der Wind und das Waſſer, ihre gewaltigen Stimmen erſchallen laſſen. Hat man nun den Tarfe⸗Wald durchdrungen und ſich durch das dumpfe Brauſen in der Tiefe und Ferne von der Nähe der See überzeugt, die nur zu häufig hinter einer dichten Nebelſchicht ſich den Augen des Reiſenden entzieht, ſo tritt man auf eine kahle öde Fläche von mehreren Morgen Inhalt hinaus, deren Boden ein brauner, dem orydirten Eiſen ähnlicher nackter Stein bildet— mit einem Worte, man hat das Cap Wrath erreicht. Sechshundert Fuß ſtürzt hier der Fels wie mit einem Meſſer abgeſchnitten in die ſchauerliche Tiefe, und ſeit Jahrhunderten ſind von ſeiner Höhe Felsblöcke von rieſiger Größe weit hinaus in die See geſchleudert worden, ein wildes, ſchaumge⸗ peitſchtes Chaos gewaltiger Klippen bildend, die eben den ſcheiternden Schiffen ſo verderblich und vielfach Urſache geweſen ſind, daß hier trotz aller getroffenen Vorſichtsmaßregeln unzählige Menſchenleben verloren 1 gingen. Tief unten brandet die unwiderſtehliche Woge 191 Tag und Nacht, bald mit ſeufzendem Geſtöhne, bald mit heulendem Gebrauſe, bald mit brüllendem Donner⸗ ſchlag gegen die Felſen, und namentlich zur Zeit der Fluth lecken die Waſſerberge hoch an die ſteinerne Mauer hinauf, die mit ihrer ganzen Wucht wie ein doppelt geſtählter Rieſe auf der einen Seite dem ſtür⸗ miſchen Meere Widerſtand leiſten und auf der andern den Strebepfeiler für das trockene Land bilden muß. Auf der oberſten breiten Fläche dieſer felſigen Klippe, nicht weit vom Rande des Abhangs, iſt der Leuchtthurm von Cap Wrath erbaut. Er iſt ein feſtes, rundes, weiß getünchtes, unten breiteres, oben ſpitzer zulaufendes Gemäuer, aus ungeheuren Quadern zu⸗ ſammengefügt, ſo daß es den Stürmen und jeder Un⸗ bill der feindlichen Elemente ungebeugt Trotz bieten kann. Auf ſeinem etwa ſechszig Fuß hohen Rumpfe, der ſich in drei Stockwerken in die Höhe hebt und deſſen Inneres nur durch wenige kleine Fenſter erhellt wird, erhebt ſich inmitten einer von eiſernem Geländer umgebenen Plattform die große Laterne, aus dichten Eiſenſtäben und Zolldicken Glasplatten beſtehend, und von ihr ſtrahlt ein ſechszigfaches, mittelſt ſilberner Spiegel verſtärktes Licht meilenweit in die wogende See hinaus, die hier auf drei Seiten das unwirthliche Vorgebirge umgiebt. Im unteren Stockwerk bewohnt der Leuchtthurm⸗ wärter einige Zimmer, und da er von Menſchen ſo weit entfernt leben muß, iſt für ſeinen Unterhalt und ſeine Bedürfniſſe durch mancherlei Einrichtungen ge⸗ ſorgt. An den Thurm lehnen ſich, zum Theil in den Felſen gehauen, nach Süden hin einige Ställe und ein Speicher für die Aufbewahrung der zur Erleuch⸗ tung dienenden Materialien. In den Ställen werden zur Winterszeit zwei Ponies, eine Kuh und mehrere Schweine nebſt anderem Gethier untergebracht, wäh⸗ rend erſtere zur Sommerszeit auf der Wieſe in einer nahegelegenen Niederung des Waldes weiden, woſelbſt auch der Thurmwärter einen Garten und ein ergiebi⸗ ges Haferfeld beſitzt und unterhält. Die Stellung des Wärters ſelbſt muß bei einem überaus reichlichen Einkommen keine ſo unangenehme ſein, wie ſie auf den erſten Blick erſcheint, da ſich mehr Exſpectanten zu ähnlichen Poſten finden, als man in Wirklichkeit gebrauchen kann. Wenden wir nun unſere Aufmerkſamkeit auf den Wärter des Thurmes ſelbſt, der unter dem Na⸗ men Lawſon ſchon öfter in unſrer Erzählung genannt. worden iſt und den wir jetzt von Angeſicht kennen lernen müſſen. Wie wir wiſſen, war er in ſeiner Jugend Leib⸗ 5* — 193 und Hauspfeifer der Lady Lowdale geweſen und nach ihrem Tode durch die Gunſt des jetzigen Viscount Lowdale Wärter auf dem Thurm geworden. Dies Amt übte er nun ſchon ſeit beinahe fünfzig Jahren aus und genoß als der älteſte noch lebende Diener der Lowdale'ſchen Familie auf dieſe Weiſe ein mehr als reichliches Gnadenbrod, was allerdings bei ſeinem abenteuerſüchtigen und nach Aufregungen ſtrebenden Geiſte mit vielen Mühſeligkeiten und Gefahren ver⸗ bunden war. Ueber den wirklichen Charakter dieſes Mannes wollen wir hier noch nicht zu entſcheiden verſuchen, die Folge unſrer Erzählung wird von ſelbſt das rechte Licht auf denſelben werfen und wir können uns hier damit begnügen, von ſeinem Aeußeren auf ſein Inne⸗ res ſchließen zu laſſen, wobei der Leumund, in dem er bei den Leuten in der Umgegend ſtand, vielleicht eini⸗ gen Anhalt bieten mag. Was zunächſt ſeine äußere Erſcheinung betrifft, ſo hatte das Alter von etwa ſechsundſiebzig Jah⸗ ren ſeiner an geborenen Rüſtigkeit noch keinerlei Abbruch gethan, denn die Natur hatte ihm einen unverwüſtlichen Knochenbau, eiſerne Muskeln und bei geringer Fleiſch⸗ fülle eine Kraft der Sehnen gegeben, wie ſie nur we⸗ nigen Menſchen zu Theil werden mag. Er war ſechs Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 13 194 Fuß hoch, hager und mit überaus mächtigen Gliedern, langen Armen und ungewöhnlich großen Händen ver⸗ ſehen, die, von Alter und ſchwerer Arbeit etwas ge⸗ krümmt, ſtählernen Klammern glichen, wenn ſie einen Gegenſtand mit Macht angriffen. Sein Kopf war groß, ſeine Stirn breit und niedrig und ſeine Backen⸗ knochen ſprangen etwas ſtark hervor, wodurch ſein ſchmal zulaufendes Kinn faſt ſpitz erſchien. Lange weiße, ſorglich glatt gekämmte, aber ſchlichte Haare fielen mähnenartig dicht und ſchwer auf ſeine herkuli⸗ ſchen Schultern herab und traten mit einem weißen Backen⸗ und Kinnbart von ſo ergiebiger Fülle in Be⸗ rührung, daß dadurch ſein faltenreiches und ſonnen⸗ verbranntes Geſicht faſt ganz verdeckt wurde. Dabei glühten ſeine grauen Augen lebhaft unter ſchneeweißen fingerdicken Brauen hervor und eine edel geformte Naſe ragte habichtsartig über den halbmondförmig geſchwungenen Schnurrbart fort, der von der Bildung des Mundes und der Lippen nur ſo viel erkennen ließ, daß die Zähne, zwar gelb, aber noch alle geſund und von mächtiger Schärfe waren. Wollte man den geiſtigen Ausdruck dieſes bedeut⸗ ſamen Geſichtes zu charakteriſiren verſuchen, ſo würde ſelbſt ein gewiegter Phyſiognomiker eine ſchwere Auf⸗ gabe, aber gewiß auch ein intereſſantes Studium vor 195 ſich haben. Auf den erſten Blick nahm man in der ruhigen, etwas nach vorn gebeugten Haltung des Mannes und in dem menſchenfreundlichen Ausdruck der durch Alter und Mühſal feſt ausgeprägten Züge eine Würde wahr, die auf der Stelle das größte Ver⸗ trauen erweckte und auf ſeine nur edlen Zwecken die⸗ nende Hülfsbereitſchaft ſchließen ließ. Bei längerer und genauerer Betrachtung indeſſen trat die Würde mehr in den Hintergrund der ganzen Erſcheinung, das ſchnell gewonnene Vertrauen wurde ſchwankend und man hoffte nur noch, daß der im Verborgenen lauernde fuchsartige Zug in ſeinem Geſicht ein zufälliges Mie⸗ nenſpiel, ein Zeichen ſeiner Klugheit und Unſichtig⸗ keit, keineswegs aber das Merkmal eines nur heuchelnd auftretenden und ſein wahres Weſen abſichtlich ver⸗ hehlenden Characters ſei. Wenn wir bei der Beſchreibung Lord Lowdale's ſagten, daß er ein doppeltes Geſicht hatte, von denen das eine, gewöhnlich ſichtbare, nur die Maske, das zweite, nur bisweilen hervortretende, unter der Haut, gleichſam unter dem Firniß der Erziehung zu liegen ſcheine, ſo können wir von Lawſon ſagen, daß auch er im Beſitz zweier ſolcher Geſichter ſei, von denen das eine verborgene aber in den vielfachen Falten des ſicht⸗ baren verſteckt liege, Falten, die eine Beweglichkeit 13* . 4 196 ohne Gleichen beſaßen und im Ha ndumdrehen einen dem erſten ganz verſchiedenen Ausdruck annehmen konnten. Dieſe Beweglichkeit des Mienenſpiels, dieſe jedem beliebigen Gedankengange ſich augenblicklich anſchmie⸗ gende Elaſticität ſeiner Geſichtsmuskeln, die gleichſam dem leiſeſten Hauche des Willens gehorſam waren, hatte ſich namentlich auch ſeinem Auge mitgetheilt. In ruhigen Momenten nahm es unbemerkt den Aus⸗ druck Desjenigen an, der mit ihm ſprach, in leiden⸗ ſchaftlicheren ging es blihartig ſchnell aus einem Zu⸗ ſtande in den andern über, unter allen Umſtänden aber vertauſchte es gern den liſtig lauernden Seiten⸗ blick mit einem zum Himmel aufſchauenden Lächeln, worin ſich chriſtliche Demuth und lammfromme Un⸗ terwerfung auszuſprechen ſchien. Was die Kleidung Layſon's anbelangt, ſo trug er zwar die gewöhnliche Tracht der Bergſchotten, aber nicht allein die Feinheit und Güte der Stoffe, woraus ſie beſtand, auch die Art und Weiſe, wie ſie mit reich⸗ lichem Schmuck verſehen war, verrieth trotz des hohen Alters des Trägers eine gewiſſe Eitelkeit, ein Gefallen an Prunk und Glanz und das ſichtliche Beſtreben, ſich vor Vielen ſeines Gleichen auszuzeichnen, wobei er nicht ohne merkliches Gepränge ſeine Wohlhabenheit hervorſchimmern ließ. 1 4 Die Farbe des feinen wollenen Tartans, woraus ſein Kilt beſtand, war ein ziemlich grelles Scharlach⸗ Roth, von regelmäßig ſchwarzen Streifen durchzogen. Seine weiß und ſchwarz gewürfelten Strümpfe reichten bei Weitem nicht bis an das dicke und faſt unförm⸗ liche Knie, von deſſen dunkelbrauner Hautfarbe indeſſen nur in der Kniekehle eine geringe Spur zu ſehen war, da die ganze übrige Haut ein weißer zottiger Haar⸗ wuchs bedeckte, der dem gewählten zierlichen Anputz des Mannes einen Anſtrich von ſeltſamer Wildheit üchſigkeit verlieh. Seine blaue Mütze mit th gewürfelten Borte, ſchmückte außer der lang Fängenden rothen Troddel eine hochaufra⸗ gende Adlerfeder, wie ſie ſonſt nur angeſehene Per⸗ ſonen oder Häuptlinge eines Clans trugen; ſeine Schnupftabacksdoſe, auch hier aus einem ſchwarzen Widderhorn beſtehend und an einer dicken ſilbernen Kette ih der Hüfte hängend, war reich mit Silber beſchlagen und am Deckel mit geſchliffenen ſchottiſchen Kryſtallen beſetzt, wie denn auch auf dem Knopf ſeines dolchartig u Meſſers im ſchwarzen Gürtel ein koſtbarer Cairngorm funkelte. Endlich klirrten und klapperten bei jeder Bewegung des rieſigen Thurmwärters ſechs oder acht Medaillen und Kreuze, von Gold, Silber und anderm Metall, die er, wir wir ſchon wiſſen, von verſchiedenen Staatsoberhäuptern zum Lohne ſeiner menſchenfreundlichen Thaten erhalten hatte und nun ſtets auf der breiten Bruſt trug, wie wir das auch bei unſern gedienten Kriegern wahrnehmen, nur daß ſie bei Lawſon an etwas übermäßig breiten und ab⸗ ſichtlich zur Schau getragenen bunten Bändern hingen. Um nun aber auch das Letzte nicht zu vergeſſen, müſſen wir erwähnen, daß der ſeltſame Mann außer einer koſtbaren Uhr an ſchwerer goldener Kette noch am kleinen Finger der linken Hand einen großen, mit Brillanten eingefaßten Topas trug, ein koſtbares An⸗ denken, welches er, wie er ſehr gern er, einſt von einem reichen Ruſſen bei Gelegenheit ſeiner Ret⸗ tung aus einen earndeten Schiffe zun 1 eſchenk erhalten hatte. Was ſeinen Leumund betrifft, ſo ſtand der Wär⸗ ter des Leuchtthurms auf Cap Wrath in der ganzen Gegend in dem vortheilhafteſten Rufe und Aenig ſeine Vorgeſetzten und die angeſehenern Perſonen des Landes ließen ihm vielfache Beweiſe ihrer hohen Ach⸗ tung zukommen. Muthiger und aufopfernder als er, wenn es galt, ein halb verlorenes Menſchenleben zu retten, war kein Anderer, er ſtürzte ſich mit wahrer Todesverachtung in die augenſcheinlichſte Gefahr, und hingebender gegen arme Gerettete, Beſchädigte oder Kranke, die in ſeine Hände gefallen waren und nun im Thurm bis zur Geneſung von ihm gepflegt wurden, konnte Niemand ſein. Er ritt und lief meilenweit, um ſeinen Patienten, wie er ſie nannte, einen Wunſch zu erfüllen, eine herzſtärkende Arznei zu holen oder ſonſt einen Gefallen zu thun, er konnte ſtundenlang an ihrem Bette ſitzen, ihnen angenehme Dinge erzäh⸗ len und auf jede Weiſe die Zeit vertreiben. War es mithin ein Wunder, daß ſich ſein Ruf immer weiter verbreitete und ſogar in ferngelegenen Ländern Aner⸗ kenntniß und dankbare Herzen fand? Natürlich mußte ein Mann, der ſo lange an jenem Orte geweilt, unzähligen Menſchen das Leben gerettet und ſo viele koſtbare Güter geborgen, auch allmälig wohlhabend geworden ſein, ja er hatte ſich durch dieſe Werke chriſtlicher Liebe, wie er ſie ſelbſt nannte, viel⸗ leicht mehr erworben, als ſeine nächſten Bekannten vermutheten. Indeß war er auch ganz der Mann, ſeine Wohlhabenheit nicht zu verbergen, im Gegentheil, er ſprach häufig davon, legte ſie ſichtbar zur Schau und war ſtets im Beſitz eines mit Gold reichlich ge⸗ füllten Beutels, den er ſogar oft, Jedermann zugäng⸗ lich, im Gürtel trug, wenn er ruhig zu Hauſe ſaß oder harmloſen Geſchäften in der Umgegend nachging. Trat ihm dann einmal ein Armer oder Hülfsbedürfti⸗ keinen anderen Beſuch zu rechnen hatte, lud er einige Nachbarn zu ſich ein, um angenehm mit ihnen zu leben und den einſamen Thurm zu einem Aufenthalt herr⸗ licher Freuden zu machen. In ſolcher Geſellſchaft war er ſtets der gaſtlichſte und zuvorkommendſte Wirth. Er hi einen vor⸗ trefflichen Weinkeller, wußte ſich all lerlet ſeltene Lecker⸗ biſſen zu verſchaffen und hatte ſich eine alte Köchin verſchrieben, die ihre Kunſt aus dem Grunde verſtand. Dabei zeigte er ſtets die heiterſte Laune, ſprudelte von Witz und galt für den beſten Erzähler im ganzen Lande. Unter dieſen Verhältniſſen ſollte man glauben, hätte der alte Lawſon nicht blos ein geachteter, ſondern aauch ein allgemein beliebter Mann ſein müſſen, und doch war dies nicht ſo ganz der Fall. Es gab ſogar Viele, die ihn vermieden und nichts von ihm wiſſen wollten, Andere, die ihn fürchteten, denn ſo viel ſtand feſt, daß Keiner mit ihm ernſtlich anzubinden wagte, einmal weil man ſeine phyſiſche Ueberlegenheit kannte, und ſodann, weil man im Stillen flüſterte, es ſei ge⸗ fährlich, mit Lawſou in anderen als guten Verhält⸗ niſſen zu leben, und hals er einmal erſt einen gehei⸗ ger in den Weg, ſo gab er ihm reichlich, nicht allein Silber, auch Gold, was ihm gerade in d die Hand kam, und oft zur Winterszeit, wenn er Langeweile und auf einer furchtbaren Rache gewärtig ſein. Ob ſich dies 5 weil ſie nie im Stande geweſen, ſeinen Beſitz zu 201 men Groll auf Jemand geworfen, ſo könne derſelbe wirklich ſo verhielt, konnte und wollte Niemand be⸗ ſtätigen, und eben ſo wenig können wir behaupten, daß die Ausſage der Lootſen unten am Strande ge⸗ rechtfertigt war, daß Lawſon nämlich der habſüchtigſte der Menſchen ſei und es trefflich verſtehe, Andere zu übervortheilen. Von dieſen Lootſen, die ihn beneiden mochten, taxiren, und die ihn daher für reicher hielten, als er ſich ſelbſt ausgab, war vielleicht auch das einzige Ge⸗ rücht ausgegangen, was dem Charakter und dem Weſen. dieſes ſeltſamen Mannes einen etwas düſteren Hinter⸗ grund verlieh und ihm bei den Wenigen, die daran glaubten, nicht geringen Abbruch that. Man pflegte nämlich hier und da in geheimen Unterhaltungen, von denen natürlich Lapſon ſelbſt kein Wort erfahren durfte, und wenn dabei auf ſeine erſtaunenswürdigen Thaten die Rede kam, mit einer gewiſſen geheimnißvollen Miene und einem Ausruf der Vorſicht zu ſagen:„O, er iſt ein Mae⸗Gregor!“ Die Bedeutung dieſes Namens wollen wir ſchließlich noch dem Leſer mittheilen und glauben dann, in Layſon's Schilderung umſtändlich geung geweſen zu ſein. 202 Einer der gewaltthätigſten der ſchottiſchen Stämme oder Clans, die eintauſendſiebenhundertſechsundvierzig nach der letzten ſchottiſchen Revolution aufgehoben wurden, war der Clan der Mae⸗Gregors. Alle ſeine Mitglieder— man denke an Walter Scott's rothen Robert— waren von jeher als wilde und grauſame Menſchen bezeichnet worden und hatten ſich durch ſchreckliche Thaten dermaßen in Verruf gebracht, daß die engliſche Regierung den Befehl erließ: fortan ſolle kein Mac⸗Gregor mehr exiſtiren und ſogar der Name der noch vorhandenen, nicht durch Schlachten oder Henkerbeil umgekommenen Mac⸗Gregors ſolle auf⸗ hören, ſich fortzuerben und einem andern Namen weichen. Natürlich gab es noch viele Mitglieder dieſes großen Clans und dieſe zerſtreuten ſich nun in alle Welt, nahmen in der That andere Namen an und lebten unter verſchiedenen Verhältniſſen, oft als ganz unbeſcholtene, wackere und ehrliche Leute. Immer aber blieb an dem ehemaligen Namen Mae⸗Gregor ein gewiſſer Makel haften und man pflegte rohe, ge⸗ waltthätige Leute— ob mit Recht oder Unrecht, wußte man ſelten—, die ſich das allgemeine Miß⸗ trauen zuzogen, noch immer als geheime Mae⸗Gregors zu bezeichnen, womit man ausdrücken wollte, daß die⸗ ſem oder jenem Manne nicht zu trauen, daß man ſich 3 vor ihm in Acht nehmen müſſe, da es ja gar nicht. V zu verwundern ſei, wenn er Uebles thue, indem er, als Wolf geboren, auch als Wolf leben und würgen müſſe. Alſo auch von Lawſon ging das heimliche Gerede, er ſei ein Mac⸗Gregor, und Viele glaubten es, Manche allerdings nicht, Alle aber ſchüttelten geheim⸗ nißvoll die Köpfe, wenn darauf die Rede kam. Ob dieſes Gerücht aber auch zu den Ohren der vorneh⸗ meren Klaſſe und ſeiner Beſchützer gedrungen war, können wir nicht ſagen, auch würde es ganz ohne Folge geblieben ſein, denn von Oben herab verfolgte man ſchon lange keinen Clan mehr, obgleich das Ver⸗ bot, den Namen Mae⸗Gregor zu führen, bis auf den heutigen Tag beſteht. * 4 6. Achles Nnite Ein überraſchendes Zuſammentreffen. 44 Obgleich der Wind, der in der letzten Nacht ſo heftig geweht, zugleich mit dem Regen bedeutend nach⸗ gelaſſen hatte, ſo war es doch ein unfreundlicher Tag, 5* an welchem der Admiral ſeine Gäſte zum erſten Mall ⸗ nach Cap Wrath führte. Der blaue Himmel blieb hinter einer dichten Wolkenhülle verborgen und ein weißgrauer, die Ferne vollkommen verſchleiernder Nebel bedeckte das ganze Land, wodurch der finſtere Tarfe⸗ Wald, die grauen zerkluͤfteten Felſenwände an den 3 Seiten des Weges, auf welchem man zog, und die von rauſchenden Bergwaſſern überfüllten Thalſchluchten ein noch düſtereres Gepräge erhielten, als ihnen ſchon von Natur eigen war. Eine ſolche trübe Geſtaltung der Außenwelt 205 konnte auf die Stimmung der Reiſenden natürlich keinen belebenden Einfluß üben und am wenigſten fröhlich ſchauten Arnold und Martha Tiefenſee vor ſich hin, deren Herz ſchon vom frühen Morgen an unter einer ſichtlichen Belenunu litt und deren Geiſt von keinem ermuthigenden Gedanken aufgerichtet wurde. Lionel und Georgy, von Natur zwar die heiter⸗ ſten von Allen und ſelbſt an dieſem Tage zur mun⸗ teren Unterhaltung geneigt, wurden auch bald ſchweig⸗ ſam, als ſie die nachdenklichen Geſichter der Uebrigen ſahen, und der Admiral, der heute, ganz gegen ſeine Gewohnheit, in tiefe Gedanken verſunken ſchien, machte ſich nur bisweilen von denſelben frei und gab ſich dann vergebliche Mühe, den abgeriſſenen Faden des Geſprächs wieder anzuknüpfen. So zogen denn Alle ſtill auf dem ziemlich aus⸗ getretenen rauhen Pfade dahin, aber noch ſchweigſamer wurden ſie und noch höher ſtieg die Spannung der deutſchen Geſchwiſter, als der Admiral endlich verkün⸗ dete, daß man ſich dem Ausgange des Waldes und ſomit dem lange erſehnten Ziele des Tages nähere. Man ritt eben eine kleine, ſparſam mit halb ver⸗ krüppelten Kiefern bewaldete Anhöhe hinauf, als Sir Colin's Schecke laut zu wiehern anfing, als wolle er 206 ſeinen Kameraden die Nähe des Stalles dadurch ver⸗ rathen, den er vielleicht ſchon öfter beſucht hatte. Bald darauf lichtete ſich die Waldung noch mehr, die braune mit verwitterten Nadeln und hie und da mit Moos bedeckte Erdſchicht wurde dünner und dünner und bald trat das graue kalte Geſtein wieder zu Tage, wie es ſich rings auf der felſigen Aüſt des nördlich⸗ ſten Schottlands zeigt.. Der Admiral ſetzte ſeinen feurigen Hengſt in leichten Trab, um das Felsplateau des Vorgebirges zuerſt zu erreichen, und bald gruppirten ſich die Uebri⸗ gen um ihn her, als er am äußerſten Waldrande hielt und mit der Hand auf ein durch den Nebel hervor⸗ ſchimmerndes grauweißes Gemäuer deutete. „Sie wollten den Leuchtthurm auf Cap Wrath. ſehen, meine Freunde,“ ſagte er,„da iſt er!“ Die Herzen der jungen Leute, die ſämmtlich den Thurm noch nie geſehen und doch in der letzten Zeit in Gedanken ſich ſo oft mit ihm beſchäftigt hatten, pochten laut, als ſie dieſe Worte hörten und ihre Augen auf den vielgenannten Gegenſtand richteten. Und in der That, vor ihnen, wie ein gewaltiges Ge⸗ ſpenſt aus dem trüben Nebel aufſteigend, erhob ſich das alte runde Gebäude, mit ſeinen dicken Mauern kühn allen Stürmen Trotz bietend, und von der ſich 207 allmälig zuſpitzenden Höhe deſſelben blickte ernſt und finſter die koloſſale Laterne hernieder, die nur in dunk⸗ ler Nacht ihre hellen Strahlen weit über die wogende See warf. Um dieſe Laterne nun flogen t hin und her jagende Möwen, traurig ächzend, als fühlten auch ſie die ſchaurige Einſamkeit; ſonſt war nirgends etwas Lebendes zu ſehen, nur auf ödes, nacktes, holpriges Geſtein fiel das ſuchende Auge, da die Ferne, das un⸗ ermeßliche Meer mit ſeinen grauen Wogenbergen, noch unſichtbar hinter und unter dem bergenden Nebel fluthete. „Was iſt das für ein ſeltſames Geſtöhne?“ fragte Lionel, Augen und Ohren aufmerkſam auf das Vor⸗ liegende richtend und zuerſt dafür Worte findend. Der Admiral lächelte zum erſten Mal an dieſem Tage auf ſeine alte herzliche Weiſe.„Hörſt Du es, mein Junge?“ ſagte er heiter.„Nun, das freut mich. Es iſt mein guter alter Freund, Neptun, der mich auch hier zu begrüßen kommt. Ja, Kinder, es iſt das große, gewaltige Meer, das ſeine von Weſten heranziehenden Wogen an den Klippen von Wrath branden läßt.“ Alle horchten hoch auf und mißten Srfenner, daß ſie ein ſolch' ſeltſames, Mark und Bein erſchütterndes 208 Geräuſch noch nicht vernommen hatten. Es klang dumpf, hohl, ſchwermüthig; wie ein langſam klopfen⸗ der ungeheurer Pulsſchlag kehrte es in regelmäßigen Pauſen wieder, als ob eine unbegreifliche Naturkraft, die es ja wirklich iſt, ſich bemühte, mit ewig wieder⸗ holten unterirdiſchen Stößen das felſige Landzu er⸗ ſchüttern, zu unterwühlen, auf dem der kleine winzige Menſch mit ſeinen vergänglichen Gefühlen und nur das Irdiſche begreifenden Gedanken ſeine She ge⸗ gründet hat. Man wäre noch länger in ſchweigender Bewun⸗ derung ſtehen geblieben, die nie geſehene Oede betrach⸗ tend und auf die ſchwermüthige Muſik des grollenden Meeres horchend, wäre nicht eine neue Perſon auf die Bühne getreten, deren bloßer Name ſchon, wie ihn ſo⸗ gleich Sir Colin ausſprach, die allgemeine Spannung auf das Aeußerſte hob. So breit das felſige Plateau zwiſchen dem Tarfe⸗ Walde und dem Leuchtthurm war, ſo mußte doch von letzterem aus ein wachſames Auge den kleinen Reiter⸗ zug ſchon entdeckt haben, als er aus dem lichten Ge⸗ hölz hervortrat. Denn alsbald that ſich die Thür des Thurmes auf und heraus ſchritt eine rieſige Geſtalt, die in ihrer grellrothen Bekleidung bei dem eigen⸗ thümlichen falben Lichte des Tages wie in feuriger Lohe 209 einherzuwandeln ſchien, und kam mit weiten, aber be⸗ dächtigen Schritten den Reitern entgegen, die ſich all⸗ mälig wieder in Bewegung geſetzt hatten. „Ha!“ rief der Admiral,„das iſt Lawſon! Er hat uns bereits geſehen!“ Und er ritt dem Zuge etwas voraus, mit der Hand Grüße entſendend, da der ihm Entgegenſchreitende, zum Zeichen, daß er ihn erkannt, ſeine befiederte Mütze ſchon lange mit hocher⸗ hobenem Arme in der Luft ſchwenkte. b Die Augen weit geöffnet, den lauten Herzſchlag mit Gewalt bezwingend, ritten die vier jungen Leute dem Admiral nach, und hielten ihre Pferde erſt wie⸗ der an, als auch dieſer das ſeinige, das unruhig hin und her tanzte, zum Stehen brachte. „Guten Morgen, Lawſon— ha, da ſeid Ihr ja, alter Freund! Wie, kennt Ihr mich noch, habt Ihr mich ſchon von Weitem geſehen?“ Und dabei ſtreckte er ſeine Rechte dem herkuliſchen Manne entgegen, der, als er dem edlen Gliede der Londale'ſchen Familie näher kam, ſeinen Rücken zu wahren Katzenkrümmungen zwang, ſich wiederholt niederbeugte und dann ehrfurchts⸗ voll und zärtlich die theure Hand küßte, die die ſeinige mehr freundlich als herablaſſend ſchüttelte. 1 „Sir Colin! Sir Colin! Gott giebt mir in Wahrheit die Gnade!“ rief der Leuchtthurmwärter Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 14 210 mit einer Stimme, deren dumpfer und hohler Ton, in der tiefſten Kehle gebildet, gleich der Stimme des grollenden Meeres etwas Ergreifendes an ſich hatte und dabei in der That von nur mit Mühe bewältig⸗ ter innerer Bewegung faſt wehmüthig vibrirte, wie nur das beſcheidenſte und demüthigſte Herz ſie in rühren⸗ den Momenten an den Tag zu legen vermag.„Wie komme ich alter Mann zu der Ehre, Sir Colin, Sie an meinem Ende der Welt noch einmal zu begrüßen?“ „Ha, alter Freund, ich komme mit meiner ganzen Familie— da ſteht ſie— ja, ich muß doch einmal ſehen, was Ihr macht, ich bin ja ſo lange nicht hier geweſen. Aber wie,“ fuhr er plötzlich mit forſchendem Auge fort, da Layſon's Geſichtsfalten in einer ſeltſa⸗ men, faſt nervöſen Bewegung zu zucken anfingen— „was macht Ihr für ein bedeutſames Geſicht— wollt Ihr mir etwas ſagen?“ Lawſon legte eine ſeiner gewaltigen Hände an das Gebiß des Hengſtes Sir Colin's und führte das umſonſt widerſtrebende Thier etwas abſeits, als wolle er die ihn neugierig umſtehenden jungen Leute, vor denen er ſich wiederholt verbeugt, nicht hören laſſen, was er ſpräche.„O, Sir Colin,“ ſagte er dann mit zaghaft ſtockender Stimme,„ich bin ſo betroffen von Ihrem Beſuche, daß ich mich gar nicht faſſen kann. 211 Wiſſen Sie— wiſſen Sie— Wem Sie in jenem Thurme begegnen?“ 4 „Nun?“ fragte der Admiral, den eine unbe⸗ ſtimmte Beſorgniß zu peinigen anfing. „Seine Herrlichkeit, der Viscount Lowdale ſitzt da oben im Zimmer— iſt geſtern gekommen— auf wie lange, weiß ich noch nicht—“ „Was,“ ſagte der Admiral, deſſen bleiche Geſichts⸗ farbe um einen Grad dunkler ward,„was ſagt Ihr, Lawſon, Lord Lowdale, mein Bruder iſt bei Euch?“ „Ja, Sir, ſo iſt es und er iſt für mich ſelbſt— ſehr überraſchend gekommen.“ „Was hat ihn denn hergeführt?“ Lawſon deutete mit der Hand auf ſeine mit hundert Falten bezogene Stirn.„Hier, hier ſteckt es wahr⸗ ſcheinlich, Sir Colin, der Spleen iſt wieder da, wie ſchon früher. Seine Herrlichkeit hat die Welt ſatt und will ſich ruhen an dieſem einſamen Orte, wo nichts ihn ſtört als Gottes Winde und Wellen.“ Der Admiral, in maaßloſes Staunen verſinkend, ſchwieg geraume Zeit, dann bedeutete er Lawſon, nach dem Thurm voranzugehen, wandte ſich zu den jungen Leuten um und ſagte zu Lionel und Georgy, die er ſcharf ins Auge faßte:„Es iſt ſeltſam, Kinder, aber wir müſſen uns darein fügen. Euer Vater iſt dort 14* 212 im Thurm und hat ſich bei Lawſon häuslich nieder⸗ gelaſſen.“ „Unſer Vater?!“ riefen die beiden Kinder des Lords, während Arnold und Martha Tiefenſee unwill⸗ kürlich zuſammenſchauerten. „Nun, nur getroſt vorwärts!“ fuhr der Admiral wieder vollkommen gefaßt fort.„Wenn ich weiß, was mir begegnet, flößt mir ſelbſt der Teufel keinen Schrecken ein, und ich werde doch vor einem Men⸗ ſchen nicht bangen, der noch dazu mein Bruder iſt? Vorwärts, Ihr jungen Leute, vorwärts! Haha! Geht Ihr nur in das untere Zimmer hinein, hier weht doch der Wind etwas unfreundlich für Euch. Ich werde ſogleich das Eis brechen und Lord Lowdale begrüßen, wie es die Schuldigkeit eines jüngeren Bruders iſt, damit er nicht denkt, wir hegten die Abſicht, ihm aus dem Wege zu gehen. Nein, nein, Sir Colin's Wimpel flattert immer da, wo es Noth thut, und hier thut es Noth, ſchon Euretwegen.— He, Harry! Hier, nimm den Schecken, und nun, meine Damen, darf ich bitten?“ In zwei Minuten waren Alle abgeſtiegen und, von dem demüthig lächelnden und freundlich ſte will⸗ kommen heißenden Lawſon geleitet, traten die jungen Leute durch die kleine Thür in des Wärters wohnliche 213 Stube, während der Admiral lebhaft die Treppe zu erſteigen begann, die in das erſte und geräumigſte Stockwerk des Thurmes führte. Mit welchen Gefühlen Sir Colin die knarrenden Stufen dieſer ſchon halb ausgetretenen Treppe erſtieg, wollen wir dahingeſtellt ſein laſſen,— angenehm waren ſie gewiß nicht. Mochten ſie aber auch ſein wie ſie wollten, das gute Gewiſſen, mit dem er dem älteren Bruder entgegenging, zauberte eine wolkenloſe Heiter⸗ keit auf ſeiner Stirn hervor, ſein Auge blickte klar und ruhig, und ſelbſt die Farbe ſeines Geſichts war wieder zu ihrer gewöhnlichen leidenſchaftsloſen Bleiche zurückgekehrt. Eben erreichte er einen kleinen Vorplatz im erſten Stockwerk, da that ſich die ſchmale Thür eines Zim⸗ mers auf und in das Halbdunkel des Vorplatzes trat ein Mann, der vielleicht viel darum gegeben, wenn er dem Nahenden mit gleicher Ruhe und Zuverſicht hätte entgegentreten können. Da er die Thür noch halb ge⸗ öffnet in der Hand hielt, ſo fiel das Licht des Zim⸗ mers auf den Vorplatz und— der Admiral ſah in dem zweifelhaften Schimmer deſſelben ſeinen Bruder dicht vor ſich ſtehen. „Thomas, Lord Lowdale, ich ſuche Dich!“ lauteten 214 ſeine erſten Worte.„Alter Knabe, wie, kennſt Du mich nicht und willſt Du mir nicht die Hand rei⸗ chen, nachdem Du mich ſo viele Jahre nicht geſehen haſt?“ Dabei war er dem mechaniſch ihm Voran⸗ ſchreitenden in ein kleines Zimmer gefolgt, welches allerdings nur ein Fenſter hatte, aber in Anbetracht der großartigen Ausſicht auf das unermeßliche Meer und ſeiner inneren gemächlichen Einrichtung einen ganz behaglichen Aufenthalt bot. Die Blicke der Brüder fielen auf einander. Der Admiral, wie gewöhnlich ruhig freundlich, halb und halb gerührt und überhaupt einer viel lebhafteren Gefühls⸗ äußerung fähig, ſchien, obgleich er immer viel ſchwächer und hinfälliger als ſein Bruder geweſen, in dieſem Augenblick der bei Weitem Kräftigere und Willens⸗ ſtärkere zu ſein, denn Lord Lowdale's Ausſehen glich eher dem eines kranken als geſunden Menſchen. Er ſah blaß, verſtört aus; ſeine Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Dabei irrte ſein blaßblaues Auge unſtät von einem Orte zum an⸗ dern, um ſo wenig wie möglich auf dem Antlitze ſei⸗ nes Bruders zu weilen oder gar mit ſeinem Blicke zuſammenzutreffen. Da er dabei eine mehr grämliche und beängſtigte als heitere Miene annahm, wie man es bei einer erſten Begrüßung der Brüder nach ſo — 215. langer Trennung kaum erwarten konnte, ſo ſagte der Admiral mit natürlicher Verwunderung: „Wie, Thomas, freuſt Du Dich nicht, mich ſo un⸗ erwartet wieder zu ſehen?“— „Ich freue mich,“ ſagte da eine faſt tonloſe kalte Stimme. „Aber Du verräthſt es nicht?“ „Nicht ſo lebhaft wie Du— unſere Temperamente waren ja ſtets verſchieden.“ „Das iſt wahr,“ erwiderte der Admiral, ſich be⸗ ſinnend und ebenfalls förmlicher werdend, als er ſich ſo wenig brüderlich behandelt ſah.„Aber was machſt Du hier im Thurm?“ „Ich vergnüge mich auf meine Weiſe!“ „Da haſt Du Recht, das thue ich ja auch und— jetzt denke ich erſt daran, Du könnteſt mich gleichfalls fragen, was ich hier will. Doch ich will es Dir ſa⸗ gen: ich bin in Geſchäften hier, die ſich auf frühere Zeiten und Ereigniſſe an dieſem Orte beziehen. Doch was geht das Dich an— ich ſehe, ich langweile Dich. Zu etwas Anderem alſo. Es iſt Dir immer gut ge⸗ gangen?“ „Vortrefflich.“ „Du biſt mit Allem zufrieden, auch mit Deiner Geſundheit?“ 216 „Geſundheit? Ja. Mit Allem? Nein. Zum Beiſpiel lange nicht ganz mit dem Verhalten meiner Kinder!“ 7* „O, was haben Dir Deine Kinder gethan, daß Du ſie— ja, laß es mich ſogleich ſagen— durch die⸗ ſen Mr. Poltroon verfolgen läſſeſt?“ Lord Lowdale erröthete und wandte ſich halb zornig, halb verlegen nach dem Fenſter.„Darüber will ich mit meinen Kindern ſelber ſprechen,“ verſetzte er mit einer ungeſtümen abweiſenden Bewegung der Hand.* „Ja, aber ſprich nicht rauh mit ihnen, es ſind gute Kinder—“ 3 „In Deinen Augen iſt Alles gut—“ „Gott ſei Dank, Vieles wenigſtens—“ „Du biſt Optimiſt!“ „Und Du Peſſmiſt!“ Lord Lowdale ſeufzte. Er langweilte ſich in der That und hätte etwas darum gegeben, wenn ein Sturm⸗ wind gekommen wäre und ſeinen Bruder wie eine Fe⸗ der aus dem Fenſter geführt hätte. Aber die Sturm⸗ winde kommen nicht immer auf den Wunſch der Men⸗ ſchen und ſo unterhielten ſich die beiden Brüder noth⸗ gedrungen noch eine Weile, bis der Admiral endlich ſah, daß alle ſeine Freundlichkeit vergebens war, denn 217 der Lord blieb kalt, unbeweglich, unzugänglich, bot ſeinem Bruder nicht einmal einen Stuhl an und die⸗ ſer verabſchiedete ſich, indem er noch zuletzt fragte: „Bleibſt Du lange hier?“ „Ich beſtimme nie etwas über den morgenden Tag.“ „Willſt Du mich nicht in Glory⸗Craig⸗Hall be⸗ ſuchen? Ich bitte Dich darum, Du haſt es ja noch nie geſehen.“ Der Viscount kämpfte mit ſich ſelber. Seine beſſere Natur ſchien einen Augenblick lang durch⸗ brechen zu wollen, dann aber ſagte er ſtolz und hart: „Nein, ich habe weder Zeit, noch die geeignete Stim⸗ mung dazu.“ „Aber was thuſt Du hier ſo allein, ohne alle Bequemlichkeit, da Du ſelbſt, wie ich höre, nicht ein⸗ mal Deinen Kammerdiener bei Dir haſt?“ „Ich nehme nie einen Kammerdiener mit, wenn ich mich vergnügen will.“ „Ah, dann will ich Dich nicht ſtören. Gott be⸗ fohlen, Thomas! Verzeih, daß ich Dir in den Weg getreten bin.“ Der Viscount nickte vornehm und einen Augen⸗ blick darauf ſchritt der Admiral langſam und leiſe ſeufzend die Treppe hinunter, wo er in Lawſon’s ſehr ſtattlich möblirtem Zimmer die jungen Leute fand, die 218 „— der rieſige Thurmwärter beſtens zu unterhalten ſich eif⸗ rig angelegen ſein ließ.. Kaum aber hatte Sir Colin ſeinen Bruder ver⸗ laſſen, ſo ſank dieſer, gleichſam einer ihn lange be⸗ drängenden Ohnmacht nachgebend, auf einen Stuhl und bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen. So blieb er eine Weile ſitzen, dann ſeufzte er tief auf, nahm die Hände wieder fort und lächelte bitter. „O,“ murmelte er dumpf vor ſich hin,„das war alſo Colin, der Herzenbezwinger Colin— nun, es iſt gut, daß er wieder fort iſt. Ich kann ſein Geſicht nicht ertragen, er ſieht mit ſeinen heuchleriſch gutmü⸗ thigen Augen immer aus, als warte er nur auf den richtigen Moment, mit allen Kanonen ſeiner Breitſeite ein unvorſichtiges Schiff in den Grund zu bohren. Hoho, mein Freund, wir ſind ſo unvorſichtig nicht; wir kommen zeitiger auf das Schlachtfeld als Du und unſre Kanonen treffen auch.— Aber im Ganzen,“ fuhr er lächelnd fort,„ging es doch noch beſſer, als ich vermuthet. Larve gegen Larve, Liſt gegen Liſt, he? Nun giebt es noch eine Scene hier— die Begegnung mit meinen Kindern! Wie ſoll ich mich da verhalten? Soll ich ſtreng oder duldſam ſein — ha, leider wird mir Beides nicht mehr nützen, ich habe die gewinnenden Karten leichtſinnig aus 219 der Hand gegeben, oder vielleicht allch— nie be⸗ ſeſſen!“ Er ſchüttelte ſich vor Unbehaglichkeit, aber er ſollte nicht lange im Ueberlegen ſeiner Handlungs⸗ weiſe verharren dürfen, denn alsbald erſchien Harry, Lionel's Diener, und fragte, ob Seine Herrlichkeit ge⸗ neigt ſei, Mr. Lowdale und Lady Georgiana zu em⸗ pfangen. „Laß ſie kommen!“ ſagte der Lord dumpf und ſtand mit bebenden Knieen von ſeinem Stuhle auf, öffnete ein Fenſter, um friſche Luft in den kleinen Raum ſtrömen zu laſſen, der ihm ſchon lange zu ſchwül war, und wandte ſich dann zur Thür, durch die ſo eben die hohen Geſtalten Lionel's und Georgy's traten, mit dem Ausdruck der höchſten Spannung auf den Geſichtern, was ſich aus dieſem unerwarteten Zuſam⸗ mentreffen entwickeln werde. „Guten Tag, Mylord!“ ſagten Beide zugleich und gingen raſch auf ihren Vater zu, um ihm die Hände zu reichen. Der Lord ſtreckte mechaniſch beide Hände aus, ſchüttelte die ſeiner Kinder ein wenig, machte aber nicht die geringſte Miene, ihnen eine weitere Liebkoſung angedeihen zu laſſen, was ſie allerdings auch nicht er⸗ warteten. Als dieſe kalte Begrüßung ausgetauſcht, blieben die Kinder vor ihrem Vater ſtehen und ſahen 220 ihn erwartungsvoll an, indem ſie das Geſpräch von ihm wollten beginnen laſſen. „Nun,“ ſagte endlich der Lord verlegen,„Ihr wundert Euch, mich hier zu finden, nicht wahr?“ „Gewiß,“ erwiderte Lionel,„hier erwarteten wir Dich am wenigſten zu treffen.“ Der Viscount erröthete, faßte ſich aber ſchnell und indem er eine glückliche Wendung des Geſprächs gefunden zu haben glaubte, fuhr er fort: „Blieb mir denn etwas Anderes übrig, wenn ich Euch ſehen und ſprechen wollte? Habt Ihr nicht meine Einladung, nach Meanach⸗Lodge zu kommen, ſogar mit Euren Freunden, kurz und bündig abgeſchlagen, weil Ihr hierher zu gehen beſchloſſen hattet?“ „Was ſollten wir jetzt noch in Meanach⸗Lodge thun,“ erwiderte Lionel,„da Du, ſo lange wir dort waren, nur eine zornige Miene zeigteſt und namentlich unſre Gäſte mit Deinem Unwillen bedrohteſt?“ „O, o, ich hatte wohl meine Gründe zu dieſer Handlungsweiſe. Mir gefiel damals Eure Freundſchaft mit den Fremden nicht.“ „Warum nicht, mein Vater?“ „Still, ſtill, halte Deine Augen im Zaume, das iſt meine Sache. Ich hegte Pläne, die Eure Hand⸗ lungsweiſe vollkommen durchkreuzte.“ 221 * „Pläne? Mit mir?“ „Nicht gerade mit Dir, aber— ich habe ja noch ein anderes Kind,“ verſetzte der Lord ausweichend, da er ſelbſt fühlte, in welche Enge er gerieth. „Alſo mit mir?“ fragte Georgy, ſich in das Ge⸗ ſpräch miſchend. „Laß das jetzt, Georgy, dieſe Sache wollen wir ein andermal verhandeln.“ „Dem ſtimme ich bei,“ erwiderte Georgy mit leuchtendem Blicke,„aber was Deine Einladung be⸗ trifft, nach Meanach⸗Lodge zurückzukehren, ſo konnte ich unmöglich glauben, daß ſie ernſtlich gemeint war, zumal ſie durch einen ſo ſeltſamen Boten überbracht wurde.“ „Du meinſt John Poltroon— o, das iſt meines beſten Freundes Sohn. Dem Aeußern nach zwar nur ein roher Edelſtein, iſt er doch immer ein Edelſtein, und Ihr hättet wohl gethan, Euch der Mühe zu unter⸗ ziehen, ihn ein wenig abzuſchleifen. Das war meine Mei⸗ nung damals. Doch laßt jetzt John Poltroon aus dem Spiel. Heute gebe ich meinen Wunſch durch einen beſſeren Boten zu erkennen, Georgy. Werdet Ihr mich alsbald mit Euren Freunden nach Hauſe begleiten, oder habe ich diesmal den weiten Weg ſelbſt vergebens gemacht?“ Lionel blickte Georgy und ſie ihn forſchend an. Plötzlich aber fuhr Georgy, die einen Platz auf dem 222 kleinen Sopha eingenommen, während die beiden An⸗ dern auf Stühlen ſaßen, lebhaft in die Höhe, ſchüttelte energiſch den ſchönen lockigen Kopf und ſagte:„Mein Vater, auch diesmal können wir Deiner Einladung nicht ſogleich Folge leiſten.“ „Warum nicht?“ „Weil Sir Colin, unſer Oheim, unſre Zuſage auf längere Zeit erhalten hat, weil nicht allein wir, ſondern auch unſere Freunde liebreich bei ihm aufge⸗ nommen ſind, und weil wir uns Alle glücklich und heimiſch auf Glory⸗Craig⸗Hall fühlen. Willſt Du uns aber ſpäter auf Meanach⸗Lodge oder irgend wo anders haben, ſo werden wir gern Deinen Wünſchen folgen, ſobald unſre Freunde damit einverſtanden ſind, von denen wir uns nicht trennen können, ſo lange ſie ſich in England aufhalten.“ Lord Lowdale war nahe daran, in ſeinen alten rückſichtsloſen Zorn auszubrechen.„Eure Freunde,“ rief er,„und immer Eure Freunde! Die ſpielen wohl jetzt eine bedeutende Rolle in Eurem Leben? Bei⸗ nahe ſollte man denken, daß Ihr Euch ſelbſt darüber vergeſſen habt, daß Ihr ſogar mich darunter leiden laſſet. Haha! Illuſionen, nichts als jugendliche Illu⸗ ſionen, aus mißverſtandener Menſchenliebe und affen⸗ artiger Vergötterung dieſer phantaſtiſchen Deutſchen hervorgegangen, die Euch mit ihrer ſchauſpielermäßigen Künſtelei umgarnt haben! Ha! Aber, mit einem Wort, Georgy, es gefällt mir durchaus nicht, daß Du ſo allein in der Welt umherſchweifſt. Man wird Notiz davon nehmen und es Dir einſt anrechnen.“ „Das werde ich mit Geduld ertragen, mein Vater. Uebrigens ſchweife ich nicht allein in der Welt umher. Mein Oheim, der Bruder meines Vaters, und mein eigener Bruder ſind bei mir. Auch biſt Du ja nie um meinen Aufenthalt, mein Treiben und meinen Um⸗ gang bekümmert geweſen, wir ſind Beide, Linny und ich, ſo lange wir leben, auf uns ſelbſt angewieſen ge⸗ blieben und wir wohnten Jahre lang in Schottland allein, ohne daß Du uns zu Dir beſchieden hätteſt.“ Der Lord, in Wahrheit von den Worten Georgy's betroffen, ſtand auf, als habe das reſultatloſe Geſpräch lange genug gedauert. Seinem Beiſpiele folgten die Geſchyiſter ſogleich. „Ich ſehe, wie es ſteht,“ ſagte der Lord mit er⸗ zwungener Kälte und Gleichgültigkeit.„Ihr ziehet Euren Oheim dem Vater vor. Nun, da muß ich mich tröſten, ich bin von Jugend auf an dergleichen Bitter⸗ keiten gewöhnt. Colin ſtahl mir ſtets die Herzen mei⸗ ner Umgebung weg. Bleibt alſo, wo Ihr bleiben wollt. Habt Ihr mir ſonſt noch etwas zu ſagen?“ Lionel und Georgy blickten ſich bitter enttäuſcht an. Sie hatten, wenn auch keinen freundlichen Em⸗ pfang, d doch wenigſtens auf eine freundlichere Trennung gehofft.„Nein, mein Vaker,“ nahm Lionel das Wort, „wir haben Dir für den Augenblick nichts mehr zu ſagen, wenn es nicht der Wunſch iſt, daß Du Sir Colin's Bitte, uns nach Glory⸗Craig⸗Hall zu begleiten, Gewährung ſchenkſt.“ „Ich danke,“ erwiderte Lord Lowdale kurz und drehte ſich nach dem Fenſter um,„ich gehe, wohin es mir beliebt, nicht wohin man mich einladet.“ „So lebe wohl,“ ſagten die Kinder und näherten ſich mit wehmüthigen Geſichtern dem abermals von ihren Herzen ſich fern haltenden nächſten Verwandten. „Lebt wohl!“ Er reichte Jedem wie vorher die Hand, nickte mit dem Kopfe und trat dann von ihnen zurück. Lionel und Georgy aber hatten bald darauf das kleine Zimmer verlaſſen, ohne das Bewußtſein mit hinunter zu tragen, daß ſie einen Vater gefunden und väterlich von ihm aufgenommen worden ſeien. Neuntes Rapitel.“ Die Unterhaltung in der Tabagie. Unterdeſſen hatten zwei Geſpräche ganz anderer Art ſtattgefunden, von denen wenigſtens das eine, zwiſchen dem Admiral und Lapſon, von viel größerer Bedeutung für die handelnden Perſonen zu ſein ſchien, als die eben berichteten. Bevor wir jedoch jenes mit⸗ theilen, wollen wir erſt Arnold und Martha Tiefenſee begleiten, die, von einem unaufhaltſamen inneren Drange getrieben, auf die Galerie unterhalb der La⸗ terne des Leuchtthurms getreten waren, um hier den Gefühlen ihrer gepreßten Herzen freien Lauf zu laſſen. Ehe ſie jedoch die Plattform des Thurmes er⸗ reichten, kamen ſie ein Stockwerk höher, als gegenwärtig Lord Lowdale wohnte, vor einer kleinen Thür an, die, ſobald ſie ſie erblickten, ihre Schritte henmte und ſie Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 3 —22s veranlaßte, einen liebevollen, fragenden Blick auf ein⸗ ander zu werfen. „Ja,“ ſagte Martha, die ihren Bruder verſtanden hatte,„es wird die Thür ſein, durch die unſer armer Vater ſo oft geſchritten iſt.“ Arnold bezwang männlich den ihn überfallenden inneren Schauer, faßte das Schloß der Thür an und öffnete ſie. Ihre Vermuthung hatte ſie nicht getäuſcht, es war das obere Thurmzimmer, welches Lawſon für Beſucher geringerer Klaſſe in Stand geſetzt und welches vor zehn Jahren wirklich der Profeſſor Tiefenſee in den letzten Tagen ſeines Lebens be⸗ wohnt hatte. Raſch, ohne ſich zu bedenken und nur von ihren mächtig auflodernden Empfindungen ergriffen, waren die Geſchwiſter durch die niedere Thür getreten, hatten ſie hinter ſich geſchloſſen und blickten ſich nun weh⸗ müthig in dem engen nicht allzu hellen Raum um. Es war ein weißgetünchtes, halb rundes, durch die nach Oben führende Wendeltreppe winklich gewordenes Gemach, vor deſſen winzigem Fenſter ein Tiſch mit einem blechernen Schreibzeug und ein Stuhl, und an der längſten Wand eine Art Commode ſtand, die einſt zu den Möbeln eines geſtrandeten Schiffes gehört haben mochte. In einer Wandvertiefung, die ein Vorhang 22 von buntem Kattun abſchloß, ſah man ein reinliches, aber mit grobem Linnen überzogenes Bett, über wel⸗ chem ein dicker Plaid ausgebreitet lag. Ueber der Commode hing ein kleiner Spiegel im ſchwarzen Rah⸗ men und im Fenſter ſtand ein längſt vertrockneter Ro⸗ ſenſtock. Das war Alles, was in dem ziemlich ſauber gehaltenen Gemach zu ſehen war. Arnold und Martha wagten es anfangs nicht, ihre Blicke auf einander zu richten, um einen ſtürmi⸗ ſchen Ausbruch ihrer Gefühle zu vermeiden. Anſchei⸗ nend ruhig, aber mit klopfenden Herzen und bren⸗ nenden Wangen blickten ſie ſich um, ließen auf jedem Gegenſtande ihr Auge mit liebevoller Andacht ruhen und gaben nur durch halb unterdrückte Seufzer die Stimmung ihres Innern zu erkennen. Plötzlich aber wandte ſich Martha zu Arnold um, erhaſchte den Blick ſeines Auges und, in lautes Schluchzen ausbrechend, fiel ſie ihm in die Arme. Lange ſtanden ſie ſo, Bruſt an Bruſt gepreßt in ſtummer Umarmung, bis Arnold ſich zuerſt ermannte und liebevoll ſagte:„Martha, wir haben es ja lange gewußt, warum alſo ſo bitter darüber weinen?“ „Weinſt Du denn nicht? Wovon ſind Deine Augen ſo naß?“ „Ich weine mit Dir, Du haſt mich ſo weich gemacht.“ 15* 228 „Nun wohl, ſieh, ich trockne meine Thränen. Aber ach, iſt es nicht über alle Maaßen ergreifend und die Wehmuth, den Schmerz herausfordernd? Sieh Dich um— da, auf dieſem Stuhl hat der gute Vater geſeſſen— an dieſem Tiſch hat er den letzten Brief geſchrieben— aus dieſem Tintenfaß vielleicht — und ach! da hinter dem Vorhang hat er geſchlafen, an uns und unſere glückliche Zukunft gedacht, für uns gebetet— o Arnold, Arnold! warum müſſen wir Solches erleben?“. „Frage mich nicht ſo, Schweſter, die Antwort kann ich. Dir doch nicht geben. Frage vielmehr Gott, und er wird Dir ſeine Antwort in das Herz ſenken und Du wirſt ſeinen allmächtigen, allweiſen Willen be⸗ greifen. Es iſt ſchmerzlich, es iſt wehmüthig ergreifend und überaus traurig, ja, aber es iſt nicht zu umgehen und ſo müſſen wir uns darein finden.“ Beide ſtanden, Martha an Arnold's Arm und Bruſt gelehnt, einen Augenblick ſtill, drehten ſich dann aber wieder um und betrachteten noch lange jedes einzelne Stück, indem ſie bald an das Fenſter traten und auf die See hinaus blickten, bald die Bettvor⸗ hänge aus einander ſchlugen und in jeden Winkel ſpähten, als erwarteten ſie irgend wo einen Aufſchluß über das räthſelhafte Verſchwinden ihres Vaters zu finden. 229 Plötzlich aber faßte Arnold die Schweſter feſt um den Leib.„Komm, Martha,“ ſagte er,„ich ſehne mich nach friſcher Luft, hier iſt es dumpfig und mich fröſtelt unheimlich. Lieber will ich den kalten Athem Gottes draußen um mich wehen laſſen, als den inneren Froſt⸗ ſchauer troſtloſer Erinnerung fühlen. Komm!“ Und er zog ſie langſam zur Thür hinaus, die, leiſe wider⸗ ſtrebend, noch immer mit überfließenden Augen zurück⸗ blickte, und ſtieg mit ihr die letzten Stufen der Treppe hinan, bis er an eine mit Zinkplatten beſchlagene Fallthür kam, die er öffnete, wodurch man auf die oberſte Galerie des Thurmes trat, nur die Laterne über ſich ſehend, deren verſilberte Reflectoren hell wie Sterne hinter den glänzend polirten Glasſcheiben blitzten. Aber welch', ihre Herzen faſt bewältigender An⸗ blick bot ſich da den beiden Geſchwiſtern dar! Zuerſt ſahen ſie dicht um ſich her und in weiter Ferne rings⸗ um nichts als ein undurchdringliches, wallendes Nebel⸗ chaos, das, von einem leichten Winde hin und her getrieben, wie im taumelnden Gewoge begriffen war. Dabei kreiſchten die Möwen und Strandgänſe, in ſich jagenden Schaaren auf und nieder flatternd, in ſo herz⸗ zerreißenden Tönen, daß der melancholiſche Eindruck des Ganzen noch unendlich dadurch erhöht ward. 230 Allmälig aber, nachdem ſich die Augen der Schauenden an den weißgrauen Duft, der ſie umgab, gewöhnt hatten, ſchien er ihnen durchſichtiger zu wer⸗ den, und namentlich die am Fuße des Cap Wrath gelegenen zerklüfteten Felſen und dicht davor im Waſſer aufragenden Steinblöcke traten, obwohl unend⸗ lich verkleinert, nach und nach erkennbarer hervor. Das gurgelnde Getön, welches ſich dabei in der Tiefe hören ließ, zog die Blicke noch lebhafter an und endlich ge⸗ wahrten ſie ziemlich klar den unter ihnen liegenden wilden Strand, die ewig ſchäumende Brandung, und auf einer erhöhten Felsklippe das Rettungshaus mit den Lootſenwohnungen, einſame Niederlaſſungen, durch deren Anweſenheit die Oede und Schauerlichkeit des erhabenen Naturbildes jedoch um Vieles gemildert wurde. Martha ſtand feſt an ihren Bruder gelehnt und Beide hatten die Arme um einander geſchlungen. Ge⸗ feſſelt von den ſie an dieſem Tage ſo tief bewegenden Gedanken, ſprachen ſie anfangs kein Wort, aber end⸗ lich ſagte Martha, auf das vor ihren Augen liegende „Schauſpiel deutend: „Ach, Arnold, was iſt das für ein unbeſchreiblich trüber und faſt beängſtigender Anblick! Nebel, nichts als Nebel rings herum— keine leuchtende Ferne, 231 kein blauer Himmel, kein grüner Halm— o, wie er⸗ greift und wie lebhaft erinnert er mich an das trübe Leben, welches wir bisher geführt haben! Auch uns fehlte die wärmende Sonne, wie ſie hier fehlt, die er⸗ heiternde Ausſicht in eine hoffnungsvolle Ferne, und ſelbſt das Vertrauen auf einen gütigen Himmel wurde nur zu oft durch Kümmerniſſe und Leiden umwölkt. Ach, Arnold, und nun kehren wir vielleicht bald, und noch um einen Schmerz reicher, wieder in unſre Hei⸗ mat zurück!“ „Welchen Schmerz meinſt Du?“ fragte Arnold nach einer Pauſe, in der er ſeine Schweſter liebevoll angeblickt hatte. „Den Schmerz, uns von Freunden trennen zu müſſen, denen wir ſo Vieles verdanken, die uns auch in der Fremde einen lächelnden Himmel gezeigt, und die uns in ſo kurzer Zeit ſo nahe getreten ſind.“ „O ja,“ erwiderte Arnold mit einer Stimme, die bewies, wie tief er von dieſem neuen Gedanken er⸗ griffen war,„es wird ſehr ſchmerzlich ſein, von ihnen fortzugehen— aber die Erinnerung an ſie, an ihre Freundſchaft, denkſt Du nicht, daß ſie angenehm und erfreulich ſein wird?“ „Ja, ja, angenehm und erfreulich gewiß— doch ach, dann werden wir ſchon von ihnen geſchieden ſein!“ 232 „Laß uns nicht an die Trennung von ihnen den⸗ ken, Martha,“ erwiderte der ſtärkere Bruder,„noch ſind wir ja bei ihnen— und ſieh da, ſieh da— wenn ſich unſer Leben auch einſt ſo lichtet wie jener Nebel zu verſchwinden ſcheint, ſo können wir zufrie⸗ den ſein.“ In der That hatte der Wind, der ſchon lange mit fühlbarer Macht die dichten Nebelmaſſen hin und her getrieben und ſie hie und da in wolkige Streifen verwandelt, einen merkbaren Sieg errungen. Er war lebhafter und dabei wärmer geworden und ſchien von unten her die weißlichen Dünſte in die Höhe und über die Köpfe der auf dem Thurm ſtehenden Men⸗ ſchen fortzutreiben. Allmälig wurden die Räume über ihnen lichter, ein anfangs bleicher, dann gelblicher Schein machte ſich im Zenith bemerkbar und plötzlich fuhr ein goldener Strahl zitternd und bebend durch die ſauſende Luft, der wie ein ſiegreicher Eroberer das ganze vor ihm liegende Chaos in Beſitz nahm und die träge widerſtrebenden Dunſtmaſſen gleichſam verſchlang— es ward klarer und klarer, und endlich tauchte die unabſehbare Ferne mit ihren rollenden grünen Waſſerbergen auf; und als wolle der Himmel dem naſſen Elemente nichts nachgeben, enthüllte auch er ſich allmälig und zeigte ſein reinſtes Azurblanu, 233 das über Meer und Land in ungemeſſenen Weiten freundlich zu lächeln ſchien. „Arnold!“ rief Martha laut aus und umſchlang den Bruder feſter,„o ſieh, das iſt köſtlich, das Licht hat über die Schatten, die Sonne über die Finſterniß geſiegt! So, ſo mag auch unſer Vater es oft geſehen haben und nun begreife ich, was ihn ſo lange an die⸗ ſen öden Ort feſſeln konnte.“ Arnold lächelte in ſeiner Wehmuth und nickte zu⸗ ſtimmend. Aber die letzten Worte der Schweſter hatten ſeine Gedanken wieder in eine andere Richtung ge⸗ führt und faſt unwillkürlich ſtieß er gleich darauf die traurigen Worte hervor:„Wo mag er jetzt ſchlafen, der arme Vater, Martha?“ Martha drückte ihr Geſicht an ſeine Schulter, weinte bitterlich und deutete mit der Hand auf das Meer.„Dort unten,“ erwiderte ſie, faſt tonlos,„wo ſchon ſo Viele ſchlafen.“ Arnold wollte eben etwas darauf entgegnen, als eine Störung ihn daran verhinderte, aber gewiß eine angenehme, denn Georgy und Lionel Lowdale traten aus der Treppenthür raſch auf die Plattform heraus und als ſie Martha weinen und deren Bruder mit ſo traurigem Geſichte vor ſich ſahen, ahnten ſie, was Beide bedrücke, und ſie kamen liebevoll herbei, um die 234. bitteren Gedanken zu zerſtreuen und die dunklen Em⸗ pfindungen aufzuhellen, die ſo eben zum Durchbruch gekommen, was ihnen auch in nicht gar langer Zeit gelang, wie es ihnen bisher faſt immer gelungen war. Als ſie aber alle Vier wohl eine Stunde oben verweilt hatten, um den völligen Sieg der Sonne ab⸗ zuwarten, und nun ſahen, wie ſie das blaue, wogende Meer vergoldete, die grauen Felſen des Vorgebirges erleuchtete und die Fittige der ſpielenden Möwen wie im Silberglanze ſchimmern ließ, wurden ſie unerwar⸗ tet vom Admiral unterbrochen, der in ſichtlicher Be⸗ wegung auf ſie zutrat und ihnen ohne Zweifel etwas Wichtiges mitzutheilen hatte. Bevor wir jedoch dem Leſer den Grund dieſer Bewegung enthüllen, müſſen wir ihn Zeuge eines Ge⸗ ſprächs ſein laſſen, welches dem Erſcheinen Sir Colin's unmittelbar vorhergegangen war. Als der Admiral den Viscount verlaſſen, Georgy und Lionel zu ihrem Vater gegangen waren, Arnold Tiefenſee aber mit ſeiner Schweſter die Plattform des Thurmes erſtiegen hatte, glaubte Erſterer den geeig⸗ netſten Zeitpunkt gekommen, mit Lawſon die Unter⸗ haltung anzuknüpfen, die dem Zwecke des heutigen Beſuches am nächſten lag. Er rief daher den alteſk Mann bei Seite, der, anſcheinend überaus beſchäftigt, ab und zu ging und dabei, ſo oft er in des Admi⸗ rals Nähe kam, ein freundliches Wort an ihn richtete, als könne er noch immer nicht die Freude bewältigen, die ihm der unerwartete Beſuch des vornehmen Mannes bereitet hatte. „Lawſon,“ ſagte der Admiral zu ihm,„habt Ihr vielleicht ein halb Stündchen Zeit, mit mir zu plau⸗ dern und einige Fragen zu beantworten, die ich Euch über verſchiedene Dinge vorzulegen habe?“ Lawſon richtete ſich ſtraff in die Höhe, ſah den Ad⸗ miral mit zuſtimmendem Blicke an und erwiderte ſo⸗ gleich:„Ei gewiß, Sir Colin, ich habe ja jetzt nichts Beſonderes zu thun, da meine Lampen ſchon ſeit einigen Stunden in dienſtfähigen Zuſtand geſetzt ſind.“ „Gut, ſo kommt an einen Ort, wo wir ungeſtört verweilen können. Ihr habt doch noch Euren Lieb⸗ lingsplatz auf der Klippe an der Strandtreppe?“ „Ja, Sir Colin, die Tabagie iſt noch in alter Ordnung. Und wie, Sir, ſoll ich vielleicht ein gutes Fläſchchen kräftigen Morgentranks mitnehmen, der den Nebel beſſer ertragen macht?“ „Nein, mein alter Freund, ich trinke Vormittags keinen Wein, auch wird die Sonne bald den Nebel verſcheuchen und ich will noch zu Hauſe ſpeiſen, da 236 Ihr ja einen Gaſt habt, der Eure alte Köchin hin⸗ reichend in Anſpruch nehmen wird.“ „Ah ja, Sir Colin, Mylord Lowdale iſt da, und es thut mir leid, daß Sie gerade dieſen Tag gewählt haben.“ „Das thut nichts, meine Geſchäfte haben keine Eile und ich kann jeden Tag wiederkommen. So laßt uns denn gehen, führt mich nach Eurer Tabagie.“ Lawſon holte tief Athem, während Sir Colin ſich eine Cigarre anzündete, und ſchritt dann mit gewöhn⸗ licher Lebhaftigkeit dem Admiral voran, der ſeine Ge⸗ danken mehr auf das vorliegende Geſpräch als auf den ihn begleitenden Mann ſelbſt gerichtet hatte, wes⸗ halb er auch nicht bemerkte, daß derſelbe dieſen Gang mit einiger Unruhe antrat und daß ſein Geſicht dabei etwas bedrückt und nicht ſo unbefangen erſchien, als es gewöhnlich zu ſein pflegte. In der Nähe des Thurmes öffnete ſich eine durch die Natur gebildete Spalte im Felſen, von welcher nur eine roh behauene Treppe in die Tiefe führte. Indeſſen lag die ſogenannte Tabagie nur auf einer vorſpringenden flachen Klippe, etwa fünfzig Fuß unter der höchſten Felsplatte, und war nichts als ein kleiner durch Abbröckelung des Geſteins entſtandener Ruhe⸗ platz, dem die nachhelfende Menſchenhand nur einen 237. Tiſch und zwei Bänke, aus rohen Brettern gezimmert, hinzugefügt hatte, von denen man eine weite Ausſicht nach Norden und Weſten genoß, während die Hinter⸗ wand der Felſen ſelbſt bildete, auf dem ſich die ſchwere Maſſe des runden Thurmes erhob. Der Admiral ſetzte ſich, das Geſicht nach dem“ Felſen gewandt, um ſeine Aufmerkſamkeit nicht von den Vorgängen in der Ferne ableiten zu laſſen, und ließ ſo dem Thurmwärter die Bank frei, die nach dem Meere hinſah.„Es iſt hübſch hier,“ ſagte er, einen Blick auf die See zurückwerfend,„und es hat ſich nichts an Eurem Lieblingsplatze verändert. Ha, ja, der Nebel lichtet ſich und wir werden noch einen kla⸗ ren Tag bekommen. Doch nun, alter Freund, ſagt mir, wie es Euch ergangen iſt, ſeitdem wir uns nicht geſehen haben. Es ſind wohl über zehn Jahre her, daß ich nicht an dieſem Platze ſaß, wie?“ „So lange mag es wohl ſein,“ erwiderte Lawſon, im Stillen nachrechnend,„denn als Sie vor ſechs Jahren nach Indien ſegelten, waren Sie nur wenige Tage auf Glory⸗Craig⸗Hall und beehrten meine arme Wohnung nicht.“ „Nein, ich hatte damals wenig Zeit, kaum ſo viel als nöthig war, um einige Angelegenheiten in mei⸗ nem Hauſe zu ordnen, denn mein Dienſt rief mich weit — 2 238 und ſchnell weg. Doch Ihr wolltet mir ja erzählen, wie es Euch ergangen iſt.“* „Ach, Sir Colin, was iſt da viel zu erzählen? Bei mir iſt ein Tag wie der andere vergangen. Die Lampen haben jede Nacht gebrannt, bald haben wir Wind, bald keinen gehabt, auch mitunter einen kleinen Sturm, der mir ein wenig zu ſchaffen gemacht. Es hat oft Mühe und Noth genug gegeben.“ „Das glaube ich wohl. Aber Eure alte Kraft und Zähigkeit widerſteht noch immer allen Stürmen, ich finde Euch nicht gealtert, Lawſon.“ Lawſon machte ein trübes Geſicht, ſah eine Weile vor ſich hin und ſagte dann:„O, Sir Colin, darin irren Sie doch. Ich fühle mich zwar noch geſund und leidlich kräftig, aber das Alter kommt allmälig mit ſeinen Gebrechen heran. Deshalb habe ich auch den Entſchluß gefaßt, ſo bald wie möglich mein Amt auf⸗ zugeben und mich in irgend einem Erdwinkel ruhig niederzulaſſen. Auch werde ich in dieſen Tagen den Abſchied fordern und ſobald mein Nachfolger ernannt und hier angelangt iſt, packe ich meine kleinen Hab⸗ ſeligkeiten zuſammen und ziehe von dannen.“ „O, iſt das wirklich Eure Abſicht? Ich glaube es kaum. So habt Ihr ſchon vor zehn und mehr Jahren geſprochen, wenn ich mich recht erinnere. Ihr könnt ja von dem alten Thurme und Euren Gewohn⸗ heiten hier nicht laſſen— habe ich nicht Recht?“ „Nein, nein,“ ſagte Lawſon mit einer gewiſſen Unruhe und ſtrich ſich die langen weißen Haare, die der Wind hin und her bewegte, aus dem Geſicht, nachdem er ſchon lange, wie von innerer Hitze befal⸗ len, die Mütze abgenommen und neben ſich auf die Bo gelegt hatte.„Diesmal iſt es mir Ernſt mit meinem Entſchluſſe. Ich will zu meiner Tochter gehen und bei ihr und ihren Kindern meine letzten Tage verbringen.“ „Ihr habt nur eine Tochter, nicht wahr?“ „Ja, Sir Colin, nur eine.“ „Sie iſt verheirathet, ja ja— wo lebt ſie?“ Lawſon zögerte etwas mit der Antwort, dann aber ſagte er raſch:„Bei Stirling, wo ihr Mann ein kleines Gut vom Herzog von... gepachtet hat. Zu ihr will ich nun, obgleich ich nicht glaube, daß ich lange auf der kleinen Pacht ſitzen bleiben werde.“ „Und was wollt Ihr denn anders thun?“ „Je nun, Sir, irgend wo meinen Kindern ein Grundſtück kaufen und mein bischen Erſpartes mög⸗ lichſt gut anlegen.“ „Das iſt recht. Ihr habt Euch wohl ein hüb⸗ ſches Bischen erſpart?“ 4½. 240 Lawſon liebte dergleichen Fragen nicht ſonderlich und das ließ er auch jetzt deutlich merken. Er nahm eine zurückhaltende, faſt ſchlaue Miene an, rückte hin und her und ſagte endlich wie mit innerem adur ſtreben:„Nun ja, es nährt mich wenigſtens und die Meinigen obendrein. Gott iſt mir allerdings gnädig geweſen.“— „Ja, was er Anderen genommen, hat gegeben,— nennt Ihr das Gnade, Lawſone“ Der Thurmwärter ſah den Admiral forſchend an. Es lag durchaus nicht in ſeiner Abſicht, demſelben zu widerſprechen, und doch konnte er hierin nicht völlig ſeiner Meinung beiſtimmen.„Nun,“ ſagte er,„ich meine, mir iſt er gnädig geweſen, und freilich iſt es ja immer in der Welt ſö. Was des Einen Unglück, iſt des Andern Glück.— Doch ſehen Sie da, der Nebel ſinkt wirklich und die Sonne wird bald durch⸗ brechen. Aber da fällt mir ein, wie iſt es Ihnen denn in der Zeit ergangen, wo wir uns nicht geſehen haben?“ 4* Der Admiral hatte ſich nach dem Meere umge⸗ wandt und prüfte einen Augenblick die vor ihm wo⸗ gende Atmoſphäre. Noch damit beſchäftigt, ſagte er gleichgültig:„Mir iſt es im Ganzen auch gut gegan⸗ gen, Lawſon. Ich bin in Indien geweſen, habe * Schlachten und Kämpfe aller Art, auch Winde und Stürme beſtehen müſſen— doch ſagt, wie ſteht es mit der Rettungsſtation da unten? Ich habe heute keine Zeit hinabzuſteigen, aber ein andermal will ich mich doch davon überzeugen, was man bis jetzt dafür gethan hat.“ Lawſon lächelte zuſtmmend.„O ja,“ verſetzte er,„man hat manches Neue angeſchafft. Wir haben jetzt zwei herrliche Boote, einen großen Taumörſer und manches Andere, wovon ich jedoch nun nicht mehr viel genießen werde.“ „Ihr habt genug Gefahren beſtanden und könnt Euch befriedigt ausruhen. Ha, wie ich ſehe, habt Ihr da wieder ein oder zwei Ehrenzeichen mehr auf Eurer Bruſt. Von Wem habt Ihr ſie?“ Lawſon lächelte in ſeiner beſcheidenen Weiſe, worin ſich faſt eine Geringſchätzung der ihm ſo reichlich zu⸗ gewandten Ehren ausſprach.„Ja,“ erwiderte er, die metallenen Kreuze und Medaillen raſch durch ſeine knochigen Finger laufen laſſend,„dergleichen habe ich jetzt wohl genug. Früher geizte ich danach, jetzt iſt es mir auch einerlei. Ich habe keinen Ehrgeiz mehr und ſchwimme nur noch auf dem Waſſer, weil ich als eine Art Fiſch geboren bin— aus Inſtinct. Da, dies iſt das letzte. Von Kopenhagen iſt es Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 16 gekommen. Man hat mich zum Danebrogmann gemacht.“ Der Admiral nickte glückwünſchend.„Das freut mich,“ ſagte er.„Alſo. Ihr habt auch einen Dänen gerettet?“ „O— einen! Sechſe zuletzt und wenigſtens vierzig zuvor. Ich hätte es auch ohne die Hoffnung gethan, dies ſilberne Kreuz zu erhalten.“ „Das weiß ich wohl, Ihr habt nie Euer Leben geachtet, um ein anderes zu retten, und das iſt ein Grund, Lawſon, warum ich Euch ſtets geſchätzt und geliebt habe.“ Ueber die runzliche Geſichtshaut des Thurmwär⸗ ters flog ein blitzartiges Leuchten. Alle Falten der⸗ ſelben ſchienen ſich krampfhaft vor innerer Freude oder Scham— wir wiſſen nicht was es war— zu bewe⸗ gen, denn erröthen konnte dies Geſicht nicht mehr, da es von den Einwirkungen der Luft bereits eine Farbe 3 angenommen, die zu undurchdringlich für das Blut geworden war. Dann, wie gedemüthigt durch das Lob des hochſtehenden Mannes, ſenkte er ſein ehrwür⸗ diges Haupt nieder und ſagte faſt murmelnd: „O, Sir Colin, ich danke— ich habe ja nur meine Schuldigkeit gethan, wie Sie in Indien und anderwärts.“ 243 „Nun ja, das mag ſein, aber wie Ihr treibt es ſo leicht kein Anderer. Ich habe immer gefürchtet, die Wellen kännten Euch einmal mit verſchlingen.“ „Oho, die Wellen!“ lachte Lawſon hell auf,„die thun mir nichts und ſie gehorchen mir!“ „Nicht zu viel Vertrauen auf Wind und Waſſer, mein Freund, nichts trügt mehr in der Welt! Doch ſagt, kann man vielleicht bei der Regierung Euch in irgend etwas nützen?“ Lawſon ſann nach, ſchüttelte dann den löwenar⸗ tigen Kopf und ſeußzte.„Nein,“ ſagte er dumpf, „ich bitte darum, ſich nicht um mich zu bemühen. Ich habe Alles erlangt, was ein Menſch in meiner Stellung erlangen kann, Ehre und Auszeichnung, und Geld— Geld hat mir die Welle geſpendet, die da unten wogt und kocht— alſo was ſollte ich mehr wollen?“ Der Admiral ſchwieg und betrachtete den alten Mann mit Gefühlen der Bewunderung und Achtung. Lawſon, obgleich er ſein Auge niedergeſchlagen hielt, bemerkte es doch, und in ſeinem ſcharf gezeichneten Geſichte ſprach ſich unwillkürlich ein ſtiller Triumph aus, der ihn einigermaßen für das lange Geſpräch entſchädigte, das, ſo angenehm es einerſeits für ihn war, ſein Gemüth doch eher zu bedrücken als zu er⸗ heben ſchien. 16* 244 „Lawſon,“ fing der Admiral nach kurzer Pauſe und einigem Nachdenken das Geſpräch wieder an, „ich habe nun noch eine Frage an Euch zu ſtellen, deren Beantwortung wichtig für mich iſt, da der Ge⸗ genſtand derſelben mich ungemein nahe berührt. Sagt einmal, erinnert Ihr Euch eines Reiſenden, eines deutſchen Profeſſors, der vor zehn Jahren, kurz bevor ich zum letzten Mal auf Glory⸗Craig⸗Hall war, hier⸗ her kam, um das Land ringsum zu erforſchen, der einige Tage bei Euch wohnte und— ah, Ihr wißt ſchon, wen ich meine?“ Lawſon hatte den Kopf hoch erhoben, als ver⸗ nehme er eine Mittheilung von großer Bedeutung und als dürfe er ſich keine Sylbe davon entſchlüpfen laſſen. Sein dunkelbraunes Geſicht war dabei ruhig, die Mus⸗ keln deſſelben blieben unbeweglich, wie aus Stein ge⸗ hauen, und nur ſein Auge leuchtete in höherem Glanze auf, als er mit tiefaufſeufzendem Athemholen, das ſeine lebhafte Theilnahme auszudrücken ſchien, ſagte: „Ach ja, Sir Colin, ich erinnere mich leider nur zu wohl des armen Mannes— wie hieß er doch?“ „Tiefenſee hieß er,“ ſagte der Admiral, den Thurm⸗ wärter dabei ſcharf in's Auge faſſend. „Richtig, Tief⸗en⸗ſee! Der Name will nur ſchwer über meine ſchottiſche Zunge. Ja, ja, deſſen 245 erinnere ich mich recht gut und es war ein ganz vor⸗ trefflicher Mann.“ „Das denke ich auch. Erzählt mir doch, was Ihr von ihm wißt.“. Lawſon dachte einige Augenblicke nach, wie um ſeine Gedanken zu ſammeln. Dann aber zuckten ſeine Geſichtsfalten krampfhaft und indem er ſeine ſehnich⸗ ten Hände feſt auf die haarigen Kniee preßte, ſagte er, anfangs etwas haſtig und abgeriſſen, dann aber in ungemein fließender Weiſe, als habe er dieſelbe Ge⸗ ſchichte ſchon zehnmal erzählt:„Ja, was ich darüber weiß, Sir, iſt etwa Folgendes. Sehen Sie, der arme Mann kam eines Tages von Inverneß hier an. Zwei Hochländer geleiteten ihn und erzählten Wunder was von ſeiner Harmloſigkeit und Unſchuld. Er führte nur wenig Gepäck bei ſich und ſah gar nicht ſo aus, als ob er eine ſo weite Reiſe gemacht. Er war ſehr einfach in ſeinen Gewohnheiten, aß und trank wenig und hatte nur Sinn für die Natur, das Meer, die Steine, die Käfer und Fiſche, und Gott weiß was Alles er hier zu finden verſtand. Er kletterte alle Tage nach dem Strande hinab, wenn Ebbe war, und kam immer reich mit Schätzen beladen, wie er ſagte, wieder herauf. Er wollte nur einen Tag hier bleiben, oder wenigſtens kurze Zeit, aber es gefiel ihm ſo gut, 3 246 daß er ſich gar nicht trennen konnte, und ſo blieb er faſt eine Woche.“ Lawſon hielt im Sprechen inne und blickte den Admiral fragend an, ob er etwa noch mehr hören wolle. „Sprecht weiter,“ ſagte dieſer, beifällig nickend. „Was geſchah nun darauf?“ „Ja, was geſchah nun darauf! Endlich— ende lich kam nun doch der Tag des Abſchieds— er wollte nach Lewis hinüber. Und da gerade ein Kohlenſchiffer von Durneß nach Stornaway Ladung hatte, miethete er ſich einen Platz und wollte ſchon Abends an Bord gehen. Aber da gab es plötzlich ſtürmiſches Wetter und ich hielt es für nöthig, den unerfahrenen Mann von ſeinem Vorſatze abzurathen, da ich dem Kohlen⸗ ſchiffe kein großes Vertrauen ſchenkte. Er folgte mir auch, aber als am nächſten Mittag der Wind nachließ, ſchickte der Schiffer einen Jungen herauf und ließ ſich ſeinen Paſſagier fordern. Da wollte der Mann nicht länger bleiben, obgleich ich ihn die Reiſe zu verſchie⸗ ben bat. Ich ging nun ſelbſt mit ihm hinab, nahm eins von den Lootſenbooten unten und fuhr ihn mit James Bell, der damals noch lebte, an Bord.“ „Wie hieß das Schiff und Wem gehörte es?“ Es war die Lady Eryboll,“ ſagte Lawſon betrübt, 7 ₰ 247 „und gehörte dem Schiffer Evans in Durneß. Nun gut. Er betrat das Schiff und— und— ich ahnte nicht, daß ich dem Mann auf ſeinem letzten Wege das Geleit gegeben. Denn bald nachdem die Lady Ery⸗ boll die Anker gelichtet, kam ein wilder Nordweſter herauf, der die ganze folgende Nacht wehte. Wo das Schiff mit ſammt der Ladung geblieben, weiß kein Menſch, und da es auch nirgends in Lewis anlief, wie man beſtimmt weiß, muß es geſunken ſein.“ „Mit Mann und Maus?“ „Mit Mann und Maus. Das iſt nachher durch Zeugen beſtätigt und zu Protocoll genommen worden.“ „Hm! Ja, das iſt traurig.— Der Tod dieſes Mannes, Lawſon, hat viel Unglück angerichtet. Er hinterließ eine darbende Familie, die dadurch in große Noth gerieth.“ Lawſon ſchüttelte theilnehmend den Kopf und be⸗ ſah ſich ſeine Fingernägel.„Ja, ja,“ ſagte er.„Ich glaube es. Traurig iſt es gewiß.“ „Um ſo mehr, da der Mann viel Geld bei ſich trug, welches er eben in Edinburg geerbt hatte. Oder — oder, Lawſon, wißt Ihr das nicht?“ Lawſon begegnete dem funkelnden und erwartungs⸗ vollen Blicke des Admirals mit der unſchuldigſten Miene, nichts an ihm verrieth die geringſte Bewegung. 248 Plötzlich aber ließ er ein lautes Lachen hören, das etwas hohl klang, und ſeine Geſichtsfalten verzogen ſich faſt zu einem verächtlichen Grinſen.„Verzeihen Sie,“ ſagte er,„daß ich bei der Erzählung dieſes großen Unglücks lachen muß, aber was das Geld des armen Profeſſors betrifft, ſo habe ich ſchon oft darüber inner⸗ lich lachen müſſen, denn ich habe es lange nicht be⸗ greifen können, wie ein Mann auf einer ſo weiten Reiſe ſo viel Geld bei ſich tragen konnte, da er doch ſonſt nichts weniger als reich ausſah. Ich weiß näm⸗ lich ſehr wohl, daß es eine große Summe war, obgleich ich die Höhe derſelben nicht genau angeben kann.“ „So, alſo das wißt Ihr? Woher erfuhrt Ihr denn das?“ „Nun, das verhielt ſich ſo, Sir. Eines Tages, mein Gaſt hatte eben einen Brief geſchrieben, den ich noch an demſelben Tage nach Durneß ſandte, kam ich auf ſein Zimmer da oben, um mir den Brief geben zu laſſen, aber er war noch nicht fertig damit. Und bei welcher Arbeit, denken Sie, daß ich den unſchul⸗ digen Mann fand? Bei der Arbeit, mit ſechs Steck⸗ nadeln, die er gefangenen Würmern aus den Köpfen gezogen, ſein ganzes Geld an dem Futter ſeiner Weſte zu befeſtigen. Was machen Sie denn da? fragte ich ihn.— Ich ſichere mein Geld, ſagte er.— Mit Jury in Inverneß meine Ausſagen wiederholen und 249 Stecknadeln? fragte ich.— Ich habe nichts Anderes. — Und da ging ich und holte Nadel und Zwirn, und ſo half ich ihm eine rothe Brieftaſche— ja, ſie war roth, ich weiß es beſtimmt— in die Weſte feſt ein⸗ zunähen.“ Der Admiral ſenkte nachdenklich den Kopf und ſchwieg.„Ja,“ ſprach er langſam,„ſo hat es der Mann auch ſeiner Familie geſchrieben, Ihr habt mir die Wahrheit geſagt.“ „Nun, wie werde ich es denn anders erzählen, als es geſchehen iſt! Der Fall war zu wichtig und hat mich nachher in große Ungelegenheit gebracht.“ „Wie ſo denn?“ Lawſon ſchüttelte halb traurig, halb unwillig den Kopf, als kehre er nicht gern in ſeinen Erinnerungen zu dieſem wichtigen Falle zurück.„Nun,“ ſagte er, „eines ſchönen Tages kamen der Provoſt, der Coroner und der Friedensrichter von Durneß nach dem Thurme 3 herauf, nahmen meine Ausſage entgegen und forſchten in allen Winkeln und Ecken nach dem Verſchollenen oder irgend einer Spur ſeines Nachlaſſes. Ich mußte mir das natürlich gefallen laſſen. Das war aber noch lange nicht genug. Ich mußte noch zweimal ſelbſt nach Durneß hinab und ſogar vor der vierteljährigen großen 250 manche ſeltſame Frage beantworten. Auch die Frau Evans', des Schiffers, war dabei und ſagte aus, wie ich es Ihnen eben erzählt habe.“ „Alſo ſie wußte, daß der Profeſſor an Bord der Lady Eryboll gegangen war?“ „Bah, Sir Colin, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ſie ſagte, der Fremde habe ihrem Manne das Ueberfahrtsgeld bezahlt und ſich ausbedungen, daß Letzterer ihn rufen laſſe, wenn das Schiff in See ſtechen wolle. So nahm es auch die große Jury auf und ich durfte wieder nach dem Thurm zurückkehren, den unterdeſſen James Bell, der Lootſe, hatte be⸗ dienen müſſen, wobei er ſich ſo erkältete, daß er bald darauf ſtarb.“ 5 „Alſo Ihr waret in Gewahrſam gezogen?“ fragte der Admiral theilnehmend. „Ei gewiß, Sir Colin, und das iſt das einzige Mal geweſen, daß ich fünf Tage vom Hauſe fort war in fünfzig Jahren, denn ſo lange bin ich hier im Amt, Sir. Wie bitter mir das ſchmeckte, können Sie ſich denken, und es wäre mir viel lieber geweſen, wenn der fremde Mann nicht nach Cap Wrath gekommen wäre.“ „Seiner Familie gewiß erſt recht!“ ſagte der Admiral tief nachſinnend.—„Wer war damals Co⸗ roner und Friedensrichter in Durneß?“ fragte er dann.* 251 „War der noch jetzt lebende Mr. Hudgiſſon, der Laird, auch dabei?“ Lawſon's funkelnde Augen ſchweiften irr über die blaue Waſſerfläche hin, die ſchon golden unter den Strahlen der Sonne glitzerte.„Der Coroner iſt ge⸗ ſtorben,“ ſagte er langſam und gleichfalls nachſinnend, „ich weiß nicht gleich, wie er hieß, aber Mr. Hudgiſſon war damals Friedensrichter, wie er es noch heute iſt, ja.“ Beide ſchwiegen jetzt. Der Admiral war über⸗ zeugt, daß ſich die Sache ſo verhielt, wie Lawſon ge⸗ ſagt, und doch traurig, daß er nichts Anderes in Er⸗ fahrung gebracht, als was er ſchon wußte. Da fiel ihm mit einem Male die Stelle in dem Briefe des Profeſſors ein, in der dieſer ſchrieb, es ſei ein vor⸗ nehmer Mann aus London, ein Lord, mit ihm zugleich auf dem Leuchtthurm geweſen, und eben wollte er die Frage nach dem Namen deſſelben dem Thurmwärter vorlegen, als eine unerwartete Störung dazwiſchen kam und das wichtige Geſpräch für dieſen Tag beendete. Lawſon's vortreffliche Ohren hatten ſchon ſeit einiger Zeit ein Geräuſch oben auf der großen Fels⸗ platte vernommen und ſein Kopf hatte ſich wiederholt horchend dahin gewendet.„Es iſt eben ein Reiter oben angelangt,“ ſagte er,„und nach ſeinem raſchen 252 Galopp zu ſchließen, hat er es eilig. Darf ich nach⸗ ſehen, Sir Colin, wer es iſt und was er bringt?“ „Geht, geht!“ verſetzte dieſer, noch immer nach⸗ ſinnend und kaum auf die Unterbrechung achtend. Aber nur wenige Minuten war Lawſon abweſend ge⸗ weſen, ſo kam er mit lebhafter Eile wieder zurück und rief, noch auf den oberen Treppenſtufen ſtehend:„Sir Colin, Sir Colin! Der Bote ſucht Sie ſelber— es iſt ein Diener aus Glory⸗Craig⸗Hall!“ Der Admiral fuhr aus ſeinem Sinnen auf. Seine Gedanken waren plötzlich in eine andere Bahn gerathen und er ſtieg, ſo eilig er konnte, die Stufen nach der Höhe hinan, wo er Joe Duncan, den ſchäumenden Pony am Zügel haltend, ſtehen ſah, der, als er ſeiner an⸗ ſichtig ward, ihm einen bedeutungsvollen und traurigen Wink gab. „Was? Du, Joe?“ rief ihm der Admiral ent⸗ gegen.„Was giebt es, was bringſt Du?“ Joe ließ den Zügel des Pferdes fahren, trat be⸗ ſcheiden aber haſtig mit abgenommener Mitze an ſei⸗ nen Herrn heran und flüſterte ihm einige Worte zu, während welcher Zeit Lawſon mit raſchen Schritten ſich entfernte und in den Thurm eintrat..Der Admiral aber wechſelte nur wenige Worte mit ſeinem Diener, dann befahl er ihm, Harry und den zweiten Diener 253 zu rufen und ohne Verzug ſämmtliche Pferde zu ſat⸗— teln, worauf Ioe Duncan flüchtig wie der Wind wie⸗ der davon ſprengte. Der Admiral ſelbſt aber, nachdem er die vier jungen Leute vergeblich in Lawſon's Zim⸗ mer geſucht, ſtieg die Thurmtreppe hinauf, da er ſie auf der oberſten Galerie vermuthete, und hier war es, wo er mit bewegter Miene zu ihnen trat, ihr Geſpräch unterbrach und freundlich ſagte: „Meine lieben Freunde, ich muß Sie leider un⸗ terbrechen und vielleicht Ihren Genuß, für heute we⸗ nigſtens, vollſtändig ſtören. Allein ich habe eine Botſchaft erhalten, die mich ſofort nach Hauſe ruft, und Sie, lieber Doctor, begleiten mich hoffentlich, da ich mit Ihnen Mancherlei zu beſprechen habe. Ihr Andern mögt hier bleiben, ſo lange es Euch gefällt.“. Arnold gab ſogleich ſeine Bereitwilligkeit zu er⸗ kennen und die Anderen umringten Sir Colin, voller Theilnahme und einigermaßen betroffen, denn ſeine Miene verrieth unwillkürlich eine Beſorgniß, die man noch nicht an ihm wahrgenommen hatte, ſo lange man auf ſeinem Landſitze weilte. „Mein lieber Onkel,“ nahm Lionel Lowdale das Wort,„es gefällt uns jetzt bei dem beſſeren Wetter ganz gut hier und die Lage des Thurmes auf der Klippe, inmitten dieſer ungeheuren Waſſerwüſte, iſt 254 romantiſch genug, aber wenn Du erlaubſt, begleiten wir Dich Alle nach Hauſe— oder Sie, Miß Martha,“ wandte er ſich höflich an dieſe,„müßten es vorziehen, mit meiner Schweſter noch einige Stunden hier zu verweilen?“ „Nein, o nein, Sir— ich bitte, auf mich nehmen Sie hierbei keine Rückſicht. Am liebſten bleibe ich, wo mein Bruder bleibt, und ſo kehren wir, denke ich, Alle mit dem Herrn Admiral zurück.“ So war es beſchloſſen und man ſchritt alsbald zur Vorbereitung der Abreiſe, die hier nicht viele Um⸗ ſtände machte. Als ſie aber vom Thurme herabſtiegen und an des Lords Zimmer vorüberkamen, gingen Lionel und Georgy einige Augenblicke zu ihm hinein, ſagten ihm, daß ſie wegritten und nahmen ſeinerſeits den beſten Wunſch in Empfang, glücklich auf Craig⸗ Hall einzutreffen, wobei es ihnen ſchien, als ſei der Viscount herzlich froh, die ganze Geſellſchaft ſo bald wieder los zu werden. Als Lawſon, der wieder aus dem Thurm getreten war, während man die Pferde herbeiführte, hörte, um was es ſich handelte, trat er an den Admiral heran und bedauerte von ganzem Herzen, daß er ſo ſchnell ab⸗ gerufen werde. Die Herrſchaften hätten nicht das Ge⸗ ringſte bei ihm genoſſen und doch wäre er ganz in der Lage, ihrem Appetite zu entſprechen. 25 Lionel ſchien nicht übel Luſt zu haben, raſch einen kleinen Imbiß zu nehmen, da man ſeit dem frühen Morgen auf Craig⸗Hall keinen Biſſen über die Lippen gebracht hatte. Als er jedoch dabei auf Martha's Geſicht blickte und darin eine Abmahnung zu leſen glaubte, ſtand er davon ab und machte ſich wie die Uebrigen bereit, ſeinen Pony zu beſteigen. Lawſon hatte die Geſellſchaft keinen Augenblick verlaſſen, ſeitdem ſie aus dem Thurm getreten war, und namentlich dem Admiral ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit mit einer faſt demüthigen Ergebenheit gewidmet. Während dieſer mit ihm ſprach und ſagte, daß er bald wiederkommen werde und dann noch einige an⸗ dere unbedeutende Fragen that, ſtand er mit abgezo⸗ gener Mütze und tiefen Verbeugungen neben ihm und hielt ihm das Geſicht zugekehrt, ſein Auge aber blickte unverwandt ſeitwärts auf Arnold Tiefenſee hin, den er halb neugierig, halb geringſchätzend betrachtete,— ſo wollte es wenigſtens Martha bedünken, die auf den ſeltſamen Mann ihr beſonderes Augenmerk ge⸗ richtet hielt. 4 Als man endlich im Sattel ſaß und der Admiral ſich mit der Bitte zu den Damen wandte, langſam zu reiten, da er mit dem Doctor einige Eile habe, ſo ſetzten ſich Alle in Bewegung, nachdem ſie noch einen Blick auf den jetzt im vollen Sonnenlichte ſtrahlenden Thurm geworfen hatten. Der Admiral trabte mit ſeinem Begleiter ſogleich haſtig ab, die Anderen aber ritten mit den Dienern langſamer hinterher und Alle waren in Gedanken verſunken, Martha über Alles, was ſie im Thurm geſehen, und die beiden Anderen über die geheimnißvolle Botſchaft, die ihren Onkel und mit ihm den Freund ſo raſch nach Hauſe rief. Endlich aber beruhigte ſich Lionel damit, daß das vor ihm liegende Dunkel ſich wohl aufklären werde, und er ritt nun an Martha's Seite, ſcherzhaft fragend, warum ſie ihn nicht habe ein Glas Wein wollen trinken laſſen. Martha erröthete lebhaft und ließ mit freund⸗ lichen Worten ihr Bedauern erkennen, ſo grauſam ge⸗ weſen zu ſein. Wenn ſie aber eine Miene gezeigt, als möge man nicht auf die Einladung des Thurm⸗ wärters eingehen, ſo habe das ſeinen Grund darin, daß ſie einen heftigen Widerwillen gegen den Mann empfunden und nicht im Stande geweſen, auch nur das Geringſte zu genießen, was er mit ſeinen Händen berührt habe.„Sie verzeihen,“ ſchloß ſie,„daß ich Ihnen dies ſo unumwunden eingeſtehe, und künftig will ich mir Mühe geben, meine Empfindungen ſo zu beherrſchen, daß ſie Niemand bemerken ſoll, dem ſie unangenehm ſein können.“ 257 „O, thun Sie das nicht, Miß,“ ſagte Lionel ehrlich und offen, während Georgy ſtill für ſich lächelte; „Sie wiſſen nicht, wie wohl es thut, auf dem Geſichte die Gefühle eines Herzens zu leſen, deſſen Wünſchen man ſo gern Folge leiſtet. Doch nein, davon wollte ich nicht ſprechen, ich wollte vielmehr auf Lawſon zu⸗ rückkommen und Ihnen ſagen, was dieſer Mann in ſeinem Leben Gutes gethan hat.“ Und nun ſuchte er ſie auf jede Weiſe über den Thurmwärter zu beruhi⸗ gen, deſſen Aeußeres ſie wahrſcheinlich in Schrecken geſetzt, von dem man aber ſchon oft behauptet habe, daß ihm Niemand an den ſchottiſchen Küſten an Kühn⸗ heit und Muth gleich komme,— was wenigſtens ſo viel bewirkte, daß Martha äußerlich nicht merken ließ, was in ihrem Innern vorging und worauf ſie im Stillen erwiderte:„Ach ja, ſeine Kühnheit und ſeinen Muth bezweifle ich nicht, aber iſt denn das Alles, was man an einem Menſchen rühmen kann?“ Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 17 Zehntes Rapitel. Das Geheimniß des öſtlichen Thurmes. Trabte der muthige Ponyhengſt des Admirals zufolge ſeiner feurigen Natur ſo raſch, oder trieb ihn ſein Reiter, von innerer Ungeduld verzehrt, vorwärts zu kommen, ſo heftig an, genug, der kleine Schimmel Arnold's hatte Mühe, mit dem kräftigeren Gefährten gleichen Schritt zu halten. Da der Weg ziemlich breit war, konnten ſich beide Reiter dicht bei einander hal⸗ ten, wobei Arnold, der doch Grund genug hatte, mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt zu ſein, dennoch gewahrte, daß Sir Colin in beſtändigem und gewicht⸗ vollem ſtillen Nachdenken begriffen war. Plötzlich aber, als es eben ſtark bergauf ging und Letzterer den lang⸗ ſamer Nachfolgenden ſo weit vorausgeeilt zu ſein glaubte, daß ſie ihn nicht würden einholen können, hielt er den Schecken an, ritt dicht an die Seite des jungen Arztes und ſagte, ihn mit ſeinem alten freund⸗ lichen Lächeln wohlwollend anſchauend: „Mein junger Freund! Wir ſind an keinem günſtigen Tage nach Cap Wrath gekommen, um unſre Nachforſchungen nach Ihrem Vater auf nachdrückliche Weiſe zu beginnen. Die unerwartete Anweſenheit Lord Lowdale's hat mein Vorhaben durchkreuzt und mich— warum ſoll ich es Ihnen nicht eingeſtehen— gewiſſermaßen verſtimmt. Jedoch beſorgen Sie nicht, daß Ihre Angelegenheit damit aufgegeben iſt, nein, nein, ſie iſt höchſtens vertagt und wir können unſre Forſchungen zu jeder beliebigen Zeit wieder aufnehmen. In vorliegendem Falle nun ſchadet dieſe Verzögerung nichts, ja ſie iſt, wie die Sachen einmal liegen, viel⸗ leicht ſogar wünſchenswerth. Indeſſen dürfte es doch. für Ihre und Ihrer Schweſter Ruhe gut ſein, wenn die traurige Ungewißheit bald gehoben würde, und ich wiederhole Ihnen mein Verſprechen, daß dies ſobald wie möglich geſchehen ſoll. So viel habe ich jedoch ſchon heute durch Lawſon erfahren, daß unſre Vor⸗ ausſetzungen, der gute Profeſſor ſei mit dem bewußten Kohlenſchiff untergegangen, richtig ſind, und alle Aus⸗ ſagen des Mannes ſtimmen Punkt für Punkt mit den Angaben in Ihres Vaters Briefe überein.“ Und 17* 260 nun erzählte der Admiral, was ihm Lawſon mitge⸗ theilt hatte. „Haben Sie ihn nicht gefragt, wer der vornehme Mann war, der damals mit meinem Vater zugleich den Thurm bewohnte, und ob Lawſon mit dieſem die Smowhöhle beſucht hat?“ fragte Arnold am Schluſſe jener Mittheilung. „Nein, mein Freund, ſo weit kam ich leider nicht, denn da trat gerade die Unterbrechung ein, in deren Folge wir jetzt nach Hauſe reiten. Wäre ich nicht durch Lord Lowdale aufgehalten worden, ſo wüßten wir das jetzt. Allein jene beiden Fragen ſind es aller⸗ dings, deren Beantwortung noch mehr Licht geben und unſeren Forſchungen ein ergiebigeres Feld öffnen können, und überdieß werde ich den mir bekannten Friedensrichter dabei zu Rathe ziehen, der damals mit dem Coroner die Unterſuchung geleitet hat. Die große Jury in Inverneß hat unſre bisherige Annahme freilich beſtätigt, allein wenn ſich bisher unbekannte Zeugen finden ſollten, werde ich ſchon ſorgen, daß ſie von Neuem aufgenommen wird. Doch laſſen Sie uns hiervon für jetzt abbrechen. Mich beſchäftigt in die⸗ ſem Augenblick etwas ganz Anderes und ich ſchwebe in einiger Sorge und bin ungeduldig, zu wiſſen, ob dieſe Sorge gerechtfertigt iſt oder nicht. Die Ange⸗ 261 legenheit übrigens, von der ich jetzt rede, hat mich ſchon in den letzten Tagen und namentlich heute Mor⸗ gen in Spannung verſetzt, und das iſt der Grund, warum Sie mich auf dem Wege nach Cap Wrath ſo nachdenklich und ſchweigſam geſehen haben. Und nun laſſen Sie uns ein Wort im Vertrauen reden, denn Vertrauen, großes Vertrauen hege ich zu Ihnen, ob⸗ gleich ich Sie erſt kurze Zeit kenne. Sagen Sie, ſind Sie der Mann, der ein Geheimniß bewahren und vor Jedermann verſchweigen kann?“ Der forſchende und tiefdringende Blick des Ad⸗ mirals traf voll auf das offene Auge ſeines Begleiters und noch ehe dieſer ein Wort ſprach, ſah jener ſchon, daß er den Mann gefunden habe, den er ſuchte. „Ich denke es,“ erwiderte Arnold ruhig und feſt wie er immer ſprach,„wenigſtens hoffe ich in dieſer Beziehung für meinen Willen und meine Fähigkeit ſelbſt Bürge ſein zu können.“ „Gut, mein Freund, ich glaube Ihnen. So hören Sie denn! Ich habe ein Geheimniß, das ſelbſt mein Neffe und ſeine edle Schweſter nicht kennen darf,— vor⸗ läufig wenigſtens nicht, zund ihnen alſo zunächſt müſſen Sie verſchweigen, was Sie von mir erfahren und dann mit eigenen Augen ſehen werden. Wie ſteht es aber mit Ihrer Schweſter, der mir ſo lieben Martha?“ 262 „Sir Colin,“ erwiderte Arnold, auf eine Weiſe wehmüthig lächelnd, daß ſich darin die ganze namen⸗ loſe Liebe zu der Genannten ausſprach,„Martha hat bisher immer in mein Herz geſchant, ich habe ihr nie verborgen, was meine Seele erfüllte, aber auch nie hat ſie mein Vertrauen getäuſcht. Soll ich ihr jetzt verſchweigen, was Sie mir mittheilen werden, ſo wird es geſchehen, ſonſt aber bürge ich für ſie, wie für mich ſelbſt.“ Der Admiral überlegte einige Augenblicke.„Hören Sie,“ ſagte er dann,„ich will Ihnen in meinem Hauſe keinen Zwang auflegen, und am wenigſten möchte ich das ſchöne Verhältniß trüben, welches zwiſchen Ihnen und Ihrer einzigen Verwandten beſteht. Halten Sie es für gerathen, ihr zu ſagen, was Sie erfahren wer⸗ den, ſo thun Sie es, aber—“ 1 „Noch einmal, ich bürge für Martha, Herr Ad⸗ miral.“ „So iſt es gut und dies betrachte ich als abge⸗ macht.— Wenn ich nicht irre, ſprachen Sie einmal davon, daß Sie eine kleine, ſehr gute Reiſeapotheke bei ſich führen. Iſt das wahr?“ „Ja, ſie liegt auf meinem Zimmer in Craig⸗Hall.“ „Gut, da gehen wir hin. So erfahren Sie denn, daß Sie von dieſer Apotheke Gebrauch zu machen * 263 haben werden, denn ich bin im Begriff, Sie zu einer Kranken zu führen.“ „Zu einer Kranken?“ fragte Arnold erſtaunt, der ganz vergeſſen zu haben ſchien, daß er ein Arzt war. „Ja, zu einer Kranken, und dieſe Kranke eben betrifft das Geheimniß.“ Der Admiral blickte ſich vorſichtig in dem Walde um, durch den ſie eben ritten, und fuhr dann mit etwas gedämpfter Stimme fort: „Ich habe eine alte Perſon im Hauſe, die mir theuer iſt. Wer und was ſie iſt, fragen Sie nicht, denn Ihnen kann das vor der Hand gleichgültig ſein. Ich gönne ihr bei mir das Gnadenbrod, das ihr Andere verſagten, denn an mir hat ſie es tauſendfach verdient. Kein Menſch außer mir und meinen treuen Dienern in Craig⸗Hall weiß, daß ſie auf meiner Beſitzung lebt, und kein Menſch darf es für jetzt erfahren. Dieſe mir ſehr werthe Perſon iſt ſeit einiger Zeit kränklich ge⸗ worden und unterliegt ſchmerzhaften Krampfanfällen, die von Woche zu Woche eintreten und immer heftiger zu wer⸗ den ſcheinen. Sie hat ſich früher einer vortrefflichen Ge⸗ ſundheit erfreut und nie einen Arzt gebraucht. Jetzt aber ſcheint es nöthig zu ſein und da ich Sie gerade bei mir habe, ſollen Sie Ihr Arzt werden. Wollen Sie das?“ „Gewiß, Sir Colin, und mit ganzem Herzen. Ich will nur wünſchen, daß ich ihr nützen kann.“ 264 „Das wollen wir hoffen. Ich werde Sie zu ihr führen, nachdem ich ſie auf Ihr Erſcheinen vorbereitet habe. Daß Sie mit Ihrer Schweſter in Craig⸗Hall ſind, weiß ſie bereits, und ſie nimmt ſogar großen Antheil an Ihrem Geſchick.“ „Wie? Woher weiß ſte denn von uns?“ „Durch mich, durch mich, lieber Doctor, und ich habe die Mittheilung Ihrer Geſchichte für um ſo nöthiger gehalten, als der eigentliche Zweck Ihrer Anweſenheit durch ſie eher gefördert als behindert werden kann.“ „Aber wie ſo denn, Herr Admiral? Das klingt mir wie ein vollkommenes Räthſel.“ „Mag ſein, für jetzt noch,— in Zukunft vielleicht nicht. Doch hören Sie weiter. Die Kranke iſt mir ſehr zugethan und hat mir wiederholt verrathen, daß ſie im Beſitz eines Familiengeheimniſſes ſei, welches ſie mir noch vor ihrem Tode enthüllen wolle. So lange ſie geſund war, ſprach ſie nur ſelten hiervon, ſeit einigen Tagen aber deutete ſie öfter darauf hin und heute Morgen, wo ſie ſich krank werden fühlte, kam ſie nachdrücklich darauf zurück. Ich ritt ungern fort und dachte jeden Augenblick an die arme Kranke. Jetzt nun ſchickt ſie Joe Duncan und läßt mir ſagen, es ginge ihr ſchlechter und es könne der Moment 8 eintreten, wo ſie ſprechen müſſe. Darüber ſollen Sie nun entſcheiden. Wenn Sie ſie geſehen haben, ſo ſagen Sie mir unumwunden, was Sie von ihrem Zuſtande halten. Von dieſer Erklärung wird es ab⸗ hängen, ob ich ſie veranlaſſe, mir jenes Geheimniß mitzutheilen, oder ob ich noch damit zögere, denn nur kurz vor ihrem Tode will ſie es enthüllen. Da haben Sie das Ganze und nun ſagen Sie, ob Sie nach meinem Wunſche handeln wollen?“ Arnold Tiefenſee reichte dem Admiral ſeine Hand hin und nickte.„Ja,“ ſagte er,„ich will es, und ſo weit meine Einſicht reicht, ſollen Sie die Wahrheit erfahren.“ „Weiter verlange ich nichts— und nun laſſen Sie uns eilen, damit wir nicht zu ſpät kommen.“ Er ſetzte ſeinem Schecken die Sporen ein und beide Ponies flogen im Galopp über das braune Moor, durch das man eben kam, ohne daß ihre Reiter ein Wort weiter ſprachen. Es war drei Uhr Nachmittags, als der Admiral mit ſeinem Begleiter auf Glory⸗Craig⸗Hall anlangte. Joe mußte ihre Ankunft erſpäht haben, denn er kam mit von dem ſcharfen Ritte noch ganz erhitztem Ge⸗ ſicht an die Thür des öſtlichen Thurmes, vor welcher 266 Sir Colin anhielt, und begrüßte denſelben mit glück⸗ ſeligem Lächeln. „Nun, Joe,“ fragte der Admiral voller Spannung, „wie ſteht es?“ „Beſſer, beſſer, Sir Colin. Die Freude, Sie wieder zu ſehen, hat ſchon geholfen und ich glaube, es iſt nicht ſo weit, wie wir Alle fürchteten.“— Der Admiral ſeufzte erleichtert auf.„Siehſt Du wohl,“ ſagte er,„die Sorge war unnütz, doch Gott ſei Dank, daß es ſo iſt!“ „Aber ſie iſt noch immer ſehr ſchwach, Sir Colin, und hat keine einzige ruhige Minute gehabt, der Schmerz iſt noch ſo heftig wie vorher.“ „Geduld, mein Lieber, die Hülfe naht.— Laß Pieball und den Schimmel da ordentlich pflegen,“ ſagte er zu einem anderen Diener, der die Zügel der Pferde ſchon ergriffen hatte,„und nun kommen Sie, lieber Doctor. Kleiden Sie ſich um, genießen Sie Etwas und gehen Sie in die Bibliothek, wo ich Sie abholen will, wenn es Zeit iſt. Das Diner wollen wir eine Stunde ſpäter nehmen, wenn Alle hier ſind. Beſtelle das, Joe!“ Joe Duncan verſchwand. Der Admiral aber und Arnold Tiefenſee ſuchten ihre Zimmer auf, um raſch eine bereitſtehende Stärkung zu nehmen, deren 267 ſie Beide bedürftig waren. Dann aber, während der Admiral den Weg nach dem bekannten Thurme antrat, kleidete ſich Arnold um, und als dies geſchehen, nahm er ſeine kleine Apotheke und ging in die Bibliothek, um die Rückkehr ſeines Wirthes daſelbſt zu erwarten. Es iſt ſeltſam, wie dem Menſchen in manchen Augenblicken ſeines Lebens eine Fülle von Gedanken zufließt, ihn faſt damit überſchwemmt, und zu andern Zeiten wieder die Quelle derſelben in ihm verſiegt zu ſein ſcheint. Iſt auch hier in der kleinen Welt des menſchlichen Kopfes ein Wechſel von Fluth und Ebbe vorhanden oder nöthig, wie in der großen Welt der allmächtig wirkenden Natur? Iſt im erſteren Falle der Grund dieſer Erſcheinung eine innere geheimnißvolle Ahnung, daß er an der Schwelle eines neuen Zeitab⸗ ſchnittes, vielleicht an dem Wendepunkte ſeines Ge⸗ ſchickes ſteht, oder iſt ſie blos die Wirkung einer durch außere Vorkommniſſe aufgeregten Phantaſie? Mag dies nun ſein wie es will, Arnold Tiefenſee wenigſtens, als er an jenem Tage in der von uns be⸗ zeichneten Lage am Fenſter der Bibliothek Sir Colin's ſtand und auf das weite blaue, im Sonnenſcheine lächelnde Meer hinausſah, konnte ſich kaum der Ueber⸗ fülle der auf ihn einſtrömenden Gedanken, die ſich alle an beſtimmte Vorgänge in ſeinem Leben anſchloſſen, 268 enthalten, ohne daß er im Stande geweſen wäre, einen inneren Zuſammenhang derſelben mit dem äußeren Geſchick zu finden, welches ihn jetzt in immer neue Verwicklungen riß. In raſcher Aufeinanderfolge jagten ſich dieſe Ge⸗ danken und ſeine ganze Vergangenheit lief wie ein leicht beſchwingtes Schiff an ſeinem inneren Auge vorüber. Was war ihm Alles im letzten halben Jahre begegnet und wie weit wich dies von ſeinem früheren ſtillen und gleichſam aller Welt abgeſtorbenen Leben ab! Er ſah ſich noch mit ſeiner ſchwarz gekleideten Schweſter wirkſam in dem geräuſchloſen Krankenhauſe, wo jede Stunde ihre Arbeit, jede Minute ihre ge⸗ meſſenſte Anwendung fand und finden mußte. Das Weihnachtsfeſt ſtand in wenigen Wochen vor der Thür und vor ihm fürchtete er ſich ſtets am meiſten, denn gerade an dieſem Feſte fühlte er ſich mit Martha ein⸗ ſam und verlaſſen von aller Welt. Da wurde Lionel Lomdale als Kranker in das Hospital gebracht und ein neues Intereſſe an dem jungen von ſeiner Familie geſchiedenen Manne begann, einen goldenen Schimmer in ſein einförmiges Leben fallen zu laſſen. Plötzlich erſchien auch, ganz uner⸗ wartet und jenen goldenen Schimmer zu einem ſtrah⸗ lenden Lichte anfachend, Georgiana Lowdale, des 269 Kranken ſchöne Schweſter, und nun— doch ſtill, was weiter? Es erfolgte die von Gott erflehte und faſt für unmöglich gehaltene Geneſung des Kranken, die Freude darüber und ſeine und ſeiner Schweſter ſich allmälig bemerkbar machende Dankbarkeit, die an ſich ſchon Arnold und Martha Tiefenſee das Leben ſchön und bedeutſam erſcheinen ließ.. Wie dieſe Dankbarkeit ſich zur Freundſchaft ge⸗ ſtaltete, wußte Arnold ſchon nicht mehr, es däuchte ihm nur, als hätte mehr eine innere Nothwendigkeit als ein äußerer Reiz dazu beigetragen. Mit einem Male ſah er ſich und ſeine Schweſter von ihren alltäglichen Verhältniſſen losgelöst und an der Seite der begüter⸗ ten Fremden die Reiſe nach Italien antreten. Erſt in Nizza kam er zur Ruhe, zur Beſinnung, zur Ueber⸗ legung. Von hier aber folgte eine Ueberraſchung wieder auf die andere, Frankreich und England wurden durchzogen und erſt an der Gränze Schottlands ſuchte ihn die Erinnerung an frühere traurige Zeiten heim, als er der Ungewißheit des Schickſals ſeines verſchol⸗ lenen Vaters gedachte. Bis Meanach⸗Lodge war ſeine Reiſe faſt nur ein Triumphzug geweſen: Freundſchaft, gleiche Lebensanſchauungen, übereinſtimmende Gefühle und Anſichten in der politiſchen und ſocialen Welt wie . 2¹9 in der Kunſt und Natur, verſchönerten ihm das irdiſche Daſein und erſt die auf dem ſchottiſchen Landſitz ihm zugefügte Demüthigung riß ihn aus ſeinem glücklichen Traumleben auf. Aber was war nun Alles ſeit jenen Tagen durch ſeine Seele geflogen, welche Stürme, welche Kümmer⸗ niſſe hatten ſein Herz erſchüttert und beben gemacht! Kampf und Zwieſpalt von einer anderen Seite her waren ihm vor Augen gerückt und das ſeltſame Ver⸗ hältniß zwiſchen Lord Lowdale und ſeinen Kindern hatte ihm gezeigt, daß das Glück und der Friede auch nicht immer an die Schritte der reich begüterten Sterb⸗ lichen gebunden ſei. Er hatte ſich mit ſeiner regſamen Phantaſie ganz in die Lage ſeiner Freunde verſetzt und mehr dabei gelitten, als wir aufzuzeichnen gewagt, obgleich er aus Zartgefühl nur wenige Worte mit ihnen darüber gewechſelt, die ihr Schickſal ſelbſt mit ruhiger Würde und erhabenem Schweigen trugen.. Dooch weiter, weiter zog ihn das ſchnell ſegelnde Lebensſchiff. Er ſah ſich durch die grauen kahlen Berg⸗ ketten des nördlichen Schottlands reiten, hörte die Felsſtröme durch unergründliche Schluchten rauſchen, ſah den geiſterhaft emporſteigenden Nebel ſich auf die Spitzen der Schneeberge lagern und— betrat dann auf einmal das grüne ſonnige Stückchen Erde, auf 271 dem der freundliche Mann ſo wohlthätig waltete, der jetzt ſein Wirth und in vielen Dingen ſchon ſein Ver⸗ trauter war. O, welche ſüße Ruhe gewährten die wenigen dort verlebten Tage dem unruhig Fortſtrebenden! Aber nochmals trat der Zwiſt und die Zwietracht der Welt vor ſeiner Seele in ſichtbarer Geſtalt auf. Lord Lowdale und Sir Colin— wie ſeltſam fremd, wenn nicht feind⸗ ſelig, ſtanden ſich die beiden Brüder gegenüber, woher ſtammte das Zerwürfniß, wohin würde es führen und welche Stellung würden Lionel und Georgy dazwiſchen einnehmen? Aber das Alles verwiſchte aus ſeinem Gedächtniß das Letzte, Neuſte. Vorwärts ging es nach Cap Wrath. Das große Weltmeer that ſich majeſtätiſch vor den bewundernden Augen des Schauenden auf und da— g dort ragte der geheimnißvolle Leuchtthurm, deſſen düſtere Räume, wie ihm bisweilen däuchte, noch immer der Geiſt ſeines Vaters bewohnen müßte. Aber ach, in den Thurm war noch mehr Unheil eingekehrt. Waͤs wollte der finſtere Lord an dem einſamen Orte? Folgte er einer Laune, dem Verhängniß oder den Eingebungen einer geheimen, ihn unſtät umhertreibenden Beſorgniß und Angſt? Doch das war noch nicht Alles, was Arnold 3 272 Tiefenſee's Seele beunruhigte. Er ſchaute weiter. Da ſtand mit einem Male eine wilde Erſcheinung vor ſeinen Augen, um ſo wilder, als ſie hinter Schmuck und Zier ihre angeborene Rohheit zu verdecken trachtete — Lawſon! Dieſer Mann, von dem er ſo viel Wunder⸗ dinge des Muthes und der Aufopferung gehört— er hatte auf ihn wie auf ſeine Schweſter einen über⸗ wältigenden, unheimlichen Eindruck gemacht. War er, was er ſchien und wofür er galt: der gute, auf Cap Wrath waltende Genius, der Menſchenretter, oder war er, was Arnold nur erſt wie ein dunkler Schatten ge⸗ heimnißvoller Ahnung vorſchwebte, ein Heuchler—“ Bis hierher ſollte unſer Freund nur in ſeinen Phantaſieen kommen. Eine Hand legte ſich leiſe auf ſeine Schulter und drückte ſie ſanft. Der Admiral war geräuſchlos hinter ihm eingetreten, auf den weichen Teppichen ungehört näher gekommen und hatte ihn aus ſeinen Träumereien geweckt. „So tief verſunken im Anſchauen, mein Freund?“ fragte er mit ſeiner ruhigen Würde und Freundlichkeit. „In Nachdenken, ja, Sir Colin. Mich haben die Geiſter, nicht allein der Abgeſchiedenen, auch der noch Lebenden heimgeſucht.“ „Aha, ich kenne das, das kommt bisweilen vor! Nun laſſen Sie aber die Geiſter flattern und denken — 273 Sie einmal an die Leiber. Haben Sie Ihre Apotheke bei der Hand?“ 8. „Ja, da ſteht ſie.“ „So kommen Sie, Sie werden erwartet und Ihre Hülfe wird, denke ich, nicht vergebens ſein, mir wenig⸗ ſtens flößt der jetzige Zuſtand der Kranken keine Be⸗ ſorgniß ein. Doch Sie mögen anders urtheilen— uriheilen Sie nur richtig!“. Der Admiral ſchritt dem jungen Arzte voran, der das Kiſtchen aufgenommen hatte und voller Spannung ſeinem Wirthe folgte. Man gelangte, durch den großen Corridor gehend, der durch das ganze Mittelgebäude lief, von Niemanden bemerkt, in den öſtlichen Thurm und der Admiral ſtieg langſam die gewundene und mit dicken Teppichen belegte Treppe deſſelben hinan. Vor der mit Fries behangenen Thür blieb er ſtehen und horchte, dann klopfte er leiſe an und gleich darauf ward die Thür von innen geöffnet und der Admiral ſchritt durch dieſelbe hindurch, ſeinem Begleiter einen Wink gebend, ihm zu folgen. Alles dies geſchah von Seiten Sir Colin's mit einer ſo ſichtlichen Behutſamkeit, daß ſchon allein daraus hervorging, wie zärtlich beſorgt er um die Kranke und ihre Ruhe war. Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 18 274 Das Zimmer, in welches der junge Arzt nun trat, zeigte ſich als ein großes, helles Gemach und bot eine wunderſchöne Fernſicht über die See nach der einen, und über das Land nach der andern Seite dar. Es war reichlich mit Teppichen, Vorhängen und bequemen Möbeln verſehen, bei deren Auswahl und Anordnung kein Luxus, wohl aber ein auf behagliche Häuslichkeit bedachter Geſchmack und Sinn gewaltet hatte und wo⸗ durch abermals bezeugt ward, wie liebevoll Sir Colin für das leibliche Wohl der Perſon bemüht war, der er das Gnadenbrod, wie er ſich ausgedrückt, von Herzen „gönnte.“ In der Mitte dieſes Zimmers nun, doch ſo vor das Fenſter nach der See hin gerückt, daß man den Himmel und das Waſſer bequem überſchauen konnte, ſtand ein hoher Rollſtuhl und darauf ſaß eine ſeltſame und Arnold Tiefenſee auf den erſten Blick in Ver⸗ wunderung ſetzende Geſtalt. Sie trug ein ſchwarzes Wollkleid von feinem Stoff, das in weiten Falten um ihren mageren Körper fiel, und über ihren Schooß war eine ſauber geſteppte Decke von oſtindiſcher Seide gebreitet. Von ihrem Kopfe wallte ellenlanges ſchnee⸗ weißes Haar hernieder, das in zahlloſen und dichten Ringeln Schultern und Rücken umfloß. Ihr Geſicht war mit tauſend feinen Runzeln und Falten bedeckt, 275 mager und abgezehrt, dabei von dunkler Bronzefarbe, gegen welche die noch völlig geſunden und wie Perl⸗ mutter blitzenden Zähne ſcharf abſtachen; aber es lag ein unbeſchreiblicher Ausdruck von Sanftmuth und Er⸗ gebenheit darauf, dem eine ungemein hohe Intelligenz beigemiſcht war. Als das Auffallendſte und Bemerkens⸗ wertheſte in dieſem Geſicht jedoch traten die kohlſchwar⸗ zen, von durchdringender Falkenſchärfe und Klugheit funkelnden Augen hervor, deren beweglicher Blick blitz⸗ artig ſchnell hin und her leuchtete und noch Leben und Geiſt verrieth, die aus der übrigen verſchrumpften Geſtalt ſchon längſt verſchwunden zu ſein ſchienen. Hinter ihrem Stuhle ſtand, die vollen runden Arme um ihren Hals geſchlungen und das ſchwarze Köpfchen an das weiße Haar der Greiſin lehnend, Lizzy Duncan, voller Freude auf den nahenden Herrn und ſeinen Begleiter blickend. Neben ihr aber, mit erwartungsvoller, halb ängſtlicher, halb beruhigter Miene ſtand Joe Duncan, Lizzy's Bruder, und obgleich die Geſichtsfarbe Beider viel heller als die der Alten war und fröhliche Jugend in ihren lebenswarmen Adern ſprudelte, ſo konnte doch in verſchiedenen einzelnen Zügen eine hervorſtechende Aehnlichkeit zwiſchen den drei Perſonen kaum verkannt werden. Das funkelnde Ange der Kranken richtete ſich beim 8* 18* 276 Eintreten ihres Beſuches zuerſt auf den Admiral, mit einem Blick voll unausſprechlicher Zärtlichkeit und Er⸗ gebenheit. Dann aber, nachdem ſie ihm dankbar zu⸗ genickt, wandte ſie den Kopf langſam nach Arnold Tiefenſee hin und betrachtete ihn lange mit unverkenn⸗ bar wohlwollender Miend, die jedoch nicht ohne Neu⸗ gierde war. „Nun, meine Alte,“ begann der Admiral freundlich lächelnd die Unterhaltung,„hier haſt Du den trefflichen Arzt, deſſen Namen Du ſchon kennſt und von dem ich Dir ſo manches Gute erzählt habe. Er beſucht Dich, um Dir wo möglich Hülfe zu bringen. Erzähle ihm, was Dich drückt, und hoffentlich gelingt es ihm mit Gottes Hülfe, Dich von Deinen Schmerzen zu befreien.“ Die Kranke ſandte dem Admiral einen dankbaren, innigen Blick zu und ergriff ſeine ihr dargereichte Hand, die ſie mit ihren beiden verdorrten, aber feinen Händen zärtlich ſtreichelte.„Mein theurer Herr,“ ſagte ſie, langſam die Worte wählend und in ſcharf aecentuirtem ſchottiſchen Dialect,„wie danke ich Ihnen! Und Sie, junger Mann, kommen Sie zu mir heran und reichen auch Sie Ihre weiße Hand meiner braunen Hand dar, denn was Sir Colin mit ſeinen Fingern berührt, kann jeder ehrliche Mann ebenfalls berühren.“„ 277 Arnold trat näher und reichte ihr ſeine Hand, die ſie aufmerkſam und längere Zeit betrachteke, dann aber warm und herzlich drückte, worauf ſie ſie wieder los ließ, ihre eigenen Hände gefaltet in den Schooß legte und der weiteren Verhandlung ruhig entgegenſah. Der Arzt begann jetzt mit herzlicher Theilnahme ſeine Fragen und erhielt ſtets kurze, die Sache immer überraſchend genau bezeichnende Antworten. Als die Kranke ſeine ſanfte Stimme hörte und den wohlwollen⸗ den Blick ſeines tiefdringenden Auges auf ſich ruhen ſah, fühlte ſie ſich wunderbar belebt, und das Ver⸗ tcrauen, dieſe dem leidenden Menſchen ſo wohlthuende geiſtige Macht, war in ihr erwacht und jeden Augen⸗ blick wuchs es, wie auch in dem aufmerkſam zuhören⸗ den Admiral, der ſich unweit des Rollſeſſels auf einen Stuhl niedergelaſſen hatte. Schon nach kurzer Zeit war Arnold mit ſeinem Urtheil in's Klare gekommen, und jemehr er ſich über⸗ zeugte, daß er auf richtiger Spur ſei, um ſo raſcher floſſen ihm die Worte von den Lippen, um ſo ent⸗ ſchiedener und beruhigender wurde ſein ganzes Auf⸗ treten. Zuletzt ſprach er ihr den beſten Troſt ein, ver⸗ hieß baldige Linderung der Schmerzen und pries die gute Wirkung eines Mittels, das er ihr ſogleich reichen würde. 278 Zu dieſem Behufe trat er an einen Tiſch, öffnete ſein Etui und holte einige Pulver hervor, von denen er eins in einen Löffel that, mit Waſſer miſchte und der Kranken reichte, die es begierig nahm. Nachdem er ſodann noch einige andere Verordnungen gemacht, gab er dem Admiral einen Wink, und einige Minuten ſpäter war der erſte Krankenbeſuch beendigt und Wirth und Arzt ſtanden auf der Treppe, die nach der Terraſſe hinabführte. Arnold wollte ſprechen, aber Sir Colin legte den Finger auf den Mund.„Warten Sie,“ ſagte er leiſe, „Joe und Lizzy haben ſcharfe Ohren!“ Als ſie aber in's Freie gelangt waren und einige Schritte vom Schloſſe fort gethan hatten, fragte er voller Spannung: „Nun, was ſagen Sie, iſt der Tod nahe?“ Arnold lächelte.„Hoffentlich noch lange nicht,“ erwiderte er.„Sie leidet an einem einfachen Magen⸗ krampf, den vieles Sitzen, Mangel an Bewegung, zu nahrhafte Speiſen und— ihr Alter hervorgerufen haben. Wie alt mag ſie wohl ſein?“. Der Admiral rechnete im Stillen.„Ganz genau weiß ich es nicht, aber vierundſiebenzig Jahre mag ſie wohl zählen.“ „War ihre Conſtitution ſonſt geſund?“ „Vortrefflich. Eine zähe Natur, biegſam, gus- 279 dauernd, ſonſt hätte ſie die reichliche Noth ihres trau⸗ rigen Lebens gewiß nicht ertragen.“ „Von welcher Nation iſt ſie? Ich möchte ſie lieber für eine Orientalin als für eine Schottin halten.“ Jetzt lächelte der Admiral.„Ihrem Ausſehen nach ſcheint ſie eine Orientalin,“ ſagte er dann,„und das iſt ſie ihrer Abſtammung nach auch gewiß. Hier⸗ mit aber müſſen Sie ſich vor der Hand begnügen, ich kann jetzt nicht mehr darüber ſagen.“ „Aber Lizzy und Joe— ſie ſehen ihr Khilid Sind ſie ihre Verwandte?“ Der Admiral zögerte einen Augenblick mit der Antwort.„Nun,“ ſagte er,„Sie haben es alſo be⸗ merkt, und es wäre unnütz, wenn ich es läugnen wollte. In Lizzy und Joe fließt ſchon mehr weißes Blut, allerdings, und doch ſind ſie mit ihr nahe ver⸗ wandt. Es ſind ihre Enkel, nachdem ſchon ihre Toch⸗ ter um einen Grad weißer war als ſie ſelbſt.“ „Ah, ſie hat alſo einen Weißen zum Manne gehabt?“ „Was Sie ſchlau ſind, Doctor! Vielleicht iſt es ſo. Doch nun kommen Sie, unſere Damen nund ihr Löwe werden ſtarken Appetit haben, wie wir, und uns gewiß ſchon erwarten.“ 289 So war es denn auch. Die Damen befanden ſich mit Lionel bereits im Speiſeſaale, da die Eßglocke lange geläutet hatte, und erwarteten die beiden Herren ſehnlichſt. Als dieſe endlich kamen, richteten ſich aller Geſichter voller Spannung auf Arnold, der ziemlich unbefangen, ja befriedigt ausſah und ſogleich von ge⸗ wöhnlichen Dingen zu ſprechen anfing. Weniger un⸗ befangen zeigte ſich der Admiral, vielleicht weil er mehr als Arnold bemerkte, daß die Blicke der Anweſenden voller Neugierde auf ſie gerichtet waren, allein da die Tafel ſogleich begann, ſo gab es Ableitung genug und bald war man in lebhafter Unterhaltung begriffen, wozu der ſo intereſſante letzte Ausflug Stoff genug bot. Nach dem Eſſen zog man ſich diesmal ein wenig auf ſeine Zimmer zurück, denn die Damen mochten wohl etwas angegriffen ſein; nachdem aber Alle⸗ eine Stunde geruht, holte der Admiral bei ſchon herein⸗ brechender Abenddämmerung Arnold zu einem kleinen Spaziergange ab, mit der Aufforderung, ihn nachher zu der Kranken zu begleiten. Als Beide eine halbe Stunde ſpäter bei⸗ ähr ein⸗ traten, fanden ſie ſie im feſten Schlaf und Lizzy be⸗ richtete leiſe, daß derſelbe gleich nach dem gereichten Mittel eingetreten ſei. Arnold betrachtete die Schla⸗ fende, deren Athem ruhig und gleichmäßig war, auf⸗ 281 merkſam; dann blickte er den Admiral befriedigt an und Beide verließen bald darauf wieder das Zimmer. „Es geht gut,“ ſagte der Arzt draußen,„der Schlaf wird günſtig wirken, zumal wenn er die ganze Nacht andauert.“ „Haben Sie ihr ein beruhigendes Mittel ge⸗ geben?“ „Beruhigend und krampfſtillend wirkt es, und da ſie, wie Sie ſagten, nicht an Arzneien gewöhnt iſt wird die Wirkung um ſo ſicherer ſein.“—— Am ſpäten Abend begaben ſich die beiden Män⸗ ner abermals zu der Kranken und fanden ſie noch immer im Schlafe auf dem Rollſeſſel, da Lizzy ſie nicht hatte wecken und zu Bett bringen wollen. Nach⸗ dem Arnold dem jungen Mädchen, welches bei der Großmutter wach bleiben wollte, noch einige neue Verordnungen für die Nacht vorgeſchrieben, verfügte er ſich in das Schloß hinunter, während der Admiral noch eine Weile im Krankenzimmer verweilte. Er hatte ſich dicht vor die Kranke geſtellt, deren dunkles Geſicht eine auf einem Seitentiſche brennende Lampe nur matt beleuchtete, weshalb es faſt ſchwarz erſchien, und betrachtete es geraume Zeit mit herz⸗ licher Theilnahme. Das weiße, in langen Wellen herabfließende Haar, das den kleinen Kopf ganz um⸗ 282 rahmte, verlieh ihm einen Ausdruck milder Ehrwür⸗ digkeit, den Sir Colin nicht ohne Rührung anſchauen konnte, und die am Tage ſo eingefallenen Wangen hatten durch die Ruhe und die heilkräftige Wirkung des lange vermißten Schlafes neues Leben erhalten, obgleich derſelbe die zahlloſen Runzeln und Falten nicht zu vertilgen im Stande geweſen war. Eben wollte der Admiral, deſſen Blick immer milder und weicher geworden, je länger er das Geſicht der ſanft Schlummernden beobachtete, ſein Auge ab⸗ wenden und ſich entfernen, als die Kranke die Lippen bewegte, mit den Händen zuckte und gleich darauf die brennenden Augen aufſchlug, die aber auf der Stelle eine unausſprechliche Sanftmuth ausſtrahlten, als ſie den geliebten Herrn erkannten. „Mein theurer Herr,“ ſagte ſie leiſe und ſtreckte beide Hände ſehnſüchtig nach ihm aus,„o, Sie ſind alſo wieder da?“ „Ich bin da, Alte, und freue mich, daß Du ſo gut geſchlafen haſt. Jetzt kann Dich Lizzy zu Bett bringen, da wirſt Du bequemer liegen und noch beſſer ſchlafen.“ „Ja, Herr, ich habe auch Begehr danach, nachdem mich die Schmerzen faſt ganz verlaſſen haben. Ach, wie wohl hat mir der gute Doctor gethan, der mir 1 283 das bitter ſchmeckende Mittel reichte! Ich habe ſchön und ſüß geträumt, von meiner Jugend, wo ich glücklich war— als ich in einem blumigen Garten — am See—“ „Still, Alte, rege Dich nicht auf!“ gebot der Ad⸗ miral mit freundlich erhobenem Finger,„der Doctor hat es verboten.“ „Der gute Doctor, ach!“ „Wie hat er Dir gefallen, Alte?“ Die Kranke erhob den Kopf höher, öffnete die rabenſchwarzen Augen noch weiter als vorher, als er⸗ wache ſie erſt jetzt vollſtändig und ſagte mit einem klugen und ſinnigen Lächeln:„Wie er mir gefällt, der deutſche Arzt? O, theurer Herr, er gefällt mir ſehr. Er hat nichts vom Raubthier, wie ſo viele Männer, ſein Herz iſt weich, ſeine Seele rein und ſeine Hand hat nie Uebles gethan.“ „Woher weißt Du das?“ „Das ſehe ich, das fühle ich, wenn ich ſein Geſicht, ſein Auge, ſeine Hand betrachte. Aber ach! Trauer hat er im Auge und auch im Herzen, tiefe Trauer— und davon muß er geheilt werden, wie er mir meine Schmerzen geheilt— ſchon jetzt.“ „Wie ſoll das geſchehen, Alte?“ „Gott hilft, theurer Herr, und die Menſchen, die ₰ 284 es können, müſſen mit dazu beitragen. Sie können es auch, Sir Colin!“ „Was mich betrifft, ſo werde ich meine Pflicht gegen ihn erfüllen, meine Menſchenpflicht, meine ich. Aber ſprich, Alte, habe ich Dich recht verſtanden, oder irre ich mich, wenn ich annehme, auch Du ſeieſt ver⸗ mögend, ihm zu helfen von ſeiner Traurigkeit?“ Die Kranke antwortete nicht, ſchlug nur ihre Augen, die noch einmal ſo hell zu funkeln ſchienen, voll gegen den Admiral auf und ſah ihn durchdringend an. Er verſtand dieſen Blick, denn er kannte ihre Art und Weiſe, ihre Meinung zu äußern.„Alſo Du kannſt ihm helfen?“ fragte er weiter. Die Alte nickte, ſagte aber dann leiſe:„Vielleich! Wenn Gott es vill, der ſein großes Auge offen hält und die Sünden der Menſchen genau kennt, alſo auch die, die gegen den Vater dieſes jungen Mannes begangen ſind.“ „Sünden, Alte? Wie meinſt Du das?“ „Still, theurer Herr, heute wollen wir darüber nicht mehr reden und es nützt auch nichts, es Ihnen allein zu ſagen, der Sie von allen Menſchen nur das Beſte denken und glauben. Aber morgen und über⸗ morgen iſt auch noch ein Tag und ich werde nicht bis dahin ſterben, das weiß ich jetzt.“ 3 „Siehſt Du, Alte,“ unterbrach ſie mit Freude ſchimmerndem Auge der Admiral,„dies Letzte iſt die Hauptſache. Alſo Deine Furcht war umſonſt.“ „Nicht meinetwegen hatte ich Furcht, ſondern— eines Andern wegen. Doch ſtill davon— ſieht die Schweſter des Doctors ihrem Bruder ähnlich?“ „O ja, Alte, ſie iſt nur viel zarter und lieblicher, da ſie ein Weib iſt, obgleich man ſie nicht unbedingt ſchön nennen kann. Ich habe ſie Dir ja ſchon ge⸗ ſchildert und Dir geſagt, wie lieb ich ſie habe.“ „Kann ich ſie nicht auch ſehen?“ fragte die Kranke ſanft. 3 Sir Colin ſann eine Weile nach.„Ich finde keinen Grund auf, warum Du ſie nicht ſehen könnteſt. Bitte den guten Doctor morgen ſelbſt darum und er wird ſie gewiß zu Dir führen.“ Die Alte nickte und gähnte.„Ich bin müde,“ ſagte ſie,„und fühle den Schlaf, der ſchon auf mich wartet. Er komme und Gott ſende mir wieder ſo wonnige Träume!“ Der Admiral näherte ſich ihr und gab ihr die Hand. Sie faßte ſie haſtig mit beiden Händen, hob ſie ſchnell zu ihren welken Lippen empor und drückte einen zärtlichen Kuß darauf.„Gute Nacht,“ flüſterte ſie.„Ich werde morgen früh Lizzy ſenden, wenn ich die Herren empfangen kann.“ 4 286 Der Admiral wünſchte ihr einen erquickenden Schlaf und ſtieg leiſe die Treppe hinab, um ſich gleich⸗ falls zur Ruhe zu begeben. Als Arnold Tiefenſee nach dem zweiten Beſuche ſeiner Kranken in Martha's Zimmer trat, um ihr über des Admirals und ſeine Rückkehr von Cap Wrath Aufſchluß zu geben, fand er Georgy Lowdale bei ihr. Beide mochten über die ihnen noch unbekannten Vor⸗ gänge ſo eben geſprochen haben, denn ihre Blicke rich⸗ teten ſich forſchend auf des jungen Arztes Geſicht und namentlich Georgy ſah ihn ſo fragend an, daß er un⸗ willkürlich lächeln mußte. „Ah,“ ſagte die ſcharfſichtige Georgy,„Sie lächeln! Dann bin ich zufrieden. Alſo es giebt nichts Unheilvolles?“ „Dachten Sie das?“ „Ich hatte nur meines Oheims Miene im Ge⸗ dächtniß, als er uns auf der Galerie des Thurmes zur eiligen Rückkehr aufforderte. Er ſah überaus ängſtlich und beſorgt aus. Doch was haben Sie da für ein Käſtchen unter dem Arm?“ Arnold ſah auf ſein Etui, lächelte wieder und erwiderte ſcherzend:„Es iſt nur mein Handwerkszeug, Mylady— meine Apotheke.“ 4½ 287 „Ah, Ihre Apotheke? Haben Sie irgendwo Ge⸗ brauch davon gemacht? Doch nicht bei Sir Colin?“ „Nicht bei Sir Colin, Mylady!“ „ Aha, ich verſtehe, Sie dürfen noch nicht reden. Nun, ich beſcheide mich. Die Geheimniſſe meines Onkels ſind nicht gefährlich, namentlich wenn Sie, ſein Vertrauter, ein ſolches Geſicht dazu machen. Und nun Martha,“ wandte ſie ſich zu dieſer,„will ich Dich ver⸗ laſſen— vielleicht beichtet Dir Dein Bruder, was er mir zu verſchweigen den Befehl erhalten hat, und Du beichteſt es mir wieder. So ſtehen die Sachen, ich ſehe es— und heute“— ſie betonte das Wort, indem ſie einen ſchalkhaft freundlichen Blick auf Arnold warf,„gedulde ich mich noch.“ Mit dieſen Worten küßte ſie Martha, reichte dem Doctor die Hand und verließ das Zimmer. Arnold aber beichtete ſeiner Schweſter wirklich, was ihm begegnet, und als die beiden Geſchwiſter ſich trennten, ſtimmten ſie darin überein, daß es ihre Pflicht ſei, das Geheimniß des edlen Mannes zu be⸗ wahren, der ihr ſo gaſtfreier Wirth und wohlwollender Freund war, und daß ſie dieſer Pflicht nach allen Richtungen hin nachkommen würden. Elftes Rapitel. Nabe und Taube. Golden ſtieg die Sonne am folgenden Morgen über dem nordiſchen Meere und dem grauen Klippen⸗ gürtel auf, der die ſchottiſche Küſte gegen den Anprall deſſelben ſchützt, und ein milder ſüßer Duft breitete ſich über das Land und die Bai, die in heiterſter Bläue ihre ſtolzen Wogen friedlich dahin fluthen ließ. Einen ſo ſchönen Tag hatte man auf Glory⸗ Craig⸗Hall in dieſem Sommer noch nicht erlebt und ſchon frühzeitig waren die Bewohner deſſelben munter, um die herrlichen Morgenſtunden im grünen Parke unter ſchattigen Bäumen und auf dem duftenden Raſen in harmloſer Heiterkeit zu genießen. Als eben Alle um den Frühſtückstiſch ſaßen, den man wieder auf die freie Terraſſe hatte tragen laſſen, 289 näherte ſich Joe Duncan leiſe dem Hausherrn und flüſterte ihm einige Worte zu. „Es iſt gut,“ ſagte dieſer laut und gab dem treuen Diener einen ſtillen Wink, den Joe wie immer verſtand. Als man aber wieder vom Tiſche aufſtand und ſich in einzelnen Gruppen nach verſchiedenen Richtungen zerſtreute, geſellte ſich der Admiral zu dem jungen Arzte und ſagte leiſe zu ihm:„Laſſen Sie ſich in kein langes Geſpräch ein und folgen Sie mir bald zu unſerer Kran⸗ ken. Ich gehe voran und melde Sie. Guten Morgen!“ Zehn Minuten ſpäter trennte ſich Arnold von der Geſellſchaft und bald darauf klopfte er an die Thür im Thurm, die ſich raſch vor ihm öffnete und ihm nun daſſelbe trauliche Bild wie am Tage vorher zeigte. Die Kranke ſaß wieder auf ihrem Rollſtuhl am Fen⸗ ſter, der Admiral dicht neben ihr, und Lizzy ſtand bereit, jeden Auftrag zu erfüllen, den man ihr ge⸗ ben würde. „Guten Morgen, Sir!“ ſagte die Kranke mit hei⸗ teren und glückſtrahlenden Blicken zu dem eintretenden Arzte.„Sie ſehen, um wieviel beſſer ich mich befinde, und das verdanke ich nächſt Gott Ihrer Hülfe. Ich danke Ihnen, Sir, o ich danke Ihnen ſehr!“ „Sind die Schmerzen denn ganz fort?“ fragte Arnold freundlich lächelnd. Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 19 290 „Ich fühle ſie kaum noch und mein Sinn iſt hei⸗ terer geworden. Das kommt von dem ruhigen Schlaf, der mich lange nicht beſucht und bis vor wenigen Stunden gedauert hat.“ Arnold that noch einige Fragen, fügte denſelben noch neue Rathſchläge zu und wandte ſich dann zu dem Admiral, der ſtill lauſchend dageſeſſen und ſeine Blicke zwiſchen der Kranken und dem jungen Arzte getheilt hatte. „Ja,“ ſagte Sir Colin,„es geht ganz nach Wunſch bis jetzt und auch ich bin zufrieden, Sir. Aber die Alte hat noch Etwas auf dem Herzen, was Sie ihr nicht abſchlagen dürfen, wenn ſie es bittend ausſpricht.“ „Kann ich es denn gewähren, Sir Colin?“ „Hören Sie ſie ſelber und dann handeln Sie danach.— Nun ſprich, Alte, es iſt ſo ſchlimm nicht, was Du verlangſt.“ „Sir,“ ſagte die Alte zaghaft, nachdem der Admiral ihr noch einmal ermunternd zugenickt hatte,„ich erlaube mir die Bitte auszuſprechen, daß Sie Ihre Schyeſter zu mir führen. Noch heute Morgen möchte ich ſie ſehen, da es ein ſo ſchöner Tag iſt und ich mich ſo glücklich und wohl fühle.“ Arnold ſah den Admiral fragend an und als die⸗ ſer zuſtimmend nickte, ſagte er zu ſeiner Patientin: 291 „Gern, meine gute Frau, ich will meiner Schweſter Ihren Wunſch überbringen und ſie zu Ihnen führen, wenn Sir Colin es erlaubt.“ „Holen Sie ſie. Die Alte hat ihre Launen ſo gut wie jeder andere Menſch, und ſie weiß ihre Stun⸗ den zu wählen. Am lieblichen Morgen will ſie auch ein liebliches Weſen ſehen, und ich verdenke ihr das nicht, zumal es ſo leicht ausführbar iſt.“— Arnold kehrte in den Park zurück, fand jedoch die Damen nicht mehr darin. Es war heiß geworden und ſie hatten ſich in die ſchattigen Zimmer zurückgezogen. RKachdem der junge Arzt ſie auch vergeblich in der Bibliothek geſucht, begegnete ihm Lionel auf dem Cor⸗ ridor, und von dieſem hörte er, daß die Damen bei der Toilette wären. „Was giebt es denn, was Du ſo eilig mit Deiner Schweſter zu beſprechen haſt?“ fragte Lionel, deſſen Neugierde jetzt nach allen Seiten hin rege geworden. „Verzeih,“ entgegnete Arnold,„es ſind noch immer dieſelben Geſchäfte, die wir für Deinen Onkel ver⸗ richten. Frage mich nicht mit Worten, was es für welche ſind, Deine Augen ſprechen verſtändlich genug; nur ſo viel will ich Dir ſagen, daß es nicht meine Schuld iſt, wenn ich Dir jetzt noch keinen näheren Auf⸗ ſchluß darüber geben darf.“ 19* „Ich verſtehe. Thue Deine Pflicht, Arnold. Guten Morgen!“ Arnold klopfte an Martha's Thür.„Ich bin es, Martha!“ ſagte er mit ſeinem gewöhnlichen leiſen Tone. „Was wünſcheſt Du, mein Lieber?“ „Geh nicht fort, wenn Du fertig biſt, und laß . mich dann von meinem Zimmer rufen. Du ſollſt hören, warum!“ In einer halben Stunde kam Harry, Lionel's Diener, zu Arnold und meldete, daß Mary ihm geſagt habe, Miß Martha erwarte den Herrn Doctor in ihrem Zimmer. Als Arnold gleich darauf vor ſeine Schweſter trat, blieb er verwundert ſtehen. Sie trug, was er noch nie an ihr geſehen, ein weißes ganz neues Kleid, von Mary's geſchickten Händen gefertigt, mit blaßblauen ſeidenen Schleifen und Bändern, und ſah in dieſem Anzuge ungemein reizend und friſch aus, obwohl ſie ſonſt nicht den geringſten Schmuck angelegt. „Martha!“ rief der Bruder erfreut aus.„Was ſehe ich— im weißen Kleide? O, das iſt das erſte Mal, ſo weit auch meine Erinnerungen zurückreichen.“ Martha lächelte auf ihre ſanfte Weiſe, und indem ſie mit mattem Erröthen dem Bruder die Hand reichte, ſagte ſie:„Georgy hat es gewünſcht, und da heute ſo warmes Wetter iſt, kamen wir überein, Beide in die⸗ ſen Kleidern zu erſcheinen, Du wirſt ſie alſo auch ſo finden.— Doch was haſt Du mir zu ſagen?“ Arnold hatte eben ſeinen Auftrag ausgerichtet und der Schweſter Einwilligung zu dem Beſuche er⸗ halten, als es wiederum an die Thür klopfte und gleich darauf Mr. Waterford, der alte Haushofmeiſter Sir Colin's, mit einem prachtvollen Roſenbouquet in der Hand eintrat. „Meine liebe Miß, und auch Sie, Sir, bitte ich um Verzeihung, daß ich Sie ſtöre,“ ſagte er.„Aber dieſe Blumen hier mögen für mich ſprechen. Es ſind die erſten Roſen, die wir auf Craig⸗Hall in dieſem Sommer haben, und ich glaubte ſie nicht beſſer ver⸗ wenden zu können, als wenn ich ſie Ihnen, Miß, brächte.“ Dabei überreichte er höflich den herrlich duftenden Strauß und zog ſich nach einigen herzlichen Dank⸗ ſagungen Martha's ſogleich wieder zurück. Martha behielt die Blumen in der Hand, als ſie ihrem Bruder durch den Corridor nach dem öſtlichen Thurm folgte und unterwegs wechſelten ſie nur wenige Worte, die ſich auf den vorliegenden Beſuch bezogen. Sie gelangten unbemerkt auf die abgelegene Wendel⸗ treppe und bald ſtanden ſie vor der verhangenen Thür, die das Geheimniß des Tages verbarg. 294 Als Martha mit ihrem Bruder bei der Kranken eintrat, für die ſie noch keinen Namen wußten, fanden ſie nur Lizzy im Zimmer, die ſich aber auf einen Wink ihrer Großmutter ſogleich zurückzog. Martha war durch Arnold hinreichend vorbereitet, was ihr begegnen würde, und ſo trat ſie in ihrem ganzen ſanften Weſen ruhig und geſammelt vor die Kranke. Dieſe dagegen, obwohl ebenfalls auf die Erſchei⸗ nung der deutſchen Miß vorbereitet, war doch am mei⸗ ſten von Beiden betroffen, denn ſie blickte lange ſtarr auf die liebliche Erſcheinung hin, die ſanft lächelnd und mit einigen freundlichen Worten ſich näherte und . ihr einen guten Morgen wünſchte. — Ddie Kranke verneigte ſich ehrerbietig vor ihr, wandte ſich aber dann mit bittendem Blicke zu Arnold und ſagte in ihrer kurzen Weiſe:„Ich möchte wohl mit der Miß allein ſein, Herr Doctor; Lizzy ſoll Sie benachrichtigen, wann Sie ſie abholen können.“ Arnold verließ das Zimmer und die ſchwarze Alte war mit der jungen weißen Miß allein. Jene wartete eine Weile, bis der Fortgehende die Treppe erreicht haben konnte, dann wandte ſie ſich zu ſeiner Schweſter und betrachtete ſie lange und auf⸗ merkſam vom Kopf bis zu den Füßen. „Verzeihen Sie, Miß,“ ſagte ſie endlich mit einer 295 d faſt demüthigen Beſcheidenheit,„daß ich Sie ſo dreiſt anſchaue. Aber meine alten Augen haben lange keine ſchöne Dame vor ſich gehabt, und mein Herz freut ſich, wenn ſie ein Geſicht und eine Geſtalt erblicken, die Gott, der Herr, des Anſchauens werth geſchaffen hat. Und Sie, ja Sie hat Er mit ſeinem erhabenen Finger gezeichnet, das leſe ich auf Ihrer Stirn, in Ihren Augen, in Allem, was ich vor mir ſehe. Nun, nun,“ fuhr ſie raſcher fort, da Martha erröthend die langen Wimpern ſenkte,„fürchten Sie ſich nicht vor mir, wenn auch meine Haut dunkel, wie die eines Raben und dabei kalt und verſchrumpft iſt. Mein Herz iſt noch warm und mein Blut iſt roth, wie das Ihrige. O wie ſchön duften Ihre ſüßen Roſen Miß!“ „Darf ich Ihnen einige davon anbieten?“ ſagte Martha freundlich, indem ſie froh war, die Aufmerk⸗ ſamkeit der funkelnden Augen von ſich abgeleitet zu ſehen. Und dabei zog ſie ein paar der ſchönſten Roſen aus ihrem Bouquet und legte ſie ſanft in die zittern⸗ den Hände der Alten. Dieſe nahm ſie ſchweigend an, roch daran und hielt ſie dann fern von dem Auge, um ihre ſchöne Form und Farbe zu bewundern.„Nein,“ ſagte ſie, „nur eine will ich davon behalten, das iſt genug für 2 . 296 mich. Bücken Sie ſich, kleine Miß, die anderen will ich in Ihrem Haare befeſtigen.“ Martha beugte ſich der ſchon erhobenen Hand der Kranken entgegen, wohlwollendes und gütiges Lächeln im Auge tragend; Dieſe aber, bevor ſie zwei Roſen an einer paſſenden Stelle in das Haar ſteckte, umfaßte mit beiden Händen die glänzenden Scheitel des ſchönen Haares und legte feſt die Handflächen darauf. „Ach,“ ſagte ſie ſeufzend,„welch' ein feines, ſei⸗ denweiches Haar— ſo ſchwarz und glänzend— die Gedanken und der Sinn, den ſie in dieſem Kopf be⸗ decken, können nur mild und friedlich ſein. O. ich hatte auch einſt ſchönes Haar vor ſechszig Jahren— nur war es nicht ſo weich, obwohl noch glänzender und ſchwärzer.“ „Ich ſehe es,“ erwiderte Martha leiſe,„Sie haben noch immer ein überaus reiches und ſtarkes Haar.“ „Aber der Winter liegt darauf mit ſeinem kalten Schnee, und vieler Winter Sorgen, Schmerzen und Aengſte haben es gebleicht. Gott wolle Sie beglücken, daß Sie nichts Aehnliches kennen lernen, doch das kann ja nicht geſchehen, Sie werden einſt froh und glücklich ſein.“. Martha ſeufzte leiſe, ohne die Augen außzuſchla⸗ gen, die auf den bebenden Lippen der Alten hafteten. 297 „Warum ſeufzen Sie, Miß?“ fragte ſie theil⸗ nehmend und liebevoll.„O, ich weiß es, denn ich kenne Ihr Leid, und auch Sie haben den traurigen Zug in dem holden Geſicht, den Ihr Bruder hat, ſeine Augen und ihren träumeriſchen Blick. Doch das thut nichts— ein heftiger, geſunder Wind, der ſchon zu wehen beginnt, wird alle dieſe Trauer hinweg⸗ führen. Und nun geben Sie mir einmal Ihre Hand.“ Martha reichte ihre ſchöne, blendend weiße Rechte hin und ließ ihre Augen verwundrungsvoll auf dem ſchmalen faltigen Geſichte der ſeltſamen Alten ruhen. Dieſe nahm die Hand in die ihrigen, drehte ſie mehrere Male um und blickte ſie dann genau an, nachdem ſie an jedem Finger prüfend entlang geglittenn war und die Weiche der Haut befühlt hatte. „Mein Gott,“ ſagte ſie faſt ſchwermüthig und ſich in den Seſſel zurücklehnend,„was für eine Hand iſt das! Eine ächte Ladyhand, wie ich noch nie eine in der meinen gehalten. Eine Prinzeſſin brauchte ſich ihrer nicht zu ſchämen. O, ich bin auch mit ihr zufrieden. Sie iſt rein und unſchuldig, wie ſie weiß und fein iſt.“ Plötzlich ließ ſie dieſelbe fahren, ſenkte einen fun⸗ kelnden Blick in Martha's Auge, und indem ſie ſich mühſam emporraffte, legte ſie beide Hände an die zarten Wangen der jungen Miß.„Arme zarte, deutſche 298 Taube,“ ſagte ſie, den Kopf langſam hin und her wiegend,„nein, nein, Dir dürfen die Lopdales nichts Uebles thun!“ „Die Lowdales?“ fragte Martha leiſe erbebend. Die Alte hielt ihren Blick feſt auf ſie geſpannt. „Ja, ja, die Lowdales, ſage ich. O, ich weiß, der Alte hat Ihnen wehe gethan, nicht wahr?“ Martha kam unwillkürlich eine Thräne in's Auge. „Woher wiſſen Sie das?“ fragte ſie leiſe. „Sir Colin hat es mir geſagt, wie er mir Alles ſagt, denn er liebt mich und hört gern meinen Rath. Aber fürchten Sie ſich jetzt nicht mehr vor dem Lord, da Sie bei Sir Colin ſind. Thomas Lowdale iſt ein Uhn, der nur im Dunkel der Nacht auf Raub aus⸗ geht, und Sir Colin iſt ein Edelfalk, der ſeinem Feind, wenn er einen hat— leider will er an keinen glauben — nur im Lichte ſein muthiges Auge zeigt.— Aber wie ſteht es mit dem jungen Londale, wie?“ Martha ſah die ſie ſo ſchlau und ſcharf betrach⸗ tende Alte fragend, erſtaunt und wider Willen er⸗ glühend an, ohne ein Wort hervorbringen zu können. „Ah, ah,“ fuhr Jene ſchelmiſch lächelnd fort.„Die kleine Miß hat mich verſtanden. Ja, ich meine Lionel Lowdale— den künftigen Lord, wenn es Gott gefällt.“ Martha zwang mit aller Gewalt die Aufregung nieder, in die ſie, ſie wußte nicht warum, dieſe ſelt⸗ ſame Unterhaltung verſetzt hatte.„Lionel Lowdale,“ ſagte ſie mit ihrer ſanften, ſchmelzenden Stimme,„iſt nicht wie ſein Vater— er iſt edel, großmüthig und von dankbarem Herzen.“ „Von dankbarem Herzen! O, dann iſt er auch gut, denn dankbar ſind nur die wenigſten Menſchen. Wollen Sie aber den dankbarſten und beſten von Allen ſehen — ſo ſehen Sie Sir Colin an.“ „Ich liebe und achte ihn ſehr!“ „O, thun Sie das, und bitten Sie Gott— Ihre Bitten erhört er gewiß— daß er ihn ſegnen möge. Doch wir ſprachen von Lionel Lowdale. Alſo Sie halten ihn für gut?“ „Ja!“ erwiderte Martha feſt und klar. „Dann iſt er es auch, Sie täuſchen ſich nicht. Auch habe ich es oft von Sir Colin gehört und der ſpricht die Wahrheit. So, nun habe ich Sie kennen gelernt und mich gefreut und Ihnen geſagt, was ich Ihnen ſagen wollte. Ihrem Bruder habe ich etwas ganz Anderes mitzutheilen und morgen ſoll er es hören. Jetzt will ich Sie nicht länger an mein trübes Lager feſſeln. Die Taube muß Luft und die Roſe Sonne haben, wenn ſie gedeihen ſoll. Bitte, ziehen Sie an jener Schelle, ſie ruft Lizzy herbei.“) Aber Martha verrieth noch keine Neigung, die Alte zu verlaſſen. Sie fühlte ſich wunderbar zu ihr hingezogen. Sie ſah mit ihren ſanften Strahlenaugen in die glühenden Augen der Kranken, hielt ihre Hand feſter und lächelte ſie überaus liebevoll an.„Kann ich Ihnen in irgend Etwas nützen?“ flüſterte ſie. „Nein, meine kleine weiße Miß, ich danke Ihnen, Ihre Gegenwart hat mir genug genützt, indem ſie mir Freude brachte. Jetzt gehen Sie.“ „Ich gehe, und ich danke Ihnen für Ihre Freund⸗ lichkeit.“ „Sie— mir danken? Muß man denn nicht freund⸗ lich gegen gute Menſchen ſein? Ach, freilich, ich bin nie ſchlecht geweſen und gegen mich hat ſich doch nur ein Menſch freundlich erwieſen!“ „Sir Colin, nicht wahr?“ „Ja— Er!— Lizzy,“ ſagte ſie zu dieſer, die ſo eben eingetreten war,„rufe den Herrn Doctor herbei!“ „Der deutſche Sir geht mit Lady Georgy im Garten ſpazieren. Aber auf der Treppe iſt Niemand.“ „So will ich allein gehen,“ ſagte Martha, drückte der Alten herzlich die Hand und dieſe entließ ſie. Sie verfolgte die Gehende ſo lange mit den Augen, als ſie ſie damit erreichen konnte. Als die Thür hinter ihr zugefallen war, ſeufzte ſie laut auf, 301 faltete die Hände und ſagte:„Ich danke Dir, Gott, das war ein lieblicher Anblick! Gut ſind ſie Beide, unſchuldig wie die Lämmer, freundlich und edel. Sie ſollen erfahren, was ich ihnen ſagen kann, ſagen muß. Ihnen wenigſtens ſollen die Lowdales kein Haar krüm⸗ men. Aber das befürchte ich auch nicht mehr, denn Lord Lowdale's Macht geht ihrem Ende entgegen. Und Lionel und Georgy ſind mehr ihres Oheims als ihres Vaters Kinder. Er hat ſie mit ſeiner Liebe groß ge⸗ zogen, aus Liebe zu ihrer Mutter, die auch gut, ob⸗ wohl verblendet und deshalb unglücklich war, und ſie ſind ſeinen Lehren gefolgt, die ſtets recht und weiſe waren. Doch das iſt es nicht, was mich jetzt beſchäf⸗ tigen darf. Da iſt noch ein anderer böſer ſchwarzer Flecken, den man von dem Herzen der Taube und ihres Bruders abwaſchen muß. Leider wird es kaum je ganz gelingen, aber weniger traurig werden ſie doch in Zukunft ſein und vielleicht— vielleicht giebt ihnen Gott auf die eine Weiſe, was er ihnen auf die andere genommen hat. So iſt es ja immer auf der Welt, wer nur die Augen hat, es zu erkennen.— O, Sir Colin, Du guter Herr, wirſt aber auch Du mir glau⸗ ben, wenn ich ſpreche?“ Martha war eben im Begriff, den Thurm zu ver⸗ 3⁰² laſſen, und hatte noch nicht den Fuß auf die oberſte Treppenſtufe geſetzt, als unten in der Thür vom Gar⸗ ten her Lionel Lowdale erſchien, mit der Miene, als ſtehe er dort bereits eine Weile als Schildwache, um die von ihrem geheimnißvollen Gange zurückkehrende Miß zu erwarten. Als er aber den erſten Blick auf ſie geworfen, wollte er kaum ſeinen Augen trauen, daß es die Schweſter ſeines Freundes wäre, die er vor ſich ſah, und erſt nachdem er ſie länger in's Auge gefaßt, erkannte er, daß er ſich nicht geirrt hatte. Martha war weniger erſtaunt als erſchrocken, ihm hier zu begegnen, da ſie wohl denken mochte, daß er Fragen an ſie richten würde, denen ſie in dieſem Augen⸗ blick gern aus dem Wege gegangen wäre. Sie blieb daher zögernd auf der oberſten Stufe ſtehen, erröthete heftig und mußte doch unwillkürlich über das erſtaunte Geſicht des jungen Engländers lächeln. „Nun, Miß,“ rief er lebhaft hinauf, indem er ihr raſch einige Stufen entgegenſprang, um ihr den Arm zu bieten, aber, in ihre Nähe gekommen, dicht vor ihr ſtehen blieb und ſie noch einmal verwunderungsvoll betrachtete,„nun, Miß Martha, kommen Sie nur, ich habe Sie ja doch geſehen und es giebt keine Erdſpalte hier oben, in die Sie ſich, nicht wie ein ſchwarzes Männchen, wohl aber als weiße Dame verbergen könn⸗ ten. Aber ich bitte Sie,“ uhr er ruhiger fort, als ſie in den Park getreten waren und nun langſam auf und abwandelten,„warum erſcheinen Sie heute ſo feſtlich, im weißen Gewande— ah, und Roſen im Haar? Was mag nur das zu bedeuten haben?“ Martha, die längſt vergeſſen hatte, daß die Kranke ihr Roſen in's Haar geſteckt, wollte danach greifen und ſie herausziehen, aber Lionel wehrte ihre Hand ab und bat ſie, die Blumen im Haare zu laſſen, wo ſie am rechten Orte ſäßen.„Nun,“ fuhr er fort,„ſind Sie auch ſtumm geworden, oder bin ich zu dreiſt, daß ich mich um Dinge bekümmere, die allerdings einen Mann wenig angehen?“ „Nein, Sir, Sie ſind nicht zu dreiſt,“ entgeguete Martha ruhig und ſich allmälig in ihre Lage findend, „die Blumen hat nicht meine Abſicht, nur ein Zufall in mein Haar gebracht, und das weiße Kleid— das weiße Kleid habe ich auf Georgy's Wunſch angelegt, die es für mich anfertigen ließ.“ „Ah ſo, dann danke ich Ihnen, dann bin ich doch ein wenig die Veranlaſſung dazu, denn Georgy hat auf meinen Wunſch ſo gehandelt, da Sie Ihr Ver⸗ ſprechen vergeſſen zu haben ſchienen, die ſchwarze Diako⸗ niſſinnentracht abzulegen.“. „Es kann auch weiße Diakoniſſinnen geben, Sir,“ ſcherzte Martha,„denn 68, ſcheint mir bei ihnen weniger auf die Farbe ihres Kleides, als auf die Hingebung ihres Herzens anzukommen.“ Lionel dachte einige Agenblicke über dieſe Worte nach, endlich aber ſa ſagte er:„Ich verſtehe Sie nicht ganz, und das wundert mich gar nicht, da ſowohl Sie wie Arnold hier gar in eine beſondere Sphäre gerathen zu ſein ſcheinen. „Welche Sphäre meinen Sie?“ „Das erwarte ich ſehr bald von Ihnen zu hören. Was haben Sie zum Beiſpiel ſo eben dort auf dem Thurme gethan?“ Martha ſpielte verlegen mit ihrem Roſenbouquet und wider Willen mußte ſie lächeln, da ſie die ernſte und doch dabei neugierige Miene ihres Begleiters ge⸗ wahrte.„Von den Thürmen hat man in der Regel die beſten Ausſichten, Sir,“ erwiderte ſie, eine Knospe Von den Roſen löſend und an ihrem Buſen befeſtigend. een Sie das nicht?“ 1 „O gewiß, aber jener Thurm dort lag Ihnen näher und iſt noch höher als dieſer.“ „Auch dieſer liegt mir nahe genug und iſt nur wenige Fuß niedriger als jener, obgleich er viel unbe⸗ deutender ſcheint.“ „So, ſo! Ei, Sie ſind in einer herrlichen Laune „Aber ich darf ſie w ſchönen Ausſichtspunkt „Das hängt allein n ab,“ entgegnete Martha, ohne in ihrer ſteigent Verlegenheit eigent⸗ lich zu wiſſen, was ſie ſagte und indem ſie ihre Auf⸗ merkſamkeit auf Georgy und Arnold ri die ſie A ſo eben eifrig redend in einem benachbar Gange bemerkt hatte. „Wie, Miß Martha,“ rief Lionel, der ſie viel⸗ *leicht falſch verſtanden und ihre Verlegenheit zu ſeinen Gunſten gedeutet hatte,„verſtehe ich Sie recht?“ 2 Martha raffte ſich zuſammen, wurde ernſt und blieb einen Augenblick ſtehen, indem ſie ihn mit ihr⸗ großen dunklen Augen faſt vorwurfsvoll a „Können Sie mich verſtehen, Sir?“ hau leiſe und mächtig ergriffen hervor. Lionel verſtummte. Er konnte ſich den ganzen Vorgang und das ſeltſame Geſpräch nicht enträthſeln. Plötzlich aber wieder raſcher vorwärts ſchreitend, ſagte er in ſeiner alten Lebhaftigkeit:„Wozu die Wort⸗ ſpiele, Miß Martha, ich liebe ſie nicht— ſagen Sie Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 20 mitgenießen, dieſe 306 mir offen und ehrlich: oben? 3 Martha beſann ſich offen und ehrlic Ernſte:„Ich ler lieben. Lieben S mögen es mehr verd „Iſt das die ganze Enträthſelung des Geheim⸗ . niſſes, welches Sie mir verbergen?“ 5„Fürnjetzt— ja, Sir, und Sie müſſen ſich da⸗ mit be n. Es betrifft nicht mich, was Sie wiſſen wollen, auch Arnold und Georgy und Sie nicht, und nun laſſen Sie uns zu unſern Geſchwiſtern gehen, die ich dort drüben wandeln ſehe.“ Dabei zog ſie leiſe ihren Arm aus dem ſeinen und mit einem freundlichen Knix ging ſie von ihm t, uͤber den Raſen hin und auf Georgy zu, die ihr eenen Armen entgegenke urz bevor dies Geſ begann, hatte ſich hnliches auf der entgegengeſetzten Seite des 9 hartens zugetragen. Arnold hatte eben das Thurm⸗ zimmer verlaſſen und wollte, vor der Thür auf⸗ und abgehend, die Rückkehr Martha's erwarten, als ihm Georgy entgegentrat und, nachdem er ſie be⸗ grüßt, ſtehen blieb und freundlich ſagte:„Haben was thaten Sie dort ſie ihn wirklich mit ergreifendem Acuen Ihren Dhein 307 Sie heute Morgen ſchon Martha nach ihrer Toilette geſehen?“ „Ja, Mylady.“ „Wie gefiel ſie Ihnen?“ „Gut wie immer, Mylady— eigentlich aber noch beſſer, was nicht zu verwundern iſt, da Sie ihr mit Ihrem Rath ünd Geſchmack beigeſtanden haben.“ „O, o, den Rath laſſe ich gelten, aber der Ge⸗ ſchmack iſt mehr bei Martha wie bei mir zu Hauſe. Haben Sie Luſt, trotz der Hitze ein Wenig ſpazieren⸗ zugehen?“ „Gern und ich ſtehe ganz zu Ihren Befehlen!“ „Das iſt eine ſeltene Erſcheinung jetzt, wo Sie uns„im höheren Dienſt“ ſo häufig verlaſſen müſſen. Darf ich um Ihren Arm bitten, Sir?“ Arnold reichte freudig und raſch ſeinen Arm hin und Beide wandelten nun langſam und ſchweigend über den ſammtenen Raſen, der kühler als der feine rothe Kiesſand der Wege war. Als ſie aber eine Weile im Schatten blühender Geſträuche fortgeſchritten, lächelten Beide, ohne es einander ſehen zu laſſen, da ihre Augen auf den Boden oder die Landſchaft ge⸗ richtet waren. Georgy mochte den Beginn der ferne⸗ ren Unterhaltung von Arnold und dieſer ihn von ihr 20* erwarten. Da aber, wie es Letztere bedünken wollte, der Arzt übermäßig hartnäckig ſchwieg, ſo ſagte ſie mit zaghafter Miene:„Nun, haben Sie mir nichts zu ſagen?“. „Sie ſcheinen etwas Beſonderes zu erwarten, My⸗ lady. Bezeichnen Sie es näher, wenn ich bitten darf.“ „Ah gut, Sie haben mich verſtanden. Ich meine, was Sie geſtern Abend Ihrer Schweſter zu beichten hatten,— da dieſe mich an Sie gewieſen hat,“ fügte ſie leiſe und unſicher hinzu. ‚Das kann Martha nicht gethan haben.“ „Sie hat es wenigſtens ſtillſchweigend gethan, denn ich verſtehe jede Miene auf ihrem ſprechenden Antlitz.“ „Ah ſo! Dann muß ich Ihnen leider antworten, daß ich Ihnen nichts zu beichten habe.“ „Freilich, ich bin nicht Martha.“.. „Sie können zufrieden ſein, daß Sie es nicht, und vielmehr Georgy Lowdale ſind.“ „Geben Sie der einen Vorzug?“ „In vielen Dingen— ja!“ „In welchen?“ „Fragen Sie nicht nach ſo ernſten Dingen in die⸗ ſem ſcherzhaften Tone. Sie kennen mich genügend, um zu wiſſen—“ ‿ „Nun, fahren Sie doch fort, warum ſchweigen Sie?“ „Weil ich fühle, daß ich genug geſagt habe.“ „Ich hätte Sie noch gern weiter ſprechen hören. Doch— es iſt Ihnen genug und ſo genügt es mir auch. Aber ich ſcherze ja nicht, lieber Doctor, nur mein Geſicht verzog ſich in lächelnde Falten—“ „Ihr Geſicht hat gar keine Falten—“ „Mein Herz auch nicht, und darin weicht es von dem Ihrigen ab.“ „Ah, Sie kommen auf das Geheimniß Ihres Onkels zurück— wäre es das meinige, ſo ſollten Sie es auf der Stelle erfahren.“ Georgy ſenkte den vollen blonden Lockenkopf. „Würden Sie es mir ſagen, wenn es Ihr Geheimniß wäre?“ fragte ſie beinahe flüſternd. „Gewiß!“ ſagte Arnold ehrlich. „Immer— was es auch ſei?“ „Ja!“ „So nehme ich Sie beim Wort. Vielleicht haben auch Sie einmal ein Geheimniß vor mir und dann werde ich Ihnen wiederholen, was Sie mir in dieſer Stunde geſagt.“ Nun ſenkte Arnold den Kopf.„O o,“ dachte er, „die Männer ſind bisweilen recht klug, aber die Frauen ſind immer ſehr ſchlau.“ 310 Ueber Dieſes und Jenes nun redend, hier eine Blume, dort ein Blatt pflückend, ſahen ſie endlich Lionel und Martha daherkommen, die ziemlich verlegen neben einander zu gehen ſchienen. „Sehen Sie,“ ſagte Georgy freudig,„wie ſchön Martha heute ausſieht. Sie hat nicht allein Roſen in den Händen und Haaren, nein, ſie trägt ſie auch auf den Wangen. Ob ſie wohl meinem armen Bruder eine davon gegeben hat, in deſſen Blicken der Wunſch danach zu liegen ſcheint?“ „Da ſie ſo reich damit verſehen iſt, wird ſie hoffentlich nicht karg geweſen ſein. Wenigſtens liegt das nicht in ihrer Natur. Hat ſie denn Ihnen nichts von ihrem Ueberfluß mitgetheilt?“ Georgy ſchwieg zwar, hielt ihm aber ihr eigenes Bouquet hin, welches ſie ſeitwärts in der Hand und immer verborgen gehalten, ſo daß er es bisher nicht wahrgenommen hatte. „Ah,“ rief er—„auch Sie haben ein Bouquet — dann ſtammen wohl beide aus einer Quelle?“ „Wenigſtens aus einer freundlichen Hand. Der alte Waterford hat ſie uns heute als ſchönſte Gabe der beſten Jahreszeit dieſes wͤrdlichen Landes ver⸗ ehrt. Bewundern Sie ſie— riechen Sie— ſind ſie nicht ſchön?“ au „Sie ſind ſchön und duften herrlich! O, die Roſen ſind ſich doch überall gleich, am ſchönſten aber da, wo ſie am ſeltenſten ſind.“ Hiermit brach das Geſpräch wieder ab und Ar⸗ nold ſetzte es abſichtlich nicht weiter fort, obgleich er es nicht unterlaſſen konnte, einen ſehnſüchtigen Blick nach dem Bouquet der Lady ſchweifen zu laſſen.„Vor meinem kleinen Gartenfenſter in meiner Heimat,“ ſagte er endlich,„hatte ich auch einen Roſenſtock, an dem ich herrliche Blumen zog.“ „Für Wen zogen Sie ſie dort?“ „Für Martha und mich.“ „Nun, da Martha hier keine für Sie ziehen wird, ſo erlauben Sie mir, Ihnen dieſe ſchöne Roſe zu ver⸗ ehren, denn wie ich ſo eben bemerke, hat auch Lionel eine in ſeinem Knopfloch ſtecken und Sie ſollen nicht weniger ausgezeichnet ſein als er.“ Als ſie damit beſchäftigt war, ihre Worte zur That zu machen, rief eine fröhliche Stimme hinter ihnen:„Halloh! Das iſt ein hübſches Bild, eine Schöne, die Roſen vertheilt—“ „Und ein Mann, der ſie mit Dank annimmt,“ rief Arnold, ſich ruhig umdrehend und dem Admiral entgegentretend, der eben aus dem Schloſſe kam. „Glücklicher Mann Sie,“ rief der Admiral, als er nahe gekommen,„mir wird das nicht mehr ge⸗ boten!“ „Und doch!“ rief Martha, lebhafter denn je er⸗ glühend und raſch die Roſe von ihrem Buſen nehmend. „Hier, Sir Colin, die ſchönſte Roſe, die ich habe, ſoll Ihren Rock ſchmücken!“ „Ah, meinen Rock! Ich bitte ſie mir für die Hand, das Auge und die Naſe aus, meine Liebe.“ Und er ergriff herzlich die kleine ſchöne Hand, die ihm die Roſe reichte, drückte ſie und legte dann Martha's Arm in den ſeinen, worauf er mit ihr einen anderen Weg einſchlug, um von dem Beſuche zu reden, den ſie ſo eben abgeſtattet hatte. Die drei Anderen aber kehrten langſam nach der kühlen Bibliothek zurück, denn die Mittagsſonne ſtand hoch im Zenith und ſandte glühende Strahlen herab, ſo daß die Gräſer ſich unter ihrer Macht beugten und die Blumen ihre Köpfe hängen ließen. Bevor aber der Admiral mit Martha den Dreien folgte, blieb er einen Augenblick auf einem freien Raſenfleck ſtehen und hob den Kopf nach dem weſt⸗ lichen Horizonte empor. „Ich müßte mich irren, meine Liebe,“ ſagte er zu Martha,„wenn es nicht ein Gewitter gäbe. Geben Sie Acht, ich täuſche mich nicht. Und wenn es nicht 313 heute kommt, morgen kommt es gewiß. Da in Nord⸗ weſten braut ſich eine gewaltige Dunſtſchicht zuſammen und ſie wird uns zeigen, was ein Orkan aus dortiger Gegend im heißen Sommer zu bedeuten hat. Stürme im Herbſt und Winter fürchte ich nicht, ſie liegen in der Natur der Dinge, aber ein Sturm im Frühling und Sommer iſt ein ſchlimmes Ding, der erkältet das Herz— warum ſchütteln Sie den Kopf, Liebe?“ Martha konnte es ſich nicht verſagen, ſie ſchlang ihren Arm um den Arm des Admirals wie um den eines Vaters, ſah ihn liebevoll an und ſagte:„Nein, nein— Sie haben oft Recht, aber diesmal nicht. Arnold und ich haben Sturm auf Sturm im Frühling erlebt und unſer Herz iſt doch warm geblieben!“ Der Admiral blieb ſtehen, drückte die kleine zier⸗ liche Geſtalt feſter an ſich und ſagte herzlich:„Wohl Euch! Das habe ich Euch angemerkt und darum hat der alte Colin Euch auch ſo liebgewonnen, denn— wiſſe es, mein Kind— er iſt darin Euer Schickſals⸗ gefährte!“— Zwölftes Rapitel. Das Fernglas: Die Vorherſagung des wetterkundigen Admirals ſollte gleichwohl, für dieſen Tag wenigſtens, nur halb in Erfüllung gehen. Es zog zwar gegen Abend ein Ge⸗ witter herauf, aber es war nur unbedeutend und mit keinem Sturm verbunden; die Entfeſſelung der Ele⸗ mente, wie ſie der Seemann im Auge gehabt, ſollte erſt zu einer ſpäteren Zeit ſich in iihrer ganzen Allmacht und Größe zeigen. Kurz vor Anbruch dieſer Nacht aber erhob ſich eine ſteife Kühlte und trieb dichte Maſſen ſchwarzgrauer Wolken von Weſten über das Meer heran, das unter der Einwirkung des Windes dumpf zu grollen und in wogenden Waſſerbergen einherzufluthen begann. Dann und wann vetterleuchtete es auch aus derſelben 313 Richtung her und ein leiſer Donner ließ dann ſtets ſeine weithallenden Cadenzen majeſtätiſch über das Waſſer rollen. Die Herrſchaft hatte ſo eben zu Abend geſpeist und ſaß nun geſellig an einem offenen Fenſter der Bibliothek, um die Erſcheinungen auf dem Meere und am Himmel zu beobachten, die auf edle Menſchenna⸗ turen jederzeit eine bedeutende Anziehungskraft üben und namentlich an dazu geeigneten Orten ein groß⸗ artiges und immer wieder gern geſehenes Schauſpiel bieten. Georgy und Martha ſaßen dicht am Fenſter, un⸗ mittelbar neben ihnen im Kreiſe ſtanden die drei Männer, von denen der Admiral wie gewöhnlich be⸗ lehrend ſprach, wofür es in dieſem Cirkel ſtets auf⸗ merkſame Ohren gab. Mitten im Sprechen aber er⸗ ſchien Joe Duncan mit ſehr demüthigem Geſicht und ungewöhnlich ſtillem Weſen, und als ſein Herr ihn be⸗ merkte, brach er ſogleich in ſeinem Vortrage ab und trat mit dem Diener bei Seite, wo er leiſe mit ihm ſprach. 3 Gleich darauf kehrte er wieder zur Geſellſchaft zurück und bat um Entſchuldigung, daß er ſie mit dem Doctor verlaſſen müſſe. Er habe einen Kranken im Hauſe, der ſeiner Anweſenheit und des Arztes 316 Hülfe bedürfe. Dabei nahm er Arnold bei'm Arm und führte ihn ohne Weiteres aus der Bibliothek fort. Als die Thür hinter ihnen zugefallen war, blick⸗ ten ſich Georgy und Lionel lächelnd an, während Martha die Augen nach dem Fenſter wandte, als wolle ſie der Mienenſprache der Geſchviſter freien Spielraum laſſen. „Da haben wir es ja,“ ſagte Lionel froͤhlich. „Alſo er hat einen Kranken, und das iſt das ganze Geheimniß! Das hätte uns der gute Onkel wohl geeich ſagen können, dann hätten wir uns nicht dar⸗ r. beunruhigt. Indeſſen, Miß Martha, was hatten Sie denn bei dem Kranken zu thun, wenn ich fragen darf? Lagen Sie wieder Ihrem alten Berufe bei ihm ob?“ Martha konnte jetzt nicht anders, ſie mußte ihr Geſicht in das Zimmer zurückwenden. Aber der Licht⸗ ſchein der auf den Tiſchen brennenden Kerzen zeigte, als er darauf fiel, ein ſanft erglühendes Antlitz und ſie antwortete mit freundlichem Kopfnicken ſogleich: „Ja, Sir, ich lag einmal wieder meinem alten Berufe bei der Kranken ob, denn wenn ich Sir Colin, der nie die Unwahrheit ſpricht, recht verſtanden habe, ſagte er:„er habe eine Kranke im Hauſe.“ „Er ſagte einen,“ nahm jetzt Georgy das Wort, „ich hörte es deutlich. Doch da Du die richtige Les⸗ 317 art wohl aus eigener Anſchauung kennen wirſt, meine Liebe, ſo wird es wohl eine Dame ſein, die der gute Onkel in ſeine Obhut genommen hat.“ Lionel merkte, daß dieſe Scherze Martha peinlich wurden, und er brach raſch das Geſpräch ab, indem er von dieſem Augenblick an, wo er eine ſo wichtige Entdeckung gemacht, viel heiterer und geſprächiger wurde, als er den ganzen Tag geweſen war.— Unterdeſſen waren der Admiral und Arnold bei der Kranken eingetreten. Sie war etwa nicht wieder kränker geworden, vielmehr hatte ſie nur die Herren bitten laſſen, zu ihr zu kommen, da ſie mit ihnen zu ſprechen wünſche. Beide fanden ſie im noch uner⸗ leuchteten Zimmer auf ihrem Rollſtuhle dicht am ge⸗ öffneten Fenſter ſitzend und den düſteren Himmel und die wogende See beobachtend. Sobald die Herren aber eingetreten, ſchloß Lizzy das Fenſter und rollte den Stuhl in die Mitte des Zimmers, worauf ſie einige Kerzen anzündete, die ein freundliches Licht durch das⸗ ſelbe fallen ließen. „Nun, Alte,“ redete der Admiral die ernſt blickende Frau an, indem er ihr die Hand reichte,„Du haſt uns rufen laſſen und da ſind wir. Gewiß fürchteſt Du Dich vor dem Donner und Blitz und haſt Geſell⸗ ſchaft um Dich haben wollen, wie?“ 18 „Nein, theurer Herr,“ erwiderte die Angeredete mit bedeutſamem Blicke und ernſtem, würdevollen Weſen, wie es Arnold bisher noch nie an ihr wahrgenommen, „die Stimme und die Blicke des Allmächtigen, wie er ſie im Donner und Blitz aus den Wolken niederdrin⸗ gen läßt, haben mich ſtets, obgleich ich ihren unmittel⸗ baren Einwirkungen in früheren traurigen Zeiten oft genug preisgegeben war, weit weniger in Furcht geſetzt, als die Stimme und Blicke der grollenden und in ihrem Grolle weit weniger Maaß haltenden Menſchen. Wenn ich aber die Stimme des Herrn da oben vernehme, ſo klingt ſie mir immer wie ein Mahnruf, daß auch Men⸗ ſchen reden und ihr Licht leuchten laſſen ſollen, wenn ſie etwas Rechtes leuchten zu laſſen und zu reden ha⸗ ben. Denn auch der winzige Staubgeborene kann, wenn er auch nicht ſo verſtändlich, ſo groß, ſo gütig ſpricht wie Gott, doch immer mit ſeiner Sprache zu rechter Zeit nützen— und auch ich kann es vielleicht. Und nur zu dieſem Zwecke habe ich Sie bitten laſſen, zu mir zu kommen.“ Dieſe Worte wurden mit einem ſo ergreifenden Ausdruck vorgebracht, daß ſowohl der Admiral wie Arnold davon betroffen wurden. Sie ſchwiegen und blickten nur voller Erwartung von ihren Plätzen aus auf die dunkle Geſtalt hin, die ſich auf ihrem Sitze 319 möglichſt erhoben hatte und eben ſo verſtändlich mit ihren mageren Händen durch Bewegung und Geberde, wie mit ihren Augen durch funkelnde Blicke ſprach. „Nun denn, ſo laß hören,“ ſagte Sir Colin nach einer Pauſe,„was haſt Du uns zu ſagen?“ „Mancherlei, mein theurer Herr; doch zuerſt muß ich Ihnen und dem Herrn Doctor ſagen, daß ich mich wieder ganz wohl und kräftig fühle, wie in früheren Tagen. Der Sturm der Krankheit hat diesmal nur meine morſchen Gebeine erſchüttert, aber umgeworfen hat er den zähen Stamm noch nicht. Nun, wer weiß, wofür es gut iſt. Ich lebe ganz gern, ſo lange ich meine Sendung noch nicht erfüllt habe, und bis jetzt iſt das noch nicht geſchehen. Doch heute gegen Abend, als ich ſo allein hier ſaß, über vergangene Zeiten nach⸗ dachte und damit die letzten Tage verglich, fiel es mir ein, daß Sie mir noch nicht erzählt haben, wie es Ihnen auf Cap Wrath ergangen iſt. Ich weiß gar nichts davon und biff doch ſehr begierig, Alles zu wiſ⸗ ſen. Was hat Lawſon, bei ſeinen Altersgenoſſen der Wolf genannt, zu Ihrem Beſuch geſagt, wie hat er Sie empfangen? Erzählen Sie mir das recht genau. Und endlich, was für Augen hat er gemacht, als er den Herrn Doctor hier und ſeine liebliche Schweſter, die weiße Taube, in ſeinen alten Thurm eintreten ſah?“ 220 Sir Colin erzählte, was wir bereits wiſſen, den Empfang, das Geſpräch in der Tabagie und wie das⸗ ſelbe durch Joe unterbrochen worden war.„Zuletzt,“ ſchloß der Admiral,„bot er uns eine Mahlzeit an, um uns ſeine gute Küche und ſeinen gefüllten Keller be⸗ wundern zu laſſen.“ „Aber Sie haben ſie nicht angenommen?“ fragte die Alte lebhaft, ſich dabei an Arnold wendend. „Nein. Meiner Schweſter gefiel der Mann ſo wenig wie mir, und ſo groß unſer Appetit auch war, mochten wir nichts bei ihm genießen. Außerdem hat⸗ ten wir Eile, nach Hauſe zu kommen, und ſo lehnten wir den Imbiß ab, was er einigermaßen übel zu nehmen ſchien.“ Die Alte lächelte, ſichtlich vor Freude. Eben wollte ſie etwas erwidern, als der Admiral die Worte hinwarf:„Ach, Alte, Eins habe ich Dir doch ver⸗ geſſen zu ſagen. Wir fanden Beſuch auf dem Thurm.“ „Nun,“ rief die Alte und riß die glühenden Augen noch einmal ſo weit auf,„wer war es denn?“ „Es war mein Bruder, Lord Lowdale!“ lautete die faſt mit Wehmuth geſprochene Antwort. Die Alte ſchrie laut auf, griff mit beiden Händen gleichſam krampfhaft in die ſchneeigen Haare, hielt ſich eine Weile daran feſt geklammert, als wolle ſie einen Halt gewinnen, und ließ dann langſam die Haare durch die Hände gleiten, bis dieſe wie ohnmächtig auf ihren Schooß fielen und da liegen blieben.“ „Nun, warum erſchrickſt Du ſo ſehr darüber?“ fragte der Admiral verwundert.„Das hat ja doch für Dich jetzt nichts mehr zu bedeuten?“ Der ſtarre Blick der Frau ſchmolz; voll und raßlend richtete ſie ihre Augen auf den Admiral, ſah ihn liebevoll und faſt mit dem Ausdruck des Mitleids an, als wolle ſie ſagen:„Und Du— Du ſprichſt das?“ und verſetzte dann, ſich mit Gewalt zur Ruhe zwingend, aber mit bebenden Lippen:„Ich habe mich nicht erſchrocken, Herr, ach nein! Jetzt nicht mehr! Doch— laſſen wir den Lord noch eine Weile bei Seite, nachher wollen, ja müſſen wir über ihn ſprechen— jetzt wollte ich von Lawſon reden.— Alſo Ihnen hat der Mann nicht gefallen, Sir?“ „Nein, ganz und gar nicht,“ erwiderte Arnold: „Auf mich— Sie verzeihen, Sir Colin, daß ich hierin anderer Meinung bin als Sie— hat er den Eindruck eines, Wohlwollen und Freundſchaft heuchelnden Men⸗ ſchen gemacht, der in ſeiner Bruſt Tücke und Rach⸗ ſucht birgt.“ Die Alte fuhr wie von einem electriſchen Schlage berührt, empor.„Wahrheit, Wahrheit!“ rief ſie mit Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 21 322 ſchrillen Tönen, die faſt wild klangen.„So iſt es, ſo iſt es— o, Sie haben ihn auf den erſten Blick richtig durchſchaut!“ „Alte,“ ſagte der Admiral ſanft,„das iſt freilich Waſſer auf Deine Mühle. Du liebſt Lawſon aller⸗ dings nicht, aber Deine gegen mich ſo oft ausgeſpro⸗ chenen Warnungen beruhen doch nur auf Muth⸗ maßungen. Der erſte Blick täuſcht ſehr häufig und Du kannſt ihm eigentlich nichts Böſes beweiſen.“ „Beweiſen, beweiſen, Herr,“ rief die Alte ſtreng, „wer kann immer Alles beweiſen, was er doch ſo gut weiß als hätte Gott es ihm geſagt. Nicht allein meine Abneigung, mein Groll— aber ich grolle ihm nur über das Böſe, was er gethan, denn ſeine Perſon iſt mir gleichgültig— ſchreibt mir meine Meinung über Lawſon vor, nein, mein Herz, meine Seele, mein ganzes Weſen ſchreit mir zu: Lawſon iſt— iſt—“ „Still!“ unterbrach ſie der Admiral, ſanft den Finger erhebend,„Du urtheilſt voreilig, Alte.“ Dieſe, von dem Widerſpruch des Admirals mehr erſchüttert, als ſie ſelbſt wiſſen mochte, wurde ſo be⸗ trübt, daß ihr ſogar eine Thräne in die Augen kam. Sie drückte ſie mit dem Finger entzwei und ſagte dann unendlich wehmüthig zu Arnold:„Wiſſen Sie, Sir, warum Sir Colin Lawſon in Schutz nimmt? Weil er vielleicht mehr als hundert Menſchen das Leben gerettet hat. Ich aber ſage“— fuhr ſie wieder mit ſteigender Leidenſchaft fort—„wenn er auch nur Einem das Leben genommen hat, was wiegen dann jene hundert gegen dieſen einen, und iſt dann Lawſon mehr zu loben oder zu tadeln?“ Arnold, von dieſer einfachen Beweisführung ergrif⸗ fen, ſchwieg anfangs. Dann aber ſagte er mit einem Schauer des Entſetzens:„Haben Sie denn einen Verdacht, daß er irgend einem Menſchen das Leben genommen?“ Die Alte ſchwieg, ſchaute trüb vor ſich nieder und rollte ihre weißen Haare zu einer dicken Wulſt um die Finger auf. „Sprich, Alte,“ ſagte da der Admiral überaus ernſt, faſt ſtreng;„Du haſt uns gerufen, um zu reden, nicht um zu ſchweigen.“ „Kennen Sie Lawſon ſchon länger?“ ſchaltete Arnold freundlich ein, um die Alte wieder in die vorige Ruhe zu verſetzen, was ihm auch gelang, denn ſie ſah ihn liebevoll an, ſchlug die Hände zuſammen, blickte nach Oben und ſagte: „Ja, ich kenne ihn ſeit meinem achtzehnten Lebens⸗ jahre, und das iſt lange her, nicht wahr?“ „So erzählen Sie uns doch von dieſer Bekannt⸗ ſchaft,“ fuhr Arnold fort, immer neugieriger werdend. 21* 324 „Ach,“ ſeufzte die Alte,„was waren das für Tage, die ich da vor meinen Augen ſich aufrollen ſehe! Aus tiefer Noth, aus unſäglichem Elend, faſt dem Hunger⸗ tode erliegend, gerieth ich mit einem Male in Glanz, Reichthum und Ueppigkeit, und einer der Erſten, der mir, die ich noch in Lumpen einherging, in ſtrahlen⸗ der Pracht entgegen kam, war Lapſon, denn er liebte von jeher ſchöne Kleider, goldenen und ſilbernen Schmuck, überhaupt Alles, was ſchimmert und blitzt und die äußere Erſcheinung im vortheilhafteſten Lichte zeigt. Er war einige Jahre älter als ich und damals ein hübſcher junger Maun, aber dennoch fürchtete ich mich vor ihm, wenn er mich mit ſeinem wilden grauen Auge anſah, was er nur zu oft that, da er allen Frauen nachſtellte, ob ſie nun braun oder weiß waren. In ſeiner damaligen Jugend war Layſon wie eine wilde Katze und trieb ſich, wenn er zu Hauſe nichts zu thun hatte, ſtets in den Wäldern und auf den Landſtraßen umher. Dabei liebte er über Alles den Whisky und Toddy, und obgleich er nie ſo viel trank, daß er betrunken war— er konnte ungeheuer viel vertragen— ſo war er doch ſtets in Aufregung und Leidenſchaft, die bei ihm nur zu oft den Ausdruck grimmiger Wuth annahm. In dieſer Wuth liebte er es, Jedermann ſeine Stärke zu zeigen, und ſtark war er wie ein Tiger. Er quälte und würgte die Thiere, deren er ungeſtraft habhaft werden konnte, Hunde, Pferde, Stiere und Hirſche, und er hätte auch Men⸗ ſchen gewürgt, wenn er es hätte wagen dürfen, nur um ſeine ungebändigte Wolfsnatur zu befriedigen. Zuletzt aber fand er ein ſolches Gefallen am Würgen, daß er aus bloßer Gewohnheit Alles tödtete, was ihm in den Weg kam, und daher flohen auch die Menſchen vor ihm, wo er ſich blicken ließ, da ſie ihn wie keinen Anderen fürchteten. Was er aber auch Böſes voll⸗ führte,— und ich kann es unmöglich Alles erzählen — er that es im Stillen, im heimlichen Dunkel der Nacht oder an abgelegenen Orten. Vor den Augen der Welt, im Lichte der Tagesſonne, war er nur Unſchuld und Demuth, Frömmigkeit und Gehorſam, und darum gelang es ihm auch, Lady Lowdale— Sie verzeihen, es war Ihre Mutter, theurer Herr— dergeſtalt für ſich zu gewinnen, daß ſie ihn gegen Jedermann in Schutz nahm und ihn zu ihrem Leibpfeifer machte.“ Sie hielt einen Augenblick im Sprechen inne, denn der Admiral, der die Augen niedergeſchlagen hielt, zuckte leiſe zuſammen und war von dieſer Erzählung augenſcheinlich höchſt peinlich berührt. „Soll ich weiter ſprechen, theurer Herr?“ fragte die Alte mit faſt fliegendem Athem. 326 „Sprich, was Du mußt, nicht mehr!“ lautete die mit bebender Stimme geſprochene Antwort. „Aber Lawſon,“ fuhr die Alte fort,„mordete nicht nur Thiere— ſogar die Lieblingshirſche des alten Lords, Ihres Vaters, fielen unter ſeinen Händen— ſondern er ſtahl auch, denn er konnte nie genug Geld und Geldeswerth beſitzen, ſo reichlich ihm die Lady auch vom Ihrigen gab. Daß er ein Dieb war, wußte nicht ich allein, das wußten wir Alle, die wir in ſeiner Nähe lebten; aber wehe dem, der ihn den Thäter ge⸗ nannt hätte, er wäre ſeines Lebens nicht ſicher geweſen. Als nun der alte Lord ſtarb und der jetzige Lord, Thomas Lowdale, ſein Erbe wurde, war dieſer, der ſich von einem frechen untergeordneten Diener nichts gefallen laſſen wollte, der Erſte, der ihm entgegen⸗ trat. Aber er hatte ſich in Lawſon verrechnet. Er ging eines Tages mit ihm auf die Jagd— ich glaube, es war ſchon nach dem Tode der Lady und ich habe das nur von einem alten Freunde ſpäter ge⸗ hört, da ich damals nicht mehr auf Meanach⸗Lodge lebte— und als ſie von derſelben zurückkehrten, waren ſie die beſten Freunde, obwohl es hieß, nur zum Schein, denn keiner von Beiden könne den Andern leiden und es werde bald an den Tag kommen, wer den Andern übervortheile. Allein der Sieger blieb diesmal ſcheinbar der Herr. Als bald darauf die einträgliche Stelle im Thurm auf Cap Wrath frei ward, bewarb ſich Lawſon darum und durch Lord Lowdale's Verwendung kam er bald dahin, wo er noch jetzt iſt und wo er ſich in nichts geändert hat, wie ich hörte, denn ich habe oft und mit Vielen, die ihn genau kannten, geſprochen, mein ganzes langes Leben hindurch.“ „Iſt das Alles, was Du von ihm weißt?“ fragte der Admiral, als die Alte ſchwieg. Sie ſchüttelte den Kopf.„Nur das, was ich jetzt ſagen will, theurer Herr.“ „Sie meinen alſo,“ fragte Arnold, der ganz bleich geworden war,„daß Lawſon ſeine Wolfsnatur behalten hat, bis auf den heutigen Tag?“ „ Art läßt nicht von Art, Sir, und Layſon iſt ein Mac⸗Gregor!“ ſagte ſie mit Bedeutung. „Was heißt das?“ fragte Arnold, worauf der Admiral es ihm mit wenigen Worten erklärte und dann hinzufügte:„Aber das iſt ja nicht begrün⸗ det, Alte!“ „Verzeihung, theurer Herr, es iſt doch begründet, denn er hat es mir ſelbſt einſt geſagt.“ „O, damit hat er ſich nur vor Dir rühmen und in ein beſonderes Licht ſtellen wollen— und was will dieſe Abſtammung auch übrigens bedeuten?“ 5—— „Volkes Stimme lügt nicht, Herr. Durch das Volk ſpricht Gott!“ „Nun gut, aber das iſt noch nicht der geringſte Beweis, daß Lawſon ſich an Menſchen vergriffen hat, trotz ſeiner wilden und unbändigen Natur— oder kannſt Du uns darüber etwas ſagen? Das wäre wichtig!“ Die Alte ſchwieg eine Weile, nachdenklich und mit ſich ſelbſt kämpfend.„Ach,“ erwiderte ſie endlich,„es iſt ſchrecklich, von einem Mitmenſchen ſo Furchtbares zu behaupten. Nein, Herr, nein, ich weiß darüber nichts Beſtimmtes zu ſagen. Aber es ſind ſchon mehr Men⸗ ſchen auf dem Thurm zu Wrath verſchwunden, ohne daß man weiß, wo ſie geblieben ſind.“ Es folgte eine peinliche Stille nach dieſen Wor⸗ ten. Sowohl die Augen des Admirals wie die Arnold's waren erwartungsvoll, faſt mit Entſetzen auf die Sprechende gerichtet. „Alte,“ ſagte der edle Sir Colin,„Du ſprichſt da furchtbare Dinge aus. Aber bedenke, der Ort iſt ſo abgelegen, das Meer ſo ſtürmiſch, die Gefahren der Schiffenden an jener Küſte ſo zahlreich, daß— daß unter dummen Menſchen, wie ſie hier faſt alle ſind, leicht Gerüchte ſich erzeugen und erhalten können.“ „O, ich bedenke, Herr, aber gerade der abgelegene 329 Ort, das ſtürmiſche Meer, die zahlreichen Gefahren von Außen her haben Lapſon bisher vor dem allge⸗ meinen Verdacht geſchützt und es war ihm leicht, dem Winde und den Wellen zuzuſchreiben, was er ſelbſt vollbracht.— Und wo, Herr“— fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe lebhaft fort—„bewahrt Lawſon ſeine Schätze auf, von denen man wenigſtens weiß, daß ſie groß ſind? Sind ſie etwa vor zehn Jahren, als die Unterſuchung ſtatt fand, deren ich mich noch ſehr gut erinnere, da ich damals in dieſer Gegend im Elende herumſtrich, im Thurm gefunden worden? Nein, Herr, hundert Guineen fand man, und das war Alles. Und ſo ſage ich, Lawſon hat außer dem Thurm noch einen anderen Verſteck, wo er wie ein Raubthier ſeine Schätze aufbewahrt. Ehrlich erworbenes Gut kann man bei ſich haben, Jeden ſehen laſſen, nur das unehrlich Erworbene verbirgt und legt man im Stillen an.“ „Auch über dieſen Reichthum mag man viel ge⸗ fabelt haben!“ warf der Admiral langſam hin, deſſen Ueberzeugungen allmälig und unvermerkt auf der Alten Seite zu treten begannen. „Ja, Herr, ja, aber es fallen hier beide Fabeln ſehr merkwürdig auf einen Punkt zuſammen.“ „Alſo Sie waren damals im Lande, als Lawſon in Folge des Verſch windens meines armen Vaters vor 330 Gericht gezogen wurde?“ fragte Arnold mit faſt fieber⸗ hafter Erregung. „Ja, Sir, ich war im Lande und ſuchte irgend wo ein ſchützendes Dach, das mich im Alter und beim Verfall meiner Kräfte ſchirmen ſollte. Ich erinnere mich des Gerichts noch ſehr gut und man ſprach viel darüber und immer Daſſelbe.“ „Was war das?“ fragte Arnold mit bebender Lippe. Die Alte rollte ihre Haare wieder um die Finger und ſeufzte.„Daß der fremde Mann nicht auf dem Waſſer geſtorben ſei!“ preßte ſie endlich mühſam hervor. Arnold ſchauerte zuſammen und rang die Hände, wie in Verzweiflung. „Alte!“ rief der Admiral, aufſtehend und an ihren Stuhl tretend.„Du ſprichſt fürchterliche Dinge aus, und dieſem Mann müſeen ſie noch fürchterlicher klingen, denn Du ſprichſt von ſeinem Vater.“ „Ich weiß es,“ rief die Alte mit hartnäckiger Feſtigkeit,„und doch ſage ich es. Und wiſſen Sie, warum? In dem Brief, den Sie, Sir Colin, mir vorgeleſen, habe ich meine Meinung beſtätigt gefunden. Darin war von Vielem die Rede, was mich einen tiefen Blick in die Verhältniſſe jener Tage werfen läßt.“ „Was denn zum Beiſpiel?“ „Ich weiß es nicht ſo genau; wenn ich aber den Brief noch einmal hören könnte, würde ich es wieder finden,“ ſagte ſie mit ſchlauem Blinzeln vor ſich hin. „Den Brief habe ich bei mir, hier iſt er.“ „So leſen Sie ihn vor!“ Die beiden Männer ſetzten ſich wieder und Arnold las mit zitternder Stimme den letzten Brief ſeines Vaters noch einmal vor, während die Alte immer tiefer in grübelndes Sinnen verſank und die Hände unter die koſtbare Decke ſteckte, die über ihren Schooß ge⸗ breitet war. Als der Brief aber zu Ende geleſen, blieb ſie mit vornübergebeugtem Kopfe ſitzen, als ſchlafe ſie. „Nun, Alte,“ redete ſie der Admiral laut an, „was meinteſt Du denn in dem Brief, Du haſt ihn jetzt noch einmal gehört?“ „Zwei Dinge,“ ſagte die Alte ſeufzend, aber mit ſtarkem Nachdruck,„ſind darin von großer Wichtigkeit, und ich werde beide nachher erwähnen, obgleich— ob⸗ gleich es Ihnen ſehr ſchmerzlich ſein wird, theurer Herr.“ „Das laß Dich nicht kümmern. Wenn Du eine Wahrheit ſprichſt und Dein Verdacht ſich durch irgend einen Beweis beſtätigen könnte, ſo wäre mir kein Schmerz zu groß, daß ich ihn nicht ertragen wollte.“ Die Alte blickte mit blinzelnden Augen auf. „Gut,“ ſagte ſie geheimnißvoll.„Es giebt aber noch ein Drittes in dem Brief, was mir von Bedeutung ſcheint, und davon will ich zuerſt ſprechen. In dem Brief ſteht, der Reiſende habe ein Fernglas beſeſſen, und der vornehme Herr, der mit ihm zugleich auf dem Thurm anweſend war, habe es eines Tages benutzt und gelobt— ſteht es nicht ſo da?“ „Nun ja,“ ſagte der Admiral kleinlaut, während Arnold vor Erſtaunen ſchwieg, denn es malte ſich ein vorausempfundener Triumph in den Augen der Alten ab.„Aber was ſoll das?“ „Wiſſen Sie vielleicht,“ wandte ſich die Alte ruhig an Arnold,„wie daſſelbe ausſah und ob es irgend ein Zeichen an ſich trug, woraus man ſchließen kann, daß es Ihrem Vater gehörte?“ „O ja, meine Mutter hat es uns wohl hundert⸗ mal beſchrieben, da es das letzte Angedenken war, welches ſie ihm zu Weihnachten ſchenkte. Zuſammen⸗ geſchoben, mag es wohl fünf bis ſechs Zoll lang ge⸗ weſen ſein, und ſeine äußere Schaale beſtand aus Elfen⸗ bein, mit Perlmutter ausgelegt. Außerdem aber hatte mein Vater die Gewohnheit, auf alle ſeine kleinen Be⸗ ſitzthümer, zum Beiſpiel in ſeine Bücher, ſeinen Namen zu ſchreiben und den Tag anzumerken, an welchem er in ihren Beſitz gelangt. Auch auf dies Fernrohr hatte er Namen und Tag, wo er es erhielt, eingraviren laſſen und zwar ſtand dies mit leſerlicher Schrift auf *⁵ dem erſten Auszuge. So wenigſtens erzählte uns meine Mutter und ſo gab ſie es auch vor dem Gerichte an, welches ihre Sache bei der Geſandtſchaft führte.“ „So,“ ſagte die Alte, bald den Admiral und bald den jungen Arzt mit ihren feurigen Augen fixirend. „Dann ſehen Sie ſich einmal dies kleine Ding hier an und ſagen Sie mir, ob es vielleicht einige Aehn⸗ lichkeit mit dem eben beſchriebenen Fernglas hat.“ Dabei zog ſie ſchnell ihre rechte Hand unter der feinen Hülle hervor, welche auf ihrem Schooße lag, und reichte ein in Elfenbein und Perlmutter gefaßtes Sehrohr den beiden Herren hin. Sowohl der Admiral wie Arnold ſprangen in einer namenloſen Beſtürzung von ihren Plätzen und auf die alte Frau los, die mit ſtillem Lächeln ihren in der That nicht geringen Triumph genoß. Arnold, athemlos und bleich vor Aufregung, 3 M atte das Glas zuerſt gefaßt und eilte damit an den Tiſch, auf dem die brennenden Kerzen ſtanden, aber ſchon befand ſich der Admiral an ſeiner Seite und Beide betrachteten das Glas mit einer der Sachlage angemeſſenen Aufmerkſamkeit, womtt Sorge und Angſt in inniger Verſchmelzung gepaart waren. „Ja, ja,“ rief die Alte nach dem Tiſche hin, „ſehen Sie es nur genau an, meine Herren, und 334 ziehen Sie es auch auseinander. Ich kann zwar nicht ſelbſt leſen, aber Joe und Lizzy haben mir geſagt, daß es den Namen des Herrn Doctors trägt.“ „Mein Gott, ja,“ rief athemlos der Admiral, während Arnold verſtummte,„ſie hat Recht— da — da ſteht er wirklich— Dr. M. Tiefenſee, den 25. December 18... Mein junger Freund— es iſt das Glas Ihres Vaters, wir können nicht mehr daran zweifeln.“ Arnold ſtand noch immer ſprachlos und ſtarrte bald den Admiral, bald die ihm freundlich zunickende Alte, bald das Glas an.„Aber mein Gott,“ ſagte er endlich mit keuchender Bruſt,„wie kommt es in Ihre Hände? O mein theurer, armer Vater!“ „Ja, Alte,“ rief der Admiral,„das iſt die Haupt⸗ ſache— wie kommt es in Deine Hände?“ Die alte Frau lächelte.„Das will ich Ihn Es war vor ſechs Jahren, zwei oder drei Tage, be⸗ vor Sie hier anlangten, um von uns Abſchied zu, nehmen und nach Oſtindien zu ſegeln, als Joe mit, zerriſſenen und arg beſchmutzten Kleidern nach Hauſe kam und mir dies Ding zeigte, von deſſen ehemaligem — ſagen, theurer Herr, und nachher mag es Ihnen der Finder erzählen, wie es in die ſeinigen gekommen iſt. Beſitzer wir Beide damals noch nichts gehört hatten. Er hatte es gefunden, aber wollte mir we meine Bitten noch Drohungen ſagen, wo un welche Weiſe. Ueber Ihre gleich darauf erfe Ankunft, theurer Herr, vergaß ich natürlich den mir unbedeutend erſcheinenden Fund, und auch Joe kam mir aus den Augen, da Sie ihn mit auf Ihr Schiff und nach Indien nahmen. Erſt als Sie mir vor wenigen Tagen den Brief vorlaſen, den Sie da bei ſich tragen, fiel mir plötzlich der Fund Joe's wieder ein und ich rief ihn herbei und fragte ihn, ob er das Fernrohr noch habe. Er bejahte es und holte das Glas, das ihn auf ſo weiter Reiſe begleitet hatte. Jetzt theilte ich aber dem guten Jungen, der unterdeß geſetzter und ordentlicher geworden war als früher, mit, warum das Glas einige Bedeutung für mich habe, und da betrachtete er es ſelbſt genauer und fand mit Lizzy den Namen, der ſeltſamer Weiſe mit dem des Herrn Doctors übereinſtimmte. Jetzt erfuhr ich auf Befragen auch, wo er das Glas gefunden hatte, und das— ſcheint mir wiederum höchſt wichtig in Bezie⸗ hung auf Lawſon und die Ausſagen zu ſein, die der⸗ ſelbe damals vor Gericht gemacht hat.“ „Wo hat es Joe denn gefunden?“ fragten beide Männer zugleich. 336 „Das ſoll er Ihnen ſelbſt ſagen. Laſſen Sie ihn durch Lizzy rufen, die in jenem Zimmer ſitzt.“ * ber dem Admiral ſchien dies zu umſtändlich zu ſein, er lief ſogleich ſelbſt hinab und nach wenigen Minuten ſchon kehrte er mit Joe Duncan zurück, der wohl ahnen mochte, warum er ſo eilig in das Zimmer ſeiner Großmutter gerufen wurde. „Joe, mein Sohn,“ begann der Admiral mit gütiger Miene das Verhör,„Deine Großmutter hat uns dies für uns Alle ſo wichtige Fernrohr gezeigt — wo, in Gottes Namen! haſt Du es gefunden? Erzähle uns Alles haarklein und vergiß Nichts, was irgend einen näheren Aufſchluß darüber giebt.“ „Ach, Sir Colin,“ erwiderte Joe, mit ganz ver⸗ dutztem Geſicht die aufgeregte Miene ſeines Herrn und die des jungen Arztes betrachtend,„das iſt ſehr bald erzählt, und mehr kann ich beim beſten Willen nicht ſagen, als Großmutter ſchon weiß. Es war vor ſechs Jahren, als eines Tages Rob Calton, mein Spielgefährte aus Durneß und jetzt Matroſe auf Ihrer Majeſtät Schiff Tartarus, nach Glory⸗Craig⸗ Hall kam und mich zu einer Segelfahrt auf der . Durneß⸗Bai abholte, die wir allwöchentlich unternah⸗ men, da wir großes Vergnügen daran fanden. Biſt Du ſchon in der Smow⸗Höhle geweſen? fragte er mich. Als ich es verneinte und meine Abneigung zuerken⸗ nen gab, dieſelbe zu beſuchen, da ſie von Hexen und ſchwarzen Männchen, wenn auch nicht jetzt, doch früher bewohnt ſei, lachte er und ſagte: er glaube an ſolch dummes Zeug gar nicht, ſeitdem er ein Geſpräch zwiſchen ſeinem Vater und Ihrem Pfeifer Mae Gree⸗ nock belauſcht habe.“ „Mae Greenock?“ unterbrach ihn der Admiral, „mein alter Pfeifer— und die Smow⸗Höhle? Nun, da bin ich doch neugierig, wie dieſe Geſchichte enden wird.“ „Sie iſt ſehr einfach, Sir Colin,“ fuhr Joe fort, „hören Sie nur. Rob Calton erzählte nun, daß Mac Greenock ſeinen Vater einſt beſucht und die Merkwürdigkeiten in der Smow⸗Höhle, den unter⸗ irdiſchen Fluß und den Waſſerfall erwähnt habe, und daß er glaube, es müſſe noch einen beſonderen Eingang in die Höhle vom Lande her geben, was auch die Sage von alten Leuten in der Gegend früher beſtätige. Er ſelbſt ſei öfters in der Höhle geweſen, habe aber nie den Eingang vom Lande her entdecken können, ſo oft er ihn auch geſucht. Daß böſe Geiſter darin ihr Weſen treiben, ſei nichts als eine dumme Lüge, um Kinder bange zu machen, er habe nie etwas als höchſtens eine Waſſerratte darin gefunden, und kein Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 22 Weſen, weder über⸗ noch unterirdiſcher Art, ſei ihm hindernd in den Weg getreten. Allerdings ſei es finſter darin und man könne ſich leicht in den vielen Gängen und Nebenhöhlen verirren, aber wenn man nur einen langen Bindfaden irgend wo befeſtige, ſo⸗ bald man den Anblick des fernen Tageslichtes ver⸗ liere, könne man den Ausgang ganz bequem wieder finden.“ „So, das wollen wir uns merken!“ ſchaltete der Admiral, gegen Arnold gewendet, ein. „Siehſt Du, ſagte Rob Calton zu mir,“ fuhr Joe fort,„ſo iſt es, denn Mae Greenock iſt ein glaubzs hafter Mann, ſagt mein Vater, und nun bin ich ſo neugierig, die Höhle zu beſuchen, daß ich mich nicht mehr davon zurückhalten kann, zumal es nur wenige Menſchen hier giebt, die ſie mit eigenen Augen ge⸗ ſehen haben.“ „Nun,“ fiel der Admiral lebhaft ein, da Joe Athem ſchöpfte,„Ihr ſegeltet alſo hinüber?“ „Ja, Sir Colin, das thaten wir, Rob Calton hatte ſchon Alles dazu vorbereitet. Und wie war ich erſtaunt, als ich bei klarem Sonnenſchein den Eingang der großen Grotte und ihren tiefen Tempel ſah! Aber Rob hielt ſich nicht auf, das Aeußere derſelben zu betrachten, ihn zog es gewaltig nach dem Innern hin. 339 Wir krochen alſo— er immer voran— durch die Felsſpalte, die hinein führt, und bald hatten wir den Punkt erreicht, wo das Tageslicht aufhört, ſichtbar zu ſein. Nun zündete Rob eine mitgebrachte Laterne an, wir ſchlugen mit einem Stein einen Nagel in die Wand und banden das eine Ende der Bindfadenrolle daran, die ich am Gürtel befeſtigt trug. Wie lange wir auf und ab gingen, durch Löcher und Spalten krochen, weiß ich nicht mehr, denn meine Angſt in der ſchlüpfrigen Felshöhle, bei der dicken Luft und der ſchrecklichen Finſterniß, die um uns herrſchte, war zu groß. Mit einem Male aber hörten wir ein ſchreck⸗ liches Brauſen und Rob ſagte mir, das müſſe der Waſſerfall ſein, von, dem Mac Greenock zu ſeinem Vater geſprochen. Rob war muthiger als ich und kroch immer weiter vor; da er aber die Laterne trug und ich in der Finſterniß nicht allein bleiben wollte, eilte ich ihm mit klappernden Zähnen nach und da ſtanden wir, zwar noch nicht am Waſſerfall, aber an einem tiefen, grünſchwarzen Loche, in deſſen Tiefe ſchäumendes Waſſer brauste und kochte. Hier ergriff Rob ſowohl wie mich eine ſchreckliche Angſt, und wir wollten eben umkehren und dem Ausgange zueilen, als ich beim Schimmer der Laterne in einer kleinen Ver⸗ tiefung abſeits Etwas glänzen ſah. Auf meine Auf⸗ 22* — 249 forderung hielt Rob die Laterne in die Höhe, ich aber kroch hinab, wo der glänzende Gegenſtand lag. Es war dies Glas hier. Aber wir hielten uns da unten nicht lange auf, es zu. betrachten, ich ſteckte es in die Taſche und wir eilten, was wir konnten, den Ausgang der Höhle zu erreichen. Erſt als wir, von tauſend Aengſten ſchwitzend in der äußeren Grotte wieder an⸗ gekommen waren, beſahen wir das Gefundene und er⸗ kannten leicht was es war. Es war etwas roſtig und ſchmutzig, aber wir putzten es ſogleich mit unſerm Plaid, und da ſah es ganz hübſch, aber noch lange nicht ſo gut wie jetzt aus, da ich es erſt ſpäter habe ausbeſſern laſſen. Rob wollte es nun behalten, weil er zu dem Beſuch der Höhle gerathen, ich jedoch glaubte der rechtliche Beſitzer zu ſein, da ich es zu⸗ erſt entdeckt und aufgehoben häatte. Wir wollten ſchon darüber ſtreiten, als Rob ſeinen Würfel hervor⸗ zog und die Entſcheidung eines Wurfes vorſchlug. Das nahm ich an. Ich warf drei, er zwei Augen, und ſo war das Fernrohr mein. Hier haben Sie Alles, was ich darüber weiß, Sir Colin.“ Der Admiral ſaß ſtumm da und blickte ſinnend vor ſich nieder, in ähnlicher Weiſe Arnold, der aber bald das Auge ſeines Wirthes ſuchte, um deſſen Mei⸗ nung über den ſeltſamen Fund darin zu leſen.„Nun,“ fägte der Admiral endl lich,„das iſt allerdings ein wich⸗ tiger Fund, Joe, und jetzt gewinnt das Vorliegende ein ganz anderes Anſehen. Wir werden morgen oder übermorgen ebenfalls die Höhle beſuchen, um uns den Ort, wo das Ding ſo lange lag, anzuſehen, voraus⸗ geſetzt, daß Joe uns dahin führen kann.“ „O gewiß, Sir Colin, dazu bin ich jeden Augen⸗ blick bereit; aber Mac Greenock, denke ich, dürfte in der Höhle noch beſſer Beſcheid wiſſen, da er ſo oft darin geweſen iſt, wie er geſagt hat.“ „Ich werde morgen mit ihm reden, Joe, Du aber ſprich mit Niemand darüber und jetzt kannſt Du uns verlaſſen.“ Als Joe fortgegangen war, ſtand Arnold auf, betrachtete das Fernglas abermals und fragte dann den Admiral, in wiefern die Auffindung deſſelben dem Vorliegenden ein ganz andres Anſehen zu geben vermöge. „Wie,“ ſagte der Admiral,„ſehen Sie das nicht ein? Ihr Vater iſt mit Lawſon in der Höhle gewe⸗ ſen, wie er die Abſicht dazu in ſeinem Briefe ausge⸗ ſprochen hat, und das hat mir Lawſon verſchwiegen.“ „Sie haben ihn auch nicht danach gefragt, theu⸗ rer Herr,“ nahm die aufmerkſame Alte das Wort,„ob⸗ wohl ich nicht glaube, daß er es ſo leicht eingeſtehen 342 wird. Ich möchte wohl ſein Geſicht ſehen, wenn man ihm dieſe Frage vorlegt.“ „Ich ſelbſt werde das thun,“ ſagte der Admiral mit ernſter Miene. „Nein, theurer Herr, thun Sie das lieber nicht; bleiben Sie ganz aus dem Spiele, damit er— nicht den Verdacht faßt, Sie befolgten einen beſtimmt gegen ihn gerichteten Plan. Laſſen Sie lieber den Herrn Doctor danach fragen, der kann ſich jetzt geradezu für den Sohn des Profeſſors ausgeben, wenn Lawſon— haha!— es noch nicht von einem Andern weiß!“ „Woher und von Wem ſollte er das wiſſen?“ fragte der Admiral beſtürzt.„Weder ich, noch einer der Meinigen hat ihm davon geſagt, und hier weiß Niemand, in welcher Abſicht Doctor Tiefenſee hierher gekommen iſt.“ Die Alte lachte unheimlich auf.„Gut, gut,“ er⸗ widerte ſie,„mag er es wiſſen oder nicht, der junge Herr mag ihn nach der Höhle fragen, aber ob er eine Antwort darauf erhalten wird, ſteht dahin.“ „Er wird mir höchſtens antworten, daß er mit meinem Vater die Höhle beſucht und daß derſelbe darin das Fernglas verloren habe,“ ſagte Arnold nach einigem Nachdenken. „Ha! Ja! Das kann er allerdings thun,“ ver⸗ ſetzte der Admiral,„aber Sie werden von dem Fern⸗ glas ſchweigen und erſt nach dem Beſuche der Höhle überhaupt forſchen.“ „So werde ich es natürlich machen,“ erwiderte dieſer. „Verſuchen Sie es,“ fuhr die Alte fort, und mit ſchlauem Lächeln fügte ſie dann hinzu:„Wiſſen Sie aber, wonach Sie ihn noch fragen müſſen?“ „Nun?“ „Wer der vornehme Mann geneſen, der mit Ihrem Vater zugleich auf dem Thurme ſich befand. Haha! Nennt er Ihnen die Perſon, nun— dann will ich den Stein auf einen Unſchuldigen geworfen — haben und ihm innerlich Abbitte leiſten, aber ich bin überzeugt, er verſchweigt Ihnen den Namen ſo gut, wie daß er ein Mac⸗Gregor iſt. Und nun habe ich Ihnen die beiden wichtigen Punkte mitgetheilt, deren ich vorher Erwähnung that: Die Smow⸗Höͤhle und der vornehme Herr!“ „Was haſt Du mit dem letzten Punkte im Sinne? Sprich Dich aus!“ redete ſie der Admiral ernſt an— „Du verbirgſt uns noch Etwas!“ „O ja, theurer Herr, ich verberge Ihnen noch Manches. Aber das wird Alles einſt auch an's Ta⸗ geslicht kommen. Für jetzt will ich Ihnen nur ſo 344 viel ſagen, daß— daß, wenn Lapſon nicht bekennen will, wer der vornehme, unruhige Mann— der Lord — war, der vor zehn Jahren tagelang und mit dem Vater dieſes Herrn zuſammen den Thurm bewohnte, daß dann noch durch Gottes Gnade eine Perſon lebt, die es weiß— und dieſe Perſon bin ich!“ „Wie— Du weißt es?“ Die Alte ſchlug die Hände vor's Geſicht und beugte den Kopf nieder.„Ich denke es wenigſtens zu wiſſen,“ murmelte ſie dumpf vor ſich hin—„und nun bin ich müde, Herr!“ „Kommen Sie,“ ſagte der Admiral zu Arnold,„ſie hat ſich müde geſprochen und heute erfahren wir doch nicht mehr. Gute Nacht, Alte!“ „Gute Nacht, gute Nacht!“— Als der Admiral aber mit ſeinem Begleiter den unteren Corridor erreicht, um nach der Bibliothek zu⸗ rückzukehren, wo die drei jungen Leute ſie voller Span⸗ nung erwarteten, blieb er einen Augenblick ſtehen und ſagte leiſe:„Mein junger Freund, jetzt tritt die An⸗ gelegenheit mit Ihrem Vater in ein neues Licht und wird noch ernſter als vorher. Während Sie morgen mit meinem Neffen, dem Sie die Geſchichte des Fern⸗ glaſes mittheilen können, ohne der Alten zu erwähnen, nach dem Leuchtthurm reiten, werde ich den Friedens⸗ 92 345 richter zu mir bitten laſſen, der damals die Unter⸗ ſuchung geführt hat. Auch wenn Lawſon ſchweigt und nichts weiter eingeſteht, ſo giebt es jetzt ein corpus delicti, welches wohl den Beweis führen könnte, daß Ihr Vater nicht auf dem Waſſer umgekommen iſt, wenn er es nicht, jedenfalls mit Lawſon's Wiſſen, in der Höhle verloren hat. Doch das werden Sie mor⸗ gen erfahren. Ach, das iſt eine böſe, böſe Geſchichte, und die Alte hat Recht: auch ohne ſichtbare Beweiſe — doch ſtill! ſeien wir nicht voreilig. Die Ehre eines Mannes iſt bald angetaſtet und befleckt, aber ſie, wenn auch nur von einem Verdachte, reinzuwaſchen, iſt ein viel ſchwereres Ding. Kommen Sie und machen Sie kein ſo trübes Geſicht. Geben Sie mir das Glas her, ich werde es aufbewahren, und theilen Sie Ihrer Schweſter noch nichts von der Auffindung deſſelben mit. Wir wollen die Sorgen für's Erſte allein tragen, die weiße Taube, wie ſie die Alte ſo hübſch nennt, ſoll ihre Nacht in Ruhe verbringen. Sind Sie nicht mit mir einverſtanden?“ Arnold nickte ihm beifällig zu und bald waren Beide ſo ruhig wie möglich in die Bibliothek eingetreten. 4— 8 Dreizehntes Rapitel. Das geheimnißvolle Document. Es war in der That Arnold Tiefenſee gelungen, ſeine Aufregung ſo weit zu beherrſchen, daß ſeine Schweſter nichts von dem Sturm wahrnahm, der ſeit der letzten Unterhaltung mit der Alten im Thurm in ſeinem Herzen tobte. Er hatte noch eine halbe Stunde in der Geſellſchaft der Uebrigen verweilt, wo der Admiral ſelbſt es übernahm, ſeine Gäſte auf den be⸗ vorſtehenden Beſuch der Smow⸗Höhle vorzubereiten, eine Mittheilung, die allgemeinen Beifall fand, da man ſich ſchon lange auf die Beſichtigung dieſer Na⸗ turmerkwürdigkeit gefreut hatte. Nachdem dann Arnold noch ein Viertelſtündchen in gewohnter Weiſe mit Martha geplaudert, war er noch einmal zu Lionel gegangen, hatte ihm Mittheilung von dem durch Joe Duncan aufgefunde⸗ 34 nen Fernglas ſeines Vaters gemacht und dabei die Bitte ausgeſprochen, daß ihn der Freund nochmals nach Cap Wrath begleiten möge. Lionel ſtimmte ſogleich bei und traf die Vorkehrungen, die er für den weiten Ausflug paſſend erachtete, da Arnold den Wunſch zu erkennen gegeben, nicht genöthigt zu ſein, auf dem Thurme zu ſpeiſen, falls ihr Aufenthalt ſich daſelbſt verzögern ſollte. So erhielt denn Harry noch an die⸗ ſem Abend Befehl, die Pferde am Morgen geſattelt zu halten und mit noch einem Diener, der einen Korb mit Speiſen und Wein bei ſich führen ſollte, die Herren nach Cap Wrath zu begleiten. Ungünſtiges Wetter jedoch verzögerte ihren Auf⸗ bruch bis gegen Mittag des nächſten Tages, und eben als ſie das Parkthor von Glory⸗Craig⸗Hall verließen, um ſich dem Süden zuzuwenden, kam der Laird Hud⸗ giſſon von Durneß herein, an den der Admiral ſchon früh Morgens einige Zeilen geſchrieben, um ihn, ſo⸗ bald ſeine Zeit es erlaubte, zu einer Unterredung nach Glory⸗Craig⸗Hall einzuladen. Mr. Hudgiſſon, Laird und Friedensrichter im nordweſtlichen Bezirk der Grafſchaft Sutherland, war ein ſechszigjähriger Mann von ehrwürdigem Anſehen und würdevollem Benehmen, der außer den ſtillen häuslichen Freuden auf ſeiner kleinen in der Nähe 348 von Durneß gelegenen Beſitzung nichts kannte und liebte, als die Pflege des Rechts und die Handhabung der Geſetze, die ſchon ſeit Jahren unter ſeine Obhut gegeben waren. Er, wie alle in der Umgegend ange⸗ ſeſſenen Bewohner dieſes Bezirks, war dem Admiral ſeit langer Zeit auf das Herzlichſte zugethan, und er folgte daher der ſeltenen Einladung, die ihm einen ernſten Hintergrund zu haben ſchien, ſo eilig, als ſeine Geſundheit und Geſchäfte es erlaubten, da der höf⸗ liche Admiral, wenn es ſich um einen blos freund⸗ ſchaftlichen Beſuch gehandelt hätte, gewiß nicht ver⸗ ſäumt haben würde, zuerſt bei dem Laird vorzuſprechen. Als der ehrliche und gutmüthige Richter in die Bibliothek zu Sir Colin eingeführt wurde, war ſein Benehmen und ſeine Miene nicht ohne Verlegenheit. Mochte es die Neugier ſein, was den Admiral zu dieſer Einladung veranlaßt haben möge, oder irgend ein anderer Beweggrund, genug Mr. Hudgiſſon trat diesmal nicht mit der Sicherheit und Ruhe auf, die man an ihm von jeher zu ſehen gewohnt war. So⸗ bald aber dem Admiral der Beſuch gemeldet ward, kam er ihm mit eben ſo großer Höflichkeit wie Herz⸗ lichkeit entgegen, führte ihn auf einen bequemen Sitz und ſprach das Bedauern aus, daß er ſeinen lieben Nachbar in ſeiner Bequemlichkeit geſtört habe.„Ich würde ſelbſt gekommen ſein, Mr. Hndgiſſon,“ fügte er hinzu,„und mich nach Ihrem Befinden erkundigt haben, allein ich wollte diesmal nicht die Aufmerk⸗ ſamkeit Ihrer Nachbarn auf meine Schritte lenken, da ſie ſonſt meinem Beſuche gleich irgend einen ge⸗ ſchäftlichen Beweggrund von Bedeutung untergeſchoben haben würden.“ Schon dieſer Eingang bewies dem Laird, daß er ſich in Erwartung eines wichtigen Vorfalles nicht ge⸗ täuſcht habe, und ſeine ohnehin ſchon ernſte Miene nahm einen noch ernſteren Ausdruck an, als er nun ebenfalls um Entſchuldigung bat, Sir Colin nicht früher ſeine Aufwartung gemacht zu haben, aber ein kleines Leiden habe ihn einige Tage an's Zimmer gefeſſelt und er habe letzteres noch nicht verlaſſen, ſeitdem Sir Colin wieder auf Glory⸗Craig⸗Hall ein⸗ gezogen ſei. „Das thut mir leid,“ erwiderte der Admiral. „Hoffentlich aber befinden Sie ſich heute ſo wohl, daß Sie bei mir ſpeiſen können, mein lieber Sir. Ich kann Ihnen angenehme Tiſchgeſellſchaft verſprechen, denn meine Nichte, Lady Lowdale, und ihre Freundin, eine deutſche Miß, Tiefenſee mit Namen, ſind ſchon einige Tage meine Gäſte.“ Der Laird nahm die Einladung dankend an, aber 350 bei der Nennung des Namens Tiefenſee verſank er in Nachdenken, worin ihn Sir Colin ſogleich zu unter⸗ ſtützen eilte. „Es iſt die Tochter des armen Mannes 2 ſagte er,„der vor zehn Jahren auf Cap Wrath auf eine ſo räthſelhafte Weiſe verſchwand und der Ihnen in der Unterſuchung gegen Lawſon, den Thurmwärter, ſchon einige Unruhe verurſacht hat.“ „Ah, iſt es das?“ entgegnete der Friedensrichter erleichtert, der vielleicht etwas Anderes erwartet hatte. „Ja, ja, ich erinnere mich des Namens und des Mannes— alſo die Tochter des Herrn Profeſſors iſt bei Ihnen?“ „Sie und ihr Bruder, Beide ſehr liebenswürdige Perſonen, die zu meinen Freunden zu zählen ich mich höchſt glücklich ſchätze, und die Sie ebenfalls mit Ver⸗ gnügen kennen lernen werden. Sie erinnern ſich alſo des Falles, obſchon eine Reihe von Jahren darüber hingegangen iſt?“ „O ganz genau, Sir Colin, und ich habe un⸗ endlich bedauert, nichts weiter herausgebracht zu haben, als daß der deutſche Profeſſor eben— verſchollen iſt.“ „Hm! Auf Lawſon ſiel alſo damals kein Ver⸗ dacht, daß— daß er etwas Näheres über das Ver⸗ bleiben ſeines Gaſtes wiſſe?“ 8 „Verdacht, Sir Colin? Hm! Das will ich doch nicht ſagen. Aber laſſen Sie uns ganz offen darüber reden. Gewiß laſtete auf ihm ein arger Verdacht, allein er wurde von der Jury zu Inverneß freigeſprochen, aus Mangel an Beweiſen, daß er beſſer um das Ende des Mannes Beſcheid wiſſe, als irgend ein Anderer.“ „Ah! Alſo aus Mangel an Beweiſen wurde er freigeſprochen? Und Sie, lieber Sir, hegten Sie die per⸗ ſönliche Ueberzeugung, daß Lawſon dieſe Freiſprechung verdiene?“ Der Laird wiegte den Kopf zweifelhaft hin und her.„Ueberzeugung?“ ſagte er.„Nein, Sir Colin, ſogar durchaus nicht. Was Lawſon damals zu ſeiner Rechtfertigung vorbrachte, und die Ausſagen der Zeu⸗ gen, die er ſtellte, daß der Profeſſor wahrſcheinlich oder ſo viel man wußte, mit dem Kohlenſchiff nach Lewis geſegelt ſei, war Alles ganz gut; die Art und Weiſe aber, wie er ſich vertheidigte, fachte meinen Verdacht noch heller an, daß er nicht die volle Wahr⸗ heit vorgebracht, und am Ende des Prozeſſes blieb ich bei der freilich vorgefaßten Meinung ſtehen, daß Lawſon— eben Lapſon ſei.“ „Was heißt das, Sir?“ „Das heißt, daß er den Ruf verdiene, den er im Laufe langer Jahre nicht von ſich abzuſchütteln im 7 352 Stande geweſen, daß er, mit einem Wort, ein Mann iſt, dem man alles Böſe zutrauen könne, und der dennoch ſo ſchlau iſt, ſich mit dem Firniß der Tugend zu ſchmücken, de man ihm freilich von anderer Seite her nicht abſprechen kann.“ „Dieſer letzteren Meinung war ich bisher auch, Sir. Lawſon hat große Thaten vollbracht und viel⸗ fach Muth und Aufopferung bewieſen, wie Wenige. Ich konnte mir bisher nicht vorſtellen, wie ein Mann auf der einen Seite ſo erhaben und auf der anderen ſo verworfen ſein kann.“ „Ha, Sir Colin, ja, Sie haben Recht, aber die Erfahrung belehrt uns eines Anderen. Höchſt wunder⸗ bar nahe bei einander ſchlafen in einer menſchlichen Bruſt die verſchiedenartigſten Regungen und Triebe— es kann Jemand ein Tugendheld bei Tage und doch ein Mörder und Dieb bei Nacht ſein. Mit einem Wort, ich habe dem verſchmitzten Thurmwärter nie getraut und traue ihm auch heute noch nicht. Wer ſo oft Gelegenheit gehabt, wie ich, die Meinung ver⸗ ſchiedener Leute über dieſen Mann zu höoören, der hat ſich endlich ſeine eigene gebildet, namentlich, wenn man ihn Tage lang vor Gericht geſehen, ſein Auge, ſeine Sprache, ſein Weſen, kurz Alles an ihm mit Nach⸗ denken beobachtet hat.“ 35³ „Alſo Sie halten ihn on wirklich für fähig, ein ſo großes Verbrechen zu begehen?“ „Ohne alles Bedenken— ja! wenn ich ihm auch keins beweiſen kann.“ 4 „Nun,“ ſagte der Admiral, tief Athem holend, „Recht muß immer und überall Recht bleiben, und wehe Dem, der es nicht auf ſeiner Seite hat. Mein lieber Sir, ich habe Sie zu mir eingeladen, um Ihnen zu ſagen, daß ich ſeit geſtern in den Stand geſetzt bin, ein neues Licht auf die Angelegenheit jenes ver⸗ ſchollenen Mannes zu werfen.“ „Ah, alſo das iſt es!“ konnte ſich der Laird nicht enthalten, zu ſeiner eigenen Befriedigung halb laut vor ſich hin zu ſagen. „Ja, das iſt es. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß zu der Zeit, als Profeſſor Tiefenſee auf Cap Wrath weilte, noch ein anderer duu Lawſon's Gaſtfreund⸗ ſchaft in Anſpruch genommen hatte?“ „Wie, Sir Colin, ein anderer Mann? Zu der⸗ ſelben Zeit? Nein, das weiß ich nicht, und das wäre ein ſehr wichtiger Punkt.“ „Gewiß iſt er das. Und hier, Sir, haben Sie einen Brief, der Ihnen noch andere wichtige Andeu⸗ tungen geben wird und der leider erſt vor Kurzem hat in meine Hände gelangen können. Bitte, nehmen Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 23 354 und leſen Sie in aller erhe, es iſt ein Briefe, den der Verſchollene, einen Tag vor ſeinem Ende wahr⸗ ſcheinlich, an ſeine Familie nach Haus geſchrieben hat.“ Dceer Laird, höchſt überraſcht von dieſem neuen Lichte, begab ſich ſogleich an die Leſung der Ueber⸗ ſetzung des Briefes, und als er damit fertig war, faltete er das Blatt langſam zuſammen, blickte den Admiral mit bedeutungsvoller Miene an und ſagte:„Ja, Sir Colin, Sie haben Recht, dieſer Brief iſt ein höchſt werthvolles Document gegen Lawſon und bietet Stoff genug, die gerichtliche Unterſuchung von Neuem be⸗ ginnen zu laſſen.“ „So ſei es. Aber gedulden Sie ſich, ich habe noch mehr werthvolle Documente vorzulegen.“ Und er erzählte nun, wie zufällig auch das Fernglas ge⸗ funden ſei, welches ohne Zweifel einſt dem Verſchollenen gehört hatte. „Sir Colin,“ rief der Laird, als der Admiral mit ſeinem Berichte zu Ende war,„ich ſehe jetzt ſo klar in dieſe Sache hinein, wie nie. Sind Sie oder iſt der Sohn des Verſtorbenen Kläger in dem neuen Prozeß?“ 4 „Nehmen Sie mich, nehmen Sie ihn, es iſt Bei⸗ des einerlei, aber ich glaube, es wird von größerem Nachdruck ſein—“ „Wenn Sie als Kläger auftreten. Das iſt nur zu richtig. Sie ſind nicht allein Engländer, ſondern auch Offizier Ihrer Majeſtät. Wann ſollen wir da⸗ mit vorſchreiten? Sogleich?“ „Nein, gedulden Sie ſich noch zwei Tage, Sie ſollen benachrichtigt werden. Es kann uns nur von Vortheil ſein, wenn wir vielleicht noch mehr Beweiſe ſammeln, und zu dieſem Behufe iſt Doctor Tiefenſee mit meinem Neffen heute nach Cap Wrath geritten. Morgen wollen wir die Smow⸗Höhle durchſuchen und dann möge das Geſetz ſeinen Lauf nehmen.“ „Ich ſtimme Ihnen bei. Darf ich Sie in die Smow⸗Höhle begleiten?“ „Es wird uns Allen ein großes Vergnügen ſein. Aber wird Ihre Gegenwart nicht vielleicht unſrer Unter⸗ nehmung ein anderes Anſehen geben, als wir ihr vor der Hand zu geben beabſichtigen? Das Gerücht könnte ſich einmiſchen und Lawſon vorzeitig Kunde davon erlangen.“ „Sie haben Recht. Es iſt beſſer, ich bleibe da⸗ von zurück und laſſe nur die von Ihnen aufgefundenen Thatſachen reden.“) Die beiden Herren ſchwiegen. Der Admiral bot nun dem Laird eine Cigarre an und Beide begaben ſich in den Park, obgleich ein heftiger Wind den Auf⸗ enthalt im Freien etwas unbehaglich machte. 23* Geraume Zeit gingen die beiden Herren ſchon neben einander her, aber nur der Admiral allein ſprach, indem er dem Gaſte ſeine neuen Anlagen zeigte und ihm erzählte, welche Anpflanzungen demnächſt in der Umgegend vorgenommen werden ſollten. Aber der Laird ſchien kaum auf die Worte ſeines höflichen Wirths zu achten, er blieb ſchweigſam und nachdenk⸗ lich, bis es endlich dem Admiral auffiel und er zu ihm ſagte: „Mein lieber Mr. Hudgiſſon, ich ſehe, Sie hören mich nicht mit Ruhe an. Sind Sie noch immer im Geiſte mit der Sache beſchäftigt, die wir ſo eben ver⸗ handelt haben?“ „Nein, Sir Colin, ach nein= aber mit einer anderen, in der Sie eine nicht minder bedeutende Rolle ſpielen.“ „Ich— eine Rolle? Sie ſcherzen. Was wäre denn das für eine Sache?“ Der Laird nahm eine freundlichere, faſt lächelnde Miene an, aus der der Admiral ſchon entnehmen konnte, daß dieſe neue Sache mit der alten keine Aehnlichkeit habe.„Kennen Sie— kennen Sie,“ ſagte der Laird dann ſtockend,—„eine gewiſſe Polly Dirkſon, eine alte Zigeunerin, die vormals im Dienſte Ihrer Familie geweſen, dann einen Landmann aus Rogart geheirathet, 3⁵⁷ ſpäter verarmt iſt und nun mit zwei Tochterkindern obdachlos in der Welt umherzieht?“ Als der Admiral jenen Namen ausſprechen hörte, fing er unwillkürlich ſtark zu rauchen an, blickte ſinnend nach dem Himmel empor und erwiderte, ſobald der Laird ausgeſprochen:„O ja, Sir, gewiß— was werde ich denn die alte gute Polly nicht kennen?“ „So, alſo Sie rühmen ſie? Ha, das iſt mir lieb. Sagen Sie— es iſt wichtig für mich, es zu wiſſen — iſt ſie zuverläſſig— ich meine glaubwürdig— kann man ihr in wichtigen Punkten trauen?“ „Gewiß, Sir, ſie iſt die ehrlichſte Seele von der Welt, die mir je vorgekommen— und ich würde ihr in Allem vertrauen— ſo weit es wenigſtens mich ſelbſt betrifft.“ „So, das iſt mir lieb. Darf ich mir noch die Frage erlauben, Sir Colin, wann und wo Sie ſie kennen gelernt haben?“ „O, Mr. Hudgiſſon, das iſt eine rührende Ge⸗ ſchichte. Als ich ein neugeborenes Kind war und meine Eltern auf Meanach⸗Lodge am Shin⸗See lebten, ge⸗ ſchah es, daß ich, von Geburt an überaus ſchwächlich — ich muß auch damals ein eigenſiniger kleiner Burſche geweſen ſein— keinerlei Nahrung zu mir nehmen wollte, und daß ich ganz gewiß verhungert wäre, wenn 358 nicht der liebe Gott die Polly, die damals mit ihrem ſterbenden Mann im größten Elend durch die Welt zog, gerade nach Meanach⸗Lodge geführt hätte. Mit einem Wort, ſie ward in der Noth meine Amme, zum Schrecken meiner Mutter, die in ihrem leider zu hoch⸗ fahrenden Sinn dieſe Ernährung meiner kleinen Per⸗ ſon für etwas Schlimmeres als den Tod ſelbſt hielt. „In Meanach⸗-Lodge blieb nun die Polly, bis ich mehrere Jahre alt war, und lebte daſelbſt ſehr glück⸗ lich, glaube ich, da meine Mutter nur im Sommer einige Monate auf dem fernen Landſitze zubrachte. Als die Polly aber endlich von mir fort mußte, war ſie und ich gleich troſtlos, denn ich hatte die junge hübſche Perſon, die wie eine Mutter für mich ſorgte, herzlich lieb gewonnen. Seit jener Zeit nun verlor ich ſie immer mehr aus den Augen, ſah ſie nur ſelten, habe aber ſpäter öfter von ihr gehört. Ich ward Seemann, wie Sie wiſſen, und verlebte meine Jugend faſt nur auf Schiffen und in fernen Landen; nur höchſt ſelten kehrte ich auf einige Tage in mein elter⸗ liches Haus zurück, das mir auch eben keine großen Freuden bereitete. Die Polly aber vergaß ich nie, und je älter ich wurde und in meiner eigenthümlichen Lage im elterlichen Hauſe unſre gegenſeitige Zuneigung begreifen lernte, um ſo liebevoller dachte ich an ihr treues, ehrliches braunes Geſicht zurück. Sie verhei⸗ rathete ſich übrigens bald, nachdem ſie Meanach⸗Lodge verlaſſen hatte, lebte auch einige Jahre in Zufrieden⸗ heit, kam aber, nicht durch eigene Schuld, wie ich hörte, nochmals in's Elend und zog nun, ihr altes Noma⸗ denleben wieder aufnehmend, mit ihren zwei Enkeln im Lande umher.“ Der Admiral machte eine kurze Pauſe, und fuhr dann fort:„Leider hörte ich nur wenig von ihr und viele Jahre lang konnte mir kein Menſch von ihr Nachricht geben; ich trachtete aber ſtets danach, ihrer habhaft zu werden, um ſie dann in eine meinen Gefühlen für ſie entſprechende Lage zu bringen, allein— mein Bemühen blieb vergeblich,“ ſetzte der Admiral mit leiſerer Stimme hinzu.„Aber wo haben Sie ſie kennen gelernt?“ fragte er gleich darauf, indem eine lebhafte Spannung ſich inaſeinem wohlwollenden Geſichte malte. „Sie war vor mehreren Jahren bei mir in Durneß, und zwar— und zwar— in einer amtlichen Ange⸗ legenheit.“ 3 „In einer amtlichen Angelegenheit? Wie ſoll man das verſtehen?“. „Sir Colin, Sie verzeihen,“ ſagte der Laird lächelnd,„wie ſoll ich anders ſagen? Sie ſuchte mich in meiner Eigenſchaft als Richter auf, erzählte mir eine lange wunderbare Geſchichte und forderte mich auf, ihr— ihr Vermächtniß gewiſſermaßen, in Geſtalt einer mündlichen Ausſage anzunehmen und in einem gerichtlichen Documente niederzulegen, um es nach einer beſtimmten Zeit, welche ſie angab, den betreffenden Perſonen zu überliefern.“ „Ein Vermächtniß? In Geſtalt einer Ausſage? Ein gerichtliches Document? Das iſt ja ſeltſam? Was hatte ſie denn zu vermachen?“ „Sie verſtehen mich falſch oder ich habe mich viel⸗ leicht in dieſer delicaten Sache nicht ganz richtig aus⸗ gedrückt. Ich brauchte das Wort nur im figürlichen Sinn. Mit einem Wort: ſie vertraute mir ein Ge⸗ heimniß an— ein ſehr wichtiges Geheimniß, Sir Colin, wenn es auf Wahrheit beruht,— und welches, wenn es einſt in die rechten Hände geräth, ganz geeignet iſt, zu einem großen Prozeß Veranlaſſung zu geben.“ Der Admiral antwortete nicht gleich, er dachte lange und ſcharf, aber ohne Erfolg nach. Endlich ſagte er, ſeine Cigarre wegwerfend:„Das iſt ja höchſt ſelttam. Wann und wie ſoll oder kann es denn in die rechten Hände gerathen?“ „Nicht eher als bis Polly todt iſt, was mir ihre Enkel mittheilen ſollen, oder ſonſt in etwa einem Jahre, von heute an gerechnet.“ Der Admiral ſchüttelte verwundert den Kopf.— „Natürlich dürfen Sie nichts über den Inhalt jener Ausſage verlauten laſſen?“ „Nein, Sir Colin, natürlich nicht. Allein ich möchte doch wohl wiſſen, ob und wo die Polly noch lebt. Allerdings habe ich bis jetzt keine Nachricht von ihrem Tode erhalten— aber für mich iſ ſie ſo gut wie verſchollen. Wiſſen Sie vielleicht zufällig, ob und wo ſie lebt?“ Der Admiral ſchien von dieſer Frage einigermaßen überraſcht zu ſein.„Ich glaube,“ erwiderte er,„ſie lebt, wenigſtens hörte ich noch ganz vor Kurzem von ihr.— Aber Wen betrifft jenes Vermächtniß, dürfen Sie den Glücklichen, den ſie bedacht hat, auch nicht nennen?“ Der Laird lächelte ſtill vor ſich hin.„Am Ende doch, es iſt mir wenigſtens nicht verboten,“ entgegnete er.„Und da Sie ein Ehrenmann ſind, ſo will ich Ihnen die Perſon nennen, nur bitte ich mir ein Wort von Ihnen aus, daß Sie nämlich vor der feſtgeſetzten Friſt nicht in mich dringen wollen, Ihnen den Inhalt der Ausſage und des in meine Verwahrung gegebenen Do⸗ cumentes mitzutheilen.“. „Hier haben Sie Wort und Hand. Alſo Wen betrifft das Geheimniß?“ „Sie ſelbſt, Herr Admiral.“ „Mich? O!“ „Ja, Sie. Und viſſen Sie, ich glaubte ſchon, Sie hätten mich heute rufen laſſen, um mir die Frage vorzulegen, ob ich nicht ein Vermächtniß der Polly in Händen hätte, da ſie vielleicht geſtorben iſt, was Ihnen eher als mir bekannt geworden ſein konnte.“ „Ah, mein lieber Mr. Hudgiſſon, das war alſo der Grund Ihrer Befangenheit, die mir wohl aufge⸗ fallen iſt?“ „Das war er, ja; mich bedrückte die Sache un⸗ gemein, obgleich ich noch immer zweifle, daß die Polly mir die volle Wahrheit geſagt hat.“ „Was es auch ſei und Wen es betreffen möge, Polly hat nie die Unwahrheit geſagt, ſo viel ich weiß.“ „Das freut mich Ihretwegen, Sir Colin— doch da läutet die Glocke, gilt das uns?“ Der Admiral fuhr aus tiefem Nachſinnen auf. „Ja,“ ſagte er nach kurzem Aufhorchen,„es iſt die Speiſeſtunde bei mir— Punkt zwei Uhr— ich lebe für mich, nicht wie ein Londoner Herr, der nur thut, was Andere thun. Sie haben doch Appetit?“ „Vortrefflichen, Gott ſei Dank! Im Magen liegt meine Krankheit nicht.“. 1 * . f 1 ———— 363 „So kommen Sie. Aber nichts von Geſchäften, Prozeſſen, Vermächtniſſen und Documenten, Sir, wenn ich bitten darf, die Damen muß man mit dergleichen Dingen verſchonen.“— Es ging gegen Abend. Nach dem ziemlich hei⸗ teren Mittagsmahle hatte der Admiral mit dem Laird im Speiſeſaale geplaudert, die Damen waren in ihren Zimmern allein geblieben und ſchienen ſich in der Un⸗ terhaltung über die abweſenden Brüder und deren wahrſcheinliche Erlebniſſe auf Cap Wrath ganz leidlich zu vergnügen. Um ſechs Uhr, als die Witterung be⸗ reits auffallend ungünſtiger geworden, war der Laird abgeritten und der Admiral war, nachdem er ihn bis an die Thür begleitet, in die Bibliothek zurückgekehrt, wo er das Bedürfniß, allein zu ſein, nun endlich be⸗ friedigen konnte. Unterdeſſen hatte ſich der am Tage ſchon ſtark aus Nordweſten wehende Wind, allmälig wachſend, zu einem Sturm geſteigert, wie man ihn lange nicht ſo heftig an dieſen Küſten erlebt. Der Admiral, der ſonſt, aus Gewohnheit und Liebhaberei, auf jede Veränderung des Windzuges achtete, ſaß in ſeiner ſtillen Bibliothek und überhörte diesmal ſogar den Orkan. Ihn ſtörte Niemand. Die Damen hatte er bitten laſſen, ihn in 364 ihren Zimmern zu erwarten, und von der Dienerſchaft trat nur ſelten Jemand ungerufen bei ihm ein. Was that Sir Colin in den nächſten zwei Stunden gänz⸗ licher Einſamkeit? Was beſchäftigte ſein Inneres ſo ganz und gar, daß er die Außenwelt völlig vergeſſen zu haben ſchien? 1 Er dachte. Und was dachte er? Wir wollen es nicht zu errathen verſuchen, aber das Reſultat ſeines Nachdenkens war, daß er endlich aufſtehend zu ſich ſelbſt ſagte:„Ich kann nur wiederholen, daß es höchſt — höͤchſt ſeltſam iſt! Ich muß einmal zu meiner Alten gehen und ſehen, was ſie macht!“ Und als er bald darauf bei ihr eintrat, rief ſie ihm mit aufgeregter Miene entgegen:„Gott ſei Dank, theurer Herr, daß Sie endlich kommen! Sie ſind ſo lange nicht bei mir geweſen— und der Sturm heult ſo furchtbar— ach! aber wie ſehen Sie aus? Sie ſind ſo ernſt und trübe— was iſt geſchehen?“ Der Admiral ließ ſich wie erſchöpft in einen Seſſel ſinken und ſtarrte eine Weile ſprachlos vor ſich hin.„Ich habe Beſuch gehabt, Alte,“ ſagte er endlich, nund dieſer Beſuch hat mich nachdenklich gemacht. Wir wollen die Unterſuchung gegen Lawſon wieder auf⸗ nehmen und— und, Alte, Du haſt doch wohl mit Deinem Mißtrauen gegen ihn Recht gehabt. Ich 365 glaube es nun ſelbſt, daß er— daß er ein böſer Menſch iſt.“ „O, ganz gewiß iſt er das. Aber wer iſt denn bei Ihnen geweſen?“ Der Admiral hob raſch den Kopf in die Höhe, ſah die alte Frau mit ſeinen gutmüthigen Augen ſcharf forſchend an und ſagte mit lauter, eindringlicher Stimme: „Mr. Hudgiſſon aus Durneß war da!“ „Ah!“ ſtammelte die Alte.„Mr. Hudgiſſon, der Friedensrichter?“ „Derſelbe. Aber was geräthſt Du denn darüber in ſolches Erſtaunen? Kennſt Du ihn etwa?“ Die Alte ſchlug beide Hände vor's Geſicht und blieb ſo eine Weile ſtumm ſitzen.„Ja,“ ſagte ſie dann mit matter, zitternder Stimme,„ich kenne ihn und er iſt ein guter Mann. Als ich einmal vor Jahren an ſeinem Hauſe vorüberkam, ſprach ich ihn an und er gab mir nicht nur ein reichliches Almoſen, ſondern behielt mich auch zwei Tage bei ſich, was mir wieder Vertrauen zu der Menſchheit einflößte und in⸗ neren Frieden gab.“ „O, Beides muß man nie verlieren, wie hoch die Wellen der See auch gehen. Aber wie kamſt Du denn damals nach Durneß, ſo hoch in den Norden hinauf?“ „Auf meinen Streifereien durch das Land, theu⸗ rer Herr, als ich Sie ſuchte. Man hatte mir an ver⸗ ſchiedenen Orten geſagt, Sie kämen öfter in den Norden Schottlands, denn Sie liebten das felſige Stückchen Land.“. „O ja, ich liebe es ſehr— mein Land, und ich kam ſo oft hierher, als es ging.— Aber höre ein⸗ mal, Alte,“ fuhr er mit noch ſchärferem Blicke fort —„der gute Laird hat mir eine ſeltſame Nachricht mitgebracht.“ „Was denn für eine?“ flüſterte die Alte mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. „Freilich, eine beſtimmte Nachricht nicht, aber doch Weine mich tief bewegende Andeutung davon. Erräthſt Du es nicht?“ „Ich, theurer Herr? Nein, ich errathe es nicht. Wie ſollte ich dazu kommen?“ Und dabei fing ſie bitterlich zu weinen an. „Warum weinſt Du, Alte? Könnte ich Dich ver⸗ letzt haben?“ „Nein, nein, ach nein!“ „Nun denn, ſo ſprich. Oder haſt Du Grund, mir irgend Etwas zu verbergen? So ſprich doch, wir ſind ja allein— Du hatteſt ja ſonſt Vertrauen zu mir—“ 364 „Ich habe es auch noch,“ ſchluchzte die Alte, „weiß es Gott! Aber ach, ich kann ja nicht ſprechen, — es iſt noch nicht die Zeit dazu gekommen.“ „Wann kommt denn dieſe Zeit?“ „Vielleicht bald. Ich glaubte ſchon neulich, daß ſie da ſei— aber Gott hat es noch nicht gewollt.“ Der Admiral wollte eben etwas darauf erwidern, um wenigſtens ihren laut ausbrechenden Schmerz zu beruhigen, als er durch die melancholiſch wilden Klänge des Dudelſacks, die draußen auf der Terraſſe ertönten, unterbrochen wurde. „Was,“ rief er,„iſt es ſchon ſo ſpät, daß Mac Greenock bereits ſeine Muſik ertönen läßt? Richtig, hes iſt acht Uhr vorüber und die Sonne iſt unterge⸗ gangen. Aber halt, Alte, da fällt mir ein, ich habe ganz vergeſſen, Mac Greenock meine Aufträge zu ge⸗ ben. Wir wollen morgen nach der Smow⸗Höhle— wir ſehen uns noch— lebe wohl bis dahin!“ Und von einem anderen Gedankenfluge plötzlich erfaßt, ent⸗ fernte er ſich raſch, während die Alte, zwiſchen ihren Thränen lächelnd, ihm mit einem Blicke innigſter Liebe und Zärtlichkeit nachſchaute und dann die ge⸗ falteten Hände erhob, als wolle ſie Gott bitten, den theuren Herrn mit ſeiner höchſten Gnade zu ſegnen. ͤͤͤ—ͤ—ſſſſſ — 2 —— rer H ſchied Scho Land kam mal, mitg geſch eine Du Wie bitt letzt mir wir Der Admiral war mit ſchnellen Schritten nach der Bibliothek geeilt, die er noch immer leer fand, und ſandte von hier aus ſogleich einen Diener, um Mac Greenock herbeizurufen. Nachdem dieſer ſeinen gewöhn⸗ lichen Rundgang vollendet und ſein reich verziertes Inſtrument abgelegt hatte, trat er, noch naß von dem ſtrömenden Regen, der ſich in gewaltigen Schauern über Glory⸗Craig⸗Hall entlud, bei ſeinem Herrn ein, verbeugte ſich in ſeiner unterwürfigen Weiſe und lächelte dann vor Begierde, zu erfahren, was ſein Herr ihm ſo eilig zu ſagen haben möge. Der Admiral betrachtete eine Weile mit ſtillem Wohlgefallen die athletiſche Geſtalt des alten Hochlän⸗ ders, deſſen wettergebräuntes Geſicht den Ausdruck un⸗ erſchütterlicher Hingebung für Sir Colin trug, und der jetzt, wo ihm die langen braungrauen Haare, vom Sturme zerzaust, wild um Stirn und Schläfe fielen, einem alten Bären glich, deſſen menſchliches Herz aber von den Gefühlen zärtlichſter Ergebenheit überſchwoll. „Guten Abend, Mac Greenock!“ ſagte der Ad⸗ miral mit ſeiner gewöhnlichen freundlichen Milde. „Guten Abend, Sir Colin! Habe ich heute Abend bei dem Winde nicht laut genug gepfiffen und ge⸗ blaſen?“ „Vortrefflich, mein Alter, wie immer, doch das 369 iſt es nicht, warum ich Dich gerufen habe. Sag! einmal— Du kennſt ja wohl die Smow⸗Höhle?“ Der Alte grinste mit vollem Behagen und ſchlug mit der gewaltigen Rechten auf ſein nacktes Knie, das er zu dem Zwecke raſch in die Höhe zog.„Ob ich ſie kenne, Sir! Haha, ich habe ſie oft genug nach allen Richtungen durchkrochen und doch nicht die Schätze ge⸗ funden, die darin vergraben ſein ſollen.“ „Das mag ſchon Manchem ſo ergangen ſein, Alter. Doch höre. Auch ich will morgen die Höhle beſuchen — willſt Du mich und meine Begleiter dahin führen?“ „Ohne Frage, Sir Colin, herzlich gern.“ „So richte Alles dazu her; gieb auch dem Steuer⸗ mann James Auftrag, die große Schaluppe in Bereit⸗ ſchaft zu ſetzen und pack' zuſammen, was Du gebrauchſt, um meinen Gäſten die Wunder der Höhle zu zeigen. Haſt Du mich verſtanden?“ „Gewiß, und Punkt zehn Uhr— eher werden ſich die Wellen doch nicht beruhigt haben, wenn ſie es überhaupt thun— Punkt zehn Uhr ſoll Alles in Bereitſchaft ſein. Wieviel Perſonen wollen durch die alten Löcher kriechen? Das muß ich wiſſen, Sir Colin.“ „Fünf bis ſechs, denke ich.“ Mae Greenock nickte zuſtimmend und richtete dann wieder einen fragenden Blick auf ſeinen Herrn, der Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. II. 24 370 offenbar noch mehr auf dem Herzen hatte.„Höre, Alter,“ fuhr er auch gleich wieder fort,„jetzt will ich ein Wort im Vertrauen zu Dir reden. Du kennſt doch Lawſon, den Thurmwärter?“ 1 Mac Greenock riß die Augen weit auf, als ge⸗ wahrten ſie plötzlich ein wunderbares Schauſpiel, und indem er grimmig auf die Zähne biß und wieder auf ſein Knie ſchlug, daß es laut ſchallte, rief er mit dröhnender Stimme:„Ja, Herr Admiral, den kenne ich, wie ihn nur Einer kennen kann.“ „So. Von guter oder ſchlimmer Seite?“ „Nun, ich will nicht zu meinen Gunſten reden, Sir Colin, aber dem Lawſon, dem Schurken, habe ich nie getraut. Zwar hat er ſich bei Hoch und Niedrig, bei Reich und Arm, beliebt zu machen ge⸗ wußt und mit ſeinem Katzenſchwänzeln große Ehren erworben. Nun ja doch, ich gönne ſie ihm— aber eigentlich ſollte ein rechtlicher Mann das doch nicht thun. Er hat allerdings viele Menſchenleben gerettet, aber warum er das that, Sir, das iſt ein anderes Ding!“ Und er pfiff bei dieſen Worten unvillkürlich durch die Zähne, kniff die Augen zuſammen und nickte ſchlau dem Admiral zu. „Nun warum denn, wenn nicht, um ſie zu retten und vielleicht dafür einen Lohn zu empfangen?“ „O ja, den Lehn hat er ſich ſelbſt zu nehmen gewußt, aber darum allein hat er es ß nicht gethan.“ „Nun, warum denn— ſprich— wir ſind unter uns.“ „Ach, Herr Admiral,“ ſagte der alte ehrliche Bergſchotte faſt traurig und trat einen Schritt näher an ſeinen Herrn heran—„warum denn anders, als um die Stimme ſeines Gewiſſens zum Schweigen zu bringen? Denn, glauben Sie mir, man kann auch Gutes thun, um Böſes damit zu verdecken und aus der Welt zu ſchaffen. Und das hat der Lawſon ge⸗ than, ich kenne den Burſchen von Jugend an und habe, was man ſo ſagt, unter ſein Kilt geſchaut.“ „Ihr ſeid wohl nie gute Freunde geweſen?“ „Gute Freunde?“ Nein gewiß nicht, Sir Colin. Aber darum glauben Sie nicht, daß ich jetzt Uebles von ihm ſpreche. Die Mac⸗Gregors— und Lawſon iſt ein ſolcher— können nie mit den Mac Greenocks gute Freunde ſein, denn die Wöolfe vertragen ſich mit den Hunden nicht. Ich bin ein Hund, Herr, ich geſtehe es ein, aber Lawſon— glauben Sie mir, iſt ein Wolf von der allergefährlichſten Art. Fragen Sie nur die Alte da oben, die weiß es ſo gut wie ich.“ Der Admiral wollte ſo eben noch eine andere 24*. Frage an ſeinen Pfeifer richten, als ein Geräuſch an der Bibliothekthür und gleich darauf ängſtlich klingende Stimmen ſeine Aufmerkſamkeit ablenkten. Die Thür wurde ſodann haſtig aufgeriſſen und mit beſtürzten Geſichtern traten Georgy und gleich hinter ihr Martha ein, von denen die Erſtere lebhaft auf den Admiral zueilte und dadurch dem Geſpräche mit Mac Greenock ein vorzeitiges Ende bereitete. „O theuerſter Onkel,“ rief Georgy, ſtürmiſch ſei⸗ nen Arm ergreifend,„hier ſitzeſt Du ſo ſtill, ſo harm⸗ los— hörſt Du denn nichts?“ „Warum ſoll ich denn nicht hier ſitzen— was giebt es denn?“ fragte der Admiral, auf das Höchſte verwundert von ſeinem Stuhle aufſpringend. „Es wüthet draußen ein Sturi theuerſter Dnfel wie ich noch keinen erlebt— „Ein Sturm? Nun ja, Du haſt überhaupt noch nicht viele Stürme erlebt— aber was denn weiter?“ „Ach, Onkel, unſre Brüder ſind ja unterwegs und wo mag ſie das Unwetter ereilt haben?“ Der Admiral ſchaute wie aus einem Traume er⸗ wachend auf und that einen raſchen Sprung zum Fenſter hin.„Ah, es iſt wahr,“ ſagte er—„daran habe ich noch gar nicht gedacht. Alſo ſie ſind noch immer nicht wieder zurück?“ 373 „Nein, nein, und wir ſchweben Beide in tödtlicher Angſt um ſie.“ „Ich ſehe es,“ erwiderte der Admiral mit leuch⸗ tendem Auge und markiger Stimme, und plötzlich ver⸗ änderte ſich ſein Weſen in einer Weiſe, wie ſie Georgy noch nie an ihm wahrgenommen hatte.„Maec Gree⸗ nock!“ rief er mit der Stimme des auf dem Quarter⸗ deck ſtehenden Commandeurs—„komm, laß uns auslugen, was für ein Sturm es iſt, der da draußen durch unſer Takelwerk bläst. Wir kennen ja Beide dergleichen und fürchten uns nicht. Geduld, mekne Damen, Geduld, und behaltet den Kopf oben. Ein gutes Schiff hält auch den heftigſten Orkan aus! Gehet alſo in Euer Zimmer und erwartet mich da. Ich werde bald bei Euch ſein und dann wollen wir überlegen, wie wir unſre jungen Herren am beſten in's Schlepptau nehmen!“ Ende des zweiten Theils. — 4 R von Oswald Kollmann in Keipzig. Dru