1 3 —————= hbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4 laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und kkerägee lich 2 Büch 4 Wion 6 Büch ür wöchentlich cher: ücher: ücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und um Erſatz des Ganzen verpflichtet.— eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird BDer Peuchtthurm auf Cap Tlnath. Erſter Theil. Roman von Philipp Galen. Erſter Theil. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1862. —— Erſtes Rapitel. 4 Lord Thomas Lowdale und ſeine Familie. Wir erſuchen den freundlichen Leſer, in dieſem einleitenden Kapitel unſerer Erzählung einen kurzen Blick auf den ländlichen Norden Englands im Winter zu werfen, und wenn wir diesmal die Zeit der Hand⸗ lung nicht, wie ſonſt, mit einer beſtimmten Jahreszahl bezeichnen, ſo geſchieht es nicht etwa, weil wir den Leſenden darüber in Ungewißheit laſſen oder ſeiner Phantaſie einen freieren Spielraum gönnen wollen, ſon⸗ dern allein darum, um gewiſſe Thatſachen, die wir zu be⸗ richten haben werden, nicht allzugrell in den Vorder⸗ grund zu ſtellen, da ſie ohnehin die Zeit ihres Vor⸗ gehens nur zu deutlich an der Stirn tragen dürften. Es iſt alſo Winter und wir befinden uns in England auf dem Lande. Der Winter in England Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 1 auf dem Lande aber iſt ein ganz anderer als bei uns. Wir gemüthlichen Deutſchen ſuchen zu dieſer froſtigen Jahreszeit die ſchützenden Mauern unſerer Städte auf, 5 drängen uns möglichſt darin zuſammen, um der Unbill † der Witterung ſo beſſer zu entgehen und die Vergnü⸗ gungen der Geſelligkeit, die Genüſſe der Kunſt nach Gefallen auszubeuten; wir denken, wir arbeiten, ja wir„parlamentiren“ im Winter, nachdem wir den Stoff dazu im Sommer und Herbſt geſammelt. In den heißen Tagen dagegen, wenn die Strahlen der Sonne und der Staub unſre Straßen unerträglich machen, verlaſſen wir gern unſre dunſtigen Stuben, dann gehen wir in den grünen Wald, erklettern die romantiſchen Berge, freuen uns über den reinen blauen Himmel, athmen die ſüßen Düfte von Thälern und Fluren ein und hören mit wonneſchauerndem Herzen die Sänger des Waldes und Feldes ihren Lobgeſang in den ſonnenklaren Aether hinaufſchmettern. In England dagegen iſt es etwas ganz Anderes. Hier prangen die Parks, die Gärten, die Auen im Sommer faſt vergeblich in ihrem leuchtendſten Schmucke, die Blumen verblühen und verduften, ohne daß ſie das Auge ihres in der Ferne ſchweifenden Herrn ſieht; 4 die ſchönen Burgen und Schlöſſer mit ihren unzähli⸗ gen Schätzen und Sammlungen ſtehen leer und un⸗ 3 berührt, denn gerade in der beſten Jahreszeit drängt ſich der vornehme Brite in die ſtaubig heiße, von Menſchen und Rauch überfüllte Stadt, da arbeitet, — da politiſirt, da hält er ſeine weltbewegenden Reden, da endlich zeigt er ſich in ſeinem Reichthum und ſei⸗ ner Pracht, oder in ſeiner Seltſamkeit und Laune den Augen des neugierigen Publicums, das bei dem Glanze ſeiner hervorragenden Häupter und Cröſuſſe den eigenen Kummer, die eigene Noth vergißt und V ſeine meerumfloſſene Inſel für den Gipfelpunkt Euro⸗ pas, ſeine Nation für die erſte aller übrigen, ſeine Landsleute für die Vorkämpfer und Matadore der 4 Geſittung und Bildung hält. ₰ Hat das von Menſchen, Nebel, Rauch und Koth p fluthende London aber ſeine donnernden Reden gehört, den Anblick ſeiner in Gold, Geiſt und Spleen„ma⸗ chenden“ Helden genoſſen und haben dieſe ihre neuen Toiletten, Moden und Seltſamkeiten bis zum Ueber⸗ druß an den Tag gebracht, weht der kalte Weſtwind über die kahlen Stoppeln, dreht die Sonne dem ſtol⸗ zen Albion den Rücken und verſilbert der kühle Reif den üppigen Raſen, dann ſchüttelt der ſtolze Brite den 4 Staub von ſeinen Füßen, läßt ſeine Koffer packen und dampft und rollt und reitet hinaus in das freie Land, um beim brauſenden Herbſt⸗ und Winterſturme am . 1* 4 lodernden Feuer zu ſitzen, im Schneegeſtöber und Re⸗ genguß durch die Gebüſche zu kriechen und Füchſe zu hetzen, oder in ſeinem von Gold und Marmor ſtrotzen⸗ den Hauſe Nachbarn und Freunde zu bewirthen und mit ihnen zu ſpeiſen und zu zechen, bis der grauende Morgen mit hohlen Augen in die von Toaſten dröh⸗ nenden Fenſter ſchaut. So will es die unbezwingliche Mode, das unver⸗ brüchliche Herkommen, und weil es der Herzog, der Earl, der Viscount und der Baronet ſo treiben, ſo treiben es auch die zahlloſen kleineren Herren ſo, denn es wäre ein unverzeihlicher Verſtoß gegen die Heiligkeit des uralten Gebrauchs, man liefe Gefahr, für einen abtrünnigen Sohn Albions gehalten zu wer⸗ den, wollte man hierin nur um eines Haares Breite von der alle Jahre wiederkehrenden Ordnung abweichen. Auch in dieſem Punkte wie in tauſend anderen iſt der Brite ein Menſch des Vorurtheils, des blinden Befolgens alterthümlichen Herkommens, wie nicht min⸗ der der ſeltſamſten Widerſprüche und vollendetſten Abgeſchmacktheiten, und in ihm tritt leider nur zu oft der Menſch der Sitte, des Gemüths, ganz in den Hintergrund, während er alle übrigen Menſchen für Barbaren hält, wenn ſie das Leben und die Dinge des Lebens nicht durch ſeine ſeltſam gefärbte Brille —— betrachten— ja, wenn ſie auch nur die Gabel anders faſſen und halten, als er es unter ſeinen Landsleuten zu ſehen gewohnt iſt. Doch es dürfte wohl nöthig ſein, dem Leſer den Ort näher zu bezeichnen, an den er ſich auf kurze Zeit mit uns begeben ſoll. Es iſt die Grafſchaft Weſtmoreland im Norden Englands, etwa dreißig und einige Meilen*) von der ſchottiſchen Gränze entfernt, jene Grafſchaft, die durch ihre reizenden Seen, ihre ſchön geſtalteten Berge und Felſen, ihre Gärten und Bäume, ſo wie durch den Reichthum und die Fülle der Schlöſſer ihres alten Adels berühmt geworden iſt. Es iſt Abend und zwar der Abend eines der erſten Tage des eben begonnenen Neujahrs. Die Luft iſt faſt windſtill, aber kälter als man ſie in dem mil⸗ den Klima Englands zu lieben pflegt. Seit vierund⸗ zwanzig Stunden iſt die weite, im Sommer ſo lachende und grüne Landſchaft mit einer dunnen Schneehülle bedeckt, die unter dem klaren Sternenhimmel, der ſeine Glorie ſo eben über Thal und Berg entroollt, wie eine funkelnde Silberfläche leuchtet. Auch die mehr oder minder fernen Bergrieſen, die das lieb⸗ *) Es ſind hier und in der Folge, wenn das Wort Meile ohne Beiſatz gebraucht wird, ſtets engliſche Meilen gemeint, von denen etwa fünf auf eine deutſche gehen. 6 liche Thal umſchließen, glitzern mit ihren ſchneeigen Häuptern hoheitsvoll im zitternden Mondſtrahle;, der ſein helles Licht, von keinem Wölkchen beſchattet, über Nähe und Ferne breitet. Ringsum im hügel⸗ und baumreichen Parke, der das ſchöne Lowdale⸗Caſtle weit nach allen Seiten um⸗ zieht, herrſcht eine wohlthuende Stille; die zahmen Thiere, Hirſche und Rehe, welche denſelben in großen Schaaren bei Tage durchwandern und beleben, haben ſich ſchon lange in ihre warmen Stallungen zurückge⸗ zogen. Nur wenn man die unter ihrer ungewohnten Schneelaſt ſeufzenden Tannen betrachtet, die in male⸗ riſchen Gruppen die großen Raſenflecke zieren und ihre Aeſte und Zweige gleichſam voll duldender Erge⸗ bung zur Erde ſenken, bringt dieſe tiefe Stille den Eindruck melancholiſcher Trauer und Oede hervor; im Uebrigen iſt der Anblick, welchen die zum Theil hell⸗ erleuchteten Fenſter des einſamen Herrenſitzes gewäh⸗ ren, freundlich und einladend genug. Auf einer ſanft anſteigenden, mit dem ſchönſten Raſen bedeckten Anhöhe, von der herab mit feinſtem Kiesſande beſtreute Wege nach allen Richtungen in den meilenweiten Park führen, erhebt ſich in ſeinem alten feudalen Stolze und ſeiner ariſtokratiſchen Pracht das herrliche Schloß des Viscount von Lopdale. 7 Mächtig ſtreben die alten, grauen Quaderſteine, aus denen es erbaut, in zwei weitläufigen Stockwerken zu einer anſehnlichen Höhe empor, faſt auf allen Seiten von uralten Epheuranken umklammert, die, niemals durch irgend ein Hinderniß beſchränkt, faſt zu Bäu⸗ men mit fußdicken Stämmen herangewachſen ſind. Wie die Zwingburg eines mittelaltrigen Großen blicken ſeine mannigfaltig geſtalteten und reich ausgezackten Zinnen drohend und finſter weit in das freie Land hinein und auf die benachbarten Gebirgsketten hinaus, und nur der im Abteiſtyle in jüngerer Zeit hinzuge⸗ fügte Anbau, der die prächtige Eintrittshalle mit an⸗ tiken Statuen und ſonſtigen Sammlungen umſchließt, verleiht dem ernſten Ganzen einen milderen, man möchte ſagen, frommeren Anſtrich, obgleich die Fröm⸗ migkeit im reich geſchmückten Innern deſſelben, wenig⸗ ſtens in dieſer abendlichen Stunde, keine Vertreter finden dürfte. Der Beſitzer dieſes herrlichen Schloſſes und der dazu gehörigen Ländereien iſt einer jener reichen eng⸗ liſchen Nabobs, von denen wir ſchon oft ſo viel Inter⸗ eſſantes und Langweiliges, Natürliches und Unnatür⸗ liches, Alltägliches und Seltſames gehört und geleſen haben, deren Race auf den großen britiſchen Inſeln nie ausſtirbt, die ſich ewig neu recrutirt und von Zeit 2— — 8 zu Zeit, wenn ſie handelnd, redend oder faullenzend vor das Auge beobachtender Menſchen tritt, alle Welt vorübergehend in Staunen ſetzt. Allerdings gehörte Lord Lomdale nicht zu den zehn bekannten reichſten Familien Großbritanniens, er hatte keine Million Pfund jährlicher Einkünfte zu ver⸗ zehren, allein ein erkleckliches Einkommen von jährlich etwa zweimalhunderttauſend Pfund beſaß er gewiß, ohne jedoch damit auskommen zu können, was in dem ſelt⸗ ſamen England keine ganz ungewöhnliche Sache iſt. Wie dieſe Herren es anfangen, ſolche ungeheure Summen zu vergeuden, denn verzehren können ſie ſie nicht und ſie nützlich zu verwenden, beſitzen nur Wenige von ihnen das Geſchick, wie ſie ſogar noch obendrein Schulden auf Schulden häufen, weiß Gott allein, ſie ſelbſt wiſ⸗ ſen es vielleicht am wenigſten, da ſie weder von dem Werthe des Geldes einen Begriff, noch Einſicht in die Art und Weiſe zu haben ſcheinen, wie ſie von Hun⸗ derten ihrer Zugehörigen beſtohlen und betrogen werden. Viscount Lowdale nun bezog ſeine Einkünfte aus zahlloſen Beſitzungen in Cumberland, Weſtmoreland, Wales und Schottland, wo er überall herrliche Schlöſ⸗ ſer, Wälder und Felder beſaß, welche letztere in den Händen zahlreicher und angeſehener Pächter waren. Außerdem hatte er prachtvolle Wohnungen in London und Edinburg, und ob er vielleicht zuguterletzt noch manches Geld in induſtriellen Unternehmungen ange⸗ legt, wußte ſein Rentmeiſter in Lowdale⸗Caſtle beſſer und genauer als er ſelber. Was den Stammbaum des Viscounts betrifft, ſo war derſelbe ehemals ſehr weit und nach verſchiedenen Richtungen hin verzweigt geweſen, denn die Familie hatte eine beträchtliche Anzahl reich begüterter und durch Amt und Würden angeſehener Vorfahren gezählt, die häufig aus anderem als reinem engliſchen Blute ſtammten, wie dies bei vielen vornehmen und geringen britiſchen Familien der Fall iſt, ein Umſtand, dem gerade, wie der geiſtreiche Ethnograph Kohl ſagt, die Friſche, Geſundheit und Kräftigkeit der Engländer und die Schönheit ihrer Frauen zuzuſchreiben iſt, worin auch wir ihm unbedingt beiſtimmen müſſen. Gegen⸗ wärtig indeſſen war die Zahl der eigentlichen Fami⸗ lienglieder nur auf Lord Lowdale ſelbſt, ſeine beiden Kinder und einen unverheiratheten Bruder beſchränkt, der ſeinen Familiennamen aufgegeben und in Folge einer Erbſchaft einen andern angenommen hatte, wie das in England ſo häufig geſchieht. Zu dem normänniſchen, ſächſiſchen, nörwegiſchen und anderen Blute, welches ſich Jahrhunderte lang i die Adern der Lowdales ergoſſen, war nun zuletzt noch ein reiner Quell ächteſten ſchottiſchen Blutes gekom⸗ men, denn des jetzigen Viscounts Mutter war die Tochter eines vollblütigen ſchottiſchen Lords und Clan⸗ häuptlings geweſen, die ihrem Gemahle große Capi⸗ talien und außerdem Beſitzungen zugebracht, die trotz ihrer hohen nordiſchen Lage ganz geeignet waren, einem armen beſitzloſen deutſchen Grafen den bitterſten Neid zu erregen. Außer dieſen Beſitzungen aber hatte den gegenwärtigen Lord dieſe Verbindung ſeines Vaters mit der Ausſicht auf den Titel eines Earls, ſogar wenn er alt genug dazu wurde, auf den eines Her⸗ zogs bereichert, eine Ausſicht, die beiläufig Mylord Lowdale's Hoffnung und einziges Streben ausmachte, denn Rang, Titel und Reichthum kann ſelbſt ein eng⸗ liſcher Großer nie genug auf dieſer titel⸗ und genuß⸗ ſüchtigen Erde erringen. Nach allem dieſen, ſollte man meinen, hätte un⸗ ſer guter Lord mit einer gewiſſen Dankbarkeit und Liebe auf dieſe ſchottiſche Mutter— die außerdem noch viel mehr für ihn gethan, als wir zu erwarten berechtigt ſind— und ihre Mitgift blicken ſollen, allein dem war durchaus nicht ſo. Geld und Güter hatte er allerdings gern und mit ſcheinbarem Danke angenommen, aber daß dieſelben von Schottland ge⸗ kommen, erregte nur zu oft ſeinen ganzen Vorrath von Galle— und der war gerade nicht klein— und die Bitterkeit derſelben trübte leider ſehr häufig das herrliche Bewußtſein ſeiner Macht und ſeines Reich⸗ thums, denn das arme, unſchuldige Schottland war ihm, wie vielen ſeiner vornehmen Landsleute, ein Stein des Anſtoßes in ſeinem ſonſt ſo glatten Leben, Schottland liebte er durchaus nicht,— ob allein aus jenem ſo häufig in England gefundenen und nur auf Eitelkeit und Nationalſtolz begründeten Borurtheile, oder auch ob aus perſönlichen Gründen— das wird uns hinreichend die Folge lehren. Aus dieſem Grunde beſuchte er auch ſeit vielen Jahren nicht mehr ſeine ſchönen ſchottiſchen Beſitzun⸗ gen, er ſchien ſie ganz vergeſſen zu haben, und wenn ihn der Zufall oder eine vorübergehende Nothwendig⸗ keit daran erinnerte, war er den ganzen Tag verſtimmt, und wer ihm in dieſer Stimmung in den Weg trat, etwa mit einer Bitte oder einem Wunſche, der konnte im Voraus auf eine kauſtiſche und ganz gewiß ab⸗ ſchlägige Antwort gefaßt ſein. Dieſer Widerwille und die Geringſchätzung, die bisweilen ſogar in einen deutlich wahrnehmbaren Haß gegen das Vaterland ſeiner Nten an den erſten beſten Käufer verhandelt hätte, wären rtete, ging ſo weit, daß er ſeine Beſitzungen daſelbſt um jeden Preis —————ÿ—ᷣ—ꝛ—ÿO————n—— . 12 ihm in dieſer Beziehung die Hände durch gewiſſe Fa⸗ milienverhältniſſe nicht gebunden geweſen, und der Advocat, der ihm die Mittel geliefert, die Verbindung mit jenem Lande für immer und gänzlich zu löſen, hätte auf große Dankbarkeit bei dem Viscount rechnen können, obwohl derſelbe ſonſt kein allzugroßer Verehrer und Befolger dieſer edelſten aller Tugenden war. Nicht um ſich für dieſe geringe Zuneigung zu ihnen und ihrem Lande zu rächen, vielmehr um ihren eigenen Gefühlen Rechnung zu tragen, erwiderten die Schotten, über welche Viscount Lomdale zu gebieten hatte, ieſe Abneigun gmit gleicher Münze, das heißt, ſie liebten ihren gnädigen Herrn ganz und gar nicht, im Gegentheil, ſie fürchteten und vermieden ihn auf jede Weiſe, und nur der dringendſte Nothfall konnte einen ſeiner ſchottiſchen Pächter bewegen, Sr. Lord⸗ ſchaft Nachſicht und Gnade perſönlich in Anſpruch zu nehmen. Ja, ſie enthielten ſich ſogar nicht, in gehei⸗ men Unterredungen gegenſeitig das Geſtändniß abzu⸗ legen, daß wenn zu der Zeit, als Viscount Thomas Lowdale die Erbſchaft ſeines Vaters antrat, noch die alten 1 ena dn im Schwunge geweſen wären wie vor hundert Jahren, ihm leicht hätte begegnen können, was auch anderen unbeliebten Söhnen ver⸗ ſtorbener Stammhäupter begegnet war, daß nämlich 13 der ganze Clan ſich gegen ſeine Erhebung geſträubt und an ſeiner Stelle ſeinen viel geliebteren Bruder Colin, den jetzigen Admiral, Sir Colin Cameron, zum Häuptling gewählt haben würde. Wir ſprachen vorher von einer gewiſſen Stim⸗ mung Lord Lowdale's, uns in der That, dieſe bittere Stimmung, nicht allein gegen Schottland, ſondern auch gegen ſich ſelbſt und alle Welt, nahm bei ihm ſeit einer Reihe von Jahren zum Erſtaunen ſeiner ganzen Umgebung einen immer trüberen und unheim⸗ licheren Ausdruck an. In ſeiner Jugend jenem in England nur zu beka muth geneigt geweſen, der„ dals den Haupt⸗ und Angelpunkt der m blichen Geſellſchaft zu betrachten liebt, er ließ nicht ungern Geringeren gegenüber ſeine ganze Macht und Herrlichkeit in ein grelles Licht treten, er ſpiegelte ſich gern im Glanze ſeines Reichthums, in der überſtrömenden Fülle ſeines irdiſchen Glücks, und nun, bei vorgerücktem Alter, wurde er bisweilen ſehr ſtill, nachdenklich, ja bedrückt, oder er fiel jäh aus einem Extrem in's andere: jetzt aufbrauſend und ſtolz, ſank er plö⸗ gleichſam tief gedemüthigt, in ſich nu un und das geſchah am häufigſten, wenn er eben unerwartet an ſeine ſchottiſche Abſtammung, ſeine Mutter, über⸗ haupt an ſeine Verbindung mit Schottland erinnert wurde. Und merkwürdig genug! Gleichſam als wolle ihn das Verhängniß für dieſe ſeltſame Abneigung, dieſen Ausdruck eines unnatürlichen Widerwillens beſtra⸗ fen und nur noch häufiger an die verhaßte Abſtam⸗ mung erinnern, hatte es ihm ganz gegen ſeine und die allgemeine Erwartung eine ſchottiſche Gemahlin beſchieden. Wie das zugegangen war, hat ſich Lord Lündale ſelbſt nie ganz klar machen können, und auch vor der Hand annehmen, daß es eben llsneine ſeltſame und unerklärliche Fü⸗ gung gew noch, eine wie große Quelle von Unmuth aus r Ehe für den Lord hervorſpru⸗ delte— das größte Uebel derſelben, eine wahre Fülle von Elend, war nicht ihm ſelbſt, vielmehr der ſchotti⸗ ſchen Gemahlin zu Theil geworden. Dieſe arme Frau hatte in ihrem kurzen Leben nur einen Irrthum be⸗ gangen und war demſelben zum Opfer gefallen— eben daß ſie Lord Lowdale zu ihrem Gatten und Be⸗ ſchützer gewählt. Als Tochter des reichen Lord Reay, mit großer köxperlicher Schoͤnheit, geiſtigen Vorzügen und bereits des Herzens begabt, hatte ſie das Schickſal gehabt, aus verſchiedenen Gründen zwei ſehr verſchieden begabten Brüdern zugleich zu 15 gefallen, denn Lord Lowdale hatte, wie wir ſchon an⸗ gedeutet, noch einen Bruder, den wir ſpäter noch ge⸗ nauer kennen lernen werden. Welchem von beiden ſie eigentlich ihre Neigung geſchenkt, wurde ihr leider nur zu ſpät klar. Entſchieden und Jedermann erklärlich, begünſtigte ſie anfangs den jüngeren Bruder, der da⸗ mals nur ſelten in ihre Nähe kommen konnte, da er als Seeoffizier oft von ſeinem Vaterlande entfernt ſein mußte; aber der Umſtand, daß Mr. Thomas Londale der ältere Bruder, alſo der Erbe ſeines damals noch lebenden Vaters war, fiel bei ihren Verwandten und Rathgebern zu ſchwer in die Wagſchaale und ſo ward ſie, ohne völlig frei in ihren Entſchließungen zu ſein, die Frau eines Mannes, dem ſie, wenn ſie glücklich werden wollen, niemals hätte zu nahe kommen ſollen. Erſt nachdem ſie einige Jahre an ſeiner Seite oder vielmehr in ſeinem Hauſe gelebt, ſeinen Charakter, ſeine Selbſtſucht, ſeine geiſtige Trägheit und ſeinen nationalen Dünkel kennen gelernt und dabei erfahren, daß es für ihn nichts Gleichgültigeres auf der Welt gebe, als eine junge Frau voll warmer Gefühle und Zärtlicher Regungen, erkannte ſie mit tödtlichem Schrecken, daß Thomas Lowdale nicht die Achtung und Neigung eines liebenden Weibes verdiene, und daß alle Schätze der Erde und alle Titel und Würden der Welt nicht im Stande ſeien, ein empfindſames Herz zu befriedi⸗ gen und mit irdiſcher Wonne zu füllen. Nachdem ſie dann zwei Kindern das Leben gegeben, fühlte ſie ſich von ihrem kurzen Erdendaſein erſchöpft; ſie empfahl ihre Kinder in einem flehenden Gebete Gott und in einem aus vollem Herzen quellenden Schreiben dem d der unwandelbaren Liebe des jüngeren d— ließ ſich in mit ihrem kalten Edelmuthe un Bruders ihres herzloſen Gatten un die koſtbare Gruft betten, welche Marmor ſchwer auf ſo Vielen lag, die einſt ihren Namen getragen, aber gleich ihr die Sorgen und Täuſchungen dieſer Welt nun glücklich überwunden hatten. 8 Doch, kehren wir wieder zu Lord Lowdale zurück, der ſchon lange vor der Gattin, auch Vater und Mut⸗ ter begraben, aber ſowohl des Einen wie der Anderen Exiſtenz in ſeinem neuen berauſchenden Leben nur zu bald vergeſſen hatte. Er war ſo recht in der That ein Typus jener von der Natur ſo verſchwenderiſch bedachten— nicht begab bobs, die dem Zufall: Eltern zu ſein, Alles verdanken. eſen, er hätte nichts als den einfachen geborene gewe Namen ſeines Vaters und die paar Gnadenpfennige erhalten, ten— großbritanniſchen Na⸗ der erſtgeborene Sohn ihrer Wäre er der Nach⸗ die ihm das Wohlwollen ſeines älteren — —— ————— 17 Bruders zugeworfen. Durch ſich ſelbſt wäre er nun und nimmer irgend etwas Nennenswerthes geworden. Er hatte von der Natur, wie geſagt, weder Talente, noch ſonſt eine erwähnenswerthe Gabe empfangen, keine Fähigkeit ſtand ihm zu Gebote, mittelſt deren er ſich aus dem Sumpfe des alltäglichen Lebens zu einer anſehnlichen Staffel menſchlichen Erdenglücks em⸗ porarbeiten hätte können. Sein läſſiger Geiſt, nachdem er alles irdiſche Gute genoſſen, was er mühelos zu erlangen ſo glücklich geweſen, wäre zweck⸗ und planlos durch das Leben gewandelt und er wäre ein namen⸗ loſer, unbekannter Menſch geblieben, wie es deren auf dieſer Welt wie Sand am Meere giebt. So hatte er nichts gelernt und nie zu arbeiten und zu denken verſtanden. Und wie ſein Geiſt träge und ſtumpf, ſo war ſein Herz kalt und lieblos geblie⸗ ben, inmitten der Fülle verlockender Anregungen, die ihm wie ſelten einem Sterblichen das reiche Leben ge⸗ boten. Was um ihn her vorging— in politiſcher Beziehung that er wenigſtens durch ſeine Anweſenheit, durch Ja⸗ und Neinſagen ſeine Schuldigkeit— was um ihn her vorging in geſelligen Kreiſen, in Kunſt, Wiſſenſchaft und Andeſe in der Entwicklung der Völker und Nationen wie des Einzelnen— er nahm keine Notiz davon. Ob ſeine e Pachter zufrieden waren Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 2 18 oder nicht, ob ſie praßten oder darbten— es machte ihm nie die geringſte Sorge. Ob er mit ſeinem Reich⸗ thum nützen, ob er der Welt oder einem Einzelnen damit eine Wohlthat erweiſen konnte, das war nie eine Frage geweſen, die ſein Blut auch nur eine Minute in Wallung geſetzt. Er lebte, weil er gerade lebte und weil ihm das Leben einmal als eine zu genießende Gabe von der Vorſehung zu Theil geworden war; und um wenigſtens anſtändig und angenehm zu leben, beutete er alle Genüſſe aus, die ihm ſeine Mittel zu verſchaffen im Stande waren, ohne ihm jedoch die geringſte Mühe zu verurſachen. Mühe! Ach, war es nicht ſchon mühſelig genug, ſich zu Bett zu legen und am hellen Mittag wieder aufzuſtehen, ſich von einem ungeſchickten Kammerdiener ankleiden, in den Wagen heben zu laſſen und herumzufahren durch den abſcheulichen Nebel, den kalten Regen und den unaus⸗ ſtehlichen Wind, um weiter nichts, als um ſich von den dummen Geſichtern des vorbeikeuchenden Volkes anglotzen zu laſſen? War es nicht mühſelig genug, in der Hitze nach London zu reiſen, den langweiligen Parlamentsſitzungen beizuwohnen und Ja oder Nein zu ſagen, wobei man doch das Eine oder Andere bis⸗ weilen in Erwägung ziehen mußte? Ferner, war s nicht mühſelig, die endloſen Auseinanderſetzungen ſei⸗ 19 nes Rentmeiſters anzuhören und mit, über die Faul⸗ heit der Menſchen ſchaudernder Haut zu vernehmen, daß dieſer oder jener Pächter mit zwanzig Pfund in Rückſtand geblieben? Oder wohl gar mit den Er⸗ ziehern ſeiner Kinder— die gelehrten Unſinn ſchwatzen — ein paar Worte zu reden, dieſer Kinder, deren raſches Wachsthum an Körper und Geiſt ihn zu ſei⸗ nem Schrecken alle Tage daran erinnerte, daß die Jahre ſeines eigenen Lebens eins nach dem andern ſchwänden und dabei die Mühſeligkeiten immer zahl⸗ reicher würden?— Wir glauben genug von unſerm erhabenen Lord geſagt zu haben, um ihn hinreichend zu kennzeichnen, das Weitere wird der Verlauf unſerer Erzählung thun, wir wollen daher nur noch einige Worte über ſeine Kinder hinzufügen, bis wir ſie ſpäter ſelbſt in Augen⸗ ſchein nehmen werden. Die Kinder des Lords, ein Knabe und ein vier Jahre jüngeres Mädchen, waren vortreffliche Kinder, auf die jeder Vater in jeder Beziehung hätte ſtolz ſein können, aber wenn ſie auch das Gegentheil ge⸗ weſen wären, dieſen Vater hätte es nicht aus ſeiner apathiſchen Ruhe gebracht, da er ſich aus ſeiner Toch⸗ ter gar nichts und aus ſeinem Sohne nur inſofern etwas machte, als er dermaleinſt der Erbe ſeiner 9* 2 „mit ſo vieler Mühe erworbenen“ Titel und Reich⸗ thümer werden ſollte. Lionel, der Sohn und einſtige Erbe, wurde ſo⸗ wohl durch den aus der Ferne wirkſamen Einfluß ſeines Oheims, Colin Lowdale, wie durch die mit den Abſichten dieſes edlen Mannes übereinſtimmenden Wünſche ſeiner Mutter ſchon in früheſter Jugend den Händen eines Mannes überliefert, der vollkommen geeignet war, den Geiſt und die Neigungen eines gutgearteten Knaben auf die beſten Wege zu lenken und ihn auf ſeine einſtige Beſtimmung, nicht allein ein ſo großes Vermögen zu beſitzen, ſondern es auch nützlich anzuwenden, würdig vorzubereiten. Es geſchah dies auf die verſtändigſte, einfachſte und natürlichſte Weiſe, indem der wackere Erzieher dem lenkbaren Kna⸗ ben frühzeitig ſchon die Liebe zum Guten, Schönen und Wiſſenswerthen beibrachte, ihn zum Wohlthun gegen Aermere anleitete und ihn aller Ueberhebung und jedes Hochmuths entkleidete, in welchen Kinder vornehmer und reicher Eltern leider nur zu oft zu verfallen pflegen. Die Studien des klaſſiſchen Alter⸗ thums, die in England weit früher begonnen werden, als bei uns, weit mehr in das Leben dringen und nicht allein das Eigenthum der gelehrteren Stände bleiben, erfüllten mit ihren göttlichen Geſtalten und 21 erhabenen Beiſpielen ſchon im Knabenalter ſeinen ſtrebſamen Geiſt, aber der verſtändige Erzieher ſorgte dafür, daß ſein Schüler kein einſeitiger Nachbeter grie⸗ chiſcher und römiſcher Cultur und Sprache wurde, ſondern den Geiſt derſelben in das moderne Leben übertrug und vor allen Dingen die Fortſchritte des Wiſſens und Leiſtens der Gegenwart ſich zu eigen machte. So lernte Lionel ſchon früh Vieles und Gutes, und tootz ſeines reichlichen theoretiſchen Wiſſens war er doch den practiſchen Disciplinen am lebhafteſten zugeneigt. Darum wäre er auch am liebſten Seemann geworden und dazu trug wohl nicht minder die er⸗ folgreiche Laufbahn des Oheims, als ſein längerer Aufenthalt in der Nähe der nördlichen Küſten ſeiner Heimat bei, wo er damals häufiger als in ſpäteren Jahren mit dem weitgereisten Oheim dusanantuaß Allein an die Erfüllung dieſes Wunſches durfte er nur im Stillen denken. Als einziger Sohn und Erbe eines großen Beſitzes war er auf einen ſtilleren Kreis des Wirkens und Schaffens angewieſen, und wenn er hier auch genügend ſeinen Neigungen folgen mochte, ſo lag die See mit ihrem abenteuerlichen und gefähr⸗ lichen Leben doch den Plänen ſeines Vaters viel zu fern, der ſchon damit genug gethan zu haben glaubte, 22 daß er ſeinem Sohn geſtattete, in der Nähe der Mut⸗ ter und, deren Wunſche gemäß, in ihrem geliebten Schottland zu leben. 3 Lady Lowdale nämlich hatte ſich in den letzten 8 Jahren ihres Lebens nach ihrem Lieblingsaufenthaltsort im Norden ihrer Heimat, nach Meanach⸗Lodge am Shin⸗See zurückgezogen, und mit ihres Gemahls Be⸗ willigung waren ihr die Kinder mit den Erziehern und Lehrern dahin gefolgt. Auch nach dem bald erfolgten Tode der Mutter blieben Jene daſelbſt und ſogen hier aus den unverlöſchbaren Jugendeindrücken die Liebe zu ihrem ſchönen Vaterlande ein, welchem auch der Oheim, wie alle in den Bergen Geborenen, mit gan⸗ zem Herzen ergeben war. Lord Lowdale kam damals noch häufiger nach den ſchottiſchen Hochlanden als ge⸗ genwärtig und er ſah ſeine Kinder wenigſtens alle Jahre einmal auf einige Wochen, wo er bisweilen auch mit ſeinem Bruder zuſammentraf, der ſeine Urlaubs⸗ ferien ſtets auf ſeinem Privatgute an der Nordküſte Schottlands verlebte. Die beiden Geſchwiſter, Lionel und Georgiana, auf dieſe Weiſe von dem hochtrabenden engliſchen Glanz⸗ und Stadtleben abgeſondert, auf ſich und ihre nächſte vertraute Umgebung angewieſen, faßten ſchoen frühzeitig eine ungemein zärtliche Neigung zu einander, 23 ſo daß man ſie in allen freien Stunden beiſammen ſah, wie ſie denn auch viele ihrer Studien gemein⸗ ſchaftlich betrieben. Erſt als Lionel in's Jünglings⸗ alter getreten war und mit ſeinem Erzieher die Uni⸗ verſität Oxford bezog, fand die erſte, Jahre dauernde Trennung ſtatt, die beiden Theilen die größten Schmer⸗ zen verurſachte. Indeſſen waren beide Geſchwiſter in der friſchen Luft des Nordens zu geſunden und kräf⸗ tigen Geſtalten herangereift, und wie Lionel unter ſeinen Studiengenoſſen allgemein bewundert ward und für einen der hoffnungsreichſten Studenten galt, ſo wurde Georgy im weiten Umkreiſe ihrer Heimat für das ſchönſte und blühendſte Mädchen gehalten, welches ſich je in den hochländiſchen Seen geſpiegelt hatte und durch die hochländiſchen Berge gewandelt war. Was nun die Studien Lionel's insbeſondere betrifft ſo war derſelbe natürlich nicht auf ein beſonderes Feld darin angewieſen. Er betrieb ſie nur, um ſeinen Geiſt im Allgemeinen zu bereichern und ſo viel des Wiſſenswerthen wie möglich in ſeinem Kopfe aufzu⸗ ſpeichern. Allein ſchon nach wenigen Jahren fand er aus eigener Anſchauung, daß die enggezogenen Kreiſe des Lehrens und Lernens in Opford, noch dazu auf eine höchſt ſteife und pedantiſche Art betrieben, ſeinen Erwartungen keineswegs entſprächen, und er ſehnte 24 8 ſich hinaus in eine freiere Welt, in eine allgemeinere Anſchauung der Dinge und Perſonen, und namentlich wollte er erfahren, nicht allein wie die auf dem Ko⸗ thurn einherſtolzirenden Engländer, ſondern wie auch andere, leichter und geiſtig freier ſich bewegende Na⸗ tionen die Welt, und was in ihrem Rahmen geſchah, betrachteten. Da war es denn vor allen Dingen das im Leh⸗ ren und Lernen ſo eigenthümlich glücklich begabte Deutſchland, welches den jungen ſtrebſamen Mann auf ſeine berühmten Academieen lockte, und nachdem er durch wiederholte Bitten von ſeinem Vater, der nie ein anderes Land als England und Schottland geſe⸗ hen und zu ſehen für nöthig erachtet, die Erlaubniß dazu erhalten, begab er ſich mit ſeinem Erzieher auf Reiſen durch Frankreich nach Deutſchland.. Erſt nach mehreren Jahren kehrte er vollauf be⸗ friedigt und von höheren Lebensplänen begeiſtert, nach Hauſe zurück, holte ſeine theure Schweſter, die ſo lange in Schottland verweilt, nach Weſtmoreland und blieb mit ihr eine Zeitlang bei dem Vater daſelbſt, da ſein Oheim damals als Contre⸗Admiral und Befehlshaber einer anſehnlichen Flottenabtheilung in den oſtindiſchen Gewäſſern kreuzte. Allein ſelbſt das ſchöne Weſtmoreland und der Umgang mit den Freunden und Gefährten ſeines Va⸗ ters genügten dem feiner entwickelten Geiſte des jun⸗ gen Weltbürgers nicht lange, er hatte eine lebhaftere Bewegung friſch aufkeimenden Lebensathems in Deutſch⸗ land kennen gelernt, das ſchon damals ſeiner langſa⸗ men Wiedergeburt hoffnungsvoll entgegenging, und ſo kehrte er noch einmal dahin zurück, um im Umgange mit den achtbarſten Gelehrten der größten norddeut⸗ ſchen Univerſität ſeine Lieblingsſtudien weiter verfol⸗ gen zu können. Noch einen Blick müſſen wir nun, bevor wir zu unſrer Erzählung zurückkehren, noch auf das Verhält⸗ niß werfen, in welchem die Kinder des Lords s zu ihrem Oheim, dem Admiral, ſtanden, und dann auf dieſen ſelbſt vorläufig ein kleines Streiflicht fallen laſſen. Je kälter nämlich mit den zunehmenden Jahren die Beziehungen zwiſchen Viscount Lowdale und ſeinen Kindern wurden, je weniger regen Antheil Erſterer an der Entwicklung der letzteren, an ihren Neigungen und Beſtrebungen nahm, und je mehr ſie ihm ſogar im Laufe der Zeiten entfremdet worden, um ſo dringen⸗ der fühlten ſie ſelbſt das Bedürfniß nach dem Verkehr und der Liebe eines ihrer Blutsverwandten, an denen ihre nur auf wenige Augen beſchränkte Familie an und für ſich ſo arm war, und ſo war es kein Wun⸗ 26 der, daß ihre ganze Neigung um ſo zärtlicher dem wackeren Oheim zufiel, der ſich jeden Augenblick ge⸗ neigt zeigte, die Kinder ſeiner einzigen Jugendliebe, die dieſe ihm ſogar in der Todesſtunde als ein theu⸗ res Vermächtniß anvertraut, mit liebenden Armen zu umfaſſen und in der That und Wahrheit ihr Vater und Rather zu ſein, da der wirkliche Vater es nach allen ſeinen bisherigen Handlungen und ſeinem an den Tag gelegten Charakter nur dem Namen nach zu ſein ſchien. Und in dieſer Beziehung war die Liebe der jungen Leute auf den richtigen Mann gefallen. Der ehemalige Colin Lowdale, der von einer kin⸗ derloſen Schweſter ſeiner Mutter ein kleines Beſitzthum mit einem Schlößchen nebſt düſteren Wäldern, Felſen und Abgründen im äußerſten Norden der Hochlande ererbt und damit den Namen Sir Colin Cameron an⸗ genommen hatte, war ein Menſch, wie er ſelten ſo rein und unbeſcholten, ſo wacker und edel unter den Erſten ſeines Volkesngefunden werden dürfte. Als jüngerer Sohn von ſeinem Vater vernachläſſigt, von ſeiner ſchönen Mutter nie geliebt, faſt gehaßt— aus Gründen, die wir noch genauer zu entwickeln haben werden—, von ſeinem hübſcheren Bruder, dem ſtolzen Erben, kaum beachtet und in der Jugend wenigſtens über die Maaßen geringgeſchätzt, hatte er ſich früh⸗ 27 zeitig aus dem elterlichen Hauſe fortgeſehnt. Ein fer⸗ ner Verwandter von Einfluß, dem ſeine Neigung zur See bekannt geworden, hatte ihn zur Marine gebracht und Colin hatte ſich ſeinem neuen Dienſte mit einem Eifer und einer Ausdauer gewidmet, die frühzeitig ihre Früchte trugen und ihn ſogar aus einem überaus ſchwächlichen und hinfälligen Knaben zu einem friſchen Jüngling und wenigſtens dauerhaften Manne machten. Aber nicht allein fleißig, unermüdlich im theoretiſchen Studium ſeiner ſchönen Wiſſenſchaft, war er auch ein Menſch der That geworden, und, furchtlos jeder Ge⸗ fahr in's Auge blickend, hatte er ſchon als Midſſhip⸗ man Lorbeern errungen, die ihm den Neid aller Kameraden und die Achtung aller Vorgeſetzten er⸗ warben, wovon ein raſches Avancement die nächſte Folge war. 1 Aber je raſcher Colin eine Stufe nach der andern erſtieg, je höher ihn ſeine Vorgeſetzten achteten, je mehr er von der Welt ſah und je reicher der Schatz ſeiner Erfahrungen wurde, um ſo eigenthümlicher ent⸗ wickelte ſich der Charakter und das Gemüth dieſes mit ſo herrlichen Eigenſchaften ausgeſtatteten Ehren⸗ mannes. Von Natur mit einem überaus warmen Herzen begabt, wandte der ſtrebſame Seemann ſeine ganze Neigung dem Wohle der ihm untergebenen 28 Menſchheit zu, und alle ſeine ſparſamen Mittel, ſowohl die von der Tante ererbten, wie die ihm ſein Dienſt eintrug, benutzte er nicht zum eigenen, ſondern zum Beſten Derer, die in näherer Beziehung zu ihm ſtan⸗ den, wenn ſie ſeines Beiſtandes bedurften, und hatte er ihrer Noth abgeholfen, dann theilte er den kleinen Reſt noch hülfsbedürftigen Fremden mit. Als ſein Vater ſtarb und ſein Bruder Thomas Viscount Lowdale wurde, überwies ihm dieſer, in einer Anwandlung von alle Welt überraſchender Großmuth, eine Rente von dreitauſend Pfund; Colin aber, zu ſtolz, um ein Almoſen aus der Hand des übermüthi⸗ gen Bruders anzunehmen und überdieß ſeiner eigenen Hände Werk vertrauend, wies die Rente zurück, indem er ſein Einkommen zu ſeinem Leben und ſeinen Zwecken für genügend erklärte. Daß hierdurch die geringe Neigung zwiſchen den beiden Brüdern, wenigſtens auf Seiten des Lords, nicht zunahm, verſteht ſich bei dem hochfahrenden Weſen deſſelben von ſelbſt. Von jetzt an bekümmerte er ſich eben ſo wenig um den„prahleriſchen Admiral im Ei,“ wie er ihn nannte, als er ſich um ſeine Kin⸗ der bekümmert, hatte aber in ſeiner gleichgültigen Lauheit nichts dagegen, daß das Verhältniß jener bei⸗ den Parteien immer inniger und herzlicher ſich ge⸗ “ 29 29 ſtaltete. Erſt in viel ſpäterer Zeit erhielt der jüngere Bruder in den Augen des älteren eine viel höhere Bedeutung, und dürfte der Grund davon mit ein Hauptmotiv unſrer Erzählung bilden, weshalb wir hier noch nicht darüber ſprechen dürfen. Indeſſen, wie die Gefühle des Lords für ſeinen Bruder danach be⸗ ſchaffen ſein mochten, ob er ihn zu fürchten oder zu achten Urſache hatte, Sir Colin Cameron war als Linienſchiffscapitain vor ſechs Jahren nach Indien ge⸗ ſegelt und, wie es ſchien, war noch längere Zeit keine Ausſicht vorhanden, daß er von ſeinem dortigen Poſten, wo unterdeſſen der Krieg ausgebrochen, zurückkehren werde. In dieſer Beziehung konnte alſo der Lord beru⸗ higt ſein, und als er vor zwei Jahren die Kunde ver⸗ nahm, Sir Colin ſei nach einem blutigen und ſieg⸗ reichen Gefechte gegen die rebelliſchen Sikhs zum Contre⸗Admiral der Großbritanniſchen Flagge in den oſtindiſchen Gewäſſern ernannt, zuckte er mitleidig die Achſeln, brummte einige unverſtändliche Worte vor ſich hin, die ſo viel als:„Hol' ihn der Teufel!“ bedenten mochten, und reiste von London, wo er gerade war, nach dem einſamen Lowdale⸗Caſtle ab, um dem Hände⸗ ſchütteln der ihm über ſeines Bruders Avancement Glückwünſchenden eiligſt aus dem Wege zu gehen. 30 Mittlerweile waren beide Brüder alt und grau ge⸗ worden und Lord Lowdale zählte zu der Zeit, wo wir ihm zum erſten Male in Lowdale⸗Caſtle begegnen werden, ſechsundfünfzig Jahre, ein Lebensalter, über deſſen unvermerkt erſtiegene Höhe er natürlich nicht überaus glückſelig war. Für Lionel und Georgy Lowdale war die lange Abweſenheit des Admirals ein Gegenſtand des tiefſten Bedauerns; ſechs lange Jahre hatten ſie ihn nicht ge⸗ ſehen und jedes Jahr wuchs ihre Sehnſucht, ſein edles Antlitz wieder zu erblicken und die warme Hand eines Ehrenmannes zu drücken, der Ihnen ſchon in den Kinderjahren mehr Liebe und Zärtlichkeit, als der eigene Vater im ganzen Leben erwieſen hatte. So ſtanden im Allgemeinen die Dinge, als wir an jenem Winterabende das ſchöne Lowdale⸗Caſtle in ſeiner Einſamkeit liegen ſahen, und was ſich im Ein⸗ zelnen bis dahin im Schooße der Familie begeben, werden wir aus dem Verlauf dieſes Abends erfahren, zu deſſen Schilderung wir nun im nächſten Kapitel ſchreiten müſſen. Zweites Rapitel. Das Geneſungsfrühſtück und der unheilvolle Briefbeutel. Es mochte etwa acht Uhr Abends ſein, als die Stille, die auf der nächſten Umgebung Lowdale⸗Caſtle's lag, durch eine von Außen kommende Störung unter⸗ brochen wurde. Von der Südſeite her, in der Rich⸗ tung des zunächſt gelegenen Städtchens, ließ ſich der Hufſchlag eines galoppirenden Pferdes vernehmen und alsbald wurde ein einzelner Reiter ſichtbar, der ver⸗ ſchiedene feſtverſchloſſene Ledertaſchen an ihren Riemen um Bruſt und Schulter trug. Es war der jugend⸗ liche Poſtbote, der nach Lowdale-Caſtle und den um⸗ liegenden Ortſchaften und Pachtungen regelmäßig Abends acht Uhr ſeine Depeſchen brachte und die Antworten darauf Mittags zwölf Uhr am anderen Tage wieder abholte. Der kleine Reiter wußte ſehr genau 32 Beſcheid auf dem gräflichen Gute und ſo ſprengte er auch diesmal flüchtig an der großen Eintrittshalle des ſtattlichen Herrenſitzes vorüber, lenkte ſeinen muthigen Klepper vor die Rückſeite deſſelben und hielt hier end⸗ lich vor einem Pförtchen, deſſen metallenen Klopfer er ſogleich in heftige Bewegung ſetzte. Alsbald that ſich auch die Thür auf und ein Diener erſchien, um ihm den Briefbeutel abzunehmen und Mr. Drummond, dem Rentmeiſter und Sachwalter Mylords, zu überreichen, der in der Regel auf Low⸗ dale⸗Caſtle wohnte, aber ſeinen Herrn auch häufig nach anderen Orten, wenn derſelbe ſeinen Aufenthalt dahin verlegte, begleitete, um jeden Augenblick bereit zu ſein, ſämmtliche Geſchäfte abzuwickeln, die Sr. Herr⸗ lichkeit etwa der Zufall in den Weg werfen könnte. Mr. Drummond war vollkommen vertraut mit Viscount Lowdale's Angelegenheiten, privaten ſowohl wie öffentlichen, und es gab wohl nur wenige Dinge in des Letzteren Leben, von denen er nicht wenigſtens einige Kunde gehabt hätte. Mylord Lowdale hatte auch alle Urſache, dem alten Diener, der als der Sohn eines anſehnlichen Pächters ſeines Vaters, in früheren Jahren ſein Spielgefährte geweſen war, volles Ver⸗ trauen zu ſchenken; derſelbe leitete und ordnete Großes wie Kleines nach dem Wohlgefallen ſeines Herrn, eig 1 33 33 nete ſich nur auf höchſt anſtändige Weiſe den biswei⸗ ligen Ueberfluß deſſelben an und ſtand Tag und Nacht zu ſeinen Befehlen, wiewohl damit keine nennenswerthe perſönliche Anhänglichkeit an Seine Lordſchaft verbun⸗ den war, der es, Dank ſeiner herriſchen Gemüthsart, ſeiner Launen und Hartherzigkeit, verſtanden hatte, alle ſeine Untergebenen, die ihm gern mit Leib und Seele zugethan geweſen wären, nach und nach von ſich abwendig zu machen. Um ſo herzlicher dagegen war Mr. Drummond der Familie des Viscount zugeneigt; für Linny und Georgy, wie die vertrauteſten Diener unter ſich die Kinder des Lords nannten, wäre er durch's Feuer ge⸗ gangen, und für den ſchon ſo lange abweſenden Ad⸗ miral hegte er Gefühle der tiefſten Ehrerbietung und der ungeheucheltſten Bewunderung. Ob alſo Mr. Drummond mehr im Intereſſe aller dieſer Perſonen oder ob er aus Pflichtgefühl in Bezug auf die ihm anvertrauten Geſchäfte ſo überaus thätig und arbeit⸗ ſam war, mag dahingeſtellt bleiben, jedenfalls zog er für ſeine Perſon nicht den Kürzeren dabei, er war ſchon lange ein wohlhabender Mann und Beſitzer eines kleinen Gutes, das er ſeinem Schwiegerſohne über⸗ geben hatte, da er ſelbſt aus alter Gewohnheit den Dienſten des reichen Viscount nicht entſagen mochte. Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 3 — Mr. Drummond nahm an dieſem Abend aus den Händen des Lakaien den ziemlich gefüllten Brief⸗ beutel mit althergebrachtem würdigen Schweigen ent⸗ gegen, öffnete ihn mit dem ihm anvertrauten Schlüſ⸗ ſel, las die Aufſchriften der Briefe, machte bei einigen mit ironiſchem Lächeln ſeine ſtillen Bemerkungen und wandte ſich dann mit gleichgültiger Miene an den war⸗ tenden Lakaien, indem er ihn fragte: „ Wie weit ſind die Herren im Speiſeſaal?“ „Sie werden bald fertig ſein, Mr. Drummond, denn ſie ſind ſchon längſt bei den Rüſſen!“ lautete die Antwort, und bald darauf zog ſich der Mann, der ſie geſprochen, wieder zu ſeinen anderweitigen Geſchäf⸗ ten zurück.— Begeben wir uns nun auf die vordere Seite des Schloſſes und nähern uns ſo den prachtvollen Ge⸗ mächern, welche der Herr deſſelben bewohnte und worin er jetzt ſeine Gäſte bewirthete. Wenn wir die Vorgänge darin auch nicht genauer zu muſtern beab⸗ ſichtigen, ſo muſſen wir ſie doch wenigſtens oberfläch⸗ lich aus der Ferne betrachten, um im Allgemeinen von den Verhältniſſen des Tages unterrichtet zu werden. L 5 So erſteigen wir denn die ſorgfältig vom Schnee geſäuberten Marmorſtufen der Eingangshalle und ſtel⸗ len uns einige Augenblicke unter dem hohen Spitzbogen 35 der halb offenen Vorhalle auf. Von hier aus konnte man durch den bei Tage durch eine Glaskuppel er leuch⸗ teten Empfangsſe aal, deſſen Niſchen mit koſtbaren an⸗ tiken Statuen oder⸗ deren Nachbildungen ausgeſtattet waren, auf die in dieſem Augenblick der Schein zahl⸗ loſer Wachskerzen fiel, bis in den dahinter liegenden Banketſaal blicken. Dieſer war ein mäßig doßer, ſehr hoher und faſt quadratförmiger Raun I, deſſen polirtes Eichenl holz⸗ getäfel im Widerſcheine dreier mit grünen Wachsker⸗ zen reich beſteckter Kryſtallkronen lebhaft blitzte. An den zwölf gewaltigen S Strebepfeilern, welche die mit ſeltenen Stuccaturen bekleidete gothiſche Decke ſtützten und um den freien Mittelraum eine Art Säulengang bildeten, erblickte man kunſtvoll geordnete Waffengrup⸗ pen, Wappen und ſonſtige dem Hauſe eines ſo reichen und vornehmen Mannes Schmuck und Zier verleihende Dinge. In dieſem behaglichen Raume nun, den die Flammen zweier großer Kamine von dunkelfarbigem Granit angenehm erwärmten, ſtand ein ungeheurer maſſiver Speiſetiſch, ebenfalls von polirtem Eichenholz, und darum ſaßen auf hochlehnigen, ſchön geſchnitzten Seſſeln zwölf bis ſechszehn Herren, deren übereinſtim⸗ mende Tracht: ſhnn achrothe Fracks, weiße Lederhoſen und Stul penſtiefel mit Sporen verrieth, d daß ſie ſämmt⸗ 3* 09 36 lich nach Vollendung einer gemeinſchaftlichen Jagd ſich hier um den gaſtlichen Tiſch Viscount Lowdale'’s ver⸗ ſammelt hatten. Es war ein ſolennes Gabelfrühſtück, welches dieſe Herren mit vortrefflichem Appetite und noch größerem Durſte einnahmen; daſſelbe hatte um zwei Uhr Nach⸗ mittags begonnen und ſchien eben jetzt gegen acht Uhr Abends ſein Ende erreichen zu wollen. Die reich gekleideten und, damit auch ja kein Laut ihrer Tritte auf dem mit dicken orientaliſchen Teppi⸗ chen bedeckten Boden hörbar wäre, weich beſchuhten Diener hatten ſich ſchon lange zurückgezogen; ſie ſaßen oder ſtanden träge plaudernd in den Vorzimmern, tran⸗ ken hier und da, wie die Herren, ihr zu rechter Zeit in Sicherheit gebrachtes Fläſchchen, und nur dann und wann rief einen oder den andern von ihnen der Klang zeiner ſilbernen Schelle in das Tafelzimmer zurück, um ihn zu veranlaſſen, ein paar neue Flaſchen von dieſer oder jener Sorte herbeizubringen. Auf der ſpiegelblanken Tiſchplatte ſelbſt ſtand ein auserleſenes Deſſert in ſilbernen Schüſſeln und Kör⸗ ben. Südfrüchte aller Art lockten mit ihrem lieblichen Dufte den Appetit der Tafelnden heraus, Rüſſe wur⸗ den geknackt, Mandeln zerdrückt und Flaſchen von allen Farben und Geſtalten rollten auf maſſiv ſilber⸗ ſſſ“ 2— 57 nen, kleinen Wagen auf der glatten Platte hin und her, bald dieſem bald jenem Herrn einen friſchen Vor⸗ C◻ rath des verführeriſchen Inhalts zuzuführen. Schon draußen vor der Halle, deren Thüren mit⸗ telſt geſchliffener Spiegelfenſter jetzt im Winter ver⸗ ſchloſſen gehalten wurden, deren ſchwerſeidene Vorhänge aber an dieſem Abend zurückgeſchlagen waren, konnte man ein verworrenes Geräuſch von mehr laut durch einander ſchreienden als redenden Stimmen, gemiſcht mit ſchallendem Gelächter vernehmen. Gott Bacch us hatte ſchon längſt ſeinen ſchalkhaften Umzug gehalten und mit ſeiner gemüthlichen Fackel die empfänglichen Herzen der trinkenden Herren in Brand geſetzt. Witz⸗ worte und Geſpött, humoriſtiſche und ſarkaſtiſche Aus⸗ rufungen, flogen hinüber und herüber, das anfängliche 3 Lächeln und Lachen war ſchon in ein wildes Gejauchze übergegangen, wenn hie und da ein treffendes Schlag⸗“ wort fiel, und laute Hurrahs folgten ſchließlich raſch auf einander bei den zahlloſen Toaſten, die die über⸗ fließenden Lippen der göttlich angehauchten Gäſte hören ließen. Geſundheiten wurden auf Geſundheiten aus⸗ gebracht; dazwiſchen kam die Politik auch dann und wann zur Geltung, über Frauen und Mädchen in Lon⸗ don— glücklicher Weiſe war keine Dame im ganzen großen Hauſe— wurde gewitzelt und gehechelt, kurz, 38 man beſprach und belachte Alles und Jedes— nur von dem eigentlichen Zweck und der Veranlaſſung die⸗ ſes„göttlichen“ Frühſtücks ſprach kein Menſch und doch war dieſelbe eine ſehr ernſte und wichtige und— wie man annehmen muß— auch eine ſehr angenehme für den Gaſtgeber ſelber. Geben wir dieſe ernſte und wichtige Veranlaſſung hier mit wenigen Worten an. Wie wir wiſſen, war der Sohn Lord Lowdale's nach Deutſchland gegangen, um ſeinem inneren Triebe genugzuthun und mit Männern von Ruf und Bildung in innigeren Verkehr zu treten, als durch Briefwechſel möglich war. Dreiviertel Jahre waren ſeitdem ver⸗ ſtrichen und von Zeit zu Zeit waren, weniger an den Viscount als an die zurückgebliebene Schweſter gerich⸗ tet, über das Wohlbefinden des Reiſenden befriedigende Briefe eingetroffen. Da plötzlich, ungefähr vor zwei Monaten, lief ein Schreiben von dem Diener Lionel's ein, daß ſein junger Herr bedenklich erkrankt, ja daß zu fürchten ſei, derſelbe werde dem Nervenfieber, das ihn ergriffen, erliegen. Man habe den vornehmen Patienten in ein ſehr comfortables Krankenhaus ge⸗ 5 bracht, wo ihm allerdings die beſte Pflege von Seiten des Arztes und der Krankenpfleger zu Theil werde, allein er, der Schreiber dieſes, ſei dennoch außerordent⸗ — 39 lich beſorgt und faſt außer Stande, dieſe Beſorgniß noch länger allein zu ertragen. Dieſes Schreiben rief in Lowdale⸗Caſtl e, wo es alsbald anlangte, eine große Beſtürzung hervor; der Vater des Kranken gerieth in ſichtbare Unruhe, am meiſten aber litt die zärtlich beſorgte Schweſter und nach kurzem Bedenken trug ſie dem Lord die Bitte vor, ſie mit ihrer Geſellſchafterin, ihrer ehemaligen Er⸗ zieherin, einer vortrefflichen alten T Dame, nach Deutſch⸗ land reiſen und ſich perſönlich nach dem Befinden des geliebten Bruders erkun ndigen zu laſſen. Lord Lowdale gab dieſer natürlichen Bitte ſo⸗ gleich Gehör, um ſo lieber, als er nun ſelbſt von der „ſo langweiligen“ Reiſ e befreit wurde, auf deren Un⸗ vermeidlichkeit Nr. Drummond ſchon wiederholt ange⸗ ſpielt hatte. Lady Georgiana reiste alſo nach Deutſch⸗ land ab und traf den Bruder ſo ogar kränker, als ſie erwartet, allein ihre ſchriftlichen Ausſagen über ſeine Pfleger ſtimmten vollkommen der Meinung des treuen Dieners bei, und ſo gab auch ſie einige Hoffnung auf baldiges Beſſerwerden. Drei Tage nach Blaf dieſer Nachricht jedoch lief eine neue ſchlimmere ein. Lionel war dem Tode nahe und ſomit wenig Hofruug vorhanden, ſein Le⸗ ben erhalten zu ſehen. Acht Tage ſpäter aber kamen 40 raſch nach einander zwei günſtigere Meldungen und endlich vor etwa vier Wochen die völlig beruhigende, daß Lionel dem Leben erhalten ſei und der Geneſung ſichtbar entgegenſchreite. 3 Lord Lowdale athmete auf. Nun brauchte er an kein feierliches Begräbniß mehr zu denken, wobei er doch jedenfalls die Hauptrolle hätte ſpielen müſſen. Sein einziger Sohn blieb ihm überdieß erhalten und ſeine Hoffnung auf eine legale Fortpflanzung des al⸗ ten Stammbaumes war nicht vergeblich geweſen.. Die Kunde von der gefährlichen Erkrankung des Erben hatte ſich durch Zeitungen und Privatmitthei⸗ lungen wie ein Lauffeuer unter den näheren und fer⸗ neren Bekannten der Lowdale'ſchen Familie verbreitet und es langten von allen Seiten Erkundigungen und theilnehmende Aeußerungen auf dem Gute in Weſt⸗ moreland an. Als nun aber die Geneſung des Kran⸗ ken allmälig vorſchritt, erſchienen alle Tage Glückwün⸗ ſchende in Perſon auf Lowdale⸗Caſtle, drückten dem Vater die Hand und ſprachen unverholen ihre Freude über die günſtige Wendung der Dinge aus. Daß Beſuche in der Nachbarſchaft, lange vorher angeſagte Jagden, Diners und Soupers während der traurigen Tage des Zweifels und der Beſorgniß um 3 34 3 den abweſenden Kranken, nicht ganz von der Hand gewieſen werden konnten, verſteht ſich bei dem genuß⸗ ſüchtigen Viscount von ſelbſt, ja einige angenehme Zerſtreuungen waren ihm vielleicht jetzt nothwendiger denn je. Er ſpeiste ſtets und überall mit dem beſten Appetit und ritt munter auf die Fuchsjagd vor wie nach, wie es einmal in ſeiner Heimat im Winter ge⸗ bräuchlich war. So kam es denn auch, daß ſeine am lebhafteſten theilnehmenden Nachbarn ihn durch Winke und Wünſche veranlaßten, eine Geneſungsfeier zu veranſtalten, und daß Mylord nicht abgeneigt war, denſelben zu will⸗ fahren, haben wir bereits erfahren, o bwohl d as Feſt ſelbſt erſt ſtattfand, nachdem die Wiederherſtellung des Sohnes ſchon ziemlich lange erfolgt war.— Das Geneſungsfrühſtück war zu Ende und die Lakaien meldeten den im Speiſeſaal auf den Seſſeln lehnenden und gähnenden Herren, daß die Wagen vor⸗ gefahren ſeien und die Pferde geſattelt vor der Thür ſtänden. Es erfolgte ein allgemeiner plötzlicher Auf⸗ bruch, denn es gab nun nichts mehr zu genießen in Lowdale⸗Caſtle, was ein längeres Abwarten bei über⸗ vollem Kopf und Magen gerechtfertigt hätte. Die Gäſte ſchüttelten daher ihrem Wirthe die Hände und der Wirth ſchüttelte ſie ihnen wieder, mit einer Um⸗ ſtändlichkeit, einem Eifer und einer Wärme, daß man hätte glauben ſollen, eine unendliche Liebe verbinde die Herzen und man trenne ſich nur ſchwer von den gaſtlichen Pforten des edlen Herrenhauſes. Endlich war auch der letzte Händedruck ausge⸗ tauſcht und einer der Gäſte nach dem andern verſchwand durch die breite Glaspforte der Statuenhalle, die da⸗ bei eine ſo kalte Luft hereinließ, daß der zurückblei⸗ bende Hausherr vor Froſt ſchauerte und ſich ſo ſchnell wie möglich in die Tiefe des Speiſeſaales zurückzog, um am hellen Kaminfeuer ſich wieder in einen behag⸗ licheren Zuſtand zu verſetzen. Viscount Lowdale ſtand hier einige Minuten allein und ſchaute mit gläſernem Auge auf die ver⸗ odete glänzende Tiſchplatte, um die noch eben ſo fröh⸗ lich lärmende Gäſte verſammelt geweſen waren. Die vielen Kerzen der ſchimmernden Kryſtallkronen warfen ein helles Licht auf den einſamen Mann und wir ha⸗ ben ſomit die beſte Gelegenheit, ihn bei dieſer ſtrah⸗ lenden Beleuchtung unſrer Betrachtung zu unterwerfen. Wie alt Viscount Lowdale war, wiſſen wir ſchon; auch ſah er eigentlich nicht älter aus, obgleich eine gewiſſe Läſſigkeit oder Mattigkeit in der Haltung er⸗ kennen ließ, daß er ſtark und raſch gelebt habe. Er war ein Mann von ziemlich kräftigem Körperban, mit⸗ telgroß, aber fleiſchig und voll, namentlich in der Ge⸗ . 43 gend, auf deren Füllung und Befriedigung ſein Koch ſo viele Mühe verwandte. Die Jägerkleidung, in der auch er vor unſre Augen tritt, ſtand ihm nicht übel, er bewegte ſich frei und untadelhaft darin, jedoch, dünkt uns, hätte dieſer etwas ſchwer bewegliche Mann noch beſſer ausgeſehen, wenn er in weniger ſtrahlende Farben gekleidet geweſen wäre. Vor allen Dingen aber müſſen wir ſeinen Köpf und ſein Geſicht betrachten, denn beide geben ja im⸗ mer den Hauptmaaßſtab ab, weß Geiſtes Kind ein Mann und Menſch iſt, mag er vornehm oder gering, reich oder arm, alt oder jung ſein. Der Kopf nun war groß, voll und rund und wurde ſteif, vornehm und mit übertriebenem Selbſtgefühl getragen. Von einem kahlen, glänzenden Schädel, der nur an beiden Seiten von einem dünnen, grauen und künſtlich ge⸗ kräuſelten Haarwuchs eingefaßt war, lief eine unge⸗ heuer hohe und breite Stirn herab, die in einer ſtark entwickelten, aber nicht unſchönen Naſe mit weit ge⸗ blähten Flügeln endigte. Das Geſicht war überaus fleiſchig, die Hautfarbe mit Ausnahme der weißen Stirn ſtark gebräunt und namentlich jetzt, wo Bacchus auch ihm ſein Siegel aufgedrückt, von einem lebhaften Tone angehaucht. Seine Augen waren groß, hellblau und ſchienen in einem kleinen See wäſſriger Feuchtig⸗ 45 wiſſermaßen ſtolz darauf, ihn nicht zum Durchbruche, zur vollen Entwicklung ſeiner Macht haben kommen zu laſſen. Man wundere ſich nicht über letzteren Ausſpruch. Aber es ſind uns ſchon oft im Leben dergleichen Men⸗ ſchen aufgeſtoßen. Sie gehörten ſämmtlich einer be⸗ ſtimmten, auf excluſivem Standpunkt ſtehenden, oder zu ſtehen ſich einbildenden Klaſſe an, die ſich etwas zu Gute darauf thut, daß ſie ſich nicht zu bemühen brauche, Kenntniſſe zu ſammeln, wie ſie ihrer Meinung nach jeder Bauernſohn ſammeln kann, wenn er dazu angehalten wird, und Fähigkeiten zu äußern, die nur für Menſchen erforderlich ſind, die ihre Stellung in der Welt zur Arbeit und zum mühſeligen Erwerbe zwingt. Für's Erſte genüge dieſe Schilderung Lord Low⸗ dale's; ſein Charakter wird ſich nur zu bald aus ſei⸗ ner Handlungsweiſe genauer entwickeln. Nachdem er nun einige Minuten am Feuer geſtanden und nament⸗ lich„die Kehrſeite ſeines Ichs“ der wohlthätigen Ein⸗ wirkung der Flamme ausgeſetzt hatte, wurde ſeine Ein⸗ ſamkeit durch ſeinen erſten Kammerdiener William un⸗ terbrochen, der in der Thür erſchien und einen fragen⸗ den Blick auf ſeinen Herrn warf. Lord Lowdale verſtand dieſen ſtillen und kundigen keit zu ſchwimmen. Die vollen Wangen waren glatt geſchoren, eben ſo Kinn und Oberlippe, nicht die ge⸗ ringſte Spur von Bart zeigte ſich auf dem ganzen Geſicht. Die ſtarken Lippen des ziemlich großen und nicht gerade edlen Mundes verriethen Sinnlichkeit und Genußſucht und die vortrefflichen Zähne entſprachen dem maſſiven Bau des Unterkiefers, der unter dem Kinn in einer etwas fetteren Unterlage endete, als für die Schönheit eines menſchlichen Geſichts durchaus noth⸗ wendig iſt. Im Ganzen war es ein Geſicht, das keinen wohl⸗ thuenden Eindruck hervorbrachte; es war zu ſtark, um edel, der Ausdruck darin zu hochfahrend, um Vertrauen erweckend zu ſein und es ſchien, als ob unter der glatten Oberfläche dieſer feinen Haut, die ſich oft zu einem gleißneriſchen Lächeln verzog, ein zweites ver⸗ decktes Geſicht laure, als ob in der Tiefe dieſes blaß⸗ blauen, kalten, waſſerreichen Auges eine nicht ganz frei von Schuld ſich fühlende Seele ſchlummre, die doch mit eiſerner Hartnäckigkeit den wohlbekannten Irr⸗ thum feſthält, den begangenen Fehler nur zu über⸗ tünchen bemüht iſt, und als ob der von der Natur in das Innere dieſes Kopfes gepflanzte Geiſt mit egojſtiſcher Verblendung in abſichtlichen Feſſeln gehal⸗ ten würde, gleichſam als ſei der Beſitzer deſſelben ge⸗ 46 Blick, er hielt es aber nicht der Mühe werth, ein Wort an den Mann zu richten; er erhob nur ein we⸗ nig die Hand und deutete damit über die Schulter nach einem benachbarten Zimmer hin. Auch der Diener verſtand ſogleich den erhaltenen Wink, nahm eine Flaſche von der verödeten Speiſe⸗ tafel, ein blitzendes reines Kryſtallglas, fügte ein ſil⸗ bernes Körbchen mit Feigen und Mandeln hinzu und trug alle dieſe Gegenſtände, leiſe wie ein Schatten da⸗ hingleitend, in Mylords Privatzimmer. Kaum war er jedoch den Augen ſeines Herrn ent⸗ ſchwunden, ſo geruhte derſelbe ſich ebenfalls in Be⸗ wegung zu ſetzen und, anfangs etwas ſchwankend, dann aber bald ſich in ſeine gewöhnliche gravitätiſche Hal⸗ tung zwingend, folgte er dem Diener mit vornehmer Gemächlichkeit nach.* Dieſer langſame Gang durch die lange Reihe prachtvoller Zimmer in ſeinem ſchönen Schloſſe hatte etwas Charakteriſtiſches an ſich. Die Füße Mylords traten etwas ſchwer und unſicher auf, aber ſie glitten dennoch unhörbar über die weichen Teppiche fort, die den getäfelten Fußboden aller Säle bedeckten. Von den vielen noch brennenden Kerzen faſt tageshell er⸗ leuchtet, lagen alle dieſe glänzenden Raͤume in prunk⸗ voller und doch ſchweigſamer Herrlichkeit, und als Vis⸗ 7 count Lowdale träge durch einen nach dem andern wandelte, bald hier, bald da ein erhabenes Kunſtwerk menſchlichen Fleißes und Genies gleichſam mit Gön⸗ nermiene überflog, lächelte er befriedigt, als fühle er wohl, wie reich, wie erhaben über ſo vielem ſterb⸗ lichen Geſindel er als Beſitzer dieſer Schätze ſei, und als wolle er ſagen oder denken:„Wer kann mir Etwas anhaben— bin ich nicht ein glücklicher, ein beneidenswerther Mann?“ Nur einmal hielt er auf dieſem langen Gange in einem der am hellſten erleuchteten Zimmer an, nicht etwa, um ein bevorzugtes Kunſtwerk genauer zu be⸗ trachten, nein, um ein ganz anderes Meiſterſtück in näheren Augenſchein zu nehmen, das in ſeinen Augen wenigſtens das größte von allen vorhandenen war— ſeine eigene Geſtalt und ſein eigenes hochherrliches Geſicht. Obgleich in den engliſchen Schlöſſern nur wenige Spiegel gefunden werden und nicht wie in Frankreich, und theilweiſe auch in Deutſchland, alle Zimmer im Ueberfluß damit verſehen ſind,*) ſo gelangte Mylord — nᷓ»jᷓddddd *) In der Regel findet man in England, mit Ausnahme des Ankleidezimmers, nur einen Spiegel über dem Kamin in die Wand eingefügt, der überdieß wegen ſeines ſchwer zu erreichen⸗ den hohen Standpunkts wenig oder gar nicht zur Beſichtigung zu brauchen iſt. 2 48 doch, bevor er die ebenfalls erleuchtete Bibliothek er⸗ reichte, in ein Gemach, in welchem ein großer koſt⸗ barer venetianiſcher Trumeau in eine Wand einge⸗ laſſen war, um ein gegenüberhängendes Bild mit einem majeſtätiſchen Waſſerfall wirkungsvoll wieder⸗ zugeben. Vor dieſem Spiegel blieb er ſtehen, bevor er vorüberſchritt, denn es kam ihm vor, als ſchreite ihm aus dem Glaſe ſeine eigene Geſtalt in ganzer Größe und Vollendung entgegen. Der Lord trat dicht an das Glas heran und betrachtete ſich genau vom Kopf bis zu den Füßen. Seine Herrlichkeit mußte mit dieſer Betrachtung zufrieden ſein, denn ſie lächelte wohlwollend— ein ſeltener Ausdruck in dieſen kalten Zügen— beſah dann ſeine weißen Zähne, ſtrich mit der Hand über die wenigen Locken ſeines kahlen Schä⸗ dels— aber da war er ſchon weniger befriedigt, und mit einer haſtigen Bewegung wandte er ſich von dem verrätheriſchen Spiegel fort und ſchritt langſam in ſein Privatgemach, welches unmittelbar an die Biblio⸗ thek ſtieß.. Dieſes kleine Gemach war eins der einfachſten und doch gemüthlichſten im ganzen Schloſſe. Es war mit einem dichten perſiſchen Teppich belegt, bis zum Drittel ſeiner Höhe mit polirtem Nußbaumholze be⸗ kleidet und auf den Tapeten von ſeegrünem Damaſt ſͤſͤſͤſͤſ 49 hingen einige treffliche Gemälde von einem holländi⸗ ſchen Meiſter, der die verſchiedenen Ereigniſſe auf einer Fuchsjagd anſchaulichſt darzuſtellen verſtanden hatte. Der einladendſte Platz in demſelben aber be⸗ fand ſich vor dem Kamin von roth und grün geſpren⸗ keltem, herrlich geſchliffenen Granit, auf deſſen breitem Geſimſe in der Mitte zwiſchen einer koſtbaren Uhr und japaniſchen Vaſen das in weißen Marmor ge⸗ hauene Wappen der Lowdales prangte, in ſeinem Hauptfelde einen Falken zeigend, der eine Taube in den Krallen hält. In dem Kamine ſelbſt praſſelte ein helles Koh⸗ lenfeuer, davor ſtand ein zierliches Gitter von Bronze und vor dieſem breitete ſich ein großer Teppich von künſtlich zuſammengeſtickten Leopardenfellen aus, auf dem es ſich zwei mächtige ſchneeweiße Windhunde, die am Morgen dieſes Tages auf der Jagd ihre Schul⸗ digkeit erfüllt haben mochten, möglichſt bequem zu machen verſuchten. Auf dieſen Teppich nun, dem Feuer ganz nahe, hatte der Kammerdiener bereits ein auf vergoldeten Löwenklauen ruhendes Tiſchchen mit einer köſtlichen Platte von ruſſiſchem Malachit gerückt und auf die⸗ ſelbe die Karaffe mit edlem Xeres, das Kryſtallglas und das ſilberne Körbchen mit Früchten geſtellt. An Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 4 die Seite des Tiſches war ein grüner Sammtſeſſel ge⸗ rollt, der die Bequemlichkeit ſelbſt zum Niederlaſſen herauszufordern ſchien, und Alles dem darauf Sitzen⸗ den ſo nahe zur Hand gelegt, daß er ohne jede Mühe das Begehrte erreichen konnte. Als Viscount Lowdale mit triumphirender Miene in dieſen zierlichen und behaglich erwärmten Raum trat, erwartete ihn ſchon der aufmerkſame Kammer⸗ diener, um den Jagdrock des gnädigen Herrn mit einem veilchenfarbenen, mit Seide gefütterten Haus⸗ rocke zu vertauſchen, was das Werk eines Augenblicks war. Sodann ließ ſich der Lord in den Seſſel fallen, ſeufz te einmal auf, wie Jemand, dem das Leben mehr Müt he macht als es werth iſt, und ſtarrte in die Koh⸗ lengluth, als wolle er ſie fragen, was nun noch nach dieſem ſchweren Tagewerke von ihm verlangt wer⸗ den könne. Die Stille, die in dem traulichen Gemache herrſchte und die nur kurze Zeit durch das freudige Knurren der Hunde unterbrochen worden, als ihr Herr in das 1 Zimmer getreten war, hatte etwas Unheimliches an ſich, was ſelbſt Mylord zu bemerken ſchien, denn er wandte ſich plötzlich zu dem an der Thür ſtehenden Diener um und ſagte mit einer etwas ſchwerfällig über die Zunge gleitenden Stimme: „Was giebt's?“ „Soll ich Mr. Drummond benachrichtigen, My⸗ lord, daß er eintreten darf? Er wünſchte Ew. Lord⸗ ſchaft noch an dieſem Abend zu ſprechen.“ Seine Lordſchaft nickte ſchweigend mit dem Kopfe und William entfernte ſich, indem er die Thür laut⸗ los hinter ſich ſchloß. Wiederum herrſchte tiefe Stille in dem Gemache, nur die Hunde ſtöhnten leiſe, vielleicht im Traume den Haſen noch einmal verfolgend, den ſie am Mor⸗ gen zu Tode gehetzt. Das Feuer brannte leiſe kniſternd fort, aber dem Viscount loderte es nicht hell genug, er ergriff daher die ſilberne Handhabe des ſpiegelblan⸗ ken Schüreiſens, fuhr damit zwiſchen die trägen Koh⸗ len und ſtocherte ſie zu lebhafterer Gluth an. Als auch das zu Stande gebracht, le hnte er ſich in ſeinen Seſſel zurück, ſtreckte die Füße auf das Kamingitter über die Hunde fort, faltete die Hände vor dem Bauche und mochte, behaglich lächelnd, denken:„O, ol Jetzt erſt fühle ich mich wohl. Ach, es iſt doch ganz präch⸗ tig, Abends nach ſchwerem Tagewerke ſo ungeſtört ruhen zu können! Jetzt ſoll mich Niemand mehr ſtö⸗ ren und aus meinem wohlverdienten Bel hagen bringen!“ In dieſem Augenblick ging die Thür lautlos wie⸗ der auf und herein trat in feiner ſchwarzer Kleidung 1* 52 die wohlgenährte Geſtalt Mr. Drummond's, das be⸗ häbig lächelnde Geſicht ſeinem Herrn zukehrend, als habe er eine ſtille Freude im Herzen und ſei im Stande, auch Anderen eine ſolche zu bereiten. Unter dem lin⸗ ken Arme aber trug er den ledernen Briefbeutel, den kurz vorher der reitende Poſtbote gebracht hatte. Lord Lowdale mußte einen ſehr ernſten oder höchſt glücklichen Gedankengang verfolgen, denn er hörte weder, noch ſah er den eintretenden erſten Die⸗ ner und Beamten ſeines Hauſes; er fuhr vielmehr fort, in die kniſternde Gluth zu ſtarren und dabei un⸗ bewußt mit dem einen Stiefelabſatz den Rücken des ihm zunächſt liegenden Windhundes zu ſcheuern. Eine ziemliche Weile ſchon dauerte dieſe ſchweig⸗ ſame Scene, als ihr Mr. Drummond eine Ende zu machen beſchloß. Er räusperte ſich ganz leiſe und ſagte dann mit ſeiner ſanfteſten und faſt vertraulich klingenden Stimme:„Guͤten Abend, Mylord!“ „Ah!“ rief der Angeredete und drehte den Kopf mit einer halben Wendung dem Rentmeiſter entgegen, nbiſt Du da, Drummond? Das iſt gut, he! Na, das hätten wir auch einmal wieder hinter uns!“ „Ew. Herrlichkeit meinen das Frühſtück, nicht wahr? Ja, das iſt vorbei und Ihre Gäſte ſind ver⸗ gnügt wie immer nach Hauſe gefahren.“ 3 4 0 23— „Ja, das ſind ſie, haha! Manchem Reiter wird es etwas ſauer werden, im Sattel zu bleiben, haha! Ich kenne das! Doch— Du haſt da den Briefbeu⸗ tel— was giebt es Neues?“ „Mancherlei, wie es ſcheint, Mylord. Aber vor allen Dingen habe ich hier etwas ſehr Angenehmes. Sehen Sie da!“ Dabei hielt er ihm einen raſch aus dem Beutel gezogenen Brief ſo dicht vor die Augen, daß Seine Herrlichkeit dieſelben nur aufzuſchlagen brauchte, um die Aufſchrift zu leſen. Er hatte auch ſogleich begrif⸗ fen, was der Rentmeiſter meinte, denn mit einer etwas lebhaften Bewegung ſich aufrichtend, rief er: „Was? Von meinem Sohne? Eigenhändig?“ „Ja, Mylord, Gott ſei Dank, eigenhändig von ihm. Er kann alſo wieder ſchreiben und das iſt die größte Freude, die ich ſeit drei langen Monaten er⸗ lebt habe.“ „Ha, das iſt gut, recht gut. Gieb her— den will ich mir zum Deſſert aufſparen. So! Hm!“ „Ja, Mylord, und nun werden wir den guten jungen Herrn hoffentlich bald hier ſehen.“ „Oho! So raſch wird es nicht gehen. Aber ich bin ſchon damit zufrieden. Nun— Du haſt ja da eine ganze Sammlung von Briefen. Ach— ich bin 5 1 54 müde und abgeſpannt. Da, ſetze Dich an den Tiſch dort, nimm die Lampe hier fort— das Licht ſticht mir in die Augen— ſo, und lies mir einen nach dem andern vor.“ Mr. Drummond that wie ihm Lefoßlen und bald ſaß er auf einem Tabouret an einem kleinen Tiſchchen, dem Lord gegenüber, der ſich bequem in den Seſſel zurücklehnte, die Augen mit der Hand beſchattete und ſie dann noch ſchloß, gleichſam um ſo noch ungeſtör⸗ ter den erwarteten Vortrag hören und bedenken zu können. Mr. Drummond legte den Beutel auf den Tep⸗ pich und das Packet Briefe vor ſich auf den Tiſch, nahm dann den erſten, öffnete ihn und ſah nach der Unterſchrift.„Er iſt von Sir James Clarke unter⸗ zeichnet,“ ſagte er darauf.„Erwarten Sie von ihm Etwas?“ „Nicht daß ich wüßte. Na, was bringt er denn? Vorwärts!“ „Mylord!“ las Mr. Drummond,„Ew. Lord⸗ „ſchaft glaubten bei Ihrer letzten Anweſenheit in „London, daß Rob Stokes, der Fauſtkämpfer, „ſeine bei dem neulichen Kampfe empfangenen Wun⸗ „den glücklich überſtehen würde und gingen mit mir „die bewußte Wette ein. Seit geſtern nun iſt die 5 5 “ „Sache entſchieden, der Mann iſt geſtorben, die „Wette alſo für Sie— verloren.“ „Ja, ja doch!“ warf der Lord nachläſſig hin und machte eine gleichgültige Handbewegung.„Und für ihn gewonnen. Ich weiß ſchon. Es betraf tauſend Pfund, glaube ich. Gut, Drummond, packe ſie mor⸗ gen ein und ſende ſie Sir James, damit iſt die Sache abgemacht. Ich werde ein andermal vorſichtiger ſein. Der Teufel! Ich hätte den dummen Kerl für un⸗ ſterblich gehalten, aber inwendig war er gewiß hohl und faul, wie eine alte Eiche. Bah! Weiter!“ Mr. Drummond notirte ſich Einiges in ſeinem Notizbuche und öffnete dann den zweiten Brief.„Dies Schreiben,“ ſagte er,„iſt vom Secretair des erſten Lords der Admiralität— wollen Ew. Herrlichkeit ihn ſelbſt leſen?“ Viscount Lomdale wehrte den hingehaltenen Brief unwillig ab.„Nein, nein,“ ſagte er,„lies Du; der Admiralitätslord kann mir nichts von Bedeutung zu ſagen haben.“ „Mylord,“ las Mr. Drummond.„Im Auf⸗ „trage Sr. Lordſchaft beehre ich mich, Ew. Herr⸗ „lichkeit die vertrauliche Mittheilung zugehen zu „laſſen, daß geſtern im Admiralitätsrath beſchloſſen „iſt, dem Antrage des Herrn Contre⸗Admirals Sir 56 „Colin Cameron Folge zu geben und ihm aus Ge⸗ „ſundheitsrückſichten den erbetenen Urlaub zur Rück⸗ „kehr nach Europa zu bewilligen. Da Seine Lord⸗ „ſchaft denkt, daß es Ew. Herrlichkeit ſehr ange⸗ „nehm ſein werde, einen theuren Blutsverwandten „nach ſo langer Trennung wieder zu begrüßen, ſo „wollte mein Herr ſich die Freude nicht verſagen, „der Erſte zu ſein, Sie von dieſem unvorhergeſehe⸗ „nen Umſtande in Kenntniß zu ſetzen. Ich habe „die Ehre u. ſ. w.“ Mr. Drummond ſchwieg und ſah ſeinen Herrn freudig lächelnd an. Dieſer ſchwieg ebenfalls, lächelte aber nicht, ſondern ſenkte den Kopf nur tiefer auf die Bruſt und ſann eine Weile über irgend Etwas nach.„Nun,“ ſagte er endlich mit gepreßter Stimme, „der Mann entwickelt einen Eifer in Privatangele⸗ genheiten, den er beſſer auf ſein Amt verwenden könnte. Hm!“ „O,“ warf Mr. Drummond ein,„er freut ſich nur in Ew. Herrlichkeit Seele, und allein darum hat er ſich ſo beeilt.“ „Ja, ja doch, ich glaub's ja!— Alſo aus Ge⸗ ſundheitsrückſichten— Urlaub— auf wie lange, ſteht nicht da, wie?“ „Nein, Mylord!“ 57 „Hm! Er ſcheint alſo krank zu ſein, denn um⸗ ſonſt verläßt Sir Colin nicht ſein Schiff.“ „Sie werden ihn alſo endlich wiederſehen, Mylord!“ Lord Lowdale ſeufzte.„Endlich!“ ſagte er mit unwillkürlich ironiſcher Betonung.„Ja, wie man es nehmen will! Doch an dies Wiederſehen glaube ich noch nicht recht. Mein Herr Bruder liebt die Orte und Gegenden nicht, die ich liebe, und ſo werden wohl unſre Wege noch ein Weilchen aus einander laufen.“ Dieſe mit einer merklichen Verſtimmung geſpro⸗ chenen Worte, die eine nur mit Mühe unterdrückte unwillige Miene begleitete, ſetzten den Rentmeiſter zwar nicht in Verwunderung, denn er kannte ja das Verhältniß zwiſchen beiden Brüdern, aber ſie kränkten ihn in der Seele des ehrenwerthen Admirals, dem er von Kindesbeinen an ſo ergeben war, wie alle übrigen Diener des Hauſes. Er blieb daher eine Weile ſtumm, bis Lord Lowdale mit froſtigem Tone und einer er⸗ munternden Handbewegung ſagte:„Weiter! Haſt Du noch mehr ſolche angenehme Nachrichten?“ Mr. Drummond brach abermals ein Couvert auf und las, ohne einen Blick auf die Unterſchrift zu werfen:—. 3„Mein theurer Lord! Als Ew. Herrlichkeit „mir das letzte Mal die Ehre Ihres Beſuches in 58 „London zu Theil werden ließen, war ich glücklich, „denn ich war geſund durch Ihre heilbringende „Nähe, und gut gelaunt durch Ihren liebenswür⸗ „digen Humor. Jetzt, da Sie fort ſind, bin ich „unglücklich, krank und in Noth. Ich bitte Sie „dringend, mir möglichſt bald die verheißene Summe „zu ſenden und küſſe in Gedanken—“ „Halt!“ unterbrach der Lord den Leſenden.„Von Wem iſt dieſer unſinnige Bettelbrief?“ „Er iſt unterzeichnet Julia Caprivi—“ „Ah, ah, ſo ſo! Nun verſtehe ich den Scherz. Es iſt gut, Drummond, Du brauchſt nicht weiter zu leſen. Gieb den Wiſch her. Er iſt von der kleinen ſchwarzäugigen Italienerin, die ſo hübſch ſingt. Weißt Du was? Schreibe Dir die Adreſſe ab, ſie wird da⸗ bei ſtehen, und ſchicke ihr morgen zweihundert Pfund, das wird reichen, bis ich nach London komme und mich von ihrer Noth überzeuge.“ Der Rentmeiſter ſchrieb ſich abermals einige Notizen in ſein Buch und las dann noch drei oder vier ähnliche Schreiben, die wir übergehen, weil ſie nichts beſon⸗ ders Intereſſantes boten. Als er aber mit dem letzten fertig war, ſtand er vom Stuhle auf, als wollte er ſich entfernen, womit Lord Lowdale auch einverſtanden zu ſein ſchien. Jener aber traf keine Anſtalten zum —— Gehen, ſondern behauptete ſeinen Platz, wobei man ihm anmerkte, daß er noch etwas Beſonderes auf dem Herzen habe. „Willſt Du noch etwas?“ fragte endlich der Lord gleichgültig und gähnend. „Ja, Mylord, ich habe noch eine Bitte. Es iſt ein Mann im Hauſe, der Sie zu ſprechen wünſcht. Er hat ſchon den ganzen Tag hoffnungsvoll in mei⸗ nem Zimmer geſeſſen und ſehnſüchtig die Stunde er⸗ wartet, wo er die Ehre haben würde, Sie zu ſehen.“ „Was iſt es für ein Mann?“ „Es iſt der Pächter Ferguſon vom Stack⸗See in den Hochlanden,“ ſagte Mr. Drummond mit weichem und nachdrücklichem Tone, in dem eine warme Für⸗ bitte lag. Kaum aber war der Name des Mannes über ſeine Lippen gekommen, ſo fuhr der Viscount wie von einer Schlange geſtochen empor, ſein dunkles Ge⸗ ſicht überzog eine zornige Röthe und er ſtieß mit Hef⸗ tigkeit die Worte hervor:„Ferguſon? Vom Stack⸗ See? Was will der Kerl hier?“ „Mylord,“ verſetzte der Rentmeiſter mit demü⸗ thiger Miene,„der arme Mann dauert mich. Er iſt in dieſem harten Winter mehr als dreihundert Mei⸗ len von ſeinen Bergen herabgekommen, um Ihnen ſein Leid zu klagen und Ihr Herz zu erweichen. Er rich⸗ tete die Bitte an mich, ihm für dieſes eine Jahr fünf⸗ zig Pfund Pachtzins zu erlaſſen; da ich aber ſtrenge Befehle von Ihnen in dieſem Punkte habe, ſo konnte ich aus eigener Machtvollkommenheit ſeine Bitte nicht erfüllen. Sie aber können es und ſo erwartet er Ihre gnädige Entſcheidung.“ Lord Lowdale ſtand von ſeinem Stuhle plötzlich auf und that einige heftige Schritte durch das Zim⸗ mer.„Bettelei, Bettelei, und immer wieder Bettelei!“ rief er grimmig.„Ich will den Kerl, den Tauge⸗ nichts, nicht ſehen. Jag' ihn fort, mich ſoll er unge⸗ ſchoren laſſen, und zahlen muß er.“ „Mylord,“ ſagte Mr. Drummond weich, aber feſt. „Nehmen Sie ihn nur wenigſtens an, er wartet ſonſt bis morgen und hat eine traurige, ſchlafloſe Nacht.“ „Die habe ich oft genug gehabt.“ „Aber gewiß nicht aus den Gründen wie er, Mylord.“ „Oho! Nimmſt auch Du die Partei dieſer ver⸗ dammten faullenzeriſchen Schotten?“ „Wo ich muß— ja, Mylord! Nehmen Sie den Mann an, ſehen Sie und hoͤren Sie ihn, und ich bin überzeugt, Sie werden von ſeinen dringenden Bitten gerührt werden, er verdient Ihre Nachſicht.“ „Das wird ſich finden!“ rief der Lord, noch im⸗ 61 mer zornig hin und hergehend.„Dies Geſindel von da oben klagt und lamentirt immer und hat nie Geld. Ich habe auch keins und klage und lamentire nie. Von wem ſoll ich es nehmen, wenn meine Pächter nicht zahlen, wie? Soll ich noch mehr borgen, als ich ſchon geborgt habe?“ „ Die kleine Summe, um deren Friſtung der Mann bittet, Mylord, macht Ew. Herrlichkeit nicht ärmer als Sie ſind,“ wagte der Rentmeiſter halblaut hinzuwerfen. „Das ſind alte, mir bekannte Ausreden von Dir,“ fuhr ihn der Lord an.„Alſo ich ſoll und muß mich noch zuguterletzt ärgern! Du hätteſt mir das heute erſparen können!“ „O, Mylord, es iſt ja heute ein ſo glücklicher Tag! Sie haben das Feſt der Geneſung Ihres einzigen Sohnes und Erben gefeiert.“ Lord Londale ging unmuthig im Zimmer auf und ab, aber ſchon langſamer.„Laß ihn kommen,“ ſagte er endlich,„aber nud fünf Minuten habe ich übrig, und daraus folgt noch nicht, daß ich ihm den verfallenen Pachtzins ſtunden will.“ Mr. Drummond verbeugte ſich, nahm den Brief⸗ beutel und die geleſenen Briefe auf und einen Augen⸗ blick ſpäter hatte er das Zimmer verlaſſen. Als Lord Lowdale allein war, fuhr er noch eine 62 Weile fort, ſchnaubend und brummend durch das Zim⸗ mer zu gehen. Nicht die kleine Summe Geldes, die er nach ſo großen Ausgaben an dieſem Tage noch ein⸗ büßen ſollte, verſtimmte ihn, ſondern daß es gerade einer der verhaßten Schotten war, der ihn dazu ver⸗ anlaßte, verdroß ihn auf das Tiefſte. Der alte, tief⸗ gewurzelte Haß gegen das ſo oft geſchmähte Land und ſeine Bewohner brach mit aller Heftigkeit wieder her⸗ vor, denn das Vorurtheil in ſeinem Kopfe war größer und hartnäckiger, als das Mitleid in ſeiner Bruſt, wel⸗ ches des Rentmeiſters Fürbitte, die ſich nur ſelten ver⸗ nehmen ließ, anzuſchüren begonnen hatte. Wäre er noch länger allein geblieben, ſo hätte ſich vielleicht das letztere ſiegreich Bahn gebrochen, aber gerade als die 8 Wageſchaale zu Gunſten des Hochländers ſtieg, drückte ſie der Anblick deſſelben wieder zu Boden, da das Ge⸗ ſicht und die ganze Erſcheinung des Hülfe Suchendet irgend einen wunden Fleck in ſeinem Herzen berüh ren mochte.* Mr. Drummond war es ſelbſt, der dem zagenden Pächter die Thür öffnete und dieſen mehr in das Zim⸗ mer ſchob, als daß er es freiwillig betreten hätte. Der Mann ſchritt alſo herein, wagte kaum ſein von Kum⸗ mer verſchleiertes Auge in dem glänzenden Raunm umherſchweifen zu laſſen und ſtand dann, demüthig de Haupt beugend, ſprachlos und mit bebenden Lippen vor ſeinem ſtrengen Gebieter. Es war eine kräftige Geſtalt, die ſich dem reichen Viscount zeigte und dieſen in allen Dimenſionen bei Weitem überragte. Und doch lag eine Beſcheidenheit, eine Demuth, eine Unterwürfigkeit in ſeinem ganzen Weſen, die ihn auf den erſten Blick als den Knecht des mächtigen Mannes erſcheinen ließ, der ſo hart und kalt vor ihm ſtand. Ferguſon trug diesmal engliſche Kleider, was er nur dann that, wenn er ſeine Berge verließ und die Gränzen ſeiner abgelegenen Heimat überſchritt; des⸗ halb fühlte er ſich in ihnen auch nicht behaglich und er ſah aus wie ein Landmann, der Sonntags zur Kirche geht und in dem ſteifen, ſelten getragenen Putze ſich gezwungen und beklommen bewegt. Von Geſicht war er eben nicht beſonders anſehnlich und hübſch, was die einzelnen Züge betrifft, aber im Ganzen lag auf dem derben, ausdrucksvöllen Antlitz eine Bieder⸗ keit und Treuherzigkeit, die das in der Miene ausge⸗ prägte Gefühl ſeiner Armuth und augenblicklichen Hülfs⸗ bedürftigkeit nur noch ergreifender machte. Der Pächter vom Stack⸗See liebte ſeinen Herrn eben nicht und hatte keinen beſonderen Grund dazu; als er aber vor ſeinem Angeſichte ſtand, kam das Be⸗ 64 wußtſein der Unterthänigkeit über ihn und er wurde von einer aufwallenden Empfindung heimgeſucht, die nur ſelten in der Bruſt eines treuen und ſchlichten Hoch⸗ länders ganz erliſcht. Er verbeugte ſich daher tief und ehrfurchtsvoll, blieb dann in der bezeichneten Hal⸗ tung vor ihm ſtehen und ſagte: „Mylord, verzeihen Sie, daß ich Sie ſo ſpät ſtöre, aber ich bin nur von der Noth bedrängt ge⸗ kommen, weil ich von Ihnen allein Hülfe und Bei⸗ ſtand hoffe. O Mylord, zuerſt jedoch bringe ich Ihnen viele und warme Grüße mit—“ „Von Wem?“ fragte der Lord Lowdale kalt und ließ ſich wieder in ſeinen Seſſel fallen. „Von dem Orte, wo Ihre Wiege ſtand, von un⸗ ſeren Bergen, die Ihre Frau Mutter und Ihre gute Gemahlin ſo gern betraten.“ Lord Lowdale ſenkte das Haupt, nicht etwa aus Rührung, ſondern weil ihn ſeltſame und ohne Zweifel unangenehme Gedanken ergriffen. Er ſchwieg. „Mylord,“ fuhr Ferguſon mit wärmerem Tone und zitternder Stimme fort,„es war ein weiter Weg, den ich mit der Sorge um Weib und Kind im Her⸗ zen bis hierher zurückgelegt. Der Wind brauste wild um mich und der kalte Regen und Schnee näßte mir die Glieder bis in das Herz hinein. Aber die Hoff⸗ 6⁵ nung machte mir dennoch den langen ſchweren Weg kurz und ſüß und—“ „Macht es auch kurz, was wollt Ihr?“ unterbrach ihn der Viscount mit unwilliger Handbewegung. Ferguſon zuckte wie von einer eiſigen Hand be⸗ rührt, zuſammen, aber der angeborene Stolz in ſeiner Bruſt erwachte und er richtete ſich ſtraff in die Höhe und warf zum erſten Mal einen vollen Blick auf den ungemüthlichen Gebieter. „Mylord,“ begann er mit einem ganz anderen Ausdruck in der Stimme, aus der die Rührung wie von einem kalten Winde weggeblaſen war,„ich habe am erſten Tage dieſes Jahres hundertundfünfzig Pfund an Sie zu zahlen. Hundert habe ich flüſſig, ſogar auch die fünfzig anderen, aber letztere brauche ich noth⸗ wendig für meine Familie im Frühjahr und Sommer—“ „Das glaube ich, wer brauchte nicht Geld?— Ich auch.“ „O ja! Aber, Mylord, meine ſechs Kinder ſind alle gefährlich krank geweſen—“ „Mein Sohn auch!“ „Ich habe es leider gehört— Gott gebe ihm baldige Geneſung, zu Ihrer Freude. Aber mein Ha⸗ fer iſt auch im vorigen Herbſt mißrathen—“. „Mir iſt noch mehr mißrathen als blos der Hafer.“ Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 5 ſeuche unter meinen „Auch habe ich die Klauen Schaafen gehabt—“ „Schweigt mir von Eurer Seuche ſtill— in mei⸗ nem Hauſe will ich ſelbſt das Wort nicht hören— und— und— Ihr langweilt mich und— ich brauche mein Geld ſo gut wie Ihr.“ „Gott weiß es, ja, M koſtbare Sache, aber Sie können helfen, ich nicht.“ „Wie? Wollt Ihr mir gute Lehren geben? Das fehlte mir noch. Und damit iſt die Sache abgethan. Ihr zahlt oder— Ihr packt Euch von meinem Grund und Boden. Das iſt mein letztes Wort. Ich kann mein Land beſſer verwerthen als durch Eure armſelige Pachtung. Amerika iſt größer als Schottland— folgt Euern Brüdern und nehmt meinen Glückwunſch auf die Reiſe mit.“ Die bisher ruhi ylord, das Geld iſt eine ſich auf andere Weiſe g liegenden Hunde erhoben ſich bei dieſen laut und heftig geſprochenen Worten von ihrem weichen Lager, richteten die Köpfe empor und als ſie den Fremden vor ſich ſahen, ſchoſſen ſie zähne⸗ knirſchend auf ihn zu, mit dem beſten Vorſatze, ihm ſein einziges Paar Beinkleider zu zerreißen. dem Pächter aber nahe gekommen waren, ſtieß dieſer einen ſo drohenden und ſeltſamen Ziſchlaut aus, daß 67 die Thiere erſchrocken und zugleich von einem Rufe ihres Herrn beſänftigt, an das Feuer zurückkrochen. Ferguſon wandte den furchtloſen Blick von den Hunden auf den Viscount zurück.„Iſt das Ihr Ernſt, was Sie ſo eben geſprochen haben?“ fragte er faſt ſanft. „Ja, es iſt mein Ernſt.“ Der Hochländer ſenkte den buſchigen Kopf noch demüthiger als vorher. Er war tief verletzt, aber auch entſchloſſen.„Es iſt gut,“ ſagte er mit ergrei⸗ fender Wehmuth,„ich werde Ihnen meine letzten fünf⸗ zig Pfund geben und Gott bitten, daß er mir andere Herzen zuführt, die mehr Mitleid mit ihres Gleichen haben, als das Ihre. Nach Amerika aber gehe ich nicht, wie die Anderen, oder Sie müßten mich aus meinem Hauſe ſtoßen— und auch dann gehe ich nicht aus Schottland. Auch Schottland iſt groß, und ein ehrliches Herz und eine fleißige Hand, haben noch im⸗ mer Brod daſelbſt gefunden. Leben Sie wohl, My⸗ lord! Sie haben mich hart behandelt und doch bitte ich Gott, Sie zu ſegnen, das iſt ſo unſere Art, und auch reiche Leute können in manchen Dingen den Se⸗ gen Gottes gebrauchen. Sehen Sie, wie Sie fertig werden, wenn es um Sie Abend wird, denn auch Ihnen kann einmal die Sonne des Glücks unter⸗ gehen!“ 5* Kaum hatte er die letzten Worte geſprochen, ſo war er verſchwunden, Lord Lowdale in einem trüben Gemiſch ſeltſamer, unklarer Empfindungen zurücklaſſend. Aber das dauerte bei dem zwiefach geſtählten Herrn nicht lange, im nächſten Augenblicke ſchon ſprang er auf, den Pächter zurückzurufen, nicht etwa, um ihm die ſchuldigen fünfzig Pfund zu erlaſſen, ſondern um ihn zu ſtrafen für die Keckheit, die er in ſeinen Wor⸗ ten verrathen. Allein er beſann ſich, nahm ſeinen Platz wieder ein und indem er einem der knurrenden Hunde einen wüthenden Fußtritt verſetzte, ſagte er, mit blitzenden Augen in die Flammen ſtarrend: „Ein erbaulicher Abend, bei meiner Ehre! Und das ſoll das Ende eines Feſttages ſein? Ha, dieſer alten Hexen da oben in den verteufelten Bergen habe Nun freilich, das iſt ihre Stärke: keifen, keifen könn ſie Alle, und von Gott reden, aber den Teufel haben daß man ſich darüber erhitzt? Haha!“ Und er lachte eine Weile griesgrämig vor hin, rieb ſich dann die Haͤnde und füllte das G und die einzelnen Tropfen koſtend uͤber die Zung Schotte! Hat er nicht einen Kopf wie ein Stier, von — Eiſen und Stein, und eine Zunge, frech wie ſie die ſie im Leibe. Doch ſtill— iſt dies Geſindel werth mit dem funkelnden eres, worauf er es halb leert 2 69 gleiten ließ. Plötzlich aber wurde er wieder ernſt, fing trotz ſeines Vorſatzes, gleichgültig zu bleiben, abermals an ſich zu ärgern und ſann eine Weile über„das verteufelte Land da oben“ und„die ſtierköpfigen Kerle“ nach, bis ſein unſtät umherblickendes Auge endlich auf den Brief fiel, deſſen Aufſchrift unverkennbar die Hand ſeines Sohnes geſchrieben. „Ach,“ ſagte er mit einem Male heiterer und er⸗ griff ihn ſchon haſtig,„der ſoll mein Deſſert ſein— der kann mir nichts Unangenehmes bringen— denn die anderen Briefe, die Drummond mir vorgeleſen, waren doch nicht ſo ganz nach meinem Geſchmack.— Was für einen kräftigen Strich der Junge ſchon wie⸗ ſ der hat! O, Linny iſt aus meinem Stamme, er iſt 3 ſtark, er fällt nicht auf einen Hieb— und nun, nun 1 wollen wir ſehen, was er mir zu ſagen hat— ei der 4⸗ Tauſend, das iſt ja ein langer Brief. Seine Krank⸗ 1 heit hat ihn redſelig gemacht, ah! das iſt doch noch 1 ein Symptom von Schwäche!“ i Und nachdem er die Lampe wieder dicht vor ſich z auf den Tiſch geſtellt, las er folgende Worte: 4„Mein theurer Vater! Was Du auch ſchon von 1 Georgy über meine Krankheit und die Verhältniſſe er⸗ 3 fahren haben magſt, in denen ich mich hier befinde, ich muß Dir noch einmal das Wichtigſte erzählen, ſo weit ich mich des Vergangenen erinnern kann. Ja, mein Vater, ich bin dem Tode, der mich ſchon um⸗ fangen hatte, entzogen und dem Leben wieder gegeben, und ich fühle mich jetzt ſchon alle Tage kräftiger wer⸗ den, nachdem ich vier Wochen lang in einem Zuſtande der Schwäche lag, daß ich kein Glied, nicht einmal die Zunge zu bewegen vermochte. Wahrſcheinlich in Folge einer Erkältung fühlte ich mich ſchon lange unwohl, aber nicht gewohnt, auf Kleinigkeiten der Art zu achten, bezwang ich mich und ſetzte meine alltäglichen Beſchäf⸗ tigungen, Unterredungen und ſogar meine Spazier⸗ ritte fort.“ „Das iſt recht,“ unterbrach ſich der Leſende, in⸗ dem er wieder ein paar Tropfen Wein ſchlürfte,„ganz mmeine Art und Weiſe. Man hat ihn nicht verweich⸗ licht, ſehe ich. Aber ach! der Brief iſt doch ſehr lang!“ Und er ſeufzte ſchwer auf, indem er das Blatt zum Weiterleſen wieder vor die Augen hob. 3 „Eines Morgens aber, als ich erwachte, fühlte ich mich krank, mein Kopf ſchmerzte ſtark und meine Hände fieberten. Schon am Abend dieſes Tages hatte ich das Bewußtſein verloren. Wie lange es mir fehlte, habe ich erſt ſpäter erfahren, es waren ſechs ganze Wochen. Als ich jedoch zum erſten Male wieder mit halbem Bewußtſein erwachte, ſah ich mich in einem u bekannten, ſehr comfortablen Zimmer, und ein d Geſicht und zwei fremde ſchauten mich gleich lieb und aufmerkſam an. Doch nicht lange dauerte dieſer erſte klare Blick in die wirkliche Welt hinein, ich fiel in tiefen Schlaf zurück und nur im Traume erſchienen mir jene Geſichter, die mir alle drei ſo wohl gefallen und mich ſo überaus beruhigt hatten. Als ich aber⸗ mals zu mir kam oder erwachte, ſah ich ſie wieder an meinem Bette verſammelt und diesmal erkannte ich wenigſtens das eine von ihnen. Es war meine liebe gute Georgy, die von Weſtmoreland gekommen, um mich in weiter, weiter Ferne von der Heimat zu pflegen. O, welcher Entſchluß, welch ſchöne That, welche ſich ſelbſt vergeſſende Aufopferung! Bald lernte ich dann auch die beiden anderen Perſonen näher kennen. Der junge Mann mit den ernſten, warmen, tiefforſchenden Blicken war mein Arzt, und die noch jüngere ſchwarzgekleidete Dame mit den bleichen Wangen und dem ſprechenden braunen Sammt⸗ auge ſeine Schweſter, meine Krankenpflegerin, die man in dem Hospitale, in welches man mich gebracht, Dia⸗ koniſſin nennt, worunter Du Dir aber etwa keine ge⸗ ſchorene Kloſterſchweſter, wie man ſie in katholiſchen Ländern findet, zu denken haſt, ſondern eine Lady, die aus innerem menſchlichen Triebe und vielleicht 7² eil äußere Verhältniſſe einer feindſeligen Welt azu veranlaßten, ſich der Pflege der Kranken wid⸗ met, aber der Welt wieder angehören darf, ſobald ſie dahin zurückzukehren wünſcht. 1 Was dieſe beiden Menſchen nun an mir gethan und noch heute zu thun fortfahren, kann ich Dir un⸗ möglich mit zwei Worten ſagen, aber ihnen verdanke ich nebſt Gott allein mein Leben, denn ſie haben mich Tag und Nacht gepflegt und jedes Hinderniß, was meiner Geneſung im Wege ſtand, mit willigem Sinne und Herzen fortgeräumt und ſo ſich mir wahrhaft als edle und uneigennützige Retter bewieſen.“ „Nun, nun,“ unterbrach ſich der Lord im Leſen, „das iſt wiederum ein Beweis, daß es mit ihm noch nicht ganz richtig im Kopfe iſt, er iſt immer noch et⸗ was krank, denn eine ſolche Empfindſamkeit kann er ſich doch unmöglich in ſo kurzer Zeit in Deutſchland angeeignet haben. Er iſt ja ganz außer ſich über dieſe beiden Menſchen. Was haben ſie denn ſo Großes gethan? Ihre Schuldigkeit, nichts weiter, dafür wer⸗ den ſie ja vom Staate bezahlt und ſie würden jedem Schneider und Schuſter eben ſo gethan haben, wie ihm, dem Sohn eines Lords. Haha! Er braucht ſich alſo nicht ſo beſonders dankbar zu fühlen, es iſt ja ihr Beruf, zu wachen und zu pflegen. Warum 73 ſind ſie geworden, was ſie ſind, wenn es ſchwer und mühſelig iſt? Haha! Ein Doctor! Und— viel⸗ leicht gar— eine Betſchweſter— ſo recht nach mei⸗ nem Geſchmack! Fürwahr, das gefällt mir nicht in dieſem Briefe, doch— leſen wir weiter. O weh, das Ding iſt noch lange nicht zu Ende!“ „Zu meiner größten Freude nun theilt Georgy meine Empfindungen über ſie, ja ſie hat der edlen Schweſter, wie ich dem wackeren Bruder, ihre Freund⸗ ſchaft geſchenkt.“ „O, o!“ unterbrach ſich der Lord wieder.„Das geht raſch dort im Barbarenlande. Freundſchaft! Ich begreife Georgy nicht, wenn es wahr iſt, aber ſie hat ja ſtets gethan, was ihr Bruder that, und ſo— ja, ſo mag es gekommen ſein. Doch weiter.“ „Jedoch mit der bloßen Schenkung einer nicht viel ſagenden Freundſchaft iſt, meiner Meinung nach, ſo viel wie nichts geſchehen, wir ſind vielmehr in die⸗ ſem Falle zu einer ernſteren Darlegung unſrer Gefühle verpflichtet. Lange Zeit haben wir nicht gewußt, wie wir dieſer Verpflichtung nachkommen konnten und für ſo viele, mir zu Theil gewordene Güte und Aufopfe⸗ rung uns dankbar erweiſen ſollten, denn dieſe Men⸗ ſchen ſind in ihrem erhabenen Edelmuthe ſo eigen⸗ thümlich und wahrhaft ſtolz, haben ſolche ſeltſame Be⸗ * —— griffe von ihrem heilſamen Berufe und zeigen dabei in ſo jungen Jahren eine Würde und Zurückhaltung, wie es mir noch an keinem Orte der Welt und am wenigſten in unſerem ſonſt ſo aufgeklärten Lande vor⸗ gekommen iſt. Das iſt mit einem Worte hier ein Menſchenſchlag, an dem viele unſerer Landsleute ein Beiſpiel nehmen könnten.“ „Faſelei!“ rief der Lord unwillig aus,„nichts als Faſelei! Würde und Zurückhaltung bei einem Doctor oder Apotheker! Hm, es ſind arme Schlucker, die auf ihr Bischen erlernter Weisheit eingebildet ſind, weiter nichts, ich kenne die Sorte. Aber Linny hätte ich doch mehr Erfahrung und Menſchenkenntniß zugetraut, als er hier zeigt.“— „Endlich aber,“ las er weiter,„haben wir einen Weg entdeckt, auf dem wir ziemlich vollkommen unſere Abſicht— uns dankbar zu beweiſen— erreichen kön⸗ nen. Die Geſchwiſter ſchienen mir von Anfang an nicht mit beſonderen Glücksgütern geſegnet zu ſein, obwohl ſie das in ihrem Aeußeren und Weſen keines⸗ wegs blicken ließen, aber ſie hegten offenbar geheime Wünſche, die ſie ſich bisher verſagen mußten. Der Doctor hat erſt Unbedeutendes von der Welt geſehen und möchte ſie doch ohne Zweifel recht genau kennen lernen. Die Schyeſter iſt etwas leidend, ſieht bleich 7⁵ und angegriffen aus und iſt gewiß ſehr wenig zu ihrem anſtrengenden Dienſte geeignet. Ihr würde, ſo hörte ich ſagen, eine Luftveränderung überaus wohl⸗ thätig ſein, ein friedlicher, ruhiger Aufenthalt an einem ſtillen, ſchönen Orte, namentlich die Nähe der See würde ihr die verlorenen Kräfte bald wiedergeben. Beiden nun dieſe Genüſſe, dieſe Vortheile zu verſchaf⸗ fen, hat Georgy ſich mit mir zu einem Plane verbun⸗ den, den wir ſofort ausführen wollen und den Du ſicher billigen wirſt. Auch haben wir bereits die Zu⸗ ſtimmung unſerer Freunde erhalten, was keine geringe Mühe und Ueberredung koſtete, und ſie haben die nothwendigen Einleitungen zu unſerm Unternehmen ſchon getroffen. Da mir nämlich von dem jungen Arzte und auch von mehreren ſeiner älteren Collegen der Aufenthalt in einem ſüdlichen Badeorte angerathen iſt, ſo werden Georgy und die Geſchwiſter mich dahin begleiten. Von dort wollen wir, ſobald ich kräftig ge⸗ nug dazu bin, durch die Schweiz nach Frankreich rei⸗ ſen und dann nach England überſetzen, wo ich mei⸗ nen Gefährten die Wunder unſeres ſchönen Vaterlandes vor Augen zu führen beabſichtige. Nun aber kommt die Hauptſache und darin lege ich Dir, mein Vater, unſere Bitten an's Herz.“ „Was,“ rief der Lord, vor Erſtaunen faſt beklom⸗ men athmend,„noch eine Bitte? Phantaſirt der Menſch nur momentan oder iſt er gänzlich verrückt geworden? Was ſind denn das für unſinnige Eingebungen einer durchaus falſch angewandten Großmuth! Er will ſich und ſeine Schweſter mit ſolchen Leuten belaſten? Will ſie durch die ganze Welt ſchleppen, um ſie vielleicht als Wunderthiere und ſich als ihren Ernährer anſtaunen zu laſſen? Nun, ich bin überzeugt: den hat der deut⸗ ſche Weltſchmerz angeſteckt oder der durch die halbe Welt ſpukende Humanismus— eine wahre Tollhaus⸗ phantasmagorie— hat ihn in ſeine Netze verſtrickt, denn der ſo ſchön ausgeheckte Plan riecht nach einer Fieberphantaſie, wie dieſer ganze Brief nach der Kranken⸗ ſtube. Haha!“ „Ich trage Dir hiermit das Geſuch vor,“ las er weiter,„und ich zweifle natürlich keinen Augenblick an der Genehmigung deſſelben— uns und unſeren Gäſten vom Ende Juni an bis zum Ende October Meanach⸗Lodge am Shin⸗See zum Wohnſitz über⸗ laſſen zu wollen. Du weißt, wir haben das alte Schloß Deiner Mutter, wo wir Beide das Licht der Welt erblickten, und die Hochlande überhaupt von jeher heiß geliebt und uns am liebſten im Sommer dort aufgehalten, nachdem wir vor und nach unſerer Mut⸗ ter Tode daſelbſt ſo unvergeßliche Tage verlebten. 77 Sowohl die Menſchen wie das ganze Land ziehen uns unwiderſtehlich an und außerdem haben wir in der Nähe des theuren Onkels Lieblingsſitz, den wir eben⸗ falls heimzuſuchen gedenken. Das alte Meanach⸗Lodge ſteht einſam und verlaſſen da, die ſchönen Zimmer des Schloſſes liegen verödet und die herrlichen Blumen des Parkes ſenden ihren Duft vergebens in die Lüfte. Du liebſt es nicht und beſuchſt es nicht mehr, ich weiß es wohl, und ſo wirſt Du uns gern geſtatten, daß wir einige Monate ruhig und ungeſtört daſelbſt verbringen, was uns Allen heilbringend ſein wird. Die Luft iſt dort vortrefflich, die See in der Nähe, und wir ſind Alle, was wir ſo ſehr erſtreben, daſelbſt von dem Geräuſch der Welt getrennt, deren herzloſes Gebrauſe ſowohl Georgy wie mir ſchon lange zuwi⸗ der iſt.“ Lord Lowdale hielt einen Augenblick im Leſen inne und ſenkte ſtill den Kopf auf die Bruſt. Die Bitte ſeines Sohnes, mit der ſich, wie er wohl ſah, die ſei⸗ ner ſtolzen Tochter verband, kam ihm zwar ſeltſam, phantaſtiſch vor, aber, ſo mißgeſtimmt er darüber war, er konnte nichts ausfindig machen, was eine Ablehnung derſelben gerechtfertigt hätte. Was verſchlug es ihm auch, wenn die vier jungen Leute einige Monate in den Hochlanden zubrachten, er brauchte ja glücklicher Weiſe nicht Theilnehmer ihrer erträumten Freuden und des begehrten Stilllebens zu ſein. Plötzlich aber fielen, wie durch einen inneren An⸗ trieb dahin gedrängt, ſeine Augen wieder auf den Brief, er ſah, daß derſelbe noch nicht zu Ende war, und beinahe mechaniſch im Anfange, dann immer auf⸗ merkſamer und zuletzt mit geſpannteſter Miene las er weiter, bis ihm das Blatt aus der Hand fiel und er mit bebender Lippe und gläſernem Auge in das Feuer ſtarrte. „Doctor Tiefenſee, dies iſt der Name meines Arztes und Freundes, hat aber noch einen anderen Grund, warum er auf meinen Vorſchlag, mein Gaſt in den Hochlanden zu ſein, ſo gern eingegangen, und dies iſt eine traurige Geſchichte, die ich Dir in den allgemein⸗ ſten Umriſſen hier erzählen will. Der Vater des jetzt etwa dreißigjährigen Mannes war Profeſſor an der hieſigen Univerſität und ein wegen ſeiner Kenntniſſe und ſeines harmloſen liebenswürdigen Weſens allge⸗ mein hochgeſchätzter Mann. Er lebte nur für das Wohl ſeiner Familie und außerdem zogen ihn nur noch die Viſſſenſchaften an. Er war Naturforſcher und nament⸗ lich Aſtronom, Geolog und Mathematiker. Er hatte von Jugend auf mit vielen Kümmerniſſen zu kämpfen, denn, weiß es Gott, die Wiſſenſchaften und Künſte 79 werden in Deutſchland ſchlechter als wie das Handwerk bei uns bezahlt. Die Mittel, ſeine zahlreiche Familie zu ernähren und zu erziehen, waren ihm alſo ſehr ſpar⸗ ſam zugemeſſen, darum konnte er auch ſeinen heißeſten Wunſch, Reiſen zu unternehmen, niemals befriedigen, und er ſetzte daher ſeine Studien nur im Stillen im Hauſe und unter ſeinen Büchern fort. Da ſollte ihm mit einem Male ein unerwarteter Glücksſtern aufgehen. Er hatte einen Bruder in Edinburg, der Profeſſor an der dortigen Univerſität war. Dieſer hatte durch ſeine verſtorbene Frau ein kleines Vermögen erhalten und war kinderlos geblieben. Er ſtarb und nun reiste der überlebende Bruder nach Edinburg, um ſeine Erb⸗ ſſchaft in Empfang zu nehmen. Er erhielt ſie auch, wie er ſchrieb, da er aber einmal auf dem Wege war, reiste er durch ganz Schottland und kam nach dem Cap Wrath, um von dort aus die Hebriden zu be⸗ ſuchen. Vom Leuchtthurm daſelbſt langte ſein letztes Schreiben bei der Familie hier an, er ſelbſt aber kehrte nie wieder zu den Seinigen zurück und Niemand hat je erfahren, wo und wie er ein Ende genommen. Die Frau des armen Mannes wandte ſich an unſere Geſandſchaft am hieſigen Orte, es wurden Unterſuchungen angeſtellt, aber dieſe ergaben kein Reſultat. Bald dar⸗ auf ſtarb die Frau, fünf Kinder folgten ihr nach und es blieben nur zwei, eben unſre jetzigen Freunde übrig. Arnold Tiefenſee nun, der einzige überlebende Sohn, hätte ſchon längſt gern die Reiſe nach Schottland un⸗ ternommen, aber die Mittel fehlten ihm dazu, denn mit dem Vater war zugleich auch das ererbte Gut verſchwunden. Jetzt tritt ihm nun in meiner Auffor⸗ derung, uns zu begleiten, die günſtigſte Gelegenheit vor Augen, ſeinen lange gehegten Wunſch auszufüh⸗ ren, er will die Spuren ſeines Vaters verfolgen, und möglicher Weiſe iſt ihm das Schickſal günſtig und er erfährt, wo und wie ſein Vater ein Ende genommen. Iſt das nicht ein trauriger und bedauernswerther Fall?“ Hier war es, wo dem Viscount der Brief aus der Hand fiel. Wie vom Donner gerührt, ſaß er lange Zeit ſprachlos auf ſeinem Stuhle und ſtarrte mit glanzloſen Augen vor ſich hin, ohne das geringſte Lebenszeichen von ſich zu geben oder nur zu ſehen, was vor ſeinen Augen lag. Endlich ſchauderte er zu⸗ ſammen, als hätte ihn der kalte Wind, der draußen tobte, durchſchüttelt, und er hob ſein Geſicht empor, wie ein Menſch, der ein Geſpenſt vor ſeiner Seele auftauchen ſieht. Dieſes Geſicht aber war bleich und kalt, gleichſam verſchrumpft durch Alter und Sorge; ſeine Hände, wie um eine Stütze zu ſuchen, hatten 4 — krampfhaft die Lehne des Seſſels erfaßt und ſeine Bruſt röchelte ein paar Mal mühſam auf, als bemühe ſie ſich vergeblich, friſche Luft einzuſaugen. Endlich ſtieß er einen tiefen Seufzer aus, warf einen unendlich troſt⸗ loſen Blick auf das Papier, das ſeinen Händen ent⸗ fallen war, und ſagte matt:„Iſt's möglich! Giebt es denn wirklich eine unbegreifliche, unſichtbare Macht in der Welt, die man Vorſehung nennt, die Vergeltung übt, wenn wir Boſes gethan, oder die uns wenigſtens Schmerzen und Sorgen in den Weg wirft, wenn wir nicht immer Gutes thaten? Ha! Ich habe nie daran geglaubt und glaube auch jetzt nicht daran, die Welt wird vielmehr von anderen Mächten regiert: der Wille, die Stärke, die Klugheit, das Geld— ſie leiten und locken die Menſchen, aber eine Vorſehung— die kann ich mir nicht denken, denn wie müßte ſie beſchaffen ſein, allmächtig und allwiſſend, allſehend und allüberall, wenn ſie wirklich exiſtirte? Nein, nein, mich hat jetzt blos ein böſer Dämon verlockt, eine trübe Wolke hat ſich über meinen Geiſt gelagert, und ich muß meinen ganzen Willen, meine ganze Kraft aufbieten, um jenem zu trotzen und dieſe zu verſcheuchen.— So, nun bin ich wieder. bei en und jetzt kann ich meinen Geg⸗ ner erwe rten. Ha! Wer will was von mir? Mein Knabe? komm Der Leuchithurm 71 1 Wrath. I. 6 82 Nach dieſer mehr künſtlichen als natürlichen Er⸗ mannung fiel er aber wieder hinten über, faßte ſeine eiskalte Stirn mit der Hand und hauchte mehr die Worte hervor, als er ſie ſprach:„Nein, nein, nein, er komme nicht, es iſt beſſer ſo! Nie und nimmer⸗ mehr darf er ſeinen Vorſatz ausführen— die Bitte iſt und bleibt abgeſchlagen— aber wie, wie ſoll ich ihm beweiſen, daß ich im Rechte bin? Er iſt in Deutſch⸗ land geweſen, der Narr, und hat nach Gründen ſuchen gelernt. Des Engländers Gründe ſind ſtets ſein eigenes Wohl geweſen, aber dieſer Tollkopf ſucht das Wohl nicht für ſich ſelbſt, ſondern er hat den modernen Wahn⸗ ſinn in ſich aufgenommen, für das Wohl der ganzen Welt zu ſchwärmen! Nein, nein, nein, ſage ich noch einmal, ich habe ihm bisher alle Wünſche erfüllt, habe ihn leben laſſen, wie, wo und mit Wem er wollte, reiſen, wohin er wollte, bleiben, ſo lange er wollte, aber dieſen Wunſch will und— kann ich ihm nicht erfüllen, denn ich ſchnitte in mein eigenes Fleiſch damit. Es geht nicht, es geht nicht— aus tauſend Gründen nicht, und ein Grund— o, ein einziger— iſt ſchon ein unüberſteigliches Gebirge für mich!“ Lord Lowdale's ſelten aufflamm kurze Zeit vorhaltende Energie hatte ſchwieg, lief aber nun mit lange 3 de und dann nur erſchöpft. Er Zim⸗ 83 mer auf und ab, ſtieß dann und wann einen halbver⸗ ſtändlichen Fluch aus und ballte in ohnmächtiger Wuth die Hände, indem er der ganzen Welt den Krieg er⸗ klärte, wenn ſie nicht ſeinem Willen ſich zu fügen be⸗ reit ſei. Endlich aber wurde er ruhiger, das Zimmer wurde ihm zu warm und das Schloß mit ſeinen großen Räumen zu eng. Er trat an den Kamin, zog heftig die Glocke und befahl dem eintretenden Kammerdiener, ihm auf der Stelle Pelz und Hut zu bringen. Ueber die ſeltſamen und mannigfachen Launen Sr. Herrlichkeit wunderte ſich in Lowdale⸗Caſtle ſchon lange kein Menſch mehr, denn ſie zeigten ſich in immer neuen Geſtalten, bei Tage und bei Nacht, und ſo ſah auch diesmal William gleichgültig ſeinen Herrn, von den Hunden gefolgt, die Halle verlaſſen und in den winterlichen Park ſchreiten, um ſeinem heißen Blute einige Abkühlung zu verſchaffen. Dieſe Abkühlung ſollte ihm in der That bald zu Theil werden. Der Sternenhimmel, der ſich zur Zeit, als die Gäſte abfuhren, ſo rein und klar über die ſchlummernde Natur gewölbt, war nicht mehr ſichtbar; graue, mit Schnee und Regen geſchwängerte Wolken, vom brauſenden Nordveſter getrieben, zogen eilfertig und düſter ihre nächtliche Bahn, und kalte Tropfen, mit halhgeſchmolzenem Schnee gemiſcht, fielen zunauf⸗ 6* 8 84 hörlich herab, den Nebel noch verdichtend, der ſich rings⸗ um über Berg und Thal gebreitet hatte. Lord Lowdale war ſo tief in ſeine Grübeleien verſunken, daß er auf dieſe äußeren Vorgänge nicht im Geringſten achtete. Er hüllte ſich nur etwas feſter in ſeinen Zobelpelz und ſchritt, anfangs lebhaft und raſch, dann, je müder er ward und je ruhiger ſeine Gedanken auf einander folgten, langſam und immer langſamer über die verſchneiten Wege, bis er zuletzt in einem vor dem Winde geſchützten Tannengebüſch im gemächlichſten Schritt auf⸗ und abwandelte, wie ein Mann, der, Gemüthliches. bedenkend, wohlgemuth in ſeinem behaglichen Zimmer auf und nieder geht. Wie lange der Lord, den ihn überfluthenden Ge⸗ danken hingegeben, dieſen Spaziergang fortgeſetzt hätte, iſt ungewiß, er hatte kein Bewußtſein jetzt von Zeit und Stunde; die geheimſten Falten ſeiner Seele, lange verſchloſſen und vielleicht mit Abſicht unbeachtet, hatten ſich wider ſeinen Willen vor ihm aufgethan und er blickte in ſich ſelbſt wie in ein Buch hinein, deſſen Blätter offen vor den Augen des Leſenden lie⸗ gen. Endlich aber ermüdeten die ihm träge von einem Orte zum andern nachſchleichenden ude, ſie ſtellten ſich ihm in den Weg und fingen vor Kälte und Näſſe unmuthig an zu heulen. 4 85 Lord Lowdale erhob ſeinen Kopf und ſtarrte ver⸗ wundert die Thiere an. Erſt allmälig begriff er, was um ihn her vorging, wo er war und was er that. Da ſtand er ſtill und das Bewußtſein der Gegenwart war in ihn zurückgekehrt. Er lächelte ſtill vor ſich hin— ſchlau, fein, wie ein Mann, der, im Gefecht mit ihm überlegenen Mächten, einen Schimmer von Sieg in der Ferne tagen ſieht und, ſeinem Sterne vertrauend, der immer Glück über ihn ausgeſchüttet, ſeine Kräfte von Neuem wachſen fühlt. Ja, er lächelte, alſo er hatte ſeinen Entſchluß gefaßt, und dieſen, wie er glaubte, guten Entſchluß wollte er beſchlafen, um ſchon am nächſten Morgen zur Ausführung deſſelben zu ſchreiten, denn die Mitternacht war längſt vorüber und es konnten nur noch wenige Stunden bis zum Anbruch des nächſten Tages fehlen. Als Seine Herrlichkeit aber gegen Mittag dieſes Tages unter ſeinen ſeidenen Decken erwachte, dem Kam⸗ merdiener mit der Glocke das Zeichen zum Eintreten gab, bemerkte dieſer ein ſehr ruhiges, gefaßtes und jeder Schwierigkeit getroſt entgegenſehendes Geſicht an ſeinem Herrn. ylord frühſtückte auch mit dem beſten Appetite, ſprach jedoch kein Wort und würdigte ſelbſt * 86 die vor ihm liegenden Zeitungen keines Blickes. Nach⸗ dem er jedoch den letzten Biſſen mit Wohlbehagen ver⸗ ſchluckt, befahl er den Rentmeiſter zu rufen, und die⸗ ſer, als er erſchien, erkannte ſogleich, daß ſein Gebieter ein wichtiges Geſchäft abzuſchließen Willens ſei. Stolz und gebieteriſch, wie in ſeinen glänzendſten Glückstagen, ſaß Lord Lowdale auf dem Seſſel am Schreibtiſch in der Bibliothek, an deſſen großer Platte auch Mr. Drummond neben ihm Platz nehmen mußte. Der Viscount war wieder der vornehme, kalte, unem⸗ pfindliche Herr, ſogar noch etwas trotziger als gewöhn⸗ lich, als gäbe es Niemanden in der Welt, der ſeinem Willen und Wunſche einen anderen entgegenzuſetzen wagen dürfte. Mr. Drummond hielt ſchon ſein geöff⸗ netes Notizbuch und den Bleiſtift in der Hand, ſprach kein Wort, ſah nur erwartungsvoll vor ſich nieder und konnte mit aller Schlauheit nicht errathen, was ihm zu hören beſchieden ſein würde. Endlich aber öffnete der Viscount den Mund und erzählte dem geſpannt Zuhö⸗ renden, welchen ſeltſamen Plan ſein Sohn ausgeheckt, ſo wie, daß er durchaus nicht geſonnen ſei, demſelben dies⸗ mal beizuſtimmen. Mr. Drummond ſchwieg noch immer, den Vor⸗ fall im Stillen bedenkend, denn es lag eine ganz eigen⸗ thümliche, ſelten bemerkte Energie in der Ausdrucks⸗ 32 weiſe des Lords, mit einer Bitterkeit gemiſcht, die ſo⸗ gar ſeine eigenen Kinder nicht verſchonte. „Iſt es nicht albern,“ ſagte er zuletzt,„daß mein Sohn dieſen beiden Menſchen auf ſo ſeltſame Weiſe ſeine ſogenannte Dankbarkeit erweiſen will? Dankbar⸗ keit! Welch ein Ballaſt von Gefühl, Schwärmerei und jugendlichem Leichtſinn! Ha, es iſt geradezu lä⸗ cherlich! Nun, da weiß ich etwas Beſſeres, ich beſitze eine Art von Praxis darin, die mich noch nicht betro⸗ gen hat.— Da haſt Du die Adreſſe von dieſem Doctor. Schreibe ein paar freundliche Worte an den hülfereichen Mann und lege in meinem Namen— hm! — fünfzig Pfund bei— verſtehſt Du? Damit wird er hoffentlich abgefunden ſein, denn fünfzig Pfund ſind in dem armſeligen Lande dort ein Capital und geben alſo ein anſtändiges Honorar für einen hungrigen deutſchen Doctor ab.“ Lord Lowdale erwartete von ſeinem Vertrauten vielleicht eine Antwort auf dieſen erhabenen Meinungs⸗ ausſpruch; Mr. Drummond aber ſchwieg hartnäckig, ſchrieb einige Zeilen in ſein Buch und ſah ſeinen Herrn dann wieder fragend an. „Und nun,“ fuhr der Lord fort,„ſchreibe ſogleich an Donald in Meanach⸗Lodge und mache das Schrei⸗ ben möglichſt wichtig. Gieb ihm in meinem Namen den Auftrag, Niemanden den Eintritt in das Gut, noch weniger in das Schloß, zu geſtatten, es ſei, wer es ſei. Ich hätte die Abſicht zu bauen und kein Menſch, nicht einmal meine Familie, ſolle darum wiſſen. Viel⸗ leicht auch käme ich im Laufe des Sommers ſelbſt, um nachzuſehen, ob er meine Befehle ausführe, und um neue zu erlaſſen.“ Der Rentmeiſter, der noch immer im Stillen über die grauſame Abweiſung des Pächters vom Stack⸗See grollte, glaubte ſeinen Ohren nicht trauen zu dürfen, als er dieſen ungewöhnlichen Auftrag vernahm, aber er notirte ſich das Nöthige und ſeufzte nur leiſe auf, wo⸗ bei er jedoch nicht im Geringſten die Muthmaßung hegte, daß Lord Lowdale mit dem Befehle, Nieman⸗ den in Meanach⸗Lodge einzulaſſen, auch ſeinen Sohn gemeint haben könne. „Handelt der Donald aber gegen meinen Wunſch, 44 fuhr der Lord mit gerunzelter Stirn fort,„und ich erfahre es, ſo jage ich ihn fort, wie ich ſchon Manchen fortgejagt— das ſchreibe ihm ſchließlich und unter⸗ ſtreiche dieſe Worte. Verſtanden?“ „Ganz gewiß, Mylord!“ ſagte Mr. Drummond leiſe und fügte den früheren Befehlen in ſeinen No⸗ tizen auch noch den letzten hinzu, womit die Geſchäfte für dieſen Tag beendigt waren und der gute Mann 89 ſich in ſeine Behauſung zurückzog, um die empfange⸗ nen Aufträge auf ſeine Weiſe auszuführen. Lord Lowdale aber hatte für ſich noch andere Ge⸗ ſchäfte zu bedenken, allein dieſelben mochten wohl ſehr ſchwierig ſein, denn faſt drei Tage vergingen, bevor er zum Abſchluß mit ſich ſelber kam. Das Reſultat war nichts Anderes, als ſelbſt an ſeinen Sohn zu ſchrei⸗ ben, und das that er wirklich am vierten Tage, nach⸗ dem er lange und reiflich jedes Wort überlegt, wel⸗ ches ſo ſchöne Pläne durchkreuzen ſollte. Im Ganzen ſchrieb er ihm ruhig, aber beſtimmt und in einer Art, die noch nie verfehlt hatte, auf den im Ganzen lenkbaren Sohn den gewünſchten Ein⸗ fluß zu üben. Er ſagte ihm, er habe Gründe zu ſei⸗ ner Handlungsweiſe, die er ihm mündlich entwickeln werde, und deshalb möge er ohne weitere Frage dem väterlichen Willen ſich fügen. Er ſolle Alles, was in ſeiner Macht ſtehe, anwenden, um die nach Meanach⸗ Lodge erfolgte Einladung der fremden Gäſte rückgängig zu machen, er ſelbſt werde dem Arzte auf andere und glänzende Weiſe ſeine Erkenntlichkeit beweiſen. In Schottland aber könne er, und am wenigſten in Mea⸗ nach⸗Lodge, den Herrn und die Dame nicht empfangen, da er für dieſen Sommer und Herbſt einen großen Bau daſelbſt beabſichtige. Dann aber habe er auch 90 mit ſeinen Kindern zuſammen eine große und lange Reiſe nach Italien und Frankreich beſchloſſen und er wolle mit ihnen zu dem Ende Mitte April in Wien an einem beſtimmten Orte zuſammentreffen. Er bringe ſeiner Bequemlichkeit und ſeiner langjährigen Gewohn⸗ heit, in England zu leben, dies ungeheure Opfer, nur um ſeinen Kindern eine Liebe zu erweiſen und auch einmal mit ihnen einen angenehmen Sommer zu ver⸗ leben, was ihm ſo lange nicht zu Theil geworden ſei. Welchen Werth er ſelbſt auf dieſe Reiſe lege, könne ſein Sohn daraus erſehen, daß er ſogar die wichtigen Sitzungen des Parlaments in dieſem Jahre deshalb außer Acht laſſen wolle. Dieſer Brief ging am Tage nach ſeiner Vollendung wirklich nach Deutſchland ab, und wäre er zu rechter Zeit oder überhaupt in die Hände Lionel Lowdale's gelangt, wer weiß, ob derſelbe aus kindlichen Rückſich⸗ ten, trotzdem er in gewiſſen Dingen ſeinen eigenen Kopf hatte, dem Wunſche des Vaters nicht in irgend einer Weiſe entgegengekommen wäre. So aber ſchwebte ein eigenes Verhängniß über dem Willen des Lords, denn die von demſelben geläugnete, oder nicht aner⸗ kannte Vorſehung fand es für gut, den wichtigen Brief nicht an dem bezeichneten Orte ankommen zu laſſen, wie denn überhaupt Niemand jemals erfuhr, wo er 91 ſein endliches Ziel gefunden. Ein ähnliches Schickſal wurde dem Erkenntlichkeitsbriefe und der Fünfzig⸗ Pfundnote Mr. Drummond's zu Theil, denn als die⸗ ſelben in der Wohnung des Arztes anlangten, war Doctor Tiefenſee bereits abgereist und ſie blieben un⸗ eröffnet beinahe ein Jahr liegen, wo dann die Wirkung des Schreibens und der Einlage, als ſie endlich in die rechten Hände geriethen, eine ganz andere als die beabſichtigte war. 1 Aus dieſem Umſtande nun gingen eine Menge Irrthümer hervor, die alle ſo ſorgſam erwogenen Pläne Lord Lowdale's durchkreuzen ſollten. Denn als der zweite Brief des Letzteren an ſeinen Sohn abging, hatte derſelbe ſchon lange ſeinen Aufenthaltsort ge⸗ wechſelt und in ſeiner Geſellſchaft befanden ſich, ganz wie vorausbeſtimmt, Lady Georgy und die beiden deut⸗ ſchen Freunde, die der ſtolze Vater des Geretteten als ſolche nicht anerkennen zu wollen ſich in den Kopf ge⸗ ſetzt hatte. Und weil Lord Lowdale ſelbſt die ange⸗ kündigte Reiſe nach Wien zur beſtimmten Zeit ange⸗ treten, wovon Lionel wiederum nicht die geringſte Kunde empfing, ſo trafen Jenen auch die ferneren Schreiben des Letzeren nicht, die ihm die Abſicht mittheilten, mit ſeinen Begleitern einige Zeit in London zuzubringen, und endlich den Tag genau beſtimmten, an welchem 92 die ganze Geſellſchaft in Meanach⸗Lodge eintreffen würde. Erſt als es zu ſpät war, erfuhr Lord Lowdale in Ve⸗ nedig, wohin er, nachdem er ſeine Kinder in Wien ver⸗ fehlt, vorausgegangen war, durch einen Zufall, daß Lionel in England angekommen, daß alſo ſein Plan geſcheitert, ſein Wille unwirkſam geweſen ſei. Zu wel⸗ cher Handlungsweiſe er ſich aber nach dieſer Erkennt⸗ niß eines für ihn ſo unangenehmen Irrthums entſchloß und welche Folgen der vereitelte väterliche Plan nach ſich zog, das wird die folgende Erzählung lehren, zu deren Beginn wir jetzt unverweilt ſchreiten wollen. Driltes Rapitel. Meanach⸗Lodge. Wir bitten den Leſer, mit uns jetzt einem Theile von Schottland ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, der nur ſelten von dem Fuße eines Touriſten des Feſt⸗ landes und faſt eben ſo ſelten von einem Bewohner Englands betreten wird, wenn letzteren nicht die be⸗ kannte Leidenſchaft, auf einem abgelegenen Moor Hühner zu ſchießen, oder in einem der maleriſchen Fjorde der Nordweſtküſte des alten Caledoniens feinſchmeckenden Lachſen nachzuſtellen, dahin zieht. Die meiſten Rei⸗ ſenden von Nah und Fern glauben die Hochlande ge⸗ nügend kennen gelernt zu haben, wenn ſie die ſoge⸗ nannte fashionable Tour durch den mittleren Theil Schottlands vollbringen, das heißt wenn ſie von Lon⸗ don auf der Eiſenbahn nach Edinburg fahren, dort 4 8 94 die Umgegend beſichtigen, die ſchöne Lage von Stirling bewundern, die berühmte Grafſchaft Perth durchſtreifen, am Loch⸗Tay hin nach Killin zum Loch-Earn und dann wieder zurückfahren, allerdings auf dieſe Weiſe einen großen Landſtrich bereiſend, der durch die ſchottiſche Geſchichte und die Darſtellungen Walter Scott's eine klaſſiſche Bedeutung erlangt hat. Schöne und herr⸗ liche Punkte bietet dieſe Rundfahrt gewiß, ja vielleicht die ſchönſten und herrlichſten Schottlands, auch mögen die Wege bequem und angenehm ſein und die Reiſe dahin ſogar keine unerſchwinglichen Mittel erfordern, allein die Hochlande im Ganzen und Großen erſtrecken ſich noch viel weiter nord⸗ und weſtwärts hinauf, ſie bieten noch viel zahlreichere eigenthümliche Punkte, wildere Höhenzüge und romantiſchere Thäler dar, und einen Blick auf dieſe ſoll der Leſer mit uns werfen, indem er, weit über den Loch⸗Lomond hinaus, die Grafſchaften Inverneß und Roß durchfliegt und erſt in Sutherland feſten Fuß faßt, um ſich daſelbſt umzu⸗ ſchauen. Alſo wir ſind in Sutherland, einem ſeltſamen Landſtriche, der unter neunundachtzig geographiſchen Quadratmeilen nur zehn cultivirte aufzuweiſen hat, der reicher an ſtarren Felſen, reißenden Bergſtrömen, an düſteren Seen und wilden Schluchtenthälern iſt als 95 an Menſchen, denn man zählt dort auf eine Quadrat⸗ meile nur zweitauſendneunhundert Einwohner. Nicht mehr wie in den ſüdlicheren Hochlanden reihen ſich hier regelmäßige Bergketten an einander, nein, ohne in⸗ neren bemerkbaren Zuſammenhang thürmen ſie ſich wie im Chaos wild über und um einander auf. Nackte Felſen, häufig mit rothem, lieblich duftenden Haide⸗ kraute bedeckt, Morgens und Abends von phantaſtiſchen Nebelgeſtalten umzogen, ſtreben hier ſeltſam geformt und geſpalten, zahllos in die Höhe, noch im Hochſom⸗ mer glänzende Schneekuppen zeigend, und ſpiegeln ſich wunderbar klar in den blaugrün ſchimmernden, langge⸗ ſtreckten Seen, deren klippenreiche Ufer nur ſelten das ſaftige Grün der ſchlanken Fichte oder das dunklere Kleid der ernſten Kiefer ſchmückt. Eine düſtere Schlucht folgt der anderen, ein ſcheinbar undurchdringliches Thal reiht ſich an das andere, und wild und ſchäumend über gähnende Felskämme ſtürzend und ſich grundloſe Betten grabend, rollen brauſende Bergſtröme den weſtlichen Fjorden zu, die mit Hülfe der unwiderſteh⸗ lichen Fluth des atlantiſchen Oceans tiefe Einſchnitte in den harten Felſenboden wühlen und ſo die reichſten und verſchiedenartigſten Landſchaftsbilder durch die Romantik der Meereswogen nur noch mehr erhöhen. Was nun die Wege betrifft, die durch dieſe von 96 Mooren durchzogenen Gebirgsthäler führen, ſo dürfte Europa an wenigen Stellen noch ſo düſtere, verſchlun⸗ gene, nicht ſelten faſt unerkennbare Pfade aufzuweiſen haben. Nur der ſehnige Fuß des unermüdlichen Hoch⸗ länders vermag ſie zu überwinden und höchſtens der kleine weiße ſchottiſche Pony mit der fliegenden Mähne, dem dicken Kopfe und dem zottigen Wollhaare klettert mit geöffneten Nüſtern und glühendem Auge über die Felstrümmer, die der Sturm des Allmächtigen oder der nagende Zahn der Zeit von ihren Gipfeln losge⸗ riſſen und in tauſend Brocken und Stücken in die ſchlüpfrigen Thäler geworfen hat. Bäume, wie ge⸗ ſagt, giebt es nur noch in den großen pfadloſen Wäl⸗ dern, die ſich ſogar bis zur Höhe des Cap Wrath er⸗ ſtrecken, oder an den Stellen, wo ein halb verfallenes Schloß oder der zauberhafte Neubau eines ſchottiſchen Großen die Einwirkung der menſchlichen Hand ver⸗ räth, die allmälig und langſam, aber ſicher und gewiß durch die Kunſt zu erſetzen anfängt, was die zerſtö⸗ rungsſüchtige Natur oder frevelnde Menſchen planlos im Laufe der Jahrhunderte zu Grunde gerichtet haben. Im Ganzen aber erreicht der müde Fuß des ein⸗ ſamen Wanderers nur ſelten einen behaglichen Ruhe⸗ punkt; Hütten vom dürftigſten Ausſehen und Inhalt liegen meilenweit auseinander oder einzeln auf ein⸗ 97 ladenden Abhängen oder in graſigen Schluchten zer⸗ ſtreut; Menſchen, die ihn zurecht weiſen könnten, be⸗ gegnet er höchſt ſelten, und nur wenn er ſo glücklich i*ſt, einen jener kleinen Flecken zu erreichen, in denen der Hammer des Schmiedes pocht oder der Viehzüch⸗ ter ſeine Heerden ſammelt, um ſie im Sommer auf den Markt des Südens zu treiben, oder wenn ihm das noch größere Glück zu Theil wird, auf Grund hoher Empfehlung über die Schwelle eines alten Caſtells zu ſchreiten, kann er hoffen, die ſchaurige Nebelnacht unter einem regenfeſten Dache oder in einem gaſtlichen Eiderdaunenbette traumreich zuzu⸗ bringen. Wenn man ſich, mehr nach der weſtlichen Seite hin, von Norden nach Süden durch die Grafſchaft Sutherland eine gerade Linie gezogen und dieſelbe in drei gleiche Theile getheilt denkt, ſo trifft man unge⸗ fähr am nördlichſten Ende des unterſten Dritttheils derſelben auf den maleriſchen Shin⸗See, der von Nordweſten nach Südoſten ſich erſtreckt, etwa fünfzehn engliſche Meilen lang und an ſeiner breiteſten, bucht⸗ reichen Stelle vier Meilen breit iſt. Er i*ſt eigentlich nur eine Erweiterung des in den Tain⸗Firth ſich er⸗ gießenden Shinfluſſes und ſetzt ſich nach Norden durch einen ſchmalen Waſſerſtreifen in den Griam⸗ und Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I.. 4 7 98 Das öſtliche Ufer deſſelben wird ach künſtlich begraſ'ten Ab⸗ durch welche ſich der Tiagfluß ſeine inter moorigen, mit dich⸗ Bergketten den Tiag⸗See es Shin⸗Sees da⸗ kahle, wie aus . Markland⸗See fort. von ſanft abſteigenden, vielf hängen begränzt, müheloſe Bahn bricht, um h tem Haidekraut bewachſenen zu bilden. Das weſtliche Ufer d gegen ſteigt ſchroff in die Höhe, zeigt Eiſen geformte Klippen, durch deren bemooste Spalten zahlloſe wilde Bergwaſſer rieſeln, und darüber und weit nach beiden Seiten hin den felſigen Dirry⸗ Meanach⸗Wald, deſſen höchſter Gipfelpunkt der pyrami⸗ denförmig geſtaltete, dreitauſend Fuß hohe Ben⸗More iſt, an welchen ſich nordwärts der Ben⸗Uarran ſchließt, deſſen ine faſt unüberſteig⸗ Ausläufer nach Weſten hin wie e liche Wald⸗und Felſenmauer die Ausſicht hemmen. So iſt dem, mehrere Tauſend Fuß tiefen Shin⸗ See zwiſchen den hohen Waldbergen auf der einen, und den ſanften grünen Abhängen auf der anderen Seite eine überaus reizende Lage angewieſen und außerdem iſt er bequemer denn irgend ein anderer ſchöner Punkt in dieſen Einöden zu erreichen, da die alte Straße, die vom land an dem Tain⸗Firth vorbei nach Norden führt, dicht an der Oſtſeite des Sees entlang läuft und ſich an demſelben in zwei Straßen ſpaltet, von denen die n Süden aus durch ganz Schott⸗ 99 1 eine an dem Nordoſtcap Duncansby und die andere in nordweſtlicher Richtung an der Durneß⸗Bai und dem Cap Wrath mündet. 3 In der Nähe dieſer gabelförmigen Spaltung des großen Weges nun,— unter dem man ſich allerdings keine Chauſſee, nicht einmal einen gewöhnlichen Land⸗ weg vorſtellen darf, indem er nur ein in Zeiten mit Mühe zu paſſirender, holpriger Pfad für zweirädrige Gebirgskarren iſt,— und dem kahlen Gipfel des ge⸗ waltigen Ben⸗More gegenüber, liegt auf der Oſtſeite des Shin⸗Sees auf einem weiten Plateau jener gras⸗ reichen Abhänge das alte Meanach⸗Lodge, urſprünglich ein kleines, nur aus einem Thurm und einem Seiten⸗ flügel beſtehendes Jagdſchloß, den Vorfahren der Mutter Lord Lowdale's gehörig, welches ſich jedoch im Laufe der Zeiten durch mannigfache Anbauten zu einem anſehnlichen Landſitze erweitert hat. Wie es jeßt daſteht, iſt es in einem launenhaften, normänniſch⸗ gothiſchen Caſtellſtyl aus großen Quadern des benach⸗ barten Geſteins erbaut und verräth durch ſeinen weit 1 in die Ferne ragenden runden Thurm,— dem ſich vier⸗ eckige Thürmchen mit entſprechenden Zwiſchenbauten gefällig anſchließen,— daß ſelbſt hier in dem hohen Norden ein Geſchlecht gewohnt hat, welches ſich durch ſeine Mittel und ſeinen Geſchmacksſinn in ſo abge⸗ . 7* — 190 legener Weltgegend einen angenehmen Ruheort zu be⸗ reiten verſtand. Weniger prachtvoll als maleriſch liegt ſo das alte Gebäude inmitten ſeiner künſtlich bewäſſer⸗ ten Raſenflächen am ſanft niederſteigenden Abhange und ſpiegelt ſich wunderbar klar in dem blaugrünen See, der ſein Bild in allen Phaſen und Zeitverhält⸗ niſſen ſchon Jahrhunderte lang treu wiedergegeben hat und nicht müde wird, daſſelbe Phaenomen noch eben ſo viele Jahrhunderte lang zu wiederholen. Was die Erhaltung des Schloſſes und ſeiner nächſten Umgebungen betrifft, ſo hat ſich daſſelbe unter dem gegenwärtigen Beſitzer weder im Innern noch Aeußern in irgend etwas verändert und verbeſſert, höchſtens iſt es in demſelben Zuſtande erhalten, in welchem er es übernommen hat. Die ganze vortreff⸗ liche innere Einrichtung und der äußere Schmuck rührt von dem Vater des Lords her, der einen großen Theil des Sommers hier zuzubringen pflegte, weil ſeine ahnenſtolze Gemahlin, deren Vorfahren es erbaut, es mehr als alle ihre anderen Beſitzungen liebte. Nur die Natur hatte, ſeitdem war, das Ihrige gethan und manchen Punkt verſchönert, indem ſie die künſtlich angepflanzten Baumgruppen wachſen und die mit Mühe herbeigebrachten Sträͤucher ſich zur vollen Blüthe entwickeln ließ. Lord Lowdale hier Gebieter 101. Wie wir wiſſen, ſchwärmte Lord Lowdale keines⸗ wegs für irgend Etwas, was aus Schottland kam, ja er achtete ſogar dieſen erblichen Beſitz ſo gering, daß er ihn ſeit zehn Jahren nicht allein nicht beſucht, ſon⸗ dern ſich kaum um irgend einen Vorgang daſelbſt be⸗ kümmert hatte. Ihm wäre es daher ziemlich gleich⸗ gültig geweſen, wenn Schloß, Park und Garten dem Verfall anheim gefallen wären, allein dort ſelbſt gab es noch Leute, die warm für ihre Heimat fühlten und dem alten Landſitze eine Liebe und Pflege zu Theil werden ließen, als gehörte er ihnen erb⸗ und eigen⸗ thümlich zu. Es waren dies der alte Kaſtellan Do⸗ nald, ſeine Frau Bridget und einige ergraute Diener, die ſich mit Freuden der alten Zeiten unter dem vori⸗ gen Beſitzer erinnerten und Alles und Jedes in dem Zuſtande zu erhalten ſuchten, in dem ſie es einſt über⸗ nommen hatten. Donald war ehemals Gärtner auf Meanach⸗Lodge geweſen und hatte noch bei Lebzeiten der Eltern Lord Lowdale's die Tochter des früheren Kaſtellans geheirathet. Er bewahrte auch in ſeinem neuen Stande eine warme Liebhaberei für den ihm 3 früher anvertrauten Park und Garten und verwandte nicht nur Fleiß und Mühe, ſondern ſogar ſeine per⸗ ſönlichen Mittel auf die Erhaltung derſelben, woher es denn kam, daß die nähere Umgebung des Schloſſes, 1⁰⁷ mit der rauhen und wilden Scenerie der umliegenden Landſtrecken verglichen, allerdings noch immer als ein koſtbarer und reich geſchmückter Herrenſitz betrachtet werden konnte. Soviel im Allgemeinen von dem alten Schloſſe und ſeinen jetzigen Bewohnern. Nähern wir uns nun ſelbſt zunächſt dem Parke und ſuchen wir uns darin ſo heimiſch zu machen, wie die alten Leute, die es friedlich und ſtill bewohnten. Es iſt ein ſchöner warmer Sommertag, am Ende des Juni, als wir zum erſten Mal die Umgebung von Meanach⸗Lodge betreten. Die Bäume des Parks leuchten im friſcheſten Grün, die Sträucher ſind mit Blüthen und Knospen bedeckt, die Bienen ſchwirren und ſummen von einer Honigquelle zur andern und eine würzige, überaus reine Luft, vom leiſen Winde bewegt, durchwogt die ganze Natur, die, in der Fülle ihrer Reize prangend, jedes lebende Weſen nur Heiter⸗ keit und Wohlſein athmen läßt. 1 Nachdem wir die gabelförmige Spaltung des vor⸗ her bezeichneten großen Weges hinter uns gelaſſen, öffnet ſich ein mit Kiefernwaldung bedecktes Thal, das in eine moorige Niederung übergeht, an deren Ende ein thurmähnliches altergraues Gebäude ſich erhebt, welches den Anfang des Parks von Meanach⸗Lodge 103 bezeichnet. Der große gewölbte Thorweg befindet ſich in der Mitte und iſt mit einem ſtarken eiſernen Gitter verſchloſſen. Zu jeder Seite des Thorweges lugt ein faſt ganz von wildem Epheu überwuchertes Fenſterchen hervor, welches zur Wohnung des Parkhüters gehört, der hier ſein Aſyl aufgeſchlagen hat. Zu beiden Sei⸗ ten des Eingangsthores zieht ſich eine ſechs Fuß hohe grüne Umfaſſungsmauer oſtwärts bis zum See hinab, weſtwärts um den ganzen großen Park herum, in den man von der angränzenden waldigen Anhöhe ein Stück nach dem andern hineingezogen hat, um den Wildpark zu vergrößern, auf den die ſchottiſchen reichen Herren einen ſehr hohen Werth zu legen pflegen. Die grüne Hagedornumhägung prangt in ihrer vollen ſommerlichen Schönheit, denn ſie iſt mit einer zahlloſen Fülle weißer Blüthen bedeckt, die wie ein ungeheures Laken den ganzen Park umſchließt. Ueberall auf dieſem meilen⸗ langen Wege iſt dieſelbe mit der Scheere ſchnurgerade beſchnitten, nur von zwanzig zu zwanzig Schritten heben ſich künſtlich geſtaltete Formen daraus hervor, die in regelmäßiger Wiederkehr bald Urnen, bald Kränze, bald Thürmchen darſtellen und trotz der ſpielenden Laune, mit der ſie entworſen ſind, den ſorgſam wal⸗ tenden Sinn des ſie pflegenden Gärtners verrathen. Nachdem wir den begehrten Einlaß verlangt,— 1 104 denn für uns iſt Meanach⸗Lodge nicht durch das Ver⸗ bot Lord Lowdale's geſchloſſen— betreten wir eine lange Allee von ſtämmigen Lärchenbäumen, deren An⸗ pflanzung in dieſer nördlichen Gegend einſt gewiß viele Mühe und Koſten verurſacht hat. Auch ſie durch⸗ ſchreiten wir und gelangen in ein hügeliges Terrain, deſſen humusreichen Boden der üppigſte Raſen deckt und Gruppen von Bäumen ſchmücken, deren nieder⸗ hängende Zweige den Raſen ſtreifen und deren ver⸗ ſchiedene Blatt⸗Farben, Formen und Arten eine den engliſchen Parks eigenthümliche und allbeliebte Zierde gewähren. Zwiſchen dieſen Baumgruppen ſieht man muntere Hirſche und Rehe auf und nieder wandeln oder in ſüßer Muße im Schatten liegen; ſie ſind un⸗ gemein zahm und ſeit Jahren durch keine Störung beunruhigt, da ſelten ein Fremder dieſen abgelegenen Herrenſitz betritt.— Auf breiten, mit feinem rothen Kieſe beſtreuten Wegen ſchreiten wir nun der näheren Umgebung des Schloſſes zu, welches auf einer grünen Terraſſe liegt, die mit zierlichen Blumenſtücken bedeckt iſt und den weiteſten Fernblick über den langen halbmondförmigen See, den gegenüberliegenden Felſenwald und die dar⸗ über hervorragenden hohen Bergkegel gewährt. Die altersgrauen Mauern des Schloſſes ſelbſt - 10⁵ verſchwinden faſt unter der Blätterfülle des lebhaft wuchernden Epheu's und wilden Weines, zwiſchen deren Ranken die ſpitzbogigen Fenſter im Widerſtrahle der Sonne blinken, die ſich ſchon dem Weſten zugeneigt hat und die Gipfel des Ben⸗More und Ben⸗Aſſynth, welcher letztere gegen Norden hinter dünner Nebelſchicht auftaucht, mit einem roſigen Schimmer vergoldet. Auf der breiten Terraſſe des Schloſſes bleiben wir einen Augenblick ſtehen und ſchauen nach dem See hinunter und den Felſenbergen hinüber. In dunkler blaugrüner Färbung, einer geſättigten Indigoauflöſung ähnlich, breitet ſich das durchſichtig klare, jetzt ſtillflu⸗ thende Gewäſſer aus, am Fuße der ſanft abfallenden Terraſſe einige Boote von ſeltſamer, fährenartiger Form ſchaukelnd, da dieſelben nicht nur beſtimmt ſind, vom jenſeitigen Ufer das nöthige Holz zu holen, ſondern auch bisweilen zur Ueberfahrt von Menſchen und Pfer⸗ den zu dienen, wenn etwa ein Jagdliebhaber in dem wildreichen Revier drüben auf ſchmackhafte Beute aus⸗ ziehen will. Das ganze hochanſteigende Ufer aber, das vor uns liegt, iſt in zahlloſe Schluchten zerriſſen, von denen manche, kahl und nackt, ein röthliches Ge⸗ ſtein zeigen, andere mit fußhohem dunkelrothen Haide⸗ kraut und noch andere mit jungem Fichtenwuchs be⸗ deckt ſind, der ſich auf den höher gelegenen Kuppen 1⁰4. in einen düſteren Kiefernwald verwandelt und bis zum Ben⸗More und dem wilden Uarrangebirge erſtreckt. Einer der Hauptreize dieſer halb wilden, halb cultivirten Gegend iſt die tiefe Stille, die über Nähe und Ferne gebreitet liegt. Eine Einſamkeit, die ein an den Lärm der Städte und das Gewoge der Men⸗ ſchen gewöhntes Herz ſchauern machen kann, iſt hier überall ſichtbar und fühlbar, wie man ſie in den ent⸗ legenſten romantiſchen Gegenden Deutſchlands vergebens ſuchen dürfte. Aber gerade dieſe Stille, dieſer Friede, dieſe Einſamkeit hat für ein leidendes Gemüth, das ſich vom Strudel des Welttreibens erholen und in der Ruhe ſtärken will, eine verlockende Gewalt, den höch⸗ ſten verführeriſchen Reiz, und Lionel Lowdale dürfte deshalb ſeine deutſchen Gäſte nicht vergeblich auf ein ungeſtörtes Stillleben hierſelbſt vertröſtet haben, wo⸗ nach ſie zufolge ihrer inneren Organiſation ſchon lange ein unerfülltes Sehnen in der Bruſt getragen. Außer den vorher erwähnten Rudeln zahmer Rehe und Hirſche erblickt das Auge des Wanderers nur ſelten etwas Lebendiges oder hört ſein Ohr einen ſchwachen Laut der unruhigen Welt herüber dringen. Einige weiße Ponies freilich graſen im höher gelegenen Walde hin⸗ ter dem Schloſſe auf einem kleereichen Abhange, aber man ſieht und hört ſie von der Terraſſe aus nicht. 107 Ueber dem See, hoch in den durchſichtigen Lüften, nach dem Felſengebirge hin, kreist von Zeit zu Zeit ein beutegieriger Adler, und höchſtens Schwärme von leiſe zwitſchernden Rothkehlchen bevölkern die Gebüſche, deren ſtiller Geſang aber mehr beruhigt und erquickt, als aufregt und ſtört, wenn man das Ohr lauſchend auf ihre muſikaliſchen Studien richtet. Nur ganz in der Ferne, auf öden Klippen, weiden kleine ſchwarze Schaafe, von einem hochländiſchen Knaben, den zottige wilde Hunde begleiten, getrieben, der ſich im Dudelſack⸗ ſpiel frühzeitig übt und deſſen unharmoniſche Töne, wenngleich durch den weiten Zwiſchenraum gemildert, melancholiſch über das Waſſer herüberdringen. Das iſt Alles, was wir ſehen, was wir hören, wenn wir ſtumm und ſtaunend auf dem höchſten Punkt der Terraſſe ſtehen und den erhabenen und geheimniß⸗ vollen Zauber dieſes merkwürdigen Wunderlandes auf unſere Seele wirken laſſen. Dennoch aber giebt es in der Nähe auch Men⸗ ſchen und zu ihnen wenden wir uns jetzt, um auch die zeitigen Bewohner von Meanach⸗Lodge kennen zu lernen, die uns bald einen tieferen Blick in die Fa⸗ milienverhältniſſe Lord Lowdale's werfen laſſen werden. Viertes Rapitel. Eine vertrauliche Sonntagsplauderei. Es iſt Sonntag und dieſer Tag wird in Schott⸗ land, wie wir wiſſen, noch heiliger gehalten und ſtrenger beobachtet als in England; eine zum Geſetz geſtem⸗ pelte Vorſchrift der anglikaniſchen Hochkirche, die zu ſeltſamen Einrichtungen und Gebräuchen geführt hat, welche uns Deutſchen oft mit kopfſchüttelnder Verwun⸗ derung erfüllt, da wir es nie werden begreifen kön⸗ nen, warum es Gott beleidigen ſollte, wenn wir Sonn⸗ tags ſo gut wie Alltags unſre häuslichen Pflichten er⸗ füllen und die oft ſo nothwendige Arbeit verrichten. Jedoch es iſt einmal ſo und wir müſſen die Gebräuche der Leute, deren Gäſte wir ſind, wenn auch nicht ohne Kritik hinnehmen, doch ruhig beſtehen laſſen, zumal wir es keinesfalls ändern können. 109 Es iſt alſo Sonntag, deshalb die Stille um das alte Schloß noch ungeſtöoͤrter als ſonſt, da alle Dienſt⸗ leute in ihren Zimmern im Erdgeſchoß ſitzen und die Bibel oder irgend ein anderes von der Kirche gehei⸗ ligtes Buch leſen, deſſen Inhalt vollkommen dem Be⸗ griffe des Sabbaths entſpricht. Wir können getroſt rings um die zwanzig Ecken des Schloſſes wandeln und dürfen ſicher ſein, kein neugieriges Geſicht aus irgend einem Pförtchen hervorlugen zu ſehen, eben ſo wie alle Fenſter durch ihre Läden von polirtem und vergoldetem Holze von Innen geſchloſſen ſind. Nur in einem kleinen Anbau am nördlichſten Schloßflügel ſind die Läden weggezogen, ja die Fenſter ſogar geöffnet, ſo daß die warme balſamiſche Luft un⸗ gehindert hineinſtrömen kann. Von den beiden Be⸗ wohnern dieſer Räume iſt aber keines im Innern an⸗ weſend, ſie ſitzen vielmehr unter einer alten Linde am Ausgang der Terraſſe auf einem erhöhten und eine weite Fernſicht gewährenden Platze, wo um den Stamm des Baumes Tiſch und Bänke aufgeſchlagen ſind. Wie alle ihre Untergebenen ſind auch ſie beſchäftigt, indem ſie die Bibel vor ſich aufgeſchlagen haben und ihren frommen Geiſt in die heilſamen Sprüche derſelben ver⸗ ſenken.. Es iſt dies der Kaſtellan des Schloſſes, Donald, 110 mit ſeiner Ehefrau Bridget, deſſen ſchon einmal Er⸗ wähnung geſchah, als Lord Lowdale ſeinen Rentmeiſter mit dem Verbot des Fremdenbeſuches in Meanach⸗ Lodge beauftragte. Beide ſind ein paar alte Leute, über ſechszig Jahre hinaus, ehrwürdigen Anſehens,. mit grauen Haaren und wohlgenährten Geſichtern und Leibern, in Kleidern von engliſchem Schnitt und halt⸗ barem Stoff, wie ſie wohlhabende Landleute und Päch⸗ ter tragen, nur daß Alles, was an ihnen von weißem Linnen zu ſehen, außerordentlich reinlich und ſauber gehalten iſt. Sie ſitzen, wie geſagt, an dem kleinen Tiſche im Schatten der alten Linde, jedes mit einer Brille be⸗ waffnet, und leſen halblaut flüſternd, wie es alte Leute ſo häufig thun, Beide für ſich, ihre Lieblingsverſe im Buche Hiob. Dieſe Beſchäftigung hatte ſchon eine ganze Stunde gedauert, nachdem ſie nach ihrem fru⸗ galen Mittagsmahle ein Stündchen genickt, aber ſie wurden noch immer nicht müde, bis ein zahmes Roth⸗ kehlchen, neugierig und vorlaut, ſich von einem Zweige der Linde auf den Tiſch niederließ und die guten Al⸗ ten, gleichſam verwundert über ihr ſtilles Verhalten, mit ſeinen klugen Aeuglein zirpend beobachtete. Donald ſchaute zuerſt auf, ſchob ſein Buch wei⸗ ter auf den Tiſch und nahm die Brille von den Augen. 111 „Sieh' da,“ ſagte er,„ein kleiner Gaſt! Haſt Du etwas Genießbares bei der Hand, Bridget?“ „Nein, Donald, aber ich will es ſogleich holen.“ Mutter Bridget ſtand auf, fühlte nach ihrem gro⸗ ßen Schlüſſelbund am Schürzenbande und ging ge⸗ meſſenen Schrittes in ihre Wohnung, aus der ſie je⸗ doch bald mit einem Körbchen voll Vogelfutters ver⸗ ſchiedener Art wieder unter die Linde trat. Sie nahm eine Handvoll davon, ſtreute es auf den Tiſch und es dauerte nicht lange, ſo war derſelbe mit einer Schaar niedlicher Vögelchen bedeckt, die ſich die freundlich ge⸗ ſpendete Speiſe vortrefflich ſchmecken ließen. Die beiden Alten ſprachen kein Wort, ſo lange die Vögel fraßen, um ſie nicht vor der Zeit zu ver⸗ ſcheuchen; erſt nachdem der letzte kleine Gaſt freiwillig das Weite geſucht, ſchien Donald Luſt zu haben, mit ſeiner Frau eine gemüthliche Unterhaltung zu pflegen. Er nahm ſeine leichte Kappe von dem grauen Haar, ſtrich mit der Hand über die Stirn und ſah Bridget lange mit den treuen Augen an, als beſinne er ſich, wie er das beabſichtigte Geſpräch eröffnen ſolle. „Na, Alter,“ unterſtützte ihn ſeine Frau,„Du haſt Etwas auf dem Herzen, ich ſehe es Dir an. Nur heraus damit!“ „Auf dem Herzen? Ach, da habe ich Vieles, was 112 ich doch nicht ſagen wollte, Bridget; vielmehr iſt es — iſt es immer wieder das Eine, Daſſelbe, was Du ſchon kennſt, da wir ſchon oft davon geſprochen haben und doch noch nie zum Zwecke damit gekommen ſind.“ Frau Bridget lächelte, auf eine Art und Weiſe, die ihre ganze einfache Herzlichkeit und ihr ſtilles hin⸗ gebendes Weſen gegen ihren Lebensgefährten erkennen ließ, der ſeinerſeits ebenfalls die deutlichen Züge eines ungemein braven, redlichen und gutmüthigen Man⸗ nes trug. 3 „Dann ſprich's nur aus,“ ſagte ſie,„ich weiß ſchon, was es iſt. Der Brief von Mr. Drummond liegt Dir noch immer ſchwer auf dem Herzen, nicht wahr?“ 1 „Du haſt es errathen, Bridget, es iſt der ver⸗ teufelte— Gott vergebe mir die Sünde, am heiligen Sonntage ſolch unheiliges Wort zu ſprechen— aber es iſt wirklich der verteufelte Brief vom Winter her. Ich werde mir noch den Kopf darüber zerbrechen, um zu errathen, weshalb er eigentlich geſchrieben iſt und was er bedeuten ſoll.“ „Mir kommt er ſehr einfach vor, Donald. Er beſagt nichts Anderes, als was darin ſteht: Du ſollſt keinen Fremden, keinen Beſuch, es ſei, wer es ſei, in's Schloß laſſen, da Seine Herrlichkeit ſelbſt kommen und 113 einen neuen Bau beginnen wlll. Jedoch hat Mr. Drummond hinzugefügt— und das hat ihm gewiß nicht der Lord aufgetragen, ſondern er hat es aus eigenem wohlmeinenden Herzen geſchrieben— daß Du klug und vorſichtig in Befolgung jenes Befehles ſein ſollſt, um Seine Herrlichkeit auf keine Weiſe zu er⸗ zürnen, was allerdings etwas ſchwer verſtändlich iſt und uns Beiden von Anfang an ein wenig räthſel⸗ haft erſchien.“ 1 „Herr Gott, ja, das iſt ja eben das Wunder⸗ bare, Bridget! Denn, daß ich keinen Beſuch ohne vorherige Anmeldung annehmen ſoll, braucht er mir gar nicht befehlen zu laſſen, das ſteht ja ſchon in mei⸗ nem Dienſtbuche vermerkt. Und was heißt das: ich ſoll klug und vorſichtig ſein, um Seine Herrlichkeit nicht zu erzürnen? Ha! das möchte mir unter Um⸗ ſtänden mit aller Klugheit und Vorſicht der Welt nur ſchwer gelingen! Was aber den Bau betrifft, ſo halte ich ihn nur für eine Ausflucht, einen Vorwand— oder glaubſt Du etwa daran?“ „Keinen Augenblick habe ich daran geglaubt und werde auch nicht eher daran glauben, als bis ich die Arbeiter hier eintreffen und ihre Stangen aufſchla⸗ gen ſehe.“ „Da kannſt Du lange warten. Nein, dahinter Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 8 ſteckt etwas ganz Anderes oder es war wieder ein⸗ mal ſolche vorübergehende Laune, wie ſie Seine Herr⸗ lichkeit von Jugend an nur zu oft hat blicken laſſen. Dieſe Herren haben nichts zu thun, Bridget, und darum verfallen ſie auf Abſonderlichkeiten, und was unſern dermaligen Herrn betrifft— Gott ſei Dank, ſein Sohn wird anders werden— ſo iſt er ſehr reich⸗ lich damit geſegnet, wie mich dünkt.“ Bridget ſeufzte und ſchwieg, aber man ſah ihr an, daß ſie ihrem Manne auch in dieſem Punkte Recht gab, wie ſie faſt in allen übrigen Dingen des Lebens mit ihm übereinſtimmte. „Ja,“ fuhr der Alte lebhafter fort,„er hat von jeher Launen gehabt, und wird ſie behalten, ſo lange er auf zwei Beinen wandelt. Doch, wenn er weiter nichts hätte, als Launen, ſo wäre es noch zu ertra⸗ gen.“ Und nun ſeußzte der Alte und ſchwieg, wäh⸗ rend er mechaniſch ſeine Bibel zuſchlug und weit von ſich auf den Tiſch rückte, da die Unterhaltung über ſeinen Herrn ihm die frommen Gedanken verſcheucht haben mochte. „Nun ja,“ fing Mutter Bridget nach einer Weile wieder an, aber mit leiſerer Stimme, obgleich ſie ge⸗ wiß Niemand behorchte,„wir müſſen ihn und ſeine Launen ertragen, Donald, und das geht ſo lange ganz 115 gut, als er fern von uns bleibt. Gott gebe, daß es noch recht lange dauert!“ „Ich ſtimme Dir bei, ja, ja, obgleich es ein un⸗ chriſtlicher Wunſch von einem alten Diener iſt, ſeinen Herrn weit aus dem Wege zu wünſchen. Aber hier iſt es einmal ſo und wir mogen nicht die einzigen ſeiner Untergebenen ſein, die ſolche Wünſche hegen. Iſt doch Alles ſchon ſo gekommen, wie ich ſchon vor langen Jahren glaubte, daß es kommen würde. Was konnte man auch Anderes von ſolchem verzogenen Mutter⸗ ſöhnchen erwarten, wie unſer Lord iſt? Dem ſind die Launen mit der Muttermilch— ach nein! er hat ja nicht an ſeiner Mutter Bruſt geſogen— dem ſind ſeine Launen und Unarten, wollt⸗ ich ſagen, ſchon durch ſeine Abſtammung eingepflanzt. Ja, die ſelige Lady hatte ſelbſt Launen und Unarten— und mehr als das, viel mehr. Weiß es Gott!“ „Nun ja, Du weißt es be ſſer als ich, Donald, da Du ein beſſeres Gedächtniß haſt als ich. Erinnerſt Du Dich ihrer noch?“ „O ganz genau. Ich ſehe ſie noch durch jenen belaubten Gang ſchreiten, an dem Tage, als der kleine Colin— ich wollte ſagen, der jetzige Admiral Sir Colin, Gott ſegne ihn!— ſein zehntes Jahr erreicht hatte und nach London gebracht wurde, um zu Schiffe 8** 116 zu gehen, was ihn ſicher und gewiß glücklicher gemacht hat, als wäre er hier unter den Augen ſeiner Mutter geblieben, die ihn nicht leiden konnte, da er ihr zu winzig, zu ſchwächlich, zu häßlich war, und die ihn, ſogar vor allen Leuten, den Zigeunerbuben nannte. Es war ein Junitag, wie heute, nur nicht ſo warm und ſonnig. Da ging ſie hin, mit ſtolzen Schritten und triumphirenden Blicken, majeſtätiſch wie eine Kö⸗ nigin, und froh, daß ſie den lieben kleinen Knaben los war, der ſie von Jugend an wie ein Dorn in's Auge ſtach. Ich war damals erſt ſechs Monate im Dienſte hier und der alte Lawſon— der älteſte Die⸗ ner der Lady, jetzt Leuchtthurmwärter auf Cap Wrath, 1 wo er durch Einſammeln der Strandgüter ein reicher Mann geworden iſt— der alte Lapſon, ſage ich, da⸗ mals der Sackpfeifer der Lady, ſtand neben mir und ſah ſeiner ſtolzen Herrin mit einem wunderbar leuch⸗ tenden und doch boshaft ſpitzen Blicke nach.“ „Sie war eine ſchöne Frau, nicht wahr, Donald?“ „Ja, das war ſie, allerdings, aber ein Bischen zu hochmüthig, denn ſie hätte gern die Naſe bis in die Wolken gehoben, wenn es gegangen wäre.“ „Und ſie beherrſchte den Lord gänzlich?“ „Vollkommen. Und das wurde ihr ſehr leicht gemacht. Seine Herrlichkeit war ein ſimpler, ſchüch⸗ 117 terner und zuweilen ſogar ein etwas confuſer Mann. Die Leute ſagten, es ſei an manchen Tagen nicht recht richtig mit ihm im Oberſtübchen. Er fügte ſich in Alles, was die Lady anordnete, und ſie ordnete ſehr Vieles nach ihrer Willensmeinung an, Gott weiß es! Namentlich aber beherrſchte ſie ihn in Allem, was die Erziehung der beiden Knaben, Thomas und Colin, betraf.“ „Den Thomas hat ſie ſehr verzogen, nicht wahr?“ „Ueber alle Begriffe. Der Bube“— der alte Donald ſah ſich ſcheu um, ob ihn auch Niemand ge⸗ hört—„der Bube war ſchon in frühſter Jugend ein Wildfang— o, mehr als ein Wildfang. Was er zerbrechen konnte, zerbrach er, was er peinigen konnte an kleinen Thieren, peinigte er und er hätte auch alle großen gepeinigt, wenn er die Kraft und den Muth dazu beſeſſen. Er durfte auch thun, was ihm beliebte, und ſo ging es fort, bis er ein erwachſener Mann war— iſt es ein Wunder, daß er geworden iſt, was wir in ihm kennen gelernt haben? Ach! ſchon mit ſeinem zwanzigſten Jahre hatte er Alles genoſſen, was die Erde bietet, und wenn er ſich jetzt langweilt in ſeinen todten Schlöſſern, ſo kommt es daher, daß es nichts mehr auf der Welt giebt, was ihm Freude und Vergnügen gewährt.“ ——ᷓ—ᷓ—ᷓ—ᷓ—ᷓ—ᷓ—qÜ 118 „Pfui, das iſt ja ein grundſchlechter Charakter. Da lobe ich mir den Sir Colin! Nicht wahr, der war ſchon in ſeiner Jugend von ganz anderer Ge⸗ müthsart?“ „Ja, der iſt wie aus ganz anderem Blute und ſcheint wirklich mit der Zigeunermilch menſchlichere Gefühle eingeſogen zu haben. Schon als Kind konnte er Niemanden weinen ſehen, und ſeinen letzten Schilling gab er hin, wenn er einen Armen Noth leiden ſah. Dabei war er ſtets freundlich und liebevoll gegen Jedermann, ſelbſt wenn ihm ſein Bruder offenkundig vorgezogen und er unverdienter Weiſe in den Hinter⸗ grund gedrängt wurde. Den Thomas überhäufte man mit Schmeicheleien und Zärtlichkeiten und für den Colin gab es nur böſe Blicke und harte Worte. Es war eine wunderbar verkehrte Erziehung der ganz ver⸗ ſchieden gearteten Knaben.“ 4 1 „Daher ſchreibt ſich wohl auch die ſpätere Feind⸗ ſchaft zwiſchen ihnen, denn Sir Colin hat gewiß im Stillen darunter gelitten, daß ihm ſein Bruder ſo ſichtbar vorgezogen wurde?“ „Feindſchaft? Nun, von Seiten Sir Colin's iſt wahrlich keine beſondere Feindſchaſt gegen ſeinen Bru⸗ der zu Tage getreten, obgleich er ihn allerdings nie aufgeſucht hat oder ihm nachgelaufen iſt. Von Seiten mwoohl denken.“ des Thomas aber hat wirklich eine Feindſchaft ſtattgefun⸗ den und findet vielleicht noch ſtatt. Den erſten Haupt⸗ grund dazu hat, glaube ich, die Erbſchaft von Glory⸗ Craig⸗Hall und des Namens Sir Colin Cameron ab⸗ gegeben, die er früher antrat, als Thomas Lord Low⸗ dale wurde. So klein das ererbte Beſitzthum auch war, Thomas hätte es gern für ſich gehabt, wie er alle ſeine Schloͤſſer und Titel noch jetzt für ſich be⸗ hält und keines ſeinem Sohne abtritt. Grund genug wäre für Colin allerdings vorhanden geweſen, ſeinem Bruder gram zu ſein, auch ohne der Zurückſetzungen zu gedenken, die er von ſeiner Mutter erfahren. Man braucht blos an die Liebe der beiden Brüder zu einer und derſelben Dame zu denken. Wäre Colin der Aeltere geweſen, was er in Bezug auf einſtigen größe⸗ ren Reichthum ſicher nie gewünſcht hat, ſo hätte ihn gewiß die ſchottiſche Dame geheirathet, die Lord Low⸗ dale's Frau und Linny's und Georgy's Mutter wurde, und er hätte mit ihr glücklich werden können, da ſie ſeinen Werth ſpäter ſo wohl zu begreifen verſtand. Das mag allerdings den Colin tief erſchüttert haben, denn, wie man ſagt, ſchnappte der Lord mit Hülfe ſeiner Muttter dem Admiral die Braut vor der Naſe weg. Das thut weh, meine Liebe, man kann es ſich 120 „Ach ja! Die arme Lady muß recht verblendet geweſen ſein, von zwei ſolchen Brüdern gerade den unrechten zu wählen. Nun, ſie iſt auch hart genug beſtraft durch den Lord und ihr hat es nichts gehol⸗ fen, ihr Unrecht ſpäter eingeſehen zu haben. Es war einmal zu ſpät.— Nach der Verheirathung Lord Lowdale's ſahen ſich die Brüder ja wohl nur ſehr ſelten?“. „O, zuweilen doch, aber immer nur auf kurze Zeit, bei zufälligen Begegnungen, wenn Sir Colin auf Urlaub nach Hauſe kam. Lord Lowdale aber vermied ihn mehr, als Colin ihn, und das ſcheint mir doch mehr Schuldbewußtſein auf des Lord's Seite zu ver⸗ rathen, wenigſtens mehr Abneigung gewiß.“ „Dies Verhältniß bewirkte es auch wohl, daß der Lord ſo ungern und ſelten nach Meanach⸗Lodge kam?“ „Mag ſein! So lange ſeine Gemahlin mit den Kindern hier lebte, ließ er ſich wenig ſehen. Er mochte ahnen, daß er an ihrem Unglück ſchuld ſei und daß ihre ganze Achtung, wenn nicht mehr, dem verſchmähten Bruder gehöre. Als ſie erſt todt war, kam er noch ſeltener, Schottland war ihm verhaßt geworden und er konnte ſelbſt ſeiner Mutter im Grabe nicht vergeſſen, daß ſie ſeine Verbindung mit der Schottin zu Stande gebracht. Das iſt ſo meine 121 Erklärung, warum er lieber in England, als in Schott⸗ land war.“ „Es ſind ja wohl zehn Jahre her, daß er gar nicht hier geweſen?“ „Ja, ſo lange mag es wohl ſein und auch damals hielt er ſich nur zweimal eine Nacht auf der Durch⸗ reiſe nach dem Norden und bei ſeiner Rückkehr auf. Es war gerade zu der Zeit, als Sir Colin das letzte Mal nach Amerika ging, bevor er Linienſchiffscapitain wurde und nach Oſtindien ſegelte.“ „Was machte er denn im Norden?“ „Ich glaube, er hatte mit Lawſon zu ſprechen, der damals ſchon lange auf dem Leuchtthurm wohnte.“ „Mit Lawſon? Was mag er denn mit dem zu verhandeln gehabt haben?“ „Das weiß Gott, ich habe keine Ahnung davon. Als er aber zurückkam, war er noch unfreundlicher und jähzorniger geſtimmt als zuvor. Er war finſter wie das grollende Meer und wer ihm in den Weg kam, hatte nur Klagen auszuſprechen. Dieſem Umſtande ſchreibe ich es auch zu, daß er an dem Tage ſeiner Ankunft ſo hart und grauſam gegen die alte Amme Sir Colin's verfuhr, die ihm unglücklicher Weiſe hier begegnete, da ſie ſich bei mir nach Sir Colin's Auf⸗ enthalt erkundigen wollte. Du mußt das ja noch wiſſen.“ 122 „Ob ich es noch weiß! Es war herzzerbrechend. Aber warum hegte er denn eigentlich ſolchen Groll gegen die arme Perſon?“ „Theils hatte er ihn von der Mutter geerbt, die das arme Weib von Anfang an lieber mit Füßen ge⸗ treten, als mit der Hand berührt hätte.“ „Warum denn das? Sie war ihr doch zu Dank verpflichtet?“ „O, Bridget, das bringt ja gerade die böſen Menſchen zu noch größerem Haſſe. Sie wollen Nie⸗ manden verpflichtet ſein und ärgern ſich, wenn ſie es ſind. Aehnlich war es gewiß mit der Lady gegen die arme Polly Dirkſon, wie ſie zuletzt hieß, nachdem ſie nach dem Tode ihres erſten Mannes, der ein Zigeuner war, den Sohn des alten Dirkſon aus Rogart ge⸗ heirathet.“ „Darüber iſt mir nur ſehr wenig bekannt.“ „O, Du haſt es nur vergeſſen. Ich wüßte das ganze Verhältniß eigentlich auch nicht ſo genau, aber als der alte Lawſon einmal von Cap Wrath hierher kam, um den Lord zu ſprechen, der gar nicht hier war, tranken wir ein paar Flaſchen Wein zuſammen, und da wurde der alte Sackpfeifer redſelig. Er erzählte mir ſo Manches und hatte noch mehr auf der Zunge, allein es kam Jemand dazwiſchen und da ſchwieg er. Nur ſo viel erinnere ich mich noch, daß er ſagte: Donald, ich bin der älteſte lebende Diener der Low⸗ dales, ich kenne ihre ganze Geſchichte, von Innen und von Außen, von Anfang bis zu Ende. Mit mir und der alten Zigeunerin ſtirbt Viel aus. Sie haben mich nicht immer ſo behandelt, wie ſie ſollten, aber das will ich vergeſſen, wie ſo manches Andere. Und dabei ſeufzte er ſchwer auf und ſah recht trübſelig aus. Wollte ich aber Alles ſagen, was ich weiß, fuhr er fort, ſo würde Manches hier im Schloſſe und an vielen Orten anders ſtehen.— Was er damit meinte, weiß ich natürlich nicht.“— „Und was erzählte er Dir ſonſt von dem Admi⸗ ral und ſeiner Amme?“ „Ach, das iſt eine lange Geſchichte, Bridget.“ „Ich möchte ſie doch einmal hören und Du biſt gerade jetzt dabei.“ Donald faltete die Hände, warf einen Blick nach dem reinen blauen Himmel empor und fuhr mit ge⸗ rührter Miene zu ſprechen fort: „Es war im Sommer, zur Zeit der Parlaments⸗ ſitzung in London und der alte Lord Lowd dale ſaß auch mit darin, obwohl er dabei mehr geſchlafen als gewacht haben ſoll. Da vernahm die Lady, daß ihr Vater hier auf Meanach⸗Lodge todtkrank darniederliege, und ⸗ 124 obgleich ſie geſegneten Leibes war, unternahm ſie die mühevolle Reiſe hierher und Lord Lowdale mußte ſie begleiten, trotzdem er einmal über das Andere klagte, das Parlament werde ſich vertagen müſſen, wenn er nicht mehr dabei ſei, was indeſſen, glaub' ich, nicht der Fall geweſen iſt. Kurze Zeit, nachdem die Lady hier eingetroffen war, ſtarb ihr Vater und nun erbten die reichen Lowdales auch noch Meanach⸗Lodge und die ganze Umgebung, den Dirry⸗Meanach⸗Wald da drüben mit Bergen und Seen und Allem, was dazu gehört, denn Lady Lowdale war die einzige Tochter des alten Laird von Meanach und ſonſt kein anderer Erbe vorhanden. Aber auch ſie ſelbſt wäre ihrem Vater beinahe in das Grab nachgefolgt, denn, mögen nun die Strapazen der langen Reiſe oder der Schmerz über den Verluſt des Vaters daran ſchuld geweſen ſein, ſie erkrankte ſchwer und genas zu früh eines Knaben, eben jenes Colin's, des jetzigen Admirals. Dieſer ſoll nun als neugebornes Kind ein merkwür⸗ diges Anſehen und nach der Lady eigenem Ausſpruch, eher einem Affen, als einem Menſchen ähnlich geſehen haben— ſo erzählte mir Lawſon— denn er war gelb, wie eine Quitte, mager, wie ein verhungertes Kanin⸗ chen, und kaum größer, als ein Däumling. Und den⸗ noch war er mit einem großen Eigenſinn zur Welt 12⁵ gekommen, denn er wollte die ihm dargebotene Nah⸗ rung nicht nehmen und ſchrie ſo fürchterlich, daß man die todeskranke Mutter auf alle Weiſe vor dem Lärm zu ſchützen ſuchen mußte. Die Dame, die ſich in dem Gefolge der Lady befand und der, wie allen Uebrigen, das Kind überraſchend ſchnell zur Welt gekommen war, ohne daß ſie die nöthigen Vorbereitungen für ſeine Pflege getroffen, war in Verzweiflung. Sie gab ſich alle erdenkliche Mühe, den kleinen Popanz zu erhalten, aber er war und blieb eigenſinnig und, ſo großen Appetit er empfinden mochte, kein Menſch konnte ihn bewegen, auch nur einen Tropfen, mochte es ſein, was es wollte, anzunehmen. „Da ſandte der Himmel dem armen kleinen Colin eine Ernährerin, an welche wohl kein Menſch auf Meanach⸗Lodge gedacht hatte, und zwar in einer Be⸗ ziehung eine ſo vortreffliche, wie ſie die äußerſte Sorg⸗ falt nicht beſſer hätte wählen können. „Als nämlich die eben geſchilderten Scenen im Schloſſe vorgingen, lagerte da draußen am Eingangs⸗ thore, das damals dem Schloſſe noch viel näher gerückt war, eine wandernde Zigeunerfamilie, beſtehend aus einem jungen Mann, einer achtzehnjährigen Frau und einem Kinde, das etwa vierzehn Tage alt ſein mochte. Die Leute waren aus der Zigeunercolonie Kirk⸗Yelholm 126 aus dem Süden gekommen und zogen nordwärts, um in irgend einem Flecken oder Dorfe, wo es barmher⸗ zige Menſchen gäbe, ein Obdach zu finden, da der Mann ſehr krank und auch die Mutter mit dem Kinde in dem obdach⸗ und nahrloſen Lande der Hülfe über⸗ aus bedürftig war. „Der Parkhüter, der von den Verlegenheiten ſei⸗ ner Lady und deren Umgebung gehört, kam in das Schloß gelaufen und brachte die braune Fremde mit, die ſich auf ſein Zureden eine Weile von den Ihrigen getrennt hatte. Sie ſoll ein junges Weib von wun⸗ derbarer Schönheit geweſen ſein, obgleich ſie vom Kopf bis zum Fuß in Lumpen einherging. Man theilte ihr die Sorge mit, in der man ſich befand, und ſie ſchien nicht abgeneigt, dem neugeborenen Kinde zum Verſuche ihre braune Bruſt zu bieten. Man reinigte ſie da⸗ her vom Staube, gab ihr angemeſſene Kleider und nun wurde der kleine Colin— allerdings hieß er da⸗ mals noch nicht ſo— an ihre Bruſt gelegt. Und o Wunder! Kaum fühlte ſich der kleine Menſch in ihren weichen Armen, ſo beruhigte er ſich, ſog aus Leibes⸗ kräften und machte überdieß ein höchſt zufriedenes Geſicht. „Jetzt ſchöpfte man im Schloſſe neue Hoffnung. Dem Lord, der überdies den ganzen Tag las oder 127 ſchlief, ſagte man nichts von dem Vorfalle, Mylady war todkrank und wußte nicht, was um ſie her vor⸗ ging. So hatte man alſo freie Hand. Man holte den kranken Mann der braunen Schönen und das Kind in das Haus, kleidete auch ſie und nährte ſie, und ſo wurde Polly die Amme des jetzigen Admirals. „Vier Wochen aber hatte die Freude über das vom Himmel gefallene Glück nur gedauert, als die Sache abermals auf kurze Zeit eine andere Wendung nahm. In dieſer Zeit nämlich war der Zigeuner ge⸗ ſtorben und Mylady geneſen. Als man ihr ihren Kleinen brachte, wollte ſie ihn nicht für ihr Kind an⸗ erkennen, denn er war ihr zu winzig und häßlich, wie ſie ſagte, und eine Dame, wie ſie, könne unmöglich einem ſolchen Wechſelbalge das Leben gegeben haben. Als ſie nun aber erſt erfuhr, auf welche Weiſe man dem Kleinen das Leben erhalten, wurde ſie ſo bös und widerſetzlich, daß man noch einmal für ihr Leben fürch⸗ tete. Auf ihr Geheiß ſollte die Zigeunerin mit ihrem Kinde, einem Mädchen, auf der Stelle das Schloß ver⸗ laſſen und in der That, man entſchloß ſich dazu, gab der braunen Frau eine Belohnung und ließ ſie ſchutz⸗ los von dannen ziehen, trotzdem man ihr das Leben des Sohnes vom Hauſe verdankt. „Die arme Perſon mußte ſich ihr Loos gefallen 128 laſſen, nicht aber der kleine Colin. Kaum hatte ſeine Amme den Park Meanach⸗Lodge's hinter ſich, ſo fing er an zu ſchreien und ſich wie unſinnig zu geberden. Man wollte ihn beſchwichtigen, die Mutter nahm ihn unwillig ſelbſt auf die Arme, aber vergebens, er ſchrie und tobte fort, als kenne er das Unrecht, das man ihm gethan. Und wie er früher jede Nahrung ver⸗ ſagt, ſo that er es auch jetzt und in vierundzwanzig Stunden war er ſo welk und elend geworden, daß man ſeinen letzten Tag gekommen glaubte. „Da erſt gelang es, den Stolz der vornehmen Mut⸗ ter zu beugen und ihren harten Sinn zu erweichen. Mit ihrer widerſtrebend gegebenen Einwilligung ſandte man Boten auf Boten nach dem Zigeunerweibe aus, das man endlich auch, weinend und krank vor Hunger und Sehnſucht nach dem Lordskinde, in dem düſteren Walde fand. Nachdem ſie nun die nochmalige Ein⸗ ladung nach dem Schloſſe vernommen, kehrte ſie haſti⸗ gen Schrittes dahin zurück und noch einmal beruhigte ſie den kleinen Colin und nährte und erquickte ihn fortan, eben ſo wie ihr eigenes Kind, denn ſie war ein geſundes und kräftiges Weib. Mylady aber warf einen bitteren Groll auf ſie und leider auch auf ihren eige⸗ nen Knaben, hielt ſich von letzterem fern und ſah ihn nur, wenn ſie es nicht vermeiden konnte, mit ihm in 129 Berührung zu kommen. Sie ſoll oft geſagt haben, daß ſie das Blut ihres Sohnes von der Milch der Zigeunerin für vergiftet halte, und ſie werde es nie verwinden können, zu ſolcher Demüthigung gezwungen worden zu ſein, was ſich in der That ſpäterhin nur als zu wahr bethätigte. Auch ließ ſie, als ſie ein Vierteljahr ſpäter nach Weſtmoreland ging, das Kind mit ſeiner Amme auf Meanach⸗Lodge und kehrte erſt zwei Jahre darauf mit ſeinem Bruder Thomas dahin zurück, wo Colin noch immer ein winziges, ſchwäch⸗ liches Ding war, das nur mit der größten Sorgfalt Seitens der braven Polly am Leben erhalten werden konnte. „Von der Liebe und Pflege überhaupt, die dieſe dem Kleinen widmete, ſo wie von ihrer Anhänglichkeit und Hingebung könnte man ein ganzes Buch voll ſchrei⸗ ben. Es ſoll rührend geweſen ſein, denn die braune Frau lebte nur für das Kind. Aber auch Colin hing zärtlich an ihr, weit mehr als an der eigenen Mutter, was dieſe nur noch heftiger gegen Beide aufbrachte und namentlich in ihrem unbeſieglichen Grolle gegen das arme verachtete Weib beſtärkte, der traurige Fol⸗ gen für daſſelbe haben ſollte. Und in Wahrheit, ihre Aufopferung, ihre Sorgfalt für den verhungernden Sprößling einer ſo reichen Familie wäre einer größe⸗ Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 9 *1o ren Belohnung würdig geweſen, als ihr zu Theil wer⸗ den ſollte; allein die vornehmen Leute belohnen häu⸗ figer nach perſönlichem Gutdünken als nach dem wirk⸗ lichen Verdienſt. Polly, die außerdem ſchon am Ende des erſten Jahres ihres Aufenthaltes hierſelbſt den Schmerz gehabt hatte, ihr kleines Mädchen zu ver⸗ lieren, wurde im vierten oder fünften Jahre nach Co⸗ lin's Geburt urplötzlich aus dem Schloſſe entlaſſen und zog nach Rogart, wo ein junger Mann, Namens Dirk⸗ ſon, wohnte, der ſie in Meanach⸗Lodge kennen gelernt. Dieſer heirathete ſie nach kurzer Zeit und hatte auch eine Tochter von ihr. Polly wäre ganz glücklich in ihren neuen Verhältniſſen geweſen, hätte die Sehnſucht nach Meanach⸗Lodge ſie nicht verzehrt, wohin ſie zu Fuße durch Berg und Thal lief, ſo oft es ging, nur um den kleinen Colin von Weitem zu ſehen oder wohl gar in einem günſtig abgepaßten Augenblick mit ihm zu⸗ ſammenzutreffen und ihn verſtohlen an's Herz zu drücken. Als Colin älter wurde und man ihm die Geſchichte ſeiner erſten Tage erzählte, gewann er Polly auch ſehr lieb und auch er freute ſich ungemein, ſo oft er ſie ſah. Wie Du weißt, kam er aber ſchon mit dem zehn⸗ ten Jahre auf ein Schiff und nun lagen weite Strecken, Waſſer und Land zwiſchen ihm und ſeiner Amme, und nur ſelten noch ſollte es Beiden beſchieden ſein, ein⸗ ——— — — 131 ander zu ſehen. Die arme Polly! Die anfänglich guten Verhältniſſe mit Dirkſon, der in ſeiner ſchönen braunen Frau eine fleißige Helferin gewonnen, gingen bald rückwärts. Dirkſon ergab ſich dem Trunke und Polly kam zum zweiten Mal an den Bettelſtab, was ihr weit drückender wurde als das erſte Mal, da ſie ſeitdem beſſere Tage kennen gelernt und außerdem für eine heranwachſende Tochter zu ſorgen hatte. Wie ſie ihr dürftiges Leben nun fortgeſchleppt, wo ſie ſich auf⸗ gehalten, die langen Jahre hindurch, iſt mir nicht be⸗ kannt geworden und Niemand mag es wiſſen. Sie ward nur von Zeit zu Zeit als Almoſenempfängerin hier beim Parkhüter geſehen und niemals wieder ge⸗ lang es ihr, bis zum Schloſſe vorzudringen, um nur einen Blick auf ſeine epheubewachſenen Mauern zu werfen, worin ſie kurze Zeit ſo glücklich geweſen war. Der jetzige Lord Lowdale mochte von ihrem bisweili⸗ gen Auftauchen in hieſiger Gegend gehört haben, denn er gab die ſtrengſten Befehle, die Landſtreicherin, wie er ſie nannte, fortzujagen, ſobald ſie ſich blicken laſſe. Er muß ſich ſogar nach dem Tode ſeiner Mutter, deren Groll gegen das arme Weib er geerbt zu haben ſcheint, ſehr ernſtlich mit dieſer Perſon beſchäftigt haben, denn er forſchte öfters nach ihr, wiewohl das lange Zeit vergeblich war, bis zu dem unglücklichen Tage, wo er, 9* *¹ 132 wie ich vorher erzählt, vom Norden hierher zurück⸗ kam und in ſo übler Gemüthsſtimmung war. Da wollte es nämlich das Unheil, daß er, wie Du weißt, mit der alten Polly Dirkſon zufällig am Gitter des Parks zuſammentraf. Das alte Weib ſah ihn ſcharf an und ſoll einige Worte an ihn gerichtet haben. Er trug eine Peitſche in der Hand und ſchlug nach ihr.„Mylord,“ rief da die Polly in aufloderndem Zorn,„gerade Sie ſollten am wenigſten nach mir ſchla⸗ gen, gerade Sie ſollten Erbarmen mit mir haben, wenn Gerechtigkeit und Billigkeit noch unter den Menſchen zu finden wären!“ „Lord Lowdale hielt ſein Pferd an und ſah ſich aufmerkſam nach ihr um.„Wer iſt das Weib?“ fragte er, obwohl er wohl wußte, wer ſie war, den Parkhüter, der, den Hut in der Hand, neben ihm ſtand, um ihn ehrfurchtsvoll zu begrüßen. „Es iſt Polly Dirkſon,“ ſagte der Parkhüter,„die alte Zigeuner in von Kirk⸗Yelholm!“ Da erbleichte Seine Herrlichkeeit und befahl dem Diener, das Weib in ſein Haus zu nehmen, bis er Weiteres über ſie beſtimmen werde. Dies geſchah. Das Weitere aber, was My⸗ lord beſtimmte, befand darin, daß— o Bridget, es ſchmerzt mich tief, daß ich das von meinem eigenen Herrn ſagen muß— daß er in der nächſten Nacht hat für ſie das Ueberfahrtsgeld bezahlt. So iſt denn der Viscount von Lomdale auf ewig von Polly Dirk⸗ ſon befreit, und weiß es Gott, wo dieſe in den dunklen Urwäldern da drüben ihren Untergang gefunden hat.“ „Das iſt ja ſchrecklich!“ rief Mutter Bridget ängſtlich und ganz bleich geworden aus.„Dieſer Wü⸗ therich! Und das iſt alſo unſer Herr?“ „Ja, Bridget, das iſt er, und wir müſſen uns tief vor ihm beugen, wenn er kommt, und dürfen nicht verrathen, wie uns im Herzen zu Muthe iſt, wenn er ſein lauerndes Auge auf uns richtet.“ „O, wenn das der Admiral wüßte!“ „Ja, wenn er, der die Alte immer ſo geliebt und beſchenkt, das wüßte! Aber wer ſollte es ihm ſagen und was könnte er ſeinem Bruder gegenüber thun?“ „Was könnte er thun? Ich weiß es nicht, aber verachten würde er ihn ganz gewiß, denn zur Rechen⸗ ſchaft kann er ihn leider deshalb nicht ziehen.“ „O, das muß der Lord wohl fühlen und darum 134 7 vermeidet er den Admiral gewiß ſo ſehr wie möglich. Denn man mag ſagen, was man will, wenn er über andere Dinge kein böſes Gewiſſen hat, hierüber muß er vor ſich ſelber erröthen.“ „Es iſt ein Jammer, daß ein Mann wie der Ad⸗ miral ſo oft und lange außer Landes iſt. Die ganze Umgebung bei ihm, Land und Leute, würden bald ein anderes Ausſehen bekommen, obgleich ſchon in ſeiner Abweſenheit genug des Guten auf Glory⸗Craig⸗Hall geſchieht.“ Der alte Donald wollte eben hierauf etwas er⸗ widern, aber er blieb mit offenem Munde mitten in ſeinen Gedanken ſtecken und wandte voller Erſtaunen den Kopf nach dem Wege, der vom Parkthore her auf das Schloß zuführte.„Was iſt denn das?“ rief er plötzlich aufſpringend.„Der Briefbote? Am heiligen Sonntag? Nun, ſo etwas iſt noch nie auf Meanach⸗ Lodge erlebt worden, ſo lange ich daſelbſt meinen Aufenthalt habe!“ fu fünftes Napilel. Die unerwarteten Gäſte. Der gute Kaſtellan hatte ſich nicht getäuſcht, es war wirklich der Briefjunge vom nächſten Poſtamte, der am heiligen Sonntage wie raſend vor das alte Schloß ſprengte. Erſt als er vor der Thür war, welche zu der Wohnung des oberſten Beamten führte, hielt er ſeinen triefenden Pony an, ſprang behende aus dem Sattel und riß eine Ledertaſche von der Schulter, die er nun dem bereits näher gekommenen Kaſtellan mit zutraulichem Lächeln entgegenhielt. „Rob!“ rief ihn Mr. Donald an, mit den Zeichen der höchſten Verwunderung in dem treuherzi⸗ gen Geſicht.„Iſt's möglich! Was fällt Dir ein? Heute bringſt Du den Beutel?“ „Ja, Sir, heute ſogar und es iſt noch dazu nur ein ganz kleiner Brief darin. Aber er ſollte und mußte endlich beſtellt werden, denn durch irgend ein Verſehen iſt er geſtern und vorgeſtern im Kaſten lie⸗ gen geblieben und der Poſtmeiſter ſagte, er komme von Sr. Herrlichkeit Sohn, das ſehe er am Siegel, und es ſtehe darauf, daß es eilig ſei— nun, Ihr werdet es ja ſehen, wenn Ihr das Ding da auf⸗ ſchließt.“ Donald riß die Augen noch weiter auf.„Von Sr. Herrlichkeit Sohn?“ rief er.„Von dem guten lie⸗ ben Linny? O Bridget, wo iſt der Schlüſſel— hol' ihn— er liegt— Du weißt—“ Die Alte war ſchon davongetrippelt. Ehe ſie aber mit dem Schlüſſel wieder zum Vorſchein kam, war Donald ihr bereits in das Haus nachgeeilt und in ein kleines Zimmer zu ebener Erde getreten, in wel⸗ chem die Nettigkeit und Sauberkeit ſelbſt ihre Woh⸗ nung aufgeſchlagen zu haben ſchien. Hier wurde der Beutel bald geöffnet und der Brief herausgeholt. „Richtig!“ rief der alte Donald, der ſeine Brille ſchon aufgeſetzt hatte und nicht merkte, daß ein eben ſo neugieriges Geſicht dicht neben dem ſeinigen mit ihm zugleich das Aeußere des Briefes muſterte, und eine zitternde Hand ihm denſelben zu entziehen ver⸗ ſuchte.„Richtig, Alte, er iſt von dem jungen Herrn, — das iſt ſein Petſchaft, und ich glaube, dieſe Worte hat er auch ſelbſt geſchrieben— aber ſag' einmal, was zerrſt und ſtößt Du mich ſo— willſt Du den Brief zuerſt leſen oder ſoll ich es thun?“ „Wir Beide, Donald, wir Beide— mach' ihn auf, mir ſpringt ſonſt das Herz vor Neugierde und Angſt— ach, was wird darin ſtehen, o wie lange haben wir keine Zeile von— von Linny geſehen!“ „Angſt!“ erwiderte Donald mit ſeltſam bewegter Stimme, und auch ihm zitterten unwillkürlich die Hände, als er das Couvert des Briefes zerriß und das kleine Blatt auseinander faltete. Als er aber den Inhalt nur flüchtig geleſen, ſank er auf einen Stuhl, ſeine Frau daneben, und Beide ſahen ſich eine Zeitlang ſprachlos vor Staunen über den unerwarteten Inhalt an. Dieſer Inhalt aber lautete: „Mein lieber alter Donald! Ich habe meh⸗ „rere Male und von verſchiedenen Orten aus an „meinen Vater geſchrieben und ihm meinen Beſuch „auf Meanach⸗Lodge angekündigt. Du wirſt alſo „durch ihn ſchon von meiner nahe bevorſtehenden „Ankunft benachrichtigt ſein. Ich komme übermor⸗ „gen mit meiner Schweſter und deren Geſellſchaf⸗ „terin nebſt einigen Dienern. Außerdem aber „bringe ich eine Dame und einen Herrn mit, die 138 „ich mit großer Achtung behandelt und ſo wohl „aufgenommen ſehen möchte, wie es Meanach⸗Lodge „nur zu bieten vermag. Die Dame ſoll die beiden „daneben will meine Schweſter ihre Hütte bauen. „Ich wünſche mein altes Zimmer, eine Treppe „tiefer, wieder zu haben und daneben bringe den „fremden Herrn möglichſt bequem unter. Richte „Alles gut und trefflich ein, wie früher, ich hoffe „ lange Zeit bei Euch zu bleiben und ſo glücklich „wie immer in dem alten Hauſe zu ſein. Es grüßt „auch die alte Bridget Lionel Lowdale.“ Bridget war die Erſte, die wieder zu Worten kam.„O!“ ächzte ſie mehr als ſie ſprach.„Er läßt mich alſo grüßen, er denkt noch an mich. Der gute herrliche Linny!“ „Dummes Zeug!“ rief Donald, der ſich allmälig zu faſſen anfing.„Das iſt ja gar nicht die Haupt⸗ ſache. Haſt Du denn Mr. Drummond's Brief ver⸗ geſſen, von dem wir heute noch ſprachen, worin er uns im Namen des Lords befiehlt, Niemanden in das Schloß einzulaſſen?“. „Zimmer im oberen Thurm, mit der Ausſicht auf „den See und dem großen Erker, bewohnen und — Bridget riß die Augen auf und blieb eine Weile 139 nachdenklich und ſtumm.„O,“ ſagte ſie endlich, das kann doch auf Mylord's eigenen Sohn keinen Bezug haben?“ „Nein, freilich nicht, aber— mein Gott— er bringt ja Fremde mit und ich ſoll Niemanden auf⸗ nehmen, wer es auch ſei—“ „Du ſollſt Dich aber auch klug und vorſichtig benehmen, damit Du Seine Herrlichkeit nicht er⸗ zürnſt—“ Nun verſtummte Donald wieder und ſenkte den Kopf.„Du haſt Recht,“ ſagte er endlich—„und das wird der Fall ſein, den Mr. Drummond gemeint hat. Ja, wir wollen klug und vorſichtig ſein— dieſe Herrſchaften werden wir aufnehmen. Aber, heiliger Gott, wie iſt mir denn? Der Brief iſt am achtund⸗ zwanzigſten Juni geſchrieben und der junge Herr will übermorgen, alſo am dreißigſten Juni kommen— das iſt ja heute! Bridget! Glotze mich nicht ſo verwirrt an, ſondern rühre lieber die Hände. Du wirſt nicht mehr viel Zeit vor Dir haben, Deine Vorbereitungen zu treffen.“ Bridget antwortete nicht, ſondern ſprang vom Seſſel auf, als wäre ſie vierzig Jahre jünger geweſen. Mit dem erſten Griffe fuhr ſie an ihr großes Schlüſſel⸗ bund, mit dem zweiten nach dem Glockenzuge am 140 Kamin, den ſie beinahe vom Haken riß, um die Klin⸗ gel durch das ganze Haus ſchallen zu laſſen und ihre Untergebenen zuſammen zu rufen. Donald ſelbſt aber, in Folge des großen Schreckes und der im Geheimen lauernden Furcht noch kaum aller Sinne mächtig,— verließ das Zimmer bald, um auch ſeinerſeits Hand anzulegen und Alles und Jedes zum Empfange von ſo vielen Gäſten, wie lange nicht in dem alten Schloſſe geweilt hatten, bereit zu machen. Und nun ging es überaus lebhaft in den weiten Räumen deſſelben her. Die Läden in den Beſuchzim⸗ mern wurden mit Haſt geöffnet und friſche Luft herein— gelaſſen, Teppiche wurden ausgebreitet, Ueberzüge von den Seſſeln und Divans genommen und der Staub von den Möbeln gewiſcht. Auch in der Küche wur⸗ den Vorbereitungen mancherlei Art getroffen, die für die erwarteten Reiſenden von Wichtigkeit waren, aber man war noch nicht halb mit dem Nothwen⸗ digſten zu Stande gekommen, als die Ankunft zweier Reiter vor dem Schloſſe Donald und Bridget von Neuem in Aufregung verſetzte— und diesmal mit noch größerem Rechte, denn der eine der beiden Reiter war Lionel Lowdale ſelbſt, der die letzten vier Meilen mit einem Diener der übrigen Geſellſchaft vorange⸗ ritten war, um in der Unruhe ſeines Herzens die. 141 Vorbereitungen zu erkunden, die man in Folge ſeines Briefes, deſſen Verſpätung er ſchon erfahren, für ſeine lieben Gäſte getroffen hatte. Lionel Lowdale und Lady Georgy waren einige Wochen, nachdem Erſterer den uns bekannten Brief an ſeinen Vater geſchrieben, mit dem deutſchen Arzte und deſſen Schweſter aufgebrochen, um ſich zuerſt über Wien nach Meran und Nizza zu begeben und dort den Winter verſtreichen zu laſſen, da alle Vier eine unbeſiegbare Abneigung gegen den längeren Aufenthalt in großen Städten empfanden. In den letzten Tagen des März, der in dieſem Jahre durch außerordentlich warmes Wetter begünſtigt war, hatten ſie Nizza ver⸗ laſſen und waren durch das ſüdliche Frankreich gezogen, wo ſie ſich an verſchiedenen Orten aufhielten, ſo lange es ihnen daſelbſt gefiel. Auf dieſer langſam ausge⸗ führten Reiſe wunderten ſich Lionel und Georgy, ob⸗ gleich ſie die an Nachläſſigkeit gränzende Gleichgültig⸗ keit ihres Vaters in Behandlung von Familienange⸗ legenheiten kannten, doch im Ganzen nicht wenig, an keinem der Orte, die ſie ihm als Durchgangspunkte bezeichnet, irgend eine Nachricht von ihm vorzufinden. Daß derſelbe aus irgend einem Grunde ihrem aus⸗ 142 geſprochenen Plane entgegen ſei, glaubte Keines von ihnen und ſie hatten auch kaum eine Urſache dafür, da ſie ſeit Jahren gewohnt waren, ganz nach ihren Neigungen zu leben und in keiner Weiſe weder in ihrem Aufenthaltsorte, noch in ihrer Geſellſchaft be⸗ ſchränkt zu werden. Als ſie aber auch in Paris keine Nachricht vorfanden, wurden ſie einigermaßen beun⸗ ruhigt und glaubten ihre Reiſe nach London beeilen zu müſſen, da möglicher Weiſe Krankheit oder ſonſt ein Unfall den Viscount am Schreiben gehindert ha⸗ ben konnte. Hier in London endlich wurde ihnen das Räthſel theilweiſe gelöst, denn ſie vernahmen da⸗ ſelbſt zuerſt zu ihrem größten Erſtaunen, daß der Lord, der niemals gern reiste und am wenigſten das Ausland aufſuchte, in Begleitung eines jungen Man⸗ nes, den man in letzterer Zeit häufig in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft geſehen, nach Italien abgereist ſei, um den ganzen Sommer über außer Landes zu bleiben. Dieſe unerwartete Reiſe des überaus bequemen Lords mußte einen wichtigen Zweck haben, denn ſo träge und lau er auch in der Führung irgend welcher Geſchäfte ſein mochte, die Zeit der Parlamentsſitzun⸗ gen pflegte er gewiſſenhaft in London innezuhalten, und dieſe ſtanden dicht vor der Thür. Nachdem die jungen Reiſenden daher nur ſo 148 lange in London verweilt, um vor der Hand das Wich⸗ tigſte und Intereſſanteſte zu beſichtigen, ſetzten ſie ihre Reiſe nach Weſtmoreland fort und erſt hier beſchloſſen ſie, eine Weile auf Lowdale⸗Caſtle zu raſten, bevor ſie die Gränze der langerſehnten Hochlande überſchritten. Von Mr. Drummond erfuhren die Kinder des Viscount's, was ſie bisher noch nicht gewußt, nämlich daß Lord Lowdale ſie ſelbſt in Wien oder Venedig zu treffen die Abſicht gehabt; ſo wie daß derſelbe mehrere Male an ſie geſchrieben, nach jenem erſten Brief von Lionel aus dem Hospitale aber keine Nachricht wieder von ihm empfangen habe, ſo lange er in Weſtmore⸗ land und London geweſen wäre. Daß der Viscount eben dieſe Begegnung in Venedig allein in der Ab⸗ ſicht gewünſcht, dadurch den angemeldeten Beſuch von Meanach⸗Lodge fern zu halten und daß er durchaus gegen dieſen Beſuch ſei, ſagte ihnen der ſchlaue Rent⸗ maeiſter nicht, ſei es nun, um ihnen die erwartete Freude daſelbſt nicht zu verderben, oder ſei es, um dem Lord, dem auch Mr. Drummond weit weniger als ſeinen Kinder zugethan war, ganz im Stillen einen Strich durch die Rechnung zu machen. So kam es denn auch, daß Lionel nach einigen Wochen mit ſeinen Gäſten nach Schottland abreiste, nachdem er jedoch vorher an ſeinen Vater geſchrieben. 144 und ihm eine Erklärung der obgewalteten Mißverſtänd⸗ niſſe gegeben hatte. Er fügte hinzu, daß er daher ſeinen urſprünglichen Plan getreulich feſt halte und nach Meanach⸗Lodge gehe, um daſelbſt während des Sommers zu bleiben, und daß er die Hoffnung nicht aufgebe, ſeinen Vater dort oder irgend wo anders nach ſeiner Reiſe zu treffen, wozu dieſer ſelber die geeignetſte Zeit beſtimmen möge. Noch eine andere Nachricht wurde Lionel und Georgy durch Mr. Drummond zu Theil, die ihnen eine um ſo größere Freude verurſachte, als ſie dieſelbe gerade jetzt am wenigſten erwartet hatten. Sie er⸗ fuhren nämlich von ihm, daß man die Rückkehr des Admirals nach Europa erwarten dürfe. In London, wo ſie darüber die ſicherſten Erkundigungen hätten ein⸗ ziehen können, wenn ſie davon eine Ahnung gehabt, hatten ſie es vermieden, mit Bekannten und Freunden zuſammenzutreffen, da ſie ihr gegenwärtiger Verkehr bei Weitem mehr als der frühere anzog. Mit der ſchönen Hoffnung im Herzen, alſo auch dem geliebten Oheim vielleicht in Schottland zu be⸗ gegnen, führte Lionel ſeine Gäſte über die Gränze ſei⸗ nes mütterlichen Heimatlandes; in Edinburg hielten ſie ſich einige Tage auf, durchzogen die Grafſchaft Perth, beſichtigten alle ihre Reize und wandten ſich endlich dem Norden zu, wo ſie in der Hauptſtadt der Hochlande, Inverneß, eine längere Raſt hielten und dann in möglichſt großen Tagereiſen nach Meanach⸗ Lodge aufbrachen, das ſie an dem genannten Tage kurz vor Sonnenuntergang auch glücklich erreichen ſollten. Es mochte etwa fünf Uhr Nachmittags ſein und die Sonne neigte ſich ſchon ſtark dem Horizonte zu, den die Bergkuppen im Weſten ziemlich eng begränz⸗ ten, als wir aus dem tiefen Schatten eines bewaldeten Engpaſſes, durch den der Shinfluß ſeine klaren Ge⸗ wäſſer rollte, die ſo unerwarteten Gäſte hervorkommen und in geordnetem Zuge, wie ihn der ſchmale Weg nothwendig machte, auf ein weites, grell von der Sonne beſchienenes Moorland ruhigen Schrittes dahinziehen ſehen. Es war ein anſehnlicher Zug, den unſere Rei⸗ ſenden bildeten, und das öde, nur von rothblühendem Haidekraut bedeckte bergige Thal hallte von heiteren Stimmen, vom frohen Gewieher der den Raſtort wit⸗ ternden Ponies und dem Gepolter der trocknen Räder der kleinen Wagen wieder, deren ſich die Reiſenden auf dieſer Fahrt bedienten. Voran ritten auf kleinen grauweißen Pferden mit luſtig flatternden Mähnen zwei Hochländer in ihrer Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 10 446 maleriſchen Bergtracht. Es waren zwei der Familie Lowdale und namentlich den jüngeren Gliedern der⸗ ſelben ergebene Männer aus Inverneß, die den Zug auf den bequemſten Wegen bis an den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung ſicher zu führen verſprochen hatten. Ihnen folgte ein kleiner, vierrädriger Wagen, in welchem an dieſem Tage Lady Georgy in hellem und die Schweſter des Arztes in dunklem Reiſekleide ſaßen, wie Letztere es beſtändig trug. Dieſer Wagen, nur für die ſchlech⸗ ten und holprigen Wege der nördlichſten Hochlande gebaut, war kurz und niedrig, zum augenblicklichen Aus⸗ und Einſteigen mitten im Fahren eingerichtet und wurde von vier kleinen Pferden gezogen, die von der Hitze des Tages etwas ſtark angegriffen und am ganzen Körper mit Schweiß bedeckt waren, nichtsdeſto⸗ weniger aber ihre mühevolle Arbeit mit Luſt und Mun⸗ terkeit verrichteten. Im zweiten ähnlichen Fuhrwerk ſaßen Mrs. Sarah Davis, die Geſellſchafterin und ſtete Begleiterin der Lady, eine ziemlich bejahrte, ſtatt⸗ liche Dame, und die Kammerjungfer Mary, ein Mäd⸗ chen von etwa achtzehn Jahren, mit flachsblondem Haar und von Geſundheit ſtrotzenden Roſenwangen. Auf einem dritten und vierten, nur mit drei Pferden be⸗ ſpannten Karren wurden die Koffer und Reiſeſäcke, wohl verpackt und eingeſchnürt, gefahren, was ſie je⸗ 147 doch nicht verhinderte, zwei wandelnden kleinen Bergen zu gleichen, da die Herrſchaften einen ziemlichen Vor⸗ rath von Kleidern und ſonſtigen auf einer ſo langen Reiſe nothwendigen Gegenſtänden mit ſich führten. Dicht hinter dem erſten Wagen, ſo dicht, daß zwiſchen den Inſaſſen deſſelben und den folgenden Rei⸗ tern bequem ein Geſpräch geführt werden konnte, ritten Lionel Lowdale und Doctor Tiefenſee, in ſtaubfarbigen Reiſekleidern und luftigen Strohhüten, und zwar auf ſchönen, ſtarken ſchneeweißen Ponies, die man eigentlich für die Damen aus Edinburg mitgebracht. Den Zug aber beſchloſſen endlich zwei berittene Diener des jungen Engländers, die ihn und ſeine Schweſter mit nach Deutſchland begleitet, beide in der Livree des Viscount's, an der ein weithin ſtrahlendes Carmoiſinroth die vor⸗ herrſchende Farbe bildete und außerdem viel Gold in den Strahlen der Abendſonne funkelte. Bevor wir jedoch dieſe Perſonen handelnd in unſre Erzählung einführen, dürfte es gerathen ſein, dem Leſer eine etwas genauere Beſchreibung von ihnen zu liefern, und wir unterziehen uns derſelben um ſo lieber, da wir es hier mit Leuten zu thun haben, die uns ſchon durch ihre äußere Erſcheinung Intereſſe ahge⸗ winnen müſſen. Betrachten wir zunächſt die engliſchen Geſchwiſter, 10* 148 die nicht allein in ihren Geſichtszügen, ſondern auch in Geſinnung, Neigungen und ſonſtigen unſichtbaren Eigenſchaften, viel Uebereinſtimmendes boten, was wir, freilich in einer ganz anderen Richtung, von den bei⸗ den deutſchen Geſchwiſtern ebenfalls behaupten dürfen. Lionel Lowdale zeigte weder im Weſen und Cha⸗ rakter, noch im Aeußern die geringſte Aehnlichkeit mit ſeinem Vater, eben ſo wenig, wie ſeine Schweſter, die Beide die Züge der einſt ſo ſchönen Mutter trugen, in Bezug auf jene inneren Eigenſchaften aber mehr mit der Geiſtes⸗ und Gemüthsrichtung des Admirals, ihres edlen Oheims, harmonirten. Lionel war ein etwa ſechsundzwanzigjähriger Mann von anſehnlicher Größe, regelmäßigem und kräftigem Körperbau, mit offenem freien Geſicht, blondem, leicht geringelten Haar und dunkelblauen Augen, die klug, heiter und ohne alle Anmaßung in die Welt blickten. In ſeinem gan⸗ zen Weſen lag etwas angenehm Ungezwungenes und ein edler Stolz, der eben ſo fern von ſich überheben⸗ dem Dünkel gegen Untergeordnete, wie man ihn ſo häufig bei Perſonen von vornehmer Abkunft trifft, wie von zu vertraulicher Hingebung gegen Gleichgeſtellte war. Gegen Fremde ruhig, beobachtend und nament⸗ lich frei von der Fülle leidiger angeborener Vorurtheile der Engländer, die nie über die Gränzen ihrer Heimat 149 hinausgekommen, zeigte er gegen Freunde ein leutſeliges, faſt herzliches Weſen, das jedoch gewiſſe Schranken inne hielt, ſobald ſein fein gebildeter Geiſt auf Mängel in der Bildung oder Fehler im Charakter ſtieß, was ihm in der That nicht eben ſelten begegnete. Von früher Jugend an von einem verſtändigen Erzieher zum Fleiße angehalten, durch raſtloſen Trieb zur Arbeit und zum Studium geneigt, ſtets das Beſte, was Gelehrte und Künſtler geſchaffen, auch für ſich geſchaffen glaubend, hatte er ſeinen Geiſt nicht allein mit dem todten Buchſtaben und der kalten Form aus⸗ gefüllt, ſondern auch dem lebendigen Worte und dem ſichtbaren Wirken des Weltgeiſtes Eingang in ſein In⸗ neres geſtattet. Die deutſche Philoſophie, Geſchichts⸗ forſchung und Literatur waren ſeine Lieblingsthemata geweſen, und wie in vielem Andern, war er mit Arnold Tiefenſee auch hierin zuſammengetroffen, der eine hohe Stufe allgemeiner Bildung erklommen hatte, wie wir ſie an den Beſten unter uns— die leider nicht im⸗ mer die Erſten ſind— glücklicher Weiſe nicht gar ſelten wahrnehmen. Aber dieſe große geiſtige Ausbildung, die Lionel Lowdale ſich ſo durch anhaltenden Fleiß und unauf⸗ hörliches Vorwärtsſtreben angeeignet, hatte ſein Herz weder vertrocknet, noch ſein Gemüth erkaltet; im Gegen⸗ 150 theil, es war eine gewiſſe, von der Mutter ererbte Gefühlsweiche dadurch nur noch mehr in ihm entwickelt worden, die ihn wiederum innig mit dem jungen Deutſchen verband, wie ſie ihn ſchon längſt mit dem vortrefflichen Oheim verbunden hatte. Vor allen Dingen war er dankbar für genoſſene Wohlthaten, und das hatte er genügend durch die Art und Weiſe an den Tag gelegt, wie er ſeinem Lebensretter gegenüber ge⸗ treten war. Die Mittel, über die er, nach unſern Begriffen, in ziemlich ausgedehntem Maaße zu verfü⸗ gen ſo glücklich war— denn ſeine Mutter, da ſie ihm keine Titel zu erwerben vermocht, hatte ihm ſechstau⸗ ſend Pfund jährlich ausgeſetzt— hatte er nie benutzt, wie ſie müßige Erben großer Reichthümer und Söhne vornehmer Herren leider nur zu oft zu benutzen pfle⸗ gen, das heißt, er hatte ſie nie vergeudet, vielmehr ſie zu guten und ernſten Zwecken zu verwenden geſucht, worin ihm vor Allem wieder der für ſich ſparſame, für Andere überaus freigebige Admiral ein lebendes Bei⸗ ſpiel geweſen war. Von der überſtandenen ſchweren Krankheit ſah man ihm gegenwärtig nichts mehr an. Er hatte wie⸗ der die alte Rüſtigkeit und Elaſticität des Geiſtes und Körpers erlangt, und da er von jeher mit ſeinen Kräf⸗ ten haushälteriſch umgegangen, hatte er ſich eine ge⸗ 151 wiſſe jugendliche Friſche und lebensvolle Heiterkeit be⸗ wahrt, die nur der Menſch hat und haben kann— wenn er kein Leichtſinniger iſt— der in das ſpru⸗ delnde Leben ohne Sorge tritt, eine Friſche und Hei⸗ terkeit, die bei ihm durch reifliches Nachdenken und unausgeſetzte geiſtige Arbeit auf angenehme Weiſe ge⸗ mildert und gewiſſermaßen veredelt wurden. So hatte er ſchon früh eine große Gewalt über ſich ſelbſt, und daraus hervorgehend, eine in ſeinen Jahren ſeltene Selbſtſtändigkeit erlangt, denn er war nie durch eine fremde und willkürliche Macht in eine knappe und engherzige Lebensanſicht gepreßt worden, er hatte ſtets handeln dürfen nach Wohlgefallen, leben nach ſeiner Idee vom wahren Lebensgenuß, und da⸗ durch war er früher zum Manne gereift, als durch die trügeriſchen Erfahrungen, die wir unſern jungen und reichen Lebemännern in einem gewiſſen Kreiſe nicht abſprechen dürfen, die ihnen aber auch den Anſtrich früher Verlebung und vorzeitiger Abnutzung geben, der dem jetzigen Geſchlechte ſo wenig zur Ehre ge⸗ reicht und ein reines mit Wohlwollen beobachtendes Herz mit einem gerechten Widerwillen gegen das lüſterne Treiben der modernen Welt erfüllt. Georgiana Lowdale, Lionel's Schweſter, war zwei⸗ undzwanzig Jahre alt und eine jener ſchönen engliſchen 152 Damen, deren Portraits wir nicht allein oft in Büchern mit Vorliebe gezeichnet finden, ſondern auch mit den Augen wahrnehmen, wenn wir Gelegenheit haben, eine Zeit lang mit gebildeten Engländern zu verkehren, obgleich wir nicht anſtehen zu ſagen, daß dieſe ſchönen Damen in ihrer Heimat häufiger angetroffen werden, als im Auslande, wo ſie ſich mit dem Gewande extre⸗ mer Inſularität— man verzeihe das ſeltſame Wort— zu umhüllen pflegen. Sie war herrlich gewachſen, groß und voll gebaut, wie ſo viele ihrer Landsmän⸗ ninnen, und hatte jenen ſchönen nordiſchen Teint, den wir in Deutſchland nur ſelten, in Frankreich faſt gar nicht mehr finden. Ihr in ſeltenem Glanze ſchim⸗ merndes reiches Haar war noch blonder als das ihres Bruders und wurde am Hinterkopfe in dichten Flech⸗ ten, vorn in langen Locken getragen, die an den blü⸗ henden Wangen in wogender Fülle herabfielen und ihre ganze Erſcheinung, namentlich wenn ſie ging oder den Kopf bewegte, noch reizender und elaſtiſcher hervortreten ließen, als ſie an ſich ſchon war. Aus ihren großen blauen Augen ſtrahlte, wie bei ihrem Bruder, dieſelbe Heiterkeit des Geiſtes und Friſche des Herzens, die hier um ſo mehr anzogen, als ſie mit einer Gemeſſenheit des Benehmens und einer Würde der Sprache gepaart waren, die auf den erſten Blick 1⁵³ und mit dem erſten Laut die vornehme Dame ver⸗ riethen. Allein die„ſtolze Georgy,“ wie ſie ihr Va⸗ ter bisweilen zu nennen beliebte, trat nur in Verhält⸗ niſſen zum Vorſchein, wo der Stolz ein nothwendiges Erforderniß, nicht aber eine zur Schau getragene er⸗ zwungene Maske iſt, mit einem Wort, ſie beſaß einen Stolz, wie ihn jeder gebildete Menſch, der ſeine eigene Würde kennt, haben darf und ſoll. An Tiefe des Gemüths, an Adel der Geſinnung ſtimmte ſie voll⸗ kommen mit ihrem Bruder überein, und wenn ihr Geiſt auch nicht ſo reich entwickelt war, wie der ſeine, ſo hatte ſie ihn doch in vielen Feldern angebaut und Luſt und Trieb genug in ſich aufbewahrt, um ihn bei Gelegenheit noch weiter auszubilden. Der Umſtand, daß ſie ſchon früh ihre Mutter verloren und in fremder Leute Hand und Zucht ge⸗ fallen war, hatte auf ſie wie auf Lionel nur günſtig eingewirkt. Die Vorurtheile ihres Standes waren auch bei ihr nicht zum Durchbruch gekommen, ſie fühlte ſich allerdings edel und erhoben über die Gemeinheit der Welt, aber ſie gebehrdete ſich nicht wie ſo viele Damen, die ſich erhaben über Alles dünken, was der Schöpfer eine Stufe unter ſie geſtellt und dem ſie daher nur mit majeſtätiſchem Naſenrümpfen entgegen⸗ treten zu müſſen glauben. Vor dieſer Anmaßung und 154 Selbſtüberhebung hatte ſie ihr Naturell, des Oheims und Lionel's Beiſpiel und endlich auch die verſtändige Leitung der Mrs. Sarah Davis bewahrt, aber den⸗ noch hatte auch ſie eine Stufe der Selbſtſtändigkeit erreicht, wie ſie ſich bei ſo jungen Damen nicht häufig findet und die vielleicht zuweilen in einem gewiſſen Eigenwillen zu Tage trat, der es ſchwierig erſcheinen ließ, ſie auf einen anderen Weg zu leiten, als den ſie einmal für den richtigen und ihrer Natur zuſagenden erkannt hatte. Dieſen beiden heiteren, das Leben weniger kräftig als am rechten Ende erfaſſenden Naturen gegenüber ſtellte ſich das deutſche Geſchwiſterpaar in einem ganz anderen und doch kaum weniger anziehenden Lichte dar. Ihnen hatte das Leben von Jugend auf keine bequemen Seſſel unterbreitet, ihre Füße waren vom erſten Lebensjahre an nicht über Teppiche und weichen Raſen geſchritten, den harten nur mit Hinderniſſen dicht beſtreuten Weg des Lebens hatten ſie überwin⸗ den müſſen und nur im Kampfe um die nothwen⸗ digſten Güter menſchlicher Exiſtenz waren ſie groß geworden. Specieller auf den Entwicklungsgang Beider ein⸗ zugehen, iſt hier nicht der paſſende Ort, vielleicht wird uns Arnold Tiefenſee ſelbſt ſpäter einige tiefere Blicke 155 in das Labyrinth ſeiner Lehrjahre werfen laſſen— hier genüge es, ihr äußeres und inneres Weſen in allgemeineren Zügen zu entwerfen und ſie ſo den Le⸗ ſern als Perſonen vorzuführen, die wohl ihre Auf⸗ merkſamkeit und ihr Intereſſe zu erregen im Stande ſind. Arnold Tiefenſee war achtundzwanzig Jahre alt, ſah aber eher älter als jünger aus. Er war faſt von gleicher Größe mit ſeinem engliſchen Freunde, aber viel zarter gebaut und ſeine Geſtalt wurde nicht ſo frei und kühn getragen, da es vielmehr den Anſchein hatte, als ob eine unſichtbare phyſiſche Laſt ſeine Schultern niederdrücke und eine Ueberfülle kummer⸗ voller und trüber Gedanken ſeinen Kopf leicht nach vorn beuge. Dennoch war er kräftig und friſch und namentlich zur Uebernahme jeder anſtrengenden Geiſtes⸗ arbeit geneigt. Bei einem nicht etwa krankhaft bleichen, vielmehr nur farbloſen, aber lebenswarmen Teint, bei braunem, etwas lang getragenen und natürlich welli⸗ gen Haar hatte er auch braune Augen, in denen bis⸗ weilen neben intelligenter Kraft und einer Fülle geiſti⸗ gen Lichtes ein leiſer Schimmer ſanfter Melancholie auftauchte, eine Miſchung, die ſeine edle große Stirn noch anziehender machte, als ihre ſchöne Bildung ſie von Natur erſcheinen ließ. So rief er den Eindruck eines ernſten, raſtlos ſtrebſamen, über Alles nachden⸗ kenden und Alles beobachtenden Menſchen hervor, der ſo lange nicht mit ſich zur Ruhe kam, als er auf der Lebensleiter, die er erklimmen mußte, noch höhere Stufen über ſich ſah, Stufen, die aller Aufwand von Willen und Geiſt ſeinerſeits bisher nicht zu erreichen vermocht hatte, da keine treibende oder ſtoßende Kraft von hinten, keine vis a tergo, wie die Gelehrten ſagen, ſeine Pfade ebnete und keine fördernde Hand ihm die entgegenſtehenden Hinderniſſe aus dem Wege räumen half. Allein Arnold Tiefenſee war auch nicht der Mann, der gewiſſen Leuten mit der olympiſchen Gön⸗ nermiene und eiskaltem Herzen ſein Glück und ſeine Exiſtenz verdanken wollte. Er baute auf ſich und ge⸗ nügte ſich ſelbſt, um gegen den Strom vorwärts zu dringen, und da er die Erreichung der metallenen Mittel des Lebens nicht zum Hauptzweck deſſelben ge⸗ macht, vielmehr die höheren Güter des Menſchen im Auge behielt, ſo war er wenigſtens mit ſeinem Stre⸗ ben zufrieden, und das ließ ihn äußerlich ruhiger er⸗ ſcheinen, als ſein ungeſtümer Drang im Herzen es ihm in der That zu ſein erlaubte. Von ſeinem braven, nur in Büchern lebenden und kaum die Welt kennenden Vater war er frühzeitig zu dem größten Studium, welches die Welt aufzuweiſen hat, dem Studium der ganzen Natur in und außer dem Menſchen beſtimmt und angeleitet worden, allein der frühe Tod deſſelben und die daraus entſpringende Mittelloſigkeit zwang ihn, dieſen großen Plan in einen engeren Rahmen einzuſchließen, und er wählte ohne beſondere Neigung dazu, das Brodſtudium der Medizin. Erſt als er ſah, wie ſegensreich ein Menſch wirken könne, wenn er als Arzt thätig ſei, auch ohne immer Recepte zu verſchreiben und Pflaſter aufzulegen, er⸗ wachte die Liebe zu dieſem großen und erhabenen Be⸗ rufe, obgleich ihm auch hier ſein weiches Gemüth oft hindernd in den Weg trat, das ſich die Leiden der Menſchheit zu ſehr zu Herzen nahm und zuletzt ſelbſt darunter litt. So war er ein Arzt geworden, der nicht, wie Viele ſeines Gleichen, blos der Wiſſenſchaft wegen ſchnitt, brannte und ätzte, noch viel weniger einer von denen, die blos des Erwerbes wegen Tag und Nacht außer Athem durch die Straßen keuchen, ſondern er war Arzt des Menſchenwohles wegen und um auch ſeinerſeits das unermeßliche Meer menſch⸗ lichen Elendes um einige bittere Tropfen zu verringern. Nachdem er in früher Jugend auf ſo räthſelhafte Weiſe ſeinen Vater, bald darauf ſeine Mutter und fünf Geſchwiſter verloren, hatte er auf die einzige ihm übrig gebliebene Schweſter alle Innigkeit und Zärt⸗ 1 lichkeit der Liebe gehäuft, die in ſeinem lebenswarmen Herzen ſchlummerte. Bis zu dem Tage nun, wo wir ihm zum erſten Male begegnen, war dieſe Liebe in der That ſein höchſtes und ſchönſtes Gefühl geweſen, denn in ſeiner Schweſter concentrirten ſich bis jetzt alle ſeine Wünſche, ſeine Hoffnungen. Ihr das ſchwere, bisher ſo bittere Leben erträglich zu machen, ihr für die frühe erlebten Kümmerniſſe wenigſtens eine Zu⸗ kunft milder Zufriedenheit und Sorgloſigkeit zu ver⸗ ſchaffen, war ſeiner Seele einziges Beſtreben, da er zu wenig an ſich ſelber dachte, um nur für das eigene Wohl und Behagen zu arbeiten. Aber dieſe Liebe, dieſe Arbeit, dieſe raſtloſe Sorge um ein zweites ihm ſo nahe ſtehendes Ich, war auf keinen werthloſen Gegenſtand gefallen, denn Martha Tiefenſee verdiente alle dieſe Bemühungen im höchſten Grade. Sie nun dem Leſer vor Augen zu ſtellen, ganz wie ſie war, dürfte die ſchwerſte Aufgabe unter dieſen Schilderungen ſein, und doch müſſen wir ſie wenigſtens mit unſrer ſchwachen Kraft verſuchen. Beginnen wir zunächſt mit ihrer äußeren Erſchei⸗ nung, die, im Einzelnen genommen, vielleicht auf den erſten Anblick nicht ganz ſo anſprechend ſein mag, wie man die jungen Damen von Bedeutung in Romanen zu ſchildern pflegt. Sie war weder ſo groß, ſo ſchön, noch ſo heiter wie Georgy Lowdale, und doch war ſie mit ganz eigenthümlichen Reizen begabt, die aber erſt bei genauerer Prüfung allmälig hervortreten, wie die ſanften Lichter auf einem Gemälde, das auf den erſten Blick zu reich an Schatten und dunklen Farben zu ſein ſcheint. Sie hatte mit einem Worte eine eher kleine und zarte, wiewohl überaus zierliche und regel⸗ mäßige Geſtalt, bei genauerer Betrachtung aber wuchs ſie aus ſich ſelbſt heraus, denn das geiſtige Leben, das aus ihren dunklen Augen ſtrahlte, und die Energie des Herzens, die auf ihrer makelloſen Stirn thronte, die allgemeine Menſchenliebe, die um ihre meiſt ge⸗ ſchloſſenen, nur bisweilen wehmüthig zuckenden Lippen ſpielte, überſtiegen jedes gewöhnliche Maaß menſchlicher, ja weiblicher Eigenſchaften dieſer Art. Dennoch aber bewegte ſich dieſer kleine Körper mit einer Anmuth ohne Gleichen, wozu vielleicht am meiſten die Ruhe ihrer Bewegungen, die Bedächtigkeit ihres Blickes und die ſüße Milde ihres ganzen, mehr ſchweigſamen als lauten Weſens beitrug. Sie hatte einen edlen, ſchön gebildeten Kopf, eine bleiche, lebens⸗ warme Geſichtsfarbe und trug das ſtarke braune Haar ungezwungen und glatt an den Schläfen geſcheitelt, wodurch nur noch mehr die kindlich reizenden Formen ihres Kopfes und ihrer ſchmalen Wangen hervortraten. 169. Das Sprechendſte, Schönſte an ihr aber waren die großen runden tief braunen, faſt ſchwarzen Augen, die in ihrer kryſtallhellen Tiefe eine Fülle von Sanftmuth und Beſcheidenheit bargen, die um ſo ſiegreicher dar⸗ aus hervorleuchtete, wenn ſie, was ſelten geſchah, das von langen ſchwarzen Wimpern beſchattete Auge lang⸗ ſam aufſchlug und mit einem eigenthümlich forſchen⸗ den Ausdrucke auf den Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit richtete. Aber noch eine faſt eben ſo ſiegreiche Gewalt lag in dem ſanften Wohllaut ihrer Stimme und den ruhi⸗ gen Bewegungen ihrer wie aus Marmor gebildeten Arme und Hände. Wenn ſie ſprach und die wenigen Worte, die ſie vernehmen ließ, mit dem leiſen Auf⸗ heben einer Hand und der, einen kleinen Kreis beſchrei⸗ benden Finger begleitete, überzeugte und beruhigte ſie zu gleicher Zeit, ſchon dadurch den erhabenen Beruf verrathend, den ſie in den letzten Jahren ihres Lebens ebenſowohl in Folge äußerer Nothwendigkeit wie aus innerem Antriebe ergriffen hatte. Doch in die Schilderung dieſer ihrer äußeren Er⸗ ſcheinung haben wir ſchon viele Züge ihres inneren Weſens gemiſcht, wie das kaum bei Perſonen zu ver⸗ meiden iſt, deren Körper und Geiſt ſo in einen einzi⸗ gen Guß verſchmolzen ſind wie hier, wo die Eigen⸗ ſchaften des einen nothwendig die des andern bedingen, weil ſie in ununterbrochenem organiſchen Zuſammen⸗ hange mit einander ſtehen. Von dem Vater, der die Ueberzeugung hegte, daß kein Menſch, ob Mann, ob Weib, beſſer vorbereitet in's Leben trete, als wenn er einen ſo reichen Schatz des Wiſſens wie möglich in ſich trage, alſo ſchon vom Vater zum Lernen angehal⸗ ten, hatte Martha Tiefenſee von Jugend an die Stu⸗ dien ihres Bruders getheilt, bis zu der Gränze na⸗ türlich, wo die höhere viſſenſchaftliche Ausbildung deſſelben begann, von der wir jedes weibliche Weſen zurückhalten möchten, da ſie nur auf Koſten ihrer Weib⸗ lichkeit auch die ſpecielleren Wiſſenſchaften zu durch⸗ dringen vermag. Da die Eltern der beiden Waiſen keine Mittel hinterlaſſen hatten, wovon ſie ihr Leben friſten konnten, ſo waren Beide darauf angewieſen, entweder von Fremden ihren Unterhalt zu empfangen oder durch angeſtrengte Arbeit ſich bald eine Stufe der Bildung zu erringen, die ſie in den Stand ſetzte, ſich ſelbſt zu ernähren. Bei dem wiſſenſchaftlichen Stu⸗ dium des Bruders ging dies langſam voran, er konnte ſeine Schweſter beim beſten Willen nicht unterſtützen, daher mußte dieſe für ſich ſelbſt ſorgen und ſie that es mit Aufbietung aller ihrer geiſtigen Kraft und der energiſchen Ausdauer ihres ſtarken Herzens. Der Lenchtthurm auf Cap Wrath. I. 11 162 Auch Martha ergab ſich ernſten Studien, ſie wollte Lehrerin und Erzieherin werden. Schon mit achtzehn Jahren hatte ſie in ihren Kenntniſſen einen Höhegrad erreicht, wie ihn nur wenige Mädchen beſitzen, ſie ſprach mehrere Sprachen geläufig und war in der Geſchichte ebenſogut wie in der Geographie und Literatur bewan⸗ dert. Das Glück ſchien ihr wohlzuwollen und führte ſie einer vornehmen, reichen Familie zu, die auf ihrem Landſitze lebte und ihren Kindern eine gute Erziehung zu geben beabſichtigte. Martha betrat das gräfliche Haus mit großen Erwartungen in Betreff ihres Er⸗ folges, allein ſie wurde arg enttäuſcht. Nur zu bald ſah ſie ein, daß man ſie nur als eine untergeordnete 4 Dienerin betrachtete, als ein nothwendiges Uebel, das man leider um ſich dulden müſſe, weil die jetzige Welt einmal ſo verſchroben ſei, von den Kindern eine Bil⸗ dung zu fordern, die ſelbſt die Eltern nie beſeſſen, und daß man ſie kaum ſo hoch wie die Köchin taxirte und folglich mit hundertundzwanzig Thalern königlich zu bezahlen glaubte. Wäre dies indeſſen der einzige Uebelſtand gewe⸗ ſen, das junge Mädchen hätte ihn mit ihrer ſtandhaf⸗ ten Seele und ihrem reinen Willen ertragen gelernt, allein da man ſie auch wegen ihrer bürgerlichen Ab⸗ kunft zu demüthigen ſich unterfing, ſie kalt, gleichgültig, e. 163 endlich lieblos behandelte und alle Achtung gegen ihr Unglück und den freiwillig gewählten Beruf hintan⸗ ſetzte, ſo ertrug ſie das Opfer nicht lange und kehrte zu ihrem Bruder zurück, der damals das Glück gehabt hatte, Arzt an einer neuerrichteten großen Heilanſtalt zu werden. In dieſer Allſtalt und an der Seite Arnold's be⸗ gann Martha Tiefenſee ein ihr ganz neues und bis⸗ her unbekanntes Studium. Sie lernte den kranken Menſchen in ſeiner ganzen Hülfloſigkeit und Gebrech⸗ lichkeit kennen und— was bei einem warmen Herzen nicht ſelten iſt— auch lieben. Martha glaubte daher bald den Beruf in ſich zu fühlen, auf dieſem Felde ihr Ziel zu erreichen, und durch die Vermittelung ihres Bruders gelang es ihr, Diakoniſſin an derſelben Anſtalt zu werden, wo er als Arzt thätig war. In dieſer Stellung wurde ihr ſtrebender Geiſt allmälig ruhiger und ihr ſanftes Herz fand ſich in eine ihm zuſagende Bahn geleitet. Sie wirkte Gu⸗ tes, und das hat noch niemals ein edles weibliches Herz ohne Befriedigung gelaſſen. Außerdem aber blieb ſie an der Seite ihres geliebten Bruders; andere Wünſche kannte ſie nicht, die äußere große Welt ſchien ihr mit einer chineſiſchen Mauer umgürtet, deren Höhe für ſie unüberſteiglich war, und ſo bildete ſich ihre 11* 1 164 innere kleine Welt zu dem ſchönen Garten aus, in dem die Bäume des Geiſtes wachſen und die Früchte des Gefühls reifen, und in welchem vielleicht das ehe⸗ malige ſo viel gerühmte Paradies auch nur beſtan⸗ den hat. In dieſem ihrem Berufe nun lernte Martha Tie⸗ fenſee Lionel Lowdale kennen, der als Todkranker un⸗ ter die Obhut ihres Bruders und bald auch unter ihre eigene kam. Wenige Wochen nach dieſer Be⸗ kanntſchaft trat auch Georgiana Lowdale in den klei⸗ nen Kreis ein und nun ging der ſo oft verkannten, wenig beachteten Martha ein neues Leben auf, denn Georgiana's ſcharfes Auge durchdrang die Rinde dieſes Herzens und fand das Gold und die Perlen darin auf, die bisher noch kein Menſchenauge erblickt hatte. So lernte ſie das vierundzwanzigjährige Mädchen lieben und, in Gemeinſchaft mit ihrem allmälig geſundenden Bruder auf ſie einwirkend, gelang es ihr endlich, den jungen Arzt und mit ihm die Schweſter, deren Ge⸗ ſundheit zu leiden ſchien, zu der von uns berichteten Reiſe und dem längeren Aufenthalt in Schottland zu bereden. Jetzt waren ſie am Ziele dieſer Reiſe. Von ſicheren Führern geleitet, hatten ſie alle Schwierig⸗ keiten derſelben überwunden; ſie hatten Bäche und Ströme überſchritten, waren durch ſchaurige Päſſe 165 und über Waldberge geklettert, und von tauſend Ge⸗ fühlen der Bewunderung und des ungeahnten Zau⸗ bers der Hochlande ergriffen, waren ſie nun in die Nähe des Shin⸗Sees gelangt, wo ſie Ruhe, Frieden, Geneſung und Freuden aller Art erwarteten, abge⸗ ſehen davon, daß die beiden Waiſen nun auch einen befriedigenden Aufſchluß über das zu früh erfolgte Ende ihres geliebten Vaters zu erlangen hofften. Sechstes Rapitel. Der erſte Abend in Meanach⸗Lodge. „Donald, mein alter Donald, da bin ich!“ rief der Sohn des Lords, ſchon aus dem Sattel ſpringend, noch bevor ſein ſchweißbedeckter Pony das Eingangs⸗ thor auf der hinteren Schloßterraſſe erreicht hatte. „Gieb mir die Hand her, ſo, alter Knabe— und auch Du, Bridget, gute, alte Bridget— da kommſt Du ja— gieb mir die Hand, ſo!— Ja, Kinder, endlich bin ich bei Euch und das war eine lange Reiſe! Mein Brief iſt zu ſpät gekommen, ich weiß es ſchon, Eure Einrichtungen aber werdet Ihr ſchon lange getroffen haben, nicht wahr?“ Donald wollte ſprechen, aber das Wort blieb ihm in der Kehle ſtecken und er vermochte nur ſeiner Frau einen Wink zu geben, daß ſie ſchweigen ſolle, da ſie 167 ſchon den Mund geöffnet hatte, um Alles, was ſie wußte, auf einmal herauszulaſſen.. „Nun, mein alter Freund,“ fuhr Lionel Lowdale mit etwas verwunderter Miene fort, indem er in die ſpitzbogige Halle trat und den vor Angſt und Verle⸗ genheit ſchwitzenden Kaſtellan am Arm mit hineinzog, „Du machſt ja ein ſo ſeltſames Geſicht— haſt Du mir denn gar nichts Freundliches nach ſo langer Tren⸗ nung zu ſagen?“ Donald ſchloß raſch die Thür hinter den Einge⸗ tretenen, gab ſeiner Frau, die ihnen gefolgt war, einen verſtohlenen Wink, ihn mit dem jungen Herrn allein zu laſſen, und wandte ſich dann zu dieſem mit den langſam hervorgeſtotterten Worten:„O ja doch, Sir, — ſo viel Freundliches— ach!l denn ich freue mich unendlich, Sie wieder zu ſehen— und ſo geſund, ſo friſch— aber— aber erwartet habe ich Sie in der That nicht— und ich konnte Sie nicht er⸗ warten.“ Jetzt erſt fiel Lionel die ängſtliche Befangenheit des Alten auf, der, ſonſt immer ſo redſelig und über⸗ fließend in Bezug auf die Mittheilung ſeiner Gefühle, offenbar die Ergüſſe derſelben diesmal zurückhielt, als ob ein geheimer Druck auf ſeinem Herzen laſte. „Ei ſieh,“ fuhr der Sohn des Lords fort, indem 4 1⁸ er auf dem erſten beſten Seſſel Platz nahm,„Du konnteſt mich nicht erwarten? Wie verſteh' ich das? Hat Dir mein Vater meine Ankunft mit den Fremden nicht ſchon lange melden laſſen?“. Donald athmete ſchwer. Er hatte ſchon die Hand in die Bruſttaſche geſteckt, in welcher er den verhäng⸗ nißvollen Brief von Mr. Drummond trug, aber er zog ihn noch nicht heraus.„Im Gegentheil,“ brachte er endlich mit heiſer klingender Stimme hervor,„My⸗ lord hat allerdings ſchreiben laſſen, aber ganz etwas Anderes, als Sie erwarten mögen.“ Lionel blickte ihn erſtaunt an.„Was denn?“ fragte er, neugierig lächelnd. „Mr. Drummond ſchrieb im Namen Sr. Herr⸗ lichkeit, ich ſolle Niemanden, wer es auch ſei, in das Schloß laſſen, Mylord wolle ſelbſt kommen und bauen—“ 4 Lionel riß die Augen weit auf. Dieſe Mitthei⸗ lung brachte auch ihm etwas ganz Neues und Uner⸗ wartetes.„Bauen?“ fragte er langſam und mit ver⸗ wunderter Miene. „Ja— doch Sie können den Brief ja ſelbſt leſen— hier iſt er.“ Lionel entfaltete das Blatt und las. Als er fertig war, lehnte er ſich in den Seſſel zurück, ſchloß 169 einen Moment die Augen und ſchien ernſthaft über den Grund dieſes ſeltſamen Schreibens nachzudenken. „Donald,“ ſagte er endlich mit ſeiner warmen und klangvollen Stimme,„hier muß ein Mißverſtänd⸗ niß obwalten und auf mich kann ſich dieſer Befehl natürlich nicht beziehen—“ „Nein, natürlich nicht, das iſt auch meine Mei⸗ nung.“ „Nun, ſiehſt Du. Möglich wäre es allerdings — möglich, ſage ich, nicht wahrſcheinlich— daß Viscount Lowdale“— und hierbei nahm ſeine Miene einen ernſteren Ausdruck an—„den Beſuch der Fremden nicht gewünſcht hat, die ich mitbringe, da er ſelbſt vielleicht mit einer Geſellſchaft zu kommen be⸗ abſichtigt. Nun, da hat er ſich aber vergebens be⸗ müht— meine Gäſte ſind mit mir einmal hier und ſie werden auch bleiben. Alſo mein alter Freund,“ fuhr er mit ſeiner früheren Heiterkeit wieder fort, „ſei um Nichts beſorgt. Wie die Sache ſich auch verhalten mag, ich nehme D Deine Handlungsweiſe auf mich, und ſollte mein Vater wirklich kommen, was ich nicht glaube— er iſt ja in Italien— ſo werde ich ihm bald die Nothwendigkeit meiner Handlungs⸗ weiſe auseinanderſetzen. Wäre er gegen meine Wünſche in Bezug auf Meanach⸗Lodge geweſen, ſo hätte er 19. mir ſeine Meinung früher mittheilen müſſen. Jetzt iſt es zu ſpät.— Nun aber tummle Dich und heiße die Diener ſich beeilen. Meine Schweſter wird mit den Gäſten bald da ſein und dieſe will ich aufgenom⸗ men wiſſen, wie die geehrteſten Gäſte des Lords ſelber. Vor allen Dingen aber, Donald, zeige Du und Deine Alte ihnen ein freundliches Geſicht, wenn ſie da ſind; es thut wohl, an einem fremden Orte herzlich will⸗ kommen geheißen zu werden und mit eigenen Augen wahrzunehmen, daß man gern geſehen iſt. Kein Menſch— und das lege ich Dir auf die Seele— ſoll ſie von dem Briefe des Biscounts etwas merken laſſen— es wird ſich Alles zur Zeit aufklären. Und da— da kommt Bridget— nun, Alte, was giebt es — da haſt Du noch einmal meine Hand!“ Bridget knixte ohne Unterlaß und ließ es ſich nicht nehmen, die Hand ihres geliebten Linny zu küſſen, dann aber ſagte ſie:„Es iſt Alles ſo leidlich in Ordnung, Sir, nur die Zimmer im großen Thurm werden erſt in einer Stunde wohnlich und behaglich ſein. Geht es nicht, daß Sie die Herrſchaften ſo lange in der Bibliothek feſſeln, wohin ich den Thee beſorgt habe?“ „Vortrefflich, Alte, Du läßeſt Dich nicht außer Faſſung bringen, wie Donald— ja, wir wollen den Thee in der Bibliothek trinken— nun aber gebt mir mein Pferd, ich will meinen Gäſten entgegenreiten und ſie ſelbſt vor das alte Schottenneſt führen.“— Er brauchte nicht weit zu reiten. Die kleine Ca⸗ ravane war dem Schloſſe ſchon nahe genug gekommen, und als er ſie erreichte, ritt und fuhr man, ſchweigend und aufmerkſam jeden Baum und jeden Strauch be⸗ trachtend, wie man es an einem fremden, lange er⸗ ſehnten Orte zu thun pflegt, eben in das Parkthor ein, vor dem der alte Parkhüter ſtand und Lady Georgiana und ihre Gäſte mit freudigem Lächeln willkommen hieß. Eine Viertelſtunde ſpäter hatte die ermüdeten Gäſte der alte ſchottiſche Herrenſitz ſelbſt aufgenommen, zum erſten Male vielleicht, ſeitdem er gegründet war, der Haupttugend ſeiner Erbauer nicht vollkommen ent⸗ ſprechend: ein jederzeit gaſtliches Aſyl für die Freunde ſeiner Abkömmlinge zu ſein. Allein Lionel Lowdale war nicht der Mann, ſich ſo leicht durch einen halb unverſtandenen Befehl einſchüchtern zu laſſen, er führte ſeine Freunde in das Haus ſeines Vaters ein, als ob es ihm gehöre und er über deſſen Räume zu gebieten habe, und ſo waren bald Alle in der Bibliothek ver⸗ ſammelt, wo ſie vor einem gemüthlichen Kaminfeuer, denn die Nebel begannen bereits aus dem See auf⸗ zuſteigen und ringsum eine friſche Kühle zu verbreiten, 172 den Theetiſch in ſeinem vollen Schmucke ihrer wartend fanden. Während nun draußen vor den Thüren und auf den Corridoren und Treppen im Innern des Schloſſes lebhafte Bewegung herrſchte, indem die Diener die Koffer und Reiſeſäcke der Gäſte in die bezeichneten Zimmer ſchafften, die Pferde fortführten und die Wagen unter Dach und Fach brachten, ſaßen die Reiſenden ſelbſt ſtill und behaglich in nächſter Nähe beiſammen. Denn lange nicht, wenigſtens nicht ſeitdem ſie die Hoch⸗ lande betreten, mochte ihnen eine ſo gefällige Häuslich⸗ keit zu Gebote geſtanden haben, wie ſie ſie jetzt um ſich her zu erblicken begannen. Die Bibliothek war einer der älteſten Räume des Hauſes, denn ſelbſt im hohen Norden von Schottland und in lange vergangenen Zeiten hätte ein reicher Laird nicht ohne Bücher beſtehen können, wenn er auch nur ſpät Abends, nachdem er von ermüdender Jagd heimgekehrt, eine Stunde lang in ſeinen Lieblingsdich⸗ tern hatte blättern ſollen. Seit des vorigen Beſitzers Tode indeſſen hatte ſich dieſe Bücherſammlung nicht weſentlich vermehrt. Lord Lowdale war zu ſelten auf Meanach⸗Lodge, um ſeinen Beſitz daſelbſt zu vervolle ſtändigen, und außerdem lag ihm die Bereicherung ſeiner Bibliotheken am wenigſten am Herzen. Er las 173 lieber in dem großblätterigen, deutlich gedruckten Buche des Lebens, und wenn er höchſtens das Wichtigſte und Intereſſanteſte aus ſeiner Zeitung, der unübertrefflichen, unvergleichlichen Times, durchflogen, däuchte er ſich ein vollkommen gebildeter und unterrichteter Mann zu ſein. Was die Räumlichkeit der Bibliothek ſelbſt betrifft, ſo war ſie nicht beſonders groß, da aber die Bücher, auf bis an die Decke reichenden Regalen von polirtem und vergoldetem Holze, nur die Wände einnahmen, ſo blieb noch genügender Raum für den Theetiſch, die Seſſel vor dem Kamin und ſogar für die Bewegung der ab⸗ und zugehenden Perſonen übrig. Der Schmuck des Zimmers dagegen ließ nichts zu wünſchen übrig. Die Teppiche wie die Vorhänge an den zwei Fenſtern, waren von dunklen, in der Farbe übereinſtimmenden, koſtbaren Stoffen, die Decke von alter dauerhafter Stuc⸗ caturarbeit, und die Seſſel bequem, wie alles Uebrige, was zur Behaglichkeit eines der Ruhe pflegenden Le⸗ ſenden dienen kann. Die vier Perſonen, die heute ihren Einzug darin gehalten, ſaßen nun gemüthlich beiſammen um den reichlich mit Speiſen und Getränken beſetzten Tiſch, wie es in England und Schottland bei ähnlichen Vor⸗ kommniſſen immer der Fall zu ſein pflegt. Sichtlich etwas ermüdet von der anſtrengenden Reiſe, unterhiel⸗ 174 ten ſie ſich weniger lebhaft als gewöhnlich; die Tochter vom Hauſe machte im Stillen die Wirthin und nur Lionel Lowdale ließ ſich in fließender Erzählung ver⸗ nehmen, indem er ſeinen Gäſten die Geſchichte des Schloſſes vortrug und ſich dann mit enthuſiaſtiſcher Vorliebe über die Schönheiten und Reize verbreitete, welche die Umgebung deſſelben den Fremden bie⸗ ten würde. Die Diener, des Schloſſes ſowohl wie die mitge⸗ brachten engliſchen, hatte man abſichtlich fern gehalten, um nicht durch ſie geſtört zu werden; nur Donald und Bridget ſelbſt leiſteten, nach altväteriſcher, auf Meanach⸗ Lodge ſtets geübter Sitte, die erforderlichen kleinen Dienſte, eine Ehre für Beide, die ſie ſich um keinen Preis hätten ſtreitig machen laſſen. Beide hatten ſich. jetzt in die vom Kamin entfernteſte Ecke zurückgezogen und beobachteten von hier aus mit Herzklopfen, wozu ſie wohl verſchiedene Gründe haben mochten, die vier jungen Leute, von denen ihnen zwei ſchon immer ge⸗ fallen hatten, die zwei andern aber immer mehr zu gefallen anfingen, je länger ſie ſie einer genaueren Be⸗ trachtung unterzogen. Namentlich die alte Bridget konnte ihre Augen von der ſtillen ſanften Fremden, deren ſchwarzes, eng bis an den Hals reichendes Kleid ſie für einen Trauer⸗ 175 anzug hielt, nicht abwenden; immer tiefer ſenkte ſich ihr Blick in dieſe leidenſchaftsloſen, ruhig der Zukunft entgegenſehenden Züge, bis ſie endlich ihre Gefühle nicht länger zurückhalten konnte und leiſe flüſternd zu Donald ſagte: „Ach, Alter, ſchau doch die kleine fremde Dame an. Sieht ſie nicht ganz ſo aus, wie eine geknickte Blume? Das arme Kind— und wie jung mag ſie noch ſein!— O wie freut es mich, daß der Viscounk ſeinen Willen nicht durchgeſetzt hat.“ „Pſt!“ unterbrach ſie Donald mit abweiſender Handgeberde.„Gnade Dir Gott, wenn er das hört! Aber ſieh, wie Georgy ſo reizend iſt. Sie iſt noch viel ſchöner geworden, ſeitdem wir ſie zum letzten Male bei uns gehabt.“ „Sie kann gar nicht ſchöner werden, als ſie im⸗ mer geweſen iſt. Doch ſieh auch unſern Linny an— ſo redſelig hab' ich ihn noch nie gefunden.“ „Dafür ſind ſeine Gäſte um ſo ſtiller.— Das Geſpräch am Tiſche, oder vielmehr Lionel's, denn die deutſchen Geſchwiſter hörten meiſt ſchweigend zu und gaben nur dann und wann mit wenigen Wor⸗ ten ihren Beifall zu erkennen, neigte ſich ihrem Ende zu. Im Ganzen waren Alle ermüdet, und das ſprach Georgiana aus, indem ſie Martha aufforderte, ihr nach 176 ihrem Zimmer zu folgen, nachdem Bridget auf Be⸗ fragen ihr zugeflüſtert, daß jetzt Alles in demſelben zu ihrer Aufnahme bereit ſei. „Ja,“ ſagte Lionel zu den Damen,„gehen Sie und ruhen Sie ſich aus; wir aber, Arnold, wollen noch einmal die Terraſſe umſchreiten, um noch heute Abend einen kurzen Ueberblick über unſre jetzige Heimat zu gewinnen.“ Man erhob und empfahl ſich. Die Damen, von Bridget geleiket, entfernten ſich zuerſt, dann zündeten die Männer ihre Cigarren an, Lionel faßte ſeinen Gaſt unter den Arm und Beide traten auf die Terraſſe hinaus, auf die ſich ſchon längſt, wie auf die ganze Umgebung, die Dämmerung des ſpäten Abends herab⸗ geſenkt hatte. Als ſie aber etwa eine Stunde ſpäter in das Schloß zurückkehrten, ſagte Lionel zu ſeinem Gaſte: „Nun, mein lieber Freund, wollen auch wir uns zur Ruhe begeben, wir haben ſie wohl verdient. Doch bevor wir unſre Zimmer aufſuchen, laß uns unſern Schweſtern eine gute Nacht bieten. Ich werde Dich führen. Sie wohnen eine Treppe höher als wir, da⸗ mit ſie die weiteſte Fernſicht haben, die ihnen Meanach⸗ Lodge gewähren kann. Wir können ſie ja ohnehin beſuchen, ſo oft wir ihre Genüſſe darin theilen wollen.“ 1 8 177— Schon während er noch ſprach, ſtiegen ſie auf ſteinerner Wendeltreppe in den großen Thurm hinauf: ein altes,„geräumiges Mauerwerk, das durch kleine Treppen und Gänge mit dem nächſtſtehenden Hauptge⸗ bäude auf bequeme Weiſe verbunden war. Vor einer hohen, mit einer dichten Portière verhangenen Thür blieb Lionel ſtehen. „Hier,“ ſagte er,„wohnt Deine Schweſter, Ar⸗ nold, und dort die meinige. Trennen wir uns hier, ein Jeder ſuche das Seinige auf. Wenn Du nachher zur Ruhe gehen willſt, ſo klopfe an Georgy's Thür, ich werde ſo lange bei ihr bleiben und Dich dann in Dein Zimmer führen.“ Damit drückte er ihm die Hand und trat ohne Weiteres in das Zimmer ſeiner Schweſter. Arnold dagegen klopfte leiſe an die ihm bezeichnete Thür, und nach einem alsbald erfolgenden Hereinruf trat auch er über die Schwelle. Lionel Lowdale hatte mit Bedacht den Damen die Zimmer im höchſten Thurme des Schloſſes ange⸗ wieſen, denn dieſelben waren, ſowohl was die Ausſicht anbelangt, die am ſchönſten gelegenen, wie in Bezug auf die innere Ausſtattung die gemächlichſten und prachtvollſten außer den Gemächern des Lords im untern Geſchoß des Hauptgebäudes. Das Gemach, Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 12 8 178 welches Martha Tiefenſee jetzt bewohnte, war groß, tief und hoch, ohne dabei in ſeiner halbgerundeten Form unwohnlich zu ſein. Das ſchöne braune Holz⸗ getäfel, die gelben mit Gold bedruckten Ledertapeten, deren Zuſammenhang nur die Thüren und der Kamin aus rothgeädertem Marmor unterbrachen, die ſchweren blauſeidenen Fenſtervorhänge und die orientaliſchen Teppiche ſtimmten vollkommen mit der übrigen Ausſtat⸗ tung überein, deren nicht geringſten Schmuck Seſſel und Divans bildeten, mit blauer Seide überzogen und zum Sitzen und zum Liegen ungemein bequem einge⸗ richtet. Schränke und Tiſche dazwiſchen waren von Schildpatt und mit Perlmutter höchſt zierlich ausgelegt. An der einen Seite des Gemaches war eine ge⸗ räumige Wandvertiefung angebracht und hier ſtand das weite alterthümliche Bett hinter blauſeidenen Vor⸗ hängen, mit Kiſſen und Polſtern belegt, deren Weiche eben ſo wenig zu wünſchen übrig ließ wie die Fein⸗ heit der Stoffe, mit denen ſie überzogen waren. Dieſem Schlafgemach gegenüber führte eine zweite Thür in das Zimmer, welches die Tochter vom Hauſe bewohnte, und an der Wand neben dem Kamine, das volle Licht von den Fenſtern empfangend, hing ein Gemälde von bedeutender Größe in einem prachtvollen Goldrahmen, einen See nebſt wilder Berggegend dar⸗ ſtellend, wie er noch weiter nordwärts von Meanach⸗ Lodge in Natur zu finden war. Was dieſem ebenſo alten wie prachtvollen Zim⸗ mer aber den größten Reiz verlieh, war ein großer Erker, welcher weit über die Grundmauern des Thur⸗ mes hinaushing und deſſen Fenſter den weiteſten Um⸗ blick über die ganze davorliegende Gegend, den blauen See und die fernen ſchroffen Gebirge geſtatteten. Aus dieſem Erker traten, als Arnold an die Thür klopfte, die beiden Damen hervor, wo ſie in traulicher Plauderei eine Weile geſeſſen hatten; aber Georgiana, nachdem ſie von dem Doctor vernommen, daß auch ihr Bruder ihr einen Beſuch zugedacht, ent⸗ fernte ſich ſogleich, indem ſie den beiden Gäſten mit herzlichen Worten eine gute Nacht wünſchte. Kaum ſah Martha ſich ihrem geliebten Bruder allein gegenüber, ſo ging ſie mit dem ihr eigenen ſchwebenden Gange raſch auf ihn zu, ſchlang beide Arme um ſeinen Hals und legte ihren kleinen Kopf ſanft an ſeine Bruſt. In dieſer Stellung verharrte ſie geraume Zeit und kein Wort kam dabei über ihre Lippen, was die Begrüßung nur noch inniger erſchei⸗ nen ließ. Nachdem aber Arnold ihre Stirn geküßt und ihr wiederholt einen guten Abend geboten, löste ſie ihre Arme, faßte eine ſeiner Hände und zog ihn 12* 180 mit milder Gewalt dem Erker zu, deſſen eines Fen⸗ ſter geöffnet war. „Sieh hier,“ ſagte ſie mit ihrer ſanften und ein⸗ ſchmeichelnden Stimme,„ſieh und freue Dich, wie man mich untergebracht hat. O, mein theurer Bruder, was haben wir, ganz gegen unſre Erwartung, für eine Reiſe gemacht, was haben wir Alles geſehen und ge⸗ noſſen! Wie groß und reich iſt Gottes ſchöne Welt für Die, die ſie zu genießen die Mittel beſitzen, nicht wahr? Und doch— und doch, Arnold, war es Zeit, daß wir hierher kamen, ich habe mich ſchon lange nach Ruhe geſehnt, denn ich bin müde und abgeſpannt, wie ich nie in meinem Leben geweſen bin.“ „Ich glaube es wohl,“ erwiderte Arnold mit ſeinem gewöhnlichen milden Ernſte,„aber den Hafen der Ruhe haben wir ja nun gefunden und Deine Kräfte wer⸗ den ſich bald wieder einſtellen. Habe nur auch dies⸗ mal Geduld, wie Du ſie ſo oft in ſchwierigeren Le⸗ benslagen gehabt.“ „Ich habe ſie, ja, Arnold, ich habe ſie— aber ſieh, der Blick hier hinunter und hinüber, ſo groß und ſchön er beim vollen Tageslichte ſein mag— jetzt iſt er noch trübe und düſter genug. Sieh nur— meinſt Du nicht auch?“ Arnold folgte der Richtung, in die ihre Hand 181 deutete, und überflog mit raſchem Blicke das vor ihm liegende mehr ſchatten- als lichtreiche Bild. In der That hatte daſſelbe in dieſer nächtlichen Stunde nichts Freundliches. Vom Park unter dem Fenſter ſah man nur wenig; nur hier und da tauchten die dicht und tief belaubten Bäume wie ungeheure Schattenkegel auf. Von dem langgeſtreckten See, der den glänzen⸗ den Herrenſitz halb umfloß, ſah man nichts, ein weiß⸗ licher undurchdringlicher Nebel, aus ſeinem Schooße aufgeſtiegen, bedeckte ihn ganz, und nur die fernen zerriſſenen Felskuppen, ebenfalls halb in Nebel gehüllt, ragten geſpenſtiſch darüber hervor, kaum ſtellenweiſe von dem Sternenmeere erleuchtet, das ſich in aller ſeiner Glorie am tiefblauen, klaren Himmelszelte un⸗ abſehbar weit ausbreitete. Dabei lag eine unheimliche Stille auf der nächtlichen Scenerie, nur ganz aus der Ferne, von Norden her, ließ ſich ein dumpfes, regel⸗ mäßiges Brauſen vernehmen, welches von verſchiede⸗ nen Felsbächen herrührte, die ohne Halt und Raſt, Tag und Nacht ihre wilde Bahn durchliefen, von den Klippen herniederſtürzten und ſich ihre tiefen Betten ſelbſt in den eiſenfeſten Felsboden gruben. „Hörſt Du dieſen dumpfen Ton und ſiehſt Du dieſen undurchdringlichen Nebel,“ fuhr Martha fort, da Arnold, in Anſchauen verſunken, ſchwieg,„haſt Du 182 ſchon je ſo phantaſtiſche Geſtalten geſehen, ſolch' drohen⸗ des Toſen gehört? Sieh, wie der Nachtwind die lang⸗ geſtreckten Nebelſtreifen dort nach den Felsſpitzen hin⸗ aufwirbelt und damit die Ferne verſchließt, die wir ſo gern mit unſern Augen durchdringen möchten.“ Arnold warf einen innigen Blick auf das bleiche Geſicht der Schweſter, drückte ihren Arm feſter an ſich und deutete dann mit der Rechten raſch nach Oben. „Du ſiehſt nur den Nebel hier unten,“ ſagte er leiſe, „erhebe vielmehr Dein Auge und ſchaue dies unermeß⸗ liche blaue Gewölbe mit den zahlloſen Geſtirnen an. Da oben wohnt und herrſcht die Klarheit und was Dir hier unten heute noch dunkel und in Nebel ver⸗ borgen iſt, wird Dir morgen das ſtrahlende Licht die⸗ ſes Himmels erleuchtet haben.“ „Ja, der Himmel, Arnold, iſt hier und überall ſo ſchön und klar wie bei uns. Aber die irdiſchen Sorgen ſtammen von der Erde und hier iſt ſie in graue Wolken gehüllt, wie es unſre ganze Vergangen⸗ heit war.“ Arnold ſeufzte, er konnte ihr mit gutem Gewiſſen nicht widerſprechen.„Du biſt angegriffen von der Reiſe, Martha,“ ſagte er endlich,„Du haſt zu Viel und Vieles zu raſch auf einander geſehen. Ruhe Dich aus und mit den friſchen Kräften werden auch günſti⸗ 188 gere, wohlthuendere Eindrücke kommen. Du ſagſt ja ſelbſt, daß wir jetzt in den Hafen der Ruhe eingelau⸗ fen ſind.“ „Ich wollte es, ach ja, ich wünſchte es ſehr,“ er⸗ widerte Martha, nun auch ſeufzend.„Aber ich weiß nicht, wie es kommt, bisweilen will es mich bedünken, als wären wir auch hier noch nicht in den erſehnten Hafen der Ruhe eingelaufen.“ „Gott kann freilich ſchicken was er will, Martha, aber unſere Wirthe tragen dann keine Schuld davon, Sie haben mehr für uns gethan und noch viel mehr zu thun die Abſicht verrathen, als in der Regel Men⸗ ſchen für einander zu thun pflegen. Ich ſtaune in Wahrheit über die wunderbare Dankbarkeit und Groß⸗ muth dieſes edlen Engländers, Er ſcheut keine Mit⸗ tel, uns die Welt in ihrem roſigſten Lichte erſcheinen zu laſſen und es macht ihm ſelbſt die größte Freude, wenn er uns voll Freude und Zuſtimmung ſieht. Das iſt ein ſeltener Character, ein ſeltenes Herz in dieſen Tagen der Selbſtſucht und der raffinirteſten Eigenliebe.“ Martha nickte ſchweigend mit dem Kopfe, als wollte ſie ſagen: So iſt es!—„Auch Georgy iſt liebreich über alle Maaßen,“ ſagte ſie dann leiſe,„ſie iſt es mit voller Seele, Du kannſt es in ihren Au⸗ gen leſen.“ 184 „Ich leſe es!“ hauchte es von den Lippen des Arztes.„Und heute,“ fuhr er dann freier athmend fort,„habe ich Lionel endlich ſeinen ſchon oft ausge⸗ ſprochenen Wunſch erfüllen müſſen. Schon früher, lange bevor wir England erreicht, bot er mir, wie Du weißt, das brüderliche Du an, wenn er Deutſch mit mir ſprach, was er ſo gern thut; ich lehnte es aber immer ab, denn ſieh, Martha, es waltet doch ein zu bedeutender Unterſchied zwiſchen unſrer gegenſeiti⸗ gen Stellung ob. Heute nun, kurz bevor er uns vor⸗ ausritt, ſagte er zu. mir: Nun aber, Arnold, verlange ich ernſtlich, was ich bisher nur erbeten habe. Noch bevor wir unter mein heimatliches Dach treten, will ich Ihr Wort. Sie ſollen mir nicht länger fremd gegenüberſtehen, ich will Ihr Bruder ſein, wie Mar⸗ tha Ihre Schweſter iſt.“— „Und Du— was thateſt Du?“ „Ich reichte ihm die Hand und damit war der Bund beſiegelt.“ Martha athmete frei auf.„Das freut mich,“ ſagte ſie, faſt heiter lächelnd,„denn Daſſelbe verlangte auch Georgy heute mit ernſtem Nachdrucke von mir, und auch ich habe ihr zuſtimmend die Hand gereicht, wie Du ihrem Bruder.“ Beide ſchwiegen einen Augenblick, wie mit ihren 185 innerſten Gedanken beſchäftigt. Dann umfaßte Ar⸗ nold die geliebte Schweſter, drückte ſie ſanft an ſich und ſagte:„Nun, Martha, und das ſtimmt Dich nicht heiterer? Was können wir mehr verlangen?“ „Ach, wir verlangen ja Beide nichts!“ „Nein, Du haſt Recht. Aber ich bin jetzt ganz mit meinem kühnen Entſchluſſe ausgeſöhnt und freue mich, mit dieſem meinem ehemaligen Patienten die große Reiſe angetreten zu haben. Anfangs bedrückte es mich ſchwer, ein ſolches Wageſtück zu beginnen, ich hatte nahezu das Gefühl der Schaam, ihm ſo Viel verdanken zu müſſen, aber jetzt, da ich ſehe, wie er Alles thut, was er uns thut, ſchäme ich mich nicht mehr — er iſt ſo reich wie wir arm ſind, und da iſt ein⸗ mal ein Stück Reichthum auf einen Menſchen gefallen, der ihn verdient. Gott ſegne ihn dafür!“ Martha nickte, als ſpreche auch ſie innerlich die⸗ ſen Segenswunſch nach, dann aber ſchauerte ſie wie vor Froſt zuſammen. „Friert Dich?“ fragte Arnold, die zarte Geſtalt der Schweſter feſter umſchließend. „Ich weiß es nicht,“ lautete die kaum hörbare Antwort.„Aber der Nebel dort unten beängſtigt mich.“ „So komm herein— ſchließe das Fenſter— ſo!“ Und Beide zogen ſich aus dem Erker an das ſtill brennende Feuer im Kamin zurück, wo ſie noch eine Weile freundlich mit einander über die jüngſt. verlebten Tage ſprachen. Dann ſagte Arnold der Schweſter gute Nacht und ſie trennten ſich. Während dieſe Unterhaltung zwiſchen den deut⸗ ſchen Geſchwiſtern in einer denſelben eigenthümlichen Weiſe ſtattfand, ſaß auch das engliſche Geſchwiſterpaar vertranlich vor der Flamme des Kamins beiſammen und tauſchte ſeine Gedanken über die gegenwärtige Lage der Dinge aus. „Nun haben wir alſo unſre Freunde, wo wir ſie haben wollten,“ begann Lionel das Geſpräch,„und mir bleibt vor der Hand nur übrig, Dir meinen Dank für die Aufmerkſamkeit zu ſagen, die Du ihnen auf dem ganzen Wege erwieſen haſt. Du pflegteſt zwar ſtets auf meine Gedanken einzugehen und danach zu handeln, Georgy, hier aber haſt Du Dich ſelbſt über⸗ troffen, denn Du ſcheinſt meine Abſichten errathen zu haben und ſie buchſtäblich ſo auszuführen, wie ich es gewünſcht hatte.“ „Nicht doch, mein guter Lionel,“ erwiderte Georgy, „Du haſt gar nicht nöthig, mir das zu ſagen, mich zu loben und Dich dabei zu bedanken. Ich bin diesmal weniger Deinen Gedanken und Abſichten gefolgt, als ich meine eigenen in Ausführung gebracht habe, und höchſtens ſind unſre Wünſche diesmal unvermu⸗ thet auf einem und demſelben Flecke zuſammengetrof⸗ fen. Dieſe beiden Menſchen, denen Du in der That ſo viel verdankſt, deren Eifer und Pflege es möglich gemacht, daß Du wieder mit mir am Kamin Deiner geliebten Heimat ſitzeſt, dieſe beiden Menſchen, ſage ich, haben auch meinen ganzen Beifall erworben, Linny, und es würde daher ganz gegen meine Natur ſein, wollte ich mich zwingen, weniger liebevoll gegen ſie zu ſein als Du. Doch dies ganze Geſpräch iſt eigentlich unnütz zwiſchen uns, mein Lieber, und die Sache ver⸗ ſteht ſich ganz von ſelbſt, denn wie Doctor Tiefenſee jetzt Dein Freund iſt— und ich zweifle, daß Du je einen aufrichtigeren gehabt haſt, noch haben wirſt— ſo iſt dieſes ſanfte, ſtille Weſen, ſeine Schweſter, meine Freundin geworden. Da weißt Du es und jetzt wun⸗ dere Dich über nichts mehr, und wenn Du mich noch viel mehr Neigung und Liebe an ſie wenden ſiehſt, als ich je an eine andere Perſon gewandt, ſo begnüge Dich damit, zu denken, daß ich mit dieſer Handlungs⸗ weiſe meine ganz beſonderen Zwecke verfolge.“ Georgy ſagte das wie im Scherz und doch war es in vollem Ernſt gemeint, das hätte ein aufmerkſa⸗ merer Beobachter, als Lionel in dieſem Augenblick war, 188 wohl an dem Leuchten ihrer Augen und dem zucken⸗ den Spiele ihrer Lippen wahrnehmen können. Lionel hörte nur die Worte, die ſie ſprach, die Quelle dage⸗ gen, aus der ſie floſſen, hatte er noch nicht entdeckt. „Zwecke verfolgſt Du damit?“ fragte er, verwun⸗ dert aufhorchend.„Welche denn? Darf ich ſie nicht wiſſen?““ Georgy lächelte, ungemein in ſich ſelbſt befriedigt, und deshalb ſah ſie auch ihren Bruder mit einer Glück verrathenden Miene an.„Warum willſt Du das wiſ⸗ ſen?“ fragte ſie.„Doch, wenn Du ſo neugierig biſt, kann ich wenigſtens einen Theil meiner Abſichten ver⸗ rathen. So wiſſe denn, Linny“— und ſie legte ihre feine ſchöne Hand nachdrücklich auf ſeinen Arm—, „anfangs hat mich ein tiefes Mitleid ergriffen, als ich das kärgliche Leben kennen lernte, welches dieſe beiden Menſchen in ihrem ſchweren Berufe mit und neben einander führten. Als ich aber die Ergebung ſah, mit welcher ſie die Bürde ihres Geſchicks trugen, und dies Geſchick ſelbſt genauer erfuhr, ging mein Mitleid in ein wärmeres Gefühl über, ich lernte dies arme Mäd⸗ chen lieben, und dieſe Liebe nahm gegen alles Vermuthen in meinem Herzen einen ſo großen Umfang und eine ſo unabſehliche Tiefe an, daß ich eben nicht anders handeln konnte, als ich gethan und noch zu thun die Abſicht habe.“ Lionel drückte die Hand ſeiner Schweſter.„Und was beabſichtigſt Du denn?“ fragte er zögernd.„Ich weiß es noch immer nicht.“ Sie legte den lockigen Kopf leiſe an ſeine Schul⸗ ter, rollte ihr Taſchentuch auf und zu, ohne es zu wiſſen, und flüſterte:„Ich faßte den Entſchluß, den wir reichen Leute leider ſo ſelten faſſen: einmal ganz nach meinem Herzen zu verfahren und Martha glücklich zu machen— ſo glücklich— als in meinen Kräften ſteht.“ „Georgy!“ rief Lionel lauter, als er ſelber wußte, in überſtrömender Empfindung aus.„Das iſt edel von Dir—“ „Nicht edel, Linny, nur gerecht. Und nun ſiehſt Du, habe ich ſie durch das lange Beiſammenſein und nachdem ich ſie ſo ganz von Grund aus kennen und ſchätzen gelernt, ſo lieb gewonnen, daß ich den Ge⸗ danken nicht ertkagen kann, mich jemals wieder von ihr zu trennen. Ich arbeite alſo ſchon im Stillen an der Möglichkeit, ſie ganz bei mir zu behalten und ſie nicht wieder in ihre Einſamkeit, ihre Armuth, ihre de⸗ müthige Stellung zurückkehren zu laſſen.“ Lionel dachte ſchweigend eine Weile nach, dann ſchüttelte er leiſe den Kopf, als liege etwas in dem eben vernommenen Plane, was ihm nicht ganz gefalle, oder gar etwas, was ihn verletze.„Hoffentlich ver⸗ 190 ſtehe ich Dich falſch,“ ſagte er dann ziemlich ernſt,„oder hegſt Du wirklich die Abſicht, Martha Tiefenſee einſt die Nachfolgerin von Mrs. Sarah Davis werden zu laſſen, Deine Geſellſchafterin und Vorleſerin—?“ „O Linny! Was denkſt Du!“ fuhr Georgy lebhaft auf.„Traue mir keine ſo gewöhnlichen und egoiſtiſchen Pläne zu. Martha Tiefenſee iſt meine theuerſte, liebſte Freundin, und wenn ich ſie zu mir nehme, geſchieht es nur dazu, ſie bei mir leben zu laſſen, wie ſie will, nicht wie ich will, und um ſie ganz und für immer dem trüben Looſe zu entziehen, in welches ſie ein namenlos bittres Geſchick geworfen hat.“ Lionel blickte ſeine Schweſter ſchon viel freund⸗ licher an.„Das klingt ganz gut, Georgy,“ erwiderte er, immer noch wie in Sinnen verloren den Kopf ſenkend,„aber Du haſt das wichtigſte Hinderniß über⸗ ſehen, welches dieſem ſchönen Plane im Wege ſteht.“ „Was iſt das für ein Hinderniß?“ „Das Verhältniß der beiden Geſchwiſter zu ein⸗ ander. Denkſt Du nicht daran, wie Beide nur für einander leben, wie ſie ſtets nur zuſammen gelebt haben? Wie willſt Du es anfangen, ſie zu trennen, oder gehſt Du vielleicht auch mit dem Plane um, Arnold Tiefenſee ebenfalls an Dein Haus zu feſſeln und ihn wie ſeine Schweſter glücklich—8“„ 191 Georgiana ließ ihren Bruder nicht ausſprechen. Sie lachte, beinahe laut, und ſo anhaltend, daß man ihr anſah, wie gelegen ihr dies Lachen komme, um eine kleine Wolke von Verlegenheit zu verſchleiern, die ihres Bruders Bemerkung herbeigeführt.„Du ſcher⸗ zeſt,“ ſagte ſie endlich,„und doch dürfen wir nur mit dem größten Ernſt an dieſe Aufgabe gehen. Ja, Du haſt einen häklichen Punkt berührt, Martha wird ſich ſo leicht nicht von ihrem Bruder trennen, doch könnte darin ein Ausweg gefunden werden. Allein daran denke ich jetzt noch nicht. Wir ſind noch den ganzen Sommer beiſammen und bis ich ſie nach Hauſe be⸗ gleite, was ich mir vorgenommen, wenn eine Tren⸗ nung nothwendig werden ſollte, wird dieſer Ausweg gefunden ſein. Doch nun ſage mir, Linny, findeſt Du nicht Beide ſchon heiterer geworden, ſeitdem ſie mit uns auf der Reiſe ſind?“ „Es ſcheint ſo, Georgy, und es würde mich ſehr freuen, wenn dieſe Heiterkeit hier in der Einſamkeit, die Beide ſo lieben, in der Ruhe, derer ſie ſo bedür⸗ fen, und in dem vollen Genuß der erhabenen Natur noch mehr zunehmen ſollte. Allein daran iſt ſo bald nicht zu denken. Der Kummer, dem ſie zum Opfer gefallen, ſitzt zu tief in ihren Herzen, und einige glücklich und ſorglos durchlebte Monate können nicht 192 erſetzen, was ihnen Jahre der Mühe und Arbeit ge⸗ nommen haben. Außerdem bedrückt ſie das geheim⸗ nißvolle Schickſal ihres Vaters um ſo mehr, je näher wir dem Orte ſeines wahrſcheinlichen Endes kommen. Und das finde ich ganz natürlich. Doch verſuchen wir unſer Heil, vereinigen wir unſere Kräfte, beglücke Du Martha, ich werde es ebenſo mit Arnold machen, und wenn wir einſt darin zu einem erwünſchten Ziele gelangen, wollen wir uns Beide gratuliren, etwas vollbracht zu haben, was Onkel Colin für das beſte Menſchenwerk auf Erden erklärt hat. Jedoch, Georgy, ich wollte heute noch etwas Anderes mit Dir beſprechen.“ „Ich höre. Jetzt berichtete er der Schweſter erſt, welche Scene er mit Donald erlebt, als er vor wenigen Stunden zuerſt allein auf Meanach⸗Lodge eingetroffen war. Er las ihr den Brief Mr. Drummond's vor und fragte ſie dann, was ſie davon denke. Georgy horchte erſtaunt und immer erſtaunter auf. Die während des vorigen Geſprächs allmälig entſtandene warme Röthe auf ihrem ſchönen Antli wich einer blaſſeren Färbung und ſie ſah ihren Bruder fragend, zweifelnd, ungläubig an. „Ja, ja,“ fuhr er fort,„es iſt wie ich ſage un wie Du eben gehört haſt. Viscount Lowdale will 193 nicht, daß irgend ein Fremder Meanach⸗Lodge betritt, er will ſogar ſelbſt hierherkommen und bauen— ver⸗ ſtehſt Du etwas davon?“ „Nein, Linny, ganz gewiß nicht. Das iſt auch nicht zu verſtehen. Unſere Briefe aus Deutſchland hat er doch erhalten?“ „Wenigſtens den, worin ich ihn um Meanach⸗ Lodge für mich, für Dich und unſere Gäſte bat, und gerade kurz nach Empfang dieſes Briefes— ſo giebt es wenigſtens das Datum an— beauftragte er Mr. Drummond, an Donald dieſen wunderlichen Befehl zu ſenden.“ „Das iſt ſeltſam, Linny.“ „Mehr als ſeltſam. Meine letzten Briefe aus London und Lowdale⸗Caſtle muß er längſt haben; er weiß alſo, daß wir bereits hier ſind und daß ſein Befehl in Bezug auf das alte ſchottiſche Schloß nicht erfüllt iſt. Was nun?“ Georgiana ſtand auf und ſchritt einige Male nachdenklich im Zimmer auf und ab. Sie ſchien bei jedem Schritte größer zu werden und ſtolzer einher⸗ zugehen und endlich trat ſie leuchtenden Blickes auf ihren Bruder zu, faßte ſeinen Arm und ſagte feſt und faſt heftig:„Was gedenkſt Du zu thun, wenn unſer launenhafter Vater kommt?“ Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 13 194 Bei dieſer Frage erwachte auch Lionel's Stolz. Er erhob ſich zu ſeiner ganzen Höhe, athmete tief auf und ſagte:„Ich habe meinen Freund als meinen Gaſt hierhergebracht und— er wird mein Gaſt bleiben, ſo lange ich ſelbſt hier bin.“ Georgy lächelte wieder heiter.„So ſind wir alſo auch darin einig,“ ſagte ſie.„Martha Tiefenſee bleibt auch mein Gaſt, und wenn kein ernſthafterer Grund als eine Grille den ſonderbaren Wunſch un⸗ ſers Vaters veranlaßt hat, ſo werde ich vor ihm den Beweis zu führen haben, daß das Gaſtrecht, zumal das gelobte, ein heiliges Recht iſt.“ Die Hände der beiden Geſchyiſter fielen laut ſchallend in einander. Auge verſenkte ſich tief in Auge und ſie lächelten ſich Beide ſiegreich dabei an. In dieſem Augenblick pochte es leiſe an die Thür. „Das iſt Arnold,“ ſagte Lionel. Er hat ſeine Schweſter verlaſſen und nun giebt er mir das Zeichen, daß auch wir unſre Ruhe ſuchen wollen. Aber halt, noch Eins. Georgy. Er ſo wenig wie ſie darf eine Ahnung von dem Befehle des Herrn dieſes Hauſes haben— verſtanden?“ Georgy legte den Finger auf die Lippen und nickte bejahend. 1 „Dann iſt es gut, wir ſind in Allem einig. Und 195 nun gute Nacht, Georgy, ſchlafe wohl und hoffentlich wirſt Du morgen ſo geneigt ſein wie heute, unſre Pläne auszuführen.“ „Morgen ſo gut wie immer— Du kennſt mich, Linny.“ Lionel nickte ihr freudig zu, ſie verſtanden ſich Beide, oder glaubten ſich wenigſtens zu verſtehen. Dann ging er zur Thür hinaus und führte ſeinen Gaſt in das für ihn bereitete Zimmer. 132 Siebentes Napitel. Was die Nebel bringen. Noch lag der weiße Nebel in maſſenhaften Schich⸗ ten über dem breiten See und wirbelte in ſpiralför⸗ migen Säulen um die Spitzen der fernen Bergkuppen, aber ſchon ſtieg die Sonne ſiegreich im Oſten herauf und drückte mit ihrem erwärmenden Strahle die un⸗ heimlichen Dunſtgeſtalten in das feuchte Gebiet des Sees und das naſſe Haidekraut zurück, aus denen ſie ſich entwickelt hatten. Lange bevor die Nebel aber ganz bewältigt waren, klopfte eine beſcheidene Hand an Lionel Lowdale's Thür. Es war der alte Donald, der von ſeinem jungen Herrn das Programm des Tages ſich erbitten wollte. Der ehrliche Schotte hatte ſich während der Nacht in die Lage der Umſtände gefunden und nun war an Stelle ſeiner geſtrigen Beſorgniſſe die volle Freude getreten, 2 197 den Erben des Hauſes ſo ganz unverhofft und noch dazu auf längere Zeit in der Nähe zu haben. Das las Lionel ſogleich auf ſeinem Geſichte und demgemäß begrüßte er ihn auf das Herzlichſte. „Wo ſoll das Frühſtück eingenommen werden, Sir,— in der Bibliothek?“ „O nein, nein, Alter, wir ſind ja keine Stuben⸗ hocker und ohne Ausnahme an die friſche Luft ge⸗ wöhnt. Laß uns unter der alten ſchönen Linde ſitzen — Du weißt ſchon— mach' es den Damen recht be⸗ quem, und die Thautropfen des Raſens kannſt Du ja mit Teppichen bedecken laſſen. Nach dem Frühſtücke wollen wir die Hirſche und Rehe beſichtigen, dann laß die Ponies zuſammenholen, damit wir für die Damen die brauchbarſten ausſuchen. Miß Tiefenſee wird heute ihren erſten Proberitt halten.“ „Und wann ſoll ich das Zeichen zum Frühſtücke geben laſſen?“ „In einer halben Stunde, denke ich, es giebt keine Langſchläfer unter uns.“— Donald verließ ſeinen jungen Herrn, auf’'s Neue erfriſcht von deſſen Leutſeligkeit und Herzlichkeit. Er vergaß Mr. Drummond's Brief und die Befehle ſeines Herrn immer mehr, obwohl er noch von Zeit zu Zeit im Stillen aufſeufzte. * er ſchon völlig angekleidet und in einem Buche leſend⸗ fand, da der Nebel die genauere Betrachtung der Um⸗ gebung noch verſagte. Als aber Beide auf die Ter⸗ raſſe traten und ſich der Linde zuwandten, wo man die Teppiche ſchon ausgebreitet, die Seſſel aufgeſtellt und die ſonſtigen Anordnungen zum Frühſtück getrof⸗ fen hatte, ſanken eben die Dunſtſchleier vor dem mäch⸗ tigen Andringen der Sonnenſtrahlen in die blaue Fluth unnd wenige Minuten nachher lag die Umgebung des Schloſſes klar und nach allen Seiten erkennbar vor den entzückten Augen der jungen Männer. Nur um die höchſten Pyramidenſpitzen des Ben⸗More und Uarran wogte noch weißliches Gewölk, aber bald rag⸗ ten auch dieſe Gipfel in ihrem hochrothen und ſchwar⸗ zen Kleide in die friſche Morgenluft empor. Arnold Tiefenſee ſtand ſchweigend, aber mit laut pochendem Herzen neben dem Freunde, der eben ſo wenig zum Sprechen geneigt ſchien und in freudige Anſchauung verſunken war. Beider Augen flogen über das reiche, halb wilde, halb liebliche Bild, das in ſei⸗ nem ganzen Morgenzauber vor ihnen aufgerollt lag. In voller Klarheit blitzte jetzt der langgeſtreckte Shin⸗ See vor ihnen auf, am Ufer der Terraſſe ſmaragd⸗ grün, weiter hinaus eine tiefe Bläue zeigend und am jenſeitigen wilden Felsufer des Meanach⸗Waldes die Klippen, Schluchten und Höhlen wiederſpiegelnd, die in ununterbrochener Reihenfolge ſich entwickelten und allmälig, je höher die Sonne ſtieg, ſich mit goldenem Lichte füllten. Dunkelgrün in der Tiefe, auf den Ab⸗ hängen heller und heller und auf den oberſten Spitzen vom glänzendſten Sonnenſtrahle beſchienen, ſtiegen die Fichten, untermiſcht mit wenigen Eichen, aus dem ge⸗ waltigen Bergwalde empor, über den ſich der wolken⸗ loſe Himmel in heiterſter Bläue wölbte. Auf dem ſpiegelglatten See fuhren breite Nachen hin und her, von Donald frühzeitig entſendet, um köſtliche Lachſe und andere Fiſche zu erhaſchen, die in den Wellen des Sees ſo lange ungefährdet ihr Spiel getrieben. Ueber Wald und See flogen breitſchwingige Adler, vom nächt⸗ lichen Beutezuge ermüdet zurückkehrend und ihrer jun⸗ gen Brut in den Horſten auf den höchſten Klippen die erjagte Speiſe zutragend. Raſtlos plätſcherten die lbernen Bergwaſſer aus den gegenüberliegenden Schluchten hervor, aber das dumpfere Rauſchen der gigantiſchen Sturzbäche aus größerer Ferne war ver⸗ ſtummt, da die geheimnißvolle Stille der Nacht dem lauteren Geſumme des Tages gewichen war. Im Parke ſelbſt ließ ſich das Zwitſchern der mun⸗ teren Rothkehlchenſchaaren vernehmen, die Bienen ſumm⸗ 200 ten wetteifernd um die Blüthen, einige Hunde bellten und unter den Tritten der graſenden Heerden edlen Hochwildes knirſchte der feine Kies, wenn ſie die Ra⸗ ſenhügel verließen, um ihren Morgenſpaziergang durch den weiten Park anzutreten. Der Raſen ſelbſt aber, kurzgeſchoren, feſt gewalzt, entfaltete ſein ſammtenes Prachtkleid im vollſten Glanze. Er war mit Millionen Thauperlen beſäet, die in den Strahlen der Sonne wie Diamanten funkelten, ſo lange dieſe ſie noch nicht weggeküßt. So lag der ganze Park, von Hollunder⸗, Veilchen⸗ und Hagedornblüthendüften durchwürzt, in friedlichſter und anmuthigſter Stille, und da kein rauhes Lüftchen den ſchönen Morgen trübte, ſo war der Genuß deſſel⸗ ben nach allen Seiten ein vollkommener. „Was ſagſt Du nun zu dieſem alten Wohnſitze und ſeiner Einſamkeit, Arnold?“ fragte Lionel ſeinen Gaſt mit lächelnder Miene. „Es iſt prächtig hier, Du haſt uns nicht zu viel von dem Lieblingsaufenthalte Deiner guten Mutter erzählt.“ „Uns!“ wiederholte Lionel, wie zu ſich ſelbſt ſprechend.„Du haſt Recht— ich habe es Dir nicht allein erzählt. Wo bleiben alſo die Damen? He, Bridget, ſchlafen ſie noch?“ 201 „Bewahre, Sir,“ entgegnete die Alte knixend vom Frühſtückstiſche her, wo ſie noch Allerlei zu ord⸗ nen hatte,„ſie ſind ſchon lange im Freien, länger ſo⸗ gar als die Herren. Lady Georgy hat die fremde Miß ſchon in das Milchhaus geführt und ihr unſre kleine Hochlandwirthſchaft gezeigt. Jetzt ſtreifen ſie dort oben in den Gebüſchen umher, und pflücken Blumen und Blätter, munter wie die Rehe da drüben ſelber.“ In dieſem Augenblick erſchallte die Frühſtücks⸗ glocke durch den ganzen Park und es dauerte keine fünf Minuten, ſo kamen über den thauigen Raſen, zwiſchen den Bäumen eine nach der anderen ſichtbar werdend, die Damen hervor, denen in weiterer Ferne die würdige Mrs. Sarah Davis folgte, einen Arm voll Waldblumen tragend, die ſie im Gehen ſchon zu ordnen bemüht war. Georgy trat munter heran, um den Herren einen freundlichen Morgengruß zu bieten. Sie reichte zu⸗ erſt ihrem Gaſte und dann ihrem Bruder die Rechte, mit einem bezaubernden Lächeln auf dem friſchen Ge⸗ ſichte, als ob auch ſie, wie der Wald, der Raſen, die ganze Natur unter dem Einfluß der Alles verjüngen⸗ den Sonne ſtände. Sie war in ein reizendes, helles Morgengewand gekleidet. Auf dem blonden Scheitel, 20² der ſeine glänzenden Locken noch nicht entwickelt hatte, trug ſie einen gelben, breitrandigen Strohhut und in der linken Hand ebenfalls einen anmuthig geordneten Blumenſtrauß, den ſie in ein Gefäß von bemaltem Por⸗ zellan auf den Frühſtückstiſch ſtellte, obgleich Bridget für ähnliche Zierden änſ donſelbe ſchon Sorge ge⸗ tragen hatte. Wenige Schritte hinter ihr tam Martha, ebenfalls den Herren die Hand reichend und ſie ſo nach eng⸗ liſcher Sitte begrüßend. Wenn ſie auch nicht ſo friſch und leuchtend ausſah, wie ihre Gefährtin, ſo lag doch ein zarter Schimmer, wie das Roth einer blaſſen Roſe, auf ihren Wangen. Wie immer trug ſie auch jetzt ihr enganſchließendes Gewand von feiner ſchwarzer Wolle, das ſie nur bei Tiſche mit einem gleichfarbigen, ſeide⸗ nen vertauſchte, und ihr dunkles Haar bedeckte ein einfacher Strohhut, deſſen dunkelblaue Bänder im Gehen luftig hinter ihr her flatterten. Nach flüchtiger Auswechſelung einiger freundlicher Worte nahm man um den Frühſtückstiſch Platz, welcher, Dank der Fürſorge Mutter Bridget's, der Laſt der ihm aufgebürdeten Speiſen faſt erlag. Denn außer dem maſſiven ſilbernen großen Theekeſſel, der vielleicht ſchon ſechs Generationen auf Meanach⸗Lodge bedient hatte und deſſen geſelliges Sieden auch heute ſeine lang⸗ 203 einſtudirte Melodie hören ließ, ſah man auf ihm eine Fülle ſchneeweißen, von Bridget's eigenen Händen ge⸗ backenen Brodes, friſche, im Waſſer ſchwimmende But⸗ ter, Eier, Honig und Marmelade von Pomeranzen, heiße mit Butter beſtrichene und geröſtete Zwiebacke, geſottene Fiſche und endlich für die Herren ein ſo lecker gebratenes Roaſtbeef, daß ſein Duft allein ſchon hin⸗ reichte, den Appetit zu reizen und den Hungrigen zu beglücken. Während Georgy nun den Thee mit allen nur den Engländerinnen eigenen Ceremonien einſchenkte und durch Bridget herumreichen ließ, griffen die Anderen ſchon eifrig nach den vor ihnen ſtehenden Speiſen; je ſchweigſamer ſie aber dabei waren, um ſo munterer zwitſcherten die Rothkehlchen auf den Zweigen um ſie her und es dauerte nicht lange, ſo kamen ſie nach alter Gewohnheit auf den Tiſch ſelbſt gehüpft, um ſich die Broſamen zu holen, die ihnen Martha ſchon vor⸗ ſorglich zurecht gelegt hatte. Vorzüglich die Damen waren jetzt von dem Mor⸗ gengenuß entzückt und plauderten heiter über Alles, was ſie auf ihrem Wege vorgefunden oder ein ander⸗ mal nachholen wollten. Ihr eifrigſter Theilnehmer am Geſpräch war Lionel, Arnold jedoch blieb ſtill und wandte nur die Ohren der Unterhaltung, die Augen 204 aber der lieblichen Umgebung zu, für die ſeine feine Organiſation ungemein viel Sinn beſaß. Als man noch im Geſpräch über Dies und Jenes am Tiſche ſaß, aber den Appetit ſchon lange befriedigt hatte, ließ ſich der Ton eines allmälig näher kommen⸗ den Glöckleins vernehmen und es dauerte nicht lange, ſo wandelten die zahmen Rehe und Hirſche heran, die ein ſchottiſcher Knabe mit leiſem Zurufe der Linde ent⸗ gegentrieb. Bei dieſem Anblick verließen zuerſt die Damen ihre Plätze am Tiſche, Georgy ſuchte ſich ihre alten Bekannten aus der Heerde heraus und liebkoste ſie, indem ſie ihnen die zärtlichſten Namen beilegte und dann den Fremden Verſchiedenes aus ihrem Leben er⸗ zählte. Martha hielt ſich anfangs etwas ſcheu in der Ferne, als ſie die gewaltigen Geweihe ſo dicht bei ſich ſah; nachdem ſie aber wahrgenommen, wie zahm die alten Hirſche waren, aus der Hand fraßen und ſich: gern die Hälſe ſtreicheln ließen, wurde ſie dreiſter und bald miſchte ſie ſich an der Seite Georgy's mitten in die Heerde, die langſam und ſtolz ihren Weg fortſetzte und bei zunehmender Wärme aus freien Stücken wie⸗ der die ſchattigen Gebüſche aufſuchte. Nach dieſem erſten Beſuche wurde auch der zweite herangebracht, was indeſſen ſchon auf etwas weniger L203 einige ſchottiſche Diener führten nämlich ein Dutzend muthiger hochländiſcher Ponies herbei, die muthig wiehernd, ſpringend und die Mähnen ſchüttelnd vor die Augen der jungen Herrſchaften traten. „Jetzt, Miß Martha,“ ſagte Lionel, ſich zu dieſer geſellend,„iſt die Stunde bald gekommen, wo Sie Ihren Muth als Reiterin zeigen werden. Ich biete mich zu Ihrem Stallmeiſter an und werde Sorge tragen, daß Sie ſchon mit Ihrem erſten Verſuche zufrieden ſind. Hoffentlich wird Mary Ihr Reitkleid bald fertig haben und dann wollen wir den ganzen Park umreiten und jene Hügel beſuchen, durch die der Tiagfluß ſeine Bahn bricht. Hier, ſehen Sie dieſen köſtlichen Schim⸗ mel mit der Mähne und dem Schweife von Silber, den Augen von Kryſtall und den Beinen von Stahl — was meinſt Du, Donald, wird er geeignet ſein, eine des Reitens unkundige Dame über die Berge und durch die Thäler zu tragen?“ Donald verſicherte, daß er das frommſte und ſicherſte Thier des ganzen Rudels ſei, nicht die geringſte Tücke und dabei einen Gang habe, der nichts zu wünſchen übrig laſſe. „So ſollen Sie ihn nehmen, Miß Martha. Laß ihn ſatteln, Donald, in einer Stunde werden wir fertig ſein.“ 206 Unterdeſſen hatte auch Georgy ſich einen grau⸗ weißen Pony von etwas größerer Geſtalt als der vorige ausgeſucht, die Herren mußten, trotzdem ſie ihre mit⸗ gebrachten Pferde behalten wollten, auf Donald's Rath zwei von den ſeinigen nehmen, da er der Meinung war, daß ſie des Kletterns in den bekannten Felſen⸗ gegenden gewohnter als jene wären, und ſo war man bald mit den Haupterforderniſſen zum nächſten Unter⸗ nehmen verſehen. Man trennte ſich daher für jetzt, damit die Damen an ihre Toilette gehen und die Herren ungeſtört eine Cigarre rauchen könnten, bis die Stunde des Abritts gekommen wäre. Dieſe kam und mit heiteren Geſichtern traten die Damen aus der Thür des Schloſſes, um ſich den har⸗ renden Begleitern in ihrer neuen Geſtalt zu zeigen. Doctor Tiefenſee begrüßte die Dame vom Hauſe mit ſeinem gewöhnlichen ſtillen und beſcheidenen Lächeln, denn obgleich ſie ihm in ihrem hellgrauen Reitkleide und dem kleinen ſchwarzen Hute mit der ſchwankenden Reiherfeder ſehr gut geſiel, ſo gehörte er doch nicht zu jenen galanten Männern, die darüber viele ſchöne Worte zu machen verſtehen. Seine Galanterie lag weit mehr im Herzen, als auf der Zunge, er erwies Georgiana im Stillen und mit ſeinen Wünſchen mehr Aufmerkſamkeiten, als ſie ahnen mochte, aber zu ſagen, 207 wie ſie ihm gefalle, Worte zu machen, die jeder Andere eben ſo gut hören laſſen konnte, das vermochte er nicht, und ſo führte er ſie auch jetzt, nachdem er ſie freundlich begrüßt und mit einem wohlgefälligen Blicke betrachtet hatte, nach der Linde, wo man die Pferde erwarten und beſteigen wollte. Lionel Lowdale dagegen war oder ſchien vielmehr ein viel galanterer Mann, als ſein wortkarger und nach⸗ denklicher Freund. Er verſtand es ſehr wohl, ſchönen Damen gegenüber allen ſeinen Empfindungen und Ge⸗ danken mit zierlichen Wendungen einen Ausdruck zu geben, ohne jedoch dabei mehr Worte zu machen, als nöthig war. Als er aber heute Miß Martha an der Seite ſeiner Schweſter die Treppe des Thurmes her⸗ unterkommen ſah, vergaß er zuerſt nach der Letzteren zu blicken und blieb ſogar wortlos und im Anſchauen verſunken, vor der kleinen Deutſchen ſtehen, deren Ge⸗ ſtalt er bisher wohl für überaus zierlich, aber doch nicht ſo regelmäßig ſchön gehalten hatte, als er ſie jetzt zu finden glaubte. Martha trug ein Reitkleid Georgiana's von grü⸗ nem Sammt, welches Mary's flinke Hände am Mor⸗ gen dieſes Tages für ſie umgearbeitet hatte, denn Georgiana war in der Bruſt und den Schultern weit ſtärker gebaut als ihre kleinere Freundin. Mochte es 81 208 nun die ungewohnte Tracht, die Pracht der Farbe und des Stoffes ſein, in welcher Martha zum erſten Mal vor ſeine Augen trat, oder war wirklich dieſe Zartheit und Schönheit der Formen vorhanden, die bisher das ſchwarze einfache Kleid vollkommen verdeckt hatte— genug, Lionel fand diesmal keine Worte, die Gedanken und Empfindungen zu äußern, von denen er augen⸗ blicklich beſtürmt wurde. Nur ein leiſes„Ah!“ entſchlüpfte ſeinen Lippen, als er Martha's mit dem erſten Blicke anſichtig wurde, dann führte er ſie, die aus Gott weiß welchen Grün⸗ den hierbei zumgerſten Mal lebhaft erröthete, nach dem Platze, wo dig beiden Anderen ihrer ſchon harrten. Während nun Arnold und Martha mit einander ſprachen, flüſterte Georgy leiſe ihrem Bruder zu: „Wie gefällt Dir die kleine Diakoniſſin als Jägerin?“ „Pſt!“ machte er, mit der Hand eine abwehrende Bewegung hinzufügend.„Mach' jetzt keine Worte darüber, ſie könnte es hören.“ Georgy lächelte.„Sie iſt hübſch,“ ſagte ſie dann, „ich habe ſie wenigſtens immer dafür gehalten. Aber wo hat ſie dieſe anmuthige Geſtalt und dieſes roſige Lächeln bisher verborgen gehabt, Linny?“ Linny ſchüttelte den Kopf und verließ ſeime 209 Schweſter, worauf er zu Martha ging und zu ihr ſagte: „Jetzt bin ich Ihr Lehrer, Miß Martha. Arnold mag mit Georgy reiten, ſie verſtehen es Beide hin⸗ reichend, ich aber bleibe heute bei Ihnen. Sie dürfen keine Beſorgniß hegen— laſſen Sie das Pferd ſcharren 88 5 und hüpfen— bitte— ſteigen Sie auf dieſen Stuhl.“ Ehe Martha eine Ahnung davon hatte, ſaß ſie auf eine ſehr bequeme und anmuthige Weiſe im Sat⸗ tel, während ihr Bruder mit ſeiner Gefährtin ſchon langſam in den Park hineinritt. Lionel zeigte ihr nun, wie ſie die Zügel halten und handhaben müſſe, und gab ihr dann eine Reitgerte in die Rechte. Dann ſchwang er ſich ſelbſt auf ſein kleines Pferd, rief: „Vorwärts!“ und wie die geſchulteſte Reiterin, aber dabei doch in der ihr ganz neuen Lage ſich wunder⸗ bar erregt fühlend und darüber lebhaft erröthend, ſetzte Martha ihr Pferdchen in Bewegung, das im ruhigſten Schritte die leichte Laſt die Anhöhe hinauf⸗ trug, auf der die anderen Reiter bereits im Gebüſch verſchwunden waren. Zwei Diener ritten ihnen in angemeſſemer Ent⸗ fernung nach, als aber die ganze Cavalcade vom Schloſſe aus unſichtbar geworden, ſahen die ihr nach⸗ blickenden Donald und Bridget ſich lächelnd an.„ Nn Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 14 210 Alte,“ fragte Erſterer ſeine Frau,„wie gefällt Dir dieſe kleine ſanfte Miß?“ „Da brauchſt Du gar nicht zu fragen, Donald,“ murrte Bridget.„Das ſieht ja Jeder, der Augen hat.“ „Was ſieht er denn?“ „Daß ihr nur Eins fehlt, um ſie vollkommen zu machen.“ „Und was iſt das?“ „Daß ſie keine Schottin und keines reichen Lairds Tochter iſt!“ Und damit ging ſie raſch in's Haus, um zu ihren Geſchäften zurückzukehren, die nur die Neugierde,„die kleine Miß“ zu Pferde zu ſehen un⸗ terbrochen hatte. Donald pfiff leiſe vor ſich hin, als er langſam auf der Terraſſe herumſchritt, als wollte er ſeine Pfleglinge, die Blumen beſichtigen, ob ſie auch gut genug wären, ſo ſchönen Gäſten— das war ſeine wirkliche Meinung— zur Augenweide zu dienen. „Die Alte,“ ſagte er leiſe zu ſich,„hat doch einen richtigen Blick! Sie ſieht, was auch ich ſehe, hmhm! Ach, wenn das die Tochter eines ſchottiſchen Lairds wäre, dann— dann— aber was geht es mich an! Ei ſieh da, hier werden wir alſo die erſte blühende Roſe haben!“* 2141 Wir wollen den erſten Ausflug unſrer Freunde zu Pferde nicht näher beſchreiben, da wir ſie noch auf weiteren Ritten ſpäter zu begleiten haben werden. Wir wollen nur erwähnen, daß ſie nach einigen Stunden froh und heiter geſtimmt zurückkehrten, denn ſie hatten große Genüſſe gehabt, eine wild romantiſche Natur kennen gelernt, Felſen und Schluchten von wunderbaren Formen geſehen, ſchäumende Bäche rauſchen gehört und waren dabei in munterer Unter⸗ haltung geblieben— war es unter dieſen Umſtänden ein Wunder, daß junge Herzen, auch wenn ſie von Natur ernſt und wehmüthig geſtimmt ſind, ſich einer nie genoſſenen Freude erſchloſſen und heiterer denn je in ihre jetzige ſchöne Heimat zurückkehrten? Als aber Lionel Lowdale Martha vom Sattel hob, machte er ihr das Compliment, daß ſie alle An⸗ lage beſitze, bald eine ſo gute Reiterin wie ſeine Schweſter zu werden, und fügte dann freundlich die Worte hinzu:„Eine Bitte habe ich noch und ich nehme die Erfüllung derſelben als Belohnung für meine Stallmeiſterdienſte in Anſpruch.“ „Welche Bitte könnte ich Ihnen gewähren?“ fragte Martha, die Augen ſanft, faſt demüthig zu ihm aufſchlagend und dann leicht erröthend die neugierig daneben ſtehende Georgy anblickend. 14* „Ich möchte Sie öfter, wenn nicht in dieſem, doch einem andern farbigen Kleide ſehen!“ Martha ſchien keine Zeit zur Antwort zu haben, daher mußte ſich Georgy in's Mittel legen.„Linny!“ rief ſie, im Scherze ſchmollend,„was ſind das für ſeltſame Bitten! Das ſind ja unſre Angelegenheiten allein, mein Freund. Indeſſen wollen wir daran den⸗ ken,— aber ſo raſch geht das nicht, und nun guten Morgen, meine Herren!“ Nachdem man ſich von dem weiten und anſtren⸗ genden Ritte hinlänglich ausgeruht, nahm man das Diner wiederum im Freien ein, wobei Lionel und ſeine Schweſter die ſtille Bemerkung machten, daß ihre Gäſte, wenn ſie alle Tage in ihrer Aufheiterung ſolche Fortſchritte machten, bald all' ihr Leid vergeſſen haben würden.. „Könnten!“ ſagte Lionel am Abend zur. Schweſter, als ſie ſich wie gewöhnlich von den Erlebniſſen des Tages Rechenſchaft ablegten.„Denn ſie werden es nie vergeſſen. Aber ich bin zufrieden, daß ſie ſich hier gefallen, und wir ſind auf dem beſten Wege, unſre Pläne zu verwirklichen.“ Georgy erwiderte nichts hierauf, ſondern lächelte nur glücklich, als ſie ihm eine gute Nacht bot. 213 Bevor indeſſen dieſe Nacht noch auf Meanach⸗ Lodge herabſank, machten die jungen Leute gegen Abend noch einen eben ſo ſchönen Ausflug wie am Morgen, nur ſchlugen ſie die entgegengeſetzte Richtung ein und wählten ein anderes Bewegungsmittel. Sie beſtiegen ein Boot und ließen ſich über den Shin⸗See rudern, beſuchten einige kleine Inſeln darin und betrachteten die ſchroffen Felsabhänge des jenſeitigen Ufers aus der Nähe, die ſie eines Morgens auf längere Zeit be⸗ ſuchen wollten, da, wie Lionel ſagte, die Sonne in die Höhlen ſcheinen müſſe, wenn man ſie ohne Schwierig⸗ keit durchklettern wolle. Erſt mit Einbruch der Däm⸗ merung kehrte man nach dem Schloſſe zurück und nahm den Thee in der Bibliothek ein, da der Abend wieder kühl geworden war und die bleichen Nebel vor einem leichten Winde unheimlich über die Terraſſe fegten. Als aber Arnold Tiefenſee vor'm Schlafengehen ſeiner Schweſter eine gute Nacht ſagte, fand er ſie in einer ganz anderen Stimmung als am Tage vorher; die Reize des Lebens hatten auch auf ſie zu wirken begonnen und den Kummer, die Sorge tiefer in den Hintergrund ihrer Seele gedrängt. Das lag in ihrem ſprechenden Auge, ihrem Händedruck und in dem Kuſſe, den ſie dem Bruder gab. 214 „Es war wirklich ein ſchöner Tag!“ ſagte der Doctor, freundlich ihre ſeidenen Haare ſtreichelnd. „Ja, Arnold, ein ſehr ſchöner Tag. Wir können zufrieden ſein. Gott ſendet uns Freude in Fülle.“ „Und wo bleiben dabei Deine Nebel?“ lächelte Arnold. „Da draußen ſind ſie, Arnold; blicke hin, wie ſie wogen und ziehen.“ „Aber ſie kommen nicht in dies Haus, in Dein Herz— wie?“ „So Gott will, nein!“— Und ſie ſeußzte leiſe, als ſie ſich umwandte und dem theuren eben geſchie⸗ denen Bruder den Rücken kehrte. In ähnlicher Weiſe verlebten die vier jungen Leute etwa eine Woche, völlig ungeſtört von Außen und von Innen durch gegenſeitige Freundſchaft, Ach⸗ tung und geſchwiſterliche Liebe beglückt. Arnold Tie⸗ fenſee hatte nie geglaubt, daß es ihm möglich ſein werde, ohne regelmäßige Beſchäftigung eine ſo lange Zeit in Unthätigkeit hinzubringen, allein dieſe Un⸗ thätigkeit war nur ſcheinbar, denn obgleich er nur wenig las, ſah und dachte er um ſo mehr und die angenehmen Unterhaltungen ernſter und heiterer Art, die er mit dem vielerfahrenen Freunde, mit ſeiner 215 eigenen, über Alles nachdenkenden Schweſter und mit der lebensfrohen, an Allem theilnehmenden Georgy pflog, förderten ihn eben ſo, wie ſie ihn erfreuten und erheiterten. Dies durch Nichts geſtörte Stillleben verſchönerte noch ein Umſtand ungemein. Man hatte ſich nämlich alle Zuſendungen politiſcher Blätter, mit einem Wort aller Zeitungen und Journale nach Meanach⸗Lodge verbeten. So hohen Genuß es gewährt, in alltäg⸗ licher Häuslichkeit das Neueſte aus der Welt zu er⸗ fahren und gleichſam dadurch, daß man es auf der Stelle erfährt, es mit zu erleben, ſo angenehm und wohlthuend iſt es auf der andern Seite für ein Ge⸗ müth, das ſich lange innerlich abgearbeitet und zu re⸗ gen Antheil an den Ereigniſſen des Tages genommen hat, darin einmal eine völlige Ruhezeit eintreten zu laſſen. Die Begebenheiten der Außenwelt abſorbiren mehr von unſrer Kraft, Zeit und unſerm wahren Le⸗ bensgenuß, als wir uns einzuräumen den guten Willen beſitzen, und das hatte Arnold Tiefenſee ſeinerſeits wohl zu erkennen die beſte Gelegenheit gehabt. Die Zeit, bevor er ſich auf die Reiſe begeben, war eine tief bewegte geweſen; Fragen vom allerhöchſten In⸗ tereſſe, das ganze künftige Wohl des Vaterlandes be⸗ treffend, waren an der Tagesordnung, und ſelbſt in 216 die Stille des großen Krankenhauſes, in welchem er thätig war, hatte ſich der Kampf um Mein und Dein, um große und kleine Kronen einzuſchleichen und den Geiſt des regſamen Patrioten, des wahren Großdeut⸗ ſchen in Gährung zu ſetzen gewußt. Die Unruhe nun, das peinliche Gefühl des Un⸗ behaglichen, Unbefriedigten, weil immer Wünſchenden, welches aus dieſer Beſchäftigung entſpringt, ſobald ſie eine leidenſchaftliche wird, was in der Regel geſchieht, einmal los zu werden, nichts zu wünſchen, zu hoffen, über nichts zu ſtreiten und zu eifern— o das iſt ein herrliches Gefühl; und dieſes Gefühl hatten ſich die Reiſenden dadurch verſchafft, daß ſie ſich die Zuſen⸗ dung aller Blätter verbeten. So lebten ſie harmlos, ſich ſelbſt und einander, dachten nicht an das Morgen, ſondern genoſſen dankbar und freudig das Heute und ſahen ihrer Zukunft ohne jede Beſorgniß entgegen, wie Lionel und Georgy es von jeher gewohnt geweſen waren, ohne zu wiſſen, daß ſchon darin allein ein ungeheurer Vorzug vor vielen nicht ſo glücklich be⸗ gabten Naturen liegt. Was den beiden engliſchen Geſchwiſtern alſo alltäglich wohlſchmeckende Speiſe, war den Deutſchen eine wohlthätige Arznei, die ihre leiblichen Kräfte ſtärkte und ihnen eine hinlängliche Spannkraft gab, die ſpätere Zukunft mit ihren nicht 217 ausbleibenden Sorgen muthig und unverzagt ertragen zu können. Allein dies herrliche Stillleben ſollte ſogar auf dieſem der unruhigen Welt ſo fern liegenden Raſtorte, wie Meanach⸗Lodge es war, ein früheres Ende finden, als man erwartet hatte, und die Nebel, die Martha vom erſten Tage an gefürchtet, ſollten in der That in ihrem geſpenſtiſchen Mantel Unheil genug heraufführen. Eines Nachmittags hatten ſich die jungen Män⸗ ner mit ihren Pferden über den Shin⸗See nach dem Meanach⸗Walde überſetzen laſſen, um in eine der vielen Schluchten deſſelben vorzudringen, die nächſte Bergkette zu umreiten und auf dem jenſeitigen großen Moore ſchmackhafte Hühner zu ſchießen. Die Damen hatten ihnen bis an das weſtliche Ufer das Geleit gegeben, durchſuchten hier einige wunderbar geſtaltete Höhlen und vergnügten ſich auf eigene Hand, bis die Jäger wieder nach wenigen Stunden zurückkehrten. Sie kamen mit reicher Beute beladen, und nun fuhren Alle in beſter Laune über den See, während der Nebel, der ſich an dieſem Tage früher denn je zeigte, hinter ihnen her wirbelte und ihr großes Boot zuletzt ſo dicht einhüllte, daß man erſt das Land wieder⸗ ſah, als es ſchon erreicht war. Langſam ſtiegen ſie die Terraſſe hinauf, die Vonies am Zügel führend, an deren Sattelbogen ſchwerbela⸗ dene Jagdtaſchen hingen, als es Lionel aufftel, daß anſtatt des alten Donald, der ſie bei jeder Rückkehr von einer Excurſion immer zuerſt begrüßte, einer der ſchottiſchen Diener erſchienen war. „Wo iſt Mr. Donald?“ fragte er dieſen. „Er ſitzt auf ſeinem Zimmer, Sir, und iſt nicht recht wohl,“ antwortete der Mann. Mit ein paar Sprüngen war Lionel den Anderen vorausgeeilt und bald ſtand er an der Seite des treuen Dieners ſeiner Familie und ſchaute ihn und ſeine Frau betroffen an, denn daß es ſich hier um kein leibliches Unwohlſein handle, hatte der ſcharfſichtige junge Mann auf den erſten Blick bemerkt, vielmehr war es der Ausdruck der Angſt, der Sorge und der Unſchlüſſig⸗ keit, der auf den Zügen der beiden Alten ſcharf aus⸗ geprägt lag. 3 „Was habt Ihr, wäs giebt's?“ fragte Lionel, der augenblicklich den Grund dieſer Niedergeſchlagen⸗ heit zu errathen glaubte.„Habt Ihr vielleicht eine Nachricht erhalten, die Euch nicht genehm iſt?“ Donald nickte traurig mit dem Kopfe, Bridget aber ſagte viel gefaßter:„Ja, Sir, ſo iſt es. Mr. Drummond hat uns einen ſehr— ſehr klaren Brief geſchrieben. Dort liegt er.“ 219 Lionel Lowdale ging mit ſtolzem Schritte nach dem Tiſche, auf welchem der Trübſal bringende Bote ſeines Vaters lag und nahm ihn in die Hand. Er lautete: 3 „Mein lieber Mr. Donald! Im Namen Sr. „Herrlichkeit habe ich Ihnen zu melden, daß My⸗ „lord von ſeiner Reiſe(für mich ganz unerwartet) „geſtern in Lowdale-Caſtle angekommen iſt und die „Abſicht hegt, unverweilt nach Meanach⸗Lodge auf⸗ „zubrechen. Se. Herrlichkeit hegt die allerbeſtimm⸗ nteſte Erwartung, daß Sie ſeine Befehle buchſtäblich „erfüllt und Niemanden den Zutritt zu ſeinem hoch⸗ „ländiſchen Jagdſchloſſe geſtattet haben. Mylord „ſelbſt kommt mit einem Gaſte und wünſcht, daß „für denſelben die braunen Zimmer eingerichtet „werden, die neben der Bibliothek, der Wohnung „Sr. Herrlichkeit gegenüber, liegen. Ich ſelbſt be⸗ „gleite diesmal unſern Herrn nicht, da ich an der „Gicht leide, und ich wünſche Ihnen recht viel Ver⸗ „gnügen zur Zeit der Anyeſenheit Mylords, der „in einer Stimmung iſt, wie ich ſie noch nie ge⸗ „ſehn zu haben mich erinnere. An welchem Tage „Mylord bei Ihnen eintreffen wird, kann ich nicht „genau angeben, ſeine Uhr geht ſtets nach ſeiner „Laune und die ſtimmt ſelten mit der eines andern 220 „Menſchen überein. Im Geiſte jedoch ſcheint er „ſchon bei Ihnen zu ſein, denn er ſieht und hört „nichts, was hier um ihn vorgeht. Seien Sie alſo „jeden Augenblick auf ſeine Ankunft gefaßt. Herz⸗ „liche Grüße für die gute Bridget von John Drummond.“ „Nun,“ ſagte Lionel, der ſich ſchon in das Un⸗ vermeidliche gefunden hatte, mit heiterer Miene zu Donald,„was nun? Warum ſeid Ihr darüber ſo übel gelaunt?“ „Uebelgelaunt, Sir? O nein doch, das iſt nicht das rechte Wort. Aber beſorgt— das möchte das richtige ſein.“ „Warum das, Alter?“ fragte Lionel mit ſeiner ſcharf tönenden und ermuthigenden Stimme, ſo daß der alte Donald wieder friſch aufzuleben begann. „Ach, Sir, Mylord, Ihr Herr Vater kommt— das iſt an ſich ſchon genug, um Beſorgniß zu erregen. Er iſt zehn Jahre nicht hier geweſen, hat Meanach⸗ Lodge und uns Alle nie lieb gehabt und allem An⸗ ſcheine nach kommt er jetzt voller Zorn, daß ich ſeine Befehle nicht erfüllt und Fremde in ſein Schloß—“ „Halt!“ rief Lionel mit lautem Tone.„Kein ſolches Wort laß mich wieder hören. Du haſt keine Fremden hier aufgenommen, ſondern nur ich, Deines 221 Herrn Sohn, bin mit meinen Freunden hierher ge⸗ kommen.“ „Ja, ja doch, Sir, ich weiß es wohl— aber der Herr Doctor bewohnt gerade die Zimmer, die Mylord für den Gaſt in Anſpruch nimmt, den er ſelbſt mit— bringt.“ Lionel ſann einen Augenblick nach.„Es wird ein rechter Gaſt ſein,“ ſagte er zu ſich,„ein Menſch, der Sr. Herrlichkeit Ueberfluß gütigſt verzehren hilft“ — und laut fügte er hinzu:„der Doctor behält ſeine Zimmer— er weicht keinem anderen Gaſte auf Mea⸗ nach⸗Lodge, und mögt Ihr für dieſen andere Gemächer einrichten. Ich mag nicht neben einem Fremden woh⸗ nen und habe keine Neigung, die Wohnung, die mir gefällt, zu wechſeln. Alles Uebrige aber, Donald, nehme ich auf mich, verſtehſt Du? Ich allein habe die Verantwortung zu tragen, wenn es hier eine giebt, und nun ſeid Beide ruhig und macht keine ſo ver⸗ zweifelnden Geberden,— thut Ihr doch, als ob Vis⸗ count Lowdale ein Tyrann wäre! Vor allen Dingen aber haltet Eure närriſchen Geſichter gegen meine Gäſte im Zaume. Sie ſollen es nicht eher wiſſen, daß anderer Beſuch hierherkommt, als bis er da iſt, ich will ſie nicht eine Minute früher als nöthig iſt, in Unruhe und Sorge ſehen.“ 222 Nach dieſen Worten verließ er des Kaſtellans Wohnung und begab ſich in die eigene. Alle vorher empfundene Müdigkeit war von ihm gewichen und es war eine ganz eigene Miſchung verſchiedenartiger Em⸗ pfindungen in ihn eingekehrt. Er fühlte einen Schmerz, den er nie gefühlt und dem er keinen Namen zu ge⸗ ben wußte, und dabei eine Willenskraft, wie ſie nur ſtolzen und kühnen Naturen in den Stunden der Ge⸗ fahr zu Gebote ſteht. Schmerz über die Möglich⸗ keit, daß ihm ein ernſtliches Hinderniß von dem un⸗ gaſtlichen Sinne, dem herzloſen Trotze und dem maaß⸗ loſen Stolze ſeines Vaters in den Weg geworfen wer⸗ den könne; Willenskraft, die ſtark und groß genug war, dieſes Hinderniß, koſte es was es wolle, aus dem 3 Wege zu räumen. Mit ſolchen Gedanken und Vorſätzen ausgerüſtet, ohne ſie ſeine Gäſte im Geringſten ſpüren zu laſſen, begab er ſich am ſpäten Abend zu ſeiner Schweſter und erzählte ihr, welche ſeltſame Nachricht bei Donald angelangt ſei. Georgy wurde bleich, als ſie dies hörte und Pwieg. „Warum ſprichſt Du nichts?“ fragte ſie Lionel. „Das weißt Du ſo gut wie ich, Linny. Das, was dieſe Nachricht uns bringt, wird unſer trauliches Stillleben auf Meanach⸗Lodge zu Grunde richten.“ — — 223 Jetzt ſenkte Lionel mißmuthig den Kopf.„Du haſt Recht,“ ſagte er,„ſo wird es ſein und ich glaube nicht, daß wir lange hier ausharren werden, wenn der Viscount mit ſeinem Gaſte kommt. Georgy, jetzt ſieh mich aber einmal an und beantworte treu und ehrlich meine Frage: kannſt Du Dir irgend einen vernünfti⸗ gen Grund denken, warum unſer Väͤter gerade jetzt dies abgelegene Haus mit ſeinem Beſuche beehrt?“ „Nein, Linny, ich kann mir keinen denken.“ „Ich auch nicht. Und das erſchreckt mich. Die Gründe des Viscounts, die ich kenne, bringen mich nicht aus der Faſſung, ich beſiege ſie— die ich aber nicht kenne—“ „Die fürchteſt Du— ſage es gerade heraus.“ „Ja, Georgy, ſo iſt es. Nur noch eine Hoff⸗ nung habe ich. Es kann irgend ein Mißverſtändniß, ein Irrthum obwalten, und der wird ſich aufklären, ſobald ich mit unſerm Vater über die Beweggründe meines wahrlich nicht zu tadelnden Handelns geſpro⸗ chen habe.“ „Wenn er mit ſich ſprechen läßt, Linny. Bedenke doch Alles. Er, der nie reist, reist plötzlich nach Ita⸗ lien, blos um uns dort zu treffen, die wir gar nicht dahin gehen wollen— er kehrt ſchnurſtracks zurück, ſobald er hört, daß wir mit unſern Gäſten hier ſind — er beſucht ein Land, einen Ort, die er nie geliebt hat und nie lieben wird— ja er verſäumt deshalb die Parlamentsſitzungen, die er hochheilig hält— ſage nun ſelbſt: muß der Grund dieſer ſeiner Handlungs⸗ weiſe nicht ein höchſt wichtiger ſein?“ „Ja, er muß es.— Doch,“ rief Lionel freier, nachdem er ſich klarer über das Vorliegende geworden, „mag es ſein was es will, wir ſtehen Beide feſt zu⸗ ſammen, nicht wahr, Georgy, und unſre Freunde dür⸗ fen von unſern perſönlichen Gefühlen keine Ahnung haben?“ „Nein, von dieſen wenigſtens nicht,“ ſagte Geor⸗ giana zuſammenſchauernd,„das wäre ſchrecklich. Das ſtille Paradies, in dem ſie hier leben, wie ſie ſelbſt ſagen, wäre geſtört und ich möchte nicht der Engel mit dem flammenden Schwerte ſein, der ſie daraus vertreibt.“ „So beherrſchen wir uns denn, zeigen wir unbe⸗ fangene Geſichter und ſagen wir ihnen kein Wort von unſrer Erwartung, bis es ſich von ſelber, alſo am leich⸗ teſten ſpricht. Und nun gute Nacht, Georgy!“ Achtes Napikel. Viscount Lowdale und ſein Gaſt. Zwei Tage vergingen den Bewohnern von Mea⸗ nach⸗Lodge noch in der gewohnten ruhigen Weiſe, da trat die erwartete Störung in ihrem ganzen Umfange ein. Es war ein etwas trüber Nachmittag und die langſam von Weſten heraufziehenden Wolken drohten mit Regen, als Lionel und Georgy mit ihren Gäſten ungewöhnlich früh von einem Spazierritte heimkehrten, um noch zur rechten Zeit unter Dach und Fach zu kommen. Sie waren am Tiag⸗See geweſen und kehr⸗ ten alſo von Nordoſten her zurück, wo ſie durch eine Seitenpforte in den Park einritten und nun von den graſigen Hügeln herabkamen, zu denen ſich auf die⸗ ſer Seite der Wildpark von Meanach⸗Lodge erhebt. Schon von Weitem bemerkten ſie eine ungewöhnliche Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. J. 15 3 Rührigkeit in der Nähe des Schloſſes. Zwei kleine Gebirgswagen ſtanden vor dem Eingangsthor und wur⸗ den eben ihrer Koffer und Kiſten ledig gemacht, mit denen ſie reichlich bepackt waren, und alle vorhande⸗ nen Hausdiener nebſt einigen fremden entwickelten eine Thätigkeit, wie ſie nur ſelten an dieſem ſtillen Orte geübt zu werden pflegte. Als Lionel dies ſah, hielt er ſein Pferd an, deu⸗ tete mit der Hand darauf hin und ſagte mit ruhig⸗ ſtem Gleichmuth:„Da ſeht, es iſt Beſuch gekommen. Ich will wetten, Georgy, daß es Viscount Lowdale iſt, der uns ſeine Gegenwart ſchenkt.“ „Wie,“ rief Doctor Tiefenſee,„Dein Vater, Lio⸗ nel? O das freut mich, jetzt werden wir alſo end⸗ lich die Ehre haben, ihn zu begrüßen!“ Lionel warf ſeiner Schweſter, die ganz ſtill ihm zur Seite hielt, einen bedeutungsvollen Blick zu und ſagte dann mit möglichſter Ruhe:„Ja, unſer Va⸗ ter, Arnold. Aber ſieh da, Georgy, nach dem reich⸗ lichen Gepäck zu ſchließen, das er mitgebracht, ſcheint es Mylord auf einen längeren Beſuch abgeſehen zu haben.“ Man ritt ſchweigend bis in die Nähe des Schloſſes, ſtieg dann ab und nun bat Lionel ſeine Gäſte, ſich vorläufig in ihre Zimmer zu begeben, er 2 wolle mit Georgy den Vater begrüßen und ihm die Anweſenheit ſeiner Gäſte melden. Es war Zeit, daß dieſe Letzteren die Treppen er⸗ ſtiegen und ſich auf ihre Zimmer begaben, denn ſchon kam Bridget dem Sohne des Lords mit ängſtlichem Geſichtsausdruck entgegengelaufen und meldete mit wei⸗ nerlichem Tone, daß Mylord mit einem Herrn und vier Dienern gekommen ſei, außerordentlich erzürnt Donald ſogleich auf ſein Zimmer beſchieden habe und ihm eben eine donnernde Strafpredigt halte. „Komm, Georgy,“ ſagte Lionel ganz ruhig,„dieſe Predigt müſſen wir unterbrechen; der arme Donald wird uns mit Sehnſucht erwarten und wir wollen un⸗ ſere Schuldigkeit thun.“ Mit dieſen Worten ſtieg er raſch die wenigen Stufen hinauf, die zu des Viseounts Wohnung führ⸗ ten, und nach einigen Minuten hatte er das zornige Angeſicht ſeines Vaters, deſſen Gaſt und den zittern⸗ den Kaſtellan vor ſich, welcher Letztere einen unter⸗ drückten Freudenruf ausſtieß, als er ſeinen jungen Herrn in die Thür treten ſah. Viscount Lowdale, nachdem er in Wien und ſpä⸗ ter in Venedig längere Zeit vergeblich auf ſeine Kin⸗ der gewartet, hatte ſich im größten Mißmuth entſchlie⸗ 15* ßen müſſen, eine Art Rundreiſe anzutreten, auf der er ſie möglicher Weiſe noch finden zu können hoffte, allein je mehr er ſich überzeugte, daß auch dieſe Er⸗ wartung eine trügeriſche geweſen, da eine Woche nach der andern verging, ohne daß die geringſte Nachricht von ihnen eintraf, um ſo tiefer ſank ſeine Hoffnung, auf dieſe Weiſe das ſo klüglich berechnete Ziel zu er⸗ reichen, bis er endlich daſſelbe für völlig verfehlt er⸗ kennen mußte, nachdem er zufällig von einem aus London kommenden Bekannten erfahren, daß ſeine Kinder be⸗ reits in England angelangt ſeien. Von dieſem un⸗ ſeligen Augenblicke an hatte er keine Ruhe mehr in der ihm gleichgültigen Fremde, er eilte zurück und in Paris erhielt er endlich den von London aus geſchrie⸗ benen Brief ſeines Sohnes, der ihm keinen Zweifel übrig ließ, daß Lionel und Georgy, ſeinem Willen zu⸗ wider, mit ihren Gäſten nach dem Norden gezogen ſeien, worauf er auf der Stelle beſchloß, ihnen zu fol⸗ gen und— zu verſuchen, ob dem in ſeiner Phanta⸗ ſie bereits drohenden Unheil noch durch ſein perſön⸗ liches Dazwiſchentreten Einhalt zu gebieten ſei. Je näher der Lord aber dem Norden kam, um ſo beklommener, unruhiger, aber auch um ſo zorniger wurde er, und zuletzt hatte er ſich in eine Wallung hineingearbeitet, die von dem Zuſammentreffen mit 229 ſeinen Kindern auf beiden Seiten keinen Genuß er⸗ warten ließ. Da ihm die Handlungsweiſe ſeines Sohnes noch nicht ganz klar war, er vielmehr nur vermuthete, daß ſeine ſo beſtimmt ausgeſprochenen Wünſche ihn verfehlt hätten, ſo hoffte er im Stillen immer noch, daß der keineswegs ungehorſame Lionel ihm Folge leiſten und mit ſeinen Gäſten wieder abziehen werde, ſobald er von jenen Wünſchen in Kenntniß geſetzt ſein würde. Dennoch aber bewog ihn eine unbeſtimmte geheime Furcht: daß es auch anders kommen könne, ſich auf alle Fälle zu rüſten und, ſolle einmal ein Kampf mit irgend welcher verborgenen Macht beſtanden wer⸗ den, denſelben trotzig aufzunehmen und ſich als Ge⸗ bieter zu zeigen, wenn man ihn als Vater nicht ge⸗ hörig reſpectiren wolle. Dieſer innere Zwieſpalt hatte ſeine Laune in der That zu einer faſt unerträglichen gemacht und ſein ſteter Begleiter auf der ganzen verunglückten Reiſe hatte Gelegenheit genug gehabt, dieſelbe zu empfinden. Dieſes Begleiters aber, ſo läſtig er ihm auf der einen Seite war, glaubte ſich der Viscount doch nicht ferner entſchlagen zu können, ja er feſſelte ihn um ſo enger an ſich, als ihm ein inneres Gefühl ſagte, daß er möglicher Weiſe eines Beiſtandes gegen ſeinen Sohn und deſſen deutſche Gefährten bedürfen würde, wobei 230 er die ſtolze und in manchem Punkte unzugänglichere Georgiana noch gar nicht in Anſchlag zu bringen ge⸗ wagt hatte. Auf den Mann nun, den er ſich zu dieſem Bei⸗ ſtande erkoren, müſſen wir zunächſt einen ſchärferen Blick werfen, obgleich er keineswegs zu den Hauptper⸗ ſonen unſerer Erzählung gehört. John Poltroon, ſo nannte er ſich, war ganz dazu geſchaffen, in dem Drama, welches ſich zwiſchen dem Vater und ſeinen Kindern entwickeln ſollte, auf einige Zeit eine hervorragende Rolle zu ſpielen. Er war der Sohn eines ungeheuer reichen Mannes, der aus der City ſtammte, mittelſt ſeines aus allen Welttheilen zuſammengeſcharrten Gel⸗ des Beſitzungen über Beſitzungen gekauft, mit vielen vornehmen Perſonen aus egoiſtiſchem Intereſſe Be⸗ kanntſchaften angeknüpft hatte und nun der Hoffnung lebte, daß ſein langer Traum von einer Standeser⸗ höhung endlich, wenigſtens in Bezug auf ſeinen Sohn, in Erfüllung gehen werde. John Poltroon sen. gehörte nämlich zu den in England ſehr zahlreichen Leuten, die an der Mono⸗ manie leiden, ſich in möglichſt hohe Kreiſe zu drängen, nach gewählter Geſellſchaft zu haſchen und mit Vor⸗ nehmeren auf einem überaus vertrauten Fuße zu ſtehen. Dieſer Monomanie opfern dergleichen Menſchen Geld, 231 Ehre und die Achtung aller Vernünftigen und Wohl⸗ denkenden auf. Der Grund dieſer Erſcheinung, die leider auch in Deutſchland ſchon lange zu ſpuken be⸗ ginnt, liegt theils in dummſtolzem Hochmuth, theils in Eitelkeit ohne Gleichen und in einer zum Uebermaaß ge⸗ ſteigerten Selbſtſucht. Ein ſolcher Mann findet nicht 4 allein einen hohen Genuß, ſondern auch eine benei⸗ denswerthe Ehre darin, ſich im Angeſicht des großen Haufens von dem erſten beſten betitelten Großen die Hand drücken oder mit einem freundlichen Worte anreden zu laſſen; ob dieſer ihm innerlich den Na⸗ men eines aufgeblaſenen Dummkopfs giebt, iſt ihm einerlei, und gern wirft er Tauſende weg, wenn er die Hoffnung davon trägt, in ein näheres Verhältniß mit einem Lord oder wenigſtens einem Baronet zu gelangen. Dem älteren Mr. Poltroon war Viscount Lowdale nun ſchon ſeit Jahren überaus verpflichtet. In den Geldverlegenheiten, in die Letzterer, zufolge ſeiner ver⸗ ſchwenderiſchen Lebensweiſe, nur zu oft gerieth, war es jener Mann geweſen, der in der Hoffnung des ſeinem Sohne einſt zu verſchaffenden Glückes ihm bedeutende Summen vorgeſchoſſen, und ſo war auch hier das lei⸗ dige Geld wieder ein mächtiger Hebel in der Hand des ſpeculativen ehemaligen Kaufmanns geworden, um die gewiſſenloſe Schwelgerei eines vornehmen Lords zu ſeinen Gunſten auszubeuten. Der jüngere John Poltroon dagegen war ein ganz gewöhnlicher Menſch, von jenem gemeinen Schlage, wie ihn das ſtolze Britannien unter ſeinen Söhnen leider nicht gar zu ſelten aufzuweiſen hat. Wir Deutſchen haben oft Gelegenheit, dergleichen Leute in unſern Gauen auftauchen zu ſehen, wo ſie als Reiſende und Weltbürger erſcheinen, die unantaſtbare Mitglieder einer großen freien Nation, in Wahrheit aber nichts ſind, als durch ihren Reichthum und inſulariſchen Dünkel aufgeblähte Subjecte, mit biſſigen Bulldoggsgeſichtern, die die Frechheit beſitzen, der ganzen civiliſirten Welt eine hohnlachende Grimaſſe zu ſchneiden, unter der Firma, daß ſie allein die ächten Kinder der einzig wahren Civiliſation und Bildung ſind. Eine ſchöne und empfehlenswerthe Bildung! Man ſehe ſie nur am Bord rheiniſcher Dampfboote auf drei Stühlen ſitzen, von denen zwei ihre edlen Füße ſtützen, wenn wir gutmüthigen Deutſchen kaum einen Schemel für unſre müden Glieder haben. Aber auch dieſen Schemel noch beanſprucht der Herr Brite wenigſtens mit den Augen, um ſeinem Ellbogen einen Ruhepunkt zu geben, und wenn er ſie erreichen kann, legt er ſich auch noch unſere Reiſetaſche uniter den Nacken, um ja — 2 recht bequem ſich das erbärmliche Deutſchland betrach⸗ ten zu können. Wehe dem Armen, der dieſem Ritter ohne Furcht und Tadel nicht zu Gefallen iſt, er ſtützt ſich auf die aller Welt bekannten Vorrechte einer freien Nation, droht ihm mit den Spalten der rächenden Times und zeigt, wenn Alles das nichts hilft, ſeine knochigen Fäuſte, um ſich damit einen augenblicklichen Reſpect zu verſchaffen, den ein vernünftiger und die Ruhe liebender Menſch ſelten der rohen Kraft verſagt. Hohnlachend, auf ſeine gefüllte Börſe pochend, weist er uns die Zähne, wenn wir uns geſtatten, an ihm vorüberzugehen, und dabei unvorſichtig genug ſind, ſei⸗ nen Regenſchirm zu ſtreifen. Haben wir Mr. John Poltroon kenntlich genug gezeichnet, oder ſollen wir noch von ſeiner allgemeinen Weltbildung ſprechen? Worin beſteht dieſe vielge⸗ rühmte Bildung? In der Dumnmdreiſtigkeit, in frem⸗ den Landen auf Schwächen zu ſchimpfen, die der Ein⸗ zelne niemals verſchuldet; in der Zahlungsfähigkeit, ſich durch die ganze Welt die beſten Transportmittel zu verſchaffen; in dem eitlen Glauben, die ganze Welt zu beherrſchen, und in dem ſtolzen Gedanken, von einer Nation zu ſtammen, die nicht nöthig hat daran zu denken, daß das Beſte, Edelſte, Unvergänglichſte, was ſie beſitzt, von Deutſchland ſtammt. 234 Allen Reſpect vor dem edlen, wenn auch ſtolzen Briten! Alle Freundſchaft für den Bruderſtamm, der mit uns in einer Wiege gelegen! Alle Hochachtung einer hochgebildeten, muthigen und intelligenten Nation — aber unſre tiefſte Verachtung dem gemeinen Empor⸗ kömmlinge, dem herzloſen Geldmacher, dem rückſichts⸗ loſen Grobian, ſelbſt wenn er ein dreifach gepanzerter und bearmſtrongter Brite iſt! Solchen Mann nun hatte der edle Viscount Low⸗ dale zu ſeinem Begleiter und, wenn er ſelbſt nicht ſtark genug wäre, zu ſeinem Helfer gegen dieſes arme deutſche Geſchwiſterpaar erkoren. Aber man glaube nicht, daß John Poltroon ſich ohne Weiteres und aus lauterer Freundſchaft zu einem ſo würdigen Plane hergegeben, im Gegentheil, er hatte ganz artige Be⸗ dingungen ſeinerſeits geſtellt und es war ſogar in der Familie des Lords den bei dieſen Bedingungen zu⸗ nächſt Betheiligten bekannt, bis zu welcher Höhe ſich dieſelben erhoben— was auch uns bald kein Ge⸗ heimniß mehr ſein wird. Daß Mr. John Poltroon nun, ſtolz auf die Freundſchaft eines Visconnts und im Stillen auf die Erfüllung der hochfliegenden Pläne ſeines Vaters und ſeine eigenen rechnend, mit hinreichender Frechheit ausgerüſtet war, die er wenig⸗ ſtens dem Gaſte Lionel Lowdale's gegenüber in das 235 volle Licht zu ſetzen ſich vorgenommen, bedarf nur noch einer flüchtigen Erwähnung. Gegen die Kinder des Lords war der vielvermögende John Poltroon entſchloſſen, mit Gemeſſenheit und dem ſeinen Wün⸗ ſchen entſprechenden ſtillen Nachdrucke aufzutreten, die Gäſte derſelben aber, gegen die ihn der Lord ſelbſt durch ſeine alltäglichen Reden aufgeſtachelt, wollte er nicht im Mindeſten ſchonen, denn er glaubte vollkom⸗ men der Mann zu ſein, die ganze deutſche Nation, wenn ſie ihm in den Weg träte, in die Flucht zu ſchlagen, ſobald er nur ſichtbar würde und ſeine rol⸗ lenden waſſerblauen Augen ihr göttliches Licht gegen ſie ausſtrahlen ließe. In dem Zimmer des Viscounts ging es in dem Augenblicke, als Lionel und Georgy eintraten, ungleich ruhiger als im Anfange zu. Der Lord hatte ſich gegen Donald bereits ausgetobt und lief mit geröthetem Ge⸗ ſicht und auf dem Rücken zuſammengeſchlagenen Händen über den Teppich hin und her. Donald ſtand wie ein Verbrecher an der Thür und zählte im Stillen die Minuten, bis ſein junger Herr nach Hauſe zurück⸗ kehren würde. Mr. John Poltroon aber ſaß oder lag vielmehr, den Hut auf dem Kopſe, auf einem be⸗ quemen Seſſel, hatte ſich einen Stuhl für ſeine Füße herangeſchnellt und blickte mit ſtumpfem, verächtlichen 236 Geſichtsausdruck auf den bebenden Kaſtellan— eine Kanaille, wie er dachte, die man fortjagen müſſe, weil ſie den Befehlen ihres Herrn ſchnurſtracks entgegen⸗ gehandelt habe. Er war ein Mann von ungewöhnlicher Größe und Breite, ſo wie einem Knochenbau, der John Bull in allen Weltgegenden mit Anſtand repräſentirt hätte und in ſeinen weiten, bequem ſchlotternden Kleidern nach dem modernſten Londoner Schnitt nur noch maſ⸗ ſenhafter erſchien, als er an ſich ſchon war. Das Ungeſchlachteſte an dieſem ungeſchlachten Körper aber war der Kopf, der mit ſeinem überreichen und ſtarr emporſtehenden Haar von rothbrauner Farbe, einem waldartigen Bartwuchs und einer Naſe, die einem kleinen Vorgebirge ſeines an Vorgebirgen ſo reichen Vaterlandes nicht unähnlich ſah, den üblen Eindruck erhöhte, den die ganze Erſcheinung ſchon auf den un⸗ parteiiſchen Beobachter hervorbringen mußte. Hiermit ſtimmte auch der Ausdruck ſeines dunkelgefärbten, aber reichlich mit Sommerproſſen überſäeten Geſichts überein. Es konnte nur einem trägen, genußſüch⸗ tigen und über die Maaßen eingebildeten Menſchen angehören, einem Menſchen, der nie fragt, welchen inneren Werth eine Sache hat, ſondern der nur fragt, was ſie koſtet, und dann mit der Miene 237 in die Taſche greift, als ſei ſie nicht der Mühe werth, nach den paar lumpigen Schillingen nur die Hand aus⸗ zuſtrecken. Außerdem aber lag in Bezug auf ſeinen hochſtehenden Freund, den Lord, noch eine gewiſſe unverſchämte, dummſtolze Vertraulichkeit in dieſen rohen Zügen, mit einem Uebermuth gepaart, der ſich den Anſchein gab, als gehöre ihm die ganze Welt allein und als hätte Niemand über die Vorgänge darin ein Wort mitzuſprechen, als Mr. John Poltroon ſelber. Allein dieſer Uebermuth wich auf der Stelle, dieſe auf klingende Gründe ſich ſtützende Vertraulichkeit gegen den Lord trat ganz zurück, als die Thür auf⸗ ging und Lionel und Georgy mit ihrem natürlichen Stolze und dem Bewußtſein der ihnen gebührenden Stellung eintraten, ein Stolz und ein Bewußtſein, die durch das dunkle Gefühl noch mehr erhöht wurden, daß ihnen eine ſchwierige Stunde bevorſtände, daß dieſelbe aber mit Ruhe erwartet und mit Faſſung und Ausdauer ausgekämpft werden müſſe. Georgy trat zuerſt und gleich hinter ihr Lionel ein. Beide warfen zunächſt keinen Blick auf den Gaſt ihres Vaters, ſondern ſchritten auf dieſen ſelbſt zu, den ſie nun in Gegenwart eines Fremden mit der Förmlichkeit und der Etikette begrüßten, die in ſo vielen engliſchen Familien herrſcht und jede Gefühls⸗ äußerung und ſomit endlich auch alle Gefühle ſlbſt erſtickt. Und in der That, auch in dieſem Punkte können wir dem ſtolzen Britenvolke kein Loblied ſingen. Unter den Engländern, weß Standes ſie ſein mögen, giebt es viele Leute, die ſich zu ſchämen ſcheinen, irgend eine tiefgehende Empfindung ſelbſt in den zarteſten Familienverhältniſſen blicken zu laſſen. Das iſt oft ſo arg, daß man ſich angefröſtelt fühlt, wenn man ſie zuſammen ſieht und die hergebrachten Fragen und Floskeln äußerer Höflichkeit austauſchen hört, womit ſie ſich zu überſchütten pflegen. Unter dem Beſtreben, ihre ſogenannte Würde zu behaupten, gerinnen ſie beinahe zu Eis und verden ſich natürlich gebenden Menſchen dadurch faſt unerträglich. Wenn ſie nur hübſch ſteif, majeſtätiſch und feierlich erſcheinen, glau⸗ ben ſie bedeutende Menſchen zu ſein, und man könnte faſt denken, daß ſie von der Natur nicht das Organ empfangen haben, welches wir Herz nennen und für den Sitz aller menſchlichen Empfindungen halten. Es gehört— wir ſprechen aus Erfahrung und nach mannigfaltigſter Beobachtung— in England zum guten Ton, eine an Stumpfſinn gränzende Gleichgů⸗ tigkeit gegen die wichtigſten Dinge zu heucheln— zu, 239 heucheln, ſagen wir, denn die Heuchelei ſpielt eine wich⸗ tige Rolle in allen Lebensverhältniſſen der jetzigen Briten,— und faſt Alles, was ihr Herz beſchäftigt, übertünchen ſie durch Fragen, die nur das Allerall⸗ täglichſte berühren. Sie heucheln ſogar Unniſſen⸗ heit, dieſe überklugen Engländer.— man denke nur an ihr intelligenteſtes, am weiteſten verbreitetes Or⸗ gan, die Times— denn wenn ſie zum Beiſpiel in Bezug auf deutſche Zuſtände ſo ungeheuer unwiſſend wären, wie ſie ſich in dieſer Zeitung oft ſtellen, ſo wären ſie nicht das aufgeklärte Volk, welches zu ſein ſie ſich bei jeder Gelegenheit ſelbſt rühmen, und wir könnten ſie höchſtens wegen ihrer ſchülerhaften Ge⸗ ſchichtskunde beklagen.——— Lionel und Georgy nun heuchelten nicht gegen ihren Vater, ſie bewieſen ihm vielmehr bei dieſem erſten Beſuche die ganze freundliche Herzlichkeit, deren ſie für ihn fähig waren, und wenn dieſelbe nicht größer war, als ſie ſich zeigte, ſo trug Niemand anders die Schuld davon, als Seine Herrlichkeit ſelber, der der⸗ gleichen albernes Zeug für ſeine Perſon längſt abgelegt und ſomit auch aus ſeiner Familie verbannt wiſſen wollte. Wäre nun aber auch die Herzlichkeit ſeiner Kin⸗ der in dieſem Augenblicke noch ſo groß geweſen, ſie hätte verſtummen müſſen vor dem eiskalten Empfange, der ihnen zu Theil wurde, und ihre Begrüßung nahm daher auch bald nur die Form der bloßen Etikette an, indem ſie ſich leider erinnern mußten, daß das eigen⸗ thümliche Verhältniß, welches von jeher zwiſchen ihrem Vater und ihnen geherrſcht, noch das beſtehende, und die gegenwärtige Stunde am wenigſten geeignet ſei, ſich darüber fortzuſetzen, auf den Vater loszueilen und ihn auf herzliche Weiſe mit kindlichen Liebkoſungen zu begrüßen. Vielleicht wäre dieſe Begrüßung dennoch von Seiten Beider eine vertraulichere geworden, wären ihre Augen nicht alsbald auf den Gaſt gefallen, der von ſeinem Stuhle träg aufgeſtanden war und, den Hut abnehmend und bei Seite werfend, ſich vor Georgy leidlich demüthig, vor Lionel mit einer faſt herablaſſenden Vertraulichkeit verbeugt hatte, worauf er an das Fenſter trat und ſich das Anſehen gab, als ſchaue er rückſichtsvoll in den Park hinaus. Viscount Lowdale ſtand nach den erſten Be⸗ grüßungen vor ſeinen Kindern und erwartete, daß ſie irgend etwas ſprechen würden, was ſich auf die gegen⸗ wärtige Lage bezöge allein er irrte ſich darin. Beide ſchwiegen und ſahen nur mit erwartungsvollem Blicke auf Mr. Poltroon hin, der, durch das lange Schweigen ſtutzig gemacht, ſein ausdrucksloſes Geſicht wieder den anweſenden Perſonen zukehrte. 241 Da faßte ſich Lionel zuerſt und ſich zu Mr. Pol⸗ troon wendend, ſagte er mit einer Kälte, wie ſie ſein Vater noch nie an ihm gehört:„Mein Herr, meine Schweſter hat ihren Vater ein halbes und ich habe ihn ſogar ein ganzes Jahr nicht geſehen— Sie wer⸗ den es mir daher nicht übel deuten, wenn ich Sie bitte, uns bei dieſer erſten Unterredung eine Stunde allein zu laſſen.“ John Poltroon rieſelte es bei dieſen ſo verſtänd⸗ lichen Worten wie ein kalter Strom über den Rücken; eine ſolche Begrüßung von Seiten des Sohnes ſeines Freundes hatte er am wenigſten erwartet, allein er ſammelte ſich ſchnell, warf einen fragenden Blick auf den Viscount und war ſo glücklich, von dieſem ver⸗ ſtanden und augenblicklich in Schutz genommen zu werden. „Lionel,“ ſagte der Vater mit einem mürriſchen, zurechtweiſenden Tone,„ich nehme das Recht eines Wirths auf Meanach⸗Lodge ſo gut in Anſpruch als anderswo, wo ich in meinem Hauſe bin. Mr. John Poltroon iſt mein Gaſt und ich habe keine Geheim⸗ niſſe vor ihm, ſelbſt in meiner Familie nicht. Oder kennſt Du den Herrn vielleicht nicht?“ „Ich kenne ihn!“ entgegnete Lionel mit bedeu⸗ tungsvollem Nachdrucke, indem er einen halben Blick Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 16 242 nach dem Betheiligten warf, der denſelben wie eine Bildſäule von Stein hinnahm. „Und auch Du kennſt Mr. John Poltroon, Georgy?“ richtete der Lord die Frage an ſeine Tochter. Georgy warf einen vollen Blick auf den Gaſt ihres Vaters, muſterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen und ſagte dann mit einem ſo gleichgültigen, faſt harten Ausdrucke, daß man denſelben kaum ihren weichen Lippen zugetraut hätte:„Ich erinnere mich nicht, dieſen Herrn ſchon einmal in meiner Nähe ge⸗ ſehen zu haben— nach dieſer erſten Vorſtellung aber werde ich ſeiner gewiß nie wieder vergeſſen.“ Viscount Lowdale wurde bald bleich, bald roth; ſeine Kinder waren nicht ſo leicht zu handhaben, wie er fern von ihnen gewähnt, das ſah er zu ſeinem Schmerze jetzt zu ſpät ein und ſein Ahnungsvermögen ließ ihn im Hintergrunde der Zeiten noch andere Schwierigkeiten aufdämmern, allein in dem vorliegen⸗ den Punkte wollte er nicht nachgiebig ſein und er ſagte daher mit einem allen Widerſpruch ausſchließen⸗ den Tone: „Alſo Sie bleiben, Mr. Poltroon, und Ihr, meine Kinder, werdet ſo gefällig ſein, mir meines Freundes Gegenwart zu gönnen, um ſo eher, da er mir wäh⸗ rend Eurer Abweſenheit ſo lange ſeine Geſellſchaft ge— ſchenkt hat. Doch— ſetzen wir uns.“ Georgy nahm auf einem bei Seite ſtehenden Seſſel Platz, der ihr geſtattete, Mr. Poltroon halb und halb den Rücken zuzukehren, Lionel ſetzte ſich dem Lord gegenüber, der in der Nähe des Kamins ſaß, und Mr. Poltroon nahm ſeinen vorigen, Sitz auf dem be⸗ quemen Divan wieder in Beſchlag, nicht ohne Span⸗ nung dem folgenden Geſpräche zuhörend, bei dem Georgy faſt nur die Rolle einer ſtummen Zeugin über⸗ nahm, und deſſen gleichgültige Färbung auf Lionel's Seite offenbar die Gegenwart eines Mannes ver⸗ ſchuldete, von dem er nur dann und wann gehört, daß er ſehr reich ſei und daß er ſeinem Vater gewiſſe Gefälligkeiten erwieſen, wofür er ſich wahrſcheinlich nun auf eigenthümliche Weiſe bezahlt machen wollte. Als Alle ſaßen, erfolgte ein allgemeines Still⸗ ſchweigen, das um ſo peinlicher war, als die Blicke der verſchiedenen Parteien erwartungsvoll auf einan⸗ der gerichtet blieben. Endlich, da Viscount Lowdale nicht die geringſte Miene machte, das Geſpräch zu beginnen oder ſich über die Rückkehr und das Wohl⸗ ſein ſeines einzigen Sohnes zu freuen, der doch nahe daran geweſen, fern von der Heimat einer bösartigen Krankheit zu erliegen, ſagte dieſer: 16* 244 „Ich freue mich, Dich nach ſo langer Trennung geſund wieder zu ſehen, mein Vater.“ „Ah, ja, Du erinnerſt mich, Du warſt ja wohl krank— aber das iſt ſchon ſehr lange her.“) „Ja, es iſt freilich lange her, ich habe es aber dennoch nicht vergeſſen,“ erwiderte Lionel kurz und nach⸗ denklich, während Georgy auf ihrem Seſſel unruhig hin und her rückte. „Seitdem iſt mir ſehr viel Unangenehmes be⸗ gegnet,“ fuhr der Viscount fort,„was leicht hätte vermieden werden können, wenn Du meine Wünſche beachtet hätteſt. Ich habe Dir darüber einen ſehr umſtändlichen Brief geſchrieben, als Du mich be⸗ nachrichtigteſt, daß Du in dieſem Sommer nach Schott⸗ land zu gehen die Neigung hätteſt.“ „Ah, es war mein erſter Brief an Dich, nachdem ich ſo glücklich dem Tode entronnen, ich weiß es— aber eine Antwort darauf habe ich bis dieſen Tag noch nicht erhalten.“ „Wie,— Du haſt dieſe Antwort ni icht em⸗ pfangen?“ „Weder dieſe noch ſonſt eine andere auf die vielen Briefe, die ich Dir von verſchiedenen Orten über den Wechſel meines Aufenthaltes ſchrieb.“ „Das iſt wunderbar. Dann iſt daran nur der 245 Umſtand ſchuld, daß Du Deinen Aufenthalt ohne mein Wiſſen wechſelteſt. Wo biſt Du geweſen?“ „Wohin zu gehen ich Dir mitgetheilt habe— nach Nizza.“ „Ich habe keine Mittheilung darüber erhalten.“ „Das thut mir leid, aber ich wüßte nicht, wie ich mich anders hätte verhalten ſollen. Auf meiner zur beſtimmten Zeit angetretenen Rückreiſe habe ich Dich in London, in Weſtmoreland, Edinburg und an vielen anderen Orten vergeblich geſucht und Niemand konnte mir genau ſagen, wo Du Dich aufhielteſt.“ „Wie, auch Drummond nicht?“ „Als er mir Deine Reiſe nach Italien mittheilte, war es zu ſpät für mich, Aenderungen in meinem Plane eintreten zu laſſen.“ „Aha, Du hatteſt alſo einen Plan?“ „Gewiß, und ich habe ihn ſogar buchſtäblich aus⸗ geführt. Wo biſt Du aber ſelbſt geweſen?“ „Ach, das kann Dir jetzt einerlei ſein,“ ſagte der Lord ärgerlich, den die ganze Verhandlung von Neuem in Zorn gebracht hatte, zumal er ſah, mit welcher Ruhe Lionel die Scheiterung des Planes betrachtete, auf deſſen Gelingen er ſelbſt einen ſo hohen Werth ge⸗ legt.„Ich bin— Gott weiß wo— in Italien ge⸗ weſen,“ fuhr er nach einer Weile fort, während Lio⸗ 246 nel ſchwieg,„und als ich Dich nicht fand, wohin ich Dich beſchieden, bin ich zurückgekehrt, bis ich in Paris die Nachricht empfing, daß Du bereits in Schott⸗ land ſeieſt.“ „Alſo ſo hängt es zuſammen, nun ſehe ich end⸗ lich klar. Es iſt allerdings ein ſeltenes Zuſammen⸗ treffen von Mißverſtändniſſen und Irrthümern. Nun, Du haſt wenigſtens dafür einen großen Genuß von dieſer Reiſe gehabt, zumal Du früher noch nie auf dem Feſtlande geweſen biſt.“ Viscount Lowdale ſchüttelte ſich wie im Fieber. „Ein verdammter Genuß!“ rief er.„Gott ſtraf mich! Es war eine Kette von Strapazen, Mühen, Entbehrun⸗ gen, und dabei habe ich ſo viel wie nichts geſehen.“ „Das wirſt Du hoffentlich nicht mir anrechnen wollen. Aber was für ein Grund trieb Dich dazu, eine ſo weite Reiſe anzutreten, wenn Du Dir keinen Genuß davon verſprachſt? Ich kann mir das nicht erklären, zumal Du dadurch die Sitzungen des Par⸗ laments verſäumteſt, die doch ſonſt ſo große Reize für Dich beſaßen?“ Der Viscount erbleichte auf dieſe ruhig abwar⸗ tend geſprochenen Worte, aus denen ſogar eine gewiſſe Kälte hervortrat, die ſich in der That allmälig bei Lionel einzuſtellen anfing, als er ſah, wie lieblos ſein Vater, noch dazu in Gegenwart eines Fremden gegen ihn verfuhr. „Den Grund, der mich dazu trieb, willſt Du wiſſen?“ fragte der Lord mit ſichtbarer Unruhe.— „Das iſt meine Sache. Ich wollte Italien ſehen, mit Euch zuſammen, und dann die Hochlande be⸗ ſuchen, wozu ich Deine Einwilligung hoffentlich nicht einzuholen brauchte.“ „Gott behüte mich davor!“ verſetzte Lionel mit edlem Stolze und einer warmen, in ſeinem Geſicht aufſteigenden Röthe. Er wollte noch etwas Anderes hinzufügen, aber ein rechtzeitiger Blick auf den anwe⸗ ſenden Gaſt ſeines Vaters hielt ihn davon ab und er drängte die ihm haſtig zuſtrömenden Gedanken mit Gewalt zurück. „Nun wohl denn,“ fuhr der Lord fort,„ich bin nicht allein gekommen, ſondern ich habe mich ſogar, mit Deiner Erlaubniß— 4 „Ich bitte, Mylord,“ unterbrach ihn Lionel mit vor innerer Aufregung zitternder Stimme,—„ich ver⸗ diene dieſen Spott nicht—“ „Ich verdiene auch Manches nicht, was Du mir aufbürdeſt, mein Lieber— ich habe mich ſogar, wollte ich ſagen, derſelben Freiheit bedient, deren Du Dich bedienteſt, und habe mir einen Gaſt mitgebracht, wozu ich in der That ein größeres Recht hatte als Du. Oder leugneſt Du das?“ Lionel warf einen flammenden Blick auf Mr. Poltroon, deſſen Anweſenheit ihm von Minute zu Mi⸗ nute peinlicher wurde. Georgy regte ſich nicht, ſie legte nur ihren ganzen Stolz und ihr verletztes Zart⸗ gefühl durch ihre ruhige Haltung an den Tag und hielt das leuchtende Auge wie gebannt auf ihren ſich ohne Noth erzürnenden Vater gerichtet. Mr. Poltroon dagegen, der in der letzten Anſtrengung des Lords einen neuen Sieg und den größten Beweis der Freund⸗ ſchaft ſeines Gönners zu erkennen glaubte, ſtreckte ſich behaglicher auf ſeinem Sitze aus und ſchien ganz zu vergeſſen, daß er ſich in Gegenwart einer Daute be⸗ finde, die vor allen Dingen feine Manieren von einem Manne fordern durfte, dem ſie als dem Gaſte ihres Vaters ihre Achtung ſchenken ſollte. „Ich läugne nichts und habe keinen Grund, ir⸗ gend etwas zu läugnen,“ erwiderte Lionel mit warmer Lebhaftigkeit.„Aber daß auch ich Gäſte mit hierher brachte, wird kein Verſtoß gegen die Sitten und Ge⸗ bräuche ſein, die bisher in unſrer Familie üblich waren; überdieß bat ich Dich um Deine Einwilligung—* „Und ich gab ſie Dir nicht!“ ſtieß der Lord bei⸗ nahe keuchend hervor. 249 Lionel ſprang von ſeinem Sitze auf und Georgy ſtand im Begriff, das Gleiche zu thun, nur zög ſte noch etwas, da ſie noch einige Worte von Seit ihres Bruders erwartete, aber ihre Bruſt hob und ſenkte ſich ſtürmiſch und ihre Lippen bebten unt Gewalt, die ſie ſich anthat, ihren Empfindungen je Ausdruck zu verſagen. „Daß das geſchehen könnte,“ fuhr Lionel noch einmal ſich bezwingend fort,„konnte ich mir nicht im Traum vorſtellen.“ „Aber doch iſt es in der Wirklichkeit geſchehen. Ich erkläre Dir alſo, daß Deine Gäſte gegen mei⸗ nen Wunſch hier ſind, und— ver ſind dieſe Gäſte, da wir doch einmal auf dieſe— dieſe Perſonen in unſerm Geſpräche gerathen ſind?“. Bei dieſen mit der bitterſten Verachtung ge⸗ ſprochenen Worten erbleichte Lionel. Da er die Ab⸗ ſicht der Beleidigung herausfühlte, hatte er alle Hoff⸗ nung auf gegenſeitiges Verſtändniß aufgegeben und er entſchloß ſich fortan nur zur kürzeſten Erledigung der ihm vorgelegten Fragen.„Wenn Du es noch nicht weißt, wer ſie ſind, oder es bereits wieder ver⸗ geſſen haſt,“ erwiderte er,„ſo höre es jetzt noch ein⸗ mal: es ſind meine Lebensretter, denen ich einen nie ganz abzutragenden Dank ſchuldig bin.“ — Der Lord läche te verächtlich.„Hm! Ja! Du ſchriebſt es mir ſchon, ich erinnere mich, und Du haſt. Heine Abſicht mit ihnen conſequent durchgeführt. Ich antwortete Dir damals auch darauf. Vor allen Din⸗ ber nehme ich dieſelbe Conſequenz auch für mich Anſpruch, indem ich auf meiner Meinung beharre, dieſe Leute mich in meinem Behagen ſtören, da ich nun ebenfalls hier bin.“ „Ich werde Dich von der Befolgung Deiner Conſequenz nicht abzuhalten ſuchen. Hätte ich gewußt, daß dieſe Unterhaltung die erſte ſein würde, die ich mit Dir zu pflegen hätte, ſo würde ich meine und Georgy's Freunde nicht hierhergeführt haben. Da ſie nun aber einmal hier ſind“— und er richtete ſich dabei ſtolz in die Höhe— „So werde ich ſie wohl ertragen müſſen, willſt Du ſagen,“ unterbrach ihn der Lord.„Gut,? Du biſt beharrlich— es wird ſich finden.“ „Ja, ich bin beharrlich und hoffe ernſtlich, daß es ſich finden wird. Wenn Du dieſe vortrefflichen Menſchen näher kennteſt, würdeſt Du befriedigt ſein und ihnen ſogar Deine perſönliche Dankbarkeit auf wärmere Weiſe ausſprechen, als Du es gegen mich ſelbſt thuſt. Ich erwarte daher jeden Augenblick Deine Be⸗ fehle, wann ich ſie Dir zu dieſem Behufe vorſtellen ſoll.“ Der Lord lächelte bitter, er fühlte den Stachel der Ironie in den Worten ſeines ſonſt ſo milden, aber jetzt gereizten Sohnes. Er nahm jedoch eine Miene an, als ginge er halb und halb auf ſeine Anſicht der Dinge ein und erwiderte:„Für jetzt danke ich. Die Gelegenheit iſt nicht günſtig, ihre Bekanntſchaft zu machen, ich bin nicht in der Stimmung dazu. Einſt⸗ weilen erlaube mir noch, mit meinem Gaſt allein zu bleiben. Ich mag Euch nicht ſtören, aber ich will auch von Euch nicht geſtört ſein. Das Haus iſt groß genug, um zwei getrennte Geſellſchaften zu beherbergen. Nur um Eins muß ich bitten: Mein Gaſt muß Dei⸗ nes— Lebensretters Zimmer haben.“ Lionel ſtand über alle Maaßen erſtaunt vor ſei⸗ nem Vater, als er dieſe Worte hörte, und wußte in der That nicht, was er auf dieſe ſonderbare und zur unrechten Zeit vorgebrachte Zumuthung ſagen ſollte, allein er brauchte auch nichts darauf zu erwidern, eine andere Perſon miſchte ſich jetzt mit neuen Kräften in's Geſpräch, die um ſo ſiegreicher wirkten, als man auf Seiten der feindlichen Partei ihre Betheiligung nicht mehr erwartet zu haben ſchien. Denn kaum hatte der Viscount ausgeſprochen, ſo erhob ſich Georgy von ihrem Sitze, näherte ſich ihrem Vater um einige Schritte und ſagte dann ruhig und mit glücklich bekämpfter Bitterkeit, indem ſie zum erſten Mal dem Fremden ihr ſchönes Geſicht zuwandte: „Verzeihen Sie, Sir, aber da Sie einmal der freiwillige“— ſie betonte das Wort ſtark—„der freiwillige Zeuge dieſer intereſſanten Familienunterhal⸗ tung ſind, ſo müſſen Sie auch Alles hören, was wir dem Viscount Londale, der augenblicklich mehr Ihr Freund als unſer Vater zu ſein ſcheint, auf jene For⸗ derung zu erwidern haben. Ja, Mylord,“ ſagte ſie dann, mit feſter Stimme und kühnen Blickes ſich zu ihrem Vater wendend,„das Zimmer des Gaſtes, der uns, vertrauend auf unſer Wort, daß er in allen Schlöſ⸗ ſern unſers Vaters willkommen ſein würde, Hunderte von Meilen gefolgt iſt, ſteht zu Ihren Dienſten, ſo⸗ bald— es von ſeinem jetzigen Inhaber wieder leer ſein wird.“ Viscount Lowdale ſtarrte verwundert bald ſeinen Sohn, bald Mr. Poltroon, bald Georgy an, die ſich in eine Gluth hinein gefühlt und geſprochen, die aus ihrem ganzen Weſen ſtrömte und namentlich aus ihrem blitzenden Auge ſprühte. „Und welchen Grund haſt Du, dies ſo beſtimmt gegen meine Wünſche auszuſprechen, Georgy?“ ſtot⸗ terte der Lord. „Den Grund, weil das, was Du verlangſt, ein Verſtoß gegen alle, nicht allein engliſche, ſondern auch rmenſchliche Sitte ſein würde, und die Menſchen im Allgemeinen und Ganzen ſtehen mir, einer Engländerin, noch höher als meine Landsleute im Beſonderen. Uebrigens hat Dein Wunſch, uns mit unſern Freun⸗ den allein zu laſſen, unſern ganzen Beifall und wir danken Dir Beide für dieſe Entſcheidung.— Mylord, ich habe die Ehre mich zu empfehlen, und Ihnen, Sir, wünſche ich einen guten Abend!“ Sie machte ſowohl dem Viscount wie deſſen Gaſte eine Verbeugung, die der Oberhofmeiſterin einer Fürſtin würdig geweſen wäre, und rauſchte dann, von ihrem Bruder gefolgt, zur Thür hinaus. Als Beide aber die Bibliothek verlaſſen hatten, in der auf einem Seſſel in der Ecke der alte Donald ſaß, den ſie gar nicht gewahrten, und die erſte Treppenſtufe nach ihrem Zimmer berührten, faßte Georgy ihres Bruders Arm, drückte ihn krampfhaft und flüſterte: „Linny, das war abſcheulich. Doch ſtill jetzt da⸗ von, heute Abend ſprechen wir mehr darüber. Jetzt laß uns zu unſern Freunden gehen und uns durch einen Spaziergang mit ihnen unſer Herz erleichten. Sieh, der Himmel iſt wieder blau geworden, und nun ſei auch Du nicht ſo betrübt, Linny. Je mehr Hin⸗ derniſſe in der Welt, um ſo mehr Ruhm, ſie be⸗ 254 ſiegt zu haben. Komm, mein guter Bruder, es iſt ein Glück, duß wenigſtens wir ein Herz und eine Seele ſind Nicht ſo ganz ein Herz und eine Seele war Vis⸗ count Lowdale mit ſich ſelber, nachdem ihn ſeine Kinder und bald darauf auch Mr. Poltroon verlaſſen, Letzte⸗ rer, um ein Stündchen auf dem Zimmer zu ſchlafen, das er nun doch trotz dem Willen ſeines Wirthes fortan behalten mußte. Zuerſt ſtand der Lord wie verblüfft am Kamin und ſchaute mit gläſernem Auge nach der Thür, hinter welcher die ſo eben noch Anweſenden mit ſo ſtolzen Schritten verſchwunden waren. Er fühlte plötzlich eine beinahe peinvolle Leere um ſich her. Bald darauf aber kam eine Art reueähnlichen Gefühls über ihn und er geſtand ſich ſelbſt ein, daß er ſeinen Kindern gegen⸗ über zu weit gegangen ſei und nicht die geringſte Rück⸗ ſicht auf ihre Gefühle genommen habe. Nur die Feſtig⸗ keit und Uebereinſtimmung Beider in ihrem Wider⸗ ſpruch, den er am wenigſten von ſeiner ſtolzen Georgy erwartet, mißfiel ihm und hielt ihn ab, jenem reue⸗ ähnlichen Gefühle eine Folge zu geben, die Mr. John Poltrvon von ſeinem„conſequenten“ Freunde gewiß zu allerletzt befürchtet hätte. Ja, Mr. John Poltroon, dieſer ſein ſogenannter Freund, der Sohn eines Man⸗ nes, dem er zweihunderttauſend Pfund ſchuldete, fing von dem Augenblick an, wo er ſeiner Demüthigung beigewohnt, die ſogar einer Niederlage ſeiner väter⸗ lichen Autorität auf ein Haar glich, ihm eine Laſt zu werden, und dies Gefühl war ſo plötzlich über ihn hereingebrochen, daß er ſich kaum den Grund davon erklären konnte. Und dennoch gab es kein Mittel, von dem Manne loszukommen, als mit ihm abzureiſen und ſich unterwegs irgend wo von ihm zu trennen. Aber abreiſen, jetzt von Meanach⸗Lodge, wo er ſeine Anweſenheit für ſo durchaus. nothwendig hielt, daß er ſogar das Parlament darüber vernachläſſigt— nein, das war eine Unmöglichkeit. Von dieſen und ähnlichen Gedanken hin und her getrieben, ging er eine Weile ſchweigend und irgend einen Ausweg ſuchend, im Zimmer auf und ab. Er fühlte ſeine Schwäche, dieſen beiden ſeelenſtarken jungen Leuten gegenüber— er ſah es kommen, daß ſein Plan ſcheitern, daß er nicht erreichen würde, was zu erreichen er dieſe läſtigen endloſen Reiſen unternommen— aber halt— wer iſt das? Sind das die Gäſte ſeiner Kin⸗ der, um deren willen er eben ſo ſchmerzlich litt? — So ſagte er ſich und ſchon ſtand er am Fenſter, 256 hinter den Vorhängen deſſelben verborgen, und lauſchte hinaus.„Ja, das ſind ſie— ha!“ Und er blieb, ſchwer athmend, ſtarren Blicks und mit offenem Munde an der edlen, ruhig ſich bewegen⸗ den Geſtalt Arnold Tiefenſee's hängen, deſſen Geſichts⸗ züge er wie mit dem Auge eines Adlers zu durch⸗ forſchen ſtrebte. Aber er ſchien nichts an demſelben zu entdecken, was ihn von Neuem beunruhigte, und mit einem tiefen, erleichternden Athemzuge wandte er nun ſein Auge auf die wieder ſchwarz gekleidete Schweſter deſſelben hin. „O, o,“ ſagte er, nachdem er ihnen ſo lange wie möglich nachgeblickt,„es ſind ein paar ganz unbedeu⸗ tende Erſcheinungen— arme Teufel— man ſieht ihnen den Hunger und die Sorge auf den erſten Blick an, und die ſollten— mir— o nein! Ich werde ſte ganz ruhig empfangen können, denn geſchehen muß das doch einmal. Aber ach, ich habe vielleicht mein Spiel ganz falſch begonnen und hätte ſie— hm, aber das koſtet Geld und Geld habe ich jetzt nicht— halt! da fährt mir ein neuer Gedanke durch den Kopf. Das will ich mir wirklich überlegen.“— Aber der neue Gedanke, den Seine Herrlichkeit ſich überlegte, ſchien ihn auch nicht ganz beruhigen zu können. Die künſtliche Maske, die er, wie wir ſchon früher bemerkt, wie ein zweites Geſicht über ſein ur⸗ ſprüngliches gezogen hatte, ſank immer mehr, der vor⸗ nehme, hochmüthige Zug verſchwand und eine ſeltſame Fülle unruhiger, ſorgenvoller Gedanken ſpiegelte ſich auf dieſem natürlichen Menſchengeſichte ab. In dieſem unbehaglichen Zu ſtande blieb er wohl eine Stunde allein, die ihm zur Ewi gkeit geworden wäre, hätte er ſein Lanſchen am Fenſter nicht von Zeit zu Zeit fortgeſetzt und am Ende auch noch ein⸗ mal die Vorübergehenden in größerer Nähe erblickt. Aus der neuen Fluth von Gedanken, in die ihn dieſe abermalige Beobachtung verſetzte, wurde er endlich durch Donald geriſſen, der in's Zimmer trat und ihn fragte, wo Seine Herrlichkeit den Theetiſch anzurichten beföhle. „Ja, Donald,“ ſagte der Viscount mit einer ganz ſeltſam weich klingenden Stimme,„ich will meinen Thee trinken, Du haſt Recht— in der Bibliothek— ich ſpeiſe aber ſtets mit Mr. Poltroon allein— ver⸗ ſtanden?“ „Ach ja, Mylord, aber— aber— ich bin gewiß nicht ſchuld, daß—“ „Stilt, Donald, ich weiß es jetzt beſſer und ſehe ein, daß Du nicht anders handeln konnteſt. Aber ac, es iſt eine unglückliche Verwickelung und — und— Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. 1 17 258 „Darf ich eintreten, Mylord?“ fragte da die prah⸗ leriſche Stimme des ſeinen rothen Kopf durch die Thür⸗ ſpalte ſteckenden Mr. Poltroon. Die weiche Stimmung Viscount Lomdale's war augenblicklich vorüber, als er dieſen Kopf ſah und dieſe rauhe Stimme hörte. Er war nicht der Vater mehr, der er eben beinahe geworden wäre, nein, er war wie⸗ der der Viscount, der Lord, der Pair, deſſen Wille das Geſetz ſeines Hauſes war, deſſen perſönlicher Stellung alle menſchlichen Gefühle ſich beugen mußten, und ſo rief er mit herablaſſender Würde: „Treten Sie ein, John! Und Du, Donald, laß uns den Thee einnehmen. Kommen Sie, mein Freund, ich ſpüre einigen Appetit in der ſcharfen Luft dieſer verwünſchten Hochlande.“ Neuntes Rapitel. Die Vorſtellung. Es war den engliſchen Geſchwiſtern mit Aufbie⸗ tung aller ihnen zu Gebote ſtehenden Selbſtbeherr⸗ ſchung gelungen, ihren Freunden ſo ziemlich den Ge⸗ fühlsſturm zu verbergen, der ihre Bruſt nach jener herzloſen erſten Unterredung mit Viscount Lowdale durchzog, und endlich war die von ihnen ſehnlichſt er⸗ wartete Stunde gekommen, wo ſie, von keiner äußeren Störung bedroht, in aller Stille vor dem Kamin in Georgy's Zimmer ſitzen und ihren übervollen Herzen Luft machen konnten. 4 Sie hatten ihre Seſſel nahe an einander gerückt und flüſterten mehr als ſie ſprachen, um auch nicht ein Wort in das Nachbarzimmer dringen zu laſſen, wo heute wie an jedem Abend Arnold Tiefenſee ſich 17* 260 mit ſeiner Schweſter unterhielt, ein Gebrauch, den ſie ſchon Jahre lang beobachteten und der ihnen ſchon. oft Befriedigung und Genuß für viele anderen Ent⸗ behrungen in ihrem beſchränkten Leben geboten hatte. Es dauerte einige Zeit, bevor Lionel und Georgy den Eingang zu ihrer vertraulichen Unterhaltung fin⸗ den konnten, ſie ſchauten lange in die glimmenden Kohlen, Jedes erwartete vom Andern das erſte Wort, bis endlich Lionel mit leiſem Tone zu ſprechen anfing. „Georgy,“ ſagte er,„nun ſind wir endlich allein. Sprich— Du ſcheinſt nach Allem, was ich heute an Dir beobachtet, genauer mit den Verhältniſſen bekannt zu ſein, welche zwiſchen Viscount Lowdale und dieſem Mr. Poltroon beſtehen— oder täuſche ich mich darin? Was mich betrifft, ſo habe ich den Menſchen erſt einige Mals geſehen und weiß ſonſt keinen Grund, der vertrauliche Stellung zu unſerm Vater er⸗ Rlären k te. Georgy ſchwieg noch eine Weile und ſeufzte, den Kopf tiefer auf die Bruſt ſenkend. Endlich aber faßte ſie ſich, hob den Kopf wieder in die Höhe und ſah ihren Bruder mit einem von Muth und Energie ſtrahlenden 2 Blicke an.„Linny,“ ſagte ſie,„ich wußte früher auch nur wenig von ihm, aber kurze Zeit be⸗ vor ich zu Dir nach Deutſchland abreiste, habe ich 261 Genaueres erfahren, was freilich wenig Angenehmes bietet. Mit einem Wort, er iſt der Sohn eines ſehr reichen Mannes, der in die Höhe ſtrebt und gegen den unſer Vater gewiſſe Verbindlichkeiten hegen muß—“ „Nun— Du ſtockſt? Welche Verbindlichkeit kann das ſein?“ „Er hat ihm Geld geborgt—* „Geld? Unſerm Vater?“ fuhr Lionel vor Ueber⸗ raſchung faſt zu laut auf.„Wie iſt das möglich? Ein ſo reicher Mann wie Viscount Lowdale ſollte von einem fremden Manne Geld borgen?“ „So iſt es. Manche Menſchen brauchen„ſehr viel Geld für Allerlei und Nichts.“ „Nun,“ ſagte Lionel nach einigem Beſinnen,„das würde uns nichts angehen, wenn dieſer Geldbedarf und ſeine Bezugsquelle nicht auf ſein Verhältniß zu uns Einfluß übte.“ „Du haſt es errathen, er übt Einfluß darauf, und nun höre Alles, was ich Dir ſagen kann, aber ſieh mich nicht ſo ſtarr an, Du machſt mich nur noch mehr erröthen.“ „Nun,“ verſetzte Lionel,„das klingt ja erbaulich. Was werde ich hören müſſen!“ „Viscount Lowdale ſcheint bei allen ſeinen Mit⸗ teln nicht im Stande zu ſein, die Verbindlichkeiten, 262 die er Mr. Poltroon dem älteren ſchuldet, auf ge⸗ wöhnliche Art zu löſen, daher iſt er auf eine unge⸗ wöhnliche und für ihn ſehr bequeme Weiſe verfallen, indem er dem Sohne jenes Mannes—“ „Nun, ſprich dreiſt weiter und verberge mir nichts.“ „Indem er dem Sohne jenes Mannes die fälli⸗ gen Wechſel von einem Andern bezahlen läßt—“ „Von wem? Sprich deutlich!“ ſagte Lionel mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit. „Von einem ſeiner Kinder— und diesmal bin ich dazu auserleſen, die Zahlung zu leiſten.“ „Georgy! Iſt's möglich! Man will Dich ver⸗ kaufen?“ „Wenigſtens verhandeln. Unſer Volk iſt ein Handelsvolk, Du weißt es, in der kleinen Politik wie in der großen, und warum ſollte unſere Familie da⸗ von eine Ausnahme machen? Genug, Viscount Low⸗ dale hat die Güte gehabt, mir vor jener Reiſe mit⸗ zutheilen, daß es ſeiner Anſicht nach eine gute Parthie für mich ſein würde, dieſen Mr. John Poltroon zu ehelichen—“ „Halt!“ rief Lionel und hielt Georgy's Hand feſt, wie um ſeinen Worten größeren Nachdruck zu geben. „Sprich kein Wort. Ich verſtehe jetzt Alles. Aber Du?“ „Ueber mich brauche ich Dir wohl nichts mehr 263 in Bezug auf dieſen Punkt zu ſagen, da Du mich hinreichend kennſt und alſo wiſſen mußt, was ich dar⸗ über denke. Jetzt hat unſer Vater ohne Zweifel den Herrn mit auf die Reiſe genommen, um unterwegs den feinen Knoten bei günſtiger Gelegenheit zu ſchür⸗ zen, und hierher hat er ihn gebracht, um den mißlun⸗ genen Plan von Neuem aufzunehmen.“ „Nun, das muß ich ſagen, das hat er auf eine ſchlaue Weiſe angefangen. Es iſt zum Lachen, Georgy, doch dieſe Sache iſt ſo gut wie abgemacht. Du mußt ſelbſt wiſſen, wie Du dieſem Herrn Poltroon die Wege zu weiſen haben wirſt— aber nun das Andere— was für Gründe hat der Viscount, gegen unſre armen Freunde ſo ſchonungslos zu verfahren?“ Georgy ſenkte wieder den Kopf.„Das weiß ich ſo wenig wie Du,“ ſagte ſie,„wenn es nicht der Zorn darüber iſt, daß eben ſie jenen Plan mit der italieni⸗ ſchen Reiſe durchkreuzt haben.“ „Das iſt möglich, zum Theil wenigſtens, aber doch nicht ganz. Denn er ſcheint eine offenbare Angſt davor gehabt zu haben, daß wir Arnold und ſeine Schweſter hierher bringen würden, und das eben iſt mir unerklärlich.“ „Mir auch. Es müſſen dafür Gründe obwalten, die uns noch verborgen ſind.“— 264 „Freilich, aber leider ſehe ich dann um ſo weniger eine Beſſerung der hieſigen Verhältniſſe voraus.“ „Ich hoffe ſie auch nicht mehr. Was beginnen. wir nun? Es wird ein gezwungenes, trübes Leben werden, und wir haben den Beiden ein freies, heiteres verſprochen. Wie ſollen wir dies Verſprechen löſen?“ „Vor der Hand mit Geduld, Georgy. Es wird ſich Alles vielleicht auf irgend eine Weiſe anders und beſſer geſtalten. Ich hoffe noch immer, daß unſer Vater, wenn er Arnold Tiefenſee und ſeine Schweſter ſieht und mit ihnen ſpricht, anderer Meinung über ſie wird—“ „Aber wann wird er mit ihnen ſprechen und wie werden die Geſchwiſter das Verhältniß aufnehmen, welches zwiſchen uns und unſerm Vater herrſcht und das ihnen keinen Tag verborgen bleiben kann?“ „Es iſt ein ſchwerer Punkt, Georgy, und wir worden diplomatiſch verfahren müſſen. Wäre es nicht am beſten, wir ſprächen offen mit ihnen darüber?“ „Ach, Linny, das iſt ſchwierig. Was müßten ſie von dieſem Verhältniß zwiſchen einem Vater und ſei⸗ nen Kindern denken, ſie, die eine ſo innige und zärt⸗ liche Liebe für ihre Eltern bewahren!“ Mag ſein! Mögen ſie darüber denken, was ſie wollen. Wenn wir ihnen die Sache darlegen, wie ſie iſt, ſo werden ſie wiſſen, daß die Schuld nicht auf unſrer Seite liegt.“ Georgy ſchüttelte traurig den Kopf.„Ich hatte mir etwas ganz Anderes von dem Aufenthalt in Meanach⸗Lodge verſprochen.“ „Ich auch, aber trauern wir nicht darüber. Wenn wir auch auf ein kleines Feld unſerer Unterhaltungen angewieſen ſind, unſre freie Bewegung iſt nicht ge⸗ hemmt, wir können mit unſern Freunden ohne St örung allein ſein und vielleicht wird es erträglicher, wenn wir erſt gewohnt ſind, auf dieſe Weiſe zu leben. Außerdem aber, wer ſagt Dir, daß Viscount Lomdale mit jener goldenen Vogelſcheuche lange hier bleibt? Nun, und bleibt er und iſt ſeine Gegenwart nicht er⸗ träglich, ſo gehen wir ſelbſt anders wohin.“ * „Das wäre das Beſte, glaube ich, und hierbei wollen wir für's Erſte lehen bleiben; die nächſten Tage werden uns die Richtung unſrer Handlungsweiſe genauer andeuten, und nun gute Nacht, Linny!“ Beide drückten ſich herzlich die Hand und bald waren ſie Jedes auf ſeinem Zimmer allein. 8 Trotz aller Bemühungen aber, ihren lieben Gäſten den Kummer und die Aufregung zu verbergen, in 266 welche ſie ſelbſt Viscount Lowdale's Mißſtimmung ver⸗ ſetzt ehatte, war ihnen dies doch nicht völlig geglückt. Sthon am erſten Abend hatte die Scharfſichtigkeit und Menſchenkenntniß Jener wahrgenommen, daß im Schooße der Familie, in der ſie jetzt lebten, nicht Alles ſo ſei, wie es ſein ſollte, ja daß ein unheimliches Ge⸗ fühl ſich der beiden ſonſt ſo heiteren engliſchen Ge⸗ ſchwiſter bemächti dt habe, und der nächſte Tag ſchon mußte ſie nothwendig in dieſer Wahrnehmung beſtär⸗ ken, als ſie ſahen, daß Lionel und Georgy keine An⸗ ſtalt trafen, ſie ihrem Vater vorzuſtellen, was ſie auf das Beſtimmte ſte erwartet hatten und nach allem Vor⸗ hergehenden erwarten mußten. Arnold und Martha Tiefenſee geriethen hierüber in einen Zwiſt mit ſich ſelber, bevor die vertrauliche Mittheilung ihrer Freunde ihnen den nothwendigen Aufſchluß gab, denn ihre Begriffe von dem Verhältniß zwiſchen Vater und Kindern waren im Allgemeinen und Beſonderen ſo ernſter und faſt heiliger Art, daß ſie zweifelten, ob ſie lange im Stande ſein würden, in einem Hauſe zu weilen, wo ein ſo ſichtbarer Geiſt der Zwietracht oder wenigſtens der Entfremdung waltete. Daß dieſer Geiſt der Zwietracht wirklich vorhan⸗ den und wirkſam war, ſollten ſie noch im Laufe des folgenden Tages zu ihrem Leidweſen unwiderleglich 267 bewieſen ſehen. Denn nicht nur frühſtückte Viscount Lowdale mit ſeinem Gaſte allein in der Bibliothek, die nach der Seite hin, wo der Doetor Tiefenſee wohnte, verſchloſſen gehalten wurde, ſondern auch das Mittagseſſen wurde getrennt eingenommen, indem die jungen Leute wie gewöhnlich um drei Uhr unter der Linde im Freien ſpeisten, der Lord dagegen erſt nach ſechs Uhr— zu der Zeit, wo die ganze Gentry und Nobility Englands zu Tiſche ſitzt— ſeine Mahlzeit in dem Speiſeſaale des Schloſſes hielt, deren groß⸗ artige Vorbereitungen die jungen Leute gewahren konn⸗ ten, als ſie ſelbſt bald nach Tiſche ihren gewohnten Spazierritt antraten. Arnold Tiefenſee fand im Laufe des Tages keine Gelegenheit, mit ſeiner Schweſter über dieſe ſeltſamen Vorgänge im Schloſſe zu ſprechen, allein ſie wußten dennoch, daß ſie der gleichen Anſicht über dieſelben waren, denn Einer las auf dem Geſicht des Andern, was in ſeiner Seele vorging. Beide, kaum von ihrem perſön⸗ lichen Kummer halb und halb geneſen, voll Freude, ihrer langen Trübſal entrückt zu ſein, und hoffnungs⸗ voll einer glücklicheren Zeit entgegenſehend, ſahen ſich plötzlich wieder inmitten einer ganz neuen Sorge ver⸗ ſetzt, denn ſie nahmen im Herzen den innigſten Antheil an den Verlegenheiten ihrer Freunde, deren Geſichter 268 trotz aller Selbſtbeherrſchung ihnen die Stimmung ihrer Seele zeigten. Auf dem Spazierritte nun am zweiten Tage nach der Ankunft des Viscounts nahm Doctor Tiefenſee eine ſich bietende Gelegenheit wahr, in ſeiner offenen Weiſe mit dem Freunde über dieſe Verhältniſſe zu ſprechen, und er begann die Unterhaltung damit, daß er ihn geradezu fragte, wann er die Ehre haben werde, dem Viscount Lowdale vorgeſtellt zu werden. Lionel erröthete flüchtig, nickte aber ſeinem Freunde dankbar zu und lenkte ſein Pferd ſo nahe wie möglich zu ihm hin, da er zu bemerken glaubte, daß die bei⸗ den Damen, die zufällig oder abſichtlich etwas voraus geritten waren, über denſelben Gegenſtand ihre Herzen erleichterten.„Ich bin Dir ſehr dankbar, Arnold,“ ſagte des Lords Sohn,„daß Du mir dieſe Frage vor⸗ legſt und mir dadurch Veranlaſſung giebſt, über ge⸗ wiſſe Dinge mit Dir zu reden, die ich Dir eigentlich ſchon früher hätte mittheilen ſollen. Allein der Be⸗ ſuch meines Vaters iſt mir ſo unerwartet gekommen, daß ich kaum noch zur rechten Ueberlegung mit mir ſelber gelangt bin, und ſo dürft Ihr Euch nicht be⸗ klagen, abſichtlich von uns über das, was vorgeht, in⸗ Unwiſſenheit gehalten zu ſein. Du fragſt zunächſt, wann ich Dich meinem Vater vorſtellen werde, und 269 hierauf will ich Dir zuerſt Antwort geben, ehe ich in meinen Mittheilungen weiter vorſchreite. So wiſſe denn, daß dieſe Vorſtellung nicht von mir, ſondern allein von Viscount Lowdale abhängt, und daß ich nicht glaube, daß er dieſelbe ſo bald verlangen wird, wie dies unter ähnlichen Umſtänden an anderen Orten und zwiſchen anderen Perſonen zu geſchehen pflegt. Ja, mein Freund, ſieh mich nicht ſo erſtaunt an, Du wirſt ſelbſt wahrnehmen, daß mir die Lage, in der ich mich Dir gegenüber befinde, höchſt unangenehm, ja peinlich iſt, allein ich kann ſie mit dem beſten Willen nicht ändern. Mein Vater, oder vielmehr Viscount Lowdale, wie wir von Jugend auf zu ſprechen angeleitet ſind, leidet bisweilen an einer Art Spleen— laß mich es ſo nennen, wenn es auch eigentlich etwas Anderes iſt — und dann iſt ſchwer mit ihm auszukommen. Du ſahſt mich geſtern Abend ſo aufmerkſam und forſchend an, als ich mit Georgy von ihm kam, Du fragteſt mich nach der Urſache meines gerötheten Geſichts, und ſo will ich Dir ſagen, daß dieſer Spleen gerade jetzt in voller Blüthe ſteht. Leider iſt er für uns zu ſolchen Zeiten am unzugänglichſten, und nur Diejenigen haben ungehindert bei ihm Zutritt, die ſich ganz und gar in ſeine Launen fügen, wie zum Beiſpiel jener Mr. Poltroon, mit deſſen Vater er in anderweitiger naher Verbindung ſteht. Begnüge Dich alſo vorläufig mit uns und bedauere es nicht, den Kreis der Geſelligkeit. auf Meanach⸗Lodge nicht ſogleich weiter ausgedehnt zu ſehen, die Bekanntſchaft meines Vaters wirſt Du⸗ immer zeitig genug machen und dann erkennen, daß Du wenig dadurch verloren haſt, wenn es etwas ſpät geſchieht. Mehr kann und mag ich Dir über dieſen Punkt nicht ſagen, Du biſt verſtändig und freundlich genug, mir die Rückſicht nicht anzurechnen, die ich als Sohn einem ſolchen Vater gegenüber nothwendig nehmen muß.“ Lionel ſchwieg und blickte verlegen vor ſich auf den Sattelknopf nieder, da er ſelbſt fühlte, daß er ſeinem Freunde nicht die volle Wahrheit geſagt, was Arnold aber in der That diesmal nicht bemerkt hatte. „Das iſt ja ſehr traurig, Lionel,“ ſagte er mit herzlicher Theilnahme,„und Ihr müßt ſchwer unter dieſen Verhältniſſen leiden, wie?“ „Gewiß, Georgy ſo gut wie ich, und gerade jetzt mehr denn je, da wir Beide mit Euch ein ungeſtörtes Beiſammenſein gehofft und Euch ſogar darauf vorbe⸗ reitet hatten.“ Doctor Tiefenſee ſchwieg nachdenklich, und als ſie jetzt den beiden Damen näher gekommen waren, ſchwie⸗ gen dieſe auch, damit den beſten Beweis liefernd, daß 271 derſelbe Gegenſtand ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen hatte. Lionel, dem die allgemeine Mißſtim⸗ mung wenig behagte, fing einen Blick von Georgy auf, der ihm ſagte, daß ſie geſprochen, und nun er⸗ leichterte er ſich die Lage dadurch, daß er laut Alles ausſprach, was er noch für den Augenblick auf dem Herzen trug. So waren denn die Freunde in das Geheimniß des Tages eingeweiht, wenigſtens ſo weit es nöthig er⸗ ſchien, und das war ein großer Gewinn für die all⸗ gemeinen Unterhaltungen, wie für ihre perſönlichen Empfindungen. Georgy und Lionel brauchten nicht mehr den Freunden zu verbergen, was ihre Seele be⸗ laſtete, und dieſe konnten ſich nicht mehr zurückgeſetzt oder vernachläſſigt fühlen, wenn Jene ihre Aufmerk⸗ ſamkeit zuweilen auf andere Punkte richteten. Im Ganzen aber war die eingetretene Störung eine höchſt unwillkommene und auf die Dauer überaus unbehag⸗ lich, das ſahen Alle von Tag zu Tage um ſo mehr ein, je weniger der Viscount Miene machte, ſich ſeinen Kindern zu nähern, noch viel weniger Zeichen blicken ließ, daß er den Wunſch hege, die fremden Gäſte zu ſprechen, obgleich er im Stillen, und ſobald er allein war, ſie zu beobachten mit der größten Beharrlichkeit fortfuhr. 272 Da die Räumlichkeiten des Schloſſes groß genug waren und der Lord, wenn er nicht mit ſeinem Gaſte. jagte oder fiſchte, ſein Zimmer faſt nie verließ, ſo hatten die jungen Leute hinlänglich Raum zu ihren ſtillen Zuſammenkünften und bisherigen Vergnügun⸗ gen, aber bereits fingen die Deutſchen an, ihre Lage drückend zu finden, da ſie mit aller ihrer Ergeben⸗ heit und Liebe zu den engliſchen Geſchwiſtern ſich nicht in ein ſo unnatürliches Verhältniß zu ſchicken vermoch⸗ ten, und dieſe drückende Lage ſollte ſogar eine unerträg⸗ liche werden, als, was man zu hoffen bereits aufgegeben, eines Morgens Viscount Lowdale ſeinen Sohn zu ſich beſcheiden lies und ihm eröffnete, daß er geneigt ſei, den Doctor Tiefenſee bei ſich zu empfangen, wes⸗ halb Lionel denſelben heute⸗Abend nach Tiſche zu ihm ſenden möge. „Ich werde ihn ſelbſt bei Dir einführen,“ ſagte Lionel mit erfreuter Miene und Stimme. „Das liegt nicht in meiner Abſicht, ich will ihn allein ſprechen.“— Das war ein neuer ſeltſamer Einfall von Sr. Herrlichkeit, allein Lionel, der ſchon von ſeinem Vater dergleichen gewohnt war, ſetzte ſich darüber hinweg und unterrichtete ſeinen Freund von dem Verlangen des Lords, was dieſem eine frohere Stimmung ver⸗ 273 ſchaffte, obgleich weder Georgy noch Lionel ſich einen wünſchenswerthen Erfolg von dieſer Vorſtellung ver⸗ ſprachen. Trotzdem es Viscount Lomdale von der einen Seite her für weggeworfene Mühe hielt, einem arm⸗ ſeligen deutſchen Hospitalarzte, der ſeiner Meinung nach weiter nichts gethan, als einem ihm zufällig in die Hände gerathenen vornehmen Engländer ein paar Recepte verſchrieben, eine Audienz zu ertheilen, und trotzdem er ſich ſelbſt dadurch in vieler Menſchen Augen eine Blöße zu geben fürchtete, ſo hatte er doch anderer Seits eine Stunde für dieſe Audienz wählen zu müſſen geglaubt, in der er für jederlei unangenehme Arbeit hinreichend geſtärkt und gegen jedes Aergerniß von Außen her ſattſam geſtählt wäre. Er hatte ſo⸗ gar zu dieſem Behufe ein Uebriges gethan, das heißt, eine Flaſche mehr als gewöhnlich getrunken, und nun glaubte er ſich vorbereitet genug, dieſen Herrn zu empfangen, den ſein für die Humanität und Wiſſen⸗ ſchaft ſchwärmender Sohn auf ganz unbegreifliche Weiſe in ſein Herz geſchloſſen hatte. Um aber für möglicher Weiſe vorkommende ſchwache Momente noch einen Beiſtand in der Nähe zu haben, hatte er in das Zimmer, worin er ſich jetzt befand, Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 18 nach alter Gewohnheit ſein Deſſert bringen und dem⸗ ſelben eine Flaſche alten Portweins zufügen laſſen, die im Bereiche ſeiner Hand auf einem kleinen Tiſche ſtand. So ſaß er denn auf ſeinem Seſſel, neben ihm ſein Gaſt und Freund, und erwartete mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit den Eintritt William's, der ihm die Ankunft des vor ſeinen Richterſtuhl beſchiedenen Frem⸗ den melden würde. Wenn wir des Viscounts Geſicht bis jetzt noch nicht gezeichnet hätten, ſo würden wir vielleicht keinen günſtigeren Moment dafür treffen können, als den ge⸗ genwärtigen, denn niemals hatte er einen ſo vorneh⸗ men Uebermuth, gemiſcht mit ſelbſtgenügender Herab⸗ laſſung an den Tag gelegt wie in dieſem Augenblick, und doch— wenn wir ihn haarſcharf betrachten— reichte all' ſein Dünkel und Hochmuth nicht aus, eine gewiſſe Unruhe und Befangenheit aus ſeinen Mienen zu bannen, mit der er klopfenden Herzens dem Ein⸗ tritt des erwarteten Gaſtes ſeines Sohnes entgegenſah. Als ein getreues Abbild ſeines Gönners und Meiſters, was die erſtgenannten Eigenſchaften deſſelben betrifft, ſtellte ſch Mr. John Poltroon dar, nur ver⸗ ſtand er es nicht ſo wie Jener, ſeinen Hochmuth und ſeine an Brutalität gränzende Ueberhebung hinter dem feinen Schleier ariſtokratiſcher Heuchelei zu verbergen; 27⁵ er zeigte vielmehr ſein freches, plebejiſches Geſicht in ſeiner wahren Geſtalt, und das Hohnlächeln, das ſchon jetzt um ſeine Lippen ſchwebte, indem er ſich einen köſtlichen Spaß zum Deſſert verſprach, war nicht im Stande, die natürliche Schönheit dieſes Geſichts zu er— höhen, obgleich er ſich einbilden mochte, bei dieſer Audienz ein prächtiges Exemplar britiſcher Vollkraft und Tadelloſigkeit abzugeben. Endlich trat der Kammerdiener— Mylord hatte ſich jede Dienſtleiſtuug Donald's verbeten— ein und meldete Sr. Herrlichkeit, daß der Doctor Tiefenſee vor der Thür ſtehe und um Erlaubniß bitte, ſeine Auf⸗ wartung machen zu dürfen. Mylord winkte mit der Hand zuſtimmend, ſetzte ſich, um gleichſam von vornherein ſein Uebergewicht „von Geburtswegen“ zu beweiſen, feſter im Seſſel zu⸗ recht und blieb unbeweglich darin ſitzen, als Arnold Tiefenſee eintrat und ſein ſanftes braunes Auge ruhig ſuchend im Zimmer umherſchweifen ließ, als erwarte er, einen Menſchen zu finden, deſſen Geſicht mit den edlen Zügen ſeines Freundes irgend eine Ueberein⸗ ſtimmung haben müßte.. Des jungen Mannes in der Regel bleiches Antlitz trug bei aller inneren Aufregung einen Zug beſchei⸗ dener Friedfertigkeit, faſt Sanftmuth, die aber faſt 18* 276 augenblicklich einer gewiſſen Kälte, ja einem ſelbſtbe⸗ wußten Stolze wich, als er das freche Geſicht Mr. Poltroon's gewahrte und die hochmüthigen Züge des Lords ſtudirte, der unbeweglich ſeinen Platz behauptete und nach der ehrfurchtsvollen Verbeugung des Fremden nur mit ſteifer Grandezza ſein Haupt ein wenig neigte. Nach dieſer ſtummen Begrüßung blieb Doctor Tiefenſee, ruhig und ſchweigend eine Anrede erwartend, vor dem Viscount ſtehen; dieſer aber, in Betrachtung des jungen Mannes verſunken und auf einen Augen⸗ blick alles Uebrige vergeſſend, ſprach kein Wort, wo⸗ durch eine Pauſe entſtand, die in der That für einen Mann in des Deutſchen Lage nichts Ermunterndes beſaß. Als dies Schweigen aber ſich über Gebühr aus⸗ dehnte, hob derſelbe ſeinen ausdrucksvollen Kopf um einen Grad höher und blickte mit den dunklen forſchen⸗ den Augen langſam von einem zum andern der ihn betrachtenden Herren. Da ſagte eine, vor innerer Aufregung beinahe heiſere und kaum verſtändliche Stimme zu ihm:„Sie ſind alſo der Doctor Tiefenſee?“ „Ja, Mylord, der bin ich und ich ſchätze mich glücklich, den Vater eines Mannes zu begrüßen, der mir durch Gottes Willen und Fügung jetzt als Freund ſo nahe ſteht.“ Der Viscount räuſperte ſich.„Durch Gottes Willen und Fügung!“ wiederholte er im Stillen, und eine gewaltige Blutwelle ſtieg ihm aus dem Herzen in das Geſicht und machte ihn für den Augenblick faſt unfähig, das kaum begonnene Geſpräch mit Be⸗ ſonnenheit weiterzuführen. Endlich aber ſammelte er ſich wieder und ſag ziemlich froſtig:— „Sie haben ihn wenigſtens auf ſeinen Reiſen be⸗ gleitet, die Sie für— für nothwendig hielten, nicht wahr?“ „Gewiß, Mylord, ich mußte ihm dazu rathen, weil ſein tief erſchütterter Geſundheitszuſtand es ver⸗ langte.“ „O ja, ich weiß, ein Arzt räth in der Regel etwas an, was er ſelbſt gern genießt.“. „Ich habe für meine Perſon nie darauf gerechnet, eine ſo weite Reiſe zu unternehmen, am wenigſten mit Ihrem Herrn Sohn; erſt ſeine wiederholte gütige Auf⸗ forderung dazu hat mich beſtimmt, auf ſo lange Zeit meine Heimat zu verlaſſen und in die Fremde mitzu⸗ gehen, zu der mich allerdings noch ein anderer from⸗ mer Wunſch trieb.“ Der Viscount erbleichte ein wenig bei den letzten Worten, beachtete ſie aber vor der Hand nicht, ſondern erwiderte blos die vorhergehenden, indem er ſagte:„O ja, ich weiß, mein Sohn hat bisweilen ſolche An⸗ wandlungen von Großmuth— das iſt ſo ſein Stecken⸗ pferd— hm!“ Und er lächelte ironiſch gegen Mr. Poltroon hin, der beiſtimmend nickte, eine Cigarre vom Tiſche nahm und dieſelbe ungenirt anbrannte, was den Doctor Tiefenſee veranlaßte, Augen ein paar Secunden lang auf ihn zu ri„ wodurch der Vis⸗ count Zeit gewann, ſich wieder Kigermaßen zu ſammeln. „Sie haben doch mein Schreiben und meinen Dank für Ihre Mühe erhalten, den ich Ihnen im Januar dieſes Jahres durch die Poſt zuſandte?“ fragte er, weil er ſchon nicht mehr wußte, was er ſprechen ſollte. Arnold Tiefenſee, den der harte Ton und die vor⸗ nehme Miene des Viscounts ſchon mißgeſtimmt hatte, wurde durch dieſe Frage wieder etwas beſänftigt, zu⸗ mal er ſo viel Güte kaum noch erwartete.„Nein,“ erwiderte er beſcheiden,„ich habe weder ein Schreiben noch Ihren Dank für eine Mühe erhalten, die mir keine Mühe war, und die ich, ohne auf irgend einen Dank zu rechnen, tagtäglich zu wiederholen bereit bin.“ „So, alſo auch der Brief iſt nicht an die rechte Adreſſe gelangt?“ rief der Lord, der froh war, ein⸗ mal einen lauten Ausruf ertönen laſſen zu können, wonach ſeine gepreßte Bruſt ſehnſüchtig verlangte.„Das 279 iſt merkwürdig! Nun, dann wiſſen. Sie und mein Sohn ja noch gar nicht, daß ich Ihnen bereits eine Belohnung für Ihre Mühwaltung bei ſeiner Krank⸗ heit zukommen ließ?“ „Sie ſind ſehr gütig, Mylord, aber ich bitte, ſprechen Sie nich eehr von dieſer Belohnung; ich war Arzt in einensWospital, beſoldeter Arzt, und habe alſo nichts als meme Schuldigkeit gethan. Wenn es indeſſen eines Lohnes bedürfte, ſo habe ich denſel⸗ ben reichlich und in unverdientem Maaße durch die Freundſchaft empfangen, welche mir Ihr Herr Sohn zugewandt hat.“ Da der Viscount einen Augenblick ſchwieg und ſich beſann, wie das ihm ſo langweilige Geſpräch weiter zu führen ſei, glaubte ſich Mr. Poltroon berechtigt, ein paar kluge Worte einfließen zu laſſen, und er ſagte mit ſeiner rauhen Stimme überlaut, was ſein Ueber⸗ gewicht in den Augen des Fremden erhöhen ſollte, in der That aber nur dazu beitrug, daſſelbe bedeutend zu ſchwächen: „Verlaſſen Sie ſich nicht auf die Freundſchaften Vornehmerer, als Sie ſind, mein Lieber; ſie ſind ein dünnes Eis, durch das ein ungeſchickter Fuß nur zu leicht bricht.“ Arnold Tiefenſee ſah den unberufen Redenden 1 280 mit einem Lächeln an, das ſprechend genug war, den⸗ noch entgegnete er, obwohl ohne alle Bitterkeit: „Sie mögen Recht haben, wenn Sie eine beſtimmte Klaſſe ungeſchickt auftretender, und eine beſtimmte Klaſſe ſogenannter vornehmer Menſchen meinen. Diejenige, die ich hier im Auge e und habe und zu der Lionel Lowdale gehört, ahrt ſich ſtets, weil ſie ſich ſelbſt nicht untreu waen kann.“ „Ich danke für gütige Belehrung. Aber welche beſtimmte Klaſſe ungeſchickt auftretender Menſchen meinen Sie denn hier?“ „Ein andermal, mein Herr, ich habe noch nicht die Ehre, Sie zu kennen, und augenblicklich noch mit Sr. Herrlichkeit, Viscount Lowdale zu ſprechen. Und um zu Ende zu kommen, da ich ſehe, daß ich Sie langweile, Mylord, erlaube ich mir, Ihnen auch meinen Dank dafür zu ſagen, daß es mir geſtattet war, einige Tage mit meiner Schweſter in dieſem Schloſſe zu weilen.“— Der Viscount ſah den Sprecher halb verdutzt an, die lebhaften Sprünge deſſelben waren ihm zu ſchnell, er pflegte langſamer zu gehen.„Bitte,“ ſagte er gleichgültig,„mein Sohn hat hier den Wirth ge⸗ macht, da ich nicht zu Hauſe war. Mein Sohn iſt ſelbſt⸗ ſtändig und er handelt auch ſo. Ich werde daran 281 denken müſſen, ihm eins meiner Schlöſſer abzutreten, wohin er Gäſte bringen kann, ſo viel er will. Doch— Sie entſchuldigen, meine Zeit iſt kurz— ich glaube, Sie ſprachen vorher von einem from men Wunſch— was meinten Sie damit?“ „Was ich ſagte, einen wirklich frommen Wunſch, und hoffentlich keinen vergeblichen. Und da dieſer durch die Reiſe nach Schottland ſeiner Erfüllung ent⸗ gegengeht, ſo bin ich Ihrem Herrn Sohne doppelt dankbar, daß er mir dieſelbe ermöglicht hat.“ „Wie ſo?“ fragte Lord Lowdale⸗ langſam, lauernd und mit ſichtbar hervortretender Unruhe. „Ich habe vor zehn Jahren meinen Vater auf einer Reiſe nach Schottland verloren.“ „Ah, ja, mein Sohn ſchrieb mir davon, ich er⸗ innere mich halb und halb. Und das zog Sie nach Schottland?“ „Ja, Mylord, ich hatte ſchon lange den Wunſch gehegt, die Reiſe zu unternehmen, aber die Mittel fehlten mir dazu.“ Viscount Lowdale wollte verächtlich lächelnd einen Zlick auf Mr. Poltroon werfen, dieſer aber, über alle Maaßen aufgebracht über den vorlauten Deutſchen, war ganz ſtill, ohne daß er es bemerkt hatte, aufge⸗ ſtanden, an's Fenſter getreten und blickte, leiſe gegen die Scheiben trommelnd, wüthend in den Park hinaus. „Aber was wollten Sie denn hier?“ fragte der Viscount, nicht ohne Spannung ſein Examen fort⸗ ſetzend, nachdem er gezwungen war, ſein immer ſtar⸗ rer werdendes Geſicht wieder auf das edle Antlitz des Fremden zu richten. „Erkundigungen einziehen an der geeignetſten Stelle und ſehen, ob es mir nicht gelingen würde, etwas Näheres über meines Vaters letzte Augenblicke zu erfahren. Er war nämlich zuletzt auf dem Cap Wrath—“ 3 „O, das wird Ihnen nichts helfen,“ unterbrach ihn der Lord mit auffallender Heftigkeit.„Zehn Jahre ſind eine lange Zeit. Ueberdieß wohnt dort oben Niemand, der Ihnen Auskunft geben könnte.“ „Doch, Mylord, ein Leuchtthurmwärter, der in einem Briefe meines Vaters genau bezeichnet iſt— und er ſoll noch leben, wie mir Ihr Herr Sohn und Mr. Donald mitgetheilt hat.“ Viscount Lowdale wurde in dieſem Augenblick, wahrſcheinlich von dem anhaltenden Geſpräch ermüdet, etwas bleich und er hätte des im Bereiche ſeiner Hand ſtehenden gefüllten Weinglaſes wohl bedurft, allein er hatte es völlig vergeſſen. Er faltete unwill⸗ kürlich die Hände und athmete etwas ſchwer— es ſchien ihm ein Anfall von Huſten bevorzuſtehen. Er faßte ſich auch auf die Bruſt, ſtand ſchwerfällig auf und that ein paar Schritte im Zimmer hin und her, ſo daß Arnold Tiefenſee ſich ſchon rüſtete, daſſelbe zu verlaſſen.. „So, ſo!“ murmelte der Lord.„Alſo das wiſſen Sie? Hm!— Wie lange denken Sie ſich noch in Meanach⸗Lodge aufzuhalten?“ fragte er dann plötzlich mit beleidigender Kälte. Arnold Tiefenſee ſchauerte bei dieſer ihn tief de⸗ müthigenden Frage im Innern zuſammen, aber er faßte ſich ſchnell und erwiderte mit edlem und ruhi⸗ gem Stolze:„Mylord, darüber hat Lionel Lowdale, mein Freund, noch nichts beſchloſſt en, und ich bin ihm bisher ſtets gefolgt— wie mir aber jetzt ſcheint, wird mein Aufenthalt hierſelbſt nicht mehr ſehr lange dauern. Glauben Sie mir“— er ſprach dies mit leiſe beben⸗ der Stimme—„wenn ich auch den Grund meines raſcheren Scheidens von hier— nicht angebe— ich fühle, ja, ich fühle, Mylord, daß es nothwendig iſt. — Haben Sie mir ſonſt noch etwas zu ſagen?“ Viscount Lowdale ſtand wie verblüfft vor dem einfachen deutſchen Arzte, der ihm mit einem Male viel bedeutender erſchien als vorher, aber ſein Hoch⸗ 284 muth beſiegte alle ſeine beſſeren Gefühle und er ſagte barſch:„Nein!“ 4 „So habe ich die Ehre, mich Ihnen zu em⸗ pfehlen!“ Der Lord winkte mit der Hand und, mit einer viel kürzeren Verbeugung als vorher, hatte der Arzt gleich darauf das Zimmer verlaſſen.— Viscount Lowdale ſtand am Kamin, ſtützte die Hand auf einen Seſſel und ſtarrte in die flammen⸗ loſe ſchwarze Oeffnung deſſelben, ſprach aber kein Wort. „Nun bei Gott!“ rief Mr. Poltroon, ſich heftig vom Fenſter wegwendend und auf den Lord zutretend, „mit dieſem Gaſte hätte Sie Ihr Sohn verſchonen können. Das iſt ein unverſchämter brutaler Deutſcher, gerade ſo unverſchämt, wie ſich jetzt die ganze Nation gegen uns geberdet. Solche armſelige Creatur will auch einen Stachel haben, o! wie eine Bremſe! Ja! Aber er vergißt, daß man eine Bremſe mit der Flie⸗ genklatſche niederſchlägt oder mit dem Fuße zu Boden tritt. Wie konnte Ihnen der Menſch eine ſo tölpel⸗ hafte Antwort geben?“ Der Lord, in tiefes Sinnen verloren, ſchien ihn nicht zu hören und doch hörte er ihn ſehr wohl.„Pol⸗ troon,“ ſagte er ſichtbar betreten und mit einem ſelt⸗ 28⁵ ſam zweifelhaften Geſichtsausdruck,„mir hat er keine, wohl aber Ihnen eine tölpelhafte Antwort gegeben und Sie vergeſſen bei Ihrer Drohung, daß die Deutſchen ein zäheres Leben haben und ſich nicht ſo leicht unter die Füße treten laſſen wie eine Bremſe. — Hal eigentlich dauert er mich— es iſt hart— er ſprach ein ſehr gutes Engliſch und iſt im Grunde ein hübſcher, feiner Mann— ich hätte nicht gedacht, daß ein Mann„von da unten her“ eine ſolche Per⸗ ſönlichkeit haben könnte. Aber nein, nein, nein!—“ und er ſtampfte heftig mit dem Fuße dabei—„er muß um ſo eher fort— er iſt um ſo gefährlicher— mein Entſchluß ſteht feſt— Georgy—“ „Wie!“ unterbrach ihn ſtieren Blicks Mr. John Poltroon,„Georgy— Sie meinen doch nicht— 2“ Viscount Lowdale's Geſicht nahm eine ſchlaue Miene an, er hatte den richtigen Weg wieder gefun⸗ den, oder vielmehr ſein Freund hatte ihn darauf zu⸗ rückgeführt.„Man kann es nicht wiſſen,“ ſagte er fein lächelnd,„nicht daß ich etwas Ernſtliches fürchtete, aber Georgy— ſehen Sie Poltroon— iſt zwar ſtolz und kennt ihre Würde, aber ſie iſt immer ein Weib, und Weiber haben Launen, Phantaſieen— die Zärt⸗ lichkeit für die Schweſter könnte leicht auf den Bru⸗ der—“ 85 286 „Mylord, halten Sie inne, Sie erſchrecken mich—“ 3 „Still doch, ſtill doch, Mann— wer wird gleich erſchrecken! Wenn ich vor allen Gefahren, die mir gedroht haben, hätte erſchrecken wollen— wer weiß, ob mich der Schreck nicht ſchon längſt getödtet hätte. Bah! da, trinken Sie ein Glas und nun wollen wir ein Spielchen machen. Warten wir ab, was kommt — irre ich nicht, ſo wirft ſich jetzt Lionel zu ſeines Lebensretters Ritter auf— doch was thut's— noch leben und genießen wir— da, miſchen Sie die Karten!“— Zehntes Rapitel. Ein glücklicher Jagdzug im Moore. Als Arnold Tiefenſee das Zimmer des hochmüthigen und dabei ſo herzloſen Engländers verließ, dem der Himmel ſo viele Güter gegeben und der doch kein ein⸗ ziges davon zu benutzen verſtand, fühlte er ſich in den erſten Minuten von einer nie empfundenen und kaum erträglichen Aufregung ergriffen. So wegwerfend und verächtlich hatte ihn noch kein Menſch auf der Erde behandelt, ſo tief war ſein Zartgefühl noch nie verletzt worden, und nun hatte gerade ein Mann ihn erniedrigt, gegen den, als den Vater ſeines theuren Freundes, ihm keine andere Abwehr als ergebene Duldung zu Gebote ſtand. Es war ihm unter dieſen Umſtänden unmöglich, ſogleich in das Zimmer ſeiner Schweſter, wo Georgy und Lionel ihn erwarteten, zurückzukehren, 288 er begab ſich daher in den Park, ſuchte hier eine ein⸗ ſame Stelle auf und wanderte, den Kopf tief auf die Bruſt geſenkt, langſam auf und ab. Je länger er aber hier allein und ungeſtört blieb und im Stillen den ganzen eben erlebten Vorgang noch einmal vor ſeinem Geiſte vorüberziehen ließ, um ſo ruhiger wurde er, und endlich blieb nur noch eine. tiefe Traurigkeit in ſeinem Herzen zurück, die nicht die Fähigkeit ausſchloß, über ſein Schickſal, das ihm auch an dieſem abgelegenen Orte mit ſchweren Prüfungen heimſuchte, nachzudenken und dann einen Entſchluß für die nächſte Zukunft zu faſſen. Eben war er dabei, einen Plan zu entwerfen, von deſſen Ausführung er ſich einen unter den vor⸗ liegenden Umſtänden noch günſtigen Erfolg verſprach, da ſah er Lionel Lowdale auf ſich zukommen, den der alte gute Donald benachrichtigt hatte, daß ſein junger Freund in großer Bewegung aus dem Zimmer des Lords getreten und an jene einſame Stelle im Park gegangen ſei. Als Arnold Tiefenſee von ferne ſchon das edle, offene Geſicht dieſes Mannes ſah und es im Stillen mit dem ſeines Vaters verglich, ohne die geringſte Aehnlichkeit zwiſchen beiden aufzufinden, ſtand er ſtill und blickte ihm ruhig und gefaßt entgegen. Seine „ 289 vorher gerötheten Wangen waren wieder bleich ge⸗ worden, nur ſeine Stirn zeigte noch die tiefe Traurig⸗ keit ſeines Herzens und in ſeinen Augen flimmerte ein feuchter Glanz, der die Wehmuth verrieth, in die ſeine ganze Seele getaucht war. Lionel errieth auf der Stelle, daß Arnold's Unter⸗ redung mit ſeinem Vater keine angenehme geweſen war. Er trat raſch auf den Freund zu, faßte ihn unter den Arm, zog ihn in ein ſtilles Gebüſch und ſagte herzlich:„Arnold— was giebt's? Verſchweige mir nichts— hat Dir mein Vater harte Worte geſagt?“ „Ja, noch mehr als das, Lionel, und hier iſt die ganze Unterredung. Ich will ſie Dir Wort für Wort wiederholen.“ Lionel hörte mit wachſendem Staunen, ja mit Schmerz und leidenſchaftlicher Erregung die Erzählung ſeines Freundes an. Er konnte kaum glauben, was er vernahm, und doch war es die Wahrheit, denn Arnold Tiefenſee war der Berichterſtatter. Als dieſer aber fertig war, ſprach er kein Wort, ſondern faßte ſeines Freundes Arm feſter und feſter und erſt als Arnold ihm einen ſeiner freundlichen und zum Herzen ſprechenden Blicke zugewandt, ſagte er: „Sagen kann ich Dir nicht, wie tief ich mit Dir Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 19 — 2⁰⁰ verletzt bin, um ſo mehr, da mein Vater es iſt, der Dir ſolch' Herzeleid angethan; aber Du fühlſt gewiß, was ich darüber empfinde, da Du mich kennſt. Nicht wahr?— Aber wie— Du haſt doch keinen voreiligen Entſchluß gefaßt— Du ſiehſt mich ſo ſeltſam ent⸗ ſchloſſen an?“— „Keinen voreiligen, aber doch einen Entſchluß, Lionel, den einzigen, den zu faſſen mir übrig bleibt—“ „Das heißt? Sprich es dreiſt aus—“ „Ich muß Meanach⸗Lodge mit meiner Schweſter verlaſſen, ſo bald wie möglich.“ Lionel blieb mitten im Wege ſtehen, den ſie eben eingeſchlagen, erröthete tief und ſagte ſchwer auf⸗ ſeufzend:„Ja, Du kannſt Recht haben— aber nicht ohne mich!“ „Wie, Du wollteſt Deinen Leehiingsaufenthalt verlaſſen, nach dem Du Dich ſo ſehr und lange geſehnt?“ „Ja, es iſt eine Pflicht, die mich wegführt, die Pflicht gegen Dich, gegen— Euch! Aber noch ſind wir nicht ſo weit. Du biſt nicht der Gaſt meines Vaters, ſondern mein Gaſt, und wohin ich gehöre, ge⸗ hörſt Du auch— das iſt ein altes britiſches, oder wenn Du lieber willſt, ſchottiſches Gaſtgeſetz— dem folge ich.“ 291 „Aber nicht ich, mein Freund; Du biſt halb Eng⸗ länder, halb Schotte, ich— ein Deutſcher, und Eure Geſetze finden in vielen, aber nicht in allen Punkten auf uns Anwendung.“ „Still, ſtill! Nein, nein, laß mich nur erſt zu rechter Beſinnung kommen— laß uns nichts überſtür⸗ zen— unſre Freude hier kann ja nicht auf dieſe Weiſe enden.“ „Warum nicht, einmal muß ſie ja doch enden, und ob es nun hier oder wo anders geſchieht, bleibt ſich im Ganzen gleich. Ach, Lionel, ich wundere mich gar nicht über das, was mir hier begegnet iſt. Mein und meiner Schweſter Leben war nichts als eine fortlau⸗ fende Kette von Täuſchungen, Bitterkeiten, Entſagungen und Schmerzen aller Art, warum ſollte es jetzt und hier anders ſein? Der faſt einzige Lichtblick in der Dunkelheit unſers Daſeins— verzeih', daß ich Dir das in's Geſicht ſage— war Dein und— und Lady Georgy's Eintritt in unſern Kreis— dieſer Lichtblick brachte eine liebliche Wärme mit ſich und dieſelbe wird ſich nie aus unſern Herzen verlieren. Doch die Euch und uns entgegenſtrebende Gewalt iſt ſtärker als Euer Wunſch und Wille, und ſo müſſen wir uns ihr unter⸗ werfen. Ich pflegte mich ſtets von einem Unheil ab⸗ zuwenden, es zu vermeiden, wo ich es konnte, um noch 8 19* größeres zu verhüten— hier kann ich es und ſo will ich lieber gehen.“ „Nein, nein, nein!“ rief Lionel mit ganz unge⸗ wöhnlicher Wärme.„Sprich nicht vom Gehen, wir müſſen ja ſonſt mit Dir fort. Hier walten ganz ge⸗ heime Gründe, die ich noch nicht kenne, die ich aber entdecken muß. Nur eine Bitte habe ich noch: be⸗ zwinge noch einige Tage, noch kurze Zeit Deine Auf⸗ regung, vor allen Dingen zeige Deiner Schweſter nicht den Aufruhr Deines Innern—“ „Das wäre vergebliche Mühe, mein Freund. Martha liest meine Gedanken auf dem Geſicht und verſteht den Ausdruck meiner Seele. Ihr Auge iſt ſcharf, denn ſie liebt mich— als das Einzige, was ſie auf der Erde beſitzt und alſo lieben kann.“ Lionel ſtand einen Augenblick ſtill und eine ge⸗ waltige Gefühlswoge ſchien durch ſein ganzes Weſen zu rollen. Allein er bezwang ſie und ſich und ſagte nach einer Weile:„Gut, dann ſprich nur mit ihr, wenn ich dabei bin— ich kann es nicht ertragen, Euch Beide allein in Betrübniß daſitzen und gleichſam auf den Trümmern Eures geträumten neuen Glückes dem alten Mißgeſchick verfallen zu ſehen— willſt Du mir das verſprechen?“ Lionel hatte den Freund mit dem rechten Arme umfaßt und drückte ihn innig an ſich.„Willſt Du mir das nicht verſprechen?“ fragte er noch einmal, faſt zärtlich. Dieſem Tone und dem damit verbundenen Blicke des offenen blauen Auges konnte Arnold Tiefenſee nicht widerſtehen.„Ich will es, Lionel,“ ſagte er, „ja, Dir zu Liebe!“— „Ich danke Dir, ich danke Dir— und nun komm hinein und laß uns gleich das Ganze berichten, wie es ſich ereignet hat— getheilte Leiden laſſen ſich leich⸗ ter ertragen und Georgy wird, ich weiß es, in Allem mit mir übereinſtimmen, was ich Dir geſagt habe. Komm!“— Sie gingen nach dem Zimmer der Damen und in wenigen Augenblicken wußten auch ſie, was vor⸗ gefallen. Den Eindruck, den es auf ihre empfänglicheren Gemüther hervorbrachte, wollen wir nicht beſchreiben, aber Arnold's größter Kummer war beſeitigt— er litt nicht mehr allein. Georgy ſowohl wie Martha ſtimmten Arnold Tiefenſee darin bei, daß es am Beſten für ſie Alle ſein werde, Meanach⸗Lodge ſo bald wie möglich zu verlaſſen, aber Georgy trat inſofern auf Lionel's Seite, als ſie der Meinung war, daß dies nicht übereilt zu geſchehen brauche. Lionel ſträubte ſich mit aller Ge⸗ 294 walt gegen dieſen erſten Entſchluß Arnold's, weil er immer noch auf eine Umkehr ſeines Vaters, auf das Erwachen der geſunden Vernunft deſſelben, auf eine Erklärung der obwaltenden Mißverſtändniſſe hoffte, denn im Grunde konnte er den Gedanken nicht er⸗ tragen, mit ſeinen Freunden, gleichſam geſchlagen, be⸗ ſiegt von einem Orte abzuziehen, wo er ihnen den voll⸗ ſtändigſten Sieg des menſchlichen Herzens, den Sieg über alle Kümmerniſſe des Lebens: die Freude ver⸗ ſprochen hatte, und ſeinem unermüdlichen Zureden ge⸗ lang es endlich, Arnold Tiefenſee dahin zu be⸗ ſtimmen, daß er noch warten wolle, bis Lionel von ſelbſt erklären werde, daß die Zeit zur Abreiſe ge⸗ kommen ſei. „So iſt es gut,“ ſagte Dieſer endlich.„Gieb mir nur einige Tage Zeit und ich überlege reiflich, was uns am meiſten frommt. Wir wollen morgen einen tüchtigen Ritt unternehmen, Arnold; in der freien Luft, bei rüſtiger Bewegung denkt es ſich am beſten, und vielleicht kehren wir mit einem Entſchluſſe zurück, der allen unſern Verlegenheiten ein Ende macht.“ So war es beſchloſſen und ſo blieb es. Und es war ein guter Beſchluß, denn diesmal hatte die Vor⸗ ſehung es in die Hand genommen, die Verlegenheiten 295 unſrer Freunde zu beſeitigen, aber freilich, wie ſie es immer thut, auf eine ganz andere Weiſe, als es der kurzſichtige Menſch in ſeinem blinden Eifer zu erwar⸗ ten pflegt. Hören wir, was den beiden jungen Männern auf ihrem nächſten Morgenritte begegnete. Die Damen ruhten noch im tiefſten Schlummer, als auf der Terraſſe von Meanach⸗Lodge ſchon die Vorbereitungen zu dem verabredeten Ausfluge der jungen Herren getroffen wurden. Zwei ſtarke und ſchnelle Ponies, denen man die Plaids ihrer Reiter aufgeſchnallt, wurden geſattelt nach einem Boote am See hinabgeführt, das mit den nöthigen Fährleuten zum Ueberſetzen nach dem Meanach⸗Walde ſchon be⸗ mannt war. Bald darauf traten Lionel und ſein Gaſt aus der Thür, in Jägerröcke gekleidet, mit Jagd⸗ flinten und reichlich ausgeſtatteten Taſchen verſehen. Sie nahmen diesmal keinen Diener mit, denn ſie wollten in ihren Unterhaltungen auf keine Weiſe be⸗ einträchtigt ſein. Lionel hatte viel vom Aſſynth⸗See geſprochen, einem reizenden Punkte am Fuße des hohen Ben⸗Aſſynth, und einem danebenliegenden, nach dem Meere ſich erſtreckenden großen Moore, auf dem es 2 296 viele Hühner geben ſollte. Dahin nun aufzubrechen und ſich ſo eine heilſame Zerſtreuung zu verſchaffen, war der Plan, den man an dieſem Tage verfolgte. Der Uebergang über den See war raſch genug vollbracht und die Fährleute, nachdem ſie den Befehl empfangen, um zwei Uhr Mittags wieder an Ort und Stelle zu ſein, um die Herren nach Meanach⸗Lodge zurück zu rudern, hatten ſich mit dem Boote bald ent⸗ f fernt. Lionel und Arnold waren allein, ſie beſtiegen ihre Pferde und ritten ſchweigend in noch ſichtbar be⸗ drückter Stimmung durch eine der vielen Schluchten, die das Meanach⸗Waldgebirge durchziehen, um die kleinen wilden Bäche, von denen wir ſchon geſprochen haben, dem See zuzuführen. Nicht wie gewöhnlich war an dieſem Tage der Shin⸗See und ſeine Umgebung mit Nebel bedeckt, deutlich erkennbar lagen die Thäler, das wildausge⸗ zackte Gebirge und die höheren Berggipfel da, nur ein trüber Dunſtſchleier verdeckte die Ferne und der Himmel trat nirgends klar und blau hervor, obwohl keine düſteren Wolken daran wahrzunehmen waren. Dabei war es ſehr ſchwül und die Luft ſo ſtill, daß kein Halm ſich regte, was den Eindruck, den die gleichſam ſchlummernde Natur hervorrief, mit dem dumpfen Gefühle in Uebereinſtimmung brachte, welches 8 2 297 in der Bruſt der jungen Männer noch immer die Obergewalt behielt. Lionel Lowdale hatte ſich ſchon auf dem See nach dem Himmel umgeblickt und den Horizont der Ferne gemuſtert. Jetzt in den Bergen that er es wieder und ſeine allmälig zunehmende Beſorgniß war zur Ueberzeugung geworden, daß er gerade keinen an⸗ genehmen Tag zu einem weiten Ritte in die Wildniß gewählt habe. Er aber ſowohl wie ſein Freund ver⸗ harrten im Schweigen und das Klappern der Hufe ihrer kleinen Pferde auf den Steinen und ihr luſtiges Schnaufen, welches ſie in den echoreichen Schluchten hören ließen, war das einzige Geräuſch, das ſich im weiten Umkreis vernehmbar machte. Nach einer Viertelſtunde, während welcher ſie eine der Arnold noch nicht bekannten Schluchten neben einander durchritten, wurde der Pfad ſo ſchmal, daß ſie ſich trennen mußten. „Ich werde voran reiten,“ ſagte Lionel zu Ar⸗ nold.„Wenn wir die erſte Bergkette hinter uns ha⸗ ben, können wir ſogar neben einander traben. Vor⸗ wärts, Mac!“ Er gab ſeinem kleinen Pferde die Sporen und dieſes ſetzte mit außerordentlicher Leichtigkeit und Ge⸗ wandtheit eine ſteile Anhöhe hinan, auf welcher der 8 298 eingeſchlagene Pfad fortlief. Die Schlucht war wild und romantiſch genug, obgleich es in der Nähe noch unzählige poetiſchere und romantiſchere gab. Zur Lin⸗ ken der Reiter in anſehnlicher Tiefe rauſchte über große und kleine Geröllſteine ein Sturzbach dem Shin-See zu, jenſeit dieſes Baches ſtiegen wie zur Rechten hohe kahle und tief zerklüftete Felſen empor, und nur in einzelnen tiefer gelegenen Gründen, in denen die Strömung bodenloſe Löcher gegraben und kleine Lachen gebildet, ſchoſſen winzige Gebüſche von Ginſter und Föhrenwuchs auf, während die höchſten Klippen, theils nackt und ſchwarz, theils mit lieblich duftendem, fuß⸗ hohen rothen Haidekraut bedeckt waren. Nach einer halben Stunde aber hatte man die Schlucht paſſirt; der kaum ſichtbare Weg, den die Ponies vortrefflich zu halten wußten und deſſen Steil⸗ heit ſie niemals am Vorſchreiten hinderte, ſelbſt wenn größere Blöcke hie und da ihn noch mehr einengten, erweiterte ſich und man gelangte in ein breiteres Thal, das ſich wohl drei Meilen weit erſtreckte und an ſeinem Ende den Ben⸗Aſſynth wie eine dunkle Nebelwolke am Himmel auftauchen ließ, an deſſen* Fuße neben dem See gleiches Namens das große Moor begann, welches ſich bis an das buchtenreiche Geſtade des Caledoniſchen Meeres ausdehnte und .„Dann laß uns doch lieber gleich umkehren.“ „Das wäre vielleicht das Geſcheidteſte, aber dann verfehlen wir ja ganz und gar unſern Zyeck.“ Arnold lächelte ſchmerzlich, ritt aber ruhig weiter X 299 auf dem die wohlſchmeckenden Hühner getroffen wer⸗ den ſollten. Als nun die beiden Reiter auf dem breiteren Wege wieder zuſammentrafen, räusperte ſich Arnold und richtete an ſeinen Gefährten die Frage, was er eigentlich vom Wetter halte. „Das iſt es, was mich ſchon lange im Stillen be⸗ ſchäftigt,“ erwiderte dieſer,„und ich glaube kaum, daß wir heute den Aſſynth⸗See erreichen werden.“ „Warum nicht?“ „Wir werden Regen bekommen, viel Regen, und dann iſt an kein Weiterreiten zu denken. Der Grund wird moorig, die Wege werden ſchlüpfrig und gefähr⸗ lich, und wir ſo naß von dem kalten Schauerregen, daß wir froh ſein werden, bei Zeiten wieder unter Dach und Fach zu kommen.“ „Hältſt Du den Regen für ſo nahe?“ fragte Arnold, die Augen nach allen Himmelsgegenden er⸗ hebend. „Wenn wir keinen Wind bekommen, wird er in einer Stunde beginnen.“ 300 neben ſeinem Freunde her.„Welche Oede herrſcht hier ringsum,“ begann er nach einer Weile wieder, „man ſieht kein Haus, keine Menſchen, kein Thier— Alles iſt grau, kahl, wüſt und leer, und doch, doch, Lionel, liegt ein unbeſchreiblicher und faſt verlockender Reiz in dieſer faſt ausgeſtorbenen Natur.“ „Poeſie!“ ſagte Lionel leiſe, den Kopf nach allen Seiten wendend und den Augen ſeines Freundes folgend. „Ja, Poeſie! Ach, und was ſie mir ſo eindring⸗ lich und verſtändlich macht, das iſt, daß ſie mit dem Zuſtande meines Innern übereinſtindnt denn da iſt auch Alles wüſt, kahl, grau und— „Doch nicht leer? O, Arnold, das ſollteſt Du nicht ſagen! Ich denke doch, daß noch Vieles in Dir iſt, was nicht mit dieſen wüſten Strecken übereinſtimmt — nicht wahr?“ Arnold lächelte.„Ich ſprach ja nur vergleichs⸗ weiſe. Ja wohl, Du haſt Recht, es iſt noch Manches in uns, Angenehmes und Süßes, wovon wir ein Be⸗ wußtſein haben, und noch viel mehr, wovon wir keins haben.“ Lionel ſenkte den Kopf tiefer und ſchien über den verborgenen Sinn in ſeines Freundes Worten nachzudenken. 301 Sie hätten dies Geſpräch, das intereſſant zu wer⸗ den begann, vielleicht noch viel weiter fortgeſetzt und wären in ihrem wachſenden Vertrauen möglicher Weiſe auf manche geheimnißvolle Dinge gerathen, hätte die Umgebung mit den Vorgängen in der Natur nicht ihre Aufmerkſamkeit ſtärker in Anſpruch genommen. Denn eben jetzt öffnete ſich das Thal noch weiter, ſo daß es faſt einer von Hügeln durchzogenen kleinen Ebene glich. In der Ferne gewahrte man die ganze ſchöne Pyramide des Ben⸗Aſſ ſynth, wie ſie ſich ſtolz und majeſtätiſch von ihrer flacheren Umgebung abhob, und nur zur Rechten ſetzte ſich die eben überſtiegene Bergkette weiter nach Norden fort, phantaſtiſche Stein⸗ geſtalten bildend, welche in der trüben Beleuchtung, die allmälig einer dunkleren Schattirung gewichen war, ein überaus melancholiſches Gepräge annahmen. Zu⸗ gleich aber auch begann ſich die undurchdringliche Hülle am Himmel zu ſenken und erſt ſtäubte ein fei⸗ ner Sprühregen, dann ein kalter, anhaltender Regen⸗ guß herab, der das Verweilen im Freien nicht ange⸗ nehmer machte.„ Die Reiter hielten einen Augenblick an und hüllten ſich feſt in ihre grauen Plaids. Als ſie damit zu Stande gekommen, hielt Lionel Umſchau, blickte nach dem Himmel empor und ſagte dann:„Arnold, 2 30² es trifft ein, was ich vermuthete. Ich würde augen⸗ blicklich umkehren, aber ſieh ſelbſt, iſt der Ben⸗Aſſynth jetzt trotz des Regens nicht klarer zu erkennen als vorher?“ Arnold blickte mit ſeinem ſcharfen Auge in die Ferne. Die ſteile Bergpyramide ſtieg in der That ziemlich klar aus dem ſie umhüllenden Nebelgebilde auf und nach Oſten hin ſchien ſogar die Sonne durch⸗ dringen zu wollen, denn der Horizont daſelbſt dehnte ſich immer weiter und weiter aus, wie ein Meer, deſſen Gränzen man ſich einbildet zu ſehen und die man doch mit menſchlichen Sehkräften niemals er⸗ reichen kann. 3 „Es iſt möglich,“ ſagte endlich Arnold,„ich ver⸗ ſtehe mich hier auf das Wetter nicht, daher vertraue ich mich völlig Deiner Führung an.“ „So komm; der Regen kann uns nur naß machen und das iſt kein großer Schaden.“ Beide ſetzten nun ihre Pferde wieder in Bewe⸗ gung und da der Weg auf dem bereits ſchlammigen Grunde etwas beſſer wurde, ſo trabten ſie ſogar eine Weile, bis Lionel ſein Pferd plötzlich anhielt und ſich zu ſeinem Gefährten wandte. „Arnold,“ ſagte er,„ſieh, der Regen wird immer ſtärker und die hellere Färbung des Horizonts rings⸗ um iſt verſchwunden, ſogar den Ben⸗Aſſynth ſieht 3⁰3 man kaum wie einen phantaſtiſchen Schatten herüber⸗ ragen. Hier müſſen wir uns entſcheiden, zum Moore kommen wir nicht mehr und jagen können wir noch viel weniger. Darum raſch entſchloſſen— machen wir Kehrt!“ Sie hatten die Pferde ſchon umgedreht, als ein ſo heftiger Regenguß vom Himmel ſtrömte, daß auch die Rückkehr auf den abſchüſſigen Wegen der engen Schlucht bedenklich wurde. „Folge mir,“ rief Lionel,„wir müſſen die nörd⸗ liche Bergkette dort zu erreichen ſuchen. Es giebt da⸗ ſelbſt Line Hoͤhle, in der wir wenigſtens Schutz vor dem Regen finden und einen günſtigeren Wechſel des Wetters abwarten können.“ Muthig wiehernd, als errathe er die Abſicht ſei⸗ nes Herrn und als kenne er die ſchutzbringende Höhle, flog der Pony Lionel's über die ſumpfige Haide, ſo daß der Schlamm hoch um ihn herſpritzte. Arnold hielt ſich ſo dicht wie möglich hinter ihm und in kaum zehn Minuten hatten ſie die Bergkette erreicht, die ſich eben ſo reich an Zerklüftungen erwies, als die vorher durchrittene. „Wo iſt die Höhle?“ rief Arnold, dem der Regen im Verein mit dem ſich jetzt erhebenden Winde bei⸗ nahe den Hut vom Kopfe riß. 304 „Folge mir nur, ich weiß es ſelbſt ſo genau bücht wir müſſen noch eine Strecke weſtwärts.“ Beide trabten, ſo raſch es gehen wollte, auf dem ſchlüpfrigen Wege weiter. Nackte Felſen von dunkelfarbi⸗ gem Geſtein reihten ſich an nackte Felſen, Schlucht folgte auf Schlucht, aber die Höhle wollte ſich nicht blicken laſſen. Endlich aber glaubte Lionel die Gegend wie⸗ der zu erkennen.„Ich ſehe ſie dort unten!“ rief er, und haſtig ihm nachſprengend gewahrte auch Arnold einen dunklen, weit gähnenden Schlund, der ſich in der That, als man näher kam, als eine Höhle erwies, die groß genug war, ein Dutzend Reiter mit ihren Pferden zu faſſen. Wem dieſe Höhle ihre Entſtehung verdankte, ob das Geſtein in derſelben, allmälig von der Decke herabgebröckelt und verwittert, oder ob das Waſſer hier eine Rolle mitgeſpielt, wer konnte es wiſſen? Wahrſcheinlich war das Letztere der Fall; ſo viel aber ſtand feſt, daß ſie vollkommen dem Zweck ent⸗ ſprach, den ſie jetzt erfüllen ſollte. Der Boden der Höhle war mit Erde und ver⸗ witterten Steintrümmern bedeckt, im Hintergrunde lag ein großer Haufen Reiſigs und trocknen Haidekrauts aufgeſchichtet und in der einen Ecke war eine Feuer⸗ ſtelle ſichtbar, woraus man ſchließen konnte, daß ſie 305 ſchon öfter zu ähnlichem Raſtorte gedient hatte. Die Decke von ſchwarzem Geſtein wölbte ſich in der Mitte, wo ſie ihre höchſte Höhe erreichte, etwa ſechszehn Fuß hoch, während ſie im Hintergrunde am niedrigſten und am Eingange etwa zwölf Fuß hoch war. Da der Wind aus der Richtung wehte, wo der Grund der Höhle lag, alſo auch der Regen nicht hin⸗ einſchlagen konnte, ſo waren die Reiter geborgen und konnten von hier aus, nachdem ſie für ihre Pferde geſorgt, die ganze Entwicklung des Naturſchauſpiels mit anſehen, welches ſich vor ihnen in der menſchen⸗ leeren Oede zutrug. Die beiden Männer mochten aber kaum zehn Minuten in der Höhle geweſen ſein, als die trübe Dämmerung draußen abzunehmen und der Regen nach⸗ zulaſſen begann. Beide ſtanden am Eingange und ſchauten voller Spannung auf das moorige Thal hin⸗ aus, welches ſie in ſeiner ganzen Länge und Breite von hier aus überblicken konnten. „Sieh,“ ſagte Lionel, mit der Hand nach Weſten deutend,„was iſt das? Du haſt Menſchen ſehen wollen, und wenn ich nicht irre, kommt einer da drü⸗ ben hergeritten, um gleich uns Schutz in der ihm be⸗ kannten Höhle zu ſuchen.“ Arnold blickte in die angegebene nichiung und Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. bemerkte in der That einen ſich bewegenden Gegen⸗ ſtand in der Ferne, der allerdings ein Menſch, indeſſen eben ſo gut auch etwas Anderes ſein konnte, da ſeine Geſtalt, ſo weit man ſie jetzt zu unterſcheiden vermochte, höchſt ſeltſam und wenigſtens ganz fremdartig erſchien. Erſt als er näher kam, erkannte man einen Reiter, der ſich zum Schutze gegen Regen und Wind feſt in ſeinen grau und blau gewürfelten Plaid gehüllt und zwar das dicke Tuch der Länge nach von hinten über den ganzen Körper geſchlagen und den Kopf nebſt Arme und Beine ſo geſchickt darin eingewickelt hatte, daß im eigentlichen Sinne des Worts von keinem ſei⸗ ner Glieder etwas zu ſehen war. Als er den Eingang der Höhle erreicht hatte, ſtieß er einen eigenthümlichen Ruf der Befriedigung aus, ſobald er aber die ihm zuvorgekommenen Gäſte erblickte, ſtutzte er ein wenig, ließ ſich jedoch dadurch nicht abhalten, unter das Dach zu reiten und ſprang ſogleich aus dem Sattel, wobei er eine kurze freund⸗ liche Begrüßung hören ließ. Ohne ſich aber weiter an die Fremden zu kehren, warf er zuerſt ſeinen Plaid auf das Haidekraut, rieb mit einer Handvoll davon den triefenden Klepper, einen mageren aber ſtarkkno⸗ chigen Fuchshengſt, ab und begab ſich dann ſogleich daran, es ſich ſelbſt möglichſt behaglich zu machen. 307 Indem er zu dieſem Behufe an das hinterſte Ende der Höhle ſchritt, trug er auf die alte Feuerſtelle einen artigen Haufen Reiſig zuſammen, ſchlug dann⸗Feuer und zündete das trockne Holz an, welches in wenigen Minuten in hellen Flammen aufloderte. Während dieſer Beſchäftigung und während der Mann ſich dann niederhockte und die Flamme mit kräf⸗ tigem Athem zu noch lebhafterem Brennen anblies, hatten unſre Freunde genügend Zeit, ihn einer ge⸗ naueren Muſterung zu unterwerfen. Unter ſeinem Plaid trug er den gewöhnlichen ſchottiſchen faltenreichen Kilt von ſtarkem Tartan, roth⸗ und blau gewürfelt, mit feinen weißen und gelben Strei⸗ fen untermiſcht. Seine Kniee waren wie bei allen Bergſchotten entblößt und hatten von der ſcharfen Luft ſeiner Heimat eine blaubraune Färbung angenommen, ſo daß man ſie kaum für unbelleidete Theile eines menſchlichen Körpers halten konnte. Seine Strümpfe waren weiß und ſchwarz gewürfelt und die Sandalen⸗ ſchuhe mit ſtarken Lederriemen um eine Wade feſtge⸗ bunden, die eitlere Männer als er ſelbſt war, zum Neide hätte verlocken können. Um den Leib und über— die weit herabhängenden Falten des Kilts hatte er einen breiten ledernen Gürtel geſchnallt, worin ein langes Meſſer in ſchwarzer Scheide ſteckte, und vor 20* dem Unterleib hing eine wohlgefüllte Taſche aus Zie⸗ genfellen, deren ſchwarze Haare in zierlichen Flechten und Zöpfen lang herabfielen. Ueber der Bruſt trug er an einer feſten Hanfſchnur ein Widderhorn, mit einem dünnen ſilbernen Deckel verziert— die unver⸗ meidliche Schnupftabacksdoſe der Bergſchotten,— und ſeinen Kopf endlich zierte die wohlkleidende blaue Mütze mit einem Aufſchlage von roth und weiß gewürfeltem Zeuge, von deren Mitte eine dicke rothe Quaſte her⸗ abhing, eine Kopfbedeckung, die, wie ſie keck und leicht auf den ſtarken braunen Haaren getragen wurde, der ganzen kräftigen Erſcheinung einen Ausdruck von Kühn⸗ heit und Entſchloſſenheit verlieh. Die vorher bezeichneten Farben des Tartans, wor⸗ aus ſein Kilt beſtand, erregten ſofort die Aufmerkſam⸗ keit Lionel's, denn augenſcheinlich gehörten ſie dem Stamme an, welchem ſeine eigene Mutter entſproſſen war. Es waren alſo auch ſeine Farben, die er liebte und ehrte, wie Alles, was an ſeine ſchottiſche Abſtam⸗ mung erinnerte. Er blickte daher genauer auf den Mann hin und nahm mit Vergnügen an ihm Züge der Biederkeit und Treuherzigkeit wahr, denen aber augenblicklich Kummer und Traurigkeit in unverkenn⸗ barem Gepräge beigeſellt waren. Lionel Lowdale kam die ganze Erſcheinung und das dunkle wettergebräunte Geſicht des Mannes mit den ernſt blickenden Augen und dem leidenden Zug um den feſt geſchloſſenen Mund überaus bekannt vor, aber er wartete ruhig ab, bis derſelbe ſein Feuer voll⸗ ſtändig angefacht haben würde. Erſt als dies geſchehen, wandte der Fremde ſich zu den Herren um und ſagte zu dem ihm zunächſt auf einem Bündel Haidekraut ſitzenden Arnold: „Sie werden das Feuer auch gebrauchen können, Sie ſind durchnäßt wie ich.“ Da der Hochländer ein gutes Engliſch ſprach, verſtand ihn der deutſche Arzt und erwiderte einige freundliche Worte. Kaum aber hatte Lionel den Klang der Stimme Jenes vernommen, ſo ſtand er von ſeinem Sitze auf und näherte ſich ihm. Der Hochländer hatte ſich unterdeß vor das Feuer hingehockt und ſeine Ziegenfelltaſche geöffnet. Er nahm ein großes Stück Brod heraus, ſchnitt etwa die Hälfte davon ab und reichte es dem ihm begehrlich zuſchauenden Pony in ſtarken Brocken hin. Erſt als er den Appetit dieſes treuen Freundes berückſich⸗ tigt, dachte er daran, ſeinen eigenen zu befriedigen, zog einen Käſe aus der Taſche und fing an, lang⸗ ſam und bedächtig zu eſſen, wie ein Mann, der nicht blos dem leiblichen Genuſſe lebt, ſondern auch 310 ernſte Gedanken mit der Stillung ſeines Hungers verbindet. Da unterbrach der eſſende Mann plötzlich ſein ein⸗ faches Mahl, ſprang auf die Füße und ſchaute ſich verwundert um, denn Lionel Lowdale war nahe an ihn herangetreten und hatte den alten ſchottiſchen Ruf „Halloh!“ mit lauter Stimme ausgeſtoßen, ſo daß ihn das Gewölbe der Höhle in ſchallendem Echo zurückwarf. Als der Fremde aber ſeine traurigen blauen Augen nun auf den jungen Mann wandte, der dieſen Ruf von ſich gegeben, und die Züge deſſelben genauer prüfte, nahm ſein Geſicht eine ſeltſame Miſchung von Schrecken und Rührung an. Er trat einen Schritt vor, riß die Mütze von ſeinem dicken braunen Haar und ſagte in faſt demüthiger Stellung: „Das war ein altſchottiſcher Ruf, Sir, und er ſchien mir auch aus einem ſchottiſchen Herzen zu kom⸗ men. O, Sir, ich— ich ſollte Sie kennen und doch — doch— ich kann es nicht für möglich halten— Ihr Geſicht—“ 3„Iſt ein ſchottiſches Geſicht, Ihr habt Recht, Freund, und auch mein Herz ſtammt daher. Aber irre ich mich, oder ſeid Ihr wirklich Ferguſon—“ „Alan Ferguſon vom Stack⸗See, ja, und Sie, Sir, ſind, ſo wahr ein Gott lebt, Viscount Lowdale's Sohn!“ 7 311 Als der Mann den letzten Namen ausſprach, ſchauerte er leicht zuſammen. Seine trübe Miene da⸗ bei aber verflog wie eine leichte Wolke vor'm Mor⸗ genwinde, als ihm Lionel die Hand reichte und die ſeinige ſo herzlich ſchüttelte, wie man ſie nur einem braven Manne ſchütteln mag. „Ja, ich bin Lionel Lowdale, Ferguſon, und der Regen hat mich und meinen Freund Tiefenſee hier von unſerm Wege nach dem Aſſynther Moor ab und hierher geführt. Wo aber kommt Ihr her und wo wollt Ihr hin?“ „Ach, Sir, ich wollte einmal nach meinem Hafer⸗ felde da drüben ſehen, ob es damit beſſer geht als im vorigen Jahre—“ „Ach ja, Ihr habt ja die Berge und das Land dort gepachtet. Es liegt aber etwas weit ab von Eurer Wohnung.“ „Ja, Sir, freilich, doch das thut nichts, wenn es nur Frucht trägt, aber ach!“— „Nun, Ihr macht ja eine ſo traurige Miene, es geht Euch doch nicht ſchlecht?“ Der Mann ſchlug die Augen nieder wie ein ver⸗ ſchämtes Kind, wenn man es an ſeine zerbrochene Puppe erinnert.„Schlecht?“ fragte er.„Wäre das für uns arme Pächter was Neues? Nein, Sir, uns 312 geht es meiſt Allen ſchlecht und mir ſeit voriger Miß⸗ erndte erſt recht.— Ich bin auch darum dieſen Win⸗ ter in Lowdale⸗Caſtle geweſen,“ ſetzte er mit wehmü⸗ thigem Tone hinzu,„aber“— und er ſchüttelte den Kopf, denn er wollte oder konnte nicht weiter ſprechen. „Beim Viscount Lowdale?“ fragte Lionel, wor⸗ auf der Mann bejahend nickte.„Ihr konntet den Pacht nicht zahlen, wie?“ „Nicht ganz, Sir, ich bat um fünfzig Pfund Nach⸗ laß bis zum nächſten Jahr. Aber nichts— nein— ich mußte den letzten Heller baaren Geldes hervorſuchen — es half mir alles Bitten und Flehen nichts— und ſo haben wir die letzten Monate Wenig gehabt und mußten uns durchhelfen mit unſern Kindern und unſerm Vieh.“ Lionel, von der ſtummen Geberdenſprache des Man⸗ nes, die mehr als ſeine Worte ausdrückte, ſchmerzlich er⸗ griffen, ſchwieg nachdenklich.„So ſeid Ihr alſo jetzt bis zur Erndte ganz ohne Mittel, Ferguſon?“ fragte er dann. „Völlig, Sir, und unſre Noth wurde ſeit einigen Tagen ſo groß, daß ich beſchloß— morgen das Letzte zu verſuchen— „Was iſt das?“ Ferguſon lachte, mit einer Freudigkeit, die ſichtbar aus dem Herzen kam.„O,“ ſagte er,„Sie werden es beinahe errathen— ich wollte nach Glory⸗Craig⸗Hall—“ 313 Lionel ſchoß alles Herzblut nach dem Kopfe. „Nach Glory⸗Craig⸗Hall?“ rief er.„Was wolltet Ihr denn da?“ „Nun, was könnt' ich dort Anderes wollen, als Sir Colin Cameron ſprechen, der vor vier Tagen da⸗ ſelbſt angekommen iſt.“ „Ferguſon!“ rief Lionel in größter Bewegung, „ſprecht Ihr die Wahrheit? Mein Onkel, der Admi⸗ ral, wäre auf Craig⸗Hall?“ „Ja doch, ja, ſeit vier Tagen, Sir!“ „Woher wißt Ihr das?“ „Mir ſagte es geſtern ein Mann, der Joe Dun⸗ can, des Herrn Admirals Leibdiener geſprochen. Er i*ſt aus Indien zurückgekehrt— eine Yacht von Yar⸗ mouth hat ihn gebracht— und vill jetzt, ſo lange es keinen Krieg giebt, in der Heimat bleiben.“ „Ferguſon,“ ſagte Lionel warm und raſch,„Ihr wißt gar nicht, von welcher Wichtigkeit dieſe Nachricht für mich iſt. Ich hatte keine Ahnung davon, daß der Admiral ſchon im Lande iſt. O!“ Und er ließ ſich nun mit dem Pächter in ein längeres Geſpräch ein und theilte dann ſchließlich mit ihm die ſchmackhaften Lecker⸗ biſſen, die die jungen Männer in ihren Jagdtaſchen mitgebracht hatten. Als aber dies Mahl zu Ende war, ſagte Lionel 314 zu dem ihn mit glücklicher Miene anſtarrenden Pächter vom Stack⸗See:„Ferguſon, da Ihr mich nun ein⸗ mal gefunden habt, ſo laßt all' Eure Sorgen ſchwin⸗ den. Die fünfzig Pfund ſind Euer für die Nachricht, die Ihr mir überbracht habt, und morgen könnt Ihr ſie in Meanach⸗Lodge bei mir in Empfang nehmen. Für alles Uebrige laßt mich und meine Schyeſter Georgy ſorgen. Aber ſagt, ſeid Ihr geneigt, mir einen Gefallen zu thun, ſelbſt wenn es mit einigen Beſchwer⸗ den für Euch verbunden wäre?“ Ferguſon ſprang von ſeinem Sitze auf, den er beim Eſſen eingenommen.„Was ſoll ich thun, Sir?“ rief er.„Ich gehe durch's Feuer, wenn Sie es wollen!“ 1 4„Nein, nicht einmal durch's Waſſer, Ferguſon. Mit einem Wort: wollt Ihr morgen mit Tagesanbruch nach Meanach⸗Lodge kommen, Euch Euer Geld und einen Brief holen, und denſelben nach Glory⸗Craig⸗ Hall zum Admiral tragen? Ihr müßt es aber ganz im Geheimen unternehmen, denn es iſt eine Ver⸗ trauensſache. Ich will Euch auch ein ſtarkes Pferd zu der Reiſe mitgeben, wenn Ihr nicht gut beritten ſeid.“ „Herr!“ rief Ferguſon,„mein Fuchshengſt da iſt mager, wie alle meine Thiere, aber Kräfte hat er ſo gut wie ich und den beſten Willen. Gewiß, ich will 31⁵ kommen, mit tauſend Freuden, morgen mit Anbruch des Tages, und in gerader Linie nach Glory⸗Craig⸗ Hall reiten und Alles thun, wie Sie es wünſchen— mit Dankbarkeit und Freude— da haben Sie meine Hand!“ So war es denn abgemacht und Lionel Lowpdale, der reiche Lordsſohn, wie Alan Ferguſon, der arme Pächter, ſtanden zufrieden und beglückt von dem un⸗ erwarteten Zuſammentreffen und was ſich daran knüpfte, auf. Das Wetter hatte ſich untérdeß gebeſſert, der Regen faſt ganz nachgelaſſen und die Sonne brach, zwar matt und bleich, aber doch fühl⸗ und ſichtbar an dem grauen Oſthimmel durch. Ferguſon, der es am Eiligſten hatte, machte ſich zuerſt auf den Weg, und bald nach ihm ſtiegen auch Lionel und Arnold wieder zu Pferde und ritten langſam den Bergen zu, die ſie am Morgen paſſirt, denn an eine Fortſetzung ihres Rittes nach dem Aſſynth⸗Moor war nun nicht mehr zu denken. Lionel war in eine unbeſchreibliche Freude verſetzt. Er konnte erſt gar nicht zu Worten kommen, denn die Gedanken ſchwirrten ihm im Kopfe. Als er ſich aber in ſein Glück endlich gefunden hatte, wandte er ſich zu dem ruhig neben ihm reitenden Freunde, reichte ihm die Hand und ſagte: 316 „Nun iſt Alles gut und ganz anders, als es vor wenigen Stunden war, Arnold. Sieh, wie uns der Himmel geholfen hat und was ein ſo böſer Regen ſogar nützen kann! In Wahrheit, wir haben die beſte Jagd gemacht, die in unſern Bergen zu finden iſt, wir haben Sir Colin Cameron erbeutet und der wird uns alles Uebrige erſetzen.“ Und nun erzählte er dem Freunde von dem Onkel, von ſeiner und Georgy's Liebe zu ihm, von dem vortrefflichen Character des edlen Mannes, den ſie immer wie ihren eigentlichen Vater betrachtet, und⸗daß ſie nun Alle eine wirkliche Heimat gefunden hätten, denn jetzt ſtehe es feſt, daß ſie in den nächſten Tagen nach dem Norden zögen und auf dem ſchönen Glory⸗Craig⸗Hall ein Unterkom⸗ men fänden, wie ſie es lange gewünſcht und gehofft hätten. „Darfſt Du denn dahin Gäſte mitbringen?“ fragte Arnold zaghaft. „So viel das Schloß faſſen kann, ja, und dann, dann, Arnold, haben wir auch Cap Wrath ganz nahe dabei, wir können zu Lande und zu Waſſer dahin kommen; und da mein Onkel daheim, ſo iſt auch der geeignetſte Mann gefunden, um wirkſame Nachfor⸗ ſchungen über Deinen verſchollenen Vater anzuſtellen.“ Arnold Tiefenſee nickte nur beiſtimmend. Der 317 Gedanke, die Hoffunng, nun der Löſung des ſo lange ungelösten Räthſels nahe zu ſein, ließ ihn nicht die Worte finden, ſeine ihn bedrängenden Gefühle aus⸗ zuſprechen. Während der langen Erzählung Lionel's waren ſie raſch vorwärts gekommen. Die ſchlüpfrigen Berg— ſchluchten wurden glücklich durchritten und gegen Mit⸗ tag ſchon langte man am Ufer des Shin⸗Sees wieder an, der unter den Strahlen der jetzt glanzvoll am Himmel ſtehenden Sonne in reinſter Bläue ſchimmerte und das ferne Meanach⸗Lodge wiederſpiegelte, das ſie nun bald verlaſſen ſollten, nachdem es ſich ihnen ſo ungaſtlich erwieſen. Ein einſamer Fiſcher, der auf dem See angelte, war bald herbeigerufen. Er ruderte raſch nach dem jenſeitigen Ufer und in weniger als einer Stunde kam auf ſeine Benachrichtigung das große Boot herüber, das die Jäger mit ihren Pferden heimholte. Als Lionel ſich ſeiner Schweſter ſo nahe ſah, der er eine ſo bedeutungsvolle Kunde zu überbringen hatte, galoppirte er ſtürmiſch nach dem Schloſſe voran, eilte die Treppe hinauf und fand Georgy in Martha's Zim⸗ mer, wo Beide laſen.* „Georgy!“ rief er, nur mit den Händen und freundlichen Blicken Martha begrüßend,„komm ge⸗ 318 ſchwind, ich habe Dir eine bedeutungsvolle Nachricht zu verkünden!“ Beide Damen ſchauten verwundert auf, aber die glückliche Miene des ſo ſchnell Zurückkehrenden beruhigte ſie bald, und eben als Lionel mit der Schweſter Arm in Arm in deren Zimmer verſchwand, trat Arnold leuchtenden Blicks bei Martha ein. Angſtvoll erhob dieſe ihr holdes Geſicht zu dem ſeinigen.„Was giebt es?“ fragte ſie haſtig—„o, auch Du lächelſt? Was iſt denn geſchehen?“ „Beruhige Dich, Theure,“ ſagte Arnold und um⸗ ſchlang die Schweſter zärtlich,„wir haben einen Aus⸗ weg aus dieſem Labyrinth gefunden, auf den Niemand gerechnet hatte.“ Und er erzählte ihr, was ihm und ſeinem Freunde begegnet war. Als er aber der Nähe des Leuchtthurms auf Cap Wrath erwähnte, erbleichte Martha. Sie ſchmiegte ſich feſter an den ſtärkeren Bruder und flüſterte zagend: „Ach, Arnold, was werden wir von unſerm armen Vater hören?“ „Sei gefaßt und getroſt!“ erwiderte er.„Was wir auch hören und finden— Gott hat es gegeben, zu der Ueberzeugung bin ich hier von Neuem gelangt. Damit iſt Alles geſagt!“ „Amen!“ ſagte inbrünſtig und den ſtrahlenden 319 Blick zum Himmel erhebend die fromme Schyueſter. „Ich füge mich in ſeinen allmächtigen Willen, auch unſere Prüfungen werden einmal ein Ende nehmen.“ Nachdem Lionel aber auch Georgy alles Noth⸗ wendige mitgetheilt und Beide ihre Entſchlüſſe für die nächſte Zukunft gefaßt hatten, ſetzte man ſich in Lio⸗ nel's Zimmer ſo heiter und froh zu Tiſche, wie es auf Meanach⸗Lodge noch nie geſchehen war. Nachher aber begab ſich Lionel an den Schreibtiſch und ſchrieb einen langen Brief an ſeinen Oheim, den Admiral. Er theilte ihm in gedrängter Kürze Alles mit, was ihm im letzten Jahre begegnet war, ſeine Reiſe nach Deutſchland, wie und wodurch er geneſen und was dann erfolgt war bis auf den gegenwärtigen Tag. Auch des Vaters der beiden Geſchwiſter, die er nach ſeinem Herzen ſchilderte, erwähnte er und ſchließlich bat er den Oheim, ihm, Georgy und ihren Freunden ein Aſyl bei ſich zu eröffnen, da das väterliche Haus ihm kein ſolches mehr böte. Erſt als er dieſen Brief beendet und verſiegelt, verfügte er ſich wieder zu ſeinen Freunden, und hier verbrachten ſie Alle einen ſo angenehmen und genuß⸗ reichen Abend, wie nur die begründetſte Hoffnung auf eine glücklichere Zeit ihn gewähren konnte. — Elftes Rapitel. Sir Colin Cameron auf Glory⸗Craig⸗Hall. Am nächſten Morgen, gleich nach Tagesanbruch, wie er es verſprochen, ſtieg Alan Ferguſon von ſeinem Fuchshengſt auf der hinteren Terraſſe von Meanach⸗ Lodge ab und begab ſich zu Mr. Donald, der ſchon von Lionel Lowdale die nöthigen Anweiſungen erhalten hatte. Der Kaſtellan führte ihn zu ſeinem jungen Herrn, Ferguſon erhielt die verheißenen fünßzig Pfund und den Brief an den Admiral, und nachdem er in über⸗ fließender Beredſamkeit ſeinen Dank abgeſtattet, ſtieg er, mit vielen Grüßen und reichlichem Vorrath an Speiſe und Trank beladen, wieder zu Pferde und ſetzte auf der großen Straße nach Norden ſeine Reiſe fort. Laſſen wir ihn ziehen, wir wollen ihn für jetzt auf dieſem beſchwerlichen Wege nicht begleiten; um . 321 aber ſpäter den Gang unſrer Erzählung durch die Beſchreibung von Glory⸗Craig⸗Hall nicht zu unter⸗ brechen, dürfte es gerathen ſein, gleich jetzt, wo die Ge⸗ legenheit günſtig iſt, das alte Felſenneſt mit ſeiner groß⸗ artigen Umgebung in näheren Augenſchein zu nehmen. Wenn man einen Blick auf eine gute Karte vom nordweſtlichen Schottland wirft, ſo ſieht man, daß die ganze Küſte, ähnlich der Norwegens, von tief in das Land dringenden Buchten oder Baien, die man daſelbſt fälſchlich Seen nennt, eingeſchnitten, gleichſam zerſägt iſt, in welche ſich wildrauſchende Bergſtröme ſtürzen und das vielfach durch unregelmäßige Felſenketten, Schluchten, tiefe Thäler und moorige Haiden ausge⸗ zeichnete Land noch maleriſcher und romantiſcher ge⸗ ſtalten. Vom Cap Wrath aus, auf deſſen äußerſter Ba⸗ ſaltklippe ſich der Leuchtthurm erhebt, zehn Meilen nach Oſten hin, zeigt die Nordküſte Schottlands dunkle zerklüftete Felſenriffe, bis zu denen ſich vom Süden her der wilde, düſtere Tarfe⸗Wald erſtreckt. Die erſte Meeresbucht in dieſer Richtung iſt die Durneß⸗Bai und auf dieſe und ihre nächſte Umgebung haben wir hier unſere Aufmerkſamkeit zu richten. Dieſer ſchöne, ſanft geſchlängelte und an ſeinem Ausfluſſe etwa vier Meilen breite Meerbuſen nimmt am ſüdlichen Ende Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 21 den von hohen Bergen herabſchäumenden Durneß⸗ Fluß auf. Sein veſtliches ſteiles Ufer iſt eine wild zerklüftete Felſenwüſte, in der ſich eine Klippe über die andere thürmt und deren Gipfel altersgraue Kiefern bedecken, während das öſtliche Ufer ſanft in die Höhe ſteigt und eine anmuthig geſchwungene Raſenfläche zeigt, die allmälig bis zum Glory⸗Craig anſtrebt, der durch ſeine anſehnliche Höhe die ganze umliegende Gegend beherrſcht. Dieſer Fels zeigt, von der See her geſehen, einen ſteilen mächtigen und nackten Kegel, nach Süden hin aber ſenkt er ſich in jene oben bezeichnete ſanfte Raſen— fläche nieder und bietet von ſeinem breiten Plateau herab eine entzückend ſchöne und dabei großartige Aus⸗ ſicht dar. Am Fuße deſſelben, aber noch hoch über der brandenden See, liegt, terraſſenförmig auf Klippen und Vorſprüngen erbaut, der Flecken Durneß, eigent⸗ lich nur ein großes Fiſcherdorf; etwas nach Oſten hin ſpringt weit in vas ſchäumende Meer die ſchaurig aus⸗ gezackte Felsklippe des Cap Farout vor und im ganzen weiten Umkreiſe dehnt ſich das gewaltige Nordmeer aus, das nach Weſten hin den ſtolzen Namen des atlantiſchen Oceans trägt. Wovon der breite Fels, von deſſen abgeſtumpfter Fläche man dieſe unermeßlich weite und großartige Ausſicht genießt, Glory⸗Craig, das iſt Ruhmesfelſen, heißt, wiſſen wir nicht. Möglich, daß hier vor alten Zeiten eine denkwürdige That geſchehen, ein blutiger Kampf zwiſchen wilden oder civiliſirten Nationen ſtatt⸗ gefunden und daß davon der Name zurückgeblieben iſt, genug, er heißt einmal ſo. Das Plateau dieſes Felſens nun hatte vor vielen Jahren ein ſchottiſcher Großer, ein Sonderling, wie es in jenem Lande deren ſo viele giebt und den vielleicht jener liebliche ſüdliche Abhang oder auch die Fernſicht auf das Meer gefeſ⸗ ſelt, ſo anziehend gefunden, daß er darauf ein kleines Caſtell gebaut, welches, von der See aus geſehen, wie ein Adlerhorſt auf hoher Klippe lag, vom Lande her aber auf ſeiner grünen Höhe dem Auge einen reizen⸗ den Anblick gewährte. Nach dem Tode des Erbauers mag das abgelegene Caſtell lange unbewohnt und unbeachtet geblieben ſein, erſt einer ſeiner ſpäteren Nachkommen fand es der Mühe werth, von Neuem ſein Augenmerk darauf zu richten. Er erweiterte den Bau und verſchönerte ihn, bis derſelbe wiederum ſpäter, da die männliche Linie der Camerons ausſtarb, der Großtante Lionel Lowdale's zufiel, die endlich die ganze Beſitzung ſammt Namen auf den zweiten Sohn Lord Lowdale's, Colin, vererbte, der dadurch der Baronet Sir Colin Cameron ward. 21* 324 Die alte und letzte Lady Cameron hatte ihr nörd⸗ liches ſchottiſches Beſitzthum vielleicht nie mit Augen geſehen, da ſie in ſtiller Zurückgezogenheit in Edinburg lebte, und auch Colin Lowdale hatte vielleicht nur da⸗ von reden gehört, als er ganz unerwartet der Erbe deſſelben wurde. Da er aber ein Mann mit warmem ſchottiſchen Herzen war, ſeine Heimat von mütterlicher Seite her liebte und die Traditionen alter Familien für heilig hielt, ſo nahm er das dargebotene ferne Beſitzthum dankbar an und widmete ihm ſeine ganze Aufmerkſamkeit und Sorgfalt. Gegen alle Erwartung fand er das im normän⸗ niſch⸗gothiſchen Caſtellſtyl erbaute Schloß in einem vortrefflichen Zuſtande vor, namentlich was die innere Ausſtattung deſſelben betraf, denn mehrere ſeiner Vor⸗ gänger im Beſitz hatten reichliche Mittel darauf ver⸗ wandt, es nicht nur in bewohnbarem Stande zu er⸗ halten, ſondern es auch noch mehr durch Schmuck, ja durch Pracht zu zieren. Die Möblirung war allerdings alt, aber reich und dauerhaft, und Großes und Kleines verrieth den ritterlichen wie patriotiſchen Sinn der ehemaligen Beſitzer. Sir Colin veränderte hierin nichts, er behielt alles Vorhandene bei, nur verſchönerte und verbeſſerte er es, indem er die im Ganzen kleinen Räume, ſoweit ſeine ſchwachen Mittel reichten, noch wohnlicher machte, und nur auf die Verzierung der äußeren Um⸗ gebung und des etwas verwilderten Parks verwandte er die äußerſte Sorgfalt. Trotz ſeiner häufigen und langen Abweſenheit vom Heimatlande ſorgte er dafür, daß dieſer Park, der die ganze, nach Süden abſteigende Fläche einnahm, geſchmückt und erweitert wurde. Er ließ Bäume an⸗ pflanzen, die in dem nördlichen Klima an dieſem Orte um ſo mehr gedeihen konnten, da ſie vor den Nord⸗ winden durch den Felsrücken ſelbſt und gegen die Weſt⸗ ſtürme durch den Tarfe⸗Wald geſchützt wurden, er drainirte den moorigen feuchten Raſenboden, legte Gräben und Kanäle an und ſo entſtand im Laufe der Jahre auch hier im hohen Norden ein Park, der an Größe und Reichthum der Vegetation allerdings mit den ſüdlicher gelegenen Gärten nicht wetteifern konnte, in Bezug auf die ſchöne Lage an der See aber und auf hohem Felſenkegel vor vielen einen großen Vorzug behauptete. Wie Glory⸗Craig⸗Hall ſich nun gegenwärtig dar⸗ ſtellte, war es ein aus roͤthlichem Geſtein hoch empor⸗ ſteigendes Bauwerk, dem man eine gewiſſe wilde und romantiſche Schönheit in der Form nicht abſprechen konnte, obgleich es Regelmäßigkeit und moderne An⸗ ordnung im Ganzen und Einzelnen vielfach vermiſſen 326 ließ. Der runde Hauptthurm mit drei Stockwerken und eben ſo vielen Altanen ragte nach Weſten hin auf, nach Oſten bildete ein viereckiger kleinerer den End⸗ punkt. Die Verbindungstheile zwiſchen beiden waren reichlich mit Zinnen und Thürmchen verziert und zeig⸗ ten nur ein mit ſpitzbogigen Fenſtern geſchmücktes Stockwerk, das indeſſen über einem ſtark gewölbten und hohen Erdgeſchoß aufgebaut war. Rings um das Ganze lief eine geräumige Terraſſe, die nach der See hin eine ſteinerne Bruſtwehr vor der Felſenklippe ſchützte, die, bis faſt zu dem Flecken Durneß hin, deſſen Lage wir ſchon angegeben haben, ſchroff abſtürzte. Nach Süden hin dagegen war auf der Terraſſe ein kleiner Blumengarten angelegt, deſſen Zierpflanzen allerdings den größten Theil des Jahres in einem engen Treibhauſe überwintern mußten, und dieſer Gar⸗ ten ging dann in den mit herrlichem Raſen bedeckten Abhang über, der, mit prächtigen Baumgruppen be⸗ ſetzt, ſanft nach dem Thale hinabführte und durch ver⸗ ſchiedene Wege mit den tieferen Gründen verbun⸗ den war. Mit der See ſtand das Schloß durch einen viel⸗ fach gewundenen breiten Reitpfad in Verbindung, nach Durneß aber führte in mehreren Abſätzen eine ſchmale in den Felſen gehauene Treppe, diean einigen male⸗ riſchen Vorſprüngen vorüberlief und verſchiedene köſt⸗ liche Ruheſitze bot, von denen aus man das Treiben in dem Flecken, den mit Felsblöcken beſäeten Strand und das Meer in ſeiner ganzen Majeſtät überſchauen konnte. An dieſen Ort nun war Sir Colin Cameron, unſer Admiral, vor einigen Tagen zurückgekehrt, zur Freude ſeiner Untergebenen, die ihn immer ſehnſüchtig erwarteten und ihn auf ſeinen gefahrvollen Wegen durch alle Meere der Erde mit ſtillen Gebeten für ſein Wohl begleitet hatten. Sir Colin Cameron's Laufbahn kennen wir im Allgemeinen. Sie war nicht ohne Dornen geweſen, aber er hatte ſich durchgerungen wie ein wackerer Schwimmer, den die Gefahren nur kühner machen, und wie ein redlich ſtrebender Mann, den die Schätze und Reichthümer der Welt nicht verlocken und ver⸗ leiten können, ſeine Kräfte und Fähigkeiten ſich in un⸗ thätiger Ruhe verzehren zu laſſen. Auf allen dieſen Wegen mit zahlloſen Krümmungen und Schwierig⸗ keiten war ſein Herz aber nicht verdorrt, ſein Geiſt nicht erſchlafft, im Gegentheil, jenes war wärmer und dieſer empfänglicher für alles Gute und Schöne auf Erden geworden. Er hatte die Welt mit allen ihren Täuſchungen und Irrthümern kennen gelernt, aber er verachtete ſie deshalb nicht, vielmehr trachtete er da⸗ nach, ſich über dieſelben zu erheben und dann mit den gewonnenen Erfahrungen der im Ganzen undank⸗ baren Welt ſo viel und ſo lange zu nützen, als ſeine Kräfte ausreichten und ſein guter Wille wenigſtens fruchtbaren Boden fand. Im Laufe der Jahre aber und je läuger er von der geliebten Heimat durch ſeinen Dienſt entfernt ge⸗ halten ward, fühlte er eine immer zunehmende Sehn⸗ ſucht nach dieſer Heimat, und als der Krieg in Indien glücklich beendet war, glaubte er die Zeit gekommen zu ſehen, wo er von ſeinen Lorbeeren ausruhen und in ſein Vaterland heimkehren dürfte. Sein billiger Wunſch fand Erhörung und er kehrte nach Europa zurück. Von jeher allen großen Städten, einer drän⸗ genden Menſchenmaſſe und ihren lauten Vergnügun⸗ gen abhold, hatte er die ihm angeborene Neigung zu einſamen Studien in voller Zurückgezogenheit bewahrt, und ſo hatte er ſich nicht lange in London aufgehal⸗ ten, war nach Yarmouth und von hier aus auf der Privatyacht eines reichen Freundes nach Glory⸗Craig⸗ Hall geſegelt, wo er, alle Bewohner des Schloſſes überraſchend, eines Abends in voller Geſundheit ein⸗ traf, mit der Abſicht, nun länger bei ihnen zu ver⸗ weilen und endlich die wohlverdiente Ruhe bei den Seinen zu genießen. 329 Welche Bewegung dieſe unerwartete Rückkehr auf dem ſtillen Landſitze hervorrief, wollen wir hier nicht weiter ausmalen. Die wenigen Diener, die daſelbſt wohnten, wußten, daß ihr Herr nur für ihr Wohl ſorge, ſeine Gegenwart nur Heil und Segen bringe, und ſo war Freude und Luſt überall, ſo weit ſich der Ruf erſtreckte:„Sir Colin iſt auf Glory⸗Craig⸗Hall, er iſt der Alte geblieben und will nun unter uns le⸗ ben, ſo lange es Gott gefällt. Halloh!“ Das größte Zimmer in dem alten Schloſſe, und in welchem der Admiral ſich faſt den ganzen Tag aufhielt, wenn er zu Hauſe und nicht im Freien be⸗ ſchäftigt war, nahm die Bibliothek ein. Es war ein hoher, tiefer und langer Raum mit drei großen ſpitz⸗ bogigen Fenſtern, die nach der See hinaus in der Mitte des Hauptgebäudes lagen. Die Verzierungen im Innern beſtanden ſämmtlich aus polirtem und durch die Zeit gedunkeltem Eichenholz, die Decke ſelbſt nicht ausgenommen, deren ſchweres Balkenwerk, reichlich geſchnitzt, ſichtbar geblieben war. Einfache grüne Teppiche, dem Moos des Waldes ähnlich, deckten den kunſtvoll getäfelten Fußboden, grüne Sammthüllen überzogen Tiſche und Seſſel und dieſelbe Farbe zeig⸗ ten die kurzen Fenſtervorhänge von ſchwerem Seiden⸗ damaſt. Von den breiten Wänden des Saales und ihrem ſchönen Holzgetäfel war wenig zu ſehen, denn theils nahmen dieſelben große Schränke mit zahlloſen Büchern, oder ſolche mit allen möglichen nautiſchen und phyſi⸗ kaliſchen Inſtrumenten ein. Auf zwei runden Tiſchen in der Mitte des Raumes erhoben ſich auf bronzenen Untergeſtellen zwei mächtige Globen, einer das Him⸗ melsgewölbe mit ſeinen Geſtirnen, der andere die Erde darſtellend. Vor dem erſten ſtanden zwei pracht⸗ volle Chronometer und unter dem letzten lagen ver⸗ ſchiedene koſtbare Fernröhre zum augenblicklichen Ge⸗ brauche bereit. Den Schmuck dieſes angenehmen Aufenthaltsortes aber bildeten der Kamin mit ſeinen Verzierungen und ein Bildniß über dem Schreibtiſch des Admirals. Auf dem breiten Geſimſe des erſteren von braunem Granit, mitten unter dem Spiegel, prangte Nelſon's Büſte, aus weißem Marmor gemeißelt, neben ihm zu jeder Seite die Dichter Großbritanniens und einige Philo⸗ ſophen, aus demſelben Material, rechts Shakſpeare, Byron und Scott, links Burns, Moore und Newton, und in kleinerem Format noch einige andre große engliſche Männer. 31 Ueber dem alterthümlichen großen Schreibtiſche von Eichenholz aber, der am letzten Fenſter ſtand, und vor welchem ſitzend man die köſtliche Ausſicht über das unermeßliche Meer genoß, hing zwiſchen Bücher⸗ geſtellen ein großes Oelgemälde in reich vergoldetem Rahmen, welches jedoch in der Regel ein grünſeidener Vorhang verſchloß. Vor dieſem Schreibtiſche nun finden wir an dem Tage, wo wir zum erſten Mal den Admiral beſuchen, dieſen ſelbſt ſitzen und eifrig an ſeinem Tagebuche ſchreiben, was er in allen Ländern und auf allen Meeren der Erde genau zu führen pflegte und welches alſo den ganzen Schatz ſeiner reichen Erfahrungen und Erlebniſſe enthielt. Err iſt in ein bequemes Hausgewand von oſtin⸗ diſcher roher Seide gekleidet, um ſeinen Hals iſt ein rothſeidenes Tuch auf Seemansart geſchlungen, welches den aufrecht ſtehenden Kragen eines feinen Hemdes zuſammenhält. Von Geſtalt iſt er hager, ſichtbar vom Tropenklima etwas dürr, und mittelgroß. Wenn er ſteht, hält er den Kopf und die Schultern etwas vornüber gebeugt, nur nicht auf dem Quarterdeck ſei⸗ nes Flaggenſchiffs, wo er ſich überhaupt viel lebhafter, energiſcher, feuriger zeigt als am Lande, zumal in ſeinem eigenen Hauſe. Er iſt von Jugend auf etwas 332 ſchwächlich geweſen und auch jetzt kann man ihn nicht zu den kräftigen Männern zählen, aber ſeine Geſund⸗ heit iſt dauerhaft und durch den Aufenthalt in allen Klimaten und durch die Gewöhnung an Arbeit und Mühe zäh zum Ertragen alles körperlichen Ungemachs geworden. Daß er etwa ſechsundfünfzig Jahre zählt, wiſſen wir ſchon, er ſieht auch kaum älter aus, obwohl das ſtarke Haar und der kräftige Backenbart voͤllig ergraut, die Geſichtsfarbe gelblich und die Wangen mager, jedoch faltenlos ſind. Den ſchönſten Theil ſeines Geſichts bilden Stirn und Augen. Erſtere iſt mehr feſt als hoch gewölbt, frei und offen; letztere ſind dunkelblau, groß und von wunderbarer Klarheit. Aus ihnen leuchtet eine un⸗ endliche Milde und Herzensgüte hervor und man blickt durch ſie gleichſam in ſeine Seele hinein, eine Seele, die rein, ohne Schlupfwinkel, ohne Hinterhalt iſt. Um den feinen Mund dagegen liegt eine feſte Entſchloſſenheit ſcharf ausgeprägt, man ſieht ihm an, daß er befehlen kann, aber er befiehlt nur, wenn es nöthig iſt oder wo die Pflicht ihn dazu veranlaßt. Im Ganzen ruht auf dieſem nicht ſchönen, aber edlen Antlitz, dem Lionel und Georgy Lomdale überaus ähnlich ſehen, jener unausſprechliche Hauch von Men⸗ ſchenfreundlichkeit und Wohlwollen, der jeden braven Mann auf den erſten Blick einnimmt, weil er dabei inſtinetmäßig fühlt, daß der Menſch, der dieſen Zug trägt, geneigt iſt, Jedermann, der in Noth iſt, zu hel⸗ fen, und daß er traurig wird, wenn es ihm ſeine Mittel oder Kräfte verſagen. In dem Augenblick nun, wo wir bei ihm eintre⸗ ten— es geht gegen Abend und die Sonne ſteht ſchon tief im Weſten— ſitzt er noch über ſeine Schrift gebeugt; nach einer Weile aber legt er die Feder nieder, wirft einen Blick auf das endloſe Meer, lächelt in ſich ſelbſt über den ſchönen Anblick, da er es in Purpurfarbe glänzen ſieht, und wendet dann ſeine Gedanken auf etwas Anderes zurück. Plötzlich ſteht er auf, tritt vor das Bild, welches über dem Schreibtiſch hängt, und zieht an der Schnur, die den Vorhang aufrollen macht. Wir ſehen nun das Portrait einer noch ziemlich jungen Dame, im ſchottiſchen Coſtüm von wunderbarer Schönheit und Anmuth in Geſtalt und Zügen, letztere aber mit einer tiefen Traurigkeit übergoſſen, die augenblicklich die Theilnahme des Schauenden erregt. Eine Weile bleibt der Admiral ſtumm und in tiefe Betrachtung verſunken vor dem Portrait ſtehen, dann nickt er wehmüthig freundlich, wie zum Gruße, und einen Augenblick darauf rollt der Vorhang wieder herab 334 und der Admiral geht ſinnend, die Hand über die Stirn gelegt, im Zimmer auf und ab. 3 „Ach ja!“ ſagte er zu ſich,„wenn ſie noch lebte, dann wäre es vielleicht anders in und mit mir. Doch nein, es kann ja nicht anders ſein. Es iſt vielmehr gut, daß ſie nicht mehr lebt, ſo hat ſie keinen Kum⸗ mer mehr und auch für mich hat alle Angſt und Pein und Sorge ein Ende. Aber ihre Kinder— ſie leben! Und wenn ſie wüßten, daß ich hier bin! Wo mögen ſie weilen! In London waren ſie nicht und Niemand konnte es mir ſagen, den ich danach fragte. Und nach Lopdale⸗Caſtle— o, dahin mochte ich nicht, ich hätte mit meinem Bruder zuſammentreffen können, der mich nicht liebt, wie auch meine Mutter mich nicht liebte, der mich vermeidet, wie ſie mich vermied, der mich— ohne meine Schuld— nun, Joe, was giebt's? Was haben wir für Wind heute?“ Die letzten Worte waren an einen leiſe eintre⸗ tenden Diener gerichtet, der alsbald lächelte, als er die letzte Frage vernahm. Dieſer Diener war ein ſchöner junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jah⸗ ren, nicht groß, aber zart und doch kräftig gebaut und mit einem ungemein geſchmeidigen Gliederbau begabt, den man faſt graziös hätte nennen können. Seiner Kleidung nach mußte man ihn für einen 335 Schotten halten, denn er trug das gewöhnliche hoch⸗ ländiſche Coſtüm in den Farben des Admirals, nur aus feineren Stoffen als gewöhnlich gewebt. Allein ſein Geſicht widerſprach dieſer Annahme gärzlich. Daſſelbe ſchien aus hellfarbiger Bronze zu beſtehen, ſo dunkel und glänzend war es, dabei hatte er lebhaft funkelnde ſchwarze Augen, und Zähne von einem ſo leuchtenden Weiß, daß man ihn in Folge aller dieſer Eigenſchaften wohl für einen Hindu halten konnte. Wir ſagten, er lächelte, und das that er wirklich über des Admirals Frage:„was haben wir für Wind?“ Denn dieſe Frage wurde faſt täglich an ihn gerichtet, obwohl nicht um der Belehrung willen, da ſein Herr beſſer als jeder Andere wußte, aus welcher Richtung der Wind wehe. „Wir haben eigentlich gar keinen Wind heute, Sir,“ erwiderte er noch immer lächelnd in ziemlich reinem ſchottiſchen Dialect,„ſehen Sie nur da, die See kräuſelt ſich kaum; wenn er aber einen Namen haben ſoll, ſo kann es nur ein Südoſt ſein.“ „Gut, gut, Joe, ich glaube Dir— was willſt Du ſonſt?“ „Herr Admiral,“ ſagte nun Joe Duncan ernſt, nes iſt ein Mann draußen, der Sie ſprechen möchte. Er iſt weit und ſcharf geritten, wie es ſcheint, denn 336 müdet aus.“ „Hat er Dir nicht ſeinen Namen genannt?“ „Nein, Sir Colin, er will ihn nur Ihnen ſelbſt nennen, ſagt er.“ „Laß ihn ein, laß ihn ein, Joe, und man ſorge unterdeß für ſein Pferd.“ Joe verſchwand auf einen Wink des Admirals wie ein Pfeil und zwei Minuten ſpäter trat Alan Ferguſon ein, dem man anſah, daß er den Liebes⸗ dienſt, den er Lionel Lowdale zugeſagt, mit Eifer ge⸗ leiſtet. Der Admiral, ernſt gegen Gleichſtehende, aber ungemein freundlich gegen Untergebene und Fremde, warf nur einen Blick auf den Eintretenden und er hatte ihn ſchon erkannt. Er ging daher raſch auf ihn zu und indem er ihm vertraulich die Hand hinreichte, rief er:„Ferguſon, iſt's möglich, ſeid Ihr es, mein alter Freund? O, wir haben uns lange nicht geſehen — wie geht es Euch, Eurer Familie— was macht die Pachtung am ſchönen Stack⸗See?“ Ferguſon, auf das Tieſſte gerührt durch dieſe ihn ſo ehrende herzliche Begrüßung, ſchüttelte die darge⸗ botene Hand warm und ehrerbietig, wollte ſich aber dann wieder beſcheiden einige Schritte zurückziehen, ſein Fuchshengſt trieft, und er ſelbſt ſieht leidlich er⸗ — — 337 als der Admiral ihm ſelbſt einen Seſſel hinrollte und darauf Platz zu nehmen bat. „Setzt Euch, Ferguſon,“ ſagte er,„Ihr ſeid müde, ich ſehe es, und wenn wir beſprochen, was Ihr auf dem Herzen habt, ſollt Ihr einen kräftigen Imbiß nehmen. Nun aber ſagt, wie geht es Euch?“ Ferguſon ſetzte ſich auf höchſt behutſame Weiſe auf den Sammetſeſſel, um ihn ja nicht zu beſchädigen, dann zog er die Beine dicht an ſich heran, legte ſeine woothen Hände auf die blauen nackten Kniee und fing, häufig ſtockend, von ſeinem Leben zu ſprechen an; als er aber die Aufmerkſamkeit des Admirals bemerfte und ſah, daß derſelbe wirklich Theil an ſeinem Geſchick nahm, ſprach er allmälig unbefangener und erzählte ihm ſein ganzes Leid vom vorjährigen Mißwachs, von dem vergeblichen Neujahrsbeſuch in Lowdale⸗Caſtle, bis er zuletzt auf den geſtrigen Tag kam und der Be⸗ gegnung mit Lionel Lomdale und ſeinem Freunde Er⸗ wähnung that. „Wie,“ rief Sir Colin Cameron mit einer faſt ſtrahlenden Freude,„Ihr habt geſtern Lionel Lowdale geſehen?“ „Geſtern, Sir, ja, und er bat mich, heute Mor⸗ gen mit Tagesanbruch nach Meanach⸗ ⸗Lodge zu kom⸗ men, die verſprochenen fünfzig Pfund in Eupinnd zu Der Leuchtthurm auf Cap Wrath. I. 338 nehmen und dann nach Glory⸗Craig⸗Hall zu reiten, um Ihnen eine Botſchaft zu bringen, die er eine ver⸗ trauliche nannte und die ich hiermit ausgerichtet zu haben denke.“ Damit reichte er den empfangenen Brief aus ſeiner Ziegenfelltaſche hin und ſetzte ſich wieder auf den koſtbaren Seſſel, den er noch immer mit ängſtlichen Augen betrachtete. Der Admiral hatte den Brief genommen und war damit an das Fenſter getreten. Er öffnete ihn haſtig und las mit Begierde und einem ſo regen Intereſſe, daß ſich alle ſeine Empfindungen auf ſeinem Geſichte ſpiegelten. Als er fertig war, legte er das Schreiben auf den Tiſch und ſagte: „Nun, Ferguſon, da habt Ihr mir eine freudige Nachricht gebracht und ich danke Euch herzlich dafür. Heute könnt Ihr nicht mehr zurück, alſo bleibt hier und pflegt Euch gut; morgen früh aber ſollt Ihr nach Meanach⸗Lodge zurückkehren mit einem Briefe von mir und meinem lieben Neffen und ſeiner Schweſter wie ihren Freunden die herzlichſten Grüße bringen. Ich werde Euch auch vier Pferde und zwei Hochländer mit⸗ geben, um die Lionel gebeten hat, dann mag er ſeinen Entſchluß ausführen, ſobald er kann. Ha! Das iſt ja ein freudenreicher Tag! Und Lionel, mein Neffe, hat Euch heute Morgen fünfzig Pfund gegeben, he?“ — „Ja, Sir Colin, das hat er gethan, und nun bin ich auf lange Zeit meine Sorgen los und kann ruhig auf den Ausfall der nächſten Erndte warten.“ „Ja, das könnt Ihr; aber ſeht, ich darf mich doch von meinem Neffen nicht beſchämen laſſen. Zwar bin ich nicht ſo reich wie er und habe auf keine große Erbſchaft zu hoffen, aber gerade jetzt bin ich bei Kaſſe und — da, da habt Ihr auch von mir fünfzig Pfund— für Eure Frau, Euern Haushalt— ſtill— kein Wort darüber und nun verlaßt mich und denkt an Eure Ruhe.— Joe!“ Joe, der vor der Thür ſtand, kam ſogleich herein und erhielt den Auftrag, für Mr. Ferguſon zu ſorgen und dann Mr. Waterford, den Kaſtellan von Glory⸗ Craig⸗Hall, zu ſenden. Ferguſon, ganz erſchrocken und faſt verdutzt über ſein merkwürdiges Glück ſeit dem vorigen Tage, wankte wie ein Trunkener dem vorangehenden Joe nach, und ſo war der Admiral wieder allein, der ſogleich an das Fenſter trat und den Brief ſeines Neffen noch ein⸗ mal las. Als er damit fertig war, ging er eine Weile ge⸗ dankenvoll auf und nieder und ſagte dann:„Das iſt der vernünftigſte Entſchluß, den der gute Junge faſſen konnte. Ha! Iſt es doch, als ob er meinen Wunſch, 22* ihn und Georgy zu ſehen, geahnt, oder als ob der gute Gott im Himmel meine Sehnſucht nach dieſen Kindern gewußt hätte und ſie nun befriedigen wolle. O, und die beiden edlen Menſchen, die ihm das Leben gerettet, hat er bei ſich? Prächtig, herrlich, das ſieht ihm ganz ähnlich und das gefällt mir mehr als irgend etwas Anderes, was er je gethan. So werde ich ſie denn auch kennen lernen.— Aber meinen Bruder, den Thomas, den begreife ich nicht. Was hat er denn gegen ſie, was kann er haben? Iſt er wirklich ſo ganz aus der Art geſchlagen, wie Polly ſagt? Wie kann er nur ſo unhöflich, ſo ungaſtlich, ſo ganz und gar ungentlemaniſch ſein? O Menſchen, Menſchen, ver⸗ fahrt Ihr noch immer in dem Lande der Civiliſation gegen einander wie die Wölfe und habt Ihr vom fort⸗ ſchreitenden Zeitgeiſt noch immer nicht die Liebe zu Euren Nächſten gelernt? Was nützt Euch Euer Reich⸗ thum, Eure Macht, Eure Ueberfülle an irdiſchen Gaben, wenn Ihr keinen richtigen Gebrauch davon zu machen verſteht?“ In dieſem Augenblick trat Charly Waterford, der alte würdige Diener des Admirals ein und beugte tief ſein graues Haupt vor ihm, dem auch er mit ganzer Seele ergeben war.„Sie haben befohlen, Herr Admi⸗ ral,“ ſagte er—„was ſoll ich thun?“ 1 „Ja, Charly, es iſt recht, daß Ihr kommt. Nun, alter Knabe, gilt es, einmal die Hände und Beine zu rühren. Das alte Glory⸗Craig⸗Hall hat lange genug öde und einſam geſtanden, jetzt wird es hier lebhaft genug werden. Freut Euch, Alter, wir erhalten Beſuch. Lionel und Georgy Lowdale, mein Neffe und meine Nichte kommen und bringen liebe Gäſte mit. Macht alſo Alles für ſie bereit; das Beſte, was wir haben, ſoll ihnen zu Gebote ſtehen.“ Ueber Charly Waterford's runzliges Geſicht flog ein heiteres Lächeln.„Das iſt ſchön, Sir,“ ſagte er, „ei, wie ſchön iſt es, und ich freue mich mit Ihnen! Nun, das alte Schloß ſoll zeigen, was es hat, und ich hoffe Ihre ganze Zufriedenheit zu gewinnen.“— Als der Kaſtellan den Admiral verlaſſen hatte, ſetzte ſich dieſer zum Schreiben nieder, denn er konnte ſeine Freude nicht länger ohne Ausdruck laſſen. Allein die frohe Bewegung ſeines Herzens war zu groß, um viele Worte machen zu können, und er ſchrieb daher Lionel Lowdale nur, wie glücklich ihn ſein Entſchluß gemacht, ihn mit Georgy und ihren Freunden zu beſuchen. Er erwarte ſie Alle mit der größten Sehn⸗ ſucht und ſie würden ihm um ſo willkommener ſein, je raſcher ſie kämen. Pferde und des Weges kundige Diener ſende er auch, alles Uebrige aber, namentlich die wichtige Angelegenheit der jungen Deutſchen, ſolle mündlich verhandelt werden. Als der Admiral dieſen Brief geſchrieben und verſiegelt, ging er, im innerſten Herzen befriedigt und vor Freude ſich die Hände reibend, auf und ab. Plötzlich aber ſtand er ſtill, ſann über etwas nach und lächelte heimlich. Dann verließ er mit raſchem Ent⸗ ſchluſſe die Bibliothek, ſchritt haſtig über einen langen Corridor nach dem öſtlichen Thurm und ſtieg munter wie ein Jüngling die ſteinerne Wendeltreppe nach den oberſten Gemächern deſſelben hinauf, wo er hinter einer kleinen mit dichter Friesdecke verhangenen Thür verſchwand, die ſich geräuſchlos öffnete und ſchloß. Erſt nach einer Stunde, als es bereits dämmerte, kam er mit befriedigter Miene aus dem Thurme zurück und befahl ſein Pferd vorzuführen, da er noch ſpazieren reiten wolle. Seine Freude war ſo groß, daß er ſie nicht im Zimmer verarbeiten konnte, und ſo ſollte eine tüchtige Bewegung ihm darin behülflich ſein. Er klei⸗ dete ſich daher mit Joe's Hülfe raſch zum Ausritte an und als er aus dem gothiſchen Portale des Schloſſes auf die Terraſſe trat, zu deren Füßen ſich der grüne Park tief hinab ausbreitete, führte man ſein Pferd heran, das muthig wieherte, als ob es ſich, wie ſein Herr, auf die bevorſtehende Bewegung freue. Dieſes Pferd war ein in ſeiner Art überaus ſchö⸗ nes und dabei ſeltenes Thier. Es war gerade an dem Tage vor ſechs Jahren geboren, als der Admiral zum letz⸗ ten Male ſeine Heimat beſuchte, und während ſeiner Abweſenheit hatte man es gezähmt und für ihn zugerit⸗ ten, da ihm die ſeltſame Zeichnung deſſelben außeror⸗ dentlich gefiel. Es war ein großer ſtarker Ponyhengſt, ein Schecke von merkwürdiger Elaſticität und Schnellig⸗ keit. Der Kopf und die Vorderfüße waren ſchneeweiß, Bruſt, Kreuz und Hinterfüße vom glänzendſten Dunkel⸗ braun. Die beinahe bis zur Erde fallenden welligen Mähnen und der den Boden fegende Schweif glitzer⸗ ten wie Silberfäden und dabei zeigte es Muth, Kraft und Geſchicklichkeit im Erklettern der ſteilſten Berge, ſo daß Sir Colin nie ein brauchbareres Pferd in ſei⸗ nem Beſitz gehabt zu haben erklärte. „Soll ich mitreiten, Sir?“ fragte der allezeit dienſtfertige Joe. „Nein, ich will allein ſein— beſuche ſo lange den Thurm, bis ich wiederkehre. Adieu!“ Und er ſtieg auf und trabte raſch den ſanften Abhang hinunter, während auf der Terraſſe alle Diener des Schloſſes ſtanden und ihm nachſahen, voll Freude über den trefflichen Herrn, den man lange nicht ſo heiter geſehen, wie an dieſem Tage. Der einige dreißig Meilen lange Weg von Glory- Craig⸗Hall bis zum Shin⸗See wäre für einen ſo rüſtigen Reiter, wie Alan Ferguſon es war, kein allzu ermüdender Tagemarſch geweſen, wenn er auf ebener Erde und gutem Boden geführt hätte, ſo aber mußten Felſen überklettert, Moore, Thäler und Furten durch⸗ ritten und ſteile, gefährliche Päſſe überſtiegen werden, und es war daher nicht zu verwundern, daß Reiter und Pferde ermüdet endlich am Ziele anlangten. Es ging gegen Abend, als Ferguſon das nörd⸗ lichſte Ende des Shin-Sees vor ſich liegen ſah, und eben wollte er ſich oſtwärts wenden, um nach der Furt des Tiagfluſſes zu gelangen, als er aus einem kleinen Thale von Norden her Lionel Lowdale und ſeine Schweſter mit ihren Gäſten hervorkommen und dem⸗ ſelben Ziele zueilen ſah, welches auch ihm vor Augen lag. Ein lautes freudiges Halloh! entſchlüpfte unwill⸗ kürlich ſeinen Lippen, und zum Zeichen, daß er ſeinen Auftrag glücklich vollendet, ſchwenkte er ſchon von Weitem die Mütze und trabte nun mit zufriedenem Lächeln dem jungen Edelmanne entgegen. Lionel ſeinerſeits ritt auch raſch auf ihn zu und in wenigen Minuten hatte er die angenehme Bot⸗ ſchaft empfangen, deren Ueberbringer der glückliche Pächter war. Ferguſon hatte Alles erzählt, was ihm 345 begegnet, wie er den Admiral getroffen und was ihm derſelbe geſagt, dann überreichte er den Brief, den Lionel in ſeiner Haſt, des Oheims Zeilen zu leſen, ſogleich im Sattel erbrach. Als er ſie raſch durchflogen, durchſtrömte ein wun⸗ derbar glückliches Gefühl ſeine Bruſt und er blickte dankbar freudig zum Himmel empor.„Da, Georgy,“ ſagte er,„lies und freue Dich! Ihr aber, meine Freunde, ſeid benachrichtigt, daß wir Alle auf Glory⸗ Craig⸗Hall willkommen ſind und daß unſer Oheim uns ſobald wie möglich erwartet.— IJetzt aber, Ferguſon, habe ich an Euch eine Frage zu richten. Wenn es das Wetter erlaubt, wollen wir morgen früh unſre Reiſe antreten, da wir bereits unſre Vorkehrun⸗ gen dazu getroffen haben. Jür die Damen jedoch würde der Ritt bis zur Durneß⸗Bai zu beſchwerlich für einen Tag ſein, wir müſſen alſo unterwegs eine Nacht raſten. Ich habe mir gedacht, daß die ſchöne Gegend um den Stack⸗See einen geeigneten Punkt dazu böte, und es fragt ſich nur, ob Ihr Raum ge⸗ nug in Eurem Hauſe habt, um uns Alle zu beher⸗ bergen, und ob Enre Frau geneigt wäre, uns eine Nacht aufzunehmen. Sprecht und ſagt Eure Meinung, aber ehrlich und offen, wie Ihr Euch ſtets gegen mich bewieſen habt.“ 346 Ueber Ferguſon's braunes Geſicht flog ein freu⸗ diger Schimmer und doch blickte eine gewiſſe Verlegen⸗ heit aus ſeinem blauen Auge hervor.„Ja, Sir, ſagte er nach einigem Beſinnen,„mein Haus iſt groß und geräumig genug, Betten und Hausgeräth habe ich in Ueberfluß, wenigſtens für die Damen, da mir nur das Geld für die Nahrung fehlte, und mein gutes Weib hat gewiß den beſten Willen, ſo vornehme Gäſte unter ihrem armen Dache zu bewirthen. Aber, Sir, Sie müſſen vorlieb nehmen mit dem, was es giebt und die Hochlande bieten— Haferkuchen, Honig und Fiſche habe ich wohl— auch ein junges Lamm—“ „O, o, Ferguſon, was denkt Ihr von uns,“ un⸗ terbrach ihn der Sohn ſeines Pachtherrn.„Für unſre Mahlzeiten werden wir ſelbſt ſorgen, darum braucht Ihr nicht zu bangen, und wie die Häuſer in den Hoch⸗ landen beſchaffen ſind, wiſſen wir auch. Es fragt ſich blos, ob Ihr uns aufnehmen wollt— behelfen wer⸗ den und können wir uns.“ „Sir!“ rief Ferguſon, wie beſchämt tief erröthend, nob ich will? O, ſagt doch das nicht! Es wird ja ein Segen für uns Alle ſein, wenn Sie kommen, und der Tag, an welchem dies geſchieht, ſoll nicht aus un⸗ ſerer Erinnerung verwiſcht werden, ſo lange wir leben.“ „Gut, gut, Ferguſon, ich verſtehe Euch. So laßt es beſchloſſen ſein. Ihr bleibt die Nacht hier und morgen früh führt Ihr uns auf dem beſten Wege nach dem Stack⸗See. Wollt Ihr das?“ „Beinahe, Sir, aber nicht ganz ſo. Ich werde bleiben und mein Pferd ruhen laſſen bis einige Stun⸗ den nach Mitternacht, wo der helle Tag in den dunklen Bergen anbricht. Dann aber werde ich vorausreiten und meiner Mary Ihre Ankunft melden, damit ſie ſich vorſieht und Alles in Ordnung hat, wenn Sie kom⸗ men. Die Hochländer hier vom Glory⸗Craig wiſſen die Wege ſo gut wie ich, verlaſſen Sie ſich auf ſie. So wie ich es ſage, wird es am beſten ſein, Sie müſſen das ſelbſt erkennen, nicht wahr, Sir?“ „Ja, Ihr habt Recht, es iſt beſſer ſo. Und nun kommt, Freunde, wir wollen noch eine Nacht in Meaa⸗-⸗ nach⸗Lodge ſchlafen und Gott um gutes Wetter für* unſere Reiſe bitten.“. 68 Alle ritten nun nach dem Schloſſe, wo Ferguſon und die fremden Hochländer ein gutes Unterkommen. fanden und auch die Pferde auf das Beſte verpflegt 8 wurden. Während aber die Damen und Arnold Tiefenſee ſich zu dem bevorſtehenden Unternehmen rüſteten, ging Lionel auf ſein Zimmer und ſchrieb folgende Zeilen an ſeinen Vater, die demſelben am nächſten Morgen nach ſeinem Erwachen überreicht werden ſollten: „Mein Vater! Georgy's und meine Anweſen⸗ „heit in Meanach⸗Lodge iſt Dir zur Zeit Deines Auf⸗ „enthalts hierſelbſt nicht angenehm geweſen und „unfrer Freunde Verweilen noch viel weniger. Es „ziemt mir nicht, nach den Gründen Deiner Mei⸗ „nung und Handlungsweiſe zu forſchen, und ſo ge⸗ „nügt mir in dieſer Beziehung Dein Wunſch und „Wille, den Du verſtändlich genug wiederholt gegen „uns ausgeſprochen haſt. Wir verlaſſen daher am „morgenden Tage Dein Schloß und ſetzen unſre „Reiſe weiter fort. Glücklicher und unerwarteter „Weiſe iſt Sir Colin Cameron, unſer theurer Oheim, „von ſeiner langen Reiſe nach Glory-Craig⸗Hall „zurückgekehrt und nachdem ich ihm unſre Anweſen⸗ „heit hierſelbſt gemeldet, hat er uns ſämmtlich ein⸗ „geladen, ſeine Gäſte zu ſein. Wir nehmen dieſe „gütige Einladung um ſo lieber an, da wir Dir „mit unſrer Entfernung von Meanach⸗Lodge einen „Gefallen zu erweiſen glauben. Georgy wird dieſen „Zeilen einige Worte beifügen. Was unſre Gäſte n„betrifft, ſo ſtatten ſie durch mich ihre Empfehlungen „ab, ich aber bin zu dieſem ſchriftlichen Lebewohl „genöthigt, da Du heute abweſend biſt und morgen „früh noch ſchläfſt, wenn wir bereits unterwegs ſein „müſſen. 349 „In der Hoffnung, Deine Zufriedenheit hiermit „erworben zu haben, grüße ich Dich und wünſche, „daß es⸗Dir bis zu unſerm Wiederſehen wohl er⸗ „gehen möge. Lionel Lowdale.“ Lord Lowdale ſetzte ſeine großſtädtiſchen Gewohn⸗ heiten, aus dem Tage Nacht und aus der Nacht Tag zu machen, auch in Meanach⸗Lodge fort. Er war mit ſeinem Gaſte erſt am ſpäten Abend von einer langen Jagd zurückgekehrt und am nächſten Morgen ſchlief er noch, als die Sonne ſchon hoch über den Bergen ſtand. Erſt nach zehn Uhr wurde ſeinem Kammerdiener durch die Glocke das Zeichen gegeben, daß Seine Herrlichkeit ihn zu empfangen bereit ſei, und nachdem derſelbe ſei⸗ nen gewohnten Dienſt verrichtet, überreichte er den Brief, den er von Mr. Donald zu dieſem Behufe in Empfang genommen. Der Viscount warf einen gleichgültigen Bl ic au den Brief, gähnte und legte ihn uneröffnet auf einen Tiſch. Dann, als ſeine Toilette vollſtändig geordnet, ſtellte er ſich an's Fenſter und Laute in den ſchönen Morgen hinaus. O ja, er war ſehr ſchön, aber half er ihm ſeine Langeweile vertreiben, die den guten Lord nur gar zu oft bis zum Sterben peinigte? Nicht im Geringſten, denn für gewiſſe träge, überſättigte Men⸗ ſchen ſchickt der liebe Gott ſelbſt ſeine himmliſche Sonne vergebens. Da fiel ihm plötzlich der Brief wieder ein, und 4 gleichſam in ihm eine neue Zerſtreuung hoffend, griff er danach, öffnete und las ihn. 3 Aber ach, was ſollte das für eine bittere Zer⸗ ſtreuung ſein! Wenn die Leſung jenes erſten Briefes, den er von ſeinem Sohne aus Deutſchland in Lowdale⸗Caſtle empfangen und worin er Kenntniß von deſſen Abſicht erhielt, Doctor Tiefenſee und ſeine Schweſter mit nach Schottland zu bringen, ihn in große Beſtürzung und Sorge verſetzte, ſo war die Wirkung dieſes letzten 1 Schreibens, daß Lionel nun mit ſeinen Gäſten zum 1 Admiral nach Glory-Craig-Hall gezogen ſei, eine bei⸗ nahe lähmende für ihn. Er ſaß längere Zeit, faſt athemlos, wie von einem unſichtbaren gewaltigen Schlage zermalmt, für den es kein Ausweichen gab, da; von den verſchiedenartigſten 3 Empfindungen quälendſter Art zerriſſen, ſtarrte er wie bewußtlos vor ſich* ꝑErſt allmälig kamen ihm einige Gedanken wieder, aber in keiner geordneten Reihen⸗ folge, ſondern ſie liefen wirr durch einander, was ſei⸗ 1 nen Geiſt, der nach Klarheit und Beſonnenheit rang,. nur noch mehr folterte. ———— 351 Endlich raffte er ſich zuſammen und ſeinen Schreck wie einen Fieberfroſt abſchüttelnd, that er ſich faſt Ge⸗ walt an, den verlorenen Faden ſeiner Gedanken wie⸗ derzufinden; als er ihn aber wiederfand, war die da⸗ mit verbundene Niedergeſchlagenheit faſt noch quälen⸗ der, als der vorhergegangene troſtloſe Zuſtand ſeiner Seele. Als aber auch dieſe Niedergeſchlagenheit endlich wich und ſeine Beſonnenheit mehr und mehr zurück⸗ kehrte, folgte zunächſt der Aerger, Aerger über ſich ſelbſt, daß er ſo lange unthätig geblieben, wo ſo viel Grund zur lebhaften Thätigkeit vorlag. O warum hatte er nichts zu ſeinen Gunſten gethan, lange bevor die Nachricht an Lionel gelangt, daß der Admiral— dieſer in ſeinem Edelmuth und ſeiner Menſchenliebe mehr als jeder Andere gefürchtete Mann— auf Glory⸗ Craig⸗Hall eingetroffen ſei? Und doch, was hätte er thun können? fragte er ſich in ſtummer Verzweiflung, und das war die erſte klare Frage, die er ſich vorlegte. *„Kann ich alle die Leute, die mir im Wege ſind, über die Gränze ſchaffen und aus dem Lande weiſen laſſen, da ſie ſo hartnäckig ſind und ſo wenig Neigung zeigen, meinen Wünſchen Folge zu leiſten? Sollte ich Ge⸗ walt gegen meine eigenen Kinder gebrauchen, die nichts Uebles thaten und nur dem Triebe ihres Herzens folgten, 352 und auch darin ein mir unvergeßliches Trauerſpiel I wiederholen? .„O, was iſt das für ein neuer, unerwarteter Schlag! 9 Die Lawine rollt unaufhaltſam den Berg herunter und fällt— ja, fällt mit ihrer ganzen Wucht auf meine eigne Bruſt. Ach, das iſt die Strafe für meine Härte, ſt meine grauſame Ungaſtlichkeit, ſie züchtigt mich ſchon jetzt— und was kann künftig noch kommen? Was ſe können im Grunde dieſe armen Menſchen, die ich er wirklich zu bedauern anfange, für die unſeligen Ver⸗ er wicklungen, in denen ich mich gefangen habe, füͤr das unzerreißbare Netz, das mein Unſtern mir über den Kopf geworfen hat, wie den Strick um den Hals des S Verbrechers? Und wie wird ſich das Alles löſen? An Wie? O, Sir Colin Cameron— ſieh mich nicht na mit Deinem milden Auge ſo freundlich an— ich er⸗ trage es nicht!— Alſo er iſt wirklich gekommen— un die See, der heiße Orient, die tauſend Gefahren, die kei ihn von allen Seiten umringten, haben ihn frei aus⸗ En gehen laſſen— er iſt da, wo er für mich am wenig⸗ ber ſten ſein ſollte— und ſie ſind jetzt bei ihm! Ein. Ge gräßlicher Gedanke! Und er hätſchelt ſie, er drückt fole ſie an ſein Herz— ſie ihn an das ihrige, wie ihren nen wirklichen Vater— und ich— ich kann es nicht unr hindern, kann nicht dazwiſchen treten, ſie von ſeinem 1 1 3 4 2 B 357 können,“ ſagte er endlich,„warum haben Sie ſich meiner Tochter nicht genähert, da die Gelegenheit ſo günſtig war?“ „Warum nicht? Das wiſſen Sie ſelbſt am beſten: weil Sie ſagten, daß die rechte Stunde noch nicht ge⸗ kommen ſei. O, Mylord, das ſind Ausflüchte—“ „Es ſind keine Ausflüchte, Sir— ich bin ſelbſt in einer bedrängten Lage.“ „O,“ erwiderte Mr. Poltroon nach einigem Be⸗ ſinnen,„für jede bedrängte Lage giebt es Mittel, um ſich daraus zu befreien. Handelt es ſich vielleicht um dieſe armſeligen Deutſchen?“ „O ja, um ſie handelt es ſich. Ich hätte ſie gaſtlicher empfangen und ſie mir, anſtatt zu Feinden, zu Freunden machen ſollen, das wäre klüger und viel⸗ leicht erfolgreicher geweſen.“ „Ihre Großmuth kommt zu ſpät, Mylord. Holen Sie ſie doch wieder und dann laſſen Sie mir Freiheit, nach meinem Gutdünken zu handeln. Es müßte ſchlimm ſtehen, wenn ich ſie nicht gewinnen und zu Dem bringen ſollte, was ich von ihnen wünſche. Sie ſind arme Teufel, und alle armen Teufel ſind käuflich, wenn man das Geld im rechten Momente und in angemeſſener Fülle giebt.“ Der Lord athmete auf, obgleich er in dieſem 358 Falle nicht ſo recht an die Maxime Mr. Poltroon's glauben wollte. Dennoch ſah er in der Ferne einen Schimmer von einem Ausweg und es war möglich, daß er zum Ziele führte.„Käuflich!“ brummte er nachdrücklich vor ſich hin.„Der Rath ließe ſich hören. Aber dazu gehört Geld, viel Geld und— Sie wiſſen es ja— ich habe keins.“ „Aber ich— ich habe es. Laſſen Sie mich end⸗ lich meine lange gehegten Pläne gegen Ihre Tochter ausführen, geben Sie Ihre Einwilligung zum Handeln — und das Geld ſoll Ihnen nicht fehlen.“ Viscount Lowdale athmete noch freier. Der Schimmer zum Ausweg wurde ein Licht, es gab eine Möglichkeit, daß ſeine Tochter ihn vor ſeinem Sohne retten konnte und daß er die Deutſchen los würde, wenn die Meinung John Poltroon's, daß ſie als arme Teufel käuflich ſeien, eine Wahrheit war. „Ich gebe Ihnen meine Einwilligung, nach Gut⸗ dünken zu handeln,“ ſagte er matt.„Ja, verſuchen Sie Ihr Heil, ich halte die Zeit trotz dieſes Zwiſchen⸗ ſpiels mit den Deutſchen für gekommen. Gehen Sie alſo nach Glory⸗Craig⸗Hall und operiren Sie da, ich will Sie hier oder wo anders mit aller Geduld erwarten.“ Wie, noch höher nach dem Norden hinauf ſoll ich:z an das Meer da oben? Dazu habe ich wenig Luſt.“ 359 „Dann bedaure ich, daß ich nichts An. kann. Laſſen Sie uns nur in Ruhe überlegen, und wie wir es thun können.“ Mr. Poltroon zeigte ſich trotz ſeiner Abneigung, nach dem Norden zu gehen, zu dieſer Ueberlegung bereit und die beiden Herren ſaßen wohl eine Stunde beiſammen, berathſchlagten und faßten endlich einen Plan, den John Poltroon nach beſten Kräften auszu⸗ führen verſprach. Als ſie aber ſo weit gelangt, erinnerte den jüngeren Mann, deſſen Intereſſe bei Weitem nicht ſo auf dem Spiele ſtand, als das des Lords, ſein Appetit, daß man das Frühſtück ungebührlich verzögert habe, und man begab ſich in das dazu beſtimmte Zimmer, wo jedoch Mr. Poltroon faſt nur allein ſpeiste, wäh⸗ rend der Viscount ihm ſchweigend und ſinnend gegen⸗ über ſaß und nur eine Taſſe Thee trank, was ihm vielleicht noch nie im Leben begegnet war, denn er war ein Mann vom beſten Appetit, ein Feinſchmecker, und die Stunden ſeiner Mahlzeiten waren ihm ſonſt die liebſten Stunden des ganzen Tages. Als ſie ſich aber endlich trennten, begab ſich Jeder von ihnen auf ſein Zimmer und als Mr. Poltroon ſich allein ſah, lachte er laut und höhniſch auf und ſagte: 4 „Dieſe Viscounts, Grafen und Barone, un: vas 360 Falle nicht Titel ſonſt noch beilegen mögen, ſind doch glaubenne Schlucker und ſo jämmerliche Menſchen, Se alle übrigen Habenichtſe. Haha! Mylord will gar nichts in dieſer Sache thun, obgleich er allein den Gewinn trägt, wenn ſie glückt. Mit ſeinen er⸗ bärmlichen Verſprechungen allein glaubt er genug ge⸗ than zu haben. Mir dagegen bürdet er alles Uebrige auf, ich ſoll nicht nur für mich, ſondern auch für ihn die Kaſtanien aus dem Feuer holen. Ich merke es wohl, bei Gott! Nun, verſuchen will ich es— es lohnt ſich ſchon der Mühe um der zweimalhundert⸗ tauſend Pfund willen, die er meinem Vater— alſo künftig mir— ſchuldig iſt, und die wir 1hm nicht laſſen können. Außerdem aber“— und er brüſtete ſich dummſtolz und betrachtete ſeinen rothen dicken Kopf in dem Kaminſpiegel—„iſt die Ausſicht auf die Verwandtſchaft mit einer alten Lordsfamilie auch nicht zu verachten, und habe ich erſt die Tochter eines Viscounts zur Frau, werde ich am Ende auch noch einer. Wer weiß es! An der ſtolzen Dame ſelbſt iſt mir ſehr wenig gelegen, ſie ſpreizt ſich zu ſehr und ſcheint keine große Luſt zu haben, für's Erſte eine Mrs. Poltroon zu werden. Nun, das macht ſich väelleicht. Einhundertundſechszigtauſend Pfund Rente ſind eine ganz hübſche Summe, ſelbſt für eine ſo hoch