Buches wird von iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 1 1 3.(aution. Unb ekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, ine dem Werthe deſſelben entſprechende 1e hinterlegen, elche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für wöchentlich 25 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— Bucher⸗ 1 Mk.= Pf. 1 Nr. 50 Ff. 2 Nr. Pf. 5 3 . 8 4 I. 3 „ 1b 9 . . . 4 3 3 1 8 Aus dem 6 Reiſetagebuche eines Arztes. Vom Verfaſſer des Inſelkönigs. (Philipp galen.) . VBierter Band. A5 5 ⁴ Leipzig, 3 Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 8 5 4. — 5 471 3 — . 2 3 — — Aℳo4. 7. 7o Eine glückliche Rur. Wenn ſich Jemand genau in meine Lage ver⸗ ſetzt und ſich mein langes Streben nach einem heiß⸗ erſehnten Ziele auf ſo ungewiſſen und trügeriſchen Spu⸗ ren vorſtellt, dann ſich aber meine Unruhe vergegen⸗ n wärtigt, als ich, halb verzweifelnd an einem glück⸗ lichen Erfolge, plötzlich und unerwartet in den Mit⸗ telpunkt meines Begehrens und meiner Anſtrengungen mich verſetzt ſah, dann kann er ungefähr das begrei⸗ fen und empfinden, was in mir bei dieſem ſchnellen Glückswechſel vorging. Ich befand mich in einem freundlichen kleinen Ge⸗ mach im Erdgeſchoß des Hauſes mit Sir Robert al⸗ lein; das helle Licht einer Sinumbralampe fiel ſchan ar Kachnend auf die ſtattliche aber gebeugt 5 igur d ehrenwerthen, ehemaligen Pfarrers. Ach! wie tref⸗ fend und genau hatte Percy ihn mir geſchildert! Würde, menſchenfreundliche, gedankenvolle Würde lag in ſei⸗ ner Miene und in ſeiner Haltung. Aber die Jahre und die mannichfachen Leiden, die über ſeinen Scheitel dahingegangen und ſeine Haare gelichtet, hatten auch dieſe feſten, männlichen Züge, zwar nicht abgeſpannt, aber doch weicher, ich möchte ſagen, wehmüthig ge⸗ macht. Ein Ausdruck tiefen Schmerzes lag in den ehrwürdigen Falten um ſeinen Mund, und ſein ſonſt ſo freundlich blickendes, wohlwollendes Auge ſchaute mich ernſt mit dem ſtill getragenen Bewußtſein ſeines verlorenen Glückes an. Er trug ein langes, ſchwarz⸗ ſammetnes Hausgewand, welches ſeiner hohen Figur etwas Impoſantes verlieh, aber ſeinen Schultern ſchien eine unſichtbare und zu ſchwere Laſt aufgebür⸗ det zu ſein, denn ſie hingen etwas nach vorn gebeugt, ſo wie auch ſein leicht geſenkter Kopf eine gewiſſe Er⸗ gebung andeutete, die bei ſeinem ſtillen Weſen eben ſo natürlich wie würdevoll erſchien. Was mir aber auf den erſten Anblick die feſte und freudige Ueberzeugung gab, Sir Robert Graham's Geiſt und Herz erliege noch nicht den Schlägen ſeines Geſchicks... das war die freie, kräftige, männliche Stirn, auf deren reiner und breiter Wölbung das feſteſte Gottvertrauen, r die kidlichſte aber zugleich entſchloſſenſte Ergebung in des allmächtigen Schöpfers unabänderlichen Willen thrmten. —Sie ſind ſehr gütig, mein Herr,— fing er mit einem Tone zu reden an, der etwas unge⸗ mein Anſprechendes und Wohllautendes an ſich hatte. — Sie ſind ſehr gütig, daß Sie ſich noch ſo ſpät auf meine Bitte zu mir bemühen... ich danke Ihnen herzlich dafür. Und er reichte mir noch einmal ſeine Hand hin. Ich war entſchloſſen, ihn ſogleich aus ſeinem Irrthum zu ziehen, denn es drängte mich, die Mi⸗ nuten ſeines Leidens abzukürzen und ihm ſchnell Alles zu bekennen, obgleich ich mir vorgeſetzt hatte, bei meinen Enthüllungen mit aller möglichen Vorſicht zu Werke zu gehen. Ich erwiderte daher ohne Zögern: — Sie irren ſich in mir, Sir Robert! Ich bin nicht ſo glücklich, durch Ihre Bitte hierher gerufen zu ſein... was ich gethan, habe ich aus ei⸗ genem Antriebe gethan, denn... ich ſuche Sie ſchon längſt... Er ſah mich verwundert an und verſetzte: Wie? Sind Sie nicht der Herr Doktor.. aus E.. 2 — Ich bin wohl ein Arzt,— erwiderte ich— aber weder heiße ich... noch bin ich aus C.. Ich komme weiter her... Er wollte mich unterbrechen, aber ich legte neine Hand ſanft auf ſeinen Arm und fuhr fort: — Ich muß ſogar um Entſchuldigung bitten, den Alrzt aus C.. fortgeſchickt zu haben, aber ich glaube, (Sie werden mir, obgleich Sie mich weder gerufen 8 gend einem anderen Arzte, und ich werde im Stande ſein, Ihnen und wer es von Ihrer Familie ſei, der des ärztlichen Beiſtandes bedarf, am Leichteſten helfen zu können. DdieEeſe mit einem beſtimmten Ausdrucke und etwas laut geſprochenen obgleich ſeltſam klingenden Worte 6 machten einen noch ungewiſſen doch ſichtbaren Ein⸗ druck auf ihn. Er ſah mich in der That höchſt er⸗ ſtaunt an und verbeugte ſich, faßte ſich aber ſogleich wieder und ſetzte mir einen Stuhl hin, indem er mir mit der Hand winkte, Platz zu nehmen. Den Stuhl ablehnend fuhr ich fort: — Ich werde mich nicht eher ſetzen, bevor ich Ihnen nicht das Wichtigſte, was ich für Sie auf 5 r ſprechen. Zur Sache denn... Sir Robert 4 Graham! ich brauchte nur ein Wort zu ſprechen oder nur einen Namen zu nennen und Sie würden mir glauben und mich beſſer verſtehen, als alle die uner⸗ forſchlichen Schickſalsſchläge, die ſeit vier Jahren über Ihr Haupt hingegangen ſind. — Der Mann faltete ergebungsvoll die Hände und blickte mich, immer noch ſchweigſam, auf das Höchſte betroffen an... — Ja!— fuhr ich fort— Sie kennen mich nicht... aber ich kenne Sie... ich ſuche Sie ſchon ſeit neun und zwanzig langen Tagen... Sie ware einſt Pfarrer auf Codrington⸗Hall... Ihre kranke Tochter heißt... Ellinor... ich komme aus der Grafſchaft. Dunsdale... Wie, Sir? iſt heute kein 1 Bote zu Ihnen gekommen, der einen Fremden bei Ih⸗ nen ſuchte oder ankündigte? h — .* ₰ 1 1 ... Ach! ich werde nie den Ausdruck des Blickes 1 vergeſſen, mit welchem er in dieſem für mich köſtlichen Augenblicke nach jedem ferneren Worte von meinen Lippen gleichſam zu ſchnappen ſchien... er ſtand vor mir... die Hände ause. m offenen Munde, und ſagte — ſchien Sprache verloren zu haben, denn das ſtaun der freudige Schreck und viell ticht 4₰ innerungen kamen zu ſchnell über ihn und erſchütterten 1 ihn zu heftig. 4— Hal der Brief!... ſtammelte er endlich— Ja! 5 daher ja meine Verwunderung, meine der räthſelhafte Brief! heute Morgen... 1 Beſtürzung, 1 meiner Tochter Beſorgniß, daher auch die plötzliche Verſchlimmerung ihres Leidens... A„ Und in ſene Bruſttaſche grefend, Brief hervor und übergab ihn mir. 3— Iſt er auch wirklich an Sie, Sir?... ja, ja, er iſts... ich ſehe es... ach! wie hat er mich verwundet! ich konnte leider über den Fremden keine Auskunft geben und der Bote ging wieder fort... Ich hielt den Brief in meiner Hand, den ſehn⸗ lichſt erwarteten und ſo lange geſuchten, hob ihn em⸗ por und ſagte: — Mein theurer Si zog er den r Robert Graham! Obgleich ich⸗mich freue, dieſen Brief bei Ihnen zu finden, ſo brauche ich ihn jetzt doch nicht mehr... in ihm liegt ohne Zweifel der Brief, den Ihre Tochter vor nicht langer Zeit in Dunsdale⸗Caſtle an Percy, Vis⸗ count von Dunsdale, ſelbſt abgegeben hat... u alles das... — Ha! rief er— und wos — Wozu alles das?.. Danken Sie Gott mit Sir! Alles das dazu, * mir. weil ein allmächtiger, vergeltender Gott im Himmel iſt... weil das Ende Ihrer Schmerzen gekommen, Ihre Nacht vorüber und die Sonne neuer entzückender Freuden aufgegangen iſt... alles dies dazu... damit Sie wiſſen, daß Percy, Viscount von Dunsdale von ſeinem Tode er⸗ ſtanden, weil... weil ich im Stande bin, mit ei⸗ nem Worte Sie zu dem glücklichſten Menſchen zu ma⸗ chen... begreifen Sie nun, Sir, warum ich der beſte Arzt für Ihre Tochter bin?... Ich ſehe ihn noch vor mir ſtehen... ſeine erſte Bewegung war die, auf die Knice zu fallen... dann wollte er aus dem Zimmer ſtürzen, wahrſchein⸗ lich Ellinor zu benachrichtigen, ſogleich ſich aber be⸗ ſinnend, kam er ſchnell auf mich zu, und mich in die Arme ſchließend und an ſeine Bruſt drückend ſagte er bloß: — O mein Gott!... o mein Gott! Und weiter nichts.. *.*.**** ſt Der erſte, igſte 1 heftigſte Sturm der Freude, der Ueber⸗ raſchung und des Da kgefühls gegen Gott, den Ur⸗ heber alles Glücks 46 Erden, ging vorüber unde nui 4 bei Sir Robert einer ſtillen Grhehung u und einet 1 —. — geren Empfindung deſſen, was vorgegangen war, bei mir aber der Ueberlegung, was nun geſchehen ſollte. Sir Robert überwand den betäubungsartigen Zu⸗ ſtand, in den ihn meine Nachrichten verſetzt hatten, bald, er fand ſich und ſeinen männlichen Geiſt wie⸗ der, und nach einer kleinen Weile ſaßen wir neben⸗ einander, er meine Hand in der ſeinigen haltend, und ich erzählte ihm kurz und raſch alle Begebniſſe, wie ſie mir ſelber in ſo gedrängter Folge in dem kur⸗ zen Zeitraum von zehn Wochen begegnet waren, wie ich Percy kennen gelernt... aber nicht wo, denn das durfte ich ihm noch nicht ſagen... wie ich ihn liebgewonnen und er mir ſein Vertrauen geſchenkt und ſeine Geſchichte mitgetheilt, dann, wie ich ihn, Sir Robert Graham, und ſeine Tochter mit Bob geſucht unnd nicht gefunden, wie ich nach Dunsdale⸗Caſtle gekommen, und jener Brief verloren gegangen ſei... auf wie merkwürdige Weiſe ich dann den Marquis ge⸗ wonnen und was ich bei ihm ausgerichtet;... wie ich nun endlich zu des verſtorbenen Sir Williams ver⸗ kauftem Landſitz gelangt und, ohne alle Nachiicht, nur der dunklen Spur des Boten von Dunsdale ge⸗ folgt war, dieſelbe wieder verloren hatte und ſo end⸗ lich in dieſe Gegend gekommen ſei, wo ich beinahe, 8 c, r..... 8 7 an dem Erfolge verzweifelnd, einzig und allein dur die Lieblichkeit der Gegend und eine innere unbegreifli⸗ che Regung länger aufgehalten worden und ſo Sir Robert gefunden hatte.— — Und ſo— ſchloß ich— war es nicht die Vernunft oder der klügelnde Verſtand der Menſchen, nicht das Glück oder der ſo oft geprieſene Zufall, wel⸗ cher mich ſicher zu Ihnen geführt, nein! es war der Inſtinkt eines Thieres, der mich hierher geleitet, denn der Hund Othello hat das Pferd Bravour und das Sattelzeug ſeines Herrn erkannt⸗ ſeines Herrn, den er vier Jahre nicht geſehen und deſſen Andenken den⸗ noch nicht aus ſeinem Gedächtniß und ſeinen Sinnen gekommen iſt. — Ah! Bravour iſt da... und Bob, der Knabe iſt da... laſſen Sie mich ſie ſehen... Sir, ich muß Alles greifen und fühlen, damit ich das Unglaub⸗ 8 liche glauben und das Unmögliche für möglich halten kann. Ja, kommen Sie... ich muß Alles ſehen ... und... und Zeit gewinnen, zu überlegen, wwie ich es ihr... ihr beibringen ſoll... Und Sir Robert Graham, über das unerwartete Wiederauftauchen Percy's beinahe außer ſich, zog mich in ſeiner Freude faſt mit Gewalt aus dem Zimmer . mach dem Hof, in den Stall, wo Bravour und Puk, der kleine braune Wallach gaſtfrei untergebracht wa⸗ . 8 Heu aus dem fruchtbaren Thale ſchmecken ließen. Erſt nachdem er mehr als zwanzig Mal das edle, treue Pferd geſtreichelt, beim Namen gerufen und ſich über⸗ zeugt hatte, daß es auch der wirkliche Bravour ſei und nachdem er dem guten Bob dreimal die Hand geſchüttelt hatte, hörte er auf die Worte eines Die⸗ ners, der ihm den Wunſch ſeiner Tochter überbrachte, zu ihr ins Herrenhaus zurückzukehren. Dennoch riß ſich der alte Mann nur mit Gewalt von dem unge⸗ wohnten Entzücken los, ohne daß es ihm jedoch ge⸗ lang, Othello mit ſich zu nehmen, der dicht bei Bra⸗ vour an der Krippe lag und ſich nach ſo langer Tren⸗ nung nicht mehr von ihm entfernen zu wollen ſchien. 5 So kehrten wir denn in das Haus zurück und traten in das Zimmer, welches wir ſo eben verlaſſen hatten. — Ach! was fangen wir nun mit dem armen Mädchen an?— fragte er mich beſorgt— ſie iſt ſehr leidend! — Ueberlaſſen Sie dieſe Sorge mir— erwiderte ich— mir ganz allein; wir müſſen zwar vorſichtig zu Werke Ae. aber doch ſchnell zum Ziele kommen hr nur einen Augenblic das große Glück vorenthal⸗ ren, und, in wollene Decken gehüllt, ſich das duftende tein, warum wir noch zögern und mit mir zugleich an dem Ziele meines Strebens an⸗ gelangt war und welches ich ihr unerbrochen zuſtellen wollte. Später jedoch erfuhr ich, daß ſie in demſel⸗ ten wollen, welches das entſetzliche Elend, das ſie er⸗ litten hat, auf der Stelle aus ihrer Erinnerung ver⸗ löſchen wird. Jedoch will es mir ſcheinen, daß es beſſer iſt, wir laſſen ſie ſelbſt und allein aus undeut⸗ lichen Bemerkungen, die wir fallen laſſen, zu einem richtigen Bewußtſein der Gegenwart kommen, als daß wir es ihr gerade heraus ſagen... ſo wird ſie es weniger erſchüttern... laſſen Sie mich nur ma⸗ chen, ich habe ſchon meinen kleinen Plan... Und nun,— fuhr ich fort, indem ich Ellinor's Briefe, die ich an verſchiedenen Orten gefunden hatte, hervor⸗ nahm, und den, welchen ich ſo eben erſt erhalten, erbrach— nun laſſen Sie mich, bevor Sie zu Ihrer Tochter gehen und meine Ankunft melden, ſchnell dieſe Zeilen überleſen, dann aber, nachdem wir beide hin⸗ reichend gefaßt ſind, wollen wir uns zu ihr verfügen und ſehen, was wir ausrichten können. In dem Einſchlag des an mich vom Haushof⸗ meiſter zu Dunsdale⸗Caſtle überſchriebenen Briefes, fand ich Ellinor's letztes Schreiben an Percy, welches ben Percy von dem. Verkaufe des alten Landgutes ih⸗ — res Oheims und ihrem neu angekauft jetzigen Wohn⸗ — 16— orte unterrichtete, ohne ihm jedoch die Gründe dieſes Wohnungswechſels anzugeben. Jedoch vernahm ich, 1 daß meine Muthmaßung richtig geweſen war, daß nämlich Ellinor und ihr Vater durch die ihnen früher uunbekannt gebliebene Nähe des Landſitzes Mylord Sey⸗ mour's zu ihrer Auswanderung ſich bewogen gefühlt 4 hatten. Aus dem Schreiben des Haushofmeiſters erfuhr ich dagegen, daß Mrs. Trallope den Brief Ellinor's, um ihn recht ſicher aufzubewahren, in das Kopfkiſſen ihres Bettes geſteckt hatte, daß ſie dies aber in ihrer Zerſtreutheit vergeſſen und das wichtige Dokument zu ihrem Schrecken aber auch zu ihrer Freude, erſt bei dem Wechſel der Bettwäſche entdeckt habe, welches mir nnun ſogleich, wie ich befohlen hatte, nachgeſendet wor⸗ den war. Jetzt aber, meine drei Briefe wieder einſteckend, 4 ſagte ich zu Sir Robert: 1 — Ich bin fertig, Sir! Gehen wir an unſre heutige letzte, leichteſte und ſchönſte Aufgabe! 4 Robert Graham öffnete die Thür zu einem Zim⸗ mer, welches dasjenige, in dem wir uns eben auf⸗ hiielten, mit Ellinor's Kabinet verband. Ich trat ihm leiſe nach, denn die Thür zu die⸗ geſchmackvoll eingerichtete Zimmer war von zwei Lam⸗ pen ziemlich hell erleuchtet. Ich ſetzte mich ſogleich lautlos auf eine Ottomane, die in der einen Ecke ſtand, um ein ungeſehener Ohrenzeuge von dem zu ſein, was jetzt zwiſchen Vater und Tochter vorging; aber ich wollte auch... und warum ſoll ich es ver⸗ ſchweigen?... das Klopfen meines Herzens zu be⸗ wältigen ſuchen, welches, ſobald ich mich in Ellinor's Nähe wußte, ſo ſtark geworden war, daß ich es bei⸗ nahe hören konnte. 2 4 Ich ſaß und gab dem Vater einen Wink, zu ſei⸗ ner Tochter hinein zu gehen; er aber zauderte, denn auch ihm mochte die Bruſt von den mannigfaltigſten Gefühlen zum Zerſpringen voll ſein, die zu bemeiſtern dem alten bewegten Manne Mühe und Ueberwindung koſtete. Noch immer ſtand er vor mir und fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, als wüßte er nicht, wie er beginnen ſollte, mit der andern ſtützte er ſich auf einen Tiſch... ſein Auge aber leuchtete und ſeine Bruſt athmete tief auf... 1 — Vater!— rief es aus dem Nebenzimmer— Vater! biſt Du da?... Wo bleibſt Du ſo lange? ... So komm doch herein!... Ach! der Klang dieſer Stimme war Muſit mein Ohr. Rein und klar wie der ſchönſte K. Der Irre von St. James. 4. Band. 2 ¹ — ton, den der ſäuſelnde Wind der goldenen Saite ent⸗ lockt, ſchmiegte ſich dieſer Ton mächtig und innig an jedes fühlende Herz an... Percy! jetzt konnte ich begreifen, wie dieſe Stimme beruhigend ſich an Dein Herz gelegt hatte, als ſie Dir damals im grünen Walde harmoniſch entgegenklang, da Du, vernichtet vor der ganzen Welt, eines Engels Stimme, zu Dei⸗ nem Troſte geſendet, zu hören glaubteſt... O! die Gottheit vermag doch reiche Gaben zu verleihen! Wie ſchön iſt die menſchliche Stimme an ſich! Wie gewal⸗ tig aber und wie allmächtig oft wird ſie, wenn ſie, über die Lippen eines Heroen der geiſtigen Welt tö⸗ nend, Wahrheit, Recht und Freiheit verkündet, oder wie lieblich und ſiegreich wird ſie, wenn ſie aus der unergründlichen Tiefe eines liebenden weiblichen Her⸗ zens heraufklingt, und, Worte der Liebe und Hinge⸗ bung flüſternd, den ſüßeſten Rauſch über die Seele ergießt, den unter den Sternen der glückliche Menſch empfinden kann!... * Ich lauſchte dieſen ſanften, klagenden Tönen, ich bog mich vor, um jedes Beben derſelben zu erhaſchen und auch nicht den kleinſten Laut davon zu verlieren. ch bin ſchon da, Kind!— antwortete ihres Vaters friedliche aber nicht mehr wie ſonſt ſo feſte +— — 8 Stimme, denn Sir Robert konnte noch immer nich die Bewegung ſeines Herzens überwinden. — Was iſt denn mit dem Othello?— fuhr ſie fort— er hat ja geheult, wie er es lange nicht that ... iſt Jemand gekommen?* Sir Robert Graham ging jetzt in ihr Zimmer hinein und ſetzte ſich, wie ich hören konnte, auf einen Stuhl, der wahrſcheinlich vor ihrem Lager ſtand. — Der Arzt iſt gekommen, Ellinor... und dem iſt er entgegengeſprungen... er kennt ihn vielleicht ...— fügte er mit unſicherer bebender Stimme hinzu. — Der Arzt? und warum ſagſt Du das ſo ſon⸗ derbar?... Nein, nein, das iſt es nicht... Du verſchweigſt mir etwas... wie? mir verſchweigſt Du etwas?... Gieb Deine Hand... ol... ſie zittert!... Was iſt geſchehen, Vater,... ö ſprich, ich bitte Dich... Du biſt bewegt... — Ja, ich bin es, ich bin bewegt... ich kann es nicht läugnen, meine Tochter... aber Du weißt ja, was mich den ganzen Tag bewegt hat und... jetzt mehr als ſonſt... — Und warum? und wo iſt der Arzt? — Ich bin hier!— ſagte ich langſam, den mey daß ſeine Faſſung ſchwinde und daß er nicht mehr wiſſe, was er ſagen ſolle, und da ich fürchtete, er werde eine übereilte Entdeckung durch ſein Benehmen herbeiführen, hatte ich mich leiſe der Schwelle genä⸗ hert, war jedoch noch den Blicken des Vaters und ſeiner Tochter verborgen... — Ach, Sir! rief hier ſchnell der alte Gra⸗ ham— kommen Sie herein... ſie glaubt es ſonſt nicht... Und ich trat hinein... das Zimmer war bei⸗ nahe ſo hell erleuchtet wie das erſte... Auf einem Ruhebett lag eine Geſtalt, ach! welche Geſtalt?... Perey! wäreſt Du an meiner Stelle geweſen,.. und haͤtteſt Du doch auch dieſen Anblick gehabt! Ein weißes, zartes Mouſſelinkleid... weiß war ſchwarzen Schleifen geziert, denn die Trauerzeit um entblößt, die ſchönſten gerundetſten Formen zeigte. Aber dieſer Kopf... wie ſoll ich den beſchreiben? . die menſchliche Schönheit läßt ſich ja eben ſo ihre Lieblingsfarbe in der Kleidung... noch mit wenig mit Worten beſchreiben wie mit dem Verſtande den verſtorbenen Oheim war noch nicht vorüber, um⸗ hüllte dieſe ſchöne, elaſtiſche Geſtalt bis zur Hälfte des glänzenden, ſanft gebogenen Halſes. Ihr Kopf war auf einen Arm geſtützt, der, bis zum Ellbogen begreifen... dieſer Kopf, umfloſſen von einem dih⸗ 8 ten Geringel der uppigſten, hellbraunen Locken, die wie Seide glänzten, zeigte eine ſo vollendete Schön⸗ heit in ſeiner ovalen Form und in der Art und Weiſe, wie er dem Körper angefügt war, daß ich nicht allein überraſcht, ſondern faſt geblendet daſtand. Aber wie ſchön auch die feine, leicht gebogene Naſe, wie ſchwel⸗ lend und reizend der roſige Mund mit den halb ge⸗ öffneten, den tiefen Schmerz ihres Buſens verrathen⸗ den Lippen, wie ſchwimmend dieſe ſanften, großen, blauen Augen waren... nichts ging über den Aus⸗ druck, der auf dieſem warmen, jetzt zwar bleichen aber wie aus Marmor gebildeten, halbdurchſichtigen Antlitze und in dem ſchmelzenden Blicke dieſer Augen lag. Wenn es möglich wäre, eine ſchöne Seele ver⸗ körpert ſich zu denken, hier war ſie es! Der ganze, tiefe, unheilbare Schmerz des verwichenen Lebens lag auf dieſen offenen und kindlühen ine aber auch die ganze ernſte Tiefe, der Adel, die ſtand hafte Weib⸗ lichkeit einer edlen Seele ſprach 8 in jeder Miene, in jedem kleinſten Zuge dieſes wundervollen Antlitzes aus. Ja, ich war von einer Schönheit geblendet, die ich mir groß, hinreißend, unvergleichlich vorge⸗ ſtöllt hatte, die ich mir aber in einer ſo kigen chen und bewunderungsvollen Weiſe nie hatte denken können, vielweniger aber je geſehen hatte. Doch dieſe flüchtige Betrachtung, die ich ſo eben aus der Erinnerung niederſchreibe, konnte ich bei Wei⸗ tem nicht in dem erſten Augenblicke meines Eintretens anſtellen, erſt nach und nach kam ich dazu, denn Elli⸗ nor nahm ſogleich auch meine Gedanken in Anſpruch, und ich war genöthigt, mich ſchnell aller der Umſtände zu erinnern, die mich zu ihr geführt hatten. Ich weiß nicht, wie es kam; aber waren die Muskeln meines Geſichts meinem Willen nicht unter⸗ than,— oder ſprachen meine Mienen ohne mein Wiſ⸗ ſen aus, was in meinem Herzen vorging... genug! ihr Blick heftete ſich, immer tiefer und tiefer dringend, mit einer eigenthümlichen Schärfe auf mich, und die⸗ ſer Blick war fragend und ſich ſelbſt die Antwort ge⸗ bend zugleich, denn ſie las mich nicht allein, ſie ſchien — mich zu ſtudiren und meine innerſten Gedanken auf die äußere Oberfläche meines Seins heraufbeſchwören zu wollen. 5 Sir Robert Graham ſtand von dem Stuhle vor ihrem Lager auf und winkte mir, darauf Platz zu neh⸗ men... ich ſetzte mich mechaniſch... denn ich fühlte meine Füße unſicher treten, meinen Kopf ſchwin deln und alle meine Pulſe klopfen... 25— Ja, Miß Graham— ſagte ich abſichtlich, um mich noch nicht zu verrathen— Ihr Arzt iſt hier und er freut ſich, Gelegenheit zu haben, Ihnen hel⸗ fen zu können, obgleich er bedauert, daß ſein Erſchei⸗ nen nöthig war. 2 — Ich weiß nicht— erwiderte ſie... noch im⸗ mer den Blick unverwandt auf mich gerichtet— ich weiß nicht, Sir, aber... aber Ihr Geſicht wie auch das des Vaters... iſt mir unerklärlich... doch nein... ich irre mich wohl... gewiß, ich irre mich... ach, Sir! verzeihen Sie, aber da Sie ein⸗ mal berufen ſind, zu Unglücklichen zu kommen, ſo braucht man ſich ja nicht vor Ihnen zu ſcheuen, das Unglück zu verrathen... und ich, ich glaube wieder von einer Täuſchung heimgeſucht zu ſein, wie ſie mein Herz mir bisweilen vorſpiegelt... — Beruhigen Sie ſich, Miß Graham!— ſagte ich— Sie kennen mich freilich noch nicht und des⸗ halb ſollte es mir leid thun, wenn mein Geſicht Ih⸗ nen Veranlaſſung gäbe, ſich von mir getäuſcht zu glauben... — Ach! das iſt es nicht... es iſt etwas An⸗ eres— Sie verſtehen mich noch nicht, doch... Herzeihen Sie... ſind Sie wirklich ein Arzt? * 24— — Weil ich... vergeben Sie mir meine Offen⸗ heit... vielleicht Zutrauen zu Ihnen haben könnte, wenn gleich ich bedauern muß, daß Sie ſich vergeb⸗ lich zu mir bemüht haben, denn ich bin nicht krank... Sie ſah hierbei ihren Vater an, der mir einen verſtohlenen Wink gab, aber nichts ſprach. — Sie ſind nicht krank, Miß Graham!— fuhr ich fort— ſo ſagen Sie, und dennoch weiß ich, daß Sie leiden... — Wie? ſeh' ich ſo aus... oder ſpricht mei⸗ nes guten Vaters Beſorgniß aus Ihnen? — Beides, Miß Graham, beides... indeſſen bitte ich Sie ſehr, nicht beſorgt zu ſein, denn ich bin gewiß— und ich erhob hier meine Stimme— ich oin gewiß, Ihnen eine große Linderung, w nichtf gänzliche Geneſung verſchaffen zu können...* Hier ſah ſie mich mit einem Blicke an, der voller Wehmuth war, indem ſie den wundervollen Kopf leiſe ſchüttelte, daß ich zu eilen beſchloß, um meinem Verſprechen die That folgen zu laſſen. — Sie verſprechen viel, mehr als Sie halten können,— fuhr ſie fort— denn auch Sie, ſo gut und liebevoll Sie zu ſein ſcheinen und ſo viel Mh Sie ſich mit mir geben möcl een, auch Sie tonnes 3 3* nur leiſten, was einem Menſchen möglich iſt; un —— 2 das, fürchte ich ſehr, reicht bei mir nicht aus. Nein, nein, Sir, ſchütteln Sie nicht den Kopf... Sie dürfen mir glauben. Ach! ich war einſt geſund, ge— ſund wie das Reh im Sonnenſchein des Waldes... dann ward ich unglücklich... nicht wahr, mein Va⸗ ter?... und da erkrankte ich... allmälig, lang⸗ ſam, aber für immer und in der Tiefe meiner Seele ... können Sie mir jenes verlorene Glück wiederge⸗ ben? Ja, wenn das wäre, ſo will ich glauben, daß Sie mich auch heilen können! Doch nein! nein, nein! Menſchen können dies nicht! — Wenn es quch Menſchen unmöglich iſt— erwiderte ich und faßte ſchon unwillkürlich mit meiner Hand nach den Briefen, die ſie ſelbſt geſchrieben hatte Gottes Macht iſt groß und er hat der Mittel id Wege viele, uns zu tröſten und zu heilen... d, er allein kann uns heilen und jedes Glück wieder eben, welches wir kurzſichtige Menſchen auf ewig ver⸗ ren wähnen! — Ja wohl, das kann er, aber ich, Sir, hoffe 4 ir mich nicht viel mehr in dieſem L 3 eben... Sagen kie— fuhr ſie mit einer Wehmuth im Tone fort, eine ſolche V Wirkung auf mich machte, daß ich mich nahe verrathen hätte, und ſo leiſe, du ich u 26 verſtand— haben Sie ſchon geliebt?... doch ja, was frage ich, da Sie verheirathet ſind... Sir Robert ſah mich mit den Augen blinzelnd an, als ſolle ich auf dieſe Annahme eingehen, ich aber ſchüttelte den Kopf, indem ich fragte: — Verheirathet, Miß?... Nein, das bin ich doch kann ich mir wohl denken, was Liebe iſt und was der Verluſt derſelben oder vielmehr des ſelben für Schmerzen erzeugt. Gegenſtandes der Denken? ach nein, Sir! das läßt ſich nicht denken, gewiß nicht denken... aber dann wiſſen Sie auch nicht, wenn Sie noch nicht geliebt haben, welche Krankheit die Liebe hervorrufen kann Sie ſchwieg und deutete mit thenden Bewegung ihrer Hand dann fuhr ſie fort: 3— Haben Sie den Thau, der dieſes welke He wieder erfriſchen, den Regen, der die vertrocknete Quelle meiner Hoffnungen wieder ſchwellen machen kann?. Nein, den haben Sie nicht... doch wie iſt mit denn... Sie ſagen, Sie ſind nicht verheirathe und Du ſpracheſt doch davon, mein Vater, daß M ... eine Frau habe? dier entſtand eine Pauſe, die für Vater unn nicht... 3 4 4 8 . einer leicht zu err auf ihr Herz.. Tochter etwas Peinliches zu haben ſchien, während ich Pnnerlich fohlockte Dreiſt erwiderte ich daher: Sie ſind im Irrthum, Miß Graham. Hat Ihnen Ihr Vater nicht t geſagt, daß ich nicht der Arzt bin, nach dem er geſendet hat, ſondern der, an wel⸗ chen der Brief von heute Morgen... Sie ließ mich nicht ausreden: — Ha!— rief ſie und richtete ſich plötzlich em⸗ por... ihre Hand ergriff zitternd meinen Arm und ihr bisher ſo ſanft blickendes Auge funkelte vor G lanz und Leben bei dem B Blicke, den ſie bald auf mich, bald auf. Vater warf, der ſeinerſeits bebend und ungewiß des nun Kommenden daſtand, und mich be⸗ denklich anſah— hal der Brief aus Dunsdale⸗ Caſtle an Sie? Jetzt erhob ich mich auch, und die drei Briefe emporhaltend, ſprach ich ſo ruhig wie möglich: — Hier, Miß Ellinor, hier iſt der eine von heute Morgen, und hier, und hier ſind noch zwei ander .. aus früherer Zeit... Ich ſah ſie feſt aber milde an. Sie e griff me⸗ iſch nach dem erſten, dem zweiten, dem vriten We w arf einen Blick auf die Aufſchrift... Ach, mein Gott! rief ſie und veihi illte mit beiden Händen. 3 X d.. auch dies ließ nach... es folgte ein Lächeln, weifelnden Blick... da ſie mich aber ernſt, glückhh ernſt ſah, verflog auch das und der befänftigende Aus — 28— — Miß Ellinor! Miß Ellinor!— rief ich laut — Miß Ellinor! hören Sie mich! Faſſen Sie ſich ... ich bin noch lange nicht zu Ende... — Nein, nein! es iſt etwas geſchehen, es iſt etwas Schreckliches geſchehen... Sie bereiten mich Vor... — Beim allmächtigen Gott! es iſt nichts Schreck⸗ liches geſchehen... im Gegentheil ſogar... — Wer hat dieſe Briefe erbrochen?— fragte ſie raſch und ſah mir beinahe drohend in die Augen... — Ich Mylady Dunsdale!...— ſagte ich. Vährend ich dieſe beiden Worte langſam aber mit ſcharfer Betonung ſprach, beobachtete ich genau die Wirkung derſelben. Sie war wunderbar. An⸗ fangs glich ihr Staunen einer Erſtarrung, die ſich über das ganze Geſicht verbreitete und daſſelbe mit Leichenbläſſe bedeckte... dann fing ſie an zu zittern ein blitzſchnell vorüberfliegendes Lächeln, das einer flüchtigen Erinnerung an ein halbvergeſſenes Traum⸗ gebilde glich... dann kam das Mißtrauen mit ſoh 8 nem ſchüchternen, ungewiſſen, halb glaubenden, 6 — 29— druck des Friedens, wie ihn nur ein Engel tragen kann, malte ſich in allen ihren Zügen ab, zugleich aber wurde ſie purpurroth und blickte zu Boden. Dann den Blick wieder erhebend fuhr ſie mit der Hand über die Augen, die ſich mit Thränen zu füllen ſchienen, über die Stirn, als wolle ſie ſich auf etwas längſt Vergeſſenes beſinnen, und ſo ſprach ſie flüſternd, wie zu ſich ſelber: — Lady Dunsdale?... wie iſt mir denn... war ich es nicht einmal... ach! der Augenblick war ſo kurz... und die Trennung ſo lang... ich glaube, es war wohl nur im Traume.. Halblaut ſagte ich, auch als wenn ich zu mir ſelber ſpräche: — Kuͤrze Träume ſind oft die ſüßeſten und um ſo ſchöner, wenn das Erwachen zeigt, daß es kein Fraum war, was uns umſchweblt, ſondern daß das chickſal mit lebendiger Wirklichkeit unſre heißeſten ooffnungen und Wünſche gekrönt hat... 1 Es herrſchte eine Todtenſtille im Gemache um Kich her... Ellinor lag noch immer in jenem Zu⸗ nde der Erſchöpfung, der Betäubung oder der halb En Träumerei; ich hoͤrte nur das laute Athm Bruſt und an ihrem kämpfend auf und ni — 30— ſteigenden Buſen ſah ich, daß Vergangenheit und Ge⸗ genwart in ihr um die Herrſchaft ſtritten. Eben ſo leiſe wie vorher fuhr ich fort: — Auch ich kenne einen Menſchen, der einen ſo kurzen, holden, unvergeßlichen Traum geträumt, der, kaum mit derjenigen verbunden, die er liebte und die ihn ohne Grenzen wieder liebte, von ihr geriſſen ward und in vier Jahren ſie nicht wieder ſah... Ellinor's Hand fiel von der Stirn... ihr lä⸗ chelndes Auge ruhte wie entzückt auf mir; eine roſige Glut überflog ihre Wangen und ſie ſah aus wie der junge eben erſt aus der thauigen Nacht geborene Tag ... ſie fuhr fort in ihrem Flüſtern und es war mir, als ſpräche ihre Stimme nicht zu uns heraus, ſon⸗ dern in ihre Bruſt, in ihr Herz hinein: — Und wer war der ran iuhe, der über Alles unglückſelige Menſch..— — Ach! es war mein Freund, oder vielmehr ... es iſt mein Freund, mein theuerſter Freund.. — Hat er nur für Sie einen Namen...? — Ich weiß es nicht, wie er für Andere heißt⸗ fuͤr mich... heißt er... Percy... Viscount v Dunsdale... des Marquis von Seymour 8 d ohn... 8 Vater!— ſchrie ſie laut, ſprang wj — 31— von ihrem Lager auf und warf ſich an die Bruſt des ſchweigenden ſeligen, keines Wortes mächtigen alten Mannes— Vater! rette mich vor ihm... er will meine Seele belügen, damit ſie noch einmal aufathmen und dann auf ewig verhauchen ſolle... Aber ihr Vater hatte keine Worte für ſein Glück .... mit der einen Hand hielt er ſein Kind umfaßt, die andere hatte er gegen mich ausgeſtreckt, gleichſam winkend fortzufahren... Ellinor ſelbſt, an ſeine ruſt geſchmiegt, wandte halb ihr Lockenhaupt her⸗ ... fürchtend... hoffend, und als ſuche ihr Auge in mir eher einen Andern als mich. — Ich belüge keine Seele, wie die Ellinor Gra⸗ hanußs iſt,— fuhr ich fort— abet wenn Percy ſelbſt mich ſendet, ſeinen Namen zu nennen und ſeine Gat⸗ tin zu ſuchen... was kann ich dafür, wenn dieſe mich nicht anerkennen will... Und eine halbe Wendung machend, als wollte ich ztrrücktreten, mußte ich mir eine Thräne aus dem Augf wiſchen, die mir in daſſelbe gekommen war. Kaul aber war es mir ungeſehen gelungen, da... thann die Beiden einen Schritt zu mir, des Pfar⸗ Maham Arm umſchlang mich, zog mich heran rechender Stimme ſchluchzte er: -h, Sir! bleiben Sie, ſagen Si er lebt, daß Sie wiſſen, wo er lebt und daß er zu uns zurückkehren wird. — Nein, nein!— rief ſie— ſagen Sie es nicht, 3 wenigſtens nicht mit Beſtimmtheit... es iſt unmög⸗ 4 lich... dieſe Unwahrheit wäre zu fürchterlich, fürch⸗ terlicher noch als mein ſchreckliches Geſchick! — Und dennoch iſt es wahr, Mylady,— ſagte ich und legte die Hand auf meine Bruſt— dennoch lebt er, und er lebt, um zu lieben und zurückzukehren, und ich bin nur hier, um zu ſagen, daß es ſo iſt! Leſer! Erlaß mir die Aufgabe, die nun foß den Augenblicke zu beſchreiben, ich bin es nichf i Stande............. Thennen allein, uaui Andre hatten 34 u m mein 1 Ge⸗ ſcht geeini... Da ſißen wir Drei denn auf der hnrn wir Drei ſaßen da, Pegt durc und Seele, indem ich die Hand Graham's hielt, als wollten ſie mich nicht wieder von ſich laſ⸗ ſen, um nicht mit mir die größte Glückſeligkeit ihres Lebens zu verlieren. Das war der Augenblick, wo . 8 Percy's Geiſt freudeſtrahlend uns umſchwebte, wo wir alle Drei, in eine Empfindung uns theilend, weiter michts auf der großen, weiten Welt kannten und w ußten, als dieſe eine Empfindung allein... Vier Jachre um einen Gatten weinen, den man nur eine Minnite beſeſſen, ihn ganz verloren geben und dann ſo plüßtzlich, ſo unerwartet wieder finden.* das iſt zu viell des Glücks für eine liebende M aſdenöni das iſt zu viel!.... Ja, wenn jeder Arzt ſolche Mittel in Handen hätte, ſeine Kranken auf den Weg der Geneſung zu führen und jahrelange Leiden vergeſſen zu machen, wie ich in dieſem Fall... dann lohnte es noch die Mühe, ſich dem ſchweren Bermfe deſſelben mit Freu⸗ den hinzugeben und zu wollen und zu wirken, was das Schönſte auf Erden i iſt... Schmerzenn 3ü lin⸗ dern und gebrochene Herzen wieder aufzurichten. 8 Ich bekenne es und ich bekenne es mit Stolz: dieſer Augenblick war der Glanzpunkt meines Lebens .. was mir bisher geſchehen war und was mir noch geſchehen konnte, was war es gegen dieſe Minuto, in welche Alles, las der gute Menſ —⁄* Srre von St. James. DBand. —— 3 8 3 8 ——— nes und Edles empfinden kann, zuſammengedrängt war, das Bewußtſein, ein Paar Menſchenſeelen glücklie gemacht zu haben. e de „............. Was mußte ich nun im Verlaufe dieſes ur geßlichen Abends nicht noch Alles ſagen und h Mitternacht war längſt vorüber und wir ſp t wir fragten immer noch und waren noch imm cht zu Ende mit unſern gegenſeitigen Mittheilunger Jer⸗ gebens verlangte ich im Namen Percy's 7 für Ellinor... man hörte mich nicht, es w keine Trennung zu denken! Kaum bemerkten r er eer⸗ läſchenden Schein der Lampen, der uns er z wollte, daß es Nacht und daß die Nacht. küden ſei, aber es gab unter uns kei⸗... wachen Geiſtes durchlebten v“ gen ſtillen wonnigen Stunden noch A Raum vier langer, in Seufzer* hingebrachter Jahre, aus denen wir einem Freudenrauſche erwacht waren, —n was noch ſchöner iſt, wi chlebten in die⸗ n ſtillen wonnigen Stunden eine ift, die län⸗ ger war, als alle Vergangenhtit 1 ſüßer und ſeliger werden ſollte, als aller Schmerz ſes Leid bitter und herbe geweſen waref.... II. Rückkehr nach St. James. Durz vor Tagesanbruch endlich trennten wir uns, nicht m zu ruhen, ſondern um uns zu ſammeln, zu faſſen und für die nächſten Tage und Hunbhnget feine beſtimmte Richtung zu gewinnen. Ich warf mich halb angekleidet auf das mir zu⸗ gewieſene Lager, denn ich hatte viel zu bedenken, zu ordnen, vorzubereiten. Das begonnene Stück war noch lange nicht zu Ende geſpielt, erſt der lange Vor⸗ akt war hinter uns; der Knoten war geſchürzt, aber er mußte gelöſt werden. Doch die Sonne der Zu⸗ kunft ging im Halbſchlafe ſtrahlend vor mir auf, 3 blendete mich zwar, aber ſie kraͤftigte und erleuchtene mich auch... Ich fuhr empor... die wiilihe Wnas hen ſelbſt ſchien mir warm in's Ge⸗ 3 ich hatte einen Augenblick geträumt, alſo hatte ich auch geſchlummert... ach! wie erquickend war mir dieſe Sonne... wie anders war ihr Glanz als an irgend einem vorhergegangenen Morgen! Sie rief mich nicht wach, um auf neuen unbekannten Wegen einer ungewiſſen Spur nachzugehen... ſie rief mich wach, um mich des gefundenen Schatzes bewußt, freudig be⸗ wußt werden zu laſſen, und mich von allen vorüber⸗ gegangenen Sorgen und Zweifeln zu entlaſten, ſo wie einem neu erwachten Glücke entgegen zu führen. Ich war noch nicht ganz mit meinem Umkleiden fertig, als Sir Robert ſchon auf mein Zimmer kam. Aber nicht mehr der duldende, traurige, gedrückte Pfarier Graham kam zu mir, nein! es war ein andrer Mann geworden. Lebhaft, verlangend, freudig ſtand er vor mir, und ſeine geſtern noch eingefallenen Wan⸗ gen waren heute von der unvergänglichen Jugend des aufgelebten Herzens friſch geröthet. — Kommen Sie, Sir!— rief er jubelnd— Kommen Sie an unſern Theetiſch... Sie ſollen meine Ellinor kennen lernen, wie ſte früher war; ſie iſt mir wiedergegeben, wiedergeboren... ich habe mein Kind, meine Ellinor wieder! Und wir gingen hinab in das Zimmer, wo wir am vergangenen Abend aeweſen waren. Aber es war — 37— kein Krankenzimmer mehr... jede Spur des Leidens war daraus entfernt. Blumen, friſche, duftende Blu⸗ men prangten auf den Tiſchen und vor den Fenſtern, es war ein Feſttag, der uns entgegenlachte. Und da war Ellinor mit den Blumen beſchäftigt, die ſie lange nicht mehr gewartet hatte, ſie ſelbſt die ſchönſte, fri⸗ ſcheſte Blume... wo war die krankhafte Bläſſe, die hinſchmelzende Traurigkeit, der verödende Schmerz auf ihrem Antlitze geblieben?... Wie eine Roſe, die am heißen Mittage, des Thaues entbehrend, ihr Haupt ſenkte, nun, vom Abende erfriſcht, gelabt, ihren duftenden Kelch wieder geöffnet hat, ſtand ſie da; die ſpielenden Locken umfloſſen glänzender ihre glatte Stirn, freudige Wallung hob ihren Buſen, und wie die Morgenröthe eines jungen Maitages fun⸗ kelte das ſüße, nur ihr eigenthümliche Lächeln auf ih⸗ ren roſigen Wangen. Freudeſtrahlend ſtreckte ſie mir ihre beiden Hände entgegen. — Nun?— fragte ich— Und wie nun? War ich ein guter und ein beſſerer Arzt, als der andere, den ich wider Ihr Wiſſen fortgeſchickt? — Ach, mein theurer Freund!— erwiderte ſi und preßte meine Hände in die ihrigen— jal Sie hatten den Thau, Sie hatten den Regen für dies celte Herz... ſehen Sie, wie es mich geſtärkt hat ... alle Angſt und Beklommenheit iſt fort... ich fange wieder von Neuem an zu leben!... Und nun ging es wieder an die noch übrigen Mittheilungen und Erklärungen, während wir unſer Frühſtück einnahmen und uns wechſelsweiſe Einer an dem Andern ergötzten. Die mir aber wiederholt von beiden Theilen vor⸗ gelegte Frage, wo Percy ſei und was ihn verbor⸗ gen gehalten habe, wies ich, mir ſelbſt ein unver⸗ brüchliches Stillſchweigen auflegend, von mir ab, in⸗ dem ich Ellinor und ihren Vater darauf aufmerkſam machte, daß dies nicht mein, ſondern allein Percy's Geheimniß ſei, und daß, wenn ich auch von ihm be⸗ fugt ſei, ihnen Alles zu eröffnen, ich es doch der Wichtigkeit des Falles und der gegenwärtigen Sach⸗ lage gemäß, ihm allein überlaſſen müſſe, ob er ir⸗ gend Etwas davon mittheilen wolle oder nicht. Zu dieſem Rückhalt hatte ich mich aus doppelten Gründen entſchieden. Einmal hatte der Marquis von Seymour ſeinen Willen in Bezug auf Percy geändert und den Weg der Milde eingeſchlagen. Daher mußte ich dankbar gegen ihn ſein und durfte ſein früheres, in einem entſetzlichen Momente ausgeführtes und ſo innig bereutes Verbrechen nicht enthüllen. Sodann aber, wie konnte ich den reinen Glanz der Treu ir — 39— Ellinor's Herzen dadurch trüben, daß ich das Ge⸗ häſſigſte, was es für Percy auf der Welt gab, die⸗ ſen Schandfleck in ſeiner eigenen Familie, ſeine Ein⸗ ſperrung in ein Irrenhaus, denen aufdeckte, für die es auf ewig das außerordentlichſte, fürchterlichſte und abſcheulichſte Ereigniß ſein und bleiben mußte. Für ſie war es viel beſſer, noch einige Tage in Unwiſſen⸗ heit und Unruhe über ſeinen Aufenthaltsort zu blei⸗ ben, als durch einen neuen Kummer das Entzücken, endlich ihn wieder zu erhalten, weniger rein zu em⸗ pfinden. Wußte ich doch nicht, ob Percy in ſeinem Edelmuthe nicht ſelbſt Alles aufbieten würde, dieſen bitterſten Tropfen ſeines Lebens aus dem Kelche des Glücks ſeiner liebenswürdigen Gattin fern zu halten und ſie über die letzten vier entſchwundenen Jahre, wie über einen düſteren, nebelgleichen Traum in Unge⸗ wißheit zu erhalten. Wenigſtens er nur allein konnte hierüber urtheilen und beſchließen, daher durfte ich durch eine voreilige Enthüllung ihm nicht zuvor kommen. „Es gelang mir auch, beide zu überreden, daß Unwiſſenheit in dieſem Punkte beſſer ſei als Aufklä⸗ rung, und ſie begnügten ſich vollkommen mit meinem Verſprocher„Perey ſelbſt in längerer oder kürzerer Zeit ihnen ühren und von ihm alle näheren Auf⸗ ichofe zu tten. — 40— — Und wie lange wird ſeine Abweſenheit noch dauern?— fragte Ellinor leiſe erbebend. — Das weiß ich nicht!— war meine Antwort — Ueber vierzehn Tage aber, denke ich, dauert es gewiß nicht; doch hängt es von Zufällen ab, welche herbeizuführen keinesweges in unſerer Macht ſteht. — Er iſt alſo noch immer gebunden? — Ich kann es nicht läugnen, er iſt es noch! — Und die Gewalt, die ihn von meiner Seite riß, ſchwebt ſie noch immer über ſeinem Haupte? — Nein!... ja! wie Sie wollen... — Was heißt das? — Das heißt, daß die Gewalt wohl noch da iſt, daß wir aber die Mittel bereits in Händen ha⸗ ben, über ſie zu triumphiren... — Zu triumphiren? Ach! muß denn Gewalt mit Gewalt vertrieben werden und iſt abermals Gefahr dabei? — Keine, Mylady, keine! Ich verſichere es, und namentlich keine Lebensgefahr, das kann ich verbür⸗ gen. Sollte das Unternehmen nicht glücken, dann könnte höchſtens eine Verzögerung von einigen Tagen die Folge davon ſein, und das iſt femen Hyres niſt min d ſchon ſchlimm genug— ſetzte ich lächenn. i. F — Ach! ich habe ihn ſo lange v tet, daß ich ihn jetzt mit der Hoffnung, ihn wieder⸗ zuſehen, gern noch einige Tage länger erwarten will, wenn es mit weniger Gefahr verbunden iſt. Werden Sie ihn hierher bringen? — Ohne Zweifel! ſo iſt es wenigſtens meine Ab⸗ ſicht... — Oder ſollen wir vielleicht,— fiel Sir Robert ein— ihm entgegengehen? — Nein, nein! Sie bleiben beide hier und er⸗ warten, wenn nicht meine ſchnelle Rückkehr, doch meine Nachrichten. — Und Sie wollen uns auch nicht den gering⸗ ſten Aufſchluß über diejenigen geben, die Percy in die Lage ſeines Zwanges brachten? — Haben Sie keine Vermuthungen? — Vermuthungen wohl, aber keine einzige Ge⸗ wißheit. Wie ich Ihnen ſchon ſagte, damals, als Percy plötzlich ausblieb und wir athemlos, troſtlos, verzweiflungsvoll ihn erwarteten und endlich die ſchreck⸗ liche Gewißheit erhielten, er ſei durch irgend eine Ge⸗ waltthat ergriffen und fortgeführt, glaubten wir je⸗ den Augenblick, ſein böſer Dämon... mochte es. Weſtphalen)... würde auch uns erſcheinen 2u Saln-Witgen⸗ hand auf uns legen... aber Nie⸗ ens nicht unmittelbar bis zu uns — Und wohin richteten Sie Ihren Weg? — Unſre erſte Abſicht oder unſer Entſchluß... wenn wir überhaupt in dem verhängnißvollen Momente etwas beſchließen konnten,... war, unſre Reiſe nach Dunsdale fortzuſetzen, indem wir immer noch die Hoffnung hegten, Percy werde Mittel und Wege finden, ſich zu befreien und alsdann dahin kommen, wohin er uns auf dem Wege wußte. — Wohl! es wäre gut und ſchlimm geweſen, wenn Sie nach Dunsdale gegangen wären... — Warum gut, warum ſchlimm? — Gut! weil ſie dort vielleicht Percy's Diener Phillipps gefunden hätten und, mit ihm in Verbin⸗ dung bleibend, wahrſcheinlich ſchon vor zwei Jahren Percy's Aufenthaltsort erfahren hätten... — Ha! — Denn er erfuhr es zufällig zu dieſer Zeit, weil er unausgeſetzt Percy ſuchte, wie er auch Sie bereits ſeit vier Jahren ſucht... — Der edele, edele Menſch! — Schlimm aber wäre es geweſen, weil Sie auf dieſem Wege wahrſcheinlich demjenigen in die Hände gefallen wären, der ſeinerſeits beſtimmt anzunehmen ſchign, daß Sie Dunsdale⸗Caſtle erre woll⸗. ten.. ſt. K. 9† 1 A — 43— — Alſo wirklich... wir hätten eine und die⸗ ſelhe Meinung? 8— Ich ſpreche nichts Beſtimmtes aus, Mylady, ch nehme nur die größte Wahrſcheinlichkeit an... ſagen Sie nur lieber, wie kamen Sie von Ihrem Ent⸗ ſchluſſe, nach Dunsdale zu gehen, ab? — Durch die unzweifelhaft falſche Nachricht, Percy ſei nach London gebracht, die uns derſelbe Mann gab, der Percy das Pferd geborgt hatte, und welcher un⸗ ſchuldig und unwiſſend geweſen zu ſein ſchwur. Wir gingen, oder flogen vielmehr nach London... aber kein Percy, wohin wir uns auch begaben... wir reiſten in ganz England umher, aber immer noch kein Percy... ach! Sir, dieſe troſtloſen, verzehrenden Reiſen und unſere traurige, verzweifelnde Stimmung dabei... wie können wir ſie Ihnen ſchildern? — Und gab Ihnen Ihr guter Bruder keinen Nat Sir Robert Graham? — Wozu ſollte er rathen, Sir? Er ſah als Ge⸗ richtsmann ſcharf und richtig genug... aber es fehlte ns an allen nothwendigen Beweiſen... vorzüglich in den Urbebern der entſetzlichen That. Wer waren inſre aa ſacher?— Warum handelten Sie aber vor allen Welt? werden Sie fragen A — 44— Konnten wir es denn, konnten wir öffentliche Nach⸗ forſchungen anſtellen, ſo lange wir nicht mit Beſtimmt⸗ heit wußten, auf welche geheimnißvolle Weiſe, zu welchem verborgenen Zweck Percy uns entriſſen wor⸗ den war, ſo lange wir noch hoffen durften, unſere geheimen Unterhandlungen und Nachſuchungen würden uns von Nutzen ſein?... Geſtehen wir es ein, die ganze traurige Begebenheit war äußerſt ſcharfſinnig eingeleitet und in ſoviel Räthſel und Dunkelheit ge⸗ hüllt, daß wir, von dem Geſchick niedergedrückt, an unſrer eignen Aufrechterhaltung arbeitend, nicht ein⸗ mal wußten, wen wir anklagen ſollten, da Percy, gegen den das Verbrechen ſelbſt verübt war, nicht perſönlich als Kläger auftreten konnte... Und dann, Sir, bedenken Sie, eine verzweifelnde Tochter, ein trauerndes, duldendes Weib war meine Gefährtin! Und endlich, wenn wir auch die Ueberzeugung hatten, Niemand anders als Percy's eigene Familie ſei des Verbrechens ſchuldig wegen deſſen wir klagen wollten, durften wir daran denken, gerichtlich gegen ſeinen Va⸗ ter und ſeinen Bruder aufzutreten, die, in Unſchuld ſich hüllend, eine Unwiſſenheit zur Schau trugen, die uns nichts zu hoffen übrig ließ, und gegen welche öffentlich einzuſchreiten Percy ſelbſt ſtets die 2aoßte Ab⸗ neigung gezeigt hatte? In wie weit wan haupt, oder nur einer von beiden, in unſer neues Verhängniß verwickelt? — Ich begreife es, leider! ich begreife es... und dann? — Nun, wir blieben bei meinem Bruder, theils in London, theils auf ſeinem Landſitze, wie es die Jahreszeit mit ſich brachte. Ellinor ſchrieb an alle Welt, in der Hoffnung, eine ihrer Nachrichten werde irgend wo und wie Percy erreichef.. da ſtarb vor kurzer Zeit mein edler Bruder und wir befanden uns in einer neuen Verlegenheit. Denn kurz nach Ueber⸗ nahme meiner Baronie erfuhren wir, was wir bis da⸗ hin noch nicht gewußt hatten, daß in der Nähe... — Still, Vater, ſtill, das weiß Percy's Freund... — Ich ahne es vielmehr, als ich es weiß— ſagte ich.— Und haben Sie keine ferneren Nachſtel⸗ lungen zu überſtehen gehabt? — Nicht, daß wir es gemerkt hätten. Aber Eng⸗ land iſt groß und Gott deckt oft einen ſchützenden Schleier über die Unſchuld, die er erhalten und einem beſſeren Geſchicke aufbewahren will, und ſo haben wir denn mit ſeiner Hülfe dieſen Tag erreicht. — So iſt es!— erwiderte ich, und mir fiel ein, was ich Mortimer beim Trinkgelage zu ſeinen Freunden haite ſagen hören.— Erlauben S 1 aber noch eine Frage. Warum gingen Sie nicht nach Dunsdale⸗Caſtle, welches Ihr Eigenthum war? — Ach, Sir! der, der es mir zum Eigenthum machte, wo war er?.. durfte ich es ohne ihn als daſſelbe betrachten und zu den Seinigen ſagen: hier bin ich... ich bin Eure Herrin, aber Euer Herr ſelbſt iſt nicht da? — Das waren zarte Rückſichten... freilich! und doch gingen Sie endlich hin..? — Ja, aber nur um nach ihm zu fragen und ihm zu melden, daß wir unſer Obdach bei meinem Oheim mit dem vertauſcht hatten, wo Sie uns ge⸗ ſtern gefunden haben. — Das war es, ich weiß genug! — Und was werden Sie nun zunächſt thun?— fragte mich Sir Robert. — Das will ich Ihnen ſagen. Ich habe drei Briefe zu ſchreiben. — An Perey! An Percy!— rief Ellinor jubelnd. — Nicht eine Zeile... — Mein Gottl! und ich auch nicht? — Doch, doch! Sie können an ihn ſchreiben, aber den Brief geben Sie mir, nur ich allein kann ihn überbringen... = Schoͤn, ſchön! Daͤnn erhält er ihn göwiß... 1 1 1. enblicklich nar(St. James, um dort in Gemeinſch * — 47— ach! es iſt der erſte, den er empfängt... und an 8— wen werden Sie ſchreiben? — Einmal an Phillipps, der Sie in einer an⸗ dern Gegend ſucht. Ich muß ihn benachrichtigen, daß ſeine Mühe fernerhin vergebens iſt, daß er komme, um Percy... hierher zu begleiten. Zweitens an den Haushofmeiſter in Dunsdale⸗Caſtle, und drittens an eine Perſon, die in Percy's Nähe iſt und durch die er erfahren ſoll, daß ich glücklich in meinem Un⸗ ternehmen geweſen bin... — Und Sie ſchreiben in der That nicht an ihn ſelbſt? Kein Wort; wie die Sachen jetzt liegen, iſt es unmöglich. Das Erſtaunen, welches dieſes Räthſel über Va⸗ ter und Tochter verbreitete, war grenzenlos, und doch vermochte ich riicht, ihnen den geheimnißvollen Schleier deſſelben zu lüften. Ich ſetzte mich noch an demſelben Morgen an den Schreibtiſch und ſchrieb jene drei Briefe: In dem jeerſten benachrichtigte ich Phillipps ober⸗ flächlich und Chne einen Namen zu nennen von den flücklichen Ereigniſſen dieſer Tage und beſchied ihn au⸗ 8 mit mir des Viscounts von Dunsdale Flucht zu be⸗ werkſtelligen. Im zweiten an den Haushofmeiſter zu Dunsdale⸗ Caſtle gerichteten Schreiben befahl ich im Namen des Viscount ſelbſt, den beſten Reiſewagen mit ſechs Pfer⸗ den beſpannt, und außerdem ſechs wohlberittene und bewaffnete Diener an einen Ort, den, zunächſt an St. James gelegen, ich genau beſchrieb, auf der Stelle zu ſenden, dort auf mich oder meine weiteren Befehle zu warten und ſich jeden Augenblick zum Auf⸗ bruch bereit zu halten. Den dritten Brief ſchrieb ich an den Direktor zu St. James, theilte ihm die Beendigung meiner Geſchäfte und meine in zwei oder drei Tagen erfolgende Ruck⸗ kehr mit. Ddies war natürlich nicht nothwendig, aber ich hatte die Abſicht, Percy ſolle durch dieſe Nachricht von meiner baldigen Ankunft und dem Gelingen unſerer Pläne in Kenntniß geſetzt werden, und damit dies ge⸗ wiß geſchehe, fügte ich folgende Nachſchrrift bei: Und was Mr. Sidney's Pferd betrifft, ſo ſa⸗ ſagen Sie in meinem Namen den Beſitzer deſſel⸗ ben meinen aufrichtigſten Dank, den ich ihm 1 mündlich wiederholen werde! füi die auße . lichen Dienſte, die mir daſſelbe geleiſtet hat. eie 1 hätten die Wette verloren, die Sie gegen ihn bei meiner Abreiſe eingehen wollten, denn ich habe nie ein dauerhafteres und brauchbareres Pferd geſehen. Es hat mich ſchneller zu meinem Ziele getragen, als ich erwarten konnte und ſo gebührt auch ihm der Dank für die glücklichen Er⸗ folge, die ich dadurch in allen meinen Angele⸗ genheiten erlangt habe. Ich liefre es geſund und kräftig, wie ich es erhalten habe, dem Eigen⸗ thümer zurück und hoffe, er werde den Dank ge⸗ nehmigen, wie Sie die Achtung, mit der ich die Ehre habe u. ſ. w. u. ſ. w. Dieſe drei Briefe wurden ſogleich abgeſendet, und nun erſt hatte ich vollkommen das beruhigende Gefühl, eine mit Sorge und Eifer begonnene Sache nach Wunſch beendet zu haben. Gegen Mittag kam der Arzt aus L.., die Pa⸗ tientin zu ſehen, die durch einen anderen Doktor ſchnel⸗ ler geheilt worden war, als es ihm bei dem beſten Willen würde möglich geweſen ſein. Voller Verwun⸗ derung über den überaus raſchen Erfolg ſeines Kolle⸗ gen, aber auch voller aufrichtiger Freude, daß ſei gr: ier Beſuch überflüſſig geworden, ſpe Der Irre von St. James. 4. Band. „ A 5öo und begab ſich dann nach Tiſche wieder nach Hauſe zurück. Gleich darauf wurde Bravour, nachdem Ellinor und ihr Vater den zärtlichſten Abſchied von ihm ge⸗ nommen, vollſtändig geſattelt und gezäumt, von einem berittenen Diener Sir Roberts nach einem nur zwan-⸗ zig Meilen von St. James gelegenen Orte geführt, mit der Weiſung, mich daſelbſt zu erwarten. Denn theils um einige Stunden länger bei Sir Robert ver⸗ weilen zu können, theils aber auch, um ſchneller und mit friſcheren Kräften in St. James anzukommen, hat⸗ ten wir beſchloſſen, daß ich bis zu jenem Orte mit Sir Robert's Wagen fahren und erſt von dort aus meine Reiſe zu Pferde fortſetzen ſolle. Bob blieb, ſo gern er auch mit mir gereiſt wäre, zurück; jedoch verſprach er mir, jeden Tag mit Othello, der ſich ihm bald wieder genähert hatte, einige Stun⸗ den ſich auf die Lauer zu begeben, um meinem Eintref⸗ fen mit dem Viscount von Dunsdale entgegen zu ſehen. Den übrigen Theil des Tages wie auch den fol⸗ genden brachten wir mit Unterhaltungen zu, wie ſie in unſeren ſeit kurzem erſt begonnenen aber ſchnell ge⸗ 3 diehenen Verhältniſſ ſen natürlich waren. Wir fühlten uns zwiefach glücklich: das großte und bännſe Leins ſtegreich üͤberſtanden zu haben, und das dauerhafteſte neue Glück vor uns liegen zu ſehen. Ach! es iſt ſo wohlthuend, eine lange Trauerzeit, die in Freude und Zufriedenheit übergeht, in allen ihren Einzelnheiten noch einmal vor die Erinnerung zu rufen! Wir durch⸗ leben dann das Geſchehene noch einmal, aber in dem beſtimmten Bewußtſein, daß es vorüber iſt und nie wiederkehren werde; wir freuen uns über uns ſelbſt, daß wir Kraft genug hatten, das Schwerſte zu ertra⸗ gen und haben endlich die beſeligende Genugthuung, einzuſehen, daß die allgütige V Vorſehung uns nicht aus den Augen gelaſſen und mit lindernder Hand die Wunden heilen will, welche das verhängnißvolle Ge⸗ ſchick mit prüfender Gewalt uns geſchlagen hat... Auf dieſe Art verging uns die Zeit ſchnell; denn wie ſte dem Unglücklichen, der immer zu gewinnen hofft, langſam verſchwindet, ſo verrinnt ſie dem Glück⸗ lichen, der nur zu verlieren fürchtet, allzu raſch. und der Augenblick war nicht mehr fern, wo ich da6 friedliche Haus und das geſegnete Thal verlaſſen und neuen Ereigniſſen entgegengehen ſollte. Je näher die⸗ ſer Augenblick kam, um ſo ernſter wurde Sir Robert 5 timmt, um ſo einſylbiger wurde unſer Geſpräch, über Ellinor's blühend ſchönes Antlitz legte ſich — hedee ein n Shatten, der mir die Sewpheh gab, d noch nicht aller Frieden, noch nicht alle Ruhe in dieſe ſchöne Seele zurückgekehrt ſeien. Endlich am Morgen des dritten Tages fuhr der mit vier tanzenden Schimmeln beſpannte Reiſewagen Sir Robert's vor die Thür; und ich ſelbſt ſtand rei⸗ ſefertig vor meinem Wirthe und ſeiner Tochter, um einen Abſchied zu nehmen, der uns Allen gleich ſihnver zu werden ſchien. — Laſſen Sie mich kurz ſein!— ſagte ich zu bei⸗ den— ich kam, um Sie zu erheitern und zu beru⸗ higen, und ich gehe, um Ihr Glück vollſtändig und ſicher zu machen. — Und Gott wird Sie geleiten!— fügte Sir Robert hinzu— Sie haben Ihre Reiſe zu uns mit größerer Beſorgniß und geringerer Hoffnung angetre⸗ ten, als dieſe; jetzt gehen Sie einem gewiſſen Ziele entgegen und die Vollendung Ihrer edlen Aufgabe wird die allmächtige Hand über ſich nehmen, die über uns Allen ſchwebt. — Ach, mein theurer Freund!— ſagte Ellinor, und ſie bemühte ſich nicht, den ſanften Thränen Ein⸗ halt zu thun, die einen nur um ſo milderen Schim⸗ mer uͤber ihr ſeelenvolles Antlitz warfen— Es iſt kurze Zeit, daß wir Sie kennen, und dennoch Sie uns ſo Gutes zugefügt!... Ich ſollte dis — 53— wohl mit Freuden von uns laſſen, und dennoch liegt es ſchwer auf meinem Herzen, da Sie gehen wollen. Wenn ich nicht bedächte, daß die Morgenröthe, die Sie uns brachten, dem Anbruch des Tages vorhergeht, den Sie uns jetzt heraufführen wollen, ſo würde ich ſogar Schmerz empfinden, von Ihnen ſcheiden zu müſ⸗ ſen... ja! gehen Sie denn mit Gott und kommen Sie mit ihm wieder! — Mit Gott und mit ihm!— wiederholte i9, und reichte Sir Robert die Hand, die er einen Au⸗ genblick ſchüttelte, dann aber ſeine Arme öffnete und mich an ſein Herz ſchloß. — Leben Sie wohl, Mylady!— ſagte ich zu dieſer und neigte mich auf ihre ſchöne Hand— leben Sie wohl! Wenige Tage nur, und Sie werden keinen traurigen Abſchied mehr zu beſtehen haben, die Sonne wird hell und klar auf Ihrem Geſichte lächeln und Sie werden gleichfalls mit Lächeln dieſer Sonne in dag Auge ſehen... leben Sie wohl!. Sie geleiteten mich vor die Thür, wo ich die 9 aize Dienerſchaft fand; denn die guten Leute wußten le, daß ich zu erfreuen gekommen war und daß ich beglücken wieder ging... Noch einen Hände⸗ uck, noch einen freundlichen Blick mit auf die Reiſe .. und. ich ſtieg ein und die unruhigen a ſtoben davon, den Hügel hinauf und wieder hinab, und es dauerte keine halbe Stunde, ſo lag das fried⸗ liche Thal mit ſeinen eben ſo friedlichen Bewohnern ſchon wieder hinter mir........ Ich fuhr ohne Aufenthalt bis Nachmittags drei Uhr, dann machte ich Halt, ruhte einige Stunden und um ſechs Uhr befand ich mich wieder unterwegs. Da der Weg uns günſtig war, denn wir fuhren auf der geraden Landſtraße, ſo kamen wir ſchnell vorwärts. Nachts elf Uhr gelangten wir in unſer Nachtquartier und blieben bis Morgens zehn Uhr. Abermals ging es in raſchem Tempo vorwärts und es war erſt ſie⸗ ben Uhr Abends, als wir die Station erreichten, wo der vorausgeſchickte Diener mit Bravour meiner harrte.— 4 Obgleich ich mich ſehnte, das Ziel meiner Reiſe bald zu erreichen, ſo war es doch unnütz, noch dieſen 4 Abend aufzubrechen, denn ich hätte erſt mitten in der Nacht nach St. James gelangen können. Darum blieb ich bis zum andern Morgen um ſieben Uhr. Ich ſchrieb einige Zeilen an Sir Robert Grah und ſandte ſeinen Wagen und ſeine Pferde mit dß⸗ herzlichſten Danke zurück. Dann beſtieg ich mein Pa das luſtig wieherte, als es mich wieder auf ſein Rücken fühlte, und nun flog ich im leichten 5 dem nächſten Ende meiner Reiſen zu. W — 55— Ich befand mich auf wohlbekannter Straße, at die Empfindungen, die über mich kamen, als St. Ja⸗ mes mir immer näher rückte, waren mir bisher unbe⸗ kannt geblieben. Länger als vier Wochen war ich un⸗ terwegs geweſen, mit Hoffnung zwar, aber mit einer umflorten Hoffnung;.. wie bei bedecktem Himmel war ich ausgezogen; im Bewußtſein, jene Hoffnun⸗ gen erfüllt zu ſehen, kehrte ich im hellen Sonnenſchein zurück... und es war Mittags ein Uhr, als ich auf dem ſchon oft erwähnten Gipfel des Berges hielt und das große und mir ewig denkwürdige Gebäude von St. James wieder vor mir liegen ſah. Mir klopfte das Herz vor Erwartung... ihn zu ſehen, um deſſentwillen ich gegangen und nun wie⸗ der gekommen war... ob er eine Ahnung von mei⸗ ner Rückkehr hatte? Ob er mich erwartete?... Ich ſah lange hin. Ich hatte mit ihm verabredet, auf dem Gipfel des Berges, bei der Krümmung der Straße, die man von St. James aus mit den Augen errei⸗ chen konnte, zu halten und zum Zeichen meiner glück⸗ lichen Rückkehr ein weißes Tuch wehen zu laſſen. Ich hob meinen Arm empor und ſchwenkte das Tuch freudig in der Luft... aber Niemand erwiderte nja Oruß. ia, Niemand Vieleicht dana ihn. ſenheit an einen uns theuren Ort zurückkehren, alle uns umgebenden Gegenſtände müßten unſre Freuden und Gefühle theilen, und wie oft glauben wir dies vergehens! Die Gegenſtände um uns ſind, wie ſie alle Tage ſind, kalt und gleichgültig; ſie empfinden nichts, ſie fühlen nichts... nur in unſerem ewig bewegten Herzen wogt dieſe Empfindung und lebt dieſes Gefühl, und durch das trübe oder klare Glas unſerer Stim⸗ mung ſehen wir die Umgebung, die Menſchen, die Welt... Alles weint, wenn wir weinen, Alles lacht, wenn wir lachen, und ſomit liegt in unſrer eignen Bruſt das Urtheil, welches dieſe Welt, dieſe Menſchen, rückwärts wirkend, über uns fällen, denn wir ſelbſt legen es ihr in den Mund durch unſer eigenes Selbſt.............. Ich ritt über die kleinen Zugbrücken, an den Wärterhäuſern vorbei, deren Bewohner mich freundlich willkommen hießen, denn ſie kannten mich ſehr gut; und ſo gelangte ich in den Park. Er war wenig be⸗ ſucht, denn es war die Stunde des Mittageſſen h näherte mich langſam den Stallgebänden, die ſei lagen, und hier war es, wo ich einen der Km der mir mein Pferd abnahm, fragte, ob Alles 4 ſei? Dies gutmüthige Wort: Alles, das ſo A lei bedeutet, wo man oft nur ein Einziges im Sinmne hat, mußte auch hier wieder herhalten. 1 — Alles, Alles, Sir!— antwortete er— Ah! da iſt Bravour wieder... nun, er ſteht ganz nied⸗ lich rund aus... — Was macht ſein Herr?.* — Mr. Sidney?... heute habe ich ihn noch nicht geſehen, geſtern aber war er noch ganz munter! Heute habe ich ihn noch nicht geſehen, geſtern aber war er noch ganz munter! wiederholte ich mir im Stillen und fühlte dabei eine kleine Bekl emmung über Percy's Geſundheitszuſtand. Wir ſind argwöh⸗* niſch in dieſem Betreff füt unſre Lieben, wenn man mit uns von Geſtern ſpricht, während wir nur das Heute vor Augen haben. Von einem mir entgegenkommenden Diener erfuhr ich, daß der Direktor, zu dem ich mich Anſtands halber ſogleich begeben wollte, mit den übrigen Herren im Conferenzoimmer ſei, und ich verfügte mich ſogleich dahin. Ich fand faſt alle Beamte, den Prediger nicht ausgenommen, um den großen grünen Tiſch verſam⸗ melt, und ward in der That höͤchſt freundſchaftlich bewillkammnet. Ermüdet und beſtäubt, wie ich war, Peste ſch mich zu ihnen und beantwortete, ſo gut 9 konnte, den ganzen Schwall von Fragen, der ſich über mich ergoß. Nur der Oberarzt ſchien ausnahms⸗ weiſe etwas ſtill und zurückhaltend zu ſein und es war mir, als beobachte er mich bisweilen mit einem eige⸗ nen erwartungsvollen Blicke von der Seite. Qeie haben doch meinen Brief erhalten?— fragte ich den Direktor, als mir vom Antworten ſo viel Zeit blieb, um auch eine Frage zu ſtellen. — Sicher! Schon vorgeſtern, er kam ja mit der Poſt und ich habe auch Mr. Sidney ſogleich Ih⸗ ren Dank abgeſtattet. Das war es, was ich wiſſen wollte! und ich verbeugte mich beifällig vor ihm. — Er iſt heute etwas unwohl, wie ich höre— fuhr er fort— und hütet ſein Zimmer. Sie werden ihn gewiß erfreuen, wenn Sie nachher die Güte hät⸗ ten, ihm Ihre Rückkehr durch Ihren perſönlichen Be⸗ ſuch anzuzeigen. Das iſt noch beſſer! dachte ich, und ſo ruhig wie ich es ſein konnte, erwiderte ich: — Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß Ge⸗ brauch machen... er iſt aber doch nicht ernſtlich krank? 4 — Nichts, nichts Bedeutendes!— ſagte der Obect — 59— arzt etwas haſtig, indem er mit den Achſeln zuckte — ein kleiner Katarrh, weiter nichtt! Seine Miene ſchien mir aber ausnahmsweiſe viel Bedeutung auf das nichts Bedeutende der Krankheit Mr. Sidney's legen zu wollen. — Sie kommen uns übrigens gerade erwünſcht — fuhr Mr. Elliotſon fort— wir berathen eben über die Aufführung unſres König Lear, die nächſten Frei⸗ tag ſtattfinden ſoll. Es wird ein großer Feſttag werden. — Das iſt mir ſehr lieb, mein lieber Mr. Elliot⸗ ſon! Am Freitag alſo? fragte ich und— im Stillen rechnete ich ſchon, wieviel Zeit uns bis dahin bliebe, Vorbereitungen zu Percy's Flucht zu treffen. Wir hatten Montag, mithin blieb uns vier und ein hal⸗ ber Tag, wenn Phillipps zu rechter Zeit eintraf. — Freitag, Freitag und immer wieder ein Frei⸗ tag! rief Mr. Derby, der Unterarzt. Es ſollte lieber ein andrer Tag gewählt werden, Gentlemen, wir haben mit unſern Freitagen kein Glück... wiſ⸗ ſen Sie noch, Mr. Elliotſon, daß alles Unglück im vorigen Jahre...— 1 — Ach, Sie ſind ein Fat iliſt!— unterbrach ihn er Direktor lächelnd— Aber meinetwegen kann es hich am Sonntag ſtattfinden! 1 — — Meine Herren!— rief der Prediger und hob ſalbungsvoll einen Finger in die Höhe— der Sonn⸗ tag iſt mein Tag! — Ja ſo!— erwiderte ſchalkhaft der Unterarzt, — da führen Sie Ihre Komödie auf. Ich hatte ge⸗ dacht, der Sonntag wäre Gottes Tag und es wun⸗ dert mich, daß auch Mr. Bromfield darauf Anſpruch macht! Man lachte und ſah den Prediger an, der ſei⸗ nerſeits den Spaß ganz gut zu finden ſchien, denn er lachte mit und ſchlug in die Hand ein, die ihm Mr. Derby hinreichte. Beide kannten ſich hinreichend und man war es gewohnt, ähnliche Schraubereien zwi⸗ ſchen ihnen zu hören, die auch ſtets ſo friedlich en⸗ deten, wie diesmal. Man ſprach noch Einiges hin und her über das Feſt, und es blieb bei dem Freitage; worauf die Sitzung ein Ende hatte, da die Glocke zum Mittag⸗ eſſen bereits läutete. 1 — Wenn Sie nicht zu ermüdet ſind— ſagte der Direktor zu mir, ſo ſpeiſen Sie bei mir; meine Frau wird Ihnen einige Fragen üher London vorzu⸗ legen haben. 4 Die ich uabefenuih ex tempore werde bead — 61— worten müſſen! dachte ich, nahm aber dankend das freundliche Anerbieten an. Wir waren ſchon aufgeſtanden und im Begrif auseinander zu gehen, als mich der Oberarzt beim Arme ergriff und leiſe ſagte: — Sie kleiden ſich doch wahrſcheinlich um, ehe Sie zu Tiſche gehen! Wenn Sie erlauben, ſo be⸗ gleite ich Sie auf Ihr Zimmer... — Es wird mir ein Vergnügen ſein, Mr. Lo⸗ renzen! — So kommen Sie denn! Und wir begaben uns auf mein Zimmer, wo ich Alles fand, wie ich es verlaſſen hatte. Ich kleidete mich ſogleich um, raſirte und wuſch mich, wobei ich den Vortheil hatte, Mr. Lorenzen nicht immer in's Geſicht ſehen zu müſſen, der nicht ganz ohne Verle⸗ genheit zu ſein ſchien, denn ich ahnte ſchon, was er auf dem Herzen und worüber er mit mir zu ſprechen hatte. — Was ich Sie fragen wollte,— begann er— ſind Sie ſo gütig geweſen, meinen Brief Sir John ... zu übergeben? — Gewiß! und ich habe auch eine Antwort für — O, warum gaben Sie mir die nicht ſogleich? — Einfach darum, weil ich nothwendig dazu mit Ihnen allein ſein mußte, denn ich habe nichts Schriftliches... Nichts Schriftliches?— rief Mr. Lorenzen verwundert, und konnte eine leichte Röthe nicht un⸗ terdrücken, die über ſeine Stirn und ſeine gewoͤhnlich blaſſen Wangen lief— Alſo Sir John... hat Ih⸗ nen meine Bedenklichkeiten hinſichtlich Ar. Sidney's mitgetheilt? 9 — Das hat er!— ſagte ich und ſah im Spie— gel, vor dem ich mich eben raſtrt hatte, das ziemlich verlegene Geſicht des guten Oberarztes— Sir John hat kein Geheimniß darüber vor mir gehabt, er hat mich ſogar um meine Meinung gefragt.... — Um Ihre Meinung? Doch das iſt ganz na⸗ türlich, da Sie ihn auch geſehen haben... Hier ſchien es Mr. Lorenzen zum Erſtenmale ein⸗ zufallen, daß er dieſelbe nimmals von mir r zu hören verlangt habe. — Die natürlich nur eine oberflächliche und un⸗— vorgreifliche ſein konnte,— erwiderte ich— denn Sie ſahen ihn vier. Jahre und ich nur ſechs Wochen! — Und darf ich vielleicht wiſſen, welche Mei nung Sie gegen Sir John... ausgeſprochen hab — 63— — Dieſelbe, die ich vom erſten Augenblick an hatte.„— — Wie, Sir... es ſollte mir leid thun, wenn mein langes Schweigen über einen ſo wichtigen und intereſſanten Gegenſtand in der Wiſſenſchaft... — Auf Sie ſelbſt zurückgefallen wäre... wol⸗ len Sie ſagen. 1 — Ganz und gar nicht, Sir! Doch, wie Sie wollen... ſprechen Sie ſich vollſtändig aus, ich werde auf Alles mit meiner wahrhaftigen Ueberzeu⸗ gung erwidern... alſo die Meinung Sir Johns...? — Hml Ja! Er trug mir auf, Ihnen anzn gen, daß Sie in ſpäteſtens vierzehn Tagen die be⸗ ſtimmte... merken Sie wohl. die beſtimmte Ueberzeugung von Mr. Sidney's Geſudſäsnfimd 1d in Händen haben würden... — In vierzehn Tagen? die beſtimmte Ueberzeu⸗ gung? in Händen haben?— wiederholte Mr. Loren⸗ zen u wunde noch weit verlegener, als er vorher geweſ war— das perſehe ich nicht recht... kennt er ih twa? 3 Er muß doch woßt!— entgegnete i6 nnd Aur die Schleife meines Halstuches feſt. — Hm! hm!l erlauben Sie, Sir, daß ich Ih⸗ jetzt auch meine Meinung über Mr. S 1 bank — 64— ausſpreche, da Ihnen Sir John wahrſcheinlich die ſeinige mitgetheilt hat... Sehen Sie, ich begreife den Menſchen jetzt gar nicht, wie er ſich ſo plötzlich hat verändern können. Namentlich ſeitdem Sie fort ſind, hat er ſich ſo ruhig, beſonnen und gleichmäßig betragen, daß ich mich über ihn verwundern mußte. — Und konnten Sie es anders erwarten?— warf ich ihm ein, indem ich mir, um meine Bewe⸗ gung zu verbergen, ein Glas Waſſer eingoß. — Wie? wie erwarten, Sir?... ich verſtehe Sie nicht! — Nun, nach ſo vielen Anſtrengungen von Ih⸗ rer Seite, ihn auf den rechten Weg zu bringen... — Ach ſo, ach ſo! Sie ſind ſehr gütig! doch das hilft nicht immer. Aber hören Sie weiter. Dieſes vernünftige Betragen im Allgemeinen war es auch nicht allein. Sie kennen ſeine Widerſpenſtigkeit, ſeine Hartnäckig gkeit, ſein Beharren auf ſeinen Ideen, wenn er auf dem Converſationsſtuhle ſitzt... — Ich habe wenigſtens davon gehört.. — Nun ja, und ſeinen ſophiſtiſtrenden Wetteifer, ſeime ſoganannten lagilhher⸗ aber immer für 5 In un⸗ — 65— * an und antwortet zuletzt: ich ſehe es ein, Sie mögen Ihrerſeits ganz Recht haben! — Ich mußte wider meinen Willen lächeln und antworten: — Er hat vielleicht gar nicht auf die Ermahnun⸗ gen, die ihm eingetrichtert wurden, gehört. — Eingetrichtert? Sie brauchen ein ſonderbares Wort... nun, meinetwegen! Und was das Merk⸗ würdigſte dabei iſt, mit dieſer Ruhe, dieſem gleich⸗ mäßigen beſonnenen Betragen iſt ein ſo feines, an⸗ ſtändiges, ich mochte ſagen, vornehmes W Weſen über ihn gekommen, daß er in meinen Augen ein durchaus veränderter Menſch iſt... — Wie, lieber Doktor, wäre Ihnen dieſes feine Weſen jemals entgangen?— fragte ich und konnte nicht unterlaſſen, ihn aufrichtig aber etwas ſcharf in die Augen zu ſehen— Es ſnlii mir leid thun, wenn Sie in einem Irrenkranken... wie Mr. Sidney ei⸗ ner iſt... nicht auch einen gebildeten, ſogar einen hochgebil deten Geiſt und einen feſten, faſt erhabenen Charakter gew ahren könnten.... — Sie haben Recht, Sir, ich gebe es zu, es war immer ſo etwas an ihm... aber wer iſt er denn? Ein ſimpler Maſter... der Sohn eines rei⸗ hen Mannes, vielleicht Mines Kaufmanns, twas Der Irr von St. James. 4. Band. . verzogen und von frühſter Ingendan die Geſellſchaft und ihren Lurus gewöhnt... wir ſind aber hier in St. James! O über die Kurzſichtigkeit! dachte ich. — Wenn das ſo fortgeht, ſo halte ich ihn für geheilt! Hier ſah mir der gute Mann treuherzig in die Augen und ich freute mich in ſeiner Seele über dieſen ſeinen Ausſpruch, obgleich ich bedauerte, daß es ſo vieler Zeit bedurft hatte, ihn hervorzubringen und ich mich unwillkürlich an die Gewohnheit eines in meiner Vaterſtadt bekannten Homöopathen erinnerte, der alle Welt für krank erklärte, nachdem er aber ſeine Be⸗ ſuche gemacht, ſeine Kügelchen gegeben, ſeine Diät verordnet und ſeinen Gang bezahlt bekommen hatte, beweiſen wollte, ſeine Patienten ſeien vollkommen ge⸗ ſund und durch ihn allein hergeſtellt worden. Doch wollte ich mit dieſer Erinnerung dem guten Oberarzte nicht zu nahe treten, er war gewiß in ſeinem Herzen von dem Vorhandenſein einer früheren Krankheit Mr. Sidney's und ſeiner jetzt erſt erfol überzeugt, und es freute mich ſehr, Kaß ſeine eigene Anſchauung endlich das Dunkel, welches auf Perey lag, durchdrungen und das einem Unbefangenen ſo hell ſcheinende Licht ſeines geſunden Verſtandes wahr⸗ iI Herſtellung — 67— genommen hatte. Sogleich hielt ich ſeinen Mespeus feſt und fragte: — Da entlaſſen Sie ihn ja wohl bald? — Um Entſchuldigung, Sir! Sie wiſſen, d mich das nichts angeht, daß die Entlaſſung den Sache der Direktion iſt. Und ſo viel mir bekannt iſt, ſteht in den Inſtruktionen, die über Mr. Sid⸗ ney von ſeinen Verwandten eingelaufen ſind, daß er nicht eher entlaſſen werden ſoll, als bis nach ganz vollendeter und einzig durch die Zeit geprüfter Heilung, und daß dann erſt die Beſtimmung ſeiner Verwandten, die wahrſcheinlich durch ihn viel gelitten haben, ein⸗ zuholen ſei, was man mit ihm beginnen und wohin man ihn ſenden ſolle. — Hm! Alſo iſt gar keine Ausſicht vorhanden, daß Mr. Sidney bald entlaſſen werde? — Keine, vor der Hand gewiß gar keine... — Gehen wir denn zum Eſſen!— ſagte ich und nahm meinen Hut. 4 — Sie wollten mich noch Ihre eigene Menung über Mr. Sidney wiſſen laſſen.. — Nun, mit kurzen Worten geſagt, hege ich won Mr. Sidney Ihre Meinung, d. h. Ihre jetzige, . nd d habe ſie vom erſten Augenblick an, wo ich, in den Garten tretend, zufällig Mr. Sidney zu Geſichte bekam, nicht anders gehegt. — Ah! bah!... Ich that, als bemerkte ich nicht im Geringſten das Erſtaunen, welches ſich handgreiflich in allen Zü⸗ gen Mr. Lorenzens ausſprach und fuhr fort: — Ein Längeres und Breiteres aber, mein lieber Doktor, werde ich Ihnen in derſelben Nachricht mit⸗ theilen, die Sie, wie ich ſchon vorher geſagt habe, in ſpäteſtens vierzehn Tagen erhalten werden. — Ah, ſo wollen Sie alſo bald wieder von hier fort? — Ja, ich beabſichtigte den Freitag Morgen zu reiſen, da ich zum Sonnabend Morgen meine An⸗ kunft an einem andern Orte ſchon angeſagt habe. Weil ich aber gern Ihrem Feſte beiwohnen möchte, ſo bin ich genöthigt, noch Freitag Nacht... ſo denke ich... meine Reiſe anzutreten, ſobald König Lear geſtorben ſein wird... doch nein— ſetzte ich lächelnd hinzu— er ſtirbt ja bei Ihnen nicht, er kehrt zu ſeinem Eigenthume und in die Arme ſeiner Cordelia zurück... Nun, iſt es Ihnen gefällig? Und den Arm des Arztes nehmend, den er mir etwas verdutzt überließ, ging ich mit ihm über deß Corridor, empfahl mich ihm und trat in das Zij — 69— mer des Direktors, deſſen Familie mich ebenfalls herz⸗ lich willkommen hieß........... So kurz eine Stunde ſonſt iſt, wenn man ſie in freundlich theilnehmender Geſellſchaft und an einer wohlbeſetzten Tafel verbringt, ſo wurde mir dieſe eine Stunde jetzt doch unendlich lang und zuletzt peinlich. Indeſſen da ich den eigentlichen Grund meiner Unruhe nicht merken laſſen durfte, ſo ſchützte ich, was mir natürlich auch geglaubt wurde, Ermüdung vor und ſah mich dadurch früher beurlaubt, als es ſonſt ge⸗ ſchehen wäre. Aber vorher hatte ich nicht uer meiner durch die Verhältniſſe beſchleunigten Abreiſe gedenken, nur hatte ich dem Direktor verſprechen u ſen, was denn auch ganz mit meiner Abſicht über⸗ einſtimmte, den feſtlichen Freitag in St. James zu verleben. Und jetzt endlich war ich frei und konnte mich zu Perey begeben, zu dem alle meine Wünſche ſtreb⸗ ten; kaum konnte ich den Zeitpunkt erwarten, nur die Thüͤr ſeines Zimmers zu ſehen... ich flog die Treppen hinauf... ich ſtand vor der Thür und war ſo athemlos, daß ich einige Minuten zögern mueßte, bis ich wenigſtens meiner Speache Witder Kthtig war... Leiſe öffnete ich die T ünd er vor mir, ſeine hohe, edle Geſtalt ge e N aufgerichtet... und welches Geſicht ſah ich wieder! O dieſe ſchönen, regelmäßigen, geiſtreichen und offe⸗ nen Züge, ſie waren alle dieſelben, wie ich ſie früher ſo oft mit Wohlgefallen betrachtet hatte, aber der gei⸗ ſtige Reiz, der ſie heute belebte, der freudige Glanz, der ſie verſchönte, und die ſtrahlende Erwartung, die mir von ihnen entgegenblitzte... Alles das war mir neu, das hatte ich noch nicht an ihm geſehen, und ich ſtand eine Weile vor ihm, keines Wortes, nur der Bewundrung und innigſten Freude fähig. Wie ein leuchtender Blitz fuhr ein Freudenſtrahl über ſein Geſicht, als er mich erblickte, er ſtreckte ſei⸗ nen Arm haſtig nach mir aus und ſagte nur: — Sie ſind da... und ich weiß es, ich fühle es, was ich von Ihnen zu erwarten habe! — Und Sie ſind nicht krank?— fragte ich ſchnell und beſorgt. — O, vergeſſen Sie die unwürdige Liſt, aber wie konnte ich ſonſt zu der Freiheit gelangen, mit Ih⸗ nen nach Herzensluſt verkehren zu knnen... — Ahal— ſagte ich. Mehr vermochte ich nicht hervorzubringen, denn er hatte mich mit ſeinem ſte gr⸗ ken Arme umfaßt und drückte mich innig und dc an ſeine Bruſt. 1 „H— 1— — Und was nun, Freund meiner Seele?— fragte er. — So, Percy, ſo wie eben jetzt an Ihrem Ler⸗ zen, habe ich an dem Ihres Vaters gelegen und an Sir Robert Graham's Herzen... 5 — Ha!— jauchzte er auf— Und Ellinor?— Vihnnd eine dunkle Purpurröthe über ſeine bleichen Wangen ſich ergoß. — und Ellinor?... hier ſpricht ſie ſelbſt! Und damit ließ ich ihren Bricf in ſeine Hände fallen, die ſchon geöffnet dem theuren Kleinod entge⸗ gen eilten und es nun mit dem ſanfteſten Drucke um⸗ ſchlungen hielten. Wenn die Bruſt eines Menſchen vor Freude zerſpringen könnte, Percy's Bruſt wäre gewiß zerſprun⸗ * gen, wäßhrend er die ihm von mir überbrachten Zeilen las. Fr lachte, er weinte, er jauchzte; er klagte, und küßta jede Zeile, jeden Ort, wo ihre theure Hand ge⸗ ruht hatte und barg endlich den Brief, nachdem er ihn/ dreimal wenigſtens geleſen, auf ſeiner Bruſt. — Dank, Dank Dir Vater da oben! e meiie Gebelt ihärt! Daſin aber, keines Wortes mächtig, ſchritt er mit gußlßen Schritten durch das Zimmer, hob die Hände or und ſtammelte endlich: 5 — 2—* Und wiederum zu mir tretend, umfaßte er mich abermals. 3— Freund meiner Seele!— flüſterte er mehr als er ſprach— der Sie mir den Himmel auf Erden ge⸗ öffnet haben... wie, wo, womit, durch welchen Zufall haben Sie ſie gefunden? — So und ſo!— ſagte ich und erzählte bald dies, bald das, wie es mir gerade vorſchwebte und wie es uns gewöhnlich ergeht, wenn unſer Herz zu voll iſt und die Gefühle überſtrömen, und die Lippen, die Pforte des Herzens, nicht groß genug iſt, alle Selig⸗ keit auf einmal herauszulaſſen, und ich ſprang von Erllinor auf Lord Seymour, von dieſem auf Sir Ro⸗ bert Graham über, bis ich endlich, ruhiger geworden, ſo viel Faſſung gewann, mich mit Percy zu ſetzen, der, ſeinen Arm auf meine Schulter ſtützend/ neben mir ſaß und, berauſcht von Glück, wonnetrunked mich anſah. Ohne irgend eine Unterbrechung von ſeiner S als vielleicht einem halben Ausruf der Verwunderuung, des Beifalls oder des Zweifels hier und da auszge⸗ nommen, war ich endlich, da ich nur das Wichwate und Nothwendigſte heraushob, mit meinem Bing fertig. Ich blickte auf Percy hin, der ſich i ee Sophas gelehn ee... die Bi⸗ eite, oben gerichtet. Seine Bruſt hob ſich... tauſend freudige und qualvolle Empfindungen mochten ſein ſtarkes Herz durchwühlen... er ſchien in der Ver⸗ gangenheit umher zu ſchweifen und ſuchte vielleicht auch die Dunkelheit der Zukunft zu ergründen. Doch endlich ſchien das auf und nieder jagende Gewölk ſeines irrenden Geiſtes auf einen Punkt ſich zuſammen zu ziehen, es zuckte, wie wenn ein Blitz⸗ ſtrahl aus den Wolken bricht, ein düſteres Leuchten über ſein Antlitz und wie aus der tiefſten Tiefe ſeiner Bruſt drang das eine Wort hervor: 4 — Mein Vater! Allmälig erſt hob ſich ſeine Stimme wieder, ſeine Rede wurde verſtändlicher, ſeine Mienen, die in krampf⸗ hafter Bewegung geweſen waren, beruhigten ſich. — Mein Vater!— fuhr er fort— Alſo Furcht war es... und vor Deinem Sohne!... Ein Va⸗ ter fürchtet n einen Sohn und flucht deshalb dem andern!... Kann es dahin kommen? Darf man's glauben?.. Und die Strafe? ha! die Strafe?... Ach, Ellinor!— Und ſeine Stimme wurde plötzlich weich, ein tiefer Seufzer erleichterte ſeine volle Bruſt — Ellinor! Nein!... ja!. F. Verſöhnerin! Du Mittlerin zwiſchen meinem boͤſen Verhängniß und mei⸗ nem eiſernen Willen! Du willſt es nicht, ſt — 74—* es nicht... Du beſchwörſt mich in Deinem Briefe ... zu vergeſſen... Ach!... und das Teſtament verbrannt!... und er ſoll nichts haben... arm ſein, ganz arm, der ſich ſchon ſo reich dünkte... nein, nein! Das ſoll er nicht... ich habe ja ent⸗ ſagt! 4 — Was!— rief ich wider meinen Willen laut aus— Sie wollen der Erbſchaft entſagen? — Der Erbſchaft gewiß, mein Freund, wenn auch nicht dem Namen, denn den darf ich nicht verſchenken ... mag er das Uebrige nehmen, die Schlöſſer, die Ländereien, das ſchnöde Geld und Gut... mag er ſich damit berauſchen, mag er es mit ſeinen Geſellen vergeuden... in alle Weltgegenden zerſtreuen... iich will es nicht, bei Gott! ich will es nicht!.... Gott, Gott! dachte ich, welche Wunderwerke haſt Du in eine menſchliche Bruſt niedergelegt! Einen Berg, einen ungeheuren Berg von Schmerz haſt Du auf dieſes Herz gewälzt, und das Gefühl der Rache, das wollüſtige Gefühl der Rache und der brennende Wunſch, ſie zu kühlen, iſt eben ſo groß wie dieſer Berg von Schmerz,. und ein Gedanke an ſeine Liebe, ein einziger, augenblicklicher Gedanke von dieſer Liebe auf jenen Berg gerollt... und... er fällt in ſich ſelbſt zuſammen... die Luſt der Rache ſchmilzt 1 75 wie der weiche Schnee vor der gewaltigen Sonnen⸗ glut zerſchmilzt! Ja, ſo iſt der Menſch! Ein Titane in ſeiner Leidenſchaft, wenn ſie geweckt iſt... ein Lamm in ſeiner Liebe, wenn ſie die wirkliche, ächte, wahre Liebe iſt! — Und Sie haben nichts mit den Gerichten zu thun gehabt? Sie haben keinen Menſchen in das un⸗ ſelige Geheimniß eingeweiht? — Keinen Schritt habe ich dazu gethan... — So ſegne Sie Gott! Dieſe Gerichte, dieſe ge⸗ recht ſprechenden Gerichte, Glocken mit Herzen von Metall und mit poſaunenden Zungen, die die Chre haufenweis freſſen, wo ſie die Gerechtigkeit pfennig⸗ weiſe von ſich geben, mit ihren nimmerſatten Bäu⸗ chen, in denen ſie Hab und Gut der Armen, der Ge⸗) rechtigkeit zu Liebe, verſchlingen,... wie haſſe, wie verachte ich ſie! Nein! Ueber meine Sache ſoll kein Gericht ſitzen... Gott oder ich allein ſoll Richter ſein zwiſchen ihm und mir, und lieber will ich mein Brot v Thüren betteln gehen, als ihrer Gunſt einen Glückstraum verdanken, nachdem ſie mei⸗ nen Namen und meine unangetaſtete Ehre ver⸗ ſchh n haben!... Mortimer! Mortimer! danke D. einem Schöpfer, daß ich Ellinor gefun dn... ſia 7 — 76— Du ihr ein Haar gekrümmt, bei Gott! ich hätte ver⸗ geſſen, daß Deine Mutter auch meine Mutter war... Du wäreſt verloren geweſen!... Und er will mich nicht auslöſen!— fuhr er langſamer fort— Er fürchtet ſich vor Mortimer! Wieder Furcht vor Mortimer! O dieſer Mortimer, iſt er denn wirklich ſo furchtbar... ich möchte ihn wohl in ſeinem Glanze ſehen... ha! ihn ſehen und mit einem Blicke wollte ich dieſen furchtbaren Mortimer zermalmen, der es gewagt hat, ſeinen alten gebeugten Vater vor Furcht zittern zu machen. Gut! nun ſoll er mich nicht löſen, ich werde mich ſelbſt löſen, ich werde mich befreien!... Und Sie gehen mit mir? — fragte er plötzlich mit ſo weicher und beſänftigter Stimme, daß ich ihn verwundert anſah, denn ich glaubte, ein anderer Menſch ſpräche aus ihm— Sie gehen mit mir? Nicht wahr? und jeden Augenblick? — So bald Sie wollen... doch ich denke, am Freitag wird es am beſten gehen! — So denke ich auch. Chappert iſt gewonnen, er hilft uns bei der Flucht und folgt mir nach. Phil⸗ lipps wird kommen und, wie ich höre, haben Sie alles Uebrige in Bereitſchaft geſetzt? — Es iſt Alles fertig, wir brauchen nur zu wol⸗ Ien... — 7— ... Hier unterbrach uns der Oberarzt, der ſich nach Mr. Sidney's Befinden zu erkundigen gekom⸗ men war. 1 — Es geht mir leidlich!— erwiderte der Ge⸗ fragte mit einer ſo wunderbaren Faſſung und Geiſtes⸗ ruhe, daß kein Menſch ihm hätte anmerken können, er habe noch vor wenigen Augenblicken, wie ein nur ruhender Vulkan, Blitze und Flammen ausgeſpieen. — Das freut mich!— ſagte der Oberarzt und warf mir einen triumphirenden. Blick zu— Trinken Sie Ihre Tiſane weiter und bleiben Sie auf Ihrem Zimmer. — Ach, aber die Langeweile, Doktor... Nun, ich komme öfters, und hier, unſer Freund, kommt noch öfter, er hat ja nichts zu ver⸗ ſäumen... Das iſt ſchon Etwas... dürfen wir eine Parthie Billard machen? — Gewiß, und das ſogleich, wenn ich mit dabei ſein darf. — So gehen wir! Und wir gingen; denn Petey wußi, daß dies die beſte Art und Weiſe war ⸗ Mr. Lorenzen fortzu⸗ 4 95 n, der ldenſchaſtüihe dem Billardſpiel ergeben war. III. Ein Feſttag in St. James. Daß ich von der Erlaubniß des Direktors und des Oberarztes, Mr. Sidney häufiger und länger be⸗ ſuchen zu können, hinlänglich Gebrauch machte und auch von dem geringeren Mißtrauen, welches man jetzt in den ſeiner vollkommenen Geſundheit entgegen⸗ ſchreitenden Patienten ſetzte, Vortheil zog, um unge⸗ ſtört mit ihm zu verkehren, brauche ich wohl nicht be⸗ ſonders zu erwähnen. Schon am nächſten Tage war der Viscount von Dunsdale mit allen Ereigniſſen meiner Reiſe und deren Erfolgen eben ſo vertraut wie ich. Ich hatte ihm nichts verſchwiegen, ſelbſt nicht den Grund des rhte maligen Haſſes ſeines Vaters gegen ihn, ſo ſchnn verletzend und niederbeugend dieſe Entdeckung auch fif ihn ſein mochte. Aber es ſchien mir auf alle Fälle 8 gerathener, ihn die Wahrheit einſehen, als vielnehr 8 glauben zu laſſen, ſeines Vaters Abneigung gegen ihn ſei mehr ein perſönlicher Haß, denn ein in ſeinen frü⸗ heren Verhältniſſen begründeter Unglücksfall, da dieſer Umſtand Percy ſeinen Vater mehr bedauern und ihn als ein Opfer ſeiner eigenen Leidenſchaften betrachten ließ, als daß er ihn mit Abſcheu und perſönlichem Widerwillen erfüllt hätte. Eben ſo wenig verſchwieg ich ihm die freilich fruchtloſen Nachſtellungen Mortimer's und ſeiner gegen Ellinor ausgeſprochenen Drohungen, denn wer konnte in die Folge ſehen und für Mortimer's geläuterten Sinn bürgen, wenn Percy, nichts Böſes argwöhnend, ſeinem guten, edlen Herzen freien Lauf ließ. Nein! ees mußte mir daran liegen, Percy zu bewegen, auf ſeiner vuih zu ſein, und Ellinor ſowohl wie ſich ſelbſt gegen jedes fernere Mißgeſchick ſicher zu ſtellen. Freilich durfte ich mir nicht verhehlen, daß durch alle dieſe traurigen Enthüllungen viele Bitterkeit in den ſüßen Becher ſeines Gluͤcks gemiſcht wurde, indeß, konnte es ändern! die Verhältniſſe und meine hafte Freundſ ſchaft für ihn geboten mir Aufri feit und Offanhei, und dann war ja auch Perey Mann dazu, auch dieſe letzten S 2 — 80— würdig zu ertragen und ihnen männlich entgegen zu treten, zumal die unverhofft glückliche Wendung ſeines Geſchicks, beſonders die Auffindung Ellinor's, ſeinem Geiſt den höchſten Schwung und ſeinem Herzen die vollkommenſte Freudigkeit wiedergegeben hatte. Nun wußte er Alles, Nichts war ihm mehr verborgen und er konnte die geeignetſten Maaßregeln für die Zukunft treffen. Zunächſt war denn alle unſre Aufmerkſamkeit und unſer ganzes Beſtreben auf die Möglichkeit einer Flucht gerichtet, denn ich hatte ebenfalls nicht unterlaſſen, Percy mitzutheilen, wie ſich das Urtheil des Ober⸗ 1 arztes über ihn zwar geändert hatte, aber dadurch ſeine Entlaſſung aus St. James noch nicht näher gerückt ſei, und ſo hatten wir denn, wie ſchon geſagt, die Nacht vom Freitag zum Sonnabend zu dieſem Wag⸗ niß feſtgeſetzt, vorausgeſetzt, daß Phillipps bis dahin kam und der Haushofmeiſter von Dunsdale meinen Anordnungen nachgekommen war. Von dieſem letzte⸗ ren Umſtande beſchloß ich mich durch einen Spazier⸗ ritt ins Freie vorher zu überzeugen. Nur ungefähr zwei Meilen von St. James entfernt ſollten Wagen und Pferde eintreffen, und fand ich dieſß am Tag gX or her ſchon vor, dann durfte uns ſelbe Phillipps lb⸗ weſenheit, ſo ſehr ſte auch das Unternehmen erſchw⸗. 1* 1 —— nicht von der einmal feſtgeſetzten Entweichung zurück⸗ halten. Die Art und Weiſe, wie wir dabei der Oertlich⸗ keit und den Umſtänden gemäß verfahren mußten, war genau zwiſchen uns verabredet; wir hatten alle Wahr⸗ ſcheinlichkeiten, ſogar alle Möglichkeiten wohl in's Auge gefaßt und für jeden etwaigen Unfall einen Ausweg offen gelaſſen. Die feſtliche Stimmung, in welcher fich alle Bewohner des Hauſes in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend befinden würden, ließ uns auf Gelegenheiten hoffen, die ſonſt unter keinen Um⸗ ſtänden vorhanden geweſen wären, und einmal unbe⸗ nutzt vorübergegangen, ſobald nicht wiederkehren dürf⸗ ten, daher war es an uns, Alles, was uns günſtig und zweckdienlich ſchien, auf das Genauſte zu erfor⸗ ſchen und zu unſerem Beſten möglichſt auszubeuten. Nur eine einzige Bedenklichkeit war es, die mich acbermals, wie ſie es ſchon früher gethan hatte, einen Augenblick länger überlegen ließ, doch auch dieſe über⸗ wand ich und nun blieb nichts mehr zu beſchließen übrig. Es betraf dies das Verhältniß der Dankbar⸗ 5 keit und E benheit, in welches ich zur Anſtalt über⸗ haupt, insheſondere aber zum Direktor derſelben ge⸗ troten war, der Der Irre von St. James. 4. Band.— 8— 32— St. James gerufen, bereitwillig gefördert hatte. Es war ganz natürlich, daß auf mich der nächſte Verdacht fallen mußte, Mr. Sidney zur Flucht behülflich gewe⸗ ſen zu ſein, wenn man in Betracht zog, wie häufig ich mit ihm zuſammen geweſen, wie ich höchſt wahr⸗ ſcheinlich ſein Vertrauen genoſſen und nun der Flücht⸗ ling in derſelben Nacht entwichen ſei, in welcher ich St. James verlaſſen hatte. Aber damit das Ernie⸗ drigende, welches für mich in einem ſolchen Verdachte lag, gehoben und mein Thun in ein freundlicheres Licht geſetzt würde, ſo hatte ſowohl Percy, wie ich, jeder eine beſondere Schrift aufgeſetzt, die dem Direk⸗ tor von unſerm erſten Halteplatz ſollte zugeſandt wer⸗ den, und worin ihm, als einem Ehrenmanne, der das Unglück Anderer achten und verſchweigen würde, ſo⸗ wohl Percy's Verhältniſſe, als auch mein Antheil dar⸗ an mitgetheilt und die Beweggründe, die uns Beide geleitet hatten, aufgedeckt wurden. Zugleich ſtatteten wir darin nochmals unſern Dank für alle ſeine Ge⸗ fälligkeiten ab und verſprachen ihm, wenn ihm unſre Aufklärung noch nicht genügen ſollte, Beweiſe in die Hände zu liefern, die unſer zweideutig erſcheinendes Benehmen vollkommen aufklären und rechtfertigen ſoll⸗ ten. Indem wir uns ſo auf die tlichkeit ſeine Charakters, ſeine Einſicht und ſeine Humanitä ſtütz. 48 ten, hofften wir in gutem Einvernehmen mit ihm zu bleiben und ſpäterhin auf die eine oder andre Weiſe wieder in ein näheres Verhältniß zu einander treten zu können, je nachdem der Erfolg unſerer Pläne ein günſtiger und ſein eigenes Verhalten in dieſem außer⸗ ordentlichen Falle ein angemeſſenes ſein würde. In ſolche Beſchäftigungen und Beſchließungen vertieft, verfloß uns die Zeit ſchnell, und es war der Nachmittag des Donnerſtags gekommen, als ich mir Bravour ſatteln ließ und langſam durch den Park, bei den Wärterhäuſern vorbei, über die letzte Brücke ritt, die das freie Feld von dem Gebiete von St. Ja⸗ mes trennt. Es war der erſte September und die Witterung zwar noch leidlich angenehm und warm, aber doch ver⸗ kündete ſchon ein leichter Morgen⸗ und Abendnebel das allmälige Herannahen des Herbſtes. Ein zwar leiſer, doch fühlbarer Wind entblätterte hie und da ſchon einzeln ſtehende Bäume, deren Sommerſchmuck bereits eine fahlere Farbe anzunehmen anfing, und die in einen trüben Dunſtkreis gehüllte Sonne ſah aus, als treffe ſie Anſtalten, ſich in ihren dichteren Winter⸗ manee zu hüllen. Ja, der Herbſt, mit ſeiner bele⸗ benden Friſche, mit ſeinen neuen, das Gemuth des Menſchen ſo gewaltig bewegenden richeinun — mächtig heran, und der leiſe Schauer, der mich dann und wann durchrieſelte, ließ mich gewahren, daß die Temperatur der Luft ſich um ein Bedeutendes abge⸗ kühlt habe. Ich weiß nicht, ob jeder Menſch ſo empfindlich gegen den Wechſel der Jahreszeiten iſt, wie ich; aber ich komme mir ſtets wie ein lebendiges Barometer vor, welches, den leiſeſten äußeren Eindrücken nachgebend, auch ſeine eigene innere Bewegung nicht unterdrücken kann. So habe ich meine eigenthümlichen Frühlings⸗, Sommer⸗, Herbſt⸗ und Wintergefühle, von denen die des Frühlings und Herbſtes die heftigſten, ich möchte ſagen, die leidenſchaftlichſten ſind, denn die einen bli⸗ cken in die Zukunft, die anderen in die Vergangen⸗ heit. Vor allen aber hatte ich den Herbſt von jeher, 4 als meinem Naturell am meiſten zuſagend, geliebt. Ich fühlte mich immer ſtärker während ſeiner Dauer; es war, als wenn eine warnende Stimme mich ermu⸗ thigte, die mir verliehene Kraft zu benutzen und da⸗ mit vorwärts zu ſtreben. Darum war ich nie zum Wollen und Vollbringen geneigter als zu dieſer Zeit, und beſonders an dieſem Tage, der ſo merkwürdig eine Periode in meinem Leben abſchloß und eine neue ahnungsvoll heraufdämmern ließ, empfand ich eine ſo lebhafte Begierde zum Handeln und Wagen, daß ich — beinahe Mühe hatte, meiner Neigung entgegen, lang⸗ ſam zu reiten, denn ich verband mit dieſer langſamen Bewegung diesmal eine Abſicht. Mit einem Wort, ich wollte von den Wärtern, bei denen ich vorüber⸗ kam, bemerkt ſein, doch ich ſah noch keinen; erſt vor dem letzten Häuschen ſtanden ihrer Drei zuſammen und unterhielten ſich freundſchaftlich. An ſie heran⸗ reitend hielt ich ſtill und begrüßte ſie. — Wollen Sie ſchon wieder auf die Reiſe, Sir? — fragte der Eine— Sie ſollten einen Mantel mit⸗ nehmen, die Nacht wird kühl werden. — Nein,— erwiderte ich— heute will ich noch nicht fort, aber morgen... — Morgen, Sir? Und Sie wollen nicht die Ko⸗ mödie ſehen? — Erſt nachdem dieſe vorüber iſt, in der Nacht, ... und da ſoll Euer Rath Gehör finden, ich werde mich vorſehen... ich glaube wir bekommen näch⸗ ſtens einen ſtarken Nebel. 6 — Ganz gewiß, Sir, die Sonne ſinkt ſo ſchwer⸗ fällig hinab... aber Sie wollen bei Nacht fort? Warum das? 3 4 2 1— Nicht um Euch zu ſtören, liebe Leute,— ſagte ich— ſondern um das ganze Feſt morgen bis Ende mitfeiern zu können und doch ſchon Sonnabend 1 — 86— früh drüben in L... zu ſein, wo ich beſtimmt er⸗ wartet werde. Uederdieß haben wir Mondſchein und meine Reiſe zu Pferde wird kurz ſein. — Schon recht!— bemerkte einer von den Dreien — Aber wann werden Sie morgen Nacht reiſen? — Habt Ihr eine Abſicht auf morgen Nacht? — fragte ich, denn es kam mir ſo vor, als ob der Mann mit dieſer Frage etwas Beſonderes ſagen wolle. — Nun, das nicht, Sir, aber man ſchläft gern, wenn man bis nach Mitternacht getanzt hat, und die Barrieren ſind geſchloſſen, wenn wir ſchlafen. — Aha! Dann braucht Ihr mir ja nur zu ſa⸗ gen, wo der Schlüſſel liegt, und ich werde mir ſelbſt öffnen. — Ja, ja, Sir, das ginge wohl! Aber es geht doch nicht, denn es iſt wider die Inſtruktion... ha! der Dienſt iſt ſtreng! — Dann muß ich am Ende, um Euch nicht i im Schlafe zu ſtören, bis zum Morgen mit meiner Reiſe warten?— ſagte ich lächelnd. — O nein, nein, Sir! darum nicht! Kom⸗ men Sie nur, ich werde ſchon munter ſein... wer;⸗ den Sie allein reiſen? — Wie ſo?— fragte ich, doch ſogleich ſetzte hinzu:— Ganz gewiß, wenn ich nicht unter den Gi 4 ſten Geſellſchaft finde, die gleichfalls ſo früh auf⸗ brechen werden. — Haha! Sie haben Recht, es wird übermor⸗ gen Manchem der Kopf wehthun... haha! Nun, kommen Sie nur,.. Adieu, adieu, Sir! Ich grüßte ſie noch einmal und ritt dann freu⸗ dig im Galopp weiter, die Straße, die den Hügel hinauf führte, entlang, bis ich auf dem Gipfel deſ⸗ ſelben war. Dann bog ich rechts in den Wald ein und gelangte, einen Fußpfad verfolgend, zu einer kleineren Landſtraße, wo ein Häuschen ſtand, hinter dem ich die Diener des Viscount von Dunsdale zu finden hoffte. Und ſo war es auch. Sie waren am Morgen dieſes Tages eingetroffen, Diener, Pferde, Wagen, Alles wie wir es gewünſcht und erwartet hatten. Die Freude, der mir in Dunsdale⸗Caſtle bekannt gewordenen Leute, mich hier wieder zu finden und von mir zu hören, ihr längſt erſehnter Herr werde bald auch zur Stelle ſein, war groß; ſie überbrach⸗ ten mir die ehrerbietigſten Grüße des Haushofmei⸗ ſters und zeigten mir, was ich ſehen wollie⸗ Pferde, Waffen und Wagen. — Sind gute Läufer unter den Pferden — 38.— — Ja, Sir, ja! Mr. Trallope hat aus Vor⸗ ſicht zwei Vorreiter mit Rennern hinzugefügt, für den Fall, daß Sie mit Mylord etwa reiten wollten... — Das iſt brav von ihm... wo iſt der älteſte Vorreiter? Ein bärtiger, handfeſter Menſch trat vor und nahm tief den Hut ab. Ich gab ihm eine Rolle Papier, die den Weg enthielt, den ich mit Percy nehmen wollte, ermahnte ihn, alle Diener genau davon in Kenntniß zu ſetzen und befahl, in der folgenden Nacht, Punkt zwölf Uhr, mitten auf der Landſtraße mit aufgeſchirrten Pferden zu halten und uns zu erwarten, empfahl endlich Auf⸗ merkſamkeit, Pünktlichkeit und Schweigen und ritt dann freudigen Herzens wieder zurück..... Als ich in St. James wieder angekommen war und vor Mr. Sidney's Zimmer ſtand, hörte ich leiſe darin reden. Ich öffnete ſchnell die Thür und ſah zu meiner größten Zufriedenheit Phillipps vor dem Vis⸗ count von Dunsdale ſtehen, der jedoch aus Vorſicht mehrere ſeiner Waaren auf dem Tiſche ausgebreitet atte. Percy hatte ihm ſo eben meine Reiſe und de⸗ bis zu Ende erzählt, und ſobald er mich ſagte er: 89— — Sieh, da iſt er, Phillipps... das Alles hat er allein gethan! Die immer treuherzige Miene des ehrlichen Die⸗ ners nahm hier einen ſo rührenden Ausdruck an, daß er nahe daran war, in Thränen auszubrechen. Sein ſtarkgebräuntes, vom dichten ſchwarzen Barte einge⸗ faßtes Geſicht zog ſich in ein glückliches Lächeln zu⸗ ſammen, als ich ihm die Hand reichte und ſagte: — Nun, Phillipps, habe ich nach Eurem Wil⸗ len und nach Eurer Abſicht gehandelt? — Das weiß Gott! Sir!— antwortete er leiſe und feierlich— Nun, es hat ſo ſein ſollen und ich bin Ihm eben ſo dankbar, als wenn Er mir dies Glück beſchieden hätte! — Jetzt aber die ehrerbietigſten Grüße von Ihren treuen Dienern... Pferde und Wagen ſind ſeit heute Morgen da, Percy!— rief ich frohlockend aus. Der Angeredete ſtand vor mir und ſah mich ſchweigend an, nur ſein großes, freudeſtrahlendes Auge ſprach die Gefühle aus, die ſich in ſeinem Her⸗ zen auf und nieder bewegten. — Es iſt gut, mein Freund, mein theurer Freund! — waren die einzigen Worte, die er ſprach, und die Hände vor der Bruſt gekreuzt, ging er geſenkten N — 90— — Ich werde ſie wiederſehen! ja, ich werde ſie wiederſehen!— rief er dann und ſchlug vor Freude die Hände ſchallend gegen einander. — Iſt es denn möglich!— ief Phillipps— der Marquis hat Ew. Herrlichkeit wirklich zum Erben ein⸗ geſetzt? — So iſt es, Phillipps! — Wenn Sie es mir nicht ſagten, Sir, ich glaubte es nicht. Das muß gewaltig geſtürmt haben hier in ſeinem böſen Herzen, ehe die Wogen die Perle auswarfen... ja wohl, ja wohl... ich kenne ihn ja!... Und kommende Nacht wollen Ew. Herr⸗ lichkeit fort?, 8 Ja, Phillipps, ja!— rief der Viscount— Du biſt dech fertig? — Gewiß, Mylord, gewiß! Wenn Sie heute hinten bei den Pferdeſtällen vorübergehen... in dem Schuppen, dicht neben Bravour's Stall... können Sie das Reiſegefährt einen Augenblick betrachten, in welchem ich Sie über die Brücken fahren werde. Haha! Diesmal geht es mit der Hundepoſt fort und es ſoll mir Niemand Schnittwaaren aus dem leeren Behälter abhandeln.. haha! was werden ſie hier ſagen? — Sie werden eine große Wunde empfangen,„ dieſe guten Leute!— ſagte Percy lächelnd.— uf „ G 4 — 94— nachher werden ſie doch Gott danken, daß ich fort bin und daß ſie ſo billigen Kaufes von mir losgekom⸗ men ſind. Wie dann, wenn ich mit der ganzen Reihe meiner Zeugen im Gefolge gegen ſie als Kläger auf⸗ treten wollte? — Laſſen Sie das fallen, Percy,— ſagte ich — die größte Strafe wird ihnen ihr eigenes Bewußt⸗ ſein zuerkennen, blind und taub gegen die Stimme der Vernunft geweſen zu ſein... o ich kenne das Gefühl, wenn ſich ein Arzt in ſeiner Ueberzeugung ge⸗ täuſcht ſteht, und nun auf ſolche Art... und ein Irrenarzt! 8 — Ich bin auch ganz damit zufriedeng ſo ſoll denn das ihre Strafe und meine Rache ſein!. — Und Sie werden Ihnen keine hanters a aüferle S gen können, verlaſſen Sie ſich darauf. Phillipps packte ſeine Sachen zuſammen. — Wo willſt Du hin?— fragte ihn der Vis⸗ count. — Zum Herrn Direktor, Mylord, und ihn um Erlaubniß bitten, bis morgen Abend hier bleiben und das Schauſpiel mit anſehen zu dürfen... das iſt nöthig.. — Geh, geh, ſprich mit ihm und ſage aucch, wann Du abreiſen willſt, damit man es vorher weiß 1 und keinen Verdacht hegt, wenn Du ſo ſpät auf⸗ bricht. — Ich werde Alles einleiten, wie es nöthig iſt ... und nun guten Abend, Mylord, guten Abend, Sir! Er ging und bald nachher ging auch ich, denn ich hatte noch Verſchiedenes zu meiner Apreiſe vorzu⸗ bereiten.... Ich ſchlief die folgende Nacht Reinen Augenblik und die Finſterniß ſchien mir nie aufhören zu wollen. Endlich brach das Licht des Freitagmorgens an... ich öffnete ein Fenſter... es wehte ein rauher und kalters Wind und ein dichter Nebel lag rings auf der ganzen Natur. Ich kleidete mich an, nahm mein Frühſtück ein, das mir mein blödſinniger Knabe wie gewöhnlich brachte, und begab mich, ſobald die Stunde es erlaubte, zu allen meinen Bekannten, um Abſchied von ihnen zu nehmen, denn ich konnte nicht hoffen, im weiteren Verlaufe des Tages einen geeigneteren Au⸗ genblick dazu zu finden, da bei dem erwarteten zahl⸗ reichen Beſuche die Thätigkeit eines Jeden in Anſpruch genommen war. Den Prediger, die Aerzte, den Rendanten und einen Theil der übrigen mir näher ſtehenden Beamten hatte ich beſucht und trat jetzt beim Direktor eiu — 1 — 93— Ich traf ihn beim Ankleiden, wobei er eilig ſein Früh⸗ ſtück einnahm; er war allein und heiter, obwohl viel⸗ fach mit mannichfaltigen, den Tag betreffenden An⸗ ordnungen beſchäftigt. — Ich komme, Mr. Elliotſon,— begann ich— um von Ihnen Abſchied zu nehmen, denn obgleich ich Sie noch den ganzen Tag ſehe, ſo werden doch Ihre neuen Gäſte Ihre Zeit vollſtändig in Anſpruch neh⸗ men, und wir möchten uns ferner nicht ungeſtört un⸗ terreden können. — Sie ſind ſehr gütig, Sir,— erwiderte er und bot mir die Hand— alſo ſoll es wirklich und dies⸗ mal ohne Wiederkehr fortgehen? 1 4* — Ohne Wiederkehr, Sir... Und Sie haben mir ſo viele Beweiſe Ihres Vertrauens und Ihrer Freundſchaft während meiner langen Anweſenheit ge⸗ geben, daß ich nicht anders als mit dem Gefühle der aufrichtigſten Dankbarkeit von Ihnen ſcheiden kann. — Ach, Sie ſind ſehr nachſichtig, Doktor; es eut mich, wenn Sie wenigſtens unſern guten Wil⸗ n erkannt haben und überzeugt ſind, daß wir mit nſern beſten Kräften nach dem vorgeſteckten, ſchweren iele ſtreben... was mich betrifft, ſo habe ich nur eine Schuldigkeit gegen Sie gethan. Ein Deutſcher dem Britten immer willkommen und ein deutſcher — 94— Arzt uns doppelt... Sie ſind zufrieden mit der An⸗ ſtalt?— fragte er dann mit einem gewiſſen Blicke ſtolzer und doch beſcheidener Selbſtgenügſamkeit. — Ich habe mich oft genug darüber ausgeſpro⸗ chen... ich wollte, es wäre überall ſo, überall ſo guts Mittel und ſo vortreffliche Hände, dieſe Mittel anzuwenden... nicht allein in England, ſondern auch bei uns. 1 Nun.. vollkommen ſein iſt überall ſchwer .. wir ſind es noch lange nicht... und beſonders in Erfüllung unſeres Berufes... Sie gehen ſogleich nach Deutſchland, nicht?. 3 3 Noch nicht, nein, noch nicht! Ich habe noch Einiges zu beſichtigen und nachzuholen, dann aber 1 * kehre ich zurück. —Aber Sie werden England wieder beſuchen? — Ich weiß es nicht; ich könnte Sie zum letzten Male geſehen haben... Des Mannes aufrichtiges Auge wurzelte freund⸗ lich theilnehmend auf mir, er drückte meine Hand und ſagte: 3 .— Wie Gott es will! Wir finden uns Alle, um uns einmal wieder aus den Augen zu verlieren. 4 — So iſt es. Aber.. — Nuli ,aber?... wollen Sie mir noch ety ſagen... ſprechen Sie dreiſt... haben Sie ein Anliegen? 1 — Ich habe eins und habe auch keins, wenig⸗ ſtens iſt es ein höchſt unbeſtimmtes. Ich für mein Theil bin in Allem befriedigt, was Ihre Güte mir hat widerfahren laſſen... darf ich die Ueberzeugung mit mir nehmen, daß Sie es auch mit mir ſind? — Hoho!l das iſt ſonderbar, Sir! Was wollen Sie eigentlich damit ſagen? Ich will ſagen, daß ich Ihr Schuldner bin und vielleicht noch Ihr größerer Schuldner werde... ich nehme von Ihneſt viel mit mir...* ͤ — ah, iſt es das! Wir geben und nehmes Alle, Einer dem Andern und Einer von dem Andern... ich beſuche Sie vielleicht einſt in Ihrem Vaterlande, 3 das kann kommen, und dann ſind wir quitt... — Aber ich kann Ihnen das nicht bieten, was Sie mir geboten haben... 3 8 —Ein guter Wille iſt die beſte Gabe, denke ich... — Das wohl, aber dennoch... — Nun, was noch? Kann ich mehr verlangen? 7— Doch! Sie dürften noch von mir hören, wenn fort bin! — Das ſollte mir lieb ſein... es kann nur 2 ſein... 3 54 Und es eiſt auch nur Gutes... aber Sie nehmen es vielleicht gnfangs nicht ſo auf... — Ah! wollen Sie ſich über uns luſtig machen? Es ſcheint mir beinahe ſo. Indeſſen wiſſen Sie, John Bull verſteht einen guten Spaß... — Das wyhl, Mr. Elliotſon, aber John Bull kann auch ſehr ernſthaft ſein... — Nun, nun, lieber Doktor, ich verſtehe Sie nicht... laſſen Sie es gut ſein; machen Sie, was Sie wollen, denken Sie nur ſtets von uns das Beſte..... — Und Sie von mir auch... = Auf mein Wort, das wollen wir. — So keben Sie wohl... ich habe Ihnen nichts mehr zu ſagen. 4 — Und Sie wollen meinen Wagen nicht? — Ich danke! Mr. Sidney iſt ſo gütig, mir ſein Pferd bis L... zu geben,... und Phillipps, der Krämer, der dieſelbe Straße fährt, wird mein Ge⸗ päck auf ſeinen Wagen nehmen. 2 Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich! Sie machen es ſich ſelber unbequem, doch thun Siß was Sie nicht laſſen können...— — Guten Morgen! — Guten Morgen, Doktor, und einen recht freun lichen Tag! Noch ein Händedruck und noch ein freundlicher Blick und auch dieſer Abſchied war von meinem Herzen............. Jetzt ging ich noch einmal die verſchiedenen Kran⸗ kenſäle durch und ſagte auch ihnen Lebewohl. Es iſt dies für einen Arzt, der es redlich mit ſich und Andern meint und ſeinen Beruf mit Hinge⸗ bung und Liebe erfüllt, ein ſchwerer, ja ihn oft über⸗ wältigender Moment. Ich hatte viele Krankenanſtal⸗ ten in meinem Leben beſucht und war in mehreren ſelbſt handelnd und thätig geweſen, aber jedesmal war mir der Abſchied von meinen Kranken, die ich andern Händen überlaſſen mußte, außerordentlich ſchwer geworden. Die leidenden und an unſer Herz ſprechen⸗ den Geſichtszige dieſer Unglücklichen, die, von ihrer Familie und ihrem Umgange getrennt, in einer neuen und gerade ſicht ſchöneren Welt leben, die Art und Weiſe, wie ſiegunſre Bemühungen dankbar aufgenom⸗ men, wie luch der Umſtand, daß wir ihr Leiden alle Tag’s ehen und ſie mit immer wachſender Theil⸗ nahne, getröſtet und aufgerichtet haben... ach! wir lieben ſo leicht, was wir wahrhaft tröſten... daß wil ſie haben dahinwelken oder geſunden ſehen,.. rre von St. James. 4. Band. 7 — Mles das hat ſie unglaublich innig und feſt an uns gekettet, und wir müſſen uns oft Gewalt anthun, unſre Theilnahme von ihnen loszureißen und ſie in ih⸗ ren Schmerzen, die wir nicht linderf men, hinter uns zu laſſen. Namentlich giebt es unter ſo vie⸗ len Kranken immer einige, die unſe vollkommenſten Antheil in Anſptuch genommen, je jie unſre ganze Neigung gewonnen haben und von zen wir wirklich wie von alten Freunden nur mit hmerz und Rüh⸗ rung ſcheiden können. So ging es mir auch hier.—. Bekannteer mit Mr. Sidney, ſo wie das beſe ches mich ſo innig mit ihm und Schickſalen verbunden, hatte mich meinem Beru zesweges un⸗ treu gemacht, obwohl ich... um ffen zu be⸗ kennen... wenn mein Geſchick mich nicht ent⸗ gegengeführt hätte, gewiß mehr für de Allgemeinere gelebt haben würde. Nach Beendigung dieſer traurigen? iedsviſtten beſuchte ich noch einmal die mir Keſonde bgewor⸗ denen Plätze und Stellen, deren es für an je⸗ dem Orte giebt, wo wir längere Zeitm gung geweilt und gewirkt haben, und die letzten aden des Vormittags endlich widmete ich der Ber b 99— 3 der Vorbereitungen, die man zu dem bevorſtehetden 4 Feſttage traf. 4 X Das ganze Haus war in einer lebendigen und freudigen Bewegung. Man hatte frühzeitig Einladun⸗ gen an die benachbarten Baronets und Gutsbeſitzer, wie auch an alle Gönner und Freunde der Anſtalt ge⸗ ſendet, und man erwartete ſogar den Lord C... den Protektor und gberſten Leiter der Anſtalt, dr die⸗ ſelbe in der Regel alle Jahr einmal beſuchte. Um nun die ehrenwerthe Geſellſchaft mit gebtih⸗ render Achtung zu empfangen und ihr den kurzen Auf⸗.. enthalt in St. James ſo erfreulich wie möglich zzu machen, war man bemüht, das Haus von Außen und Innen, die Speiſeſäle, die Krankenzimmer. die* Corridors, die Treppen, ſo wie den Platz vor dem. großen Eingangsthor feſtlich und würdig auszu- ſchmücken.. 8 Schon vom frühen Morgen an waren die ar⸗ beitsfähigen Kranken beiderlei Geſchlechts, die ſich im⸗ mer gern dfrgleichen feierlichen Arbeiten unterziehen, beſchäftigt, aus Kichen⸗ und anderem Laube, das ſich genug im Parke vorfand, und aus den mannich⸗ faltigſten Mumen Kränze und Gewinde zu flechten und ſie gohörig und ſinnreich aufzuhängen. Vy der Thür ſelbſt war eine An Ehrenpforte 8 errichtet, unter welcher der Direktor mit den verſam⸗ melten Beamten die Gäſte empfangen und begrüßen wollte. Von Abſatz zu Abſatz auf den Treppen waren kleinere Wiederholungen derſelben angebracht, die Ge⸗ länder ſelbſt mit grünem Laube umwunden, Kränze hingci über den Thüren, große und kleine und von allen erdenkbaren Formen. Am reichſten aber war der große Speiſeſaal aus⸗ geſtattet, denn hier ſollten die Ehrengäſte mit den Beamten ihr feſtliches Mahl halten und die gebräuch⸗ lichen Reden geſprochhen werden... In der Mitte deſſelben, dem Eingang gegenüber, hing das ſchöne Bildniß der Königin Viktoria in einer reichen Fülle bunter Blumen und Blätter, und rings herum an den Wänden zogen ſich duftende Feſtons, Portraits von allerlei Perſonen umgebend, die ſich im Laufe der Zeiten um die Anſtalt verdient gemacht hatten. Ich war beim Eintritt in denſelben freudig über⸗ raſcht, ihn ſo feſtlich geſchmückt, und doch zugleich ſo heiter zu finden. Auf der hohen Zinne des Ge⸗ bäudes ſelbſt aber entfaltete ſich in dem leiſen Winde, der die Morgennebel zertheilt hatte, das große ſchwere Banner des Hauſes mit dem ſchönen alten Waphen 8 * Englands, welches ein bleicher Strahl der Septem⸗ berſonne matt aber freundlich beleuchtete. Auch hatte man in Erwartung eines hinreichend ſchöͤnen Abends an eine Erleuchtung des Gartens ge⸗ dacht; farbige Lampen hingen in großer Menge und in ſinnbildlichen Zuſammenſtellungen an Bäumen und eigens dazu aufgerichtetem Lattenwerk und verpolſtäm⸗ digten ſo in den Augen der armen Un glücklichen, um deretwillen die Feier veranſtaltet war, die Freude, mit der ſie in bald ernſter bald kindiſcher Luſt, wie es der Charakter ihrer Krankheit mit ſich brachte, alle dieſe Vorrichtungen betrachteten und kaum die Stunde er⸗ warten konnten, in der mit der Ankunft der Güſte die Feierlichkeit ihren Anfang nehmen ſollte. 4. Dieſe Letzteren erwartete man um zwei Uhr Mit⸗ tags. Um zwölf Uhr war indeſſen ſchon Alles ge⸗ ordnet; die Kranken befanden ſich in ihren Sonntags⸗ kleidern auf den Sälen, die Aufſeher und Wärter ſtanden auf ihren Poſten und alle die langen, mit ſchönen Blumen verzierten Speiſetafeln, an denen heute faſt ſämmtliche Kranke mit einem leckeren Ge⸗ richte bewirthet werden ſollten, ſchienen nur des Au⸗ ablicks zu harren, wo die große Glocké läuten und — vollen Küchen ſich ihres duftenden Juhhalis Alee in ſollten. 4 — 102— Um halb zwei Uhr trat der Direktor, von ſei⸗ nen Beamten begleitet, vor das große Eingangsthor und ſtellte ſich mit ihnen in geziemender Ordnung un⸗ ter den grünen Bögen und Kränzen der Ehrenpforte auf. Die Sonne leuchtete matt über die Feſtlichkeit hin, als Punkt zwei Uhr die erſten Wagen durch die geöffneten Barrieren in den Vorderraum einrollten. Einer der erſten, welche erſchienen, war Lord C... in ſeiner prächtigen Karoſſe, die mit vier ſchwarzen Hengſten beſpannt war und von zwei glänzenden Vor⸗ reitern in Blau mit Gold begleitet wurde. Allmälig kamen auch die Wagen der Theilnehmenden, mit ih⸗ ren Familien, Frauen und Kindern, und um halb drei Uhr waren alle Gäſte verſammelt, und es be⸗ gann der erſte Theil des Feſtes, der jedoch nur für einen kleineren Theil der Bewohner von St. James, nämlich für die Beamten allein berechnet war. Lord C... war ein alter aber feurig blicken⸗ der, ernſter aber freundlicher Herr; er liebte die An⸗ ſtalt und ſetzte auf ihren Ruf und ihre Verſchönerung ſeinen ganzen ariſtokratiſchen Stolz. Er beſuchte zu⸗ erſt, gefolgt von dem ganzen Dienſtperſonale, alle Krankenſäle, die Zimmer für den Unterricht u g. Spiele, die. Bäder und die ſonſt zur Anſtalt ge di den Räumlichkeiten, indem er ſich von der Zwecher — 103— ßigkeit und den Fortſchritten derſelben verſönlich über⸗ zeugte. Faſt überall ließ er ſeine Bemerkungen hören, die mich ſein geſundes Urtheil und ſeine wahrhaft er⸗ ſtaunenswerthe Sachkenntniß bewundern ließen, und meiſt ſprach er ſich lobend und ermunternd, ſelten ta⸗ delnd oder verwerfend aus. Nachdem dieſe Wanderung beendigt war, begab man ſich in den großen Conferenzſaal, und hier wur⸗ den Sr. Herrlichkeit die Ereigniſſe und Vorkommenhei⸗ ten des letzten Jahres der Anſtalt, ihre Ausgaben und Einnahmen, ihre Erweiterungen und Verbeſſerungen, eben ſo ihre Hoffnungen und Wünſche vorgetragen, worauf Seine Lordſchaft abermals verbindlich und zu⸗ vorkommend erwiderte und die huldvollſten Verſpie. chungen von ſich gab. Nachdem auch dies beendet war und während man ſich in den großen Speiſeſaal verfügte, ging ich einen Augenblick zu Mr. Sidney, der wegen ſeines noch immer ſcheinbar fortdauernden K atarrhs auf ſei⸗ nem Zimmer geblieben war und nur an dem die Feier⸗ lichkeit beſchließenden Schauſpiel am Abend Theil neh⸗ men woll 3 chdem ich einige Minuten mit ihm geplaudert und ihn von dem Vorgehenden in Kennt⸗ niß geſetzt h hatte, redeten wir noch einmal die Zeit un⸗ ſers Vorhabens ,9b und dann kehrte ich wieder di — 104— Speiſeſaal zurück, wo ich bereits ſämmtliche Gäſte ver⸗ ſammelt fand. Das Mahl begann, ernſt aber heiter, ſtill aber freundlich, und ſchloß, obwohl etwas lärmender als es angefangen, im Ganzen doch gemeſſen und in wür⸗ diger, entſprechender Haltung. Es wurden viele Re⸗ den dabei gehalten, wie das gewöhnlich iſt, gute und ſchlechte, treffende und ungehörige, die beſte aber und mir am meiſten zuſagende ſprach Lord C... ſelbſt. Ihrer charakteriſtiſchen Färbung wegen ſetze ich ſie hier⸗ her; ſie war kurz aber dennoch erſchütternd, und ſchloß, wie alle engliſchen Reden, die bei Tiſche gehalten wer⸗ den, mit einem Haufen von Toaſten. Lord C... war ein bündiger aber ausgezeichneter Redner, der, was und wo er auch ſprach, ſeines Erfolges gewiß ſein konnte. Er erhob ſich mit Würde und begann mit weicher, leiſer, allmälig ſich aber hebender Stimme, die zuletzt zu einer ſolchen überzeugenden Gewalt an⸗ ſchwoll, daß alle Hörer fortgeriſſen und entzückt wur⸗ den und in den ungetheilteſten Beifall ausbrachen. Die Worte aber, die er ſprach, waren fo olgende: Geiſt und Licht zu verbreiten on feher die Aufgabe und das Beſtreben ganzer Völker und einzelner erleuchteter Menſchen geweſen! Wenn man das Licht hat, dann iſtt es leicht, einen dunkeln — 105— Raum zu erhellen, aber das geiſtige und unſichtbare Licht durchläuft weniger ſchnell die Welt als das ſinnliche und ſichtbare. Kräfte müſſen dabei in Bewegung geſetzt und guter Wille herausgefordert werden, die oft tief, ſchwer und lange geſchlummert haben!... Ihnen aber, meine theuren Freunde und Landsleute, iſt die trübſte, traurigſte und ver⸗ borgenſte Dunkelheit übergeben worden, daher ſol⸗ len Sie das heiligſte, glänzendſte und erhabenſte Licht ausſtreuen. Das aber kommt allein von Oben! Gott ſegne und erleuchte Sie damit, und er wird Sie ſegnen und erleuchten. Denn wie den glühen⸗ den, verbrecheriſchen Fanatismus, der die Welt zer⸗ fleiſcht, der reine Glaube beſiegt und überlebt, weil er ohne Leidenſchaft iſt, die ſich ſelbſt zerſtört, ſo wird die geſunde Vernunft, weil ſie göttlich iſt, den geiſtigen Irrwahn überleben und beſiegen, weil er irdiſch iſt... Von unſerm Vaterlande aber hierhergeſtellt und Ihren Eifer anzuſpornen berufen, ſpreche ich zu Ih⸗ Vertrauen aus, welches dies Vaterland in ie werden Lehrer und Verbreiter erhalte die Königin!... Gott Schotland und Irland!... A — 106— Gott erhalte unſer ganzes, ſchönes, großes Vater⸗ land!. Bei jedem dieſer Toaſte wurde angehalten und ein volles Glas Wein geleert. Der Redner fuhr fort: — Auch den Gemahl unſrer theuren Königin möge Gott erhalten!... Ein Hurrah dem Par⸗ lament und der Verfaſſung der Freiheit!... Ein Hurrah dem guten Geiſt und darum erſchalle unſer alter Spruch: Sankt Georg und das luſtige Eng⸗ . lamd............ Nach dem Eſſen begab man ſich in den Park, um den Spielen der Irren, die geſpeiſt und erfriſcht waren, zuzuſehen. Es waren verſchiedene Preiſe für verſchiedene Uebungen, namentlich im Turnen ausge⸗ ſetzt, und es iſt kaum der Eifer zu ſchildern, mit wel⸗ chem ſich dieſe guten armen Menſchen, die ſo wenig geſunde Urtheilskraft beſaßen, dem Triebe ihrer Leiden⸗ ſchaft ergaben. Aber freilich, beides ſteht ja immer eidenſchaft! ** en ſogar, wie denen, die jenes göttlich en Funkens den Menſchen zum Menſchen mas. Allmälig aber wurde es du kler und kühle 6 d anweſenden Damen zogen ſich in die Zimmer zuri — 107— wo Thee verabreicht wurde, und ihnen folgten bald uuc die Männer. Um ſieben Uhr endlich war der Zeitpunkt gekom⸗ men, wo der ſchönſte Theil des ganzen Feſtes, das ſehnlichſt erwartete Schauſpiel ſelbſt, beginnen ſollte. Die große Glocke gab dazu abermals das Zeichen. Ich begab mich ſogleich in den für das Schau⸗ ſpiel eingerichteten großen Concertſaal. Die größere Hälfte deſſelben war für die Zuſchauer wie gewöhn⸗ lich mit Stühlen und Bänken beſetzt, den kleineren Theil nahm die Bühne ein; dieſe trennte ein ziemlich hoher Abſatz mit dem kleinen Orcheſter davor und ein ſehr wacker ausgeführter Vorhang von dem Zuſchauer⸗ orte. Auf dem Vorhange ſelbſt waren zwei rieſige Geſtalten, im Kampfe mit einander ringend, darge⸗ ſtellt; die eine, mit leidenſchaftlicher, finſterer, dämo⸗ niſcher Miene und angſt⸗ und hohnverzerrten Geſichts⸗ zügen unterlag der anderen, die mit Hoheit, Kühn⸗ heit und einem gewiſſen herausfordernden Triumphe auf die Niedehas ihres Gegners blickte des Saales waren ebenfalls mit ümenkeans i behangen, die Fenſter durch dunkel⸗ he ain. beſchaite und aenihe Pee und — 108— leuchtern erhellten vollkommen und angenehm das wuüͤr⸗ dige Ganze. Jetzt öffneten ſich die Thüren und es wurden, wie damals beim Concert, zuerſt die Frauen, dann die Männer hereingeführt. Die Vorder⸗ und Seiten⸗ plätze blieben für die Gäſte und die Beamten leer. Im Hintergrunde nahmen die einſtweilen von ihren Dienſtpflichten erlöſten Wärter und Aufſeher ihre Stel⸗ len ein, unter denen ich, an einen der Thuͤrpfoſten im Hintergrunde des Saales lehnend, die große dunkle Geſtalt des auf Alles aufmerkſamen Phillipps bemerkte, deſſen Haltung wie gewöhnlich ruhig war, in deſſen umherſchweifenden Blicken aber dennoch eine gewiſſe Unruhe lag, die ſeinem charakteriſtiſchen Geſichte einen eigenen Ausdruck der Spannung und Erwartung gab und mir, dem Eingeweihten, ſeine innerſten Gedan⸗ ken verrieth. Bevor Lord C... mit der übrigen Geſellſchaft eintrat, hörte ich folgendes Geſpräch, das dicht an meiner Seite von zwei Irren flüſternd geführt wurde, 1 von denen der Eine ſchon längere ei einheimiſch, der Andere aber erſt vor einigen Moꝛ i in die An⸗ ſtalt gekommen war. Letzterer ſah ſich neugierig und etwas unruhig rings im Saale um, der unverhoff Glanz mochte ihn blenden und verwirren, endlich g — 109— blieben ſeine glitzerden Augen unverrückt auf dem Vorhange haften, denn die beiden kämpfenden Figu⸗ ren mochten wohl ſeine ganze Einbildungskraft in An⸗ ſpruch nehmen. — Toms!— ſagte er leiſe zu ſeinem Nachbar, der ruhig und gefaßt neben ihm ſaß, indem er mit zwei Fingern in die Luft nach dem Vorhange hin tippte— was ſollen die Männer ſagen, die da mit den bloßen Schwertern auf einander loshauen? Sieh ... der eine wird den andern todtmachen, ich ſehe es kommen. Au, au! ich möchte den Hieb da nicht haben.. — Das will ich Dir verdeutlichen, Sam,— er⸗ widerte der Gefragte.— Sieh, der eine da, der un⸗ ten liegt, das iſt die Lüge, die in Dir ſteckt, und der andere über ihm, das iſt die Wahrheit, die ſie Dir noch predigen werden. — Ah!— ſtieß der Belehrte mit einer Miene der Verwunderung hervor— Sind denn Lüge und Wahrheit Männer mit Schwertern? 4 — Das verſtehſt Du nicht... das verſtehe ich kaum, denn mit Dir iſt es hier oben nicht recht rich⸗ tig!— ſagte der Andere grinſend— Du wirſt es acber noch hoͤren, denn es mird uns hier immer geſagt. 4 Und während er dies ſprach, brach er in ein ſo — 110— grinſendes Lachen aus, daß ſeine ohnehin ſchon nicht angenehmen Geſichtszüge krampfhaft und abſchreckend verzogen wurden. — Ha!— rief der Sam genannte etwas lauter — Toms, Toms! Du biſt die Lüge! Sieh, wie Dir der Mann, der unten liegt, ähnlich ſieht! Der Lacher machte ein erſtauntes Geſicht und ſah den Sprecher entſetzlich verwirrt an. „— Ruhig da! rief ein Aufſeher... und in die⸗ ſem Augenblick trat Lord C... mit der ganzen Ge⸗ ſellſchaft ein, und nahm in der vorderſten Reihe auf einem etwas erhöhten Seſſel dicht hinter dem Orcheſter Platz. Seinem Beiſpiele folgten die übrigen Gäſte, und auch die Beamten ſetzten ſich zur Seite auf ihre gewöͤhnlichen Stühle. Mir gerade gegenüber bemerkte ich Mr. Sidney, der in der gewöhnlichen ſchwarzen Kleidung, die er im Irrenhauſe trug, ein ruhiger und gleichgültiger Zuſchauer blieb. Sobald ſich alle Anweſende niedergelaſſen hatten, herrſchte einen Augenblick lang eine athemloſe Stille, obwohl mehr als fünfhundert Perſonen in dem ge⸗ drängt vollen Saale verſammelt waren. Da erhob ſich Lord Ci..., wandte ſich zur Verſammlung um und ſprach mit ſeiner ſchönen, durchdringenden und jedes Gemüth bewegenden Stimme folgende Worte r — 111— — Ihr Männer und Ihr Frauen!... ich grüße Euch! Wie alle Jahre, ſo ſeid Ihr auch heute hier verſammelt, um an einem Vergnügen Theil zu nehmen, das wir Euretwegen veranſtaltet haben. Aber nicht allein um des Vergnügens willen ſeid Ihr hier, ſondern auch eine Lehre ſollt Ihr aus dieſem Saale mit Euch nehmen, die Euren Geiſt zum Nachdenken und Euer Herz zur Theilnahme ſtimmen wird. Sehet hier,— und der Redner zeigte mit ſeiner Hand auf die drohende aber über⸗ wundene Geſtalt auf dem Vorhang hin— das iſt der böſe Geiſt der Lüge, der in allen Menſchen ſteckt, obwohl er in dem Einen größer, in dem Andern kleiner iſt. Er drängt ſich ſtill und ungeſehen in unſer Herz und will unſre heiligſten Gefühle und unſre reinſten Gedanken vergiften und beſudeln. So ſtark er aber iſt und ſo gewaltig er auch ſein verhee⸗ rendes Schwert führt... Ihr ſehet ihn dennoch unterliegen. Denn das Böſe darf, kann und ſoll nicht auf der Welt herrſchen. Aber es iſt die Wahr⸗ heit, die unſterbliche Wahrheit, die die Lüge be⸗ ſiegt, ihr Geiſt, iſt ſtärker als jener Geiſt und wenn auch die Lüge langr triumphiet, endliche einmal n un — 112— Warum aber ſage ich das zu Euch? Darum, damit Ihr erkennen und es beherzigen ſollt, daß auch Ihr von dem böſen Lügengeiſte hinterliſtig ergriffen, und daß wir, mit der Kraft und der Unbeſiegbarkeit der Wahrheit ausgerüſtet, die Lüge in Euch vernichten und aus Euch vertreiben wollen. So helfet uns denn und ſtehet uns bei zu Eurem eigenen Beſten, daß es uns bald und vollſtändig gelinge, und Ihr werdet wieder freie und glückliche Menſchen ſein. Jetzt aber merket auf und vergnüget Euch, und je mehr Ihr die Wahrheit in dem vorzuführenden Schauſpiele erkennet, um ſo weiter werdet Ihr ſchon von der Lüge entfernt ſein. Alſo merket auf!... Ddceer Redner ließ ſich auf ſeinen Seſſel nieder und ein allgemeines Beifallsgemurmel zeigte, welchen Ein⸗ druck ſeine Worte auf die Zuhörer gemacht hatten. Der Irre Sam ſah ſeinen Nachbar Toms mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken und einer ausdrucksvollen Miene des Verſtändniſſes an. Alles aber war rings⸗ um ſtill. Lord C... nahm den Theaterzettel zur Hand, der auf ſeinem Stuhle gelegen, las darin und gab dann das Zeichen zum Beginne der Muſik. uUnd die Muſik beganſ. Es war eine K fn 4 ſten, feierlichen und hinreißenden Symphonieen ⸗ e — 113— das Innerſte unſers Herzens zu erſchließen vermögen, und, alles Unreine verwehend, dem Reinen allein Thor und Thür öffnen. Eine klagende Flöte, ungemein zart und innig geblaſen, hatte die erſten Sätze allein vorzutragen, ſie glich dem leiſen Winde, der dem Auf⸗ gang der Sonne und dem Erwachen des Tages vor⸗ angeht. Jener Schauer, der uns ſo oft überkommt, wenn die Geiſter der Töne entfeſſelt werden und in unſer Ohr flöten und brauſen, ergriff mich auch dies⸗ mal und riß mich wider Erwarten gewaltſam in die Gegenwart herüber, der ich durch den Gedanken an das mir in dieſer Nacht Bevorſtehende doch ſchon längſt entflohen zu ſein wähnte. Noch mehr, eine Rührung überwältigte mich, der ich kaum zu widerſtehen ver⸗ mochte, denn ich ſollte nicht allein, wie damals im Concert, von Wahnſinnigen eine ſinnige Muſik vor⸗ tragen hören, ſondern ich ſollte ſie wie geiſtig Geſunde reden hören und handeln ſehen. Das Erſchütternde jedoch, welches in dieſem Gedanken lag, wurde durch das Belebende, welches er zu gleicher Zeit einflößte, gemildert, und ſo wandte ich denn mit Spannung Auge, Ohr und Herz dem vor mir Liegenden zuz ich vergaß was mir heute noch zu thun oblag, die B89 an, ſchwellenden und zuleßt wild tobenden Töne, die Humgaben, herauſchten meine Seele und es ſolli Srre von St. James. 4. Band. 8 2— 114— nicht lange dauern, ſo war mein Geiſt in einem neuen, ſchöneren und erhabeneren Elemente gefeſſelt. Das iſt der Sieg der göttlichen Kunſt über die irdiſchen und leidenſchaftlichen Sinne der Menſchen!... Die Muſik war zu Ende, die Glocke erſchallte „und der Vorhang flog auf. — 115—. IV. Rönig Lear. Das Bild, welches ſich unſern überraſchten Bli⸗ cken darbot, war reizend und ruͤhrend zugleich. Die Dekorationen und Koſtüme waren reich, geſchmackvoll und entſprechend gewählt, die Direktion hatte darin Alles gethan, was mit Umſicht und Neigung gelei⸗ ſtet werden konnte. Nach der zweckgemäßen Bearbei⸗ tung des Oberarztes blieben die einleitenden Worte zwiſchen Kent, Gloſter und Edmund weg und das Stück begann ſogleich mit der Familienſcene, in der Lear ſein Reich unter ſeine Töchter vertheilt. Wie geſagt, gleich der erſte Anblick war rrissd und rührend, denn ſämmtliche auf der Buͤhne Anwe⸗ ſende zeigten ſich nicht allein von ihrer beſten Seite, hude n ſie übertrafen in Stellung, W berde und Aus⸗ — 116 druck jede mäßige Erwartung. Ich ſah den Oberarzt flüchtig an und bemerkte. ein wohlgefälliges Lächeln um ſeine ernſten Züge ſpielen, ſein Blick flog unruhig fragend nach allen Seiten zu den Zuſchauern hinüber, und da ſein Auge auch auf mich fiel, nickte ich ihm unverholen meinen Beifall zu. Es konnte nichts Einfacheres, Gutmüthigeres und doch Würdevolleres geben, als den Ausdruck in Hal⸗ tung und Miene des alten Oberſten, der mit ſeiner hohen Stirn, ſeinem weißen, halbentblößten Scheitel und ſeiner impoſanten, jetzt aber künſtlich etwas zu⸗ ſammengeſunkenen Geſtalt König Lear darſtellte. Und nun ſeine volle, tiefe und doch ſo eigenthüͤmlich weiche Stimme, wie vollkommen wußte er ihre natürliche Melodie zu benutzen, wie ſchön hielt er die angemeſ⸗ ſenen Pauſen und beobachtete das richtige Maaß in Senkung und Hebung der Töne, wie war ſein Nach⸗ druck ſo vornehm und königlich, ſo willensſtark und gebieteriſch... gewiß, er dünkte ſich in dieſem ſchö⸗ nen Augenblick Lear ſelber zu ſein. Sein natürliches Weſen ſchmolz mit ſeiner Rolle, die er vollkommen inne hatte, in ein wohllautendes Ganzes zuſammen, und doch ſchwebte er, wie der Künſtler es ſoll, dar⸗ uͤber, ſo daß er von ihr wie getragen erſchien. Nun aber ſeine drei Töchter, wie verſchieden an 117— Kleidung, an Geberden, Haltung und Schönheit ſie waren... für welches ſchöne und durch Liebe eng verbundene Schweſternpaar mußte man ſie halten, wenn man nicht gewußt hätte, daß ſie Goneril, Regan und Cordelia, die tödtlich entzweiten Kinder eines Vaters vorſtellen ſollten! Ich ſehe noch die ſtolze Goneril mit ihren ſchönen Armen und Händen, die ſie ganz ent⸗ blößt trug, den blonden, wogenden Locken und dem feurigen Blick ihres ſchwarzen Auges vor mir ſtehen; die ſchöne Mary, obwohl ſie ſich Mühe gab, heuchle⸗ riſch, falſch und unweiblich zu erſcheinen, wie trefflich gelang es ihr doch, Aller Beifall zu erlangen. Nichts aber konnte klagender lauten, als die wenigen bei Seite geſprochenen Worte Cordelia's, die die ſanfte Emmy hören ließ: „Was ſagt Cordelia nun? S Sie liebt und ſchweigt!“ Welchen milden, faſt ſchmachtenden Blick ließ ſie dabei über ihren geliebten und ſie verkennenden Vater gleiten, der, ach! in keiner väterlichen Stimmung für ſie war. Faſt erdrückt von ihrer Beſcheidenheit und Sanftmuth, ſtand ſie da, halb abgewendet, das thrä⸗ nenſchwere, nur ganz zart geröthete Geſicht mit ſeinen unnſchuldigen Taubenaugen bald auf ihre Schweſtäin, bald auf ihren Gzeuger gerichtet. Vollkommen ihr entgegengeſetzt und dch nicht — 118— minder ſchön, aber herausfordernd, keck, hinreißend, blendend ſtand die ſchoͤne, ſchwarze Betty, die Sän⸗ 3 gerin, die als Regan heute auftrat, ihr zur Seite. Eine wahrhaft elektriſtrende Glut ſprach aus ihren dunklen, ſchwimmenden Augen, und noch mäßigte ſie ihr Feuer, obgleich man ihr anſah, daß ſie glühende Pfeile damit werfen könne. Ihre üppige, auf die vortheilhafteſte Weiſe getragene Geſtalt, die natürliche Grazie, die ihr angeboren, und die künſtliche, die ſie jener hinzuzufügen verſtand, ihr bald ſchwellend ſanf⸗ tes, bald ſchneidendes und verführeriſches Organ, ihre kühnen Bewegungen, die alle ihre Reize den auf ſie gerichteten Blicken zeigte, riſſen Jedermann zur Bewun⸗ derung hin. Die drei Mädchen waren köſtlich, man konnte nichts Schöneres ſehen, das Bild war wie von der Hand des vollkommenſten Malers gezeichnet... und doch, Leſer! waren es nur Bewohnerinnen eines Ir⸗ renhauſes, die wir vor uns ſahen. O ja! die Natur hat ihre Gaben maunenhaft ausgetheilt, jeder hat die ſeinigen empfangen, auch ſie, denen ſie das Licht der geſunden Vernunft und den hellblinkenden Funken des klareft Verſtandes genommen hat, haben die ihrigen. Und warum ſollten ſte nicht? Sie waren eben ſo voll⸗ kommen geboren wie jeder Andere, hatten ſie nicht auch — 119— vollkommen ſo viel Rechte und Anſprüche auf die Ga⸗ ben ihres Schöpfers?... Wie ein ſchneidender Blitz fuhr unter dieſe ſchöne Gruppe der gräßliche Schwur Lear's, mit dem er ſeine. geliebteſte und beſte Tochter verwünſcht... Alle ſto⸗ ben einen Schritt aus einander, wie von einem Wir⸗ belwinde zerſpalten. Der alte Oberſt ließ ſeine Don⸗ nerſtimme erſchallen, die durch den ganzen Saal zit⸗ terte und jedes Herz erbeben machte... es herrſchte eine Stille ringsum, als wenn kein Menſch anweſend wäre. Jetzt ſprach Kent... der ehrwürdige, brave, redliche Kent. Wie würdig hielt ihn der Baronet, wie dürchbild det war ſein Ausdruck, wie überredend, beſänftigend und doch wie männlich und feſt ſeine ganze Erſcheinung. Die Worte:„die Ehre fordert Geradheit, wenn Könige thörigt werden!“ ſprach er mit einer unvergleichlichen Offenheit und Selbſtver⸗ läugnung, ſo daß ich von Augenhüick zu Augenblick mehr hingeriſſen ward und ganz vergaß, wo ich war. Wie war es möglich, hier das zu Stande zu bringen! Aber ſo viel vermag eine kluge Leitung, ein zweckmäßiger Unterkicht, Ausdauer und guter Wille! Sede, Anzelne Zeile war mir eine Bhr. Waahuſzuiht — 120— zu behandeln, es war die fruchtbarſte Stunde für mich, die ich in St. James zugebracht hatte. „... Aus den Augen mir!“... dieſe Worte, die Lear dem Kent zuſchmettert, klingen mir noch in den Ohren, ſo donnernd, ſo trompetend wurden ſie her⸗ ausgeſtoßen und eben ſo eindrucksvoll die von Kent geſprochenen Worte:„Nimm zurück die Schenkung, ſonſt, bis die Kehle Kraft verſagt zu ſchreien, ruf' ich, Du thuſt Unrecht!“ Unterdrückte Wuth verrathend und doch von einer ſich noch bändigenden Leidenſchaft wur⸗ den ſie in den ſchneidendſten Kehllauten vorgebracht. Wie wundervoll gemeſſen und zurückhaltend, trauernd gleichſam im Gefühle unverdienter Schmach, nahm er Abſchied vom König, der ihn in blindem Zorne von ſich ſtößt und ihn dadurch ein neues Schickſal anzu⸗ rufen zwingt. Die einfachen und leidenſchaftsloſen Worte zwi⸗ ſchen Lrar und Burgund waren mir wahrhaft eine 8 geiſtige Erholung, ich mußte mich ſammeln, um von Neuem erſtaunen zu können. Mr. Kingſton, der Maler, gewöhnlich der Prinz genannt, betrug ſich als König von Frankreich ächt königlich, gleichmäßig ohne Leidenſchaft; in ſeiner Lie⸗ beserklärung gegen Cordelia wurde er zwar etwa. weich und ſüßlich, aber das ſind ja viele Köghe) 6 — 121— Frankreich geweſen... warum nicht er? Es han⸗ delte ſich ja nur um Liebe... Die erſte Scene war zu Ende, Edmund, den der vielbeſagte Gardelieutenant ſpielte, trat auf mit dem Briefe in der Hand, worin er ſeinen Bruder verräth. Ich mußte unwillkürlich lächeln, als ich dieſe leichtſinnige, ſelbſtgefällige und kecke Miene ſah, die durch den geckenhaften, prahleriſchen, mit Gold und Silberſtreifen faſt ganz bedeckten Anzug noch mehr hervorgehoben wurde. Obgleich er die Natur ſeinen Gott nannte, ſo hätte dieſer Edmund mit demſel⸗ ben Rechte die Kunſt oder vielmehr die Künſtelei an⸗ rufen können, man würde ſeine wahre Natur nie ver⸗ kannt haben. Und obwohl er ſich beklagt, daß ihm durch den Vorzug ſeines Bruders großes Unrecht wi⸗ derfahren ſei, ſo ſah man ihm doch nur zu deutlich an, daß er ſich in dieſer ſeiner unfreiwilligen Lage ganz ausgezeichnet glücklich fühlte. Bei alledem aber blieb er in den Grenzen ſeiner Rolle; verſchlagen, kühn, frech, ſchien er die ganze Welt zum Zweikampf herausfordern zu wollen, und wenn auch die Welt ſich nicht darum kümmerte, er glaubte doch ein äch⸗ ter Held zu ſein. Deer alte Gloſter wurde von dem Schauſpieler er Bateman ſehr geſchickt und in beſter Jorm gege⸗ — 122— ben. Mr. Bateman ſchien in die Klaſſe derjenigen Schauſpieler zu gehören, von denen man zu ſagen pflegt, ſie verdürben keine Rolle. Das könnte man nun freilich allenfalls auch als ein ſehr zweideutiges Lob auslegen, denn eine Nolle nicht verderben heißt noch lange nicht, ſie gut ſpielen. Indeſſen iſt es mir immer vorgekommen, als wenn man dieſe Redensart nicht in dieſem ſchlimmen Sinne nähme, und in der That! die Schauſpieler, auf welche ich ſie ſo oft an⸗ wenden hörte, zählten immer zu den beſſeren. Auch Mr. Bateman gehörte dazu, er ließ nichts zu wün⸗ ſchen übrig und befriedigte überall, ſo daß die Freunde der guten alten Mittelſtraße ihn unbedingt mit Lob überſchüttet haben würden.— Edgar trat auf, der, wie ſich der Leſer erinnern wird, von dem ehemaligen Theologen gegeben wurde, der hier in St. James Hamlet, Prinz von Dãäne⸗ mark, genannt wurde. Dieſe erſte Scene, wo er handelnd erſcheint, war noch nicht hinreichend, ihn genau und entſcheidend zu beurtheilen, indeſſen ſtach doch aus den wenigen Worten, die er ſprach, und aus den Geberden, womit er ſie begleitete, ein tiefes Gefühl und eine richtige Auffaſſung hervor, und man konnte die melancholiſche Grundlage ſeines ſanften aber entſchiedenen Charakters nicht verkennen, — 123— ſehr oft bemerkt habe, daß ſanfte Leute, wenn ſie conſequent ſind, es unwiderruflich und viel mehr ſind, als ſanguiniſche und aufbrauſende Temperamente. Unſer guter Prinz von Dänemark gehörte zu den Künſtlern, die das Meiſte, was ſie ſind, durch ih⸗ ren Willen, ihre Ausdauer und ihren Fleiß ſind. Von der Natur gerade nicht ſtiefmütterlich begabt, fehlt ihnen doch jene ätheriſche Gabe, jener Ausfluß von Oben, Talent und in höherem Grade Genie be⸗ nannt, was uns indeſſen nicht abhalten darf, ihre Leiſtungen, die oft ganz außerordentlich ſind, mit Beifall anzuerkennen, ja, die wir, da ſie ſchwer er⸗ langt und mit Mühe ausgebildet ſind, höher ſchätzen ſollten, als jene flüchtigen, vom Genie eingehauchten und mit Leichtigkeit ausgeſtoßenen Auswüchſe, die dem Beſi itzer keine Anſtrengung koſten und ſogar oft von ihm mit einer Art Selbſtverachtung, als eine Klei⸗ nigkeit, als etwas, was ſich von ſelbſt verſteht, be⸗ trachtet und in die Welt geſchleudert werden. Dieſer wahrhaft edle, junge Mann hatte ſich mit großer Anſtrengung ſeinem Lieblingsfache hingegeben und er hatte endlich eine gewiſſe Stufe erreicht, welche Fleiß und Beharrlichkeit in der Regel erreichen... vielleicht ſogar wäre etwas Außerordentliches aus ihm gewor⸗ den, wenn ihm eine gehörige Ermunterung zu⸗ Theil — 124 geworden wäre und jener erbärmliche und von ſo traurigen Folgen begleitete Spaß nicht die Wolke des 1 Irrwahns über den Horizont ſeiner Vernunft gewor⸗ fen hätte... Jetzt begann die Scene der Trübung des Ver⸗ hältniſſes zwiſchen Lear und ſeinen Töchtern; die Cha⸗ raktere entwickelten ſich, das Intereſſe der Zuhörer und die Anſtrengung der Schauſpieler wuchs. Die Scene zwiſchen Lear und Kent, wo Letzterer unerkannt in des erſteren Dienſte tritt, trat beſonders treuherzig * hervor; der Haushofmeiſter war mehr als frech und dafür warf ihn Kent, indem er ihm das bewußte Bein ſtellte, ganz vortrefflich und ſchnell zu Boden, was, jedoch ohne Erfolg, der Haushofmeiſter durch ein raſches Niederwerfen vermeiden zu wollen ſchien. Er kam ziemlich unſanft zur Erde, welcher ergötzliche 3 Umſtand einem Theile der Zuſchauer ein außerordent⸗ liches Vergnügen zu gewähren ſchien, denn die Worte, „das i*ſt recht, das iſt recht!“ wurden ziemlich deut⸗ lich und von verſchiedenen Seiten her gehört. Auch die rohe, ungebildete und mehr oder weniger fühlloſe Menge freut ſich, wenn die Ungebühr die geziemende Strafe ompfängt. Nun trat aber der Narr auf, den Mr. Green⸗ der allbeliebte und bekannte Schulmeiſter, genannt — 125 der Storch, vorſtellte, und dieſer Augenblick war von 8 einem entſcheidenden Uebergewicht. Der Menſch ſah eben ſo gräßlich wie häßlich aus. Man denke ſich ſeinen langen hageren Oberkörper, die ſpindelartig dünnen Storchbeine und den gedehnten, mageren und vollkommen entblößten Hals, den er in der That wie ein auf ſeinen Wuchs eingebildeter Storch trug. Seine Kleidung war eine abſcheuliche Zuſammenſetzung von ſchlechtem Geſchmack und geſuchter Nachläſſigkeit, aber gerade ſo wollte es Mr. Green haben, denn er wußte, daß er damit den größen Enthuſiasmus hervorrufe würde. Giebt es doch auch vernünftige Leute, di ſich nur, wenn ſie Jedermann lächerlich ſind, wohl⸗ gefallen!... Er trug eine zeiſtggrüne, am Halſe rund ausge⸗ ſchnittene Jacke mit offenen, hochrothen Aermeln, aus denen ſeine großen knochigen Hände wie zwei Geier⸗ klauen, Angſt einflößend, hervorſchauten. Mit dieſer Jacke waren durch einen hellblauen, handbreiten Gür⸗ tel ſeine gelben, bis zum Knie herabhängenden Bein⸗ kleider verbunden, aus denen hervor ſchlüpfend fleiſch⸗ erbige Strümpfe ein Bein umgaben, das ſo unſchein⸗ ein dünnes Licht ausſah. Große rothẽé Schna⸗ ae mit flainen meſſtngenan Sahaln beſebt, be⸗ ſeinem — 126— wenig behaarten Scheitel lag eine platte, hochrothe Narrenkappe mit lang herunterhängender großer Schelle; an ſeiner Seite hing ſein hölzernes Schwert, das er wie einen Schweif nach hinten in die Höhe gehoben trug. Hierzu denke man ſich nun dies affenmäßig glotzende und doch ſo überaus gutmüthige, alberne Geſicht, und man wird begreifen, daß nie und nir⸗ gend König Lear's Narr einen lächerlicheren Repräſen⸗ tanten gefunden haben konnte. Auch läßt ſich die Wirkung, die dieſe ſonderbare Erſcheinung und die nit ſpechtartiger Stimme hervorgeſtoßenen Worte:„Laß mich ihn auch dingen— hier iſt meine Kappe!“ auf die Geſellſchaft hervorbrachte, kaum beſchreiben. Es trat ein wahrhaft revolutionairer Augenblick ein; lau⸗ * tes, ſchallendes und wieherndes Gelächter empfing ihn, Kluge und Narren belachten um die Wette den doppelten Narren. Plötzlich, eben als das Gelächter ſich ein wenig gelegt hatte, rief eine zirpende Stimme aus dem Hin⸗ tergrunde: — Hoho!l das iſt ja Mr. Green, unſer Schul⸗ meiſter!... Pfui! wie häßlich ſieht er aus... ah! ſeine Beine, ſeine ſchönen Beine! Alle Köpfe wandten ſich rückwärts nach dem vorf lauten Sprecher, der ebenfalls Lachen erregte; a — 127— auf einen Wink des Oberarztes, der ſeinen Namn an der Stimme erkannt hatte, näherten ſich zwei Wärter dem Verbrecher und entführten ihn, zur eigenen Strafe und zur Warnung der Uebrigen, in ſeine einſame Zelle. Man ſieht, daß auch hier eine wachſame Po⸗ lizei thätig war. Die Stoͤrung war indeß kaum bemerkbar und ging raſch vorüber; die allgemeine Aufmerkſamkeit wandte ſich wieder dem Narren zu, der während der Unterbrechung gaffend dageſtanden und dem Lärmen ruhig zugeſehen hatte, denn Mr. Green war nicht der 1 Mann, ſich ſo leicht aus der Faſſung bringen zu laſſen. Er ſchien ſogar dieſe Beifällsbezeigung erwar⸗ tet zu haben und davon geſchmeichelt zu ſein, denn nachdem er ſich geräuspert und eine alberne Verbeu⸗ gung gemacht hatte, ſagte er mit ſeiner krͤhanden Stimme: — Die Kleider, die hat der Schneider gemacht, Nachdem der Dircktor ſie ſelber erdacht! 8 Ich habe allein das Opfer gebracht, Und werde dafür nun ausgelacht! Hahal ich lache ſie aber wieder aus,. Denn der Narr, der iſt überall zu Haus! — 128— Jetzt hatte er die Lacher auf ſeiner Seite und es erſcholl ihm ein donnernder Beifallsruf... dann ging das Stück ruhig weiter. Die effektvolle Scene zwiſchen Lear, Goneril und dem Narren, zu denen nachher Albanien tritt, brachte eine unglaubliche Wirkung hervor. Der Witz des Nar⸗ ren floß ſo natürlich, Lear ſteigerte ſeine Wuth ſo kunſtgemäß, Goneril war ſo teufliſch und unweiblich, daß Alles in Enthuſiasmus war, als der Vorhang zum erſten Mal fiel. Die Zuſchauer ſchöpften tief Athem und ſchienen. der Ruhe zu bedürfen. Ich ſuchte Perey mit den Au⸗ gen, der mir ſeinen Beifall zuwinkte, doch bemerkte ich, daß er ſeine Uhr hervorzog. * Es wurde warm im Saal, man fühlte allge⸗ Kein eine Art von Aufregung. Den Gäſten wurde Thee und Eis herumgereicht, dann nach einer kleinen Pauſe flog der Vorhang wieder in die Höhe. Auch dieſer Akt ging ganz regelrecht vorüber. Der Streit zwiſchen Kent und dem Haushofmeiſter, obgleich etwas laut von Seiten des letzteren, war na⸗ kürlich genug; die Scene aber, wo Kent in den Bl ggelegt wird, erregte lautes Staunen bei den Zuhö⸗ rern und dann folgte ein anhaltendes Gemurmel des Bedauerns. Ja, ja! die unwiſſende Menge fühl s — 129— das Unrecht ſo gut, wie ſie oft ſelbſt wiffentlich das 3 Unrechte thut. Die ſchöne, verbrecheriſche Regan wußte ihren einmal errungenen Beifall zu behaupten, und Corn⸗ wall, der von dem ſogenannten Lord, dem jungen Kaufmannsſohne, gegeben ward, benahm ſich ganz verteufelt herzogsmäßig... er hatte gute Studien dazu in der großen Welt gemacht. Aber des guten Königs Lear Weh wuchs von Scene zu Scene, und der alte Oberſt hielt wacker Steand. Zwar trat ihm der Schweiß tropfenweiſe auf 85 die Stirn und ſeine Schminke fing an ſich zu verwi⸗ ſchen, aber dennoch ſchien er nicht zu ermüden, auf 1 ſeinen Schmerz folgte ſeine Wuth, und wenn er ſich ausgetobt hatte, erholte er ſich wieder, indem er ſich neuem, linderen Schmerze überließ. Und wie natür⸗ lich drückte dieſer Schmerz ſich aus, wie männlich floſ⸗ ſen ſeine Zähren, die ihm das Leid auspreßte, und wie rührend wurde er, als er, vor der unerbittlichen Regan auf den Knieen liegend, um Bekleidung, Koſt und Bett bat. Auch glückten ihm vollkommen die 1 ſch ellen, reißenden, ſchon ſeinen nahen Wahnſinn verkündenden Uebergänge von der rührenden, faſt kind⸗ lichen Bitte zu dem höchſten Auflodern der männ(iche ſtan, königlichſten daidenſchaf des Zornes. Namen Der Irre von St. James. 4. Band. 9 4 — — 130— lich hierin war er meiſterhaft; da ſchnaubte, da wü⸗ thete, da donnerte er, ſo daß nicht wenige ſeiner, pfanden, denn ſie hatten den guten alten Oberſt nie ſo geſehen und ihm eine ſolche leidenſchaftliche Hitze und Kraft gar nicht zugemuthet. Im dritten Akte, der auf vernünftige Menſchen den größten Eindruck hervorbringt, weil Gewitter, Sturm, Regen und Leidenſchaften, die noch ſtärker wuͤthen als die grollende Natur, ſich zerſtörend kreu⸗ zen, war ich beſorgt, ob die Schauſpieler ſich noch in ihren Leiſtungen ſteigern könnten, aber ich war es umſonſt geweſen, denn ſie hielten ſich alle ſehr wacker. Namentlich ſtanden ſich hier Lear, Kent und der Narr gleich tüchtig zur Seite. Der erſtere, kämpfend gegen die Elemente und den auf ihn eindringenden Wahn⸗ ſinn, Kent fürſorgend und liebevoll, der Narr ſeine lebhafteſte Theilnahme und ſein fühlendes Herz hinter dem ſinnigſten Unſinn verbergend. Abber auf die anweſenden Irren ſchienen Blit und Domner einen tieferen Eindruck zuü machen, als die ihnen weniger verſtändliche Handlung. Sie füre ihte⸗ ten ſich, drückten ſich zuſammen und ſahen enanher 8 wie verſteinert daſitzenden Zuhörer Furcht vor ihm em⸗ mit entſetzten Mienen an... hie und da hörte nzan den halb unterdrückten Ausruf: das iſt ſchrecklich! das iſt fürchterlich... ach! wenn es doch erſt zu donnern aufhören wollte!... Der Narr blieb ſtandhaft in ſeinen ihm vorge⸗ ſchriebenen Grenzen, er flocht nichts Ungebührliches ein, obwohl viele von uns dergleichen befürchtet hat⸗ ten. Nun aber kam Edgar als Wahnſinniger zum Vorſchein. Bis hierher nur als Nebenperſon auftre⸗ tend, warf er ſich jetzt mit voller Bruſt in das Un⸗ geſtüm der Handlung, wie ein brauſender Wettren⸗ ner, der, klüglich ſeine volle Kraft und Schnelligkeit auf den rechten Augenblick verſparend, endlich, heiß geworden, ſeiner Wildheit alle Zügel ſchießen läßt und in vollem Laufe auf das ehrenvolle Ziel losſtürzt. Die Geſichter der Zuhörer auf den hinteren Bän⸗ ken wurden immer bleicher und entſetzter, ſie klapper⸗ ten mit den Zähnen...— — Wenn es doch erſt aus wäre!— ſagte ein Mädchen zu ſeiner Nachbarin, die eben ſo, wie ſie vor Angſt kaum auf ihrem Platze aushielt. 4 Ich frage, wenn die Vorſtellung auf dieſe Her⸗ zen Eindruck machte, ob wir unzufrieden damit ſein konnten? 4 Unbegreiflich wird es mir bleiben, wie ein Penſch, ſelbſt vom Wahnſinn befangen, in einen künſtlichen, 5 4 5 1 9* 5. 4* — 22 fremden Wahnſinn ſich hinein zu verſetzen vermag! Aber die Möglichkeit lag vor mir, ich ſah es, ob⸗ gleich ich es nicht recht begreifen konnte. Und das iſt 82 ein Beweis, daß der Wahnſinnige ſeincs Wahn⸗ ſinns ſich nicht bewußt iſt, daß er ſich aber den Wahn⸗ ſinn, als etwas außer ihm Liegendes, wohl vorſtel⸗ len, ſogar bildlich in ſich aufnehmen kann. Die menſchliche Natur und der menſchliche Geiſt iſt uner⸗ gründlich und unendlich reich im Schaffen, er gebiert Sinn aus Unſinn, Unſinn aus Sinn, er kann ſich aus ſich ſelbſt loslöſen und in eine andere fremde, ganz entgegengeſetzte Individualität verwandeln... niemals wurde mir dies ſo klar, wie an dieſem denk⸗ würdigen Abend. Und hierin eben liegt der Beweis, wie vortheilhaft ſolche Uebungen und Prüfungen ſind und was man mit ihnen leiſten kann. Ich bin über⸗ zeugt, daß dieſes ſich Trennen von ſich ſelber und die⸗ ſes ſich Verſetzen in eine andere Individualität einen noch bei weitem größeren Nutzen in ſich verbirgt, als viele Irrenlehrer bisher erfahren haben. Man ver⸗ ſuche es und man wird erſtaunen. Freilich wird bei einem von Natur eitlen Menſchen dieſe ſeine Eitelkeit ..ich nehme nur eine Nichtung an... durch Beifall und Lob vielleicht noch mehr geweckt, aber das ſelbſtſtändige Denken, welches ſich entwickelt und noth⸗ * — wendig entwickeln muß, iſt ſtärker als dieſe Eitelkeit, beſiegt ſie alſo auch und wandelt ſo den kleinen Scha⸗ den in einen großen Vortheil um. Tauſendmal war ich in Angſt, die wahnſtigigen Schauſpieler würden ihre Rolle und ihre Vorſtellung vergeſſen, und, ſich in das Chaos ihres eigenen Irr⸗ wahns verlierend, uns ein neues, unerwartetes Schau⸗ ſpiel vorführen, aber immer wieder fanden ſie ſich zu⸗ recht, keinen Augenblick vergaßen ſie ſich, ſie hielten ihre Stichwörter wie der beſonnenſte Schauſpieler feſt und keiner beging einen auffallenden Fehler, der das Ganze in Verwirrung gebracht hätte, bis gegen das Ende... doch, warten wir dieſes ab. Namentlich trat dieſe Fertigkeit ganz beſonders hervor, als Lear, wahnſinnig vor Schmerz und Ent⸗ rüſtung, mit dem Narren und Edgar über ſeine Töch⸗ ter zu Gericht ſitzt. So peinlia) dieſe Scene auch iſt, das Peinliche ging bei dem Gedanken vorüber, daß die verrückten Spieler gerade das Entſetzl ichſte ſo leicht, als wenn ſie nicht wüßten, wie ſchwer es iſt, vor⸗ üherführten, und ſo viel Verſtand behielten, um ihren eigenen Unverſtand hinter dem ſcheinbaren Unyerſtand zu verbergen, den ſie ſprechen mußten. Ich zweifelte, ihnen der tiefe Sinn in dieſer Stelle wohl klar käre; wenn ich noch länger in St. James geblieben 4— 134— wäre, hätte ich gern mit dem Oberſten und mit Ham⸗ let hierüber geſprochen. Bei der Scene der Blendung Gloſter's entſtand eine Art Stockung, eine kleine Verwirrung, die durch die Beſorgniß des Schauſpielers Bateman herbeige⸗ führt wurde, der, eingedenk des unglücklichen Falles im Heymarket⸗Theater, ſich zu ſträuben anfing, als Cornwallis ſich ihm nahete, um ihm die Augen aus⸗ zuſtechen. Er trat bei Seite und wehrte die Hand ab, die ſich ſeinem Geſichte näherte. Regan aber trat leiſe zu ihm heran und flüſterte ihm zu: — Halten Sie ſtill, es geſchieht Ihnen ja nichts! Und ſo ging auch dieſer Akt vorüber und der vierte hatte begonnen, wo Edgar ſeinen blinden Va⸗ ter führend, der ihn nicht kennt, an die vermeintliche Klippe bringt, von der er ſich herabſtürzen will. Hier nahmen wieder einige Zuſchauer thätigeren Antheil, als ſie nehmen ſollten, und als Mr. Bateman ſprin⸗ gen wollte, jedoch ſich noch vorher etwas zu beden⸗ ken ſchien, ſchrie eine Stimme laut: 8 — Spring' dreiſt! ſpring dreiſt! es iſt kein Ab⸗ grund da!. Die Scene aber, wo Goneril, in Edmund ver⸗ liebt, ihm einen Dolch überreicht und ihm die Stiln küßt mit den Worten:„der Kuß, dürft' er nur N den, erhöbe Dir den Muth in alle Lüfte!“ ſtellte ſich höchſt ſpaßhaft dar. Denn anſtatt daß Edmund weg⸗ gehen ſollte, blieb er verzückt ſtehen und blickte begehr⸗ lich in das dunkle Auge der ſchönen Mary, ſo daß ich den Augenblick ſchon vorauszuſehen glaubte, wo er die Arme ausbreiten und auf ſie zuſtürzen würde. Dieſe aber gab ihm einen Wink, ſich zu entfernen. Umſonſt! er lag noch auf den Knieen vor ihr und ſtreckte wirklich die Arme ſehnſüchtig nach ihr aus. Schon zweimal hatte der Haushofmeiſter:„Der Her⸗ zog, gnädige Frau!“ gerufen, der Lieutenant eging immer noch nicht, bis endlich der Haushofmeiſter, einen ängſtlichen Blick auf den Direktor werfend und Peinen ermuthigenden von ihm empfangend, den ver⸗ zückten Liebhaber beim Arme ergriff und mit einem verſtändlicheren Winke zur Thür ſchob. Der Lieute⸗ nant aber war gänzlich vernarrt in das ſchöne Weib, noch beim Abgehen warf er ihr einen Blick zu, der Stroh hätte in Flammen ſetzen können. Aber es war auch zu viel verlangt, von ſolchem Munde geküßt zu werden und ihn nicht wieder küſſen zu dürfen. Als nun aber gar in der ſiebenten Scene dieſes Aktes beide Schweſtern zuſammentrafen und Edmund zwiſchen ihnen ſtand, ſchien der unglückſelige Lieute⸗ nant vollends unentſchloſſ en zu ſein, wohim 3 ſäinr Blicke zuerſt und wohin er ſie zuletzt richten ſollte. Berauſcht durch das Feuer der Handlung und der Leidenſchaft, ſah er bald die eine, bald die andere mit verzehrenden Blicken an... das waren zu viel Reize für eine menſchliche Bruſt, und man konnte dem egoiſtiſchen Gardeofftzier nicht verdenken, daß er gern alle Beide genommen hätte, wie er auch im Anfang des fünften Aktes ſelber ſagt. Was mich hierbei aber am meiſten erfreute, das war das edle, zurückhaltende, trotz ihrer herausfor⸗ dernden Rolle beinahe ſchüchterne Betragen der beiden Mädchen. Was Shakeſpeare's Regan und Goneril an Charakter hierdurch verloren, das gewann die reine Weiblichkeit an Zartheit und Lieblichkeit. Ja, wenn das weibliche, jungfräuliche Gefühl in ſeiner reinen und wolkenloſen Geſtalt vorhanden iſt, wie es hier war, dann giebt es keinen Edelſtein, der ſchöner, glän⸗ zender und durchſichtiger erſcheint... Doch wir nahen uns allmälig dem Ende der Aufführung, und obwohl ich noch mehrere kleine, unerwartete Vorfälle berichten könnte, ſo fürchte ich doch ſchon zu lange die Aufmerkſamkeit des Leſers in Anſaruch genommen zu haben, und begnüge mich d her, nur noch eines Zwiſchenfalles zu erwähnen, i abermals der Lieutenant herbeiführte und dadurch ei — 137— noch größere Störung hervorrief, als durch ſein vori⸗ 3 ges Intermezzo. 4 Man war nämlich zu dem Zweikampf zwiſchen Edgar und Edmund gekommen. Ohne Zweifel fiel hier dem tapfren Edmund ein, daß er ehemals Sol⸗ dat geweſen und noch dazu in der Garde Ihrer Ma⸗ jeſtät gedient habe. Mochte nun ſein kriegeriſches Blut in Wallung gerathen, als er das Schwert ge⸗ gen Edgar zog, oder mochte er ſich vor den anwe— ſenden Damen, ſeinen beiden Geliebten, und dem Prinzen von Dänemark als wackrer Ritter bewähren wollen, genug, er ſchien an keine Ergebung zu den⸗ ken, er hieb tüchtig darauf los, und der, im Fech⸗ ten glücklicherweiſe ſehr geübte, Edgar mußte alle Mühe anwenden, ſeinen hitzigen Gegner ſich vom Leibe zu halten. Die auf dem Theater um die Fechtenden herum⸗ — ſtehenden Schauſpieler wunderten ſich anfangs über das lange Gefecht, dann, als es ernſthafter zu wer⸗ deen ſchien, wurden ſie unruhig, und bald blickten ſie, nach Hülfe verlangend, über das Orcheſter fort nach den Zuſchauern hinüber. — Ergieb Dich!— rief jetzt Hamlet's keüchofd Ftinnne — 138— Nein!— entgegnete eben ſo athemlos Ed⸗ mund— Noch nicht!. —Sie müſſen ja ſterben!— flüſterte wiederholt die Stimme des Souffleurs von hinten her. — Ich will nicht ſterben!— ſchrie Edmund, und Hieb folgte ſo ſchnell auf Hieb, daß die hinteren Zu⸗ ſchauer von dem halb ernſthaften, halb komiſchen Schauſpiel begeiſtert in die Hände klatſchten und laut ihre Bravos erſchallen ließen. Gott weiß, wie das Gefecht geendet haben würde, wenn nicht eben, als ſich der Oberarzt zum Einſchrei⸗ ten erhob, Mr. Green, der Narr, aus einer der Cou⸗ liſſen hervorgeſprungen und dem dr Haus nicht ſter⸗ ben wollenden Fechter ſein hölzernes Schwert zwiſchen die Beine geſchoben hätte. Jetzt mußte er fallen und er den, Edgar über ihn herme um i entreißen; aber der Kampf ſchien in Edmund's mu⸗ thigem Herzen noch nicht zu Ende zu ſein, denn er ergriff plötzlich den ſich zu ihm herabbeugenden Sie⸗ „ger bei den Haaren. 3 Jetzt aber ſprangen mehrere der hinter den Cou⸗ liſſen Verſammelten, namentlich der Souffleur herbei, und ſchleppten Edmund fort, indem ſie laut ſagten, er ſei ſchon todt. 4 fiel wirklich zu Bo⸗ hm ſeine Waffe zu — 139— Die Zuſchauer auf den hintern Reihen hielten das Alles für ganz natürlich und wußten ſich das Lachen nicht zu erklären, was von den vorderen Bän⸗ ken her erſcholl. Bei alledem aber war es doch beſonders für den Oberarzt, dem bis hierhe geglückt war, ein höchſt unangenehmer 33 und das ſchöne Stück gerieth auch in's ½ das beginnende Hin⸗ und Herrennen higten Schauſpieler zeigte bald die i kommene Verwirrung an, bis en delia heraustrat, die nicht No; Seite ſchob, und nun das St brechung ſeinem Ende zugefül ſchon früher erwähnt habe und Goneril ſterben, Le⸗ lich am Leben bleiben. So mußte noch kur das bisher ſo Avürdig 9 — 140— und ſchien nicht enden zu wollen. Lord C... be abſichtigte noch einige Dankſagungsworte zu reden, aber es war nicht möglich, die einmal entfeſſelten Zun⸗ der ſo gern Sprechenden und ſo ungern Hören⸗ ewältigen. Er ergab ſich mit lächelnder Miene hickſal und ging dann, von dem Direktor eamten begleitet, denen ich mich an⸗ Bühne. wir die Akteurs in Schweiß geba⸗ d in deren Ermangelung auf der jedoch erhoben ſich Alle ſo⸗ . eintrat. Dieſer lobte und x das ihm bereitete Vergnü⸗ ſämmtliche Schauſpieler ei⸗ Erinnerungen aus. Am er, die Damen weg, denn Prmbänder und was der⸗ , als der ernſten und — 141— — Sie, mein Herr, haben uns um den Ruhm gebracht, eine tadelloſe Aufführung zu Stande gebracht zu haben; Sie werden nie wieder mitſpielen. Ich kann nicht umhin, Ihnen mein Mißfallen an Ihrem ſchrankenloſen Betragen hiermit zu erkennen zu geben. Schlafen Sie wohl! Edmund, das Geſicht noch von der gehabten An⸗ ſtrengung geröthet, hörte ſchweigend und ſich in ſein Schickſal ergebend, dieſe in Gegenwart aller Uebrigen an ihn gerichtete Demüthigung; er ſchlug ſeinen kecken Blick zu Boden; nachdem er noch einmal ſeine Go⸗ neril angeſehen hatte, und entfernte ſich mit ſeinem Wärter, der ihm ſchnell den Mantel umwarf, den Hut auf den Kopf drückte und mit ihm verſchwand. Jetzt verſammelte ſich die Geſellſchaft noch ein⸗ mal in ihren Zimmern, beſprach und freute ſich des gehabten Genuſſes, drückte ihre Dankbarkeit aus und dann begannen die Abſchiedsceremonieen. Die Wagen fuhren bald darauf vor, die Damen hüllten ſich in ihre Mäntel, und nach funfzehn Mi⸗ nuten ſtanden die Säle, die ſo eben noch voll von Menſchen, ihren Thaten und ihren Worten geweſen d amn⸗ leer. Ich drückte noch einmal dem Direktor und dem Oberarzte zum Abſchiede die Hand, dann 5 — 142— verfügte ich mich auf mein Zimmer, eben als die Haus⸗ uhr den Ablauf der elften Stunde hören ließ. Percy wußte ich ebenfalls ſchon auf ſeinem Zim⸗ mer; Phillipps erwartete ich bei mir und der Wärter Chappert ſtand auf ſeinem Poſten. Das war mein letzter Abend in St. James!... — 143— V. Die Flucht aus dem Irrenhauſe. In unruhiger, aber freudiger Erwartung der Dinge lauſchte ich in meinem Zimmer auf die Bewe⸗ gungen, die ſich von Zeit zu Zeit über und unter mir in dem allmälig ſtiller werdenden Hauſe hören ließen. Naach etwa einer Viertelſtunde vernahm ich deutlich den Tritt des Beamten, der jeden Abend um elf Uhr alle Räume unterſuchte, um ſich ſowohl von der Anwe⸗ ſenheit aller Bewohner, wie auch von den getroffenen Maaßregeln wider Feuersgefahr mit eigenen Augen zu überzeugen. 4 Cs iſt dies eine ſehr nachahmungswerthe Vor⸗ ſicht, die man in allen öͤffentlichen Anſtalten einfüh⸗ vwen She denn wenn einmal unglücklicherweiſe Feuer 1 3 4 — 144— in einem großen Kranken⸗ und Irrenhauſe ausbräche, in welchem immer mehr oder weniger Menſchen an ihre Schlafſtätten gefeſſelt ſind, wieviel unglückſelige und unrettbare Opfer würden dann zu beklagen ſein! Als ich die Thüren der Gänge und Zimmer wie⸗ der hatte ſchließen hören und die Schritte des umge⸗ henden Beamten verhallt waren, vernahm ich aus der Ferne die luſtige Tanzmuſik und das dumpfe Geräuſch, welches die über den Boden ſchurrenden Füße, biswei⸗ len untermiſcht mit fröhlichem Gelächter, in der Stille der Nacht bis zu mir gelangen ließen. Der Saal, welcher zu dieſer Feſtlichkeit hergege⸗ ben war, lag am Ende des Hauptgebäudes und zwar auf der linken Seite deſſelben, die, wie ſich der Leſer 4 erinnern wird, den ſogenannten Männerflügel in ſich begriff, weil nur männliche Kranke denſelben bewohn⸗ ten. Die Direktion hatte dieſen Saal gewählt, weil er geräumig genug war und in der Regel leer ſtand, wenn die Zahl der Kranken die gewöhnliche Höͤhe nicht überſtieg; und es hatten ſich an dieſem Abende ſo viele Unterbeamte darin verſammelt, wie bei dem gewöhn⸗ lichen Nachtdienſte entbehrt werden konnten, um wäh⸗ rend einiger Stunden ſich ihrem beliebteſten Verg gen harmlos hinzugeben. 2 — 445— Weiß der Himmel! Ueberall auf der Erde tan⸗ zen die Leute gern, es muß alſo doch wirklich ein großes Vergnügen ſein! Denn wo man tanzen ſieht, da iſt man auch gewiß, Frohſinn und Lebensluſt zu Hauſe zu finden... Als ich auch dieſen für mich nicht ſehr verfüh⸗ reriſchen Tönen eine Weile mein Ohr geliehen, trat ich an ein Fenſter und öffnete es. Es war ziemlich finſter, naß und kalt; ein feiner Sprühregen ſchlug mir ins Geſicht, der auch dazu beigetragen hatte, die wenigen bunten Lampen, die der ſtoßweiſe daherfah⸗ rende Wind verſchont, frühzeitig zu verlöſchen. Die⸗ ſer Theil des Feſtes war alſo ganz geſtört worden. Es war eine unerquickliche Nacht, mit einem Worte eine jener Nächte, die man ſich freut, in ſei⸗ nem Hauſe, und wo möglich im warmen Bette, im tiefſten Schlafe verbringen zu können. Und wir ſoll⸗ ten in dieſer Nacht aus St. James fliehen! 4 Es ſchlug halb zwölf Uhr. Gleich darauf trat Phillipps bei mir ein und ſagte mit ſeinem gewöhn⸗ lichen ſtillen Lächeln: Suten Abend, Sir! Ich ſoll Sie noch ein⸗ vom Herrn Direktor grüßen und Ihnen ſeiner⸗ eine glückliche Reiſe wünſchen. Wiel ſo habt Ihr ihn noch geſprochen Irre von St. James. 4. Band. 10 — — Ich bin ihm ſo eben auf der Treppe begegnet, er hat heute in höchſt eigener Perſon die Hausrunde gemacht. Auch würde er noch einmal ſelbſt gekom⸗ men ſein, ſagte er, um Sie bis an die Thür zu be⸗ gleiten, aber er ſei von der Aufregung des Tages überma ig angegriffen und bedürfe der Ruhe. Daher bitte um Entſchuldigung. So danken wir alſo der Anſtrengung dieſes Tages dieſen Glücksfall!— erwiderte ich.— Er iſt ſehr gütig, aber heute gehe ich lieber ohne ſeine Be⸗ gleitung, ſo ehrenvoll mir dieſelbe auch ſonſt geweſen wäre... Iſt Alles fertig, Phillipps? — Ja, Sir; Alles bereit; Pferd und Hunde ſind angeſchirrt; Ihre Sachen liegen vor dem Regen ſicher... denn, in Wahrheit, es iſt ein verteufeltes Wetter, und... hören Sie doch, die Menſchen lär⸗ men und tanzen da unten, als wenn ſie uns recht acbſichtlich wollten ungeſtört davon ſchlüpfen laſſen. Hat der Chappert die Schlüſſel zu den Corridors ſchon gebracht? — Nein, er bringt ſie erſt nach zwölf Uhr auf Mylords Zimmer, wenn er beſtimmt weiß, daß Al⸗ les in Ruhe und Ordnung iſt. — Das wird ein unangenehmer Gang werden für Sie da hinauf; könnten Sie denn nicht gleich — 147— von hier unten aus mit Mylord nach dem Hofe ge⸗ langen? — Nein, Phillipps, ich muß hinauf, denn heute kann ich ungefährdeter zu ihm, als er zu mir kom⸗ men. Und käme er auch herab,... durch den Cor⸗ ridor, wo die Leute tanzen, können wir. doch nicht, da ein fortwährendes Aus⸗ und Einlaufen in jenem Flügel ſtattfindet. Auf der Seite hier unten hinaus können wir auch nicht, denn da wohnen die Beam⸗ ten, und wenn die nur das Geräuſch wie von einer Natte an ihren Thüren vorbeiſchleichen hörten, ſo kä⸗ men ſie heraus und ſähen... — Was es für eine große Ratte iſt, haha! — Nun ſeht Ihr, da bleibt uns nichts anderes übrig, als im oberſten Stockwerk bei den ſchlafenden oder abweſenden Wärtern vorbeizugehen, durch den Weiberflügel die rechte Hintertreppe zu gewinnen und von da aus in's Freie zu gelangen, wo Ihr uns ſo⸗ gleich erwarten und durch die bewußten Zeichen Halt! oder Vorwärts! gebieten müßt. — Daran ſoll's nicht fehlen. Schlag zwölf Uhr verfüge ich mich hinaus und erwarte Sie bei den Ställen. Verfehlen Sie aber nicht den rechten Weg N⁵ und gehen ſtatt nach dieſen, auf die erſte Brucke los, m der alte Jakob, glaube ich, iſt nicht zu Balle, 3 10 — us— der ſitzt in ſeinem Hauſe und kann nicht ſchlafen we⸗ gen ſeines Rheumatismus. 4 1 — Ich weiß, ich weiß; der Brunnen bleibt linns ... wir gehen rechts! Wie ſteht's mit der Finſter⸗ niß? —, das geht! Fünf Minuten im Dunkeln und Alles wird zum Greifen deutlich; der Regen aber iſt kalt und wird uns in's Geſicht ſchlagen bei der Retirade. — Das ſchadet nichts! Beſſer der Regen, als der Feind! — Wollen Sie nicht Ihren Mantel über Ihren Regenrock ziehen... es wird kalt ſein und Sie wer⸗ den ſich auf Ihrer Flucht erhitzen.. — Ich denke den Mantel an Chappert zu geben, damit er Grund hat, mich bis zum Stalle zu be⸗ gleiten. — So, ſo, es iſt gut, Sir! Sie haben an Al⸗ les gedacht! Dieſes Geſpräch wurde in meinem Zimmer flü⸗ ſternd geführt; ich habe es darum hierhergeſetzt, um den Leſer über die Einzelnheiten unſerer bevorſtehenden Flucht aufzuklären. Wenn er ſich an die im erſten Theile gleich zu Anfang meiner Ankunft in St. J mes erwähnte Einrichtung des Irrenhauſes erinne — 149— ſo wird er einſehen, daß wir nicht gut anders ent⸗ weichen konnken, als durch das obere Stockwerk des Weiberflügels, indem in dem Männerflügel heute Nacht, wie ſchon geſagt, ein größerer Verkehr ſtatt⸗ fand und die große vordere und hintere Thür von einem Portier, der faſt beſtändig wachte, verſchloſſen war, und daß es ſomit unnütz geweſen wäre, Percy zu mir herabkommen zu laſſen, da wir doch wieder hätten hinaufſteigen müſſen... Jetzt ſchlug es zwölf Uhr. Phillipps nahm noch einen kleineren Theil meines Gepäcks auf den Arm 5 und ging, indem er ſich von dem Portier aufſchließen ließ, durch die große Hinterthür in den Park hinaus, nachdem er mir noch den glücklichſten Erfolg gewünſcht hatte. Ich ſelbſt löſchte jetzt mein Licht aus, trat in den Corridor und ſchloß die Thür hinter mir zu, in⸗ dem ich den Schlüſſel mitnahm, um ihn an Chap⸗ pert zu geben, der ihn nachher dem Oberportier ein⸗ händigen ſollte. Mit dieſem ſelbſt hatte ich mich ſchon abgefunden und ihm geſagt, ich würde mich durch die Hinterthür im Männerflügel entfernen, da ich noch Willens ſei, dem Tanze eine Weile zuzuſehen. So konnte ſich Niemand wundern, daß ich nicht vunh den gjoßen Thorweg hinausging. Hie Lampen brannten hell auf den Freppn und — 150— 8 * Corridors, aber es herrſchte überall das tiefſte Schwei⸗ gen. Die Thürſteher auf den einzelnen Treppenabſä⸗ tzen ſchliefen in ihren Zimmern oder waren im Tanz⸗ ſaale. Dennoch ſtieg ich ſo leiſe, wie möglich, die zwei Stockwerke in die Höhe und ſtand bald vor der bekannten Thür. Die gegenüber liegende Wärterthür war geſchloſſen, und da ich nicht wußte, ob der darin befindliche Wärter ſchlief, oder ob er abweſend ſei, machte ich ſo wenig Geräuſch, wie ich konnte. Leiſe pochte ich mit dem verabredeten Zeichen an, und ſo⸗ gleich hoͤrte ich den Schlüſſel im Schloſſe langſam ſich umdrehen, den Chappert uns zu verſchaffen gewußt hatte. Die Thür öffnete ſich lautlos und ich trat in das dunkle Zimmer.— Wir boten uns einen guten Abend; Percy drückte mir die Hand, als ich ihn leiſe fragte: — Iſt Chappert ſchon mit den Schlüſſeln hier geweſen? — Nein, aber vor etwa einer halben Stunde war der Direktor ſelber bei mir. 1 — Wehe, wenn er eine halbe Stunde ſpäter ge⸗ kommen wäre. — Gewiß! Glücklicherweiſe aber hatte ich das Licht ſchon gelöſcht und kleidete mich im Nebenzim⸗ A mer an. 4 2 2 3 — 151— ² Sind Sie da, Mr. Sidney?— fragte er. — Ja wohl, Herr Direktor! — Ah, Sie kleiden ſich aus; haben Sie ſich heute Abend amüſtrt? — Es war ganz allerliebſt, Sir! — Das denke ich auch. Nun ſo ſchlafen Sie wohl! Und damit ſchloß er die Thür. — Aber ſagen Sie mir, iſt Phillipps ſchon im Stall? — Alles iſt fertig! Doch, haben Sie kein Waſ⸗ ſer hier? Ich werde von einem Liſepiihen Durſt ge⸗ peinigt. — Still! ſtoßen Sie ſich nicht... d ſtcht es auf dem Tiſche. Ich trat an den Tiſch und taſtete darauf herum. Ich fühlte ein Blatt Papier. — Aha!— flüſterte ich— Sagen Sie Ihren Freunden ein ſchriftliches Lebewohl? 4 — Muß ich es doch, denn müntlich hätten ſie es nicht angenommen. = Was iſt das hier?— fragte ich, indem ich goch ein kleines Stück Papier in die Höhe hob. — Nun, damit die Bitterkeit des großen Schrecks, 4 den ſie morgen früh hier empfinden werden, durch einiges Süße wenigſtens gemildert werde, habe ich eine, Fünfhundertpfundnote auf den Tiſch zu dem Schreiben gelegt und den Direktor gebeten, ſie für arme Kranke oder für ein neues Theaterſtück zu ver⸗ wenden, damit in letzterem Falle ein anderer Mr. Sidney wieder Gelegenheit finde, ſich an ſeinem eige⸗ nen Kamine wärmen zu können. Man muß doch den Rendanten wenigſtens liebkoſen, wenn man den In⸗ tendanten verletzt. Auch habe ich ihnen in meinem Lebewohl geſagt, daß ſie noch mehr von mir hören 3 werden, und daß ſie mir, wenn ſie mich wieder ha⸗ ben wollten, in der Grafſchaft Dunsdale einen Be⸗ ſuch abſtatten ſollen. — Sie ſind bitter geſtimmt, Percy, aber frei⸗ lich! ich verdenke es Ihnen nicht. — Ich mir auch nicht. Im letzten Augenblicke fällt mir Alles ein, was ich hier erlitten und drau⸗ ßen in der Welt entbehrt habe... großer Gott! Bier Jahre!... — Sie haben Recht! aber um wieder auf den Schreck zu kommen, den ſie morgen hier haben wer⸗ den... der erſte Anfall wird lähmend ſein... — und gerade heute, an einem ſo ehrenvollen Feſttage einen ſolchen unerwarteten Verluſt zu erlei⸗ den, das iſt das Empfindlichſte bei der Sache, das iſt die Belohnung, die Krone für ſo große Mühen, werden ſie ſagen. Hahaha! Ich ſehe ſie ſchon lau⸗ . 3 — 153— fen und ſuchen und fragen und verlegen ſein, dann giebt Einer dem Andern die Schuld... hahahat .. haben Sie noch nicht das Waſſer? — Ja, ja, hier iſt es und ich habe auch ſchon getrunken. In dieſem Augenblicke that Percy einen Schritt, und ich hörte das Klirren eines Sporens an ſeinen 3 Füßen. Minde — Aber um Gotteswillen! Sie tragen Sporen! — rief ich. — Ich weiß es wohl, daß ſie klingen und werde ſie noch einwickeln. Aber ich befinde mich in demſel⸗ ben Anzuge, in welchem ich herkam... Ellinor ſoll mich ſo wiederſehen, wie ſie mich verlaſſen hat ... ich habe die Kleider ſeit jenem Unglückstage nicht wieder angehabt... es war mein improviſirtes Hoch⸗ zeitskleid!... fühlen Sie, wie entſetzlich mager ich geworden bin Er führte meine Hand an ſeine Bruſt.... u 3 dieſem Augenblicke huſchte etwas draußen an der Th vorbei. Gleich darauf ließ ſich das leiſe Pochen ho⸗ ren, das uns Chappert ankündigte. NMee umwik⸗ kelte ſeine Sporen, während ich die Thür öffnete. Es war Chappert. 5 — Hier bin ich, Gentlemen!— ſagte er— Gu⸗ 2 — 154— ten Abend! oder vielmehr gute Nacht und guten Mor⸗ gen! Es iſt Alles, wie es ſein ſoll; aber es thut 3 mir leid, die Schlüſſel zum großen Corridor Ihnen nicht einhändigen zu können... ich habe ſie nicht erhalten können; die Teufel von Frauenzimmern ha⸗ ben ſie mit zum Tanze genommen, als wenn ſie auch da etwas zu verſchließen hätten! — Wie kommen wir aber hinaus?— fragte ich, nicht ohne Verlegenheit und einiges Herzklopfen. — Nuhig, Sir! ich habe Ihnen einen anderen Weg vorzuſchlagen. Er iſt freilich etwas unangeneh⸗ mer, ſonſt aber eben ſo ſicher. Sie müſſen durch die Krankenzimmer ſelbſt.....— — Durch die ganze Reihe der Frauenſäͤle? — Durch die ganze Reihe... es geht nicht anders... — Aber man wird uns erkennen, es werden nicht Alle ſchlafen... man wird Lärm machen, Chappert. — Man wird keinen Lärm machen... wird ſich viel zu ſehr fürchten. Freilich werden nicht alle Weiber ſchlafen und man wird Sie wenigſtens crkennen. Das ſchadet aber nichts... man kenn Sie als Arzt... aber hier, Mr. Sidney... Seinß Herrlichkeit, wollt ich ſagen... den darf man ich man erkennen, und deshalb habe ich den Mantel wieder mitgebracht, den ich ſchon unten auf dem Pferde hatte... und das iſt auch die Urſache meiner Zö⸗ gerung geweſen... Sie müſſen ſich das ganze Ge⸗ ſicht einhüllen, Mylord! — Das iſt ſehr unangenehm... und wo ſind die Schlüſſel zu den Krankenzimmern? — Hier iſt der eine... von der erſten Thür ... nehmen Sie ihn, aber verwechſeln ſie ihn nicht 8* mit dem andern... — Nein!— ſagte ich, und ſteckte ihn in die rechte Taſche. — Und hier iſt der zweite für die letzte Thür. Ich nahm ihn und ſteckte ihn in die linke Taſche. — Die Zwiſchenthüren ſind, wenn nicht offen ſtehend, doch unverſchloſſe ſſen; meine Frau, die noch auf iſt, hat es mir verſichert... — Aber die Wärterinnen, werden uns die nicht verrathen? 2 Nein, das werden ſie nicht; denn ein Theil on ihnen iſt zum Tanze gegangen und ein anderer hläft feſt, und ſollte irgend eine zufällig noch wach 4 1 ln, nun dann müſſen Sie auf einige kleine Anshü en bedacht ſein... — 4156— — Gut! Wir gehen alſo gerade aus... bis zur letzten Thür, die verſchloſſen iſt? — So iſt es, und verſchließen Sie ſie wieder von Außen und bringen Sie mir den Schlüſſel zu⸗ rück, damit ich ihn wieder an ſeinen Ort lege, denn es darf Niemand wiſſen, daß er in fremden Hän⸗ den war. — Aber die Thürſteher auf der hinteren Treppe, wie die? — Sie ſchlafen oder tanzen. Die Thür, welche vom unterſten Flure in's Freie führt, werde ich, ehe Sie da ſind, von Außen öffnen; im Parke gehen Sie vorſichtig bis zum Brunnen und da müſſen Sie warten, Mylord, während wir nach den Ställen N gehen und Ihr Pferd holen. — Es iſt gut, es iſt ganz gut, ſagte Perey— ich weiß es... Aber noch einmal, gehen Sie vorſichtig, meine Herren... — Gewiß, und am erſten October erwarte i Euch in Dunsdale... Ihr verſteht mich? — Ich komme, o ich komme gewiß; man wirßf mir keine angenehmen Tage hier geben, das verſicher ich Ihnen, und darum kündige ich morgen ſchon n F er Mantel wenrſauh ein deenftndhäfn Bchurre und ſie ſchien, wie ſie ſo gemeſſen daher kam, nicht zu gehen, ſondern zu ſchweben. Die nackten fleiſch⸗ loſen Arme hielt ſie vorn unter der Bruſt gekreuzt. Ich blieb einen Augenblick ſtehen und ſah ſie mir genauer an... da hatte ſie uns aber auch ſchon erblickt und kam, ohne im Geringſten erſchreckt zu ſein, mit feierlich langſamen, pathetiſchen Schritten auf uns zu. 1 Sogleich erkannte ich an dieſer abgemeſſenen Be⸗ wegung und an den langen weit über die Schultern und faſt bis zu den Hüften herabfließenden hochblon⸗ den Haaren, ſo wie an dem beinahe kreideweißen Ge⸗ ſicht eine jener ruheloſen, aber gutmüthigen Unglück⸗ lichen, die nie ſchlafen, nie toben, nur in ewig red⸗ ſeliger Stimmung jeden Anlaß ergreifen, dieſe ihre Lieblingsneigung zu befriedigen. Sie kam allmälig zu uns heran, und da ſie mein Geſicht ſehen konnte, auf welches der blaſſe Schein der Lampe fiel, glaubte ich, ſie würde mich erkennen, denn ſie hatte mich oft auf ihre Saale geſehen unn mit mir geſprochen. 8 — 160— 4 Als ſie dicht vor mir war, blieb ſie ſtehen hef⸗ tete ihre glanzloſen Augen, in denen der Wahnſinn ſeine ewige Wohnung aufgeſchlagen zu haben ſchien, lächelnd auf mein Geſicht und ſagte anfangs leiſe, als ob ſie die um uns herum Schlafenden nicht ſtö⸗ ren wolle, aber mit jenem gebrochenen Tone, den nur dieſe Kranken haben und der, einem pfeifenden Winde ähnlich, aus der klangloſen Bruſt über die immer bebenden Lippen tritt: — So ſpät noch Beſuch? Ei, ei! das iſt hübſch von Ihnen, ſetzen Sie ſich! — Stilk!— flüſterte ich, indem ich auf die Schlafenden wies, und wollte an ihr vorübergehen; aber die Unglückliche, die ſo ungern allein war, wollte ihren ſpäten angenehmen Beſuch nicht ſobald entſchlü⸗ pfen laſſen, und, ohne daß ich es verhindern konnte, mit einem ihrer knöchernen Finger ſich in eins meiner Knopflöcher einhakend, hielt ſie mich unwiderſtehlich gfeſt und fuhr fort: — Nicht ſo ſchnell, Männchen... ach! ich bin ſo allein! Wenn Sie wüßten... ach! — Ich weiß, ich weiß!— ſagte ich und ſuchte mich von ihr los zu machen. — Was? was wiſſen Sie? Sie wiſſen nicht — 161— * heftig und kurz gegen mich... das bin ich nicht ge⸗ wohnt... wiſſen Sie, daß ich die Königin Beß*) bin...2— Hier warf ſie ſich in die Bruſt und ſah mich mit einem ſtolzen, gebieteriſchen Blicke an— Und daß Sie eigentlich vor mir knieen müßten... he, wiſſen Sie das? — Ja wohl, das weiß ich.... — Und warum knieen Sie nicht? ſpricht ſo ein Unterthan mit mir? Dieſe Worte ſprach ſie noch lauter, denn ſie ver⸗ gaß ihre Umgebung und gab ſich ſchrankenlos ihren Einbildungen hin. — Laſſen Sie mich los, Königin Beß,— ſagte ich ihr ins Ohr— ich hole auch den Grafen Leſter! — Den Grafen Leſter! hoho! meinen Geliebten! hoho!... meinen Sie? O, der kommt nicht... der ſchläft, der ſchläft feſt... Ich ſah Percy ſchon an der nächſten Thür ſte⸗ hen... ich hätte alles Mögliche gethan, um von dem verrückten Weibe loszukommen, riß daher ihren Finger gewaltſam aus meinem Knopfloche und ſäse hart: — Wenn Ihr mich nicht gehen laßt, hols ich ie Peitſche! 3 ) Elifabeth. Der Irre von St James. 4. Band. 5*— 162— 2 — Hohol die Peitſche!— rief ſie jetzt laut aus — Wann hat Beß die Peitſche zu fühlen gehabt!... oho! die Männer!. Küſſe und Peitſchen! Küſſe und Peitſchen!... Geht, geht, Ihr ſeid nicht mein Freund! Und ein gellendes Gelächter ausſtoßend, wandte ſie ſich herum und ſchritt gravitätiſch, und in ſich hin⸗ ein kichernd, den Saal hinab. Ich eilte Percy nach, der ſchon im nächſten Wär⸗ terzimmer ſtand, welches ebenfalls leer war.. Wir kamen in das dritte Krankenzimmer, wel⸗ ches ein kleines Gemach war und nur zwei Fenſter hatte und vier Bätten enthielt. Die Lampe deſſelben war dem Verſcheiden nahe und flackerte nur biswei⸗ len noch etwas heller auf, dennoch aber konnten wir unter derſelben, wo drei Stühle zuſammengeſtellt wa⸗ ren, drei Geſtalten in ihren weißen Nachtkleidern er⸗ kennen, die, ſobald wir eintraten, mit einem lauten Angſtruf, wie drei aufgeſcheuchte Vögel, auseinander⸗ ſtoben und in ihre Betten flüchteten. An dem einen Schrei glaubte ich die ſchöne Mary zu erkennen, die heute Abend die Goneril eſpielt hatte. Wir gingen raſch durch das Gemach den ſchon an der Thür, als das vierte im te lie⸗ gende Mädchen ſich aufrichtete und ſchnol — 163— * Mantel ergriff, den ſie plötzlich und ſo heftig an ſich zog, daß dem Erfaßten und auf dieſe Weiſe Aufge⸗ haltenen von dem unerwarteten Ruck der Hut von dem Kopf fiel. Ich ſtand ſogleich neben dem Bette, hob den Hut auf und ſagte: — Laſſen Sie uns gehen, wir haben Eile! — Eile? Ei, ſieh doch!— lachte das Mäd⸗ chen und erhob ihren ſchönen lockigen Kopf gegen mich — Alle, die zu uns kommen, haben Eile, wieder fort zu gehen... haben wir denn Eile?... O nein! Es iſt ſo ſchön bei uns... bleiben Sie Iddoch... da iſt Betty... da Mary... da Emmy ... ſehen Sie doch, und ich bin Caroline, die ſchöne aber arme Caroline, ach! ich habe noch immer keinen Geliebten! — Das iſt Schade!— ſagte ich— Wir müf⸗ ſen aber gehen, laſſen Sie den Mantel los, Caroline! — Wo wollen Sie hin? Müſſen Sie zu ihr? Exwartet ſie Sie?... ha! das muß ſchön ſein.. ich warte ſchon lange... ſagen Sie mir erſt, wer ſie iſt... ich bin neidiſch... es braucht keine an⸗ dere glücklich zu ſein... ich bin es auch nicht, haha! Ach, Caroline iſt nicht ſehr glücklich!— ſeufzie ſie d ließ den ſchönen Kopf hängen, ſo daß die blon⸗ den, vermorrenen Locken ihr Geſicht ſuſ bedeckten, — 164— aber immer hielt ſie noch den Mantel mit beiden Sär den auf ihrem Buſen feſt. Noch einmal verſuchte ich, ihr den Mantel mit Gewalt zu entreißen, aber es war vergebl iche Mühe. Plötzlich aber ließ ſie ihn von ſelbſt los, ſprang mit einem großen⸗Satze aus dem Bette, umklammerte mich mit ihren bloßen Armen, und drückte mir ſo feſt den Hals zuſammen, daß ich im erſten Augenblicke nicht wußte, wie mir geſchah. 4 Ich weiß nicht, wie wir losgekommen wären, wenn jetzt nicht Betty, genannt die ſchwarze Betty, die Sängerin, ſich etwas in ihrem Bette erhoben und mit ernſter Stimme gerufen hätte: — Laß los, Caroline! Es iſt ja der Herr Doktor! — Ach, der Doktor, und immer nur der Dok⸗ tor und nie ein Anderer!— flüſterte dieſe, ließ mich haſtig los und kroch in ihr Bett zurück. Noch einen Blick warf ich auf die vier Betten, unter deren Decken ſich die Mädchen verborgen hat⸗ ten, dann ging ich raſch weiter. — Das iſt ſchrecklich!— flüſterte Perey,— machen Sie, daß wir fort kommen! 4 Die dritte Thür war ebenfalls nur angelehr ſie führte wieder in ein Wärterzimmer, und in dem F einen Bette deſſelben lag, laut ſchnarchend, eine Frau mit einem Kinde an der Bruſt. Wir ihritten auf den Zehen raſch hindurch und gewannen dass vierte Krankenzimmer, welches, in einen Winkel gebogen, halb in dem Hauptgebäude und halb in dem rechten Hinterflügel lag. In der erſten Hälfte des Zimmers, die ziemlich dunkel war, bemerkten wir nichts als ſchla⸗ fende Frauen; aus der zweiten Hälfte aber, die durch den vorſpringenden Winkel des Gebäudes von der er⸗ ſten geſchieden wurde, vernahmen wir... eine für uns eben nicht erfreuliche Aufmunterung weiter zu gehen... ein wildes Kreiſchen, unterbrochen von einer ernſten, zuredenden Frauenſtimme. Es half nichts, wir mußten um die Ecke biegen. Da ſahen wir denn das ſtörende Schauſpiel vor uns. Auf ei⸗ nem Tiſche, neben einem Bette, ſtand eine hell bren⸗ nende Lampe. An dem Bette ſtand eine Wärterin ... es war glücklicherweiſe Chappert's Frau... und bemühte ſich, ein ungezogenes Mädchen, das ſich faſt alle Kleider vom Leibe geriſſen hatte und ihren Händen entwiſchen wollte, zu bändigen; aber es ge⸗ lang ihr nicht, da ſie allein war. Beize waren über unſer plötzliches leiſes Eintre⸗ d. ine acendhe benſhn⸗ aber die Wärterin er. — 166— 8 5. — 2h, Sie ſind es, Herr Doktor! Es iſt gut, daß Sie kommen; helfen Sie mir Lane in's Bett brin⸗ gen und ihr die Zwangsjacke anlegen, ſie iſt unartig. — Nein, nein! ich will nicht die Jackel— kreiſchte dieſe und ſchlug und biß wüthend um ſich. Ich ergriff ihre Hand und die eine Hälfte der Jacke, aber auch unſern vereinten Kräften war es un⸗ möglich, ſie zu bewältigen; ſie war ſo raſch, ſo glatt, ſo klug, uns immer wieder ihre ſchlanken Glieder zu entreißen, wenn wir ſie feſt zu haben glaubten. Percy ſah dieſem ſonderbaren Kampfe eine Weile zu, dann trat auch er näher, ergriff den einen Arm des Mädchens mit ſeiner kräftigen Rechten, ſchob ihh heftig in den Aermel der Jacke und hielt ſie feſt.— Dieſer ſchnelle Gewaltſtreich mußte der Tobenden zu überraſchend und unwiderſtehlich vorkommen, denn ſie wurde auf der Stelle ruhig und ließ ſich von der Wärterin einſchnüren. Während dieſe noch damit beſchäftigt war, ſie an das Bett zu befeſtigen, ſchlüpften wir raſch durch das nächſte Zimmer, welches te fan und gelang⸗ ten in den letzten Krankenſaal, dir wieder ziemlich lang war und an deſſen Ende die Fhür lag, die ver⸗ ſchloſſen gehalten wurde und von uns geöffnet werden mußte.— — 167— Eben als ich mich des Schloſſes bemächtigt hatte, ſchoß abermals plötzlich ein Mädchen von ihrem La⸗ 8 3 ger empor, ſtürzte auf mich los und, ihre Arme wie eine eiſerne Klammer um meinen Hals werfend, ſchrie ſie laut auf: — Da habe ich ſie, die Diebe!... Sie wollen ſtehlen... Hülfe, Hülfe! Feuer, Feuer! Dieſer entſetzliche Ruf würde in jedem andern Hauſe ſogleich alle Aufmerkſamkeit erregt und eine Menge Menſchen herbeigezogen haben. Hier aber war man an dergleichen Ausbrüche toller Leidenſchaft glück⸗ licherweiſe gewöhnt, ſo daß man nicht mehr darauf achtete, als hätte Jemand: Waſſer, Waſſer! mich dürſtet! geſchrieen. Dennoch aber konnte der Ruf uns heut verderb⸗ lich werden, denn wenn nur ein einziger Mann ſich von dem Thatbeſtand näher überzeugen wollte, ſo waren wir verrathen. Es mußte daher ſchnell gehan⸗ delt werden. Auf einen Wink von mir bemächtigte ſich Percy des Mädchens und hielt ſie feſt, die ſich wüthend iin ſeinen Mantel biß, während ich b in egeiner linken Taſche ſuchte, um raſch zuſchließen.. 1 Abeh...o Schrecken! Er ging wohl in's — 168— Schloß, aber er öffnete es nicht, ich mochte ihn drehen und wenden wie ich wollte. Einen Augenblick ſtand ich verwirrt und in der That unſchlüſſig da... da war es mir, als hörte ich von ferne und hinter uns her Jemand dem Saale näher kommen... die höchſte Eile war vonnöthen... da, meinen Irrthum erken⸗ nend, bemerkte ich, daß ich den Schlüſſel zu Percy's Stubenthür genommen und den rechten noch in der⸗ ſelben Taſche hatte. Sogleich ſchloß ich auf. Nun faßten wir beide das ſich ſträubende Mädchen, trugen es auf das nächſte Bett, banden ſie, die entſetzlich nach Hülfe und einmal um was Andere Feuer! ſchrie, mit einem daneben liegenden Gürtel um den Leib an das Bett⸗ und... wir hörten ſchon den ſchnell näher kommen⸗ den Tritt... entfernten uns haſtig durch die Thür, die wir eiligſt wieder verſchloſſen. Es war die höchſte Zeit, denn gleich hinter uns trat Jemand ein. Da er aber keinen Schlüſſel zu der Thür hatte, konnte ereuns nicht nachfolgen... wer es war, weiß ich nicht.. es mochte auch Chapperts Frau geweſen ſein, dos ein höchſt beunruhigender Zufall. Jetzt befanden wir uns, von den gehabten Ar ſtrengungen tief Athem ſchöpfend⸗ auf dem C rrido — 169— Wirr ſprachen nicht, aber wir ſahen uns beide lächelnd an. Dies geſchah, während die Lampe, die auf die⸗ ſem Corridor neben der Treppe, dicht über unſern Köpfen brannte, noch einmal hell alffflackerte, dann aber plötzlich erloſch und uns in der dunkelſten Fin⸗ ſterniß, unwiſſend, wohin wir uns wenden ſollten, zurückließ. Ich war nie dieſe Treppe hinuntergegangen, wußte daher nicht, wo die ins Freie führende Ausgangs⸗ thür ſich befand; dennoch ſtiegen wir, ſo leiſe wir konnten, die zwei Stockwerke hinab. Ohne die Vorſicht Chappert's, der glücklicherweiſe die Thür, die in den Park führte, offen gelaſſen 4 hatte und die ſich uns durch abwechſelndes, vom Winde hervorgebrachtes Auf⸗ und Zuſchlagen bemerklich machte, wären wir in die größte Verlegenheit gerathen, denn ein einziges Herumtaſten an einer falſchen Thür konnte uns verrathen. Percy, der, voller Trieb und Sehn⸗ ſucht in's Freie zu kommen mir voranging und den die Eeſd chen erlebten Scenen erſchüttert haben mochten, 4 ind in dem freudigen Bewußtſein, tte Freiheit vor ſich zu haben, ng er raſch hinaus... und das war ein großes uc. Denn in demſelben Augenblick, wo ich ihm 1 170 nacffalgen wollte, öffnete ſich hinter mir em Thür 1 und eine rauhe Stimme fragte: — Wer geht da? — Ich bin es!— ſagte ich laut und feſt. — Wer, zum Teufel! iſt das ich?— fragte der Portier des Hinterflügels, denn er war es— ich kann nicht alle Stimmen kennen! — Ich, der Doktor...!— ſagte ich— Ich komme eben die Thür herein, die ich offen finde und weiß nicht, wo ich bin... ich ſuche mein Pferd... — Ah, Sir, Sie ſind's! Na, ich dachte ſchon .. aber zum Teufel noch ünnuls wer hat die Thür aufgemacht? — Das weiß ich nicht, ich fand ſie offen... aber es iſt ſo verzweifelt finſter, daß ich mich gar nicht zurecht finden kann, ich glaube, ich bin in eine falſche Richtung gekommen... Der Mann mußte halb im Schlafe ſein, dem ſonſt hätte er Verdacht ſchöpfen müſſen... was hatte ich denn in dieſem Flügel zu ſuchen? Und dann war es auch unwahr, was ich über d Finſterniß ſagte. Im Corridor freilich war es gang n kel, aber außen gewiß nicht ſo, daß ich nicht hätte den Stall vo großen Irrenhauſe unterſcheiden können. Ich mußte ſpäterhin ſelber über meine Ausrede lächeln, als ich mir das Erlebte zurückrief .. genug aber, ich kam mit meiner Ausſage davon. Der gefällige Mann beſchrieb mir kurz die Richtung, in der ich den Stall finden würde, dann ſchob er hinter mir den Riegel vor die Thür und ſprang wahr⸗ ſnPend⸗ da ihn in ſeiner dünnen Bekleidung frieren mo hte, in ſein Zimmer und ſein Bett zurück. Jeezt waren wir endlich und unentdeckt im Freien. In vollem Laufe ſtürzten wir auf den Brunnen los .. hier bliob Percy ſtehen. Ich ſelbſt verfügte mich in den Stall, der am Ende des rechts führenden We⸗ ges lag. 8 Das Wetter aWar in der That abſcheulich, ein kalter Regen ſtrömte herab, der um ſo empfindlicher war, da bis vor wenigen Tagen eine ſo große Hitze geherrſcht hatte; und der heulende Wind jagte in kur⸗ zen abgebrochenen Stößen, Bäume und Sträucher niederbeugend, über die Erde. In die Nähe des Stalls gelangt, ward ich durch Phillipps, der uns ſchon ſehnlichſt erwartete, benach⸗ richtigt, daß Alles zur Abreiſe fertig ſei. Chappert gab mir meinen Mantel, den er bis hierher getra⸗ gen hatte, und empfing darauf ſämmtliche Schlüſſel zon mir. Dann ward Bravour von einem Stall⸗ merſey der des Trinkgeldes wegen, das er von mir — 172— erwartete, im Stall geblieben war, herausgeführt und ich ſetzte mich ſogleich auf. Niemals habe ich ſo große Freude empfunden, in den Bügeln zu ſitzen, we diesmal. — Wo iſt er?— flüſterte Chappert. — Am Brunnen! 3 — Gut! ſo werde ich ihn bis an das Gebuſſch vor der erſten Brücke bringen. Halten Sie daſelbſt ſtill. Und nun gute Nacht!— ſetzte er laut hinzu — Leben Sie wohl... ich wünſche eine glückliche Reiſe! 8 Gleich nachdem er in der Dunkelheit verſchwun⸗ den und auch der Stallknecht ſeine Gebühren empfan⸗ gen und davon geeilt war, fuhr Phillipps mit ſeiem kleinen Wagen, den drei große gelbe Doggen zogen, aus dem Stalle in's Freie hervor. Vorn auf dem Wagen lagen mein Gepäck und diejenigen Sachen, die Perey gern hatte mitnehmen wollen und die ſchon Tages zuvor von Phillipps aus ſeinem Zimmer ge⸗ ſchafft worden waren. Hinten ſtand der ſchon früher erwähnte große Korb, von Weidenruthen geflochten, und diesmal mit ſtarken Stricken gn den Wagen be⸗ feſtigt, groß genug, um einen Menſchen, wenn o in zuſammengekauerter Stellung, verbergen zu könne Die Hunde bellten freudig, als es fortging und 173— gen kräftig an... wir bewegten uns langſam der erſten Brücke zu. Es war nicht ſo dunkel, um nicht die nächſte Umgebung wahrnehmen zu können, obwohl es ſchwer war, in der Ferne einen Menſchen von einem andren Gegenſtande zu unterſcheiden. Zu dem vorhererwähn⸗ ten Gebüſch gelangt, hielten wir ſtill und ſahen uns um. Ein leiſes Pfeifen verrieth uns die Anweſenheit Chappert's und ſeines Schützlings. Phillipps lenkte ganz nahe an das Gebüſch, dann hielt er an, und ſchlug ohne Aufenthalt den Deckel des Korbes zurück. Percy ſprang ſogleich hervor/ warf ſeinen Mantel hinein und kletterte dann mit unſerer Hülfe ſelbſt nach. Darauf wurde ſchnell der Deckel übergeworfen, mit einem Vorlegeſchloß, um jede mögliche Neugier zu⸗ rückzühalten, verſchloſſen, dem zurückbleibenden bra⸗ ven Chappert eine gute Nacht gewünſcht, und nun ging es vorwärts auf die Brücke los. Dieſe war durch das gewöhnliche Gitter verſperrt. Phillipps klopfte an ein Fenſter des Wärterhäus⸗ as, welches dunkel war. In dieſem Angenblicke p die große Uhr die erſte Morgenſtunde... ſo waren wir innerhalb des Hauſes aufgehalten Aber kein Menſch regte ſich in dem Wärterhauſe⸗ — 174— Es wurde lauter geklopft nichts antwortete... das Haus war verſchloſſen. Trotz ſeines Rheumatismus hatte der alte Jakob Toby wahrſcheinlich doch nicht dem Verlangen widerſtehen können, dem Tanze zuzuſehen. Nun war guter Rath theuer... wir durften uns nicht zu lange aufhalten, denn durch irgend ei⸗ nen unglücklichen Zufall konnte trotz aller von uns angewandten Vorſicht Percy's Flucht entdeckt werden. Ich ſtieg daher ſelbſt ab und näherte mich dem„ Gitter, in der Abſicht das Schloß abzubrechen. Eben mit der Arbeit beginnend, bemerkte ich zu meiner freu⸗ digſten Ueberraſchung, daß der Schlüſſel im Schloſſe ſteckte. Jetzt wurde das Gitter leicht und ſchnell ge⸗ öffnet und wir eilten, ſo raſch wir konnten, hin⸗ durch. Die zweite Brücke war eben ſo durch, das Gitter verſchloſſen, aber auch hier war der Schlüſſel zurückgelaſſen. ½ Jetzt mit lebhafterer Hoffnung, das Freie zu ge⸗ winnen, rückten wir der dritten Brücke näher... das Gitter war verſchloſſen, aber kein Schlüſſel vor⸗ handen. Es wurde an das Fenſter des Hauſes ge⸗ pocht... keine Antwort... 4 Klopft noch einmal, Phillipps, und laute — rief ich ſtark. 3* 2 8 6 * In dieſem Augenblicke wurde es etwas heller, und obgleich der Mond unter dem düſteren Wolken⸗ ſchleier, welcher den Himmel bedeckte, nicht ſichtbar 1 war, ſo wußten wir doch, daß er aufgegangen war, Weiniges Licht wenigſtens auf unſeren dunkelen Weg zu ſtreuen. Aber dieſer Weg, ſo finſter er auch ſein mochte, für uns hatte er ſeine Dunkelheit verloren. Es war Tag in uns, und vor dem glänzenden Lichte dieſes Tages mußten ſelbſt die Schatten einer engliſchen Nacht weichen. — Hier bin ich!— rif der Viscount mit lau⸗ ter Stimme ſeinen Dienern zu, als er ihnen nahe Kekommen war. Die guten Leute konnten nicht vergeſſen, daß ſie Engländer waren, und begrüßten ihren ſo lange nicht geſehenen Herrn mit einem lauten und wiederholten Hurrah. 1 Bravour ward jetzt mit einer Decke bekleidet einer der Diener nahm ihn neben ſein Pferd an die Leine. Sonſt wurde kein Wort gewechſelt. Als Alle wieder aufſaßen, Phillipps die auf dem Wagen liegenden Sachen in die Reiſekutſche geſchafft, ſeine Hunde losgeſchirrt und ſeinen kleinen leeren Kar⸗ 4 S Irre von St. James. 1. Band. 12 f — 18— ren in einen Graben geworfen hatte, ſtiegen wir Dre raſch ein. 3 — Fahrt im ſcharfen Trabe, bis es Tag. wird. — rief der Viscount den Vorreitern zu— den Weg wißt Ihr und nun, mit Gott, vorwärts! Und es ging im ſcharfen Trabe vorwärts, quer⸗ feldein auf dem Wege fort, den ich ſelber als den kürzeſten und beſten bezeichnet hatte.......... Das war unſree längſt beabſichtigte Flucht aus dem Irrenhauſe zu St. James....... VI. Das Wiederſehen. . Weenn wir lange Zeit von Allem, was wir das Unſrige nennen, und worunter wir nicht allein unſre Beſitzthümer, unſre Verwandte und Freunde, ſondern 8 auch unfre Gewohnheiten, Neigungen und tagtägli⸗ chen Beſchäftigungen begreifen, getrennt geweſen ſind, namentlich wenn eine unbezwingliche Gewalt uns von ihnen entfernt gehalten hat,... wie wächſt da nicht mit jeder Stunde unſer Verlangen, das ſo lange und ſchmerzlich Entbehrte wieder vor unſere Sinne zu ziehen, wie ſehen wir nicht dem erſten Pulsſchlag der Frei⸗ heit mit Wonne und Entzücken ent egen, der„ ruft: Du biſt jetzt frei, da haſt Du wiedetz, was Dir gehört und was Du ſo lange bitter wermißt und 5 kunlih erſtrebt haſt„ — 180— Wenn aber dieſer ſchöne Moment der Freiheit und des uns neu gewordenen Beſitzes gekommen, wenn wir den hen. warmen Sonnenſtmahl; wie⸗ Male die Dumn begre nach dem, was unſer iſt, ausſtrecken... wie ſchnell und plötzlich iſt jene laute Wonne, jenes maaßloſe Entzücken von uns gewichen, wie ſchnell erkaltet unſer kaum erwärmtes Herz wie⸗ der und wie bald iſt unſer heißes Begehren gedämpft! Sollten wir in dieſem erkältenden Gefühle nicht an uns ſelbſt zu zweifeln beginnen und uns fragen, ob wir wirklich das heſiben, was wir zu beſiben ſo ſehn⸗ lich wünſchten? 2 Worin liegt dieſe ſo ſchnell erkaltende S Stimmung, 4 dieſe, ich möchte faſt ſagen, ſo ploͤtzlich entſtehende Fühlloſtgkeit, dieſe geiſtige Erſchlaffung? Liegt ſie an dem Nichtigen unſerer Wünſche, oder in dem Luftgebilde unſeres Beſitzes, oder vielleicht auch in der Ueberſchwenglichkeit unſerer aufgeregten Erwartung? 8. 4 Nein, darin liegt es nicht, wenigſtens nicht al⸗ tein; es liegt vielmehr in dem Heheimnißvollen Plus und Minus unſerer innerſten Natur, an dem halb Göttlichen, halb Irdiſchen in unſerer ſchwachen Bruſt; es liegt in den zwiſchen Tag und Nacht ſchwanken⸗ den Chaos unſerer auf und niederſteigenden und alle Augenblicke wechſelnden Gedanken! — Ach! unſre größte Wonne beſteht nur in dem ungeſtillten Sehnen... im Ehrgeiz wie in der Liebe ... unſer größtes Entzücken liegt allein in der nebel⸗ gleichen Hoffnung eines zu erreichenden Beſitzes... die Glückfeligkeit ſel bſt, die in den Duft unſerer Phan⸗ taſie gehüllte Glückſeligkeit eriſtirt körperhaft, koſtbar und ſichtbar nicht, ſie iſt nur ein geiſtig ätheriſches Weſen, ein Wolkenbild, das wohl in unſeren Träu⸗ men an unſeren S Sinnen Neiderdi ht, nie aber im Wa⸗ chen des Lebens und der Wirklichkeit lebt!...... Ging etwas von dem, was ich ſo eben zu ent⸗ ziffern verſucht habe, gegenwärtig in Perey's Herzen vor, als er ſtumm, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, die Hände wie im Gebet gefaltet, neben mir ſaß, während ſeine ſchnaubenden Roſſe ihn ſchnelle ſeinem Ziele entgegen trugen? Ich weiß es nicht! Ach! wer kann ein zärtlichez Herz ergründen uns den bewegli⸗ chen Geiſt verſtehen, die beide nach langemi Leiden, nach einem dem Tühr ähnlichen Daſein, ſich erſt wie⸗ der an die Freude nd die Welt voller Glck gewöh⸗ nen müſſen, die vor ihnen ausgebreltet liegt; wer kann ſagen, ſo hat dies Herz empfunden, io — 182— — hat dieſer Geiſt gedacht, wenn dieſes Herz ſtill zu ſtehen und dieſer Geiſt zu ſchlummern ſcheint! Ich vermag es in Wahrheit nicht zu ſagen... ich wollte ihn in ſeinem ſtillen Nachdenken nicht ſtö⸗ ren, es war dies ſo heilig und feierlich für mich. Aber das weiß ich, daß Percy nicht der Mann war, laut und lärmend ſeine Freude kund zu thun, ſein 1 Herz war zu edel und ſein Gemüth zu fromm dazu. Wie der größte Schmerz auf Erden, der Seelen⸗ ſchmerz, nur ſtill und ſtumm getragen wird, ſo wird auch das größte Glück und die größte Frude nicht ge⸗ ſprochen, ſondern nur empfunden. Sie ſpricht nicht zu den Menſchen, ſie ſpricht und erhebt ſich zu Gott. Auch Er, der Urheber alles Glücks und aller Freude ſpricht im Stillen zu unſeren Herzen, und wir... wir verſtehen ihn doch.......... Es war gegen Anbruch des Tages, als Percy aus ſeinen Träumereien emporfuhr. Er nahm den Hut ab und ſtrich ſich mit der Hand über die immer noch bleiche, gedankenſchwere Stirn, als wolle er das Lette, was ihn gequält, wegwiſchen und neue, frohere Lebensbilder ſeinem aufgeregten Geiſte entgegentreten laſſ een. Er nahm meine Hand und drückte ſie innig. — Vergeben Sie mir, mein Freund,— ſagte er — daß ich ſo lange ſchwieg... mein Herz iſt wahr⸗ 5 3 — 1832— lich nicht ſtumm geweſen. Aber ich habe ſo viele Ge⸗ danken in mir und nur ſo wenig Worte dafür! Frei⸗ heit... Ellinor... mein Vater... und die Zu⸗ kunft! in dieſen vier Worten iſt Alles enthalten, was ich Ihnen ſagen könnte. — Thun Sie ſich keinen Zwang an,— erwi⸗ derte ich— ſchweigen Sie, reden Sie, wie Sie wol⸗ len, ich verſtehe Sie doch! — Ach ja, Sie verſtehen mich! Wie iſt dieſes Bewußtſein ſo ſüß, von denen verſtanden zu werden, die auf unſerer dornenvollen Lebensreiſe unſre Gefähr⸗ ten, unſre Brüder ſind... wie Sie mir beides ge⸗ worden ſind. Er drückte meine Hand feſter mit der ſeinigen und blieb dann wieder ſtill. — Achl.— fuhr er nach einer Weile fort— Sehen Sie, die dunkle Nacht ſchwindet, und der helle Tag bricht an! Er ließ ein Wagenfenſter herunter und ſah hinaus. — Freiheit! Freiheit! wie biſt Du ſo ſüß!... Luft! Luft! Wenn Du auch kalt und feucht biſt, wie erwärmſt Du mein erſtarrtes, durch Sklaverei erſtätr⸗ tes Herz... Wie lange haben wir noch, bis wir bei ihr ſind? — Wenn wir ſo Tag und Nacht fortfahren könn⸗ ten, ſo würden wir vielleicht morgen Mittag da ſein. — 184— — Und darf ich nicht erfahren, wo es iir — Nein, Sie ſollen ſehen, us dann erſt a fahren. — Gut! ich ergebe mich in Ihren Willen; thun Sie was Sie wollen, Sie haben es gut mit mir ge⸗ meint von Anfang an, und werden nicht nachlaſſen bis zum Endel?!— Der Tag brach an... er brachte heitereres Wet⸗ ter mit ſich; der Regen hörte auf und auch der Wind ließ etwas nach, ſo daß hie und da ſchon einige hell. blaue Streifen wolkenloſen Himmels Vuri den Ne belflor blickten. Um acht Uhr Morgens hielten wit in einem Dorfe an, wo die Pferde einige Stunden ruthten und wir ebenfalls, denn wir verſpürten einige Muͦ ktgkeit, nachdem wir ſchon mehrere Nächte wegen der großen Aufregung ſchlaflos zugebracht hatten. 7. Um zwölf Uhr Mittags fuhren wir wieder wei⸗ ter und hielten ſchon Abends acht Uhr an, um unſre erſte Nachtruhe zu halten. Morgens ſieben Uhr aber nnd ſchon wieder unterweges, und ich gedachte am Morgen des nächſten Tages bei Sir Robert Gra⸗ ham einzutreffen; doch beſtimmte ich nichts voraus, Na ich beabſichtigte, Percy mit der freudigen Nach⸗ richt zu überraſchen, wir ſeien, wo wir ſein wollten. n — 185— Allein je weiter wir an dieſem Tage vorrückten, um ſo unruhiger und ungeduldiger wurde er. Vier⸗ telſtundenlang ſah er aus dem Wagen und muſterte ſcharfen Blicks rings die Gegend, als ob er die Stätte ſuchen wolle, die würdig wäre, das Kleinod ſeines Herzens zu beherbergen. ne⸗ Es wurde Mittag. Wir ſtiegen aus, um zu eſ⸗ ſen, aber er berührte kaum die ihm vorgeſetzten Spei⸗ ſen. Haſtig und mit langen Schritten ging er im Freien auf und nieder, richtete keinen Blick mehr auf die Gegend, auf ſeine ſchönen Pferde, die er erſt ſo aufmerkſam bewundert hatte, auf ſeine treuen Die⸗ ner, die mit dem lebhafteſten Entzücken ihre Augen auf ſein ſchönes und Vertrauen erweckendes Antlitz ge⸗ richtet hielten. 1 Wir fuhren wieder vorwärts; der Nachmittag ckte weiter vor. Unterdeſſen war der Himmel klar geworden und die Sonne ſchien freundlich auf unſern Weg, den wir ſo eilig zurücklegten. Jetzt aber ſank ſie wieder tiefer, die Schatten der Gegenſtände um uns her wurden allmälig länger.* 5„ 8 Percy bewegte ſich auf ſeinem Platze hin und her, uUnruhe ſprach aus allen ſeinen Zügen und Heberhg 8s ſah ihm wohl an, daß er etwas auf dom * 186— zen hatte, bisweilen ſogar trat es ihm bis auf die Lippen, aber noch zauderte er, es auszuſprechen. Ach! ich wußte wohl, was es war. Und ich frage Dich noch einmal, Leſer, haſt Du ſchon geliebt? Und wenn Du dieſe Frage bejahend beantworteſt, o dann ſei auch ſo aufrichtig und ſage mir, wann haſt Du am heißeſten, aber auch am zarteſten geliebt? Ich weiß, was Du mir ſagen willſt... am in⸗ nigſten und zugleich am feurigſten, aber auch am ver⸗ langendſten hat Dich die untergehende Sonne an Deint Liebe erinnert. Es wird ruhiger, ſtiller, feierlicher um Dich her, es wird traulicher, einſamer, und dieſe Einſamkeit ruft das Nachdenken hervor. Alle Deine Gedanken und Empfindungen, die am Tage nach Außen ſtrm⸗ ten und im ganzen reichen Umkreiſe der Natur wie fleißige Bienen umherſchwärmten, kehren in ihre Hei⸗ mat, un Deine Bruſt zurück. der ſchlummernde Abend ſich mit ſeinem hattigen Fittig langſam und nebelhaft auf die legt, ſo zieht eine unbeſtimmte Traurigkeit, die aber nicht bitter, ſondern ſüß iſt, in Dein Herz) aun Du wendeſt alle Deine Gedanken und alle D Deint * Gefühle auf den innerſten Kern Deines Daſeins, auſf das Mädchen Deiner Liebe.. von dem alle Ruhe gewichen war, immer der liebſte, und davon ging es wie in der wildeſten Jagd. 4 Hier konnte ſich die Ausdauer Und Tüchtigkeit der ausgezeichneten Pferde bewähren. Aber ſo willig und kräftig unſre beiden engliſchen Renner waren, ſo weacker ſie anfangs Stich hielten ,es war keine Mög⸗ lichkeit, mit dem unglaublichen Feuer und der Leich⸗ tigkeit, womit er Alles überſprang, mit Bravour zu wetteifern, deſſen Kräfte ſich von Augenblick zu Au⸗ genblick zu verdoppeln ſchienen. Hätte ihn ſein voll⸗ kommen ſicherer und gewandter Reiter nicht gehalten, er wäre lange vor uns am Ziele geweſen. So aber kannte der Viscount die Gegend und die Wege nicht genau, durch die ich ſchon mehrere Male gekommen war, und ſomit war er gezwungen, bei uns zu bleiben. Waährend Phillipps Pferd und daseneinige bald mit weißem Schaume bedeckt waren, ſchien Bravour eein naſſes Haar zu haben. Seinen kleinen Kopf mit den ſchnaubenden Nüſtern und den li newi u vorweg in die Höhe geworfen und den 8 Schweif horizontal von ſich geſtreckt, ſ kang er mehr in ungeheuren Sätzen, als er lief, uͤber den Anger, die 4 Wieſen, den Berg und das Thal und warf uns den 4 moorigen Boden, den ſein flüchtiger Huf aufriß, ge⸗ en die Bruſt und il das Geſicht. G — 190— — Das geht luſtig her, Sir!— keuchte Phil⸗ lipps hervor, der neben mir jagte, während der Vis⸗ count einige Pferdelängen vor uns vorauf war.— Sehen Sie das Thier, wie es fliegt, als wenn es die Sehnſucht ſeines Herrn theilte... ja, ja, das iſt arabiſches Blut, ſo weit haben wir es mit den unſri⸗ gen noch lange nicht gebracht. Und wie ſein Haar glänzt, als wenn es von flüſſiger Seide wäre... herrliches Thier! 1 Ich nickte ihm zu, denn ich hatte ein Tuch in meinen Mund genommen, weil ich ſonſt kaum Athen ſchöpfen konnte... h das ganze unzählige Heer Es wurde mir immer beklommener um's Herz .*.. der Kopf fing mir an zu ſchwindeln... ich ſehnte mich nach dem Ende des tollen Rittes. Ich ſah Phiugs an.. er ſprach auch ihtemehe ſon⸗ e dern deuteke mit der and auf die Bruſt, a wolle er ſagen, es greife auch ihn an. Lange hätte ich es Sie fertig mit Ihrer Unterſuchung?... iſt es noch weit?... kennen Sie die Gegend? Ja, mein theurer Freund!— erwiderte ich Ich kenne ſie!— Und ich legte meine Hand auf ſeine Sae r ſah mir mehr verwundert als überraſcht ins Geßhu Ich fühlte ſelbſt, daß mich ſowohl in meiner Haltung wie in meiner Stimme eine gewiſſe Rührung übermannte. — Sie zittern... ha! iind wir da? Ich nickte. 8 4 — Wir ſind da? 5 — Ja!— ſagte ich— Gott hat gewollt, daß wir da ſind, und ſo ſind wir da. 4 — Wo, wo iſt ſie?— fragte er ſchnell— dort ... dort? 8* — Dort! ja... dort!* Und ich zeigte mit der Hand nach dem ſtillen, friedlichen Häuschen, in dem ſich ſo eben das Licht aus dem einen Zimmer in's andre bewegte.. — O mein Gott!— rief Percy und fa Ruf die Knie..** In die msealugenblick aß ich zufällig nach dem Hügel hin, deris gegenüber lag... und wie wir damals von drüben aus einen Reiter auf unſerm Gi⸗ 4 Der 3 Irre von St. James. 4. Band. 13 3 — 190— — Das geht luſtig her, Sir!— keuchte Phil⸗ lipps hervor, der neben mir jagte, während der Vis⸗ count einige Pferdelängen vor uns vorauf war.— 4 Sehen Sie das Thier, wie es fliegt, als wenn es die Sehnſucht ſeines Herrn theilte... ja, ja, das iſt arabiſches Blut, ſo weit haben wir es mit den un ri⸗ gen noch lange nicht gebracht. Und wie ſein Haar glänzt, als wenn es von flüſſiger Seide wäre... herrliches Thier! Ich nickte ihm zu, denn ich hatte ein Tuch in 4 meinen Mund genommen, weil ich ſonſt kaum Athem ſchöpfen konnte... Die Sonne war längſt unter dem Horizonte, aber der Himmel klar, die Luft heiter, daher die Däm⸗ merung erträglich hell. Dann aber blickte zuerſt der Abendſtern neugierig aus einer kleinen ſilbernen Wolke hervor, allmälig mehrere und mehrete, und endlich das ganze unzählige Heer funkelnder Geſtirne. Es wurde mir immer beklommener um's Herz . der Kopf fing mir an zu ſchwindeln... ich ſehnte mich nach dem Ende des tollen Rittes. Ich uuhe ſans als wolle ſah Phiuzge an.. er ſprach adeh ficht den deute 8 er ſagen, es greife auch ihn an. Lange hätte ich mit der Hand auf die Bruſt, Sie ertig mit Ihrer Unrrnchunge.. iſt 4893h weit?... kennen Sie die Gegend? Ja, mein theurer Freund!— erwiderte ic Ich kenne ſie!— Und ich legte meine Hand auf ſeine Schulter. Er ſah mir mehr vennundert als überraſcht ins Geſicht. Ich fühlte ſelbſt, daß mich ſowohl in meiner Haltung wie in meiner Stimme eine gewiſſe Rührung übermannte. — Sie zittern... ha! iind wir da? Ich nickte. 4 ¹ 4 — Wir ſind da? Ja!— ſagte ich— Gott hat gewollt, daß wir da ſind, und ſo ſind wir da. 4 Wo⸗ wo iſt ſie?— fragte er ſchnelt dort ... dort?* — Dort!; Sja. dort!* Und ich zeigte mit der Hand nach dem ſtillen, friedlichen Häuschen, in dem ſich ſo eben das Licht aus dem einen Zimmer in's andre bewegte.* — O mein Gott!— rief enraut ſufßu die Knie. In dicaluernblick ſah ich zufäͤllig nach dem Hügel hin, d derins gegenüber lag... und wie wir damals von druͤben aus einen Reiter auf unſerm Gi. 3 Her ere von St. James. 4. Band. ³ ℳ — 194— pfel hatten halten geſehen, ſo ſchien mir auch jetzt e ner auf dem andern zu halten. Doch mußte er ſo eben erſt hinaufgekommen ſein, denn vor einer Minute war er noch nicht dageweſen. Ich machte Phiat ſipps darauf aufmerkſam, dann auch Percy, der, wie er in ſeiner Leidenſchaft vorher unruhig geweſen war, jetzt ſtumm wie das Grab da⸗ ſtand, in tiefes Anſchauen und Nachdenken verloren, die Hände gefaltet, ohne Bewegung, und ſcheinbar ohne Antheil in die halbdunkele Ferne hineinſchauend, aus der uns jenes Licht wie ein hoffnungsſtrahlender Stern entgegenblinkte. So glich er mehr einer Bilde⸗ ſäule als einem gedankenſchweren und empfindungsvol⸗ 3 len Menſchen. — Wenn er einen Hund bei ſich hätte, mürde ich 1 ihn für keinen Andern als für Bob halten!— ſagte ich. — Er hat einen Hund bei ſich, ſo wahr ich lebe! — rief Phillipps ſogleich. — Nun, dann iſt er es auch... er ſcheint uns zu betrachten, wie wir ihn betrachten... — Bei Gott! es muß mein Junge ſein mit dem Othello! tiefen und ſtummen Betrachtungen. Er horchte auf: 5 * Der Name Othello ſchüttelte Perey aus ſeinen * — 195— wir zeigten ihm noch einmal den Reiter und den Hund unnd theilten ihm unſre Vermuthungen darüber mit.* Er blickte wiederholt ſcharf hinüber. — Es ſcheint mir auch ſo! Aber ſeid ſtill,— ſagte er— ich will ſehen, oh er mich noch kennt, wenn er es iſt. Er hielt darauf zwei Finger an den Mund und ließ ein langgezogenes, anfangs ſanftes, allmälig ſtär⸗ ker und ſchneidender werdendes Pfeifen hören, deſſen durchdringender Ton weit über Wald und Flur dahin⸗ ſchwoll. Kaum aber war der letzte, hinſchwindende Schall des Pfiffs in die ſtillen Lüfte verflogen, ſo hörten wir ein dumpfes, kurz abgebrochenes Geheul .. ʒaugenblicklich ſtürzte ſich uns der Hund entge⸗ gen, eine halbe Minute... und er war uns nahe. Percy ſprang freudig wie ein Kind vor und rief: — Hollah! Othello! Hollah! Ach! wer beſchreibt dieſe Scene! Zwölf Schritte ungefähr von Percy entfernt hielt das treue Thier ſtill, ſchlug ſich heftig die Flanken mit dem Schweife, und ließ ſeine gewöhnlichen Naſentöne hören, als wolle es ſich erſt von der Aechtheit ſeines Herrn überzeugen. 8 Aber dies dauerte nur ſo lange wie ein kurzer, ſtuche tiger Gedanke. Dann ein ſeiſes, halbunterdrücktes Wimaern ausſtoßend, ſprang er dem Maänne, den er — 196— ſo lange nicht geſehen und doch auf den erſten Blick erkannt hatte, entgegen, eben ſo ſein Herr auch ihm, und wie ein Freund dem andern nach langer Tren⸗ nung die Arme um den Hals wirft, ſo lagen die mächtigen Pfoten des großen Thieres auf Percy's Schultern, ſo umarmte auch Percy den treuen Hund und rief einmgl über das andere: — O mein Othello! mein treuer Othello! mein Othello!* Als er ihn endlich losließ und der Hund ſich nun an ſeine Füße, an ſeine Knie, an ſeine Hände ſchmiegte und ein leiſes, heiſeres, gleichſam weinendes Freudengeknurr ausſtieß, und ich nun näher zu ihm hintrat, ſah ich, daß Percy die Augen voller Thrä⸗ nen hatte. Aber dieſer Hund... woran erinnerte ihn der? Die ganze frühere Geſchichte ſeines Lebens ward lebendig vor ſeiner Seele... doch, Leſer, das weißt Du ja, was ſoll ich Dich noch damit ermüden! — Nun Percy,— ſagte ich, als der Hund auch zu Phillipps ſtürzte und ihn lebhaft begrüßte— ſind Sie jetzt zufrieden? — Ja, beruhigt wenigſtens bin ich... denn wo er iſt, iſt auch ſie... gehen wir jetzt langſar und vorſtchtig hinab, damit wir ſie nicht erſchyech Und zu meiner Verwunderung wurde er ſo 197— hig, wie er gewoͤhnlich war, wenn ihn keine Leiden⸗ ſchaft aufregte. Der ſchnelle Ritt, die furchtbare Eile ... er wollte damit die Gewißheit erjagen, daß er zu ihr gelangen würde, jetzt, da er ſah, wo ſie war, ſchlug ſein Herz wieder wie dasd leidenſchaftsloſeſte Kinderherz. Nun kam au auf ſeinem Ponywallach herangaloppirt und üßte 1 d9. ward von Allen auf das herzlichſte d9 un nahm er und ſein Va⸗ ter, die ſich vie Wot haben mochten, die Pferde, um ſie hinabz ufüähren, während Percy und ich Arm in Arm den Hügel hinabgingen und dem freundlichen Hauſe entgegentraten. 1 Das große Gitterthor ſtand auf. Bob, der es ſo eben erſt verlaſſen hatte, weil er, wie er ſagte, für ſich die beſtimmte Ueberzeugung hegte, heute würden und müßten wir kommen, hatte es offen gelaſſen. Wir ſchritten hindurch. Jetzt fühlte ich Percy, den ſtarken Percy wieder an meinem Arme zittern, da wir ihr ſo nahe kamen. Wir gelangten an die Haus⸗ thür, vor der die großen Penreſg ſene... ich machte ſie leiſe auf... — Nun,— ſagte ich mit bebender Stimme:— die Thür iſt offen... in dieſem Hauſe athmet El⸗ —— voon der ſeinigen, mit der er mich erfaßt hatte, los⸗ — 4 d Ales war wieder ſtill... ich wußte, an mein — 198— 4— Ach!— flüſterte er— Ruhe! Faſſung! Meine Bruſt will zerſpringen... wenn ſie nur da iſt... laß einen Augenblick mich noch erholen. Wir ſtanden ſtill, er lehnte ſich an den Thür⸗ pfoſten,... ich glaubte ſein Herz klopfen zu hören. — Wie Gott will!=fagte er plötzlich und rich⸗ 4 tete ſich hoch und ſtolz auf. Oich habe mich wieder ... kommen Sie! 4 H — Nein!— erwiderte'ich indem ich meine Hand machte— ich gehe nicht mit hinein... gehen Sie allein... ich kann mir das Alles denken! Wir traten in den Flur... in das Vorzimmer ... ich machte die zweite Thür weit auf... ein helles Licht leuchtete uns aus dem Nebenzimmer ent⸗ gegen... 1 — Guten Abend, Graham!— rief ich hinein — ſchob dann Perch vor und ſchloß gleich hinter ihm wieder die Thür, hinter welcher ich ſtehen blieb. Dann lehnte ich d daran... ich horchte... Al⸗ les war ſtill... ich lauſchte... ich war nur Ohr ... da, mit einemmale... Percy! hörte ich auf⸗ ſchreien... Ellinor! Ellinor!... Percy!. — 199— nem eigenen Herzen fühlte ich, was geſchehen war!.............. 4 Ja freilich, wenn Wiederſehen nicht wäre, dann wäre jede Trennung von dem Gegenſtande unſerer 4 Liebe wie der Tod..„ aber darum hat ja die Vor⸗ ſehung den Himmel des Wiederſehens uns gegeben, damit dieſer die Hölle der Trennung vergeſſen mache, und auf daß die Bitterkeit derſelben durch die Süßig⸗ keit jenes Momentes vertrieben werde, wo Herz an Herz ſich wieder ſchlagen fühlt und Auge gegen Auge Liebe um Liebe tauſcht!......... Wie lange ich in der oben erwähnten Stellung verblieb, und was mir während der Zeit durch Kopf und Herz fuhr— ich weiß es nicht. Nur ſoviel iſt mir bewußt, daß ein Entzücken mich überſtrömte, als wenn ich ſelbſt eine Ellinor gefünden hätte, oder wie es wohl ein Feldherr nach einer ge ei Schlacht oder ein König nach Eroberung e igen Stadt empfinden kann... Endlich wurde die Thür aufgema mir ſtand, eine brennende Kerze in der die ehrwürdige Geſtalt Sir Robert Gral — 200— Geſicht mit Thränen übergoſſen, die Lippe bebent), aber einen ſtrahlenden Glanz in den feuchten Augen, wie ihn das Licht keiner Kerze, und wären ihrer tau⸗ ſend angezündet, zu geben vermocht hätte.. — Kommen Sie,— ſprach er milde, als er mich ſah— kommen Sie, er ſagt uns, Sie ſeien hier! Mechaniſch folgte ich ihm bis zu Ellinor's Zima⸗ mer... hier hielten wir an und ſahen ein Schau⸗ ſpiel, welches mir ewig unvergeßlich bleiben wird. Auf einem Seſſel ohne Lehne ſaß die nach vorn gebeugte Geſtalt Ellinors; zu ihren Füßen, den Kopf auf ihren Schooß gedrückt, lag Percy. Ihre Hände hielten ſeinen ſchönen Kopf umſchloſſen und ihre Lip⸗ pen waren in ſeinen dunkelen Locken verborgen. Da⸗ neben aber ſaß hoch aufgerichtet der rieſige Hund, den klugen Kopf halb zur Seite gewandt, und blickte, von Zeit zu Zeit ungeduldig knurrend und mit dem zotti⸗ gen Schweife den Boden peitſchend, mit ſeinen gro⸗ ben Augen bald euy bald Ellinor gleichſam fra⸗ gend an. Sir R Hraham und ich ſtanden eine Weile ſprachlös und ſahen dem rührenden Auftritte zu. Kein Laut, kein Seufßzer, kein Ausruf der Liebe oder der Freude kam über die Lippen derer, die ſich endlich wie⸗ dergefun hatten, ihre Liebe, ihre Freude war allein der nicht zu erkennen zu geben. Es lag eine heilige Stille auf dieſem vorher ſo unglücklichen und jetzt ſo glückſeligen Paare; wie im Gebet waren ihre ſchönen Seelen vereint, ſie ſchienen in dieſem Augenblick zu dem zurückgekehrt zu ſein, von dem ſie ausgegangen waren.. Sir Robert, mit der einen Hand meine Hand haltend, mit der andern noch immer ein Tuch an ſeine naſſen Augen drückend, ſtand neben mir und kein Wort kann ausſprechen, welcher Ausdruck auf dem Geſichte dieſes tugendhaften und im Dulden ſo ſtar⸗ ken Mannes in dieſem köſtlichen Augenblicke lag. Endlich, durch das Geräuſch aufgeweckt, welches Othello verurſachte, indem er plötzlich laut zu wim⸗ mern anfing, richtete Ellinor ihr von Glück und Thrä⸗ nen ſtrahlendes Antlitz empor... ſie ſah mich... und oogleich fuhr ſie auf. Percy folgte ihrer Bewe⸗ gung, auch er erhob ſich und nun ſahen beide mich an. — Da iſt eer! rief ſie— Er ha Wort ge⸗ halten!— 4 und auch ich fühlte mich von ihren Arnnen um⸗ lungen und von ihren Trinen benetzt.. ch die uie⸗ die mir da in ihnen, und ſie wußten es, ſie brauchten ſie einan⸗ das reine Entzücken, welches ich empfand, werde ich nie wieder empfinden.......... Ich hänge einen Vorhang über das, was nun folgte. Denn wie man nicht in das Herz blicken kann, in dem erſt das Glück lebendig wird, ſo kann man auch die Ausflüſſe dieſes Herzens nicht ſchildern, wel⸗ ches endlich— den Gefühlen freien Lauf laſſen darf, die es ſo lange im Verborgenen getragen hat... Drei Tage vergingen, und ſie gingen wie im Fluge dahin, drei Tage auf ſtiller, heiterer See, im Sonnenſchein der Liebe, der Freundſchaft und des Vertrauens. Aber auch die reine chriſtliche Ergebung in ein unvermeidliches böſes Geſchick wurde in Anſpruch genommen, denn in dieſen drei Tagen erfuhr Sir Ro⸗ bert und ſeine Tochter, wo Percy ſo lange geweſen und wie er dahin gekommen war... Auch das Er⸗ ſtaunen, das Entſetzen, die geiſtige Erſtarrung, die dieſe Miehilung hervorgerufen, waren vorüber und Alle empfanden demnach nur um ſo tiefer den Werth⸗ und die Bedeutung der immer noch vothängnißvoll en Gegenwart. 1 1 Innerhalb dieſer drei Tage ſandte der Wisrounſt — 203— von Dunsdale und ich an den Direktor Zeit vorbereiteten und aufgeſparten Briefe. Percy er⸗ zählte darin mit kurzen Worten ſeine Geſchichte, ohne jedoch ſeinen Angehörigen zu nahe zu treten; er be⸗ rührte ſchonend und verzeihend die ſchrecklichen Irrthü⸗ mer, deren eben ſo unſchuldiges wie unglückliches Opfer er geweſen war. Auch ich fügte hierüber meine Erläuterungen bei. In des Arztes Sir John's... Namen ſprach ich gegen den Oberarzt das feſt begrün⸗ dete Urtheil aus, daß er auf Treu' und Glauben Mr. Sidney für vollkommen geſund betrachten könne, und daß derſelbe nie geiſteskrank geweſen ſei. Die Wirkung dieſer unerwarteten Lehre muß auf den ſonſt ſo biederen, kenntnißreichen und in ſeiner Kunſt ſo zu⸗ veerſichtlichen Mann eine ſchreckliche, ſie muß für ſein ganzes übriges Leben andauernd geweſen ſein. Aber Percy war großmüthig, wie es kaum ein Anderer geweſen wäre. Er dankte noch für die man⸗ nichfachen Gefälligkeiten und Freiheiten, die man ihm während ſeines langen Aufenthaltes in St. James erwieſen hattg, und bat um Verzeihung wegen des Schreckens, den ſeine plötzliche Entweichung ihnen ver⸗ urſacht haben mußte. Er nannte St. James ein gaſt⸗ frei⸗ und ein auf ewige Zeiten ihm nie aus der Er⸗ arzt des Irrenhauſes zu St. James unſre ſchon lange — 204— 9 innerung kommendes Haus, und beides war gewiß wahr und wurde aufrichtig und ohne einen Anſchein von Ironie geſprochen. Er bat ferner nur um die Ueberſendung ſeiner Orgel und ſeiner Bücher, alles Uebrige, was er zurückgelaſſen, ſchenkte er der An⸗ ſtalt; auch hatte er eine jährlich zu zahlende, nicht unbedeutende Summe zur Unterſtützung bedürftiger Kranken ausgeſetzt. Endlich aber ſchloß er mit der Bitte, ihn in Dunsdale mit recht zahlreichem Beſuche zu beehren und ſo auch ſeine Gaſtfreundſchaft baldigſt in Anſpruch zu nehmen. Seinen Namen und ſeinen Titel ſetzte er, um die Wahrheit ſeiner Ausſage zu beſtätigen, vollſtändig unter dieſes Schreiben. Einer von des Viscounts Dienern, die unterdeſ⸗ ſen mit Wagen und Pferden nachgekommen waren, wurde als Bote mit dieſem inhaltreichen und für die Annalen von St. James bedeutungsvollen Briefe an den Ort ſeiner Beſtimmung abgeſandt. Nachdem auch dies beſeitigt war, wandten wir uns eifrig den Obliegenheiten zu, die von Percy zu⸗ nächſt erfüllt werden mußten, und nach denen jetzt, nachdem er Ellinor wieder gefunden hatte, ſein gan⸗ zes Gemüth dürſtete. Es betraf dies die Verſöhnung mit ſeinem Vater, dem Marquis von Seymour. Die Erwähnung des Namens Mortimer aber, — 205 die hier nicht ausbleiben konnte, drang wie ein ſchnei⸗ dendes Meſſer in die Bruſt aller derer, die dieſer Menſch ſo elend, ſo unausſprechlich elend gemacht 3 hatte. Percy war aber wieder der Erſte, der ſich zum ſchnellen und ernſthaften Handeln entſchloß. Er war voll Hoffnung und Vertrauen, und das konnte er ſein, denn er nahte ſich ſeinem Vater wie ſeinem Bru⸗ der mit edlen Vorſätzen, mit großmüthigen Auf⸗ opferungen, dem erſteren ſogar mit neu erwachter und nie ganz erloſchener Zärtlichkeit und Liebe. 2* VII. Zwei Brüder. — 7 Es war abermals am Freitag, Morgens zehn uhr, als wir Alle, die wir das Drama im Hauſe Sir Robert Graham's glücklich hatten enden ſehen, mit dem Gefühle einer ernſten aber nothwendigen Pflichterfüllung den großen Reiſewagen des Viscount von Dunsdale beſtiegen, um uns insgeſammt nach Codrington⸗Hall zu begeben. Nicht die Macht einer ganzen Welt hätte Perey jetzt von ſeiner Ellinor ge⸗— trennt, er hatte ihr und ſich ſelbſt gelobt, ſie keinen Augenblick alts dem Auge zu verlieren, denn man wird mißtrauiſch auf ein koſtbares Beſitzthum, welches man ſchon einmal und faſt unwiederbringlich verloren haite, 4 und fürchtet es ſtets von Neuem zu verlieren. Um die Reiſe aber möglichſt zu beſchleunigen, — 207— benenen, Hasrrze wir jetzt mit Sir Roberts ſhs nen Schimmeln unſern Weg antraten und von der Dienerſchaft des Viscount begleitet wurden. Das Wetter begünſtigte unſer Vorhaben eben nicht, denn es regnete, ſtürmte und wetterte, wie es der September im nördlicheren England leider recht oft mit ſich bringt. Doch was konnte uns vier Perſonen die Witterung anhaben, die wir in einem bequemen, dicht verſchloſſenen Wagen ſaßen und das Glück, un⸗ teer uns und zuſammen zu ſein, mit uns auf die Neiſe nahmen!... ¹ Sonnabend und Sonntag Morgen wechſelten wir die Pferde, und es kam die Abendſtunde des Sonn⸗ tags heran, als wir die Grenze der umfangreichen Güter des Marquis von Seymour vor uns liegen ſahen. . Die ytungen, die dieſer längſt vorherge⸗ ſehene umf e wirklich ins Leben getretene Augenblick in jeden zelnen von uns erweckte, waren beſon⸗ derer/ and von entſchiedener Wirkang auf unſre geg⸗ 3 Stimmung und unſere Unterhaltung. Bis⸗ he keen wir froh und harmlos mit einander ge⸗ t, und es plaudert ſich ſo ſchön in trautem ammenſein nach ſchwerer und langer Arbeit und ——ÿõÿ— —— õmõ Mähe. Wir wurden einſylbig, allmälig ſtiller und ſtil ler und zuletzt verſtummten wir ganz. Der dumpfe aſain einer ernſten Stunde mochte mahnend an unſer inneres Ohr ſchlagen... wir hatten Urſache genug, die nächſte Zukunft mit nicht allzu glänzenden Farben uns auszumalen. Denn ach! es war nicht mehr der lachende, hei⸗ tere, grüne, von Ellinor einſt ſo kindlich geliebte Wald, in deſſen kühlen Schatten wir, gaſtlich aufge⸗ nommen, treten ſollten; es war das ſtille Waldhäus⸗ chen nicht mehr, die unbeſcholtene Wohnung des tu⸗ gendhaften Pfarrers, welche Ellinor's friedliche Kind⸗ heit, ihre Jugenderinnerungen und ihre heimiſchen Freuden und Genüſſe umſchloß.. die verhängniß⸗ volle, ſchwere Hand eines rofloſ en Geſchicks hatte ſich auf dieſe Fluren, auf dieſe Wohnung des Frie⸗ dens geſenkt... hier war das Gräßliche ſelbſt ge⸗ ſchehen: der Vater hatte ſeinem Kinde geflucht. der Prieſter war von ſeinem Altar getrieben worden ... Bruder hatte gegen Bruder die mörderiſche Hand erhoben... hier war der Heerd alles Pnheils, das während vier unvergeßlich langer Jahre auf die Häup⸗ ter ſo vieler nnchuldigen geſchleudert mwbden Mar. — 209— gerechtfertigten Grauen dieſe verlaſſene und mit Ent ſetzen bezeichnete Oede zu betreten? 3 8 Wir kamen raſch näher und näher; jeder Baum, jeder Strauch, vom heulenden Winde geſchüttelt, ſprach ſeine Mitwiſſenſchaft an den hier verübten Ver⸗ brechen aus.. jeder Schritt unſerer Pferde führte uns dem Orte näher, an dem ſo viele Seufzer hin⸗ gen und um den ſo viele Thränen gefloſſen waren. Kaum waren dieſe getrocknet, da erinnerte er uns ſchon wieder, daß er neue hervorrufen könnte. Jetzt erſt bemerkten wir, daß es kein heiterer Sonnentag war, deſſen Luft wir einathmeten. Zum Erſtenmale hörten wir deutlich das Heulen des Win⸗ des, das Krachen der brechenden Aeſte und Zweige, das Rauſchen des fallenden Laubes... es wurde plötzlich eiſtger Winter in unſerer lebenswarmen Bruſt. Ellinor ſchmiegte ſich feſter an Percy, Percy's Auge ſha düſter und traurig in den Wald, auf ſeiner zuſamniengezogenen Stirn lag eine dunkle? Volke, das Zeichen eines in ſeiner Bruſt heraufziehenden Ge⸗ witters. Tir Robert Graham ſaß voller Spannung da, ich voll baßger Erwartung des nun zunächſt Kom⸗ menderl. 6 4 „Da hielt der Wagen an... uns befiel Alle Beben... das Gefühl eines nahenden und ſich 5 rre von St. James. 4. Band. 14 — 210— entſcheiden ſollenden Verhängniſſes ergriff uns. Wir ſtiegen aus; nur Ellinor blieb in dem Wagen ſitzen, während Phillipps an der Thür deſſelben Wache hielt. Und ſiehe! da ſtanden wir vor dem traurig und ver⸗ laſſen blickenden grauen Waldhauſe mit den beiden runden Thürmen von Stein. Noch waren, wie da⸗ mals, ſeine Thüren und Fenſter geſchloſſen, nur dich⸗ ter noch bedeckte ein modernder Raſen ſeine ſo lange unbetretene, ungaſtliche Schwelle. Keine harmloſe Nauchſäule, aus den zerfallenen Schornſteinen auf⸗ ſteigend, verkündete, daß Leben und Behaalichkeit in ſeinen kalten Mauern herrſche, kein leber r Laut zeigte, daß irgend ein Menſch ſeine ſchwe hen Zel⸗ len bewohne. Es war finſter, unerfreu und kalt von Innen und von Außen. Da traten wir, Percy, Sir Ro und ich,; ein Paar Schritte zur rechten Hand an Ufer des ſturmbewegten Sees. Er ſchüttelte, w n krampf⸗ haftem Schmerze, ſeine langen, düſteret zogen, die ſchäumend an das kahle Ufer ſchlugen. der ganze Himmel, ſo weit das Auge reichte, wa it dichten, grauen Wolken umzogen, die ſich, Koie bitterte Feinde, auf und niederjagten, und keif Fle lä⸗ chelnden durchſchimmernden Blau's war im ganz⸗ kreiſe des erzürnten Horizontes zu ſehen. Da ergriff Sir Robert Graham des Viscount's von Dunsdale Arm. — Sieh, mein Sohn, meine Prophezeihung ſcheint in Erfüllung zu gehen,— ſprach er in feier⸗ 1 lichem, tiefem Tone— Dein Geſchick hat die lange vorher verkündete Wendung erfahren... Wolken und Wogen ſtürmen gegen einander, aber in Dein Herz wird Ruhe und Friede verſöhnend einkehren! . Wir ſtanden lautlos und ſahen in das Brau⸗ ſen der ſchaumgekrönten Flut... unſere Blicke allein⸗ begegneten ſich freundlich und bejaheten ſchweigend die Wahrheit des eben Geſprochenen. . Endlich raffte ſich Percy zuſammen. Wir müſſen handeln!— ſagte er.— Gehen Sie, mein Freund, und thun Sie den letzten Schritt ... dort hinten iſt meines Vaters Haus... gehen Sie zu ihm und... Sie wiſſen ja.. thun Sie das Ihrige! — Ich werde gehen!— antwortete ich.— Und wenn Sie erlauben, ſo werde ich dem Haushofmei⸗ ſter einen Wink geben, daß er dieſe Thür öffnen und dieſe Zimmer wohnbar machen laſſe. Es ſind Gäſte gekommen, wie ſie nicht alle Tage da ſind, Gäſte, die des wohnlichen Herdes und des fſlackernden, hei⸗ miſchen Feuers bedürfen. Bleiben Sir denn Alle hier, — 212— bis ich Sie rufen laſſe... behalten Sie aber Ihre 4 Diener bei ſich... doch ich hoffe, es werde keine Gefahr mehr vorhanden ſein. Wir drückten uns die Hände und ich ging... ging noch einmal auf das alte Codrington⸗Hall los, deſſen graue Mauern mir, wie das erſte Mal, un⸗ freundlich und kalt entgegentraten. In dem Unwetter war kein Menſch zu ſehen. Ich näherte mich unbeobachtet dem Eingangsthor und bewegte den Klopfer, deſſen dumpfe Töne, wie da⸗ mals, weit durch das ganze Haus ſchallten. Die Sonne war jetzt von unſerer Halbkugel ver⸗ ſchwunden, und die Nacht brach eilend herein. Derſelbe. Diener, der mir bei meinem erſten kur⸗ zen Beſuche in Codrington⸗Hall den barſchen Beſcheid gab, der Marquis ſei nach London gereiſt, öffnete mir zufällig auch diesmal die Thür. — Wer klopft ſo ſtark?— ſchrie er mich an— Weiß man nicht, daß Seine Herrlichkeit kein Geräuſch vertragen kann... ha!— und er fuhr zurück, als er mein Geſicht ſah, das ich durch Mantel und Hut etwas verborgen gehalten hatte. — Was erſchreckt Ihr? —Sind Sie nicht der Herr, der neulich... vor wenigen Wochen... 4 1 — — 213— — Der bin ich... — Und der den Gruß von St. James an mich zurückgelaſſen hat?— — Der bin ich, der bin ich... warum? — Nun, Sir, ich danke Ihnen, die richtige Be⸗ ſtellung hat mir Peitſchenhiebe eingetragen... — Peitſchenhiebe? das wäre!... Von wem? — Von wem ſonſt als Sir Mortimer... — Warum?... Geſchwind, warum? — Ja, was weiß ich!... Er ſchrie, Du lügſt, Du lügſt! Du haſt ein Geſpenſt geſehen... es iſt nicht wahr, nicht möglich... und da ich es ver⸗ ſicherte, ſchlug er auf mich mit ſeiner Jagdpeitſche los und wollte mir das Geſicht austreiben... — Welches Geſicht? — Nun, das Ihrige wahrſcheinlich... — Aha! Und darum erſchrakt Ihr... doch wo iſt Sir Mortimer? — Fort! Schon ſeit drei Tagen fort, zu Pferde und ganz allein.... — Wohin, wißt Ihr nicht? — Das weiß kein Menſch! Sir Mortimer pflegt Niemandem zu ſagen, wohin er geht und von wan⸗ nen er kommt... Ruft mir ſogleich den Haushofmeiſter hierher! 2 — 214— Bedaure ſehr... Sie ſprechen zwar in ſehr beſtimmtem Tone, aber er kann dennoch nicht kommen. — Und warum kann er nicht? Weil er bei Sr. Herrlichkeit ſitzt und ſich die Lunge ausſchwatzen muß, um Sr. Herrlichkeit ſchwarze Gedanken zu vertreiben... hm! — Er muß dennoch kommen und ſogleich... ich will es... im Augenblick... geht hinein und ſagt ihm, der Arzt aus St. James ſei da! Der Mann ſah mich mit einer Miene an, die mir unter andern Umſtänden ein Lachen ausgepreßt haben würde, ſo halb verwunderungsvoll, halb aͤngſt⸗ lich war ſie. — Schon wieder aus St. James?— rief er- Ich werde mich hüten... — Ihr werdet Euch huͤten, meine Befehle nicht zu erfüllen, noch einmal, ich will es, ich befehle es Euch im Namen Eures Herrn, der mich erwartet .. jede Zögerung komme auf Euer Haupt! So? Hal... das iſt was Andere.. entſchuldigen Sie, Sir... Und er verſchwand. ⸗ Ich trat in die Vorhalle, das Wetter w. zu abſcheulich draußen. Es dauerte nicht lange, ſi im der Haushofmeiſter herabgeſtürzt. 7 — Gott ſei Dank! daß Sie da ſind, wei rief er mir lebhaft entgegen— das iſt gut, das iſt ſehr gut! 3 — Iſt irgend etwas geſchehen? — Nein, nein! Aber er iſt wieder... ganz ... verdreht... ich glaube, die Angſt vor Sir Mortimer... iſt Mylord Percy mit Ihnen 2 — Ja, er hält mit ſeinen Leuten vor dem Hauſe da unten am Ende der Kaſtanienallee... laßt es aufſchließen und Feuer anzünden, denn es iſt nicht angenehm im Freien... Der Mann ſah mich wie verſteinert an. — Vor dem Hauſe dort unten? Dem alten Pfarrhauſe? Da will er einkehren? Warum nicht hier? — Es iſt nur für den Augenblick, bis ich ihn hier⸗ her rufen laſſen kann... es ſind noch Andere mit ihm.. — Ja ſo, ja ſo... ich werde ſogleich Befehle geben... Heda!... Und er rief die Namen mehrerer diener.² — Ah, Sir, gehen Sie eine Treppe hinauf... das zweite Zimmer links... Sie können es nicht verfehlen... ich werde Alles ſo lihnanl, wie mänüch, einrichten laſſen.. — 216— 7 9 Und der. brave, alte Diener lief in ſeiner Freude LeFund in ſeiner Ueberraſchung athemlos zurück, die zö⸗ gernden Diener ſelbſt aufzuſuchen und zur Eile anzu⸗ ſpornen. Ich ſtieg eine Treppe hinauf und kam an die zweite Thür links. Alles war wieder ſo ſtill und ein⸗ ſam, wie es in Seymour⸗Caſtle geweſen war, eben ſo dichte Teppiche, wie dort, deckten auch hier den Boden der Gänge und Treppen... Ich pochte an die Thür... Niemand rief: herein!... Ich klinkte leiſe auf und trat ein... ich ſchauerte unwillkürlich ... es war vielleicht daſſelbe Zimmer, aus dem Percy verjagt worden war. Und was ſah' ich?... Ein düſteres, wieder mit dunkelen Vorhängen verhangenes Gemach, den. Boden wieder mit dem ſchwarzgrünen Velourteppich belegt... und wäre nicht ein ziemlich helles Ka⸗ minfeuer dageweſen, ich hätte, da bereits die Däͤm⸗ b merung eingetreten war, nichts erkennen können. Und dicht am Kamin, noch näher herangerückt, auf ſeinem gewöhnlichen Seſſel und in Pelze gehüllt ... ſaß, lag oder kauerte vielmehr die mir ſo wohl bekannte, abgezehrte Geſtalt des alten Marquis von Seymour. Aber es war eine Veränderung mit ihm vorge⸗ — 217— gangen, eine große Veränderung, die mir ſogleich auffiel. Er war noch bleicher, aſchfarbener, hohl⸗ äugiger geworden, als er bei meinem erſten Beſuche geweſen war. Die Sonne, die einen Augenblick über ſeinen abirrenden Geiſt aufgegangen, hatte ſich hinter trübe Wolken wieder verborgen... der Einfluß mei⸗ ner Gegenwart war zwar für den Augenblick ſtark, aber nicht dauernd geweſen... ich ſah' einen eigen⸗ thümlichen, mir ſehr bekannten und charakteriſtiſchen Zug in ſeinem verſchrumpften Geſichte... ſeine Au⸗ genbrauen... wider ſeine Gewohnheit... waren beide nach Außen in die Höhe gezogen, und verlie⸗ hen ſeinem abgemagerten Antlitze mit der todtenähnli⸗ chen Phyſtognomie jenen auffallenden Ausdruck des Irrwahns, den man leider ſo häufig in Irrenhäufern zu bemerken Gelegenheit hat........ — Hu!— ſchrie er auf, als ich eintrat und wehrte mit ſeinen mir zugekehrten Handflächen meine Erſcheinung ab— Wer kommt da? Was wollt Ihr? — Ich bin es, Mylord!— ſagte ich und trat ihm näher, indem ich meinen Hut und Mantel, die ich in meiner Eile noch nicht abgelegt hatte, bei Seite warf. 3 — Wer, wer? Mein Sohn?... Mortimer? Nein, Mylord!— entgegnete ich und faßte — 218— ſeine kalten Hände und ſtellte mich dicht vor ihn, ſo daß das Licht vom Kamin aus auf mein Geſicht fiel — Ich, der Arzt, der Sie vor wenigen Wochen in Seymour⸗Caſtle beſuchte... — Ha!— rief er, und ſchien ſich zu freuen— Ja, ja, ich beſinne mich... ach! daß Sie da ſind... das iſt gut, das iſt ſchön... Sie... Sie wollten nicht... allein kommen! — Ich komme auch nicht allein, ich bringe... ihn, ihn... ja ihn! — Ihn?... Wen?... Mortimer?— fragte er mit ängſtlich geſpannter Miene. — Nein, Mylord! Percy, Ihren Sohn, Ihren theuren, lieben Sohn Percy... — Hel Percy! Wird er mich nicht umbringen? Ich habe ihn ſchlecht behandelt,... ſehr ſchlecht... — Vergeſſen Sie das, Mylord, das war ja früher... davon weiß er nichts mehr... Sie haben ihn ja auch geſegnet, da ſie wiſſen, er liebt Sie, er betet für Sie!. — Ach ja!— ſagte er und ſtützte ſein eisgraues Haupt auf die eine Hand, als beſänne er ſich— Ja... er betet für mich... das iſt ſehr gut... — Wiſſen Sie denn nicht mehr, Mylord,— fuhr ich mit lauterer Stimme fort, um die Sprache ſeines Gewiſſens zu übertönen— Sie gaben mir ja den Auftrag, ihn zu Ihnen zu führen... — Ich beſinne mich... ich weiß es, ja, jetzt weiß ich's... haben Sie denn den Auftrag erfüllt? Wo iſt er?... Ich ſehe ihn nicht... — Wollen Sie ihn ſehen? Er kann jeden Au⸗ genblick hier ſein... er iſt im Pfarrhauſe... — Im Pfarrhauſe? bei Graham?... ha! — Bei Sir Robert Graham, ja! Und mit Sir Robert Graham und Lady Ellinor, ſeiner Gattin! Der Greis richtete ſich höher auf und ſah mich verwundert an; er ſchien ſich allmälig zu beſinnen und ſich der vergangenen Umſtände klarer bewußt zu werden. — Bei Sir Robert Graham und mit ihm? — ſagte er wieder— und mit Lady Ellinor? Iſt denn der Pfarrer auch wieder da? — Ja, Mylord, er wartet nur auf Ihre Be⸗ 3 fehle, um Ihnen ſeine Freundſchaft, ſeine Achtung zu beweiſen.— Der Marquis lächelte ſchmerzlich. — Graham mir ſeine Freundſchaft... ſeine Achtung! und ich jagte ihn fort!— liſpelte er. — Das hat er vergeſſen, Mylord; jetzt iſt er — nicht mehr der Pfarrer, ſett iſt er Sir Robert Gra⸗ 7 — 220— ham, der Baronet, und der Schwiegervater Mylord Percy's, des Viscount von Dunsdale, Ihres Soh⸗ nes... — Sir Robert Graham... Baronet... Schwie⸗ gervater Perch's... ſo, ſo, iſt er das! Nun, das iſt mir lieb... ja, ja, ich habe ſchon davon ge⸗ hört... es iſt aber lange her... und er will auch zu mir kommen? — Gewiß will er das... und Lady Ellinor will auch kommen und will Ihre Knie umfaſſen, an Ihr Vaterherz will ſie ſich legen und Sie um Ihren Segen bitten... — Meinen Segen... ol... Wenn ich noch einen habe, will ich ihn ihr gern geben... aber ſie werden mir nicht böſe ſein... ich bin ſo ſchwach! — Keinen Augenblick, Mylord; im Gegentheil, ſie freuen ſich, endlich einmal vor Ew. Herrlichkeit — Nun, und warum kommen ſie nicht? — Sollen ſie, ſollen ſie gleich kommen? — Ja!— brachte er langſam und zitternd her⸗ vor. 8 Ich wollte mich entfernen, um Percy rufen zu laſſen.— — Halt!—/ wollen — 221— Sie hin? ich kann nicht allein bleiben... Morti⸗ mer... — Ich will nur den Befehl geben, Mylord Percy rufen zu laſſen... — Percy!... Ja... aber Mortimer? Mor⸗ timer?— fragte er flüſternd— was wird der ſa⸗ gen? Wird er mich nicht umbringen? — Mortimer iſt nicht da, Mylord, er wird Sie nicht umbringen, Percy wird bei Ihnen bleiben und Sie gegen ihn in Schutz nehmen... — Das iſt gut, das iſt recht... ach! ich fürchte mich ſo ſehr!. In dieſem Augenblick trat der Haushofmeiſter lauter als gewöhnlich ein. — Ich habe ihn geſehen, ich habe ihn geſehen! — rief er.— Ach! Ew. Herrlichkeit Sohn... Mylord Percy iſt da... er hat mir die Hand ge⸗ drückt! Der Greis nickte mit dem Kopfe und ſchien zu lächeln. — Geht ſchnell und ruft ihn her!— ſagte z — Er und Alle mögen kommen, der rechte 2 Llick iſt da. er Haushofmeiſter verſchwand Weggehen kam ein Dien „ kerzen brannten, auf zwei ſich gegenüberſtehende Tiſche. Als jetzt Alles wieder im Zimmer ſtill war, hörte man den ſpritzenden Regen laut an die Fenſter ſchlagen und auch der Wind ſauſte ungeſtüm im Kamin.. Ich ſtand bei dem Marquis und hielt ſeine zit⸗ ternde, kalte Hand. Er ſah mich ängſtlich, aber doch mit einem unbeſtimmten Ausdruck halb erwachter Freu⸗ digkeit an. Ich ſprach ihm Troſt und Muth ein... es vergingen einige Minuten wieder im Stillſchweigen ... ich wartete... ich horchte... ich wußte nicht, warum ich die nächſte Scene zu beeilen wünſchte. Da hörte ich raſch Jemanden die Treppe herauf⸗ ſtürzen... es waren die Tritte, die Stimmen meh⸗ rerer Menſchen... die Thür flogs mit beiden Flü⸗ geln auf... Percy, Ellinor an der Hand haltend, war der Erſte auf der Schabzelle, hinter ihm Sir Ro⸗ bert Graham, gefolgt von dem athemloſen Haushof⸗ meiſter und Phillipps. Alle ſtürzten jetzt auf einmal grein, Alle von gleichem Wunſche beſeelt, einem aiſpiele beizuwohnen, welches das unverhofft glück⸗ de eines langen Trauerſpiels ſein ſollte... unde blieben ſie an der Schpelle ſtehen en unglücklichen Greis mßh der Au⸗ — 223— . gen... ſie hefteten einen ängſtlich zagenden Blick auf die gebeugte, welke Geſtalt, die ich kaum athmend. in meinen Armen hielt... dann... laut auf⸗ ſchreiend... Vater und Sohn ſchrieen zugleich auf ... flog Percy zu ſeinen Füßen... umklammerte ſeine Kniee und ſchluchzte laut: — Mein Vater! mein Vater! Ach! mein armer Vaterl... Da ermannte ſich der unglückliche Greis... er machte eine Bewegung aufzuſtehen, worin ich ihn un— terſtützte... — Steh' auf, ſteh' auf, mein Sohn!— rief er. Percy erhob ſich... da fiel der Vater zu Bo⸗ den und umklammerte die Füße ſeines Sohnes Es war den ergreifendſte Moment, dem ich bei⸗ gewohnt... Aber Percy, ſchnale augenölilch... hob den knieenden Vater in ſeinen ſtarken Armen empor, drückte ihn mächtig an ſein Haz und wir höͤrten glühende, kindliche Küſſe, die erſten in ſeinem ganzen Leben, die er auf die fahle Wange ſeines Vaters drückte. — as 224— Da trat auch Ellinor, auf ihren Vater geſtützt, der ſeine Thränen nicht zurückhalten konnte, heran. — Guten Abend, Mylord!— ſagte ganz ein⸗ fach und mit unausſprechlicher Rührung der chema⸗ lige Pfarrer, und ſtreckte ſeinem früheren Herrn ver⸗ ſöhnend die Rechte entgegen. „Der Marquis ließ Percy los und ſah Sir No⸗ bert an.. — Graham! Graham!— rief er— Und auch — Auch ich, auch ich, Mylord, und meine Toch⸗ ter... Ihre Tochter! Und abermals öffnete der erſchütterte Greis ſeine Arme und Sir Robert und Ellinor umſchloſſen ihn... Nach fünf Minuten ſaßen wir Alle bei einander, dicht vor dem wohlthätigen Feuer des praſſelnden Ka⸗ mins. Der Marquis hatte ſich etwas erholt und lächelte ſo freundlich, wie er lächeln konnte. An der einen Hand Percy, an der andern Ellinor haltend, ſah er zärtlich bald den einen, bald die andere an. Sein Herz war aufgegangen, ſeine Seele war noch eine kurze Zeit bei uns. — Das war ſchön... ſehr ſchön!— ſagte e. — Dreißig Jahre beinghe Haß... und eine Mi⸗ nute Liebe... und doch iſt mir ſo wohl! 8 — Und auf ewig Deinen Segen, mein Vater, nicht wahr?— fragte Percy. — Auf ewig!— wiederholte der Vater und ſah ſeinen edlen Sohn zum erſten Mal in ſeinem Leben mit dem Blicke eines entzückten Vaters an. — O wie mir leicht iſt!— liſpelte er,— wie leicht!... Meine Bruſt iſt offen... ich ſtße Al⸗ les... Alles! ich weiß Alles... wer hätte das denken können! Mir iſt, als wenn es erſt geſtern geſchehen wäre, und als wäre ich erſt heute aus ei⸗ nem langen, traurigen Traume erwacht. Ach, das Leben iſt doch ſehr ſchön! nicht wahr, Graham? nicht wahr, Percy? nicht wahr, Ellinor? Und Ihr ſeid meine Kinder... ach! ich glücklicher alter Mann!... Da kam ein heftiger, harter Tritt die Treppe hexauf... cilig... haſtig... die Thür ward aufgeriſſen... Alle ſprangen von ihren Stühlen hef⸗ tig empor... es entſtand eine Pauſe, in der kein Laut ſich hören ließ... alle Geſichter waren erſchreckt, bleich, Beſorgniß und Unwillen ausdrückend, zur Thür gewandt... denn durch dieſe war, die Haare in Unordnung, die Kleidung triafend naß... die Fäuſte geballt... und die Augen voll ſtechender Wuth... Sir Mortimer eingetreten. 8 4 Er ſah uns erſchrocken, erſtaunt und drohend, Der⸗Irre von St. James. 4. Band. 15 r V 8 5 226— aber mehr drohend als erſchrocken an, und blieb an der Thüre, wie von Geiſtern gebannt, ſtehen. Er woollte ſprechen, aber er vermochte es nicht... ſeine Bruſt arbeitete bloß in einem ohnmächtigen Verſuch. Seine Blicke ſchweiften fragend, ſuchend im Kreiſe umher... endlich blieben ſie auf Ellinor haften... 13 mit der Rechten ſchlug er ſich, daß es laut in dem ſtillen Gemache wiederhallte, vor die Stirn, und es entfuhr ſeinen geöffneten Lippen nur der einzige, aber mit furchtbarem Entſetzen hervorgebrachte Laut: — Ha!. Da trat ihm Percy entgegen... abwehrend, beſänftigend... Auch ſeine Augen flammten, auch ſeine hohe, freie Stirn leuchtete, doch wie himmel⸗ weit verſchieden war der Ausdruck dieſer beiden an 1 Geſichtsbildung ſich ſonſt ſo ähnlichen Brüder! 1 Abermals ſtanden ſich Beide einander gegenüber ¹ 3 ... Mortimer hatte geſchworen, es ſolle dies Zu⸗ ſammentreffen auf Tod und Leben ſein. — Mortimer!— rief Perey mit ſanfter, über⸗ redender Stimme,— Mortimer! Da erkannte er erſt Percy vollſtändig, da ſah er uns Alle auch erſt einzeln an, denn ſeine Ueber⸗ raſchung hatte ihn bisher nur das allgemeine Bild unſerer Vereinigung auffaſſen laſſen, und nun mochte er erſt den Zuſammenhang derſelben begreifen, den er im erſten Augenblick nur mit halber Ahnung erfaßt hatte. Aber dieſes Erkennen war ſchrecklich... er zuckte zuſammen wie vom Blitze getroffen... er wandte ſich halb ab... das ſtrahlende Auge Per⸗ cy's war zu ſiegreich, zu niederſchmetternd... ſeine Haltung wahrhaft Grauen und Entſetzen eiaflößend für ihn, denn der gute Geiſt war in demſelben leben⸗ dig und ſprach aus ihm, und nie hat dieſem der böſe Geiſt offen in's Geſicht blicken können. — Guten Abend, Mortimer!— ſagte Percy noch einmal. — Ha!— rief jener— Du hier? Was willſt Du? — Habe ich nicht ein Recht hier zu ſein, wie Du? Doch, wenn Du es wiſſen willſt... mei⸗ nen Vater ſehen und ſeinen Segen empfangen! Uns aber, da wir einmal Brüder ſind, laß uns, wenn auch nicht lieben, doch einander ertragen lernen! „— Und mich um meine Gibſchaßt beſtehlin, ſetze ur hinzu, nicht? — Mortimer!... Sei ruhig! ich warne Dich! Laß die vergangenen Zeiten... laß ſie ſchlafen... ein neuer Tag leuchtet herauf... erinnere unch bei 4 Deinem Leben nict an die Verganganeit.. ih 3 15* — 228—* will ſte, unſerm Vater und unſerer Mutter zu Liebe, vergeſſen!— rief Percy mit einem zugleich bittenden, † aber feſten und vorwurfsvollem Tone. — Ja, Percy, ja!— antwortete Mortimer höh⸗ niſch— Du willſt vergeſſen, aber ich nicht... — Ha!— unterbrach ihn Percy, aber er ſchwieg ſogleich wieder. — Ich ganz gewiß nicht! Ein neuer Tag leuch⸗ tet herauf, Du haſt Recht... aber Dich erkenne ich nicht für meinen Bruder an... denn Du biſt verrückt... Du kommſt aus dem Tollhauſe... ich, ich allein bin der Erbe des Marquis von Sey⸗ mour! — Verrückt!— ſchrie Percy und ein bitteres Lä⸗ cheln flog wie der Schatten der finſterſten Nacht über ſein ſtolzes, in dieſem Augenblick zwar ſchönes, aber zugleich ſchrecklich anzuſehendes Geſicht— ha! Mahne mich daran nicht... ich vergeſſe mich... ſo gern ich mich beherrſchen möchte. Und es war, als wenn er mit einem Blick ui ſich hinein ſchaute... die Vergangenheit kam übert. ihn... ich fürchtete einen Augenblick die raſende Heftigkeit dieſes entfeſſelten Herzens... doch, er b zwang ſich... Er ſah Ellinor, er ſah Graham, ſah ſeinen Vater und mich an, als wollte er zu un — 229 ſagen: Ihr hört es... Ihr ſeht es... Ihr wißt Wees... und ich, ich bleibe gelaſſen! — Willſt Du etwa wieder mit mir kämpfen, rin⸗ gen, Du Athlet?— fragte Mortimer ſpöttiſch— Kämpfen um dieſes ſchöne Erbe? Du ſiehſt mir ganz danach aus. Haſt Du wieder Deinen Wolfshund hinter Dir, Du ſchlauer Spion?... Nein, er ſcheint nicht hier zu ſein... haha! Du möchteſt Dich ir⸗ ren, ich kämpfe nicht mehr mit Dir um das, was mein iſt... Du kennſt mich nicht!.. Aber be⸗ ruhige Dich, mein Bruder, wenn Du Dich doch ſo nennſt... rolle die Augen nicht ſo fürchterlich... Dein Blick zerſchmettert mich nicht und ich fürchte Dich nicht, denn... denn haha! das Teſtament iſt gemacht und unterzeichnet... haha! der da!— und er zeigte auf mich— Und der da!— und er zeigte auf den Haushofmeiſter... Beide Deine Freunde wahrſcheinlich... haben es unterſchrieben, als der da,— und hierbei zeigte er auf ſeinen eige⸗ nen Vater— der jetzt hier wie todt liegt, noch bei Verſtande war. Haha! weißt Du es nun?.. Da, da, in jenem Kaſten liegt es— und er zeigte auf einen kleinen elfenbeinernen mit Silber ausgelegten Kaſten, welcher auf einenn Tiſchchen dicht neben Lord 230— Mylord Seymour, durch dieſe hohnlachende Rede bis in die tiefſten Fugen ſeines morſchen Lebens er⸗ ſchüttert, ſank, als er auf das Käſtchen zeigte, wie ein gebrochenes Rohr zuſammen, denn ihn erfaßte die entſetzlicſte Angſt, der wüthende Sohn werde von ihm den Schlüſſel fordern und den ihm geſpielten Be⸗ trug entdecken. Ellinor kniete neben ihm auf einer Fußbank und verbarg das Geſicht in ihren Händen, denn auch ſie fürchtete eine unnatürliche That. Phil⸗ lipps ſtand dicht hinter ſeinem Herrn, Entſchloſſen⸗ heit in ſeinen kräftig arbeitenden, ſcharf markirten Zü⸗ gen, und ſeine Blicke abwechſelnd von Perey zu Mor⸗ timer und von Mortimer zu Percy jagend, als wolle er jeder feindlichen Bewegung zuvorkommen, die ge⸗ gen ſeinen Herrn muthmaßlicherweiſe würde gerichtet werden. Sir Robert Graham ſah unverwandt auf Percy denn die herrliche Stellung deſſelben und der fürſtliche, gebieteriſche Ausdruck ſeines in dieſem ſchreck⸗ lichen Augenblick von allem Glanze des guten Ge⸗ wiſſens ſtrahlenden Antlitzes mochte den alten Mann zur Bewunderung hinreißen. Ich aber blickte auf Percy und Mortimer zugleich, denn ich glaubte jeden Augenblick, der Eine oder Andere würde auf dieſe oder jene Weiſe der gräß ichen Scene ein Ende machen. Es entſtand eine lautlofe Stille. Haſt — 231— das Auge funkelnd von Nachgier, ſchritt jetzt Morti⸗ mer durch das Zimmer auf den Kaſten los... er nahm ihn in die Hand... er verlangte nicht von dem Vater den Schlüſſel... das hätte ihm zu viel Zeit gekoſtet,... ſondern er ſchlug mit der geball⸗ ten Fauſt darauf, daß er krachend auseinander ſprang und mehrere Papiere aus ihm heraus fielen. Percy hatte jede ſeiner Bewegungen mit dem Auge eines Falken verfolgt. Sobald er ſah, was Mortimer beabſichtigte, rief er mit abmnuhnenber hülh bittender Stimme: — Laß das Teſtament! Mortimer! laß es, ich brauche es nicht, ich will es nicht... Aber der Ruf kam zu ſpät oder wurde nicht be⸗ achtet, der Schlag war geſchehen und die Wirkung davon ſollte nicht ausbleiben. — Aber ich, ich brauche es und ich will es!— ſchrie Mortimer, wühlte unter den Papieren, die her⸗ ausgefallen waren, warf die übrigen bei Seite und hielt jetzt das geſuchte ſeinem Bruder frohlockend ent⸗ gegen in die Höhe. 4 — Lies!— jauchzte er beinahe— lies! und ahr Alle leſet! — Lies Du, wenn Bu es geleſen haben wilfſt— a jetzt Percy, deſſen Geduld zu Ende war und — 232— ſchleuderte einen furchtbaren Blick auf den wie im be⸗ rauſchten Zuſtande wüthenden Menſchen, den ihm die Natur aus Irrthum zum Bruder gegeben hatte. Und dieſer Blick that eine entſetzliche Wirkung. Der Donner ſeiner gewaltigen Stimme hallte an den Wänden und der Decke des Zimmers und in unſerer Aller Bruſt wieder. Mortimer, der fuürchterliche, ſtarke, ſtolze Mortimer ſelbſt ſchrak vor dieſer Stimme und vor dieſem Blicke zuſammen... denn ſo hatte er ſeinen gehaßten Bruder nie geſehen... es lag etwas Zermalmendes in dem Blicke deſſen, den er zu demüthigen und zu enterben gekommen war. Langſam, allmälig, wie von einem inneren ab⸗ mahnenden Geiſte aufgehalten, erhob er das verhäng⸗ nißvolle Blatt vor ſein Geſicht... er ſchlug es aus⸗ einander... er ſchien darin zu leſen... und ein Schatten, ſchwarz wie die Nacht, flog über ſeine er⸗ bleichenden Züge... — Ha!— rief er bebend vor Wuth und Schrek⸗ ken, und das Blatt entfiel ſeiner zitternden Hand. Dann gegen uns Alle ſpeiend und mit von den fin⸗ ſterſten Leidenſchaften entſtelltem Geſicht zur Thuͤr ſchrei⸗ tend, drehte er ſich noch einmal herum, als er ſchon auf der Schwelle ſtand: — Beſtien! Hunde! die Ihr ſeid... ic Euch an. Ihr Alle ſeid Verräther... Ihr... Ihr...— und der Zorn erſtickte ſeine Stimme— Ihr ſollt... von mir hören! Er verſchwand durch die Thür... ſie ſchlug krachend hinter ihm zu, daß durch die ſich fortpflan⸗ zende heftige Erſchütterung mehrere Kerzen von den Leuchtern fielen... wir ſtanden ſprachlos... ent⸗ ſetzt... ſtarr... es war eine fürchterliche Pauſe. — Er bringt mich um!— wimmerte der Mar⸗ quis und knickte auf ſeinem Stuhle zuſammen— O! ... ich... ſterbe! Alle eilten dem Seſſel zu, wo der unglückliche Vater lag... er ſah einer Todtenmaske ähnlich... ſein gläſernes Auge ſtarrte uns ſtier an... er ſchüt⸗ ceelte noch einmal den greiſen Kopf und ſank dann urück... ſein Verſtand war völlig von ihm ge⸗ 3 wichen. ⸗*.. ·«**„***.. ·..«* 1 2 s war eine ſpätere Stunde der Nacht, die die⸗ ſer ingnißvollen Abende gefolgt war, als ich auf immer zurück kehrte, das mir im Schloſſe des ais von Seymour angewieſen war. Ich war ahin bei dem unglücklichen Greiſe geblieben, hatte — — 234— an ſeinem Bette geſeſſen und den plötzlichen vollſtän⸗ digen Ausbruch der traurigſten und lange ſchon vor⸗ bereiteten Krankheit mit ihren ſchnellen Fortſchritten hinreichend beobachtet, um mir ſelbſt ein Zeugniß ih⸗ rer Unheilbarkeit ablegen zu können. In der That, 4 der Sturm des Unglücks hatte entſetzlich in dieſem Hauſe und in dieſer Familie gewüthet, jetzt aber, bei der Ruhe der Nacht, welche alle Aufregungen beſänf⸗ tigt, war ihm eine tiefe, wenigſtens ſcheinbare, Wind⸗ ſtille geflgt, und man athmete wieder freier, man blickte wieder hoffnungsvoll in alle vier Weltgegenden der Möglichkeiten und gab ſich einer ungewiſſen, aber doch nicht völlig troſtloſen Zukunft hin. Percy hatte auf allen Wegen vertraute Boten nach ſeinem Bruder ausgeſandt, der, nach jenem Auf⸗ tritte im Zimmer ſeines Vaters, vom Sturme ſeiner Leidenſchaften gepeitſcht, allein in die ſtürmiſche Nacht davongeritten war. Percy, der gute, edle Percy, hatte dieſe Boten ausgeſandt, um ihm zu ſagen, daß er kommen ſollte, daß er ſelbſt aus freien Stücken auf die Erbſchaft verzichte, daß Alles, Alles ihr al⸗ lein zufallen ſolle, daß er nur kommen und ſeinen Bruder erkennen und begreifen ſolle.* 8 Jetzt war er mit ſeiner Gattin in einem nehen dem meinigen gelegenen Gemache zur Ruhe gegungen,. — mit ihr, die ja den Troſt und den Schutz, den es für ſie gab, nur an ſeiner ſtarken Bruſt allein zu finden vermochte. Sie ſchliefen gewiß ſchon lange den Schlaf der Müden, die in ihrer Bruſt den Frieden haben, der der köſtlichſte auf Erden iſt und den die Natur allen guten Menſchen giebt, die nur mit Schmerz den Kampf erblicken und beſtehen, den das Zerwürfniß der Welt und ihre irdiſchen Verhältniſſe ſo oft wider unſern Willen an unſerer friedlichen Schwelle auf⸗ pflanzen. Auf der andern Seite neben meinem Zimmer war das Schlafgemach Sir Robert Graham's zubereitet. Die Thür zwiſchen unſern beiden Zimmern war nicht verſchloſſen, nur angelehnt; ich horchte einmal an ihr, und da ich die ruhigen, ſanften Athemzüge des alten Mannes hörte, ſchloß ich die Thür leiſe, um ihn nicht durch mein Auf⸗ und Niedergehen zu ſtö⸗ ren, denn es war mir unmöglich, mich anfangs ir⸗ gend einem ruhigen Gedanken, viel weniger aber dem Schlafe hinzugeben. Ich war ſo gern des Nachts wach, wenn Alles üm ech ſchlief, ich hörte ſo gern das gleichmäßige, geſ ſtille Athmen einer Menſchenbruſt, denn dann 11 jene geiſtige Stille über mich zu kommen, die der Gedanken Element und der feſten, männlichen Entſchlüſſe günſtige Rennbahn iſt. So war es mir auch in dieſer Nacht. Allmälig wurde ich ruhiger, die Verhältniſſe lagen klarer vor mir; ich ſah, was ich ſehen wollte, ſowohl was mich, als was Andere betraf. Ich blickte in die Gruft der Vergangenheit zurück und ſuchte in den zeugungsrei⸗ chen Schooß der Zukunft einzudringen. Meine Tage in England waren gezählt; noch wenige Wochen nur durfte ich bei den mir ſo Theuren bleiben, dann rief mich meine Pflicht und mein Beruf in mein Vater⸗ land zurück.. So ſehr ich auch an den Meinen hing, diesmal wogen ſie leichter in der Wageſchale meiner Liebe. Ich hatte auch hier Herzen gefunden, an die ich mit unzerreißbaren und heiligen Banden geknüpft war. Das allmächtige Band der Freundſchaft umſchloß feſt meine Bruſt, ich fühlte mich wider meinen Willen gehalten, und ſchon der Gedanke an die nahe bevor⸗ ſtehende Trennung preßte mir einen unglaublichen Schmerz aus. Auch glaubte ich, hoffte ich... o nein! ich wußte es beſtimmt, daß auch Percy und ſeine Verwandten mich ungern würden ſcheiden ſehen, und ich baute ſchon im Voraus Pläne, wie wir uns auf den breiten und langen Wegen weit verzweigten Lebens einmal wieder treffen könnten. Aus dieſen ſtillen, zugleich bitteren und ſüßen Betrachtungen zog mich das mit jeder Minute ſtärker tobende Unwetter draußen. Der Regen ſchlug in großen Tropfen praſſelnd an meine Fenſter, deren Vorhänge noch nicht herabgelaſſen waren, und der Wind heulte in dem Rauchfang meines Kamins und fing ſich bisweilen dergeſtalt darin, daß die Funken in meinem Zimmer ſpielend umherſtoben. Ich ſah und hörte dieſem Spiele der Elemente mit gemiſchten Gefühlen der Luſt und Erregung zu. Ich liebte den Sturm, mochte ich ihm ausgeſetzt oder vor ihm ge⸗ borgen ſein; gern hatte ich es, wenn auf der Reiſe der Regen mir in's Geſicht ſchlug, und das unge⸗ ſtüme Heulen des Windes war meinen Ohren von jeher Muſik geweſen. Aber auch in einem warmen und behaglichen Zimmer geborgen, höre ich es gern, wenn die Außenwelt in Kampf und Streit iſt, dann am lodernden Kamin zu ſitzen, bringt jene innerliche und geſellige Behaglichkeit mit ſich, die wir Deutſche faſt gar nicht aus Erfahrung und nur durch Ueber⸗ lieferung von Reiſenden und Schriftſtellern kennen. Da der Wind immer ſtärker wurde und ich für mein Zimmer und mein Feuer beſorgt war, ſchloß ich — 238— 8 die Klappe halb, die oberhalb meines Kamins ange⸗ bracht war und durch einen Draht in Bewegung ge⸗ ſetzt werden konnte, ſchürte dann langſam die Brände an und ſtellte zum Schutze gegen die ſprühenden Fun⸗ ken das feine meſſingene Drahtgitter davor, welches man in jedem wohl eingerichteten Hauſe in England zu dieſem Behufe vorfindet. Mich fing an zu fröſteln und doch fühlte ich keine Neigung, mein Lager zu ſuchen, welches in einem Alkoven ſtand, der nach Sir Robert's Zimmer hinein trat. Neben dieſem Alkoven war die Thuͤr, die in dieſes Zimmer führte, ihr gegenüber aber eine andere, welche Percy's Zimmer von dem meinigen trennte; eine dritte war den Fenſtern gegenüber befindlich und führte auf den Corridor. Ich war eben im Begriff, den leichten Rock, den ich trug, mit einem wärmeren zu vertauſchen, als ich ein leiſes Kratzen an dieſer letzteren zu vernehmen glaubte. Ich hielt in meiner Beſchäftigung inne, trat näher zur Thür, die verſchloſſen war, und horchte noch einmal genauer hin. Es war wieder ſtill. Ich glaubte mich getäuſcht zu haben, und trat wieder zurück an das Feuer vor den Kamin, auf dem zwei Kerzen brannten und, mik der duſteren Glut der Kohlen vereint, ein nicht üllgn lebhaftes Licht durch das Zimmer warfen, denn dieſes war groß und hoch. Da glaubte ich das Kratzen wieder zu hören und diesmal lauter, als vorher. Ich ging nochmals zur Thür... lauſchte noch einmal und hörte jetzt deutlich neben dem Kratzen das ſchnuppernde Naſengeräuſch eines Hundes. 38 Leiſe, um Niemanden zu ſtören, öffnete ich und ſiehe! da trat Othello bei mir ein. Aber obgleich er, vie zum Danke, mit dem Schweife wedelte, freute Ir ſich doch nicht, wie gewöhnlich, wenn er zu mir rat, kaum ſogar erhob er ſeinen Kopf gegen mich. Wie eine Katze ſchleichend, ging er mehrere Male, den dopf tief zur Erde gebeugt, im Zimmer umher, beroch nein Bett, einige Stühle und blieb endlich vor der Thür liegen, die in Percy's Schlafkabinet führte. Was der Hund für einen unglaublichen Inſtinkt hat! dachte ich, und ſah das ſchöne Thier an, das lſicch ſo dicht wie möglich an der Thür niedergeſtreckt hatte. Er weiß, daß ſein Herr darin iſt, und nun pill er nicht von ſeiner Schwelle weichen. Ich bückte mich nieder, ſtreichelte ihn und flüſterte: — Du gutes treues Thier!— Aber der Hund achtete gar nicht auf meine Lieb⸗ . ſinaee ſein Auge und ſein Ohr hingen unabgewandt —44-——— — 240— an der Thür, als vermuthe oder erwarte er, ſein Herr werde daraus hervortreten. Es kam mir dies durchaus nicht ungewöhnlich vor, denn unſere Be⸗ kanntſchaft ſchrieb ſich erſt aus einer kürzeren Zeit her. Während ich dies oder etwas dergleichen, bei mir dachte, erhob ſich der Hund plötzlich lautlos, ſpitzte die Ohren und ſchlug mit ſeinem großen zottigen Schweife heftig ſeine Flanken und ſeinen Rücken. Jetzt erſt ward ich aufmerkſamer, ich wandte ebenfalls meine Blicke und mein Ohr unwillkürlich auf die Thür. Was geht da vor? dachte ich, und ſann einen Augenblick nach. Da erhob ſich der Hund auf ſeine Hinterpfo⸗ ten und legte leiſe die Vorderläufe gegen die Füllung der Thür. In dieſer Stellung war er ſo groß wie ein erwachſener Menſch. Aber immer gab er noch keinen Laut von ſich, als bisweilen ein ängſtlich klin gendes und mir wahrhaft Beſorgniß einflößendes le ſes Gewimmer. — Othello!— rief ich ihm halblaut zu— Was willſt du? 3* Der Hund höͤrte nicht... jetzt knurrte er aber ſchon weniger leiſe und heiſer... da war es mit, der ich ein ſcharfes Gehör habe, als wenn ich in Nebenzimmer ein knackendes Geräuſch hörte... Me⸗ 4 ſtill werden hörte. chaniſch trat ich zum Kamin, nahm den Armleuchter herunter und kehrte wieder zur Thür zurück.... athemlos horchte ich... es war ſo natürlich, in dieſem Hauſe Furcht zu empfinden und Gefahr zu ahnen, und doch hatte ich bis jetzt noch gar nicht daran gedacht. Aber noch wollte ich mich über das ungeſtüme Klopfen meines Herzens mit Vernunftgrün⸗ den beruhigen... als ich plötzlich im Nebenzimmer einen lauten Schrei ausſtoßen und dann Alles wieder Jetzt war keine Zeit zur Ueberlegung mehr vor⸗ handen; auch ſprang der Hund wüthend und laut aufheulend gegen die Thür und biß in das Holz und in den metallenen Drücker, daß ich ſeine Zähne daran knirſchen hörte. Ich ſetzte den Armleuchter auf den Boden und ergriff den Drücker... die Thür war von Innen verſchloſſen... — Hülfe! Hülfe!— hörte ich es jetzt aus dem Nebenzimmer ſchallen... dann folgte ein dumpfes Stampfen mit den Füßen, und ein Aechzen, ein Stöhnen wie das zweier um Tod und Leben ringen⸗ der Menſchen... . Sir Robert Graham, von dem Lärm und dem. Hundegeheul erweckt, war ſchon bei mir... wir werfen uns mit Gewalt, mit aller Anſtrengung g Der Irre von St. James. 4. Band. 16 242— gen die Thür... der Hund heulte vor Wuth und biß ſich ſelbſt in die Pfoten..„ wir ſtießen mit al⸗ ler Kraft der Verzweiflung mit den Füßen gegen das Schloß... es gab nach... die Thür ſprang kra⸗ chend auf... unſer Licht drang hinein... wir ſtürzten vor... großer Gott! was ſahen wir... Aber Alles, was wir ſahen, war das Werk eines kurzen Augenblicks... es befand ſich kein Licht im Gemach... das unſrige erleuchtete zuerſt die Scene dieſes entſetzlichen, unnatürlichen Kampfes... denn wir ſtanden mit hoch erhobenen Lichtern und keuchender Bruſt da... ſahen Ellinor in ihrem Bette knieend, die Hände gegen uns... gegen... ha! gegen Mortimer erhobenz der, wie ein blutdür⸗— ſtiger Tiger daſtehend, einen blanken Dolch in der hoch erhobenen Rechten ſchwingend, auf Percy los⸗ ſtürzte, der ihm, faſt ganz entblößt, entgegen ge⸗ ſprungen war und mit ſeiner Linken die ſonſe bewehrte Rechte ſeines Bruders umklammer Kein Laut wurde jetzt gehört... ein heftiges, ſchweigſames, aber um ſo verzweifelteres Ringen fand ſtatt... in dieſem Augenblicke kamen wir... Perey ſchleuderte mit einer furchtbaren Gewalt ſeinen vor⸗ ſtrebenden Bruder rückwärts, und war im Begris,„ — 243— nach einem Degen zu greifen, der, von ſeiner Scheide entblößt, dicht neben ihm auf einem Tiſche lag. 3 Da... ſprang der Hund, brüllend wie ein Löwe, und unaufhaltſam in ſeiner lange zurückgehal⸗ tenen und nun endlich losgelaſſenen Wuth auf ſein längſt geſuchtes Opfer... ein wilder Sprung... ein kräftiger Biß... ein Ruck, und er ſtürzte mit Mortimer zugleich, mehrere Stühle zuſammenbrechend, die im Wege ſtanden, zu Boden und ſtand nun... ein ſchrecklicher Sieger... über ihm. 8 Aber wo war der Dolch? wo war die ſtarke Rechte, die ihn ſo eben möͤrderiſch geſchwungen hatte? Weg war die Waffe und kraftlos die Hand. Wir hörten nichts als ein tonloſes Aechzen. 8 Aber Percy war ſogleich über den Hund herge⸗ ſprungen, riß ihn, mit beiden Armen das mächtige Thier gewaltig unnſchlingend, mit lautem Zuruf zu⸗ rück, teug ihn ſo in unſer Zimmer, ſchloß die Thür und ſtuͤrzte ſchnell, wie der Wind, wieder zur Scene des Kampfes zurück. Und was ſahen wir nun?... Mortimer blieb am Boden liegen und regte ſich nicht... ein Strom warmen, dampfenden Blutes drang aus ſeiner Seite hervor.* Percy kniete neben ihm. — — 244— — Mortimer! Mortimer!— rief er— Was iſt Dir?... was haſt Du?... hörſt Du mich? Aber Mortimer antwortete nichts; er gab nicht einmal ein Zeichen von ſich. Nur ſeine Hände zogen ſich krampfhaft zuſammen und ſeine Augen rollten gläſern in ihren Höhlen herum. — Mortimer! mein Bruder!— ſchrie er lauter Was willſt Du von mir? die Erbſchaft?... Nimm ſie, nimm ſie... ich will ſie nicht, wenn Du dadurch glücklich werden kannſt. Aber Mortimer antwortete auch diesmal nichts, hörte nichts mehr. Durch den unerwarteten und ge⸗ waltſamen Angriff des treuen Hundes zurückgeworfen, hatte er Pn Nalcn ich illrſ. un 1 Dolch tief in die rechte Seile geſtoßen Noch Seufzer, noch ein Aechzen ließ ſich hören... und der verzweifelnde Menſch, der Bruder Mylord Percys, der Sohn My⸗ lord Seymour's, lag... ein Leichnäm... am Boden. Wir ſtanden entſetzt und ſahen uns und den Tod⸗ ten an... kein Menſch wußte noch, wie das Alles begonnen, und ſchon war es beendet... 4 — Das war Gott und ſeine allmächtige Hand! — ſprach tief ergriffen Sir Robert Graham. Jetzt ſtürzten die Diener, von dem entſetzlichen e J K= Hee e. 4 2 — 245— Lärmen herbeigezogen, in's Zimmer... es entſtand ein lautes Gedränge... Percy zog die Vorhänge des Betts, in dem Ellinor halb bewußtlos noch im⸗ mer auf den Knieen lag, zuſammen und ließ den Leichnam ſeines Bruders hinaustragen. Für dieſe Nacht war natürlich unſre Ruhe da⸗ hin, und ach! als der erſte bleiche Morgenſtrahl in die Fenſter von Mylord Seymour's Schloß drang, wie anders war es da, als es kurz vorher geweſen ... ich hatte alle Hände voll zu thun, denn ich hatte einen Todten, einen Wahnſinnigen und eine Shümächtige, die ſich noch immer nicht erholen konnte 4 3 ... außerdem aber zwei weinende Männer, deren 4 3 Thränen Gold waren und deren Schmerz wie glühen⸗ des Eiſen in ihrem Buſen wühlte..... VIII. Schluß. ....... Ungefähr zehn Tage nach den ſo eben erzählten Ereigniſſen zu Codrington⸗Hall... die Leiche Sir Mortimer's war ſchon längſt in dem Familienbegräbniß beigeſetzt... ſah man einen be⸗ quemen Reiſewagen mit vier Poſtpferden beſpamt auf dem Wege von London her vor die großt Eingangs⸗ pforte des Schloſſes fahren. Ein Blick von mir reichte hin, das Wappen an dem ſchon haltenden Wagen zu erkennen, es war das Sir John's...„ des be⸗. rühmten Arztes am Bethlehem⸗Hoſpital zu London. ¹ Der alte war auf Percy's und auf meine Bit⸗ ten gekommte, um ſich ſelbſt von dem Gemüthszu⸗ ſtande Sr. Herrlichkeit des Marquis von Seymour zu überzeugen, nachdem ich ihm durch einen Kourier Wir eilten ihm Alle entgegen, als er, auf einen Diener geſtützt, die ſteinernen Stufen zum Eingange hinaufſtieg. Als er uns ſah und erkannte, blieb er ſtehen und nahm den Hut ab. Seine ſpärlichen wei⸗ ßen Haare flatterten im Winde und ſein ſchnelles Auge überflog theilnahmsvoll und aufmerkſam die Ge⸗ ſellſchaft; denn er ſah ſogleich, daß Percy und die Dienerſchaft in Trauerkleidern war. — So bin ich zu ſpät gekomnen, Mylord?— war ſeine erſte Frage— Und ich miß, nachdem der Schlag geſchehen, dennoch das traurige Geheimniß Ihrer Familie erfahren?... Guten Tag, kleiner Job! — O mein Sir John,— erwiderte Percy und führte ihn am Arme ganz herauf— Sie ſind nicht zu ſpät gekommen... Sie finden uns vielmehr in doppelter Trauer über ein Geſchick, das ſchon vollen⸗ det iſt, und über ein anderes, welches ſeiner Vollen⸗ dung entgegenſieht. Ich betraure den Tod meines Bruders und Sie ſind der Krankheit„6s Vaters wegen hierhergekommen. — So drücke ich Ew. swunfs mein wifa die bedeutendere Erkrankung deſſelben und den dringen⸗ den Wunſch der Familie, ihn ſelbſt zu Rathe zu zie⸗ hen, mitgetheilt hatte. ₰⁴ 248— ches Beileid aus!— entgegnete Sir John mit wür⸗ devollem Tone und ſenkte ſein ehrwürdiges Haupt. NNaach dieſen kurzen Begrüßungen füͤhrten wir den willkommenen Gaſt in ein Zimmer, das mit allem zu ſeiner Bequemlichkeit Nothwendigen verſehen war. Mir aber war es wiederum vorbehalten, meinem al⸗ ten Freunde die Aufklärungen zu geben und ihm die Vorfälle, von denen ich Zeuge geweſen war, mitzu⸗ theilen, und ich that es ſogleich, nachdem der Vis⸗ count und Sir Robert das Zimmer verlaſſen hatten. Sir John hörte aufmerkſam der langen Erzäh⸗ lung zu, er ſprach kein Wort dazwiſchen; nur als ich auf Mr. Sidney kam und erwähnte, daß der Vis⸗ count von Dunsdale derſelbe ſei, rief er: — Ach, iſt es möglich! Das habe ich nicht ge⸗ dacht! Als ich mit meinem Berichte zu Ende war, blickte ich Sir John an. Er ſchwieg und ſchüttelte den Kopf. — Jo, das iſt ein Geheimniß,— ſagte er end⸗ lich in einem ſo traurigen Tone und mit einer ſo nie⸗ dergeſchlagenen Miene, wie ich ſie bei ihm noch nicht geſehen hatte,— das iſt ein Geheimniß, welches der Mühe werth iſt, als ſolches bewahrt zu werden, und zugleich von einer Art, wie es wohl ſchwerlich oft in dieſen Tagen vorkommem durfte. Ich würde es kaum glauben, wenn Sie es mir nicht ſagten und ich die Beweiſe nicht vor mir ſähe. Aber dennoch iſt mir Al⸗ les klar,... ich erkenne den menſchlichen Geiſt wie⸗ der, in ſeinen Tiefen und in ſeinen Höhen, und das iſt einmal wieder ein Ausbruch, eine feuerſpeiende Epoche dieſes ewig ruheloſen, die ganze ſittliche Welt untergrabenden Vulkans... Zwar wundere ich mich darüber nicht, denn wenn Sie ſo alt wären wie ich, mein junger Freund, ſo würden auch Sie ſich über nichts mehr wundern, was dieſer Engel oder Teufel von menſchlichem Geiſt... denn Eins von beiden iſt er immer mehr oder weniger... zu Wege bringt, man kann von ihm Alles erwarten...... Darauf begaben wir uns in das Zimmer des Marquis, bei dem zwei zuverläſſige Diener Wache hiel⸗ ten, denn er hatte ſchon mehrere Male die Abſicht verratheng ſich ſelbſt ein Leid anzuthun, indem er ſich in die Glut ſtürzen wollte, die in ſeinen Kamine glimmte. Wie gewöhnlich fanden wir ihn au ſeinem Seſ⸗ ſel, aber er war kaum wieder zu erken en. Bleich, mager und abgezehrt war ſein Geſicht ſchon vorher ge⸗ weſen, furchtſam und angſtlich hatte ſein Auge ſtets geblickt; jetzt aber waren ſeitte Mienen ganglich! un⸗ kenntlich, ſeine Züge zerriſſen und der Ausdruck des ganzen Geſichts der des vollkommenſten Wahnſinns. Wir traten ein und Sir John ſetzte ſich auf ei⸗ nen Seſſel dem Marquis gegenüber, ungefähr zwei Schritte von ihm entfernt. Nichts gab uns an die— ſem zu erkennen, daß er an irgend etwas, was um ihn her vorging, Antheil nähme. Sir John winkte ihm zu... der Marquis beantwortete den Wink nicht. — Guten Morgen, Mylord!— ſagte Sir John mit einer ſo lauten und eindringlichen Stimme, wie er ſie ſo gut und ergreifend dergleichen Kranken gegen⸗ über hören laſſen konnte, wenn es nothwendig war. Der Marquis wandte ſein erloſchenes Auge auf den Sprecher, aber nur auf einen Augenblick, ſo lange die eben ausgefprochenen Worte etwa noch in ſeinem Ohre tönten. Dann ſank er wieder in ſeinen vorigen apathiſchen Zuſtand zurück. — Ich muß ein kräftigeres Mittel anwenden, um ſeinen irrenden, ſchlaffen Geiſt zu erwecken,— ſagte Sir John zu mir— paſſen Sie auf!... Morti⸗ mer!— ri er in einem ſcharfen, ſo unnachahmlich durchdringenden Tone, daß mir das Wort gleichſam in die Seele ſchnitt. Sogleich fuhr der Marquis in die Höher... ſeine Unterlippe ließ ein kaum merkbares Beben ge⸗ wahren und er wandte ſein erſchrocken blickendes Auge nicht mehr von dem Arzte ab, der noch näher an ihn herangerückt war. — Iſt... er... da?— ſtammelte der Mar⸗ quis mit einem heiſeren Geflüſter. — Er kommt!— antwortete Sir John wie oben. — O... laſſen Sie ihn nicht herein... er wird mich tödten... Gift... Gift!... aber ich eſſe und trinke nichts mehr... — Aha!— ſagte Sir John zu mir— das iſt eine neue fire Idee. Nun werden wir Mühe haben, ihn nicht Hungers ſterben zu laſſen... Wir blieben ungefähr noch eine Stunde bei dem Kranken, während welcher Zeit Sir John ſich von dem Zuſtande deſſelben hinreichend überzeugte. Dann ſtanden wir auf und begaben uns zu Percy, den wir unruhig und erwartungsvoll unſerer harrend fanden. Seine Blicke hingen forſchend an Sir John's Munde, als wir eintraten. — Mein theurer Sir John!— ſagtd e er— Was für Hoffnungen? — Gerade heraus geſagt, Mylird,... keine! 8. = Keine? 252— — Gar keine!... Sie ſind ein Mann und des⸗ halb ſpreche ich unumwunden die Wahrheit aus. — Und giebt es kein Mittel auf der Welt, ihn zu retten? — Ihn zu retten?... Nein, Mylord, hoffen „Sie nichts... ich kenne keins. Percy warf einen Blick gen Himmel, faltete die Hände und ſagte: —— EGroßer Gott! ich kann nichts dafür! — Es kommt jetzt allein darauf an— fuhr Sir John fort— ihn vor allem möglichen Schaden zu bewahren, und da ſcheint es mir am beſten zu ſein, . wenn Sie ihn unter eine fortwährende ärztliche 4 Aufſicht brächten,— Percy ſah ihn unruhig, ahnungs⸗ voll an— nach London nicht... das würde zu viel Aufſehen machen. Die Welt braucht nichts da⸗ von zu wiſſen... — Was meinen Sie, Sir,... wohin wollen Sie ihn bringen? —= Gerade herausgeſagt, noch einmal... denn — i9 kenne keinen beſſeren, ſtilleren Ort... ic ſchlage vor... nach St. James... Sie ein, Sir, halten Sie ein!... Nun und nimmermehr! Soll das eine Wiedervergel⸗ tung ſein? Lieber will ich mich allein mit ihm in eine dunkle Kammer ſchließen und ſo lange ſeine Häͤnde halten, und ihm jeden Biſſen ſelbſt hineinzwingen, ehe ich das zugebe... Dieſe Worte wurden mit einem Ausdruck der Be⸗ ſtimmtheit, und mit einer ſo ergreifenden Wahrheit in Blick und Geberde geſprochen, daß ich erkannte, Percy habe ſeinen unabänderlichen Willen hiermit kund⸗ gethan. 4 Sir John heftete einen ſeiner geheimnißvollſten, durchdringendſten Blicke auf den Viscount von Duns⸗ dale. Aber er ſah Percy nicht nur an... es war, als ob er durch ihn hindurch ſchaute, in das innerſte Reich der Natur hinein, und als wollte er mit dieſem Blick einen Schluß ziehen aus den geheimnißvollen und ewig dunklen Problemen, welche der denkende Menſch der Natur ſtets abzulauſchen bemüht iſt, denen er aber Zeitlebens nachſpüren wird, ohne ſie zu er⸗ reichen. 5 — Es iſt gut, Mylord!— ſagte er endlich mit 4 der größten Gelaſſenheit und Milde— Es iſt gut, ... ich habe Ihnen nichts mehr zu ſagen. J es giebt eine Vergeltung... da Oben über aber es giebt auch noch Menſchen, die edel, 4 dieſer Vergeltung würdig ſind. Ich danke Sie haben mir noch am Ende meines Lebens . — 3 5 4 1 . 4 — 254— Aufſchluß über dieſes Leben ſelbſt gegeben... es thut mir doch leid, daß ich bald davon ſcheiden muß... Laſſen Sie meinen Wagen vorfahren! — Wie, Sir John? Sie wollen ſchon fort? — Jal... Ich kam Ihres Herrn Vaters we⸗ gen hierher... leider kann ich ihm nicht helfen! Ich glaubte Ihnen nützlich ſein zu können, Mylord, und ich allein habe nur Vortheil aus dieſer meiner letzten Reiſe gezogen. Ich will fort... Und Sir John's Wille war, wie immer, un⸗ beugſam. Zwei Stunden ſpäter fuhr er wieder dahin, wo⸗ her er gekommen war, nachdem er mit mir noch Ei⸗ niges über Mylord Seymour geſprochen hatte. Als ſein Wagen,in dem Schatten des Waldes 8 verſchwunden war, ſir von der andern Seite des Schloſſes ein zweiter theran, ebenfalls von vier ſchäu⸗ menden Pferden gezogen. Erwartungsvoll blickten wir hin, da wir nicht ahnen konnten, wer es ſo eilig hatte, in das Haus der Trauer zu gelangen. Aber wie erſtaunt waren wir, als wir, nachdem in Diener den Schlag geöffnet hatte, Mr. Elliotſon, ektor von St. James aus dem Wagen ſteigen Seine Mine — 255— tung ſicher und feſt, als er ſich gegen Percy tief und achtungsvoll verbeugte. Allein, ehe er noch ein Wort geſprochen, ging ihm dieſer ſchon entgegen und rief: — Das iſt ein vortrefflicher Gedanke von Ihnen, mein lieber Mr. Elliotſon!... Treten Sie näher, treten Sie näher! Und ihn unter den Arm faſſend, führte er ihn ohne Weiteres in das Zimmer, in welchem ſich Sir Robert Graham und ſeine Tochter befanden. Ich geſtehe, der gute Mr. Elliotſon befand ſich in keiner angenehmen Lage, aber er verbeſſerte ſie ſich ſogleich dadurch, daß er die Sache am rechten Ende ergriff. — Gentlemen!— ſagte er mit beſcheidener aber ſicherer Stimme,— und beſonders Ihnen, Mylord, bemerke ich, daß ich mich in einer peinlichen Lage vor Ihnen befinde.*. ich verhehle mir das ſelbſt nicht; indeſſen, es kann nicht gut anders ſein und ich ergebe mich darein. Mylord! Sie ſandten mir einen Boten und luden mich freundſchaftlich ein, nach Ihrem Land⸗ 4 ſitz in Dunsdale zu kommen. In welchen Betrach⸗ gen und Entſchließungen uns dieſer Bote traf, lchh unerörtert laſſen. Nur ſoviel erlaube ich mir 4 erken, daß ich ſogleich Poſtpferde nahm un 5 Nacht nach d 1 — 256— lein ich traf Sie daſelbſt nicht mehr, vernahm aber mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit, daß Sie hier wären ... und ſo komme ich auch hierher... Mylord! ich hoffe nicht zu ſpät Ihnen jede Genugthuung zu Fü⸗ ßen zu legen, die Sie von mir verlangen können. Wenn ich in Ihren Augen ſtrafbar erſcheine, ſo glaube ich Ihnen das gern und habe nichts dagegen vorzu⸗ bringen. Indeſſen meine Ehre gebietet mir zugleich, Ihnen mein Bedauern über alles... alles Vergan⸗ gene auszudrücken, aber zugleich auch Ihre großmü⸗ tbhige Beehung für mich und die Meinigen in An⸗ ſpruch zu nehmen. — Mein theurer Mr. Elliotſon!— erwiderte der Viscount von Dunsdale freundlich— Es freut mich⸗ 3 daß Sie meine Bitte ſo bald erfüllt haben; ich habe es dringend gewünſcht, aber nicht ſo bald erwartet. Da h Sie aber nicht eingeladen habe, mit mir eine trauege Vergangenheit noch einmal zu durchleben, ſondern uns vielmehr der Gegenwart hinzugeben, wie 3 ſie nun einmal iſt, ſo erlauben Sie mir, daß ich Sie iit dieſen meinen beiden theuren Verwandten bekannt mache... es iſt meine Gattin und deren Vater, Sir Robert Graham... und dieſer, meine Lieben, iſt ect.. Freund, Mr. Elliotſon!— fügte Pere an beide letztere ſich wendend, hinzu, indem er au den Direktor deutete— Dieſer verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor Lady Duns⸗ dale und ihrem Vater, fuhr aber ſogleich, gegen Percy gewandt, wieder fort: — Ich glaube es wohl, Mylord, daß die Ge⸗ genwart mehr Reize für Sie hat als die Vergangen⸗ heit und ſomit Alles verſchlingt, was hinter Ihnen liegt. Mich aber rief die Vergangenheit hierher, und ehe ich dieſe nicht von meinem Herzen abgeſchüttelt habe, darf 3 ich, kann ich es nicht wagen, mich der Grgenwurt hinzugeben. Haben Ew. Herrlichkeit die Gewogenheit, und beantworten mir kurz nur eine Frage... von dieſer Ihrer Antwort wird alles Uebrige abhängen... Sprechen Sie Ihr Schuldig oder Unſchuldig über mich aus? Percy lächelte, nahm mich bei der Hand und ent⸗ nete: WWens ich auch einſt in einer Sditteren et t war, Ihnen eine gewiſſe Schuld außuburden Aind wie konnte ich anders... dieſer hier, mein Kueter Freund, hat ſie von Ihnen ge jeftnen, in⸗ a mich Ihre Bemühungen um mich in einem und beſſeren⸗ Lcchte ſehen ließ,... und was in ich jetzt ſo vollkommen po 89 James. 4. Band. 417 etrifft, Axr ün gewann der neu angekommene Beſuch für ſie ein röeres Intereſſe, ſie wandten ſich mit tauſend Fra⸗ en an ihn, denn er war es ja, der mit Percy die ic traurigſten Jahre ſeines Lebens zuſammen verlebt utte. DditEeſer hatte unterdeſſen den Brief des Oberarztes Ende geleſen und lächelte abermals. —— Der gute Mann— ſagte er— thut mir Un⸗ cht, wenn er glaubt, ich würde ihm nie verzeihen ungen Freilich, hart muß für ihn die Lehre gewe⸗ ſein, wie er ſagt, die er durch dieſen Mr. Sid⸗ koi empfangen hat. Indeſſen, da ich nun einmal 6 bewußten Mr. Sidney ſehr gut kenne, ſo werde rein Mr. Lorenzen ein gutes Wort bei ihm einle⸗ iſch und ich hoffe, es wird nicht vergebens ſein. 4 häd Sie ihm das und grüßen Sie ihn von mir, 3 m zurückkehren, jetzt aber ſein Sie mein Gaſt 4 nen Sie zu Tiſche, denn ich höre bereits cke läuten... 3 ging zu Tiſche, von dem ſich jedoch Perey Nale erhob, um zu ſeinem Vater zu gehen 4 nach ſeinem Befinden zu erkundigen. ſoſt kam im Laufe des Tages das Geſpräch zuſtand des Marquis von Seymour Erbeien r ſeine Zukunft Soihe kragen ach — — 258— 1 Meinung überzeugt, daß ich Sie hier im Schloſſe meines Vaters als meinen Freund willkommen heiße ... iſt Ihnen dieſe Genugthuung hinreichend oder wollen Sie mehr? — Mylord! ich bin ſtill... ich kann nichts weiter thun, als Ihnen durch mein Schweigen mei nen innigſten Dank abtragen. Es liegt etwas zwi ſchen uns, was uns verbinden wird, ſo lange wir beide leben.. auf Ihrer Seite die großmüthige Handlung des Vergebens, auf der meinigen ein nie ganz du veſeitigender Vorwurf... nein! wir werden uns, wir können uns nie ganz vergeſſen. Daß ich aber ſpäter, Ihrer jetzigen Verſicherung nach, nur mit einem ſtillen, aber freundlichen Bedauern an Sie denken kann, iſt mir die ſüßeſte Beruhigung... Ich bin für mich fertig... hier aber habe ich noch ei⸗ nen Brief an Ew. Herrlichkeit von unſerm guten Mr. Lorenzen, dem Oberarzt... leſen Sie und ante i Sie mir auch für ihn, denn er zählt die N ten, bis ich ihm Nachricht gebe, zeie Sie voß denken. 4 Das Wort Oberarzt ſchien Ellinor und ihn— ter vollſtändig aufzuklären, ſie hatten bisher zr unvollkommene Ahnung von dem Verhältniſſe welches zwiſchen Percy und Mr. f Dn 7 2 —— — — 260— Was ich aber auch ſprach, und wie vortreffliche An erbietungen Mr. Elliotſon dem Viscount von 8 dale machte... dieſer blieb bei ſeinem unwiderruſi gefaßten Entſchluſſe, indem er zu dem Direktor ſage — Mr. Elliotſon! ich danke Ihnen für Ihre Güc ich weiß, was Sie leiſten können und was Sie unte dieſen Umſtänden leiſten würden. Aber es iſt genug daß Sie von der Vorſehung einen Ir aus I. James erhalten haben... dieſer, meingennu g Vater, iſt für mich, und dieſes Haus ſohaan ndis kenanſtalt, und ich allein werde ſein 2 em ug heds d Wärter zugleich ſein... hen n Trau Wie edel, großmüthig und ächt 45 beerenaf Entſchluß auch war und wie würdig woran ſie wäl worden ſein würde... die Vorſehung zden en ders beſchloſſen. Schon die ſechſte Abenſ. G. Tages verkündete der Umgegend durch Abendwinde flatternde große Trauerflag oofenl vuige des Schloßthurms, daß der Beſitzer tſter Confal* Marquis von Seymour, Graf von Consland nicht mehr am Leben ſei... delenh .. kl. Zickenhe j habe Shr milte mit beſten ugt, daß dieſe ... Drei Wochen ſäter befand ichen uns fi dem ich vorher in London von Sir Joh ue Zirma, i 5. in Brisba ₰ * 4******* ·„* 8 8 * 3 3 L———— 5 — 8 — 4——— 4 ſſ fffffffrrnfnnnnnfſfffſſſfffiſſiſſſſſſinſnnennſniſ 1 ſſſſſ 4 ³ 8* * 3 4 — K * 4 4 3 A K“