eih und Leſebedingungen. 1. Offensein der Wibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angen! 3 Jautio kannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines s ne dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinte lche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirrr. 1 Kbonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 25 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: e leher: 4 Pücher: Mr.— Pf. 1Nr. 50 Pf. 2 Nk. Pf. und Zurückſendung ihr ſelbſt zu ſorgen. ſſene, verlorene und Kupfern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ in Werkes, ſo iſt Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes. 4 Vom Verfaſſer des Inſelkönigs. (Philipp galen.) Dritter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 185 4. — I. Leidlicher Anfang einer ſchwierigen Anternehmung. Eine Reiſe zu Pferde durch die ſchöneren Theile Englands bietet einem denkenden Menſchen nicht viel Gelegenheit zur Langeweile dar, ſollte er auch keinen höheren Zweck vor Augen haben, als durch die Ab⸗ wechſelung der Bilder derſelben ſich zu zerſtreuen. Denn das lachende Grün der Felder und Wieſen, die mit uralten Bäumen und jungfräulichem Gebüſch be⸗ wachſenen Gründe, die ſanft aufſteigenden, wellenför⸗ migen Hügel und die üppig fruchtbaren Thäler, ſo⸗ dann die ſchattigen dunklen Wälder, bisweilen von düſteren, einförmigen Mooren unterbrochen— führen ein ſo heiteres, vielſeitiges und reiches Bild der Be⸗ trachtung vor, daß man bei jeder Biegung des We⸗ * Aber auf mich wollten alle nehmlichkeiten diesmal keinen ſo freundlichen Eindruck hervorbringen, denn meine ganze Seele war von dem erſten Augenblicke an, wo ich mich wieder allein fühl⸗ te, von dem Zweck meiner diesmaligen Reiſe derge⸗ ſtalt erfüllt, daß ich in der erſten Zeit beinahe unfä⸗ hig war, auf irgend etwas Aeußerliches zu achten, noch weniger aber es mit den Gedanken, die in mei⸗ nem Kopfe durch einander ſchwirrten, in Uebereinſtim⸗ mung zu bringen. 1 Obgleich ich mir die Schwierigkeiten der von mir aus freien Stücken übernommenen Aufgabe keinen Au⸗ genblick verhehlt und dieſelben, ſchon ehe ich den Weg angetreten, nach allen Seiten in Ueberlegung gezogen hatte, ſo war doch gerade eine längere einſame Wan⸗ deerung vollkommen geeignet, alle meine Gedanken, alſo den ganzen Trieb meiner geiſtigen Fähigkeiten, in dieſe einzige Richtung zu werfen. Ich wiederholte mir noch einmal alle Ereigniſſe, die mir mitgetheilt waren, um auf ſie, indem ſte mir durch dieſe Wiederholung deutlicher wurden, deſto gründ⸗ licher meine eigenen Pläne bauen zu können. Da ich mir nun alle Eigenthümlichkeiten des beſonderen Fal⸗ les, ſo wie die handelnden Perſonen auf das lebhaf⸗ teſte orſtellte, ſo lag bald Alles, was vor mir dieſe reizvollen An⸗ 4 1 4 d. . ſchehen war und was noch durch mich geſchehen ſollte, als ein ziemlich klares Bild vor meiner Phantaſte. Aber wie genau ich mir auch alle Einzelnheiten wiederholte und dadurch meinen Geiſt in ein lichteres, günſtigeres Feld der Thätigkeit verſetzte— mein Ge⸗ müth fühlte keine große Erleichterung dabei. Ich ſah mich in ein Labyrinth unmenſchlicher Leldenſchaften gewaltſam verſtrickt, in deſſen unwirthbare Mitte hin⸗ eingeſtoßen und zu eigener entſchiedener Handlung ge⸗ zwungen, ich mich kaum kräftig und geſchickt genug fühlte, das erſehnte Ende glücklich und zur Zufrieden⸗ heit aller dabei Betheiligten erreichen zu können. Günſtigerweiſe indeſſen trat dieſem Uebelſtande nach einigen Tagen der Bewegung und des Nachden⸗ jens mein glückliches Naturell und die individuelle Richtung meines Geiſtes ſiegreich gegenüber. Von frühſter Jugend an durch Erziehung und lebhafte Nei⸗ gung meines Herzens geleitet, war ich dem geheimen Schaffen und Wirken der Natur leidenſchaftlich zuge⸗ than. In früheren T Tagen Schwärmer, in ſpäteren treuer Beobachter, wax ich durch fleißiges Studium mit den wun nderbaren und erheiternden Geheimniſſen der Natur vertraut, und einmal in ihre Wunder ein⸗ geweiht, hatte ich mich längſt gewöhnt, den geheim⸗ nißvollen Zauber ihres göttlichen Athems auf mich wig der Stein des Siſyphus ſein wird, der nie den Berg hinauf zu wälzen iſt. woollte ich als Mann, ja beſonders in meinem Be⸗ Menſchen erforſchen und behandeln, der ja weiten Feinen Sonnenſchein und ſeine Stürme, ſein Licht unñ ——— einwirken zu laſſen, mir eine Erklärung, wo ſie mög⸗ lich war, zu verſchaffen, und ihr dagegen aus Er⸗ kenntlichkeit Alles das aufzubürden, was ich ſelbſt und allein zu tragen für zu ſchwer oder gar unmög⸗ lich hielt. Alles in ihr, was mich umgab, ihre Bäu⸗ me, ihre Berge, ihre Thäler, ihr Regen und ihr Son⸗ nenſchein, ihre Winde und ihr lautloſes, feierliches Schweigen hatten tauſend Ohren für mich geöffnet, wie ſie ſelbſt aus tauſend Lippen zu mir zu ſprechen ſchienen, und ich verſtand dieſe liebliche, wunderbare, ewig redende Sprache, und es war kein Wunder, daß ich mich ſo gern ſtundenlang, ohne etwas Anderes zu wollen oder zu denken, in dieſes an Schätzen ſo reiche Meer zu vertiefen und immer näher an die Quelle von dem zu dringen ſtrebte, was auf ewig das Ziell alles Ringens einer menſchlichen Bruſt, aber auch für Und wie ich in meiner Jugend die Natur zu be⸗ trachten und zu erkennen gelehrt worden war, ſoe rufe als Arzt, in vorgerückteren Jahren auch den nichts als die Natur im Kleinen iſt, der, wie ſiet 4 3 1 1 4 — 9— ſeinen Schatten, ſeinen Frühling und ſeinen Winter hat. Wenn ich mit einem fremden Menſchen in ein neues Verhältniß trat, ſo ſuchte ich ſogleich ſeine Fä⸗ higkeiten, ſeine Neigungen und ſeine Beſtrebungen keynen zu lernen; ich übte mich, mich an ſeine Stelle, in ſeine Verhältniſſe zu verſetzen und aus ihm her⸗ aus, nach ſeinen Ideen zu denken und zu handeln, und durch dieſe fleißig fortgeſetzte Uebung war es mir oft geglückt, zu erkennen, wie und was der Menſch war und wie ich demnach mit ihm umgehen müſſe. Dieſe Erkenntniß... ich geſtehe es ein... täuſchte mich zwar bisweilen, denn manche Menſchen umhüllen ſich mit einem ſo dichten Schleier der Un⸗ durchdringbarkeit, daß alle Verſuche dieſer Art an ih⸗ nen ſcheitern; im Ganzen aber hatte ich doch die Freu⸗ de, den Vortheil dieſer geiſtigen Spekulation auf mei⸗ ner Seite zu ſehen, ich ſelbſt ward gefördert und ich gewann oft das Vertrauen derer, mit denen ich mich 4 fo ſorgfältig beſchäftigte. Von jeher war es aber meine Lieblingsbeſchäfti⸗ Jung geweſen,(und ich glaube, ich habe dies ſchon früher einmal angedeutet) das Aeußere des Men ſchen mit einem Blick zu erfaſſen und daraus, wenn kein Urtheil, doch eine Muthmaßung über ſeine intellet⸗ * 4 — 10— tuellen, moraliſchen und gemüthlichen Eigenſchaften zu erzielen. p Nichts Intereſſanteres giebt es ja für einen Arzt, als dieſes ſonderbare, bewegte Mienenſpiel der ver⸗ ſchiedenen geſunden und kranken Menſchen genau zu beobachten und treu mit ihrer inneren Begabung zu vergleichen. Es haben dieſes ſinnreiche Studium ſchon vor mir unendlich viele Aerzte getrieben, und daraus ſind die ſogenannten phyſtognomiſch⸗ diagnoſtiſchen Krankheitstabellen entſtanden, indem man ſo weit ging, anzunehmen, daß jede Krankheit,... wie jede Lei⸗ denſchaft... einen beſtimmten Geſichtsausdruck, einen 4 gewiſſen eigenthümlichen Blick hervorrufe. Dies will ich nun nicht behaupten, noch weniger vertheidigen, denn der Schmerz drückt ſich nicht allemal nach dem Sitze des Schmerzes und dem Theile des Leidens auf dem Geſichte verſchieden aus, ſondern er drückt ſich ei d allein der individuellen Reizempfänglichkeit des Leid n und ſeiner moraliſchen Kraft und gei⸗ ſtigen Bildung gemäß aus. Für mich waren nur die individuellen Mienen und Züge des Kranken in⸗ tereſſant, und da ich dieſe Lieblingsbeſchäftigung von den Kranken auf die Geſunden übertrug, ſo bewegte ich mich forſchend, denkend und phantaſirend in die⸗ ſem ewigen Kreiſe... Natur und Menſch... in — 11— Beiden war ich zu Hauſe, Beide gaben mir von dem Ihrigen und ich ihnen von dem Meinigen. Doch ich darf mich nicht in dieſes Gewirr an⸗ thropologiſch⸗mediziniſcher Spekulation verlieren! Sehr anle Leſer, nicht allein die, welche leicht gelangweilt erden, wollen überhaupt nichts Mediziniſches, wie ſie igen, hören, und ſo kehre ich denn zu meiner ſtillen Reiſe, meinen ſtummen Betrachtungen und nament⸗ lich mit Freuden zu der Beruhigung zurück, welche ich empfand, als die ſchöne, friſche, kräftige Natur anfing, auf mein gedrücktes Herz zu wirken und mich . den Grübeleien zu entziehen, welche mein phantaſti⸗ 1 ſches Hirn ausgeworfen hatte. 1/ Auf dieſe Weiſe ganz dem Reize der Gegenwart wieder hingegeben, wandte ich vor allen Dingen meine 5 grrͤßte Sorgfalt auf das von der Freundſchaft mir anvertraute Pfand, mein Pferd, das unter mir ſo leicht und munter tanzte, als hätte es nicht eine mehrwöchentliche Reiſe, ſondern einen Spazietritt von einigen Stunden vor ſich gehabt. Da ich ſtets ſelbſt nach ſeiner Pflege und Wartung ſah und mit ihm 8,* ſprach und es liebkoſte, wie ich es von Mr. Sidney geſehen, ihm auch nie die Kraft meiner Herrſchaft zu⸗ fühlen gab, vielmehr es faſt ganz ſeinem eigenen fr willigen 3 Triebe überließ, ſo verſtanden wir uns bald und ich warf meine ganze Neigung auf das edle Thier, das ſo froh und heiter ſchien, wie ich es ſelbſt geworden war. Die erſten beiden Tagereiſen hatte ich höchſt mäßig eingerichtet, ich mußte mich erſt ſelbſt an dieſe Art zu reiſen gewöhnen, daher machte ich nur ungefähr zwanzig Meilen, die Bravour kaum zu fühlen ſchien. Den dritten Tag aber machte ich fünfundzwanzig und den vierten mußte ich noch mehr eilen, um mein Nachtquartier in dem Hauſe des Landpfarrers zu er⸗ reichen, dem die Soͤhne des Krämers zum Unterricht anvertraut waren. Es war gegen Mittag dieſes Tages, als ich in eine bewohntere und vom menſchlichen Verkehre blü⸗ hendere Gegend kam, die, von kleinen Flüßchen be⸗ wäſſert, von jeher die volkreichſte und betriebſamſte Englands geweſen war. Rings um mich her ſah ich die vom Rauch ge⸗ ſchwärzten Schornſteine der großen Fabrikgebäude, die Tag und Nacht ihre künſtliche Arbeit verrichten, nie müde werden und nie ſchlafen, aber etwas ſtöhnen, als fühlten ſie die Mühe, die es ihnen machte, in der erfindungsreichen Hand des Alles beſtegenden nenſchlichen Geiſtes ihre unausgeſetzte Thätigkeit zu unterhalten. — 6 — — 13— Zwiſchen ihnen, hie und da zerſtreut, lagen be⸗ lebte Meier- und Pachthöfe, auch wohl einmal das ſchöne Landhaus eines reichen Baronets, und überall waren die Bewohner in lebhafteſter Bewegung, das Brot zu verdienen, welches, durch eigener Hände Ar⸗ beit erworben, ſo ſüß ſchmeckt. Nachdem ich in einem kleinen Weiler mein ein⸗ faches Mahl eingenommen, mein Pferd geſättigt und mich nach dem beſten Wege erkundigt hatte, ſtieg ich wieder auf und trabte der mir genau bezeichneten Ge⸗ gend zu.. Allmälig gewann das Land wieder, einen mehr ländlichen Anſtrich. Alle Felder, welche ich durch⸗ ſchnitt, wogten von der üppigen, ſeiner Reife entge⸗ gengehenden Saat, an manchen Orten ſogar fand ich den ämſigen Landbewohner ſchon mit Vorbereitungen zur Erndte beſchäftigt, und endlich Nachmittags fünf Uhr ſah ich von ferne das kleine Dörfchen, in wel⸗ chem der mir bezeichnete Pfarrer ſeinen Wohnſitz hatte. Friedlich ſah der weiße Kirchthurm, um den eine Schaar zahmer Tauben flog, über die niederen, brau⸗ nen Giebel der Häuſer hervor, die von ſchattigen Lin⸗ den umgeben und rings mit grünen wohlbeſchnittenen Hecken geſchmückt waren. Ich näherte mich langſam, indem ich auich nuah * — 14— die neugierig verſammelte Dorfjugend hindurchdrängte, und war bald inmitten des Dörfchens, wo ich dem Kirchhof gegenüber das ſtille, harmloſe Häuschen des Geiſtlichen erkannte, welches, aus Backſteinen erbaut, vor den übrigen Häuſern durch ein grün geſtrichenes Stacket vor der Thür ſich auszeichnete. 4 Eben als ich abgeſtiegen und beſchäftigt war, den Zügel meines Pferdes an das hölzerne Gehege zu bin⸗ den, ſprang ein rothwangiger, lockenköpfiger, ſtämmi⸗ gger Burſch von etwa ſechzehn Jahren lärmend aus der Thür, den ich ſogleich für meinen alten Bekannten Bob, den älteſten Sohn unſers guten Phillipps, er⸗ kannte. Nicht ich, ſondern die Ankunft eines ſchönen Pferdes hatte ihn herausgelockt; ſobald er mich aber 3 genauer anſah, erkannte er mich und rief: — Ah, Sir! Sie ſind's! Das habe ich nicht gedacht, und was für ein ſchönes Pferd! Gelt! es iſt beſſer, zu reiten, als zu gehen! — Das war auch meine Meinung,— ſagte ich lächelnd,— und darum bin ich zu Pferde gekommen. Wie geht's Dir, Bob, und dem kleinen Will, Dei⸗ nein Bruder? 8 Sci ganz gut, Sir! Und haben Sie den V ter geſehes? Ja wohl, Bob, und eben ſeinetwegen komme *⁴ ich zu Dir und hoffe, Du wirſt Dich freuen, etwas Angenehmes von ihm zu hören... — Nun, Sir, ſoll ich etwa wieder den Wagen ziehen?— ſagte der Junge und ſah mich fragend an. — Keinesweges... doch vor allen Dingen, wo iſt Mr. Smith, der Pfarrer? — Kommen Sie herein, Sir, er iſt noch nicht da, aber er wird gleich kommen, denn er iſt ſchon vor zwei Stunden aufs Feld gegangen, die Saat zu beſehen. Er öffnete mir die Thür und wir traten in ein reinliches, mit feinem weißen Sande beſtreutes und mit eichenen Möbeln verſehenes Zimmer. An einem Fenſter ſaß ein bejahrtes Mütterchen, eifrig beſchäftigt, ihr leiſe ſchnurrendes Spinnrad zu drehen, doch ſo⸗ bald wir eintraten, ſtand ſie auf und trat mir ent⸗ gegen. — Guten Abend, Mütterchen!— redete ich ſie an und reichte ihr die Hand.— Wie ich höke, iſt Seine Ehrwürden, der Herr Pfarrer, nicht anweſend, ich hoffe aber, daß Sie mir erlauben werden, einen Augenblick aufilemaaten. nd die Haus⸗ mir einen mit braunem Leder überzogenen Seſſel an den Tiſch. — Erlauben Sie, Sir, daß ich das Pferd in 1 1 B den Stall bringe?— fragte Bob, der ſchon in Er⸗ 1 wartung einer bejahenden Antwort die Thürklinke—itn der, Hand hielt.— Die Jungen da draußen ſind ſo 4 neugierig um den wackeren Bravour, der zwar gut⸗ müthig, aber immer doch ein Hengſt iſt. — Was!— fragte ich ſtaunend,— kennſt Du das Pferd?— 4 — Ei, Sir, ein Pferd, wie dieſes, das ich ſelbſt oft gefüttert und geſtriegelt habe, als ich noch jünger war, das kennt man immer wieder, und Mylord 1 Perey hat mich ſogar darauf reiten laſſen, als ich noch ſo groß war. 3 — Geh' und führe es in den Stall!— ſagte ich zu den Knaben, der mir immer verſtändiger, ſtärker und größer erſchien, je länger ich ihn betrachtete, je mehr er ſprach und mit ſeinen großen blauen Augen mich ſo treuherzig anſah, wie es ſein Vater gethan haben würde, wäre er an ſeiner Stelle geweſen. Der Knabe ſprang vor die Thür, warf dem Pferde eine Decke über und fäatttäatitt frohlocken⸗ dem Jauchzen 1 — 17— Nach ungefähr zehn Minuten war er ſchon wie⸗ der im Zimmer. — Nun, Bob, iſt Alles gehörig beſorgt? 1— Ja, Sir, ja! Und ich glaube wahrhaftig, n Bravour hat mich erkannt, denn er wieherte mich an, 2u als ich ihn, wie ich es ſonſt that, am Halſe ſtrei⸗ chelte. — Da iſt Bravour beinahe ſo verſtändig, wie Du... aber jetzt ſage mir, womit beſchäftigſt Du Dich hier? — Ich leſe, ſchreibe und höre die Predigten Sr. Ehrwürden; auch lerne ich Geſchichte, Geographie und „ Arithmetik, Sir. Aber was die Arithmetik anbetrifft, die liebe ich nicht ſehr! — Tout comme chez nous! dachte ich und lachte herzlich über den aufrichtigen Burſchen. 2 — Du biſt überhaupt wohl lieber auf dem Felbe, als am Schreibtiſch?— fragte ich und ſah ihn be⸗ deutſam an. Der Junge lächelte und warf der Alten einen Blick zu, die ihrerſeits verſetzte: guch reitoſt?— fragte ich. 4 Pand. 2 — 18— Jetzt aber wurde der Junge roth, ſtockte mit der Antwort und blinzelte mit einem Auge nach der Seite hin, wo die Haushälterin ſaß; dieſe aber nahm plötz⸗ lich ein ernſthafteres Ausſehen an und ſagte in einem weniger ſcherzhaften, aber immer noch gutmüthigen Tone: — Was das anbelangt, Sir, ſo thun Sie da eben eine Frage, die heute Abend, wenn Seine Ehr⸗ würden zurückkommt, noch ernſtlich zur Sprache kom⸗ men wird. — Wie ſo? — Ci nun, ich habe Bob lieb, recht lieb, denn er iſt ein guter Junge, wenn auch etwas zu wild; aber er hat dem Herrn Pfarrer während ſeiner Ab⸗ weſenheit heute eine Verlegenheit bereitet, die ihm einen harken Vaͤweis zuziehen wird, wenn nicht gar eine Strafe... — Nun, mein Gott!— rief Bob in einem ſehr ergötzlichen, halb komiſchen, halb tragiſchen Tone, mein Gottz was iſt es denn weiter, ein Füllen zu reiten! —Ja, Naber es halb todt und ſteif zu reiten, dächte ich, waͤre Mehr als genug!— entgegnete d Alte ſcheltend. — Halb todt?— 19 auf,— da höre Einer die Geſchichte! Ein halb tod⸗ ss Pferd läßt ſch im Stalle den Hafer vortrefflich ſchmecken; könnt' es das, Sir, wenn es halb todt wäre? = Sei ruhig, Bob, ich ſage, was ich geſagt habe... — Und haſt Du das wirklich gethan, Bob?— fragte ich ernſt. — Nein, Sir, nein, die Wahrheit zu ſagen! ... Ich ſchlenderte hinten auf der Wieſe herum, und da ging das Füllen, was eigentlich längſt kein Füllen mehr iſt, auf dem Klee, der uns gehört, nicht aber dem Nachbar, dem das Pferd iſt. Auf alle Fälle, 3 dachte ich, iſt es beſſer, daß ich ein bischen auf dem 1 Füllen des Nachbars reite, als daß es allen Klee⸗ Seiner Ehrwürden abfrißt, und da habe ich ihmn einen Zaum angelegt, mich aufgeſetzt und es kin wenig her⸗ r umtraben laſſen. Das iſt die ganze Geſchichte, wenn — Sie es wiſſen wollen! u— Traben!— rief die Alte, jetzt wirklich in Zorn,— Du mein Herrgott, traben!... Er hat 1 es ſpringen laſſen, Sir, über die Deichſelſtange des Heuwagens, bis es nicht mehr konnte... ja. lache nicht, Bube, und da... da kommt der Herr Pfara — 20— Die Vorthüre draußen knarrte und gleich darauf trat der ehrwürdige Mr. Smith ein; ein grauköpfi⸗ ger kleiner Mann von würdigem Ausſehen, im ſchwar⸗ zen Frack mit breiten Schößen und großen Knöpfen, ſeinen Hut und Stock in der einen und einen Bü⸗ ſchel Feldblumen in der andern Hand. Sein Geſicht war milde und freundlich und ſein ganzes Weſen trug den Stempel eines ächten brittiſchen Landprieſters aus der guten alten Zeit. Ehe ich aber noch meinen Gruß hatte ſprechen können, kam Will hinter ihm her, ſchüttelte mir die Hand und rief in einem frohlocken⸗ den Tone: — Eil da iſt der Herr, Ew. Ehrwürden, von dem ich Ihnen neulich erzählte, daß er uns einen Schilling gab und den Wagen mit fortſchieben half. — Guten Abend, ehrwürdiger Herr!— ſagte ich und drückte dem Geiſtlichen die Hand, der mich willkommen hieß. — Und was verſchafft mir die Ehre Ihres an⸗ genehmen Beſuches?— fragte er eben ſo beſcheiden und ſanft, wie er ausſah. — Wenn Sie erlauben, Sir, ſo habe ich einen Brief für Sie und eine Bitte von dem Vater dieſer beiden Knaben... könnte ich nicht ein Wort mit Ihnen unter vier Augen reden? — Sehr gern, ſehr gern... treten Sie näher! Und er öffnete mir die Thure eines andern Zim⸗ mers, in welchem er ſeine Predigten zu ſtudiren pflegte. Es war wo möglich noch einfacher ausge⸗ ſtattet, als das Wohnzimmer, und ſah' gerade ſo aus, wie es für einen ſo beſcheidenen und gottes⸗ fürchtigen Landgeiſtlichen ausſehen mußte und faſt überall ausſieht.. Ein großer Schreibtiſch von Nußbaumholz und ein Seſſel davor; an der Wand hinlaufende, auf Bretern ſtehende Bücherreihen, über dem Schreibtiſch ein ſchöner Kupferſtich des heiligen Abendmahls, und auf dem Kamin ein ſchwarzes Kreuz von Gußeiſen, das war Alles, was in dieſem kleinen Gemache zu ſehen war. Die Zeit, während der Pfarrer den Brief zas, reichte gerade hin, dieſe Betrachtungen anzuſtellen; als er fertig war, faltete er das Blatt zuſammen und ſagte: — Alſo, Sie wollen mir meinen guten Bob ſchon wieder nehmen und zwar zu einer ernſthaften Reiſe... wohl! ich kann nichts dagegen haben, obgleich ich ge⸗ ümaht hätte, ihn länger als ſechs Wochen bei mir ter Doch es iſt auch ſo gur, und Gott 0⁴ ſegne Sie und ihn, wie das, was Sie mit ihm voll⸗ bringen wollen. 4 — Ich danke von ganzem Herzen, Ew. Ehrwü⸗ den... Bob iſt doch confirmirt? — O, ſchon vor einem halben Jahre, ehe er zu mir kam. Auch hat der Knabe Kopf, obwohl nicht ſo viel Ruhe und Ausdauer, wie ſein jüngerer Bru⸗ der Will... aber Sie werden ihn gebrauchen kön⸗ nen... wollen Sie ihn nicht gleich ſprechen und ſeine Einwilligung vernehmen? Auf meine Bejahung öffnete der Geiſtliche die Thür und rief Bob, der ſogleich erſchien, aber mit etwas trüben Geſichte, denn er mochte an das ge⸗ jagte Füllen denken, und die Strafpredigten wurden immer in dieſem ernſthaft ausſehenden Zimmer ge⸗ halten. — Höre, mein guter Bob,— redete ihn freund⸗ lich der Pfarrer an,— dieſer Herr hier, den Du ſchon kennſt, bringt mir eine Nachricht von Mr. Phil⸗ lipps, Deinem Vater, und wünſcht Dich zu ſeinem Diener oder, wenn Du lieber willſt, zu ſeinem Be⸗ gleiter auf der Reiſe, die er antritt. Wie ich weiß, warſt Du ſchon lange zu dieſem Berufe beſtimmt dieſer Herr hierher kam, obgleich zu dem Dienſt Herrlichkeit des Viscvunt von Dunsdale, ehe — 23— dieſer Herr in Angelegenheiten Sr. Herrlichkeit unter⸗ weges und es ziemlich gleichgültig iſt, ob Du einige Monate früher oder ſpäter dieſen Dienſt antrittſt, ſo frage ich Dich: haſt Du Luſt, mitzureiſen, und wirſt Du, meiner häufigen Ermahnungen eingedenk, ſtets treu, fromm und zu jedem Dir aufgetragenen Dienſte bereit und willig ſein? — Ja, Sir, ja!— ſagte Bob raſch,— ich habe große Luſt! Ei was, und gleich ſoll ich mit auf die Reiſe?... das wäre mir gerade recht! — Und noch dazu zu Pferde!— bemerkte ich,— denn wir müſſen Beide beritten ſein. — Hoho!— rief der Junge und ſng vor Freu⸗ den in die Höhe,— Reiten! Mit Ihnen? und durch das luſtige England? Das iſt ja gerade, was ich mir immer gewünſcht und worüber mich Will ſo oft ausgelacht hat. Das iſt ſchön, das iſt ſchön! Ja, ja, Ew. Ehrwürden, ich will treu, fromm und fleißig ſein, ich will Ihre guten Lehren nie vergeſſen, ich will an Sie denken und für Sie beten, wie ich für en Vater und den Viscount von Dunsdale, unſern o iſt es recht, mein Sohn!— erwiderte liche, und legte ſegnend ſeine Hand auf des Haupt. 3 * 8 8 — 2742— Darauf kehrten wir in das Wohnzimmer zurück, wo die alte Haushälterin das Abendbrot bereitet hatte, beſtehend aus dicker Milch, Eiern, Käſe, Schinken und Fiſch, und wo ſie erfuhr, daß ich für die nächſte Nacht der Gaſt ihres Herrn ſein würde. — Höre, Will!— ſchrie Bob ſeinen Bruder an und legte ein ganzes Pack Bücher vor ihn auf den Tiſch,— da haſt Du ſie alle, und ich will nichts dafür haben, denn ich brauche ſie nicht mehr. — Was denn, Bob, willſt Du wirklich fort? — Ja, Will, mit dem Herrn Doktor und Bra⸗ vour und meinem eigenen Pferde fort und heißa! durch das ganze luſtige England hin... Wir lachten und freuten uns des munteren Kna⸗ benſinnes, der tüchtig zu werden verſprach. — Es kann nicht anders ſein!— ſagte der Geiſt⸗ liche,— er iſt ſeines Vaters leiblicher Sohn! Während des Eſſens beſprachen wir das für die Gegenwart Nothwendige, und namentlich wurde der benachbarte Pächter zum Ankauf eines paſſendes Pfer⸗ des und der Dorfſchneider Behufs der Anfertigung der nöthigſten Kleider für Bob zum Pfarrer beſchi⸗ Erſterer erſchien, und da er vom Ank Pferdes hörte, vergaß er den ihm von Bo ten Streich, ſtellte ſeinen ſtarken und ziemli — 25— Fuchspony vor und erhielt für Pferd, Sattel und Zaum achtzehn Pfund und vier Schilling, welchem erſteren Bob ſogleich, wie ein ächter Pferdekenner, nach dem Gebiß ſah und dann ſeine Zufriedenheit äußerte.— Als der Schneider kam und ich Bob fragte, was für Kleidungsſtücke er haben wolle, ſagte er: — Nichts weiter, Sir, als ein Paar Stulpſtie⸗ feln mit neuſilbernen Sporen, eine rehlederne Hoſe mit Knöpfen beſetzt und einen ſolchen hellgrauen Re⸗ genrock, wie der Ihrige da iſt... alles Uebrige habe ich. — Teufelsjunge!— rief ich,— mit den Hoſen und dem Rocke mag es meinetwegen gehen, aber wo ſollen wir die Stulpenſtiefeln mit den Sporen herneh⸗ men, wir ſind in einem Dorfe! — Wenn's Geld da iſt,— war die Antwort,— ſollen auch die Stiefeln da ſein... drei Häuſer von hier wohnt Mr. Touton, der Schuſter, und der hat gerade ſolche am Fenſter ſtehen. Wir mußten wiederum über den guten Kopf la⸗ umäder ſich zu helfen wußte, und beſtellten die die der Schneider zum Abend des nächſten ſprach.......... Umſtands halber war ich genöthigt, zwei —— 26— 4 Nächte bei dem Pfarrer zu bleiben, was mir meines Pferdes wegen nicht unlieb war....... Endlich aber war die Stunde des Abſchieds ge⸗ kommen; Bob war geſtiefelt und geſpornt und, mit den Rehledernen und dem Regenrock verſehen, beſtieg er ſo geziemend ſein Pferd, wie es der erſte Reitknecht Ihrer Majeſtät nur hätte thun können. Der Pfarrer und Will, dem die Thränen in den Augen ſtanden, begleiteten uns vor die Thür, und von des ehrwürdigen Mannes beſten Segenswünſchen begleitet, ritten wir an einem ſchönen Julimorgen fort in das duftige Grün der von Bob ſo ſehr geliebten Saatfelder und Wieſengründe. II. Ein verlorener Brief, der eine wichtige Nachricht enthält. So lange wir noch an den Häuſern des Dor⸗ fes vorüberkamen und Bob noch hier und da ein be⸗g kanntes Geſicht ſah, nickte und grüßte er mit Hand und Mund; als wir aber das letzte Haus und ſeine ggruͤncaauacken hinter uns hatten, wandte er ſeine Aufmerkſekeit mit erneutem Vergnügen auf ſein mun⸗ teres Pferdſchen, ſein Reitzeug und ſeine blanke Peit⸗ wieder auf ſein längſt erſehntes Kleidungs⸗ ie Rehledernen, ſo wie auf die Sporen und he; als aber endlich auch dies Alles g gemuſtert und bewundert war, ward er ernſt, nich, der ich ſchweigend und ihn betrachtend an Seite ritt, mit ſprechenden Blicken an und konnte — 28— endlich die auf ſeiner Zunge ſchwebende. Frage nicht länger zurückhalten, indem er lächelnd ſagte: — Und nun, Sir, wo geht die Reiſe eigentlich hin? — Ja ſo! das wollte ich Dir eben ſagen, Du warſt nur noch mit andern Dingen beſchäftigt... Du kennſt alſo den Viscount Percy von Dunsdale? — Gewiß, Sir, er hat ja damals, als ich noch bei meiner Tante war, in einem Hauſe mit mir ge⸗ wohnt. — Und auch ſeine Gemahlin iſt Dir bekannt, wie? — Ah, Miß Ellinor!... Ja wohl, Sir... o die kannte ich lange ſchon, ehe ich den Viscount kennen lernte; ſie war Mr. Graham's, des Pfarrers auf Codrington⸗Hall Tochter. — Dieſelbe!... Es war ein ſchöne Bob, oder weißt Du das nicht mehr? — Ach, warum ſollt' ich nicht, Sir! vortreffliche Dame! Ich ſah ſie oft, wel Walde Blumen pflückte oder mit ihrem Vatz ren ritt... zum letzten Male aber habe ich ſehen, als ſie zu ihrer Hochzeit mit Mylord fuhr, und obgleich ihre ſchönen Augen von Weinen roth waren, ſah ſie doch aus, wie ein x ſpazie⸗ 1— — 29— diger Engel. Ich durfte ihr ſogar die Hand küſſen, als ſie in den Wagen ſtieg. Meine Tante hat mir oft geſagt, ich ſei ein glücklicher Menſch, künftig in ihre Dienſte zu kommen, denn dazu war ich ja be⸗ ſtimmt, und obgleich ſie nur die Tochter eines Geiſt⸗ lichen wäre, der aber noch einmal eine Baronie erben wird, ſo müßten ſie doch alle gute Menſchen ſo lie⸗ ben und ehren, wie man die vornehmſte, ſchönſte und tugendhafteſte Frau liebt und ehrt. Das ſagte uns meine Tante, und dabei weinte ſie, Sir! — Hm!— dachte ich,— Miß Ellinor muß ſehr ſchön geweſen ſein, wenn ſie ſchon einen Knaben ſo begeiſtert hat!— Und während ich dies dachte, verlofr ich mich wieder einen Augenblick in die mir Percy erzählten Begebenheiten, die der Knabe ſeiner natürlichen, harmloſen Beſchreibung von n in mir lebendig gemacht hatte. Und was weißt Du von ihrem ferneren Schick⸗ fragte ich nach einer Weile. Nichts weiter, Sir, als daß ſie ein großes ik gehabt und von ihrem Ehegemahl, dem Herrn unt, gleich nach der Trauung getrennt worden .Wohin ſie gekommen iſt? das weiß ich nicht, warum es geſchah? eben ſo wenig. Du würdeſt ſie aber jeden Augenblick wieder — 30— erkennen, wenn Du ihr irgend wo begegneteſt oder ihr Geſicht zufällig ſäheſt? — Ach, Sir, ſo wahr ich Bob heiße! Es war die einzige ſchöne Dame, die ich in meinem Leben ge⸗ h ſehen habe! — Auch ihres Vaters erinnerſt Du Dich, nicht? — Noch viel beſſer, Sir, oder wenigſtens eben ſo gut. Er beſuchte ja Mylord Perch ſehr häufig auf ſeinem kleinen Pony, Dick genannt, auf dem ich im⸗ mer reiten durfte, bis er kalt geworden war, denn Mr. Graham hatte es ſtets ſehr eilig. Auch hat er⸗ mir bisweilen etwas geſchenkt, wofür ich ihm noch immer dankbar bin. — Nun, dann wiſſe, mein guter Bob, fürg Er⸗t ſte, daß ein Hauptgrund dieſer meiner Reiſe die Auf⸗ ſuchung dieſer beiden mir ſehr theuren Perſonen — Was Sie ſagen! Nun, da bin ich e Ich will ſchon aufpaſſen, wenn ich ſie von Jädchen, ſehe... 2—. — Haha! Gedulde Dich nur, ſie w end eine nicht gerade entgegen kommen. uglü ſie im — Das nicht! Aber ich werde ſchscop ſpazide haben.. — Brav von Dir! Und nun will ichd gen, wohin meine Reiſe zunächſt geht, wenn⸗ noch ein Verſprechen giebſt, welches ich Dir jetzt ab⸗ nehmen will. Der Knabe horchte aufmerkſam zu und ſah mich beifällig an. Ich fuhr fort: — Ich habe wichtige Gründe, Bob, meine Reiſe ? und deren beſondere Zwecke gewiſſermaßen geheim zu halten... Du darfſt gegen Niemanden wider mei⸗ nen Willen davon ſprechen. — Die Hand darauf!— rief der Knabe ehrlich m und reichte mir ſeine behandſchuhte Rechte hin.— und nun, wo geht es zunächſt hin? 1— Nach Dunsdale⸗Caſtle! — Ah, in die große Grafſchaft...2 Kennſt Du dieſe Beſitzung auch? Nein, ich habe nur den Vater davon reden thören, alg⸗er mit Sr. Ehrwürden, dem Pfarrer Mr. davon ſprach. Noch eine Frage, mein lieber Bob! Kennſt .„ ⸗ Sir, was werde ich nicht! Er war ja ger Mann bei der Tante! für ein ſchwarzer Mann? wir ſpielten: ſchwarzer Mann! und da der ſchwarze Mann kommt immer ſtatt: — 32— .. Lord Seymour kommt... ha! wenn er das gewußt hätte!... weil er beſtändig fluchte und böſt 0 war und uns von ſeinen Wildhütern mit der Peitſche ſ drohen ließ, wenn wir einmal ein Kaninchen aus ſeih f nem Gehäge in das unſrige hinüberjagten. t — Sol Er war alſo ſehr böſe? m — Gerade, wie ſein Sohn, Sir Mortimer... f das war auch ſo ein ſchrecklicher Wütherich. Und dech e war es auch, der den Othello in den Fuß ſchoß. — Was? Woher weißt Du das? — Das hat nachher ein Jäger meiner Tante el d zählt, der dabei geweſen war; aber er hat es ihr eliß 2 erzählt, als der Vater fort war und Mylord Perch 1 auch. d — Und Othello kennſt Du alſo auch? — Nun gewiß! Ich werde doch udilen Schul⸗ kameraden kennen, den großen, prächtigen, Othello mit den ungeheuren Zähnen und de Haaren! 7 — Das iſt mir ſehr lieb, und nun auch ſagen, daß ich auch Deinem ſchwa dem Lord Seymour, einen Beſuch al ——„—·—— denke... — Auf ſeinem Landgute Codrington wie? — 35— Gleich darauf nahm uns ein herrlicher Weg auf. Ein natürlicher Raſenteppich, wie ihn kaum die Kunſt ſchöner hervorbringen kann, bedeckte den ſchwarzen, fruchtbaren Boden meilenweit, und der duftige Schat⸗ ten eines dicht belaubten Eichenwaldes, wie ich ihn nie in meinem Leben ſchöner geſehen, kühlte höchſt er⸗ freulich unſer vom Ritt und der ſtrahlenden Sonne erhitztes Blut. Es waren uralte Bäume, unter denen wir uns jetzt langſam fortbewegten, deren rieſenmäßige, wie dunkle Schlangen vom Stamme ſich fortſchlängelnde, Aeſte ſich über der Mitte des breiten Weges kreuzten und ſo ein Blätterdach bildeten, das von dem blitzen⸗ den Sonnenſchein vergoldet ſchien, aber kaum einen einzigen neugierigen Lichtſtrahl hindurchdringen ließ. Hier hielt ich mein Pferd an; ich fühlte mein Herz lauter pochen, denn ich befand mich auf dem Gebiete des Mannes, dem ich für den Augenblick mein ganzes Streben geweiht hatte, und deſſen Ange⸗ denken meine ganze Bruſt ſchwellend erfüllte. Ach! dieſe lieblichen Schatten hatten ſeine bren⸗ mnende Stirn noch nie gekühlt, noch nie hatte das Aſtille, liebkoſende Säuſeln der Blätter dieſer alten Bäume und der fröhliche Geſang der zahlloſen Vö⸗ A die darin niſteten, ſein Ohr borührt! An einem 3* d — 32— ... Lord Seymour kommt... ha! wenn er das gewußt hätte!... weil er beſtändig fluchte und böſt war und uns von ſeinen Wildhütern mit der Peitſche drohen ließ, wenn wir einmal ein Kaninchen aus ſei— nem Gehäge in das unſrige hinüberjagten. — Sol! Er war alſo ſehr böſe? — Gerade, wie ſein Sohn, Sir Mortimer.. das war auch ſo ein ſchrecklicher Wütherich. Und der war es auch, der den Othello in den Fuß ſchoß. — Was? Woher weißt Du das? — Das hat nachher ein Jäger meiner Tante er⸗ zählt, der dabei geweſen war; aber er hat es hr erſt erzählt, als der Vater fort war und Mylord Perch auch. — Und Othello kennſt Du alſo auch? — Nun gewiß! Ich werde doch„Kinen Schul⸗ kameraden kennen, den großen, präch dar hwarzen Othello mit den ungeheuren Zähnen No Haaren! v — Das iſt mir ſehr lieb, und n. auch ſagen, daß ich auch Deinem ſch. dem Lord Seymour, einen Beſuch ap denke... — Auf ſeinem Landgute Codrington wie? a Gleich darauf nahm uns ein herrlicher Weg auf. öſ Ein natürlicher Raſenteppich, wie ihn kaum die Kunſt ch ſchöner hervorbringen kann, bedeckte den ſchwarzen, ei⸗ fruchtbaren Boden meilenweit, und der duftige Schat⸗ ten eines dicht belaubten Eichenwaldes, wie ich ihn nie in meinem Leben ſchöͤner geſehen, kühlte höchſt er⸗ frreulich unſer vom Ritt und der ſtrahlenden Sonne erhitztes Blut. Es waren uralte Bäume, unter denen wir uns jetzt langſam fortbewegten, deren rieſenmäßige, wie dunkle Schlangen vom Stamme ſich fortſchlängelnde, Aeſte ſich über der Mitte des breiten Weges kreuzten 1 und ſo ein Blätterdach bildeten, das von dem blitzen⸗ den Sonnenſchein vergoldet ſchien, aber kaum einen einzigen neugierigen Lichtſtrahl hindurchdringen ließ. Hier hielt ich mein Pferd an; ich fühlte mein Herz lauter pochen, denn ich befand mich auf dem Gebiete des Mannes, dem ich für den Augenblick mein ganzes Streben geweiht hatte, und deſſen Ange⸗ denken meine ganze Bruſt ſchwellend erfüllte. Ach! dieſe lieblichen Schatten hatten ſeine bren⸗ nende Stirn noch nie gekühlt, noch nie hatte das ſtille, liebkoſende Saͤuſeln der Blätter dieſer alten Väume und der fröhliche Geſang der zahlloſen Vo 3* darin niſteten, ſein Ohr anyu An ein “ — 36— für ihn traurigeren und troſtloſeren Orte, als in einem Kerker ſchmachtend, hatte er keine Ahnung von der Fülle der Reize, die ihm der gütige Schöpfer auf Er⸗ den verliehen, er hatte nie das köſtliche Gefühl em⸗ pfunden, Herr ſchöner Beſitzthümer ſich zu wiſſen. Mein ganzes Gemüth war in einer freudigen und doch ſchmerzlichen Bewegung, als ich hier das traurige Loos dieſes ſo vortrefflichen Mannes in meinen Ge⸗ danken erwog, denn, wenn man erſt ſah, was er beſaß, konnte man berechnen, was er verloren hatte... — Ach, wie ſchön iſt es hier!— rief Bob, eben⸗ falls von dem Reize der Umgebung ergriffen, obgleich zer nicht ahnen mochte, warum mir dieſe Gegend dop⸗ pekt ſchön und theuer war. — Wunderſchön! herrlich! erquickend!— waren die einzigen Worte, die ich hervorbringen konnte. Nachdem wir uns aber durch und durch an dem kühlen Schatten gelabt und an dem wundervollen An⸗ blick des Waldes erfreut hatten, trabten wir wieder eine halbe Stunde ſchweigend weiter, während ich dachte: wenn Er an meiner Stelle wäre! wie müß⸗ ten ſeine Gefühle beſchaffen ſein, ſich zum erſten Male wieder auf ſeinem Grund und Boden zu befinden! — Da iſt es, da iſt es!— rief nldolich laut mein lunger Begleiter.. — — 1 4 — 37— — Was iſt da?— fragte ich, ſo eigenthümlich aus meinem Sinnen aufgeſchreckt, und hielt die Zü⸗ gel an. 1 — Das Schloß, das Schloß... Dunsdale⸗ Caſtle! ſehen Sie da den breiten Thurm, deſſen Zin⸗ nen man vor den Bäumen nicht ſieht, und die blin⸗ kenden Fenſter, in welchen ſich die Sonne ſpiegelt... — Es iſt's, es iſt's, Knabe, und nun drauf los, was die Pferde laufen können!— rief auch ich in eben ſo freudiger Wallung, wie das junge Herz an meiner Seite. Und den Pferden die Zügel ſchießen laſſend, jagten wir durch den Wald, als wenn wir auf einer wilden Jagd wären oder mit eingelegter Lanze einen Feind aus dem Sattel heben wollten. Und nicht eher hielten wir in unſerm Laufe an, als bis das erſehnte Ziel dicht vor uns lag. ... Es war ein köſtlicher, labender, geſegneter Anblick, der ſich uns darbot. Der Wald öffnete ſich allmälig und umzog in emem weiten und dunklen Bo⸗ gen einen großen⸗grünen Raum, in deſſen Mitte, auf einem ziemlich hohen und terraſſenförmig ausgeſchnitte⸗ nen Raſenhügel, hier und da hinter blühendem Ge⸗ büſch und maleriſchen Baumgruppen verſteckt, das ſtolze und ſchöne Schloß des Viscount von Dunsdale ſich erhob. — 38— Lange hielten wir, im Anſchauen verloren, an, und ich athmete in dem frohen Bewußtſein, das erſte Ziel meiner Pilgerfahrt erreicht zu haben. Das Schloß, augenſcheinlich neu erbaut, oder wenigſtens im Aeußeren neu hergeſtellt, glänzte in der warmen Morgenſonne gleich einem funkelnden Sterne in dem Meere des daſſelbe umgebenden Blätterwal⸗ des. Es war die unnachahmlich ſchöne, altdeutſche Bauart mit den vielkantigen und ausgezackten Thür⸗ men, den mit Spitzbögen verzierten Fenſtern und den hoch emporragenden Zinnen, die uns ſo wohlthuend und heimiſch entgegen blinkte, wie es nur dieſer ſoli⸗ den und königlichen Bauart eigen iſt. Nur der nackt und kahl emporragende, auf der höchſten Zinne ſich erhebende Flaggenſtock zeigte, daß der Beſitzer des ſchö⸗ nen Schloſſes abweſend, wie auch die Einſamkeit, die es in ſeinem Innern und Aeußern zur Schau trug, uns belehrte, daß das lebendige und den bewohnten Schlöſſern ſonſt einen ſo lebhaften Anſtrich gebende Gewoge fröhlicher Menſchen daraus entfernt ſei. — Nun, Bob, wie gefällt es Dir?— fragte ich frohlockend. — Ach, es iſt prächtig, Sie haben Recht, Sir! und da... da... ſo wahr ich lebe! graſen die kleinen Pferde des Mr. Graham... ich kenne ſie, 2 — 39— ich kenne ſie... das iſt Dick und das iſt Heinz.... ſie ſind's...! Und in der That, mittelſt einer Leine an einem Vorderfuß irgendwo befeſtigt, nährten ſich auf dem üppigen Raſen vor dem Schloſſe zwei kleine braune Ponys... mein Herz ſchlug faſt hörbar und un⸗ willkürlich griff ich nach meiner Bruſt, denn ich ſah, wie Bob mir verſicherte, Mr. Graham's, Ellinor's Vaters Pferde, die in den traurigen Begebenheiten, deren Entwicklung ich jetzt entgegenging, auch eine Rolle mitgeſpielt hatten. Wie lange ich über dieſen einfachen Gegenſtand nachgedacht haben würde, weiß ich nicht, hätte Bob mich nicht, auf einen Mann aufmerkſam gemacht, der, vor einem Jder vielen Gebüſche zur Erde gebückt, die Blumen zu pflegen ſchien, die in wohlgeordneten Bee⸗ ten den Raſenhügel verzierten, auf deſſen Gipfel das ſtolze Schloß ſelbſt ſich erhob. — Geh, Bob, und ziehe die Glocke!— ſagte ich, und der Knabe ritt an das eiſerne Gitter; wel⸗ ches, mit vergoldeten Spitzen geziert, rings um das Ganze lief und gerade vor uns ein prächtiges Thor zeigte, an dem die Schelle hing. Der reine Ton dieſer Glocke zitterte durch die Luft, und der alte Mann, der mit ſeinen Slumen beſchäftigt war, kam, als er ihn hörte, Vetſt herab, um zu ſehen, wer da ſei. In dieſem Augenblicke näherte auch ich mich dem Thorwege. Der Mann ſprach mit Bob, aber ich ver⸗ ſtand ihn nicht recht aus der Ferne, denn ſeine Stim⸗ me war leiſe und durch das Alter gedämpft. Ich ſah nur, wie er ſich die Hand vor die Augen hielt, um die Sonnenſtrahlen abzuhalten, die ihn blendeten, und wie er, plötzlich laut aufſchreiend, das Thor aufriß und mit lautem Frohlocken ausrief: — Gott ſei mir gnädig! Das iſt ja meines Herren Pferd... nur herein, Sir, nur herein! Sie bringen mir Nachricht vom Viscount von Dunsdale ... oder ich traue meinen eigenen Augen nicht! Wir ſprangen von den Pferden; der Alte ſchüt⸗ telte treuherzig unſre Hände, wie alten lieben Bekann⸗ ten... und erſt jetzt begriff ich die Abſicht Perey's vollſtändig, die er hegen mochte, als er mir ſein Pferd anbot, das mich, ohne mich ein einziges Wort ſprechen zu laſſen, ſogleich als ſeinen Freund ankün⸗ digen mußte, wenn ich irgend einen der Seinigen traf. Kaum aber waren wir innerhalb des Thotes... noch ſtand es hinter uns auf, als der alte Mann, ſo ſchnell er laufen konnte, die marmornen Stufen, — 41— die den Hügel zum Schloſſe hinan führten, hinauf lief, in einer Seitenthür des zunächſt ſtehenden Thur⸗ mes verſchwand und an einer größeren Glocke zog, die, ihre lauten Klänge rings verſendend, ſogleich meh⸗ rere Diener herbeizog, denen er haſtig einige Worte befehlend entgegenrief. Man umſtand uns, man gaffte uns an, es wußte Keiner, was er zuerſt ſagen und was er znrerſt thun ſollte. Wir folgten endlich dem alten Manne, der uns, mit einladenden Worten und beide Arme ſchwenkend, voranſchritt, die breiten Stufen zum Hügel hinauf, wo er einen Thürflügel öffnete und mit uns in eine halbrunde und mit ſchönen Bildwerken geſchmückte Vorhalle trat... wir befanden uns in der Behau⸗ ſung des edlen Viscount von Dunsdale. — Hier, Herr, hier!— ſagte ich und nahm das Schreiben Percy's an ſeinen Haushofmeiſter aus meiner Brieftaſche,— ſind Sie der, an den die Auf⸗ ſchrift dieſes Briefes lautet, wie ich aus der Beſchrei⸗ bung des Viscount von Dunsdale beinahe entnehmen kaun,... ſind Sie Mr. Trallope? — Ja, Sir, der bin ich... — So leſen Sie dieſen Brief, damit Sie ſehen, ich wirklich von ihm komme, den Sie ſo zu lie⸗ ben ſcheinen... leſen Sie und überzeugen Sie ſich genau von Allem, was Ihnen zu wiſſen nöthig iſt. — Ja, Sir, ja!— rief der Alte noch immer in ſeinem frohlockenden abgeriſſenen Tone.— Er lebt alſo... iſt nicht todt... nicht verſchollen... ach! habe ich es doch immer geſagt! — Wohl lebt er, alter Freund,— erwiderte ich, — und in Fülle der Geſundheit lebt er und noch dazu mit der Abſicht, bald, recht bald hier zu ſein... doch leſet, leſet, es ſteht Alles darin! Der Alte las aufmerkſam und mit einem Ent⸗ zücken, das aus allen ſeinen Bewegungen und Mie⸗ nen ſtrahlte, den Brief, und während des Leſehd rief er beſtändig: — Ja, ja... er iſt's, und er lebt noch!... iſt nicht todt... und willkommen... ach! das iſt ſchön... und Sie, Sir, ſollen Alles ſehen, Alles haben... ja, ja! — Ja, Sir,— fuhr er fort, als er mit dem Leſen fertig war,— er wird hierher kommen und Gott wird mich ſegnen für meine frommen Wünſche durch dieſe ſeine Erſcheinung. Ach, Sir!— ſchluchzte der Mann und die hellen Thränen liefen über ſein gefurchtes Geſicht,— ich habe lange in meines Herrn Vanli gelebt... ich habe vieles mit ihr vhi. in einem Irrenhauſe hinbringen und unter Fremd — 43— macht... und glauben Sie mir... ich habe für meinen Herrn gefürchtet! Und ich liebe ihn ſo! Hal ich habe das Kind, den Knaben, den Jüngling Percy gekannt, wie ich ſeine ſchöne, theure, unver⸗ geßliche Mutter kannte... was muß das für ein Mann geworden ſein! Einen Kopf höher, als alle ſeines Gleichen! und ein Wuchs und ein Geſicht... und ein Herz dazu!.. Doch damit Sie ſehen, wie ich während ſeiner endloſen und traurigen Abwe⸗ ſenheit gewirthſchaftet und Ordnung gehalten habe, ſo kommen Sie und unterſuchen Sie ſogleich, dann wol⸗ len wir uns hinſetzen und erzählen... erzählen die halbe Nacht durch, und... der alte Keller ſoll ſeine roſtigen Thüren einmal wieder öffnen, und der neue Bratſpieß ſoll ſeine erſte Drehung machen, und im leeren, öden Kamin ſoll das Feuer... ja das Feuer ſoll wieder lodern... — Aber, Alter!— unterbrach ich ihn,— wir leben ja im Juli! Und ich konnte kaum die Rüh⸗ rung verbergen, die mich befiel, als ich dieſe Freude, dieſe Anhänglichkeit, dieſe Glückſeligkeit ſah. Erſt jetzt... hier fühlte ich vollkommen, was für ein entſetzliches Schickſal für Percy es war, vier Jahre 1 Hauſe Liebe und treue Hingebung, Freude und Le⸗ bensgenuß auf allen Seiten erwartet hatte. Großer Gott... Doch ich hatte nicht Zeit, in neue Grübeleien zu fallen; der Alte zog mich faſt mit Gewalt durch die ſchöͤnen Zimmer des Schloſſes, die Prachtzimmer, die Wohnzimmer, die Beſuchſäle, die Bibliothek und was er mir Alles ſonſt noch zeigte und nannte. Und wie fand ich alle dieſe reichen und koſtbaren Räume geſchmünkt, geordnet, geſäubert! Die golde⸗ nen Bilderrahmen der alten Familienſtücke ſowohl wie der neueren Gemälde ſo rein und glänzend, die Sam⸗ mettapeten ſo friſch, die dicken ſeidenen Vorhänge ſo ſauber und zierlich aufgeſteckt, als wäre Alles erſt ge⸗ ſtern vollendet, und die großen breiten Spiegel ſo hell und blank, wie der getäfelte und von farbigem Holze geſchnitzte Fußboden glatt und blinkend. — Wie wird Mylord ſich freuen, das Alles zu ſehen, zu bewohnen und Euch zu danken!— ſagte ich. 4 — Danken, Sir? was denken Sie! Er ſoll uns danken? Bei Gott! das iſt ja unſre Schuldigkeit... er ſoll nur kommen, weiter nichts als kommen mit damit macht, ſoll unſre ganze und alleinige Beloh⸗ nung ſein!.............. Nachdem wir alle bewohnbaren Räume des Schloſ⸗ ſes durchwandert hatten und ich noch durch Lobſprü⸗ che, die mir vom Herzen kamen, weil ich in der That Alles lobenswerth fand, die unſchuldige Freude Mr. Trallope's vermehrt hatte, zeigte er mir den eben ſo wohl erhaltenen und mit auserleſenen Obſtbäumen und Blumen ausgeſtatteten Gartenpark, wie auch end⸗ lich die Remiſen, die Ställe und die Pferde darin, die großentheils noch von der Hinterlaſſenſchaft des Vaters der verſtorbenen Lady Seymour herrührten. Ich fand außer einigen ausgezeichneten Rennern ſechs bis acht ſchöne, kräftige Zugpferde, und dieſe, wie auch der Anblick einer leichten Jagdkaleſche, erregten in mir einen neuen Gedanken, auf den ich jedoch nach⸗ her noch zurückkommen werde. Nachdem nun auch dies bis in die kleinſten Ein⸗ zelnheiten beſehen war und ich alle Erzählungen dar⸗ über von meinem leutſeligen Führer vernommen hatte, kehrten wir in die freundliche Vorhalle des Schloſſes zurück, wo mir der Haushofmeiſter ſeine getreue Ehe⸗ älfte, Mrs. Trallope, die ſich unterdeſſen in S er geworfen hatte, vorſtellte. Sie war ein — 46— jahrte, wohlbeleibte Frau, von phlegmatiſchem Tem⸗ perament, ohne die ſo häufige, beſchwerliche Redſelig⸗ keit vieler ihrer Schweſtern, hatte aber den Fehler der Zerſtreutheit und Vergeßlichkeit an ſich, die ihre Rede oft langweilig und ihre Erinnerungen höchſt oberfläch⸗ lich machten. Daher war denn auch ihre Freude, einen Freund Sr. Herrlichkeit, ihres Gebieters, zu ſe⸗ hen und von dieſem ſprechen zu hören, eine ungleich gemäßigtere und ſtillere, als die ihres Mannes, denn ſie entſprach voͤllig ihrer Gemüthsart. Nachdem ſie mich bewillkommnet und ich ihr die Verſicherungen meiner lebhaften Freude, ſie kennen zu lernen, dargebracht hatte, fragte ſie mich, ob ich be⸗ föhle, ſogleich zur Tafel zu gehen oder eine ſpätere Stunde nach Belieben dazu beſtimmen wolle. Da in⸗ deſſen mein Appetit durch den Morgenritt nicht wenig vermehrt worden, war es mir angenehm zu hören, daß 4 Alles bald bereit ſei, und auf mein Geſuch, mir die Ehre ihrer Geſellſchaft bei Tiſche zu ſchenken, erhielt ich die Antwort, daß ich ſehr gütig ſei, und daß ſie nicht ermangeln werde, meinen Befehlen Folge zu lei⸗ ſten, zumal ſie auch um dieſe Stunde zu ſpeiſen ge⸗ wohnt ſei. Demnach ertönte ſogleich die Eßglocke, und wir ſetzten uns an den eilig beſtellten, aber wohl be⸗ ſorgten Tiſch, wobei ich Gelegenheit fand zu bemer⸗ — 47— ken, daß in den ſo lange verſchloſſenen Kellern der Wein nicht verdorben ſei, und der neue Bratſpieß ſo vortreffliche Dienſte zu leiſten vermöge, wie es irgend nur der alte mochte gekonnt haben. — Haben Sie alle Papiere und Rechnungen ge⸗ ordnet,— fragte ich den Haushofmeiſter während des Eſſens,— damit wir nach Tiſche unſre Geſchäfte bald beendigen können? — Alles iſt zu Ihrer Anſicht bereit, Sir, es liegt auf meinem nnuh dem eiſernen Kaſten,— erwiderte der Mann. Als der Nachtiſch aufgetragen war, konnte der alte Herr ſeine Neugierde nicht länger bezähmen und legte znir ſo beſtimmte Fragen über ſeinen abweſenden„. Herrn vor, daß ich mich endlich genöthigt ſah, die Mittheilungen, die ich ihm über den Viscount von Dunsdale zu machen mir vorgenommen, nun endlich zum Beſten zu geben. — Sie haben gewiß von Phillipps, Sr. Herr⸗ lichkeit Diener gehoͤrt,— fing ich an,— daß My— lord Willens war, mit ſeiner ſchönen Gonablin hier⸗ her zu kommen? — Ja, Sir, ja, das habe ich von thm gehört — Nun gut, ſo wiſſen Sie auch durch das Aus⸗ bleiben Sr. Herrlichkeit, daß ſeine Reiſe und ſei Vorhaben unterbrochen wurde, und zwar durch Er⸗ eigniſſe, die ich nicht befugt bin, Ihnen in aller Weitläufigkeit mitzutheilen, die Ihnen aber in Zukunft höchſt wahrſcheinlich bekannt werden dürften. — Ja, Sir, ja, das vermutheten wir. — Genug, es war durch unglückliche und unvor⸗ hergeſehene Umſtände eine Trennung Sr. Herrlichkeit von ſeiner Gemahlin nothwendig, die beiden Thei⸗ len eben nicht erwünſcht und deren Dauer unbe⸗ ſtimmt war.. — Hm, ja! das glaube ich. — Durch dieſe plötzliche und übereilte Trennung nun, die... wie geſagt... in keinem der beiden Theile ihren Urſprung hatte... 11 — Ich verſtehe, Sir! — Ereignete ſich der unerwartete Fally daß My⸗ lord Percy auf einer weiten Reiſe ins Ausland be⸗ griffen, ſeiner Gemahlin keine beſtimmten Nachrichten über ſeinen zeitweiligen Aufenthalt konnte zukommen laſſen, welche erſtere jedoch in England verblieb und, von einem Orte zum andern reiſend, jeden Augenblick mit Sehnſucht die Rückkehr des Viscount erwartete. — Schön! Aber wo iſt ſie denn jetzt? — Ja... das eben iſt die Frage, die kein Menſch beantworten kann und die ich Ihnen vorle⸗ — 49— gen wollte, denn ich glaubte, ſie würde vielleicht hier⸗ her gekommen ſein und auf Sr. Lordſchaft Ankunft gewartet haben, der eben jetzt in Begriff ſteht, nach Dunsdale⸗Caſtle endlich zurückzukehren. Der Haushofmeiſter, der ein Glas guten alten Weines getrunken hatte, ſah mich und ſeine Frau et⸗ was verblüfft an, als könne der Fall eintreten, daß man ihm die Schuld der Abweſenheit der Gemahlin ſeines Gebieters beimeſſen würde. — Nein, Sir, nein!— ſtammelte er äußerſt verlegen,— ſie iſt niemals hier geweſen... das iſt ein ſchwerer Punkt... — Ein höchſt verdrießlicher Punkt!— ſagte ich, — und es bleibt uns, da alle ihre Briefe wahrſchein⸗ lich verloren gegangen ſind, nichts weiter übrig, als anzunehmem, daß ſie zu irgend einem ihrer zerſtreut lebenden Verwandten gegangen ſei und ſich dort bis auf weitere Nachrichten aufhalten werde, oder... wandten? Dieſe Frage war für mich eine ſehr verfängliche. Ich mußte entweder die Wahrheit oder die Unwahr⸗ heit ſagen. Beides aber wollte ich nicht und daher umging ich ſie in meiner Antwort, indem ich fort⸗ fuhr:.* Der Irre von St. James. 3. Band. 4 — Aber wer und wo ſind denn dieſe ihre Ver⸗ F — Was!— rief der Mann und ich uanah. 8* — Oder, daß Lady Dunsdale ihrem Gemahl nachreiſt und vielleicht immer da anlangt, wo er vor ihr geweſen iſt. Und da ich nun der Meinung war, ſie werde, wenn ſie nicht ſelbſt hier ſei, doch wenig⸗ ſtens irgend eine Nachricht hierher geſandt haben, ſo wollte ich dieſe von Ihnen in Empfang nehmen... — Ach ſo, Sir! Niein, das iſt ſehr be⸗ trübt... mir hat Niemand eine Nachricht zugeſandt, ich weiß nichts davon... — Halt! lieber Mann, und Sie, Sir, entſchul⸗ digen Sie— fiel hier die Frau in ihrem ruhigſten Tone ein,— da fällt mir ſo eben etwas ein. Es mögen jetzt etwa ſechs Wochen ſein... es war, glaube ich, als Du zum Pachter Thomſon geritten warſt... — Das ſind ſieben Wochen her... 4 — Nun gut, ſieben Wochen, daß... daß in— der Nachmittagsſtunde... ſo um vier Uhr... — Meinetwegen auch fünf Uhr!— fahr' nur ſchnell fort... — Daß ein Wagen vorfuhr, in dem eine hannr Dame und ein alter Herr ſaßen, die nach Sr. Hei⸗ lichkeit, dem Viscount von Dunsdale, ſich ngslan 1 lich erkundigten... * — Und Du haſt mir kein Wort davon geſagt? — ſetzte der Haushofmeiſter hinzu. — Ich hab's vergeſſen, mein Kind, es iſt ſo viel zu thun hier. — Und iſt denn kein andrer Menſch dabei gewe⸗ ſen, als ſie vorfuhr? — Keine Seele, mein Schatz, ich ſtand gerade im Thorwege. — Wie und mit wem kam ſie und woher?— fragte ich ſo ſchnell ich konnte, denn ich hatte ſogleich eine richtige Vermuthung. — Wie geſagt, in einem Wagen kam ſie und mit einem alten Herrn und von... her. — Und hat ſie denn keinen Naͤmen genannt? — Daß ich nicht wüßte, Sir! — Aber wie ſah ſie aus und was fragte ſie? — Ach, Sir, ſchön... ſehr ſchön ſah ſie aus, oobglhich etwas blaß und traurig. Sie fragte, ob Sone Herrlichkeit in Dunsdale ſei? Und auf meine lwort, ſeit vier Jahren ſei er nicht hier geweſen iund hätten wir auch nichts von ihm gehört, ſeufzte ie und gah mir... ja richtig... nun beſinne ich nnch... und gab mir einen Brief... — Was! und kein Wort weiß 9) davon!— rief Mr. Trallope auf das Ernſtlichſte erzürnt, indem er die Serviette heftig auf den Tiſch warf... — Ich hab's vergeſſen, Dir zu ſagen, mein Kind... — Zum Teufel mit Deiner Vergeßlichkeit, und da ſoll... — Und wo iſt der Brief?— unterbrach ich ihn. — Ja, Sir... wo iſt der Brief? Hm! War⸗ ten Sie, warten Sie... ich muß mich beſinnen... ja, ja, ich glaube, in meinem Schranke muß er ſein... Und die vergeßliche Frau, die ihr ſonſt ſo fried— lich geſinnter Mann zum Teufel wünſchte, ging hin⸗ aus, den Brief zu holen. Nach einiger Zeit aber, während welcher Mr. Trallope wüthend und ſchnau⸗ bend im Zimmer umherlief und zur Abwechſelung pfiff, kam ſie wieder und meldete uns zu unſerm Schrecken, daß es ihr für jetzt unmöglich ſei, den Brief zu fin⸗ den, ſie wiſſe nicht beſtimmt, ob ſie ihn in den S hrank oder wo anders hin gelegt habe... werde ſich gewiß beſinnen... 4 Wie ſonderbar!— dachte ich.— Vor ſechs Wi chen ſollte Lady Ellinor hier geweſen ſein, geraden der Zeit, als ich Perey in St. James kennen lern So merkwürdig ſind die Spiele des Schickſals!* — Und wiſſen Sie weiter nichts von der Dame, hat ſie nichts weiter geſagt?— fragte ich. — Nichts, Sir, nichts, gar nichts. Sie gab den Brief und fuhr ab. — Fiel Ihnen gar nichts bei oder an der Dame auf? — Nein, Sir, nichts! doch... ja, doch! ein großer ſchwarzer Hund ſprang aus dem Wagen, als er hielt... ich habe mich noch vor ihm gefürchtet, denn er war ſo groß, wie Mimi, unſre kleine ſchwarze Kuh... — Sie war's, ſie war's... es iſt richtig!— rief ich frohlockend.— Und wo fuhr ſie hin? Wel⸗ chen Weg nahm ſie? — Nach London zu, Sir! — Nach London!— ächzte der Alte ſarkaſtiſch und warf ſeiner Frau einen entſetzlichen Blick zu.— Es liegen viele Oerter zwühen Dunsdale⸗Caſtle und London! daß Du das Wetter... und ich mußte auch gerade nicht zu Hauſe ſein! — Das iſt Schickſal, mein Lieber!— ſagte ich und ſann nach. 8 4 London! dachte ich. Das war etwas; das An⸗ dert wird wohl in dem Briefe ſtehen. Ich werde auch nach London gehen, unbezweifelt iſt ſie dann zu— ihrem Oheim, Sir William Graham, gegangen, und ihr Vater war bei ihr... das iſt wenigſtens Et⸗ was. — Alſo Sie ſind ſicher, daß ſie es war?— fragte der Alte, der von ſeinem Zorne etwas zurück kam, als er ſah, daß ich nicht ganz unzufrieden war. — Ich bin deſſen vollkommen gewiß, es war Lady Dunsdale, Sr. Herrlichkeit Gemahlin, die ich ſuche, die Mylord Percy ſucht und die Niemand fin⸗ den kann... um Gotteswillen bemühen Sie ſich um den Brief, Mrs. Trallope, er iſt von der höchſten Wichtigkeit. Sie verſprach es und entfernte ſich abermals. — Und nun noch eine Frage, mein lieber Mr. Trallope, haben Sie neuerdings nichts von Sr. Herr⸗ lichkeit, dem Marquis von Seymour gehört? 4— Nichts, Sir, gar nichts, und ſchon ſeit eben ſo vielen Jahren nicht, als ſein älteſter Sohn, eben dieſer Viscount Perey, Ihr Freund und mein Gebie⸗ ter, ſo plötzlich verſchwand... es war gerade die merkwürdige Zeitungsnachricht, die mir zuletzt in die Hände fiel... Sie werden wiſſen... —= Wohl weiß ich... nun? — Eine Nachricht, die mich zwar ſehr betrübte, die aber, wenn Sie mir ein aufrichtiges Wort zu u ““ — den erlauben, ſo lügenhaft iſt, wie irgend eine. Wenn ich Mylord Percy wäre, ſo würrde ich... ach! was würde ich nicht... doch 3 — Wie ſo lügenhaft?— fragte ich,— man berief ſich ja auf die Gerichte... he? — Und doch iſt ſie verdammt lügenhaft, denn ich kenne trotz ihrer juriſtiſchen Kniffe und Windbeu⸗ teleien, die ſie angewendet haben mögen, noch Ei⸗ nen, der die ächte Wahrheit beweiſen kann, und der bin ich, Sir,... ich! denn ich war auch bei der wirklichen Hochzeit gegenwärtig, woran vielleicht kein Menſch mehr denkt, da es beinahe neunundzwanzig Jahre her ſind... und das dumme Weib, meine Frau, war auch dabei, doch die wird das längſt ver⸗ geſſen haben! — Es iſt mir lieb, daß Sie mir das ſagen... ies werde es nicht vergeſſen. Und ich war in der That höchſt erfreut über dieſe Auffindung eines Zeugen, die alſo doch noch rnieht alle von der Erde verſchwunden waren, wie ſelbſt Percy anzunehmen ſchien... Doch fahren Sie fort, mein alter Freund! Ja, Sir, die Nachricht betrübte mich ſehr, mich, ten alten Diener der ehrenwerthen Famili Vißcouit von Dunsdale. Allein, da ich Percy wenigſtens ſein Erbtheil als älteſter Erbe die⸗ ſer Familie antreten ſah, kümmerte ich mich um die Seymours nicht ſo viel. Auch war Mylord Percy reich genug von ſeiner Mutter Vater her, um ohne jene ihm freilich geſetzlich zuſtehenden Güter leben zu kön⸗ nen, und wer weiß, ob Seine Herxrlichkeit ſo glücklich mit den Reichthümern dieſes ſeines... Vaters ge⸗ worden wäre, wie er ſicher iſt, es mit denen ſeines Großvaters und ſeiner Mutter zu werden! — Wie ſo? Noch mehr als Viel, dachte ich, könnte in Bezug auf Geld einem vernünftigen Manne nicht ſchaden? .— Nun ja, Sir, es iſt wohl ſo, aber es iſt auch anders... Hm! Gott vergebe Mylord Sey⸗ mour ſeine Handlungen, wie mir die meinigen, aber ich dächte, es wäre einiger Unterſchied zwiſchen Reich⸗ thümern, von wem ſie ererbt und wie ſie angewengt t werden! Und was Lady Dunsdale... der Herr habe ſie ſelig!... anbetrifft, ſo hat ſie ihm gewiß vergeben, aber noch ein höherer Richter lebt über uns... hm! wie Sie wiſſen werden... Ddies, wie Sie wiſſen werden, das der Alte mehr auf die Vorfälle zwiſchen dem Marquis von Seymour und ſeiner Gemahlin, als auf den höheren Richter bezogen zu haben ſchien, war mir ein Finger⸗ 1 4 zeig, meine Forſchungen in dieſer Richtung einzuſtel⸗ len, da der Alte das, was er wußte, auch bei mir als bekannt vorausſetzte. Freilich hätte ich durch ei⸗ nige nähere Andeutungen ſeinerſeits, die ihm abzu⸗ locken ein Leichtes geweſen wäre, klarere Aufſchlüſſe über dieſe mir noch ziemlich unbekannten Verhältniſſe erhalten können, allein ich fühlte keinen Beruf in mir, mich in Geheimniſſe einzudrängen, die ſelbſt Percy vor mir mit dem Schleier des Schweigens verhüllt oder ſich geſtellt hatte, als ſei er ſelber mit ihnen nicht vertraut. Deshalb ſchwieg ich denn auch nach den letzten Worten des Haushofmeiſters, der ſeiner⸗ ſeits ebenfalls zu Ende zu ſein ſchien, und wir ſtan⸗ den vom Tiſche auf.— Aus dem Speiſezimmer begaben wir uns in das Wohngemach Mr. Trallope's, denn es drängte mich, die Papiere des Viscount zu beſichtigen, indem ich immer noch eine unbeſtimmte Hoffnung hegte, es werde ſich unter ihnen eine Nachricht von Ellinor vorfinden. Der Alte hatte Recht, wenn er mir ſagte, es ſei Alles in der beſten Ordnung, denn ich fand es vollkommen ſo. Zuerſt legte er mir die Ueberweiſun⸗ gen des Notars Sr. Herrlichkeit aus London vor, die der Empfänger im Namen ſeines Herrn quittirt und beantwortet hatte, dann kamen die Rechnungen und Belege der durch die Pächter eingekommenen Gel⸗ der, und auch dieſe waren in genauſter Richtigkeit. Die vom Notar eingegangenen Gelder waren ſämmt⸗ lich in Papieren vorhanden, die der Pächter großen⸗ theils ebenfalls, doch war auch einiges Gold dabei. Wie ich es mit Percy verabredet hatte, nahm ich das Gold und einen Theil der Papiere, beſcheinigte, wieviel ich vorgefunden und wieviel ich ſelbſt mitnahm, gab dem Haushofmeiſter zu ſeinem eigenen Bedarf eine Abſchrift dieſer Beſcheinigung und ließ den Kaſten wie⸗ der an ſeinen ſicheren Ort unter Schloß und Riegel tragen. Eine größere Arbeit aber war es, ſämmtliche ein⸗— gegangene Briefe zu durchleſen; ich nahm ſie mit auf mein Zimmer und brachte faſt den ganzen Nachmittag und Abend mit ihrer. Durchſicht hin. Keine einzige Adreſſe derſelben war von einer Frauenhand geſchrie⸗ ben, wonach ich ſogleich geſehen; die meiſten ſtellten ſich nach ihrer Eröffnung als freundſchaftliche Ergüſſe vom Aus⸗ und Inlande dar, keiner jedoch enthielt etwas, was zu den Angelegenheiten, in welchen ich jetzt reiſte, in irgend einer Beziehung ſtand. Bereits war ich zu den letzteren Briefen gekom⸗ men und hatte eben ein kleines Billet erbrochen, als ich, ſchon über das feine Seidenpapier erſtaunt, die 4 Unterſchrift betrachtend, in die größte Spannung und Freude verſetzt wurde, die jedoch bald wieder ſchwand, als ich ihn zu Ende geleſen hatte. Der Brief war in der That von Ellinor, ob⸗ wohl ſchon vom vorigen Jahre her datirt und in einem kleinen Orte geſchrieben, der ungefähr mitten auf dem Wege von Dunsdale⸗Caſtle nach London lag. Er bie wortlich folgende wenige Belen Mein theurer Percy! Gon nur allein weiß, ob dieſer Brief wie die früheren, die ich an Dich geſchrieben, in Deine Hände gelangen wird; aber obwohl ich an dieſem Glauben faſt verzweifle, werde ich nicht müde, Dich mit meinen Wünſchen und mit meinen Segnungen zu verfolgen, wenn ſie auf Erden Dich auch nicht mehr erreichen ſollten. Daß Du lebſt, ſagt mir mein Herz, denn wie könnte es ſonſt noch von Hoffnung aufrecht erhalten werden... daß Du aber zu ſchweigen und von Deiner Ellinor entfernt bleiben, gezwungen biſt, ſagt mir der trau⸗ rige Umſtand, daß ich nie etwas von Dir ver⸗ nehme. 4 Wäreſt Du in Freiheit und im Beſitz Dein 8 Willens, ſo bin ich überzeugt, daß Dich abhalten würde, ſchriftlich ſowohl wie — 60— nach mir zu forſchen.. 4 Möge es Gott gefallen, mir noch ſo lange mein Lkbben zu laſſen, bis ich wenigſtens weiß, daß Du glücklich biſt... ach! für mich hoffe ich ja doch nichts mehr! Man hat eine Mauer zwiſchen uns aufgerichtet, die nicht zu überſteigen iſt... ach! daß der Fluch eines ſol⸗ chen Vaters im Himmel erhört werden muß! Ich ſende dieſe Nachricht nach Dunsdale⸗Caſtle ... dorthin wirſt Du ja wohl zuerſt wieder Deine Schritte lenken, wenn Du wieder in Freiheit biſt, und dahin vermag ja auch Dich und mich die Ra⸗ che derer am wenigſten zu verfolgen, die bis jetzt zwiſchen uns und unſre Liebe getreten ſind... Wir gehen, das heißt ich und der Vater, der Dich herzlich grüßt, nach London zu Sir William Graham, meinem Oheim, der ſeine Geſchäfte nie⸗ dergelegt hat und unſerer Pflege bedarf, dort fin⸗ deſt Du mich gewiß. Sollte eine Veränderung in unſerem Aufenthalte eintreten, ſo ſoll die Kunde davon wieder nach Dunsdale⸗Caſtle gelangen. Lebe wohl, Du einzig und endlos Geliebter! .. Wenn auch mein Herz vor Sehnſucht und Wehmuth krank iſt... Gott hält aufrecht, ſtand⸗ haft und ergebungsvoll Deine Ellinor. In dieſem ſo ſchönen Briefe fiel mir Zweierlei auf. Einmal ſchien er mir etwas zurückhaltend zu ſein, dann aber deutete die Schreiberin wiederholt auf einen Geſundheitszuſtand hin, der mir nicht ganz wahrhaft erſcheinen wollte. Das Erſte konnte eine Folge früher vergeblich abgeſendeter und genauerer Nachrichten ſein, das Zweite ließ mich in das ſcho⸗ nungsvolle Herz Ellinors blicken, die Percy verbergen wollte, was ſie litt. Daß ſie leidend und nicht in geringem Maaße leidend war, ſchien mir gewiß. „Möge es Gott gefallen, mich ſo lange am Le⸗ ben zu laſſen,“ und„wenn auch mein Herz u. ſ. w. krank iſt, Gott erhält mich aufrecht,“ dieſe Worte floͤßten mir eine ernſthafte Beſorgniß um dieſes theure Leben ein, denn ſie ſchienen mir nur der Deckmantel eines tiefer liegenden körperlichen Uebels zu ſein. Und wie? Sie gab an, in London zu ſein... und wollte, wenn ſie ihren Aufenthaltsort veränderte, wieder Nachricht nach Dunsdale⸗Caſtle ſenden. Nun war ſie aber ſelbſt vor ſechs Wochen hier geweſen und hatte einen Brief eigenhändig abgeliefert; war in die⸗ ſem die Nachricht enthalten, die ſie verſprochen, und hatte ſie wirklich ihren Bahnun o verändert? wo war der Brief, den ſie ſelbſt gebracht? hing mein ganzes Unternehmen abl — 62— Er wurde geſucht, aber er fand ſich nicht. Faſt den ganzen folgenden Tag beſchäftigten wir uns mit Suchen, wir kehrten beinahe die ganze Wohnung des Haushofmeiſters um... aber nirgends der Brief. Ermüdet von der unaufhörlichen Spannung, in welche man ſich bei einem ſo verdrießlichen Geſchäft, wie das vergebliche Suchen nach einem wichtigen Ge⸗ genſtande iſt, ſtets zu verſetzen pflegt, und gegen die alte zerſtreute Mrs. Trallope aufgebracht, die uns dieſe Verlegenheit ganz allein bereitet hatte, wie auch end⸗ lich voller Beſorgniß über das Geſchick Ellinor's.. brachte ich die letzten Stunden in Dunsdale⸗Caſtle 3 eben ſo unruhig wie ärgerlich zu.— Sorgenvoll, erbittert und ohne eigentliche Thä⸗ tigkeit, die das beſte Hülfsmittel bei ſolchen Gelegen⸗ heiten iſt und hier überdieß ſo nothwendig war, be⸗ ſchloß ich am Morgen des dritten Tages nach meiner Ankunft, mich wieder auf die Reiſe zu begeben, wäh⸗ rend ich dem Haushofmeiſter die zweckmäßigſten An⸗ weiſungen in Bezug auf ſein ferneres Verhalten hin⸗ terließ. — Mein lieber Mr. Trallope,— ſagte ich zu ihm,— über Eins freue ich mich in Dunsdale⸗ Caſtle, und über das Andre bin ich traurig. Ich habe Alles in beſtem Zuſtande vorgefunden, wie My⸗ 4— 63— lord Perch mir es von Ihnen vorhergeſagt und er⸗ wartet hatte... und das erfreut mich. Daß ich aber den Zweck, dem ich außerdem hier nachging, nicht erreichte, ja, in meinem Nachforſchen nach Mylord Per⸗ cy's Gemahlin in manche Verwirrung gerieth, das betrübt mich ſehr. — Ja wohl, Sir, ja wohl... Sie meinen den fatalen Brief... — Den meine ich! Und gerade der Verluſt, die⸗ ſes wichtigen, für mich und meine ganze Reiſe höchſt wichtigen Briefes iſt das Schlimmſte, was mir hier begegnen konnte. Auf ihm beruhte alle meine Hoff⸗ nung und er allein iſt die Urſache, daß ich nicht ſo froh von Ihnen ſcheide, wie ich erwartungsvoll ge⸗ kommen bin... Jedoch, man muß den Muth nicht ſogleich verlieren, es wird mir noch Manches fehl⸗ ſchlagen, und der Brief kann auch nach meiner Ab⸗ reiſe wider Erwarten aufgefunden werden. Sparen Sie keine Mühe, keine Zeit, und ſollten Sie ſo glück⸗ lich ſein, ihn zu finden, ſo ſenden Sie ihn mir auf der Stelle durch einen ſicheren Boten, nur durcheinen Boten, nicht mit der Poſt, denn ſonſt könnte er mich wieder verfehlen. Senden Sie ihn alsdann zunächſt nach Codrington⸗Hall, wohin ich mich jetzt begebe, und ſollte er mich da nicht mehr treffen, an die 64** Adreſſe, welche ich dem Hanahoſneiſer in Codring⸗ ton⸗Hall bezeichnen werde. Dieſe Vorſichtsmaaßregel gebranchir ich, weil ich nicht beſtimmt wußte, ob ich den Marquis von Sey⸗ mour auf ſeinem Landſitz finden und wie lange ich bei ihm zu bleiben genöthigt ſein würde, wenn er mich überhaupt bei ſich zu behalten für gut fand. Traf ich ihn aber nicht daſelbſt an, ſo war ich ent⸗ ſchloſſen, ihm ſogleich nachzureiſen, mochte er ſein, wo er wollte. — Alſo Sie haben mich richtig verſtanden, Mr. Trallope? 4 —= Ja wohl, Sir... nach Codrington⸗Hall zunächſt... es ſoll Alles, wie Sie wünſchen, be⸗ ſorgt werden. — Dann aber ſein Sie auch aufmerkſam auf etwa einlaufende Nachrichten... es koöͤnnten wieder Briefe abgegeben werden... — Sein Sie ohne Sorge und ſetzen Sie kein Mißtrauen in mich. Ohne mein Vorwiſſen ſollen keine Briefe mehr abgegeben und angenommen werden. — Und wenn wieder ein Wagen vorfährt... — O, ich verſtehe... ſein Sie außer Sorge . der Teufel der Vergeßlichkeit ſoll nicht alle Tage hier ſein Weſen treiben. — Und alle neuen Briefe werden mir ebenfalls— nachgeſchickt, nöthigen Falls mit einem neuen Boten... — Gewiß, Sir, ganz gewiß! Ich kenne meine Schuldigkeit.— — Für's Zweite aber halten Sie ſich bereit, mei⸗ nen Anordnungen im Namen Sr. Herrlichkeit auf der Stelle nachzukommen. Denn es könnte der Fall ein⸗ treten, daß ich Ihnen Nachricht ſende, mir ſogleich 3 einige Pferde und Wagen irgend wohin zu ſchicken... ſäumen Sie dann keinen Augenblick, jede Minute iſt ihm und mir koſtbar... Was Ihnen jetzt noch in allen dieſen ſeltſamen Vorfällen unklar iſt, ſoll Ihnen künftig deutlich werden, und nun, mein beſter Mr. Trallope, laſſen Sie ſogleich meine Pferde herausfüh⸗ ren und leben Sie wohl. 3 Der gute Mann ſprach einige Worte des Ab⸗ ſchieds und entfernte ſich dann, um meine Befehle ausführen zu laſſen. In Bezug auf die Mittel meines Fortkommens hatte ich einige Augenblicke geſchwankt, ob es nicht gerathener wäre, jene Jagdkaleſche zu nehmen, mit vier von Percy's Pferden ſo raſch und weit wie mög⸗ lich zu fahren und dann mit Poſtpferden weiter zu gehen. Ohne Zweifel wat dieſz Art zu reiſen beau Der Irre von St. James. 3. Band. 5 4 3 3 f. — 66— mer und brachte mich ſchneller an⸗ die Orte, die ich ass jedoch meine Bequemlichkeit betraf, ſo fühlte ich M icht im Mindeſten geneigt, derſelben auch nur den kleinſten Vortheil für Percy zu opfern, da⸗ her kam ſie hier gar nicht in Betracht. Etwas ande⸗ res jedoch war es mit der Schnelligkeit meiner Beför⸗ derung. Ja, ich reiſte ſchneller.. aber erreichte ich in Wahrheit dadurch mehr? Ich glaube nicht. Konnte ich, in einem Wagen ſitzend, und auf der gewöhn⸗ lichen großen Fahrſtraße mich bewegend, konnte ich de h de überall, wo ich wollte, die nöthigen Forſchungen an⸗ ſtellen und alle die kleinen Spuren, die ſich mir bo⸗ ten, auf der Stelle verfolgen? Gaviß nicht! Zu Pferde aber konnte ich langſam, ſchneller, mit einem Worte, ganz nach Erforderniß reiſen, ich konnte hal⸗ ten, warten, Erkundigungen einziehen, ja umkehren, wann und wohin es mir beliebte und wie es mir noth⸗ wendig erſchien. Auch hatte Percy ſelbſt... und das gab diesmal den Ausſchlag... meine Art zu reiſen beſtimmt, und ich war vollſtändig überzeugt, daß er gute Gründe dafür gehabt hatte. Mißlang mir zu Wagen meine Aufgabe, ſo konnte er mir vor⸗ werfen, daß ich von dem mir vorgeſchriebenen Wege abgewichen war, mißlang ſie mir zu Pferde, ſo war „ — ⁸ 8 — — — 67—. ich nur ſeinen eigenen Wünſchen nachgekommen. Nichts deſtoweniger aber wüͤrde ich, wenn Klugheit oder Noth⸗ wendigkeit es dringend erfordert hätte, unbedingt meine Transportmittel gewechſelt daai das war jedoch für jetzt noch nicht der Fall, obgleich er ſpäter eintreten konnte. Dieſen guten Gründen nun gemäß zu handeln, beſchloß ich unbedenklich, meine Reiſe fürs Erſte ſo fortzuſetzen, wie ich ſte angefangen hatte, Und die⸗ — ſen Entſchluß führte ich aus. Die Zukunft aber wird lehren, daß der Erfolg meiner diesmaligen Entſchei⸗ dung entſprach... Die Pferde, wohlgenährt und gepflegt, kamen herbei. Wir ſtiegen auf und unter den Segenswün⸗ ſchen der ganzen um uns verſammelten Dienerſchaft ritt ich mit meinem guten Bob an einem Sonntags⸗ morgen von Dunsdale⸗Caſtle ab und begab mich ſo⸗ gleich auf die Straße nach London, die ich jedoch nach einigen Stunden wieder verließ, um mich der Rich⸗ tung zuzuwenden, in welcher Codrington⸗Hall lag ... denn das ſollte das nächſte und gerade nicht an⸗ genehmſte Ziel meiner gegenwäktigen Reiſe ſein... — Nachforſchungen. Ich hatte ungefähr ſiebzig(engliſche) Meilen von Dunsdale⸗Caſtle bis Codrington⸗Hall vor mir, und dieſe beſchloß ich in drei Tagen zu machen, was keine große Anſtrengung für unſre guten Pferde war. Der Weg führte anfangs durch einen Wald, der zwar nicht ſo ſchön wie der vor Dunsdale⸗Caſtle, aber doch ſchattig und angenehm genug ſich erwies. Mit meinen Gedanken über die Lage der Dinge beſchäftigt, hatte ich auf das Thun meines Begleiters weniger mein Augenmerk gerichtet, und erſt, als wir einige Meilet ſchweigend fortgeritten waren, ſah ich mich nach ihm um, weil es mir gerade einfiel, daß er nicht wie gewöhnlich an meiner Seite war. 1*. — 69— — Wo biſt Du, Bob?— fragte ich den Kna⸗ ben, der hinter mir tritt und von dem Fruͤhſtücke aß, das er ſich aus Dunsdale⸗Caſtle mitgenommen hatte. — Ach, Sir!— rief er und trabte raſch an meine Seite,— ich wollte nicht ſtören, Sie ſchienen in Gedanken vertieft zu ſein... — Es thut nichts, Du kannſt immer neben mir reiten... und iß nur weiter... ſchmeckt es Dir? — Vortrefflich, Sir... Morgens immer am beſten! — Nun, es fehlt Dir Mittags und Abends auch nicht an Appetit. = O nein, Sir, aber es war auch'ne ſchoͤne Küche, die da in Dunsdale⸗Caſtle; ich habe in mei⸗ nem Leben ſo was nicht gegeſſen!* — Du haſt noch ſehr Vieles nicht gegeſſen, was Dir geboten werden wird... — Ja... hm! ich wäre gern noch ein Paar Tage, den Sonntag wenigſtens, dageblieben. .— Du kannſt umkehren und mir nach einigen 4 Tagen nachkommen, wenn Du ſonſt willſt... ich eerlaube es Dir. Der Knabe ſah mich ernſthaft an, ſteckte ſein Frühſtück ein und erwiderte: 4— Nicht doch, Sir! So habe ich es nicht ge⸗ -— 70— meint.. ich dachte nur, es wäre ſchön, ſolch Le⸗ ben zu führen, wie der alte Herr Haushofmeiſter führt...* 3 — Hml den Wunſch könnteſt Du noch einmal in Deinem Leben in Erfüllung gehen ſehen!— ſagte ich, in der Meinung, Bob aufzumuntern, der durch meine vorherige etwas haſtige Anrede verlegen ſchien. — Schon recht! das wäre gerade, was ich mir wünſchte, Sir,... die Stelle möchte ich haben! Ich dachte einige Augenblicke nach und erwiderte dann:.. — Der Wunſch iſt ſo übel nicht und kann wohl einmal in Erfüllung gehen. Ja, ja,— fuhr ich fort, als er ungläubig lä⸗ chelte,— Deinem Vater wenigſtens iſt die Stelle ge⸗ wiß genug und Du biſt ja jünger als er und ſein nächſter Erbe... 3 — Dann muß aber erſt Mylord Percy wieder dort ſein! Hm! dachte ich, der Junge hat Recht! das iſt die Sache! 4... Und wir ritten wieder eine Weile, ohne zu ſpre⸗ chen, weiter.. 4 Der Morgen war ſchon warm, der Mittag wurde heiß und wir ruhten in der größten Hitze zwei Stun V V 7 1 Knabe fühlt ſchon wieder Sehnſucht nach der Hei⸗ — 171.— den länger als gewöhnlich. Gegen Abend erreichten wir die Grenze der Herrſchaft Dunsdale und am näch⸗ ſten Morgen befanden wir uns in einer Gegend, die zwar kaum weniger fruchtbar war, aber doch ein ganz anderes Gepräge trug. Graugrüne Fichten bedeckten meilenweit den Boden, dann kam niedriger Anbau, dann Schonung, dann wieder Fichtenwald, Haide⸗ kraut und endlich ein tiefer Moorgrund. — Es iſt doch nirgends ſo ſchön wie in der Graf⸗ ſchaft Dunsdale, Sir! ach! der große ſchöne Eichen⸗ wald und der Raſenteppich darunter... wenn wir doch erſt wieder zurück könnten! — Die Welt iſt groß, Bob, und viele Gegen⸗ den ſind noch ſchöner, als die um Dunsdale. Den⸗ noch iſt es ganz vortrefflich dort, und ich bliebe auch gern, wo es mir gefällt; jetzt aber haben wir Ge⸗ ſchafte vor uns und reiten ohne Rückblick weiter... morgen biſt Du ſchon bei Deiner Tante Urſula... — Ha! Tante Urſula! was wird ſie ſagen, wenn ich zu Pferde vor ihr Haus komme! 8— Ja, und wie wird ſie ſich freuen, Bob! Wie lange haſt Du ſie nicht geſehen? — Seit drei Monaten nicht, Sir. Seit drei Monaten nicht! dachte ich, und der ** — 2— 8 math und ſeinen Lieben. Percy hat mehr verlaſſen müſſen als er, und iſt ſchon vier Jahre fort und w07... Und wir ritten weiter, bis der Abend kam und das zweite Nachtquartier uns aufnahm. Der dritte Morgen fand uns früh wieder reiſe⸗ fertig. Bob's Herz klopfte vor Freuden, das meine vor Erwartung. Ich ſollte Codrington⸗Hall ſehen, Mr. Graham's Wohnung am See ſehen und... Mylord Seymour kennen lernen. Süßes und Bitte⸗ res wogte durch meine Bruſt und in der Ungeduld meiner Erwartung trabte ich ſchneller als ahalich fort. ... Es war Nachmittag; wir eichren wieder ein grünes Laubgehölz, welches von mehreren Wegen durchſchnitten war. Je weiter wir kamen, um ſo ſtiller wurde ich, und Bob, obwohl Beide aus ver⸗ ſchiedenen Gründen. Der Knabe wandte ſein Augge rechts und links, plötzlich aber hielt er ſein Pferd an, ergriff meinen Arm und rief aus voller Bruſt: — Da.. hier, halt, Sir!... da ſind die beiden Wege endlich, die wohlbekannten... dieſer zur Rechten führt zu meiner Tante Haus, dieſer zur Linken nach Codrington⸗Hall, gerade auf Mr. Gra⸗ hanrs Haus los. Sie können es nicht verfehlen, Sir! Ich merkte, was der Knabe damit ſagen wollte. 5 Ich hielt ſtill und ſah mich um. — Es iſt gut, Bob,— ſprach ich in einer ei⸗ genthüͤmlichen Beklemmung,— gehe zu Deiner Tante, grüße ſie von mir und freue Dich des Glücks, ſie wiederzuſehen. Wenn Du Dich aber ſatt erzählt haſt, ſo komm morgen früh nach Codrington⸗Hall, wo ich die Nacht zu bleiben gedenke. Pflege aber Dein Pferd gut und nun lebe wohl... auf Wiederſehn! Der Knabe nahm ſein ſammetnes Mitzchen ab, verbeugte ſich auf dem Pferde und ſagte: — Auf gut Glück, Sir! und grüßen Sie den ſchwarzen Mann Seymour von ſeinem beſten Kanin⸗ chenjäger. Adieu, adieu!— 1 Und dies mit lächelnder Miene rufend, die aber unendlich kindlich und gutmüthig war, gab er ſeinem kleinen Fuchswallach die Sporen und jagte mit ver⸗ hängtem Zügel der Wohnung ſeiner Tante zu, denn er mußte ja ritterlich und ſtattlich wie ein Herr vor ihr erſcheinen! Ich hielt ſtill, bis ich ihn aus den Augen ver⸗ loren hatte, dann ritt ich, ohne mich um irgend et⸗ was außer mir zu kümmern, langſam weiter. Ich war wieder allein mit meinen Gedanken, und dieſe Gedanken erfaßten mich mit der Gewalt, we che 4 überhaupt ein tiefer, ſchwerer Gedanke haben kann, wenn er das Gehirn eines ihm unterworfenen Men⸗ ſchen gänzlich eingenommen hat. „ Ich war alſo in der Nähe der Stätte, die ſo ſüße und ſo ſchreckliche Dinge geſehen hatte! Wie wiürde ich ſie finden... was würde ſie zu mir ſa⸗ gen? Denn auch lebloſe Gegenſtände, um die der Sturm des Lebens geſauſt oder auf die die Sonne des Glücks geſchienen, haben ihre eigene Sprache, und dieſe Sprache tönt um ſo lauter und verſtändlicher, da ſie nicht zu unſerem Ohre, ſondern zugleich zu un⸗ ſerem Herzen und zu unſeren Augen ſpricht. Aus dem träumeriſchen Zuſtande, in den ich mich bei Annäherung an Mr. Graham's Haus verſetzt fühlte, wurde ich durch das ſonderbare Benehmen meines Pferdes allmälig geweckt, das ich anfangs nicht bemerkte und erſt dann gewahr wurde, als die Wirkung eine körperlich fühlbare für mich geworden war. Allmälig nämlich war das Thier aus ſeinem ru⸗ higen Schritt in einen kurzen Trab gefallen, hatte die Ohren erhoben, ſchnupperte mit der Naſe herum, und endlich wieherte es mit einem reudigſtolzen und wie⸗ derholten Schwenken des Kopfes laut. Ohne daß ich„ irgend etwas dazu that, fiel es in einen ſanften Go — 75— lopp, der allmälig ſo ungeſtüm und reißend wurde, daß ich kaum ſein Feuer zu zügeln vermochte. Ich blickte um mich her, um zu ſehen, ob irgend etwas vorhanden ſei, was das Pferd dergeſtalt aufregen könne, aber es war nichts zu bemerken. Da wurde es mir plötzlich klar... ſollte es wohl der Inſtinkt des Thieres ſein? Sollten es die früher geſehenen und wohlbekannten Wege ſein, die es durch ſeine Witterung wahrnahm oder die in ſei⸗ nem Gedächtniß wie eine freundliche Erinnerung wie⸗ der auftauchten? Ja, es konnte nichts anderes ſein,— Bravour erkannte die Wege und das Ziel wieder, wo⸗ hin ſie führten, und um bald am Ende ſeiner Reiſe„ zu ſein, fiel er in ein raſcheres Tempo ſeines Laufes und begrüßte die bekannten Gegtnden durch ſein Wie⸗ hern! — Aha! dachte ich, Bravour weiß, wohin es geht, er hat dieſen Weg oft gemacht, er kennt ihn beſſer, als ich... vorwärts, guter Freund! und ihm . die volle Freiheit gebend, ſauſte er mit mir unter den Bäumen und durch das Geſträuch dahin, daß es rinnggs herum krachte und rauſchte und der ichwarze Moor⸗* grund hinter mir aufflog. 1 . Da ich ſeinen ſicheren Tritt auch bein Rlüchtig⸗ ſten Laufe kannte, war ich unbeſorgt... raſch g es vorwärts... der Renner ſchnaubte und flog da⸗ hin, daß ich mir den Hut halten mußte... ſiehe! da kam ein Graben... mit einem gewaltigen Satze wurde er überſprungen... ach! es war jener Grenz⸗ graben, über den er auch Percy ſo oft in glückliche⸗ ren Tagen getragen... noch einige Sekunden... und er ſtand ſchnaubend ſtill und wieherte laut vor der verſchloſſenen Thür eines altergrauen Gemäuers, das zwei runde und mit grünem uralten Mooſe be⸗ deckte Thürme zu jeder Seite einſchloſſen.... Aber kein Ruf, keine bewillkommnende Stimme beantwortete den freudigen Gruß Bravour's. Ich ſprang ab und ließ die Zügel des Roſſes. fahren. Ich klopfte an die verſchloſſenen Fenſterläden... Alles war ſtill wie in tiefſter Nacht. Ja, als wenn der ſonſt ſo lebendige Wald um das Haus herum mittrauerte, war auch in ihm Alles ruhig und ſchweig⸗ ſam. Kein Vogel zwitſcherte, kein Blättchen rührte ſich, es lag eine ſo vollkommene Oede über dem ver⸗ laſſenen Hauſe, daß mich in dieſer Einſamkeit ſchau⸗ derte, die mir in meinen Phantaſieen ſo belebt vor⸗ Lelaummen war. —al wir finden die Räume, die mit unſeren Idealen bevölkert ſind, immer anders, als wir ſie * — — 77— 2*. uns vorgeſtellt haben! Selten ſchoͤner, lebendiger, ermuthigender... viel häufiger beſchränkter, öder, verlaſſener!......... * Eine nnendlich melancholiſche Stimmung erfaßte mich und bewältigte mich faſt ganz... das Haus mit ſeinen verödeten Thüren und ſeinen verſchloſſenen Fenſtern kam mir vor wie der Leichnam eines eben entſchlafenen, theuren Menſchen, deſſen Augen zuge⸗ drückt ſind, und die, von ewiger Nacht befangen, nie mehr dem lieblichen Tageslichte erſchloſſen werden ſoll⸗ ten!... Mußte... konnte es für ewig ſein? flüſterte eine traurige Stimme in der Tiefe meiner Bruſt... Ich antwortete nichts... ich hörte nichts, als das laute Athmen und das abgebrochene Schnuppern meines Pferdes, das an den Ritzen der Thür herum ſuchte, aus welcher ihm früͤher vielleicht oft eine ſüße Hand einen Leckerbiſſen dargeboten und ſeinen ſchlan⸗ ken Hals geliebkoſt hatte......... .. Ich wandte mich rechts... ach! da lag der ſtille blaue See... weit hin ſich dehnend... klar, ruhig, wie die Seele eines ſchlummernden Kin⸗ des... Keine einzige rauſchende Welle trug ihren „6— 78— kräuſelte ſeinen wie verſtorben daliegenden, nur im Sonnenſcheine glänzenden Spiegel... Unwillkürlich erhob ich meine Augen zum Him⸗ mel... ach! auch er war ſo klar und rein und durchſichtig, wie ein geſchliffener Kryſtall! Ich ſchaute nach allen vier Richtungen... kein flimmerndes Wölkchen war an ihm zu ſehen, ſo weit und hoch er ſich auch dehnte... Percy! rief ich, ohne daß ich es wußte, laut aus,.. Dein Geſchick iſt noch nicht erfüllt... Wolken und Sturm, und Wogen und Nacht giebt es nur noch für Dich allein!.... Wie lange ich hinſchauend und ſinnend daſtand, ich weiß es nicht mehr... aber es mußte ſehr lange ſein... ich fand mich aus meinen Träumereien erſt wieder, die Arme auf der Bruſt gekreuzt und meine Blicke auf die kalten Steine vor der Hausthür gerich⸗ tet, aus der Niemand hervortrat, mich zu begrüßen, als mein Pferd, vielleicht ebenfalls nach einer leben⸗ digen Erſcheinung ſich umblickend, laut zu wiehern anfing. Faſt mit Gewalt riß ich mich aus meinen Träumereien empor und ging rings um das alte Ge⸗ bäude herum, um mir jedes Einzelne, jedes Fenſter, jeden Sims zu betrachten, denn Alles war mir ja wichtig und theuer! Ich rief auch einmal laut, denn es kam mir vor, als hörte ich im Innern eine leiſe 1 — 79— Bewegung, als wenn ſich Jemand aus langem tie⸗ fem Schlafe erhebe, aber... die Bewegung war nur in mir... keine Stimme antwortete, das Haus wie die Natur waren ſtumm... wohl! hatten ſie doch früher genug in Freude und in Schmerz geſprochen! Ich ging wieder vor die Thür zu meinem Pferde, nahm es am Zügel und ſchritt mit ihm in die mir ſo deutlich beſchriebene Kaſtanienallee hinein. Jeden Baum unterſuchte ich hier mit meinen Augen... hier hatte vielleicht Ellinor mit Othello auf dem Ra⸗ ſen gelegen, als der Mann aus dem Walde mit der ganzen Natur im Herzen und den ganzen Buſen vol⸗. ler Liebe, als Percy zu ihr trat... nein da... nein hier... nein dort... unter jener Buche war es vielleicht geweſen... Träume! Träume! weshalb beſucht ihr des Men⸗ ſchen ſchlummernde Seele ſo oft, ſie zu quälen, ſie zu ſtacheln, ſie zur feurigen That und zu kühnen Un⸗ ternehmungen zu tkeiben!... Dieſe Träume aber, die dieſen Tag, in dieſer Stunde mich gaukelnd umſchwebten, waren wohl quä⸗ lend, aber nicht ſtachelnd, keine Luſt zur That erweck⸗ ten ſie in mir... ich bekenne es offen... nein! rs war nur das Gefühl der Wehmuth, der ſtillen, unerarürsdlich tiefen Wehmuth um das verlorene Glück — 80— zweier edlen, zweier vortrefflichen und ſo ſchwer ge⸗ prüften Herzen!... Ich ſchritt die Kaſtanienallee hinab... ſchon von Weitem hatte ich das graue, alterthümliche Schloß Lord Seymour's geſehen, das ſo öde und finſter aus⸗ ſah, wie es in dem erſtorbenen Herzen ſeines Be⸗ ſitzers war, und das dieſen ſtolzen, kalten, unbezähm⸗ baren Geiſt ſchon von früher Jugend an mit ſeiner anſteckenden trüben Finſterniß wie eine Wohnung des böſen Dämons gefeſſelt hatte. Ich trat näher... alle Wärme entwich aus meiner Bruſt, es wurde in mir kalt, mitten im Som⸗ mer und in den ſengenden Strahlen einer Juliſonne, eiſig kalt mitten im Gefühle der Liebe und der Erin⸗ nerung an die Liebe... Endlich ſtand ich dicht davor, an der Thür, wo der Mann mit dem grimmig lächelnden Geſicht ge⸗ ſtanden, wo Mortimer geſtanden und die erſte glück⸗ liche Umarmung ſeines Bruders und Ellinor's mit angeſehen und bei ſeinem verlorenen Himmel Rache geſchnaubt und auch vollführt hatte! Alle meine Wehmuth erloſch plötzlich, ich er⸗ aaannte mich, ich fühlte wieder, daß ich nicht ein bloß träumender, ſondern auch ein handelnder Me⸗ ſollte... ich ſprang auf’'s Pferd und raſch um das lange Gebäude herum vor das große Ein⸗ gangsthor. Aber mir wurde weder ein freundlicher Anblick, noch ein froher Empfang. Kalt wie die Menſchen, die darin wohnten, und die nur glühend wurden, wenn die Hitze der Leidenſchaft ihre ſtarre Bruſt auf⸗ ſchüttelte, war der Anblick des einſamen, aus einem harten, dunkelfarbigen Sandſtein errichteten Gebäudes, denn auch dieſes Haus war für den Augenblick bei⸗ nahe verlaſſen. Eine große und breite, ſchwerfällig ſich erhebende Terraſſe aus demſelben Geſtein wand ſich in der Mitte empor und war mit einer Anfuhrt verſehen. Auf der⸗ ſelben ſtanden acht alte, faſt verkümmerte Orangen⸗ bäume mit gelben, trockenen Blättern, die eben ſo einſam und traurig blickten, wie das ganze Haus. Da war keine Blume, kein freundlich blühender Strauch, kein grünender Raſen, keine üppig vegetirende Einfaſ⸗ ſung der trocknen vergelbten Raſenplätze, nur Stein ... falbes Moos und graue Erde... das war Al⸗ les, was ich ſah. Ich ritt die Terraſſe hinan und ſal Jemand um, der mich empfinge. ſtill. Schon wollte ich durch Daſein zu erkennen geben, St. James. verroſteten Klopfer an der Thür. Ich ergriff ihn und bewegte ihn heftig, ſo daß ſeine dumpfen und klang⸗ loſen Töne durch die ſtille Umgebung ſchallten und an dem düſteren Walde im ſchaurigen Echo ſich wie— derholten. Da hörte ich Schritte im Innern ſich der Thür nähern, und nach einer Weile erſchien auf der Schwelle ein trotzig blickender Mann, der mich anſtaunte, als hätte er eher etwas Anderes, als einen Menſchen, vor dem ungaſtlichen Hauſe erwartet. — Was iſt Ihr Begehr?— fragte er mich rauh. Wie der Herr, ſo der Diener! dachte ich und verſetzte: — Iſt dies Codrington⸗Hall, des Marquis von Seymour Beſitzthum? — So iſt es, und was wollen Sie von ihm? — Ihn ſprechen... iſt er zu Hauſe? — Nein! — Und wo iſt er? — Seit drei Tagen nach London... er iſt krank und will ſich heilen laſſen! Weiß man nicht, wann er zurückkommt?... interlaſſen? Wenn er geſund iſt und es — — 83— — Da habt Ihr dieſelbe Meinung, wie ich iſt Niemand von ſeiner Familie hier? S Der Mann ſtarrte mich, wie es ſchien, verwun⸗ dert an und erwiderte: 3 — Niemand, Sir! Sir Mortimer iſt mit nach 1 London! — Und ſeit drei Tagen...2 — Ich habe es ſchon geſagt... ſeit drei Tagen! — Ihr ſcheint noch nicht zu wiſſen, daß man das, was man zweimal hört, beſſer verſteht. Merkt Euch das für die Zukunft!... Welchen Weg nahm Seine Herrlichkeit? — Den da!— Und er zeigte mit dem Finger in den Wald hinein. Ich drehte mich nach dem an⸗ gedeuteten Wege um und ſah einen Augenblick ſhwei⸗ 4 gend hin. Als ich mich wieder umwandte, hatte der Grobian die Thür ſchon wieder halb geſchloſſen. — Es iſt gut!— ſagte ich und wollte mich ent⸗ fernen. — Und habe ich nichts zu melden von Ihrem ALeſuche?— fragte der Mann zogernd und machte die Thür wieder halb auf, als er meinen ntht ſehr freundlichen Blick ſah. 4 Ich dachte einen Augenblick nach. de kam mir ein Gedanke ein, von dem ich heute noc nicht weiß⸗ wie er mir über die Lippen flog, der aber in Zukunft den. Mann für ſeine Grobheit beſtrafte, wie der Leſer zu ſeiner Zeit erfahren wird. — St. James laſſe grüßen... könnt Ihr ſa⸗ gen... — St. James?... Es iſt gut! — Adieu! — Leben Sie wohl, Sir! Und der Menſch ſchlug laut krachend die Thür hinter ſich zu... Nach London!— ſagte ich zu mir ſelber... alſo ich ſoͤll und muß nach London!... gut! Elli⸗ nor iſt vielleicht auch dort, und da iſt ja nicht allein 4 die Nacht, ſondern auch der Tag auf meinem Wege! Ich wandte Bravour's Kopf wieder nach der f Kaſtanienallee; er ſchien lieber von dieſem Hauſe zu gehen, als er gekommen war. Noch einmal wieherte er, als ich vor Mr. Graham's ehemaligem Hauſe vorüber kam. Noch einmal ſah auch ich mir das ausgeſtorbene Gemäuer an, warf noch einen Blick auf den See, einen Blick nach dem Himmel, dann, ſo ſeid es mir that, das gute Thier heute ungewöhn⸗ lie ſtrengen zu müſſen, trabte ich raſchen Schrit⸗ a tes den Weg zurück, den ich gekommen war, der 8. Waldwohnung der Schweſter des Krämers zu, denn ich ſehnte mich, wieder unter Menſchen zu ſein.... Der Abend war bereits angebrochen, als ich vor dem kleinen Waldhäuschen, das ich ohne Weiteres gefunden hatte, abſtieg. Ich klopfte an das Vorder⸗ zimmer zur rechten Hand, worin ich ſprechen hörte, und eintretend fand ich Tante Urſula mit ihrem Nef⸗ fen Bob höchſt behaglich an einem Tiſche ſitzen und ihr einfaches Abendbrot verzehren. Beide ſahen mich betroffen an, als ich mit ei⸗ nem freundlichen Gruße ſo plötzlich vor ihnen ſtand, und erhoben ſich ſogleich von ihren Plätzen. — Sie erhalten heute Abend mehr Gäſte, als Sie heute Morgen erwartet haben, Mrs. Dickſtone! — ſagte ich.— Indeſſen zwingt mich die Noth, Ih⸗ nen mit meiner Gegenwart beſchwerlich zu fallen.— gun dabei reichte ich ihr meine Hand hin, da ſie mir ie ihrige zuvorkommend entgegengeſtreckt hatte, ſo⸗ bald Bob Fuh den Ausruf meines Namens ihr aan⸗ gezeigt, daß zes ſein gegenwärtiger Herr ſei, der ſo eben ins Zimmer getreten war. 3 — Ob leich mich Ihre unerwartete riheinum — 86— überraſcht, Sir,— antwortete ſie,— ſo freut es mich doch, Sie zu ſehen und Ihnen meinen Dank für Ihre Güte gegen meinen Neffen ausſprechen zu kön⸗ nen. Jedoch wundere ich mich, daß man Sie nicht in Codrington⸗Hall behalten hat, zumal es, wie ich höre, Ihre Abſicht war, daſelbſt zu übernachten. — Der Menſch denkt und Gott lenkt, liebe Frau! Es war allerdings meine Abſicht, dort zu bleiben, jedoch werden Sie ſich erinnern, daß vor einigen Jahren ein anderer Gaſt Ihre Gefälligkeit in Anſpruch nahm, der noch mehr Rechte hatte, in Codrington⸗ Hall zu übernachten, als ich, und der es dennoch vorzog, Ihr ſtilles Haus zu bewohnen, als jene präch⸗ tigen Säle. Uebrigens iſt Mylord Seymour vor drei Tagen nach London gereiſt und unter ſeinen groben Dienern zu verweilen, wenn ſie mich auch dazu ein⸗ geladen hätten, fühlte ich keine beſondere Neigung. — Ach! iſt es ſo! Freilich.. dann, dann nehmen Sie vorlieb, ſetzen Sie ſich, Sir, und ge⸗ nießen Sie eben ſo gern, wie wir es geben und was wir haben, ein wenig Wildpret und Eier... es iſt heute Feſttag bei mir, denn der gute Bob iſt wie⸗ der da! 7* Bob war entzückt über die Freude ſaner Tante und rückte mirt einen Stuhl an den Tiß Z, auf den 4 4 n 7 ſogleich Teller und Zubehör aufgetragen wurde. Ich nahm auch ohne Umſtände Platz und ließ es mir wohl ſein. 5 3 — Ich höre— begann die Frau wieder— Sie reiſen in Angelegenheit Sr. Herrlichkeit, Mylord Per⸗ cy's, und da ich vergeblich auf meinen Bruder ge⸗ wartet habe, der ebenfalls mit Mylord in Verbin⸗ dung ſteht und mir nicht hinterlaſſen hat, wo ich ihn finden könnte, ſo iſt es mir lieb, daß ich Sie ſehe, denn ich habe einen Brief für Seine Herrlichkeit. — Einen Brief?— rief ich— wo iſt er? Bob nahm ihn aus ſeiner Taſche, in der er ſchon für mich aufbewahrt war, und überreichte ihn mir.. Meine Vermuthung traf ein, er war abermals von Ellinor. Auch hierher hatte ſie Nachricht geſandt, in der Hoffnung, man werde vielleicht Mittel und Wege wiſſen, Percy dieſelbe zuzuſtellen. Der Inhalt des Briefes war dem vorigen ziemlich ähnlich, nur hatte er den Vorzug voraus, erſt vor einem Viertel⸗ jahre geſchrieben zu ſein; alſo war er gleich nach der Zeit angelangt, nachdem Phillipps ſeine Knaben von der Schweſter abgeholt hatte. Durch dieſe Nachricht war ich daher der Schreiberin ſchon näher gekoͤnnnen, zumal als ihr beſtimmter gegemsäͤriiger Wohnort Lon⸗ — 88— don und das Haus ihres Oheims angegeben war. Doch weshalb hatte ſie vor ſechs Wochen eine aber⸗ malige Reiſe nach Dunsdale unternommen, wenn ihre Verhältniſſe dieſelben geblieben waren? Der Grund dieſer Reiſe ſchien mir etwas dunkel, wenn man nicht annehmen wollte, daß ſie durch perſönliche Nachfor⸗ ſchung einen ſichereren Erfolg hatte erzielen wollen. War dies Letztere nicht anzunehmen, ſo hielt ich mich für überzeugt, daß ſte ihren Wohnort gewechſelt habe, jetzt alſo nicht mehr in London ſei, und daß jener an Mrs. Trallope unglücklicherweiſe abgegebene Brief dieſen Wechſel habe andeuten ſollen. Was ſie alſo anbetrifft, ſo ging ich ihr in London auch nicht be⸗ ſtimmt entgegen, doch war ich wenigſtens voll Hoff⸗ nung, von ihres Oheims Hauſe aus ihre Spuren am beſten weiter verfolgen zu können. Was mich aber von Neuem etwas traurig ſtimm⸗ te, war, daß ſich auch in dieſem Briefe, obwohl auf die ſchonendſte Weiſe vorgetragen, ein leidender Ge⸗ ⸗ ſundheitszuſtand der Schreiberin auszuſprechen ſchien. 4 Ich lehnte mich einige Augenblicke nachdenklich gegen die Lehne meines Stuhls zurück, und fügte die⸗ ſes neue Ergebniß meiner Forſchung den übrigen ſchon in meinem Kopfe befindlichen hinzu. — Der Brief enthält traurige Nachrichten, Sir, nicht? — Nein, Mrs. Dickſtone, das gerade nicht! Im Gegentheil, er belebt meine Hoffnungen, Lady Duns⸗ dale zu finden, die, wie Sie höchſt wahrſcheinlich wiſſen, von ihrem Gemahle getrennt lebt; aber den: noch macht er mich einigermaßen wegen ihres Ge⸗ ſundheitszuſtandes beſorgt, obwohl nichts Ausdrück⸗ liches darüber in dem Schreiben enthalten iſt. 1 — Ach, ſollte das ſein! Das würde mich über Alles ſchmerzen. Wohl weiß ich, welche traurigen Ere: eigniſſe damals hier vorgegangen ſind, wenn mir auch nicht bekannt iſt, wo Seine Herrlichkeit ſich ſo lange gezwungenermaßen aufhält, da mein Bruder ſich über ddieſen Punkt Niemandem, ſelbſt mir nicht, mitgetheilt hat. Und ſollte ſie noch leidend ſein, die ſchöne Miß Ellinor, das theure Kind! — Erzählen Sie mir, was Sie von dieſem lie⸗ ben Mädchen wiſſen... ich höre ſo gern von ihr, da ich ſie nie geſehen habe. Und die gute Frau erzählte ein Paar Stunden lang ſo viel Liebes und Vortreffliches von Ellinor und ihrem Vater, daß ich kaum Ohren genug hatte, zu hören, und nicht halb ſo viel Ssdächmi um Als zu behalten. Ehe wir uns zur Ruhe begaben, beſprachen wir noch, was wir am nächſten Morgen, bevor wir uns auf die Reiſe begäben, thun wollten, unterhielten uns über dieſe ſelbſt, und endlich, da die Nacht herange⸗ kommen war, führte mich meine Wirthin in mein Schlafzimmer, das erſt für Bob, nun aber für mich in Bereitſchaft geſetzt worden war. Es war daſſelbe, welches Percy vor vier Jah⸗ ren während jener Verbannung aus ſeinem väterlichen Hauſe bewohnt hatte, dieſelben ſchmalen Wände, die⸗ ſelbe niedrige Decke, die ihn umſchloſſen, und dieſel⸗ ben wilden Weinreben vor dem kleinen Fenſter, die ihm Schatten gegen die Strahlen der Sonne gewährt hatten... Ich brachte darin eine lange und beinahe ſchlafloſe Nacht zu........... Früh am nächſten Morgen ſandten wir einen Boten nach Codrington⸗Hall, mit einem ſchriftlichen Auftrag von meiner Hand, jeden möglicherweiſe an mich ankommenden Brief unter meiner Adreſſe, mit demſelben Boten, der ihn bringen würde, ſogleich nach London zu ſenden, für den ich die Adreſſe Sir William Graham's verſiegelt beigefügt hatte. Ich mußte mich zu dieſem Schritt entſchließen, ſo ungern ich es auch that, indem ich, wenn der In⸗ 8 — 91— halt dieſer verſtegelten Adreſſe bekannt wurde, durch Nennung des bekannten Namens Graham ſowohl Verdacht erregte, als auch geradezu die Mittel und Wege, mir entgegenzuarbeiten, enthüllte. Allein einmal erforderte ihn die Nothwendigkeit, denn es bot ſich mir keine andere Gelegenheit dar, Ellinor's Brief, wenn er ſich noch finden ſollte, in meine Hände zu bekommen, was doch das Wichtigſte war; dann aber war es mir auch am Ende gleich⸗ gültig, ob Verdacht gegen mich entſtünde oder nicht, ich war jetzt auf dem Wege zu handeln und offen mit meinen Abſichten herauszutreten, mochte kommen, was wollte. Zurück nach Dunsdale⸗Caſtle aber konnte ich gar nicht, denn die Zeit war mir karg zugemeſ⸗ ſen und mein eigenes Verlangen drängte mich gewalt⸗ ſam vorwärts, irgend einer Entſcheidung entgegen... Um die zu unſerer Abreiſe feſtgeſetzte Stunde führte Bob die Pferde heraus, die ſich auf der wei⸗ chen Streu wohlbefunden und das ſchönſte Futter der Umgegend hatten ſchmecken laſſen, und wir ſaßen nach einem, namentlich von Bob's Seite lebhaftem Abſchied, wieder einmal in den Bügeln. Auch an Mrs. Dickſtone vergaß ich nicht, den Deſcgi ergehen zu laſ ſen, im Fall noch ein Buif käme, mir denſelben an die bekannte At reſſe nachzu⸗ ſenden........... Die Reiſe, die jetzt vor mir lag, war die längſte von allen bisher unternommenen, denn ich brauchte, der Pferde wegen, beinahe neun Tage dazu. Alles ging nach Wunſch von Statten, außer daß mir, trotz aller meiner Bemühungen und Anfragen, irgend eine Spur von Ellinor zu finden, in dieſer Beziehung Al⸗ les mißglückte. 6 Um den Leſer indeſſen nicht zu ermüden, der mir gern die nähere Beſchreibung dieſes langen Rittes er⸗ läßt, verſetze ich ihn ſchnell an das Ende meines nächſten Zieles, denn die neuen Bekanntſchaften, die er mit mir zu machen hat, drängen allmälig näher auf mich ein, und die noch nicht handelnd aufgetre⸗ .*. achtet ſein. 4 Somit führe ich ihn denn ſogleich mit mir nach mich nach Schottland zu begeben, von wo ich An⸗ fangs Juni in St. James eingetroffen war, woſelbſt ich zum erſten Male die Ehre hatte, meinen Freun⸗ den mich redend vorzuſtellen. tenen Perſonen wollen von dem Leſer ebenfalls beob⸗ London, welches ich Ende Aprils verlaſſen hatte, um IV. Ein berühmter Irrenarzt. Der Leſer kennt das laute Gewühl und die drückende Schwüle, die Anfangs Auguſt den Reiſen⸗ den umgeben, wenn er von der Seite der City in 1 die ungeheure Hauptſtadt eintritt. Der Eindruck der* unruhe aber und der Verwunderung, den dieſes nir⸗ gends wieder anzutreffende Treiben auf jeden Frem⸗ den hervorzubringen pflegt, trat bei mir diesmal nicht ein, denn ich ſah in London jetzt nur den Ort, um welchen meine Gedanken ſo lange hoffnungssoll her⸗ umgeſchwärmt waren, und der alle die Vorbereitun⸗ gen, die ich bisher erzählt habe, durch einen glück⸗ lichen Erfolg krönen ſollte. Der große Kreis meiner Unternehmungen war mir durch die Ankunft in die⸗ ſer Stadt, wo alle meine gegenwärtigen Intereſſen * 4 4 — 94—* ſich vereinigten, geoͤffnet, und ich beſchloß, dieſelben ſogleich thätig und eilig zu beginnen. Während meiner früheren Anweſenheit in London hatte ich bei einem befreundeten Landsmanne gewohnt, jetzt aber, um Herr meiner Zeit und völlig unabhän⸗ gig zu ſein, bezog ich ein Hotel ſo nahe wie möglich der Wohnung meines Gönners, des Freundes meines Vaters, des berühmten Arztes Sir John..., der damals in Regent⸗Street wohnhaft war. Es iſt ein behagliches Gefühl, von einer an⸗ ſtrengenden R Reiſe zurückgekehrt, auf einem ſtillen und wohnlich eingerichteten Zimmer ſich der Ruhe und dem ungeſtörten Nachdenken überlaſſen zu können, ich aber⸗ empfand dieſes behagliche Gefühl nicht. Denn mein Geiſt war zu rege und umherſchweifend, und mein Gemüth zu bewegt, um friedlichen Gedanken und r 4 higen Betrachtungen Zutritt zu geſtatten. 3 Vor allen Dingen entledigte ich mich des vielen Geldes, welches ich bei mir trug, und ordnete meine Papiere, denn am nächſten Morgen ſchon wollte ich 1 meine nothwendigſten Beſuche machen, um mich ſo⸗ gleich von der Lage der Dinge zu überzeugen.— An andere Beſuche, in Betreff meiner eigenen Angelegenheiten, dachte ich nicht. n Schritt in London ſollte daher der 4. 95— auf den frühſten Morgen feſtgeſetzte Gang zu Sir John... ſein, und um ihn von meiner Anweſen⸗ heit zunächſt zu unterrichten, ſchickte ich noch Abends zuvor, bald nach meiner Ankunft, eine Karte zu ihm, worauf ich die Antwort erhielt, daß mein Beſuch an⸗ genehm ſein würde und ſchon erwartet wäre. Doch um den Leſer über die ungewöhnliche Per⸗ ſönlichkeit dieſes Sir John... in etwas außzuklä⸗ ren, halte ich es für gerathen, einige Bemerkungen über ſeine Stellung, ſeinen Charckter! und ſeinen Wir⸗ kungskreis voranzuſchicen Der Baronet Sir John... war einer der aus⸗ gezeichnetſten Aerzte und zugleich einer der gebildetſten Männer, die ich auf meinen weiten Reiſen kennen zu lernen das Glück hatte. Mit einem unerſchütterlich — feſten Charakter und doch mit der zarteſten Gemüth⸗ lichkeit begabt, hatte er durch eiſernen Willensfleiß, durch ununterbrochenes Studium an den erſten Quel⸗ len des ärztlichen Lebens, ſo wie durch die originelle Begabung ſeines klaren Geiſtes, Anerkennung und Beifall auf der ganzen Laufbahn ſeines thatenreichen Lebens gefunden. Denker, Arzt und Menſch in einer Perſon und außerordentlich reich an den mannichfal⸗ iigſten Erfahrungen, hatte er ſtets als Heroe an der Spitze der Geſellſchaft und des akadamiſchoft Lebens . — 96— geſtanden. Früher einer der erſten und geſuchteſten Aerzte, ſo wie ein geſchickter, kühner Operateur, Hatte er ſich erſt ſpäter mit einer faſt grenzenloſen Neigung auf das unerforſchlich tiefe Studium der Gemüths⸗ krankheiten des Menſchen geworfen, und ſeine Beſtre⸗ bungen waren auch in dieſer Richtung von den herr⸗ lichſten Erfolgen gekroͤnt worden. Er dachte und lebte jetzt nur in dem Geiſte An⸗ derer, die weniger Verſtand und Urtheilskraft hatten, als er, um jenen mattglimmenden Funken, wie Percy es nannte, der von dem erloſchenen Lichte noch übrig geblieben war, heller anzufachen und die Urſachen dieſes Erlöſchens zu ergruüͤnden und zu beſeitigen, war die weite Rennbahn, auf der er gegenwärtig ſſine großen Fähigkeiten tummelte. Als Nachfolger des ſogenannten kleinen, aber in ³ Wahrheit großen Pinel am Bethlehem⸗Hospitale, dem größten Irrenhauſe der Welt, war das Geſchick ihm günſtig entgegengetreten, und wie er hier unaus⸗ geſetzt thätig war, wirkte er auch mit ſeinem Mathe und ſeinen Mitteln in der großen Welt fort. Daß ein ſolcher Mann die Achtung und Ghenengemgen. des Aus⸗ und Inlandes, und nebenbei ein großès. Vermögen auf die ſegensreichſte Art erworben, braut 3 8 ich wohl uihi noch beſonders zu erwähnen. 8* Seine Perſönlichkeit war ſo auffallend und ori⸗ ginell, wie ſeine Kenntniſſe umfaſſend und ſeine Gut⸗ müthigkeit erſtaunlich waren. Er war von mittlerer Größe, in jüngeren Jahren ſchon von ruhigem, be⸗ ſonnenem Betragen, jetzt in ſeinem Alter hinfällig und auf den erſten befangenen Anblick eiſig kalt. Dieſe Kälte aber war nicht die Folge eines erſtorbenen Her⸗ zens, ſondern ſeiner immer mehr und mehr zuneh⸗ menden Geiſtesruhe und Klarheit, ſie war die reine contemplative Iſolirung... wenn ich mich ſo aus⸗ drücken darf... von Allem, was außer ihm lag, und er bediente ſich ihrer, um deſto ungeſtörter ſeine Ideen entwickeln und ſeine Abſichten verfolgen zu können. Vor zwei Jahren vom Schlage getroffen, be⸗ wegte er ſich nur mit Mühe; ſeine Hände zitterten, ſſeine Füße ſchlotterten etwas und ſeine Zunge lallte bisweilen, ſo daß er manche Wörter nur mit Anſtren⸗ gung ausſprechen konnte, die er jedoch, wenn er an⸗ ſtieß, einen Augenblick einhaltend, mit der ſchnellſten Faſſung, obwohl langſam und mühſam, wiederholte. Daher war ſein Gang unſicher, ſeine Haltung zu⸗ ſammengeſunken, ſeine Ausdrucksweiſe in der Rege kurz, ſchnell, abgebrochen, und gab ſich oft durch A die ſonderbarſte Zuſammenſtellung von Bildern und kurzen Ausrufungen kund. a Der Irre von St. James. 3. Band. Höchſt charakteriſtiſch aber erſchien ſein geiſtreiches Geſicht, und der Ausdruck ſeiner Züge war biswei⸗ len überwältigend und hinreißend. Seine Geſichts⸗ farbe war bleich, beinahe aſchfarbig; wenige Haare bedeckten ſeinen Scheitel und dieſe wenigen waren ſil⸗ berweiß. Seine Wangen waren eingefallen, ſchlaff und der Knochenbau ſeines ganzen Antlitzes deutlich zu verfolgen. Seinen Mund hielt er, wenn er ſchwieg, ſtets zuſammengekniffen; wenn er aber ſprach, wo er überhaupt ein ganz anderer Menſch wurde, entwickel⸗ ten ſich blitzſchnell ſo ſprechende Mienen und Züge in allen Linien um dieſen Mund, daß ich oft mit ſtau⸗ nender Bewunderung dieſem bewegten Spiele ſeiner Muskeln allein zuſah. Die auffallendſte Sonderbarkeit ſeiner ganzen Er⸗ ſcheinung beſtand aber in dem eigenthümlichen Ver hältniß ſeiner Augen zu ſeinem Blick. Die Augen, graublau, rund und groß, erſchienen beim erſten Hin⸗ blick und wenn er ſtill vor ſich nieder ſah, matt, träge und faſt erloſchen; ſobald er aber auf⸗ den Blick auf Jemand heftete, ſei es im rig Geſpräch, ſei es bei der Unterſuchung und Beobachtung eines Menſchen, namentlich bei der Er⸗ forſchung ſeines Seelenzuſtandes, ſo war man geblen⸗ det von dieſem eigenthümlich brennenden Feuer, von 8, 2* — 99 * dem bannenden Feſthalten, welches dem Scharfblicke des Adlers glich, und von dem durchbohrenden Aus⸗ druck ſeines immer tiefer und tiefer ſich einſenkenden Strahlenblickes. Daher denn auch ſeine große Ge⸗ walt über die Menſchen und beſonders über alle Ir⸗ ren, die ſeinem Blicke unterworfen waren. Einmal auf einem Menſchen ruhig und unverrückt wurzelnd, durchdrang er unwiderſtehlich jede Mauer des Willens und des Hinterhalts, und indem er zu Boden ſchmet⸗ terte, las er ſelbſt die Gedanken aus der Seele und die Empfin en aus dem Herzen ſeines Opfers. Dieſer einz ſeinen klaren Geiſt und ſeinen über⸗ wältigenden Verſtand verrathende Blick reichte hin, ſei⸗ nen Willen überall durchgeführt zu ſehen, und kein Menſch, auch der roheſte, der unbändigſte un ver⸗ mochte ihm zu widerſtehen, er bezwang Jeden.— Wie er aber ſtreng als Arzt, beſtimmt in ſeinen Entſchlüſſen und unbeugſam in der Ausführung der⸗ ſelben ſich zeigte, war er aufrichtig als Freund — 100— Eine Eigenthümlichkeit aber hatte er ſich in ſei⸗ nen ſpäteren Jahren zugelegt... mein Vater wenig⸗ ſtens hatte ſie an ihm noch nicht gekannt... er liebte den Scherz, dieſer ernſte Mann, und nichts ging ihm in Geſellſchaft über einen guten Spaß, den er gar zu gern ſelbſt, in ſeiner abgebrochenen Rede⸗ weiſe, aber ſcharf und ſchlagend, vortrefflich erzählte und dabei nie die Grenze der Wahrheit und des An⸗ ſtandes überſchritt. Wer ihn ſo zum erſten Mal ſah und eine Weile plaudern hörte, konnte unmöglich je⸗ nen erhabenen und geiſtvollen Denker in ihm vermu⸗ then, als welcher er doch überall B ja be⸗ rühmt war., Eben ſo war ſeine gewöhnliche Unter⸗ haltung, obgleich immer geiſtreich und mehr ahnen laſſendauzals aufſchließend, keine geſuchte, keine ge⸗ wählté, vielmehr ließ er ſich gehen und ſprach ganz nach ſeiner Bequemlichkeit und ſeiner Laune. So war denn dieſer ſeltene und geniale Mann von denen, die ihn kannten, über Alles geehrt und von denen, die ihn nicht kannten, ange⸗ ind von ſeinen Kranken gefürchtet, aber ge⸗ denn ſie wußten, daß er hielt, was er ver⸗ ſpkach, und daß das Andenken an ihr Leiden in ſei⸗ nem Herzen nicht verloren war. 2 ſ — 101— Zu der Stunde, in welcher ich ihn zu Hauſe wußte, begab ich mich in ſeine Wohnung, und ohne mich von ſeinem Kammerdiener, der mir geſagt hatte, daß ſein Herr ſchon zwei Mal nach mir gefragt habe, melden zu laſſen, eine Gunſt, die nur Wenigen ver⸗ gönnt war, trat ich bei ihm ein und fand ihn voll⸗ ſtändig und zum Ausfahren gekleidet, wie er es im⸗ e war, auf ſeinem Lehnſtuhle in ſeinem großen: mmpfangſaale ſitzend, deſſen Wände mit den vortreff⸗ lichſten Oelgemälden bedeckt und deſſen übriges Mobi⸗ liar von ſten Geſchmacke zeugte, aber von der ſolideſten ffenheit war. Neben dieſem Zimmer lag die Bibliothek, deren Flügelthüren weit offen ſtanden, und in ihr ſah man nicht allein alle Wände vom Boden bis Decke mit Büchern bekleidet, ſondern hie und da Leſepulte errichtet und in den Ecken aſtronomiſche und phyſikali⸗ 8 4 ſche Inſtrumente, eine große galvaniſche Säule und mehrere dergleichen zu einer Gelehrtenſchule gehöni Gegenſtände, in ſchönſter Ordnung aufgeſte . Als ich die Thür, durch welche ich 4 war, ſchloß, drehte er ſich halb auf ſeine herum und den Kopf, wie er es pflegte, na geneigt haltend, rief er, ſeine zitternde Rechte min ſchen von Weitem entgegenſtreckend, in einem ſo gut⸗ — 102— müthigen und ſanften Tone, wie ich es ſtets von. ihm gewohnt war: — Ach! da iſt ja der kleine Job! Denn ſo nannte er mich, obgleich ich weder Job hieß, noch klein war. Aber es war in früheren Zei⸗ ten der Spitzname meines Vaters geweſen und von dieſem auf mich übertragen, denn Sir John..., wie faſt jedem großen Manne, waren ſeine Jug erinnerungen heilig, und ſo mußte es mir denn Ehre ſein, wenn ſich der alte Herr ein ſo kleines Vergnügen machte. — Da iſt ja endlich der kleine — mit ſeinen Geheimniſſen aus St. James... he? ... Iſt doch ſonderbar, alle Leute auf der Welt bum ſpeui und ich habe in meinem Leben keins gehabt!... hm! 4— Dafür haben Sie, Sir, viele der Uebrigen devißtt— iigegnete ich, ihm herzlich die Hand dom!— Wer Anderen Etwas verbirgt, ver⸗ ſelbſt in der Regel am Meiſten... und einer Job, wie geht's? 3 ch danke von Herzen, Sir, bei Ihnen geht , es mir immer gut! 4 — Und glücllich einmal wicbot un. — — 103— Neeiſeluſt... komiſch Ding! Iſt doch am beſten und ruhigſten zu Hauſe... aber es freut mich... was machen Sie da oben? Er meinte hiermit St. James, weil es nördlich von London liegt. Ich beſtellte ihm die Grüße, die mir aufgetra⸗ gen waren, und überreichte ihm den bewußten Brief des Oberarztes, den er bei Seite legte, und wollte eben auf das Abenteuer kommen, welches mich von ſeiner Seite gerufen hatte, als er lächelnd ſagte: — Warte noch ein bischen damit, kleiner Job, .. was macht Mr. Derby, der Unterarzt? Theilt er noch die Menſchen nach Achteln ein, und trägt er noch immer ſeinen hellblauen F... Frack? — Ja, er hat noch immer ſeine Achtrl und trägt einen blauen Frack. 1 1— Fatales Wort das... F.. Frack... meine Zunge will gar nicht mehr fort, Job,... hm! Der blaue F... rack!... Kennen Sie die Ge⸗ ſchichte vom blauen Frack... he? — Nein!— ſagte ich und lächelte, wußte, daß die Geſchichte jetzt kam. „ Sie ſollen ſie gleich hören... Damals, als ich da * — 104— oben war... nun!... iſt etwas lange her... trug ſich dieſe Geſchichte zu. Denn Mr. Derby klei⸗ dete ſich immerwährend in einen blauen Frack, da er außerdem nur noch einen ſchwarzen hatte, der jedoch nur bei großen Feierlichkeiten zum Vorſchein kam... war der Bratenrock... hm! War bald eine be⸗ kannte Sache das, und Mr. Derby hieß allgemein: der blaue Frack! Als nun mal ein Feſttag herbei⸗ kam, beſchloſſen ſeine geliebten Pfleglinge, ſich einen Spaß mit dem blauen Frack zu machen. Eine gewiſſe luſtige Perſon, die, außer daß ſie verrückt war, auch als Schöngeiſt galt, dichtete eine Komödie und nannte ſte: der blaue... Frack! Komödienſpiel war immer Mode unter Leuten ohne Verſtand... hm! beſon⸗ ders damals zu St. James. Hm!... Sie lächeln, kleiner Job?... Aber ich habe auch Komödie ge⸗ ſpielt... als Liebhaber... machte immer den An⸗ beter, haha!... hatte auch meine vier Achtel zu meiner Zeit. Nun... die Rollen wurden vertheilt gelernt. Die Kegelbahn war das Schauſpielhaus Zuſchauer ſitzen... Akteurs kommen... aber hlt das Beſte... die nothwendigſte. Garderobe der blaue F.. rack! Ja, was nun? Stille! ſagt der Schöngeiſt, Air De ſchläft, iſt die Zeit einer Mittagsruh.. werde den Rock aus ſeinem — 105— Zimmer ſtibitzen... Gut! ſchleicht zu ihm hinein .. hal da liegt der Rock auf dem Stuhl... vor⸗ trefflich!... Nimmt ihn, wie der beſte Taſchen⸗ ſpieler... läuft im Triumph auf die Kegelbahn... hier iſt er, Gentlemen, der blaue F... rack! Haha! wird mit Beifall empfangen... Händeklatſchen muß dabei ſein, ſonſt iſt's nichts... und, und das Stück nimmt ſeinen Anfang. Aber... nun geht's los... Mr. Derby er⸗ wacht, will ausgehen... auf die Viſite. Aber wo iſt der Frack? Mr. Derby ſucht, findet aber nicht. Mr. Derby wird böſe, denn er verſteht mit ſeiner Perſon keinen Spaß, und ſchreit und tobt und lärmt und klingelt das ganze Haus zuſammen. Zufällig kommt Mr. Elliotſon und Mr. Lorenzen auch herbei, und nun geht's allgemeine Suchen los. Aber die al⸗ ten Burſchen merken was und lachen ſchon im Vor⸗ aus... Meine Herren! ſagt Mr. Derby, das iſt cht zum Lachen... das iſt nichtswürdig, meine erren, das iſt ein dummer Spaß, meine Herren, ih kann doch nicht in Hemdsärmeln auf die Viſtte ehen... und Sie lachen, meine Herren 1... Benug, der Rock fehlt und Mr. Derby iſt in ſeiner Wuth genöthigt, den ſchwarzen anzuziehen! Haha! ſchwarzen Rock und Nankinghoſen, haha! Aber Mr. ni — 106— Derby iſt ſchlau... ahnt das Bubenſtück, weiß nicht woher, und ſtürzt hinaus. Wir Alle ihm nach ...'s geht in den Park.. Hoho! meine Her⸗ ren, was iſt das für ein Spektakel auf der Kegel⸗ bahn? und da haben wir's, da findet er ſie gerade bei der Kata.. Kataſtrophe. Ha! mein blauer Frack, ruft er wüthend, der ſoll Komödie ſpielen? ... meine Herren, Sie ſehen... Sie ſind Zeuge von der Infamie und dem Attentat gegen meinen blauen V Frack... gehen Sie ſogleich, Sie Schöngeiſt, und tragen Sie ihn an Ort und Stelle... Mr. Toms ... fünf Eimer... Sie verſtehen mich! Und der Schöngeiſt ging und trug den blauen Frack zurück und nahm ſeine fünf Eimer kalt Waſſer mit dem Anſtande eines Mär... Märtyrers... hahaha! Nun, klei⸗ ner Job, weißt Du nun die Geſchichte von Mr. Der⸗ by's blauem Frack? — Ja, Sir John, nun weiß ich ſie, und ich werde ſie nicht wieder vergeſſen, haha!— 8 Und wir lachten Beide unmäßig über die( ſchichte vom blauen Frack; auch war es unmöglich es nicht zu thun, bei den unübertrefflich nachahmen den Geberden des Erzählenden. 3 Als der alte Herr ſich auf dieſe Weiſe erlei tert, ſagte er ernſthaft: — 107— — Das war gelacht... Lachen iſt ſehr geſund .. das weiß ich am beſten... doch nun zu den Geſchäften! — Ja wohl, Sir, ich bin Ihnen ſchuldig, die Gründe meines Benehmens auseinander zu ſetzen, warum ich ſchrieb und Sie bat... — Halt! kleiner Job... geht mich die Ge⸗ ſchiche was an? Hat ſie Bezug auf mich? Weiß ſo ungeheuer viel alte Geſchichten, hab' gar kein Ver⸗ langen nach neuen... — Nein, das nicht, Sir, ſie hat keinen Bezug auf Sie.... — Nun, dann brauche ich ſie nicht zu wiſſen . jeder Menſch hat ſeine Gründe, warum er etwas Ungewöhnliches thut, Sie auch... — Es iſt aber ein höchſt wichtiges Geheimniß, Sir... — O! bin überzeugt... bin überzeugt! Wenn ich nöthig werde und Ihnen dienen kann, bin ich be⸗ reit... ſo lange hat es gute Wege... wird den kleinen Job nicht auffreſſen, haha! Aber... ich habe auch Etwas für Sie und das iſt für uns Beide das Wichtigſte... Sie kommen mir wie gerufen... Sehen Sie— und er zog einen Brief aus ſeinem Pulte und entfaltete ihn— da habe ich geſtern die⸗ * — 108— ſes Schreiben erhalten, von einem meiner alten Pa⸗ tienten,.. dem Marquis von Seymour... — Ha!— rief ich wider Willen und fuhr zurück. Der Baronet ſah mich mit einem ſeiner forſchen⸗ den und aufmerkſamen Blicke an. — Nun, kennen Sie ihn? Wiſſen Sie ſchon, was ich will... 2 — Nein, Sir, nein! Ich hörte bis jetzt nur von ihm... — Bravo! das paßt ja... treffe immer den rechten Mann auf dem rechten Flecke... ſind Sie ſo weit mit Ihrem Erſtaunen gekommen, mich ruhig anhören zu können? 1 — Ja, ja, Sir!— ſagte ich und ſetzte mich zurecht, denn ich bemerkte an ſeinem fortwährend auf mich gerichteten Blicke, daß ich eine große Unruhe mußte verrathen haben. Nun, ſehen Sie, da ſchreibt mir ſein einer Sohn.. man ſagt, es ſei der Erbe... hm! ein Sir Mortimer, daß ſein Vater nach London ge⸗ kommen ſei und vier Meilen von der Stadt einen Landſitz bezogen habe... nun? wiſſen Sie ſchon was?— Ich vermuthe, Sir... — Nun ja, um ſich von mir heilen zu eſh — 109— Hahaha! Jeder will geheilt ſein, als wenn das im⸗ mer ſo eine leichte Sache wäre. Hier bin ich, Herr Doktor, und nun kommen Sie und machen Sie es kurz... hier iſt auch mein Dank. Hahaha! Als wenn ich alter Krüppel alle Tage da gleich hinaus könnte, und habe ſchon hier ſo viel zu thun, daß ich acht Füße und vier Köpfe haben möchte... Aber dieſer Sir Mortimer iſt doch etwas vernünftig, ſchreibt mir, ſein Vater litte an einer Nervenüberſpannung ... jedes Geräuſch erſchrecke ihn... jedes fremde Geſicht beunruhige ihn... hm! das muß nun gleich eine Nervenüberſpannung ſein... die armen Ner⸗ venl! jeder Menſch kennt jetzt ſeine Krankheit am be⸗ Wirthſchaft! Aber ich ſage, Sir Mortimer iſt doch noch vernünftig, denn er meint ganz richtig, was ich aauch meine, wenn ich nicht ſelber kommen könnte, mochte ich einen ernſthaften Mann aus meiner Schule aber doch ſagt mir dies Wort Schule genug— und er machte hier ein charakteriſtiſches Zeichen, indem er ſten und glaubt dem Arzt nicht mehr. ſchoͤne ſchicken... als wenn ich ein Schulmeiſtes wäre... mit ſeinem rechten Zeigefinger ſeine Stirn berührte— und ich möchte ihm gleich bedeuten, daß er einige Tage... der Beobachtung wegen... bei ſeinem —— Verdacht gehabt... hm! — 140— — und nun, Sir?— feagte ich, als er mich forſchend anſah, ohne Zweifel, um meine Geneigtheit zu ſeinem Vorſchlage aus mir herausgileſen. — Nun, kleiner Job, da habe ich Sie als die⸗ ſen ernſthaften Mann gewählt... Sie haben ja auch einen ſolchen Blick, eine ſolche Manier, mit ſol⸗ chen... ſolchen kranken Nerven umzuſpringen... wie wäre es, wenn Sie meine Empfehlung mit auf den Weg nähmen und heute Morgen ein bischen hin⸗ ausführen... Sie werden eine gute Tafel finden... — Erlauben Sie, Sir— ſagte ich ſchnell— ich muß Ihnen mein Geheimniß vertrauen... — Nein, kleiner Job, das mußt Du nicht, ich will es noch nicht wiſſen. Du ſollſt einmal allein handeln, und wenn Du mit Deiner Weisheit zu Ende biſt, werde ich mein Urtheil ſchreiben, ob Du ein Mann von Praris biſt ſoder nicht... he? = Gut, gut, Sir, ich werde handeln... — Ja, ja, Sir, das ſollen Sie... nur noch einige Worte über den Mann... kenne ihn ſchon lange... ſtolzer Ariſtok... Ariſto... krat.. ſchlechter Ehemann... partheiiſcher Vater... aber reich... künftiger Herzog.... und die Welt ſagt 1 Amen! Aber ich nicht!... habe immer meinen — .. wenn Sie keinen Grund finden, — 111— — Was für einen Verdacht, Sir? Sir John... ſah mich komiſch lächelnd, aber überaus ſchlaugan. — Was für kinen Verdacht? Ja... das ſol⸗ len Sie mir ſagen, wenn wir uns wieder ſprechen ... iſt nicht ganz richtig in ſeiner Familie... hat ſchon was davon in der Zeitung geſtanden... — Ah, ich weiß, ich weiß, Sir... — Du weißt, kleiner Job? Das iſt ein Irr⸗ thum... vor vier Jahren warſt Du noch nicht hier... — Und dennoch weiß ich, Sit... ſo wahr ich lebe, ich weiß es! — Nun, dann iſt's um ſo beſſer für Dich... wollen uns weiter ſprechen... wollen Sie ihn be⸗ ſuchen, Herr Doktor? — Ganz gewiß!— rief ich,— und auf der Stelle! — Haha! Das iſt vortrefflich, wie gemacht! ... Gehen Sie,— fuhr er mit einem plötzlich ſich entwickelnden und faſt ſtrengem Ernſte fort— gehen Sie und werfen Sie Ihr Senkblei... tief, immer tifer... mit ſicherer Hand... Sie verſtehen mich bin n ich h 9 ₰— 112— noch da... ich erwarte in einigen Tagen von Ih⸗ nen zu hören... Haben Sie ſchon gefrühſtückt? = Ja, Sir, ja! — Aber bei mir nicht! Und der alte Mann ſchellte mit ſeiner ſilbernen Klingel, die immer vor ihm auf dem Tiſche ſtand, und befahl, für mich ein Frühſtück aufzutragen, denn er ſelbſt aß ſtets allein, Morgens Punkt ſieben Uhr und Abends Punkt ſieben Uhr, damit es ihm, wie er ſagte, nicht zu viel Zeit wegnähme. Ich hatte weder Luſt zum Eſſen noch zum Trin⸗ ken, am liebſten wäre ich gleich abgefahren, allein ich konnte es nun nicht mehr ablehnen und blieb. Waͤh⸗ rend des Eſſens kam mir, der Gedanke an Sir Wil⸗ liam Graham ein. Mein theurer Sir,— ſagte ich,— kennen et einen Sir William Graham, einen ehemaligen berühmton Rechtsgelehrten oder Votar hier in Lon⸗ don? — Ich habe hn gekannt, kleiner Job... ſchmecken die Auſtern? He? Nun ja, ich habe ihn gekannt... was ſehen Sie mich ſo an... vor zwei Monaten noch... war ein vortrefflicher Ma mein Freund, auch mein Notar... aber Schlagfluß... wie ich, aber nicht ſo g — — wie ich... noch einer, und noch einer... konnte kein Menſch was machen... todt! — Was!— rief ich und ſtand ſprachlos vor Erſtaunen von meinem Stuhle auf. — Ja, kleiner Job, wollen Sie es ändern? Ich kann's nicht! Wer kann dafür! Gott hat's ſo ge⸗ wollt! Und der edle alte Mann ſah mich mit einem ſo aufrichtig trauernden, aber ergebenen Blick an, daß ich mich ihm nähern und ihm die Hand drücken mußte. — Und hat er keine Kinder hinterlaſſen?— fragte ich. — Nein, kleiner Job, keine Kinder, ein Bruder erbt Baronie und Alles. — Und wer iſt dieſer Bruder? — Ein ehemaliger Pfarrer, ſagt man, ich habe ihn nie geſehen; als ich Sir William beſuchte, war er verreiſt, aber... ſoll ein braver Mann ſein... das Vermögen kommt diesmal in gute Hände mich ſehr... — Und wo hat Sir William Graham gewohnt? — Seitdem er ſeine Geſchäfte aufgegeben hat... das iſt ſchon lange her... meine und ſeiner heunde Angelegenheiten führte er nur aus Gefällig⸗ jer Irre von St. James. 3. Band. 8 ⸗ — 114— keit und alter Gewohnheit... hatte er einen Land⸗ ſitz, ſechs oder acht Meilen hinter Seymour⸗LCaſtle, das Sie eben beſuchen wollen... da können Sie von ihm hören, wenn Sie was Näheres wiſſen wol⸗ len... und nun, kleiner Job, biſt Du ſchon ſatt? — Vollſtändig, Sir! — Schön! dann wollen wir an die Arbeit ge⸗ hen, ich nach Bethlehem und Du... nach Jeru⸗ ſalem! 7 Und der alte Mann lachte herzlich über ſeinen ſonderharen Einfall. Guten Morgen, Sir! ich ſehe Sie alſo nach einigen⸗Tagen wieder und dann mein Geheimniß... — Es hat keine Eile,... guten Morgen, klei⸗ ner Job... mein Wagen ſoll Sie in einer Stunde hinausbringen auf's Land... hören Sie... lau⸗ fen Sie doch nicht ſo ſchnell... Sie werden ſich den Hals brechen... in einer Stunde... Adieu! Ich lief die Treppe hinab, was ich laufen konn⸗ te, und kam beinahe athemlos in meiner Wohnung an⸗ War dieſe Sendung zu dem Marquis Zufal war ſie Schickung? Ich weiß es nicht. Ich nur ein Gefühl... das Gefühl der inneren eils meiner lebhafteſten Wünf ie Vorſehung und des feſten D friedigung eines Th des Dankes gegen d — 115— umſtößlichen Vorſatzes, mit Ernſt und Bedacht den„ Weg weiter zu verfolgen, den ich einmal betrete—* hatte. 4 Ich beſprach raſch mit Bob das Nöthigſte, or nete meinen Anzug, mein kleines Gepäck, und na einer Stunde ſchon ſaß ich in Sir John's... Wag und rollte geraden Weges Seymour⸗Caſtle, dem S ſitze des mächtigen und reichen Marquis von Seym zu... R — 116— V. vornehmer Rranker und ein vortrefflicher Sohn. „Werfen Sie das Senkblei... tief... im-⸗ mer tiefer, und wenn Sie keinen Grund finden ſoll⸗ — ten, bin ich auch noch da!“ Dieſer ſehr bezeichnende Ausdruck des berühmten Arztes, der höchſt wahrſchein⸗ lich die Gemüthsbeſchaffenheit ſeines alten Patienten ahnungsvoll vorausſah, ging mir beſtändig während meiner kurzen Fahrt nach Seymour⸗Caſtle im Kopfe herum, ſo daß ich gar nicht davon loskommen konnte. Ich werde es werfen!— ſagte ich zu mir ſelbſt, werfen in die tiefſte Tiefe ſeiner Bruſt, in den ver⸗ borgenſten Winkel ſeiner dunklen Seele, und da ich ſchon im Voraus die entſetzliche Bodenloſtgkeſt ſeiner geheimſten Gedanken kenne, ſo werde ich mh ſchon voorſehen, ſie zu erreichen. Sir John hat dies ſtal nu nur — 117— einen Verdacht, ich aber habe die Gewißheit vor mir. Mag ſein, daß ihm, dem erfahrenen Manne und dem Meiſter menſchlicher Herzen, dieſer Verdacht hinreichend iſt, und daß er bald die Gewißheit, deren er bedarf, damit gefunden hätte; ich aber habe den Schluͤſſel zu der Thür ſeines innerſten Herzens und werde damit in das verborgene Heiligthum ſeiner Gedanken drin⸗ gen und mich daſelbſt einniſten, bis ich Alles daraus vertrieben habe, was der guten That, die ich mir vorgeſetzt, im Wege iſt. Vor allen Dingen aber muß ich, ehe ich den wunden Fleck mit meiner Sonde be⸗ rühre und das ausſchälende Meſſer anſetze, ſein Ver⸗ trauen haben, ohne dies geht es nicht und er ent⸗ ſchlüpft mir wie ein gewandter Aal. Wenn mir das gelingt und er einſieht, daß ich mit Eifer und Wärme zu Werke gehe, und er mir dann noch nicht mit ſeinem Vertrauen entgegen kommt, dann iſt es Zeit, daß ich die Siegel ſeiner Erinnerungen loͤſe, dann ſei mein Verfahren behut⸗ ſam aber ſicher, milde und ſchonend, aber aachdriſs lich und ernſt. Und hilft mir auch das noch nichts und 1 finde in ihm, wag ich nicht finden möchte, einen verſtock⸗ und mit kaltem Borbedacht hundeinden Sünder, — 118— Herzens, und meine Schuld iſt es nicht, wenn ich, anſtatt ſeines Tröſters, ſein Dämon werde. Denn hier iſt nicht die Krankheit allein zu beſeitigen, die ihn verzehrt, hier muß ich alles Gift vertilgen, was aus ihm ausgefloſſen iſt und das Leben ſo vieler Menſchen traurig und elend gemacht hat. Muth, Percy! Muth, Ellinor! Muth, Mr. Graham! jetzt bin ich Euer Advokat, den Gott ſendet, jetzt ſchlägt Eure Stunde und meine Stunde... doch Gott wolle es wenden, daß ich barmherzig ſein kann!.... Und ſo noch mit meinen Plänen und mit der Art und Weiſe meines Benehmens beſchäftigt, fuhr der Wagen raſch über das Feld und hielt ſchon vor dem Herrenhauſe des Landſitzes des Marquis von Seymour, ehe ich mit meinen Beſchlüſſen zu Ende war. Noch bevor ich Zeit hatte, mich nus meiner nach⸗ denklichen Stellung zu erheben, ſpramon einige Di⸗ ner, unter ihnen der Haushofmeiſter, an den Schlag, denn ſie mochten die Equipage Sir John's erkannt haben, und waren mir beim Ausſteigen behülflich. Die Vorderſeite des alten, aber ziemlich wohl erhaltenen Prachtgebäudes von Seymonjr⸗ Caſtle lag vor mir. Sie ſah in eine lachende, grit ge. wei 2 — 119— öffnete Gegend, während die Hinterſeite ein dichter, dumpfer und einſamer Tannenwald begrenzte. — Sie kommen von Sir John.?— redeie mich der Haushofmeiſter mit einer Verbeugung an— nicht wahr, Sir? Ach, Sir, wir haben Sie ſehn⸗ lichſt erwartet! — Ich komme von ihm, da er ſelbſt leidend iſt, . und wer hat mich ſehnlichſt erwartet?⸗ — Mylord Seymour, Sir Mortimer und wir Alle... denn es thut Noth!— ſetzte er flüſternd hinzu.— Sie erlauben doch, daß ich Ihre Sachen auf Ihr Zimmer tragen laſſe, da Sie hoffentlich hier bleiben, Sir? — Ich denke!— erwiderte ich und ſchritt die ſteinernen Stufen in die Vorhalle hinauf, während ſogleich einer der Diener mit meinem Gepäck uns vor⸗ anſchritt und der Wagen Sir John's auf mein Ge⸗ heiß nach London zurückfuhr. Wir traten in das Haus... alle Gaͤnge, Trep⸗ pen und Zimmer waren mit dickem, grünem Fries be⸗ deckt, ſo daß kein Fußtritt gehört werden konnte. Alle Thüren öffneten und ſchloſſen ſich lautlos, keinen Menſchen hörte man ſprechen, eine durch nichts un⸗ erbrochene unheimliche Stille herrſchte in dem ganzen Hauſe, als wäre daſſelbe ein Grab oder die Nuhr⸗ — 120— ſtätte eines ſchlafen gegangenen Tyrannen, vor dem jeder Laut verſtummt und jedes Lebenszeichen er⸗ liſcht. 2 Der Henhoffnafher führte mich ſchweigend in ein Gemach, welches im erſten Stockwerk lag, durch deſſen Fenſter man nichts als den traurigen, düſteren Kieferwald ſah. Als mein Führer mit mir eingetre⸗ ten war, ſchloß er vorſichtig hinter ſich die Thür, ſo wie die offen ſtehenden Fenſter, und ſetzte mir einen Seſſel hin.— — Es thut mir außerordentlich leid— fing er an— daß Sir Mortimer gerade jetzt nicht zu Hauſe iſt; er wollte ſo gern den erwarteten Arzt ſprechen, ehe er ſich zu Sr. Herrlichkeit begäbe... — Und wo iſt Sir Mortimer? — Auf der Jagd, Sir, mit einigen Freunden aus der Nachbarſe chaft!— ſagte der Mann mit einer traurigen Miene, indem er einen nachdenklichen Blick durch die Scheiben in den finſteren Wald warf. — Auf der Jagd? So!... Sir Mortimer jagt wohl viel? — Je nun, Sir, wir ſind erſt einige Tage hier und es iſt ſein Lieblingsvergnügen. Auch bedarf er vielleicht der Erholung, denn Mylord ängſtig ihn wie uns Alle. — 121— Dieſe Worte ſprach der ältliche, ſtille Mann mit einigem Rückhalt aus, wie es mir ſchien. — Er ängſtigt ihn? Womit denn? Ich dächte, wenn er ſo ernſtlich krank iſt, müßte er ihn mehr be⸗ ſorgt machen, als ängſtigen...2 — Nein, Sir... doch ja, das wohl auch! Aber das iſt eben die ſonderbare Krankheit Sr. Herr⸗ lichkeit, daß er Alles, was ihn umgiebt, in Bewe⸗ gung und Furcht verſetzt. Er ſelbſt hat keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht, und da dürfen wir auch keine haben; und weil eer vor jedem Geräuſch erſchrickt und eine unbezwingbare Furcht hat, ſo müſ⸗ ſen wir uns demnach ganz ſtill verhalten. — Wovor fürchtet er ſich denn? — Ja, Sir, das weiß ich nicht. Wir wechſeln alle Nächte in der Wache bei ihm ab, und der, den die Reihe trifft, muß bei ihm ſchlafen oder munter ſein, wie er nun ſelbſt ſchläft oder munter iſt. Sie ſollten das hören, Sir, wie er alle Augenblicke fragt, ob man bei ihm und wach ſei, und ob, man nichts gehört oder geſehen habe? Anfangs hat Sir Mor⸗ timer nur allein bei ihm ſein wollen, aber er konnte das ſieht und höͤrt, was... was ihn außer Faſ⸗ ig bringt. es auf die Dauer nicht aushalten, da Mylord ſtets — Was ſieht und hört er denn? Sprechen Sie deutlich! — Je nun! Geſpenſter, glaube ich! Es iſt ein ſchiniliihen Zuſtand, Sir, Sie ſollten nur dabei ſein 2.. — Ich glaude es wohl. Und wie lange dauert b das ſchon? —O... wann es eigentlich anfing, weiß ich nicht recht... aber es iſt ſchon ziemlich lange her, wohl über ein Jahr... — Und wie ſing es an? 3— Gagz allmälig, man merkte es kaum. An⸗ fangs wechſelte Seine Herrlichkeit oft den Aufenthalts⸗ ort, dann das Zimmer, die Bedienung, das Bett. Er hatte eine entſetzliche Unruhe und war mit nichts zufrieden. Dann fing er an ſich zu fürchten, beſon⸗ ders vor dem Tode, oder vor fremden Menſchen, und er ließ Niemand mehr vor ſich, bis er denn endlich ſo wurde, wie er jetzt iſt. h Der alte Mann war ganz blaß geworden, wäh⸗ rend er mir dies erzählte. — Und Sir Mortimer war immer um ihn? fragte ich weiter. — Ja, Sir, und... unter uns geſagt Seine Herrlichkeit hat es mir in einer Nacht anver „ 2* traut, als er ſehr ängſtlich war... vor ihm fürch⸗ tet er ſich am meiſten. 5 — Sol... Und wiſſen Sie vhn dieſen Vor⸗ gängen keinen wahrſcheinlichen Grund? Der Mann zuckte die Achſeln und ſagte ſtolternd und zögernd:— 4 — Nein, Sir, nein!... Wenigſtens... kei⸗ nen triftigen. Aber das iſt es eben, glaube ich, was Sir Mortimer vorher mit Ihnen beſprechen wollte... — Und wann kommt Sir Mortimer zurück? — Un drei oder vier Uhr, danke ich. — Jetzt iſt es halb Zwei... alſe noch etw zwei oder drei Stunden... das iſt zu kange. Ich möchte wohl Seine Herrlichkeit ſehen... auch kann ich ja nachher noch mit Sir Mortimer ſprechen.. * — Das iſt auch wahr... doch bitte ich Sie, Sir Mortimer zu ſagen, wenn er zurückkommt, daß es Ihr alleiniger, ausdrücklicher Wunſch war, zu Sr. 4 Herrlichkeit zu gehen...„ .— Verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde es ihm gewiß ſagen. 4. — Nun gut, ſo werde ich fragen laſſen, ob er ie annehmen will. Der Mann ging hinaus und ließ mich ein Paar inuten allein. — 124— Der Wind bläſt aus einer andern Richtung, als/. ich dachte, ſagte ich zu mir; er bläſt mir nicht ganz entgegen... ich werde gut laviren können. Es wird 2 leichter gehen, als ich es für möglich hielt. Es hat 1 mir ein Anderer ſchon vorgearbeitet. Gut! Der Haushofmeiſter kam wieder und zeigte mir an, daß Mylord einwillige, mich ſogleich vor ſich zu laſſen. Wir ſtiegen eine Treppe hinauf, denn das Zim⸗ 4* mer des Kranken lag gerade über dem meinigen mit 8 der ebenfalls uns ſenden Ausſicht auf den trüben, einſamen Wald. Obgleich meine Ankunft angemeldet war und der voranſchreitende Haushofmeiſter ſo leiſe wie möglich die Thür öffnete, ſo hörte ich doch, noch außen auf dem Corridor ſtehend, die aus dem Zimmer heraus⸗ tönenden, aber mit einer durchaus tonloſen, kalten, ffaſt erſtorbenen Stimme abgebrochenen Worte rufen: — Still!... Wer kommt da?... Ha! Du biſt es, Paul, ſo mach' doch langſam die Thür auf ... Du erſchreckſt mich...* Ich trat leiſe ein, ſah aber im erſten Augenblig beinahe gar nichts. Denn das ohnehin ſchon dun Zimmer war von langen und ſchweren grüne den Vorhaͤngen, die noch dazu dicht zugezogen woren, G 125— 3 beſchattet, daß kaum ein einziges Lichtſtäubchen durch die Fenſter dringen konnte. Der ganze Boden des großen Zimmers war mit einem moosähnlichen, eben falls dunkelgrünen Velourteppich belegt, und obgleich wir uns im Monat Auguſt befanden, glimmten doch in dem Kamine, der aus großen ſchwarzen Marmor⸗ tafeln beſtand und deſſen Spiegel verhangen war, ein großer Haufe matt glühender Kohlen. Auch nahm ich einen dumpfen unangenehmen Geruch im Zimmer vahr, den alle im Uebermaaß verſchwendeten Wohl⸗ gerüche nicht verdecken konnten, denn er rührte von er verdichteten Luft her, die auf Befehl des Bewoh⸗ ners nie durch das Oeffnen eines Fenſters erneuert werden durfte. “ Die übrige Einrichtung des Zimmers konnte ich nicht beobachten, denn, wie geſagt, es war dunkel dg in, auch war meine Aufmerkſamkeit viel zu ſehr auf 3 en Punkt gerichtet, als daß ich für den Augenblick ein Intereſſe für irgend etwas Anderes hätte hegen ſollen. 2 der Herr Doktor aus London, Ew. Herr⸗ ſagte der Haushofmeiſter, indem er ſich gte,— Sie haben befohlen... s iſt gut, Paul! gut, William!... Geht ch werde Euch rufen laſſen... aber leiſe — 126— ... tretet nicht ſo hart auf.. Ihr erſchreckt mich! Ich ſah in die Gegend hin, woher der froſtige Ton kam.. ich ſuchte den Mann, der ſich fürch⸗ tete... da lag in einem großen Lehnſeſſel, dicht am Kamine, eine Geſtalt, von der, da ſie vom Kopf bis zu den Füßen faſt ganz mit Pelzen verhüllt war, nur das Geſicht allmälig deutlicher mir entgegentrat Ich ſtrengte meine Augen an, etwas Bekanntes und Liebgewonnenes aus dieſen Zügen herauszufinden, aben es war mir unmöglich, denn dieſes Geſicht war kau dem eines lebendigen Menſchen ähnlich, weit eher ſah es wie eine Todtenmaske aus. Es war graubleich und erdfarben; langgezogene und tiefe Falten bei ten es von den Augen bis zum Kinn und nur einige wenige Haare glänzten ſilberweiß über einer ungeheuer großen, aber einen ungewöhnlich unangenehmen Ein⸗ ¹ druck hervorrufenden Stirn, denn ſie war in allen ihren Verhältniſſen über das Maaß hinausgehend, ſie war zu breit, zu hoch und zu weit he end, ſo daß die, wenn auch nicht kleinen, do vichun Augenbrauen ſcheu hervorblickenden 2 n. ihren tiefen Höͤhlen kaum aufzufinden ware das war Alles, was ich für jetzt zu erkenm v 3 — Ah, Sir!— ſagte die Stim 4 12 — 127— ten etwas belebter,— Sie kommen von meinem Freunde Sir John... 2 4 — Ja, Mylord! ich bringe Ew. Herrlichkeit die chrerbietigſten Grüße von ihm, der auch mein Freund iſt; ſeine Geſchäfte und ſeine eigene Kränklichkeit ver⸗ hinderten, daß er ſelbſt das Vergnügen hatte... — Gut, gut... ich bin's zufrieden... ſetzen Sie ſich, Sir! 3 Ich ſah mich nach einem Stuhl um, aber ich onnte in der Dunkelheit, die mich umgab, keinen fin⸗ den, daher blieb ich noch einen Augenblick vor ihm ehen. 1— Setzen Sie ſich, Sir!— rief er lauter, und 4 hie mir ſchien, mit etwas zu gebieteriſchem Tone. Noch nicht, Mylord!— erwiderte ich.— B Ein Arzt muß mit allen ſeinen Sinnen bei ſeinem Kranken ſein; erlauben Sie, daß ich erſt dieſen Vor⸗ hang etwas zurückſchiebe... und, während ich noch ſprach, ſchnell mich an ein Fenſter begebend, zog ich ohne Weiteres die eine Hälfte des Vorhanges mit einer Schnur zurück, die daran hing und ein ſchrillendes Geräuſch verurſachte, ls ſie ſich in Bewegung ſetzte. Augenblicklich fiel ein lerer doch dure aus nicht blendender Tagesſchimmer in das weite Gemach, denn hinter dem grünen Vor⸗ —. 128—— 1 hange war noch ein weißer verborgen, der dicht vor dem Fenſter herabgelaſſen war. 4 — Halt!— rief der Marquis, auf das Aeußerſte erſchreckt,— was thun Sie... und welcher Ton? — Es iſt nothwendig und unabänderlich, My⸗ lord.. — Machen Sie zu, geſchwind zu... das Licht! ha! ich ertrage das Licht nicht... 2 — Nein, Mylord, ich mache es nicht zu und Sie werden es ertragen! Und ich ſtellte mich vor ihn, damit der unge⸗ wohnte Schein des Tages ihn nicht im Geringſten blende, und ſah ihn jetzt ruhig an... aber ich ſchrak beinahe ſelbſt vor dem unruhigen, furchtſam aufgeſcheuchten Blick, dem ich begegnete. Die gläſer⸗ nen Augen dieſes überaus ängſtlichen Mannes zitter⸗ ten in beſtändiger Bewegung, ſie flogen rings herum im Zimmer und blieben endlich nur mit Mühe und angſtvoll auf mir haften. Ich fand keine Spur von Aehnlichkeit mit Percy's edlem und ſchönem Geſichte, wenn es nicht vielleicht die Form deſſelben war, aber ich konnte nicht lange meine Beobachtung fortſetzen; er ſagte ſogleich: 4 =²ʃ Sie wagen viel, Sir!... ich bin nicht ge⸗ — 120— wohnt, daß man meinen Befehlen entgegenhandelt ich kann das Licht nicht ertragen... Dieſe mit einem unverkennbaren Eigenſinn ge⸗ ſprochenen Worte flößten mir Vertrauen gegen mein leigenes Benehmen ein. Ich ſah ihn ruhig, aber feſt an und erwiderte: — Und ich kann Sie ohne Licht nicht beobachten! — Beobachten? Ha! — Ja, Mylord, beobachten! Sie haben einen Arzt kommen laſſen, damit er Ihnen helfe. Ein Arzt aber läßt ſich keine V Vorſchriften machen, er handelt nach ſeiner Ueberzeugung... Sie müſſen Licht f haben und auch in allem Rebrigen Ihren Willen dem meinigen unterordnen, ſo lange ich eben Ihr Arzt und Sie mein Patient ſind.— „ Er ſah mich jetzt ſtumm und rnunend, nit eeinem mehr verwunderungsvollen als zornigen Blick Maan, dann fuhr er fort: 4— Es war mir anfangs lieb, daß Sir John nicht ſelbſt kam, er hat einen ſolchen... ſolchen vernichtenden Blick, einen ſo eiſernen Willen und einen ſo befehlshaberiſchen Ton... aber Sie... Sie... Ich ließ ihn nicht ausſprechen, ſondern unter⸗ drach ihn: MNicht vernichtend! das ſcheint Gm. Hareſch Der 5 von St. James. 3. Band. 2* lichkeit nur ſo, wohl aber erwägend und prüfend, und ſolche Blicke muß der Arzt haben, wenn er in die verborgenen Tiefen des.... — Hal Sir! Ich ließ mich nicht ſtören, ſondern fuhr ruhig fot: 6 — Wenn er in die verborgenen Tiefen und die Quelle der menſchlichen Leiden dringen will. Muß doch ſein Blick noch ſchärfer ſein, wenn er das beſte und paſſendſte Heilmittel für den vorliegenden Fall auswählt⸗... und je ſchäxfer daher dieſer mein Blick iſt, um ſo vortheithafter wird er für Sie ſein... — Setzen Sie ſich, Sir... es iſt gut; ich ſehe mit Ihnen iſt nicht gut ſtreiten... aber warten Sie, erſt... bitte!... ſchüren Sie die Kohlen in dem Kamin auf... es iſt ſo kalt hier... Ich ſchürte die Kohlen mit dem glänzenden Schür⸗ eiſen an, obgleich es ſo heiß in dem Zimmer war, 3† daß mir bereits die Schweißtropfen von der Stirn fielen; dann nahm ich einen Stuhl, und ſetzte mich dicht vor ihn hin. 3 — Und nun, Mylord,— ſagte ich— erlauben Sie mir, Sie zu bitten, Ihren Zuſtand mir recht genau zu erzählen.. — Erzählen?... Sie reden ſonderbar, ſehr d ſonderbar! Das hat mir noch kein Menſch zugemu⸗ thet. Ich dächte, Sie fragten... fragen Sie, ich werde beantworten, was ſich beantworten läßt. — Nein, Mylord, das geht nicht! Es iſt meine Meinung ſo. Meine Fragen kommen nachher, erzäh⸗ len müſſen Sie zuerſt. — Aber mein Gott! was ſoll ich Ihnen denn erzählen? Er ſchöpfte tief Athem und ſah ungeduldig hin und her. Ich wußte es wohl, daß er keine beſtimm⸗ ten Klagen hatte, denn gie von eigener Schuld bela⸗ ſtete Seele ergeht ſich nicht gern in deutlichen Klagen, ſie wirft alle ihre Qualen auf ein eingebildetes oder vorgeſchütztes Leiden des Körpers, wagt aber nie of⸗ fenherzig, ſich dieſelben zu erklären, — Nun,— fuhr er fort— wenn Sie es durch⸗ aus ſo wollen... aber ich denke, Sie ziehen den Vorhang wieder zurück... — Nein, Mylord, ich muß darauf beſtehen; bitte... erzählen Sie nur... dreiſt, aufrich⸗ ... wir ſind unter uns... Er ſchien ſich gewaltig zuſammen zu nehmen und brachtte endlich mit Mühe eine Menge unbeſtimmter Klageh vor, von denen ich nur inee bigeunde er⸗ — 132— achtete, und das war Luftmangel und das Gefühl, als liege eine ſchwere Laſt auf ſeiner Bruſt. Jetzt begann ich damit, ihm einige Fragen vor⸗ zulegen, die er mir kurz beantwortete. Dann bat ich um ſeine Hand... er reichte ſie mir ſchweigend, ſah mich aber durchdringend während meiner Unterſuchung an und zuckte merklich, als ich ſie berührte. Sie war, trotz der Pelze und der Hitze im Zimmer, kalt und mit einem klebrigen Schweiße bedeckt... ihr Puls war hart, geſpannt, äußerſt voll und langſam, gerade wie bei einem Menſchen, dem ein Schlagfluß bevorſteht. Ich ſetzte mich zurück und ſann einige Augenblicke nach. Du mußt jetzt dadurch ſein Vertrauen ge⸗ winnen, daß du ihm einige Erleichterung verſchaffſt⸗ dachte ich. — Wie finden Sie meinen Zuſtand, Sir?— fragte er mich zögernd. — Ich finde Sie nicht bedenklich krank, Mylord, — war meine Antwort— doch erlauben Sie nog. einige Fragen... Sie ſchlafen ſehr wenig? — Faſt gar nicht. ₰ — Sie machen ſich aber auch keine Bewegunz. — Ich denke... nein! — 133— — Sie fühlen wohl das Bedürfniß des Schla⸗ fes, aber Sie können nicht? d — Nein, Sir, nein... ich kann nicht! — Es kommen Ihnen, wenn Sie einſchlafen wollen, immer ungewiſſe Traumgeſtalten vor die Augen? — Ungewiſſe? Nun ja, Sir, ja... wei⸗ ter, weiter...— — Sie denken zu viel über gewiſſe Gegenſtände nach? — Ha! Welche Gegenſtände? — Ueber Ihr Leiden.. — Nun wohl, Sir... — Und finden in keinem Worte, in keiner That, ja in keinem Gedanken irgend einen Troſt, nicht?— — Sir! was ſprechen Sie da? Sie kennen mei⸗ nen Zuſtand vollkommen... ſo iſt es... — Und warum haben Sie mir das nicht ſelbſt geſagt?. — Ha! wie kann ich ſo von der Leber wegſpre⸗ chen... ich kannte Sie ja nicht.. jetzt kenne ich Sie ſchon beſſer... ha! das iſt ſöhwer, das zu ſagen... und woher wiſſen Sie Nas? wer hat Ihnzen das geſagt? — 134— — Es hat mir Niemand geſagt, aber... ich habe es geleſen... — Geleſen, Sir? Und er fuhr halb vom Stuhle mit einem fürch⸗ terlichen Blicke auf, als wenn eine Natter ihn geſto⸗ chen hätte. — Geleſen? Wo?... Wann? — Beruhigen Sich Ew. Herrlichkeit... ich habe es nur auf Ihrem Geſichte geleſen... — Was... auf meinem Geſichte? ſpricht das ſo deutlich? — Für mich wie Nin Buch! — Hal! das iſt nicht wahr, Sir!... Geben Sie mir da... dort den Spiegel... auf dem Ti⸗ ſche muß er liegen... Ich ergriff den runden Handſpiegel und hielt ihm denſelben vor... ey fuhr zurück und bedeckte ſich das Geſicht mit beiden(Händen... — Iſt das mein Geſicht?— murmelte er mit halb erſtickter Stinnme. J zaudernd... und ich muß ſagen Ich ſah ihn ... voll Mitleiſd an. — Sprechey! Sie, Sir, ſprechen Sie!. Schweigen Siſ nicht, Ihr Schweigen iſt furch rer als Ihr Reden... wer ſind Sie?... 2 wollen Sie von mir?... Sie können gut le⸗ ſen... Ich ſah ihn wieder an... unſere Blicke begeg⸗ neten ſich... er wollte dem meinigen ausweichen, aber er konnte nicht; eine unbezwingliche Gewalt... vielleicht die ſeiner erwachenden Seele... ſchien ihn zu feſſeln... ich las jetzt wirklich in ſeinem Geſichte ... es war etwas Verſtändliches für mich darin... und auch er ſchien meine Miene zu verſtehen... es war mir geglückt, ihn aus ſich ſelbſt, die verborgene Seele aus ihrer Umhüllung herauszubringen... — Hoͤren Sie,— fuhr er fort— ich will Ih⸗ nen Etwas ſagen... aber kommen Sie näher... noch näher... ganz nahe... Und er flüſterte mir ins Ohr, das ich ihm hin⸗ hielt, ſo leiſe, daß ich es kaum verſtehen konnte: — Was ich Ihnen ſagen wollte... ja! Spre⸗ chen Sie leiſe, ſagen Sie Niemandem, was Sie mit mir geſprochen haben... meinem Sohne Mortimer ... wenn er kommt... am wenigſten... r Beide wollen allein Vertraute ſein... hören ... wir ganz allein... ach! ich habe Ihnen n viel zu ſagen... ich bin ein alter unglückli Mann... oder... haben Sie auch ſchon ſen..2 — 136— — Mylord!— erwiderte ich, in der That von der furchtbaren Angſt gerührt, die ſich auf ſeinen zu⸗ ſammengekniffenen Geſichtszügen ausſprach, und faßte ſeine knöcherne Hand, die ich warm, vielleicht zu warm, drückte— Sie haben Recht, Mylord, wir wollen Vertraute ſein... Niemand braucht ſich in unſere Angelegenheiten zu miſchen, als Sie... der Kranke und ich... der Arzt. Er lehnte ſich zuruͤck und ließ einen langgedehn⸗ ten Seufzer hören. — Ach!— ſagte er und ſah mich ſtier an— ich glaube, Sie können mir helfen... es iſt Alles wider mich...! Ich ſann abermals einige Augenblicke nach. — Mylord!— fing ich wieder an— ich habe einige Verordnungen für heute, für jetzt zu machen ... morgen ſprechen wir weiter. — Morgen? warum nicht heute... nicht zeich? — Nein, es geht nicht; erſt muß ich Ihnen ei⸗ Erleichterung und Ruhe verſchaffen, dann fahren fort in unſerer Unterredung, und es wird dar⸗ ur um ſo leichter gehen. Aber Sie kommen doch noch heute Abend zu — 137— mir... ach, der Abend und... die Nacht ... hu! Er bebte zuſammen, als wenn ein eiſiger Schauer über ihn liefe, ſeine Lippen zitterten und ſein ganzes Antlitz wurde noch um einen Grad bläſſer, als es vorher geweſen war. — Fürchten Sie ſich nicht mehr, Mylord!— war meine Antwort— ich werde ſtets um Sie ſein, und Sie können mich ohnedieß jeden Augenblick rufen laſſen. Bieten Sie Ihrem Mißgeſchick eine männliche Stirn... mit Gottes Hülfe werden Sie Alles be⸗ ſiegen, was Ihnen im Wege ſteht... — Mit Gottes Hülfe? Ja... o ja! Und Alles? hm! das iſt viel! Doch es iſt gut... es 3 iſt ſehr gut, Sir... was haben Sie mir zu ver⸗ ordnend? — Luft! Licht! Auch Bewegung will ich Ihnen geben und einige Unzen Blut nehmen! — Blut... Blut? warum Blut? Ich denke nicht, daß meine Krankheit im Blute ſteckt... — Sie ſteckt nicht im Blute, nein! — Aber wo? — Das werde ich Ihnen ſpäter ſagen... für’s Erſte will ich Ihre ſtockenden Säfte in ci⸗ nige Cirkulation bringen... Sie müſſen friſche — 138— Luft athmen und dem Lichte Zutritt zu Ihnen gön⸗ nen... — Das wird nicht gehen, Sir... das Licht haßt mich! — Es muß geſchehen, Mylord! Das Licht haßt Sie nicht... Sie haſſen das Licht. Mit einem Worte, ich will es ſo, ich brauche es ſo, und Sie brauchen es ſo... — Sie ſprechen ſehr beſtimmt, Herr Doktor! — Es iſt meine Pflicht, Mylord. Haben Sie Neigung zu fahren, Mylord? 1 Fahren? Mit Pferden? Um Gottes willen nicht!... wohin wollen Sie mich fahren? Aha! dachte ich. Doch ich that, als merkte ich nicht ſein Erſchrecken, und fügte ſogleich hinzu: — Nun, ſo können wir einen kleinen Rollwagen aus London kommen laſſen, und Ew. Herrlichkeit Diener können Sie im Garten auf und nieder fahren. Unterdeſſen laſſen wir das Zimmer lüften, oder, was noch beſſer iſt, Sie beziehen ein anderes vorn nach dem Park hinaus... die grünen Vorhänge müſſen fort und⸗ weiße, durchſichtige hinein... ſn. nuiß es ſein. — Weiße Vorhänge? lüften? ein anderes Zim⸗ mer? Sie kommen mir ganz merkwürdig vor... A *t — Laſſen Sie es gut ſein und gehorchen Sie! mir. Ich ging nach der Thür und öffnete ſie. — Wo wollen Sie hin? Bleiben Sie..— rief er ſogleich. — Ich will nur Ihre Diener rufen!— erwiderte ich, und rief den Haushofmeiſter herein, der ſchon be⸗ reit ſtand. In ſeiner Gegenwart ordnete ich Alles, wie ich es haben wollte, noch einmal an und machte mich dann bereit, dem Patienten logleich iniges Blut zu nehmen. Auch ließ dieſer wider Erwarten Alles ruhig mit ſich geſchehen. Nach einigen Minuten war ich fertig ... er wurde auf ſeinen Seſſel geſetzt und in den Garten getragen, wo er zum erſten Mal ſeit einem Jahre das volle heitere Sonnenlicht auf ſeinen kahlen Scheitel fallen ließ. Dann wurde ein Wagen nach London geſchickt, den Rollwagen zu holen und Vor⸗ bereitungen getroffen, ein freundlicheres, auf der Son⸗ nenſeite gelegenes Zimmer zu beziehen.... . 4 Es war an demſelben Tage, Nachmittags gegen vier Uhr; ich hatte bereits mein Mittagsbrot einge⸗ nommen, das man mir auf mein Geſuch auf meinem — 140— Zimmer aufgetragen, und war eben in den Theil des Parkes gegangen, welcher neben dem Schloſſe lag, als ich, hinter einem dichtbelaubten Akaziengebüſch auf einer Bank ſitzend, das Geräuſch einer lauten, von der Jagd zurückkehrenden Geſellſchaft vernahm. Die Diener im Schloſſe eilten ſogleich herbei und führten die ſchnaubenden Pferde und die kläffenden Hunde fort, als ich eine heftige und ziemlich unangenehme Stimme nach dem Haushofmeiſter rufen hörte. Augenblicklich ſagte mir eine inſtinktmäßige Ah⸗ nung, daß dies die Stimme Sir Mortimer's, Per⸗ cy's Bruders Stimme, ſei. Mein Herz bebte bei dieſem Gedanken, aber ich hatte keine Zeit, meine Empfindungen zu verfolgen, denn ich war durch die Nähe der Sprechenden gezwungen, wenn auch unge⸗ ſehen, was immer etwas Peinliches hat, aber für dies Mal von hohem Intereſſe war, Ohrenzeuge eines ſogleich ſtattfindenden Geſprächs zu ſein. Denn zu dem ſchnell herbeieilenden Haushofmeiſter ſagte dieſe Stimme mit einem Tone, der vertraulich ingen ſollte: *— Was giebt's Neues, Alter?... Nichts vor⸗ gefallen... da oben? — Ja! Sir Mortimek, der Arzt aus Lundon iſt gekommen. 141.— — Aha! Wo iſt er?... Haſt Du ihm geſagt, 8 daß ich ihn vorher ſprechen wolle, ehe er... Du weißt... — Ja wohl! Sir, aber Sie blieben ſo lange und Mylord verlangte ſo ſehnlichſt nach ihm... — Was? er iſt doch nicht ſchon bei ihm ge⸗ weſen? — Ich konnte es nicht hindern, Sir! — Hallunke! verrichteſt Du ſo meine Befehle? Und hier hörte ich das Schwirren einer Reit⸗ peitſche, wie ſie über den altersgrauen Kopf des treuen Dieners ſauſte. O nicht doch... nicht doch, Sir... ich bitte Sie.„. ich ſchwöre, ich konnte nichts dafür... — Halt' das Maul, Vielfraß... Ihr Schur⸗ ken mäſtet Euch in der untergehenden Sonne, aber wartet! in der aufgehenden ſollt Ihr Arbeit finden ... und was hat er ihm geſagt, Du biſt doch im Zimmer geblieben? 3 — Keinen Augenblick, Sir... ich weiß nichts davon... — Verfluchter Hallunke! Was iſt geſchehen... was hat er geſagt? i — Weiß es wahrhaftig nicht, Sir, was er ge⸗ ſagt hat... aber er hat Sr. Herrlichkeit zur Ader gelaſſen und Anordnungen wegen der neuen Wohnung gemacht... Mylord ſitzt drüben im Garten... „— Mylord im Garten... neue Wohnung? Biſt Du verrückt... wie iſt das möglich? — Ich wundre mich ſelbſt, aber es iſt, wie ich ſage... — Ha, verdammt! daß ich nicht hier war! Wo iſt der Menſch? Iſt es der Alte ſelber? — Nein, Sir, aber ein Freund von ihm... — Alt oder jung? — Dreißig etwa... und ſehr beſtimmt, Sir, ſehr beſtimmt! ſ — Sehr beſtimmt, ſehr beſtimmt!— äffte die Stimme nach,— und Du biſt ſehr verrückt, ſehr dumm, ſehr dumm!... Wo iſt er jetzt? — Auf ſeinem Zimmer ohne Zweifel... — Ohne Zweifel biſt Du ein Schafskopf... hm! Fort... es iſt gut, wir ſprechen uns noch. Laß die Glocke läuten zum Eſſen! — Die Glocke, Sir? Aber Seine Herrlichkeit... — Laß die Glocke läuten! ſag' ich... auf der Stelle, oder... ich habe drei Gäſte... ſchnell! Hier hatte das erbauliche Geſpräch ein Ende. Die Glocke fing an zu läuten, aber wie mich dünkte, etwas ſanfter als gewöhnlich die Eßglocken auf Ten . * — 143— engliſchen Landgütern läuten. Dann war Alles wit⸗ der ſtill. Das war eine kleine Probe von Sir Mortimer! dachte ich; nun, Du wirſt ja auch noch die Ehre ha⸗ ben, kleiner Job, Sr. Herrlichkeit vortrefflichen Sohn ... die aufgehende Sonne... von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen... Und ſomit verfügte ich mich auf mein Zimmer, wo ich ungefähr zwei Stunden blieb, an meinem Reiſebuche ſchreibend, als die Thür aufging und Sir Mortimer's hohe Geſtalt ohne An⸗ meldung ins Zimmer trat. Ich war im erſten Augenblick betroffen über ſeine Erſcheinung, denn Sir Mortimer hatte große Aehn⸗ lichkeit mit ſeinem Bruder Percy, aber auch nur Aehn⸗ lichkeit, ſonſt nichts von ihm, gar nichts. Er war groß und kräftig gebaut, ſein Geſicht ſtark von der Sonne gebräunt, ſeine Stirn, ſein Mund wie Per⸗ ey's Stirn und Mund, aber wie himmelweit war der Ausdruck derſelben von dem jenes Geſichtes verſchie⸗ den, welches ich ſo wah kannte und ſo innig lieben gelernt hatte. In Percy's Antlitz war jede Miene, jeder Zug, jede Linie der Ausdruck eines edlen Gedankens, einer Jinnigen Empfindung; die innere Herzenswärme ſelbſt hauchte aus dieſen offenen, ſchönen Zügen hervor; 8 — 141— auf den erſten Blick ſah man die erhabene Richtung ſeines freigeborenen Geiſtes, die Tiefe ſeines zarten Gemüthes... hier herrſchte aber weder ein Gedanke, noch eine Empfindung, noch ſonſt etwas Friedliches, Angenehmes, Geiſtiges vor... es lag ein verwil⸗ derter, unbezähmbarer, leidenſchaftlicher Zug in die⸗ ſem Geſichte, die moraliſche und intellektuelle Bildung ... der letzte glättende und veredelnde Meißel des menſchlichen Antlitzes... hatte keine Spuren auf ihm hinterlaſſen oder vielleicht nie welche hervorgeru⸗ fen... die Haare hingen verworren um das ſonſt ſo regelmäßig geformte Haupt; die Stirn, mehr frech als kühn, entbehrte der anziehenden und feſſelnden Gewalt, die eine gedankenvolle, hohe Stirn ſo all⸗ mächtig ausübt; ſeine grauen Augen blickten unver⸗ ſchämt und ſtechend umher, als forderten ſie unbe⸗ dingte Unterwerfung; und um den eigenthümlich zu⸗ ſammengekniffenen Mund lag etwas ſo Höhnendes und Verachtendes, daß man ſsgleich die Grundrich⸗ tung ſeines hochmüthigen Herzens errieth, welches alle Welt als Knecht und jede plötzlich auftauchende Laune als Richtſchnur ſeines Willens betrachtete. Außerdem aber war Sir Mortimer eben vom Tiſch aufgeſtanden; er hatte getrunken, ſeine Wangen glühten und ſeine Zunge ſtockte, er war noch weniger 4 Menſch, als im nüchternen Zuſtande und flößte mir auf der Stelle ein Gefühl des Abſcheus ein, das ich nur mit Mühe unterdrücken konnte. Seine Kleidung beſtand aus dem gewöhnlichen ſcharlachrothen Jagdrock der Engländer, bis unter das Kinn zugeknöpft, weißen ledernen Beinkleidern und Stulpſtiefeln mit großen Sporen. Den Hut hatte und behielt er auf dem Kopfe. — Guten Tag, Sir!— ſagte er und warf ſich aauf einen Seſſel.— Ich muß Ihre Bereitwilligkeit loben, ſo ſchnell hierher gekommen zus ſein. — Loben Sie Sir John...,— erwiderte ich, 5 — denn er allein hat meinen Beſuch ſo beeilt, da er* mich mit ſeinem Wagen hierher fahren ließ. 35 — Sehr gut von ihm!... Wie ich höre, wa⸗ ren Sie ſchon bei... Seiner Herrlichkeit... es thut mir leid... ich hatte beſtimmte Befehle erlaſ⸗ ſen... indeſſen kann ich Ihnen noch genug mitthei⸗ len. Wie finden Sie ſeinen Zuſtand? Nicht wahr, hoffnungslos... meinen Sie nicht? — Durchaus nicht, Sir!— ſagte ich ernſthaft — im Gegentheil, ich hege einige Hoffnung... 5 — Haha! Daß er vollſtändig... verrückt wird, nicht wahr? Ich ließ einen ruhigen, aber, wie jemich dihe, 1 Der Irre von St. James. 3. Band.— * — 446— ſehr bedeutſamen Blick über den Sprecher laufen und blieb mit meinem Auge auf ſeinem höhnenden Antlitze haften. Jedoch, Sir Mortimer ertrug ihn frech... es war Stein, was ich anblickte, dieſer Buſen war nur vergifteten Pfeilen zugänglich, er blickte mich ſo⸗ gar wieder feſt und nicht im Geringſten aus der Faſ⸗ ſung gebracht, an. — Laſſen Sie es gut ſein, Doktor,— entgeg⸗ nete er,— Sie wollen mich beruhigen, Sie wollen mich tröſten... das iſt hübſch von Ihnen, aber gebrauchen Sie bei mir nicht Ihr alltägliches Kunſt⸗ ſtück... ſagen Sie immerhin die Wahrheit... und bedenken Sie... eine Ruine, ſo zerbrechlich wie dieſe, muß zerfallen, wenn ein heftiger Wind weht, und ... glauben Sie mir... ſeine Säfte ſind ſchlecht, ſein Gehirn zerrüttet, Sie werden es noch zur Ge⸗ nüge erfahren... der arme Mann hat beſtändig Viſtonen... wie lange kann das dauern und zu welchem Ende kann es führen? Obgleich ich auf das Aeußerſte über dieſen Aus⸗ bruch kindlicher Gefühlloſigkeit empört war, hielt ich mich doch zurüͤck; ich wollte efür jetzt den nicht zu meinem perſönlichen Feinde machen, der es meinem Herzen ſchon längſt im höchſten Grade war, und ich erwiderte daher gelaſſen, obwohl ſehr ernſt: — Ja, ja... aber wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben... ich will Sie mit keiner großen und gewiſſen Hoffnung erfreuen, aber auch mit keiner übermäßigen Beſorgniß betrüben, denn für's Erſte, ehe ich einen entſcheidenden rlierd wage, müſſen wir die Wirkung der angewandten Mittel abwarten. — So, ſo!⸗— Und Sir Mortimer erhob ſich und ging mit gekreuzten Armen und wie über eine— ernſte Sache nachdenkend, mit geſenktem Kopfe im Zimmer auf und ab. — Haben Sie keine Urſache ſeiner Krankheit er⸗ forſcht?— fragte er mich plötzlich ſchlau und blieb vor mir ſtehen, anſcheinend mit nachläſſiger und gleich⸗ gültiger Miene; aber ich war hinreichend vorbereitet, hinter dieſer künſtlichen Ruhe die heftigen Gedanken zu errathen, die in ſeinem Innern kämpften und nur mit Mühe von der Oberfläche fern gehalten wurden. — Nein, Sir, aber ich denke, Kummer und Sorge, und Alter und Lebensart ſind hinreichend, eine ſolche Krankheit zu Stande zu bringen— ervidett ich ihm. — Das iſt es, disſes letztere mein' ich— unter brach er mich haſtig— darauf richten Sie Ihr Ae genmerk... Kummer und Sorge iſt es nicht, er hat immer in Fülle des Genuſſes Helebt, 10 — 148— Alter und Lebensart... o, ich ſehe ſehr deutlich... doch... wir werden noch weiter darüber ſprechen... ich wollte Sie jetzt nur zu meinen Freunden rufen, die mich erwarten... kommen Sie... — Ich habe gegeſſen und getrunken, Sir... — Pahl! ja wohl... man wird Sie nicht hun⸗ gern laſſen... aber nicht in Geſellſchaft... allein bei Tiſche zu ſitzen iſt nur durchbrochene Arbeit... kommen Sie, wir müſſen trinken, ſpielen und jagen, um uns die Zeit zu vertreiben, was bietet das Leben ſonſt als Langeweile... Und halb mit Gewalt zog er mich die Treppe hinab... ... Das war Sir Mortimer... Leſer! Kennſt Du ihn nun von einer Seite? Nur Geduld! Du wirſt ihn noch von einer anderen kennen lernen. Wir traten in das Tafelzimmer... die drei Gäſte ſaßen oder lagen vielmehr bei Tiſche in ihren rothen Jagdröcken, die Hüte auf dem Kopfe, die Füße auf herangezogenen Seſſeln, und begrüßten mich mit einem höchſt vornehmen Kopfnicken, als ich die Ehre hatte, ihnen von unſerm gemeinſamen Wirthe vorge⸗ ſtellt zu werden. Was macht der Alte, he?— fragte Einer, 8 ein Baronet aus der Nachbarſchaft. 3 — 149— — Ei nun, der Doktor iſt über die Maßen zu⸗ frieden, nicht wahr?— erwiderte der gefühlvolle Sohn mit 5 verbiſſenen Miene, welche ſeine Zufrieden⸗ heit ausdrücken ſollte. — Nicht über die Maßen— antwortete ich,— aber doch leidlich zufrieden. — Biſt Du es auch? Gäſte Mortimer an. Mortimer winkte ziemlich verſtändlich und rief: — William! neue Flaſchen und neue Gläſer... Burgunder!... Der Wein kam, die Gläſer wurden gefüllt und geleert, und je mehr man trank, um ſo lauter und ungezwungener wurde das Geſpräch, um ſo ſchallen⸗ ddeer das Gelächter, als wäre kein Kranker, oder wie Mortiimer glaubte, kein Sterbender im Hauſe und der Sohn des Sterbenden mit unter den Zechern. An⸗ fangs wurde die Jagd und deren Abenteuer ausge⸗ beutet. Dann kamen, wie gewöhnlich unter jungen— Leuten geſchieht, wenn die Flaſche ihre Schuldigkeit 4 thut, Liebesangelegenheiten an die Reihe, und auf Ko⸗ ſten eines Jeden wurde gelacht, grtrunkm und wettet. Mit der Zeit wurde mir dieſe aufgezwungene kin⸗ terhaltung langweilig, und ich ſann ſchon nach, auf ziſchelte ein Anderer der Fank bisweilen, wie es mir vorkam, in ein eigenthüm⸗ — 150— welche Weiſe ich mich ſchicklich entfernen könne, als das Geſpräch plötzlich eine Wendung nahm, die nicht 4 allein alle meine Aufmerkſamkeit feſſelte, ſondern auch für mich und mein Unternehmen vom höchſten Inter⸗ eſſe war, obgleich es mir kein allzu großes Licht gab. Von allen Anweſenden nämlich war Sir Morti⸗ mer der heiterſte, beinahe luſtigſte; doch es entging meiner ſtillen Beobachtung nicht, daß er hinter dieſer Luſtigkeit etwas Trübes, etwas, was ſeine geheimſten Gedanken ſtörend erfüllte, verbergen wolle, denn er liches Träumen, wobei er ſtill und ſtier vor ſich nie⸗ der ſah, aus welchem ihn dann wieder die Späße ſeiner Gäſte aufregten und abermals zu neuer Theil⸗ nahme antrieben. In einem ſolchen augenblicklichen Hinbrüten war es, wo jener ſchon erwähnte Baronet ausrief: — Seht den Mortimer an, glüht er heut nicht wie eine Roſe? — Gerade ſo— nef der neben ihm und mir gegenüber Sitzende ie Wangen des Mädchens glühen würden, wenn ſie ihm nicht wieder entwiſcht wäre... das iſt ja eine verzweifelt lange Jagd! ſtohlenen Blick zu, indem er mit dem Kopfe nach Mor⸗ timer hin deutete. Mortimer's braunes Geſicht wurde dunkelroth, als er dieſe Worte vernahm und, den Sprecher eben nicht ſehr freundlich anblickend; entgegnete er finſter: — Keinen perſönlichen Spaß, Gentlemen, und keine empfindliche Stelle berührt!... Aber Sie er⸗ innern mich, Gladſtone, an das ernſthafteſte Aben⸗ teuer meines Lebens, und ich ſchwöre es Ihnen zu, mag der neugebackene Sir Robert Graham ſeine er⸗ erbte Baronie verpachtet oder verkauft haben, und mag er, wohin er nun will, in einen Winkel oder in eine Höhle der Erde gekrochen ſein... ich werde ihn fin⸗ den trotz ſeines ewigen Umherſchweifens, und ich will das Mädchen haben trotz aller der Teufel, die ſie be⸗ ſchützen! 8* Das war ein arger Schwur, Mortimer!— rief der Baronet.— Vergeſſen Sie ihn nicht, ſonſt fällt er auf Ihr Gewiſſen! — Nun, da wird es ihm nicht bange werden, er findet einige Geſellſchaft!— flüſterte mein Nach⸗ bar. — Pah!— rief der, welcher bisher geſchwiegen — Pah! Ein Maͤdchen und ein Gewiſſen! — 152— — Still!— rief Mortimer ſelbſt— Wir lang⸗ weilen den guten Doktor, ich ſehe es ihm an... — Halten Sie meinetwegen nicht zurück, Sir! — ſagte ich, mich verbeugend— Ich habe auch in der Welt gelebt und bin mit dergleichen wenigſtens von Hörenſagen vertraut. — Noch eins, Mortimer,— rief der Baronet wieder— wenn ich an Ihrer Stelle wäre und Sie doch einmal ohne die Perſon nicht leben können und es Ihre Lebensaufgabe iſt, wie Sie mir oft ſag⸗ ten, ſie zu finden und zu beſitzen, warum gehn Sie nicht ihrer Spur nach und enden mit einem Schlage die ganze Geſchichte? 4— Noch einmal ſtill, meine Herren!— rief Mor⸗ timer finſter— Sie wiſſen Alle nicht, wie nahe ich ihr endlich bin und was mir allein bekannt iſt. Den⸗ ken Sie, ich habe bloß zwei Arme und ſie ſind nur eines Menſchen Arm lang? Hoho! das wäre ſchlimm! Doch das iſt die Sache nicht... ich kann.. jetzt kann ich nicht von hier fort. — Warum nicht? Mylord Seymour iſt ja in der beſten Pflege, da der Doktor hier iſt, und was wollen Sie mehr? Ich heftete meine Augen mit der größten Span⸗ nung auf Sir Mortimer, der ſein Haupt auf ſeine — 153— beiden Hände ſtützte, die er einen Augenblick auf den Tiſch legte.—. — Es geht nicht!— flüſterte mein Nachbar wie⸗ der— Iſt ein ſchlimm Ding das, was denkt Ihr denn! Sir Mortimer ſitzt für den Augenblick vor zwei Fuchslöchern und in eine Richtung kann ein Menſch doch nur bekanntermaßen ſehen! — Wie ſo, was meinſt Du? — Hm! Siehſt Du das nicht ein? Der eine Fuchs ſitzt hier im Hauſe, ein köſtlicher Balg, den will er haben! Haha! Und jene Füchſin ſtreift in dem andern Revier... und die will er nicht ver⸗ lieren. Ach! dachte ich, während die Andern ſämmtlich in ein leiſes Gelächter ausbrachen, das Sir Morti⸗ mer ruhig hinnehmen mußte, wenn Ihr wüßtet, daß es mir jetzt gerade eben ſo geht,... aber ich will den Fuchs, die Füchſin und den Jäger obendrein! — Nun, was kann er denn hier noch weiter wollen?— fragte der Baronet ziemlich laut— Die Sache mit der Erbſchaft iſt ja abgemacht, denke ich? Sir Mortimer erhob ſich ſtolz und dem Baronet einen Blick zuſchleudernd, den ich, meinem Todfeinde gegenüber, nicht verachtet hätte, wor e er eben etwas erwidern, als ein Diener mit brennenden Kerz 1 134— trat und an mich die Bitte richtete, zu Sr. Herrlich⸗ keit zu kommen, der ſchon mehrere Male nach mir gefragt habe. 2— Sie entſchuldigen mich, Gentlemen!— ſagte ich und erhob mich mit einer abſchiednehmenden Ver⸗ — beugung. — Warten Sie, warten Sie, Doktor, ich gehe mit!— rief Sir Mortimer. Dann zu ſeinen Gä⸗ ſten ſich wendend, fügte er etwas lallend hinzu: — Sie ſind in meiner Abweſenheit hier zu Hauſe, meine Freunde. Ueberdieß kommen wir bald wieder und dann eine Parthie! Mit dieſen Worten nahm er mich beim Arm und ſtützte ſich ſchwerfällig darauf, während wir die Treppe hinaufſtiegen, denn er hatte viel getrunken und ſeine Beine waren wenigſtens eben ſo ſchwer, wie ſeine Zunge. Unterdeſſen war es Abend geworden und die Dun⸗ kelheit, durch einen leichten Nebel begünſtigt, lag rings auf der ganzen Natur. Die blanken Lampen brann⸗ ten hell auf den Corridoren, die wir durchwanderten, und außer dem lauten Reden und Lachen, welches aus dem Trinkzimmer Sir Mortimer's durch das halbe Haus ſchallte, herrſchte eine ſo tiefe Stille in den oͤden Räumen deſſelben, daß mir unſre über die Tep⸗ piche hinſchreitenden Tritte wie das Dahingleiten eines nächtlichen, unruhigen Geſpenſtes vorkamen. Ohne an die Wohnungsveränderung des Mar⸗ ⸗ quis zu denken, gingen wir Beide nach dem Zimmer, welches derſelbe bis heute Mittag bewohnt hatte. Mortimer öffnete es, fuhr aber ſogleich mit einem 8 unheimlichen leiſen Schrei zurück, als er hineingeſehen und es dunkel und unbewohnt gefunden hatte. — Haha!— ſagte er, indem er über ſich ſelbſt lächelte— ich dachte... ich dachte... er wäre ... doch, er iſt ja nur ausgezogen. Kommen Sie ... aber zum Teufel, iſt denn kein Menſch hier... Heda! Paul! Paul! 4 Der Haushofmeiſter, von dem lauten Ruf her 4 beigezogen, ſtürzte athemlos herbei. Der alte Mann hatte die unverdiente Züchtigung des Morgens nicht vergeſſen und kannte das zornige Gemüth ſeines künf⸗ tigen Herrn. Die Hand über die Stirn haltend, auf der ein rother Streifen ſichtbar war, ſtotterte er: — Was beliebt, Sir Mortimer? — Wo iſt der Marguis, Hallunke... he? Und wo ſteckſt Du mit den andern Hallunken? 95 — Wir erwarteten Sie vor Sr. Herrlichkeit Thür ir..“ — Führ' uns hin und mach' keine Worte! einen unglaublich freundlicheren Eindruck hervor als — 156— Der Haushofmeiſter ſchritt uns voran; wir g gin⸗ gen eine Treppe hinab und wieder eine hinauf, wäh⸗ rend Sir Mortimer ein Jagdlied pfiff, und nun ſa⸗ hen wir einige Diener vor der Thür ihres Herrn ſte⸗ hen, die mit Beſorgniß ſeinen Zuſtand beobachteten und wahrſcheinlich nicht erwartet hatten, Sir Mor⸗ timer werde noch heute ſelbſt am Krankenbette ſeines Vaters erſcheinen, da er Gäſte hatte. Aber Sir Mortimer ſchien es daran gelegen zu ſein, mit mir zugleich bei ſeinem Vater zu erſcheinen, und die Diener waren daher betroffen, als ſie ihre aufgehende Sonne etwas ſchwerfällig mit mir heran⸗ wandeln ſahen. — Was thut Ihr hier, Schurken? he? Keiner wagte zu antworten, einer ſah erſchrocke⸗ ner als der andere aus. — Hinauf, vor mein Zimmer, Ihr Eſel... hier iſt einer genug! Und die Diener ſchlichen leiſe fort mit Ausnahme eines, der an der Thür ſtehen blieb. Wir traten jetzt in das neubezogene Zimmer My⸗ lord Seymour's, mit uns der Haushofmeiſter, der, wie gewöhnlich, die Thür leiſe öffnete. Das Zimmer ſah ganz heiter aus und brachte „ das, in welchem ich den Kranken bei meiner Ankunft gefunden hatte. Es hatte weiße Vorhänge, die großen Spiegel waren unbedeckt, Gemälde hingen an den mit hellblauem Damaſt bekleideten Wänden, und nur der dunkle Fußteppich war derſelbe geblieben oder wenig⸗ ſtens ein ähnlicher. Auch in dem mit hellſtreifigem Marmor verzierten Kamine glimmten wieder die Koh⸗ len, aber von der Decke hing eine Art Ampel herab, die ein, wenngleich düſteres, doch nicht unfreundliches, mildes Licht im ganzen großen Gemach verbreitete. — Ach, guten Abend, Sir! und guten Abend, Mortimer!— redete uns der Marquis an. — Guten Abend!— erwiderte Mortimer rauh und ging ſogleich zum Kamin, wo er mit einer Koh⸗ lengabel tüchtig zu klopfen und das Feuer anzuſchü⸗ ren begann, als wolle er ſich abſichtlich von ſeinem Vater entfernt etwas zu ſchaffen machen. — Halt, Mortimer!... Du erſchreckſt mich mit Deiner Gabel... ſchlag' nicht ſo zu, und ſetz' Dich, ſetz' Dich! Mortimer ſtand von den Kohlen ab und warf ſich in einer Ecke auf einen Seſſel, daß er krachte. Der Marquis ließ einen furchtſamen und faſt 22 flehenden Blick auf ſeinen zartfühlenden, vortrefflichen und ihn beerbenden Sohn gleiten, den dieſer aber — 158— nicht im Geringſten beachtete, ſondern ſich dehnte, reckte und nach allen Seiten verwundert umſchaute. — Wie befinden ſich Ew. Herrlichkeit?— fragte ich und näherte mich dem eingeſchüchtert und zuſam⸗ mengekauert daſitzenden Greiſe. Ich denke beſſer, Sir... danke, danke... Sie ſind ein Wundermann... ſehen Sie nur, wie tief ich Luft ſchöpfen kann... A... h! Auch bin ich müde, die Luft ſcheint hier wirklich beſſer... wenn nur das Licht nicht wäre... — Sie werden ſich allmälig daran gewöhnen, Mylord!— ſagte ich und faßte ſeine Hand, die we⸗ niger eiſig war und deren Pulsſchlag mich befrie⸗ digte. — Man hat Dir zur Ader gelaſſen, he?— ſchrie beinahe Mortimer, der nicht vergeſſen konnte, daß er eben vom Trinkgelage gekommen war, und den es nicht zu bekümmern ſchien, daß ſein elender Vater bei jedem ſeiner lauten Worte entſetzt zuſammen⸗ ſchauerte. — Stille, Mortimer, ſtille!— rief der Mar⸗ quis— Du erſchreckſt mich jeden Augenblick mit Dei⸗ nem Schreien... Du haſt ja Gäſte, wie ich hoͤre, geh doch zu ihnen... der Doktor wird chon bei mir bleiben, nicht wahr, Sir? — 159— Ich verbeugte mich ſchweigend. — Wo der Doktor bleibt, bleibe ich auch!— ſagte Mortimer gähnend— Er muß mit uns trin⸗ ken... er iſt nicht hergekommen, um den Kranken⸗ wärter zu ſpielen... — Nun gut, wenn Du willſt, nimm ihn mit Dir... heute, aber morgen iſt er mein. — Morgen iſt Jagd, Fuchsjagd... da geht er auch mit.*A. Jetzt hielt ich es für Zeit, für mich ſelbſt das Wort zu nehmen, und ich verſetzte höflich, aber be⸗ ſtimmt: — Ich danke, Sir, ich danke Ihnen ſehr, aber ich trinke und ſpiele weder heut, weil ich nie ſpiele und ungern trinke, noch jage ich morgen, denn wenn ich hier in meinem Berufe nichts mehr zu thun habe, rufen mich ernſthafte Geſchäfte an einen anderen Ort. Sir Mortimer ſah mich finſter an, ſchwieg aber und ſetzte ſich noch bequemer in ſeinem Seſſel zurecht, indem er beide Füße auf einen vor ihm ſtehenden Stuhl legte, den er im Heranſchnellen beinahe um⸗ warf. — Das iſt ſchön von Ihnen!— ſagte mit einem dankenden Blicke der Marquis.— Aber Sie dürfen ch nicht fort... Und er gab mir einen Wink mit der Hand, den Niemand weiter ſah, den ich aber ſehr wohl verſtand. Es folgte eine Pauſe, die Sir Mortimer damit ausfüllte, daß er ganz leiſe ein Jagdlied durch die Zähne pfiff. Der alte Haushofmeiſter ſah mich ver⸗ ſtohlen an, ich blinzte ihm zu und ſaß ſchweigend und erwartungsvoll auf meinem Stuhl. — Wer ſchläft heute Nacht bei mir— fing der Marquis wieder an, ſich an Paul wendend— Er wird heute ſchlafen können... ich bin müde... — Charles iſt an der Reihe!— antwortete die⸗ ſer— Soll ich ihn rufen? 4 — Nein, nein, den will ich nicht!... Er ſchnarcht, und das iſt entſetzlich... da ſehe ich nicht allein, da höre ich auch..— Er ſchwieg und ſah uns mit einem geiſterhaf⸗ ten Ausdruck in ſeinen erſtarrten Mienen der Reihe nach an. — Da haben wir's!— murmelte Mortimer— die Viſtonen kommen ſchon wieder... o der Dok⸗ toor! der gelehrte Doktor! 5— Wer ſprach da?— fuhr der Vater eniſes auf— Hal wer ſprach da? 1 urtimer rief laut:* Ich bin's, Mortimer, Ew. darägtn 2 6 9 ... Er träumt ſchon mit offenen dingend— ſae er etwas leiſer hinzu. 3 ’— Ahp ich glaubte... geh', geh' doch, Mor⸗ timer, geh'! ich bitte Dich.. mein Sohn, mein Sohn! f Und er ließ einen Seufzer hören, der wie das Gewimmer eines über die Erde hinſchwebenden Gei⸗ ſtes durch das ſtille Zimmer bebte. Es entſtend eine ſchreckliche Pauſe... Einer ſtarrte den Aldern an... Mortimer's Geſicht kam mir droherd vor... des Marquis Antlitz war krampf⸗ haft veverrt... der Haushofmeiſter hielt den Mund vor Eitſetzen geöffnet und zeigte mit einer ausdrucks⸗ vollei Geberde auf den Kranken, der allmälig, ſich rr kärts beugend, einzuſchlafen ſchien. Weni gſtens er die Augen... vielleicht gab er ſich auch nlos, halb ohnmächtig, den ihn überwältigenden taſ ſiegebilden hin. Die Pauſe dauerte fort und mit ihr das 1s e der nächtlichen Seene. b Er ſchläft!— ſagte Sir Mortimer lä ächelnd cheh ſich von ſeinem Stuhl— kommen Sie, unh auht wecken. ich am Arme faſſend, zog er mich bu 3 Gewit hinaus. Irrſvon St. James. 3. Bänd. — 162 — Ich» de die Nacht hier bleiben,— flüſterte der Hausho— und wenn Etwas vorfällt... — Dann Sie mich!... Gute Nacht! Wir gingen 3. Ich ſetzte meinen Willen „durch und begab m. f mein Zimmer, während Mortimer zu ſeinem Ge rückkehrte.... Es war ſchon längſe rnacht vorüber, als nich die wilden Gäſte noch lärn wiachen hörte... .— 163— 2 „ VI. Das doppelte Teſtament.. Ich fand keine wohlthätige Ruhe auf meinem einſamen Zimmer; tauſend neue Gedanken waren mir im Laufe des Tages, durch die unerwarteten Ereig⸗ nniſſe hervorgerufen, in den Sinn gekommen und ver⸗ wirrten einigermaßen die klare Anſchauung, welche ich mir bisher bewahrt hatte, ſo daß ich einige Mühe hatte, zu einem durchgreifenden Entſchluſſe zu gelan⸗ gen, wie ich mir es anfangs vorgeſtellt hatte. 1 DToch, es wird mir noch klar werden, ſagte ich zu meinem Troſte mir ſelbſt, was ich zunächſt zu thun haben werde; ob jch ſogleich einſchreiten oder von dem Laufe der Dinge das Beſte erwarten ſoll... mor⸗ 1 un iſ auch noſß ein Tag, und ich bahi für heute — 164— genug gehört und geſehen, um wenigſtens zu wiſſen, daß ich auf dem rechten Wege bin. Auf dieſe Weiſe mir ſelbſt Muth einſprechend, legte ich mich nieder, aber es war miranfangs un⸗ möglich einzuſchlafen. Und als ich endlich zu einiger Ruhe gelangt war, zogen Traumbilder über Traum⸗ bilder an meinem regen Geiſte vorüber, ſo daß ich das bisher Erlebte noch einmal zu gewahren und das Kommende ſchon im Voraus zu erkennen glaubte. Von allen Traumbildern aber ſtand keins ſo leb⸗ haft vor meiner Phantaſie, wie Percy's hohe und gebieteriſche Geſtalt. Flüchtig ſchwebte ſie vor mir her und winkte ſtets mit der Hand, mich vorwärts, immer vorwärts treibend, und ſchon als ich feſt ein⸗ geſchlafen war, kam es mir noch beſtändig vor, als würde ich im ſchnellſten Laufe vorwärts gejagt, und könnte mich mit aller Macht nicht zurückhalten, denn die mich gewaltſam treibende Kraft war wie eine hö⸗ here, gleich dem Sturm, der die Wulken jagt, un⸗ widerſtehliche Uebergewalt. Da faßte mich eine Hand an... ich fuhr em⸗ por und verfolgte meinen Traum im halb wachenden Zuſtande... welche Hand war es, die mich ergriff? Percy's Hand allein, die mich im eiligen Dahinjagen aufhielt, konnte und mußte es ſein, uund wie es uns d 3 — 165— geſchieht, wenn wir, auf die Spitze eines überwälti⸗ genden Traumes gelangt, nicht mehr wiſſen, wie wir widerſtehen was wir thun ſollen, daß wir laut ſchreien und den Namen deſſen rufen, der uns be⸗ drängt, oder deſſen wir voll ſind, ſo rief auch ich diesmal mit lauter Stimme: — Percy! hier... hier... ich bin da Erſt mein eigener Schrei weckte mich vollends. Ich ſah auf und erblickte ein bleiches, voller Verwun⸗ derung und Entſetzen mich anſtarrendes Geſicht. Es war der alte Haushofmeiſter, der, ein Licht in der Hand haltend, vor meinem Bette ſtand. — Was giebt's denn, Paul?— fragte ich, als ich mich von dem Schrecken erholt hatte, der mich er⸗ griff, da ich aus meinem Traum geriſſen wurde. — Mein Gott, Sir... wen riefen Sie denn? — Wen ich rief? =— Sagten Sie nicht Perey... Percy?, — So? zugte ich das... nun warum ſollte ich nicht? Ich vbe geträumt... — Gut,„Sir, ich glaube es ja. — Und mhs wan Ihr von mir? Annen, was en mir hatte ſagen wollen. Der alte Mann ſtand unbeweglich da un ſah nrich noch immär verwundert an; er ſchien ſich zu⸗ be⸗ *△ — 166— — Ja, was wollte ich!... Ach ja, Sir! Um Entſchuldigung wollte ich Sie bitten, daß ich Sie ſtöre. Aber kommen Sie doch hinaue dem armen gnädigen Herrn... er hat gerade ſeinen Anfall... vielleicht können Sie ihn beſchwichtigen. — Hm! Und iſt Mortimer bei ihm... Sir Mortimer?— verbeſſerte ich mich ſogleich. Nein, Sir, er ſchläft. Seine Gäſte ſind ſeit einer halben Stunde fort und ſeine Diener haben ihn zu Bett gebracht, er ſchläft... den feſten Schlaf der Trunkenheit... heute iſt er nicht mehr zu er⸗ wecken... Und den Schlaf des guten Gewiſſens! dachte ich, und kleidete mich ſchnell an. Ich war ſchon oft in meinem Leben in der Nacht geweckt worden, um einen Krankenbeſuch z zu machen, aber noch niemals war ich ſo freudigſgegangen, wie diesmal. Die Gewalt, die mich int Traume vor⸗ wärts getrieben, ſchien mich auch jßzt zu beſeelen, und ich folgte ihr gern, voll von uner Hoffnung, der ich, wie man es ſo oft im Ghhühle der Hoff⸗ nung nicht kann, keinen Namen zu Peben vermochte. Perey's Geſchick war nie inniger mit ſmeinen Empfin⸗ dungen verbunden und meine Seele ie vollkommener von deim Wunſche erfüllt geweſen, ſe ſie Nechte zu vc. 7 Haus ſeiner Väter ſchreitend, mich zu dem Kranken⸗ lager deſſen begab, der ihn, mit ſeinem Fluche zur — 167— erd treten, als in dieſer Nacht, da ich, durch das le Mitgift, von ſeiner Schwelle ſtieß und in die trau⸗ rige, öde Welt jagte. 8„ Wirr traten in des Marquis Zimmer. Er lag wie gewöhnlich in ſeinem Seſſel, den Kopf nach Hin⸗ ten geworfen und die Augen geöffnet, aber ſtarr nach der Decke ſtierend. Bei unſerm leiſen Eintritt fuhr er zuſammen... ſeine Sinne ſchienen außerordent⸗ lich ſcharf und leicht erweckbar... — Wer iſt da?— murmelte er zwiſchen den Zähnen. — Ich bin es, Mylord! — Weer? — Ich, der Arzt... Ihr Vertrauter! — Und wer biſt Du?— fragte er, den Haus⸗ hofmeiſter hunene — Achz! ich bin es ja, Ew. Herrlichkeit unter⸗ thänigſter Wiener, Paul! — Ha das iſt gut, daß Ihr Beide da ſeid.. Ihr ſeid ſtauk... Ihr könnt mir helfen... ich bin ſo ſchwa iy gegen ihn... gegen ihn.... — Was iſt Ihnen, Mylord?— fragte ich theil⸗ nehmend, und faßte ſeine kalte, feuchte Hand, die 168— ſich ſogleich an die meinige feſt anklammerte, als wollte ſie die eben gewonnene Stütze nicht gleich wieder ver⸗ lieren.. — Gegen wen ſollen wir Ihnen helfen? Er warf mir einen unvergeßlichen Blick zu, ſo klagend, ſo hülflos, ſo zerſchmettert, daß ich, ſo feſt ich war, faſt unvuften erbebte. — Er will mich... umbringen!— preßte er mit Mühe hervor. — Umbringen? Wer? — Percy.— ſchrie er laut auf, daß es durch das ganze Zimmer ſchallte und der alte Paul er⸗ ſchrocken zuſammenfuhr. Denn es war das zweite Mal, daß er dieſen Namen in dieſer Nacht ſo uner⸗ wartet hören mußte. 6 —— Percy?— fragte ich leiſe und inrfrlih erbe⸗ bend— wer iſt das? — Ha! er weiß es nicht... Sie wiſſen es nicht, und ich dachte, Sie wüßten es. ⸗. Der Haushofmeiſter ſchüttelte ſeinen grauen Kopf und ſah mich mit einem jammervollen Dhha an. Ich war ſchon auf dem Sprunge, mich... Alles zu entdecken, aber ich zögerte noch, ich muſſte noch mehr erfahren und den Zuſtand des mir Anvſrtrauten ſcho⸗ nend berückſtehtigen. 8. 4 3 44 1“ feſt und feierlich: — 169— — Wer iſt Percy?— fragte ich daher noch einmal. Der Greis richtete ſich plötzlich auf, ſah mich durchdringend aber milde an, als wollte er verſuchen zu lächeln und ſagte: — Ach... er iſt mein Sohn... ja... — Und er wollte Sie wnc: Warum das? — Weil er todt iſt!— ächzte er. Aha! dachte ich, iſt es das? Vorwärts, Percy! — Weil er todt iſt, will er Sie umbringen? O! Bringen Todte ſinen Lebenden um? Das iſt nicht möglich, Mylond, durchaus unmöglich! ber er bringt mich um, weil ich... umgebracht habe. iſt nicht wahr, Mylord!— ſtammelte neiſter, Ew. Herrlichkeit haben ihn nicht der Haushoff umgebracht. — Nicht wäre er denn Ich nahl alten Paul mi 2 habe ich nicht?... ich dächte! Wo mich zuſammen... ich winkte dem der Hand, daß er ſchweige, und ſagte Nylord, das haben Sie nicht. Percy Percy lebt! 1 ha! woher wiſſen Sie das? — Nein, 9 .. Ihr Soh! — Er lebt? — Ich leſe es! — Schon wieder leſen! Und auf meinem Ge⸗ ſicht? Hal ſagt mein Geſicht auch, daß ich ihn nicht umgebracht habe... das iſt ja ein vortreffliches Ge⸗ ſicht... hul ich habe aber ſchreckliche Geſichter. Und er ſtierte in das weſenloſe Reich des Nichts hinein. Ich faßte ſeine Hand feſter, um ihn von ſei⸗ nen Träumen abzulenken, denn ich wollte ihn nur allmälig, ohne Sprung und ohne Gewalt, in die Wirklichkeit hinüberführen. — Hören Sie mich, Mylord,] richten Sie Ihr Auge auf mich! Glauben Sie mir, in Wahrheit nicht umgebracht... er — Er lebt? Ach! Aber er haßt — Auch das nicht... nein! er lie er betet für Sie... Jetzt ſchaute mich der alte Hausl nahe eben ſo ſtarr vor Verwunderungan, wie der Marquis... Beide ſahen Statuen van Stein gleich, ihre Augen hingen an meinen Lippen, und die Stille, die dieſen Augenblick um uns herrſchtsſe, war ſo tief, als wäre nichts Lebendiges im Zimmffr geweſen. — Er liebt mich... er betet fü der Greis plötzlich nd rang die Häng * . ℳ. r mich!— ſchrie e— dann werde — 171 ich verrückt, dann muß ich verrückt werden... That für That, Blut für Blut... Und er ſank wie leblos in ſeinen Seſſel zurück. — Bringen Sie kaltes Waſſer und einige Hand⸗ tücher, Paul,— ſagte ich zu dieſem, der noch im— mer ſprach- und bewegungslos daſtand und nicht wuß⸗ te, ob er meinen Worten trauen ſollte oder nicht. — Raſch, raſch, Paul! Wir duürfen jetzt nicht weiter fortfahren, es iſt genug für heute. Der Mann holte ſchnell das Geforderte ſelbſt herbei; wir machten dem Kranken kalte Umſchläge über den Kopf und ich flößte dem widerſtandlos Da⸗ ſitzenden ein beruhigendes Mittel aus meiner Reiſe⸗ apotheke ein. wir uns berfühten, litt ruhig Alles, was wir mit ihm Vnhärn. Nur hielt er meine Hand feſt, im⸗ brach der erſte Schimmer des roſigen Morgens lang⸗ ſam herein).. er hielt immer noch meine Hand. Endlich ließ e ſie ſanft los, die krampfhafte Span⸗ Mc... er war 3 nggeſchlafen. SIch deutel auf ihn hin mit einem Blick auf den ushofmeiſter Es wußde nichts weiter geſprochen; der, um den mer feſter... die Nacht verſtrich allmälig.. ſchon nung, die auf ſeinem Geſichte gelegen hatte, ließ nach A 5 — 172— — Kein Wort von dem, was wir geſprochen und Ihr von mir gehört habt— ſagte ich leiſe— Nie⸗ mand darf es wiſſen, er ſelbſt nicht, wenn er er⸗ wacht... wir wollen ſehen, ob es nachwirkt... Ihr verſteht mich, Paul, nicht? — Ich weiß Alles, Sir, Alles... ach Gott! aber ich werde gehorchen! Und ich ging auf mein Zimmer, beinahr erſchöpft von der Anſpannung, in welcher ich meinen Geiſt hatte erhalten müſſen. Es geht gut, ſagte ich zu mir, als ich allein war. Aber handle ich hier? Oder handelt die Vor⸗ ſehung?... Die Vorſehung iſt es, die Vorſehung; ſie, die allmächtige hat mir in dieſes Menſchen Bruſt vorgearbeitet, und was ich noch daran zit thun habe, iſt eitel Flickwerk! Jedoch ich fühlte an meinem Herzen, daß ich das ſchwache aber willige Werkzeug in ihrer allmächtigen Hand war, und ich war zufrieden damiz. Percy! ſagte ich leiſe zu mir, a 6 ich mich nie⸗ derlöaie... Percy! jetzt können vi rühig ſchlafen ... Deine Sache ſteht gut!. 173— .. In der Frühſtunde des andren Tages, noch bevor ich meinen erſten Morgenbeſuch bei dem Mar⸗ quis gemacht hatte, erſchien Sir Mortimer, zur Jagd gerüſtet, abermals auf meinem Zimmer. Der erſt halb verſchlafene Rauſch mit allen ſeinen Folgen lag noch ſcharf ausgeprägt auf ſeinen unſchönen Geſichts⸗ zügen, er ſah blaſſer aus als gewöhnlich und älter, ſeine Stimmung war grämlich, wie ſie es gewöhnlich nach einer wüſten Nacht zu ſein pflegt. Nachdem er mir froſtig und eilfertig ſeinen Morgengruß geboten, redete er mich mit folgenden Worten an: — Sie ſehen mich gerüſtet zur Jagd; ich komme, Sie abzuholen. Kleiden Sie ſich raſch an und fol⸗ gen Sie mir. — Sir, es kann nicht Ihr Wille ſein, meinen heiligſten Pflichten mich untreu zu machen, zumal ich mmit den meinſgen auch die Ihrigen erfülle. Wie ich ſſchon geſtern Ihre gefällige Einladung abgelehnt, ſo kann ich ſte quch heute nicht annehmen... laſſen Sie mich hier, ich bin jetzt nothwendiger bei Sr. Herrlichkeit als jje. in, wenn Sie es ſo wollen. Ich habe et. Sie... Sie können mir auch er dienen.. — Gewiß, Kir, das iſt auch meine Meinung.. — Ja, Sir, ja... verſtehen Sie mich recht! Doch kommen Sie, ſetzen wir uns traulich zu einan⸗ der, ich habe mit Ihnen ein ernſthaftes Wort zu reden. Sir Mortimer ſprach dieſe Worte, deren Inhalt ganz gut ſchien, offenbar, um mein Vertrauen zu ge⸗ winnen und mir das ſeinige anzudeuten, aber der Ton, mit dem er ſie ſprach, ſtrafte ſeine Abſicht Lü⸗ gen; es lag nichts Trauliches darin, ſie wurden kalt und ſo zuverſichtlich, ich möchte ſagen, befehlshabe⸗ riſch ausgeſtoßen, daß der erfreulichere Sinn ſogleich einen widerwärtigen Eindruck auf mich hervorbrachte. — Sprechen Sie... ich höre!— erwiderte ich und ſetzte mich neben ihn auf das Sopha. — Nun ja, mein lieber Doktyr,— fing er an— wenn Sie die Geſellſchaft meigges Vaters der meinigen vorziehen, ſo kann ich nichts Fiäede ha⸗ ben... — Erlauben Sie, Sir, es iſt hie⸗ nicht n von der Geſellſchaft, ſondern von einer Pflicht, die Rede. — Auch gut! Sie ſehen, ich jſmne Ahnen Allem bei... wenn te alis Thnt au 2 — Von ganzem Herzen!... Ich bin deshalb hierher gekommen. — Laſſen Sie mich ausreden... Sie haben ſich geſtern hinreichend von dem Zuſtande meines Vaters überzeugt... hegen Sie noch große Hoffnungen? — Große nicht, aber einige, doch einige... — Nun gut, glauben Sie diesmal mir, es geht bergab mit ihm... die Viſtonen nehmen überhand und kommen ſehr oft... er wird bald gar keine freie Zeit mehr haben... wie? müſſen wir das nicht erwarten? — Leider! wir müſſen es erwarten! Nun ſehen Sie! Und alſo muß das, was geſchehen ſoll, und was ich als geſchehen wünſche, noch eher geſchehen, als bis dieſe freien Zwiſchen⸗ raͤume aufhöͤr n. 3— Und was muß geſchehen, wenn ich fragen darf? Was wünſchen Sier — Sie pllen es ſogleich hörtn.... hier haben Sie meine Hand, daß ich es ehrlich meine... den⸗ ken Sie... ha! denken Sie, daß mein Vater... ohne Teſtament... die Welt verlaſſen wird? Ich erſtautte. Wie? Wäre das noch nicht ge⸗ ſchlichtet? Dochh ich verbarg mein ErRaunmm hinter einer ungetheilten Aufmerkſamkeit und erwiderte unbe⸗ fangen: — Ich dächte, das wäre nicht nöthig, da Sie der einzige Erbe Sr. Herrlichkeit ſind? Ich blickte ihm ſcharf bei dieſen Worten ins Ge⸗ ſicht... aber der Mann, der neben mir ſaß, hatte ein eiſernes Herz, er hielt unverrückt Stand. — Es iſt ſo! Zweifeln Sie nicht!— erwiderte er— Indeſſen ſind einige Vettern aus einer nahen Linie da, die mehr oder weniger Anſpruch auf meines Vaters Güter haben, und nur wegen dieſer... Sie verſtehen mich! — Wenn das iſt, ſo wäre freilich ein Teſtament für dieſe Vettern wünſchenswerth, deren Wohl Ih⸗ nen ſo warm at Herzen liegt, obwohl ich noch nicht glaube, daß die letzte Zeit da iſt.... — Laſſen wir das jetzt; wir ſprechſn vom Teſta⸗ ment... und nun hören Sie, was ſich Ihnen ſa⸗ gen will. Es iſt allerdings eins vorſſanden, ſchon vor Jahren von meinem Vater in Gmeinſchaft mit 1 einigen Gerichtsleuten entworfen und von dieſen unterzeichnet, und darin ſtehen die Pegate für alle Verwandte. Aber was die Hauptſaſthe iſt... mein Vater, ſei es aus Laune oder Vorl/ ſehalt für dirſo oder jetten Vewandten, oder auch aus Furcht v5 — ——— dem dadurch ſchneller herbeigeführten Tode... wie die alten Leute glauben... mein Vater, ſage ich, hat ſich nie entſchließen können, dieſes für uns Alle ſo wichtige Dokument früher zu unterzeichnen als bis er ſelbſt ſeinen letzten Augenblick kommen ſieht.* Falls er nun plötzlich ſtürbe, ohne es unterzeichnet zu haben, ſo würde eine allgemeine Verwirrung, ein Hin- und Hergehen, unaufhörliche Auseinanderſetzun⸗ gen und, Gott weiß was! die Folge ſein, und ich allein würde dabei die meiſte Zeit und Mühe opfern müſſen... — Nun... und?. — Sie ſehen ein, daß daher mir, dem eigentli⸗ chen und Haupterben, Alles auf die lnceröeichnung an⸗ kommen muß, und da Sie vielleicht Gelegenheit fin⸗ dden, und mein Vater vielleicht dieſerhalb eine Frage an Sie richten könnte... ſo iſt es mein Wunſch, daß Sie dieſe Gelegenheit wahrnehmen und ihn zu dieſer Unterzeichmung geneigt machen mögen. Daß ich Ihnen für dieſenn freundſchaftlichen Dienſt in der Folge erkenntlich ſein hwerde, brauche ich wohl nicht noch hinzuzufügen.. Ol ich verſſtand die ganze, wunderſchön ausge⸗. dachte Liſt! Becreits fing ich an zu ahnen, iarum der Marquis die ſe Schrift bis jetzt noch nicht unter Der Irre von St James. 3. Band. 12 — zeichnet habe... er war mit ſich noch nicht voll⸗ kommen einig... das Schwanken zwiſchen Recht und Unrecht verzehrte ihn und hielt ihn hin... ſo war es, ſo mußte, ſo konnte es nur ſein. Indem ich die Erkenntlichkeit Sir Mortimer's in der Folge, die er mir anzudeuten die Güte hatte, micht beachtete, ſagte ich: — Wenn er aber dennoch nicht unterzeichnen will? 8— Nun, dann iſt es nicht Ihre Schuld... doch wird einiges Zureden von Ihrer Seite helfen... Alter und Krankheit haben ihn zwar noch hartnäcki⸗ ger, eigenwilliger gemacht, als er früher war, aber um ſo mehr müſſen Sie ihm dieſen geſetzlich rechtmä⸗ ßigen Akt als nothwendig und unaufſchiebbar darſtel⸗ len. Nehmen Sie alſo die Minuten wahr und... reden Sie ihm ins Gewiſſen! Sie verſte⸗ hen mich. 4 Ha! das wagte mir der Unverſ hämte ins Ge⸗ ſicht zu ſagen! Und mit einer ſolchen bedächtigen und überlegten Ruhe! Ich ſollte ſeinem 5Zater zu ſeinen Gunſten ins Gewiſſen reden! Ja, ja, dachte ich, das ſoll geſchehen, nur weiter! — Und was dann?— fragte ſch— Ich ſehe, Sie ſind noch nicht zu Ende... 4 — So iſt es... noch Eins fleibt uns übri 4 — 179— Die Unterſchrift meines Vaters nämlich muß von ei⸗ nem Arzte unterzeichnet werden, mit der ausdrückli⸗ chen Bemerkung, daß er ſie aus freiem Willen und bei vollkommener Geiſtesklarheit geſchrieben habe... Sie ſehen alſo, wie nöthig Eile iſt. — Und wo ſteht dies geſchrieben? — Geſchrieben, Sir? Wie? Es iſt für diefen beſonderen Fall höchſt wünſchenswerth... ſehen Sie das nicht ein? Die Vettern könnten kommen und ſa⸗ gen: die Unterſchrift iſt war von Heute, das Te⸗ ſtament aber von Geſtern. Geſtern war Seine Herrlichkeit bei Verſtande... Heute aber nicht... wir verlangen Mehr! Wie? Iſt Ihnen das nich deutlich? — O! ganz vollkommen... Sie haben ... und dann? — Dann unterzeichnen Sie? Und das wurde ſo beſtimmt, ſo dem Vertrauen auf mich geſprochen, Unwillen kaum bezähmen konnte und thun mußte, ihm nicht gerade ins Wahrlich! eine ſchöne Zumuthun ich, mir... mir, zu Gunſten auf Koſten Percy's, die Ablegg anzutragen! * — 180— — Ich werde keinen Finger breit von meiner Pflicht abweichen— war meine Antwort— ich werde Alles ſo thun, wie es ſein muß. — Das iſt gut, Sir, ſehr gut... ich ſehe, Sie haben Einſicht in meine Sache... und eben das wünſchte ich. Wir ſind einverſtanden. — Ja! ich kenne Ihre Abſicht und Sie... meine Meinung! — Sie genügt mir... und nun, guten Mor⸗ gen, Sir! — Eine glückliche Jagd, Sir! — Das ſollten Sie mir nicht ſagen... nun ſchieße ich nichts... Treffen Sie beſſer! — Ich faſſe immer das richtige Ziel ins Auge! — Haha! Manchmal verfehlt man es doch! dan werde mir diesmal doppelte Mühe geben! iſt vortrefflich! Guten Morgen! Morgen, Sir!...... ing er, mit dem Gedanken, einen eſich zu laſſen; ich aber blieb zurück ung, einen Schelm durchſchaut zu betrügen? Mich und noch, mehr e Zweifel!... Wollte üh ihn as betrügen, einem Bößzwicht das nehmen, was nicht ſein iſt?... Gewiß nicht! ... Aber hatte ich ein Recht dazu?... Ja! Denn ich ſtand in dieſem Augenblicke als moraliſcher Anwalt für Percy hier, und auf ſeiner Seite war Alles, mein Gewiſſen, mein Gefühl, meine Ueberzeugung und... das Geſetz. Nun erſt wußte ich, wie und was ich für Perey, den edelen, rechtſchaffenen, betrogenen Percy, thun mußte und thun konnte. Alles kam darauf an, den Marquis verſtändig zu leiten. Forderte dieſer von mir das Rechte, ſo that ich es mit allen Wünſchen und Hoffnungen meiner Seele. Forderte er es nicht, ſo mußte ich ihm ſagen, was das Rechte ſei. Und das war ich denn zu thun entſchloſſen, mochte kommen, was wollte! Bis dahin ohne Sorge! Nur zu, kleiner Job! Jetzt wirf dein Senkblei bis auf de tiefften Grund... Gott wird helfen!... Ftung gab, als an meine er Haushofmeiſter erſchien. denn er erſchien gewöhnlich traurig und wehmüthig geſtimmt. — Er iſt fort, Sir!— ſagte er mit einem ei⸗ genthümlich frohlockenden Tone. — Wer iſt fort? — Sir Mortimer! Und kommen Sie raſch hin⸗ auf, Mylord kann die Zeit nicht erwarten, bis Sie da ſind. — Wie lange hat er geſchlafen? — Bis vor einer Stunde... und iſt ganz mun⸗ ter... ol was Sie ihm auch geſagt haben! — Was habe ich ihm denn geſagt? — Was... Sir! Sie wiſſen es nicht mehr? O!— rief der alte treue Diener mit erhobenen Hän⸗ den aus, und eine große Thräne rollte über ſeine ge⸗ zurchten Wangen hinab— Geſtehen Sie es... ja, .. Sie wiſſen noch viel mehr... Sie wiſſen Alter, ich verſtehe Euch nicht... nein! Vor mir brauchen Sie War es mir doch gleich, da lich einmal ein guter † ver⸗ rauriges Haus ein und... erräthe — Was Alles — Nein, Sir, ſich nicht zu verſtellen! Sie kamen, als wäre em ſöhnender Geiſt in unſer ... ha! und dieſe Nach nicht... Sie waren ſo bs — — 183— ja, ja... als Sie von Mylord Percy ſpra⸗ chen... — Ihr nehmt Antheil an ihm... 2 — Wie, Sir? haben ihn denn dieſe Arme nicht getragen, den kleinen, guten, braven Percy? 8 — Aber dieſe Arme haben vielleicht auch Sir Mor⸗ timer getragen... — Ach! leider! das haben ſie, aber wer kann in die Zukunft ſehen! Und Beide waren Söhne d deſ⸗ ſelben Vaters!... O, kommen Sie, kommen Sie, er weiß Alles... Alles weiß er... es iſt, als wenn er es geträumt hätte. Wenn Mortimer fort iſt, ſagt' er, ruf' ihn und dann geh' hinaus, mein Herz iſt aus einem langen Schlafe erwacht, ich muß zu einem Menſchen reden... er muß mir Alles ſagen, und auch ich muß ihm viel... viel ſagen. — Aber wie iſt es möglich... dieſe pl ößzlicht Umwandlung? — Ein Funken, ein einziger kleiner Funken, Sir, und eine ganze Tonne Pulvers brennt los! Ach! die vielen Jahre, die vielen einſamen, troſtloſen Jahre, und das lange, ſtille, ungeſtörte Nachdenken... und Pier, dieſe ewig ſchreiende Stimme in der Bruſt und das Andenken an vergangene Zeiten... das thut viel, das thut ſehr viel. Und da kamen Sie! 8 184— Sie waren der zündende Funken, denn Sie haben ge⸗ ſagt: er liebt Sie! Das hat er mir nie glauben wol⸗ len, und auch dem Pfarrer, Mr. Graham, hui er es nicht glauben wollen... „ Hal kennt Ihr ihn? Wo iſt er? — Ob ich ihn kenne! und wo er iſt? Wiſſen Sie denn das nicht? Ich denke, Sie wüßten Alles... — Ich weiß nichts, Alter, gar nichts weiß ich ... kommt, kommt, wir wollen gehen! . Der Haushofmeiſter ſah mich mit einem ungläu⸗ bigen Blicke von der Seite an, als wir die Treppe hinunter gingen. Konnte ich dafür, daß er in mei⸗ nem Herzen geleſen, da ſeine Augen ſo voller Liebe und die Schrift in meinem Herzen ſo deutlich und verſtändlich war?* Vor der Thür, die er mir öffnete, blieb er ſte⸗ hen, gab mir noch einmal einen ermuthigenden Wink, und ich trat allein in das Krankenzimmer. Der Marquis ſaß, wie gewöhnlich, auf ſeinem Seſſel, den er weder bei Tage, noch bei Nacht verließ. — Treten Sie näher, raſch näher, Sir!— rief er mir ſchon entgegen— Ich kenne Ihren Schritt ſchon und erſchrecke nicht mehr davor. Guten Mor⸗ gen, Sir, guten Morgen! Und er reichte mir die Hand hin, die ich am 8 — 185— Abend vorher, bebend und mit kaltem Angſtſchweiß bedeckt, in der meinigen gehalten hatte, aber ſie war heute warm, und ich fühlte deutlich ihren k. herz⸗ lichen Druck, was ein ſeltenes Ereigniß bei Sr. Heu⸗. lichkeit war.. — Sie befinden ſich wohl, Mylord, nict? — Wohl? Ach nein, noch nicht! Aber doch wohler, als geſtern... ich habe geſchlafen und... geträumt... und nicht, wie ſonſt, geträumt...* — Und was haben Sie geträumt? Aℳ —= Daß Sie bei mir waren und mir eine Ge⸗ ſchichte erzählten, daß Sie... ha! ſehen Sie, wie luſtig die Sonne hereinſcheint... daß Sie... Percy kennten... ha! wie mir der Name jetzt leicht wird... daß Sie ihn... ihn geſehen haben... — Nein, wahrhaftig! das habe ich Ewr. Herr⸗ lichkeit gewiß nicht geſagt!— rief ich unwillkürlich aus. — Nein! das ſage ich auch nicht... ich habe Ies ja nur geträumt... Ach, Sir, aber dennoch! das war ein ſüßer... ſüßer Traum! Ich ſchwieg und ſah ihn mitleidig, aber freund⸗ lich an. Ich war einigermaßen verlegen... ich hatte mir einen andern Plan ausgedacht, wie ich ihn auf„ Percy bringen wollte, der mir, in Bezug auf ſeinen Geſundheitszuſtand, weniger ſürmiſch vorkam. Jetzt — 186— gab er ſelbſt die Richtung an, und ich ſann einige Augenblicke nach, wie ich ihn wohl am beſten in meine Ideen hinüber leiten könnte. Aber mein Geſicht mußte während dieſes kurzen Nachſinnens etwas Unbeſtimm⸗ tes, Schwankendes verrathen, denn der Greis, der mich aufmerkſam betrachtete, nahm meinen Geſichts⸗ ausdruck anders auf, er wurde wieder traurig und ſagte in einem wehmüthigen Tone: — Ach! es war ja nur ein Traum, und ich bin immer noch ſehr unglücklich! Dahin wollte ich ihn haben. Ich that ſchnell meine gewöhnlichen Fragen nach ſeinem Befinden, de⸗ ren Beantwortung mich in der That ſehr befriedigte. Aber, während ich noch mit ihm ſprach, verſchwand plötzlich der helle Schein der Zuverſicht und Freude ... und vielleicht der Hoffnung... der ſo ſichtbar auf ſeiner Stirn bei meinem Eintreten geglänzt hatte, und an ſeine Stelle trat eine düſtere und verderben⸗ ſchwangere Wolke, die ſich ſchnell über ſeine verfalle⸗ nen Züge verbreitete und ihnen jenes traurig kummer⸗ volle und zugleich unheimliche Gepräge verlieh, wel⸗ ches dieſes Antlitz einem Fremden beim erſten Anblicke darbot. Er ſeufzte und ſah ſchweigend mit ſeinem gewöhnlich unruhigen Blicke nach der Decke des In mers empor.„ 3 — 187— — Horen Sie, Sir!— ſagte er plötzlich halbs laut und gab mir mit der Hand ein Zeichen, näher 8 zu ihm heran zu treten— kommen Sie einmal ganz nahe zu mir... ſo... ich will Ihnen im Ver⸗ trauen einmal eine närriſche Frage vorlegen, die mich ... ich weiß nicht warum... ſchon lange quält und mir ſo eben wieder einfiel... Kann ein Menſch, ein geſunder, kräftiger, junger Menſch— liſpelte er faſt nur— kann er, wenn man ihn unter Verrückte und Wahnſinnige, einſperrt... da... den Ver⸗ ſtand verlieren? Aha! er ging alſo wieder ſeinen eigenen Weg und ich konnte ihm auf meine Art nicht beikommen; nun, wohlan! ſo will ich ihm auch auf dieſem Wege ent⸗ gegen gehen. Dennoch war ich einen Augenblick un⸗ ſchlüſſig, was ich ihm auf ſeine ſonderbare Frage ant⸗ worten ſollte. Die Wahrheit durfte ich ihm nicht ſa⸗ gen, ſie konnte ſchlimme Folgen haben. Ich ſagte alſo dreiſt und laut: — Nein, Mylord! — Still! nicht ſo laut, Sir, nicht ſo laut... es braucht Niemand weiter zu hören... alſo nein? wirklich nein? Das iſt gut, das iſt ſehr gut.... hören Sie weiter. Sind Sie ſchon mit Sir John .. im Bethlehem⸗Hospital geweſen? 2 — 188— — Ja!— ſagte ich— ſehr oft bin ich mit ihm dageweſen. 4 .— Es iſt wohl ſchrecklich da? . Und ſeine Augen ſtarrten mich bei dieſer Frage grinſend, wie die eines verſtandesloſen Menſchen an ... denn in meiner Antwort lag für ihn Leben oder Tod... * Nein, Mylord, es iſt nicht ſchrecklich. Un⸗ „glückliche werden dort getröſtet und Kranke geheilt... das iſt nicht ſchrecklich. — So, ſo... ſie werden getröſtet... das iſt ſchön. Ah!. Und er ſchöpfte tief Luft; ich hatte ihn durch meine Antwort augenſcheinlich etwas erleichtert, aber nur etwas, denn noch eine andere Frage ſchien auf ſeinem Herzen zu liegen; allein es mochte eine unge⸗ heure und für ihn zu große Anſtrengung koſten, ſie auf die Lippen zu bringen. Daher fuhr ich fort: .— Auch habe ich noch andere Irrenanſtalten in England geſchen, die mir noch beſſer ialln als das Bethlehem⸗Hospital... — Welche... welche?— fragte er mit beben⸗ der Lippe. Ich nannte ihm die mir bekannten, doch bemerkte ich keine Veränderung dabei in ſeinen Geſichtszüge obwohl ſeine Augen mit der angeſtrengteſten Span⸗ nung an meinem Munde hingen. Da fügte ich ſchnell und etwas leiſe hinzu: — Auch in St. James, in der Grafſchaft.... bin ich geweſen! — Ha!— ſchrie er laut auf und fuhr zuſam⸗ men, als wenn ihn ein Blitzſtrahl getroffen hätte. Schon bereute ich das geſprochene Wortz... da ſchien er ſich wieder zu erholen. Er faltete die Hände, drückte ſie zuſammen und preßte ſie gegen ſeine Bruſt. Dabei murmelte er etwas, indem er den Kopf vorn über beugte, was ich aber nicht verſtand. .— Sie ſind dageweſen?— ſtotterte er endlich. — Ja, Mylord! Sogar längere Zeit... ken⸗ nen Sie es auch? — Nein, nein, nein! ich kenne es nicht!— ℳ ſchrie er beinahe.— Fragen Sie mich nicht... ken⸗ 5 nen Sie Jemand da? — Ich kenne viele da, Mr. Elliotſon, den Di⸗ rektor... — Hm!.. Ja... hm!... — Mr. Lorenzen, den Oberarzt— und ich nannte ihm alle mir bekannten Namen der Beamten her. — Es ſind viele Kranke und Unglückliche da—2 — Sehr viele, Mylord! 3 — Kennen Sie Jemanden davon?— keuchte er mit großer Anſtrengung und kaum verſtändlich hervor — Ich meine, einen oder den andern dieſer 3. die i Unglücklichen? — Ach ſo..o ja! ich kenne viele! Einen Oberſten mit Namen Lincoln, wenn ich nicht irre, einen Baronet, Sir Charles...; einen Maler, Mr. Kingſton, einen Schauſpieler, Mr. Bateman... — Weiter Niemand... keinen jungen Mann ... ach! ſein Sie barmherzig... ich bin es nicht gegen ihn geweſen... einen jungen Mann, ſage ich, groß... ſchön... ach, mein Gott! NX 2 vortrefflicher Mann... ich aüute er iſt Archi⸗ telt... — Nein, nein!— rief er mit der Miene der Zerknirſchung und Verzweiflung— Sie kennen ihn nicht, Sie kennen ihn nicht.* ſad nie da⸗ geweſen... peinlichen Scene ein Ende zu machen, fügte ich hinzu: ten! — Ach ja!— ſagte ich, als wenn ich mich plötz⸗ lich beſunne,— Mr. Brown, ein ſchöner, junger, — Ich bin dageweſen, Mylord! 8. rich i Auf mein Wort! ich bin dageweſen!— Und um der — Wenn Sie mir nur den Namen nennen woll⸗ — 191— — Ha! der Name! Kommen Sie her... nä⸗ her!... ganz nahe!... Kennen Sie nicht... ſahen Sie nicht... ſtill! Mortimer iſt doch nicht da... Mr.... Mr. Sid... — Sidney!— rief ich.— Ja, den, den kenne ich ſehr gut! Kaum aber war der Name meinen Lippen ent⸗ flohen, ſo hörte ich ihn laut aufſchreien... er ſank zurück... Leichenbläſſe bedeckte ſein Geſicht... aber nur einen Augenblick... dann hörte ich einen ſelt⸗— ſamen Ton... dann Schluchzen, lautes Schluchzen ... ſeine Hände griffen nach mir, ſie umſchlangen mich... ſie zogen mich an ſeine Bruſt... ich ſtand über ihn hin gebeugt und er drückte meinen Kopf an ſich.. Thränen rannen über ſein Geſicht und er weinte laut... Das dauerte eini ge Minuten; dann ſich die Thrä⸗ nen abtrocknend, ſagte er mit einem ganz veränderten Tone und einer durhans anderen Stimme, und ſah mich dabei friedlich 15 1 — O warum ha In Sie mir nicht früher geſagt, daß Sie meinen... meinen Percy kennen? — Mylord! wie konnte ich wagen... wie konnte ich hoffen? Warum nicht, warum nicht? Hat er Ihnen denn nichts von mir geſagt?... Keinen Gruß, gar keinen Gruß? — Ach, Mylord, ich habe es Ihnen ſchon ge— ſtern geſagt: er liebt Sie, er betet für Sie... war das nicht ein hinreichender, verſtändlicher Gruß? — Es iſt gut, es iſt gut, Sir,... ſchweigen Sie. Ich ſehe es, Sie wiſſen Alles, Sie kennen meine That, meine ſchreckliche That, doch nicht mei⸗ nen unglücklichen Charakter, und wie ich dazu kam. Sie ſollen es aber hören. Jetzt muß ich allein reden, ich ganz allein, und nicht eher unterbrechen Sie mich, als bis ich die traurige Geſchichte zu Ende erzählt habe, denn ich habe auch eine zu erzählen, und aus meiner Aufrichtigkeit ſollen Sie ſchließen, ob ich es ehrlich mit Ihnen, mit mir meine. Da... da, ſetzen Sie ſich, aber behalten Sie meine Hand, und die Ihrige von mir fort... ha! ich bin ein großer Sünder geweſen, aber Gptt wird mir noch vor mei⸗ nem Ende die Gnade gewähren, zu beichten, und Sie .. Sie ſollen mein Beichtvater ſein. Ich ſetzte mich dicht vor ihn hin und hörte fol⸗ gendes merkwürdige, in abgebrochener Redeweiſe vor⸗ getragene, Selbſtgericht: — Ich war ein ſtolzer Mann... ein eig nſin⸗ b wenn Sie Abſcheu gegen mich fühlen... ziehen Sie — 193— ** niger, ein leidenſchaftlicher Mann!... Ich habe nie⸗ mals ein Weib geliebt, und das... das iſt das Härteſte, was ich von mir ſagen kann. Vor etwa neunundzwanzig Jahren... ich war damals ſchon einundvierzig alt... ſah ich ein achtzehnjähriges Mädchen... die Tochter des Viscount von Duns⸗ dale... ha! und zum erſten Male in meinem Le⸗ ben erfaßte mich eine brennende Leidenſchaft,“ eine Lei⸗ denſchaft, die meine Vernunft umnebelte und mich zum Thier erniedrigte. Denn je ſpäter eine ſolche Lei⸗ denſchaft kommt, um ſo unnatürlicher tritt ſie auf. Was ich that... ach! was ich that... Sir, das erlaſſen Sie mir zu erzählen... es ſoll ewig begra⸗ ben und vergeſſen ſein. Aber ich war zu ſtolz, zu nichtswürdig ſtolz... ſie zu meinem Weibe machen zu wollen... denn ich wollte in keiner Art Sklave ſein... doch ich ward gezwungen dazu, gezwungen von ihren Verwandten, von meinen Verwandten, und von der ganzen Welt gezwu ſen. Es war der erſte Zwang, den ich erlitt, und es war genug, in mir den glühenden Durſt nach Rache zu entzünden... und... ich rächte mich... Percy, mein älteſter Sohn... auf ihn warf ich von ſeiner Geburt an die größte Hälfte meiner Rache, die andere blieb mir für ſeine Muter. Denn er war ja für mich der un⸗ Der Irre v St. James. 3. Band. 13 8 — 494— 4 auslöſchliche, lebendige Vorwurf meiner unwürdigen Leidenſchaft, in ihm haßte ich mich ſelbſt, denn er war ja auch die alleinige Urſache meines gedemüthig⸗ ten Stolzes und meiner unfreiwilligen, du ich nichts abzuſchüttelnden Knechtſchaft. Ich verabſcheute ihn, wie ich die verabſcheute, die ihm wider meinen Wil⸗ len das Leben gegeben hatte. Darum konnte ich ihn niemals ſehen, ohne dieſen Abſcheu, dieſen Ekel vor mir ſelbſt zu empfinden, und ich entfernte ihn, ich ſchleuderte ihn von mir, wie man einen Skorpion von ſich ſchleudert, der uns verwundet und unſer Herzblut vergiftet hat.. Aber, aber... die Vorſehung iſt gerecht, und mit denſelben Mitteln, womit wir ihr Hohn ſrecheß beſtraft ſie uns... verwundern Sie ſich nicht, aber verachten Sie mich... trotz meines Abſcheus wurde ich noch einmal der nichtswürdige Sklave meiner blinden Leidenſchaft... Diesmal konnte man mich aber ni zwingen, die Mutter meines zweiten Sohnes n ibe zu nehmen; denn ſie war ſchon mein Weib, die meines zweiten Sohnes Mut⸗ ter wurde. Darum aber war mir Mortimer auch nicht zuwider, ſeine Eriſtenz hatte mich nicht ernie⸗ drigt, und in meinen Augen war er nur mein einzi⸗ ger Sohn. Ich wollte an ihm wieder gut machen, was die Natur und Percy, meiner bli aden Zuverſich — 195— nach, an mir ſchlecht gemacht hatten, und darum liebte ich dieſen Mortimer, ſo gut ich lieben konnte. Aber, Sir! was ſoll ich Ihnen noch weiter von ni. ſagen... ich bin beinahe zu Ende, denn Alles, was noch übrig iſt, war die Frucht dieſer gottloſen, durch Haß und Abſcheu entſtandenen Liebe. Denn dieſer Mortimer war ein Bube... er ſchmeichelte mir, er heuchelte vor mir, und er beherrſchte und verdarb mich mit ſeiner Schmeichelei... und ich beſchloß,... er ſolle mein Erbe ſein. Da kam Percy zu mir, den ich haßte, Percy, den ich nicht ſehen konnte, ohn unwohl zu werden und ohne mich ſelbſt verdammen zu müſſen... und ich war grauſam gegen ihn, der unſchuldig an mei⸗ nem Haſſe war. Ich jagte ihn von meiner Thür... Da kam aber auch Mortimer zu mir und ſagte: Vater! Percy trotzt nicht allein Deinem Willen und Deiner Abſicht auf mich, Deinen Erben... Perey iſt nicht allein ein ungehorſamer Sohn, nein! Percy will auch Deinem ſtolzen, reinen Namen einen Flecken anhängen, er will ein armes, namenloſes Mädchen zum Weibe nehmen und ſo Dein Blut beſudeln und Deinen Stammbaum verunreinigen. Da ſtehſt Du, was Percy iſt, da erkennſt Du Deinen Sohn. und wenn Du es hindern willſt, ie Hindens as bald 2 — 496— ... ſonſt wird er Dich zwingen, zu thun, was ihm beliebt. Sieh! ich will Dich unterſtützen... ich weiß eine gute Schule für ihn, denn Dein lieber Sohn Percy iſt wahnſinnig geworden... Das iſt er! rief ich in meinem Zorn, und er ſoll mir büßen ... büßen für mich und für ſich... und ich will das Andenken an ihn aus meinem Geiſte verlöſchen. Gehe und thu' mit ihm wie mit einem Wahnſin⸗ nigen............... Und er that mit ihm wie mit einem Wahnſin⸗ nigen; und ich litt es, daß er es that, noch mehr, ich... ich ſein eigener Vater... trieb ihn dazu ... Da, de ward es Nacht um mich... ach! Graham hat es mir wohl und oft geſagt: Gott würde mich ſtrafen, denn ohbgleich ich ein reicher und vor⸗ nehmer und ein gewaltiger Mann ſei... Gott habe doch mehr Gewalt als ich... Ich verlachte ihn, denn, ich glaube, ich war ſelbſt wahnſinnig in mei⸗ nem Zorn. Aber er ließ noch nicht von mir ab, die⸗ ſer Graham. Wie er ſich früher mit Paul dem Ab⸗ ſchluſſe meines Teſtamentes widerſetzte, wogegen auch alle Gerichte waren, ſo widerſetzte er ſich jetzt noch, ... er ging ſogar an einem Morgen ſo weit, mir zu drohen, dieſer Graham. Da wies ich auch ihn von meiner Thür und beſchimpfte ihn, wie ich Percy be⸗ *. 1 8 ſchimpft hatte, und... er ging... er ging, und ... ich habe ihn nicht wieder geſehen..... — Und das Teſtament?— fragte ich bebend. — Ja, das Teſtament!... Gott ſei Dank! ich hatte einmal eine gute Stunde... und Graham hatte mir dieſe verſchafft... und ich ließ zwei Te⸗ ſtamente machen... eins für Mortimer und eins für Percy, denn die Gerichte wollten es ſo und ich ſah ein, daß es gut war, eine Hinterthür zu haben, durch die ich entſchlüpfen könnte, wenn etwa Gott käme und ſtärker ſein wollte, als ich... und... Graham ſei geſegnet!... dieſe beiden Teſtamente... habe ich noch... und keines iſt ungrzeichnet. Ich war ſtumm vor Erſtaunen... vor Rüh⸗ rung... vor Entrüſtung... tauſend Gefühle ſtröm⸗ ten durch meine Bruſt... dieſer edle Graham! die⸗ ſer elende Vater!... da fuhr er fort: — Jetzt aber, jetzt iſt der Augenblick gekommen ... Gott iſt da und iſt ſtärker als ich und er hat es mich empfinden laſſen... ich will unterzeichnen und Sie... Sie ſollen mein Zeuge ſein!... Da, hier!— rief er faſt athemkos— Schnell! wir ſind allein... hier iſt der Schlüſſel..... 6— Und er riß einen Schlüſſel von einer Schruu die an ſeinem Halſe hing. 4 3 — Jener Schrank da... ſchließen Sie auf. ſo, ſo... das iſt recht... in dem Fache links muß es liegen... recht, recht... geben Sie her! Ich gab ihm ein kleines Packet Papiere, unter denen ſich, oben auf liegend, das Teſtament zu Gun⸗ ſten Mortimer's befand. — Geben Sie mir die Feder da— fuhr er ha⸗ ſtig fort— und ſchieben Sie den Tiſch heran... ſo, ſo... es iſt gut... Und ich ſchob den Tiſch heran und gab ihm die Feder... und er ſchrieb mit raſchem, bebendem Zuge ſeine Namen und ſeine Titel mit dem Datum des Ta⸗ ges unter das Papier.... — Was thun Sie, was thun Sie da?— rief ich entſetzt aus— Es iſt das Teſtament zu Gunſten Sir Mortimer's! — Sir!— antwortete er ruhiger, als zuvor— Glauben Sie, daß ich nicht weiß, was ich thue? So viel Verſtand habe ich noch und... und, Sie wer⸗ den ſehen! Und nun unterzeichnen auch Sie und bemerken Sie dabei, daß ich vollkommen geſund und meines Verſtandes mächtig bin... denn ſo will es mein lieber Sohn Mortimer... — Nein!— tiefeich— Nun und nimmermehr! Das wäre ein Mnnlihehen — 199 Und ich begann daran zu zweifeln, daß er ſei⸗ nes Verſtandes mächtig ſei. ⁸. Der Marquis ſah mich mit einem ſonderbar ver⸗ wunderten Blick an... er ſchien in dieſem furchtba⸗ ren Momente lächeln zu wollen... ſeine Hand zeigte gebieteriſch auf das Papier, das ich in meiner Hand hielt, und zum erſten Male ſah ich einen leuchtenden, triumphirenden Ausdruck in ſeinem ſonſt ſo erloſche⸗ nen Auge glänzen. Frohlockend rief er: — Schreiben Sie... getroſt! Gott ſieht es, was ich thue und was... Sie thun... denn Gott iſt mir jetzt nahe! Ich verſtand ihn, ich glaubte ihn wenigſtens zu verſtehen, und ich unterſchrieb das Blaßt, wie Mor⸗ timer und ſein Vater es gewünſcht hatte.... Als ich fertig war, reichte ich ihm das adier hin... er hielt es prüfend in ſeiner Hand.. ſein frohlockender Blick lief pfeilſchnell darüber hin...— Da ging die Thür ſchnell auf und der r Haushof meiſter ſtürzte athemlos herein. — Halten Sie ein, Mylord... Sir Mortimer kommt... ſo eben ſteigt er vom Pferde!... 8 Der greiſe Vater ſah in die Höhe... ſein Lä⸗ ſchein w wurde ſtrahlend, edevol, als 5 es Wm &— 200— von einer höheren Macht angehaucht, und er ſprach kein Wort, als: 8— — Er kommt von Gott! laß ihn herein... ich will ihn betrügen, wie er mich hundertfach betrogen hat... In dieſem Augenblick trat Mortimer ein... ſein Geſicht war, als er uns ſah, unwillig geröthet... er überlief uns mit ſeinem ſchnellen Blick.. dann blieb er ſtehen und ſagte: — Nun, was iſt denn geſchehen?... Was blickt Ihr mich ſo verwundert an? — Mortimer!— rief der Vater mit einem ſchril⸗ lenden Tone, der mir wie ein Meſſer durch das Herz fuhr— Mortimer! Sieh da... mein Teſta... ment! Mehr konnte er nicht ſagen... die geiſtige Auf⸗ regung, die ihn ſo lange kraftvoll erhalten, war vor⸗ über... er brach wie ein geknicktes Rohr auf ſei⸗ nem Stuhle zuſammen... und ſeine frühere Furcht unnd Angſt hatte ihn wieder ergriffen. Zitternd, vor Schreck und Beſorgniß, er könne in dieſem entſetz⸗ lichen Augenblicke ſein Leben aushauchen, eilte ich zu ihm hin. Mortimer aber... der glückliche Mortimer... das für ihn ſo verhängnißvolle Blatt in der Hand haltend und überfliegend... hatte nur eine Em — 201— pfindung, und dieſe Empfindung trat, zum Leſen deut⸗ lich, auf ſein wildes Geſicht. Es war die Empfin⸗ dung des Frohlockens und des berauſchenden Trium⸗ phes, endlich den Schritt vollendet zu ſehen, um deſſentwillen er alle ſeine ſchwarzen Thaten verübt und deſſen Beendigung er noch nicht ſo nahe geglaubt hHatte.............. Wie groß aber und wohlberechnet iſt Gottes weiſe Allmacht! Wohl begabt er den Böſewicht mit Stärke und Liſt, ſeine finſteren Thaten zu erdenken und zu vollführen, aber er verſagt ihm den geſunden geraden Blick des guten Menſchen, der zur rechten Zeit den Wechſel ſeines Schickſals erkennt und anhält im Laufe, wenn er den Abgrund des Verderbens vor ſich geöff⸗ net ſieht... er ſchlägt ihn mit Blindheit da, wo er den größten Scharfblick haben ſollte, im Erkennen ſeines Irrthums. Einmal von ſeiner Leidenſchaft fort⸗ geriſſen, hält er nicht eher an, als bis er an das Ziel alles Vergänglichen gekommen iſt und einſieht: es iſt zu ſpät, wieder umzukehren und von vorne an⸗ zufangen. Hätte Mortimer in ſeiner blinden Zuverſicht es verſtanden, unſere entſetzten Geſichter zu entziffern, als 8 er plötzlich und unerwartet in einem ſo bedeutungs⸗ voollen Augenblicke zu uns eintrat, er hätte etwas An⸗ — 202— deres gethan, als frohlockt und über ſeinen gewiſſen Sieg das Wichtigſte vergeſſen: die Prüfung des Ver⸗ trauens ſeines mißhandelten Vaters und des Verdien⸗ ſtes ſeines eigenen Selbſt... ſo aber ſah er nur auf ſein Teſtament, und er lächelte und glaubte ſich ſelbſt... und er war mit ſich ſelbſt zufrie⸗ den... 3 — Ich danke Ihnen, Sir!— ſagte er eilfertig zu mir, indem er das inhaltsſchwere Papier wieder auf den Tiſch legte,— ich danke Ihnen... brin⸗ gen Sie ihn wieder zu ſich... Nun kann ich wie⸗ der zu meiner Jagd zurückkehren, denn ich weiß jetzt, was mich eigentlich hertrieb und warum 3 kam. Ich habe es 9 Leben Sie wohl!. Und hohnlächelnd grüßend ſhrit er noch einmal ſo ſtolz zur Thür hinaus, als er hereingetreten war, ohne jedoch einen einzigen Blick auf ſeinen Vater zu werfen, der, wie es den Anſchein hatte, ſterbend in meinen Armen lag. Aher die Scene war noch nicht vorüber... es war dies bloß der erſte Akt eines Schauſpiels, dem ein zweiter, ein wichtigerer, ein ſchönerer folgen ſollte, wie man es ſo oft ſieht, daß das Böſe zuerſt über das Gute triumphirt, zuletzt aber, dennoch bewältigt — 203 von der Allgewalt des Guten und Unvergänglichen, in den Staub getreten wird. Ich ſtand noch erſchüttert von den eben erlebten Ereigniſſen da... ich bebte noch vor Erwartung, denn obgleich ich dem äußern Anblick nach wohl zwei⸗ feln konnte, ſo trug doch mein Herz kein Bedenken mehr, daß jetzt noch etwas Anderes vorgehen müſſe. Und es ging vor. Kaum war Mortimer hinaus ... der Haushofmeiſter war, auf das Aeußerſte er⸗ ſchüttert, im Zimmer zurückgeblieben,... da kam Mylord Seymour wieder zu ſich und erhob ſich in ſeinem Seſſel. — Iſt er hinaus?— flüſterte J. und ſah ſich im Zimmer rings um. — Ja, Mylord, ja... er iſt Ie.. 5 — Zu, geſchwind zu, die Thür zu... ſo... und nun da, da— fuhr er fort und riß mir das, Blatt aus der Hand, welches ich wiedergenommen hatte und betrachtete, und gab es dem Haushofmei⸗— ſter hin— fort... fort damit... da in die e Rmne men... in den Kamin... Der Haushofmeiſter warf einen Blick auf ſeinen Herrn, einen Blick auf mich und noch einen Blick“ auf das Teſtament... es war dey wichtigſte Au⸗ genblick in Mortimer's Leben gekommen, aber er ging 1₰ „ — 204— ſchnell vorüber wie alle Wendepunkte im menſchlichen Daſein. Denn der Haushofmeiſter ging feſten Schrit⸗ tes, wie es das Bewußtſein einer guten That ihm erlaubte, nach dem Kamin... das Haupt zu ſei⸗ nem Herrn gewandt, den Arm mit dem Papiere vor ſich ausgeſtreckt... ſo näherte er ſich dem Feuer, welches kniſternd und praſſelnd in dem alten Kamine aufloderte. Noch ein Blick... noch eine Pauſe und ein Wink von dem ihn anſtierenden Auge ſeines Herrn ... und er warf, wie man mit Abſcheu etwas Be⸗ fleckendes von ſich wirft... das Papier auf die glimmenden Kohten... „Ein Angenblick verging, ein einziger Augenblick .. lautlos, aber ſchnell... da ſchlugen die Flam⸗ men um das Papier herum... ſie verzehrten es... und noch einen kurzen Augenblick, und ein brenzlicher „Nauch wälzte ſich an die hohe Decke des Zimmers empor... das war das ganze Glück und die ganze Seligkeit des im Rauſche ſeines Sieges davoneilenden Sir Mortimer... Wir ſtanden ſprachlos und ergriffen da... ein einziger erleichternder Seufzer entfloh unſerer beklom⸗ menen Bruſt... er war das Sterbegeläute vieler glühender, ſo eben zu Grabe gegangener Hoffnungen ... aber unſre ſtarren Blicke waren noch im uf die gierig leckenden Flammen gerichtet, die ihre Sche digkeit gethan hatten und die ſich eben ſo ſchnell wie⸗ der beruhigten und leiſe kniſternd an den Kohlen her⸗ umnagten, als hätten ſie nur ein zomeinds Stück Pa⸗ pier verzehrt. Der Marquis war der Erſte, dedie Stile un⸗ terbrach. — Und nun, Paul... hier iſt der Schlüſſel! — und er riß ſich abermals einen Schlüſſel vom Halſe und gab ihn dem Diener, der ihn zitternd empfing — Schließ auf... ſchließ auf, hinter mir... im Seſſel.. Du weißt ja! Paul that mit eiligen Händen, wint ihm befoh⸗ len war, und zog ein ähnliches Dokument, wie das ſo eben verbrannte, aus einem in dem Seſſel verbor⸗ genen Kaſten, worauf der Marquis Tag und Nacht, wie eine Henne brütend, geſeſſen, und reichte es ihm hin... es war das Teſtament zu Gunſten des erſte. geborenen Sohnes. 8 — Die Feder!— rief er. Er nahm die Feder und unterſchrieb, dann reichte 8 eer mir das Blatt. Ich unterſchrieb es mit denſelben Worten, wie ich das vorige unterſchrieben... 2 — uUnd nun, Paul, Du auch... unterzeichne, hitt unſer Zeuge.“ — 206— Paul nahm, vor Freude und Schrecken zitternd, das Blatt, die Feder and unterſchrieb als Zeuge. Da ſahen wir alle drei uns an und athmeten tief auf... das Werk war gethan. Percy war der unbeſtrittene Erbe des ehrenhaften Namens ſeiner Vä⸗ ter, wie er es nicht anders ſein konnte und ſein durfte......... ͤ...... .*.«..*.........„„. Am Abende dieſes ereignißreichen Tages ſaß ich wieder bei meinem Kranken, der kaum noch krank zu nennen war, denn die geiſtige Laſt, die von ſeinem Herzen genommen war, hatte ſeine körperlichen Leiden wie mit der verhängnißvollen Scheere der Parze ab⸗ ggeſchnitten. Ich hatte Muße genug, die einzelnen Begebenheiten mit ihm durchzuſprechen, die uns bei⸗ den kein Geheimniß mehr waren. Mortimer, der allzu glückliche Mortimer ſaß un⸗ terdeſſen wieder mit ſeinen Gäſten an ſeiner ſchwelge⸗ riſchen Tafel, und berauſchte ſich in zwiefachem Weine, in dem Weine der Keller ſeines Vaters und in dem ungleich duftigeren Weine ſeines unzerſtörhar gewähn⸗ ten Glücks... 3 — 207— Für mich war noch Eins zu thun übrig, ehe ich ſchied. Ich mußte die Art un Weiſe ins Reine brin⸗ gen, wie Percy zu ſeinem Vater zurückkehren ſollte, und ſein Vater ſelbſt mußte mir die Mittel dazu an die Hand geben. Ich hielt die Erreichung dieſer Abſicht für leicht, nachdem das Wichtigſte, die Verſöhnung, vorher ge⸗ gangen war. b — Und nun kann ich ihn wieder ſehen... zum erſten Male will ich meinen Sohn ſehen!— ſagte der Marquis zu mir— denn Sie ſagen unir⸗ er habe mir vergeben! — Und wo wollen Sie iyn. ſohm, Mylord? fragte ich. — Hier nicht, hier gewiß nicht... ich bin 1 nicht mehr krank und brauche keinen... Arzt mehr in meiner Nähe, auch gefällt es mir in dieſem Hauſe nicht. Ich werde morgen nach Codrington⸗Hall ge⸗ hen, ich bin ſtark genug dazu. In demſelben Hauſe will ich ihn väterlich wieder aufnehmen, aus dem ich ihn ſo unväterlich geſtoßen habe, in demſelben Zim⸗ mer will ich ihn ſegnen, wo ich ihm geflucht habe. — So ſei es!— ſagte ich— das wird auchs das Beſte ſein, er wird zum erſten Mal nach Co⸗ drington gekommen zu ſein glauben, und wird zum — 208— erſten Mal ſeinen Vater ſehen, den er noch nicht ken⸗ nen gelernt hat. — Aber wie werden Sie ihn zu mir führen?— fragte mich Lord Seymour mit einer Miene, die mich überraſchte, weil ſie mir wieder ängſtlich und geheim⸗ nißvoll vorkam. — Auf Ihr Geheiß, Mylord!— ſagte ich— Sie geben mir Ihre Befehle dazu ſchriftlich... da⸗ mit wird es leicht ſein, ihn aus ſeinen Banden zu löſen. Der Greis ſchien in ein peinliches Nachdenken verſunken zu ſein, er ſchüttelte den Kopf und ſich. ängſtlich umſchauend, ſprach er leiſe: —— Nein, Sir! das kann ich nicht! — Wie?— rief ich— das können Sie nicht? — Still, ſtill... Mortimer möchte uns hören ... wiſſen Sie denn nicht, daß ich noch einen Sohn habe, und daß dieſer Sohn Mortimer iſt? — Wie?... Und... ſtammelte ich, denn ich ahnte ſchon den traurigen Grund ſeiner neu er⸗ wachten Furcht. — Nein, nein! darf ich das wagen, da Mor⸗ timer um mich iſt?... Wenn er es erführe... wenn er es ſpäter auf irgend eine Weiſe erführe, daß ich... ich ſelbſt ihn ausgelöſt habe... ohne ſeine — 209— Einſtimmung?... ſchriftlich?... Nein, das darf ich nicht!.* Ich betrachtete den von neuer Qual gefolterten Greis mit dem größten Erſtaunen und der heftigſten Aufregung. Dieſe Weigerung hatte ich nicht im Ge⸗ ringſten vermuthet.. — Warum können Sie das nicht? Sind Sie nicht Ihr eigener Herr? Sind Sie nicht der Mar⸗ quis von Seymour, und haben Sie nicht ſelbſt. — Ach, Sir! Sie vergeſſen, was Mortimer iſt. Er würde mich umbringen... in der Nacht... im Schlafe... und wenn ich mich ſchon vor Percy's Geſicht fürchtete... ſein Geſicht würde mich ver⸗ nichten. — Ha!— rief ich— alſo Furcht vor Mortimer? — So iſt es, ja, ſo iſt es! — Aber— fuhr ich fort— wenn er nun von ſelbſt äme, wie dann? wenn er zu Ihnen flüchtete ... zu Ihren Füßen, an Ihre Bruſt ſich ſtürzte fürchteten Sie auch dann noch? — Nein, nein! Wenn er von ſelbſt käme, ſo wäre das etwas ganz Anderes, und wenn er erſt bei mir iſt, ſo wird Percy mich gegen Mortimer ſchützen. Aber wo ſollte ich den Muth hernehmen, ihm die Wahrheit zu verbergen, wenn er mich fragte: Haſt Der Irre von St. James. 3. Band. 4144 —₰— — 240— Du ihn hierher gerufen? Ach! ich bin ſo ſchwach, wenn Mortimer michanſieht! — Gut! So ſoll er ſelber und aus eigenem An⸗ triebe kommen, und... Mylord! darf ich bei ihm ſein? — O Sir, kommen Sie mit ihm, ja, kommen Sie mit ihm... ich habe Ihnen zu danken... dann meinen Dank... aber eher nicht, Sie müſſen Ihr ſchönes Werk vollenden... und ich... ich muß ihn erſt ſehen... haben... halten... erſt muß er mich retten, vor Mortimer retten... dann mei⸗ nen Dank... meinen väterlichen Dank..... Und ſo war es beſchloſſen..... Am nächſten Morgen ſtand ich reiſefertig vor dem Marquis von Seymour; Sir Mortimer war zu⸗ gegen. — Ich gehe,— ſagte ich— denn Ew. Herr⸗ lichkeit bedürfen meiner nicht mehr. — Und ich gehe auch!— ſagte Mylord Sey⸗ mour— nach Codrington⸗Hall. Gehſt Du mit mir, Mortimer? — Ich gehe voraus!— erwiderte dieſer ſinnend — ich habe noch einen kleinen Umweg zu machen... ein Geſchäft, das ich ſelbſt zuvor verrichten muß, doch denke ich vielleicht ſchon vor Dir da zu ſemn.. und ſomit ſage ich Dir bis dahin Lebewohl. Und damit drehte er ſich herum und wollte ge⸗ hen, denn von mir hatte er bereits Abſchied genommen. — Mortimer!— rief der greiſe Vater. — Ja, was willſt Du noch? — Du gehſt Du könnteſt Deinen Vater nicht wieder ſehen... da... meine Hand... Mortimer ergriff kalt die Hand ſeines Vaters ... die arme Hand... ſie konnte ihm ja nichts mehr geben! — Früher küßteſt Du dieſe Hand—... Ich küſſe ſie noch!— rief Mortimer und beugte ſich ſchnell auf die Hand ſeines Vaters— Adieu! 1 Und mit ſeinen gewöhnlichen lauten und derben Schritten ging er zur Thür hinaus. 3 — Geh!— dachte ich— geh! wenn Du vor ihm in Codrington⸗Hall ankommſt, empfängt Dich das Geſpenſt von St. James...! 5 VII. Zwei Aerzte zu einer Rranken. In des Marquis von Seymour Wagen rollte ich raſch nach London und fuhr ſogleich bei Sir John vor. Als ich bei ihm eintrat, fand ich ihn, wie ich ihn vor einigen T Tagen gefunden, an ſeinem Arbeits⸗ tiſche ſitzend; auch ſtreckte er mir wieder, ſobald er mich ſah, ſeine Hand von Weitem entgegen. — Ah, kleiner Job, ſchon wieder da? Das iſt mir lieb. Haſt Du Grund gefunden? Sir John redete mich, gie der Leſer ſchon ge⸗ ſehen hat, bald Du, bald Sie an, wahrſcheinlich je nachdem er bald an meinen Vater, bald an mich bei ſeiner Anrede dachte. — Sehr guten Grund, Ankergrund, mein theu⸗ rer Sir— antwortete ich ihm— und doch nur die Hälfte vom Faden abgerollt! — Ha! gut geſagt!... Und was haben Sie auf dem Grunde gefunden... he? — Aechte Perlen, Sir, von unſchaͤtzbarem Wer⸗ thr... 1 — Haha! Teufelsjunge, der kleine Job! Noch beſſer geſagt! Und wo bleibt Dein Geheimniß? — Das werde ich mit Ihrer Erlaubniß noch eine Weile für mich behalten, doch zu rechter Zeit ſollen Sie es erfahren... verlaſſen Sie ſich darauf.. es wird ohnedies nicht ganz verſchwiegen bleiben... — Schön! dann iſt es aber kein Geheimniß mehr... haha! ſiehſt Du wohl, was ich Dir ſagte! Ich wollte es gleich nicht wiſſen, dachte mir, daß es ſo kommen würde! Von zehn Geheimniſſen, die man ſeinen guten Freunden anvertraut, möchte man neune immer wieder zurücknehmen... alte Geſchichte! Nun,— fuhr er fort, nachdem er einmal auf⸗ gehuſtet, und drehte ſich ganz zu mir herum Sie ſpeiſen doch bei mird 1 8 echob mich von meinem Stuhle, auf dem ich mich — Auf keinen Fall, Sir!— entgegnete ich und ſo eben erſt medergelaſſen hatte, denn⸗ ich erinmerte — 214— 8 mich bei dieſer Frage, daß mir die Minuten koſtbar waren. — Und warum nicht, kleiner Job? Schon wie⸗ der Geſchäfte? — Gewiß, Sir, und die allerwichtigſten, die keine halbe Stunde Aufſchub erlauben... — Aha! eine geheime Angelegenheit... *— Es iſt noch immer dieſelbe, Sir! — So! Und wo ſoll's jetzt hingehen? — Nach St. James zurück. — Nach St. James? Eil... Immer unter Verrückten... halte Deinen Kopf feſt, kleiner Job, fängſt zu früh an... war ſchon über Vierzig hin⸗ aus, als ich Geſchmack daran bekam... fatales Ding das für einen jungen Menſchen... die Welt wird ihm zu früh zu ernſt... Leiden kommen zei⸗ tig genug... Nal aber doch nicht wieder zu Pferde? — Ganz gewiß, Sir, das iſt einmal die Auf⸗ gabe, die ich löſen muß. — Danke dafür,... habe nur einmal in mei⸗ nem Leben geritten und habe noch heute genug davon ... verlor gleich die Bügel... haha! puff!... da lag ich!... die Menſchen ſind mir ſchon hart⸗ mäulig genug... und nun noch Pferde!... Apro⸗ pos bei St. James! Wiſſen Sie, was mir Mr. „ * — 215— Lorenzen, der Oberarzt, für eine Frage vorgelegt hat? — Nein, das weiß ich nicht. — Närriſcher Kauz!... Erzählt mir da eine Geſchichte von einem Manne, von dem er plötzlich nicht weiß, ob er verrückt iſt oder nicht... kriegt mit Einemmal einen Gewiſſensſkrupel... und hat ihn ſchon vier Jahre unter ſeinen Händen...* — Ach!— rief ich voll Erſtaunen aus— Mr. Sidney... — Richtig!... Was! weißt Du das auch, klei⸗ ner Job?... Und nun ſoll ich ihm in meiner Ant⸗ wort meine Meinung ſchreiben, als wenn man das ſo leicht könnte, ohne den Mann geſehen zu haben . begreife den Doktor gar nicht... verrückt oder nicht iſt eine Frage wie ſein oder nicht ſein! Das iſt nicht ſo leicht abgemacht... He! — Schreiben Sie nht, Sir— ſagte ich— ich werde es mündlich ausrichten... — Gut geſagt, kleiner Job! ſehr ſcharfſinnig be⸗ merkt... muß es aber dann nicht doch immer eine Antwort ſein?... He? 4 — Sie brauchen mir gar keine Antwort zu ſa⸗ gen... laſſen Sie mich für Sie antworten... — 216— Sir John ſah mich mit einem ſeiner tief forſchen⸗ den Blicke an. — Wohl, Sir!— ſagte er ernſt— das iſt aber meine Sache! — Es ſoll auch die Ihrige bleiben, mein theurer Herr, ich werde keine Antwort geben, die Sie oder Ihren Ruf benachtheilen könnte... — Ha! auch Geheimniſſe mit mir? Das geht zu weit. Wer iſt dieſer Mr. Sidney? — Wiſſen Sie, Sir,— ſagte ich— dieſer Mr. Sidney iſt es, deſſentwegen ich von St. James an Sie ſchrieb und Sie bat, mich hierherzurufen... dieſer Mr. Sidney iſt es, deſſen Sache ich bei Lord Seymour geführt, ja, dieſer Mr. Sidney iſt es end⸗ lich, um den ich wieder nach St. James reiſe und zwar zu Pferde reiſe... — Ah, iſt es das? Gut, gut! Dahinter ſteckt alſo wirklich was? — Freilich! Und noch einmal, Sir, dieſes Mr. Sidney Geheimniß iſt es, welches ich Ihnen mitthei⸗ len und Sie nicht wiſſen wollten, welches ich aber jetzt, nach reiflicherer Ueberlegung, auf eine kleine Weile noch für mich behalten will, denn... Sie verge⸗ ben mir dieſen klei hs gennuß. 6 möͤchir der 1 e 1 den Ruhm, die Verwickelung ſeines Schickſals alein gelöſt zu haben, für mich behalten. — Ja doch, ja... ich vergebe es Ihnen und bin es zufrieden... ereifern Sie ſich nicht... ha⸗ ben Sie ſchon gefrühſtückt? — Ja, bei Mylord Seymour... — Aber nicht bei mir! Und er klingelte und ich mußte wenigſtens früh⸗ ſtücken, da ich nicht bei ihm eſſen wollte. — Was den Oberarzt betrifft,— fing er noch einmal wieder an, als ich mich zum Gehen anſchickte, — werde ich nicht von Ihnen erfahren, welchen Be⸗ ſcheid Sie ihm von mir geben wollen? — Ja gewiß, Sir, werden Sie das,— erwi⸗ derte ich lächelnd— und Sie können es ſogleich er⸗ fahren. Ich werde einen Ausſpruch thun, der nicht von Ihnen kommt und doch von Ihnen zu kommen ſcheint, und Mr. Lorenzen ſoll zu der Einſicht gelan⸗ gen, daß dieſer Ihr Ausſpruch der allein richtige geweſen iſt, obgleich Sie dieſen Ihren eigenen Aus⸗ ſpruch ſelber nicht wiſſen.. 3 — Haha! da haben wir's! das geht über mei⸗ nen Verſtand, kleiner Job... das iſt luſtig, haha!“ Nun... ich bin dabei, immer nun zn... Siüind Sie auch ſat — 218— — Auf drei Tage, Sir! Und nun leben Sie wohl! — Adieu, Geheimnißkrä... krämer, adieu, klei⸗ ner Job, viel Glück auf den Weg! Und er ſchüttelte mir treuherzig aus allen Kräf⸗ ten die Hand. Jetzt begab ich mich ſchnell in meine Wohnung. Bob, der mich ſchon mit Sehnſucht erwartet hatte, war außer ſich vor Freude, mich wieder zu ſehen. Meine erſte Frage war: — Was machen die Pferde, Bob? — O ganz wohlauf, Sir! Bravour iſt ganz übermüthig und der Kleine auch. Geht's bald wieder fort? — Sogleich, Bob, mache Dich frig, und wenn Alles bereit iſt, laß es mich wiſſen. Bob ging und ſchickte mir den Kellner mit der Rechnung. Als meine Geſchäfte abgemacht waren, überlegte ich, ob es nicht jetzt ſchon Zeit ſei, irgend Wem eine Nachricht von mir zukommen zu laſſen. Ich beſchloß noch zu warten, denn ich wollte erſt Sir William Grahams verkauftes Landgut beſuchen und dort Erkundigungen über den Fufenthatsort ſeines Bruders, Sir Robert Grahams, einziehen, zumal ich — 219— fürchten mußte, Mortimer möge mir hierin zuvorkom⸗ men und vielleicht gar einen Gewaltſtreich ausführen, der alle meine Bemühungen vereitelte. Was ich da⸗ ſelbſt aber erfahren würde, wollte ich ſchnell Percy und Phillipps mittheilen und Beide auf meine Rück⸗ kehr vorbereiten, letzteren aber ſogleich ſelbſt nach St. James beſcheiden.. Als Bob die Pferde auf den Hof führte und ich aufſtieg, wurde ich auf eine ſonderbare Weiſe gemüth⸗ lich bewegt. Ohne an etwas Beſtimmtes zu denken, empfand ich plötzlich ein Uebermaaß, ich möchte ſa⸗ gen, einen wahren Rauſch von Freude, der auf einen Augenblick meine ganze Seele erfüllte und mich der Gegenwart wie mit Gewalt entriß. War dieſer ſo plötzlich entſtehende und eben ſo ſchnell wieder ver⸗ ſchwindende Freudenrauſch ein Pulsſchlag meines im Stillen arbeitenden Geiſtes über das, was ich kurz vorher erlebt hatte, oder war es eine aus der Tiefe meiner Seele auftauchende Ahnung von dem, was mir in der nächſten Zukunft begegnen ſollte? Ich nahm dieſes ſonderbare Begegniß als ein günſtiges Omen auf, aber enträthſeln konnte ich es nicht. Denn wer kann ſich die ſturmwindartigen Re⸗ gungen, Be uns ſe häufig befallen, überhaupt erkläͤ⸗ ren, wer nicht in die innere, ewig lebendige Werk⸗ 2 — 220— 1 ſtatt unſeres geiſtigen Seins, in die dunkle, geheim⸗ nißvolle Kammer geſchaut hat, wo die Gedanken ſich erzeugen, wo die Empfindung geſchaffen wird und das göttliche Princip in uns ſeinen kurzen, aber während unſers Daſeins und Wirkens allmächtigen Thron auf⸗ erbaut hat!?..... .... Wir hatten London bald wieder hinter uns. Un⸗ möglich wäre es, wenn ich auch die Nachſicht des Le⸗ ſers wieder auf eine harte Probe ſtellen wollte, ihm die ungeordnete, lange Reihe meiner Gedanken vorzu⸗ führen, die mich auf dem Wege befielen, welchen ich jetzt mit Bob eingeſchlagen hatte. Ich ſelbſt war ih⸗ rer kaum Herr, ſie riſſen mich mit ſich fort, ſie ſpiel⸗ ten mit mir, und ich ließ es eine Weile ruhig, bei⸗ nahe demüthig geſchehen. Und dergleichen begegnet uns wohl zuweilen, be⸗ ſonders wenn ſich, wie mir ſo eben geſchehen war, ein Unternehmen nicht unſerm Willen gefügt hat, ſon⸗ dern wir das Gelingen deſſelben dem Geſchicke oder einer hoͤheren, einſichtsvolleren Macht verdanken. Und daß dieſe in die Fugen meines Handelns mit eingegriffen hatte, wagte ich wenigſtens damals nicht zu bezweifeln, und auch jetzt noch nach Jahren, — 221— wo ich außerhalb des Rauſches der augenblicklichen Einwirkung bin, bezweifle ich es nicht. War denn nicht alles Bisherige anders gekom⸗ men, als ich es zu leiten beſchloſſen hatte? War ich eigentlich, wie ich wünſchte, handelnd aufgetreten? Nein, gewiß nicht, vielmehr war ich duldend gewe⸗ ſen. Ich fand Alles ſchon fertig, vorbereitet, im Be⸗ griff auszubrechen, jeder Andere würde an meiner Stelle daſſelbe gethan oder vielmehr nicht anders haben thun können, da mir mein Benehmen im eigentlichen Sinne des Worts in die Hände geſpielt worden war. Wie ich es fand, ſo mußte ich es aufnehmen, ich mochte wollen oder nicht. Freilich wußte ich ſchon lange aus Erfahrung, daß Alles, was mit, um und durch uns geſchieht, nie ſo geſchieht, wie wir es uns vorgeſetzt oder ge⸗ dacht haben, und daß wir, wenn wir das vorgeſteckte Ziel auch endlich erreichen, ſtets auf einem anderen Wege dahin gelangt ſind, als wir beabſichtigt hatten. So war es mir auch jetzt ergangen. Eins we⸗ nigſtens hatte ich erreicht... Percy war zu dem Seinigen gelangt, ſein Vater hatte ihm endlich aner⸗ kannt. Freilich war noch Vieles zu thun, zu erreichen, zu überwinder. Noch waren die Wellen auf dem Meere — 222— 4 ſeines Lebens nach dem großen Sturme, der ihn er⸗ faßt, nicht beruhigt, ſie ſchlugen ſogar noch thurm⸗ hoch über ihn zuſammen. Aber der Orkan ſelbſt ſchien ſich wenigſtens gelegt zu haben. Noch war eine große Gewitterwolke an dem Horizonte ſeines bewegten Da⸗ ſeins ſichtbar... Mortimer ſtand wie ein düſter drohendes Geſpenſt zwiſchen ihm und dem Frieden ſeiner Seele... das erkannte ich wohl! Aber ich verließ mich bei der Beſchwörung dieſes furchtbaren Geſpenſtes auf die allmächtige Hand deſſen, der dem Orkan Stillſtand geboten hatte, und hoffte von ihm, daß er auch die Wellen beſänftigen und die ſchwarzen Gewitterwolken zertheilen würde. Daher war denn auch mein Gemüth nicht mehr ſo ſtürmiſch bewegt, eine ſanftere Strömung hielt es in ruhigerem Athem, und ich ſah mit Ergebung und Vertrauen durch die Fenſter der Erwartung in das ſtille Haus des Frie⸗ dens und des Glücks hinein. Ach! ich wäre vielleicht ganz beruhigt geweſen, wenn ich eine nähere Auskunft über Ellinor und ih⸗ ren Vater erhalten hätte. All mein Forſchen nach ihr war bisher vergeblich geweſen, alle Nachrichten, die ich über ſie eingezogen, unzureichend, eine die an⸗ dere widerlegend. Wo war ſie?... Und Phillipps,, er ſchwieg d ₰ 1 — 223— immer noch... war er nicht glücklicher gewe⸗ ſen, als ich? Noch hatte ich gar nichts von ihm vernommen; die Orte, an welchen ich eine Pachricht von ihm hätte erhalten können, hatte ich längſt er⸗ reicht, ſie lagen ſchon wieder hinter mir... nir⸗ gends eine Spur von ihm, nirgends eine Mittheilung ſeiner gewiß unermüdlichen Beſtrebungen. Und nun gar Sir William Graham geſtorben! Er, der Einzige, auf den ich alle meine Hoffnungen gebaut hatte, auf den ich mich zuverläſſig bei meinen Irrfahrten hätte ſtützen können, er, der allein Percy's Geſchick in ſeiner Hand zu halten ſchien! Arme El⸗ linor! noch kein Schatten Deines lieblichen Weſens, als allein die weſenloſe Erinnerung vergangener ruhe⸗ loſer Zeiten, tauchte vor meiner Seele auf, Dein Bild lebte in mir, und mit dem glühenden Verlan⸗ gen, Dich zu finden, ſpürte ich mit allem Eifer eines ungeſtüm Suchenden Deinen Spuren nach, und Du floheſt immer weiter vor mir. War denn keine Sym⸗ pathie zwiſchen Deinem und Percy's Geſchick vorhan⸗ den, die Dich mir entgegenführte?... Nein, es ſchien keine vorhanden zu ſein, und das war Grund genug, mich nachdenklich zu ſtimmen und mich vor, dem allgewaltigen Willen einer höheren Macht gede⸗ müthigt zu fühlen; das war Grund genug, mit mir — 224— ſelbſt unzufrieden zu ſein und über meine eigene Zu⸗ länglichkeit in Zweifel zu gerathen. Wäre ich umſich⸗ tiger, ſchneller, entſchloſſener geweſen, wäre ich nicht gerqoe ich geweſen, ſo hätte ich vielleicht längſt ihre Spuren entdecken und mit größerem Erfolge und freu⸗ digerem Bewußtſein zu Percy zurückkehren können! Doch dieſes hypochondriſche Klagen... ich nenne es ſelbſt ſo... half zu nichts. Ergeben mußte ich mich in das Unabänderliche, und ich ergab mich und hoffte! ich hoffte immer noch, obgleich jede neu ver⸗ fließende. Stunde mit ſchwächerem Vertrauen, jeden verzögerten Augenblick mit verzweifelterer Hingebung... Aus dieſer unbeſtimmten Ergebung in mein un⸗ abänderliches Geſchick zog mich abermals mein junger Begleiter, indem er die Frage ch mich richtete, was unſer nächſtes Ziel ſei? — Ich kann es Dir nicht mit Beſtimmtheit ſa⸗ gen, Bob,— erwidette ich— wir ſind zwar auf dem Wege nach St. James, und ich hege die Ab⸗ ſicht, mich mit Deinem Vater zu vereinigen, aber vorher will ich erſt noch einen kleinen Umweg nach der früheren Beſitzung des verſtorbenen Sir William Graham, des Bruders des Pfarrers Graham ma⸗ chen und dort nach dieſem und ſeiner Tochter for⸗ ſchen. — 225— — Mir ſchon recht!— ſagte der Knabe— ich gehe üͤberall hin gern, und je weiter,« um ſo beſſer ... haben Sie den ſchwarzen Mann vont mir ge⸗ grüßt? 4 5 — Ja, Bob!— ſagte ich lächelnd— das habe ich, auf meine Art; ich habe ihn aber ſo ganz ſchwarz nicht gefunden, wie Du ihn mir geſchildert haſt, Sir Mortimer iſt viel ſchwärzer... Bob ſah mich trübe lächelnd an und entgeg⸗ nete:. — Das habe ich mir auch gedacht, ein alter Mann iſt nie ſo böſe wie ein junger... er muß ja doch an's Sterben denken! 8 In dieſer naiven Bemerkung des Knaben, 24 er ſo kindlich rührend Ad einfach ausſprach, lag ſo viel Wahres und Richtiges und auf die vorliegenden Ver⸗ hältniſſe Paſſendes, daß ich mich unwillkürlich tiefer in den Sinn ſeiner Worte, de ezug er ſelbſt uüct kannte, verſenkte....... Es ging ſchon ſtark gegen Mittag, als wir in der Nähe des Landſitzes Mylord Seymour's vorüber⸗ kamen. Ich konnte das Schloß linker Hand liegen ſehen, in welchem ich eben mein letztes Abenteuer über⸗ ſteanden hatte, und das Glück, womit ich es zu Ende geführt ſah, gab mir inieder neuen Muh luiihenr Der Irre von St. James. 3. Band. * * — 226— Thatkraft und gläubigeres Vertrauen für die Zukunft ein.* — Laß uns zureiten, Bob!— ſagte ich— Wir haben, wie ich genau erfahren habe, von hier noch zwanzig Meilen bis Grahamhouſe und dort erſt denke ich zu übernachten. Wirr ritten, ohne viel zu ſprechen, einige Stun⸗ den weiter, dann fütterten und tränkten wir die Pfer⸗ de, und der Abend begann bereits mit ſeinem falben Scheine heraufzudämmern, als ich in die Gegend kam, die mir früher ſo hoffnungsſtrahlend, jetzt aber ſo hoffnungslos erſchien. Der Charakter derſelben war friedlich und er⸗ quickend. Fruchtbare Felder, ſchon hie und da mit Stoppeln bedeckt, ſchattige Wäͤldch, ewig grüner Ra⸗ ſen, wie ſo häufig und ſchön in England, dehnten ſich weit und breit um uns aus. Endlich ſahen wir durch eine Lichtung Waldes, durch den wir eben ritten, das ſehnlichſt erwünſchte Grahamhouſe vor uns liegen. Als wir näher kamen, bemerkten wir ſogleich, daß ein Wechſel des Beſitzers ſtattgefunden hatte. Das Herrenhaus war zwar ein ſtattliches, aber doch nur ein Stockwerk hohes Gebäude. Gegenwärtig war von der es zunächſt umgebenden Vegetation wenig 8* oder gar nichts zu ſehen, denn Maurer und Zimmer⸗ leute hatten mit ihren Materialien und Geräthſchaf⸗ ten die ganze Umgebung in Beſchlag genommen. Das Dach war abgedeckt, denn der neue Beſitzer ließ ein Stockwerk aufſetzen und zwei neue Seitenflügel an⸗ bauen. Im Umkreiſe waren hölzerne Hütten aufge⸗ ſchlagen, in denen die aus der Ferne angenommenen Arbeiter ein Unterkommen gefunden hatten. Jetzt am vorgeſchrittenen Abend, wo die Veſperſtunde längſt geſchlagen hatte und die Arbeit bis zum nächſten Tage ruhte, war Alles ungewöhnlich ſtill, man hötte we⸗ der die Art noch den Hammer ſchallen, und nur hiet und da ſah man einen müden Arbeiter mit ſeinen Kindern und ſeinem Weibe vor einer der Hütten lie⸗ gen und ſein Abenſprot verzehren. Um das Haus herumreitend leuchtete mir bald ein, daß in dem zerſtörten Innezu deſſelben kein Menſch wohnen könne, und ich ſal ich daher genöthigt, mich an einen der Arbeiter zu wenden, um die Aus⸗ kunft zu erlangen, auf die ich ſo begierig war. Eben als ich mich einer der Hütten nähern woll⸗ te, kam ein Mann, einen Stock in der Hand, ſeine Abendpfeife rauchend, auf mich zu und fragte, was mir gefällig ſei? — Guten Abend, mein Freund! Iſt kein Archi⸗ „4 15 2 5. — 228— tekt in der Nähe oder ein Aufſeher dieſes Baues, mit dem ich ein Paar Worte reden könnte? — Nein, Sir, ein Architekt iſt nicht gegenwär⸗ tig, denn er kommt nur alle zwei oder drei Tage hier⸗ her, ich bin aber ſelbſt ſeit heute Mittag der Aufſe⸗ her des Hauſes. — Das freut mich... wem gehört dies Haus? — Vormals Sir William Graham... jetzt Sir Charles Osbeck! — Wie lange iſt Sir William todt? 1— Etwas über zwei Monate, Sir! 1— Hat er allein dies große Haus bewohnt? — Nein, Sir, nein! Seine Familie war bei ihm, ein jüngerer Bruder, ſein Erbe, glaube ich, und deſſen Tochter, wenn ich recht ghhört habe. — Und warum haben die Erben das Haus ver⸗ kauft?— — Das weiß ich nicht. — Und wie lange ſind ſie fort? — Nun, ſeit wenigſtens acht Wochen... denke ich. — Seit acht Wochen! Das war gerade ſo lange, als Ellinor mit ih⸗ rem Vater in Dunsdale geweſen war... es wurde mir immer deutlicher, daß ſie dieſe Reiſe unternom⸗ „ — 229— men, um Percy den abermaligen Wechſel ihres Auf⸗ enthaltes anzuzeigen. Ach, der Brief! der unſelige Brief! dachte ich, und fühlte mich ſo betrübt, daß ich den Mann, der mich theilnehmend anſah, und Alles, was mich um⸗ gab, vergaß. — Und iſt Niemand hier, der mir ſagen könnte, wohin Sir Robert Graham mit ſeiner Tohler ge⸗ gangen? — Bedaure, Sir, es iſt Niemand hier. heute Mittag erſt iſt der frühere Aufſeher, ein alter Diener des Hauſes, mit der Poſt nach London gefähren. — Mit der Poſt nach London?— wiederholte ich raſch— Und er hat nichts hinterlaſſen? 7 — Nichts, gardrichts. Aber in acht Tagen, ſo denk' ich, kommt er zurück und nimmt ſeine Stelle wieder ein.* — In acht Tagen... das iſt wenigſtens etwas ... oder wißt Ihr vielleicht, zu wem er nach Lon⸗ — don gegangen? 6— Gewiß, Sir, das weiß ich nicht... Lon⸗ don iſt groß! — Wohl, wohl, leider!... Iſt hier in der Nähe viellicht irgend ein Ort, wo ich während de der r Nacht mit meinen Pferden bleiben fkönnte?. — 230— — Ja, Sir, anderthalb Stunden weiter iſt ein Wirthshaus, klein, aber ziemlich gut, noch auf dem Grund und Boden Sir William Graham's... Sir Charles Osbeck's, wollt' ich ſagen, und das da iſt der Weg... — Ich danke, mein Freund, gute Nacht denn! — Gute Nacht, Sir! Machen Sie, daß Sie hinkommen, Ihre Pferde ſcheinen müde, beſonders der Kleine da iſt ganz mit Schweiß bedeckt. Gute Nacht! Ich ritt ſchon davon, nachdem ich Bob zu mir gerufen hatte, der, eine Weile zögernd, ſich noch nach dem Manne umſah. — Was ſiehſt Du Dich ſo lange um, Bob?— fragte ich— Komm, es wird ſpät und dunkel. — Ich weiß nicht, Sir... aber der Mann muſtert Sie ſo genau... ha! er winkt!... ſoll ich zurück reitene Ich ſah mich um, der Mann winkte wirklich mit ſeinem Stock und rief jetzt auch... — Entſchuldigen Sie, Sir!— ſagte er, als er näher gekommen war, und nahm den Hut ab— Entſchuldigen Sie, daß ich Sie noch länger auf⸗ halte... aber ich möchte mir noch eine Frage er⸗ lauben. — Nun, nur zu... — 231— — Sind Sie vielleicht in der Grafſchaft Duns⸗ dale bekannt? 8 Ich ſah ihn betroffen an und zog mein Pferd zurück, das vorwärts wollte. — Wie kommt Ihr darauf, Freund?... Ich bin ſehr wohl dort bekmant! — Nun, dann freut es mich, dann wird es richtig ſein... ich habe Sie eben erſt nach der ober⸗ flächlichen Beſchreibung eines Mannes an Ihren Pfer⸗ den erkannt... — Ha! welches Mannes?— — Ja, Sir! heute Mittag war ein Mann in Livree hier, Schwarz mit Silber, und zu Pferde aus Dunsdale⸗Caſtle, wie er ſagte, mit einem Briefe an einen fremden Herrn, der in Dunsdale geweſen und hier bei Sir William Graham zu treffen ſein ſollte. Er hatte die Adreſſe in London erfahren... Er war noch nicht zu Ende, als ich ſchon vom Pferde ſprang und mich näher an ihn heran begab. — Um Gotteswillen! ſagen Sie mir, wo iſt der Mann oder ſein Brief? — Ja, Sir! fort iſt er. Er kam gerade, als Mr. Cocksburn, der Aufſeher, in die Poſtkutſche 1 ſtieg, und da höͤrte ich ihn von ungefähr mit ihm reden. e — 232— — Und wißt Ihr gar nichts mehr von ihm? wohin er ging? oder was ihm der Aufſeher ſagte? — Er bedauerte ſehr, Sir, daß er keine Zeit mehr habe, ihm länger zuzuhören, und gab ihm ſchnell den Beſcheid, daß Sir Robert Graham den Beſitz verkauft habe und wegatzogen ſei... — Und ſagte er nicht wohin? — Ich glaube, das ſagte er ihm nicht, denn es ſind ſo viele Anfragen hier nach Sir Robert geſche⸗ hen, und es war ihm... denke ich, verboten, ei⸗ nem Jeden zu ſagen, wo er jetzt wohne. Es wurde immer lichtvoller in mir. Ich dachte ſogleich an Mortimer's Spione und konnte mir nun auch denken, warum Graham dies Beſitzthum ver⸗ kauft habe, welches ſo nahe an den Ländereien des Marquis von Seymour gelegen war. — Aber es iſt doch möglich,— ſagte ich— daß dieſer Mann aus Dunsdale⸗Caſtle es erfahren hat ... wo ritt er hin? — Dorthin, Sir, nach dem Wirthshauſe, das ich Ihnen genannt, er wollte daſelbſt ſein Pferd füt⸗ tern; aber er jagte tüchtig zu, es war ein braver Klepper, den er ritt... und Sie können ihn nicht mehr einholen... dieſe Straße jedoch iſt es. — Dann noch einmal gute Nacht und ſchönen — 8 — 233— Dank, mein Freund, es iſt Zeit, daß ich ihm nach⸗ komme! Und auf mein Pferd mich werfend und Bob an⸗ treibend, trabte ich raſch auf dem bezeichuelen Wege weiter. — Die Pferde, ach! die Pferde!— ſeufzte Bob. — Laß die Pferde... Pferde ſein! Jetzt gilt's, und wenn Deins fällt, kauf' ich Dir ein anderes, Bravour hält es ſchon aus........ Das war eine Hoffnung, eine ſchwache Hoffnung zwar, aber doch hinreichend, mein Blut in friſche Wallung zu ſetzen und alle meine Geiſtesthätigkeit wie⸗ der in eine neue Richtung zu treiben. Wie leicht war ich wieder, wie froh, wie heiter! Alle Schwere, aller Druck auf mein Gemüth war verſchwunden, es war mir, als wäre ich erſt geſtern ausgezogen und als ſollte ich ſchon heute mein Ziel erreichen. Einholen konnte ich heute den Boten zwar nicht mehr, denn er war mir zu weit voraus, aber ich konnte jedenfalls ſeiner Spur nachgehen und, wenn ich immer nur an den Orten übernachtete, wo er ein Unterkommen gefunden hatte, ſo mußte ich ihn ja doch endlich finden. Weiter dachte ich für's Erſte nicht. Allmälig indeſſen wurde es immer dunkler, unſre — 234— Pferde trabten munter, obgleich der Pony etwas zu⸗ rückblieb und mit dichtem Schweiße bedeckt war. — Nun, Sir,— ſagte Bob plötzlich— ich weiß eigentlich nicht, warum wir es ſo eilig haben. Tag wird es doch heute nicht wieder, und wenn wir nicht weiter wollen als bis zu jenem Wirthshauſe, das werden wir auch im Schritt erreichen; mein klei⸗ ner Wallach hat kein trocknes Haar mehr und tritt ſchon ganz unſicher auf. Sogleich hielt ich die Zügel an und ſagte: — Du biſt vernünftiger, als ich, Bob. Aber nimm mir's nicht übel, wenn ich einen Schimmer von einem Lichte vor mir ſehe, ſo finde ich nicht eher Nuhe, als bis ich das Licht ſelber habe. — Wo iſt denn ein Schimmer von einem Lichte? ... ich ſehe ja keinen... — Ich rede bildlich, Bob; ich meine die Hoff⸗ nung, mittelſt des Briefes, den mir jener Bote bringt, Sir Robert Graham zu finden, oder wenigſtens ſeine Wohnung zu erfahren. — Sie haben alſo jetzt mehr Ausſicht, Ihren Wunſch erfüllt zu ſehen? — Mehr als je, und darum eile ich ſo. Rur ein wenig Gluück, Bob, und wir ſind am Ziele. = Haha!— lachte der Knabe— Wie mein Va⸗ — 235— ter ſagt: ein Quentchen Glück iſt mehr werth, als ein Loth Verſtand... — Nicht immer, mein Junge! Es werden noch Gelegenheiten kommen, Dir zu beweiſen, daß der Verſtand durch nichts erſetzt werden kann.. doch da, glaube ich, iſt das Wirthshaus! Und ſo war es auch. Dicht vor uns, gerade wo ſich die gebahnte Landſtraße mit unſerm Wald⸗ wege kreuzte, ſtand es, halb hinter einer Schlehdorn⸗ hecke verborgen. Beim Abſteigen empfahl ich Bob, für doppelte Nationen und die weichſte Streu Sorge zu tragen, denn man konnte nicht wiſſen, was unſern bra⸗ ven Pferden am morgenden Tage zugemuthet werden würde. Auf meine erſte Anfrage erfuhr ich vom Wirthe, daß der von mir verfolgte Mann wirklich hier gewe⸗ ſen, aber ſchon ſeit mehreren Stunden wieder fortge⸗ ritten ſei. Glücklicherweiſe hatte er als ſein Nacht⸗ quartier einen acht Meilen enii als nächſtes Tagesziel ein Dor zig Meilen davon entfern Dieſe genaue Ang⸗ tigkeit. Natürlich wa⸗ doch war ich mit — 236— nächſten Morgen ganz früh, vor Tagesanbruch, fort⸗ reiten und ihn noch in ſeinem Nachtquartier treffen ſolle, oder ob ich lieber die Pferde ein Paar Stun⸗ den länger ruhen laſſen, und dann einen größeren Weg, als er, vollendend, ihn Abends in dem Dorfe E.... treffen ſolle. Letzteres zog ich nach einiger Ueberlegung vor, einmal, weil ich meine Pferde ſcho⸗ nen mußte, und dann! weil ich nicht beſtimmt wußte, ob der Mann nicht, ebenfalls vor Tagesanbruch ſeine Reiſe beginnend, mir, trotz meiner Eile, vorauskom⸗ men würde. Hätte ich übrigens in dem Wirthshauſe einen Wagen oder nur ein friſches Pferd vorgefunden, ſo hätte ich mich ſogleich in der Nacht auf den Weg ge⸗ macht, um ihn noch„einzuholen, obgleich ich die Straße nicht kannte und durch einen leicht möglichen Irrthum von der geraden Richtung ganz abkommen konnte. Da dies nun aber nicht der Fall war, ſo mußte ich bleiben, den nächſten Morgen ruhig erwar⸗ ten, uai nmlinmal gefaßten Entſchluſſe ge⸗ wurde auch als der beſte Denn als wir am kamen, wo der Die⸗ die Nacht zugebracht hatte, hörten wir, daß derſelbe ſchon ſehr früh auf: gebrochen ſei, ich ihn alſo auf keinerlei Weiſe hier⸗ ſelbſt getroffen haben würde. An dieſem Tage führte uns unſre Reiſe durch 3 einen der ſchönſten oder wenigſtens durch die Kunſt veredeltſten Theile von England. Sanfte Abhänge, herrliches Grün am Boden und auf den uralten Bäu⸗ men waren überall zu ſehen, wohin man das Auge richtete. Wie zu einer fortlaufenden anmuthigen Kette aneinander gereiht, zeigten ſich die maleriſchen Land⸗ ſitze des reichſten Adels des Landes; Wildpark folgte auf Wildpark, einer immer ſchöner eingezäunt als der andere, Gartenanlagen nach dem neueſten Geſchmack, mit ungeheurem Lurus unternommene Waſſerleitungen und Springbrunnen, Gefieder aller Art, in durchſich⸗ tige Luftgitter eingehegt... Alles dies wechſelte in unaufhörlich hunter Reihenfolge mit einander ab. Bob war vor freudiger Bewunderung außer ſich; ſo ſchön hatte er ſich die weite Welt nicht gedacht, und mehr als einmal bedurfte es von meiner Seite des antreibenden Wortes, um ihn von den Stellen fortzubringen, die er für die ſchönſten hielt und die er mit dem Ausruf: Ach, wie ſchön! und: Ach, wie herrlich! tauſend Mal 1 begtüßreie * ieanhr Muße bewundern, mein lieber Bob!— ſagte ich— Nur heute laß uns vorwärts kommen, denn jede Mi⸗ nute längeren Aufenthalts ſcheint mir ein Vergehn zu ſein. Und ſo war es mir auch. Je weiter ich kam, je länger meine Reiſe dauerte, um ſo ungeduldiger, eilfertiger und nach dem Erfolg hitziger verlangend wurde ich, und wenn ich nicht Bob mit ſeinem ſchwä⸗ cheren Klepper bei mir gehabt hätte, ich würde eine doppelte Tagereiſe verſucht haben, denn Bravour kannte keine Müdigkeit; wie ſein glänzendes Haar durch keinen Schweißtropfen entſtellt wurde, war er immer munter und feurig und ſein Schritt Abends ſo leicht und ſicher, wie Morgens gleich nach unſerm Aufbruch. Endlich kamen wir in dem erwähnten Dorfe E..... an. In dem einzigen Wirthshauſe deſſel⸗ ben erfuhren wir, daß der einige Stunden früher, als wir, angelangte Reiter nicht allein hier gegeſſen und getrunken hatte, ſondern daß er ſogleich und haſtig auf einem friſchen Pferde davongeritten ſei. Das war nun freitich gegen meine Erwartung und um ſo ſchlimmer, da Niemand die Richtung wußte, welche er eingeſchlagen hatte. Sein von der *△ — 239—. eilfertigen Reiſe hart mitgenommenes Pferd hatte er zurückgelaſſen und ein anderes vom Wirthe geborgt. 8 Ich begab mich ſogleich in den Stall und erkannte in dem braunen großen Vollbluthengſt eins der ſchön⸗ ſten und ſtärkſten Pferde des Viscount von Dunsdale, das ich ſchon in deſſen Schloß bewundert hatte. Das edle Thier hatte ſich nicht überlaufen, ſondern war durch einen kleinen, zwiſchen Eiſen und Huf gedrun⸗ genen Stein lahm geworden. Der Mann, den es hierhergetragen, hatte hinterlaſſen, er werde in eini⸗ gen Tagen zurückkehren und ſein Pferd mit dem er⸗ borgten wieder auslöſen. Sein Ziel konnte alſo nicht mehr weit entfernt ſein, und das beruhigte mich wie⸗ der einigermaßen.— Nachdem wir uns den Weg, den unſer eilferti⸗ ger Vorgänger wahrſcheinlich eingeſchlagen, ſo gut wie möglich hatten beſchreiben laſſen, begaben wir uns am frühen Morgen wieder auf die Reiſe. Der Weg war mehr als gewöhnlich ſandig und für die Pferde ſehr ermüdend, es ging daher langſam vorwärts. Doch konnten wir die Spuren des Reiters im Sande ver⸗ folgen, und das war denn doch ein wichtiger Vor⸗ theil. Plötzlich aber hörte der Sand auf und wir kamen auf einen Anger, wo an die A. — 240— Pferdeſpur nicht mehr zu denken war. Dennoch rit⸗ ten wir getroſt weiter. Es mochte ungefähr die elfte Stunde Morgens ſein, als wir plötzlich den geraden vor uns liegenden Weg ſich in einen rechten und linken theilen ſahen, ſo daß wir, unſchlüſſig, welchen von Beiden wir wäh len ſollten, eine Weile überlegend anhielten. — Das iſt das Schlimmſte, was uns begegnen konnte, Bob,— ſagte ich— und ich habe es ſchon längſt im Stillen gefürchtet. Nun iſt guter Rath theuer, denn während wir rechts reiten, geht unſer Bote mit dem Briefe links, und einen Tag erſt aus⸗ einander treffen wir uns niemals wieder. Wir ſahen uns Beide aufmerkſam nach allen Sci⸗ ten um; die weiten Stoppelfelder, von Wohnſtätten entblößt, ließen uns keinen Menſchen gewahren, der uns irgend eine gewünſchte Auskunft hätte geben können. Endlich kam Bob auf den naiven Einfall, un⸗ ſeren Pferden die Wahl zu laſſen und in ihren Wil⸗ len, wie in den Ausſpruch eines Orakels, uns zu fügen. 8 — Sie wollten mir zeigen, daß der Verſtand mehr werth ſei, als das Glück!— ſagte er.— Gut, Sir ... ich aber halte es mit dem Glücke, und hier gleich wollen wir es verſuchen. — Ich bin damit einverſtanden,— entgegnete ich— reiten wir eine kurze Strecke zurück und laſſen wir dann die Pferde laufen... wohin ſie uns tra⸗ en, dahin wollen wir gehen. Abgemacht! Wir ritten zurück, ließen den Pferden die Zügel und ſprengten rüſtig auf den Scheidepunkt los, Bob ritt links, ich rechts. Nun ereignete ſich aber der eigenthümliche, und am wenigſten von uns erwartete Fall, daß Bob's kleiner Wallach den Weg zur Linken, Bravour aber den zur Rechten einſchlug, ſo daß wir ſogleich von einander getrennt wurden und, durch eine grüne Hecke, die zwiſchen beiden Wegen eine Strecke hinlief, ge⸗ b. ſchieden, uns bald aus dem Geſicht verloren. Schnell griffen wir nach den Zügeln, hielten die Pferde an 4 und kehrten laut lachend an den Scheidepunkt zurück. — Welches iſt nun das Verſtandes⸗ und welches das Glückspferd?— rief Bob— das, Sir⸗ ſoll uns ſchwer werden zu entſcheiden. — Wir wollen nicht in unſer Geſchick hinein ra⸗ ſen und uns noch weniger trennen, Bob, ſondern mit ruhigem Verſtande das Glück zu gewinnen ſuchen. 1 So nur allein machen wir uns Beides zu Nutzen. Laß uns daher noch einmal umkehren und im Schritt Der Irre von St. James. 3. Band. 16 — 242— daſ elbe Wageſtück verſuchen, und der Erfolg ſoll dann entſcheidend ſein. Wir ritten zurück und ließen die Pferde im Schritt ohne Zügel gehen. Jetzt aber blieben ſie dicht bei ein ander und ſchlugen den Weg rechter Hand ein, de Bravour mit mir vorher ſchon gewählt hatte. Bob wollte noch einmal anfangen zu ſtreiten, indeſſen ſchnitt ich ſeine Rede mit dem einfachen Ausſpruch ab: — Bravour hat zweimal denſelben Weg einge⸗ ſchlagen, und Puck, der Wallach, iſt ihm einmal ge⸗ folgt... es iſt ſo beſtimmt, Bob! Reiten wir die⸗ ſen Weg! Und wir ritten langſam den Weg zur Rechten weiter............... Dooch es wurde Mittag und wir konnten keine ooon den Spuren, die wir ſuchten, entdecken; wir be⸗ gegneten zwar einigen Landleuten, keiner aber von ih⸗ nen hatte den Reiter, deſſen Kleidung ſogleich in's Auge fallen mußte, geſehen. Während der größten Mittagshitze ruhten und labten wir uns und unſre Pferde in einem kleinen Pächterhauſe, deren Bewohner uns verſicherten, daß kein Reiter ſeit vierundzwanzig Stunden an ihrer Thür vorübergekommen ſei. — 243— Das war nun frellich kein freundlicher Troſt, und ich fing allmälig an, über die richtige Wahl unſres Weges einige Unruhe zu empfinden. Als wir wieder aufgeſtiegen waren und unſern Weg fortſetzten, ſah mich mein junger Begleiter zwei oder dreimal ſchalkhaft lächelnd von der Seite an, als wollte er mir dadurch zu verſtehen geben, wir ſeien auf unrechter Fährte, und der von ihm vorgeſchlagene Weg der richtige geweſen, jedoch ſprach er nicht dar⸗ über, da er ſah, daß ich beharrlich auf meinen Wil⸗ len beſtand und ununterbrochen den einmal betretenen Weg fortſetzte.— Und in der That, es war etwas in mir, was ich nicht Eigenſinn oder Laune nennen kann, was mich aber widerſtandslos vorwärts zog, eine unbe⸗ kannte, treibende, innerliche Kraft, die mich an kei⸗ nen Zweifel mehr denken und getroſt fortziehen hieß. Schweigend ritten wir nebeneinander her; meine Blicke waren es allein, die, dem Zuge meines Her⸗ zens folgend, mit einer gewiſſen Unruhe rings über die Felder ſchweiften, jeden Weg, jeden Pfad muſter⸗ ten und auf jedem verdächtigen Gegenſtande mit einer verſtärkten Aufmerkſamkeit haften blieben. Es wurde Nachmittag... dieſer ging auch vor⸗ über, und es neigte ſich zum Abend... aber ach 16.4 3 — 244— was für ein Abend! Ein ſanfter, kaum fühlbarer Wind hatte die ermattende Hitze des Tages auf ſei⸗ nen kühlenden Schwingen längſt mit ſich hinweg ge⸗ tragen; jetzt aber war die Luft wieder ruhig, man merkte ihren leiſen Athem kaum, und dabei ſo rein, ſo milde und mit ſo ſüßen Düften geſchwängert, daß ich tauſend Athemzüge in einer Minute hätte thun mögen, um nur ganz die friſche lebendige Würze der⸗ ſelben einzuſaugen. Aber auch dieſe liebliche, kurze Friſt, die der Däm⸗ merung vorher zu gehen pflegt, ging vorüber, der Abend in ſeinem vollen feierlichen Glanze ſenkte ſich mit ernſtem, bedächtigen Fittich auf die reizende Ge⸗ gend herab, und mit ihm ſein ſteter und freundlich⸗ ſter Begleiter, die heilige, friedliche Stille, die des Menſchen Herz und Seele wäſcht und der Vorbote der noch ſtilleren aber unfreundlicheren Nacht iſt. Zwar war es noch dämmernd hell, noch klar rings um, doch fingen die ferner liegenden Gegenſtände ſchon an, allmälig in einander zu verſchwimmen, denn ein feiner, zarter, ich möchte ſagen, mehr durch den Geruch als durch das Geſicht wahrnehmbarer Duft lagerte ſich gruppenweiſe, wie eine halb durchſichtige Wolke, über die weiten Felder und deckte Höhe und Thal in ſein luftig ſchimmerndes Gewand. Dabei — ren und gereinigteren Elemente, in einer Aetherluft war es ſo wonniglich lau, ſo erquickend, ſo bezau⸗ bernd freundlich in dieſer balſamiſchen Abendluft, daß ich von Zeit zu Zeit mit meinem ſchnuppernden Pferde anhielt und in tiefes Anſchaun der um mich liegen⸗ den weiten Strecken verſunken blieb. Ich hätte nicht geglaubt, daß in der windſtillen Atmoſphäre etwas ſo materiell Berauſthendes liegen könne, wenn ich es jetzt nicht ſelbſt empfunden, denn 1 ich hatte bis jetzt nie, auch in wärmeren Himmels⸗ 6 ſtrichen nicht, einen ſo vollkommen ſchönen Abend er⸗ lebt. Ich bewegte mich wie in einem neuen, feine⸗ abgeſchiedener Geiſter, liebender Seelen und in Fült⸗ licher Seligkeit berauſchter Her rzen. Aber vielleicht war auch mein Inneres in dieſem Augenblicke vorbereitet, ſo wonnigliche Sneſmdungen in ſich aufzunehmen. Ich war auf dem T Wege nach einem holden Weſen begriffen, das ich bisher nicht finden konnte, und welches mir darum nicht weniger theuer war, weil ich es noch nie geſehen hatte. Ach! gerade, weil es ein unbeſtimmtes Suchen nach einem unbekannten Gegenſtande war, ſtimmte es mich um ſo wehmüthiger, regte es mich um ſo leidenſchaftlicher auf und verbaphalie den Wunſch in niir, es zu finden. — — 246— und mein Geiſt mit tauſend lieblichen Bildern und Er⸗ ſcheinungen erfüllt......... Wir ritten langſam einen Hügel hinauf, einen ſanft anſteigenden, mit Raſen beſetzten Hügel und... ſiehe! vor uns lag eine ſo überaus liebliche und ein⸗ ladende Gegend, daß wir Beide, wie durch einen ge⸗ meinſchaftlichen inneren Impuls getrieben, ſtill hiel⸗ ten und uns ganz der Wirkung dieſes wunderbar ſchö⸗ nen Anblicks überließen. Der Himmel, rings um uns her, war ſo klar und rein wie ein durchſichtiges Meer, und nur am entfernteſten Horizonte mit einem blaßrothen Halbkreis umzogen... dort war die Sonne in das atlantiſche 4 Meer geſunken. Vor dieſem blaßrothen Horizonte, viel näher zu uns heran, zog ſich ein ſilberner Gürtel durch grüne Wieſen, hier hinter einem Hügel, dort hinter einem Gebüſche, gleichſam ſpielend, ſich verbergend, bis er in unſerer nächſten Nähe, wie er gekommen war, ſank und allmälig in ſchwachen Windungen ſich wieder ver⸗ lor, als ob er ſich aus dieſen geſegneten Fluren, wie der Geliebte bei ſinkender Nacht von ſeiner Geliebten ſich ungern trennt, nicht ohne große Selbſtüberwin⸗ dung losreißen und entfernen könne. Der ganze Vordergrund war ein grüner, hie und da mit Baumgruppen beſetzter weiter Raum, auf dem rechts und links in gleich weiten Zwiſchenräumen rie⸗ ſenmäßige Heuhaufen aufgeſchüttet lagen, wie Wächter in dem ſtillen Thale, deſſen Fruchtbarkeit ſie ihr Da⸗ 4 ſein verdankten und deſſen Gefilde ſie mit ihren Wehr gerüchen durchdufteten. Zwiſchen ihnen hindurch bewegte ſich langſam und nur dann und wann den ſummenden Laut ihrer Schel⸗ len bis zu uns herüberſendend, eine lange, wogende Heerde brauner Rinder und blökender Schafe, aber kein Staub wirbelte wie gewöhnlich über und hinter ihnen empor, denn ſie ſchritten ſtattlich in dem ſam⸗ metgrünen Raſen daher. Links aber, an einer der tiefſten Stellen des Tha⸗ es, ſtand ein einſames Gehöft, die Heimath der heim⸗ kehrenden Heerden, und vor dieſem von Linden be⸗ ſchatteten Gehöft erhob ſich ein einzelnes Haus, größer gewiß, als es aus der Ferne erſchien, aber in ſeiner anſcheinenden Kleinheit um ſo reizender und zierlicher für das mit Wohlgefallen auf ihm ruhende Auge. Sein ziegelrothes Dach blickte freundlich winkend dis den Linden hervor, und vor der Thür ſtanden, e Wächter des Eingangs, zwei ungeheure Pappeln. dür Allem aber ſchimmerten, lebhafter noch als der friſche Teppich zu unſern Füßen, ſeine grünen Fen⸗ ſterläden uns entgegen, und einige blinkende Fenſter glänzten in ſo feurigem Purpur, als wären ſie von der ganzen liebesheißen Gluth der wehmüthig ſchel⸗ denden Sonne angehaucht. Das ſchöne Ganze war von einem blinkenden Metallgitter umgeben und lag da wie ein kleiner Edel⸗ ſtein, von einem goldenen Reifen eingefaßt. Rechts von uns aber erhob ſich ei not rer Hügel als der, auf welchem wir uns befanden, und beide waren durch jenen ſilbernen Waſſerſtreifen von einander getrennt, über welchen eine kleine Brücke führte, wie auch eine zweite ähnliche das Gehöft mit dem größeren der Hügel verband. So war die Gegend beſchaffen, die wir, auf der Spitze des Hügels haltend, ſchweigend betrachteten, und die ich darum genauer beſchrieben habe, weil mich eine doppelte Erinnerung auf ewig mit ihr verbinden wird. Denn nicht allein trugen ſich in ihr einige Be⸗ gebenheiten zu, welche ich hier zu erzählen habe, ſon⸗ dern ſie rief auch außerdem die friedlichſten, heiligſten und zugleich wehmüthigſten Empfindungen aus meiner Jugendzeit in mir hervor. Gleich beim erſten Anblicke fiel mir eine Aehn⸗ lichkeit auf; dieſe liebliche Gegend glich, bis auf geringe Kleinigkeiten, einer der beſuchteſten in mei⸗ ben und Jüngling hatte reifen ſehen, und die mit unauslöſchlichem Andenken in meine Seele gegraben war. Ach! an ſie knüpften ſich die erſten, lebhafte⸗ ſten und glühendſten Gefühle meiner Jugend, der Ju⸗ gend, welche im Menſchenleben das Einzige iſt, was, einmal entflohen, unwiederbringlich entſchwunden und durch nichts zu erſetzen iſt, was es auch in der wei⸗ ten Welt Reiches, Schönes und Großes geben mag. Und dieſe friedliche Gegend, an dem linden Abende mit dem balſamiſchen Hauche durchwürzt, rief jene nem asiſande, einer Stätte, die mich zum Kna⸗ Zeit und die Orte, wo ich diefe Zeit verlebte, in mir — wach... ich empfand plötzlich eine freudige, obgleich mit Wehmuth gemiſchte Sehnſucht nach meinen va⸗ terländiſchen Fluren, ſo daß ich, meinen Gedanken hingegeben, mich aus der Gegenwart immer mehr und mehr verlor und die Vergangenheit mit allen ihren Freuden und Schmerzen in meinem Herzen walten ließ. Ach! und dieſe Vergangenheit waltet über und in uns mit ſo linder und ſüßer Gewalt, daß ich den Men⸗ ſchen beneiden möchte, der darüber eine warme Thräne 6 fallen laſſen kann............ 1 Meine ſich vollſaugenden Blicke ſchweiften den Hü⸗ gel hinab über die Ebene hin und wurzelten endlich auf dem ſtillen Hauſe hinter dem ſchirmenden Gitter, aus deſſen Schornſtein ſich ein matter Rauch in Form einer wolkigen Säule zum Himmel empor wirbelte. Wenn Ihr da drinnen ſo friedlich geſinnt ſeid, wie die Luft, die Euch umfächelt, und ſo freundlich, wie die Gegend, die Ihr bewohnt, dachte ich bei mir, dann muß es ein Genuß ſein, mit Euch zu verkehren! Und ich beſchloß die Gaſtfreundſchaft der Bewoh ner in Anſpruch zu nehmen. Es war mir nun ein⸗ mal ſo, als müßte— ich meinen Fuß über dieſe gaſtliche Schwelle ſetzen, es zog mich wie mit einer unwiderſtehlichen Gewalt zu dieſem Hauſe. Doch nein! dachte ich wieder; es wohnt vielleicht ein begüterter Squire darin, ein Mann ohne Weib und Kind, was kümmert er ſich um Dich, den Frem⸗ den?... Du willſſt weiter ziehen und ein ärmliche⸗ res Landhaus zu erreichen ſuchen, denn es würde Dir —— — wehe thun, Dich in Deinen Erwartungen getäuſcht 4 zu ſehen und die Bewohner Deinen Wünſchen nicht entſprechend zu finden... Und eben wollte ich die⸗ ſen Gedanken verwirklichen, als ein Ausruf Bob's meine Aufmerkſamkeit einen Augenblick lang auf einen anderen Punkt hinleitete. — Sehen Sie, Sir,— rief er— dort oben auf dem Hügel, da drüben hält auch ein Mann zu Pferde und beſchaut ſich die Gegend wie wir... — Wo? da! Ja, richtig... ein Mann zu Pferde! Aber kaum, ſo wichtig dieſe Entdeckung auch für mich ſein mußte, vermochte ſie meinen tiefgewurzelten Träumereien mich augenblicklich zu entreißen. — Reite hin zu ihm, Bob,— ſagte ich leiſe— man kann von hier nicht mehr genau erkennen, wie er ausſieht, reite hin und ſieh', wer er iſt. Bob ritt den glatten Abhang vorſichtig hinunter, und ich war wieder allein. Noch einmal überflog ich die Gegend, das Haus, die Pappeln, den Horizzont, dachte noch einmal an mein heimatliches Vaterhaus, und dann, wie mit Gewalt von dem geſegneten An⸗ blicke mich losreißend, ritt ich langſamen Schrittes Bob entgegen, der unterdeſſen zu dem Reiter gelangt war, ein Paar Worte mit ihm gewechſelt hatte und nun eben ſo ruhig, wie er fortgeritten war, zu mir zurückkehrte. — Es iſt nichts,— ſagte ich zu mir,— ſonſt würde Bob raſcher reiten! — Sir!— rief Bob, al s iſt ein Arzt aus dem m Kranken da unten — Er war es nicht, mir näher gekommen war— E nächſten Städtchen, der zu eine gerufen iſt. Und damit zeigte er auf das ſtille Haus, das links zu unſern Füßen lag... 4 — Auch ein Arzt!— dachte ich, der zu einem Kranken gerufen iſt... und da unten unter dem friedlichen Dache ſoll er ſein!... Ach! ich ſuche auch eine Kranke, aber eine Herzenskranke, für die ich einen köſtlichen Balſam bei mir trage. Und wir ritten ſtill hinab, der kleinen Brücke zu, die wir überſchreiten mußten, um auf das jenſeitige 4 Ufer des kleinen Baches zu gelangen. Aber auch jener Mann zu Pferde, ebenfalls ſeinen Weg zu der Brücke neh⸗ mend, näherte ſich ſchon von der andern Seite und wir mußten uns ungefähr auf der Mitte derſelben begegnen. inen Blick auf ihn; dann mich etwas Ich warf ei links wendend, um eine Vertiefung zu vermeiden, ver⸗ 4 folgte ich ruhig meinen Weg. In dieſem Augenblicke blieb Bob etwas zurück. Er war vom Pferde geſtiegen, um ſeinen gewichenen 1ß Sattelgurt feſter zu ſchnallen. 1 Ich ritt langſam weiter und kam dem Häuschen ſchon näher, das ſich immer größer und prächtiger erwies, je deutlicher es aus der dämmernden Ferne hervortrat. Ich hielt noch einmal an und warf unwillkürlich einen Blick darauf. Jetzt ſah ich ganz deut lich innerhalb des durch⸗ ſichtigen Gitters einen Mann ſtehen, deſſen Geſtalt ich aber nicht genauer erkennen konnte, denn die Däm⸗ merung hatte allmälig zugenommen. Da war es mir, als wenn ich zu den Füßen dieſes Mannes etwas Dunkeles ſich bewegen ſähe... Ich blickte genauer hin... noch einen Augenblick ... und ich gewahrte einen großen, ſehr großen ſchwarzen Hund, welcher, den Hals weit vorſtreckend und den Schweif lang hinter ſich her tragend, aus dem Gitter hervorkam, anfangs langſam, gleichſam kriechend, dann ſchneller, immer ſchneller, und end⸗ lich in ungeheuren Sätzen auf mich losſprang. Ich hielt Bravour an... ich hörte ein lautes, wiederholtes Pfeifen vom Gitter her, aber der Hund gehorchte ihm nicht. Ich griff nach meiner ſtarken Reitpeitſche, denn ſchon war mir der Hund ganz nahe und ſchien es in der That auf mich abgeſehen zu haben. Ich konnte den ungeheuren Kopf und die dichte Mähne, die ſei⸗ nen Hals löwenartig umgab, ſeine breite Bruſt und ſeine großen, glänzenden Zähne ſehen... aber trotz dieſes wilden Ausſehens ſchien er keine böſe Abſicht zu verrathen und verhielt ſich ganz ſtill, bis er... dicht an meiner Seite... plötzlich ein lautes, durch⸗ dringendes Geheul ausſtoßend, an dem Halſe meines Pferdes in die Höhe ſprang, dann wieder hinter mir an das Roß hinanklomm... ſchnuppernd... rie⸗ chend... und endlich in ein noch lauteres Freuden⸗ geheul ausbrechend, in ungeheuren Sätzen und auf den gewaltigen Hinterläufen ſtehend, frohlockend um mich herum ſprang. Bravour ſeinerſeits, anfangs ſtill, mit dem lin⸗ ken Auge den Hund aufmerkſam betrachtend, ſpitzte bei dem erſten Tone ſeiner Stimme die Ohren, dann aber lauter, als gewöhnlich, und in abgebrochenen, ſtoßweiß hervorgebrachten Tönen wiehernd, ſtreckte er ſeinen ſtolzen Hals dem wie liebkoſend ihn umſprin⸗ genden Hunde entgegen. Ich ſah wie bezaubert das Alles mit an... in dieſem Augenblicke kam Bob herangeritten... ich blickte mich verwundert nach ihm um... — Ha!... Othello! Othello! das iſt ja Othello... hörte ich ihn rufen und... ja... nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen und von dem Herzen... ich hatte meine Träumereien, die Ge⸗ gend, das Haus, das Vaterland vergeſſen und bei⸗ nahe einen plötzlich entſtehenden, gewaltſamen, inne⸗ ren Schmerz in meiner Bruſt empfindend, der mich wie ein ſpannender Ruck ergriff... ſprang ich vom Pferde, wie Bob, der ſich ſogleich dem Hunde nähern wollte. Aber dieſer, wie unſinnig vor Freude, ſprang, leiſe heulend, dem Gitter zu... jetzt trat der Mann aus demſelben näher an mich heran... es wurde dunkel, ganz dunkel vor meinen Augen... und doch ſah ich hell, denn in meiner Seele ward es licht wie Morgenroth... ich ſah, wie mit meinen geiſt gen — 254— Augen... den P farrer Graham vor mir ſtehen... Es war mir, als wenn mein Herz plötzlich ſtill⸗ ſtände... es durchfuhr mich ein entſetzlicher Schreck im Anfang... dann, gleich darauf, fühlte ich eine un⸗ ausſprechliche Beruhigung auf meinen Wink war Bob, der ſchon losbrechen wollte, ſogleich ſtill zurückgetreten, faßte die Zügel beider Pferde und ging abſeits mit ihnen. Noch einen Augenblick... und ich hatte mich geſammelt. Ich wußte, was ich ſagen, was ich thun wollte, und demgemäß ging ich ſogleich an's Werk.. — Sir!— ſagte ich, zu dem alternden Mann ſen Züge ich nicht mehr genau unterſchei⸗ ie einen Arzt? „Herr Doktor?— fragte Hand entgegen— Ich habe ... ach! mein Kind, mein Kind! was haſt du denn?... Geh! nd ging zur Seite, wo Bob mit ... ich wollte hinblicken, aber lenkte für den Augenblick meine ufmerkſamkeit auf ſich. Der andere Reiter nämlich falls herangekommen und beg indem er ſich als den Arzt zu erkennen gab. Entſchuldigen Sie, Sir! bewegter Stimme zu Sir Ro war unterdeſſen eben⸗ rüßte uns freundlichſt, zu der kranken Dame gerufenen — ſagte ich mit et⸗ was bert Graham, denn 6 — 255— er war es ja wirklich,— ich habe mit dieſem Herrn einige Worte zu wechſeln... bitte! gehen Sie mir gefälligſt in das Haus voran, ich komme ſogleich nach. Sir Robert blickte etwas verwundert auf die bei⸗ den zugleich angekommenen Aerzte hin, doch verbeugte er ſich, lüftete ein wenig das ſchwarze Käppchen, das ſeinen Scheitel bedeckte, und ging ſogleich in das Git— ter hinein. — Mein Herr!— wandte ich mich jetzt zu dem Arzte, indem ich mich dicht an ſeinen Sattel ſtellte, von dem er noch nicht abgeſtiegen war, und zwar mit dem freundlichſten Tone meiner Stimme— mein Herr, ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, und ich bitte Sie daher, meine etwas dreiſte Bitte zu entſchuldigen ich bin auch zu dieſer Kranken berufen und mochte ſie gern... allein behandeln... Der Mann ſah mich, wie es natürlich war, etwas ver⸗ wundert, doch nicht böſe an, und ſagte weiter nichts, als — Wie, Sir?. Ich wiederholte meine Bitte und fügte hinzu: — Es iſt dies ein merkwürdiges Zuſammentreffen hier, allein ich habe die wichtigſten Gründe, ganz allein zu dieſer Kranken zu gehen. Gonnen Sie uns morgen die Ehre Ihres Beſuches, und wenn dann noch Ihre Hülfe vonnöthen ſein ſollte, ſo ſollen Sie... ſeien Sie verſichert... Ihr Meiſterſtück thun... ich bürge für einen freundlichen Empfang und für den aufrichtigſten Dank Sir Robert Grahamss. 1 . ... und — 256— *—— Ach ſo... Sie ſind auch ein Arzt? Aus L... wohl? Aha!... Aber das iſt ſonderbar! .— Arußerſt ſonderbar, Sir, ich geſtehe es! Aber ich bitte Sie dringend... es waltet ein Irrthum... ein Geheimniß... wenn Sie wollen... mit meiner Erſcheinung ob... darf ich Sie aber morgen wiederſehn? — Nun, ich verſtehe, Sir,— ſagte der beſcheidene Mann— ich verſtehe... es iſt in der Eile zu mehreren Aerzten geſchickt, und Sie kamen vor mir an... viele Köche verderben den Brei... es iſt natürlich. Ich gehe, gute Nacht, Sir! gute Nacht! Und er drehte ſchon den Kopf ſeines Pferdes herum. Ich häͤtte ihn gern mit ins Zimmer genommen, aber... Durfte ein Fremder zugegen ſein, wenn ich zu ſprechen anfing? 5 = Sie kommen beſtimmt morgen?... zu Tiſche? = ſetzte ich hinzu—... Ich bitte Sie darum... 1=— Schoͤn, ſehr ſchön, Sir!.. ich werde kommen! Ich danke Ihnen, Sir! morgen ein Mehreres! Und er ritt davon... aber ich?... Ich trat über die Schwelle des Hauſes Sir Robert 7 Graham's, des ehemaligen Pfarrers auf Codrington⸗Hall! Ende des dritten Bandes. “