x☛— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzö iſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von kedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. e von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Nr. 55 ff 3 1 „„3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe . hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird. 6 Bücher: 4 Mk.— Pf. 4 — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Kun beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ec.) muß der f Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Irre von St. James. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes. Vom Verfaſſer des Inſelkönigs. 6(Philipp galen.) 4 Zweiter Band. 3 2 ——— Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 8 5 4. Band. Zweiter ger Aufſtcht man dieſen Kranken hielt, d. 9. 2· 70 I. Wie ein Irrenhaus einem gefängniß gleichkommen kann. Es vergingen mehrere Tage, an denen ich keine Gelegenheit hatte, mich mit Mr. Sidney ungeſtört zu unterhalten. Und ſelbſt die kurzen Unterredungen, die wir den vielen Hinderniſſen, welche uns umgaben, abgewannen, wurden noch ſehr oft unterbrochen. Es war ein Glück für ihn, daß keiner ſeiner Wärter voll⸗ ſtändig deutſch verſtand, und ihn ſomit wohl ſtören, aber nicht belauſchen konnte; daher ſprachen wir denn gewöhnlich auch deutſch, ſogar über Dinge, die jeder hören konnte, damit nicht etwa unter den zufälligen Zuhörern der Verdacht entſtände, er ſpräche nur das Gleichgültige engliſch, das aber, was Niemand ver⸗ ſtehen ſollte, deutſch.“ Hierbei bemerkte ich erſt recht, unter wie ſtee — 6— es mir bei ihm am meiſten auf. Beſtändig machten ſich einige Aufpaſſer irgend etwas um ihn zu ſchaffen, ſeine Zimmer wurden, wenn er darin war, beinahe 4 ſtündlich von dem ihm gegenüberwohnenden Wärter b beſichtigt und jeder Beſuch, der bei ihm eintrat, ge⸗ nau beobachtet und höheren Orts gemeldet. 3 Auch im Garten, im Park, in der Reitbahn, auf dem Turnplatz, im Billardzimmer, kurz überall hin folgten ihm ſcharfblickende Augen, die all ſein 5 Thun und Laſſen mit der ſorgſamſten Ausdauer be wachten. Die Klaſſe dieſer Bedienſteten war in St. James, wie ſie nicht immer gefunden wird, ausge⸗ zeichnet an Aufmerkſamkeit wie an Beharrlichkeit. So kam mir der ſogenannte Irre von St. Ja⸗ mmes mehr wie ein Staatsgefangener, als ein Kran⸗ ker vor. Und was mir hierbei am meiſten auffiel, war, daß er ſelbſt dieſe Aufpaſſerei kaum zu meren ſchien, entweder, weil er ſich im Laufe der Zeit daran ggewoöhnt hatte, oder weil er von Natur zu ſtolz war, dergleichen Dinge zu würdigen. Und wenn er es auch in Ausnahmefällen, in denen der Spion nicht zu ver ennen war, bemerkte, ſo verrieth doch kein Zeichen 3 8 an ihm, daß er unangenehm dadurch berührt wurde. War dies jedoch wirklich der Fall, ſo bewies er durch ſeine Ruhe und ſein durchaus gleichmäßiges Betragen, C 22 daß er wenigſtens eben ſo klug war wie diejenigen, die ihm dieſe Aufpaſſer zugeſellt hatten. Nur einige Male, als uns auf einem Spazier⸗ gange oder auf einer Gartenbank ſitzend beim Schach⸗ ſpiel ein Wärter langſam und lauernd in immer enge⸗ geren Kreiſen umging, und jedes ſeiner Worte und jeden ſeiner Blicke mit Augen und Ohren zu erhaſchen bemüht war, ſah er ſich kaum lächelnd um und nickte dem Wärter vertraulich zu, als wolle er gewiſſerma⸗ ßen damit andeuten: ich bin da und befinde mich wohl! geh' und ſag's! Aber dergleichen Bi. waren im Ganzen überaus ſelten und konnten nur von einem ſcharfen Beobachter wahrgenommen werden. Selbſt das Vertrauen, welches er von Tage zu Tage mehr in mich zu ſetzen ſchien und vor Nieman⸗ dem zu verbergen ſuchte, erregte allmälig ein leiſes Mißtrauen bei der Verwaltung und dem Oberarzte, der auf alle Kranken ein wachſames Augenmerk hatte. Eines Tages fragte mich der Direktor, obwohl mit der größten und zarteſten Freundlichkeit, wie es komme, daß ich mich ſo viel mit dem einen und viel weniger mit den anderen Kranken beſchäftige? Warum ich faſt nur deutſch mit ihm ſpräche, da mir das Eng⸗ ich auch meiner Ueberzeugung als Irrenarzt gemäß zu handeln gewiß wäre, wenn ich Mr. Sidney in ſei⸗ nen Lieblingsbeſchäftigungen, ſeinem Sichgehenlaſſen u. ſ. w. durch meine Theilnahme ermunterte? Ich erwiderte ihm, daß mich der reine, erhabene Geiſt, der dieſem liebenswürdigen jungen Manne inwohne, intereſſire, daß ich Beobachtungen ſeltener und ſchwer zu erreichender Art über ſeinen ſonderba⸗ ren Gemüthszuſtand ſammele, daß ich gewöhnlich deutſch mit ihm rede, weil er ſich darin üben wolle, und daß ich endlich nur nach meiner Ueberzeugung als Arzt handele, wenn ich mich bemühte, ſeine An⸗ ſichten zu berichtigen und ihn in ſeiner fortſchreitenden Geneſung zu befeſtigen und weiterzuführen. Hiermit ſprach ich die Wahrheit aus, und meine Worte waren ganz ſo eingerichtet, die Beſorgniß des Fragenden aufzuheben und ſeine Wünſche in Bezug auf ſeinen Kranken zu befriedigen, aber dennoch konnte 8 ich nicht umhin, wahrzunehmen, daß man in Klei⸗ nigkeiten anfing, eine Art von Mißtrauen in mich zu ſetzen, oder wenigſtens mein Kommen und Gehen mit mehr Aufmerkſamkeit zu betrachten, und ich nahm mir daher vor, nur noch vorſichtiger in meinem eigenen Treiben zu werden. . Und ſo kam es, daß wir in unſeren Geſprächen, — die wir täglich zu führen geneigt waren, allmälig immer mehr beſchränkt wurden, und zuletzt faſt nur allein im Billardſaale, wo wir unſere Parthie ſpiel⸗ ten, wenn die Anderen die ihrigen beendet hatten, konnten wir uns einige abgebrochene Mittheilungen machen und uns über das, was wir gerade vorhat⸗ ten, mit kurzen Worten verſtändigen. Denn auf den Spaziergängen, bei den gymnaſtiſchen Uebungen, beim Reiten, woran ich in Geſellſchaft der Aerzte und meh⸗ rerer anderer Beamten faſt ſtets Theil nahm, geſell⸗ ten ſich dieſe zu uns und ſchienen es darauf abgeſehn zu haben, uns wo möglich etwas fern von einander zu halten. Auf ſeinem Zimmer ihn zu beſuchen, un⸗ terließ ich faſt ganz, denn jedesmal, wenn ich bei ihm geweſen war, geſchah es, daß man ihn einer ſchärferen Aufſicht, wenn nicht einer ſtrengeren Be⸗ handlung unterwarf, und dieſe Qualen ihm zu ver⸗ mehren, der ſchon ſo viel erlitten hatte, konnte am wenigſten meine Abſicht ſein. Die Inſtruktionen, die der Direktor der Anſtalt über dieſen Kranken erhalten hat, müſſen ſehr drin⸗ gend ſein, dachte ich oftmals. Man ſcheint entweder von ihm zu fürchten, daß e er unhe ne gehen oder fliehen wolle, Mittheilung verborgener T 10.— habe, denn anders kann ich mir dieſe eigenthuͤmliche Beſchränkung nicht gut deuten!... Daß übrigens durch alle dieſe Hinderniſſe, die man mir in den Weg ſchob, meine Neigung erhöht, und meine Begierde, etwas Näheres von ihm zu er⸗ fahren, geſteigert wurde, brauche ich wohl kaum zu bemerken; es war in der Natur der Sache begründet. Es mußte ein wichtiges, ein ſchweres Geheimniß auf dieſem Manne laſten, und wenn man dieſes letztere auch nicht kannte, was ich in der That auch nie ge⸗ glaubt habe, ſo mußte man doch Grund genug ha⸗ ben, ſein Verweilen in St. James für äußerſt wich⸗ tig und nothwendig zu erachten. Was für ein Ge⸗ heimniß dies aber ſei, wen es betreffe, und wie weit der Obere der Anſtalt von demſelben unterrichtet ſei, oder ob er blindlings den Befehlen derer gehorche, die über Mr. Sidney zu beſtimmen hatten... das ich ſah unter ſolchen Verhältniſſen noch gar keine Mög⸗ lichkeit, wie ich die Mittheilungen, die mir der Irre uͤber ſich ſelbſt verſprochen hatte, erfahren ſollte. Nichts deſtoweniger aber reichten die kurzen, oft wiederholten Unterhaltungen zwiſchen uns hin, mich über ſeinen edlen und erhabenen Charakter, ſeinen 4 ſcharfen und klaren Geiſt, ſeine außergewoͤhnliche, zu enthüllen war allein der Zukunft vorbehalten, und 1 Gemüth über ſo viele Fächer der Erkenntniß verbreitete Bil⸗ dung, vor Allem aber über die Innigkeit und Zart⸗ heit ſeines tiefen und doch ſo ſchwer verletzten Gemü⸗ thes aufzuklären. Von Tag zu Tag wurde meine Neigung zu dieſem außergewöhnlichen Menſchen grö⸗ ßer und größer und in gleichem Maaße, wie ich ihn lieber gewann, mußte ich ihn achten und ehren lernen. Von mir ermuthigt und berathen, ertrug er mit dem männlichſten Gleichmuthe alle oft ſo unangeneh⸗ men Proben, die man ſeiner Standhaftigkeit und ſei⸗ ner Geduld unabläſſig auferlegte. Die moraliſchen Ermahnungen, die der Prediger ihm bisweilen ange⸗ deihen ließ, eben ſo wie die pſychologiſchen Auseinan⸗ derſetzungen, die der Oberarzt herbeizuführen ſich be⸗ rufen fühlte, um ihn von ſeinen Irrthümern zu über⸗ zeugen und wieder auf den geraden logiſchen Weg des kalten geſunden Verſtandes zurückzuführen, den man in ſeinen Grundfeſten erſchüttert hielt, hörte und be⸗ antwortete er nicht allein mit der größten Leutſeligkeit und Geduld, ſondern er entgegnete ſie ſogar oft mit weit ſchärferen Widerlegungen und richtigeren Bemer⸗ kungen, als weder Mr. Lorenzen noch Mr. Bromfield ſie auszuſprechen im Stande waren. Nur bisweilen, jetzt viel ſeltener als früher, und dann war ſtets ſe auf der Oberfläche zwar ie 12— ruhig, doch in der Tiefe bewegt und in einer für uns alle unerklärlichen Wallung, nur bisweilen, ſage ich, vertheidigte er ſich mit einer ſtechenden Ironie und dem beißendſten Sarkasmus, ja, er bewies dann ge⸗ rade, als ob ihm der Widerſpruch ein Vergnügen mache, das Gegentheil von dem, was man ihm auf⸗ nöthigen wollte, ohne daß irgend Jemand ihn zu wi⸗ derlegen fähig war; und gerade dieſer unglückſelige Umſtand war es, der ſeine Lehrer und Leiter in der Meinung beſtärkte, daß er unverbeſſerlich und alle ih⸗ rerſeits ſo eifrig aufgewandten Bemühungen vergeblich ſeien. — Vier ganze Jahre hat man ſich nun ſchon ver⸗ gebens abgemüht, ſagte eines Tages der Oberarzt zu mir, als eben eine ſolche kauſtiſche Widerlegung ſtatt⸗ gefunden hatte, und der gute Mann erſchöpft und unwillig von ſeinem Stuhle aufgeſtanden war,— vier ganze Jahre und nichts Gewiſſes iſt damit erreicht, nichts dauernd verbeſſert, nichts gänzlich vertilgt... da ſehen Sie, welche Geduld derjenige haben muß, der ſich berufen glaubt, das ungeheure Opfer zu brin⸗ gen, dem Menſchengeſchlechte auf Koſten ſeiner eige⸗ nen Ruhe und Zufriedenheit, ſeine jetzigen Irrthümer, ſeinen geſchmackloſen Unſinn, ſeine gemüthlichen Ver⸗ kehrtheiten logiſch zu berichtigen. Man möchte manch⸗ 4„ — 13— mal ides Teufels ſein!... Aber ich werde ihn ſchon einmal bändigen, dieſen Mr. Sidney, meine Geduld iſt länger als die ſeinige, und ſeine hartnäckige, ver⸗ biſſene Kraft wird meiner Ausdauer erliegen. Wenn es ſo fortgeht, kann er hier ein halbes Jahrhundert zubringen! Ich erſchrack innerlich über dieſen Ausſpruch, aher was konnte ich Gründliches dagegen vorbringen? Hatte ich doch kein Recht dazu, meine noch unverbürgte Ue⸗ berzeugung auszuſprechen... was wußte ich Be⸗ ſtimmtes, Gewiſſes über Mr. Sidney, was den Aerz⸗ ten hier nicht auch bekannt war, und trotz jener in⸗ neren Stimme, die mir das Gegentheil zurief, mußte ich dem hellſehenden Arzte gegenüber, wenn auch nicht durch Worte, doch durch Schweigen meine Zuſtim⸗ 98 mung zu erkennen geben. Oft, ich geſtehe es, quälte mich der Gedanke und machte mich vor mir ſelbſt erröthen, ich ſei nicht fähig, die Richtigkeit der Einſicht des Arztes und die Unrichtigkeit der meinigen einzuſehen. Ein ander Mal warf ich mir eine zu geringe Erfahrung, eine über⸗ eilte Neigung, eine durch dunkle, verworrene Gefühle hervorgebrachte irrthümliche Meinung vor. Wenn ich aber dann wieder auf den ſo ruhig dahinwandelnden Mann, auf ſein edles, durch nichts getrübtes, gei⸗ u! ie — 14— *. ſtig geſundes Aeußere hinſah, ſeine unnachahmlich gleich⸗ mäßige, überlegene und nur duldende Phyſtognomie betrachtete, und ſein geiſtreiches, belehrendes und durch ſeine Anmuth hinreißendes Geſpräch anhörte, dann konnte ich, mochte man ſagen, was man wollte, dann durfte ich nicht wider meine Ueberzeugung und jene mächtige innere Stimme, die nie lauter, als jetzt ſprach, ſeinen Aerzten eine richtige und mir eine falſche Anſicht ſeines Geiſteszuſtandes zugeſtehen. Ah! und die Sache war, wie ſie ſchwierig zu entſcheiden blieb, eben ſo wichtig in den Folgen, die dieſer oder jener unwiderruflich feſtgeſetzten Meinung auf dem Fuße 4 nachkamen und nachkommen mußten. Nichts auf der Welt iſt ſchwerer, als über den geſunden oder nicht geſunden Geiſteszuſtand irgend eines Menſchen apodik⸗ tiſch zu entſcheiden. Beiſpiele dieſer und jener Art mit ihren entſetzlichen Folgen liegen mehrere vor. Ich rauche nur an einige wenige Fälle zu erinnern, wo Irre, namentlich Raſende, welche jahrelang ver⸗ nünftig waren, plötzlich entſetzlich verrückt wurden und das größte Unheil zu ſtiften im Stande waren, Fälle, wie ſie, traurigen Angedenkens, um nur Einen 4 zu nennen, der große Heim in Berlin, und glaublich genug, aufbewahrt hat.. Konnten wir hier nicht einen ſolchen Fall vor 5 5 e 1 /6 3 5 9* 1 4 4 V * uns haben? Und wer buͤrgte uns dafür, daß es nicht ſo war? 4 Doch ich tröſtete mich wieder mit dem freilich nichts für oder wider bereiſenden Gedanken, daß dieſe Fälle ſehr ſelten ſeien, und ich hatte ja ſelbſt ſchon einen dergleichen Anfälle von ſcheinbarer Tob⸗ ſucht an meinem Irren beobachtet und den Grund davon, wenn auch nicht vollkommen erfahren, doch ziemlich deutlich ahnen können, ſo daß ich mich durch⸗ aus nicht für überzeugt halten konnte, der vorliegende Fall ſei ein unbedingt ſo ſeltenes, und wirklich ſo gräßliches Spiel der Natur. — Nein, nein!— ſagte ich zu mir ſelbſt nach ſolchen höchſt widerwärtigen Momenten des Zweifels, — er iſt nicht das, wofür ſie ihn halten, er kann es nicht ſein, es ſteckt hier irgend eine Schurkerei im Hintergrunde, und die Aerzte ſind nur getäuſcht durch ſeltſame Verwickelungen in dem von einer ſchrecklichen Laſt bedrückten Gemüthe dieſes Menſchen, und ich werde... ich will... ich muß dieſe Schurkerei Erfahren a und aufdecken, mag daraus entſtehen, was will; aber klar muß ich ſehen, denn dieſe Zweifel ſind ſchrecklich für⸗ ihn und für mich, und beide haben wir ſie lange genug ertragen, um ſie endlich uner⸗ träglich zu inden ſt Mit ſolchen oder wenigſtens kähnlichen Gedanken m und Entſchlüſſen beſchäftigt, traf ich eines Nachmit⸗ 6 tags mit dem Irren von St. James im Parke zu⸗ ſammen, und ungeachtet der vielen Aufpaſſer, die ſich wachſam im Bereiche ihrer Pflegebefohlenen umtrieben, 4 ſpazierten wir nach einer freundlichen Begrüßung in ziemlich ungezwungener Unterhaltung umher. Ich hatte ſchon ſeit länger als vier und zwanzig Stunden eine kleine Wolke, mehr der Beſorgniß als des geiſtigen Leidens, auf der Stirn meines Begleiters wahrgenom⸗ men und war eben geſonnen, eine Frage deshalb an ihn zu richten, als er zu mir ſagte: — Kommen Sie auf jenen Hügel da; wir kön⸗ nen von dem Gipfel deſſelben die Straße nach... verfolgen, ich ſehne mich heute mehr als je nach Frei⸗ heit und Bewegung, und wenn ich ſie auch nicht ge⸗ nießen darf, dort oben wenigſtens kann ich ſie mir am beſten denken. Ich folgte ſeinem Wunſche, und bald kamen wir auf dem Gipfel des kleinen mit niedrigem Gebüſch bee pflanzten Hügels an. Daſelbſt ſtand eine bequeme Bank, und wir ließen uns darauf niober. Jetztt war ich im Begriff zu ſprechen, aber da feeſſelte mich wieder der Blick des Irren, der mit ei⸗ ner ſeltſamen Miſchung von Erwartung und Beſorg⸗ — 17— niß den Weg hinaufblickte, den ich ſelbſt mit dem Krämer vor mehreren Wochen herabgekommen war. Die Straße ſchlängelte ſich anfangs ein wenig und verbarg ſich hinter kleinen Erderhöhungen, obwohl die Pappeln, mit denen ſie eingefaßt war, über die⸗ ſelben hinwegragten,“ doch konnte man ihn nachher noch beinahe eine ganze engliſche Meile weit ziemlich genau mit den Augen beſtreichen. Forſchend hielt ich meine Blicke auf meinen Ge⸗ fährten gerichtet, er bemerkte es ſelber und ſagte dann: — Bitte, ſehen Sie nach dem Wege da hinauf, es flimmert mir, ſeitdem ich in dieſem Hauſe bin⸗ Alles vor den Augen, ſobald ich in die Ferne ſehen will... bemerken Sie nichts auf der Straße? — Nein!— erwiderte ich,— erwarten Sie et⸗ was 2.. — Ja, ſehr viel!— entgegnete er mit unge⸗ wöhnlichem Ernſt.— Mein treuer Freund, der Krä⸗ mer, iſt nun ſchon über drei Wochen fort und dieſe „Zeit iſt für ihn lang genug, um das Eine oder das Andere ausgeführt zu haben, und da heute Poſt⸗ tag iſt und die Poſt auf dieſem Wege um dieſe Stund kommen muß, ſo werden Sie es natürlich finden daß ich mich endlich nach einer Entſcheidung meines Schickſals ſehne. Der Irre von St. James. 2. Band. 2 = 18— — Nach einer Entſcheidung, Sir?— fragte ich etwas kleinlaut, denn ich hatte mir vorgenommen, mich auf keine Weiſe in ſein Vertrauen zu drängen. — Ja!— ſagte er mit heller, kräftiger Stimme und ſein Auge blitzte in ungewöhnlichem Glanze,— Entſcheidung, mein Freund! denn es handelt ſich hier⸗ bei um mehr als ein Leben und um einen Tod, um zwei, um dreimal Leben und Tod, wenn Sie wollen 1 ... entweder... oder... es iſt dies das letzte, was ich von dorther erwarte... ſchlägt auch das fehl, dann wohlan! bin ich zu jedem Kampfe bereit ... ich habe lange genug gezögert und gewartet..... jetzt kann ich es nicht mehr, oder mein Herz weicht aus ſeinen Fugen! Die letzten Worte ſprach er in einem ſo entſchie⸗ denen und feſten Tone, halb mit Entrüſtung und halb mit Schmerz, daß ich unwillkürlich erbebte; und aus ſeiner bewegten Miene und ſeinem glühenden Blicke pah ich, daß dieſe Entrüſtung eine tödtliche und daß dieſer Schmerz ein fürchterlicher war. 1 Es folgte eine Pauſe, die mir unangenehm wurde; ich brauchte nicht mehr nach dem zu fragen, was ich vorher wiſſen wollte, ich hatte genug geuart. Um 4 laber das peinvolle Schweigen zu breche. einen 2 qualvollen Gedanken eine andre Richtung zu geben, fragte ich: — Haben Sie volles r Ihre Sache pünktlich und nach Vertrauen zu dem Krämer, daß e Ihrem Wun⸗ he führt? Vollkommenes, ich kenne ihn ſeit achtundzwan⸗ zig Jahren,... ſo lange ich lebe... er war bei meiner Geburt... Ah!— unterbrach ich ihn,— nun wird es mir klar, ſo waren Sie der Herr, mit dem er in 3 A Deutſchland geweſen iſt? Der Irre von St. Seite an und lächelte ſo ruhig, al aus den ſanfteſten Empfindungen erwacht wäre. — Der war ich, ſagte er,— iſt Ihnen dies 4 erſt jetzt eingefallen, ſein Sie aufrichtig... — Gewiß will ich es ſein... ich habe ſchon daran gedacht, damals als Sie mir Sie in Deutſchland geweſen, was ich e; indeſſen ich h. hatte wieder meine James ſah mich von der s wenn er ſo eben früher einmal ſagten, daß von ihm auch wußt Zweifel, wie es — Wie es auch nicht an nicht anders... ders ſein kann, wollen 8— 8„„ 2 1. Sie ſagen, und Sie haben auch ein Recht dazu. 1 j. 4 8 Warten Sie noch eine kurze Zeit, eine ſehr kurzt Zeit ddoch Halt! ſehen Sie da nichts? — 20— — Ja!— rief ich und ſtand auf, denn er war mir ſchon mit einem Sprunge vorangeeilt, um beſſer ſehen zu können, und blickte ſcharf in die angedeutete Richtung. Es war wirklich der Poſtwagen. Er kam ſchnell näher, denn es ging bergab. Wir ſchritten wieder den Berg hinunter und gingen den Brücken zu. Nach ei⸗ ner Viertelſtunde ungefähr fuhr der Wagen in den Hof und bald darauf wurden die Packete ausgetheilt und die Briefe herumgetragen. Auch für mich fand ſich einer dabei, obgleich ich gerade jetzt keinen erwar⸗ tete, den mir ſogleich der halb blödſinnige Knabe, der mich bediente, in den Park herabbrachte. Der Ueber⸗ 1 bringer ging wieder davon und ich hielt noch n Brief in der Hand, ohne ihn ſogleich zu öffnen, da⸗ ich geſehen hatte, daß er von einer mir unbekannten Hand beſchrieben war.— 4 Der Gedanke, daß der Irre ſeinen ſo ſehnſüchtig erwarteten Brief nicht empfangen hatte, ſchr e mich, doch ſchien es mir, als wan er mein ruhig wäre. 8 — Und Sie haben wirklich keinen erhall fragte ich. 3— Wer kann das wiſſen!— erwiderte er direkt an mich kommt nie einer und darf keiner ‿— b 3„„ — 21=⸗ 8 men. Einen erwarte ich nur durch den Direktor und den andern durch...Sie! 1 — Durch mich?— fragte ich etwas erſtaunt, indem ich meinen Blick auf ſein ruhiges Antlitz heftete. Nun ja! Sobald jener Mann da vor uns um das große Gebüſch ſich wendet, zeigen Sie. mir die Aufſchrift Ihres Briefes. Ich wartete, bis der Mann unſern Blicken ent⸗ ſchwunden war, dann hob ich den Brief in die Höhe. fer, beinahe zu laut für die — Nichtig!— rief als er kaum einen flüchtigen Blick auf den ſt von Phillipps,... geſchwind! Horcher, Brief geworfen hatte,— er i öffnen Sie und leſen Sie geſchwind... Während ich den Brief erbrach, ſah ich den alſo Sprechenden verwundert an, denn ſeine Stimme bebte des Zwanges, den er ſich anthat, um ruhig zu Pleiben, und drückte eine unbeſchreibliche Beängſtigung aus. Da ſah ich ſein ſonſt ſo gleichmäßig blaſſes Geſicht dunkelroth gefärbt bis an den Hals hinab und ſein Blick hing euchtend vor Crwartung, an meinen Händen, die d 1 f hielten. .Ich ſah au deitſelben hin und las folgende we⸗ nige Worte: — Einliegendes unſerem Freunde, dem Irren von St. James Ftröſten Sie... helfen Sie A“ trotz 6 — 22— ... gehen Sie nicht eher fort, als bis ich wieder bei Ihnen geweſen bin. Adieu! ich komme bald!... Ich gab das offen darin liegende Blättchen an den, der es empfangen ſollte. Das iſt ſonderbar, dachte ich, ich ſoll immer trö⸗ ſten und helfen und weiß nicht weshalb und womit? ... Und dennoch war ich nie entſchloſſener geweſen, zu tröſten und zu helfen, weshalb und womit es auch wäre! — Dal— ſagte der Irre mit einer ſchrecklichen Ruhe, die mit ſeiner vorigen Bewegung einen erſchüt⸗ ternden Gegenſatz bildete, und er ſah plötzlich wieder eben ſo blaß aus, wie er vorher roth geweſen war... — Da... ſtecken Sie das Blatt ein, ich darf es nicht behalten, man könnte es bei mir finden oder er⸗ rathen, was darin iſt; denn alle Leute hier, die nicht weniger als ihre fünf geſunden Sinne haben, haba ihrer ſechſe... halt! leſen Sie, leſen Sie zuvor, und wenn Sie auch nicht dadurq abermals verloren habe, ſo ich auch nichts gewonnen hab Ich nahm ſchweigend das 2 eingeſteckt hatte und las: — Die Spur war falſch... ſie war es nicht; erfahren, was ich „Sie doch, daß das ich ſchon aber ich bin ſcho wirder auf einer andern und A 46 1 1 N 1 hoffe Ihnen in acht Tagen mündlich etwas darüber mittheilen zu können. Doch... was wichtig iſt ... ich habe auf meinem letzten Wege die Fährte eines anderen Suchenden gefunden... Sie wiſſen, wen ich meine... Weiß der Doktor ſchon, was er wiſſen ſoll?... Leben Sie wohl und Gott behüte Sie!... — Meint der Schreiber mit dieſem Doktor mich? fragte ich. — Ja, er meint Sie, und Sie wiſſen noch nicht, was Sie wiſſen ſollen? Wie? — Nein!— entgegnete ich.— Wenigſtens weiß ich noch nicht, was ich wiſſen möchte. Doch wie dem auch ſei... Sie wiſſen gewiß, daß Sie in allen Dingen auf mich rechnen können? 8 — O mein Freund!— rief er halb traurig halb 1 freudig...— das hätten Sie nicht nöthig gehabt mir zu ſagen... Ihr Auge hat längſt mit meinem Herzen geſprochen, und nun will dieſes Herz auch noch ein Wort mit dem Ihrigen ſprechen... Und Sie werden es verſtehen? — Ich hoffe es, wie ich es wünſche. Wann aber wird es ſprechen? Ich brenne vor Verlangen, es endlich zu hören. — Ich danke Ihnen, aber ich muß Ihnen die — 24— Antwort ſchuldig bleiben, denn da unten kommt der Direktor, und wenn ich nicht irre, ſo hat er ebenfalls einen Brief in der Hand... Ha! er lächelt, wie er mir gegenüber immer lächelt... das iſt ein bö⸗ ſes Zeichen... auch da habe ich verloren... das Unglück hat ſtets ſeinen Doppelgänger zur Seite. In dieſem Augenblick winkte der Direktor dem Irren von Weitem zu; dieſer ging ihm einige Schritte entgegen, während ich zurückblieb und mir etwas auf der Stelle zu ſchaffen machte, wo ich gerade ſtand, denn ich wollte aus den Geberden dieſer beiden Per⸗ ſonen erſpähen, was zwiſchen ihnen vorging, da ich wußte, daß es mir kein Geheimniß bleiben würde und daß es kein Kinderſpiel war, was ſie verhandelten. Aber ich konnte nichts entnehmen, obgleich der Direk⸗ tor, wenn auch ziemlich leiſe, doch ſichtbar heftig ſprach, denn er machte mit ſeinen Armen einige ener⸗ giſche Bewegungen. Der Andre ſchien bloß Ohr zu ſein, denn er ſtand wie ein Fels da, unbeweglich, als wiären ſeine Füße in dem Boden gewurzelt und ſein Körper aus Marmor gehan. Nach einer Viertelſtunde, ſo lange mochte dat Geſpräch zwiſchen ihnen gedauert haben, ging der Di rektor langſam denſelben Weg zurück, den er gekom. men war, aber der Irre blieb ſinnend ſtehen und ſ 1 1 — 25— ihm nach. Dann drehte er ſich halb nach mir herum und winkte, daß ich mich nähern ſollte. Ich trat heran, und ich erſchrak über den ſeltſa⸗ men Ausdruck, den ſeine Geſichtszüge angenommen hatten; es war nicht Wuth, nicht Schrecken, nicht Angſt, nicht Beſorgniß, nein, es war die kalte, aber energiſche Verachtung einer ſtolzen Seele, die ſich er⸗ hebt, wenn ſie lange niedergetreten war und einen Entſchluß gefaßt hat, der denjenigen zittern machen muß, der ihn hervorgerufen hat. Er ſah mich an und lächelte... aber es war ein Lächeln, welches, wenn es nicht das eines zür⸗ nenden Engels war, auch einem Dämon der Finſter⸗ niß angehören konnte. — Was ich Ihnen ſagte,— flüſterte er,— hat mich auch o, mein Unglück weiſſagendes Herz diesmal nicht getäuſcht... Alles, Alles war umſonſt. Aber jetzt ſind wir quitt. Wenn ich morgen bei Tage keine Gelegenheit finde, Ihnen meine Geſchichte zu er⸗ zählen, ſo ſtehle ich mich Nachts zu Ihnen, und wenn ich wie ein gemeiner Verbrecher meine Gitterſtangen durchbrechen ſollte... das thue ich... ſo wahr mir Gott helfe! 8 Und damit drückte er meinen Arm, den er erfaßt 1 e katte, heftia und krampfhaft⸗ winkte mit der andern 1*) 4 8 8 26— Hand, wie um Schweigen bittend, und ging dann raſch von mir fort. Ich folgte ihm bis zur Reitbahn. Hier rief er einem Stallknecht zu, ihm ſein Pferd her⸗ auszuführen, und als der Mann es brachte, warf er ſich mit Ungeſtüm auf das ſtolze, herrliche Thier und jagte im ſauſenden Galopp mehr als zwanzigmal in der großen Runde herum. Ach! ich fühlte, daß dieſe ſchwindelnde Bewegung nöthig war, um der größeren, gewaltthätigeren Be⸗ wegung in ſeinem gepreßten Herzen einigermaßen das Gegengewicht zu halten. K X. NI II. Der nächtliche Reſuch des Wahnſinnigen und eine ſonderbare Frage. Der nächſte Morgen kam und mit ihm in mei⸗ nem Herzen die geſpannte Erwartung, auf welche Weiſe der Irre ſeinen Vorſatz ausführen und mir ſeine Geſchichte erzählen würde. Ich begab mich nach dem Frühſtück in den Park, wo ich ihm zu begegnen und das Nähere ſeines Ent⸗ ſchluſſes zu hören hoffte. Aber er war noch nicht da, obgleich ich alle Uebrigen ſchon in vollſter Thätigkeit fand. Beſonders aber zeichneten ſich vor Allen die Dar⸗ ſteller des König Lear aus, indem ſie, anderweitige Geſchäfte und Spiele zur Zeit vergeſſend, ſogar die Fruhſtücksſtunde überbörten. um ihren ganzen Eifer — 4 herte ſich mir mit einer gewiſſen Vorſicht, denn d — 28— auf das Studium und die Erlernung ihrer Rollen zu verwenden, denn die erſten Proben waren bereits, nachdem die Leſeprobe glücklich überſtanden, angeſetzt worden. Ihre Nollen in der Hand, von den Uebri⸗ gen entfernt, gingen oder liefen ſie vielmehr an den einſamſten Stellen des Parkes auf und nieder, indem ſie laut vor ſich redeten und ihre Geſten probirten, und ich glaube, wenn ihnen Jemand jetzt ihre Frei⸗ heit hätte ſchenken wollen, ſie hätten dieſelbe nicht an⸗ genommen, um nur nicht den Ruhm zu verlieren, ihre Rollé in dem Trauerſpiel gut aufgefaßt und mit Bei⸗ fall durchgeführt zu haben. So aber iſt der menſchliche Geiſt... im geſun⸗ den wie im kranken Zuſtande... wenn irgend ein wichtig erſcheinendes Phantom vor ihm ſchwebt. Was iſt die Wirklichkeit mit allen ihren Reizen, ihren reel⸗ len Genüſſen und Vergnügungen gegen das traumar⸗ tige Nebelbild eines vor der Seele ſchwebenden Gedan⸗ kens in der aufgeregten und F ſlammten Phantaſie eines Denkers! 8 Um elf Uhr trat der Irre in den Parf und nä⸗ — 29— fühlte wie ich, daß wir gerade jetzt bei unſerm immen näher rückenden Vorhaben darauf bedacht ſein müßten jeden möglichen Verdacht von demſelben fern zu haltgn. — Guten Morgen!— ſagte er und reichtor die Hand. Kommen Sie wieder hinauf melch dem Berge, da ſind wir wenigſtens von drei Eeiten vor Horchern ſicher; ich habe mit Schreckeyt aß einige der jüngeren Spürhunde deutſch lernen müſſen, wie andre ſ tehen, und das ganz in der Vie gefällt Ihnen das? Maaßregel, um recht ing 4½ lle Geheimniſſe aus * könden. Ich glaubef, wiſſen) was wir haben, und vernommen, ſeit einiger Zeit Won franzöſiſch ver⸗ Ale und in aller Stille. öhne Zweifel eine kluge Uiſitoriſch zu verfahren und Ker erſten Hand erhaſchen zu ſie wollen jetzt allen Ernſtes Ade ſo eifrig mit einander zu thun nuß Sie um Gotteswillen bitten, kei⸗ nen Augenbl) aus Ihrer Gemüthsruhe zu fallen oder irgend eine menſchliche Leidenſchaft blicken zu laſſen, die hier verpönt iſt, ſonſt könnte man Ihnen ebenfalls ein kaltes Spritzbad zur Abkühlung verordnen. Er lächelte als er dies ſagte, und bewies dadurch ſebenfalls, daß er bei geſundem Verſtande ſei, wie er es durch ſeinen Geſang gethan hatte. Denn derrit hatte dieſen Morgen gegen mich bek 1... und bierin ſtimme ich ihm unbepingt⸗ 7 8½ daß wirklich Verruckte nicht lächeln könnten; wenn ſie s verſuchten, ſo lachten ſie entweder oder grinſeten; r dem geiſtesklaren Menſchen ſei es allein gegeben, Ruhe zu lächeln. Ja, ja,— fuhr er fort, thnell und läßt kein — man iſt hier Mittel unbenutzt, um b auch in St. James giebt r wir ſind noch ſchneller und un wir kommen ih Kaha! abe es Jeſuiten. klüger als ſie, do ehe ſte unſere Sprach alle Berge... Hören gehen, beſſer ſogar als ich kundſchaftet, wer dieſe Nacht iſt einer von denen, die mir an MMe ſtan f nicht allein, weil ſie von Zeit zu⸗ 3 kes Ge⸗ ſchenk empfangen, ſondern weil ich wann erlaube, mit mir zu plaudern, nen zuvor, und verſtehen können, ſind wir üͤber Sie nur, es wird heute Nacht a dachte. Ich habe ausge⸗ mnein Wächter iſt. Es i ei Vorſ i ihm aus er und ich werde gleich meinen Vorſatz bei ihr ren. i 4 ſam Während wir dem bezeichneten Manne langſe bemerkt, wird man Sie beſtrafen... erſchien, mir lieber auf ſeinem eigenen Zimmer ſeine Geſchichte zu erzaͤhlen. — Das geht gar nicht, erwiderte er,— ſo leicht es auch ſcheinen mag. Als Geſunder dürfen Sie keine Laune haben, Nachts ſpazieren zu gehen; wür⸗ den Sie bei mir entdeckt, und wie wollen wir Jeman⸗ den abhalten, auf mein Zimmer zu kommen, ſo hät⸗ ten wir beide Unannehmlichkeiten davon. Ihr Zim⸗ mer aber zu durchſuchen, wird keinem Menſchen ein⸗ fallen. Und erfährt man auf irgend eine Weiſe, daß ich... ein Bewohner des Hauſes und in das Re⸗ giſter der Irren eingetragen... daß ich außerhalb meines Zimmers geweſen bin, nun, ſo hält man es höchſtens für eine mit meiner Krankheit übereinſtim⸗ mende Handlung und ich gebe alsdann als Grund meines nächtlichen Spaziergangs Unruhe, Schlafloſig⸗ keit, Hitze oder ſonſt irgend etwas an. — Das kann ich aber auch... — Freilich, das können Sie gewiß, aber Sie werden nicht, wenn Sie friſche Luft ſchöpfen wollen, drei Treppen hinaufſteigen, um ſich in dem Zimmer eines Wahnſinnigen zu erholen; ſondern der Natux der Sache gemäß werden Sie ſich ins Freie — Ganz gut, aber wenn man J — Hal als wenn ein Sturzbad mehr oder we⸗ niger mein Herz noch mehr erkälten könnte... was denken Sie! doch wenn Ihnen auch dieſer Grund nicht genügt, ſo hören Sie noch einen anderen. In meinem Zimmer können wir vor Belauſchung nie ganz ſicher ſein... denken Sie nur an die verteufelten Röhren... — Hal daran habe — Ihr Zimmer aber ſen... links hat es die Schlafgemach, vorn den Garten, dor, unten die Küche und o ... Sie ſehen, ich wei ich nicht gedacht... entſpricht allen Erforderniſ⸗ Treppe, rechts Ihr eigenes hinten den Corri⸗ ben eine Irrenſchlafſtube ß das Alles, denn ich habe mich genau von dieſen nothwendigen Kleinigkeiten un⸗ terrichtet. Alſo erwarten Sie mich, doch Mitternacht, denn er ſteher feſt, und viel denn gegen Eins nicht vor ſt um dieſe Zeit ſchlafen die Thür⸗ ſpäter darf ich auch nicht kommen, 'geht der Mond auf und ich habe bis gegen Morgen Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Von Ihnen begebe ich mich nicht wieder nach meinem Zimmer, das iſt ein zu weiter Weg und in Frühaufſteher könnte mir auf der Treppe begeg⸗ 8 ern?— fragte ich erſtaunt, denn ich er wolle ſogleich entfliehen; auch ſchien we⸗.—. 4 3 er mein Erſtaunen recht zu deuten, denn er ſagte ſo⸗ as.. 5 d gleich beſchwichtigend: n 1 In—O, beſorgen Sie noch nichts... ohne Ihre HKandlung für einen unfreien Menſchen, wie ich einer — 33— 3 Huͤlfe kann ich nicht fort und mein Plan geht auch n nooch weiter... aber ich gehe von Ihnen in den Garten. Begegnet mir dort Jemand, ſo genieße ich den Morgen, und iſt auch das noch eine zu freie bin... nun, ſo mögen dieſe Freien ſich ihrer von Gott verliehenen Kraft bedienen, ich werde nichts da⸗ gegen haben. 4 — Alles ſehr ſchön, aber wie kommen Sie aus Ihrem Zimmer heraus, da es jede Nacht von Ihrem Wäͤrter verſchloſſen wird? 3— Das iſt es gerade, was ich mit jenem Manne zu bereden denke. Kommen Sie, er grüßt mich ſchon! Der Mann hatte ſeine Mütze ehrerbietig und teundlich gezogen, als er näher gekommen war. 1— Guten Morgen, Gentlemen! ah! ein war⸗ mer Tag! — Guten Morgen, Mr. Chappert, erwiderte leut⸗ elig der Irre,— ja, ſehr warm... Nun, bei— Kage geht's noch, aber des Nachts... es aufr zu ertragen. Sagen Sie mir, wie fa ater Irre von St. James. 2. Band. es an, in Ihrem kleinen Verſchlage nicht zu erſticken, da die Fenſter nach hinten verſchloſſen ſind? — Ei, Sir, das iſt ganz einfach... ich laſſe die Thür zum Corridor auf, und da an den großen Schlußthüren Zugfenſter ſind, ſo weht des Nachts eine erträgliche Luft vor meinem Zimmer. — Da ſind Sie ſehr glücklich, Chappert... ich komme in meinen verſchloſſenen Zimmern vor Hitze beinahe um... — Sir!— fagte der Mann leiſe und trat einen Schritt näher,— wenn es Ihnen heute Nacht an⸗ ſteht... ich habe die Wache... ſo laſſen wir Ihre Thür auf... und ich wette, Sie werden eine* behagliche Naͤcht hinbringen. Ich zweifle gar nicht an Curem guten Willen, aber... es geht nicht... — Und warum nicht? — Weil Eure große Uhr ſo laut zickt, daß nie ſchlafen kann, wenn ich ſie höre... und höre ſie ſogar oft durch zwei Thüren.. — Die Uhr? O.. Das hätten Sie mir nun früher ſagen ſollen, das iſt ja eine Kleinigkeit.. 1 5. die halten wir an! — Und verſchlafen morgen die Zeit, wen 4 nicht weckt und kommen um unſer Frühſtück!—* 3% der Irre und lächelte überaus gutmüthig den gefälli⸗ gen Menſchen an. — Hm!— entgegnete dieſer.— Es iſt nicht zu verwundern, wenn unſereins einen feſten Schlaf hat ... den ganzen lieben langen Tag auf den Beinen .. und Nachts auch oft keine Ruhe... Sie ha⸗ ben Recht, ich könnte wirklich die Zeit verſchlafen und man würde mich dieſer Kleinigkeit wegen auch nachläſſig in wichtigeren Dingen halten. — Drum, drum!— ſagte der Irre, es geht nicht! — Ja, und doch geht's!— rief jener plötzlich — ich brauche ja nur meine Thür zu ſchließen. Beinahe hätte ich laut gelacht... es war zu komiſch, wie der argloſe Mann mit der pfiffigſten Miene von der Welt, und voller Freude, einen Aus⸗ weg gefunden zu haben, gerade das angab, was Mr. Sidney wollte, ohne es ſelbſt fordern zu müſſen, ... aber ich nahm mich zuſammen, zumal ich mei⸗ nen Gefährten ſo ruhig und ernſt wie vorher blei⸗ b en ſah. ei fs ſehr gefällg, erwidere düſr,= 74 — 36— — Danke, Sir, danke! Nächſten Sonntag wird er getauft. — Hier, Chappert,... da kaufen Sie ihm eine ſilberne Klapper zur Taufe und grüßen Sie Ihre Frau. Und ſo ſprechend warf er ihm raſch eine Guinee in ſeinen oben offenſtehenden Rock. Der Mann drehte ſich augenblicklich nach allen Seiten um, um zu ſehen, ob auch Niemand dieſen glücklichen Wurf bemerkt habe. Da er aber nichts Verdächtiges ſah, ſagte er mit lreudeſinahlendem Ge⸗ ſicht: — Rechnen Sie auf mich, Sir; was in mei⸗ nen Kräften ſteht, will ich thun... und dieſe Nacht ſollen Sie einen friſchen Luftzug haben. Guten Mor⸗ gen, meine Herren, ich muß weiter gehen. Er ging fort und wir ſahen uns mit zufriedner Miene an. — Sehen Sie,— ſagte Mr. Sidney,— es geht Alles, man muß es nur auf die rechte Art ver⸗ ſuchen. Und nun können Sie mich beſtimmt ten, jetzt hält mich nichts mehr. Halten Sie nu Ihre Thür geöffnet und ſorgen Sie dafür, da nicht knarre; dann ein offenes Ohr und ein off Henz und wir werden uns bald näher kennen. 5 G 1 6 4 wweiß kein Wort mehr von dem, was wir ſprachen — 37— aber wollen wir uns trennen und uns den ganzen Tag nicht mehr zuſammenfinden laſſen, damit durch⸗ aus kein Verdacht entſtehe... und ſo ſage ich Ih⸗ nen denn einen guten Morgen! Wir trennten uns, und ich begab mich zu den gewöhnlichen Krankenviſiten, die ich in der Regel mit⸗ zumachen pflegte. Der übrige Theil des Tages aber verſtrich mir langſamer, als mir je ein Tag verſtrichen war, er wollte gar kein Ende nehmen und wohl zwanzig Mal ſah ich nach der Uhr. 4 Endlich ging ich aus Langerweile zum Prediger, dem ich einen Beſuch ſchuldig war, fand ihn aber nicht und ſah mich ſo genöthigt, da ich zum Leſen durchaus keine Ruhe hatte, mit den Beamten Billard zu ſpielen. Endlich kam der Abend, das Abendeſſen ward eingenommen, die Kranken verließen allmälig den Park und wurden in ihre Zimmer geführt. Es wurde ſtil⸗ ler und ich begab mich in den Garten, wo der Di⸗ rektor wieder mit ſeiner Familie der Abendkühle gE noß. Hier, um mich den Gedanken zu entreißen, die mich unaufhörlich beunruhigten, gab ich mich einer ungewöhnlich lebhaften Unterhaltung hin, aber ich Meine Gedanken kreiſten in ganz anderen Gefilden und ich bemühte mich nur, ſo ruhig wie möglich zu erſcheinen. Gegen elf Uhr endlich trennte man ſich auch im Garten und wir begaben uns alle auf unſere Zimmer. Jetzt betrat ich meine Wohnung und traf alle Vorkehrungen, die ich für unſere nächtliche Zuſam⸗ menkunft für zweckmäßig erachtete, ich lehnte die Thür bloß an, damit das Aufklinken kein Geräuſch verur⸗ ſache und ließ die grünen Vorhänge an den Fenſtern herunter. Dann zündete ich zwei Wachskerzen an, holte zwei Gläſer und eine Flaſche franzöſtſchen Wei⸗ nes aus dem Kamine, überblickte meine ganze einfache Vorbereitung noch einmal, als gäbe es eine Schlacht zu liefern, und begann langſam in meinem Zimmer auf und ab zu gehen. Da Niemand unter mir wohnte, konnte dies keine üblen Folgen haben. Aber trotz aller dieſer kleinen Beſchäftigungen, womit ich die Zeit zu vertreiben ſuchte, nahm meine Unruhe immer mehr zu, wie Jemand, der ein wich⸗ ges Ereigniß herannahen ſieht, ſtets beklommener wird, je näher es kommt. 3 Und in der That, es war das Beginnen, den ich entgegen ging, nicht gleichgültig für mich. Wenn ich die Folgen bedachte, die es haben konnte. wurd . —— * —— 39— ich zu einem nicht eben erfreulichen Ernſte geführt. Ich that etwas, was den Geſetzen einer wohlorgani⸗ ſirten Anſtalt, die ſtreng in ihren Beſchlüſſen und conſequent in der Ausführung derſelben war, ſchnur⸗ ſtracks zuwider lief, ich ermunterte ſogar durch mei⸗ nen Antheil einen dieſer Anſtalt Anvertrauten, den Geſetzen derſelben zuwider zu handeln und zwar auf eine Art, die, wenn ſie mißglückte, für uns beide die unangenehmſten Folgen haben konnte. Und den⸗ noch war ich keinen Augenblick zweifelhaft, vor oder rückwärts zu ſchreiten, dennoch ſah ich ſogar mit ei⸗ nem heißen Verlangen der Löſung des Räthſels ent⸗ gegen, das mich ſchon ſeit einigen Wochen umgab. Und dieſes bis jetzt unaufgeſchloſſene Räthſel er⸗ füllte mich mit aller der Spannung, deren der menſch⸗ liche Geiſt zu empfinden fähig iſt, wenn es ſich um ſo wichtige Intereſſen handelt, wie ſie hier im Spiele zu ſein ſchienen. Unzähligemal hatte ich mir ſchon im Stillen die Geſchichte des Irren von St. James nach meiner Idee vorerzählt und ich konnte nicht müde werden, mir dieſelbe auch jetzt von Neuem mit 30. A möglichen Variationen zu wiederholen. So kam es denn, daß ich mich mit vieſem Hin⸗ und Herwenden in eine Art künſtlicher Erregung ver⸗ 2 * Wahrheit ſelbſt gezogen werden konnte und ich ſah derſelben mit einer wahrhaft fieberhaften Aufregung entgegen. Ich zählte die Minuten, die noch bis Mit⸗ ternacht verfließen ſollten und trat endlich, als es dreiviertel vor Zwölf ſchlug, an das Fenſter und öff⸗ nete es leiſe. Der Himmel war klar und rein, kein Lüftchen regte ſich... es herrſchte eine ſo tiefe Stille um mich herum, daß ich das Klopfen meines eigenen Her⸗ zens hören konnte. Aufmerkſam auf die lebhaftere Bewegung deſſelben, fühlte ich neugierig meinen Puls ... er hatte hundert und zehn Schläge in der Mi⸗ nute, und dabei war er voll und hart. Ich führe dieſen Umſtand an, ſo ſonderbar es auch erſcheinen mag, den Umfang meiner Empfindungen nach Puls⸗ ſchlägen zu berechnen, aber ich konnte mich nicht er⸗ innern, jemals eine ſo große Gemüthsaufregung über⸗ ſtanden zu haben. Wenn ich jetzt einem Arzte meine Hand gereicht und gefragt hätte: mein Kopf brennt, mein Herz Alopft ungeſtüm, ich bin ſehr beängſtigt... da iſt mein Puls, was wollen Sie thun?... ſo bin ich überzeugt, daß er mir für's Erſte einen Aderlaß ver⸗ 4 ordnet hätte) und doch war ich vollkommen geſund. Ich nüzr voll Erwartung der Dinge, die da unwillkürlich zuſammen, als wenn miij plöͤtzlich 41— kommen ſollten, mein innerſtes vegetatives und ani⸗ maliſches Leben war nur durch eine Spannung des Geiſtes potenzirt, wie ich ſie in meinem ganzen Le⸗ ben noch nicht empfunden hatte. Und ich frage den Leſer, ob er dieſe Schilderung übertrieben findet? Ge⸗ wiß nicht, wenn er ſich jemals in einer ähnlichen Lage befunden hat. Um mich abzukühlen, trank ich Waſſer und ſetzte mich dann, um beſſer lauſchen zu können, auf einen Stuhl, der dicht neben der Thür ſtand, die nach dem Corridor führte. Ob es ihm glücken wird, ungehindert bis zu mir herabzukommen, dachte ich; wiel wenn man ihn auf ſeinem nächtlichen, unerlaubten Wege ertappte! Und was würde man mit ihm beginnen! Und würde er in ſeinem jetzigen aufgeregten Gemüthszuſtande eine Beſtrafung erdulden? Ich horchte genau auf, aber es herrſchte eine Todtenſtille in dem ganzen Hauſe; nicht das geringſte Geräuſch konnte ich vernehmen, obgleich mein Gehör⸗ ſinn von Natur außerordentlich fein und d durg mage nigfache Uebungen noch ausgebildeter war. Da ſchlug die große Hausuhr die M lehs.⸗ ſtunde, und ich fuhr bei dem erſten lauten Schlage 4 * 64 — 42— unſichtbare Fauſt gepackt hätte. Ueber dieſe unange⸗ nehme Gereiztheit meiner ſonſt ſo kräftigen Nerven mit mir ſelbſt unzufrieden, wollte ich mich eben von mei⸗ nem Stuhle erheben, als ein noch größerer Schreck durch meine Glieder fuhr, denn die Thür öffnete ſich plötzlich, und der Irre von St. James trat mit laut⸗ loſen Schritten in's Zimmer. Er hatte die langſam auf einander folgenden Schläge der Uhr benutzt, um, durch ihren verhallenden Ton geſchützt, deſto unhör⸗ barer die Treppe herabeilen zu können. Sein Geſicht war bleich, aber es lag eine Ener⸗ gie auf ſeinen ſchönen von dem Lichte geiſterhaft be⸗ leuchteten Zügen und in allen ſeinen Bewegungen, wie ich ſie in dieſem Grade noch nicht an ihm bemerkt hatte. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſchloß er leiſe die Thür, drehte den Schlüſſel zweimal herum und flü⸗ ſterte mir nun erſt ſeinen guten Abend! entgegen. — Aus Ihrem Hierſein ſchließe ich,— ſagte ich freudig mit dem Gefühle einer großen Beruhigung, — daß Alles abgelaufen iſt, wie Sie es gewünſcht haben... — Kommen Sie,— entgegnete er,— wir ha⸗ ben keine Zeit zu verlieren, der Stein will endlich von meiner Bruſt. Er ergriff meine Hand, doch, da ſah er die brennenden Kerzen auf dem Tiſche. — Das geht nicht!— ſagte er leiſe, und löſchte beide ſchnell aus,— das möchte unſre Schatten am Fenſter zeigen und erweckt überdieß Verdacht, den wir jetzt auf alle Fälle vermeiden müſſen. Auch geht in einer Stunde der Mond auf und Sie können im Dun⸗ keln eben ſo gut hören, wie ich erzählen. Es war jetzt ſtockfinſter in meinem Zimmer, wir ſaßen beide ſchweigend auf dem Sopha... er hielt immer noch meine Hand... Leſer! ich brauche Dir nicht zu ſagen, wo ich . war, mit wem ich mich zuſammen befand und wie ich allein mit ihm in einem dunklen Zimmer um Mit⸗ ternacht und hinter verſchloſſenen Thüren ſaß.. in der Gewalt eines Menſchen, wenn er ſie gcbr chen wollte, der viel ſtärker war, als ich und den ich nur durch die Sprache meines Herzens, durch das giiſtige Auge meiner individuellen Ueberzeugung kannte, er aber in ſeinen periodiſchen Anfällen von Raſerei unbämnid ſein ſollte... wovon ich ja ſelbſt ſchon et⸗ 2 was Aehnliches erlebt... hätteſt Du an meine 1 Stelle nicht einige Beſorgniß gefühlt und ua überhaupt zu rechtfertigen? Sei aufrichtig und Säſehs kannſt... Was mich betrifft... das Auslöſchen der Lich⸗ ter überraſchte mich, allein es geſchah zu ploͤtzlich Dir es ſelbſt, wenn Du auch mir es nicht geſtehen 7 als daß ich es hätte verhindern können, und als es einmal geſchehen war, wollte ich mir meine Ueber⸗ raſchung nicht merken laſſen, da ich ohnehin die Rich⸗ tigkeit ſeines Einwurfs einſah. Einige Minuten ſaßen wir jetzt ſchon neben ein⸗ ander, wie um zu lauſchen, ob auch Alles ſtill um uns ſei, als der Irre folgendermaßen begann: — Es iſt weit gekommen mit mir, daß ich ver⸗ ſtohlen, wie ein Dieb in der Nacht, und voller Be⸗ ſorgniß ergriffen und an meinem Vorhaben gehin⸗ dert zu werden, umherſchleichen muß, und warum? um einem fühlenden getreuen Herzen einige wichtige Momente aus meinem traurigen Leben mitzutheilen. Wer hätte das früher denken, ja, wer hätte es nur für möglich halten ſollen!... Durch die Bitterkeitz dieſes Gefühles, die ich mir nicht verſchweigen darf, könnte ich gereizt werden, die Menſchen anzuklagen, die mir das gethan,... aber ich klage noch Nie 5 4 — .— 45 5 manden an, ich erzähle nur einfach eine Begebenheit, und dann ſollen Sie... Sie ſollen Richter ſein, Sie ſollen mir ſagen, was Sie thun würden, wenn Sie ſich an meiner Stelle befänden. 3 Doch bevor ich mich des Vertrauens entledige, welches Sie mir vom erſten Augenblicke an, da ich Sie ſah, eingeflößt haben, und welches zugleich mit der Hoffnung verbunden war, Sie würden mich rich⸗ tig erkennen und zu meiner Rettung aus meinem ge⸗ genwärtigen Verhältniſſe beitragen, und welches Ver⸗ trauen und welche Hoffnung... ich geſtehe es gern 1.. mit jedem Tage wuchs, wenn ich Ihre Stimme t hörte und Ihre Blicke beobachtete, doch da erſt in al⸗ ler Vollkommenheit vor mir ſtand, als die Stimme, die ſonſt immer von Oben zu mir ſprach, mir zu ſchweigen und mich dadurch auf Sie hinzuweiſen ſchien ... bevor ich mich dieſes Vertrauens entledige, ſage ich, erlaube ich mir Ihnen zwei einfache Fragen vor⸗ zulegen und Sie um deren vollſtändige und, wie es einem rechtſchaffenen Manne zukommt, offene und ehr⸗ liche Beantwortung zu bitten. — Dieſe Beantwortung mag für Sie ſchwierig, un⸗ erwartet und unerfreulich ſein, aber für meine Ruhe t ſie unerläßlich, da von der Verneinu ahung derſelben der ganze Eindruck der * 46— die ich Ihnen vorzutragen habe, und die Ueberzeu⸗ gung von ihrer Wahrheit abhängt, welche ſie in Ih⸗ nen hervorrufen wird. Deshalb dürfen Sie ſie nicht unbeantwortet laſſen. Aber ich ſage Ihnen im Vor⸗ aus, eben ſo, wie ich Ihnen die Wahrheit mittheile, ſo verlange ich auch von Ihnen W Jahrheit... nicht Wahrheit, wie ſie der Menſch dem Menſchen, nein, ich verlange Wahrheit, wie ſie Gott dem Menſchen durch ſeine Werke und der Menſch ſie Gott in ſeinen reinſten Gebeten ſagt, denn das Gebet des Menſchen ſelbſt iſt ja das reinſte Werk, welches der Menſch überhaupt verrichten kann. — Auch ſprechen Sie nicht zu ſchnell Ihre Meinung und nur Ihre vollkommene Ueberzeugung aus, beden⸗ ken Sie Ihre Worte, oder haben Sie vielleicht irgend eine Beſorgniß, oder irgend einen andern Grund, die Fragen, die Sie hören werden, nicht beantworten u wollen? — Ich habe weder irgend eine Beſorgniß noch ci⸗ nen anderen Grund,— erwiderte ich,— irgend eine Frage von Ihnen nicht beantworten zu wollen: Nichts de Welt ſoll mich abhalten, Ihnen diejenige Wahrheit zu ſagen, wie ſie mir ſtets im Herzen undzg. auf der Zunge gethront hat. Darum fragen Sie dreiſt — * — 47— und getroſt... ich bin bereit zu hören und meine Ueber⸗ eugung auszuſprechen. .— Sie wollen es alſo... ich frage! Hier nahm ſeine Stimme eine eiſige Kälte an. Zwar war ſie feſt und ſicher, aber alle Melodie war daraus verſchwunden, ſo daß ich den Sprecher, den ich kaum ſehen konnte, beinahe vergaß, und es mir vorkam, als wäre die Stimme, die ich hörte, nicht aus eines Menſchen warmer Bruſt, ſondern aus ei⸗ nem metallenen Inſtrumente, einer empfindungsloſen 3 Trompete gekommen. *— Ich lege Ihnen die erſte Frage vor... hö⸗ ren Sie aufmerkſam zu. Sie kamen in dieſes Irren⸗ haus, um Ihre Kenntniſſe zu bereichern und die man⸗ gichen Erfahrungen, die Sie bereits geſammelt, tigen zu lernen... Sie fanden unter den vie⸗ Irren hier auch mich... den ſogenannten Irren St. James... Sie haben oft mit mir ſelbſt vielleicht noch häufiger mit meinen Aerzten über ih geſprochen... Sie lernten mich von einer Seite nen, die den Bewohnern dieſes Hauſes unbekannt r, ja, Sie dachten gewiß auch über mich nach. ann wurden Sie frruntlih; unh vertranlih ein zartfühlender Menſch... was man in einer Per⸗ ſon leider! ſeltener findet, als man glauben ſollte... und nun frage ich Sie auf Ihr Wort, ſowohl als Arzt wie als Menſch... halten Sie mich wirklich für verrückt.. 2 Obgleich ich dieſe Frage beinahe erwartet hatte, ſo fuhr ſie doch jetzt... ſo deutlich und nackt aus⸗ geſprochen... wie ein ſchneidendes Meſſer durch mein Herz. Es muß ein ſchreckliches Gefühl ſein, genö⸗ thigt zu ſein, dieſe Frage an eine theilnehmende Seele zu richten. In dieſem Sinne und erwägend, wie viele Qualen jede von meiner Seite zweifelhaft hinausge⸗ zogene Minute in ihm erwecken mußte, bedachte ich mich keinen Augenblick und erwiderte ſogleich: — Ich möchte es beſchwören, daß Sie esh ſind! — Iſt dies Ihre unumſtößliche, wahrhafte Uleb zeugung von uu⸗ 8 — Es iſt meine wahrhaftigt Ueberzeugung! rief ich lebhaft aus. — Gelobt ſei Gott!— fuhr er mit ſeiner ge wöhnlichen, ruhigen und klangvollen Stimme fort und ich hörte, wie ein langgezogener Seufzer ſeig Bruſt entſchlüpfte,— Gelobt ſei Gott!... ich dan Ihnen! — 49— — Doch die zweite Frage! Sie iſt eben ſo ernſt, vielleicht noch ernſter, alsdie erſte und für Sie ſchwie⸗ riger, denn Sie ſollen bei ihrer Beantwortung nicht als Arzt, nicht als Menſch allein, ſondern auch als ... Richter auftreten.......... Ich konnte mir nicht denken, was er wiſſen woll— te, daher horchte ich mit geſteigerterer Spannung auf. Er fuhr ſogleich fort:— — Wenn Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgeſpro⸗ chen haben, daß ich, zwar unter Irren in einem Ir⸗ renhauſe lebend, doch kein Irrer bin, ſo ſagen Sie mir um Gottes willen, warum halten mich meine Aerzte für verrückt und giebt es eine Entſchuldigung ihres Thuns, oder muß ich annehmen, daß ſie ent⸗ weder Dummköpfe oder Böſewichter ſind? 4 8 Das iſt eine Frage, Sir, deren Beantwor⸗ ung alerdings unendlich ſchwieriger für mich iſt, als die erſte,— entgegnete ich,— allein es wird mir eleicht möglich, auch hier den Schein von der Wirk⸗ ichkeit zu trennen. Sie, die Aerzte, ſind gewiß we⸗ Jer Dummköpfe noch Böſewichter, und ich finde, ja, ſch behaupte und ich kann beweiſen... daß... — Was?— rief er mit athemloſer Stimme. —= Das ſie nicht anders handeln konnten Wer? — Der Irre von St. James. 2. Band. — Die Aerzte... — Ach! thun Sie es, thun Sie es... ſchnell, ſchnell, und ich werde Ihnen wie für mein neues gei⸗ ſtiges Leben, ſo auch für die Erſparung meiner... Rache dankbar ſein... — Sie bedenken nicht, mein Freund,— ſagte ich ſogleich,— in welchem Zuſtande und unter wel⸗ chen Anmeldungen Sie wahrſcheinlich hier angekom⸗ men ſind. Kamen Sie frei— ich will ſagen gut⸗ willig oder wurden Sie mit Gewalt hierher gebracht? — Mit Gewalt, mit Gewalt!— preßte er her⸗ aus— mit unwiderſtehlicher Gewalt!... an Hän⸗ den und Füßen gebunden... Bei Gott! Wie kön⸗ nen Sie denken, daß eine kleine Kraft mich bezwingt, wenn es um Leben und Seele geht! — und Sie widerſetzten ſich... iſt es nicht ſo? — fragte ich. — Mit aller meiner Kraft!— ſagte er, beinahe triumphirend,— ich habe ihnen zu ſchaffen gemacht... — Dann iſt es kein Wunder, gar kein Wunder, daß man Sie für tobſüchtig hielt... —Aber ich beruhigte mich nach einigen Tagen wieder, als meine Wuth der Ueberlegung wich... — Das iſt kein Grund, Ihre Bewachung ſo bald wieder aufzugeben, Sie nicht vollkommen und dauert 4 4 8 haft herſtellen zu wollen... man weiß, daß un⸗ ter Roſen oft ein Vulkan ſchläft. Es giebt eine pe⸗ riodiſche Tobſucht, wie es überhaupt periodiſche Krank⸗ heiten giebt, die, geheilt ſcheinend, bei irgend einer Veranlaſſung, die nicht einmal mit der erſten Urſache der Erkrankung in Verbindung zu ſtehen braucht, wie⸗ der hervorbrechen... und Sie hatten vielleicht eine Veranlaſſung, abermals widerſtrebend, aufgebracht, leidenſchaftlich, wüthend zu werden... 2 3 — Ja, ja, die hatte ich... ich wurde wü⸗ thend, wie jede nicht ganz gemeine Natur wüthend wird, wenn ſie ſich wie einen tollen Hund mit Ket⸗ ten und Eiſen behandelt ſieht... hatte ich kein Recht dazu? — Das hatten Sie, aber desgleichen hatten wie⸗ derum die Aerzte das Recht, den... erlauben Sie auch mir dieſen Vergleich... der wie ein toller Hund beißen zu wollen ſchien, unſchädlich zu machen, es war ſogar ihre Pflicht, denn ſie thaten nach ihrer Ueberzeugung, und nach ihrem beſten Wiſſen und Ge⸗ viſſen. Wie nun Ihre Aerzte überzeugt waren, Ih⸗ nrützlich zu ſein, wenn ſie Sie in Banden legten, fuhren Sie ſelbſt fort, ſie in dieſer Ueberzeugung in beſtärken, indem Sie ſich den Handlungen derſel⸗ ihn viderſetzten. 4* woohl der Aerzte, als auch meinetwegen lieb... nein — Aber, mein Freund, ſie konnten ſich überfüh⸗ ren, daß die Angaben, welche mich hierher begleite— ten, falſch waren, ſie konnten mir mit Vertrauen ent⸗ gegen kommen, wie Sie es thaten, ſie konnten mich fragen, wie kommt es, daß Du.. Er hielt inne und beſann ſich, als verhinderte ihn irgend ein Einfall in ſeiner Rede fortzufahren. Ich ging in den Gedanken, der ſich ihm aufdrängte, ein, indem ich fragte: — Wer aber ſchickte Sie hierher? Und wiſſen Sie, welche Berichte man über Ihren Geſundheitszuſtand und über die von Ihnen in Ihrer Wuth verübten ge⸗ ſetzwidrigen Handlungen einſandte? Sollte man eher einem Wahnſinnigen glauben, als dem, der ihn in ein Irrenhaus ſchickte, um ihn zu ſeinem eigenen und ſeiner Verwandten Beſten heilen zu laſſen? Er ſchwieg nachdenklich... ich fragte noch ein⸗„ mal... aber er verharrte im Schweigen. Endlich ſagte er in einem Tone, welcher bewies, daß meine Gründe ihm einleuchtend ſchienen und daß er inner⸗ lich von dem überzeugt war, was er ſprach: — Es war eine ſchreckliche Alternative... ig ja, Sie haben mich überzeugt, auch habe ich mi dies ſchon ſelbſt manchmal geſagt; und es iſt mir ſo — 53— nein! ſie konnten nicht gut anders handeln, ich war ein ſehr gefährlicher Menſch... hm! ich glaube es ... Und nun, mein Freund, da Sie mir dieſe zwei Fragen, die eine für mich, die andre gegen mich ... was mir beides gleich lieb iſt... beantwortet haben, kann ich als freier Mann zu Ihnen, dem freien Manne, reden, und ſo hören Sie denn... ich bin... — Halt!— rief ich leiſe, rückte ihm näher und legte meine Hand auf ſeinen Arm,— was war das für ein Schrei?... da... noch einer!* — Ach! eine Wahnſinnige, welche ſchreit und tobt... das höre ich alle Nächte und ich kenne den Ton... — Weiter nichts? — Perlaſſen Sie ſich darauf, es war eine Wahn⸗ ſinnige, die nicht ſchlafen kann und die man daher ... zur Ruhe bringt... r III. Die geſchichte des Irren von SFl. James. — Ich bin auf Codrington⸗Hall in Codrington, dem Landſitze eines Mannes geboren, deſſen Namen man ſonſt nur mit Ehrfurcht ausſpricht, den ich aber leider! nur mit dem Gefühle des bitterſten Schmer⸗ zes und einem von ihm ſelbſt erzwungenen Abſcheu ... das Wort will kaum über meine Lippen... meinen Vater nennen kann. Es iſt dies der Mar⸗ quis von Seymour, Graf von Codrington... und ich bin ſein älteſter Sohn Percy, ſeit dem Tode mei⸗ nes Großvaters mütterlicher Seits Beſitzer der Graf⸗ ſchaft Dunsdale in... Jener, mein Vater, iſt ei⸗ ner der erſten Pairs von England; er bekleidete zwölſ Jahre lang eins der höchſten Aemter im Hofſtaat des Königs, denn er war vor Zeiten... Sein Grund⸗ — beſitz iſt ungeheuer, und demgemäß auch ſein Reich⸗ thum, alſo ſein Einfluß von Bedeutung; aber 3 groß ſein Anſehen bei verſchiedenen Partheien und ſo geſucht ſeine Theilnahme an den mannichfaltigſten In⸗ tereſſen des Landes... ſo gefürchtet iſt ſein Cha⸗ rakter wegen einer Strenge, Härte und Unbiegſam⸗ keit, die ihres Gleichen nur in dem Haſſe derjenigen hat, auf die ſeine Tyrannei ſich erſtreckt. — Das iſt eine traurige Schilderung, Sir, die ein Sohn von ſeinem Vater entwirft,... aber ich habe mir vorgenommen, die Wahrheit zu reden, und ... ich habe ſie mit dieſen Worten nicht verletzt, ich bin vielmehr noch mit Mäßigung zu Werke ge⸗ gangen. — Das Gegentheil in Allem von meinem Vater war meine Mutter. Sie war die einzige und über Alles geliebte Tochter des Viscount von Dunsdale und Er⸗ bin ſeines ganzen nicht unbedeutenden Vermögens, wel⸗ ches durch gewiſſe Ereigniſſe und Familienbeſchlüſſe, auf die ich im Laufe meiner Erzählung noch zurück⸗ kommen werde, gegenwärtig auf mich als einzigen Erben übergegangen iſt. — Wie dieſe edele, ſanfte, vortreffliche Fraufin die tyranniſche Gewalt meines Vaters kam, durch welcht Macht der Verhältniſſe ſie unauflöslich mit ihm 1 △ 4 bunden, und ob Liebe oder irgend eine andere Leiden⸗ ſchaft dieſe himmelweit von einande daß dieſe unglückliche Heirath erſt geſchloſſen wurde, leider! kann ich die Wahrheit auch hier nicht ver— ſchweigen— nachdem ſie nothwendig geworden war, und daß ich einige Monate nach dieſer Verbindung als erſter Sohn geboren ward. Drei Jahre ſpäter erkaltete das förmliche Ver⸗ hältniß zwiſchen meinen Eltern, das nie ein zärtliches 8 geweſen war, faſt gänzlich, dennoch aber wurde nach dieſer Zeit mein jüngerer Bruder geboren. Acht Wo⸗ chen nach der Geburt deſſelben kehrte ter mit ihren Dienerinnen in den Vaters zu dieſem zurück beſtandene Ehe war für ewig getrennt. Die Bedingungen, welche da nes Vaters und Großvaters in B 3 Brüder geſtellt wurden, ſind mir nie bekannt gewor⸗ den, und, ſo viel ich weiß, nie aus den Händen meines Vaters gekommen. Auf weſſen Seite die Schuld jenes unſeligen Er⸗ eigniſſes geweſen, habe ich mir wohl denken, aber nia ſtimmt erfahren können; denn Andere hatten eben 3 Urfache, darüber zu ſchweigen, wie ich keineſ jedoch meine Mut⸗ Equipagen ihres r verſchiedenen Ge⸗ müther vereinigt, weiß ich nicht, aber das weiß ich, ⸗ und die bis dahin traurig bei von Seiten mei⸗ czug auf uns beiden . -—-— Beruf ſie aufzuklären in mir fühlte, nachdem ich äl⸗ ter geworden war. Nur ſoviel haben mir alle bra⸗ ven Leute geſagt, die meine Mutter kannten, daß ſie eine ſchöne, ſanfte und in allen Dingen liebens⸗ werthe, wiewohl ſchwächliche Frau geweſen ſei. Als dieſe unglücklichen Vorgänge alle an unſeren Familienverhältniſſen Theilnehmenden mit Verwunde⸗ rung und Trübſal erfüllten, war ich ungefähr vier Jahre alt; ich weiß daher perſönlich nichts von meiner Mut⸗ ter und habe nur den Schmerz, ſie nie kennen ge⸗ lernt, und allzufrüh verloren u haben; denn ſie ſtarb ein Jahr nach ihrer Trennung von meinem Vater, und, wie ich hörte, vor unſäglichem Gram. Gleich nach der Abreiſe meiner Mutter wurde ich ... während mein Bruder mit ſeiner Amme beim Vater blieb... einer anſtändigen Familie in der Nachbarſchaft des Marquiſates meines Vaters über⸗ geben, und drei Jahre ſpäter erhielt ich einen Erzieher, einen Deutſchen von Geburt, dem ich faſt alle meine geiſtige Bildung, und einen Diener, jenen treuen Phillipps, den Krämer, dem ich alle meine körperli⸗ chen Fertigkeiten verdanke. Dieſe beiden, jeder⸗ in ſei⸗ nem Fache und in ſeinem Geiſte, ſo vortreffli Männer haben einen großen Theil meines Lebens mit uir verlebt, namentlich Phillipps, der erſt vo i Jahren mir entriſſen wurde, während mein Erzieher ſtarb, als ich in Deutſchland war. Die ſanfte, überzeugende geiſtige Leitung des Letz⸗ teren, und die feurige, entſchloſſene, männliche Ge⸗ müthsart des Erſteren lockten bald die entſprechenden Eigenſchaften meines allmälig ſich entwickelnden Gei⸗ ſtes hervor, ich konnte ruhig, friedlich und nachden⸗ kend wie der eine, aber auch entſchloſſen, ſchnell und wild wie der andere ſein. Doch ich will mich nicht ſchildern, ſondern nur von mir erzählen. Spo wuchs ich heran und wurde ſtark und groß, und meine unermüdlichen Erzieher bemühten ſich ab⸗ wechſelnd, diejenigen Eigenſchaften in meinem Geiſte zu entwickeln, welche nach ihrer Anſicht immer in ei⸗ nem großen und ſtarken Körper wohnen ſollten, und während ich meinen Leib durch allerlei Uebungen und ¹ Ermüdungen zu ſtählen trachtete, entfaltett ſich meine Erkenntniß über alle die Fächer, welche die umfang⸗ reiche Gelehrſamkeit meines vortrefflichen Lehrers mir zu eröffnen vermochte. Vorzüglich aber war es die deutſche Philoſophie und Literatur, auf die er den ju⸗ gendlich friſchen Geiſt hinzuleiten verſuchte, und baid hatte er es dahin gebracht, daß ich ſeine Lieblings ſchriftſteller gemeinſchaftlich mit ihm leſen und ſtudiren konnte. — 59 So zog denn deutſches Weſen und Wiſſen früh in mein junges Herz und meinen Kopf ein, und es iſt nicht mehr zu verwundern, daß ich eine ſo große Vorliebe für das Volk zu hegen anfing, welches, wie mir gelehrt worden war, gleiche Seelengröße mit uns gemein hat, eine innigere Tiefe des Gemüths, nur nicht den ſelbſtſtändig und kräftig heranſtrebenden, ich möchte ſagen, ſaftigen Trieb nach Freiheit und Allgemeinheit beſitzt, wie wir. In meinem achtzehnten Jahre bezog ich mit mei⸗ nen beiden Getreuen die Univerſttät Oxford, um ſie, an Seele und Leib gefördert, im einundzwanzigſten zu — verlaſſen. Ich hatte fleißig ſtudirt, aber mehr nach eigener Wahl als nach ſtrenger eaſen ger Vorſchrift, obwohl mein überall einhelfender Mentor auch dieſe Wahl zu regeln und mleiten verſtand. Als 69 einundzwanzig Jahre alt geworden war, ich mein Erzieher, nicht ich, von meinem Vater wen Befehl, mit mir zu ihm nach London zu kom⸗ pen, wo er ſich damals aufhielt. Bis auf dieſen Nag hatte ich, was Sie kaum glauben werden, mei⸗ ien Vater ſeit meinem Austritt aus dem väterlichen auſe nur dreimal bei verſchiedenen wichtigen Gele⸗ 23 eenheiten geſehen. 4 8 — 60— Wir gehorchten; und als ich vor meinem Vater voller Erwartung ſtand, warum er mich zu ſich be— ſchieden und was er mir mitzutheilen hätte, ſagte er zu mir, ohne weiter eine väterliche Neigung für mich zu verrathen, daß ich jetzt mündig geworden und als älteſter Sohn meiner Mutter Sie wohl... den Großvaters mütterlich ... merken Titel und die Einkünfte meines er Seits... der unterdeß ge⸗ ſtorben war... in Beſitz nehmen würde. So wurde ich aus einem namenloſen und unbekannten Jünglinge ein geehrter und mit Lebensgütern hinreichend begabter Mann und vertauſchte meinen einfachen Namen mit dem viel ſchöneren eines Viscount von Dunsdale aber dies war nicht das Ziel, che Ehrbegier ſtrebte, konnte an ſolcher Aus als mir. wohin meine jugendli⸗ im Gegentheil, Niemandem zeichnung weniger gelegen ſein Die dazu nothwendigen gefertigt und einem Notar in ein rechtſchaffener Mann, walter und in manchen Beziehungen, von denen me bisheriger Erzieher nichts verſtand, auch mein Natche geber wurde. 5 Bemerken muß ich noch, daß ich bei dieſer G 4 legenheit meinen Bruder Mortimer nicht ſah, den Dokumente wurden aus⸗ London übergeben, der, von nun an mein Sach⸗ itnd meinen Fähigkeiten ſchalten und walten zu können, Tuch ich drei Jahre lang die größten Städte und derſelbe war zufällig abweſend, was höchſt ſelten ge⸗ ſchah, da er ſich ſtets um meinen Vater aufhielt und, wie man zu ſagen pflegt, ſeine rechte Hand war. So beſuchte ich denn auf kurze Zeit das mir zu⸗ gefallene Erbtheil, ordnete den neuen Ausbau der halb verfallenen Gebäude an, übergab dem alten Haushof⸗ meiſter auf Dunsdale⸗LCaſtle meine ſchriftliche Anwei⸗ ſung in Bezug auf die Verwaltung meiner Güter und bat ſchließlich meinen Vater ſchriftlich um die Erlaub⸗ niß, meine längſt beſchloſſene Reiſe nach Deutſchland antreten zu dürfen, denn wie durfte ich ohne ſeinen Willen, obgleich ich mündig und mein eigener Herr war, einen ſo wichtigen Schritt auf meinen eigenen Kopf unternehmen! Er beantwortete meine Bitte vurch Mortimer kurz aber bejahend, und ich konnte durch nichts in ſeinem Schreiben vermuthen, daß er gegen dieſe Reiſe ſei. * ich reiſte ab. Jeetzt, meinen treuen Mentor und meinen guten hillipps, wie bisher, zur Seite, erfuhr ich in dem ffreulichen Zuſtande meiner Freiheit zum erſten Male ſie Bedeutung des Wortes Leben. Vermögend, un⸗ ubhängig und glücklich, nach Gefallen mit meiner Zeit die ſchönſten Gegenden meines beſonders aber alle überall die nen und bereitete mich am Ende die der ſchwankenden Geſundheit meine nach Italien zu gehen, als dieſer plötzlich ſtarb und dadurch eine Lücke in meinem Herzen ließ, die nie wieder ausgefüllt werden ſollt geliebten Deutſchlands, berühmten Univerſitäten, erſten Vertreter akademiſe lernte cher Bildung ken⸗ ſer drei Jahre vor, s Erziehers wegen e.— Noch war die Leiche nicht aus dem Hauſe, wel⸗ ches wir bewohnten, geſchafft, als der Befehl von meinem Vater eintraf, ſo ſchnell wie möglich nach Co⸗ drington⸗Hall zu kommen, wo er krank darnieder liege und mich ſprechen wolle. Vierundzwanzig Stunden ſpäter aber, als bereits Alles zur Abreiſe hergeſtellt war, kam Brief, worin mir Mortimer ſchrieb, ſei nicht nöthig, denn mit des Vaters G es beſſer, er ſelbſt ſogar befehle mir z ich wäre. ein zweiter meine Rückkehr eſundheit ſtänd e 57 u bleiben, u 3 n ſo 6 mich ent Aber acht Tage darauf en Brief und zwar von den all, worin dieſer mir ſagtiſ That lebensgefährlich erkrantz Ich entſchloß mich zu bleiben, wie ich ſchloſſen hatte zu reiſen. hielt ich abermals einen Pfarrer auf Codrington⸗H daß mein Vater in der — 1 — 46 5 au die ie Geſelſchaſi⸗ auf das, was man Ruhm 4 — ſei, und daß er für ſeine Perſon es gerathener hielte, ich käme unter allen Umſtänden nach England zurück. Ich reiſte ſogleich mit Phillipps ab und hatte unterwegs Muße genug, über meine nächſte Zukunft ernſtlich nachzudenken. Hatte ich das Unglück, meinen Vater zu verlieren, ſo ſollte ich einen Mann beerben, den ich nie Vater, ſondern Se. Herrlichkeit zu nen⸗ nen belehrt war, ich ſollte ſeine Reichthümer, ſeinen ehrenvollen Platz in der Geſellſchaft einnehmen und in der Politik unſeres Landes ſogar ſeinen mir wohlbe⸗ kannten Anſichten folgen. Doch hier muß ich noch einmal meines Erziehers gedenken. Dieſer unbeſcholtene, gerechte und ehrlie⸗ bende Mann war nichts weniger als ehrgeizig gewe⸗ ſen. Die Wiſſenſchaften... die einzigen Pole, um die ſeine Welt ſich drehte... hatte er nie äußeren VTortheils, ſondern nur um ihrer ſelbſt willen geliebt und getrieben, und dieſes geringe Maaß von Ehrgeiz war von ihm auf mich als unverändertes Erbtheil übergegangen, nur daß ich es, als ſanguiniſcher und 6 die Unabhängigkeit als das höchſte Gut liebender Menſch, nicht allein auf die Wiſſenſchaft, ſondern auch auf alle anderen Verhältniſſe des Lebens, auf die Po⸗ Mit einem Wort, ich liebte t nicht — 64— meigen Stand und Rang, weil er hoch, nicht meine Reichthümer, weil ſie mich tragen und heben konnten, ſondern ich liebte meinen Rang und meine N mer, weil ich mir vorgenommen und als Aufgabe mei⸗ nes ganzen Lebens geſtellt hatte, die Vorzüge, welche dies Beſitzthum dem Beſitzer verleiht... zu verdie⸗ nen, und die Mängel, die es von anderen begehrens⸗ wertheren Gütern trennen, zu vertilgen oder wenig ſtens geringer darzuſtellen, als ſte waren. Das Wort Edelmann hatte für mich einen ernſthafteren Klang, als das Wort Macht und Reichthum, und ich wollte mich bemühen, das zu ſein, was ich hieß. Sie entſchuldigen dieſe kleine Auseinanderſetzung, aber ſie bildet den Grundſtein meines Denkens und Handelns und darum bin ich gezwungen, ſie zur Ehre der Wahrheit vor Ihnen,... vor Ihnen allein... eichthü⸗ — aufzudecken... Ich kam in Codrington⸗Hall an, ſtieg bei dem vorhererwähnten Pfarrer ab, deſſen Perſönlichkeit und„ Charakter ich Ihnen noch ſpäter zu ſchildern haben werde, und ſchickte Phillipps auf das Schloß, um meine unerwartete Ankunft zu melden und mich nach dem Befinden meines Vaters zu erkundigen. M! ich wartete mit Schmerzen auf die Ne A. 47 richt, der ich entgegen ſah, denn einen Vater zu 9 5 4 1 4 4„ lieren, iſt unter allen Umſtänden für einen Sohi ein trauriger, durch nichts zu vergütender Gedanke! Aber es dauerte zwei Stunden, ehe ich den Be⸗ fehl erhielt, mich zu meinem Vaker zu begeben. Es war Abends ſechs Uhr im Auguſt, die Luft ſehr warm aber trübe, es war alle Ausſicht auf ein heftiges Gewitter vorhanden. Ich ging nach dem Schloſſe meines Vaters, wo mir die Diener, die mich kaum kannten, wie einem Fremden begegneten und mich in eine große Halle führ⸗ ten, aus welcher dichte, herabgelaſſene Vorhänge je⸗ den eindringenden Strahl der ſcheidenden Sonne aus⸗ ſchloſſen. An dem einen Ende der Halle ſah ich m nen Vater mit bleichem, kalten Geſichte auf ſer Bette liegen... am Kopfende deſſelben ſtand aufgerichtet, Mortimer, mein Bruder. Erſtaunt trat ich ein, denn man em 3 nicht mit der willkommenheißenden Begrü er man einen Sohn und Bruder nach bweſenheit zu empfangen pflegt, man hielmehr kaum bemerken zu wollen. — Da iſt Percy!— ſagte endlich 2 Fejnem Vater. 5 34 Dieſer bewegte ſich nicht ſah ſich auch n 4 Der Irre von St. James. 2. Band. 5 — 3 5* 2 4 X — 66— mir um, als er in einem Tone zu mir ſprach, aus dem kein Menſch etwas Väterliches herausgehört hätte. — Percey! Du biſt gegen meinen Willen ſo lange fortgeweſen und ohne meinen Willen zurückgekehrt... was willſt Du? Ich war betroffen über dieſe Anrede, einmal we⸗ gen ihrer Kälte und dann wegen der Bemerkung, daß ich gegen ſeinen Willen ſo lange fortgeweſen ſei, da ich niemals von ihm ſeine Meinung darüber erfahren hatte. Doch ich vergaß beide Punkte, er ſah mir ſo krank aus, der alte Vater, und ich erwiderte mit größ⸗ ter Milde und Herzlichkeit: — Ew. Herrlichkeit, meinen theuren Vater will „ ſehen, zumal ich ihn gefährlich erkrankt wußte. — Ich habe Dir ſchreiben laſſen, war die kalte derung,— daß Du bleiben könnteſt, wo Du häreſt als hier... warum gehorchteſt Du nicht? Mein Vater!— ſtammelte ich,— am lieb⸗ ich ſtets bei Ihnen geweſen und as?— fragte er hart. id dann erfuhr ich,... ich wiederhole es Sie gefährlich krank ſeien... Hurch wen? Burch den Pfarrer, Mr. Graham! Do Der Pfarrer, Mr. Graham, hat ſich allein „ * um ſich ſelbſt, nicht aber um andere Dinge zu be⸗ kümmern... ſag' ihm das, Mortimer... — Ja wohl, mein Vater! — Und nun, was willſt Du?— fuhr mein Vater mich an. — Sie ſehen... pflegen... unterſtüßen.. — Und beerben!— ergänzte er ſchnell. — Beim allmächtigen Gott! Das iſt nie mein Wunſch geweſen!— rief ich, wahrhaft erſchreckt und mit einem Blick auf meinen Bruder aus, deſſen Miene ein eigenthümliches Lächeln nicht unterdrücken konnte. — Das iſt mir lieb, das zu hören, ſagte mein Vater,— jetzt bin ich müde, morgen werde ich Dich rufen laſſen, wenn ich Deiner bedarf!... Darauf drehte er ſich nach der Wand und ſchloß die Augen. Ich war durch dieſen Empfang bis in das Mark meiner Seele erſchüttert; aber die Weichheit meines Gemüthes und der feſte Wille, meinen Vater von me: ner kindlichen Liebe zu überzeugen, gebot mir, nic unverſucht zu laſſen. 3 Ich trat einen Schritt näher an das Bett, beug mein Knie und ſtreckte die Hand aus! 8 — Was willſt Du noch? fragte mein Vatzei ſei ſdinemf harten Tone, der mir durch's Herz ſchn — — Ihnen die Hand küſſen, mein Vater, und Sie bitten, Ihren Percy an Ihr väterliches Herz zu drücken. Es entſtand eine Pauſe, in der ich meine Hand nach ihm ausgeſtreckt hielt. Allmälig und wie durch eine innere Gewalt zurückgehalten, ließ er ſeine linke Hand langſam nach mir herunter gleiten, erhob müh⸗ ſam halb den Kopf und ſah mich mit einem Blick an, der das brennendſte kindliche Gefühl hätte erſtarren machen können. Aber meine Gefühle erſtarrten nicht; ich ergriff die Hand, ich küßte ſie zwei⸗ oder dreimal und ließ eine Thräne des Schmerzes darauf fallen, wie ſie nie ein Sohn aufrichtiger und ergebener auf die Hand ſei⸗ nes Erzeugers vergoſſen hat. Dann ſtand ich auf, machte meine Verbeugung, und ohne meinen Bruder anzublicken, dem ich... ich wußte nicht, warum?... zu mißtrauen anfing, verließ ich das Zimmer. 5 In dieſem Augenblick brachen die erſten mattleuch⸗ nden Strahlen des aufgehenden Mondes in mein Zimmer und erhellten mit einem bleichen Schimmer das blaſſe, jetzt ſo traurig ausſehende edle Geſicht des Erzählers, der ſogleich fortfuhr: 8 — Ich muß damals eine kummervolle Miene zur Schau getragen haben, denn als ich, aus dem Schloſſe meines Vaters tretend, durch den Park ging, durch den eben die Diener mit meinem Gepäck von dem Pfarrer herkamen, blieben ſie ſtehen, grüßten mich ehr⸗ erbietig, da ſie gehört hatten, wer ich war, und ich ſah trotz des tiefen, mein ganzes Innere ausfüllenden Sihmah der mir die äußere Welt entfremdete, wie ſie theilnehmende und in ihrem Sinne mitleidsvolle Blicke auf mein Antlitz hefteten. Ich trat wieder beim Pfarrer ein... doch nun muß ich Ihnen wenigſtens einige Worte über dieſen tugendhafteſten Mann ſagen, dem ich auf meinem Le⸗ benswege begegnet bin. Robert Graham war der jüngete Sohn eines herabgekommenen Baronets und aus Nothwendigkeit, wie aus Neigung zum prieſterlichen Stande überge⸗ gangen. Von Charakter ſanft und weich, aber doch männlich und feſt in ſeinen Entſchlüſſen, wenn ſie einmal zur Reife gebracht waren, hatte er mit lelden⸗ 5 ſchaftlicher Beharrlichkeit die Studien ergriffen. Sehe Bücher und das Nachdenken, welches ſie in ihm vorriefen, waren, außer noch einer Leidenſchafte ☛‿ — 70— . welches ihn, den harmloſen, friedfertigen und genüg⸗ ſamen Mann, mit dem Leben verknüpften. Ich ſehe ihn jetzt im Geiſte vor mir... groß, hager, blaß... aber mild, freundlich... auf den erſten Anblick einen mehr als einnehmenden Eindruck hervorrufend... wenn man Mr. Graham ſah, mußte man ſich freuen; wenn man ihn ſprechen hörte, mußte man ihn lieben. Er bewohnte ein altes Jagdſchloß, das für ſeine Bedürfniſſe eingerichtet war und in der Mitte des gro⸗ ßen Wildparks lag, welcher das Schloß meines Va⸗ ters umgab, und man konnte, vor der Thür der Pfarrerswohnung ſtehend, die Hinterfront jenes gro⸗ ßen, alten Gebäudes mit den Augen erreichen, wel⸗ ches am Ende einer breiten, dichtbelaubten, uralten 4 Kaſtanienallee lag, die an dem ehemaligen Jagdſchloſſe ihren Anfang nahm. Dieſes alte, aus den Zeiten der Königin Eliſa⸗ beth herſtammende Haus, jetzt die ſtille friedliche Pfarr⸗ wohnung, beſtand aus einem ſchmalen und kurzen Hauptgebäude von nur vier Fenſtern Länge, an deß ſen jedem Ende ein runder, etwa achtzig Fuß hoher Thurm ſtand, beide, wie das Mittelſtück, aus große ſcharfbehauenen Quaderſteinen erbaut. In dem einen dieſer Thürme und zwar im ob . 8 ſten Stockwerk war das Studierzimmer des Pfarrers gelegen. Es war rund wie der Thurm und hatte ei⸗ nen aus alten ſihwarzen Marmorplatten beſtehenden Kamin. Alle Wände dieſes kleinen, obwohl ſehr ho⸗ hen Zimmers waren bis zu der weißen mit Stuckwerk verzierten Decke mit Büchern bekleidet, zwiſchen denen in regelmäßiger Reihenfolge ſechs oder acht kleine mar⸗ morne Büſten der Weiſeſten ihrer Zeit von ihren eben⸗ holzenen Geſtellen dem Eintretenden entgegenleuchteten. Ein großer Arbeitstiſch, ein gepolſterter Lehnſeſſel und mehrere andre kleinere Stühle, faſt alle mit Büchern belegt, bildeten die ganze Ausſtattung dieſes wie zum Studium geſchaffenen, behaglichen Aufenthaltsortes. In die weite Niſche vor dem hohen gothiſchen Fenſter tretend, ſah man weit fort über den großen See, der die Beſitzungen meines Vaters von einer Seite be⸗ grenzte, und der blaue und klare Himmel, der über dieſem ſ ſpiegelglatten Gewäfſer lag, ſchien mit dem Ge⸗ müthe des einſamen Bewohners dieſes Zimmers auf das Lieblichſte zu harmoniren. Erſchüttert und aufgeregt, wie ich war, trat ich in dies Gemach zu dem leſenden Pfarrer, der ſogleich aufſtand und freundlich grüßend mir entgegentrat. Aber der Frieden, der in dieſem ſtillen Raume und auf dieſem ergebenen Geſichte thronit, beruhigte das — 72— krampfhafte Zucken meines Herzens faſt zauberartig ſchnell, und ich ergriff, von der mir entgegenwehenden Zufriedenheit des edlen Mannes aufgeheitert, mit ei— nem Lächeln, ſo gut es über meine Lippen wollte, die dargebotene Hand des Pfarrers. Aber dieſer geprüfte Menſchenkenner las durch meine Augen in meinem Herzen. — Was iſt Ihnen, Mylord— fragte er,—, i*ſt Se. Herrlichkeit wirklich gefährlicht leidend? — Er iſt es, antwortete ich, denn ſein Beneh⸗ men ſprach dafür! 4 Und ich erzählte ihm mit dem Zutrauen, welches er mir augenblicklich eingeflößt hatte, Wort für Wort den ganzen Hergang meines Beſuches. Der braven Mann blickte mich, als ich geendet hatte, ſchweigend aber theilnehmend an. Dann be⸗ rührte er mit der einen Hand meine Schulter und zeigte mit der andern nach dem blauen Himmel... die heraufziehenden Gewitterwolken hatten ſich wieder gänzlich zerſtreut... und dem unter ihm ſanft da⸗ hinfließenden, daſſelbe heitere Bild zurückſtrahlende weiten See, denn wir waren während meiner Erzo lung in die Niſche an das Fenſter getreten. — Mein junger Freund!— ſagte er mit ein Zuverſicht in Stimme und Miene, daß mein trau ges Herz ſich gehoben und voll Hoffnung fühlte,— mein junger Freund, dieſer blaue Himmel ſpiegelt ſich jetzt in dieſem ſtillen Gewäſſer eben ſo klar und rein, wie er ſelber iſt... aber es werden Tage mit Ge— witterwolken kommen und dann wird dieſes Gewäſſer ſchwarz und düſter ſein. Etwas Aehnliches, nur um⸗ gekehrt, i*ſt es mit Ihrem Geſchick... jetzt iſt es trübe und traurig und drückt Ihren männlichen Geiſt dar⸗ b nieder... abf es werden ſonnig lächelnde Tage kommen und Ihr Herz wird voller Freude ſein!... t Dieſe mit prophetiſchem Tone geſprochenen Worte, die ich nie vergeſſen werde, erhoben mein Herz. Ich drückte ſchweigend und dankbar ſeine Hand, denn ich glaubte ihm ſo gern. Er fuhr fort: — Und nun hören Sie mich an! Was Sie aber auch hören werden, denken Sie nichts Uebles von . mir, ich bin⸗ ich Ihnen ſage, der Wahrheit und mein⸗ Berufe ſchuldig zu ſagen, und ich hege das Ve aen zu Ihnen, Sie werden die kurze aber ernſ Mittheilung, die ich Ihnen zu machen habe, „ als eine Zwiſchenträgerei zwiſchen Vater und hn ufnehmen, ſondern als eine Mittheilung von chtickeit, die ich gelobt habe, Ihnen zu machen, g aich daraus entſtehen, was da will. ———— 2. 2— · ·—·—.ͤ— tete ich ihm,— Es ſcheint, als wenn Sie in der jhat ein warmes Intereſſe für mich beſeelte... en ich werde hören. — Sie haben Recht, wenn Sie ſagen, ein war⸗ mes Intereſſe beſeelt mich für Sie... aber ich will aufrichtig gegen Sie ſein, Mylord; nicht Ihretwegen allein mache ich Ihnen dieſe Mittheilung, ſondern der Gerechtigkeit und der Wahrheit wegen, die ich ver⸗ theidigen und verkünden werde, ſo lange ein Lufthauch in mir iſt. Auch kennt mich Seine Lordſchaft, Ihr Herr Vater, von dieſer Seite, er weiß von mir, wel⸗ che Parthei ich ergreifen werde, denn ich habe nit meinem Gegner verhehlt, daß ich ſein Gagner bin, ſei es im Kampfe um die Viſſeenſchaft oder im Streite mit den Vorkommenheiten des Lebens geweſen.. Ja, Mylord, Sie finden hier in Ihrem Vaterlande, in Ihrem Familienhauſe, wo Sie Frieden und Liebe erwarteten, eine Parthei. Soll ich Ihnen noch ſa⸗ gen, daß dieſe Parthei gegen Sie iſt?— — Das ſcheint mir allerdings ſo... jedoch fah⸗ ren Sie fort. I * — Aber ſo erfahren Sie auch, daß es hir e Len. 8 8 giebt, die nicht dieſe Parthei ergriffen haben, da ſi ſelbe, ohne ihr Zuthun, ſchon mächtig genug, viel 14 leicht ſchon zu mächtig iſt. Darf ich hoffen, aß K mir erlauben, auf Ihrer Seite und für Ihren Vor⸗ theil mein geringes Gewicht mit in die Wagſchale den Gerechtigkeit zu legen? 8 — Ich danke Ihnen, Sir, für Ihren guten Wil⸗ ſen; aber wie mir ſcheint und wie Sie ſelbſt ſagen, iſt meine Parthei die ſchwächſte. Sie kann ſomit un⸗ terliegen, und dann unterliegen Sie mit mir. — Dann bin ich ein Opfer, wie Sie eins ſind und weiter nichts. Das ſoll mich am wenigſten von he Wege ablenken... ah, Sie kennen mich och nicht! 4 — O ich kenne Sie! und nun... theilen Sie 8 r mit, waßß ich wiſſen muß. — Ich mache wenig Worte, Mylord, aber dieſe In efür Sie hinreichend ſein, wenn Sie auf Al⸗ „ Acht haben, was geſchehen iſt und vielleicht ge⸗ hehen wird... Ich bin nicht daran gewoͤhnt, oft Sr. Herrlichkeit, dem Marquis, gerufen zu werden, nd ich habe mich darein gefunden, obwohl es mich hmerzte, denn Ihre Familie iſt ſeit achtundzwanzig ahren die meinige geweſen. So oft es aber den⸗ och geſchah, und außerdem, ſo oft ich ihm begegnete, gte ich nach Ihnen, Sr. Herrlichkeit älteſtem⸗ yhne, der durch mich in den Schooß der chriſtlichen iche aufgenommen iſt... aber ich erhielt nie eine ausreichende und mir genügende Antwort. Ich muß geſtehen, dies fiel mir oft und nachdrücklich auf, aber ich glaubte mich zu irren. Da geſchah es denn, daß vor mehreren Jahren ſchon, von Zeit zu Zeit Gerichts⸗ perſonen und Advokaten hier erſchienen, die ich durch den Ruf kannte, die ich aber aus eigener Er⸗ kenntniß verachtete. Mit ihnen und in Gegenwart Sir Mortimers fanden geheime Unterredungen ſtatt, deren Beſchlüſſe Niemandem anvertraut wurden. Viele aber ſprachen davon. Da ſprach auch ich von dem, was ich gehört hatte, gegen S. Herrlichkeit... aben mir wurde geſagt, daß mich das nichts angehe. Ich ſchwieg; aber ich hörte mehr... und da ſprach ich auch mehr aus. Da verlachte man mich... aber ... man verlachte mich... ſo glaube ich... mit einigem Zwang. Die Folge davon war, daß ich füt die Zukunft unnöthig wurde, und, wie geſagt, ich fügte mich darein. Endlich aber wurde vor etwa drei Wochen in meiner Gegenwart eine Berathung gehalten, wobei die Frage vorkam: ob es gerathener ſei, Sie in Deutſch⸗ land zu laſſen oder zurückzurufen. Das erſchreckte mich 5 8 5); In den Worten zwar, die ich hörte, lag nichts, Pas mir hätte auffallen können, wohl aber in dem gerug⸗ ſchätzenden Tone, womit dieſe Worte geſprochen 1 4 1 — er 4 4 1 8. 7 8 7 „ —2 den... verzeihen Sie meiner allzugroßen Sorge... ſchien mir eine... wie ſoll ich ſagen... eine Be⸗ ſeitigung Ihrer Perſon... — Eine Beſeitigung meiner Perſon? Wie verſtte 1 hen Sie das?— — Das frage ich Sie, Mylord. Genug, ich fühlte ein Unheil voraus, und von dieſem Augen⸗ blick waren Sie der Gegenſtand meiner ungetheilteſten Sorgfalt... — O, mein theurer Mr. Graham... Eie ſind ſehr gütig. — Hören Sie weiter, ehe Sie urtheilen. Jetzt erkrankte Mylord, und auf meinen Rath ſchrieb man Ihnen, Sie möchten kommen. Aber... und wie es mir ſchien... nach einer geheimen Unterredung zwiſchen Mylord und Sir Mortimer, widerrief man dieſen Befehl. Als ich dies vernahm, erkannte ich meine Beſorgniß für gerechtfertigt und, fürchtend, ein, im Verborgenen vorbereitetes, für Sie unheilbringen⸗ des Ereigniß ſchwebe über Ihnen, hörte ich gern auf die Bitten Jemandes, der in Sachen, die nicht mit Augen zu ſehen und mit Ohren zu hören ſind, ſchon oft das Rechte gefühlt hatte; ich hörte, daß Sie es wiſſen... auf den Inſtinkt eines weiblichen Her⸗ vens zund glaubte nun, das Recht zu haben. ... Hiermit wiſſen Sie Alles, was ich Ihnen ſagen kann... ob ich hiermit Recht oder Unrecht that, weiß Gott allein... ob Sie mit meinem Thun zu⸗ frieden ſind... wiſſen nur Sie...... Ich ſann einen Augenblick nach... allmälig tauchte in meinem Herzen eine Stimme auf, die mir Vergangenes und Gegenwärtiges erzählte... ich ward plötzlich ſehr betrübt... Aber der gute Pfar⸗ rer ſah mich an und wartete auf meine Antwort. — Sie haben nach Ihrem Gewiſſen gehandelt,— ſagte ich,— und wer Gott zum Zeugen ſeiner Red⸗ lichkeit hat, kann nichts Unrechtes thun... was mich hierbei anbetrifft, ſo fürchte ich zwar nicht ganz ſo viel, wie Sie zu fürchten ſcheinen, indeſſen ich danke Ihnen, ja ich danke Ihnen von Herzen. Aber Sie ſprachen von dem Inſtinkte eines weiblichen Her⸗ zens, das in meiner Sache das Rechte fühlte, ohne es zu ſehen noch zu hören,... darf ich dies Herz nicht kennen, welches, ohne mich zu kennen, ſoviel Theilnahme für mich hegt? — O, das war Ellinor!— rief er ſchnell — Und wer iſt Ellinor?— fragte ich. — Mylord!— ſagte der Mann, und eine beis . denn alles Recht ſtammt von Oben und nicht der Menſch iſt es, der es giebt... Sie zurückzuberufen. V V b — 79— nahe leidenſchaſtliche Innigkeit leuchtete aus ſeinem kla⸗ ren Auge,— das iſt ja mein Kleinod, mein Kind, meiner Betty Kind... meine einzige Tochter...! — Und wie erfuhr Ihre Tochter die Dinge, die mich betrafen?— fragte ich weiter. — Aus dem Munde deſſen, der ziemlich dabei betheiligt ſcheint,... aus Sir Mortimer's Munde. — Und Mortimer... ſieht er Ihre Tochter oft? — Er beſucht mich beinahe täglich und würdigt mein Kind bisweilen ſeines Vertrauens... — Und wiſſen Sie den Grund dieſes Vertrauens? — Nein, Mylord, ich weiß ihn nicht, aber Sir Mortimer...“ — Iſt mein Bruder! ergänzte ich,— Sie haben Necht!... Aber während ich dieſes ſagte, ſtarrte ich hinaus in das unbegränzte Blau des Himmels und an dem Horizonte meines Geiſtes ſtieg eine kleine dunkle Wolke auf... es war das geheimnißvolle Vorüberſchweben einer noch nicht zum Bewußtſein erſtarkten trüben Ah⸗ nung.............. — Es iſt kein Wunder, Mylord,— fuhr der Pfarrer fort,— daß wir uns oft mit Ihnen beſchäf⸗ tigten. Die ſonderbare Erziehung, die Ihnen zu Theil 5 7 5 lwardy Ihre ſtete Entfernung und der Umſtand, daß — 8o— Ihr jüngerer Bruder immer um den Vater war, was ganz gegen unſre Sitte und Gewohnheit iſt, gab uns Gelegenheit genug dazu. Hierzu kam das Geſpräch der Leute... die es immer mit dem Erben halten, und Sie waren ja in den Augen Aller der Erbe und ſind es noch... und unſer eigenes Gefühl, das uns wie mit Sympathie ſtets zu dem Entfernten, Unbe⸗ kannten zieht... und wir beſchloſſen, Ihnen, wenn es nothwendig würde, unſern Rath... Sie ent⸗ ſchuldigen, Mylord... nicht vorzuenthalten, falls Sie ihn verlangten. — Und was iſt das für ein Rath? — Wenn Sie mir erlauben, Mylord, ſo behalte ich ihn noch für mich, Sie haben für heute genug erfahren und müſſen erwarten, was Ihnen der mor⸗ gende Tag bringt. Im glücklichſten Falle werden Sie meines Rathes nicht bedürfen, und ich ſpare ihn da⸗ her für den Nothfall auf.. ſollte dieſer eintreten ... nun, dann wird es noch Zeit genug ſein, ihn zu vernehmen. 4 — Ich ſtimme Ihnen bei und danke Ihnen, Mr. Graham!— erwiderte ich und ſo endete unſer erſtes Geſpräch... Am folgenden Morgen um elf Uhr wurde ich Le meinem Vater beſchieden. Ich eilte, an das Geſpräch uhſ dem Pfarrer denkend, beſorgt aber doch innerlich gefaßt zu ihm. Er ſaß aufgerichtet in ſeinem Bette, die Vor⸗ hänge waren von den Fenſtern fortgezogen und ich konnte bei dem vollen Tageslichte jetzt zum erſten Male das Antlitz meines Erzeugers deutlich ſehen. Es war zwar immer noch bleich, ſahe aber weniger krankhaft aus, als am Tage vorher, doch ſeine Miene erſchien mir noch finſterer und kälter, als das erſte Mal. Hinter ihm, wieder am Kopfende des Bettes, ſeiner gewöhnlichen Stelle, ſtand Mortimer. Sobald mein Vater meinen ehrerbietigen Gruß mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken erwidert und auf meine Frage, wie er ſich befinde? kurz geantwor⸗ tet hatte: es gehe beſſer!... ſagte er kalt aber mit feſter Stimme: — Percy, Viscount von Dunsdale! Du haſt mir geſtern geſagt, Du ſeieſt nicht hierher gekommen, mich zu beerben, und Du haſt Gott zum Zeugen für die Wahrheit dieſer Worte angerufenn Darum habe ich Dich heute zu mir beſchieden, um Dich beim Worte zu nehmen... Und ſo erfahre denn von mir, was ich Dir ſchon längſt mitgetheilt haben würde,— wenk mich nicht Dein guter Bruder Mortimer davon Darr Irre von St. James. 2. Band. 6 **† 2 — 82— zurückgehalten hätte, daß... die Ehe zwiſchen mir und Deiner Mutter bis nach Deiner Geburt geſätz⸗ lich aufgehoben wurde, und daß alſo erſt Mortimer mein ehelicher, mithin einziger und älteſter rechtmäßi⸗ ger Sohn iſt... Unterbrich mich nicht, ſondern höre weiter. Zu Deinen ohnehin reichlichen Einkünf⸗ ten als Viscount von Dunsdale bin ich, väterlich genug, geſonnen, Dir jährlich drei tauſend Pfund zu geben, und mit dieſer Ausſteuer, denke ich, wirſt Du reicher ſein, als mancher begüterte Edelmann in dieſen Landen... — Und wer erbt Ihren Namen und deſſen Ehre? — fragte ich mit möglichſter Ruhe, denn ich beherrſchte mit Gewalt die ſtrömende Flut, die nach meinem Herzen drängte. — Mein Sohn Mortimer!— war die einfache aber mir ſehr verſtändliche Antwort. — Aber Mortimer, Ew. Herrlichkeit Sohn, mein Bruder, und mein jüngerer Bruder und n dazu Sohn derſelben Mutter!— ſagte ich. — Er iſt ehelich geboren... Du nicht! —— Und wer kann mir das beweiſen 2 kann gegen mich und meine Rechte auf ſolche 1 einſchreiten?— fragte ich. . 7 — 83— — Ich... und... die Geſetze! erwiderte er beſtimmt. SSie wurden aber mit meiner Mutter vor meiner Geburt ehelich verbunden,— entgegnete ich ſehr ernſt und bemerkte ſogleich den Triumph, den meine gerechte Sache feierte, denn beide waren viel⸗ leicht der Meinung geweſen, ich habe mich um dieſe Dinge nie recht bekümmert. — Wiſſe!— rief er,— es lebt kein Zeuge die⸗ ſer Verbindung mehr und kein Regiſter eriſtirt auf der anzen Welt, das meine Worte Lügen ſtrafte! ganz .— Sie irren ſich, Mylord!— rief ich ebenfalls. Mögen die übrigen Zeugen geſtorben und die Regiſter alle vernichtet ſein... ich lebe und Sie leben, und Mortimer lebt und... Gott lebt. Und mit dieſen vier Zeugen, Mylord,... denn ich werde Ihr und meines Bruders Gewiſſen zu Zeugen aufrufen .. ſind die Geſetze eben ſo gut für mich da, wie für Sie und Mortimer... und ſein Sie überzeugt, ich werde nimmermehr freiwillig, und einer blinden Willkür gehorchend, den Namen meines Vaters ab⸗ legen, um von der Welt als Baſtard gebrandmarkt zu werden und von dem Pöbel Ihres Hofes mit den Fingern auf mich weiſen und ſagen zu laſſen: das jſt wohl der ältere, aber nicht der chte Sohnt * — 84— — Holla!— rief er wüthend und lauter, als ich ſeiner gebrochenen Kraft zugemuthet,— ſo erfahre, Knabe, der Du die Welt und einen bloßen Namen mehr liebſt als Deinem Vater gehorchſt und ſeine Ehre achteſt, daß ich Dich öffentlich als meinen Baſtard⸗ ſohn und als weiter nichts anerkennen werde. — Sie irren ſich noch einmal, Mylord!— rief ich auch etwas lauter als vorher,— Ich werde nie dulden, daß Sie mit mir auch diejenige beſchimpfen, welche mir das Leben gab! Und wie können Sie es vor Gottes Richterſtuhl vertreten, daß daſſelbe Weib, welches mich und Mortimer von Ihnen gebar, mich unehelich, dieſen aber ehelich zeugte? — Dulden?— ſchrie er wüthend und knirſchte mit den Zähnen,— Wer ſpricht von Dulden, wo ich befehle? — Ich!— ſagte ich,— ich, Percy, Viscount von Dunsdale, Ihr rechtmäßiger, ehelicher und Ihr erſter Sohn!— und trat dabei einen Schritt näher zu ihm. — Verfluchter Bube!— ſchrie er, außer Stande, ſeinen Zorn bewältigen zu können,— Mortimer! laß ihn hinaus werfen und mag es der Pöbel mei Hofes ſehen, daß ich ihn von meiner Schu jage... 4 1 . „— neine Rechte zum Himmel empor. 4 4 Dicke kalte Schweißtropfen rannen von meiner Stirn... ich bebte vor unterdrücktem Zorn. Ich ſah Mortimer an... aber Mortimer regte ſich nicht meine Miene und meine Haltung ſchienen ihn zu warnen... er trat ſogar noch einen Schritt zu⸗ rück... 4 .. Aber was ich in dieſem ſchrecklichen Augen⸗ blicke empfand, kann ich mit Worten nicht beſchrei⸗ ben. Meine Eingeweide brannten, mein Kopf ſchwin⸗ delte, meine Hand zitterte... doch nur einen Mo⸗. ment... und dieſer ging raſch vorüber. Das Gött⸗ liche war dieſen Moment ſtärker in mir, als das Menſchliche... ich ward wieder ruhig und beſon⸗ nen, denn ich wollte nicht... verflucht ſein. — Mein Vater!— ſagte ich, indem ich meine rechte Hand auf mein klopfendes Herz drückte,— Sie haben einen Sohn, der, ohne ſich Ihren Fluch aufzuladen, doch Ihren Willen thun wird, ſobald dieſer Wille unwiderruflich iſt. — Er iſt es... was willſt Du? — Die Erbſchaft fr eiwillig abtreten!— er⸗ widerte ich. Und wer bürgt mir, daß dies Dein Ernſt iſt? — SCGott iſt mein Zeuge!— rief ich, und hob — 86— — So ſchreib' es nieder... da iſt Papier... Mortimer! leg' ihm die Schrift vor... ... Das war mir zu viel, ich hatte noch nicht erfahren, daß böſe Menſchen einem rechtſchaffenen Manne auf ſein Wort nicht glauben... man muß ein Schurke ſein, um ohne Unterſchrift und Siegel davon zu kommen... — Nie! Nie und nimmermehr!— rief ich laut aus,— werde ich meinen ehrlichen Namen unter ein Blatt ſetzen, das mich und meine Mutter zugleich entehrt!... *„.......... Hier machte der Erzähler eine Pauſe und lehnte ſich, wie vor Erſchöpfung, einen Augenblick zurück und bedeckte ſeine Augen mit der Hand. Aber als er ſie fort nahm, war ſein Antlitz wieder ſo ſtill und klar, wie das eines Kindes... und doch... wie mochte es in ſeinem Herzen ſein!... Nach einigen Minuten richtete er ſich wieder auf und fuhr mit min⸗ der feſtem Tone fort: — Ich glaubte ſterben zu müſſen... ſo hatte mich dieſer Auftritt erſchüttert... wie ich aus dem Zimmer, aus dem Hauſe kam, weiß ich nicht, nur ſo viel erinnere ich mich, daß Phillipps mir an der Schwelle des Zimmers meines Vaters entgegen tnal⸗ —,— und mich ſtarr, wie ich ihn nie geſehen hatte, ar blickte... .. Ich trat in den Wald.. in Gottes freie Natur, ich ſchöpfte tief Athem... die Bruſt war mir ſo beklommen, ich kam mir ſo klein, ſo ernie⸗ drigt, ſo zerquetſcht vor, daß ich mich befühlte, mich ſelbſt betrachtete und meinen Blick zu dem reinen Aether uͤber mir emporrichtete und ihn fragte: — War das Dein Wille, Vater da oben?!.. — Mechaniſch ſchritt ich weiter und ſah ſchon vor mir das Haus des Pfarrers, zu dem ich unwillkür⸗ lich ging.. da... in meinem unſäglich beklem⸗ menden Gefühle begegnete mir Etwas, was, wie ich es nie, nie in meinem Leben vergeſſen werde, in die⸗ ſem Augenblicke deutlich, wie in einer Art Verklärung vor mir ſteht. So ſendet uns Gott oft in unſerm größten Schmerze, in dem bitterſten Krampfe unſerer gequälten Seele, einen Balſamtropfen, einen Troſt, eine Beruhigung, und giebt uns damit ein Zeichen daß er wacht, daß er ſieht, daß er regiert... Hören Sie die einfache Erzählung an, die Ein⸗ leitung zu dem ſch in nicht allzu weiter Entfernung üb ſchwebte. .. recklichſten Ereigniſſe, welches ſchon er meinem Haupte IV. Forkſetzung der geſchichte des Irren von St. James. Ich hatte in Wien von einem ungariſchen Edel⸗ mann einen jungen Hund zum Geſchenk erhalten, ein großes, ſchönes, ſchwarzhaariges Thier, welches in den Gebirgen ſeines Vaterlandes zur Wolfs⸗ und Bä⸗ renjagd gebraucht wird. Er hieß Othello und war von außerordentlicher Kraft und Klugheit. Dieſer Hund war nebſt Phillipps mein beſtändiger Gefährte auf al⸗ len meinen Reiſen geweſen und⸗ hing mit ungewöhn⸗ licher Treue an mir, ſo daß er außer meinem Rufe nur eben jenem Phillipps gehorchte. Nach England zurückgerufen, war er mir auch bis hierher gefolgt, hielt ſich immer in meiner Nähe und ſchlief ſogar Nachts vor meinem Bette auf einer wollenen Decke.. X 5 — — Aber ſchon den erſten Tag in Codrington⸗ Hall ſah ich meinen Othello weniger als ſonſt, obgleich es mir wegen der ernſthaften Angelegenheiten, die mich den ganzen Tag beſchäftigten, weniger auffiel, und gerade an jenem für mich ſo ſchrecklichen Morgen war er mir ganz aus den Augen gekommen, auch dachte ich in dieſem Augenblick gar nicht an ihn, weil Kopf und Herz mit weit abſchweifenden Gedanken und Em⸗ pfindungen angefüllt waren. Als ich nun in jenem mich faſt betäubenden Schmerze von der Halle meines Vaters die Kaſtanien⸗ allee zur Pfarrerswohnung hinabſchritt, ſah ich plötz⸗ lich, nicht weit von mir entfernt, in dem Schatten einer großen Buche meinen Hund zu den Füßen eines weiblichen Weſens liegen, welches ein Buch in der einen Hand und die andere auf den Kopf Othello's gelegt, in einer halb ſitzenden, halb liegenden Stel⸗ lung in der Stille des grünen Waldes ruhte. Sie ſchien mich noch nicht zu ſehen, aber als ich mich langſam und ſtill beobachtend näherte, erhob der Hund 1 ſeinen Kopf und blickte mich, mit ſeinem großen 4/ zen Schweife wedelnd, ſo klug und freundlich 2— immer an, als wollte er ſagen: da biſt Du ja (7 auch, ich habe Dich ſchon lange erwartet, denn ſieh! cs aefällt mir hier ſehr wohl!... 4 K X X „. — Als das Mädchen endlich meine über das Moos gleitenden Schritte vernahm, ſah es auf und erhob ſich, und nun erſt war ich vollſtändig von dem un⸗ gewöhnlichen Anblick vollendeter weiblicher Anmuth und Schönheit betroffen. Ein weißes Gewand vom feinſten Mouſſelin umſchloß bis zu den entblößten runden Schultern den zarteſten und wohlgeformteſten Leib, den ich in meinem Leben geſehen habe; ihre langen hellbraunen, gleich Gold und Seide glänzen⸗ den und bei jeder Bewegung des ſchönen Halſes wo⸗ genden Locken beſchatteten ein Geſicht, das an zartem Reiz auf Erden ſeines Gleichen nicht haben konnte, ſo daß mir plötzlich ein neuer Sinn aus der innerſten Tiefe meines Weſens zu erſtehen ſchien, der mich ein Wunderwerk bemerken ließ, das vorher wohl dagewe⸗ ſen, aber nie von mir wahrgenommen war. Vor Allem aber war es ihr großes, dunkelblaues, halb von langen ſchwarzen Wimpern bedecktes Auge, welches, ſo offen und verſtändig und ohne alle Ver⸗ wunderung mich anblickend, in meinem Herzen zu le⸗ ſen ſchien, ſo daß es mir vorkam, als träte aus ihr etwas mir geiſtig Verwandtes, ein zweites mir gleh chendes Ich mir entgegen und hieße mich mit einer Sprache willkommen, die mir zwar noch nicht erklun⸗ gen war, die ich aber dennoch zu verſtehen glaubte.. Doch wie ſoll ich Ihnen ein weibliches Weſen W beſchreiben, das in ſeiner unendlichen und zauberhaf⸗ ten Anmuth ſich nicht beſchreiben läßt, das ich nur empfinden kann und das mir im erſten Momente, wo es mir vor Augen kam, wie ein Bote des Gottes erſchien, zu dem ſo eben mein Herz geſprochen, und welchen er mir geſandt hatte, um die Finſterniß zu erhellen, in die meine ganze Seele getaucht war. So war denn auch die Wirkung dieſer für mich himmliſchen Erſcheinung... ein Frieden, eine Ruhe der Seele und eine Behaglichkeit des Geiſtes, die ich am wenigſten jetzt erwartet, obſchon am meiſten be⸗ durft hatte... Sie trat mir ein Paar Schritte entgegen. Und meinen ſtummen, ehrerbietigen Gruß auf die anmu⸗ thigſte Weiſe erwidernd, ſagte ſie mit einer Stimme, die ganz mit dem wohlthätigen Gefühlen welches ihre Erſcheinung hervorgerufen, übereinſtimmte und mich allen Kummer und alle Sorge der Welt vergeſſen ließ: — Ich bitte um Verzeihung, Mylord, wenn es ſcheint, als hätte ich Ihnen Ihren Hund abwendig gemacht, allein... er kam von ſelbſt und leiſtete mir Geſellſchaft meinem Morgenſpaziergang durch den/ Wald. 4 Was ich ihr entgegnete, weiß ich nicht mehr, 8 * nur fühlte ich immer mehr und mehr, je länger ich ſie ſah und mit ihr ſprach, wie meine bittere Ver⸗ gangenheit einer ſüßeren Gegenwart wich, und ſo näherte ich mich mit ihr, vielleicht ohne es zu wiſ⸗ ſen, der Wohnung ihres Vaters, denn dies war... Miß Ellinor, Mr. Graham's Tochter, die ich ſo un⸗ eerwartet im Walde gefunden. Vor der gewöhnlich verſchloſſenen Hausthür an⸗ gekommen, blieb ſie ſtehen, klopfte und rief: — Bob, alter Bob! öffne die Thür... raſch! Mylord Percy iſt da, der meinen Vater zu beſuchen kommt! SSie kennen mich? Und doch haben wir uns noch nie geſehen?— fragte ich erſtaunt. — Was das betrifft,— ſagte ſie und lächelte, wie nur ein Engel lächeln kann,— ſo ſah ich Ste geſtern ſchon, als Sie kamen, und mein Vater be⸗ richtete mir, daß Sie derjenige ſeien, den er längſt erwartet hat. Hier öffnete Bob, der alte Diener des Hauſes, die Thür, und wir traten ein. — Darf ich Sie bitten, mit zu begleiten!— ſagte ich, denn mir fiel ein, daß Miß Ellinor bereits durch ihren Vater von meinen Verhältniſſen unterrichtet ſei, und daß ihr weibliches 3 — 93— N Gefühl ſie richtig zu leiten pflege, wo der Verſtand und das Urtheil des Mannes nicht immer ausreichend ſei. In meiner troſtloſen Lage aber bedurfte ich ſo⸗ wohl des einen wie des andern, und ich ſchätzte mich lücklich, in dem Hauſe des Pfarrers beides zu finden. Wir ſtiegen daher zuſammen die ſchmale, gewun⸗ dene Treppe in den Thurm hinauf und traten in das ſtille Studirzimmer des Gelehrten, und hier erſt, als er mir gegenüber ſtand und mich aufmerkſam betrach⸗ tete, war es, wo mir wieder einfiel, was ich bei meinem Vater erfahren, und warum ich den Pfarrer 9 aufgeſucht hatte. Mr. Graham blickte mich, wie ich ſchon ſagte, mit aufmerkſamer und geſpannter Miene an, als wolle er, ſchon ehe ich ſprach, auf meinem Geſichte leſen, was ich ihm mitzutheilen hätte. Mr. Graham!— begann ich„„— ich hoffe, ich kann in Miß Ellinors Gegenwart von meinem Beſuche bei meinem Vater ſprechen? zenn Sie es wollen, Mylord,— erwiderte er ch will es gewiß, ſie iſt ja ſchon mit Ihren — enheiten bekannt. Nun denn, mein Freund, ſo rathen Sie mir Wohnung hier in der Nähe an, die ich ſogleich meinige Zeit beziehen kann, und die, jenſeits des — Gebietes des Marquis von Seymour gelegen, doch nicht allzuweit entfernt iſt, um es nicht in einigen Stunden erreichen zu können. — Und iſt es unmöglich, daß Sie in dem Schloſſe Sr. Herrlichkeit wohnen?— fragte beſorgt der Pfarrer. — Es iſt unmöglich, Mr. Graham! erwi⸗ derte ich und erzählte kurz das ſo eben Vorgefallene.... ... Vater und Tochter ſtanden ſprachlos, als ich meine Erzählung beendigt hatte, dann aber ergriff erſterer meine Hand und ſagte mit einem Tone ernſter Würde und männlichen Entſchluſſes: =Es freut mich, Mylord, daß Sie in Ihrer Bedrängniß als Mann zu mir, dem Manne, gekom⸗ men ſind, und ich hoffe, daß Ihnen, wenn nicht meine Hülfe, doch meine Theilnahme in dieſem Ihren Mißgeſchicke einigen Troſt gewähren wird. — Undwas thun Sie nun?— fragte Ellinor, innerlich erbebend und ſah mich forſchend und beſorgt an, indem eine Thräne in ihrem großen Auge glänzte. Ich ſtand jedoch ohne Worte da, denn ich hatte kaum alle Gedanken zuſammen, um über dieſe wichtige Frage nachdenken zu können. Da ergriff abermals der Pfarrer meine Hand und ſagte nachdrücklich fol⸗ gendes zu mir: 1. — Mylord Percy! Geſtern Abend verlangten ei Rath, aber ich verweigerte Ihnen den offte, er würde unnöthig wer⸗ N von mir einen ſelben, weil ich noch h den. Aber dieſe Hoffnung iſt vollkommen geſcheitert, wie ich beinahe fürchten muß, nach dem, was mir be⸗ kannt iſt. So will ich Ihnen denn dieſen meinen Rath nicht länger vorenthalten, vorausgeſetzt, daß Sie ihn mit denſelben Empfindungen aufnehmen, wie ich ihn gebe, durchdrungen von dem heiligen Gefühle fuͤr Gerechtigkeit und Menſchenliebe. Mylord! Ihr er kann ſeinem Alter Vater iſt alt und krank... und ſeiner Krankheit unterliegen... irregeleitet... ſt meine Meinung... irregeleitet durch ja, ja, ſo iſ uns unbekannte Thatſachen begeht er einen Gewalt⸗ ſtreich gegen Sie. Um ſeiner Handlungsweiſe aber den Schein des Rechten zu geben, verſchanzt er ſich hinter ein Geſetz; ſo viel ich aber weiß und wir alle wiſſen, eriſtirt dies Geſetz in Bezug auf Sie nicht, und Sie dürfen ſich daher nicht ſchrecken laſſen, oder, im Nothfall, das wirkliche Geſetz in Anſpruch nehmen. ief ich,— wäre es dahin 5— Das Geſetz?— ri 1 2 Und gegen meinen Vater? Nein, Sir, ich A ggekommen „ bin entſchloſſen, zu dulden von meinem Vater, was * ich als Sohn dulden muß, und obgleich es traurig für mich ſein mag, dieſes Schickſal zu ertragen.. 4 glaulhn Sig mir... ich werde es ertragen. — — Hal ich verkenne Sie nicht, Mylord!— rief mit Wärme der edle Mann,— Sie wollen großmü⸗ thig ſein, wo Sie gerecht ſein dürfen... aber Sie bedenken nicht die Folgen. Mich, als Fremden, geht Ihre Sache nichts an... aber als Menſch fühle ich, daß man Sie mit Füßen tritt, und es iſt etwas in meinem Herzen, was niemals ſolche Erniedrigung einer edlen Seele hat ertragen können... Noch ein⸗ mal, Mylord, bedenken Sie, daß Ihr Vater heute ſterben kann, und daß ein Bruder, den ich wenigſtens nicht achten kann, morgen mit herriſchen Mienen auf Sie herabblickt, der Sie ihn geduldig und ohne mur⸗ ren zu dürfen in dem Beſitze deſſen ſehen, was das Ihrige iſt.... — Ich ſtand, die Augen zu Boden geſenkt, vor dem Vater und ſeiner Tochter... in mir häufte ſich Schatten auf Schatten, und es war in meinem Her⸗ zen wie die Nacht, auf die kein Tag zu folgen ſcheint. Der Pfarrer fuhr fort:. — Mylord! Nehmen Sie wenigſtens Ihre Zu⸗ flucht für mögl iche Fälle zu gerichtlichem Beiſtand ... ich weiß, Sie werden es mir einſt danken, ob⸗ gleich ich Ihres Dankes nicht begehre, denn ich thue nur hier meine Pflicht, wie ich ſie auch dort früher⸗ gethan habe. Hören Sie!— Ich habe einen aͤlteren — 97— N ein gelehrter X 8 der ein redlicher, ſt... ich Bruder in London, Mann und ein tüchtiger Rechtsgelehrter iſ will an ihn ſchreiben und ihm die Sache vorſtellen, und Sie, verfügen Sie ſich wenigſtens zu ihm und fragen ihn um ſeinen Rath, denn Ihre Sache, die noch lange nicht ganz verloren iſt, kann bald voll⸗ ſtändig gewonnen werden. Hren Sie auch mich an, ſagte ich, und Sie, Miß Ellinor, urtheilen Sie, ob -4 ich Recht oder Unrecht thue... Meine Sache iſt be⸗ reits verloren, denn ich habe auf das Recht, meinen ben, ſchon verzichtet, und wenn ich hätte nehmen wollen, ſo ge⸗ Mr. Graham,— Vater einſt zu beet . es überhaupt in Anſpruch 1 ſchah es, nicht um ſeine Reichthümer genießen und ſeine Güter beherrſchen, ſondern einzig und allein, um sjenigen führen zu können, der mir das den Namen de Leben gab. Um ſo hartnäckiger aber nahm ich es in Anſpruch, damit ich, im Beſitze des Namens meines Vaters, nicht der öffentlichen Beſchimpfung ausgeſetzt wäre, von mir ſagen zu hören, ich führte zwar den Namen meiner Mutter aber nicht den meines Erzeu⸗ Jetzt aber will ich auch auf dieſes eben ſo llge Recht verzichten, und nichts in er bewegen, einen Prozeß um dieſes Recht wenn ich ihn verlöre, mich als cie 2. Band. *ℳ gers... ſchöne wie bi Welt ſoll mich Aa beginnen, der, Z“ Der Irre von St. James. 8 8 dieſer Bruder... dieſer Mortin — 98— nen Baſtard und Schurken, und wenn ich ihn ge⸗ wänne, als den undankbaren Sohn bezeichnen könnte, der gegen ſeinen eigenen Vater und Bruder die Gewalt der Geſetze in Anſpruch genommen hat und ſomit auf jede Weiſe mich in den Augen der W ... Nein, ich verzichte auf Alles, und Namen und Titel, nur ſo viel mögen ſie mir gönnen, daß ich noch ſo lange hier verweile, bis ich gewiß weiß, ob dieſer Vater, der mich ehrlos zu ma⸗ chen ſtrebt und vor dem ich dennoch in Ehrfurcht mein Haupt beuge und ihm Glück und Geſundhe dem Leben erhalten werden wird, der, der meine Rechte antaſtet, derjenige iſt, der es verdient, daß ihm dieſes Opfer von mir gebracht werde ... Nur in einem einzigen Falle... und ſo weit wird es kein Menſch treiben... würde ich von Ih⸗ rem Anerbieten und der Anrufung der Geſetze Ge⸗ brauch machen, wenn ich nämlich öffentlich angegrif⸗ fen, mein guter Ruf dadurch geſchmälert würde und meine Ehre in Gefahr geriethe, befleckt zu werden. — Ich ehre Ihren Entſchluß, Mylord, denn er iſt edel und groß, aber... ich ſehe es kommen, daß Sie bedauern werden, ſo milde geweſen zu ſein, wo man gegen Sie grauſam und verrätheriſch war; denn de... 3 elt erniedrigte Erb' und Gut, it gönne, und ob dieſer Bru⸗ „— “ K 8 — Sie fürchten von meinem Bruder?— fragte ich. — Ich mißtraue ihm,— erwiderte der Pfarrer und ſah ſeine Tochter mit einem Blicke an, der mir wegen der Beſorgniß und der Rührung, die er aus⸗ ſprach, auffiel. Als ich gleich darauf mein Auge eben⸗ falls auf ſie wandte, ſah ich ihr reizendes Geſicht mit einer flammenden Röthe übergoſſen, die ſie nicht mehr verbergen konnte. — Sie wiſſen mehr, als ich vermuthete,— ſagte ich zu beiden,— darf ich, ohne unbeſcheiden zu ſein, nicht erfahren, was Sie erröthen macht, Miß Ellinor? 8— Ach, Mylord Percy, erwiderte dieſe,— es i*ſt nicht gut, alles Böſe in der Welt wiſſen zu wol⸗ len, ſchon das Gute macht uns oft Kummer und Doch ſein Sie verſichert, daß mein Sorge genug. t und dies Mal den Vater es ehrlich mit Ihnen mein Anſchein des Rechten in ſeiner Ausſage hat... — Miß Ellinor, ich will das Rechte und nicht den Anſchein des Rechten! — Nun, wenn Sie es denn wiſſen wollen, er hat das Rechte ſelbſt geſagt. „— Und mein Bruder hätte ſchon früher üͤber eme Verhältniſſe mit Ihnen geſprochen?“ Das Mädchen zögerte mit der Anua t ne 1 — 100— genblick, dann aber ihr Lockenhaupt gerade empor he⸗ bend und mich mit einem Blicke der unverhüllteſten Offenheit anſchauend, ſagte ſie, indem ſie abermals erröthete: — Es kann wohl ſein! — Alſo er hat mich bei Ihnen verläumdet?— rief ich entrüſtet. — Das hat nichts zu bedeuten,— war die ein⸗ fache, weder bejahende noch verneinende Antwort,— ich konnte nicht vermeiden, daß Sir Mortimer biswei⸗ len von ſeinen Ausſichten und den möglichen Anſprü⸗ chen ſeines Bruders ſprach... was er aber auch ſprach... ſein Sie verſichert, Mylord!... ich habe meine eigenen Anſichten und Meinungen... die Sie einem armen Mädchen wohl geſtatten werden... — Nun! was er auch ſprach... fahren Sie fort... — Nun denn... ich habe es mit angehört, aber es hat ſeine Wirkung nicht gethan... — Seine Wirkung nicht!— wiederholte ich †re dachte nach, was das für eine Wirkung ſein könt die mein Bruder gegen mich zu erzielen beabſichtigte — Denken Sie nicht darüber nach, Mylord, unterbrach ſie mich in meinem Sinnen,— es h nichts zu bedeuten. — 101— — So danke ich Ihnen, Miß Ellinor, für Ihre gute Meinung von mir, und ich hoffe Ihnen noch beweiſen zu können, daß mein Bruder wenigſtens kein Recht hatte, von mir als einem Manne zu ſprechen, der, Ihrer Theilnahme unwürdig, das Schickſal ver⸗ dient, welches ſo unerwartet über mein Haupt herein⸗ bricht, mich aber auf keine Weiſe erniedrigen kann. Und ſo ſchloß unſre Unterredung...... Aus der Verlegenheit, in der ich mich um eine Wohnung befand, zog mich noch an demſelben Tage Phillipps. Seine Schweſter, die Wittwe eines För⸗ ſters auf einem der angrenzenden Gebiete, beſaß und bewohnte ein im Walde gelegenes kleines Haus, wo ſie, da ſie ſelbſt keine Kinder hatte, die beiden Söhne meines Dieners, deſſen Frau während ſeiner Reiſen mit mir geſtorben war, erzog. Zu dieſer verfügte ich mich noch am Abende dieſes für mich ſo verhängniß⸗ vollen Tages und bezog ein kleines aber freundliches Gemach von acht Fuß Breite und acht Fuß Länge, deſſen ſchmales Fenſter mit grünem Geisblatt umrankt war, und das mir die brave Frau in der Eile zuvor⸗ kommend geräumt und eingerichtet hatte. 1 3 Bei mir waren von allen meinen Beſitzthümern, die dycht ganz ſiebzig Meilen davon lagen und die ich 4 in Frer neuen Ausſtattung noch nicht geſehen und ge⸗ — 102— noſſen hatte, außer Phillipps... Bravour, mein ſchwarzes, arabiſches Pferd, welches Sie mich hier reiten geſehen, Othello, mein Hund, und... mein gefaßtes, gegen alle Stürme der Welt mächtig ankäm⸗ pfendes Herz... war ich nicht reich genug, um, ohne die Anfechtungen meiner nächſten Blutsverwand⸗ ten, glücklich und zufrieden zu ſein? Laſſen Sie mich jedoch über die nächſten Tage, die ich in meinem einſamen Waldhäuschen, theils le⸗ ſend und ſchreibend, theils über meine nächſte Ver⸗ gangenheit und Zukunft nachdenkend zubrachte, hin⸗ weggehen und die Ereigniſſe vorbereiten, die bald, in gedrängter Folge, auf mich hereinſtürzen ſollten.. Alle Tage, gegen Mittag, ritt ich, gewöhnlich von Othello begleitet, zu Mr. Graham, der mir bald der theuerſte Freund und Rathgeber wurde, ſpeiſte bei ihm und blieb, bis der ſpäte Abend, oft auch erſt die her⸗ einbrechende Nacht mich zu meinem ſtilleren Wohnort zurückrief. Bei dieſen regelmäßigen und durch keine Wider⸗ wärtigkeit unterbrochenen Zuſammenkünften unteſh.— ten wir uns nicht allein von meinen Verhältn -— * 8 war, und den e — 103—. 1 und dem, was uns zunächſt begegnet war und zunächſt wieder begegnen konnte, ſondern wir beſchäftigten uns auch mit den Ereigniſſen des Tages, mit welchen uns die nach Codrington⸗Hall kommenden Zeitungsblätter oder auch mit der Literatur fremder Vorzüglich aber waren es die Klaſſiker, deren beſänftigen⸗ ſt wir gemeinſchaftlich zu ent⸗ Studium uns ſtets eine Genuſſes, freudiger Be⸗ bekannt machten, Völker und Länder. griechiſchen und römiſcher den und erhabenen Gei räthſeln ſuchten und deren unverſiegbare Quelle geiſtigen lehrung und Herzenserleichterung war. Miß Ellinor nahm faſt an allen dieſen Unterhal⸗ tungen Theil, wenn ſie das Hausweſen, dem ſie ſelbſt vorſtand, davon nicht abhielt; thätig und einſichtig bei dem Geſpräch und dem Nachdenken über längſt entſchlafene oder ſich vorbereitende Dinge, kam mir der Werth dieſes ausgezeichneten Mädchens immer klarer in's Bewußtſein, und ich mußte nicht allein den edlen Geiſt, der ſie beſeelte, nicht allein ihr für alles Gute und Schöne empfängliches, heiteres Gemüth, ſondern auch ihren gediegenen und feſten Charakter be⸗ wundern, der nicht durch den Umgang mit der Welt. ſondern durch Nachdenken und Unterricht entwickelt ine glückliche Naturanlage und ein * — 104— ſchnelles Auffaſſen alles Schicklichen geſtählt und un⸗ endlich verſchönert hatte. Es waren beneidenswerthe Stunden, die wir drei, in dem kleinen Thurmzimmer, das bald unſer Lieb⸗ lingsaufenthalt wurde, eng bei einander ſitzend, und von dem Gewühle des Weltlebens gärnzlich geſchieden, in ſtiller Zufriedenheit und Harmloſigkeit mit einander verlebten. Gewöhnlich arbeitete Ellinor an einer Sti⸗ ckerei, und einer von uns Männern las oder ſprach, ſie aber las auß und bisweilen ſogar zur Abwechſelung ſang ſie mit angelreiner und melodiſcher Stimme zu ih⸗ rer kleinen Harfe Lieder und beſonders alte ſchottiſche Balladen, die ſie in ihrer Kindheit von ihrer Amme, einer Schottländerin, gelernt hatte, und die, von ihr vorgetragen und über den weiten ſpiegelklaren See hin⸗ gehaucht, einen noch unendlich größeren Zauber auf uns übten, als dieſen alten klaſſiſchen Geſängen ſchon von Natur eigen iſt. Oft geriethen wir ſo, durch Geſpräch und Ge⸗ ſang verlockt, tief in die ſpäte Nacht hinein, bis end⸗ lich Ellinor aufſtand und ſagte: — Mylord Percy, Ihr Pferd ſtampft ungedul⸗ dig vor der Thür, Sie haben einen weiten Weg und es iſt kein Mond am Himmel,... morgen iſt auch ein Tag! AS 1 — 105— Und ich ritt davon, um recht, recht bald wieder⸗ zukommen und mich abermals an meine Rückkehr er⸗ innern zu laſſen. Das, Sir, waren meine Tage im Hauſe des Pfarrers zu Codrington⸗ Hall....... Aber auch dieſer beſuchte mich, obwohl ſeltener, in meiner ſtillen Waldhütte, bisweilen zu Fuß, wenn er einer ſolchen Bewegung zu bedürfen glaubte, in der Regel aber auf ſeinem braunen, langſchweifigen Pony, der ungemein ſchnell trabte, obgleich er nicht viel größer als Othello war. Phillipps, der treue Phillipps, der mit mir im . Hauſe ſeiner Schweſter wohnte und mit Wohlgefallen das Heranwachſen ſeiner beiden Söhne beobachtete, war mir in dieſer Zeit mehr als ein guter Diener. Immer ſchon aufmerkſam und wachſam um mich be⸗ ſchäftigt, verdoppelte er jetzt ſeinen Eifer und war bemüht, mir in meiner Abgeſchiedenheit ein ſo anhäng⸗ licher Gefährte und Geſellſchafter, wie ein beſcheidener V und redlicher Diener zu ſein. Er ging oft zwiſchen dem Schloſſe des Marquis 4 von Seymour, dem Pfarrershauſe und meiner Woh⸗ nung hin und her und brachte ſtets Nachrichten mit, 1 ddie ſich in der Folge als richtig erwieſen. Seine ſtete te ich ihn einſt, 3 Sorgſamteit aamn mich bemerkend, frag — 106— was ihn denn ſo aufmerkſam auf mich mache, und nun vertraute er mir, mit der inſtändigſten Bitte, ihm ſeine Dreiſtigkeit zu verzeihen, daß er an jenem böſen Morgen an der Thür des Kabinets meines Vaters mit dem Haushofmeiſter deſſelben, einem alten ehrli⸗ chen Manne, gehorcht habe und über alle meine Ver⸗ hältniſſe aufgeklärt ſei. Nach dieſer ſeinet Mittheilung brauchte ich denn vor ihm mein Geheinniß nicht mehr zur verbergen und ich hatte Vortheil davon, denn einen treuen Menſchen um ſich zu haben, der von unſern Verhältniſſen un⸗ terrichtet iſt und ſeine Kenntniß zu unſerm Beſten zu benutzen verſteht, iſt in Stunden der Noth und Ein⸗ ſamkeit eine große Erleichterung und ein guter Troſt. Er war es auch hauptſächlich, er mir faſt jeden Tag ernſtlich anlag, nicht ohne Waffen auszugehen, was ich bis dahin unterlaſſen hatte, und ſich auch erbot, mich auf meinen nächtlichen Ritten von dem Pfarrershauſe zu meiner Wohnung zu begleiten. — Fürchteſt Du denn für mich?— fragte ich ihn eines Tages,— und von wem? — Gewiß, Mylord, fürchte ich für Sie, und wenn Sie es wiſſen wollen, ich fürchte von Sr. Herr⸗ lichkeit Sohn... Ihrem Bruder. 1 — 107— — und warum von ihm, da er mein Bruder iſt? Kennſt Du ihn von einer ſo ſchlimmen Seite? — Ich kenne ihn aus jener Unterredung, My⸗ lord, wenn er auch dabei ſchwieg, und da ich ſeine Pläne und ſeine Abſichten weiß, ſo weiß ich auch, daß man eine ſolche Erbſchaft, wie er ſie ſich... ich bitte um Verzeihung... erſchlichen hat, bei Leb⸗ zeiten eines älteren Bruders, wie Sie, nicht antritt, ohne die Beſorgniß zu hegen, aus Aeſitze dieſer ungerechten Erbſchaft vertrieber ben... und gegen eine ſolche Vertreibu · auf ſeiner Huth. — Nun, dann„ f ſein Huth ſein und dann fürchtet er att daß Du willſt, daß ich ihn fürcte. — G 12 zwiefache Huth, Mylord, wie es Scc H Trutzwaffen giebt; und da man nicht weiß, che von beiden er trägt, ſo rathe ich Ew. Herr t, ſich wenigſtens mit Schutzwaffen zu ver⸗ ſehe Weißt Du etwas Näheres von ihm und ſei⸗ orhaben? Nichts als was mir die Diener von ihm ge⸗ haben, daß er heftig, wild, jähzornig und weit 6 er zum Schlimmen als zum Guten geneigt iſt... * Hier endete das Geſpräch über dieſen Gegenſtand und ich verſprach und nahm mir vor, auf meiner Huth zu ſein, wenn es denn nicht anders ginge. Jedoch begegnete ich niemals dem von Phillipps Ge⸗ fürchteten, obgleich er oft Vormittags in meiner Ab⸗ weſenheit in die Wohnung Mr. Grahams kam. Anfangs wunderte ich mich über dieſes Nichtzu⸗ ſammentreffen, und ich war ſogar der Meinung, mein Bruder müſſe eine Gelegenheit ſuchen, brüderlich mit mir über das zwiſchen uns Vorgefallene zu reden, allein bald beruhigte ich mich mit dem Gedanken, daß meines Vaters fortdauernde Krankheit ihn von weite⸗ ren Ausflügen abhalte und andererſeits, daß der Zu⸗ fall unſer Begegnen nicht wolle.„Daß er und mein Vater wiſſe, ich ſei noch in der Gegend, war ganz offenbar, denn ſeine Diener ſprachen ſowohl mit Phil⸗ lipps, als auch hatten ſie mich oft, wenn auch nicht vom Pfarrer gehen, doch zu ihm kommen ſehen, und uͤbrigens war die Entfernung zwiſchen beiden Häuſern nicht groß genug, daß man von meines Bruders Fen⸗ ſtern aus, die nach dem alten Jagdſchloſſe hin lagen, mein Pferd und mich ſelbſt nicht hätte vor der Thür deſſelben ſtehen ſehen können, zumal, wenn man mein Treiben beobachten wollte. 3 X Das Einzige, was ich aus dieſem Umſtande ben⸗ forgte, war, daß mein Vater des Pfarrers Umgang — 4109— mit mir übel deuten und ihm ſogar meinen Beſuch unterſagen könne, und hierin hatte ich mich auch nicht geirrt, wie Sie ſogleich hören werden. Denn, als ich eines Morgens, es war noch ziemlich früh, vor meiner Thür ſaß und in einer Zei⸗ tung las, die Abends vorher angekommen war, höͤrte ich von Weitem den Huftritt des kleinen Pferdes, wie es über einige auf dem Wege hinkriechende Baum⸗ wurzeln daherklappte. Verwundert, zu ſo ungewohn⸗ ter Zeit Mr. Graham kommen zu ſehen, ſtand ich auf, um ihm entgegenzugehen, als Othello, laut aufheulend vor Freude, heranſtürzte und mich zuerſt begrüßte. 3 Dieſer Hund näͤmlich hatte gleich von Anfang ſeiner Bekanntſchaft an eine große Zuneigung für Miß Ellinor bewieſen und auf Bitten derſelben ließ ich ihn bisweilen beim Pfarrer. Auch machte es uns Vergnügen, ihn von Zeit zu Zeit als Botſchafter zu verwenden, denn er kannte ſeinen Weg genau und man brauchte ihm bloß ſein breites ſilbernes Hals⸗ band mit dem eingenähten Briefe umzuſchließen, die Thür zu öffnen und zu ſagen: Othello, geh zu Dei⸗ em Herrn! ſo lief er ſchon ſchnaubend davon und ſemand richtete dann ſchneller und getreuer ſeine Bot⸗ aft aus als er. Von dieſen Botengänge aber — 110— mußten wir bald laſſen, denn eines Tages mit ſeiner leichten Bürde beladen und zu mir geſchickt, blieb er länger aus als gewöhnlich, und als er endlich lang⸗ ſam daherkam, ſtreckte er ſich ſogleich zu meinen Fü⸗ ßen nieder, indem er ſeine rechte Vorderpfote beleckte. Ich betrachtete den Fuß genauer und fand zu meinem Bedauern eine Schußwunde, die glücklicherweiſe nur leicht und durch eine Streifkugel erzeugt war, ihn aber verhindert hatte, ſeinen Weg mit der gewoͤhnlichen Schnelligkeit zurückzulegen. Von weſſen Hand der Schuß gekommen, war zur Zeit Niemandem bekannt, obwohl Phillipps ſeine eigenen Vermuthungen dar⸗ über hegte. 1 Dooch ich kehre zu dem am frühen Morgen mich beſuchenden Pfarrer zurück. Kaum vom Pferde geſtiegen, rief er mir ſeinen guten Morgen entgegen, drückte mir die Hand und ſagte: — Ich konnte heute den Mittag nicht erwarten, Sie zu ſehen, Percy, und da komme ich denn, Sie abzuholen, zumal es ein ſo ſchöͤner Morgen iſt, und wir reiten alsdann zuſammen heim. Ellinor hat Reb⸗ hühner für heute und ich den ſchönſten Claret bekom⸗ men... haha! es iſt des lieben Mädchens Geburz tag, Perey! 4 — 111 Er wollte fröhlich ſein, der gute Pfa trotz ſeiner angenommenen heiteren Laune merkte ich ihm eine gewiſſe Aengſtlichkeit an, die auf ſeinem ſonſt ſo ruhigen, friedlichen Geſichte mir nicht lange verborgen bleiben konnte. — Und was haben Sie außerdem, Graham?— fragte ich, ebenfalls eine lächelnde Miene annehmend, — verſtellen Sie ſich nicht, ich ſehe, ſie haben noch etwas Anderes zum... Deſſert. — Kommen Sie hinein!— Anflug traurigen Ernſtes, und wir g kleines Gemach.. — Nun, was giebt 32— fragte ich hier. — Zweierlei!— antwortete er. Erſtens ließ mich heute gleich nach Tagesanbruch Se. Herrlichkeit, der Marquis rufen. Ich fand ihn, natürlich im Bette noch, aber doch bedeutend kräftiger, als ich ihn ei⸗ nige Tage zuvor geſehen. 4 — Setzen Sie ſich, Graham!— ſagte er zu mir, ſobald ich eingetreten war, ganz wider ſeine Gewohn⸗ heit,— und antworten Sie mir: mein Sohn.... 3 der Viscount von Dunsdale, wollt' ich ſagen, beſucht 16 Sie oft? hm? — Ja, Mylord, alle Tage brehrt er mich mit ſeinem Beſuche!— antwortete ich und ſah ihn ſo ſagte er mit einem ingen in mein ruhig aatürlich an, wie es die Sache mit ſich brachte.. — Er beehrt Sie!... hm?... Und warum thut er das? — Aus Freundſchaft für mich, glaube ich, Ew. Herrlichkeit. — Und er beklagt ſich über mich.. 2.. Wie? — Ich hoffe nicht, daß er Urſache dazu habe, und wenn er ſie hätte, ſo beklagt ſich Mylord Percy über Nichts als höchſtens über das Unglück, ſeinem Vater, Ew. Lordſchaft, vielleicht einigen Kummer ver⸗ urſacht zu haben. — Kummer? Was ſoll das heißen? Aha! er myſtificirt Sie, oder... Ihr ſeid beide boshaft! ... Kummer!... Graham! Sie gefallen mir nicht ... mit einem Wort... mein Sohn darf Sie nicht mehr beſuchen! In meiner Nähe ſich aufhaltend und alle Tage ſein begehrtes Beſitzthum vor Augen... ſinnt er auf Handlungen, die mir nicht behagen und die ihm theuer zu ſtehen kommen könnten, falls er ſie ausführen wollte. Ha! ich weiß... Hat er ſonſt noch Urſache, Euch zu beſuchen, Graham? — So viel ich weiß... keine!— antwortete ich und mochte ihn etwas zu dreiſt und fragend da⸗ bei anſehen, denn ſein ſcharfes Auge heftete ſich ſte⸗ — Ja, Mylord, — 113— meinem Innern et⸗ ch und ſchien aus meines Wiſſens nicht chender auf mi u wollen, was was herausleſen z darin war. — Schlimm genug, daß Ihr es nicht wißt!— rief er erbittert,— Ich weiß es, und habe alſo zwei Gründe, ihn nicht bei Euch zu wünſchen... Ihr verſteht mich! icht, Mylord, und ich kann — Ich verſtehe Sie n nein Haus nicht verbieten, er kommt und werde ihm m. als Freund zu mir und ich liebe ihn! — Was! Ihr liebt ihn? ich liebe ihn. Von ganzem 8 Herzen!— betheuerte ich. 5 —Sir!— rief Seine Herrlichkeit plötzlich laut, — ich verbiete Euch, ihn zu lieben, und ich werde dafür ſorgen, daß er meine Nähe verlaſſe. Er um⸗ ſpinnt Euch und mich mit Ränken; nehmt Euch in Acht, wie ich mich in Acht nehme, denn weiß Gott! en laſſen! Und ich werde mich von ihm nicht bethör der mein Gebot, ſo ent⸗ weilt er noch länger hier wi ziehe ich ihm auch noch die 3000 Pfund... und ... und... — Mylord!— unterbrach ich ihn,— ſo viel ich von Percy weiß, fragt er gar nicht nach dieſen 2. Bannd. 8 Der Irre von St. James. .— 114— 3000 Pfund, überhaupt nicht nach Geld, denn er iſt ein Ehrenmann, — Graham!— rief der Marquis, auf das Höchſte erbittert,— ſchweigt! ich habe Euch ver⸗ kannt! Ein Sohn, der trotzig genug iſt, ſeinen Va⸗ ter wider Fug und Recht und auf Koſten eines Bru⸗ ders, der ihm nie etwas zu Leide gethan hat, beer⸗ ben zu wollen,... der kann kein Ehrenmann ſein... — Und will er denn das?— fragte ich lauter und heftiger als zuvor. — Ja, er will's! Er hat ſich geweigert, die Schrift zu unterzeichnen, die ihm ſeine richtige Stel⸗ lung in der Welt und zu mir und ſeinem Bruder an⸗ weiſt.... — Aber er hat ſein Wort gegeben, dieſe Stel⸗ lung anzuerkennen, das heißt, ſein Erbrecht abzu⸗ treten... — Das iſt nichts, das iſt nichts! Das iſt keine Bürgſchaft oder nur eine, die der morgende Wind verweht. Haha! ſo lange ich lebe... iſt er ruhig .. ja! wenn ich aber todt bin, wenn Mortimer, mein theurer Mortimer ſein Erbe antreten will, dann iſt er da! Haha! Dann iſt er da! — So wird er nicht handeln, Mylord, ich weiß — Ihr wißt nichts... und die Sache iſ⸗ gemacht... Ihr kennt meine Meinung, und die laßt ihn wiſſen... guten Morgen, Sir!........ ..— und ich ging, Percy,... und hier bin ich! und Sie kommen mir zu ſagen, daß ich Sie nicht mehr beſuchen ſoll?— fragte ich. — Mylord Percy! mein theurer Freund!— rief er,— was denken Sie von mir?... Im Gegen⸗ theil, ich komme, Ihnen zu ſagen, daß heute ein Feſttag in meinem Hauſe iſt und ich bitte Sie, heute früher zu kommen und länger zu bleiben als ſonſt! Sieht dieſes Verlangen wie eine Vertreibung aus?... — Das nicht, aber Sie erwarten vielleicht von mir, daß ich freiwillig Ihre Schwelle nicht mehr be⸗ trete? Der edle Mann ſah mich mit einer Miene an, 4 in der ein freundlicher Unwille mit dem Gefühle ver⸗ letzten aber erhabenen Stolzes kämpfte... — Percy!— rief er,— Sie thun mir wehe! das habe ich nicht verdient... jetzt fordere ich Ihre Gegenwart und augenblicklich! — Wohl, ich bin auch gern bereit und ſomit feiern wir unſre Verſöhnung, mein theurer Mr. Graham! Ich drückte den biederen, treuherzigen und für die 8 — 116— Wahrheit und das Recht mit feurigem Jugendmuthe kämpfenden alten Mann an mein Herz... von dieſem Augenblick an war unſre Freundſchaft eine ewige. — Und nun, Graham,— ſagte ich,— Ihre zweite Mittheilung. — Ja! Sie erinnern mich daran. Hier iſt ſie! Mit dieſen Worten zog er eine Zeitung aus der Taſche. Darin ſtand Folgendes, aus London datirt: „So eben hören wir aus zuverläſſiger Quelle, „daß Mylord Percy, Viscount von Dunsdale, nach „bisheriger Annahme älteſter Sohn des Marquis „von Seymour, Grafen von Codrington, König⸗ „lichen Ober... von langen Reiſen zurückgekehrt „iſt, um ſeine Rechte als Erſtgeborner des Mar⸗ „quis, der auf dem Sterbebette liegt, in Anſpruch „zu nehmen. Von ſeinen demokratiſchen und illoya⸗ „len Geſinnungen aber unterrichtet, hat Seine Herr⸗ „lichkeit, der Marquis, ſich bewogen gefühlt, ge⸗ „richtlich darzuthun, daß Mylord Percy u. ſ. w. „nicht ſein rechtmäßiger Sohn, ſondern aus einer „früheren, nicht anerkannten Verbindung entſproſ⸗ „ſen ſei, ſo daß alſo Sir Mortimer, der bisherige — 117— „zweite Sohn Sr. Herrlichkeit, als wirklich geſetz⸗ „mäßiger Erbe betrachtet werden muß. Wir berich⸗ „ten dies als eine Thatſache und werden zur Zeit „ein Näheres darüber melden, zugleich aber nehmen „wir dieſe Gelegenheit wahr, um dem liebenswür⸗ „digen und edelen Erben eines ſo hohen Namens „und ſo großer Reichthümer das Glück zu wün⸗ „ſchen, welches er auf alle Weiſe zu verdienen „ſcheint.............. Ich las dieſe Zeitungsnachricht und ich ſage die Wahrheit, wenn ich hinzufüge, ohne Erſtaunen. Eine of⸗ fenbare Niederträchtigkeit,— und ohne Zweifel war dieſe Veröffentlichung jener groben Lüge eine ſolche,— hat mich nie außer Faſſung zu bringen vermocht; im Gegen⸗ theil, ſte machte mich ſtärker und gab mir allen Muth und alle Beſonnenheit, die nöthig iſt, derſelben kühn und männlich entgegenzutreten. — Demokratiſch!— wiederholte ich, indem ich noch einmal die ſchändliche Nachricht überflog,— als wenn das ein Tadel in unſerer Verfaſſung wäre! Wie dumm, wie abſcheulich dumm! und das Nähere ver⸗ ſprechen ſie noch in der Folge mitzutheilen. Ja... Ihr ſollt es mittheilen, aber ich ſelbſt werde es Euch diktiren. Nun, Mr. Graham... muthig und ta⸗ pfer! furchtlos und gottgetreu! das iſt jetzt unſre Loſung! Was thun wir zuerſt? — Wollen Sie nicht an meinen Bruder ſchreiben, Mylord? fragte der Pfarrer, der etwas bleich gewor⸗ den war. Ich beſann mich, ehe ich antwortete, eine Weile. — Nein, Graham, noch nicht!— ſagte ich.— Gönnen Sie mir vier und zwanzig Stunden Bedenk⸗ zeit, denn einmal einen Entſchluß faſſen, heißt bei mir ihn auch ausführen, und jeder Schritt, den ich hier⸗ 5 in thue, iſt wichtig... wenn ich auch meinen Bru⸗. ddeer nicht ſchonen kann... mein Vater iſt ein alter 4 kranker Mann! Sie verſtehen mich... gefällt es* aber Gott, mir den Entſchluß zum Handeln zu ge⸗ ben... nun ja, dann meinetwegen vorwärts... Gefahren kennt meine Seele nicht. 5 Der Pfarrer ſah mich verwundert, lächelnd, fra⸗ gend an. 8 — Man ſollte meinen,— ſagte er,— es han⸗ delte ſich um ein Butterbrot, wenn man Ihre ruhige, gleichgültige Miene bei dem Allen ſieht. 85 — Gleichgültig, Graham?— rief ich.— Ja allerdings, es giebt eine Höhe des Schmerzes, wo einem fühlenden Herzen Alles... Alles gleichgültig wird... doch nein, nein! nein theurer Graham! — 119— Nicht Alles... Alles!... Aber jetzt laſſen Sie uns mein Pferd ſatteln und Miß Ellinor unſern Glück⸗ wunſch bringen............. .......... . 4 Phillipps führte die Pferde heraus, erhielt die Weiſung, nicht unruhig zu ſein, wenn ich etwas lange bliebe, und wir ſtiegen auf und ritten davon. *. V. Foriſetzung der geſchichte des Irren von 8t. James. 8 Da wir eine gute Stunde lang raſch forttrabten, ſprachen wir nicht mit einander, ein Jeder mochte das Seinige zu überlegen haben. Othello lief, nur bis⸗ weilen ſich nach uns umſchauend, weit voraus, denn er wußte ja Weg und Ziel unſeres Rittes und er konnte die Zeit nicht erwarten, wieder bei derjenigen zu ſein, die ihn mit Liebkoſungen und guten Biſſen an ſich gewöhnt hatte. Dieſe Betrachtungen führten meine Gedanken ſanft auf Miß Ellinor hinüber, und ſie weilten gern bei ihr. — Alſo ihr Gezurtsfeſt iſt heute!— ſprach ich zu mir ſelber,— und ich habe ihr kein Geſchenk zu bringen... ich bin ſo arm jetzt! Und ich dachte nach, was ich ihr wohl ſchenken — —— d Seele rufen und Gott bitten, 121— — könnte von dem Wenigen, was mir noch für die Ge⸗ genwart geblieben war... Und nun, mein Freund, laſſen Sie mich einen Augenblick bei der Erinnerung an dieſes liebliche Mäd⸗ chen verweilen. Sie denken gewiß, ich liebte dieſe Ellinor! Ja! wenn das Liebe iſt, nichts denken, nichts empfinden als nur einen einzigen Gegenſtand allein, den eigenen Schmerz und die eigene Sorge vergeſſen, und nur ihr Wort, ihren Blick, ihr Lächeln uns vor die allen ſeinen reichen Segen über dies einzige Weſen auszuſchütten... ja, dann liebte ich!... Ach! ich war damals vier und zwanzig Jahre alt und Ellinor war achtzehn geworden! Ich hatte auf meinen Reiſen viele der ſchönſten Frauen geſehen, aber noch nie mit einer in näherer Verbindung geſtan⸗ den oder auch nur den Wunſch dazu auftauchen ge⸗ fühlt, denn mein Geiſt war noch mit ſeinen extre⸗ men weltlichen Ideen und mein Herz mit ſeinen ju⸗ gendlichen Idealen erfüllt. Das beſeligende Gefühl, für ſich ſelbſt Nichts und einem Anderen Alles zu ſein, kannte ich noch nicht, ich wußte noch nicht, was es hieß, aus dem Blicke eines anderen, gleich mir menſchlichen„ Geſchöpfes Leben und Seligkeit zu trin⸗ — 122— ken, ſein Lächeln zu verſtehen, ſeinem Wink zu fol⸗ gen und ſo, Herr und Sklave in einer Perſon und in ſüßeſter Bedeutung, ſich auf Erden faſt überirdiſch und unvergänglich zu wähnen. Denn die Liebe, Sir, jetzt weiß ich es wohl, läßt uns den Gedanken nicht faſſen und ausbilden, daß wir einſt für das ge⸗ liebte Weſen, und dieſes für uns, aufhören könnten zu ſein! Damals hatte die Freundſchaft, die ich für mei⸗ nen Erzieher empfunden, noch alle übrigen Gefühle verſchlungen und für das allmächtigſte, alle Fugen meines Seins ausfüllende, Weſen auf Erden und im Himmel hielt ich nur Gott... Erſt, als ich, nach England zurückgekehrt, allein und verlaſſen daſtand, erſt als Vater und Bruder ſich von meinem Herzen geriſſen hatten und ich Ellinor mit meinem Hunde auf dem grünen Raſen des Waldes liegen, als ich dieſen offenen, reinen, kindlichen und doch ſo verſtän⸗ digen Blick auf mich gerichtet ſah und ihn in die tiefſte Tiefe meiner Seele dringen fühlte, erſt, als ich ihre Stimme vernahm, die eine ganz neue Welt von Em⸗ pfindungen in meinem ſchlafenden Buſen erweckte, erſt da fing der erſte Ton jener Saite an zu beben, der, einmal erklungen, ſchnell lauter und lauter ertönt, und mit ſeiner verſtändlichen, aufregenden Muſik un⸗ — — 123— ſer ganzes Sein, Geiſt und Leib zugleich, durchdringt und erfüllt. Aber dieſes meiner Phantaſie unaufhörlich vor⸗ ſchwebende und aus meinem Herzen alles Leid ver⸗ drängende Mädchen erſchien mir für meine Empfin⸗ dungen und Wünſche noch zu rein, zu erhaben, zu göttlich! Ich hielt mich nicht für den auserleſenen Mann, der in Allem würdig genug war, Ellinor zu lieben und von Ellinor geliebt zu werden; ich wollte erſt arbeiten an mir, mein Herz und mein Gemüth noch lauterer ſtimmen, erſt alles Irdiſche, allen Haß, allen Verfolgungstrieb aus meinen brütenden Gedan⸗ ken verbannen und ſo das Glück, die Seligkeit ver⸗ dienen, dieſes Engels Lächeln auf meinem Antlitze ruhen zu ſehen. Aber wie konnte ich nach dem, was mir ge⸗ dieſe löblichen Vorſätze ſo ſchnell voll— bringen! Vater und Bruder und Alles, was ſie mir Böſes gethan, ſtanden auf der einen Seite vor mei⸗ nem geiſtigen Auge, und Ellinor, was ſie mir Gu⸗ tes verhieß, auf der andern, und wie mich dieſe in meiner Selbſtſchätzung hob, zogen mich jene herab und ich ſchwankte in dem entſetzlichen Bewußtſein, 4 nicht zu wiſſen, was ich thun, wohin ich mich wen⸗ * des, ob ich zuerſt lieben oder zuerſt haſſen ſollte!.. ſchehen war, * — 124— Und dann auch, konnte ich wagen, jetzt mich die⸗ ſem reinen Weſen mit zärtlichen Wünſchen zu nähern, wo Schande und Verluſt auf mich herabgeworfen waren? Schande und Verluſt, die, wenn ich ſie auch nicht verdiente, doch in den Augen der nicht ſehenden und fühlenden, aber immer urtheilenden Welt mich herabſetzen mußten? Und müßte nicht das Mädchen, die Geliebte, das Weib an meiner Seite dieſe Herab⸗ ſetzung mit mir empfinden und doppelt empfinden, wenn ſie mich innig liebte und verehrte?... Und Ellinor ſollte dieſen Kummer, der ſo tief verwundet, ſo früh ſchon kennen lernen? Ellinor, das engelgleiche Geſchöpf, deren Wort mir ein Hauch der Göttlichkeit, deren Blick mir ein Sonnenſtrahl, deren Lächeln mir der Wink der Unſterblichkeit ſelber war, ſte ſollte ſchon jetzt in der zarten Blüthe ihrer Jahre, den kalten, verachtenden Blick des pöbelhaften Hau⸗ fens ertragen lernen?... Nein, nein! Das ſollte ſie nicht!.. Und dennoch trieben alle meine Gedanken um ſte herum, dennoch umkreiſten alle meine Empfindungen den Ort, wo ſie athmete, wo ſte lebte, wo ſie ging, wo ſie ſprach... dennoch ſtand mir ihr ſchönzs Bild Morgens, wenn ich erwachte und Nachts, ſchlif, wenn ich bei Tage, wenn ich ging, wenn ich ritt, win — 125— ich las, nicht nur vor Augen, ſondern es kam mir vor, als wäre ihre geiſtige Erſcheinung in meine Stirn gegraben, als fühlte ich ſie da, wo der Sitz und die Quelle meiner Gedanken war, ja, als klopfte ſie in jedem Pulsſchlag, den ich über alle meine Glieder ſich ausbreiten fühlte, wenn ich ſie ſah oder nur an ſie dachte...... Das waren dde Gedanken, die mir während der ſchnellen Bewegung, welche der Lauf meines Pferdes verurſachte, mehr durch den Kopf fuhren, als M ich ſie eigentlich ausgebil⸗ 6 det hätte. Mu]. Wir kamen endlich an einen breiten Graben auf * unſrem ſcharfen Ritte, den Grenzpunkt der Beſitzun⸗ 3 gen meines Vaters und ſeines nächſten Nachbars... Bravour ſprang zuerſt muthig hinüber und ihm folgte Graham's kleines Pferd etwas langſamer nach... dann ſahen wir in der Ferne das alterthümliche Pfarr⸗ haus mit ſeinen grauen Mauern aus ſeiner grünen blätterreichen Umgebung hervortreten und wir ritten nun langſamer neben einander her, um unſre Pferde 4 etwas verſchnaufen zu laſſen. 7,— Woran haben Sie gedacht, Perey?— fragte der Pfarrer,— Sie haben ja durch keinen Laut Ihr Daſein verrathen.“ — Ich habe an Ellinor gedacht!— erwiderte iche — Ob ſie ſich freuen wird, daß wir ſo früh zuruͤck⸗ kehren... ach! ich habe keine Gabe für ſie, nicht einmal eine ſchöne Blume... — Lächeln Sie, Percy, lächeln Sie!... und mein Kind wird ſich freuen, Sie froh und heiter zu ſehen!... Wir ritten wieder ſchweigend weiter, meine Blicke waren unverwandt auf das graue vor uns liegende Haus gerichtet... jeden Augenblick glaubte ich Elli⸗ nor in der Thuͤre erſcheinen zu ſehen... Aber ſie er⸗ ſchien nicht. Statt ihrer fedoche⸗ trat.cin Mann her⸗ aus, ſah einige Sekunden lang nach uns hin, dann bog er raſch in die Kaſtanienallee ein und verſchwand unſeren Blicken. Ich glaubte ihn zu erkennen, und raſch meinem Pferde die Zügel ſchießen laſſend, ſprengte ich in vol⸗ lem Galopp vor das Haus. Aber ich kam zu ſpät, der Mann war ſchon hinter den Bäumen und dem dichten Gebüſch verſchwunden und ich ſah nichts mehr von ihm. — Wer war das?— feagte ich den Pfarrer, aals dieſer endlich auch herangekommen war,— Ha⸗ den Sie ihn nicht geſehen? —— Ich ſah ihn, Percy, und wenn ich nicht irre, ſo war es Sir Mortimer... Ihr Bruder! 3 — 127— — und in Ihrer Abweſenheit, Graham? — Er wird ihr einen Blumenſtrauß zu ihrem aben, wie er es alle Jahre that, Feſttage gebracht h er Stimme... — erxwiderte Mr. Graham mit ruhig .Wir ſtiegen ab, gingen die Treppe hinauf und fanden Ellinor in dem Speiſezimmer, welches mit⸗ ten in dem Hauptgebäude lag und ſämmtliche vier Fenſter deſſelben einnahm. Sie erröthete ſichtbar, als wir eintraten. Aber Alles vergeſſend, als ich ſie wieder ſah, trat ich ihr näher, ergriff ihre Hand, küßte dieſelbe und ſagte: — Miß Ellinor! kein Menſch wünſcht Ihnen mehr Ihre ſtille Seele, als daß er nicht einmal eine ſeiner Aufrichtigkeit Ruhe und Zufriedenheit für V Percy, der jetzt ſo arm iſt, Blume hat, ſte Ihnen als Pfand und Ergebenheit darzubringen! Ihre ſchöne, weiße, zarte Hand war heiß, als ich ſie ergriff, und ſchien zu zittern. Sie erwiderte einige freundliche Worte und beſchäftigte ſich dann wie⸗ der zit der Bereitung des Frühſtücks. Ich ſah mich nach dem Blumenſtrauß um, den ihr, wie ihr Vater gemuthmaßt hatte, Mortimer ge⸗ bradht haben ſollte,... aber ich ſah ihn nicht. Men Her drängte mich nach dem eben weßgegangenen Be⸗ zu fragen, aber ich bezwang m un — 128— denn auch ihr Vater fragte nicht, der doch die meiſte Urſache zu fragen hatte... Ach! es lag ſo viel Scho⸗ nung in dieſem ſeinen Schweigen! denn welche Erin⸗ Namens meines Bruders in mir wach!.. Wir hatten das Frühſtück eingenommen. Der Vater ging in ſein Zimmer, um einige Augenblicke zu ruhen, denn der ſcharfe Morgenritt hatte ihn etwas ermüdet. Ellinor und ich blieben einige Augenblicke allein ſiten; jett drängte es mich ſtärker, die Frage zu thun, die ich vorher ſchon auf den Lippen gehabt hatte, und lag als eine ſo große Laſt auf meiner Seele, daß ich mich von ihr zu erleichtern beſchloß. Wir ſtanden auf, Ellinor nahm ihren Strohhut an den Arm und wir gingen in den Wald hinab. Ohne Zögern reichte ſte mir auf meine Bitte ihren Arm.. lieblich wallten ihre ſeidenen Locken um ihre ſchwellenden Schultern, das junge Moos ſchien mir unter ihrem leichten Schritt zu jauchzen... meine Scolz ſchwamm in einem Meere von Zufriedenheit lund — Miß Ellinor!— begann ich,— als ich Lein⸗ trat errötheten Sie, und Ihre Hand war heiß — 129— zitterte, als Sie mir dieſelbe reichten... hatten Sie eine Gemüthsbewegung gehabt? ... Sie ſah mich an... raſch... aber die⸗ ſer raſche Blick drang bis in das Innerſte meines Weſens. — Ja!— flüſterte ſie mehr als ſie ſprach,— ich hatte eine Gemüthsbewegung! 8 — und welche?— fragte ich.— Falls Sie Ur⸗ ſache haben, mich für Ihren Freund zu halten, ſo ſchenken Sie mir Ihr Vertrauen in Allem, was Sie bedrängt, und ich werde es mit dem freundſiſhſten Danke, den ich habe, bezahlen... mit meinem eige⸗ nen Vertrauen! — Sie ſind gütig, Mylord!— erwiderte ſie.— Und warum ſollte ich Ihnen nicht mein Vertrauen ſchenken, da Sie mir ſo oft Gelegenheit gegeben ha⸗ ben, das Ihrige zu empfinden? Auch würde ich ſchon geſagt haben, was Sie jetzt von mir zu hören ver⸗ langen, aber ich wollte den Vater nicht in ſeiner Hei⸗ terkeit ſtören, denn ſeine Stirn umwölkt ſich, wenn ich ihm von Ihres Bruders Beſuch rede. 2 — Alſo er war hier... ich habe mich M geirrt? — Sie irrten ſich nicht... und eben das jie Gemüthsbewegung, die ich hatte. Denn Der Irre von St. James. 2. Band. 9 war 1 .— 130— meine Hand faßten, bedachte ich, daß ſo eben dieſelbe Hand... Ihr Bruder berührt hatte... und als ich verglich... — Was? — Still, Percy, Sie durchbohren mich mit Ih⸗ ren Blicken... was iſt Ihnen? Ich ſchämte mich des Gefühls, das in mir auf— b loderte, ehe ſie mir dieſe Frage that. Erlauben Sie mir noch eine Frage, Miß El⸗ linor 1— fuhr ich in einem ſo ſanften Tone fort, als ich ihn annehmen konnte, um ſie nicht wieder zu er⸗ ſchrecken,— war mein Bruder Ihretwegen hier? — Ich glaube es!— war die leiſe Antwort, die mit einem Senken des Kopfes und einer Purpurröthe auf dem holden Geſichte gegeben wurde. — Sie glauben es nur? — Ach, Percy! Sie zürnen mir nicht... ich bin deſſen gewiß! — Und kommt er, weil er weiß, daß er gern geſehen iſt?— — Mylord!— rief ſie, faſt weinend,— was denken Sie von mir? 1 — Still, ſtill, Miß Ellinor... ich bin ſchon zufrieden! Ach! Sie wiſſen ja, ich muß meine brüder, — 131— 0 lichen Gefühle zurückhalten, wie ich auch keine kindli⸗ chen äußern darf... — Halten Sie ſie zurück, Mylord.... äͤußern Sie ſie nicht!— rief ſie mit einer ſo ernſten, ſo be⸗ ſorgten Stimme, wie ich ſie noch nie von ihr gehört hatte... ... Ich war betroffen... ich ſchwieg und ging voller Gedanken neben ihr her. Wie ich nicht wußte, was ich von dieſem Allen denken ſollte, wußte ich auch nicht, welchen Weg ich ging, und Ellinor folgte mir, ohne aufzuſehen. Ich hatte vergeſſen, wo ich war, ob im freien Walde, ob in einem verſchloſ⸗ ſenen Zimmer... es war mir auch gleichgültig, denn in meinem Innern gährte und trieb es und arbeitete an einem Gefühle, welches mich faſt erſtickte... Ich war von ihm dergeſtalt beherrſcht, daß ich wider Willen mein Schweigen brach und abermals begann: — Meine Bitte um Ihr Vertrauen hat noch kein Ende, Miß Ellinor!... Haben Sid ſchon bedacht, daß Ihr Vater nicht immer um Sie ſein wird? — Das kann ich nicht denken, Mylord,... mein Vater wird ewig bei mir ſein! — Ja ſo!— ſagte ich,— Sie ſprechen von der Gbigkeit... ich ſpreche nur von dieſer Erde... gchh! es iſt ſo ſchön an Ihrer Sin auf Erden zu 1 — 132— ſein!... ſchon bedacht, daß Ihr Herz auch noch für einen an⸗ dern Mann Raum haben muß? — Nein, Mylord, das habe ich noch nicht be⸗ dacht... es iſt auch nicht nothwendig. — Nothwendig iſt es nicht, aber möglich! — Ach ja... möglich iſt es!. — Und wie muß der Mann beſchaffen ſein, der Raum in dieſem Ihrem Herzen hat... 2 — Sie thun da eine ſchwere Frage, Mylord, ich habe mich noch nie ſo gefragt. Aber freilich... an⸗ ders muß er ſein als einige Männer, die ich bisher kennen gelernt habe... geträumt habe ich wohl da⸗ von, aber niemals daran gedacht! — Und wie war dieſer Traum? — O, er war ſchön und erhebend..! Meine theuerſten Empfindungen und Wünſche erfüllte er, denn in meinen Träumen kam mir jener Mann unter den Bäumen entgegen, aus dem Walde, meinem gelieb⸗ ten grünen Walde... die ganze Natur mir ch in ſeinem Blicke ſpiegeln und in ſeinem Herzen— die Welt leben, wie ſie nicht iſt,... aber ſeink ... und dieſe ganze Welt müßte die Liebe ſein und dieſe ganze Liebe... müßte er für mich he Noch einmal... Ellinor! Haben Sie 6 —— „ * — 133— ch! Mylord, ſolche Menſchen giebt es nicht... ... ach ich habe es ja nur geträumt! — Ellinorde— rief ich, h Bilde ihrer Phantaſie, das ſie, ohne es zu wollen imegriſſen von dem und zu wiſſen, theilweiſe der Wirklichkeit ſo nahe ge⸗ ſchildert hatte, Pllinor! wenn ſo ein Mann aus o vollkommen, wie dem Walde käme, freilich nicht ſ Sie ihn ſich geträumt, aber doch die ganze Welt in ſeinem Herzen tragend, und wenn dieſe ganze Welt voll Liebe und alle dieſe große grenzenloſe Liebe für was würden Sie dann thun? ch wieder lieben... doch! dieſer Mann Sie wäre... — O! Ihn würde i Ellinor!..Und wenn ich 4 wäte? 1— Percyi.. in der größten Beſtürz doch ſo voller Liebe auf mich gerichte ren Sie meinen Geiſt..! Ach, aber Percy hatte 2* 5 1 4 Um Gotteswillen!— rief ſie, ung und ihre Augen flehend und t— wohin füh⸗ 8 genug gehört... Percy hielt ſie in ſeinen ſtarken Armen... Percy fühlte einem Leben einen weiblichen Bu⸗ Bruſt ſich drängen, Perey hatte Freuden und Schmerzen, Vergan⸗ .-—m——— zum erſten Mal in ſ Hinumel und Erde, g heit Nnd Zukunft vergeſſen, 19 Aat ehe Mal in ſeinem Leben geliebt und geliebt — 134— von der, die er liebte; und geliebt ohne Gleichen, wie er unausſprechlich, ohne Rückhalt liebte... ... 4. r..-„ Eine Minuta⸗ verging und koch eine wagten wir es erſt uns anzuſehen, us ſahen wir?... Thränen in u& olgleich Seligkeit in unſern Herzen war. ... Da richteten ſich, wie aus einem tiefen Traume erwachend, unſre Blicke empor... wir ſa⸗ hen, was wir vorher nicht geſehen hatten... daß wir weiter als wir gedacht, von unſerer ſtillen Woh⸗ nung fort bis ganz in die Nähe des Schloſſes mei⸗ nes Vaters gekommen waren, daß man uns von dor⸗ hatte ſehen können, ja, daß man uns wirklich geſehen, 89 denn in der Hinterthür des alten, grauen, wie der finſtre Aufenthalt eines geſpenſtiſchen Dämons daſte⸗ henden Gebäudes... ſtand regungslos ein Mann, und dieſes Mannes Geſicht hing wie eine drohende Wetterwolke über uns, und dieſes drohende, fürchter⸗ liche Geſicht... war, meines Bruders Mortimer Geſicht. Ellinor drückte zuſammenzuckend, wie von. Naatter geſtochen, meinen Arm, urd me i als in meinem Geiſte beſorgt, drehte ich A mit ihr herum; wir gingen ruhig; aber doch vie N * —— — einer Gefahr hinwegeilend zurück und hielten nicht eher in unſerem Gange an, als bis wir Mr. Graham's Wohnung deor kei Die Stille, die einladende Ruhe um dieſes fin⸗ ſame Haus, gab uns auch unſre Ruhe wieder,... wir lächelten uns wieder freudig an und drückten uns in einem namenloſen Entzücken die Hände. Schneller als gewöhnlich ſprang ich mit Ellinor die Treppe hinan und noch die Thür zu des Pfarrers Zimmer in der rief ich, indem ich Hand haltend, ch meine mich beſeligenden Empfindungen bemeiſtern konnte: —Mr. Graham! Wir bringen I wartete Botſchaft! und wenn ich Ihre Stimme zu deuten ver⸗ mag,— erwiderte er, von ſeinem Bu — ſo iſt es eine fröhliche Botſchaft..! — Jal— ſagte ich und ſtellte mich vor ihn hin, Ellinor an der Hand h ein Geſchenk für Ellinor und woran wir beide nicht geda ihen Sie... welches? ch weiß es nicht, lich, aber es muß ein Geſchenk ſein, altend, cht haben,... — entgegnete er freur hnen eine uner⸗ che aufblickend, — ich habe doch ſie eins für mich gehabt, und ra⸗ id⸗ gein gegeben — nicht länger und eben ſo gern genommen, denn Ihr ſeht beide ziemlich zufrieden ds. — Ellinor ☛Clinor!— rief ich, denn ich konnte mein Geheimniß nicht län⸗ ger verbergen,— und was ſagen Sie dazu? Mr. Graham's, des Pfarrers, Blick hing an uns beiden, nicht mit Erſtaunen, aber mit einem Leuchten und einer Erhebung, die mich fühlen ließ, daß die ihm ſo eben mitgetheilte Nachricht ſein ganzes Innere bewege. — Wenn Gott ſo will, ſagte er endlich,— wie kann ich, Gottes Diener bin, es anders wollen!... Und mich, und G ſeine Bruſt ſchließend ... feierten wir drei eine⸗ dden uns aller Haß und alle Feindſchaft der icht zu trüben vermochte... Ja, mein Freund, wir hatten einmal eine. lichen Tag!..... ₰ — Forlſetzung der geſchichte des Irren von St. James. . Abermals ſaßen wir, Ellinor und ich, im Walde allein, denn der Vater hatte uns nach dem Mittagseſſen uns ſelbſt überlaſſen. Da plauderten 8 wir denn von dem, was uns jetzt das Nächſte und 1 Reueſte war, von unſerer Liebe... wie ſie entſtan⸗ m u achſen war..„wie ſie gehegt und ge⸗ werden ſollte... und wie unſre Zukunft nach in Wünſchen ſich geſtalten würde... 3 Ddie ſchönen Stunden eines warmen Sommer⸗ hmittags vergingen uns wie im Fluge und die Inne ſenkte ſich bereits, als Mr. Graham zu uns und ſagte: Nun, meine Kinder, nachdem Ihr Euren aaen Luft gemacht habt, gönnt auch mir einen Theil 4 — 138— Eurer Gegenwart, und zunächſt, Percy, habe ich ein ernſtes Wort mit Ihnen allein zu ſprechen. — Was haſt Du ihm allein zunſagen, mein Va⸗ ter, das ich nicht hören könnte!— erwiderte ihm Ellinor. Sein Glück wie ſein Unglück iſt zur Hälfte mein, und nicht das Ernſte allein, auch wenn es Trauriges wäre, will ich hören... ich verlange von Allem mein Theil. — Sie hat Recht,— ſagte ich,— ich denke ſie, ſo lange ich hier bin, keinen Augenblick zu ver⸗ laſſen, denn das Glück iſt ſo kurz und die Stunde verrinnt dem, der es genießt, ohnehin ſchon ſchnell genug. Was Sie mir daher zu ſagen haben ſagen Sie es mir in ihrer Gegenwart. Ich habe nichts dawider,— entgegnete der .„.„ Pfarrer,— wenn Sie und Ellinor es wollen, und S es iſt auch eigentlich ihre Sache ſo gut wie die Ihrige⸗ Hören Sie mich an... aber gehen wir lieber in das Haus, wer kennt und ſieht die Ohren alle, die die Wälder haben!— fuͤgte er leiſer hinzu „. ... Wir gingen hinein und ſetzten uns in das einſame, freundliche Thurmzimmer, das uns, je ſtil⸗ ler es war, mit jedem Augenblicke lieber wurde. — Haben Sie bedacht, Percy,— fing der Pfar⸗ rer an,— welche Wirkungen die Ereigniſſe! welche 3 8 — — 139— heute hier ſtattgefunden haben, in dem benachbarten Herrenhauſe hervorrufen werden? — Ich habe es bedacht, ja!— entgegnete ich. Da ich aber mündigen Alters und als mein eigmer Herr, nicht aber als Erbe des Marquis von Seymour und Codrington um Ellinor's Hand geworben habe, ſo kann mir die Meinung meiner Verwandten über dieſen Punkt wenigſtens gleichgültig ſein. Und da es gewiß einen Tag dauert, bis unſer Glück in ſeiner ganzen Ausdehnung ihr Ohr erreicht.. hier vergaß ich, daß Mortimer ein halber Zeuge deſſelben geweſen war... ſo iſt dieſe Zeit, wenn wir ſie anders rich⸗ tig anwenden, lang genug, Pläne zu faſſen und aus⸗ zuführen, die allen fremden, vielleicht nachtheiligen Beſtrebungen zuvorkommen... Weit mehr als das „aber fürchte ich, nach dem, was Sie, mein lieber Graham, mir über Ihre letzte Unterredung mit mei⸗ nem Vater mitgetheilt haben, daß der Unwille deſſel⸗ ben, wenn er durch meine heutige Handlung erregt werden ſollte, mehr gegen Sie als gegen mich gerich⸗ tet ſein wird. .— Glauben Sie das nicht,— erwiderte Mr. Graham,— glauben Sie das gar nicht! Wenn man r. 1—. 1* 8 unwillig wird... und ich zweifle keinen Augenblick * — aran.. ſo wird ſich die ganze Wucht ihres Un⸗ 8 — ℳ L. — 140— willens nicht gegen Einen von uns, ſondern gegen uns Beide wenden. — Dann wollen wir uns ſchnell entſchließen! ſagte ich.— Und nun hören Sie meinen Vorſchlag, der aus meinem Herzen kommt, und der, wenn er bei Ihnen Anklang findet, nicht ſchnell genug ausge⸗ führt werden kann... So lange ich in England bin, brennt die Sonne dieſes Landes meinen Schei⸗ tel mehr als ſie ihn erwärmt. Ich weiß ſtillere Orte, wo weder Feindſchaft noch Unruhe uns ereilt; dahin laſſen Sie uns gehen, und mein Beſitzthum, wenn es auch keins der reichſten und ausgedehnteſten in Eng⸗ land iſt, wird hinreichend ſein, uns allen Dreien Mittel zu gewähren, froh, glücklich und unabhängig leben zu können.... Was ſagſt Du, Ellinor, und was ſagen Sie, mein theurer Graham, zu dieſem meinem Vorſchlage? Ellinoe ſenkte das ſchöne Haupt auf meine Schul⸗ ter und ſah mich dabei ſchweigend und freudetrunken, aber mit einem Blicke an, den ich zu verſtehen glaubte. Aber der Pfarrer ſchüttelte bedächtig ſein chäuinlge Hmpie und erwiderte langſam: Der Vorſchlag iſt gut für Euch, meine Kin⸗ der, aber nicht für mich... Soll ich den Boden und die Stätte verlaſſen, der mich ſo lange genährt und ſoll ich die Gemeinde fliehen, der ich ſeit beinahe vier und zwanzig Jahren mit meinen beſten Kräften und Wünſchen gedient habe? Und dies Alles aus dem einen Grunde, weil ich die Schwachheit haben ſoll, Beleidigungen und Kränkungen zu fürchten dis vielleicht noch zu umgehen ſind?.... Bedenken Sie wohl! Soll ich nicht lieber zu Ihrem Vater gehen, ihm das Vorgefallene mittheilen, wenn nicht für Sie, doch für mich um ſeine Einwilligung bitten? Ich bin, wenn nicht ſein Unterthan, doch immer ſein Diener und außerdem Diener der Kirche auf ſeinem Beſitzthum, mein Perey! — Nein, mein Vater,— erwiderte ich freund⸗ lich,— das iſt nicht meine Meinung. Bedenken auch Sie! Um ſeine Einwilligung bitten, heißt: ohne die⸗ ſelbe nicht nach Ihrem Gutdünken und Ihrem freien Willen ſchalten und walten können. Laſſen Sie uns bei unſerm erſten Entſchluſſe verharren und wollen Sie dennoch Ihre Pflicht ganz erfüllen, ſo erwarten eine Anſicht Sie den Augenblick, wo er ſelbſt Ihnen j der Dinge vorlegen wird. — Der Augenblick wird nicht fern ſein, mein Sohn!— ſagte der Pfarrer leiſe und verſank in ein kurzes aber tiefes Sinnen. Ich unterbrach es, indem ich äh — So wollen wir bis dahin wenigſtens unſer Glück genießen und alle Vorkehrungen treffen, der Ausführung unſeres Vorhabens jeden Augenblick ge⸗ ig zu ſein. Ich werde vorläufig morgen früh Phillipps nach Dunsdale⸗Caſtle ſenden, um Alles zu uliſrem Empfange in Bereitſchaft ſetzen zu laſſen. Dann aber, mein Vater,... und mein Blick ſtreifte Elli⸗ nor, die ſchweigend aber erröthend zu ahnen ſchien, was ich andeuten wollte... darf ich hoffen, daß die Erfüllung des höchſten meiner eriſchan Wünſche mir nahe ſein wird? — Ich habe ihr nichts entgegen zu ſetzen,— ent⸗ gegnete der Pfarrer,— das iſt Ellinor's Sache, an dieſe wenden Sie ſich deshalb. 1 — Nun, Ellinor,— wandte ich mich zu dieſer, — hörſt Du, was Dein Vater ſagt? Ich für mein Theil eile nicht, aber die Verhältniſſe verlangen dieſe Eile... faſſe einen Entſchluß und theile ihn uns mit. Ellinor blickte erſt ihren Vater, dann mich an ... einen Augenblick ſchien ſie zu überlegen, dann aber, ſtatt aller Antwort, ſenkte ſie ihren lockigen Kopf auf meine Schulter und flüſterte:— — Ich bin entſchloſſen zu thun, was Du wün⸗ ſcheſt und was mein Vater will. So ſei es denn!— ſagte dieſer,— und der ——— — 143— der über uns iſt, uns kennt, uns ſieht Allmächtige, ſeinen Segen. und für uns ſorgt,... er gebe Amcnl........... .. Ach! die wenigen Stunden, die noch bis zur Nacht übrig waren, eilten geflügelt dahin... b es war mein erſter glücklicher Tag in England. aber auch mein letzter. Denn ſchon rauſchte das Ver⸗ ¼ haͤngniß über uns und wir vernahmen ſeinen dumpfen Flügelſchlag nicht, wenn gleich eine leiſe, zitternde Ahnung mein Herz beklemmte; daß ich zu glücklich, zu ſchnell, zu uͤberaus ſchnell glücklich geworden war! 4 Der ſtile Abend war der ſtilleren Nacht gewi⸗ chen; unzählige Stere flimmerten an dem reinen Him⸗ , aber der Mond war noch nicht aufgegangen, ⁵⅓ die Mitternacht ſollte er erleuchten. wir drei glücklichen Men⸗ en vom Abſchiede Schon zwei⸗ 8 1 8. 84—— 4 4 Bob, der alte treue Diener, mein Pferd ng er mit demſelben vor der Thür au Fund her, von Zeit zu Zeit zu d — 144— blickend, als ob er den Augenblick nicht erwarten könne, wo ich ihn von ſeinem Nachtwandeln befreien würde. Ich war mehr als zwanzigmal ſo ſpät davon ge⸗ g ritten, aber dnoch nie war uns der Abſchied ſo ſchwer geworden. — Bleib', bleib'!— flüſterte Ellinor mir immer wieder leiſe zu. — Sieh!— ſagte ſie dann lauter,— ſieh' die vielen ſchönen Sterne, wie unwandelbar ſie ſtehen, obgleich ſie mich jede Nacht beſuchen; du aber, mein Lieblingsſtern, den ich erſt heute aufgefunden, du willſt ſchon nicht mehr bei mir bleiben. — Kind!— ſagte der Vater liebevoll,— Dein Stern bleibt Dir wie die anderen gewiß... wenn er auch heute verſchwindet... morgen geht er Dir wieder auf. — Morgen! ja wohl morgen! Aber es iſt ſe ſchön dieſes Heute! Und ihr Arm umſchlang mich und ich füh. zarte, warme, elaſtiſche Geſtalt ſich umigen ſchmiegen.) Da ſchlug die große ſtehende Wanduhr el — Ellinor!— ſagte ich,— ich muß Vor ein Uhr bin ich nicht zu Hauſe, und u . . 1 Der J Irre von St. James. 2. Band. 10 — 147 Uhr will ich ſchon wieder hier ſein. Ich bedarf kei⸗ ner Ruhe, aber Du, Du bedarfſt ihrer. — Gut, wenn Du mußt, ſo geh! Ich werde niemals Deinem Wunſche und der Nothmyendigkekteim Wege ſein. Aber komm gewiß Punkt acht Uhr.* Ich nahm meinen Hut; Ellinor und ihr Vater⸗ begleiteten mich vor die Thür und traten mit mir zu dem Pferde, welches der alte Bob ſogleich heran⸗ führte. — Ach, was für ein ſchönes Thier dieſer tapfere Bravour iſt!— ſagte Ellinor und klopfte mit ihrer ſanften Hand den rabenſchwarzen, ſtolzen, ſchlanken Hals des edlen Roſſes, das leiſe wieherte und mit dem einen Vorderfuße ſcharrte. — Trag' ihn ſicher nach Haus', Bravour!— ſagte ſie ſchmeichelnd zu dem Pferde,— trag' ihn ſi⸗ cher, Du nimmſt mein Leben mit Dir! — Er bringt Dir auch Dein Leben wieder;— erwiderte ich, und küßte ſie zum letzten Male.— Adieu! Ich ſprang in den Sattel und ergriff die Zügel. —=— Bleibt Othello hier oder geht er mit?— fragte ich. — Nimm ihn mit, nimm ihn mit! die Nacht iſt vorm Aufgang des Müundis finſter und ich ſtige mich ſo ſehr... ach! wenn es doch erſt wie— der Tag wäre...! — Du haſt mich ſo oft dieſen Weg in der Nacht rritengaſfen, ohne eine Beſorgniß zu äußern, und iſt es heute nicht wie ſonſt? — Nein, mein Freund, es iſt heute nicht mehr wie ſonſt!— ſagte das liebliche Geſchöpf und drückte mir noch einmal die Hand.— Und nun reite lang⸗ ſam fort, ich bleibe mit dem Vater vor der Thür, bis wir Bravour's Hufſchläge nicht mehr hören, dann erſt, bis du allen meinen äußeren Sinnen entflohen. Gute Nacht... gute Nacht... gute N acht! — Gute Nacht!— rief auch ich und pfiff dem Othello, der ſogleich freudig aufſprang und vor dem Pferde herlief, auf dem ich langſam davon ritt... ... So ſtark und muthig ich mich bei dem Ab⸗ ſchiede geſtellt hatte, ich empfand dieſelbe peinigende und doch nicht zu entziffernde Beſorgniß wie Ellinor, und jetzt erſt, da ich allein war, geſtand ich ſie mir ſelbſt. Indeſſen beruhigte ich mich allmälig, denn ich dachte, es iſt die erſte Trennung, die Du beſtehen mußt, Du biſt in ein neues ungekanntes Verhältniß des Lebens getreten, das ſeine Gebühren fordert, Du wirſt jetzt dieſe Sorge um ein zweites theures Ich noch öfter erfahren! 4*. entgegengeſetzten Theile des Hauſes ſchlief, denn rine — 147— Aber nein! auch dieſe Betrachtung reichte nicht hin, mir meinen gewöhnlichen Gleichmuth und meine ruhige Unbefangenheit wiederzugeben... dunkele Bil⸗ der, wie die Schatten einer unbekannten Welt, Wweb⸗ ten in ununterbrochener Reihenfolge an dem Auge mi⸗ nes Geiſtes vorüber, und erhielten endlich eine ſol che Macht über mich, daß ich, als ich noch keine 2 Vier⸗ telſtunde weit geritten war, mein Pferd umwandte und zu mir ſelbſt ſagte: Du willſt ſie nur noch ein⸗ mal ſehen... es wird der unbekannte Trieb lieben⸗ der Sehnſucht ſein, der Dich ſo bemeiſtert... und dann willſt Du raſch nach Hauſe zurückkehren... Ich ließ dem Pferde die Zügel, flog zurück und im Augenblick fühlte ich eine ſanfte Beruhigung in mein Herz zurückkehren. Ich kam an, aber die Ge⸗ ſuchte war nicht mehr vor der Thür... ein matter Lampenſchimmer zeigte mit ihr Schlafgemach unter dem Studirzimmer ihres Vaters, der ſelbſt in dem Gefahr, mochte ſie ſein, welche ſie wollte, war in dieſem ſicheren und ſtillen Theile des Landes noch niemals zu fürchten geweſen..* Ich blieb lange vor dem Hauſe ſtehen und be⸗ trachtete es mit Entzücken. Es herrſchte eine ſo tiefe, 8 feierliche Stille um das Kndae Seniner, ein 5 10*. A 1 — 148— liebliche, friedliche Oede lag auf dem See zur Rech⸗ ten, auf dem Walde zur Linken, daß ich, von die⸗ ſer Einſamkeit durchdrungen, wie gefeſſelt auf meinem Pferde hielt und mich nicht genug an dem Anblick und dem Gefühle, welches ſie mir einflößte, laben konnte. — Nein! ich kann noch nicht von hier fort!— ſagte ich zu mir ſelbſt... ritt einige Schritte in den Wald zurück und band mein Pferd an eine junge Birke. Dann Othello leiſe zu mir rufend, der in den niedrigen Gebüſchen herum ſchnupperte, ſagte ich zu ihm: Du follſt allein mein Gefährte in dieſer ſchö⸗ nen Nacht ſein... und nahm nun meinen vorigen Standort wieder ein........... Ach! es war das erſte Mal in meinem Leben, daß ich in einer klaren, ſtillen Sternennacht unter dem Fenſter eines ſo heiß geliebten Weſens ſtand und mir ihr theures Bild vor die Seele rief; und ich lernte begreifen, was ich früher nie begriffen hatte, eine wie tiefe Poeſie in einer ſolchen Nacht und in ei⸗ nem ſolchen Beginnen lag, und daß der ſüße Genuß deſſelben einer der ſchönſten des liebenden Menſchen auf der Welt iſt. ...— Was mag ſie denken!— ſagte ich zu mir,— oder träumen?... Nein! ſie ſchläft und 4 3 N beobachten konnte. - 149— träumt noch nicht... ſie betet!... ach! und ich betete im Stillen mit ihr... Mag ſie ahnen, daß ich hier bin?... Würde ſie eben ſo ruhig ſchlum⸗ mern, wenn ſie wüßte, daß ich ihretwegen vor ihrem Fenſter wache?... Solche liebliche Gedanken erfüllten mein Herz und ich ſtand, wie vorher, ſtill... bewegungslos ... glücklich... und doch, wenn ich es mir recht genau zergliederte, lag etwas auf dieſem glücklichen Herzen, wie eine bleierne Hand, die es faſt krampf⸗ haft preßte und ſeine freudigen Schläge zurückzuhalten ſchien. ... Da fühlte ich plötzlich, wie Othello's Kör⸗ per ſich unter meiner linken Hand, mit der ich ſein Halsband hielt, damit er ſich ganz ruhig verhalte und nicht etwa wie gewöhnlich an der Hausthür ſcharre, wie ſein Körper ſich langſam dehnte und ſein Hals ſich allmälig und leiſe vorſtreckte. Ich wußte aus dieſer Bewegung, daß er etwas Fremdes wittere. Ich ſtand im tiefſten Schatten ei⸗ ner, ihre Zweige faſt bis auf den Boden ſenkenden, Kaſtanie und konnte unmöglich von irgend Wem wahrgenommen werden, während ich d nze Um⸗ gebung des vor mir liegenden Hauſes ziemlich genau — Pſt!— ſagte ich leiſe zu Othello, und der vollkommen gehorſame Hund regte ſich weder, noch gab er einen Laut von ſich, nur ſein Schweif ſtreckte ſich, wie es dieſe Thiere auf der Lauer zu thun pfle⸗ gen, und ſeine Naſe ließ die eigenthümlichen Töne ei⸗ nes auf Witterung befindlichen Hundes hören. Aber Alles war noch ſtill... kein Blatt be⸗ wegte ſich... Da... ſchien es mir plötzlich, als wenn die dunkle Geſtalt eines Mannes jenſeits aus dem Ge⸗ büſche trat. Ein längerer ſcharfer Hinblick überzeugte mich, daß ich mich nicht getäuſcht hatte... es war wirklich ein Mann... er kam näher... immer leiſe über den Raſen ſchlüpfend... ſchon ſtand er Ellinor's Schlafzimmer gegenüber... jetzt kletterte er, alles Geräuſch ſo viel wie möglich vermeidend, auf einen der nächſten Bäume... in dieſem Augen⸗ blick erloſch der Lampenſchimmer in dem Gemach... bald verbarg den Nachtſchwärmer 4 dichter Blätter⸗ teppich... ich ſah nichts mehr von ihm... Mein Herz klopfte ſo laut, daß ich es hören konnte und mein Arm, mit dem ich den Hund faſt gewaltſam zurückhalten mußte, fing an zu zittern. .. Jetzt ſtieg der Mann wieder vom Baume herab... langſam... leiſe... er ſchlich mehr — 151— als er ging über den Raſen zum Hauſe hin und ſah ſich, ſo viel ich ſehen konnte, nach allen Seiten um .. In dieſem Augenblickgerhob ſich ein leiſer Wind .. der Vorbote des aufgehenden Mondes.. da kletterte der Mann... er ſchien ſehr geübt in dieſem Geſchäft... an den Vorſprüngen des Thurmes bis zum nächſten Fenſter,... dem Schlafzimmer Ellinor's empor. Hier blieb er ſtehen und ſchaute durch das Fenſter in das dunkele Zimmer hinein... ſein Fuß war höchſtens zwei Ellen vom Boden entfernt... Ich athmete kaum, aber ich machte mich bereit. Hätte ich meine Piſtolen bei mir gehabt, die geladen in der Satteltaſche meines Pferdes ſtaken... ich hätte ihn erſchoſſen, denn ich fühlte, wie eine wal⸗ lende, leidenſchaftliche Empfindung, wie ich ſie noch nie gehabt und gekannt, ſich meines Herzens be⸗ mächtigte... Der Mann erhob ſeinen Arm am Fenſter und taſtete daran, herute Der Moment des Handelns war gekommen. Ich bog mich zum Ohr des Hundes hin⸗ ab und flüſterte: 8 — Jetzt faſſ' ihn an und halt' ihn feſt! Meine Hand ließ ihn fahren... der Hund flog lautlos und wie der Wind auf ſein Opfer los. Es bedurfte nur eines Sprunges und eines Ruckes u * — 152— der Mann ſtürzte herab und taumelte zu Boden; ſo⸗ gleich aber ſprang er wieder mit einer heftigen Bewe⸗ gung auf die Füße, während Othello, dem Befehle getreu, ſich begnügte, ihn an ſeinen Kleidern feſtzu⸗ halten. Da ging der Mond vollends auf und ich ſah .. o Sie wiſſen es ſchon... ich erkannte Mor⸗ timer... meinen Bruder! — Halt!— rief er mit einem unterdrückten Schrei,— Wer iſt da? Und er bemühte ſich, die Pfoten Othello's ab⸗ zuſchütteln, die jetzt auf ſeinen Schultern lagen und ihn hielten, wie die Tatzen eines Panthers, und der nur auf meinen Ruf zu warten ſchien, um mit ſei⸗ nen ſcharfen Zähnen einen ernſteren Angriff zu be⸗ ginnen. In den leidenſchaftlichen Gefühlen, die meinen Buſen durchtobten, begann ich zu vergeſſen, daß es mein Bruder war, der auf ſolche Weiſe vor mir ſtand, aber noch bezwang ich mich und rief mit einem unter⸗ drückten aber energiſchen Tone: — Dieb bei Tage und Dieb bei der Nacht! was willſt Du hier? — Hal— rief er eben ſo leiſe aber wüthend, denn jetzt erſt erkannte er mich, da des Mondes —. — 153— noch ſchwaches Licht wohl ihm aber nicht mir ins Geſicht ſchien:— Ha! Schurke... biſt Du es? Doch ſogleich faßte er ſich und ſagte ruhiger: — Rufe den Hund zurück, Du wirſt doch Dei⸗ nen Bruder nicht von der Beſtie zerreißen laſſen wollen? — Ich wollte, Du wäreſt nicht mein Bruder, — antwortete ich ihm,— dann ſollte nicht mein Hund, ich ſelbſt wollte Dich zerreißen!... Komm zurück, Othello! der Mann iſt zu ſchlecht für Dich! Der Hund gehorchte und trat hinter mich, aber geſpannt, den erſten beſten Augenblick wieder auf ihn los zu ſtürzen. Kaum aber fühlte ſich Mortimer von der Laſt des gewaltigen Thieres befreit, ſo kam ihm der Muth wieder und mit ihm der Zorn. — Biſt Du auch hier?— rief er mit verbiſ⸗ ſener Wuth und ſuchte ſich mir etwas zu nähern,— Willſt Du auch hier eine Erbſchaft holen? — Schweig!— rief ich— und entehre den Frieden dieſes Hauſes nicht mit Deinen hämiſchen Worten wie mit Deiner ſchamloſen That... Du wagſt viel, denn Du biſt hier auf meinem Gebiete ... Ellinor iſt meine Braut und nargan Ffaſcht ichon m mein Weib! 3. Dein Weib? Haha! Verfluchter Shunte... Dein Weib? Erſt ſei ein Mann und dann nimm Du Dir ein Weib! Und mit dieſen Worten ſprang er auf mich los und faßte unverſehens meine Kehle. Aber ich, mit der linken Hand den aufſpringenden Othello mit ei⸗ nem Rufe zurückwerfend, dem er glücklicherweiſe ge⸗ horchte, da ein Kampf mit uns beiden zu ungleich war, faßte ich mit meiner Rechten kräftig ſeine Bruſt und drängte ihn gegen einen Baum zurück, indem ich ihn ſo weit wie möglich von dem Hauſe zu entfernen ſuchte. Es gelang mir, aber meinen Gegner machte dieſer erſte Erfolg von meiner Seite wüthend und noch wüthender wurde er vielleicht, da er ſich ohne Waf⸗ fen wußte. Nochmals ſprang er auf mich los und ſuchte hämiſch einen meiner Füße mit ſeinem Fuße zu erreichen. Da aber riß mir die Geduld; ich fühlte, daß es an mir war, den unnatürlichen Kampf zu be⸗ enden, der kurz aber gewaltſam und entſcheidend war. . Mein Bruder war groß und kräftig gebaut, Wuth und Verzweiflung verdoppelten ſeine Kräfte; was aber vermochte ſeine Stärke gegen meinen eiſernen Arm und meine breite gigantiſche Bruſt, gegen mich, der ich in allen Künſten des Fechtens und Ringens ſo geübt war und mit der beſonnenſten Ruhe Verthei⸗ digung und Angriff unterſtützte. 3 Nach einigen fruchtloſen Anſtrengungen, ihn von mir abzuſchütteln, umfaßte ich ſeinen Leib in der Mitte und ihn mit aller meiner Kraft hoch vom Boden er⸗ hebend, was er am wenigſten erwartete, ſchleuderte ich ihn wie eine Natter zur Erde, daß das Gebüſch, in welches er fiel, knackte, brach und über ihn zu⸗ ſammenſchlug. Othello wollte ihm nach... abermals rief ich ihn zurück. Mit hoch aufathmender Bruſt ſtand ich und wußte nicht, was ich nun thun ſollte... da, nach einigen Minuten erhob ſich der Gefallene wieder und einen Stein nach mir werfend, der dicht an meinem Kopfe vorbeiſauſte, ſchüttelte er gegen mich die geballte Fauſt und mit den Zähnen knirrſchend rief er, als ſchäme er ſich, laut ſeine Niederlage auszuſchreien, mit halb unterd etem Hohnlachen: Diesmal iſt die Uebermacht und der Sieg. Dei aber freue Dich nicht Deines Triumphes, re⸗ bel er Knecht,... weder die Braut, noch weni⸗ 97„s Weib ſoll Dir gehören! Und alſo ſprechend ſchleuderte er mir einen Fluch zu und verſchwand augenblicklich in dem dunklen Schat⸗ ten der Bäume. Lanut⸗ und regungslos ſtand ich da und ſah ihm nach, den treuen Gefährten, meinen Hund, haltend, daß er ihm nicht nachſtürze und ihn zerreiße. Aber mein Herz und meine Glieder zitterten, als hätte ich eine Mordthat verübt und über meinen Körper lief ein kalter Schauer, als fühlte ich das Herannahen eines ſchrecklichen unentrinnbaren Verhängniſſes. Wie lange ich ſo ſtand... ich weiß es nicht. Nur langſam erholte ich mich. Es war aber nicht die gehabte Anſtrengung, die mich ſo erbeben machte, nein! es war ein vorausſehendes Gefühl, der Inſtinkt einer kommenden Gefahr, der ich nicht entrinnen konnte, welche mich ſo ergriff und mir andeutete, ein K Kampf habe begonnen, ein ſchrecklicher, erbitterter Kampf, der nie enden werde, ohne den Einen oder den Andern von uns Brüdern zu entſeelen. Allmälig erſt kam mir die ruhige Ueberlegung wieder; mein Geiſt arbeitete kräftig gegen die von Au⸗ ßen andringenden Gefahren... was ſollte ich jetzt thun? Nach Hauſe zurückkehren?... Nimmermehr! Die Gefahr für Ellinor konnte noch nicht vorüber ſiin und meine Hülfe noch einmal nothwendig wer⸗ — 157 den. Ach! ſie hat nichts von dieſem Streite gehört, dachte ich, und das war meine größte Beruhigung, und ſie ſoll auch nicht erfahren, daß ein Bruder, und noch dazu der Bruder ihres eigenen Geliebten es war, der ihr dieſe Schmach bereitet hat! Ihre Nuhe ſoll durch ſolche Schändlichkeit nicht getrübt, ihr kindliches Vertrauen zu der Menſchheit auf dieſe Weiſe nicht mit Füßen getreten werden!...... Ich ging zu dem Baume zurück, wo mein Pferd ſtand, löſte Sattel und Zügel, damit es ſich legen könne und trat wie⸗ der mit Othello unter die Bäume, hinaufblickend zu dem ſtillen Fenſter, wo vielleicht die lieblichſten Traum— bilder das edelſte der Herzen umrauſchten und ihm Liebe und Luſt ſangen, während dicht unter demſelben Fenſter Bruder mit Bruder um das Leben, und um des Lebens Preis... die Liebe, rang... So blieb ich ſtehen, bis die Sterne erbleichten, bis das Mondlicht erloſch und der erſte roſige Schim⸗ mer des goldenen Tages heraufkam, mit friſchem Lichte Wald und Flur erquickte und die Sänger des Wal⸗ des zu erneutem Leben wach rief... Jetzt mein Pferd ſattelnd und beſteigend, ritt ich langſam in geringer Entfernung um das ſtille Haus herum, und erſt, als ich die erſte Bewegung in ſeinem Innern wahrnahm, ſtieg ich ab und klopfte an die Thür, die mir ſogleich 7 von Bob geöffnet wurde, der mich verwundert anſah und fragte: — Was! Schon wieder da, Mylord? Miß Elli⸗ nor ſchläft noch, aber Mr. Graham ſitzt ſchon oben und betet ſein Morgengebet. — Ich will mit ihm beten!— erwiderte ich.— Melde Niemandem meine Ankunft und führe mein Pferd in den Stall. Und die Zügel deſſelben ihm zuwerfend, ſtieg ich leiſe die Treppe hinan, damit Ellinor meinen Schritt nicht hören und erkennen ſollte, denn die Ohren der Liebe hören ſcharf. Ich klopfte leiſe an die Thür und trat ein. Der Pfarrer ſah mich, meinen zerknitterten Anzug, meine aufgeregte aber bleiche Miene kaum, als er ſchon rief: — Gerechter Himmel! Percy, wo kommen Sie her? Was giebt es... was iſt geſchehen? — Nichts, Sir!— ſagte ich in einem ſo ruhi⸗ gen Tone, wie ich ihn anzunehmen vermochte,— Nichts als daß zwei Söhne eines Vaters auf Tod und Leben um Ihre und Ihrer Tochter Ehre gerun⸗ gen haben... — Hal es iſt doch kein Blut gefloſſen.. 2 — Nein, nein! Wie zwei Athleten haben ſie in — 159— Ermangelung beſſerer Waffen mit ihren bloßen Armen gekämpft und ich... bin Sieger geblieben! Und hierauf erzählte ich ihm, in welcher Be⸗ klemmung ich fortgeritten, wie ich, von innerer Angſt getrieben, umgekehrt und wieder angekommen war, und was ſich dann ereignet hatte. — Und nun,— ſchloß ich,— ſehen Sie hier⸗ aus, Graham, wie nöthig es war, geſtern ſchon auf einen ſchnellen Entſchluß gefaßt zu ſein? Sie begrei⸗ fen, wie Ihr Haus, Ihr einſames, unbeſchütztes Haus keine Sicherheit mehr bietet, wie ſelbſt Ihr ehr⸗ würdiger Stand als Pfarrer der Gemeinde meines Vaters keine Achtung mehr erweckt, und daß Ihre Tochter eines kräftigen Beſchützers nicht mehr entbeh⸗ ren kann, der ſie vor ähnlichen Anfällen behüte und über ſie wache, ſelbſt in der Unantaſtbarkeit des jung⸗ fräulichen Schlafes. Nur um Eins, Graham, bitte ich— fügte ich hinzu— kein Wort von dem Vor⸗ gefallenen an Ellinor... ihre Ruhe iſt mir zu theuer, als daß ich ſie mit dem Gift dieſer böſen That be⸗ flecken ſollte... verſtehen Sie mich? Laſſen Sie uns Männer allein handeln; meine Sache wird es ſein, ſie unſerem Willen und unſeren Entſchlüſſen fügſam zu machen... und, ich weiß, ſie wird mir gehorchen. — Iſt es dahin gekommen!— rief mit vor — 160— Schreck und Entrüſtung bleichem Geſicht der Pfarrer, — Iſt das der Dank für meine gewiſſenhafte Dienſt⸗ führung im Hauſe des Edelmanns und für die un⸗ beſcholtene vieljährige Pflichterfüllung in meinem gött⸗ lichen Berufe, daß ſein eigener Sohn es wagen kann ... pfui! abſcheuliche That... Nachts... meine Tochter... mein einziges theures Kind... nein! nein! es iſt zu viel!... Erlauben Sie, Percy! rief der Mann mit dem auflodernden Feuer eines edlen Stolzes,— erlauben Sie, daß auch ich handele! Ich muß hin... hin muß ich... dem argloſen Vater die Schandthat ſeines verzogenen, theuren, eh⸗ renhaften Sohnes mitzutheilen... vielleicht weiß er es nicht, welche Zierde er an ihm hat und er kennt ihn noch nicht ganz... aber... ich werde reden und in Sir Mortimer's höchſt eigener Gegenwart werde ich reden... und ich werde den Schutz, den er als Chriſt meinem Berufe, und als Gutsherr meiner Stel⸗ lung ſchuldig iſt, in Anſpruch nehmen, und für die mir widerfahrene entſetzliche Kränkung Genugthuung fordern.. G — Und wer iſt Ihr Zeuge, Graham,— fragte ich,— daß dieſe Schandthat wirklich hier verübt wurde?... hoffen Sie nicht zu viel... der Thä⸗ ter wird ſie nicht eingeſtehn! — 161— — Sie, Sie, Percy, ſind mein Zeuge... ha! ich werde, ich will ihn ſeine Söhne kennen lehren... endlich iſt es Zeit, ihm die Augen zu öffnen, und wenn noch ein Funken göttlichen und menſchlichen Ge⸗ fühles in ſeiner ſtarren Bruſt glimmt, ſo will ich ihn zur lebendigen Flamme anfachen... ich will auch einmal Sieger ſein... o, ſie kennen mich nicht! — Handeln Sie nach Ihrer Einſicht und nach Ihrem Willen, Graham, mir aber erlauben Sie, un⸗ terdeſſen zu thun, was ich zu thun für gut halte. Aufgeregt und zu einem kühnen Schritte entſchloſ⸗ ſen, wie ein ſtilles aber feſtes Gemüth es immer iſt, wenn es zu einer entſcheidenden Handlung gereizt wird, ging der Pfarrer, ſich in ſein prieſterliches Gewand zu kleiden, um ſeinem Vorhaben eine Feierlichkeit zu ge⸗ ben, die es nachdrücklicher machen ſollte. Unterdeſſen ſchickte ich den alten Bob mit einem Pony zu Phil⸗ lipps und ließ ihm ſagen, von der nächſten Poſt ſo⸗ gleich einen bequemen mit vier Pferden beſpannten Wagen nach meiner Wohnung bei der Förſterswbittwe zu befördern, wo er auch ſelbſt auf meine Befehle warten ſolle. 3 4 Als ich dieſes eingeleitet hatte, kam der P trrer angekleidet zurück. Der Irre von St. James. 2. Band. 11 — 162— — Es iſt noch zu früh,— ſagte ich zu ihm,— Sie werden nicht eingelaſſen werden. — Für die Botſchaft eines Dieners der Kirche und für die, welche ich bringe, iſt es nie zu früh. Auch ließ er mich neulich um dieſelbe Stunde rufen, denn Seine Herrlichkeit hat ſchlafloſe Nächte und ſein Morgen bricht vor dem unſrigen an. Alſo laſſen Sie mich... auch muß ich hin, ſo lange mein Blut warm und die Sache friſch in meinem Gedächtniß iſt. — So gebe Ihnen Gott ſeinen Segen!— ſagte ich,— und ſchüttelte ihm die Hand... aber ich hatte kein Vertrauen zu dem Gelingen ſeines Vorha⸗ bens, denn ich begann den eigentlichen Heerd des Verderbens zu ahnen, welches über unſern Häuptern angebrochen war. Er ging... Ellinor aber, die aus ihrem ruhigen Scphnnmer vielleicht eben freudig erwachte Ellinor, die nur an die achte Stunde des Morgens dachte, wo ihr Ge⸗ liebter wieder bei ihr ſein würde, und die vielleicht die Minuten zählte, bis die Uhr die Stunde ſchlug. wußte noch nicht, daß ich ihrer Erwartung zuvorge⸗ kommen, daß ihr Vater ſchon ihretwegen auf dem ſchweren Wege zum Herrenhauſe war, und daß viel⸗ leicht noch dieſer Tag ein Ereigniß herbeiführen könnte, welches die Hoffnung ihres ganzen Lebens vernich⸗ tete... Endlich ſchlug es acht Uhr. Da ſah ich ſie vor die Thür treten und in die Richtung ausſchauen, in welcher ich ihr geſtern entſchwunden war und heute zurückkehren ſollte. Elaſtiſchen, munteren Schrittes betrat ſie den von lindem Thau betropften Wald... ſie kam an den Baum, wo Bravour die Nacht zu⸗ gebracht hatte und blieb eine Weile unſchlüſſig, wahr⸗ ſcheinlich im Angeſicht der Spuren, die ſein ungedul⸗ diger Huf zurückgelaſſen, verwundert ſtehen... dann aber ging ſie wieder weiter, ſorglos... froh... erwartungsvoll...— In ihre Betrachtung verloren, vergaß ich ſogar die Gefahr, die ihr abermals im Walde drohen konnte, aber ich überwachte mit meinem Auge jedes Gebüſch und jeden Pfad... da rannte der Hund, welcher Bravour nach ſeiner Gewohnheit zuerſt in den Stall gefolgt war, ihrer Spur nach,... ich hörte ihren freudigen Ruf und den Hund ſein gewöhnliches Freu⸗ dengeheul ausſtoßen... jetzt, dachte ich, iſt ſie ſicher .. und meine Gedanken flogen wieder zu ihrem Vater zurück, den ich mit Ungeduid erwartete, bevor ich ſie begrüßen wollte, und?... wo bleibt er? Ich ſollte nicht lange mehr wanin z er kam... — 164— aber wie kam er! blaß, verſtört, leidenſchaftlich... er, der ſonſt ſo ruhige, beſonnene, unerſchütterliche Mann... in demſelben Augenblicke ſtürzte Ellinor herein... — Um Gotteswillen! Was giebt es?— rief ſie. — Du ſchon hier, Perey, und ich weiß es nicht, und Du mein Vater im Ornat... ich bitte Euch... o ſagt mir, was giebt es? — Ruhig, Kind!— ſagte der Vater ſeierlich ernſt, obgleich mit bebender Stimme— Miſche Dich jetzt nicht in unſre Angelegenheiten... Du kannſt hier nichts thun, Du biſt uns im Wege... geh' ... und überlaß Männern die Sorge um Dich! Das Mädchen hing erſchrocken an meinem Arme, ſo hatte ſie ihren Vater nie ſprechen hören... ſie ſah mich flehend an. — Geh' auf Dein Zimmer, theure Ellinor,— redete ich ſie an,— der Vater hat Recht. Es hat ſich etwas Ernſthaftes zugetragen, was von Folgen ſein kann. Du ſollſt es zuerſt von mir erfahren... jetzt aber thu' mir die Liebe und geh' auf Dein Zim⸗ mer, bis wir zu Dir kommen. Das Mädchen ging, ohne ein Wort zu ſprechen, ſie ſah ſich nicht einmal mehr nach mir um. 1 Kaum aber war die Thür hinter ihr ins Schloß* — 165— gedrückt, fo trat der Pfarrer auf mich zu. Er hatte ſeinen Talar abgeworfen, ſein kahler Scheitel war ohne ſein gewöhnliches ſchwarzſammetnes Käppchen und in ſeinen Mienen lag ein unendlicher Schmerz; aber Muth, Vertrauen, Faſſung und Seelenſtärke thronten auf ſeiner hohen gedankenſchweren Stirn. Meine beiden Hände ergreifend, rief er: — Percy, mein Sohn! Es iſt Alles vorbei... die Mühe war vergebens. — Ha! Alles, ſagen Sie? Was hat er geſagt? — Fordre nicht zu hören, was geſchah. Be⸗ gnüge Dich zu wiſſen: daß Du und meine Tochter⸗ und ich ſelbſt beſchimpft... ja, beſchimpft wurden .. Und nun laß uns die Anſtalten treffen, dieſes Haus und dieſe Gegend zu verlaſſen, die mir bis heute ſo lieb, werth und theuer waren... denn es beſteht zwiſchen Deinem Vater und mir fernerhin kein Verhältniß mehr. Arm, wie ich kam, gehenich auch wieder fort... was ich von ſeinem Gelde erworben ... ich laſſe ihm Alles zurück. Ich ſah ihn theilnehmend, fragend, bittend an .. es kam eine Thräne in ſein Auge, aber er zer⸗ drückte ſie ſtandhaft. — Es iſt Alles, Alles vorbei!— wiederholte er,— Sieh mich nicht ſo forſchend an. Du „— 166— darfſt nicht mehr wiſſen, Du kannſt es Dir aber den⸗ ken. Und nun antworte mir: biſt Du noch entſchloſ⸗ ſen, des armen brotloſen Pfarrers beſchimpfter Toch⸗ ter, was Du ihr geſtern gelobteſt, heute zu halten, ihr Beſchützer und ihr Berather zu ſein? Und biſt Du es bald zu ſein entſchloſſen? — Jeden Augenblick!— erwiderte ich,— und lieber jetzt gleich, als ſpäter. — So iſt es gut! Und meinen Segen wenig⸗ ſtens haſt Du und... ich denke... ich werde auch, obgleich ich nur ein armer, ehrlicher Pfarrer bin, bei Dem etwas gelten, zu dem Könige und Grafen und Herrn um Erfüllung ihrer Wünſche flehen! Ich fühlte einen kalten Schweiß von meiner Stirne herabrinnen und zitterte. — Hat er mir geflucht?— fragte ich leiſe und athemlos. — Still, mein Sohn, ich habe Dich geſegnet ... Und nun laß mich einige Stunden allein; ich habe einige Briefe zu ſchreiben und noch Mehreres zu bedenken... dann bin ich Dein, dann Euer, und, wenn Ihr wollt, trennen wir uns für's ganze Leben nicht mehr... ... Ich ging und begab mich zu Ellinor. Sie war vernünftig genug, nicht mehr wiſſen zu wollen, — 167— als was ich für gut fand ihr zu ſagen... ſie war entſchloſſen... ja, mein Freund, entſchloſſen, noch an dieſem Tage mein Weib zu werden... .. Nach zwei Stunden kam Mr. Graham auf unſer Zimmer und fragte, wann der beſtellte Wagen an Ort und Stelle ſein könne? — Nachmittags vier Uhr!— ſagte ich. — Gut,— erwiderte er,— ſo ſei es! Nimm Abſchied, Ellinor, von Deinem kleinen Beſitzthum, und belaſte Dich nur mit dem, was Dir das Liebſte und Nothwendigſte iſt. Das Uebrige bleibt denen, die es uns gaben, doch wird es Niemand antaſten. — und wann brechen wir auf?— fragte Elli⸗ nor Eure Mienen ſind ſo entſetzlich verſtört, daß mich ein Schauer überläuft, wenn ich ſie ſehe. Ich fühle, daß unſre Heimath hier nicht mehr iſt... laßt uns eilen, uns eine andre zu ſuchen. — Ich denke, nach dem Eſſen ziehen wir fort — ſagte ihr Vater,— es wird unſre letzte Mahlzeit in dieſem Hauſe ſein... Mittags zwölf Uhr kehrte Bob zurück, nachdem er meinen Auftrag an Phillipps ausgerichtet. Wir — 168— nahmen ſtillſchweigend unſre Mahlzeit ein... dann rüſteten wir uns. Zurück blieb nur eine Magd, die zum Herrenhauſe gehörte und beim Pfarrer in Dien⸗ ſten geweſen war. Das wenige Geräth, die Leib⸗ wäſche und die Kleidungsſtücke, die mitgenommen wer⸗ den ſollten, wurden auf einen Pony gelegt. Den zweiten beſtieg Ellinor. Als ich ſie auf das kleine Pferd hob, lächelte ſie mich unter Thränen an, die⸗ ſem ſüßeſten Lächeln in der Welt, denn es iſt, wie wenn die Sonne unter einer ſchwarzen Wolke freudig hervorblickt... Mein Pferd führte Bob, der Pfarrer und ich ſchritten zu Fuße mit Othello nebenher. Schweigend verließen wir den ſchattigen, mit grünem weichem Raſen belegten Vorplatz... keiner ſah den Andern an... der eigne Schmerz war groß genug, um ihn nicht noch durch die Traurigkeit des Andern zu vermehren... Dreihundert Schritte moch⸗ ten wir gegangen ſein, da hielten wir Alle unwillkür⸗ lich an, wendeten uns um und blickten auf das ſtille Heiligthum zurück, welches wir verließen, und das uns nun kein Heiligthum mehr war. Da lag das ſtille Häuschen... der breite blaue See... ach! der Himmel darüber war ſo hell und rein!... und der ſchweigende, geliebte, grüne Wald — 169— .. wir blickten uns an... wir drückten uns die Hände, aber nur unſre Herzen ſprachen ihre Gefühle aus...Die Lippen blieben ſtumm... So wanderten wir Mittags zwei Uhr aus dem Pfarrhauſe und kamen gegen fünf Uhr Abends in der ſtillen Wohnung der Förſterswittwe an. Phillipps ſtand ſchon mit dem Wagen und den Pferden bereit............ VII. Schluß der geſchichte des Irren von 8kf. James. .. Hier machte der Erzähler wieder eine kurze Pauſe und ſchöpfte tief Athem. Ich wagte nicht, ihn zu unterbrechen, denn ich war ſowohl auf das Kom⸗ mende äußerſt geſpannt, als auch wollte ich ihm keine Minute ſeiner Zeit rauben, da es nicht weit vom An⸗ bruch des Morgens ſein konnte. So fuhr er denn wieder fort: 5— Laſſen Sie mich über das Ende meiner trau⸗ rigen Geſchichte raſch hinweggleiten, auch bricht der Tag bald an und ich kann nur mit Anſtrengung der Erinnerung an das mich hingeben, was noch für Sie zu hören übrig iſt. Zwei Meilen von dem Orte entfernt, wo wir unſern Wagen gefunden und beſtiegen hatten, ſtand — 111— auf dem Gipfel eines kleinen,„Nbhes bewach⸗ ſenen Hügels eine Waldkapelle, die, noch ziemlich wohl erhalten, von einem alten Kloſter übrig war, deſſen Ruinen in der Nähe lagen und ſchon ſeit langer Zeit wegen ihrer architektoniſchen Schönheiten vielfältig be⸗ ſucht wurden. Ein alter, von der Welt abgeſchieden lebender Kirchendiener hatte ſeinen Wohnſitz dicht da⸗ neben aufgeſchlagen, und er war es, der dieſes ſtille kleime Heiligthum bewachte, in Ordnung erhielt und den von Nah und Fern kommenden Reiſenden zeigte. Von der Abendſonne matt beleuchtet, ſtand das alterthümliche Gebäude auf dem weit hinausſchauen⸗ den Hügel friedlich und freundlich da, als wäre es abſichtlich zu dem heiligen Zwecke, den wir in unſe⸗ ren Herzen trugen, dahingeſtellt,... denn dies war der Ort, den Mr. Graham auserſehen hatte, um mir die unbeſcholtenſten Rechte eines Beſchützers der Unſchuld und Hüͤlfsloſigkeit ſeiner Tochter geſetzlich und unwiderruflich zu übertragen. 4 Wir traten in das kleine Gotteshaus mit den Empfindungen von Menſchen, die, vor ihres Glei⸗ chen flüchtig, vertrauensvoll ſich ihrem Sch fer über⸗ liefern, die, das irdiſche, vergängliche Glück abſtrei⸗ fend, ſich der himmliſchen Seligkeit uͤbergeben, und ſelbſt ich, der ich am meiſten von uns dreien zu lei⸗ den gehabt, fühlte das Entzücken der lieblichſten Ruhe und des innerſten Friedens über mich kommen und ich vergaß des unendlich bitteren Schmerzes, der noch kurze Zeit vorher meine Bruſt durchwühlt und an den Grundwurzeln meines Daſeins genagt hatte. In dieſem ſüßen, friedlichen Gefühle gedachte ich mit Wärme und Erhebung meines Schöpfers, dankte ihm für das, was er mir in dieſem heiligen Augen⸗ blicke zum Unterpfande unſeres ewigen Bundes in die Hände legen wollte, und war bereit, das ernſte Ge⸗ lübde mit dem feſten Vorſatz auszuſprechen, ſtets ſo viel Liebe und Hingebung für das theure Weſen an den Tag zu legen, als mir jetzt aus ihren wehmüthig blickenden und doch ſo ſtrahlenden Augen entgegen⸗ leuchtete und Liebe und Treue für alle Zeiten verſprach. MNitt wenigen und einfachen, aber unſern gegen⸗ wärtigen Verhältniſſen entſprechenden Worten ward die heilige Handlung von dem Pfarrer verrichtet, bei der nur Phillipps und Bob als Zeugen zugegen wa⸗ ren... ... Der Segen war geſprochen und Ellinor und ich hatten das unzerreißbare Gelübde ewiger Liebe in die Hand ihres Vaters gelegt, der jetzt am geeignet⸗ ſten war, unſere wunden Herzen mit dem Troſte deſ⸗ ſen zu erfüllen, der über uns wachte und gebat. Eine 88 es nicht, meha thränenreiche, ſtumme, aber Alles, was in unſrer Seele vorging, ausſprechende Umarmung hatte uns für ewig vereinigt, und wir begaben uns nun wieder den Hügel hinab, an deſſen Fuß der Wagen uns er⸗ wartete, den wir ſogleich beſtiegen. Der Poſtillon trieb ſeine Pferde an und wir flogen davon, nach⸗ dem ich Phillipps unſre Pferde mit der Weiſung über⸗ geben hatte, in langſamen Tagemärſchen uns nach meiner Beſitzung in Dunsdale nachzukommen, wohin wir uns für's Erſte zu begeben die Abſicht hatten. Der alte Bob ſaß nach ſeinem Wunſche auf dem Bocke, Othello lag bei uns im Wagen, der geräu⸗ mig und bequem genug dazu war, denn Ellinor wollte ſich auf keine Weiſe von dem treuen Thiere trennen, das ihr ſo viele Beweiſe der Anhänglichkeit und Zu⸗ neigung gegeben hatte. Schon daß Phillipps von uns entfernt ſein mußte, war ihr und uns Allen ſchmerz⸗ lich, denn in Zeiten, wie wir ſie ſo eben durchlebt hatten, iſt es wohlthuend und troſtreich, Alles, was wir lieben, mag es ſein was es wolle, um uns ver⸗ ſammelt zu ſehen. ... Wir flogen mit Windeseile unſerm Ziele entgegen, als die Sonne ſank und der Abend mit ſei⸗ nen Schatten herauffam. Was wir ſprachen, ich weiß enſer Herz war aber von dem voll, was zuletzt Trauriges und Freudiges über unſere Häup⸗ ter hingegangen war, und das ſchöne Gefühl der Si⸗ cherheit, des Glücks und der Zuverſicht zu dieſem Glücke fing allmälig an, ſich unſerer Gemüther zu bemächtigen, als plötzlich der Wagen hielt und der Poſtillon laut fluchend von ſeinem Pferde ſtieg. Ich öffnete ein Wagenfenſter und fragte, was es gäbe? — Das abſcheuliche Thier!— rief der Poſtillon und ſchwang unbarmherzig ſeine Peitſche über eins der Vorderpferde,— ſo oft hat es ſeine Schuldigkeit ge⸗ than und gerade heute läßt es mich im Stich. — Schlagt es nicht!— rief ich ihm zu,— hier iſt weiter nichts zu thun, als an das erſte beſte Haus zu fahren und bis zur nächſten Station ein anderes zu borgen. Wißt Ihr in der Nähe keine Gelegenheit, für gute Bezahlung ein tüchtiges Pferd zu erlangen? — O ja, aber es iſt eine Stunde Weges um! — erwiderte der wuthſchnaubende Poſtillon. — Ich ſah oder glaubte zu ſehen, daß der Mann es ehrlich mit uns meine, reichte ihm eine Guinee hin und ſagte, ich wolle ihm die Unterbrechnng der Reiſe nicht anrechnen, er ſolle nur für ein taugliches Pferd ſorgen. Er ſtieg wieder auf und fuh Schritt eine * wo wir bei einbrechender Nacht eine Art Herberge erreichten, die, von der Landſtraße entfernt, einem jener Diebslöcher glich, wie wir ſie, Gott ſei Dank! immer mehr und mehr aus Alteng⸗ land verſchwinden ſehen. —² ABleibt ſitzen, Kinder,— ſagte ich zu Ellinor und ihrem Vater,— ich werde ſelbſt um das Pferd handeln und nach Möglichkeit unſern Aufenthalt ab⸗ zukürzen ſuchen. Ich ſtieg aus... a keine Ahnung von dem, wa mit mir geſchehen ſollte! Der Beſitzer der Herberge befand ſich im Hofe, im Geſpräch mit einem Manne, und ich fand ihn wil⸗ lig, mir ſogleich das verlangte Pferd zu liefern und anſpannen zu laſſen. Eben wollte ich mich wieder zurück nach dem Wa⸗ gen begeben, als plötzlich aus allen Ecken des dun⸗ kelen Hofes handfeſte Männer auf mich losſprangen 3 und mich, der ich in der größten Unbefangenheit nichts einer Gewaltthat Aehnliches erwartete, im er⸗ ſten Anlaufe zur Erde riſſen. Ich wußte anfangs nicht, 8 erſt, als ich wieder aufgeſprunge gute Stunde weit, ch, mein Freund! ich hatte s im nächſten Augenblicke wie mir geſchah; und i war und meine — 176— Kräͤfte mit Glück gebrauchte, ſah ich ein, daß die Sache einen ernſthaften Anſtrich gewann. 4 Schon glaubte ich Sieger zu ſein, da ich drei oder vier von mir abgeſchüttelt und mit Fauſtſchlä⸗ hatte, als ich, mit einem Knüttel von ngen über den Kopf getroffen, abermals zu Boden ſtürzte. Ich verlor das Bewußtſein„ und als ich es wie⸗ der erlangte, fand ich mich in einem durch herabge⸗ laſſene Vorhänge verdunkelten Wagen liegen, der in ſchnellſter Bewegung dahin fuhr, ſo daß ich, weder Himmel noch Land ſehend, unmöglich beſtimmen konnte, wo ich mich befand, wenn ich auch Kraft und Frei⸗ heit gehabt hätte, mich nach Wunſch zu bewegen. Aber durch jenen gewaltigen Schlag über den Kopf gelähmt, war ich außerdem noch an Händen und Fuͤ⸗ ßen gebunden und durch ein zwiſchen meine Zähne ge⸗ klemmtes Tuch der Sprache beraubt, alſo doppelt un⸗ fähig, irgend eine Kraft, wenn ich ſie noch hatte, zu äußern und mich einer ſo unwürdigen Lage zu ent⸗ ziehen. Neben mir ſaßen drei oder vier Maͤnner, die ich nicht kannte, die mich aber ſtumm und ſtumpf be⸗ trachteten, als ich die Augen aufſchlug, und mir von Zeit zu Zeit das Blut abwiſchten, welches aus mei⸗ * * 5 — 17— 3 3 nem verletzten Kopfe in warmen Tropfen über mein Geſicht rieſelte. 8 Hätte ich auch in dieſem Augenblick ſpragin kön⸗ nen, ich wäre gewiß ſprachlos geblieben, de der Ingrimm, die Wuth, die Verzweiflung, die chend waren, einem Menſchen alle Beſinnung zu rau⸗ ben, machten mich ſtumm und erlaubten mir kaum noch, in abgeriſſenen hellen Momenten ruhig über den furchtbaren Wechſel nachzudenken, der mich aus 8 einem kaum ſo glücklichen Menſchen ſo plötzlich wieder zu einem ſo unglücklichen gemacht hatte... 8 Wie viele Tage wir ſo unaufhaltſam über Berg und Thal fuhren... ich weiß es nicht, denn ich verlor von Zeit zu Zeit abermals meine Beſinnung. Als ich indeſſen wieder völlig zu mir gekommen war, befand ich mich... Herr!... rathen Sie es nicht? ... an dem Orte, wo Sie mich gefunden haben. Der betäubungsartige und mi wilden Raſereien abwechſelnde Zuſtand, in dem ich in St. James an⸗ gekommen war, muß ziemlich lange gedauert haben, denn ich konnte mich anfangs nur ſchwer auf die an mir vorübergegangenen einzelnen Pegebenhaten be⸗ ſenm en. Der Irre von St. James. 2. Band. 12 * — 178— Als ich eines Morgens aus einem unruhigen Schlummer, der mir die ſchrecklichſten Phantaſiebil⸗ der vorgeführt hatte, erwachte, fand ich mich in ei⸗ nem ſtillen Zimmer, in welchem ich weiter nichts als vier Männer, meine Krankenwärter, und einige In⸗ ſtrumente bemerkte, deren Bedeutung und Zweck mir damals noch unbekannt waren. Ich verlangte zu trinken und man willfahrte mir, jedoch, wie es mir vorkam, nicht ohne Beſorgniß, daß ich dem mir den Trank Reichenden den zinnernen Becher in's Geſicht werfen würde. Als ich getrun⸗ ken hatte, fühlte ich mich geſtärkt und ſchlief wie⸗ der ein. Doch zur gewöhnlichen Stunde... es war ge⸗ gen Abend... erſchienen die Aerzte und ich erwachte halb, ohne aber die Augen zu öffnen, denn ich wollte hören, was ſte über meinen Zuſtand ſagen würden. Kaum aber hatten ſie den Mund geöffnet, als ich erfuhr, wo ich war. — Was!— rief ich plötzlich in einem Tone, der alle Anweſende zu erſchrecken ſchien,— in ein Irren⸗ haus haben ſie mich geſperrt? Ich ſoll wahnſinnig ſein? Und dabei, in der Abſicht, mich aufzurichten, be⸗ merkte ich erſt, daß ich mittelſt eines breiten Gürtels 1 * 479 an das Bett feſtgeſchloſſen war. Aber ich verſuchte ſchnell, ehe man es hindern konnte, eine gewaltſame Anſtrengung, zerriß das Band, das mich wider alle göttlichen und menſchlichen Rechte gefeſſelt hielt und war mit einem Sprunge aus dem Bette. Man fiel über mich her... es entſtand aber⸗ mals ein fürchterlicher Kampf... drei der Kranken⸗ wärter lagen ſchon am Boden, als die Aerzte, die ſogleich hinausgeſprungen waren, mit Beiſtand her⸗ beieilten. Geſchickt warfen ſie mir eine große Decke über den Kopf, riſſen mich auf dieſe Weiſe nieder und ban⸗ den meine Hände und Füße, unter Fluchen und Ver⸗ wünſchungen, mit den ſchon erwähnten Inſtrumenten zuſammen... dann brachten ſie mich unter ein eis⸗ kaltes Gießbad, das mir anfangs beinahe alle Be⸗ ſinnung raubte. Aber dennoch half es mir und mei⸗ nen Henkern, denn ich wurde ruhig und nachdenk⸗ lich... Und ſoll ich Ihnen ſagen, welche Empfindungen dieſes entſetzliche Nachdenken in mir hervorrief? Nein ... Sie ſind ein Arzt aber auch ein Menſch... Sie wiſſen es... und dieſe ſchreckliche, Geiſt und Leib lähmende Empfindung war es, die mich wieder zu neuen Anfällen von Wuth und Verzweltung trieb. Erſt allmälig lernte ich einſehen, daß der Zorn mir nicht helfen könne, wenn ich meinen Quaälgeiſtern auch Furcht damit einflößte; und ich rief daher die Vernunft, die ich ſchon längſt hätte verlieren können, zu Hülfe, um mich männlich zu faſſen und für den Augenblick in das Unvermeidliche zu fügen. Doch dauerte es lange, ehe man mir traute, ja, es gab trotz meines Entſchluſſes und meiner Ueber⸗ legung Momente, in denen ich, durch Erinnerung und Sorge gequält, wieder that, was ich nicht thun ſollte, und ich wurde auch bisweilen durch Rohheiten, die einige meiner Aufſeher trotz der ſtrengen Befehle der Oberen gegen mich ausübten, ſo empört und ent⸗ rüſtet, daß ich dieſelben ſelbſt zu ſtrafen mich gedrun⸗ gen fühlte. Aber allemal zog ich nach ſolchen eigen⸗ mächtigen Aeußerungen meiner Stärke und meiner Selbſthülfe den Kürzeren... man rief die Gewalt zu Hülfe, und dieſe hat ja, wie Sie wiſſen, tau⸗ ſend Arme, wie ich deren nur zwei hatte... So verſtrichen ſechs ga aze Monate... da fing man an, milder gegen mich zu verfahren und eini⸗ ges Vertrauen in mich zu ſſetzen... wahrſcheinlich aber mehr, um mich auf die Probe zu ſtellen, was ich jedoch damals noch nicht ahnte, als weil man von meinem Gehorſam und meiner Beſſerung überzeugt war. — 181— Während dieſer milderen Behandlung tauchte in mir wieder der Gedanke an die verlorne und moͤgli⸗ cherweiſe wiederzugewinnende Freiheit auf, und die Be⸗ ſchäftigung mit dieſem köſtlichen Gedanken erheiterte und ſtärkte mich 9.,. jch fing an mich zu erholen. Nun faßte ich Sfcenſt, mir jene Freiheit ſelbſt zu verſchaffen und meinen Aufpaſſern durch eine wohl⸗ angelegte Flucht mich zu entziehen. Allein, wie ich auch mit Schlauheit, Ueberlegung und nach einem geregelten Plane verfuhr... Alles war vergebens, mein Vorhaben wurde entdeckt und vereitelt, denn man verſtand es eben ſo gut, ſchlau zu ſein, nach geberlegung zu handeln und Pläne zu ſchmieden wie ich... mit einem Wort... alle meine verſchiedenen Verſuche, auch ſpäterhin, mißlangen, und ich zog mir dadurch, mehr als die übrigen Kranken, wie Sie auch ſelbſt geſehen haben, die Aufmerkſamkeit und Be⸗ obachtung meiner Vorgeſetzten und deren Helfershelfer zu... Jetzt, um doch etwas Nützliches zu thun zu ha⸗ ben, widmete ich mich einzelnen Kranken, indem ich ihnen Einſicht und Vexminft predigte, jedoch erſt nach⸗ dem ich ihr Vertrauen gewonnen und ſie von meinem guten Willen überzeugt hatte, denn dieſe Ueberzeugung ſcheint mir mit das Wichtigſte zu ſein. 182 So gewann ich mir Freunde... wenn Sie es ſo nennen wollen, denn ich hatte Glück mit meinen dilettantiſchen Verſuchen.„Ein einziges Wort von mir reichte oft hin, von einem Waͤhnſinnigen etwas zu erlangen, was alle Gewalt und Drohung der Auf⸗ ſeher nicht vermochte, und⸗ 4 lernte einſehen, daß die ſanfte, wiewohl ernſte und überzeugende Methode, dieſe Art Kranken zu behandeln, die beſten und ſchnell⸗ ſten Erfolge zur Seite habe. Oft ſprach ich mit meinen Vorgeſetzten hierüber, und man war gutwillig genug, mich anzuhören, ob⸗ gleich ich nie ſah, daß man meinen Angaben unmit⸗ telbar Folge leiſtete, denn wie konnte aus einem ver⸗ ſchrobenen Kopfe, wie ich einen hatte, etwas Ge⸗ ſcheidtes kommen! Dennoch aber hatten dieſe Unterredungen Einfluß auf die Aerzte in Betreff der Behandlung meiner ſelbſt. Man gab mir beſſere Koſt, ich erhielt theilweiſe, was ich wünſchte, nach und nach ſogar wurde man zuvor⸗ kommender gegen mich. Ich fing an, ein für ein Ir⸗. renhaus erträglicheres Daſein zu führen; ich durfte leſen, nach Wohlgefallen ſpazieren gehen, arbeiten, mich ermüden und nach Bedürfniß ruhen. Mein Schlaf wurde ungeſtörter und erquickender, ich fühlte 1 4 — 183— mich wieder zu meiner vorigen Geſundheit und Kraft zurückgsführt. 7 Da kam mir der E ſke, mich dem Direktor, der faſt täglich G rſprach, zu vertrauen... ich verſuchte es, p jnu... ach! dieſes Lächeln ſagte mir, Mesbeſſer wiſſe, als ich. Man hörte mich an, man erlaubte mir unter einer anderen Adreſſe an meinen Vater zu ſchreiben, der ſich gehü⸗ tet hatte, ſeinen wahren Namen zu nennen, wie man auch mich nur unter meinem angemeldeten Namen kannte,... und ich ſchrieb an meinen Vater, denn ich glaubte damals nicht, daß er an der verruchten That Theil genommen habe... ich ſchob alles mir Widerfahrene dem Haſſe, der Eiferſucht, der Rache meines Bruders zü. 3 Mein Brief ging ab. Der Direktor erhielt eine Antwort... aber eine Antwort, die alle meine Hoff⸗ nungen vernichtete und mein Blut zu Eis erſtarren ließ, denn mein Vater,“ mein eigener Vater erklaͤrte mich für vollkommen verrückt, indem er mir Hand⸗ luͤngen gegen ſich und meinem Bruder unterſchob, die, einem Unbefangenen und Unbekannten mitgetheilt, mich allerdings des fürchterlichſten Wahnſinns verdächtigen mußten. Da brach mir das Herz, mein ſtarkes Männer⸗ — 184— herz brach, und ich beſchloß, fürs Erſte nichts zu thun, als das Unvermeidliche mit Ergebung zu er⸗ tragen und Gott anheimzugeben, wie lange er mir dieſe Prüfungen auferlegen, und wie er ſie ſelbſt zu beendigen für rathſam halten würde.. ... So vergingen zwei volle Jahre... — Und Ellinor, und Mr. Graham, ihr Vater? — unterbrach ich ihn, denn es war mir unmöglich, dieſe Frage länger zu unterdrücken. — Ja! wo blieben ſie... wo ſind ſie? Sie ſollen es ſogleich hören... Zwei Jahre, ſage ich, ver⸗ ſtrichen ſo... da, eines Tages, als ich im Parke, von meinen gewöhnlichen Aufpaſſern umgeben, ſpa⸗ zieren ging, ſehe ich... denken Sie ſich meinen freudigen Schreck... ſehe ich plötzlich Phillipps, mei⸗ nen treuen guten Phillipps in jener Ihnen bekannten Kleidung durch den Park auf mich zuſchreiten. Faſt war ich gelähmt vor unbeſchreiblichem Er⸗ ſtaunen... ich fühlte eine krampfhafte Empfindung in meinem Herzen, in meinem Geiſte, die mir in ih⸗ rer erſchütternden Wohlthätigkeit noch heute fühlbar iſt. Aber ich faßte mich, wie er ſelbſt es that, denn ich hatte einen verſtohlenen Blick von ihm bemerkt, t der mir den Rath gab, ihn nicht zu kennen... der gute Menſch war ſelbſt bleich geworden, als er mich 7 4 6 3 — 2 — 485— plötzlich, unerwartet vor ſich ſah, er ſtand erſchrocken 8 ſtill und ſah ſich um, als ob er etwas ſuche; dann betrachtete er mich von Weitem, mit einer Rührung auf ſeinem männlichen Geſicht, daß ich ſah, wie er nur mit Mühe die Thränen zurückhielt, die ihm in die Augen gekommen waren. Der treue edle Menſch hatte es ſich zur Aufgabe ſeines Lebens geſtellt, wie es gegenwärtig ſeine Auf⸗ gabe iſt, Ellinor's Aufenthaltsort zu entdecken... mich ſelbſt aufzufinden, aber alles Suchen war zwei Jahre lang vergeblich geweſen. Um ſeinen Zweck bequemer zu erreichen und ſeine Erſcheinung hier und da weniger auffallend zu machen, hatte er das Geſchäft eines wandernden Krämers an⸗ genommen; er kam in dieſe Gegend ohne alle Muth⸗ maßung, hörte wohl von dem Irren von St. James ſprechen, wie man mich bald... ich weiß nicht warum... in der ganzen Umgegend nannte, ohne im Mindeſten zu ahnen, daß ich dieſer die allgemeine 4... 3 Theilnahme erregende Wahnſinnige ſeiſ und... fand eu finem Leben werde ich das ſelige und ddch ſo dehme. e Gefühl vergeſſen, welches mich nach dem erſten Schrecken überfiel. Die Vergangen⸗ vie Erinnerung an die ſchönen, heſlet Mo⸗ — 186— mente derſelben erwachte wieder von Neuem in meiner faſt erſtorbenen Bruſt, das Leben bekam wieder einen Glanz und eine Hoffnung, und ich glaubte an eine Zukunft. Phillipps hatte vom Direktor die Erlaubniß für ſich auszuwirken gewußt, mit einzelnen wohlhabende⸗ ren Kranken um Dinge der Bequemlichkeit und der Zerſtreuung handeln zu können... er hatte Gele⸗ genheit mit mir zu ſprechen... ach! wie klang der Ton ſeiner Stimme ſo ſüß in meinem Ohr und in meinem Herzen wieder, das ſo lange nach Freund⸗ ſchaft, Mittheilung und Vertrauen gedurſtet hatte! Wir theilten uns unſre Schickſale gegenſeitig mit w... von ihm erfuhr ich nun, indem er mir ſeine Waaren vorzeigte und anzupreiſen ſchien, wie es ihm ſeit unſerer Trennung ergangen war. Meinem Befehle zufolge war er langſam nach Dunsdale⸗Caſtle geritten und dort am Abende des dritten Tages angelangt. Er hatte natürlich weder mich, noch leider! Ellinor und ihren Vater daſelbſt vorgefunden. Je unerklärlicher ihm unſer Ausbleiben war, um ſo unruhiger erwartete er uns zwε. 95 acht... vierzehn Tage... da konnte er endrich den Zuſtand von Ungewißheit nicht länger ertragen ... er ging zurück, wo er uns verlaſſen... aber * — 187— Niemand wußte ihm von uns auch nur ein einziges aufklärendes Wort zu berichten. Jetzt erſt ahnte er einen verrätheriſchen Plan. Er ſandte vertraute Boten nach allen Richtungen aus, er ſtellte heimlich und mit der größten Vorſicht Nach⸗ forſchungen in meines Vaters Hauſe an, er kehrte in einer Nacht zu ſeiner Schweſter und zu der verlaſſenen Pfarrerswohnung zurück, aber nirgends erfuhr, ſah, hörte er etwas von uns. 8 So im Suchen und Nichtfinden auf einer Pilger⸗ fahrt begriffen, wie nie eine edelere und aus treuerem Herzen unternommen worden iſt, waren ihm die zwär Jahre eben ſo qualvoll wie mir verſtrichen, bis er mich, durch den Wink des Schickſals geleitet, zufällig in St. James antraf. Jetzt war ſein und mein Wunſch zunächſt erfüllt .. wir blieben in ſtetem Zuſammenhang; er kam ſo oft es thunlich war, und wir ſchmiedeten von Neuem Pläne zur Entweichung, die aber alle als unausführ⸗ bar ſich erwieſen, bis er vor kurzer Zeit auf den Ein⸗ fall kam, ſich ſeinen jetzigen Korbwagen machen zu laſſen, auf den ſich unſere Hoffnung mit größerem Zutrauen richtete. Doch ich habe Ihnen noch einige Worte aus den zwei letzten von mir hier verlebten Jahren zu ſagen. — 188— Ich erhielt vom Direktor die Erlaubniß, mir ein Pferd anzuſchaffen, denn man hatte in dem Schreiben, wel⸗ ches mich bei meiner Ankunft in St. James beglei⸗ tete, alle Bequemlichkeiten und die meiner Gewohn⸗ heit entſprechenden Mittel für mich in Anſpruch ge⸗ nommen, um wenigſtens nicht ganz verrucht an mir zu handeln... Phillipps brachte mir mein eigenes Pferd, meinen Bravour. Ach! die Empfindung, die ich das erſte Mab hatte, als er unter mir wieherte, als er, der mich hundert Mal zu meiner Ellinor ge⸗ tragen, mich jetzt in einem Irrenhauſe trug, kann ich Ihnen nicht beſchreiben... So bezog ich auch das Zimmer, welches ich jetzt bewohne; ich ſchmückte es nach und nach mit allen Gegenſtänden aus, die Phillipps mir angeblich ver⸗ kaufte, und nur von Zeit zu Zeit, wenn der rieſen⸗ mäßige und unvergeßliche Schmerz der erlittenen Schmach über mich kam und alle meine ſanfteren Ent⸗ ſchließungen verwiſchte, hatte ich wieder einzelne An⸗ fälle trotzender Leidenſchaftlichkeit und widerſetzlichen Unwillens, deren Wirkung und Behandlung Ihnen bekannt iſt. Dooch, je ſeltener dieſe Anfälle wurden, um ſo —. auch gewann ich einzelne Krankenwärter für mich, mehr ließ man in meiner Bewachung allmälig nach, — 189— * theils durch Geſchenke, theils durch Theilnahme, die mir das Leben hier möglichſt erleichterten, bis ſich erſt jetzt, ſeit Ihrer Anweſenheit hierſelbſt, und ich weiß nicht warum, die allgemeine Wachſamkeit wieder ver⸗ mehrt, als wenn man eine unbeſtimmte Ahnung hätte, ich arbeitete jetzt ſtärker und entſchloſſener, denn je, an meiner gewaltſamen Befreiung... Phillipps hatte es nicht unterlaſſen, auf ſeinen vielfachen früheren Wanderungen eben ſo eifrig nach Ellinor und ihrem Vater als nach mir zu forſchen, aber auch alle dieſe Bemühungen waren vergeblich. Doch vor ſechs Wochen etwa hatte er eine Spur entdeckt, die ihn richtig leiten zu wollen ſchien... Sie wiſſen, daß er ſich geirrt; daß er aber zugleich die Spur meines Bruders, der auf der Verfolgung Ellinor's aus war, gefunden, das wußten Sie bisher noch nicht. Gegenwärtig iſt er zu demſelben Zweck entfernt.. 6 Schließlich unterließ ich nicht, durch ihn noch einmal heimlich mit meinem Vater unterhandeln zu wollen, aber auch dieſer letzte Verſuch hatte eben ſo wenig Erfolg, wie die früheren... die Antwort ge⸗ langte abermals an den Direktor und enthielt dieſel⸗ ben Bedingniſſe, wie die erſten Male... man ſolle fortfahren, mich mit der größten Strenge zu bewa⸗ * — 190— chen und mit allen möglichen Mitteln meine Krank⸗ heit zu bekämpfen, damit ich, wenn ich im Verlauf mehrerer Jahre gründlich geheilt entlaſſen werden könnte, meiner Familie weniger Unruhe und Kummer verurſachte, als ich ihr bisher in meiner entſetzlichen Raſerei bereitet hätte. So, mein Freund,— ſchloß der Erzähler,— habe ich Ihnen meine Geſchichte zu Ende erzählt. Erſt als ich Sie hier ſah, ging mir ein neues Leben auf ... ich las durch Ihre Blicke in Ihrem Inneren, daß Sie gemeinſchaftlich mit mir etwas beſitzen, was hier Niemand zu beſitzen ſcheint: ein unbefangenes, fühlendes Herz; und der Gedanke, der ſich früher un⸗ ausführbar erwies, iſt mir jetzt mit erneuter Hoffnung zurückgekehrt, nämlich zu entfliehen, und dieſe Flucht kann ich einzig und allein mit Hülfe eines in dieſem Hauſe wohnenden und mit allen Verhältniſſen deſſel⸗ ben vertrauten Menſchen bewerkſtelligen... „— Sie wollen fliehen?— fragte ich. — Ja! — Und dann? — Fragen Sie nicht!.. Sie werden die Mäßi⸗ gung bewundert haben, mit der ich zu Ihnen von meinem Vater und meinem Bruder ſprach... dieſe Mäßigung iſt jetzt erſchöpft... Vier Jahre als ein 1 Verrückter eingeſperrt und behandelt zu werden, ha⸗ ben mich vergeſſen laſſen, daß ich Pflichten gegen die⸗ ſen Vater und dieſen Bruder fernerhin zu erfüllen habe, und aller Ingrimm und alle Leidenſchaft, die ich ſo lange zurückgedrängt und beſchwichtigt habe... iſt reif, um, ſobald ich mich durch die Flucht dieſer unwürdigen Haft entzogen habe, mich auf eine Art zu rächen, die ſtreng aber auch gerecht iſt. Zuvor aber und ehe ich meine Hand gegen den Dieb meiner⸗ Ehre erhebe, muß ich Ellinor gefunden haben... ſie und ihr Vater ſind die einzigen lebendigen Zeugen wider diejenigen, welche mir nicht allein das Leben, ſondern auch das Schönſte, das Herrlichſte des Le⸗ bens, die Vernunft und die Freiheit auf eine ſo ſcheuß⸗ liche Weiſe haben rauben wollen... Eben wollte ich noch eine Frage an ihn richten, als ich zu hören glaubte, wie eine Thür über uns heftig zugeſchlagen wurde. — Pſt— rief ich,— was war das? Wir horchten beide ſchweigend. Schon ſeit dni⸗ ger Zeit war es mir vorgekommen, als hörte ich ei⸗ nige Bewegung über uns auf den Gängen und in den Zimmern langſam ſich ausbreiten. Der Tag graute „, aber es war doch noch zu früh, um dieſe, bereie, — — 192— wie es ſchien, allgemeine Bewegung in den über uns gelegenen Krankenſälen hervorzurufen. — Hören Sie es nicht?— fragte ich. — Ja! ich höre Menſchen gehen... ſogar re⸗ den... Dann folgte wieder eine gleichmäßige Stille... man hörte deutlich eine Thür öffnen und wieder ſchlie⸗ ßen, dann eine zweite, dann mehrere. — Was denken Sie davon?— fragte mein Ge⸗ fährte, nachdem er mit Spannung auf dieſe verſchie⸗ denen Geräuſche gehorcht hatte. — Ich fürchte ſehr, Mylord, es iſt etwas vor⸗ gefallen, was auf Sie Bezug hat... — Ich glaube es noch nicht!— erwiderte er, und trank das erſte Glas von dem Weine, den ich ihm vorgeſetzt, obgleich vielleicht Jahre vergangen wa⸗ ren, ſeitdem kein Tropfen dieſes Getränkes über ſeine Lippen gekommen war. — Gehen Sie lieber in die Kammer,— ſagte ich,— ich will die Thür öffnen und ſehen, was es giebt. Er befolgte ſogleich meinen Rath. Es wurde all⸗ mälig heller und heller. Jetzt horchte ich noch einmal an der Thür, be⸗ vor ich ſie öffnete; es ſtiegen mehrere Menſchen in⸗ 1 raſchem Laufe die Treppen auf und ab... alle ſchie⸗ nen die größte Eile zu haben. 1 Der Verdacht, den ich vom erſten Augenblicke an gefaßt hatte, wurde immer reger in mir... ich ſchloß langſam die Thür auf, öffnete ſie ein wenig und ſteckte den Kopf hinaus, um vielleicht Jemanden reden zu hören. In demſelben Augenblick aber fuhr ich unwill⸗ kürlich zurück, denn ſo eben ging der Oberarzt an meiner Thür vorüber. Glücklicherweiſe aber war er ſchon vorbei und er konnte mein Zurückfahren nicht bemerkt haben. Allein kaum war er vorüber, ſo hörte er das Geräuſch, welches ich mit der Thür verur⸗ ſachte und drehte ſich herum... Ich hatte mich ſchnell wieder gefaßt und trat zu ihm auf den Corridor hinaus. Er ſtand vor mir und ſah mich, wie mir ſchien, etwas beſtürzt an. — Was giebt es denn, Sir?— fragte ich,— ich höre ſo früh eine ungewöhnliche Bewegung... — Den Teufel auch!— antwortete er,— So wiſſen Sie es noch nicht? Hm! er i*ſt fort, unſer Ir⸗ rer, Mr. Sidney.„. der gute vernünftige Mr. Sid⸗ ney... — Was?— rief ich mit erkünſteltem Erſtaunen, — ce iſt entflohen?*“ Der Irre von St. James. 2. Band. 13 3 * 8 — 194— — Entwiſcht, entwiſcht!... Ja, ja, ſo kom⸗ men Sie nur, Sie können uns ſuchen helfen, Ihnen ſind ja ſeine Lieblingsplätze bekannt, wenn er etwa noch irgend wo verſteckt ſein ſollte... — Erlauben Sie, Sir, einen Augenblick— er⸗ widerte ich,— ich will mich nur raſch ankleiden. — So eilen Sie! Obgleich ich beinahe vollſtändig in meinen gewöhnli⸗ chen Kleidern war, ſo brauchte ich doch dieſen Vorwand, um in mein Zimmer zurückkehren und meinen Freund benachrichtigen zu können. — Man ſucht Sie in der That,— ſagte ich raſch und leiſe zu ihm, als ich eingetreten war und ihn langſam in der Kammer auf und abgehend fand, wobei er ſich die Stirn mit ſeinem Taſchentuche ab⸗ trocknete. — Ich gehe hinaus und laſſe die Thür offen!— fügte ich hinzu. — Man hat doch keinen Verdacht auf Sie?— fragte er. X* — Gewiß nicht, ſon re der Oberarzt an meiner Thür nicht vorübergeg. ohne einzuſprechen. — Das iſt gut, das iſt aut... machen Sie, daß Sie fortkommen... ia, dde mich ſchon hinausfinden... Ich warf ſchnell einen anderen Rock über, drückte dem Zurückbleibenden die Hand und ſchlüpfte dem Oberarzt nach, den ich im zweiten Stockwerk alle Zimmer durchſuchen fand. .. Die Entfernung des Irren aus ſeinem Zim⸗ mer war ganz einfach durch Mr. Derby bemerkt wor⸗ den. Dieſer nämlich war gegen Morgen zu einem ſchwer Erkrankten im oberſten Stockwerk gerufen wor⸗ den; beim Zurückkehren, nachdem es unterdeß heller geworden, war ihm die offen ſtehende Thür des wohl⸗ bekannten Zimmers aufgefallen, die der Bewohner, als er ſich leiſe entfernte, wegen des damit verbunde⸗ nen Geräuſches nicht wieder ſchließen wollte,... er war eingetreten, in das Schlafzimmer gekommen und hatte das Bett berührt, aber Niemanden darin gefun⸗ den. Nun weckte er ſchnell den entſchlafenen Wärter; von dieſem auf keine Weiſe eine Erklärung erhaltend, war er zum Oberarzt und dem Direktor geeilt und ſo war endlich das ganze Haus in Bewegung ge⸗ rathen. 3 In der Eile des Suchens und Fragens, hatte man ſogar den Befehl zum Glockenläuten zu geben vergeſſen, um den außerhalb der Ringmauer wohnen⸗ den Aufſehern das Zeichen der Flucht eines Kranken zu liefern, und erſt nachdem ich ſchon eins geraume — 196— Zeit mit dem Direktor und Mr. Lorenzen im eifrigſten Suchen begriffen war, ertönte die Glocke, deren ſchnell auf einander folgende Klänge laut genug waren, eine Meile weit in der ganzen Umgegend vernommen zu werden. — So iſt er noch nicht gefunden?— fragte ich den Direktor, als er zu uns getreten war, denn ich war immer noch nicht außer Beſorgniß, man möchte ihn auf meinem Zimmer vermuthen, dort ſuchen und zu meiner größten Beſchämung auch entdecken. Ein böſes Gewiſſen zu haben, auch in einer Angelegenheit, die nicht zu unſerer Unehre gereicht, iſt ſtets ein üb⸗ les Ding! Indeſſen ich ſah bald, daß man durchaus keinen Verdacht auf mich geworfen hatte, zumal da ich ſo eifrig wie die Andern zu ſuchen ſchien. Das ganze Dienſtperſonale war jetzt auf den Bei⸗ nen; alle Stockwerke, Zimmer, Corridors waren durch⸗ ſucht; rufend und ſchreiend lief man ſchon einzeln durch den Park... es war ein hoͤchſt bewegter Auftritt und ich konnte ſehr deutlich wahrnehmen, wie viel Allen an der Habhaftwerdung dieſes, ihnen ſo bedäch⸗ tig andertrauten und jetzt vermeintlich entflohenen Menſchen gelegen ſei. Es hatte ganz den Anſchein, als wäre nicht ein Wahnſinniger aus einem Irreute — hauſe, ſondern ein großer Verbrecher aus einer Straf⸗ anſtalt entwichen.. Als wir aber im Hauſe mit dem Durchſuchen fertig waren und hinunter in den Park gehen woll⸗ wo ſich jetzt Alles ſammelte, kam man wieder an orbei... ſie ſtand weit offen, miß⸗ d der Oberarzt ten, meiner Thür v trauiſch blickte ich hinein... da ſtan ſtill und ſagte zu mir: — Ach, Sir! Haben Sie etwas Waſſer auf Ih⸗ rem Zimmer?... Wenn Sie erlauben, trinke ich einmal, ich bin außerordentlich durſtig. Nun fiel mir die Flaſche Wein mit den beiden Gläſern ein, die auf meinem Tiſche ſtanden... . ſchon ſah ich im Geiſte die verſchloſſene Kammerthür geöffnet und den dahinter Verſteckten ergriffen.— Aber wie groß war mein Erſtaunen und auch 1 meine Freude, als ich nur ein einziges Weinglas und 2 dazu leer, da ich es doch voll verlaſſen hatte, noch * die Flaſche verkorkt auf dem Tiſche und durchaus keine — Spur eines kurz vorher dageweſenen Beſuches vorfand. Der Arzt war mit mir zugleich eingetreten, goß ſich ein Glas Waſſer ein, welches ebenfalls auf dem Tiſche ſtand, und trank es aus, wobei er Alles genau zu muſtern ſchien. Er ſetzte es wieder hin und wollte ben gohen, da ſagte er: — 198— — Hören Sie, ich bitte um Entſchuldigung... ich muß einen Augenblick Ihr Schlafzimmer in An⸗ ſpruch nehmen... Und mit dieſen Worten auf die Kammerthür losgehend, ſah er nicht mein bleiches, vor Schreck und Beſorgniß bleiches Geſicht, das ich ſelbſt nur zu gut im Spiegel gewahrte, und war eben im Begriff, die Kammerthür zu öffnen, als der Direktor, an meiner Thür vorübergehend, auf dem Corridor laut des Arz⸗ tes Namen rief. Sogleich gehorchte er dem Rufe und eilte mit mir hinaus. Der Direktor wechſelte einige Worte mit ihm, während wir in den Garten hinabgingen. Dann plötzlich ſich zu mir umwendend ſagte er, als hätte er auf die Bedeutung der Frage einiges Gewicht ge⸗ legt, mit einem, vielleicht ganz natürlichen, mir aber den Tone:* — Haben Sie geſtern Abend Beſuch gehabt? — Ja,— erwiderte ich unbefangen,— Mr. Bromfield war da! Und hiermit ſagte ich keine Lüge, denn der Pre⸗ diger war wirklich in meiner Abweſenheit einige Mi⸗ nuten auf meinem Zimmer geweſen und hatte auch 5 bei meinem böſen Gewiſſen ganz eigenthümlich klingen⸗ — 199— zufaͤllig eine andre angeſchenkte und auf dem Tiſche ſtehende Flaſche Wein geleert. — Nun, dann wundre ich mich nur,— fuhr Mr. Lorenzen fort,— daß er die Flaſche Sekt, wie er ſie nennt, nicht leer gemacht hat, es iſt ſonſt nicht ſeine Sache, bei einem ſolchen Unternehmen auf hal⸗ bem Wege ſtehen zu bleiben. — Er ſcheint doch einigen Verdacht zu ſchöpfen! — ſagte ich zu mir, allein ich irrte mich... was ich jedoch erſt nach langer Zeit erfuhr... Wir traten jetzt in den Park... jeden Augen⸗ blick kam ein Bote mit der Nachricht, daß man den Entwichenen noch nicht wieder habe. Wir durchſchritten einige Gänge, bogen um ein Hollundergebüſch.. da.. Alle ſchrieen vor Ver⸗ wunderung laut auf... kam uns der ſo eifrig Ge⸗ ſuchte langſamen Schrittes, die Haͤnde auf dem Rü⸗ cken gefaltet, wie er gewöhnlich ging, und anſcheinend in das tiefſte Sinnen verloren, entgegen. Schnell, mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit, fuhr ich mit meinem Auge nach ſeinem Geſicht. Es war noch etwas geröthet, ſeine Augen ſpra⸗ chen für mich noch die beredte Sprache der gehabten 1 Mufregung, des Kummers, des Schmerzes; ſonſt aber — 200— lag die gewöhnliche Ruhe in inmn uns fragend an⸗ blickenden Mienen. — Hal da ſind Sie ja, Mr. Sidney,— rief der Direktor und der Oberarzt zugleich,— wo ſteck⸗ ten Sie? Wir ſuchen Sie bereits ſeit anderthalb Stunden! — Ich bin im Parke, wie Sie ſehen!— war die einfache Antwort. — Und wie kommen Sie ſo früh in den Park, wenn ich fragen darf?— forſchte der Direktor. — Aus Laune, wenn Sie wollen, Sir! Oder aus Bedürfniß, wenn Sie es lieber haben. Ich hatte genug geſchlafen und mein Zimmer war ſo warm, daß ich mich ſehnte, friſche Luft zu ſchöpfen... und nun bin ich hier! Selbſt dieſe kleine unſchuldige und gewiß noth⸗ wendige Süge brachte er, ich merkte es wohl, mit Mühe heraus; auch ſah ihn der Oberarzt, der ein ziemlich ſcharfer Beobachter war, etwas unglirn an. — Und wer ließ Ihr Zimmer offen ſuhr der. Direktor fort. — Das iſt nicht meine Sache, eir, dahr⸗ ſcheinlich derſelbe, der es nicht verſchloſſ en y — Das klingt ziemlich richtz... hah.. Morton!— wandte er ſich zu einſ der Wärtt 7 — 201— uns umſtanden,— ſchicken Sie ſogleich den Schlie⸗ ßer und den Mann, der heute Nacht die Wache bei Mr. Sidney hatte, auf maänt d ner. Wer war der Mann?. 1 — Mr. Chappert!— ſagte einer der Umſtehen⸗ den halblaut. — Aha!— rrief der Direktor.— Ich jage den Kerl aus dem Dienſt... für ſeine nichtswürdige Nachläſſigkeit... Und Sie, Mr. Sidney, gehen Sie ebenfalls auf Ihr Zimmer, ich werde mit Ihren Aerz⸗ ten ſprechen, Sie ſcheinen entweder kränker zu ſein, als Sie ſelbſt denken, oder wenigſtens zu viel Launen und Bedürfniſſe zu haben. Und dies ſprechend entfernte er ſich und die Uebri⸗ gen mit ihm. Langſam, von einigen Wärtern umge⸗ ben, folgte der Irre von St. James... denn er war es ja noch in den Augen Aller, außer in den meinen. ber er lächelte, als ich mich nach ihm — umdrel ſchaute, anſcheinend gleichgültig, dem Fluge Kranichs nach, der ſich vor uns erhob, über rrieren des Irrenhauſes flog und dann in de en Ferne verſchwand...... Pläne zu einer gewagten Anternehmung. Im Laufe dieſes Tages, der für mich ſo un⸗ ruhig begonnen, hatte ich nur eine fünf Minuten lange Gelegenheit, mit dem Viscount von Dunsdale zu ſprechen, und dieſe fand ſich wieder im Parke zur Zeit des allgemeinen Spazierganges. Den übrigen Theil es konnte ich mich ihm unmöglich nähern, denn Km für ſeine Laune oder für ſein Be⸗ dürfniß... wenn er es ſo lieber wollte, hatte ja Mr. Ellio ſon geſagt... der gebräuchliche Zimmer⸗ arreſt auferlegt worden. In dieſer kurzen Zeit unſerer Unterredung nun ließ er kein Wort über ſeine eigene Angelegenheit fal⸗ len, ſondern beſchäftigte ſich allein mit der be⸗ arli⸗ chen Lage, in welche durch ſein Vopſchulden der Wut⸗ 2 — mir entgegen. — 203— müthige Chappert gerathen war. Er gab mir mit kurzen Worten die nöthige Anweiſung, mit dieſem Mann nach ſeiner Meinung zu verfahren und ſchob mir ein zuſammengefaltetes Papier in die Hand, die ich ihm bei unſerer Trennung reichte. Sobald ich ihn verlaſſen hatte, begab ich mich zu Chappert, den ich auf ſeinem Zimmer traurig und niedergeſchlagen fand; denn der Direktor hatte ihm nicht allein einen harten Verweis angedeihen laſſen, ſondern ihm auch ſeinen bevorſtehenden Abſchied ange⸗ kündigt. Als ich eintrat, ſtand er ſogleich auf und kam — Chappert,— ſagte ich 3 ihm,— Sie haben in dieſer Nacht Jemandem einen Dienſt geleiſtet, der Ihnen übel bekommen iſt! —Fi, den Henker, Sir! was hat Sidney auch nöthig, ſein Zimmer zu verlaß ich bin für meinen guten Willen ſtreng ger g worden! — Ja wohl, Ge 69 demjeni⸗ gen leid, der laſfung dazu gege⸗ ben hat.. B Es ſeiner Seite nichts zu ſagen, Sir; ich habe ann lieb und würde vielleicht noch mehr fü zethan haben, wenn ex es erlangt hätte. 1 4 8 — 204— — Nun, er verlangt jetzt nichts mehr von Ih⸗ nen für ſich, im Gegentheil, er ſendet mich Ihret⸗ wegen hierher, unter dem Verſprechen von Ihrer Seite, daß Sie nichts über dieſen Auftrag verlauten laſſen. — Ah, Sir, wie werde ich! Ich habe a uch meine Geheimniſſe, die Niemand erfahren ſoll. — Gut! Und für die Unannehmlichkeit, die Ih⸗ nen durch ihn im Dienſte widerfahren iſt, ſchickt Mr. Sidney Ihnen dieſe Kleinigkeit... und hiermit reichte ich ihm eine Zehnpfundnote hin, die ich für ihn em⸗ pfangen hatte. — Was denken Sie von mir, Sir!— fuhr der Mann auf,— zehn Pfund wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit... nein, nein, Sir! ich brauche nichts, und wenn ich Jemandem eine Gefälligkeit erweiſe, ſo thue ich es aus eigenem Antriebe und weil ich meine beſonderen Gründe dazu habe, nie aber wegen des Geldes... das iſt wider den Dienſt und mein Ge⸗ wiſſen zugleich. — Gut!— ſagte ich abermals und ſteckte die Banknote ein,— wenn Sie das Geld jetzt nicht ge⸗ brauchen, ſo will ich es Ihnen aufbewahren... Fün's Zweite aber habe ich Ihnen noch etwas mitzu⸗ theilen, und das werden Sie mir hoffentlich nicht ab⸗ ſchlagen. N 1 7. 1 S 8 8⁸ —— Miene— hetrifft es auch — 205— — Nun entgegnete der Mann mit geſpannter noch Mr. Sidney? — Es betrifft ihn... ja! Und wenn ich mich nicht irre, ſo haben Sie eine Frau und drei Kinder... 2 — Did habe ich... Gott ſei Dank! ja! — Dann muß es Ihnen ſchmerzlich ſein, Ihr Brot zu verlieren? — Nicht doch, Sir, ich glaube noch nicht dar⸗ an. Die Direktion ſchickt nicht ſogleich einen brauch⸗ ſie haben eben keine große Wahl... und wenn ſie es thun... gut! ſo bin ich der ewigen Quälerei auch herzlich müde! — Das iſt mir Ihretwegen lieb. Aber für den Fall, daß Sie Ihren Dienſt veltzeren, habe ich Ih⸗ nen ein Anerbieten zu machen. — So ſprechen Sie es aus, Sir.. ich höre. — Für den Fall alſo, daß Sie Ihren Dienſt ſſ en und in keinen andern zu treten geſon⸗ verlaſſen müſſ nen ſind, habe ich hier dieſe Anweiſung auf einen Notar in London in Händen, die bereit iſt, aus mei⸗ nem Beſitz in den Ihrigen überzugehen, ſobagh dies Haus verlaſſen. Sollte ich jedoch eher ge Sie, ſo erhalten Sie dieſelbe bei meinem 2 Für den Fall aber, daß Sie einen andern 3 autreten aeſonnen find, habe ich die Vol baren Menſchen fort... — 206— nen auch dieſen vorzuſchlagen, falls ſich gewiſſe Dinge ändern... und.. ſie werden ſich ändern! — Halt, Sir! Meinen Sie hiermiß Mr. Sid⸗ ney, den Irren von St. James? — Fragen Sie nicht, ich habe keind Antwort darauf. ⁸ — Gut, gut, Sir, ich verſtehet Aber wenn Sie auch nicht darüber reden wollen, ſo erlauben Sie doch wenigſtens mir, da wir einmal davon ſpre⸗ chen und unter uns ſind, eine Bemerkung über die⸗ ſen... dieſen ungewöhnlichen Herrn... — Und die wäre?— fragte ich auf das Aeußerſte geſpannt, zumal mich der Mann, der ſo zu mir ſprach, mit einem gßerordentlich intellektuellen Blick anſah.. 8 — Sie werden zwae lächeln,— fuhr er fort,— daß ich in dieſem Punkke eine Meinung haben will ... allein es ſchadet nicht... ich habe ſie... ſo gut die Herren Aerzte die ihrige haben. — Nun... nun? Sie machen mich neugierig! Nun denn gerade heraus geſagt... glauben Wahrheit, Sir, daß dieſer Mann, den ſie en von St. James nennen, als wenn er von einzige Verrückte wäre... daß er, ſage kklich verrückt iſt? — 207— . Ich ſah den Mann verwunderungsvoll an, der dies mit einer ungemein gutmüthigen und zuver⸗ ſichtlichen Miene ſprach. — Ja, ja!— fuhr er fort,— Sie wundern ſich, aber ich halte ihn gerade von Allen am wenig⸗ ſten verrückt... Und was berechtigt Sie zu dieſer Meinung? †— Ja, Sir, das iſt ſchwer zu ſagen... ich bin kein Theoretiker, wie die Herren ſagen... aber ich habe viele Jahre mit ſo vielen Wahnſinnigen zu thun gehabt, daß ich mir einen gewiſſen praktiſchen Blick in dem Punkte angeeignet habe... Ich war zwar anfangs ſehr überraſcht über dieſe merkwürdige und unerwartete Aeußerung... aber in n That wunderte ich mich gar nicht darüber. Denn wie oft begegnet es uns im Leben, daß ein auf einer— niedrigeren Stufe der Bildung ſtehender Menſch in manchen Verhältniſſen einen richtigeren Takt verräth, als ein bei Weitem gebildeterer und klügerer. Sein Urtheil aht nicht auf Gründen, wenigſtens nicht auf ren er ſich bewußt iſt, es ſcheint vielmehr Grür in e inſtinktmäßiger Trieb zu ſein, der ihn rungen und zur Erkenntniß treibt, und na⸗ häufig das Richtige treffen läßt, wenn, wi der Fall war, einiae Erfahruna mit im Syiele iſt — 208— Mochte der Mann nun ſeine Weisheit leiten, wo⸗ her er wollte, ich war befriedigt und erfreut über ſei⸗ nen Ausſpruch, und indem ich ihm die Hand drückte, ſagte ich: — Behalten Sie das für ſich, was Sie eben mir... mir allein geſagt haben. Ich wenigſtens werde es Ihnen nicht vergeſſen und nur die Zukunft kann uns lehren, ob Sie Recht haben oder nicht. — Und was glauben Sie?— fragte er mit ei⸗ ner ſchlauen Miene. — Nichts!— entgegnete ich. Thun Sie Ihre Menſchenpflicht und behalten Sie Ihre beſte Meinung von Mr. Sidney!— — Aha, Sir! Wir verſtehen uns! Und mein Wort als das eines ehrlichen Mannes darauf... ich werde die beſte Meinung von ihm behalten und hoffe, es ihm noch einſt zu beweiſen... Uebrigens danke ich ihm für ſeine gute Abſicht, mich zu beloh⸗ nen und ich bitte Sie, ihm dies mitzutheilen. — Das werde ich... adieu! — Leben Sie wohl!... Ich ging und war nun endlich erſt allein, um fiber die Mittheilungen nachzudenken, die mir in der derfloſſenen Nacht gemacht worden waren. Dieſe ſcha liche Kette böswilliger Handlungen, und noch 9 2 — 209— von einem Vater gegen ſeinen Sohn und von einem Bruder gegen ſeinen Bruder verübt, empörte mein Gefühl und übertraf Alles, was ich dergleichen je gehört hatte, an Abſcheulichkeit und Ruchloſigkeit. Somit war denn zwiſchen jenem unglücklichen und für wahnſinnig gehaltenen Manne, der mir vom erſten Augenblicke unſerer Bekanntſchaft an ſo viel Theilnahme eingeflößt hatte, und mir kein Geheimniß mehr... das Räthſel war gelöſt! Erklärt war je⸗ ner ſympathetiſche Zug meines Herzens und die vor meiner Seele dunkel ſchwebende Ahnung gelichtet. Die Schranke der Zurückhaltung war überſprungen, ich war ihm kein Fremder mehr, ich war der Einzige in dieſem großen Hauſe, der ihn nebſt Chappert richtig erkannt hatte und in das Unglück ſeines Lebens ein⸗ geweiht war. Ja! das Unglück; erbindet ſchnell zwei ſich erkennende Seelen, das fühlte ich diesmal deutli⸗ ſcher denn je, und ich faßte den unwiderruflichen Ent⸗ ſchluß, er ſolle mich nicht vergeblich unter ſo Vielen ausgefunden haben, ich wolle ihm beweiſen, daß ich ſeines Vertrauens würdig, daß ich ein Mann und ein Menſch ſei, wie er ihn ſo la age vermißt hatte und wie er ihn gerade jetzt am meiſten bedurfte... 6 Im Stillen ging ich nun die einzelnen Hauptpunkte ſeiner Erzählung noch einmal durch, und je genauer Der Irre von St. James. 2. Band. 4 ich ſie prüfte, um ſo größere Neigung empfand ich, die Entwickelung dieſes ſchauerlichen Drama's zu Gun⸗ ſten deſſen, der die erſte Rolle darin ſpielte, herbei⸗ geführt zu ſehen, ja, um ſo begieriger wurde ich, ſelbſt Hand mit an's Werk zu legen und, wie und wo ich nur konnte, ihm in Befreiung aus ſeiner Haft und in Erlangung ſeiner Rechte beizuſtehen. So kam es denn, daß ich, in der Friſche und Lebendigkeit meiner Empfindungen, ſchon allerlei Pläne faßte und wieder verwarf, bis endlich ein Gedanke in meiner Seele haften blieb, den ich, falls Percy nichts dagegen hatte, ſobald wie möglich unsſühe feſt entſchloſſen war. Es erwachte plötzlich all' meine jugendliche Aber teuerluſt in mir... ich ſah mich mitten im Gemrre verſchlungener menſchlicher Handlungen... was konnte es Schöneres und Ermuthigenderes für eine, Gefahr und Aufregung liebende, Natur geben, als Feſſeln zu brechen, wo ſie gegen Recht und Gerechtigkeit ge⸗ tragen wurden, und Ordnung und Eintracht herzuſtel⸗ len, wo die Gewalt und die kriechende Bosheit ty⸗ ranniſch alle Bande der Natur zerriſſen und mit dü⸗ ßen getreten hatten... Späterhin wiederum, in ſanfteren Augenbliken wie ſie uns überkommen, wenn wir die Vorfälle des — — 241— Tages in ruhigem Geleiſe an uns vorüberziehen ſehen, entwickelte ich einen geebneteren Plan. Ich dachte dar⸗ an, meine Anſicht der Sache dem Direktor ſelbſt vor⸗ zulegen, ihn zum Vertrauten unſeres Geheimniſſes und es ihm ſo zur Pflicht zu machen, eigenhändig zur Befreiung des ſchändlicherweiſe Eingekerkerten und Verrathenen mitzuwirken. Welcher Weg von beiden nun zu beſchreiten ſei, wollte und mußte ich natürlich dem überlaſſen, dem einzig und allein die Entſcheidung hierüber zuſtand .. ich für meine Perſon war beide zu betreten ent⸗ ſchloſſen, ich wollte jeden ſeiner Vorſätze ausführen und, wenn der eine mißlang, unermüdet und ohne mamen mich dem anderen hingeben, und ſollte ſelbſt ein waltſame Flucht aus dem Irrenhauſe unſre letzte Zuflucht ſein. In letzterer Hinſicht jedoch wollte ich vorſichtiger und minder wagehalſig zu Werke gehen. Es gab hier inen Punkt, der mir heilig war und den ich ſo we⸗ ig wie möglich verletzen durfte,... es war dies das Verhältniß, in welchem ich zum Direktor, weniger ſu den Aerzten der Anſtalt ſtand. Mr. Elliotſon V hatte mich mit Gaſtfreundſchaft aufgenommen und be⸗ andelt... ich durfte nicht undankbar gegen ihn Wenn es mir daher gelang, die Flucht des Ir⸗ 14* — — 212— ren von St. James im Stillen zu begünſtigen und mir ſo den Vorwurf zu erſparen, undankbar und rück⸗ haltend zugleich geweſen zu ſein, und erſt ſpäter, wenn Percy's Flucht gerechtfertigt war, meine Theilnahme daran darzuthun und des Direktors Verzeihung gewiß zu ſein, dann war Alles geſchehen, was wir beide zu unſerm Vortheil nur wünſchen konnten. Indem ich aber die Flucht als vielleicht unab⸗ weislich vor Augen behielt, ſah ich bald ein, daß der mehrfach erwähnte Chappert uns von weſentlichem Nutzen ſein konnte; ich beſchloß daher, dieſen in, der übrigens, von ſeinen Vorgeſetzten begnadigt. ld wieder ſeinen gewohnten Dienſt verſah, nicht uu Augen zu laſſen und von Zeit zu Zeit ſeine nungen und Geſinnungen in Bezug auf unſern Fro genügend zu prüfen. Da mir nun kein anderer Zweck hierbei vo ſchwebte, als ein unſchuldiges Opfer den Händen der Gewalt und des Irrthums zu entreißen, ſo geſtattete 1 mir mein Gewiſſen gern dieſe Unterſuchungen, i konnte ſie verantworten, ſelbſt vor den höchſten Rich terſtuhl gezogen, ſie nachdrücklich und mit aller Kraß meines Herzens und meiner Ueberzeugung vertheidigen. 5 — 213— den Handlung entſchließen konnten, ſie mochte ſein, 4 welche ſie wollte, mußten wir erſt das Wiedereintref⸗ 3 fen des Krämers Phillipps erwarten, denn er war derjenige, welcher von allen uns nothwendig zu wiſ⸗ ſenden Verhältniſſen außerhalb des Irrenhauſes beſſer unterrichtet ſein konnte, als irgend ein Anderer... ihm war vielleicht der gegenwärtige Aufenthalt des Marquis von Seymour bekannt, es war ſogar nicht unmöglich, daß er auf ſeinen letzten Wanderungen etwas Wichtiges und für ſeinen Herrn Unſchätzbares in Bezug auf Ellinor und ihren Vater erfahren hatte. Die Unterredung, die ich über alle dieſe Gegen⸗ ſtaͤnde mit Mr. Sidney hatte, fand am nächſten Tage im Parke während der Turnübungen ſtatt, wo wir Aufpaſſern einige Minuten abgewannen, um nur wenigſtens über einzelne Hauptpunkte uns gegenſeitig aufzuklären. Aber am zweiten Abende nach dieſem Tage gelang es, uns vollſtändig zu verſtändigen, in⸗ dem die Zimmerhaft meines Freundes beendet und ihm die Erlaubniß zu Theil geworden war, mit der ge⸗ wöhnlichen Begleitung, unter welcher ſich diesmal wieder Chappert befand, ein Stündchen ſpazieren zu gehen. Ja, dieſer war es ſelbſt, der, durch das Billardzimmer kommend, in welchem ich mich zufäͤllig „. 4 befand, zu mir ſagte: 4 — 214— — Mr. Sidney läßt um Ihre Geſellſchaft im 4 Park bitten, Sir... er darf ſpazieren gehen... Sie werden ihn in der Nähe der großen Bank treffen... = Ach, Mylord!— ſagte ich leiſe, als ich dicht bei ihm war, aber er unterbrach mich ſogleich, indem er meinen Arm leiſe berührte: — Freund meines Herzens, Sie einziger Vertrau⸗ ter meiner Seele... beabſichtigen Sie nie wieder, wir mögen ſein wo wir wollen, mich mit dieſer An⸗ rede zu kränken, für Sie bin und heiße ich Percy, oder... Sie wiſſen ja... Sidney... — Ich verſtehe... alſo wenn Sie es klieber wollen... Percy... — Sagen Sie Sidney, Sidney... Sie könn⸗ ten ſich einmal verſprechen. — Gut! Alſo Mr. Sidney.. mich, endlich ein ernſtes Wort un wechſeln zu können... ich habe nen die Verſicherung meiner unget, zu geben... — Laſſen Sie es gut ſein... ich glaube Ihnen ohne Worte; wir haben jetzt wichtigere Dinge zu be⸗ rathen, was wollten Sie ſagen? — Ja, ich habe Vieles auf dem Herzen für Sir. ört mit Ihnen ht nöthig, Ih⸗ eſten Freundſchaft — 215— und ich auch für Sie! Ich bin fleißig gewe⸗ ſen, und wenn wir künftig ſo viel handeln als wir jetzt erdenken und entwerfen, und nur die Hälfte da⸗ von in der Ausführung glückt, ſo dürfen wir zufrie⸗ den ſein. Aber ſprechen Sie raſch, die Zeit iſt kurz V.. was haben Sie mir zuerſt mitzutheilen? I— Mein erſter Vorſchlag iſt der,—— ſagte ich,— V den Direktor ins Vertrauen zu ziehen, und ſo viel⸗ V leicht in Güte zu erreichen... — Nichts, nichts davon!— warf er mir faſt heftig ein.— Kein Vertrauen und keinen Vertrauten mehr und gegen Niemanden von dieſen hier. Meine Goduld iſt erſchöpft; ich muß endlich handeln. Von ihrer Ueberzeugung iſt nichts mehr zu erwarten; und ſelbſt, gelänge es Ihnen, ſie zu überzeugen... es käme zu ſpät, viel zu ſpät! Vergeſſen Sie nie, daß ich vier N vier ganze Jahre als Verrückter einge⸗ ſchloſſen ziheen worden bin, und daß ich, ſo⸗ bald ich meine Keeiheit wieder erlangt habe, alle meine Geiſtes⸗ und Leibeskräfte, welche mir die Natur ver⸗ 8 liehen, anzuwenden gezwungen bin, die unerhörten, 1* mir widerfahrenen Leiden und die nie ganz zu vertil⸗ gende Schmach an denen zu rächen und zu vergelten, 4 veelche mir dieſelbe bereitet haben. Ich bin urch die oih behutſam und vorſichee geworden und ich 3 — 216— MNittel und Wege finden, mich künftig vor allem Hin⸗ terhalt und vor aller Betrügerei ſicher zu ſtellen. Alſo ſparen Sie ſich die unnütze Mühe, zeugen zu wollen,... und wie? nicht gelänge? Was glauben Sie, nen thun würde? jene Herren über⸗ wenn Ihnen dies was man mit Ih⸗ — Bei Gott! man würde mich nicht einſperren und unter ein Spritzbad bringen. — Nein, das zwar nicht; ab nen ein anſtändiges Geleit 1 Wort mit auf den W er man würde Ih⸗ ind ein freundſchaftliches eg geben und Sie ganz ſicher über das Weichbild des Hauſes bringen laſſen. Ver⸗ laſſen Sie ſich darauf, man macht hier kurzen Pro⸗ zeß und Sie wären hier nicht der erſte Rebell gegen die öffentliche Ordnung, deſſen man ſich auf ſchlaue Weiſe zu entledigen verſtände. Und mir würde es dann nur um ſo ſchlimmer ergehen. Außerdem aber iſt es mein ſehnlichſter Wunſch, Niemanden mehr in meine Angelegenheiten ſchauen zu laſſen; das Geheim⸗ niß iſt nicht bloß das meine, es iſt ein trauriges Fa⸗ miliengeheimniß, und wenn man es auch beklagen muß, ſo darf man es doch nicht Preis geben... Ich bin ganz geneigt, nach Ihren Wünſchen zu handeln,— antworte ich,— doch glaubte ich 9½ Ihnen wenigſtens alle Vorſchläge machen zu müſſen, die ich durchdacht habe. — Ich bin auch ganz zufrieden damit, und es nützt uns. Denn indem wir uns über Alles ausſpre⸗ chen, wird uns um ſo deutlicher, was wir unterlaſ⸗ ſen und was wir thun müſſen, um unſer Ziel zu er⸗ reichen... Was haben Sie mir ferner vorzu⸗ ſchlagen? — Sie haben mich,— fuhr ich fort,— ehe Sie Ihre Erzählung begannen, aufgefordert, Richter über Sie und Ihre ferneren Handlungen zu ſein. Ich finde, Sie ſind entſchloſſen, als Mann die Ihnen widerfah⸗ rene Schmach zu rächen, und ich kann Ihnen darin nur vollkommen beiſtimmen. Denn Sie haben die ganze Welt und deren günſtiges Urtheil auf Ihrer Seite, und es wird genug unbeſcholtene Richter in England geben, die Ihre Sache mit Leichtigkeit, ja, mit Freuden, ſowohl zu ihrem eigenen Ruhme wie auch zu Ihrem Beſten führen werden, vorausgeſetzt, daß Sie von Ihrem angenommenen Wahnſinn freige⸗ ſprochen und der Viscount von Dunsdale, nicht aber mehr Mr. Sidney in St. James ſind. Bevor Sie jedoch auf die kürzeſte Verfolgung Ihrer näͤchſten Zwecke ſinnen, ja, bevor Sie an dis ſchwierige Flucht aus St. James denken, iſt... meiner Anſicht nach 5 — 218— noch ein einziges Mittel übrig, dieſe Flucht unnöthig und Ihr gewaltſames Einſchreiten in die angemaßten Rechte Anderer weniger nothwendig zu machen. Ihr Austritt aus dem Irrenhauſe wird auf dieſe Weiſe ein geſetzlicher, wenn auch die hieſigen Beamten Sie nicht als den geſetzwidrig und irrthümlich eingeſperr⸗ ten Viscount von Dunsdale, ſondern als den geheil⸗ ten Mr. Sidney betrachten. — Hal ich bin neugierig auf dieſes einerſeits vor⸗ treffliche Mittel... auch ich... ich geſtehe es Ih⸗ nen dreiſt... habe an ein ſolches letztes Mittel ge⸗. dacht, aber ich wage es kaum gegen Sie auszuſprechen. f — Und warum wagen Sie es nicht? — Weil die ganze Laſt der Ausführung deſſelben auf Sie allein fiele; weil nur Sie allein dieſen Weg der Güte einſchlagen und mich vor Gewaltthat und Veröffentlichung meines ganzen Geheimniſſes retten können. 4 — Wenn es nur das iſt,— erwiderte ich freu⸗ dig,— ſo ſagen Sie ſchnell Alles. Ich fange an zu begreifen, daß die Mittel, die wir erſonnen, ſich ſehr ähnlich ſehen. Und was meine Bereitwilligkeit, die⸗ ſelben auszuführen, betrifft, ſo ſei'n Sie verſichert, daß ich die ganze Sache nicht als die Ihrige, ſondern als die meinige betrachten und alſo keine Mühe, keine Ge⸗ fahr ſcheuen werde, Ihnen dienſtbar und von Vortheil — 219— zu ſein. — So habe ich mich denn in gar nichts in Ih⸗ nen geirrt, theuerſter Freund! empfangen Sie meinen innigſten Dank für Ihre Liebe... denn Sie haben einen großen Stein von meiner Bruſt gewälzt. So hören Sie denn dieſen meinen wohlerwogenen Vor⸗ ſchlag. Und wenn Sie mich auch des Widerſpruchs, vielleicht ſogar einer Unmännlichkeit beſchuldigen... denn die Urtheile der Welt ſind oft hart und grau⸗ chts dafür, meine Natur iſt zwar aber ſie iſt nicht aus Eiſen und Stein Keformt.. Nein! ich kann das Gefühl, daß der,„Mann, der mich ſo erniedrigt und beſchimpft, der mich faſt vernichtet hat, mein Vater iſt, nie ganz aus meinem Herzen vertilgen. Gäbe es eine M glichkeit, denſelben ſeine unnatürliche That gegen ich einſehen und wieder gut machen zu laſſen, frei⸗ lich! dann könnte Alles in Ruhe und Frieden, nichts durch Gewalt und richterlichen Ausſpruch beendet wer⸗ den. Nur meinen Bruder würde... müßte ich züch⸗ ligen. Doch ich fürchte, daß dieſe Möglichkeit ſehr unwahrſcheinlich iſt... allein, der Verſuch muß ge⸗ macht werden... und da Sie es mir erlauben, ſo erfahren Sie denn, daß ich Sie auserſehen habe, dieſe ſam... ich kann ni empört und entflammt, — 220— höchſt unwahrſcheinliche Möglichkeit müglich, ſogar wahrſcheinlich zu machen... Er ſah mich mit ſeinen großen, glänzenden Au⸗ gen durchdringend an. Ich nickte bloß mit dem Kai lächelte und ſagte dann: — So iſt es! Wir ſind auf verſchiedenen Wegen zu demſelben Ziele gelangt, wenn ich auch nicht dieſe Ihre Lobſprüche verdiene. Nur guter Wille iſt mein Eigen, das Uebrige theilen viele mit mir. Aber fah⸗ ren Sie fort:. — Edler Mann! ſo gehen Sie denn zu meinem Vater, handeln Sie nach Ihrer Einſicht, Ihrer Ueber⸗ zeugung und Ihren Kräften. Ich werde Ihnen Voll⸗ macht ertheilen, Alles zu verſuchen, was Sie für mich günſtig oder wichtig erachten. Gehen Sie mit R auf Ihre beſchwerliche, ja bedenkliche Reiſe und men Sie das ſchöne Bewußtſein mit ſich, das Edel gewollt zu haben, was ein guter Menſch nur wollet kann... einen Vater und einen Sohn, die tödtlich entzweit ſind, auf milde Weiſe zu verſöhnen und ſo das Einſchreiten des unerbittlichen Geſetzes, wie die Handhabung der unnatürlichſten Gewalt unnöthig ge⸗ macht zu haben... Wie aber können Sie Ihre Ab⸗ reiſe von St. James benerkſteligen, da Sie Ihren — 221— Aufenthalt hierſelbſt noch auf längere Zeit beſtimmt und öffentlich bekannt gemacht haben? — Dafür laſſen Sie mich ſorgen, ich habe auch das überlegt. Ich habe in London einen angeſehenen Freund, den Gefährten und Liebling der Jugend⸗ und Studienzeit meines Vaters, den berühmten Arzt Sir John...... Bei ihm war ich ſchon zwei⸗ mal und zu ihm kehre ich noch einmal zurück, ehe ich England verlaſſe. Er iſt es, an den ich ſogleich mit der Bitte ſchreiben will, wichtiger Angelegenheiten we⸗ gen mich ſchnell von hier abzurufen und zwar unter dem Verſprechen, bald wieder hierher zurückkehren zu können. Die Erklärung dieſer ſonderbaren Bitte ver⸗ ſpreche ich ihm mündlich zu geben, und daß er auf mein Geſuch eingeht, bin ich gewiß. Alsdann ſetze ich mich mit Phillipps, ſobald ich ihn nur hier ge⸗ ſprochen habe, in Verbindung, und was ihm allein nicht gelungen iſt, gelingt vielleicht den vereinten Be⸗ ſtrebungen zweier Menſchen, die es ehrlich mit Ihnen meinen und mit Liebe und Luſt an ihre Aufgabe ge⸗ den. Denn... Sie werden hoffentlich nichts dage⸗ haben, wenn ich einem doppelten Ziele entgegen⸗ 6.. der Verſöhnung mit Ihrem Vater und der A zdung Ihrer... Ellinor! lnausſprechliche Rührung und Freude bemächtigte — 222— ſich bei dieſen Worten Mr. Sidney's, kaum konnte der ſonſt ſo gefaßte Mann ſeine Gefühle beherrf ſchen. Eine Thräne lief wider ſeinen Willen über ſeine Wange und ſeine Lippen zuckten ſo ſchnell, daß ich fürchtete, das Uebermaaß ſeiner Freude werde ihn verrathen. — Ach!— ſagte er mit ſeiner, wenn er wollte, ſo ſanften und überredenden Stimme,— Ach! Wann wird die Zeit kommen, wo ich Ihnen nicht allein mit dem Worte, ſondern auch mit der That beweiſen kann, wie unendlich ich Ihnen verpflichtet bin. Ja! Sie haben den beſten, den edelſten Theil meines Geiſtes, den⸗Glauben an eine unwandelbare, ausgleichende Vorſehung wieder in meinem verödeten Herzen be⸗ feſtigt, der durch meiner nächſten Verwandten unnatür⸗ liche That gelockert worden war; Sie haben mir be⸗ wieſen, daß dieſe ſchöne Erde noch Menſchen bewoh⸗ nen, die es verdienen, ihre Geſchenke zu genießen, und nun, nachdem Sie mir alles dies, ſtatt des irdiſchen Vaters den himmliſchen und ſtatt des Bruders den Freund gegeben haben, wollen Sie mich auch zu mei⸗ ner Ellinor zurückführen... ach! warum bin ich nicht jetzt ſchon Herr meiner ſelbſt und meiner Hand⸗ lungen, und warum liegt der Himmel noch ſo ſchwer auf mir, als wenn ſeines Gewitters Toben nur mich, mich allein verfolgen wollir. — 223— Es war dies die erſte Klage, die ich aus ſeinem Munde hörte, und nur der Gedanke an die von ihm geriſſene und vielleicht mißhandelte Ellinor konnte ſie hervorgerufen haben; aber es war auch die letzte, die je über ſeine Lippen kam, denn die Schwäche, zu kla⸗ gen, beſaß dieſer ſeltene Mann nicht... er konnte nur dulden und wenn er genug und des Mannes würdig geduldet hatte... handeln. — Gedenken Sie,— ſagte ich... ſo uͤberzeu⸗ gend, ſo ernſt, ſo prophetiſch ich konnte,— geden⸗ ken Sie der Worte Mr. Graham's, des Pfarrers, als er Ihnen den See und den blauen Himmel dar⸗ über zeigte: dieſer ſtille See wird einſt die ſchwarzen Wolken des ſtürmenden Himmels abſpiegeln... aber über Ihr Haupt wird Ihres Geſchickes freundlichſte Sonne ihre Strahlen ausgießen! — Ja,— rief er,— ja, ſo wird es ſein! Mich beſchleicht ein dunkles Vorgefühl... und das hat mich im Schmerze nie getäuſcht, warum ſollte es mich in der Freude täuſchen... daß der⸗ Abend meines 6s gekommen und der Morgen meines Glückes anbrechen werde!.. Leben Sie wohl, da kommt Cghappert und zeigt mir die Uhr. Er hat mich r, als das Geſettz es erlaubt, ſpazieren gehen laſ⸗ 1. 3.. noch beherrſcht mich die Stunde des Zwan⸗ ges, aber er iſt ſchon erträglich geworden, laut wird aber einſt die Stunde der Freiheit ertönen, und dann ... und dann.. Guten Abend, Mr. Chappert! ja, ja... ich bin ſchon bereit... Leben Sie wohl, leben Sie wohl! — Leben Sie wohl!— rief ich ihm nach und wir trennten uns. Ich ging auf mein Zimmer, ſchrieb meinen Brief an Sir John...... in London und ſandte ihn am nächſten Tage, der ein Poſttag war, unter der Adreſſe eines meiner vertrauteſten Freunde, der bei der preußiſchen Geſandtſchaft in London angeſtellt war, ab, und bereitete mich nun im Stillen vor, nach Em⸗ pfang der Antwort, jeden Augenblick meine Reiſe an⸗ treten zu können...... 8 Zwei Tage darauf ſaß ich Morgens an meinem Schreibtiſch, als an meine Thür geklopft wurde. Auf meinen Ruf trat zu meiner größten Freude und Ueber⸗ raſchung der ſehnlichſt erwartete Phillipps ein. Um ſeine Schulter hing ſein Käſtchen, und deutete den Zweck an, den er auch bei mir zu verfolgen ſcheinen wollte. 1 Ich ſprang auf und lief ihin raſch entgegen. — Guten Morgen, Sir!— rief er, nachdem er einen ſchnellen Blick in meine Kammer geworfen hat . — da ſind wir ja wieder beiſammen... doch vor allen Dingen, was macht Er? — Alles gut, Alles in Ordnung!— ſagte ich raſch und ſah den treuen, braven Menſchen jetzt mit ganz anderen Augen an als früher, wo ich ihn und ſeinen Charakter noch nicht im ganzen Umfange be⸗ griffen hatte.. Und das liegt in der Natur der Dinge; denn wir begegnen ſo oft fremden Menſchen, die zwar durch ihre ſprechende Phyſtognomie unſre Aufmerkſamkeit er⸗ regen, aber in dem ſtarken Strom der Welt raſch an unſeren Sinnen vorübergleiten, ohne etwas mehr als dieſe kurze Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Wenn wir bisweilen wüßten, welche Kleinodien ſich in den Herzen dieſer fremden Menſchen verbergen, wir wür⸗ den kaum ſo viel Zeit übrig haben, in ihren Zügen ihr Herz zu leſen, noch viel weniger aber, um genü⸗ gend über das nachdenken zu können, was ihr Anblick an Erinnerungen oder neuen Ideen in unſerer Seele hervorruft. So betrachtete ich jetzt den vor mir ſtehenden Mann mit anderen Gefühlen als früher. Freilich! nun, nachdem mir der Schlüſſel gegeben, war es mir leichter, alle die Züge der Treue, der Anhänglichkeit und der Selbſtaufopferung in den ernſten, muthigen Der Irre von St. James. 2. Band. 15 — 226— und milden Linien ſeines Geſichtes wiederzufinden, das mir ehedem bei oberflächlicher Beobachtung nur einen gutmüthigen, zuverläſſigen und biederen Charakter an⸗ zukündigen ſchien... — Alles in Ordnung, ſagen Sie? Gut, Sir; ha! Sie wiſſen jetzt ſchon beſſer, wer der Irre von St. James iſt? — Vollkommen, mein guter Phillipps, und was bringt Ihr uns für neue Nachrichten? — Keine guten und keine ſchlimmen, das heißt, ſo viel wie gar keine! Und hier erzählte er mir kurz ſeine Bemühungen und ſeine Forſchungen, nannte die Orte, wo er ver⸗ geblich geweſen, die falſchen Spuren, die ihn irre ge⸗ führt und endlich die Gegenden, in welche er ſich nun abermals auf Wanderung begeben wolle. — Und was beabſichtigen Sie nun zu thun?— fragte er mich. — Ich werde thun, was Ihr ſo lange gethan habt und noch nicht zu thun müde ſeid... ich werde ſuchen und hoffentlich auch.. 1 finden. = Finden, finden, Sir, das iſt die Hauptſache .. doch wann treffe ich Sie wieder und wo? Den⸗ ken Sie ſich bis dahin Alles geläufig aus, ich kann mur ungefähr ſechs und dreißig Stunden hierbleiben und augenblicklich muß ich Sie verlaſſen, denn man weiß, daß ich bei Ihnen bin. — Jeden Morgen um dieſelbe Zeit werdet Ihr mich auf meinem Zimmer finden. Alſo morgen... nicht? Er nickte.. — Und nun geht Ihr zu ihm, nicht wahr? — Zu ihm, ich verſtehe. Sprechen Sie nicht das andre Wort... wir kennen ihn beide... haha! Mr. Sidney! Mr. Sidney! aber wart! es ſoll bald anders kommen und dann ſollen ſie die Hüte von ihren Köpfen nehmen vor dieſem Mr. Sidney... Mr. Sidney! Nicht? — Ja, ja, es ſoll anders kommen... es muß, ſo wahr ein Gott lebt! Er ging, um ſeinen Herrn aufzuſuchen, ſeinen Herrn, der es verdiente, einen ſolchen Diener zu be⸗ ſitzen und der in bangem Hoffen gewiß ſchon die Mi⸗ nuten zählte, wieder ein treues Geſicht zu ſehen und aus ſeinem Munde Worte zu vernehmen, die ihn an ein Glück erinnerten, welches längſt ſchlafen gegangen war, jetzt aber bald wieder erwachen ſollte...... — 228— D der nächſte Morgen kam und mit ihm Mr. Phil⸗ lipps, ſein hölzernes Käſtchen wieder auf dem Rücken. Wir hielten eine ziemlich lange und genaue Beſpre⸗ chung über Alles, was ein jeder von uns zunächſt zu thun hatte und wie er ſich auf dieſe oder jeur Weiſe ſein Unternehmen erleichtern könne. An demſelben Tage noch vor Phillipps Abreiſe theilte ich Mr. Sidney, ſobald ich ihn ſprechen konnte, unſre Beſchließungen mit, und ich hatte die Freude, ihn in allen Punkten unſerer Meinung beitreten zu ſe⸗ hen; nur in Einzelnheiten fügte er noch eine Bemer⸗ kung hinzu, vervollſtändigte, was wir ſeinem Urtheil allein überlaſſen hatten, und verſicherte uns ſeiner Zu⸗ friedenheit mit allen unſeren Plänen. Was zuerſt Mr. Phillipps betraf, ſo wollte er diesmal einen, ſeinen früheren vergeblichen Unterneh⸗ mungen entgegengeſetzten Weg einſchlagen, während ich ſelbſt eine Gegend beſuchte, die von ihm weniger aufmerkſam in Betracht gezogen war. Er ging nach dem Süden und ich vorläufig nach dem Norden Eng⸗ lands; doch hatten wir beſtimmte Zeiten und Orte unter uns feſtgeſetzt, um auf dieſe Weiſe leichter mit einander in ſchriftlicher Verbindung bleiben und den ganzen Gang unſeres Unternehmens uns zeahſein mirthellen zu können. — Was den Weg anbetraf, welchen ich wählen ſollte, ſo war als mein nächſtes Ziel Dunsdale⸗Caſtle feſtgeſtellt. Hier auf Percys Landſitz mußte natürlich wegen der langen Abweſenheit des Beſitzers, ſowohl die größte Beſorgniß um ſeine Perſon, wie auch die größte Verwirrung in Bezug auf die Verwaltung der vom Notar des Viscount in London, und den um⸗ ligenden Pihrenn eingelaufenen Gelder herrſchen. Was daſelbſt vorgegangen, auch was daſelbſt über ihn ſelbſt bekannt geworden, hatte Percy bis dieſen Augenblick keineswegs genau erfahren können. Phillipps war zwar einmal im Anfange ſeiner Reiſen dort geweſen, allein, dem dortigen Verwalter in ſeiner vertrauten Stellung zum Viscount von Dunsdale un⸗ bekannt und mit keiner Legitimation deſſelben verſehen, hatte er nur oberflächlich die Meinungen der umwoh⸗ nenden Leute erfahren können, und dies war natür⸗ lich nicht hinreichend, dem täglich wachſenden Verlan⸗ gen Percys Genüge zu leiſten, zumal dieſer ſelbſt in früheren Zeiten, mehr mit ſich und ſeinem trüben Ge⸗ ſchick beſchäftigt, um ſeine Glücksgüter ziemlich unbe⸗ kümmert geweſen und ihm vierteljährlich eine für ſeine Bedürfniſſe hinreichende Summe Geldes vom D Direktor richtig ausgezahlt worden war. Aber auch aus einem anderen Geſichtspunkte vat — 230— mir Dunsdale⸗Caſtle wichtig erſchienen. Denn ich dachte mir, Ellinor würde, falls ſie mit ihrem Vater in der Lage ſei, ſchreiben zu können, in Ungewißheit über Percys Aufenthalt, ſich ſchriftlich an ihn gewen⸗ det und dann ohne Zweifel nach jenem Landſitze ihr Schreiben gerichtet haben. Wie werthvoll aber der In⸗ halt eines ſolchen Schreibens hinſichtlich ihres Auffin⸗ dens für mich ſein mußte, hatte Perey ſogleich eingeſehen und mir deshalb auch ein Legitimationsſchreiben an ſeinen alten Haushofmeiſter zugeſtellt, worin derſelbe aufgefordert ward, ohne Ausſchluß alle Briefe und Nachrichten mich unterſuchen zu laſſen, welche über⸗ haupt in ſeiner Abweſenheit eingelaufen waren. Denn dieſe Briefe, wenn überhaupt welche angekommen, mußten natürlich liegen geblieben ſein, da Niemand des Viscounts Aufenthaltsort kannte und jeden Augen⸗ blick eine Nachricht von ihm oder wohl gar ſeine Rück⸗ kehr ſelbſt erwartet werden konnte. 3 Von den in Dunsdale⸗Caſtle vorzufindenden Geldern hatte ich nun dem Eigenthümer derſelben auf mein Ehrenwort verſprechen müſſen, meine zu ſeinem Beſten unternommenen Neiſen zu beſtreiten, auch ſollte ich ihm bei meiner Rücklehr einen Theil derſelben, in PVapier umgeſetzt, überbringen, denn vor allen Dingen nußten hinreichende Geldmittel vorhanden ſein, um ſeinen heimlichen Austritt aus St. James erleichtern 3 u können. So ſehr ich mich auch anfangs gegen das erſte An⸗ liegen geſträubt hatte, ſo mußte ich ſpäterhin doch der Nothwendigkeit und Mr. Sidneys dringenden Bitten nachgeben, denn meine eigenen Mittel reichten wohl meinen Aufenthalt in England aus, meine Reiſe und bequem zu beſtreiten, zu einer größeren Ausgabe aber⸗ wie ſie dieſe plötzlich unternommene Rundreiſe erfor⸗ derte, war ich nicht vermögend genug. Dunsdale⸗Caſtle alle mög⸗ lichen Erkundigungen eingezogen und die vorliegenden Geſchäfte im Namen des Beſitzers vollendet, und end⸗ lich auch dem alten Haushofmeiſter der gräflichen Be⸗ ſitzungen von dem Aufenthalt und der Rückkehr ſeines Herrn dasjenige mitgetheilt hätte, was ich den Um⸗ ſtänden nach für das Zweckmäßigſte würde erkannt haben, ſollte ich meinen Weg nach dem Landſitze des Marquis von Seymour in Codrington fortſetzen, und, wenn ich dieſen daſelbſt fände, was nach Phillipps Ausſage ziemlich unzweifelhaft war, meine Operatio⸗ nen mit Percys Vater ſelbſt beginnen, mich jedoch niemals aber an Sir Moy s Hauptaufgabe Nachdem ich nun in nur an ihn allein, wenden, um, was ich mir al und Percy ſelbſt mit Hand und Mund gelobt hatte, ohne Aufenthalt in Ausführung zu bringen. War der Erfolg ein glücklicher, wie wir beide es hofften, ſo ſollte ich unverweilt nach St. James zurückkehren und, mit des Marquis Vollmacht verſe⸗ hen, ſeines Sohnes Haft ſogleich ein Ende machen, mit dieſem ſelbſt zu ſeinem Vater zurückkehren und dann mit ihm gemeinſchaftlich mich auf die Reiſe zur Auffindung Ellinors begeben. Blieben meine Bemühungen aber fruchtlos, ſo ſollte ich ſo ſchnell wie möglich, ohne irgend einen Zeitverluſt, nach London gehen, mich direkt an den Notar des Viscount wenden und in Uebereinſtimmung mit Sir William Graham, dem Advokaten, ſogleich die zweckdienlichſten gerichtlichen Schritte einleiten und durch Phillipps Mr. Sidney in St. James hiervon benachrichtigen laſſen. Nur im äußerſten Nothfall war ich entſchloſſen, an dieſen ſelbſt zu ſchreiben, und dann ſollte der Brief ohne Namensunterſchrift und Anrede unter Adreſſe der Frau des Mr. Chappert abgefaßt und befördert werden. Hätte ich den Prozeß glücklich eingeleitet und ſähe ich die ſich damit befaſſenden Perſonen zu Gunſten Klägers geſtimmt, ſo ſollte ich ebenfalls nach St. s zurückkehren und in Gemeinſchaft mit Phillipps 2 N 88 und Chappert, welchen letzteren Percy bis dahin ganz zu gewinnen hoffte, die Flucht deſſelben erleichtern helfen. Fand ich auf meinen Hin⸗ und Herreiſen Ellinor und ihren Vater, ſo ſollte ich dieſelben entweder nach London zu Sir William Graham, oder nach Duns⸗ dale⸗Caſtle begleiten, wohin ſie nun zu gehen wünſch⸗ ten. Erhielte ich irgend eine Nachricht von ihrem Au⸗ fenthaltsorte, ſo ſollte ich, von allen übrigen Schrit⸗ ten einſtweilen abſtehend, ohne Raſt ihre Spuren ver⸗ folgen, bis ich ſie gefunden und in Sicherhal gebracht hätte... Dies war ungefähr der Plan zu meiner Reiſe und meinen Unternehmungen. Man ſieht daraus, daß ich Geſchäfte genug übernommen und alle mögli⸗ che Aufmerkſamkeit nöthig hatte, ein günſtiges Reſul⸗ tat zu erzielen. Damit ich nun aber die lange und beſchwerliche Reiſe nicht allein unternähme und den nothwendigen Beiſtand eines dienſtwilligen Begleiters entbehrte, hatte Mr. Sidney in Uebereinſtimmung mit Phillipps mir den Vorſchlag gemacht, den älteſten Sohn des letzte⸗ ren zu meinem Diener zu nehmen, der gegenwärtig bei einem Landpfarrer in die Schule gethan war, deſ⸗ ſen Wohnung auf meinem Wege nach Dunsdale lag⸗ — 234— von wo ich ihn bei meinem Vorüberkommen, falls ich ihn tauglich und bereitwillig fände, gleich mit mir nehmen konnte. Phillipps war nämlich diesmal ohne ſeine Söhne erſchienen, theils weil ihm die beiden Knaben bei ſei⸗ nen weiten Märſchen beſchwerlich waren, theils aber auch, weil er einſah, daß die Erziehung der Knaben bei ſeiner herumſtreifenden Lebensart unmöglich geför⸗ dert werden könnte. An ihrer Statt hatte er ſich nun, um ſeinen Karren zu ziehen, wie es in verſchiedenen Gegenden Englands bei Leuten ſeines Gewerbes ge⸗ bräuchlich iſt, ein Paar große Doggen angeſchafft, die ſtark und ſchnell genug waren, das Erforderliche mit Leichtigkeit zu leiſten, ohne ſoviel Unbequemlichkei⸗ ten wie ein Pferd zu verurſachen... IX. Abſchied von St. James. Bis hierher war nun, wie der Leſer ſieht, Al⸗ les reiflich erwogen und vorbereitet, und es kam nur noch auf die Ankunft des von mir ſehnlichſt erwarte⸗ ten Briefes an, um mich, reiſefertig wie ich war, ſogleich in Bewegung zu ſetzen. Und auch hierauf ſollte ich nicht lange warten, denn der alte Sir John 399 in London war ungeachtet ſeiner vielen Geſchäfte und“ ſeiner Kränklichkeit pünktlich und bereitwillig ge⸗ nug geweſen, meine ſonderbare Bitte ſogleich zu er⸗ füllen. Phillipps war fort auf dem Wege nach dem Süden und zwiſchen Mr. Sidney und mir alles Er⸗ forderliche abgemacht, als etwa ſieben Tage nach der Abreiſe des erſteren, eine kleine Geſellſchaft, beſtehend “ — 236— aus dem Direktor, den Aerzten, mehreren Beamten und einigen der vernünftigſten Irren, worunter Mr. Sidney, der Oberſt, der Baronet und der Prinz von Dänemark, ſich auf der großen Kegelbahn im Parke zuſammengefunden hatte und einen zwar warmen aber etwas trüben Nachmittag der Ergötzlichkeit dieſes all⸗ beliebten Spieles weihte. Es war Poſttag, und ſchon oft hatte ich mich, den nahegelegenen Hügel beſteigend, erwartungsvoll nach dem bekannten gelben Wagen umgeſchaut, als ich denſelben in ſeinem gewöhnlichen Tempo auch dies⸗ mal den breiten Fahrweg vom Berge herabrollen ſah. Langſamen Schrittes kehrte ich zur Geſellſchaft zurück und gab Mr. Sidney ein Zeichen, daß die Poſt gekommen und wir unſerm Vorhaben vielleicht wieder⸗ um einen Schritt näher gerückt wären. Keine halbe Stunde verging, da erſchien der Poſt⸗ bote und überbrachte in ſeiner großen Taſche einen ganzen Haufen Briefe, die, meiſt an die Anweſenden gerichtet, ſogleich von einem Jeden in Empfang ge⸗ nommen wurden. Auch an mich waren drei, darunter zwei von Freunden in London und Deutſchland, und der dritte der am ſehnlichſten erwartete von Sir John... aus London. Jeder, der einen Brief empfangen, ſetzte ſich, abgeſondert von den Uebrigen, irgend wo nieder und las in der Stille die ihm zugekommenen Nachrichten. Nachdem ich alle drei Briefe ruhig zu Ende ge⸗ leſen, ſtand ich auf, näherte mich dem Direktor, undde ſagte, indem ich ihm das Schreiben Sir Johns hin⸗ reichte, in einem ſo ruhigen und unbefangenen Tone, daß ich mich nachher ſelbſt darüber wundern mußte: — Ach, ſehen Sie hier, Mr. Elliotſon, ich habe Ihnen einen Gruß von Sir John... aus London auszurichten, aber leider iſt dieſer Gruß von Etwas begleitet, was mich einigermaßen bekümmert. Der Direktor nahm den Brief und las ihn ſtill zu Ende. Er enthielt wörtlich folgende Zeilen: Mein ſehr werther junger Freund! In der Vorausſetzung, daß dieſe Zeilen Sie noch in St. James antreffen, ſende ich Ihnen den freundlichſten Gruß mit der Bitte, ſo bald es die Annehmlichkeiten, die Ihnen an Ihrem jetzigen Auf⸗ enthaltsorte zu Theil werden, erlauben, Ihren Weg zu mir zurück zu nehmen. Einige Nachrichten von Wichtigkeit für Sie, die ich Ihnen jedoch nicht ſchriftlich mittheilen mag und die ich ſo⸗ eben über Hamburg erhalten habe, ſind die Urſache dieſer + 238— meiner ergebenen Bitte. Indem ich Ihnen die Eile, mit der Sie das Nähere zu erfahren wünſchen, überlaſſe, bedaure ich zugleich, Sie von einem Orte abrufen zu müſſen, wo es ſich, wie ich aus Er⸗ fahrung weiß, ſo behaglich lebt, und wo es Ihnen auch, nach Ihrem langen Aufenthalte zu ſchließen, ſo wohl zu gefallen ſcheint; jedoch freue ich mich ſehr, Sie, dieſes Ereigniſſes wegen, um ſo früher wieder bei mir zu ſehen. Bringen Sie meine ach⸗ tungsvollſten Grüße dem Mr. Elliotſon, Mr. Lo⸗ renzen, Mr. Derby... dem kleinen muntern Mr. Derby... und genehmigen Sie den Aus⸗ druck meiner Achtung und Liebe, womit ich zu ver⸗ harren die Ehre habe Ihr alter Freund John...... — Das thut mir leid um unſretwegen!— ſagte der Direktor, als er zu Ende geleſen,— ha! wie der alte Knabe, der würdigſte Nachfolger des kleinen 8 Pinel*)... er hat es ſelbſt geſchrieben und es muß alſo von Wichtigkeit ſein... ſchon eine ſo zitternde Hand hat... der alte gute Sir John! *) Einer der berühmteſten Irrenärzte ſeiner Zeit. — Sie kennen ihn ſchon lange?— flfagte ich, um doch etwas zu ſagen. — O wohl! Er war ja in früheren Tagen oft bei uns und hat hier den eigentlichen Grund ſeiner Kenntniſſe und Erfahrungen gelegt... iſt ein wackrer 3 alter Herr...! aber wahrhaftig, es thut mir leid, Sir, daß Sie ſo ſchnell abreiſen müſſen. Die Anweſenden gruppirten ſich um mich herum, als ſie hörten, wovon die Rede ſei, und drückten mir auf ihre Art und Weiſe ihr Bedauern aus, mich ſo ſchnell und unerwartet von St. James ſcheiden zu ſehen. — Und wann werden Sie gehen?— fragte der Oberarzt, der plötzlich nachdenklich geworden war, als Sir Johns Name genannt wurde, und der, wie über einen Entſchluß mit ſich ſelbſt uneins, einige Male abſeits auf und nieder gegangen war,— Wann werden Sie gehen, Sir? ich habe... ich möchte dem alten Sir John eine Frage ſtellen und Sie bit⸗ teen, ihm dieſelbe zu überbringen. — Morgen, morgen ſchon, mein lieber Mr. Lo⸗ renzen!— erwiderte ich,— wenn es möglich iſt daß ich mich bis dahin reiſefertig mache! — Ach!— rief Mr. Derby, der unterdeſſen ei⸗ nige Worte leiſe mit dem Oberſten gewechſelt hatte, — 240— — da werden Sie ja aber nicht unſre Tragödie auf⸗ führen ſehen...?* — Ich kehre ſobald zurück, wie ich kann,— war meine Antwort,— wenigſtens hoffe und ver⸗ ſpreche ich es... und dann komme ich vielleicht noch zu rechter Zeit, um Ihre Studien bewundern zu können... Mit dieſen Worten wandte ich mich an den Ober⸗ ſten und ſeine Gefährten, indem ich mich freundlich vor ihnen verneigte. Dieſe verbeugten ſich ebenfalls, lächelten auf ihre Art und ſchüttelten mir die Hand. — Und in dieſem Fall,— fuhr ich zum Direk⸗ tor gewendet fort,— geſtatten Sie mir gewiß, den größten Theil meiner Effekten zurückzulaſſen? — Auf alle Fälle,— erwiderte Mr. Elliotſon. — Ganz gewiß! Ihr Zimmer bleibt auch in Ihrer Abweſenheit das Ihrige... kommen Sie, wann Sie wollen, und je eher, um ſo lieber zurück; Sie werden uns ſtets ſo angenehm wie das Erſtemal ſein. .» gen bis zur nächſten Station an. — Ich bitte, bemühen Sie ſich nicht, Sir,— entgegnete ich,— Sie wiſſen, ich bin ein guter Fuß⸗ 3 gänger und, wie ich gekommen bin, will ich auch wie⸗ Und wenn Sie es mir erlauben,— fügte er 3 ſehr artig hinzu,— ſo biete ich Ihnen meinen Wa⸗ 8 — — 241— der gehen, es hat nun einmal für mich einen beſon⸗ deren Reiz, ohne alle Begleitung zu reiſen. — Erlauben Sie mir dann einen Vorſchlag,— ſagte der Irre von St. James, der bis jetzt geſchwie⸗ gen hatte, und trat näher an mich heran,— wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, ſo bedienen Sie ſich meines Pferdes, es wird mir ein Vergnügen ſein, Ihre Reiſe auf dieſe Art beſchleunigen und annehm⸗ licher machen zu können. Ich ſah den Sprecher und die Umſtehenden et⸗ wmas betroffen an, denn der Vorſchlag überraſchte mich, obgleich er mir durchaus nicht unangenehm war. — Wenn ich nicht fürchtete, Sie eines Vergnü⸗ gens und einer Gewohnheit zu berauben, Mr. Sid⸗ ney,— erwiderte ich, indem ich mich verbeugte,— ſo würde ich gern Ihre Güte in Anſpruch nehmen, aber... — Schlagen Sie ein, ſchlagen Sie ein!— rief hier Mr. Derby,— Reiten iſt auf alle Fälle beque⸗ mer als zu Fuße gehen, und Mr. Sidney würde es Ihnen nicht angeboten haben, wenn es ihm nicht ein Vergnügen gewährte. — Gut, ſo nehme ich Ihren Vorſchlag mit Freu⸗ den an!— ſagte ich und verbeugte mich noch ein⸗ 4 zal vor dieſem und drückte ihm die Hand. Der Irre von St. James. 2. Band. 16 — 242— — Schoͤn, ſchön!— rief der Direktor,— und da die Sache abgemacht iſt, Gentlemen, ſo laſſen Sie uns zu unſern Kegeln zurückkehren, der Tag iſt e noch lang, und Sie werden heute Abend noch Zeit genug haben, Ihr Päckchen zu ſchnüren... — Niemand hatte etwas dagegen und wir ſetzten ſae mit unſer Spiel fort, obgleich ich meinerſeits mit meisr 2 nen Gedanken ſchon weit fort und noch Einer untzy⸗ 5 uns war, deſſen Hoffnungen auch ſchon, auf weitem Meere des Lebens ſegelnd, mit mir ihrem Ziele ent⸗ 6 gegen Ringen.......... 4— 1 4 1. Und ſo war denn alſo der Augenblick gekommen, b wo ich nach faſt ſechs wöchentlichem Aufenthalte in 78 dem Irrenhauſe zu St. James auf eine ſo unerwar⸗ tete und ſchnelle Weiſe, ganz gegen meine fruͤheren Pläne, eine neue Reiſe antreten ſollte, deren Dauer nicht vorherzuſehen und deren Ausdehnung für's Erſte nicht zu berechnen war. zunns Es war am zwanzigſten Juli, Morgens acht Uhr, als ich mich, nachdem ich am Ahend vorher alle diejenigen beſucht hatte, denen ich dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit ſchuldig war, zur Abreiſe in bezar „— 243— * 4 wo mich Alle ſchon erwarteten, welche mir das Ge⸗ ſeit zu geben gedachten. Ein Diener des Hauſes ſtand mit dem geſattelten und einem kleinen Mantelſack ver⸗ ſehetten Pferde vor der Thür. 4 Es war dies in der That ein edeles und ausge⸗ zeichnet ſchönes Thier vom glänzendſten, dunkelſten 4 1 Schwarz, nicht ein einziges weißes Häͤrchen war an einem vollkommen ebenmäßigen, ſchlanken und leich⸗ ten Körper zu ſehen. Es war nicht groß, wie es alle dieſe herrlichen aus arabiſchem Blute ent ſproſſenen Vollblutpferde ſind, aber in allen Verhältniſſen gleich⸗ mäßig vortheilhaft gebaut, dabei außerordentlich klug aand gelenkſam, und ſo ſchien es weniger zu einer ſo 8 veſchwerlichen Reiſe, denn in einer Rennbahn als ein Muſter von Schönheit und Schnelligkeit zu glänzen eignet. Es war indeſſen Perey's Wille, daß ich nich dieſes ſeines Lieblingspferdes bedienen ſolle ügte mich ihm. 3 Außer dieſem erwarteten mich noch an der Thür Direktor, der Prediger und einige Andere, die zte waren auf ihren Stationen und hatten ſchon frühen Morgen von mir Abſchied genommen. 1— Führe das Pferd voraus, Simons! ſagte SDirektor zu dnn daſſelbe haltenden Diener,— 8 ir begleiten den Herrn Doktor noch eine kläin e — ſo tief in die Seele geſchaut, und den ich ſo unaus⸗ u Fuße. Und Sie, Mr. Sidney, wollen Sie nicht uuch mitgehen, um zu ſehen, wie ſich der Doktor auf Ihrem Pferde ausnimmt? — Mit Vergnügen, wenn mir die Ehre vergönnt ſt!— erwiderte dieſer und ſchritt mit mir hinter den indern her, die langſam vorausgingen und ſich über ie Vortrefflichkeiten Bravours, meines neuen Reiſe⸗ eefährten, beſprachen. — In der That!— ſagte ich ſo laut, daß Alle s hören konnten,— ich bin beſorgt um das Ver⸗ hältniß, welches ſich zwiſchen mir und Ihrem Bravour intſpinnen wird; hoffentlich wird er nicht zu unbän⸗ dig ſein, denn obwohl ich gerade kein ſchlechter Reiter bin, ſo iſt er doch eines ausgezeichneten gewohnt. — Beſorgen Sie gar nichts,— entgegnete Mr. Sidney,— das Thier iſt feurig, ſtolz und raſch, Pe er ohne alle Tücke, und was es leiſten kann, wer⸗ een Sie ja bald erfahren. Wäre es nicht der Leute vegen, Sie hätten gar keine Sporen gebraucht. Ein Ruf iſt hinreichend, ihn in Bewegung zu ſetzen, und venn es Noth thut, ihm Flügel zu geben. Alsdann gingen wir ein Weilchen, ohne zu ſpre⸗ hen, neben einander her. Ich war ſtill, denn in der That, der Abſchied von dem theuren Freund, dem ich — — — — — — — 247— — Und ich mache mich anheiſchig, dreißig bis vierzig, drei Wochen lang, zu machen; es kommt, wie geſagt, ſehr viel auf den Reiter an, und dabei will ich weder Peitſche noch Sporn gebrauchen. Man wunderte ſich, wollte nicht recht glauben, ſtritt hin und her und kam zuletzt zu dem gewöhnli⸗ chen Ende, zur Wette, als wir auf dem Punkte an⸗ langten, wo das Gebiet des Irrenhauſes aufhörte und unſre Trennung erfolgen ſollte. Hier blieben wir ſtehen, ſprachen einige Worte des freundlichſten Abſchieds und ſchüttelten uns die Hände. Mr. Sidney war der letzte, der ſich mir em⸗ pfahl. Ich durfte ihm nichts mehr ſagen, aber wir brauchten auch nicht der Worte, uns zu verſtändigen, ein Druck der Hand und ein Blick ſagte Alles. Bravour ward herbeigeführt. Als ich aufgeſtie⸗ gen war, wandte das kluge Thier ſeinen ſchönen klei⸗ nen Kopf mit den glänzenden Augen nach ſeinem Herrn, als wollte es fragen: Und willſt Du diesmal nicht mit mir fort?... 4 Noch ein Lebewohl, noch ein Gruß... und ich ritt langſam die breite Straße den Hügel hinauf... ... Mein Herz war etwas beklommen... ich ritt, ohne etwas Beſtimmtes zu denken, vorwärts, bis zu dem Punkte, wo die Straße ſich auf dem Gipfel des Berges wendet und man den letzten Blick auf das Ge biet von St. James hat. „ — 248— Da lag das weite, große, ſchöne Gebäude, ein hellleuchtender Punkt in dem reichen, grünen Blätter⸗ meere der daſſelbe umgebenden alten Bäume... was ging mir Alles durch das Herz! denn was hatte ich nicht in dem kurzen Zeitraum einiger Wochen dafelbſt erfahren und empfunden!... Ich blickte ſpähend über den Park fort... ſo weit mein Auge reichte... ich ſuchte etwas, was ich nicht gleich finden konnte... da ſah ich es flat⸗ tern auf dem wohlbekannten Hügel— ein weißes Tuch, von einem Menſchenarme hin und her bewegt. Ich erhob das meine und winkte tauſend Grüße hin⸗ über, denn ich wußte, von wem es kam und zu wem es ging... Noch einen Blick, noch einen Gruß... und den Kopf meines Pferdes wendend, ritt ich im Schritt dem Norden Altenglands zu, den Weg nach London zu meiner Rechten liegen laſſend... und da gewahrte ich erſt, daß ich wieder in Gottes freier Na⸗ tur, daß ich ſelbſt frei war, und ich ſagte zu mir mit einem ſtillen Seufzer: — Warum ſind nicht Alle ſo wie ich, Herr ih⸗ rer ſelbſt, zu ſchalten und zu walten mit ihren ihnen von Gott verliehenen Fähigkeiten... und was habe ich gethan, um ſo glücklich zu ſein?!..... Ende des zweiten Bandes. Sruc der C. Schumann'ſchen Buchdruckerei in Schneeberg. 1 ———— ffffffffffffffffſ 8 9 10 11 12 14 15 16 17 d.