¹ 8᷑ 6 8 3 8 6 8 8 6 8 E 5 8 aaraaa Arararanarnhnhrhanhnhnhh Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. 2 ITarAnarararacaranhnr Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„ ffranz od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: fur wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ————— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 7 3,: 1„ 30„ 1„ 12„—„ 45„ „, 1„—„ 36„—„ 27— 18 „„„ gagananaaegegannfncdunananananane Unnna amRraTarrarrararrrarenrnan 3 1 1 8 ——— —— Aus dem Reiſetagebuche eiges Arztes. 4 Vom Verfaſſer des Inſelkönigs. (Philipp galek.) 1 Er ſter B Kn d. I. 7 4 Leipzig,— Verlag von Chriſtian Ernſt Kollm 1 85 4. 5 3 Vorwort. Der Leſer glaube nicht, ich wolle ihm mit dieſen Blaͤttern einen Roman in die Haͤnde ge⸗ ben. Ich lege ihm einzig und allein eine Seite aus dem Tagebuche meines Lebens vor; ich laſſe die Perſonen reden, wie ſie zu mir geredet ha⸗ ben und erzaͤhle die Begebenheiten, wie ſie vor meinen Augen geſchehen ſind. Moͤge er dieſelben ſo leſen, wie der Verfaſſer — aufmerkſam, nachſichtig und vorurtheilsfrei! Sollten dann etwa Mehrere ſein, denen ich mit dieſer Schrift eine angenehme Stunde bereitet habe,— oder wohl gar Einige, denen ſie zur Lehre dienen kann,— dann wuͤrde mein Wunſch und meine Abſicht erreicht ſein. Vor Allen aber ſende ich meinen zahlreichen und geliebten Jugendfreunden, wo ſie auch ge⸗ genwaͤrtig ſein moͤgen, meinen freundlichſten Gruß aus der Ferne; ihnen, die mit mir zu⸗ gleich in die ernſte Schule des Lernens und Le⸗ bens traten und mit gleicher Liebe, Hingebung und Aufopferung ihrem ſchweren, aber herrlichen Berufe entgegentraten, um den Spuren der Na⸗ tur um und in dem Menſchen nachzugehen, ihren der Menſchen— dieſer zweiten, eben ſo ſchwie⸗ rig zu ergruͤndenden wie unermeßlich reichen Na⸗ 3 kur— zu leſen und Quelle und Inbegriff alles deſſen nachzuſpuͤren, was wir Welt, Schickſal und Verhaͤngniß zu nennen pflegen. Alſo allen ſeinen bekannten und unbekannten Freunden hiermit ſeinen herzlichſten Gruß der Verfaſſer. —— — — kühleren Abendſtunden entgegen ſal ſenden eben ſo erquickend, wie ermn 47. 7 22 I. Phillipps, der Rrämer, ſeine Söhne und der Irre von S8t. James. Es war in den erſten Tagen des Juni im Jahre 1843, als ich, von einer Reiſe nach Schottland zu⸗ rückkehrend, denjenigen Theil Englands betrat, in welchem das ſteilere Gebirge allmählig in die wellen artigen grünen Hügel übergeht, die, je mehr man ſich dem Süden zuwendet, nach und nach an Höhe und romantiſcher Wildheit abnehmen, endlich aber ſich unvermerkt in das flache und mit ſo vielen ſchönen Erzeugniſſen geſegnete Land verlieren. 6 Es war ein ſehr warmer Tag geweſe hatte, nach meiner Gewohnheit zu Fuße von der Hitze gelitten, ſo daß ich mit ** Wie ich faſt die ganze Reiſe ohne Begleiter zu⸗ rückgelegt, ſo war ich auch diesmal allein; aber mein Herz, noch erfüllt von den Wundern des Hochlan⸗ des, wurde getragen von den ſchönen Naturſcenen, die mich umgaben, und ich fühlte mich ſo frei und leicht und der kommenden Stunde ſo ruhig ergeben, wie der Vogel, der in den Lüften ſchwebt und gelaſ⸗ aag und Nacht wechſeln ſieht, da er gewiß iſt, an jenem ſeine nothwendige Nahrung und in dieſer ſein beſcheidenes Obdach zu finden. Eiine ſolche, durch eine ſchöne Gegend führende, einſame Wanderung gewährt einer genügſamen Seele einen hohen Genuß, wenn gleich die Geſellſchaft mit ien vertrauten und gleichgeſtimmten Freunde Vor⸗ zuge hat, die ich nicht beſtreiten will. Ich kenne aus Erfahrung Beides und weiß in der That nicht, was ich im Allgemeinen vorziehen ſoll, denn das ge⸗ ſellige Reiſen bietet auch oft Unannehmlichkeiten dar, die ein für ſich allein Reiſender nie kennen lernt. Indeſſen kommt es wohl auf das Gemüth und die Geiſtesbildung deſſelben zumeiſt an. Kann er ſich hin⸗ reichend auf ſeinen Wanderungen beſchäftigen, hat ſein Inneres genug Vorrath zur Reiſe geſammelt und ſucht: nicht allein aus der Unterhaltung Nahrung, end⸗ iich aber, hat er außer dem Vergnügen, welches die — 9— Abwechſelung gewährt, noch einen beſonderen Zweck vor Augen, ſo dürfte, meinem Ermeſſen nach, die Reiſe ohne Begleitung ihre überwiegenden Vortheile haben. Was mich anbelangt, ſo hatte ich nicht fremde und entlegene Länder beſucht, um ſagen 3 nen, ich ſei dageweſen, ſondern ich fühlte Arzt hauptſächlich berufen, den Menſchen freuden⸗ und leidenvollen Treiben z 3 hatte es mir diesmal zur beſonderen 2 alle Krankenhäuſer von Ruf, vorza renanſtalten zu beſuchen, die in haft ausgeſtattet ſind, daß ſig Berühmtheit erlangt haben. 4 So wollte ich denn vom menſchlichen Ge⸗ würdigten Heilſtätt — 10— eine kleine Tagereiſe gemacht, ſehnte ich mich doch, bend näher und näher kam, nach einem d deſſen Bequemlichkeiten; denn wir ſind gewohnt, unſer Tagewerk, ſei es welches es c, in den ruhigeren Stunden, wenn die Sonne, ſre Mühen beleuchtete, ſich abwärts neigt, zu und arbeitslos, aber um ſo mehr voller d, jenem behaglichen Frieden uns hinzuge⸗ ch vollbrachter Arbeit ſo wohlthut, und Kraft zu neuer Anſtrengung verleiht. der gewöhnlichen breiten Landſtraße liebte es, auf einem ſchmalen der mich bald durch Wald und und Moore, bald durch an⸗ ockte, es boten mir dieſe maatürliche Friſche und alte mehr das bald ir, und noch war ebendigkeit und en gewährt, d bisweilen ſtoßen, ſe breite danmu⸗ hart — 11— und ſtaubig, nichts als das unveränderliche Einerlei . darbietet, dem Jugendmuth und Lebensluſt pon jeher ſo abhold waren. 1 So war ich auch diesmal meiner alten Neigung gefolgt und hatte ſo eben einen ſchmalen Fußpfad ein⸗ geſchlagen, der, in ſchneckenartiger Windung bergad führend, mich in ein kleines, ſtilles, grünes, rings ¹ von bewachſenen Höhen umgebenes, Thal brachte. Ich ſtand ſtill und blickte rückwärts die Höhe hinauf, 6 von der ich ſo eben herabgekommen war. Die ſin⸗ kende Sonne, am unbewölkten Himmel langſam dahin gleitend, war ihrem Wendepunkte nahe und warf nur noch einige ſchräge, purpurroth glühende Strahlen guf die höchſten Wipfel der rieſigen Bäume jener Anhöhe, während der breite und lange Schatten derſelben das tiefere Thal ſchon dunkler färbte. So meiner ſtillen Betrachtung hingegeben, ließ ich mich am Fuße einer ſchlank gewachſenen Tanne im friſchen, duftigen Mooſe nieder und zog meine Karte hervor, um zu berechnen, wie weit St. James wohl noch von meinem jetzigen Ruheorte entfernt ſein könne. Doch, wie es mir oftmals ging, konnte ich auch 3 diesmal den Punkt, auf dem ich mich gerade befand, nicht genau auf hem Papiere finden, und ich wa iger Verlegenheit, 4 A 1 —— — 12 Wege abgekommen ſei und mich bereits ſeitwärts von St. James bewegt habe, als ich zu meiner Beruhi⸗ gung einige Menſchenſtimmen vernahm, die ſich von jener ſchon erwähnten Höhe zu mir ins Thal herab zu bewegen ſchienen. Bei genauerem Hinhorchen vernahm ich bald, daß es zwei Knabenſtimmen waren, die, einen Doppelge⸗ ſang ausführend, mit ihren klaren Bruſttönen anmu⸗ thig zu wetteifern ſchienen. Bald auch trennte ſich unfern des Gipfels der Höhe das breite Gebüſch, und ich ſah, wie ich es vermuthet, zwei Knaben, die vor⸗ ſichtig den Berg herabſtiegen und eine Laſt aufzuhal⸗ ten bemüht waren, die ſie hinter ſich herſchleppten, dder die vielmehr, den Berg hinab, auf ſie niederzu⸗ ſtürzen drohte. Als ſite mir näher kamen, fand ich, daß es ein Wagen war, der, eigenthümlich gebaut, jenen Krämerkarren glich, wie man ſie ſo häufig in England von Hunden oder einem alten trägen Pferde fortſchleppen ſieht. Langſam kamen ſie mir näher, und jetzt gewahrte ich auch hinter ihnen einen älteren Mann, der mit feſtem Schritte und ſicherer Hand den Karren aufhielt, damit er nicht, die Knaben überwältigend, den Ken. 3 lich ſteilet Abhang hinabſchieße. Als der von Weitem etwas abenteuerlich aus hende Zug in mal ihn einer genau⸗ der eine der. von Beiden ſprang und — 15— Im Ganzen war er wie ſeine Soͤhne gekleidet, nur hatte er, zum Unterſchiede von ihnen, einen dun⸗ kelrothen, von wollenem Zeuge gewebten, handbreiten Gürtel um den Leib geſchlungen, der vorn mit einer großen neuſilbernen Schnalle zuſammengehalten war, und Papiere oder Geld ſicher aufzubewahren beſtimmt ſchien. Seinen ſtarken Haarwuchs bedeckte kaum zur Hälfte eine ebenfalls kleine Mütze von grünem Tuche ohne Schirm, wodurch nur noch mehr das Adler⸗ — artige ſeines Geſichtes hervorgehoben wurde. Dieſes Geſicht aber, männlich, ernſt, mit ſcharf ausgepräg⸗ ten ſonnenverbrannten Zügen, war wie von einem dunkelen Rahmen in einen ſehr ſtarken Backenbart ein⸗ gefaßt, der mit einem großen Schnurr⸗ und Spitz⸗ barte um Kinn⸗ und Mundwinkel zuſammenlief. Sei⸗ ne große ſchottiſche, hervorſtehende Naſe verlieh dieſem Geſichte den Ausdruck von Schärfe und Kraft, der den Hochländern ſo eigenthümlich iſt, und würde noch mehr aufgefallen ſein, wenn er nicht durch die Gut⸗ müthigkeit und Biederkeit, die aus ſeinen dunkelblauen, großen und offenen Augen unverkennbar hervorleuch⸗ tete, gemildert worden wäre. Es lag eine Art von gemüthlicher und durch Nichts zu beſiegender Heiter⸗ keit auf dieſem merkwürdigen Antlitze, das ſogleich Vertrauen erweckte; auffallender aber wurde es bei — ———— — 16— genauerem Hinblick noch durch einen um ſeinen Mund mit den kerngeſunden Zähnen und den wohlgebildeten, fleiſchigen Lippen liegenden Anflug von momentaner, ich will nicht ſagen, Traurigkeit, aber doch Wehmuth, der einen nicht unangenehmen Gegenſatz zu jener Hei⸗ terkeit bildete, und ihr gewiſſermaßen einen Zügel an⸗ zulegen ſchien. 4 Dies war das Aeußere des Mannes, den ich ſo unerwartet vor mir ſah, und ich ſagte mir ſogleich, daß ſein Inneres demſelben entſprechen müßte, daß er gutmüthig, ehrlich und gefällig, daß er in der Ge— genwart fröhlich und zufrieden und wahrſcheinlich nur durch halbvergeſſene traurige Erfahrungen wohl ge⸗ prüft und abgehärtet ſei. Auf dem Hintertheil des kleinen vierrädrigen Wa⸗ gens, den dieſe drei Perſonen zu mir heranlleiteten, ſtand ein ziemlich hohes korbartiges Gerüſt, von ſtar⸗ ken Weidenruthen geflochten; den vorderen Raum nah⸗ men mehrere kleine Kaſten und in Wachsleinwand eingeſchlagene Packete ein. Als der Mann in meine Nähe gekommen, nahm err ſeine kleine Mütze ab und ſagte, indem er ſich an meiner Seite im Mooſe niederließ, mit freundlichem Tune:— SGuten Abend, Sir! Wenn es erlaubt iſt, — 19— Thal, in dem wir einige Minuten geruht hatten, mün⸗ dete in einen weiten grünen Anger, der, ingefähr zwei Meilen weit ſich erſtreckend, den ſchüſten wei⸗ chen Moorgrund bot. Wir durchſchnitten denſelben in die Quere und waren eben bis zur Nitte etwa ge⸗ kommen, als wir die Knaben, ginter denen wir, in gleichgültigem Geſpräch Friffen, zurückgeblieben wa ren, ſtehen nee Re ſa näherten uns lang ſam, und als wir dicht bei ihnen waren, bemerkten wir, daßeſich Bob auf die Erde geworfen hatte und Will aif der Deichſel ſaß. 18 Nun, was habt Ihr, was giebt's— warum hr nicht vorwärts?— fragte des Vaters ernſte, undliche Stimme. „Weil wir nicht mehr können!— antwortete Bob unh Linem trockenen Tone, während ſein ſanfte er Byuder ihm einen beſchwichtigenden Blick zuwarf. Hoho, mein Junge! Sprichſt Du ſo? Auf⸗ jeſchſert!— An die Deichſel, Burſch... und immer vorN Sorfwaͤrto geht aber — Ja!— erwiderte Bob mit einem deutlichen ihmollen in Geberde und Ton, Du haſt gut zen! Du ſchlenderſt gemächlich hinterher und Deine ai men ſchwachen Knaben müſſen die ganze Ladung nfiehen. Der Kuckuk hole den Wagen! Aber ich 2* — 20— Du könnteſt es Dir und uns bequemer ma⸗ Du Dir einen alten Gaul oder ein Paar 8, De, et— ſolche Hundearbeit iſt micht für Manſch ½ ch dazu für Kinder! ar's!— rief der Vater, und ſah aber immer noch nicht un⸗ — DBo mich mit eine. 3 3 freundlichen Blicke 5„Junge iſt wahrhaftig ‿ nicht vom Brote wie ſeine Mutter, die ſich de— An Gan . An Geiſt nehmen ließ— Gott mache ſe „„ und Leib iſt er wie ſie, immer Flauumg und das kommt ihm in der That a. ſollte es ihm diesmal ſchlimm ergehen! Biſ ſo müde, Will?. — Nun... es geht! ſagte zoͤgernd tere Knabe, und ſenkte erröthend ſeinen lockit ſo daß man ihm anmerkte, er ſei wenigſtens ermüdet wie ſein älterer Bruder. Ja, nun ſpricht er nicht!— rief B aus,— aber mir hat er es geſagt, daß er kau 4 fort kann! — Die Knaben ſind in der That ermüd ſagte ich verſöhnend,— der Grund iſt weich i Räder ſchneiden tief ein. b — Ei ja doch, Sir, ich glaub's ja! JIot 8 nichts dawider. Wenn er mir vorher ein gute“ 6 gegönnt hätte, wäre ihm ſchon längſt geholfen, aber der Bob iſt ein Eiſenkopf und ein Brauſewind! Auf, Bob! Auf, Will! ich werde mit Hand anlegen! Die Knaben ähaben ſich langſam und gingen wieder an ihre Arbeit. Der Vater ſchob hinten an der einen Seite des großen Korbes, ich an der an⸗ dern, und ſo ging es leicht und raſch vorwärts. Nach einer Weile aber wurde der Weg wieder etwas ab⸗ ſchüſſig, der Wagen rollte faſt von ſelbſt und unſre Hülfe war nicht mehr nöthig. Der Vater winkte mir, einige Schritte zurückzu⸗ bleiben und ſagte dann in leiſem Tone: 4— Glauben Sie nicht, Sir, daß ich zu viel von meinen Knaben verlange. Ich habe das Einſehen, daß ſie über ihre Kräfte nichts leiſten können, aber die Umſtände brachten es diesmal ſo mit ſich; ich habe es auch ſchon überlegt, daß ein Paar tüchtige Dog⸗ gen ſchneller und dauerhafter ſind, als dieſe Kinder. Ueberdieß ſehe ich ein, daß es zu ihrem eigenen Be⸗ ken iſt, wenn ſie eine regelmäßige Schule beſuchen; ſich habe ſie aber lange Zeit nicht bei mir gehabt und konnte es nicht über mein Herz bringen, mich ſogleich wwieder von ihnen zu trennen. Trennung thut weh. 8* Wann ſie aber einmal bei mir ſind, und es ſich 6 kade ſo fügt müſſen ſie etwas zu thun haben. — 22. Junge, der Bob, ſchlägt ſonſt über die Stränge, und da habe ich ihm denn diesmal die Arbeit eines Zug⸗ pferdes beſtimmt. Lieb wäre mir's, wenn wir es 1 Alle nicht nöthig hätten, aber es iſt einmal ſo. 1 Uebrigens iſt es das erſte Mal, und ungewohnte Arbeit iſt ſaure Arbeit! Den Karren habe ich erſt geſtern gekauft, bisher trug ich meine Paar Sieben⸗ ſachen ſelber auf dem Rücken... da haben Sie meine Bekenntniſſe. Ihr habt Recht, die Kinder zu ſchonen und ſie Etwas lernen zu laſſen; ſte ſcheinen mir Beide Anlagen zu haben, und es wäre Schade, wenn auf Koſten ihres Geiſtes ihr Leib allein angeſtrengt würde. Das iſt auch meine Meinung, Sir! Und ſo ſiſt es denn jetzt beſtimmt, ſie ſollen in die Schule... ich habe ſchon meine Gedanken darüber... aber... ſehen Sie den ſchönen Abend... und da kommt der Mond ſchon langſam hervor... wir haben heute Vollmond, denke ich! Wir blieben einen Augenblick ſtehen und betrach⸗. teten ſtillſchweigend die Gegend, die ſich bei der abend⸗* That höchſt maleriſch aus⸗d der Ferne von lichen Beleuchtung in der Th nahm. Der weite, grüne Anger, in nklen Baumgruppen umkränzt, ſchien i dem blaf 46 beſtimmten Lichte, welches zwiſchen H fen, un 23— * untergang und Mondſchein ſchwankte, wie eine weite Waſſerfläche zu leuchten, darüber zog ſich unabſehbar wie eine kryſtallne Wölbung der wolkenloſe, tiefblaue Himmel hin, über deſſen einem Rande der Vollmond heraufquoll, während an dem anderen die glänzende und feuerfarbene Glut des untergehenden Tagesgeſtirns allmälig in blaſſere Farben überging. Die Luft war milde und erquickend gegen den ſo heiß geweſenen Tag. — Halt!— rief der Vater ſeinen Söͤhnen zu. — Halt! ſetzt Euch ein wenig und ſehet den ſchönen Vollmond heraufſteigen. Wir gingen langſam vorwärts und hatten bald die Knaben eingeholt. —Sir!— fing der Vater wieder an, als wir auf dem grünen Raſenteppich ſaßen und nach dem langſam ſich hebenden Feuerball voller Spannung und Bewunderung emporblickten,— Sie haben mir geſagt, „Sie gingen nach St. James. Darf ich wiſſen, wel⸗ ches Geſchäft Sie da haben?.. Sie verzeihen meine xkoſffenherzige Frage... aber ich denke, weil ich ſelbſt * keine Gründe habe, meinen Beruf zu verſchweigen, ergehe es Anderen eben ſo. Dieſe Worte wurden ſo gutmüthig und treuher ig vporgebracht, daß ich ſe unmoͤglich übel deuts * konnte, obwohl ſie eine große Neugierde verriethen, und ich erwiderte daher: — Nun wohl, da Ihr offenherzig zu ſein Euch rühmt, ſo machet den Anfang und erzählt mir Euer Vorhaben und nennt mir Euren Namen, dann will ich gegen Euch ein Gleiches thun. — Das iſt ſehr einfach, Sir, und bald geſagt. Ich bin, wie Sie ſehen, zur Zeit ein Krämer und heiße Phillipps. Das ſind meine beiden Knaben, Bob und William, und dies hier auf dem Wagen mein ganzes fahrendes Hab' und Gut. St. James aber iſt einer der vielen Orte, wo ich einen Handel zu machen gedenke, denn ich habe die Erlaubniß, von Zeit zu Zeit daſelbſt einzuſprechen. — So will ich denn eben ſo kurz ſein, wie Ihr, — entgegnete ich.— Ich bin ein Arzt und heiße ..... Ich reiſe zu meinem Vergnügen und zu meiner Belehrung, und beſuche deshalb alle Irrenhäu⸗ ſer, wo ich ſte finde, denn ich habe, was man in der Welt eine Paſſion nennt, für die armen Kran⸗ ken darin. St. James aber iſt eins der berühmteſten der Art, und ich denke, daſelbſt vortreffliche Studien zu machen und belehrende Unterhaltung zu finden. Ich blickte verwundert den Mann an, zu dem. h dieſe Worte ünach,.. er hing mit offenem — — 25— Munde an meinen Lippen und ſein Auge flog mit einem auffallenden, halb überraſchten, halb zufriedenen Blicke über mein Geſicht. Als ich zu Ende war, ſtieß er auch demgemäß ſein einſylbiges, diesmal ungemein melancholiſch klingendes Hm! hervor. — Was findet Ihr dabei— Ihr ſcheint Euch zu wundern? — Wundern, Sir? Warum das? Wo es lei⸗ der Verrückte giebt, muß es aucch, Gott ſei Dank! Aerzte geben, die ſie zu heilen verſuchen... es muß aber eine ſchwere Aufgabe ſein, obwohl... höchſt intereſſant. Hm!* — Gewiß höchſt intereſſant, und belehrend oben⸗ drein! — Und es iſt auch ein gutes Werk, Sir, ſol⸗ chen Unglücklichen den verlorenen Verſtand wieder zu verſchaffen... — Gewiß!— ſagte ich...— aber gehen wir wieder weiter, ſonſt kommen wir zu ſpät an. Und wir brachen alsbald wieder auf. Wir wa⸗ ren aber noch keine hundert Schritte gegangen, als Mr. Phillipps wieder das Wort nahm:. — So viel ich weiß,— ſagte er, giebt e ſehr viele belehrende Fälle da unten.. Sie — 26— den da auch den... den Irren von St. James kennen lernen... denke ich... Dieſe Worte, ziemlich unbefangen an ſich, wur⸗ den doch mit einem gewiſſen Rückhalt hervorgebracht und ſchienen mir etwas, um mich ſo auszudrücken, lauerhaft geſprochen zu ſein. — Den Irren von St. James?— fragte ich — Wer iſt das? — Ein Verrückter, Sir, ohne Zweifel, wie es deren viele in dem Hauſe giebt... was weiß ich!... — Aber Ihr nennt ihn den Irren von St. Ja⸗ mes... warum das? — Auch das weiß ich eigentlich nicht, warum er ſo genannt wird... doch hat in St. James faſt ein Jeder ſeinen Spitznamen, wie beinahe überall in England... iſt'ne Monomanie der guten Britten ... wie ſie da unten im Irrenhauſe ſagen. Ich lächelte über den im Munde dieſes Mannes ſonderbar klingenden Ausdruck. — Ihr ſcheint auch ſchon Studien... da unten ... wie Ihr ſagt, gemacht zu haben... doch ich frage noch ein Mal nach dem Irren von St. James .. warum wird er ſo genannt? Es muß doch ſeine ewandniß haben, ihn ausnahmsweiſe den Irren 5 4 B von St. James zu nennen, da es doch der Irren viele daſelbſt giebt... — Nun, Sir! das werden Sie ja ſelbſt ſehen, wenn Sie ihn kennen lernen. Ich für mein Theil... der ich darüber nur eine untergeordnete Meinung habe ... denke, man nennt ihn ſo, weil... weil er ... gering geſagt... ein ganz eigenthümlicher... gebildeter, und oft ganz vernünftiger Mann iſt, der nur bisweilen ſeine... tollen A nfälle hat, und weil ſo ein gewiſſes... geheimnißv volles Dunkel um ihn ſchwebt... doch, laſſen Sie es gut ſein... wenn Sie ſich aber, nachdem Sie ihn geſehen haben, viel⸗ leicht für ihn intereſſiren ſollten... und das duͤrfte leicht möglich ſein... ſo könnte es ganz gut für ihn ſein... — Wie ſo... gut für ihn? — Nun, laſſen wir das... laſſen wir das, Sir!... Sagen Sie mir lieber, wo Sie Ihr Eng⸗ liſch gelernt haben; Sie ſprechen es gut, ſehr gut, und doch höre ich, daß ſie kein Engländer ſind... Ihr ſeid auch keiner, mein lieber Mr. Phil⸗ lpps!— ſagte ich lächelnd. Der Mann ſah mich aufmerkſam von der Sein an, dann un lächa te er n Andls und erwiderle⸗ 3 88 nicht gedacht, denn ich ſpreche für einen Schotten ein ziemlich reines Engliſch... ja, ich geſtehe es... ich bin eigentlich ein Schotte, oder vielmehr nur ein halber, denn meine Mutter war ſo gut engliſch, wie die Mutter dieſer Knaben, aber mein Vater,— ſetzte er mit einem gewiſſen Stolze hinzu— war ächt ſ chotti ſch... und das konnten Sie mir eigent⸗ lich gleich an der Naſe anſehen, wie man zu ſagen pflegt... — Und das habe ich auch mehr geſehen, als ich es gehört habe, mein Freund,— erwiderte ich, in⸗ dem ich herzlich lachen mußte,..— Ihr habt eine ächt ſchottiſche Phyſiognoinie... aber ich will eben ſo offenherzig ſein, wie Ihr... ich bin ein Deutſcher von Geburt... — Ah!— rief der Mann,— habe ich mir es doch gedacht! und er betrachtete mich zu meiner Ver⸗ wunderung noch einmal ſo freundlich, als vorher. — Nun, iſt es etwas ſo Seltenes, einen Deut⸗ ſchen in England reiſen zu ſehen? Nein, durchaus nicht... aber es freut mich, Sir, es freut mich ſehr, und ihn wird es noch mehr freuen!— ſetzte er halblaut und mit eigen⸗ thümlich weichem Tone hinzu. Welchen ihn?— fraate ich 8 2 — 29— — Nun, nun... warten Sie die Zeit ab... ich will damit nur ſagen, daß ich auch einige Jahre in Deutſchland war und daß ich auch etwas von Ihrer ſchweren Sprache verſtehe... ich bin mit meinem frü⸗ heren Herrn dageweſen... ja, Sir, ſo iſt es! — Ei, das iſt mir ja ganz außerordentlich lieb! rief ich aus und bot ihm die Hand, die er kräftig 1 ſchüttelte— Ihr glaubt nicht, wie gern man in frem⸗ * 1 den Ländern ſeine Mutterſprache hört, und wenn es Euch recht iſt, unterhalten wir uns jetzt deutſch... — Ich bin dabei! rief der Krämer Phillipps auf Deutſch aus, das er, wie ich in der Folge der Un⸗ terhaltung ſah, ziemlich geläufig, obwohl mitunter falſch ſprach, und nun unterhielten wir uns noch ein⸗ mal ſo lebhaft von Deutſchland, und konnten nicht müde werden, mein ſchönes, ſtilles Vaterland zu lo⸗ ben und uns unſers Zuſammentreffens zu freuen. Das Geſpräch wurde durch Bob unterbrochen, der jetzt im Ernſt klagte, daß er und Will vollends müde ſei. — Noch eine halbe Stunde, mein Junge!— ſagte der Vater; und wenn Du ſie ohne Murren erträgſt, ſo iſt Dir ein halber Schilling ſo gewiß, als hätteſt Du ihn ſchon in Deiner Taſche. Das iſt gewiß ſehr gut!— erwiderte Bob mit einem eigenthümlich zweifelhaften Kopfſchütteln.— Wenn ich ihn nur erſt hätte!— — Damit Du Deinen Lohn ſicher haſt, Bob,— ſagte ich,— ſo haſt Du von mir hier für's Erſte einen ganzen Schilling, und Du, kleiner Will, nimm auch einen. — Danke, Sir!— ſagten Will und Bob zugleich Ich werde es Ihnen einſt eingedenk ſein!— fügte aber letzterer hinzu. — Was führt der alberne Junge für närriſche Reden!— rief der Vater— Halten Sie es ihm zu Gute, Sir, er iſt ein Naſeweis und Wildfang! — Sei doch ſtill, Bob, und faß tüchtig an,— wir ſind ja bald da⸗— flüſterte Will leiſe. Wir beide Erachſene halfen jetzt noch einmal den Wagen vorwätts ſchieben, denn es ging wieder bergan. Nach einigen Minuten aber hatten wir den Gipfel der Anhöhe erreicht und befanden uns jetzt auf der großen Landſtraße, die ſchr breit und, wie bei uns, mit Pappeln eingefaßt war. Jetzt ging der Mond hellleuchtend auf... wir ſtanden ſtill und ſa⸗ hen vor uns in eine offene, lachende, vom ſanften Mondlicht lieblich beleuchtete Gegend. Ungefähr eine gute Büchſenſchußweite vor uns, wenigſtens ſchien es mir ſo nahe zu ſein, lag in der 1 4 4 8 3 4— — 31 Mitte eines ungeheuer weiten aber flachen Keſſels, zum Theil hinter großen Baumgruppen verborgen, ein un⸗ gewöhnlich langes und hohes Gebäude, deſſen helle Farbe beinahe glänzend bei dem jetzigen Abendlichte dem Beſchauer entgegentrat. Seine drei deutlich zu unterſcheidenden Stockwerke waren, ſo weit man die Fenſter durch die Schatten der Bäume erblicken konnte, ſämmtlich und gleichmäßig hell erleuchtet, was einen überaus freundlichen Anblick in dieſer ſtillen Abend⸗ landſchaft gewährte. Vor dem Gebäude, von unſerer Seite aus geſehen, lehnte ſich an die vor uns liegende Wand dieſes großen Keſſels ein weiter, mit vielen Bäumen und Buſchwerk beſetzter Raum, der mir eine parkartige Einrichtung zu verrathen ſchien; wenigſtens kam es mir vor, als wenn ich in dem unbeſtimmten, glitzernden Mondlichte mit hellem Kiesſande beworfene Wege und hie und da zerſtreut liegende weiß ange⸗ ſtrichene Ruheſitze wahrnähme. Rings um dieſen Park herum lief, was ich ziemlich deutlich ſehen konnte, eine hohe ſteinerne Mauer, auf oder an welcher ſich wie⸗ derum in ziemlich gleichmäßiger Entfernung von ein⸗ ander kleine Häuſerchen, oder vielmehr Thürmchen be⸗ fanden, aus deren runden Fenſtern auch hier und da ein ſchwacher Lichtſchein hervorbrach. Auch konnte man obwohl nur ſehr undeutlich, einen Grabe ter der Mauer unterſcheiden, der mit Waſſer angefüllt war, über welchen bei jedem Thürmchen eine kleine hölzerne Brücke führte. Das Ganze hatte ſomit das Anſehen einer weit ausgedehnten aber nicht ganz ſchlecht vertheidigten Fe⸗ ſtung, welche abſichtliche Einrichtung durch ſpätere Wahrnehmungen noch deutlicher hervortreten ſollte. Alles dieſes bemerkte ich jedoch nicht im erſten Augenblick meines Hinſchauens, denn das auffallende Benehmen meiner Begleiter, beſonders des älteren, lenkte meine ganze Aufmerkſamkeit zunächſt auf dieſe hin. Wir waren nämlich kaum auf der höchſten Spitze des Berges angekommen, von wo aus man das er⸗ leuchtete Gebäude zuerſt wahrnehmen konnte, als er in einem aus Freude und Trauer gemiſchten Tohe ausrief: — Ach! da iſt es ja, das alte St. James Dann aber ſeinen Söhnen einen leiſen un ge⸗ bend, den dieſe ſogleich verſtanden und befolgten, nah⸗ men ſie alle drei ihre kleinen Mützen ab und, in tie⸗ fem Stillſchweigen verharrend, das Auge vorwärts gewendet, ſchienen ſie ein kurzes Gebet zu verrichten. 3 Es hatte dieſer unvorhergeſehene, ſo natürlich ſich atelnde Auftritt, in der tiefen uns umgebenden Stille, bei beginnender Nacht, etwas ungemein Feier⸗ liches und Rührendes. Ich ſtand lautlos, aufmerkſam ihnen zur Seite und ſtörte ſie nicht. Als ihr Gebet beendet war und die drei Mützen ihren gewöhnlichen Platz wieder eingenommen hatten, ſchlug der Vater ſeine Arme in einander, ſtützte ſein Kinn auf ſeine etwas erhobene rechte Hand, und ich ſah, wie er mit ungeheuchelter Traurigkeit und Rüh⸗ rung ſchweigend auf das vor uns liegende Gebäude hinabſchaute. Nachdem er ſein Auge einige Minuten lang an dem Anblick deſſelben geſättigt hatte, ließ er die Hand und das Kinn ſinken, ein tiefer Seufzer entquoll ſeiner gigantiſchen Bruſt und kaum hörbar für mich murmelte er die Worte: — Da bin ich einmal wieder bei ihm Gott gehe, daß es bald das letzte Mal ſei! 5— Habt ihr einen Verwandten oder einen Freund in dem Hauſe, Mr. Phillipps?— fragte ich theilneh⸗ mend, indem ich ſeinen Arm leiſe berührte. — Einen Verwandten? Nein!— erwiderte er und ſchüttelte traurig ſeinen energiſchen Kopf— aber einen Freund... einen Freund... ja... mag ſein... ich bin ja hier ſein einziger Freund... ja, ja, den hab' ich dort, Sir! Dor Hrre von St. James. 1. Band. — 34 — und iſt er unter den Kranken oder unter den Geſunden? Hier vernahm ich wieder das bedeutſame Hm! das ich ſchon einige Male über Mr. Phillipps Lippen hatte treten hören und welches er jedesmal auszuſto⸗ ßen ſchien, wenn ich eine beſtimmte Antwort auf meine Fragen erwartete. Doch ſetzte er diesmal, ob⸗ wohl etwas zögernd und mit unſicherem Tone hinzu: — Ohne Zweifel befindet ſich der, den ich meine, unter der Zahl der Kranken. — So habt ihr auch wohl vorhin für ſein Wohl gebetet? — Gewiß, Sir... indeſſen, wenn das auch nicht wäre, ich bitte jedesmal Gott, wenn ich dies traurige Haus ſehe und mich eine ungewöhnliche Rührung er⸗ greift, mir meinen und der Meinigen Verſtand zu er⸗ halten, denn... Sir, glauben Sie mir, es giebt nichts Unglückſeligeres, als... als... verrückt ſein.— Und nun, Jungen— rief er plötzlich laut, als erwache er aus einem unfreiwilligen Traume, — nehmt die Deichſel und marſch vorwärts... den Berg hinab geht's luſtig und geſchwind. Wir ſchritten alle vier rüſtig den Abhang auf der Landſtraße hinab, und es dauerte nicht lange, ſo ka⸗ inen wir an die erſte der hölzernen Brücken, die über 84 4 V den ziemlich breiten und mit Waſſer gefüllten Graben führte und mit einem ſtarken und hohen Gitter, wie man es an einem Stadtthore findet, verſchloſſen war. — Das iſt ja ganz feſtungsartig hier!— ſagte ich und deutete auf das Gitter und den Graben. — Warten Sie nur, Sir, warten Sie nur ein klein wenig, das wird noch beſſer kommen; jetzt fol⸗ gen noch zwei Brücken und dann erſt kommt die zwanzig Fuß hohe Mauer, mit ihren ſpitzen Wider⸗ haken höchſt künſtlich verziert. — Dieſe ſtarke Befeſtigung iſt über meine Erwar⸗ wartung— erwiderte ich— ſie ſetzt eine Beſorgniß voraus, die mir nicht ganz klar iſt... = Haha! iſt das nicht klar genug, Sir? Man fürchtet die Entweichung. Seitdem aber die Brücken und die Mauer und die vielen Wärter und Aufſeher, die wie Spürhunde auf jeden Schritt und jedes Wort paſſen, und alle dieſe Teufeleien im Schwunge ſind, kann kein Menſch unbemerkt heraus und hinein. Nun, was das Hinein anbetrifft, freilich, das hat gute Wege, aber das Heraus, Sir, das iſt ein übler Umſtand. Haha! — Aber ich dächte, ſo viele Vorkehrungen wären un nöthig, um Wahnſinnige zurückzuhalten; ſie t doch immer keine Gefangenen. 8.„ — O ja doch, Sir! Wir ſind in St. James... müſſen Sie bedenken. Hier giebt es an die fünfhun⸗ dert mehr oder minder Wahnſinnige, und dieſe Her⸗. ren und Damen wollen behütet ſein. Und denken Sie nur, wie viele reiche Leute darunter ſind und welche ſchöne Summe für ſie jährlich gezahlt wird.. es koſtet Geld, mit Anſtand verrückt zu ſein... ach! und dies Geld verliert man nicht gern. So mancher Springinsfeld von Gentleman würde ſich trotz ih⸗ rer Höhe und trotz der Wachſamkeit der Aufſeher doch auf die Mauer begeben, ſich in Gottes freier Welt ein wenig umſehen und das Drüben mit dem Hüben vergleichen wollen, wenn die allerliebſte Ver⸗ zierung mit den kleinen ſpitzen Stacheln nicht wäre.— Und er ließ wieder ſein bitteres Haha hören, das mehr wie eine verhaltene Anklage als eine offene Ironie klang.— Aber die guten Leute ohne Verſtand haben eben ſo viel Empfindung in ihrer Haut, wie die tit demſelben, und eiſerne Spitzen ſind keine Daunenbetten ... he!... Aber heda! alter Brummbär, ſollen wir denn ewig vor Deinem Gitter ſtehen?— rief er laut und warf etwas unſanft einen Stein an ein Fenſter des Thürmchens, worin der Wärter wohnte, deſſen verſchloſſenem Eingang wir ſchon nne We ſtanden.„ Eine in der That brummende Stimme ließ ſich aus dem Innern des Hauſes vernehmen, und gleich arauf trat ein bejahrter Mann, in einen Pelz ge⸗ hüllt, heraus, um zu fragen, wer da ſei? — Ich bins... Phillipps, der Krämer, mein Junge, und habe Tabak mitgebracht, einen Schilling das Pfund, wie Du ihn längſt gewünſcht haſt... morgen kannſt Du ihn koſten— he? — Das iſt brav, Mr. Phillipps... aber was zum Teufel habt Ihr denn da für ein Geſpann von jungen Eſeln mit der ſeltſamen Korbtakelage? — Das kannſt Du Dir auch bei Tage beſehen, Dick, die jungen Füllen ſind meine Söhne und in dem Korbe ſind meine Waaren... und hier iſt ein Gentleman, M„ glaube ich, nicht, Sir? — Ja wohl, ja wohl, Mr. Phillipps! ſagte ich,— und ich will zum Beſuche beim Herrn Direk⸗ n mein werther Dick— fügte ich, zu dieſem ge⸗ „ bandt, hinzu. — Sie können Alle paſſiren, Gentleman!— er⸗ widerte der Mann im Pelze und ſchloß, als wir ſein Gitter überſchritten hatten, hinter uns wieder zu. F Sie thaten Recht, daß Sie ſagten, mein wer⸗ 9 her Dick,— flüſterte Mr. Phillipps,— man kann fh wiſſen, wie man dieſe Keutt künſtig einmal ge braucht; ein freundliches Wort zu ſprechen macht wenig Mühe und trägt oft hohe Zinſen... Hol⸗ lah! aufgemacht, Vetter Jenkins! ich bin's, Phil lipps der Krämer! 4 Abermals ſchloß uns ein Mann das Thor auf, und wir wurden mit denſelben Ceremonien eingelaſ⸗ ſen. Auf ähnliche Weiſe kamen wir durch ein drittes Gitter und befanden uns nun endlich innerhalb der großen Mauer, die den Park von St. James um⸗ ſchloß, der hinter dem Hauſe lag, welches uns bis jetzt ſeine Rückſeite zugekehrt hatte. ½ Hier ließ Phillipps ſeine Söhne mit dem Wagen ſhen, indem er ihnen den Beſcheid gab, auf ſeine Wiederkehr zu warten, die ſogleich erfolgen ſollte, ſo⸗ bald er mich zum Direktor geführt haben würde. Wir durchſchnitten jetzt Beide den weitläuftigen Park und kamen endlich an das große Hinterthor des Hauſes, 4 welches ebenfalls verſchloſſen und von einem eigenen Schließer beaufſichtigt war. Hier erfuhren wir, daß der Direktor der Anſtalt mit ſper Familie und eini⸗ 1 gen Beamten im Garten, der vor dem Hauſe gele⸗ gen war, beim Abendeſſen ſei. Das Vorderthor, gleichfalls verſchloſſen, ward uns von dem Oberp ier geöffnet, und wir traten nun in einin, ſo 4 ih. ſehen konnie, ſehr wohl unierhaltenn und — 39— Blumenbeeten und ſchönen Staudengewächſen verzierten Garten, aus deſſen einem Laubgange wir die Stim⸗ men einer munteren Geſellſchaft vernahmen, die, in der ſchönen warmen Abendluft ihr Mahl verzehrend, in einem höchſt heiteren Geplauder begriffen zu ſein ſchien. 4 — Das klingt ganz gut für ein Irrenhaus,— dachte ich, als Phillipps zu der Geſellſchaft getreten war und den Direktor einen Augenblick hervorzukom⸗ men bat, wozu wir uns hatten entſchließen müſſen, da im Augenblick kein anderer Diener zu ſehen war. Der Gerufene erſchien ſogleich und trat nach einigen Worten des Krämers ſchnell auf mich zu, worauf ſich mich ihm vorſtellte und ihm zugleich erklärte, wie ich auf meiner Reiſe Phillipps begegnet und von die⸗ ſem in den Bereich ſeines Gebietes eingeführt wor⸗ den ſei. Der Empfang war, wie mir meine Freunde in London vorhergeſagt hatten, in der Thar höchſt freund⸗ lich und zuvorkommen wiſe denn überhaupt die Eng⸗ länder, wenn man Faſtfreundſchaft empfohlen iſt, ihren Ruhm und Ke Ehre darein zu ſetzen pfle⸗ gen, Fremde mit Achtirs ind Aufmerkſamkeit bei ſich 3 1) zu einpfangen und ihnen Stunden ihres Beſuches wiigenehm, wie möglich, zu machen. Nicht ganz 1S 3 8 — 40— mit Unrecht rühmen ſie ſich in dieſem Falle, das freiſte Volk der Erde zu ſein. 1 Der Direktor, Mr. Elliotſon, ein hochgewachſe⸗ ner und etwas wohlbeleibter Mann, der noch nicht fünfundvierzig Jahre zählen konnte, erfreute ſich ſehr einnehmender Geſichtszüge und eines gefälligen, ob⸗ ſchon etwas vornehmen Weſens, welches ihm gut ſtand und ſeiner Erſcheinung eine gewiſſe Würde ver⸗ lieh. Er drückte mir herzlich die Hand, als ich ihm meinen Namen genannt und die mir aufgetragenen Grüße ausgerichtet hatte. Dabei gab er mir die Ver⸗ ſicherung, daß er mich mit Freuden ſchon lange er⸗ wartet und zu dem Ende eine Wohnung habe einrich⸗ ten laſſen. Er ließ mir die Wahl, ob ich mich ſchon jetzt dahin zurückziehen oder an der Geſellſchaft im Gar⸗ ten Theil nehmen wolle, wo er mich ſogleich ſeiner Familie und einigen Beamten des Hauſes vorſtellen könne.— Ich wählte das letztere, und ſo ward ich denn in eine große Geisblattlaube geführt, die durch meh⸗ rere Lampen erleuchtet war und in der ich eine ziem⸗ lich zahlreiche Geſellſchaft bei Kem Nachtiſch eines gu⸗ ten kalten engliſchen Abendeſſcns verſammelt fand. 8 in afane und die 53 Seiten Mr. Elliot⸗ * unterbrach ſogleich ihre lebhafte Unterhaltung, und ſte waren artig genug, ihre Aufmerkſamkeit von dem Ge⸗ genſtande, der ſie beſchäftigt hatte, ab und auf mich zu wenden. 8 Dieſen Akt gefälliger feiner Sitte vollführt der Franzoſe immer— der Deutſche in der Regel, der Ruſſe nie, und der Engländer nur dann, wenn er findet, daß der eingeführte Fremde vollſtändig ſeiner Sprache mächtig, mithin nach ſeiner Anſicht ein hal⸗ ber Engländer iſt. Ich fand hier die Gattin des Direktors und ſeine Kinder, einige Beamte des Hauſes mit ihrer Fami⸗ lie, die beiden unverehelichten Aerzte und den Predi⸗ ger. Auch waren noch einige andere unverheiratheté Perſonen beiderlei Geſchlechts zugegen, und nament⸗ lich zeichneten ſich die Damen durch eine geſchmackvolle Toilette und ein freundliches Entgegenkommen vortheil⸗ haft aus, ſo daß die ganze Verſammlung mit ihrem ungezwungenen, vertraulichen Weſen mir bald offen⸗ barte, wie man auch in einem Irrenhauſe ganz harm⸗ los und behaglich in guter Geſellſchaft leben könne. Nachdem ich einen kräftigen kalten Imbiß genom⸗ 4 men, der mich ſehr erfriſchte, wandte ſich das Ge⸗ ſpräch auf die Gegenden, aus denen ich herkam, auf K Hocrhlande, und ich mußte ſogleich meine neueſten Abenteuer zum Beſten geben. Von hier ſprang man auf London über, und das war beſonders ein ſtoff⸗ reicher Gegenſtand für die Damen; denn man mag zu dem ſchönen Geſchlechte kommen, in welches Land man will, man wird immer bald im eifrigſten Ge⸗ ſpräche von der Hauptſtadt ſein. Stuͤdte, wie Lon⸗ don, Paris, Petersburg, Berlin u Wien, müſ⸗ ſen eine magnetiſche Gewalt über weibliche Herzen be⸗ ſttzen, denn ſie ziehen die Wißbegierde aller Schönen der Provinz an. 4 Von London kam man auf meine früheren Rei⸗ ſen, deren Ausdehnung und Intereſſe höchſt freundlich auf Deutſchland, mein gutes, ehrli⸗ ches Deutſchland, das ich ſo heiß liebe und welches in der That im Auslande ſo wenig nach ſeinem Wer⸗ the gekannt und geſchätzt iſt, und erſt in der neue⸗ ſten Zeit durch die vielen gebildeten Reiſenden be⸗ leuchtet und gewürdigt, jetzt endlich anfängt, den Ruf eines halben Barbarenlandes zu verlieren, eine Meinung, die mir früher immer unglaublich vorkam, die ich aber, namentlich in Frankreich, und in Paris weniger als in der Provinz, leider vollkommen beſtä⸗ tigt fand. A Der Franzoſe haßt den Deutſchen faſt eben ſo ſehr, wie er den Engländer haßt. Da er aber mel ſe, und von da — 8 1 Engländer als Deutſche ſieht, mehr mit der Indu⸗ ſtrie und dem Golde Britanniens, als mit dem ſei⸗ ner öſtlichen Nachbarn verkehrt, ſo hat er eine höhere Meinung von jenem; und nur der wahrhaft im Geiſt und Herzen Gebildete, dieſer... in allen Kreiſen und ſelbſt die pornehmſten und aufgeklärteſten nicht ausgenommen,*... ſo äußerſt ſeltene Menſch, weiß das beſſer, kennt und würdigt jedes Land nach ſeinem Gehalt und ſeinem inneren Werthe, denn nur er al⸗ lein iſt überzeugt, nicht der einzige Bevorrechtete der Erde zu ſein.. Mag der Nationalhaß... und daß dieſer eri⸗ ſtirt, haben wir Alle zur Genüge in verſchiedenen Zeiträumen erfahren... oder die Nationaleigenliebe, oder auch der Gegenſatz im Charakter und der Poli⸗ tik der Franzoſen mit uns die Grundurſache hiervon ſein, wir Deutſche dürfen uns... ich darf es mit Stolz und in Wahrheit behaupten... wir dürfen uns rühmen, das Lobens⸗ und Liebenswürdige, die Vorzüge und die beſonderen Eigenſchaften einer jeden Nation am meiſten erkannt und beachtet zu haben. Aus dieſem richtigen Erkennen und Beachten entſpringt, meines Ermeſſens nach, auch jene, ſo oft und von ſo vielen Seiten bitter getadelte Nachahmungsſucht, die 1 wwir freilich nicht kennen würden, wenn wir einſeitiger, 5 E 6 —— 1 ſelbſtſüchtiger und eingebildeter auf unſre eigene Vor⸗ trefflichkeit wären, und was man doch, wenn man gerecht ſein wollte, nur eine Verallgemeinerung unſe⸗ rer Bildung nennen und als ein Beſtreben, ſich das Beſte, was es git de uns freundſchaftlich geſinnte 1 eſes Beſtreben mit dei Namen: Nachbeterei ihrer eigenen Vollkommenheit, ſie ſehen darin einen Mangel an Nationalität, an Zuſammen⸗ halten, an moraliſcher und politiſcher Einheit. Er⸗ tragen wir jedoch dieſen ſchon faſt zur Gewohnheit gewordenen und daher nicht mehr recht wirkſamen Ta⸗ del noch eine kurze Zeit; wir werden es bald dahin gebracht ſehen, auch Nachahmer von deutſchem We⸗ ſen, deutſchem Geiſte, deutſcher Induſtrie in allen jenen hochgeprieſenen ächt nationalen Ländern zu fin⸗ den, die jetzt ſchon anfangen, einen warmen Ge⸗ ſchmack an unſerer Literatur zu gewinnen, was im⸗ mer der erſte Schritt zu einer beſſeren Erkenntniß eines ganzen Volkes und ſeines Weſens iſt. Die Gegenſtände, die ich ſo eben nur andeute, ohne ſie, wie ſie es verdienen, gebührend ausbeuten zu dürfen, bildeten ungefähr den Brennpunkt unſeren aallgemeinen Unterhaltung. Ich ſprach, wie es mit immer geht, wenn ich warm werde und der Gegen 8 bt, anzueignen, erkennen ſollte. f 5 ſtand mein Herz beſchäftigt, mit Eifer und Lebhaf⸗ tigkeit, ja, ich ſprach einige Male mit Enthuſias⸗ mus, und man hörte mir, wie es ſchien, aufmerk⸗ ſam zu. Unter allen Zuhörern aber bemerkte ich einen, der mir vom erſten Augenblicke an aufgefallen war, und der in einer beſcheidenen Entfernung von mir, und wie es mir vorkam, auch von der übrigen Ge⸗ ſellſchaft, bald ſtehend, bald ſitzend, einen lebhafte⸗ ren Antheil an dem Geſpräche nahm, indem er kein Auge von mir verwandte und mit ſeinen Blicken, wie gefeſſelt, an meinen Lippen hing. Ich verlange keine Schönheit vom Manne; ſein Geiſt, ſeine Bildung und ſeine Männlichkeit ſollen ſeine Schönheit ſein. Wenn ſie mir aber auf ſo aus⸗ gezeichnete Weiſe, mit ſo deutlicher Schrift, und in ſo auffallend edler Form entgegentritt, wie dies hier geſchah, dann achte, dann liebe, ja, dann bewundere ich ſie. Der noch junge Mann, der alle dieſe Eigenſchaf⸗ ten männlicher Schönheit auf ſeinem Geſichte trug, ſaß mir ſchräg gegenüber, etwas ſeitwärts von der übrigen Geſellſchaft. Die vom Lampenlicht herrüh⸗ rende und nicht ganz vortheilhafte matte Beleuchtung, wie auch die Menge der Anweſenden, hinderten mich, ſeine einzelnen Züge genauer zu ſtudireenweses aber „ ſah, befriedigte mich nicht albin, ſonden ſerdet mich zu einer umſtändlicheren Forſchung auf. 4 * Er war groß, mehr ſchlank als ſtark, aber in wunderſchönen Verhältniſſen gebaut. Sein blaſſes, ſcheinbar etwas leidendes Geſicht, ſeine hohe, edle, Nachdenken verrathende Stirn, ſein ſchön glattes, glänzend ſchwarzes Haupthaar, vor 49 aber ſein blitzendes, tiefes und intellektuelles Auge, wenn ich 4 mich ſo ausdrücken darf, erweckten ſogleich in mir das Verlangen, in näheren Verkehr mit ihm zu treten, und den Geiſt, der in dieſe ſchöne Hülle gekleidet war, genauer kennen zu lernen. Wie geſagt, er hatte mich vom erſten Augenblick meines Eintretens an unauf⸗ hörlich, beinahe auffallend betrachtet und meinen Er⸗ zählungen eine ungetheilte Aufmerkſamkeit geſchenkt. Als ich von Deutſchland ſprach, nickke er mir einige Male beifällig zu, als wenn er mir ſein Einverſtänd⸗ niß dadurch anzeigen wolle, ſo daß ich bei mehrfacher Gelegenheit meine Worte ausdrücklich an ihn allein richtete. Nicchtsdeſtoweniger aber antwortete oder ſprach er nie. Stumm und zurückhaltend, wie von einer höhe⸗ gren, unſichtbaren Gewalt in den Hintergrund gedrängt, ließ er immer Anderen das Wort, und doch ſprac ſinet weitr dohaſ und ſeine Miene ſo laut dend 4 Antheil aus, den ſein Inneres an der Unterhaltung nahm. So weit ich an dieſem Abend bemerken konnte, war er zwar nicht auffallend, aber doch eigenthümlich gekleidet, denn er trug ein kurzes, ſchwarzſeidenes Jäckchen ohne Schöße; ein feines battiſtenes Hemd, um deſſen Kaggen ein buntſeidenes Tuch nachläſ⸗ ſig geſchlungen war, bedeckte ſeine breite Bruſt und ließ ſo den männlich kräftigen Hals wahrnehmen, der auf den ſtarken Schultern ſo eigenthümlich hingebend und doch ſo vornehm ſtolz getragen wurde. Seine kleinen weißen ariſtokratiſchen Hände umgab ebenfalls ein ſchmaler Battiſtſtreifen; den unteren Theil ſeiner Kleidung konnte ich nicht genauer wahrnehmen, doch war ſie gleichfalls von dunkler Farbe. Bald indeſſen wurde das Geſpräch wieder getheilt, man ſprach in Gruppen geſchieden über mannichfaltige Gegenſpände, bis endlich der Ablauf der zehnten Abend⸗ ſtunde der Unterhaltung ein Ende machte und der Diſeektor ſich freundlich erbot, mich auf mein Zimmer zu führen, das, im unterſten Stockwerke gelegen, mich, dern Müden, wie er ſagte, mit allen wünſchenswer⸗ thun Bequemlichkeiten erwartete. Ich verabſchiedete mich und war mit meinem erſten St. James zugebrachten Abende ſehr zufrieden. Ich Garten darbot, den wir ſo eben verlaſſen hatten. ſtieg mit Mr. Elliotſon ein Paar Stufen in dem Hauptgebäude empor und befand mich bald in einem freundlichen Zimmer, welches die Ausſicht nach dem — Und wenn Sie nun noch ein Bedürfniß ha⸗ ben, mein lieber Doktor— ſagte mein Begleiter,— ſo ziehen Sie dieſe Schelle, man wird jeden Ihrer Wün⸗ ſche möglichſt bald erfüllen. Ich dankte verbindlichſt und Mr. Elliotſon wollte ſich ſchon entfernen, als mir noch etwas einfiel. — Noch ein Wort, mein beſter Mr. Elliotſon!— ſagte ich— Wer iſt der junge ſchöne Mann in dem ſchwarzen Anzug mit der hohen Stirn und der Adler⸗ naſe? — Ah... den blaſſen großen Mann meinen Sie, mit den funkelnden Augen und der vornehmen Hal⸗ tung? Ich nickte bejahend. — Aha!— fuhr er fort— gefäͤllt Ihnen der? Das glaube ich wohl... nun, das iſt Mr. Sidn w einer unſerer Pfleglinge, in der Nachbarſchaft und 9 den Bewohnern unſeres Hauſes gewöhnlich der NAr von St. James genannt. — Was!— rief ich— es i iſt ein Vitenn — So iſt es, lieber Doktor!... Und nun ſe 5 49— fen Sie wohl... eine gute Nacht und angenehme Träume! Er ging, und ließ mich über dieſen ſeinen uner⸗ warteten Ausſpruch in tiefes Staunen verſunken zurück. Das war alſo der Irre von St. James!... Gerechter Gott! ſo jung, ſo ſchön... ſo vollkommen in ſeinem Aeußern begabt und... wahnſinnig... Hier fiel mir, ich weiß nicht durch welche Ideen⸗ verbindung hervorgerufen, plötzlich und unwillkürlich das ſonderbare Hm! meines ehrlichen Krämers wieder ein. Ich konnte nicht unterlaſſen, ein eben ſo geheim⸗ nißvolles, einſylbiges Hm! auszuſtoßen, und einige Minuten, in denen ich mich der Gegenwart überhob, über das ſchreckliche Schickſal dieſes Menſchen nachzu⸗ denken, der, mit allen Gaben ſeines Schöpfers ver⸗ ſchwenderiſch ausgeſtattet, der höchſten, unentbehrlich⸗ ſten Gabe ermangelte, die uns das Daſein ſchoͤn, reich und köſtlich finden läßt— des geſunden, zum Leben voller Selbſtbewußtſein unerläßlich nothwendi⸗ gen, ungetrübten Verſtandes. Ja, Leſer, ich kann es Dir leider nicht verſchwei⸗ gen, es war dies der Irre von St. James!.. — — 5 * 4 3 S. ker Irreé von(St. James. 1. Band. II. St. James und ſeine Bewohner. Ich bin oftmals im Leben, und namentlich in meinem Berufe als Arzt, über den merkwürdigen und unerklärlichen Einfluß erſtaunt geweſen, den ein menſchliches Antlitz auf unſre Stimmung auszuüben vermag. Ich rede hier nicht von jenem oberflächlichen Eindruck, der, wie er kommt, auch wieder verſchwin⸗ det, und der uns oft überraſcht, wenn wir einem fremden Menſchen begegnen, von dem wir beſtimmt wiſſen, ihn nie geſehen zu haben, dennoch aber in ſeinen Geſichtszügen etwas Bekanntes, ſcheinbar oft Geſehenes oder Aehnliches zu finden glauben. Nein, ich rede hier von dem tiefen und unauslöſyolichen Sine druck, den ein Geſicht in unſerer Steele zurückläßt das nicht allein überaus ſchön und edeel iſt oder der —— Ideal, das wir mehr oder minder alle in uns tragen, entſpricht, ſondern welches einen unklar und nebelhaft in uns liegenden Keim zu wecken ſcheint, und dadurch, wir wiſſen ſelbſt nicht wie und warum, unſerer Stim⸗ mung eine Richtung giebt, die ſie vorher nicht hatte, ihr oft ſogar gerade entgegengeſetzt iſt. Von jenem Eindruck rede ich, der wie ein geiſtiger Wink, ein Ausfluß von Oben uns überraſcht, den wir nicht be⸗ zeichnen, ſondern nur empfinden können, der, ſchnell wie der Blitz ſich in unſer Herz grabend, unzerſtörbar wie das Bewußtſein einer guten That iſt, und, in⸗ 1 dem er uns an den Urquell aller Seelen erinnert, uns d mit Freude und Theilnahme, bisweilen ſogar mit n einem gewiſſen inneren Entzücken und einer niegefühl⸗ n ten Beruhigung und Zufriedenheit erfüllt...... n Das geheimnißvolle, große, allmächtige Feld der 1⸗ Sympathie, ſo oft beſprochen, nie ganz ergründet und m vlllig undurchdringbar, weil es eine geheime Natur⸗ nt kraft iſt, die ſie hervorruft und in Wirkſamkeit ſetzt, in iſt hier weit und breit geöffnet. Wir treten zwar mit oft entzückender Luſt, aber auch mit einem unwillkürlichen in, Schauer der Unwiſſenheit vor den großen, nie geho⸗ in⸗ benen Vorhang, der das Vergängliche von dem Gött⸗ aßte lichen und dhe Finſterniß von dem Lichte trennt. Mu⸗ dem thig und enf loſſen— denn wir ſind gern Eroberer A. in dem Reiche der Gedanken— wagen wir einen Blick in den unerklärlichen Schooß der ſtill, abere reg⸗ ſam waltenden Natur zu werfen; ja, wir ſind kühn genug, mit einem ſchnellen Handgriff unſeres Urtheils einen Schluß aus dem wilden Chaos verborgener Ideen und Phantaſieen, die in uns ihr Weſen trei⸗ ben, ziehen zu wollen... aber wir bleiben, uner⸗ hört und nicht gefördert, ewig vor der mit tauſend Riegeln verſchloſſenen Thür der Erkenntniß des letzten Grundes und der Urſache aller Urſachen ſtehen..... Warum zieht uns dieſer tiefe, ruhige, unbefan⸗ gene Blick des doch nur menſchlichen Auges ſo unwi⸗ derſtehlich an? Warum klopft unſer Herz dieſem, auf jener Stirn ſichtbarem Herzen entgegen? Was will dieſer ſtumme Mund uns, was wollen wir der ſchweig⸗ ſam uns gegenüber ſtehenden Erſcheinung ſagen? Bringt er uns Nachricht von dieſer oder gar von jener Welt, 4 die wir, noch unerforſcht, ſchon mit allen Sinnene einſaugen möchten, als wäre ſeine Rede Muſik und ſein Athem berauſchender Nektar für uns? Ach ja, es giebt ſolche berauſchende Kraft für die armen Sterb⸗ lichen,— ich brauche nur an die Liebe zu erinnern, die ſo oft plötzlich kommt und doch nie ſtärker und gebietender iſt, als im Augenblick, das ſie gebor wird........... 1h... Wie man, glaube ich, die Plaſtik eine ſichtbare Muſik, oder die Baukunſt, wenn ich mich recht erin⸗ nere, eine verſteinerte oder erſtarrte Muſik genannt hat, ſo kann man auch in phyſiognomiſcher Bezie⸗ hung mit eben ſo großem Rechte das menſchliche Antlitz das Inſtrument nennen, welches das Auge der Seele ſpielt, deſſen Erlernung aber ſo ſchwierig iſt, weil man ſo wenig Uebung darauf verwendet und ſo ſelten dieſe göttlichen Taſten zu rühren verſucht. Wer aber erſt eine goldene Saite davon angeſchla⸗ gen und den melodiſchen Ton dieſer Saite gehört hat, wem es vielleicht geglückt iſt, einen harmoniſch klin⸗ genden, wahr und rein in Wirklichkeit ſich aufloͤſen— den Akkord zu Stande zu bringen, der... ich ſtehe ihm dafür... wird dieſes ſeltene köſtliche Spiel ge⸗ wiß lieb gewinnen und im Stillen an der ſchweren und langſam ſich entwickelnden Meiſterſchaft deſſelben zu arbeiten anfangen........... Und ein ſolches Inſtrument für meine Seele glaubte ich dieſen Abend gefunden zu haben. Die ge⸗ heimnißvollen Fäden zwiſchen uns waren geſponnen; ſie umgaben mich, ich konnte ſie ohne Anſtrengung nicht mehr zerreißen, und ich wollte dieſe Anſtrengung nicht anwenden, denn bereits liebte ich, was mich in Erſtaunen& in Verwunderung geſetzt hatte. Jenes edele, ſo ruhige und ſo ſchoͤne Geſicht ſchwebte mir jetzt wie eine weſenloſe Erſcheinung vor, die ich in mir zum Weſen geſtalten wollte, und wir wiſſen ja, was unſre Phantaſie einmal erſt mit Wärme erfaßt hat, das hält ſie mit dauernder Kraft, und, wie ein geliebtes, ſelbſt erzeugtes Kind, das ſie zu ver⸗ lieren fürchtet, ſchließt ſie es nur immer feſter in die rieſigen Arme, um, nach allen Seiten es ausfor⸗ ſchend, begabend, entwickelnd, Nahrung, Umfang und Tiefe des neugeſchaffenen Problems zu ergründen zu ſuchen. Beei aller Hoheit, aller großartigen Ergebung und männlichen Faſſung, die auf dieſem ausgezeich⸗ neten Antlitze thronte, lag etwas auffallend Trauri⸗ ges in ſeinen blaſſen, ich möchte ſagen, ein unſeli⸗ ges Geheimniß verbergenden Mienen. Dieſe Menſchen⸗ bruſt ſchien ein wundes, gedrücktes, gequältes Herz in ſich zu ſchließen. Das aber war die Traurigkeit des Wahnſinns nicht, die mir ſo oft in ihren ſtark ausgeprägten Zügen, in der maskenhaften Ueberſpannt⸗ heit eines eraltirten Weſens entgegengetreten war, nein! dieſe ſanfte, ſtille und ergebene, doch aber nicht ſtum⸗ pfe, vielmehr feſte und lebensthätige Traurigkeit ſa aus, als wenn ſie aus einer zwar kummervollen un gepreßten, aber doch entſchloſſenen und ny dem G 4— AX / 4 — 55— ſchick unterliegenden Seele kam. Aus ihr erſt mochte der Wahnſinn allmälig entſprungen ſein, nachdem die Hoffnungsloſigkeit in Verzweiflung übergegangen war, wie es ſo oft im Leben geſchieht, und die Verzweif⸗ lung, keinen Troſt und keine Hülfe gewahrend, war in den ſo nahe liegenden Abgrund, den Wahnſinn, geſtürzt, der, im Hinterhalte lauernd, unverſehens ſein Opfer überfällt und, einmal erſt es überman⸗ nend, ohne Widerſtand mit in ſeine labyrinthiſche 6 Verlaſſenheit und Oede zieht... Ja, nur ſo konnte dieſer Menſch gefallen ſein, deſſen Zuſtand mir all⸗ mälig klarer wurde. Wenn aber dieſe Traurigkeit vielleicht zu heben, dieſe Hoffnungsloſigkeit zu erhel⸗ len und dieſe Verzweiflung zu vernichten war... was dann?... konnte dann nicht auch der Wahn⸗ ſinn ſelbſt zu beſiegen ſein? Ich muß geſtehen, die⸗ ſer Anſchein hatte etwas für ſich, was mich mit Hoff⸗ nung erfüllte und mit Leichtigkeit gehandhabt werden zu können ſchien... Ach! und um dieſe marmorne Stirn, die den Stempel des Göttlichen ſo unverfälſcht trug, in dem leidenden Zuge um den gepreßten Mund, in dem ſtrahlenden Blicke dieſes tief dunkelen, eine ſo klare Seele verrathenden Auges lag etwas ſo un⸗ ausſprechlich Verſtändiges, Geiſtreiches... Geiſtrei⸗ hes?... Ken ein Wahnſinniger geiſtreich ſei Dieſe Frage hatte ich mir bis jetzt noch nicht vorge⸗ legt. Gewiß wenigſtens iſt, daß ein Wahnſinniger wie ein Geſunder eine geiſtreiche Phyſiognomie haben kann, und warum ſollte er auch nicht? Kenne ich doch viele höchſt geiſtreiche Menſchen, die nichts we⸗ niger als geiſtreich ausſehen, und auch umgekehrt viele einfältige Menſchen, deren geiſtreich terſtheinen⸗ des Geſicht mich ſo oft getäuſcht hatte. Und ſo kann ja auch ein Verrückter geiſtreich ausſehen, ohne es ſein, und warum überhaupt konnte er nicht geiſtreich ſein? Giebt es doch viele Wahnſinnige, die, nur in einer einzigen Richtung abirrend, im Uebrigen ganz A geſcheidte, außerordentlich begabte und vorurtheilsfreie Menſchen ſind!... Ach! der menſchliche Geiſt iſt ſo überaus elaſtiſch, daß wir ſeine Sprungkraft gar nicht berechnen und ſeine Fähigkeiten, wie die Grän⸗ zen, in denen ſich dieſelben tummeln, gar nicht er⸗ meſſen können!... Doch... ich verliere mich in das unermeßliche Reich der Muthmaßungen und Hypotheſen, aber ich verſchulde es nicht ganz allein, denn der Gegenſtand, den ich vor Augen habe, iſt wie ein tiefer, klarer Brunnen, der, je näher man ſeinem unerforſchten Grunde kan um ſo lieblichere Bilder ſpiegelt u um — 37— erreichen, aus welcher alle die Millionen kryſtallener Tropfen ſprudeln und die verführeriſche Welle bilden, die uns mit ihrem Glanze und ihrer Klarheit in die unabſehbare Tiefe gelockt hat. Und überdieß bin ich dem Leſer Rechenſchaft über den Eindruck ſchuldig, den der Irre von St. James auf mich machte, er ſoll ihn ja durch mich kennen lernen, er ſoll ja mit mir in Gemeinſchaft die pſychologiſchen Forſchungen ver⸗ folgen, die dieſer merkwürdige Menſch dem aufmerk⸗ ſamen Beſchauer beim erſten Anblick zur Aufgabe machte. Der Blick dieſes Menſchen hatte ſich bereits zu tief in mein Inneres geſenkt, als daß ich ihn ſo⸗ gleich wieder los werden konnte, und ich war ja auch des Studiums Geiſteskranker*) wegen hierher gekom⸗ men, und mit dieſem Manne wollte ich meinen An⸗ fang machen. Als ich daher in meinem Zimmer allein war, rief ich mir die ganze ſo eben gehabte Erſcheinung wieder vor Augen. Ich brauchte nicht lange zu rufen, *) Ich weiß recht wohl, daß dieſer Ausdruck ein uneigentli⸗ cher iſt; denn der Geiſt, der Ausfluß des Göttlichen, kann nicht erkranken. Aber da das Wort:„Geiſteskrank,“ ſo allgemein verbreitet und üblich iſt, bediene ich mich deſſelben— der Leſer weiß nun, daß ich damit nichts Falſches bezeichne. ſie hatte ſchon Boden in mir gewonnen und ſaß, alle uͤbrigen Gedanken ausſchließend, feſt in der Tiefe mei⸗ nes geiſtigen Seins; denn, womit ich mich auch be⸗ ſchäftigen und auf dieſe Art bemühen wollte, meine Ideen in eine neue Richtung zu treiben— jene hohe, gebieteriſche Stirn ſtand immerwährend und unverrückt vor meinem Auge. Ich beſichtigte meine beiden Zim⸗ mer, was ich ſtets auf Reiſen zu thun pflege, ehe ich mich niederlege,... aber... wenn ich aus dem einen Zimmer in das andre trat, glaubte ich die dunkle, große Geſtalt mit dem duldſam geneigten Kopfe und der gebietenden Haltung vor mir ſtehen zu ſehen. Endlich legte ich mich nieder und ſchloß die Au⸗ gen... da war ſie auch da... und erſt nach vielem Bemühen, den Schlaf zu erjagen, ſchlief ich endlich wirklich ein... aber ich träumte von ihr... War das ein Spiegelbild oder eine dunkle Ah⸗ nung aus jenem nebelvollen Lande der Phantaſie eder des zukünftigen Seins, die mir andeuten wollte, wie das Geſchick jenes Menſchen mit meinem Verhalten in einer noch unbekannten Verbindung ſtehe?... Ich weiß es nicht, aber es war ſo, und ich nahnn es willig auf, indem ich beſchloß, aufmerkſam undd des Augenblicks gewärtig zu ſein... A 8 Als ich am nächſten Morgen nach einem unru⸗ higen Schlafe erwachte, fielen ſchon die Strahlen der neuen Sonne in mein Gemach. Ich fuhr mit der Hand über die Stirn... ich beſann mich auf Alles, was ich am Abend vorher geſehen, gedacht und ge⸗ ahnt— was ich im Traume zum zweiten Male durch⸗ lebt hatte... Da klopfte es an meine Thür und der Direktor trat, vollſtändig gekleidet, herein. — Aha!— rief er, als er mich noch im Bette ſah— Sie ſind alſo ein Langſchläfer... nun, das wird ſich bald ändern. Hier iſt man früh wach, denn es giebt viel Arbeit, und Sie werden es ſchon lernen, mit uns des Morgens thätig zu ſein.— Ich wollte mich entſchuldigen, als er lächelnd erwiderte: — Sagen Sie nichts, ſagen Sie gar nichts... ch ſcherze nur. Schlafen Sie aus, und wenn es Shnen genehm iſt, kommen Sie alsdann zu mir hin⸗ üüber, dann will ich Sie mit der Einrichtung unſerer Anſtalt bekannt machen. — Ich werde ſogleich aufſtehen,— antwortete ich— in einer halben Stunde ſtehe ich zu Ihren Dienſten... —So will ich Ihnen Ihr Frühſtuck ſenden und — 60— Sie in einer halben Stunde ſelbſt wieder abholen. Adieu!— Bald nach ſeinem Weggehen erſchien ein halb blödſinniger Knabe, den man mir zum Diener gege⸗ ben zu haben ſchien, denn er beſorgte auch meine Kleider und brachte mein Frühſtück. Nachdem ich daſ⸗ ſelbe eingenommen, kam der pünktliche Mr. Elliotſon wieder, nahm mich an ſeinen Arm und führte mich im Hauſe umher. Ich erlaube mir, eine, wenn auch nicht allzu ge⸗ naue, doch in ſoweit ſie zu meinem Zwecke nothwendig iſt, treue Schilderung von dem Zuſtande zu geben, in welchem ich dieſes wegen ſeiner Einrichtung und ſeiner umfaſſenden Mittel mit Recht berühmte Irrenhaus 4 antraf. — Was zunächſt die Baulichkeit deſſelben und ſeine nächſte Umgebung anbelangt, ſo war das Gebäude wie ich ſchon erwähnt habe, ein ſehr großes, durch aus maſſives, erſt vor einigen Jahren wieder ne⸗ ausgebautes Haus, das aus einem Hauptgebäude und zwei Flügeln beſtand, welche letztere, vorn unt hinten weit über die Vorder⸗ und Hinterfront hinaus⸗ reichend, ein Stockwerk mehr trugen und ſo das Amf ſehen zweier ſtattlicher Thürme hatten, die als Eckh 71 A. und Strebepfeiler das große Ganze, dauerhaft und doch erfreulich für den Anblick, zuſammenhielten. Die ganze erſte Abtheilung des Gebaudes war⸗ für die weibliche, zahlreichere Hälfte... denn es wer⸗ den überall mehr Frauen als Männer wahnſinnig.. die linke für die Männer beſtimmt. Ueber einem ſehr wohnlich eingerichteten Souterrain erhoben ſich drei große Stockwerke, deren oberſtes mit einem halbflachen Zinkdache verſehen war, und welche alle drei, von ziemlich gleicher Höhe, durch“ große und vergitterte Fenſter von gleicher Größe erhellt waren. Denn Luft und Licht ſind die unentbehrlichſten Erforderniſſe für eine jede Wohnung, wieoiel, nicht für ein Kran⸗ ken⸗ und Irrenhaus. Ae. Die ungeheure Worderſfun des Gebäudes, von einigen vierzig Fenſtern Ausdehnung, ſah in den Blu⸗ 11 men⸗ oder Erholungsgarten der Anſtaͤlt, in welchem die Männer und Frauen abgeſondert, zu beſtimmten Stunden des Tages ungehindert die freie Luft genie⸗ en und ſich an dem reizenden Anblick und dem Duft — rr Blumen erquicken konnten. 8-grüne Raſenplätze wechſelten anmuthig & Grof — 62— 4 6 4 baumhecken, theils waren ſie von einem dichten Gehege duftender Lavendelblumen höchſt ſäuberlich umgeben. Schattige, kleinere und größere Lauben, mit Bän⸗ ken und Tiſchen verſehen, reihten ſich zu beiden Sei⸗ ten aneinander, und außer ihnen boten ſich, ebenfalls unter einem ſchattigen und blühenden Gebüſch, oder an einen breiten Baumſtamm ſich lehnend, den Er⸗ müdeten bequeme Sitzbänke dar, die in mancherlei ein⸗ ladenden Formen ſowohl den Geſchmack wie den Be⸗ quemlichkeitsſinn des Erbauers verriethen. An den äußerſten Gränzen dieſes Erholungsgar⸗ tens waren zu beiden Seiten breite, dunkle Wein⸗ gänge gezogen, die mit ihrem reichen Blätterſchmuck überall die hohe Mauer verdeckten, die auch hier wie hinter dem Gebäude die ganze Anſtalt umfaßte. In der Mitte dieſes einladenden Aufenthaltsortes ſprang täglich auf einem runden und mit den man⸗ nichfaltigſten Waſſerblumen beſetzten Raſenſtücke ein ziemlich dreißig Fuß hoher Waſſerſtrahl, der aus dem großen Waſſerbaſſin in der Badeanſtalt verſorgt wurde, 3„ 19 und von welchem aus biegſame Lederſchläuche ngehallen Theilen des Gartens liefen, nicht allein n zu be⸗ wäſſern, ſondern auch in der heißen Jahreszeit die Luft abzukühlen und zu reinigen beſtimmt. Dieſer Theil der Anſtalt war, wie Peſagt, nur — 63— dem Vergnügen und der Erholung der Bewohner der⸗ ſelben geweiht. Hinter dem Hauſe aber lag der bei weitem grö⸗ ßere, mit ſchönen uralten Bäumen geſchmückte, von breiten Kieswegen durchſchnittene und ebenfalls gefälligen Ruheplätzen beſäete Park, deſſen ich am Abend zuvor bei meiner Ankunft Erwähn than habe. In ihm befanden ſich, durch Hecken von einander abgeſondert, die Räume die gymnaſtiſchen Uebungen und die wendigen Arbeiten der Irren. Hier ſah man zuerſt einen gro Zerkleinern des Holzes beſtimmt. D faſſender Schoppen, in dem die dazu mente und der Holzvorrath aufbewah eine Arbeit, die überall für eine vortteff tigung Gemüthskranker gilt. Dicht daneben war die ſogenannte Raß ein mit weichem Sande beſtreuter und geegter gl Platz.„Hier zogen die Kranken zu ihrer Beluſtigum und zur Uebung ihter Kräfte das Seil; hier liefen ſie um die Wette, hier übten ſie ſich im Ringen und Springen. Dann kam die Kegelbahn, ſehr beliebt und flei⸗ ßig beſucht, wie überall, wo man dies Spiel kennt und treibt. Sie trennte die Rennbahn von dem freien Ballplatze, der, feſt getreten und ſtreng geebnet, eben⸗ falls ein großer Lieblingsaufenthalt für viele Spiel⸗ nige war und von wo aus man denn auch ſtets utes Rufen und Jauchzen vernahm. den Ballplatz ſchloß ſich der ſommerliche wo mit Rappieren von Holz und Korbge⸗ on Einigen, denen man ein größeres Zu⸗ a konnte, auch mit eiſernen, unter ſteter Unleitung der dazu angeſtellten Lehrer Raum lehnte ſich der allbeliebte In⸗ vorzüglich war es, wo man die ſelt⸗ een, die ſonderbarſten Anſtrengungen, Ziel zu erreichen, und die bishti⸗ en Geſchicklichkeiten der im Allgemeinen r in einzelnen Fällen tollkühn ſich abarbei⸗ Menge ſah. Nach dem Turnplatz folgte die Reitbahn, die im Einter überdeckt werden konnte, denn auch für dieſe wohlthätige Leibesübung war vortdefflich geſorgt, und die duldſamſten Schulpferde, die ich je geſehen, ſtan⸗ den dicht daneben in den maſſiven ſund zweckmäßig eingerichteten Ställen. 3 Hinter dieſen Spiel⸗ und Uebungsplätzen la⸗ gen die Küchen⸗ und Obſtgärten, die der Anſtalt vortreffliche Gemüſe und Früchte lieferten und mei⸗ ſtentheils, obwohl zwei Gärtner zum Dienſtperſo⸗ nale der Anſtalt gehörten, unter Anleitung dieſer, von den Irren ſelbſt beſtellt wurden. Denn die meiſten derſelben haben von jeher und überall zu der leichten und geſunden Gartenarbeit die größte Neigung. Auch hier brauchte nie Jemand zu dieſer Beſchäftigung zwangsmäßig getrieben zu werden, gewöhnlich erboten ſich ihrer mehr dazu, als nothwendig waren, und ſo ſah man ſich genötbigt, auch bei dieſem Geſchäft eine beſtimmte Abwechſ eintreten zu laſſen und gewiſſe Stunden des T⸗ ‚Dieſe und für jene Abtheilung einzurichten. nahmen Männer und Weiber aſe A hheil; die Männer Nudee ear ten pflü⸗ ggten, die Weiber pflanzten, be⸗ wäſſerte) en, doch nie arbeiteten die der ie denen hter zu gleicher Zeit und am gkiche Orte Har von dieſer vollſtändigen und angemeſſe⸗ 1 tattung angenehm überraſcht und konntt nicht dem Direktor meinen ungetheilten Beifall dar⸗ auszudrücken. Er lächelte wohlgefällig und ſchien uber meine Bemerkungen zu freuen, und ich er⸗ /7 8 fuhr von ihm, daß dies Alles nach und nach entſtan⸗ den ſei und jedes Jahr erweitert und den Umſtänden gemäß verbeſſert werde. —Aber die Koſten, mein lieber Six, wo kom⸗ men die her? — Das iſt unſre geringſte Sorge. Sie ſehen, die Irren arbeiten gern und tüchtig, es giebt nur we⸗ nig Faule darunter, und dieſe können wir durch die einfachſten Mittel zur Arbeit zwingen, indem wir ih⸗ nen irgend eine beliebte Unterhaltung oder Ergötzlich⸗ keit ſo lange verſagen, bis ſie wieder, wie es ſich ziemt, fleißig und thätig geworden ſind. Wenn das aber auch nicht wäre, ſo könnte unſre Anſtalt doch aus eigenen Mitteln die nöthigen Arbeiter anſchaffen , awa Alles und Jedes in Ordnung zu müſſen wiſſen, daß wir von S mars einmal reich begabt ſind, dann aber auch ſowohl durch reichliche Spenden und Vermächtniſſe zahl⸗ Kicher Gönner, wie auch durch einen vortrefflich verwal⸗ 3 ht übermäßig erſcheinende, Beſoldun der hiur Angeſtellten möglich iſt. Ja! man muß für i Beſoldung Peroi Sorge tragen, die ein ſchweres un verantwort es Geſchäft auf ſich genommen habe und min ha i n hat es bei uns in vollem Maaße getha — 69— angewieſen, die ihm ein mitleidiger Reicher oder ein rechtſchaffener Armer zuwendet; denn der Menſchen, die aus innerem Triebe ihres Herzens den Arzt durch ihren aufrichtigen Dank ehren, ſind nur überaus wenige... Dieſes Geſpräch fand ſtatt, als wir uns aus dem Parke zurück in das Innere des Hauſes begaben, lum auch dies zu beſichtigen. Durch das große Eingangsthor, wenn man vom vorderen Garten herein kam, trat man in eine Art geräumiger Vorhalle, die von den aufwärts führen⸗ den Treppen durch eine verſchließbare Glaswand ge⸗ ſchieden war, und von deren ubgewölbter Decke eine glänzend polirte, metallene ☛ die vom Einbruch der Dunkelheit bis zum hellen Morgen mit ſechs gro⸗ hen Flammen brannte, herabhing. Steinerne, breite und außerordentlich bequeme Treppen führten doppelt gewunden hinauf in die höheren Stockwerke und hina in die hellen und weiten Räume des Souterrains. In dieſen letzteren befanden ſich die Küchen, Vorrathskammern, die Waſch⸗ und Rollſtube eben ſo die Wohnungen mehrerer Unterbedich wie der Hauswarte, der Köche, der Mä 1 1 Vaſchfrauen und vieler anderer, die in d We u allerlei Dienſtverrichtüngen gebr A Die langen und von Zeit zu Zeit mit Glasthü⸗ ren verſchloſſenen Corridors waren breit, hell, hoch, mit bunten Oelfarben freundlich geſtrichen, die Fuß⸗ böden ſämmtlich braun gebohnt und durch eine hin⸗ reichende Anzahl vortrefflicher Lampen hell zu er⸗ V leuchten. Jetzt traten wir in das erſte Stockwerk. Die Zimmer deſſelben waren mehr als bequem, faſt glän⸗ zend eingerichtet. Im erſten Theile des Hauſes befan⸗ den ſich die Wohnungen der Oberbeamten, des Di⸗ rektors, des Predigers, der Aerzte, des Rendanten, des Apothekers, mehrerer Lehrer und vieler Anderer, auch waren hier die bmme gelegen, alſo auch die meinigen. Von Mn Zimmern der Aerzte und des Direktors liefen ſinnreich conſtruirte Schallröhren in die oberen Stockwerke, mittelſt welcher ſie, wenn ſie wollten, Alles, was etwa über ihnen gegen das Ge⸗ etz vorfiel, vernehmen, aber auch ihre Befehle ſchleu⸗ igſt hinaufſenden und eben ſo ſchnell hinaufgerufen den konnten. In der linken Hälfte des Hauptgebäudes befan⸗ die Bibliothek, die Apotheke, die Bandagen⸗ rumentencabinette und mehrere größere und ½ ile, wie z. B. der Conferenzſaal, das Bi⸗ ſezimmer der Beamten, einige Erholu8 — 711— und Geſellſchaftsſäle für die Irren, ſo wie eben ſolche für den Unterricht und verſchiedene Männerarbeiten beſtimmt. In dem linken Flügel, innerhalb des ſogenann⸗ ten Thurmes, lag die ziemlich große Kirche der An⸗ ſtalt, die, würdig, aber einfach geſchmückt, durch zwei Stockwerke ging und mit einer ſehr wohlklingen⸗ den Orgel verſehen war. Im rechten Flügel des untern Stockwerks lagen die Säle für die weiblichen Handarbeiten, die Spinn⸗ ſtuben, die Lernzimmer und die Unterhaltungsſäle für die Frauen und Mädchen. Das zweite und dritte Stockwerk war gleichmä⸗ ßig einfach, aber höchſt zweckdienlich und dauerhaft ausgeſtattet. Hier nämlich lagen die Krankenſäle und kleineren Krankenzimmer in einer langen unabſehbaren Reihe nebeneinander, die Privatzimmer in den Flü⸗ geln, die allgemeinen im Hauptgebäude. Die jünge⸗ ren Leute, männliche und weibliche, wohnten im ’dritten Stockwerke, die älteren im zweiten, damit ſie nicht ſo hoch zu ſteigen brauchten. Zwiſchen je zwei Krankenzimmern befand ſich je⸗ rterzimmer, welches groß genug war, zuem beherbergen zu können, die ſich ach einander ablöſten, ſo daß jeder⸗ desmal Wier V zeit zwei im Krankenſaale verweilten. Bei den Frauen waren dies natürlich Wärterinnen, ältere und jün⸗ gere, größtentheils Frauen derer, welche bei den männ⸗ lichen Kranken denſelben Dienſt verrichteten. Es wa⸗ ren dies ſämmtlich ſehr verſtändige, auserleſene und kräftige Perſonen, die wohlunterrichtet und gut be⸗ ſoldet wurden, und welche vor ihrer förmlichen An⸗ ſtellung mehrere Probejahre beſtehen und eine beſtimmte Lernzeit durchmachen mußten. Beſtanden ſie dann die von den Aerzten vorgenommenen Prüfungen, ſo wur⸗ den ſie angeſtellt; beſtanden ſie nicht, ſo wurden ſie entlaſſen oder zu anderen Dienſtverrichtungen verwandt, oder auch noch ein Mal in die Schule genommen. In den Flügeln beider Seiten waren außerdem die Badeſtuben und die ſonſt zur Kur nothwendi⸗ gen Oertlichkeiten mit den dahin gehörenden Geräth⸗ ſchaften. Namentlich aber waren die Badeſtuben und die dazu erforderlichen Räumlichkeiten mit einem gewiſſen Lurus und allen möglichen Bequemlichkeiten und Er⸗ forderniſſen ausgeſtattet. Da waren Douche⸗, Staub⸗, Tropf⸗, Dampf⸗, Sturzbäder und alle dis mannig⸗ faltigen Abarten derſelben, wie ſte hiedenen Ländern immer verſchieden ſind. Außerdem befand ſich ein große 72 12 1 mit zwei Billards darin für die Kranken, auf denen jeder Kranke, wenn er ſich durch Ordnung und Ge⸗ 3 horſam auszeichnete, und ſobald die Reihe ihn traf, 3 wozu er von einem eigens dabei angeſtellten Aufſe⸗ d her aufgerufen wurde, drei Parthieen ſpielen durfte. . Zwang fand jedoch bei keinem Spiele, wie überhaupt 2 bei keiner Beluſtigung, ſtatt; Jeder that darin nach e ſeinem Gefallen, nur geſchah Alles nach einem be⸗ e ſtimmten Geſetz, einer erforderlichen Anweiſung und 2 dem gebührenden Rath der Vorgeſetzten des Hauſes. e Die Krankenſäle ſelbſt waren einer wie der andre :, höchſt reinlich, aber ſtets äußerſt einfach und doch für Kranke und Aerzte bequem iderihen⸗ alle luftig in und hell, und boten durchaus keinen ſpezifiſchen Geruch 4 i⸗ dar, wie das leider in den muſ größeren Kranken⸗ h⸗ häuſern faſt unausbleibl ich der Fall zu ſein pflegt. 1 Die Wände waren mit grüner Oelfarbe geſtrichen, 1 die hier und da mit bequemen Lehnſeſſeln verſehen und en die Fußböden gebohnt. Die Erkeuchtung geſchah durch r⸗ vortreffliche, am ſpäteren Abend grün beſchattete Lam⸗ b⸗, pen, die Heizung im Winter wurde theils durch Oe⸗ g⸗ fen, theils durch Kamine bewerkſtelligt. Die weiß überzogenen, reinlichen Betten, RS Rollfuͤßen beweglich, ſtanden, ohne die 3 frankreich und in manchen Theilen Englands o au 11* 2 nn Alſernen — 74— renden Vorhänge, in zwei parallel laufenden Reihen, eine an den Fenſtern, die andre an der entgegenge⸗ ſetzten Seite. An dem Kopfende eines jeden Bettes ſtand eine Art Tiſch, mit verſchließbaren Fächern und Kaſten verſehen, am Fenſter eine Kommode, am Fuß⸗ ende ein Stuhl und ein ſtets mit weißem Sande ge⸗ füllter, zierlicher Spucknapf; über dem Bette hing ein kleiner Spiegel und die den Kranken bezeichnende, ſo⸗ genannte Nationaltafel; die anderen nothwendigen Be⸗ dürfniſſe lagen hinter einer grünen Gardine verborgen, unter dem Tiſche oder in der Kommode. Kleidungs⸗ ſtücke ſah man nirgends herumliegen. 1 Die Privatzimmer waren natürlich nach den Mit⸗ teln und dem Geſchmack ihrer Bewohner eingerichtet, doch ſah ich nur wenige davon, denn ich wollte den Beſitzern derſelben nicht mit meiner Neugierde, die faſt allen Kranken ſo läſtig iſt, beſchwerlich fallen. Auf jedem Treppenabſatze in jedem Stockwerke, eben ſo an jeder Wendung des Hauſes, war ein Thürſteher angeſtellt, der bei Tage, im Sommer wie im Winter, auf ſeinem Lehnſtuhle ſitzend oder auf und abgehend, entweder leſend oder beobachtend, das Aus⸗ und Eingehen der Kranken und die Beſuchg rwachte, denn die Korridore konnten eben ſo guß 8 wie die Zimmer durch weiße ſteinerne oder eiſerne Oefen geheizt werden. Den Privatzimmern gegenüber lag jedesmal ein Wärterzimmer, denn jeder einzelne dieſer Kranken hatte ſeinen eigenen Aufſeher oder ſeine eigene Auffeherin, die jedoch unter ſich von vier und zwanzig zu vier und zwanzig Stunden abwechſelten. Im rechten Flügel endlich, der Kirche im linken gegenüber liegend, befand ſich der große Concertſaal der Anſtalt, der über fünfhundert Perſonen faßte, ein ungeheurer, hoher und weiter Raum, der auch für Theatervorſtellungen hergerichtet werden konnte, denn auch für dieſe Art von Beluſtigung, Erholung und Unterricht war in St. James vortrefflich geſorgt. Von der Decke dieſes Saales hingen drei große präch⸗ tige Kronleuchter von geſchliffenem Glaſe, ein jeder zu vierzig Wachskerzen eingerichtet, herab; die Wände, matt roſaroth, mit ſinnig abgetheilten Feldern, in denen Blumenſtücke gemalt waren, zählten auf jeder Seite vier kleine Niſchen, in welchen ſich kleine Sta⸗ tuen befanden, von denen jede einen kleinen gläſernen Wandleuchter, zu vier Kerzen berechnet, hielt, ſo daß alſo, wenn bei einer Feierlichkeit alle Lichter brannten, hundert und zwei und funfzig Flammen den Saal Nleuchteten. Wahrlich! ein Beweis des Reichthums und der großartigen Einrichtung dieſer in ſo mancher Hinſicht unvergleichlichen Anſtalt!.... Die acht Fenſter in dieſem Saale konnten durch wolkenartig gearbeitete weiße Vorhänge verſchloſſen wer⸗ den, während über denſelben kleine Draßerieen von dunkelblauer Seide die einzelnen Fenſter mehr andeute⸗ ten als verhüllten, damit bei den Muſikaufführungen der Schall in denſelben nicht aufgefangen würde. Der Platz für das Orcheſter war etwas erhöht, der übrige Theil des Saales mit Stühlen und Bän⸗ ken vollſtändig beſetzt, von denen die hinterſten höher waren, als die vorderſten, um denen, die das Loobs traf, ſte einzunehmen, nicht die Ausſicht auf die vor⸗ tragenden Muſiker zu rauben, denn das Publikum der Geiſteskranken iſt eben ſo neugierig und ſchauluſtig wie irgend ein anderes, das ſich des beſten geiſtigen Wohlſeins erfreut. 8 — Das Alles iſt ganz vortrefflich, Sir— ſagte ich zu dem Direktor, der mich auf alle Einzelnheiten aufmerkſam machte,— ich habe nie etwas Aehnliches an Zweckmäßigkeit, Geſchmack und Eleganz geſehen. — Ja! und nun ſollen Sie unſre Muſik hören— erwiderte er,— da werden Sie erſt ſtaunen. Dieſer verſöhnende Geiſt des Ohres iſt eins unſerer kräftigſten und beliebteſten Heilmittel, und erſt ſeit drei Jar 988 6 S S ſind wir vollſtändig d lrvwede nöthigen Inſtrumenten und ihren Spielern verſehen. Sehr viele Irre den Neigung, bisweilen eine wahre Leidenſchaft für Muſik und die Erlernung von muſikaliſchen Inſtrumenten. Man be⸗ greift erſt die beruhigende und auffallende Wirkung dieſer göttlichen Kunſt, wenn man Gelegenheit hat, ſich ſo davon zu überzeugen, wie wir ſie haben. Alle Sinne der Wahnſinnigen ſind mehr oder weniger ſtumpf; der des Gehörs allein, und zwar des Gehörs für Muſik ſcheint feiner ausgebildet und reicher begabt zu ſein, als die anderen, was mir ein Beweis iſt, daß beim Wahnſinn das Gefühlsvermögen bei weitem entwickelter iſt, als irgend ein anderes. Daher iſt denn auch bei uns die Muſik das letzte und kräftigſte Beruhigungsmittel für die Aufregung der Leidenſchaft und die Ueberſpannung ihrer Nerven... — Sie mögen Recht haben,— unterbrach ich ihn, zumal die Erfahrung auf Ihrer Seite iſt, aber Sie werden mir die Bemerkung erlauben, daß die Muſik nicht immer beruhigt,... im Gegentheil... ſie regt ſogar bisweilen auf. — Ganz gewiß!... aber dieſen Einwurf beſeiti⸗ gen wir dadurch, daß wir unſere Muſikſtücke nach I iuen Zwecke wählen oder diejenigen Kranken von r Aufführung ausſchließen, bei denen doch noch —,8 ₰ irgend eine Aufregung zu fürchken wäre. Nur die Ruhigen, die Beſonnenen, die Gehorſamen werden zu den Concerten zugelaſſen, für ſie iſt die Muſik zugleich eine Belohnung, und für die Ungehorſamen und Wi⸗ derſpenſtigen der Ausſchluß davon eine Strafe. Sie ſollen die allgemeine Freude mit anſehen, wenn ein Concert angekündigt wird, und die geſchäftigen Vor⸗ bereitungen bewundern, die dieſe armen Unglücklichen dazu treffen. — Aber woher bekommen Sie die vielen noth⸗ wendigen Muſiker, die zu einem ordentlichen Orcheſter gehören? — Das ſcheint in der That ſchwieriger als es iſt. Nicht allein faſt alle unſere Beamte ſind muſikaliſch und ſpielen die verſchiedenartigſten Inſtrumente, ſon⸗ dern auch einige Irre ſind ausgezeichnete praktiſche Muſiker, ja, wir haben ſogar einige Tonſetzer dar⸗ unter... — Entſchuldigen Sie,— ſagte ich lächelnd— daß ich Sie mit etwas Ungehörigem unterbreche, aber dies 2 erinnert mich an die Monomanie, die jetzt in meinem Vaterlande zu herrſchen ſcheint, daß nämlich in der neuern Zeit ſich kaum irgend ein anderer Kunſtzweig ſo vermehrt und vervielfacht hat, als die Kunſt deß Tonſetzens. Jeder junge Mann, der irgend eine Idſpu voon Muſtk, oder irgend eine leidliche Stimme zum Singen hat, componirt Lieder und veröffentlicht die⸗ ſelben ſogar,— es ſollte mich nicht wundern, wenn die Bewohner eines Irrenhauſes, die die Welt ... da draußen... nachäffen, auch von dieſer Lei⸗ denſchaft angeſteckt wären... doch ich bitte noch ein⸗ mal um Entſchuldigung... bitte, fahren Sie fort... Der Direktor lächelte ebenfalls, nickte mir Bei⸗ fall zu, und ſagte dann: — Sie haben Recht, aber ich ſprach ſo eben von einem wirklichen Tonſetzer, von keinem Charlatan oder Dilettanten,— und was nun unſre Muſiklehrer be⸗ trifft, ſo leiſten ſie das Möglichſte, und ſie werden auch durch ihre glücklichen Erfolge zu ausgezeichneten Leiſtungen und unausgeſetzten Uebungen ermuntert, denn ihre Schüler machen ihnen Ehre und dieſe ſelbſt ſtreben nach Beifall und Lob, denn der Menſch, auch der verrückte, iſt nie ohne Ehrgeiz und den Wunſch, ſich vor Andern ſeines Gleichen hervorzuthun. Uebri⸗ gens muſiciren wir fleißig, denn wir geben regelmäßig alle Jahre vier große Concerte und alle acht Tage ein kleines, und dann theilen wir an die vorzüglich⸗ ſten Leiſtungen angemeſſene Preiſe aus. Zu dieſem Be⸗ den wiß auch einen Muſtikorden geſtiftet, und Sie Mihaber deſſelben mit Stolz und erhobe⸗ N — 80— nem Selbſtgefühl ihre unſchuldigen Inſtgnien tragen ſehen und leicht bemerken können, welche Nacheiferung eine ſolche Belohnung bei denen, die ſie noch nicht erreicht haben, Bervorzurufen im Stande iſt. Eben ſo geben wir regelmäßig jedes Jahr zwei Theatervor⸗ ſtellungen, und wenn Sie ſo lange hier bleiben, wie wir es wünſchen und Sie es uns verſprochen haben, ſo ſollen Sie ſich von dem Nutzen derſelben und den Freuden, die ſte ſchaffen, genügend überzeugen. Doch .. dieſe Seite unſerer Beſtrebungen iſt vorzugsweiſe Sache des Oberarztes, der ſein ganzes Augenmerk auf dieſe Kurart gerichtet hat. Sprechen Sie mit ihm darüber, wenn Sie Neigung dazu in ſich verſpüren, und Sie werden über den Erfolg jede wünſchenswer⸗ the Auskunft erhalten.......... Die Kranken ſelbſt, die wir auf ihren Zimmern trafen, fand ich alle mit etwas Nützlichem beſe chäͤftigt; ſte erhoben ſich ſämmtlich bei unſerm Eintreten und erwieſen dem Direktor durch eine Verbeugung ihre Achtung und ihr Wohlwollen. Uebrigens fand ich alle Gattungen von Irren, wie ſie gewöhnlich in Irrenhäuſern gefunden werden, auch hier vor. Von den Stumpf⸗ und Bl lödſt un ei die mehr Thieren als Menſchen gleichen, genannten Melancholiſchen, die die Eit und düſtere, ſchwere Blicke um ſich werfen, dann den eigentlichen Narren, die ewig ſchwatzen und nirgends Nuhe und Frieden finden— bis zu den Tobſüchtigen hinauf, die theils durch Zwangsjacken, theils durch ernſthaftere Befeſtigung unſchädlich gemacht werden müſſen, ſah ich alle die traurigen Uebergänge dieſer leider ſo häufigen und bei den übertriebenen Anforde⸗ rungen und ſteigenden Bedürfniſſen des jetzigen Lebens immer mehr und mehr ſich ausbreitenden, entſetzlichen Krankheit. Was die Kleidung der Kranken betrifft, ſo be⸗ ſtand die den Aermeren allgemeine in reinlichen, leine⸗ nen, blau und weiß geſtreiften Beinkleidern und Ueber⸗ röcken, anſtändigen Halstüchern, dunkelblauen Tuch⸗ weſten und wollenen Strümpfen und Schuhen; die Frauen waren dem entſprechend gekleidet. Die Bemit⸗ telteren hatten ſich dagegen nach ihren Vermögensver⸗ hältniſſen gerichtet, die Wohlhabenden, beſonders die Privatkranken, die ihr eigenes Zimmer bewohnten, klei⸗ deten ſich nach ihrem eigenen Geſchmack, nur füge ich die urtnd hinzu, daß närriſche und übertrieben Auffallend war mir die henſe junger und wirk⸗ A cht hübſcher, ſogar einiger ſchöner Mädchen, die erIrre von St. James. 1. Band. 6 alle mehr oder weniger geſchmackvoll, mehrere ſogar elegant und reich gekleidet erſchienen.. Iſt es ein Wunder, daß ſo viele junge Mädchen in jetziger Zeit ihren Verſtand verlieren?... Ich beantworte dieſe Frage nicht, ſie beantwortet ſich von ſelbſt, wenn man einen ernſten, aufmerkſamen Blick auf die heutige Er⸗ ziehung und das heutige Leben wirft..... So hatte ich denn die meiſten Krankenzimmer be⸗ ſucht und ich konnte mit dem Ergebniß davon wohl zufrieden ſein, ja, ich hatte alle Urſache einzugeſtehen, daß viele meiner Erwartungen übertroffen worden waren. Die Wohnung des Irren von St. James aber, nach der ich ein ſo lebhaftes Verlangen trug, war mir nicht gezeigt worden, auch erwähnte der Direktor ſeiner gar nicht, obgleich er mich auf einige andere Privat⸗ kranke aufmerkſam gemacht hatte. Gern hätte ich et⸗ was Näheres über ihn erfahren, allein ich beſchränkte noch meine Neugierde, indem ich mir vornahm, erſt meine eigenen Beobachtungen über ihn zu ſammeln, be⸗ vor ich mir eine genauere Auskunft von ſeinen Pfle⸗ gern erbat I 8 Hierauf führte mich Mr. Elliotſon in ſeine Wohnung, die ich wie das vornehmſte Haus inch 44 6 — 83— don ausgeſtattet fand. Bei dem zweiten Frühſtücke, welches ich hier mit meinem gaſtfreien Wirthe einnahm, wurde mir auch Gelegenheit, wahrzunehmen, daß man in St. James auch für vortreffliche Vorräthe des Kel⸗ lers und der Küche vorſorglich war und daß man hier⸗ ſelbſt überhaupt ſich das Leben ſo angenehm und be⸗ haglich wie möglich zu machen verſtand. Hier hatte ich denn auch das Vergnügen, den Prediger der Anſtalt näher kennen zu lernen, der zu⸗ fällig eben in die Thür trat, als der Kork von der erſten Flaſche gezogen ward. — Haha, Mr. Bromfield!— ſagte der Direktor lächelnd,— Sie können keinen Pfropfen ſpringen hören, ohne dabei ſein zu müſſen... — Sagen Sie lieber, ich habe ein gewiſſes Ahnungsvermögen, wo einer ſpringen wird— ant⸗ wortete Mr. Bromfield,— denn ſonſt hätte ich un⸗ möglich ſo ſchnell hier ſein können, da der intereſſante Knall geſchah, als ich zwiſchen Thür und Anget ſtand. — Sie haben doch keinen Schaden von dem Schreck davon getragen,... wie?— — O nein, Sir! Sie wiſſen ja, ich liebe der rt Geräuſche,... und habe auch viel dergleichen meinem Leben gemacht,— ſetzte er mit einem hei⸗ lick auf mich hinzu.. 6* Dies waren die erſten Worte, die ich den Geiſt⸗ lichen von St. James in meiner Gegenwart mit dem Direktor wechſeln hörte, und ich ſchloß daraus, daß beide auf einem guten Fuße mit einander ſtanden; auch ging das Geſpräch noch eine Weile in ähnlicher Art fort und ich konnte hinlänglich bemerken, daß Mr. Bromfield ein luſtiger Geſellſchafter und eben kein Duck⸗ mäuſer war. Meine ſpäteren Erfahrungen über ihn beſtätigten denn auch dieſe meine Meinung vollkom⸗ men; er war war gerade das Gegentheil davon. Uebrigens war er ein höchſt origineller Menſch, der außer ſeinem weißen Halstuch mit lang herab hän⸗ genden Zipfeln, ſeiner ſchwarztuchenen Weſte und ſei⸗ nem langen, bis weit über die Knie herabreichenden, ebenfalls ſchwarzem Rocke nichts Prieſterliches an ſich hatte. Sein Geſicht war ohne Bart, immer heiter und von einer etwas röthlichen Farbe, beſonders aber fielen mir ſeine lebhaften Augen auf, die in der Be⸗ weglichkeit eines gewiſſen Muskels eine außerordent⸗ liche Vollkommenheit erreicht zu haben ſchienen*)... Mr. Bromfield war bei weitem mehr der Geſel⸗ *) Es iſt dies der Musculus oculi rectus internns, wel den ſogenannten vieus bibitorius, auch amatorius, F oder Liebesblick benannt, zu Wege bringt. — 95— ligkeit und ihren reellen Freuden als den abſtrakten Studien einer in zu enge Grenzen gewieſenen Wiſſen⸗ ſchaft zugethan, und er wollte ſich auch jetzt, glaube ich, für die vielen Schickſalsprüfungen, die er hatte beſtehen müſſen, dadurch ſchadlos halten, daß er den Reſt ſeines koſtbaren Lebens wie ein ächter, der Schule Epikur's entſproſſener Weiſer hinbrachte. Denn er war früher, als guter Kanzelredner berühmt, in einer klei⸗ nen aber wohlhabenden Stadt Englands Pfarrer ge⸗ weſen, hatte aber dieſe einträgliche Stelle, ich weiß nicht aus welchen Gründen, verlaſſen und ſich auf ei⸗ nen gewiſſen zu reſpectirenden Befehl auf ein königli⸗ ches Schiff verfügen müſſen, das für eine drei Jahre dauernde Weltumſegelungs⸗ und Entdeckungsreiſe be⸗ ſtimmt war. Mr. Bromfield nahm alle Gelegenheiten wahr, ſich von den guten Sitten der Bewohner der Welt zu unterrichten, und er zog eine dreijährige Waſſerreiſe einem vielleicht eben ſo lange dauernden Aufenthalte an einem langweiligeren Orte, wo es auch ſehr viel Waſſer gab, vor. Der gute Mann kehrte nach über⸗ ſtandener Prüfungszeit nach England zurück, und es iſt kein Wunder, daß ein ſo langes Verweilen unter vielen Wilden, die er geſehen, ihn eben nicht viel zmer gemacht hatte, und ſo ſah er ſich denn geno⸗ 85 — 86— thigt, auch aus dem beſchwerlichen Marinedienſt Sei⸗ ner Majeſtät zu ſcheiden. Jetzt aber hatte der in Wahrheit in alle Welt wandernde Jünger nicht mehr viele Ausſichten auf eine gute Pfarrei, aber der Himmel, der ſeine Lieblingskin⸗ der immer beſchützt und verſorgt, fügte es, daß einige ihm noch nicht erſtorbene Gönner, diendie Welt lieb⸗ ten, wie er ſie liebte, Einſicht und Erfahrung genug beſaßen, ihm ſo viel Einſicht und Erfahrung zuzu⸗ trauen, um den Wahnſinnigen in einer entfernten Pro⸗ vinzſtadt täglich einige heilſame Lehren zu geben. So kam er denn nach jener Irrenanſtalt und von da, weil er ſich in ſeinem neuen Berufe durch einen ge⸗ wiſſen Takt auszeichnete, den er bis dahin noch nicht beſeſſen, durch abermalige Verwendung jener Gönner, nach St. James. Hier ſtand er ſeinem Amte mit einem gewiſſen natürlich geſunden Sinne vor und ſein früher etwas flüchtiger Charakter hatte ſich, wie man zu ſagen pflegt, endlich geſetzt, und ſeine ehemalige Luſtigkeit in eine heitere Lebhaftigkeit und angenehme Ungezwungenheit veredelt. Dennoch aber liebte er immer noch Witz und Scherz mit enthuſiaſtiſcher Hingebung, auch war er den Vergnügungen der Jagd, wie ein ächter P der guten alten Zeit, und anderen erlaubten Unté — 87— tungen und Zeitvertreiben, wie der lebensluſtigſte Jüng⸗ ling ergeben. Ich ergötzte mich an ſeinen Erzählungen von den vielen Bekehrungen, die er bei verſchiedenen wilden Völkern verſucht haben wollte und die ihm, wie er ſich rühmte, meiſtentheils dauerhaft geglückt waren, ſehr. Ob er aber Heiden zu Chriſten oder Chriſten zu Jägern bekehrt hatte, das weiß ich in der That nicht anzugeben, denn als ich ihn darnach fragte, lachte er herzlich und meinte: wir verſtänden uns für eine halbe Stunde Bekanntſchaft ſchon ziemlich gut. Uebrigens war er in der That beredt und gewandt, und ich kann mir wohl denken, daß er mit ſeinem guten Willen und ſeiner unverwüſtlichen heiteren Laune für eine Irrenanſtalt ganz an ſeinem Platze war... Nach Beendigung unſeres Frühſtücks begaben ſich beide, der Direktor und der Prediger, an ihre tägliche Arbeit und ich mich auf mein Zimmer, wo ich jedoch nicht lange allein blieb, denn es ließen ſich Mr. Lo⸗ renzen, der Oberarzt und Mr. Derby, der Unterarzt, bei mir anmelden. Beide kamen auf meinen Wunſch zugleich und es dauerte nach den erſten freundſchaftlichen Begrü⸗ ßungen gar nicht lange, ſo waren wir im lebhafteſten Geſpräch, das uns alle drei gleichmäßig intereſſirte, kumlich über die Behandlung Geiſteskranker begriffen. Mr. Lorenzen, der Oberarzt am Irrenhaufe zu &— St. James, war zwar in England geboren, ſtammte aber von Vorfahren ab, die früher in Lübeck als wohl⸗ habende Kaufleute anſäſſig geweſen waren; er war alſo ſeinem Urſprunge nach ein Deutſcher, ſprach aber unſre Sprache nicht, da er nie aus England gekom⸗ men war. Er war ein ziemlich großer und mit viel natürlicher Würde begabter Mann von ungefähr acht und vierzig Jahren. Seine Geſichtszüge, obwohl ernſt, waren im Ganzen wohlwollend und angenehm, ſeine Ausdrucksweiſe beſtimmt und überdacht; wenn er aber ſprach, leuchtete noch mehr ſeine ungezwungene Freund⸗ lichkeit und Milde aus ſeinem Geſichte und ſeinen Ge⸗ berden, ſo daß er mir ganz ſo erſchien, wie ich den Arzt ſo gern ſehe, beſonnen und ruhig, ſanft und ernſt, wie es dem wackren Manne geziemt, der einen ſo wichtigen und ehrenvollen Beruf zu erfüllen hat. Vollkommen ſeinen Pflichten ergeben und von ſeinem Dienſte beinahe erdrückt, ging er doch ſtets gleichen Schritt mit den wagehalſigen neueren Theorieen unſerer umfangreichen Wiſſenſchaft. Er las des Nachts, wenn ſchon Alles ſchlief und arbeitete ſchon Morgens, wenn noch Niemand munter war. So gewann ich denn dieſen Mann, den ich in die tiefen Lehren der neueren Pſychiatrie vollkommen eingedrungen fand, ſehr bn lieb, und konnte ich ihm auch ſpäͤterhin bei genau f ſröthlich gefärbte Naſe munter und neugierig hervorſah. 1 — 89— Bekanntſchaft, obgleich er, wie wir ſehen werden, nicht ohne Irrthümer war, meine vollkommene Achtung nicht verſagen. Zugleich aber erfreute es mich ſehr, meine durch Bücher und Theorieen erworbenen allgemeinen Anſichten mit den ſeinigen, die ſich auf ſo ſchöne Er⸗ fahrungen ſtützten, übereinſtimmend zu finden. Was ich gleich hier vorher bemerken will, er war durchaus der pſychiſchen Behandlung ſeiner Kranken ergeben und ein Feind jener heroiſchen und gewaltthätigen Kuren, die dem Publikum, und nicht immer mit Unrecht, lei⸗ der oft genug Gelegenheit gegeben haben, die Irren⸗ häuſer als Stätten der Grauſamkeit und Unmenſch⸗ lichkeit zu verwünſchen.......... Ganz der Gegenſatz in ſeinem Benehmen, ſeiner Perſönlichkeit und ſeinen wiſſenſchaftlichen Anſichten, war Mr. Derby, der Unterarzt. Schon ſein Aeußeres und ſeine Kleidung, die ihm poſſirlich ſtand, war auf⸗ fallend und eigenthümlich genug, denn er trug einen hellblauen Frack mit großen vergoldeten Knöpfen, Nan⸗ kinbeinkleider, eine bunte, großblumige Atlasweſte und ein dünnes ſchwarzſeidenes Halstuch, aus dem ein un⸗ geheuer großer geſtreifter Hemdenkragen hervorſah, der beinahe ſein ganzes kleines Geſicht bedeckte und zwi⸗ ſchen deſſen abgeſtumpften Winkeln ſeine ſpitze, etwas — 90.— Sein Haar trug er glatt am Kopfe anliegend, und wie es mir ſchien, war er ſorgfältig bemüht, einige graue Streifen darin durch ein künſtliches färbendes Mittel zu verdecken. Seine kleinen grauen lebhaften Augen ſprühten wie ein Meer von Leben und Lebhaf⸗ tigkeit, keinen Augenblick hafteten ſie auf einem Punkt, ſtets flogen ſie wie im Kreiſe herum und erſpähten einmal um das andere etwas, was ſeine Neugierde rege machte. Seine kleine bewegliche Geſtalt verrieth Anlage zu einem bedeutenderen Umfange, dies hin⸗ derte ihn aber ganz und gar nicht, ſich lebhaft wie ein Menſch von achtzehn Jahren zu bewegen, da er doch wenigſtens vierzig alt war, alle Augenblicke ſei⸗ nen Sitz, ſeine Haltung, ſeinen Gang zu verändern und mit einer gewiſſen Haſtigkeit, einer den Hörer faſt aufregenden Ueberſtürzung zu reden, was bei einem Engländer ſo ſelten gefunden wird. Uebrigens war er ungemein offenherzig und ſagte Alles, was er dachte, Jedem in's Geſicht... Sehr bald merkte ich aus dem Gange unſeres Geſpräches, daß Mr. Lorenzen und Mr. Derby nicht gleichen Heilprincipien in Anſehung ihrer Wiſſenſchaft und Kunſt huldigten. Der erſtere hatte, wie ſchon geſagt, ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die pſychiſche, deien aber auf die phyſiſche Behandlung der N-Sſere Sinne des Worts; Beide hatten dahg — 91— Kranken gerichtet. Eine Meinungsverſchiedenheit, wie man etwas Aehnliches faſt in allen Krankenhäuſern, wo mehrere Aerzte neben einander wirken, findet, die aber ſelten ſo gut geſchlichtet oder übertüncht wurde, wie es hier geſchah, denn der Oberarzt hatte Anſehen und Würde genug, ſeine Meinung im Allgemeinen durchgeführt zu ſehen, und Mr. Derby ließ ſich eben ſo gut leiten, wie jener anzuordnen verſtand. Uebrigens denke man ſich nicht, daß zwiſchen dem Range Beider ein ähnliches unſeliges Verhältniß ſtatt fand, wie bei uns zwiſchen einem promovirten Dok⸗ tor und praktiſchen Arzt und dem zwitterhaften We⸗ ſen eines ſogenannten Wundarztes. Hier in England hatte man glücklicherweiſe frühzeitig die Einſicht ge⸗ habt, daß die Natur ſich, wie in ihren geſunden, ſo in ihren krankhaften Erſcheinungen nicht in gewiſſe, von Menſchenunverſtand abgezirkelte Grenzen einſchrän⸗ ken laſſe, und man hatte daher auch nicht einen Arzt für die inneren und einen Wundarzt für die äußeren Schäden anzuſtellen den tollen Einfall gehabt. Die⸗ ſes unglückſelige und nicht genug zu tadelnde Ver⸗ hältniß, welches jetzt bei uns ſo ſchwer auszurotten ſiſt, fand hier nicht ſtatt; Mr. Derby war der jün⸗ gere, Mr. Lorenzen der ältere Arzt, im wahren und gleiche Funktionen zu erfüllen, nur ging die Meinung des Aelteren als die überwiegende ſtets voraus. Auch waren ſie Beide die beſten Freunde und theilten ſich ohne Mißgunſt und Vorwurf in ihre Arbeit, die, überhäuft wie ſie war, einen ſo regen Geiſt und einen ſo tüchtigen Willen wie den ihrigen in vollen An⸗ ſpruch nahm. Beide waren auch ganz die Männer zu dieſem Poſten, denn Beide waren voll warmen, Eifers in ihrem Beruf, Beide fleißig und von früh bis ſpät thätig, Beide voll Menſchenliebe und unge⸗ achtet ihrer entgegengeſetzten Anſichten arbeiteten ſie — ſich getreulich in die Hände, ſo daß ihr Wirken ſe⸗ gensreich und von allen dabei Betheiligten dankbar anerkannt und geſchätzt war. Etwa nach einer halben Stunde unſres Beiſam⸗ menſeins wurde der Oberarzt abgerufen und ich be⸗ fand mich nun mit Mr. Derby allein. Die Gelegen⸗ heit ſchien mir plötzlich günſtig, über etwas, was mir auf dem Herzen lag, Licht zu erhalten, und ich be⸗ ſchloß ſogleich rüſtig an's Werk zu gehen. Mein lieber Mr. Derby— fing ich an, nach⸗ an ich einige einleitende Worte vorausgeſchickt hae — ich bin Ihnen ſehr dankbar für die Unterweiſung, die Sie ſo gütig waren, mir über den glücklichen Er⸗ folg dieſer Ihrer ſo mannichfachen Kuren zu geben, und ich muß geſtehen, daß ich, wenn derſelbe nur halb ſo günſtig iſt, wie mir die ganze Einrichtung, die Verwaltung und die Ausſtattung dieſer Anſtalt wohlgefällt, alle Ehrfurcht vor St. James und den Leiſtungen ſeiner Aerzte haben muß. — Ja, ja,... das glaube ich— erwiderte lä⸗ chelnd und ziemlich zuverſichtlich der queckſilberne kleine Mann, der bald das linke Bein über das rechte, bald das rechte über das linke ſchlug und fortwäh⸗ rend ſeine Hände in geſtikulirender Bewegung erhielt. — Es iſt wahr, die Anſtalt macht unſer Einem ſelbſt Freude— — Und was Sie für herrliche Exemplare von lehrreichen und ſeltenen Krankheitsfällen hier haben— fuhr ich fort, da ich ſah, daß ich ihn immer mehr und mehr für mich gewann;— die Stationen*) ſind alle bewundernswerth angefüllt, jedes Genus, ja, jede Species,.. wenn ich mich ſo ausdrücken *) So wurden die einzelnen Abtheilungen der Krankenſäle genannt, auf denen die verſchiedenen Arten von Geiſtes⸗ kranken lagen.. — — 942— darf, da Sie ſelbſt dieſe Worte vorher gebraucht ha⸗ ben... hat ihre eigenen und wieder merkwürdig von einander unterſchiedenen Vertreter. — Ja, ja... und Sie kennen ſie kaum... das wird noch beſſer kommen... warten Sie nur...„ Endlich faßte ich mir ein Herz und ſagte ge⸗ radezu: „ — Da haben Sie unter Anderen einen hübſchen Menſchen, da oben im Thurme... glaube ich... iſt ſein Zimmer... es iſt ein Privatkranker... — Ah ſo... ich verſtehe... Mr. Sidney... — Ja, das iſt er, den ich meine... — Ja, ja!— fuhr er mit einer Schnelligkeit im Sprechen fort, die es mir faſt unmöglich machte, ihn ferner zu unterbrechen— Ja, ja, ſieht er nicht aus, wie ein verwünſchter Prinz, dieſer Mr. Sid⸗ ney?... Sollte man ihn nicht für eine Art von König halten, oder wenigſtens für einen kleinen Her⸗ zog, wenn man dieſe majeſtätiſche Miene und dieſe impoſante Haltung ſieht?... Haha!... Und nun ſollten Sie ihn erſt reden hören, wenn er auf dem Converſationsſtuhle*) ſitzt... hier Mr. Lorenzen *) So wurde der Stuhl genannt, auf dem die Kranken zu ſitzen pflegten, wenn die pſychiſche Kurmethode bei ihnent 1 95— —* ... und da Mr. Sidney... und wenn Mr. Lo⸗ renzen ihm ſeine Sünden vorhält... — Was für Sünden..2 — Nun, ich meine, wenn er mn einen Begriff von ſeiner Mangelhaftigkeit... hier oben... bei⸗ bringen will... — Aha! ich verſtehe... — Da ſollten Sie ſehen, Sir, wie Mr. Loren⸗ zen ſchwitzt, der Herr College, denn dieſer Mr. Sid⸗ ney führt eine brave Lanze... bei Gott!... das wäre ein tapferer Ritter im Mittelalter geweſen... ig ſo... ich bin ja erſt bei ſeiner Redeweiſe... haha! Das geht nur immer drauf los, friſch drauf los und ſchwatzt und ſchwatzt und ſchnickſchnackt von Philoſophie und Pſychologie wie ein Buch, und von Irrthümern derer, die Irrthümer vertreiben wollen, 4 daß Einem die Haare zu Berge ſtehen... haſt Du 8 nicht geſehen!... Und meiner Treu! er ſpricht ſehr gut, ja, er ſpricht vortrefflich, ſage ich Ihnen, ſo daß man oft nicht aus noch ein weiß, denn dieſer Mr. Sidney iſt in jeder Beziehung ein außerordent⸗ — licher Klopffechter... Ha! Sie ſollten ihn einmal — angewandt wurde und ſie zu der Ueberzeugung gebracht vel werden te lalien, ſie ſeien in der That nicht keiht 3 bei Ver⸗ — 96 mit dem Rappier umſprifigen ſehen, trotz dem beſten deutſchen Studenten! oder auf ſeinem ſchwarzen Bar⸗ baren ſitzen, wie er mit ihm umherraſt, daß die Fun⸗ ken ſtieben... heißa! immer über die fi uf Fuß hohe Barriere hinüber, daß es nur ſo wettektenn Und nun gar im Ringen oder Laufen oder Klettetſn auf den Stangen unter den Turnern... — Aber, mein Gott! mein lieber Mr. Derby, — warf ich ihm hier ein,— Sie ſind ja ganz in „ 0 74 23 Extaſe über dieſen Mr. Sidney!... 1 — Ja, das bin ich... daß weiß ich, Sir n. ich habe den Jungen lieb, dieſen Sidneyn entſetzlih habe ich ihn lieb, und ich gäbe wer weiß was dar⸗ um, wenn er nicht ſo ſchrecklich verrückt wäre. E* iſt nun einmal unſer Aller Liebling, obgleich man ihn das nicht merken laſſen darf, ſonſt ſetzt er uns gar die Sporen in die Seite. Ha! Sie ſollten ſehen, wie das Volk hier ihn hätſchelt, und die vermaledeiten Wärter obendrein, das faule Geſindel, und alle Ver⸗ rückte... männlich und weiblich! Wenn er nur den Kopf hinaus ins Freie ſteckt, ſind ſie ſchon Alle da... ah! da geht Mr. Sidney... da konfn Mr. Sidney!.. oder... das hat Mr. Siſ geſagt... das hat Mr. Sidney gethan!... 9 ₰ · ſo hat er es gern und ſo hat er es gem!... Daß Du den Kuckuk kriegſt!... — Nun, das beweiſt, daß er die Fähigkeit hat, die Neigung ſeiner Umgebung zu gewinnen... — Die hat er, die hat er, Sir, und recht or⸗ dentlich hat er ſie, weiß es Gott!... Und unter der Fuchtel hat er die Teufel alle, die Beſeſſenen... wenn ſie nicht ſchon verrückt wären, ſie würden ver⸗ rückt aus Liebe zu ihm, glaube ich! Da braucht nur einmal Einer nicht etwas thun zu wollen, was er thun ſoll und muß... Die Peitſche her! ruft der Aufſeher!. Die Peitſche kommt und präſentirt ſich... und Maſter thut es doch nicht!... Da erſcheint wie der deus ex machina unſer Mr. Sid⸗ ney. Was giebt's da? fragt er... das und das, 1n Mr. Sidne)!. Toms laß das ſein! ſagt er; r Toms, thu' das und thu' jenes... ſagt er... e und Toms thut es ohne Peitſche, Sir!... Daß n das Wetter kriegſt... das können Sie alle Tahe erleben! r— Das beweiſt abermals, daß er durch irgend le Mittel große Gewalt über die Gemüther der ihn ehrenden hat... Allerdings beweiſt es das.. und das be⸗ ft auch, daß er mehr Gewalt über ſie ha, als er Irre von St. James. 1. Band. 7 — 98 wir... wozu das, Sir? einmal, chelnd, dem Kopf durch die wer iſt er eigentlich und a krankheit leidet er? Man nicht an... voller Teufeleien, we ah, bah! das möch „. der Direktor, der ſeine Vier Jahre, Sir! immer nicht geheilt? derbarer verwickelter F der Teufel ſoll ihn holen!.. So andern Sie es doch! —Guten Morgen, Sir, ändern! Sie ſcheinen mir auch ein Kopf durch die Wand zu ſein.. Nun gut, lieber College, — ich gebe es zu, daß ich Wand bin, aber ſagen Sie mir, n welcher Art von Gemüths⸗ ſieht ihm ſein Leiden gat — Ja, das iſt es eben... un er losbricht... Wer er iſt? t' ich ſelber wiſſen und doch nter uns geſagt... kann ich's nicht erfahren... U Inſtruktionen über ihn hat, weiß es ſelber nicht genau. Wie lange iſt er denn ſchon hier? — Vier Jahre!— rief ich erſtaunt, — Das hat gute Wege, er iſt ein merkwürdiger Menſch... höchſt all... wird kein Menſch wozu das, * aͤndern Sie es Mann mit dem — ſagte ich läͤ⸗ ein Mann mit ¹ und doch ſteckt er — und n . Sir! In Wahn 3 — — 299— aus klug... er leidet an... periodiſcher Tobſucht,... da haben Sies! In der Zwiſchen⸗ zeit iſt er ganz ruhig, ganz vernünftig, und der beſte, friedfertigſte Menſch... 1— Und wie erkrankte er? und wodurch? — Hm! Sie fragen viel und wollen viel wiſſen ⸗... durch unbekannte Urſachen... weiß kein Menſch it... jetzt kommen die Anfälle freilich ſeltener als ſonſt. r.— Aber haben denn die, die ihn hierher ge⸗ s⸗ bracht, nichts über die Entſtehung ſeiner Krankheit at offenbaren können? — Iſt mir nichts bekannt, Sir... dieſe Nach⸗ er forſchungen gehen mich nichts an... ſo viel ich aber iſt? weiß, iſt die Grundurſache niemals und Niemandem voch bekannt geworden, und er ſelbſt... iſt darüber gar .. nicht zu erxaminiren... ſo wie man fragt, wird er widerſpenſtig... er lacht uns aus... ja, wahr⸗ undg, Sir, er hat uns ſchon oft ausgelacht und Dw ſogar... verhöhnt... das iſt aber eben die Tagumſte Art, da können unſre höflichen Mittel frei⸗ nicht viel helfen und keine radikale Heilung kann ij dieſe Weiſe zu Stande gebracht werden. — Und wie haben Sie ihn denn behandelt? ich fragen darf... Hm! iſt hier eine andre Behandlung mög⸗ 7 — — 0— lich?... wie alle Tobſüchtige müſſen behandelt wer⸗ den... mit Gewalt! — Was?!.. — Ja, das verſteht ſich, denn... Sie ſollten ihn nur raſen ſehen! Wenn er vernünftig iſt, nimmt er es ſchon mit Sechſen auf, in ſeinem Anfall kön⸗ nen es Zehne ſein, denn da zerſchlägt und zerbricht er Alles wie Porzellan... Herr meines Lebens! ich werde mein Lebtage an die Scene denken, als er hierher kam und wir zum erſten Mal die Ehre hat⸗ ten— au weh! Ich war gerade mit Mr. Lorenzen zugegen, als er aus einem kur⸗ und einigen Männern in den er gefallen war.— zen Schlafe erwachte, Wo bin ich? Was wollen Sie von mir, meine Herren?... Und da er ſich durch einen Bruſtrie⸗ feſſelt ſah, der über ſein Bett fortging,... men gefeſ heißa! reißt er ihn entzwei... einen ganz neuen nun auf uns los!... ha! das Riemen, Sir! und en und Rennen nach Hülfe und war'mal ein Spring Mannſchaft... ja... Sie lachen! Ich mußte wider meinen Willen lächeln, als ich mir dieſe ſchreckliche, aber auch komiſche Scene vor⸗ ſtellte, die mir Mr. Derbys Augen, Mienen uaesl Geberden mit wieler Natürlichkeit zur Anſcha brachten. — Sie lachen, aber Sie hätten dabei ſein ſollen, ... Sie wären gewiß mit davon gelaufen!. — Ganz gewiß nicht, Mr. Derby... — Das können Sie jetzt wohl ſagen, ſagen iſt leichter als thun... und da kam denn die Hüͤlfe herbei und nur durch die größte Uebermacht gelang t es uns, ſeiner Herr zu werden, der wie ein Löwe 1obte und brüllte, und erſt, nachdem zwei zerſchun⸗ r den, zwei zerſchlagen und einem... es war noch ⸗ dazu ein Familienvater... beinahe die Naſe abge⸗ n biſſen war... Ha, Sir! da aber konnte man ſo r⸗ recht ſehen, was es heißt, über Ketten und Blöcke kommandiren zu können, und Douche⸗ und Sturz⸗ ne bäder zu haben,... ja, Sir, das iſt die wahre ic⸗ Kunſt!... .. Es entſtand eine kurze Pauſe, die ich nur durch uen einen halblauten Ausruf des Erſtaunens und Mitlei⸗ das dens unterbrach. und— Iſt denn niemals Jemand mit Vertrauen und Sanftmuth zu ihm getreten?— fragte ich wieder. : G2. 5. ih Pah! hat nichts geholfen... was ſoll hier vor⸗— thun... Lämmer bei Tigern...! Und ir mußten vorſichtig ſein und auf ſeine Anfälle Acht we ben... anfangs, freilich,... ich erinnere mich woollte er dem Direktor eine Geſchichte erzählen.. haha! das thut jeder rrückte... jetzt aber ſchweigt er klüglich davon und ſcheint ſich um einen Vertrau⸗ ten nicht pich zu kümmern. Im Gegentheil, wenn Jemand zufüllig einmal davon anfängt, lächelt er ſo 1 auf ſeine eigene Art, was mir manchmal vorkommt, als wenn er noch Etwas für uns im Rückhalt hätte ... haha! der Schurke!... wenn er nur könnte, wie er vielkeicht wollte!... Nun lebt er ganz ge⸗ müthlich hier. Als Privatkranken ſtehen ihm viele Vorrechte zu, und er weiß ſie alle, eins nach dem andern, aus uns herauszulocken. Auch muß er reiche Verwandte haben, denn er ſcheint mit dem Gelde ma⸗ chen zu können, was er will,... er hat viel Geld, dieſer Mr. Sidney... lebt wie ein Fürſt... beob- achten Sie ihn nur... hat ſein eigenes Pferd.. ſeine Bücher... treibt Muſik und ſtudirte gern den ganzen Tag, wenn man es litte, denn das macht ihn erſt recht toll. Ja, ja, Sir, er führt ein ganz herrliches Leben..., Aber er iſt eingeſperrt und wahnſinnig!— ſagte ich, wie zu mir ſelber,... und that einen wagehalſigen Blick in das unermeßliche Reich der Mög⸗ lichkeiten... 1 — Hm!... ja! es ſind ihrer beinahe fünfhu dert von der Sorte hier... übrigens, das muß* v — 443.— ihm laſſen, hat er auch ſeine guten Seiten. Er un⸗ terrichtet, ganz in unſerm Sinne, andre Kranke in allerlei Dingen, wie im Reiten und Fechten, Turnen 2 unnd Ringen, aber auch im Zeichnen,. in Leſen und Schreiben... kurz, worin Sie wolleſt, denn er iſt ein ganz geſcheidter Kopf und hat außerdem alle Ge⸗ ſchicklichkeiten eines tü⸗httigen Klopffechters, wie ich Ihnen ſagte, ew darum laufen ſie ihm auch Alle nach, den er hat auch ein Stück von einem guten Herzen.. für jeden Genoſſen ein freundliches Wort oder uch ein Stück Geld, was manchmal noch beſ⸗ ſe iſt... nun, Sie werden es ja oft genug noch ſehen können, wenn Sie wollen... 1 2— Das iſt ein merkwürdiger Menſch!— ſagte ich, und ſtand in Gedanken vertieft da... n— Sie ſcheinen ſich ſehr für Mr. Sidney zu in⸗ ht fſiren, Sir,— ſagte plötzlich der Unterarzt mit nz in etwas ſchneidenden Tone, und blickte mich mit grauen Augen eigenthümlich forſchend an... Ich war einigermaßen betroffen über dieſen plötz⸗ unerwarteten Blick, ich lernte durch ihn, daß ie gut ſei, unbekannten Leuten gegenüber, vor⸗ ſeine Gefühle zu verrathen, und ich beſchloß, ig behutſamer zu Werke zu gehen. Doch er ließ — 1924— nicht ab von mir mit ſeinem fragenden Blicke, und ich mußte antworten. — Ich intereſſire mich für Alle,— ſagte ich, — die ihres Verſtandes ganz oder auch nur theilweiſe beraubt ſind, und zu denen gehört ja auch Mr. Sid⸗ ney. Ich bin ſelbſt eis Irrenarzt, und da können Sie mir meinen Antheil nicheverdenken, Mr. Derby! — Ganz und gar nicht! Ich bedaure nur, Ih⸗ nen nicht genügendere Auskunft über ehn geben zu können, doch mögen Sie Mr. Elliotſon frraen, der weiß vielleicht mehr, als er mir geſagt hat. Bei Gelegenheit!— erwiderte ich gleie a und brannte mir eine Cigarre an... Hier endigte der Beſuch des Mr. Derby. C entfernte ſich und ließ mich in einer Stimmung zurück, die mür ſelbſt nicht recht klar werden wollte, denn ich war mehr unwillig als empfindſam und traurig ge⸗ ſtimmt. Und warum war ich unwillig uee en?... Ach! wer ſich das Auf⸗ und Nunc gen ſeiner Empfindungen, dieſe bald hohen, eunc fen Schwingungen der nie erforſchten Seele ſeln könnte,... der würde ſich oft ſelbſt keiche ſel mehr ſein... ſo aber iſt der Menſch, 1 hochfahrende Menſch, der über Völker undne faſt nie im Stande, ſein eigenan gebieten will, — 405— zu beurtheilen, noch weniger aber das Plus oder Mi⸗ nus zu ergründen, das ihn heute zu erhabenen, mot⸗ gen zu lächerlichen Handlungen zwingt....... Während zahlreiche Phantaſiebilder in allerlei Ge⸗ 3 ſtaltung mich erfüllten und in mir arbeiteten, um mich auf Wege zu führen, die ich in meinem Nachdenken noch nie betreten hatte und auch nicht zu betreten ⸗ wagte... wurde es mir ſo eng, ſo einſam, ſo duͤ⸗ u ſter in meinem ſtillen Zimmer, daß ich nach den Son⸗ er nenſtrahlen des Gottestages Verlangen trug, und ich begab mich in den Park hinab. Als ich aber hier den a Ahfang eines langen und breiten Weges betreten hatte, ſal ich am andern Ende deſſelben die unverkennbare, hche Geſtalt des Irren von St. James auf und nie⸗ ück, der ſchreiten. Ich wollte mich zu ihm begeben... da kam in ein Anderer zuber... es war der Krämer Phil⸗ lipss, wein Reiſegefährte, der, aus einem Seiten⸗ weg ſich hervorbewegend, langſam und gleichgültig ſich idney näherte... Sie waren nicht allein, denn anderen Spaziergängern waren auch die gewe Aufſeher um ſie, die nie fehlten, wo Irra ich aufhielten, und die aufmerkſam ihrer Pfle⸗ geh hlenen Handeln und Sprechen zu beobachten ge⸗ ſLaren... Da ſah ich, wie Nr. Sidney ſtehen blieb und gelaſſen auf den Krämer blickte. Dieſer trat auf ihn zu und begrüßte ihn artig, aber kurz. Auch der Irre nickte ihm zu... weiter ſah ich nichts, denn ich ſtand zu entfernt, um Beide genauer beobachten zu können... Doch wie?... warum Beide genauer beobachten? Was ging mich ihr Geſpräch, ihr Ver⸗ haͤltniß an, wie konnte es mich intereſſiren?..... Ich weiß nicht, warum? Aber es ergriff mi beklemmender Zuſtand... ſchnelle ndern Gegend des Parf ein eigenthümlich Schrittes ging ich einer a zu und miſchte mich unter die Spielenden, die L fenden, die Arbeitende.. aber auch da beho mir es nicht, ſo daß lich abſeits an eine ſame Stelle ging, ur eſtört zu grübeln zu phantaſiren, wo ich. wecht zu... 1— III. Ein geſpräch mit einem Wahnſinnigen. Nach einer halben Stunde einſamen Umherwan⸗ delns näherte ich mich wieder den Spielplätzen und wollte eben die Kegelbahn betreten, als ich durch einen lauten Wortwechſel, der mit Kreiſchen und Schreien einer heiſeren Männerſtimme untermiſcht war, in die offen ſtehende Reitbahn gelockt wurde, und in der That! hier ſtellte ſich mir ein wahrhaft komiſches, aber zugleich auch ein kindlich rührendes Schauſpiel dar. Innerhalb der vier Wände der großen Bahn lief eine Art Gallerie herum, auf welcher ſich viele Zu⸗ ſchauer, meiſt aus Kranken mit ihren Wärtern beſte⸗ hens, eit zefunden hatten. In dem weichen Sande, ungfährt in der Mitte der Bahn, ſtand der Berei⸗ te der aſtalt, ein Pferd... es war ein Schim⸗ — 198— mel..., ein gutmüthiges, ſtilles Thier, an der Leine haltend. Um das Pferd herum, in neugierige Gruppen zuſammengedrängt, ſtand ein ganzer Haufe von Männern und Jünglingen, die alle voll freudi— ger Erwartung und Luſt ſchienen, das Pferd zu be⸗ ſteigen. Auf demſelben aber ſaß ein Mann ſchon vor⸗ gerückten Alters, mit einem halb kahlen Scheitel und graugelockten Haaren, die in langen Ringeln über ein Geſicht herabfielen, das einſt vielleicht ſchön und herriſch geweſen, jetzt aber von den deutlichen Zügen des Wahnſinns durchfurcht und entſtellt war. Augenſcheinlich hatte er ſeit einigen Minuten ſchon ſeinen vorgeſchriebenen Ritt beendigt und ſollte nun herabſteigen, um⸗ ſeinem Nachfolger, der ſchon lange mit den Augen an dem Pferde gehangen hatte, Platz zu machen. Aber da es ihm auf dem Rücken ſeines geduldigen Schimmels behagte, weigerte er ſich, dem Befehle zu folgen, und er blieb, anfangs bittend, ſpäter mürriſch und unbillig, ſitzen. Auf den Zuruf des Bereiters, der ſeine Dienſtſtunde nicht verlängern wollte, erſchienen drei bis vier Aufſeher, die ſich um den Reiter zu ſchaffen machten und ihm anfangs, mit. Güte zuredeten, abzuſteigen. Aber auch Allte ſich der Mann, der auf ſeinem Willen bet zum Gehorſam bequemen, und da er ſe — 109— Ernſt wurde, ſchrie er und wideſetzte ſich thätlich. Doch nun griff ihn die Uebermacht mit ſtarken Hän⸗ den an. In ſeiner Angſt, herabgeriſſen zu werden, und in ſeinem feſten Willen, den bisherigen Platz zu behaupten, umklammerte er, ſich vorwäts neigend, mit beiden Armen den Hals und mit ſeinen langen Beinen den Leib des Pferdes, und ſchien es in die⸗ ſer verzweifelten Stellung darauf ankommen laſſen zu wollen, wer von beiden Partheien in dieſem unglei⸗ chen Streite Sieger bleiben würde.. In dieſem kritiſchen Augenblicke, wo keiner der Anweſenden in Abweſenheit eines Oberbeamten wußte, ob er der Milde die Gewalt ſolle folgen laſſen, er⸗ ſchien in der offenſtehenden Thür der Reitbahn die hohe, würdevolle, aber anmuthige Geſtalt des Mr. Sidney. Sein Geſicht war, ſo weit ich es aus der Entfernung, in welcher ich mich von ihm befand, wahrnehmen konnte, durch ingend eine innerliche Be⸗ degung ſchwach geröthet, abbl er trug ſeinen ſchönen Kopf ſtolz aufgerichtet, und aus ſeinen Mienen leuch⸗ tete jene majeſtätiſche Ruhe und Selbſtbeherrſchung, die nur einem edelen und freien Geiſte eigenthümlich iſt. Kaum ſah er, was inmitten der Reitbahn vor⸗ 8 4 ging, als er mit einer ſo leidenſchaftsloſen und kla⸗ ren Stimme. die die aeiſtine Ueberlegenheit dieſes wun⸗ 110— übrigen Irren gegenüber, in derbaren Menſchen, den das eine Wort:— Willy! das vollſte Licht ſetzte, — ief. Die Aufſeher ließen bei dem Klange dieſer Stimme von ihrem Opfer ab, und dieſes erhob ſeinen auf den Hals des Pferdes niedergebeugten Kopf. Als der Wahnſinnige aber, ſich halb umwendend, das Ge⸗ ſicht des Rufenden ſah, ließ er ſeine zuſammengepreß⸗ os und drehte ſich ganz mit der Miene ten Glieder l eines Ueberraſchten nach ihm herum. — Was haſt Du?— fragte Mr. Sidney ernſt⸗ haft, aber ſanft. — Willy— war die Antwort— will noch rei⸗ at noch lange nicht genug geritten... es Nach einer augenblicklichen Pauſe — Ich will reiten bis wenn ich auch kein ten, er h iſt ſo ſchön!— fuhr er wieder eifriger fort: heute Abend, bis es finſter wird, Mittagbrot bekomme! Ein überlautes Gelächter erſchallte auf die ſen ſonderbaren Ausſpruch, aber üͤber das Antlitz des Irren von St. James flog nur der Schimmer eines matten Lächelns. Er trat einen Schritt näher heran und ſagte, nachdem ih Vorfall Bericht abgeſtattet hatte, higeren und feſteren Tone: mit einem noch ru⸗ 7 8 m einer der Aufſeher über den — Steig herab, Willy! ich will Dir auch ſagen warum? Sogleich ſtieg Willy vom Pferde, auf dem als⸗ bald ſein Nachfolger ſaß, näherte ſich dem Sprechen⸗ den und neigte kindlich gehorſam ſein Ohr zu ihm hin. — Du thateſt Unrecht,— fuhr der Irre fort,— denn das Pferd iſt nicht allein für Dich da; Deine Kameraden hier wollen auch reiten; morgen oder ſpä⸗ ter kommt die Reihe vielleicht wieder an Dich. — Mr. Sidney hat Recht,— ſagte der entthronte Reiter unterwürfig, obgleich mit weinerlicher Stimme, Mr. Sidney ſchlägt und bindet mich nicht, nein! er giebt mir einen Schilling. Und als wäre er ſeiner Sache ganz gewiß, hielt er ſeine Rechte geöffnet dem vor ihm Stehenden hin. Und er war auch ſeiner Sache ganz gewiß, denn der Irre von St. James griff in die Taſche und gab das Verlangte, ohne ein einziguze Wort zu ſprechen und ohne eine Miene zu deeßeteraun als wäre nichts vorgefallen, und während die Menge ſich ver⸗ lief und das Reiten wieder ſeinen Anfang nahm, drehte er ſich herum und wollte ſich entfernen. In dieſem Augenblick aber gewahrte er mich, der ſch etwas ſeitwärts geſtanden hatte... ſein Auge blieb einige Sekunden auf mir haften, dann aber wie es mir vorkam, mit unterdrückter Er grüßte, mit dem Kopfe nickend als fordere er mich auf, Ich folgte dem Winke leuchtete es, Freude höher auf. und mit der Hand winkend, mit ihm ins Freie zu kommen. und wir traten beide hinaus in den Park, und jetzt war es mir zum erſten Male vergönnt, ſein ſchönes Antlitz ungeſtört und bei vollem Tageslichte zu be⸗ wundern. Doch ich will mich nicht bemühen, den Ausdruck und den eigenthümlichen Reiz deſſelben, den es auf mich ausübte, zu ſchildern, ich habe ihn be⸗ reits angedeutet und werde ſpäter noch öfter darauf zurückkommen. Nur ſoviel will ich hier bemerken, daß es in der reinen Beleuchtung des Tages noch ſchöner, männlicher und ausdrucksvoller war, als im trüben Scheine des Lampenl ichts, und daß ich bei dem Anblicke deſſelben beinahe Alles vergaß, was ich Abenteuerliches 3 uber den Beſitzer deſſelben vernommen hatte; im Ge⸗ gentheil, es wirkte Gens und befriedigend auf t mich, denn es lag er That auf dieſem Geſichte 1 eine Ruhe und ein Frieden des Gemüthes, als hätte nie der ſchneidende Griffel des Wahnſinns die Seelgt verſtört, die ein ſolches Geſicht, im Widerſpruche wit der unbezweifelten Thatſache, zur Schau tragen konnt i Als wir einige Schritte von der Thür der Reii bahn entfernt waren, ſah er ſich mit einem gleichſan ſpähenden Blicke rings um, doch als ſchäme er ſich dieſes Blickes, flog eine ſchnell wieder verſchwindende Röthe über ſeine bleichen Wangen und er blickte mich ungewiß, kaum lächelnd an. Dann aber, als er be⸗ merkte, daß Niemand in unſerer nächſten Nähe war, ſagte er und zu meinem größten Erſtaunen in deut⸗ ſcher Sprache, die er ſo rein und ſo fließend ſprach, 1 daß ich ihr nicht den geringſten fremdartigen Accent 1 anmerken konnte: — Guten Morgen, mein Herr! Ich bin Ihnen if die Genugthuung ſchuldig, zu erklären, warum ich ß Ihre freundliche Anrede geſtern Abend unbeantwortet r, ließ; wenn Sie ſich aber geſtern, wo Sie mich noch een nicht kannten, über mein Stillſchweigen wunderten, iſcke ſo werden Sie es heute nicht mehr, da Sie ohne hes Zweifel jetzt wiſſen, wer und was ich hier bin... Ge⸗ Die Freude, mich ſo unerwartet in meiner Mut⸗ auf terſprache angeredet zu hören uhar es nicht allein, die cßte meine Antwort einen Agenssan nein! ich äͤtte war erſtaunt, das ausſprechen und mit ſolcher Offen⸗ Seeletheit und Geradheit ausſprechen zu hören, was ich am ‚mit wenigſten von ihm erwartet hatte, denn offenbar lag unt in ſeinen Worten und noch mehr in ſeinen Mienen Reipie Andeutung, daß ich gehört haben müſſe, er ge⸗ chſam Sre zu den in /St. James befindlichen Geiſteskranken. Der Irre von St. James. 1. Band. 8 daß Sie ſich meiner noch iderte ich ausweichend — Sie ſind ſehr gütig, her erinnern— erwi r Gegenſtand, der uns dabei vor hoffe ich Gele⸗ Meinungen und Anſichten von geſtern — wenn Sie aber de Augen lag, ſo intereſſirt wie mich, ſo genheit zu haben, Ihre darüber noch hinreichend zu vernehmen. Sie kommen meinem eifrigſten Wunſche zuvor, r— war die mit einer freundlichen Neigung mein Her Intwort,— ich hoffe, man des Kopfes ausgeſprochene 2 wird mir hier erlauben, mit Ihnen, einem Frem⸗ in eine freundſchaftliche Unterhaltung zu treten, den, Geiſte wie meinem Herzen ein. die eben ſo meinem längſt gefühltes Bedürfniß iſt. Die Worte man und hier und erlauben wurden mit einer eigenthümlichen Betonung und mit einem Zuge um den Mund geſprochen, der, wenn auch nicht Ironie war, doch ſicher daran ſtreifte. „=² Sie bleiben re Zeit hier, wie ich höre? — fragte er dann nem, wie mich dünkte, etwas weniger zuverſichtlich cke, indem er ſein gro ßes blitzendes Auge unverwandt en aber geſpannt forſchendem Bli⸗ lich auf mich heftete. — Es iſt ſo meine denke ich wenigſtens hier zu verweilen... Abſicht!... Vier Wochen Mr. Sidney nickte mit dem Kopfe.. g6 w W ab we ein ſein — ſchweifte eine Sekunde laͤng umher, dann den Blick deſſelben ſenkend und zur Erde ſchauend, ſagte er halb⸗ laut, wie zu ſich ſelbſt: — Vier Wochen!... hm! eine ſchöne Zeit!... — Freilich wohl,— erwiderte ich laut,— aber doch kaum lang genug, alles das zu erfahren, wes⸗ halb ich hierher gekommen bin. Dieſe Worte, ſo unbefangen geſprochen, ſchienen einen ganz entgegengeſetzten Eindruck auf ihn zu ma⸗ chen; er richtete abermals ſein Auge auf mich, aber mit dem Ausdruck der Verwunderung, beinahe des Erſtaunens. — Weshalb ſind Sie hierher gekommen?— fragte er raſch. — Erfahrungen zu ſammeln,— war meine Ant⸗ wort,— doch ſogleich ſetzte ich hinzu, da ich eine Wolke der Täuſchung über ſeinen Stirn fliegen ſah,— aber auch um Antheil zu nehmen und, wenn es mög⸗ * lich iſt, Antheil... zu erwecken. — Ha! Antheil!— erwiderte er lächelnd, welch ſchanes Wort!... Ich habe längſt gewünſcht, einen Arzh kennen zu lernen, der Antheil an... an ſeinen Kra ken nimmt. ſollte Ihnen der hier nicht geworden ſein? 8* — 416— Ich dächte, der Oberarzt, Mr. Lorenzen, meinte es ſehr gut mit den ſeiner Obhut Uebergebenen... Er meint es gut... ja... ohne Zweifel... auf ſeine eigene Weiſe... Aber iſt die Weiſe gut, die nicht vor Irrthümern ſchützt, welche einſt ſchwer auf ſeine Seele fallen könnten? Er ſtand ſtill und ſah mich fragend an. Jetzt fiel mir zum erſten Male wieder ein, daß ich mit Jemandem ſprach, der an periodiſchem Wahnſinn litt, denn bis hierher war mir ſein Benehmen wie ſ Sprache ſo unbedenklich vernünftig, ruhig und unzwei⸗ daß ich ganz vergeſſen hatte, daß es der Irre von St. James war, mit dem ich mich unter⸗ hielt. In ſeinen letzten Worten aber, wie in dem Sinne, den er ausſprach, ſpiegelte ſich eine innere Leidenſchaftlichkeit, die er zwar durch ſeine äußere ge⸗ wöhnliche Ruhe geſchickt verdeckte, und eine gewiſſe die mich leider nur zu ſehr an das s ich Von ihm gehört hatte. Dennoch Frage und ſeine Blicke ſo feſt und be⸗ ausweichende Ant⸗ eine deutig erſchienen, Haſtigkeit ab, erinnerten, wa richtete er ſeine ſtimmt an mich, daß ich eine ganz wort zu geben nicht im Stande war. Ein Arzt muß vorſichtig ſein, rfein Herr, ſagte ich, vor Allen der Doktor Lorenzſen, er hat ſchwere Pflichten zu erfüllen, und er erfültz ſie, glaube Ihre Geſellſchaft wünſchenswerth machen. — 117— ich, mit Wärme und Neigung. Dennoch aber iſt er nicht unfehlbar, wie kein Menſch es iſt, und man muß den Maaßſtab der Milde nie vergeſſen, wenn man einen ſolchen Mann beurtheilt. — Sie haben ganz Recht, wenn Sie dieſen Maaßſtab anempfehlen, aber in dieſem Augenblicke thun Sie etwas, was er nie gethan hat, gegen mich wenigſtens nicht... und das iſt es, was ich tadele. — Und was iſt das, wenn ich bitten darf? Was thue ich? — Sie verrathen einen Antheil, der Ihnen aus dem Herzen kommt und haben Vertrauen, zu einem — ja, ja, ſage ich es immer... zu einem Wahn⸗ ſinnigen zu ſprechen, wie man zu einem Menſchen ſpricht, der nie von dem Wege der geſunden Vernunft ein Haarbreit abgewichen iſt. Ich wurde etwas verlegen... dahin wollte ich das Geſpräch nicht gebracht ſehen. Ich verbeugte mich und erwiderte ſchnell: — Warun ſoll ich keinen Antheil an Ihnen neh⸗ men und kein Vertrauen zu Ihnen haben? Ich habe tauſend Gründe dazu... — Tauſend? unterbrach er mich. — Ja, und darunter einen oder zwei, die mir — 118— Und die wären?— fragte er geſpannt. Ich ſuchte die Rührung, die mich allmälig über⸗ hinter einer Miene von Gleichgültigkeit und kam, ob mir dies gelang, künſtlicher Ruhe zu verbergen; weiß ich nicht; ſoviel aber iſt gewiß, daß ich die näch⸗ ſten, unſer Geſpräch verändernden Worte zwar freund⸗ lich aber mit berechneter Kälte ſprach: — Sie ſprechen... unter Anderm. und das ſo gut und rein, haben dieſe Sprache in Deutſchland ſelb — Ah.. iſt es das? Nun, Sie könnten Recht haben... ich bin freilich in Deutſchland geweſen... aber ich habe auch von früher Jugend an einen deut⸗ ſchen Erzieher gehabt;— ſetzte er mit einer ſo unver⸗ holenen, plötzlich entſtehenden Traurigkeit hinzu, daß ſie mein tiefſtes Mitleid erregte und mir augenblicklich die Wärme zurückgab, die ich vorher mit Gewalt zu⸗ rückgedrängt hatte. — Sie ſind in Deutſchland geweſen?— entgeg⸗ nete ich freundlich,— das iſt mir ſehr lieb... kom⸗ men Sie, laſſen Sie uns davon plaudern. Abermals ſah er mich mit einem aufmerkſam for⸗ ſchenden Blicke an. Es war augenſcheinlich, ich hatte ihn mit meinem abſpringenden Weſen zweifelhaft ge⸗ macht; jetzt that es mir leid, 8 . Deutſch daß ich glauben muß, Sie 1 ſt gelernt... 2 und ich verſuchte allede — 119— Mögliche, den dadurch entſtandenen üblen Eindruck zu verwiſchen. — Kommen Sie dieſen Weg— ſagte er und er⸗ griff mich am Arm,— nicht den da... hier iſt es ruhiger... und nun, was wollen Sie von mir wiſſen? — Zuerſt will ich Ihr Vertrauen wieder haben, das Sie halb aufgegeben haben— ſagte ich. Er ſah mich an und lächelte. — Da haben Sie es!— ſagte er und bot mir die Hand— ich hatte es noch nicht verloren... aber Sie leiteten mich einen Augenblick irre... doch, ich denke... ich verkenne Sie nicht. — Dieſes Ihr aufrichtiges Bekenntniß macht mir Freude und ehrt mich... ich verkenne Sie auch nicht. Bei dieſen Worten begegnete ich einem ſo un⸗ ſchuldig freudigen, ich möchte ſagen, kindlich danken⸗ den Blick ſeines großen Auges, daß ich von Minute zu Minute meinen Antheil wachſen und meine Nei⸗ gung ſich vermehren fühlte. — Alſo Sie waren in Deutſchland?— lenkte ich winder ein. — Ja, mein Herr, drei Jahre und die ſchönſten e meines Lebens. Die ſchönſten, ſage ich, denn ich war ſtark, jung, glücklich... ich kannte des Lebens Nachtſeite damals noch nicht. — Fahren Sie fort! rief ich ihm zu, denn ich ſah, daß bei den letzten Worten, die er etwas gedehnt ſprach, ein Schatten der Betrübniß ſeine Augen ver⸗ dunkelte. — Ich habe das redliche Deutſchland von früh⸗ ſter Jugend an in meinem Herzen getragen und deut⸗ ſches Wiſſen, deutſche Sprache, vor Allem aber den ächten deutſchen Mann kindlich und liebend verehrt. Aber daran war meine Erziehung Schuld, denn, wie ſchon geſagt, mein erſter und mein letzter Lehrer war ein Landsmann von Ihnen, und ich hatte Urſache, ihn mehr als Alles auf der Welt zu lieben. CEhe ich nach Deutſchland kam, und ich hatte den Wunſch da⸗ zu lange mit mir herumgetragen, hatte ich in Bezug auf meine Ausbildung große Hoffnungen auf Ihr Vaterland geſetzt, und ich ſah mich auch nicht ge⸗ täuſcht; ich fand ſogar mehr als ich ſuchte. Es liegt in dem deutſchen Weſen, in der deutſchen Grundrich⸗ tung eine Sympathie mit dem engliſchen Weſen und deſf ſen Bemdiicni⸗ die ich die des Blutes nennen Deutſche, auf eng lich Boden veofah edles, ein denkendes Volk... Ihr Volk — 121— noch einen Impuls von Innen heraus mochte ich ihm wuͤnſchen, einen Grad lebendigeren Lebens und fri⸗ ſcheren Triebes mehr nach Außen hin, und es würde damit unter ſeinen, wenn gleich monarchiſchen, doch vortrefflichen Verfaſſungen gewiß das größte ſein, wie es vielleicht das achtungswertheſte iſt. O ich welß! — fuhr er freundlich fort— Sie werden mir bei⸗ ſtimmen, und was ich etwa tadeln möchte, werden Sie mir vergeben, wenn Sie mir künftighin erlau⸗ ben, meine Anſichten deutlicher zu entwickeln. Und ich wünſche mir Glück, durch Ihr längeres Verwei⸗ len bei uns Gelegenheit zu haben, auch meine Irr⸗ thümer, durch Ihre geprüftere Anſchauung und Ihr gereinigteres Wiſſen verbeſſern zu können. — Sie ſind ſehr gütig und ich freue mich auf dieſe Unterhaltungen, wenn ich auch nicht hoffen darf, mehr zu wiſſen und beſſer zu ſichten, als Sie. Drei ganze Jahre alſo waren Sie hei uns? — Jal... drei Jahre... und wie ſchön wa⸗ ren dieſe!... Wohl mir, wenn ich ewig hätte dort bleiben können! Aber wehe, wehel daß ich ſcheiden mußte!... — Unx warum kehrten Sie in Ihr Vaterland zurückz wenn es Ihnen weniger theuer war, als ein afenthaltsort? 7 — Hm!... doch warum ſoll ich Ihnen das nicht ſagen.... man hängt nicht immer von ſeinen „Wünſchen ab.. wenn man auch ſonſt ziemlich ſelb⸗ ſtändig iſt... es giebt in der Welt ein Wort, das ich immer mehr gehaßt habe als die Sünde... und dies Wort heißt... Zwang! Jal... es waren, glaube ich... Familienangelegenheiten... ich mußte Deutſchland verlaſſen... ach! und wie ſchnell mußte ich... abſchiedslos kehrte ich meinen Lieblingsgegenden den Rücken... es war das erſte Mal, daß ich einen Zügel auf meinem Nacken fühlte ... Ha! warum müſſen wir müſſen? Der erſte Zwang iſt auch das letzte Athmen einer freien Seele ... und ich... ich war von jeher ſo gern frei... frei! mein Herr, ich ſpreche hier von jener Freiheit, die das Geſetz der Ordnung und der Arbeit, des Gu⸗ ten und des Sittlichen in ſich trägt... — Dieſe Freiheit aber findet man ſehr ſelten... — Leider, ja! in der Welt lebt ſie nicht, denn der rohe Menſch hat ſie daraus wertrieben... aber ſie iſt in des edelen Menſchen fromme Bruſt geflohen .. und hier und in ſeinem Geiſte lebt ſie noch! Und... ich glaube, ich ſage keine Lüße... ich ſpürte einen Anflug von dieſer Freiheit in Mir, nigſtens ſuchte ich ihrer bewußt und klar s — 123— ... und daß ich einen Theil von ihr beſeſſen, fühlte ich, als ich ſie verloren ſah,... denn kaum hatte ich meinen erſten Fuß auf Englands felſigen Boden geſetzt,.. da, da— und er ſeufzte tief auf— doch was betrübe ich Sie mit dieſen für mich ſo in⸗ haltsſchweren und für Sie doch nicht verſtändlichen Worten... — Fahren Sie fort... ich bitte Sie... Sie betrüben mich nicht und ich verſtehe... — Nun, Wenn Sie es wiſſen wollen... da lernte ich jene Nachtſeite des Lebens kennen, die, wenn ſie uns einmal mit ihrem vergeſſenden Blicke angeſchaut hat, auch unſer ganzes ferneres Daſein auf ewig ver⸗ giftet hat. — Wie? Ihr ganzes ferneres Daſein wurde durch dieſen einen Nachtblick vergiftet... kann einem Manne das begegnen? 1 — Sie fragen noch und Sie ſehen mich hier... hier? Doch nein, Sie verſtehen mich nicht, ich dachte es mir wohln... ſo hören Sie noch zwei Worte. Ja, ich war ein Mann und ich entſetzte mich vor des Schickſals ſtrengem Walten nicht. Dennoch aber war dieſer eine Nachtblick... ſage ich Ihnen ... hinreichend... mir meine Mannheit zu neh⸗ men.*. denn, mein Herr... es faßte mich an .- — 124 einer ſehr empfindlichen Stelle... ich ward ſehr un⸗ glücklich. An einem Tage, wo ich ſo glücklich war ward ich... krank... ſehr krank— und das Reſultat dieſer Krankheit... das, das ſehen Sie jetzt in mir,... jetzt... hier!... Dieſe letzten Worte, die ſo einfach klingen, wäh⸗ rend ich ſie ſchreibe, ſprach er mit einer leiſen, halb klagenden, halb gefaßten Stimme, und doch auf eine ſo ergreifende und nachdrückliche Art, daß ich trotz ih⸗ rer Weichheit auf eine Weiſe erſchüttert wurde, die ich nicht mit Worten beſchreiben kann. Wie immer, wenn mein Gemüth ſo haſtig bewegt iſt, ſchwieg ich auch diesmal und ich ging, in dieſes Schweigen verſunken, neben ihm her. Ich wagte ihn nicht anzuſehen, denn ich dachte mir, ſein Geſicht müſſe eine Troſtloſigkeit, eine Niedergeſchlagenheit ausdrücken, die, ein ſchönes menſchliches Antlitz entſtellend und demüthigend, mir von jeher einen in meinem Herzen wiederzuckenden Schmerz verurſacht hat. Aber wie erſtaumt war ich, als ich nach einer Weile des Schweigens meinen Blick langſam und beſorgt zu ihm erhob und mit einem Male dem ſtrahlendſten Glanze ſeiner Augen, die mit einem gewiſſen Triumphe mich betrachteten, begegnete. Ich bebte vor Entſetzen, indem ich mir dachte, dieſen ſonderbaren Gegenſatz in ſeiner Sprache und in ſei⸗ V 8 8 23 nem Aeußeren habe der Wahnſinn hervorgerufen... aber dennoch ſagte ich mir wieder, daß der Wahn⸗ ſinn nicht ſo klar, ſo... ich muß wieder das Wort gebrauchen,... ſo intellektuell ausſieht und nach einem zweiten Hinblicke glaubte ich nicht zu irren, wenn ich in dem Auge, das ſo feſt und ſicher auf mir haftete, eine mit einer gewiſſen nicht unedlen Schlauheit und Liſt gepaarte, in ein kühnes Gewand gehüllte Frage, eine Prüfung, eine Erwartung ſah, die aus meinem Benehmen und aus meiner Antwort meine individuelle Ueberzeugung herausleſen wollte... Mit einem Wort, ich ward etwas irre an dem Manne, der neben mir herſchritt, ich wußte nicht recht, was ich von ihm denken ſollte... verſtellte er ſich oder ſprach er natürlich, wie es ihm ſein ſonderbarer Wahn⸗ ſinn eingab? Ich ſchwankte zwiſchen Ja und Nein, zwiſchen Glauben und Unglauben; zum erſten Mal in meinem Leben hatte mir ein Wahnſinniger ein Netz übergeworfen, das, aus Liſt und Schlauheit gewebt, den klaren und unbefangenen Blick verdunkelte, der mich ſonſt immer ſo richtig geleitet hatte... oder ... doch ich will nicht ausſprechen, was im Grunde meines Herzens, in der tiefſten Tiefe meiner Gedan⸗ ken, einem Hauche ähnlich, ſoll ich es Sea Alnung oder Inſtinkt nennen, wie an meinem Fnne⸗ — 126— ren Geſicht vorüberflog... aber dieſer bloße Hauch war ſo furchtbar entſetzlich, daß es mich graute, ihn Leben und Boden gewinnen zu kaſſen, daher drängte ich ihn zurück... ich wollte nicht glauben... was .. Nein! ſagte ich zu mir ſelber, ſei ſtill und warte die Zeit ab; es wird ſich Alles aufklären... ent⸗ weder... oder... Beides iſt ſchrecklich... das Eine für ihn... das Andre für Andere. Aber ich werde mit allen Kräften meiner Seele aufmerkſam ſein, ich werde beobachten, beobachten wie ein Spion, der die Witterung einer verlorenen Seele hat und ſie nicht wieder verlieren will; denn dieſe Seele iſt entweder auf ewig verloren, oder... ſie iſt rein, köſtlich und ell wie das ewige Blau des Himmels, das nur durch den Nebel, der von der Erde aufſteigt, verdunkelt und verhüllt wird... Wie dies nun aber auch ſein mochte, nach den zuletzt geſprochenen Worten des Irren von St. Ja⸗ mes fühlte ich, daß unſer Geſpräch eine Wendung genommen und ein Ziel erreicht habe, über deſſen Gränzen hinaus ich es nicht weiter verfolgen durfte. Mit Schmerz, ich geſtehe es gern, brach ich es ab, abat mein Pflichtgefühl beherrſchte noch ſo ſehr meine Neugierde und den Wunſch, die intereſſanten Nitthei⸗ lungen des Irren zu Ende zu hören, daß ſeldſt di etwas zurückhaltende Miene deſſelben, der vielleicht er⸗ wartete, ich würde in ſeine Ideen eingehen, mich von meinem Entſchluſſe nicht zurückhielt. Für heute hatte ich genug gehört... meinte ich... der kommende Tag war auch noch da und ich bedurfte des ruhigen Nachdenkens, Alles, was ich von ſeinen Aerzten ver⸗ nommen und was ich mir ſelbſt über ihn dachte, in Einklang zu bringen, damit ich auf dem Wege der Erkenntniß ſeiner Krankheit und der Wahl meiner vor⸗ zuſchlagenden Mittel nicht fehl ginge. Denn dies zu thun, war ich in der That feſt entſchloſſen, da mir der Oberarzt der Mann zu ſein ſchien, mir dieſen meine ganze Seele erfüllenden Wunſch zu gewähren. Um alſo doch etwas zu ſagen und damit mein Stillſchweigen dem eben ſo ſtill neben mir her Wan⸗ delnden nicht allzuſehr auffalle, ſagte ich endlich: — Ich habe mich vorher gewundert, zu ſehen, wie Sie ſo viel Gewalt über die... die... Aber hier ſtockte ich ſchon wieder, denn es war nicht möglich, ein Wort auszuſprechen, das ihn viellellcht verletzen konnte, indem es ihn an ſeinen ei⸗ Gemüthszuſtand erinnerte. Aber zu meiner Ver⸗ perung ergänzte er ſchnell den von mir unbeendig⸗ Satz und ſagte freundlich und mit einem ſo zeildigen Lächeln, daß auch nicht der geringſte — 128— Triumph durchſchimmerte, den Wahnſinnige ſonſt ſo gern verrathen, wenn ſie über andere Wahnſinnige ſprechen: — Daß ich ſo viel Gewalt über die Wahnſinni⸗ gen habe, wollen Sie ſagen. Ach ja... doch das iſt nicht ſo ſchwer, wie man ſich vielleicht denken mag. Beherrſchen wir doch die unbändigſten Thiere, in de⸗ nen bloß die rohe Kraft vorherrſcht, mit unſerer ge⸗ ringeren Kraft, unſerm Willen und unſerer Einſicht, . warum ſollten wir daher nicht Menſchen, unſer eigen Fleiſch und Blut, eben ſo gut beherrſchen kön⸗ nen! Hier hätte ich ihm gern eingeworfen, daß dieſe Menſchen, als jenes göttlichen Ausfluſſes, der den Menſchen von dem Thiere unterſcheidet, beraubt, ſchwe⸗ rer zu bändigen ſeien als Thiere, da außer jener ro⸗ hen Kraft hier auch noch ſchlimme Leidenſchaften, und oft auch böſer Wille in's Spiel kämen, allein ich wagte abermals nicht das Wort geiſteskrank auszu⸗ ſprechen oder gegen ihn von einem Geiſtesmangel dem Fehlen jenes göttlichen Ausfluſſes zu ſp was ihn, aus dem Munde eines Fremden hery hend, doch vielleicht verletzt oder aufgeregt hätte, man muß bei ſolchen ganz oder halb wahnſit Menſchen mit einer unglaublichen Behutſamti N — 129— Werke gehen, wenn man ihnen nicht zu nahe treten will. Jedoch, als hätte er meine Bedenklichkeiten wahr⸗ genommen oder gefühlt, er ſetzte ſogleich ernſt aber freundlich hinzu: — Sie könnten mir hier freilich einwerfen, die⸗ ſen Menſchen fehle der Geiſt, oder ihre Einſichten ſeien geſchwächt, ihr Urtheil verkehrt... aber erlau⸗ ben Sie mir zu ſagen, mein Herr... obgleich Sie ein Arzt ſind und alles dies weit beſſer wiſſen und durchdacht haben müſſen als ich... daß alle dieſe Unglücklichen, die, von der Welt entfernt, in dieſem Winkel der Erde leben... vielleicht nur mit weni⸗ gen Ausnahmen... noch einen Funken jenes gött⸗ lichen Lichtes in ſich tragen, und deshalb von den Thieren noch unendlich weit entfernt ſind. Ach! thun Sie mir, der Menſchheit zu Liebe, den Gefallen... wenn Sie jemals Ihre ganze Aufmerkſamkeit dieſen Unglücklichen widmen und ſo den erhabenſten Beruf erfüllen, der einem Menſchen auf Erden zugefallen ſein kann, dieſen Unglücklichſten der ganzen Erde, ſage ich, die ich liebe und achte, wie ich ſie bedaure und beklage... forſchen Sie dann mit dem ganzen Ci⸗ fer Ihres Gewiſſens und der ganzen heiligen Wärme Ihrer Menſchenliebe, forſchen Sie dann nach dieſem Der Irre von St. James. 1. Band. 9 — 1390— kleinen göttlichen Funken, und ſollte er auch nur ſo groß wie ein Sandkorn ſein! Haben Sie ihn aber entdeckt, o dann beſchwöre ich Sie, dann blaſen Sie ihn an mit dem ganzen lebendigen Athem Ihres Ge⸗ fühls für Menſchenwürde, mit dem vollkommnen Mu⸗ res wohlwollenden Herzens und mit der uner⸗ s ſtrebſamen Geiſtes... bla⸗ ſen Sie ihn an und Sie werden ſehen, wie er wächſt, wie er anſchwillt und wie endlich ein Licht und eine Flamme entſteht, die immer mehr und mehr an Glanz und Ausdehnung gewinnt, zund die, wie ſie wächſt und leuchtender wird, zugleich jenen Irrthum, jene Finſterniß beſiegt und verk lich und unaufklärbar erſchien. Ich verſicherte ihm, daß dies meine Abſicht, ja mein feſter Entſchluß und Wille ſei, wie auch der aller beſſeren und einſichtsvolleren Irrenärzte, aber er ließ mich kaum ausſprechen, er war augenſcheinlich von ſeinem Gegenſtande warm geworden, der ihn nun hinriß; ja, es war vielleicht eine moraliſche Noth⸗ wendigkeit bei ihm vorhanden, ſich einmal das Herz zu erleichtern und weiter auszuſprechen. — And're zu bemeiſtern!... nicht mit Gewalt, it Stricken, kaltem Waſſer oder glühendem Eiſen.. wie leicht mit nein! mit Liebe, Einſicht und Geduld.. the Ih müdlichſten Geduld Ihre ⸗ leinert, die früher unbeſieg⸗ — 131— iſt das! Aber freilich, ehe man dahin gelangt, iſt ein höherer Berg zu überſteigen und eine heißere Ar⸗ beit zu vollbringen... und das iſt die Bemeiſte⸗ rung, die Ueberwindung ſeiner ſelbſt.. Glau⸗ ben Sie mir,— fuhr er mit lebhafterem Glanze ſei⸗ ner Augen fort, und über ſeine blaſſen Wangen flog ie ſchöne Röthe eines edelen Selbſtbewußtſeins, wenn es von ſich ſelber ſpricht,— ich bin in Lagen des Lebens geweſen, die ſo außer allem Bereich des Mög⸗ lichen uns Mnſchlichen liegen, daß eine weniger ſtarke Naſuur dalro zu Grunde gegangen wäre; der Tod ſel⸗ ber fraß an mir... allein trotz der Finſterniß in mir und der Vernichtung um mich... kam mir das Lichſt!... Allmälig... langſam... aber ſicher waſd es größer und größer... ich fühlte, ich ſah daß das Klagen vergeblich und die Wuth nutz⸗ daß nur eine, gleichſam im Feuer der Lei⸗ aft gehärtete, männliche Seele im Stande ſei, olches Geſchick, wie das meinige war, zu ertra⸗ gen.. und ich beſchloß, dieſe Feuerprobe mit der meinaen vorzunehmen, ich riß mit eigener Hand alle Wureln des Schmerzes, des furchtbarſten, entſetzlich⸗ ſten Sschmerzes aus meiner Bruſt... verſtehen Sie wohl K.. ſo oft ich es konnte, denn das Menſch⸗ licheich will ſagen, das Irdiſche, Sohrbächlih und — 132— Vergängliche in uns läßt ſich nie ganz aus einer . c. C. menſchlichen Bruſt ausrotten... und ich freue mich, Ihnen verſichern zu können, daß ich... Sieger war! Er ſchwieg und ſah fe ſicht. Ich konnte mein Auge nicht mehr von ihm verwenden... ich ſah ihn mit Gefühlen an, die ich unmöglich beſchreiben kann, denn in meinem Hiene kreiſte es und mein Herz klopfte faſt hörbav an meine Bruſt. Sein ſchönes Antlitz war imr moch ſeiner inneren Aufregung geröthet, ſein Auge, wahres Feuermeer, ſchwamm in Empfindung Selbſtbefriedigung... ich fühlte mich beklommen aber nicht ängſtlich beklommen... ich a hnte Mohl in den phantaſtiſchen Sprüngen meiner Einbildung⸗ aber ich wußte noch nicht, daß dieſer ſeltene M in dieſem Augenblicke... wo er ſo viel ſpr noch viel mehr verſchwieg, als er ſprach, des ten Triumph, die vollkommenſte Ueberwindung ſelbſt gefeiert habe.......... Es entſtand wiederum eine Pauſe, in de nach Worten ſuchte, aber keine fand. Mein In wie von einem plötzlichen Blitzſtrahl erl war zu voll.. zu voll von einem. ken, der mir die Stimme verſagte, und 1 ſt und frei in mein Ge⸗ „. 4— 133— danke war: dieſer Menſch ſoll wahnſinnig... raſend ſein?... iſt dies Wahnſinn, Raſerei?... Schon wollte ich mir dieſe Frage... vielleicht vorſchnell .. beantworten... aber noch hielt ich mich mit Gewalt zurück. Ich wollte, ich mußte noch mehr von ihm erfahren, ihn noch genauer prüfen, ich war ein Arzt... ach, und leider als Menſch ſo gern wünſchte und glaubte zweifelnd, ungläubig, um....... Da läuteten 4 durch nichts aufgeregt geweſen wäre, und faſt herzlich lächelnd von der Seite an, indem er erwiderte: — Freilich! Wer ſagte mir das? Vielleicht die Herten Aerzte, die es ſo gut mit mir meinen und mir eine neue, längſt erſehnte und lange nicht genoſ⸗ nterhaltung gönnen? Oder wohl gar der Herr Nein, nein.. die gewiß nicht!... keinen Grund, Ihnen au ch das zu n Mann ſagte es mir, mit dem facher, aber ein braver, , den ich kenne und agie ich, von einer d ihm herzlich n zu lemen? eiß nicht!— tt ein Geiſt, 1, und aus ie ſeit vier enun mein ß, gewiß! zlich kennen e zu ken⸗ Mal und — Nein, ich bin heute beim Direktor zu Tiſche geladen. — Gut, ſo gehen Sie. Wenn Sie aber nach Tiſche eine halbe Stunde für mich übrig haben, ſo beſuchen Sie mich auf meinem Zimmer. Ich wohne zwei Treppen hoch, im linken Flügel, genannt der Thurm, die dritte Thür links... man wird Ihnen hoffentlich nicht wehren... Ihnen, dem Arzte ... dem Irren von St. James einige Augen⸗ blicke zu ſchenken!... Er drückte mir, und wie mir ſchien, leiſe erbe⸗ bend, die Hand. Wieder ſpielte ein Zug feiner Iro⸗ nie um ſeine Lippen und lag auch in ſeinem Tone, als er ſich ſelbſt den Irren von St. James nannte, aber in ſeinen ruhig und durchdringend auf mir haf⸗ tenden Augen lag nichts davon. Er war ſchon hinter einer Baumgruppe verſchwun⸗ den, und ich ſtand immer noch und ſah nach der Stelle hin, wo ich ihn zuletzt geſehen. Dachte ich etwas oder dachte ich nichts?... ich weiß es nicht. 0 erinnerte mich erſt wieder, wo ich mich befand, s der halb blödſinnige Knabe, der mir am Morgen 3 Frühſtück gebracht, meinen Rockſchooß von hin⸗ ten Tei und leiſe flüſterte: — Sir! die Herrſchaft wartet auf Sie! IV. Wie ein Irrenarzt den menſchlichen geiſt eintheilt. Ich trat in das Tafelzimmer des Direktors, wahrlich! in dieſem Augenblicke weniger als je einem frohen Mahle beizuwohnen geneigt; allein ich bezwang mich und ſuchte meine Laune ſo viel wie möglich der meiner Tiſchgenoſſen anzupaſſen, zu denen der Direk⸗ tor, die beiden Aerzte und einige andere Beamte ge⸗ hörten. Der Prediger war leider durch ein plötzliches Unwohlſein verhindert, an der Feſtlichkeit Theil zu nehmen, was mir nicht lieb war, denn des Man⸗ nes heitere Laune machte mir Spaß und wurde, wenn ſte einmal fehlte, von ſeinen Tiſchgenoſſen in St. Ja⸗ mes ſtets mit Schmerzen vermißt. 8 Es war übrigens das heutige Mahl das gewe ℳ liche monatliche ſogenannte Amtseſſen, weshalb auch keine Damen zugegen waren. Gleich nach meinem Ein⸗ tritt begann die Mahlzeit, denn man hatte ſchon einige Minuten auf mich gewartet, und in der That, die Speiſen waren vortrefflich gewählt und zubereitet, wie ich denn in der Regel in faſt allen großen Kranken⸗ häuſern gefunden habe, daß die Küche der Beamten ausgezeichnet iſt. Wider engliſche Gewohnheit wurde, eben weil keine Damen zugegen waren, gleich von vorn herein tüchtig getrunken, und da ich durchaus kein,„den Cours haltender,“ Trinker bin, ſo hatte ich unter dieſen geprüften und in ihrer Prüfung wacker beſtandenen Bacchusſöhnen einen ziemlich harten Stand, zumal da man mit Madeira begann und mit Port⸗ wein fortfuhr. Schon ehe ich in das Zimmer getreten war, hatte ich mir vorgenommen, des Irren von St. James bei dem Zuſammenſein Mehrerer nie Erwähnung zu thunz ich wollte lieber jedem Einzelnen meine Meinung mit⸗ theilen und mir die ſeinige ausbitten, denn aus Er⸗ fahrung wußte ich, daß man mit dieſem Verfahren bei weitem leichter zu einem erwünſchten Ziele kommt, als wenn man ſeine Worte an eine größere Menge undhd richtet. Es iſt dies ein ſonderbar Dingl Ei⸗ em Eitzelnen gegenüber kann man bei weinan leich⸗ . Der arme Teufel hat, — 138— ter zum Zwecke kommen, als der ganzen Maſſe, denn hier weiß mart nie gewiß, ob man mit dieſem oder jenem Worte nicht dem Einen oder dem Andern zu nahe tritt, während man bei der Unterhaltung mit einem Einzelnen ſeine Rede ganz nach dem Weſen und den Einſichten deſſelben einzurichten vermag. Allein man überhob mich bald dieſer Vorſicht, denn der Oberarzt, der mir gegenüber ſaß/ ſagte treuher⸗ zig und offen, wie es ſeine Art war, nachdem die Suppe*) vorüber, zu mir: — Sie haben ſich heute viel mit Mr. Sidney zu ſchaffen gemacht, wie ich geſehen habe. Das iſt recht. trotz ſeiner vielen Bücher und ſeiner Muſik, gewiß oft die tödtlichſte Langeweile, und ich kann mir denken, wie er ſich freuen mag, wenn er ſeinem Herzen einmal gegen einen Fremden Luft machen kann, der im Wortgefecht noch keine Lanze mit ihm gebrochen hat. Wie finden Sie unſeren Irren von St. James? Sprudelk er für einen Verrückten nicht genug Vernünftiges hervor? — Ich muß geſtehen, Mr. Lorenzen,— ſagte ich eben ſo treuherzig und offen,— daß mir dieſer —C——————— — *) In engliſchen Krankenhäuſern weiß man dieſes Gſericht zu ſchätzen, obwohl es ſonſt ſelten in England geno ſſen wiſd⸗ — — 139— Mr. Sidney ein großes Vergnügen mit ſeiner Unter⸗ haltung gewährt hat,— ja, mehr als das, er hat meine ganze Theilnahme geweckt, da ich ihn ſo klug, ſo beſonnen, geiſtesklar und geiſtesruhig, wie noch nie einen Wahnſinnigen, gefunden habe. — Aha!— erwiderte Mr. Lorenzen,— das iſt es, was ich Ihnen ſagen wollte. Aber laſſen Sie ſich durch dieſe feine Larve um Gotteswillen nicht ver⸗ blenden... unter dieſen Roſen ſchlummert ein Vul⸗ kan, und man muß den Ausbruch deſſelben geſehen haben, um nicht eine irrige Meinung, wenn nicht eine ganz falſche Anſicht, von ihm zu gewinnen. Laſ⸗ ſen Sie es ſich geſagt ſein... hüten Sie ſich; er iſt ein gefährlicher Menſch, wenn er einmal losbricht; und er hat mir damit ſchon oft Sorge gemacht. Denn wenn Sie mit ihm während eines ſeiner Anfälle zu⸗ fällig allein wären, dürfte Ihre vergnügliche Unter⸗ haltung ſich leicht in eine unerwartet unvergnügliche verwandeln. Uebrigens hat er dieſen ſeinen Anfall ſchon lange nicht gehabt, und ich beſorge eben des⸗ halb bald etwas dergleichen. — Ich auch,— ſagte der Direktor,— denn er ſcheint mir ſeit einiger Zeit ſchweigſamer, zurückhalten⸗ der und nachdenkender, denn je; er macht ſich weit weniger Berwegung als früher und reitet ſogar ſeinen — 140— Bravour ſeltener; Abends dagegen läßt er die trau⸗ rigſten Melodien auf ſeiner Orgel ertönen. — Spielt er die Orgel?— fragte ich. — O, ausgezeichnet; er ſpielt ſie nicht allein oft in unſerer Kirche, ſondern auch auf ſeinem Zimmer auf ſeiner Privatorgel,... überhaupt hat er viel Gefühl, ein großes muſikaliſches Talent und einen ausgezeichneten Vortrag. Alſo Gefühl, Talent und Vortrag! dachte ich, und damit biſt Du abgefunden, mein armer Freund! Es iſt doch etwas Sonderbares mit den oberflächlichen Meinungen der Welt! — Gefühl genug für einen Verrückten,— nahm der Unterarzt das Wort,— und faſt zu viel, und eben das ſollte man ihm austreiben und ihm mehr Logik beibringen. Haha! — Ich würde mich nicht verwundern, wenn er nächſtens wieder in ſeinen alten Zuſtand zurückfiele,— ſagte Mr. Lorenzen,— denn er hat mehr Freiheit und eigenen Willen, zu thun und zu laſſen, als je... man ſollte einem ſolchen Menſchen nie zu viel Spiel⸗ raum geſtatten und ihn dadurch die Ueberzzugung ge⸗ winnen laſſen, er ſei mehr unſer Herr als wir die ſeinigen.—— 3 Und als der gute Oberarzt dies n der beſten Meinung von der Welt ſagte, goß er ſich ein großes Glas Portwein ein, trank es mit einem Zuge aus und blinzelte dabei ziemlich bemerklich nach dem Direk⸗ tor hinüber. Dieſer verſtand auch den Wink und er⸗ widerte ſogleich: — Das zielt auf mich, ich habe Ihren Wink wohl verſtanden, Herr Doktor; allein zu Ihrer und meiner Rechtfertigung muß ich Sie an unſre frühere Uebereinkunft erinnern und Ihnen bemerklich machen, wie Sie damit einverſtanden waren, dieſem Mann alle möglichen Annehmlichkeiten des Lebens zu geſtat⸗ ten, dem es nicht an der Wiege geſungen iſt, daß er die ſchönſten Jahre ſeines jugendlichen Lebens in einem Irrenhauſe zubringen würde,... und außerdem Mr. Lorenzen... wie Sie auch Ihre Stirn runzeln und mit dieſer meiner Erklärung unzufrieden ſein mögen, ... ich für mein Theil habe dieſen Kranken nur unter dieſer Bedingung aufgenommen, wie Sie wiſ⸗ ſen, und kann ihn nur unſerer Anſtalt bewahren, wenn ich dieſe meine Inſtruktionen über ihn pünktlich und genau erfülle. — Ich ſtimme Ihnen, was Ihre Inſtruktionen betriſNt, bei; ſo weit ſind Sie in Ihrem vollkomme⸗ nen Raphte, Mr. Elliotſon; aber wer kann über einen — 142— Kranken, wie er einer iſt, anders richtige und paſ⸗ ſende Inſtruktionen ertheilen, als ſeine Aerzte? — Ja, ja, Sir! ich beſchränke Ihren Wirkungs⸗ kreis nicht, und Sie mögen für Ihr Theil Recht ha⸗ ben... ich aber für mein Theil muß auch mein Recht als Vorſteher der Anſtalt geltend machen, die Mittheilungen, die mir über dieſen Mr. Sidney ge⸗ macht wurden, für mich zu behalten, und die Ver⸗ bindlichkeiten, zu denen ich mich verpflichtete, in Aus⸗ übung zu bringen. Der Arzt wollte abermals etwas erwidern, allein Mr. Elliotſon winkte ihm mit der Hand und ſagte: — Laſſen wir das, mein lieber Freund und Amts⸗ bruder, das gehört ja in unſere Conferenz... ein andermal mehr davon. Ietzt habe ich Ihnen vielmehr einen Vorſchlag zu machen, der ſich beſſer bei einem Glaſe Wein beſprechen läßt und noch dazu das all⸗ gemeine Intereſſe in Anſpruch nimmt. Ich erlaube mir nämlich, Sie wiederum an die längſt beſprochene und immer noch aufgeſchobene Komödie zu erinnern; der Lieutnant mahnt mich ohnehin alle Tage daran, und ich ſehe nicht ein, warum wir unſeren Pflegebe⸗ fohlenen dieſes Vergnügen noch länger verſagen ſoll ten... Sie müſſen wiſſen, Sir,— ſagte er, zu mir ſich wendend,— daß die Zeit, von unſern kranken 1 N —.,— — 143— ein Schauſpiel aufführen zu laſſen, heranrückt, und daß wir bis jetzt eben ſo großen Nutzen davon geſe⸗ hen, wie auch angenehme Unterhaltung gehabt haben. Was meinen Sie dazu? Sprechen Sie ſich aufrichtig darüber aus. — Die Sache iſt mir neu, Sir,— erwiderte ich, — allein ich kann mir wohl denken, daß ſie ihre Vortheile hat. Die Kranken werden dadurch von ih⸗ rer eigenen Gemüthswelt abgezogen, indem ſie künſt⸗ lich in eine andre verſetzt werden; außerdem werden ſie gezwungen zu denken; ſie üben ihr Gedächtniß und haben eine angenehme Zerſtreuung. Es käme nur auf die ſchickliche Wahl des Gegenſtandes an, wie mich dünkt. — Das iſt es!— ſagte der Direktor,— und darüber, Mr. Lorenzen, ſollen Sie Ihre Meinung ſa⸗ gen und wir verſprechen Ihrer Einſicht im Voraus unſern Beifall. — Ich bin ganz damit einverſtanden und habe ſchon darüber nachgedacht,— entgegnete dieſer,— nur bin ich diesmal entſchloſſen, die Komik aus dem Spiele zu laſſen, denn wir haben ſie das letzte Mal zum Ueberdruß komiſch gehabt. Die Komik des geiſtig Geſunden iſt ein Ueberſprudeln eben dieſer ſeiner gei⸗ ſtigen Geſundheit und ſie mag vorhanden ſein, um un⸗ — 144— ſre Nerven zu kitzeln und unſerem Geiſte neue Spann⸗ kraft zu verleihen; die Komik des Irren aber iſt eine Verzerrung des Geiſtigen, und die handhabt er ſchon an ſich im hinreichenden Grade; überdieß erweckt ſie eher Weinen als Lachen, eher Traurigkeit als Froh⸗ ſinn, und das iſt doch nicht unſer Zweck. Das Schauſpiel ſoll uns vielmehr ein Heilmittel ſein und dazu brauchen wir Affekte, ergreifende Affekte, aber keine verdorbenen Witze und ſchlecht und roh ausge⸗ führte Späße. Die Sache iſt zu ernſt, um damit zu ſpielen, und daher ſchlage ich eine großartige, erſchüt⸗ ternde und alle Seelenkräfte aufregende Tragödie vor. Wenn es Ihnen genehm iſt, werde ich bis morgen meine Wahl treffen und Ihnen in der Conferenz nach dem Concerte, wenn wir die Preiſe vertheilt haben, meine Meinung darüber ſagen. Sind Sie mit mir einverſtanden, Herr Kollege? — Natürlich!— erwiderte ich, denn er hatte die letzten Worte an mich gerichtet, und einerſeits ſchien mir ſeine Meinung die richtige zu ſein, andererſeits aber war dieſe Aufforderung meine Stimme abzuge⸗ ben, mehr ein Akt der Höflichkeit, der ich nicht ent⸗ gegen ſein konnte, da ich ja gegen die Heilmethoden in einer fremden Anſtalt füglich nichts einzuwenden haben konnte. — 145— — Gut!— ſagte der Direktor,— und ſomit iſt dieſe Angelegenheit beendet, das Uebrige morgen nach dem Concert. Sie werden doch bei der Muſtk nicht fehlen, Sir? — Ganz gewiß nicht!— entgegnete ich und ver⸗ beugte mich. Sie werden etwas hören, was Ihnen neu und ſeltſam vorkommen wird, denn es iſt ein Coneert der Irren, d. h. für dieſelben veranſtaltet und von den⸗ ſelben ausgeführt. Und nun, da wir mit Geſchäften fertig ſind, meine Freunde,.. zur Flaſche... Heda, William! andre Gläſer und jenen Claret dort in der Ecke. Bravo! das iſt er, Gentleman. Und er entkorkte die erſte Flaſche mit einer Art Wohlgefallen, welches anſteckend war, denn die ganze Geſellſchaft blinzelte vor Vergnügen; ſie kannte ſchon den edlen Saft, den der Direktor zum Beſten gab, und es entſtand bald eine allgemeine Munterkeit, die den vorherigen kleinen Wortwechſel ſchnell vergeſ⸗ ſen ließ. Man trank in der That nach Noten, wie man zu ſagen pflegt; ich war der Einzige, dem es unmöglich war, gleichen Schritt zu halten, denn wenn ich ps bis zu einer gewiſſen Anzahl Gläſer gehracht habe/ widerſteht mir jeder, auch der beſte Wein uf Aauf, Ader Stelle. Irre von St. James. 1. Band. — 146— — Stoßen wir an!— rief der Direktor in froh⸗ ſter Laune,— und da wir ja doch einmal Egoiſten ſind, ſo ſoll der erſte Toaſt uns ſelber gelten, was wir keinem Menſchen weiter zu ſagen brauchen, denn wir ſind unter uns. — Ich ſtoße darauf an,— ſagte ich,— aber ich trinke nicht mehr, wenn Sie erlauben... — Ha! Sie mögen ein guter Deutſcher ſein... aber ein ſchlechter Trinker ſind Sie gewiß! — Das mag ſein, ich gebe es zu... allein... ich habe meine acht Achtel... und das iſt ein volles deutſches Maaß... wie, Gentleman? Ich ſah ſie Alle der Reihe nach an, denn ſie blickten ſich erſt unter einander und dann laut auf⸗ lachend den Unterarzt an, der ſogleich mit einſtimmte, ſo daß ich, anfangs zwar erſtaunt, doch bald mit⸗ lachen mußte, ohne zu wiſſen warum? Kein Menſch konnte zu Worte kommen, und erſt als der Direktor vor Lachen wieder zu ſprechen vermochte, erneuerte ſein Ausruf: — Hahal er lacht über ſich ſelber! den Anfall von Neuem. Ietzt merkte ich, daß ichet Gegenſtand dieſer unſchuldigen Freude ſei undden geſpannt, zu erfahren, welche Gelegenheit ich der 8 — 147— ſellſchaft dazu geboten hatte. Endlich beruhigte ſich 1 der Lärm und der Direktor ſagte freundlich zu mir: G— Entſchuldigen Sie, Sir! Bevor wir Ihnen aber eine Erklärung unſerer Ihnen vielleicht ungebühr⸗ lich erſcheinenden Lachluſt geben, erlauben Sie mir zu bemerken, daß, nach unſerm guten Doktor Derby hier, der Ausſpruch, den Sie ſo eben gethan, Sie unter unſre ſorgfältigſte Aufſicht und Obhut ſtellt... Heda! Burſche... Ihr da... bringt Ketten und Blöcke her, wir haben einen acht Achtel⸗Mann unter — uns! 8 Man lachte von Neuem, und ich wußte noch immer nicht, was ich ſo Sonderbares geſagt haben ie ſollte. Als aber Alle wieder ruhiger wurden, ſagte f⸗ Mr. Ellipotſon: he,— Es iſt genug, Gentleman! Und Sie, Sir, it erfahren Sie, welchen vortrefflichen Witz Sie in Ih⸗ ſch rer Unſchuld gemacht haben, der zwar über unſre or Grenzen hinaus keiner mehr iſt, unter uns aber auf rteewige Zeiten aufbewahrt werden ſoll. — O! rief der Oberarzt,— laſſen Sie mei⸗ nen Kollegen allein ſprechen, er muß uns einen Vor⸗ ich ag darüber halten. habe Alle ſchauten Mr. Derby an, der ungemein ver⸗ auf Lügt ausſah. 5 — 148— — Ja, ja, Mr. Derby ſoll einen Vortrag dar⸗ über halten!— riefen Alle. — Ach! meine Freunde, den haben Sie ja ſchon ſo oft gehört! — Still, ſtill! aber nie vor Fremden, und Ihr müßt uns mit Abwechſelung unterhalten. Aber ſprecht . wo möglich in gebundener Rede und laßt alle Aus⸗ rufungen fort. — Nun, wenn es denn ſein muß, dann nur los!— rief Mr. Derby, räuſperte ſich, wiſchte ſich den Mund und nahm ganz die drollige Miene an, die ihm ſo wohl ſtand, wenn er einen Schwank er⸗ zählen wollte.*) — Gentleman!— ſagte er— Sie wiſſen Alle, daß man unſerer Mutter Natur oft genug vorgewor⸗ fen hat, ſie ſei gegen dieſen oder jenen Sterblichen 2*) Ich muß der Wahrheit die Ehre geben und geſtehen, daß ich etwas Aehnliches ſchon in früheren Jahren in meiner Vaterſtadt von einem namhaften Schulmanne habe erzäh⸗ len hören, wenigſtens kannte er obigé Eintl tel. Da die Art aber, in welcher Mr. Der trag hielt, für mich neu iſt und mir wege thümlichkeit intereſſant erſcheint, ſo ſetze i was mir, theilweiſe wenigſtens, noch davo niß geblieben iſt. 4 De — 149— in Bezug auf ihre Gaben zu verſchwenderiſch oder zu ſtiefmütterlich verfahren; aber ich, Mr. Derby,... wenn Sie erlauben... ich, von dem man ebenfalls ſagen könnte, er hätte eine Stiefmutter an ihr ge⸗ habt— und er faßte hierbei ſeine rothe dicke Naſe an— ich behaupte, daß man ihr mit dieſem Vor⸗ wurfe Unrecht gethan hat. Freilich wohl verlieh ſie ... wie eine galante Frau ihren Lieblingen Geſchenke macht... dem Einen größere Glücksgüter und da⸗ durch mögkichen höheren Lebensgenuß, aber dafür gab ſie dem Andern... wie eine ſchlichte treue Haus⸗ mutter ihrem Manne Achtung einzuflößen verſteht... ein ungleich beſſeres und brauchbareres Geſchenk mit Genügſamkeit und ſtillem Lebensfrieden. Tom, Gent⸗ leman! genießt für eine Guinee keinen größeren Lecker⸗ biſſen als Dick für einen Penny, und dieſen Vorzug verdankt er allein ſeiner guten Hausfrau, der Mutter Natur. So weit ſind wir und das wäre abgemacht! Auf ähnliche Weiſe verhält es ſich nun mit der dem Neernſchen verliehenen Vernunft und Weisheit, wie mit len übrigen Geiſtesgaben, von denen ſie, die Natur ine ich, einem Jeden grade ſo viel und nicht mehr d nicht weniger gab, als er auf ſeine Art gebraucht, durch die Welt zu kommen; und damit hat er, ich für ſeine Lebenszeit genug... Um aber — 150— mit einer gewiſſen Ueberſicht über dem großen Hau⸗ fen zu ſtehen und ſich des Verhältniſſes eines Jeden zu ſich ſelber bewußt zu werden, was immer von Vortheil iſt, ſo hat man jene mit Glücksgütern Be⸗ gabten in beſtimmte Klaſſen gebracht, wonach ſie ihre Abgaben und Steuern bezahlen und in der Schätzung der Welt auf der fur ſie beſtimmten Stufe ſtehen. Warum ſollen wir aber dieſe Klaſſen bloß in Hinſicht auf äußere Begabungen annehmen? Ich dächte, den menſchlichen Geiſt zu klaſſificiren, wäre ein belohnen⸗ deres Geſchäft und ein höherer Grad menſchlicher Voll⸗ kommenheit. Denn, Gentleman! wie es bei den Ga⸗ ben des Leibes nie und nimmermehr etwas Vollkom⸗ menes giebt, ſo giebt es auch in dem menſchlichen Geiſte nichts desgleichen, und die Natur war klug ge⸗ nug, der Weisheit, damit ſie nicht aus lauter Plus beſtehe und ſich am Ende klüger dünke als die Natux ſelber, ein kleines Minus hinzuzufügen, und das iſt die Narrheit, ohne die auch der Klügſte nicht iſt, denn ein Jeder empfing ſein beſcheiden Theil davon ... Es hat mir aber von jeher ein großes Vergnü⸗ gen gewährt, den Theil und den Umfang der Narr⸗ heit... alſo auch der Weisheit... zu ergründen, den ein Menſch von Oben her empfangen hat, unſd deshalb, glaube ich, habe ich auch den Beruf — 151— wählt, in welchem Sie mich als einen Stern nicht unbedeutender Größe, hoffe ich, glänzen ſehen. Um mir nun eine beſſere Einſicht über dieſen kitzlichen Hauptpunkt menſchlicher Größe zu verſchaffen, habe ich es mir angelegen ſein laſſen, gewiſſe Klaſſen und Grade auch hierin aufzuſtellen, in welche ich die ganze Menſchenmaſſe nuch meinem Ermeſſen gebracht habe, und da hat mir denn vor Allen die Eintheilung in ... Achtel gefallen, wenigſtens bin ich bis jetzt im⸗ met noch damit ausgekommen. Und nun, Gentleman! bin ich mit meiner lan⸗ gen Einleitung fertig und ſchreite demnach zur Sache ſelbſt... doch zuerſt trinken wir einmal, denn die Belehrung verbeſſert und ermuthigt die Triebe des Menſchen, alſo auch den Trieb... des Durſtes. Wir lachten und tranken auf des Erzählers Wohl, der ſogleich fortfuhr: — Wie wir alſo ſchon geſehen haben, iſt in Weis⸗ heit kein Menſch vollkommen, jeder hat ſein beſcheiden Theil Narrheit, alſo giebt es acht Achtel Maaß Weis⸗ heit— wenn wir dies als unerreichbares Ideal be⸗ trachten— auf Erden einmal nicht, was ich übrigens von ganzem Herzen bedau're. Und ſo komme ich zum erſten Grade. Das ſind ſieben Achtel Weisheit und ein A chtel Narr⸗ ⸗ 2 heit. Hilf, Himmel! meine Herren! das iſt eine Sel⸗ tenheit auf unſerm Planeten. Schauen Sie ſich um, wo finden Sie dieſen unermeßlich hohen Grad von Vollkommenheit? In der That, keiner von Ihnen wird ſo anmaßend ſein, behaupten zu wollen, er habe ſieben Achtel Weisheit und nur ein Achtel Narrheit. .„. ja, lachen Sie nur, keiner von Ihnen wird ſo etwas behaupten... hal ich trinke auf Ihre Be⸗ ſcheidenheit!... Wir lachten allerdings, denn der auf unſre Be⸗ ſcheidenheit trinkende Mann ſah dabei gar zu drollig aus. — Nun ſehen Sie wohl,— fuhr er fort— dieſen hohen Grad von Weisheit haben auch nur die Auserleſenſten aller Nationen erreicht, die ſogenann⸗ ten Weltweiſen, erhabene Männer, und dennoch moch⸗ ten ſie ſein, wer ſie wollten, etwas verdreht waren ſie immer. Das alſo war der erſte Grad und dieſe Siebenachtelgeiſter ſollen ihrer Seltenheit wegen leben! Er trank ſein Glas aus, das wir wieder gefüllt hatten und fuhr dann fort: — Ich komme zum zweiten Grad. Sechs A ch⸗ tel Weisheit und zwei Achtel Narrheit! Ach, Gent⸗ leman! auch dieſe Stufe menſchlicher Vollkommenheit zu grreichen, ſind nur wenige Menſchen auserleſtn n . — 15⁵3— Wer von Ihnen z. B. hat ſechs Achtel Weisheit und nur zwei Achtel vom andern? Sie ſehen ſich an, Gentleman, Sie gehen getreulich mit ſich zu Rathe. Thun Sie das, aber... ich irre mich nicht und kenne Sie wohl... auch dieſe Stufe für ſich in An⸗ ſpruch zu nehmen ſind Sie zu rechtſchaffen und be⸗ ſcheiden geſinnt... Wie geſagt, auch dieſe erkeuch⸗ teten Menſchen ſind ſelten Es giebt Staatsmänner, die ſich ſchmeicheln, ſo erhaben zu ſein, nur zwei Achtel Narrheit mit ſich herum zu kragen, und es mag ſein, denn es giebt bisweilen Weiſe darunter. Auch mag es Gelehrte, Künſtler und Privatleute ge⸗ ben, die dieſe Stufe durch Anlage, Studium und Nachdenken erreicht haben, und dieſe mögen Gott auf ihren Knieen danken, daß er ſie ſo überſchwenglich reich begabt hat, denn ſie können ſich für Geld ſehen laſſen und man wird ſie anſtaunen, wie man ein Thier der Wüſte anſtaunt, das nur alle drei Jahr ein Junges wirft!y Und darum mögen ſie leben! Wir kontmen zum dritten Grad, Gentleman; 1. Haha! Sie ſchmunzeln ſchon... ja, ja, es möglich, daß... Einige unter Ihnen ſind, belche dieſen immer noch ſehr vornehmen Rang in der teiſtigen Geſellſchaft behaupten möchten, aber alle ge⸗ — 154— hören Sie gewiß nicht dazu, und ich will keinem die Ehre beſonders anthun, denn Sie ſind auch dazu V noch zu beſcheiden geſinnt!... Wir lachten abermals und ſahen uns freundlich nickend an, denn Mr. Derby war nun im beſten b Zuge und ſeine Naſe überglühte beinahe das Funkeln V ſeiner kleinen Augen. Seien Sie ſtill! ieh ſchreite zum Werke. Fünf Achtel Weisheit, meine Herrn! und nur drei Ach⸗ tel Narrheit! Das iſt überwiegend für die geſunde Vernunft! Man kann ſich glücklich ſchätzen, ſo wenig b verrückt zu ſein! In dieſe Klaſſe gehören alle die ausgezeichneten Leute, die man kluge, verſtändige und beſonnene Männer nennt und die mithin einen ehren⸗ vollen Platz in der bürgerlichen Geſellſchaft einneh⸗ men. Das ſind diejenigen Herren, die man ſtets um ihren guten Rath bittet; um die man ſich Abends beim Glaſe verſammelt, um Unterhaltung und Beleh⸗ rung bei ihnen zu finden. Bei-Gott! das Licht die⸗ ſer Kategorie beſcheint ſchon eine größere Anzahl von Köpfen und man braucht ſie nicht mehr mit Laternen zu ſuchen. Unter zehn iſt wenigſtens einer doch dein Dreiachtel⸗Mann! 2.. Ah... Sie machen m. aufmerkſam darauf... wir ſind gerade unſerer Ze das wußte ich nicht, auch will ich es unentſchien laſſen, wer der Eine unter uns iſt, doch es iſt dies nur ein Verhältniß im Großen, was ich ausſpreche, und es kann wohl ſein, daß ihrer zwei oder drei un⸗ ter uns ſind, aber mehr ſind es gewiß nicht. Sind Sie zufrieden, wenn ich dieſe Drei leben laſſe, Gent⸗ leman? — Wir ſind es, wir ſind es!— riefen wir Alle, — fahren Sie fort! — Wir kommen zur vierten Klaſſe... vier Achtel Weisheit und eben ſo viel Narrheit! Das hebt ſich, ſagen Sie. Ach nein, meine Herren, das iſt eben ſo viel Weisheit wie Narrheit, aber... mein Herz pocht vor Freude und mein Muth ſchwillt höher auf... denn das iſt ein breites, ſicheres und allgemeineres Element! Halb verrückt ſind die mei⸗ ſten Menſchen... und es iſt ſehr ehrenvoll, ſo reich begabt zu ſein, denn vier Achtel Naͤrrheit, was will das gegen vier Achtel Weisheit ſagen... meinen Sie nicht auch? Hal es hat nicht Jeder ſo viel da⸗ von gettagen! Ja, ich habe ganze Städte und Ge⸗ meinden auf meinem Lebenswege getroffen, wo wenige (vielleicht gar keiner von dieſen darunter war, wo ſie alle ein Achtel vom Schlimmen mehr hat⸗ Pals ſie ſollten... ja, noch mehr! ich ſpreche Nahrung... ich habe Städte gekannt, in de⸗ 8 — 156— nen Alles zum Irrenhauſe reif war, und doch war keiner mit ſeinem Range und ſeinem Verhältniß un⸗ zufrieden, jeder hielt ſich für klug und weiſe genug und für viel klüger und weiſer als die übrige Welt. Aber da ſehen Sie, was vier Achtel Weisheit vermö⸗ gen; es muß etwas Vorzügliches, Zufriedenſtellendes und ein wahres Vergnügen ſein, nur halb verrückt zu ſein, denn die Leute dieſer Gattung brüſten ſich alle mit ihrer Exiſtenz! Darum trinke ich auf ihre Geſundheit! Wir kommen zur fünften Klaſſe... drei Ach⸗ tel Weisheit und fünf Achtel Narrheit... Sie ſehen, die Narrheit wird überwiegend... Gentle⸗ man! ich hoffe, es wird keiner unter Ihnen ſein, der es ſich zur Ehre ſchätzte, zu dieſer Gattung zu ge⸗ hören... 4 — Aha! alſo nun wiſſen wir's... wir gehöͤr⸗ ten zu den Vierachtelköpfen... rief der Direktor. — Das mag ſein, das mag ſein! Danken Sie Gott und geben Sie weniger Weiſen und größeren Narren ein Almoſen. Doch ich ſpreche von der fünf⸗ ten Klaſſe. Von dieſen Menſchen pflegt man Hon mit flüſterndem Tone, mit Kopfſchütteln und mithei nem bedeutſamen Fingerzeig auf die Stirn zu ſa Es iſt hier nicht recht richtig mit ihnen.. ſ ———————————„ ben einen Sparren zu viel... ſie tragen den Kopf zu hoch... und was dergleichen Redensarten mehr ſind. Hierher gehört die große Zahl von Leuten, die mit einem ſammetnen oder ſeidenen Kleide des Leibes irgend eines Blöße ihres Geiſtes bedecken wfl, denn ſie fühlen, daß die Augen der Welt auf ſie gerichtet ſind. Auch gehören hierher diejenigen braven Leute, die von ihres Gleichen mit einem gewiſſen Werfen des Kopfes und einer verächtlichen Miene reden, als wä⸗ ren es Lumpe, ſie aber die Könige davon, denn dieſe guten Leute fühlen ſich am wohlſten, wenn ſie in ih⸗ rem eigenen Fette ſchwimmen, von dem der andern aber zehren! Ach, und ich könnte Ihnen noch eine ganze Reihe derſelben nennen, wenn ich nicht einen zu großen Durſt hätte und es mir nicht das Herz vor Sehnſucht abſtieße, auch auf ihr Wohl und Ge⸗ deihen ein Glas zu leeren. Denn am Ende, mag man von ihnen ſagen, was man wlll, ſie ſind geach⸗ tete und ſchätzenswerthe Leute, denn ſie haben immer noch drei Achtel vom Beſten und... und, mäaͤſten ſich ſo eigentlich in ihrem Dünkel für uns, denn die Hälfte von ihnen ſtürzt ſich in unſ're ſtets geöffneten Arme, die wir uns ja, wie Sie wiſſen, von der Narr⸗ heit Anderer nähren! Und darum leben auch ſie Die ſechſte Klaſſe, Gentleman! zählt zwei Ach⸗ ter Weisheit und ſechs Achtel Narrheit. Dieſe von Humor und Lebensluſt überſprudelnden Leute... denn Beide wachſen mit der zunehmenden Narrheit und der nubnehmenden Weisheit... fangen an, ihre Familien in einige Beſorgniß zu verſetzen. Sind es junge und reiche Leute, ſo ſchickt man ihnen keine großen Wechſel mehr, ſondern behandelt ſie mehr mit ſüßen Redensarten und tröſtet ſie mit der Zukunft, denn ſie laſſen für die Ueberlebenden etwas hoffen. Sind es alte und ärmere Leute, ſo zuckt man die Achſeln, mit der Bemerkung, daß es recht Schade um den guten Mann oder die gute Frau ſei, und daß Gott ſchon dafür geſorgt habe, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen. Im Ganzen ſieht man ſich nach einem Arzte, und iſt man katholiſch, nach einem Beichtvater um, von denen man den erſteren beim erſten Mal bezahlt und den letztern nicht zum letzten Mal traktirt, denn man könnte Beide gebrau⸗ chen, und im Ganzen ſchämt man ſich doch ein we⸗ nig, es unter die Leute kommen zu laſſen, daß in der Familie ſo ein Plus von Narrheit herrſche, denn der große Haufe geht mit dem furchtbaren Gedanken 8 d oder erblich. Lau⸗ dae 4 ¹ d vird mir ſchon ganz trocken! Ein Ach⸗ — 159— Hunde, umher, ſo geht man ihnen aus dem Wege und hütet ſich, mit ihnen ein Wort im Vertrauch zu reden, denn ſie ſagen Alles, was ſie hören, wieder und ſetzen obendrein einen Kopf oder einen Schwanz daran, wie es ihrem ſchöpferiſchen Geiſte paſſend er⸗ ſcheint. In ſo fern ſind es gefährliche Menſchen, ſie raiſonniren uͤber Alles, aber wenn es zum Klappen kommt, beugen ſie ſich vor jedem kleinen Baron bis zur Erde. Dies ſind diejenigen Leute, die an gewiſ⸗ ſen Parorysmen von Wohlthätigkeit und Betſucht lei⸗ den und von platoniſcher Liebe ſchwärmen, in ihrem Herzen aber Vielgötterei treiben, indem ſie der Venus opfern und den Jupiter Ammon anbeten. Sie ſehen, Gentleman! man könnte noch viel hinzufügen, denn das Sechsachtel⸗Maaß iſt ungeheuer in der alten und neuen Welt verbreitet. Schließlich aber erſuche ich Sie, die Nähe dieſer Leute zu vermeiden, denn ſie ſind ſehr verführeriſch, weil ſie noch zwei Achtel Weis⸗ heit beſttzen, und das iſt für manchen Anderen ein wünſchenswerthes Beſitzthum. Ich liebe, aufrichtig geſagt, dieſe Art Leute nicht, dennoch aber muß ich aus Humanität ihnen zu Ehren ein Glas leeren. Mögen ſie leben!... ich habe nichts, dagegen! Wir kommen endlich zur ſiebenten Klaſſe— ach! tel Weisheit und ſieben Achtel Narrheit! Wird Ihnen nicht bange, meine Herren? Fürchten Sie ſich nicht... ich ſchildere keinen von Ihnen, denn mein Witz geht zu Ende und dieſe Leute ſteigen Hals über Kopf bergab in bodenloſe Tiefen, wo unſereins im Trüben fiſcht. Dieſe Art Leute iſt leicht zu kennen, ſchwer zu greifen, am ſchwerſten aber zu halten. Man thut am klügſten, wenn man ſie in ein Irrenhaus ſperrt und ihnen eine Narrenkappe aufſetzt, und man braucht ſich wahrhaftig nicht zu ſcheuen, unumwun⸗ den von ihnen zu erklären: ſie ſeien verrückt, denn das eine winzige Achtel Weisheit kommt bei ihnen nicht mehr in Betracht. Sieben Achtel Narrheit! die ohnehin ſchon ſo ſchwer wiegt... ol es iſt zu viel verlangt, da noch den Kopf auf den Schultern zu behalten. Moͤgen ſie leben aus Barmherzigkeit! Doch nun, Gentleman... mein Herz wird traurig... ich komme zu den Achtachtel⸗Menſchen, der achten Klaſſe.— Und er ſah mich mit einer ganz beſonders wichtigen Miene an.— Dies ſind die um⸗ gekehrten Ideale, es iſt die Natur in ihrem Wider⸗ ſpruch. Die meiſten von ihnen leben, Gott ſei Dank! unter unſerer Controle, viele aber laufen noch in der Welt herum, und, ſo wahr ich lebe! man kennt ſie nicht einmal alle oder fürchtet ſich vor ihnen, 9% — 161— was das ſchlimmſte von Allem iſt, man braucht ſie zu dieſem oder jenem Zweck... — Höoren Sie auf!— rief der Direktor,— wir wiſſen, was Sie ſagen wollen, ſagen Sie es lieber nicht... — Hal fuͤrchten Sie, geſchildert zu werden?— rief der Erzähler auf eine Art und Weiſe, daß unſer Zwerchfell dem Berſten nahe war.. — Das nicht, das nicht, aber Sie dauern uns, denn Ihr Durſt, wenn Sie ihn nicht ſtillen, wird— Sie todten. — Da haben Sie Recht! Mögen Sie denn le⸗ ben oder ſterben, mir iſt es einerlei, denn ſo ſehr ich die halben Narren liebe und vielleicht ſelbſt einer bin, die ganzen verachte ich, denn es ſind dumme Teufel! — Halt!— rief ich,— Sie haben uns noch nicht geſagt, was man mit ihnen anfängt. — Gut, daß Sie mich daran erinnern, denn Sie ſind ja ein ſolcher Achtachtel⸗Menſch. Am Be⸗ ſten iſt„ man legt ſie in Ketten oder an den Block und flößt ihnen das bischen Eſſen und Trinken, was ſie brſauchen, mit Löffeln ein, damit ſie nicht verhun⸗ gern oder verduxſten... wie Sie! Baſta! **.* ..*...*.****.* Jetzt zollten wir dem Erzähler unſern lebhafte⸗ Irre von St. James. 1. Band. 11 — ℳ162— ſten und aufrichtigſten Beifall, der uns ein ſo ange⸗ nehmes und unerwartetes Gericht zum Deſſert gege⸗ ben hatte. Ueberdieß ſchien ſein und der Uebrigen Durſt gelöſcht und wir ſchieden fröhlicher von einan⸗ der, als wir zuſammengekommen waren. Ich hatte mich auf mein Zimmer begeben, es war ungefähr ſechs Uhr. Ich hatte ſo Manches ge⸗ hört, was mich zum Nachdenken ſtimmte und meine heftig angeregte Forſchbegierde zu neuen Beſtrebungen ermuthigte, und war eben damit beſchäftigt, meine Papiere darüber in Ordnung zu bringen, als es erſt leiſe, dann lauter an meine Thür klopfte. Auf meinen Ruf trat, vorſichtig ſich umſchauend, der ältere Sohn des Krämers Phiblipps ein. Als er mich allein ſah, zog er behutſam und ſchnell einen Brief aus ſeiner Taſche, drückte ihn mit eiker eigen⸗ thümlichen Haſt in meine Hand und ſagte: — Guten Abend, Sirl... Mein Vater ſſ mich mit dieſem Brief, aber heben Sie ihn wolll au und laſſen Sie ihn Niemand ſehen. dn Und ohne eine Antwort abzuwarten, wan behende Knabe eben ſo ſchnell und leiſe entwichen, wie er gekommen. Der Brief aber, den ich ſ msstih in Händen hielt, war mit Bleiſtift geſchrieben und enthielt fol⸗ gende in deutſcher Sprache abgefaßte Zeilen: Mein Herr! Ich kann Sie nicht mehr, ohne einiges Auf⸗ ſehen zu erregen, das ich vermeiden muß, aufſu⸗ chen, daher grüße ich Sie ſchriftlich, indem ich mich ſo eben, nach Vollendung meiner Geſchäfte, von St. James entferne... Sollte der Himmel Sie auserwählt haben, ein gutes Werk zu thun... ol ſo beſchwöre ich Sie! weihen Sie Ihr Mitge⸗ hn un a all. ahn näi d vem nnii, ahra Aer= 5 zu mir. Alſo. ⸗ ich hatte richtig vermuthet, iich war inmitten eines Geheimniſſes, deſſen Vorhanden⸗ ſein ich mir ſelbſt kaum hatte geſtehen wollen, das mir aber eine ahnungsvolle innere Wahrnehmung wie Schweigend faltete ich das Blatt und ſteckte es ein fernes, noch halb unſichtbares Nebelbild gewiſſer⸗ maßen aufgedrungen hatte. Und was war dies für ein Geheimniß und wen betraf es? Ohne Zweifel den Irren von St. Ja⸗ mes; denn daß dieſer in irgend einer Verbindung mit meinem Reiſegefährten ſtand, war mir ſchon am Mor⸗ gen dieſes Tages klar geworden. Aber welches Band umſchlang dieſe beiden ſo verſchieden begabten und auf entgegengeſetzter Stufe des geſellſchaftlichen Lebens ſtehen⸗ den Menſchen?... Ich wußte es nicht, auch gab 4 mir keine Mühe, es jetzt ſchon entziffern zu wol⸗ nrnrnd war bald, wie mir loſeſten Menſchen plauderten, oder auch, von ſeltſa⸗ men Ideen fortgeriſſen, in heftiger und geberdenrei⸗ cher Mittheilung begriffen waren... Ich beabſichtigte mein Verſprechen zu erfüllen und Mr. Sidney auf ſeinem Zimmer zu beſuchen; ich fühlte dabei einen leidenſchaftlichen Trieb meine Bruſt durchwühlen, und konnte kaum meinen Schritt mäßi⸗ gen, um, ohne Aufſehn zu erregen, zu ihm zu ge⸗ langen. Langſam ſtieg ich deshalb, auf meinem Wege abſichtlich jede Kleinigkeit in der Einrichtung und Bau⸗ lichkeit beachtend, die breiten ſteinernen Treppen im f Hauptgebäude hinauf, zeigte den in jedem Stockwerke ⸗ und auf jeder Wendung der Treppe befindlichen Thür⸗ 5 ſtehern meine mir vom Direktor eingehändigte und ⸗ ijede Thür öffnende Einlaßkarte, und fand, ohne zu r fragen, die mir bezeichnete Thür im zweiten Stock⸗ . werk, öffnete ſie, nachdem auf mein Klopfen keine Stimme geantwortet hatte, und trat in ein Zimmer, ⸗ welche die Ausſicht über den Park hin hatte und ei gegen irtig ohne Bewohner war. wie war ich überraſcht, ſtatt eines gewoͤhn⸗ Mankenzimmers in einer öffentlichen Heilanſtalt mit zuen Behaglichkeiten ausgeſtattetes Wohn fader Das Ganze bot in ſeiner den Seamnenſtellung einen höchſt bequen 9 166— ſtillen Ort dar, der nichts Trübes, Dunkles und Ein⸗ ſchüchterndes an ſich trug. Bunte hellgeſtreifte Vor⸗ hänge von ſchwerem Stoff, eine ſilbergraue Tapete, ein vielfarbiger wollener Teppich auf dem Boden, ein dunkelroth überzogener Divan dem breiten Spiegel im Goldrahmen gegenüber, dem entſprechende einladende Seſſel, einer vor einem Schreibtiſch ſtehend, der faſt ganz mit Büchern und Schreibmaterialien bedeckt war, eine tragbare Orgel von wunderſchöner Arbeit, und ſtatt der Gemälde an den Wänden, überall, wo dieſe von Möbeln frei waren, hohe Bücherſchränke, gefüllt mit den Erzeugniſſen der Dichter, Philoſophen und Naturforſcher aller Völker Europas... das war die Ausſtattung des Zimmers, in dem der Mann wohnte, den ich zu beſuchen gekommen war und der zu den unfreiwilligen Bewohnern einer Irrenanſtalt gehörte. Das ziemlich große Gemach hatte außerdem zwei Fenſter. Vor denſelben rankte ſich ein dicht 5 7 miſch wilden Epheus und verſchiedener bluͤhe duftender Blumen... ein Lieblingsſchmu men Bewohners..., vielleicht um S die eindringenden Strahlen der Nachmi geben, die um dieſe Zeit das einſame G ndlichen Lichte beſuchte, vielleig ſchweren Eiſenſtangen zu verber Außen her, wie ein weitbauchicher Käfig, die Fenſter umgaben und, undurchdringbar, den killen Bewoh⸗ ner von der lebendigen Außenwelt wie auf ewig trennten. Nachdem ich mir dieſes Alles genau betrachtet, trat ich leiſe in das offen ſtehende N debenzimmer, das dem Bewohner zum Schlafgemach diente. Die Wände deſſelben waren mit grünen Tapeten bekleidet. An der Hinterwand ſtand ein großes Himmelbett mit weißen u hinöh und geſteppter rothſeidner Decke. Einfache den Wänden. An dem einen Fen⸗ nit Auseinander ſichenden — — 168—. mich nicht, weder als ich kam, noch als ich meine Anweſenheit durch einige Zeichen zu erkennen gab, und, um mich aus der Verlegenheit zu ziehen und mich nicht in der Lage eines Lauſchers von ihm überraſcht zu ſehen, war ich endlich gezwungen, mit meiner Hand ſeine Schulter zu berühren, um ihn ſo aus den Träume⸗ reien, in die er verſunken ſchien, zu erwecken. Ich that es ungern, denn ich wußte nicht, ob ich nicht einen Glücklichen in ſeinen Erinnerungen oder Betrach⸗ 2 tungen ſtörte, oder ob ich einen Unglücklichen ſeiner eben erwachten Hoffnungen durch„Dazwiſc ten beraubte. ₰△O .— 169— V meine Seele flog ſo eben ein wenig ſpazieren... da ſehen Sie einmal hinaus... Ich trat ans Fenſter und blickte hindurch. Frei⸗ V..Per— V lich... es war ganz der Anblick, eine gefangen ge⸗ haltene Seele ins Freie zu locken und zu einem Fluge ⸗ eeinzuladen, denn in der That! das Stück ſichtbarer h V Gotteserde, welches vor mir lag, war herrlich und t verführeriſch genug! ⸗ Von dem hochgelegenen Fenſter ſah man zwi⸗ er V ſchen zwei Baumgruppen, deren breiter Zwiſchenraum das Thor zu dem dahinter liegenden kleinen Paradieſe zu ſein ſchien, über den weit hin ſich dehnenden Park fort und that nun, in das freie, unbegrenzte Land gelangend, einen fröhlichen Blick in das luſtige grüne England. Weite grüne Wieſen wechſelten im Vorder⸗ grunde des Bildes mit üppigen Saatfeldern und hie und da majeſtätiſch eingeſtreuten rieſtgen Eichengruppen ab, im weit gedehnten Hintergrunde aber, bis an den in bläuliche Nebel ſich verlierenden Horizont, ſah man hier rauchende Schornſteine, da einen hocheothen Giebel neugierig durch die grünen Gebüſche ſchauen, dort das weit hin leuchtende, weißgetünchte Landhaus wenhbarten Squires, während die rechte Seite arsße Landſtraße begrenzte, auf der Har und die, hart an der Mauer — 170—* von St. James den Weg nach Süden verfolgend, vorbeiführte. Ueber Alles dieſes aber ſenkte ſich, duftig und milde, der warme, klare Sommerabend herab; er war das luftige, alle ſchönen Glieder der reichen Na⸗ tur umſchließende Gewand, das ſo weit hin flattert, wie die Lüfte wehen, aber den Vorzug vor jedem anderen Gewande hat, daß es, keinen Reiz verhül⸗ lend, das zarte Beben und das wellenförmige Ath⸗ men der großen Bruſt der Natur nur noch lieblicher, einladender und verführeriſcher macht. Unwillkürlich feſſelte mich dieſer Anblick und die⸗ ſer Gedanke länger, als ich es ſelbſt wußte; ſtill⸗ ſchweigend ſchaute ich links und rechts, und blieb endlich auf dem Gipfel des Berges haften, über welchen die vorher erwähnte Landſtraße führte, auf der der Leſer ſchon früher mit mir gewandelt iſt. Als mein Gefährte, der meine Blicke zu beglei⸗ ten und jeder Richtung meines Auges zu folgen ſchien, daſſelbe auf dem Berge und der Straße verweilen ſah .. feutete er mit einem Finger ſchweigend auf eine wandelnde Gruppe, die ich auch ſo eben erſpäht hatte und durch längeres Hinſehen deutlicher zu entziffern verſuchte. Und bald hatte ich ſie erkannt.. ja es war der Krämer mit ſeinem Karre⸗ Knaben wieder langſaw ogen. undd 171— und thätig, neuen Geſchäften und neuer Betriebſam⸗ keit mit ſo friſcher Luſt wie alle Tage, die Gott ihm ſchenkte, entgegen ging. — Da geht er hin, der arme ehrliche Krämer, — ſagte der an meiner Seite ſtehende Mann mit lei⸗ ſem, ruhigem Tone,— da geht er hin, und nicht aus Hab⸗ und Gewinnſucht beſchreitet er dieſe weiten Wege, die ihn führen, eß weiß es ſelbſt nicht, wo⸗ hin?... nein! aus menſchlichem Mitgefühl, aus chriſtlicher Liebe und aus freundſchaftlicher Theilnahme an ſeinem Nebenmenſchen. Gott gebe ihm ſeinen Se⸗ gen auf ſeiner Pilgerfahrt.... — Amen!— dachte ich,— mag es ſo ſein! — Ha!— fuhr er etwas lauter fort.— Und ſein widerſpenſtiger und ſein ſanfter Sohn, die er den⸗ noch Beide gleich liebt und von denen er Gleiches hofft, ... ſeiner verſtorbenen guten Betty gleich... zie⸗ hen wieder ſeinen Wagen... und wozu?... für ... mich!... Brave Jungen... arm, aber brav und... ach!... frei... frei... freil« Und was bin ich?... reich! reich... aber gefeſſelt, ge⸗ feſſelt und... was noch? was ſoll ich noch ſein? 1... ſtill, ſtill... ſiehe die ſchöne Landſchaft, ruhig, wie ſtill, wie friedlich ſie daliegt... leht man ihr irgend einen Kummer eine Sorat eine 17 2— Noth an?.. Und doch, und doch... wie viel Tauſend unruhig pochende Herzen, wie viele hin und her ſich bewegende, gequälte Geiſter mögen ſich in ihr auf und ab bewegen, die man nicht ſteht! Bild meines Lebens! Bild meines Seins und meiner Gegenwart!... Ach! in der Stille dieſer Thäler, dieſer Wälder und dieſer Häu⸗ ſer mögen ſie ihre Thränen verbergen, mögen ſie ihre Sorgen verhehlen... mögen ſie in der bitteren Ar⸗ muth ihrer Tage oft ihr trockenes Brot eſſen... umd doch... doch ſind ſie glücklicher als ich, denn Freude. Hoffnung... Liebe, Alles das iſt mit ihnen,... Freunde.. Gatten... Kinder... ach! Alles das iſt bei ihnen... und was iſt mit mir? Was habt ich auf dieſer ſchönen, großen, wei⸗ ten Welt...2 Nichts!... Nichts!... Nichts! Und ſein Haupt ſank auf ſeine Bruſt. Von ei⸗ ner tiefen Rührung ergriffen, die mich mit dem Spre⸗ chenden fortriß, ſah ich ihn an. Sein Geſicht war ſo ruhig, wie das ſtille Waſſer, wenn kein Lüftchen es bawegt, aber es war blaß, es war traurig, es war troſtlos. Da näherte ich mich ihm, legte meine Hand auf ſeinen Arm, der da vielleicht in dieſem kummervollen Augenblicke nicht wußte, daß menſ ſchliche, dheii urni Seele ihm ſo nahe wal und ſagte — Einen Freund haben Sie wenigſtens.. Sie haben mich!... Da ſah er wieder empor. Seine Miene ver⸗ änderte ſich, ſeine ruhigen, traurigen Züge wurden plötzlich belebt. Einem Blitzſtrahl gleich leuchtete ſein Auge auf und eine dunkle purpurfarbige Glut bedeckte ſeine eben noch ſo bleichen, von Einſamkeit und Trau⸗ rigkeit eingeſunkenen Wangen. — Ja!— rief er mit einer ſo donnernden Stim⸗ me, daß ich erſchrak und einen Schritt zurücktrat,— ja! Gott ſei Dank! Ich habe Sie gefunden! und es war die höchſte Zeit!... Noch einmal... und er griff ſchnell und heftig mit ſeiner ſtarken Rech⸗ ten durch das Epheugewinde nach einer der davor ausgeſpannten eiſernen Stangen und rüttelte mit e ſo furchtbaren Gewalt daran, daß die ner Stirn von der Anſtrengung aufſchwollen und ſein Haar ſich zu ſträuben ſchien,— noch ein Mal wuͤrde ich es verſucht haben, und wenn... wenn es mir das Leben gekoſtet hätte! Doch,— und er beruhigte ſich, wieder, und der furchtbare Blick, der mich vor -. iner Adern an ſei⸗ Migſt beben gemacht und mich an ſeinen Wahnſinn nnert hatte, der einen Augenblick vorher gleich einer frzehrenden Flamme aus ſeinen Augen gebrannt hatte, ſchmolz, ſchwand in ſein gewöhnliches mildes und ru⸗ higes Anſchauen zurück. — Doch jetzt... jetzt ſintd Sie da— Und mit einer unausſprechlichen Demuth in ſeiner wunder⸗ bar klang⸗ und ſeelenvollen Stimme fügte er geſenkten Kopfes hinzu, indem er meine Hand ergriff und ſie in die ſeinige preßte: — Sehen Sie, wie undankbar ich bin!... Ich habe ja noch Einen! Und er erhob den ſchönen, gedankenſchweren Kopf mit einer gläubigen Geberde nach Oben... — Aber iſt es nicht ſonderbar,— fuhr er lächelnd fort,— ſo gut, ſo verſtändlich ich früher mit Ihm ſprach, und ſo gut Er mich und ich Ihn verſtand ... ſeitdem Sie in meiner Nähe ſind... verſtehe ich ihn nicht mehr recht... ich kann keine Ruhe mehr, im Denken, Hoffen und Glauben finden... ich kann garz aicht mehr mit Ihm ſprechen... ich denke viel in Sie und hoffe zu viel von Ihnen und ei⸗ ner Thatl... Aber freilich, wenn ich mir es recht überlege, ſo kommt es mir vor, als wenn dies Ge⸗ fühl neuer Hoffnung nur ein Wink von Ihm würe, als hätte er nun ſeine Schuldigkeit gethan und Mir den geſandt, den er mir ſenden wollte, und umer ich ihn gebeten habe... ja, ja... das iſt — 175— Gefühl... nun begreife ich es... das mich den erſten Augenblick ergriff, als ich Sie ſah... ja, mein Freund,... und ich hoffe, Sie werden vor dem Gedanken nicht erſchrecken... mein Freund zu ſein... ja, es wird Zeit, daß ich rede, daß ich von mir und zu einem Menſchen rede... — Reden Sie,— unterbrach ich ihn zum erſten Mal, denn ich war ſo von den verſchiedenartigſten Empfindungen bewegt geweſen, daß ich keine Worte, nur Augen und Ohren gehabt hatte,— veden Sie, ich will, ich muß hören und reden Sie wie zu einem kurze Zeit gekannten, aber dennoch bewährten Freunde, denn das Ungluck macht ſchneller bekannt als das Glück, reden Sie.*. ich will... ich werde Sie verſtehen... und was in meinen ſchwachen Kräften ſteht, für Sie thun! Er ſah mich mit einem großen, dankbaren Blicke an und preßte meine Hand noch ſtärker in 3 ſei⸗ nige. 2 8 4.* 4 — Ja,— rief er,— ich muß endlich reden, mein Herz erträgt dies Schweigen, die gräßlichſte Laſt, nicht länger mehr, es zwingt mich mächtig zum Han⸗ deln... und mein Geſchick ſcheint endlich... end⸗ ich einer Wendung nahe zu ſein; wer weiß, wenn ich wieder einen ſo günſtigen, freien Augenblick für mich habe! So hören Sie denn...1 Und er erfaßte auch mit ſeiner andern Hand die meinige, drückte ſie und ſah mich mit einem Blicke unergründlicher Tiefe an... um ſeine Lippen, die ſich öffnen wollten, zuckte es wie ein entſetzliches Ge⸗ heimniß!... Ich war ſtill, ganz ſtill... was ſollte ich ſagen? Es bedurfte nicht mehr der Auffor⸗ derung, von ihm zu hören, ich brauchte bloß ſeine Mittheilung zu erwarten... ich war ſchon ganz Ohr... da,— klopfte es laut an die Thür, die vom Corridor aus in ſein Wohnzimmer führte. Wir fuhren Beide, wie aus einem Traume plötz⸗ lich erweckt, zuſammen... das Licht, das mir in dieſem Augenblicke werden ſollte, erloſch... wir er⸗ innerten uns Beide, ohne es uns zu ſagen, daß es außer uns eine Finſterniß gab, die wir Beide nicht beherrſchen und durchdringen konnten... wir dreh⸗ ten uns herum und ſahen nach der Thür... Sie öffnete ſich langſam... einer der Kranken⸗ wärter des Irrenhauſes ſtreckte ſeinen Kopf zögernd und vorſichtig herein... er ſah uns, fuhr etwas zurück, aber ſagte gleich darauf mit ſeiner barſchen Stimme: — 177— — Ich bitte um Entſchuldigung, Sir, aber... das Bad iſt fertig! Darauf zog er ſich zurück und ſchloß die Thür... Der Irre von St. James ſah mich an, wie ich ihn anſah. Ein Schleier, ein Lächeln des Trübſinns flog über ſein ausdrucksvolles Geſicht... er ließ meine Hände fahren und ſank in einen Stuhl, der hinter ihm ſtand, zurück. .— Ahal.. So, ſo... ja, ja!— mur⸗ hneelte er. 1 Dann ſtand er wieder auf und ſagte mit einer faſt tonloſen Stimme: — Jetzt alſo noch nicht B.. Entſchuldigen Sie, Sir,... aber man hat für gut befunden... was ich vergeſſen hatte,... mir heute Abend noch... eein Sturzbad zu verordnen, um mir dadurch die troſt⸗ volle Ueberzeugung zu verſchaffen, daß ich noch nicht aus dem Bereich ihrer... Fürſorge bin... Auf morgen denn... oder übermorgen, wie es das Schick⸗ ſal will oder wie... Gott es will... kommen ⸗- Sie! 3 d Und mit lautloſen Schritten ging er durch das 8 vordere, Zimmer... ich folgte ihm mechaniſch... er girg hinaus.. keinen Blick warf er auf mich 39 t, ſeine Gedanken hatten ſich auf die unabänder⸗ ⁵ Irre von St. James 1. Band. 112 4 7 — 178— liche Nothwendigkeit gerichtet, und er ertrug ſie, wie ein Mann ſie ertragen muß und nur ein wirklicher Mann ſie ertragen kann. Draußen auf dem Korridor ſtanden zwei Wär⸗ ter und erwarteten ihn... er ſchloß ſich ihnen ſchwei⸗ gend an.. keine Bewegung verrieth ſeinen inneren Seelenzuſtand... er ging mit ihnen die Treppe hin⸗ unter... willenlos... widerſtandslos... das Opfer folgte ſeinen Henkern... ich zweifelte nicht mehr daran... V. Das Concerk der Wahnſinnigen und ein kobſüchtiger Anfall. Am folgenden Abend um ſechs Uhr ſollte das vielbeſprochene Concert ſtattfinden, und, es iſt wahr, nachdem man mich darauf aufmerkſam gemacht, konnte ich eine gewiſſe freudige Beweglichkeit in dem Treiben der Irren nicht verkennen. Alle, die es ſein konnten, waren an dieſem ganzen Tage thätiger, gehorſamer, bereitwilliger denn je; man ſah ihnen an, daß ſie durch ihr Betragen und ihren Eifer des Vergnügens würdig erſcheinen wollten, welches man ihnen ver⸗ heißen haue und von dem ſie vorher wußten, daß es ihre Erwarungen befriedigen und ein Paar Abend⸗ aausfüllen würde, die nicht angenehmer hin⸗ verden konnten. 12»⸗ 4 Schon um fünf Uhr ſah man ſie daher in lan⸗ gen Zügen aus den verſchiedenen Theilen des Parkes und des Erholungsgartens dem Hauſe ſich zu reinigen und zu ſchmücken, wie allgemeine Feierlichkeit verlangte, und zueilen, um es eine ſolche um fertig zu wenn um halb ſechs Uhr die Glocke das Zei⸗ chen zur Verſammlung geben würde. Als ich daher dies Zeichen vernahm, begab ich mich in den Concertſaal, denn ich wollte bei Zeiten in demſelben ſein, um alles Vorgehende genau zu be⸗ obachten. Eben als ich hineingetreten war und an einem Fenſter vorüberging, ſah ich einen Wagen über die Brücken hereinfahren, der, mit vier Poſtpferden beſpannt, vor die Seitenthür des Weiberflügels lenkte. Da man gewohnt war, in St. James alle Tage dergleichen zu ſehen, ſo achtete man auch nicht mehr darauf, und ſelbſt ich, der ich meine Augen überall hatte, war in meinem Innern viel zu ſehr mit ande⸗ ren Dingen beſchäftigt und ſah zu geſpannt dem An⸗ fange des Concertes entgegen, als daß mich die Neu⸗ gierde verlockt hätte, die in dem Wagen ſitzenden Per⸗ ſonen einer näheren Muſterung zu unterwerfen. Im Saale fand ich Alles zum Beginne der Feier in Bereitſchaft. Der breite, hohe Raum war, jun dem Ganzen ein feſtlicheres Anſehen zu geben 5 — 481 „ Kerzen erleuchtet, ungeachtet man th im Juni be⸗ fand, wo um dieſe Zeit Abends noch Tageshelle herrſchte, die man jedoch durch die herabgelaſſenen Vorhänge ausgeſchloſſen hatte. Der für das Orcheſter beſtimmte und etwas er⸗ höhte Theil war mit wohlbeleuchteten Pulten verſe⸗ hen, auf denen die Notenbücher aufgeſchlagen lagen; in der Mitte deſſelben, ziemlich nach vorn, ſtand die ſcchon erwähnte, tragbare Orgel des Irren von St. James, denn dieſer mußte auf allgemeines Verlangen jedes Concert mit ſeinem Spiele beginnen. Der große Raum für die Zuſchauer war, nur mit langen Bänken beſetzt, noch leer, ich war in der That der erſte, der in dem Saale erſchien. Bald nachdem die Glocke das Zeichen zur Ein⸗ führung der Zuhörer gegeben, wurde im Hintergrunde des Saales eine große Flügelthür geöffnet, und, un⸗ ter Vortritt ihrer Lehrerinnen und von ihren Auffehe⸗ rinnen begleitet, traten zuerſt die weiblichen Bewohner des Hauſes, die Frauen aber von den M Kädchen... und dies aus guten Gründen... geſondert, herein. Faſt alle ſchauten gleich bei ihrem Eintritt mit erten Geſichtern zu den glänzenden Kronleuch⸗ or, und ein freudiges Ah! ließ ſich in lang⸗ un Geſumme vernehmen. Sie begaben ſich — † — 182— nach den vorderen Bänken, doch ließen ſie ungefähr die ſechs erſten, mit Polſtern verſehenen Stuhlreihen, die für die Beamten der Anſtalt beſtimmt waren, un⸗ beſetzt. Sie nahmen die größere Hälfte der Bänke ein, denn, wie ſchon geſagt, waren auch in St. James die meiſten Bewohner dem weiblichen Geſchlechte angehörig. Alle waren reinlich und anſtändig, viele ge⸗ ſchmackvoll, einige ſogar elegant gekleidet, denn ſie ge⸗ hörten der vornehmeren Welt und einige wenige ſo⸗ gar dem Adel des Landes an. Uehermäßigen Putz, geſuchten Lurus aber bemerkte ich auch hier auf keine aus ECitelkeit und Prunkſucht nicht von ihm laſſen konnten, waren, als Unwürdige, vom Beſuche der Feſtlichkeiten ausgeſchloſſen, was für eine harte Strafe angeſehen wurde, denn außer den ſeltener ſtattfinden⸗ den Theatervorſtellungen waren die Concerte eine faſt leidenſchaftliche Liebhaberei aller Irren geworden. Ja, ſchon die in den Krankenzimmern einen Tag vorher aufgehängte⸗Anmelde⸗Tafel: Morgen iſt Concert! brachte eine bewundernswerthe Wirkung auf die ver⸗ ſchiegenen Individuen hervor. Die Raſenden und X— benten wurden ſtiller, denn ſie ſchmeichelten ſich, maß werde ihnen die Erlaubniß geben, an dem Feſte Thei Weiſe, denn man duldete ihn nicht, oder die, welche — —— 2————+——O—+— — 4 — * abermals unter Vortritt ihrer Lehrer und Aufſehe — 183— zu nehmen. Die Schwermüthigen und Melancholi⸗ ſchen wurden heiterer, denn ſie hofften auf Nahrung für ihren träumeriſchen Geiſt. Die Kindiſchen und Närriſchen wurden ernſthafter, überlegter, denn auch ihnen war begreiflich gemacht, daß nur der Gehor⸗ ſame und Vernünftige das Vergnügen genießen ſolle, die Muſik mit anzuhören... Nachdem der weibliche Theil der Zuhörer einge⸗ treten war und Platz genommen hatte, wurde zur Seite des Saales eine andre Flügelthür geöffnet und traten die Männer und Knaben herein. Auch ſie bet trugen ſich friedlich, anſtändig und ſittſam, meiſt gin⸗ gen Zwei und Zwei nebeneinander und hatten ſich dann an der Hand gefaßt, manche führten ſich auch am Arme herein, einige hatten ſogar ihre Arme ge⸗ genſeitig freundſchaftlich ſich um den Leib geſchlungen. Eine Art rührenden Friedens lag auf allen dieſen ver⸗ ſchiedenen Geſichtern, kein Menſch auf der Welt hätte, zufällig eintretend, geahnt, wer und was dieſe Un⸗ glücklichen wären war th der an Giſtesmangel oder ſchwacher U ſtheilskraft leidende Menſch heg, wie der geiſtig Frei, eine Scheu vor Verletzung des lichen, aus er erkennt, von dem Geiſte ſeines Me⸗ ers und hrers abhängig, ein Geſetz und eine Re⸗ — 184— gel an, denn eer wird und muß mit Sanftmuth be⸗ lehrt und mit Ausdauer und Gleichmuth... unwi⸗ derſtehlicher als die Gewalt... gezügelt werden... So ſaßen denn auch endlich die Männer hinter den Frauen, und außer einigem Räuſpern und Hü⸗ ſteln hörte man kein einziges Wort. Erwartungsvoll und neugierig, theils ſich unter einander, theils die Lichter und die bald ſich öffnenden Thüren der Muſi⸗ ker beobachtend, ſaßen ſie beſcheiden und in ergebungs⸗ voller Stille da... in Wahrheit ein rührender, aber em menſchlichen lenkenden, ordnenden Geiſte ein eh⸗ hrenvoller Anblick. Jetzt erſchien der Direktor mit dem geſammten Prediger, welchen die Frauen und Kinder der Beam⸗ laufenden Polſtern Platz nahmen. Kaum waren dieſe eingetreten, ſo erhoben ſich alle Anweſende von ihren Platen und machten eine ſchweig⸗ ſame V Verkeun 5 Allichkeit, der von dieſel Menſchen dargebracht, einn ganz eigenen Ausdruck gewann. Denn es geſchah nicht auf einen nein! es war ein aus freiem Wi geſetzlich 1 Verwaltungsperſonale, den beiden Aerzten und dem ten folgten, die alle nach der Reihe auf den vorderen Stuhlreihen oder auf den an den Wänden entlang Befehl oder einen Wink irgend der Vorſteher, V freien dargebrachter Beweis ihrer Achtung und Ehr⸗ erbietung gegen die, von denen gegenwärtig ihr gei⸗ ſtiges und leibliches Wohl abhing. Auf einen Wink des Direktors, der ſich mit dem zugleich eingetretenen Beamtenperſonale wieder grüßend und dankend verneigte, wurde alsdann hinter dem Or⸗ cheſterraum eine Thür geöffnet, durch welche die aus⸗ übenden Muſiker, aus Beamten, Muſiklehrern und ihren Schülern, den Irren, beſtehend, eintraten, von welchen die letzteren, ein jeder anſtändig, nach ſeinem Geſchmack und ſeinen Mitteln gekleidet, chrerbietig ſich verbeugend, ihre gewöhnlichen Plätze am Pulte ein⸗ nahmen. Die meiſten derſelben trugen in einem Knopf⸗ loche ihres Rockes oder auch auf der Bruſt ein Or⸗ denszeichen, den ſogenannten Muſikorden, ein Beweis der Anerkennung ihrer Leiſtungen, den ihnen die Ver⸗ waltung in Uebereinſtimmung mit ihren Aerzten und Lehrern überreicht hatte. Ich bemerkte drei verſchie⸗ dene Arten derſelben, denn er beſtand aus drei Klaſ⸗ ſen. Die erſte Art beſtand aus einem hellblauen, ſei⸗ denen, in Form einer Roſe zuſammengeknüpften Ban⸗ de, welches im Knopfloche getragen wurde. Dies war die unterſte Klaſſe. Die zweite war von roſarothem Atlasbande, an welcher eine kleine ſilberne Lyra be⸗ — 186— feſtigt war; auch dieſe Roſe wurde im Knopfloche ge⸗ tragen. Die dritte Art war von weißem Atlas, et⸗ was größer als die vorigen, ebenfalls mit der Lyra verſehen, und wurde als die größte Auszeichnung gleich einem Ordensſtern auf der linken Bruſt ange⸗ heftet getragen. Außerdem aber trug jeder noch ſein Inſtrument in der Hand. Nachdem alle Anweſende ihre Plätze eingenom⸗ men hatten, trat eine erſtaunenswerthe Ruhe ein. Jetzt erhob ſich der Direktor, ſtellte ſich auf den er⸗ höheten Platz vor die Orgel und ſagte: — Meine lieben Freunde und Genoſſen! Wir haben Euch ein Concert veranſtaltet, weil wir wiſ⸗ ſen, Ihr findet Vergnügen und Beruhigung in der Muſik. Ich hege das Vertrauen zu Euch, daß ein Jeder ſeine Gedanken ſammeln und ein eben ſo aufmerkſamer wie ruhiger Zuhörer ſein werde... Wenn Alles bereit iſt, bitte ich den Anfang zu machen! Allgemeines Händeklatſchen war die freundliche und dankbare Antwort auf dieſe kurze Anrede. Jetzt trat der Irre von St. James, den ich bis⸗ her noch nicht bemerkt hatte, aus dem Hintergrunde des Orcheſters hervor und begab ſich an ſein Inſtru⸗ V V — 187— ment. Er war in ſeine gewöhnliche Tracht gekleidet, deren dunkle Farbe ſein edeles, ausdrucksvolles, aber bleiches Geſicht nur noch mehr hervorhob. In ſeiner unnachahmlich ſtolzen Haltung lag jene natürliche An⸗ muth und Hoheit, die ein Menſch, mit hohen Ideen und reinen Gedanken erfüllt, in ſich trägt, ohne es zu wiſſen und damit prunken zu wollen. Er ſah vor⸗ nehm aus, wie er langſam daher ſchritt und mit einem großen, natürlichen Blicke, ohne allen Zwang und ohne alle Schüchternheit, die ganze Geſellſchaft über⸗ flog. Als er erſchien, flüſterten die Frauen und Mäd⸗ chen ſich untereinander zu, und ſelbſt unter den Män⸗ nern hörte man das ziſchelnde Wort: — Ah! Mr. Sidney! Mr. Sidney! Er verbeugte ſich jetzt und dann ſetzte er ſich an „Inſtrument. Leider aber ſtand dies ſo, daß ich Geſicht während des Spiels nicht betrachten konn⸗ denn er kehrte mir den Rücken zu. Jetzt begann er ſeinen Vortrag und zwar mit m der bezaubernden, ergreifenden, vollen Akkorde, dem ein Orgelſpieler, wenn er ein erhabenes Lied ummt, ſtets des mächtigſten Eindrucks gewiß iſt. ſage nicht, daß er ein fertiger Spieler war, denn nehr als das; gleich die erſten Minuten ver⸗ ſein — en gewandten Meiſter, und nach noch eini⸗ — 188— gen Augenblicken war es mir, als wenn dieſes un⸗ vergleichliche Inſtrument mit ſeinen gigantiſchen, er⸗ ſchütternden und zugleich rührenden Tönen für dieſen großartigen Menſchen eigens gemacht und erfunden wäre. Vergeblich, ſage ich, würde es ſein, ſeine Muſik ſchildern zu wollen... keine Muſik läßt ſich beſchreiben, weil ſie ſich nicht begreifen, ſondern nur empfinden läßt... am wenigſten aber läßt ſich ein ſchönes Orgelſpiel mit Worten zergliedern. Aber ich berufe mich auf das gefühlvolle Herz eines Jeden, der dieſes Inſtrument zu handhaben und zu beurtheilen verſteht. Wer die Orgel und ihren Umfang, ihre Lieblichkeit und ihre Macht, ihre be⸗ redtſame Macht kennt, die ſie über das menſchliche Herz ausübt, der mag ſich denken, was eine Orgel in einer Verſammlung vermochte, wie ich ſie jetzt Por mir ſah. Denn bald war dem rauſchenden Anfange ſtille, heilige, Frieden hauchende Melodie gef Die⸗Töne ſchmolzen in ſanften Wellenlinien da rührend ſchwollen ſie an und ſenkten ſich wieder, lag eine Klage, aber eine liebevolle Klage in dem ſſlt den Gange der Paſſagen, wie ſie ſich unwiderſteh in jedes Herz drängten. Demnach war auch kung eine ungeheure; der Damm der Zurt — 489— iſt bei Gefühlsmenſchen weit leichter zu durchbrechen als bei geiſtesſtarken, urtheilsvollen Menſchen, wie aber nun bei dieſen mehr oder minder Wahnſinnigen, deren Herz Tag und Nacht ohne Thor und Riegel allen ſinnlichen Eindrücken unausweichlich geöffnet iſt? Schon nach einigen Minuten dieſer klagenden, ſanften, hinſterbenden Melodie ſah ich auf den erſten Bänken die Schnupftücher häufiger erhoben werden, allmälig hörte man hier und da ein unterdrücktes, lei⸗ ſes Weinen, dann lauter und lauter, hier brach ein Schluchzen hervor, dort ein wimmerndes Ach! und endlich... denn das Weinen iſt anſteckend wie das Lachen... weinte Alles ringsum, zuerſt die Frauen der Beamten, dann dieſe ſelbſt, der Direktor, die Aerzte und ich ſelber... Wer begreift dieſe unbekannte Macht der Töne! Auch von ihnen kann man ſagen, daß ſie kommen und daß ſie ſiegen, ohne daß man weiß, warum und wodurch? Aber ich glaube, daß ſte uns eben ſo ſehr an unſre Vergangenheit erinnern, als den Gedanken an unſre Zukunft in uns erwecken, und deshalb ſind wir während ihrer Dauer ſo feierlich, ſo erhaben, ſo ergeben geſtimmt, denn welcher Menſch blickt nicht A wit ſßser Rührung in ſeine Vergangenheit und mit — 190— feierlicher, heiliger Scheu in das dunkle Räthſel ſei⸗ ner Zukunft? Was mich, an dieſem Abende bei dieſer Muſik, betrifft— und nach meinem Empfinden konnte ich das der Uebrigen ermeſſen,— ſo war ich bis in die tiefſten Fugen meines Weſens erſchüttert. Alle meine früher überſtandenen Freuden und Schmerzen wurden wieder in mir wach und ich ſah ſie nur mit der lin⸗ den Wehmuth an mir vorüberſchweben, welche ein überſtandener Schmerz oder eine genoſſene und nicht wiederkehrende Freude ſtets in uns zurückläßt. Aber ich wurde auch an meine heiligſten Vorſätze und Ent⸗ ſchließungen erinnert, die, manche erſt halb geboren, in meiner Bruſt noch ſchlummernd lagen... und ich muß geſtehen, daß mir mitten in dieſem Gewirre von Empfindungen eine Idee vor allen klar und an⸗ ſchaulich wurde, die ſich auf den Spieler ſelber bezog und auf welche ich alle verworrenen Gedanken über ihn ſpäterhin weiter baute. Dann aber, als ich mich in meinen Entſchlie⸗ ßungen befeſtigt hatte, folgten in meinem Herzen die ſeligſten Gefühle, die je darin lebendig geworden wa⸗ ren. Hoffnung, Liebe, Glaube und Vertrauen zogen nacheinander in meine Seele ein und ſte concentrirten ſich in einem Punkte, dem jetzigen Brennpunkit aller —— — 191— meiner Beſtrebungen... ich hätte den Spieler öffent⸗ lich an meine Bruſt drücken und mein ganzes Entzük⸗ ken über ihn vor allen Ohren ausſchreien mögen... Da war er fertig. Das laute Weinen ließ nach, die Thränen, die ſo reichlich gefloſſen waren, wur⸗ den getrocknet, man vergaß über den Eindruck, den der Spieler gemacht, den Beifall, den man ihm ſchul⸗ dig war, und Aller Augen waren liebevoll und begei⸗ ſtert auf ihn gerichtet, als er langſam aufſtand und ſich im Saale, mit den Augen ſuchend, nach einem Platze umſah. Da richtete ich auch meine Blicke auf ſein Ge⸗ ſicht. Es war ſo ruhig, ja heiter, wie gewöhnlich, er ſchien in dieſer heiteren Ruhe unbekannt mit den Gefühlen zu ſein, die er einzuflößen verſtanden hatte, denn ſein Aeußeres verrieth nicht die geringſte innere Bewegung, wenn nicht vielleicht eine etwas tiefere Bläſſe ſeines Geſichts darauf hinzudeuten ſchien. Jetzt fiel ſein Blick auf mich, und da er neben mir einen Stuhl leer ſah, ſchritt er herab und ſetzte ſich zu mir. Statt aller dankſagenden Worte drückte ich ihln die Hand. Er ſchien mich zu verſtehen und drückte die meinige wieder.— 1 Petzt trat ein Flötiſt auf, deſſen zart behandel⸗ tes Mtrument einen merkwürdigen Gegenſatz mit dem vorhergehenden bot. Der Spieler war ein ehemaliger Virtuos an der Oper zu London, durch Familienkum⸗ mer in ſeine jetzige unglückliche Lage gebracht, aber nunmehr der Heilung nahe. Er ſchien ganz Muſik zu ſein und alles das zu empfinden, was er hören ließ. Alsdann folgte ein Quartett, beſtehend aus zwei Violinen, einem Violoncell und einer Klarinette, eine ſonderbare Zuſammenſtellung, aber es machte einen guten Eindruck, zumal die vier Muſtker tüchtig ein⸗ geſpielt waren. Dann trat eine Pauſe ein. Ich fragte den neben mir ſitzenden Direktor, ob nicht auch geſungen würde? — Hal— ſagte er,— wiſſen Sie nicht, daß kein Menſch, der ſeinen Verſtand verloren, ſeine na⸗ türliche wohlklingende Stimme behält? Zwiſchen den Organen des Denkens und Sgprechens, alſo auch des Singens ſcheint eine innige Sympathie zu beſtehen. Einige Augenblicke des Nachdenkens reichten hin, mir die Ueberzeugung zu verſchaffen, daß er Recht haben könne, obgleich mir dies noch niemals einge⸗ fallen war; auch erinnerte ich mich nicht, jemls ei⸗ nen Wahnſinnigen mit ſchöner reiner Stimme ſingen gehört zu haben, deshalb erwiderte ich: — Freilich, Beides ſteht auch in naher; — 193— dung mit einander*), und meine geringe Erfahrung beſtätigt auch dieſe Ihre Ausſage, denn ich habe noch keinen Irren gut ſingen hoͤren. Allein, wenn ich dieſe ſchönen, zarten Mädchengeſichter hier vor mir betrachte, die mit dem Wahnſinn gar nichts zu thun zu haben ſcheinen, ſo ſollte ich denken, daß es wohl Einige un⸗ ter ihnen gäbe, die uns eine Ausnahme von der Regel annehmen ließen. — Ganz gewiß nicht!— ſagte der Oberarzt, der unſer Geſpräch mit angehört hatte, da er dicht bei uns ſaß,— ganz gewiß nicht! obgleich von dieſen jungen Damen eine ſogar eine Sängerin von Profeſ⸗ ſion iſt. Es liegt immer etwas Todtes, Heiſeres, Kaltes, Gefühlloſes oder vielmehr Geſchmackloſes in ihren Stimmen, mehr oder minder freilich, das gebe 1 ich zu; aber ich habe eine Meinung hierüber, wie ) ich ſagen darf, denn ich habe lange mein Augenmerk 8 auf dieſen Umſtand gerichtet, und über dergleichen † entſcheidet allein die Erfahrung. Ich will mit Ihnen ſt eine Wette eingehen, wenn Sie wollen, daß keine 3 5*) Der Nervus vagus ſpi gewiß hier eine Hauptrolle, m und leicht mögſich wär„ daß durch dieſe Beobachtung wir den Sitz des Uoheis in dem Gehirne näher beſtimmen lernen duͤrften. 4 n⸗ f A Der Irre von⸗ ames. 1. Band. 13 494— wohlklingende Stimme unter allen hier Verſammelten iſt... es gilt eine Probe... — Ich glaube es, ich glaube es!— ſagte ich. — Doch was ſind das da für Vorbereitungen auf dem kleinen Tiſche?„ — Geben Sie Acht, Sie ſollen etwas Neues hören. Unſer Geſpräch wurde durch die Fortſetzung des Concerts unterbrochen, und zwar durch die Töne einer Muſik, von einem Inſtrumente hervorgebracht, das ich, in dieſer Ausdehnung und Vollkommenheit we⸗ nigſtens, noch nicht kannte, und deſſen ſo große Ausbildung ich auch für unmöglich gehalten hatte. Schon lange hatte ich einigen Vorbereitungen zugeſe⸗ hen, die im Vordergrunde des Orcheſters auf einem kleinen, zu dieſem Zweck aufgeſtellten Tiſche gemacht worden waren. Es wurden nämlich auf demſelben eine Menge größerer und kleinerer Inſtrumente neben einander nie⸗ dergelegt, die aus verſchiedenen Metallen beſtanden, wenigſtens ſchienen mir ſilberne, kupferne und eiſerne darunter zu ſein. Es waten dies die bei uns unter dem Namen Maultrommeln oder Brummeiſen bekann⸗ ten und bei der Schuljugend einſt ſo ſehr beliebten — 195— Spielzeuge, die aber hier ernſthaftere Wirkungen her⸗ vorriefen. Als nun zwei Reihen dieſer Inſtrumentchen geord⸗ net waren, trat ein ganz junger Menſch mit melan⸗ choliſcher Miene, langen, dunklen, herabhängenden Haaren und geiſterhaft bleichen, aber nicht unſchönen Geſichtszügen an den Tiſch und überblickte ſelbſt noch einmal die Reihenfolge ſeiner Inſtrumente. Dann wur⸗ den die Lichter in der Nähe gelöſcht, damit man das ſonderbar verzerrte Mienenſpiel des Künſtlers nicht ſo deutlich ſehen könne, und nun ſetzte derſelbe zwei Ci⸗ ſen, ein größeres und ein kleineres, in jeder Hand eins haltend, an die Zähne, und begann ſein Spiel. Alsbald entwickelten ſich mir bis dahin gänzlich unbekannte, ſummende und überaus klagende Töne, die aber mit ſolcher Geſchicklichkeit und Meiſterſchaft hervorgebracht wurden, daß ich erſtaunen mußte. Denn während der Spieler mit der einen Hand noch fortſpielte, legte er mit der andern ein Eiſen auf den Tiſch; aber ſchnell, ohne hinzublicken, ergriff er ein anderes, und ſo fort, bald dies, bald jenes, bald ein größeres, bald ein kleineres wählend, wodurch er eine ſo große Abwechſelung hervorzubringen verſtand, daß man in Wahrheit ein ganzes kleines Orcheſter zu häͤren glaubte. 4 — 196— Es war eine einlullende, ſphärenartige Muſik, die den Hörer in ganz fremde Regionen zu verſetzen vermochte, indem die Töne in der That zauberhaft, ich möchte ſagen, mondſcheinartig, ſpinnewebenmäßig — man verzeihe mir, des Vergleiches wegen, dieſe Ausdrücke— und wie elfenartige Träumereien klan⸗ gen. Dieſe ſanften auf⸗ und abſteigenden Schwingun⸗ gen, die bei der herrſchenden Stille bis in die fein⸗ ſten Schattirungen ſich verloren und in Luft aufzulö⸗ ſen ſchienen, dieſes ergreifende Tremulo, welches jeden Nerv erbeben machte, dieſes ſanfte Hauchen wie ein dahinſterbender, an einem Felſen ſich brechender klei⸗ ner Windſtoß... doch wie kann es mir einfallen, dieſe ſonderbare, nie gehörte Muſik ſchildern zu wol⸗ len, die mit dem ganzen Eindruck, den dieſer ſelt⸗ ſame Spieler mit ſeinem nach der Decke gewendeten Geſicht und ſeinem rechts und links wankenden Ober⸗ körper... eine Bewegung, welche ihm faſt alle ſeine Zuhörer, und ebenfalls die Köpfe nach der Decke ge⸗ richtet, nachmachten... im genaueſten Einklange ſtand. 3. Er war zu Ende... alle Köpfe ſenkten ſich plötzlich wie durch einen Zauberſchlag, aber die tiefſte Stille dauerte fort, als wenn jeder Hörer dieſe hinſter⸗ 1 benden Töne noch in ſeinem Innern nachſummen ließe. — 197— Der Spieler war verſchwunden, ehe noch dieſer ſchweigſame Rauſch vorüber war. Ich drückte den mir zunächſt Sitzenden meinen Beifall und meine Verwun⸗ derung über das nie hlre aus, als der ganze verſammelte Chor der Muſiker ſich an ſeine Pulte ſtellte, um die Schlußſymphonie mit vollem Orcheſter vorzutragen. Dieſe Compoſition rührte von einem Irren her, der ſie auch ſelbſt dirigirte und hatte zum Gegen⸗ ſtand: Gedanken Gottes vor Erſchaffung der Welt. In der That, ein Gegenſtand, über den eine ausſchweifende, eraltirte Phantaſte Wunderdinge her⸗ vorbringen kann, und ſo war es denn auch. Dieſer Theil des Concerts war daher auch mehr aufregend als beruhigend, und ich bemerkte dies dem Direktor, der mir jedoch zur Antwort gab, daß man aus Rück⸗ ſicht für den Componiſten die Aufführung ſeiner Mu⸗ ſik zugelaſſen hätte, da er ſich ſelbſt einmal davon große Gemüthserleichterung verſprach, andererſeits aber man befürchten müßte, die Nichterfüllung ſeines Wun⸗ ſches werde ihn rafend machen, in ſo fern er ein fehr Jcraltirter Menſch war und vor Erwartung, ſich ſelbſt 1 ſeiner Muſik zu hören, beinahe ſtarb. Der Charakter dieſer Muſik war geiſterhaft und — — 198— erſchütternd, man glaubte nur Geſpenſter zu ſehen und zu horen und ſelbſt mir ſchauerte die Haut vor großartigem Entſetzen. Nun denke man ſich die Ir⸗ ren, die zuſammengekauert, fürchtend, bebend daſaßen, als erwarteten ſie nach den inzelnen furchtbaren Po⸗ ſaunenſtößen, in welcher Tonart natürlich Gott ſprach, der Himmel werde ſich aufthun und der Tag des ewi⸗ gen Gerichts ſeinen Anfang nehmen... .*.*..*..*.....*. Jetzt ſollte der Dank von dem Direktor und das Abendgebet von dem Prediger geſprochen werden, als ſich mein Nachbar, der Irre von St. James, zu un⸗ ſerer Aller Erſtaunen erhob und um die Erlaubniß bat, noch einen Geſang zur Orgel vortragen zu dürfen. Natürlich wurde das Geſuch freundlich geneh⸗ migt, nur konnte ich mich nicht enthalten, mit einem unwillkürlichen Lächeln nach dem Direktor und dem Oberarzt hinzublicken, um ſie gleichſam an ihre vor⸗ herige Ausſage, daß kein Irrer eine reine Stimme habe, zu erinnern. Beide verſtanden mich auch ſo⸗ gleich, drückten aber eine verſchiedene Meinung mit ihren Mienen aus. Denn während der Oberarzt, wie ſeiner Sache äußerſt gewiß, ſcheinbar gleichgültig dem Kommenden entgegenſah, glaubte ich in dem Ceſte ſiiel bezogen hatte. — 199—. des Direktors eine gewiſſe triumphirende, herausfor⸗ dernde Verwunderung zu leſen. Die Wahnſinnigen aber, als ſie hörten, um was es ſich handele, drückten laut ihren ungetheilten Beifall aus und erhobent ſich hie und da, um aber⸗ mals den geliebten Mr. Sidney zu ſehen, denn es war noch nicht vorgekommen, daß Jemand hier öf⸗ fentlich und unaufgefordert ſang. Es war ein wunderſchönes Gedicht, welches, von Mr. Sidney vielleicht gedichtet, auch von ihm in Mu⸗ ſik geſetzt war und jetzt von ihm geſungen wurde, und, wie ich nachher erfuhr, betitelt: Abendgedanken eines, Gott für ſeine Kinder dan⸗ kenden, Vaters. 1 Schon die erſten Strophen waren hinreichend, mir zu beweiſen, daß der Sänger auch in dieſer Kunſt Meiſter ſei. Die vollen, metallreichen und goldreinen Baritontöne, die wir vernahmen, ſeine deutliche Aus⸗ ſprache, ſein gefühlvoller Vortrag, alles dies zuſam⸗ men genommen reichte hin, den höchſten Anforderun⸗ gen zu genügen und das zu beſtätigen, was man mir über ihn geſagt hatte, daß er nämlich viel muſikali⸗ ſches Talent und einen hinreißend ſchoͤnen Vortrag habe, was man indeſſen damals nur auf ſein Orgel⸗ „— 200— „Ich ſah deutlich, daß der Direktor, die Aerzte und mehrere der anweſenden Lehrer und Beamten der Anſtalt mehr als erſtaunt waren, denn ſie warfen ſich feinige Blicke unter einander zu, die deutlich zu ver⸗ ſtehen gaben, wie überraſcht ſte ſeien und wie ſie ſich das Vorgehende nicht recht erklären konnten. Ihre Verlegenheit wurde noch geſteigert, als die mit Leidenſchaft und dem innigſten Antheil zuhören⸗ den Wahnſinnigen aus freien Stücken und wider ein beſtehendes Hausgeſetz den Sänger, als er zu Ende war, beklatſchten, ja, ihn mit einem lauten Beifalls⸗ jauchzen, als er ſich zurückzog, begrüßten. In dieſem Augenblick ſah ich den Oberarzt an ... er hielt ſchon ſein Auge, das ſeine innere Be⸗ wegung und ſeine Verlegenheit verrieth, auf mich ge⸗ richtet, als hätte er meinen Blick und deſſen Bedeu⸗ tung mit unfreiwilliger Ergebung erwartet. Ich mußte lächeln... das ſchien ihn zu verletzen... ſein Blick nahm etwas Spöttiſches und Unheimliches an, was ich bisher noch nicht an ihm beobachtet hatte, aber ich änderte meine ruhige Miene nicht und ſagte, mich zu ihm hinneigend, leiſe aber freundlich: Nun, ich denke, dieſe Irren haben keine Stim⸗ me? Mr. Sidney ſcheint die Sympathie zwiſchen Ge⸗ — — 201— 1 hirn und Kehlkopf zu Schanden machen zu wollen ... ich wollte, ich hätte mit Ihnen gewettet... — Der Spitzbube!— erwiderte er flüſternd,— ich will wetten, daß er meine Worte vorher gehört hat und mich nun compromittiren will... haha! ſo mag es denn Ausnahmen von der Regel geben, ich geſtehe es ein.... So war denn das Concert, das ſo würdig mit dem ſchönen Orgelſpiel begonnen hatte, eben ſo glän⸗ zend mit dem Geſange beendigt, und der Eindruck, den ich empfangen hatte, war nicht allein zufrieden⸗ ſtellend, ſondern auch erhebend und meine Vorſtellung davon weit übertreffend. Während nun die Aufregung der immer noch da ſitzenden Zuhörer ſich wieder legte, ſprachen die Vor⸗ ſteher der Anſtalt einige Augenblicke mit einander; darauf näherte ſich der Direktor dem Irren von St. James, der unter den Muſikern ſtand, und wechſelte einige Worte mit ihm. Alsdann trat er wieder auf die Erhöhung vor die Orgel und ſagte laut: — Das Coneert iſt vorbei, wir danken den Mu⸗ ſtkern für ihre angenehme Unterhaltung. Die kleine Belohnung, die wir heute Mr. Sidney zuerkennen möchten, hat derſelbe, wie auch früher, abgelehnt und mich gebeten, was ich auch mit Freuden erfuͤlle, die — 202— ſelbe Mr. Viscount zu überreichen. Treten Sie her⸗ vor, Mr. Viscount, und empfangen Sie, was Ih⸗ nen gebührt und was wir Ihnen in Anerkennung Ih⸗ (rer Verdienſte in allgemeiner Uebereinſtimmung gern zuerkennen.. Mr. ⸗Viscount, der Brummeiſenſpieler, trat be⸗ ſcheiden aus dem Hintergrunde hervor, wohin er ſich bis jetzt zurückgezogen hatte, und empfing den erſten Grad des Muſikordens, das in Form einer Roſe ge⸗ knüpfte, hellblaue, ſeidene Band. Er verbeugte ſich, indem er es nahm, trat dann die zwei Stufen vom Orcheſter erab und überreichte es einem hübſchen jun⸗ gen Mädchen, welches auf der erſten Bank ſaß, und ihm gern den Gefallen zu thun ſchien, das empfan⸗ gene Ehrenzeichen an einem ſeiner Knopflöcher zu be⸗ feſtigen.. Jetzt entſtand abermals eine lautloſe Stille, wor⸗ auf ſich der Prediger erhob und alſo ſprach: — Meine lieben Kinder! Der allgütige Gott, unſer Aller himmliſcher Vater, hat uns die überre⸗ dende Gewalt der Töne gegeben, auf daß ſie durch zunſer Ohr in unſer Herz gelangen und unſer Gemüth beruhigen und kräftigen mögen, wie wir es, als arme Sunder, täglich bedürfen. Wir danken ihm auch für dieſe ſeine herzliche Gabe und wollen uns alle Tage 8 — 203— bemühen, uns ſeiner Gnade immer werther zu ma⸗ chen. Gehet jetzt mit dieſem edlen Vorſatze zur Ruhe und Gott wird über Euch wachen und Euren Sinn erleuchten. Amen!... 6 Alle wiederholten das Amen und erhoben ſich dann. Auf einen Wink des Direktors wurden die Thüren geöffnet, und in derſelben Ordnung, wie ſie gekommen waren, ſtill und frohgeſinnt, aber noch hiet und da eine Thräne trocknend, entfernten ſich die An⸗ weſenden, von ihren Führern wie vorher geleitet; zu⸗ erſt die Männer und Knaben, dann die Frauen und Mädchen, um in der Stille ihrer Zimmas ihr ein⸗ faches Abendbrot zu verzehren und zur Ruhe zu gehen. Alle waren gegangen, nur der Direktor und die übrigen Beamten blieben zurück, um ihre Conferenz abzuhalten und unter andern Angelegenheiten auch üͤber die Wahl des aufzuführenden Schauſpiels zu be⸗ rathen. Da ich keine beſondere Einladung hierzu empfan⸗ gen hatte, entfernte ich mich ebenfalls, denn ich ſah Mr. Sidney noch in der Thür einen Augenblick ſte⸗ hen bleiben, als ob ger mich erwarte. Ich trat zu ihm und ging mit ihm die Treppe hinab in den Park. Hier war ich ſchon einige Male mit ihm einen brei⸗ ten Weg auf und ab geſchritten, als wir, immen 4 204— noch ſchweigend, ſtehen blieben. Erſt jetzt bemerkte ich, daß wir ganz allein waren und daß mein Ge⸗ fährte ſein melancholiſches Auge fragend auf mich ge⸗ richtet hatte. Was wollte er von mir wiſſen? Ich konnte es nicht errathen, und doch lag eine Frage ſo deutlich auf ſeinem leicht zu entziffernden Antlitz ausgeprägt, „daß ich mich über mich ſelbſt wunderte, ihn nicht ver⸗ ſtehen zu können. Ich blieb daher ſtumm, und auch er war ſchweigſam, bis wir endlich, uns wieder zum Gehen unwendd, abermals den Gang hinabſchrit⸗ ten. Ohne Zweifel war mein ſtiller Begleiter in tiefe und ihn verzehrende Gedanken verſenkt, obgleich die männliche und natürliche Ruhe, die ihn ſtets als⸗ zeichnete, ſeine Gefühle beherrſchte, denn er trug den Kopf etwas auf die Bruſt geneigt und die Hände, in einander verſchloſſen, auf dem Rücken gekreuzt. Späterhin erſt, als ich ſchon inniger mit ſeinen Schickſalen verwebt war und ihn an dieſen ſchweig⸗ ſamen Spaziergang erinnerte, habe ich erfahren, daß in dieſem Augenblicke ſein Herz, durch die Muſik er⸗ wärmt und erweicht, eine größere Sehnſucht nach dem, was er liebte und entbehrte, empfunden habe denn je. 205 Auf dieſe Weiſe waren wir, langſam wandelnd, in den Theil des Parkes gelangt, von welchem aus man den rechten Flügel des Hauſes beobachten konnte, in dem die Frauen wohnten. Allmälig und unpermerkt war der Abend näher gekommen und die ſinkende Sonne warf ihre roſigen Strahlen auf die oberen Fenſter des langen Gebäu⸗ des, als wolle ſie den unglücklichen Bewohnern des⸗ ſelben noch einen letzten Abſchiedsgru ß ſagen und als empfinde ſie Schmerz, durch unabänderliches Geſchick genöthigt zu ſein, ſich ſchon wieder von ihnen zu tren⸗ nen, die ohne inneres Licht und ſeine belebende Wär⸗ me der kalten ſtarren Nacht geben waren. Der Wagen, kommen ſehen, ſtand noch den ich und ihrer Finſterniß über⸗ am Nachmittag hatte an⸗ vor der Thür, aber die Pferde waren abgeſchirrt, um in den Ställen gefüt⸗ tert zu werden. Als wir in die Nähe dieſes Wagens kamen, ſtand der Irre von St. James ſtill und richtete erſt gleichgültig, dann aufmerkſam ſeine Blicke darauf. ſchien mir eti 9 Hierdurch mußten ( aucht angenehmere R ine Ideen eine andre und gerade ichtung genommen haben, denn vas unruhiger zu werden, und blickte, nurig den Kopf ſchüttelnd, nach den Fenſtern hin⸗ — 206— auf, auf denen eben der ſcheidende Blick der golde⸗ nen Sonne ruhte. Da ſagte er in einem leiſen, faſt nur hauchen⸗ den Tone wie zu ſich ſelber: 8 — Schon wieder Eine! Unwillkürlich folgte mein Blick dem ſeinigen in die Höhe und ich ſah nun deutlich ein weibliches An⸗ tlitz im dritten Stockwerk durch eins der Gitterfenſter zu uns herabblicken. Sie war in ein weißes Ge⸗ wand gehüllt, doch nur bis zur Hälfte der Bruſt ſichtbar, indem ihr uͤbriger Körper hinter den Gittern und der Höhe der Brüſtung verſchwand. Das Geſicht dieſer weißen, einſam und traurig zu uns herabblickenden Geſtalt, ſo weit ich es bei der abendlichen Beleuchtung aus der Ferne erkennen konn⸗ te, ſah ſchön, aber eigenthümlich aus, denn der all⸗ mälig ſchwindende Sonnenſtrahl färbte es nicht mehr roſig und golden, ſondern bleich, und es glich bei⸗ nahe einem vom matten Mondlichte geiſterhaft beſchie⸗ neuen Geſpenſte. Lange, dunkelblonde Locken fielen über ein bloßgetragenes ſchönes Schulternpaar herab, und ſei es ein Spiel der Beleuchtung oder ein Spie⸗ gelbild meiner Phaͤntaſie, die großen auf uns herch gerichteten Augen ſchienen voller Thränen zu ſein, w denn auch ihre abgehärmten, obwohl noch reizend — 207— Wangen die unzweifelhaften Spuren dieſer Thränen trugen. Während ich dieſe ſo natürſichen Einzelnheiten, im Stillen beobachtend, ſammel te, hatte ich mein Au⸗ genmerk von meinem Gefährten abgezogen, kaum aber mit einem flüchtigen Blick auf ihn hinſchauend, er⸗ ſchraf ich über die plötzliche und entſetzliche Verände⸗ rung, die in ſeinen Geſichtszügen und in ſeiner Hal⸗ tung vorgegangen war. Eine leichenhafte Bläſſe ech ſeine eiſig gewor⸗ denen und bewegungsloſen, ſonſt ſo freundlichen Züge, ſeine Augen waren ſtarr in die Höhe auf das Fen⸗ ſter gerichtet, an welchem das 1 Antlitz zu ſe⸗ hen war. Sodann fingen alle Muskeln ſeines ſonſt ſo ſchötzen, jetzt zur Unkennbarkeit entſtellten Geſichts an krampfhaft zu arbeiten, namentl ich um ſeinen Mund zuckte es⸗ grrich kleinen Blitzen, die ſich a aufhiri einauder folgten. und von denen einer den andern z überholen ſchien, Seine Arme hatte er, wie ddeh⸗ rend, vor ſich ausgeſtreckt, ſein Kopf war, als ob er ſich fürchte, etwas Entſetzl iches zu ſchauen, rückwärts gebogen, ſein Haar ſchien ſich zu ſträuben und ſeine Kniee fingen an zu ſchlottern. Alles dieſes war ſchneller geſchehen, als ich es beſchreiben kann. — 208— Mich ergriff eine ſchreckliche Angſt. Ich erinnerte mich ſogleich alles deſſen, was man mir von ihm geſagt hatte, der wiederholten Warnung ſeiner Aerzte, der raſenden Wuth, die ihn periodiſch befiel und der Unmöglichkeit, ſeiner Unbändigkeit und ſeiner rieſen⸗ mäßigkn Kraft in ſolchen Augenblicken zu widerſtehen. Da ſah e er mich plötzlich, wie um Hülfe fle⸗ hend, dann aber mit dem Ausdrucke der Wuth und Verzweiflung an. Sein Auge ſprühte ein glühendes Feuer, wie ich es noch bei keinem Menſchen geſehen, ſeine ſtarke Hand erfaßte meinen Arm... ich fühlte, wie ihr gewaltiger Druck alle meine Muskeln lähmte, alle meine Bewegungen aufhielt und jeden möglichen Widerſtand zu nichte machte. Ich weiß nicht, welches Grauſen mich plötzlich ergriff... ich wußte bei der Schnelle des Vorgangs augenblicklich nicht, was ich thun ſollte... Zlitz⸗ ſchnell verglich ich ſeine Kraft mit der meinigen; meine Einbildungskraft ſuchte zu enträthſeln, was er mit min, dem gegen ihn Schwachen und; Ohnmächtigen, vornehmen, wie und auf welche Art er mich umbrin⸗ gen würde... kaum ertrug ich den ſchmerzhaften Druck ſeiner furchtbar preſſenden Hand, und in mir rief es mit einer Donnerſtimme, die mich ſelbſt er⸗ ſchüttern machte: 209— — Ja! ich ſehe es... er iſt verrückt!... Dennoch wollte ich verſuchen, mich loszureißen, ich wollte um Beiſtand rufen, Gewalt mit Gewalt vertreiben, aber es war unmöglich, mich von dem krampfhaften, mich gefeſſelt haltenden Griffn be⸗ freien... Doch dieſe Gedanken gab mir der knechtiſche Sinn der Selbſterhaltung nur einen Augenblick lang ein... eben ſo ſchnell folgte darauf der Gedanke, und ich danke noch heute Gott für dieſe Eingebung ... daß ich ein Arzt und ein Menſch ſei, berufen und beſtimmt, alle Qualen und Leiden meines Mit⸗ geſchöpfs tragen zu helfen, ſte zu bekämpfen und, um Anderen Heil zu bringen, ſelbſt die eigene Duldung nicht zu ſcheuen. 8 Ich beſchloß daher, dieſen vielleicht ſchnell vor⸗ übergehenden Augenblick zu ertragen, vielleicht konnte ich dem armen Unglücklichen hülfreich ſein, der mir eine ſo grofze Theilnahme einzuflößen verſtand, ja, den ich ſchom liebte und deſſen Seele mir in einem unentwirrbaren Geſchicke menſchlicher Leiden gefangen zu ſein ſchien. In dieſem Sinne faßte ich ſchnell meinen Ent⸗ ſchluß. Ich ſammelte meine Kräfte und ergriff lang⸗ ſam aber energiſch mit meiner einen freien Hand ſei⸗ Der Irre von St. James. 1. Band. 14 — — 210— nen linken Arm, ſchüttelte denſelben mit aller mir übriggebliebenen Kraft, brachte meine Lippen ſeinem Ohre ſo nahe wie möglich und ſagte mit feſter, mu⸗ thiger, aber ſanfter Stimme: — Was haſt Du, mein Bruder? Dieſer wohlgemeinte und in der Eile auf meine Lippen gekommene Ruf ſchien wunderbar zu wirken. „Seine Finger ließen in ihrem Drucke allmälig nach, ſein ſtarrer, glühender Blick erloſch, das Zucken ſei⸗ ner Muskeln beruhigke ſich... er ſchien ſchwach zu werden und zu taumeln... ich ſah mich ſchnell rings um, ob auch nicht Jemand uns belauſchte,... glücklicherweiſe ſah und hörte ich nichts... und ihn mit beiden Armen, wie ein Kind, das noch nicht feſt gehen kann, unterſtützend, führte ich den unglücklichen jungen Mann auf eine nicht weit davon ſtehende Bank. Aber kaum auf derſelben ſitzend, kehrte ihm das Bewußtſein, das er verloren zu haben ſchien, zurück, und er erinnerte ſich, was ihn in dieſe elende und unvorhergeſehene Lage gebracht. Er richtete ſeinen Kopf empor und ſah mich mit einem unbeſchreiblich milden, beinahe flehenden Blicke an, dann aber rief ter mit einer faſt ton⸗ und athemloſen Stimme: — Geſchwind... geſchwind... hinauf! Schhell 5 — 211— ſchnell... wer ſie iſt? wie alt... woher? Schnell, ſchnell... um Gottes willen! Faſt ſtieß er mich von ſich... ich ſprang mehr, als ich lief, durch den Garten... ich flog die Treppe hinauf, rannte den erſten und zweiten Thuͤrſteher bei⸗ nahe um und kam in dem Augenblick eben im Wei⸗ berflügel, vor dem Fenſter an, als eine Wärterin zu der weiblichen Geſtalt trat und dieſe anredetee In ihrer Hand hielt ſie einen Zettel; einen Blick darüber werfend ſah ich, daß es das ſogegannte Nationale der eben neu Angekommenen ſei. — Erlauben Sie!— ſagte ich,— einen Augen⸗ blick nur... ich bringe es ſogleich wieder! Die Frau ſah mich verwundert an, gab mir aber das Papier, denn ſie wußte, wer ich war. Ich eilte, was ich konnte, hinunter, kam in den Park und ſah ihn noch auf der Bank ſitzen, von wo er ſich, ſobald er mich ſah, erhob und mir mit vor⸗ ggeſtreckten Armen entgegenkam. — Hier, hier!— rief ich,— iſt ihr Name und Alles, worüber Sie Auskunft wünſchen. Er ergriff das Blatt mit zitternden Händen... ine Blicke jagten über das Papier... er ſtammelte ind ich las: 14 8 6 — 212— — Georgine Grey, ſechsundzwanzig Jahre alt, aus London gebürtig, u. ſ. w. — Ach!— rief er und gab mir das Blatt mit einem tiefen langen Athemzug zurück, das war eine traurige, traurige Täuſchung... aber ſo ähnlich ... doch! gelobt ſei Gott!... Und, wie mir däuchte, ein ſtilles Gebet ſpre⸗ chend, lehnte er ſich gegen den Rückſitz der Bank und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen, das von kal⸗ ten Schweißtropfen gebadet war. Ich war ſo aufgeregt von der vorhergegangenen Scene und ſo erſchüttert von den furchtbaren Ge⸗ müthsbewegungen eines Fremden, als wenn ſie mich ſelbſt betroffen hätten... das, was dieſer Menſch Schlimmes erfahren, mußte in der That etwas Un⸗ gewöhnliches ſein, und ich betrachtete ihn daher be⸗ klommen und auf das Höchſte bewegt, aber mit der ungetheilteſten Aufmerkſamkeit und der lebhafteſten Theilnahme. ☛ Da ſah ich an ihm die unverſiegliche Quelle der Seele geöffnet... Thränen, heiße Thränen durſ ſeine Finger rinnen, und... geſtehe ich es gern... auch meine Augen wurden gefüllt von ſ köſtlichen Thau, der den tiefſten Schmerz erleich — 213— und die volle Bruſt jener unerträglichen Laſt enthebt, die ſie ſonſt ſprengen und vernichten würde. Nach einigen Minuten, die wir ſo, duͤrch den Schmerz mit einander verbunden, der für mich noch keinen Namen hatte, hingebracht, ließ er die Hände von ſeinem Geſichte ſinken und zeigte mir ein ganz anderes Antlitz. Es war noch mit den Spuren der eben vergoſſenen Thränen bedeckt, aber ſchwach und ſanft geröthet, ob durch das Gefühl der Schaam, daß ich ihn in einem furchtbaren Augenblick, dem er nicht zu widerſtehen vermochte, belauſcht, ob durch die freudige Erhebung ſeiner Seele... ich weiß es nicht... aber es war ruhig, milde und durch die edelſten Empfindungen verklärt. Und mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen, ſo klaren, und ans Herz dringenden Stimme ſagte er: — Gehen Sie, gehen Sie... ach, Sie ſehen, es war eine Täuſchung meiner aufgeregten Phantaſie, meiner durch vier Jahre der Trennung aufs Aeußerſte geſtiegenen Sehnſucht, meiner armen, unabläſſig ge⸗ quälten Seele... gehen Sie... Sie haben mich ſchwach geſehen... Andere nennen es verrückt... Ach!= fuhr er nach einer kurzen Pauſe des Sinnens 3— ich muß Ihnen unerklärlich ſein, ein düſte⸗ raumgebilde, ein unauflösliches Räthſel — 214— Sie ſollen Alles erfahren, ich habe Ihnen nichts mehr zu verbergen, kein Geheimniß ſoll ferner zwi⸗ ſchen uns ſein, und da Sie die Wirkung geſehen ha⸗ ben, ſollet Sie auch die Urſache kennen lernen... aber jetzt gehen Sie und laſſen Sie mich allein, ich bin mir ſelber einige Aufklärung ſchuldig... mor⸗ gen oder übermorgen, ſobald es geht, ſoll Ihnen die Ihrige werden... Ich wollte ſprechen, ich faßte ſeine Hand, ich wollte ihm ſagen, er ſei noch nicht vollſtändig beru⸗ higt, er ſei krank, aber er machte ſich von meiner Hand frei... — Laſſen Sie mich, mein Freund, mein Bru⸗ der, wie Sie ganz richtig ſagten... ach! ich habe ja keinen... ich muß, ich muß jetzt allein ſein, und da ich Ihnen die Wahrheit ſchuldig bin, ſo ſollen Sie ſte hören. Und mit der Hand zum Gruße winkend, ging er langſamen Schrittes davon, durch den Park und in das Haus, ſtieg die Treppen hinauf und verſchloß ſich in ſein Zimmer, während ich mich, mit klopfen⸗ dem Herzen und neu erregter Hoffnung, auf das mei⸗ nige begab, um über das eben Erlebte weiter nach⸗ „.. zudenken. —— — 8 VI. Eine wahnſinnige Schauſpielergeſellſchaft. 4 In der Conferenz, welche dem Concerte gefolgt war, hatte man beſchloſſen, diejenigen Irren, welche man für die Darſtellung des Schauſpiels auserwählt hatte, am nächſten Morgen zu verſammeln, um ihnen ſowohl das Glück anzuzeigen, welches ſie erwartete, als auch, um ihnen ihre Rollen zuzutheilen, die der Oberarzt längſt zu dem Zweck hatte ausſchreiben laſſen. . In der dazu beſtimmten Stunde fanden ſich die einzelnen Kranken ein, neugierig und unendlich glück⸗ lich über das beneidenswerthe Loos, das ihnen zuͦge⸗ fallen war. Man hatte ein allgemein bekanntes, derehrtcs und ergreifendes Stück ausgewählt, Shakeſpeare's König Loar, da dieſes Trauerſpiel durchaus der Abſicht ente — 216— ſprach, welche die Unternehmer vor Augen hatten. Denn ſie gebrauchten ein Schauſpiel, welches alle menſchlichen Leidenſchaften in Anſpruch nimmt, voll von Gemüthsaffekten iſt, den Geiſt ſpornt und dennoch we⸗ gen der darin befindlichen Gegenſätze des Guten und Schlechten beruhigt und zur Lehre dienen kann. Er⸗ ſteres ſollte ſeinen gebührenden Lohn, letzteres ſeine rechtmäßige Strafe erhalten. Wie dies nun durch Kö⸗ nig Lear's Trauerſpiel erreicht werden ſollte, wird der Leſer ſogleich erfahren. Hauptſächlich hatte man aber ſein Augenmerk auf den Contraſt gerichtet, denn dieſer iſt... wie er überhaupt ein großes Reizmittel iſt... im Be⸗ ſonderen ein vorzügliches Heilmittel in der Hand eines erfahrenen Irrenarztes. Zu rechter Zeit und bei paſſender Gelegenheit vor Augen geführt, bringt er eine große Wirkung hervor, und iſt außerdem in der Regel leicht herbeizuſchaffen. Beides aber dient dem Irrenarzte vortrefflich, denn dieſer will und gebraucht nicht alleint eine tiefgreifende, ſondern eine ohne complicirte Mittel ſchnell geſchaffene Wirkung am liebſten. Betrachtet man nun König Lear von dieſem Gej ſichtspunkte, ſo findet man nicht allein die ungeheuenn ſten Contraſte darin, ſondern in dem kurzen Zeitro einiger Stunden entwickeln ſich dieſelben auf die an⸗ ſchaulichſte und angemeſſenſte Weiſe. 4— Shakeſpeare ſelbſt läßt den Gloſter in ſeinem Trauerſpiele von den Zuſtänden, in welchen ſich daſ⸗ ſelbe bewegt, ſagen: — Liebe erkaltet, Freundſchaft fällt ab, Brü⸗ der entzweien ſich; Band zwiſchen Vater und Sohn zerriſſen, Sohn gegen Vater, Vater gegen Kind, die Natur ſelbſt aus dem Geleiſe.— Das ſind alles treffliche Dinge, um einen Geiſt, der von ſeiner regelmäßigen Bahn abgewichen iſt, auf ſeine Pflicht und ſein Verhältniß aufmerkſam zu machen. Der Oberarzt, ſchon in ähnlichen Arbeiten geübt, hatte längſt dieſes Trauerſpiel, ſeinem Zwecke gemäß, geſäubert, gekürzt und gewiſſermaßen, ohne ſeinem Werthe, den es als Kunſtwerk beſaß, etwas Bedeu⸗ tendes zu nehmen, künſtlich zugeſchnitten. Er legte mir ganz früh am Morgen, ehe wir uns zur Ver⸗ ſammlung begaben, ſeine Arbeit vor und ich hatte mit ihm ein langes Geſpräch zu dem Ende geführt. Bei genauerer Prüfung ſeines König Lear, um mich ſo auszudrücken, fand ich nicht ein einziges Wort zugeſetzt, wie ſich das von ſelbſt verſteht, nu das Ganze war in eine etwas gefälligere Fe — 218— bracht, die der Zeit und den Umſtänden angemeſſener war; und da ich den alten, unübertrefflichen Shake⸗ ſpeare, nur in verſtändlicherer Geſtalt, wiederfand, ſo war ich, einzelne Kleinigkeiten abgerechnet, natürlich mit ihm einverſtanden.. Nur das ſchreckliche Ende war von dem Kenner menſchlicher Herzen, und namentlich der ihm unterge⸗ benen Herzen, abgeändert worden. Damit nämlich die Irren die Tugend ihren Lohn und das Laſter ſeine Strafe finden ſähen, hatte er Cordelia nicht ſter⸗ ben und Lear nur ohnmächtig in ihre Arme ſinken laſſen. Und das war in dieſem Falle gewiß zu loben! Jene Einzelnheiten aber, welche meinen Anſichten zuwider liefen und worüber ich damals mit Mr. Lo⸗ renzen eine lange Unterredung hatte, verſchweige ich hier, da es vielleicht nicht von überwiegendem allge⸗ meinen Intereſſe iſt, die Meinungen eines Einzelnen über dieſen Punkt zu erfahren, der ohnehin die Nach⸗ ſicht eines gern voraneilenden Leſers ſchon zu oft in Anſpruch genommen hat.... — Wie wollen Sie aber dieſes ſchwierige Stück beſetzen?— fragte ich am Schluſſe unſerer Unter⸗ redung. — O, das iſt ſehr leicht, wie Sie ſehen werden, — war ſeine Antwort.— Ich kenne meine Leute und — 219 habe ihnen ſchon längſt im Stillen ihre Rollen zuer⸗ theilt, ohne daß ſie die geringſte Ahnung davon haben. Nun iſt es nur noch unſre gemeinſame Sache, daß Jeder der Mitſpielenden aus freiem Antriebe ßeine, gerade für ihn ausgeſuchte und paſſende Rolle wähle, denn ich liebe, wie ich überhaupt Zwangsmittel nicht liebe, den moraliſchen Zwang am allerwenigſten. Dieſe Menſchen ſollen Einſicht gewinnen und nur dadurch beſſere, ja, heile ich ſie. Und nun geben Sie Acht,“ wie uns das gelingen wird. Einige ſchöne, zur rech⸗ ten Zeit angebrachte Redensarten, eine vortheilhafte Darſtellung des Umfanges, des tiefen Sinnes und Inhaltes der Rolle, und wie natürlich der Beifall ſein muß, den man damit ärndten kann.„. das al⸗ lein wird ſchon dazu beitragen, den von uns auserle⸗ ſenen Darſteller zur Uebernahme ſeiner Rolle geneigt zu machen. Nur machen Sie ſich gefaßt, alle klein⸗ lichen, egoiſtiſchen Rückſichten und Spiegelfechtereien, wie wir ſie auf den Bretern der Welt und der Schau⸗ bühne haben, auch hier in unſerem Irrenhauſe wieder⸗ zufinden, denn dieſe Menſchen ſind wie alle Men⸗ ſchen und haben ihre ſtarken und ſchwachen Seiten ſo gewiß wie jene. Natürlich aber ſind nur diejenigen zur Rollenvertheilung eingeladen, die wir zum Spielen tauglich gefunden haben, denn wenn alle oder der — 220— größte Theil nur zugegen wäre, ſo würde die Ver⸗ wirrung übermäßig werden und wir ſo viele Schau⸗ ſpieler haben als Verrückte da ſind. Der verrückte wie der geiſtesgeſunde Menſch ſpielt ungeheuer gern Komodie, wenn ſich die Gelegenheit dazu bietet. — Aber wie? erwacht kein Neid, keine Eiferſucht der nicht Gewählten gegen die, welche glücklicher ſind als ſie? — O nein! Sie hören davon wie von einer ab⸗ gemachten Sache, ärgern ſich vielleicht ein wenig, und geben ſich nachher deſto mehr Mühe, durch vorzügli⸗ ches Betragen in den vornehmen Rang der Spieler mit einzutreten. Deshalb beruhigen ſie ſich bald, denn ſie hoffen von der Zukunft für ſich ein Gleiches. Und nun ſollen Sie ſehen, wie gut ſie beſonders den wahn⸗ ſinnig gewordenen Lear, den albernen Narren und den verrückt ſich ſtellenden Edgar darſtellen werden. Jeder, der eine von dieſen Rollen ſpielt, wird ſich bemühen, ſo wahnſinnig, albern und verrückt wie möglich zu ſein, und Alles nur, um etwas ſ cheinen zu wollen, was er in der That niemals ſein will. Es wird, wie immer, eine ordentliche Rivalität unter ihnen ent⸗ ſtehen, ſich vor einander auszeichnen zu wollen, eben ſo wie die Zuſchauer, ſobald ſie die Namen der Dar⸗ 4 ſteller erfahren, wetten werden, wer ſeine Rolle am 8 — 221— beſten auffaſſen und darſtellen wird; denn dieſe Ver. rückten wetten ſo ſchön und eifrig wie andre Leute und haben über fremde Angelegenheiten ein eben ſo richti⸗ gges wie über ihre eigenen ein falſches Urtheil. — Aber,— fragte ich weiter,— fürchten Sie denn unter den Schauſpielern verſchiedenen Geſchlechts keine Vorfälle ernſter Art, keine entſtehende Neigung, keinen möglichen Abſcheu, keinen Widerwillen? — Ganz und gar nicht!— erwiderte der Arzt. — denn einmal finden wir das in der Welt eben ſo und oft noch viel deutlicher und ſchroffer ausgeſprochen als hier. Betrachten Sie nur einmal den ſogenann⸗ ten künſtleriſchen Eigenſinn und ſeine Laune, ob Sie da nicht manchmal an dem geſunden Verſtande dieſer liebenswürdigen, talentvollen Perſonen zweifeln möch⸗ ten! Niemand aber hat vor all' dem Krieg und all' der Feindſeligkeit, mit der ſie auf einander losſtürzen, feeinen entſchiedenen Nachtheil, man müßte denn die Verletzung ſeiner Eitelkeit dafür halten. Hierin iſt Jeder ſein eigenes Schickſal und er hat ſich zu hüten, daß er ſich ſelbſt kein Elend bereite. Während wir nun dieſen Vortheil mit den vernünftigen Menſchen gemeinſam haben, haben wir unſererſeits noch einen andern, und für uns einen viel wichtigeren, voraus, nämlich den: daß es uns ſchon oft gelungen iſt, dur — 222— feine leidenſchaftliche, unvorhergeſehene Neigung, durch eine intereſſante, nachhaltige Bekanntſchaft, durch das Anſpinnen eines unſchuldigen Romans eine ſchnelle, glückliche Heilung zu Stande zu bringen. Ueberhaupt giebt es ja nichts Heilſameres für unſre Pfleglinge, als wenn es uns gelingt, ſie aus ihrem Inſichverſun⸗ kenſein heraus, und in das Sichhineindenken in eine andre Lage, bringen zu können. Und was bewirkt dies mehr, als die Liebe, dieſe am wenigſten egoiſti⸗ ſche Leidenſchaft, deren Gegenſtand eine fremde Indi⸗ vidualität iſt! Freilich haben Sie Recht, wenn Sie fürchten, es könne einmal ein Irrthum, ein Fehltritt, eine ſogenannte Scene entſtehen... das iſt auch ſchon vorgekommen... aber, haha! dafür haben wir ja Mittel, dem Irrenden ſeine richtige Stellung in unſerer Welt anzuweiſen und ihn vor der Wieder⸗ holung ſeiner Thorheit zu bewahren. Uebrigens weiß hier auch ein Jeder, was ſich für ihn ziemt, und da er es für einen Vorzug hält, mitzuſpielen, ſo zeigt er ſich von ſeiner beſten Seite, um auf keine Weiſe ſein einmal erlangtes Glück ein für alle Mal zu ver⸗ ſcherzen. So, wie Sie ſehen, daß uns das Concert nützte, nützt uns auch das Schauſpiel, denn bei je⸗ der ſolchen Auffuͤhrung haben wir die Erfahrung ge⸗ macht, daß Einer wie Alle ſich Mühe gaben, unſeren Vorſchriften zu folgen, das Verlangte zu thun, ge⸗ horſam, freundlich, ordnungsliebend und fleißig zu ſein. Sie ſehen, wir ſind auf Alles gefaßt und vor⸗ bereitet. Ich ſah die Vortrefflichkeit von dem, was er mir ſagte, ein, geſtand ihm dies auch gern zu und wünſchte ihm Glück, im Stande zu ſein, ſo viel Gu⸗ tes durch ſo viel Angenehmes leiſten zu können. Nach dieſem langen, aber intereſſanten Geſpräche begaben wir uns in das Verſammlungszimmer, in dem ſich die auserwählten männlichen Perſonen ſchon befanden, die, da ſie den Gegegſtand der Wahl noch nicht kannten und ſchon einige Zeit auf uns warte⸗ ten, beinahe vor Neugierde und Erwartung ſtarben, welchen Antheil an dem ſchönen großen Ganzen ihnen das Schickſal wohl zuertheilt haben moͤchte. Kaum hätte ein Fremder, wenn er zufällig in dieſes Zimmer getreten wäre, an irgend etwas ge⸗ merkt, daß er ſich unter Irren befinde; ſo geſittet, wohlwollend, anſtändig gekleidet und im Ganzen wie im Einzelnen vortheilhaft ſtellten ſich diejenigen dar, um deretwillen die heutige Zuſammenkunft ſtattfand. Bald nach uns kam auch der Direktor mit Mr. Derby; auch der Prediger fehlte nicht, denn man ſtate von ihm, er hätte in ſeiner Jugend ſehr gern — 2214 Komödie geſpielt, ja, ſich als Liebhaber durch Ori⸗ ginalität und Wärme des Gefühls ausgezeichnet. Wie dem auch ſei, er geſtand ſelbſt ein, daß er noch jetzt dieſer Kunſt mit einer leidenſchaftlichen Aufregung ergeben ſei und keine Gelegenheit verabſäume, ihr ſei⸗ nen Beifall zu zollen und ſeine durch Theorie und Praris erlangte Einſicht durch neues Studium zu ver⸗ vollkommnen. Endlich kam auch der Irre von St. James, denn er hatte ſich vom Direktor die Erlaubniß ausgebeten, bei der Rollenvertheilung gegenwärtig ſein zu dürfen, was ihm natürlich gern geſtattet worden war. Ich empfand einige Unruhe, als ich ihn nach jener Scene im Park zum erſten Mal wieder ſah, aber ſie verſchwand ſogleich, als ich ſeine friedfertigen Züge in ihrer gewöͤhnlichen geiſtigen Ruhe glänzen ſah. Indem ich mich ihm näherte und ihm die Hand drückte, ſagte ich lächelnd: — Ei, wollen Sie auch Komodie ſpielen? — Gewiß!— entgegnete er freundlich, aber leiſe, — freilich in einer andern Art, als Sie denken; aber Sie werden ſehen, daß ich hier nicht ganz unbrauch⸗ bar bin... ich kenne die Art und Weiſe ſchon, wie man ſich bei einem ſo ernſthaften Geſchäft benehmen muß. 4 melten: ſagte der Direktor laut zu — Ich brauche die hier Anweſenden nicht zu er⸗ innern, daß wir, von der Frau des indem wir Damen erwarten, nicht vergeſſen dürfen, was wir ihnen gegenüber als Män⸗ ner ſchuldig ſind... ich meine, jenige Hochachtung und Aufmerkſamkeit zollen, welche das ſchwache Geſchlecht von dem ſtärkeren zu erwar⸗ . ten hat. Das Dekorum iſt und bleibt das Prinehh Direktors, 1. Band. 115 und zugleich die Zierde unſeres Unternehmens. Ich bitte Platz zu nehmen, Gentlemen, wenn die D damen eingetreten ſind. Gleich darauf erſchienen die Erwarteten, geführt bei der ſie ſich verſam⸗ melt hatten. Man machte ſich einige ſtumme Verbeu⸗ — gungen, nachdem die jungen Damen einen unſicheren, weenn gleich freundlichen, Blick über die Geſellſchaft hatten ſchweifen laſſen, und ſetzte ſich dann um einen großen runden Tiſch, der in der Mitte des Zimmers ſtand und mit einer dunkelg grünen unaſdeut vers⸗ hängt war. Iett begann ſogleich Mr. Elliotſon ſeinen Vor⸗ trag; doch bevor ich dem Leſer die a kleigge Scene mittheile, wird es nöthig ſein, ihm ei⸗ nige Nvon den berufenen anweſenden Irren etwas ge⸗ Der, Irre von St. James. 3 lsbald folgende den Verſam⸗ daß wir ihnen die⸗ — 226— nauer zu ſchildern, damit er ſpäterhin bei der Ver⸗ theilung der Rollen und bei der Aufführung ſelber auch wiſſe, was er ſich bei den vorzuführenden Per⸗ ſonen zu denken habe. Doch da dieſe Schilderung für manchen Leſer nur von untergeordnetem Intereſſe ſein dürfte und mich leicht über die mir geſteckten Grenzen hinausführen könnte, ſo bemühe ich mich, ſie ſo kurz wie möglich zu entwerfen. 3 Rechts mir zunächſt... wihrend Nr. Sidney ſich zu meiner Linken befäͤnd., ſaß ein großer, breitſchultriger, wohhvollender⸗ alter Mann mit einem faſt ganz kahlen Schei itel, um deſſen Schläfe und Hinterhaupt nur noch einige weiße kleine Haarlocken hingen. Seine großen blauen Augen blickten kühn und gebieteriſch um ſich her, ſeine Geſichtsfarbe war zwar etwas blaß, a aber das Antlitz ſelbſt wohlgenährtn Um ſein ſtarkes, männliches Kinn ſchloß ſich, bis beinahe an die Ohren hinauf, ein eisgrauer, gelock⸗ ter und ehrwürdiger Bart, der mit großer Sorgfalt gepflegt war und mit dem, ſeine Oberlippe zierenden, ſilberweißen, prächtigen Schnurrbart zuſammenlief. Gleich an ſeinem befehlshaberiſchen, kühnen ui. ſtolzen Aeußeren, ſo wie an ſeiner knappen, für einen ſo alten Mann auffallend gewählten Kleidung hah man, daß er Militair geweſen war, und in der —‧‧—— — 227— That, ſeine Haltung war immer noch die feſte und 1 unnachahmliche eines alten mit Lorbeeren geſchmückten Kriegers. Auf ſeiner außerordenthah⸗hshen und brei⸗ ten Stirn ſpielte ein gewiſſes E bas den vor⸗ nehmen Mann verr g ich mit ſeiner gan⸗ ſtand. Es war dies eine ächte König Leads In, denn zu dieſer wichtigen ¹ und e 9 Der ey edele Mann auserleſen. Seind hitz überſtandene Krankheit war durch die Verletzung ſeines Ehrgefühls herbeigeführt worden. Im Avancement übergangen, was ſo we⸗ nige ſtolze Naturen ungefährdet ertragen können, glaubte er ſich von der Regierung vernachläſſigt, und ſein al⸗ tes treues Kriegerherz litt gewaltig unter dieſer Krän⸗ kung. Er fing damit an, überall ſein ihm widerfah⸗ Aenes Unrecht zu erzählen und, was ſonſt nicht ſeine Sache war, ſeine Thaten herauszuſtreichen, ohne je⸗ ₰½ doch Andere herabzuſetzen. Dann wurde er ſchweig⸗ ſam, zog ſich von allem Umgang zurück und fiel end⸗ lich in eine tiefe, durch nichts zu zerſtreuende Melan⸗ cholie. Gegenwärtig war er, wie ſchon geſagt, der Heilung nahe und überaus munter, obgleich ſtets würdevoll und mit Anſtand zurückhaltend. Ich ſah ihn oft mit dem Irren von St. James, den er ſehr liebte, fechten, wobei der alte Herr nicht 1 15* — 228— merkte, daß ihn jener auf alle Weiſe ſchonte, auch konnte er ſich nicht genug wundern, wie ein Mann, der nie Soldat⸗geweſen, ſo vortrefflich ſeinen Degen zu gebrauchen verſtehe, denn er erkannte nothgedrun⸗ gen in ſeinem jüngeren Gefährten immer den Meiſter in ſeiner über Alles geſchätz en Kunſt.) Uebrigens liebte er noch er das Kommando, und einige der Irren varer 1 üthiß genug, ſich freiwillig ſeinen Erercirübungt zu unterwerfen, wobei er denn niemals unterließ, ſeine Donnerſtimme durch den ganzen Park erſchallen zu laſſen und auch gele⸗ gentlich einige militairiſche Püffe auszutheilen. Den⸗ noch war er überall geliebt und ſtand in nicht gerin⸗ gem Anſehen, wenn er, auf ſeinen dicken Baltimore geſtützt, mit hoch erhobenem Kopfe, langſam und ſtolz im Schatten des Parkes ſpazieren ging. — Endlich aß und trank er gern etwas Gutes und genoß ſeinen Rehbock oder ſeine Rebhühner, die ihm von Zeit zu Zeit ein alter Freund und Kampfgefährte zuſandte, wohlgefällig am Tiſche des Direktors, un⸗ ter Zuziehung des Unterarztes und des Predigers, welche Beide ſeine Freunde und ſtets bereite Gäſte waren. 8 Wegen ſeiner oberwähnten militairiſchen Liebha⸗ berei ward er von faſt ſämmtlichen Irren der Ober ſt genannt. Sein Name war Lincoln. Ihm zur Seite ſaß ein junger, zartgebauter, an⸗ genehmer Mann mit ſehr blaſſem Geſichte, ſanften melancholiſchen Zügen und ſchwarzglänzenden, äußerſt glatt gekämmten Haaren. Dieſer talentvolle Jüngling war durch einen nichtswürdigen Streich um ſeinen Ver⸗ ſtand gebracht, den noch dazu, leider! ſein eigener Va⸗ ter verſchuldete. Er war nämlich als jüngerer Sohn beſtimmt, Geiſtlicher zu werden, und bezog auch zu dieſem Zweck die Univerſität. Allein ſeine ganze natürliche Anlage, dieſe ſo oft dem ſtarren Vaterſinne entgegenſtrebende Widerſacherin, und ſein ganzer ihn unwiderſtehlich be⸗ drängender Hang zog ihn von frühſter Jugend ſchon zur Bühne hin, und wir wiſſen es Alle, Bühne und Kanzel vertragen ſich ſchlecht mit einander. Der hochſt fromme und von ſeiner beſſeren Ein⸗ ſicht überzeugte Vater, in Verzweiflung, ſeinen Sohn in einer ſo gottvergeſſenen Laufbahn zu ſehen, ſetzte Himmel und Erde in Bewegung, ihn von ſeiner lei⸗ denſchaftlichen Liebhaberei zu befreien, denn er ſah im Gefolge ſeines eigenen Wunſches den Himmel, in dem ſeines Sohnes aber die Hölle. Allein der junge Mann, ſcheinbar ſeinen Pfli — 230— ten nachkommend, legte ſich mit einem Eifer, der als etwas Verbotenes nur um ſo wärmer getrieben wurde, auf die Kunſt, ſo daß er, nach Beendigung ſeiner theologiſchen Studien, und nachdem er einige heim⸗ liche Kunſtreiſen gemacht, als vollendeter Schauſpieler zurückkehrte. In ſeiner Vaterſtadt angelangt, wo ein ſte⸗ hendes Theater war, beſchloß er, ſogleich ſeine Landsleute und vor Allen ſeinen unzufriedenen Vater von ſeinen Talenten zu überzeugen und ihn auf dieſe Weiſe zur endlichen Erfüllung ſeiner künſtleriſchen Wünſche zu nöthigen. Es wurde gerade Hamlet gegeben und er über⸗ nahm ſeine Lieblingsrolle, die Titelrolle. Aber der Vater, im Stillen von dieſen Vorgängen unterrich⸗ tet und dadurch aufs Aeußerſte gebracht, berieth ſich mit ſeinen theologiſch geſinnten Freunden, auf welche Weiſe man den ungerathenen Sohn am nachdrücklich⸗ ſten von ſeinem Irrwege ablenken könne. Und man beſchloß in vortrefflicher Gemeinſchaft und in Kennt⸗ niß der feinen Organiſation des Unglücklichen, ihn lächerlich zu machen. Bekanntlich aber iſt füͤr ge⸗ wiſſe Naturen dieſe Procedur eine bei weitem ſchrecklichere und unerträglichere Strafe, als ſogar eine öffentliche Be⸗ ſchimpfung. Und mit dieſer Natur war der liebensmürdige und talentvolle junge Mann unglücklicherweiſe bezabt. † Alles war vollſtändig verabredet und zur Aus⸗ führung bereit. Als Hamlet zum erſten Mal erſchei⸗ nen ſoll, tritt er, im Gefühle ſeiner Kunſt und Ge⸗ ſchicklichkeit, würdig auf, und das Publikum, mit Theilnahme ihm ergeben, empfängt ihn mit Auszeich⸗ nung.„ Der junge Mann, entzückt über ſein Glück, wagt einige dankende, herzliche Worte und wird applaudirt. Da, in Begriff, ſeine Rolle zu beginnen, dreht er ſich zur Seite und plötzlich... bricht das ganze Publikum in ein laut ſchallendes Gelächter aus. Der auf ſo ſchreckliche Weiſe Unterbrochene ſchaut ſich um, dreht ſich nach allen Seiten; aber das Ge⸗ lächter, indem es ſich verallgemeinert, wird bei jeder Wendung, die er macht, ſtärker und geht zuletzt in ein ununterbrochenes bacchantiſches Gejauchze über. Jetzt endlich, in kalten Angſtſchweiß gebadet, nimmt der alſo Begrüßte ſeinen Rückzug durch die erſte beſte Kouliſſe. Aber auch hier empfängt man ihn mit einem gräßlichen Gewieher. Seine Gedanken fangen an ſich zu verwirren, er weiß nicht mehr, was er thut, und, er erſcheint abermals auf der Bühne. He ſchreit eine Stimme, das ungeheure Ge⸗ lächter weit übertönend, mit komiſchem Pathos: 232— — Der Zopf, der Zopf, der Zopf! Mechaniſch greift der zu früh verzweifelnde Ham⸗ let nach ſeinem Nacken und erfaßt... einen fauſt⸗ dicken, von Stroh geflochtenen Zopf, den man ihm vor ſeinem Heraustreten auf eine geſchickte Weiſe an⸗ geheftet hatte. Der arme, unglückliche junge Menſch ſteht wie angedonnert da, aber nur einen Augenblick; dann ſtürzt er fort, läuft in ſeinem künſtleriſchen Anzug nach Hauſe und... vom ganzen Publikum, von dem er ſich Lorbeeren verſprochen hatte, verhöhnt und verſpottet an ſeiner empfindlichſten Stelle getroffen, erträgt et tht den entſetzlichen Schlag und... ver⸗ liert ich den Verſtand. Anfangs war er raſend, dann akr erfaßte ihn eine tiefe, wehmüthige Melan⸗ ſei der Prinz von Dä⸗ nemark, beklagt er ſ ges Geſchick. In dieſem Zuſtande kam er nach St. James, wo ſein Schickſal bald bekannt wurde und er von ſeinen Gefährten, wider Wiſſen der Aerzte und des Direk⸗ tors, den Namen Hanlet erhielt, den er jetzt, ziem⸗ lich-⸗hergeſtellt, ohne Widerſtand als etwas ganz Gleich⸗ guültiges ertrug. Sein Name iſt mir wohl bekannt, aber ich darf ihn nicht nennen, denn er ſelbſt und ſeine Verwand⸗ ) 144 233— „ ten leben noch in W... Seinem Charakter nach war er ſanft, beſcheiden, friedfertig und von Allen geliebt. Man hatte beabſichtigt, ihm die Rolle des Edgar zu übergeben, war. 3 Neben ihm ſaß wozu er auch ganz geeignet ein ältlicher Mann mit ausdrucks⸗ vollem Geſicht, von mittlerer Größe und durchaus an⸗ genehmem, Vertrauen erweckendem Aeußern. Er war ein vornehmer Mann, ein Baronet, der, ſein ganzes Leben nach Belehrung trachtend, dieſelbe an allen En⸗ den der Welt aufgeſucht und ſich dabei jene liebens⸗ würdigen Manieren angeeignet hatte, die man nur im Umgange mit der großen und gebildeten Welt er⸗ 4 Während meines Aufenthaltes i habe ich dieſen braven Mann ich mußte ihn ſeines B wegen achten und um len tief beklagen. Er war früher ſehr reich geweſen, hatte aber dieſen Reichthum niemals für ſich, ſondern allein für die vielen Kinder einer armen Sch *. i/ St. James ſehr liebgewonnen, denn etragens und ſeiner Kenntniſſe ſeines traurigen Schickſals wil⸗ einzig und ſier weſter ver⸗ ſten Verhältniſſen lebte. 3 1 wirbt. „wapdt, die, übel verheirathet, eben nicht in den be⸗ „ 1 Auf einer Reiſe nach Amerika begriffen, erfuhr — 234— er das Falliment des großen Hauſes, bei dem er faſt ſein ganzes Vermögen ſtehen hatte. Das war ein Donnerſchlag für dieſes edle Herz, das nur für die ſtillen Wiſſenſchaften und die Erzie⸗ hung ſeiner Schweſterkinder zu leben gewohnt war. Schon in Amerika war er der Verzweiflung nahe. Zu Hauſe angelangt, erfuhr er nur allzubald die Wahr⸗ heit und den Umfang ſeines Verluſtes, und nun, troſtlos und nicht im Stande, den Jammer ſeiner Schweſter und deren Kinder zu ertragen, erlag er ſei⸗ nem Geſchick, das ihn in dieſes Irrenhaus führte. Er war unter allen Anweſenden ſeiner Heilung am nächſten gerückt. Ihm hatte man die Rolle des Kent zugedacht. Da er keinen mir bekannt geworde⸗ nen Spitznamen beſaß und ich ſeinen Namen nicht nennen mag, werde ich ihn mit ſeinem Stande, Ba⸗ ronet, bezeichnen. Neben ihm ſaß, einen ſeltſamen Contraſt mit ihm bildend, ein ſonderbarer Menſch. Lang und ha⸗ ger, wie er war, ſaß er immer in einen ſpitzen Win⸗ kel gebogen und hatte faſt ſtets den linken Fuß, in⸗ dem er ihn über das rechte Bein ſchlug, in der Hand. Sein Geſicht hatte etwas Mumienhaftes an ſich; ſeing. Backenknochen ſtanden weit heraus, die dunkelen Haate fielen ihm etwas unordentlich über die niedrige Stirn, und nur ſeine große Habichtsnaſe und ſeine brennen⸗ den, glitzernden grauen Augen gaben den unſtäten Geiſt zu erkennen, von dem er beſeelt war. Dies war einer von den gewöhnlicheren Kran⸗ ken, aber man hatte ihn ſeiner Fähigkeiten wegen in den Kreis der Darſtellenden gezogen. Er ſollte den Narren abgeben, und in der That! der Mann war wie geſchaffen dazu. 2 Er war früher Schulmeiſter in Mancheſter gewe⸗ ſen; die Urſache ſeines Erkrankens dunkel, von ihm ſelbſt aber als Plage ſeines Lebens ſeine zänkiſche Frau angegeben, die ihn ſo lange gequält, bis er endlich verrückt geworden. Es iſt nicht zu leugnen, der lange Hals, auf Um ſein origineller Kopf mit den wirren Haaren ſaß, ſah komiſch aus, zumal wenn er ihn wie ein Storch emporreckte. Und wenn er dieſe Pantomime machte und ein gutmüthiges Lachen, welches eigentlich nur ein freundliches Grinſen war, von ſich gab, ſo wußte Jedermann, daß er nun in Bereitſchaft ſei, irgend einem komiſchen Einfalle das Leben zu geben. Seine vollſtändige Heilung erfolgte während mei⸗ ner Zeit nicht, auch ſehnte Mr. Green ſich gar nicht wiede fort, ſhan ſo gute, ruhige Tage, wie er ſte hier verlebte, ¹ — waren ihm nie geboten worden, und — 236— ſeine liebe Frau, die immer noch keifte, ließ ihn das Leben draußen wie den Tod fürchten. Wegen ſeiner eigenthümlichen Haltung, ſeiner langen Schritte und der merkwürdigen Wendung ſei⸗ nes Kopfes wurde er von ſeiner Umgebung gewöhn⸗ lich der Storch genannt. Nach ihm folgte ein junger, ziemlich hübſcher, aber augenſcheinlich der Eitelkeit ſehr ergebener Mann mit ſchwarzen Haaren und einem barbariſchen Schnurr⸗ und Backenbarte verſehen, auf die er eine ausgezeich⸗ nete Sorgfalt zu verwenden ſchien, denn er ſtrich und bürſtete ſie alle Augenblicke, auch führte er einen klei⸗ nen Spiegel bei ſich, den er hervorzog, ſobald er hoff⸗ te, der Direktor und die Aerzte würden es nicht ge⸗ wahr. Es war ein früherer Gardeoffizier, den ein allzu lockeres, leichtſinniges Leben, das Spiel, Wet⸗ ten, zahlloſe Liebſchaften und Schuldverſchreibungen ins Irrenhaus gebracht hatten. Hier hatte er ſich, wunderbarer Weiſe, früher damit beſchäftigt, ein neues Planetenſyſtem zu erfinden; er zeichnete Himmelskar⸗ ten mit phantaſtiſch benannten Geſtirnen, denen er beſtimmte Bewegungen und Eigenſchaften beilegte und die er in einem dickbäuchigen Beſchreibecommpendium der Nachwelt aufbewahrte. Ich habe dieſes merkwaͤrdige Buch oft in Händen gehabt und nie begreifen köhf⸗ Aäuuich und — /237— nen, wie ein Menſo ohne alle Anleitung dazu einen ſolchen grenzenloſen Unſinn ſinnig darzuſtellen im Stande war. Uw ihm jedoch in dieſem ſeinem himm⸗ liſchen Beſtreben entgegenzutreten, hatte man ihm ſeine Karten und Pläne weggenommen, mit der Zeit hatte er ſie vergeſſen und jetzt wußte er nichts mehr davon. Er war trotz aller Bemühungen ſeiner Aerzte im— mer noch ſehr eitel, oft ſogar geckenhaft, dem ſchönen Geſchlecht ſergeben und unter den Anweſenden der Ein⸗ zige, Fer ſeine Gegenwart auf alle mögliche Weiſe den zu geben verſuchte, denn er hu⸗ eden Augenblick, bog ſich vor, cheln, warf ſich mit Ge⸗ ßzer zurück und Damfen zu erkennen ſtetſ und räuſperte ſich j veßſſuchte mit Anmuth zu lä einem ſehnſuchtsvollen Seu ſten Blicke, nicht auf leuderte endlich die ſchmachtend nie, ſondern auf alle drei Damen zugleich. Außerdem gab er vor, ſehr oft in ſeinem Leben omödie geſpielt zu haben und wollte ein guter Schau⸗ jeler ſein. Da er keck, unverſchämt und laut genug ar und damit ein. leidlich gefälliges Aeußere verband, hatte man ihm die Rolle des Baſtard Edmund gedacht. Seines Namens erinnere echtweg der L ich mich nicht mehr, ar den Irren wurde er ſchl ieutenant nannt. — 238— Neben ihm ſaß ſein gewihnlicher Partner im Billardſpiel, Mr. Kingſton, ein Maler; ein freund⸗ licher, weichherziger, edler junger Nann von achtund⸗ zwanzig Jahren, der einen leutſelmen Geſichtsaus⸗ druck darbot. Als er vor einigen Jahren das Por⸗ trait einer Prinzeſſin gemalt, hatte er ſich dergeſtalt in dieſelbe verliebt, daß er ſich für einen ihr Eben⸗ bürtigen hielt, und da er, als er in das Hospital kam, Jedermann von Mzlöniglichen Abkunft und ſeinen Ausſichten erzählte, wurde er bald der Prinz genannt. Ihm ſollte die erhabene Rolle des Königs Jon Frankreich zuertheilt werden. An ſeiner Seite ſaß ein wirklicher Schauſpic Mr. Bateman, ein etwas bejahrter Mann, der ſche ſechs Jahre im Irrenhauſe ſichebefand. Auch er wi durch gekränktes Ehrgefühl um ſeinen Verſtand gekon men. Denn früher nur in kleinen Städten ſpielen hatte er ſich vorgeſetzt, auch den Hauptſtädten den V weis zu liefern, daß nicht alle großen Schauſpich in London angeſtellt ſein müßten. Er ſetzte es dur⸗ eine Heldenrolle zu erhalten, zu der er allerdings nie geſchaffen war, ward dabei ausgepfiffen, was er 6 zu Gemüthe zog und wurde plötzlich... ein Wide ſpruch, den wir alle Tage erleben... ein religiöſe Schwärmer, der das Schauſpiel verbannt und auf den Bretern öffentliche Gebete abgehalten wiſſen wollte. So kam er nach St. James, wo er wieder von ſei⸗ ner Schwärmerei geheilt wurde. Sein Aeußeres war empfehlend, ſein Benehmen doch war er furchtſam und mißtrauiſch und glaubte, da er einmal ausgepfiffen war, könne ihm das alle Tage begegnen. Er wurde der Komö⸗ diant genannt und ſollte den Grafen Gloſter ſpie— . ohne Tadel, len.. Sein Nachbar war ein junger Mann aus dem Beamtenſtande, der ſich in den Kopf geſetzt hatte, die Tochter ſeines Chefs zu heirathen. Mit einer abſchläg⸗ lichen Antwort etwas unſanft zurückgewieſen, hielt er es für eine Conſequde ſeines männlichen Charakters, ſeine Geliebte gewaltſam zu entführen. Er drang in ihr Schlafkabinet, erſchreckte ſte zum Tode und zuckte ſogar gegen ihren Vater einen Dolch, ohne den ernſt⸗ lichen Willen jedoch, ihn zu verletzen. Er hatte keine beſonders hervorſtechende Perſön⸗ lichkeit und war jetzt auf dem beſten Wege der Hei⸗ lung. Sein Name war Mr. Richmond, und weil ver in ſeiner früheren Schwermuth immer die Einſam⸗ 3 keit geſucht und ſich von den übrigen Irren häufig —xx — 240— abgeſondert hatte, wurde er bald der Einſiedler genannt. Ihm war die Rolle des Herzogs von Burgund zugedacht. Dieſem zunächſt ſaß ein ebenfalls noch ziemlich junger, arbeitſamer und leidlich freundlicher Mann, ein Advokat, der über ſeine juriſtiſchen Prozeſſe den Prozeß aus den Augen verloren hatte, den ihm ſeine hübſche Frau in ſeinem eigenen Hauſe bereitete, in⸗ dem ſie zuletzt mit ihrem Geliebten auf und davon ging. Von dieſem leider nicht gar zu ſeltenen Vorfalle unterrichtet, hatte die muthwillige Jugend ihn auf der Straße mit faulen Aepfeln beworfen und Hahnrei ge⸗ nannt, worüber er den Verſtand verlor, ſich für einen aus der menſchlichen Geſellſchaft Verſtoßenen betrach⸗ tete und endlich in ein Irrenhaus gebracht werden mußte. Nachdem hier ſeine erſten Parorysmen be⸗ kämpft waren und ihm das Licht des Verſtandes wie⸗ der an zu tagen fing, zeichnete er ſich durch Fleiß und ein ſittſames, der Ordnung des Hauſes ſtreng nachlebendes, Betragen aus. Ohne getrieben zu wer⸗ den, arbeitete er freiwillig auf dem Büreau des Di⸗ rektors und hielt ſich ſogar viel in deſſen Familie auf. Er hieß Mr. Simple und wurde nach ſeinem Stande u * — 241— der Advokat genannt. Seine Gemüthsart war ſtill, nachdenkend, weichherzig. Er ſollte den Herzog von Albanien ſpielen. Sein nächſter Nachbar war ein hochgewachſener, beinahe flachsblonder Mann in den Dreißigern, ziem⸗ lich friſch ausſehend und ſtets bemüht, ſich eine nach⸗ läſſig vornehme Miene zu geben. Er war der Sohn eines reichen Kaufmanns aus Liverpool, hatte durch ganz Europa Reiſen gemacht und ſich überall, ſogar an einem deutſchen kleinen Hofe, wo er einige Zeit verſchwenderiſch lebte, für einen engliſchen Lord ausgegeben. In der Fremde war ihm dies gelungen, aber der vor⸗ nehme Kaufmannsſohn hatte ſich ſo ſehr an ſeinen beque⸗ men Stand und an die Huldigungen, die Sr. Herr⸗ lichkeit überall gezollt waren, gewöhnt, daß er, durch den Erfolg kühn gemacht, auch in London ſeinen an⸗ genommenen Namen und Stand beizubehalten beſchloß. Hier aber kam er zuerſt mit ſeinem Banquier in ein unangenehmes Mißverhältniß, der ihn bei einem Baron gefunden hatte, mit dem er vom Continent zurückgekehrt war und bei dem er ſpeiſte und Mylord genannt wurde. Nach ein Paar Tagen fand er ſich bei d quier ein, in dem er ſeinen Tiſchnachba r Irre von St. James. 1. Band. 7 — 242— nicht erwarten konnte, um auf ſeines Vaters Namen Geld in Empfang zu nehmen. Natürlich erregte hier ſein doppelter Name ſo⸗ gleich Verdacht. Es wurde ein kurzer Prozeß mit ihm gemacht, denn er ward eingezogen und, da er keinen Bürgen zu ſtellen für gut fand, nach Liver⸗ pool gebracht und dort vorläufig in ein Gefängniß geſetzt, aus dem ihn ſein beſtürzter Vater, der ihn als einen wohlgerathenen Sohn wieder zu ſehen hoffte, auslöſen mußte. Aber von der Höhe eines Lords in die Gefäng⸗ nißſtube eines gemeinen Verbrechers verſetzt zu werden, war für das Begriffs⸗ und Empfindungsvermögen— ehrenwerthen Kaufmannsſohnes ein zu arger Sprung. Seine Eitelkeit und Selbſtſchätzung war auf das Tief⸗ ſte erniedrigt, er wurde anfangs ſchwermüthig und hatte zeitweilige Anfälle von Tobſucht. St. James wurde daher bald ſein Aufenthaltsort. Jetzt war er beinahe geheilt, obgleich das Lords⸗ fieber bisweilen mit einem leiſen Anfalle zurückkehrte. Deshalb wurde er hier auch der Lord genannt. Sein Name war, glaube ich, Mr. White. Seine lle ſollte die des Herzogs von Cornwallis ſein. ulf ihn folgte ein Mann von grämlichem Aeu⸗ a Haaren und künſtlichen Zähnen. Er war Kammerdiener bei einem Grafen des Hofes in Windſor geweſen, obgleich ſeine allgemeine Bildung ihn zu einer höheren Stellung in der Welt berechtigte. Sein Unglück hatten eigentlich die Kammerjungfern der Frau Gräfin herbeigeführt, indem ſie ihn ſtets zum Beſten gehabt und mit heinbaren Liebesanträ⸗ gen überſchüttet hatten. 3 Endlich, ſich für arßetgensnc geliebt haltend, beſchloß er auf Cupido's Wegen zu ſohihhthen und be⸗ gab ſich zu einem Rendezvous, dohd man, um den Spaß vollkommen zu machen, die ganze gräfliche Fa⸗ milie beſchieden hatte. 3 Der arme Mann erkannte bald ſeinen gräßlichen Irrthum; auf eine ſo handgreifliche Weiſe gefoppt, glaubte er, ſein Herr würde ihn fortſchicken und er alsdann brotlos ſein. Von dieſem Gedanken über⸗ wältigt, fand man ihn eines Tages an einem Thür⸗ pfoſten hängen, jedoch wurde er zeitig genug befreit und gerettet, aber ſein Verſtand war zerrüttet und ſo brachte man ihn hierher. Sein Name war ſonderbarer Weiſe Oswald und ſo beſtimmte man ihn, die Rolle ſeines Namensvet⸗ ters zu übernehmen, für die er übrigens genau paßte, aß er nicht ſo ſchlecht war, wie Shakeſpeare ihn t. 1 16* — 244 Genannt wurde er nach ſeiner Lieblingsbeſchäfti⸗ gung, die das Sägen war, der Sägebock. Neben ihm ſaß ein alter Mann mit eisgrauem Haar und Bart. Er war ein alter Muſikus und hieß Mr. Templeton. Er war früher tobſüchtig geweſen, jetzt war er ſtill und ſanft wie ein Lamm. Im Hauſe wurde er Gevatter genannt, obgleich ich nicht weiß⸗ warum? An ſeiner Seite ſaß ein ebenfalls bejahrter Mann mit vollem Geſicht und gerader, ſtolzer Haltung, Mr. Brown mit Namen. Früher war er Polizeicommiſ⸗ ſair geweſen. Er konnte ſein Amt und ſeine frühere Würde noch immer nicht vergeſſen und machte des⸗ halb dann und wann den Aufpaſſer bei den Spielen der Irren. Er war deshalb nicht ſehr beliebt und wurde der Spion genannt. 0 Sein Nachbar war Mr. Keene, ein Mann bei Jahren, früher Apotheker und großer Muſtkenthuſtaſt. Weil er einſt einem Mädchen Gift verkauft, die da⸗ mit ihren Geliebten getödtet hatte, wurde er ſeines Privilegiums beraubt, was er ſich in den Kopf ſetzte und wahnſinnig wurde. Bei den Concerten ſchlug er ſein Lieblingsinſtru⸗ ment, die große Pauke und wurde deshal Trommler oder der Pauker genannt. — 245— Jetzt folgte in der um den Tiſch ſitzenden Reihe die Gattin des Direktors und neben dieſer die erſte der drei jungen Damen. Dieſe war ein etwas blaſſes, erſt neunzehn Jahre altes Mädchen. Ihr Geſichtsausdruck war ſanft und freundlich, aber demungeachtet lag eine Art gefaßten Ernſtes und weiblicher Würde in dieſen ruhigen, kla⸗ ren Zügen. Einen ganz beſonders lieblichen Eindruck rief der ſtille, beobachtende Blick ihres blauen, kind⸗ lich offenen Auges hervor. Ihre blonden und glän⸗ zenden Haare trug ſie in der Mitte geſcheitelt, mit einem kleinen Löckchen hinter jedem Ohre. Ihre Hal⸗ tung war natürlich und graziös und ihr Wuchs von untadelhafter Fülle und Gleichmäßigkeit. Dieſes liebliche und doch ſo unglückliche Mädchen hatte eine vortreffliche Erziehung genoſſen, war aber das Opfer der Habſucht ihres eigenen Vaters gewor⸗ den. Als Rechtsgelehrter in London von Ruf und geſucht, konnte dennoch bei ſchönen Einkünften ſeine Geldgier nie geſättigt werden, und er ergriff mit Freu⸗ den die Gelegenheit, ſeine Reichthümer zu vermehren, als ein ziemlich bejahrter und begüterter Advokat ihm für ſeine Tochter eine namhafte Summe bot. nur das unglückliche Mädchen, das längſt eine Nei⸗ ſch inen ſie grenzenlos liebenden jungen Mann, 8 5* 8 — 246— einen Buchhalter ihres Vaters, gefaßt hatte, wurde mit dem ſchändlichen Vorhaben ihres Erzeugers be⸗ kannt gemacht, und von dieſem Augenblick an war das Unglück ihres ganzen Lebens entſchieden. Die Vorbereitungen zu der unerwünſchten Hochzeit wurden von dem unerbittlichen Vater mit einer ſchran⸗ kenloſen Eile betrieben und obige Feſtlichkeit auf einen Sonntag feſtgeſetzt⸗ Aber ſchon den Sonnabend Mittag lief die Nach⸗ richt von dem unglücklichen, ſelbſtherbeigeführten blu⸗ tigen Ende des Geliebten Emmy's ein. Dieſe wurde ihrerſeits hierdurch ebenfalls zu einem verzweifelten Entſchluſſe getrieben. Der Sonntagmorgen kam und mit ihm der grin⸗ ſende Bräutigam; aber die Braut fehlte. Man ſuchte einen Tag, zwei Tage, acht Tage ... endlich wurde ſie bei einer entfernten Verwand⸗ 3 teen in Plymouth entdeckt, wohin ſie in ihrer Angſt ggeflohen war. Der Vater, in einen unnatürlichen Grimm ver⸗ ſetzt, eilt zur ungehorſamen Tochter, um ſie zu be⸗ ſtrafen, aber Gottes allmächtiger Arm hatte ihr füur den Augenblick einen Retter geſandt. Sie lag in ei⸗ nem bewußtloſen, nervöſen Zuſtande bei ihrer wandten, einer mildherzigen Frau. Das Nervenfi — 247— ber, welches dieſem Zuſtande folgte, hielt acht Wo⸗ chen an, tödtete ſie aber nicht; doch hinterließ es eine Schwermuth, einen nach Selbſtvernichtung ſtre⸗ benden Sinn, den man in St. James zu überwin⸗ den beſchloß. Hier war ſie anfangs durch kein Mittel zum Sprechen zu bringen, obgleich ſie ſonſt ſanft und ge⸗ horſam war und Alles mit Sorgfalt und Eifer that, was man ihr zu thun aufgab. Erſt nach zwei Jah⸗ 6 ren... denn Emmy war erſt ſiebzehn geweſen, als ſie dieſes ſchreckliche Unglück traf... wurden Zeichen von Beſſerung verſpürt und gegenwärtig war ſie, ob⸗ gleich noch immer etwas zurückhaltend und ſchweigſam, doch natürlich, ohne geiſtigen Zwang, liebevoll und mit Zuverſicht ihr trübes Geſchick beherrſchend. Auch fiel in dieſe Zeit der Tod ihres Vaters, und Emmy wurde die Erbin nicht unbedeutender Reichthümer, aber ihr Geliebter war ihr auf ewig entriſſen. 1 Das war Emmy Sharp, auf deren ſpäter glück⸗ licheres Schickſal ich weiterhin noch ein Mal zurück⸗ kommen werde. Sie war es, die, wie der Leſer ſchon aus der eben erfolgten Schilderung entnehmen kann, dazu beſtimmt war, die Rolle der Cordelia zu — 248— gen ihres ſanften, jedes Herz gewinnenden Weſens die ſanfte Emmy genannt. Das neben ihr ſitzende zwanzigjährige Mädchen rief, wenn man ſie mit Emmy verglich und obgleich ſie ebenfalls blond war, einen ganz entgegengeſetzten Eindruck hervor. Ihr dunkles, glänzendes Auge mit dem lebhaften Blicke und ihr heiteres, ich möchte ſa⸗ gen ſtets lächelndes und tanzendes Weſen verrieth einen regſamen Geiſt und ein glückliches ſanguiniſches Tem⸗ perament. Sie hatte außerordentlich ſchöne Arme und Hände und dieſe waren in ſteter anmuthiger Bewe⸗ gung, wie ihre ſchwellenden Lippen, zwei kleine Rei⸗ hen Zähne von der vollkommenſten Schönheit nur ſel⸗ ten verbergend, ſich in beſtändig ſcherzhafter Redſelig⸗ keit öffneten. Mary Blackſtone war die Tochter eines armen Landgeiſtlichen bei Dover, und, ohne Anſpruch auf irgend andre Lebensgüter, hatte ſie allein von frühſter Jugend an eine vortreffliche Erziehung genoſſen, die bei ihrem ungewöhnlich klaren Geiſte und ſchneller Auff faſſungsgabe die herrlichſten Früchte zu tragen verhieß Wie viele ihres Gleichen von geringen Leten ausſtchten, war ſie von ihrem braven und geiſtreiche. Vater zur Erzieherin vornehmer Kinder gebildet mor⸗. den, und dieſer hatte auch bald das Glück 3 — 249 oʒ ſie in eines reichen Lords Familie als ſolche aufge⸗ nommen zu ſehen. 8 dieſes von ihrem Vater hochgeſchätzte Glück eigenes Unglück werden. Denn der älteſte Sohn Sr. Herrlichkeit, von einer Reiſe nach Frank⸗ ceich zurückkehrend und von franzöſiſchen Anſichten ge⸗ leitet, ſah ſie und verliebte ſich in ſie, indem er vor⸗ ausſetzte, alles Schöne auf der Welt für ihn be⸗ ſtimmt ſei; Mary aber hatte zu glühende Empfindun⸗ gen, um dieſe ſo glänzeng warm hervortretende Neigung nicht von ganzem Hetzen zu erwidern. Während der junge Lord aber nur eine Stunde für Mary hatte, wollte dieſe ihm ihr ganzes Leben geben... ſoviel Aufopferung indeß hatte der junge Edelmann nicht verlangt. Denn von einer kurzen Nſſ vach lam heimkehrend, wurde ſeine Verlo⸗ einer reichen Lady bekannt gemacht, und uey.. kehrte plötzlich in ihres armen Vaters ein⸗ ſames Haus zurück. Hier, in den Räumen ihrer ſtillen, frohen und agdigen Jugend, wurde bald das verlorene und be ſeſſene Glück eine Marter für ſie. Anfangs lagte ſie... nicht ihrem Vater... wohl eer fuͤr ſie ſtumm gewordenen Natur ihre Leiden; Aachend, bald weinend, bald ſingend, bald ſpre⸗ — 250— von dieſer jedoch ohne Tröſtung bleibend, zog ihr ge⸗ quältes Herz ſich in ſich ſelbſt zurück, verlan allen Zuſammenhang mit der äußeren Welt und huf ſich in ſeiner Einbildung die ſonderbarſten Vethältniſſe. Endlich hielt ſie ſich für die Tochter eines Herzogs und fand ſich ſogar einer Krone würdig. Sie putzte ſich mit Blumen und Bändern, ſang bei Lage und bei Nacht und verfiel von Zeit zu Zeit in die entſetz⸗ lichſten Krämpfe. Ihr Vater, bis zu Tode erſchreckt und wenig mit der Behandl eines liebekranken Mädchenherzens bekantt vert ſeine Tochter einer äbe nur vom H Hörenſa⸗ Verwandten an. Dieſe, die gen kennend, wollte die ihr unzugänglichen Ge fühle mit Stumpf und Stiel ausrotten, und die Fo von war natürlich eine Verſchlimmerung des uſ des, erſt periodiſche, dann immerwahr te Johſucht. St. James wurde auch dieſer inaun klichen Zu⸗ fluchts⸗ und Heilort. Gegenwärttg ihren natürlichen Zuſtand zurückgekehrt, und ſo n ſie gewählt worden, die Gonerik in Koang Leate Tragödie zu übernehmen. Die dritte Dame war eine Schl theit ges. Schwarze, wie Seide glänzend Sieen, blaut Augen, eine faſt alabaſterne Geſichts or B ein beinahe zu üppiger Wuchs zeichneten ſie don Rin aus. 8 Sie war eine talentvolle Sängerin beim... theater in London geweſen und hatte als ſolche das traurige Loos vieler ihrer an Schäheit und öffentlicher Vereh⸗ rung gleich reichen Schweſtern gehabt. Von einem Liebhaber in der Kunſt unt Ra ur verlockt, dann ver⸗ laſſen, hatte ſie ihre ohangige Stellung verloren und träunlle jetzt von einer Ehrloſigkeit und einem Elende das am wenigſten aufgebürdet werden konn. ie verfiel in eine ſchwer zu beſeitigende Me⸗ lanwholie, war aber, wie ſchon viele ihrer Vorgän⸗ gerinnen in St. James, durch die Bemühungen des Mr. Lorenzen und durch Anwendung der Muſik ge⸗ heilt worden, für die ihr Ohr niemals verſchloſſen geweſen war. Gegenwärtig ſehen wir ſie faſt in ihren natürlichen Zuſtand zurückgekehrt. Sie war eine Kokette im edelſten Sinne des gartes und ſtets noch eine Freundin ihrer Anbeter hhrer eigenen Reize, was am Ende jede hübſche au mehr oder minder iſt. Wegen ihrer ſchönen ſchwanzgelockten Haare, die mit der ſchneeigen Farbe ihrer Haut einen ſo großen Gegenſatz bildeten, wurde ſie im Irrenhauſe die ſchwarze Betty genannt; ihr vätzrlicher J Name iſt ſeitdem zu bekannt geworden, als daß ich ihn hier nennen dürfte. Für ſen die Rolle der Regan be 7 — — 252— Und ſo hätte ich denn das traurige Geſchäft die⸗ ſer Schilderungen beendet; zu lang vielleicht für den flüchtigen Leſer, viellicht incht lang genug für den Nachdenkenden, der da weiß, daß aus den Katalo⸗ gen der Irrenhäuſer un und Aufklärung ſo mancher unerſchloſſener erhaltniſſe aus dem Leben und Treiben der großen Welt gezogen! werden könnten, wenn man es der Mühe werth hieltenmus dem Un⸗ glück und der Troſtloſigkeit Anderer e i für ſein eigenes Herz zu gewinnen. VII. Rollenvertheilung unter dieſelben. — So habe ich denn das Vergnügen, meine Damen und Herren,— begann der Direktor die Un⸗ terhaltung,— Ihnen mitzutheilen, daß wir beſchloſ⸗ ſen haben, Shakespeare's König Lear in Scene zu ſetzen, und an Ihnen iſt es nun, zu beſtimmen, ob Sie uns Ihre Theilnahme daran ſchenken werden. Ein Gemurmel des Beifalls, der Freude und der Ueberraſchung ließ ſich ringsum vernehmen. Kei⸗ ner ſprach ein Wort, aber Jeder drückte entweder. durch eine Verbeugung oder durch eine zuſagende Miene ſeine Einſtimmung aus.— — Gut denn,— fuhr der Direktor fort,— und da Sie mir Ihre Bereitwilligkeit ſo freundlich zu erkennen geben, ſo füge ich hinzu, daß wir Sie aus allen Uebrigen in der Ueberzeugung auserwählt haben, es werden unter Ihnen ſolche ſein, die fähig und willig ſind, alle in jenem Stück vorkommenden Perſonen darzuſtellen und mit beſten Kräften zur Schau zu bringen. Abermals erfolgte Beifallsgemurmel und ſtumme, aber deutliche Zufriedenheit. — Und ſo wollen wir denn ruhigen Gemüthes zu der ſo wichtigen Vertheilung der einzelnen Rollen ſchreiten, und ich trage jedem Einzelnen von Ihnen das Geſuch vor, ſich gefälligſt zu der Rolle melden zu wollen, die, ſeiner Meinung nach, ſeinen Fähig⸗ keiten und Kräften, wie beſonders auch ſeiner Nei⸗ gung entſpricht, denn hier entſcheidet die freie Wahl, niemals aber irgend ein Zwang. Ich werde jede Rolle der Reihe nach nennen. — Zuerſt denn iſt König Lear ſelber unſer Au⸗ genmerk. Sie kennen alle dieſen großen, feurigen Charakter, der nur aus Liebe und Vertrauen zu ſei⸗ nen Kindern ſchwach und durch ein gewiß unverſchul⸗ 6 detes Unglück... aus ſeiner geſunden Haltung kommt. Wir brauchen zu ſeiner Darſtellung einen Mann, der etwas Gebieteriſches, Würdevolles und Königliches in ſeinem Weſen zeigt, jedoch auch reich an Empfindung und Phantaſie iſt. Lear iſt alt, aber ſein Herz iſt jung. Ich dächte, es wäre nicht un⸗ möglich, Jemanden unter uns zu finden, der allen dieſen Anforderungen vollkommen entſpräche. Mein Nachbar zur Linken drückte mein Knie und deutete mit ſeinen Blicken auf den Oberſten. Ich ſah dieſen an und bemerkte ſogleich, daß die in der That wundervoll treffenden Worte des Direktors ihn ent⸗ zündet hatten, und daß er ſein Glück zu ahnen be⸗ gann. Es lag etwas Befriedigtes, Triumphirendes in ſeinen ehrwürdigen Geſichtszügen, was ſeine Ge⸗ müthsbewegung verrieth; kaum konnte er ſeine an — das Befehlen gewöhnte Zunge mäßigen, und dennoch beherrſchte er ſich merklich, wie es einem Manne ge⸗ bührt, der ein König werden will; nur ließ er ſeine Blicke etwas unruhig im Kreiſe herumlaufen, als ſei er beſorgt, irgend ein Anderer könnte ihm ſeine Würde und ſeine Anſprüche ſtreitig machen wollen. — Ich für meine Perſon dächte,— ſagte der immer vorlaute Lieutenant,— dieſe Wahl könnte uns nicht ſchwer werden... ich gratulire, Herr Oberſt! Der Oberſt wurde roth und verbeugte ſich ſchwei⸗ gend. — Sie haben diesmal den rechten Punkt ge⸗ troffen, Herr Lieutenant, bemerkte Mr. Elliotſon,.— Herr Oberſt, Sie haben wirklich König Lear's fürſt⸗ liche Stirn, und ich hoffe, Ihr Herz dürfte dem ent⸗ ſprechend ſein! Jetzt hielt ſich der Oberſt nicht länger, er ath⸗ mete laut und verbeugte ſich einmal über das Andere. — Gentleman,— ſagte er,— Ihre Güte be⸗ ſchämt mich. Aber der Wahrheit die Ehre, heute wie immer,... ich fühle etwas Lear'ſches in mir und wenn meine ſchwachen Kräfte ſo weit reichen wie mein guter Wille, ſo hoffe ich... ein exemplariſcher Kö⸗ nig zu ſein. Ich nehme es an und danke Ihnen. — Ci, Sir!— nahm Mr. Green, der Schul⸗ meiſter, das Wort,— ein exemplariſcher König hät⸗ ten Sie ſein ſollen, ehe Sie auf den unſeligen Gedan⸗ ken verfielen, Ihr Reich ihren Töchtern zu geben.. aber die beſten Einfälle kommen in der Regel zu ſpät. — Der Ihrige, mein lieber Green,— rief der Baronet,— ſcheint mir ebenfalls zu ſpät gekommen zu ſein, denn König Lear iſt in der That ſchon längſt todt. S9 gewiß, wie dieſe Hand fünf Finger hat, Sir, obwohl, genau genommen, nur vier Finger und einen Daumen... — Stille!— rief hier plötzlich der Gardeoffizier und warf dem ſtolz um ſich ſchauenden Mr. Green, 6 der eben ſeinen Hals emporreckte, einen befehlshabe⸗ riſchen Blick zu. — Hier haben Sie Ihre Rolle, Sir!— ſagte der Oberarzt und reichte ſie dem Oberſten hin, der ſogleich darin zu blättern anfing. — Sodann kommt der König von Frankreich!— fuhr der Direktor fort.— Eine nicht große Rolle, die aber mit Liebe und einer gewiſſen majeſtätiſchen Würde ausgeführt ſein will... Hm! Wenn Je⸗ mand da wäre, der unternähme, ein König von Frank⸗ reich aus dem edlen Blute von Valois ſein zu wol⸗ len, wahrhaftig! er würde uns ſehr angenehm ſein ... aber wie geſagt... es iſt nur eine kurze Rolle. Alle ſahen rechts und links. Mr. Kingſton, der Maler, allgemein der Prinz genannt, war feuerroth geworden und wagte nicht aufzublicken. Seine könig⸗ lichen Neigungen waren erwacht. — Mein theurer Prinz!— rief der Lieutnant, — Sie ſind ja ganz roth geworden... iſt Ihnen unwohl? — Stille!— rief jetzt Mr. Green, der Schul⸗ meiſter, und gab ſeinerſeits dem Lieutnant ſeinen Blick mit Wucher zurück.— — Ich dächte, Herr Direktor, auch in dieſem Falle hätten wir, was wir ſuchen. 8 Irre von St. James. 1. Band. 17 — Ich denke auch!— ſagte der Oberarzt.— Wie wäre es, Mr. Kingſton, wenn Sie ſich herab⸗ ließen, die unbedeutende Kleinigkeit zu übernehmen? — Sie ſind ſehr gütig!— ſtammelte der Maler, der ſo gern ein Prinz war und erröthete abermals. Dabei griff er aber mit ſolcher Haſt nach der Rolle, die ihm der Oberarzt ſchon über den Tiſch hinhielt, daß Alle lachen mußten. — Das geht ganz gut,— ſagte beifällig der Direktor,— ich hoffe, die andern Herren werden die⸗ ſem Beiſpiele folgen. Wer will aber den Herzog von Burgund nehmen? Die Rolle iſt zwar noch kürzer, als die vorige, aber der Spieler hat den angenehmen Vortheil, wenn er fertig iſt, das Stück in Ruhe anſehen zu können. — Mr. Richmond!— bemerkte der Lieutnant, der in der That glauben mochte, der Vormund Aller zu ſein,— Sie ziehen ſich noch immer zu ſehr zurück. Melden Sie ſich doch... Sie ſind ja der Mann dazu, wenige Worte zu machen. Was mich anbe⸗ langt, ich würde zwar auch lieber eine Frau mit einer Ausſtattung als eine ohne dieſelbe nehmen... allein,— und hier warf er einen zarten Blick auf die drei Damen,— es kommt eigentlich doch Alles dabei auf das Gemüth an... haha! 8 8 — 259— Mr. Richmond, der Einſiedler, verneigte ſich, empfing die Rolle, ſprach aber kein Wort. Doch ſah man ihm an, daß ſein ſtilles Gemüth befriedigt war. — Eine ſchwerer darzuſtellende Rolle iſt die des Herzogs von I 5 · uhr Mr. Elliotſon fort, — wir braucheh iner vornehmen, ſtolzen Mann, der eine Herzogsmiene anzunehmen verſteht. Alle ſahen ſogleich den jungen Kaufmann, Mr. White, an, der ſo gern ein Lord war. Dieſer aber ſchwieg und nur ſeine Augen ſprühten faſt vor freu⸗ diger Erwartung.. — Geniren Sie ſich nicht, Mr. White,— ſagte der Schulmeiſter,— Sie ſind der Mann dazu, wenn Sie ſich nicht vor einem Dolchſtoß zwiſchen der fünf⸗ ten und ſechſten Rippe ſcheuen... — Aber der Herzog ſpielt eine ſchlechte Rolle,— bemerkte der Oberarzt,— wir dürfen es nicht ver⸗ hehlen, er iſt ein Böſewicht. — O, wenn das nur iſt,— rief ſchnell Mr. White, der gar zu gern ein vornehmer Mann war, — wenn das nur iſt.. mit einiger Uebung dächte ich... Alle lachten. — Verſuchen Sie es,— ſagte de Oberarzt und — 260— reichte die Rolle hin,— thun Sie Ihr Moͤglichſtes und Gott wird helfen! — Und was Sie nicht ſind, dazu macht Sie Ihre Frau Gemalin, die ſchöne Goneril... nicht wahr, Mr. Simple?— ſagte Mr. Green. Alle verſtanden den di nux Mr. Simple, der eine böſe Frau hatte, erſte RKhn nicht. — Ja wohl,— erwiderte er,— die ſchöne Go⸗ neril!— und machte den Damen eine tiefe Verbeu⸗ gung. — Jetzt kommt der ſanfte Herzog von Albanien! — ſagte der Direktor.— Er iſt zwar ein ſchwacher Mann, aber ſchwach aus Herzensgüte und allzu großer Liebe zu ſeiner Gemahlin. Nachher aber, wenn das Geſchick ihm die Sporen einſetzt, wird er doch noch ein Mann, ein ganzer Mann und bereut durch gute Thaten, was er Böſes hat geſchehen laſſen. — Ein ſehr edler Charakter!— lispelte mit einer hörbaren Betonung Mr. Simple, der Advokat. — Ich wollte wetten, Sie hätten ein Auge auf ihn,— bemerkte freundlich nickend der Oberſt, indem er von ſeiner Rolle aufſah,— topp! nehmen Sie ihn an und ich gebe Ihnen meine Tochter Regan! — Sie ſind ſehr gütig!— lispelte abermals der Advokat,— aber Ihre Tochter Regan...2 — 261— — Nun, die macht ſich nicht viel aus Ihnen, die hält es mit dem Baſtard Edmund!— rief der Lieutnant, indem er ſich in die Bruſt warf und mit den Augen gegen den Oberſten blinzelte. — Mit dem Baſtard Edmund? So?— fragte Mr. Simple,— und wer iſt der? — Sie werden es gleich hören,— erwiderte Mr. Lorenzen,— hier iſt Ihre Rolle... ich dächte, man beſänne ſich nicht lange, wenn man ein Herzog wer⸗ den könnte. — O! was das anbelangt, Sir, ſo finde ich mich auch darein,... aber... wenn nur der Ba⸗ ſtard nicht wäre! — Er iſt ja noch nicht da!— rief Mr. Green, der Schulmeiſter,— wir wählen ihn ja erſt! — Ah, wenn das iſt, ſo bin ich ſchon zufrieden ... ich danke Ihnen, Sir! Und ſeine Rolle aus den Händen des Oberarztes empfangend, lehnte er ſich ſtill in ſeinen Seſſel zurück. — Wir kommen jetzt zum Grafen Gloſter,— fuhr der Direktor fort.— Eine bedeutende Rolle, die einen guten Schauſpieler verlangt; auch muß es ein ehrenwerther Mann ſein, der ſie übernimmt, und von Gefühl, denn er muß alle Welt rühren. † Beſonders muß er gut fühlen können,— — 262— fing der Lieutnant wieder an,— wenn er geblendet iſt, weil er dann nicht ſehen kann. — Herr Lieutnant!— erwiderte der Direktor — etwas ernſthaft,— Sie greifen in mein Amt... nachher mögen Sie reden, wenn Ihre Charakterrolle kommt. Jetzt ſpricht Graf Gloſter! Mr. Bateman, der Schauſpieler, war ſchon ei⸗ nige Male auf ſeinem Stuhle hin⸗ und hergerückt, er fühlte, daß von ihm die Rede ſei, doch hielt er ſich noch. Alle bemerkten es wohl, doch da der ſchwieg, den man zum Sprechen bringen wollte, ſagte der Oberarzt: — Ich wüßte wohl einen Mann, der alle Eigen⸗ ſchaften beſitzt, die dieſe ſchöne Rolle erheiſcht, wenn er nur ſprechen wollte. Und dabei ſah er gerade nach der entgegengeſetzten Seite hin, als nach der, wo der Schauſpieler ſaß. — O Herr Doktor! Verzeihen Sie!— rief die⸗ ſer jetzt, etwas in Sorge geſetzt, ſeine Lieblingsrolle möchte ihm entgehen.— Aber ich erlaube mir zu fra⸗ gen, wie es mit dem Blenden gehalten wird? Im Heymarket⸗Theater haben ſie einſt dem dieſe Rolle darſtellenden Schauſpieler das Auge wirklich verletzt . wenn ich beſtimmt wüßte... ja! man kann wohl Beifall mit dein Grafen Gloſter ärndten! „ —* 46 — 263— — Verlaſſen Sie ſich darauf, ſagte Mr. Derby, der jetzt zum erſten Mal das Wort nahm,— ich werde alle Sorge tragen, daß das Blenden mit Schonung geſchieht. — Nun, wenn das iſt, ſo würde ich darum bitten, liſpelte Mr. Bateman mit größter Beſcheiden⸗ heit.. — Hier iſt die Rolle!— rief der Oberarzt und reichte ſie hin. — Ich wünſchte, daß Jedem ſo das Seinige zu Theil würde, wie Ihnen dieſe verdienſtliche Auszeich⸗ nung. Der Schauſpieler dankte, nahm die Rolle und blätterte mit Wohlgefallen darin. — Aber jetzt kommt Graf Kent, der brave, treue Kent!— fuhr der Direktor fort.— Eine der ſchön⸗ ſten Rollen im ganzen Stück; ein herrlicher Charak⸗ ter, treu wie Gold und feſt wie Stahl. Ein wahres Ideal für einen Ehrenmann! Und er ſah gerade und feſt dem edlen Baronet ins Geſicht, der ihm gegenüber ſaß. Aber dieſer war viel zu beſcheiden, um ſich zu melden, obgleich ihm die Rolle ſichtbar zu gefallen ſchien. Aber auch Mr. Oswald, genannt der Sägebock, ſchnitt ein intereſſirtes Geſicht; der ehemalige Kam⸗ — 264— merdiener ohne Zähne ſchien eine erhabene Meinung von ſich zu haben. — Nun denn,— ſagte der Direktor,— wenn Niemand ſpricht, ſo erlaube ich mir einen Vorſchlag zu machen, den Sie Alle billigen werden. Und hier⸗ mit an den Baronet ſich wendend, fuhr er fort: — Sir Charles..., ich mache mir ein Ver⸗ gnügen daraus, Ihnen dieſe ehrenvolle Rolle anzu⸗ tragen, Sie werden gerade in Graf Kent's Alter ſein? Der Baronet lächelte wie ein ganz geſunder Mann und erwiderte: — O mein Herr! Sie ſind ſehr gütig; ich fürchte, kaum Ihr Vertrauen zu verdienen. —Aber Sie werden in den Block geſetzt, Sir! — rief hier plötzlich und laut Mr. Oswald, der ehe⸗ malige Kammerdiener. — Dafür ſtelle ich Mr. Oswald ein Bein unter, — entgegnete ruhig der Baronet und ſah den Spre⸗ cher mit einem ſo feſten Blick an, daß dieſer ihn nicht ertragen konnte und ſeine Augen zu Boden ſenkte. — Und was den Block anbetrifft,— rief der Lieutnant wieder,— ſo ſind wir ja Alle daran ge⸗ wöhnt, ſelbſt der Herr Baronet hat gewiß die Ehre gehabt, ſeine Bekanntſchaft hier im... im... — 265— Hier traf ein mißbilligender Blick des Direktors den vorlauten Sprecher, und er ſagte in einem ſehr ernſten Tone: — Ich muß Ihnen noch einmal bemerklich ma⸗ chen, Sir, daß Sie hier nicht als Redner fungiren. Sparen Sie Ihre vortrefflichen Sentenzen auf, Sie werden bald Gelegenheit haben, alle Ihre Talente an den Tag zu legen. — Hier iſt Ihre Rolle, Sir,— ſagte der Ober⸗ arzt zum Baronet,— ich ſehe Sie ſchon im Geiſte als Märtyrer der Treue und Anhänglichkeit an Ihren König. — Ich werde mir alle Mühe geben, Ihren Er⸗ wartungen zu entſprechen, Sir!— ewwiderte dieſer, indem er ſich verbeugte, nahm die Rolle, ſteckte ſie ein und ſaß wieder ſtill und untheilnehmend da wie zuvor. Jetzt war der Direktor bis zur Rolle Edgar's gekommen, und er wußte wohl, daß er mit Vorſicht dabei zu Werke gehen müſſe, da der Umſtand zu er⸗ wähnen war, daß Edgar ſich wahnſinnig ſtellt. Ich war begierig zu hören, wie man vom Wahnſinn in einer ſolchen Geſellſchaft ſprechen würde. Der Direk⸗ tor aber hatte ſchon mit dem Prediger das Nöthige — 266— verabredet und dieſer gab genau auf alles Vorgehende Acht. — Wir ſind zu Edgar, dem Sohne Gloſter's gelangt,— ſagte Mr. Elliotſon,— und ich muß bevorworten, daß ſich der richtigen Auffaſſung dieſer Rolle nicht unbedeutende Schwierigkeiten in den Weg ſtellen. Edgar iſt ein treuer, liebender, gefühlvoller, aber verkannter Sohn; von ſeinem Vater verſtoßen, kann er dieſem nur unter der Hülle einer Maske die⸗ nen, und dieſe muß ſehr geſchickt aufgefaßt werden. — Mit einem Wort,— rief der Gardeofftzier, — er ſpielt den Verrückten... eine ſchwere Rolle, ſich verrückt zu ſtellen! — Ja, eine ſchwere Rolle, ſehr ſchwer, Sir!— entgegnete Mr. Elliotſon, und darum ſollen Sie ſie auch nicht haben, denn Sie würden ſich nie in den Ihnen vorgeſchriebenen Grenzen einer ſo liebenswür⸗ digen Gemüthlichkeit halten können. Sie verlangt einen gewandten, aber auch einen ernſten und empfindungs⸗ reichen Mann, und dennoch einen Mann, der ſich durchaus zu beherrſchen und namentlich den An⸗ ſchein eines zerrütteten Verſtandes zu geben verſteht. Sie ſehen, wie wichtig und ſchwierig dies iſt. Es antwortete Niemand, jeder hatte zuviel da⸗ bei zu überlegen, doch blickten ſich Alle der Reihe — — — 267— nach an. Ich wußte, daß Hamlet, der Prinz von Dänemark, zu dieſer Rolle auserſehen ſei und war neu⸗ gierig, wie ihn der Direktor dazu bewegen würde. — Nun,— fing endlich der Prediger mit einem ruhigen, ſeinem gewöhnlichen Naturell ganz entgegen⸗ geſetztem Weſen an,— wenn es darauf ankommt, ſich den Anſchein eines zerrütteten Verſtandes zu geben, ſo ſcheint mir das viel intereſſanter als ſchwer zu ſein. Ja, Sir, wenn kein Beſſerer ſich dazu melden will, ſo erkläre ich mich ſehr gern zur Uebernahme dieſer Rolle bereit. — Das iſt gegen unſre Statuten, daß wir ſelbſt mitſpielen,— warf der Oberarzt ganz natürlich ein, — wir können dieſes Vergnügen wohl unſeren Freun⸗ den allein überlaſſen. — Ich ſehe gar nicht ein,— nahm jetzt der Prinz von Dänemark, leicht erröthend, das Wort,— warum dieſe Rolle nicht ihren Darſteller unter uns finden ſollte. Sie iſt ſchwer, ja, aber belohnend, und am Ende ſtellen wir ja Alle etwas vor, was wir nicht ſind, wenn wir auf dem Theater ſtehen, und ſomit wäre dies auch in dieſer Rolle kein Grund, ſie unbeſetzt zu laſſen. — Sie women alſo die Rolle übernehmen, Sir? — 268— — fragte der Direktor,— das iſt mir lieb, Sie werden uns damit einen großen Dienſt leiſten. — Im Gegentheil,— erwiderte artig der Prinz von Dänemark,— Sie werden mich verbinden, wenn Sie mir Ihre Gewogenheit durch Uebertragung dieſer ſchönen Rolle zu erkennen geben. Ich habe oft ſolche Rollen geſpielt und denke ſie noch öfter zu ſpielen. Geben Sie her, Herr Doktor! Der Oberarzt gab die verlangte Rolle und die Sache war wider Erwarten ſchnell abgemacht. Doch konnte ich bemerken, daß mehrere der Irren einen ver⸗ wunderungsvollen und zurückhaltenden Blick auf den⸗ jenigen warfen, der ſich ſo leicht der Ausführung ei— nes künſtlichen Wahnſinns unterzog, ein Beginnen, welches vielleicht wenig Nachahmer unter ihnen ge⸗ funden hätte. — Jetzt kommt Edmund, der Baſtard des Gra⸗ fen Gloſter, Gentlemen,— fuhr der Direktor fort und blickte ziemlich ſcharf nach dem Lieutenant hin⸗ über. Dieſe Rolle dürfte mit gewiſſen Mitteln nicht ſchwer auszuführen ſein. Edmund iſt, was man einen geborenen Böſewicht nennt. Da aber der dieſe Rolle darſtellende Schauſpieler dieſen Charakter nicht für ſich ſelbſt, ſondern eben nur für ſeine Rolle in An⸗ ſpruch nimmt, ſo iſt bloß ein keckes, lautes Weſen, ——— d. * — 269—* eine kühne, vor keinem Verbrechen zurückweichende Stirn, mit einem Wort, ein dreiſter, lärmender Burſch vonnöthen, um die Rolle in ihrer ganzen Wahrheit uns vorzuführen. Denken Sie nach, meine Herren, und geben Sie mir das Reſultat Ihres Nach⸗ denkens zu erkennen. Jetzt war die Reihe zu ſchweigen an den Lieute⸗ nant gekommen. Er blickte, ſcheinbar ruhig, aber doch ſichtlich etwas betroffen, bald vor ſich nieder, bald über ſich hinauf, wagte aber keinem Menſchen ins Geſicht zu ſehen, aus Beſorgniß, man werde ihm auf den Kopf zuſagen, daß es keine paſſendere Rolle für ihn gäbe, als dieſe. Dennoch brannte er vor Be⸗ gierde, wenn auch aus anderen Gründen, dieſelbe zu üͤbernehmen, und er erwartete mit der größten Span⸗ nung die Gelegenheit, auf ſchickliche Weiſe ſeine Wün⸗ ſche in Erfüllung geſetzt zu ſehen. Da aber noch im⸗ mer Keiner ſprach, ſo ſagte endlich Mr. Derby, in⸗ dem er geradezu den Lieutenant anſah. — Ich gebe Ihnen zu bedenken, meine Herren, daß Edmund im Ganzen eine ſehr dankbare Rolle iſt. Abgeſehen davon, daß er unendlich viel lärmen und toben und die feinſten Intriguen anſpinnen kann, iſt er ſo glücklich, zwei Geliebte auf einmal zu beſitzen, wahrlich! ein Umſtand, der die ſchoͤnſte Gelegenheit 1 — — 270— zur Entwickelung einer großen Liebenswürdigkeit und des Talentes giebt, das ſchöne Geſchlecht mit dem Zaubergürtel ſeiner Unwiderſtehlichkeit umgeben zu können. Der Lieutenant räuſperte ſich laut, lächelte ſelbſt⸗ gefällig und ſtrich ſeinen Schnurrbart in die Höhe, obgleich er noch kein Wort ſprach. Aber der Ober⸗ arzt nahm ſogleich das Wort und ſagte: — Nun, da haben wir ja, was wir wünſchen, Herr Lieutenant. Sie haben ja wohl einmal drei Damen zugleich den Hof gemacht,... wenigſtens erinnere ich mich, ſo etwas von Ihnen gehört zu haben. — O, was das anbetrifft, lächelte der Geck ziem⸗ lich verlegen,— ſo hoffe ich nicht ganz unerfahren in dieſer Kunſt zu ſein,— und er geberdete ſich wie ein ächter Stutzer, der auf dem Sprunge ſteht, eine ſchöne Redensart von ſich zu geben.— Es kommt indeß noch auf die Damen an,— fügte er mit einem etwas kühneren Blick auf die drei Mädchen hinzu,— ob ſie meinen Bewerbungen ein günſtiges Ohr leihen werden. Dieſe ſchwiegen natürlich und der Direktor fuhr fort: — Im Gegentheil, Sir, es kommt auf Sie an, 8 —— Ihre Bewerbungen ſo einzurichten, daß man Ihnen ein günſtiges Ohrnleiht, und da ich Ihnen gerade in dieſem Punkte etwas zutraue, ſo nehme ich die Sache als ausgemacht an. — Hier iſt die Rolle,— ſagte Mr. Lorenzen, — thun Sie nach Kräften und Gott ſegne Sie! Der Lieutenant griff nach der Lockſpeiſe, als fürchte er, ein Anderer könne ſie ihm noch wegſchnap⸗ pen, faltete dann das Blatt und ſteckte es mit einem ſelbſtgefälligen Blick in ſeine Taſche. — Und nun, Oswald, der Haushofmeiſter, meine Herren!— fuhr der Direktor fort.— Ein Mann, der Gutes zu thun glaubt, wenn ihm ſein Herr einen ſchlimmen Streich auszuführen befiehlt. Daß er er⸗ ſchlagen wird, iſt kein Beweis gegen ſeine gute Klinge, denn das begegnet Beſſeren, als er iſt. Und über⸗ dies hat er vollauf Gelegenheit einem Könige in's Ge⸗ ſicht ſelbſt... die Wahrheit zu ſagen, wie man zu reden pflegt. Oswald, der Kammerdiener, genannt der Säge⸗ bock, war bei Nennung ſeines Namens zuſammenge⸗ fahren, bald aber erkannte er ſeinen Irrthum und ſagte, als der Direktor ausgeſprochen: — Ich bin nicht blutsverwandt mit dieſem Haus⸗ hofmeiſter, obgleich ich die Ehre habe zu heißen wie 5 — 272— er; aber ich dächte, ich hätte gelernt, wie man mit Grafen und Herzögen umſpringt, und mit einem Kö⸗ nige wird es doch auch nicht viel ſchwerer ſein. Wenn Sie nichts dawider haben, ſo glaube ich, wie ich Os— wald heiße, auch einen guten Oswald ſpielen zu können. — Brav! Mr. Oswald! Hier haben Sie, was Sie verlangen,— ſagte der Oberarzt und reichte die Rolle hin. Jetzt aber war man wieder an eine Klippe ge⸗ kommen. Es handelte ſich um die Beſetzung der Nar⸗ renrolle und man wollte ſte Niemandem aufdringen. Wider Erwarten aber ging es mit Hülfe Mr. Sid⸗ neys, der jetzt zum erſten Mal thätig eingriff, vor⸗ trefflich, wie der Leſer ſogleich ſehen wird. — Der Narr! meine Herren,— rief der Direk⸗ tor und ſah wider Willen etwas ſchalkhaft aus.— Eine vortreffliche Rolle, ein Muſter von Verſchlagen⸗ heit und doch von großer Herzensgüte und Anhäng⸗ lichkeit an ſeinen Herrn. Der Mann, der dieſe Rolle richtig auffaßt und getreulich ſpielt, kann ſich ſehr hervorthun und allgemeinen Beifall erwerben. Aber Alles ſchwieg. Das Wort Narr! hatte ſie etwas verblüfft. Unnterdeſſen hatte ſich der Lieutenant von ſeinem vorherigen Schreck und ſeiner Zurechtweiſung — 273— Er glaubte, die Zeit ſeiner Wiedervergeltung ſi d kommen. Tief Athem ſchöpfend und wie zu einem gewaltigen Streiche ausholend, räuſperte er ſich und ſagte mit einem gewiſſen Stachel in Blick und Ton: — Ich dächte, Herr Prediger, wenn man es Ih⸗ nen erlaubte, und da Sie ſo gern den verrückten Ed⸗ gar geſpielt hätten, ſo wäre dieſer Narr etwas für Sie! Der Prediger biß ſich auf die Lippe und ſchleuderte dem Gardeoffizier einen eben nicht prieſterhaften Blick zu. Auch entgegnete er, freilich etwas zu ſarkaſtiſch, einem Wahnſinnigen gegenüber: — Sie reden viel zu viel für einen Mann, Herr Lieutenant. Wenn Sie noch keine Rolle hätten oder deren zwei übernehmen wollten, wahrlich! ſo könnten Sie in der des Edmund denken und in der des Nar⸗ ren plappern lernen. Der Offizier ſchwieg... es trat eine Pauſe von einer Minute ein, die Sache ſchien etwas ſchief zu gehen. Da erhob ſchnell Mr. Sidney ſeinen Kopf und, indem er ſich gegen den Direktor verbeugte, ſagte er freundlich: — Um Verzeihung, Sir! Wenn Niemand wagt, den Narren zu ſpielen, ſo bitte ich, mir die Rolle zu übergeben. Halt⸗ rief auf einmal Mr. Greo, der et Der Irre von St. James. 1. Band. 18 ————— — 2u— meiſter, und reckte ſeinen langen Hals unendlich hoch empor,— halt, meine Herren! Mit Verlaub geſpro⸗ chen, Mr. Sidney, für Sie iſt dieſe Rolle nicht; für einen Narren ſind Sie etwas zu vernünftig. Wenn Ei⸗ ner von uns Beiden einmal ein Narr ſein muß und ſoll, ſo eigne ich mich immer beſſer dazu, als Sie. Ich hoffe, man braucht deshalb eben nicht närriſcher zu ſein, als man eben iſt. He? — Ganz und gar nicht,— erwiderte der Oberarzt freundlich,— im Gegentheil ſogar! Dieſer Narr iſt kein gewöhnlicher, kein dummer Narr und trägt unter ſeiner Narrenkappe mehr Weisheit mit ſich herum, als mancher vernünftige Menſch unter ſeinem Federhute. Der Mann, der dieſen Narren richtig auffaßt und ſpielt, muß ein vortrefflicher, ein kluger Mann ſein. — Dann nehme ich ihn, ich will auch einmal ein kluger Mann ſein,— rief Mr. Green,— her damit! — Und nebenbei,— rief der Lieutenant wieder, der immer ſein Wort dabei haben mußte,— können Sie, Herr Schulmeiſter, noch einige neue Witze für Ihre Bu⸗ ben und einige Räthſel für ſich ſelber dabei lernen. — Schon gut, Sir, und wenn ich mit Ihnen auf den Bretern zuſammenkomme, will ich Ihnen auch einige von meiner Erfindung zum Beſten geben, die Sie nicht rathen werden. Zum Beiſpiel das... hätte mich ſchon früher in der Heilkunſt verſ — Laſſen Sie ſein, laſſen Sie ſein, Mr. Green!— rief der Direktor ernſthaft,— dazu haben wir jetzt keine Zeit. Fahren wir fort... geben Sie die Rolle, Sir! . Sol... 1 Es waren jetzt nur noch die letzten drei übrig, Mr. Keene, der Apotheker, Mr. Templeton, der Mu⸗ ſikus, genannt der Gevatter, und Mr. Brown, der Spion. Alle drei rückten auf ihren Stühlen ſchon ſeit geraumer Zeit etwas unruhig hin und her, offen⸗ bar beſorgt, man werde ſie vergeſſen und ſie würden dann bei der Vertheilung der Rollen leer ausgehen. In dieſer Beſorgniß hatte ſich wahrſcheinlich Jeder vor⸗ genommen, die erſte beſte zu ergreifen, nur um den NRuhm nicht einzubüßen, einer der Mitſpielenden zu ſein. — Ein Arzt!— rief der Direktor und ſah den Apotheker an. — Wenn Mr. Keene nicht die neue Paſſage für ſeine Trommel zum nächſten Concert ſtudiren müßte, — ſagte der Unterarzt,— ſo wüßte ich wohl, wer ein Stück von einem Doktor iſt. — O, was die Trommel anbelangt, Sir, die iſt bald ſtudirt,— rief hier, mit einigen Schweißtropfen auf der Stirn, der Apotheker,— was die Trommel anbelangt, ja, ja, Sir, die iſt ſehr bald ſtudirt... auch dächte ich, ich ucht... 18*† — 276— Und dabei hielt er ſchon ſeine Hand dem Ober⸗ arzte hin, der ihm lächelnd die Rolle gab. — Ein alter Mann!— rief der Direktor,— des Grafen Gloſter getreuer Pächter! — Ich, ich!— rief faſt athemlos Mr. Temple⸗ ton, der Gevatter,— ich kenne den Grafen Gloſter ſchon ſeit dreißig Jahren, und kein Menſch, glaube ich, kommt meiner Geſinnung, was die Treue anbetrifft, gleich! — Es handelt ſich hier nicht um den Grafen Gloſter, welchen Sie kennen, Mr. Templeton,— ſagte der Oberarzt, ſondern nur den, welcher... — Das iſt mir ganz einerlei,— unterbrach ihn Ge⸗ vatter Templeton,— geben Sie her, geben Sie her, Sir! — Da haben Sie, was Sie verlangen, und halten Sie aus in Ihrer Treue,— ſagte der Oberarzt und hielt die Rolle hin, die ihm der Muſikus, der von ſeinem Stuhle aufgeſprungen war, beinahe aus der Hand riß. Mr. Brown, der Spion genannt, und der letzte der Männer, ſaß wie auf Kohlen, rutſchte auf ſei⸗ nem Stuhle hin und her und griff alle Augenblicke, wie um Faſſung zu gewinnen, an ſeinen Bart. End⸗ lich konnte er ſich nicht länger halten. — Iſt denn noch eine für mich da, Herr Di⸗ rektor?— fragte er mit ganz kleinlauter und zittern⸗ der Stimme, der man die innere Angſt deutlich anhörte. 1 8 — Das wollt' ich meinen und noch dazu eine ſehr edele Rolle, die eines Edelmanns!— erwiderte Mr. Elliotſon. — Geſchwind! geben Sie her! Ich brenne vor Eifer, auch einmal ein Edelmann zu ſein. So! das war noch gut!— ſetzte er triumphirend hinzu, in⸗ dem er ſeine Nachbarn mit einer gewiſſen Genug⸗ thuung auf dem Geſichte anſah, und ſchwang ſeine Rolle in ſeiner Freude mit der rechten Hand. — Jetzt kommen wir zu den Damen,— fing der Direktor von Neuem an, und verbeugte ſich gegen dieſe. Alles wurde mäuschenſtill und blickte mit der geſpann⸗ teſten Erwartung zu den drei ſchönen Mädchen hinüber, die ſo ruhig und beſcheiden dem bisherigen Geſpräche zu⸗ gehört hatten, daß ſie werth geweſen wären, mit ihren reizenden Geſichtern die edelſte Geſellſchaft zu verſchönern. — Ich bedauere nur, daß nicht mehr Auswahl für Sie da iſt,— fuhr der Direktor artig fort,— es ſind nur drei weibliche Rollen in dieſem Stücke, und von dieſen drei... Er zuckte die Achſeln und machte ein Geſicht, welches ſeine unterbrochene Rede vollkommen ergänzte. Auch verſtand ihn die Sängerin, die ſchwarze Betty genannt, und ſagte mit lebhaft geröthetem Geſiht und einer un glaublichen S Innigkeit: — Ja wohl, Sir, und eine Jede von uns wird gern die ihr zuertheilte Rolle übernehmen, wir ma⸗ chen keine Schwierigkeit... Sie haben zu beſtimmen. — O nicht doch, nicht doch!... Sie haben ebenfalls freie Wahl. Doch was zuerſt die gute, liebliche Cordelia anbetrifft, das geliebteſte, aber ge⸗ prüfte Kind des... unglücklichen Königs... — Das kann keine Andere von uns dreien ſein, — unterbrach ihn abermals ſehr lebhaft die Sänge— rin,— als unſre gute, liebe, ſanfte Emmy. Nicht wahr, mein liebes Kind, Du nimmſt die Cordelia? erröthen, er derbeugte ſich tief und entgegnete mit wahrhaft väterlicher Stimme: — Ach, meine lieben Damen, ich liebe Sie alle 8 1 3 1 — K drei gleich ſtark, Sie ſind ſo ſchön und gut, und es wäre mir ſehr lieb, wenn ich Sie auch im Stück ſo lieben dürfte, wie ich meine gute Cordelia liebe... Sein Sie überzeugt, im Spiel werde ich, wie es ſich gebührt, ſtreng und unerbittlich ſein, außer demſelben werde ich Sie aber ſtets mit aller der Liebe umfaſſen, wie Sie es ſo reichlich und ohne Unterſchied verdienen. — Ja! und wir,— ſagte Mary und grüßte ihn mit einem außerordentlich graziöſen Winken ihrer ſchönen Hand,— wir werden im Spiel ſo gräßlich wie möglich, aber außer demſelben ſtets Ihre gehorſamen Töchter ſein. Der Oberſt verbeugte ſich abermals und war im Begriff, etwas zu erwidern, als der Li Meinung, er müſſe auch hier ſein ſen, das Wort nahm und ſagt — Darf ich auch eine für mich in Anſpruch neh Sie wiſſen, ich bin 4 lich Mr. Simple) Ich bin der Herz — 288⁰0— men, ehe der Prozeß entſchieden iſt. Das iſt nicht die Regel bei uns, wenn auch bei Ihnen. Haha! Ich, ich werde es ſein,— ſagte Mary Blak⸗ ſtone und winkte dem Advokaten mit den Augen zu. 4— Dann grüße ich Sie als meine Regan!— . ſagte Mr. White, der Lord genannt, zur Sängerin und verbeugte ſich wie vor einer Königin. — Ich danke Ihnen, Sir!— erwiderte Betty und empfing mit ihren Gefährtinnen ihre Rolle. — So wäre denn auch dieſes Werk zu unſerer Zu⸗ enheit vollbracht,— ſchloß der Direktor.— Unſere Sitzung iſt beendet, meine Freunde! Gehen Sie nun und ſtudiren Sie mit allem Eifer Ihre Rollen; in acht 5 utne wir auf dieſem Zimmer die erſte Leſe⸗ zien Sie überzeugt, wir werden, was ie Garderobe anbelangt, für die bemüht ſein. Sorgen Sie nun Ihre Worte. Ich habe die Morgen zu wünſchen! Nauf. Die Andern folg⸗ noch einige Augen⸗ ſich, höflich grü⸗ tanner, Alle aber ſie voller Span⸗ neeberg. fffff f fffffffffffffffffffffff 7 8 9 10 11 12 14 15 16 17 4 4 5 8*— 3 4 2 “ 3 4 — 1 8 . 8 5 4 „* . 7 4 8 *