Leibbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „don Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ICeih und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothel ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3. Caution. Unbekgunte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hit nterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und t. 3 4 Fochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————, Nonat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung eer Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und eefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene voer defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ felben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 Rüginnisehes Gharzkterbild. Von Philipp Galen. Vierter Theil. ekce Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1861. ———————yy—— ————— Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erstes Aapitel. Der Feldzug beginnt. So groß das Verlangen Herrn von der Oehe's ge⸗ weſen war, das ſo kühn aufgenommene Werk des Ta⸗ ges zu fördern und hinauszuſegeln, um den Feind, der ihm ſo viel Böſes gethan, zu ergreifen, und ſo ſehr ſich ſeine Freunde beeifert hatten, ihm dabei treu⸗ lich zur Seite zu ſtehen und alle dazu nothwendigen Vorbereitungen mit raſcher Hand zu treffen, er wie ſie mußten ſich in Geduld fügen, ruhig im Hauſe ſitzen und das zunächſt Kommende mit Ergebung erwarten, da das böſe Wetter, den Wind und die Wellen be⸗ herrſchend, ihnen ein unerwartetes Hinderniß entgegen⸗ ſchob. Allein ſie verloren in der That ſehr wenig dabei, denn wie ſie nicht hinauskonnten, um ihre Lauer⸗ poſten einzunehmen, ſo konnte der angreifende Theil Die Inſulaner. IV. 1 —-—— nn ————— 2 nicht herein, um ſeine Arbeit zu beginnen, da ihm ſo⸗ wohl der Wind völlig entgegen wehte, als auch die Wellen viel zu heftig rollten, um ihm ein ruhiges Vor⸗ ankergehen und Steinzangen zu geſtatten. Der Wind war nämlich im Laufe des Tages, den wir auf der Oehe ſo unruhig anbrechen ſahen, aus Süd⸗ nach Nordweſten herumgegangen und wehte nun ſehr ſtark und ſchien anhalten zu wollen, wie es bei ſolchem Wechſel in dieſer Gegend gewöhnlich der Fall zu ſein pflegte. Die erfahrenen Schiffer in Schaprode wußten dies und hatten wiederholt ihre Meinung da⸗ hin ausgeſprochen, daß vor dem nächſten Morgen an das Auslaufen der Schiffe nicht zu denken ſein werde. Auf Herrn von der Oehe hatte dieſer Aufſchub ſehr übel eingewirkt und nene Zweifel, ob Freund Brunſt auch wohl richtige Erkundigungen eingezogen, beun⸗ ruhigten ſein Gemüth unſäglich. Als er etwa zur Mittagszeit dieſe Unruhe nicht mehr verbergen konnte und ſeine Befürchtung deshalb gegen Carl Melms . ausſprach, begab ſich dieſer zu dem Grünthaler Freunde und theilte ihm des alten Herrn Bedenken und Miß⸗ ſtimmung mit. Sei es nun, daß Alfred Brunſt, als er dies hörte, in üble Laune gerieth, oder ſei es, daß er ſelber einige Bedenken über die Richtigkeit ſeiner Beobachtungen und Erwartungen hegte, genug, er — — 3 ſetzte ſogleich nach Schaprode über und begab ſich zum alten Tode, dem er die Nothwendigkeit einer ernſtlichen Recognoscirung vor Augen ſtellte. Der alte Seemann, der lieber auf dem Waſſer als auf dem Lande war, ging ſofort auf die vorgebrachte Meinung ein, ließ eins ſeiner beſten Boote in ſegelfertigen Zuſtand ſetzen und ſtieg dann, von Herrn Brunſt und einigen jüngeren Schiffern begleitet, an Bord, um ohne Aufenthalt in See zu ſtechen, und noch ehe die Bewohner der Oehe es ahnten, ſchwebte der eben ſo rüſtige wie unter⸗ nehmende Freund von Grünthal mitten auf dem Waſſer zwiſchen der Oehe und Hiddens-öe. Als das Boot bei heftig blaſendem Nordweſter bald das Land hinter ſich gelaſſen hatte und die S gen nach Süden und Norden durchforſchen konnte, ſämmtliche Mitfahrende lange genau nach allen Seiten aus, um die beiden Nachten, die Alfred Brunſt wie⸗ derzuerkennen glauben durfte, zu erſpähen, aber ſoweit ihre Augen mit Hülfe eines guten Fernglaſes reichten, nirgends war eine Yacht zu ſehen und nur ein großer Dreimaſter und zwei Sloopen, die ohne Zweifel von Stralſund kamen, kreuzten mühſelig gegen den ſchweren Wind an, da ſie aus dem Stralſunder Fahrwaſſer, ſüdlich an Hiddens⸗be vorbei in die offene See woll⸗ ten, um nach Dänemark zu gelangen. 1* Aber dieſer flüchtige Ausguck genügte dem vorſich⸗ tigen Brunſt noch lange nicht. Er ließ das Boot geradezu auf Hiddens⸗öe losſteuern und hier in einer kleinen Bucht, wo ſicherer Ankergrund war, ruhig ſeinen Anker auswerfen. Er ſelbſt begab ſich mit dem alten Tode und einem jungen ſcharfäugigen Manne auf die Inſel, durchſchritt ihre ſchmalſte Stelle und hatte ſo in kurzer Zeit die große Waſſerfläche vor Augen, die zwiſchen Falſter, Laaland, Fünen, Schleswig und der Nordküſte von Mecklenburg⸗Schwerin und Neuvor⸗ pommern fluthet. Kaum aber hatten die drei Männer ihre Augen auf die ſchaumbedeckte, wildwogende Waſſer⸗ wüſte gerichtet, ſo riefen ſie alle Drei wie mit einer us:„Da ſind ſie, wenigſtens zwei Nachten § gewiß!“ Alfred Brunſt riß das Fernrohr aus einander und ſchaute aufmerkſam hindurch. Kaum aber hatte er damit die Schiffe in Sicht bekommen, ſo ſagte er in ſeiner gewöhnlichen ruhigen Art lächelnd: „Es ſind dieſelben YNachten, die ich geſtern von Wittow abſegeln ſah, und ich will wetten, ſie kreuzen nur darum hier draußen auf und ab, um ſich nicht eher in unſerm Waſſer blicken zu laſſen, als bis ſie an die Arbeit gehen können. Sobald der Wind um⸗ ſpringt und die Wellen fallen, werden wir ſie den ** 5 Gellen umſegeln und den Gellenſtrom heraufſteuern ſehen.“ „Na das iſt gewiß!“ jauchzte der alte Tode. „Wenn es die Spitzbuben ſind, die Sie meinen, ſo können ſie jetzt nichts Beſſeres thun, als ſich hier ge⸗ dulden und ein Bischen im Spritzwaſſer ſpazieren fahren — aber halt da— geben Sie mir'mal den Tubus her, das eine Ding da kommt mir verwettert bekannt vor.“ Er ſah ſcharf durch das Glas; nach drei Minuten aber hatte er genug geſehen und ließ es wieder vom Auge ſinken.„Ich will nicht Tode heißen,“ ſagte er, „wenn ich das Ding nicht ſchon habe vor der Oehe liegen und Steine zangen ſehen. Wann es war, weiß ich nicht mehr gewiß, aber in dieſem Frühjahr war es ohne allen Zweifel. Wenn mein Sohn hier wäre, würden wir es gleich wiſſen, der kam damals wüthend zu mir in's Zimmer gelaufen und ſchrie: Vatting, es iſt eine Schande, daß man der Wirthſchaft keinen Einhalt thut. Da liegt eine große Nacht mit drei Booten und ſie nehmen Herrn von der Oehe Steine nach Herzensluſt weg!“ „Genug, genug!“ rief Alfred Brunſt heiter.„Ich traue auch Eurem Auge, Tode, nun aber haben wir genug geſehen und wollen wieder nach Hauſe fahren, um die gute Mähr zu verkünden.“— 6 So geſchah es und nach einer kaum vierſtündi⸗ gen Abweſenheit ſegelte das Boot wieder glücklich in den Schaproder Hafen ein, um Allen mitzutheilen, daß die feindlichen Schiffe da ſeien und daß man ſie erwarten könne, ſobald der Wind ſich gelegt haben werde. Niemand war in glücklicherer Stimmung von die⸗ ſem kleinen Ausfluge heimgekehrt als Alfred Brufſſt. Er ſprudelte von Laune, faſt von Muthwillen, und neckte Jedermann, der ihm in den Weg kam. Er be⸗ 4 gab ſich zunächſt zu Herrn von der Oehe und beruhigte 715 ihn wegen ſeiner Zweifel, indem er ihm den beſten Erfolg von dem Unternehmen verhieß, wenn er nur — Geduld haben wolle. Während der Abweſenheit des Gutsherrn von Grünthal war die Geſchäftigkeit und Rührigkeit auf Schaprode eben ſo wenig wie auf der Oehe auch nur einen Augenblick unterbrochen worden: wie die Schiffer auf ihren Booten arbeiteten, ſo rüſteten ſich auch die Herren auf der Oehe zu ihrem Unternehmen, das kei⸗ nem von ihnen gefahrvoll, obgleich Allen ſehr ernſt erſchien. Alle Diejenigen, die mit zur See gehen ſollten, hatten ſich ſchon frühzeitig in ihre waſſerdich⸗ ten Kleider geworfen und ſo liefen ſie jetzt im Hauſe. — 8 8 umher, bald Dies und bald Jenes ordnend, was zu 7 der allgemeinen oder beſonderen Ausrüſtung gehörte. Am meiſten jedoch hielten ſie ſich im Freien auf; man konnte zu jeder Zeit Einen oder den Andern am Dornbuſch ſtehen und nach dem Meere ausſchauen ſehen, aber auch den Himmel prüften ſie und Freude war auf allen Geſichtern wahrzunehmen, als gegen Mittag die trüben Nebel, die den Horizont verdeckten, fielen, die ſchwarzgrauen Wolken ſich lichteten und zwiſchen ihnen hie und da der azurblaue Himmel hervorbrach, was mehr als jede andre ſichtbare Erſcheinung für gute Vorbedeutung nahenden beſſeren Wetters gilt. Wer ſich aber am meiſten über die plötzliche Un⸗ ruhe in und außer dem Hauſe und auf den Geſich⸗ tern der Männer wunderte, das waren die Damen im Herrenhauſe auf der Oehe. Hatte ſchon der frühe und lange Beſuch der Schiffer aus Schaprode ihre Neugier erregt, ſo ſetzten die endloſen Vorbereitun⸗„* gen in Küche und Keller ſie faſt in Erſtaunen, und damit ſtimmte ſo ſeltſam das ungewöhnliche Benehmen der Männer überein, die heute gar kein Auge für ſie zu haben ſchienen und in ihrer raſtloſen Geſchäftigkeit kaum einen kurzen Gruß für ſie übrig hatten. Fräu⸗ lein von Baſſenitz ſowohl wie Guſtava von Kulpen konnten dieſe Unruhe und Neugier nur bis Mittag für ſich allein tragen, dann berathſchlagten ſie raſch mit einander und beſchloſſen, auch ihrerſeits auf Kund⸗ ſchaft auszugehen und die Beſchäftigungen der Männer in der Nähe zu betrachten. Allein auch hierin ſollten ſie nicht ſehr glücklich ſein. Wohl ſahen ſie die Männer am Strande ſtehen und durch die Gläſer eifrig nach dem Meere aus⸗ ſchauen, wohl erfuhren ſie von den Mägden, daß ſie alle Hände voll zu thun hätten, aber wozu das Alles dienen ſolle, konnte oder wollte ihnen Niemand ver⸗ rathen. Herr von der Oehe ſogar, der ſonſt ein ſo aufmerkſamer und galanter Wirth war, bekümmerte ſich heute nicht im Geringſten um ſſe, er ſah ſie kaum, wenn ſie ihm unvermuthet in den Weg liefen, und noch weniger hatte er für ihre neugierigen und ver⸗ wunderten Blicke Augen, oder Ohren für eine Frage, die der Einen oder Andern dann und wann von den Lippen ſchlüpfte.. Endlich konnten die Damen dieſen unklaren Zu⸗ ſtand nicht länger ertragen und ihre Begierde, zu wiſſen, was vorgehe, ließ ſich keinen Zügel mehr an⸗ legen.„Laß mich nur machen,“ ſagte Guſtava zu der älteren Freundin,„ich werde Dir bald ſagen können, was dieſen Aufruhr hervorbringt. Ich kenne ein Mit⸗ tel, bald hinter die Wahrheit zu kommen, und ich bitte Dich nur, mich nicht zu ſtören, wenn ich einen von — dieſen unruhigen Herren in mein Zimmer genöthigt haben werde.“ „Wen willſt Du denn rufen laſſen?“ fragte die Kloſterdame von Bergen mit lebhafter Spannung. „Denjenigen, welcher mir die aufrichtigſte Mitthei⸗ lung machen wird.“ „Und wer iſt das?“ „Derjenige, dem ich am meiſten von Allen traue, der das ehrlichſte Auge und doch vielleicht das un⸗ ruhigſte Gemüth hat, wie ich zu bemerken glaube.“ Bald nach dieſer flüchtigen Unterredung erhielt eine Magd und der alte Statthalter, der ihr gerade begegnete, von Fräulein von Kulpen den Auftrag, Herrn Sternberg, wenn ſiegihn irgend wo ſähen, in ihr Zimmer zu ſenden, und mit dieſem Auftrage hatte alſo die ſchöne Guſtava ihr Urtheil über unſern Freund geſprochen, indem ſie ihn für Denjenigen erkannt, dem ſie am meiſten vertrauen konnte und der ihr die auf⸗ richtigſte Mittheilung machen würde. Der Statthalter, der der Nichte ſeines Herrn ſchon ſeit ihrer Kindheit mit großer Wärme ergeben war, nahm ſich den erhaltenen Auftrag zu Herzen und ging geraden Weges nach dem Dornbuſch, wo Guſtav Steinau mit ſeinem Freunde, dem Maler, Carl Melms und dem alten Herrn einen gemeinſchaftlichen Ausguck hielten. 10 „Herr Sternberg,“ flüſterte er, indem er ihn am Aermel zupfte,„ich habe Ihnen etwas zu beſtellen. 1 „Was giebt's?“ fragte Guſtav Steinau, raſch bei 8 Seite tretend. „Ei, die ſchöne Dame im Hauſe, die Guſtava, will ein Wörtchen mit Ihnen koſen, ſie erwartet Sie drin⸗ nen— gehen Sie doch, es lohnt ſich wohl ſchon der Mühe, mit ihr ein Weilchen zu plaudern.“ 1* Guſtav Steinau überlief ein leichter Freudenſchauer 8 und ſein Antkitz leuchtete vor innerem Behagen auf. Ohne den Zurückbleibenden ein Wort zu ſagen, ging — er nach dem Hauſe zurück, klopfte an Guſtava's Thür und trat gleich darauf ein, nachdem er den freund⸗ lichen Ruf, näher zu treten, von den holden Lippen der Dame ſeines Herzens vernommen hatte. Seitdem die alten und jungen Freunde auf der DOehe verſammelt waren, hatte Guſtav Steinau nicht oft das Glück jener erſten Tage wieder genoſſen, mit 5 Guſtava von Kulpen allein und ungeſtört zu ſein. Die traulichen Spaziergänge jener Zeit, die ernſten 4 Unterhaltungen, die ſie dabei gepflogen, ihre gegen⸗ ſeitigen Mittheilungen über Poeſie, Kunſt und alles ſonſt, was ein junges und künſtleriſch ſtrebſames Ge⸗ müth in Bewegung ſetzt, hatten ſchnell einer allge⸗ meineren Unterhaltung weichen müſſen, und ſeitdem 11 ſogar Alfred Brunſt mit ſeinem heiteren Humor die Geſellſchaft in regſamere Stimmung verſetzt und mit ſeinem Alles überfliegenden, Alles durchdringenden Blick auch dies ſüße Verhältniß, wenn nicht geſtört, doch wenigſtens zu einem gezwungeneren geſtaltet hatte, war Guſtav Steinau oft in Gedanken verſenkt geweſen und der ehemalige Frohſinn, der ihn im ge⸗ ſelligen Verkehr mit ſeinen Freunden ſo überaus be⸗ lebt, war nach und nach einer ernſten, trübſeligen Stimmung gewichen, die weder ihm noch Anderen wohlthat. Eine wie große Befriedigung er daher empfand, als ihm der Statthalter ſo unerwartet jene Einladung überbrachte, braucht nicht geſagt zu werden; er war ohne Zögern aufgebrochen und nun ſtand er mit ſtär⸗ kerem Herzklopfen, als er lange empfunden, dem lieblichen Mädchen gegenüber, das ihn zu ſprechen verlangt hatte. Guſtava von Kulpen war nicht ohne? Verlegenheit, als ſie den jungen Mann jetzt vor ſich ſtehen ſah, in deſſen Inneres, das in ihrer eigenen Seele ſein Spiegelbild fand, ſie ſo manchen Blick geworfen, und ſie hörte kaum ſeine Entſchuldigung, daß er es wage, in der Schiffertracht vor ihr zu erſcheinen, zumal ſie fand, daß ſie ihm ſehr gut kleidete, obwohl ſie für ſeine feinen Gliedmaßen ſo wenig geeignet ſchien. Aber Guſtava's Verlegenheit hatte heute noch einen anderen Grund, ſie entſprang aus der doppelten Neugierde, einmal zu erfahren, was auf der Oehe vorgehe, und ſodann, ob wohl Herr Sternberg geneigt ſein werde, ihren Bitten zu willfahren und ihr das Geheimniß des Tages anzuvertrauen. Doch als ſie nun das edle Antlitz des ihr ſo befreundeten Mannes dicht vor ſich ſah, als ſie einmal nach langer Zeit wieder mit ihm allein war, da faßte ſie ſich raſch, und die freundlich fragenden Blicke Guſtav's mit eben ſo freundlichen erwidernd, ſagte ſie faſt herzlich: „Verzeihen Sie, Herr Sternberg, daß ich Sie von Ihren Geſchäften abrufe und in mein ſtilles Zim⸗ mer beſcheide, wo nur Unthätigkeit und Friede herr⸗ ſchen, während Sie draußen einer ſo nothwendigen Thätigkeit obzuliegen ſcheinen; aber ich dachte, Sie hätten vielleicht einige Minuten auch jetzt für mich übrig, da Sie mir früher wohl ſo manche Stunde ſchenkten.“ „Mein Fräulein,“ erwiderte Guſtav raſch und mit flammend aufſteigender Röthe,„nicht ich bin daran ſchuld, daß die ſchönen Stunden, deren Sie eben ſo freundlich gedenken, jetzt ſo ſparſam wiederkehren; allein ich hoffe, daß die Zeit der Unruhe, in der wir 13— jetzt verharren, vorübergehen, und daß mir dann ge⸗ ſtattet ſein wird, in Ihrer Geſellſchaft nachzuholen, was ich leider ſehr gegen meinen Wunſch jetzt verabſän⸗ men muß.“ „Das hoffe ich auch— ich meine,“ verbeſſerte ſich⸗ Guſtava, ebenfalls erröthend,„ich hoffe, daß die Un⸗ ruhe, die jetzt auf der ſonſt ſo ſtillen Oehe überhand⸗ genommen, recht bald vorübergehen werde; aber gerade dieſe Unruhe, die ich mir nicht erklären kann, hat mich veranlaßt, Sie hierher zu beſcheiden, und ich bitte Sie nun recht dringend, mir zu ſagen, um was es ſich eigentlich handelt, was vorgeht und warum ſich die Herren in einer ſo ſeltſamen Aufregung befinden?“ „Aufregung?“ wiederholte Guſtav Steinau lang⸗ ſam, indem er ſich beſann, wie er dieſer ſchlau einge⸗ leiteten directen Frage ausweichen ſolle, da auch ihm ein völliges Schweigen über die beſchloſſene Unterneh⸗ mung auferlegt war. „Ja wohl, Aufregung— Sie wollen das doch nicht läugnen?“ fuhr Guſtava fort.„Sehen Sie nur die Herren alle an, wie ſie gänzlich wie auf einen Schlag verändert ſind. Mein ſonſt ſo liebevoller Dn hat gar keinen Blick mehr für mich; er ißt und trinkt kaum, läuft den ganzen Tag am Strande herum, hält vor den Schiffern aus Schaprode große Reden und ſein Geſicht flammt in einer Gluth, als ob er in einen— heiligen Krieg ziehen und ſich ein mächtiges Reich erobern wollte. Carl Melms, der immer ſo ſanfte, ruhige Mann, geht ſinnend auf und ab, als wolle er ſein Teſtament machen; Herr Brunſt, der Spottvogel, hat allen Humor verloren, er ſieht mich, Sie, Herrn Markholm ſo ſeltſam durchbohrend an, als habe er uns Allen ein furchtbares Geheimniß zu verbergen. Und was ſoll ich nun gar von Ihrem getreuen Maler ſagen? Als er herkam, ſah er ſo traurig, verfallen und hoffnungslos aus, und nun reibt er ſich mit einem* Male vor Vergnügen die Hände, ſtrahlt von einer unbekannten inneren Wonne, als hätte er eine unver⸗ hoffte große Erbſchaft gemacht. Am meiſten iſt ſich noch Herr Stillfried gleich geblieben; er geht leiſe ſin⸗ gend hinter Herrn Melms her, wie ein treues Hünd⸗— chen auf den Spuren ſeines Herrn, wie auch früher* ſchon, und nur bisweilen lächelt er trübſelig, als wolle er damit ſagen, daß es ihm im Ganzen auf der Lenz doch beſſer gefalle als hier. Was hat das alſo Alles zu bedeuten, darf ich das von Ihnen erfahren?“ Guſtav Steinau lächelte in ſeiner ganzen ehema⸗ Kligen Sorgloſigkeit.„Sie ſind eine ſehr aufmerkſame Bevobachterin alles Vorgehenden geweſen,“ ſagte er lebhaft,„daß muß ich ſagen. Aber Sie haben eine — — Perſon in Ihrer Schilderung vergeſſen— haben Sie denn auch an mir eine ſo gewaltige Veränderung bemerkt?“ „O, Sie!“ wollte Guſtava ſcherzhaft rufen, aber wider Willen überkam ſie ein ungewöhnlicher Ernſt, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, ſchlug ſie die Augen nieder und ließ eine noch viel größere Verlegenheit blicken als im Anfange des Geſprächs. „Nun ich— was iſt mit mir?“ fragte Guſtav Steinau mit leiſer, herzgewinnender Stimme. „Sie haben ſich auch verändert,“ ſagte Guſtava raſch und entſchieden.„Sie ſind nicht mehr der alte, harmloſe, ſeelenruhige Künſtler. Ein raſtloſer Trieb ſcheint in Ihrem Innern Platz gegriffen zu haben, Sie ſtreben nach einem mir vielleicht unbekannten Ziele, aber Sie ſtrengen ſich dabei ſo an, daß man die Mühe merkt, die es Ihnen verurſacht, und dabei ſind Sie ſo ſchweigſam geworden, daß man kaum noch weiß, wie der Ton Ihrer Stimme klingt.“ Guſtav Steinau hob bei dieſen ſo ſanft und freund⸗ lich geſprochenen Worten, daß der darin liegende Vor⸗ wurf nur überaus milde erſchien, ſeinen edlen Kopf ing die Höhe, richtete ſein glänzendes Auge feſt auf Guſtava* und ſagte mit faſt wehmüthigem Ernſte:„Fräulein von Kulpen, wenn ich wirklich ſo verändert bin, wie Sie ſagen, ſo habe ich, glauben Sie mir, vielleicht den triftigſten Grund dazu.“ „Wirklich?“ fragte Guſtava mit ähnlichem Ernſte, indem ihre unſchuldige Seele raſch Partei für den jungen Mann ergriff, der zu leiden ſchien.„O, dann verzeihen Sie meine Neugierde. Laſſen Sie uns alſo nicht von Ihnen ſprechen, ſondern ſagen Sie mir, was meinen Onkel und die andern Herren in ſolche Un⸗ ruhe ſetzt.“ 45 „Auch das darf ich Ihnen nicht ſagen, mein Frräulein.“ „Wie?“ rief Guſtava erſtaunt,„Sie dürfen das nicht? Iſt denn die Sache wirklich ſo wichtig oder bedenklich?“ „Wichtig iſt ſie überaus, ja; ob bedenklich— das glaube ich kaum.“ „Herr Sternberg,“ ſagte Guſtava mit bittendem Tone und einem unviderſtehlichen Blicke,„ich habe Fräulein von Baſſenitz verſprochen, von Ihnen die Wahrheit zu erfahren, weil— weil ich der Meinung war, daß wir— ich meine Sie und mich— die wir ſchon ein anderes, ebenfalls ſo ernſtes Bündniß ge⸗ ſchloſſen, wobei Sie mir auch Ihr Vertrauen ſ ſchenkten, — daß wir auch diesmal kein Geheimniß vor einander * zu haben brauchen.“ oööoöo— —— —— ———— 14 Sie ſchwieg und ſuchte in Guſtav Steinau's Augen zu leſen, die ſich aber geſenkt und alſo ihrem Anblick entzogen hatten, vielleicht, weil er fürchtete, daß die blauen Sterne, die ſo forſchend auf ihn gerichtet waren, ihm zu raſch ſein Geheimniß entlocken möchten. Plötzlich fuhr er in die Höhe und ſagte:„Wollen Sie mir Ihr Wort geben, daß weder Sie noch Fräulein von Baſſe⸗ nitz das verrathen, was ich Ihnen anvertraue?“ 1 „Ich gebe mein Wort, ja, hier haben Sie meine Hand darauf.“ Guſtav ergriff die hingehaltene ſchöne weiße Hand und hielt ſie einen Augenblick in der ſeinen feſt; als er ſie aber wieder los ließ, ſeufzte er leiſe und ſagte wie zu ſich ſelber:„Wenn ich gewußt hätte, daß ich du räther meiner Freunde werden ſollte, wäre i eicht, ſo gern ich kam, doch nicht gekommen— 8* 1 Guſtava ſah ihn lächelnd an, ſchwieg aber. 3 5„Nun aber, da ich einmal da bin,“ fuhr er leb⸗ hun Sie mich an ein ſo ſchönes Bündniß erinn wir in einer glücklichen Stunde geſchloſ⸗ 8 ſen, vill ih S Ihnen nichts verſchweigen. So hören H Sie denn.“ Und nun erzählte er, was wir im vor⸗ hergehenden und dieſem Kapitel ſelber geleſen haben. „Ah!“ rief Guſtava, als er fertig war, mit auf⸗ blitzender Freude,„alſo Sie wollen Alle fort, zur See? Die Inſulaner. IV.* 2 18 Schade, daß ich kein Mann bin, ich ginge gern mit Ihnen. Und nun, da ich das weiß, bin ich noch einmal ſo ruhig, und ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen— ach!“ Sie unterbrach ſich plötzlich und wandte das Auge nach dem Fenſter, an dem eben Alfred Brunſt vor⸗ überging, nachdem er von Hiddens⸗öe zurückgekehrt war. Er hatte einen Blick durch das Glas geworfen und Fräulein von Kulpen und Guſtav Steinau mit glühenden Geſichtern vor einander ſtehen ſehen. Schon wollte er raſch vorübergehen, allein er beſann ſich, trat dicht an das Fenſter heran und ſah nun ſchalk⸗ haft lächelnd in das Zimmer. Guſtava öffnete einen Flügel und lud ihn ein, näher zu treten. „ Ich danke,“ ſagte er kurz und einen rroniſchen Blick auf die beiden jungen Leute werfe „ich habe keine Zeit und noch viel zu thun. Aber d 4 iſt ja Herr Sternberg, den ſuchte ich eben— h Sie auch für mich einen Augenblick üb Dichter?“ Guſtav Steinau antwortete nst, verbeugte blos vor der Dame und ging dann zu Herrn Brunſt 4 hinaus, beinahe ein unwilliges Gefühl empfindend, daß er auf ſo unerwartete Weiſe in ſeiner angenehmen Unterhaltung geſtört worden ſei. —— 19 Alfred Brunſt erwartete ihn draußen und ging einige Schritte abſeits mit ihm über den Hof hin. „Ich bin auf Hiddens⸗öe geweſen,“ ſagte er ruhig, „und habe die Yachten hinter der Inſel kreuzen ſehen; es iſt kein Zweifel, es ſind die Steinzangerſchiffe. Der Wind ſcheint auch gelinder zu werden und ſo können wir vielleicht ſchon gegen Abend auslaufen. Das ſoll eine hübſche Jagd werden. Nun, Herr Sternberg,“ fuhr der Redende mit leiſerer Stimme aber ſcharf blitzendem Auge fort, das ſich nicht mehr von dem jungen Manne abwandte und immer tiefer in ſeine Seele dringen zu wollen ſchien,„Sie werden alſo mit dem alten Herrn auf dem Kutter Tode's dieſe Jagd mitmachen. Nun wohl, benutzen Sie die Zeit— unterhalten Sie den alten Herrn auf recht intereſſante Weiſe— und verlieren Sie um Gottes⸗ willen den richtigen Moment nicht aus dem Auge, denn jetzt iſt die günſtigſte Zeit für Sie gekommen, nun können Sie ausrichten, was Sie ſchon längſt haben ausrichten wollen— was machen Sie denn für ein ſeltſames Be ct— verſtehen Sie mich nicht?“ Guſtav Steinau zeigte allerdings ein ſeltſames Geſicht. Er war bleich wie der Tod geworden, ſeine Augen hatten ſich verſchleiert, ſeine Lippen bebten und mit geöffnetem Munde hing er an den ſeinen Lippen 2 Q 4 20 des edlen Mannes, der nie ſo ernſt und bedeutſam ausgeſehen, wie in dieſem Augenblick. „Verſtehen Sie mich nicht?“ fragte Alfred Brunſt noch einmal. „Nein,“ ſtammelte Guſtav Steinau,„ich verſtehe Sie nicht!“ „Alſo nicht!“ ſagte Jener, für ſich im Stillen lächelnd.„Alſo wirklich nicht! Nun denn, junger Mann, dann laſſen Sie es bleiben. Aber dennoch kann ich nicht unterlaſſen, Ihnen zu ſagen: ich gra⸗ tulire! Und warum thue ich das? Weil ich weiß, daß Ihre Angelegenheiten gut ſtehen— hier und da— ich weiß es und habe es vor wenigen Augenblicken wieder bemerkt. Nun aber ſtaunen Sie nicht länger; ich bin gerade jetzt glücklich, daß die verwünſchte Sache hier endlich ein Ende nimmt, und da möchte ich An⸗ dere auch glücklich ſehen. Das iſt einmal meine Nei⸗ gung ſo. Nun denken Sie alſo über ſich ſelber nach, wenn Sie mit mir nicht offener reden wollen; wenn Sie aber nicht ſelbſt bald Anſtalt treffen, daß auch Ihre Sache ein Ende nimmt, du komme ich da⸗ zwiſchen. Aber ich ſage Ihnen gleich, ich faſſe ſie am richtigen Ende an; von dem langen Zaudern und Hinhalten bin ich kein Freund— alſo vorwärts! Auf der See plaudert es ſich eben ſo gut wie auf dem — Lande— doch jetzt leben Sie wohl! Da kommt der alte Herr und dem werde ich auch meine günſtige Nachricht mittheilen.“ Er lächelte noch einmal auf ſeine feine Weiſe, nickte Guſtav Steinau herzlich zu und ſchritt dann Herrn von der Oehe entgegen, der eben vom Dorn⸗ buſch zurückkehrte. Guſtav Steinau aber blieb binter dem Abgehenden ſtehen, wie betäubt, halb niederge⸗ worfen, halb aufgerichtet, denn was er ſo eben ver⸗ nommen, wenn er ſeinen Ohren trauen durfte, die ihm noch ſummten, war ihm ſo ſeltſam, ſo wunderbar erſchienen, daß er zu träumen glaubte.„O dieſer Mann,“ ſagte er zu ſich—„ja, Heinrich hat Recht— dieſer Mann ſcheint hier wirklich eine Art Vorſehung zu ſpielen! Woher weiß er— woher vermuthet er— ha! und am Fenſter hat er gelauſcht— doch das wäre nicht das Unangenehmſte, wenn er— o mein Gott, mir ſchwirrt es im Kopfe und ich kann zu kei⸗ nem klaren Gedanken kommen— wann, o wann wird die Stunde meiner Erlöſung ſchlagen, wann werde ich ruhig, zufrieden, glücklich ſein können wie ein Kind— o, ich bin es ja noch nie im Leben gewe⸗ ſen und doch habe ich eine ſo unendliche Sehnſucht danach.“ 4 Mit dieſem Gedanken kehrte er in das Haus zu⸗ 2 8 rück, um ſich zum Mittageſſen anzukleiden, zu deſſen Beginn jetzt alle Ausſicht vorhanden war, da man da⸗ mit nur bis zu Herrn Brunſt s Rückkehr gewartet hatte. Endlich war es Abend geworden und man hatte noch immer nicht daran denken können, die Boote zu bemannen und auslaufen zu laſſen. Zwar ſ ſtürmte der Wind nicht mehr in der vorigen Heftigkeit, aber er wehte noch immer zu ſtark aus Nord-Weſten, als daß man hätte annehmen dürfen, die Nachten würden es wagen, um die Südſpitze von Hiddens⸗be herum zu ſteuern und auf die Oehe los 3u ſegeln. Zu der gewöhnlichen Stunde verſammelten ſich daher die Bewohner des Herrenhauſes auf der Oehe im Speiſezimmer, um ihr Nachtmahl einzunehmen und dabei der Ungeduld Meiſter zu werden, die ſie bei⸗ nahe alle mehr oder minder nenchde Von Zeit zu Zeit aber verließ Einer oder der Andere den Tii um draußen nach dem Wetter und dem Stande der Dinge Umſchaunzu halten. Allein Keiner kam mit einer Miene zurück, die etwas Neues verkündete, und nur gegen zehn Uhr flüſterte Alfred Brunſt, der eben am Strande geweſen, dem Wirthe zu, daß der Wind allmälig nachzulaſſen und die Wellen ihm nicht mehr ſo hoch zu gehen ſchienen. 23 Darüber ward denn der alte Herr ungemein ver⸗ gnügt und in der Freude ſeines Herzens ließ er eine große Bowle Punſch brauen, um die Freunde ſo lange wie möglich an den Tiſch zu feſſeln, damit ihnen ja nicht der rechte Moment entginge, wo die Handlung beginnen könne. Die Damen, die ſich in der Regel bald nach zehn Uhr in ihre Zimmer zurückzogen, bezeigten heute nur ſehr geringe Luſt dazu, vielmehr ſchien ſie die Geſell⸗ ſchaft mehr denn je zu feſſeln, und ſo blieben ſie, dem Onkel zum Trotz, der ſchon lange auf ihren Abgang gerechnet hatte. Allein da er ſah, daß alle ſeine Wünſche und Anſpielungen in dieſer Beziehung nichts fruchteten, machte er gute Miene zum böſen Spiel und zuletzt wurde er ſogar ſo munter und redſelig, daß er, ſeinem Vorſatz entgegen, einen Theil ſeines Vorhabens den Damen enthüllte, ihnen mittheilte, daß die Männer eine Seefahrt unternehmen müßten, die einige Tage dauern könne, und daß ſie ſich nicht äng⸗ ſtigen möchten, wenn ſie auch des Nachts in dem ein⸗ ſamen Gehöft ziemlich allein blieben.„Wenn Ihr neugierig ſeid, was vorgeht,“ ſchloß er ſeine Mitthei⸗ lung,„ſo könnt Ihr morgen früh, nachdem wir abge⸗ ſegelt ſind, an den Strand gehen und Euch das Er⸗ eigniß mit anſehen; Herr Stillfried wird ſich freuen, 24 —— CEuer Führer zu ſein, wozu er bereits meine Inſtruc⸗ tionen empfangen hat.“ Guſtava von Kulpen hob ſcheinbar verwundert ihr roſiges Geſicht gegen den Onkel auf.„Alſo geheime Inſtructionen haſt Du erlaſſen, lieber Onkel?“ ſagte ſie lachend.„Giebt es denn etwas ſo Ernſtes?“ „Was Männer thun, iſt immer ernſthaft, mein Kind; nun aber, da ich Euch Alles geſagt, was ich ſelber weiß, dächte ich, ginget Ihr zu Bett, denn Ihr werdet gewiß müde ſein.“ „Nicht im Geringſten lieber Onkel, und wir bitten Dich ſogar, Euch noch ein Stündchen Geſellſchaft lei⸗ ſten zu dürfen. Es iſt bisweilen gut, wenn man länger als gewöhnlich aufbleibt, denn ohne unſre heutige Ausdauer zum Beiſpiel würden wir nichts von Eurem Unternehmen erfahren und dadurch nur eine unruhige Nacht gehabt haben, wie auch der Tag ſchon unruhig geuug geweſen iſt.“ Der alte Herr ergab ſich; der liebenswürdigen Bittſtellerin konnte man ſo leicht nichts abſchlagen, und dieſe hatte, abgeſehen von der gepflogenen Unter⸗ haltung, ihre beſondere Freude daran, die Mienen der verſchiedenen Männer zu beobachten, deren bedeutſamen Ernſt und die eigentliche Veranlaſſung dazu ſie trotz aller Aufmerkſamkeit doch nicht hinreichend ergründen konnte. 25 Carl Melms ſaß in ſeiner gewöhnlichen ſchweig⸗ ſamen Weiſe und nur ſtets dem Redenden einen mehr oder minder billigenden Blick zuwerfend, da; an ſeinen Mienen hing Willibald Stillfried mit unabläſſiger Hingebung, wie man es ſeit langer Zeit bei ihm zu beobachten wiederholt Gelegenheit gehabt. Einen ganz anderen Anblick boten Alfred Brunſt, Heinrich Markholm, und Guſtav Steinan dar. Der Maler war überglücklich, das verrieth ſich bei ihm weniger durch vieles und lautes Reden, als vielmehr durch ein ſtilles und nachdenkliches Sinnen, welches mit einem gleichſam inneren Lächeln abwechſelte wo bei ſeine Augen einen Glanz ausſtrahlten, als wollten ſie Alles um ihn her vergolden. Er ſchien dabei die Minuten zu zählen und die Stunden zu berechnen, die ihn noch von ſeinem erwarteten Glücke fern hiel⸗ ten, und wenn er ja ein Bedauern empfand, ſo war es das, daß die Zeit unter manchen Verhältniſſen weit langſamer verlief, als die Sehnſucht des menſch⸗ lichen Herzens es verlangte. Guſtav Steinau dage⸗ gen war geſprächiger als am ganzen Tage vorher und auch ſeine Miene verrieth eine geheime Zufriedenheit und Behaglichkeit, wie denn auch ſeine Augen mit leuchtender Innigkeit bald auf Guſtava, bald auf Herrn von der Oehe hafteten, immer aber wieder mit ſtau⸗ 26 nender Verwunderung und Aufſchluß begehrend nach Alfred Brunſt's Antlitz zurückkebrten, der mit ver⸗ ſchloſſener Miene da ſaß, nur bisweilen ein verſtohlenes Lächeln um ſeine Lippen zucken ließ und bald dem Maler, bald Guſtav Steinau einen ermuthigenden Blick zuwarf, wenn er ſein Glas mit dem ihrigen zu⸗ ſammenſtieß. So war es beinahe Mitternacht geworden, als Metke hereinkam und dem Hausherrn einige Wor in's Ohr flüſterte. „O, laß ihn herein,“ rief Dieſer, ſobald er ſie ver⸗ ſtanden,„der Alte wird uns willkommen ſein.“ Gleich darauf that ſich die Thür weit auf und die vierſchrotige Geſtalt des alten Schifſers Tode, voll⸗ ſtändig zur Seefahrt aufgetakelt, ſchritt über die Schwelle. Als er die ganze Geſel lſchaft noch bei einander fand, nahm er ſeinen Hut in die rechte Hand, ging auf Herrn von der Oehe zu und ſagte mit höflicher, aber beſtimmter Miene: „Nun, Herr von der Oehe, wird es bald Zeit ſein, daß der Tanz losgeht. Der Wind will ſchlafen gehen und ich dächte, in einer Stunde könnten die Boote, die nach Süden ſteuern ſollen und den weiteſten Weg haben, ihre Ankertaue löſen, wenn die Herren nichts dagegen haben, he?“ 27 „Nach Süden?“ wiederholte Herr von der Oehe und Aller Augen richteten ſich dabei auf Carl Melms, der das Hauptboot, welches in dieſer Richtung abging, befehligen ſollte. Carl Melms erhob ſich ſogleich und knöpfte ſeinen Rock zu, als wolle er ſich ſchon fertig machen. Aber da ſprang Alfred Brunſt auf, trat auf ihn zu und ſagte mit ſeiner an's Herz dringenden Stimme, wie er ſie nur hören ließ, wenn er zu dem ſanften Freunde ſprach: „Carling! Willſt Du wirklich in das kleine Boot ſteigen und ziehſt Du es nicht vor, zu mir auf den Kutter zu kommen, der nach Hiddens⸗öe beſtimmt iſt? Ich dächte, Du thäteſt es; er hat eine hübſche Kajüte und Du kannſt liegen, ſitzen und dabei ſchlafen, wie es Dir beliebt.“ „Oho, Herr Brunſt,“ nahm der alte Tode das Wort, „das kann er in dem Langboote auch. Es iſt groß genug dazu und ich hnf ſchon für Herrn Melms eine Leinwandkoje aufrichten und mit Betten auspolſtern laſſen— wenn die Herren nichts dagegen haben.“ „Nein,“ ſagte Carl Melms, an ſeinen Freund ſich wendend und dem Schiffer freundlich zunickend,„ich fahre in dem Langboot lieber als im Kutter und Einer von uns muß auf die Boote im Süden ein wachſames 28 Auge richten. Es bleibt daher bei unſrer Verabredung. Alſo in einer Stunde meint Ihr, Tode?“ „Ja, Herr, ſo meine ich.“ „Nun, Ihr ſollt nicht auf mich warten und ich will mich lieber gleich fertig machen.“ „Es hat keine Eile, Herr; ich werde Sie abrufen, wenn die Leute auf dem Platze ſind.“ „Gut denn! Nun aber nehmt erſt eine Herzſtärkung, Alter, ehe Ihr geht,“ ſagte Herr von der Oehe und reichte dem Schiffer ein bis an den Rand gefülltes Glas mit dampfendem Punſche hin. Er leerte es auf einen Zug, nickte dann dankend und ſtellte es wieder auf den Tiſch. Bald nach ſeinem Abgange empfahlen ſich auch die Damen, nachdem ſie von Allen Abſchied genommen und dem bevorſtehenden Unternehmen den beſten Er⸗ folg gewünſcht hatten. Während dies geſchah, hatte Carl Melms ſich vom Tiſch zurückgezogen, war auf ſein Zimmer gegangen, um ſich reiſefertig zu machen, und hatte darauf auf dem Sopha Platz genommen, wo er alsbald einſchlief, denn dem Schlaf gebot er zu jeder Zeit, er konnte ihn rufen, wenn er ſeiner benöthigt war. In einer guten Stunde aber kam Tode wieder und meldete, daß es nun Zeit ſei. Der Mond ſcheine präche 29 tig, es wehe ein herrlicher Segelwind, aber von einer Nacht ſei noch keine Rede. Man ging auf Carl Melms' Zimmer und weckte ihn. Er war auf der Stelle munter, nahm Hut und Fernglas, ſteckte ſeine Piſtolen ein und ſo trat er unten in's Speiſezimmer, wo die Anderen immer noch in muntrer Unterhaltung beiſammen ſaßen. Carl Melms ging der Reihe nach herum und drückte Allen herzlich die Hand. Es lag in ſeinem Auge bei dieſer einfachen Handlung ein eigenthümlicher Ausdruck von Rührung und Weichheit, als würde es ihm ſchwer, von dem traulichen Hauſe zu ſcheiden, aber dennoch beharrte er auf ſeinem Vorſatze, obgleich Alfred Brunſt noch einmal verſuchte, ihn von demſelben ab⸗ zubringen. „Ich gehe,“ ſagte er feſt,„und in wenigen Stun⸗ den werdet Ihr auch gehen. Ich habe eine Stunde geſchlafen und fühle mich außerordentlich geſtärkt. Nun wohlan denn, ich will wünſchen, daß ich Euch den Wolf in's Garn treibe und der Erſte bin, der ſeine Rake⸗ ten ſteigen oder einen rothen Wimpel flattern läßt. Habt alſo Acht auf mein Langboot, ich werde ſchon da⸗ für ſorgen, daß meine Jungen ihre Augen offen halten.“ „Trinkſt Du noch ein Glas, Carling?“ fragte Herr voon der Oehe. 1 „Nein, alter Herr, ich habe genug; Tode wird es für mich thun. Und nun lebt wohl! Wenn wir uns wiederſehen, werden wir Freude haben! Adieu!“ Als er mit Tode und Willibald Stillfried, der ihn bis zum Strande begleitete, das Zimmer verlaſſen hatte, trat eine ſeltſame Stille darin ein. Es fiel Allen wie ein Stein auf's Herz, daß das längſt er⸗ ſehnte ernſte Unternehmen, was doch kein Einziger von ihnen für gefährlich hielt, nun wirklich beginnen ſollte. Alfred Brunſt ſtarrte einen Augenblick nach⸗ denklich vor ſich hin, dann lächelte er hoffnungsvoll und:„nun wollen wir zu Bette gehen, bis auch wir geweckt werden!“ rufend, ſtand er auf, drückte Allen die Hand und zog ſich in ſein Zimmer zurück, was die Uebrigen gleichfalls thaten, da Tode verſprochen hatte, jedem Einzelnen das Zeichen zum Aufbruch zu geben, wenn ſeine Zeit gekommen wäre.— Gegen fünf Uhr war er auch ſchon wieder am Hauſe, warf einen Stein gegen Alfred Brunſt's Fen⸗ ſter und als dieſer aufſtand und fragte, was es gäbe, ſagte er:„Herr Brunſt, vier andere Boote ſind auch ſchon nach verſchiedenen Richtungen abgegangen. Der Tag iſt heiter angebrochen und der Wind legt ſich immer mehr. Nun können die Yachten bald kommen und es iſt beſſer, daß Sie eher nach Hiddens⸗öe aus⸗ 4 31 laufen als die Kerle ihre Naſe in unſer Fahrwaſſer ſtecken.“ „Alſo es iſt für mich Zeit, Tode?“ „Ja, es iſt Zeit, Herr!“ „Gut, ich komme.“ Er nahm die Sachen auf, die er zu gebrauchen glaubte, und folgte dem Schiffer nach dem Kutter, der ſogleich ſeine Ufertaue löſte und raſch aus dem Kanale hinausſtach, ſeinen Cours in gerader Linie nach Hid⸗ dens⸗öe nehmend. Nach einiger Zeit ſegelten auch die zwei letzten kleineren Boote ab, und als Herr von der Oehe und Guſtav Steinau vollſtändig gerüſtet und von Heinrich Markholm begleitet, nach dem Steinort gingen, um ſich noch einmal umzuſchauen, bevor ſie ſelbſt ihren Kutter bet traten, ſah man ſämmtliche Boote ſchon weit in verſchiedenen Richtungen treiben und anſcheinend ihren alltäglichen Beſchäftigungen nachgehen, wie es jeder Führer für rathſam hielt, um die etwaige Auf⸗ merkſamkeit der Fremden von ihrem eigentlichen Vor⸗ haben abzuleiten. Nach ſieben Uhr Morgens betrat der alte Tode zum letzten Mal die Inſel und fand die zurückgeblie⸗ benen Herren im Zimmer beim Kaffee ſitzen.„Nun, Herr von der Oehe,“ rief er in munterſter Laune, „jetzt hat endlich auch unſere Stunde geſchlagen. Sind Sie fertig?“ „Ja, ich bin fertig, Tode, und wir Alle ſir Rufen Sie doch den Gensdarmen—“ „O, der iſt ſchon an Bord und ſein Spieß auch „Nun, ſo trinken Sie eine Taſſe Kaffee und dann nd es. 1⁴ wollen wir gehen.“ Alsbald verließ Herr von der Oehe das Haus, wobei der Statthalter ihn noch bis zum Strande be⸗ gleitete und ſeine letzten Befehle empfing. Heinrich Markholm und Willibald Stillfried aber gingen vor der Thür auf und ab und erwarteten Guſtav Stei⸗ der noch irgend etwas aus dem oberen Stock⸗ Als er eben herunterkam und nau, werke zu holen hatte. den Drücker der Hausthür ſchon in der Hand hielt, öffnete ſich das Damenzimmer und Guſtava von Kul⸗ pen ſtreckte ihren blonden Kopf aus der Thürſpalte. „Herr Sternberg,“ ſagte ſie,„nur um einen Augen⸗ blick bitte ich noch.“ 1 Guſtav Steinau trat raſch in das verbeugte ſich, überaus glücklich geſtimmt, vor der ſchönen Dame, die im Morgengewande noch viel rei⸗ zender ausſah als im ſteifen Staatskleide. „Mein Onkel hat es ſo eilig,“ ſagte ſie,„daß er uns vor ſeinem Abgange nicht einmal einen Morgen⸗ Zimmer und 33 gruß geboten, obgleich wir heute ſchon früh aufgeſtan⸗ den waren; ich bitte Sie daher, ihm unſere Grüße zu überbringen und den Wunſch hinzuzufügen, daß ſein Vorhaben vom beſten Gelingen gekrönt ſein möge. Letzteres wünſche ich auch Ihnen: kehren Sie bald, geſund und froh mit dem Diebe der Oehe zurück!“ 1 Guſtav Steinau lächelte hoffnungsvoll und erwiderte auf dieſe freundlichen Wünſche einige dankende Worte. „Auch hoffe ich,“ fügte Guſtava mit halb neckiſchem, halb ernſtlichem Lächeln hinzu,„daß, wenn dieſe höchſt wichtige Unternehmung vorüber iſt, Ihre Zeit uns wieder etwas mehr gehören wird. Sie haben gewiß über das neue Bündniß mit Ihren Freunden gegen den Feind ganz das alte vergeſſen, welches Sie mit mir vorher geſchloſſen hatten—“ „O nein, mein Fräulein,“ erwiderte Guſtav Stei⸗ nau raſch, indem ihm plötzlich ein kühner Gedanke durch den Kopf ſchoß,„ich habe dies ſchöne Bündniß nicht vergeſſen, das mich ſtets an eine ſo glückliche Stunde erinnert; ich habe ſogar ſofort danach gehan⸗ delt, und dieſe Handlung hat Frucht getragen. Heute Morgen ſchon habe ich einen Brief von dem Freunde G empfangen, an den ich ſchrieb, und in demſelben man⸗ cherlei Aufklärung über den Neffen des Herrn von der Oehe, Ihren Vetter, erhalten.“ Die Inſulaner. IV. 3 34 Guſtava's Wangen bedeckten ſich mit einer warmen aus dem Herzen ſtrömenden Röthe, die auch ihrem Auge eine außerordentliche Lebhaftigkeit verlieh.„O, wie leid thut es mir,“ ſagte ſie,„daß Sie gezwungen ſind, mit zu Schiffe zu gehen.— Nur ein Wort ſagen Sie,“ fügte ſie raſcher ſprechend hinzu, da ſie bemerkte, daß der junge Mann wiederholt nach dem Fenſter blickte, als wolle er dadurch ſeine Eile andeuten,„nur ein Wort: bringt der Brief Gutes oder Schlimmes über den armen Vetter?“ Guſtav Steinau lächelte auf eine faſt ſchelmiſche Weiſe, was gar nicht in ſeiner Art lag.„Ich glaube,“ erwiderte er,„oder vielmehr ich hoffe, daß Sie zufrie⸗ den ſein werden; ich bin es wenigſtens vollſtändig. Der junge Mann iſt nicht allein gefunden, ſondern er hat ſich auch außerordentlich liebenswürdige und einflußreiche Freunde erworben, ſo daß ſchon daraus hervorgeht, daß er unmöglich ſo ſchlecht ſein kann, wie Sie dachten.“ „O, ich habe das nie ſo recht gedacht. Aber Sie erfrenen mich ungemein mit Ihrer angenehmen Nach⸗ richt und ich danke Ihnen im Voraus für Ihre Be⸗ mühungen. Kommen Sie bald wieder, damit ich meine Neugierde nicht zu lange zu zügeln brauche.“ Guſtav Steinau verbeugte ſich noch einmal und —— 35 war dabei im Zweifel, ob er der befreundeten Dame die Hand zum Abſchiede reichen dürfe oder nicht, wozu er ſelbſt die größte Neigung verſpürte; da kam ſie ihm aber ſchon zuvor und indem ſie ihm die ihrige darbot, ſagte ſie hold erröthend:„Mit Gott, zu Waſ⸗ ſer und zu Lande— und nun grüßen Sie meinen Onkel!“— Guſtav Steinau trat etwas erhitzt aus dem Da⸗ menzimmer in's Freie, denn das letzte Geſpräch, ſo kurz es geweſen, hatte ſein Herz in lebhafte Wallung verſetzt. Die Freunde waren ihm ſchon weit nach dem Strande vorausgeeilt, daher lief er, um ſie ein⸗ zuholen, und ſo war ja die Röthe ſeiner Wangen dem luſtigen Heinrich erklärt, der ſchon lange gemuthmaßt und ſogar ſcherzhaft gegen Willibald geäußert hatte, daß Guſtav weniger irgend einen vergeſſenen Gegenſtand holen als einen zärtlichen Abſchied von irgend einer menſchlichen Seele nehmen zu müſſen ſcheine. Kurze Zeit, nachdem die drei Freunde zuſammen⸗ getroffen, war man am Strande bei der Fährſtelle angelangt, hatte einen kurzen Abſchied von einander genommen und Herr von der Oehe war mit ſeinem Begleiter über das Waſſer geſetzt, worauf Beide den Kutter des alten Tode beſtiegen, der ſogleich ſeine Segel entfaltete und bei halbem Nordweſtwind raſch 3 36 — durch die noch immer heftig bewegte See nach Hid⸗ dens⸗öe hinüberhielt. So lange die beiden zurückgebliebenen Freunde noch die Abreiſenden an Bord erkennen konnten, ſtan⸗ den ſie am Strande und blickten ihnen, gute Verrich⸗ tung wünſchend, nach; als aber die Ferne ihnen den Anblick derſelben entzog, wandten ſie ſich langſam nach dem Herrenhauſe zurück, um auch an ihre Obliegen⸗ heiten und Pflichten daſelbſt zu denken. Aber nicht ſie allein, auch die übrigen auf der Inſel Zurückgebliebenen fanden es daſelbſt ſehr ein⸗ ſam, als ſie an ihre gewöhnlichen Geſchäfte gingen, mochten dieſe nun ſein, welcher Art ſie wollten. Jeder⸗ mann war gewohnt, daß die Augen, wenn nicht Vie⸗ ler, doch Einzelner auf ihrer Hände Arbeit oder ihr Thun und Laſſen gerichtet waren, und nun erſchien Niemand, der wenigſtens durch einen freundlichen Blick ſeine Theilnahme verrathen hätte. Am meiſten empfand dies, da Heinrich Markholm zu ſehr in ſeine Gedanken über das ihm zunächſt bevorſtehende Glück, Alwining wiederzuſehen, vertieft war, gleich am frühen Morgen unſer ſtiller Willibald, ſo daß er, wenigſtens ſo lange die Damen unſichtbar blieben, auf ſich allein angewieſen blieb. So ging er denn, nachdem er eine Weile gearbeitet, nach dem Dornbuſch hinaus, wo er ſich zum Statt⸗ halter geſellte, der dort auf der Lauer ſtand und mit einem kleinen Fernglaſe die ungeheure Waſſerfläche beſtrich, die vor ſeinen Augen lag. Als Willibald in ſeine Nähe kam, begrüßte ihn der alte Mann freundlich und ſagte:„Nun, Herr Stillfried, ſind wir alſo die einzige Beſatzung der Inſel. Ich denke, wir werden unſere Aufgabe mit Ehren löſen können, das Schwerſte haben doch die Herren auf den Booten da draußen zu thun. Sehen Sie'mal da hinüber, da ſegelt jetzt unſer gnädiger Herr juſt um die Ecke von Seehof herum und da werden die Schiffer wohl in irgend einem Winkel vor Anker gehen, um die Oehe von ihrem hohen Bord aus im Auge zu behalten. Na! ſie können ein bübſch Weilchen warten, bis die Steinzanger kommen, und hoffentlich werden ſie Unterhaltung oder Ge⸗ duld genug haben, um ſich die Langeweile zu ver⸗ treiben.“. „Sie glauben alſo, daß die Freibeuter ſich ſobald noch nicht blicken laſſen werden?“ „Ei nein doch, ſie können nur nicht, ſonſt wären ſie vielleicht ſchon lange hier. Aber die Wellen ſind ihnen noch zu mächtig, da können ſie nicht ruhig vor Anker liegen und die großen Steine heben, die ſie da 38 vorn, zweihundert Schritte vom Lande, holen möchten. Auch iſt der Wind noch immer nicht ruhig genug und vielleicht erſt gegen Abend oder gar morgen früh dürf⸗ ten wir die Geſellſchaft herein luggern ſehen.“ „Wo ſind denn die anderen Boote von der Oehe geblieben?“ „O, da ſind ſie alle, wie junge Seehunde über die ganze Waſſerfläche zerſtreut. Sehen Sie da drüben vor den Häuſern auf Hiddens⸗be— das iſt Clemens' großer Kutter mit Herrn Brunſt. Er ankert auch ſchon und die Herren ſind meiner Meinung nach viel zu früh abgefahren. Und da drüben, ganz links weg, dicht vor dem Sandfleck— das iſt Herr Melms mit ſeinem Langboot und da und dort ſehe ich auch zwei kleine Segel, die zu unſrer Flotte gehören.“ Willibald ſuchte ein Boot nach dem andern von den bezeichneten auf, aber er konnte ſie nicht ſo leicht finden wie das geübte Auge des Inſelbewohners. Nachdem er ſich aber dennoch eine Weile vergebens damit bemüht hatte, glaubte der alte Vormäher ihm eine gewiſſe Ermüdung anzumerken und ſagte in ſeiner gemüthlichen Weiſe:„Na, ein andermal ſehen Sie mehr, heute haben Sie Ihre Augen genug angeſtrengt. Gehen Sie jetzt getroſt in's Haus und zu Herrn Markholm, der da unten an der Fähre tiefſinnig auf⸗ 39 und abſchreitet, ich werde ſchon aufpaſſen und ſobald etwas Neues paſſirt, Sie Beide rufen.“ Willibald befolgte den Rath; Heinrich Markholm aber, dem er eine Parthie Schach vorſchlug, hatte keine Luſt, in einem Zimmer zu ſitzen, und trieb ſich lieber, mit ſeiner nächſten Zukunft beſchäftigt, im Freien herum. „Auf dieſe Weiſe verflog der Morgen Allen nicht gerade überaus raſch und es ging gegen Mittag und die Damen hatten ſo eben Willibald Stillfried zu ſich beſcheiden laſſen, als der Statthalter athemlos herbei⸗ gelaufen kam und ſchon in ſeinen aufgeregten Geſichts⸗ zügen die Kunde eines neuen Ereigniſſes herantrug. „Meine Herrſchaften,“ rief er ſchon von Weitem, „o kommen Sie ſchnell! Die Yachten der Steinzanger ſind da, ſo wahr Gott lebt, und Herr Brunſt hat alſo doch Recht gehabt! Sie haben auf der Weſtküſte von Ummanz Anker geworfen und warten da ganz geduldig ruhiges Waſſer ab.“ Beide Damen, von Willibald begleitet— wo Hein⸗ rich Markholm war, wußte Niemand im Hauſe— folgten dem voraneilenden Statthalter flüchtig nach dem Dornbuſch. Die Sonne ſtand hell am blauen Himmel und beleuchtete mit ihrem freundlichſten Glanze die grünen Vorſprünge der niedrigen Küſte von Ummanz, 40 ſo daß man ziemlich deutlich ſelbſt kleinere Gegenſtände in ſo weiter Entfernung unterſcheiden konnte. Dicht an der Küſte nun, die der Statthalter bezeichnet, ſah man zwei große Fahrzeuge, mit ihren Maſten und reichlichem Takelwerk hoch über das Land wegragen⸗ Die Segel hatten ſie ſämmtlich geborgen, ein Beweis, daß ſie ihren Raſtort nicht auf kurze Zeit gewählt, und nun lagen ſie ganz gemüthlich, wie zwei unſchul⸗ dige Kauffahrer da, die blos auf günſtigeren Wind warten, um ihren Pflichteours fortzuſetzen. Vielleicht auch beobachteten ſie von dort aus die Oehe und die von derſelben ausgegangenen Boote, deren gemein⸗ ſchaftlichen Zweck und feindliche Abſicht ſie aber un⸗ möglich ergründen konnten, da dieſelben nach allen Richtungen auseinander gegangen waren und in kei⸗ nem näheren Zuſammenhange zu ſtehen ſchienen. Das war nun Alles, was man vom Dornbuſch. aus wahrnehmen konnte, was den Damen eigentlich ſehr wenig erſchien, den Statthalter aber ſchon über⸗ aus befriedigte, der ſteif und feſt behauptete, es ſeien die Steinzanger und nun werde die eingefädelte Ge⸗ ſchichte bald losgehen. Nachdem die Damen und Willibald eine halbe Stunde lang nach den Schiffen ausgeſchaut und weiter nichts Neues hatten geſchehen ſehen, kehrten ſie nach 41 Hauſe zurück, zum ihr Mittagsbrod einzunehmen, wo⸗ bei auch Heinrich Markholm erſchien, der aber ſehr wortkarg blieb und mit Eile aß, als treibe ihn eine unaufhaltſame innere Haſt. Daß dies auch der Fall war und daß den guten Maler eine ſehr wichtige Ueberlegung beſchäftigte, wird uns das nächſte Kapitel lehren. Für jetzt bemerken wir nur, daß er ſich nach Tiſche eiligſt den Damen empfahl und ſein Zimmer aufſuchte, um das Unternehmen, zu dem er von Alfred Brunſt beordert war, noch einmal mit dem Gedanken in Einklang zu bringen, der ihn unaufhörlich ſeit dem Augenblicke beſchäftigte, wo er die bei Ummanz an⸗ kernden Schiffe erblickt hatte. Den ganzen Nachmittag über ſtand dagegen der Statthalter auf ſeinem Poſten hinter dem Dornbuſch und von Zeit zu Zeit beſuchten ihn auch die anderen Inſelbewohner. Während nun aber Alle ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die beiden Nachten richteten, die unbeweglich auf ihrem Ankerplatze liegen blieben, ent⸗ ging ihnen ein anderes Ereigniß, das ſie gewiß un⸗ gleich mehr in Anſpruch genommen haben würde, wenn ſie eine Ahnung davon gehabt hätten. Gegen Abend nämlich, als der Wind noch mehr ſchwieg und die Wellen allmälig kleiner wurden, hatte ſich von einem Fiſcherhauſe an der, der Oehe gerade gegen⸗ über liegenden Küſte von Ummanz ein flaches kleines Segelboot losgelöſt und, von zwei Männern geleitet, ſeine Fahrt längs der Nordküſte von Ummanz fort⸗ geſetzt, ſich ſo dicht am jenſeitigen Ufer haltend, als die Untiefen des ſeichten Waſſers es geſtatteten. Da die Aufmerkſamkeit des Statthalters aber weniger auf die ganze Ummanzer Küſte als allein auf die Nachten gerichtet blieb, ſo war ihm dieſes Boot entgangen, das im ſchnellſten Fluge, wie eine Möwe über das Waſſer gleitend, gerade aus auf die Oehe losſegelte, wo die Scheunen des Herrenhofes lagen. Von Nie⸗ manden beachtet, hatte es beim Einbruch des Abends die Oehe erreicht und, an der Südoſtſpitze hinter dichtem Weidengebüſch ſich verbergend, war ein Mann an's Land geſtiegen, der vorſichtig durch das Geſtrüpp in der Richtung nach den Scheunen ſchlich und, da er keines Menſchen anſichtig ward, der ihn in ſeinem geheimen Thun geſtört hätte, ungehindert den Poſten auf der Inſel einnahm, den er ſich zu ſeinen geheim⸗ nißvollen Zwecken auserkoren hatte. Sweites Mapitel. Alwining's Hand wird verſagt. Wir haben ſchon angedeutet, daß der Maler ſeit dem Abgang der Boote von der Oehe in ein träumeriſches Nachdenken verſunken war und ſich dabei fern von den Uebrigen hielt. Dazu mochte er allerdings wohl einigen Grund haben. Wie wir wiſſen, hatte er von ſeinem Beſchützer Alfred Brunſt den Auftrag erhalten, nach Möwenort abzufahren und Alwine Halling her⸗ beizuholen, ſobald er ſehen würde, daß die Schaproder Boote ſich in Bewegung ſetzten und der Oehe wieder näherten, um daſelbſt die Steinzanger gefangen zu nehmen. Dieſer Auftrag ſollte natürlich pünktlich von ihm ausgeführt werden und ſeine ganze Seele ſchwoll vor Sehnſucht nach dem Augenblick, wo er zur That ſchreiten und dann in wenigen Stunden ſeine Geliebte 44 — ſehen würde, die ihm ſ war. Allein je öfter er dieſes Glück in ſeiner Phan⸗ taſie heraufbeſchwor und je tiefer er ſich in die Ein— zelnheiten der Ausführung ſeines Vorhabens verſenkte, o unerwartet entriſſen worden um ſo zweifelhafter wurde er, ob der ihm ertheilte Auftrag auch in der erwarteten und Alfred Brunſt's Abſichten entſprechenden Weiſe ausgeführt werden könne. Wenn nun die Steinzanger erſt in der Nacht ſich gegen die Oehe in Bewegung ſetzten und die Boote von Schaprode ihnen folgten, wie ſollte er Kenntniß davon erhalten und wie in einer ſo ungünſtigen Stunde das ihm unbekannte Haus am Möwenort auffinden, in welchem Frau Halling mit Alwining augenblicklich wohnte? Sollte er, um ſeine Beobachtungen mit Er⸗ folg fortzuſetzen, die ganze Nacht im Freien zubringen und dann, wenn die Ergreifung der Diebe ſchnell ge⸗ lang, Alfred Brunſt auf ſeine Rückkehr vergeblich war⸗ ten laſſen? Denn auf alle Fälle brauchte er min⸗ deſtens ſechs Stunden zur Hin⸗ und Rückfahrt, den Aufenthalt ungerechnet, der ihm auch in dem Hauſe bei den Frauen ſelbſt begegnen konnte. War es da⸗ her nicht auf alle Fälle gerathener⸗ ſchon früher nach Nonnewitz zu fahren, das am Strande gelegene ein⸗ ſame Haus in aller Gemüthlichkeit aufzuſuchen und lange vor Einbruch der Nacht mit Alwining nach 1 45 Schaprode zurückzukehren, wo ſie ſich ja doch ſo lange im Kruge aufhalten ſollte, bis ſie gerufen werden würde? Hatten dieſe Ueberlegungen den unruhigen Maler ſchon am Morgen des erwähnten Tages völlig in An⸗ ſpruch genommen, ſo ſollten ſie ihn noch heftiger be⸗ drängen, als der Statthalter auch ihm die Schiffe der Freibeuter an der Ummanzer Küſte vor Anker liegend zeigte. Von jetzt an konnte der Wind jeden Augenblick ſich legen und das eingeleitete Werk ſeinen Anfang nehmen und er war dann noch weit von der Erfüllung des Auftrages entfernt, nach dem ſein Herz ſich ſo unabläſſig ſehnte. Der ganze Plan, den Alfred Brunſt vor Augen hatte, konnte durch ſein zu langes Ausbleiben, wenn nicht ſcheitern, doch ſicherlich hinaus⸗ gerückt werden und wer trug dann die Schuld davon? Nein, das ſollte, das durfte nicht geſchehen; lieber wollte er ſelbſt etwas voreilig zu Werke gehen und den Auftrag früher ausführen, als ihm von dem um⸗ ſſichtigen Herrn von Grünthal angerathen war. Als Heinrich Markholm erſt ſo weit in ſeinen Ueberlegungen gekommen war, gab es keinen Halt mehr für ihn. Er rüſtete ſich daher ſo ſchnell wie möglich zur Abreiſe, ging zu den Damen und theilte ihnen haſtig mit, daß nun auch für ihn die Stunde des 46 Handelns geſchlagen habe und daß er ſie auf einige Zeit verlaſſen müſſe. Weder die Damen noch Willibald Stillfried waren über dieſe Mittheilung beſonders erſtaunt; ſie wußten ja Alle bereits, daß der Maler einen Auftrag für ſeine eigene Perſon erhalten hatte, und ſo erfolgte nicht der geringſte Widerſpruch gegen ſein Vorhaben. Heinrich Markholm verabſchiedete ſich daher ſchnell von den Anweſenden und ging ohne Säumen zu Fritze Niklas, dem Kutſcher, den er in ſeiner Kammer— es war ein Sonntag— ſchlafend fand. „Fritze Niklas,“ ſagte er,„wie ich weiß, haben Sie ſchon den Befehl erhalten, mit mir eine kleine Reiſe anzutreten; ſpannen Sie alſo ſchnell an, die Stunde unſrer Abfahrt iſt gekommen. Sobald Sie fertig ſind, fahren Sie vor den Krug in Schaprode, dort werde ich einſteigen und dann ſoll es raſch vor⸗ wärts gehen.“ „Ja, Herr, gleich— aber wohin den „Dahin, wohin Sie neulich Herrn Brunſt gefah⸗ ren haben.“ 3 „Oho! Nach Nonnewitz?“ „So heißt der Ort, jal“ „Das iſt weit, Herr. Na, dann werde ich nur für gutes Futter ſorgen, damit die Hengſte tüchtig n?“ 47 laufen— und ich ſoll ja wohl die neue Chaiſe neh⸗ men, nicht wahr?“. „Ja, wenigſtens einen halb bedeckten Wagen.“ Fritze Niklas machte ſich bald an die Arbeit und in weniger als einer halben Stunde ſetzte er Pferde und Chaiſe auf der Fähre über den Meeresarm und fuhr vor den angedeuteten Krug, wohin ihm Heinrich Markholm ſchon vorangegangen war. Dieſer ſtand bereits vor der Thür und ermartete den Wagen. Er hatte bei dem ihm bekannten Wirth das beſte Zimmer des Hauſes in Beſchlag genommen, ein gutes Abendeſſen beſtellt und einen Gaſt ange⸗ kündigt, der eigentlich auf der Oehe wohnen, aber die erſte Nacht in Schaprode zubringen ſolle, aus Grün⸗ den, die ihm Herr von der Oehe ſpäter ſelber an⸗ geben werde, falls er es nöthig finde. „O, das kann er halten wie er will,“ hatte der freundliche Wirth erwidert.„Wenn Herr von der Oehe durch Sie mir einen Gaſt ankündigen läßt, wer es auch ſei, ſo iſt es meine Pflicht, ihn wohl aufzu⸗ nehmen. Und das werde ich nach Kräften thun.“ „Sehr gut, mein lieber Herr Wirth. Aber Herr von der Oehe wünſcht auch, daß Niemand erfahren ſoll, bevor der Gaſt kommt, daß Sie einen ſolchen er⸗ warten. Es ſoll Jemanden damit eine Ueberraſchung — 48 — bereitet werden, Sie dürften alſo gut thun, über mei⸗ nen Auftrag zu ſchweigen.“ „Verſteht ſich, und es wird ſich auch Niemand darum bekümmern, ich ſtehe Ihnen dafür. So neu⸗ gierig ſind hier die Leute nicht.“ Jetzt erſt glaubte Heinrich Markholm ſeine Schul⸗ digkeit vollſtändig erfüllt zu haben, und er ſtieg mit freudigem Herzen in den Wagen, ohne Ahnung, daß der Entſchluß, den er jetzt auszuführen im⸗ Begriff ſtand, unter den obwaltenden, ihm natürlich unbekannten Um⸗ ſtänden einer der geſcheidteſten war, den er in ſeinem Leben gefaßt und auf eigene Hand zu verwirklichen ſich unterfangen hatte. Es ging gegen Abend. Heinrich Markholm war nach einer raſchen Fahrt ſchon längſt in Nonnewitz angelangt und hatte ſehr bald das Haus am Möwen⸗ ort, worin der Steinhandel betrieben wurde, aufge⸗ funden, als die Bewohner der Oehe, ohne im Gering⸗ ſten zu ahnen, was ihnen vorſtand, noch in aller Ruhe eine Stunde nach der andern verſchwinden ſahen. Der Statthalter, den ab und zu ein Knecht auf ſeinem Poſten beſuchte, hielt ſich noch immer am Dornbuſch auf und beobachtete unausgeſetzt die Nachten, die ſich nicht von der Stelle rührten. Die Boote, die er zum 49 Theil mit bloßen Augen hatte erreichen können, ſo lange die Sonne hoch am Himmel ſtand, waren ihm in den Abendnebeln entrückt, die ſich vor Aufgang des Mon⸗ des über die See breiteten, und zuletzt ſogar hatte er die Maſtſpitze des großen Kutters aus dem Geſicht verloren, an deſſen Bord ſich ſein Herr befand. „Es wird wieder etwas kühl werden,“ ſagte ſich der alte Statthalter,„und es wäre mir gar nicht un⸗ lieb, wenn dieſes ewige Wachen recht bald ein Ende nähme. Hoffentlich bin ich heute zum letzten Mal hier und morgen haben wir den Kerl gegriffen, den der Teufel wie ein Rabenei in unſre ſtille Wirthſchaft ge⸗ legt hat. Nun, die Herren werden es ihm eintränken, was ſtehlen und rauben heißt und ich, na, ich werde es ihm in's Geſicht ſagen, was er für ein erbärmlicher Schurke iſt. Aber mein Gott, was iſt denn das da — warum laufen und rufen ſie denn ſo ſehr?“ Er hatte ſich bei dieſen Worten nach dem Gehöft herum gedreht und in der Ferne zwei ihm entgegen⸗ laufende Menſchen wahrgenommen, von denen der eine aus Leibeskräften ſeinen Namen rief. Er ſchritt ihm ſchleunigſt entgegen und bald hatte er Willibald Stillfried erkannt, der Fräulein von Kulpen und ihrer Couſine vorausgeeilt war, um ihm ein neues, ſehr ſeltſames Ereigniß zu verkünden. Als der alte Vor⸗ Die Inſulaner. IV. 4 50 mäher hörte, was geſchehen war, ſperrte er Mund und Augen auf, denn er konnte anfänglich nicht glauben, was man ihm in größter Eile berichtete. Hören wir nun, was dieſen drei Perſonen am ent⸗ gegengeſetzten Ende der Inſel begegnet war. Als es gegen Abend ging, hatten die Damen den Aufenthalt in dem ſtillen Hauſe etwas langweilig ge⸗ funden und des guten Willibald's Unterhaltungen waren nicht im Stande geweſen, ſie noch länger im Zim⸗ mer zu feſſeln. Fräulein von Kulpen hatte daher einen Spaziergang in Vorſchlag gebracht und ſowohl ihre Ge⸗ fährtin wie der Muſicus ſetzten ſich eiligſt dazu in Stand. Man war zuerſt in den Garten gegangen, um von den vorhandenen Früchten irgend welche zu naſchen, und von dort aus hatte man ſich durch das kleine Ge⸗ hölz gearbeitet, welches hinter dem Garten lag und bis an den Seearm reichte, der die Oehe von dem Schaproder Ufer trennt. Als man das Waſſer erreicht, ſchlug Guſtava einen Rundgang um die Inſel vor und um einmal eine Abwechſelung zu genießen, hatte ſie den Weg nach den Weiden gewählt, von wo aus man, hinter den Scheunen über eine Wieſe ſchreitend, wieder an den ſüdlichen Strand gelangte, der am Dorn⸗ buſche endigte und ſich dann in nordweſtlicher Richtung nach dem Steinort zog. 51 Fräulein von Baſſenitz hatte ſich mit dem Muſicus in ein Geſpräch über die beſten Opern der Welt ein⸗ gelaſſen und ging in ihrem gewöhnlichen, überaus ge⸗ mächlichen Schritte langſam unter den Weiden dahin. Guſtava, die dies Kapitel ſchon ſo oft verhandeln ge⸗ hört, daß es ihr ziemlich geläufig war und, vielleicht um ihren eigenen Gedanken nachzuhängen, die durch Guſtav Steinau's Mittheilung, bevor er ſchied, einen neuen Anreiz erhalten, ſchritt raſcher den beiden An⸗ dern voran, hie und da ſich bückend, um eine Feldblume zu pflücken, wie es die Gewohnheit junger Damen iſt, wenn ſie über den Anger wandeln und die holden Pflan⸗ zen ſich gleichſam bittend um ihre Füße ſchmiegen ſehen. So war ſie faſt bis an die letzte Weide gekommen, während ihre Begleiter noch weit zurück waren, und eben hatte ſie das kleine Weidengebüſch erreicht, welches hier an einem vorſpringenden Haken der Inſel wuchert, als ſie ein ungewohntes Geräuſch in demſelben zu ver⸗ nehmen glaubte. An keine Gefahr denkend und in ihrem muthigen Sinn einer ſolchen Störung immer gern auf den Grund gehend, ſchritt ſie dicht auf das Gebüſch zu und, vielleicht glaubend, daß ein Raub⸗ vogel dort ſeine Beute verzehre, ſchlug ſie mit den Händen die Zweige auseinander, um einen Blick unter das üppige Laub zu werfen. 4* 5² Aber da ſollte ſie eine unerwartete Ueberraſchung erfahren. Kaum hatte ſie mit den Händen die Wei⸗ denruthen gefaßt und aus einander gebogen, ſo tauchte ein Mann aus dem Gebüſch auf, deſſen wildes Geſicht und unheimlich funkelnde Augen, die dicht vor den ihrigen blitzten, ihr einen faſt tödtlichen Schreck ein⸗ flößten. Sie wollte ſchreien, aber ſie vermochte es nicht, ſie konnte ſich nicht einmal bewegen oder den Kopf nach den Zurückgebliebenen wenden, ſo ganz und gar hatten ſie ihre Kräfte verlaſſen und ſo überwältigt f war ſie von dem Anblick, der ſich ihr bot. Allein auch der Mann mit dem dunklen bärtigen „ Geſicht, der ſo plötzlich vor ihr ſtand, ſchien von dem Anblick, der ihm ſelbſt zu Theil ward, überraſcht, wenn nicht gar eben ſo erſchrocken wie ſie. Als er in das ſchöne Antlitz ſah, welches ihm hier ſo unerwartet hob er ſich kerzengerade in die Höhe, bog te mit einer Art ſchwei⸗ — begegnete, den Kopf hintenüber und ſtarr genden Entſetzens in die bleichen Züge, die unver⸗ wandt an den ſeinigen hingen.. Einmal ſchien es, als ob ſeine Lippen ſich bewegen und einen Namen ausſprechen wollten, aber ſie brach⸗ ten nur einen unverſtändlichen gurgelnden Ton her⸗ vor; dann aber raffte er ſich zuſammen, drückte ſeinen Hut feſt auf den Kopf und ſprang, ohne ſich länger 53 aufzuhalten, tiefer in das Gebüſch hinein, erreichte den Strand, watete in's Waſſer und kletterte in ein Boot, welches hier, vor jedem Späherblicke geborgen, erſt vor wenigen Minuten angelegt hatte. Nun erſt kam Guſtava mit ihrer Faſſung auch die Sprache wieder. Sie lief den beiden Nachfolgenden entgegen und erzählte mit lebhafter Angſtgeberde, was ihr ſo eben begegnet war. Willibald, von einem nie gefühlten Muthe gehoben, ſtürzte ſich ſogleich in das Gebüſch, als er aber eben den Strand erreichte, gewahrte er das Boot, in wel⸗ chem zwei Männer ſaßen und mit kräftigen Ruder⸗ ſchlägen vom Lande abhielten, worauf ſie die Segel⸗ ſchnur löſten und, vom friſchen Winde begünſtigt, raſch in ſüdweſtlicher Richtung nach Ummanz ſteuerten. So geſchah es, daß der Statthalter die drei Spa⸗ ziergänger in haſtigem Laufe nach dem Dornbuſch kom⸗ men ſah, wo ſie ihn zu finden vermutheten, und ihm nun den Vorfall in aller Kürze erzählten. Wie geſagt, der alte Statthalter ſperrte Nund und Augen auf und ſchien erſt gar nicht glauben zu wollen, was man ihm berichtete. Endlich aber faßte er ſich und auf Willibald's Andeutung nach der See blickend, ſah er das Boot ſelbſt noch, kurz bevor es in dem dich⸗ ten aufſteigenden Abendnebel verſchwand. 54 „Und wie ſah der Kerl halter Fräulein von Kulpen. Dieſe beſchrieb das Geſicht ziemlich genau, was den Alten aber wieder ſo aus der Faſſung brachte, daß er erſt gar nicht zu Worten kommen konnte. „Alſo Sie haben Ihn geſehen, gnädiges Fräulein?“ ſagte er endlich, nachdem ſeine Lippen eine Weile ver⸗ geblich ein Wort zu bilden verſucht hatten.„Und er iſt noch immer da, der Halunke?“ „Wer denn? Wer iſt es denn? Wer kann es wohl ſein?“ fragten die Damen und Willibald laut durch einander. Der Statthalter hatte einen Augenblick der Ueber⸗ legung, der ihm zur rechten Zeit kam. Er legte den Finger an die Naſe, gab ſich ein überaus wichtiges Anſehen und, ſagte dann, höchſt bedächtig und vor⸗ ſichtig im Kreiſe umherſchauend: „Wer das iſt und wer es ſein kann, meine Da⸗ men? Ja, wer ſollte das ſagen können, wenn er ihn nicht geſehen hat? Und ich habe ihn doch nicht ge⸗ ſehen! Aber wiſſen Sie, ich denke mir wenigſtens, daß er einer der Steinzanger geweſen iſt, deſſen Yachten dort drüben liegen, und nun können Sie ſich darauf verlaſſen, daß wir ihn nächſtens hier dicht vor der Oehe haben werden, denn Herr Brunſt hat ganz Recht gehabt, daß er dieſe Segel für die der Teufelskerle hielt.“ aus?“ fragte der Statt⸗ 5⁵ „Ich glaube es nun weniger, daß ſie nächſtens hierherkommen,“ nahm Willibald das Wort;„ſie haben ſich entdeckt geſehen und werden nun wohl ſo bald wie möglich das Weite ſuchen.“ Der Statthalter lachte in ſeiner derben Weiſe laut auf.„Das Weite ſuchen?“ rief er.„Dieſe Kerle und Spitzbuben? O, dann kennen Sie unſre Steinzanger ſehr ſchlecht. Kommen ſie doch am hellen lichten Tage, wo jeder Chriſtenmenſch ſie ſehen kann; aber ſie wiſſen wohl, daß man ihnen auf dem Waſſer nichts anhaben kann, und nur wenn ſie wüßten, was wir wiſſen, daß acht ſchöne, tüchtig bemannte Boote da draußen auf ſie lauern, erſt dann würden ſie das Weite ſuchen und vielleicht für's Erſte nicht wieder⸗ kommen. Nein, nein, geben Sie Acht. Sobald der Wind ſchlafen geht, ſind ſie da, ob es nun Nacht oder Tag iſt, und wenn die Herren da draußen nur halb ſo gut aufpaſſen und ihre Pläne ausführen, wie ſie ſie geſchmiedet, ſo werden Sie morgen das Ver⸗ gnügen haben, den Burſchen noch einmal auf der Oehe zu ſehen, der Sie ſo erſchreckt hat, doch in Banden und Ketten, will ich hoffen, ſonſt wünſche ich ihn lieber tauſend Meilen weit von hier weg.“ Wenn auch den Damen auf der Oehe und Willi⸗ 56 bald Stillfried einſtweilen verborgen blieb, wer der verdächtige Mann geweſen, der Fräulein von Kulpen in ſolchen Schrecken verſetzt— wir haben keinen Grund, dem Leſer zu verſchweigen, wer er war, was er zu tbhun verſucht, und wie und warum die Erſcheinung Guſtava's ſo heftig auf ihn eingewirkt hatte. Der ſchwarze Halling war in der That mit ſeinen beiden NYachten und einem Dutzend Helfershelfern gekommen, um den ſchon lange beſchloſſenen großen Raub an dem Eigenthum des Beſitzers der Oehe auszuführen. Er wäre ſchon längſt näher an die Inſel herangerückt, wenn ihn das unruhige Waſſer nicht davon zurück⸗ gehalten hätte, und jetzt lag er, ohne Ahnung, welche Vorkehrungen zu ſeinem Empfange getroffen, ruhig an der Ummanzer Küſte vor Anker, auf günſtigen Wind und Wellenſchlag wartend und ſich dabei die Miene eines unſchuldigen Handelsmanns gebend, der leider Gottes an einer unvortheilhaften Stelle liegen bleiben muß, weil ihm der Wind nicht den richtigen Cours einzuhalten geſtattet.. Welche Gründe den unternehmenden Speculanten zur beſonderen Brandſchatzung des Oehe'ſchen Beſitzthums bewogen, bleibe einſtweilen noch dahingeſtellt, der Ver⸗ lauf unſrer Erzählung wird den Schleier auch von dieſem Geheimniß lüften; es genüge, zu bemerken, —— „daß der unheimliche Groll, der Halling gegen die Be⸗ wohner der Inſel und namentlich gegen den Herrn derſelben verzehrte, mit der Zeit ſo gewachſen war, daß er ihn nicht länger in ſich verbergen konnte, daß er ihn nach Außen hin ausſchütten mußte, und ſo ging er, an keine äußere Gefahr, keinen Widerſtand den⸗ kend, nur ſeinem blinden Haſſe folgend, an das Werk, das er lange Jahre im Herzen getragen und nun end⸗ lich zu Ende zu bringen entſchloſſen war. Daß Herr von der Oehe ſich auch diesmal ſeinem Angriff nicht mit offener Gewalt widerſetzen würde, glaubte er aus deſſen früherem Verhalten ſchließen zu dürfen, und einem thätlichen Widerſtand, wie er ihn von dem einzelnen Manne vielleicht erwarten konnte, hoffte er hinlänglich gewachſen zu ſein. Höchſtens könnte er ſeinen Schiffen und ſeinen Segeln, dachte er, einige Kugeln zuſchicken, eines ſolchen Verfahrens hielt er den ſtolzen Edelmann für fähig, aber was verſchlugen dem frechen Räuber ein paar Kugeln, die höchſtens ein Loch in ſeine Leinwand riſſen, wenn er nur die ſchönen Steine aus dem Grunde des Waſſers und vom Strande holte und dadurch, wie er ſehr wohl wußte, der Inſel ſelber einen empfindlichen Ab⸗ bruch that. Eben ſo geringen Reſpect, wie vor Herrn von der 58 Oehe und ſeinen Knechten, hatte der ſchwarze Halling auch vor den Geſetzen. Ihm war nur zu wohl be⸗ kannt, wie ſchwach ſeit langen Jahren die Behörden gegen die Steinzanger aufgetreten waren, und von dem ernſten Verſuch des Beſitzers der Inſel, dieſe Be⸗ hörden gegen den frechen Diebſtahl aufzuregen, beſaß er eben ſo wenig Kunde wie davon, daß man bereits angefangen, Herrn von der Oehe's energiſchen Vor⸗ ſtellungen Gehör zu ſchenken, indem man ihm in der Perſon des Gensdarmen aus Gingſt eine autliche Hülfe geſendet hatte. So glaubte Halling auch in Betreff ſeines dies⸗ maligen Angriffs ganz ohne Sorge bleiben zu können und er rückte mit einem Eifer und einer Macht in's Feld, wie er ſie gegen den alten Edelmann bisher noch nie aufzubieten im Stande geweſen. Allein es war dem kühnen Freibeuter nicht blos um den leichten Erwerb jener Steine zu thun, er glaubte das Recht zu haben, den Beſitzer der abgele⸗ genen Inſel noch auf andere Weiſe für früher gegen ihn begangene Thaten zu züchtigen, und ſo hatte er es ſchon oft mit Erfolg verſucht, demſelben zu ſchaden, wobei Herr von der Oehe es nur äußeren unberechenbaren Zufällen zu danken hatte, daß ihm nicht größerer Nach⸗ theil als bisher daraus erwachſen war. So ſtanden die Sachen, als Halling mit ſeinen Yachten die Ummanzer Küſte anlief, und er wartete in der That nur auf den günſtigen Augenblick, um ſein wohlberechnetes Bubenſtück ausführen zu können. Allein da er ganz gegen ſeinen Wunſch vielleicht viele Stunden zur Unthätigkeit verurtheilt war, ſo wollte er die Zeit nicht ganz ungenützt verſtreichen laſſen und einmal perſönlich ſich nach der Oehe begeben, um die Verhältniſſe daſelbſt zu prüfen und, falls die Gelegen⸗ heit günſtig wäre, noch einmal an den wohlgefüllten Scheunen eine Brandſtiftung zu verſuchen. Der Tag, den er zu dieſem Unternehmen gewählt, verſprach demſelben ziemlich förderlich zu ſein. Es war, wie ſchon geſagt, zufällig ein Sonntag, und an dieſem Tage, wußte er, pflegten die meiſten Knechte und Mägde der Inſel das Feſtland von Rügen zu beſuchen, um ſich in irgend einer Schänke oder bei ihren Bekannten einen guten Tag zu machen. Ueber⸗ dieß wählte er die Abendzeit zu ſeiner Kundſchafts⸗ fahrt, und wenn er in ſeinem Vorhaben durch die unerwartete Anweſenheit eines Knechtes oder einer Magd geſtört werden ſollte, wollte er warten, bis die Nacht einbrach, um unter ihrem Schutze ſein Verbre⸗ chen ausführen und ungeſehen wieder nach den Yach⸗ ten zurückkehren zu können, mit denen er dann bald 60 darauf ſein zweites Werk am Steinort zu beginnen gedachte. Zu dieſem Behufe be egab er ſich mit einem Spieß⸗ geſellen, deſſen er ſicher zu ſein glaubte, von ſeiner Ankerſtelle zu Lande nach der Nordküſte von Ummanz, von wo er die Oehe überwachen und leicht in einem geliehenen Boote dahin überſetzen konnte. Das Com⸗ mando über die Yachten während ſeiner Abweſenheit hatte er ſeinem Steuermanne Janſſen übergeben, einem ehemaligen, aus der däniſchen Marine ausge⸗ ſtoßenen Matroſen, der ganz ſeiner würdig war, ſchon ſeit Jahren mit ihm gemeinſchaf ftliche Unternehmungen zu See und Land betrieb und in der letzten Zeit, wie wir bereits auf Jasmund erfahren haben, die größte Mühe aufwendete, ſich noch auf eine innigere Weiſe mit Halling zu verbinden, da er Alwining für deſſen wirkliche Tochter hielt. In welcher Beziehung Halling ſelbſt zur Oehe ſtand, wußte dieſer Steuermann nicht und bekümmerte ſich auch wenig darum; ihm kam es nur auf einen möglichſt großen Verdienſt an und ſo lange Ha lling redl ich mit ihm theilte, war es ihm gleich, zu welcher Unthat er ihm ſeine Hülfe lieh. In den letzten Tagen jedoch war der Steuermann in Bezug auf ſeine Herzenswünſche etwas dringender als früher geworden und hatte ſogar einige Drohun⸗ gen fallen laſſen, falls Halling ſeinen Verſprechungen nicht ba drge nachkommen werde. Halling liebte der⸗ gleichen Drohungen von thatkräftigen und entſchloſſe⸗ nen Männern nicht und ſo hatte er ihm die Hand ſeiner Tochter verheißen, ſobald der bei der Oehe ein⸗ geleitete Strauß glücklich ausgefochten ſei. Hierauf war Janſſen willig eingegangen und wartete nun mit Ungeduld auf den Eintritt des günſtigen Wetters, um die Hebung der Steine vor der Oehe beginnen zu können, ganz ohne Ahnung, daß durch den Ausflug, den Halling am Sonntag Nachmittag nach der Inſel unternahm, ſein heißes Verlangen nach der Hand des ſchönen Mädchens viel eher befriedigt werden ſollte, als er den Umſtänden nach in dieſem Augenblick hof⸗ fen konnte. Wie Halling nun nach der Oehe kam, wiſſen wir und eben ſo, wie er dort gerade an einer Stelle, die ſonſt ſo wenig von den Bewohnern der Inſel betreten wurde, Fräulein von Kulpen begegnete. Die Wir⸗ kung aber, die der Anblick dieſer Dame auf ihn her⸗ vorbrachte, kennen wir noch nicht, und darum müſſen wir zu dem Augenblick zurückkehren, wo dieſe von bei⸗ den Seiten unerwartete Begegnung ſtattfand. Wäre dem ſchwarzen Halling ein anderer Menſch in jenem Weidengebüſch entgegengetreten, ſo würde 62 er ſich äußerſt wenig darum bekümmert haben, denn auf dergleichen Hinderniſſe war ein Menſch wie er jederzeit gefaßt. Ja, wäre ihm Herr von der Oehe ſelber in den Weg gerathen, er hätte vielleicht geſtutzt und dann, falls er ihn erkannt, vielleicht zu ſeinem Meſſer gegriffen, um mit einem kräftigen Stoße ſei⸗ nem wüthenden Haſſe für ewige Zeiten Genüge zu thun. Die Begegnung mit Guſtava aber brachte ihn dergeſtalt außer Faſſung, daß er ſeinen Kopf verlor und an nichts als an eiligſte Flucht dachte. Denn dieſes ſchöne Geſicht, das ihn ſo verwundert, ernſt und ſtolz angeſchaut, erinnerte ihn nicht nur, ſondern verſetzte ihn augenblicklich im Geiſte an die Seite Alwining's, die ihn auch ſchon oft ſo ſtolz, ge⸗ bieteriſch und widerſtrebend angeblickt hatte. Im erſten Augenblick glaubte er ſie ſelber vor ſich zu ſehen und der Name, der unwillkürlich auf ſeine Lippe drang, war Alwining's Name. Denn eine ſolche unverkenn⸗ bare, ſchlagende Aehnlichkeit, wie die zwiſchen den bei⸗ den Mädchen, war ihm noch nie vorgekommen und gerade in dieſer Aehnlichkeit ſchien ihm eine Gefahr für ſeine Entdeckung und Entlarvung zu lauern, die zehnfach größer und ernſtlicher war als alle Gefahren, die er in ſeinem ganzen abenteuernden Leben beſtan⸗ den hatte.. —— 34— Darum alſo floh er, aber auch darum faßte er einen Entſchluß, den er augenblicklich ausführte, ſobald er zienlich ſpät auf ſeiner Yacht eintraf und an Bord Alles in beſter Ordnuug fand. Kaum hatte er das Deck ſeines Schiffes betreten, ſo gab er Janſſen durch einen Pfiff mit einer Pfeife das Zeichen, daß er ihn ſprechen wolle. Der Com⸗ mandeur der Petronella gehorchte und wenige Minu⸗ ten ſpäter legte ſeine Jolle am Fallreep des Simeon wan. Als er nun aber bald darauf in Halling's Kajüte trat, war er verwundert, den ſonſt ſo lauten und un⸗ ruhigen Mann ungemein ſtill auf einer Bank ſitzend zu finden, mit einem Geſicht, als wäre ihm ein un⸗ heildrohendes Geſpenſt erſchienen. „Guten Abend, Halling,“ begann Janſſen das Ge⸗ ſpräch;„nun, ſchon zurück und Alles in Ordnung be⸗ funden— nichts ausgerichtet?“ Halling ſtierte dem Redenden eine Weile ſprachlos in's Geſicht, dann nahm ſeine verſtörte Miene allmälig den gewöhnlichen Ausdruck gemeiner Liſt an, der ihm ſo natürlich war, und er verſetzte, obwohl mit einiger Mühe:„Ja, Janſſen, ich bin wieder da; ich habe Alles in Ordnung gefunden und denke recht bald— recht viel auszurichten.“ „Nun, das freut mich; aber was giebt es denn 64 Neues, denn darum habt Ihr mich doch gewiß nicht hergerufen?“ „Neues— hm! Neues nun wohl eben nicht, aber ich habe unterwegs einen Gedanken gehabt, der mich wurmt, Janſſen.“ „Das ſehe ich— was iſt es denn?“ „Es betrifft meine Tochter, Janſſen.“ „Hoho!“ rief dieſer, den ſchon wieder das Miß⸗ trauen befiel, Halling wolle ihm abermals einen Auf⸗ ſchub ſeiner Verbindung ankündigen, dem er ſich dies⸗ mal offen zu widerſetzen geneigt war.„Was iſt es denn mit ihr?“ fragte er grimmig lauernd. 4 „Als ich ſo eben über das Waſſer glitt,“ fuhr Halling mit einer erzwungenen treuherzigen Miene fort,, „fiel mir mit einem Male das Mädchen ein. Sie iſt un den letzten Tagen ſehr widerſpenſtig geweſen und t⸗ mir ſogar gedroht, ſie wolle mein Haus verlaſſen.“ 43 „Was!“ rief der wilde Janſſen, in Zorn aufloͤ⸗ dernd,„das habt Ihr mir nicht früher geſagt?“ „Ach, Mann, daran habe ich ſehr wenig gedacht, denn Unſereins hat mehr zu thun, als an das Ge⸗ wäſch einer dummen Dirne zu denken. Es iſt mir nur unterwegs eingefallen, ſage ich, und daß ich es ehrlich mit Euch meine, ſeht Ihr ja daraus, daß ich es Euch jetzt ſage.“ „Aber warum ſagt Ihr mir das jetzt, wenn nicht, um mir eine neue Sorge zu erwecken?“ „Nein, gerade das Gegentheil habe ich im Sinne. Ich habe es mir überlegt und gefunden, daß es am Ende beſſer wäre, Ihr ginget in meiner Abweſenheit in mein Haus, nähmet die Alwining mit Euch und ſegeltet mir ihr nach Jütland hinüber, wo wir unſere Mühle haben. Da ſucht ſie kein Menſch, von da entläuft ſie Euch nicht und am wenigſten weiß ſie da der Grünſchnabel zu finden, der ihr, wie ich Euch ſagte, im Kieler Grunde den Hof gemacht, weshalb ich ſie auch bei Nacht und Nebel nach Möwenort brachte.“ Des Steuermanns wildes Auge blitzte unheimlich vor Luſt und Freude auf, als er dies hörte, aber im⸗ mer noch traute er ſeinem Genoſſen nicht recht und vermuthete irgend eine Hinterliſt in dem vernommenen⸗ Vorſchlage. „Wollt Ihr mir das Verſprechen ſchriftlich geben,“ ſagte er plötzlich mit grinſender Miene,„daß ich die Alwining mit Eurer Erlaub bniß heirathen kann, wenn ich ſie mir ſelber vom Möwenort abhole?“ Halling beſann ſich keinen Augenblick.„Ja,“ ſagte er, einen tiefen Seufzer ausſtoßend,„das will ich.“ Jetzt frohlockte Janſſen und er glaubte nun an Halling's Aufrichtigkeit. Raſch zog er aus dem Wand⸗ Die Inſulaner. 1V. 5 e ein Schreibzeug und ein Blatt es, ohne ein Wort weiter d nun baldigen Schwie⸗ 1 ſchrank in der Kajüt Papier hervor und ſchob zu verlieren, ſeinem Meiſter un gervater hin. Dieſer war nie ein großer Schreibkünſtler geweſen und hatte ſich erſt in ſpäteren Jahren mit der Erler⸗ nung der ihm ſo nothwendigen Kunſt beſchäftigt. Er N ſchrieb daher auch jetzt nur äußerſt langſam ſeine Ein⸗ willigung nieder, ſetzte ſeinen Namen darunter und händigte dann das Papier dem Steuermanne ein. Dieſer las es bedächtig, lachte dann überlaut und reichte dem Spießgeſellen die Hand. Füͤnf Minuten ſpäter war er an Bord der Petro⸗ nella, ließ die Anker lichten und ſegelte bei günſtigem Nordweſtwinde ſüdwärts, um unterhalb Hiddens⸗öde in die offene See zu gelangen, da er hier im großen Waſſer beſſer gegen den conträren Wind ankreuzen konnte, als im engeren Fahrwaſſer zwiſchen den vielen Inſelküſten. „Carl Melms und ſeine Gefährten auf den verſchie⸗ die füdlich und weſtlich von den Yach⸗ n im hellen Mondſchein ſehr wohl die Ankerplatze voruüber den Gellen⸗ aber dagegen konnten ſie nichts lleicht gar kein Attentat auf denen Booten, ten lagen, ſahe eine Yacht an ihrem ſtrom hinausſteuern, haben, da dieſelbe ja vie 1 67 die Oehe beabſichtigt hatte. Mit um ſo größerer Vachſamkeit aber richteten ſie ihre Blicke auf das zu⸗ rückgebliebene Schiff, und da auch ſie die allmälige Abnahme des Windes ſpürten, konnten ſie ſich mit um ſo gewiſſerer Hoffnung der Ausſicht hingeben, daß ſie, wenn das bei Ummanz vor Anker liegende Schiff wirklich die Freibeuterei an der Oehe bezweckte, nicht lange mehr auf den Beginn der erſehnten Handlung zu warten haben würden. 5* ö Drittes Kapitel. Am Bord des Tode'ſchen Kutters. Begeben wir uns nun ſelbſt an Bord des Kutters, der Herrn von der Oehe, Guſtav Steinau und den Polizeibeamten beherbergte, und ſehen wir von ihm aus die nun auf der See ſich entwickelnden Vorgänge mit an, die in dem Schickſal ſo vieler uns lieb geworde⸗ nen Perſonen eine ſo wichtige Entſcheidung herbei⸗ führen ſollten.. Der Name„Kutter“ war für das erwähnte Fahr⸗ zeug nur ein Ehrenname; im Grunde war es nichts* als ein ſehr großes Boot mit Halbdeck und der Take⸗ lage eines Kutters, wie man es in jenen Gegenden zur Küſtenſchifffahrt, zum Transport von Handelsgü⸗ tern und zum Poſtdienſt nach den umliegenden größeren Städten noch jetzt benutzt. Es war faſt ganz neu, 69 ſcharf und feſt gebaut und mit einer reichlichen Menge Segelwerk verſehen, ſo daß es ſich vorzüglich eignete, ſehr dicht beim Winde zu liegen. An ſeinem Maſt be⸗ fand ſich ein großes Giekſegel, über welchem aft einer kleinen Stange noch ein Topſegel angebracht war, deſſen Raa gegen ihr eines Ende hin am Maſt hing. Vorn am ſtarken Buge trug es eine Stagfock und einen Klüver. Der ganze Schiffskoͤrper war ziemlich lang, lag hinten mit dem Spiegel tief im Waſſer und hatte vorn ſtatt der Galjon einen gerade aufſteigenden Vor⸗ ſteven, welcher die Fluth raſch wie ein D Delphin durch⸗ ſchnitt. Unter dem kleinen Deck am Hintertheil lag eine knlich geräumige Kajüte, rings mit einer Art breiter Kanapees umgeben, die in ſehr einladende Bet⸗ ten verwandelt werden konnten und zwiſchen denen in der Mitte ein Tiſch ſtand, deſſen Füße feſt in den Bo⸗ den eingefügt waren. Allerdings war dieſer kleine Raum, der etwa zwölf Menſchen bequem beherbergen konnte, mehr zum Sitzen und Liegen als zum Stehen einge⸗ richtet, denn ſchon kleine Leute ſtießen, wenn ſie auf⸗ recht ſtanden, mit dem Kopf beinahe an die Deckbalken. Auch am Vordertheil befand ſich ein, aber viel kleinerer Kajütenraum für die Schiffsmannſchaft, der ganze zwiſchen beiden liegende Hauptraum dagegen war un⸗ bedeckt und diente zur Aufnahme der Frachtgüter; nur 70 rings an der oberſten Wandung des Schiffs lief eine zwei Fuß breite Laufplanke herum, an welcher das Tauwerk und die Wanten befeſtigt waren, die nach dem Maſte hinauſſtiegen. Bei der Abfahrt von Schaprode hatten Herr von der Oehe und Guſtav Steinau das Deck über der Hinterkajüte eingenommen, auf dem auch der Steuer⸗ mann ſeinen Platz hatte, der bei dieſer Expedition kein Anderer als der alte Tode ſelber war; auf dem Vor⸗ derdeck dagegen und bei einem jungen Maaten, der die Klüver und Fockſegel dirigirte, hielt ſich der Gens⸗ darm auf, der jedoch, um nicht etwa zu früh aus der Ferne erkannt zu werden, über ſeine Uniform einen weiten Schifferkittel gezogen hatte und ſtatt ſeiner Dienſtmütze einen alten Lederhut trug. Die übrige Bemannung beſtand diesmal aus ſechs jungen und rüſtigen Schiffern, die vor Jubel überfloſſen, Theil an dem Streifzuge nehmen zu dürfen, der ihrer Aben⸗ teuerluſt eine ſo reiche Ausbeute verſprach. Proviant war in genügender Fülle und in ver⸗ ſchiedenartigſter Auswahl an Bord, dafuͤr hatte nicht allein Herr von der Oehe, ſondern auch der alte Tode geſorgt, der, als wohlhabender Mann einem Vergnü⸗ gen, wie das bevorſtehende war, ſchon ein kleines Opfer bringen konnte. 71 Da der Wind bei der Abfahrt aber auf der See noch ziemlich heftig blies, der Kutter tief auf einer Seite lag und die Spritzwellen unſanft über das kleine Deck ſpülten, ſobald man in's offene Waſſer hinaus⸗ gerückt war, ſo begaben ſich Herr von der Oehe und Guſtav Steinau bald in die Kajüte hinab, wo ſie ſich, in den erſten Stunden, der Unterhaltung über die be⸗ vorſtehende Unternehmung hingaben, die ja reichlichen Stoff, namentlich für den alten Herrn bot, der, voll überſprudelnden Muthes, heiterer denn je war und vor Ungeduld brannte, an den Feind zu kommen, der ihm nun nicht mehr entgehen zu können ſchien. * Als ſie bei der erſten Kreuzung, die ſie beinahe bis Hiddens⸗öe hinüberführte, ziemlich weit in See hinausgekommen waren, ſahen ſie weiter ſüdlich dicht am Strande von Hiddens⸗öe Clemens' Kutter mit Alfred Brunſt ruhig auf⸗ und ablaviren, bis derſelbe ſeine Anker auswarf und ein Boot an's Land ſchickte, als ob ſeine Bemannung dafelbſt Geſchäfte zu verrichten hätte. Von den kleineren Booten ſahen ſie ebenfalls einige ganz tief im Süden ſegeln und der alte Tode war ganz glücklich darüber, als er wahrnahm, wie genau der von Herrn Brunſt entworfene Plan von ſeinen J Jungen, wie er die Schaproder Schiffer nannte, befolgt wurde. 3 72² Bald nach Tiſche aber ſollte die Bemannung des Kutters eine neue Freude erleben, denn man ſah ganz deutlich die beiden feindlichen Nachten den Gellenſtrom herauffreuzen und ſchließlich am Ummanzer Ufer vor Anker gehen. Der alte Tode ſchwur darauf, daß es die am vergangenen Tage von Hiddens⸗öe aus ge⸗ ſehenen Schiffe wären, und vermaß ſich hoch und theuer, er allein wolle ſie beide nach einander entern, wenn ſie nur Stand hielten, denn mit zehn Mann an Bord, wie er ſie diesmal habe, laſſe ſich eine artige See⸗ ſchlacht liefern. Der alte Herr von der Oehe lachte mit dem gan⸗ zen Geſicht, als er dieſe Rede vernahm, ging trdtz des Spritzwaſſers wiederholt nach der Steuerbank hin⸗ auf und durchforſchte mit ſeinem Tubus jeden Winkel des Landes und der See, worauf er jedesmal noch heiterer wieder zu ſeinem Gefährten in die Kajüte hin⸗ abſtieg, der ganz im Gegenſatz von ihm an dieſem Tage ungemein wortkarg war und, wie es faſt ſchien, dem ganzen Unternehmen mit keinem zu großen Ent⸗ zücken entgegenſah, wenigſtens legte ihm Herr von der Oehe ſein ſtilles Gebahren auf die Weiſe aus, da er nicht begreifen konnte, welche Sorge den ſonſt ſo hei⸗ teren Mann augenblicklich heimſuchen könne. Gegen Mittag endlich hatte der Kutter nach langem 1 73* Hin⸗ und Herkreuzen die Stelle bei Seehof erreicht, wo man ihn vor Anker legen wollte, und da der Wind ziemlich ſtoͤtig blieb und die Yachten am ſpäteren Nach⸗ mittag durchaus keine Miene machten, ihren Ankerplatz vor Ummanz zu verlaſſen, was man auch auf dem Kutter für eine ganz vergebliche Mühe hielt, ſo ließen ſich Herr von der Oehe und Guſtav Steinau au's Land ſetzen, um einen kleinen Spaziergang anzutre⸗ ten, wobei ſie jedoch ſtets befliſſen waren, die Maſt⸗ ſpitze des Kutters im Auge zu behalten, der ihnen durch Aufhiſſung eines blauen Wimpels ein Signal geben ſollte, wenn etwa ein neues Ereigniß von Süden her ſich zutragen ſollte. Jenſeit der kleinen Landzunge, an deren Süd⸗ ſpitze Seehof liegt, war Guſtav Steinau noch nie vor⸗ her geweſen, und als er jetzt am Strande der Raſſower Bucht ſtand und ſein Auge nordwärts richtete, hatte er einen herrlichen Anblick vor ſich, den die hellſtrah⸗ lende Sonne, mit ihrem ſchimmernden Lichte, und der blaue Himmel, der ſich wolkenlos über See und Land wölbte, noch reizender machte.. Dicht vor ſich hatten die Männer den ſeltſamen Streifen flachen Landes, die Buge, welcher ſich von Wittow aus wie das Ende eines dünnen flatternden Schleiers weit herab in die See erſtreckt; darüber hin⸗ ———õ 74 aus wogte die unendliche See mit ihren noch immer ſchäumenden Waſſerbergen. Am Ende der Buge be⸗ gann die Nordküſte von Wittow ſich langſam zu heben und nach Möwenort anzuſteigen, wohin nun Freund Heinrich Markholm bald ſich auf den Weg machen ſollte, wie er Guſtav Steinau ſelber vertraut, ohne ihn jedoch den eigent⸗ lichen Zweck ſeines geheimen Auftrags ahnen zu laſſen. Den ſchönſten Anblick aber bot ohne Zweifel der gewaltige Felskopf von Hiddens⸗ëbe dar, der ſeinen ſchroffen Scheitel kühn und ſtolz über die Wogen er⸗ hob und ſeinen Dornbuſch den Fluthen der Oſtſee zeigte, als wolle er ſie damit warnen, ſeinem klippen⸗ reichen Grunde zu nahe zu kommen. Dunkelblau ſchimmerten die Umriſſe dieſer Berg⸗ kuppen herüber und im grünen Waldesdunkel tauchte der Hof Kloſter mit dem Dorfe Grieben auf, ein idylliſches Bild darbietend, wie es kaum ein ſchöneres auf der ganzen Inſel Rügen giebt. Nachdem die beiden Männer ſich genügende Be⸗ wegung gemacht und ihre Augen an der ſchönen Scenerie geſättigt hatten, ſchlugen ſie gegen Abend ihren Weg langſam nach dem Kutter ein, den ſie ruhig auf ſeinem Ankerplatze liegend fanden, da die Wellen der See, von der Landzunge gebrochen, hier viel ſanf⸗ ter als an anderen Stellen wogten.. — 75⁵ Da der Abend ziemlich warm zu bleiben verſprach und der Kutter im Schutz der Küſte lag, auch der volle Mond ein neues entzückendes Schauſpiel verhieß, ſo ſchlug Herr von der Oehe vor, das Abendbrod auf dem Deck einzunehmen, wozu er den alten Tode, deſſen Sohn und den Gensdarmen einlud. War der Abend ſchon ſchön und einladend gewe⸗ ſen, ſo verſprach die Nacht noch viel ſchöner und ein⸗ ladender zu werden, und wenigſtens der erſte Theil derſelben blieb nicht hinter der Erwartung zurück, die man von ihr hegen konnte. Der Mond war in ſeiner vollen Pracht am Himmel emporgeſtiegen, vergol⸗ dete nun die tanzenden Wellen und ihren glitzernden Schaum und ließ die fernen, blaugrauen Landſtrecken, auf die ſich eine halbdurchſichtige Nebelſchicht geſenkt, in magiſcher Beleuchtung erſcheinen. Der Wind, faſt ganz nach Weſten herumgegangen, wühlte nicht mehr die Wogen auf, ſondern ſchien mit ihnen zu ſpielen und ſie zur nächtlichen Ruhe mehr und ſdehr einzu⸗ laden. Das Waſſer brauste und toste nicht mehr, nur ein lebhaftes Rauſchen ließ ſich noch in der Ferne vernehmen und dabei war die Luft ſo erträglich friſch, daß man mit Hülfe eines warmen Rockes behaglich im Freien ſitzen und die ſich darbietenden Genüſſe mit Wohlbehagen einſchlürfen konnte. 76 Während Herr von der Oehe und ſeine Gäſte mit Appetit ſpeiſten und tranken, dabei die vorliegen⸗ den Verhältniſſe mit ſteigender Lebhaftigkeit beſprachen, gab ſich Guſtav Steinau ganz und gar den Strömun⸗ gen ſeiner übervollen Seele hin. Von Jugend auf zur poetiſchen Geſtaltung der vor ſeinen Augen auf⸗ und abfluthenden reellen Ereigniſſe geneigt, überließ er ſich auch in dieſen Stunden ſeiner vorwaltenden Neigung und war bald ſo tief in die geheime Ar⸗ beit ſeiner Seele verſenkt, daß er kaum wahrnahm, was in ſeiner nächſten Nähe verhandelt wurde. Wenn die Seele des Menſchen aber einmal erſt ſich in die Wirrniſſe des menſchlichen Lebens verloren hat, reißt ſie ſich nicht ſo bald wieder von ihnen los; immer tiefer verſtricken ſie die Räthſel des Daſeins, immer weiter thut ſich das geheimnißvolle Meer der Ahnun⸗ gen und halbbewußter Gefühle auf und zuletzt, wenn ſie die erſtrebte Klarheit nicht erreichen kann oder das magiſche Dunkel, das ſie umgiebt, durch kein Licht er⸗ hellen ſieht, erfaßt ſie eine ſtille Traurigkeit, die ſich durch brütendes Schweigen und melancholiſche Mienen verräth und die Blicke der ſie umgebenden Menſchen ſtaunend auf denſelben haften läßt. Guſtav Steinau war ſo ganz und gar in die ge⸗ heime Betrachtung ſeiner ſeltſamen Lage und der Ver⸗ —— 7 hältniſſe, die ihn in die gegenwärtige Stunde geführt, verſunken, daß er nicht bemerkte, wie ihn Herr von der Oehe immer aufmerkſamer betrachtete und zuletzt ſogar den Kopf ſchüttelte, da er nicht begreifen konnte, warum dieſer junge Mann ſo trübe und ſchweigſam daſaß, wo ihm ſelbſt doch ſo viel Grund zur Heiterkeit vorzuliegen ſchien. Er hätte ihm ſicher auch ſeine Meinung darüber mitgetheilt, wenn die anderen Männer nicht gegenwärtig geweſen wären und ihn zuletzt eine Müdigkeit überraſcht hätte, deren ſich zu erwehren er kaum im Stande war. Als er endlich wiederholt zu gähnen anfing, legte ſich der alte Tode in's Mittel.„Herr von der Oehe,“ ſagte er,„ich glaube, es iſt Zeit, daß Sie ſchlafen gehen. Es iſt lange elf Uhr vorbei und Sie haben alſo beinahe fünf Stunden Zeit, den Kopf auf das Kiſſen zu legen. Machen Sie, daß Sie in die Kajüte kommen, ich habe längſt Alles in Bereitſchaft ſetzen laſſen. Sie haben ſchon die vorige Nacht durchwacht und bedürfen der Ruhe. Ich und mein Sohn, wir werden in der Wache abwechſeln und Sie können ver⸗ ſichert ſein, daß uns kein Signal entgehen ſoll, was man uns von irgend einer Seite her geben könnte. Gegen Morgen, wenn Alles ruhig bleibt, wecke ich Sie und dann werden wir ja ſehen, welche neue Me⸗ lodie uns Wind und Wellen aufſpielen.“ 78 „Ihr habt Recht, Alter,“ erwiderte Herr von der Oehe.„Kommen Sie, Sternberg, Sie ſcheinen auch ſchon halb zu träumen.“ Beide ſtiegen nun in die Kajüte hinab, wo man die von der Oehe mitgenommenen Betten über die ledernen Polſter ausgebreitet hatte. Eine Laterne brannte auf dem Tiſche und der enge Raum ſah in ſeiner jetzigen Verfaſſung ſo gemüthlich und einladend aus, wie er überhaupt ausſehen konnte. Ohne noch viele Worte zu machen und blos ſeinen Rock abwer⸗ fend, legte ſich Herr von der Oehe nieder und Guſtav Steinau folgte ihm ſo raſch dabei nach, daß er faſt zugleich mit ihm in einen erquickenden Schlaf ſank, da auch er leidlich ermüdet war. Sie mochten etwa vier Stunden ohne Störung geſchlafen haben, als Herr von der Oehe Lärm über ſeinem Kopfe zu hören glaubte. Er ſtand leiſe auf, warf ſeinen Rock über und ſtieg die kleine Leitertreppe nach dem Deck der Kajüte hinauf. Eben brachen die erſten Lichtſtrahlen am öſtlichen Horizont hervor und ſchoſſen in roſigen Garben weit über das Land und die See hin. Es war kühl und friſch und Herr von der Oehe ſchauerte wiederholt unluſtig zuſammen. Eben wollte er genauer auch nach den anderen Seiten hin den Stand des Wetters 59 beobachten, als der alte Tode an ihn herantrat und leiſe ſagte: „Ah, da ſind Sie ſchon früher auf den Beinen, als ich dachte. Guten Morgen, Herr von der Oehe! Ich wollte Sie noch ruhig eine Stunde ſchlafen laſſen, es ſchläft ſich gar ſüß da unten in der Koje, nicht wahr?“ „O ja, Tode, und ich fühle mich ganz erfriſcht. Aber wie ſteht es mit dem Feinde— er iſt doch noch da?“ „Ohne Zweifel, Herr, der brennt uns ſobald nicht durch, er iſt zu verbiſſen auf Ihre Oehe. Neues iſt nichts in der Nacht paſſirt und Niemand hat irgend ein Signal bemerkt. Ich denke aber, die Geſchichte wird bald losgehen— ſehen Sie nur, wie ſchwach der Wind bläſt und wie ruhig das Waſſer geworden iſt. Wenn das noch eine Stunde dauert, haben wir Regen, da hinten kommt ſchon eine ganze Hand voll naſſer Wolken herauf.“ Herr von der Oehe folgte dem andeutenden Fin⸗ ger des Schiffers und fand deſſen Ausſage beſtätigt. Wie gewöhnlich ſchien auch diesmal der ſchwäͤcher gewordene Weſtwind Regen bringen zu wollen, und kleine graue, durch dunklere Streifen zuſammenhän⸗ gende Wölkchen flatterten ſchon thränenſchwer über das weite Himmelsgewölbe hin. 80 Als ſie Beide ſo ſtanden und die Ferne mit ihren Augen zu durchdringen ſuchten, geſellte ſich auch Guſtav Steinau zu ihnen und nachdem man ſich begrüßt, faßte man den Entſchluß, in der unterdeß gelüfteten und aufgeräumten Kajüte auf der Maſchine den Kaffee zu kochen und das erſte Frühſtück einzunehmen. „Warten Sie noch einen Augenblick,“ ſagte der alte Tode, der einen vortrefflichen Wirth machte,„ich will nur ſehen, ob die Koje auch wieder in Ord⸗ nung iſt.“ „Haben Sie gut geſchlafen, lieber Sternberg?“ fragte der alte Herr vertraulich den jungen Mann, als ſie auf der Laufplanke hinter einander her nach dem Bug des Fahrzeugs gingen, um ſich ein wenig Bewegung zu machen. „ Vortrefflich, Herr von der Oehe, und ich fühle mich zu jedem Unternehmen aufgelegt.“ „Na, dazu iſt auch die Zeit da und ſo gefallen Sie mir beſſer als geſtern Abend, wo Sie ſo über⸗ aus trübſelig waren.“ Guſtav Steinau ſenkte den Kopf und ſchritt lang⸗ ſam hinter dem alten Herrn her, der ſo lange auf und ab lief, bis der alte Tode wieder heraufkam und verkündete, daß unten Alles„im Staat“ ſei. In dieſem Augenblick fing es an zu tröpfeln. 8 81 „Nur keinen Nebel!“ ſagte Tode, ſein Auge gegen den Himmel erhebend.„Aber nein, das haben wir nicht zu befürchten, es ſind nur leichte Wölkchen, die wird die Sonne ſchon vertreiben, ſobald ſie höher ſteigt. Nun— gehen Sie nur hinab; noch ein oder zwei Stündchen, denke ich, haben wir vor uns, dann iſt Steinzangers beſtes Waſſer, ruhig und klar, dann kann er die Dingerchen hübſch rund auf dem Meeres⸗ grunde liegen ſehen.“ Herr von der Oehe ſtieg mit Guſtav Steinau in die Kajüte hinab und trank raſch ſeinen Kaffee, der bald genug bereitet war. Er fröſtelte ſichtbar und da er, nachdem er ſein Frühſtück verzehrt, bedauerte, daß er ſeinen Pelz nicht mitgenommen, ſagte Guſtav Steinau: „Trinken Sie ein Glas Portwein, Herr von der Oehe, der wärmt am ſchnellſten.“ „So früh ſchon Wein trinken— ich, der ich faſt nie welchen trinke?“ „Eben darum, weil Sie nicht daran gewöhnt ſind, wirkt er, was er wirken ſoll, und ich ſehe den Grund nicht ein, warum man nicht mitten in der Nacht ſo⸗ gar Wein trinken ſoll, wenn man ein Bedürfniß da⸗ nach hat. Arznei nimmt man auch zu jeder Zeit und heute iſt Ihnen der Wein Arznei.“ Die Inſulaner. IV. „Sie haben Recht, mein junger Freund, und um ſo mehr, da Sie vielleicht ſelber der Arznei bedürftig ſind. Seben Sie, wie ein alter Kerl, wie ich einer bin, noch von einem ſo jungen Mann Unterricht em⸗ pfangen muß. Doch ich lerne von Jedem gern, und wenn mir ein Kind etwas Gutes beibringen könnte, ich würde es nie von der Hand weiſen. Da— nun haben wir Portwein und ganz vortrefflichen ſogar. Carl Melms, der gute Kerl, hat mir zu meinem letzten Geburtstag eine halbe Pinte davon geſchenkt. Und da ſind auch Gläſer. So, nun öffnen Sie die Flaſche und füllen Sie die Dinger, ich will einmal auf Ihren Rath ſchon am frühen Morgen über die Stränge ſchlagen. Gut, daß der große Jung' nicht hier iſt, Sie würden gleich hören, daß er den alten Gottlieb für einen angehenden Trunkenbold erklärte.“ Der alte Herr war, wie wir ſehen, heute Morgen in eben ſo redſeliger Stimmung wie am vergangenen Tage und dieſelbe ſollte noch ſehr bald um ein Be⸗ deutendes geſteigert werden. Der Wein ſchmeckte ihm vortrefflich und da er ihm zugleich den inneren Froſt minderte, ſo trank er, vielleicht ohne es zu wiſſen, raſch einige Gläſer hinter einander. In demſelben Grade aber, wie er nun von Augen⸗ blick zu Augenblick munterer wurde, ſchien Guſtav Steinau, wie am Abend vorher, in die entgegengeſetzte Stimmung zu gerathen. Er ſaß unbeweglich auf ſei⸗ nem Polſter, dem alten Herrn gegenüber, hörte ihm ſchweigend zu und ſah dabei bleich und angegriffen aus, als ob er leidend wäre. Wie Herr von der Oehe ihn ſchon am Abend aufmerkſam beobachtet, ſo prüfte er auch jetzt das trübe Geſicht ſeines Gefährten und endlich ſagte er: „Herr Sternberg, was ſoll das heißen? Sie ſind ſonſt immer ein ſo lebhafter Geſelle geweſen und nun ſenken Sie den Kopf wie eine Lilie, deren Wurzel das Waſſer ausgeht. Heda, junger Mann, haben Sie vielleicht Furcht?“ „Vor Was und vor Wem, Herr von der Oehe?“ fragte der Andere mit kühn aufblitzendem Auge, wo⸗ bei ihm das Herz mit einem Male mächtig zu ſchla⸗ gen anfing. „Vor den Freibeutern da drüben. 4 „Nein, vor denen habe ich nicht die geringſte Furcht, ich habe weder geſtern noch heute kaum an ſie gedacht.“ „Woran haben Sie denn gedacht, wenn ich fragen darf? Sie müſſen mir das nicht übel nehmen, aber Sie ſehen ſchon ſeit einigen Tagen ſo zerſchlagen aus, daß man Sie entweder für krank oder furchtſam hal⸗ ten könnte.“ 84 „Ich bin keins von Beiden, aber mir geht Vieles im Kopfe herum,“ verſetzte Guſtav Steinau langſam und mit nachdrücklicher Betonung. „O, was kann Ihnen im Kopfe herumgehen, mein Freund? Sie ſind jung, kräftig, geſund, arbeits⸗ luſtig— was kann ein Menſch in Ihren Jahren mehr verlangen?“ 4 „Und doch verlange ich mehr, Herr von der Oehe!“ „Darf ich wiſſen, was?“ „Aufrichtig geſagt, ich fühle mich, ſeitdem ich bei Ihnen auf der Oehe bin, außerordentlich glücklich viel glücklicher, als ich es früher für möglich ge⸗ halten—“ „O, das freut mich. Nun? Weiter!“ „Aber ich bin ein Menſch, der nie umhin kann, an das Unglück zu denken, wenn er im Glück ſitzt, und das macht mich vielleicht traurig, mindeſtens aber nachdenklich.“ „Welches Unglück meinen Sie denn?“ „Das, welches ich früher kennen gelernt und mich vielleicht wieder in der Heimat erwartet. Denn mein Aufenthalt auf Rügen kann nicht mehr lage dauern; die Zeit, die ich frei hatte, iſt bald abgelaufen, ud wenn ich nun nach Hauſe zurückkehre, finde ich viel⸗ leicht wieder den ganzen Jammer in meiner Familie vor, dem ich hier ſo glücklich entronnen war.“ 4 Herr von der Oehe machte große Augen, als er dies hörte und ſah ſeinen Gaſt mit einer deutlich her⸗ vortretenden Theilnahme an.„Familienjammer?“ ſagte er mit ſeltſam bewegter Stimme.„Haben Sie den auch ſchon kennen gelernt?“ „O, und wie bitter und ſchwer iſt er auf mein Haupt gefallen!“ „Aber davon haben Sie mir ja noch gar nichts geſagt. Was iſt denn das für ein Jammer? O, ſehen Sie, ich bin ein alter neugieriger Mann— erzählen Sie— ich habe Ihnen ja auch ſchon meine Fami⸗ lienverhältniſſe aufgedeckt, nun erzählen Sie die Ihri⸗ gen, dann ſind wir einander nichts ſchuldig geblieben.“ Ueber Guſtav Steinau's bleiche Wangen flog ein roſiger Schimmer. Er erhob ſein kluges und doch ſo ſanftes Auge und indem er es feſt auf ſeinen Wirth richtete, ſagte er:„Sie werden ſich wundern, Herr von der Oehe, unſer Beider Geſchick hat manche Aehnlichkeit mit einander, wenigſtens haben Sie mir Dinge erzählt, die mich lebhaft an meine eigenen Er⸗ lebniſſe erinnern mußten.“ „Nun, da bin ich doch ſehr neugierig!“ rief Herr von der Oehe laut und goß ſich noch ein Glas 86 Wein ein, das er, faſt ohne es zu wiſſen, bald zur Hälfte leerte. „Soll ich von Anfang an beginne „So weit es mich intereſſiren kann.“ „Gut, aber ich will Ihnen nur die Hauptzüge an⸗ geben, Sie werden ſich doch darin zurecht finden kön⸗ nen. So hören Sie denn. Meine Familie ſtammt aus Preußen. Mein Vater hatte das Gut einer adelsſtolzen, alten und reichen Familie gepachtet und dabei Gelegenheit gefunden, ſich in eine Tochter der⸗ ſelben ernſtlich zu verlieben.“ „Hm!“ ſagte der alte Herr, verwundert aufblickend. „Das fängt ja erbaulich an. Aber gut, ich bin ein Freund von verſtändlicher Kürze.“ „Natürlich widerſetzte ſich die altadlige Familie der Neigung der jungen Leute, die nämlich gegenſeitig war, und gegen den Liebhaber der Dame, meinen künftigen Vater, mochte man allerdings einigen Arg⸗ n?“ wohn in Bezug auf die Ehrlichkeit ſeiner Abſichten hegen, da Grund dazu vorhanden war.“ „O ja, gewiß! Ich meine, das kann man ſich denken!“ rief der alte Herr ſchmunzelnd.„Aber was war das für ein Grund?“ „Mein Vater war, ich muß es leider ſelbſt ſagen, ſchon in ſeiner Jugend ein leichtſinniger Menſch, der 87 keinen rechten Begriff vom Werth des Geldes hatte und es nie ſo genau nahm, woher das Geld, das er zu einem angenehmen Leben gebrauchte, in ſeine Hände kam.“. „Ah! Das wird intereſſant. Dergleichen kenne ich. Nun weiter— raſch— ich brenne vor Un⸗ geduld.“ „Trotz der Abneigung und des Widerſpruchs der übrigen Familienglieder nun gegen meinen Vater und trotz mancher zwiſchen ihnen geſponnenen Fehde, die viele Bitterkeiten auf beiden Seiten zurückließen, ſetzte mein Vater ſeinen Willen durch und heirathete die Tochter der reichen und adligen Familie, was leider der Anfang zu ſeinem eigenen und dem Unglück aller Derjenigen war, die von ihm ſeinen Namen erbten.“ „Wie ſo? Der Reichthum und der Adel der Fa⸗ milie der Frau hat ihm doch kein Unheil gebracht?“ „Der Adel der Frau nicht, wohl aber ihr Ver⸗ mögen. Denn kaum hatte mein Vater es in Händen, ſo verminderte es ſich von Jahr zu Jahr; die Arbeit hatte für ihn ihre Reize verloren und die Genüſſe der Welt zogen ihn unaufhaltſam in ihre gefährlichen Strudel hinein. Ob mein Vater ſchon damals noch im Stande war, ſeine und ſeiner Frau Verhältniſſe richtig zu beurtheilen, weiß ich nicht, ſo viel iſt aber 88 gewiß, daß er, je leerer ſeine Börſe ward, um ſo eif⸗ riger darauf bedacht war, ſie, koſte es was es wolle, wieder zu füllen. Und ſo kam es, daß er nicht allein mit dem Vermögen ſeiner Frau, ganz gegen deren Wiſſen und Willen, auch das ihrer Familie verthat, worüber er leider, durch eigenthümliche Umſtände be⸗ günſtigt, ziemlich freie Dispoſition erhalten hatte. Mit einem Worte, er wirthſchaftete nach allen Seiten hin ſehr ſchlecht und war nicht im Stande, die Fol⸗ gen zu bedenken, die nothwendig aus dieſem Verfah⸗ ren entſpringen mußten.“— Guſtav Steinau's Kopf hatte ſich, als er dieſe ihn ſelbſt ſo tief demüthigende Anklage gegen ſeinen Va⸗ ter ausſprach, geſenkt und ſeine Augen vermieden es, ſeinen Zuhörer anzuſchauen. Dieſer dagegen hatte aufmerkſam ſeinen Kopf erhoben und betrachtete mit weitgeöffneten Augen den jungen Mann, der ſich nicht ſcheute, die Wahrheit ſelbſt auf Koſten des guten Ru⸗ fes ſeines Vaters auszuſprechen. „Was Sie da ſagen, iſt ſeltſam,“ ſagte der alte Herr.„Es iſt, als ob ich die Geſchichte meiner eige⸗ nen Familie hörte.“ „Ja wohl, das habe ich mir auch damals geſagt, als ich Ihre Erzählung vernahm, doch iſt ſie es von dem entgegengeſeßten Standpunkt aus betrachtet. Die Ihrige haben Sie, wie Sie ſie mir wenigſtens vor⸗ trugen, mit ſubjectiven Augen angeſehen, die meinige müſſen Sie objectiv auffaſſen, das iſt der einzige Unterſchied zwiſchen beiden.“ „Ja, ja doch— objectiv— ich verſtehe! Aber nun weiter, ich werde immer begieriger, das Ende zu erfahren.“ Guſtav Steinau ſeufzte, bevor er weiter ſprach, aber er nahm ſich zuſammen und fuhr mit ruhiger Milde fort:„Meine Mutker hatte einen Bruder, der bei den allgemeinen Familienverluſten ſtark betheiligt war und es war alſo erklärlich, daß zwiſchen dieſem und meinem Vater eine bittere Feindſchaft herrſchte und allmälig eine Kluft entſtand, die nichts auf der Welt, nicht einmal die Liebe meiner Mutter zu Bei⸗ den auszufüllen vermochte. Ganz gegen die Erwar⸗ tung ihres Bruders hielt ſte zu ihrem Manne und das halte ich zum Theil— ich ſage zum Theil— für ge⸗ crechtfertigt, wenigſtens für leicht erklärlich, da ſie ihren Mann mit einer Leidenſchaft liebte, wie man es leider oft bei Frauen findet, die ihre Männer nicht achten können und daher nach dem einzigen Bande, das ſie vereinen kaun. greifen, eben nach ihrer blinden Liebe.“ „O, o, wie wahr ſprechen Sie da, mein junger ecäʒäʒ ·— 4 Freund! Ja, ja, das habe ich auch erfahren. Doch — fahren Sie fort.“— „Der Bruder meiner Mutter nun,“ fuhr Guſtav Steinau ruhig und beſonnen fort,„machte meinem Vater den Prozeß— „Ah! Das habe ich nicht gethan, das iſt ein Un⸗ terſchied!“ unterbrach ihn Herr von der Oehe hoch⸗ aufathmend. „Hören Sie nur— er machte ihm den Prozeß, ſage ich, nicht was man in gewöhnlichen Leben dar⸗ unter verſteht, nicht den gerichtlichen Prozeß, ſondern — den moraliſchen, das heißt, er ließ ihn ſinken, er ſtrich ihn aus ſeinem Herzen, ja aus ſeiner Familie, und verurtheilte ihn und alle ſeine Angehörigen ohne jede Appellation— und unter dieſem harten Richter⸗ ſpruch ſehen Sie mich noch heute leiden.“. Der alte Herr athmete wieder ſchwer und fing nun auch an, ſein Haupt ſinken zu laſſen. „Wollen Sie noch mehr hören, Herr von der Oehe?“ fragte Guſtav Steinau ſanft. A „Ja, ja doch— ſprechen Sie nur!“ „Nun wohlan denn! Meine Mutter gerieth in große Dürftigkeit. Ich wuchs heran und ſie konnte mir keine Erziehung zu Theil werden laſſen, wie ſie ſie mir wohl von Herzen gegönnt hätte, denn ſie liebte mich zärtlich und wollte aus mir einen redlicheren Mann machen, als ihr Gatte es geweſen war. Dazu gehörten Mittel. Da ſie dieſelben nicht beſaß und auch von ihren Verwandten nicht mehr erlangen konnte, wandte ſie ſich an Fremde und hier fand ſie glücklicher Weiſe Herzen, die warm und voll für das Wohl der Menſchheit ſchlugen und auch mit den Men⸗ ſchen in mir Erbarmen hatten. 7 Herr von der Oehe erhob wieder ſeinen Kopf und ſah den ruhig weiter Sprechenden fragend an. „Nun ja,“ fuhr dieſer fort,„ohne dieſe wohl⸗ thätigen Menſchenfreunde wäre es um meine Zukunft, meine Bildung, mein ganzes geiſtiges Wohl geſchehen geweſen, und Alles in Allem genommen, war ich doch nur ein unſchuldiges Opfer des Zwiſtes einer Familie, des Unverſtandes eines leichtſinnigen Vaters und der blinden Zärtlichkeit eines allzu ſehr liebenden Weibes. War ich das nicht, Herr von der Oehe?“ „Ja, das waren Sie, wie mir ſcheint—“ „Wenn man die Verhältniſſe objectiv betrachtet!“ ſetzte Guſtav Steinau ernſt hinzu.„Doch, was ſoll ich nun noch erzählen,“ fuhr er mit leuchtenden Augen fort und ſein bleiches Geſicht feſt auf das faſt eben ſo bleiche Antlitz ſeines Zuhörers heftend— eälles Uebrige mögen Sie ſich ſelber ſagen.“ 92 „O, nicht doch— ſind Sie denn ſchon fertig?“ „So ziemlich, ja. Meine Mutter ſtarb und ich ſtand auf der Welt allein. Ich hatte nun keine El⸗ tern, keine Verwandten mehr. Mein Vater hatte ſchon lange meine Mutter verlaſſen und in einem fernen Welt⸗ theil ſein ruhmloſes Ende gefunden; meine Verwandten hatten ſich von mir losgeſagt, denn ich war ja der Sohn meines Vaters— nicht wahr, Herr von der Oehe?“ „Ja, ja doch! Aber das iſt ja höchſt ſeltſam—“ „Gewiß iſt es das.“ „Nein, ich meine dieſe Aehnlichkeit in unſern Ver⸗ hältniſſen—“ „Ach ja, leider! Und nicht wahr, wenn Ihr Neffe in meiner Lage geweſen wäre und Sie hätten dieſelbe gekannt, Sie würden Ihre Hand nicht von ihm abge⸗ zogen, ihn nicht ganz aus Ihrem Herzen verbannt haben, wie?“ Herr von der Oehe ſchwankte ſichtbar, was er ſagen ſollte. „Würden Sie ihm nicht verziehen haben,“ fuhr Guſtav Steinau mit erhobener Stimme fort,„daß er der Sohn eines Mannes war, der für ſein eigenes Blut ſo unverantwortlich gehandelt, während er doch ſelbſt nichts dafür konnte, daß jener ſein eigenes und ſeiner Verwandten Erbtheil verſchleudert hatte?“ —— — 93 „Ja, ja, das würde ich gethan haben,“ rief Herr von der Oehe mit plötzlich hocherröthendem Antlitz und blitzenden Augen—„aber— was iſt denn da oben los— he!“ In dieſem Augenblicke trat die breite Geſtalt des alten Tode in die Kajütenthür und zwar mit ſo großer Eile, daß er faſt von der Treppe des Verdecks herun⸗ terzufallen ſchien. „Herr von der Oehe, Herr von der Oehe!“ rief er.„Geſchwind, geſchwind, der Tanz geht los! Auf Clemens' Kutter haben ſie den rothen Wimpel aufge⸗ zogen— da— da— da, ſehen Sie nur! Mein Junge hat es zuerſt entdeckt! Und von da unten im Süden her kreuzen die Schaproder Jungen auch ſchon mit vollen Segeln heran. Die dummen Kerle auf der Nacht da— es iſt nur noch eine vorhanden— gehen richtig in die Mauſefalle nach dem Steinorte bei der Oehe! O wenn ſie wüßten, was für eine Heerde Katzen ſie erwartet!“ Herr von der Oehe war mit Guſtav Steinau raſch auf das Verdeck geklettert und ſtand nun, von den ver⸗ ſchiedenartigſten Gefühlen beſtürmt, athemlos neben dem Steuer, das Herz noch laut ſchlagend von dem eben Gehör⸗ ten und doch das Auge geſpannt auf das Vorliegende hal⸗ tend, wie ein Falke, der ſich auf ſeine Beute ſtürzen will. „Heben Sie die Anker, Tode!“ rief er mit don⸗ nernder Stimme—„ſo und die Segel herunter, alle herunter— und Sie, junger Mann,“ wandte er ſich an Guſtav Steinau, der bleich wie ein Bild von Stein neben ihm ſtand und mit Verwunderung ſich von ſei— nen inneren Gedanken loszulöſen bemühte, um ſeine Aufmerkſamkeit auf äußere Dinge zu richten,„und Sie, junger Mann, ſparen Sie das Ende Ihrer Ge⸗ ſchichte auf heute Abend auf, wenn wir zu Hauſe ſind — jetzt aber, jetzt gehen wir in's Treffen! Ha! End⸗ lich hat die Stunde geſchlagen, wo ich den Dieben zeigen will, wer ich bin und an Wem ſie ſich zu ver⸗ greifen gewagt. Halloh! So! Das Ding ſegelt gut und wir haben glücklicher Weiſe noch einen recht hübſchen Wind!“ Viertes Bapitel. Der Angriff. Es war Morgens kurz nach ſechs Uhr, als der Kutter ſeinen Ankerplatz bei Seehof verließ und den Cours nach Süden gerade auf die Weſtküſte der Oehe zu einſchlug. Wie der Tag ſchon trübe angebrochen, ſo war er auch bis jetzt geblieben, nur der leichte Regen hatte wieder aufgehört, obgleich graues Gewölk den ganzen Himmel bezog und ſo bei dem herrſchenden Winde kein beſſeres Wetter in Ausſicht kommen ließ. Die Nebel aber, die am frühen Morgen die Fernen verſchleiert, waren ganz geſunken und Alles lag rings umher klar, ſo weit die Augen der nach allen Rich⸗ tungen ausſchauenden Menſchen reichten. Was den Wind anbetraf, ſo war er faſt flau zu nennen, jedoch immer noch ſtark genug, um den leichten Kutter ſchnell 96 vorwärts zu treiben, der bei günſtigſtem Seitenwinde, wobei er am beſten ſegelte, alle Leinwand entrollt hatte und wie ein Schwan mit ausgebreiteten Flügeln über die graue Fluth ſtrich, um wo möglich zuerſt die feind⸗ liche Yacht zu erreichen, wozu auch alle Ausſicht vor⸗ handen war. 1 Der Kutter des Schiffers Clemens, an deſſen Bord Alfred Brunſt war, und der, der Oehe zunächſt gele⸗ gen, wahrſcheinlich das erſte Signal gegeben, daß ſich die Yacht von Ummanz nach der Oehe bewege, hatte zwar nicht einen ſo weiten Weg als jener zurückzule⸗ gen, allein er war kein ſo guter Segler und lag auch vor dem Winde und ſo konnte man mit ihm ziemlich zu gleicher Zeit an dem verabredeten Ziele anzulan⸗ gen hoffen. Die anderen Boote dagegen, die theils ſüdlich von der feindlichen Nacht und gleichfalls am Ummanzer Ufer, theils im Gellenſtrom und an der Südküſte von Hid⸗ dens⸗öe gelegen hatten, waren allerdings noch weit zurück, allein ſie ſegelten ebenfalls mit halbem Winde und hatten daher ſo viel Leinwand beigeſetzt, als die klei⸗ nen Fahrzeuge tragen konnten. So kamen auch ſie ſchnell genug heran und als der Kutter von Seehof aus ungefähr in drei Viertelſtunden den halben Weg bis zur Oehe zurückgelegt hatte, konnte ſeine Beman⸗ nung die befreundeten Boote von allen Seiten auf ein einziges Ziel losſchießen ſehen, indem ſie pünktlich die Weiſung befolgten, die ihnen am Tage vorher gege⸗ ben worden war. Während dieſer drei Viertelſtunden hatten ſich Herr von der Oehe, Guſtav Steinau und der Gens⸗ darm zum Angriff gerüſtet. Letzterer hatte ſeinen Platz in der Kajüte eingenommen, um ſich nicht eher blicken zu laſſen, als bis die rechte Zeit gekommen wäre, wozu ihm Herr von der Oehe als Commandant nach Verabredung das Zeichen geben wollte. Dieſer ſelbſt hatte ſeinen alten Säbel umgeſchnallt und hielt die Doppelflinte in der Hand, während Guſtav Steinau mit zwei Piſtolen bewaffnet war, wovon er jedoch kei⸗ nen Gebrauch machen zu müſſen hoffte, zumal der Gensdarm ihm bei Seite verſichert hatte, daß die Steinzanger ſich auf keinen Kampf einlaſſen, vielmehr entweder das Weite ſuchen oder ſich gefangen geben würden, je nachdem die Boote zu rechter Zeit von allen Seiten zuſammenträfen oder nicht. Herr von der Oehe ſtand kerzengerade, mit weit geöffneten, faſt hervorſpringenden Augen und geſpann⸗ ter Miene auf dem Hinterdeck. Nur bisweilen und dann nur, wenn er ſich bückte, konnte er die Yacht vor der Oehe ſehen, da ihm die Segel des eigenen Die Inſulaner. IV. 1 7 98 Fahrzeugs die volle Ausſicht benahmen, was auch ganz mit des alten Tode Wunſch übereinſtimmte, da man ſo von der Yacht her auch nicht die ſtarke Bemannung des Kutters wahrnehmen konnte. Als man nun ſo weit herangekommen war, daß man ziemlich genau beobachten konnte, was auf der Yacht vorging, fiel Allen die Ruhe auf, die an Bord derſelben herrſchte. Das Schiff lag feſt an zwei An⸗ kern, von denen einer am Bug und der andere am Spiegel niedergelaſſen war. Die Segel waren theils beſchlagen, theils hingen ſie ſchlaff an ihren Tauen, deren Schoten man gelockert hatte, damit ſie der Wind nicht aufblaſe, und ſo ruhte das Schiff in völligſter Stille, nur leiſe von den kleinen Wellen auf und abgetragen, was die Arbeit am Bord um ſo leichter machte. Dieſe Arbeit nun ſchien in vollem Gange zu ſein. Mit Hülfe des Tubus hatte Herr von der Oehe ſechs bis acht Leute an Bord gezählt, die theils an den Winden auf Deck beſchäftigt waren, theils in einem Boote ſaßen und die Steinzange dirigirten, die bereits ſeit einiger Zeit ihre Thätigkeit begonnen. Und ſo ämſig waren die Diebe beſchäftigt, daß ſie die in ihrem Rücken heranſegelnden Fahrzeuge gar nicht bemerkten. Die Yacht ſelbſt lag mit ihrer Steuerbordſeite parallel 99 mit dem Strande der Inſel, etwa dreihundert Schritte vom Steinort entfernt, den Bug dem Schaproder Ufer und den Spiegel Ummanz zukehrend. Nur bisweilen ſchien ihre Bemannung einen ſchelmiſch ſpöttiſchen Blick nach der Oehe hinüberzuwerfen, der ſie die Geſichter zudrehte und wo der Statthalter mit einigen andern Perſonen ſtand, die Arbeit der Diebe und das all⸗ mälige Herannahen der Schaproder Boote verfolgend, voll der geſpannteſten Erwartung, was ſich ereignen würde, ſobald Kutter und Boote in Anrufsweite ge⸗ langt wären. „Nur Geduld, Herr von der Oehe,“ ſagte der alte Tode, der ruhig auf der Steuerbank ſaß und den Helmſtock des Ruders mit feſter Hand hielt,„nur Ge⸗ duld! Noch ſind wir lange nicht nahe genug heran und wir dürfen nicht zu früh Lärm ſchlagen. Die Kerle merken gar nicht, daß wir kommen, und wenn ſie es merken, ſo ſcheeren ſie ſich den Teufel darum. Das ſind verwetterte Burſche, die auf Ihr friedliebendes Herz vertrauen und ihr Handwerk ſchon oft mit Er⸗ folg müſſen betrieben haben.“ „Ihr mögt in Allem Recht haben, Tode,“ erwi⸗ derte der Angeredete mit vor Aufregung bebender Stimme,„aber was mein friedliebendes Herz anbe⸗ langt, ſo mögen ſie ſich heute ſehr ſtark verrechnet 7 haben. Ich nehme alle gefangen, wie ſie da ſind; den Rädelsführer laſſe ich nach der Oehe bringen, um ihn erſt zu verhören, und die Andern ſperren wir in die Kajüte der Yacht ein, bis die Behörden weiter über ſie beſtimmen.“ „Ja, aber erſt müſſen wir ſie haben, Herr,“ ver⸗ ſetzte der alte Tode lächelnd.„Es iſt nicht ſo leicht, eine ſo große YNacht zu kapern, wenn ſie von einem Dutzend handfeſter Menſchen vertheidigt wird.“ „Oho! Ihr glaubt doch nicht, daß ich ſie fürchten werde? Gott ſteh' mir bei! Das wäre das erſte Mal, daß ich ſolch Gefühl kennen lernte. Nichts da, nichts da, wir greifen ſie an ünd damit ſie nicht fliehen kön⸗ nen, ſchneiden Zwei von Euch, ſobald wir an Bord ſind, ihre Segeltaue ab.“ „Ja, Herr, das verſteht ſich von ſelber, das werde ich ſchon mit meinen Leuten beſorgen— wenn wir erſt an Bord ſind. Aber wenn ſie jetzt zum Beiſpiel den Braten röchen, der ihnen gleich vorgeſetzt wer⸗ den ſoll, ſo wäre es immer noch Zeit, ihre Anker zu heben, die Segel zu halſen und auf und davon zu gehen.“ „Na, das wird ja hoffentlich nicht geſchehen, wir kommen ja raſch näher heran und ſie ſehen uns im⸗ mer noch nicht. Ha, da kommt auch Brunſt in nähere 101 Sicht— ho! Er ſieht uns— ſchwenkt er nicht ſeine Mütze?“ Der alte Herr hielt ſeinen Tubus vor's Auge, aber ſeine Aufregung war ſo groß, daß ihm die Hände zitterten und er das Glas nicht mehr gebrauchen konnte. Er ſchob es daher zuſammen und ſteckte es in die Jagd⸗ taſche, die er auch heute auf dem kriegeriſchen Aus⸗ fluge trug. Als dies aber geſchehen, riß er die Mütze ab und ließ ſein graues Haar im Winde faattern. Brunſt ſchwenkte wirklich die Mütze und nahm das Zeichen des Freundes wahr, verhielt ſich aber mit ſeiner Mannſchaft eben ſo ſtill, wie unſer Kutter, was auch ſehr weislich und der Lage der Dinge vollkommen ent⸗ ſprechend war. Der alte Tode theilte ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen ſeinen Segeln, dem zweiten Kutter und der feindlichen Yacht. Von dem Einen blickte er auf's Andere, und wie er, ſo thaten auch alle Uebrigen. „Herr,“ ſagte er plötzlich,„wir kommen dem Piraten immer näher und in zehn Minuten werden wir ihn anrufen können. Was ſoll dann aber ge⸗ ſchehen, wie?“ „Das laßt meine Sorge ſein, Tode, ich werde ſchon thun was nöthig iſt. Sie fiſchen auf meinem Gebiet und mithin gehören ſie mir!“ 102 „Ja, ja doch; aber wohin ſoll ich den Kutter legen, wenn wir heran ſind?“ „Nun, natürlich Bord an Bord. Ihr nehmt die Backbordſeite zund Brunſt nimmt die Steuerbordſeite, ſo haben wir ihn zwiſchen uns und dann entern wir ihn, ſchneiden zuerſt ſeine Taue durch und greifen die Kerle einzeln auf wie Forellen im Bache.“ „Gut, gut, Herr, ich will es ſo machen, es ſcheint mir das Beſte zu ſein. Aber die Boote vom Süden her kommen ſehr langſam heran, wir werden die Ar⸗ beit gethan haben, wenn ſie unſer Weißes im Auge ſehen.“. „ um ſo beſſer, dann gebührt uns allein die Ehre. Wir brauchen ſie nicht und ſind ſtark genug. Nicht wahr, Herr Sternberg?“ „Ich meine es auch,“ ſagte dieſer gelaſſen und jetzt auch ſo muthig d'rein blickend wie ſein Wirth, an deſſen Seite er ſich hielt, um auf jede ſeiner Bewegungen zu achten und, wenn es etwa zum Kampfe ginge, ihm auch ſeinen kräftigen Arm zu leihen. „Heda, Tode!“ rief der alte Herr nach einer kur⸗ zen Pauſe, während welcher er ſcharf nach den ver⸗ ſchiedenen Fahrzeugen geblickt hatte.„Gebt doch den Booten da hinten ein Signal, ſich zu beeilen, ſie blei⸗ ben mir doch ein wenig zu weit zurück.“ — 103 „Oho, Herr, ſie brauchen kein Signal. Sehen Sie da, ſie ſtrecken ſchon ihre Riemen wie lange Beine heraus und ziehen aus Leibeskräften, um vorwärts zu kommen, ſie merken ihre Schwäche. Aber wir ſind doch eine Viertelſtunde eher heran, ich wette darauf — ich kenne ja meinen guten Kutter!“ Nach Verlauf von etwa zehn Minuten war man end⸗ lich auf Anrufsweite an die Yacht herangekommen. Die Männer darin arbeiteten noch immer ohne aufzublicken und man konnte jetzt ſchon die einzelnen Geſtalten wahrnehmen und ſehen, wie heftig ſie an einem Taue zogen, um einen großen Stein mittelſt des Hebels, der nach der Seite der Oehe hin über Bord hing, auf Deck zu bringen. Endlich aber war man ſo nahe an die Hacht her⸗ angeſegelt, daß nur noch etwa hundert Fuß Waſſer zwiſchen ihr und dem Kutter lagen. Herr von der Oehe bog ſich vom Verdeck nach der Kajüte hinab und rief den Gensdarmen in die Thür derſelben. „Sie bleiben unten,“ ſagte er zu ihm,„bis ich Sie rufe oder bis Sie merken, daß es Noth thut, eher kommen Sie alſo nicht zum Vorſchein— verſtanden?“ Der Gensdarm ſtreckte ſeinen Kopf aus der Thür und nickte, indem er auf ſeinen Säbel wies, den er ſchon entblößt mit triumphirenden Miene in der Hand hielt. 104 Dann warf Herr von der Oehe einen ermuthigen⸗ den Blick auf den alten Tode und, ſeine Flinte erhe⸗ bend und ſie auf das Hauptſegel der Nacht richtend, ſchrie er:„Jetzt iſt es Zeit, Tode! Nun wendet!“ Der Schuß krachte und zu gleicher Zeit ertönte das laut gerufene Commandowort des alten Schiffers: „Ree!“ worauf zwei Matroſen das kleine Raaſegel um⸗ braßten, die Schoten des Hauptſegels überholten und den Ring nun, der ſie hielt, auf ſeiner eiſernen Stange mit lautem Geraſſel entlang fahren ließen, ein Manö⸗ ver, durch welches, da zugleich das Steuer leewärts gewendet ward, der Kutter beilegte und ſo parallel mit der Nacht zu liegen kam, an die er nun kraft der vorhandenen Strömung langſam herantrieb. Erſt dieſer Schuß und das weithin gehörte Ree! machte die Bemannung der Yacht auf die Herankommen⸗ den aufmerkſam. Einige der Männer ließen ſofort das Tau fahren, welches den Hebel bewegte, und dreh⸗ ten ſich verwundert nach der Gegend um, woher die unerwartete Störung kam und der Schuß krachte. Als ſie nun aber des Kutters anſichtig wurden und zugleich ihr großes Segel zerfetzt ſahen, malte ſich eine maaßloſe Beſtürzung auf ihren Geſichtern und, nicht wiſſend, was ſie zuerſt thun ſollten, richteten ſie ihre Blicke auf einen Mann, der hart an den Regelingen 105 des Steuerbords ſtand und das Aufwinden des Steines geleitet hatte. Dieſer Mann war kein Anderer als der ſchwarze Halling. Als er die Augen erhob und das feindliche Schiff ſo dicht vor ſich ſah, war es, als ob ſein fin⸗ ſteres Geſicht von einer dunklen Röthe des Unwillens und Schreckens aufſchwölle, aber ſehr bald hatte er ſich wieder gefaßt, ergriff eine ſchwere Spiere, die auf dem Decke lag, und trat hart an die Regeling der Backbordſeite der NYacht, wodurch er zum erſten Male Auge in Auge dem Herrn von der Oehe gegenüber kam, der ſeine Flinte raſch wieder geladen hatte und nun hoch auf dem kleinen Deck des Kutters ſtand, um ſeine mächtige Stimme von Neuem erſchallen zu laſſen. „Halloh!“ donnerte er hinüber.„Die Segel ge⸗ ſtrichen, Ihr da, und um Gnade gebeten, wie es ſich für Räuber von Eurer Sorte geziemt!“ „Was giebt's denn?“ fragte Halling trotzig zurück. „Was geht Euch denn mein Thun hier an? Auf meinem Schiffe befehle ich, Herr, und wenn ich Euch ſonſt womit dienen kann, ſo ſprecht Eure Wünſche auf eine beſcheidenere Art aus.“ „Was thut Ihr da?“ rief Herr von der Oehe wiederum, indem er ſeine Flinte ſchwenkte und mit 106 glühendem Auge den Mann faſt durchbohrte, der ihm ſo frech geantwortet hatte. „Was ich thue?“ lautete die eben ſo freche Erwi⸗ derung.„Was keinen Menſchen was angeht, oder Ihr müßtet Euch denn einbilden, mir etwas zu befeh⸗ len zu haben.“ „Heran mit dem Steuer, Tode, ganz heran,“ ſchrie Herr von der Oehe wild und kampfesluſtig.„Der Kerl giebt ſich ein Anſehen, als ob er der Herrgott der See wäre.— Halloh, Brunſt! Vorwärts meine Freunde, ſchließt einen Kreis um die Yacht, wir ha⸗ ben ſie! Hurrah!“ Als die Diebe die Sache ernſt werden und auch den zweiten Kutter raſch näher kommen ſahen, ſank einigen von ihnen ſichtbar der Muth. Sie zogen ſich nach den Endpunkten der Nacht zurück und vielleicht auf einen geheimen Befehl ihres Führers begannen ſie die Anker zu heben, um ſich eiligſt aus dem Staube zu machen. Aber Herr von der Oehe hatte ihr Thun mit ſcharfem Auge beobachtet.„Ihr da vorn und hinten,“ ſchrie er mit ſeiner durch den Zorn noch markiger klingenden Stimme,„legt mir keine Hand an die Ankertaue, ſonſt ſchieße ich Euch nieder wie Hunde!“ Und zugleich legte er noch einmal ſeine Flinte an und ſchoß einen Lauf ab, deſſen Kugel abermals ein Segel zerriß. 107 Dieſer ernſthafte Angriff däuchte dem Führer der NYacht etwas zu arg. Er ſchäumte vor Wuth und mit ſeiner Spiere gegen den kühnen Schützen drohend, ſchrie er:„Heda, Ihr alter Narr da! Kraft welcher Gewalt greift Ihr mich an?“ „Ich bin hier auf meinem Grund und Boden und bin Herr auf dieſem Stück See. Oder glaubt Ihr, ich habe Luſt, mich Jahr aus, Jahr ein von Euch ungeſtraft beſtehlen zu laſſen?— So, Tode, immer heran— gleich haben wir ihr Bord gefaßt.“ Noch ehe aber die beiden Schiffe, von welchen die Yacht den Kutter um mindeſtens zwei Fuß überragte, mit einem etwas unſanften Stoße an einander prall⸗ ten, trat eine andere Perſon auf die Bühne. Der Gensdarm konnte ſeinen Muth nicht länger zurück⸗ halten und da er ſich viel von ſeiner Erſcheinung ver⸗ ſprach, zeigte er ſeine mächtige Geſtalt in voller Uni⸗ form und mit gezogenem Säbel auf der Laufplanke des Kutters, die er raſch erklettert hatte. Als Halling den Mann des Geſetzes erblickte, der ohne Zweifel hier im Amte war, verging ihm faſt der Muth, allein ſein Trotz war zu groß und ſein Haß gegen Herrn von der Oehe, den er nun erkannte, zu tief gewurzelt, um ſich ſo leicht für überwunden zu erklären. 108 „Halloh!“ rief der Gensdarm.„Streckt das Ge⸗ wehr, Freund, Ihr ſeht, ich bin auch da!“ „Mögt Ihr Alle da ſein, zum Teufel, ich bin auch noch da!“ kreiſchte Halling.„Hebt die Anker, Kerle, oder ich ſchmeiße Euch über Bord!“ In dieſem Augenblicke ſtießen die Schiffe hart an einander, und während am Vorder⸗ und Hintertheil Tode's Schiffer auf die Yacht kletterten und mit ſchar⸗ fen Meſſern die wichtigſten Taue zerſchnitten, erſtieg Herr von der Oehe, gefolgt von Guſtav Steinau und dem Beamten, den Bord der Nacht, wobei er in ſei⸗ nem Anſprung ſo heftig war, daß er faſt Bruſt an Bruſt mit Halling zu ſtehen kam und denſelben gegen den Maſt des Schiffes warf. „Donner und Wetter!“ brüllte der ſchwarze Hal⸗ ling wüthend,„alſo Ihr wollt Ernſt machen? Hoho, Herr von der Oehe, Sie verfluchter Tyrann, dann— nehmen Sie erſt das da!“ Und in gewaltigem Hiebe ausholend, ſchlug er mit der ſchweren Spiere auf ſeinen Hauptfeind los und er hätte ihn ſicher zu Boden geſchmettert, wenn nicht Guſtav Steinau in demſelben Augenblick ſeinen Arm zurückgeriſſen und ihn von hinten mit mächtigen Armen umſchlungen hätte. Zu gleicher Zeit ſtieß auch Clemens' Kutter an die Yacht und Alfred Brunſt ſprang mit zornrothem Antlitz an Bord, ohne Zögern auf Halling zuſtürzend, der mit Guſtav Steinau ringend ſo eben mit dieſem zugleich zu Boden fiel. Aber dieſer Kampf konnte nun nicht mehr lange dauern. Auch der Gensdarm war herangeſprungen und während die anderen Schiffer die Steinzanger mit leichter Mühe überwältigten, warfen ſich Herr von der Oehe, Alfred Brunſt und der Gensdarm auf Hal⸗ ling, der wüthend um ſich ſchlug, und banden ihm nach kurzer Gegenwehr die Arme auf den Rücken, wobei ſie zum Ueberfluß noch ein leichtes Tau eng um ſeinen ganzen Leib ſchnürten. Aber auch da noch ſetzte der wilde Menſch ſeine Vertheidigung fort. Schon auf dem Rücken am Boden liegend ſtieß er mit den Füßen um ſich und warf zuletzt noch den Gensdarmen über den Haufen, der ihm mit dem Säbel den Kopf geſpalten hätte, wenn ihn Alfred Brunſt nicht davon zurückgehalten. „Laßt ihn heil!“ rief er, indem er einen neuen Strick ergriff und ſich mit Guſtav Steinau auf den Liegenden warf, um auch ſeine Beine zuſammenzubin⸗ den, und als dies mit einiger Mühe geſchehen war, lag der Räuber machtlos da und ſchleuderte nur heim⸗ tückiſche Blicke wild um ſich her, indem er ſchreckliche mit Drohungen untermiſchte Flüche ausſtieß. „Guten Morgen, alter Herr!“ rief da Alfred Brunſt herzlich und drückte dem wackeren Freunde die Hand.„Nun, bedanke Dich vor allen Dingen bei Dem da, denn wäre Herr Sternberg nicht ſo ſchnell bei der Hand geweſen, ſo hätteſt Du eine hübſche Beule mit nach Hauſe gebracht. So,“ ſagte er dann, nachdem er auch dieſem die Hand geſchüttelt, zu dem am Boden liegenden Spitzbuben,„ſo, mein guter Mann, wie heißt Ihr und wer ſeid Ihr?“ Der bisher ſo wild tobende Halling ſchwieg plötz⸗ lich, als er das bedeutſame und ſelbſt im höchſten Ernſt ironiſch lächelnde Geſicht des großen Mannes gewahrte, den er in ſeinem Leben nicht geſehen zu haben ſich erin⸗ nerte und deſſen gewaltigen Einfluß auf ſein und ſei⸗ ner Familie Geſchick er noch weniger ahnen konnte. Mit ſtieren Augen ſchaute er ihn indeß nur flüchtig an und warf dann einen finſter grollenden Blick auf Herrn von der Oehe, der ſich trunken vor Freude rings im Kreiſe umblickte und dem Gensdarmen ſeine Aufträge in Betreff der unter Deck gebrachten Ge⸗ fangenen gab. „Heda, Tode!“ rief er dann.„Nun laß die An⸗ ker der Yacht heben und nehmt ſie in's Schlepptau des Kutters. So, raſch, meine Jungen, faßt tüchtig an. Sobald Ihr fertig ſeid, geht es nach Schaprode — 111 und dann wollen wir ein ernſtliches Wort mit dem Burſchen da ſprechen.“ Den kundigen Händen und den ſtarken Armen der Mannſchaft der beiden Kutter gelang es ſehr bald, die NYacht flott zu machen und mittelſt eines Taues an dem einen der Kutter zu befeſtigen. Alsdann wurden beide Fahrzeuge wieder in den Wind gebracht, der noch immer ziemlich friſch wehte, und in einer Viertel⸗ ſtunde liefen ſie mit ihrer Beute vor Schaprode an, wo faſt die ganze Dorfbewohnerſchaft am Ufer ver⸗ ſammelt ſtand, um die heimkehrenden Sieger zu be⸗ glückwünſchen und willkommen zu heißen Hier vor Schaprode erhielt der Gensdarm den Befehl, die Nacht und die darauf eingeſperrten Ge⸗ fangenen mit einigen ſich freiwillig dazu erbietenden Schiffern zu bewachen, den ſchwarzen Halling aber trug man in die Fähre, ſetzte mit ihm nach der Oehe über und ſchleppte ihn in den Strandkathen, wo man ihn noch feſter band und auf ein Bund Stroh in die Stube des Fährmanns legte, der nebſt dem Statt⸗ halter und einigen anderen Knechten ihn zu bewachen verſprach. Am Strande der Inſel waren die zurückgebliebenen Bewohner derſelben ebenfalls den Heimkehrenden ent⸗ gegengekommen und unter den Uebrigen ſtand Heinrich 112² Markholm, jedem Einzelnen glückwünſchend die Hand drückend, aber mit leuchtenden Augen vor Allen Alfred Brunſt ſuchend. „Was!“ rief dieſer freudig aus, als er den jun⸗ gen Mann mit einer ſo glücklichen Miene vor ſich ſah, „ſind Sie ſchon da und iſt Alles in Ordnung?“— „Ja, ja, mein theurer Herr Brunſt, es iſt Alles in Ordnung!“ „Und das Mädchen?“ flüſterte er leiſer. „O, ſie iſt drüben im Kruge, mit Thränen im Auge, aber mit Wonne im Herzen!“ „Nun, nur Geduld, mein Freund! Bald ſollen die Thränen getrocknet und Wonne überall ſein— den Halling haben wir ja— hat er Sie geſehen?“ „Nein, ich mochte ihm nicht begegnen, wenigſtens jetzt noch nicht.“ 2 Das iſt mir lieb; bleiben Sie fern von ihm, bis wir All zu ihm gehen und das Verhör beginnen. Ich habe dem Kerl einige Fragen vorzulegen, die ihn ergötzen werden.“ „Soll ich Alwining jetzt gleich holen? Die Damen ſind ſchon ſichtbar im Hauſe, glaube ich.“ „Um Gotteswillen jetzt noch nicht, der alte Herr iſt noch voller Schlachtfeuer und ſein Herz noch keinen ſanfteren Gefühlen zugänglich; warten Sie alſo, bis — 113 ich Ihnen das Zeichen gebe— aber was iſt denn das da am Strande— wen bringen ſie denn da— ha! Mein Gott! Wo iſt denn Melms, an den habe ich ja gar nicht gedacht!“ Alfred Brunſt, von Heinrich Markholm gefolgt, während Herr von der Oehe mit Guſtav Steinau langſam nach dem Herrenhauſe ging, wandte ſich nach dem Strande, wo eben die Fähre mit einigen Män⸗ nern überſetzte, die einen ohnmächtigen Menſchen im Arme hielten. Als Alfred Brunſt nur einen Blick auf dieſen Menſchen geworfen hatte, erbleichte er und in vollem Laufe an die Fährſtelle ſtürzend, rief er:„He, Car⸗ ling— mein Gott— was iſt denn mit ihm geſchehen?“ Um das nun zu Berichtende anſchaulicher zu ma⸗ chen, müſſen wir um eine halbe Stunde in den Er⸗ eigniſſen dieſes Morgens zurückgehen und uns zu den kleinen Booten wenden, die von Süden her an der Expedition Theil genommen hatten. Trotz aller Mühe, die ſie ſich gaben, um zu rechter Zeit vor der Oehe einzutreffen, waren ſie doch viel weiter zurückgeblieben, als man nach der Berechnung Alfred Brunſt's erwartet, und Herrn von der Oehe's Angriff war ſo ſtürmiſch geeweſen, daß er gar keine Rückſicht auf die Unter⸗ ſtützung ſeiner Freunde genommen hatte. Die Inſulaner. IV. 8 114 Als nun die Kutter ſchon zu beiden Seiten der Yacht lagen und faſt den Sieg errungen hatten, was man von den Booten aus deutlich wahrnehmen konnte, kamen dieſe allmälig heran und das erſte, welches mit in die Thätigkeit der Freunde eingriff, war das, auf welchem ſich Carl Melms ſelber befand. Das Boot, welches zur Yacht gehörte und das Er⸗ faſſen der Steine mit der Zange geleitet, hatte ſich weislich von der Yacht entfernt, als der Angriff be⸗ gann, und da die beiden Männer darin den Sieg der angreifenden Partei voraus ſahen, zogen ſie es vor, lieber auf eigene Hand die Flucht zu ver⸗ ſuchen, als ſich ebenfalls gefangen nehmen zu laſ⸗ ſen. Sie griffen daher flugs zu den Rudern und zo⸗ gen ſie aus Leibeskräften an, indem ſie dabei die nördliche Richtung wählten, woher Tode's Kutter ge⸗ kommen und wo jetzt kein feindliches Boot mehr zu fürchten war. Kaum ſah Carl Melms die Fliehenden und er⸗ kannte ihre Abſicht, ſo ſtieg in ihm der Verdacht auf, einer derſelben möge der Hauptthäter ſein und es könne ihm gelingen, ſich der Gefangenſchaft auf dieſe Weiſe zu entziehen. Deshalb ließ er ſein Boot von der Richtung nach der Oehe abweichen und verfolgte die Fliehenden, wodurch ſich eine Art Jagd entſpann, die von beiden Seiten mit großem Eifer begonnen und fortgeſetzt wurde. Aber ſo verzweifelte Anſtrengungen die beiden Diebe machten, mit Hülfe ihrer Ruder das kleine Boot aus dem Bereiche des Feindes zu treiben, ſo kam es an Schnelligkeit doch bei Weitem nicht dem guten Segler gleich, der hinter ihm her war, zumal Carl Melms noch durch Auslegung von vier mächtigen Riemen den Flug ſeines Langbootes faſt um das Doppelte beſchleu⸗ nigt hatte. So kamen die Schaproder Schiffer den Entrinnenden in kurzer Zeit näher und näher und Carl Melms ſelber empfand ſo viel Vergnügen bei dieſer Jagd und hielt es für ſo leicht, der Flüchtlinge habhaft zu werden, daß er den Hauptſturm auf die Nacht ganz außer Acht ließ und auch ſeinerſeits eine Trophäe zu erringen alle Mühe aufwandte. Als er daher dicht bei dem fliehenden Boote war, erhob er ſich von ſeinem Sitze und rief den mit Macht rudernden Männern zu, zu halten und ſich nicht un⸗ nöthig in Schweiß zu ſetzen.„Ich faſſe Euch doch,“ rief er mit ſeiner klaren und ruhigen Stimme laut genug, um deutlich verſtanden zu werden, wobei er ſeine energiſchen Blicke drohend auf das Boot richtete, „alſo haltet, Ihr Leute!“ Aber die Männer hielten nicht an, ſie ruderten S. vielmehr um ſo eifriger weiter und weiter. Als Carl Melms dieſen unnützen Widerſtand ſah, der eben ſo viel Trotz als böſen Willen bekundete, gerieth ſein Blut in Wallung und ſeine blauen, ſonſt ſo ſanften Augen ſprüh⸗ ten ein Feuer aus, wie man es nur ſelten in ihnen ſah. „Vorwärts!“ rief er ſeinen Ruderern zu, die kaum getrieben zu werden brauchten, da ſie eine Ehre dar⸗ in erblickten, die Diebe zu greifen.„Noch fünf Mi⸗ nuten und wir haben ſie!“ Und er hatte Recht. In fünf Minuten lagen die beiden Boote Bord an Bord und die beiden Männer hielten athemlos mit ihrer Arbeit inne, da ſchon ſechs ſtarke Hände ihr Boot unbeweglich an das Schaproder Fahrzeug feſſelten. Carl Melms ſtand immer noch aufrecht vor ſeiner Bank und indem er ſich niederbeugte und ebenfalls eine Hand auf den Bootsrand legen wollte, ſagte er ruhig und im Tone eines zur Zeit faſt zu ſanften Vorwurfs: „Ihr ſeid recht thöricht, Männer. Ihr ſeht, daß wir viel ſchneller und ſtärker ſind als Ihr und doch gebt Ihr Euch alle Mühe, uns zu entrinnen. Das geht nun ein⸗ mal nicht und ſo müßt Ihr Euch fügen. So. Jetzt zieht Eure Ruder ein und kommt in unſer Boot, wir bringen Euch unverſehrt zu den Andern an's Land und da wird ſich zeigen, wer von Euch der Schuldigſte iſt.“ 117 Bei dieſen Worten faßte er den einen Ruderer am Arm und mit ſeiner großen Kraft hob er ihn, der nicht vom Platze weichen wollte, ſchon von der Bank empor, als der Andere, der ein wilder Geſelle aus der Schule Halling's war, mit leidenſchaftlicher Ge⸗ berde ſchrie:„Faſſen Sie keinen von uns an, oder Sie ſind des Todes!“ „Des Todes?“ rief Carl Melms, vor Entrüſtung und Zorn erbleichend.„Wollt Ihr auch morden? He? Nun dann, Ihr Schurken, will ich eine andere Sprache mit Euch reden— auf der Stelle kommt in mein Boot oder ich kentere Euch, daß Ihr See⸗ waſſer ſchluckt!“ Als er bei dieſen Worten den gefaßten Feind ſcharf an ſich zog, ſtieß der Andere mit ſeinem Ruder das kleine Boot von dem großen mit einem gewalti⸗ gen Ruck ab und bevor noch beide weit von einander entfernt waren, verſetzte er damit dem ſtehenden Melms einen ſo heftigen Schlag vor die Bruſt, daß dieſer den Arm des Steinzangers fahren ließ, zurücktaumelte und bei dem zugleich ausweichenden Boote das Gleichge⸗ wicht verlor und über Bord in's Waſſer fiel. Alles das war das Werk eines Augenblicks ge⸗ weſen. Während die Männer im feindlichen Boote, nachdem ſie ſich auf dieſe Weiſe von ihrem erſten An⸗ 118 greifer losgemacht, ſchnell wieder zu den Riemen griffen und weiter ruderten, nun aber ſtatt von Carl Melms, von den anderen kleinen Schaproder Fahrzeugen ver⸗ folgt wurden, waren zwei Schiffer aus dem erſten über Bord geſprungen, um den ſinkenden Mann emporzu⸗ heben, der mit einem lauten Weheſchrei in's Waſſer gefallen war. Nur mit großer Mühe gelang ihnen dies menſchenfreundliche Werk, denn Carl Melms war ein ſchwerer Mann, und da er überdieß von dem er⸗ haltenen Schlage betäubt und hülflos war, ſo mußten ſie ihn allein ſo lange über Waſſer halten, bis das Boot die Segel beigeſetzt und zu ihrer Hülfe heran⸗ gekommen war. Als dies erſt geſchehen, war die Bergung des Ver⸗ letzten bald vollbracht; man hatte ihn in's Boot ge⸗ hoben und auf die Betten gelegt, die der alte Tode ſo vorſorglich für ihn unter einem Leinwandzelte aus⸗ gebreitet. Carl Melms ſchien ohnmächtig, aber er holte noch von Zeit zu Zeit Athem und ſeine Kleidung war mit Blut bedeckt, das er aus dem Munde ausgeworfen zu haben ſchien, denn der heftige Stoß des Ruders hatte ihn mitten auf die Bruſt getroffen, die ohnehin ſchon an zu heftigem Blutandrang litt. So raſch wie möglich ſegelten nun die Bootsleute mit dem Kranken nach der Oehe zurück, wo, wie wir 1¹⁰9 ſahen, Alfred Brunſt und Heinrich Markholm den ſchwer Verletzten empfingen und in wenigen Minuten die näheren Umſtände des neuen Unheils erfuhren. Da lag er nun, ohne faſt ein Zeichen des Lebens von ſich zu geben, in den Armen ſeines Freundes, der ſo entſetzt war, daß er kaum ein Wort hervorbringen konnte und, von vier kräftigen Männern unterſtützt, den Beſinnungs⸗ loſen nur ſo ſchnell wie möglich nach dem Herrenhauſe trug, wo man ihn auf ſein Zimmer brachte, um ihm alsbald alle mögliche Sorgfalt angedeihen zu laſſen. Hier nun, nachdem man ihn raſch entkleidet und in ein erwärmtes Bett gelegt, kam er allmälig wieder zu ſich, aber noch immer warf er Blut aus und war ſo ſchwach, daß er kein Wort ſprechen konnte. Alfred Brunſt, den nur der erſte Anblick des für todt gehal⸗ tenen Freundes betäubt, hatte jetzt alle ſeine Ruhe wieder erlangt und vor allen Dingen einen reitenden Boten nach Gingſt geſandt, um den dort wohnenden Arzt nach der Oehe rufen zu laſſen. Dann hatte er ſich an das Bett Carling's niedergeſetzt, ſeine Hand ergriffen und mit treuem Auge jede ſeiner Bewegun⸗ gen bewacht, um daraus auf ſeine Wünſche zu ſchließen, die er ihm augenblicklich mit faſt weiblichor Sorgfalt zu erfüllen bemüht war. — 4 Fünſtes Papitel. Die drei alten Freunde. Der ſo glücklich errungene Sieg über die Freibeuter, die den alten Herrn ſeit Jahren beſtohlen und deren Ergreifung er ſo lange erſehnt, hatte im Herrenhauſe zur Oehe nicht die erwartete Frucht getragen; ſtatt der Freude war Sorge und Trauer darin eingekehrt und die Erfüllung aller der ſchönen Hoffnungen, die Alfred Brunſt an das Gelingen der Unternehmung geknüpft, war ſtundenlang hinausgeſchoben und ver⸗ ſprach jetzt kaum noch die Hälfte des Glücks herbei⸗ zuführen, welches er an dieſem Morgen mit ſo reicher Hand auszuſtreuen ſo lange im Stillen gearbeitet hatte. Die Damen ſaßen verſtört in ihren Zimmern und hörten von Guſtav Steinau wiederholt alle die Vor⸗ gänge erzählen, deren Zeuge er ſeit dem vorigen Mor⸗ gen geweſen war; Heinrich Markholm lief unruhig bald hier bald dort herum, voller Sehnſucht den Au⸗ genblick erwartend, wo ihn Alfred Brunſt rufen und Alwine Halling herbeizuholen beauftragen würde, aber doch innerlich ſehr betrübt, daß gerade den guten Melms ein ſo ernſter Vorfall betroffen hatte. Die größte Trauer und der herbſte Schmerz aber war in Carl Melms' Zimmmer zu finden, wo Herr von der Oehe und Alfred Brunſt am Bette ihres alten Freundes ſaßen, denen ſich Willibald Stillfried aus zärtlichſter Anhänglichkeit zugeſellt hatte. Die Mittagsſtunde war eben vorüber, aber die drei Männer im Krankenzimmer hatten ſich nicht in den Speiſeſaal begeben, denn ſie waren zu betrübt, um an die Befriedigung ihres Appetites zu denken. Es war ein zweifenſtriges und ziemlich geräumiges Gemach mit einem kleinen Sopha, einem Schrank, einem runden Tiſche und mehreren altmodiſch gepol⸗ ſterten Stühlen. Das Bett, worin der Kranke lag hatte man von der Wand ab und vor ein Fenſter ge⸗ rückt, da er Verlangen danach gezeigt, in's Freie zu ſehen, den Wolkenzug zu beobachten und durch das Fenſter nach Schaprode hinüberzublicken, wie er ja immer die größte Freude an der Betrachtung der äußern Naturerſcheinungen empfunden. 122 8 Aber das Wetter war leider von keiner Beſchaffen⸗ heit, die erheiternd auf das Gemüth eines Kranken hätte wirken können. Der ganze Himmel war mit düſtrem Gewölk überſpannt, der wieder ſtärker gewordene Wind trieb es in wilder Flucht vorbei und die Luft war mit einem weißlichen Nebel verdichtet, der ſich ſeit einer Stunde ſchon in leiſem Sprühregen niederſenkte. In dem Krankenzimmer ſelbſt herrſchte eine faſt peinliche Stille. Nichts bewegte ſich darin, nichts hörte man, als das Athmen der vier Menſchen, die dicht bei einander ſaßen und ſich gegenſeitig nur durch Blicke ihre Gefühle kundthaten. Vor einer halben Stunde war der Arzt wieder fortgegangen, nachdem er Carl Melms zur Ader gelaſſen und verſchiedene Anord⸗ nungen getroffen hatte, die auf der Stelle ausgeführt worden waren. Der Kranke fühlte ſich danach außer⸗ ordentlich erleichtert und bemühte ſich, durch freundliche Blicke den Freunden ſeine Zufriedenheit zu erkennen zu geben und ſie zu lauteren Aeußerungen aufzumun⸗ tern. Aber es dauerte geraume Zeit, ehe der Schmerz, der ihre Bruſt zerriß, zu Worten gelangte, und ſie ſaßen ſtumm und betrübt auf derſelben Stelle, die ſie nun ſchon ſtundenlang eingenommen hatten. An der rechten Seite des Kranken ſaß der alte Herr, eine Hand deſſelben mit ſeinen beiden feſt um⸗ 44 5 ſpannt, die Aufregung, die es in den Frühſtunden die⸗ ſes Tages belebt und faſt verjüngt hatte, war ganz daraus verſchwunden und hatte einer weichen Rührung Platz gemacht, die nur in bedeutſamen Momenten den Eingang zu ſeinen feſten Zügen fand. Sein graues Haar hing halb verworren über ſeine breite Stirn, deren Falten zu einer tiefen Rinne über der Naſen⸗ wurzel zuſammengezogen waren, und in ſeinen ehrlichen Augen ſchimmerte es von einem ſeltenen Naß, als ob ſein männlicher Geiſt nur mit Mühe die Zähren zu⸗ rückhielt, die ſein menſchlich ſchlagendes Herz weinte. Ihm gegenüber, an der andern Seite des Bettes, ebenfalls die Hand Carl Melms⸗ haltend, ſaß Alfred Brunſt, die hohe Geſtalt halb gegen den Freund bin gebeugt, als wäre ſie von einem unwiderſtehlichen Schlage getroffen und neige ſich vornüber von der unerträglichen Wucht deſſelben. Auch ſein Geſicht war bleich und in allen Zügen lag ein unendlicher Schmerz, der vergeblich im eigenen Innern Troſt ſuchte und nun nach Außen flatterte, um auch da ohne den er⸗ wünſchten Beiſtand zu bleiben. Seine Blicke hingen feſt an den ſchönen ſanften Augen ſeines lieben, guten alten Freundes und es war, als ob er durch ſie hin⸗ durch in ſeine Seele ſchauen wolle, um ſie zu fragen, 124 ob es denn wohl möglich ſei, daß ihre Verbindung hier auf Erden einmäl ein Ende nehmen könne. Am Fußende des Bettes dagegen, den Kopf halb auf die Bruſt geneigt, ſaß in faſt gebrochener Haltung Willibald Stillfried, das geiſtreiche feine, von zärt⸗ licher Liebe aufgehellte und doch von zahlloſen Thrä⸗ nen verdunkelte Geſicht unbeweglich auf das Antlitz des Kranken gerichtet, das auch ihm von Zeit zu Zeit freundlich zuwinkte und ihm wie den Andern damit Muth einſprechen zu wollen ſchien. So ſaßen ſie ſchon lange, lange, ohne die tiefe, unheimliche Stille anders als hie und da durch einen Seufzer zu unterbrechen, der unwillkürlich der Bruſt der liebenden Männer entſtieg. Plötzlich machte der Kranke eine Bewegung mit den Armen, drückte fühl⸗ bar die beiden Hände der alten Freunde und wandte dann den Kopf langſam von dem einen zum an⸗ dern hin. „O,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme,„mir iſt jetzt recht leicht zu Muthe, die Bruſt iſt frei von dem ſchmerzhaften Druck und ich athme ohne alle Be⸗ ſchwerde.“ „Gott ſei Dank!“ rief Herr von der Oehe, indem auch er erleichtert aufathmete.„Ich fühlte mit Dir den Krampf und es war mir bis jetzt, als müßte ich 125 immer wieder von Neuem den Schlag aushalten, den der Kerl— Gott verzeihe es ihm, ich kann es nicht— auf Deine Bruſt gerichtet hat.“ „O, o, ſprecht doch nicht mehr davon, meine Freunde,“ bat Carl Melms,„das iſt ja nun vorüber und nicht mehr zu ändern; wir haben ja auch an viele andere Dinge zu denken.“ „Ja, ach ja,“ ſeufzte Alfred Brunſt,„das haben wir, aber— ich liege immer noch mit mir in Hader, daß ich geſtattet, daß Du auf das kleine Boot gingſt. Wärſt Du bei mir geweſen, Dir wäre wahrhaftig kein Uebel begegnet.“ Carl Melms ſchüttelte ſanft den Kopf und ſah mit einem unausſprechlich liebevollen Lächeln den edlen Freund an.„Nein,“ ſagte er,„vielleicht wäre es mir nicht begegnet, aber einem Anderen, und da will ich es doch lieber ſelbſt ertragen. Es war übrigens mein aus⸗ drücklicher Wunſch, auf dem Langboote zu fahren, Ihr wißt es ja, und warum griff ich nach dem Mann, der mir nichts zu Leide gethan, ich hätte das Boot auch auf andere Weiſe gefangen nehmen können.“ „Ach!“ ſeufzte der alte Oehe,„das iſt Alles nichts, und die Schuld an dem Unfall liegt auf einer ganz anderen Seite. Ich, ich ſelt aſt trage ſie, denn hätte ich Euch nicht gerufen und meinen Streit allein aus⸗ 2₰ 126 gefochten, dann wäreſt Du auch nicht zu Schaden ge⸗ kommen und wir Alle hätten nicht den Jammer davon!“ Carl Melms drückte ihm noch einmal ſanft die Hand und ſchüttelte dann leiſe den Kopf.„O, meine Freunde,“ ſagte er warm,„ich bitte Euch nur um Eins: klaget nicht und meſſet nicht einem Andern eine Schuld bei, die ich allein auf mich nehmen muß, wenn nicht die Vorſehung, der Zufall— wie Ihr wollt— mir die Prüfung geſchickt hat. Alles Reden und Klagen darüber hilft nun zu nichts, es iſt einmal ge⸗ ſchehen, und Dich, Alfred, erinnere ich an die ſo oft gepredigte Lebensphiloſophie, die Du jetzt an Dir ſelbſt üben magſt: ſich in die Nothwendigkeit der Dinge und die Unvermeidlichkeit der Umſtände zu fügen. Ich will es Euch ſagen und Ihr mögt mir glauben: der Schlag und das Seewaſſer ſchaden mir nichts, auch ohne ſie wäre ich über kurz oder lang krank geworden, denn ich fühle mich ſchon lange leidend— und hier im Herzen ſitzt mir das unheimliche Uebel.“ „Wie,“ riefen beide Freunde in einem Athem aus, „und das haſt Du uns nie geſagt?“ „Nein, und ich ſchwieg mit Abſicht. Warum ſollte ich Euch betrüben, Eure heiteren Stunden verbittern? Es war genug, wenn Einer litt und dieſer Eine wollte ich ſein, wenn es einer von uns ſein mußte.“ 127 Alfred Brunſt und Gottlieb von der Oehe ſahen ſich bedenklich und doch, von der Selbſtverläugnung des Kranken gerührt, lächelnd an. Carl Melms hatte die Richtung ihrer Augen verfolgt und den Blick wahrgenommen, womit ſie ſich ihre heimliche Angſt und Beſorgniß eingeſtanden.„Freunde,“ fuhr er fort, „ſprecht nicht mit ſo traurigen Blicken, ſie bekümmern mich. Und auch Sie, Willibald, ſeien Sie heiterer— ich ſehe einmal nicht gern die Trauer auf dem Ge⸗ ſichte derer, die ich liebe, und am wenigſten, wenn ich ſelbſt dieſe Trauer hervorgerufen. O, meine Lieben, Ihr glaubt nicht, wie wohl ich mich bei Euch in die⸗ ſem Augenblick befinde und ſeht— mir iſt wirklich nicht mehr ſo beklkommen zu Muthe— o blicket doch auf, es giebt um uns her ſo vielen Anlaß zum Glück und zur Heiterkeit, daß ich Euch bitte, einmal an etwas Anderes als an mich zu denken.“ Bei dieſen Worten, da der alte Oehe die Augen gerade geſenkt hatte, als wolle er dies Glück in ſich ſelbſt ſuchen, da er es außer ſich nicht finden könne, gab der Kranke Alfred Brunſt einen raſchen heimlichen Wink. Alfred Brunſt verſtand dieſen Wink, faßte ſich ſchnell und richtete dann ſein leuchtendes Auge auf den alten Herrn.„Ja, alter Herr,“ ſagte er,„wenn 128 Carling ſich wieder leichter fühlt und da er ſich noch beſſer fühlen wird, wenn er uns voller Freude ſieht, ſo ſehe ich keinen Grund ein, warum wir uns dieſer Freude nicht hingeben ſollen. Er hat in der That Recht, wir haben wohl manchen Anlaß heiter, zu ſein,“ denn der Schlag, den wir auf Deinen Feind geführt, iſt geglückt, und nachdem er Dich und Deine Macht kennen gelernt, wird er Dich niemals wieder heim⸗ ſuchen.“ Der alte Herr hob den Kopf triumphirend in die Höhe und ſein Auge funkelte, wie es auf der See ge⸗ funkelt, da er an Bord der feindlichen Yacht ſprang. Er wollte eben etwas erwidern, als Carl Melms noch einmal ſeine Stimme erhob und ſagte:„Wißt Ihr was? Ihr könnt mir einen Gefallen thun.“ „Nun was denn?“ fragten die Augen der beiden alten Freunde mit einem einzigen Blick. „Ihr habt nun lange genug bei mir geſeſſen, Leid und Sorge getragen und müßt ganz ſchwach ſein, da Ihr noch nichts genoſſen habt. So geht denn eine Stunde hinunter und eſſet und ſtärket Euch; und wenn Ihr geſättigt ſeid und ein wenig friſche Luft geſchöpft habt, ſo kommt wieder herauf und dann wollen wir weiter mit einander reden. Sie, Willi⸗ bald, gehen auch mit den Herren hinunter, ich will eine halbe Stunde zu ſchlafen verſuchen und danach werde ich mich noch wohler befinden.“ „Wirſt Du auch nichts bedürfen, wenn wir fort ſind?“ fragte Alfred Brunſt; ſchon vom Stuhle auf⸗ ſtehend, um den Wunſch des Kranken zu erfüllen. „Jetzt nichts, Alfred; aber ich verlange, daß Ihr höchſtens eine Stunde fortbleibt, dann— dann — Du weißt— haben wir heute noch Viel zu thun!“— Die drei Freunde entfernten ſich, wobei ſie ſo leiſe auftraten, daß man ſie kaum gehen hörte. Sie ſtiegen in das Speiſezimmer hinab, aßen was man ihnen vorſetzte, ohne es zu ſchmecken, und kehrten dann wie⸗ der eben ſo leiſe in das Krankenzimmer zurück, wo, bevor ſie ihre Plätze wieder einnahmen, Carl Melms Alfred Brunſt einen Wink gab und ihn an ſeine Seite beſchied. „Alfred,“ flüſterte er,„ich dächte, es wäre Zeit, an unſer großes und lange bedachtes Werk zu gehen. Meinſt Du nicht auch?“ Alfred Brunſt lächelte freudig.„Biſt Du denn aber auch kräftig genug,“ ſagte er leiſe, ſich zu ihm niederbeugend,„den Auftritt zu ertragen? Es wird nicht ohne große Aufregung abgehen.“ „O, ich bin ſtark genug, um Theilnehmer Eurer Die Inſulaner. IV. 9 13⁰ Frende zu ſein und gerade jetzt, nachdem ich eine balbe Stunde geruht, fühle ich mich aufgelegt dazu. Mach' ſchnell, den alten Herrn müſſen wir etwas aufrichten, er hat ſich einen Freudentag verſprochen und bis jetzt hat er nur Kummer davon gehabt.“ Alffred Brunſt lächelte ſchmerzlich über die Herzens⸗ güte des kranken Freundes und zog dann Willibald Stillfried bei Seite, um ihm einige Worte in's Ohr zu flüſtern, worauf dieſer mit dem Kopfe nickte und das Zimmer verließ. Bald darauf nahmen die beiden alten Freunde die Plätze auf dem kleinen Sopha ein und ſobald ſie ſaßen, richtete Carl Melms einen fragenden Blick auf Alfred Brunſt, den dieſer mit einer bejahenden Nei⸗ gung des Kopfes beantwortete. Carl Melms' bleiches Geſicht heiterte ſich dabei ſichtbar auf und als nun Alfred Brunſt zu ſprechen begann, ließen ſeine Augen ſogar einen ſtrahlenden Glanz erkennen, der mehr als Alles ſeine innere Befriedigung verrieth. „Eigentlich,“ hob Jener an, ſich an Herrn von der Oehe wendend,„iſt uns der Fang dieſes Spitz⸗ buben, den wir nachher noch verhören müſſen, doch recht leicht geglückt und, den Unfall mit Carling ab⸗ gerechnet, iſt Alles ſo gut von Statten gegangen, wie wir es kaum erwarten konnken.“ Herr von der Oehe blickte erfreut auf und nickte dann beiſtimmend mit dem Kopfe, den er in die Hand gelegt hatte, während er ſeinen Arm auf die Sopha⸗ lehne ſtützte. „ Aber es hätte dem alten Herrn doch ſchlimm er⸗ gehen können, wenn der gute Sternberg ihm nicht die Spiere des Freibeuters vom Halſe gehalten hätte,“ ſagte Carl Melms mit merklichem Nachdruck. „Gewiß,“ rief Alfred Brunſt,„es konnte ihm an's Leben gehen. Der junge Mann hat ſich wacker ge⸗ halten und für die Gaſtfreundſchaft, die wir ihm er⸗ wieſen, dankbar gezeigt.— Haſt Du ihm denn ſchon Deinen Dank für ſeine Hülfe im rechten Augenblick ausgeſprochen, alter Herr?“ Der alte Herr blieb ſtumm, ja ſein Kopf ſenkte ſich ſogar noch tiefer auf die Bruſt. Die Erinnerung an Sternberg hatte ihn wie mit einem Zauberſchlage in die frühe Morgenſtunde dieſes Tages zurückverſetzt und ihm die Erzählung vergegenwärtigt, die der junge Mann noch heute Abend vervollſtändigen ſollte.„Ich habe ihn noch gar nicht geſehen, ſeitdem wir landeten,“ ſagte er endlich, während die beiden Freunde ihn ſcharf beobachteten,„aber ich werde ihn nicht ver⸗ geſſen und denke noch heute Abend meine Abrechnung mit ihm zu halten.“ 132 „Insgeheim, alter Herr?“ fragte Alfred Brunſt mit einem Schimmer ſeines alten heiteren Lächelns. „Warum insgeheim? Was ich mit ihm zu ver⸗ handeln habe, kann die ganze Welt hören.“ „Alſo auch wir? Nicht wahr, alter Herr?“ „Wie fragt Ihr ſo ſonderbar! Wo mag der junge Mann nur ſtecken?“ „Er wird mit den Damen zu ſchaffen haben,“ verſetzte Alfred Brunſt lächelnd,„die wir Andern heute ganz außer Acht gelaſſen.“ In dieſem Augenblick klopfte Jemand leiſe an die Thür und auf Alfred Brunſt's Hereinruf trat Guſtav Steinau ſchüchtern und vorſichtig ein, als wolle er den Kranken nicht in ſeiner Ruhe ſtören. Herr von der Oehe ſtand vom Sopha auf, wie auch Alfred Brunſt, und Beide ſchritten dem Ankommen⸗ den freundlich und mit ausgeſtreckten Händen entgegen. „Darf ich Sie ſtören?“ fragte Guſtav Steinau, indem er Einem nach dem Andern die Hand reichte. „O, wie ſehr bedaure ich Ihren Unfall, Herr Melms — wie befinden Sie ſich?“ „Ich danke Ihnen, Herr Sternberg,“ erwiderte der Gefragte mit matter Stimme, aber herzlichem Ausdruck.„Es geht wie es gehen kann, aber Sie ſtören mich nicht und ich freue mich mit meinen Freun⸗ „ 133 den, Sie zu ſehen— wir ſprachen eben von Ihnen. Setzen Sie ſich.“ Guſtav Steinau aber blieb mitten im Zimmer, nicht weit vom Krankenbette ſtehen und ſah mit eini⸗ ger Verwunderung in die Augen der ihn mit ſeltſa⸗ mer Aufmerkſamkeit betrachtenden Männer. Nament⸗ lich auf Alfred Brunſt's wiederbelebtem Antlitz lag eine Art Triumph, wie er ihn nur in glücklichen Stunden nach gelungenem ſchweren Werke blicken ließ, und er ſchien mit ſeinen ſcharfen Augen bis in die tiefſte Seele des jungen Mannes dringen zu wollen. „Herr Sternberg,“ ſagte da Herr von der Oehe, „Sie kommen uns wie gerufen. Das Unglück mit Melms hat mich ganz aus der Faſſung gebracht, ſonſt hätte ich Sie ſchon aufgeſucht.“ „Haben Sie mir etwas ſo Wichtigés zu ſagen, Herr von der Oehe?“ „O ja! Ich dächte doch. Haben Sie ſchon den Strauß vergeſſen, den wir heute Morgen beſtanden?“ „Ach nein, weder den Strauß noch das, was ihm voranging, habe ich vergeſſen.“. „Nun, da geht es Ihnen wie mir,“ rief der alte Herr mit herzlichem Tone.„Wohlan denn, Sie haben mir heute eine Wohlthat erwieſen, junger Mann, die ich Ihnen ſo leicht nicht vergelten kann.“ 134 „Was für eine Wohlthat, Herr von der Oehe?“ „Wie? Haben Sie mir nicht das Leben gerettet oder wenigſtens mich vor dem heftigen Schlage des wüthenden Menſchen bewahrt?“ Guſtav Steinau verſuchte zu lächeln, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Eine wehmüthige Rührung verbreitete ſich über ſein edles Geſicht und er ſchüttelte nur ſanft und abwehrend den Kopf.„Das Leben gerettet, Herr von der Oehe? Das iſt wohl zu viel geſagt. Ich that nur, was ich thun mußte, und jeder Andere hätte daſſelbe gethan, wenn er an meiner Stelle geweſen wäre.“ Bei dieſen Worten hatte er ſich ganz zu ſeinem Wirthe herumgedreht und den beiden Andern faſt den Rücken gewandt.„Soll ich?“ fragte Alfred Brunſt den Kranken, ſich raſch zu ihm niederbeugend. Carl Melms nickte zuſtimmend, während ein mat⸗ ter Schimmer freudiger Röthe über ſeine bleichen Wangen zog.. 4 Als Guſtav Steinau ſich nun wieder umwandte, ſah er Alfred Brunſt mit ſtrahlender Stirn und leuch⸗ tenden Augen mitten im Zimmer ſtehen; er hatte ſich zu ſeiner ganzen Höhe aufgerichtet und hielt das Auge feſt auf den alten Herrn geſpannt, deſſen Antwort er nur zu erwarten ſchien. 13⁵ „Ob Jeder daſſelbe gethan, Herr Sternberg,“ ſagte dieſer,„ſteht noch dahin. Brunſt und Melms, ja, die hätten es freilich gethan, und nun haben Sie ſich durch Ihren Dienſt die Anmartſchaft nicht allein auf meine innigſte Freundſchaft, ſondern auch auf meinen herzlichſten Dank erworben und wenn ich wüßte, womit ich Ihnen dienen könnte, ich würde den erſten Augenblick dazu für den paſſendſten erachten.“ „Herr von der Oehe!“ rief Guſtav Steinau mit beklommenem Athem, während ſeine Bruſt wogte und ſein Geſicht ſich ſtark entfärbte,„Herr von der Oehe, verſprechen Sie nicht zu viel! Sie rufen ſonſt viel⸗ leicht Hoffnungen in mir wach, die ſich nicht ſo leicht erfüllen ließen, wenn ich den Muth hätte, ſie vor Ihnen in Gegenwart dieſer Zeugen auszuſprechen.“ „Aha,“ dachte Herr von der Oehe,„er denkt alſo wirklich an meine Nichte!“ „Alter Herr!“ rief Brunſt lebhaft dazwiſchen.„Du ſchweigſt? Soll Herr Sternberg ſchon ſeinen Muth ſchwinden fühlen, noch ehe er ſeine Hoffnungen vor Dir enthüllt hat?“ „O nein, ich ſchweige nicht,“ ſagte der alte Herr gedehnt,„Herr Sternberg mag ſprechen— ich bin bereit, ihm zu dienen, und was ein Oehe einmal ge⸗ ſagt hat, das nimmt er nie wieder zurück.“ 136 „Nehmen Sie ihn beim Wort!“ rief Alfred Brunſt, noch lebhafter werdend und ſeine Augen ſprühten vor inne⸗ rer Bewegung, die er nur mit Mühe in Schranken hielt. „Nun denn,“ ſagte Guſtav Steinau, die Hand auf die Stirn preſſend, die ihn vor innerer Aufregung zu ſchmerzen anfing,„nun denn, Herr von der Oehe, ſo bitte ich Sie zuerſt um Verzeihung—“ Er konnte nicht weiter ſprechen, die Stimme bebte ihm zu ſtark und ſeine Bruſt hob ſich mächtig, als wollten ſie die zurückgehaltenen Gefühle ſeines Her⸗ zens ſprengen. „Um Verzeihung bitten Sie?“ fragte Herr von der Oehe verwundert.„Was haben Sie denn Un⸗ rechtes gegen mich begangen?“ Guſtav Steinau zitterte, wie von einem inneren Krampfe ergriffen. Er richtete ſeine Augen langſam auf Carl Melms und dann auf Alfred Brunſt, der ihm ermuthigend zunickte, als ſtände er mit ihm in geheimem Einverſtändniß, was doch durchaus nicht der Fall war. „Reden Sie!“ rief da Alfred Brunſt mit mächtig ſchallender Stimme.„Herr von der Oehe hört Sie und der rechte Augenblick iſt gekommen!“ „Welcher Augenblick?“ fragte Gottlieb von der Oehe mit mehr und mehr wachſendem Staunen. V 137 „Ach, meine Herren,“ ſagte Guſtav Steinau ſchwer athmend—„verzeihen Sie mir Alle, und Sie, Herr von der Oehe, vergeben Sie mir insbeſondere, daß ich, der ich ſo lange Ihre Gaſtfreundſchaft genoß, Sie ſo bitter getäuſcht!“ „Getäuſcht? Sie mich? Aber ſo reden Sie doch—“ „O, es wird mir ſehr ſchwer werden zu reden, Sie ſehen es wohl! Ja, ich habe Sie getäuſcht, denn ich bin unter einem— einem fremden Namen zu Ihnen gekommen und habe mir nach Ihrem eigenen Geſtändniß Ihre Freundſchaft erworben, die Sie mir vielleicht vorenthalten hätten, wenn Sie mich beſſer gekannt—“ „Was ſagen Sie da!“ fuhr der alte Herr polternd auf.„Wie heißen Sie denn, wenn Sie nicht Stern⸗ berg heißen?“ Guſtav Steinau ſchwieg einen Augenblick, wie um ſich zu ſammeln oder friſchen Muth zu ſchöpfen; aber ehe er dann noch das rechte Wort gefunden, um jene Frage zu beantworten, kam ihm Alfred Brunſt zu Hülfe, der mit erhobener Rechten und funkelndem Auge näher an ihn herantrat und ſagte:„Nun, Sie beſinnen ſich noch? Haben Sie Ihren rechten Namen vergeſſen? O, alter Herr, dann muß ich ihn Dir wohl nennen— hebe alſo Dein Auge auf und ſiehe 138 ihn Dir an— es iſt Guſtav Steinau, der vor Dir ſteht, Guſtav Steinau, Dein Neffe, den Du verbannt, verwieſen, aus Deinem Herzen verbannt und verwie⸗ ſen haſt und der doch den Weg in daſſelbe gefunden hat, ohne daß Du eine Ahnung davon hatteſt.“ Selten oder nie hatten wohl Worte einen ſo mäch⸗ tigen Eindruck auf den alten Edelmann hervorgebracht, wie dieſe. Sprachlos vor Staunen, ja vor Schreck, ſtand er mit weit aufgeriſſenen Augen da, umklam⸗ merte den Tiſch, um ſich daran feſt zu halten, und richtete ſeine fragenden Blicke bald auf Melms, bald auf Alfred Brunſt, bald auf den jungen Mann, den er wider alles Erwarten für den Neffen erkennen mußte, deſſen Schickſal er auf ewig von dem ſeinen getrennt zu haben geglaubt. Aber während er ſo da⸗ ſtand, hatten ſich Alfred Brunſt's Hände auf die Schultern Guſtav Steinau's gelegt und ihn ſanft gegen den alten Herrn drängend, ſagte er: „Da haſt Du ihn, alter Herr, er iſt Dein und ich denke, er hat ſich bewährt wie ein ächter Abkömmling Deines Geſchlechts, obgleich er einen Namen führt, der Dir bisher nicht angenehm geklungen hat.“ „Oamein Gott,“ ſtammelte der alte Herr, bis in's Tiefſte erbebend—„erklärt mir das— erklärt es, damit ich mich faſſe, mich beſinne!“ 139 „Mein Onkel,“ ſagte Guſtav Steinau näher tre⸗ tend und Herrn von der Oehe'’s kaum widerſtrebende Rechte faſſend:„ich habe Ihnen heute Morgen meine eigene Geſchichte erzählt und heute Abend ſollte ich Ihnen auf Ihren Wunſch das Ende derſelben mitthei⸗ len. Dieſer Abend iſt nun Dank der Hülfe dieſer ehrenwerthen Männer früher hereingebrochen, aber es iſt für mich kein Abend, ſondern ein neuer Lebens⸗ morgen, da ich hoffe, daß Sie bald eine andere Idee von mir gewinnen werden, wenn Sie den Gang mei⸗ nes Schickſals und meine Handlungen aus meinem eigenen Munde kennen lernen. Es iſt freilich wahr, mein Vater hat ſich ſchwer gegen Sie vergangen, aber es iſt auch eben ſo wahr, meine arme Mutter und ich — wir haben ſchwer dafür büßen müſſen. Wie und womit, das hoffe ich Ihnen noch klar genug ausein⸗ ander ſetzen zu können. Die Erklärung aber, die Sie verlangen, iſt bald gegeben. Meine Freunde, Mark⸗ holm und Stillfried, verabredeten eine Reiſe nach Rügen und forderten mich auf, ſie zu begleiten. Ich ſträubte mich, da ich Ihnen zu begegnen fürchtete, dem ich nicht begegnen durfte. Aber Jene überzeugten mich, daß dieſe Reiſe vielleicht heilſame Folgen für mich haben könnte, und ich folgte ihnen unter einem fremden Namen, um Sie nicht gleich von vornherein 140 .— durch ein Vorurtheil von mir zurückzuſchrecken, wenn ich Ihnen etwa begegnen ſollte. Der Entſchluß war gut— ich traf Sie durch einen ſonderbaren Zufall, oder, was ich viel lieber glaube, durch Gottes unbe⸗ greifliche Fügung, in Putbus— das Uebrige wiſſen Sie, denn Sie haben mich ſelbſt, ohne mich zu ken⸗ nen, in Ihr Haus gerufen, wo ich jetzt ſtehe und noch einmal um Verzeihung bitte, daß ich der Sohn eines Mannes bin, der ſich ſchwer gegen Sie und Ihre Fa⸗ milie verging, aber ich ſelbſt— Gott allein weiß es — bin unſchuldig daran!“ Der alte Oehe ſtand wie geknickt vor dem jungen Manne. Er war ganz bleich geworden und ſeltſame Gefühle regten ſich in ſeiner ſtolzen Bruſt. Aber wenn er auch noch mit ſich kämpfte, die Worte zu finden, in denen er die Verzeihung ausſprechen wollte, die ſich bereits von ſeinem Herzen losgerungen, ſo kam auch ihm wieder Alfred Brunſt zu Hülfe, der mit ſeiner menſchenfreundlichen Herzensmilde zu ihm herantrat und mit unwiderſtehlich bittendem Tone ſagte: „Alter! Du hörſt es und ich weiß, was Du dabei fühlſt! Du fühlſt Dank gegen Deinen Schöpfer, daß er Dir noch ein Glied Deiner Familie aufbewahrt hat, das edel, gut und brav iſt, wie Ihr es Alle von jeher waret. Nun dürfen auch wir wieder den Namen 441 Guſtav Steinau vor Dir nennen, was uns ſo lange verſagt war, und wenn Du noch zögerſt, den Neffen an Dein Herz zu drücken, oder nicht weißt, wie man es macht, wenn man recht glücklich iſt, ſo will ich es Dir zeigen. Sieh da: komm her, Guſtav Steinau— des alten Oehe Neffe iſt auch mein und unſer Aller Neffe! Hier iſt ein Herz, das keine ewige Feindſchaft kennt, und der da, Carling Melms— der ehrlichſte Kerl von der Welt ſagt Dir Daſſelbe durch meinen Mund.“ Bei dieſen Worten ſchloß er ihn innig an die Bruſt und führte ihn zu Melms, der ſeine Arme eben⸗ falls mit zärtlicher Waͤrme um ſeinen Hals legte. Dann aber wandten ſie ſich zu dem alten Herrn, der leiſe weinend auf dem Sopha ſaß und zu dem Guſtav Steinau ſich niederbeugte und ſeine Stirn füßte. Da war der⸗ letzte Reſt des namenloſen Grolles bezwungen in dem alten Herrn. Er ſprang von ſei⸗ nem Platze auf, ergriff die Hände ſeines Neffen, ſah ihm tief in die ehrlichen Augen und ſagte:„Was Brunſt und Melms— die bravſten Männer der Welt — thun, kann auch der alte Oehe thun, ohne ſich das Geringſte dabei zu vergeben. Ja, ja, Dein Vater hat übel an mir gehandelt, mir die ſchönſten Jahre meines Lebens verbittert, aber ich vergebe es ihm— 142 um Deiner Mutter und um Deinetwillen und nun — nun iſt unſer Bund für's ganze Leben beſiegelt.“ Uebergehen wir die nächſten Minuten. Sie waren zu ſchön, zu herrlich, um mit kalten Worten beſchrie⸗ ben werden zu können. Als aber die vier Menſchen ſich endlich wieder beruhigt hatten, erhob ſich Guſtav Steinau abermals, trat auf Melms und Brunſt zu und ſagte: A⁴ „Meine Herren und nun auch meine Freunde, wie Sie es ſchon ſo lange meinem braven Onkel waren! Ihnen danke ich zunächſt, daß dieſer für mich ſo koſt⸗ bare Augenblick ſo raſch in's Leben trat— aber ich habe eine Frage an Sie zu richten, die ich mir vor allen Dingen zu beantworten bitte, um das Dunkel zu lichten, welches ſelbſt noch vor meinen eigenen Augen auf verſchiedenen Epochen meines Lebens ruht.“ Als Alfred Brunſt dieſe Worte hörte, wechſelte er mit Carl Melms wieder einen raſchen Blick des Ein⸗ verſtändniſſes, dann aber trat er dicht an Guſtav Steinau heran und ſagte mit der Ruhe, die ihm im⸗ mer zu Gebote ſtand, ſobald es ſich um wichtige Dinge handelte:„Sprechen Sie, mein junger Freund; es iſt heute der Tag, an dem viele Dunkelheiten gelichtet und Fragen beantwortet werden müſſen, die nur zu lange ſchon verhüllt und ungeloſt geblieben ſind.“ 143 — „Gut, Herr Brunſt; ſo frage ich denn: woher wußten Sie meinen Namen und woher kannten Sie mich, da ich Sie weder je geſehen, noch von Ihnen gehört habe, bevor ich ſo glücklich war, Sie in Put⸗ bus zu treffen?“ „O mein Freund, das ſollen Sie gleich erfahren. Ich kannte Sie ſchon, als wir Ihnen nach dem Vilm folgten, um die ſchöne Muſik anzuhören, womit Sie das Herz meines Freundes Melms gewonnen. Zwar nannten Sie ſich damals Paul Sternberg und ſo waren Sie in dem Fremdenbuche des Wirths verzeich⸗ net, aber die Namen Ihrer Freunde und Ihr Stand verriethen mir, daß Sie Guſtav Steinau waren.“ „Sie ſagen das und ich glaube es Ihnen; aber wie konnten Sie aus dem Namen meiner Freunde und aus unſerm Stand auf meinen Namen ſchließen— das iſt mir ein Räthſel.“ „Und hier iſt die Löſung dazu!“ rief Alfred Brunſt triumphirend und zog raſch einen Brief aus ſeiner Bruſttaſche.„Da,“ fuhr er fort,„ſehen Sie hier— haben Sie dieſen Brief etwa nicht geſchrieben?“ Guſtav Steinau ergriff den Brief, entfaltete ihn und erkannte zu ſeinem größten Staunen jenes Schrei⸗ ben, welches er vierzehn Tage vor ſeiner Reiſe nach Rügen, an jenem Abend, wo wir ihn in ſeinem Stüb⸗ 144 chen kennen lernten, verfaßt und worin er ſeinem Ju⸗ gendfreunde den Abriß ſeines Lebens gegeben und ihm ſeine beiden Freunde Markholm und Stillfried ge⸗ nannt und geſchildert hatte. „Ja,“ ſagte er mit ungemeiner Rührung im Tone der Stimme wie im Ausdruck der Miene,„den Brief habe ich geſchrieben, ich erkenne ihn— aber wie ge⸗ langte er in Ihre Hand?“ „Sie ſandten ihn an Ihren Jugendfreund, der Prediger in..... iſt. Dieſer Prediger muß, ſo viel ich wenigſtens aus ſeinem Verfahren entnehmen kann, Ihre Bekenntniſſe anfangs nicht mit günſtigen Augen aufgenommen haben, denn in einem Schreiben an ſeinen alten Vater ſpricht er ſich darüber eben nicht mit großem Wohlgefallen aus. Nach genauerer Ueberlegung aber beſchloß er dennoch Ihrem Wunſche in ſo weit zu genügen, als er Ihren Brief ſeinem Vater überſandte, mit der beigefügten Weiſung, ſeinen Inhalt zu durchlaufen und dann nach Gutdünken zu han⸗ deln. Der alte Pfarrer nun, blind und gelähmt, aber mit einem wärmeren und menſchenfreundlicheren Herzen als ſein Sohn begabt, ließ ſich den Brief von einem Vertrauten vorleſen und hatte ſodann nichts Eiligeres zu thun, als ihn mir nebſt dem Schreiben ſeines Sohnes nach Grünthal zu ſenden, trotzdem unſer Ver⸗ kehr über dieſen Punkt ſeit Jahren abgebrochen war. Dieſe Schreiben kamen nun am Tage vor meiner Ab⸗ reiſe nach Putbus in meine Hände und, da ich Car⸗ ling von der Lenz abholte, ſo zeigte ich ihm dieſelben, damit auch ihm die Kenntniß Ihrer gegenwärtigen Verhältniſſe nicht vorenthalten bliebe. Als wir nun in Putbus eintrafen und dort die Namen Markholm und Stillfried in dem Fremdenbuche laſen, war es ein Leichtes, in dem dritten Begleiter dieſer Beiden Sie zu erkennen, alſo Ihr Incognito zu durchſchauen, und ſo wußten wir von Anfang an ziemlich beſtimmt, wen wir in der Perſon Paul Sternberg's vor uns hatten. Hier haben Sie alle Aufklärung, die ich Ihnen über dieſes Geheimniß geben kann.“ Guſtav Steinau hörte dieſe Aufklärung mit nach⸗ denklicher Miene und hochſchlagendem Herzen an. „Nein,“ ſagte er endlich, einen verwunderungsvollen Blick auf die beiden Freunde werfend, die hierbei einige Unruhe nicht verbergen konnten,„nein, dieſe Aufklärung genügt mir noch nicht ganz, denn ſie ver⸗ ſchweigt gerade den Hauptpunkt, um den ſich hier Alles dreht.“ Alfred Brunſt's Lippen zitterten und ſein Auge richtete ſich verlegen und fragend auf Carl Melms, der die Augen niedergeſchlagen hatte und deſſen bleiche Die Inſulaner. IV. 4⁰ 8 4 Wangen von einer auffallenden Röthe zu flammen be⸗ gannen.„Welchen Hauptpunkt meinen Sie?“ fragte Alfred Brunſt zögernd und in ſeltſamer Bewegung unruhig hin und her blickend, um dem geſpannten Geſichtsausdruck des immer mehr ſtaunenden alten Herrn zu entgehen. „Ich meine, wie kam es, daß der alte blinde Pre⸗ diger in... gerade an Sie dieſen Brief ſandte, denn welchen Antheil nahmen Sie an meinem Geſchick, daß Sie davon unterrichtet werden mußten?“ Alfred Brunſt ſeufzte und ließ ſich wie erſchöpft auf einen Stuhl nieder.„O Carling,“ rief er, ſich nach dieſem hinwendend,—„heute kommt Alles an den Tag, in der That! Nun, wir haben ja nichts Schlimmes gethan— ſoll ich es ſagen?“ „Sag' es!“ flüſterte Carl Melms wie verſchämt und ſchlug gegen den alten Herrn, gleichſam um Ver⸗ zeihung bittend, die ſauften blauen Augen auf. „Nun denn, da Carling es will, ſo will ich es auch. So erfahren Sie denn, Guſtav Steinau, Carl Melms und ich— wir waren es, die in früheren Jahren durch jenen alten Geiſtlichen Ihre Mutter un⸗ terſtützten—* Er konnte nicht weiter reden. Guſtav Steinau ſprang auf ihn zu und umſchlang ihn mit den Armen. 142 „Schweigen Sie,“ rief er, in Thränen ausbrechend, „ich will ſagen, was Ihnen hier auszuſprechen ſo ſchwer zu werden ſcheint. Sie, Sie Beide waren die edlen Wohlthäter, die nicht allein meine Mutter un⸗ terſtützten, ſondern auch für meine Erziehung ſorgten und denen ich alſo meine Bildung, mein geiſtiges Wohl, mein ganzes vergangenes und gegenwärtiges Glück verdanke!“ Alfred Brunſt, als wäre er auf einem Vergehen ertappt, wandte die Augen von Guſtav Steinau ab und reichte Carl Melms die Hand.„Carling,“ ſagte er tief bewegt,„habe ich nicht ſtets geſagt: eine gute That trägt immer ihre Frucht? Man muß nur gedul⸗ dig ſein. Nun, hier— hier haben wir ſie. Du, Du allein bewogeſt mich dazu, den Samen damals auszuſtreuen, der jetzt aufgegangen iſt—“ „Nein, nein,“ rief Carl Melms abwehrend,„ich rieth nur dazu, wie immer, und Du handelteſt, wie immer— ſo ſteht die Sache, meine Freunde!“ Jetzt aber miſchte ſich Herr von der Oehe in die unbeſchreiblich rührende Scene. Mit bleichem Geſicht und bebenden Lippen ging er auf die beiden Freunde zu.„Carling,“ ſagte er ernſt und mit unbeſchreiblicher g Würde,„und Du, Alfred, jetzt habt Ihr nicht mehr mit Dem da, jetzt habt Ihr es mit mir zu thun. So 103* 1 148 * 4—— frage ich denn: wie kam es, daß Ihr Euch in meine Angelegenheiten miſchtet, daß Ihr meiner Schweſter ein Almoſen gabt, welches ich ihr verweigerte, ihr ver⸗ weigern mußte— ſagt es, o ſagt es mir, denn ich begreife es noch nicht ganz.“ 4„Alter Herr,“ ſprach Alfred Brunſt mit weicher Stimme, indem er ſeine kräftige Hand auf die Schul⸗ ter des alten Mannes legte und ihm mit herzlicher Rührung in die blitzenden Augen ſchaute:„Das iſt ſehr einfach. Erinnere Dich jenes Tages, als der laute Klagebrief Deiner verſtorbenen Schweſter auf der Oehe eintraf. Wir waren damals gerade bei Dir zum Beſuch und Du theilteſt uns den Inhalt des Briefes mit. Und als Du uns um unſre Meinung fragteſt, riethen wir Dir, noch einmal Gnade für Recht ergehen und die armen Angehörigen Deines ehemali⸗ gen Vormundes, der Dir ſo übel mitgeſpielt, nicht ſinken zu laſſen. Du aber— verzeih, daß ich es ſage — hatteſt bereits einen Entſchluß gefaßt und wollteſt von Gnade nichts mehr wiſſen. Dein Herz war zu tief gekränkt und allerdings erlaubten Dir auch Deine geringen Mittel keine fernere Unterſtützung der Schwe⸗ ſter und ihres unmündigen Sohnes. Da traten nun Carling und ich zuſammen und hinter Deinem Rücken thaten wir, was von Dir gefodert wari wir unter 4 — 149 ſtützten mit unſern reicheren Mitteln Deine Verwandten, wohl wiſſend, daß Dein Herz, das immer viel weicher und großmüthiger ſchlug, als Du es zugeſtehen woll⸗ teſt, mit unſrer Handlungsweiſe übereinſtimmen würde, und wir thaten es gern, denn was wir für die Dei⸗ nigen thaten, thaten wir für Dich— und Dich lieb⸗ ten wir ja!“ „Carling! Alfred!“ rief der alte Herr, laut auf⸗ ſchluchzend, und warf ſich in ihre Arme.„O, das habt Ihr gethan? Für mich? So ganz im Stillen? Doch ja, ja, ja, ich weiß es ja ſchon lange, weſſen Ihr fähig ſeid, denn ich kenne Euch ja!“— Es verging eine lange Zeit, bis die drei alten Freunde der Rührung Herr wurden, die ſie ergriffen hatte. Ein Blick, ein Händedruck hatte Alles zwiſchen ihnen ausgeſprochen, was auf ihrer Seele lag, lund nun war es an Guſtav Steinau, auch ſeinen Dank den beiden Freunden ſeines Oheims auszuſprechen. Als er aber damit beginnen wollte, fiel ihm Alfred Brunſt beinahe heftig in die Rede, indem er ſagte: „Still, junger Menſch, das ſagt man uns nicht in’'s Geſicht. Wir lieben es nicht, uns beſchämen zu laſſen, und beſchämend iſt es für ein menſchlich ſchla⸗ gendes Herz, Dank dafür zu empfangen, was man zu guter Stunde und ohne ſich ein Opfer aufzuerlegen 150 * für einen Mitmenſchen gethan hat. Alſo kein Wort mehr darüber! Genießen Sie Ihr Leben jetzt im Kreiſe der Ihrigen, denn daß Ihr alter Onkel nun einen Erben gefunden, den er ſich ſo lange erſehnt, das ſehen Sie ja an ſeinem Geſicht, das nie ſeine Freude ſo laut ausgeſprochen hat wie heute. Nun aber, meine Freunde, bleibt uns noch etwas Anderes zu thun übrig und vielleicht, alter Herr, belohnt ſich Dein guter Vorſatz: von jetzt an Deinen Neffen zu lieben, wie er es ver⸗ dient— noch auf eine angenehmere Weiſe, als Du es denkſt.“ „Was meinſt Du damit?“ fragte der alte Herr, der in Alfred Brunſt's Auge ſchon wieder einen ſtrahlenden, neue Freude verheißenden Glanz auf⸗ blitzen ſah. „Still, ſtill doch, alter Herr. Warte es in Ge⸗ duld ab. Wir ſind alſo fertig mit der einen Ange⸗ legenheit, nicht wahr?“ „Noch nicht ganz,“ nahm Guſtav Steinau das Wort.„Ich habe noch eine Bitte, meine Freunde. Weder meine Freunde, Markholm und Stillfried, ſollen wiſſen, was in dieſer Stunde hier vorge⸗ gangen, noch die Damen, bis ich es beiden Parteien auf geeignete Weiſe kundgethan. Verſprechen Sie mir das?“ — Gensdarm iſt unten und möchte Sie ſprechen.“ 151 Alfred Brunſt lachte.„Ja, ja, wir verſpre⸗ chen es,“ ſagte er,„und ich merke den Grund dieſer Bitte.“ „Gut denn, mögen Sie ihn errathen haben, aber ſchweigen Sie nur. Und nun noch Eins. Sobald mein Onkel dieſen Brief geleſen hat, woraus er er⸗ kennen mag, daß ich kein ſo arger Landesverräther ge⸗ weſen bin, als man ihm zur Zeit in's Ohr geflüſtert, ſo geben Sie ihn mir zurück. Er hat mir ſchon ein⸗ mal wider mein Wiſſen einen ungeheuren Dienſt ge⸗ leiſtet und vielleicht kann er mir noch einen ähnlichen leiſten.“ „Ah!“ rief Alfred Brunſt triumphirend,„es iſt, wie ich dachte. Nun ja, nehmen Sie ihn, wenn der alte Herr ihn geleſen hat, aber für's Erſte folgen Sie mir mit ihm nach dem Käthnerhauſe am Strande — wir wollen den Mann verhoͤren, den wir heute Morgen gefangen haben. Es iſt die höchſte Zeit dazu.“ In dieſem Augeublick klopfte Jemand draußen an die Thür. „Wer iſt da?“ fragte Herr von der Oehe, die Thür ein wenig öffnend. Es war Metke.„Gnädiger Herr,“ ſagte ſie,„der 152 „Wir kommen!“ entgegnete er, und nachdem Alle Carl Melms die Hand gedrückt und ihm verſprochen hatten, ihm nachher das Reſultat des Verhörs mitzu⸗ theilen, begaben ſie ſich in das Wohnzimmer hinab, wo ſie den Polizeibeamten auf einem Stuhle ſitzend und ihrer ſchon wartend fanden. Sechstes Mapitel. Das Verhör und was darauf folgt. Sobald der Gensdarm die Herren eintreten ſah, ſtand er auf und ſtellte ſich in militairiſcher Haltung vor ſie hin.„Guten Tag, meine Herren,“ ſagte er. „Ich komme ſo eben von den auf der Yacht Gefan⸗ genen und bin gleichſam als diplomatiſcher Vermittler von ihnen an Sie abgeſandt. Die armen Leute dauern mich eigentlich und ich glaube, auch Sie wer⸗ den Mitleid mit ihnen fühlen. Ich habe alle zu Protocoll genommen und einſtimmig haben ſie ihr Unrecht eingeſtanden und um Gnade gebeten, da ſie arme Teufel ſind und nicht auf eigene Hand Steine zangten. Der Kerl, den Sie, Herr von der Oehe, auf der Inſel gefangen halten und den jene Leute bald Stumper, bald Halling nennen, geben ſie ins⸗ 5 1 154 geſammt für den Rädelsführer und Hauptthäter an. Von ihm ſind ſie zu dem Vergehen verführt und gleich⸗ ſam gedungen worden, und da ſie arm und elend ſind, ſo haben ſie den Verdienſt mitnehmen wollen. Uebri⸗ gens kenne ich ihre Namen und ihren Wohnort und wenn ſie vierundzwanzig Stunden in dem engen Loche der Cajüte geſeſſen haben, dächte ich, könnte man ſie laufen laſſen. Nur den Burſchen, den Halling, und den Racker, der den Schlag auf Herrn Melms ge⸗ führt, werde ich mit nach Bergen nehmen, dort mögen ſie ihre Verurtheilung erwarten, die gewiß nicht lange ausbleiben wird.“ Herr von der Oehe und Alfred Brunſt beriethen ſich eine Weile, dann ſprachen ſie ihren Entſchluß aus, außer den beiden Hauptthätern alle Gefangenen laufen zu laſſen. „Das iſt recht ſo, meine Herren,“ ſagte der Gensdarm.„Sie werden nicht wieder kommen, glau⸗ ben Sie mir, denn wer ſo handfeſt empfangen wird, wie dieſe Leute hier, der hat keine Luſt, einen ſo fal⸗ ſchen Griff noch einmal zu verſuchen. Aber ich dächte, wir nähmen nun einmal den Kerl im Käthnerhauſe vor, er ſoll ſehr trotzig ſein, wie ich gehört habe, und jede Auskunft verweigern.“ „Er wird ſchon ſprechen,“ bemerkte Alfred Brunſt. * ³⁸ 44 155 „Ich bitte nur, mir allein die Verhandlung zu über⸗ laſſen und kein Wort dazwiſchen zu reden.“ Er faßte darauf Herrn von der Oehe unter den 4 Arm und während er, von Guſtav Steinau und dem Gensdarm gefolgt, dem Käthnerhauſe zuſchritt, ſagte er:„Nun, alter Herr, noch ein unangenehmer Augen⸗ blick und dann vielleicht wieder eine recht große Freude!“ „Was meinſt Du damit? Haſt Du mir noch nicht genug Freude bereitet?“ „Geduld— ah! Da kommt ja der Maler— um Entſchuldigung, dem muß ich erſt noch ein paar Worte ſagen.“ 1 Er ließ den Arm ſeines Freundes los und ſchritt auf den Maler zu, der eben vom Kruge in Schaprode herkam, wo er einen kurzen Beſuch abgeſtattet hatte, um der ſchönen Alwining die Zeit nicht zu lang wer⸗ den zu laſſen.„Markholm“, ſagte er, ihn bei Seite führend,„nun wird es Zeit! Wir ſind eben auf dem 4 Wege zum Verhöre des edlen Vaters Ihrer Gelieb⸗ ten, und wenn das vorbei iſt, muß ich Letztere im Herrenhauſe haben. Gehen Sie alſo nach dem Kruge und bereiten Sie ſie auf eine wichtige Stunde vorz Dann führen Sie ſie dort hinunter an's Ufer, dem Garten gegenüber, nehmen ein Boot, fahren mit ihr ber das Waſſer und bringen ſie durch das Hinter⸗ haus in Herrn von der Oehe's Schreibzimmer. Dort laſſen Sie ſie und kommen zu uns herüber, die wir uns bei den Damen aufhalten werden. Das Uebrige wird ſich finden. Verſtanden?“ „Vollkommen, Herr Brunſt, es ſoll auf der Stelle Alles beſorgt werden.“ Nach dieſem kurzen Geſpräch ſchritt Alfred Brunſt raſch dem Käthnerhauſe zu, vor deſſen Thür ſchon die Uebrigen auf ihn warteten, und bald darauf trat man in das kleine Gemach ein, das vorläufig zum Gefäng⸗ niß diente, ſonſt aber zur Wohnung des alten Fähr⸗ manns gehörte. Die wenigen Möbel, die früher darin ſtanden, hatte man zum Theil herausgeräumt, dafür ein Strohlager um den großen Ofen aufgeſchüttet und die Fenſter mit Brettern verſtellt, um den Ge⸗ fangenen ganz von der Aubßenwelt abzuſchließen. Dieſer ſelbſt lag in behaglichſter Stellung auf dem Stroh. Nur ſeine Füße waren noch zuſammengebun⸗ den, Arme und Hände hatte er frei und eben damit* ein wohlſchmeckendes Mahl eingenommen, wonach er großes Begehr gehabt. Bei ihm waren der Statthalter und zwei Knechte; Erſterer erwartete mit ungemein er⸗ regter Miene und voller⸗ Spannung das Erſcheinen ſeines Herrn und als er ihn in Begleitung der Uebrigen kom⸗ men ſah, brach er in den frohlockenden Ruf aus: 157 „Ah, jetzt geht es los, mein Freund Spitzbube, jetzt wird Dich ein Anderer fragen als ich, und Du wirſt wohl oder übel das Maul aufthun müſſen, das Du mir ſo hartnäckig verſchloſſen haſt.“— Als Herr von der Oehe, Alfred Brunſt, Guſtav Steinau und der Gensdarm eintraten, hob der ſchwarze Halling trotzig ſein widerwärtiges Geſicht gegen ſie auf, ſchüttelte ſich die langen verworzenon Hagre aus der Stirn und blickte die Herren einen nach dem andern prüfend an, als wollte er aus ihren Geſichtszügen auf ihre perſönliche Geſinnung ſchließen. Aber er konnte aus keiner der Mienen derſelben recht klug werden. Herr von der Oehe zwar ſah am unwilligſten aus, der junge Mann blos neugierig, während Alfred Brunſt ſogar ein ſcherzhaftes Lächeln zeigte, was Alles zuſam⸗ mengenommen durchaus kein ſtrenges Gericht ver⸗ muthen ließ. Den Gensdarm hielt er für Nebenſache, den beachtete er kaum und wenn einer der Anweſen⸗ den ihm geradezu Pein verurſachte, ſo war es der Statthalter, deſſen Anblick er auf jede Weiſe zu ver⸗ meiden ſuchte und dem er, wenn das nicht ging, einen Blick voll Haß und Wuth zukommen ließ. Als die Herren im Halbkreiſe ſich vor ihm auf⸗ geſtellt, der Gensdarm aber mit einem Bogen Papier an einem Tiſche Platz genommen hatte, eröffnete 158 Alfred Brunſt das Verhör damit, daß er dem Ge⸗ fangenen ganz gemüthlich einen guten Tag bot, was dieſen wahrhaft in Verlegenheit zu ſetzen ſchien, ob⸗ gleich er kein Wort darauf erwiderte. „Nun, nun,“ fuhr Alfred Brunſt mit lächelnder Miene fort,„Du biſt wohl ſtumm geworden, mein Freund? Vorher auf der See haſt Du doch ſo laut gebrüllt, daß wir es eine ganze Kabellänge weit hör⸗ ten. Doch, wir wollen ſehen, ob wir Dich wieder ſprechen machen können. Für's Erſte ſage mir nun einmal Deinen Namen, das heißt, ich meine den, den Du von Geburt an führſt, nicht diejenigen, die Du Dir in ſpäterer Zeit nach Belieben zuge⸗ legt haſt.“ Auch auf dieſe deutlich geſprochenen Worte ant⸗ wortete der Gefangene keine Sylbe, jedoch fuhr ein Blitz der Verwunderung über ſein Geſicht und ſeine falſchen Augen glotzten neugierig den Fragenden an. „Aha,“ ſagte dieſer,„Du haſt alſo wirklich die Sprache verloren. Wahrſcheinlich vor Schreck, daß Du, als halbe Waſſerratte, ſo ſchnell auf das Trockene kamſt. Nun, ich hätte wohl Mittel, Dich zum Sprechen zu bringen, allein ich will das für's Erſte noch Deinem eigenen Ermeſſen überlaſſen. Jedoch werde ich Dir zu Hülfe kommen und ſehen, ob ich mich in Dir irre oder nicht. Sag' alſo e 4 159 mal— kennſt Du den Kreidebruch an der Fahrnitz auf Jasmund?“ Der Gefangene ſtutzte ſichtbar, als er ſo uner⸗ wartet dieſe Frage vernahm, und blickte unruhig um ſich her, als ſuche er Jemanden, dem er die Enthüllung ſeines Geheimuiſſes zuſchreiben könne. „Aha,“ fuhr Herr Brunſt fort,„das macht Ein⸗ den Kreidebruch kennſt— ſo überſetze ich mir näm⸗ lich Deinen Blick— ſo wirſt Du auch wohl den ehe⸗ melegen Pächter deſſelben kennen. Hieß der Mann nicht Halling— he?“ Der Gefangene ſchwieg noch immer, aber noch viel größeres Staunen, dem jetzt ſchon deutlich einige Be⸗ ſorgniß beigemiſcht war, machte ſich auf ſeinen häßlichen Zügen bemerkbar. „Du ſcheinſt ihn alſo zu kennen,“ fuhr Alfred 1 Brunſt fort.„Nun, dann ſag' mal, wer verſieht denn jetzt in Deiner Abweſenheit die Geſchäfte und wo haſt Du denn von dort aus Dein Haupt hingelegt?“ Bei dieſer Frage fuhr ein Blitz der Freude über ddees Gefangenen Geſicht, den man ſich etwa ſo deuten 6 konnte:„Ha! Er weiß nicht, wo ich jetzt wohne, das iſt noch ein großes Glück!“ Alfred Brunſt, der viel ſchlauer war als der Ge⸗ - — I druck auf Dich, ich ſehe es wohl. Nun alſo, da Du. 1890 fangene, deutete ſich wenigſtens den Blick auf dieſe Weiſe und beſchloß, den trotzigen Kerl einſtweilen noch in dem Wahn dieſes Glückes zu belaſſen.„Nun,“ fuhr er fort,„Du willſt uns das Alles nicht ſagen, ſo muß ich wohl eine zartere Saite Deines Herzens berühren. So ſag' uns denn— wo haſt Du Deine Frau gelaſſen?“ Hier ſpielte ein Schimmer der Verachtung um die dicken Lippen des Gefangenen und er ſagte zum erſten Mal laut und verſtändlich:„Ich habe gar fkeine Frau.“ „Nicht?“ ſagte der Verhörende.„O, wenn das wahr wäre, würde die Verläugnete ſehr zufrieden ſein. Es iſt in der That kein beſonderes Glück, Deine Frau zu ſein. Aber wo iſt denn Deine Tochter?“ „Meine Tochter? Hm!— Nun,“ fuhr er mit höh⸗ niſchem Grinſen fort,„da Ihr doch Alles wißt, ſo will ich auch das Euch ſagen, zumal Ihr ſo neugierig ſeid. Meine Tochter iſt augenblicklich in Dänemark.“ Alfred Brunſt lachte beinahe laut.„So,“ ſagte er,„alſo in Dänemark? Aber ſeit wann denn?“ „Seit heute Mittag, wenn mein Steuermann mei⸗ nen Wink befolgt hat.“ „Das wird er ohne Zweifel gethan haben, denn ein guter Herr hat gerdhullch ſehr getreue Diener. 161 Aber weißt Du, mein Lieber, daß Deine Lügen mich zu langweilen anfangen und daß ich es ſatt habe, mit Dir durch die Blume zu ſprechen? Doch, vielleicht biſt Du jetzt geſprächiger, da das Eis einmal zwiſchen uns gebrochen iſt. Alſo beſinne Dich und mache der Sache ein Ende. Halling hießeſt Du im Kreidebruch auf der Fahrnitz, wie nennſt Du Dich jetzt, und vor allen Dingen, wie nannteſt Du Dich, ehe Du Stein⸗ zanger, Pächter, Schmuggler und Spitzbube warſt? Du ſiehſt, ich kenne ſo ziemlich die verſchiedenen Hand⸗ werke, die Du nach einander betrieben, und vielleicht haſt Du noch einige andere gelernt, die ich nicht kenne, aber jedenfalls heute noch erfahren will.“ „Ja, ja, Herr,“ platzte da mit einem Male der Statthalter heraus, der ſich ſchon lange nur noch mit Muüßhe ſchweigſam verhalten hatte,„wenn der Kerl nicht weiß, wie er früher geheißen hat und überhaupt nicht von ſeiner Vergangenheit ſprechen will, ſo halte ich die Zeit gekommen, in welcher ein Anderer ſprechen muß, und das will ich mit des lieben Gottes Hülfe ſein. Und nun, Herr Brunſt, erfahren Sie denn, daß 4 dies derſelbe Kerl iſt, der in jener Nacht hier an der 4* Badehütte gelandet iſt, als ich die Erſcheinung hatte, die Sie mir erklärt haben.“ 4 „Was iſt das für eine Erſcheinung geweſen und Ddie Inſulaner. IV. 11 162 welche Nacht meint er?“ fragte Herr von der Oehe ſeinen Freund mit wachſender Spannung. „Mein lieber Freund,“ erwidert dieſer,„laß Vor⸗ mäher jetzt fortfahren in ſeiner Enthüllung; ich werde Dir ſpäter erklären, was Dir jetzt noch dunkel iſt. Nun redet weiter, Vormäher.“ „Ja, Herr Brunſt, und ich habe mich überzeugt, es iſt auch derſelbe Mann, für den ich ihn gleich vom eerſten Augenblick gehalten habe. Ich kann es beweiſen.“ „Beweiſe es!“ rief Alfred Brunſt mit freudigem Aufblick und weithin tönender Stimme. „Heda, mein guter Freund!“ rief der Statthalter, ſich mit hocherröthetem Geſicht an den Gefangenen wendend,„jetzt iſt die Unterſuchung an uns Beide ge⸗ kommen. Sieh mich einmal recht ſcharf an mit Dei⸗ nen ſpitzbübiſchen Augen, kennſt Du mich, den Statt⸗ halter der Inſel Oehe, nicht noch von früherer Zeit her?“ Des Gefangenen Geſicht ſchien ſich in eine Wolke zu hüllen, ſo trübe, ängſtlich und beklommen wurde es; aber er erhob weder ſeinen Kopf gegen den Statt⸗ halter, noch antwortete er mit einer Sylbe auf ſeine Frage. „Haha! Du ſprichſt nicht,“ fuhr Jener fort,„nun, ſo will ich denn ſprechen. Ja, mein lieber, gnädiger Herr, und Sie, Herr Brunſt, ſo hören Sie es denn: dieſer Burſche iſt kein Anderer als der Sohn Ihres ehemaligen Leibeigenen, der in dieſem Hauſe wohnte, Fährman n war und„der Strandkerl“ hieß— der da aber iſt d„wilde Strandkerl“, der eines Tages verſchwand und mit ihm das kleine, ſchöne Kind mit den goldenen Haaren, Ulrike von Kulpen, Ihre Nichte, Herr von der Oehe!“ Herr von der Oehe fuhr, wie von einem unſicht⸗ baren Schlage getroffen, bei dieſen Worten zurück. Sein Geſicht bedeckte ſich mit einer fahlen Bläſſe und ſeine Lippen bebten, wie wen ein inneres krampf⸗ haftes Weh ſein Herz zerriſſe.„Vormäher!“ rief er mit zitternder Stimme und ſcendem Athem.„Was ſagſt Du? Du irrſt Dich! Deine Beyeiſe ſind viel⸗ leicht nicht ſtichhaltig!“ „Oho, Herr, ſie ſind es doch und Sie ſelber ſol⸗ len entſcheiden, ob ſie es ſind.— Heda, Strandkerl, ſieh mich einmal an— haſt Du dies Haus nicht ehe⸗ dem bewohnt und iſt dies nicht daſſelbe Zimmer, in welchem Du die freche Hand an Deinen Herrn, die⸗ ſen Herrn von der Oehe hier, legteſt, an ihn, der Dich immer ſo milde behandelt hatte trotz Deiner Unzucht und Deines widerſpenſtigen Weſens, trotz Deiner Faulheit und Nachläſſigkeit in allen Dingen?“ Der Gefangene regte ſich nicht. Nur ſeine dicken 11* 164 Lippen bebten vor ohnmächtiger Wuth und ſeine Augen funkelten in unheimlichem Glanze. Hätte er ein Meſ⸗ ſer in Händen gehabt, er hätte es gewiß dem ehrli⸗ chen Statthalter, der ihm kühn in's Antlitz ſah, in die Bruſt geſtoßen. „Sehen Sie,“ fuhr der Statthalter mit erhobener Stimme und leuchtenden Augen fort,„dieſer Mann kam mir im erſten Augenblick, als ich ihn wiederſah, als kein Fremder vor, obſchon er ſich ſehr verändert hat, und deshalb hat ihn auch Herr von der Oehe nicht erkannt. Als ich ihn vor zwanzig Jahren oft in der Nähe ſah, war er noch jung, hatte keinen ſol⸗ chen ſtarken Bart, aber ſein Vater ſah ungefähr ſo aus, wie er jetzt ausſieht, und hatte eben ſo dicke Lip⸗ pen, einen ſo tückiſchen Blick und eine ſo eingedrückte Naſe. Aber das Alles iſt noch lange nicht der rechte Beweis. Hier, der wilde Strandkerl war ſo gut wie ich das Kind von Leibeigenen der Oehe und erſt als er zehn Jahre alt war, wurde die Leibeigenſchaft auf⸗ gehoben, er hat ſie alſo gar nicht zu fühlen gehabt. Wir Leibeigenen nun hatten ſchon als Kinder die Sitte, uns ein Zeichen unſerer Zugehörigkeit in den Arm zu graben, wir thaten es alle und freuten uns wie zu einem Feſttage, wenn es geſchah. Da ſehen Sie“— er ſtreifte dabei den Rockärmel ſeines linken 6 e 8 165 Armes auf—„da ſehen Sie, da iſt das rothe Herz und in der Milte üeht mit blauen Buchſtaben auf der weißen Haut: J. Vormäher. Geb. a. d. Oehe 17.. Und ein ſolches Zeuden muß auch der da auf ſeinem linken Arme haben, wenn er der iſt, den ich meine.“ Alrs er dies geſprochen, ſah er ſich frohlockend im Kreiſe um und blieb zuletzt mit triumphirendem Lächeln auf dem Gefangenen haften, der wie gebrochen daſaß, faſt auf ſeinem Stroh zuſammenſank und vergeblich ſich mit ſeiner alten frechen Keckheit zu waffnen ſuchte. „Streif' den Aermel auf, Kerl, damit ich den Her⸗ ren das Zeichen zeige!“ ſchrie der Statthalter. Da der Gefangene aber keine Miene machte, das Gebot zu erfüllen, ſo traten der Gensdarm, Alfred Brunſt und Guſtav Steinau näher an ihn heran, hielten ihm die Arme feſt und nun ſtreifte der Statt⸗ halter den Aermel und das Hemde ohne Mühe auf und man ſah das erwähnte Zeichen, in dem deutlich die Buchſtaben P. Strandkerl. Geb. a. d. Oehe 17.. zu leſen waren. „Nun, Herf was ſagen Sie nun?“ rief der Statthalter frohlockend. Herr von der Oehe war ſtarr und ſprachlos auf einen Stuhl geſunken. Er vermochte kein Wort her⸗ vorzubringen. Alfred Brunſt aber, der ſchon lange, auf dieſe Scene vorbereitet geweſen, hatte ſeine Faſſung beiſammen, er trat auf den Entlarvten zu und ſagte: „Strandkerl! Du ſiehſt, daß Du entlarvt biſt. Nun bekenne! Der Statthalter wird Dir noch eine Frage vorlegen, die wichtigſte von allen, und wenn Du die zu unſrer Zufriedenheit beantworteſt, ſoll Deine Strafe ſo viel wie möglich gemildert werden.“ „Was kann er mich jetzt noch fragen!“ ſchrie der Strandkerl ſpöttiſch—„Er ſcheint mehr zu wiſſen, als ich ſelber weiß, und er iſt von jeher ein Lügner geweſen.“ „Beſchimpfe mich ſo viel Du willſt,“ ſagte der Statthalter ruhig;„ich verzeihe es Dir, Deine Lage iſt übel; aber Du haſt Dich ſelber hineingeritten. Jetzt paß' auf. An dem Tage, als Du hier verſchwan⸗ deſt, verſchwand auch die Nichte unſers Herrn, die kleine ſchöne Ulrike von Kulpen, die hier am Waſſer ſpielte. Wo haſt Du dies Kind gelaſſen?“ „Ich?“ ſchrie der Böſewicht frech auf.„Wie ſoll ich das wiſſen? Nein, ich weiß nichts.⸗ davon.“ „Sachte, mein Freund. Du haſt das Kind ge⸗ nommen, wir wiſſen es.“ „Um Gotteswillen!“ ſchrie Herr von der Oebe auf, mit beiden Händen in ſeine grauen Haare faſſend— „Woher wißt Ihr das? Iſt es denn möglich?“ 167 „Es iſt nicht allein möglich, es iſt gewiß, gnädiger Herr!“ rief der Statthalter faſt wild.—„Wo, Du Spitzbube, haſt Du das Kind gelaſſen, das Du ge⸗ ſtohlen haſt?“ „Ich habe es nicht geſtohlen!“ ſagte der Strand⸗ kerl in überlegend ruhigem, aber verbiſſenem Tone. „Aber man hat es in Deinen Händen geſehen!“ „Wer hat es in meinen Händen geſehen?“ „Ich!“ rief Alfred Brunſt, ſich ſtolz in ſeiner gan⸗ zen Höhe aufrichtend und einen durchbohrenden Blick auf den ſchwarzen Halling werfend—„ich habe es in Deinem eigenen Hauſe in der Kieler Schlucht ge⸗ ſehen!“ Die Art und Weiſe, wie dieſer zu rechter Zeit und ganz unerwartet zum Vorſchein kommende Aus⸗ ſpruch auf den Verbrecher wirkte, war blitzähnlich. Er ſank zuſammen, ächzte laut und fuhr ſich mit bei⸗ den Händen wild in die ſtruppigen Haare. „Ha!“ rief er mit einem Male, als wäre ihm plötzlich ein guter Gedanke beigefallen,„wenn Sie ein Mädchen bei mir geſehen haben, wie können Sie ahens es daſſelbe iſt, was hier verloren gegan⸗ gen iſt 2 9 „Gott hat es gezeichnet, wie Du Dich ſelbſt!“ ſagte Alfred Brunſt hoheitsvoll.„Kein Menſch kann es von „ 168 ſeiner Schweſter unterſcheiden, wenn man Beide neben einander ſtellt.“ Der Gefangene brach wieder zuſammen. Er erin⸗ nerte ſich in dieſem Augenblick, wie das Geſicht der Zwillingsſchweſter ſelber auf ihn gewirkt und er wußte in der That nicht, was er darauf erwidern ſollte. „Jetzt bekenne,“ fuhr, gegen Halling gewendet, der Statthalter fort, deſſen hartes gefurchtes Antlitz wie von einem ſonnigen Strahle leuchtete—„Du haſt das Kind alſo geſtohlen?“* „Nein, das habe ich nicht,“ rief der Strandkerl mit lauernder Vorſichtigkeit.„Ich habe es nur aus dem Waſſer gezogen, in das es gefallen war, und Ihr ſolltet mich alſo eher loben als tadeln.“ Jetzt aber konnte ſich der alte Oehe nicht länger halten, der bis dahin mit haarſcharfer Aufmerkſamkeit und doch ihm beinahe das Herz zerreißenden Empfin⸗ dungen der Verhandlung ſchweigend zugehört hatte. „Schurke,“ rief er.„Alſo das haſt Du wirklich ge⸗ than? Und Du mußteſt doch, daß ſeine Mutter, daß ich, daß wir Alle jammernd im Hauſe ſaßen, als wir das Kind vermißten! Sag' jetzt— wo haſt Du das Kind?“ Ein dämoniſches Lächeln verzerrte hier die häß⸗ lichen Züge des ehemaligen Leibeigenen. Rache, Haß 4 169 und unzählige andre böſe Leidenſchaften ſpiegelten ſich zum Greifen deutlich darin ab und indem er einen ſtechenden Blick auf den alten Edelmann warf und 5 ſich dabei über den Schmerz freute, den er auf dem biederen Antlitz deſſelben wahrnahm, ſagte er höhniſcha „Wo ich ſie habe? Ich ſagte es ja ſchon— ſie iſt in Dänemark und in guten Händen obenein, längſt an meinen Steuermann verheirathet, einen braven, ehr⸗ lichen Kerl, ſo brav und ehrlich wie ich. Haha! Freut Euch das nicht— ſchmeckt das nicht ſüß, alter, ſtolzer Tyrann, he? Ja, nun ſchüttele Dich vor In⸗ grimm, nun raufe Dir die grauen Haare— hal es freut mich, daß es Dich endlich in Deinem ahnenſtol⸗ zen Herzen zwickt. He, weißt Du es noch, hier, in dieſer Stube ſchlugſt Du mich vor zwanzig Jahren, als ich Dir nicht länger dienen wollte; aber dieſer Schlag iſt Dir theuer zu ſtehen gekommen. Die Rache, die ich Dir hier gelobt, die habe ich an Dir gekühlt, und den Haß, den ich Dir geſchworen, den habe ich Dir bewahrt. Ja, Ihr vornehmen Herren, das war eine glückliche Zeit für Euch, als wir noch Eure Leib⸗ eigenen waren und Ihr uns ſchlagen konntet wie Hunde und mit Füßen treten wie Ratten. Nun gut, ich hatte auch einmal die Luſt, eine Leibeigene zu ha⸗ ben, und dazu hatte ich mir Deine Nichte, D Dein eige⸗ 170 nes ſtolzes Fleiſch und Blut gewählt, und als ich ihrer ſatt war, habe ich ſie zu der wackeren Frau eines Mannes von meinem Schlage gemacht—“ „Still!“ rief hier Alfred Brunſt mit donnernder Siinme„Du ſprichſt Lügen und Unſinn in einem Athem, gemeiner Kerl! Nirgends auf Rügen ſind die Leibeigenen beſſer und milder behandelt worden als auf der Oehe und von dieſem Herrn hier. Doch das weiß alle Welt und ich brauche es hier nicht zu wie⸗ derholen. Aber auch das Andere lügſt Du, Erbärm⸗ licher, und hielte ich es der Mühe werth, ich könnte es Dir beweiſen auf der Stelle. Aber was Du hier geſprochen, wird ſchwer auf Dein Haupt fallen; Deine blinde Leidenſchaft trägt nur dazu bei, Dein Schic. ſal zu verſchlimmern, und der Strick kommt Dir immer enger an den Hals.“ „Ebenfalls gelogen, Sie da!“ rief der Strandkerl hohnlachend,„und ſparen Sie ſich die ſchönen Worte und ſetzen Sie nicht vergeblich die weiſe Miene auf. Für ſo etwas habe ich wenig oder gar keinen Reſpect. Denken Sie, kluger Herr, daß ich nicht weiß, daß Sie nicht meine Richter ſind? Halten Sie mich für ſo dumm? He? Sie ſind nur meine Ankläger und die können viel abgeſchmacktes Zeug vorbringen. Denkt Ihr, ich werde dem wirklichen Richter ſagen, was ich 171 5 Euch ſage, damit er ein Recht hat, mich zu verurthei⸗ len? Oho, fehl geſchoſſen, mein weiſer Herr! Mein Richter an dem Orte, wohin Ihr mich bringt, ſoll mir einmal beweiſen, was Ihr mir in die Schuhe ſchiebt— hier aber kühle ich blos meine Rache und dämpfe den heißen Haß, der mir im Herzen ſitzt, tief, tief und niemals erlöſchen wird—“ Die Stimme verſagte ihm, ſo ſehr hatte er ſich überſchrieen.„Alter Herr,“ ſagte Alfred, Brunſt, mit Widerwillen von dem ſchäumenden Maiſcen ſich ab⸗ wendend,„komm und laß den Kerl zu ſeinem eigenen Vergnügen raſen. Dir wenigſtens will ich beweiſen, daß er gelogen hat und daß Deine kleine Ulrike nicht die Frau eines Steuermanns geworden iſt.“ Herr von der Oehe athmete tief auf und folgte wie betäubt und halb gebrochen dem voran ſchreiten⸗ den Freunde, der ihm draußen von der einen Seite den Arm bot, während Guſtav Steinau ihn von der andern unterſtützte. Er war ſtumm, als er ſo langſam dahinſchritt; es war für einen Tag zu Viel, was über ihn hereinbrach, und, ſo ſtark er war, er unterlag beinahe der Laſt der ihn erdrückenden Gefühle. „Meine Herren,“ ſagte der Gensdarm vor der Thür der Hütte,„ich denke, wir haben genug gehört *. 172 von dem Burſchen. Soll ich ihn nun nach Bergen transportiren?“ „Nein,“ erwiderte Alfred Brunſt nach einigem Be⸗ ſinnen.„Laſſen Sie ihn noch bis morgen hier, wir könnten ihm noch einige Fragen vorzulegen haben, deren Beantwortung für Herrn von der Oehe wichtig iſt. Morgen mit dem Frühſten ſoll er Ihnen gehören, ſo lange bewachen Sie ihn gut auf der Inſel.— Jetzt komm, alter Freund!“ Die Damen im Herrenhauſe hatten Herrn von der Oehe ſeit dem Abend, bevor er an Bord des Kutters gegangen, nicht geſprochen und ihn ſogar an dem ge⸗ genwärtigen Tage, nachdem er mit dem gefangenen Steinzangerkönig zurückgekehrt, nur flüchtig und immer nur auf einige Augenblicke geſehen; nie aber hatte er Zeit gehabt, ihnen eine längere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, höchſtens ihnen einen Gruß zugenickt und ihre fragenden Blicke mit einem freundlichen Winke auf eine ſpätere Zeit vertröſtet. Um ſo mehr waren ſie daher erfreut, als ſie ihn nun mit Alfred Brunſt und Guſtav Steinau bei ſich eintreten ſahen, um nun end⸗ lich von ihm ſelbſt die ſo ſehr begehrten Aufklärungen über ſeine Unternehmung und das ihnen noch unbe⸗ kannte Reſultat des eben beendeten Verhörs zu ver⸗ 173 nehmen. Sie empfingen ihn daher mit den lebhaf⸗ 3 teſten Aeußerungen ihrer Gefühle, aber wie ſehr er⸗ ſtaunten ſie und wie ſchnell verwandelte ſich ihre Freude in ein ängſtliches Schweigen, als ſie bei ge⸗ nauerer Betrachtung die ſchlaffe Haltung des alten Herrn und den unerklärlichen Ausdruck innerer Er⸗ ſchöpfung auf ſeinem Geſicht wahrnahmen, während doch Alfred Brunſt und ſein Begleiter ein eben ſo un⸗ erklärliches Frohlocken in Miene und Haltung verriethen. „Theuerſter Onkel,“ rief Guſtava von Kulpen, ihre Arme um den väterlichen Freund ſchlingend,„was ſſt Dir geſchehen? O ſprich! Wir erwarteten Dich mit ſo vieler Freude und nun ſieht Dein Geſicht ſo traurig aus!“ „Nicht traurig, nicht traurig, meine Lieben!“ ſagte lebhaft der alte Herr.„Aber ſeht, ich bin müde, 4 bin erſchöpft— o mein Gott, was war das für Tag!“ Und während er ſich dabei in einen Sſe fallen ließ, rief er mit, ittender Stimme:„O Alfred, ſa⸗ du ihnen, was ſi in endlich erfahren müſſen — un nicht zuſammenhängend ſprechen, ich bin 8 wie gerädert mir ſchwirren ie Gedanken, als hätte 1 1 7 lich einen Kreiſel im Kopfe, und orte fehlen mir, da ich vielleicht zu viel mit einem Male auf dem Herzen habe.“ 174 Die beiden Damen ſtellten ſich an der Seite des Oheims auf, Alfred Brunſt aber bat ſie, ſich ebenfalls zu ſetzen, da er ihnen eine lange Geſchichte zu erzählen habe, und ſo thaten ſie es denn, mit erwartungsvoller Spannung den Worten kanſchend, die er jetzt an ſie richten würde. So erzählte er ihnen denn die Ereig⸗ niſſe auf dem Waſſer, die ſie ſchon zum Theil von Guſtav Steinau erfahren, die Gefangennehmung des Anführers der Steinzanger und endlich den unglück⸗ lichen Vorfall mit⸗Carl Melms, den ſie bereits von ganzem Herzen bedauert hatten. „Aber das Alles wiſſen wir ja ſchon!“ rief die lebhafte Guſtava aus. „Ich weiß es wohl, meine Damen, es iſt auch nur die Einleitung zu dem Folgenden und was ich Ihnen nun berichten werde, wird Ihnen vollſtändig neu ſein.“ Und ſo wiederholte er das Verhör des Gefangenen und erklärte, wie ſich aus demſelben unzweifelhaft er⸗ geben habe, daß Hallin chemalige Leibeigene der Inſel Oehe, Nam zwanzig Jahren, nachdem gens eine wohlver gelaufen ſei und von wieder erfahren habe. Beide Damen kannten dieſe traurige Begebenheit 175 hinreichend, da man früher oft genug davon geſprochen hatte, und äußerten ihr Erſtaunen über den jetzigen ſeltſamen Vorfall. „Ja,“ fuhr Alfred Brunſt lächelnd fort,„das iſt aber noch lange nicht Alles, meine Damen, und das Beſte kommt erſt noch.“ „Was kann denn nun noch kommen?“ riefen die Damen, überaus nengierig, da ſie des Erzählenden Miene jetzt eine ausdrucksvolle Spannung anneh⸗ men ſahen. ie werden erfahren haben, Fräulein Guſtava,“ hatten und daß dieſelbe an eben jenem glaubte, verunglückte.“ dem Kirchhof zu Schaprode begraben.“ „Nein, dort liegt ſie nicht begraben, men, der gefundene Leichnam war nicht— Schweſter, Guſtava, denn— erſtaunen E e, aber freuen Sie ſich noch mehr— denn Ihre Schwe⸗ ſter lebt!“ Guſtava ſtieß einen lauten Schrei aus.„Meine Schweſter lebt?“ rief ſie, die Hände faltend und auf Alfred Brunſt losſtürzend. 176 „Mach ſchnell!“ rief Herr von der Oehe,„und laß ſie und uns Alle nicht ſo lange in Unruhe!“ „Ja, ſie lebt,“ fuhr Alfred Brunſt fort,„und je⸗ ner böſe Menſch hatte ſie geſtohlen, mit ſich fortgeführt und bis zu dem heutigen Tage in ſeiner Gewalt gehabt.“ Die Damen ſchluchzten laut, ohne im Mindeſten im Stande zu ſein, ein Wort zu ſprechen, als höch⸗ ſtens einige Ausrufungen hören zu laſſen, wie ſie unter ſolchen Umſtänden ſo natürlich ſind. „Beweiſe es uns,“ rief Herr von der Oehe,„daß Du die Wahrheit ſprichſt, und ich will Dich und Den⸗ jenigen ſegnen, der mir dazu verholfen has— „So ſegne Den da!“ rief Alfred deutete auf Heinrich Markholm, der ſo b das Zimmer trat, um Jenem zu melden, daß er den ähm vorher gegebenen Auftrag pünktlich erfüllt habe. Alle ſtarrten den Maler an, deſſen glühendes Ge⸗ imt von einem unerklärlichen geheimnißvollen Glücke ſtrahlte.„Ja,“ fuhr Alfred Brunſt mit erhobener Stimme fort,„von Dem wollte ich eben ſprechen, denn er iſt es, der Ulrike von Kulpen unter dem Na⸗ men Alwine Halling aufgefunden hat. Und nun, Markholm, erzählen Sie ſelbſt die Geſchichte, wie Sie Ihre Alwining am Kieler Ufer in Jasmund gefunden haben, heute iſt nun einmal der Tag der Enthüllungen 1 7 und Sie müſſen auch Ihr gebührendes Theil dazu beitragen.“ Heinrich Markholm ließ ſich nicht lange bitten, er erzählte raſch und kurz ſeine Bekanntſchaft mit Hal⸗ ling's Familie, ſodann wie er Neigung zu dem ſchö⸗ nen Mädchen gewonnen, wie ſie ihm ihr Vertrauen geſchenkt, und endlich, wie er die Hoffnung gehabt, ihre Hand zu erringen, wenn ſein väterlicher Freund Alfred Brunſt ſeinen Beifall dazu zu erkennen gebe. „O,“ unterbrach ihn Alfred Brunſt lebhaft,„mei⸗ nen Beifall habe ich Ihnen ſchon lange ausgeſprochen, aber darauf kommt jetzt nichts mehr an. Die wahren Verwandten Alwining's ſind endlich gefunden und von denen müſſen Sie ſich nun die Hand Ihrer Ge⸗ liebten erbitten.“ iſt der Augenblick gekommen, wo Sie es erfahren ſollen. Die Eltern des Mädchens kann ich Ihnen freilich nicht mehr vorführen, die ſind zu Gott heim⸗ gegangen, aber die Schweſter wenigſtens iſt da und der Oheim auch— und hier in dieſen beiden Per⸗ fonen ſtelle ich Ihnen dieſelben vor.“ Die Inſulaner. IV. 12 178 „Herr von der Oehe!“ rief Heinrich Markholm, beide Hände zuſammenſchlagend, weiter aber konnte er 3 kein Wort hervorbringen. „Und nun, alter Herr,“ wandte ſich Alfred Brunſt an dieſen,„iſt es an Dir, dieſem jungen Manne Deinen Dank auszuſprechen. Daß er Ulrike von Kulpen fand, iſt ein Zufall oder eine unbegreifliche Fügung der Vorſehung; daß er ſie lieben lernte, nun, das iſt etwas ganz Natürliches; daß er aber ſo ehr⸗ lich war, mir dieſe Liebe zu bekennen, während er das gefundene Mädchen noch für die Tochter eines armen Pächters hielt, und mir ſogar ſeinen feſten Entſchluß ausſprach, ſie zu heirathen— das iſt etwas, was ich an ihm bewundere, und deshalb gerade habe ich mich zu ſeinem Beſchützer aufgeworfen, als welcher ich nun Dir ſtehe und Dich bitte, ihm zu erlauben, Dir ufgefundene Nichte vorzuführen, damit er ſie vor au lich ſei, wie er uns Alle gemacht hat.“ „Wie“, rief der alte Herr, in halbem Taumel von ſeinem Stuhle aufſpringend—„iſt ſie denn hier, hat er ſie denn ſo nahe?“ „O, wo,— wo iſt ſie?“ rief nun auch Guſtava von Kulpen—„wo iſt meine Schweſter— o mein Gott, welch ein wunderbarer Tag!“ ner Hand wieder empfange und ſelber ſo glück⸗ 179 „Heinrich Markholm,“ ſagte Alfred Brunſt ernſt und mit einer faſt gebieteriſchen Ruhe, die Alle mit ſeltſamer Rührung ergriff,„gehen Sie und erfüllen Sie die ſchöne Aufgabe, die Ihnen im Schooße dieſer* Familie zugefallen iſt: ihr ein Kind wiederzugeben, das ſie ſeit zwanzig Jahren als verloren betrauerte; gehen Sie und holen Sie Ihre Alwining, um ſie als Ulrike von Kulpen aus den Händen ihrer Verwand dten wieder zu empfangen.“ Heinrich Markholm verließ, ohne auch nur Luens Augenblick zu ſäumen, das Zimmer und wenige Mi⸗ 8 nuten ſpäter trat er, Alwining an der Hand führend, wieder ein. Schön, wie ſie immer war, trat ſie jetzt vor die Augen ihrer Verwandten, ahnungslos, was ihr bevorſtand, denn auch ihr war noch nicht mitge⸗ theilt worden, was ſie erwartete. Als ſie aber die Verſammelten auf ſich zuſtürzen ſah, ihre ſtürmiſchen Umarmungen fühlte und die ſeltſamen Ausrufungen vernahm, die um ſie her laut wurden, da fiel der Schleier auch von ihren Augen und ſie erfuhr das Geheimniß, das ſich nun auf einmal vor Aller Augen löste. Aus einem Arm ſank ſie in den andern, von einem Herzen flog ſie zu dem andern und eine lange 1— Zeit verging, ehe zuſammenhängende Worte geſprochen wurden und das nothwendig zu Erklärende durch 12* 180 die Eröffnungen der einzelnen Theilnehmer an das Tageslicht kam. O, ſie hatten ſich nie geſehen, die jetzt nach ſo langer Trennung wieder bei einander 4 waren, wenigſtens war die Erinnerung an ihr einſtiges Zuſammenſein ganz geſchwunden, als aber namentlich die Schweſtern die ſchönen Augen auf einander rich⸗ teten, die ſprechende Aehnlichkeit ihrer Geſichtszüge wahrnahmen, da glaubten ſie an ihre nahe Verwandt⸗ ſchaft, da wußten ſie, daß ihre Herzen ſchon früher bei 9 einander gelegen, und ihr Glück und ihr Entzücken darüber war gränzenlos. Doch, wer fühlte ſich ſtark genug dazu, ein ſolches Wiederſehen und Wiederfinden auf's Genauſte mit allen kleinen Einzelnheiten zu beſchreiben? Wir ver⸗ wahren uns gegen die Annahme, auch nur den Ver⸗ ſuch dazu wagen zu wollen. Laſſen wir die Glück⸗ lichen alſo allein, die Phantaſie Deſfen, der ein Herz hat, das Menſchliche und Göttliche in ſolchen Be⸗ gegnungen zu entdecken, nachzufühlen, mitzuempfinden, wird hinreichen, ihm die Aufklärungen zu geben, denen wir uns ſelbſt entziehen, da wir uns ihnen bei Wei⸗ tem nicht gewachſen dünken. Erſt nach mehreren Stunden treten wir wieder zu den Glücklichen ein. Der Abend war bereits auf den ereignißreichen Tag herabgeſunken und wir finden die 181 Familienmitglieder und Freunde bei einander verſam⸗ melt, nachdem ſie hinreichend Zeit gehabt, ihre Ver⸗ hältniſſe durchzuſprechen und ſich in ihre wunderbare Wiedervereinigung zu finden. Man ſaß bei der Abendtafel, an der diesmal nur ſechs Perſonen Theil nahmen, indem Fräulein von Baſſenitz und Willibald Stillfried im Krankenzimmer Carl Melms Geſellſchaft leiſteten, was in der Regel von jetzt an zwei der Anweſenden abwechſelnd thaten. Ulrike ſaß zwiſchen ihrer Schweſter und ihrem Oheim, dieſem gegenüber Alfred Brunſt mit Guſtav Steinau auf der einen und Heinrich Markholm auf der andern Seite, ſo daß jede der beiden Damen den jungen Mann vor ſich hatte, der ihr die wärmſte Verehrung erwies. Man war natürlich ſehr heiter an dieſem erſten Abend und Ulrike beſtritt zumeiſt die Koſten der Un⸗ terhaltung, indem ſie von ihrem früheren Leben er⸗ zählte, ihres angenehmen Aufenthalts in Hadersleben gedachte und dann auf ihre arme Pflegemutter zu ſpre⸗ chen kam, der ſie im Allgemeinen und Einzelnen das größte Lob ſpendete. „Die arme Frau!“ ſagte mitleidig Heinrich Mark⸗ holm,„was muß ſie durch das lange Zuſammenleben mit dieſem elenden Menſchen gelitten haben! Glück⸗ 182 licher Weiſe ließ er ſie viel allein und ſo lange Alwi⸗ ning bei ihr war, fühlte ſie wenig oder gar nicht, wie drückend eigentlich ihre Lage ſei.“ „Was fangen wir nun mit ihr an,“ fragte Herr von der Oehe,„wenn ihr Mann verurtheilt und in ein Gefängniß gebracht wird?“ „Natürlich nehmen wir ſie zu uns,“ erwiderte Alfred Brunſt,„und bewirken dann eine gerichtliche Trennung zwiſchen den beiden Leuten.“ „Künftig wird ſie bei uns wohnen,“ ſagte Hein⸗ rich Markholm,„nicht wahr, Alwining, darin biſt Du mit mir einverſtanden?“ Alwining nickte glückſelig lächelnd dem Geliebten zu und reichte ihm die Hand über den Tiſch hin. Der Stillſte in der Geſellſchaft war Guſtay Stei⸗ nau, und nicht ohne einen gewiſſen Neid blickte er auf den glücklichen Maler hin, der von Laune und Uebermuth ſchwoll und diesmal ſogar ſeinen Meiſter, den Herrn von Grünthal, darin übertraf. Guſtav Steinan hatte noch keine Zeit gefunden, mit Guſtava über ſeine eigenen Verhältniſſe zu reden; er wollte nicht im Sturmſchritt vorwärts dringen, ſondern mit ruhiger Ueberlegung die Perle erobern, die er auch für ſich zu erringen voll Hoffnung war. Nach Tiſche aber, als man in getrennten Gruppen im Zimmer 3 At umher ſtand und ſich von einzelnen Vorkommniſſen des Tages unterhielt, wagte er es, zu Guſtava in eine Fenſterniſche zu treten und flüſternd in traulicher Weiſe zu ſagen:„O, welch' glücklicher Tag war das heute, nicht wahr?“ „Ja,“ erwiderte ſie mit leuchtenden Augen,„ich weiß nicht, ob ich mich mehr über mein eigenes oder das Glück meines Onkels freuen ſoll. Er iſt ganz aus den Fugen gerathen und kann ſich noch immer nicht darin finden, daß er mit einem Male eine Nichte mehr auf der Welt hat. Vielleicht aber gelingt es uns, ihn noch glücklicher zu machen, indem wir ihn mit ſeinem Neffen ausſöhnen. Meinen Sie wohl, daß uns das gelingen wird?“ Guſtav Steinau lächelte heimlich und nur mit Mühe bekämpfte er den tumultuariſchen Schlag ſeines Herzens, das wie ein übervoller Strom ſeine Wellen mächtig über ſeine Ufer treiben wollte. „Ich meine wohl,“ gab er leiſe zur Antwort,„daß es uns gelingen wird; wenigſtens lauten die Nachrich⸗ ten, die ich über den jungen Mann erhalten habe, günſtig genug und Sie können ſich morgen ſelbſt da⸗ von überzeugen, wenn Sie die Güte haben wollen, den Brief zu leſen, den ich empfing und von dem ich Ihnen heute Morgen ſprach.“ 184 „Können Sie ihn mir nicht ſchon heute geben? Ich will ihn mit auf mein Zimmer nehmen und mit ſeiner Leſung den ſchönen Tag beſchließen.“ „Nein, mein gnädiges Fräulein, erſt morgen früh ſollen Sie ihn leſen. Ich möchte mir nicht die Freude verſagen, gegenwärtig zu ſein, wenn Sie das Schick⸗ ſal Ihres armes Verwandten vernehmen, der mir ſo⸗ unſchuldig an allen über ihn ergangenen Mißgeſchicken zu ſein ſcheint, wie Alwining es war, da ſie in die Hände des ſchwarzen Halling gerieth.“ „Was ſagen Sie da! Wäre es möglich!“ „Es iſt gewiß, und Herr Brunſt, der den Brief auch ſchon geleſen, ſtimmt völlig mit mir überein und giebt ſich der beſten Hoffnung hin, daß Guſtav Stei⸗ nau nicht allein die Gunſt ſeines Oheims, ſondern auch die Ihrige zu erwerben wiſſen wird.“ 3 „O— meine! Die hat er ſchon immer gehabt! Ein Frauenherz iſt in dieſer Wazihung immer leichter zu beſiegen als ein Männerherz— „Für Ihren Oheim ſtehe ich ein, wenn Sie für ſich einſtehen wollen!“ ſagte Guſtav Steinau, wider Wiſſen und Willen erröthend. „Wenn Sie Ihrer Sache ſo ſicher ſind,“ ſcherzte Guſtava,—„ich bin der meinigen vollſtändig ſicher.“ „Das wollen wir ſehen!“ rief Guſtav lauter als 185 er vorher geſprochen, ſo daß ſeine Worte von den An⸗ dern gehört wurden und Alfred Brunſt herbeizogen, der lächelnd zu den Beiden trat und fragte⸗„Was wollen Sie ſehen?“ „Herr Sternberg,“ nahm Guſtava das Wort auf, „iſt ſeiner Sache gewiß und ich bin der meini⸗ gen gewiß, nun wollen wir ſehen, wer von uns Bei⸗ den ſich irrt.“ Alfred Brunſt richtete ſeine klugen Augen auf die blühenden Geſichter der beiden jungen Leute und er verſtand augenblicklich, wovon die Rede war, wenigſtens dachte er es ſich und traf dabei den rechten Punkt, auch wenn er etwas Anderes im Sinne hatte, als wo⸗ von die Rede war:„Das weiß ich ſchon jetzt,“ ſagte er in ſeiner alten ſcherzhaften Weiſe.„Diesmal muß ich auf Herrn Sternberg's Seite treten und Sie, liebe Guſtava, haben ſich nie in einem größeren Irr⸗ thum befunden als eben jetzt.“ „O, Sie wiſſen ja gar nicht, wovon wir ſpre⸗ chen,“ erwiderte Guſtava lachend und ſchlug ihm neckiſch auf die Hand, die er ihr hinhielt. „Und Sie wiſſen ſelbſt nicht, was Sie denken,“ verſetzte er. „Wollen wir wetten, daß Sie Unrecht haben, Onkel Brunſt?“ 186 „Ja— hier iſt meine Hand. Schlagen Sie durch, Sternberg, ſo! Aber worauf wetten wir?“ „Uebertragen Sie mir Ihren Gewinn,“ ſagte Guſtav Steinau,„und dann werde ich Fräulein von Kulpen morgen den Gegenſtand der Wette nennen.“ „Ja, wenn Guſtava damit einverſtanden iſt.“ „Ich bin es,“ ſagte dieſe lachend,„ohne zu wiſſen, worauf ich wette— ſo gewiß bin ich, die Wette zu Leuüünen Das iſt jeder Wettende, ich alſo auch. Aber nein,, ic will gleich wiſſen, woran ich bin, und will obenein meinen Gewinnſt für mich behalten. Wir wetten alſo, und wenn ich gewinne und zwar dadurch, daß Sie eingeſtehen, ſich nie in einem größern Irr⸗ thum befunden zu haben als vorher, ſo verlange ich von Ihnen, daß Sie—“ „Nun was, ſo reden Sie doch—“ „Daß Sie Ihre Hochzeit auf Grünthal feiern.“ Guſtava und Guſtav Steinau lachten beide laut auf und in vollem Lachen verſprach Erſtere, die Wette auf dieſe Weiſe zu zahlen, falls ſie ſie verliere, was gar nicht möglich ſei. „So denken Sie,“ ſagte Alfred Brunſt ſchließlich, „aber was bei Ihnen unmöglich iſt, iſt zum Beiſpiel bei Herrn Sternberg vielleicht möglich.“ 187 Guſtav Steinau warf ihm einen bittenden Blick zu und der luſtige Herr ſchwieg. Bald darauf ſtellte ſich bei Herrn von der Oehe eine ſichtbare Abſpannung eeiin und auch die anderen Männer fühlten ſich mehr oder weniger ermüdet, da man nun ſchon ſeit mehreren Nächten nicht ordentlich geſchlafen und ſtets in großer Aufregung gelebt hatte. So wünſchte man ſich denn eine gute Nacht und trennte ſich bald nach zehn Uhr, um eine ſo ſüße Nacht zuzubringen, wie ſo viele Men⸗ ſchen in ſo verſchiedener Gemüthsſtimmung ſie ſelten auf der Oehe zugebracht, denn auch Carl Melms ſchlief ſanft und ungeſtört ein. Die ſüßeſte aber von Allen hatte Ulrike von Kulpen, die mit der wiedergefundenen Schweſter ein Zimmer theilte und zum erſten Mal in ihrem Leben des beneidenswerthen Gefühls ſich bewußt wurde, eine trauliche Heimat zu haben und wirklich unter den Ihrigen zu ſein; und dafür dantkte ſie in⸗ brünſtig Gott, der ihr in Heinrich Markholm einen Retter, in Alfred Brunſt einen Freund, in dem alten Herrn einen Oheim geſchenkt hatte und ihr nun eine Zukunft verſprach, wie ſie ſie in der bitteren Ver⸗ gangenheit ſich nie hatte träumen laffen. Siehentes Mapitel. Aus dem Bündniſſe wird ein Bund. Alle Bewohner des Herrenhauſes auf der Oehe ſchlie⸗ fen feſt, wie es nach ſo mühſeligen und aufregenden Tagen nicht anders zu erwarten war; auch der Kranke lag ohne Unterbrechung in jenem ſüßen Schlummer, der alle Leiden und Schmerzen dieſer Erde vergeſſen macht. Gegen Morgen jedoch trat bei einem Theile der auf der Oſtſeite des Hauſes Schlafenden eine un⸗ erwartete und peinliche Störung ein. Guſtav Steinaͤu und Heinrich Markholm, die in einem Zimmer ſchlie⸗ fen, wurden faſt zu gleicher Zeit durch ein lautes Ge⸗ räuſch erweckt. Beide glaubten ein ſtarkes Hundege⸗ bell zu hören, das in der Nähe der Scheunen begann und ſich bis nach dem Kanale hinter dem Garten hin⸗ zog. Da dasſelbe aber nach einiger Zeit wieder ver⸗ 189 ſtummte, beruhigten ſie ſich und nur Heinrich Mark⸗ holm, dem ſein plötzliches Glück in's Gedächtniß kam, vermochte nicht wieder einzuſchlafen. Eine halbe Stunde etwa mochte nach jenem Ge⸗ bell verfloſſen ſein, als er durch ein neues Geräuſch auf ungewöhnliche äußere Vorgänge aufmerkſam ge⸗ macht wurde. Man ſchlug kräftig an Herrn von der Oehe's Fenſterladen und ſprach nach einer Weile heftig und raſch in das von Innen geöffnete Fenſter hinein. Heinrich Markholm lauſchte mit angehaltenem Athem und da er einige Worte wie„Flucht“,„Ausreißer“ und dergleichen mehr zu verſtehen glaubte, ſo ſprang er raſch aus dem Bette, kleidete ſich im Fluge an und eilte die Treppe hinunter, um nähere Erkundigungen über das neueſte Ereigniß einzuziehen. Eben begann das erſte Morgengrauen die Zimmer zu lichten, deren Läden man ſchon geöffnet hatte, und im Freien herrſchte bereits jene Dämmerung, die die Umriſſe ſelbſt kleinerer Gegenſtände in der Ferne ziem⸗ lich deutlich erkennen läßt. Als Heinrich Markholm von oben herab in den unteren Hausflur trat, fand er ſchon Alles in Bewe⸗ gung. Der Gensdarm und der Statthalter waren die Lärmmacher geweſen, hatten Herrn von der Oehe, Alfred Brunſt und ſämmtliche Dienſtboten geweckt und umſtanden nun Erſteren, der mit eilfertigen Händen ſeine Toilette vervollſtändigte. „Was giebt es denn?“ fragte der Maler die heftig durch einander Redenden, die ſich in flüchtigſter Be⸗ rathung zu befinden ſchienen, und da erfuhr er denn den ganzen Hergang, der die Gemüther der Inſelbe⸗ wohner auf's Neue in Bewegung gebracht. Der Gefangene hatte die Nacht über ruhig in dem verſchloſſenen Zimmer des Strandhauſes geſchlafen oder wenigſtens zu ſchlafen die Miene gezeigt. Der Gens⸗ darm und der Statthalter hatten gemeinſchaftlich bis um ein Uhr die Wache übernommen, um dieſe Zeit aber ihre Betten aufgeſucht und den Gefangenen, den man mit Tagesanbruch nach Bergen ſchaffen wollte, zwei Knechten übergeben, auf deren Geſinnung und Wachſamkeit man ſich verlaſſen zu können glaubte. Bis um drei Uhr hatten dieſelben auch redlich ihre Pflicht erfüllt, dann aber waren ſie, von einer unbe⸗ ſiegbaren Müdigkeit befallen, eingeſchlafen und als nun der Statthalter um vier Uhr aufgeſtanden war und ſich ſogleich nach dem Strandhauſe begeben, hatte er die beiden Wachen ſchlafend und den Gefangenen nicht mehr anweſend gefunden. Daß er erſt kurz vor⸗ her entwichen ſein konnte, ergab ſein noch warmes La⸗ ger, und als man ſogleich darauf die Inſel durchſuchte, 191 fand man zunächſt kein⸗Boot am dieſſeitigen Ufer, was aus Vorſicht ſchon am Abend vorher angeordnet war, und die Fähre feſt an das Oehe'ſche Ufer ge⸗ ſchloſſen, wie es alle Nächte zu geſchehen pflegte. Aber der Statthalter und der ſofort geweckte Gensdarm be⸗ gnügten ſich nicht allein mit der Unterſuchung der Fähr⸗ ſtelle; ſie gingen den Kanal entlang bis zum Garten, durchſuchten das dichte Gehölz und fanden endlich auf der kleinen Wieſe, die ſich hinter demſelben fortzieht, die beiden Hofhunde halb todt im Graſe liegen, nebſt einem ſtarken Knüttel, mit dem ein Menſch ihre Köpfe bearbeitet hatte. Nun hegte man keinen Zweifel mehr, an dieſer Stelle war der Gefangene über den Kanal geſchwom⸗ men und hatte vom jenſeitigen Ufer aus das Weite ggeſucht. Als Heinrich Markholm dieſe einzelnen Umſtände erfuhr, ſtimmte er ſofort Herrn Brunſt bei, der auch unterdeß herbeigekommen war, daß der Strandkerl nur die Abſicht haben könne, nach Mövenort zu entwiſchen, um von dort aus zu Schiffe nach Dänemark zu ent⸗ fliehen. Hatte er doch keine Ahnung davon, daß ſeine Niederlaſſung an der Nordküſte Wittow's entdeckt war, und wo konnte er ſchneller ein Schiff bereit finden, um ihn aus dem Bereiche ſeiner Verfolger zu bringen? 192 Als Alfred Brunſt und Heinrich Markholm dieſe Vermuthung ausſprachen, faßte man raſch den Ent⸗ ſchluß, alle entbehrlichen Dienſtleute und einige Schif⸗ fer aus Schaprode die nächſte Umgebung der Inſel durchſuchen und den Entflohenen verfolgen zu laſſen, zwei Männer dagegen ſollten auf dem kürzeſten Wege nach Möwenort aufbrechen, und da ſie denſelben zu Pferde früher erreichen mußten als der Entſprungene, ſo konnte es gelingen, denſelben gerade an ſeinem letz⸗ ten Zufluchtsorte wieder zu ergreifen, noch bevor er das rettende Schiff betreten hatte. Herr von der Oehe, der von dem neuen Ereigniß überaus betroffen und in einen heilloſen Zorn gera⸗ then war, ſtimmte ohne Zaudern dieſem Vorſchlage bei, und nun bat Heinrich Markholm, ihn mit dem Gensdarmen den Ritt nach Möwenort machen zu laſ⸗ ſen, da er das einſame Haus an der Küſte kannte und vielleicht ſchon deshalb am meiſten zu dieſem Unter⸗ nehmen geeignet war, weil der Strandkerl ihn auf der Inſel nicht geſehen und alſo mit den dortigen Ver⸗ hältniſſen auch nicht in Verbindung ſtehend glauben konnte. Gelang es ihm nur, die zwei erſten Meilen ungeſehen zurückzulegen, ſo hatten ſie dem Entflohenen den Vorſprung abgewonnen und da nicht vorauszu⸗ ſetzen war, daß derſelbe den geraden Weg und die offene Landſtraße zu ſeiner Flucht wählen würde, um nicht von den Verfolgern auf der Stelle ertappt zu werden, ſo hoffte man auf dieſe Weiſe am ſchnellſten das vorgeſteckte Ziel zu erreichen. „Darf ich Ihren Schimmel benutzen?“ fragte Hein⸗ rich Markholm Alfred Brunſt, der ſeiner Meinung vollkommen beiſtimmte. „In Gottes Namen, beſter Freund, und es iſt ein herrlicher Gedanke geweſen, daß Sie zu Pferde hier⸗ hergekommen ſind.“ Kaum hatte der Maler dieſen Ausſpruch gehört, ſo machte er ſich reiſefertig, nahm raſch ein Frühſtück ein, während der Statthalter das Satteln der Pferde beſorgte und einige Knechte ſchon nach Schaprode überſetzten und die Schiffer zur Verfolgung aufriefen. „Können Sie auch reiten?“ fragte Heinrich Mark⸗ holm den Polizeibeamten, der mit ihm zugleich ſeinen Kaffee trank. „O, mein Herr, was denken Sie! Ich bin ja Unteroffizier bei den Dragonern geweſen, und ein preußiſcher Cavaleriſt, denke ich, verlernt ſein Exer⸗ eitium nicht.“ In weniger als einer Viertelſtunde wurde Heinrich Markholm's Schimmel und ein kräftiger Brauner ge⸗ bracht, der auf der Oehe gewöhnlich als Reitpferd Die Inſulaner. IV. 13 194 benutzt wurde, und zehn Minuten ſpäter, als es ſchon faſt heller Tag war, ſetzten die Männer mit den Pfer⸗ den über, nachdem ſie ſich mit Waffen hinreichend ver⸗ ſehen hatten, um für jeden Fall gerüſtet zu ſein. Als nun zwei Stunden ſpäter die Damen ihr Früh⸗ ſtück begehrten, waren ſie erſtaunt, das Neueſte zu hö⸗ ren, und nur Alwining, wie wir ſie noch immer gern nennen mögen, erſchrak, als ſie vernahm, daß ihr Hein⸗ rich ſich auf die Verfolgung des ſchwarzen Halling be⸗ geben habe. „Laß ihn, laß ihn,“ tröſtete ſie die liebliche Schwe⸗ ſter,„er wird nicht zu Schaden kommen; er i*ſt eben ſo umſichtig wie ſtark und ich glaube, daß ein gewiſſer Ehrgeiz ihn mit zu dieſem Ritte getrieben hat.“ „Wie ſo? Welchen Ehrgeiz meinſt Du?“ fragte Alwining die Schweſter. „Er beklagte ſich ſchon geſtern, daß er eigentlich nichts zu der Ergreifung Halling's beigetragen habe, und er hätte doch ſo gern dem Elenden bewieſen, daß auch er zu ſeiner Entlarvung Hand angelegt. Nun hat er die Gelegenheit wahrgenommen, liebe Ulrike, und was an ihm liegt, wird er thun, den Entſprun⸗ genen wieder zu ergreifen, verlaß Dich darauf.“ „Aber die Gefahr?“ rief Alwining lebhaft;„denkſt Du denn an die gar nicht?“ 8* 195 „Nein,“ ſagte Guſtava entſchieden,„an die denke ich nicht. Es ſind zwei kräftige Männer, die den Ent⸗ ſprungenen verfolgen und überall werden ſie Unter⸗ ſtützung finden, ſo bald ſie dieſelbe beanſpruchen. Ueberdieß erzählte ja Heinrich Markholm geſtern noch, daß Halling ein Feigling ſei, wenn er ernſtlichen Wi⸗ derſtand finde, und ſo brauchſt Du Dich ſeinethalben nicht in Sorge zu ſtürzen.“ „Du haſt Recht,“ entgegnete Alwining nach eini⸗ ger Ueberlegung,„ſo wird es ſein und daß Halling feig iſt, habe ich aus eigener Anſchauung kennen ge⸗ lernk; darum habe ich ihm ſelbſt ſo oft getrotzt, was mir ſtets nützlich geweſen iſt.“ 8 „Nun ſiehſt Du— drum mache alſo ein freudig Geſicht, wenn der Onkel kommt, und dann wollen wir einmal meine Kleider anproben, ob ſie Dir paſſen, und dann ſehen, ob Dein Heinrich Dich noch ſo lieb hat, wenn er Dich nachher in Seide wiederfindet.“ „Darüber, meine liebe Guſtava, bin ich ſchon im Voraus im Klaren. Ein Mann, der ein Mädchen im leinenen Rock und in der Tuchjacke liebt, liebt ſie ge⸗ wiß, wenn ſie in Seide einhergeht, und ich möchte wohl wiſſen, ob ein gewiſſer Herr— den ich nicht nennen will — Dich eben ſo gern ſehen würde, wenn Du meine Kleider anzögeſt, wie ich die Deinen nehme.“ 13* 196 Guſtava ſprang vom Stuhle auf und hielt ihr den Mund zu.„EStill, ſtill,“ rief ſie mit roſig erglühen⸗ den Wangen,„ſo weit ſind wir noch nicht; wenn wir aber ſo weit ſein werden“— und ſie ſeufzte tief auf bei dieſen Worten—„dann will ich einmal die Probe anſtellen.“ „Sagteſt Du mir nicht, er habe Dich für heute Morgen um eine Unterredung gebeten?“ Guſtava erröthete abermals, ja noch viel lebhafter als vorher.„O,“ ſagte ſie dann,„das betrifft eine andere Anelegenheit, das bezieht ſich nicht auf ihn ſelber.“ „Nicht? Du täuſcheſt Dich wohl. Er fängt mit einer andern an und hört mit der eigenen auf. Wie wäre es, wenn Du einmal gleich die Probe auftellteſt und wir die Kleider wechſelten? Dann können wir auch auf der Stelle ſehen, ob die Aehnlichkeit wirklich ſo groß zwiſchen uns Beiden iſt.“ Guſtava überlegte einen Augenblick, dann lächelte ſie.„Ich will einmal Deinen Rath befolgen, aber willſt Du auch den Schaden tragen, den ich nehmen könnte?“ „Gern! Mit ganzem, vollem Herzen! Wehe dem armen Weibe, das ſeinem Geliebten nicht in jeder Kleidung gefällt, und je früher man dieſe Probe an⸗ ſtellt und ſie glücken ſieht, um ſo beſſer iſt es. Komm, komm und laß uns den Verſuch wagen.“ Auf der Oehe war es unterdeſſen ziemlich ſtill ge⸗ worden. Die meiſten Männer kamen erſt gegen Mit⸗ tag von ihrer fruchtloſen Verfolgung zurück, die Damen hielten ſich in ihren Zimmern, wo das Kapitel der Toilette auf der Tagesordnung ſtand, und die beiden alten Freunde verweilten meiſt im Krankenzimmer, da Carl Melms ſie gleich nach dem Erwachen zu ſehen und zu ſprechen verlangt hatte. Er befand ſich an dieſent Morgen, nachdem er eine gute Nacht zuge⸗ bracht, leidlich und hörte mit Erſtaunen die ſo klüg⸗ lich ausgeführte Flucht des verſchmitzten Freibeuters erzählen. „Ihr werdet ſeiner doch wohl wieder habhaft werden?“ fragte er mit ſeiner jetzt ſo ſchwachen Stimme.„Wie ſchade, daß ich Euch nicht ſuchen hel⸗ fen kann!“ „Wir ſuchen ihn ja auch nicht,“ erwiderte Alfred Brunſt,„und meinetwegen könnte er, da wir von ihm erfahren haben, was wir wiſſen wollten, laufen, ſo lange und wohin er will. Aber dem Geſetz muß auch ſein Re tt geſchehen, ſagt unſer alter Herr hier, und der Kerk muß ſchon deshalb beſtraft werden, um An⸗ 198 deren zur lehrreichen Warnung zu dienen. Nicht wahr, alter Herr?“ Herr von der Oehe hatte ganz ſtill dageſeſſen und ſchien völlig in Gedanken verſunken zu ſein.„Ach,“ ſagte er,„Alles was ich in den letzten Tagen erfahren, Freude und Herzeleid, Glück und Unglück, iſt zu raſch auf mich eingeſtürmt und hat mich mürbe gemacht. Ich fühle mit einem Mal, daß ich ein alter Mann bin und ſehne mich vor allen Dingen nach Ruhe. Meinetwegen könnte er allerdings dahin laufen wo der Pfeffer wächſt, ja ich wollte ihm ſogar ſo Manches verzeihen; aber darin habt Ihr echt, dem Geſetz muß ein Genüge geſchehen, und ſo will ich mich doch freuen, wenn ihn der Markholm wieder fängt.“. „Wenn Einer es zu Stande bringt, ſo iſt er es, verlaß Dich darauf,“ ſagte Alfred Brunſt.„Er hat ein Hühnchen mit dem Kerl zu pflücken und ſicher nicht die Abfertigung vergeſſen, die er ihm eines Tages zu Theil werden ließ, als er noch Pächter von jenem Kreidebruch war. Wenn Heinrich Markholm ſich etwas in den Kopf geſetzt hat, ſo möchte ich es nicht unter⸗ nehmen, ihn davon abzubringen; er iſt ein junger Charakter, und was er im Auge hat, erfaßt er auch mit dem Herzen und den Händen, wi haben das Beiſpiel davon erlebt. Warum lachſt Du, Carling?“ „O, ich lächle blos vor Freuden, daß die alte gute Sorte, zu der Ihr auch gehört, nicht ausſtirbt. Der liebe Gott ſorgt ſchon für den Nachwuchs, und das iſt gut ſo. Männer ſind immer und überall zu gebrau⸗ chen, beſonders bei den guten Deutſchen, unter denen das weibiſche Element leider immer mehr Anbeter findet.“ In ähnlicher Art unterhielten ſie ſich an dieſem Morgen und ſpäter kam noch Willibald Stillfried hin⸗ zu, der mit auf die Verfolgung des Gefangenen aus⸗ geweſen, aber ohne irgend eine günſtige Nachricht mit den Knechten nach der Oehe zurückgekehrt war. Unterdeſſen lief Guſtav Steinau unruhig von einem Orte zum andern; er konnte die Stunde des Zwie⸗ geſprächs mit Guſtava kaum erwarten und wiederholt fragte er Metke, ob die Damen noch nicht angekleidet wären. Als Metke dies hörte, lachte ſie und auf ſeine Frage, warum? ſagte ſie, ſie wären ſchon angekleidet, ſeitdem ſie aufgeſtanden, und der Herr möge immer zu ihnen gehen, denn ſie wären außerordentlich luſtig. Auf dieſe Nachricht ließ Guſtav Steinau Fräulein von Kulpen fragen, wann ſie für ihn zu ſprechen ſei, und bald kam Metke mit der Antwort zurück, in einer 200 halben Stunde werde das gnädige Fräulein ihn im Garten erwarten. 1 So war denn der Würfel gefallen und in freudi⸗ ger Haſt eilte Guſtav ſchon viel früher an den Ort der Zuſammenkunft, als er dahin beſchieden wor⸗ den war.. Jetzt erſt blickte er auf und war im Stande, zu bemerken, was um ihn her geſchah. Es war ein herr⸗ licher Morgen. Alle trüben Wolken, die geſtern noch den Himmel und die See ſo düſter gefärbt, waren verſchwunden und das reinſte Blau glänzte in den Höhen und ſpiegelte ſich auf der ruhigen Fluth ab. Ach, und der September, der lieblichſte Monat auf Rügen, begann mit einer Wärme und Friſche, wie ſie nur der Mai im tiefen Süden hat, und ſtimmte da⸗ durch unſern Freund glücklich und froh, als ob der Sonnenſchein und der blaue Himmel auch in ſeine Bruſt eingezogen wären. Als er eben wohl zum zwanzigſten Mal den lan⸗ gen Hauptweg des Gartens hinabſchritt, hörte er hin⸗ ter ſich die Gatterthür knarren und als er ſich um⸗ 1 wandte, erblickte er Alwining, die mit ihrem leichten Gange, im kurzen runden Röckchen und mit der dunk⸗ len Tuchjacke bekleidet, die ſie beſtändig trug, mit munterem Lächeln auf ihn zugeſchritten kum. 201 Als Guſtav Steinau das ſchöne blaßblonde Haar, das in reichen Flechten um Hals und Nacken fiel, und das anmuthig getragene Köpfchen mit den lichten En⸗ gelsaugen und den zartgefärbten Wangen vor ſich ſah, ſagte er zu ſich:„Ah! Hübſch iſt ſie, oder vielmehr ſchön— der Heinrich hat fürwahr einen guten Ge⸗ ſchmack an den Tag gelegt!“ Und mit dieſem Ge⸗ danken ſchritt er der Ankommenden langſam näher, der gegenüber er ſich etwas fremd fühlte, da er ſie erſt einen Tag lang kannte. Als Alwining aber ziem⸗ lich nahe gekommen war, ſah er, wie ſie ihr lachendes Geſicht hinter einem Tuche verbarg und, nicht wiſſend, was dieſe Fröhlichkeit bedeuten ſolle, begrüßte er ſie, indem er den Hut abnahm und ihr einen guten Mor⸗ gen wünſchte. „Guten Morgen, Herr Sternberg, Sie haben mich gerufen und hier bin ich.“ Guſtav Steinau hob verwundert den Kopf in die Höhe. War das die Stimme Alwining's, die er hörte, oder täuſchten ihn ſeine Augen, die Guſtava doch ſo gut zu kennen glaubten? Er wußte es in der That auf der Stelle nicht zu entſcheiden, denn die Aehnlich⸗ keit Beider war täuſchend und auf den erſten Blick aus der Ferne hatte er überſehen, daß die Geſtalt vor ihm etwas ſchlanker und die Geſichtsfarbe des reizen⸗ 202 den Kopfes um einen Grad bleicher war, als die Ge⸗ liebte ſeines Freundes ſie zeigte. „Mein Gott,“ ſagte er, mit dem Hut in der Hand ſtehen bleibend,„ich bin ganz irre geworden. Sind Sie Guſtava oder Ulrike von Kulpen— ich weiß es in Wahrheit kaum zu ſagen.“ Jetzt lachte Guſtava laut.„Ich bin es diesmal, mein geehrter Herr,“ rief ſie fröhlich,„und Sie müſſen für heute ſchon mit Guſtava verlieb nehmen, wenn Sie vielleicht Ulrike erwartet hatten. Aber ſagen Sie, wie gefalle ich Ihnen in meiner Schweſter Tracht? Ich habe ſie blos gewählt, um zu erkunden, ob wir uns wirklich ſo ähnlich ſehen, daß man uns verwech⸗ ſeln könnte.“. „Ich habe Sie wirklich verwechſelt— und wie Sie mir gefallen?“ fragte Guſtav Steinau, indem er einen Augenblick ſtill ſtand und einen warmen Blick über ſeine ſchöne Gefährtin ſchweifen ließ.„Soll ich Ihnen darauf wirklich eine Antwort geben? O, nun gut denn, aber verzeihen Sie mir, wenn ich, völlig unvorbereitet auf dieſe Frage, mich vielleicht anders ausdrücke, als Sie erwartet haben: Sie gefallen mir ſo gut, wie Alwining Heinrich Markholm gefiel, als ſie ihm zum erſten Mal in der Kieler Schlucht in dieſer Kleidung vor Augen trat.“ — 4 203 Guſtava ſchwieg und ſenkte das blühende Geſicht verlegen auf die Bruſt herab. „Wie!“ rief er lebhaft.„Sie ſchweigen? Habe ich Sie verletzt?“ „Nein,“ verſetzte Guſtava ruhig,„aber laſſen wir jietzt noch den Scherz bei Seite; wie mich dünkt, kamen wir um einer ernſten Angelegenheit willen zuſammen und nun alſo mit einem Wort— wo ha⸗ ben Sie den Brief, den Sie mich leſen zu laſſen ver⸗ 5 ſprachen?“ „Sie werden ihn ſogleich erhalten,“ erwiderte Gu⸗ ſtav Steinau,„zuvor aber habe ich eine Bitte. Hier im Garten möchte man uns zu oft ſtören, jeden Au⸗ genblick tritt eine Magd oder ein Anderer herein. Laſſen Sie uns an jene ſchöne Stelle auf Gottes freiem Felde gehen, wo wir eines Tages ſaßen und Sie mir Ihre Heimat, die Stadt Bergen, zeigten, in dem Augenblick, als ihre Fenſter im Strahle der un⸗ terſinkenden Sonne blitzten— ein ſo ſchönes Bild, daß ich es ſeit damals nie wieder habe vergeſſen können.“ Guſtava verfärbte ſich. Auch ſie erinnerte ſich ſehr lebhaft jenes Tages, an welchem ſie mit Paul Sternberg das Bündniß ſchloß, it ihm zu wirken für die zuufindnng ihres Vetters und ſeine Ausſöh⸗ 204 nung mit dem Oheim, der ihn von ſeiner Schwelle und ſeinem Herzen verwieſen hatte. „Ja“, ſagte ſie langſam,„laſſen Sie uns dahin gehen; auch ich ſitze gern auf dem grünen Walle mit der weiten Fläche vor Augen, die Häuſer und Bäume ſchmücken und mit meinem lieben Bergen und ſeinem Thurm in der Ferne. Kommen Sie, heute ſteht er gewiß nicht auf dem Kopf und wir wollen nicht wie⸗ der darüber unſere Gloſſen machen, wie damals, kom⸗ men Sie.“ 2 Langſam und faſt ohne mit einander zu reden, da Jedes von ihnen wohl mit ſeinen eigenen Gedan⸗ ken vollauf beſchäftigt war, ſchritten ſie über das feuchte Gras, das die Strahlen der Morgenſonne noch nicht trocken geküßt hatten, ihrem Ziele zu und erſt als ſie den wohlbekannten Platz erreicht hatten, an dem ihre Gefühle zum erſten Mal die Maske des conventionellen Zwanges abgeſtreift, blieben ſie ſtehen, ſchauten ſich eine Weile zweifelhaft an und nahmen endlich auf einer trockenen Stelle Platz, die einen angenehmen Ruheſitz bot. Rings um ſie her herrſchte das tiefſte Schweigen, kein Menſchenauge beobachtete ſie, nur die Grille zirptes im Graſe, 3 hie und da ſchwang ſich ein kleiner Vogel zwitſchernd durch die würzige Luft und die 205⁵ ſtillen Wellen des Meeres rauſchten ihre geheimniß⸗ volle Muſik zu ihnen heran. „So ſind wir denn an meine Lieblingsſtelle ge⸗ langt,“ ſagte Guſtav Steinau ſo ruhig, wie es ihm möglich war,„an eine Stelle, die mir die Erinnerung an unſre erſte Unterhaltung ſo werth und theuer ge⸗ macht hat. Hier, Fräulein von Kulpen, verſprach ich Ihnen, mich des Schickſals Ihres armen Verwandten anzunehmen, ſeinen Spuren nachzugehen und Ihnen die Reſultate meiner Bemühungen mitzutheilen. Nun denn, ich habe Wort gehalten, oder vielmehr das Glück hat mich wunderbar begünſtigt, und ich bin im Stande, Ihnen ein ziemlich klares Bild von den Ver⸗ hältniſſen Ihres Vetters vor Augen zu legen. Sehen Sie hier: dieſen Brief ſandte mir ein Freund, den ich um Aufſchluß bat, und in dem Briefe, der von der Hand Ihres Vetters herrührt, ſpricht derſelbe ſich ſelbſt das Urtheil, das wir, wenn wir es geleſen haben, hoffentlich beſtätigen können. Es iſt gleichſam die Geſchichte ſeines ganzen Lebens und dies Leben ſcheint 4* mir in der That bis zur Stunde kein beneidenswer⸗ thes geweſen zu ſein. Leſen Sie ruhig und geduldig den langen Brief; ich werde ſo lange ſtill an Ihrer Seite ſitzen und die Minuten nicht für verloren er⸗ , die ich in der Hoffnung z nge, mit Ihnen 206 über einen und denſelben höchſt wichtigen Punkt in Uebereinſtimmung zu ſein.“ Mit dieſen Worten reichte er ihr den ſchon mehr⸗ mals erwähnten Brief hin, in dem er wohlweislich die Namen ſeiner Freunde ausgelöſcht hatte, um Guſtava nicht zu früh ſich ſelbſt zu verrathen. Guſtava nahm den Brief raſch in Empfang und ſchlug ihn mit bebenden Händen auseinander. Da die Handſchrift deutlich war, ſo las ſie ſie leicht und flüchtig, aber je länger ſie las, um ſo eifriger wurde ſie, um ſo lebhafter glühten ihre Wangen auf und um ſo theilnehmender ſchlug ihr Herz dem Schickſal des ſo lange Verwaiſten entgegen. Faſt wollte es den ſtill neben ihr Sitzenden und ſie aufmerkſam Beobachten⸗ den dünken, als ob ſie über den Inhalt des Briefes ſeine eigene Anweſenheit vergäße, aber ſtatt ſich dar⸗ über zu beunruhigen, frohlockte er innerlich und gab ſich dem kommenden Augenblick mit um ſo ſtrahlen⸗ derer Hoffnungswärme hin. Endlich war die Leſende fertig, aber noch gab ſie den Brief nicht zurück, immer wieder durchflog ſie einige Zeilen deſſelben und als ſie ihn endlich lang⸗ ſam zuſammenfaltete, drückte ſie feſt ihre ſchönen Hände. darauf und ſah mit thränenden Augen und ächt weib⸗ licher Rührung vr ſich hin, als wollte ſie aus den 207 Nebeln der vor ihr liegenden Ferne das klare Ver⸗ ſtändniß ihrer Gefühle ſich entwickeln laſſen. „Nun“, begann Guſtav Steinau endlich mit ſanft bewegter Stimme,„was ſagen Sie nun? Sind Sie mit den Erfolgen meiner Bemühung zufrieden und über den verlorenen Sohn beruhigt, den man ſo oft ungerechter Weiſe einen Ungerathenen und Undank⸗ baren genannt hat?“ „Herr Sternberg!“ rief Guſtava mit halb erſtick⸗ ter Stimme.„Sie hatten Recht, man darf nie vor⸗ ſchnell über das Weſen eines Menſchen urtheilen, deſſen Schickſal man nicht aus eigener Anſchauung kennt. Mein armer Vetter! Was mag er nicht gelitten haben und wie ſchwer haben wir uns Alle verſündigt, die wir ihn zu den Verlorenen zählten. O, er iſt edel, wie alle Oehes, und von ſeines Vaters Weſen iſt keine Spur, weder in ſeinem Geiſte, noch in ſeinem Herzen zu finden,— nach dieſem Briefe zu urtheilen. Doch, man muß wieder gut zu machen ſuchen, was man verabſäumt hat, und ich glaube, mich wenigſtens wird man dazu bereit finden. Ja, ſelbſt mein Onkel, wenn er dieſen Brief lieſt, muß ſeinen Widerwillen verſchwinden fühlen und ſein Herz dem einzigen männ⸗ lichen Sprößling ſeiner alten Familie zuwenden. Laſſen Sie uns jetzt ſchnell eine Vereinbarung treffen, was 208 wir thun können, um meines Vetters äußere Verhält⸗ niſſe zu erleichtern und zu verbeſſern, vor allen Din⸗ gen aber, glaube ich, müſſen wir meinem Onkel dieſen Brief in die Hände ſpielen.“ Guſtav Steinau ſah die lebhaft Redende mit einem unausſprechlich wehmüthigen, dankbaren und doch glück⸗ lichen Lächeln an.„Ja“, ſagte er,„das mußte na⸗ türlich das Erſte ſein und glücklicher Weiſe iſt dieſer Verſuch gelungen— erfahren Sie alſo von mir, daß Ihr Onkel dieſen Brief ſchon geleſen hat.“ „Wie“, rief Guſtava mit einer haſtigen Bewegung und der Miene des höchſten Staunens,„er hat ihn ſchon geleſen? Und noch eher als ich? Aber wie kam das— was hat er geſagt, gethan— o bitte, reden Sie ſchnell, denn Sie ſehen, in welche Aufregung mich dieſe unerwartete Mittheilung verſetzt.“ „Ihr Onkel“, fuhr Guſtav Steinau bedachtſam und doch leiſe bebend fort,„hat den Brief mit gro⸗ ßem Antheil geleſen; und als er fertig war, hat er damit begonnen, daß er in Gedanken wenigſtens den Neffen an ſein Herz ſchloß und ihm Alles verzieh, was deſſen unglücklicher Vater ihm ſelbſt Böſes gethan.“ „O mein Gott!“ rief Guſtava mit ſchwimmenden Augen.„Welche köſtliche, unerwartete Mittheilung machen Sie mir da! Er, er hat ihn an ſein Herz 209 geſchloſſen? Ach, dann kann ich es ja auch im Geiſte thun, wonach mein Herz ſchon ſo lange ſehnlichſt ver⸗ langt. Er hat es hundertfach verdient und wir haben viel Liebe aufzuwenden, ehe wir ihm den Kummer vergeſſen machen, den er ſo lange um uns in ſeiner edlen Seele getragen hat.“ „Ja, das hat er, Kummer hat er genug gehabt und Schmerzen, wie ſie glücklicher Weiſe nur Wenigen auf dieſer ſchönen Erde beſchieden ſind. O, wenn er doch Ihre Worte, die Sie eben geſprochen, hören könnte, wie glücklich würde er ſein! Denn er war nichts als das unſchuldige Opfer eines unſeligen Fa⸗ milienzwiſtes. Schon bevor er noch denken und em⸗ pfinden konnte, war er zum Dulden verurtheilt und Schritt vor Schritt hat er ſich durch das Leben käm⸗ pfen müſſen, ſelbſt ohne die Hoffnung hegen zu dürfen, daß ſein Schickſal einſt eine beſſere Geſtaltung anneh⸗ men würde. Nicht wahr?“ „O, wie ſchön Sie das ſagen und mit welcher ſichtlichen Herzenstheilnahme. Sie ſprechen aus mei⸗ ner Seele und ich bin Ihnen unendlich dankbar für Ihre wohlwollende Geſinnung gegen meinen armen, armen Vetter. O, o! Wir waren ſo reich, wußten nicht, was wir mit unſerm Ueberfluß anfangen ſollten, und er darbte, litt Noth, arbeitete mit Kopf und Hand, Die Inſulaner I1V. 14 um ſich das Nothwendigſte zu erringen und ward dennoch verkannt— o wie tief bewegt mich das!“ „So mag es wohl Vielen ergehen,“ ſagte Guſtav Steinau wehmüthig,„und manche Stunde in unſerm Leben würden wir in Trauer verbringen, wenn uns das Unheil bekannt wäre, was über ſo vielen ähnlichen unglücklichen Opfern ſchwebt.“ „Ja, o ja! Aber nun ſagen Sie mir, wie ſind Sie zu dieſem Briefe gekommen? Wie hat Ihr Freund den Armen ausfindig gemacht?“ „Soll ich Ihnen das umſtändlich erzählen?“ „Ja, ja doch— o beeilen Sie ſich!“ „Ah,“ ſagte Guſtav Steinau mit nachdenklichem Ernſte,„das iſt eine lange und ſeltſame Geſchichte und ich will ſie Ihnen lieber ein andermal erzählen. Jetzt, jetzt laſſen Sie uns vielmehr über Diejenigen ſpre⸗ chen, die ſo lange Ihres Vetters Wohlthäter geweſen ſind, ohne daß er eine Ahnung davon hatte, wer ſie waren, noch warum gerade ſie die Stelle ſeiner natür⸗ lichen Verwandten vertraten.“ „Sie haben Recht! O das war eine großartige Handlung uneigennützigſter Menſchenliebe. Giebt es denn wirklich noch ſolche Menſchen auf der Welt? O, wo und wer mag der Mann ſein, der uns Allen ſo viel Gutes wider unſer Wiſſen erwies?“ 211 „Ja, es giebt wirklich noch ſolche Menſchen auf der Welt und das zu denken, davon überzeugt zu ſein, iſt allein ſchon ein großer Troſt. Aber, mein Fräu⸗ lein— wir dürfen nicht Einem allein dankbar für ſeine Hülfe ſein— es waren ihrer Zwei, die Ihrem Vetter halfen.“ „Zwei?“ fragte Guſtava verwundert.„Und Sie ſagen das mit ſolcher Rührung, ſolchem innigen Mit⸗ gefühl? Kennen Sie ſie denn?“ „Gott ſei Dank, ja, ich kenne ſie und wenn Sie ſie auch kennen lernen wollen, ſo blicken ie ſc. um, ſie ſind Ihnen nahe.“ Guſtava nahm dieſe Worte buchſtä Sie blickte ſich raſch in der ganzen ſtillen Umgebung um, da ſie aber Niemand gewahrte, wandte ſie ſich wieder zu Guſtav Steinau und ſagte:„Sie ſcherzen, es iſt Nie⸗ mand hier.“ „Nein, ich rede im Ernſt— nur habe ich figür⸗ lich geſprochen. Allerdings, dieſe Männer ſind nicht hier bei uns, doch in unſrer Nähe— ſehen Sie da⸗ hin— in jenem Hauſe athmen und wirken ſie, vor wie nach.“ „In jenem Hauſe? In meines Onkels Hauſe? Wen meinen Sie?“ „Ich meine,“ ſagte Guſtav Steinau laut und mit 14* 212 dem wahren Ausdruck einer vom Herzen ſtammenden Dankbarkeit, ich meine Carl Melms und Alfred Brunſt.“ „Herr Sternberg! Wäre es möglich! Wie haben Sie das erfahren?“ „Sie haben es endlich ſelbſt eingeſteßen müſſen, nachdem ſie nicht länger den ſprechendſten Beweiſen ausweichen konnten, und ſie haben ihr Thun damit beſchönigt, daß ſie ſagten, ſie hätten es nur gethan, weil ſie im Stillen gewußt, daß Ihr Onkel ihr Thun gutheißen würde, da ſein Herz weicher und großmüthiger ſei, als er es ſelbſt einzuräumen pflege. 4 „O wie großmüthig und ſchön! Die Edlen! Das iſt eine ſeltſame Freundſchaft, die dieſe Männer von jeher an den Tag gelegt haben und noch immer an den Tag zu legen fortfahren. O, ich habe ſie immer für herrliche Menſchen und wahre Freunde meines Onkels gehalten, aber daß ſie ſich ſo um unſre ganze Familie verdient machen würden, das— das habe ich nicht gedacht.“ „Wenn Sie das ſchon ſagen, was ſoll ich denn erf ſagen?“ „Wie ſo denn Sie?“ „Nun ja, ich— denn ich bin es ja, auf den ſie alle Wohlthaten gehäuft!“ „Sie? Herr Steruberg!“ 213 Guſtav Steinau ſchüttelte ſanft den Kopf und blickte der ſchönen, von Rührung tief ergriffenen Dame mit unausſprechlicher Seligkeit in's Geſicht—„So heiße ich nicht,“ ſagte er leiſe—„ich heiße vielmehr anders! Und Sie— ſollten Sie es noch nicht errathen?“ Da ging eine unbeſchreibliche Bewegung in Guſtava's ſchon lange erglühendem Innern vor. Sie ließ einen lauten Schrei der Freude, des Entzückens hören und wußte in der erſten Aufwallung kaum, wo ſie ihre Hände laſſen ſollte. „Guſtava,“ ſagte da Guſtav Steinau warm und innig, indem er ſich vom Boden erhob,„Sie haben vorher geſagt, Sie möchten Ihren Vetter im Geiſte an Ihr Herz ſchließen— hier ſteht er vor Ihnen, nun können Sie es in Wirklichkeit thun.“ Guſtava ſprang auch auf. Von namenloſem Stau⸗ nen ergriffen, und indem ihr holdes Antlitz vom Strome ihrer innerſten Gefühle überfluthete, that ſie einen Schritt vor, und erkennend, wie lange ſie blind ge⸗ weſen war, öffnete ſie weit ihre Arme und ſchloß ihren endlich gefundenen Vetter lange und innig an ihre Bruſt. Als ſie ihn aber dann wieder loslaſſen wollte, um die leiſe rinnenden Thränen von ihren Wangen zu wiſchen, hielt er ſie mit ſtarkem Arm feſt.„Noch nicht, Guſtava,“ ſagte er innig,„noch lange nicht laſſe ich 214 Dich— erſt mußt Du mir ſagen, ob Du im Stande biſt, die Gefühle, die Du als Verwandte zu mir hegen wirſt, mit denen zu verſchmelzen, die Du für Paul Sternberg zu haben ſchienſt, und beide zu einem ein⸗ zigen Gefühle zu erhöhen, einem Gefühle, welches dem gleichkommt, das ich immer für die ſchöne Guſtava von Kulpen empfunden hatte, von dem erſten Augenblicke an, wo ich ſie, ohne zu wiſſen wer ſie war, in der Kloſterkirche zu Bergen ſah?“ „O theuerſter Vetter!“ rief Guſtava wonnig er⸗ röthend und glückſelig erbebend.„Wer ſagt Dir, daß ich Gefühle irgend welcher Art für Paul Sternberg hegte?“ „Wer mir das ſagt? Mein Wunſch, meine Hoff⸗ nung, meine Liebe zu Dir, die ich auch in Deinem Auge, wenngleich in ahnungsvoller Ferne, ſich wieder⸗ ſpiegeln zu ſehen glaubte.“ Da ſank Guſtava's Kopf auf ihren Buſen nieder, der ſich doll der ſeligſten Empfindung hob.„Ob ich Sternberg liebte,“ ſagte ſie leiſe und ohne ihren Vetter anzuſehen,„ich wußte es vielleicht ſelbſt bis jetzt nicht,— daß ich ihn aber jetzt liebe, das weiß ich nun gewiß, und wenn dieſe doppelte Liebe Dich be⸗ glücken kann, ſo geſtehe ich ſie Dir ein— ja, Guſtav Steinau, ich liebe Dich!?“ * 215 4 Noch lange, lange blieben die Glücklichen auf ihrem einſamen Raſenhügel ſitzen und theilten ſich die Ent⸗ wicklung ihrer Empfindungen und Ihrer Schickſale mit. Als ſie aber endlich gegen Mittag Arm in Arm nach dem Herrenhauſe der Oehe zurückkehrten, b gegneten ſie vor der Thür Alfred Brunſt, der von ähre des Weges daherſchritt. Er blieb verwunderk ſtehen und konnte nicht begreifen, wie es kam, daß Guſtav Steinau mit Alwining ſo zärtlich und glücklich von einem Spaziergange zurückkehrte. „Nun,“ rief er ihnen zu,„was hat es denn da für Geheimniſſe gegeben?“ Aber die vermeintliche Alwining antwortete ihm auf eine ſehr eigenthümliche Weiſe. Laut aufjauchzend flog ſie auf ihn zu und, ihre Arme um ihn ſchlingend, rief ſie jubelnd:„Onkel Brunſt, Onkel Brunſt— ſo ſollen Sie von heute an auch bei mir heißen— ich bin nicht Alwining, wie Sie denken, ich bin— ja ich bin die glückliche Guſtava, die hier ihren Guſtav gefun⸗ den hat.“ „Ah,“ entgegnete Alfred Brunſt lächelnd, dem ſo zu ſagen ein Licht aufging, als er dieſe aufgeregten glücklichen Geſichter ſah,„Sie ſind es, Guſtava? Nun bei Gott, man muß ſtets eine Laterne bei ſich führen, um Sie von Ihxer Schweſter zu unterſcheiden. Alſo 216 Sie haben Ihren Guſtav gefunden! Nun denn, wer hat die Wette gewonnen, die wir geſtern eingingen? Wußten Sie geſtern wirklich, was Sie zu wiſſen dach⸗ ten, oder geſtehen Sie ein, ſich geirrt zu haben?“ „Onkel Brunſt,“ erwiderte ſie, ihm beide Hände herz⸗ lich e„ich erkläre mich für völlig beſiegt, Sie haben gegen alle Erwartung die Wette gewonnen.“ „So, ſo! Dann darf ich alſo hoffen, daß Ihre Hochzeit auf Grünthal gefeiert wird?“ Sie antwortete nicht, und um ſo weniger, da er einmal wieder ſein altes herzliches Gelächter erſchallen ließ. Tief erröthend lief ſie auf das Haus zu, ver⸗ ſchwand hinter der Thür und flog in ihr Zimmer. Da aber kam ihr die wirkliche Alwining entgegen. Als dieſe ihr glühendes Geſicht, ihre glänzenden Augen und das glückſelige Lächeln ſah, welches dieſes ganze, an ſich ſchon roſige Geſicht wie mit Sonnenglanz ver⸗ klärte, hob ſie freudig lächelnd ihr Auge auf. „Nun, Guſtava,“ fragte ſie leiſe,„wie iſt die Probe ausgefallen?“. Die Schweſter flog an ihre Bruſt, drückte ſie ſelig an ſich und rief:„Gott ſei Dank, ſie iſt günſtig aus⸗ gefallen— und jetzt ſage ich, wie Du es vorherge⸗ ſagt: Guſtav Steinau iſt für mich Dein Heinrich Markholm geworden.“ 24 „Guſtav Steinau? Ich denke, er heißt Paul Stern⸗ berg? ¹ „Guſtav Steinau heißt er, meine Liebe! O, Du haſt noch gar keine Ahnung von dem Glück, welches Dir mit mir zugleich in der Perſon dieſes Guſtav Steinau zugefallen iſt. Wir haben nicht allein Jede einen Bräutigam, Du einen Onkel und mich— und ich eine Schweſter, ſondern unſer Onkel hat auch einen Neffen— und wir Beide einen Vetter gefunden!“ Und nachdem ſie der Staunenden, der das eigen⸗ thümliche Verhältniß noch lange nicht zugänglich war, das Geheimniß auseinandergeſetzt, lief ſie zu dem alten Oheim, der bei Carl Melms ſaß, um auch ihm zu danken und zu eröffnen, was für ein Glück ihr auf⸗ geblüht und daß ſie geneigt ſei, mit dem Geliebten ihrer Seele nicht allein das große Vermögen zu thei⸗ len, welches ihr durch die Gunſt des Schickſals ſchon lange zugefallen war, ſondern auch Herz und Sinn und Alles, was dem Menſchen der gütige Vater im Himmel gegeben. Achtes Mnpitel. Wie der ſchwarze Halling grau und der wilde Strandkerl zahm wird. Da es Heinrich Markholm und ſeinem Begleiter darauf ankam, ſo ſchnell wie möglich und jedenfalls noch vor dem Flüchtling am Möwenort einzutreffen, falls der⸗ ſelbe der allgemeinen Vermuthung zufolge ſeinen Weg dahin richten ſollte, ſo wählten die Reiter den kürze⸗ ſten Weg nach der Wittower Fähre und erreichten dieſelbe ohne jeglichen Aufenthalt etwa in einer Stunde, ohne die geringſte Spur des Verfolgten wahrgenom⸗ men zu haben. Dem Fährmanne aber, dem ihre Eile auffiel, nahmen ſie das Verſprechen ab, vor Jeder⸗ mann es geheim zu halten, daß ein berittener Gens⸗ darm nach Wittow übergeſetzt ſei, Niemanden aber den Uebergang zu verwehren. — 219 Wigrend der Ueberfahrt hatten ſich die Pferde verſchnauft und ſo konnten die Reiter im raſcheſten Trabe ihren Weg am Lande fortſetzen. Indeſſen brauchten ſie jetzt nicht mehr zu befürchten, von dem Strandkerl überholt zu werden, da nicht anzunehmen war, daß auch er den gewöhnlichen und kürzeſten Weg nach Wittow gewählt habe, und ſo waren ſie ziemlich ſicher, lange vor ihm an dem Orte anzukommen, wo er die ſicherſte Hülfe zu ſeiner weiteren Flucht zu finden erwarten konnte. Die zwei Meilen bis Nonnewitz legten ſie in zwei Stunden zurück und es war etwa halb neun Uhr Mor⸗ gens, als ſie ihre Pferde in den Stall zogen, ſie der beſten Wartung anvertrauten und den Wirth des Kru⸗ ges baten, ihre Ankunft vor Jedermann geheim und den ganzen Tag über ein Fuhrwerk bereit zu halten, um es ihnen nach Möwenort nachzuſenden, ſobald ſie deſſelben bedürftig ſein ſollten. Nachdem ſo alle Vorkehrungen getroffen waren, deren ſie vor der Hand benöthigt ſein konnten, ſetzten ſie in ruhiger Stimmung ihren Weg nach dem Strande zu Fuße fort und nun entwickelte Heinrich Markhölm dem Gensdarmen den Plan, den er ſich unterwegs bereits ausgedacht hatte. Da in der Nähe des Stumper'ſchen Hauſes kein 220 anderes Unterkommen zu finden war, als in der Hütte der armen Derling, deren guten Willen Alfred Brunſt dem Maler angedeutet hatte, ſo rieth Letzterer dem Gensdarmen, ſich bei derſelben ſo lange aufzuhalten, bis er einen verdächtigen Mann dem Möwenorte ſich nähern ſähe. Zur genaueſten Beobachtung der ganzen Umgebung eignete ſich übrigens die Hütte ganz vor⸗ trefflich, denn ſie lag auf einem Hügel, der die ganze umliegende Fläche beherrſchte, und alle Wege, die nach Mowenort führten, konnten von hier aus beſtrichen werden. Heinrich Markholm ſelbſt wollte ſich in das Haus Stumper's begeben, dort ruhig im Zimmer ſitzen bleiben und ſo die Ankunft des Flüchtlings erwarten. Der Gensdarm fand dieſen Plan vortrefflich, un⸗ terließ aber nicht, den küͤhnen Maler darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, daß er, falls der Flüchtling in ſein Haus einträte, der Gewalt deſſelben für's Erſte allein preisgegeben ſei. 3 „O,“ erwiderte Heinrich Markholm mit ſeinem natürlichen Muthe,„darum kümmern Sie ſich am wenigſten. Ich bin dem Spitzbuben vollſtändig ge⸗ wachſen, wenn er eine Gewaltthat gegen mich verſu⸗ chen ſollte; indeſſen glaube ich das nicht. Er wird jetzt an nichts als an ſeine Flucht denken und da er auf meine Begegnung unvorbereitet iſt, ich aber auf 221 4 alle Fälle gerüſtet bin, ſo wird die Uebermacht jeden⸗ falls auf meiner Seite ſein. Indeſſen, wie geſagt, ich befürchte keinen Angriff von ihm; er weiß nicht, daß ich mit der Oehe in Verbindung ſtehe, und hegt alſo keinen Verdacht, in welcher Abſicht ich ſein Haus be⸗ treten habe. Auch beſteht zwiſchen uns von früherer Zeit her, wie ich Ihnen mitgetheilt, ein gewiſſes Ver⸗ hältniß und ſo wird er mich aus einem ganz anderen Grunde nach Möwenort gekommen glauben. Gehen Sie alſo ruhig in die Hütte dort; ich werde Herrn Stumper ſchon ſo lange beſchäftigen, bis ich Sie kom⸗ men höre, und dann wird die Stunde ſeiner Feſtneh⸗ mung geſchlagen haben.“ Bevor die beiden Männer ſich trennten, warfen ſie noch einen Blick auf das Meer. Kein Schiff lag in der Nähe und weit und breit war ſogar kein Boot zu ſehen. Nur unten bei den Steinen war ein ſolches auf den Strand gezogen, indeſſen lagen die Segel im Hauſe und ſo mußte der Strandkerl jedenfalls erſt ſeine Wohnung betreten, bevor er an die Flucht zu Waſſer denken konnte. So trennten ſich denn die beiden Männer; der Gensdarm ſuchte Frau Derling in der Hütte auf und Heinrich Markholm ſchritt heiteren Sinnes auf Stum⸗ per's Haus zu, um zuerſt die arme Frau zu begrüßen 222 die gewiß mit großer Herzensangſt ihre Einſamkeit ertrug. Nachdem der Maler ſich nun mit einer Hand voll wuchtiger Steine bewaffnet, um damit die biſſigen Hunde zu empfangen, ſchritt er den Hügel hinab in die Schlucht und dem abgelegenen Hauſe zu. Es lag noch ſo ruhig da, wie an dem Tage, da er es mit Alwining verlaſſen hatte und kein Menſch, weder ein Arbeiter, noch das böſe alte Weib war zu ſehen, wel⸗ ches Stumper ſeiner Frau und Tochter zur Dienerin zu überweiſen ſo ſchlau geweſen war. Da aber zeigten ſich zuerſt die beiden Hunde. Sie erhoben ein endloſes Gekläff, als ſie des Fremden an⸗ ſichtig wurden, und ſtürzten mit wüthendem Zähne⸗ fletſchen auf ihn los. Heinrich Markholm jedoch ver⸗ ſtand ſchon mit ihnen umzugehen und ein paar gut gezielte Steinwürfe befreiten ihn von ihrer unwirth⸗ lichen Nähe. Gleich darauf ſprang er die Stufen zu der Hausthür empor, klopfte kräftig an und wenige Augenblicke ſpäter erſchien Frau Halling am Fenſter, um nachzuſehen, wer ihre Einſamkeit ſtöre. Als ſie aber des treuen Freundes und Beſchützers ihrer Alwining anſichtig ward, ſtieß ſie einen lauten Schrei des Schreckens und zugleich auch der Freude aus. „Herr Markholm, Herr Markholm!“ rief ſie, an 3 22 n die Thür ſtürzend und ſie aufriegelnd,„Sie ſind es ſchon wieder? O mein Gott, was iſt geſchehen— iſt der Alwining etwas Schlimmes begegnet?“ Heinrich Markholm nöthigte die Frau raſch in's Zimmer und beruhigte ſie mit einigen tröſtlichen Wor⸗ ten.„Nein, nein,“ ſagte er,„fürchten Sie nichts für Alwining. Sie iſt geborgen, ein für alle Mal, und Niemand wird jemals wieder eine Hand an ſie legen, da ſie bei den Ihrigen iſt. Aber nun, Frau Halling, ſagen Sie mir geſchwind, ſind wir allein? Wo iſt das alte Weib, das Ihnen Halling zur Beaufſichti⸗ gung aller Ihrer Schritte gegeben hat?“ „Sie iſt ſchon ſeit zwei Stunden nach Wiek ge⸗ gangen, um Einkäufe zu machen, und kommt erſt ſpät am Nachmittag wieder.“ „Das trifft ſich herrlich— wir ſind alſo allein im Hauſe?“ „Ganz allein— aber mein Gott, ſo reden Sie doch, denn nach Ihrer ſo unerwarteten Rückkehr zu ſchließen, muß etwas Wichtiges vorgefallen ſein.“ „Das iſt es auch, gute Frau Halling, und da ich hoffe, daß wir Zeit haben werden, ſo ſetzen wir uns und ich will Ihnen Alles erzählen, was ſeit dem Augenblicke vorgefallen iſt, wo win uns zum letzten Male ſahen.“ 224 3 „Wenn es nicht Alwining betrifft, ſo betrifft es doch gewiß Halling!“ rief die Frau mit ängſtlichem Geſicht und keuchendem Athem aus. „Allerdings betrifft es den und was ich Ihnen jetzt zu ſagen habe, müſſen Sie mit Ruhe in Ergebung ertragen.“ „Ach Gott, ach Gott, ja!“ ſchluchzte die Frau, die Schürze vor das angſtverzerrte Geſicht ſchlagend,„nun merke ich ſchon, daß ich etwas Schreckliches hören werde.“ „Schlimmes allerdings, aber auch Gutes— neh⸗ men wir alſo das Schlimme zuerſt!“— Und nun er⸗ zählte er ihr ſo ſchonend wie möglich, was Halling ſein ganzes Leben hindurch verbrochen, was er neuer⸗ dings verſucht und wie er dabei auf friſcher That bei der Oehe ergriffen ſei. Frau Halling behielt ihren Kopf in der Schürze und nur ein leiſes Wimmern drang herzzerreißend aus derſelben hervor. „Es iſt alſo Alles, wie ich dachte,“ ſchluchzte ſie endlich.„Er iſt ein Dieb, ein Schmuggler— und ich— ach, lieber Gott, erbarme Dich! ich bin ſein unglückliches Weib, das doch ganz unſchuldig an allen ſeinen Frevelthaten war!“ „Das wiſſen wir Alle, beſte Frau,“ tröſtete ſie Heinrich Markholft,„und darum wird Ihnen kein 8 225 Menſch das Geringſte zur Laſt legen; im Gegentheil werden wir Alle bemüht ſein, Sie zu tröſten und Ihnen zu helfen, wie es nur immer geht.“ „Aber die Schande, Herr, rechnen Sie die für nichts?“ „Nein, Frau Halling,“ ſagte Heinrich Markholm ernſt und mild,„die rechne ich diesmal für gar nichts. Kein Menſch wird wiſſen, in welcher Verbindung Sie mit dem wilden Strandkerl ſtanden und alle Diejeni⸗ gen, unter denen Sie künftig leben, werden es ſich angelegen ſein laſſen, Sie die Vergangenheit vergeſſen zu machen und Ihnen ein freundliches Loos zu be⸗ reiten.“ Frau Halling hob ihr von Thränen und Schmerz verſtörtes Geſicht aus den Falten der Schürze empor. „Unter denen ich künftig lebe?“ fragte ſie leiſe wei⸗ nend—„wo ſoll ich denn künftig leben?“ „Bei mir und Alwining, ſobald ſie erſt meine Gattin iſt, was hoffentlich nicht lange mehr dauern ſoll.“ Ein blitzartiger Freudenſtrahl fuhr über das Ant⸗ litz der armen Frau.„Sprechen Sie da eine Wahr⸗ heit aus, Herr Markholm?“ „Haben Sie ſchon je das Gegentheil von mir er⸗ fahren? Nein, nicht ich allein,*. alle Diejenigen, n die Alwining näher ſtehen, meine gut mit Ihnen Die Inſulaner. IV. 15 226 und ich habe von Allen die feſteſten Verſicherungen mitgebracht, wenn Ihnen die meinigen nicht genügen, daß für Ihre Zukunft beſſer geſorgt ſein ſoll, als wenn Sie die Frau dieſes ſchlechten Menſchen geblie⸗ ben wären.“ „Ach lieber Gott,“ rief die Frau, wieder in neue Thränen ausbrechend,„alſo ein Leibeigener war er?“ „In früheren Zeiten, ja, und dabei immer ein böſer, träger Menſch, der von Jugend an nur Uebles gethan und ſeinen guten Herrn ſo überaus ſchmählich betrogen hat.“ 3 „Und die Alwining, weſſen Kind iſt ſie denn nun eigentlich?“ fragte die Frau, ihre Thränen trocknend und ſich allmälig in ihre Lage findend. „Sie iſt eine reiche Erbin, Frau Halling, ange⸗ ſehener Leute Kind und die Zwillingsſchweſter des Fräulein von Kulpen, deren Mutter, eine Schweſter des Herrn von der Oehe, damals auf der Oehe wohnte, als Halling beſtraft und von der Inſel gewieſen wurde und aus Rache das Kind mitnahm, das man in's Waſſer gefallen und ertrunken glaubte.“ „Großer Gott, wie kann man ſo ſchlecht ſein! Ja, ja, er hat auch das Mädchen gehaßt und nur darum wollte er ſie erniedrigen und an den Steuermann Janſſen nerafee— Ach,“ unterbrach ſie ſich, 227 „da fällt mir eben ein: an demſelben Tage, als Sie Alwining abholten, kam gegen Abend der Steuermann Janſſen angeſegelt. Er trat hier mit frecher Stirn in die Stube und fragte nach Alwining. Ich ahnte auf der Stelle, daß er in böſer Abſicht gekommen ſei, und da ich mich nicht anders retten konnte und Ihren Namen doch wicht nennen wollte, ſo ſagte ich ihm die Unwahrheit— „Nun, was ſagten Sie ihm? 2, fragte mit ermu⸗ thigendem Blick der Maler. „Ich ſagte ihm, Alwining, der ſchlechten Behand⸗ lung Halling's müde, ſei mir entflohen und ich wiſſe nicht wohin. Sie habe mich an dieſem Morgen ver⸗ laſſen und ſei nicht wiedergekommen. Aber, ach Gott! da hätten ſie ihn ſehen ſollen! Er tobte wie ein wildes Thier durch das ganze Haus, fluchte und wet⸗ terte und drohte Halling den Untergang, denn dieſe Flucht des Mädchens ſei nur von ihm angezettelt und er ſelbſt nur hierher geſchickt, um hinter das Licht ge⸗ führt zu werden. Das ſolle aber dem Halling übel bekommen und er ſelbſt werde den Gerichten anzeigen, daß er ein Dieb und Schmuggler ſei., Plötzlich aber fuhr er auf mich los und fragte, wohin wohl die Kanaille— er meinte die arme Nlwining— gegan⸗ gen ſein könne. Und da fiel mir etwas Glückliches 15* 228 ein. Wohin anders, ſagte ich, als wahrſcheinlich nach dem Kieler Ufer, um dort irgend wo bei Bekannten ein Unterkommen zu ſuchen? 1 Da war nun mit einem Mal die wilde Scene zu Ende, ich hatte das Rechte getroffen. Er ſtieß noch einen ſchrecklichen Fluch aus, dann verließ er das Haus und eilte an Bord der Nacht, auf der er ſo⸗ gleich alle Segel beiſetzen ließ, um öſtlich zu ſteuern und wahrſcheinlich die Alwining am Kieler Ufer auf⸗ zuſuchen.“ „Das war herrlich von Ihnen, beſte Frau, und er wenigſtens wird uns heute nicht ſtören.“ „Nicht ſtören? Haben Sie denn etwas ſo Beſon⸗ deres vor?“ fragte die Frau, wieder ängſtlich werdend. „Ja,“ erwiderte Heinrich Markholm ernſt,„ich habe Zweierlei vor und das können Sie ſich wohl eigent⸗ lich denken.“ Frau Halling brach abermals in Schluchzen aus. „Ach Gott, ach Gott, ich denke es mir wohl— Sie wollen Halling wieder ergreifen!“ „So iſt es, Sie haben es errathen. Wir müſſen ihn haben. Er hat ſich zu ſchwer vergangen, um ſtraflos bleiben zu können. Wer Kinder ſtiehlt und ſie an fernen Orten und unter fremdem Namen er⸗ zieht, iſt dem Geſeß verfallen. Das wiſſen Sie wohl.“ . 8 229 „Ich weiß es, ach ja!“ ſagte die Frau mit endlich errungener Faſſung,„und ſo mag ſich Gott ſeiner er⸗ barmen. Er hat es nicht beſſer gewollt und jahre⸗ lang alle meine Bitten verlacht und verhöhnt— nun kommt die Strafe, wie ſie immer einmal kommt. Aber daß ich mit anſehen ſoll, wie Sie ihn ergreifen, Herr Markholm, das können Sie nicht von mir ver⸗ langen, denn das könnte ich nicht ertragen.“ „Das ſollen Sie auch nicht und eben um Ihnen deswegen einen Rath zu geben, bin ich mit hierher gekommen. Ich denke, wir werden noch Zeit genug haben, bis Halling kommt, wenn er überhaupt kommt. Entfernen Sie ſich alſo auf einige Stunden, indem Sie in irgend ein abgelegenes, Haus am oberen Strande gehen, und wenn Sie dann nach Ihrer Rück⸗ kehr am Abend erfahren, was hier vorgefallen iſt und mich nicht mehr finden, ſo packen Sie Ihre beſten Sachen zuſammen, nehmen einiges Geld und holen ſich einen Wagen aus Nonnewitz, ſetzen ſich mit Ihren Sachen auf und fahren gerades Weges nach der Oehe, wo Alwining und alle Uebrigen Sie mit offenen Ar⸗ men empfangen werden und wo ſich Jeder beeifern wird, Ihnen die herzliche Liebe zu vergelten, die Sie dem armen Mädchen ſo viele Jahre erwieſen haben. Das Haus hier aber laſſen Sie unter der Aufſicht 230 der von Halling berufenen Frau, die Behörden wer⸗ den dann ſchon das Weitere veranlaſſen und wenn Sie von denſelben zur Vernehmung berufen werden ſollten, werden wir Alle Ihnen zur Seite ſtehen und Ihre Sache ſo führen, daß jeder Menſch von Ihrer Un⸗ ſchuld überzeugt ſein ſoll.“ Frau Halling, vom Schmerz zwar aufgelöſt, doch den Worten Heinrich Markholm's Glauben ſchenkend und im Stillen auf eine glücklichere Zukunft hoffend, ſank auf die Kniee, hob ihre Hände zum Himmel em⸗ por und dankte inbrünſtig Gott, daß er ihr in ſo großem Kummer noch Glück und Rettung geſendet. Dann aber ſtand ſie getroſt auf, verließ das Zimmer, brachte dem Maler Brod und Butter, um das er gebeten hatte, und begab ſich endlich ſchon jetzt daran, ſeinem Gebote zu folgen und ihre beſten Kleidungsſtücke und Wäſche zuſammenzupacken, da ſie ſich ſehnte, ein Haus zu verlaſſen, in dem ſie ſo viel Unheil erfahren, und wieder unter Menſchen zu ſein, die geſetzlich und recht⸗ ſchaffen lebten, was ſie ſeit vielen Jahren vergebens erſehnt und erfleht hatte. Die Stunden, welche Heinrich Markholm an dieſem abgelegenen Orte und in dem ſtillen Zimmer allein zubringen mußte, wurden ihm, wenigſtens im Anfang, — 231 nicht übermäßig lang. Sein Geiſt hatte Stoff genug, über die ſeltſamen Lagen, in die ein Menſch anſchei⸗ nend durch Zufall geräth, nachzudenken, und ſein Herz lopfte immer wieder vor Freuden bei dem troſtreichen Gedanken, welches Glück ſich über ſein Haupt aus⸗ gießen würde, wenn der bevorſtehende Act erſt ſein Ende erreicht haben werde.. Das Geſpräch, welches er mit Frau Halling ge⸗ führt, hatte etwa zwei Stunden fortgenommen, und ſo ging es gegen Mittag, als ihn dieſe verlaſſen hatte und ihren Geſchäften nachgegangen war. Auf ein Mittageſſen mußte Heinrich Markholm natürlich unter dieſen Umſtänden verzichten, aber das bedauerte er am wenigſten, ja er dachte nicht einmal daran, hatte er doch Brod genug, um ſich zu ſäktigen, und mehr bedurfte er ja nicht. Als er nun zunächſt ſeinen Appetit geſtillt, überdachte er ſich noch einmal genau, wie er den ſchwarzen Halling empfangen würde, wenn er käme, und als er auch damit zu Stande gekommen, überwachte er das Meer, auf dem ſich glücklicher Weiſe noch immer kein Schiff in der Nähe blicken ließ. So vergingen ihm die Stunden ohne jegliche äußere Unterbrechung und es kam allmälig der Nach⸗ mittag heran. Da ſtellte ſich Frau Halling wieder ein, ſagte dem Maler weinend Lebewohl und trat 23² dann einen Spaziergang nach dem Strande an, da⸗ mit ſie, wie ſie ſagte, nicht Zeuge der wahrſcheinlich bevorſtehenden Scene zu ſein brauche.— In der That war es gerade die rechte Zeit, daß ſie das Haus verließ, wenn ſie der Ankunft des Er⸗ warteten aus dem Wege gehen wollte. Es war eben drei Uhr vorüber. Heinrich Markholm berechnete die Zeit, die ein Fußgänger gebraucht, um von der Oehe nach Möwenort zu gelangen. Selbſt wenn er den nächſten Weg wählte, gebrauchte er mindeſtens ſechs Stunden, und da der Flüchtling gewiß einen größeren Umweg machte, ſo konnten leicht noch einige Stunden mehr vergehen. Wenn Heinrich nun annahm, daß Halling um vier Uhr ſeine Flucht angetreten und acht Stunden gebraucht habe, ſo konnte er um zwölf Uhr Mittags ſchon in Möwenort ſein. Allein er war auch um zwei und ſogar um drei Uhr noch nicht da, und ſo wurde dem jungen Manne zuletzt die Zeit etr s lang und er gab ſich ſchon dem Gedanken hin, daß der Flüchtling gar nicht kommen oder den Tag über ſich verbergen und nur die Nacht zu ſeiner Wan⸗ derung benutzen werde. Hierauf hatte er anfangs nicht gerechnet und ſchon begann eine kleine Ungeduld ſein Blut in Unruhe zu verſetzen. Indeſſen ſollte ſeine Geduld die längſte“ 233 Probe ausgehalten haben. Halling war wirklich auf dem Wege nach Möwenort, denn dort allein konnte er ſich leicht und ungeſtört zu Schiffe begeben und dann zu gelegener Zeit nach Jütland flüchten, wo er an einem verſteckten Orte einen verläßlichen Spieß⸗ geſellen für alle Fälle beſaß. Nachdem er hinter dem Garten über den Canal geſchwommen, war er in ſeinen naſſen Kleidern, die ihn anfangs ſehr am raſchen Gehen hinderten, nicht nach der Wittower Fähre, ſondern weit öſtlich davon nach einem Fiſcherhauſe aufgebrochen, welches an der Neuenkircher Wiek lag. Hier hatte er geruht, gegeſſen und bei paſſender Gelegenheit eine Scheere geſtohlen. Mit dieſer Scheere in der Taſche war er in dem Boot des gutmüthigen Fiſchers, der keinen Verbrecher in dem angeblich in's Waſſer gefallenen Manne vermu⸗ thete, über die Wiek geſetzt und nach Vieregge und noch weiter öſtlich gewandert, wo er abermals ein Boot nahm und ſich nach Cammin auf Wittow über⸗ ſetzen ließ, das ungefähr in der Mitte der Südküſte der Halbinſel liegt. Auf dem Wege dahin hatte er ſich in einem Gebüſch die Kopf⸗ und Barthaare mit der Scheere abgeſchnitten und Kopf und Geſicht ſo lange mit Aſche gerieben, bis der ſchwarze Haarwuchs vollſtändig verſchwunden und ſein Ausſehen in das 234 eines Greiſes verwandelt war. An einem Stocke nun langſam fortwandernd und einen hinkenden Gang an⸗ nehmend, ſobald ihm Menſchen begegneten, war er, die großen Ortſchaften wohlweislich vermeidend, ſchräg durch ganz Wittow nach Möwenort gewandert, wo er endlich, nachdem er noch eine Meile davon in einem Hauſe, welches einem ſeiner Spießgeſellen gehörte, gegeſſen, nach drei Uhr eintraf, um in ſeinen Hof zu ſchlüpfen, ſobald er ſich von verſchiedenen hochgelegenen Punkten aus von der Ungefährlichkeit offenen Vor⸗ ſchreitens überzeugt. Allein er hatte nicht darauf ge⸗ rechnet, daß auch er von verſchiedenen Punkten aus beobachtet werden könnte und daß man, ſeine Abſicht errathend, ihm in Möwenort zuvorgekommen war. Als er auf den letzten Hügel gelangt, von dem aus man die Hütte der Frau Derling ſehen konnte, nahm ihn zuerſt der kleine Peter wahr und meldete dem Gensdarm, daß ein alter Mann auf dem Hügel ſtehe und ſich vorſichtig rings umſchaue. Jetzt lauſchte der Beamte ſelber am Fenſter und ſah, wie dieſer alte Mann erſt langſam und hinkend, dann aber raſcher und raſcher dem Hauſe in der Schlucht zueilte, je näher er demſelben kam. Plötzlich ſprang er eil⸗ fertig in die Lithe hinab und war den Augen der Nachſchauenden entſchwunden. 23⁵ Der Gensdarm lachte, koppelte ruhig ſeinen Säbel um, zündete ſich noch eine Cigarre an und nachdem er Peter gebeten, nach dem Kruge in Nonnewitz zu laufen und den beſtellten Wagen nach Möwenort zu holen, ging er langſam dem Strande zu, um Heinrich Markholm hinlänglich Zeit zu laſſen, mit dem alten Mann die gewünſchte Unterhaltung zu pflegen. Als Heinrich Markholm Jemanden raſchen Schrit⸗ tes auf dem Steinwege die Höhe herab kommen hörte und dann die Hunde dahin laufen ſah, die gleich darauf ein lautes Freudengeheul ausſtießen, wußte er ziemlich gewiß, was ihm bevorſtand, und er zog ſich in die Mitte der Stube zurück, um nicht von Außen her bemerkt zu werden. Allein der Ankommende hielt ſich nicht damit auf, erſt in die Stube zu blicken. Er ſprang raſch auf die Steinſtufen vor der Thür und trat in das Haus, voller Verwunderung, daß man ſeine Befehle ſo wenig beachte und die Thür nicht verriegelt halte. Einen Fluch auf der Lippe öffnete er die Stubenthür und trat haſtig über die Schwelle. Aber wer beſchreibt ſeinen Schreck, als er, ſtatt ſeiner Frau, einen Mann im Zimmer fand, deſſen Geſicht ihm im erſten Augenblick fremd erſchien, in dem er aber gleich darauf zu ſeiner nicht geringen Beruhigung den unſchuldigen Maler erkannte, der im 2 4 Kieler Grunde um die Hand ſeiner Tochter geworben hatte und der wahrſcheinlich gekommen war, um ſeine Wünſche in dieſer Angelegenheit nachdrücklicher zu wiederholen. Auch Heinrich Markholm war im erſten Augenblick faſt eben ſo erſtaunt wie der Eintretende, in ihm nicht den ſchwarzen Halling, ſondern eine ganz neue Er⸗ ſcheinung zu ſehen. In der That war der Flücht⸗ ling durch ſeine künſtliche Toilette faſt unkenntlich ge⸗ worden und außerdem ſah ſein Geſicht von der kör⸗ perlichen Erſchöpfung, die er empfand, angegriffen aus und ſeine Haltung war bei Weitem nicht mehr ſo trotzig und keck, wie ſie früher geweſen. Allein dem ſcharfen Auge des Malers entging dieſe natürliche und künſtliche Umgeſtaltung nicht, nur zu bald hatte er das falſche tückiſche Auge, die eingedrückte Naſe und die aufgewulſteten Lippen wieder erkannt, die aller Ver⸗ kleidung und Verſtellung Hohn ſprachen und den Ver⸗ brecher entlarvten. Wie geſagt, war der Schreck deſſelben, ſelbſt als er ſchon den Maler erkannt hatte, noch immer ſehr groß. Er erinnerte ſich auf der Stelle, daß er auch von dieſem Manne, als er ihn das letzte Mal ſah, mit Drohungen geſchieden ſei, daß zwiſchen ihnen bittere Wcorrte gefallen und daß der Maler am Ende jetzt 237 gekommen ſein möchte, um jene auszuführen. Dabei fiel ihm ein, daß er dem jungen Manne durch die Ent⸗ führung Alwining's einen üblen Streich geſpielt und daß er alſo füglich jetzt auf keinen Freund in ihm zu rechnen habe. Allein, wenn er das Alles auch im erſten Augen⸗ blick dachte und ſeine Ueberraſchung dadurch nicht an⸗ genehmer ward, ſo beruhigte ihn doch nur zu bald die leidenſchaftsloſe Miene des jungen Mannes, und das Lächeln, das derſelbe ſogar blicken ließ, rief auch ein freundlich ſein ſollendes Grinſen auf den Zügen des Flüchtlings hervor. „Was ſeh' ich— Herr Halling!“ rief Heinrich Markholm und betrachtete den Eintretenden mit ſicht⸗ barer Verwunderung.„Sie haben ſich ja außerordent⸗ lich verändert, ſeitdem ich Sie nicht mehr geſehen. Sind Sie krank geweſen oder iſt Ihnen ſonſt ein Unfall begegnet— denn Sie haben ja ganz graue Haare bekommen und Ihren ſchönen Vollbart ein⸗ gebüßt!“ Dieſe mit heiterem Tone geſprochenen Worte be⸗ ruhigten Halling noch mehr; kaum aber glaubte er hier nichts Beſonderes zu fürchten zu haben, ſo kehrte er auch ſeine alte Frechheit wieder hervor und indem er ſich auf einen Stuhl warf, um ſeine müden Beine — 238 auszuruhen, und dabei nach dem Brode griff, das noch auf dem Tiſche lag, ſagte er heftig und grob: „Nun, wie kommen Sie denn hierher? Wer hat Ihnen geſagt, daß ich meine Wohnung nach Möwen⸗ ort verlegt habe— he?“ „Wie Sie ſo fragen können, Meiſter Halling! Hat⸗ ten Sie nicht von vornherein die Meinung von mir, daß ich es ernſtlich mit meiner Werbung meinte? Konnten Sie glauben, daß ich mich ohne Weiteres in Ihre Weigerung finden und nicht Alles verſuchen würde, Alwining's Aufenthalt zu entdecken, um meine Be⸗ werbung fortzuſetzen? Nun ſehen Sie, meine Liebe war ächt, ich habe Ihren Wohnort aufgefunden und 2 da bin ich, um mein Geſchäft am Möwenort zu been⸗ ddeen, das ich in Jasmund mit Ihnen begonnen habe. Darum bin ich hier!“ „So, ſo!“ ſagte Halling verlegen, indem er daran dachte, daß Alwining nicht mehr anweſend ſei und daß es daher das Gerathenſte wäre, ſich ſo bald wie mög⸗ lich des jungen Mannes zu entledigen, der ihm ganz zur unrechten Zeit mit ſeiner dauerhaften Liebe ge⸗ kommen war.„So, ſo, alſo das iſt der Grund Ihres Beſuches? Aber—“ ſagte er ſchneller, nachdem ihm plötzlich ein unlauterer Gedanke in den Kopf gefahren —„wie ſtand es doch damals zwiſchen uns? Hatte 239 ich nicht eine Bedingung geſtellt, die Sie augenblick⸗ lich nicht eingehen konnten, wie? Und wie ſteht es denn jetzt damit?“ „Haben Sie denn Ihre Geſinnungen über dieſen Punkt noch nicht geändert? Halten Sie immer noch an der Zahlung der tauſend Thaler feſt?“ Halling horchte hoch auf. Ha, welch' ein Glück, wenn ihm dieſer heißblütige Liebhaber gerade jetzt die tauſend Thaler brächte!— nie wäre ihm Geld zu ge⸗ eigneterer Zeit in die Hände gefallen.„Ja,“ ſagte er lauernd,„ich halte noch immer an der Zahlung feſt. Entweder geben Sie das Geld— oder das Mädchen bleibt mein.“ Heinrich Markholm lächelte unwillkürlich.„Haben Sie denn Alwining gleich bei der Hand, wenn ich die Zahlung leiſte?“ fragte er. „Auf der Stelle, ich brauche ſie nur zu rufen und höchſtens iſt ſie ein wenig ſpazieren gegangen. Geben Sie alſo das Geld her, ich kann es gerade jetzt ge⸗ brauchen und dann will ich großmüthig vergeſſen, daß Sie mich ein paar Tage haben warten laſſen.“ „Großmüthig!“ dachte Heinrich Markholm.„Was dieſer Mann tugendhaft iſt!— Nun,“ ſagte er,„ich bin geneigt, Ihnen das Geld auf der Stelle zu geben, wenn Sie mir Alwining zuerſt überliefern. Alſo wo iſt ſie?“ 3 8 8 240 Halling wurde etwas unruhig. Er ſchaute ſich zweifelhaft um und wollte zur Thür gehen. Als Hein⸗ rich Markholm dies merkte, ſtellte er ſich zwiſchen ihm und derſelben auf und ſagte in nachdrücklichem Tone: „Was wollen Sie draußen?“ 3 „Was ich draußen will?“ brauſte Halling trotzig auf.„Welche Frage, Herr! Bin ich nicht etwa in meinem Hauſe? Darf ich nicht gehen, wohin ich will? Thun, was mir beliebt?“ „Möglich, mein beſter Herr Halling, aber erſt wol⸗ len wir unſern Handel abſchließen und diesmal muß es zwiſchen uns ein Ende nehmen; ich bin nicht ge⸗ ſonnen, mich wieder mit hochtrabenden Redensarten und leeren Drohungen abſpeiſen zu laſſen, wie ehe⸗ mals. Darum bin ich nicht den weiten Weg hier⸗ hergekommen.“ Halling ſchaute verwundert auf. Die Miene des jungen Mannes hatte bei dieſen Worten einen ande⸗ ren Ausdruck angenommen und ſeine Bewegungen waren ſo energiſch, daß er ihm als ein ganz Anderer als damals im Kieler Grunde erſchien.„Herr,“ ſagte er barſch, als ſuche er damit dem Gaſte zu imponiren, „Sie wollen meine Tochter ſehen und um ihren Beſitz mit mir einen Handel abſchließen, nicht wahr? Nun, gut, dann muß ich hinausgehen und meine Frau⸗ 241 rufen, damit ſie das Mädchen benachrichtigt. Alſo flugs— geben Sie Raum.“ Heinrich Markholm wies mit verächtlicher Miene und einer gebieteriſchen Handbewegung nach der Mitte des Zimmers.„Bleiben Sie,“ ſagte er ruhig, faſt kalt,„und beantworten Sie mir noch eine Frage. Zuerſt aber erkläre ich Ihnen, daß ich nicht Menſchen kaufe, wie Sie irgend welche Waaren kaufen und wie⸗ der verſchachern. Nein, der Menſch iſt in meinen Augen keine Waare und Sie haben ſich in mir ge⸗ täuſcht, wenn Sie glaubten, Geld von mir um dieſen Preis zu erlangen. Vor acht Tagen freilich, da war es etwas Anderes, da hätte ich die lumpigen tauſend Thaler gegeben, wenn ich ſie gehabt, nur um das arme Mädchen den unwürdigen Händen zu entreißen, die ſie gegen Gottes Gebot umſtrickt hatten— jetzt aber, mein Beſter, hat ſich unſere Lage geändert, ich nehme das Mädchen ohne Ihre Beiſtimmung, ſogar gegen Ihren Willen, und ſage Ihnen, daß ich damit eine Handlung begehe, die eben ſo natürlich wie E nolh⸗ wendig iſt.“ 3 Halling machte immer größere Augen. Ein un⸗ heimlicher Schauer lief durch ſeine Glieder und ſein braunes Geſicht nahm eine bei weitem hellere Färbung an. Dennoch wollte er es noch einmal mit Trotz ver⸗ Die Inſulaner. IV. 16 243 7 ich Ihnen Ihre drei Namen nennen, unter denen Sie ſeit langen Jahren auf dieſer Inſel Ihr Weſen treiben?“ Halling zuckte krampfhaft zuſammen. Er fühlte ſich in der Gegenwart dieſes aufdringlichen Mannes nicht mehr unbehaglich, er fühlte ſich ſogar bedroht. Aber dieſe Angſt konnte nicht lange ertragen werden, ſie mußte enden und bald enden, ſo oder ſo. Noch einmal erwachte die ehemalige Wildheit in ſeinem Her⸗ zen, noch einmal mußte er verſuchen, um jeden Preis von dieſer Stelle loszukommen. „Gehen Sie von der Thür fort,“ rief er zähne⸗ knirſchend,„oder ich mache mir ſelbſt Platz!“ Heinrich Markholm war zum Handeln entſchloſſen. Finſteren und drohenden Blickes ſchritt er auf den zurückweichenden Halling los und eben wollte er ihn beim Kragen packen, als derſelbe mit einem katzenar⸗ tigen Satze nach dem Tiſche ſprang und das Meſſer faßte, womit er vorher ein Stück Brod abgeſchnitten hatte. Heinrich Markholm aber war ſchneller als er. Be⸗ vor der Schuft noch von dem Meſſer Gebrauch machen konnte und in demſelben Augenblicke, als das Fenſter, vor dem er ſtand, ſich durch einen draußen auftau⸗ chenden Schatten verdunkelte, trat er auf den Mann zu, der ſchon das Meſſer drohend erhoben hatte, ſchleu⸗ 8 16* 242 ſuchen und ſehen, wie weit dieſer junge Mann gehen würde, deſſen Anweſenheit ihm eine koſtbare Zeit raubte, die er zu nothwendigeren Geſchäften verwen⸗ den konnte.„Herr,“ ſagte er mit unheimlich blitzen⸗ dem Auge,„Ihre Sprache kommt mir in meinen eigenen vier Pfählen ſehr ſonderbar vor. Wiſſen Sie was, ich werde es halten wie das erſte Mal. Ich habe Sie auch heute nicht gerufen und darum mögen Sie ſich trollen, wie damals, oder ich bin geneigt, von meinem Hausrechte einen kräftigen Gebrauch zu machen.“ 2* Heinrich Markholm ſtellte ſich kaltblütig lächelnd, aber mit ſchwellender Stirnader und flammenden Augen dicht vor ihn hin.„Reden Sie nicht ſo, Halling,“ ſagte er,„noch weniger handeln Sie, wie Sie ſagen, es könnte Ihnen theuer zu ſtehen kommen. Nicht wie damals werde ich Ihr Haus auf Ihr Gebot verlaſſen, ſondern ſo lange darin bleiben, als es mir gefällt. Denn— um mit Ihnen ein Ende zu machen—„Sie haben kein Recht mehr in dieſem Hauſe, eben ſo we⸗ nig wie in irgend einem anderen.“ „Was ſoll das heißen?“ fuhr Halling mit bleichen Lippen und zuckenden Händen auf. „Es ſoll heißen, daß ich Sie damals noch nicht kannte, heute aber weiß, wer und was Sie ſind. Soll e 6 3 3 .“ 8 244 derte ihn mit einem kräftigen Fußtritte zu Boden und rief:„Kerl, Du biſt nicht werth, daß man Dich mit den Händen anfaßt! Leg' das Meſſer bei Seité oder ich ſchieße Dich nieder— ſieh her, ich habe eine ge⸗ ladene Piſtole bei mir!“ In dieſem Augenblicke ging die Thür auf und der Gensdarm trat mit gezogenem Säbel in das Zimmer. Als Halling dieſe neue Erſcheinung gewahrte und das bärtige Geſicht des Mannes erkannte, dem er vor we⸗ nigen Stunden entſprungen war, ſank ihm der Muth und ſeine urſprüngliche Feigheit gab ſich in ſeiner Miene und allen ſeinen Geberden kund. „Strandkerl!“ ſagte der Gensdarm in ſpöttiſchem Tone,„wirf das Meſſer fort, Du möchteſt Dich damit verletzen!“ Und indem er einen friſch gedrehten Strick unter ſeiner Uniform hervorzog, ging er gelaſſen auf den Verbrecher zu, band ihm, ohne⸗Widerſtand zu fin⸗ den, die Gände auf dem Rücken zuſammen, hielt das andere Ende des langen Strickes feſt und bat Hein⸗ rich Markholm höflich, die Thür zu öffnen, er wolle „Herrn Halling nach ſeiner Equipage“ führen. Dagegen gab es nun keinen Widerſpruch mehr. Heinrich Markholm öffnete die Thür und Halling, der Alles verloren ſah, wankte wie ein Trunkener hinaus und den Berg hinan, wo er zu ſeinem Erſtaunen einen Wagen halten ſah, der ſo eben mit dem kleinen Peter angekommen war. „So,“ ſagte der Gensdarm,„nun, Burſche, ſteige auf den Wagen hinauf. Du ſollſt es bequem und dabei ein anſtändiges Geleit haben, wir werden Beide Dich nach Bergen transportiren und von dort ſoll Dir das Entweichen etwas ſchwerer gemacht werden, als auf der Oehe.“ Halling that den unumgänglichen Schritt und bald ſaß er auf dem Wagen, ſo feſt gebunden, daß an keine Bewegung, geſchweige denn an ein Entſpringen zu denken war. Heinrich Markholm aber und der Gensdarm gingen neben dem Wagen zu Fuße her bis Nonnewitz, wo ſie ihre Pferde vorführen ließen und nun im ſcharfen Trabe der Wittower Fähre zuritten, von wo ſie am ſpäten Abend in Bergen eintrafen, ihre Beute ablieferten und dann Herrn Bley's Gaſtfreund⸗ ſchaft in Anſpruch nahmen, um einmal eine vollkom⸗ men ruhige Nacht zu genießen. Mit Anbruch des nächſten Tages aber beſtieg Hein⸗ rich Markholm wieder ſeinen Schimmel, nahm Herrn von der Oehe's Pferd am Zügel und ritt nun lang⸗ ſam der Oehe zu, wo er um zehn Uhr anlangte und herzlich von ſeinen Freunden begrüßt wurde, die über ſein langes Ausbleiben ſchon mmeußig geworden waren. Reuntes Anpitel. Der Umzug. Das Erſte, was Heinrich Markholm auf der Oehe, ſobald er ſeine Meldung über die glückliche Ergreifung und Ablieferung des Strandkerls abgeſtattet hatte, zu ſeinem Leidweſen vernahm, war, daß es mit dem Kran⸗ ken keineswegs beſſer, vielmehr ſogar auffallend ſchlim⸗ mer gehe. Er hatte die letzte Nacht ſehr unruhig zu⸗ gebracht, viel Blut ausgeworfen und ſchon am frühen Morgen ſeine beiden alten Freunde zu ſprechen perlangt. „Meine Freunde,“ ſagte er zu ihnen, als ſie angſt⸗ voll ſein Zimmer betraten und mit liebevoller Zärt⸗ lichkeit nach ſeinem Befinden fragten,„es geht mir ſo, wie ich lange gedacht, daß es mir endlich gehen würde.“”“ „Was heißt das?“ fragte Alfred Brunſt mit trübem Herzen, das ſich auch in ſeinem Auge wiederſpiegelte. 247 „Mein altes Herzübel iſt zum Ausbruch gekommen und wirft mich nieder.“ „Du wirſt aber wieder aufſtehen, Carling, und es wird Mittel geben, Dir Deine Geſundheit wieder zu verſchaffen.“ Carl Melms lächelte in ſeiner ſanften und ſchweig⸗ ſamen Art, worin eben ſo viel Ergebung wie Hoff⸗ nungsloſigkeit lag, was ſeine Freunde glücklicher Weiſe nicht verſtanden.„Ich habe nur einen Wunſch jetzt,“ fuhr er dann fort,„und um deſſen Erfüllung wollte ich Euch heute Morgen bitten.“ „Sprich ihn aus,“ verſetzte der alte Oehe mit ſchmerzvollem Lächeln,„und was an mir liegt, ſo iſt er Dir ſchon gewährt.“ „Bringt mich nach Hauſe,“ fuhr Carl Melms, traurig den Kopf ſenkend, fort,„ich habe Sehnſucht dahin. Ich habe zwar hier Alles, was ich bedarf, Bequemlichkeit und Ruhe, meine Freunde und ihren Beiſtand, aber dennoch zieht mich ein unwiderſtehlicher Trieb nach meiner Heimat und ich möchte gern die Meinigen ſehen, die gewiß in Sorge um mich ſind, wenn ſie hören, daß ich krank bin.“ „Biſt Du denn hier nicht unter den Deinigen?“ fragte Herr von der Oehe mit ſeinem herzlichſten Tone. 248 „Ja wohl, und die denke ich auch mit mir zu neh⸗ men, und dann werden wir bei mir Alle zuſammen ſein, wie wir hier zuſammen ſind— aber ſeht, es liegt ſich im eigenen Bette immer am beſten, meine Lieben, und darum bitte ich Euch, mir meinen Wunſch zu erfüllen.“ „Wenn Du veiter nichts willſt,“ ſagte Alfred Brunſt nach einigem Beſinnen,„und Dir Deine Lage dadurch erleichtert wird, ſo können wir noch heute dazu die geeigneten Anſtalten treffen.é Allein dann mache ich noch einen andern Vorſchlag. Natürlich gehen Oehe und ich mit Dir nach der Lenz, bis Du wieder auf den Beinen biſt, aber wir müſſen, denke ich, jetzt auch auf die Anderen Rückſicht nehmen, deren Schickſal Gott uns nach ſeiner unbegreiflichen Weisheit in die Hände gelegt hat. Es wäre grauſam, wollten wir die jungen Leute, die ſich kaum gefunden haben, ſo früh ſchon von einander trennen, und ſie könnten doch nicht allein hier zurückbleiben, wenn wir fortgegangen ſind. So werde ich ſie denn Alle nach Grünthal einladen, dort ſind ſie nahe bei der Lenz, können uns jeden Tag be⸗ ſuchen oder Einer von uns kann zu ihnen gehen, wie es ihnen und uns beliebt, und wenn Ihr damit über⸗ einſtimmt, ſo will ich ſogleich die nöthigen Vorkehrungen zu unſerer Ueberſiedelung treffen, einen Boten abfer⸗ —y 249 tigen und Deinen Wagen, Carling, und den meinigen hierher beſcheiden laſſen.“ In Carl Melms' Auge leuchtete eine herzliche Freude auf.„Ja,“ ſagte er,„thu' das, und der alte Herr hier wird ja auch wohl nichts dagegen einzuwenden haben. Wir ſind ſo lange bei ihm geweſen, nun kann er auch einmal eine Zeit lang bei uns zubringen.“ Herr von der Oehe ſtimmte ihm ohne Zögern bei und Alfred Brunſt begab ſich ſofort hinunter, berief die jungen Leute in das Damen⸗Empfangszimmer und theilte Allen auf einmal die neueſte Anordnung mit, indem er ſämmtliche Anweſende mit herzlichen Worten nach Grünthal einlud. Kaum hatte er es geſagt, ſo ſprach ſich bei Allen, die ihn hörten, die lebhafteſte Theilnahme an dem neuen Plane aus, obgleich ſie von Herzen bedauerten, daß Carl Melms⸗ Krankheit die Anregung dazu gege⸗ ben hatte. Denn nach Jasmund blickten Alle im Stil⸗ len mit ſehnſüchtigem Herzen; d dort in dem Schooße der herrlichen Natur waren Viele von ihnen ſo glück⸗ lich geweſen, und in der Erinnerung an frühere Freu⸗ den glaubten ſie den Keim von neuen glücklichen Ta⸗ gen liegen zu ſehen. Namentlich Willibald Stillfried war hoch entzückt. So gut es ihm auf der Oehe er⸗ 8* ging, er hatte die Lenz nicht aus den Gedanken ver⸗ lieren können und ſchon oft hatte er ſich nach den ſchat⸗ tigen Wäldern, den romantiſchen Bergen und der un⸗ beſchränkten Ausſicht auf die wogende See zurück⸗ geſehnt. Daß Ulrike von Kulpen und Heinrich Markholm gern nach der Stubnitz zurückkehrten, wo ſie ſich ken⸗ nen gelerut, war eine ſehr natürliche Sache; und Guſtava, die noch nie auf Grünthal geweſen, davon aber ſchon ſo viel Gutes gehört hatte, freute ſich herzlich, die Stätten ebenfalls mit eigenen Augen zu ſehen, die ihren Freunden ſo unvergeßliche Erinnerungen boten. So wurde denn ein reitender Bote nach der Lenz und Grünthal abgeſendet, um die Wohnung zur Auf⸗ nahme der Fremden einrichten zu laſſen und die Wa⸗ gen zu beſtellen, die ſie dahin ſchaffen ſollten, und während der Bote unterwegs war, traf man auf der Oehe alle Anſtalten, ſchon am nächſten Tage die Reiſe anzutreten, da man am Abend deſſelben Tages noch die Ankunft der Wagen erwarten konnte. Als man eben beſchäftigt war, die mitzunehmenden Gegenſtände in die Koffer zu packen, ward die An⸗ kunft eines Wagens am Strande von Schaprode ge⸗ meldet, der einen neuen Beſuch brachte, und als Herr von der Oehe und Alfred Brunſt zum Frühſtuck in das Damenzimmer traten, fanden ſie daſelbſt eine wei⸗ 251 nende Frau, die Letzterer ſogleich mit herzlichen Wor⸗ ten begrüßte und ſeinem alten Freunde als Frau Halling vorſtellte, die zwanzig Jahre lang und unter den ſchwierigſten Umſtänden ſo mütterlich für das Wohl ſeiner Nichte geſorgt hatte. Als nun auch Frau Halling Herrn von der Oehe's anſichtig ward, ſchmolz ſie faſt in Thränen hin und hätte man ſie nicht zurückgehalten, würde ſie ſich zu ſeinen Füßen geworfen und um Verzeihung für alles Unheil gebeten haben, was ihr unſeliger Mann über die Familie der Oehes gebracht hatte.— „O gnädigſter Herr,“ rief ſie mit vor Schluchzen kaum verſtändlicher Stimme,„ich kann nicht dafür, daß ein böſer Menſch Ihnen ſo viel Uebles gethan. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, wer Alwining war, Sie hätten ſchon längſt von ihrem Daſein Kunde erhalten, aber ich war nur ein ſchwaches Rohr in der unreinen Hand eines Stärkeren, der auch mein Leben ſo trübe geſtaltet und Unehre auf meinen ehrlichen Namen gebracht hat.“ Herr von der Oehe nahm die klagende Frau bei der Hand und ſprach ihr mit warmen Worten Troſt und Beiſtand zu.„Laſſen Sie die Vergangenheit be⸗ graben ſein, Frau Halling,“ ſagte er.„Das Schick⸗ ſal des Elenden, der Sie ſo unglücklich gemacht, iſt 252 fortan von dem Ihrigen getrennt, er hat ſich ſein Loos ſelbſt bereitet und an uns wird es ſein, Ihnen die böſen Tage vergeſſen zu machen, die Sie an ſeiner Seite haben verleben müſſen. Ich nehme Sie von heute an in meine Familie auf und Sie können bei mir oder bei Alwining leben, wohin Sie nun zumeiſt Ihre Neigung ziehen wird.“ Frau Halling verging faſt vor Rührung und Dank⸗ barkeit. Sie drückte Allen herzlich die Hand und konnte ihr übervolles Herz nur durch Thränen erleichtern. Als ſie aber an Alfred Brunſt herantrat, zu dem ſie von Anfang an ein großes Vertrauen gefaßt und in deſſen Augen ſie das reinſte menſchliche Wohlwollen geleſen, ſagte ſie ſchluchzend:„Ach, Herr Brunſt, das Alles verdanke ich Ihnen und dem guten Herrn Mark⸗ holm, der uns in dem einſamen Hauſe der Kieler Schlucht entdeckt hat. Weiß es Gott, ich werde Ihnen mein ganzes Leben hindurch dankbar ſein. Aber ich fürchte, nicht zur rechten Zeit hierhergekommen zu ſein, denn ich höre, Sie ſtehen im Begriff die Oehe zu ver⸗ laſſen, um nach Jasmund zurückzukehren, wohin Sie Ihren kranken Freund bringen wollen.“ Da nahm ſie Alfred Brunſt ebenfalls bei der Hand, führte ſie bei Seite und ſagte mit ſeinem menſchen⸗ freundlichen Lächeln:„Meine gute Frau Halling! Herr 4 von der Oehe's Familie und die meine ſind eine und dieſelbe, ſein Haus ſowohl, wie das meine, hat Raum genug, alle Diejenigen aufzunehmen, die wir für wür⸗ dig erachten, mit zu den Unſrigen zu zählen. Sie haben es ja vernommen, Sie gehören von jetzt an mit zu uns und ſo werden Sie uns auch nach Grünthal begleiten, wohin wir Alle gehen. Sie dürfen jetzt am wenigſten allein bleiben, da Sie des Troſtes und Beiſtandes wohlwollender Menſchen bedürfen, und wo könnten Sie Beides in vollerem Maaße finden als bei uns, die wir mit Ihnen ſo nahe verbunden ſind.“ „Ach Gott, wie gütig ſind Sie! Werde ich Ihnen denn aber in meinem Schmerze, der noch lange an⸗ dauern wird, nicht läſtig fallen und werden Ihnen die Thränen, die ich noch oft vergießen werde, nicht die Tage der Freude verdüſtern, denen Sie entgegen⸗ gehen?“ „Weinen Sie und klagen Sie ſo viel Sie wollen,“ erwiderte Alfred Brunſt einfach und warm,„Sie wer⸗ den immer Einen oder den Andern finden, der ge⸗ neigt ſein wird, Ihnen Muth zuzuſprechen; allein, Frau Halling, Sie werden nicht immer traurig ſein und Thränen vergießen; jeder Schmerz auf der Welt findet einmal ſein Ende und ſelbſt für die Traurigſten giebi es eine Zeit, in der ſie wieder heiter werden und ö 1 3 254 Gottes Vatergüte erkennen lernen, der es für er⸗ ſprießlich gehalten hat, ſie durch Finſterniß zum Lichte, durch den Schmerz zur Freude zu führen. Und das wird auch Ihr Loos ſein, verlaſſen Sie ſich darauf.“ Schon lange bevor der nach Jasmund geſandte Bote mit den Wagen am ſpäten Abend zurückgekehrt war, hatte man ſich auf der Oehe geeinigt, auf welche Weiſe die Reiſe nach der Lenz und Grünthal zurück⸗ gelegt werden ſollte. Mit dem Kranken wollten die beiden alten Freunde in Carl Melms' verſchloſſenem Wagen langſam den weiten Weg zurücklegen; in Herrn von der Oehe's Chaiſe ſollte Fräulein von Baſſenitz, Guſtava und Guſtav Steinau fahren, und Alfred Brunſt's Fuhrwerk wollten Alwining, ihre Pflege⸗ mutter und Willibald Stillfried benutzen, während Hein⸗ rich Markholm den Letzteren zu Pferde das Geleit gab. Da die Damen längere Zeit in Bergen ſich aufzuhal⸗ ten gedachten, um für Ulrike von Kulpen Einkäufe zu machen, Toilettegegenſtände zu beſorgen und Näh⸗ terinnen nach Grünthal zu beſtellen, ſo ſollten die Wagen mit den jungen Leuten ſchneller fahren, Willi⸗ bald auf der Lenz abſetzen und zu beliebiger Stunde in Grünthal eintreffen. So war es beſchloſſen und ſo wurde es ausgeführt. 4 1 255 Der Morgen der Abreiſe war angebrochen. Es war ein herrlicher Tag im Anfang des September und die Sonne lächelte gütig auf das Land und die See herab. Ein lieblicher Südwind ſäuſelte durch die Blätter der Bäume, die See ſchimmerte hell und ließ ihre Oberfläche in kleinen anmuthigen Wellen tanzen, in denen die Strahlen der Sonne luſtig glitzerten; über Alles aber wölbte ſich ein tiefblauer, kryſtallklarer Himmel, an dem nur hie und da einzelne weiße Wölk⸗ chen flatterten, wie ſpielende Engel, die ſich zu haſchen ſuchen und doch niemals erreichen können. Auf der Oehe war man an dieſem Morgen ſchon früh munter und mit der Toilette fertig geworden. Herr von der Oehe ging mit dem Statthalter auf den Feldern umher und ertheilte ihm verſchiedene Aufträge, die in ſeiner Abweſenheit ausgeführt werden ſollten. Alfred Brunſt und Willibald Stillfried ſaßen bei dem Kranken und ſorgten ſchon im Voraus für ſeine Bequemlichkeit während der Fahrt; die anderen jungen Leute aber hatten das Herrenhaus verlaſſen und ſtreiften im Garten und auf der Inſel umher, um noch einmal Abſchied von allen Lieblingsplätzen zu nehmen, die die Theilnehmer ihrer Freuden ge⸗ weſen waren und die verſchiedenen Schickſale der Ein⸗ zelnen ſich hatten entwickeln ſehen. O wie lieblich 256 in ſeiner Einſamkeit und Stille kam ihnen jetzt das kleine Eiland vor! Wie ruhig ſpielten die goldklaren Wellen an den großen Steinen, wie friſch glänzten und grünten die Wieſenflächen im Strahl der Morgen⸗ ſonne und wie ernſt und bedeutſam ſtand der alte Dornbuſch auf jener Höhe, der die Wachenden ſo viele Nächte gegen den kalten Weſtwind geſchützt und ſchon Jahrhunderte lang alle Vorgänge auf der Inſel mit angeſehen hatte! Wehmüthig ernſt, beinahe traurig, wie jeder Ab⸗ ſchied etwas Trauriges hat, gingen die beiden jungen Paare hin und her, nur hier und da wechſelten ſie einzelne Worte und tauſchten ihre Gefühle durch einen Druck der Hand oder durch einen innigen Blick aus. Lange weilten ſie ſo an einzelnen Stellen, lange nah⸗ men ſie von ihnen Abſchied, endlich aber mußte den umgebenden Landſtrecken, Inſeln und Buchten denn doch der letzte Gruß geſchenkt werden und ſo kehrten ſie gegen ſieben Uhr nach dem Herrenhauſe zurück, wo ſie die Wagen ſchon über das Waſſer geſetzt und am jenſeitigen Ufer ihrer harrend fanden. Eben brachte man den Kranken vorſichtig die Treppe herab. Er ſah bleich, verfallen, aber immer freund⸗ lich und zufrieden aus. Er nickte den jungen Leuten herzlich zu und rief ihnen„Auf Wiederſehen auf der 257 Lenz!“ entgegen. Nachdem ſie ihm Alle die Hände gedrückt und eine glückliche Fahrt gewünſcht, nahmen ſie nun auch Abſchied von den zurückbleibenden Haus⸗ bewohnern, die mit geſenkten Köpfen und ſchweren Herzen die lieben Herrſchaften betrachteten, die ihnen insgeſammt ſo werth und theuer geworden waren. Metke weinte ſogar und recht laut, als Guſtav Stei⸗ nau und Guſtava ihr die Hände reichten, und erſt als Beide verſprachen, recht bald wiederzukommen und recht oft auf der alten Oehe zu wohnen, tröſtete ſie ſich und lächelte ihnen wieder freudig zu. Von allen Hausgenoſſen begleitet, begaben ſich dann die Reiſenden zur Fähre, wo ſie Alle auf ein⸗ mal überſetzten und dann Abſchied von den Schiffern nahmen, die ſich am Schaproder Strande verſam⸗ melt hatten. „Herr von der Oehe! Hier, hier! Mir auch eine Hand! Mir auch ein Lebewohl!“ riefen die treuen Nachbarn und Freunde, und namentlich um den Kran⸗ ken drängten ſich Alle zuſammen und wünſchten ihm eine recht baldige Beſſerung. Carl Melms dankte mit freundlich lächelndem Blick. Als ſie aber vom frohen Wiederſehen einige Worte fallen ließen, wurde er ernſt, deutete mit dem Finger nach dem blauen Himmelszelte und ſagte:„Ja, Die Inſulaner. IV. 17 258 ja, meine Freunde, da oben ſehen wir uns Alle einſt wieder!“ 4 Das war ſein letztes Wort auf der Oehe. Bald waren er und alle Uebrigen in die Wagen geſtiegen, Heinrich Markholm ſaß auch ſchon im Sattel und unter einem zwanzigfachen Lebewohlrufen von allen Seiten zogen endlich die Pferde an und die guten Strandbewohner blickten lange und herzlich den Staub⸗ wolken nach, die hinter den Rädern der ſich entfernen⸗ den Wagen aufwirbelten. Die Oehe aber lag ſtill und friedlich wie immer da, nur das Herrenhaus hatte mit ſeinen geſchloſſenen Fenſterläden einen trüben Anſtrich, als traure es in ſeiner Verlaſſenheit, und noch viel trüber und ſtiller ſchlichen die weinenden Hausdiener vom Strande fort, indem ſie nie eine ſo glückliche Zeit verlebt zu haben glaubten, als ihnen die letzten Wochen geboten hatten. Während der Wagen mit den drei alten Herren langſam hinterherfuhr, rollten die beiden anderen Fuhr⸗ werke munter auf dem Wege nach Bergen fort, neben denen Heinrich Markholm freudig hergaloppirte, von ſeiner ſchönen Ulrike als Reiter bewundert, wie auch ſchon andere Eigenſchaften an ihm ſo oft von ihr bewun⸗ dert worden waren. Ulrike empfand ein unbeſchreibliches 259 Vergnügen während dieſer Fahrt, die erſt die zweite war, die ſie in ihrem Leben unternahm. Alles, was ſie um ſich her ſah, was um ſie her geſchah, war ihr neu, denn ſie hatte ja, nachdem ſie Hadersleben ver⸗ laſſen, nur an einſamen Orten gelebt, nie an dem Leben und Wirken der Menſchen Theil nehmen, nie ihre Leiden und Freuden aus eigener Anſchauung kennen lernen dürfen. Jetzt, in ſo glücklicher Geſell⸗ ſchaft, ſelber glücklich durch äußere und innere Ver⸗ hältniſſe, ſchenkte ſie Allem, was ſie mit ihren Sinnen erfaßte, die regſte Aufmerkſamkeit, Alles um ſie her hatte eine andere Geſtalt, ein anderes Ausſehen an⸗ genommen und die kleine Welt, die ſie umgab, ſchien ihr ein wunderbares, unfaßbar großes Ganze zu ſein, in das ſie ſich erſt mit einiger Mühe hineinleben mußte, um ſich als thätiges Mitglied der großen Men⸗ ſchenfamilie zu fühlen. 3 So ging ihr die Fahrt nach Bergen faſt zu raſch von Statten und mit Erſtaunen betrachtete ſie die kleine Stadt, die die zweite war, der ſie ſich je ge⸗ nähert hatte. Die beiden Wagen fuhren vor den Kloſterhof, den jetzt die beiden jungen Männer in Geſellſchaft ihrer Verwandten dreiſt betreten durften, aber in die Geſchäfte derſelben durften ſie ſich nicht miſchen, denn die waren ſo rein weiblicher Natur und 17* — 3 —260 betrafen ſo ganz und gar die Toilette der hierin an Allem Mangel leidenden Ulrike, die nur mit einem kleinen Vorrath von Wäſche vom Möwenort abgereiſt war, daß die jungen Männer einen großen Theil des Tages auf ſich allein angewieſen waren, weshalb ſie auch mehrere Stunden auf einen gemeinſchaftlichen Spazier⸗ gang verwandten, wozu ſie ſo lange keine Gelegenheit gefunden hatten. Als ſie nun den Rugard beſuchten, die von der Morgenſonne glänzend beſchienene und ſo reiche Land⸗ ſchaft vor ſich liegen ſahen, ſetzten ſie ſich auf dem nördlichen Abhange des alten Burgwalls nieder und tauſchten nach langer Zeit zum erſten Male wieder ihre geheimſten Gedanken aus. 1 „Nun,“ ſagte Heinrich Markholm zu den beiden Freunden, ſie mit ſeinen Armen umſchließend, da er gerade in der Mitte zwiſchen ihnen ſaß,„was ſagt Ihr denn jetzt von unſrer diesjährigen Reiſe? Habe ich Euch einen ſchlechten Vorſchlag gemacht oder hat Euch mein Inſtinct, wenn es nicht meine Vernunft war, einem guten Ziele zugeleitet?“ Guſtav Steinau drückte ihm warm die Hand und ſagte einfach, aber mit tiefem Gefühl:„Nein, Dein Vorſchlag war gut— ob nun der Inſtinct oder die Vernunft ihn Dir eingab— er hat uns zum beſten 261 Ziele geleitet. Ich bin Dir zu unermeßlichem Danke verpflichtet und wenn Du nicht ſelbſt ſo glücklich wä⸗ reſt, wie ich, ſo wüßte ich nicht, was ich Dir anthun ſollte, um Dir dieſen Dank auf eine fühlbarere Art zu beweiſen.“ „Ja,“ erwiderte Heinrich Markholm mit lebhaftem Gefühlsausbruch in Stimme und Miene,„wir ſind Beide wider alle Erwartung ſehr glücklich geworden und werden es hoffentlich künftig noch mehr werden — aber was ſagt unſer ſtiller Freund Willibald dazu, der ſo ſprachlos iſt und mit feuchten Augen in den Himmel ſchaut, der ihm ſeine Zukunftspforten noch immer nicht öffnen will?“ „Er iſt in ſeiner Art auch glücklich,“ entgegnete Willibald leiſe,„denn er freut ſich Eures Glücks und hofft, daß darin auch das ſeine liege. Ach ja, meine Freunde, für den Augenblick ſeid Ihr allerdings glück⸗ licher als ich, Ihr habt nicht allein Jeder ein ſchönes Weib mit großem Vermögen und edlen Verwandten ge⸗ funden, ſondern auch neue Freunde, zu deren Familie Ihr faſt gehört. Ich, ach, ich dachte auch das Letz⸗ tere gefunden zu haben, wenigſtens einen väterlichen Freund, den ich ſchätzte und liebte wie einen wirklichen „Vater, aber— wie ich fürchte, werde ich ihn nicht lange mehr an meiner Seite ſehen, ſein Auge, das 262 immer ſo wenig irdiſch blickte, redet ſchon deutlich genug jene himmliſche Sprache, die wir Alle nie kennen gelernt und die wir dennoch verſtehen, ſobald wir unſre Seele darauf richten. Wenn er dahin gegangen iſt, wo⸗ hin wir Alle einſt gehen werden, dann bin ich wieder allein und fange meinen Weg von vorne an zu be⸗ ſchreiten, wie es mir von Anfang an beſchieden war!“ Guſtav Steinau ſtand raſch von ſeinem Platze auf und ließ ſich an der anderen Seite Willibald's nieder, um den er jetzt auch ſeinen Arm ſchlang, wie Heinrich Markholm es ſchon zuvor gethan.„Willibald,“ ſagte er mit herzinnigem Tone,„ſprich nicht ſo, Du ver⸗ letzeſt uns zu tief damit. Unſer theurer Melms, wenn wir ihn wirklich verlieren ſollten, darf Dir nicht Alles geweſen ſein und wir erheben auch noch Anſpruch auf Deine Liebe. Denkſt Du, wir haben allein für uns die reichen Mittel gewonnen und wollten im egoiſti⸗ ſchen Genuſſe uns jetzt einem üppigeren und trägeren Leben als früher hingeben? Wenn Du das denkſt, ſo haſt Du weder Heinrich noch mich je recht begriffen, die wir Beide das für Dich zu ſein oder zu werden hoffen und wünſchen, was Carl Melms und Alfred Brunſt meinem Onkel geweſen ſind.“ „Sprich nicht von dem Materiellen allein,“ erwi⸗ derte Willibald, ſchon heiterer lächelnd,„darum iſt es 263 mir am wenigſten zu thun. Wenn ich nur Eure Freundſchaft und Liebe nicht verliere, ſo wird ſich das Uebrige ſchon finden, und wenn ich auch nicht mehr gemeinſchaftlich mit Euch ſtrebe und arbeite, ſtreben und arbeiten werde ich vor wie nach— Ihr wißt ja ſelbſt, daß das Brod am ſüßeſten ſchmeckt, das man ſeines Kopfes und ſeiner Hände Fleiß verdankt.“ „Unſre Freundſchaft und Liebe haſt Du für immer,“ ſagte Heinrich Markholm ernſt und feierlich,„und willſt Du ein Verſprechen—“ „Nein,“ rief Willibald mit auflodernder Empfin⸗ dung,„ich will kein Verſprechen. Ich glaube an Eure Liebe ohne daſſelbe und möchte ſie nicht dem Verſpre⸗ chen verdanken, wenn ſie in Euren Herzen erloſchen iſt. Wo Ihr künftig leben werdet, weiß ich ſo wenig, wie Ihr es ſelber wißt, mag es aber ſein wo es will, ich weiß, daß ich immer bei Euch willkommen ſein werde, mag ich kommen, wann ich will, nicht wahr?“ „Ja, ja!“ riefen Beide und umſchlangen noch ein⸗ mal innig den herzlich geliebten Freund, worauf Heinrich hinzufügte:„Bleibe bei uns oder komm, wann und wohin Du willſt, unſre Thüren wie unſre Herzen werden Dir immer geöffnet ſein.“ „Wie die Herzen der drei alten Freunde ſich im⸗ mer geöffnet waren!“ rief Guſtav Steinau lebhaft 264 aus.„Ihr Leben ſoll dem unſrigen ein Beiſpiel ſein und ihre Freundſchaft als ein unvergänglicher Stern der unſeren vorleuchten. So ſoll es ſein und ſo ſchließen wir heute den Bund auf's Neue, den wir ſchon vor ſo vielen Jahren geſchloſſen haben.— Nun aber laßt uns zum Kloſter zurückkehren, die Damen werden uns wohl ſchon erwarten, denn die Zeit iſt bald da, zu der ſie das Eſſen beſtellt haben.“ Aber in dieſer letzten Vorausſetzung ſollten die drei jungen Freunde ſich etwas geirrt haben. Die Damen, ſonſt immer ſo pünktlich, blieben diesmal länger aus, als ſie ſelber gedacht, denn ihre Geſchäfte hatten viel Zeit erfordert, da ſie zahlloſe Einkäufe gemacht und Auf⸗ träge ertheilt hatten. Als ſie nun aber endlich nach dem Kloſter zurückkehrten, ſtrahlten ihre Augen von Zu⸗ friedenheit, was Guſtav Steinau zu der Bemerkung Anlaß gab, daß ſie, wenn ſie nach langem Aus⸗ bleiben immer ſo glücklich zurückkehrten, recht oft alſo handeln möchten. Nachdem man nun zu Mittag geſpeiſt, begaben ſich die Damen an's Einpacken von tauſenderlei ver⸗ ſchiedenen Gegenſtänden und diesmal wurden die Wa⸗ gen ſo hoch beladen und mit Kiſten und Schachteln 265⁵ gefüllt, daß kaum noch Platz für die Menſchen dar⸗ auf übrig blieb. Endlich aber war Alles zur Abfahrt fertig und nun ging es fröhlich vorwärts, dem ſchö⸗ neen lieben Jasmund zu, dem alle Herzen mit lebhaf⸗ ter Freude entgegenſchlugen. Es war ſchon ziemlich dunkel, als man hinter der ſchmalen Haide die Gränze Jasmund's erreichte und nun wieder die ſchön bewaldeten Berge vor ſich liegen ſah. Je näher man aber der Lenz kam, um ſo ſtiller wurden die Reiſenden, denn eine ſanfte Wehmuth hatte ſich ihrer bemächtigt, als ſie des theuren Freun⸗ des gedachten, der ſo geſund von ſeiner Beſitzung ab⸗ gereiſt war und ſo gebrochen dahin zurückkehrte. Wäh⸗ rend ſie aber ſelber ſchwiegen, rauſchte das Meer zu ihrer Rechten laut und deutlich an ihr Ohr, als wollte es ſie lebhaft willkommen heißen nach ſo kurzer Tren⸗ nung, die doch ſo viel Veränderung in ihrem Schick⸗ ſal hervorgebracht hatte. Es war etwa acht Uhr Abends, als man vor der Lenz einen Augenblick anhielt, um Willibald abſteigen zu laſſen, der wie früher daſelbſt wohnen ſollte. So ſagte man ſich denn Lebewohl, verhieß einen Beſuch für den folgenden Tag auf der Lenz und die Wagen fuhren weiter nach Grünthal. Als Willibald auf der Lenz eintraf, fand er ſchon den Hof, noch mehr aber das Herrenhaus ungewöhn⸗ lich ſtill. Die Hunde hatte man eingeſperrt, damit ihr Gebell im Hauſe nicht gehört werde, und über⸗ haupt dahin zielende Vorkehrungen getroffen, wie es zu geſchehen pflegt, wenn man die Ruhe eines Schwer⸗ kranken nicht unterbrechen will. Die Dienſtleute ſelbſt befanden ſich in einer unbeſchreiblichen Beſtürzung, die der Betäubung glich, da man ſeit undenklicher Zeit keinen Kranken im Hauſe gehabt. Nun aber war der liebe gute Herr, der immer ſo rüſtig geweſen, der ſo fröhlich das Haus verlaſſen, ſelber todtkrank und von ſeinen Freunden begleitet, dahin zurückgekehrt, ſein bleiches Antlitz hatte Jedermann erſchreckt, der es geſehen, und ſeine milden Worte, womit er die Beſorgniß der Seinigen zu beſeitigen verſucht, hatten nur um ſo mehr beigetragen, dieſelbe zu vergrößern. Mit dem ſanfteſten Lächeln war Carl Melms aus dem Wagen geſtiegen, aus dem ihn ſeine Freunde halb trugen; mit dem herzlichſten Wohlwollen hatte er ſei⸗ nen Dienſtleuten zugenickt und nachdem er eine halbe Stunde in ſeinem großen Bette geruht und ſich von der Anſtrengung der langen Fahrt erholt, hatte er ſein bleiches Haupt erhoben und in die Abendlandſchaft hinausgeblickt, die blaue See begrüßt, der er nun wie⸗ der ſo nahe war, und dann alle Leute an das Bett 267 kommen laſſen, um ihnen einige freundliche Worte zu ſagen. Das Alles aber hatte einen ſo wehmüthigen, trau⸗ rigen Anſtrich angenommen, daß man gleich von vorn⸗ herein die Empfindung einer trüben Ahnung gehabt, und nur die Wenigſten hatten das trauliche Herren⸗ zimmer ohne Thränen in den Augen verlaſſen können. Als Willibald Stillfried nun im Hauſe eintraf, verſammelten ſich ſchon auf dem Flure Frau Elſche mit den Mägden, der Statthalter und die anweſenden Knechte um ihn, und mit gefalteten Händen den be⸗ freundeten jungen Mann umſtehend, hatte er ihnen noch einmal genauer den Hergang des ſchrecklichen Er⸗ eigniſſes erzählen müſſen, das ihrem Herrn ſo großen Schaden zugefügt. Nachdem er Alles, was er wußte, mitgetheilt, be⸗ gab er ſich in das gewöhnliche Speiſezimmer und fand daſelbſt Herrn von der Oehe und Alfred Brunſt bei Tiſche ſitzen. Sie begrüßten ihn herzlich und erkun⸗ digten ſich theilnehmend nach den Vorfällen der Reiſe der jungen Leute, aber im Ganzen waren die beiden alten Herren ungewöhnlich einſylbig und es lag auf ihnen ein ſchwerer Druck, der ihre Herzen ſichtlich zu⸗ ſammenpreßte. In Bergen hatte man bei der Durch⸗ fahrt den bewährteſten Arzt in Anſpruch genommen; 268 er war dem Kranken nach der Lenz gefolgt, hatte einige Stunden bei ihm zugebracht und verſchiedene Arzneien verſchrieben, worauf er ſich dann wieder ſehr ſtill und ſchweigſam entfernt. Als ihn die beiden alten Freunde nach ſeiner Meinung gefragt, hatte er die Achſeln gezuckt, ſein genaueres Urtheil aber einer ſpä⸗ teren Zeit vorbehalten, indem er hinzugefügt: die äußere Verletzung, die der Patient davongetragen, habe die Krankheit, wie ſie jetzt vorliege, nicht erzeugt; es ſei vielmehr ein altes Gebrechen vorhanden, dem keine Arznei helfen könne und welches über kurz oder lang auch ohne jenen Vorfall doch zum offenbaren Ausbruch gekommen wäre. Als Herr von der Oehe dieſe Meinung ausſpre⸗ chen hörte, fühlte er ſich einigermaßen erleichtert; ſo hatte doch er nicht die nächſte Veranlaſſung zu dem traurigen Zuſtande des Freundes gegeben. Im Gan⸗ zen aber war er ungemein betrübt, wie auch Alfred Brunſt, und nie hatten ſie ſich ſo unbefriedigt von einander getrennt als an dieſem Abend, um zu Bett zu gehen, da Carl Melms ihr Anerbieten, bei ihm zu wachen, auf das Beſtimmteſte abgelehnt. „Ich wünſche das nicht,“ hatte er auf die wieder⸗ holten Bitten, ihrem Wunſche nachzugeben, geantwor⸗ tet„und ſo müßt Ihr mir ſchon etwas zu Gefallen 1 * 269, thun. Ich ſchlafe die ganze Nacht vortrefflich und ſo iſt kein Grund vorhanden, daß Ihr wachen ſolltet. Gehet ſo ruhig zu Bett wie immer; was geſchehen ſoll, geſchieht doch, und darum iſt Eure Unruhe und Beſorgniß nur überflüſſig— das wirſt Du Dir am beſten ſagen, Alfred, der ich hiermit nur Deiner eige⸗ nen Lebensphiloſophie das Wort rede.“ So gingen ſie denn mit ſchwerem Herzen zu Bett, und auch Willibald folgte ihnen mit gleicher Betrüb⸗ aiß bald nach, nachdem er noch einmal in ſpäter bendſtunde den Lenzberg beſtiegen und ſein bluten⸗ des Herz vor dem Schöpfer aller Dinge ausgeſchüttet hatte, der mit ſeinen Millionen goldener Augen auch auf dieſen Erdenfleck niederſah und den Kummer er⸗ ſchaute, der die treuen Herzen des Beſten der Freunde erfüllte. Am nächſten Morgen war auf der Lenz Alles ſchon früh auf den Beinen. Die Diener kamen in's Haus, um ſich nach des Herrn Befinden zu erkundigen, und erſt nachdem ſie gehört, daß er eine ruhige Nacht ge⸗ habt, gingen ſie ſtill an die gewöhnliche Arbeit und auf dem Hofe blieb Alles ſo ſchweigſam wie am Sonn⸗ tage, wenn die Bewohner nach Sagard zur Kirche gingen und das ganze Gehöft nur einer alten Frau und den Hunden zur Bewachung überließen. — 4 2 Der Kranke befand ſich an dieſem Tage anſchei⸗ nend beſſer. Die Freude, in ſeinem Hauſe zu ſein, die alten gewohnten Gegenſtände um ſich her zu ſehen und den treuen Dienern in's Auge zu blicken, hatte wohlthätig auf ihn gewirkt. Mit unendlichem Wohl⸗ behagen ſchaute er bisweilen zum Fenſter auf die See hinaus, erkundigte ſich nach dem Winde und ſprach dann mit heiterer Miene von den jungen Leuten auf Grünthal, die ihn doch hoffentlich an dieſem Tage be⸗ ſuchen würden. Sobald Alfred Brunſt dieſen Wunſch vernahm, ſandte er ſogleich einen Boten nach ſeinem Gute, um die Damen und jungen Leute nach Tiſche nach der Lenz zu beſcheiden, und als ſie dann auch kamen, be⸗ ſuchten ſie einzeln den Kranken und unterhielten ſich mit ihm, der nach allen Einzelnheiten fragte und die größte Theilnahme an ihrem Glücke zu erkennen gab. Aber ſchon am Nachmittage ſchlummerte er ein und zur Verwunderung ſeiner Freunde ſchlief er die ganze Nacht hindurch, ohne ein einziges Mal die Augen aufzuſchlagen. Sie hielten dieſen Schlaf für ein ſehr günſtiges Ereigniß; als jedoch der Arzt am nächſten Tage früh kam, erſchrak er, ſobald es ihm mitgetheilt wurde und ging ſchnell zum Kranken, wo er drei Stunden ſitzen blieb und ihn genau beobachtete. 0 271 Auf dieſe Weiſe vergingen einige Tage und der Sonntag nahte wieder heran, deſſen Vorgänger das Unheil über Carl Melms hatte heranwandeln ſehen. Als Alfred Brunſt, ſobald er aufgeſtanden, zu dem kranken Freunde kam, fand er ihn ungemein heiter, faſt glücklich ausſehend, und augenblicklich gab er ſich einer Freude hin, wie er ſie lange nicht empfunden hatte. Auf ſeine Frage, wie es dem Kranken gehe, hatte dieſer geantwortet: „Ich habe vortrefflich geſchlafen, Alfred, und fühle mich recht erquickt. Ich habe aber heute Vieles zu beden⸗ ken und darum laß mich bis um acht Uhr allein. Wenn aber die Leute nach Sagard zur Kirche gegangen ſind, komm mit dem alten Herrn zu mir herein, ich habe mit Euch zu ſprechen. Und dann habe ich noch eine Bitte. Sendet einen Boten nach Grünthal und laſſet die jungen Freunde holen. Aber ſie ſollen ihre In⸗ ſtrumente mitbringen und mich noch einmal das rei⸗ zende Adagio hören laſſen, welches ſie auf dem Vilm ſpielten, als wir ſie daſelbſt trafen. Ich habe ein un⸗ endliches Verlangen nach dieſer Muſik und ſie wird mir recht— recht wohlthun.“ ⸗ Als Alfred Brunſt dieſe Worte hörte, gab er ſich einer faſt ſchrankenloſen Freude hin. Er glaubte in dieſem Verlangen eine große körperliche Beſſerung de 34 1 1 272 theuren Freundes wahrzunehmen und daher beeilte er ſich, den Boten nach Grünthal zu ſenden und den im Hauſe Verſammelten von dem Begehren des Kranken Kenntniß zu geben, was natürlich auch bei ihnen eine außerordentliche Beruhigung hervorrief. * Lehntes Anpitel. Das letzte Adagio. Die Leute vom Hofe waren nach Sagard zur Kirche gegangen. Es war ſtill in und außer dem Hauſe ge⸗ worden, und als ob die Natur den Tag mitfeiern wolle, ſo hatte auch ſie ihr Sonntagskleid angelegt. Der leiſe Wind, der am Abend vorher die Blätter bewegt und die Oberfläche der See gekräuſelt, hatte ſich gelegt, es war faſt Windſtille eingetreten, eine überaus ſeltene Erſcheinung an dieſen Küſten; die Sonne glänzte ſo hell und rein über dem ſpiegelblan⸗ ken Meere, wie man es faſt nie geſehen, und nicht das kleinſte Wölkchen zeichnete ſich am blauen Himmel ab, ſo weit die Augen der Menſchen nach allen Rich⸗ tungen ſchweifen mochten. Es war ungefähr neun Uhr, als Alfred Brunſt in Die Inſulaner. IV. 18 274 gehobener Stimmung und in der ganzen ruhigen Würde, die ihm in wichtigen Momenten eigen war, in das Zimmer Herr von der Oehe's trat, ihm einen freund⸗ lichen Morgengruß bot und ſagte:„Alter Herr, Car⸗ ling will uns ſprechen. Gehen wir alſo zu ihm und hören wir, was er begehrt.“ Herr von der Oehe bebte unwillkürlich zuſammen, als er dieſe wenigen Worte vernahm, die ſo ernſt, faſt feierlich geſprochen wurden und jede mögliche Deutung zuließen. Aber er faßte ſich männlich und indem er ſich alsbald zu dem Gange anſchickte, ſagte er:„Ich bin fertig, Alfred; komm, laß uns den lie⸗ ben Carling beſuchen.“ Bald darauf traten ſie mit geräuſchloſen Schritten in das Krankengemach, deſſen Fenſter geöffnet waren, durch die der warme Sonnenſtrahl einſtrömte, der den Himmel und die Erde vergoldete und die Luft mit funkelndem Glanze füllte. Als Carl Melms die Freunde eintreten ſah, ſchickte er Willibald, der an ſeinem Bette ſaß, hinaus und empfing Jene dann mit lächelndem und unendlich heiterem Geſicht, als ob er ihnen eine höchſt angenehme Neuigkeit zu verkündigen hätte. „Da ſeid Ihr,“ ſagte er mit ſeiner weichen und immer an's Herz dringenden Stimme,„da ſeid Ihr, meine Lieben, und es iſt gut, daß Ihr gekommen 275⁵ ſeid, ich habe Euch ſchon mit Sehnſucht erwartet. O, was für ein herrliches Wetter ſchickt uns heute der liebe Gott, nicht wahr? Seht'mal da hinaus— lacht nicht die ganze Natur unter dem warmen Sonnen⸗ ſchein, und da ſollte man traurig oder trübe geſtimmt ſein können? O welche ſchöne Fernſicht muß man heute vom Lenzberge haben! Doch den kann ich nun nicht beſteigen und muß mich mit der Erinnerung an alle die ſüßen Stunden, die ich auf ſeinem Gipfel verlebt und verträumt habe, begnügen. Aber jetzt ſchließe Einer von Euch die Fenſter, ich mag nicht, daß irgend ein Anderer unſere Unterhaltung höre.“ Während Alfred Brunſt ſeinen Wunſch erfüllte und dann an das Bett zurückkehrte, wo er zur Linken Platz nahm, ſagte Herr von der Oehe, der bereits an der andern Seite ſaß:„Habe nur noch einige Tage Geduld, Carling. Wenn Deine Beſſerung ſo raſch fortſchreitet, wie in den letzten Tagen, ſo wirſt Du bald wieder auf den Lenzberg gehen, Dich auf Deine Bank ſetzen und die ſchöne Gegend rings herum be⸗ trachten können.“ Carl Melms lächelte ſo ſanft und friedlich wie nie in ſeinen geſunden Tagen und ſein blaues Auge ſtrahlte eine unbeſchreibliche Milde aus, ſo daß Willi⸗ bald heute mit noch größerem Rechte als auf dem . 18 276 Rugard hätte ſagen können: der Himmel blicke dar⸗ aus hervor.—„So denkt Ihr,“ ſagte der Kranke leiſe, aber feſt und ruhig, indem er beider Freunde Hände ergriff und ſanft drückte,„aber ich denke nicht ſo.“ „Warum nicht?“ fragte Alfred Brunſt mit einer ſeltſamen Beklemmung, die ihn plötzlich ergriff, als er in das ſeelenvolle und faſt überirdiſch glänzende Auge des Kranken ſah. 5 „Warum nicht, fragſt Du, Alfred? Weil ich den Lenzberg nie mehr— hört Ihr wohl— nie mehr 3 aufrecht ſtehend betreten werde, ſo wenig wie meine Augen je mehr die Wunder ſchauen werden, die Gott in ſeiner Güte darum aufgehäuft.“ „Wie?“ riefen Herr von der Oehe und Alfred Brunſt zu gleicher Zeit aus.„Nie mehr und nicht aufrecht ſtehend? Wie meinſt Du das?“ „Ruhig, meine Lieben, ruhig! Wenn Ihr ſo ſtür⸗ miſch aufwallt und mich mit ſo ſchmerzlich ſtarren Blicken betrachtet, kann ich nicht mit dem fröhlichen Gefühle, welches mir glücklicher Weiſe Gott heute ver⸗ liehen, zu Euch ſprechen, wie ich doch ſo gern möchte; und ſprechen muß ich endlich. Ja, ſage ich, ich werde den Lenzberg nicht mehr beſteigen und mich nicht mehr de ſchönen Ausſicht von ſeinem Gipfel erfreuen. Da⸗ für mögt Ihr es ſpäter um ſo öfter thun und dabei ſtets meiner gedenken, wenn Ihr Gottes Allmacht und Größe und auch ſeine Vatergüte bewundert. Ich werde dann nur im Geiſte bei Euch ſein, ein ruhiger Mann, und dann von meiner ſchönen Ruheſtätte aus ſchon längſt noch ſchönere Gefilde, reichere Wunder und vor allen Dingen ein noch reineres Licht geſehen haben, als dieſe irdiſche Sonne uns bietet.“ Die beiden Freunde ſahen ſich beſtürzt und fra⸗ gend an, was denn dieſe Reden bedeuten ſollten, dann aber richteten ſie ihre Blicke mit forſchender Miene wieder auf den Kranken, der immer gleich heiter blieb und ſogar noch fröhlicher zu lächeln ſich bemühte. „Meine Freunde,“ ſagte er darauf ſanft,„es muß einmal zwiſchen uns auf's Reine kommen, die Stunde iſt flüchtig, und darum ſoll es jetzt geſchehen, ich habe mich ja darauf vorbereitet. Seht, Ihr ſeid ja Männer, ſtark im Geiſte und muthig im Herzen, habt Euch alſo auch heute in Eurer Gewalt, was Euch auch be⸗ vorſtehen möge und was Ihr von mir hören werdet. Und wenn das Wort bitter iſt, das ich ausſprechen muß, ſo klingt es nur ſo, ſeine Bedeutung iſt ſüß und angenehm, und ſo müßt Ihr es ruhig und willig hören.“ „Welches Wort willſt Du uns ſagen?“ fragte 278 Alfred Brunſt mit bebender Lippe und umflortem Auge. „Ich will Euch ſagen— meine lieben guten Freunde — daß ich Euch verlaſſen muß— und zwar bald!“ „Carling!“ riefen Beide mit einer Art von nur halb unterdrücktem Weheſchrei.„Was meinſt Du damit?“ „Ich meine, daß ich dahin gehe, wohin einſt alle Menſchen gehen, und daß ich den großen bedeutſamen Schritt unternehmen will, den man im gewöhnlichen Leben„Sterben“ nennt.“ Als er dieſe Worte mit klarer und ruhiger Stimme geſprochen und dabei die ihn feſthaltenden Hände der Freunde leiſe gedrückt hatte, entſtand eine ſo tiefe Stille im Zimmer, daß man ein Sandkorn hätte fal⸗ len hören können; erſt allmälig machte ſich das lauter und lauter werdende Athmen der beiden Männer be⸗ merkbar, deren Bruſt ſtärker wogte als die des K. Kran⸗ ken und deren Herzen von einer Angſt klopften, daß ſie kein Wort zu ſprechen vermochten. „Sterben,“ fuhr Carl Melms leiſe fort,„ja, ſter⸗ ben muß ich! Und iſt denn das ſo ſchrecklich, meine Lieben? Sterben wir nicht Alle einmal und ſind nicht Millionen Beſſere, Edlere vor mir geſtorben und wer⸗ det Ihr ſelbſt nicht einmal ſterben?“ 279 „Ja, o ja,“ ſagte Alfred Brunſt mit halb gebro⸗ chener Stimme,„wir werden auch einſt ſterben— aber nicht vor Dir! Für den, der geht, iſt das Sterben nicht ſchrecklich, aber für die, die zurückblei⸗ ben, iſt es oft mehr als das!“ „O ja!“ fuhr der Kranke leicht aufathmend fort, da er jetzt das Aergſte geſprochen.„Traurig werdet Ihr gewiß ſein, wenn ich gehe, das weiß ich; aber Ihr werdet auch weiſe ſein und Euch fügen, da ein⸗ mal Jeder an die Reihe kommt, das irdiſche Leben mit dem himmliſchen zu vertauſchen. Wenn Ihr es zuerſt vertauſcht hättet, ſo würde ich auch getrauert, mich aber dann in die Beſtimmung des Höchſten erge⸗ ben gefunden haben. So alſo mögt Ihr Euch auch finden. Ach ja, der alte Bund— länger als dreißig Jahre beſteht er nun ſchon zwiſchen Dir, Alfred, und mir, und länger als zwanzig Jahre zwiſchen uns, alter Herr— der alte Bund, ſage ich, wird nun bald auf⸗ gelöſt ſein, aber ein größerer, ein viel größerer und ſchönerer wird danach geſchloſſen werden. Im Geiſte werde ich nicht nur immer unter Euch ſein, ſondern für den Einen, der geht, treten drei neue, kräftige, jüngere Glieder ein, und es iſt eine ſchöne und mit Dank auf⸗ zunehmende Gabe des Schöpfers, wenn er uns zwei⸗ mal im Leben wirkliche Freunde giebt, da ſchon das 2. 280 einmalige Geſchenk eine ſeltene Gabe des Himmels iſt. Doch— ich muß mich kurz faſſen, zumal ja Worte die Gefühle der Liebe und Freundſchaft nicht vermeh⸗ ren können, die uns jetzt und ewig verbinden— da ich Euch nun von Dem geſprochen, was uns bevor⸗ ſteht, ſo laßt mich auch noch von meinem letzten Willen ſprechen. Ihr wißt bereits, daß ich mein Teſtament gemacht. Es liegt auf dem Gerichte in Bergen. In meinem Schreibtiſche werdet Ihr eine Abſchrift davon finden. Ich habe keine Verwandten mehr am Leben und ſo waret Ihr mir in Wahrheit die Nächſten in allen Be⸗ ziehungen. Euch alſo habe ich meine Hinterlaſſenſchaft vermacht und Ihr ſollt damit ſchalten und walten nach Eurem Belieben, aber in demſelben Geiſte und Sinne, wie wir bisher mit unſern Mitteln geſchaltet und ge⸗ waltet haben. Die Lenz mögt Ihr verkaufen, ſie kann Euch nichts nützen und liegt Euren Gütern zu fern; meine Dienſtleute aber ſollen reichlich bedacht werden und ſämmtlich bei Euch oder hier das Gnadenbrod eſſen, wohin ſie ihre Neigung nun ziehen wird. Doch darin habe ich meine Beſtimmungen getroffen und Ihr werdet denſelben nachkommen. So weit nun ſteht es in meinem Teſtamente verzeichnet, welches ich vor einem Jahre niederſchrieb; in letzterer Zeit aber iſt der Kreis der Meinigen erweitert worden und drei neue junge 2 281 Freunde ſind binzugetreten. Guſtav Steinau und Heinrich Markholm nun bedürfen von meinem Beſitze nichts, ihre Frauen ſind reicher als wir Alle zuſam⸗ mengenommen, aber ein Andenken ſollen ſie ſich doch nehmen und ſie mögen wählen, was ſie von mir am liebſten haben. Mit meinem kleinen Willibald aber iſt es etwas Anderes. Den dürft Ihr mir nicht ver⸗ geſſen. Er hat am wenigſten bei uns gefunden und was er etwa an mir zu finden gehofft, am ſchnellſten wieder verloren. Ihm nun ſollt Ihr aus meinen Mit⸗ teln ſo viel geben, daß er reichlich und ohne Anſtren⸗ gung leben kann, er ſoll nicht um den leidigen Ver⸗ dienſt arbeiten, wie ſo viele arme, unglückliche Künſt⸗ ler, er ſoll ohne Sorgen dichten und ſingen, das habe ich ihm ſchon lange in meiner Seele gelobt. Und nicht wahr, Ihr werdet meine Bitte erfüllen, er iſt ja auch ein Armer und Ihr wißt es ja, die Armen waren von jeher unſere Freunde. Wollt Ihr nun thun, was ich wünſche, ſo gebt mir ein Zeichen, daß ich es verſtehe und ruhig von hinnen gehen, das heißt — ſterben kaun.“ Die Gefühle, die bei dieſen nur zu klaren Worten die Bruſt der beiden alten Freunde zerriſſen, zu be⸗ ſchreiben, wäre eben ſo unmöglich, wie den Anblick zu ſchildern, den ſie in dieſem Augenblicke darboten. Sie 28² ſaßen unbeweglich auf ihren Plätzen am Bette, wie aus Stein gehauen, mit gebeugten Köpfen und blei⸗ chen Lippen und empfanden es nicht, daß ein kalter Schweiß von ihren Stirnen niederrann. Endlich aber kam wieder einiges Leben in ſie, ihre Lippen begannen zu beben und eine Thräne rieſelte leiſe nach der an⸗ dern über ihre Wangen, aber ſo heiß, als käme ſie eben erſt aus der innerſten Seele hervor. Während ſie nun mit ihren wie ſteif daliegenden Händen die Hand des ſterbenden Freundes drückten und ihr Kopf ihm ein verſtändliches„Ja! Ja!“ zu⸗ nickte, wühlte der Schmerz wie ein wilder Sturm durch ihr Gehirn.„Sterben!“ klang es in ihren Herzen und Pulſen wieder,„Carling will ſterben! Und wir 2 ſollen das erleben, wir, die ihn ſo lieben, die ſo lange Jahre innig mit ihm verkehrt, an ſeiner Seite gelebt — er ſoll ſterben, kaum fünfzig Jahre alt, wo der Mann am kräftigſten, das Herz am ruhigſten, der Geiſt am mildeſten iſt!“ Carl Melms beobachtete Beide längere Zeit mit einer unbeſchreiblich wehmüthigen Empfindung im Her⸗ zen und einem traurigen Zuge um die Lippen, denn 8 jetzt fühlte er weniger den eigenen Schmerz als den ihrigen und er dachte und empfand daher Alles mit, was ſie dachten und empfanden. Dennoch bewahrte 283 * er ſeine Ruhe und ſagte nur, gleichſam um ſie zu tröſten: „Ach ja, meine Freunde, wir haben ein ſchönes Leben zuſammen geführt, ein reiches Leben in einem kleinen beſcheidenen Rahmen, und wurden von Nieman⸗ den beneidet, ja wir waren nur von Wenigen gekannt. Aber gerade darin lag unſer Glück. O, kein Flecken haftet auf unſerer Liebe, keine Thräne benetzt ſie und wiſſentlich hat Keiner von uns dem Andern Kummer bereitet. Wir waren drei ziemlich gleich alte Leute und lebten harmlos wie die Kinder mit und neben einander, wie ſelten drei Menſchen unſers Alters und Verhältniſſes. Unſer kleines Land war unſere Welt und dieſe Welt war uns groß genug; wir lebten glück⸗ lich und zufrieden in der ſelbſtgewählten Abgeſchieden⸗ heit, die wie woblthätiger Schatten unſere Stirnen kühlte, während draußen im heißen Sonnenbrande der großen Welt Leidenſchaft und Unheil walteten. Gerade das aber war ein großes Gut, das uns der Schöpfer verliehen, und um ſo mehr müſſen wir ihm dankbar ſein, als er es nur ſelten den unruhigen und unfüg⸗ ſamen Menſchen verleiht. Nun aber iſt dies Glück vorbei, die Nothwendigkeit gebietet, ſich davon zu tren⸗ nen und ſo müſſen wir gehorchen. Und nicht wahr, Ihr wollt mir das Scheiden von Euch nicht noch ö 284 ſchwerer machen dadurch, daß Ihr murrt und Euch gegen den Willen des Höchſten ſträubt?“ Beide ſchüttelten ſchweigend das niedergeſunkene Haupt, als wollten ſie ſagen:„Nein, nein, ſcheide leicht, wir murren nicht und wir ſträuben uns nicht.“ So blieben ſie länger als eine Stunde, in trübes Schweigen perſunken, ſitzen und nur bisweilen richteten ſie ihre thränenden Augen auf das milde Antlitz des ſterbenden Freundes. Von der Anſtrengung des Spre⸗ chens und der Bewältigung ſeiner eigenen Gefühle er⸗ müdet, war er mit dem Kopfe hintenüber in die Kiſſen geſunken und endlich eingeſchlummert, wobei ſeine ſchon immer ſo milden Züge die Ruhe eines verklärten Gei⸗ ſtes annahmen und ſeine Bruſt, die vorher ſo mühſam geathmet, jetzt nur leiſe und ſanft ſich hob und ſenkte. Nachdem aber Alfred Brunſt die lange Reihe ſei⸗ ner ihn durchſtürmenden Gedanken endlich ſiegreich niedergekämpft, verſuchte er es, allmälig ſeine Hand von der ſie feſt umſchließenden des Kranken zu löſen, was ihm auch gelang. Herrn von der Oehe dann einen Wink gebend, im Zimmer zu bleiben, ſchlich er auf den Zehen hinaus, um draußen einige Vorkehrun⸗ gen zu treffen, die er für unumgänglich nothwendig hielt. Er hatte ſeinen Freund bisher nicht für ſo ernſtlich krank gehalten, jetzt aber hatte er ſich über⸗ 285⁵ zeugt, daß er deſſen Leiden bei Weitem unterſchätzt. Um dieſen Irrthum wo möglich noch wieder gut zu machen, ſandte er drei oder vier reitende Boten nach allen Richtungen aus, um alle Aerzte herbeizuholen, von deren Beiſtand er ſich einige Wirkung verſprach. Von dieſen Aerzten kamen auch wirklich noch einige im Laufe deſſelben Tages, zuckten aber ſämmtlich die Schultern, als wollten ſie ſagen, daß hier an keine Hülfe mehr gedacht werden könne; die anderen aber kamen erſt am nächſten Tage und da war alle Hülfe, auch wenn ſie ſie mit ſich gebracht, überflüſſig. Der Bote, der nach Grünthal geritten war, um die jungen Leute herbeizurufen, hatte den ihm gewor⸗ denen Auftrag ausgerichtet. Sie kamen alle nach Tiſche angefahren und um ſo heiterer waren ſie ge⸗ ſtimmt, als man ihnen geſagt, ſie möchten ihre In⸗ ſtrumente mitbringen, was ihrer Meinung nach nur auf eine bedeutende Beſſerung des Kranken ſchließen ließ. Als ſie aber die betretenen Geſichter der Hausdiener, der alten Elſche und dann die matt dahinſchleichenden Geſtal⸗ ten der beiden alten Herren ſahen, wurden ſie unruhig und bald gingen ſie wie alle Uebrigen im Hauſe unter der Wucht des düſteren Bewußtſeins einher, daß ihnen eine ſchwere und unvorhergeſehene Stunde bevorſtehe. 286 Am Nachmittage, bald nachdem die beiden Schwe⸗ ſtern mit ihren Geliebten eingetroffen waren, kam noch ein Beſuch an, deſſen Erſcheinung in ſolchen Fällen in der Regel von dunkler Vorbedeutung iſt und den ſieg⸗ reich bezwungenen Schmerz gewöhnlich zum lauten Ausbruch bringt. Herr von der Oehe, der nicht allein ein frommer Mann war, ſondern auch die Beobachtung äußerer religiöſer Gebräuche hochheilig hielt, hatte nach dem ihm bekannten Geiſtlichen in Sagard, der auch Carl Melms von ganzem Herzen ergeben war, einen Boten geſandt. Der würdige Mann war gekommen und hatte mit ſeinem faltenreichen Geſicht die Haus⸗ dienerſchaft in ſolche Aufregung verſetzt, daß man überall, auf Treppen und Fluren, in den Zimmern und Geſindeſtuben ein lautes Wehklagen vernahm. Als nun aber Herr von der Oehe zu dem wiederer⸗ wachten Kranken gegangen war und ihn fragte, ob er den Geiſtlichen annehmen wolle, ſagte Carl Melms: „O ja, mein Freund, laß ihn nur herein; ich wünſche es nicht nur, ſondern ich ſehne mich auch da⸗ nach, denn ich kann mit gutem Gewiſſen mit ihm von Gott ſprechen, den er zwar eben ſo wenig oder nicht beſſer kennt als ich, den er aber gewiß ſo liebt, wie ich ihn ſeit meiner Jugend geliebt und verehrt habe.“ Hierdurch ward Herr von der Oehe außerordentlich 287 beruhigt; er führte den Geiſtlichen in das Kranken⸗ zimmer, und als derſelbe nach einer Stunde wieder her⸗ auskam, ſtrahlte ſein Geſicht von innerer Zufriedenheit und er ſagte zu den beiden alten Freunden:„So möchte ich auch einſt ſterben, meine Herren; er iſt ein Menſch, wie jeder Chriſt es ſein ſollte, und ein Chriſt, an dem viele Menſchen ein Beiſpiel nehmen könnten.“ Der Nachmittag verging überaus ruhig und ge⸗ räuſchlos in dem ſtillen Hauſe. Allmälig aber ſank die Sonne ihrem täglichen Ziele zu, die Bäume war⸗ fen längere Schatten und der Wind des nahenden Abends rauſchte über die Wellen daher und trug ihr melodiſches Murmeln ſogar bis in das Zimmer des Kranken, deſſen Fenſter wieder geöffnet waren, da er der friſchen Luft nicht gut entbehren konnte. „Es wird dunkel hier unten auf Erden,“ ſagte der Kranke zu ſeinen alten Freunden, die er wieder zu ſich beſchieden hatte,„wo ſteht jetzt die Sonne am Himmel, Alfred?“ „In drei Viertelſtunden wird ſie den Horizont er⸗ reicht haben!“ erwiderte dieſer feierlich und tief gerührt. „Ach! Dann wird es Zeit, daß auch ich mich fer⸗ tig mache. O, meine Freunde, ich kann jetzt nicht auf dem Lenzberge ſtehen und von der Scheidenden Ab⸗ ſchied nehmen, aber ich ſehe Alles, was vorgeht, ihre purpurne Gluth, die roſigen Strahlen, womit ſie die Erde vergoldet, ich ſehe, wie das Meer blitzt und die grünen Wipfel der Wälder in ihrem Widerſtrahle leuch⸗ ten. O es war ſchön auf dieſer Erde und wohl Dem, der ſie auf die rechte Weiſe genießt! So laßt denn die Damen zu mir eintreten und die jungen Freunde — ich will Abſchied von ihnen nehmen.“ Die Gerufenen kamen alle eilig herbei und es ent⸗ wickelte ſich eine rührende Scene in dem ſtillen Ge⸗ mach. Jedem Einzelnen ſagte der Scheidende einige herzliche Worte, jedem drückte er warm und innig die Hand und jedem von ihnen ſah er noch einmal lange und zärtlich in die von Thränen überfließenden Augen. Als aber auch das geſchehen war, wandte er ſich an die drei Künſtler und ſagte:„Gehet nun in jenes Zimmer, meine Freunde, und ſpielet recht ſanft und feierlich jenes wundervolle Adagio des großen Meiſters, das ich zum erſten Mal auf der kleinen Inſel hörte, da ich Euch noch nicht kannte. Spielt es ſo gut Ihr könnt, vielleicht ſchlummre ich dabei ein und der Schlum⸗ mer iſt ſüß, der durch eine ſo ſchöne Muſik herbeige⸗ führt wird.“ Die drei jungen Männer warfen noch einen kla⸗ genden Blick auf den bleichen, immer langſamer reden⸗ den und ſanfter blickenden Mann, dann begaben ſie 289 ſich in das Nebenzimmer, wo ihre Inſtrumente be⸗ reit lagen, die ſie ſchon vorher geſtimmt hatten. Die Damen aber ſaßen um ſie her, die Tücher vor die Augen haltend, um ihre Thränen nicht ſehen zu laſſen und die Spieler nicht noch mehr zu erweichen. Plötzlich fühlten ſie ihre Thränen verſiegen, denn wie ein göttlicher Troſt drangen die wundervollen Töne, die unter den Fingern der Künſtler ſich erzeug⸗ ten, in ihre Herzen und nie vorher hatten ſie eine ſo feierliche, eine ſo rührende, eine ſo ſchöne Muſik gehört. Eine feierliche, heilige Stille herrſchte ringsum. Die beiden alten Freunde ſaßen zu beiden Seiten des Krankenbettes und hielten wieder Jeder eine Hand des Sterbenden. Da rauſchten die Töne empor und ſchmiegten ſich wie die Zephyre des Himmels an die weichen Herzen der Zuhörer. Nie wie diesmal hat⸗ ten die Freunde ihre Symphonie geſpielt, nie vorher hatte ſie eine ſolche hinreißende Wirkung geübt. Am wohlthätigſten aber wirkte ſie auf den Kranken ein. Kaum hatte er die erſten ſchwellenden Töne von Willi⸗ bald's Geige vernommen, ſo öffneten ſich ſeine großen Augen weit und immer weiter und mit allen Sinnen ſog er gleichſam den zauberiſchen Hauch der klagenden Töne ein. Mitten in den ſchönſten Melodieen aber Die Inſulaner. IV.. 19 290 zuckte er plötzlich zuſammen. Seine gerötheten Wangen erbleichten, das Licht ſeiner blauen Augen erloſch und ſeine kranke Bruſt ſtieß den letzten Seufzer auf, ſo daß, als der Schlußton verklungen war, auch ſein Athem ſtockte und er langſam in die Kiſſen zurück⸗ ſank und allmälig die Hände ſeiner getreuen Freunde fahren ließ. Als dieſe den ſanften Hintritt dieſer edlen Seele ſahen, ſchloß einer raſch und geräuſchlos die Thür, um von den im benachbarten Zimmer ſich Aufhalten⸗ den in ihrem erſten Schmerze nicht geſtört zu werden. Dann aber reichten ſie ſich die Hand und traten an die eine Seite des Sterbelagers und jeder von ihnen drückte ein Auge des zu früh Entſchlafenen mit leiſem Fingerdrucke zu. Als aber auch das geſchehen und ſie nun ihre Augen gegen einander erhoben, waren ſie nicht länger im Stande, den ſo lange eingepreßten Schmerz zu bewältigen; von einem inneren Gefühle dazu getrieben, ſanken ſie ſich in die Arme und wein⸗ ten laut. Nach einer Weile aber, als der erſte Schmerz ſich gelöſt, richteten ſie ſich wieder auf und noch einmal an die Seite des guten Carling tretend, ſagte Alfred Brunſt mit zitternder Stimme: „Alter Herr, ſiehe, da liegt er, der beſte der Freunde, 291 der wohlwollendſte der Menſchen. Wir konnten ihn nicht länger an die Erde feſſeln, ſo gern wir es ge⸗ mocht hätten. Einer von uns Dreien iſt alſo gegangen und wir Beide ſind troſtlos zurückgeblieben. Aber dadurch ſoll der alte Bund nicht zerriſſen, vielmehr 8 noch feſter geſchlungen werden. Laß uns ihn alſo pflegen und Carling immer in Gedanken an unſrer Seite haben. Auch an den Grundſätzen laß uns feſt⸗ halten, die uns zuſammengeführt und die wir mit ihm in Gemeinſchaft befolgt: Gutes zu thun und über⸗ all Sonnenſchein und Wärme zu verbreiten, wo Dunkelheit und Kälte herrſcht. So ruhe er denn in Frieden und ſein Wille ſoll geehrt, ſeien Vermächtniß nach allen Richtungen ausgeführt wer⸗ den!—“ Noch einmal drückten ſich die alten Freunde die Hände und dann öffneten ſie leiſe die Thür. An ihren Geſichtern erkannten die im Nebenzimmer Ver⸗ ſammelten, was geſchehen ſei, und Alle ſtürzten in das Zimmer, das ſich nun bald auch mit ſämmtlichen Dienſt⸗ leuten des Hofes füllte. Während hier nun aber ein lautes Wehklagen erſcholl, das kein Ende nehmen wollte, verließen die beiden alten Herren das Haus und gin⸗ gen in den Wald und ſtiegen den Lenzberg hinauf, wo ſie wohl eine Stunde ſaßen, den Wolken des Him⸗ 19* 6 292 mels ihr Leid klagten und der geſunkenen Sonne nach⸗ ſchauten, die den letzten Schimmer ihrer roſigen Strah⸗ len noch weit über See und Land gebreitet hatte. „Die Sonne iſt untergegangen und Carl Melms iſt todt!“ Das war der einzige Gedanke, den Beide innerlich, Jeder auf ſeine Weiſe, tauſendfach verarbei⸗ teten, und mit immer wiederkehrendem Schmerze, der auch eine Art Wolluſt in ſich ſchließen kann, wenn man um einen wahrhaft Geliebten eine wahrhafte Trauer empfindet, gingen ſie im Stillen die ganze lange Zeit durch, die ſie mit dem Entſchlafenen durchlebt und Freuden und Leiden gemeinſam getragen hatten, wie ſie nur Brüder tragen, die ein Herz und eine Seele in Liebe und in Freundſchaft ſind. Drei Tage ſpäter, in derſelben Stunde, wo Carl Melms ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht, fand ſeine Beerdigung auf dem Lenzberge ſtatt, wo er zu ruhen gewünſcht hatte. Die Sonne neigte ſich ſtark dem Un⸗ tergange zu, ein roſarother Schimmer überzog den ganzen weſtlichen Horizont und Ruhe und Frieden la⸗ gerten rings auf der wie athemlos daliegenden Natur. Eine ungeheure Menſchenmenge hatte ſich auf dem Lenzberge und den angränzenden Höhen verſammelt. Von allen Seiten, aus allen umliegenden Ortſchaften, 7 1 4 Höfen und Htten wnten ſie herbeigeſtrömt, Alt und Jung, Arm und Reich, Männer und Weiber, um dem guten, freundlichen Manne, den Alle ſo ſehr geliebt, die letzte Ehre zu erweiſen und den Trauerzug wenig⸗ ſtens mit den Augen zu begleiten. Endlich nahte er heran. Die Knaben und Mäd⸗ chen aus der nahegelegenen Schule, in die Saſſnitz und Crampas ihre Kinder ſchicken, alle in Feſtkleidern und grüne Zweige oder Blumen tragend, eröffneten mit ihren Lehrern den anſehnlichen Zug. Dann kam der Sarg, den zwölf Männer vom Hofe trugen, die aber drei oder viermal andere ablöſten, denn die Laſt. 293—* trug ſich ſchwer den langen und hohen Berg hinauf. Unmittelbar hinter dem Sarge ſchritten die beiden alten Freunde einher, zwiſchen ihnen der Geiſtliche aus Sagard. Ihnen ſchloſſen ſich die drei jungen Freunde und dann die zahlreichen Bekannten aus der Nähe und Ferne an. Langſam und feierlich bewegte ſich der Zug die Höhe hinan, oft anhaltend und ruhend, aber viele Au⸗ gen waren auf dieſem Wege geröthet und viele Herzen ſchlugen in dumpfer Trauer. Als die Erſten mit dem Sarge ſchon oben auf dem Gipfel angekommen waren, hatten die Letzten kaum den Hof verlaſſen und⸗ Jene mußten lange warten, bis die ganze Verſammlung um 7 ——— 294 die Stelle vereinigt war, die den Gatſclaiene beher⸗ bergen ſollte. Als ſie ſo daſtanden und die Menſchenmenge be⸗ trachteten, die wie eine lange dunkle Schlange ſich den Berg herauf ringelte, ſtieß Heinrich Markholm ſeine Freunde an.„Seht,“ ſagte er leiſe,„da haben wir die Viſion in Wirklichkeit vor uns, die Guſtav an dem Tage hatte, als wir zum erſten Mal des Lenzberges mit ſeinem hohen Hünengrabe anſichtig wurden. In ähnlicher Weiſe mögen die verſchollenen Generationen vor tauſend und mehr Jahren ihre Todten hierher ge⸗ tragen und kaum mögen ſie einen ſo bitteren Schmerz dabei empfunden haben, als wir Alle ihn in dieſem Augenblick empfinden. O wer konnte es damals denken, daß wir Drei ſobald dieſen Anblick erleben würden!“ „Ach,“ erwiderte Willibald mit ſchmerzentſtelltem Antlitz,„er ſelber, der jetzt hier im düſtren Sarge liegt, hatte eine Ahnung davon, als wir die Lenz ver⸗ ließen, um nach der Oehe zu fahren. Der Himmel ſenkte eine dunkle Wolke in Geſtalt eines Sarges auf dieſen Berg und er machte mich darauf aufmerkſam. Nun wird er bald auch unter dieſem Hügel gebettet 4 liegen, wie ſeine Vorfahren, und bald wird auch von ihm nur eine Hand voll Aſche übrig ſein, wie von 4 295 denen, die ſo viele Jahrhunderte vor ihm dahinge⸗ gangen ſind!“ „Beruhige Dich!“ ſagte Guſtav Steinau ſanft, da der arme Freund, der ſo Viel in dem Geſchiedenen verloren, wieder von Neuem zu weinen anfing,„auch wir werden ihm einſt nachfolgen, wie Alles, was auf Erden lebt. Das iſt eine Naturnothwendigkeit, in die wir uns fügen müſſen. Siehe da die beiden Alten, wie mannhaft ſie neben dem Sarge ſtehen; ihr Herz weint auch, aber ſie beherrſchen ihre Thränen und wahr⸗ lich, ſie haben mehr Grund ſie zu vergießen, als Du!“ Die Trauerceremonie ging raſch vorüber; die Rede wurde gehalten und die Gruft gefüllt. Wie es über⸗ all zu geſchehen pflegt, ſo geſchah es auch hier: kaum hatte die Mutter Erde ihr Opfer empfangen, kaum war der kleine kühle Sandberg auf den einſt ſo lebens⸗ warmen Menſchen gehäuft, ſo zogen ſich die Lebenden von der Stätte zurück, die dem Todten gehörte, und kehrten eilig in ihre Häuſer heim. 3 Nur zwei Männer blieben auf dem kleinen Hügel ſitzen, der ſich mitten im wilden Roſengebüſch erhoben hatte und mit ſeinem helleren Gewande in der ſtillen Abendluft klar von dem dunklen Grün der Blätter abſtach. Geſenkten Hauptes, trüben Blickes ſaßen ſte ———— lange ſtumm bei einander und nur ihre Lippen be⸗ 296 wegten ſich leiſe wie im ſtillen Gebete, womit ſie die Seele des Geſchiedenen der Güte und Fürſorge des Er⸗ bauers aller Welten empfahlen. Endlich aber erhob zuerſt der Größere von ihnen das Haupt und wandte es mit einem wehmüthigen Lächeln auf ſeinen ſprachloſen Gefährten hin, der die immer wieder friſch ausbrechenden Thränen trocknete, die ohne Unterlaß ſeinen verſchwollenen Augen ent⸗ quollen.„Alter Herr,“ ſagte Alfred Brunſt leiſe und doch ſo verſtändlich mit ſeiner klaren Stimme,„nun weine nicht mehr, ich kann es an Dir nicht länger mit anſehen. Deine alten Augen ſind nicht dazu ge⸗ ſchaffen und Dein Herz, ſo mürbe und gebrochen es jetzt iſt, muß ſich in das Unvermeidliche fügen. Gott hat es ſo gewollt, und ſo muß es gut ſein. Sieh, er ruht ja ſanft und fühlt keine Schmerzen in ſeiner armen Bruſt mehr. Und da ſchau'mal da oben hinauf— ſiehſt Du den erſten Stern dort? Den ſchickt uns Gott aus ſeinem Himmel hervor, um uns zu tröſten und zu ſagen: Trauert nicht, er iſt ja bei mir und wer bei mir iſt, der iſt wohl aufgehoben!— So, das ſagt er und das haben wir gehört und nun müſſen wir auch danach leben. Nun rege Dich wieder, alter Herr, wir haben unſre Schuldigkeit gethan, ihn zur Ruhe gebracht und nun müſſen wir in's Leben zurückkehren, das An⸗ 297 ſprüche an die Lebendigen hat. Laß uns wirken und ſchaffen, wie es unſre Pflicht iſt und wie er, der Un⸗ vergeßliche, gewirkt und geſchafft hat, in einem kleinen Kreiſe, aber in Liebe und Frrundſchaft, durch Wohl⸗ thun und Thränentrocknen. Komm!“ „Ja, ja,“ ſagte Herr von Oehe, der endlich ſich auch gefaßt hatte,„laß uns gehen, wir haben ihm den Zoll unſrer Liebe enfrichtet. Morgen aber wollen wir wieder den Berg erſteigen, ſein Grab ſchmücken und ſeinen Willen vol llſtrecken, das iſt eine ſchöne Arbeit für liebende Freunde!“— So ſtanden ſie denn auf, faßten ſich unter die Arme, und während der Abendwind um ſie her in den Blättern rauſchte und die Schatten der Nacht all⸗ mälig tiefer ſanken, ſchritten ſie ſtill neben einander den Berg hinunter und traten in das Trauerhaus, wo eine unheimliche Stille waltete und die Ihrigen ſie erwarteten, um eine Stunde ſpäter mit ihnen nach Grünthal heimzukehren, das Alfred Brunſt nicht mehr betreten hatte, ſeitdem er an jenem Tage ſo ſchnell nach der Oehe gerufen worden war. lſia Sauli Grünthal, deſſen Bewohner ſonſt ſo lebhaft, rührig und voll des ſichtbarſten Frohſinns ſich tummelten, wenn ſo viele und verehrte Gäſte innerhalb ſeiner Gränzen verſammelt waren, blieb zwei oder drei Tage ſo ſtill, als bewegten ſich nur Schatten darin umher und als hätten die Menſchen, die neben einander her⸗ gingen, ihre Stimme verloren oder ihre Sprache ver⸗ lernt. Frau Albrecht und Frau von Buchholz, die unermüdlich thätigen Hausfrauen, gingen geräuſchlos von einem zum andern ihrer Gäſte und forſchten nur mit den Augen, was Jeder wünſchte und womit ſie ihm einen Genuß bereiten könnten. Waren nun die Gäſte alle beieinander, ſo⸗ verſtummte jedes Geſpräch, Keiner glaubte den Bann brechen zu dürfen, der auf 299 allen Gemüthern lag, und nur wenn Zwei allein hierhin oder dorthin gingen, theilten ſie ſich ihre Be⸗ merkungen leiſe und gleichſam in geheimnißvoller Weiſe mit. In dieſen durch die allgemeine Trauer ſo trüb⸗ ſeligen Tagen lief auch eine neue Nachricht in Grün⸗ thal zin, die Jedermann überraſchte, aber nur eine Perſon tiefer ergriff— Frau Halling. Die Nachricht kam aus Bergen und betraf ihren unglücklichen Mann. Nachdem er ſchon im erſten Verhör Alles einge⸗ ſtanden, ſeine Verbindungen angegeben, ſeine Helfers⸗ helfer genannt und die Orte genau bezeichnet, wo er ſein Vermögen, o gelegt, was dieſe bis dahin ſelber nicht gewußt, hatte er ſich für krank erklärt und nach einem Arzte ver⸗ er vielmehr das ſeiner Frau an⸗ langt. Der Arzt war gekommen und hatte ihn in einem ſtarken Schüttelfroſt gefunden und ſogleich nach dem Hospital bringen laſſen. Hier war die Krankheit ſchnell zu einer unerwarteten Höhe geſtiegen, die der Arzt in einer Erkältung begründet erklärte, welche er ſich auf ſeiner Flucht zugezogen, nachdem er von der Oehe aus über den Kanal geſchwommen und den ganzen Tag in naſſen Kleidern weiter gewandert war. Der Kranke verfiel ungemein raſch in Delirien, die in Raſerei ausarteten, unter welchen Symptomen ——— — 300 endlich ein Gehirnſchlag ſeinem unſeligen Leben ein Ende machte. Als dieſe Nachricht nach Grünthal kam, beſchloß der Gutsherr daſelbſt auf der Stelle, die geeigneten Schritte zu thun, um die Hinterlaſſenſchaft des Ge⸗ ſchiedenen als das mitgebrachte Eigenthum der Wittwe zu beanſpruchen. Seinen Bemühungen gelang es auch, freilich erſt in einer ſpäteren Zeit, den Beweis für die Rechtmäßigkeit dieſer Anſprüche zu liefern, wo ſich denn auch ein Käufer für die kleinen Grundſtücke fand, die der Verſtorbene nach einander auf Rügen erworben. So erhielt Frau Halling ihr urſprüng⸗ liches Vermögen faſt ungeſchmälert zurück, das ſie ſchon allein hätte ernähren können, wenn ſie nicht eine Hei⸗ mat bei ſo guten Menſchen gefunden, die ſich bereit⸗ willigſt ihres ferneren Schickſals annahmen. Sie zog es deshalb auch vor, bei ihrer Alwining zu bleiben, wie ſie ſie noch immer nannte, und daß ſie dort gut aufgehoben war, bald ihre früheren Leiden vergaß und endlich ein glückliches Leben kennen lernte, brauchen wir wohl kaum noch zu erwähnen. Nach Ablauf jener erwähnten drei Tage nun be⸗ rief Alfred Brunſt am Abend ſeine Gäſte zuſammen, und da ſagte er zu ihnen:„Meine lieben Freunde! So kann es bei uns nicht fortgehen, wie es in dieſen 301 3 letzten Tagen gegangen iſt. Ihr habt nun genug ge⸗ weint und geklagt und der Schmerz muß einmal ein Ende nehmen. Wenn der liebe Gott recht lange trü⸗ bes Wetter, Sturm und Regenſchauer ſendet, ſo läßt er doch immer wieder die Sonne durch die Wolken dringen und ſo müſſen es auch die Menſchen treiben. Wir brauchen uns deshalb nicht gleich in Vergnü⸗ gungen zu überſtürzen und uns ganz und gar den rauſchenden Genüſſen des Lebens hinzugeben, allein heiter können wir doch wieder werden und auch dabei des Entſchlafenen herzlich gedenken, den ich am wenig⸗ ſten jemals vergeſſen werde. Um nun aber mit einem angemeſſenen Schritt in's frühere Leben wieder ein⸗ zulenken, erlaube ich mir einen Vorſchlag zu machen, dem Ihr gewiß von ganzem Herzen beiſtimmen wer⸗ det. Ihr ſprachet ſchon früher auf der Oehe davon, ſobald es ſich thun ließe, eine kleine Rundreiſe zu unternehmen und diejenigen Leute aufzuſuchen, deren Mitwirkung wir es zu danken hatten, daß wir ſo bald hinter die Schliche des ehemaligen Leibeigenen kamen und in allen unſern Unternehmungen ſo glücklich waren. Wohlan denn, ſchieben wir dieſe Rundreiſe nicht länger hinaus! Morgen iſt Sonntag und wir treffen die Leute, die wir beſuchen wollen, gewiß zu Haus. Carl Melms ſelber, wenn er lebte, würde mit 30² dieſem Unternehmen gewiß einverſtanden ſein, womit wir zugleich die erſte Wiederkehr ſeines Sterbetages feiern, und ſo wollen wir in ſeinem und unſerm Sinne handeln und den armen Leuten einen glücklichen Tag bereiten. Zuerſt alſo richten wir unſern Weg nach Möwenort; die gute Frau Derling wird ſich mit ihren Kindern freuen, wenn wir ihr ſo bald beweiſen, daß der Beiſtand, den wir verſprochen, ernſtlich ge⸗ meint war.“ Dieſer Vorſchlag fand natürlich die allgemeinſte Beiſtimmung, und zum erſten Mal zeigte ſich wieder ein frohes Lächeln auf den Geſichtern der ſchönen Da⸗ men und der ſo ernſt blickenden Männer. Nur Frau Halling bat, ſie zu Hauſe zu laſſen; ſte wollte das Haus nicht ſchon ſo bald wiederſehen, worin ſie ſo unglücklich geweſen war und woran ſich ſo viele trübe Erinnerungen knüpften, und man willfahrte ihr gern in dieſem Wunſche. So rollten denn am nächſten Morgen zwei wohl⸗ beſpannte Wagen vor die Thür, und dem alten Jochen ward das Glück zu Theil, nicht allein ſeinen Herrn, ſondern auch Herrn von der Oehe und Fräulein von Baſſenitz zu fahren, während die fünf andern jungen Leute Herrn von der Oehe's Wagen beſtiegen, den man auf Grünthal zurückbehalten hatte. Fahrt antrat. Auf der Schabe ſtürmte es diesmal nicht ſo heftig wie damals, als Alfred Brunſt den beiden Bettelkindern begegnete, und der lieblichſte Sonnenſchein ruhte auf der Tromper Wiek, als man über die einſamen Dünen dicht am Strande entlang fuhr. Wie das heitere Wetter aber zum Genuſſe des ſchönen Tages einlud, ſo wurde auch die Stimmung der Reiſenden allmälig eine lebhaftere, und als ſie end⸗ lich gegen Mittag in Möwenort eintrafen, waren ſie in Vorausſicht eines freundlichen Willkommens ſo fröh⸗ lich geworden, wie ſie es unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden nur ſein konnten. Als die beiden Wagen das Haus der armen Frau erreicht hatten, die Gäſte dann ausſtiegen und ſich der Schwelle der armſeligen Hütte näherten, kamen zuerſt die beiden Kinder hervorgeſprungen; ſobald ſie aber die vornehme Geſellſchaft bemerkten und namentlich die ſchönen Damen in ihren ſck ſeidenen rauſchen⸗ den Kleidern ſahen, wurden ſie ganz ſtill und betreten und zogen ſich ſchüchtern in die Hütte zu ihrer Mut⸗ ter zurück. „Kommt nur Alle herein,“ ſagte Alfred Brunſt zu ſeinen Begleitern,„und überzeugt Euch, wie andere Menſchen leben. So etwas iſt bisweilen nothwendig, — 304 um ſich zu Hauſe noch viel glücklicher zu fühlen, als man an ſich ſchon iſt. Es wäre eine Wohlthat für die ganze Menſchheit, wenn die Vornehmen und Rei⸗ chen bisweilen das Elend ihrer Mitmenſchen aus näch⸗ ſter Nähe ſähen, ſie bekämen einen Begriff davon, was es heißt, im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brod zu verdienen, und lernten dann vielleicht leichter, der Armuth entgegenzuarbeiten und dem Kummer abzu⸗ helfen. Ah, da ſeid Ihr ja, Frau Derling— nun ſehet mich einmal an, erkennet Ihr mich wieder?“ „Ach Gott, beſter Herr, ja, ich erkenne Sie wie⸗ der!“ ſagte die arme Frau, beſchämt die Augen nie⸗ derſenkend, als ſo viele wohlgekleidete Menſchen ihr dürftiges Kämmerchen betraten, in dem ſie kaum alle Platz zum Stehen, geſchweige denn zum Sitzen fanden. „Nun denn, dann möget Ihr auch wiſſen, daß wir Alle gekommen ſind, Euch an Euer Verſprechen zu mahnen, nach Grü⸗ zu kommen. Warum habt Ihr Euch daſelbſt nicht eingefunden?“ „Wie, Herr, ſoll ich denn wirklich Ihre Güte in Anſpruch nehmen, nachdem Sie mir ſchon ſo viel Gutes erwieſen haben?“ „Nun natürlich. Aber damit Ihr ſehet, daß Ihr uns wirklich willkommen ſeid, werde ich Euch morgen einen Wagen ſchicken auf den ladet Ihr Liſe und 2 30⁵ Peter auf und was Ihr ſonſt mitnehmen wollt. Ich habe ein kleines Stübchen, etwas größer und freund⸗ licher als dies hier, einrichten laſſen, darin ſollt Ihr wohnen und Eure Arbeit betreiben, die ſich ſchon fin⸗ den wird. Die Kinder aber ſollen in die Schule gehen, damit ſie brave Menſchen werden und etwas Tüchtiges lernen. Wollt Ihr das, Liſe und Peter?“ Liſe nickte fröhlich mit dem Kopfe und Peter ließ ein lautes Ja vernehmen. „So iſt es alſo abgemacht.— Was habt Ihr für Nachrichten von Eurem kranken Mann?“ Die Frau ſenkte den Kopf und führte die Schürze an die Augen.„Er iſt todt,“ ſagte ſie langſam,„und ſo hat die Qual auch für ihn ein Ende.“ „Auch todt alſo!“ ſeufzte Alfred Brunſt mit auf⸗ richtiger Trauer auf ſeinen Mienen.„Nun, der Tod hält eine reiche Erndte jetzt bei uns. Ja, ja, die Gu⸗ ten und Gerechten, und die Böſen und Ungerechten haben darin ein gemeinſames Loos. Nun denn, Frau Derling, wir wollen ein wenig am Strande ſpazieren gehen und unterdeß tragt Ihr einen Tiſch hier in's Freie. Eſſen und Trinken haben wir mitgebracht und da wollen wir einmal unſer Mittagbrod auf Möwen⸗ ort einnehmen.“ Während die Damen und Herren, denen die Kinder ie J v. IV. 5 Die Inſulaner. IV.„ 20 306 folgen mußten, nach dem Strande gingen und das Haus des ehemaligen Herrn Stumper beſuchten, trug Frau Derling mit Hülfe der beiden Kutſcher Alles, was ſie an tiſchähnlichen Geräthſchaften auftreiben konnte, auf einen windfreien Platz hinter der Hütte, von wo aus man einen herrlichen Ueberblick über das blaue Meer genoß. Sodann öffnete Jochen ſeine Körbe, holte Tiſchzeug, Teller, Meſſer und Gabeln⸗ hervor und packte darauf zu Frau Derling's unſäglichem Er⸗ ſtaunen eine ſolche Menge von nie geſehenen Speiſen und Getränken aus, als ſollten zwanzig hungrige Menſchen ihren Appetit daran ſättigen. Als die Spaziergänger aber vom Stumper'ſchen Hauſe zurückkehrten, wo Alfred Brunſt einige Anord⸗ nungen getroffen, ſetzten ſie ſich auf die eilig aufge⸗ ſchlagenen Bänke und ſpeiſten ſo fröhlich und harmlos im Freien, wie ſie es nur je in ihren gemächlichen Zim⸗ mern gethan hatten. Natürlich bekameu auch Liſe und Peter ihren reichlichen Antheil, und die arme Frau Der⸗ ling hatte Urſache genug, Gott zu danken, daß ihre Kin⸗ der einſt ſo glücklich geweſen waren, auf ihrem Bitt⸗ gange dem wohlthätigen Manne zu begegnen, der jetzt ſo viel Segen in ihre armſelige Hütte brachte. 2 Aber auch auf die Beſuchenden hatte dieſer Aus⸗ flug eine gute Wirkung geübt, denn als ſie nach Hauſe d 307 zurückkehrten, fühlten ſie ſich viel glücklicher als am Morgen, da ſie ausgefahren, und Keiner war unter ihnen, der nicht ſeinem Wirthe im Stillen gedankt hätte, daß er ihnen eine Freude bereitet, indem ſie ſelbſt Anderen eine ſolche zu bereiten verſucht hatten. Am andern Tage ſtieg man denn ſchon mit lau⸗ terer Fröhlichkeit auf die bei Zeiten beſpannten Wa⸗ gen und wiederum hatte man Speiſe und Trank mit⸗ genommen, um auch diesmal im Freien mit den armen Bewohnern des Wieſel'ſchen Hauſes ſein Mittagsmahl abzuhalten. Diesmal jedoch waren Herr von der Oehe und Alfred Brunſt nicht Theilnehmer deſſelben. Beide ſtiegen auf der Lenz aus, um daſelbſt ihren Geſchäften nachzugehen, die Anderen dagegen, mit hin⸗ reichenden Unterweiſungen des alten Herrn ausge⸗ ſtattet, ſetzten die Fahrt fort und langten gegen Mit⸗ tag in Dargaſt an, wo Heinrich Markholm ſehr bald das Häuschen auffand, in welchem er einſt erfahren, daß der ſchwarze Halling Frau und Tochter in der Nacht nach Möwenort gebracht hatte. Hier erregte die unerwartete Ankunft der Fremden eine noch viel größere Ueberraſchung als am vorigen Tage auf Möwenort. Frau Wieſel, die mit ihren ſechs Kindern allein war, glaubte im erſten Augen⸗ blick, man ſei aus Irrthum zu ihr gekommen; als ſie 20* — 308 aber Heinrich Markholm erkannte und das überglück⸗ liche Geſicht bemerkte, mit dem er nach ihrem Befin⸗ den fragte, gerieth ſie in freudige Aufregung und er⸗ ging ſich in endloſen Dankſagungen für ſeine frühere Wohlthätigkeit. „Wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, Frau Wieſel,“ ſagte der Maler, da er die Damen ſchon neugierig werden ſah, von ſeinen Thaten in dieſem Hauſe zu hören,„ſo ſchweigen Sie davon und laſſen Sie lieber Ihren Mann rufen, den ich nothwendig heute ſprechen muß. Wo iſt er?“ „Er iſt nach Saßnitz auf Arbeit gegangen und kann ſie am Ende nicht verlaſſen.“ „Er muß es; ſchicken Sie ſogleich Ihren älte⸗ ſten Knaben an ihn ab, alles Uebrige nehme ich auf mich.“ „Wenn das iſt,“ ſagte die Frau, die ſchon glaubte, ihr Mann ſolle nur um eines Vergnügens willen ein Tagelohn verlieren,„ſo lauf', Athing, lauf' und hole den Vater. Sag' ihm, er müſſe kommen, denn eine große Geſellſchaft wolle ihn ſprechen und der Herr aus dem Kieler Grunde ſei auch dabei— dann weiß er ſchon, wer es iſt.“ Der Junge ſchoß davon wie ein Pfeil und wäh⸗ rend er abweſend war, beſorgte Jochen und ſein Ka⸗ merad den Tiſch wie am vorigen Tage, wobei man 309 befliſſen war, eine hübſche Stelle unter Bäumen auf⸗ zufinden, von der man eine weite Ausſicht in die um⸗ liegende Ferne hatte. In einer kleinen Stunde kam Vater Wieſel mit ſeinem Sohne an und freute ſich nicht wenig, Herrn Markholm die Hand ſchütteln zu können und zu ſehen, daß er wohlauf ſei. Als er nun Ulrike von Kulpen ſah, die er trotz ihrer modiſchen Kleidung für Alwine Halling hielt, da er ſie ſehr gut gekannt hatte, dann aber Guſtava anſchaute, die ihr ſo ähnlich war, wandte er ſeinen Kopf verwundert von einer zur andern und ſagte: „Na, wie iſt mir denn? Ich komme mir faſt wie verhext vor! Welche iſt es denn nun, die von da unten herſtammt, ich kann ſie weiß Gott nicht herausfinden.“ Die ganze Geſellſchaft lachte fröhlich auf und Hein⸗ rich Markholm erklärte ihm, daß keine der beiden Da⸗ men von da unten ſtammte und eben ſo wenig Alwine Halling, worauf dieſe ſich dem Manne vorſtellte, ihn in der platten Sprache anredete, in der ſie auch wohl früher mit ihm geſprochen, und ihm mittheilte, daß Halling geſtorben, ſeine Frau aber in eine ſehr glück⸗ liche Lage verſetzt ſei. „Ei, weiß es Gott! Wie iſt denn das möglich geworden!“ rief Wieſel mit einem Erſtaunen, über 310 welches Alle wieder lächeln mußten.„Und ſind Sie denn wirklich die Alwining?“ fragte er dann, ſie im⸗ mer wieder von Neuem genauer betrachtend. „Ja, lieber Mann, ich bin es,“ ſagte Ulrike ernſt, „und wir ſind eben hierhergekommen, um auch Ihnen unſere Freundſchaft zu beweiſen, da wir wiſſen, daß Sie der ehrlichſte Arbeiter im Fahrnitzer Kreidebruch waren und Herrn Markholm damals die Mittheilung machten, daß Halling heimlich nach Möwenort ge⸗ ſegelt ſei.“ „Dafür wollen Sie mir Freundſchaft erweiſen?“ fragte Wieſel.„Ei, ſpaßen Sie nicht! Was wäre denn dabei geweſen und wie oft ſoll ich denn noch etwas Gutes dafür empfangen, nachdem mir der Herr hier ſchon zweimal für meine Plauderei eine große Summe Geldes gegeben hat?“ „Sie ſollen heute das Letzte empfangen,“ fuhr Ulrike von Kulpen fort,„damit Sie ſich nicht über zu viele Freundſchaft zu beklagen haben. Um Ihnen nun unſre Handlungsweiſe auf der Stelle zu erklären, nmuüſſen wir Ihnen ſagen, daß gerade Ihre damalige Plauderei von großer Wichtigkeit für uns Alle war. Mit einem Wort, wir wollen Ihnen den Vorſchlag machen, dieſe Gegend und dies kleine Haus zu ver⸗ laſſen und Fährmann auf der Inſel Oehe zu werden, 311 wo Sie ein beſſeres erhalten und nebenbei für guten Lohn nur leichte Arbeit auf dem Felde zu verrich⸗ ten brauchen.“ „Was,“ rief der Mann,„das iſt wohl ordentlich eine Art Anſtellung, die Sie mir da antragen? Und die Oehe kenne ich ſehr wohl, denn ich habe früher, bevor ich verheirathet war, auf Streu) gearbeitet.“ „Nun ſeht Ihr, dann paßt es ja.“ „O ja,“ ſagte der Mann und fuhr verlegen mit der Hand durch ſein ſtaubiges Haar,„es paßte mir wohl ſehr, aber am Ende geht es doch nicht.“ „Warum nicht?“ fragte Ulrike mit leuchtendem Auge, die ſchon eine kleine Geldverlegenheit merkte, da der Mann mit ſeiner Frau fortwährend die ſelt⸗ ſamſten Blicke wechſelte. „Soll ich es denn ſagen?“ fragte Wieſel ſeine Frau, die tief erröthete und ohne ein Wort zu ſagen in's Haus zurückkehrte. „Natürlich ſollt Ihr es ſagen,“ rief Ulrike lebhaft. „Heute müſſen wir alle Sorgen vernehmen, die Euch noch drücken, denn wir ſind nur deshalb hier, um den⸗ ſelben ein für alle Mal abzuhelfen.“ *) Ein der Oehe benachbartes Gut, der Familie von Bohlen angehörig. 312 „Na, wenn es ſo gemeint iſt, dann heraus damit. Ja, meine Damen und Herren, ich bin noch zehn Thaler Miethe für dies Haus ſchuldig, und ehe ich die nicht bezahlen kann, dürfte ich es gewiß nicht verlaſſen und mir einen andern Wohnort ſuchen.“ Heinrich Markholm und Ulrike wollten zugleich das Wort nehmen; als Erſterer dies merkte, ſchwieg er, um ſeiner Freundin das Glück zu gönnen, ihr wohlwollendes Herz ſprechen zu laſſen, und ſo erfuhr denn Wieſel ſehr bald, daß die zehn Thaler kein Hin⸗ derungsgrund ſeines Umzuges ſein ſollten, worauf er eine Fluth von Dankſagungen hören ließ und den Tag glücklich pries, an, dem ihm ſolche Ehre und ſol⸗ cher Segen widerfahren ſei. Als Jochen nun meldete, daß die Tafel fertig, ging man zu Tiſche, und auch Wieſel, ſeine Frau und die Kinder erhielten das Ihrige, wobei dieſe die Be⸗ merkung machten, daß es doch närriſch gute Menſchen auf dieſer Welt gäbe und daß es manchmal doch ganz erſprießlich ſei, etwas auszuplaudern, was zu verſchwei⸗ gen eigentlich kein Menſch verboten habe. Nachdem die Geſellſchaft abgeſpeiſt hatte und noch ein Stündchen in der Umgegend herumſpaziert war, nahm ſie Abſchied von der Wieſel'ſchen Familie, aber nicht eher als bis Ulrike ein anſehnliches Geldgeſchenk 313 der Frau eingehändigt und ihren Wunſch wiederholt hatte, Wieſel möchte vom nächſten Monat an das Fährhaus auf der Oehe beziehen. Von den herzlichſten Dankſagungen der armen Leute überſchüttet, beſtiegen die Herrſchaften dann die Wagen und fuhren nach der Lenz zurück, wo ſie die beiden alten Herren abholten und ihnen von dem Ergebniß ihrer Reiſe Kunde gaben, was die beiden ernſten Alten ganz fröhlich ſtimmte.— Die Geſchäfte der beiden Freunde auf der Lenz nahmen beinahe vierzehn Tage fort und erſt da war Alles in Ordnung gebracht. Was zunächſt das Gut ſelbſt betraf, ſo ſollte daſſelbe unter Alfred Brunſt's Fürſorge von dem jetzigen Statthalter bis Oſtern des nächſten Jahres verwaltet werden, um dieſe Zeit aber in fremder Leute Hände übergehen. Die umliegen⸗ den Aecker kaufte meiſtentheils der Beſitzer des be⸗ nachbarten Gutes Lanken an, der Hof mit dem Lenz⸗ berge dagegen fiel dem Sohne der alten Elſche zu, der Verwalter auf einem Gute bei Putbus war. Er erhielt den Hof zu einem ſehr mäßigen Preiſe, hatte aber dennoch kein Glück mit ſeinem ſchönen Kauf. Bald nachdem er den Beſitz im nächſten Jahre ange⸗ treten, ſtarb ihm ſeine Mutter Elſche und acht Tage — — 314 darauf brannten das Herrenhaus und zwei Scheunen nieder. In Folge dieſes Unfalls ging der Hof aber⸗ mals in andre Hände über, das Herrenhaus ward in viel kleinerem Maaßſtabe wieder aufgebaut, erhielt je⸗ doch nie wieder ſeinen früheren Glanz, da nur kleine Leute in Beſitz deſſelben blieben und weder die Ein⸗ ſicht noch die Neigung zur Verbeſſerung ihres Grund⸗ ſtücks beſaßen, wie ſie Carl Melms eigenthümlich ge⸗ weſen waren. Auch gegenwärtig ſteht das Haus auf der Lenz noch und häufig wandern die Badegäſte aus Saßnitz und Crampas dahin, um in dem ſchönen Buchenwalde daneben ihren Kaffee zu trinken oder den herrlichen Lenzberg zu beſteigen, der noch daſſelbe Anſehen be⸗ wahrt hat, wie wir es in dieſer Erzählung kennen gelernt haben. Nach Ablauf von ſechs Wochen war das Teſtament des guten Carling bis auf die kleinſten Einzelnheiten vollſtreckt. Alle ſeine Dienſtleute hatten das Ihrige erhalten, wie es der Erblaſſer gewünſcht, viele ſogar eher mehr als weniger, als ihnen von demſelben zu⸗ gedacht geweſen, denn Herr von der Oehe und Alfred Brunſt waren ja die Teſtamentsvollſtrecker und von ihnen konnte man nichts Anderes erwarten. Am be⸗ ſten von Allen aber kam Willibald Stillfried fort. ſich, alles baare Vermögen aber, was von den Lega⸗ ten übrig geblieben und noch immer ſehr beträchtlich war, wieſen ſie im Geiſte des Entſchlafenen dem ſtreb⸗ ſamen und verwaiſten Künſtler zu, den der gute Car⸗ ling ſo lieb gewonnen hatte. So war auch Willibald ganz gegen alle Vermuthung in den Stand geſetzt, ſorgenfrei zu leben und ſich ſeiner Kunſt mit aller Gemüthsruhe hinzugeben, was ja immer ſein Wunſch und ſein Beſtreben geweſen, denn ſo lange der Künſt⸗ ler an den Erwerb denken muß, ſchafft er nicht frei aus ſich heraus, ſo lange iſt er ein Sclave der Noth⸗ wendigkeit, ein Spielball von Zufälligkeiten, die Nie⸗ mand beherrſchen, Niemand leiten, Niemand beſchrän⸗ ken kann. Seine Gefühle über dieſes ihm ſo plötzlich zuge⸗ fallene Glück zu beſchreiben, würde uns unmöglich ſein, auch ſprachen ſie ſich nicht in lauten frohlockenden Wor⸗ ten, ſondern nur in ſtillen Andeutungen aus, und oft, wenn die anderen Glücklichen in der Umgegend von Grünthal jagten, fuhren oder ſonſt ſich zu Lande und zu Waſſer vergnügten, wanderte er ſtill nach der Lenz, ſetzte ſich auf den grünenden Hügel nieder, der jetzt die Spitze deſſelben kroͤnte, und dankte innig aus tief⸗ ſtem Herzensgrunde dem Entſchlafenen für ſeine Liebe 316 und Freundſchaft, die er ihm noch nach ſeinem Tode ſo deutlich zu erkennen gegeben hatte. Die Zeit, welche die drei Künſtler bei ihrer Ab⸗ reiſe nach Rügen für den Aufenthalt daſelbſt beſtimmt hatten, war jetzt ſchon ſeit einigen Wochen verſtrichen, allein unter den ſo unerwartet eingetretenen Umſtän⸗ den wurde natürlich an die Rückkehr nach der Reſi⸗ denz noch nicht gedacht. Sechs Wochen nach dem Tode Carl Melms' ward die Verlobung der jungen Paare auf Grünthal im ſtillen Familienkreiſe gefeiert und zugleich Guſtav Stei⸗ nau, als adoptirtem Sohne des Herrn von der Oehe, die einſtige Erbſchaft des Oehe'ſchen Beſitzes zugeſi⸗ chert. Erſt nach dieſen Vorgängen berieth man ernſt⸗ lich, wo man den Winter gemeinſchaftlich zubringen wolle. Da Alle für ein Zuſammenbleiben ſtimmten, ſo beſchloß man endlich, die drei Künſtler nach der Re⸗ ſidenz zu begleiten, in der ſie bisher gewohnt, und ſich ſo den Genüſſen einer kunſtreichen Stadt und des lebhafteren Treibens darin in bisher noch nicht genoſ⸗ ſenem Umfange hinzugeben. In der Mitte des October reiſte Willibald Still⸗ fried zuerſt dahin ab, um für die Damen und die bei⸗ den alten Herren die nöthigen Wohnungen zu beſor⸗ 317 gen, und erſt als er die Auffindung und Einrichtung derſelben nach Rügen hin gemeldet hatte, begab ſich Herr von der Oehe nach ſeiner Inſel, um die Vor⸗ bereitungen zu einer langen Reiſe zu treffen, was in Bezug auf die Verwaltung ſeines Gutes ſehr noth⸗ wendig war. Die Ruhe der Oehe war während ſeiner bisheri⸗ gen Abweſenheit nicht wieder geſtört worden, und be⸗ merken wir hier gleich, daß auch ſpäterhin nie wieder ein Angriff auf dieſelbe in der erzählten Weiſe er⸗ folgte, nachdem die Hauptübelthäter eingezogen waren und ihre Strafe erlitten hatten. Zwar fanden ſich in ſpäteren Jahren immer noch einige arbeitsſcheue Men⸗ ſchen, die ſich auf Koſten der Inſel zu bereichern ſuch⸗ ten und in heimlicher Stille der Nacht Steine zang⸗ ten, allein ein ſo wohlorganiſirter Ueberfall bei hellem lichten Tage, wie ihn der ſchwarze Halling verſucht, kam nicht wieder vor, wozu wahrſcheinlich der Umſtand hauptſächlich mit beitrug, daß die Regierung zu Stral⸗ ſund alle Diejenigen, die an den Küſten der Inſel wider Erlaubniß des Beſitzers auch nur einen Stein heben würden, mit fünfzig Thalern Stra fgeld bedroht hatte. Als die jetzigen Bewohner von Grünthal und Herr von der Oehe nun ſämmtlich in der Reſidenz eintra⸗ fen, bezogen die drei Künſtler in ihrer beſcheidenen 318 Art ihre früheren kleinen Wohnungen und nun erſt bekamen ihre Freunde und Verwandten einen rechten Begriff von ihrer Anſpruchsloſigkeit und ihrem bis⸗ herigen harmloſen Leben. Mit Verwunderung und Erſtaunen betraten die beiden alten Freunde, mit inniger Rührung die Da⸗ men die beſchränkten Räume, in denen die Künſtler ſo lange gewohnt und im Stillen ihre Beſtrebungen fort⸗ geſetzt, aber einen um ſo größeren Eindruck machte auf ſie der Anblick und die Anhörung ihrer ſo ſchätzens⸗ werthen Leiſtungen. Denn nicht allein bewunderten ſie Heinrich Markholm's ſchöne Bilder, die an ver⸗ ſchiedenen Orten der Stadt aufgeſtellt oder noch in ſeinem Beſitz waren, ſondern ſie wohnten auch einer großen Muſikaufführung Willibald's in einer Kirche bei, die im Laufe des Winters an einem Feſttage ver⸗ anſtaltet wurde, und ſahen ſchließlich auch das ſo be⸗ liebte Schauſpiel im königlichen Theater aufführen, womit Guſtav Steinau bei einer auswärtigen Bühne den Preis gewonnen hatte. Durch die Anweſenheit der Inſulaner ließen ſich übrigens die jungen Freunde keineswegs in ihren neueſten Unternehmungen ſtören, alle drei arbeiteten ruhig fort, was ſie gerade im Kopfe hatten, und nur Abends trafen ſie in der Wohnung der Damen zu⸗ 319 ſammen, worauf man ſich gemeinſchaftlich den mannig⸗ faltigſten Genüſſen überließ, die eine große und kunſt⸗ gebildete Stadt in ſo reichem Maaße bietet. Gegen das Frühjahr des nächſten Jahres aber rüſtete man ſich zeitig zur Abreiſe nach der heimat⸗ lichen Inſel, um den nächſten Sommer, obwohl unter ganz anderen Verhältniſſen als früher, daſelbſt zuzu⸗ bringen und zunächſt die Vermählung der jungen Paare auf Grünthal zu feiern, was man bei dem alten Herrn endlich durchgeſetzt hatte, der lange mit eiſerner Hart⸗ näckigkeit darauf beſtand, daß das ſeltene Feſt auf der Oehe ſtattfinde. Allein Alfred Brunſt bewog ihn ſchließlich zur Aufgabe ſeines Planes namentlich da⸗ durch, daß er ihm begreiflich machte, wie auf der Oehe fie jeder Stein an die zuletzt dort verlebte Zeit erin— nern und Carl Melms' Schatten hervorrufen würde, was ja das helle Licht der gegenwärtigen Freude nur verdunkeln müſſe.— So reiſte man denn im Mai wieder nach Rügen ab, verweilte etwa eine Woche auf der Oehe, zum Entzücken aller Bewohner derſelben, und ſiedelte dann nach Grünthal über, um daſelbſt das große Doppel⸗ familienfeſt zu begehen, wozu Frau von Buchholz und Frau Albrecht bereits mit freudigen Herzen die um⸗ faſſendſten Vorbereitungen getroffen hatten. ————— 320 Es war in den erſten Tagen des Juni, als man unter den Gäſten, die am zeitigſten auf Stubbenkam⸗ mer eintrafen, zwei junge Paare bemerkte, die ſich auf einige Wochen daſelbſt angeſiedelt hatten, nachdem ſie erſt vor wenigen Wochen auf einem benachbarten Gute ihre Vermählung gefeiert. Es mußten ſehr angeſehene oder auf Stubbenkammer wenigſtens ſehr beliebte Per⸗ ſonen ſein, denn Herr Behrendt übertraf ſich an Auf⸗ merkſamkeiten aller Art und hatte für ſie Veranſtal⸗ tungen getroffen, wie ſie nur ſelten ein Wirth zu tref⸗ fen pflegt, wenn er blos die Bezahlung ſeiner Mühe im Auge hat. Ddie beiden neuvermählten Damen fielen allen An⸗ weſenden nicht allein wegen ihrer ausgezeichneten Schön⸗ heit und Liebenswürdigkeit, ſondern auch wegen der großen Aehnlichkeit auf, die es Fremden ſehr ſchwer machte, beide von einander zu unterſcheiden, wenn ſie nicht dicht beiſammen ſtanden, wozu noch mehr ihre in allen Einzelnheiten übereinſtimmende Kleidung beitrug. Beide waren groß und ſchlank, aber von unübertreff⸗ lich ſchönen Körperformen, Beide hatten hellglänzendes, blondes und reiches Haar und auf Beider Wangen blühte die Friſche der Geſundheit, wie aus Beider Augen ein unausſprechliches Glück ſtrahlte. Aber auch die beiden jungen Gatten waren ſehr 321 anſehnliche Erſcheinungen. Der Eine von ihnen, mit blondem Haar und einer feinen, geiſtreichen Geſichts⸗ bildung, hatte ein mehr ernſtes und ſinniges als hei⸗ teres Weſen; der Andere dagegen, mit ausdrucksvol⸗ len, markigen Zügen, dunklem Haar und feurigen Augen begabt, war lebhaft, beweglich und ließ eine bisweilen faſt überſprudelnde Heiterkeit blicken. Beide Paare hielten ſich faſt immer für ſich allein, beſuchten fleißig die ſchönen Punkte der maleriſchen Umgebung und führten ein ſtilles Waldleben, wofür ſie eine große Neigung zu haben ſchienen, indem ſie ſich oft an den reizendſten Stellen ſtundenlang nieder⸗ ließen und ihre Anſichten und Meinungen über das vor ihnen Liegende mit Behaglichkeit und Laune aus⸗ tauſchten. Bisweilen jedoch vergrößerte ſich auch ihre Geſell⸗ ſchaft und dann herrſchte jedesmal in dem kleinen Kreiſe eine harmloſe Glückſeligkeit, die etwas Rührendes an ſich trug, wenn man ſah, mit welcher Ergebenheit und Liebe die Jüngeren den beiden älteren Perſonen be⸗ gegneten, die ſich bei ihnen eingefunden hatten. Es waren dies zwei alte Herren, die von einem benachbarten Gute in einem kleinen, mit ſehr ſchönen Pferden beſpannten Jagdwagen faſt regelmäßig Nach⸗ mittags auf Stubbenkammer eintrafen, um, wie ſich Die Inſulaner. IV. 21 e 32²2² der Eine von ihnen ſcherzhaft ausdrückte, nach dem Rechten zu ſehen und den Uebermuth der glücklichen jungen Eheleute durch ihre ernſtere Erſcheinung klüg⸗ lich zu dämpfen. Der Eine von ihnen, der ſtets einen langen grü⸗ nen Rock, eine Jagdtaſche über der Schulter und einen gewaltigen Tubus in der Hand trug, war ein Mann von fünfzig und einigen Jahren mit ergrautem Haar, edlen, ächt ariſtokratiſchen Zügen und einem Auge, das noch immer Feuer ſprühte und doch von einer ſeltenen Gutmüthigkeit ſtrahlte. Der Andere war ein hochge⸗ wachſener Mann von großer phyſiſcher Kraft, in deſſen Haltung ſich ein edler geiſtiger Stolz mit einem un⸗ beſchreiblichen Ausdruck von Milde und Gemuüͤthlichkeit paarte. Nur ſein Auge hatte einen ſcharfen Blick und um ſeine Lippen ſpielte ein anmuthig ironiſches Lä⸗ cheln, wenn er ſcherzte, was er zu lieben ſchien, na⸗ mentlich aber, wenn er ſeinen Begleiter, den er mit ganzer Seele ergeben war:„Alter Herr!“ anredete, da er doch ſelber faſt ſo alt wie dieſer war. Wenn nun dieſe alten Herren den jungen Paaren auch oft in den umliegenden Felsklippen, nach dem Walde, ſoögar an den Strand hinab das Geleit gaben, ſo blieben ſie doch bisweilen, wenn die letzteren zu weit gingen, im traulichen Geſpräche auf dem Königs⸗ —,j— 323 ſtuhle oder unter den Bäumen vor'm Schweizerhauſe ſitzen, oder ſie beſtiegen auch wieder ihren leichten Wagen und fuhren mit Windeseile eine Meile ſüdlich, wo ſie ſich ein ſtilles Plätzchen ausſuchten, das ihnen unausſprechlich lieb und werth zu ſein ſchien. Solches geſchah namentlich an einem Tage, den wir hier vor Augen haben, und wollen wir beide Parteien einmal begleiten, um zu ſehen, ob wir nicht alte Bekannte in ihnen wiederzufinden im Stande ſind. Es war ein überaus ſchöner Junitag, an welchem die beiden jungen Paare, Arm in Arm hinter einan⸗ der gehend, ihren Spaziergang unternahmen. Die Sonne ſchien milde und warm hernieder und verbarg ſich nur bisweilen hinter flockigem Gewölk, welches eine ſpielen de Oſtbriſe leicht vor ſich hertummelte, wobei das Geräuſch der Brandung bis auf die Höhen hinauf tönte, auf denen die jungen, fröhlichen Menſchen in dem lichtgrünen Walde wandelten. Dieſer Wald aber war nie ſo belebt geweſen wie gerade jetzt. Ganze Rudel von Hirſchen zogen an ihnen vorüber, denen Türk, der große, ſchöne Wolfshund von Stubbenkam⸗ mer, der ſie begleitete, nicht feindlich geſinnt ſchien, da er kaum den Kopf nach ihnen herumwandte; und auf allen Zweigen wisperte und flötete es von zahl⸗ loſen Vögeln, die ſich alle des ſchönen Tages, der 21* warmen Sonne, des leuchtenden Frühlingsſchmuckes und des ſpielenden Windes erfreuten. In heiterem Geplauder begriffen ſchlugen die Spa⸗ ziergänger den Weg an Klein⸗Stubbenkammer vor⸗ über nach dem Kieler Ufer ein und Türk ſprang laut bellend voran, als wüßte er ſchon, wohin des Weges man zöge. Das eine Paar, welches als Führer voranging, mußte in dieſer Gegend mit allen einzelnen Oertlich⸗ keiten überaus vertraut ſein, wenigſtens machte der junge Mann mit den dunklen Haaren die ſchöne Dame, die er führte, und das ihnen folgende Paar auf ver⸗ ſchiedene Stellen aufmerkſam und erzählte Dinge, die ſich darauf bezogen, oder Geſpräche, die in früheren Tagen an denſelben ſtattgefunden hatten. Endlich, nachdem man wohl ſchon eine Stunde rüſtig fortge⸗ ſchritten war, blieb er an einem ziemlich ſteilen Ab⸗ hange ſtehen, der in eine Kluft führte, die den Spa⸗ ziergang völlig beenden zu wollen ſchien. „Hier,“ ſagte er mit lebhafter Fröhlichkeit,„iſt die Stelle, an der ich Euern Muth und Eure Geſchicklich⸗ keit einmal erproben will. Vor Dir, Ulrike, bange ich nicht, daß Du glücklich hinunterkommſt, aber was Guſtava und Guſtav anbetrifft, ſo zweifle ich ſehr, daß ſie uns folgen können.“ 3 325 „Warum ſollen wir denn aber eigentlich hier hin⸗ unter,“ fragte Guſtav, mit einigermaßen ängſtlichen Blicken den Abhang und die tief unten gähnende Kluft betrachtend,„führt denn kein anderer Weg in die Schlucht hinab, wo Ihr uns Euer kleines Para⸗ dies zeigen wollt?“ „Nein,“ rief Ulrike, ſchon rüſtig vorankletternd, „es führt kein anderer Weg hinunter oder er iſt we⸗ nigſtens eine Stunde weiter als dieſer. Ihr müßt Euch ſchon einmal bequemen, durchzumachen, was im vorigen Jahre oft genug unſre Luſt war. Nicht wahr, Heinrich?“ „Nun freilich, und überdieß ſollen ſie den Weg kennen lernen, auf welchem ich zum erſten Male mit Türk in die Schlucht hinabſtieg und das romantiſche Häuschen fand, wo meine kleine Elfe wohnte, die Ihr nun hier als ausgewachſene Dame an meiner Seite hüpfen und ſpringen ſeht.“ Mit dieſen Worten ließ er ſeine Gefährtin los, die ſchon auf ihre eigene Geſchicklichkeit bauen konnte, und reichte die Hand ihrer Schweſter, die zögernd und zaghaft von Stelle zu Stelle, von Baum zu Baum ſchlüpfte und wiederholt nach ihrem Begleiter den Kopf wandte, der ſeinerſeits genug zu thun hatte, um ſich ſelber auf den Beinen zu halten. Endlich aber hatte man mit erhitzten Geſichtern und zitternden Beinen den Grund der Schlucht er⸗ reicht, ſtand nun tief Athem ſchöpfend ſtill und ſchaute ſich nach dem oft genannten Häuschen um. „Nun, wo iſt denn die Feenwohnung?“ rief Gu⸗ ſtav Steinau, denn er war es ja mit den beiden ſchö⸗ nen Schweſtern und ſeinem Freunde. Heinrich Markholm ſchaute forſchend umher und richtete dann ſein dunkles Auge verwundrungsvoll auf ſeine Gattin, die als Alwine Halling vor einem Jahre mit ihm ſo oft an dem Waſſerfalle vorbei nach dem Hauſe gewandelt war. Aber das Haus war wirklich nicht mehr da und nur hie und da zeigten einige, bereits mit grünem Raſen, Haidekraut und buntem Blumengewirr halb überkleidete Trümmer, daß früher auf der kleinen Platte am jenſeitigen Abhange ein Haus geſtanden hatte. Es war in der That ſchon im vergangenen Herbſte auf Befehl der Forſtbehörde ab⸗ gebrochen worden und am Kreidebruch beim Fahrnitz⸗ fall wieder aufgebaut. 4 „So habt Ihr uns alſo getäuſcht,“ rief Guſtav Steinau lachend,„und uns ohne Noth die ſteile Fels⸗ wand hinabgelockt.“ „Wir ſind ſelbſt getäuſcht worden,“ entgegnete Ulrike,„und ſo müßt Ihr Euch mit der Anſicht des 327 Platzes begnügen, auf dem es geſtanden hat. Hier war es— und auf dieſem ſchmalen Pfade gelangte man zur Thür, die in unſer kleines Heiligthum führte.“ „Ein ſchönes Heiligthum, in dem der ſchwarze Halling als Oberprieſter waltete!“ ſcherzte Guſtava. Die beiden Andern lächelten freudig.„Damit Ihr uns aber nicht auf Schritt und Tritt verſpottet,“ ſagte Heinrich Markholm zu dem andern Paare,„ſo thut mir den Gefallen und verfolgt dieſen Pfad bis zum Strande, ich werde„mit meiner Frau“ Euch bald nachfolgen, wir wollen nur noch nach einem kleinen Schatze ſuchen, den wir hier irgendwo ver⸗ graben haben.“ Guſtav Steinau verließ mit ſeiner jungen Gattin die Freunde; Ulrike aber wandte ſich mit holderrö⸗ thetem Geſicht zu Heinrich um und ſagte:„Welcher Schatz, meinſt Du denn, wäre hier vergraben und warum ſollen die Andern nicht das Glück ſehen, das wir empfinden, indem wir nach einem ſo wunderbaren Wechſel in unſerm Geſchick dieſe Stelle wieder be⸗ treten?“ „Ich meinte den Schatz der Rückerinnerung, meine theure Ulrike, denn ſelbſt in glücklichen Tagen iſt es ein hoher Genuß, an die Stunden zurückzudenken, die 328 man einſtmals für trübe hielt. So, ſetze Dich ein⸗ mal hierher auf dieſes ſchöne grüne Moos. Hier habe ich auch ſchon mit Dir geſeſſen, und zwar an dem Tage, als der ſchwarze Halling Tags zuvor mit mir da oben den bekannten Handel ſchließen wollte.“ „Ach, das war ein ſchrecklicher Tag, Heinrich!“ „Nein, es war ein ſehr ſchöner und für mich un⸗ vergeßlicher Tag. Denn an dieſem Tage erfuhr ich Deine Liebe zu mir—“ „O, hätteſt Du ſie nicht ſchon früher erfahren?“ „In Gedanken, ja, aber nicht in Worten. Und nun laß uns einmal zu jenem Tage zurückkehren und denken, wir ſäßen hier in dem kleinen Zimmer, was bei alledem doch ſo traulich war, obgleich Du damals ſo bitterlich weinteſt. Weißt Du noch, was Du in jener Stunde zu mir ſagteſt?“ Ulrike beſann ſich.„Es mag wohl Vielerlei ge⸗ weſen ſein, was ich Dir in meiner damaligen Auf⸗ regung ſagte, aber ich weiß in der That nicht, was Du meinſt.“ „So will ich es Dir wiederholen, ich habe es nicht vergeſſen. Du ſagteſt: ich habe durch jene Unter⸗ redung— die zwiſchen Halling und mir meinteſt Du— nur zu ſehr erkannt, wie groß der Abſtand zwiſchen uns und Ihnen iſt, und wenn Sie auch gütig und 329 liebreich gegen mich verfahren, ſo muß doch Viel ge⸗ ſchehen, bevor ich Ihrer ganz würdig bin und ohne Schaam über meine Vergangenheit an Ihrer Seite in einer großen Stadt leben kann. Und darauf ent⸗ gegnete ich: Was ſoll ich Dir darauf erwidern? Nichts, ich muß ſchweigen. Es wird nicht lange dauern, ſo wirſt Du Dein früheres Leben vergeſſen und ein ganz neues begonnen haben. Ich werde Dich hier fortnehmen, ſobald nur mein Freund von ſeiner Reiſe zurückgekehrt iſt, und Dich in eine Familie brin⸗ gen, in der Du bald auf andere Gedanken kommen wirſt. Nun, habe ich Wort gehalten? Und hat ſich meine Hoffnung nicht in allen Punkten erfüllt? Aber jetzt ſage mir, muß ich jetzt nicht ſagen: werde ich in dem neuen Verhältniß auch Deiner würdig ſein, ich, ein ſo armer—“. Er konnte nicht weiter ſorechen Ein weicher Arm umſchlang ihn liebevoll, heiße Lippen drückten ſich auf die ſeinigen und ein inniger Kuß ſchloß ihm den Mund. „Ich hoffe es,“ flüſterte eine kaum hörbare Stimme dann, indem die ſchöne Geſtalt ſich feſt an ſeine Seite ſchmiegte,„daß wir Beide einander werth ſind, wir haben Beide einander gegeben, was wir hatten, Du mir die lieben Meinigen und ich Dir mein Vermögen, 330 aber Beides erſt, nachdem wir ſchon längſt unſre Her⸗ zen mit ihrer Liebe ausgetauſcht hatten. Jetzt laß uns Gott für Alles dankbar ſein, was er uns ge⸗ ſchenkt, auch wir ſind die Wege der Prüfung gewan⸗ delt, aber ſie liegen— hinter uns.“ Sie hätten in ähnlichem ſüßen Gekoſe gewiß noch viel länger weiter geplaudert, wenn nicht Türk vom Strande daher gelaufen wäre und ein lautes Geheul erhoben hätte, gleichſam als wolle er ſie mahnen, ſich nicht zu ſehr in die Vergangenheit zu vertiefen und auch der Anderen zu gedenken, die ſie ſchon lange am Strande erwarteten. Sie ſtanden auch ſogleich auf, um dem Rufe zu folgen, und als ſie den Strand erreichten, fanden ſie Guſtav Steinau und ſeine Gattin auf denſelben Fels⸗ blöcken ſitzen, auf denen ſie ſo oft am Meeresufer ge⸗ ruht, der brauſenden Brandung gelauſcht und dem Spiele der Schaumwellen zugeſchaut hatten. Auch diesmal ließen ſie ſich neben ihren Freunden und Ge⸗ ſchwiſtern nieder und betrachteten die herrliche Scene, die man nicht oft genug ſehen kann und die immer neue Gedanken und Empfindungen erzeugt. Nachdem ſie aber eine Weile ſtumm und doch glücklich neben einander geſeſſen, deutete Guſtava auf den ſteilen ge⸗ fährlichen Kreideweg, der nach der ſüdlichen Höhe führt, und fragte, ob das ein Weg ſei, den ein Men⸗ ſchenfuß beſteigen könne. „Das ſollſt Du Dir gleich ſelbſt ſagen, meine Liebe,“ rief Ulrike, von ihrem Platze aufſpringend, „denn wir werden ihn ſogleich betreten.“ „Wie? Du wilſſt doch nicht da hinauf?“ „Auf der Stelle, und Du hoffentlich mit. Oben liegt der ſchönſte Ausſichtspunkt im ganzen Gebirge und da haben wir Beide oft geſeſſen und geplaudert und— und—“ „Nun was denn?“ fragte Guſtav Steinau lächelnd, da Ulrike hoch erröthend ſchwieg. „Ueber das Meer und nach den Schiffen ausge⸗ blickt,“ ergänzte Heinrich Markholm,„und an unſerm Geiſte die Ahnung der Zeit vorüberziehen laſſen, die jetzt gekommen iſt.“ „Aber iſt es denn möglich, dieſen wahren Alpen⸗ ſteg zu erklimmen?“ „Ich will es Dir auf der Stelle beweiſen!“ rief Ulrike triumphirend, und raſch ſprang ſie den Abhang hinan, unmittelbar von Heinrich Markholm gefolgt, der beinahe wie ſie in der Erkletterung ſolcher Felſen bewandert war. Viel langſamer, vorſichtiger und ängſtlicher folgten die beiden Andern nach; aber als ſie oben unter dem 332 köſtlichen Buchendach ſaßen, das ſeine Zweige ſchir⸗ mend und kühlend über die glücklichen Menſchen brei⸗ tete, war ihre Angſt verſchwunden, ein köſtlicher Ge⸗ nuß trat an deren Stelle und weit hin über das Meer blickten ſie nach den Schiffen aus, die am Hori⸗ zonte auftauchten, wie es auch ehemals die beiden An⸗ dern gethan, als ſie noch Alwine Halling und der arme Maler waren, der nichts als ſeine Kunſt und ſein männliches Herz beſaß, womit er die Blume er⸗ obert haͤkte, die jetzt an ſeiner Seite lagerte, ihm überglücklich in das gebräunte Antlitz blickte und den Geſchwiſtern von den Geſprächen erzählte, die ſie einſt, weniger glücklich als jetzt, aber doch hoff⸗ nungsreich, hier im Schatten der rieſigen Bäume ge⸗ führt hatten. Ungefähr zu derſelben Stunde deſſelben Tages, als das eben Erwähnte am Kieler Ufer vorfiel, ſaß der Verfaſſer dieſer Erzählung, der auf einer Reiſe durch Rügen begriffen war, auf dem Gipfel des ſchö⸗ nen Lenzberges und labte ſich an der wundervollen Ausſicht, die ſich hier vor den Augen des genüg⸗ ſamen Wanderers zu jeder Zeit aufrollt. Tiefblau und nur hin und wieder mit kleinen, ſilbern ſchim⸗ mernden Wölkchen beſtrent, breitete ſich vor ihm das unermeßliche Himmelsgewölbe aus und das Meer, in nicht minder ſchöner Bläue ſtrahlend, warf ſeine Schaumkronen perlend vor der ſanften Oſtbriſe auf, die ſtark genug war, die Segel der leichten Fiſcher⸗ boote aus Saßnitz und Crampas aufzublähen, die ihrer täglichen Arbeit nachgingen und in der anmuthig geſchwungenen Prorer Wiek pfeilſchnell von einem Ende bis zum andern flogen. Rings um ihn her aber wogten die üppigen Kornfelder wie ein zweites, aber ſanfteres Meer und in den dichtbelaubten Buchen⸗ der nahen Stubnitz fing ſich der koſende Wind, daß es lieblich um ihn rauſchte, wie es nur der Athem Gottes allein hervorzuzaubern vermag, wenn er mit linder Gewalt über die Fluthen und Baumwipfel ſtreicht. Ich hatte mich gemächlich auf die Bank geſetzt, welche ſo vorſorglich dem Wanderer auf dieſer Höhe hingeſtellt iſt, und betrachtete ſchon länger als eine Stunde die wunderbaren Naturbilder um mich her, deren bei jedem Lichtwechſel überraſchende Schönheit ich mir nicht genug einprägen konnte, als ein leich⸗ ter, mit zwei herrlichen Pferden beſpannter Jagd⸗ wagen aus dem Gehölze von Crampas daher fuhr und vor das Gehöft lenkte, das ſo idylliſch am Fuße des ſtattlichen Berges und am Rande der Waldung auftaucht, und nach einiger Zeit ſah ich drei Herren langſam den Berg heraufwandeln, auf deſſen Gipfel ich ſelber ſaß. Allmälig kamen ſie mir näher und als ſie ſo weit vorgerückt waren, daß ich ſie genauer muſtern konnte, erkannte ich dieſelben beiden alten Herren, die ich ſchon an manchen Tagen zuvor in Begleitung jener beiden jungen Paare auf Stubbenkammer geſehen hatte. Der dritte junge Mann, der ſich heute in ihrer Geſellſchaft befaud, zeigte ein feines blaſſes Geſicht, mit Augen von reinem Schnitt, aber ſinnendem, faſt melancho⸗ liſchem Ausdruck, dem gegenwärtig ſogar eine weh⸗ müthige Traurigkeit beigemiſcht war. In ihrem wei⸗ teren Geſpräch, das ich zum Theil hören konnte, nannten ihn die älteren Herren Willibald Stillfried und bewieſen ihm eine eben ſo väterliche Theilnahme, wie er ſie mit einer faſt zärtlichen Ergebenheit be⸗ handelte. Als die drei Herren ſich meinem Platze genähert hatten, ſtand ich von meinem Sitze auf, begrüßte ſie und rückte an das äußerſte Ende der Bank, um auch ihnen einen Ruheſitz auf derſelben zu gewähren. Sie aber, nachdem ſie mich wieder begrüßt, ſuchten nicht die Bank auf, ſondern blieben vor einen kleinen Hü⸗ gel ſtehen, der, kaum ſichtbar unter der üppigen Laſt friſch grünenden Epheu's, zwiſchen dem Roſen⸗ und Buchengeſtrüpp ſich erhob, womit das alte Hünengrab ſo reichlich wie anmuthig bedeckt iſt, und an deſſen Enden je zwei junge Buchen ſtanden, die ſchon kräf⸗ tiges Laub angeſetzt, obwohl ſie der ewige Wind auf der kahlen Höhe nur langſam wachſen ließ. Bevor ſie ſich auf dem Hügel niederließen, den ſie lange ſchweigend und mit wehmüthigen Blicken betrach⸗ teten, ſagte der eine der älteren Herren⸗ zu dem an⸗ dern:„Alter Herr, das iſt doch ein böſer Derg- für Deine widerſpenſtigen Lungen. Wenn Du nur mehr Luft hätteſt, würdeſt Du den Lenzberg herauf tanzen, während Du jetzt nur wie ein müder Greis ihn lang⸗ ſam erkletterſt, nicht wahr?“ Der alte Herr konnte nicht ſogleich antworten, er mußte ſich erſt von ſeinem anſtrengenden Gange erholen und friſche Luft ſchöpfen. Nachdem er aber einige Worte mehr vor ſich hin gemurmelt als geſprochen hatte, ſo daß ich ſie nicht verſtehen konnte, ſetzte er ſich endlich und die beiden Andern, dicht zuſammenrückend, folgten ihm dann bald nach. Eine Weile ſaßen ſie ſtill neben einander, die Au⸗ gen der blauen weiten See zuwendend. Dann aber ſchlang der größere der beiden alten Herren ſeinen Arm um die Schulter des mit der Jagdtaſche Be⸗ 336 kleideten und ſagte ſanft und mit ergreifend herz⸗ lichem Tone: dun Herr! Da ſind wir ja wieder bei— Ihm! Siehſt Du, er ſchläft noch immer ſo ſanft und feſt wie dannts als wir ihn hierherbetteten. Meinſt Du nicht auch?“ „Ja, Alfred,“ erwiderte der Andere,„er ſchläft noch immer ſanft and feſt auf ſeinem Lieblings⸗ platze und ein Jühr iſt ſchon verſtrichen und ſomit die Spanne! Zeit wieder kürzer geworden, die uns von ihm trennt.“ „Du haſt wohl Recht, aber daran mußt Du nicht denken, alter Herr, das verbittert ja die ſüßeſten Stun⸗ den. Begnügen wir uns, zu denken, daß ihm wohl iſt und daß er in unſern Herzen noch eben ſo friſch und warm lebt wie damals, als er mit uns den Lenz⸗ berg erſtieg und ſein Auge an der blauen See, dem goldklaren Himmel und dem grünen Heimatlande wei⸗ dete. Der gute Carling! Sieh, da liegt ſein altes Haus und da weiden ſeine Kühe und Schaafe, ſelbſt der alte Schäfer mit dem lahmen Hunde iſt noch da⸗ bei— er aber, er liegt hier unter uns und ſieht nur mit unſeren Augen, was ihn ſo oft erquickt und erho⸗ ben hat, wenn ſeine arme Bruſt die bitterſten Schmer⸗ zen empfand. Doch— laß uns von dieſem Geſpräche 337 abbrechen, es nützt nichts, in alten Wunden zu wühlen und den halb vergeſſenen Schmerz wieder lebendig zu machen— ſieh einmal nach jenem großen Schiff hin⸗ über, das iſt ein mächtiger Dampfer, der von Stock⸗ holm nach Stettin ſchaufelt— haſt Du Deinen Tubus bei der Hand?“ Der alte Herr faßte nach ſeiner Jagdtaſche und ſuchte darin herum, ohne zu füͤchen, wonach ſein Freund und er ſelber verlangte. „Mein Gott,“ ſagte er mit einem Male ganz be⸗ treten,„ich habe ihn zu Hauſe liegen laſſen oder dere A jungen Leute haben ihn mir abwendig gemacht— na! das ſoll mir nicht wieder begegnen!“ „Ha, alter Herr!“ rief der Andere heiter lächelnd, „das iſt das erſte Mal, ſo viel ich mich erinnern kann, daß Du den unvermeidlichen— ich wollte ſagen, den unentbehrlichen Tubus vergeſſen haſt— am Ende muß ich Dir doch Recht geben, daß Du alt und ſchwach von Gedanken wirſt, obgleich Deine Luft Dich nicht hindert, den ſteilen Lenzberg zu erſteigen.“ „Darf ich Ihnen den meinigen anbieten?“ ſagte ich höflich, von meinem Platze aufſtehend und mich den drei Herren nähernd, die meine Anweſenheit bisher 4 gar nicht beachtet hatten. Alle Drei wandten die Geſichter nach mir hin, Die Inſulaner. IV. 22 338 dankten freundlich und nahmen mein dargebotenes Fern⸗ glas willig an. Durch dieſe einfache Handlung war unſere Be⸗ kanntſchaft angeknüpft und wir ſaßen wohl über eine Stunde auf demſelben Platze, uns von der Gegend und allen möglichen Dingen unterhaltend, wie man an einem ſo ſchönen Punkte ſo leicht mittheilend und für alles Neue empfänglich ird. Nachdem wir uns aber ſatt geſehen, die drei Herren einen wehmüthig zärtlichen Abſchiedsblick auf das kleine Grab geworfen hatten, vas ſich auf dem großen erhob, ſtiegen wir wieder zu⸗ ſammen den Berg hinab, und als ich unten am Fuße deſſelben auf ihre Frage: Wohin ich gehen wolle, ant⸗ wortete:„Nach Stubbenkammer!“ da luden ſie mich ungemein freundlich ein, in ihren Wagen zu ſteigen und ſo den meilenlangen Weg ſchneller mit ihnen zu⸗ rückzulegen. Ich nahm das überaus herzlich vorgebrachte Aner⸗ bieten dankbar an und raſch trabten die prächtigen Hengſte mit uns durch den ſchattigen Wald dahin. Unterwegs erneuerte ſich unſer Geſpräch und ich hatte die Freude, zu bemerken, daß meine Mittheilungen ihren Beifall fanden, ſo daß ſie mich, als wir auf Stubbenkammer angelangt waren, fragten, ob ich auch an der Abendtafel daſelbſt Theil nehmen würde. 1 —-—— v 339 Auf meine bejahende Antwort erfolgte die Ein⸗ ladung, ihrer Geſellſchaft mich anzuſchließen, und als wir in den g länzend erleuchteten Speiſeſaal traten, an dem man ſo gemüthlich in langen Reihen neben ein⸗ ander ſitzt, fand ich die beiden ſchönen Damen und ihre Gatten vor, denen man mich vorſtellte, nachdem ich den älteren Herren meinen Namen genannt, wor⸗ auf ich auch erſt erfuhr, mit wem ich die Fahrt von dem Lenzberge zurückgelegt hatte. Bei Tiſche kam ich den beiden älteren Herren ge⸗ genüber und neben Herrn Steinau zu ſitzen, der mich ſchon lange aufmerkſam betrachtet hatte und endlich in zutraulicher Weiſe und mit geheimnißvollem Lächeln nach meiner Beſchäftigung fragte, nachdem er mir zu⸗ vorkommend die ſeinige genannt. Auch ich mußte nun lächeln und antwortete:„Ich bin ein Bährifiſtaller wie Sie, Ihr Name iſt mir ſehr gut bekannt und— „Und der Ihrige,“ unterbrach mich mein Nachbar, „uns nicht minder. Ich begrüße Sie herzlich als Collegen und drücke Ihnen meine Freude aus, Ihnen gerade hier an dieſem ſo anmuthigen Orte zu be⸗ gegnen—“ „Zumal zu einer ſo anmuthigen Zeit und in ſo aanmuthiger Geſellſchaft!“ ergänzte ich, mich gegen die 22* 340 Damen verbeugend, die leicht erröthend auf ihre Tel⸗ ler blickten. „Was!“ rief der alte Oehe mit einem Male— „Sie ſind auch ein Schriftſteller, ein Künſtler?“ „Wenn Sie die Schriftſteller zu den Künſtlern rech⸗ nen, ja, ſo bin ich einer.“ „Aber er neigt ſich in ſeinen Arbeiten,“ verſetzte Guſtav Steinau lebhaft,„weder Deinem lieben Salis„ noch mir Unwürdigem zu, er ſteht vielmehr—“ J. „Bitte,“ unterbrach ich ihn,„wir wollen uns lie⸗ ber nicht elaſſificiren. Der Vergleich zweier Menſchen 1 iſt eben ſo wenig erſprießlich wie der zweier Natur⸗ pilder, was ja die Menſchen doch alle mehr oder we⸗ niger ſind— laſſen Sie uns lieber ein Glas auf das Wohl der Damen leeren und mich dabei den Wunſch ausſprechen, daß Sie noch viele ſo glückliche Tage er⸗ leben mögen, als der heutige für Sie zu ſein ſcheint.“ „Ja,“ rief Herr von der Oehe,„thun wir das! Auf das Wohl der Damen trinke ich auch und immer ein Glas!“ „Zwei oder drei, alter Herr!“ ſagte Alfred Brunſt lächelnd,„denn mit einem reicht man nicht weit, wenn man zwei ſo ſchöne Nichten vor ſich hat!“— Die Gläſer klangen luſtig an einander und die nähere Bekanntſchaft zwiſchen uns war eingeleitet. — 241 Dieſe Bekanntſchaft aber ſollte angenehmere Fol⸗ gen für mich haben, als ich im erſten Augenblick er⸗ warten konnte. Wir ſahen uns zunächſt in den fol— genden Tagen zu wiederholten Malen und als die bei⸗ den jungen Paare eines Morgens nach dem Gute des Herrn Brunſt fuhren, lud man mich ein, ſie dahin zu begleiten. Als ich erſt einmal daſelbſt geweſen, mußte ich bald öfter dahin kommen und als man nach einigen Wochen nach der Oehe reiſte, durfte ich mich nicht mehr weigern, auch an dieſem weiteren Ausflug Theil zu nehmen, der mich überdieß in eine mir noch unbekannte und höchſt intereſſante Gegend von Rügen führte. 4 So lernte ich Grünthal, die Inſel Oehe und ihre Beſitzer kennen, achten und lieben, und nicht gar lange dauerte es, ſo war ich mit den eigenthümlichen Ge⸗ ſchicken bekannt, welche die alten und jungen Leute ſo innig mit einander verbanden. Nachdem ich längere Zeit die faſt ſchrankenloſe Gaſtfreundſchaft dieſer In⸗ ſulaner genoſſen, trug ich ihnen meine Bitte vor, die hauptſächlichſten Begebenheiten ihres Lebens, die ſie mir ſo vertrauensvoll mitgetheilt, in einer größeren Erzählung bearbeiten zu dürfen, und auch dieſe Bitte wurde mir von Seiten Alfred Brunſt's mit herzlichem Lächeln, von Seiten Herrn von der Oehe's aber mit 342 ernſter Miene und dem ausdrücklichen Verlangen ge⸗ währt, nicht zu viel Gutes über ihn ſelber zu ſagen, dagegen ſeine Freunde, den Lebenden und den leider zu früh Verſtorbenen, um ſo herzlicher zu bedenken. Ich verſprach es, und ob ich mein Verſprechen ihrem Wunſche und Sinne gemäß ausgeführt, mögen ſie ſelber beurtheilen, da ich mir über meine eigenen Arbeiten kein Urtheil anmaßen darf. Als ich aber, bevor ich Rügen nach monatelangem Aufenthalte verließ, noch einmal nach Jasmund wan⸗ derte, beſtieg ich den ſchönen Lenzberg mit ganz an⸗ deren Gefühlen als das erſte Mal, denn nun verſtand ich die wehmüthigen Empfindungen, die ſich in den 8 einfachen Worten ausſprachen, welche ich damals von den alten Herren hier hatte laut werden höͤren. Von tiefer Rührung über die eben ſo ſeltene wie innige Freundſchaft dieſer wackerey,Inſulaner ergriffen, wand ich aus den ſchönſten Feldblumen, die ich im Umkreiſe finden konnte, einen Kranz und legte ihn auf das Grab des guten Carling nieder, in der vollen Ueberzeugung, damit meinen herzlichſten Dank für die Gaſtfreundſchaft auszuſprechen, die ich auf den idylliſchen Landſitzen der beiden edlen Männer genoſſen habe und alle Jahre wieder genieße, wenn mich mein Schickſal in ihre Nähe führt. — 343 Und hiermit ſchließe ich meine Erzählung, von der ich nicht wünſchen will, daß die Einfachheit und Prunk⸗ loſigkeit, mit der ich ſie vortrug, den lebhaften Ein⸗ druck verwiſche, den die Betrachtung edler menſchlicher Charaktere und Herzen ſtets in dem Gemüth des em⸗ pfindungsreichen Leſers hervorzurufen pflegt. Druck von Oswald Koltann in Leipzig. Von demſelben Verfaſſer ſind ferner erſchienen: Der Sohn des Gärtners. Roman. 4 Bde. 8. 1861. 6 Thlr. Emery Zlandon. Roman. 3 Bde. 8. geh. 1859. 6 Thlr. Walter Lund. Aus dem Leben eines Schriftſtellers. 8 3 Bde. 8. geh. 1855. 4 Thlr. 4 Der Irre von St. James. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes. 4 Bände. 8. geh. IV. Auflage. 1858. 4 Thlr. 1 Der Strandvogt von Jasmund. geſchichtliches Lebensbild aus der Zeit der Occupation der Inſel Rügen durch die Franzoſen von 1807— 1813. 8. h. 1860. 6 Thlr. “ 4