☛ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, 5 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von fädein Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. * —2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet „ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* 8₰ — = — ⁸½ 2 5 ₰ —₰½ S beträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ auf 1 Monat: 9 Mr.— Pf. 1 Nr. 55 Pf. 2 Mk. Pf. 7—„„ 3„=„„ 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird veſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 indem Diejenigen, welche die⸗ 3 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt . 8. ⸗ —— 4 —— Rüginniäches Gharahterbild. Philipp Galen. Dritter Cheil. ( 3 39 90 Ae O).(Doe — 5 88 88 Ss Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1861. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erstes Bapitel. Die Botſchaft und ihre Wirkung auf der Lenz und in Grünthal. Während unſrer eifrigen Beſchäftigung mit dem Guts⸗ herrn von Grünthal und ſeinem Gaſte, und mit Herrn von der Oehe und Guſtav Steinau ſcheinen wir die Bewohner der Lenz gewiſſermaßen vernachläſſigt zu haben. Allein dies iſt nicht ſo ganz der Fall und gerade der Umſtand, daß wir ihrer ſo wenig Erwähnung gethan, dürfte beweiſen, daß es ihnen fortwährend ſehr gut erging, wie man ja ſchon im gewöhnlichen Leben zu ſagen pflegt, daß diejenigen Menſchen die glücklichſten ſind, von denen am wenigſten geſprochen wird und um die ſich Niemand zu bekümmern ſcheint. In der That, keiner der übrigen Freunde, die wir dem Leſer vor Augen geführt, ſah die flüchtige Stunde in ſo unge⸗ Die Inſulaner. III. 1 2 ſtörtem Genuſſe ländlicher Freuden und häuslichen Stilllebens verſchwinden, wie Carl Melms und ſein Gaſt, unſer ſanfter Muſicus, Willibald Stillfried. Ein Tag verfloß ihnen wie der andere, ſorgenlos und fried⸗ lich, geräuſchlos und angenehm, und wenn ſie ſich Abends zur Ruhe begaben, konnten ſie immer ausrufen: „Das war abermals kein verlorener Tag!“ was viel ſagen will und nur wenigen bevorzugten Menſchen auf dieſer mangelhaften Erde beſchieden iſt. Willibald erhob ſich mit ſeinem Wirthe Morgens zugleich vom Lager, pünktlich um fünf Uhr. Carl Melms liebte es, gleich darauf, falls es das Wetter erlaubte, den nahegelegenen Berg zu beſteigen und dem umliegenden weiten Lande und der blauen See ſeinen Morgengruß darzubringen. Von dieſer Höhe aus warf er zugleich einen Blick über ſeine Felder und beaufſichtigte ſo die Thätigkeit ſeiner Arbeiter, denn das Hünengrab beherrſchte ja ringsum ſein ganzes Be⸗ ſitzthum. Willibald ließ es ſich nicht nehmen, dieſer erſten Wanderung auf der Lenz beizuwohnen, und ſtie⸗ gen ſie dann in das gemüthliche Häuschen hinab, ſo ſchmeckte ihnen das Frühſtück vortrefflich, welches Frau Elſche unterdeß in reichlichſter Fülle aufgetiſcht. Nach dieſem Frühſtück beſichtigte der eifrige Land⸗ wirth ſeine Aecker auf das Genauſte, ging zug den benachbarten Gute oder ſonſt wohin zu unternehmen, von der ſie ſtets zur Abendmahlzeit nach Hauſe zurück⸗ Arbeitern, ſprach mit ihnen und zeigte, daß ſein Auge überall wache. Lange vor Mittag war dieſe Arbeit beendet und die beiden Männer fügten derſelben noch einen Spaziergang hinzu, der ſie an liebliche Plätze der Umgegend führte und ihren Appetit von Neuem zu dem bevorſtehenden Mittagsmahle ſchärfte. Nachmittags blieben ſie, wenn es ſehr heiß war, zu Hauſe; Carl Melms las und der Muſicus com⸗ ponirte, und wenn ſie ſich müde gearbeitet, trafen ſie wieder zuſammen, um eine Fahrt nach irgend einem kehrten. Nach derſelben aber wurde nun endlich der Muſik ihr Recht gewährt; Willibald geigte nach erzens⸗ luſt und ſein Wirth ſaß ſtumm und aufmerkſam neben ihm, jeden ſeiner kühnen Striche mit den Augen ver⸗ 8 ſchlingend, jeden Ton mit dem Ohre erfaſſend und im 3 Herzen mit ſtillem Glücke nachempfindend. So war das einfache Leben der beiden Männer auf der Lenz beſchaffen und man ſieht, daß darüber eben nicht viel mehr zu ſagen iſt. Für Willibald war daſſelbe ein ungemein ſegenvolles geweſen, nie hatte er ſich ſo zufrieden und behaglich gefühlt. Seine Ge⸗ danken wurden durch keine äußeren ſtörenden Ein⸗ wirkungen zerſtreut, ſeine Empfindungen floſſen in we⸗ 1* — 4 nigen Punkten zuſammen und ſteigerten ſich daher zu 3 intenſiverer Kraft; darum auch war ſein Geiſt ſo frucht— bar, wie er es nie vorher geweſen. Es war, als ob die Melodieen ihm aus den Lüften zuſummten, als ob er ewig ſingen und dichten könne, und was er auf dieſe Weiſe in's Daſein rief, duftete von einem zarten Reiz, quoll über von Innigkeit und Herzenswärme, ſo daß Carl Melms, wenn er es hörte, oft zu Thränen gerührt ward. Dadurch aber wurde nicht allein ſein productiver Trieb befriedigt, auch ſein Herz wurde be⸗ glückt, denn alle Tage geſtand er ſich von Neuem, daß er eine wahre Heimat gefunden, er, der nie eine ſo ſchöne und ruhige beſeſſen, daß die Sorgen des Lebens keine Gewalt mehr über ihn hätten und daß die Feſſeln, die ihn im Gewoge der großen Stadt am freien Auf⸗ ſchwunge gehemmt, hier keinen Einfluß mehr auf ihn übten. Wie eine Pflanze, die, ihrem engen Kerker, dem heißen Triebhauſe entrückt, in freier, geſunder, ihr zuſagender Luft ſich ſchneller und mächtiger ent⸗ wickelt, ſo gedieh auch er in dieſer reinen N aturluft, im Umgange mit dieſem gemüthlichen Manne, und wie ſein Geiſt heiterer, unternehmender, kühner ward, ſo lebte ſein leiblicher Organismus friſcher auf und wenige Wochen in der freien Luft und ohne den geiſt⸗ tödtenden Druck einer überfüllten Stadt hatten aus 4 5 dem bleichen empfindſamen Muſicus einen munteren, kräftig blühenden Mann gemacht. Willibald Stillfried aber war in ſeinem Innern ein eben ſo dankbarer, wie nach Außen hin ein glück⸗ licher und zufriedener Menſch. Er ſah nur zu wohl ein, daß die unbegränzte Gaſtfreundſchaft ſeines Wirthes dieſe Wandelung in ihm zu Wege gebracht, daß er ihm ſein ganzes jetziges leibliches und geiſtiges Wohl verdanke, und deshalb hatte er dem wackeren Manne, der ſo viele liebenswürdige Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens beſaß, auch eine unbegränzte, faſt kindliche Neigung zugewandt. Er hatte ihm ſein ganzes Ver⸗ trauen hinſichtlich ſeiner eigenen Perſon geſchenkt, hatte ihm offen und ehrlich einen Einblick in den kleinen Uranfang ſeines muſtkaliſchen Erdentreibens gewährt und ihm ſo das einfache Künſtlerherz geöffnet, das nun ohne Falten und Schatten vor dem Auge des edlen Menſchenfreundes lag. Carl Melms hatte dies Vertrauen mit theilnehmen⸗ der Seele hingenommen und ohne daß er darüber viele Worte machte, den jungen Künſtler ungemein lieb ge⸗ wonnen und ihm wiederholt den Wunſch ausgeſprochen, daß er ſeinen Beſuch ſo lange wie möglich ausdehnen und vor allen Dingen im nächſten Jahre wiederkom⸗ men möge, wofür er ſelbſt auch im Winter die große 6 Kunſtſtadt beſuchen wolle, in der Willibald mit ſeinen Freunden heimiſch war. So hatten die beiden Männer im Ganzen ſich völlig in einander hinein gelebt, ſie verſtanden ſich durchaus und thaten ſich Alles zu Liebe, was ſie einan⸗ der thun konnten, wobei Jeder in einzelnen Dingen nach ſeinem eigenen Gefallen verfuhr und Keiner in irgend einer Weiſe einem geſelligen Zwange unter⸗ worfen war. An dem Tage nun, an welchem der Statthalter von der Oehe die uns bekannte Botſchaft nach der Lenz trug, ſaßen Carl Melms und ſein Gaſt um zehn Uhr im Speiſezimmer beim Frühſtück, von wo aus, wie man weiß, der ganze Hof überſehen werden konnte. Sie waren eben vom Felde hereingekommen, wo man⸗ ſtark mit der Erndte beſchäftigt war, und thaten Frau Elſche's Kochkunſt alle Ehre an, als plötzlich ein Rei⸗ ter in vollem Galopp auf den Hof ſprengte, dicht vor der Hausthür aus dem Sattel ſprang und ſein trie⸗ fendes Pferd einem der herbeilaufenden Knechte mit der Anweiſung übergab, das brave Thier auf's Beſte zu verpflegen. Carl Melms hatte beim erſten Blick durch's Fen⸗ ſter den Statthalter ſeines Freundes erkannt.„Hoho!“ rief er, indem eine leichte Röthe ſeine Wange über⸗ 4 flog,„was giebt es denn da? Das iſt ja der alte Vormäher von der Oehe— es wird doch nichts vor⸗ gefallen ſein?“ Er ſtand auf und ging dem Boten entgegen, der ſchon mit erhitztem Geſicht und ſteifen Gliedern in die Stube trat und ſein:„Gott zum Gruß, Herr Melms!“ mit lauter Stimme erſchallen ließ. „Guten Morgen, mein Alter,“ entgegnete der Gutsherr der Lenz,„Ihr habt es ja ſehr eilig— was giebt es denn— doch kein Unglück?“ Er konnte nicht mehr ſagen, denn ſein Herz, von einem plötz⸗ lichen Schrecken ergriffen, ſchlug ſchmerzhaft und zog ihm die ganze Bruſt wie im Krampfe zuſammen. „O nein, gerade kein Unglück,“ lautete die Ant⸗ wort,„aber eben auch kein großes Glück. Da, leſen Sie, Herr Melms; ich bringe die beſten Grüße von meinem gnädigen Herrn und dieſen Brief, den Sie, wenn Sie ihn geleſen haben, wieder zuſiegeln ſollen, damit ich ihn auch nach Grünthal trage.“ „Hat es denn ſolche Eile?“ fragte Carl Melms langſam, die Hand auf das ſchlagende Herz drückend und mit der andern den Brief ergreifend. „O ja, Herr, Eile hat es. Reit' zu, ſagte mir der gnädige Herr, daß Du um Mittag auf Grünthal biſt, ſo haben wir Dich am Abend wieder. Und da 8 bin ich wenigſtens auf der Lenz zur rechten Zeit an⸗ gelangt.“— Melms ahnte den Inhalt des Briefes; bevor er ihn aber erbrach, nöthigte er den alten Statthalter zum Sitzen, ſchob ihm einige gefüllte Schüſſeln vor und ließ ſogleich von Frau Elſche friſche Teller und eine Flaſche kräftigen Wein hereinbringen. Während der Statthalter nun eifrig zulangte, öffnete Jener den Brief und las ihn langſam zweimal hinter einander durch, wobei ſein Geſicht, das der Muſicus aufmerk⸗ ſam beobachtete, einen ernſten, beinahe traurigen Aus⸗ druck annahm. Der Brief aber lautete folgendermaßen: „Meine Freunde! Eure günſtigen Erwartungen ſind nicht eingetroffen; die Behörden haben noch keine ausreichenden Geſetze gegen das Steinzangen erlaſſen und die Diebe fahren conſequent fort, mich auf eine unverantwortliche Weiſe zu beſtehlen. Aber nicht allein Steine nehmen ſie mir, auch mein Vieh führen ſie Nachts fort, ja ſie verſuchten ſogar, eine Miethe in Brand zu ſtecken, die ich eben aufgerich⸗ tet. Ich bin überzeugt, daß eine förmliche Bande ſich organiſirt hat, mein nach allen Seiten offen gelegenes Land zu plündern und meinen Beſitz auf die niederträchtigſte Weiſe zu ſchmälern. Unter 9 dieſen Umſtänden und da mich die Behörden, auf die ich mein ganzes Vertrauen geſetzt, im Stich laſſen, bin ich feſt entſchloſſen, auf eigene Fauſt zu handeln. Kommt alſo und überzeugt Euch mit eigenen Augen. Richtet Euch aber ſo ein, daß Ihr Nachts hier anlangt und ſendet Euer Gefährt von Schaprode wieder zurück. Ich bin nicht ganz vor Aufpaſſern ſicher und wünſchte nicht, daß man den Zuwachs der Bemannung der Inſel erführe. Es wird gut ſein, wenn Ihr Eure Jagdflinten und Piſtolen mitbringt. Euer Gottlieb von der Oehe.“ Als Carl Melms dieſen Brief zu Ende geleſen, überzog eine nur ſelten an ihm geſehene Zornesröthe ſein Geſicht.„Es iſt gut,“ ſagte er dann,„ich werde kommen, noch heute, aber damit Alfred Brunſt die Nachricht auch bald erhält, werde ich ſogleich einen Boten nach Grünthal ſenden, und Ihr, Vormäher, könnt Euch ſo lange bei mir ausruhen.“ „Mit Verlaub,“ erwiderte der dienſteifrige Statt⸗ halter und ſprang, Mund und Hände voll Eßwerk, von ſeinem Stuhle auf,„mein Herr hat mir den Auftrag gegeben, nach Grünthal zu reiten und ſo werde ich es thun. Mein Mittageſſen halte ich dort ab. Wollen Sie mir aber ein friſches Pferd geben, 10 Herr Melms, ſo nehme ich es dankbar an, dann kann ich heute Abend auf meinem Fuchs um ſo raſcher nach Hauſe reiten.“ Carl Melms ſtimmte bei und gab ſofort Befehl, ein raſches Pferd zu ſatteln, das auch nicht lange auf ſich warten ließ, worauf der Statthalter es beſtieg und weiter nach Norden trabte. Als der Gutsherr von der Lenz vom Hofe in die Stube zurückkehrte, nachdem er dem Boten noch die herzlichſten Grüße nach Grünthal mitgegeben, ſah er den erſtaunten Muſicus vor ſich ſtehen, der ſeine Un— ruhe nicht länger bewältigen konnte.„Sie haben doch keine unangenehme Nachricht von der Oehe er⸗ halten?“ fragte er theilnehmend. „Eigentlich doch,“ erwiderte Jener, der ſichtbar erregt ausſah und ſchnell ſeine Entſchlüſſe zu faſſen ſchien.„Mein alter Freund auf der Oehe befindet ſich in einer üblen Lage und wenn er auch muthig und vielleicht auch ſtark genug iſt, ſie allein auszu⸗ fechten, ſo darf ich doch keinen Augenblick zoͤgern, ihm zu Hülfe zu kommen. Wenn ich es ihm auch nicht verſprochen hätte, ich würde es doch ohne Beſinnen auf der Stelle aus freiem Antriebe thun. Doch ich ſehe keinen Grund ein, Ihnen die Geſchichte jetzt noch zu verſchweigen. Hier iſt ſie.“ 11 2 Und er erzählte dem jungen Freunde Alles, was wir bereits wiſſen.„So werden Sie alſo die alte Oehe auch zu ſehen bekommen„“ ſchloß er ſeinen Be⸗ richt,„und zwar recht bald, denn noch heute Nach⸗ mittag um drei oder vier Uhr denke ich mit Ihnen dahin aufzubrechen.“ „Werde ich denn auch dort nicht im Wege ſein, und wird mich Herr von der Oehe gern bei ſich ſehen?“ fragte der beſcheidene Willibald. „Ob er es wird, hoho! Sie ſind ein Mann Be⸗ ſatzung mehr und werden alſo überaus willkommen ſein. Doch darüber Worte zu verſchwenden, iſt un⸗ nütz; wenn ich ſechs Gäſte mit nach der Oehe bringe, ſo werden ſie alle zu jeder Zeit wohl aufgenommen ſein. Wir Drei, Oehe, Brunſt und ich, ſind im Grunde nur eine einzige Perſon; was der Eine thut, iſt dem Anderen recht, ſo haben wir es von jeher gehalten und werden es ferner halten. Doch jetzt will ich die nöthigen Anordnungen für meine Abweſenheit treffen, entſchuldigen Sie mich alſo und packen Sie unter⸗ deſſen Ihre Sachen ein. Natürlich geht auch die Geige mit.“ Carl Melms begab ſich nun zu ſeinem Statthalter und beſprach mit ihm das Nöthige. Zur Weizen⸗ erndte hoffe er wieder zurück zu ſein, ſagte er dem⸗ 12 ſelben, bis dahin ſolle Alles ſeinen gewohnten Gang gehen.„Du kennſt mich und meine Liebhabereien,“ ſchloß er ſeine Rede,„ſo handle danach und thue Deine Pflicht. Ich verlaſſe mich völlig auf Dich und damit iſt Alles geſagt.“ Nachdem er nun noch einmal raſch an der Seite des Statthalters über die Felder geſchritten war, die genauſte Einſicht von dem Stande der Dinge genom⸗ men und verſchiedene Anordnungen für die nächſten Tage ausgeſprochen hatte, trug er dem Manne noch auf, ihm von Zeit zu Zeit Nachricht zugehen zu laſſen und ihn nur im höchſten Nothfalle nach Hauſe zu be⸗ rufen.„Meine Pflicht,“ ſagte er,„ruft mich jetzt nach der Oehe und die will ich gründlich erfüllen. Störe mich alſo nicht darin durch übereilte Vorſorge für mein eigenes Haus. Jetzt weißt Du Alles und nun will ich in Ruhe meine Suppe eſſen.“— der und Gegenſtände zuſammen, die er bei ſeinem Freunde zu brauchen gedachte, außer den ſchweren Stiefeln und dem Hausrock, die er eben ſo wie in Grün⸗ thal auch auf der Oehe hatte. Dann wurde der Wa⸗ gen bepackt und die Pferde vorgelegt, was alles die Zeit bis vier Uhr fortnahm. Eben ſtand der Herr von der Lenz im Begriff, Frau Elſche und den ver⸗ Bald nach Tiſche legte auch Carl Melms die Klei⸗ — ſammelten Hausbewohnern Lebewohl zu ſagen, als der Statthalter von der Oehe, zwar ſteif und durſtig, aber viel vergnügter von Grünthal zurückkam, als er abgeritten war. 2 „Nun, Alter,“ rief ihm Carl Melms entgegen,„ſeid Ihr wieder da? Wie habt Ihr es in Grünthal ge⸗ troffen?“ „Oho,“ verſetzte der Statthalter,„es iſt Alles in beſter Ordnung. Herr Brunſt war zwar noch etwas unpäßlich, aber meine Nachricht hat ihn ſchnell geſund gemacht. Er wird jetzt wohl ſchon abgefahren ſein, denn er wollte erſt nach Wittow, da er in Altenkirchen zu thun hat. Er beſtellte die beſten Grüße, für den Fall, daß ich Sie noch träfe, und läßt ſagen, er würde wohl heute Abend ſo ziemlich zu gleicher Zeit mit Ihnen auf der Oehe eintreffen.“ „War der fremde Herr auch bei ihm?“ fragte Carl Melms weiter. „Ich habe keinen fremden Herrn geſehen, Herr Melms. Herr Brunſt war allein und ſaß in ſeiner Stube; gegeſſen hatte er ſchon, als ich ankam.“ „Es iſt gut,“ ſagte Carl Melms.„Nun ruht Euch aus, Alter, ſo lange Ihr wollt. Die Elſche wird Euch pflegen. Euer Fuchs aber hat tüchtig gefreſſen und iſt ganz munter.“ 48 Nach dieſen Worten beſtieg er mit Willibald den Waͤgen und die Pferde zogen an. Als ſie aber eben das Gehöft verlaſſen wollten, ſahen ſie den Steuer⸗ beamten aus Crampas, ſein Gewehr in der Hand tragend, des Weges daherziehen. Als der Wagen ihn erreicht, ließ Carl Melms halten und fragte den Mann:„Wollen Sie zu mir, Kreuzer?“ „Ei ja, ſo halb und halb, Herr Melms, aber Sie wollen fort. Wohin geht es denn?“ „Nach der Oehe, Kreuzer.“ „Nach der Oehe! Oho, das iſt weit.“ „Haben Sie mir etwas Beſonderes mitzutheilen?“ „Nun ja, ſo halb und halb! Es betrifft den Päch⸗ ter des neuen Kreidebruchs an der Fahrnitz— Sie wiſſen doch— Sie gaben mir ja einen Auftrag.“ „Ach, Halling meinen Sie, den ſchwarzen Halling. Nun, wie ſteht es damit?“ „Ja, es ſteht damit ſo und ſo.“ Und er trat ganz nahe an den Wagen heran und flüſterte:„Der Mann iſt nicht ganz kauſcher, Herr Melms. Mein Verdacht ſcheint ſich zu beſtätigen, wenigſtens halb und halb. Ich habe ihn zwar noch nicht erwiſcht, denn der Kerl iſt ſchlau wie Einer, aber der Leumund hier ringsherum über ihn iſt im Abnehmen—“ „Wie meinen Sie— hat man ihm zu viel gethan?“ — aus. Ich bin überzeugt, dieſer Fuchs iſt ſo halb und halb ein Wolf und wir werden noch eine hübſche Suppe mit ihm zu theilen haben.“ „Mag ſein, dann wünſche ich guten Erfolg. Alſo weiter wiſſen Sie nichts über ihn?“ „Nichts Beſtimmtes, nein. Aber wenn ich etwas erfahre, wie dann, wenn Sie auf der Oehe ſind?“ „Wenn es wichtig iſt, ſo ſchreiben Sie es mir. Ich will es nicht für mich wiſſen, ſondern für einen Freund, der mich gebeten hat, Ihnen die Sache vor⸗ zulegen.“ „Aha, ich verſtehe ſo halb und halb. Der junge Mann— o!“ „Was für ein junger Mann?“ „Der Halling's Haus alle Tage beſucht—“ Carl Melms verſtand den Beamten ſehr wohl, aber er wollte das Geſpräch auf dieſen Punkt nicht geführt wiſſen. So nickte er denn freundlich und ſagte dem Manne Lebewohl. „Leben Sie wohl!“ rief Herr Kreuzer, dienſterge⸗ ben an die Mütze faſſend und ſein Gewehr ſchulternd, „ich wünſche gute Verrichtung. Ich ſchreibe ſobald ich etwas Wichtiges weiß. Adieu!“— „O nein doch, im Gegentheil! Alles zuckt die Achſeln und will nicht ſo ganz mit der Sprache her⸗ „ 5— Der Wagen fuhr weiter und Carl Melms lächelte den Muſicus an.„So halb und halb ſind wir nun unterrichtet,“ ſagte er ſcherzhaft,„daß alle Welt weiß, daß Herr Markholm ein fleißiger Beſucher des Kieler Ufers iſt. Nun, dieſe Beſuche haben mit dem heuti⸗ gen Tage ihr Ende gefunden und bald, o bald, mein lieber Stillfried, werden die drei alten und jungen Freunde unter einem Dache vereinigt ſein. Aber ſehen Sie da— was iſt das?“ Wie wir ſchon geſagt, hatte der Nordweſtwind, der die Nacht über gebraust, am Morgen dieſes Tages die entgegengeſetzte Richtung angenommen und war allmälig in einen ſteifen Oſtwind übergegangen, der jetzt am Nachmittage bei ziemlicher Wärme von Au⸗ genblick zu Augenblick ſtärker wurde. Die trüben Wolken, die der Morgenwind über See getrieben, kamen jetzt nach dem Lande wieder zurück, aber nicht mehr in zuſammenhängenden großen Maſſen, ſondern von der Gewalt des gegenſtrebenden Luftzuges aus⸗ einander geriſſen, in einzelne kleine Gruppen geſpalten, und nahmen nun unter der fortdauernden Einwirkung des ſtarken Oſtwindes ganz ſeltſame Geſtalten an, die von dem klaren Himmelsgewölbe ſcharf abſtachen, leicht darüber hinſchwebten und zuweilen in ganz eigenthüm⸗ lichen Färbungen ſpielten, je nachdem die Strahlen 17 der Sonne, die ebenfalls bisweilen verhüllt waren, ſie mehr oder weniger beleuchteten. In dem Augenblick nun, als die beiden Reiſenden an dem Lenzberge vorüberfuhren, auf dem ſich das ſchöne Hünengrab erhebt, hatte der Wind eine dunkle, beinahe ſchwarze Wolkenmaſſe gerade darüber zuſam⸗ mengetrieben, die unverkennbar die Geſtalt eines rie⸗ ſigen Sarges zeigte und ſich faſt auf das Hünengrab niederſenken zu wollen ſchien. Carl Melms ſtaunte das ſeltſame Wolkengebilde mit ernſter Miene an und ſein ſchönes klares Auge umflorte ſich ſogar einen Augenblick mit einem Schim⸗ mer wehmüthiger Traurigkeit.„Sehen Sie,“ ſagte er mit ſanfter Stimme zu ſeinem Begleiter,„mein ſchönes Grab da oben ſcheint auch zu trauern, daß wir fort⸗ gehen— iſt es nicht gerade wie ein Sarg, der ſich da oben niederlaſſen und in die Gruft ſenken will?“ Kaum hatte er es geſagt, ſo erhlickten die Pferde die wunderbare Wolkengeſtalt, die in der That unge⸗ mein niedrig ſchwebte und ſchon durch ihre jeden Au⸗ genblick zunehmende Schwärze, ihnen einen Schrecken einjagte. Sie bäumten hoch auf, ſprangen ſcheu von der Seite und jagten dann mit dem leichten Wagen eine ziemliche Strecke quer über das Feld, bevor ſie der Kutſcher zügeln konnte. Die Inſulaner. III. 2 18 Als man ſo aber raſch an der düſtern Wolke vor⸗ übergekommen, beruhigten ſie ſich und kehrten, von feſter Hand geleitet, auf den gewöhnlichen Weg zurück. Die Unruhe der Thiere aber hatte nun den Kutſcher ergriffen und mit bleichem Geſicht und tiefaufathmend, wandte er ſich nach ſeinem Herrn um und ſagte: „Herr Melms!“ „Was willſt Du, Hans?“ „Das konnte ſchlimm werden, Herr, und derglei⸗ chen haben mir die Braunen noch nie angethan. Das Ding da oben gefällt mir nicht und es hat gewiß was Trübes zu bedeuten.“ „Es war nur eine Wolke, Hans.“ „Ja, aber eine ganz abſonderliche Wolke, Herr. Wenn es auf mich ankäme, lenkte ich die Pferde um und führe heute nicht nach der Oehe.“ „Dann werden die Braunen noch einmal erſchrecken und vielleicht wirklich durchgehen.“ Der Kutſcher wandte den Kopf, um nach der Wolke zurückzuſchauen.„O, ſehen Sie doch,“ rief er,„ſie iſt weg und in tauſend Theile zerſpalten. Bei Gott, ſo lange wir vor ihr waren, blieb ſie da und ſie hat uns alſo allein gegolten.“ 1 Carl Melms ſah ſeinen jungen Freund an und zuckte über die Anſicht des Kutſchers lächelnd die 19 . Schultern.„Fahre nur ruhig weiter,“ ſagte er dann zu dieſem,„wenn jede Wolke etwas zu bedeuten hätte und wir, wenn ſie uns begegnet, unſern Weg unter⸗ brechen ſollten, würden wir niemals zum Ziele kommen.“ „Ja, ja doch,“ brummte der Kutſcher dumpf vor — ſich hin.„Ich thu's ja ſchon. Aber eine ſolche ſelt⸗ ſame Creatur kommt nicht alle Tage am Himmel zum Vorſchein und wir werden es erleben, ob ſie was Schlimmes zu bedeuten hatte oder nicht!—“ . Obgleich wir ſchon erfahren haben, daß der Statt⸗ halter von der Oehe Herrn Brunſt auf Grünthal ge⸗ troffen hatte und dieſer ſeinen Weg nach der Oehe anzutreten bereit war, ſo müſſen wir doch ſelbſt noch 3 einmal nach Grünthal gehen, um mit eigenen Augen zu ſehen, wie der Beſitzer deſſelben die Botſchaft auf⸗ nahm und unter welchen Nebenumſtänden die Reiſe nach der Oehe über Wittow angetreten wurde, was der alte Vormäher nicht erfahren und alſo auch nicht hatte berichten können. 4 Alfred Brunſt ſaß unmittelbar nach Tiſche in ſei⸗ nem Zimmer und las die Zeitung. Er war allein, denn Heinrich Markholm hatte ſo eben den Schimmel beſtiegen und war nach Stubbenkammer geritten, nach⸗ dem er dem Patienten bis dahin treulich Geſellſchaft 2* geleiſtet. Die Gicht hatte den guten Mann zwar verlaſſen, aber er war bisher noch nicht aus dem Zim⸗ mer gekommen, obwohl er eine große Sehnſucht nach der freien Luft empfand und gar zu gern nach Alten⸗ kirchen auf Wittow gefahren wäre, wo er nothwendig zu thun hatte. Wäre der Oſtwind nicht ſo ſtark ge⸗ weſen, er hätte längſt anſpannen laſſen und ſich ſomit wieder auf lange Zeit für völlſtändig geſund erklärt. Dieſe Geſundheitserklärung ſollte nun aber doch an dieſem Tage trotz des ſchaurig blaſenden Oſtwinds erfolgen. Der alte Vormäher von der Oehe kam ſo eben in den Hof geritten, und ſobald er ſein Pferd abgegeben, trat er bei dem Herrn von Grünthal ein. „Guten Tag, Herr Brunſt,“ rief der alte Mann, „ich höre, Sie ſind nicht ganz feſt auf den Beinen, aber da bringe ich eine Botſchaft von der Oehe und der Lenz und hoffe, die wird helfen!“ Damit reichte er den Brief hin und blieb, ſo müde er war, doch an der Thür ſtehen und ſah mit Vergnügen, wie eif⸗ rig der Freund, ſeines Herrn nach dem Briefe griff und ihn erbrach. Aber ehe dieſer ihn las, warf er noch einen Blick auf den beſtäubten und er hitzten Alten, rückte ihm dann ſelbſt einen Stuhl zurecht und lud ihn mit freundlichem Wink zum Stzen ein. Der Alte ſetzte ſich und Alfred Brunſt las den Brief. d 21 Auch die von der eben überſtandenen Krankheit etwas bleichen Züge des Leſenden überflog dabei eine raſch vorüberſchwebende Wolke des Zornes, und dann ging er mit nachdenklicher Miene, die Hände auf den Rücken gefaltet, eine Weile ſtumm im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er ſtehen, las den Brief noch einmal und zerknitterte ihn endlich, worauf er ein Licht anzündete und das Papier daran verbrannte, wie es ſeine Gewohnheit mit Briefen ähnlicher Art war. „Vormäher,“ ſagte er dann, ſich ſtolz und feſt vor den Alten hinſtellend, der auch wieder’ von ſeinem Stuhle aufgeſtanden war,„dieſe Nachricht kommt mir juſt zur ungelegenen Zeit. Ich bin in der Erndte und habe länger als acht Tage nicht das Zimmer verlaſſen, weil ich die Gicht in dem Beine hier hatte. Aber hier hilft kein Beſinnen, Euer Herr ruft mich und für ihn bin ich zu jeder Stunde zu Hauſe. Alſo dieſe Diebe haben Euerm Herrn hart mitgeſpielt?“ „Ja, Herr, ſehr hart und arg, und wäre ich nicht dazu gekommen, ſo hätten wir nächſten Winter drei⸗ hundert Scheffel Roggen weniger auf dem Markte, von dem kleinen, braunen Stier nicht zu reden, der unſer Aller Freude war!“ Alfred Brunſt ſtampfte unwillig den Boden mit ſeinem eben erſt geneſenen Fuße.„Die Teufel!“ rief 4 er.„Und dergleichen duldet man, ſteuert man nicht? O, wir leben in herrlichen Zeiten!— Vormäher, warum macht Ihr ein ſo griesgrämiges Geſicht, he, als hättet Ihr noch eine andere Neuigkeit im Sacke? Hoho, mein alter Burſche, ich kenne Euch!“ Der alte Statthalter kratzte ſich mit dem Ausdruck der Verlegenheit und einer unverholenen Beſorgniß auf dem gefurchten Geſicht hinter den Ohren.„Herr Brunſt,“ ſagte er,„Ihr Geſicht— Sie nehmen’'s nicht übel— ſieht auch eben nicht ſonntäglich aus, und wie kann es anders ſein, wenn man ſolche Ge⸗ ſchichten hört! Aber, Herr, das iſt noch lange nicht Alles, da ſteckt am Ende noch ganz was Anderes dahinter!“ Alfred Brunſt riß die Augen auf, das Ausſehen des Statthalters nahm ein geheimnißvolles Gepräge an und ſeine Stimme wurde faſt heiſer vor zurückge⸗ haltener innerer Aufregung. „Was giebt's denn noch? Sprecht dreiſt, Ihr kennt mich ja und wißt, daß ich nicht ſo leicht vr Schreck vom Sattel falle, wenn ich erſt ſitze.“ „Nun ja, das war's ja, was ich mir auch ſchon gedacht. Aber, Herr, ich kann doch nicht Alles ſo von der Leber weg ſagen, was ich mir in meinem dummen Kopfe zuſammengedrechſelt!“ 23 „Warum nicht? Friſch heraus mit der Sprache!“ „Ach Herr, nur ſo viel will ich Ihnen ſagen, es gefällt mir jetzt gar nicht auf der Oehe. Kommen Sie nur recht bald, es thut Noth, glauben Sie mir; Sie werden bald weghaben, was noch Allen ein Räthſel iſt.“ „Aber was iſt denn Allen ein Räthſel, Ihr ſcheint es doch ziemlich genau zu wiſſen?“ „Genau? Daß mich Gott ſtrafe, wenn ich es ge⸗ nau weiß! Aber ich ſage ja, es ſteckt mehr dahinter als bloße Spitzbüberei, und ich bin feſt überzeugt, man will meinem guten Herrn virklich ernſtlich zu Leibe.“ „Euerm Herrn zu Leibe— wer will das?“ „Nun, die Räuber, wer denn ſonſt?“ „Wer ſind ſie, kennſt Du ſie?“ fragte der Herr von Grünthal mit funkelnden Augen und einer ſo ge⸗ bieteriſchen Miene, daß den Statthalter ein Schauder überlief, wie in dem Augenblicke, als er das Geſicht des nächtlichen Schiffers im Morgengrauen zu erken⸗ nen glaubte. „Nein,“ erwiderte er mit bebender Stimme,„ich kenne ſie noch nicht, doch habe ich neulich in der Nacht eine Erſcheinung gehabt, die noch jetzt mein Blut zu Eis gerinnen läßt, wenn ich daran denke.“ „Was für eine Erſcheinung?“ „Herr, laſſen Sie mich das lieber jetzt noch ver⸗ ſchweigen, ich könnte es Ihnen hier an dieſem Orte doch nicht ſo ganz und gar deutlich machen. Kommen Sie nur erſt an Ort und Stelle, wo es geſchehen, ollen Sie Alles erfahren, was ich geſehen oder dann ſ vielmehr zu ſehen geglaubt habe. Und nun habe ich für's Erſte Alles geſagt.“ Alfred Brunſt trat von dem ſeltſamen Berichter⸗ ſtatter weg, aus dem er nicht klug werden konnte, und ging wieder nachdenklich auf und ab. Daß hier etwas verborgen war, was von Wichtigkeit ſein mußte, ſah er ein, er kannte den alten Statthalter genügend, um zu wiſſen, daß deſſen Beſorgniß und Geheimthun nicht aus der Luft gegriffen war. So fand er ſich denn allmälig in die neue Lage, ließ dem Alten ein reichliches Mahl auftiſchen und kehrte dann wieder in ſein Zimmer zurück, wo er noch einmal die gegenwär⸗ tigen Verhältniſſe reiflich überdachte. „Ich habe die Erndte vor der Thür und bin ſchon mitten darin,“ ſagte er, den Kopf tief auf die Bri neigend,„doch das ſoll mich nicht halten. Es muß etwas Anderes dort in der Luft ſchweben und das will ich wittern. Aber ich habe einen Gaſt im Hauſe, der mir am Herzen liegt und dem ich in ſeinen An⸗ 25 gelegenheiten meine Hülfe nicht minder zugeſagt habe. Ich hätte ſie ihm ſchon längſt geleiſtet, aber das kranke Bein hat mich bis heute davon abgehalten. Nun könnte ich nach dem Kieler Ufer fahren und da kommt dieſer Bote und ruft mich nach der Oehe! Was nun zuerſt thun? Doch hier giebt es kein Be⸗ denken— der junge Freund muß dem alten wei⸗ chen. Nach der Oehe ziehen mich ſchwerer wiegende Intereſſen, Dinge von Bedeutung, die mich ſchon lange ernſtlich beſchäftigten, und dieſer Markholm hat einen bloßen Liebeshandel, den er für ſeine Perſon freilich für wichtig genug hält. Nun, mag er ſich für's Erſte noch ſelbſt helfen, er iſt jung, rüſtig und hat einen kräftigen Geiſt. Ich komme ja wieder. Auch dürfte es mit einem Beſuche in der Kieler Schlucht zu ſei⸗ nen Gunſten nicht abgethan ſein, dies Geſchäft möchte ſich in die Länge ziehen und der alte Herr müßte warten. Nein, das darf er nicht, er würde nicht ge⸗ ſchrieben haben, wenn er nicht in Noth wäre, und in Noth darf er nicht bleiben, am wenigſten durch meine Schuld. Abgemacht! So ſoll es ſein! Heda!“ rief er zum Fenſter hinaus, an dem eben ein Knecht vorüber⸗ ging,„rufe den Inſpector, er ſoll ſogleich kommen!“ In wenigen Minuten kam der Gerufene, der alte Verwandte des Herrn von Grünthal und empfing die 26 Befehle, die ſich auf die Einbringung der Erndte und verſchiedene andere Erforderniſſe in der Wirthſchaft bezogen. Da Jedermann in Grünthal an einen ſehr pünktlichen Geſchäftsgang gewöhnt war, Jeder wußte, was und zu welcher Zeit er es zu thun hatte, ſo oonnte die Abweſenheit des Herrn auf längere Zeit, ſogar in dieſer für den Landmann ſo wichtigen Epoche, allenfalls verſchmerzt werden. Nachdem alſo dies hinlänglich beſprochen, ging der Inſpector fort und an ſeiner Stelle wurden die beiden alten Damen berufen. Als der Hausherr ſie mit verwunderten und über⸗ aus neugierigen Geſichtern eintreten ſah, überfiel ihn ſeine alte gute Laune und indem er zu lächeln begann, ſagte er ſchalkhaft:„Na, meine Alten, da habt Ihr mich wieder geſund und nun könnt Ihr die Saucen wieder etwas kräftiger machen.“ „Aber mein Gott, Herr Brunſt,“ rief die gutherzige Frau Albrecht,„wo iſt denn die Medizin mit einem Mal hergekommen? Heute Morgen haben Sie ja noch mehr Milch als Kaffee getrunken!“ „Der liebe Gott hat ſie mir geſchickt, Albrecht, und dagegen werden Sie doch nichts einzuwenden haben?“ „Ach Herrje; nein, ich denke nicht daran!“ „Nun ſeht Ihr! Alſo nun macht keine verwunder⸗ 27 ten Geſichter mehr und thut Eure Schuldigkeit nach wie vor.“ „Gewiß, Vetter,“ ſagte Frau von Buchholz, die ſich als Verwandte des Hauſes ſchon eine lebhaftere Einmiſchung erlaubte,„war das aber Alles, warum Du uns zu Dir riefſt? Wie mir ſcheint, haſt Du uns noch etwas Anderes zu ſagen.“ „Biſt Du noch nicht mit meiner Geſundheitser⸗ klärung zufrieden?“ „Ja, ja doch— aber das Andere?“ „Nun, da Du denn gar keine Geduld haſt, ſo ſollſt Du es auf einen Schlag erfahren. So gehet denn hin und packt meinen Koffer mit Wäſche und was ſonſt zu einer Reiſe von vielleicht vierzehn Tagen gehört.“ „Zu einer Reiſe!“ ſchrien die beiden alten Damen wie mit einer Stimme auf und ſchlugen vor Schreck die Hände zuſammen, denn daß ihr Herr um dieſe Zeit und nachdem er kaum geneſen war, eine Reiſe antreten wollte, ſchien ihnen ein ganz ungeheuerliches, von aller Regel abweichendes Ereigniß zu ſein. „Ja, zu einer Reiſe,“ ſagte Alfred Brunſt lachend, „und leider kann ich diesmal wieder Keine von Euch mitnehmen.“. „O Gott bewahre uns davor! Wir wollen auch gar nicht mit!“ rief Frau von Buchholz voll Heftig— keit aus.„Aber wo ſoll denn die Reiſe hingehen?“ „Nach der Oehe, meine guten alten Schachteln!“ „Nach der Oehe! O!“ riefen Beide getröſtet, denn ſie ſahen ihren guten Herrn nicht gern weit, am we⸗ nigſten von der vaterländiſchen Inſel verreiſen, weil ſie beſtändig fürchteten, es koͤnnte ihm in der Fremde eine unbekannte Gefahr drohen. Die Oehe aber, ſo weit ſie auch von Grünthal entfernt lag, betrachteten ſie nur als ein gemüthliches Nachbarland und dahin ſahen ſie den Herrn immer gern gehen. „Und wann werden Sie denn abfahren?“ fragte Frau Albrecht, unruhig hin⸗ und hertrippelnd. „Um fünf Uhr und Ihr könnt Jochen ſagen, daß er um dieſe Zeit mit der Halbchaiſe vorgefahren kommt.“ „Ach Herrje!“ rief da plötzlich Frau Albrecht. „Aber der Herr Maler, Herr Brunſt, fährt der mit? Der iſt ja eben erſt weggeritten.“ Alfred Brunſt beſann ſich.„Der bleibt bei Euch!“ ſagte er plötzlich;„er kann hier bleiben, ſo lange er will; ich werde ein paar Zeilen zurücklaſſen, die Ihr ihm gebt, ſobald er kommt. Ihr aber behandelt ihn mit aller Sorgfalt, als ob ich ſelbſt hier wäre, und wenn er mich die geringſte Klage hören⸗ läßt, halte ich ſtrenges Gericht über Euch.“ * 29 „Aber wie werden wir denn, Herr Brunſt!“ ſagte kopfſchüttelnd die Albrecht, die dieſer Auftritt ganz in Gluth getaucht hatte, ſo leicht aufgeregt war ſie. „Nun ſo geht und thut, wie es Recht iſt, und laßt die Wirthſchaft nicht ſtille ſtehen, wenn ich weg bin.“ Als die beiden Frauen das Zimmer verlaſſen hat⸗ ten, ſetzte ſich ihr Herr an den Schreibtiſch und ſchrieb an Heinrich Markholm folgende Zeilen: „Mein lieber Markholm! Wider Erwarten ruft mich mein alter Freund nach der Oehe und da das Geſchäft dort dringend iſt, muß ich abreiſen, ohne Ihre Rückkehr erwarten zu können. Wären Sie hier, ſo zweifle ich nicht, daß Sie mich begleiten wür⸗ den, ſo ſehr Sie auch an den Kieler Grund gefeſſelt ſind. Meine Abſicht, Ihnen in der bewußten An⸗ gelegenheit zur Seite zu ſtehen, erleidet durch dieſe Reiſe nur einen kurzen Aufſchub; komme ich wieder, ſo ſtehe ich Ihnen in jeder Hinſicht zu Dienſten. Setzen Sie nun Ihre Bekanntſchaft nach Belieben fort oder brechen Sie ſie ab, wie Ihr Herz es ver⸗ langt, verfahren Sie aber mit Vorſicht und prüfen Sie zehnmal, ehe Sie einmal handeln. Haben Sie Zeit und Luſt, mir nachzukommen, ſo verſpreche ich Ihnen, daß Sie zu jeder Stunde auf der Oehe willkommen ſein ſollen. Carling geht heute auch 8 30 dahin ab und wahrſcheinlich begleitet ihn Ihr Freund. Natürlich ſind Sie auch in meiner Abweſenheit auf Grünthal zu Hauſe; ſchalten und walten Sie alſo nach Belieben über das Eigenthum Ihres Brunſt.“ Nachdem er den Brief geſiegelt und auf den Tiſch gelegt, ging er an ſeinen Gewehrſchrank, nahm ein Käſtchen mit zwei ſchönen Piſtolen und ſeine beſte Jagdflinte nebſt Zubehör, ſteckte ſie in ein Futteral und ließ ſie heimlich in dem Wagen verpacken, damit die beiden alten Damen ſie nicht ſähen und ſich über die ungewöhnliche Begleitung verwunderten. Dann aber trank er ſeinen Kaffee in aller Gemüthsruhe, ver⸗ ſah ſich noch mit verſchiedenen Reiſeutenſilien und wartete geduldig die Zeit ab, bis Jochen vorfahren und ſeinen Koffer in Empfang nehmen würde. Sweites Mapitel. Die Bettelkinder auf der Schabe. Punkt fünf Uhr rollte der Wagen vor und um ihn her verſammelten ſich alle Bewohner des Hofes, um den verehrten Herrn abfahren zu ſehen, den man nie gern eine Reiſe antreten, viel lieber von derſelben zurückkommen ſah. Diesmal aber war die Verwun⸗ derung und das Bedauern darüber größer denn je, denn daß er jetzt, nachdem er kaum von einer Krank⸗ heit geneſen, eine ſolche antrat, mußte eine wichtige und ernſte Veranlaſſung haben, da kein Menſch ſich erinnern konnte, daß Herr Brunſt zur Zeit der Erndte von Haus und Hof geſchieden ſei, noch dazu auf län⸗ gere Zeit, wie es bereits allgemein hieß. Alfred Brunſt machte nur wenige Worte, bevor er in den Wagen ſtieg, reichte Allen die Hände und 32 empfahl den Zurückbleibenden Haus und Hof.„Nun vorwärts in Gottes Namen, Jochen!“ rief er dem alten Kutſcher zu und gleich darauf trabten die herr— lichen Pferde raſch davon, noch eine Strecke vom treuen Bergmann begleitet, der endlich geſenkten Haup⸗ tes und ebenfalls traurig, daß ſein Herr geſchieden, wieder dem Hofe zutrottete. Die erſte Meile bis Glowe legte der Reiſende, feſt in den Mantel gehüllt und tief in der Wagenecke ſitzend, in ernſtem Nachdenken zurück; nur bisweilen leuchtete ſein ſcharfes Auge heller auf und ein froh⸗ lockender Gedanke ſchien ſich durch ſein trübes Sin⸗ nen Bahn zu brechen.„Geduld! Geduld!“ ſagte er mehrmals zu ſich ſelber,„es wird Alles kommen, wie es kommen muß. Jeder wird das Seine haben und darum keine Noth vor der Zeit!— Heda, Jochen, da ſind wir an der Schabe! Der Wind heult tüchtig über das Waſſer; nun fahre ſo tief in die See, als es geht, der Weg iſt da beſſer, aber nimm Dir Zeit, wir haben keine übergroße Eile.“ „Ja, Herr,“ ſagte der alte Jochen, ſich zu ſeinem Herrn umwendend und einen prüfenden Blick auf ihn werfend, ob er auch gut eingewickelt ſei,„ja, Herr, der Wind bläſt tüchtig— er wird Ihrem Fuße doch nicht ſchaden?“ 33 „Ich denke nicht mehr an meinen Fuß, Jochen, und eingewickelt bin ich genug.“ „Soll ich Ihnen noch die Pferdedecken geben, Herr?“ „Nein, nein, nimm ſie Dir ſelber, auf dem Bock trifft Dich der Wind mehr als mich.“— Nach dieſen Worten lenkte Jochen die Pferde dicht an den Strand, ſo daß zwei Räder ſtets in den Wellen rollten, während der weiße Schaum, den die Brandung aufwühlte, oft bis weit über die anderen Räder hinaus ziſchte und perlte. Die Pferde waren an dieſe Störung gewöhnt, ſie ſchnaubten zwar anfangs und wandten die klugen Köpfe oft verwundert nach der See, wenn eine hohe Welle angebrauſt kam, aber ſie ſchritten ruhig fort, als wüßten ſie, daß die Wuth des Elementes ihnen nichts anhaben könne. Dieſes Schauſpiel, das ſich jetzt vor den Augen des Reiſenden mehr und mehr aufrollte, je weiter man auf dem Dünenſande des ſchmalen Erdgürtels vorrückte, war in der That majeſtätiſch und großartig genug, um die Blicke zu feſſeln und das Herz mit er⸗ habenem Schauer zu füllen. Von dem mächtigen Winde bis in ihre Tiefen aufgeregt, branſte die See in dem ungeheuren Waſſerbecken, der Tromper Wiek, zwiſchen Jasmund und Wittow wild in der Ferne, Die Inſulaner. I1I. 3 34 und in der Nähe donnerten die Wogen mit über⸗ lautem Gebrüll, indem ſie ſich, gewaltig eine die an⸗ dere drängend, über die Dünen und Untiefen ſtürzten, die dicht unter dem Waſſer hell ſchimmernd hervor⸗ blickten. Ganze Schaumberge wälzten ſich ſo näher und näher und wenn ſie das feſte Land erreichten, löſten ſie ſich in feine Staubperlen auf und ſpritzten oft ſo hoch, daß die Pferde unwillig die Köpfe ſchüt⸗ telten und ſogar die Männer im Wagen ihre Geſich⸗ ter benetzt fühlten. Zur Linken dagegen erhoben ſich die ſchneeweißen Sanddünen mit ihrem kargen Ried⸗ gras und Strandhafer einige Fuß über den Erdboden und nur von Zeit zu Zeit ſchoß ein kleines Kiefern⸗ gebüſch auf, das ſeine graugrünen Nadeln unerſchrocken dem Winde preisgab, der bald heulend, bald pfeifend über die gewaltige Waſſerfläche ſauſte. Alfred Brunſt, der dies Schauſpiel ſchon oft vor Augen gehabt, konnte ſich doch nie ſatt daran ſehen; die allmächtige Natur mit ihren gigantiſchen Erſchei⸗ nungen trat ihm hier näher und näher, ſo daß ihn ſtets, mit einem geheimnißvollen Grauen gemiſcht, ein an Ehrfurcht ſtreifendes Gefühl ergriff, das ſeine Seele dem Walten der unbegreiflichen Naturkräfte öffnete und dadurch milder und weicher ſtimmte. Nachdem er ſich den Eindrücken dieſer erhabenen 35 Scenerie eine Weile mit einem wahren Hochgenuß hingegeben, wollte er ſich eben in die Ecke des Wagens zurücklehnen, als ſein Auge von einer anderen Er⸗ ſcheinung angezogen ward, die ſeine Empfindungen nur noch mehr wach rief. In der menſchenleeren Oede, die ihn umgab und die, wenn der Wind ſchweigt und die Wellen ruhig fließen, einen ſo traurigen und me⸗ lancholiſchen Eindruck hervorruft, ſah er plötzlich zwei menſchliche Geſtalten in der Ferne vor dem Wagen auftauchen, die, eben ſo wie ſeine Pferde, den feſteſten Boden aufſuchten und daher dicht am Strande und mitunter von der Brandung faſt fortgeſpült, ruhig ihre Straße zogen. Er erhob den Kopf und richtete ſeine ſcharfen Augen prüfend auf die beiden Geſtalten, denen die raſcher gehenden Pferde bald näher kamen. Er er⸗ kannte zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, die mit ihren nackten Füßen, Röcke und Hoſen hoch aufgeſchürzt tragend, nicht des kalten Seewaſſers achte⸗ ten, das ſie umſpülte und umbrauſte. Das etwa zwölf Jahre alte Mädchen ging muthig voran, der um einige Jahre jüngere Knabe folgte ge⸗ troſt hinterher. Beide waren höchſt ärmlich gekleidet, faſt in Lumpen hingen ihnen die Kleider um den Leib und ihre ſemmelblonden Haare, vom Winde hin und 3* 36 her gewühlt, flatterten hoch in der Luft. Das Mäd⸗ chen trug an einem Stocke ein kleines Bündel über der Schulter, der Knabe ſchleppte ein etwas größeres ſchwer unter dem linken Arm. Beide ſchwiegen und ſetzten ämſig ihre naſſe Bahn fort, die ſie vielleicht ſchon unzähllige Male in Sturm und Regen betre⸗ ten hatten. Als der Wagen ſie eingeholt, gebot Alfred Brunſt dem Kutſcher langſam zu fahren und lehnte ſich zum Schlage hinaus, um die armen Kinder in näheren Augenſchein zu nehmen. War ſein Mitleid ſchon längſt erwacht, als er ſie noch aus weiter Ferne betrachtet, ſo wuchs daſſelbe um ſo mehr, je genauer er ihre Geſichter muſterte und in den bleichen, doch gutgearteten Zügen den Hunger, die bitterſte Armuth und manche andere Heim⸗ ſuchung menſchlichen Elends las. „Guten Tag, Ihr Kinder,“ ſagte der warmherzige Mann,„warum geht Ihr denn ſo tief in das Waſſer? Ihr werdet Euch erkälten.“ Die Kinder antworteten nicht, ſondern ſetzten mit freundlichem Kopfnicken ihren Weg munter fort, wo⸗ bei ſie ſich augenſcheinlich bemühten, ihre Schritte zu beſchleunigen, um mit dem Wagen in gleicher Linie zu bleiben. ¹ 37 Alfred Brunſt hatte ſchon ſeine Börſe hervorgeholt und einige kleine Münzen herausgenommen. Als er dicht bei den Kindern war, warf er dem Mädchen das Geld zu, das ſich flugs bückte, um es von dem naſſen Sande aufzuleſen. Als dies gelungen, trabten ſie raſch weiter, unterließen aber nicht, einen weh⸗ müthig dankbaren Blick nach dem Fremden empor⸗ zuwerfen, der ihnen ſo unaufgefordert eine Gabe ge⸗ ſpendet. Dieſes Schweigen und dieſer wehmüthig dankbare Blick, der aus ſo reinen blauen Augen den aufmerk⸗ ſamen Reiſenden traf, rührten ſein Herz nur noch mehr und er fühlte ſich geneigt, die begonnene und von jener Seite nicht fortgeſetzte Unterhaltung weiterzuführen. „Wie heißt Ihr?“ fragte er mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Leutſeligkeit und Milde. „Ich heiße Peter und meine Schweſter heißt Liſe,“ erwiderte der Knabe, der dreiſter als ſeine Gefährtin zu ſein ſchien. „Wie heißt Euer Vater?“ „Derling, Herr,“ ſagte nun das Mäͤdchen. „Wo wohnt Ihr?“ „Auf Möwenort in Wittow.“ „Was? So weit da hinauf? Wo kommt Ihr her?“ 38 „Wir ſind in Jasmund geweſen,“ ſagte das Mäd⸗ chen mit ſtillem und beſcheidenem Weſen. „An welchem Ort?“ „O, an vielen!“ rief der Knabe. Alfred Brunſt begriff.„Was habt Ihr an den vielen Orten gethan?“ fragte er weiter. „Wir haben gebeten!“ ſagte das Mädchen mit niedergeſchlagenen Augen. „Das heißt gebettelt, nicht wahr?“ Es erfolgte keine Antwort; die Kinder trotteten weiter durch den naſſen Sand und ſahen mehr die wilde See als den milden Mann an. „Wieviel Geld habt Ihr heute erhalten?“ „O, wir ſind ſchon zwei Tage unterwegs,“ ſagte der Knabe. „Zwei Tage! Und wo habt Ihr die Nacht ge⸗ ſchlafen?“ „Im Walde, Herr!“ Alfred Brunſt's weiches Herz durchzitterte ein mit⸗ leidiger Schauder.„Wieviel Geld habt Ihr erhal⸗ ten?“ fragte er noch einmal. „Mein Bruder hat zwei und ich drei Groſchen und neun Pfennige.“ 3 „Was habt Ihr in den Bündeln, die Ihr tragt?“ Der Knabe nahm ſein Bündel hervor, wickelte es auf und zeigte dem neugierigen Fremden eine Fülle eng zuſammengewickelter und kaum noch brauchbarer Lumpen. „Wer ſchickt Euch auf dieſe weiten Gänge?“ fragte er weiter.— „Unſere Mutter!“ „Duldet Euer Vater denn das?“ Es erfolgte keine Antwort. Die Kinder ſenkten verſchämt die Köpfe und wandten ſich wieder der mit⸗ leidloſen See zu. „Wollt Ihr mir nicht antworten?“ fragte Alfred Brunſt mit ſtärkerer Stimme. „Wir haben jetzt keinen Vater,“ ſagte endlich mit innerem Widerſtreben das Mädchen. „Wo iſt er denn?“ „Er ſitzt im Gefängniß,“ ſagte traurig der Knabe. „Im Gefängniß? O! Warum?— Ich vill es wiſſen, Kinder, und werde Euch nichts Uebles thun.“ „Er hat geſtohlen!“ fuhr der Knabe leiſor ſpre⸗ chend fort. „O, o! Und das wißt Ihr?“ „Ja, wir wiſſen es,“ ſagte geſprächiger werdend das Mädchen, da ſie die Theilnahme des edlen Man⸗ nes wahrnahm. „Erzähle mir, wie das kam, wenn Du es weißt. 4 „Meine Mutter ſagt,“ berichtete der Knabe,„unſer Vater ſei böſe und die Leute in Möwenort ſagen es auch.“ „Laß Deine Schweſter ſprechen, ſie ſoll mir Alles ſagen, was ſie weiß.“ 4 „Ach Gott, Herr,“ ſagte das Mädchen, indem ſie in Thränen ausbrach,„wir können ja nicht dafür. Meine Eltern ſind ſehr arm, bitter arm, meine Mut⸗ ter iſt fleißig, aber mein Vater arbeitet nicht gern. Er treibt ſich lieber herum und hat mit ſchlechten Menſchen Bekanntſchaft gemacht. Sie haben ihn ſchon zweimal gegriffen und er iſt lange Zeit fortgeweſen. Nun wird er nicht wieder kommen, ſagt meine Mut⸗ ter, und das iſt ihr recht lieb.“ „Jochen!“ rief Alfred Brunſt dem alten Kutſcher zu.„Halt an! So! Nun ſteigt einmal ein, Ihr Kin⸗ der. Peter, ſetz' Dich vorn auf, und Du, Liſe, komm zu mir herein. So. Und nun, Jochen, gieb die Pferdedecken her, die Kinder ſind vom Gehen warm!“ In wenigen Minuten waren die Kinder in die warmen Decken gefüllt und ihre Köpfe, die allein aus denſelben hervorragten, ſchauten ſich verwundert um, denn es war das erſte Mal in ihrem Leben, daß ſie in einem ſo ſchönen Wagen ſaßen und von Pferden gezogen wurden. 41 „Wie gefällt Euch das?“ fragte der mitleidige Rei⸗ ſende, ſich freundlich zu den Kindern wendend. „Das iſt hübſch,“ ſagte der Knabe. „Das glaube ich. Nun erzählt mir aber weiter und ich werde Euch mit bis nach Altenkirchen nehmen, von da habt Ihr nur noch eine Stunde bis Möwen⸗ ort zu gehen. Ihr kennt doch Altenkirchen?“ „O ja ¹“ „So erzählt denn. Sprich Du, Liſe, nachher ſoll Peter auch was ſagen. Was für ein Geſchäft betrieb Euer Vater?“ „Er war Steinzanger!“ ſagte aufrichtig das Mädchen. „Steinzanger!“ rief Alfred Brunſt erſtaunt aus. „Ei, das iſt ein mir ſehr bekanntes Geſchäft. Betrieb er es denn auf eigene Hand?“ „Das weiß ich nicht. Er kam nur ſelten nach Haus und brachte nur weniges Geld mit, ſo daß wir oft hungerten.“ „Und was arbeitete Eure Mutter?“ „Sie ſtrickte Netze für die Fiſcher, nähte und flickte, wie es de kam.“ „Fre ſich Eure Mutter, daß Euer Vater ein Steinzanger war?“ „Ach nein, ſie ſah es ſehr ungern und ermahnte den Peter oft, künftig es nicht ebenfalls zu thun, da es eigentlich nur Diebſtahl ſei.“ ———— 42 „Aha! Das war brav. Es iſt auch Diebſtahl. Wo wohnt Eure Mutter? Beſchreibt mir das Haus genau.“. Das Mädchen that es, ſo viel in ihren Kräften ſtand. „Geht Eure Mutter oft aus?“ „Nein, ſehr ſelten und nur wenn die höchſte Noth dazu drängt.“ „Hört einmal, Kinder,“ ſagte der edle Menſchen⸗ freund,„grüßt Eure Mutter von mir und nennt Ihr meinen Namen. Ich heiße Brunſt. Wenn ſie ein⸗ mal Zeit hat, ſoll ſie zu mir kommen, ich wohne auf Grünthal. Kennt Ihr das?“ „O ja, Herr! „Nun gut. Ich will ſie nach ihren Verhältniſſen fragen und wenn ſie ſich nicht ſcheut, mir die Wahr⸗ heit zu ſagen, will ich ſie unterſtützen. Und ſeht ein⸗ mal hier— hier gebe ich Jedem von Euch einen Thaler, den gebt Ihr Eurer Mutter, dafür ſoll ſie Brod kaufen, und wenn ſie nach räuthalſhen und findet mich nicht zu Hauſe, ſo ſoll ſie in meinem Na⸗ men Nahrung fordern und man wird ſie ihr geben.— Jochen, Du beſtellſt das ſogleich zu Hauſe.— Wollt Ihr Euch das merken?“. Die Kinder bewieſen, daß ſie noch ein empfäng⸗ 43 liches Herz für Wohlthaten hatten— ſie weinten. Als Alfred Brunſt es ſah, ward er ſtill und lehnte ſich in ſeine Ecke zurück. Seine Seele fluthete. Hier konnte man helfen und er wollte helfen, früher oder ſpäter, das war ſein feſter Vorſatz. O, jetzt dachte er nicht mehr an den brauſenden Wind, die wogende, See, ſie erkälteten, ſie durchnäßten ihn nicht mehr, jetzt war Frühlingsmilde und Sommerwärme in ihm, jetzt hatte er wieder eine ſchöne Ausſicht vor ſich, noch ein paar Menſchen mehr glücklich zu machen, die der Zufall— oder die göttliche Vorſehung— ihm in den Weg geworfen hatte.—. Endlich war das Ende der Schabe erreicht, der tiefe Sand nahm allmälig ab und verwandelte ſich in den feſten fruchtbaren Boden, der Wittow zu dem reichſten Landſtrich von Rügen gemacht hat. So konnte Jochen wieder ſchneller fahren und je raſcher die Pferde liefen, um ſo heiterer wurden die Kinder, um ſa freundlicher blickten ſie ihren Wohlthäter an. Dieſer unterhielt ſich jetzt wieder mit ihnen, ermun⸗ terte ſie, auf Gott zu vertrauen und arbeitſame Men⸗ ſchen zu werden, dann würden ſie ihre bittere Armuth bald überwinden, wozu er ſelbſt und andere Leute nach Kräften beitragen wollten.— Gegen halb acht Uhr traf man in Altenkirchen ein 44 und Jochen fuhr vor das Wirthshaus, in welches ſein Herr gewöhnlich einzukehren pflegte, wenn ihn Ge⸗ ſchäfte nach dem Dorfe riefen. Dieſer ließ die Kin⸗ der mit eintreten und ſich ein beſonderes Zimmer an⸗ weiſen. Es erregte einige Aufmerkſamkeit, als er die zerlumpten Kinder einführte und ein kräftiges Eſſen. beſtellte, das er ihnen vorſetzen wollte, bevor er ſie nach Hauſe entließ. Allein hierbei blieb Alfred Brunſt noch nicht ſtehen. Wenn er einmal ein ſolches Werk barmherziger Liebe begonnen, wie am heutigen Tage, pflegte er es bis an's Ende durchzuführen. Er begab ſich daher ſofort zu dem nahebei wohnenden Dorfſchul⸗ meiſter, der ihm bekannt war. Dieſer Mann war reich mit Kindern geſegnet, mit Knaben und Mädchen von jederlei Größe und Alter. Sehr bald hatte der reiche Gutsherr von Grünthal ſeinen Wunſch vorge⸗ tragen und es dauerte nicht lange, ſo kehrte er mit dem Schulmeiſter nach dem Wirthshauſe zurück, wäh⸗ rend ein Junge des Letzteren verſchiedene Kleider und Schuhwerk hinterhertrug. 2 Hiermit wurden die armen Kinder zu eem größ⸗ ten Erſtaunen bekleidet, und als man ihnen dann ihre Lumpen genommen und beſeitigt hatte, ſtanden ſie wie verſchämt in dem reinlichen Zimmer und blickten bald ſich, bald ihren Wohlthäter mit ſtarren Mienen an. 45 Dieſe Scene aber wurde durch die Wirthsfrau beendigt, die einen Tiſch deckte und gebratenes Fleiſch, Eierkuchen, Brod und Bier in Fülle auftrug. „Jetzt eſſet und trinket,“ ſagte Alfred Brunſt ver⸗ gnügt, indem er mit eigenen Händen den Kindern die Stühle heranrückte und die Speiſen vorlegte,„und hört nicht eher auf, als bis Ihr Euch völlig geſättigt fühlt, um dann nach Hauſe zu gehen und der Mutter mei⸗ nen Auftrag auszurichten.“ Die Kinder ließen ſich das nicht zweimal ſagen; bald ſaßen und aßen ſie mit einer Haſt und einem Appetit, die man ſich eher denken als beſchreiben kann. Alfred Brunſt aber ſtand mit leuchtenden Augen da⸗ neben, ſprach kein Wort und nickte nur bisweilen dem Schulmeiſter zu, der mit gefalteten Händen der rühren⸗ den Scene beiwohnte und bald die eſſenden Kinder, bald den Spender dieſer Gaben betrachtete, der nicht mit Unrecht den Beinamen„der gute Brunſt“ in der ganzen Umgegend führte. 4 Als nun die Kinder endlich aufhörten und ſagten, ſie könnten nicht mehr eſſen, ließ Alfred Brunſt die übrig gebliebenen Speiſen in ein Papier wickeln und händigte ſie den Kindern ein, mit dem Auftrage, ſie ihrer Mutter zum Abendeſſen mitzunehmen. Dann ge⸗ leitete er ſie vor die Thür und ſah ſie ihren Abmarſch antreten, was ihm ein unbeſchreibliches Behagen ver⸗ urſachte und wobei ſich ſein ganzes Geſicht verklärte. „So,“ ſagte er zu dem Schulmeiſter, der immer noch neben ihm ſtand,„da haben wir einmal zwei Menſchen auf ein paar Stunden ſatt gemacht; das liebe ich, und nun will ich auch an meine eigenen Ge⸗ ſchäfte denken.“ Der Schulmeiſter nahm tief den Hut por dem gü⸗ tigen Herrn ab, denn auch ihm mochte derſelbe die be⸗ reits getragenen Kleider ſeiner Kinder über den wirk⸗ lichen Werth vergütet haben. Dann aber trat Alfred Brunſt den Weg zu ſeinen Bekannten an und hielt ſich beinahe bis neun Uhr bei ihnen auf, da die Be⸗ kleidung und Beköſtigung der Kinder eine gute Spanne Zeit fortgenommen hatten. Bald nach neun Uhr fuhr Jochen wieder vor und ſein Herr ſtieg in den Wagen, um nach der Wittower Fähre zu fahren, die etwa anderthalb Meilen ſüdlich von Altenkirchen und der kleinen Halbinſel gegenüber liegt, an deren Südweſtſpitze die Oehe aus dem Waſſer taucht. Es war ſchon zehn Uhr vorüber, als man das Fährhaus erreichte und Alfred Brunſt dem Fährmann ſeinen Wunſch zu erkennen gab, ſo bald wie möglich übergeſetzt zu werden. „Sehr gern,“ ſagte der Mann,„aber das Waſſer 47 geht hoch, Herr, und es wird mit der großen Fähre für Pferde und Wagen ein hartes Stück Arbeit ſein.“ Alfred Brunſt warf einen Blick auf die ſchäumen⸗ den und tobenden Wellen, auf denen ſchon die dunklen Schatten der Nacht ruhten und ſie deshalb um ſo düſterer und wilder erſcheinen ließen. Als er dann aber an den alten Jochen dachte, der willig neben den ſchon abgeſträngten Pferden ſtand, die in dem pfeifen⸗ den Winde zitterten und ungeduldig mit den Hufen ſcharrten, kam ihm ein anderer Gedanke, den er ſo⸗ gleich auszuführen beſchloß. „Warum ſoll ich den alten Jochen und die Pferde mit über das Waſſer nehmen,“ dachte er,„ich kann mir in Vaſchwitz einen anderen Wagen miethen und dann iſt dem Jochen der Uebergang erſpart.“ Kaum hatte er dies gedacht, ſo rief er den Fährmann, fragte ihn, ob er ihm jenſeits einen Wagen aus Vaſchwitz an den Strand holen wolle, um ſeine Sachen hineinzu⸗ packen, und als dieſer es bejahte, befahl er Jochen die Pferde wieder anzuſträngen und nach Altenkirchen zu fahren, dort aber die Nacht zu bleiben und erſt am nächſten Morgen nach Grünthal zurückzukehren. Der alte Kutſcher fror zwar bei dem kühlen Oſt⸗ winde in der Nacht und ſeine Pferde noch mehr, den⸗ noch wollte er den guten Herrn nicht gern allein fahren 48 laſſen und erſt ein erneuerter Befehl war nothwendig, um ihn zu veranlaſſen, den Inhalt des Wagens in das ſchnell auf's Waſſer geſchobene Boot zu legen. Als dies geſchehen, verabſchiedete Alfred Brunſt den Kutſcher, trug ihm viele Grüße nach Grünthal auf und ſtieg in das Boot, das ſogleich, von zwei kundigen Schiffern bedient, in See ſtach. Bei dem günſtigen Segelwinde gelangte man trotz der großen Wellen ſehr bald nach dem jenſeitigen Ufer von Rügen und während der Reiſende am Strande bei ſeinen niedergelegten Sachen auf⸗ und abſchritt, eilte ein Schiffer nach dem naheliegenden Gute und holte einen Wagen herbei, was jedoch eine lange Zeit wegnahm. Es war ſchon Elf, als Alfred Brunſt endlich das neue Fuhrwerk be⸗ ſtieg und nun ohne Aufenthalt nach Schaprode fuhr, wo er um Mitternacht anlangte, den Schiffer Tode aus dem Schlafe klopfte, ſeine Sachen bei ihm nieder⸗ legte und ſich raſch nach der Oehe überſetzen ließ. Von dem Schiffer erfuhr er, daß um zehn Uhr Herr Melms mit einem jungen Herrn glücklich eingetroffen und gleich nach der Oehe übergefahren ſei. „Er iſt mir zuvorgekommen,“ dachte Alfred Brunſt, „aber ich habe Abhaltung gehabt! Nun, das Geſchäft, welches ich heute unverhofft betrieben, iſt zwei Stun⸗ den Aufſchub des Schlafes werth und ich werde Zeit 49 genug auf der Oehe haben, das Verſäumte wieder nachzuholen.“ 1 Die Ueberfahrt nach der Oehe war raſch genug bewerkſtelligt. Alfred Brunſt dankte dem Schiffer für ſeine Mühe und eilte raſchen Schrittes dem Herren⸗ bauſe zu, das er ſo bald wiederzuſehen nicht erwar⸗ tet hatte. Die Nacht, die ſich auf die Oehe geſenkt, war hell, aber wegen des heftigen Oſtwindes unfreundlich genug. Alfred Brunſt erhob nur die Augen, ſchaute ringsum die nächſtliegenden Felder an, warf einen Blick nach dem geſtirnten Himmel, als wolle er die bekannten, hier ſchon ſo oft geſehenen Sternbilder begrüßen, und eilte dann rüſtig dem Hauſe zu, das in tiefſter Stille dalag, als ob ſchon alle ſeine Bewohner in feſtem Schlafe ruhten. Als der ſpäte Wanderer ſich dem Gehöft näherte, kamen die Hunde bellend ihm entgegengelaufen, aber eine laute Stimme, die ſie kannten, beſchwichtigte ſie augenblicklich; und ſo umſprangen ſie ihn, freundlich mit den Schwänzen wedelnd, als freuten ſie ſich, noch einen alten Freund ihres Herrn mehr zu begrüßen. Alfred Brunſt ſtreichelte ihre Köpfe und nannte ſie bei Namen, was ihre Freude nur vermehrte, dann ging Die Inſulaner. I1I. 4 4 4. er auf das Fenſter zu, hinter deſſen wohlverſchloſſenen Läden der alte Herr ſchlief. Aber der alte Herr ſchlief dieſe Nacht noch nicht, denn erſt vor Kurzem hatten ihn Carl Melms und Willibald Stillfried verlaſſen, um zu Bett zu gehen, da man Brunſt kaum noch ſo ſpät in dieſer Nacht erwarten konnte. Herr von der Oehe, der den alten und jungen Freund ſelbſt in das obere Stockwerk geführt, war ſo eben in ſein Zimmer zurückgekehrt, als er das Klopfen am Fenſterladen ver⸗ nahm und nun hurtig nach der Hausthür lief, um ſie zu öffnen, da er bereits die Stimme des ihm Zuru⸗ fenden erkannt hatte. Die Thür flog weit auf und Herr von der Oehe ſah den braven Freund von Grünthal mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen heiteren Geſicht vor ſich ſtehen. „Alter Herr,“ ſagte Alfred Brunſt, beide Hände ihm zum Gruße entgegenſtreckend,„Du haſt mich ge⸗ rufen und da bin ich. Hoffentlich wirſt Du mir Ar⸗ beit geben; ich bin wieder geſund und muthig wie in meinen beſten Jugendtagen.“ „Komm herein, komm herein, großer Jung'!“ rief der alte Herr frohlockend, aber ſtill hier, damit wir die Damen nicht ſtören, die hier unten ſchlafen.“ Der„große Jung'“ blieb wie von einer geheimen Gewalt gefeſſelt auf der Schwelle zum Wohnzimmer ₰ 51 1 ſeines Freundes ſtehen, richtete verwundert die Augen auf ihn und fragte:„Damen, ſagſt Du? Was ſind denn für Damen hier?“ „Nur herein, immer ohne Furcht herein, Alfred! Hat Dir denn mein Statthalter nicht geſagt, wer im Hauſe iſt?“ „Nein, nein doch, wer iſt es?“ „Meine Richte, Guſtava, und Fräulein von Baſ⸗ ſenitz aus Bergen!“ ſagte der alte Herr mit ſeinem fröhlichen Lachen. Ueber Alfred Brunſt's Geſicht lief ein blitzartiges Leuchten und ſeine Augen funkelten von einer großen, geheimen Freude.„Guſtava iſt hier?“ rief er, ſeinen Hut ablegend und auf dem Sopha Platz nehmend. „Ei, das iſt ja etwas ganz Neues!“ Und er ſenkte dabei den Kopf und konnte nicht umhin, ganz ſtill für ſich über die ſeltſamen Fügungen der Vorſehung nach⸗ zudenken. „Haſt Du ſie eingeladen oder iſt ſie von ſelbſt gekommen?“ fragte er dann plötzlich mit ſcharfem Seitenblick auf den alten Freund. „Ja, gewiß habe ich ſie eingeladen, Alfred. Ich wollte Menſchen um mich haben in dieſer ſchweren Zeit, wollte wenigſtens bei Tiſche eine Stunde glück⸗ lich ſein und— ſiehſt Du, dann iſt ja auch der Dich⸗ 4 der muß doch ein wenig Abwechſelung auf ter hier, der ſtillen Oehe haben.“ Alfred Brunſt's Augen bohrten ſich mit einem Ausdruck lebhafter Neugierde in die „Richtig, der Dichter!“ ſagte er, ein feines Lächeln ſeine Lippen umſpielte. gefällt Dir denn dieſer— dieſer— Paul eigenthümlichen des alten Herrn. indem „Nun, wie Sternberg heißt er ja wohl?“ „Ja, ſo heißt er. Wie er mir gefällt, mein Junge? O, prächtig, herrlich; das iſt ein Menſch nach meinem Herzen und ich habe ſchon oft Euern Einfall im Stil⸗ len geprieſen, damals in Putbus nach dem Vilm zu fahren und die Muſik anzuhören, wo wir die jungen Leute näher kennen lernten. Namentlich in jetziger Zeit iſt er mir ein wahrer Segen geweſen; er hat mir nicht allein mit Rath beigeſtanden, auch in der That bewährt er ſich, denn ſo ſitzt er zum Beiſpiel jetzt bis ein Uhr in der Fuchsgrube, wo ich ihn bis da der alte Vormäher von vier Uhr ablöſen werde, dieſe Nacht noch auf ſeinem Ritt zu müde iſt, um die Wache zu ziehen.“ Auf Alfred Brunſt's Geſicht ging eine merkliche Veränderung vor und ſeine Gedanken mußten einen weiten Raum zu durchfliegen haben, ehe ſie nach dem Punkte zurückkehrten, den ſein alter Freund eben er⸗ 53 wähnt.„Fuchsgrube,“ ſagte er nachſinnend,„was willſt Du damit ſagen?“ Herr von der Oehe erklärte es ihm und berichtete ganz genau die Vorkehrungen, die er ſeit zwei Tagen gegen die nächtlichen Räubereien getroffen hatte. „Aha,“ ſagte der Gaſt,„nun verſtehe ich es. Nun, das iſt hübſch von ihm— den Sternberg meine ich. Die jungen Leute haben es los, ſich be⸗ liebt zu machen. Ich bin mit dem meinigen auch zufrieden.“ „O, Du erinnerſt mich jetzt erſt daran,“ unter⸗ brach ihn ſein Freund,„wo iſt er denn, haſt Du ihn nicht mitgebracht?“ Alfred Brunſt lächelte geheimnißvoll.„Nein,“ ſagte er leichthin,„er ſitzt noch auf Grünthal, wo er für den Augenblick Geſchäfte hat. Aber er wird kom⸗ men, ſobald ſie beendigt ſind, wenn Du noch Raum für ihn haſt, da jetzt die Damen hier unten wohnen.“ „Raum genug, Alfred, er muß nur mit dem Mu⸗ ſieus oder Sternberg zuſammen wohnen.— Aber mein Gott,“ unterbrach er ſich,„wir ſitzen hier und ſchwatzen, und ich vergeſſe ganz, nach Deinem Appetit zu fragen.“ „Der iſt in beſter Verfaſſung, alter Herr, nämlich völlig beſeitigt, frage alſo nicht danach. Ich habe in Altenkirchen zu Abend gegeſſen und morgen ſoll Deine Küche beweiſen, daß ſie noch wie früher etwas Gutes zu leiſten vermag. Für heute laß mich zu Bett gehen und magſt Du um ein Uhr Deine Wache beziehen. Morgen wollen wir ſie anders eintheilen, denn nun ſind wir unſerer Sechs.“— „Gewiß, gewiß— haſt Du auch Deine Flinte mitgebracht?“ „Alles iſt da, alter Herr; drüben bei Tode liegt mein Gepäck, laß es mir morgen mit dem Frühſten holen, damit ich es habe, wenn ich aufſtehe.“ Bei dieſen Worten erhob er ſich und ſein Wirth führte ihn leiſe die Treppe hinauf in ſein altes Schlaf⸗ 3 zimmer, wo er Alles in beſter Ordnung fand, was er zu ſeiner Bequemlichkeit gebrauchte. Der alte Herr aber, nachdem er ihm eine gute Nacht gewünſcht, ging wieder in ſein Zimmer hinab, kleidete ſich zu ſeiner dreiſtündigen Nachtwache um und trat dann den Weg nach dem Dornbuſche an, um Guſtav Steinau abzulöſen, der pünktlich auf ſeinem Poſten ſtand und die Sterne zählte, da er auch in die⸗ ſer Nacht keinen Feind auf der Inſel hatte landen ſehen. & Drittes Vnpitel. Wohin des Malers Studien geführt haben. Bevor wir uns jedoch wieder auf der Oehe häuslich niederlaſſen und der Entwicklung der daſelbſt vorge⸗ henden Ereigniſſe beiwohnen, müſſen wir erſt noch einmal nach Jasmund zurückkehren, da dort noch Be⸗ gebenheiten vorfielen, die mit dem Nächſtfolgenden in genauem Zuſammenhange ſtehen und gewiſſermaßen als Vorläufer deſſelben zuerſt berichtet werden müſſen. Heinrich Markholm war, wie wir wiſſen, an dem Tage, an welchem ſein Wirth unerwartet nach der Oehe berufen wurde, nach Stubbenkammer geritten und von da aus, wie alle Tage, nach dem Kieler Ufer gewandert. Seitdem wir ihn nicht dahin begleitet haben, war ſein Verhältniß zu den weiblichen Bewoh⸗ nern des einſamen Häuschens in der ſchönen Schlucht 2 56 weſentlich zwar kein anderes geworden, allein es hatte ſich doch bei Weitem inniger geſtaltet. Man hatte ſich ſo ſehr an ihn gewöhnt, daß man die Minuten berechnete, wann er kommen mußte, und die Stunde mit Bedauern ſchlagen hörte, in der er wieder Ab⸗ ſchied nahm. Die wenigen Freuden, die in dem Hauſe übrig geblieben waren, vereinigten ſich zuletzt alle in der Erſcheinung des treuen Freundes, dem man an Wort und Miene anmerkte, daß ihn ein aufrichtiges Intereſſe an die unglückliche Mutter und noch weit mehr an die ſchöne Tochter feſſelte. Betrachten wir nun die von Tage zu Tage wach⸗ ſenden Empfindungen des Malers insbeſondere, ſo finden wir, daß er im Laufe des insgeheim fortgeſetz⸗ ten Umganges mit Alwine Halling ſein Herz völlig verloren hatte und daß ſein Kopf nahe daran war, mit dem Herzen zu dem lieblichen Gegner überzulau⸗ fen. Dabei war er redlich und aufrichtig genug, um ſich ſelber einzugeſtehen, daß es ſo ſei, und ſich zu fragen, was denn eigentlich aus dieſem ſeltſamen Ver⸗ hältniß werden ſolle? Wäre er ein Menſch von dem gewöhnlichen Schlage der heutigen Jugend geweſen, die leider nur nach Vergnügen und Zerſtreuung haſcht, ohne nach den Gefühlen und Empfindungen Derer zu fragen, die ihnen dies Vergnügen und dieſe Zer⸗ 57 ſtreuungen bereiten, ſo wäre er vielleicht ſo⸗ oft und ſo lange an jenen Ort zurückgekehrt, als derſelbe ihn gefeſſelt und unterhalten hätte, und nachher würde er ihm lachend den Rücken gewandt und ſich geſagt haben:„das waren ein paar recht vergnügte Tage!“ Aber da er nicht zu dieſen leichtblütigen und leicht⸗ finnigen jungen Menſchen einer verfeinerten und durch 1 den übermäßigen Genuß geſchwächten Generation ge⸗ hörte, vielmehr ein im Grunde ernſter und nur ſei⸗ nem Temperamente nach ein heiterer Menſch war, der eben ſo wenig mit ſeinem eigenen wie mit dem Glücke Anderer ſpielte, ſo legte er ſich wiederholt jene Frage vor und alle Tage reifte der männliche Entſchluß mehr und mehr in ihm, daß er in ſeiner Neigung beharren, daß er ihr ein endliches Ziel anweiſen, daß er ſeinen eigenen Wünſchen und vielleicht auch den Erwartun⸗ gen der anderen Partei als ehrlicher Mann genügen müſſe. Heinrich Markholm zählte zu den jetzt immer ſel⸗ tener werdenden Menſchen, die weder vom Stachel des Ehrgeizes über Gebühr angeregt, noch von der heißen Gier nach Reichthum und Beſitz, noch von dem qualvollen Drang nach äußeren Auszeichnungen über⸗ haupt gepeinigt und in eine beſtimmte Richtung ge⸗ trieben werden. Er war vielmehr Künſtler durch und 6 . 3 58 durch. Was ſein Auge für ſchön erkannt, zog ſieg⸗ reich, triumphirend in ſeinen Geiſt ein, erfüllte ſein Herz und nur das Schöne im Verein mit dem Guten und Edlen hielt er einzig und allein für begehrenswerth. Wohl zehnmal hatte er ſich in den letzten Tagen eines Freundes erinnert, der mit ihm in der Acade⸗ hemie zu Düſſeldorf groß geworden war, dem er immer nooch eine warme Anhänglichkeit bewahrte und der ihm in ſeinem beſonderen Falle als ein beherzigenswerthes Beiſpiel vorleuchtete. Dieſer junge Mann, ein ſehr talentvoller Maler, war zu ſeiner künſtleriſchen Aus⸗ bildung nach Rom gewallfahrtet, hatte, nachdem er zwei Jahre daſelbſt nur gemalt und ſtudirt, ein Land⸗ mädchen aus der Umgegend der Weltſtadt gefunden, das ihm an Geſtalt und Geſicht der Inbegriff menſch⸗ licher Vollkommenheit zu ſein ſchien, und hatte, ohne der Neigung ſeines Herzens widerſtehen zu können oder den äußeren Anforderungen der Welt Rechen⸗ ſchaft zu tragen, das Mädchen geheirathet und als Gattin in ſein kühleres Vaterland zurückgeführt. Hier nun lächelte ihm wirklich an der Seite der ſchönen Römerin ein ſeltenes Glück, er fand nicht allein in ihr, was er ſo lange geſucht, ein edles und gutgear⸗ tetes Herz, ſondern die tadelſüchtige Welt, das Heer ſeiner emporſtrebenden Verwandten, hatte auch wirklich 59 nichts Tadelnswerthes in ſeinem Bündniß finden kön⸗ nen, im Gegentheil, Jedermann in der großen Stadt, die er bewohnte und in der er ſeine Kunſt trieb, hatte ſeine Wahl billigen müſſen, denn das fremde Weib fügte ſich nicht nur überaus ſchnell in die ihr ſo ungewöhnlichen Verhältniſſe, ſondern bezauberte alle Welt mit ihrem natürlichen Verſtande, ihrer leiblichen Schönheit und, durch ihre Liebe zu dem edlen Manne angefeuert, eignete ſie ſich ungemein ſchnell die äuße⸗ ren Formen geſelliger Bildung an, die man in, dem ihr zugewieſenen Kreiſe an die Frauen zu ſtellen ge⸗ wohnt war. Etwas Aehnliches nun, was dem Freunde mit dem ſchönen römiſchen Landmädchen widerfahren, be⸗ gegnete ihm ſelbſt mit einem Mädchen im Norden, das, wenn auch in der Stellung und Herkunft mit jenem zu vergleichen, doch an geiſtiger Bildung der Südländerin weit überlegen war. Warum ſollte nun ihm nicht gelingen, was Jenem gelungen war? War⸗ um ſollte er weniger glücklich werden, als Jener, warum ſollte man ihm übel deuten, was man Jenem ſo leicht verziehen hatte? O, was die Welt für Augen machen würde, wenn er eine unbekannte Fremde mit nach der Heimat brächte, war ihm ganz einerlei, ja daran dachte er 60 kaum; und was ſeine Freunde ſagen würden, wenn er ihnen ſeine Geſchichte erzählte, ihnen das Mädchen ſeiner Liebe vorſtellte, deſſen war er ſo ziemlich ge⸗ wiß, da es ihm ſchon gelingen würde, ihnen zu be⸗ weiſen, daß er nicht anders habe handeln können, wenn er das Glück ſeines Lebens nicht auf ewig hätte verſcherzen wollen. Sie würden ſchon erkennen, welche Perle Alwining für ihn ſei, ſie würden ihren Werth ſehr bald ergründen, ihre äußere und innere Bega⸗ bung ſchätzen lernen und ihm ſogar hoch anrechnen, daß er im Stande geweſen, ſeinen Willen durchzu⸗ ſetzen, wenn ſie in Betracht zogen, wie er ein armes, geknechtetes Weſen dem moraliſchen und phyſiſchen Zwange eines gemeinen Mannes entriſſen, der auf keine Weiſe ein ſolches an Bildung und Herzens⸗ reinheit ihn ſo weit überragendes Mädchen zu ſchätzen wußte. des Malers, nur die Meinung eines einzigen Men⸗ ſchen ſchien ihm bisweilen dem raſchen Entwicklungs⸗ gange ſeiner Neigung entgegenzuſtehen und dieſer Menſch war kein anderer als ſein Wirth, der Guts⸗ Herr von Grünthal, Alfred Brunſt. Vor dem Urtheil dieſes Mannes hatte er, wenn auch keine Furcht, doch wenigſtens einen Schimmer von Beſorgniß, denn ſein 2 Nur ein einziges Bedenken regte ſich in der Seele 88 61 Charakter, ſein ſicheres, feſtes Weſen, die ganze Art und Weiſe, wie derſelbe ſich gegen ihn gezeigt, hatte ihm gewaltig imponirt. Dieſer Mann, ſo einfach, ſo ruhig und klar die Verhältniſſe aller ihn Umgeben⸗ den beurtheilend, der Jedem das Seine ließ und doch mit ſeinem hochherzigen Weſen ſie Alle beherrſchte, hatte, wie er gleich von Anfang an ſein Gemüth ge⸗ fangen genommen, ſeiner Willkür eine nicht zu ver⸗ kennende Schranke geſetzt. Er hatte ihm zwar volle Freiheit in Benutzung ſeiner Zeit gelaſſen, aber doch ihn mit ſcharfem Auge bewacht und mit einem ein⸗ fachen Winke in ſeinem gewaltigen Herzensdrange ge⸗ zügelt. Ein ſolcher Mann war ihm noch niemals vorgekommen, ihn ſchätzte er überaus hoch und darum durfte er ſeine Meinung auch über den fraglichen Punkt auf keine Weiſe geringſchätzen, ihm mußte er die Frage ſeines Herzens ſogar zuerſt vorlegen und was er darauf antwortete, das mußte ihm die Rich⸗ tung ſeines eigenen Handelns anweiſen, das mußte den endlichen Ausſchlag geben. Wenn nun Alfred Brunſt, nachdem er das Mädchen mit eigenen Augen betrachtet, was er ja nach ſeiner bald erwarteten Ge⸗ neſung zu thun verſprochen, ihm beiſtimmte, dann war für immer über ſein ferneres Schickſal entſchieden, und daß derſelbe zu ſeinen Gunſten endlich entſcheiden X 62 würde, glaubte er nach ſeinem eigenen allmälig klarer gewordenen Urtheil kaum vergebens hoffen zu dürfen. Aber wenn er ſein Schickſal in dieſem Punkte der Beurtheilung des väͤterlichen Freundes gewiſſermaßen anheimzuſtellen entſchloſſen war, hatte er denn auch für ſich ſelbſt reiflich an ſeine Zukunft gedacht und war er überzeugt, daß ſich dieſelbe im Beſitz des ge⸗ liebten Mädchens ſeinen früheren Wünſchen gemäß geſtalten würde? O ja, das hatte er gethan, Tag und Nacht hatte er ſich darüber Rechenſchaft abgelegt, nach allen Seiten ſein Herz geprüft und immer und zu jeder Zeit in dem Beſitz dieſes Mädchens, das er ſo innig liebte, den Inbegriff ſeines ganzen Erden⸗ glücks für alle Zeiten zu erkennen geglaubt. Wenn er ſich in ſeiner regen Phantaſie in ſeinem Atelier bei der Arbeit ſitzen ſah, an ſeiner Seite das ſchöne Weſen mit dem goldenen Haar, den reinen blauen 2 Augen, die von Klugheit und Milde ſtrahlten, wie herrlich und köſtlich erſchien ihm dann ein ſolches Bei⸗ ſammenſein! O, wie wollte er dies ſchöne Geſicht, das auf den erſten Blick ſchon eine ſo edle Seele verrieth, in zahlloſen verſchiedenen Bildern vervielfältigen, wie wollte er ſein knſtleriſches Auge an ihren Reizen wei⸗ den und dabei, von ganzem Herzen wiedergeliebt, namenlos glücklich und zufrieden ſein! *☛ Alſo er wollte ſie heirathen! Aber wie und wo leben mit ihr? Das wußte er ſelbſt noch nicht, und erſt als er auf dieſen ſo nahe liegenden Gedanken verfiel, wurde er nachdenklich und fand dabei, daß er eigentlich noch ziemlich fern von dem ſo erſehnten Ziele ſei. Hatte er denn ſchon das Nothwendigſte zur Erreichung deſſelben gethan, hatte er die Gewiß⸗ heit erlangt, daß Alwining ihm eben ſo geneigt ſei, daß ſie ihm in eine fremde Welt folgen und ihr Schickſal an das ſeinige knüpfen würde, das ihm ja ſelbſt noch nicht von allen Wolken der Weltſorge frei vor Augen lag? Hatte er ſchon mit der Mutter über die Erfüllung dieſes Wunſches geſprochen und von ihr die Zuſicherung erhalten, daß dieſelbe möglich ſei? Nein, das hatte er noch nicht gethan, wenigſtens nicht in klaren, beſtimmten Ausdrücken, die keinen Zweifel an ſeiner Abſicht übrig ließen, aber ange⸗ deutet hatte er dieſelbe zur Genüge und in langen traulichen Geſprächen ſein Herz erſchloſſen, ſo daß ſie ſelbſt wohl wiſſen mußte, wohin ſolche Herzenswünſche führen würden. Und die Mutter, was hatte ſie ihm erwidert? Hatte ſie ihn ermuntert, in ſeinen Beſtrebungen fort⸗ zufahren, oder hatte ſie ihm von denſelben abgerathen? Ach, dieſer armen Frau, die ſeit dem Augenblicke, 64 wo ſie in die Hände ihres Mannes gerathen, nur eine Sclavin geweſen war, nur willenlos der Willkür und Laune eines gebieteriſchen Herrn gehorchte, war aller⸗ dings durch den Umgang mit einem geſitteten und gebildeten Menſchen ein ganz neues Leben aufgegan⸗ gen. Lange hatte ſie ſolche Freuden nicht genoſſen, wie jetzt, wenn Heinrich Markholm in ihrem Stübchen ſaß, von ſeiner Heimat, ſeinem Künſtlerleben, ſeinen Bildern erzählte. Er hatte es in ſolchen Unterredun⸗ gen verſtanden, ihr ganzes Herz gleichſam durch den ſanften Balſam traulicher Hingebung zu erweichen und die gepreßte Spannung, die es ſeit Jahren in eiſer⸗ nen Klammern hielt, durch herzlichen Antheil zu mil⸗ dern. Er hatte ihr Vertrauen bis zu einer gewiſſen Gränze errungen und wiederholt in die düſtere Tiefe ihres vereinſamten Herzens blicken können. Daß ſie ihren Mann nicht liebte, nicht mehr lieben konnte, daß ſie ihn nur fürchtete und deshalb ihre Zukunft wie eine dunkle Wolke über ihrem Haupte ſchweben ſah, war ihm lange kein Geheimniß mehr. Denn die Handlungsweiſe dieſes unheimlichen Mannes, ſein Er⸗ werb, ſeine Beſchäftigung war in ein undurchdring⸗ liches Dunkel gehüllt, ſein ganzes Leben war ihr zwei⸗ deutig geweſen und vor ſeiner Zukunft bangte ihr wie vor einer drohenden Gewitterwolke. Wie von einem 65 inneren geheimen Rachegeiſt getrieben, ſtürmte er lei⸗ denſchaftlich auf der betretenen Bahn vorwärts, einen Halt gab es für ihn nicht mehr; zügellos geworden durch die Geringſchätzung und Verachtung der Geſetze, verfolgte er nur ihm allein bekannte Zwecke, und kein Menſch hatte je in die unzugänglichen Tiefen ſeiner Bruſt geſchaut. Petronella war ſehr jung und unerfahren geweſen, als ſie ihren Mann in Jütland kennen lernte, wo er wie aus den Wolken geſchneit plötzlich erſchien und alsbald mit einigen ihrer Verwandten in enge Ver⸗ bindung gerieth. Nicht allein hübſch und friſch, ſon⸗ dern auch ſanft und biegſam, hatten gerade die letzteren Eigenſchaften auf die Entſchließungen des Maunes eingewirkt, zumal auch ſeine Sinne von dem Aeußern des jungen Mädchens einigermaßen, wenigſtens auf einige Zeit gefeſſelt ſchienen. Allein das war nicht Alles, was ihn an ſie zog, ſie beſaß auch ein kleines Vermögen und er hatte nichts, womit er ein Geſchäft begründen oder ein begonnenes fortſetzen konnte. Von keinem redlichen Rathgeber unterſtützt, von Hauſe aus ſchwach und leicht lenkbar, hatte ſie den Wünſchen des fremden Mannes bald nachgegeben und war, ohne zu wiſſen was Liebe ſei, ſein Weib geworden. Glücklich aber, nicht einmal zufrieden, hatte ſie ſich keinen Au⸗ Die Inſnlaner III. 5 K 2 66 genblick an ſeiner Seite gefühlt, denn nur zu bald hatte ſie den gemeinen Sinn des Mannes erkannt, dem ſie ſich angeſchloſſen, und nur zu früh hatte er die gleißneriſche Außenſeite abgeſtreift und ſich in ſeiner wahren abſchreckenden Geſtalt gezeigt. So war es geweſen lange zwanzig Jahre hindurch. Von einem Orte zum andern hatte ſie ſein ruheloſes Treiben ge⸗ führt und ſelbſt jetzt, wo ſie ein abgelegenes, ſtilles Aſyl gefunden, ſollte, wie ſie erfahren, auch dies noch nicht ihre beſtändige Heimat bleiben. War es ihr unter dieſen Umſt daß ſie ſich mit herzlicher Freude dem ſanfteren Weſen eines gebildeten Mannes hingab, daß ſie Stundenlang ihre traurige Vergangenheit vergaß und mit einer Art Wolluſt den Gedanken erfaßte, daß wenigſtens ihre Tochter einſt glücklicher werden könnte, als ſie es ge⸗ weſen, und daß ſie vielleicht mit dieſer an einem ruhi⸗ gen Orte künftig ein zufriedeneres Leben führen könnte? Und Alwining— wie war es mit deren Herzen beſchaffen? Sagen wir es mit einem Wort, was wir ja ſchon längſt errathen ließen: ſie liebte, o ſie liebte mit der ganzen Inbrunſt eines jugendlichen und lange. gefeſſelten Herzens, ſie liebte einen Mann, wie er ihr, die eine ſo gute Bildung genoſſen, immer im Leben gefehlt, den ſie eben ſo hoch achten wie zärtlich ver⸗ tänden zu verdenken, 24 ehren konnte, ſie liebte um ſo inniger und hingeben⸗ der, als ſie ſeit langer Zeit im Verborgenen vegeti⸗ rend, nur die Schatten, die Nachtſeiten des Lebens, nie aber ſein Licht und ſeine Sonne erblickt hatte. Wenn ſie aber ſo innig liebte, dachte ſie dabei an die Zukunft mit jenem Ernſte und jener Gewiſſenhaf⸗ tigkeit, wie Heinrich Markholm es that? Ach nein! Und warum nicht? Eben weil ſie zu innig liebte, um viel an etwas zu denken, was noch lange nicht in ihren Geſichtskreis trat. Denn wenn ein Mädchen von ihren einfachen Verhältniſſen, in ihrer abgeſchiedenen Lage, fern von allem Ehrgeiz und Hochmuth, wirklich und wahrhaft liebt, dann denkt es nur an die Gegenwart. Nur die Stunden, die ſie mit ihrem Geliebten ver⸗ lebte, waren glückliche Stunden, nur auf dieſe wartete ſie, nur in ihnen ſog ſie den Duft ein, der das Leben verſüßt und verſchönt, alle übrige Zeit war für ſie nicht vorhanden, da vegetirte ſie blos wie früher, da lebte ſie mechaniſch wie ein Bildwerk, das nur die zauberiſche Hand des Meiſters in Bewegung zu ſetzen verſtebt. O dieſer Maler, war er nicht wie ein lich⸗ ter Himmelsſtrahl auf ihren dunklen Lebenspfad ge⸗ fallen? Konnte es für ſie noch ein anderes, zweites Heil geben, wenn ihr dieſes erſte wieder entzogen ward? Was hüätte ſie zu erwarten, zu hoffen gehabt, 5* 8* 68 wenn er nicht erſchienen wäre, er, deſſen Auge zum erſten Male mit jenem wonnigen Lächeln in das ihrige geſchaut, das eine von Glück entzündete Seele verräth, die dieſes Glück eben ſo gern mittheilen mag, wie ſie es ſelbſt empfindet? Hatten ſich dieſe beiden jungen Leute nun ſchon ihre gegenſeitige Neigung geſtanden? Mit Worten? O nein! Aber mit Blicken und in faſt ſichtbar auf die Lippen tretenden Gedanken? O, tauſendmal, bei jeder Gelegenheit, ſo oft ſie ſich ſahen und ſprachen. Jedes von Beiden wußte, was in dem Herzen des Andern vorging, was es ſ Ueberfließen, aber ſie ſchwiegen ſtandhaft und das iſt nicht zu verwundern, denn gerade in dieſem geheim⸗ nißvollen Schweigen liegt ja für junge Leute in ihrer Lage der größte zauberiſche Reiz. O wie glücklich waren Beide in dieſem mit tauſend Wonnen geahnten Geheimniß, noch dazu in dieſer poetiſchen Natur, die⸗ ſer Verborgenheit und Abgeſchiedenheit von aller Welt, deren lautes Gewoge nicht an ihr Ohr, viel weniger an ihr Herz ſchlug, an einem Orte, wo ſie Niemand beläſtigte, Niemand ſtörte, Niemand aus ihren ſüßen Zweifeln und ihrer namenloſen Wonne riß. Aber dieſe Wonne war, wie keine Wonne auf Erden, doch nicht ganz ungetrübt, ja ſie machte ſogar chwellen machte bis zum & 69 oft einem recht bangen Zagen Platz, das jeden Tag wuchs, wie jene kleine Wolke am Himmel, die erſt fern am Horizonte ſchwebt, unbedeutend erſcheint, aber allmälig näher rückt, anſchwillt, immer dunkler und gefährlicher wird und zuletzt den Orkan heranträgt, der das Meer aufthürmt, Bäume und Hänſer bricht und Zerſtörung über alles Lebendige bringt, was in ſeine furchtbare Gewalt gegeben wird. Dieſe eine, ſchreckliche Wolke an ihrem ſonſt ſo klaren Himmel— wer hätte es nicht ſchon errathen — war der Vater Alwining's, der den ſonſt ſo that⸗ kräftigen Maler ſchaudern machte, wenn er wie ein dunkler Schatten vor ſeiner Erinneruug auftauchte. Wer hatte dieſen Vater ergründet, wer in ſeine Ab⸗ ſichten geblickt? Höchſtens ſeine Frau und Tochter, und die Abſichten, die ſich ihnen enthüllt, ſprachen für⸗ wahr nicht zu Gunſten der Wünſche des liebenden Malers. Und eben der Gedanke hieran brachte den Kampf hervor, den dieſer täglich zu beſtehen hatte, wenn er einſam und ſtill ſeinen Weg vom Häuschen in der Schlucht nach Grünthal verfolgte, denn mit einem ſolchen Vater konnte er ſelbſt in ſeinen geheim⸗ ſten Gedanken nicht auf's Reine kommen, und die Art und Weiſe, wie derſelbe zu beſtimmen wäre, dem Wunſche des jungen Mannes ſich geneigt zu zeigen, verurſachte dieſem mehr Kopfzerbrechen, als je eine andere Arbeit. Dennoch aber mußte auch dieſer Berg endlich überſchritten werden und Heinrich Markholm hatte ſchon an die einzigen Hülfsmittel gedacht, die ihm hierin förderlich ſein konnten. Und da war es wieder und allein Alfred Brunſt, der ihm dies Hülfsmittel bieten ſollte; er und kein Anderer mußte ſein Brautwerber ſein und Heinrich glaubte und hoffte, er werde dies ſaure Geſchäft übernehmen, um ſo eher, wenn er ihm ſein volles Herz einmal gänzlich ausſchüttete und ihm erklärte, daß es eine heilige Pflicht für ihn ſei, das edle Mädchen den unedlen Händen zu entreißen, die es gefeſſelt hielten, daß es nur an ihm liege, den herrlichen Keim in ihr zur reichſten Blüthe zu treiben, und daß Alfred Brunſt, wenn er die Hand zu dieſem Werke erhebe, damit nicht einen, nein zwei und viel⸗ leicht noch mehr Menſchen für ihr ganzes Leben un⸗ endlich glücklich machen könne. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, ging Heinrich Markholm an jenem Mittag nach dem Kieler Ufer und am Abend von dort wieder nach dem heimatlichen Gute. Er hatte einen glücklichen, wonnereichen Tag verlebt und ſein Verlangen, ſo bald wie möglich ohne alle Sorgen dieſe Wege zurückzulegen, war bis zu 71 einem faſt unerträglichen Grade geſtiegen. Heute noch, ſo hatte er ſich vorgenommen, ſollte ſein Wirth ſein ganzes Herz kennen lernen, heute noch wollte er ihn mit klaren Worten um ſeine Verwendung, ſeine Hülfe bitten, und mit dieſer Hülfe hoffte er bald an das er⸗ wartete Ziel zu gelangen. Von ſolchen Entſchließungen getragen und von ſolchen Hoffnungen die Bruſt geſchwellt, kehrte er an dieſem Abend mit faſt ſtürmiſcher Haſt nach Grünthal heim, er war muthig wie nie, und nie wie heute hatte ſein Herz ſo voller Vertrauen geklopft, als er von Weitem das friedliche Gehöft liegen ſah, in dem die Hülfe wohnte, die ihm ein Paradies auf Erden errin⸗ gen ſollte. Aber wie ſtaunte er, wie tief ſanken ſeine Hoff⸗ nungen plötzlich von ihrer ſchwindelnden Höhe herab, als er in das Haus trat und ſchon auf dem Flure hörte, daß ſein Wirth plötzlich nach der Oehe abge⸗ reiſt ſei! Stumm, niedergeſchlagen war er in das Zimmer getreten und hielt nun den Brief in der Hand, den Jener für ihn zurückgelaſſen hatte. Endlich öffnete er denſelben und las. Aber wie wunderbar! Dieſer Brief, anſtatt ihn in neue Sorge zu ſtürzen, machte ſchnell die eben gehegte ſchwinden. Alfred Brunſt verſprach ja ſchon darin ſeine Hülfe, * 72 um die er ihn erſt hatte bitten wollen, und das Wort dieſes Mannes war eines ächten Mannes Wort, das nur ermuthigend und belebend wirken konnte— und ſo wirkte es in der That. „Gott wollte es nicht auf meine Weiſe,“ ſagte er ſich,„aber er will es vielleicht auf eine andere und ſo iſt es am Ende noch beſſer. Alſo Geduld! Kommt Zeit, kommt Rath! Er ſagt mir, ich ſolle, wie mein Herz es verlangt, die Bekanntſchaft fortſetzen. Ha! Iſt das nicht genug geſagt? Und dann:„wenn ich wiederkomme, ſtehe ich Ihnen in jeder Hinſicht zu Dienſten.“ Gut denn, ſo will ich thun, was er ſagt, und hoffen auf das, was er verſpricht.“ Mit ſolchen Gedanken beſchäftigte er ſich den Reſt des Abends und mit ähnlichen begab er ſich auch zur Ruhe. Während der Nacht aber mußten ihn ange⸗ nehme und ermunternde Träume umſchwebt haben, denn als er erwachte, fühlte er ſich ungewöhnlich muthig, zur Aufnahme des Kampfes bereit, mochte er ihm drohen von welcher Seite er wollte, und jeglichen Wi⸗ derſtand feindlicher Elemente geringſchätzend, dünkte er ſich auch ohne fremde Hülfe kräftig genug, ſeinen Wuünſchen Anerkennung und ſeinen Hoffnungen Ge⸗ währung zu verſchaffen. Womit aber ſollte er den langen Morgen über 00 4 7 die Zeit hinbringen? Sein Wirth, dem er ſonſt bis Mittag ſtundenlang Geſellſchaft geleiſtet, ſo weit er nicht von fremden Perſonen in Anſpruch genommen war, hatte Grünthal verlaſſen; zur Arbeit fühlte er ſich nicht aufgelegt, das Haus ſelbſt ſchien ihm plötz⸗ lich wie verödet, über die alltäglichen Vorfälle des Lebens mochte er mit Niemanden ſprechen, dazu waren ſeine Seelenkräfte zu ſehr angeſpannt und auf einen einzigen Punkt gerichtet— was blieb ihm alſo übrig, als das Freie zu ſuchen und durch Wald und Flur zu ſchweifen? Und als er nun den Kopf zum Fenſter hinausſtreckte und die Sonne golden in den blauen Lüften funkeln ſah, da erfaßte ihn plötzlich die Luſt, von dem bisher feſtgehaltenen Vorſatze abzuweichen und einmal nach langer Zeit wieder einen Morgen und alſo natürlich auch den ganzen Tag in der Kieler Schlucht zuzubringen., Als dieſer Gedanke erſt einmal in ihm aufgetaucht war, erfaßte ihn eine unwiderſtehliche Sehnſucht da⸗ hin und um ſeinen Vorſatz gegen ſich ſelbſt zu recht⸗ fertigen, nahm er den ſchon lange gehegten Plan wie⸗ der auf, ſeine Gefühle für Alwining deren Mutter an⸗ zuvertrauen, ihr ſeine Abſichten vorzulegen und ſie um ihren Rath zu bitten, wie er ſich unter dieſen Verhält⸗ niſſen ferner ihrem Manne gegenüber verhalten ſolle. 4* 74 „Das kann nicht ſchaden,“ ſagte er ſich,„damit habe ich Herrn Brunſt nur vorgearbeitet und ich bin auch der guten Frau Halling ſchuldig, endlich ein klares Wort über meine Abſichten fallen zu laſſen.“ Als er erſt ſo weit gekommen war, hielt er ſeinen frühen Aufbruch ſogar für äußerſt nothwendi da er ja ſonſt einen großen Theil des Nachmittags für Alwi⸗ ning verliere, und ſo ließ er ſchnell den Schimmel ſatteln und ritt ganz ſeelenvergnügt nach Stubbenkam⸗ mer hinüber. 4 Wenn unſer Maler ſchon durch die Erhebung ſei⸗ nes Gefühls und durch das Bewußtwerden eines in⸗ neren feſten Willens heiter und glücklich war, ſo ſollte der Ritt durch den Wald und die Betrachtung der ſchönen Natur ihn noch heiterer und glücklicher ſtim⸗ men. Welcher Morgen umgab ihn, als er die Schat⸗„ ten der Stubnitz betrat! Der heftige Oſtwind, der den ganzen vorigen Tag geweht, hatte ſich geſänftigt und nur eine leichte milde Briſe fächelte ihm mit duftigem Hauche entgegen. Goldklar lag das blaue Himmels⸗ gewölbe überihm und die Sonne ſendete keine heißen, nur angenehm warme Strahlen herab. O und wie herrlich erſchien ihm nun Stubbenkammer, was er ſo lange nicht genoſſen, erſt in dieſer ſchönen Morgenbe⸗ leuchtung! Leiſe wallend, mit Millionen und abermals —————:·:4. ,ͤ— — 75⁵ Millionen diamantenen Punkten beſäet, fluthete das Meer in majeſtätiſcher Stille einher und ein filberner Streifen zog ſich wie eine rieſenhafte Schlange am Horizonte entlang und ſchloß die ganze ungeheure blaue Fläche ein, wie das blinkende Gold den ſpiegelnden Saphir umfaßt. Reiner Sonnenglanz lag auf den weißen Felſen und färbte die dunkelgrüne Buchen⸗ waldung, die Schluchten, Abhänge und Gipfel ſchmückt, mit lichterem Glanze als gewöhnlich. Ruhig zogen in der Ferne unzählige Schiffe und aller Orten ſprangen die Bewohner der unermeßlichen Tiefe auf, den lieb⸗ lichen Sonnenglanz des Tages zu ſehen und mit an dem Leben auf dieſer ſchönen Erde ſich zu freuen. Heinrich Markholm's Künſtlerauge flog entzückt über dies erhabene Schauſpiel hin und in ſeiner Seele wogte ein namenloſes Frohlocken auf.„O,“ ſagte er, „wenn ich heute noch traurig wäre, dieſer Anblick müßte mich freudig ſtimmen, und das iſt allein die Wirkung der über allen Kummer und Schmerz triumphi⸗ renden, nie eine Niederlage erleidenden Natur. Im⸗ mer wieder iſt ſie am Morgen, ſelbſt nach der ſchwer⸗ en und wildeſten Nacht, kräftig, friſch und geſund, und wüthet einmal ein düſterer Sturm durch ſie und über ſie hin, ſo richtet ſie ſich bald nachher immer wie⸗ der in neuem Siegesglanze auf. Daran ſollte der empfindſame Menſch ein Beiſpiel nehmen, der immer gleich in Wehmuth und Ohnmacht verſinkt, wenn ibn ein unerwarteter Windzug trifft, ein Schmerz erfaßt, ein Plan ihm mißglückt, denn was iſt es Anderes, was in ihm und um ihn wirkt und lebt, als ein Theil der Natur, deren Geſchöpf und Theil er ſelber iſt! Alſo muthig, Heinrich, muthig, und der letzte Druck, der auf Deinem Herzen laſtet, er ſoll heute auch noch her⸗ unter, der ganze Tag ſcheint dazu angethan, mir nur Glück und Segen zu ſpenden, und ich werde dem treuen Mutterherzen die Sorge nehmen, die ſie ge⸗ wiß ſchon lange über die ungewiſſe Zukunft ihres Kin⸗ des beſchlichen hat.“ So dachte, ſo empfand Heinrich Markholm an dem Morgen dieſes Tages, aber es iſt eine wunderbare Einrichtung im Leben des einzelnen Menſchen wie der ganzen großen Natur, daß ſelten ein Abend dem Mor⸗ gen, noch viel ſeltener aber die Gedanken und Gefühle des Menſchen, die er am Morgen hegt, den Gefühlen entſprechen, die ihm im Laufe des Tages durch die zwingende Macht der Umſtände aufgenöthigt werden. 4 Als nun unſer Freund auf der Klippe des Kön ſtuhles ſtand und ſeine ermuthigenden Gedanken wei⸗ ter verfolgte, fühlte er plötzlich etwas Kaltes ſeine Hand berühren. Es war die Naſe Türk's, der ſich . 3 — an den alten Freund ſchmiegte und durch Liebkoſungen die Erinnerung an ihn wach rufen wollte. „Aha, Du biſt es, mein guter Türk,“ ſagte der Maler ſich umwendend und den ſchönen Kopf des Thie⸗ res ſtreichelnd,„möchteſt Du einmal wieder mit mir gehen? Ja, das ſollſt Du, Du haſt mich ja dahin ge⸗ führt, wohin ich jetzt alle Tage gehe und mich freue; Dir alſo verdanke ich eigentlich mein Glück. Komm, wir wollen uns gleich auf den Weg machen, ich will nur ſagen, daß ich Dich mit mir nehme.“ Als dies geſchehen, ſchritt Heinrich Markholm rüſtig den bekannten Weg über Klein⸗Stubbenkammer fort und freudig folgte der Hund, mit lautem Gebell ihn umſpringend und dann wieder lange Strecken vor⸗ ausſtürzend, als wiſſe er ſchon, wohin ihn ſein heutiger Weg führe. Das Alles machte unſern Freund glücklicher und, zufriedener als er lange geweſen. Das nachdenkliche Weſen, welches er in den letzten Tagen Jedermann gezeigt, war verſchwunden und er war wieder der alte fröhliche Künſtler geworden, deſſen Sinne, Herz und Seele allen ſchönen Eindrücken von Außen geöffnet ſind. Soo eilte er raſchen Schrittes auf dem nächſten Wege durch den balſamiſch duftenden Wald der Kie⸗ ler Schlucht zu, und über die wie Perlen auf grünem 78 Teppich reichlich ausgeſtreuten Blumen und die ſtolzen im leichten Seewinde wogenden Farnbüſchel ſich freuend, wie über jeden Vogel, der girrend und zwitſchernd an ihm vorüberflog, erreichte er in kaum einer Stunde den Rand der Schlucht, in welcher Halling's Häus⸗ chen lag. Er wollte eben den gewöhnlichen Weg nach dem Hauſe einſchlagen, der landwärts durch den Wald ſich ſchlängelt, als Türk freudig den Abhang an der See⸗ ſeite hinabſprang, der freilich kürzer, aber auch beſchwer⸗ licher an das Ziel führte. Ohne Zögern folgte ihm der Maler und ſtehe, der Hund hatte nicht ſchlecht ge⸗ führt, denn als er noch auf der halben Höhe des Ab⸗ hanges war und vorſichtig niederſtieg, ſah er Türk ſchon an der Seite Alwining's ſchwänzelnd ſtehen und hörte ihn leiſe knurren, als wollte er dadurch zu ver⸗ ſtehen geben, daß er ſie wieder erkenne und daß er wohl wiſſe, wie theuer ſie ſeinem Begleiter ſei. Alwining ſaß, mit einer Näharbeit beſchäftigt, auf einem Steine am Strande, das blaue ſpielende Meer von Zeit zu Zeit betrachtend und dazwiſchen einen Seufzer ausſtoßend, den der koſende Wind raſch land⸗ wärts entführte. Als Heinrich das ſchöne Mädchen von ferne erblickte, blieb er ſtehen und betrachtete ſie mit vor Wonne faſt überfließendem Herzen. Alwining 79 hatte, wie wir ſchon wiſſen, von jeher ein großes Wohlgefallen daran gefunden, ſich nicht nur überaus ſauber, ſondern auch ſo fein wie moͤglich zu kleiden, wenngleich ihr rauher Vater ihr nur höchſtens ein Zwitterwerk von Stadt⸗ und Landkleidung geſtattete. Seitdem ſie aber Heinrich Markholm kennen gelernt, hatte ihr natürlicher Trieb ſie zu einer noch viel größeren Nettigkeit geführt und dieſe hatte ſie weni⸗ ger in der Auswahl ihrer Kleider als in der Pflege ihres überaus ſchönen Haares, ihrer Hände und über⸗ haupt der ſichtbaren Theile ihres reizenden Körpers zu entwickeln geſucht. Im Ganzen war ſie heu ſo gekleidet wie damals, als wir ihr zum erſten begegneten, nur war das Mieder mit Schößen, wel⸗ ches ſie trug, von feinem dunkelgrünen Tuche, der nicht allzulange Rock weit gebauſcht und von roth und weiß geſtreiftem Wollzeuge, und die Schürze, die über denſelben floß, zeichnete ſich durch eine faſt durchſichtige Klarheit und ſchneeige Weiße aus. Heinrich Markholm ſtand noch immer und ver⸗ ſchlang jede ihrer Bewegungen; er hoffte vielleicht, ſie würde ſich ſogleich erheben und ihm entgegentreten, wie ſie das ſonſt immer that, wenn ſie ihn nahen ſah. Allein dies geſchah heute nicht; gleichſam von einer inneren Gewalt gefeſſellt, blieb ſie auf ihrem Paatze, 80 denn ein dumpfer Druck lag auf ihrem Herzen, viel⸗ leicht eine Ahnung, daß das ſtille Glück der Gegen⸗ wart nicht lange mehr ſo dauern könne, und jeder Wechſel, der das liebende Herz berührt, mag er ſein wie er will, läßt es bange ſchlagen, da es nur in der Beſtändigkeit der ſüßen Gegenwart allein das Glück zu ſehen glaubt. Als Türk nun ſo unerwartet an ſie herantrat und mit ſeinen klugen Augen ſie freundlich anblickte, er⸗ ſchrak ſie zuerſt, dann aber faßte ſie ſich raſch, rief den H zu ſich heran und ſtreichelte ihm liebkoſend de 9 was er ſich auch gern gefallen ließ. „Guten Morgen!“ ief da eine bekannte Stimme von der Höhe über ihr herab. Jetzt freilich flog pfeilgeſchwind der anmuthige Kopf und das blaue Auge empor, aber ehe ſie noch den Gruß ne war die Geſtalt des jungen Man⸗ nes ſchon vom Vorſprung der Klippe verſchwunden und in wenigen Minuten ſtand er vor ihr, die Wan⸗ gen erhitzt vom raſchen Gange und die Augen blitzend vor Freude über das Wiederſehen. „Guten Morgen, Alwining,“ wiederholte er und reichte ſeine Hand hin, die leiſe ergriffen und nach raſchem Drucke ſchnell wieder losgelaſſen wurde. „Guten. Morgen, Herr Markholm!“ klang es ihm entgegen, aber ſogleich gewahrte er die Beklommenheit des Mädchens, die wir ſchon vorher angedeutet haben. Heinrich Markholm glaubte den Grund derſelben in ſeiner unerwartet frühen Erſcheinung entdeckt zu haben, da er ja aus guten Gründen auf dieſe Mor⸗ genbeſuche verzichtet hatte. Darum ſagte er auch: „Sie wundern ſich, Alwining, daß ich heute ſo früh komme, nicht wahr? Aber heute konnte ich nicht an⸗ ders, der Morgen verlockte mich durch ſeine zaube⸗ riſche Schönheit und da ich allein auf Grünthal war, hielt ich es nicht länger daſelbſt aus.“ 1 „Sie waren auf Grünthal allein?“ fragte Alwi⸗ ning verwundert, indem ſie ihren Platz auf dem Steine wieder einnahm, der Maler aber vor ihr ſtehen blieb und ſie mit freudeleuchtenden Blicken betrachtete. „Ja, ich war allein. Mein Wirth mußte geſtern wider Erwarten verreiſen, hat mir jedoch ſein Haus auch während ſeiner Abweſenheit als Heimat angebo⸗ ten. Iſt das nicht edel, Alwining?“ „Ja, es iſt edel und auch angenehm,“ fügte ſie mit leiſer Betonung hinzu. „Sehr angenehm. Aber es thut mir doch leid, daß dieſe Reiſe ſo bald nothwendig wurde, da er ſich vorgenommen hatte, in den nächſten Tagen hierher zu kommen, um Sie perſönlich kennen zu lernen.“ Die Inſulaner. III. 6 8² Alwining ſchlug raſch die Augen gegen ihren Freund auf, ließ ſie aber eben ſo raſch vor ihm ſinken, da ſie ſeinen funkelnden Blick bemerkte, mit dem er ſie lie⸗ beglühend durchdrang. Jedenfalls erſchrak ſie über dieſen Beſuch, der gewiß nur in ernſter Abſicht un⸗ ternommen ward und ihrem Geſchick nicht fremd ſein konnte. Daher erröthete ſie lebhaft und fragte ver⸗ legen:„Um mich kennen zu lernen?“ „So iſt es, Alwining; verdenken Sie ihm das, da ich ihm ſo viel von Ihnen erzählt?“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar für Ihre Güte und werde mich freuen, jenen Mann zu ſehen, den Sie als einen ſo edelen ſchildern; aber haben Sie auch bedacht, daß dadurch eine neue Perſon in den Kreis meines Va⸗ ters tritt, und daß dieſer nicht ſo erfreut darüber ſein wird wie ich?“ „Ich habe es bedacht,“ erwiderte Heinrich Mark⸗ holm mit ruhiger Würde und ernſtem Nachdruck, der der ſcharf zuhörenden Alwining mehr Aufſchluß gab als das einfache Wort„ich habe es bedacht!“„Doch wiſſen Sie,“ fuhr er lächelnd und ſchnell den Gegen⸗ ſtand des Geſprächs wechſelnd fort,„daß ich einige Stunden an dieſem ſchönen Morgen Ihnen entziehen und einer Anderen meine Aufmerkſamkeit widmen muß.“ Jetzt erhob Alwining ihre Augen vollſtändig gegen 83 den Redenden und zog ſie nicht wieder ſo bald von ihm ab, wobei ihre ſanfte Miene Neugierde und Ver⸗ wunderung wahrnehmen ließ.„Warum denn,“ fragte ſie,„müſſen Sie mir den Rücken kehren?“ „Um Ihrer Mutter mein Geſicht zuzuwenden.“ „Ah, meiner Mutter wollen Sie Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenken?“ „Ja, Alwining, und damit ich ſie bald zu Ihnen zurückwenden kann, will ich lieber gleich gehen, ſonſt halte ich ſie von der Küche zurück und wir bekommen heute nichts zu eſſen.“ Mit dieſen Worten grüßte er ſie, um ſich zu ent⸗ fernen, als ſie auch aufſtand und ſagte:„Soll ich Sie nicht zur Mutter begleiten?“ „Nein, diesmal nicht— bleiben Sie, ich habe ein paar ernſte Worte mit ihr allein zu reden.“ Er ging und Türk folgte ihm auf den Ferſen; Alwining aber blieb halb voll Sorge, halb voll Stau⸗ nen auf ihrem Platze, da ſie nicht begreifen konnte, was Heinrich Markholm ſo Ernſtes mit ihrer Mutter zu reden habe, das ſie nicht hören ſolle. Heinrich erreichte das Haus, ohne von Frau Hal⸗ ling bemerkt zu werden, bevor er die Thür ihres Zimmers öffnete, welches ſie eben in Ordnung ge⸗ bracht, ſo daß jedes Möbel im Sonnenſchein blitzte, . 6* 84 der durch das Fenſter hereinfiel. Als ſie ſeiner an⸗ ſichtig ward, ſtieß ſie einen lauten Ruf aus, der halb Schreck, halb freudige Ueberraſchung kundgab. Heinrich Markholm bot ihr die Hand und ent⸗ ſchuldigte ſeinen frühen Beſuch, wie er bei der Toch⸗ ter gethan, durch die Angabe deſſelben Grundes, dann aber ſetzte er ſich auf einen Stuhl und bat die Frau, ein Gleiches zu thun, da er ihr etwas recht Ernſtes zu ſagen habe und ſie um ihren Rath bitten wolle. „Mein Gott,“ ſagte die leicht erregbare und be⸗ ſtändig in Sorge ſchwebende Frau,„etwas Ernſtes wollen Sie mir ſagen? Was mag das ſein? Und meinen Rath wollen Sie hören? O, worin ſollte ich Ihnen rathen können?“ „Hören Sie mich an, Frau Halling, und ſetzen Sie ſich. So. Sehen Sie, ich bin nicht umſonſt heute ſo früh gekommen; mich beſchäftigt ſchon lange eine wichtige Frage und die muß ich Ihnen nun end⸗ lich vorlegen, wenn ich Ruhe vor mir ſelber haben will. Aber ſprechen Sie einmal recht aufrichtig und offen mit mir, wir ſind ja allein, uns hört Niemand, und da wir Beide ein gleiches Intereſſe an der Sache nehmen, ſo bin ich überzeugt, Sie werden mir nichts verbergen, was mir von Werth ſein könnte.“ Frau Halling ward von Augenblick zu Augenblick befangener, ließ die fleißigen Hände in den Schooß ſinken, die ſchon wieder eine Arbeit ergriffen hatten, und ſtarrte den. jungen Mann mit bleichem Geſicht und erwartungsvollem Schweigen an. „Denken Sie nicht,“ fuhr dieſer ruhig und ein⸗ dringlich fort,„mich ſtachele blos eine gewöhnliche Neugierde an, wenn ich mich in Ihr Vertrauen dränge, ach nein, nehmen Sie vielmehr an, daß die innigſte Theilnahme an Ihrem und Alwining's Ge⸗ ſchick mich ſo ſprechen läßt. Sagen Sie mir alſo, wiſſen Sie vielleicht, ob Ihr Mann über die Zukunft Ihrer Tochter ſchon irgend einen Plan entworfen oder gar ausgeſprochen hat?“ „Ueber die Zukunft meiner Tochter? Einen Plan ausgeſprochen? Wie meinen Sie das, Herr Markholm?“ „Ich will mich deutlicher nenea hne Hat Ihr Mann ſchon über die Hand Ihrer Tochter verfügt?“ „Ach Gott, Herr Markholm,“ ſagte die Frau ſchwer ſeufzend,„das weiß ich in der That nicht ganz beſtimmt. Mein Mann ſagt uns nie, was er über uns beſchloſſen hat, bis der Augenblick der Aus⸗ führung gekommen iſt.“ „Aber da ſind Sie doch wahrhaft zu be⸗ klagen!“ 86 „Ja,“ rief die Frau, in helle Thränen ausbrechend, „das bin ich gewiß und das iſt Alwining auch. Aber da fällt mir ein, daß mein Mann bei ſeiner letzten Anweſenheit davon ſprach, ſein Steuermann begehre Alwining zum Weibe, und er ſchien auch nicht abge⸗ neigt, dem Manne zu Willen zu ſein.“ 66„Wie!“ rief Heinrich Markholm mit bleicher Stirn ... 4 ein Steuermann ſollte ſie heirathen? Was iſt 7 kenne ihn wenig, aber ſo viel iſt gewiß, daß er ein gemeiner Menſch iſt, wie meiſt alle die Schiffer arbeiten.“ * Heinrich Markholm ſtand vom Stuhle auf, er hatte keine Ruhe mehr, er mußte ſein Inneres erſchließen oder es erſtickte ihn die Fülle des nach ſeinem Herzen wallenden Blutes.„Frau Halling,“ rief er,„um Gotteswillen, Sie werden doch das nicht zugeben?“ „Herr Markholm, was ſollte ich darin thun? Wiſſen Sie noch nicht genügend, wie die Sachen hier bei uns ſtehen?“ „Ich weiß es, leider ja, aber wenn ich Ihnen ſage— 0 wie ſoll ich das ausdrücken— wenn ich Ihnen ſage, daß mich das Schickſal Alwining's auf's Innigſte berührt, dann, dann werden Sie begreifen, wie mich die Nachricht, die Sie mir da nittheilen, auf's Heftigſte erſchüttert.“ Die Matrone hob das von Thränen überſtrömte Geſicht gegen den jungen Mann auf und blickte ihn mit einem inneren Erbeben an.„Wie meinen Sie,“ ſagte ſie,„ich kann nicht glauben, Sie recht verſtan⸗ den zu haben. Wohl weiß ich, daß Sie uns lieb gewonnen haben und namentlich Alwining, denn warum hätten Sie uns ſonſt wochenlang alle Tage beſucht, aber daß Alwining's Schickſal Sie auf das Innigſte berührt— ſagten Sie nicht ſo?“ „So ſagte ich und ich wiederhole es. O, Frau Halling,“ und er rückte ihr näher, ergriff ihre Hand und drückte ſie herzlich, wobei ſein männliches Geſicht einen ſo weichen und zärtlichen Ausdruck annahm, wie ihn ein liebendes Kind zu Zeiten hat,„warum ſoll ich es Ihnen länger verſchweigen, ich ſelbſt habe Alwining unendlich lieb gewonnen und wenn ich ſie mit innerer Zufriedenheit einem Manne zuertheilen ſähe, ſo könnte nur ich dieſer Mann ſein; einem An⸗ dern, und wenn es der Beſte wäre, würde ich ſie nie⸗ mals gönnen.“ Frau Halling, obgleich ſie ſeit einiger Zeit die Gefühle des jungen Mannes ahnen mochte, erſchrak doch ſehr, als ſie das Geſtändniß derſelben ſo einfach 5 Wer 88 und unumwunden ausſprechen hörte.„Mein Gott,“ ſagte ſie, vor innerer Angſt bebend,„haben Sie ſich das auch reiflich überlegt? Haben Sie den Abſtand ermeſſen, der zwiſchen Ihnen und Alwine Halling liegt? Sie iſt, wenn auch nicht armer, doch nur ge⸗ ringer Leute Kind und gewiß wenig geeignet, die Frau eines ſo geſchickten Künſtlers in einer großen Stadt zu werden.“ „Das laſſen Sie meine Sorge ſein, das werde ich allein zu vertreten haben und darum handelt es ſich hier nicht. Es handelt ſich vielmehr nur darum — und darin wollte ich mir Ihren Rath ausbitten— ob Ihr Mann meine Bewerbung, wenn ich ſie über kurz oder lang vor ihm ausſpräche, annehmen würde, denn daß Sie menen Wünſchen nicht entgegen ſind, glaube ich ſicher annehmen zu können.“ „Ach Gott— ich!“— Sie konnte nicht weiter reden, krampfhaftes Schluchzen erſtickte ihre Stimme, ſie beugte ihren Kopf nieder, hüllte ihr Geſicht in die Schürze und weinte laut. 8 Heinrich Markholm ließ den Gefühlen der tief er⸗ ſchütterten Frau eine Zeitlang ihren Lauf, dann aber redete er ihr ſanft zu und fragte ſie noch einmal, ob ſie perſönlich nichts gegen ſeine Wünſche einzuwen⸗ den habe.* — 89 Offenbar wollte ſich Frau Halling's Herz in einer längeren Rede ergießen, ſie rang und rang mit ſich ſelber, aber die Worte fanden ſich nicht, die ſie ſagen wollte. Sie hatte ſo lange in Abhängigkeit und Knechtſchaft gelebt, daß ihr freier Wille in dieſem Augenblick noch gebrochen oder wenigſtens nicht ſtark genug war, und ſo kamen nur einzelne Laute über ihre Lippen, die Heinrich Markholm allerdings den Aufſchluß gaben, daß Alwining's künftiges Glück auch das ihrige begründen würde, aber daß ſie nicht glaube, daß dies nach dem Wunſche des Malers ge⸗ ſchehen könnte. 1 „Und warum nicht?“ fragte er eifrig.„Sollte Ihr Mann nicht mit einem Eidam zufrieden ſein, der ſeiner Tochter eine ehrenvolle und ſelbſtſtändige Stel⸗ lung in der Welt anweiſt?“ „Was mein Mann von ſeinem Eidam verlangt, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, daß er nicht lachen wird, wenn Sie ihm mit dieſem Geſuche vor Augen treten.“ „O,“ ſagte Heinrich Markholm ſtolz,„glauben Sie, daß ich ihn fürchte? Oder daß ich ihn für ſo gefähr⸗ lich halte? Nein, nein, Frau Halling, da kennen Sie mich nicht. Und außerdem habe ich eine mächtige Hülfe zur Seite, der ich vertraue. Doch, wie ich 90 ſehe, fürchten Sie ſich ſelber, Ihrem Manne von dieſer Unterredung etwas zu ſagen—“ „O mein Gott,“ rief die Frau,„wie werde ich!“ „Nun gut denn, vertrauen Sie ihm noch nichts an, ich werde ſchon auf eine andere Weiſe ſeine Bei⸗ ſtimmung zu erhalten ſuchen. Wie dem aber auch ſei— Ihre Einwilligung habe ich doch gewiß?“ „Meine Einwilligung? Ach, die will nichts ſagen, guter Herr Markholm.“ „Sie ſind zu kleinmüthig, Frau Halling; ſagen Sie mir nur, ob Sie, wenn Sie unabhängig von Ihrem Manne wären, mich für würdig hielten, Alwi⸗ ning's Mann zu werden?“ „Großer Gott, ja, ja, ja, und tauſendmal ja, ich halte Sie für ſehr würdig dazu und in Gottes Na⸗ men, würde ich ſagen, nehmen Sie ſie, wenn Sie es für möglich halten, mit einer namenloſen Creatur Ihr Leben zu verbinden.“ Heinrich Markholm überhörte in ſeiner Aufregung die letzten Worte. Er hörte nur, daß die Mutter ihm nicht abhold ſei, und damit war er für den Augen⸗ blick befriedigt. Er drückte noch einmal der guten Frau die Hand, bat ſie ſich zu beruhigen und Alwi⸗ ning nichts von dem Vorgefallenen mitzutheilen. Dann verließ er ſie, um friſche Luft zu ſchöpfen; das kleine 91 Haus ward ihm zu eng, ſeinen erſten kleinen Sieg zu verwinden, und er ſehnte ſich in's Freie, um we⸗ nigſtens den Winden, den Wellen zu ſagen, daß er doch einige Hoffnung habe, den Schatz ſeines Lebens zu erobern, der ihm immer koſtbarer erſchien, je höher ſich die Hinderniſſe thürmten, die ihn davon zurück⸗ zuhalten drohten. Viertes Anpitel. Der ſchwarze Halling tritt als Handelsmann auf. Haſtigen Schrittes eilte der glückliche Maler an den Strand, um Alwining noch daſelbſt zu treffen, aber ſo viel er auch ſuchte, er fand ſie nicht, und ſo viel er ſogar rief, ſie antwortete ihm nicht. In der Ver⸗ muthung, ſie ſei nach ihrem Lieblingsſitze oben auf der Klippe der Kieler Felſen gegangen, ſtieg er raſch den ſteilen Fußpfad hinan, aber auch auf der Höhe entdeckte er ſie nicht und ſo ſetzte er ſeinen Spazier⸗ gang allein mit Türk eine Strecke fort, in der Mei⸗ nung, Alwining habe vielleicht abſichtlich und in ent⸗ gegengeſetzter Richtung einen ähnlichen unternommen, um ihm vollkommen Zeit zur Unterredung mit der Mutter zu laſſen. 1 Wie die ſchöne, erhabene Natur in der Regel uns beruhigt, wenn wir gepreßten oder aufgeregten Her⸗ zens ſie aufſuchen und ihr geheimnißvolles Wälten mit liebevollem Auge betrachten, ſo wirkte ſie auch heute auf den glühenden Maler wohlthätig ein und je weiter er ging, um ſo ruhiger fühlte er ſein Herz ſchlagen, um ſo beſonnener blickte er in die ſeltſame Lage hinein, in die er ganz wider Erwarten auf dieſer ſtillen Inſel gerathen war. Mit ſeinen geheimſten Gedanken beſchäftigt und nur dann und wann einen Blick auf die mit zahl⸗ loſen Schiffen bedeckte See oder in den grünen Tem⸗ pel des hehren Buchenwaldes werfend, achtete er nicht beſonders auf den eingeſchlagenen Weg und plötzlich ſah er ſich am Rande der tiefen bewaldeten Schlucht ſtehen, die man den Fahrnitzer Fall nennt, weil vor etwa ſiebzig Jahren an dieſer Stelle ein Bergſturz ſtattgefunden und die jetzt ſo ſchöne Schlucht gebildet hat, auf deren ſüdlicher Seite dicht an der See noch heute der Kreidebruch liegt, den damals der ſchwarze Halling gepachtet hatte. Bis zu dieſer Stelle war Heinrich Markholm früher nie vorgedrungen, weil namentlich Alwining den Bruch gern vermied, um mit den rohen Arbeitern ihres Va⸗ ters in keine Berührung zu gerathen. Heute hielt ihn nun dieſe Beſorgniß nicht davon zurück und er 94 beſchloß, die neu gebrochenen Kreidewände einmal aus der Nähe zu betrachten. Bald war er an eine Stelle gelangt, von wo er bequem den ganzen Bruch überſehen konnte, und er fand, daß hier mancher Gewinnſt zu erzielen ſei, wenn die Leute nur fleißiger bei der Arbeit wären, als er ſie in dieſem Augenblick ſah. Obgleich es nämlich noch lange nicht Mittag war, ſo hatten ſich doch ſchon einige Arbeiter in den Schat⸗ ten der Bäume oberhalb des Bruchs gelagert und ſchliefen. Andere hackten und ſchaufelten zwar, aber mit einer Gemächlichkeit, als wären ſie eifriger bemüht, keinen Schweißtropfen zu vergießen als ihre Pflicht zu erfüllen. Dabei lärmten ſie laut durch einander, als zankten und ſchimpften ſie ſich, jedoch in einer Sprache, die Heinrich Markholm nicht verſtand. Nachdem er dem unbehaglichen Treiben eine Weile zugeſchaut, wollte er weiter ſchreiten, als er auf einem ſchmalen, hoch an der Kreidewand angebrachten Gange, auf einer höchſt gefährlichen Stelle, einen Mann mit voller Macht große Kreideſtücke losbrechen ſah, die dann krachend in die Tiefe rollten und unten bei den anderen Arbeitern anlangten, die ſie in die Karren luden und nach dem Stapelplatze fuhren, wo ſie theils 95 weiter bearbeitet, theils in Tonnen verpackt wurden,⸗ um ſpäter verſchifft zu werden. Der Maler, der nie an Schwindel litt, konnte dennoch nur mit Zagen den Mann an dieſer ſo be⸗ denklichen Klippe ſeine ſchwere Arbeit verrichten ſehen und er wartete wohl eine Viertelſtunde, ob dieſelbe auch ohne Unglück ablaufen würde. Nach dieſer Zeit aber legte auch dieſer Mann wie die anderen ſein Werkzeug nieder und zog ſich in den Schatten eines laubreichen Baumes im Walde zurück, wo er, weit ent⸗ fernt von den übrigen Steinbrechern einen Kober öff⸗ nete, um ſein Mittagsmahl abzuhalten. Da er in der Nähe der Stelle ſich niedergelaſſen, wo Heinrich Markholm ſelber ſaß, ſo konnte dieſer ihn ruhig betrachten. Der Mann war bei der Arbeit über⸗ aus flink geweſen, aber das Eſſen ging ihm ſehr lang⸗ ſam von Statten. Unter dem Baum auf dem Mooſe ſitzend hatte er das Geſicht der See zugewendet und der Biſſen ſchien ihm im Munde zu quellen, ſo müh⸗ ſam kaute er das harte ſchwarze Brod, das er nur mit wenigem Salze beſtreute, um es etwas ſchmack⸗ hafter zu machen. Dem aufmerkſamen und menſchenfreundlichen Maler fiel ſehr bald die ſorgenvolle Miene des Mannes auf und da er ſich nun doppelt für ihn intereſſirte, ſo 96 ging er noch näher an ihn heran, bot ihm einen Gruß und ſetzte ſich ihm gegenüber unter einem Baume nieder. „Ihr habt an einer gefährlichen Stelle gearbeitet,“ begann Heinrich Markholm das Geſpräch. „Ach ja,“ ſagte der fleißige Arbeiter,„aber Einer muß es doch thun, wenn die Anderen Faullenzer und Tagediebe ſind.“ „Das habe ich wohl bemerkt und mich über Euern Fleiß im Stillen gefreut.— Iſt das ſchon Euer Mit⸗ tagsbrod, was Ihr da verzehrt?“ Der Gefragte ſeufzte tief auf.„Ja, Herr,“ ſagte er mit trauriger Miene,„es iſt mein Frühſtück, mein Mittag⸗ und mein Abendbrod— ich habe nur trocke⸗ nes Brod und etwas Salz, und damit wäre ich für mich ſchon ganz zufrieden.“ „Ihr ſcheint ſo traurig— fehlt Euch etwas?“ „Etwas? O ja, Mancherlei ſogar. Ich bin nur ein armer Mann und ohne mein Verſchulden, denn 3u arbeiten habe ich von Jugend auf gelernt. Aber manchem Menſchen glückt's eben nicht, er mag anfan⸗ gen was er will.“ 4 „Seid Ihr verheirathet?“ „Ach ja, und das iſt eben mein Elend.“ „O— es reut Euch doch nicht, daß Ihr eine Frau genommen habt?“ — 97 „Das nicht, Herr, aber meine Familie iſt groß, ich habe ſechs Kinder, und da ich für ſie alle arbeiten muß, ſo muß ich mich ſelbſt ſchon mit trockenem Brode begnügen.“ „Hilft Euch denn Eure Frau nicht beim Erwerbe?“ „O Gott, wie gern, ſie iſt fleißig wie Eine und ordentlich dazu; aber das iſt es eben, was mich ſo traurig macht, ſie iſt ſehr krank und eigentlich müßte ich zu Hauſe bleiben und ſie pflegen, aber wer ſoll dann Alle ernähren?“ „Das iſt freilich ſchlimm. Was fehlt denn Eurer Frau?“ „Ich weiß nicht, wie man die Krankheit nennt.“ „Hat es Euch der Arzt denn nicht geſagt?“ „Der Arzt? Ach Gott, Herr, wie ſoll ich denn zu einem Arzte kommen? Ich habe weder für ihn, noch für die Arznei, die er verſchreibt, einen Pfennig Geld übrig.“ Dem mitleidigen Maler fuhr es wie ein Stich durch's Herz. In ſeiner heutigen Stimmung war er eben ſo weich wie großmüthig. Er zog ſeine Börſe, öffnete die Seite, die er nur für die äußerſten Fälle aufbewahrt und auf Rügen noch nicht angetaſtet hatte, und zog ein Goldſtück heraus.„Ich bin nicht reich,“ ſagte er zu dem Manne, der langſam weiter kaute, Die Inſulaner III. 7 98 „ſonſt würde ich mehr für Euch thun. Für jetzt aber nehmt dies hier!“ und dabei ſtand er auf und reichte ihm das Goldſtück hin. Der Mann nahm die Mütze von ſeiner ſchweiß⸗ triefenden Stirn und legte das Brod, von dem er aß, neben ſich in das Gras.„Was iſt das für Geld?“ fragte er, nachdem er ſich bedankt und das Goldſtück vielfach betrachtet hatte.„Es iſt gelb, das kenne ich nicht.“ „Es iſt Gold, man nennt es einen Friedrichsd'or.“ „Gold— großer Gott! Wieviel iſt das werth?“ rief er, raſch von ſeinem Sitze aufſpringend. Der Maler ſagte es ihm und forderte ihn dann auf, ſich wieder zu ſetzen und weiter zu eſſen. Aber der Hunger ſchien dem Armen plötzlich vergangen zu ſein. Er drehte das Goldſtück von einer Seite zur andern, wog es wiederholt in der Hand und ſagte mit feuchten Augen zu dem freundlichen Geber:„Und das wollen Sie mir wirklich ſchenken?“ „Das habe ich ſchon gethan.“ „O nein doch, wenn Sie mir wirklich ſo viel ge⸗ ben wollen, ſo geben Sie es mir in anderer Münze, denn wollte ich es irgend wo wechſeln, ſo würde man glauben, ich ſei nicht auf redliche Weiſe dazu gekommen.“ Der Maler nahm das Goldſtück zurück und gab ihm — ²22. eben ſo viel in Silber wieder, worüber der Beſchenkte überaus glücklich war und verſprach, noch ehe er nach Hauſe ginge, nach Sagard zu laufen und den Arzt zu beſtellen. „Thut das ja; ich werde mich bei Gelegenheit nach dem Befinden Eurer Frau bei Euch erkundigen.— Stammt Ihr aus dieſer Gegend?“ 3 „Ja. Ich wohne in der Nähe der Oberförſterei Werder, in Dargaſt. Früher habe ich in Saßnitz ge⸗ arbeitet, aber der Pächter dieſes Bruches zahlt mehr als die Herren dort, und ſo bin ich hierher gewandert.“ „Jene Leute dort unten ſind aber wohl nicht aus dieſer Gegend?“ „Ach nein, es ſind meiſt Dänen, von den Inſeln und allen Enden und Ecken zuſammengelaufenes Zeug.“ „Ihr ſcheint mit ihnen nicht zu verkehren?“ „Gott bewahre mich davor!“ „Warum denn? Ihr könnt offen zu mir reden.“ Der Mann ſah ſich vorſichtig rings um, und da er Niemand in der Nähe wahrnahm, ſagte er leiſe: „Es iſt eine ſchlechte Geſellſchaft, Herr, böſe Geſellen, meiſt Schiffer, aber zu jedem Handwerk geneigt, das man ihnen gut bezahlt. Ich gehe ihnen gern aus dem Wege und werde auch nur ſo lange hier arbeiten, bis ich wo anders ein beſſeres Unterkommen finde.“ 7* „Wie behagt Euch denn der Herr hier?“ ſo wenig wie ſeine Diener! kann man h immer geſprächiger wurde, in der Regel geſchieht, wenn finden.„Sagt mir doch,“ fort,„wa er und wie lebt er?“ heraus, das merkte man ruhe, Markholm aber noch einmal ermu fernere Hülfe für ſeine Frau lich mit ihm reden wolle, ſa Mann iſt? Je nun, ein Man einkauft, um ſo theuer wi mit Wem er Handel treibt und wie un 100 —— „Sie meinen den Pächter? Nun, der behagt mir Arbeiter. Der Herr wie die ier wohl auch mit Recht ſagen.“ äher an den Mann heran, der wie es bei ſolchen Leuten ſie theilnehmende Hörer fuhr er leiſer ſprechend was treibt Der Maler rückte n s iſt denn dieſer Mann eigentlich, Der Arbeiter wollte nicht recht mit der Sprache an ſeiner Miene und der Un⸗ mit der er hin und her rückte. Als ihn Heinrich nunterte und ihm noch verſprach, wenn er ehr⸗ gte er:„Was er für ein n, der ſo billig wie möglich e möglich wieder zu verkaufen.“ „O, das thut jeder andere Kaufmann auch!“ „So wie dieſer? Gewiß nicht. Ihm iſt es einerlei, d wo er die verlangte Waare nimmt.“ „Ah, ich verſtehe— er ſchmuggelt?“ „Ich habe das nicht geſagt!“ ſagte der Kreidebre⸗ cher, mit eigenthümlichem Lächeln den Kopf ſchüttelnd. „Aber Ihr meint es ſo. Das iſt jedoch ein ge⸗ fährliches Geſchäft, wie mir ſcheint, und die Steuer⸗ beamten ſind an dieſen Küſten doch gewiß auf ihrem Poſten?“ „O ja, das ſind ſie. Aber es giebt klügere Leute als Steuerbeamte, und kühnere Männer an dieſem Strand als der gewöhnliche Schlag der Rügianiſchen Landleute. Wenn der Halling ſchmuggelt, ſo ſchmug⸗ gelt er nur dann, wenn er ſeine beſtimmten Abnehmer hat und die kann er ſo gut auf offener See, wo ihn kein Steuerbeamter belauert, als am Lande an⸗ treffen.“. „Aha! Darum trifft er auch wohl nur immer Nachts hier ein?“ 8 „Je nun, das will ich ſo genau nicht ſagen, das richtet ſich ganz nach Wind und Wetter; er kommt und geht, wie es ihm gernde gut dünkt.“ „Erwartet man ihn nächſtens?“ Der Mann ſchwieg, ſah eine Weile nach der See hinaus und ſagte dann, klüglich den Kopf hin und her wiegend:„Er iſt ſchon über acht Tage fort und es iſt leicht möglich, daß er ſehr bald eintrifft. Doch,“ unterbach er ſich, plötzlich zu einem vertraulicheren Tone übergehend,„ich will Ihnen etwas ſagen, was hier eigentlich Niemand wiſſen ſoll. Sehen Sie ein⸗ 102 mal dorthin nach der See— ſehen Sie das Segel dort— links von dieſem Baumzweig?“ „Ja, das ſehe ich.“ „Nun denn, das iſt eine ſeiner Yachten. Er kreuzt ſchon den ganzen Morgen hin und her und wartet nur den rechten Augenblick ab, wo er unverſehens hier oder dort an's Land ſpringen kann. Ich müßte mich ſehr irren, wenn das nicht dieſe Nacht geſchäͤhe. Und das weiß der Steuerbeamte aus Crampas auch, ich habe ihn ſchon zweimal hier in der Nähe geſehen und er hat ſcharf nach dem Segel ausgeſchaut.“ Heinrich Markholm betrachtete das Schiff mit einer Art unheimlichen Grolles, der nicht ganz ohne Be⸗ ſorgniß war.„Wohin fährt er denn zumeiſt mit die⸗ ſem Schiff?“ fragte er dann. „O, das iſt nicht ſo leicht geſagt. Seine Papiere lauten freilich auf Kreideladung nach Stettin und Stral⸗ ſund, ſo viel ich weiß, aber von hier bis Stettin und Stralſund giebt es viele Punkte, wo man beliebig aus⸗ und einladen, kaufen und verkaufen kann. Außer⸗ dem iſt dies hier nicht ſeine einzige Niederlaſſung.“ „Was Ihr ſagt! Das iſt mir neu! Wo hat er denn zum Beiſpiel noch eine andere?“ „O, er hat mehrere. Ich habe ſo manchmal die Leute dort davon ſprechen hören. Sie denken, ich ver⸗ 103 ſiehe ihr Kauderwelſch nicht, aber ich habe in früheren Jahren in Jütland Gras gemäht und da habe ich Dä⸗ niſch gelernt. Wenn Ihnen daran liegt, es zu er⸗ fahren, ſo werde ich einmal etwas genauer Acht geben.“ „Ihr werdet mir damit einen großen Gefallen thun und ich werde Euch dankbar ſein, nicht weil ich etwa zu den Steuerbeamten gehöre, ſondern aus per⸗ ſönlichen Gründen.“ „Nun ja, das kann ich mir wohl denken!“ ſagte der Mann lächelnd, was Heinrich Markholm nicht beach⸗ tete, da er gerade einen anderen Gedanken verfolgte. „Sagt einmal,“ fuhr der Maler fort,„wir ſprechen heute vertraulich— von der Frau des Halling könnt Ihr doch nichts Uebles ſagen?“ „Gott bewahre mich davor!“ rief der Mann warm und treuherzig.„Das iſt ein armes geduldiges Weib, dem der liebe Gott die Thaten ihres Mannes nicht anrechnen mag. Sie iſt übler daran als meine arme Käthe, obgleich ſie viel mehr Geld hat, als Sie und ich vielleicht denken.“ „Das iſt mir auch ſchon ſo vorgekommen. Und die Tochter?“ fragte der Maler mit halb ſtockendem Athem. „Ah, die Tochter! Herr, das iſt ein ganz anderer Schlag! Wie alle ehrlichen Menſchen bin auch ich der * mand weiß, wie— unter uns ſei es geſagt— ein Teufelsgeſicht, wie der Halling es hat, zu einem ſolchen Engelsgeſicht gekommen iſt.— Doch nun, Herr, habe ich Ihnen für heute Alles geſagt, was ich weiß. Ich muß an meine Arbeit. Noch einmal ſage ich meinen herzlichſſen Dank und Gott mag Ihnen Ihre Barm⸗ herzigkeit lohnen!“ Der Mann rückte an ſeiner Kappe und betrat wie⸗ der den gefährlichen Steg am Abhange des Bruchs. Der Maler aber kehrte nachdenklich nach dem Kieler Ufer zurück, ſtieg den Kreidepfad hinab und ſuchte das Haus in der Schlucht auf, wo er Frau Halling in der Küche und Alwining im Stübchen fand, beſchäftigt, den Tiſch zu decken, der diesmal auch ihn wieder ſpei⸗ ſen ſollte. Als ſie bei Tiſche ſaßen, erzählte Heinrich Mark⸗ holm, daß er auf dem Kreidebruche geweſen und einer der Arbeiter ihm geſagt habe, die Yacht Halling's ſei in Sicht und werde wahrſcheinlich in der Nacht an⸗ laufen.— 4 Alwining hielt ſich bei dieſen Worten ſtill und ge⸗ faßt, ihre Mutter jedoch ſeufzte und bemerkte:„Das weiß ich ſchon, Herr Markholm, und ich will zufrieden ſein, wenn die Yacht nicht vor dem Abend kommt.“ Der Maler merkte, was dieſe Worte beſagen ſoll⸗ ten und er ſuchte ſie ſogleich zu beruhigen.„Beſorgen Sie nicht, Frau Halling,“ verſetzte er,„daß ich zu lange ſäumen werde; ich werde die Nacht ſtets im Auge behalten und mich noch im Laufe des Nachmit⸗ tags nach Stubbenkammer begeben.“ Das Geſicht der ängſtlichen Frau heiterte ſich bei dieſen Worten ſichtlich auf und ſie nickte dem jungen Manne freundlich zu. „Ein Verſprechen aber müſſen Sie mir geben,“ fuhr dieſer fort, indem er die Hand der Mutter faßte und freundſchaftlich drückte. Sie ſah ihn mit ihren verweinten Augen groß an, aber Alwining hatte das begehrte Verſprechen mit ihrem liebenden Herzen ſchon errathen.„Was meinen Sie?“ fragte die Mutter. „Wenn die Nacht wieder abgeſegelt iſt, laſſen Sie mich es wiſſen. Sie brauchen es nur auf Stub⸗ benkammer zu beſtellen und ſagen: man möchte mich von Ihnen grüßen! Und wenn man mir das ſagt, ſo⸗ bald ich hinkomme, werde ich wiſſen, was es bedeutet.“ Die Frau ſenkte die Augen auf den Teller, der vor ihr ſtand, ſie ſagte weder Ja noch Nein und doch lag auf ihrer Miene das Ja deutlich ausgeprägt. Sie konnte dem neuen Freunde ſchon nichts mehr abſchla⸗ 106 gen und doch fürchtete ſie ſich, etwas zu thun, was ihrem Manne gewiß nicht gefallen würde, wenn er es wüßte. Als das Eſſen beendigt war, wurde ſie von Minute zu Minute unruhiger und ſah, ohne zu ſprechen, den Maler wiederholt von der Seite an. Endlich bemerkte er dieſe Blicke, nahm ſeinen Hut und ſagte, die Hand der Frau ergreifend: „Frau Halling, ich weiß was Sie wünſchen. Ich gehe ſchon. Und ich gehe diesmal mit leichterem Her⸗ zen von Ihnen denn je. Wir ſind uns heute viel näher gerückt und ich hoffe, unſere Freundſchaft ſoll bald eine noch viel innigere werden. Leben Sie wohl und vergeſſen Sie nicht— mich grüßen zu laſſen.“ Die Frau brach in lautes Schluchzen aus und winkte nur mit der Hand, daß er gehen ſolle. So verließ er denn das trauliche Haus und ſchlug, von Alwining und Türk begleitet, den Weg nach dem Strande ein, wo er ſogleich die Felſen auf der Seite von Stubbenkammer„eege begann. Alwining aber blieb am Strande ſtehen, als hätte ſie ihm weit genug das Geleit gegeben. „Wollen Sie nicht noch mit auf die Klippe kom⸗ men, Alwining?“ fragte er.„Wir können von dort oben ja deutlich die Nacht beobachten.“ 107 Alwining antwortete nicht, aber daß ſie gern der Aufforderung folgte, bewies ſie dadurch, daß ſie dem Vorangehenden auf dem Fuße nachſchritt. Als Beide auf der Spitze der Felſen angekommen waren, blieben ſie ſtehen und ſahen ſich nach der Yacht um. Sie kreuzte noch immer bei ſchwacher Oſtbriſe auf und ab, war dem Lande jedoch ſchon viel näher gerückt. „Sie denken an Bord noch nicht daran zu landen,“ ſagte Heinrich Markholm,„und das Boot ſchleppt ruhig am Spiegel hinterher. Ich ſehe es deutlich. Wir können uns alſo getroſt noch ein Stündchen hier niederlaſſen und plaudern, wenn es Ihnen recht iſt.“ Alwining wählte einen Platz, auf dem ſie ſchon oft mit ihrem Freunde geſeſſen, und Beide ließen ſich dicht neben einander nieder. Vor ihnen ſenkte eine knorrige Buche ihre hängenden Zweige tief herab, durch deren Lücken ſie die ganze See bequem überblicken konnten, hinter ihnen aber ſchützte ein dichtbelaubtes Strauchwerk ſie vor jeder Beobachtung vom oberen Wege 18 Da ſaßen ſie denn, anfangs ſchweigſam und Jedes für ſich ſeinen Gedanken nachhängend, Hein⸗ rich Markholm aber mußte mit Gewalt die Gefühle von den Lippen zurückhalten, die ſein Herz zu ent⸗ ſenden die größte Sehnſucht empfand. Während ſie 108 nun ſo daſaßen, verließ ſie Türk und ſtöberte auf eigene Hand am tiefer gelegenen Abhange herum, da ihm die lange Ruhe auf einer Stelle wohl nicht ganz behagen mochte. „Die Nacht kommt langſam näher,“ ſagte Alwi⸗ ning endlich, das Auge unausgeſetzt der See zuwen⸗ dend und ſo nicht die liebeglühenden Blicke gewah⸗ rend, die Heinrich Markholm ohne Unterlaß auf ihr ſchönes Antlitz gerichtet hielt.„Ich glaube, Sie ſind diesmal zeitig genug aufgebrochen.“ „O, es hätte mich auch nicht bekümmert, wenn ich Ihrem Vater noch einmal begegnet wäre,“ erwiderte er;„ich wüßte keinen Grund, warum ich ihn ſcheuen ſollte, obgleich er mich neulich gerade nicht ſehr höflich aus ſeinem Hauſe entlaſſen hat.“ „Es iſt aber unangenehm, Herr Markholm, mit Jemanden in Berührung zu gerathen, der uns nicht gern ſieht.“ 82 1„Gewiß iſt es das. Und doch— doch, Alwining — werde ich nicht immer fern von Ihre Vater bleiben können, ich muß ſogar bald, recht bald ein ſehr ernſtes Geſpräch mit ihm anknüpfen.“ Alwining ſenkte den Kopf nieder und ihre gewöhn⸗ lich ſo roſigen Wangen entfärbten ſich, wobei ein eigenthümlicher Schauer, den ſie ſich nicht erklären 109 konnte, ihre zarten Glieder erbeben machte. Sie ſuchte nach einer Entgegnung, aber ſie fand ſie nicht ſo bald; eben aber wollte ſie irgend etwas darauf Bezügliches ſagen, als ein leichtes Geräuſch hinter ihnen ſich vernehmen ließ und gleich darauf eine Ge⸗ ſtalt aus dem Schatten eines Baumes hervortrat, der ſie bisher verborgen hatte. Der Maler ſprang blitzſchnell auf die Füße, Al⸗ wining aber, ob vor Ueberraſchung gefeſſelt oder ab⸗ ſichtlich mit ihrer natürlichen Faſſung den Platz be⸗ hauptend, blieb ſitzen und ſtarrte mit einem unaus⸗ ſprechlichen Blick der Geringſchätzung den unwillkom⸗ menen Störenfried an. „Guten Tag!“ rief mit höhniſchem Lachen und ſein gemeines Geſicht lauernd von Einem zum Andern wendend, der ſchwarze Halling, denn er war es ſelber, der die eben erſt beginnende Unterredung unterbrochen hatte.„Guten Tag, mein Herr, und guten Tag, mein feines Kind. Nun, nun, Ihr braucht nicht zu eeichräcſen. daß ich ſo ohne Anmeldung gekommen bin— 3 „Wir erſchrecken nicht!“ unterbrach ihn Alwining mit ſtolzer Geberde, indem ſie langſam von ihrem Sitze aufſtand, ihre herrliche Geſtalt in ihrer ganzen Höhe aufrichtete und ſich neben den Maler ſtellte, als 110 wollte ſie ihn vor den ahenden Blicken des düſteren Mannes ſchützen. 4 „Halloh! Mit Dir ſpreche ich ſogleich,“ rief Hal⸗ ling mit gebieteriſchem Weſen,„erſt laß mich meine Worte an dieſen Herrn richten, er iſt ein Fremder und hat alſo den Vorrang vor Dir. Sie ſagten ſo eben, Sie hätten ein ernſtes Geſpräch mit mir vor— und ſehen Sie da, da bin ich, wie gerufen, und wir kön⸗ nen uns gleich hier niederlaſſen, wo Sie ſo eben ſo traulich mit der Dirne da geſeſſen haben, die meine Tochter iſt, Herr. Das iſt ein ganz hübſches Plätz⸗ chen für gute Freunde, wie wir hier Alle zuſammen ſind, und bei Gott, als ich ſo jung war wie Sie, liebte ich dergleichen mehr als jetzt, wo ich nicht mehr ſo gern die Berge erſteige. Aber, haha! heute habe ich dieſen wenigſtens nicht zu erſteigen gebraucht; ich komme zu Lande von Stubbenkammer, wo ich mich ausſetzen ließ, da ich einmal eine Bewegung zu Fuße haben wollte! Und ſiehe da, meine Bemühung hat ſich belohnt, ich habe einen ſehr angenehmen Beſuch getroffen. Haha! Doch darum keine Feindſchaft, mein Mäuschen, und nun gehabe Dich wohl— geh allein hinab, ich komme bald nach und dann habe auch ich mit Dir ein Wörtchen im Hauſe zu ſprechen. Doch was iſt das?“ 111 Mit den letzten Worten deutete er auf Türk, der ſo eben, den fremden Mann witternd und ſeine lau⸗ ten Worte hörend, herangeſprungen kam und mit ge⸗ ſträubten Haaren und fletſchenden Zähnen ingrimmig auf die unbekannte Erſcheinung losſtürzen wollte. „Iſt das Ihr Hund, Herr?“ „Ja,“ ſagte Heinrich Markholm lächelnd, der auf der Stelle ſah, daß er an Türk keinen zu verachten— den Gefährten hatte,„ja, es iſt mein Hund, Herr Halling.“ „Nun, ſo gebieten Sie ihm Ruhe oder ich ſteche ihn nieder.“ 1 „Das möchte ich nicht ſo ruhig mit anſehen, Herr Halling,“ erwiderte der Maler kühn und mit ſtolzem Blick.„Aber ruhig, Türk, hierher— ſetz' Dich! Der Mann iſt zu ſchwach für uns Beide.“ Der Hund beruhigte ſich allmälig und, leiſe knur⸗ rend, aber immer noch von Zeit zu Zeit ſeine glühen⸗ den Augen auf den Fremden richtend, dem er nicht zu trauen ſchien, legte er ſich zwiſchen dieſem und ſei⸗ nem Herrn nieder, als wollte er eine Scheidewand zwiſchen Beiden errichten.. „Geh!“ ſagte jetzt noch einmal der Vater zu Al⸗ wining,„und laß mich mit dem Herrn allein, er wollte ja mit mir reden— und da bin ich ſo gefällig ge⸗ 112 weſen und habe mich ihm vorgeſtellt, ehe er es hof— fen konnte.“ „Adieu, Alwining, auf Wiederſehen!“ rief der Maler dem abgehenden Mädchen mit muthiger Stimme zu, das ihn von ferne grüßte und ſich dann auf dem Wege nach der Schlucht zurückzuziehen begann. „So,“ ſagte der ſchwarze Halling düſter und grob, „nun ſind wir allein, Herr, ſetzen wir uns! Hal! das iſt wirklich ein hübſches Plätzchen; Sie verſtehen es, ſich ein ſolches auszuſuchen. Doch nun laſſen Sie uns beginnen, ich habe nicht viel Zeit zum Schwatzen übrig und bin nur ein Mann der That. Was woll⸗ ten Sie mir alſo ſagen?“ „Herr Halling,“ begann der Maler ruhig,„ich habe allerdings geſagt, daß ich Sie nächſtens in einer ernſtlichen Abſicht ſprechen wolle, allein ich fühle mich nicht dazu geneigt, mir die Zeit dazu von Ihnen beſtimmen zu laſſen, und bemerke alſo nur, daß ich mit Ihnen reden werde, ſo bald mir die Zeit dazu gekommen ſcheint.“. „Ha! Sie ſind ein feiner Burſch, das geſtehe ich, und ich fürchte, daß Sie mir noch nicht vergeſſen können, daß ich Sie vorige Woche ſo unſanft und ohne Frühſtück aus meinem Hauſe wies. Doch, Herr, das müſſen Sie mir vergeben, ein für alle Mal, heute 113 wieſe ich Sie vielleicht nicht ſo von meiner Thür wie damals, denn, ſehen Sie, des Menſchen Gedanken ändern ſich und ſchlagen um, wie der Wind, der heute aus Norden und morgen aus Süden weht. Mein Wind weht nun heute aus einer ganz anderen Rich⸗ tung als neulich und da möchte ich Ihnen denn ſa⸗ gen, daß, wenn Sie auch nicht mit mir ein ernſtes Wort für jetzt ſprechen möchten, doch ich ſelbſt etwas auf dem Herzen habe, was Ihnen vielleicht nicht ge⸗ rade unangenehm zu hören iſt.“ Er blinzelte dabei auf pfiffige Weiſe ſeinem Nach⸗ bar zu und glaubte Wunder was für einen mächtigen Eindruck er mit dieſer Rede auf ihn gemacht habe. Dieſer aber hatte ſich völlig von ſeiner Ueberraſchung erholt und ſein Geſicht drückte je länger je mehr die ruhigſte Erwartung aus, was denn jetzt kommen würde. „Sprechen Sie!“ ſagte er kalt, indem er ſeine Hand auf den Kopf des Hundes legte, der wachſam dicht neben ihm ſaß und jedes Wort, was geſprochen wurde, zu verſtehen ſchien, ſo klug war der Ausdruck ſeines Auges. „Gut denn, ich wiederhole es, ich bin damit zu⸗ frieden, daß ich Sie ſo zufällig hier finde, und wenn Sie mir nur ehrlich beantworten wollen, wonach ich fragen werde, ſo iſt es möglich, daß wir uns diesmal Die Inſulaner. III. 8 114 viel leichter verſtäͤndigen, als es vor acht Tagen ge⸗ ſchah. Zur Sache denn. Ihre Bekanntſchaft habe ich in ſo weit gemacht, als ich weiß, wie Sie heißen und daß Sie ein Maler ſind, der angeblich hierher gekommen iſt, um zu zeichnen und zu ſtudiren, wie Sie es nennen. Gut denn. Allein, mein Herr, mir ſcheint, Sie brauchen etwas viel Zeit zu dieſem Stu⸗ dium an einer romantiſchen Stelle, oder, um den Na⸗ gel auf den Kopf zu treffen, Sie ſcheinen noch aus einem anderen Grunde als zum Zeichnen hierher ge⸗ kommen zu ſein, wenigſtens nach meinem Hauſe, das an ſich viel zu ſchlecht und einfach iſt, um einen Mann aus einer großen Stadt, der viel Schöneres und Beſ⸗ ſeres geſehen, anzulocken. He, hab' ich nicht Recht oder 2* tapp' ich bei Ihnen fortwährend im Finſtern Heinrich Markholm war eine zu edle Natur, um nur einen Augenblick über ſein ferneres Verhalten zu ſchwanken, oder gar die Gefühle ſeines Herzens ver⸗ bergen zu wollen. und gefaßt ſich zu dem Manne wendend und ſein großes, braunes Auge ehrlich auf ihn richtend, ſagte er: „Nein, Sie haben den richtigen Punkt getroffen und ich habe keine Urſache, Ihnen auch nur eine Secunde lang in dieſer Hinſicht die Neigungen meines Innern Ich habe allerdings dieſe Gegend an⸗ zu verhehlen. 4 Ruhig und heiten aber dabei ernſt 113 fangs nur des Zeichnens wegen aufgeſucht, als ich aber Ihre Familie hier fand, hat mich etwas Anderes angezogen und bis auf den heutigen Tag gefeſſelt.“ „Aha, da haben wir's. Und was war das?“ „Das war Ihre Tochter.“ „Nun, ehrlich ſind Sie wenigſtens und das gefällt mir. So wird es mir um ſo leichter werden, auch mit Ihnen ehrlich zu verfahren. Meine Tochter hat Ihnen alſo gefallen? Sie iſt ſchön, nicht wahr?“ „Nicht allein ſchön, ſie iſt auch liebenswürdig und gebildet, und deshalb ſcheint mir die Einſamkeit und Abgeſchiedenheit von aller Welt wenig für ſie geeignet zu ſein, in der Sie ſie hier ungeſehen verblühen und welken laſſen.“ Der ſchwarze Halling warf einen pfiffigen Blic uf den jungen Mann, lachte laut und wälzte dann behaglich ſeinen Taback im Munde herum. „Haha!“ ſagte er,„was geht Sie das an, könnte ich fragen. Wiſſen Sie nicht, daß manches ſchöne Veilchen im Verborgenen blüht und kein Menſch ſich darum kümmert, ob es welkt oder nicht, he? Wiſſen Sie das nicht?“ „Wohl weiß ich das, aber Ihre Tochter wird Ihnen hoffentlich nicht ſo gleichgültig ſein wie eine Blume.“ „Wer kann es wiſſen!“ ſagte der dämoniſche Auf⸗ blick des geheimnißvollen Mannes, während ſeine Lippe noch ſchwieg.„Nun,“ verſetzte er dann,„ich ſehe wenigſtens, daß ſie Ihnen nicht gleichgültig iſt. Wie ſteht es damit?“ „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, bin aber zu wiederholen bereit, daß ich Ihre Tochtes liebgewonnen habe und alle Tage lieber gewinne.“ „Nun ja doch, ich glaub's ja, aber da habe ich, denke ich, doch auch noch ein Wort mitzuſprechen, junger Mann. Ihr jungen Leute denkt, wenn Ihr einem ſchönen Mädchen nachlauft, mehr an Euer Ver⸗ gnuͤgen als an Eure Pflichten. Wir erfahrenen Leute aber ſtellen die Pflichten dem Vergnügen voran. Ich frage alſo ganz einfach, wohin ſoll das führen, wenn Sie meine Tochter alle Tage lieber gewinnen und über das Vergnügen auch Ihre Pflicht vergeſſen?“ „O nein, Herr Halling, darin irren Sie ſich, ich bin ſelbſt bei meinem Vergnügen meiner Pflichten eingedenk, und wenn Sie nur Geduld haben wollen, werden Sie ſich davon überzeugen. Meine Verhält⸗ niſſe geſtatten mir dieſen Augenblick noch nicht, daß ich Ihnen den augenſcheinlichen Beweis davon liefere.“ „Geduld hin, Geduld her und was gehen mich Ihre Verhältniſſe an! Sie ſollten ſich vielmehr um 3 † die Alwining vergafft und Sie ſagen, daß Sie 117 die meinigen bekümmern, wenn Sie ſich in mein Haus und meine Familie drängen.“ „Ich dränge mich nicht in Ihre Familie,“ ſagte Heinrich Markholm mit erhobener Stimme,„ſondern mich zieht ein tiefes und von der Sitte der Welt er⸗ laubtes Gefühl dahin.“ „So, thut es das? Recht gut das! Aber ſagen Sie mir, wofür halten Sie mich eigentlich, daß Sie mir das ſo geradezu in's Geſicht ſagen, da Sie doch nicht wiſſen können, ob es mir angenehm iſt oder nicht?“ „Wofür ich Sie halte?“ erwiderte der Maler ſcharf.„Für den Pächter des Kreidebruchs an der Fahrnitz— ob Sie noch etwas Anderes ſind, iſt mir ſehr gleichgültig, höflich ſind Sie bei Gott nicht, und Ihre übrigen Verhältniſſe, ob Sie zum Beiſpiel reich oder arm ſind, kümmern mich nicht im Geringſten.“ Der ſchwarze Halling lachte auf ſeine eigene Art, obwohl ihm das kurze und gerade Weſen des Malers doch von Minute zu Minute mehr imponirte.„Hören Sie'mal,“ ſagte er plötzlich und ſchlug mit ſeiner Lin⸗ ken vertraulich auf die Schulter des jungen Mannes „Sie gefallen mir wirklich und ich will Ihnen das durch die That beweiſen. Nach Allem was ich hier ſehe, merke ich, haben Sie ſich bis über die Ohren 118 das nicht blos zum Spaß gethan haben, ſondern daß Sie es ernſtlich mit Ihrer Liebe meinen. Gut denn, ich bin gerade in der Laune, dieſer Liebſchaft meinen Beifall zu ſchenken— natürlich unter der Bedingung, daß ſie ehrlich gemeint iſt— und will ein offenes Wort mit Ihnen reden. Sehen Sie, vor acht Tagen hätte mir Keiner davon ſprechen ſollen, da hatte ich noch andere Pläne mit dem Mädchen im Kopf, heute aber ſagt mir das jetzige Verhältniß zu. Ich will Ihnen nun, wie Sie mir Ihr Herz gezeigt haben, auch das meine zeigen. Nur bemerke ich noch, daß ich das, was wir jetzt mit einander abmachen, als ein Geſchäft, einen Handel betrachte, und da ich nicht viel Zeit habe, meine Worte auf die Goldwage zu legen, indem ich ſchon heute Abend wieder fort muß, ſo will ich Ihnen kurz meine Bedingungen nennen, unter denen ich mir Ihre Ehrlichkeit in Bezug auf Alwining gleich auf der Stelle gefallen laſſen will.“ „Wie,“ rief der Maler mit ſteigender Entrüſtung, „als einen Handel betrachten Sie das Vorliegende?“ „SStill doch, nun ja, freilich. Sehen Sie, ich bin ein Kaufmann in meiner Art. Wenn ich eine Waare habe, ſchätze ich ſie und verkaufe ſie, wenn es geht. Das Weibervolk nun betrachte ich auch als eine Waare und wenn ich ſie auch nicht zu hoch taxire, etwas ſind 3 8 * 119 ſie immer werth. Schlagen Sie alſo ein und der Handel iſt abgemacht. Ich brauche gerade im Augen⸗ blick baares Geld. Geben Sie mir tauſend Thaler, baar, auf der Stelle, und wir ſind einig. Nehmt die Alwining ſogleich mit, wohin Ihr wollt, ich frage nicht viel danach, ſie fängt ohnehin an mir mehr Sorge zu machen, als ich mir je habe träumen laſſen, daß es möglich wäre.“ Die gemeine Art, die Herzloſigkeit, die aus jedem der geſprochenen Worte hervorklang, der kalte Spott, der in dem giftigen Auge des Sprechenden lag, und vor Allem die an Verachtung ſtreifende Geringſchätzung eines ſo edlen Kindes, empörten den Maler über alle Begriffe.„Wie,“ rief er,„und das ſagen Sie mir ſo geradezu in's Geſicht? Ihr eigenes Fleiſch und Blut wollen Sie verkaufen?“ Der ſchwarze Halling lachte laut auf und ſchlug die Hände zuſammen, daß es weithin ſchallte, ſo daß Türk's Haare ſich wieder ſträubten und er dem Mann wüthend die Zähne wies. Aber Halling kümmerte ſich darum nur wenig, er lachte noch immer und ſagte endlich:„O, was ſeid Ihr vornehmen Leute für Tho⸗ ren und wie ſchwer macht Ihr Euch das Bischen Leben mit Eurer Moral und Eurer Zimperlichkeit. Nein, Herr,“ fuhr er dann mit trotzigem Ernſte fort, nen Fleiſch und Blut wie Sie, noch einmal ſpreche ich und dann ſchlagen Sie ein— wo nicht, ſo trollen Sie ſich, das rathe ich Ihnen. Alſo— geben Sie mir tauſend Thaler und nehmen Sie das— ſchöne Mädchen, in das Sie ſich bis über die Ohren ver⸗ liebt haben.“ Heinrich Markholm hatte Zeit gehabt, ſein Erſtau⸗ nen zu bewältigen und ſeine Faſſung wieder zu er⸗ langen. Er ſah ein, er hatte einen Mann vor ſich, den man nicht nach den Regeln und Sitten der ge— bildeten Welt beurtheilen mußte, und er fing an, ihn zu nehmen, wie er genommen ſein wollte. Aber ach! wie gern hätte er auf der Stelle Ja geſagt und in dem Sinne des ſchwarzen Halling einen Handel ab⸗ geſchloſſen, in ſeinem eigenen aber mit heißeſtem Danke eine Frucht aufgefangen, die ihm der reiche Baum des Lebens in den Schooß fallen ließ, aber woher ſollte er ſogleich tauſend Thaler nehmen? Sein ganzes Vermögen und das ſeiner beiden Freunde, wenn ſie zur Stelle geweſen wären, belief ſich bei Weitem nicht auf eine ſo hohe Summe. Während er ſchwieg und ſeine Lage im raſcheſten Denken überflog, beobachtete ihn das haarſcharfe Auge Hallings mit blitzendem Zornfunkeln. Er glaubte, 121 4 habe den Maler auf falſcher Fährte ertappt, er meine es entweder nicht ehrlich mit dem Mädchen, oder der geforderte Preis ſei ihm zu hoch. Offenbar rechnete er hin und her und dabei trat immer mehr die Ge⸗ meinheit ſeines Charakters und die Schlechtigkeit ſeines Herzens auf ſeinen groben Zügen hervor. „Alſo Sie wollen nicht?“ ſagte er endlich kurz. „O, Herr Halling,“ rief der Maler faſt ängſtlich, „verkennen Sie mich nicht, wie gern ginge ich auf den Vorſchlag ein, ſo ſehr er mich überraſcht hat, aber für den Augenblick kann ich Ihnen die verlangte Summe nicht zahlen.“ Halling lachte höhniſch und mit ſpöttiſchen Mund⸗ verdrehungen ſagte er:„So! Alſo Ihr könnt nicht einmal eine ſo armſelige Summe zahlen— und doch wollt Ihr eine Frau erhalten und ernähren? Das paßt übel zuſammen. In einer Stadt iſt es theuer, Ihr könnt ſie nicht als Viehmagd gekleidet herum laufen laſſen— alſo mit einem Wort— brechen wir den Handel ab.“ „Nein, brechen wir ihn nicht ab,“ rief Heinrich Markholm aufſtehend,„wenn Sieunſer Uebereinkom⸗ men doch einmal einen Handel nennen wollen. Ich habe Ihnen ſchon vorher geſagt, haben Sie Geduld mit mir, und jetzt wiederhole ich es. Geben Sie mir * 8 8 12² eine kurze Friſt, zwei bis drei Wochen etwa, und ich werde Ihnen die tauſend Thaler einhändigen.“ „Friſt hin, Friſt her, das ſind nichts als leere Ausflüchte. Sie ſind entweder ein Habenichts oder ein Windbeutel— ich kenne die Sorte. Zwei bis drei Wochen, haha! wer weiß, wer bis dahin noch lebt! Nein, kein Wort mehr— entweder das Geld auf der Stelle, oder der Handel iſt abgebrochen für immer— und Sie— Sie laſſen ſich nie vor mir wiederſehen. Jetzt gehen Sie, ich habe nichts mehr mit Ihnen zu thun.“ 1 Dabei machte er eine abweiſende verächtliche Ge⸗ berde mit der Hand und ſpie heftig vor dem Ma⸗ ler aus. „Herr Halling,“ rief dieſer, indem ihm das Blut heftig nach dem Kopfe wallte,„Sie behandeln mich wie einen rohen Menſchen! Ich bin das nicht ge⸗ wohnt und habe das nicht um Ihre Familie verdient! Sie ſollten ſich mäßigen. Wenn ich auch im Augen⸗ blick in Ihrer Meinung arm bin, ſo habe ich doch Freunde, die reich und willig ſind, mir zu dienen. Alſo haben Sie Geduld!“ Halling machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand.„Nichts da!“ rief er, ſich ſchon dem Wege nach ſei⸗ nem Hauſe nähernd.„Machen Sie, daß Sie ſortaums 123 oder ich ſpiele Ihnen einen Streich; den Sie nicht vermuthen.“ „Einen Streich?“ rief der Maler, nun auch in Wallung und Zorn gerathend.„Denken Sie, man kann Ihnen keinen ſpielen?“ „Hoho! Wollen Sie mir drohen? Wiſſen Sie, daß ich nicht der Mann bin, der ſich drohen läßt oder die Drohung gutwillig verträgt?“ „Dann drohen Sie nicht ſelber!“ „Das ſteht mir zu, ich bin in meinem Recht!“ rief er mit funkelnden Augen und die geballten Fäuſte erhebend.„Nehmen Sie ſich in Acht, Herr, mir hat noch Niemand ungeſtraft gedroht. Ich komme Denen zuvor, die mir ein Bein ſtellen wollen; in mir hat ſich ſchon Mancher verrechnet, und Sie vielleicht auch.“ Heinrich Markholm ſchwieg, nicht aus Furcht, aber weil er einſah, daß ſich mit dieſem Menſchen kein ver⸗ nünftiges Wort reden laſſe. Dem Hunde pfeifend etrat eer mit einem wehmüthigen Gefühle den Rückweg an. Sein Herz war ſo gepreßt und ſein Kopf ſo voll von bitteren Gedanken, daß es lange dauerte, bevor er dazu kam, eine klare Vorſtellung von der eigen⸗ thümlichen Lage zu erlangen, in die er abermals ganz gegen alle Erwartung gerathen war. Endlich aber kehrte ſeine Beſonnenheit und mit ihr ſeine Ruhe 124 zurück und er legte ſich Schritt für Schritt Rechen⸗ ſchaft ab, was er gehört und ſelbſt geſprochen hatte. „Abſcheulich!“ ſagte er,„u und das will der Vater eines ſo edlen Weſens ſein? Glaube es, wer da will, ich nicht. Nein, ſo kann kein Mann an ſeinem Kinde handeln. O das arme Mädchen! Wie lieb iſt ſie mir nun erſt, da ich ſehe, in weſſen Händen ſie ſich be⸗ findet! Nein, nun ſoll mich nichts mehr abhalten, ihr offen und ehrlich meine Liebe zu bekennen und ihr geradeheraus zu ſagen, wie ich ſie mir erringen will. O, daß mein Rather und Helfer gerade jetzt nicht zu Hauſe ſein muß, er würde mir, ich bin deſſen gewiß, auf der Stelle die tauſend Thaler gegeben haben, wenn Alwining nur mit Geld erworben werden könnte. Doch, das iſt nun zu ſpät. Ehe er zurückkehrt, iſt dieſer Kerl ſchon fort, und wer weiß, was er thut! Doch nein, er wird nichts thun, er wird noch ruhig warten. Bei aller ſeiner Frechheit und Gemeinheit liegt ein Zug der Feigheit und Habſucht auf ſeinem Spitzbubengeſicht; und Alwining iſt nicht das Mädchen, welches ſich von einem ſolchen Mann in Feſſeln legen läßt.— Da, da, Türk, ſind wir wie⸗ der auf Stubbenkammer— aber wir haben heute nicht ſo viel ausgerichtet wie an dem Tage, da Du mich zum erſten Mal nach dem Kieler Ufer führteſt.“— Fünftes Vapitel. Der ſchwarze Halling ſpielt dem Maler den gedrohten Streich. Kurze Zeit darauf finden wir unſern Freund auf dem Königsſtuhl ſitzen und mit trübem Geſicht und weh⸗ müthigem Herzen über die weite blaue Fläche der faſt ſpiegelklaren See hinblicken. Es war noch früh am Tage, die Sonne ſtand noch ziemlich hoch am Himmel, aber ihren Glanz und ihre Heiterkeit hatte ſie für dieſen Tag in der Seele des bekümmerten Malers längſt eingebüßt. O, wie weit wich dieſer Nachmittag und Abend von dem lichten hoffnungsvollen Morgen ab, wie ſchnell waren die glücklichen Träume ſeiner Seele in alle Winde verweht, wie überaus ſchnell die Blüthen ſeines Herzens verwelkt! Nichts war ihm ge⸗ blieben als eine kalte ekle Empfindung in der veröde⸗ 126 ten Bruſt und ein unbeſchreibliches Wehgefühl über den jähen Wechſel alles menſchlichen Glücks auf Erden. „Doch, nicht verzagt!“ rief ihm der ſich allmälig wieder ſammelnde Muth in der Bruſt zu.„Heute Morgen erſt,“ fuhr er ſich tröſtend fort,„habe ich mir ſelbſt dieſe Lehre gegeben und nun will ich ſie be⸗ folgen. Morgen iſt auch noch ein Tag und wer weiß, ob nicht heute ſchon mein Freund von der Oehe zu⸗ rückgekehrt und geneigt iſt, mein Anwalt zu ſein, wie er es ſchon oft vielen Traurigen und Unglücklichen geweſen iſt!“ Bevor er ſein Pferd ſatteln ließ, um zeitig nach Grünthal heimzukehren, warf er noch einen Blick über die See hin, ob er nicht die Yacht erſpähen könne, die am Nachmittage den ſchrecklichen Mann gebracht, der zum zweiten Mal ſtoͤrend in das ſanfte Räderwerk ſeines Lebens gegriffen hatte; allein er konnte ſie von hieraus nicht wahrnehmen, ſie lag noch ſtill vor Anker an der Fahrnitz, nahm ihre Kreide ein und bewies dem Steuerbeamten, der ſich an Bord begeben, ſobald ſie ihre Anker niedergelaſſen, daß ſie auch diesmal wie ſo oft ohne Contrebande gekommen ſei. Als Heinrich Markholm in Grünthal anlangte, kamen ihm die alten Damen mit frohen Geſichtern 127 entgegen. Sie freuten ſich, den jungen Mann einmal ſo zeitig zurückkehren zu ſehen und ſeine Geſellſchaft genießen zu können; denn ſchon lange hatten ſie im Stillen bedauert, daß er, der anfangs ſo heiter mit in das geſellige Triebwerk zu Grünthal eingegriffen hatte, jetzt gewöhnlich ſtill und ſchweigſam war und nur wenige Stunden auf dem heimiſchen Gute blieb. Auch an dieſem Tage war der Beſitzer deſſelben noch nicht zurückgekehrt und Niemand wußte, wie lange er ausbleiben würde. So fand ſich denn der Maler in das Unvermeidliche und brachte den Abend in leid⸗ licher Stimmung bei den beiden alten Damen zu, die Alles aufboten, ſein trübes Geſicht zu erheitern und ihm den Aufenthalt in des Herrn Abweſenheit ſo an⸗ genehm wie moͤglich zu machen. Am nächſten Morgen aber brach er ſchon wieder früh nach Stubbenkammer auf, wohin ihn eine unbe⸗ ſiegliche Sehnſucht zog, indem er erwartete, Frau Halling werde ihr Verſprechen erfüllen und ihm Mel⸗ dung bringen, daß er das Häuschen in der Schlucht wieder ungeſtört betreten könne. Er ſollte auch nicht lange auf das Erſcheinen derſelben warten. Um zehn Uhr war er langſam den Fußweg nach dem Kieler Ufer entlang gegangen und als er eben Klein⸗ Stubbenkammer verlaſſen, ſah er die arme Frau, gebeugt 128 von dem Kummer ihres Herzens, mühſam den Berg herauf keuchen. Mit beflügelter Eile lief er ihr entgegen, rief ihr ſchon von Weitem ſeinen Gruß zu und faßte ihre bei⸗ den Hände, die ſie ihm herzlich entgegenſtreckte. Aber reden konnte ſie noch nicht, das Bergſteigen hatte ihre Bruſt angegriffen und ſo ſetzte ſie ſich eine Weile nieder und ruhte, während der Maler mit erwartungs⸗ voller Miene an ihren bleichen Lippen hing. „Was giebt es Neues zu Hauſe?“ fragte er ſchon zum zweiten Mal.„Darf ich kommen?“ „Ach Gott, ja,“ ſagte ſie, tief Luft ſchöpfend,„und diesmal iſt es ſehr nöthig, daß Sie kommen.“ „Warum denn, was iſt geſchehen?“ 77—, es beſſer aus als geſtern und nur Alwining iſt un⸗ glücklich über die Maaßen.“ „Unglücklich? Warum denn?“ „Hören Sie nur. Sie hat nicht einmal haben wollen, daß ich herging und Ihnen ſagte, daß Halling heute Nacht abgereiſt iſt, ſo verzweifelt war ſie.“ „Mein Gotwt, ſo ſprechen Sie doch.“ „Sie werden den Grund kaum glauben wollen, warum ſie ſo außer ſich iſt. Sie hatten geſtern ein Geſpräch mit meinem Mann, nachdem er Sie mit dem O, ängſtigen Sie ſich nicht, nach meiner Anſicht ſieht 129 Mädchen unter dem Baume ſttzend gefunden hatte. Nun ja, ich kenne dies Geſpräch, denn Alwining hat es mir buchſtäblich wieder erzählt.“ „Alwining? Wie konnte ſie denn dies Geſpräch erzählen?“— „Das iſt es ja eben. Sie hat es von Anfang bis zu Ende mit angehört, hat ſich hinter dem Gebüſch verborgen gehalten und weiß alſo Alles, was Sie ge⸗ ſprochen haben und was Halling darauf erwidert hat.“ Heinrich Markholm erhob die Augen zum Himmel, als wollte er ihn zum Zeugen anrufen, daß er nichts geſagt, was Alwining zur Verzweiflung bringen könne. „Und ſie iſt unglücklich über das, was ich geſagt?“ fragte er haſtig. „Gott bewahre, aber über das, was Halling zu Ihnen geſprochen hat.“ Heinrich Markholm ſchöpfte friſchen Athem.„Ach,“ rief er faſt heiter aus,„weiter iſt es nichts? Nun, dann will ich ſie ſchon wieder glücklich machen. Kom⸗ men Sie, gute Frau Halling, es iſt in der That nöthig, daß ich ſie ſpreche.“. Und raſch weiter ſchreitend, ſo daß die ſchwãchere Frau kaum folgen konnte, kam er in einer Stunde mit ihr in dem Häuschen an. Als er in das Stübchen trat, in welchem Alwining 9 . Die Inſulaner. III. 130 gewoͤhnlich verweilte, fand er ſie auf dem Sopha ſitzen und bitterlich weinen, Als ſie ſeiner anſichtig wurde, ſchluchzte ſie laut und hielt ſich das Tuch vor's Geſicht, als wage ſie es nicht, ſeinen unbefangenen und treu⸗ herzigen Blicken zu begegnen. Raſch ſtand der Maler vor ihr, zog ihr mit leiſer Gewalt die Hände vom Geſicht und ſagte mit weicher und zum Herzen dringender Stimme: „Alwining! Ich weiß, warum Sie weinen und was in Ihrer Seele vorgeht. Alſo Sie haben gehört, was ich zu Ihrem Vater geſprochen? O, dann brauche ich Ihrxhnen nicht mehr zu wiederholen, daß ich Sie liebe, dann wiſſen Sie es bereits und Sie können mir ohne Aufſchub ſagen, ob ich auf eine Erwiderung dieſer Liebe zu rechnen habe.“ ſüß, drang aus den blauen Augen Alwining's in die des redlichen Malers. Aber gleich darauf ſchüttelte ſie ſanft den edlen Kopf, lächelte wehmüthig und verſetzte mit leiſer, kaum vernehmbarer Stimme: „Nein, nein, ſo war es geſtern. Heute können Sie mich nicht mehr lieben und noch weniger zum Weibe begehren, da Sie geſehen haben, was für ein Mann— der Mann meiner Mutter iſt. Aber ich— ich kann nicht dafür—“ Ein inniger Blick, wie Sonnenglanz ſo mild und 131 Thränen erſtickten ihre Stimme wieder, aber dieſe Thränen wichen bald, als Heinrich Markholm ſich an ihrer Seite niederließ, ihre Hände ergriff, ſie zärtlich drückte und mit ſeiner kräftigen und doch ſo milden Stimme ſagte:„Alwining, vergeſſen Sie, was der Mann Ihrer Mutter geſprochen hat, wie ich es ver⸗ geſſe. Das konnte bei mir gar keine Wirkung üben. Ihr Vater und Sie ſind für mich zwei ganz verſchie⸗ dene Perſonen, die ich eben ſo richtig zu beurtheilen wie auf ewig von einander zu trennen weiß. Laſſen Sie uns vielmehr von etwas Anderem ſprechen, von unſern Gefühlen für einander. Ja, ich wiederhole es, ich liebe Sie; die vier Wochen, die ich in Ihrer Nähe zugebracht, haben über mein Leben entſchieden und es kommt jetzt blos darauf an, ob Sie dieſe Liebe erwi⸗ dern können und Ihr ferneres Schickſal in meine Hände legen wollen?“ Alwining antwortete nicht. Ihre Augen blieben geſchloſſen, aber ihr leichter Kopf ſank leiſe an die Schulter des Redenden. Er drückte ſie ſanft an ſich und beugte ſeine Lippen auf ihre Stirn nieder.„Soll das Ihre Antwort ſein?“ fragte er liebevoll.„O, reden Sie nicht, wenn Ihnen das Reden ſchwer wird, geben Sie mir nur durch einen Druck Ihrer Hand zu verſtehen, daß ich mich für geliebt halten darf.“ 9* 13² Des Malers Hand ward mit einem innigen und langen Drucke beglückt, der Feuer in ſeine Adern goß und ſeinen Muth hoch aufſchwellen machte.„Nun,“ rief er frohlockend,„wenn das Deine Antwort iſt, mein ſüßes Mädchen, dann iſt alles Uebrige Neben⸗ ſache, und bald wird ſich auf irgend eine Weiſe unſer Himmel lichten, den jetzt nur noch e ine trübe Wolke umſpannt.“ „O,“ ſagte ſie, ſich ſtolz in ſeinen Armen aufrich⸗ tend und ihn mit ihren klaren Angen glückſelig be⸗ trachtend,„dann mag er ſich bald lichten, denn dieſe eine Wolke iſt ſehr, ſehr trübe und noch lange Zeit wird vergehen, ehe ich mich ſo freuen kann, wie andere Mädchen ſich freuen würden, wenn dieſer Augenblick für ſie gekommen wäre.“ „Und warum nicht, Alwining?“ 3 „Weil ich mein Schickſal nicht begreifen und es kaum für möglich halten kann, daß mir— mir ſolches Glück widerfährt. O wie gern habe ich Sie ſchon am erſten Tage kommen und wie ungern ſcheiden ſehen! Sie waren der erſte Menſch, der ſo wohlthätig auf meine Seele, meinen Geiſt gewirkt hat. Ich war ver⸗ laſſen und einſam, und außer meiner armen Mutter, die immer ſo traurig iſt, hatte ich. Niemand auf der Welt, dem ich mein Herz ausſchütten konnte. Da kamen Sie und mir ging ein neues Leben auf. Ich konnte reden und hören und namentlich das Letztere war mir eine ganz unbekannte Wonne. Aber nur zu bald merkte ich, daß ich Sie nur zu ſehr vermißte, wenn Sie uns verlaſſen hatten, und das quälte mich. Ich verglich meine Stellung mit der Ihrigen, und da fand ich, daß ich für Sie nicht geſchaffen ſein konnte. Das machte mich unglaublich traurig. Allein Sie ſetzten Ihre Beſuche ungeachtet der Beleidigungen fort, die Ihnen hier zugefügt wurden und daraus erkannte ich, daß Sie ein edler Menſch waren und mich liebgewon⸗ nen hatten. Dennoch kämpfte ich gegen meine Neigung, allein ich kämpfte vergebens. Alle Tage erhob ſich der füße Feind neu vor meinen Augen und alle Tage wuchs ſeine Macht, wogegen die Kraft meines Widerſtan⸗ ddees mehr und mehr abnahm. Da folgte der geſtrige Tag! — O, laſſen Sie mich davon ſchweigen, ich kann Ihnen unmöglich ſagen, was ich ſeit geſtern gelitten habe—“ „Sage es nicht, Alwining, ich denke es mir den⸗ noch, aber das iſt jetzt vergeſſen—“ „Rein, noch nicht ganz. Ich habe durch jene Un⸗ terredung nur zu ſehr erkannt, wie groß der Abſtand ſ zwiſchen Ihnen und uns iſt, und wenn Sie auch gütig und liebreich gegen mich verfahren, es muß viel ge⸗ ſchehen, bevor ich Ihrer ganz würdig bin und ohne 134 —x; Schaam über meine Vergangenheit an Ihrer Seite in einer großen Stadt leben kann.“ „Was ſoll ich Dir darauf erwidern,“ ſagte Heinrich Markholm mit immer weicherer Stimme, die verrieth, wie tief ſein Gemüth ergriffen war,—„nichts, ich muß ſchweigen. Es wird nicht lange dauern, ſo wirſt Du Dein früheres Leben vergeſſen und ein ganz neues begonnen haben. Sieh, ich werde Dich hier fortneh⸗ men, ſobald nur mein Freund von ſeiner Reiſe zurück⸗ gekehrt iſt, und in eine Familie bringen, hier oder wo anders, wo Du bald auf andere Gedanken gerathen wirſt. Du wirſt ſehen, wie gute und liebevolle Leute mit einander verkehren, und wirſt Dich raſch in die neue Lage finden. Nur auf Eins muß ich Dich gleich von vornherein aufmerkſam machen. Verſprich Dir keine goldenen Berge an meiner Seite. Ich bin nicht reich— Du haſt es ja geſtern gehoͤrt— im Gegen⸗ theil, ich bin ein Künſtler, der nur von der Arbeit ſeiner Hände lebt. Und der Erwerb geht bei uns langſam und ſparſam ein.“ „O,“ ſagte Alwining hoch aufathmend und ihren Arm— es war das erſte Mal, daß ſie ſich zu dieſer Liebkoſung hinreißen ließ— um die Schulter des wackeren Mannes legend,„ſollte ich Ihnen nicht hel⸗ fen können? Ich bin ſtark!“ 135 „Ach nein, Alwining, Deine Stärke bezweifle ich nicht, aber als meine Frau kannſt Du nicht arbeiten, nur mein Hausweſen verſehen— und das iſt auch eine Arbeit.“ „So will ich wenigſtens mit meiner innigſten Liebe Ihren Weg erleuchten, damit Sie nie mehr im Dunkeln wandeln!“ „Und ich danke Dir herzlich dafür!“ Mit dieſen Worten ſchloß der überglückliche Künſt⸗ ler das ſchöne Mädchen in ſeine Arme und drückte den erſten Kuß auf ihre glühenden Lippen. So war der Bund beſiegelt, den noch wenige Stunden vorher ein barbariſcher Vater für ewig zerriſſen und dazu ſchon die geeignetſten Maaßregeln getroffen zu haben glaubte. Dies Glück aber, welches den Maler zu ſo gelegener Zeit überraſcht hatte und faſt unmittelbar auf jene un⸗ glückſelige Unterredung mit dem ſchwarzen Halling ge⸗ folgt war, ſollte, wenn es auch nicht beſtändig blieb, doch wenigſtens eine ganze Woche dauern. Dieſe Woche verrauſchte dem Glücklichen wie ein flüchtiger Traum; niemals hatte er ſo wenig an ſich ſelbſt und die ihn umgebenden äußeren Verhältniſſe gedacht, nur die Sorge für das Wohl der ihm jetzt Anvertrauten nahm ſeinen Geiſt allein in Anſpruch. Leben betraf, nichts war ihnen verborgen geblieben, 136 Dafür ward ihm aber auch jetzt ſchon der ſchönſte Lohn zu Theil; von Tage zu Tage glaubte er zu be⸗ merken, wie Alwining, einer lange vernachläſſigten Blume gleich, die unter die Pflege einer kundigen und liebevollen Hand gerathen, ſich zuſehends freier im Geiſte und Herzen entwickelte; unglaublich raſch wußte ſie ſich in ihre neue Lage zu ſchicken und vergaß nur zu bald die traurige Vergangenheit in der Wonne der glücklichen Gegenwart. Auch auf die lange ge⸗ knechtete Mutter ſogar wirkte der Umgang mit einem warm fühlenden und eifrig für ihr Wohl beſorgten Menſchen günſtig ein, ihr kummervolles Auge hellte ſich auf, ihre trübe Miene verſchwand und die Hoff⸗ nung auf eine einſtige Beſſergeſtaltung ihres elenden Schickſals begann ſich allmälig und faſt von ſelbſt in ihr Bahn zu brechen. An Alfred Brunſt dachte Heinrich Markholm in dieſen Tagen nur zu oft, und im Stillen ſtündlich auf ſeine Rückkehr hoffend, ſprach er ohne Hehl ſeine Erwartungen über die günſtigen Einwirkungen des wohlthätigen Herzens und des energiſchen Willens dieſes Mannes aus. 4 Alwining ſowohl wie ihre Mutter wußten jetzt Alles, was Heinrich Markholm's früheres und jetziges 1 und ſo erfuhren ſie auch, wie und mit Wem er nach Rügen gekommen und durch welchen Zufall die drei jungen Freunde die drei alten in Putbus gefunden hatten und von ihnen auf ſo gaſtfreundliche Weiſe aufgenommen worden waren. Hierbei lernten beide Frauen namentlich den Charakter und moraliſchen Werth des Gutsherrn von Grünthal kennen, denn Heinrich Markholm hatte ſein Lob mit Enthuſiasmus nach allen Seiten verkündet, und ſo. waren auch ſie belehrt worden, daß allein durch ſeine mächtige Ein⸗ wirkung auf den Pächter des Kreidebruchs das Beſte für ihre Zukunft zu erwarten ſei.— Als nun aber die Mutter ihre warnende Stimme erhob und die beiden Glücklichen aufmerkſam machte, nicht zu ſicher auf die Erfolge dieſer Einwirkung zu rechnen, da ihr Mann nicht ſo leicht zugänglich und von ſeinen Beſchlüſſen abzubringen ſei, ſagte Heinrich Markholm am letzten Abend, bevor er den Kieler Grund verließ: „Glauben Sie nicht, Frau Halling, daß ich, ſelbſt mit Beihülfe meines Freundes, mein Ziel ſo überaus leicht zu erreichen mir vorſtelle. Ich habe den Mann kennen gelernt, mit dem wir hier zu thun haben. Allein es wird auch gerade nichts Unmögliches ſein, was ich erſtrebe. Er mag allerdings hochfahrend in ſeinem Dünkel, hart in ſeinen Aeußerungen und ſogar roh in der Behandlung ſeiner Familie ſein, aber Sie kennen meinen Freund nicht, wenn Sie glauben, daß ihn das Alles von ſeinen Entſchlüſſen abhalten oder ſeinen Willen beugen könnte. Im Gegentheil wird ihn die Schwierigkeit unſrer Lage ein Sporn ſein, um ſo energiſcher für uns zu wirken, und will und muß Ihr Mann Geld haben, um ſich zu unſern Wünſchen zu bequemen, ſo wird auch das von dem reichen und wohlwollenden Manne auf der Stelle gezahlt werden, ſobald ich ihm die Nothwendigkeit davon auseinander geſetzt haben werde.“ Bei dieſen Worten wandte ſich Alwining mit einem flehenden Blick an den warm und eifrig Redenden. „Ich bitte Dich um Gotteswillen, theurer Heinrich,“ ſagte ſie,„ſprich nicht von dieſem Gelde in meiner Gegenwart. Es ſchnürt mir das Herz zuſammen, wenn ich daran denke, wie ich von meinem eigenen Vater zum Gegenſtande einer Handelsſpeculation ge⸗ macht worden bin.“ „Kind,“ erwiderte Heinrich Markholm, indem er die Bläſſe, die bei dieſen Worten das Geſicht der Mutter bedeckte, auf deren Beiſtimmung zur Meinung Alwining's bezog,„laß uns dennoch davon reden. Bei manchen Menſchen iſt Geld das beſte Mittel, auf * 139 kürzeſtem Wege zum Ziele zu kommen, und hätte ich neulich tauſend Thaler beſeſſen, ſo wärſt Du heute ſchon mein und wir wären vielleicht ſchon weit von dieſem Orte entfernt und unſerm Glücke nahe.“ Seufzend und im Innern bedenkend, was in die⸗ ſem Falle aus ihr geworden wäre, verließ Frau Hal⸗ ling bei dieſen Worten das Zimmer, Alwining aber ſchmiegte ſich zärtlich an den Geliebten und ſagte: „Bin ich denn nicht ſchon heute Dein? Und trage ich mein Glück nicht in mir?“ „Wohl uns, daß es ſo iſt, Alwining, es fehlt uns aber noch Etwas zu dem vollkommenen Glücke, wel⸗ ches ich ſo eben im Auge hatte. Vergiß die ſchwarze Wolke nicht, die noch über uns ſchwebt, ſie iſt noch lange nicht ganz zertheilt.“ „Nein, nein, mein Geliebter, das iſt ſie nicht, aber nach den großen Stürmen, die ich überſtanden, fürchte ich die eine Wolke nicht mehr; auch ſie wird an uns vorüberſchweben und dann den Himmel über uns rein und goldklar zeigen, aus dem des himmliſchen Vaters Auge gütig niederblickt.“ Daß dieſe Wolke in der That noch nicht ſo raſch vorübergeſchwebt war und der Himmel ſich noch lange nicht in ſeiner ganzen goldenen Klarheit vor ihm zei⸗ 140 gen wollte, ward dem glücklichen Maler ſchon am näch⸗ ſten Tage offenbar und ſo ſind wir denn zu dem Zeitpunkte gelangt, der nur zu plötzlich wieder das koſtbare Glück vertreiben ſollte, dem die beiden Lie⸗ benden viel zu vertrauensvoll, wie es faſt alle Lie⸗ bende ſind, ſich überliefert hatten. Heinrich Markholm kam an dem Abend, an wel⸗ chem obiges Geſpräch ſtattgefunden, ziemlich ſpät, aber ungemein heiter geſtimmt nach Grünthal zurück und niemals hatten ihn die beiden alten Damen ſo lie⸗ benswürdig gefunden. Er ſcherzte mit ihnen, wie im Anfange ihrer Bekanntſchaft, wo er noch der harm⸗ loſe und leichtblütige Künſtler war, in deſſen Herz der Dorn der Liebe noch nicht gedrungen, er plauderte mit ihnen nach Herzensluſt, wozu er ſich ſo lange nicht aufgelegt gezeigt, und die alte Heiterkeit, die ſeit der Abreiſe des Hausherrn verſtummt, ſtellte ſich noch einmal, auch ohne ihn, in ihrer ganzen früheren Friſche wieder ein. Aber dieſer Abend ſchon ſollte nicht ganz in der Heiterkeit enden, mit der er begonnen hatte. Eben als man ſich trennen wollte, um zur Ruhe zu gehen, traf noch ein Bote von der Oehe ein, der verſchiedene Gegenſtände für Herrn Brunſt holen und am nächſten Tage nach der Inſel überbringen ſollte, und außer 141 dieſem Auftrage brachte er auch zwei Briefe mit, von denen der eine an Frau von Buchholz, der andere an unſern Maler gerichtet war. Der erſtere bezog ſich mehr auf die Hauswirthſchaft und ordnete Verſchiedenes auf dem Gute an; im zwei⸗ ten las der Maler zu ſeiner nicht geringen Ueberra⸗ ſchung, daß ſein Freund noch nicht ſo bald nach Grün⸗ thal zurückkehren werde, als er es erwartet hatte.„Ich habe hier mehr zu thun vorgefunden,“ ſchrieb Alfred Brunſt,„als ich vorausgeſehen, und es kann vielleicht noch eine längere Zeit verſtreichen, bevor ich nach Hauſe zurückkehre. Verzeihen Sie mir alſo, daß ich Sie ſo lange allein laſſe. Daß Sie mich aber noch nicht auf der Oehe aufgeſucht, beweiſt mir, daß Ihre Studien am Kieler Ufer noch nicht beendet ſind. Ich wünſche den beſten Erfolg, oder— wenn es Ihnen beſſer ſcheinen ſollte— einen ſchnellen Abbruch aller Verbindungen, falls ſie nicht ſchon zu eng geknüpft ſind. Jedoch, das iſt Ihre Sache. Ich wünſche nur nicht, daß Sie für den Genuß einer Stunde Ihr ganzes Leben hingeben; komme ich aber zurück nach Grünthal und beharren Sie auch dann noch auf Ihren mir bekannten Vorſätzen, ſo rechnen Sie auf mich, ich ⸗ bin Ihnen morgen ſo ſicher wie geſtern und heute. Hier auf der Oehe würden Sie jeden Augenblick will⸗ 8* 142 kommen ſein und wie mir ſcheint, gehen hier eben ſo merkwürdige Dinge vor wie in der Kieler Schlucht, wiewohl in einer ganz anderen Art. Wollen Sie mehr wiſſen, ſo kommen und ſehen Sie mit eigenen Augen. Paul Sternberg würde auch geſchrieben ha⸗ ben, aber er iſt wie Sie mit endloſen Studien be⸗ ſchäftigt, in denen ich nie etwas zu leiſten vermochte, ſo gut mein Wille auch dazu war. Der kleine Wil⸗ libald geigt und ſingt, daß es nur ſo eine Art hat, und ich finde, daß dies eine eben ſo gute Beſchäfti⸗ gung iſt, als die, der Sie ſelbſt und Ihr poetiſcher Freund ſich unterziehen.“ Heinrich Markholm las dieſen Brief mit gemiſch⸗ ten Empfindungen. Er freute ſich und doch war er betrübt, daß ſein Wirth abermals ſeine Rückkehr ver⸗ zögerte. Er nahm ihn aber am nächſten Morgen mit auf den Weg, um ihn Alwining leſen zu laſſen und ihr dadurch die Ueberzeugung zu verſchaffen, daß er nicht zu viel von ſeinem alten Freunde verheißen hatte. So ritt er denn fröhlich genug an dieſem Morgen ſchon um ſieben Uhr nach Stubbenkammer— aber wie kam er am Abend wieder? Hören wir nun, was ihm an dieſem Tage be⸗ gegnete.. Als er beim herrlichſten Sonnenſchein auf ſeinem 143 gewöhnlichen Wege von Stubbenkammer nach dem Kieler Ufer ging, ſtrömte ſein Herz von Wonne über und ſeine Sehnſucht, die liebe Geſtalt des ſchönen Mädchens in ſeine Arme zu ſchließen, nahm mit jedem Augenblick zu. Er ſchritt raſch bergauf und ab, um ſchnell zum Ziele zu gelangen und auch dieſen Tag der Reihe der übrigen ſchönen Tage zuzugeſellen. Nie hatte er ſich ſo jugendlich, kräftig und mit dem beſten Willen für alle Schwierigkeiten des Lebens ausgerüſtet gefühlt wie an dieſem Morgen. Was er ſich lange als möglich gedacht und was er ſeinen war⸗ men Empfindungen und ſeiner empfänglichen Natur für ſo entſprechend gehalten, war eingetroffen. Ein weibliches Weſen war vor ſeine Augen getreten und hatte ihm wohlgefallen. Er hatte nicht nach ihrem Rang und Stand, nicht nach ihrem Herkommen und Beſitz gefragt, er hatte nur in dem ſchönen Körper die ſchönere Seele erkannt und ſich beide zu eigen zu machen gewußt. Damit war nun mit einem Male ein neuer Lebensabſchnitt vollendet und ſeine Pflichten hatten einen größeren Umfang angenommen. Ernſter und bedeutungsvoller trat der Hintergrund dieſes Lebens hervor und an ſeine Kraft, ſeine Thätigkeit, ſeine Lei⸗ ſtungen wurden nun viel größere Anforderungen ge⸗ ſtellt, die feſte männliche Entſchlüſſe nöthig machten, 4 144 denn nun hatte er nicht mehr für ſich allein, nun hatte er auch für ein zweites Ich zu ſorgen und zu ringen. Dieſer Gedanke wäre anderen Männern, die ſich in ähnlicher beſchränkter Lage befunden, im erſten Au⸗ genblick vielleicht ſchwer auf's Herz gefallen, die Sorge hätte ſie beſchlichen, ob ihre Kräfte auch ihren Wün⸗ ſchen gewachſen wären, allein bei unſerm leichtbluͤtigen, thatkräftigen Maler war dies nicht der Fall. Die vor ihm liegenden Schwierigkeiten zu bewältigen, däuchte ihm, wenn auch keine leichte, doch auch keine allzu ſchwere Aufgabe zu ſein, er fühlte ſeine Kräfte völlig und ſein heiterer Lebensmuth war noch durch keine traurige Erfahrung gebrochen, wie ſie zum Beiſpiel ſein Freund Guſtav Steinau zu verſchiedenen Zeiten gemacht.„Es wird ſich machen laſſen,“ ſagte er ſich wiederholt,„ich brauche keine Angſt vor der Zukunft zu haben. Ich verſtehe zu arbeiten und meine Ar⸗ beiten tragen mir ein hübſches Geld ein. Alſo wozu bangen? Anſprüche macht die einfache Alwining nicht und ich auch nicht, wir werden trefflich zu einander paſſen und uns in einander finden; ihre Liebe wird mir nicht nur eine Freude, ein Genuß, ein Glück, nein, ſie wird mir auch ein Sporn ſein, rüſtig weiter zu ſtreben— und warum hätte mir auch der liebe Gott meine Hände, meine Augen, meinen Kopf gegeben, wenn ich nicht wacker damit arbeiten ſollte? Alſo vorwärts, Heinrich, muthig vorwärts in's Leben hinein! Es hat Mancher unter mißlicheren Verhält⸗ niſſen gefreit und er iſt doch glücklich und zufrieden geworden. Doch halt— da ſehe ich ſchon das Haus — ſie wird mir gleich entgegenkommen— vielleicht hat ſie ſich hier irgend wo hinter einem Baum ver⸗ ſteckt— Alwining! Da bin ich— und wo biſt Du?“ Er rief, einmal, zweimal, dreimal, aber ſie ant⸗ wortete nicht, ſie hatte ſich hinter keinem Baum ver⸗ ſteckt, ja ſie war ihm nicht einmal entgegengekommen. Ah, alſo ſie ſaß im Hauſe, deckte den Tiſch zum ſchmackhaften Frühſtück wie jeden Morgen und lugte erſt hinter den Gardinen auf den nahenden Freund hervor! Allein auch in dieſer Erwartung ſollte Heinrich Markholm ſich leider täuſchen. Mit haſtigen Schritten eilte er jetzt vorwärts, bog um die letzte Ecke, ſprang den letzten Abhang hinab und ſiehe, da lag das Haus. Aber was iſt das? Warum ſind die Fenſter⸗ läden— ja— und auch ſogar die Thür feſt ver⸗ ſchloſſen? Heinrich blieb mit laut klopfendem Herzen ſtehen, ſchaute bald das Haus, bald die Umgebung an, als Die Inſulaner. III. 10 traue er ſeinen eigenen Augen nicht, und horchte dann mit angehaltenem Athem und vorgeſtrecktem Kopfe, ob er keine Bewegung im Innern des Hauſes vernehme. Aber nein, er vernahm nichts. Niemand war zu ſehen und zu hören, nur der Bach rauſchte in ſeiner ein⸗ tönigen Weiſe und aus der Ferne vom Strande her tönte das ſanfte Murmeln des leiſe wallenden Meeres durch die enge Schlucht herein. Heinrich Markholm überlief ein ahnungsvoller Schauer, daß hier etwas Unerwartetes, gegen ihn und Andere Feindſeliges geſchehen. Er ſprang raſch auf die Thür zu, klopfte daran, daß es weit durch die Schlucht dröhnte, dann an die Fenſter, der Reihe nach, und rief mit lauter und immer mehr anſchwellender Stimme die Namen Derer, die er noch am Abend vorher ſo glücklich und hoffnungsvoll in dem Hauſe verlaſſen hatte. Aber alles das half ihm nichts, ſie waren fort, das Haus ſtand leer, nur das Echo der Felſen gab ihm ſpöttiſch den Klang ſeiner hohlen Stimme zurück, und es blieb ihm nichts übrig, als ſeinen düſteren Ver⸗ muthungen Glauben zu ſchenken, die ihm ſchon zuge⸗ flüſtert hatten: der ſchwarze Halling habe hier ein Schelmenſtück verübt, er habe die Frauen in der letz⸗ ten Nacht, vielleicht gewaͤltſam, weggeführt und nun 147 könne er, er, der betrogene Liebhaber, durch die ganze Welt reiſen, um die Verlorenen wieder aufzuſuchen. Aus unbegreiflichem Staunen ging der Maler all⸗ mälig in ein leidenſchaftliches Grollen gegen ſich ſelbſt über. Er machte ſich die bitterſten Vorwürfe, dieſe Unthat nicht vorgeſehen und dagegen die ſicherſten Vorkehrungen getroffen zu haben.„O warum bin ich,“ ſagte er ſich zehnmal hinter einander,„nicht ſchon lange nach der Oehe geritten, habe meinem Freuude meine Befürchtungen mitgetheilt und ihn zu ſchnelle⸗ rem Handeln genöthigt!“— Je mehr er hierüber nachdachte, um ſo mehr mußte er ſich wundern, daß dieſe Entführung nicht ſchon früher in's Werk geſetzt und daß er ſo verblendet geweſen, in ruhiger Schwel⸗ gerei einiger ſüßer Stunden das Wichtigſte, die Siche⸗ rung des Mädchens ſeines Herzens, vergeſſen zu haben. Aber wie nun ſeine Gedanken in raſchem Fluge auf einander folgen, welche Angſt er empfinden, welche Vorwürfe er ſich machen mochte— für den Augen⸗ blick war hier nichts zu thun, er mußte ſich in das Unvermeidliche fügen und er fügte ſich auch endlich mit leiſe blutendem und nur dann und wann laut aufſtöhnendem Herzen. So raffte er ſich aus ſeinem brütenden Zuſtande auf und ging durch die Schlucht dem Strande zu, ob 10⸗ 148 er vielleicht da irgend wo eine Spur der Verlorenen finde. Eine bleierne Schwere hatte dabei ſeine Füße befallen und ein krampfhafter Druck preßte ſeine Bruſt zuſammen. Er ahnte ſchon im Voraus, daß auch hier Niemand ſei, der ihm Kunde geben könne, und ſo ſtand er endlich am Strande, ſuchte in allen Gebü⸗ ſchen, hinter allen Steinen und ſchweifte endlich mit ſtarren Blicken über die blaue Meeresfläche, die leiſe murmelnd ihre ewige Stimme vernehmen ließ, aber ihm doch keine Antwort auf ſeine Fragen ertheilte. Sein Verdacht ſtieg zur Gewißheit und der Reſt von Hoffnung, daß er die Frauen irgend wo ſitzend und im Freien arbeitend finden würde, ſchwand bald ganz, als er auch hier ſeine Stimme vergeblich er⸗ ſchallen ließ und zum Ueberfluß ſogar den Namen der Geliebten überlaut den Winden und Lüften preisge⸗ geben hatte. Mechaniſch und ſeiner lebhaften Phantaſie die düſter⸗ ſten Schreckbilder aufdringend, ſetzte er den Fuß auf den ſteilen Kreidepfad, der zum Kieler Felſen hinauf⸗ führte, wo Alwining's Lieblingsplatz lag. Einen Au⸗ genblick hielt er an dieſem Platze an und blickte ſich auch hier ſehnſüchtig nach allen Seiten um. Da hörte er in der Ferne, aus der Gegend des Kreidebruches her, ein dumpfes Krachen, wie wenn ein großer Fels⸗ 149 block von einer bedeutenden Höhe niederſtürzt und im Fallen ſich in tauſend einzelne Theile zerſpaltet und zerbröckelt. Er lauſchte noch mit allen Sinnen auf dieſen dumpfen Ton, als ihn plötzlich ein neuer Ge⸗ danke ergriff und er gleich darauf mit haſtiger Eile nach dem Bruche lief. 8 Dort wären die Arbeiter, ſagte er ſich, und die müßten ihm ſagen können, ob Halling hiergeweſen und ob er Frau und Tochter in ſeinem Schiffe fortgenommen habe. Kaum war ihm dieſer Gedanke aufgeſtoßen, ſo folgte ihm auch ſchon wieder ein zwei⸗ ter, der ihn zur Vorſicht ermahnte. Er erinnerte ſich, daß Alwining ihn vor der Rohheit dieſer Leute gewarnt und daß der arme Steinbrecher, dem er neu⸗ lich ein Almoſen gegeben, dieſe Warnung auf ſeine Weiſe beſtätigt hatte. O dieſer Steinbrecher— war⸗ um war ihm der nicht früher eingefallen— ja, wenn er in dem Bruche war, dann konnte er Aufklärung über das Geheimniß des Tages erhalten, und von neuer Hoffnung entflammt, ſetzte er um ſo eifriger ſeine Schritte fort. Bald hatte er ſo den Kreidebruch erreicht und ſtand oben auf der Felsplatte, wo eben ein großer Kreideblock abgeſprengt und in die Tiefe gerollt war. Er bemerkte nur zwei Arbeiter dort unten, wo früher 1½ 150 acht oder zehn thätig geweſen waren, und als ſie ſei⸗ ner anſichtig wurden, betrachteten ſie ihn mit ſtumpfen Blicken, obgleich es dem armen Maler ſcheinen wollte, als wäre denſelben ein kalter Hohn beigeſellt, mit dem ſie ſich über ſein Unglück luſtig machten. Dennoch erwog er ſchon den Entſchluß, ſie nach ihrem Herrn zu fragen, als er plötzlich die Schläge einer Hacke zu ſeiner Linken erklingen hörte, und als er in dieſe Rich⸗ tung blickte, gewahrte er jenen Arbeiter, auf den er jetzt ſeine ganze Hoffnung geſetzt hatte. Der Mann ſtand auf derſelben gefährlichen Stelle wie vor etwa acht Tagen, aber er hatte ſich ſchon einen breiten Pfad in den Felſen hineingearbeitet, auf dem er ſicherer ſtehen und ſein Werk verrichten konnte. Heinrich Markholm wandte ſich raſch zu ihm hin und wollte ihm eben von oben herab zurufen, als der Mann ſich halb nach ihm umdrehte und mit leiſem, aber verſtändlichen Flüſtertone die Worte ſprach: „Bleiben Sie dort ſtehen, kommen Sie nicht näher und ſprechen Sie nicht laut!“ „Warum denn?“ fragte der Maler eben ſo zurück. „Weil ich nicht will, daß die Leute dort unten uns zuſammen ſprechen ſehen.“ Heinrich Markholm ſchöpfte neue Hoffnung; eine 151 innere Stimme ſagte ihm, daß ihm der Mann irgend eine Nachricht mitzutheilen habe. „Sprechen Sie,“ rief er leiſe hinab,„ich bitte Sie, Sie wiſſen vielleicht, warum ich hierherkomme?“ Ueber das rauhe Geſicht des Mannes flog ein eigenthümliches, aber gutmüthiges Lächeln.„Ei,“ ſagte er,„das wiſſen alle Arbeiter im Kreidebruch und eben darum will ich mich nicht der Gefahr ausſetzen, von ihnen für einen Klätſcher gehalten zu werden.“ „Aber was iſt denn geſchehen in dem Hauſe dort? Die Frauen ſind fort.“ Der Mann machte eine Bewegung mit dem Arm nach der See hin.„Weit fort!“ ſagte er,„ja, das iſt wahr, und hierher kommen ſie gewiß nicht wieder.“ „Aber wohin denn und wer hat ſie fortgeführt?“ „Still, kein Wort mehr darüber an dieſem Orte. Haben Sie heute Abend nach ſieben Uhr eine Stunde Zeit ubrig?“ „Ja, ja doch, aber warum denn?“ „Ich muß Sie ſprechen. Sie haben mir Gutes gethan und das will ich nach Kräften vergelten. Kom⸗ men Sie alſo um ſieben Uhr nach meinem Kotten. Er liegt dicht bei der Oberförſterei Werder, bei den Häuſern, die man Dargaſt nennt, am großen Wege nach Sagard. Kennen Sie den Ort?“ 15² „Nein, aber ich werde ihn erfragen.“ „Gut denn. Ich heiße Wieſel. Jeder Menſch auf Werder kann Ihnen ſagen, wo ich wohne. Ich werde mich ſo einrichten, daß ich Punkt ſieben Uhr zu Hauſe bin. Aber jetzt gehen Sie— die Leute dort unten lauern ſchon.“ „Nur ein Wort noch!“ bat Heinrich Markholm. „Wo ſind die Frauen geblieben?“ „Pſt! Heute Abend!“— Und um das Geſpräch hiermit abzubrechen, nahm der Arbeiter eine mürriſche Miene an, ſtellte ſich dicht an den Rand ſeiner Klippe und rief den unten Stehenden zu, Acht zu geben, es komme ein neuer Block. Der Maler verließ ſeinen Platz und wankte mit ſchwankenden Füßen auf dem Pfad zurück, der nach der Schlucht hinab führte. Jetzt erſt wußte er be⸗ ſtimmt, daß Alwining weit, weit fort war und dieſer Gedanke packte ihn mit neuer Schmerzeskralle an. Wie zerſchmettert kam er wieder vor dem Häuschen an, blieb davor ſtehen, ſchlug die Arme vor der Bruſt zuſammen und ſtarrte mit todten Augen auf das Grab ſeiner Liebe hin. O, da lag es, einſam und ſtill wie ſonſt, aber wo war die heilige Romantik, die friedliche Schönheit, die es ſonſt für ihn umgab, ge⸗ blieben? Troſtloſe Oede ſprach aus den verſchloſſenen — 153 Läden, der Bach rauſchte kalt und gefühllos ſeine ewige eintönige Melodie und wo ſonſt aus jedem Blatte, jeder Blume der Zauber der Poeſie zu ihm geſprochen, da war jetzt nichts als eine todte Vegeta⸗ tion, vergängliches Erdenleben und verwelkte Früh⸗ lingsſchönheit zu finden. Noch lange Zeit ſtand Heinrich Markholm in dü⸗ ſtere Träumerei verſunken auf derſelben Stelle, ſpähte noch nach allen Seiten nach irgend einem Zeichen, aber da er auch nicht die geringſte Spur von der Entführten fand, raffte er ſich zuſammen und ſchlug endlich den Weg nach Stubbenkammer wieder ein. Wie lange er auf dieſem Wege zubrachte, was um ihn her geſchah, ob ihm Menſchen begegneten, ob Wind und Regen den Wald verdüſterten oder freund⸗ licher Sonnenſchein ihn mit goldenem Lichte erhellte — er wußte es nicht. Unter dem Eindruck eines entſetzlichen Schlages ſchlich er gleichſam zermalmt da⸗ hin, ſein Herz klopfte dumpf und matt und die Functionen ſeines ſonſt ſo regſamen Geiſtes ſchie⸗ nen von einer lähmungsartigen Schwäche befallen zu ſein. Als er endlich nach langem Wandern auf Stubben⸗ kammer eintraf und Türk freundlich wedelnd ihm ent⸗ gegenſprang, bemerkte er ihn kaum; ſogar den Wirth, 454— der ihn in ſeiner gewöhnlichen heiteren Laune an⸗ redete, beachtete er wenig. Herr Behrendt vermuthete alsbald ſehr richtig einen unglücklichen Vorfall und zog ſich beſcheiden von dem jungen Gaſte zurück, den er wegen ſeines munteren Weſens ſo lieb gewon⸗ nen hatte. Da ſaß nun der arme Maler ſtumm und zerknickt auf einer Bank unter den Bäumen am Hauſe und ſtarrte wie ein Träumender, ſcheinbar unempfindlich gegen alle äußeren Anreize, in's Blaue. Allein, je gewaltiger der unerwartete Angriff und die erſte Nie⸗ derlage auf das Herz des jungen Mannes eingewirkt hatten, je tiefer er ſich unter dem heftigen Schlage beugte, um ſo kürzere Zeit dauerte der unſelige Zu⸗ ſtand, in den wir ihn verſunken ſehen. Seine kräftige Natur, ſein regſamer Geiſt arbeiteten ſchon langſam, aber nachdrücklich gegen den Feind ſich empor und plötzlich überwand er ihn und es trat ein Umſchwung ſeiner Empfindungen ein, der ihn wieder zu dem that⸗ kräftigen Manne machte, der er vorher geweſen war. Plötzlich ſprang er von ſeinem Sitze auf und ging mit raſchen Schritten in dem nahegelegenen Walde umher. Er fühlte einen kaum bezwingbaren Groll in ſeinem Herzen aufſteigen, ſeine Fäuſte ballten und ſein Geiſt gelobte ſich, Rache zu nehmen an dem Uebel⸗ 3 155 thäter, der ihn ſo tief gedemüthigt und ſo herzlos in den Staub getreten hatte. Aber was konnte er augenblicklich thun, um dieſe Rache auszuführen? Der Mann, dem er alle Schuld des Vorgefallenen beimaß, war ſeiner Hand unerreich⸗ bar. Seine Tochter, wenn ſie überhaupt ſeine Toch⸗ ter war, woran er jetzt mehr denn je zweifelte, konnte er ihm nicht entführen, jener hatte ſie ihm ſelbſt ent⸗ führt. Und dies Bewußtſein, ſo machtlos zu ſein, er⸗ bitterte ihn nur noch mehr und er tobte eine Weile mit ſtiller Wuth gegen den Urheber ſeiner Leiden an. Aber auch dieſes Stadium der Erregung, des Haſſes, der Leidenſchaft ging vorüber und allmälig kehrte die Ueberlegung zurück, die ja in allen ſolchen Lagen die beſte Gefährtin iſt.„Ja,“ ſagte er ſich, „dieſer ſchwarze Halling iſt ein ſchlauer Fuchs und er hat mich in Wahrheit überliſtet. Er hat mich in Sorgloſigkeit eingeſchläfert, bis ich keinen Eingriff von ſeiner Seite mehr befürchtete, und dann hat er mir über Nacht, wie aus einem Hinterhalt, den bitteren Streich verſetzt. Und warum? Weil er einzuſehen glaubte, daß ich der Mann nicht ſei, mit dem er einen vortheilhaften Handel abſchließen könne. Er hat mich für einen Habenichts gehalten, wie er ſagte, und mir die edle Waare entzogen, um ſie einem Anderen mit 156 größerem Vortheil zu verkaufen. Was nun thun, um eine put aufzufinden und mit größerer Liſt ſeine gemeine Schlauheit zu bekämpfen? Geduld, Heinrich! Warten wir in Ruhe den Abend ab. Der Kreide⸗ arbeiter, der in Dargaſt wohnt, weiß vielleicht mehr als ich denke und erſt wenn ich ihn geſprochen habe, wird die Zeit gekommen ſein, einen E Entſchluß zu faſſen und zur That zu ſchreiten.“ Als er ſich das geſagt und wiederholt beſtätigt hatte, war er viel ruhiger geworden und ſchritt nun wieder dem Hauſe zu, wo ihm Herr Behrendt ent⸗ gegen trat und mit freundlicher Miene fragte, ob er heute Mittag hier ſpeiſen werde. „Ja,“ erwiderte Heinrich und nickte dem Manne ſchon heiterer zu. „Herr Markholm,“ fuhr Herr Behrendt theilnehmend fort,„wie es ſcheint, haben Sie ein Ungemach gehabt?“ „Ja, und ein recht großes; aber wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, machen wir darüber keine Worte, ich bin nicht in der Stimmung dazu.“ „Aha, ich verſtehe. So kommen Sie denn, d die Gäſte ſetzen ſich eben zu Tiſch und die Suppe wird gleich aufgetragen werden.“ „Wie!“ rief der Maler erſtaunt.„Iſt es ſchon ſo ſpät? Wo iſt der ganze Morgen geblieben?“ 157 „Er iſt ſeines Weges gezogen, wie alle Morgen,“ bemerkte Herr Behrendt mit ſeinem behäbigen Lächeln. „Sehen Sie, Herr Markholm, ſo vergeht die Zeit und darum muß man ſich gedulden; die bittere Stunde geht ſo raſch vorüber wie die ſüße.“ „Ha, Sie haben Recht! Sie verſtehen zu tröſten. Kommen Sie, man muß den Leib ſtärken, wenn man im Geiſt gerüſtet ſein will.“ Im Speiſeſaal war an dieſem Tage eine große Zahl durchreiſender Gäſte verſammelt, aber der Maler war ſo in ſeine Gedanken vertieft, daß er kaum ihre Anweſenheit wahrnahm. Er aß mechaniſch und nur der vortreffliche Wein, den ihm ſein Wirth heimlich vorgeſetzt, mundete ihm, da er ihn wunderbar belebte und ſeine ganze geiſtige Rüſtigkeit weckte. So ſtand er viel heiterer vom Tiſche auf, als er ſich niedergelaſſen, und betrat dann den Königs⸗ ſtuhl, um wenigſtens die Zeit durch die Betrachtung der ſchönen Außenwelt zu tödten. War ihm aber der Morgen überaus raſch verſtrichen, ſo wurde ihm der Nachmittag deſto länger, die Sonne ſchien gerade heute außerordentlich langſam zu wandern und ſtand noch immer über den Wipfeln der Bäume, die ein friſcherwachter Wind mit melodiſchem Lispeln füllte. 158 ——— Endlich aber konnte er es nicht mehr in dieſer Ruhe aushalten, er ging in das Haus und erkundigte ſich genau nach dem Wege, der nach Dargaſt führt. „Was wollen Sie denn in Dargaſt?“ fragte Herr Behrendt, nachdem er ihm den Weg beſchrieben. „Ich will eine kranke Frau beſuchen, deren Mann mir bekannt geworden iſt. Da kommt mein Schim⸗ mel und nun leben Sie wohl, Herr Behrendt, bis auf Wiederſehen!“ „Kommen Sie morgen wieder?“ Heinrich Markholm ſchüttelte den Kopf.„Ich glaube nicht,“ ſagte er,„aber Sie ſollen mich wieder⸗ ſehen, ſo bald meine Geſchäfte in geordnetem Gange ſind.“ „Dann leben Sie bis dahin wohl und ich wünſche in allen Dingen gute Verrichtung!“ 4 Nach dieſen Worten ſchied der Maler von Stub⸗ benkammer, das ihm immer ſo theuer geweſen war und ihm nun nach Allem, was in ſeiner Nähe ge⸗ ſchehen, unvergeßlich werden ſollte. Der Schimmel wieherte muthig, als er gegen ſeine Gewohnheit diesmal den entgegengeſetzten Weg ein⸗ ſchlagen mußte, denn er liebte die Bewegung mehr als die Ruhe, und luſtig trabte er mit ſeinem Reiter den herrlichen Weg entlang, der von Stubbenkammer 159 nach der in weiter Lichtung mitten im Stubnitzwalde gelegenen Oberförſterei Werder führt. In dieſer Ge⸗ gend war Heinrich Markholm ſchon ziemlich bekannt, er hatte ſie von der Lenz aus oft beſucht und ſo fand er auch leicht den breiten Weg, der von hier aus nach Sagard führt.„ Da es noch nicht ſieben Uhr war, zu welcher Zeit Wieſel erſt zu Hauſe ſein wollte, ſo ritt unſer Freund langſam und hielt bisweilen auf einer Anhöhe an, um die ſchönen Punkte im Walde und in der Ferne zu betrachten, die von hier aus nach jeder Richtung dem Wanderer entgegentreten, und er freute ſich über ſich ſelber, daß er bereits wieder Theilnahme an den Dingen der Außenwelt zu empfinden anfing. Kein Menſch begegnete ihm in dieſem ſtillen Walde und erſt als es bald ſieben Uhr war, ſah er einen Waldhüter des Weges ziehen, den er nach Dargaſt und Wieſel fragen konnte. „Sie ſind auf dem richtigen Wege,“ belehrte ihn der Mann höflich.„Reiten Sie noch zehn Minuten weiter; das erſte Haus, das Sie treffen, iſt Wieſel's Kotten.“ 3 So war es denn auch und ſchon von Weitem ſah Heinrich Markholm das kleine Häuschen maleriſch zwi⸗ ſchen den Bäumen dicht am Wege liegen, aber die 160 bitterſte Dürftigkeit ſprach ſich in dem Verfall aus, der im Ganzen wie im Einzelnen daran ſichtbar war. „Ach!“ ſagte der Reiter zu ſich, als er dem ein⸗ ſamen Kotten näher kam,„das iſt auch ſo eine reizende Hütte, wie ſie der Maler gern ſieht und auf ſeinen Bildern hundertfach zu vervielfältigen liebt, Poeſie und Romantik von Außen, aber im Innern Elend und Kummer, Sorge und Herzeleid!“ Er hatte es erreicht. Ein Knabe ſpielte davor, als aber der Fremde ihn fragen wollte, ob er an Ort und Stelle ſei, entfloh er ſcheu hinter die morſche Thür, die den Eingang weniger zu verſchließen als anzudeuten ſchien. „Heda!“ rief Heinrich Markholm in das Haus hinein.„Wohnt hier ein Kreidearbeiter, Namens Wieſel?“ Da that ſich raſch die Thür von Innen auf und Wieſel ſelber trat daraus hervor.„Ah,“ rief er,„da ſind Sie ja ſchon, auch ich bin eben erſt gekommen. Nun ſteigen Sie ab und Du, Claus, nimm das Pferd und führe es hinten an den Ziegenſtall. Da halte es feſt und wirf ihm eine Hand voll Heu vor, hörſt Du wohl?“ Ein ſtämmiger Junge trat bei dieſen Worten her⸗ vor und faßte dreiſt den gutmüthigen Schimmel am 161 Zügel, um ihn hinter die Hütte zu führen; der Maler dagegen folgte dem Manne in die Stube, die eben ſo dürftig wie das Aeußere des Hauſes ausſah, obwohl eine gewiſſe Reinlichkeit und Ordnung überall wohl⸗ thuend in's Auge fiel. Gleich die erſte Perſon, die des Malers Blicken begegnete, war die kranke Frau, die noch auffallend bleich und ſchwach, doch ſchon wieder auf den Beinen war. Ein kleines Kind lag in einer Wiege, ein größeres kroch auf dem Fußboden von geſtampftem Lehm herum, zwei andere hockten hier und da in einer Ecke und nagten begierig an einem Stück Brod, das ihnen der Vater von der Arbeit mitgebracht. Hein⸗ rich Markholm ſah auf den erſten Blick, daß ihn Wieſel über ſeine Armuth nicht belogen hatte, und ſo hoffte er, werde er auch in anderer Hinſicht zuverläſſig ſein. „Herr,“ ſagte der in ſeinem Hauſe viel lebhafter als im Kreidebruch ſich geberdende Mann, indem er mit der bloßen Hand den Staub von einem wackligen Schemmel ſtrich,„nun ſetzen Sie ſich und nehmen Sie zuerſt meinen Dank an, den ich Ihnen gern ſchon nn. ausgeſprochen hätte. Da, ſehen Sie, iſt die Kranke und ſie kann ſchon wieder am Feuer ſtehen und eine Suppe kochen. Dank Ihrer Hülfe iſt der Doetor aus Sagard gekommen. Seine Arznei hat Die Inſulaner. III. 11 162² geholfen, ich habe Alles bezahlen und noch manches andere Nothwendige für die Kinder kaufen können.“ „Das freut mich,“ entgegnete der Maler und reichte der Frau die Hand, da ſie ihm mit einem dankbaren Lächeln die ihrige entgegengeſtreckt hatte.„Nun aber,“ fuhr er fort, ſo bald die Frau auf einen Wink ihres Mannes die Stube verlaſſen,„nun ſagt mir, was Ihr von den Hallings wißt.“ „Davon weiß ich Alles in Allem ſoviel: Vorige Nacht iſt er plötzlich gekommen, hat ſechs bis acht tüchtige Hände mitgebracht, der Frau und dem Mäd⸗ chen, die ganz erſchrocken darüber waren, alle Möbel, Hausgeräthe und was ſonſt noch in der Bude war, vor der Naſe herausgetragen und ſie zuletzt ſelbſt mit auf das Schiff genommen, worauf er bei gutem Winde auf und davon geſegelt iſt.“ Heinrich Markholm überlief ein eiſiger Schauer, als er dies hörte und die Scene ſich vorſtellte, die in dem abgelegenen Hauſe während der Nacht vorgegan⸗ gen war. O,“ rief er,„die armen Frauen! Wie mögen ſie ſich geängſtigt und dem Wüthrich raile gegenübergeſtanden eenn „Das iſt auch meine Meinung ſo, Herr. So ganz gut⸗ willig ſind ſie gewiß nicht an Bord geklettert, aber der Hal⸗ ling macht nichtviel Federleſens und verſteht keinen Spaß.“ 163 „Wohin mag er ſie aber gebracht haben? Das iſt die Hauptſache, und hoffentlich werdet Ihr mir darüber etwas Zuverläſſiges mittheilen können?“ „Ja, ſehen Sie, beſter Herr, ich wüßte es nicht, aber die Leute auf dem Bruche dort haben ſo einige Worte darüber fallen laſſen und die habe ich mir ge⸗ merkt, weil ich glaubte, ich könnte für Sie etwas da⸗ von gebrauchen. Denn ſehen Sie— Sie müſſen das nicht übel nehmen, Herr— die Leute meinen, Sie hätten ſich in die hübſche Larve des Mädchens ver⸗ gafft, man hat Sie Beide nur zu oft auf dem Waſſer zuſammen fahren oder im Walde herumlaufen ſehen, und da dem Alten das nicht lieb ſei und er ſie mit ſeinem Steuermann, einem unfläthigen Kerl, verheira⸗ then wolle, ſo habe er Ihnen einen kurzen Prozeß ge⸗ macht und beide Frauen bei Nacht und Nebel fort⸗ geführt.“. „Aber wohin hat er ſie geführt, das wolltet Ihr mir ſagen.“ „Ja wohin, das iſt eben der Caſus. Nun, da ich ſo weit bin, darf ich Ihnen auch das Letzte nicht ver⸗ ſchweigen, was ich weiß. Alſo deutlich geſprochen! Sehen Sie, der Halling hat keine ganz reine Hand. Er giebt ſich mit zu vielen Geſchäften ab, um nicht einmal an dieſer oder jener Ecke anzuſtoßen. Und 11* 164 warum hätte er denn auch zwei oder drei Niederlaſ⸗ ſungen allein auf Rügen, wenn er an einer Stelle ſein redliches Brod fände?“ „Was? Er hat mehrere Niederlaſſungen auf Rügen?“ „Wie ich Ihnen ſage. Die eine war hier am Kieler Ufer. Die hat er gewiß nur zum Schein gehabt, um durch die Pacht mit der Regierung ſich ein ehrliches Anſehen zu geben, haha! Aber hier muß es ihm nicht gut gefallen haben; Manches, und vielleicht auch Sie, iſt ihm hier in die Quere gekommen und ſo hat er Knall und Fall die Pachtung an einen ſeiner Spieß⸗ geſellen bis auf Weiteres abgetreten, und dieſer neue Herr iſt heute Morgen in aller Frühe nach Saßnitz gewandert, um einige Arbeiter zu holen, da ſein Vor⸗ gänger die kräftigſten von hier wo anders hin mit⸗ genommen hat.“ „Wo anders hin— wo iſt das?“ „Ja, Herr, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß er ein noch viel beſſeres Haus auf Wittow hat, als dies hier, das haben die Kerle da drüben deutlich ge⸗ nug merken laſſen, wenn ſie nicht abſichtlich geflunkert haben.“ „Auf Wittow alſo?“ „Ja, auf Wittow, und zwar in der Nähe vom 165 Möwenort muß es liegen, wenn ich recht verſtanden habe. Möwenort— kennen Sie den?“ „Nein, ich kenne ihn nicht, aber er wird ſich fin⸗ den laſſen.“ „O gewiß. Und ſehen Sie, das paßt auch ganz gut zu dem ſauberen Herrn Halling. Denn eine ödere Gegend giebt es am ganzen Strande von Rügen nicht. Weit und breit kann er das Land und Meer über⸗ ... 2 e 4 ſehen, denn da giebt es keine Wälder und Häuſer, /— und wenn einmal Jemand auf ihn fahnden will, ſo kann er leicht nach Dänemark hinüber ſchlüpfen, wo er auch ſeine Teufelsherberge haben ſoll. Die Ge⸗ ſchäfte, die er betreibt, beziehen ſich übrigens mehr auf die Weſt⸗ als die Oſtküſte von Rügen, hörte ich ſagen, und wenn er wirklich auf oder bei Möwenort wohnt, ſo iſt er dort ſtets näher an ſeinem Hauſe als hier, wo er immer halb Rügen zwiſchen Geſchäft und Bett liegen hatte. Sehen Sie, Herr, das iſt Alles, was ich Ihnen ſagen kann, und nicht ein Sterbenswörtchen weiß ich mehr.“ „Ich bin Euch auch dafür dankbar, mein guter Freund, und werde mich noch viel dankbarer beweiſen, wenn Euer Wink von gutem Erfolg ſein ſollte. Für's Erſte nehmt dieſe kleine Unterſtützung von mir und ſorget, daß Eure Frau geſund wird und Eure Kin⸗ r haben.“ 166 „Ach, Herr, ſo viel Geld— Sie machen mich ja überglücklich.“— „Still davon,“ rief der Maler, des Mannes dank⸗ bar hingeſtreckte Hand faſſend und drückend.„Nun aber muß ich fort. Mein Weg iſt noch weit und es dunkelt ſchon. Lebt wohl! Ich hoffe, wir haben uns nicht zum letzten Mal geſehen.“ „Wolle es Gott, Herr, und daß Sie Ihre Zwecke erreichen! Aber nehmen Sie ſich in Acht mit dem Kerl. Er iſt ein Geier, der ſeine eigene Brut nicht ſchont, wenn er gierig iſt.“ Heinrich Markholm hatte ſchon ſeinen Schimmel beſtiegen und noch einmal grüßend, ſetzte er ihm die Ferſen ein und ſprengte in vollem Galopp davon, ſo daß ihn Wieſel bald aus den Augen verlor. Dann erſt öffnete dieſer die Hand, die er bis jetzt feſt geſchloſſen gehalten, zählte das empfangene Geld und ſagte: „Zehn Thaler! Daß ſich alſo einmal Gott erbarmt hat! Nun, das muß ein reicher Mann ſein, aber wenn er mir hundert Thaler gegeben, ich hätte ihm kein Wörtchen mehr ſagen können. Und nun iſt es abge⸗ macht, jetzt gehe ich nicht mehr nach dem Kreidebruch; in Sagard wird ſich wohl auch noch etwas auf ehr⸗ liche Weiſe verdienen laſſen!“ 167 Schneller hatte der Schimmel noch niemals mit ſeinem jugendlichen Reiter laufen müſſen als an die⸗ ſem Abend. Dennoch war es ſchon ziemlich finſter, als Heinrich Markholm auf dem Hofe zu Grünthal anlangte, wo er raſch abſtieg und ohne Jemanden auf⸗ zuſuchen, ſogleich in das Arbeitszimmer ſeines Wir⸗ thes trat. Hier zündete er ſich ein Licht an und nahm dann eine große und ſehr ſpecielle Karte von Rügen von der Wand, um in Wittow nach dem ihm unbekannten Möwenort, zu ſuchen. Der war nun bald gefunden und nach der Karte zu ſchließen war es ein vor⸗ ſpringendes, hochliegendes Ufer, das man ja auf ganz Rügen„Ort“ nennt. Als nun der Maler die Küſte von Wittow überflog und etwas tiefer blickte, kam ihm plötzlich die Inſel Oehe vor die Augen und wie ein Blitzſtrahl fuhr ihm dabei ein neuer Gedanke durch den Sinn. „Hm!“ ſagte er zu ſich,„die Oehe iſt näher am Möwenort als Grünthal. Hier bin ich allein und auf der Oehe iſt Brunſt, iſt Melms, ſind meine übrigen Freunde alle zuſammen, und das, ſollte ich meinen, wäre genug, um mir für diesmal den Weg zu weiſen. Ja, ich thue es, der Entſchluß kommt zu raſch, um nicht gut zu ſein, und ſchon morgen früh breche ich .1 5. 168 — auf, um die Gaſtfreundſchaft des alten Herrn ebenfalls in Anſpruch zu nehmen. Ich ſoll ja zu jeder Stunde willkommen ſein, hat mir mein Freund geſchrieben.“ Ohne ſich aufzuhalten, ging er nun zu den beiden alten Damen, die ihn wie immer mit herzlicher Freude begrüßten und ohne weiter nach ſeinem Appetit zu fragen, ein reichliches Mahl auftiſchten. Erſt nachdem er ruhig gegeſſen, tbeilte der Maler ſei⸗ nen Entſchluß mit, amnächſten Morgennach der Oehe auf⸗ zubrechen, was ein unſägliches Erſtaunen bei den Frauen hervorrief, die ſich an den freundlichen Gaſt. ſo gewöhnt hatten, daß ſie den Gedanken nicht ſo leicht faſſen konn⸗ ten, ihn nun auch noch und ſo ſchnell zu verlieren. „Aber wie ſind Sie denn ſo raſch auf dieſe Reiſe gerathen?“ fragte die gute Fri von Buchholz, wäh⸗ rend die ſtillere Albrecht mit verwunderter Miene da⸗ neben ſtand und endlich auch fragte, ob es ihm denn nicht mehr auf Grünthal gefalle? „Es gefällt mir hier noch ſo gut wie ſonſt,“ ant⸗ wortete er,„aber ich habe nothwendig mit Herrn Brunſt zu ſprechen, der ſich ſehr für eine Angelegen⸗ heit intereſſirt, die ich ihm mitzutheilen habe.. „Das iſt etwas Anderes!“ riefen die Damen. „Dann fahren Sie in Gottes Namen. Schon mor⸗ gen früh wollen Sie fort?“ „Ja, es iſt ein weiter Weg und ich möchte gern vor Abend auf der Oehe ſein. Ich bedaure dabei nur, daß ich Ihnen einen Kutſcher wegnehme, da die Männer jetzt doch alle Hände voll auf dem Lande zu thun haben.“ „So reiten Sie doch!“ fiel Frau von Buchholz ein. „Reiten? Das müßte ſehr ſonderbar ausſehen, wenn ich mit meinem Koffer und dem Cellokaſten auf dem Schimmel ſitzen wollte.“ „Ei, die große Geige werden Sie doch nicht mit⸗ nehmen wollen? Und den Koffer? Sie kommen ja wieder, denke ich. Herr Brunſt ritt früher auch oft nach der Oehe und da nahm er ſeine Siebenſachen in einem niedlichen Mantelſacke mit, der noch oben auf dem Boden liegt.“ Heinrich Markholin beſann ſich nur zwei Minuten. Die Frau hatte Recht. Es konnte ja ſein, daß ſein Wirth bald mit ihm nach Grünthal zurückkehrte, und außerdem ritt er viel lieber allein, als daß er in Ge⸗ ſellſchaft eines Kutſchers langſam fuhr. So ward es denn beſchloſſen, daß er den Weg zu Pferde zurück⸗ legen ſollte; der Mantelſack ward hervorgeſucht und noch vor Schlafengehen mit dem Nothwendigſten gefüllt. Am nächſten Morgen zu rechter Zeit aber nahm der Maler Abſchied von den treuherzigen Bewohnern Grünthal's, die ihm tauſend Grüße an ihren lieben 170 Herrn und die übrigen Freunde auftrugen, und be⸗ ſtieg den Schimmel, der ſchon wieder luſtig wieherte und mit Freuden ſeinen Reiter in den goldenen Mor⸗ gen hinaustrug. O wie friedlich und heimatlich lag das freundliche Grünthal im herrlichen Sonnenglanze da, als der Maler das Gehöft verließ, in dem er ſo viel Gaſt— freundſchaft genoſſen, ſo viele Freude und nur wenige Leiden erfahren, ſein letztes abgerechnet, an dem ja Grünthal keine Schuld trug. Es wurde ihm ordent⸗ lich ſchwer, von dem traulichen Orte zu ſcheiden, er drehte ſich wiederholt um, um noch einmal die Fenſter blinken und das rothe Dach durch die Bäume ſchim⸗ mern zu ſehen. Endlich aber entſchwand es ſeinen Augen und nun trabte er munter vorwärts, um noch vor Mittag Bergen zu erreichen, wo er ſeinem Pferde und ſich einige Stunden Ruhe gönnen wollte. Ahnungslos ritt Heinrich Markholm weiter, Ge⸗ danken ſchwirrten genug durch ſeinen Kopf und Em⸗ pfindungen wogten in Ueberfülle durch ſein Herz: das aber dachte und wußte er nicht, daß er reich an Geheimniſſen beladen zu ſeinen Freunden eilte und daß er Vielen große Freude hätte bereiten können, wenn das Räthſel, das er mit ſich fort trug, eine Lö⸗ ſung für ſie gehabt hatte Sechstes Kapitel. Eine gemüthliche Unterhaltung. So lange wie diesmal waren die drei alten Freunde ſelten beiſammen geweſen und, abgeſehen von der un⸗ angenehmen Veranlaſſung, die dieſe Vereinigung zu Stande gebracht, waren ſie alle Drei gleich glücklich darüber und gaben ſich mit ganzem Herzen ihren ge⸗ genſeitigen Mittheilungen und den Genüſſen hin, von denen ihre Beſuche ſtets begleitet waren, mochten ſie nun auf der Oehe oder einem der andern beiden Güter ſtattfinden. Ein Jeder von ihnen war bei dem Andern voöllig zu Hauſe, Jeder that, was ihm beliebte, und nur bei den Mahlzeiten und während der Unterredungen oder Berathungen, die ſie faſt alle Tage abhielten, vereinigte ſie daſſelbe Intereſſe auf einem Punkt. Was für ein aufmerkſamer Wirth Herr von der 172 Oehe gegen ſeine Gäſte war, wiſſen wir ſchon, und in der That konnte Niemand gaſtfreier und rückſichts⸗ voller gegen dieſelben verfahren als er. Er hätte ſich in dieſer Eigenſchaft namentlich diesmal unter den drei alten und den beiden jungen Freunden vollkom⸗ men glücklich gefühlt, deren Verbindung durch die An⸗ weſenheit der Damen noch mehr verherrlicht wurde, wenn nicht die Beſorgniß ihn ſtündlich heimgeſucht, daß ein neuer Angriff auf ſein allen äußeren Feinden ſo preisgegebenes Beſitzthum jeden Augenblick erfolgen könne. Dieſe Sorge war es allein, welche ſeine Stirn in der gegenwärtigen Zeit verdüſterte und ihm die Freude ſeiner Tage und die Ruhe ſeiner Nächte trübte, obwohl er ſich die größte Mühe gab, ſo ruhig und gefaßt wie möglich zu erſcheinen, auf daß Niemand den Wurm errathe, der an ſeinem Herzen fraß. Allein dieſe Mühe war bei den ſcharfblickenden Augen, die ſich zu jeder Stunde forſchend und prüfend auf ihn richteten, eine vergebliche. Jeder wußte, daß ſein alter Stolz tief verletzt, der Traum ſeiner Unantaſtbarkeit zerſtört und ſeine Eigenliebe gefährlich verwundet war, eine dreifache Einbuße, die bei einem Manne ſeines Sch hlages ſchwer in die Wageſchale fiel, und wofür es im Ganzen und Einzelnen kein Gegengewicht bei ihm gab. Und da er das fühlte, auch ſein offenherziger Freund Brunſt nie ſeine Anſicht der Dinge verhehlte, ſo geſchah es, daß er ſich dadurch allmälig noch mehr in eine Aufregung hineinarbeitete, die er nicht immer verbergen konnte und die endlich, je länger er ſie be⸗ zwungen, dann oft plötzlich mit hell lodernder Flamme aus ſeinen Mienen und Worten brach. Sein fried⸗ liebendes Herz, das ſo lange keinem Zwieſpalt zu be⸗ gegnen gehabt, hatte dabei eine gänzliche Umwandlung erlitten; er ſtellte ſich den zu erkämpfenden Sieg bei dem erſten feindlichen Zuſammenſtoße mit den Stein⸗ zangern ſo überaus leicht vor, daß er von Tage zu Tage einen erneuerten Angriff heißer erſehnte, um mit ſeiner verſammelten und geheimgehaltenen Macht wie der Blitz auf den Uebelthäter loszubrechen, dem Unfrieden auf einen Schlag ein Ende zu machen und dadurch der Welt zu beweiſen, daß er auch ohne Hülfe der Behörden den räuberiſchen Attentaten einiger ſchlechten Menſchen gewachſen ſei. 1 Und gerade dieſe machtloſe Haltung der Behör⸗ den ſtachelte ſeinen Groll und zugleich ſeinen perſön⸗ lichen Muth nur noch mehr an. Er vermied es jetzt mehr als vor wenigen Tagen, ſeine Klagen über die⸗ ſen Punkt laut werden zu laſſen, und in der That hatte er die Hoffnung, daß man ihm amtlicher Seits zu Hülfe kommen würde, gänzlich aufgegeben. Darum 8 1 8— war er überaus verwundert und beinahe ergrimmt, als zwei Tage vor der Zeit, die wir im letzten Kapitel durch die Abreiſe Heinrich Markholm's nach der Oehe bezeichnet, unerwartet der Gensdarm aus Gingſt kam, ſich bei ihm meldete und ſagte, daß er geſchickt ſei, die Inſel gegen fernere räuberiſche Anfälle zu bewah⸗ ren und wo möglich einen der Thäter zu ergreifen, um ſo dem Diebsneſte auf die Spur zu kommen und es ein für alle Mal zu zerſtören. Es werde auch eine Strafe von fünfzig Thalern auf das Steinzangen aus⸗ geſetzt werden, fügte er bei, und wer ſich beikommen laſſe, auch nur einen Stein auf dem Gebiete der Oehe vom Grunde der See zu erheben, ſolle dem Geſetze unnachſichtlich verfallen ſein. Herr von der Oehe, der gerade mit Alfred Brunſt 1¹ auf der Inſel umherwanderte, als der Gensdarm ein⸗ I traf und dieſe Mittheilung brachte, lächelte etwas ironiſch, nachdem der Mann ausgeſprochen.„Mein Freund,“ ſagte er,„es handelt ſich hier nicht mehr um die Steine an meiner Inſel allein, ſondern es iſt ein viel größeres Attentat auf meinen Beſitz ausgeübt. 3 Man hat mir Vieh geſtohlen und ſogar Feuer an mein Korn anzulegen verſucht, was man vielleicht auch an meinen Häuſern und übrigem Hab' und Gut fortzuſetzen geneigt iſt. Ich bin Ihnen, obwohl Sie — 175 ſehr ſpät gekommen ſind, allerdings dankbar für Ihre Mühwaltung, aber meine Sorge wird es ſein, daß Sie, der Sie ſo eben krank geweſen ſind, keinen Schaden bei mir erleiden. Ich werde Sie daher möglichſt in Schutz nehmen gegen die Angriffe der Banditen und Sie in's Hintertreffen ſtellen, wenn es losgeht, damit Ihre Behör⸗ den nicht in Gefahr ſind, einen Mann zu verlieren, deſſen Leben ſo wichtig für die Erhaltung des Staates iſt.“ Der Gensdarm, als er dies hörte und eigentlich nicht recht begriff, ſah bald Herrn von der Oehe, bald deſſen Freund mit deutlich ausgeprägtem inneren Zweifel an, ob das eben Gehörte wohl ernſtlich gemeint ſei. Endlich aber merkte er an dem feinen Lächeln Alfred Brunſt's, daß es doch wohl nicht ganz im Ernſt ge⸗ ſprochen ſei, und indem er ſeine ſtämmige Figur ſtolz aufrichtete und ſich dann verbeugte, ſagte er:„Oho, mein Herr, vor allen Dingen dürfen Sie mir nicht anrechnen, daß ich nicht früher gekommen bin. Erſt geſtern habe ich den erſten Befehl dazu erhalten und nur auf ſpecielle Weiſung konnte ich meine Reiſe an⸗ treten. Auch verkennen Sie mich gänzlich, wenn Sie glauben, ich wolle aus der Schußlinie bleiben, falls es wirklich los gehen ſollte, im Gegentheil, ich werde meine Pflicht thun, wie jeder brave Soldat vor'm Feinde, das ſollen Sie erlében.“ Herrn von der Oehe's gutmüthiges Herz war ſchon bezwungen.„Nun, nun,“ verſetzte er,„an Ihrem per⸗ ſönlichen Muthe habe ich noch nicht gezweifelt, ich dachte nur an Ihre Frau und Kinder, wenn Sie Ge⸗ fahr laufen ſollten. Haben Sie nicht eine Frau und Kinder?“ „Ja und drei Kinder ſogar, Herr von der Oehe, und prächtige Jungen ſind es.“ „Nun ſehen Sie wohl. Alſo ſchonen Sie ſich. Für's Erſte werde ich Ihnen eine Wohnung anweiſen laſſen; ſodann eſſen und trinken Sie, ſo viel Sie können, und pflegen ſich; das Uebrige wird ſich finden. Ich habe jetzt das Commando hier übernommen und kein Menſch ſoll es meinen Händen wieder entreißen, bis ich eine ſiegreiche Schlacht geliefert.“ Der Gensdarm verneigte ſich zuſtimmend und folgte dann dem heimlich gegebenen beſchwichtigenden Winke Alfred Brunſt's, das heißt er entfernte ſich, ward vom Statthalter in ſein Stübchen gewieſen und nahm hier zunächſt ein ſo reichliches und wohlſchmecken⸗ des Frühſtück ein, wie er lange keins genoſſen habe mochte.—- Unter den leicht beweglichen und von verſchiedenen inneren Anreizen hier und dorthin getriebenen An⸗ weſenden auf der Inſel Oehe war diesmal wie faſt 177 immer Carl Melms der ſtillſte und harmloſeſte. Da⸗ zu veranlaßte ihn nicht nur ſein gerade in dieſer Zeit oft hervorbrechendes Herzübel, ſondern auch ſein ſanftes Naturell, das ſich immer mehr abwartend den äußeren Ereigniſſen gegenüber verhielt und nur da lebhaft und energiſch eingriff, wo ſein Beiſtand gefordert oder ſein gutes Herz in Mitleidenſchaft gezogen ward. Er gab ſich alle Mühe, den Freunden das Weh zu verbergen, das ihn faſt jeden Tag zwei oder drei⸗ mal zu unbeſtimmten Zeiten befiel; er ſah es gern, wenn er in ſolchen Augenblicken allein ſein und ſich auf kurze Zeit niederlegen konnte, wobei er einige Linderung empfand; war er aber in Geſellſchaft, ſo bekämpfte er ſtandhaft den tückiſchen Feind und ver⸗ ſuchte zu lächeln und Niemanden ahnen zu laſſen, was ihn ſo ſchwer bedrückte. Im geſelligen Verkehr mit den beiden andern Freunden und namentlich den jüngeren Bewohnern der J Inſel war Carl Melms der liebevolle, aufmerk⸗ ſame und überaus herzliche Menſch, als welchen wir ihn kennen gelernt haben. Niemals hatte er einen andern Wunſch als die Uebrigen, er fügte ſich im Kleinſten dem allgemeinen Begehren. Gegen die Da⸗ men insbeſondere war er überaus aufmerkſam und zu⸗ mn hen und gab ſeinem humoriſtiſchen Freunde Die Inſulaner. III. 12 111 4 nur zu oft Gelegenheit zu ſcherzhaften Bemerkungen, namentlich wenn man ſich zu Spaziergängen rüſtete. In ſolchem Falle hatten die zwei Damen’ ſtets vier höchſt bereitwillige Cavaliere, denn wie die beiden älteren Herren ſich um dieſelben bemühten, ſo thaten die beiden Jüngeren es ihnen nach, kamen aber trotz aller Eilfertigkeit ſelten früh genug, da Herr von der Oehe und Carl Melms ſchon alle Tücher und ſonſti⸗ gen tragbaren Gegenſtände längſt in Beſchlag genom⸗ men hatten. Bei ſolchen gelegentlichen Ausflügen war es er⸗ götzlich, den ſo eigenthümlich geſtalteten Zug zu beob⸗ achten. Voran gingen in der Regel Fräulein von Kulpen mit Guſtav Steinau, und Fräulein von Baſſe⸗ nitz mit dem ſtill vergnügten Muſicus, der ſehr bald die Gunſt dieſer liebenswürdigen Dame gewonnen hatte. Dieſen zwei Paaren folgten dicht auf dem Fuße, wie die unterthänigſten Knappen, Herr von der Oehe und Carling, Beide keuchend unter der Laſt der Schirme, Tücher, Hüte und was ſonſt zwei Damen auf einen ſtundenweiten Spaziergang mitzunehmen pflegen. Hin⸗ ter Allen her aber ſchlenderte lachend und ſpottend der zungenfertige Grünthaler Herr und ſelten unter⸗— ließ er es, ſich nach dem Stande der Luft der beiden Getreuen zu erkundigen, wenn die dani einen 4 3 177 * NRuheplatz erreicht hatten und die langſamer gehenden Alten vorſorglich erwarteten. „Ihr alten Thoren,“ ſagte er dann wohl heimlich zu den beiden Freunden,„Ihr bewegt Euch ſelbſt nur noch mit Mühe vorwärts und ſchleppt nun noch das ſeltſame Zeug da! Freilich dem alten Herrn verdenke ich das noch am wenigſten, der iſt ein Edelmann und zum Knecht der Damen geboren, aber daß Du, Car⸗ ling, auf Deine alten Tage noch ſo äffiſche Sitten annimmſt, wundert mich wirklich.“ Die beiden Gefoppten errötheten leicht und lach⸗ ten dann herzlich über den ſcherzhaften Freund, und dieſer lachte mit ihnen und freute ſich, daß ſie ihm Gelegenheit gaben, ſeinen Spott loszulaſſen. Aber nicht allein im Scherze war Alfred Brunſt ein genauer Beobachter alles Vorgehenden, er war es auch und ſogar in noch viel höherem Grade im Ernſte. Sein ſcharfes Auge richtete ſich auf Alles, was auf der Inſel geſchah, und wie ihm kein Segel in der ebligen Ferne Abends oder Nachts entging, wenn er einmal die Wache in der Fuchsgrube beſuchte, ſo bemerkte er auch Alles, was im Innern des Hauſes vorfiel und das Verhältniß der verſammelten Perſonen unter einander betraf. In dieſem letzteren Punkte ſchien ihn ſein Freund Melms, wie durch einen ge⸗ 4 12* heimen Inſtinet getrieben, ſtillſchweigend zu unterſtützen, und höchſtens, wenn Beide allein und ungeſtört waren, tauſchten ſie ihre Beobachtungen aus und ermunterten ſich gegenſeitig zu fortgeſetzten Beſtrebungen. So hiel⸗ ten ſie Beide, ohne daß er es ahnte, auf den alten Herrn ihr Augenmerk gerichtet, und jede Regung ſeiner Seele, falls ſie ſich durch Blicke oder Worte äußerte, hatte einen gewiſſen Werth für ſie. Außer dem alten Herrn aber beobachtete nament⸗ lich Alfred Brunſt die jungen Leute mit unabläſſiger Aufmerkſamkeit und vielleicht gerade da, wo ſie ſich am unbeachtetſten wähnten, wurde ihr Thun und Laſſen am allergenaueſten durchſpäht. Je mehr nun ſo Manches zwiſchen ihnen vorging, was den Augen der Uebrigen verborgen blieb, um ſo wohlgefälliger lächelte der gutherzige Mann, wenn es ihm nicht ent⸗ ſchlüpft war, und freute ſich im Stillen, da er nur ſelten ein Wort darüber verlor. Oft, wenn er ſah, wie Paul Sternberg's Augen der ſchönen Guſtava auf Schritt und Tritt folgten, ſein Ge⸗ ſicht ſich dabei hald mit ſorgenvoller Bläſſe, bald mit auffluthender Freudenröthe bedeckte, oder wenn er be⸗ merkte, wie auch des hochadligen und reichen Fräuleins von Kulpen ſauftes Auge forſchend auf des jungen Mannes nachdenklicher Stirn ruhte, dann lächelte er 8 heimlich und raſch abſeits gehend rieb er ſich die Hände, als habe er eine Freude erlebt, die noch Niemand mit ihm theilen dürfe, ein Gebahren, in dem aller⸗ dings etwas Geheimnißvolles lag, wenn man bedenkt, daß ſein Charakter im Ganzen ein ſo offener war und ſeine Aeußerungen ſtets auszudrücken pflegten, was in ſeiner Seele vorging. Allerdings war ſeine Beobachtung in Bezug auf die beiden eben genannten jungen Leute inſofern eine richtige, als zwiſchen ihnen Mancherlei vorfiel, was ſchon einem gewöhnlichen Beobachter wohl reichlichen Stoff zum Nachdenken geboten hätte, allein es war dies durchaus nichts, was die äußeren Formen berührte und höchſtens nur in tiefſter Stille und gleichſam unter der äußerlich ſichtbaren Oberfläche ihres Weſens vorging. Seitdem die beiden älteren Freunde auf der Oehe eingetroffen, waren Fräulein von Kulpen und Guſtav Steinau bei Weitem häufiger ſich allein über⸗ laſſen geblieben, da, wie ſchon bemerkt, der ſtille Mu⸗ ſicus bald zu der Fahne der älteren Dame geſchworen. Das Bündniß, welches jene Beiden eingegangen, hatte manche ihrer Intereſſen einander genähert und Guſtav Steinau ſchien nur zu oft geneigt, ſeinen Ver⸗ ſprechungen nachzukommen, indem er ſich bemühte, verſchiedene Einzelnheiten zu erfahren, die ſich auf den enterbten Neffen des Herrn von der Oehe bezogen und ſeinen jetzigen Aufenthaltsort zu entdecken ge⸗ eignet waren. Aber nicht allein dieſe Angelegenheit vereinte die beiden Perſonen ſehr oft, auch ihre beider⸗ ſeitige Vorliebe für die Literatur und deren Erzeug⸗ niſſe verknüpfte ſie, und wenn ſolche Verbindungs⸗ glieder zwei äußerlich und innerlich ſo begabte Leute verſchiedenen Geſchlechts allmälig feſter und feſter ver⸗ knüpfen, bleibt nur ſehr ſelten noch ein anderes aus, das ungleich mächtiger als jene, aber in Anbetracht der weit auseinandergehenden Verhältniſſe auch viel gefährlicher iſt. Doch wir wollen hierüber nicht zu viele Worte verlieren und lieber in unſrer Erzählung fortfahren, da das Verhältniß der beiden Genannten ſehr bald auf andere Weiſe an den Tag kommen wird. Nur ſo viel müſſen wir noch vorher bemerken, daß das Leben ſämmtlicher Inſelbewohner, jene Unruhe abge⸗ rechnet, die man in Betreff der feindlichen Angriffe hegen mußte, im Allgemeinen ein ſehr angenehmes war. Jeder vergnügte und unterhielt ſich auf ſeine Weiſe und da immer Zwei oder Drei an einer und derſelben Beſchäftigung Gefallen fanden, ſo war Nie⸗ mand auf ſich allein angewieſen, der geſellige Kreis, mochte er aus einzelnen oder allen Mitgliedern be⸗ ſtehen, war immer geſchloſſen und vollſtändig, und kein Tag verging, wo man nicht an Genüſſen Theil genommen hätte, die früher kaum dem Namen nach auf der Inſel bekannt geweſen waren. Was den nächtlichen Wachtdienſt anbetraf, der ſeit jenem Ueberfallstage unausgeſetzt fortgeführt worden war, ſo war derſelbe namentlich ſeit Ankunft des Gensdarmen ein ſehr erträglicher geworden. Dieſer pflichtgetreue und dienſteifrige Mann, der ſich bei der vortrefflichen Pflege auf der gaſtfreien Inſel ſo wohl wie nie in ſeinem Leben gebettet fand, wollte jetzt durch geſteigerten Eifer nachholen, was er durch ſein langes Ausbleiben vielleicht verſchuldet hatte. Er ließ es ſich nie nehmen, bis Mitternacht die Wache auf eigene Hand zu verſehen, und von zwölf bis zwei Uhr wechſelte Guſtav Steinau mit Willibald, Herrn von der Oehe, Alfred Brunſt und Melms ab, wäh⸗ rend der Statthalter, dem es einerlei war, ob er eine Stunde früher oder ſpäter aufſtand, ſeine Wache faſt jeden Morgen um zwei Uhr bezog. Glücklicher Weiſe waren die Nächte noch immer warm, wie die Tage des vorgerückten Auguſt noch ſchön und ſommerlich, und fegte einmal ein kühler Wind über die breite Waſſerfläche, ſo waren der ſchützenden Mittel genug vorhanden, um die zwei Stunden erträglich zu machen; da nun auch Jeder der Anweſenden gewiſſermaßen wetteiferte und gern einen Dieb erwiſcht hätte, ſo war Niemand vorhan⸗ den, der nicht mit einer gewiſſen Spannung und einem mit der Zeit noch mehr wachſenden Eifer den freiwillig übernommenen Dienſt gern und pünktlich angetreten hätte. Merkwürdig war es indeß, daß ſeit der Ankunft der drei Freunde auf der Inſel keine Störung von Außen wieder eingetreten und der Stattbalter alſo der Letzte geweſen war, der in jener zuvor bezeich⸗ neten Nacht ein nahendes Schiff bemerkt und drei Männer geſehen hatte, die ohne Zweifel nicht ohne Abſicht gelandet, aber ohne etwas auszurichten, durch den heftigen Wind und den ſo raſch anbrechenden Morgen zur Umkehr gezwungen worden waren. Auf welche Weiſe mochte nun dieſer Stillſtand zu erklären ſein? Früher war faſt kein Tag vergangen, wo nicht zwei oder drei Schiffe in unmittelbarer Nähe der Inſel Anker geworfen und Steine in beliebiger Zahl aus dem Grunde der See aufgewunden hatten. Jetzt blieb das Waſſer rings um die Inſel leer von dieſen Beſuchern, nur in der Ferne zogen, wie alle Tage, Segel auf Segel vorüber, keines aber kam auch nur auf Anrufweite heran und zeigte noch weniger die Miene, den früheren Diebſtahl fortſetzen zu wollen. 185 Geſchah dies nun vielleicht darum, weil die Uebel⸗ thäter ſich von ihren Arbeiten erholen und die Be⸗ wohner der Inſel durch längere Ruhe einſchläfern wollten, um ſpäter mit um ſo geſammelterer Kraft darüber herzufallen und ihr verbotenes Werk zu üben? Oder hatten ſie vielleicht gar erfahren, daß die Zahl der ſtreitbaren Männer auf der Oehe ſich bedeutend vermehrt und daß ſogar die ſo lange unthätige Be⸗ hörde den Gensdarmen geſchickt habe? Niemand von Allen wußte es zu ſagen oder das Räthſel auf eine andere Weiſe zu löſen, und obgleich der Statthalter, Guſtav Steinau und Willibald mit den Damen in der Nachbarſchaft vergnüglich umherſegelten, dabei alle geheimen Küſtenpunkte und Schlupfwinkel in Augen⸗ ſchein nahmen, niemals hatten ſie auch nur das kleinſte Boot erblickt, das einen verdächtigen Menſchen enthielt, und eben ſo wenig war am Strande der Inſel die geringſte Spur einer Landung wahrgenommen worden. So war der Tag endlich herangekommen, an wel⸗ chem Heinrich Markholm Grünthal verließ, um ſeine Freunde auf der Oehe aufzuſuchen, und von dieſem Tage an müſſen wir den Faden unſrer Erzählung wieder genauer verfolgen. Es war ein ſchöner ange⸗ nehmer Auguſttag, nicht allzu warm und nur ein ſanf⸗ 186 ter Oſtwind trieb leichte Wölkchen am blauen Himmel hin. Die beiden Damen waren am Nachmittag einer Einladung nach dem reizenden Nachbargute Poggenhof gefolgt, wo ein Freund Herrn von der Oehe's wohnte. Sie waren bald nach Tiſche abgefahren und Guſtav Steinau hatte ihnen zu Pferde das Geleite gegeben, jedoch nur bis zur Gränze des Gutes, da Herr von Platen, der Beſitzer deſſelben, nicht zu Hauſe und die Einladung nur an die beiden Damen ergangen war. Willibald Stillfried dagegen hatte auf eigene Hand einen Spaziergang unternommen, um einmal recht un⸗ geſtört die Lerchen des Feldes ſingen hören und ſei⸗ nen Tonphantaſien dabei in völligſter Muße nach⸗ bängen zu können. So waren die drei alten Freunde allein zu Hauſe geblieben und ſie hatten es ſich nun ſo recht bequem darin gemacht. In ihren Hausröcken ſaßen ſie im Schreibzimmer des Wirths, wo ja alle ernſten Be⸗ rathungen abgehalten wurden, tranken ihren Kaffee oder ihre Milch und dampften ſo herzhaft aus ihren langen Pfeifen dabei, daß die Stube eher einer Rauch⸗ küche als einem Wohnzimmer glich. — Noch lange nach dem Kaffee waren ſie hier bei⸗ ſammen geblieben, es plauderte ſich ſo gemüthlich in dem traulichen Gemach, und da ſie ſchon am Morgen 187 K eine weite Fußpromenade gemacht und ſich tüchtig auf den Feldern bewegt hatten, ſo kam ihnen die Ruhe ganz gelegen und ſie gaben ſich ihr mit vollem Wohl⸗ behagen hin.. Sie hatten eben die wichtige Sache des Tages abgehandelt, von der Herr von der Oehe am liebſten Tag und Nacht geſprochen hätte, der aber dadurch, daß ſie für jetzt erſchöpft ſchien, die Spitze abgebrochen war. Das deutete auch Alfred Brunſt an, indem er, auf dem Sopha ſich bequem dehnend und eine dichte Rauchwolke ausſtoßend, ſagte: „Nun, alter Herr, was hilft das viele Reden dar⸗ über, wir locken damit doch nicht den Hund aus dem Ofen. Moͤgen wir eine ganze Woche lang Kriegsrath halten, was helfen uns alle ſtrategiſchen Pläne, ſeien ſie auch noch ſo vortrefflich, wenn der Feind ausbleibt und wir kein Ziel haben, auf das wir unſer Pulver abbrennen können. Darum laß Deine Beſorgniß fah⸗. ren, alter Knabe, und ärgere Dich nicht mehr. Sieh, wenn die Kerle jetzt kommen ſollten, bei Tag oder Nacht, ſo ſind wir bald auf den Beinen, und ſieben Männer, denn ſo viel ſind wir ja jetzt, repräſentiren eine ganz reſpectable Macht. Allerdings, der gute Muſicus iſt für keinen vollen Kämpen zu rechnen, er hat etwas ſchwächliche Glieder und beſſere Ohren als 188 Augen, abgeſehen davon, daß er immer jodelt und pfeift und dadurch ſeine Anweſenheit verräth, wo er ſich verbergen ſollte. Allein die Macht, die uns etwas anhaben will, muß eine ſehr beträchtliche oder eine ſehr heimtückiſche ſein.“ „Das iſt ſie beides,“ rief Herr von der Oehe von ſeinem Stuhle aus, auf dem er ſich hin und her wiegte,„das hat der Kerl bewieſen. Er gebietet über viele Schiffe und weiß die Gelegenheit abzupaſſen, wenn ihm ein Schlag gelingen kaͤnn.“ „Nun ja doch, alter Herr, das iſt aber vorbei und jetzt thut er Dir ja nichts.“ Der alte Herr that ein paar ungeheure Züge aus ſeiner Pfeife, als beſinne er ſich auf eine ſehr ernſte Entgegnung und ſagte dann plötzlich:„Nein, jetzt thut er mir nichts, das iſt wahr und es thut mir leid genug, daß Ihr hier ſo viele Tage im Nichtsthun verbringt, da Ihr zu Hauſe doch auch Eure Geſchäfte habt. Ich bin vielleicht zu voreilig geweſen, daß ich Euch nach der Oehe berief.“ Alfred Brunſt wollte eben etwas erwidern, ſeine Lippen verzogen ſich wenigſtens ſchon zu ſeinem ge⸗ wöhnlichen Lächeln, als Carl Melms plötzlich aus ſeiner Ruhe auffuhr und mit einem herzlichen Blicke ſeines treuen Auges ausrief: 189 „Nichts da, nichts da, alter Herr, Du biſt auf keine Weiſe zu voreilig geweſen. Deine Geſchäfte ſind unſre Geſchäfte, ſo haben wir es ſeit langen Jahren gehalten und zu Hauſe vermißt man uns nicht, da dort Alles ſeinen geordneten Gang geht.“ „Gut denn,“ rief Herr von der Oehe erfreut, „wenn Ihr es ſo anſeht, bin ich zufrieden und danke Euch von ganzem Herzen. Warten wir alſo gedul⸗ dig ab, was kommt, und vergehen noch zwei Wochen in dieſer Ruhe, ſo nehme ich an, daß dieſer Feld⸗ zug zu Ende iſt und Ihr könnt in Eure Winterquar⸗ tiere heimkehren, falls es Euch bei mir nicht mehr behagt.“ Alfred Brunſt's feine Lippen umſpielte ein ironi⸗ ſches Beben, aber er bemühte ſich, ſeinen Einfall zu unterdrücken, und ſo ſagte er nach geraumer Pauſe mit ernſter Miene: „Alter Herr, halte den Feldzug nicht zu früh für beendigt. Ich traue dieſem Frieden nicht recht. Der Feind iſt uns vielleicht näher als wir denken, er kann ſchon dieſe Nacht wieder einen Schlag aus⸗ führen— „Da käme er mir eben recht!“ unterbrach ihn der alte Herr, indem er von ſeinem Sitze aufſtand und mit fechtender Rechten auf⸗ und niederſchritt.„Ich 190 bin heute bei Laune und werde einmal ſelbſt auf den Poſten gehen.“ „Wer hat denn heute von Zwei bis Vier die Wache?“ fragte Melms.„Das iſt jedenfalls die ge⸗ fährlichſte Zeit und der alte Statthalter nickt am Ende ein Bischen auf ſeinem weichen Strohlager.“ „O,“ verſetzte Herr von der Oehe,„heute von zwoͤlf bis zwei Uhr wacht Sternberg und der bleibt in „ der Regel noch etwas länger da, weil er ſo gern die Natur beobachtet und Tag und Nacht wechſeln ſieht. Er iſt ſo ſicher wie der Gensdarm oder ich, und was ſeine Angen betrifft, ſo—“ „Hat er ja den Tubus!“ bemerkte Alfred Brunſt ſcherzend. „Den hat er, ja, aber ſeine Augen ſind auch ohne Tubus ſcharf genug.“ „Er hat nicht allein ſcharfe Augen,“ fuhr Alfred Brunſt, abſichtlich den Gegenſtand feſthaltend, fort, „ſondern auch kräftige Arme, eine redliche Zunge und, was das Beſte iſt, ein warmes Herz— nicht wahr, alter Herr?“ 4 „Ja, das hat er, Alles mit einander.“, „Nun ſiehſt Du, Du kannſt alſo immer daran denken,“ fuhr Jener mit hell aufleuchtenden Augen fort,„wie Du ihn für ſeine häufigen Nachtwachen 191 einſt belohnen wirſt, denn ein Edelmann, wie Du einer biſt, läßt ſeine Vaſallen doch nicht umſonſt Kriegs⸗ dienſte thun.“ Er ſprach dies in ernſtem Tone und doch brach ganz leiſe eine feine Ironie durch, die der gute Oehe aber nicht bemerkte. „Was ſoll ich ihm thun für ſeine Freundlichkeit?“ antwortete er, an den Troddeln ſeiner Pfeife zupfend und nachdenklich vor ſich niederſchauend. Melms warf Alfred Brunſt einen ermuthigen⸗ den Blick zu, dieſer fing ihn auf, holte tief Athem und ſagte mit ruhigſtem Gleichmuth:„Ich wüßte wohl, welche Belohnung er am liebſten von Dir nähme.“ „Was meinſt Du?“ fragte der Wirth mit ernſter und doch neugieriger Miene. Der Grünthaler Freund lächelte vor ſich hin, dann ſagte er langſam und gleichſam jedes Wort bedächtig abwägend:„Dieſe drei Künſtler haben eigentlich eine recht intereſſante Reiſe gemacht und gewiß nicht von dem kleinen Rügen erwartet, was ſie daſelbſt gefunden. Sie werden noch lange, wenn auch nicht an uns, doch an ihre anderen Bekanntſchaften zurückdenken. Mein heiterer Gaſt iſt verliebt wie ein Täuberich, das be⸗ weiſt am beſten ſein langes Verweilen in Grünthal, 192 und dieſer hier— ich meine den Sternberg— iſt nahe daran, ihm nachzuahmen. Nun, gebe Gott Bei⸗ den ſeinen Segen, ich mache auf kein Weib Anſpruch, ſehe aber recht gern, wenn Andere ihre Freude daran haben!“ Die letzten Worte ſprach er leicht hingeworfen, aber in dem Tone, womit er ſprach, lag eine gewiſſe Un⸗ behaglichkeit, die jedenfalls künſtlich berechnet war und auch ſogleich ihre Wirkung hervorbrachte. „Höre'mal, großer Jung',“ erwiderte Herr von der Oehe,„wer Dich nicht kennte und doch ſo ſprechen hörte, ſollte meinen, Du mißgönnteſt den armen jungen 4 Leuten ihr Vergnügen, und doch wärſt Du der Erſte, der es ihnen von Neuem in die Taſche ſteckte, wenn ſie es bei irgend einer Gelegentheit zufällig verlieren ſollten.“. Alfred Brunſt warf Carl Melms einen triumphi⸗ renden Blick zu und dieſer beantwortete denſelben mit einem anregenden Zublinzeln ſeines blauen Auges. „Da magſt Du wohl Recht haben, alter Herr,“ fuhr Jener mit geſpanntem Geſichtsausdruck fort,„und wenn ich ſo glücklich wäre wie Du, eine ſo ſchöne und reiche Nichte zu haben, ſo wäre die Hand derſelben das ſchönſte Geſchenk, was ich dem jungen Manne machen könnte, der blos Vermögen braucht, um ſeine 193 Talente auszubeuten und eine bedeutende Stellung zu erringen.“ Der alte Herr ließ die Pfeife aus der Hand glei⸗ ten, riß beide Augen ſo weit auf wie er konnte und ſtarrte den alten Freund an, als wollte er fragen, ob er im Ernſt oder Scherz geſprochen habe. Aber er wagte kein Wort zu erwidern, da er ſich über dieſen Punkt mit dem gewandteren Brunſt in keinen Streit einlaſſen wollte. „Nun, nur heraus mit der Sprache,“ fuhr dieſer ermuthigt fort,„ich meine es ernſtlich, ja, ja, alter Herr, ſchenk' ihm Deine Nichte und Du ſollſt ein⸗ mal ſehen, einen wie dankbaren Neffen Du an ihm haben wirſt.“ Der alte Herr ſenkte den Kopf.„Darüber ſollteſt Du eigentlich nicht reden, Alfred,“ ſagte er ſanft,„das iſt ja nicht meine Sache allein. Guſtava von Kulpen iſt meine Mündel, ja, aber ſie iſt ſelbſtſtändig. Aller⸗ dings kann ſie thun was ihr beliebt, höchſtens darf ich ihr meinen Rath ertheilen, allein— nimm es mir nicht übel— das Verhältniß zwiſchen ihr und dem — dem Dichter iſt doch ein Bischen ſehr verſchieden.“ „Wie ſo?“ fragte Alfred Brunſt mit leuchten⸗ dem Auge. 8„Sie hat ein großes Vermögen, ein ſehr großes, Die Inſulaner. III. 13 Alfred, gehört dem älteſten Adel Rügen's an— und Er iſt arm, fremd—“ „Wie!“ fuhr der ſanfte Melms beinahe heftig auf, „was ſagſt Du da, alter Herr? Die Gründe, die Du eben anführſt, werden doch nicht hinreichen, zwei Men⸗ ſchen aus einander zu halten, deren Herzen eins ſind?“ „Oho!“ rief jetzt der alte Herr,„ſind ſie denn das?“ „Frage doch Deine Nichte, ſie wird es Dir gewiß ſagen, oder wenn ſie Dir es nicht ſagt, wirſt Du es in ihren Mienen leſen können. Was ich geſehen habe, hat mir genügend geſchienen, um dieſe Verbindung für ſehr möglich zu halten, und ich würde mich an Deiner Stelle keinen Augenblick beſinnen, ſie zu ſchließen.“ Der alte Herr ſchwieg und ſchaute trübe vor ſich hin. Das Geſpräch war auf einen Punkt gerathen, den er lieber nicht im Kreiſe ſeiner Freunde berührt geſehen hätte. „Gieb Dir keine Mühe, Carling,“ ſagte da plötz⸗ lich Alfred Brunſt mit ſeinem kälteſten Tone, indem er jede Sylbe ſcharf hervortreten ließ,„Oehe hat einen ganz anderen Plan mit ſeiner Nichte vor Augen, und gegen den kann man allerdings nichts einwenden.“ Der Genannte riß wieder weit die Augen auf und ſtarrte den Redenden verwundert an.„Was für einen Plan meinſt Du?“ fragte er faſt rauh. H 195 „Du ſparſt die Guſtava für Deinen Neffen auf, den Sohn Deiner anderen Schweſter, um ihn durch ihr Herz und ihren Geldbeutel wieder auf das richtige Geleiſe des Lebens zurückführen zu laſſen.“ 4„Alfred!“ rief da der alte Herr mit faſt weiner⸗ lichem Tone und kläglicher Miene,„das war nicht hübſch von Dir! O nein, nein, nein, das war ganz wider die Abrede. Haſt Du mir nicht Dein Wort gegeben, nie wieder— von dieſem Menſchen zu ſprechen?“ „Ich ſchweige ſchon!“ rief Alfred Brunſt, der ſeinen kühnen Wurf redlich gethan hatte,„und wenn Du mich nie wieder von dieſem Punkte reden hören villſt, ſo gieb die Guſtava dem Dichter— ſie nimmt ihn, auf mein Wort!— ſonſt ſchleppt ſie Dir doch noch einmal— der Namenloſe weg.“ Der alte Herr ſprang auf und lief innerlich grol⸗ lend durch das Zimmer.„Es iſt gut,“ ſagte er,„und nun genug über dieſen Gegenſtand. Zu dieſer Berathung hatte ich Euch nicht eingeladen. Und was den Dich⸗ ter anbelangt, den Ihr in Euer Herz geſchloſſen habt, ſo kann ich ihm nicht eher ein Mädchen geben, als bis er darum angehalten hat. Dazu aber hat es noch lange Zeit, er iſt nicht ſo verwegen wie Ihr, ſondern beſcheiden, wie er ſein muß, und gerade darum hat er — mir auch ſo gut gefallen und ich habe ihn wahrhaft 13⸗. 196 lieb.“ Plötzlich ſchwieg er und ſchritt langſam zwiſchen den beiden Freunden hin und her, die ihn haarſcharf beobachteten und ſich von Zeit zu Zeit triumphirende Blicke zuwarfen. „Nun ſiehſt Du,“ fuhr Alfred Brunſt nachdrück⸗ lich fort,„das iſt alſo ſchon der erſte Schritt. Ja, ja, der Sternberg hat Kopf, Herz, Hand und Fuß auf der rechten Stelle. Er ſpricht prächtig, ſchreibt Styl wie ein Athener und lieſt wie Tiek köſt⸗ Er iſt ein Genie, mit einem Wort, und den t durch die Finger laufen, einen lich vor. ließe ich mir nicht ſo leich wenn er einmal dazwiſchen gerathen iſt.“ Der alte Oehe blieb plötzlich vor dem Redenden ſtehen und ſah ihn ernſt, aber nicht unfreundlich an. „Großer Jung',“ ſagte er,„ich weiß nicht, warum Du ſo hartnäckig auf Deinem Thema beharrſt. Ent⸗ weder der Sternberg oder die Guſtava muß Dich zu ihrem Vertrauten gemacht und mit irgend etwas be⸗ ſtochen haben, denn ſonſt pflegſt Du doch nicht ſo leicht zwei Menſchen zuſammen zu kuppeln. Ich will Euch aber etwas ſagen: Ihr wolltet mir heute vielleicht, wie ſchon früher, eine kleine Lehre geben, weil Ihr mich immer noch für ſtolz und auf den Namen und das Alter meiner Familie für eingebildet haltet. Aber dem iſt nicht ſo und Ihr könntet das eigentlich wiſſen. 197 Ja, ich bin ſtolz auf meinen alten Namen und Alles, was von meinen Eltern herſtammt, aber noch ſtolzer bin ich auf den wahren Menſchenwerth und noch mehr liebe ich das männliche Herz, wenn es auf der rechten Stelle ſitzt. Paul Sternberg halte ich nun für einen guten Menſchen und für einen rechten Mann und ich liebe ihn deshalb, aber Eins, wißt Ihr, gefällt mir ganz und gar nicht an ihm.“ Nun machten die beiden Freunde große Augen. „Was iſt denn das?“ fragte der ſtille Melms. „Erſtens kenne ich ſeine Familie nicht, und daß es damit nicht ſo ganz richtig beſtellt iſt, beweiſt mir ſein Schweigen darüber. Ich habe ſchon mehrere Male deswegen bei ihm angeklopft, aber er war nie zu Hauſe. Und ſeht Ihr, eben ſein Schweigen über dieſen Punkt hat etwas Geheimnißvolles, Räthſelhaftes für mich, und alle Geheimniſſe und Räthſel waren mir von jeher zuwider. Ich will dem Menſchen, dem ich die Hand reiche, der mein Brod ißt, der mit mir unter einem Dache wohnt, bis in's Herz ſehen können—ℳ „So nimm doch Deinen Tubus zu Hülfe!“ unter⸗ brach ihn Alfred Brunſt mit unnachahmlich komiſchem Ernſte. 8 Melms lachte laut auf und dadurch war die ernſte Sdiitaation in eine heitere übergegangen, was Alfred Brunſt vielleicht beabſichtigt hatte, da er auf dieſe Weiſe am leichteſten zum Zwecke kam. „Das werde ich thun, auf Deinen Rath, verlaß Dich darauf,“ fuhr der alte Herr fort.„Aber bis jetzt habe ich noch nicht in ſein Herz geblickt, ſo leicht ich es ihm auch gemacht habe, mir ſeine Familienverhält⸗ niſſe mitzutheilen.“ „Wie haſt Du denn das angefangen, alter Herr?“ fragte Alfred Brunſt ruhig. „Je nun, ich bin ihm mit Vertrauen entgegenge⸗ ommen. Eines ſchönen Abends, als ich gerade ein windelweiches Herz hatte, verſtand er mich ſo zu rühren, daß ich ihm meiner Vorfahren Geſchichte erzählte. Er war überaus ſchlau, lockte mir ein Wort nach dem andern ab und das Ende vom Liede war, daß ich ihm mein eigenes Leben auch erzählte.“ Die beiden Freunde hefteten ihre Blicke ſo feſt auf einander, daß jeder Menſch ſich darüber gewundert haben würde, wenn er es geſehen hätte, nur Herr von der Oehe ſah es nicht und wunderte ſich auch nicht darüber, da er ſo in Eifer gerathen war, daß er nichts um ſich her bemerkte. „Wie,“ rief Alfred Brunſt endlich mit leiſe beben⸗ der Stimme,„Du haſt dem Sternberg— dem Stern⸗ berg Deine Geſchichte erzählt?“ H „Nun ja doch, das habe ich gethan.“ „Und Deine Leidensgeſchichte mit Deinem—“ „Ja, ja, die auch. Ich war einmal im Zuge und da läßt ſich eine ſo alte Zunge nicht mehr halten, wie die meine iſt.“ „Nun, da bin ich begierig, zu wiſſen,“ verſetzte Al⸗ fred Brunſt, ſich wieder ſammelnd,„wie er das auf⸗ genommen hat.“ „O, ganz gut und darüber habe ich mich eigentlich ſehr gefreut. Er machte zwar ſehr wenig Worte, aber daß er Theilnahme empfand, ſah ich ihm an ſeinem bleichen Geſichte und ſeinen zwinkernden Augen an.“ „Hm, hm!“ ſagte Alfred Brunſt ſinnend und ſeinem Freunde Melms insgeheim zunickend.„Dann habe nur Geduld, alter Herr. Der Sternberg iſt ein vor⸗ ſichtiger Feldherr. Der hat ſeine Pläne mit Dir und Deiner Nichte alle fertig im Kopfe, und wenn die Schlacht am heißeſten iſt, kommt er im rechten Augen⸗ blick mit allen ſeinen Reſerven hervor und dann— Gnade Dir Gott, biſt Du dergeſtalt überrumpelt, daß Du ſchachmatt auf einen Zug wirſt— namentlich wenn Du gerade bei ſchlechter Luft wie heute biſt.“ Melms lachte nochmals laut.„Ja, wenn ich nur Luft hätte!“ ſeufzte der alte Herr,„dann wollte ich— wollte ich— was giebt es denn?“ 1 4 9 200 Mit dieſen Worten wandte er ſich an Metke, die geräuſchlos in's Zimmer getreten war und ſich be⸗ mühte, durch den dicken Tabacksqualm zu blicken, als ſuche ſie etwas. „Ich ſuche Herrn Brunſt und Herrn Melms,“ ſagte ſie. 2 „Na, kannſt Du denn nicht mehr ſehen?“ fragte der Hausherr heftig.„Da ſind ſie ja alle Beide!“ „Ach ſo, ja, jetzt ſehe ich ſie. Herr Brunſt, Sie möchten die Güte haben, in den Garten zu treten, es wünſcht Sie ein fremder Herr daſelbſt zu ſprechen. Und an Sie, Herr Melms, iſt ſo eben dieſer Brief angekommen.“ Alfred Brunſt nahm ſeinen Hut und verließ augen⸗ blicklich das Zimmer; Carl Melms aber erbrach den Brief und las ihn, und der alte Herr ſtand dabei und beobachtete das Geſicht des Leſenden.„Nun,“ ſagte er, als er den in der heißen Stube roth gewordenen Melms leicht erbleichen ſah,„was giebt es denn? Iſt er von der Lenz? Es iſt doch nichts vorgefallen?“ „Nein, alter Herr,“ entgegnete Carl Melms lang⸗ ſam und überaus nachdenklich.„Er iſt nicht von der Lenz, ſondern von Crampas und betrifft eine Frage, die ich in Alfred's Angelegenheit doört an Jemand richtete.“ 1 4 201 „So, ſo; nun, dann brauchſt Du doch nicht ſo zu erſchrecken!“ ſagte ruhig der alte Herr, nahm eine neue Pfeife und verließ das Zimmer, um noch einmal auf ſeine Felder zu gehen. Als er fort war, las Carl Melms den Brief noch einige Mal. Er wurde immer bedenklicher.„Das iſt merkwürdig,“ ſagte er.„Das muß Alfred wiſſen, ſo⸗ bald er wieder hereinkommt.“ Aber er ſollte noch eine geraume Zeit warten, bis der Abgerufene wieder hereinkam, denn Alfred Brunſt hatte im Garten Jemand gefunden, den er an dieſem Abend nicht auf der Oehe zu begrüßen erwartet und der ihm in der That eine Menge wichtiger Dinge mit⸗ zutheilen hatte, die ſogar viel wichtiger waren, als wofür ſie der Ueberbringer ſelber hielt. Siebentes Kapitel. Was der fremde Herr und der Brief aus Crampas bringen. Bevor mir uns ebenfalls in den Garten verfügen und „den fremden Herrn“ kennen lernen, der die oben an⸗ geführte Unterredung der drei alten Herren unterbrach, um mit Alfred Brunſt eine neue und noch bedeutungs⸗ vollere abzuhalten, wollen wir einige Stunden in der Zeit und zu unſerm Freunde Guſtav Steinau zurück⸗ kehren. Er hatte, wie wir wiſſen, die Damen von der Oehe nach der reizenden Beſitzung des Herrn von Platen begleitet, daſelbſt von ihnen Abſchied genom⸗ men und war dann, um ſich zu zerſtreuen, rückwärts geritten, ohne ſo recht auf den Weg zu achten, den ſein munteres Pferd einſchlug. Das Ziel ſeines heu⸗ tigen Rittes war ihm einerlei, er wollte ſich nur eine tüchtige Bewegung machen und dadurch ſeine Empfin⸗ dungen in das richtige Gleichgewicht ſetzen, welches ſie, wie es ihn ſelbſt bedünken wollte, einigermaßen verloren hatten. 1. Unſer junger Freund befand ſich an jenem Tage in einer eigenthümlichen Lage. Ohne ſich gerade we⸗ der beſonders glücklich noch unglücklich zu fühlen, denn zu Beidem fehlte ihm ein vollgültiger Anlaß, ſuchte er ſich über ſeine Verhältniſſe klar zu werden, die ihn mehr mit ſich fortriſſen, als daß er ſie bemeiſtert hätte. Als er dies erſt erkannt, folgte er, ohne ſeiner Hand⸗ lungsweiſe eine beſtimmte Richtſchnur vorzuzeichnen, unwillkürlich dem Strome eines ſeltſamen Verhäng⸗ niſſes, das über ihm zu ſchweben und ihn immer tie⸗ fer in ungeahnte Verwickelungen zu verſtricken drohte. Wäre er weniger edel und etwas mehr ſelbſtſüchtig in der Auffaſſung des Freundſchaftsverhältniſſes gewe⸗ ſen, welches ihn mit Heinrich Markholm verband, er hätte ſich vielleicht glücklicher gefühlt, aber ſo, wie er einmal war, ſtand ihm noch immer der heitere Maler als ein Schreckgeſpenſt vor der Seele, das ſich zwiſchen ihn und jene Guſtava von Kulpen ſtellte, die, er läug⸗ nete es ſich ſelbſt nicht länger, von Tage zu Tage einen tieferen Eindruck auf ſein Herz zu machen fort⸗ fuhr. So kam es denn, daß er ſich den ſüßen Ge⸗ 204 fühlen nicht hinzugeben wagte, die ihn allmälig in ihre Zauberkreiſe gezogen hatten, und daß er mit wachſender Sehnſucht auf eine Benachrichtigung Sei⸗ tens ſeines Freundes hoffte, welche die Ausſage Willi⸗ bald⸗ Stillfried's beſtätigte und ihn ſeinen quälenden Selbſtvorwürfen entriß. Ohne Zweifel hätte er ſich dieſe Vorwürfe erſpart und einer hoffnungsreicheren Lebensanſchauung hinge⸗ geben, wenn er ein Zeuge des Geſprächs geweſen wäre, dem wir an dieſem Nachmittage beigewohnt, er hätte daraus entnehmen können, daß einflußreiche Gön⸗ ner ſein Schickſal in die Hand genommen und mit ihrer Fürſprache bereits ein gewaltiges Hinderniß ſeines Glückes aus dem Wege zu räumen begonnen hatten. Allein dieſe Erkenntniß war ihm verborgen, wie es ja ſelten dem Menſchen beſchieden iſt, die Wolke zu durch⸗ dringen, die ſich über dem Pfade ſeines Geſchickes zu⸗ ſammengezogen hat. Allerdings war ſeit Alfred Brunſt's Ankunft auf der Oehe ein neuer Hoffnungsſtrahl in ſeine Bruſt gefallen, jedoch gab er ſich demſelben nicht mit ganzer Gläubigkeit und vollem Vertrauen hin. Alfred Brunſt hatte ihm nämlich gelegentlich erzählt, daß den Maler ein angenehmes Verhältniß in Grünthal feſſele, allein der Erzähler hatte von jeher gegen den Dichter ein ——·— ſeltſam doppelſinniges, mehr ſcherzhaftes als ernſtes Weſen angenommen, er hatte in Worten und Winken immer mehr errathen laſſen, als er zu enthüllen ge⸗. neigt geweſen, und ſo war Guſtav Steinau nicht ſel⸗ ten an ihm irre geworden und dadurch nur noch tie⸗ fer in einen wirren Strudel gemiſchter Gefühle ge⸗ rathen, die ihn auch an dieſem Tage in bange Zweifel verſetzten und ſein bewegtes Herz nicht zum ruhigen Schlagen kommen ließen. Außer dieſen ſein Herz bewegenden Einflüſſen war noch ein anderer Umſtand vorhanden, der Guſtav* Steinau in fortwährender Aufregung und Spannung erhielt. Dieſer Umſtand lag in dem eigenthümlichen Verhältniß, in welches er zu ſeinem Wirthe, dem Herrn von der Oehe gerathen war. Er hatte, wir wiſſen es ja, tief in das Herz dieſes Mannes geblickt, er hatte ſeine Lebensereigniſſe in allen Einzelnheiten kennen gelernt, und dies Vertrauen des alten Herrn hatte ihm unglaublich wohlgethan. Es drängte ihn daher, daſſelbe zu erwidern und Jenen auch in ſein Herz blicken zu laſſen. Allein die rechte Stimmung und die dazu geeignete Stunde hatte ſich noch immer nicht wollen finden laſſen, und namentlich ſeitdem die beiden alten Freunde gekommen, waren ſeine Vorſätze in dieſer Beziehung in weitere Ferne denn je gerückt worden. Dennoch aber gab er ſie nicht auf, ja der Verſuch mußte ſogar bald gewagt werden, das Herz des alten Herrn völlig zu erobern, noch bevor eine neue unerwartete Störung die Erreichung dieſes Hauptzwecks abermals verzögerte. 8 In ſolchen Grübeleien befangen ritt er heute von Poggenhof fort und da er in ſeinem jetzigen Leben nur ſelten eine Stunde hatte, in der er mit ſeinen inner⸗ ſten Gedanken ungeſtört verkehren konnte, ſo gab er ſich nun denſelben mit aller Heftigkeit eines leiden⸗ ſchaftlichen Herzens hin. Da ihm hierbei das Ziel gleichgültig war, welches er erreichte, ſo ließ er dem Pferde die Zügel und dieſes ſchritt langſam den ge⸗ wundenen Weg dahin, der durch die üppigen Felder der kleinen Halbinſel führte, deren Frucht meiſt überall abgemäht in mächtigen Garben aufgerichtet ſtand, da, die Erndte in dieſer Gegend ſchon ziemlich weit vor⸗ gerückt war. So hatte er ein Gut nach dem andern hinter ſich gelaſſen und der Nachmittag näherte ſich bereits dem Abend, der ſeine leichten Schwingen mit ſtillerem Ge⸗ flüſter allmälig über die fruchtbare Gegend ausbreitete. Guſtav Steinau richtete ſeine Blicke nur ſelken auf die Umgebung, kaum wußte er, wie weit er ſchon von der Oehe entfernt war und, allein ſeinen Grübeleien auf beiden Seiten nur kurze Zeit dauern, dann machte 207 hingegeben, dachte er nur an die Perſonen, die gegen⸗ wärtig ſeine ganze Seele erfüllten. Da ſtörte ihn plötzlich aus tiefem Sinnen das Wiehern ſeines Pferdes auf. Er erhob das Auge, blickte vor und um ſich, was dem muthigen Thiere zu dieſer Aeußerung ſeines Wohlbehagens wohl Anlaß ge⸗ geben haben mochte, und da gewahrte er in der Ferne einen Reiter, der denſelben Weg, aber in entgegenge⸗ ſetzter Richtung verfolgte, auf dem er ſich ſelbſt befand. Dies Begegniß hätte nun gerade nichts Auffallen⸗ des geboten, wäre dem guten Auge Guſtav Steinau's die Geſtalt des fremden Reiters nicht auf der Stelle bekannt erſchienen; als er aber einige Schritte weiter geritten, erſchrak er ſo ſehr, daß er ſein Pferd plötz⸗ lich anhielt und auf den raſch Näherkommenden einen Blick des Staunens und der höchſten Verwun⸗ derung warf. Nein, er täuſchte ſich nicht, es war wirklich Heinrich Markholm, der, in eben ſo tiefes Sinnen wie er ſelbſt verſunken, ihm hier gegen alle Erwartung auf freiem Felde begegnete und, ebenfalls ſein Pferd anhaltend, ſich mit prüfendem Blicke überzeugen zu wollen ſchien, ob ſein Auge ihm nicht ein Blendwerk vorſpiegele. Aber dieſes Staunen und dieſer Stillſtand ſollte 208 ſich das alte Freundſchaftsgefühl in ihnen geltend und, die gegenſeitige Ueberraſchung beſiegend, ritten ſie raſch auf einander los, begrüßten ſich mit herzlichen Blicken und tauſchten ſchnell einige Worte aus, die dieſe unerwartete Begegnung völlig erklärten. Noch eine Weile ihre Hände verſchlungen haltend, ritten die beiden Freunde nun neben einander auf dem Wege nach der Oehe weiter, aber ehe ſie auf den ihr ganzes Innere beſchäftigenden Hauptgegenſtand kamen, blickten ſie ſich forſchend gegenſeitig an und Jeder von ihnen geſtand ſich im Stillen ein, daß er ſeinen Freund einigermaßen verändert finde, denn auf Beider Zügen lagen die Spuren einer ernſt durchlebten und vielleicht noch viel Ernſteres verheißenden Zeit. Als ſie vor wenigen Wochen auf Grünthal ge⸗ ſchieden waren, hatte dieſer Ernſt des Lebens noch nicht an ihre Bruſt gepocht; lebensfroh, heiter und hoffnungsvoll hatten ſie ſich getrennt und nun erkann⸗ ten ſie zu ihrem beiderſeitigen Erſtaunen einen frem⸗ den Zug auf dieſen Geſichtern wieder, der bei dem heiterſten von ihnen, dem Maler, ſogar einen leichten Anſtrich von Traurigkeit und bei dem immer ernſteren Dichter einen Ausdruck ſinnender Erwartung ange⸗ nommen hatte. War es doch, als ob ein ſtörender Zwieſpalt, eine hemmende Gewalt zwiſchen ſie getre⸗ 209 ten wäre, das gewahrten ſie auf den erſten Blick— wie ſie aber Beide edel und ſich völlig ergeben waren, beſchloſſen ſie auf der Stelle, Jeder für ſich, daß die⸗ ſer Zwieſpalt ſogleich ſolle gehoben und das Hinderniß ihres alten Vertrauens bei Seite geräumt werden. Nachdem ſie daher die äußeren Verhältniſſe kurz beſprochen, Heinrich Markholm ſich nach dem Befinden Alfred Brunſt's erkundigt und Guſtav Steinau ihm im Allgemeinen die Lage der Dinge auf der Inſel ge⸗ ſchildert hatte, trat ein kurzes Schweigen zwiſchen ihnen ein, das Guſtav Steinau zuerſt zu brechen beſchloß, indem er ohne Zögern auf den Hauptpunkt des Tages einging. Er hielt ſein Pferd einen Augenblick an, blickte mit herzlicher Ergebenheit in das trübe Geſicht des Malers und ſagte: „Heinrich, bevor wir noch einen Schritt weiter rei⸗ ten, laß uns den alten Frieden herſtellen. So wie es jetzt iſt, kann es nicht bleiben, das Gewitter, das zwi⸗ ſchen uns liegt, muß ſich zertheilen und ich will der Erſte ſein, der das Seinige dazu beiträgt.“ Der Maler blickte überraſcht auf den ſo warm redenden Freund, den er nicht recht zu begreifen ſchien. „Was mag er nur wollen?“ fragte er ſich, ohne ſei⸗ nem Gedanken einen hörbaren Ausdruck zu geben. Sieh,“ fuhr Guſtav Steinau lebhaft und mit zu⸗ Die Inſulaner III. 14 nehmender Herzlichkeit fort, indem er ſein Pferd wie⸗ der langſam weiter gehen ließ,„ich habe Dir ſchon lange ſchreiben wollen, was mir auf dem Herzen lag, aber ich hoffte von Tage zu Tage Dich zu ſehen, und eine mündliche Mittheilung iſt immer beſſer als eine ſchriftliche. Jetzt aber fühle ich, daß ich unrecht ge⸗ handelt, ſo lange mit meiner Mittheilung gewartet zu haben, und nun färbt mein langes Schweigen meine Handlungsweiſe nicht mit dem rechten Lichte, ſelbſt in meinen eigenen Augen nicht.“ „Mein Gott,“ rief Heinrich Markholm, immer mehr in Verwunderung gerathend,„was giebt es denn? Es iſt doch nichts Unglückliches geſchehen?“ „Du ſollſt es ſogleich hören.“ Und nun erzählte Guſtav Steinau in ungeſchmückter Rede ſeine Begeg⸗ nung mit der Reiſegefährtin des Malers auf dem Rheine, in Bergen, ihre Ankunft auf der Oehe, er⸗ klärte ihren Namen, ihre Verwandtſchaft mit ſeinem Wirthe und wie er ſelbſt in ein freundſchaftliches Ver⸗ hältniß zu ihr gerathen ſei, wobei er indeſſen das Bündniß vor der Hand noch verſchwieg, das er in Bezug auf den Neffen des Herrn von der Oehe mit ihr abgeſchloſſen hatte. Während er noch mitten in der Erzählung begrif⸗ fen war, hatte der ſchlaue Maler ſchon in das Herz 211 des Sprechenden geſchaut und ſehr bald ſeine augen⸗ blickliche Lage ergründet. Er fing allmälig an zu lä⸗ cheln, vergaß dabei faſt ganz ſeinen eigenen Kummer und war zuletzt beinahe wieder der alte, heitere Hein⸗ rich geworden. „Haha,“ rief er, als Guſtav mit ſeinem Berichte zu Ende war,„das iſt ja eine förmliche Beichte! Nun, ich ſehe ſchon, wo die Sünde liegt, und ich will Dir gern die Abſolution ertheilen, wenn Du mir auf⸗ richtig meine Fragen beantworten willſt.“ „Gern, ja, frage nur!“ rief Guſtav aufathmend, da er bemerkte, daß ſein Freund ſeine Handlungsweiſe mit ſo heiterer Miene auffaßte. „Alſo Du haſt Freundſchaft mit meiner ehemaligen ſchönen Reiſegefährtin geſchloſſen?“ „Ja, Heinrich, das habe ich gethan.“ „Und dabei haſt Du Dich ein wenig in die rei⸗ zende Dame verliebt?“ Guſtav ſchwieg nachdenklich.„Nein,“ ſagte er end⸗ lich mit Anſtrengung—„verliebt habe ich mich nicht.“ „Oho, es iſt alſo noch ſchlimmer— Du liebſt ſie doch nicht am Ende ganz ernſtlich?“ Guſtav ſchwieg abermals— er ſollte hier etwas laut ausſprechen, was er ſich ſelbſt noch nicht einge⸗ ſtanden, und das wurde ihm faſt zu ſchwer. 14* 4 „Sprich Alles getreulich und ehrlich aus,“ ermu⸗ thigte ihn Heinrich Markholm.—„Ich werde Dir auch nachher eine Geſchichte erzählen, die Dein Blut in Wallung ſetzen wird,“ fügte er ſeufzend und trüb vor ſich niederblickend hinzu. „Ja,“ rief Guſtav Steinau, ſein wogendes Herz nicht länger bemeiſternd,„ich würde ſie lieben, mich dieſer Liebe wenigſtens mit voller Freude hingeben, wenn ich nicht in der ungeheuren Beſorgniß lebte, daß Du ſelbſt ihr Deine Neigung geſchenkt habeſt.“ O! Ich? Wie kommſt Du auf dieſen ſeltſamen 7,— Gedanken?“ fragte der Maler, ohne vom Sattelknopf außzuſohen⸗ Dieſer Gedanke iſt doch nicht ſo gar ſeltſam, Heinmich Du haſt mir ja oft genug geſagt, welchen angenrbee Eindruck ſie auf Dich gemacht, Du haſt ſie gezeichnet, gemalt, Du haſt für ſie geſchwärmt—“ „Halt, mein Junge, ja, ja, das iſt Alles wahr, wenigſtens hat mir ihre äußere Erſcheinung außeror⸗ dentlich gefallen und ſie gefällt mir auch noch, aber, ſiehſt Du, das iſt ja noch lange keine zärtliche Nei⸗ gung, wie Du ſie für ſie empfindeſt. Alſo, wenn das der Grund des Gewitters iſt, das zwiſchen uns ſchwe⸗ ben ſoll, ſo will ich es mit einem Worte zertheilen: — liebe ſie immerhin, ich liebe ſie ganz und gar nicht, 213 noch weniger aber habe ich die geringſte Abſicht, ſie Dir ſteitig zu machen.“ „Heinrich!“ rief Guſtav frohlockend—„iſt das wahr?“ 8 „Auf meine Ehre, es iſt wahr. Aber nun höre auch mich an. Ich verdanke dieſer Bekanntſchaft weit mehr, als Du für möglich halten kannſt. Ich trug 4 ihr Bild in mir, nicht im Herzen, doch in der Erin⸗ nerung. Mein Auge war noch immer für ihre wun⸗ derbare Schönheit offen, aber meine Seele hatte die⸗ ſelbe nicht berührt, noch lange nicht. Da begegnete mir nun etwas Eigenthümliches.“ Und er erzählte nun ſeine Bekanntſchaft mit Alwine Halling, berichtete, wie er eine herzliche Liebe zu ihr gefaßt und wie dieſe erwidert ward, verſchwieg aber zuletzt das traurige Ende derſelben, da er nicht geneigt war, ſeinen Freund gleich von vornherein in die Hoffnungsloſigkeit ſeiner augenblicklichen Lage blicken zu laſſen. Guſtav Steinau hörte mit athemloſer Spannung zu; jedes Wort verſchlang er von den Lippen des ehr⸗ lichen Freundes, und als dieſer geendigt, ſchöpfte er tief Luft und mit einem Erleichterungsſeufzer rief er beinahe fröhlich aus: „Alſo hat Herr Brunſt doch die Wahrheit ge⸗ ſprochen!“ 214 „Was hat er geſagt?“ fragte der Maler mit wie⸗ der wachſender Spannung. „Er hat erzählt, daß Dich ein kleiner Roman be⸗ ſchäftige und daß derſelbe allein Dich in Grünthal zurückhalte.“ „Da hatte er Recht. Aber was ſagte er ſonſt?“ „Er lächelte nur ſo auf ſeine feine Weiſe—“ „Ha! Machte er ſich über mich luſtig?“ „Gott bewahre, im Gegentheil, er ſchien den wärm⸗ ſten Antheil an Dir zu nehmen und vill Dir über⸗ haupt auf jede Weiſe wohl.“ „Ah!“ Gott ſei Dank! Höre, Guſtav, Du weißt nicht, wie glücklich Du mich mit dieſer Bemerkung machſt. Es iſt ein wahrer Glücksfall, daß wir uns hier begegnet ſind und ſo Gelegenheit fanden, uns in aller Stille die Seele frei zu ſprechen. Aber nun höre noch Eins. Bevor ich Dir den Ausgang meines Romans erzähle, muß ich erſt Herrn Brunſt ſprechen, und zwar noch bevor ich mich den andern beiden Herren vorſtelle. Es iſt das für mich wichtig, ich muß vor allen Dingen wiſſen, was ich zu hoffen habe. Kannſt Du mir dieſe Unterredung verſchaffen?“ „Das iſt ein ſehr leichtes Unternehmen. Bevor wir die Oehe erreichen, wird es ziemlich dunkel ſein. Wir ſetzen über, ich bringe Dich unbemerkt nach dem Garten, den um dieſe Zeit kein Menſch beſucht, und ſchicke Dir Herrn Brunſt hinaus, dann kannſt Du mit ihm ſprechen, ſo lange Du willſt.“ „Gott ſei Dank! Das iſt es, was ich mir auf dem ganzen Wege gewünſcht habe, und nun kann es gelingen. Brunſt iſt für mich jetzt eine höchſt wich⸗ tige Perſon, von ihm hängt ungeheuer Viel ab. Komm, laß uns zureiten, es wird raſch dunkel und ich finde nicht eher Ruhe, als bis ich mein Herz vor ihm aus⸗ geſchüttet habe.“ Während er noch ſprach, hatte er ſeinen Schimmel⸗ ſchon zum ſchnelleren Laufe angetrieben, der nicht mehr ganz ſo muthig war wie am Morgen, denn er hatte einen weiten Weg zurückgelegt, dennoch aber ſetzte er neben dem friſcheren Pferde Guſtav Steinau's ſeinen Weg munter fort und ſo kam man in nicht gar langer Zeit auf der Oehe an, wo dann alsbald Alfred Brunſt in den Garten gerufen ward, wie wir bereits berichtet haben. Als Letzterer in den ſchon ziemlich dunklen Garten eintrat, ſah er im Hintergrunde deſſelben unter den Bäumen eine männliche Geſtalt unruhig auf und ab ſchreiten, die ihm aber ſogleich entgegenkam, als er innerhalb der den Garten umſchließenden Steinmauer 216 ſichtbar wurde. Erſt als beide Männer dicht vor einander ſtanden, erkannte der Aeltere den Jüngeren und, einen lauten Freudenruf ausſtoßend, aber auch ſogleich einen ernſten Vorfall vermuthend, reichte er ihm ſeine edle Rechte hin. „Aber was heißt das, mein junger Freund,“ ſagte er nach den erſten gegenſeitigen Begrüßungen,„warum kommen Sie nicht in's Haus und rufen mich ſo ge⸗ heimnißvoll hierher?“ „Herr Brunſt,“ ſagte Heinrich Markholm mit leicht bebender Stimme und nun erſt bemerkte Jener die ungewöhnliche Unruhe in allen ſeinen Bewegungen, „verzeihen Sie mir dieſe Handlungsweiſe, aber ich konnte meinen Beſuch hier leider nicht anders begin⸗ nen. Bevor ich in jenes Haus trete und die darin Wohnenden mit alltäglichen Worten begrüße, muß ich Ihnen erſt meine Geheimniſſe gänzlich offenbaren, die Sie nur bis zur Hälfte kennen. Sind Sie geneigt dazu, mich anzuhören und darf ich hoffen, daß Ihr ehemaliges Vertrauen zu mir noch nicht gewi⸗ chen iſt?“ „Sprechen Sie!“ erwiderte Alfred Brunſt kurz und faſt ſtreng, denn ſeine innere Bewegung riß ihn wider Willen hin, da ihm eine geheime Stimme zu⸗ flüſterte, den Maler könne nur ein ungewöhnliches 217 Ereigniß in eine ſolche Stimmung und Lage ver⸗ ſetzt haben. Heinrich Markholm ließ ſich nicht lange bitten. Er fing an zu erzählen, was ſein Zuhörer zum Theil ſchon wußte, aber er fügte Alles und Jedes hinzu, was ſeit dem Tage ſeiner plötzlichen Abreiſe geſchehen war, und mit der alten Ehrlichkeit und der leicht er⸗ kennbaren Gluth ſeiner leicht in Wallung gerathenden Gefühle trug er ſeinen Bericht vor, ſo daß Alfred Brunſt augenblicklich wieder mitten in die Verhält⸗ niſſe zurückverſetzt war, an denen er früher ſchon einen ſo großen Antheil genommen hatte. Daß dieſe Antheilnahme auch jetzt nicht geringer geworden, verrieth ſich ſehr bald an den einzelnen Ausrufungen, mit denen er den Abſchluß der verſchie⸗ denen Scenen, die er ſchildern hörte, begleitete; als aber die letzte Scene ſich vor ſeinen Augen abwickelte und der lebhaft werdende Maler ihm von dem Schmerz 8 ſprach, in den ihn die Fortführung des geliebten Mäd⸗ chens verſetzt, erſchrak er faſt, ſenkte ſein Haupt tief, ſchlug die Arme über einander und ging laͤngere Zeit ſchweigend neben dem auf ſeine Antwort harren⸗ den Künſtler her. „O,“ ſagte er endlich,„das iſt ein Gewaltſtreich, den ich kaum, ſelbſt von einem ſo pfiffigen Herum⸗ treiber vermuthet hätte, wie dieſer Halling einer iſt. Ach, das alles hätte vielleicht vermieden werden kön⸗ nen, wenn ich ſelbſt einmal nach dem Kieler Ufer ge⸗ gangen und mit der Mutter oder gar mit dem ver⸗ worfenen Kerl in Verbindung getreten wäre.“ „Sie waren ja krank!“ unterbrach den Redenden, gleichſam in ſeinen eigenen Augen ihn entſchuldigend, der Maler. „Ja, allerdings war ich krank, aber das darf ich kaum zu meiner Entſchuldigung anführen, denn ich hätte gehen können, ehe ich krank ward. Doch nun läßt ſich das freilich nicht nachholen. Pfui, das iſt ein gemeiner Streich!— Aber wiſſen Sie,“ fuhr er nach einer Weile fort, nachdem er wieder ſinnend hin und her geſchritten war,„hinter der Sache ſteckt doch noch etwas Anderes, ſie wird immer ernſter und ern⸗ ſter, je länger ich ſie nach allen Seiten überlege. Der Kerl muß triftige Gründe haben, daß er die armen Frauen bei Nacht und Nebel fortholt. Hm, hm! Selt⸗ ſam iſt es, bei Gott! Wenn es ihm nur um die lumpigen tanſend Thaler zu thun war, ſo brauchte er nur ein paar Tage zu warten und Sie hätten ſie ihm gebracht—“ „Ich? Woher denn?“ rief der Maler in ſeiner alten naiven Weiſe. 219 „Woher? Sprechen Sie nicht ſo ſeltſan. War ich denn nicht da? Konnten Sie nicht herkommen und. ſagen:„Herr Brunſt, ich brauche zu dem und dem Zweck ſo und ſo viel Geld, geben Sie es mir—“ glauben Sie, daß ich eine Minute gezögert hätte, es Ihnen zu geben?“ d „Herr Brunſt!“ rief der Maler voll Dankbar⸗ keit aus. „O, jetzt iſt es zu ſpät, mein Freund, jetzt hat er einen anderen Plan mit ihr vor, das iſt klar, und vielleicht läßt er ſich einen höheren Preis von einem reicheren Eidam bezahlen.“ „Aber der Gedanke iſt ſchrecklich, Herr Brunſt.“ „Gewiß iſt er das. Doch hat man denn gar keine Ahnung, wohin er die armen Weiber gebracht haben mag?“ 8 Allerdings,“ rief Heinrich Markholm,„das weiß „ ich ja 15 „Das wiſſen Sie? Und Sie ſagen es mir nicht?“ „Ich habe ja meine Geſchichte noch nicht zu Ende erzählt und bin erſt bei dem Morgen ſtehen geblieben, wo ich das Haus verſchloſſen fand. Dieſer Tag hatte noch einen Abend.“ „Erzählen Sie, ſchnell!“ Heinrich Markholm erzählte, was ihm mit dem 220 Kreidearbeiter Wieſel in Dargaſt begegnet, kaum aber hatte er das Wort: Möwenort genannt, ſo fuhr Alfred Brunſt freudig in die Höhe. „Das iſt ja gar nicht weit von hier!“ rief er aus. „O, dahin kann man ſehr bald gelangen und dann iſt noch gar nichts verloren. Oho! Nun ſpiele ich auch eine Rolle in Deiner Komödie mit, Herr Halling, und wir wollen einmal ſehen, ob Du auch mir ſo be⸗ gegnen wirſt, wie Anderen, wenn ich mir Auskunft über Deine Tochter erbitte. Aber Sie haben Recht, Markholm, es iſt ſeine Tochter nicht, ſo kann kein Vater gegen ſein Kind handeln.“ Dem Maler pochte ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder das Herz vor Freude, als er den Mann ſo ſprechen hörte, dem eer ein ſo großes Vertrauen geſchenkt, und er dr cte n unwillkürlich ſeinen Arm, als wolle er ihm wentigſt ns durch dieſe Berührung ſeinen tief empfundenen Dank ſagen. „Hören Sie,“ ſagte endlich Alfred Brunſt und blieb mitten auf dem eingeſchlagenen Wege ſtehen, ſtellte ſich dicht vor den aufmerkſam zuhörenden Maler und legte ſeine Rechte ſchwer auf deſſen Schulter, bei jedem Worte faſt ſie niederdrückend, als wolle er dem⸗ ſelben dadurch einen fühlbaren Nachdruck geben,„hören Sie, dieſe ganze Geſchichte ſcheint mir ſehr ſeltſam 221 und faſt fabelhaft zu ſein. Sprechen Sie noch nicht darüber mit meinen Freunden und theilen Sie ſelbſt den Ihrigen nur das Oberflächlichſte mit, wenn Sie ein Bedürfniß dazu fühlen. Ich werde mir bis mor⸗ gen früh die Sache überlegen und dann augenblicklich handeln, ſobald ich einen Entſchluß gefaßt. Für jetzt ſeien Sie ruhig und unbeſorgt, ich bin von heute an Ihr Secundant und es macht mir ein beſonderes Ver⸗ gnügen, dergleichen kleine Schlachten auszufechten. Alſo ruhig und unverzagt! Jetzt gehen Sie hinein und ſtellen Sie ſich dem alten Herrn vor, der Sie gern kommen ſieht, wie wir Alle. Nehmen Sie eine ſo unbefangene und heitere⸗Miene an, wie man ſie an Ihnen zu ſehen gewohnt iſt, das kleidet Ihnen auch beſſer, und die Damen, die bald von ihrem Ausfluge zurückkehren werden, finder finen Geſellſchafter, der mit den Andern getroſt Schranken treten kann. Kommen Sie!“. Er wollte den Maler raſch mit ſich fortziehen, aber dieſer blieb ſtehen und verarbeitete innerlich noch einen Gedanken mit ſichtlicher Lebhaftigkeit, Bei der Er⸗ wähnung der Damen war ihm eingefallen, daß ja Fräulein von Kulpen es war, die ſeiner Geliebten ſo ähnlich ſah, was er bisher noch ſeinem ehemaligen Wirthe verſchwiegen; um ihm nun auch in dieſem 222 Punkte ſein ganzes Herz aufzuſchließen, ſagte er nach kurzem Beſinnen:„Herr Brunſt, ich muß Ihnen noch etwas Beſonderes mittheilen, damit Sie ſich nicht wun⸗ dern, wenn die Befangenheit, die ich ablegen ſoll, gegen meinen Willen heute Abend mich wiederholt ergreift.“ „Nun, was giebt es denn jetzt noch?“ „Ich habe Ihnen ſchon einmal geſagt, daß Alwine Halling einer Dame glich, die ich früher kennen ge⸗ lernt, und daß ich gerade dadurch auf ſie aufmerkſam geworden wäre.“ „Nun ja doch, und jene Dame haben Sie auch ein Bischen geliebt, nicht wahr?“ „Nein, Herr Brunſt, die Sache verhält ſich an⸗ ders. Ich kannte den Namen jener Dame nicht, als ich ſie auf einer Reiſe vor zwei Jahren ſah, und erſt ſeit einer Stunde weiß ich, wer ſie iſt.“ Alfred Brunſt ho neugierig den Kopf in die Höhe und blickte mit unverkennbarer Verwunderung ſtarr in die funkelnden Augen ſeines Gefährten.„Nun,“ ſagte er gedehnt,„wer war und wer iſt ſie denn?“ „Es war und iſt die Nichte Herrn von der Oehe's; Sternberg hat es mir ſo eben geſagt.“ „Woher kannte denn der Ihre Reiſegefährtin?“ fragte Alfred Brunſt langſam und mit zunehmender Spannung. ͤſ 223 „Ich fand Fräulein von Kulpen ſehr ſchön, zeich⸗ nete ihr Portrait ſchon auf der Reiſe und malte es nachher. Daher kannte er ſie, ohne jedoch, ſo wenig wie ich, ihren Namen zu wiſſen.“ „Das iſt merkwürdig!“ ſagte Alfred Brunſt mehr zu ſich als zu ſeinem jungen Freunde.„Und wie denn,“ rief er plötzlich mit ſtarker Stimme, als wäre ihm ein ſeltſamer Einfall gekommen,„dieſe Dame iſt der Alwine Halling ſo ähnlich?“ „Wie ein Ei dem Andern, Herr Brunſt, ich wenig⸗ ſtens habe nie eine ſolche Aehnlichkeit geſehen.“ „Haben Sie denn Fräulein von Kulpen jetzt ſchon wieder vor Augen gehabt?“ „Nein, noch nicht, aber vor zwei Jahren auf dem Rhein.“ Alfred Brunſt blieb ſtehen, feſt und unbeweglich, wie eine im Boden feſt gewurzelte Eiche. Seine Augen hatten ſich auf die Erde geheftet und über ſein ausdrucksvolles Geſicht flog ein düſterer Schatten, der aber blitzſchnell vorüberging und bald einer heiteren Ruhe wieder Platz machte. „Das iſt ſeltſam,“ ſprach er langſam und nach⸗ denklich,„ja, allerdings. Allein es kann wohl nur Zufall ſein. Wenn Sie aber nachher Fräulein von Kulpen ſehen, ſo geben Sie mir einen Wink, falls 8 224 Sie auch jetzt noch dieſe Aehnlichkeit finden, vor allen Dingen aber laſſen Sie keinen Menſchen, ſelbſt Stern⸗ berg nicht, unſer Geſpräch hierüber erfahren. Wir wollen das allein abmachen, ganz allein, und ich ſtehe Ihnen dafür: morgen Abend ſollen Sie klarer in allen dieſen Dingen ſehen, vorausgeſetzt, daß die Hallings auf Möwenort in Wittow ſind. Jetzt aber kommen Sie— ich habe den Wagen eben anlangen hören, die Damen ſind alſo da und nun geben Sie ſich Mühe, ſo heiter wie möglich zu erſcheinen.“ An Alfred Brunſt's Seite, welcher mit der ihm eigenthümlichen Willenskraft ſeine Mienen beherrſchte und die in ſeinem Herzen hin und her fluthenden Empfindungen ſtandhaft zurückhielt, trat ganz uner⸗ wartet Heinrich Markholm in das Wohnzimmer Herrn von der Oehe's, in dem ſich zur Zeit ſämmtliche auf der Inſel verſammelten Männer befanden, denn auch Willibald Stillfried war ſo eben von ſeinem Ausfluge heimgekehrt. „Mein lieber Herr von der Oehe,“ ſagte der Maler in ſeiner treuherzigen Weiſe, indem er auf den Wirth des Hauſes zuging,„da ſehen Sie mich plötz⸗ lich auf Ihrer Inſel! Ich habe den Verſicherungen 3 225 Herrn Brunſt's geglaubt und es gewagt, ohne noch⸗ malige Anfrage bei Ihnen vorzuſprechen.“ „Es bedarf nicht der Worte, mein junger Freund,“ erwiderte Herr von der Oehe, männlich und bieder die Hand des Malers ſchüttelnd,„um ſich bei mir einzu⸗ führen. Sie ſind da und nun iſt unſre Freude erſt vollkommen, da nun ein, Jeder das bei ſich hat, was er liebt und ſchätzt. Nein, nein,“ fuhr er fort,„Sie ſind hier ſo gut zu Hauſe wie auf Grünthal und ich bedaure nur, daß Sie uns ſo lange auf Ihre Erſchei⸗ nung haben warten laſſen. Doch jetzt iſt genug ge⸗ redet. Da iſt Carl Melms und da Ihr kleiner Mu⸗ ſieus, ſehen Sie nur ihre Geſichter an, die werden Ihnen am deautlichſten ſagen, daß Sie hier willkom⸗ men ſind.“ Das ſagten dem Maler denn auch die Geſichter der Genannten und gewiß eine Viertelſtunde verging in Fragen und Antworten, wie es unter ſo guten Be⸗ kannten zu geſchehen pflegt, wenn ſie ſich nach längerer Trennung plötzlich wieder an einem behaglichen Orte zuſammenfinden. Nur Einer war unter den Anweſenden, der ſich über das augenblickliche Ausſehen Heinrich Markholm's nicht genug wundern konnte, und das war Guſtav Steinau. Er hatte ſeinen Freund noch vor Kurzem Die Inſulaner. III. 15 22G ſo trübe geſehen und nun ſtrahlte ſein Geſicht wie in den heiterſten Glückstagen— woher rührte dieſe ſchnelle⸗ Veränderung? War es die unmittelbare Folge der Unterredung mit Alfred Brunſt oder war es etwas Anderes? Darüber mußte er Gewißheit haben und ſobald er den Freund einen Augenblick von den Uebri⸗ gen ſich abwenden ſah, flüſterte er ihm die Frage zu, die auf ſeinem Herzen lag. „Still,“ ſagte der Maler leiſe zu ihm,„ich darf Dir jetzt nur wenig darüber ſagen. Wenn ich aber heiterer geſtimmt bin als vorher, ſo verdanke ich es unſerm Grünthaler Freunde. Bei Gott, Guſtav, das iſt ein Mann, wie es ſo bald keinen zweiten giebt! Halte Du ihn Dir auch warm, er repräſentirt eine kleine Allmacht in dem Kreiſe, in den wir gerathen ſind, und ſchon ein Wort von ihm reichte hin, alle meine Unruhe zu beſeitigen und meine Sorge in Hoff⸗ nung zu verwandeln.“ Nachdem man ſich noch eine Weile in verſchiedenen Gruppen unterhalten hatte, wurde der Wirth durch Metke benachrichtigt, daß die Tafel bereit ſei und daß die Damen die Herren ſchon im Speiſezimmer er⸗ warteten. Herr von der Oehe theilte dies ſeinen Gäſten mit und man brach auf, um der Einladung Folge zu leiſten. 227 Auf dem kurzen Gange nach dem Speiſeſaal, der wie immer durch die Zimmer der Damen führte, hatten drei Männer einiges Herzklopfen, die ſonſt nicht von dieſem Uebel geplagt zu ſein pflegten. Dies waren Guſtav Steinau, Heinrich Markholm und Alfred Brunſt; alle Drei wurden durch verſchiedene Empfindungen in einer merklichen Aufregung gehalten, die bei dem Einen von ihnen jedoch bald wieder beſchwichtigt, bei den Anderen dagegen bei Weitem noch mehr verſtärkt wer⸗ den ſollte. Als man in den Speiſeſaal getreten war, nahm der Wirth des Hauſes Heinrich Markholm bei der Hand, führte ihn den Damen zu und ſtellte ihn den⸗ ſelben mit aller möglichen Grandezza vor. Guſtav Steinau war bei dieſem Acte etwas bei Seite geblie⸗ ben, nur Alfred Brunſt drängte ſich raſch mit vor, nahm ſeine Stellung dem Maler gegenüber und beo⸗ bachtete mit ſcharfem Auge die Miene des jungen Mannes. Als dieſer ſeine Augen erhob und von der älteren Dame auf Guſtava von Kulpen blickte, erbebte er ſichtlich. Noch viel mehr als früher überraſchte ihn, die ſprechende Aehnlichkeit derſelben mit der armern Alwine Halling, die jetzt ſeinem Herzen ſo nahe ſtages und doch ſeiner Hand ſo weit entrückt war. S 15* 228 Erſtaunen, obgleich er völlig auf das Kommende vor⸗ bereitet geweſen, war doch ſo groß, daß er kaum einige Worte der Begrüßung an ſeine ehemalige Reiſegefähr⸗ tinnen, die auch ihn alsbald wiedererkannten, zu rich⸗ ten vermochte. Sein Geſicht überzog eine ungewöhn⸗ liche Bläſſe, ſeine Lippen bebten und nur ſein Auge bohrte ſich mit dem glühenden Blicke des Falken in das freundlich lächelnde Geſicht der jungen Dame und im Augenblicke hatte er wieder aufgefunden, worin die Uebereinſtimmung und der Unterſchied der beiden Schönheiten beſtand, die in dem jetzigen Abſchnitt ſeines Lebens eine ſo große Rolle ſpielten. Das Ge⸗ ſicht Fräulein von Kulpen's hatte ſich, ſeitdem er ſie zum letzten Male geſehen, kaum verſchönert, nur war es ausdrucksvoller geworden und zeigte jenen von ihm früher bekrittelten Zug zurückhaltender und doch ſelbſt⸗ bewußter Würde, die eine fein gebildete Dame überall zu bewahren weiß, in viel ſanfterer und ihn darum viel mehr befriedigender Weiſe. Ihr Teint war nur etwas bleicher als der Alwining's und ihre Figur, ob⸗ gleich ſie ſich ſeit zwei Jahren bedeutend vervollkomm⸗ net, erreichte kaum die Schönheit der Formen und die ßülle der Glieder, die ihn an Alwining gerade als Maler geiſtert und in Feſſeln geſchlagen hatten. Sonſt und er faſt gar keinen Unterſchied zwiſchen Beiben, — 229 als höchſtens den, welchen die abweichende Kleidung gab, und nur bei fortgeſetzter Beobachtung bemerkte er an Guſtava eine größere Ruhe in den Bewegun⸗ gen, während Alwining lebhafter und raſcher war, was indeſſen die verſchiedenen Beſchäftigungen Beider leicht erklärlich finden ließen. Noch ſchneller als der bis in's Herz getroffene Maler dieſe Bemerkungen angeſtellt und ſich von ihrer Wirkung auf ſein ergriffenes Gemüth Rechenſchaft ab⸗ gelegt, hatten die Damen ihre erſten Begrüßungs⸗ worte mit ihm ausgetauſcht und nun⸗ nahm man Platz, wozu Herr von der Oehe wiederholt und laut aufforderte. Zur Seite Fräulein von Kulpen's mußten die beiden jungen Leute Platz nehmen, deren Unterhal⸗ tung unter den obwaltenden Umſtänden am angenehm⸗ ſten für ſie ſein konnte, und damit war ſowohl Guſtav Steinau wie Heinrich Markholm überaus zufrieden. Herrn von der Oehe und Willibald Stillfried fiel die ältere Dame zu und ſo kamen die älteren Freunde Guſtava gegenüberzuſitzen, was Alfred Brunſt ganz gelegen war, da er nun jede Geberde und jedes Wort der jungen Leute beobachten und belauſchen konnte, was ihm gerade an dieſem Abend ein großes Wohlbehagen zu bereiten ſchien. 230 Guſtav Steinau hatte vom erſten Augenblick an, wo Heinrich Markholm in die Nähe ſeines Augenſterns gerieth, jede Bewegung und Miene Beider bewacht, aber wenn er anfänglich noch von einiger Beſorgniß heimgeſucht ward, der Maler könne ihm vielleicht nicht ſein ganzes Herz enthüllt haben, ſo ſchwand dieſelbe doch bald, als er das unbefangene Weſen Guſtava's bemerkte, was freilich mit der Befangenheit des Ma⸗ lers, die doch einen ganz anderen Grund hatte als Guſtav dachte, geradezu im Widerſpruche ſtand. Im Ganzen war er daher befriedigt und das ſprach ſeine zwar anfangs erregte, aber zuletzt wieder beruhigte Miene, mit der er den Geſprächen ſeiner Nachbarn zuhörte, deutlich genug aus. Herr von der Oehe, obgleich er an dieſem Tage ſo manche Gemüthsbewegung überſtanden, denn das Ge⸗ ſpräch mit ſeinen Freunden hatte das ſchlafende alte Kümmerniß wieder in ihm erweckt, war dennoch faſt der Munterſte bei Tiſche. Es war ja das erſte Mal, daß die ſechs Freunde wieder an einem Tiſche ver⸗ ſammelt waren, und das gab ihm zu mancher freudigen Bemerkung und zu mancher an die Damen gerichteten Erklärung Anlaß. Ganz im Widerſpruch mit ſeinem gewöhnlichen Weſen, verhielt ſich dagegen Alfred Brunſt an dieſem Abend ungemein ruhig. Er aß ohne Auf⸗ 231 merkſamkeit, ſprach ſehr wenig und noch weniger er⸗ ging er ſich in ſcherzhaften Bemerkungen, von denen ſein Mund namentlich bei Tafel ſonſt überzufließen pflegte. Gegen Ende der Mahlzeit hatte er ſogar eine ſehr ernſte Miene angenommen, wie man ſie ſeit langer Zeit nicht an ihm bemerkt, und daran war vielleicht der Eindruck ſchuld, den, wie er ſehr wohl erkannt, Fräulein von Kulpen auf den Maler gemacht, der ihm ſeinem Verſprechen gemäß den Wink hatte zukommen laſſen, daß er die Aehnlichkeit zwiſchen der Nichte Herrr von der Oehe's und Alwine Halling noch viel größer inde, als er erwartet. Während Jene nun mit Guſtav Steinau lebhaft ſprach und dieſen mehr als er ſie un⸗ terhielt, bemerkte Alfred Brunſt, wie der Maler mit ſteigender Verwunderung die ſchöne Dame an ſeiner Seite muſterte und gleichſam ſich nicht ſatt an ihr ſehen zu können ſchien. Auch Carl Melms war an dieſem Abend noch ſchweigſamer als ſonſt. Er fah oft ſtill vor ſich auf n Teller, betrachtete die Anweſenden der Reihe 1 nach, hörte auch wohl, was ſie unter einander ſprachen, aber im Ganzen waren ſeine Gedanken bei dem Briefe, den er erhalten und den er Alfred Brunſt mit einigen paſſenden Worten einzuhändigen bisher noch keine Ge⸗ 232 legenbeit gefunden hatte. Zwar verſuchte er es bei Tiſche, mit einigen leiſen Worten die Aufmerkſamkeit ſeines ſo ſeltſam ſtillen Nachbars zu erregen, allein Alfred Brunſt beſaß heute keine Ohren für ihn, er hatte zu viel mit den Augen zu thun; und da er ein Mann war, der ſich ſtets nur mit einem Gegenſtande be⸗ ſchäftigte, ſo achtete er ſo wenig auf Carling's Zu⸗ flüſterung, daß dieſer endlich von ſeinem Vorhaben Ab⸗ ſtand nahm und den Brief erſt kurz vor'm Schlafen⸗ gehen zu überreichen beſchloß. Als das Abendeſſen vorüber war, ließ man ſich noch eine Weile um den großen Tiſch im Geſellſchafts⸗ zimmer der Damen nieder; aber ſeltſam genug, obwohl die verſchiedenſten Dinge beſprochen wurden und der Stoff bei ſo vielen Menſchen nicht leicht ausgehen konnte, ſo wollte doch keine allgemeine Unterhaltung ſo recht zu Stande kommen; es lag ein gewiſſer Druck auf den Gemüthern der Anweſenden, und da dies ein Jeder endlich zu merken ſchien, ſo ging man heute früher aus einander als gewöhnlich, was Einigen große Erleichterung gewährte, als ſie nun ungeſtört ihre perſönlichen Angelegenheiten in Betrachtung ziehen konnten.— Es war halb elf Uhr, als man ſich trennte. Alfred Brunſt, der ſich am meiſten ſehnte, allein zu ſein, ging 233 raſch mit einem Licht die Treppe hinauf und es war ihm beinahe ſtörend, als Carl Melms unmittelbar hin⸗ 8 ter ihm eintrat, die Thür ſchloß, auf einem Stuhle Platz nahm und mit ſeiner ſanften Stimme zu ſpre⸗ chen begann. „Alfred,“ ſagte, der gute Melms,„ich habe Dir 4 beute Abend wiederholt Winke gegeben, daß ich mit Dir zu ſprechen habe, aber Du haſt es nicht bemer⸗ en wollen.“ d nicht doch,“ erwiderte Brunſt zerſtreut,„das 5 war nun wohl nicht der Fall. Aber Du mußt mir verzeihen, ich bin heute ein Spielball ganz ſeltſamer Gedanken, und morgen vielleicht ſchon ſollſt Du der Theilnehmer derſelben ſein, wenn ſich die Nothwendig⸗ ceeit herausſtellt, auch Dich in den Strudel meiner Empfindungen zu reißen.“ „Iſt es denn etwas ſo Ernſtes und Wichtiges, was Dich beſchäftigt, Alfred?“ fragte Carl Melms mit ſeiner ſanften Herzlichkeit und Theilnahme.„Dann ſag' es mir doch lieber gleich.“ „Nein, Carling, nein, es iſt genug, daß Einer von uns Unruhe hat. Habe Geduld. Doch was haſt Du da für einen Brief in der Hand?“ „Er iſt von dem Steuerbeamten in Crampas, der eine Nachricht ſendet, die Du eigentlich veranlaßt haſt.“ 2* 4 6 234 „Ich? Von dem Steuerbeamten in Crampas? Ich erinnere mich nicht.“ „Denke ein wenig nach, Alfred. Vor einiger Zeit 5 fragteſt Du mich, ob ich nicht einen gewiſſen Halling, den Pächter—“ „Ah!“ rief Alfred Brunſt mit lebhaft aufblitzenden Augen und ergriff ſeinen Freund heftig beim Arm. „Nun, was haſt Du denn?“ fragte dieſer ver⸗ wundert. „Sprich!“ ſagte Alfred Brunſt mit halb erzwunge⸗ ner Ruhe und ſetzte ſich mit ſichtlicher innerer Spann⸗ ung auf einen Stuhl. —„Ob ich alſo dieſen Mann nicht kenne?“ fuhr Carl Melms fort.„Ich wußte nichts von ihm, wandte mich aber, um Deinen Wunſch zu erfüllen, an den Steuerbeamten in. Crampas und ſiehe, da ſchreibt mir derſelbe dieſen Brief, da er mir keine münd⸗ liche Mittheilung machen konnte. Hier iſt er, Alfred. Lies ihn und ſage mir morgen Deine Meinung darüber.“ Alfred Brunſt nahm den Brief und legte ihn un⸗ eröffnet auf ſeinen Nachttiſch. Carl Melms wunderte ſich über das ſeltſame Gebahren ſeines alten Freun⸗ des und verließ ihn, nachdem er ihm eine gute Nacht gewünſcht. „ 235 Kaum aber war er zum Zimmer hinaus, ſo ſprang Alfred Brunſt vom Stuhle auf, ſchritt ein paar Mal Fcaſch durch das Zimmer und ergriff dann den Brief, den er, dicht an das Licht tretend, haſtig las. Der Brief lautete: „Geehrter Herr Melms! Erſt heute bin ich im Stande, Ihnen über den ſogenannten ſchwarzen Hal⸗ ling, den Pächter des Kreidebruchs an der Fahr⸗ nitz, Einiges mitzutheilen. Der Mann hat plötzlich die Pachtung aufgegeben und iſt wie ein Schatten in der Nacht verſchwunden. Gebe es Gott, daß er in dem Bereiche meiner amtlichen Thätigkeit nicht 3 wieder auftaucht, denn wie ich jetzt erſt nach ſeiner Abreiſe von allen Seiten höre, iſt er ein Schmuggler der ſchlimmſten Gattung, dem man das Aergſte zu⸗ muthen darf. Einer ſeiner Arbeiter, der von ihm bitter gekränkt ſein will, hat mir dieſe Mittheilung gemacht und auf mein Befragen hinzugefügt, daß der Halling ein verwegener Menſch ſei, der den Be⸗ hörden auf mancherlei Weiſe eine Naſe zu drehen verſtehe. So viel er wiſſe, ſei Halling von Pro⸗ feſſion ein Steinzanger und betreibe einen Steinhandel im Großen nach Dänemark und der ganzen pommer’ſchen Küſte. Das iſt Alles, was ich von ihm habe erfahren können, bin aber be⸗ reit, ferner zu vigiliren, wenn ich Ihnen damit dienen kann. 8 Hochachtungsvoll Ihr ergebenſter Kreuzer.“ Alfred Brunſt legte den Brief, ſobald er ihn ge⸗ leſen, auf den Tiſch und ſaß dann lange Zeit unbe⸗ weglich auf derſelben Stelle. Seine Stirn war wol⸗ kenlos, ſein Auge klar, aber ſein edles Geſicht hatte eine ſo tiefe Bläſſe überzogen, wie man ſie nur ſelten bei ihm wahrnehmen konnte. „Es iſt gut,“ ſagte er nach langem Nachdenken zu ſich,„hinter der Sache ſcheint wirklich etwas Ernſtes verborgen zu ſein. Dieſer Brief ſtimmt auf ſeltſame Weiſe mit den Ausſagen des Malers überein. Nun gut denn, er iſt auf Möwenort und— ein Steinzanger! Könnte dieſer Mann nicht der Dieb ſein, der unſern Freund Oehe brandſchatzt? Daß er auf Jasmund wohnte, macht mir die lange Pauſe, in der er hier un⸗ thätig war, erklärlich— hm! Ja! Ich ſehe ſchon, was mir zu thun übrig bleibt, aber ehe ich keine Gewißheit habe, ob ich auf dem rechten Wege bin, ſoll kein Menſch auch nur ein Wort von mir erfahren, ſelbſt Carling nicht. Herrlich wäre es, wenn ich hier mit einem Schlag zwei Fliegen treffen könnte! Nun, wir wollen ſehen!“— zu ſeiner nächſten That war, die er jedoch ſo viel 237 Drei Menſchen waren es auf der Oehe, die ſelbſt in ihren weichen Betten in dieſer Nacht keine ange⸗ nehme Ruhe find den ſollten— Guſtav Steinau, Hein⸗ rich Markholm und Alfred Brunſt. Was die beiden Erſteren betrifft, ſo wiſſen wir nicht, was für ein Ver⸗ halten ſie nach langem ſchlafloſen Umherwälzen ſich fuͤr den nächſten Tag vorgezeichnet und ob ſie endlich am Morgen ihre Ruhe und Zuverſicht wiedergefunden hatten; von Alfred Brunſt aber müſſen wir bekennen, daß er, als er in aller Frühe aus ſüßem Schlafe erwachte, ruhig und klar über ſich ſelber, wie völlig entſchloſſen wie möglich geheim halten wollte, um keine Hoff⸗ nungen zu erregen, die vielleicht nicht in Erfüllung gingen, da der günſtige Erfolg nicht in ſeinen Hän⸗ den allein lag. Als die ſechs Männer am nächſten Morgen beim Frühſtück zuſammentrafen, konnte Jeder, der Augen dafür hatte, an dem Herrn von Grünthal eine auf⸗ fallend gehobene Stimmung entdecken. Seine Stirn war immer noch bleich, aber klar, ſein Auge blickte muthig einen Jeden an und um ſeine feſt geſchloſſenen Lippen, die ſonſt von Laune und Heiterkeit überſpru⸗ delten, hatte ſich ein ſinnender Ernſt gelagert, der auf einen eben ſo feſten Entſchluß wie einen ſtarken Wil⸗ 238 len deutete, unverweilt zu einer wichtigen That zu ſchreiten. Beim Frühſtück war er ſchweigſam, als man aber Pfeifen und Cigarren hervorholte, um theils noch ein wenig zu plandern, theils nach verſchiedenen Rich⸗ tungen ſich zu zerſtreuen, ging er auf Herrn von der Oehe los, ergriff ſeine Hand und indem er ſie ihm herzlich drückte, ſagte er: „Alter Herr, ich habe eine Bitte.“ Der Angeredete ſah den ſo ernſt ſprechenden Freund mit fragenden Blicken an; erſt jetzt bemerkte er, was die Andern ſchon längſt wahrgenommen hatten.„Du haſt eine Bitte?“ fragte er etwas verwundert.„Nun, ſo ſprich ſie doch aus, damit ich ſie Dir gewähren kann.“ „Laß auf der Stelle Deine ſchnellſten Pferde vor einen leichten Wagen legen und beurlaube mich für den heutigen Tag, ich habe eine kleine Reiſe zu un⸗ ternehmen, die keinen Aufſchub duldet.“ „Eine Reiſe? Wohin willſt Du denn und was haſt Du vor?“ „Laß mich meine Abſcht nöch eine Weile verſchwei⸗ gen, alter Herr, ſie kommt ohnehin zeitig genug an den Tag; nur ſo viel will ich Dir ſagen, daß dieſe Reiſe das Wohl und Weh Eines von uns, wenn nicht ſogar Mehrerer betrifft.“ 239 „Dann geh' in Gottes Namen!“ rief der alte Oehe und gab ſogleich Befehl, daß ſeine beiden Hengſte vor den Jagdwagen gelegt und nach Schaprode übergeſetzt werden ſollten. Während dies geſchah, näherte ſich Carl Melms ſeinem heute ſo geheimnißvollen Freunde.„Alfred,“ ſagte er, ſeinen Arm vertraulich berührend,„ſoll ich vielleicht mit Dir fahren?“ Der Gefragte beſann ſich einen Augenblick.„Nein,“ verſetzte er dann,„bleibe Du hier auf der Oehe und verſieh Deinen Dienſt pünktlich. Ich komme beſtimmt heute Abend wieder, wenn es auch etwas ſpät wird. Hoffentlich wird gerade heute nichts Ernſtliches vor⸗ fallen.“. „Gut. Haſt Du den Brief geleſen, den ich Dir geſtern Abend gab?“ „Ja, ich habe ihn geleſen und er hat mit zu dem Entſchluß zu dieſer Reiſe beigetragen.“ „Was ſagſt Du dazu? Wahrſcheinlich haſt Du doch denſelben Verdacht geſchöpft, den ich nicht linder von mir fern halten kann?“ „Es mag wohl ſo ſein. Aber gedulde Dich bis heute Abend, dann will ich Dir meine ganze Mei⸗ nung ſagen.“ Dammit wandte er ſich von ihm ab, winkte Hein⸗ rich Markholm herbei und ſtieg mit ihm nach ſeinem Zimmer in's obere Stockwerk hinauf. Während er ſich nun reiſefertig machte und der von dem ganzen Auftritt erregte Maler ſeine Blicke erwartungsvoll auf die entſchloſſene Miene ſeines Wirthes gerichtet hielt, ſagte dieſer: „Mein lieber Markholm, ich würde Sie auffordern, an meiner kleinen Unternehmung Theil zu nehmen, da mir Ihre Perſon einerſeits von großen Vortheil ſein könnte, allein es geht nicht, denn andererſeits möchte gerade Ihre Erſcheinung meine Abſicht zu leicht verrathen. Bleiben Sie alſo hier und warten Sie geduldig ab, was ich ausrichte. Ich will nicht läug⸗ nen, daß ich auch in Ihrem Intereſſe meinen Weg antrete, allein das ſage ich Ihnen im Voraus: Sie müſſen ſich unbedingt dem Reſultate der Forſchung unterwerfen, die ich heute anzuſtellen gedenke und die ſich mit auf Ihr ferneres Schickſal bezieht. Still, er⸗ ſchrecken Sie nicht darüber und noch weniger blicken Sie mich ſo entmuthigt au. Treffe ich die Perſonen, die ich ſuche, ſo werde ich bald im Klaren über ihre Verhältniſſe ſein. Finde ich dieſe Alwine Halling Ihrer werth, dann ſollen Sie meine Billigung zur Fortſetzung Ihrer ernſtlichen Werbung um ſie erhal⸗ ten, die Sie mir ſchon angekündigt haben; finde ich 241 aber das Mädchen anders, als Sie ſie mir geſchildert und ſcheinen mir ihre Verhältniſſe Ihrer Stellung im Leben nicht angemeſſen, dann, dann— machen Sie einen Strich durch Ihre jugendlichen Hoffnungen und ſetzen Sie den ernſten Weg, den Ihr Talent einge⸗ ſchlagen, auf eine Ihrer Ehre entſprechende Weiſe fort, Sie werden auch ſo ein ſchönes und anerkennenswer⸗ thes Ziel erreichene So viel nur darf ich Ihnen ſa⸗ gen und Sie werden die Gründe, die mich zu dieſer Handlungsweiſe bewegen, wenn nicht jetzt, doch künftig nach klarer gewordener Einſicht billigen. So, nun bin ich fertig und da fährt der Wagen ſchon über das Waſſer. Leben Sie wohl, ich gehe— und nun kein Wort weiter über die Sache.“ Er ſchritt raſch aus dem Zimmer und ließ den Maler halb betäubt und in einer unſäglichen Unruhe zurück; und doch, wenn dieſer ſich nachher den ſeltſa⸗ men Blick des edlen Mannes, mit dem er von ihm geſchieden war, in die Erinnerung zurückrief und zu entziffern verſuchte, erwachte von Neuem in ihm die kaum je aufgegebene Hoffnung und ein nie ſo lebhaft empfundener Muth erfüllte ſeine Bruſt, daß ſein Ge⸗ ſchick in der Hand des willenskräftigen Brennd wohl geborgen läge. Herr von der Oehe, Carl Melms, Guftav Stei⸗ Die Inſulaner. III. 1 16 242 nau und Willibald Stillfried geleiteten den Scheiden⸗ den bis an den Strand. Hier nahmen ſie mit herz⸗ lichen Worten von ihm Abſchied und ſahen ihn wohl⸗ gemuth über den kleinen Meeresarm ſetzen und den Jagdwagen beſteigen, vor dem die muthigen Hengſte ſchon ungeduldig mit den Hufen ſcharrten und auf deſſen Vorderſitz Fritze Niklas ſchon ſeinen Platz ein⸗ genommen hatte. Jchtes Mapitel. Am Möwenort. Die ſchnelle Fahrt durch die fruchtbaren Felder, auf denen man überall mit vollen Händen bei der Erndte beſchäftigt war, der ſchöne Morgen, der mit ſonnigem Glanze bei leicht bewegter Luft über Land und Meer ausgebreitet lag, erfriſchten und erheiterten des Rei⸗ ſenden Gemüth, wie er es kaum ſo bald erwartet hatte. Sein ernſtes Geſicht klärte ſich allmälig auf und ſein ſinnendes Auge leuchtete von Minute zu Minute in hoffnungsvollerem Schimmer. Endlich ent⸗ vickelte ſich auch ſein ſtilles Nachdenken zur lauteren Kundgebung ſeiner Gefühle und als er kaum eine halbe Stunde von der Oehe entfernt war, ſagte er vertrauensvoll zu ſich ſelber: „Ich hoffe, daß Alles gut werden wird und daß 16* 244 8 die alten Fäden, die ich ſo lange in meiner Hand halte, ſich mit den neuen, die mir ſo plötzlich hinein⸗ gefallen ſind, zu einem ganz erſprießlichen Knoten ver⸗ binden werden. Ich habe kein hohes, aber ein ernſtes Spiel geſpielt, denn das Glück meiner Freunde hat mir ſtets ſo warm am Herzen gelegen wie mein eige⸗ nes. Langſam aber ſicher bin ich auf meinem ſtillen Wege gewandelt, der ehrliche Carling hat von jeher meine Pläne gebilligt und mir auf ſeine ſanft anre⸗ gende Weiſe treulich geholfen. Alter Herr, alter Herr! gieb Acht, ich habe Dir eine große Ueberra⸗ ſchung bereitet. Der Schmerz, der ſo lange auf Dei ner Seele gelaſtet, ſoll endlich gehoben werden, und wenn das auch nicht ohne Aufregung abgeht, ſo wirſt Du mir doch dankbar dafür ſein müſſen. Was mir aber der Maler noch obendrein eingebrockt hat, iſt ein ganz unverhofftes Gewürz zu der appetitlichen Speiſe. Aber dieſe Geſchichte iſt noch ſo dunkel, daß ich kaum wage, auf die Lüftung des undurchdringlichen Schleiers ſo bald zu hoffen. Klar ſehe ich noch nicht in dieſer Sache, aber es iſt möglich, daß ſie heute klar wird. Die beſte Abſicht habe ich dazu und Gott gebe mir dns Gelingen. Wie gern ich die Menſchen um mich glück⸗ lich ſehe, kann ich kaum mit Worten beſchreiben; es iſt mir eine Wolluſt, traurige Geſtehler aufzuhellen 245 und verödete Herzen in eine Fülle von Wohlſein zu verſetzen. Wir wollen nun ſehen, wie ſich das errei⸗ chen läßt. Fahren wir jetzt nach Möwenort. Ich habe das Ding nie geſehen, aber es wird ſich ſchon finden laſſen. Ha! und ich habe ja alte Bekannte dort— jene armen Kinder, die mir neulich auf der Schabe begegneten, und ihre Mutter, der ſie gewiß von mir erzählt haben. Vorwärts alſo! Zu ihnen werde ich mich zuerſt begeben, das ſoll mein nächſter Anhalt ſein. Wenn der ſaubere Herr Halling ſich dort angeſiedelt hat, werde ich mit ihrer Hülfe ihn ſchon zu finden wiſſen, und mag ich ihn nun treffen oder nicht, ich will mit eigenen Augen einen Blick in ſeine Familie werfen und mein gutes Auge wird ja ſeine Aber vorſichtig, großer Jung', die Enthüllung des Verborgenen könnte ihre Schwierigkeit haben. Mit Gewalt darf ich nicht vorgehen, aber mit Klugheit, und ein Bischen Schlauheit wird ja wohl auch nicht ſchaden. Halt da! Da ſind wir ſchon an der Wit⸗ Atower Fähre— Du haſt gut gefahren, Alter!“ 4ℳ„ Ja,“ ſagte Fritze Niklas, freudig lachend und ſeine Elfenbeinzähne weiſend,„das macht ſich ganz von ſelber, Herr Brunſt. Man ſpannt die Hengſte vor den Wagen und ſie laufen wie Teufel, ob ſie — alte Schärfe und Kraft noch nicht verloren haben. 246 ſollen oder nicht, und ſo leicht wird ihnen der weiteſte Weg nicht zu lang.“ „Nun, was das anbelangt, ſo werden ſie bis heute Abend wohl müde werden, wir haben noch einen wei⸗ ten Weg vor uns.“ „Wo geht es denn eigentlich hin, Herr?“ „Warte es ruhig ab. Zuerſt ſetzen wir über das Waſſer und dann fährſt Du nach Wieck, da frühſtücken wir erſt.“ „Oho! Geht es denn noch weiter?“ „Noch eine gute Meile— doch gedulde Dich. Du wirſt es früh genug erfahren.“ Während dieſes Geſprächs war die Fähre in Stand geſetzt, den Wagen und die Pferde aufzunehmen, und bei ziemlich ruhigem Waſſer ging die Fahrt glücklich und raſch genug von Statten. An der Landungsſtelle von Wittow beſtiegen die Männer wieder den Wagen und im ſcharfen Trabe ging es nun nach dem größ⸗ ten Dorfe Rügen's, Wieck, das unmittelbar am Strande des Wiecker Boddens liegt und ſich ſchon von Weitem durch die Maſten der zahlreichen Schuten und Fahr⸗ zeuge bemerklich macht, die im Hafen vor Anker liegen. Hier nahmen nun die Reiſenden ein kräftiges Früh⸗ ſtück ein, denn die friſche Morgenluft hatte auf ihren 4 1 247 Appetit günſtig eingewirkt, und nachdem auch die Pferde ihr Heu verzehrt, ſtieg man um zehn Uhr wie⸗ der auf und fuhr nach Norden weiter, wohin Herr Brunſt die Richtung angegeben hatte. Nachdem man aber das große Dorf hinter ſich ge⸗ laſſen, drehte der Kutſcher neugierig den Kopf nach dem Herrn im Wagen um.„Wohin ſoll es nun gehen, Herr?“ fragte er, luſtig grinſend. „Immer geradeaus, Fritze Niklas, und laß die Hengſte tüchtig auftreten, um elf Uhr muß ich am Möwenort ſein.“ „Am Möwenort? O! Aber da kann ich die Pferde nicht einſtellen, Herr!“ „Kennſt Du die Gegend und giebt es dort kein Wirthshaus?“ „Ich kenne ſie ſehr gut, aber ein Gaſthaus weiß ich nirgends.“ „Wie heißt das nächſte Dorf und wie weit liegt es vom Möwenort entfernt?“ „Nonnewitz, Herr; in einer kleinen Viertelſtunde geht man bequem zu Fuß bis Möwenort. „So fahre mich bis Möwenort und dann kehre in Nonnewitz ein. Da kannſt Du meine Rückkehr er⸗ warten und die Pferde pflegen, ich werde etwas lange ausbleiben.“— 248 So war es verabredet und ſo wurde es ausge⸗ führt. Punkt elf Uhr hielt der Wagen an einer Stelle, an der man den Möwenort dicht vor ſich hatte, und nachdem Alfred Brunſt von dem Wagen aus Umſchau gehalten und die Gegend überblickt, ſtieg er ab, befahl Fritze Niklas nach Nonnewitz zu fahren und ſchritt langſam und bedächtig auf eine ärmliche Hütte zu, die er von Weitem ziemlich hart am Rande der See erkundet hatte. Von der Stelle, wo dieſe Hütte ihren Platz ge⸗ funden, genoß man einen weiten Fernblick über See und Land. Letzteres dehnte ſich nach Süden, Oſten und Weſten in einer weiten unabſehbaren Fläche aus, die trotz ihrer fruchtbaren Felder einen unendlich öden und troſtloſen Anblick gewährte; namentlich um Mö⸗ wenort herum war dieſe Fläche kaum von einem her⸗ vorragenden Gegenſtande unterbrochen, kein Haus, kein Hof, ſelbſt nicht einmal ein Baum erhob ſich über die eintönige Ebene und nur in weiterer Ferne rückwärts tauchten am Horizonte einige baum⸗ und buſchreiche Ortſchaften auf, zwiſchen denen ſich wieder unabſehbare Aecker und einfarbige Felder ausbreiteten. Einen ähnlichen Anblick gewährte im Norden die unabläſſig rauſchende See. Im weiten unermeßlichen Bogen um Wittow herum wogte und brauſte ihre 249 blaugrüne Fluth, über deren ungeheuren Rücken bei Tag und Nacht der Wind ſeine geheimnißvollen Fur⸗ chen zog, und nirgends ringsum tauchte ein Stückchen Land aus der Tiefe auf. Nur in weiter, weiter Ferne, gegen Nordweſten hin, ſchien dicht über dem Waſſer, faſt an die ſchlangenartige ſilberne Linie des Horizon⸗ tes gränzend, eine kleine weiße Wolke zu ſchweben, aber es war keine Wolke, vielmehr waren es die blei⸗ chen Kreidefelſen der däniſchen Inſel Möen, die ge⸗ ſpenſtiſch über die weite Waſſerwüſte blickten und der weniger über dem Meere erhobenen Küſte des kleinen Rügens feindlich zu drohen ſchienen. Ueber dem Ganzen lag freilich in dieſer Morgen⸗ ſtunde des ſchönen Sommertages ein freundlich lächeln⸗ der Himmel ausgebreitet, den die ſtrahlende Auguſt⸗ ſonne faſt durchſichtig erſcheinen ließ; wenn dieſer Himmel aber von düſteren Wolken bedeckt wurde und die See, ſchäumend unter dem Einfluß des heulenden Windes, die ſchwarze Farbe derſelben annahm, mußte der Anblick dieſer Umgebung allerdings einen groß⸗ artigen, aber immerhin trübſeligen und Furcht erre⸗ genden Eindruck hervorbringen. Der Möwenort ſelbſt war ein ziemlich weit in die See vorſpringender, klippenartig abgeſtufter Landvor⸗ ſprung, der ſteil in die See abſtürzte und von einigen * & Schluchten durchbrochen war, die vielleicht ſchon vor Jahrhunderten der Regen ausgehöhlt hatte und die man hier Lithen nennt. Am Rande des Möwenortes, rings um die ſteilen Abhänge herum und in den Schluchten ſelbſt wuchs ein kurzes Gras, aber weder ein Baum, noch ein laubreiches Geſträuch unterbrach die Eintönigkeit des lebloſen Ganzen, deſſen Betrach⸗ tung ſchon jetzt in dem Beſchauer eine trübe Stim⸗ mung hervorrief. Belebt war dieſe einſame Gegend faſt nur von Schaaren unzähliger Möwen, wilder Gänſe und Enten, die in den ſtillen Lüften und über. dem murrenden Waſſer ihr Weſen trieben, bald ein⸗ zeln über den blauen Spiegel hinhuſchten, bald in ungeheuren Schwärmen ſich tummelten und dabei ein heiſeres, Mark und Bein durchchnuerndes Gekreiſch ertönen ließen. 3 Als Alfred Brunſt eine Weile dieſe ganze Scene⸗ rie überſchaut hatte, heftete ſich ſein Blick plötzlich auf die weite blaue Waſſerfläche davor. Er hatte zwei Segel bemerkt, die von Möwenort ſeewärts und mehr nach Süden zutrieben und nach denen gleich ihm ein Knabe blickte, der auf der Mitte des Abhanges umherkletterte, jetzt aber die Höhe erklomm, wo der Fremde ſtand. „Was ſind das für Schiffe dort?“ fragte dieſer den Jungen, der ſich landeinwärts begeben und ohne Gruß an ihm vorübergehen wollte. „Es ſind Yachten, Herr!“ lautete die kurze un⸗ freundliche Antwort. „Sind ſie von hier abgeſegelt?“ „Ja, Herr!“ „Wem gehören ſie?“ Der Burſche warf einen finſteren Blick auf den Fragenden und blieb ihm die Antwort ſchuldig, indem er haſtig weiter gehen wollte. Alfred Brunſt ging ein paar Schritte auf ihn zu, faßte ihn kräftig am Arm und ſagte:„Haſt Du keine Antwort auf meine Frage?“ Der Knabe ſah ihn mit ſeinen dummen waſſer⸗ grauen Augen groß an und ſagte dann grob:„Nein, ich habe keine Antwort. Mich geht das nichts an und ich weiß nicht, wem ſie gehören.“ „Aha! Das iſt doch wenigſtens eine Antwort, Schlingel. Kennſt Du hier in der Gegend eine arme Frau, die Derling heißt und zwei Kinder hat?“ Der Junge drehte ſich mürriſch nach der elenden Hütte um, die unſerm Freunde ſchon früher in die Augen gefallen war, und ſagte, mit der Hand darauf deutend:„Die Derling wohnt dort.“ „Gut. So kannſt Du gehen!“ erwiderte Alfred 25² Brunſt und lies den Arm des Jungen los, der ſo⸗ gleich ſpornſtreichs landeinwärts trabte. Jetzt wandte ſich der Fremde nach der Hütte und lächelte freudig vor ſich hin, daß er ſo leicht den Wohnort der armen Frau aufgefunden hatte. di Hütte war eine klägliche und ſelbſt für die einfachſten menſchlichen Bedürfniſſe kaum ausreichende Wohn⸗ ſtätte. Aus Lehmſteinen aufgebaut und mit einem dünnen Strohdach bedeckt, ſchien ſie mehr der Zu⸗ fluchtsort eines Hirten während der Nacht als eine beſtändige Wohnung für eine ganze Familie zu ſein. Das Dach war halb eingeſtürzt, halb von den Win⸗ den zerriſſen; die Lehmwände klafften mehrfach weit aus einander und an Stelle der ehemaligen kleinen Scheiben hingen alte Lumpen, um einigermaßen den ſcharfen Luftzug abzuhalten, der in dieſer Gegend Tag aus Tag ein ſich empfindlich ſpüren ließ. „ s iſt ſo, wie die Kinder ſagten,“ ſprach Alfred Brunſt leiſe vor ſich hin, als er der elenden Hütte naͤher kam, ſie haben mich alſo nicht belogen. Ihre Mutter muß ſehr arm ſein, daß ſie hier ihr und ihrer Kinder Leben friſtet— nun, dagegen läßt ſich etwas thun, wir wollen ſehen, ob ſich auch alles Uebrige verhält, wie ſie ſagten.“ Mit dieſen Worten ſchritt er gemirlih d dem Ein⸗ 253 gang der Hütte zu; kaum aber hatte er die verfallene Umzäunung betreten, als die beiden Kinder, denen er auf der Schabe begegnet, ſeiner vom Innern aus anſichtig wurden, ihn ſcharf in'szAuge faßten und dann laut aufſchreiend auf die Mutter losſtürzten und riefen: „Mutter, Mutter, da iſt der Herr, der uns in ſeinem Wagen mitgenommen, das viele Geld gegeben und in Altenkirchen geſpeiſt und gekleidet hat!“ Auf dieſen Ruf ging in der Hütte ein lebhafter Auftritt vor. Die arme Frau, theils von Freude, theils von Schreck über die unerwartete Ankunft des edlen Fremden ergriffen, ließ Alles, was ſie gerade in Händen hielt, zu Boden fallen und, mit den Fin⸗ gern über das dunkelroth gewordene Geſicht und die Haare ſtreichend, um wenigſtens ihre eigene Erſchei⸗ nung in beſter Verfaſſung zu zeigen, kam ſie mit zitternden Knieen und zuſammengeſchlagenen Händen aus der Hütte hervor, um den Mann, der ihr ſo viel Wohlwollen erwieſen, mit eigenen Augen zu ſchauen. Sie war eine noch ziemlich junge und leidlich hübſche Frau mit lebhaften Augen, aber eingefallenen Wangen, aus deren Höhlen der Hunger und das Elend in ihrer verſtändlichen Sprache redeten. Trotz ihrer bitteren Armuth war die wenige Wäſche, die ſie 254 an ſich trug, reinlich und der Ausdruck ihrer Mienen verrieth einem Menſchenkenner, wie der war, der jetzt vor ihr ſtand, daß ſie nicht immer ſo erbärmlich ge⸗ wohnt, ſondern wohl beſſere Tage geſehen habe. „Ach Gott, Herr,“ rief ihm die Frau entgegen und hob ihre Hände gefaltet zu ihm empor—„nun kommen Sie noch ſelber! O wie ſoll ich Ihnen dan⸗ ken für das Gute, das Sie mir und meinen Kindern gethan?“ 1 „Still, ſtill,“ ſagte Alfred Brunſt mit mild ab⸗ wehrender Geberde und ergriff freundlich ihre Hand, die ſie durchaus küſſen wollte,„kommt hinein in das Haus, da wollen wir weiter ſprechen,“— und als er nun in dem dunſtigen Raume voll Rauch auf einem Schemel ſaß, der faſt das einzige Bequemlich⸗ keitsgeräth im ganzen Häuschen war, fuhr er fort: „Ich wollte einmal ſelbſt nach Euren Verhältniſſen ſehen und mich überzeugen, ob die Liſe und der Peter nicht gelogen haben.“. „Ach nein, Herr, meine Kinder lügen nicht, ſie ſind in Gottesfurcht erzogen.“ „Aber Ihr ſchickt ſie doch zum Betteln Meilen⸗ weit aus?“ Die Frau zuckte die Achſeln und fing bitterlich an zu weinen. 255 „Still, ſtill,“ fuhr der wohlwollende Mann mit beſänftigender Handbewegung fort,„nicht um Vor⸗ würfe zu machen bin ich hierhergekommen, ſondern um Euch wo möglich zu helfen. Seid Ihr an dieſes Haus gebunden?“ „Nein, Herr, aber es iſt das einzige Obdach, das wir beſitzen.“ „So, ſo, und wovon lebt Ihr?“ „Davon, was uns Gott giebt. Fiſche ſchenken uns bisweilen die Schiffer dort unten, Almoſen geben die Nachbarn und ich ſelbſt ſtricke Netze und thue was ſonſt von mir verlangt wird.“ „Habt Ihr Luſt zu arbeiten?“ „O ja, wenn ich nur eine paſſende Stelle finden könnte. Ich verſtehe die Gartenarbeit, auch das Vieh kann ich beſorgen und manches Andere noch im Haus⸗ weſen leiſten, wie ich es bei meinen Eltern gethan.“ Das weiche Herz des Fremden war ſchon von Mit⸗ leid tief aufgewühlt und gern hätte er in die Taſche gegriffen und eine Hand voll Geld auf den kalten Heerd im Zimmer gelegt. Allein er bezwang ſich noch. „Erzählt mir Eure Geſchichte!“ ſagte er kurz. „Ach Gott, Herr, da iſt nicht viel zu erzählen. Ich bin die Tochter eines Schiffers aus Wieck und meine Anverwandten ſind alle geſtorben. Mein Mann 256 war in ſeiner Jugend fleißig und ordentlich, aber er gewoͤhnte ſich den Trunk an und gerieth in ſchlechte Geſellſchaft.“ „Was trieb er denn für ein nGoſchiſten „Früher war er ein ehrlicher Schiffer, dann aber lernte er die Steinzanger kennen, die hier in der Nähe immer ihre Niederlaſſungen hatten, und da war es mit ſeiner Ehrlichkeit und auch mit ſeinem Frieden vorbei. Aus Noth vielleicht hat er ſich einige Male an fremdem Eigenthum vergriffen und jetzt ſitzt er in Bergen im Gefängniß, oder eigentlich liegt er im Hospital, denn er iſt todtkrank an der Schwindſucht und ſoll nur noch wenige Tage zu leben haben. Ich bin einmal bei ihm geweſen, aber er kannte mich ſchon nicht mehr.“ Alfred Brunſt ſtand da, die Arme unter einander geſchlagen und das Kinn auf die Bruſt geſenkt. Er ſann über das traurige Schickſal der Armen nach— plötzlich richtete er ſein wohlwollendes Geſicht empor und ſein feuriges Auge haftete lebhaft auf der weh⸗ müthig blickenden Frau.„Ich ſetze voraus,“ ſagte er „daß Ihr mir die reine Wahrheit geſagt habt?“ „Gott ſoll mich ſtrafen, wenn es anders iſt, Herr.“ „Nun gut denn! Euer Elend ſoll ein Ende ha⸗ ben. Nur wartet das Ende Eures Mannes ab, das 257 Gott bald herbeiführen möge, wenn ihm nicht mehr zu helfen iſt. Wenn er todt iſt, ſo laßt Alles hier ſtehen und liegen und wandert nach Grünthal auf Jasmund. Hier habt Ihr eine Karte— auf die werde ich einige Worte ſchreiben, damit Ihr aufgenommen werdet, wenn ich nicht da ſein ſollte.— So. In „Grünthal ſollt Ihr Arbeit und Liſe und Peter Unter⸗ richt finden. Fleißige und ordentliche Leute kann icht gebrauchen, träge und unredliche halte ich mir nicht.“ Die Frau war ſo erſchüttert, daß ſie auf die Kniee fallen wollte, und nur mit Mühe verhinderte es der Fremde, dem ſchon lange die Augen feucht waren. Nachdem er die Arme dann mit einigen troſtreichen Worten ermuthigt und ihr eine Börſe mit Geld ein⸗ gehändigt hatte, ſagte er:. „Das waren nun Eure eigenen Angelegenheiten, Frau Derling. Nun gebt einmal Acht, trocknet Euch die Augen und antwortet mir auf meine Fragen, denn ich bin noch aus anderen Gründen zu Euch ge⸗ kommen.“ 2 8 Frau Derling trocknete ſich mit der Schürze die Augen und ſtand dann getröſtet und dankbar vor dem Manne ſtill, der ihr wie ein rettender Engel vom Him⸗ mel geſandt ſchien. Die Kinder aber, weinend, wenn die Mutter weinte, und heiter, wenn ſie wieder heiter Die Inſulaner. III. 17 war, hockten aufmerkſam neben und hinter ihr und ſahen mit ihren großen blauen Augen unverwandt den reichen Herrn an, den ſie ſchon an jenem Tage für ein Wunder von Güte und Menſchenliebe gehalten hatten. „Ihr wohnt hier ziemlich abgeſondert,“ ſagte Alfred, Brunſt,„aber doch giebt es wohl Leute in der Nach⸗“ barſchaft, die Ihr kennt, wie?“ „Wenige, Herr, und die vorhanden ſind, beküm⸗ mern ſich nicht um Unſereins. Der nächſte kleine Hof liegt da unten in der großen Lithe, man kann aber das Haus erſt ſehen, wenn man dicht an den Rand derſelben tritt.“ 4 „Wer wohnt dort?“ „„Ein Mann, der ſelten zu Hauſe iſt und mehr nach auswärts als landwärts Handel treibt.“ Alfred Brunſt's Auge blitzte hell auf.„Wie heißt der Mann?“ fragte er anſcheinend ruhig, aber mit großer innerer Spannung. „Ich weiß es wirklich nicht gleich, Herr, denn ach! ich bekümmere mich wenig um die Leute, die ſich nicht um mich kümmern,“ erwiderte die arme Frau mit mehr Betrübniß als ſtumpfer, durch das viele Leid er⸗ zeugter Gleichgültigkeit.„Den früheren Beſitzer des Hofes kannte ich wohl, aber den jetzigen, der ihn erſt Ihnen nicht nennen.“ Hier zupfte Liſe die Mutter am Rock und gab ihr einen leiſen Wink. „Was willſt Du, Liſe?“ fragte freundlich der Fremde, der überall ſeine Augen hatte. „Ich weiß, wie der Mann heißt, Herr.“ „Nun wie heißt er denn?““ „Stumper heißt er, ich weiß es gewiß.“ „Stumper!“ wiederholte Alfred Bruſt ſinnend. „Nein, das war der Name nicht, den ich ſuchte. Iſt der Mann wohlhabend?“ „Das muß er wohl ſein,“ ſagte die Frau wieder. „Denn ſonſt hätte er das Haus wohl nicht ſo hübſch ausbauen können. Und überdieß iſt er ein Handels⸗ mann und dieſe Leute verdienen immer Geld.“ „Womit handelt er denn?“ 4 „Mit allen möglichen Dingen, vorzüglich aßer mit Steinen, glaube ich.“ „Mit Steinen?“ fragte Alfred Brunſt lebhaft und aufmerkſam. „Ja, er bringt ſie in großen Booten und Nach⸗ ten von allen Seiten heran. Dann werden ſie unten am Strande ausgeladen, zerſchlagen, behauen, wie⸗ der eingeladen und zum Verkauf nach den großen 17* 260 Städten gebracht, wo man die Straßen damit pflaſtert, ſagt man.“ „So, ſo! Die erwirbt er ſich wohl durch Stein⸗ zangen, he?“— Die Frau zuckte die Achſeln, ſie wußte es nicht oder wollte nicht recht mit der Sprache heraus. „O ja!“ rief da plötzlich der muntere Knabe an ihrer Seite,„ſie nennen ihn auch den Steinzangerkönig.“ „Ei, ei!“ rief Alfred Brunſt lächelnd.„Nennt man ihn ſo? Nun, das iſt ein ganz hübſcher Titel! Habt. Ihr den Mann ſchon geſehen?“ „O ja,“ verſetzte die Frau,„aber nur von Weitem und geſprochen habe ich nie mit ihm.“ „Ich aber habe ihn ſchon oft in der Nähe ge⸗ ſehen,“ rief das Mädchen. „Und ich auch!“ fügte der Knabe hinzu. „So. Wie ſieht er denn aus?“ . Ze Kinder ſahen ſich zweifelhaft an und wußten nicht, was ſie ſagen ſollten.„Iſt er ein hübſcher Mann?“ fragte Alfred Brunſt mit ruhigſter Miene weiter. „Nein, nein!“ rief das Mädchen,„er ſieht bös aus und hat einen ſchrecklich großen und ſchwarzen Bart, aus dem die rothen Lippen ſo dick her⸗ vorſtehen.“ 261 „O!“ dachte unſer Freund.„Die Kinder ſchildern ihn trefflich.— Iſt er verheirathet? Wißt Ihr das vielleicht?“ „Das weiß ich auch nicht,“ entgegnete die Frau, „ich wenigſtens habe ſeine Frau noch niemals geſehen.“ „Aber ich!“ riefen beide Kinder auf einmal.„Seine Frau iſt geſtern gekommen,“ ſagte Liſe. „Und auch ſeine Tochter!“ ſetzte Peter hinzu. „Woher wißt Ihr denn das?“ fragte die Mutter, verwundert ihre Kinder anblickend.„Davon habt Ihr mir ja noch nichts geſagt.“ „Wir wiſſen es auch erſt ſeit einer Stunde,“ ſagte das Mädchen.„Wir gingen nach dem Hauſe und ba⸗ 8 ten um etwas Speiſe. Da kamen die Fyc und die Tochter an's Fenſter und ſagten, ſie hättgfl ſelbſt jetzt noch nichts, würden aber heute Abend e ögliche bekommen. Wir möchten nur wie, rſprkchen dann ſollten wir haben, was da iſt.«"*— Alfred Brunſt ſtand von ſei auf. Er hatte für's Erſte genug gehöͤrk. der Mann jetzt zu Hauſe iſt?“ fragte er noch „Nein, der iſt vor einigen Stunden mit zwei Schiffen abgefahren,“ ſagte Peter,„und da— unten habe ich noch ſo eben die Segel geſehen. Er holt wieder Steine, ſagten die Leute am Strande, als 262² ich dort oben ſtand, und er wollte auch noch friſches Fleiſch mitbringen, wenn es ſich gerade machte.“ Alfred Brunſt bebte faſt vor innerer Aufregung. Schon jetzt hegte er kaum noch einen Zweifel, daß der Kreidearbeiter Wieſel in Dargaſt dem Maler die Wahr⸗ heit geſagt und daß dieſer Herr Stumper vielleicht der ſchwarze Halling ſei, wofür viele Bemerkungen der Kinder ſprachen. „Meine gute Frau,“ ſagte er herzlich,„ich habe mich nun genügend von Eurer Lage überzeugt und ich bin feſt entſchloſſen, Euch zu helfen. Thut nun, wie 8 ich Euch ſagte, und kommet nach Grünthal— es liegt * dicht bei Lohme— alles Uebrige wird ſich finden. Und Du, Peter, zeigſt mir wohl den Weg nach Herrn anatre Haus, vielleicht kann auch ich einen Handel ih da ließen, mir fehlen gerade Steins⸗ und d mnt ersja, wie ich höre.“ „„M. die e ſagte die Frau. „Nun ſeht So lebt alſo wohl, ſeid nicht zu turig und vertraut auf mich.“ Er reichte ihr die Hand und die Frau brach dabei vor Daͤnkbarkeit in Thränen aus. „Bald darauf hatte Alfred Brunſt die bauffllige Hütte verlaſſen und athmete wieder die reine Seeluft ein. Er ſchöpfte tief Luft, als er im Freien war, die 263 — 4 Bruſt war ihm beengt und ſein Herz klopfte ſo ſtark, als wollte es ihm ankündigen, daß er im Begriff ſtehe, einen wichtigen Schritt zu thun. Peter ſprang ihm in ſeiner neuen Jacke munter voran und erreichte bald den äußerſten Rand des ziem⸗ lich ſteil abſtürzenden Abhanges. Auf einem hügel⸗ artigen Vorſprunge blieb er ſtehen und deutete mit dem Finger nach der Tiefe. Man konnte von hier aus einen Theil der Lithe überblicken und auf einer breiten, durch Menſchenhand geebneten Fläche ein leid⸗ lich anſehnliches Haus aus feſten Strandſteinen auf⸗ gemauert, die durch Kalk wohl verkittet waren, ſtehen ſehen. Das Dach war mit Rohr gedeckt. Hinter dem Hauſe, bis an die Wand der Lithe reichend, war ein kleiner Gemüſegarten angelegt und darin ſtrebten ſchon einige junge Bäume kräftig empor, da ſie durch das davorliegende Gebäude vor den heftigſten Seewinden geſchützt wurden. Am Strande in der Tiefe aber la⸗ gen ungeheure Haufen Steine aufgeſchichtet, die ſchon geſpalten und zur Verſchiffung eingerichtet waren. Als Alfred Brunſt dieſe Steinhaufen gewahrte, lächelte er in ſeiner alten ironiſchen Weiſe.„Es wäre nicht unmöglich,“ dachte er,„daß dieſe Steine von der Oehe ſtammen. Herr Stumper ſcheint ein arger In⸗ duſtrieritter zu ſein und wirklich ſo billig wie möglich einzukaufen. Nun, nun, ich werde bald Gewißheit darüber haben! Ich will einen tüchtigen Handel mit ihm abſchließen und mich ſoll er nicht ſo leicht von der Hand weiſen wie den armen Markholm. Haha! Alſo das könnte jetzt Dein Aufenthaltsort ſein, arme Alwining? O, der Himmel und das Meer liefern hier die einzigen Reize, auf die Dein Auge ſchaut, aber wo iſt Dein ſchöner Wald geblieben, den die Poeſie und die Liebe vergoldeten und verzauberten? Ach, ach, es iſt ſehr öde und einſam hier und der ſchwarze Hal⸗ ling, wenn er Dein Vater iſt, hat Dir allerdings eine Gegend ausgeſucht, in der Dich nur wenige Menſchen⸗ augen zu ſehen bekommen. Und doch— jetzt bin ich da und ich habe ein gutes Auge— alle Wetter, mein Herz klopft mir ſo heftig, daß ich jetzt ſelbſt Herrn Markholm damit beſchämen könnte, aber ſo wie ich dies Herz kenne, deutet es mir damit an, daß ich auf der rechten Fährte bin. Vorwärts!“ Er verabſchiedete den Knaben, der ihm noch den beſten Weg nach dem Hauſe zeigte und dann wieder nach der armſeligen Hütte zurücklief. Alfred Brunſt aber recognoscirte von ſeinem hohen Standpunkte aus das Gehöft und die ganze umliegende Gegend, und da er keinen einzigen Arbeiter weder am Strande noch in der Nähe des Hauſes bemerkte, ſo ſchloß er ganz richtig, daß Herr Stumper mit ſeiner ganzen Sippſchaft auf eine großartige Unternehmung aus⸗ gezogen ſei. Nachdem er ſeine Handlungsweiſe raſch überlegt und noch einige Einzelnheiten aus Heinrich Mark⸗ holm's Berichten ſich in's Gedächtniß gerufen, ſchritt er langſam und bedächtig auf dem ſchmalen Pfade in die Lithe hinab und kam ſo bald auf der breiten Fläche an, die das ſichtlich ganz neue Haus trug. Hier aber begegnete ihm der erſte ernſtliche Wider⸗ ſtand in Geſtalt zweier tüchtiger Hofhunde, die unan⸗ gekettet ihm entgegenſprangen, ein ungeheures Ge⸗ belfer ausſtießen und nicht übel Luſt zeigten, dem edlen Handelsmann in die Beine zu beißen. „Der Empfang iſt gut!“ dachte Alfred Brunſt, ber da er aus Erfahrung wußte, wie man in dem mit Hunden reich geſegneten Rügen bei dergleichen Anfällen verfährt, ſo ließ er ſich nicht einſchüchtern, ſondern rüſtete ſich vielmehr zum ernſten Gegengruß. Er nahm ein paar wuchtige Steine vom Boden und warf ſie ſo nachdrücklich auf die Hunde, daß dieſe heulend davonſtoben und ſich nicht wieder ſehen ließen, da ſie die„kundige“ Hand des Fremden erkannt haben mochten. Als die Hunde ſich zurückgezogen, trat ringsum eine tiefe Stille ein, die nur von Zeit zu Zeit durch das unwillige Geknurre der wachſamen Köter unter⸗ brochen wurde. Niemand war ſichtbar, das Haus ſchien ausgeſtorben und auch als der Fremde an die verſchloſſene Hausthür klopfte, zeigte ſich in den erſten Minuten kein Menſch. Endlich nach wiederholtem und ſtärkerem Pochen öffnete ſich ein Fenſter des Hauſes und ein altes, triefäugiges Weib mit, unwirſch um das Geſicht hän⸗ genden grauen Haaren und einer rothgewürfelten Mütze ſtreckte ihren Kopf daraus hervor und fragte mit eben nicht allzu gaſtlicher Stimme: „Was will der Herr?“ „Iſt Herr Stumper zu Hauſe, meine liebe Frau?“ fragte der diplomatiſche Handelsmann mit ſeiner höf⸗ lichſten Miene. „Ich komme in wichtigen Geſchäften, auf die er ſchon lange wartet, und wenn er nicht ſelbſt zu Hauſe iſt, muß ich nothwendig ſeine Frau ſprechen.“ Die an ſich ſchon rothe Naſe des alten Weibes wurde noch um einen Grad röther, als es dieſe mit großer Sicherheit geſprochene Antwort vernahm.„So,“ entgegnete ſie mit deutlicher Verwunderung,„woher wiſſen Sie denn, daß Herr Stumper eine Frau hat?“ „Nein, er iſt zur See. Was wollen Sie von ihm?“ 3 gute Frau. Sie ſehen, ich bin ein vertrauter Freund des Hauſes, da ich ſo genau unterrichtet bin.“ 5„Sie ſagen es und es ſcheint faſt ſo, obgleich ich es nicht weiß und Sie nie hier geſehen habe.“ ja auch oft wo anders auf, beſte Frau, das werdet Ihr doch wohl ſo gut wiſſen wie ich.“ Jetzt erſt nahm die gute ja ſogar beſte Frau eine freundlichere Miene an, denn der Herr ſprach ſo ſicher, daß er wirklich ein Bekannter von Herrn Stum⸗ per ſein mußte. „Ja, ja,“ ſagte ſie,„das weiß ich ſo gut wie Sie — und da Sie ſo Vieles wiſſen, ſo ſage ich Ihnen auch, daß die Frau zu Hauſe, aber leidend iſt und gewiß keinen fremden Beſuch annimmt.“ „So muß ich die Tochter ſprechen!“ ſagte Alfred Brunſt mit größter Gelaſſenheit, aber nachdrücklicher Beſtimmtheit. „Oho— die ſpricht kein Menſch ſo leicht!“ „Macht dem Dinge ein Ende!“ rief der Unter⸗ händler mit erkünſtelter Heftigkeit.„Führt mich zu der Frau, und bald, denn ich habe ihr etwas ſehr Angenehmes zu ſagen.“ Die Alte zog ſich vom Fenſter zurück, ſchloß es „O, ſie iſt ja geſtern mit ihrer Tochter gekommen, „Hier nicht, nein. Aber Herr Stumper hält ſich⸗ 268 und ging in's Haus, worin ſie ſo lange blieb, daß Alfred Brunſt ſchon glaubte, ſie würde gar nicht wie— ddeer zum Vorſchein kommen. Endlich aber kam ſie doch und ſagte mit höflicherer Miene:„Woher kom⸗ men Sie, mein Herr, und wie heißen Sie? Frau „Stumper will das vorher wiſſen.“ „Das kann ſie nur von mir erfahren, meine gute Frau— öffnen Sie die Thür oder es wird Ihnen leid thun, wenn Herr Stumper wiederkommt.“/ Die Frau ſchüttelte den Kopf über die Hartnäckig⸗ keit des Beſuchers, ſchritt brummend zur Thür und öffnete ſie. 3 Alfred Brunſt trat raſch und ſicher in einen ein⸗ fachen Flur und von da in ein anſtändig hergerich⸗ tetes Zimmer mit Möbeln von Birkenholz, woraus man auf die guten Verhältniſſe der Bewohner ſchlie⸗ ßen konnte, allein Alles ringsum befand ſich nicht in der beſten Ordnung. Man ſah auf den erſten Blick, daß ſie erſt vor Kurzem hier eingezogen waren und noch nicht Zeit gehabt hatten, an die Ausſchmückung des Hauſes zu denken, von deſſen Fenſtern aus man einen, unermeßlich weiten Blick über die See wer⸗ fen konnte. 1 „Warten Sie ein wenig,“ ſagte das alte Weib, das eine Art Hauscerberus und von Herrn Stumper „ 4 269 ſelbſt als Hüter ſeiner Damen eingeſetzt zu ſein ſchien, „Frau Stumper iſt in dem anderen Zimmer und wird Sie hinein rufen, wenn ſie mit ihrem Anzug fertig iſt. Die arme Frau iſt ganz krank und vor einer Stunde erſt aus dem Bette aufgeſtanden.“ „Das thut mir leid!“ verſetzte der Fremde, der unruhig im Zimmer auf⸗ und abzugehen begann. Die Alte verließ ihn und er war allein. Sein Herz pochte laut, ſeine flammenden Augen bohrten ſich mit Falkenſchärfe auf die Thür, hinter der das Geheimniß noch verborgen lag, das zu erforſchen er gekvmmen war und nicht allein für ihn, auch für An⸗ dere von ſo großer Bedeutung ſein konnte. Endlich that ſich die Thür langſam auf und eine Frau von mittleren Jahren, aber mit ſchon vor der Zeit gealterten Zügen, auf denen Leid und Kummer deutlich ausgeprägt lagen, und überdieß mit Augen, in deren Umgebung man unverkennbar die Spuren kurz vorher vergoſſener Thränen wahrnahm, erſchien Jlaauf der Schyelle, verbeugte ſich mit erwartungsvoller Höflichkeit vor dem Fremden und lud ihn ein, näher zu treten. Als der Gutsherr von Grünthal mit ſeiner hohen 8 und Achtung gebietenden Geſtalt, dem menſchenfreund⸗ lichen Geſicht, auf dem ein milder Ernſt und trotz 270) ſeiner inneren Aufregung kraft ſeiner großen geiſtigen Selbſtbeherrſchung eine milde Ruhe ausgebreitet lag, in das zweite Zimmer trat, fühlte ſich die leidende Frau auf den erſten Blick wohlthätig berührt und von jenem ermuthigenden Gefühl ergriffen, welches man ge⸗ meinhin mit dem ſchönen Namen„Vertrauen“ bezeichnet. Alfred Brunſt nahm ohne Zaudern den dargebo⸗ tenen Stuhl an, wobei er jedoch nicht unterließ, einen neugierig forſchenden Blick auf die Frau Stumper und ihre ganze Umgebung zu richten. Sie ſchien dieſen Blick falſch zu deuten und ent⸗ ſchuldigte ſich, daß es nicht ſo ganz wohnlich bei ihr ausſehe, da ſie erſt geſtern von einer Reiſe heimge⸗ kehrt ſei, und ſo habe ſie noch nicht die Zeit gefun⸗ den, an den Ausputz des Hauſes zu denken. „Das iſt es nicht, Frau Stumper,“ ſagte Alfred Brunſt mit der biederen Miene und dem herzgewin⸗ nenden Ton, der Jedermann bezwang,„was meine Blicke zuerſt hier anlockt; es iſt vielmehr Ihr eigenes leidendes Geſicht, was mich bedauern läßt, daß ich zu einer Trauernden komme.“ „O mein Herr,“ erwiderte Frau Stumper mit leichtem Erröthen,„ich traure wohl eigentlich nicht, ich fühle mich nur nicht wohl und ich habe Ihnen das auch ſchon durch jene Frau ſagen laſſen.“ 271 „Ja wohl, und ich bin dennoch ſo unbeſcheiden geweſen, Ihre Ruhe zu ſtören, nicht wahr? Doch das müſſen Sie mir verzeihen, ich mußte Sie ſpre⸗ chen und ich hätte ſogar Einlaß begehrt, wenn Sie ernſtlich krank im Bette gelegen hätten.“ Frau Stumper riß etwas weiter die Augen auf und betrachtete den ſo gefällig, aber mit ungemeiner Sicherheit redenden Mann mit wachſendem Staunen. „Warum mußten Sie mich denn ſprechen?“ fragte ſie, den Kopf verlegen niederſenkend. „Davon nachher, für jetzt erſt etwas Anderes. Ihr Mann, höre ich, iſt nicht zu Hauſe,— iſt das wahr?“ „Ja, das iſt wahr, und wenn Sie ihn ſprechen wollen, ſo kann ich Ihnen leider nicht die Zeit angeben, wann er zurückkehrt, denn er iſt über See verreiſt.“ „Das thut mir beinahe leid,“ ſagte Alfred Brunſt ſcheinbar nachſinnend,„ich hätte ihn wohl gern ſelbſt geſprochen; allein da dies nun einmal nicht geht, muß mich verſuchen, mein Geſchäft auch mit Ihnen abzu⸗ ſchließen.“ „Ein Geſchäft, Herr? Ach, da bedaure ich ſehr. In die Geſchäfte meines Mannes miſche ich mich nie und ich habe davon auch gar keine Kenntniß.“ „Vielleicht doch, meine gute Frau Stumper. Ihr Mann handelt mit Steinen, nicht wahr?“ 272 2 „Ach Gott, Herr, das iſt wohl möglich— ich glaube es faſt!“ lautete die überaus verlegene Antwort. „Wie,“ fuhr der Fremde fort und erhob ſeine blitzenden Augen mit eindringlicher Schärfe gegen das erbleichende Geſicht der Frau,„wie, Sie ſollten nicht wiſſen, womit Ihr Mann Geſchäfte treibt?“ Frau Stumper wurde immer befangener, griff mit den Händen an ihre Schürze, die ſie zuſammen und wieder auseinander faltete und ſagte:„Ja, das klingt ſeltſam und doch iſt es ſo. Mein Mann thut, was er auch thut, allein, ohne Jemanden, am wenigſten mich, um Rath zu fragen.“ Alfred Brunſt ließ eine kleine Pauſe im Geſpräch eintreten. Er zweifelte keinen Augenblick mehr, die Perſon gefunden zu haben, die er ſuchte. Alles was er über ſie von Heinrich Markholm erfahren hatte, ſtimmte mit ihrer Erſcheinung und ihren Worten überein. Nach kurzem Beſinnen aber ſetzte er das Geſpräch fort und, raſch von den Geſchäften abbre⸗ chend, lehnte er ſich bequem in ſeinen Stuhl zurück, heftete die Augen freundlich auf die arme Dulderin und ſagte auf herzgewinnende Weiſe, die das Vertrauen der Zuhörerin von Neuem weckte:„Sie ſind alſo erſt geſtern hier angekommen?“ „Ja, geſtern Abend iogar erſt und ich habe kaum 273 ſo viel Zeit gehabt, um an das in der Wirthſchaft Nothwendigſte zu denken.“ „Haben Sie auch Ihre Tochter mitgebracht?“ „Wie,“ rief die Frau, erſchrocken zuſammenfahrend, „woher wiſſen Sie denn, daß ich eine Tochter habe?“ 1„O, ich weiß nicht nur das, ſondern noch viel mehr von Ihnen. Wundern Sie ſich darüber noch nicht, meine gute Frau, und um Sie gleich von vorn⸗ herein von meinem Wiſſen in Kenntniß zu ſetzen, ſo will ich Ihnen ſagen, daß ich ſogar weiß, wo Sie und Ihre Tochter bis geſtern Nacht wohnten.“ Frau Stumper ſtieß einen leiſen Schrei aus und war ſo bewegt, daß ſie ſich nicht von ihrem Platze er⸗ heben konnte. Ja ſie konnte nicht einmal eine Frage thun und begnügte ſich, mit offenem Munde und ſtar⸗ ren Augen den ſeltſamen Beſucher anzuſtaunen. „Ja,“ fuhr dieſer ruhig und freundlich fort,„ich weiß alſo, wo Sie und Ihre Tochter wohnten, allein Sie nannten ſich daſelbſt nicht Stunper⸗ ſondern mit einem andern Namen.“ Jetzt ſprang die geängſtigte Frau mit krampfhafter 1 Erregung von ihrem Stuhle auf, lief nach dem Fen⸗ ſter, warf einen raſchen Blick auf die See, und erſt als ſie die beiden Schiffe, die am Morgen ausgeſe⸗ gelt, nur als zwei kleine Punkte am Horizonte ſchwe⸗ Die Inſulaner. III. 18 274 ben ſah, faßte ſie ſich wieder, kam mit gefalteten Hän⸗ den und bittender Miene zu dem Fremden zurück, der ſie ruhig beobachtete, und ſagte:„O, mein Herr— Sie ſetzen mich in Schrecken und Angſt— reden Sie weiter— was wollen Sie von mir?“ „Seien Sie ruhig, liebe Frau, und ſetzen Sie ſich nieder!“ lauteten die leiſer geſprochenen Worte des Fremden.„So. Nun denn, da Sie es wiſſen wol⸗ len, ſo kam ich allerdings eigentlich nicht hierher, um die Urſache zu erforſchen, warum Ihr Mann ſeinen Namen ſo ſchnell geändert hat, noch weniger, um mit ihm Handelsgeſchäfte zu beſprechen, ſondern aus einem ganz anderen Grunde. Ohne daß Sie es wiſſen, ſchweben meine Gedanken ſchon lange über Ihrem 4 Wohnorte, dem alten beſonders, und da mich ein günſtiger Zufall auch den neuen raſcher als ich glaubte finden ließ, ſo ſage ich Ihnen, daß ich zu Ihnen kam um eines Freundes willen, den ich durch Ihre und Ihrer Tochter Auffindung tröſten und beruhigen wollte, oder auch, wenn ich Sie und Ihre Tochter nicht ſo fand, wie er mir mitgetheilt, ihn für immer von Ihnen fern zu halten. Ich ſage Ihnen das aufrichtig, wie ich immer bin, nun aber ſeien auch Sie gegen mich aufrichtig und beantworten mir Alles und Jedes, wo⸗ nach ich fragen werde, und ich gebe Ihnen die Ver⸗ ſicherung, daß es nur zu Ihrem Vortheil und vielleicht zum Glück Ihrer Tochter beitragen wird.“ Schon während Alfred Brunſt dieſe Worte ſprach, ging eine völlige Veränderung in dem Weſen der Frau vor. Es durchbrach ſie eine Art von Ahnung, daß dieſer Fremde ein ihr von Gott geſandter Retter und Helfer ſein könne, und dieſe Ahnung erhob ihr Herz und beruhigte ihre Seele. Dennoch konnte ſie den erſten Schreck nicht ganz überwinden und in ihre Freude miſchte ſich eine unbeſtimmte Beängſtigung über das Ende und Ziel dieſes ſeltſamen Geſpräches. Als der Redende nun aber ſchwieg, nachdem er durch die Erwähnung des Glückes ihrer Tochter ihr Herz von Neuem erſchloſſen, brach ſie in einen Strom von Thränen aus, deren Erguß Alfred Brunſt geduldig abwartete. Als ſie aber nach einer Weile getrocknet waren, erhob ſie ihr verſtörtes Geſicht wieder zu ihm, als er⸗ warte ſie, daß er in ſeiner Rede fortfahren werde. Da er aber hartnäckig ſchwieg und ſie nur mit mit⸗ leidigen Blicken betrachtete, ſagte ſie demüthig:„Ach, mein Herr, ich habe eine recht dringende Bitte an Sie zu richten.“ „Sprechen Sie, ich denke ſie Ihnen wohl gewäh⸗ ren zu können.“ 276 „O, ſo ſagen Sie mir Ihren Namen, damit ich weiß, wen ich in Ihrer Perſon vor mir habe.“ Alfred Brunſt lächelte, er hatte dieſe Frage ſchon lange erwartet.„Nun denn,“ ſagte er,„ich habe kei⸗ nen Grund, Fönen meinen Namen zu verſchweigen. Ich heiße Brunſt und wohne eine halbe Meile von Stubbenkammer entfernt auf Grünthal.“ „O mein Gott,“ rief die Frau, haſtig von ihrem Sitze wieder aufſpringend und zu dem Fremden hin⸗ ſtürzend,„Herr Brunſt, Herr Brunſt? O dann ſind Sie uns ja kein Fremder mehr, dann ſind Sie— dann ſind Sie—“ Jetzt erhob Alfred Brunſt befremdet den Kopf. „Woher kennen Sie mich denn?“ „Ich kenne Sie nicht perſönlich, aber Ihr Name war mir ſchon lange und ungemein vortheilhaft be⸗ kannt. Ein Freund von uns nannte Sie den edelſten der Männer und ſprach uns Stundenlang von Ihnen, den er liebte wie den zärtlichſten Freund und den er verehrte wie einen gütigen Vater, der ſeinen Kindern nur den beſten Rath ertheilt.“ „So,“ ſagte Alfred Brunſt, auch aufſtehend und der Frau vertraulich entgegentretend,„und wer war dieſer Freund von Ihnen?“. „Es war ein Maler, Herr Heinrich Markholm!“ 277 „Der Sie in der Schlucht des Kieler Baches auf Jasmund täglich beſuchte?“ „O Gott, Sie wiſſen ja Alles, Herr Brunſt, was ſoll ich Ihnen denn noch ſagen?“ „Noch ſehr viel, meine liebe Frau Halling und ich komme ſogleich darauf.“ „Nein, nein— erſt ſagen Sie mir, was Herr Markholm macht, wie es ihm geht und wo er ſich gegenwärtig aufhält.“ „Ich komme ja von ihm her— um ſeinetwillen habe ich Sie aufgeſucht und er hat mir tauſend Grüße aufgetragen, wobei er die feſte Zuverſicht hegte, Sie würden mir daſſelbe Vertrauen erweiſen wie ihm, ja, vielleicht noch ein größeres, indem Sie mir ganz offen und ehrlich Ihre ganze Geſchichte erzählen und mich tief in Ihre Seele blicken laſſen, damit ich im Stande bin, Ihnen und Ihrer Tochter wirklich zu helfen, wie es in meinem Wunſcha liegt.“ 5 Frau Halling war wieder auf ihren Stuhl geſun⸗ ken und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. Ihre Bruſt arbeitete heftig und bittere Seufzer ran⸗ gen ſich aus ihrem Herzen los. Offenbar kämpfte ſie einen großen innerlichen Kampf und Alfred Brunſt ließ ſie gewähren, da er ſich das Beſte von ihrem ſtillen Nachdenken verſprach. Als es aber etwas lange 278 dauerte, trat er zu ihr heran, zog ihr die Hände vom Geſicht und ſagte mit ſeiner ſanfteſten Stimme: „Frau Halling, faſſen Sie ſich und reden Sie. Sie reden hier nicht vor einem Richter, der den Gu⸗ ten belohnen und den Böſeu beſtrafen ſoll, Sie reden vielmehr zu einem fühlenden Menſchen, der ſich der unſchuldig Unterdrückten annehmen und nach ſeinen ſchwachen Kräften Diejenigen glücklich machen will, die es ſeiner Meinung nach verdienen. Mehr kann ich Ihnen nicht ſagen— und wenn Ihr Herz nicht ganz durch jahrelangen Kummer verödet und unempfindlich gemacht iſt, werden Sie wiſſen, was Sie dem Glücke Ihres Kindes ſchuldig ſind.“ Nach einem tiefen Athemzuge, der dem bangen Schweigen folgte, während deſſen ihr Geiſt vielleicht eine Reihe von zwanzig in Trauer und Leid verlebten Jahren überflog, war Frau Halling zum Reden bereit. Sie ſetzte ſich wieder nieder und Alfred Brunſt zog ſeinen Stuhl dicht an den ihrigen und hörte mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit der Erzählung zu. Dieſe Erzählung wollen wir hier nicht wiederholen, wir wiſſen ja ſchon das Hauptſächlichſte davon oder haben es errathen, werden auch Manches ſpäter noch genauer erfahren. Indeſſen wenn Frau Halling ihren Mann in Folge ſeiner rohen Handlungsweiſe gegen 8 279 ſie und ihr Kind weder achten noch lieben konnte, ja ſogar ihm wegen ſeiner tauſendfältig bewieſenen Schlech⸗ tigkeiten innerlich abgeneigt ſein— ihn haſſen mußte, wie das Gute immer das Böſe haßt— ſo war ſie doch immerhin ſeine Frau und es konnte nicht in ihrer Abſicht liegen, ihn mit Vorbedacht in's Verderben zu ſtürzen. Sie berichtete daher nur das, was ſie im Innern erlitten, und daraus ging für den ſcharf auf⸗ merkenden Zuhörer ſchon genügend hervor, wie der Mann an ſeiner Frau gehandelt hatte. Er erfuhr alſo, daß Simeon Halling Petronella Gibſon wahr⸗ ſcheinlich nur deshalb geheirathet hatte, um durch ihr Vermögen ſich zu einem Manne zu machen; an ihrem Glück war ihm vom erſten Augenblick an nichts gele⸗ gen geweſen, er hatte ſie vielmehr als Spielball ſeiner Laune betrachtet, ſie je nach ſeinem Vortheil oder Be⸗ lieben, oder um ſich einer äußeren Gefahr zu ent⸗ ziehen, von einem Orte zum andern geſchleppt und ſeinen Verkehr mit Schmugglern und Steinzangern, und vielleicht mit noch ſchlimmerem Geſindel, ohne Unterlaß fortgeſetzt. Von den einzelnen Thaten des Mannes hatte die Frau wirklich keine Kunde, ſie ſchloß nur aus ſeinem Benehmen gegen Frau und Kind auf ſeine übrige Handlungsweiſe und ſchwebte in beſtän⸗ diger Furcht, daß einmal über Nacht das Unglück über * 280 ihn und ſie zugleich bereinbrechen und dann das arme Kind, die Alwining, mit in den Abgrund reißen werde. Dieſe Furcht ſprach ſie auch jetzt aus und vernahm mit innigſter Freude und herzlichſtem Dankgefühl die Verſicherung des Gutsherrn von Grünthal, daß die⸗ ſelbe unbegründet ſei und daß er ſelbſt dafür Sorge tragen werde, daß ihr und Alwining's Geſchick von dem ihres Mannes, wie daſſelbe auch beſchaffen ſein möge, nicht mit betroffen werde. Nachdem Frau Halling nun ihr Herz völlig aus⸗ geſchüttet und dazwiſchen ſich wieder ausgeweint hatte, trat eine Pauſe in der Unterhaltung ein, während welcher Alfred Brunſt überlegte, was nun weiter zu thun ſei. Endlich glaubte er die beſte Wiederan⸗ knüpfung gefunden zu haben und ſagte: „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Frau Hal⸗ ling; Sie haben ſich dadurch ſelbſt bei mir und An⸗ dern in das rechte Licht geſtellt, indem Sie alle Schat⸗ ten, die auf Ihnen laſten konnten, weggewiſcht haben. Vertrauen Sie mir auch ferner und ſeien Sie ver⸗ ſichert, daß Ihr Geſchick in meiner Hand keine Gefahr läuft. Nun aber komme ich zu einer anderen Haupt⸗ ſache meines Beſuches— ich meine Jhne Tochter. Wo iſt ſie?“ Ach lieber Gott, H 7, 0 Herr Brunſt, nach einer qual- vollen Nacht, die ſie mit mir unter Thränen und Seufzen zugebracht, iſt ſie heute Morgen zur Ruhe gekommen und in ihrem ſtarken Sinne hat ſie endlich die Einſicht erlangt, daß es doch für den Augenblick das Beſte ſei, ſich in das Unvermeidliche zu fügen. Nun aber, ſeitdem Halling zur See gegangen, ſitzt ſie und ſchreibt an Herrn Markholm einen Brief, worin ſie ihm alles erzählt, was ihr ſeit jenem Tage begeg⸗ net iſt, wo er ſie in der Hoffnung verlaſſen hat, uns am nächſten Morgen wiederzuſehen. Dieſen Brief hoffte ſie durch irgend Jemanden heut oder morgen nach Grünthal ſenden zu können.“ „Darum braucht ſie keine Sorge mehr zu haben; nun ich hier bin, werde ich den Brief und was ſie mir ſonſt aufträgt, ſelbſt beſtellen. Aber nun laſſen Sie mich Ihre Tochter ſehen, Frau Halling, ich bin über die Maaßen begierig, die ſchöne Freundin meines jungen Freundes kennen zu lernen.“ Frau Halling, der mit dem Beſuche des Gutsherrn von Grünthal eine neue Lebenshoffnung aufgegangen war und die ſich glücklich fühlte, auch Alwining der⸗ ſelben theilhaftig werden zu laſſen, verließ das Zim⸗ mer, um ihr zu verkünden, wer der Fremde ſei, der ſie durchaus zu ſprechen verlangt. Unterdeß blieb Alfred Brunſt allein, was ihm ganz lieb war, da er 282 genug Gedanken zu verarbeiten hatte, die ihm die ehrliche Frau eingeflößt, deren ganzes Schickſal jetzt ſchon ziemlich enthüllt vor ihm lag. Für's Erſte jedoch beſchäftigte er ſich ſchon im Voraus mit Alwi⸗ ning, und je länger die Mutter mit ihr ausblieb, um ſo größer wurde ſeine Spannung, ſie eintreten zu ſehen. Endlich kam ſie. Aber da ſollte die Erwartung, die er von ihr gehegt, noch bei Weitem übertroffen werden; denn ſo ſchön er ſie ſich auch nach der Beſchrei⸗ bung des Malers gedacht— eine ſolche Erſcheinung in dieſem Hauſe, unter ſolchen Verhältniſſen zu finden, hatte er auf keine Weiſe vermuthet. Als er daher die herrliche Geſtalt hereintreten ſah, deren Augen noch von reichlich vergoſſenen Thränen getrübt, aber deren Wangen durch die ſo plötzlich erwachte Hoffnung ſchon wieder mit der alten Wärme belebt waren, da erfaßte ihn ein ſo jäher Schreck, daß er, der ſtarke Mann, ſich an einem Stuhle, an dem er gerade ſtand, halten mußte. Das Auge feſt auf die eintretende Alwining gerichtet, ſtand er eine Weile ſprachlos vor ihr und ſeine ſo ruhige Miene kämpfte ſichtbar einen plötzlich erſtandenen innerlichen Sturm nieder. Auf den erſten flüchtigen Blick hin war es ihm klar geworden, wie es gekommen, daß Heinrich Mark⸗ holm dieſem Mädchen ſeine Liebe zugewandt; denn 283 obgleich er, als kein leidenſchaftücher Bewunderer des ſchönen Geſchlechts, wie wir wiſſen, nur wenig von den Reizen deſſelben angezogen wurde, ſo fand er die⸗ ſes junge Weſen doch auffallend ſchön. Allein nicht die Schönheit brachte ihn ſo außer Faſſung, vielmehr that es die ſeltſame und bis in's Kleinſte ſich erſtreckende Aehnlichkeit, die ſie mit Guſtava von Kulpen zeigte. Ja, auch hierin hatte der Maler Recht, dieſe Aehn⸗ lichkeit war nicht nur überraſchend, ſie war in der That wunderbar. Wenn das ein Zufall, ſo war es einer der merkwürdigſten ſeines Lebens, aber an die⸗ ſen Zufall wollte Alfred Brunſt ſchon jetzt nicht inebr glauben. In einem ſeltſamen Zwieſpalt ſeiner Gefühle be⸗ fangen und von einem neuen Gedankenfluge beinahe wider Willen fortgeriſſen, ſtand er, wie geſagt, eine lange Zeit, ohne ein Wort hervorbringen zu können; ſein ganzes geiſtiges Vermögen ſchien im Auge con⸗ centrirt zu ſein, mit dem er nicht allein die äußere Erſchei⸗ nung dieſes lieblichen Weſens, ſondern auch das Geheim⸗ niß, das ſie umſchloß, durchdringen zu wollen ſchien. Endlich aber raffte er ſich zuſammen, und von der Verwirrung ſeiner Gedanken ſich erholend, trat er ihr entgegen, reichte ihr die Hand und ſagte: „Verzeihen Sie, daß ich Sie mit dieſer Verwun⸗ derung, ja mit dieſem Staunen ſo lange betrachte, ohne Ihnen meine Freude, Sie aufgefunden zu haben, durch Worte auszudrücken. Aber indem ich Sie vor mir ſehe, ſtrömen ſo viele Erinnerungen durch mein Herz, die ich theilweiſe unſerm gemeinſchaftlichen Freunde Heinrich Markholm verdanke, daß ich mich erſt ſammeln muß, ehe ich dieſelben ordnen und bewältigen kann. Doch nun kommen Sie, laſſen Sie ſich an meiner Seite nieder und plaudern Sie mit mir, der Zufall oder vielleicht auch Gottes Fügung hat mich einmal mit einem Theile Ihres Schickſals bekannt gemacht und ich denke, wir werden in nicht gar langer Zeit eben ſo gute Freunde werden, wie wir es Beide von Heinrich Markholm ſind.“ Dieſe mit dem ihm eigenthümlichen, Vertrauen ge⸗ winnenden Weſen und mit innig bewegter Stimme vorgebrachten Worte riefen in Alwine Halling ein un⸗ gemein wohlthätiges Gefühl hervor und ließen ſie raſch vergeſſen, was ſie noch ſo eben gelitten hatte. Ein ſonniges Lächeln überflog ihre reinen Züge und vermehrte den Liebreiz, der ſie auch in trüben Stunden verklärte. Im Herzen erwärmt und im ahnenden Geiſte wunderbar belebt und erfriſcht, ſchaute ſie dem Manne in's Auge, der ihr ſchon von ihrem Freunde als ein ſo vortrefflicher Menſch geſchildert worden, und Alfred 285 Brunſt las in dem ihrigen, daß das Vertrauen, um welches er bat, in der That vorhanden war. „So hat mir alſo Heinrich Markholm die Wahr⸗ heit geſagt,“ flüſterte ſie faſt mit leiſe bebender Stimme, „als er mir wiederholt den Troſt ausſprach, daß er in Ihnen einen edlen und hülfsbereiten Freund gewon⸗ nen habe! O wie freue ich mich, daß es auch mir ver⸗ gönnt iſt, Sie endlich kennen zu lernen!“ „Die Freude iſt gegenſeitig,“ lautete die Antwort, „und ich wiederhole jetzt ſelbſt, was Heinrich Mark⸗ holm Ihnen von mir geſagt, das heißt inſofern er mich einen hülfsbereiten Freund genannt hat. Ja, ich will Ihnen helfen und Sie können von jetzt an auf mich wie auf einen alten Freund rechnen, der es ehr⸗ lich mit Ihnen meint und deſſen äußere und innere Mittel Ihnen wie jedem Hülfsbedürftigen zu Gebote ſtehen, ſo weit ſie eben reichen. Doch nun laſſen Sie uns einmal von Ihren Angelegenheiten reden und theilen Sie mir vor allen Dingen mit, was Sie zu⸗ nächſt wünſchen und von meiner Fürſorge erwarten.“ Alwining beſann ſich nicht lange. Mit ruhiger Würde, aber auch mit innigem Tone ſagte ſie:„Herr Brunſt, ich habe für jetzt nur einen Wunſch und meine Mutter theilt denſelben, denn wir haben ſchon oft darüber geſprochen und heute Morgen ſind wir darin 286 zu einem feſten Entſchluſſe gekommen. Wie die Sachen hier im Hauſe ſtehen, haben wir erkannt, dürfte es nicht rathſam ſein, daß ich mich noch länger der rauhen Gewalt überlaſſe, die ein Mann über mich ausübt, der ſich meinen Vater nennt. Was er bisher an mir gethan, hat mich belehrt, daß ich ferner nur noch Uebleres zu erwarten habe, und ich glaube nicht, daß mir Jemand den Wunſch verdenken kann, mich ſo bald wie möglich ſeiner Einwirkung zu entziehen. Noch heute Morgen hat er mir, als ich ihm die harte Be⸗ handlung vor Augen führte, mit der er mich unglück⸗ lich macht, mit drohender Geberde erwidert, daß mein Glück in ſeinen Händen liege und daß er mir nach ſeiner Rückkehr beweiſen werde, was er für mein Glück erkenne. Ich weiß, was er damit meint und Heinrich Markholm wird Ihnen bereits die ſchrecklichen Abſich⸗ ten enthüllt haben, die dieſer Mann gegen mich aus⸗ zuführen gedenkt. Wenn Sie mir daher helfen wollen, ſo weiſen Sie mich vor allen Dingen einer Familie zu, unter deren Schutz ich die nächſte Zeit verleben kann, bis der allmächtige Gott meinen Freund, dem ich vertraue, in den Stand ſetzt, für meine fernere Zukunft ſorgen zu können.“ Ueber Alfred Brunſt's leutſeliges Antlitz flog ein Schimmer der Verwunderung, als er das Mädchen 287 ſo unbefangen, klar und vertrauend ihre Hoffnungen und Wünſche ausſprechen hörte. Sein ſcharfes Auge leuchtete heller auf und ſeine Rechte faßte abermals die Hand Alwining's.„Mein gutes Kind,“ ſagte er,„ich bin in meinem Leben oft in der Lage geweſen, der Sorge und dem Weh bedrängter Menſchen in man⸗ chen Dingen abhelfen zu können, nie aber bisher bin ich ſo feſt entſchloſſen geweſen, Jemanden mit allen meinen Mitteln beizuſpringen, wie Ihnen und Hein⸗ rich Markholm. Glücklicher Weiſe wird dieſer Bei⸗ ſtand keine großen Anſtrengungen und namentlich kei⸗ nen Aufſchub erfordern, die Familie, in der Sie Schutz finden, iſt vorhanden, es iſt entweder meine eigene oder die meiner Freunde, was im Ganzen Ein⸗ und Daſſelbe iſt. Allein nicht augenblicklich werde ich Sie mit mir nehmen; eine kurze Zeit, vielleicht nur we⸗ nige Tage müſſen Sie ſich gedulden, da ich bis dahin noch Manches zu bedenken und zu verhandeln habe, was vorher abgemacht ſein muß, bevor ich Sie zu mir nehme. Wie es ſcheint, werden Sie dieſe wenigen Tage hier mit Ihrer Mutter in aller Stille verleben und unangefochten bleiben, denn Ihr Vater oder der Mann wenigſtens, der ſich Ihnen gegenüber bisher dieſen Namen gegeben hat, iſt auf mehrere Tage ab⸗ weſend. Dieſe Tage werde ich nützen, verlaſſen Sie 288 ſico darauf. Das Uebrige werde ich mit Ihrer Mut⸗ ter beſprechen und was wir beſchließen, ſoll Ihnen mitgetheilt werden. Für jetzt verlaſſen Sie uns und beenden den Brief, den ich Heinrich Markholm von Ihnen überliefern ſoll. Sagen Sie ihm Alles, was Sie ihm ſagen können, um ihn zu beruhigen und zu erfreuen, da er ſo beſorgt um Ihr Schickſal iſt; und noch heute Abend wird er aus meiner Hand Ihre eigenen Worte empfangen, die den ſanfteſten Balſam für alle ſeine Sorgen enthalten werden.“ Er erhob ſich und Alwining verließ das Zimmer, nachdem ſie noch eeinige herzliche Worte des Dankes geſprochen. Kaum aber hatte ſie die Thür hinter ſich geſchloſſen, ſo nahm Alfred Brunſt's Miene einen ſelt⸗ ſamen Ausdruck an. Seine Milde verwandelte ſich in einen faſt feierlichen Ernſt, ſeine bisher ſo wohlwol⸗ lend blickenden Augen richteten ſich mit einer unwider⸗ ſtehlichen Schärfe auf das Angeſicht der leiſe weinen⸗ den Frau Halling, und mit gedämpfter, aber eindring⸗ licher Stimme ſprach er jetzt folgende Worte: „Nun alſo, Frau Halling, haben wir ein ernſtes Wort mit einander zu ſprechen. Vorher bat ich Sie, mir die Wahrheit zu ſagen, jetzt fordere ich ſie von Ihnen. Ja, ich fordere ſie,“ wiederholte er mit ge⸗ runzelter Stirn, was eine ſeltene Aufregung an dem 289 ſonſt ſo ruhigen Manne verrieth,„und Alles, was ich ſchon lange auf dem Grunde Ihrer Seele ſich regen 1 ſehe, muß mir jetzt offenbar werden. Beantworten Sie alſo meine Fragen kurz und bündig und nehmen Sie keine Rückſtcht auf Jemanden, den ich hier nicht nennen will, der aber von jetzt an weder über Sie noch über irgend einen anderen meiner Schutzbefoh⸗ lenen ſeine ſchwere Hand ausſtrecken ſoll.“ „O, o! Ich verſtehe!“ ſtammelte die Frau unter ihren Thränen hervor, die bei dieſen Worten wieder reichlicher zu fließen begonnen hatten. „Gut denn, antworten Sie mir:„Alſo das war Ihre Tochter, Frau Halling, die uns ſo eben ver⸗ laſſen hat?“ Frau Halling brach unter dem Blicke, womit dieſe Worte geſprochen wurden, und bei dem Klange dieſer mächtigen Stimme faſt zuſammen. Sie ſchlug beide Hände vor's Geſicht und ſchluchzte laut. Alfred Brunſt wartete eine Weile, um die Frau ſich einigermaßen beruhigen zu laſſen, dann wieder⸗ holte er:„Ich frage, war das Ihre Tochter, Frau Halling? Und nun ſprechen Sie, aber ich rufe Ihr Gewiſſen wach, mir die Wahrheit zu ſagen, die jetzt auch den Menſchen offenbar werden muß, wie ſie Gott ſchon lange offenbar iſt.“ Die Inſulaner. III. 19 290 Frau Halling, von ungeheurem Weh gefoltert, ſchwieg noch immer. Die Furcht vor dem Manne, den der Fremde nicht nennen wollte, herrſchte noch immer in ihrem Geiſte vor. „Sprechen Sie!“ wiederholte Brunſt mit milderer Stimme und freundlicher blickendem Auge, dem ſo leicht Niemand widerſtehen konnte. „O Gott, ja, ich will ſprechen, Herr,“ tönte es endlich aus der Bruſt der gequälten Frau hervor— „Nein, nein, nein, Alwining iſt nicht meine Tochter!“ „Ah, ſehen Sie wohl! Das vermuthete ich längſt. Nun wollen wir gemüthlich weiter plaudern, da das große Geheimniß des Tages über Ihre Lippen getre⸗ ten iſt.— Weſſen Tochter iſt ſie denn?“ „Das weiß ich nicht, Herr!“ „Wie, das wiſſen Sie nicht?“ „Nein, denn als mein Mann vor zwanzig Jahren nach Jütland kam, hatte er ſie ſchon bei ſich, und vielleicht des ſchönen Kindes wegen, deſſen goldene Locken ihm wie einem Cherub um den Kopf feelen, und das ich vom erſten Augenblick an liebte und zu⸗ gleich bemitleidete, gab ich den Bewerbungen Hal⸗ ling's nach, ließ mich bethören und heirathete ihn.“ „Alſo Sie liebten ihn nicht um ſeiner eigenen Perſon willen?“ 291 Die Frau ſchwieg und ſenkte tief erſchüttert den Kopf nieder.„Nein,“ ſagte ſie endlich mit kurzem Athem und peinlicher Rückerinnerung,„ich habe ihn eben ſo wenig geliebt wie er mich; ihn kettete die Habſucht an mich und mich das Mitleid und die Liebe zu dem kleinen Weſen, das er ſchon damals hart be⸗ handelte und halb verhungern ließ, da er nichts be⸗ ſaß, als was er ſich durch ſeiner Hände Arbeit erwarb.“ Alfred Brunſt's menſchenfreundliches Geſicht er⸗ bleichte, als er dies hörte.„Ich danke Ihnen auch für dieſe Mittheilung,“ ſagte er,„aber ohne Zweifel wußten Sie damals ſchon, daß Alwining Halling's Kind nicht ſei?“ „Nein, Herr, das wußte ich damals eben ſo wenig als ich es jetzt ſicher weiß, obgleich ich bisweilen und namentlich damals meine Vermuthungen hatte. Er ſelbſt hat nie darüber ein Wort geſprochen, das Kind ſtets für ſein eigenes ausgegeben, aber nie Liebe dazu gehabt, im Gegentheil es von Jugend an mit einer gewiſſen Schadenfreude rauh behandelt, bisweilen ſo⸗ gar von ſeinem Haſſe gegen daſſelbe geſprochen und dieſen Haß auf mannigfache Weiſe an den Tag gelegt.“ „O, o, er muß ein vollendeter Böſewicht ſein, denn wer ein ſo kleines Kind durch ſo viele Jahre mit Haß verfolgen kann, iſt ſchlecht; Sie aber haben 19* 292 gerade dadurch, daß Sie aus Mitleid zu dieſem Kinde den Mann heiratheten, in meinen Augen eine Groß⸗ that verrichtet, die ich Ihnen nicht hoch genug anrech⸗ nen kann und die ich Ihnen zu vergelten ſuchen werde. Wie alt iſt Alwining wohl jetzt?““ „Den Tag ihrer Geburt weiß ich nicht, mein Mann hat mir denſelben nie, ſogar auf meine dringendſten Bitten nicht genannt.“ „Aha! Er wußte ihn ſelbſt nicht, das beſtätigt nur unſern Verdacht, daß ſie nicht ſein Kind iſt. Aber wie für alt halten Sie ſie?“ 1 „Als ich ſie kennen lernte, war ſie etwa drei Jahre alt, wenigſtens ſchätzte ich ſie ſo. Achtzehn Jahre habe ich Mutterſtelle bei ihr vertreten und ſie gegen den harten Mann zu ſchützen gefucht, worin natürlich die Zeit mit einbegriffen iſt, während welcher ſie bei mei⸗ nem Schwager in Hadersleben in Penſion blieb, und ſo mag ſie etwa jetzt zweiundzwanzig Jahre zählen.“ Alfred Brunſt ſchien im Kopfe zu rechnen, als er dies hörte, wenigſtens ſprach er einige Minuten nicht und dachte ernſtlich über etwas nach. „Wiſſen Sie vielleicht oder haben Sie auch nur eine Vermuthung,“ fuhr er endlich fort,„an welchem Orte Ihr Mann ſich aufgehalten hat, bevor er nach Jütland kam?“ 293 „Ach nein, Herr, nicht die geringſte Vermuthung habe ich darüber. Er ſelbſt bewahrte das ſtrengſte Stillſchweigen über dieſen Punkt und ich glaube nicht, daß ein Menſch auf der Welt iſt, der es weiß. Daß ihm aber ein gewiſſes Etwas, wie ein Geheimniß, ſchwer auf der Seele liegt, habe ich ſchon vor vielen Jahren errathen, denn wenn er trunken war, was früher noch öfter vorkam als jetzt, drohte er in ſeiner Wuth mit der Fauſt nach einer Gegend hin und ſprach von Rache an den vornehmen Leuten, die er üben, und welche er ſtrafen wolle für alles Böſe, was ſie ihm gethan.“ „Ha, das ſagte er?“ „Ja, und im Traume murmelte er oft gräßliche Flüche, die mich ſchaudern machten, wenn ich ſie hörte.“ „Nannte er nie einen Namen dabei?“ „Nein, Herr, wenigſtens erinnere ich mich deſſen nicht.“ „Nun gut denn, Frau Halling. Daß Ihr Mann vielfach in ſeinem Leben geſündigt hat und wahrſcheinlich noch fündigt, iſt mir ſchon lange klar, wie es dies auch Ihnen ſchon längſt ſein wird. Wohin das endlich führen kann und muß, werden Sie ſich ebenfalls oft genug geſagt haben. Weinen Sie nicht darüber, liebe Frau, Sie wird Niemand deshalb zur Rechenſchaft ziehen. Im Gegentheil, ich werde, was auch kommen mag, auf Ihrer Seite ſtehen und danke Ihnen für die Offenherzigkeit, mit der Sie mir die Einſicht in Ihr Schickſal geſtattet haben. Allein das kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß ich und meine Freunde Ihren Mann, ſobald wir ihn auf ſchlechten Wegen ertappen, geſetzlich belangen werden, und faſt habe ich die Ver⸗ muthung, daß dies nicht lange mehr ausbleiben wird. Bekümmern Sie ſich aber darum nicht, der ſchwarze Halling hat es nicht um Sie verdient, daß Sie auch nur eine Thräne um ihn vergießen. Denken Sie vielmehr an Ihr eigenes ferneres Wohl und an das Allwining's, deren ich mich von jetzt an wie ihr wirk⸗ licher Vater annehmen werde und deren Vereinigung mit ihrem Geliebten mir jetzt ernſtlicher denn je am Herzen liegt.“. Die Frau durchrieſelte trotz ihres geamerfüllten Herzens ein ſtiller, geheimnißvoller Freudenſchauer, als ſie dieſe letzten Worte hörte.„Ach Gott,“ rief ſie, „alſo daraus könnte im Ernſte etwas werden?“ „So denke ich in Wahrheit und auch Heinrich Markholm hat in Wahrheit davon zu Alwining und Ihnen geſprochen. Doch nun hören Sie noch Eins und das merken Sie ſich genau. Ich ſowohl wie Heinrich Markholm wohnen jetzt auf der Inſel Oehe, 295 die etwa vier Meilen von hier bei dem Dorfe Schap⸗ rode liegt. Wollen Sie ſich das merken?“ „O gewiß, Herr, denn das iſt ja wichtig für uns.“ „Gut denn; Niemand aber außer Alwining und Ihnen darf das wiſſen, es iſt für's Erſte noch ein Ge⸗ heimniß, bis ich Sie ermächtige, zu Jedermann davon zu reden. Nach der Oehe nun ſchreiben Sie oder Alwining, wenn Ihr Mann gegen meine Erwartung zurückkehren und vielleicht noch einmal ſeinen Aufent⸗ haltsort mit Ihnen wechſeln ſollte. Indeſſen wird das wohl kaum geſchehen und ehe Ihr Mann auf ſolchen Gedanken käme, würde ich ſchon meine Maß⸗ regeln ergriffen haben, um es zu verhindern. Ich wiederhole Ihnen, ich würde Alwining gern gleich jetzt mit mir nehmen, wenn ich das für erſprießlich hielte; ſollte ich aber einen Boten ſenden, einen ſicheren Bo⸗ ten, den Sie kennen, mit einem Worte, Herrn Mark⸗ holm ſelber, ſo zoͤgern Sie keinen Augenblick und laſſen Sie Alwining mit ihm reiſen, wohin er ſie zu bringen von mir die Anweiſung erhalten wird. Ich hoffe, daß Sie mir ſo weit vertrauen, um mir auch in dieſem Punkte zu willfahren, wie?“ „Ja, ja doch, Herr— aber was wird mein Mann ſagen, wenn er dann zurückkommt und Alwining nicht mehr findet?“ 296 Alfred Brunſt beſann ſich eine Weile.„Sollte das geſchehen,“ ſagte er dann,„ſo ſagen Sie ihm, Alwining ſei geflüchtet und habe ſich zu Leuten bege⸗ ben, die ſie gegen ſeine Rohheit in Schutz zu nehmen die Macht und auch den Willen beſitzen. Wenn Sie das ſagen, ſo kann er Ihnen wenigſtens nichts an⸗ haben. Möglich aber iſt es, daß ich Sie ſelbſt zu mir berufen laſſe, doch das wäre nur dann der Fall, wenn Ihr Mann eine That begangen hätte und da⸗ bei ergriffen wäre, die ihn mit den Bebörden und den Geſetzen unſers Landes in nabe Berührung bringt. Doch, Sie würden jedenfalls in dieſem Falle erfahren, was er begangen hat und wo man ihn feſthält, und dann wer⸗ den Sie von ſelbſt der Gerechtigkeit zu Liebe den Schritt thun, den man von Ihnen verlangen wird.“ „O mein Gott, mein Gott,“ rief die arme Frau händeringend,„alſo ſo ſteht es mit Halling?“ „Ja, ſo ſteht es mit ihm, ich zweifle keinen Augen⸗ blick mehr daran. Doch ſo weit ſind wir leider noch nicht und mancher Berg wird bis dahin noch zu über⸗ ſteigen ſein.— Jetzt aber rufen Sie mir Alwining herein, ich will ſie noch einmal ſprechen und dann muß ich Abſchied nehmen, denn es iſt ſpät geworden und mein Weg iſt weit.“ Nach einigen Augenblicken kam Jran Halling mit Alwining wieder herein. Letztere hielt ein großes Buch und einen Brief in der Hand. „Was haben Sie da für ein Buch?“ fragte Alfred Brunſt, dem die Form und der Einband deſſelben be⸗ kannt vorkamen. 3 „Es iſt Herrn Markholm's Skizzenbuch,“ erwiderte ſie,„das er im Häuschen der Kieler Schlucht gelaſſen hat, als er es an jenem Morgen ſo ſchleunig verlaſſen mußte. Seitdem habe ich es treulich aufbewahrt und es iſt mit meiner Commode geſtern hier angekommen. Da Sie zu ihm gehen, ſo haben Sie wohl die Güte, es ihm mit dieſem Briefe und meinen herzlichen Grüßen einzuhändigen?“ „Ja, mein Kind, das werde ich thun,“ entgegnete Alfred Brunſt mit der Miene und Stimme eines gü⸗ tigen Vaters.„Und nun verweiſe ich Sie an Ihre gute Mutter. Sie mag Ihnen Alles mittheilen, was wir géſprochen, und Sie mögen genau nach den An⸗ weiſungen handeln, die ich ihr gegeben habe. Ich hoffe, wir ſehen uns bald wieder, hier oder an einem anderen Orte, und dann werden keine Thränen mehr Ihre Wangen röthen und Ihr Herz wird nur in Freude und Glück ſchlagen. Leben Sie wohl! Der Nachmittag iſt weit vorgerückt während unſrer langen Geſpräche und ich muß mich beeilen, um nach Hauſe zu kommen. Leben auch Sie wohl, Frau Halling. Bleiben Sie meiner Verſprechungen eingedenk! Was auch kommen möge, Ihr Schickſal nehme ich auf mich und wenn ich ſo etwas einmal verſprochen habe, dann halte ich mein Wort. So. Geben Sie mir Beide Ihre Hand! Und nun bleiben Sie hier— ich finde meinen Weg allein nach dem Felde hinauf. Adieu, adieu!“ Die Frauen wollten noch viele dankende Worte ſprechen, aber von einem hörbaren Dank war Alfred Brunſt kein Freund. Er ſchnitt alle ihre Ausrufun⸗ gen kurz dadurch ab, daß er raſch das Zimmer ver⸗ ließ, über den Hof ſchritt und die Stufen hinaneilte, die auf den Kamm des abſchüſſigen Ufers führten. So lange ihn die Augen der Zurückgelaſſenen noch erreichen konnten, verfolgten ſie ihn, als ſie ihn aber nicht mehr ſahen, ſanken ſie ſich einander in die Arme und weinten laut über das Glück, das ſie im Unglück einen Helfer und Retter aus ſo mancher Noth hatte finden laſſen. Neuntes Kapitel. Das Portrait des ſchwarzen Halling. So ruhig Alfred Brunſt auch in äußerer Haltung und Miene erſchien, als er das Haus am Möwenort ver⸗ ließ, ſo befand er ſich doch innerlich in einer Auf⸗ regung, die ſelbſt ſeine geſtählte Willenskraft auf keine „Weiſe zu bewältigen vermochte. Wenn er auch nicht zu den Menſchen gehörte, die ſich leicht trügeriſchen Hoffnungen oder wohl gar angenehmen Selbſttäuſchun⸗ gen hingeben, ſo glaubte er denn doch in dieſem Falle zu ungewöhnlichen Erwartungen berechtigt zu ſein und einer lange nicht empfundenen Freude Eingang in ſein Herz geſtatten zu dürfen. Er hatte zwar keine be⸗ ſtimmte große Entdeckung gemacht, die ihm eine völlige Erklärung der obſchwebenden dunklen Verhältniſſe gab, allein eine inſtinctartige Ahnung ſagte ihm, daß dieſe 3 4 Reiſe ſchließlich von einem unerwarteten Erfolge ge⸗ krönt ſein werde. Namentlich was Heinrich Markholm betraf, ſo geſtand er ſich, daß dieſer wenigſtens mit den Reſultaten derſelben zufrieden ſein könne, und er freute ſich ſchon im Stillen der Handlungsweiſe, die er einſchlagen würde, um ihn mit ſeiner Geliebten zu⸗ ſammenführen und Beide nach Wunſch beglücken zu können. Ueber Alwine Halling's Geſchick, ihre Ver⸗ hältniſſe, namentlich was ihre Herkunft betraf, wagte deer noch keine beſtimmte Entſcheidung zu fällen, denn eben hier wollte er keiner leicht möglichen Selbſttäu⸗ ſchung zum Opfer fallen, die ſeinen Antheil an ihr zwar nicht ſchwächen konnte, aber doch jedenfalls un⸗ beſtimmte Hoffnungen erregen mußte, von denen Alfred Brunſt, der Mann der Geywißheit, kein ſonderlicher Freund war. Daher beſchloß er hierüber beſonders“ vor dem alten Herrn noch ein gewiſſes Geheimhalten zu beobachten, nur Carl Melms, ſein Vertrauter in allen per⸗ ſönlichen Angelegenheiten, ſollte einen Blick in ſein Herz thun, und deſſen Rath mit dazu beitragen, der ganzen Verhandlung den möglichſt beſten Ausgang zu bereiten. Ein Anderes war es, was den ſchwarzen Halling betraf. Ueber dieſen Menſchen glaubte er ſo ziemlich im Klaren zu ſein, und er hielt ihn faſt ohne Zweifel für den Dieb, der die Oehe und ſeinen alten Freund 301 ſo oft gebrandſchatzt hatte. Ihn bei offener That zu ertappen, zu ergreifen und den Gerichten zu überlie⸗ fern, war daher ſein erſtes Begehren und darin mußte ſo ſchnell wie möglich gehandelt werden, da derſelbe wahrſcheinlich, wenn er der Dieb der Oehe war, jetzt wieder auf einen Fang nach demſelben Ziele ausging. Auch ſchon deshalb wollte er ihn ergreifen, damit er nicht wieder nach Möwenort zurückkehre und die Frauen mit ſeinen Rohheiten verfolge, weßhalb er beſchloß, falls dieſe Abſicht ſo bald nicht zu gelingen ſchien, wenigſtens Alwining von Heinrich Markholm abholen und nach der Oehe bringen zu laſſen, um hier mit ſeinen Freunden über ihr ferneres Schickſal zu bera⸗ then. Der Grund, warum er ſie nicht gleich mit ſich genommen, lag nahe und brauchen wir ihn wohl kaum zu erörtern; war ſie wirklich das, was er ſchon jetzt halb und halb vermuthete, ſo wollte er mit ſeinem koſtbaren Geheimniß erſt in dem Augenblick an's Ta⸗ geslicht treten, wo er durch die Gefangennahme Halling's die Be iuic und Aufklärung deſſelben erhalten konnte. Bis dahin beabſichtigte er, ſie nicht vor die Augen d der Be ewohner der Oehe zu bringen, und er verſprach ſich in ſeinem wohlwollenden Herzen den beſten Erfolg von dieſem Verfahren. Mi ſolchen Gedanken auf lebhafte Weiſe beſchäf⸗ tigt, trat er den kurzen Gang nach Nonnewitz an und hier gab er ſogleich Befehl, die Pferde vor den Wagen zu legen, während er ſelbſt unterdeß ſeinen Hunger befriedigte, der ihn ſchon lange gepeinigt hatte. Denn es war ſchon nach fünf Uhr, als er das kleine Dorf erreichte, ſo lange hatten ihn die Beſuche am Möwen⸗ ort aufgehalten und ſeit frühem Morgen war kein Biſſen über ſeine Zunge gekommen. Er aß daher raſch, was man ihm in der dürftigen Dorfſchänke vorſetzte, und als er damit fertig war, ſtieg er ein, um vor Einbruch der Nacht auf der Oehe anzulangen und die Einleitungen zu dem nächſten Vor⸗ haben noch an dieſem Abend treffen zu können. Allein, bevor er dieſe Einleitungen beginnen konnte, hatte ihm das Schickſal noch eine neue Aufregung vor⸗ behalten und die theilweiſe Enthüllung des großen Ge⸗ heimniſſes, die damit für ihn verbunden war, ſollte das Maaß der Entdeckungen erſt völlig füllen, die er an dieſem Tage zu machen ſo glücklich geweſen. So raſch die jungen Hengſte des alten Herrn auch liefen, Alfred Brunſt's Ungeduld liefen ſie lange nicht raſch genug. Er trieb wiederholt den Kutſcher zur Eile an und ſo gelangte er bald nach acht Uhr, bei ſchon dunkelndem Abend, nach Schaprode. 3 Als der Wagen dicht an den Strand fuhr, um auf die Fähre gebracht zu werden, fand Alfred Brunſt den Statthalter Vormäher dieſſeit des Waſſers. Der alte Mann war ein vorſorglicher Diener ſeines Herrn und da er wußte, daß die koſtbaren Pferde deſſelben nach einem weiten und ſchnellen Laufe erhitzt zurück⸗ kehrten, ſo hatte er alle Verkehrungen getroffen, um ihre Ueberſetzung nach der Inſel ſo eilig wie möglich zu bewerkſtelligen. So war er denn ſehr erfreut, als er das Fuhrwerk ankommen ſah, und wenige Minuten ſpäter ſtanden die Pferde im heimiſchen Stalle, wo ſie ſich von ihrer Anſtrengung behaglich ausruhen konnten. Während nun aber der Kutſcher die Pferde am Ufer der Inſel Oehe wieder vor den Wagen legte, um ihn in das Gehöft zu bringen, wandelte Alfred Brunſt mit dem Statthalter langſam nach dem Herren⸗ hauſe.„Was giebt es Neues, Alter,“ fragte der Gutsherr von Grünthal,„es iſt doch während meiner Abweſenheit nichts vorgefallen?“ „Nicht das Geringſte, Herr Brunſt, es iſt Alles beim Alten geblieben und wir ſind auf keine Weiſe beunruhigt worden.“ „Wer hat denn heute die erſte Wache?“ „Ich ſollte ſie eigentlich haben; aber da ich ſchon lange keine ganze Nacht geſchlafen, ſo will mich heute der Gensdarm von zehn bis zwölf Uhr ablöſen und 304 dann werden Herr Sternberg und die andern Herren den Poſten einnehmen.“ „Das iſt eigentlich ſehr mühſelig, Alter, nicht wahr?“ „Ja freilich iſt es das, Herr, aber es läßt ſich doch eben nicht anders machen. Wenn es nur zu etwas führen wollte, dann möchte man die Mühſeligkeit noch gern ertragen.“ „Nun, nun, habt nur Geduld— es wird nicht lange mehr dauern, dann werden die Wachen und wir Andern vielleicht auch bald Arbeit genug bekommen.“ Der alte Statthalter blieb bei dieſen Worten ſtehen und glotzte Herrn Brunſt verwunderungsvoll an, da er nicht ganz ſicher war, ob der bisweilen ſo ſcherz⸗ hafte Herr nicht auch diesmal ſich einen kleinen Spaß erlaube. „Nein, nein,“ fuhr dieſer fort,„ich nehme es ernſt- lich, Vormäher. Ich bin überzeugt, das Steinzangen geht nächſtens wieder los, und vielleicht bleibt auch die andere Spitzbüberei nicht aus, darum müſſen wir Alle wohl auf der Hutz ſein.“ 4 „Bei Gott, Herr,“ ſagte der alte Mann etwas be⸗ ſorgt,„Sie machen mich ganz ſtutzig. Alſo es ſollte wirklich noch einmal wieder losgehen? Woher wiſſen Sie denn das?“* Alfred Brunſt lachte.„Das kann Euch einerlei 30⁵ ſein, Vormäher, und ich ſage es Euch blos, damit Ihr vorſichtig ſeid, wenn Ihr die Wache habt. Aber— hört einmal, da fällt mir eben ein, als Ihr mir den Brief nach Grünthal brachtet, ſpracht Ihr geheimniß⸗ volle Dinge aus— wißt Ihr es wohl noch?“ Der Alte verfärbte ſich und ein kalter Schauer rieſelte ihm jäh den Rücken hinab.„Ja,“ ſagte er mit einigem Rückhalt,„wohl weiß ich es noch.“ „Nun, Ihr verſpracht mir ja auch zu ſagen, was 84 Ihr für eine Erſcheinung gehabt hattet, aber Ihr habt es bis jetzt nicht gethan und ich habe auch gar nicht 3 wieder daran gedacht. Heute aber fällt es mir wie⸗ F der ein und ich bin neugierig, jetzt gleich Eure Mit⸗ theilung zu vernehmen. Kommt, laßt uns noch ein paar Schritte am Ufer dort herumgehen und dabei könnt Ihr mir Eure Erlebniſſe erzählen.“ „Ach nein, Herr,“ ſagte der Alte, ſich verlegen hin⸗ ter den Ohren kratzend,„was ich damals ſagte, hatte wohl ſeine Richtigkeit, aber jetzt, nachdem ſo viele Tage veerſtrichen ſind, nichts Aehnliches paſſirt iſt und ich Zeit gehabt habe, über die Erſcheinung in jener Nacht nachzudenken, kommt es mir ſo vor, als hätte ich mich doch wohl geirrt. Es mag wohl ſein, Herr, daß ich auch ein wenig genickt oder gar geträumt habe, müde war ich genug dazu, denn wenn ich mir jetzt Alles ſo Die Inſulaner. III. 20 306 ausmale, was und wie ich es geſehen, kann ich das Ding doch nicht ſo natürlich finden, als es mir da⸗ mals erſchien.“ „Aber Ihr verſpracht es mir doch zu erzählen — wie?“ „Nun ja, das that ich in der erſten Aufregung, aber nun, nun— ſchäme ich mich faſt, Ihnen eine Dummheit zu bekennen, die ich mir am Ende doch blos in meiner puren Einfalt eingebildet habe.“ 1 „Oho, Alter! Schämt Euch nicht, redet frei von der Leber weg; ich habe in meinem Leben ſchon manche Dummheit gehört, aus der ich recht hübſchen Nutzen gezogen habe, und jene Dummheit, von der Ihr ſprecht, ſchien Euch doch neulich ein ganz lürchterliches Geheimniß zu verſchleiern.“ „Ja, Herr, ſo war es auch. Doch ich will es Ihnen erzählen, ſo gut ich mich noch darauf beſinnen kann.“ Dabei nahm er vertraulich den Freund ſeines Herrn beim Arm, führte ihn etwas abſeits auf die abgemäh⸗ ten Felder und flüſterte mit heimlichen Worten, was er in jener ſchrecklichen Nacht geſehen. Als er die erſte Erſcheinung mit der Inſel auf ſeine einfache Weiſe geſchildert, die aber den aufmerk⸗ ſamen Zuhörer hinreichend belehrte, wie heftig ſie auf die eerregte Einbildungskraft des ſlichten Mannes ge⸗ 307 . wirkt, erklärte ihm Alfred Brunſt die Urſache und den Zuſammenhang dieſer Erſcheinung und ſtellte ſie ihm als ein ſeltenes, aber immerhin natürliches Ereig⸗ niß dar. „So, ſo,“ ſagte der gutmüthige Alte, der ſich bei die⸗ ſer verſtändlichen Erklärung wunderbar beruhigt fühlte, „alſo ſo hängt es zuſammen! Dann habe ich alſo wirk⸗ lich geſehen, was ich für ein Wunder, einen Traum oder gar für einen Zauber hielt?“ „Das habt Ihr— und war dieſe Erſcheinung Alles, was Euch ein ſo ſchreckliches Geheimniß zu ver⸗ rathen ſchien?“ fragte Alfred Brunſt weiter. „O nein doch, Herr, das Schrecklichſte kommt ja erſt noch. Aber wie ich dieſe erſte Erſcheinung für etwas Unmögliches hielt, ſo hatte ich nachher auch die zweite für einen Spuk gehalten, den mir Gott weiß Wer vorgemacht, um meine Seele ſo recht tief zu kränken und mein Herz ſo zu beängſtigen, daß ich drei Tage ordentlich krank war und vor Wehmuth und Trauer um meinen guten Herrn nichts eſſen und trinken konnte.“ „Wehmuth und Trauer um Cuern guten Herrn? Wie ſoll ich das verſtehen, Vormäher?“ „Hören Sie nur zu, Herr Brunſt.“ Und nun er⸗ zählte der Statthalter, wie nach der Erſcheinung der Inſel Hiddens⸗öe dicht vor ihm plötzlich eins der geiſter⸗ 20* 4 308 haften Schiffe an die Oehe herangeſegelt ſei und was ſich dann begeben habe. Als er in ſeiner Erzählung langſam vorſchritt, denn ein raſches Sprechen lag nicht in der Art des guten Statthalters, gerieth ſein Zuhörer in eine unbeſchreib⸗ liche Wallung und Gemüthsbewegung. Er blieb plötz⸗ lich ſtehen, ſeine Füße ſchienen ihn nicht mehr tragen zu wollen und wie vom Donner gerührt ſtarrte er ſprachlos den verwunderten Statthalter an. „Vormäher!“ rief er endlich,„und das ſagt Ihr mir erſt jetzt? Mein Gott, fühlt Ihr denn nicht, wie wichtig das für uns Alle iſt? Doch fahret fort und verſchweigt mir nicht den kleinſten Zug von dem Mann, der Euch in jener Nacht, wie Ihr ſagt, erſchie⸗ nen iſt.“ Wenige Minuten ſpäter wußte er Alles, was der Statthalter berichten konnte. Er war förmlich betäubt davon und eine geraume Zeit hatte er ſeine ganze Faſſung verloren, die ihm erſt langſam wiederkam. „Vormäher!“ rief er noch einmal.„Was Ihr mir da ſagt, iſt nicht allein ſeltſam, nein, es iſt in der That wunderbar und von einer ungeheuren Wichtig— keit. Doch, da Ihr ſo lange gegen Jedermann ge⸗ ſchwiegen habt, ſo ſchweigt auch jetzt noch gegen alle Andere— aber ſagt mir, habt Ihr Euch das Geſicht 309 jenes— jenes Menſchen ſo feſt eingeprägt, daß Ihr es wiedererkennen würdet, wenn— wenn—* „Mein Gott, Herr Brunſt, was denken Sie denn! Den Kerl ſollte ich nicht wiedererkennen— ihn— der—“ „Still, ſtill, hört mich an. Ihr habt meinen Augen eine wunderbare Klarheit gegeben, und wenn Ihr wüßtet, was ich heute erfahren und was ſeltſamer Weiſe mit Eurer Erzählung im nahen Zuſammenhang ſteht, ſo würdet Ihr Euch meine Verwunderung erklären können; aber ſagt— würdet Ihr auch wohl in einem Bilde den Mann jener Nacht wiedererkennen, wenn ich es Euch zeigte?“ „Wenn das Bild ähnlich wäre, warum nicht? Aber wie wollten Sie dazu kommen?“ „Genug!“ ſagte Alfred Brunſt faſt heftig.„Geht heute Abend nicht eher zu Bett, als bis ich Euch zu mir habe rufen laſſen, ich habe noch mit Euch zu ſpre⸗ chen. Lebt wohl jetzt.“ Nach dieſen Worten verließ er den ihm verwun⸗ dert nachſchauenden Statthalter und wandte ſich ſchnell dem Herrenhauſe zu Als er daſelbſt ankam, hörte er, daß die ganze Geſel lſchaft im Speiſeſaale verſammelt ſei, und ſo be⸗ gab er ſich denn alsbald dahin. Als er eintrat, er⸗ regte ſeine Erſcheinung allgemeine Freude und Auf⸗ regung und Alle erhoben ſich von ihren Sitzen und kamen ihm fröhlich entgegen, indem ſie ihn mit herz⸗ lichen Worten begrüßten und ſich nach dem Ausfall ſeiner Reiſe erkundigten. Aber das Alles dauerte nur wenige Minuten, denn alsbald bemerkte faſt ein Jeder eine Art Unruhe und Spannung auf dem Geſicht des alten Freundes, die ihm nicht gewöhnlich war und die er trotz aller ihm zu Gebote ſtehenden Selbſtbeherrſchung nicht ganz daraus verbannen konnte. So kam es denn, daß einige der Verſammelten ſelbſt von einer unbehaglichen Unruhe ergriffen wur⸗ den und unabläſſig ihre Augen forſchend auf den Mann gerichtet hielten, der ihnen ſo theuer war und deſſen Stimmung einen ſo großen Einfluß auf die ihrige auszuüben pflegte. Nachdem er mit Dieſem und Jenem einige Worte ausgetauſcht, einzelne Fragen kurz und nur mit allge⸗ meinen Ausdrücken beantwortet hatte, ſetzte er ſich auf den ihm beſtimmten Platz bei Tiſche und das Mahl nahm anſcheinend ſeinen ruhigen Fortgang. Alfred Brunſt aber rührte keinen Biſſen an und als ihn die Damen zur Theilnahme ermunterten, lehnte er freund⸗ lich jede Speiſe ab, indem er einfach bemerkte: er pflege keinen Appetit zu ſpüren, wenn er eben vom 311 Wagen ſteige und einen langen Weg zurückgelegt habe, eine Bemerkung, die ſeinen alten Freunden etwas ge⸗ zwungen klang, da ſie nur zu gut wußten, wie der Appetit des kräftigen Mannes in geſunden Tagen zur Speiſeſtunde jederzeit beſchaffen war. „Nun,“ begann der Hausherr, der heute in beſter Laune war, da wieder ein Tag der Ruhe hinter ihm lag,„Du biſt ja ſo ſtill und geheimnißvoll, deoh Jung', Du erzählſt uns ja gar nichts, was Du ge⸗ ſehen und erlebt haſt, wo Du geweſen biſt— darf man denn davon noch nichts erfahren?“ „Alter Herr,“ erwiderte der Gefragte mit ſanfter Iber feſter Stimme,„iß ruhig Deinen Fiſch und dann den Braten und das Uebrige, Du ſollſt zeitig genug erfahren, wo ich geweſen bin und was ich ausgerich⸗ tet habe. Damit Dein herrlicher Appetit aber nicht durch die Erwartung von etwas Geheimnißvollem ver⸗ kümmert werde, will ich Dir vorläufig ſagen, daß ich ſelbſt von meiner Reiſe überaus befriedigt bin.“ Carl Melms' Auge, das den Freund ſchon lange im Stillen beobachtet, hing bei dieſen Worten wie ge⸗ bannt an den Lippen des Sprechenden und flog dann nach ſeinen Augen empor. Er kannte ihn genau und ſo wußte er jetzt beſtimmt, daß die eben gehörten Worte der Wahrheit entſprächen. Beruhigt, wie es 312 ſein ſanftes Gemüth ſo leicht war, griff er zu Gabel und Meſſer und ſagte dabei:„Das iſt mir lieb, Alfred. Wir glaubten ſchon, Dich heute Abend nicht wieder zu ſehen; da Du uns aber etwas Gutes bringſt, freuen wir uns doppelt, Dich jetzt in unſrer Mitte zu haben.“ 3 „Ich bin etwas neugierig,“ nahm da Fräulein von Kulpen mit lächelnder Miene das Wort auf, „wo Sie geweſen ſind, Herr Brunſt, und wenn Sie nicht in gewiſſen Fällen ein ſo ſchweigſamer Mann wären, würde ich mir die Freiheit nehmen, Sie ſo lange mit Bitten zu beſtürmen, bis Sie dieſe Neu⸗ gierde einigermaßen befriedigt hätten.“ Als Alfred Brunſt dieſe Worte hörte und im Stillen die Stimme, die ſie ſprach, mit einer anderen verglich, die noch in ſeinen Ohren klang, fuhr es wie 3 ein electriſcher Blitz durch ſein ganzes Geſicht. Seine 8 Lippen zuckten heftig, als wolle er einen Ausruf von ſich geben, den er nur mit Mühe zurückhielt, und ſeine Augen hafteten mit einer beinahe ſtarren Verwun⸗ derung auf dem ſchönen Antlitz der Redenden, indem er ſagte:„Mein liebes Fräulein, legen Sie Ihre edle Neugierde noch ein wenig in Feſſeln; es iſt nicht im⸗ mer gut, daß man Alles auf den erſten Wurf hört, was ein Andrer zu ſagen weiß, und ſelbſt das Ange⸗ nehme und Gute mundet uns beſſer, wenn wir es in kleinen Portionen als in unverdaulicher Fülle genießen.“ Guſtava verbeugte ſich ſcherzhaft vor dieſen mit ziemlichem Ernſt geſprochenen Worten; ſie konnte nicht ahnen, warum der Freund des Oheims jeden Zug ihres anmuthigen Geſichts prüfte und dann plötzlich wieder in Gedanken verſank, ſo daß er kaum hörte, was ſie dabei ſagte, indem ſie ſich für die empfangene Belehrung bedankte und künftig danach zu handeln verſprach.. Bald darauf war das Eſſen vorüber; das früher allgemeine Geſpräch hatte durch Alfred Brunſt's Ein⸗ tritt eine Unterbrechung erfahren und mehrere der vorher am munterſten Plaudernden fühlten das Be⸗ dürfniß, jetzt in Schweigen zu verharren und über die ungewöhnliche Stimmung des heute ſo ernſten Mannes nachzudenken, der faſt Allen ein Räthſel zu löſen ge⸗ geben hatte. Kaum aber war man vom Tiſche auf⸗ geſtanden, ſo wandte ſich Alfred Brunſt zur Thür, bat leiſe die an dem Tiſche beſchäftigte Metke, ihm nach einiger Zeit etwas Speiſe auf ſein Zimmer zu bringen und ſagte zu dem alten Herrn: er möge ihm verzeihen, wenn er ſich heute Abend früh zurückziehe, er habe einige wichtige Briefe zu ſchreiben und er wolle dies Geſchäft lieber gleich abmachen. eeS 314 „In Gottes Namen, Alfred,“ erwiderte der alte Herr.„Schreibe und ſchlafe dann, Du wirſt müde genug ſein. Gute Nacht, mein alter Junge!“ Bevor Alfred Brunſt aber das Speiſezimmer ver⸗ ließ, hatte er noch Zweien der Anweſenden einige Worte zu ſagen und das that er raſch und ohne daß die Andern es bemerkten. „Carling,“ ſagte er leiſe zu Melms, der ſich ſchon an ſeiner Seite hielt, als erwarte er eine geheime Mittheilung,„ich habe Wichtiges mit Dir zu ſprechen. Wenn Du ſpäter hinauf gehſt, komm nicht in mein Zimmer, ſondern erwarte mich in dem Deinigen.“ Carl Melms nickte bejahend, und ſtill, wie er im⸗ mer und ſelbſt bei den wichtigſten Anläſſen war, folgte er den Damen in das Geſellſchaftszimmer, wohin ſie Herr von der Oehe und Guſtav Steinau führten, denen ſich Willibald Stillfried ſchweigend anſchloß. Nur der Maler hatte von Herrn Brunſt noch einen bedeutungsvollen Wink erhalten und war deshalb einen Augenblick im Speiſezimmer zurückgeblieben. Mit bebenden Lippen ſtand er jetzt vor ihm und ſein Auge durchbohrte faſt die nun lächelnden Züge ſeines ehe⸗ maligen Wirthes, als wolle er aus ſeiner Seele den Erfolg ſeiner Reiſe und den Inhalt ſeiner Mit⸗ theilungen leſen. 315 „Still jetzt— kein Wort hier darüber!“ flüſterte Brunſt raſch.„Folgen Sie den Anderen einſtweilen und ſchützen Sie bald irgend einen Grund vor, war⸗ um Sie ſich ſo früh zurückziehen. Dann aber kom⸗ men Sie auf mein Zimmer, ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen.“ Das war Alles, was der arme Maler für den Augenblick erfuhr. Aber er gehorchte auf der Stelle, wenngleich mit krampfhaft zuſammengezogenem Herzen, in dem es hämmerte, als wollten die darin einge⸗ ſchloſſenen Gefühle mit Gewalt die Hülle ſprengen. Wenige Minuten jedoch nur hielt er es im Geſell⸗ ſchaftszimmer aus und ohne einen Grund ſeines Fort⸗ gehens anzugeben und nur Guſtav Steinau im Stillen eine gute Nacht ſagend, ſchlüpfte er aus der Thür und ſprang mit ungeheuren Sätzen die Treppe nach dem Giebelzimmer hinauf, welches Alfred Brunſt be⸗ wohnte. Als er daſelbſt ankam, fand er eben die Magd beſchaftigt, einige Speiſen auf den Tiſch zu ſtellen und ein Couvert bereit zu legen. Kaum aber hatte ſie das Zimmer wieder verlaſſen, ſo ſchritt Alfred Brunſt ruhig und gelaſſen auf den jungen Mann zu, der ſprachlos, voll innerer Aufregung ohne Gleichen, einem Verbrecher nicht unähnlich, vor dem ihn ſtolz anblickenden Freunde ſtand, als ob er ſein Urtheil über Leben oder Tod erwartete. „Nun, mein lieber Markholm,“ begann Letzterer das Geſpräch,„nun ſind wir allein und Sie zuerſt ſollen Aufſchluß über meine Erlebniſſe erhalten, da ich mir denken kann, daß Sie dieſelben am ſehnlichſten erwarten.“ „Ja, Herr Brunſt, ich kann es nicht läugnen,“ ſtammelte der Maler,„ich befinde mich in einer Span⸗ nung, die ich Ihnen nicht zu beſchreiben vermag.“ „Nun, nun, beruhigen Sie ſich. Was Sie be⸗ trifft, ſo habe ich Ihnen nur Angenehmes zu melden. Meine Reiſe war glücklich, ich habe Frau Halling und ihre Tochter am Möwenort getroffen.“ „O mein Gott, Herr Brunſt, wie glücklich macht mich das und wie dankbar bin ich Ihnen! Aber wie haben Sie Alwining gefunden?“ „Still! Davon ein andermal. Für's Erſte theile ich Ihnen mit, daß mir das Mädchen— gefallen hat, in einem Grade ſogar, wie ich es nicht erwartet hatte. Still, ſtill doch— hören Sie mich ruhig zu Ende. Von nun an bürge ich Ihnen für den Erfolg Ihrer Neigung, die ich vollkommen billige, und ich ſelbſt erbiete mich ſogar, dahin zu wirken und nicht eherr zu ruhen, als bis Alwining für Sie gewonnen iſt.“ 317 „Herr Brunſt, Herr Brunſt!“ wollte der Maler rufen. „Ruhig, mein junger Freund,“ unterbrach ihn der Andere.„So hören Sie mich doch nur zu Ende. Mit dieſen Worten nun habe ich für's Erſte meine Schuldigkeit gegen Sie erfüllt,“ fuhr er fort,„und Sie können heute Nacht Ihren Kopf ruhig auf das Kiſſen legen. Aber ſo wichtig meine Reiſe für Sie war, ſo weiß ich doch noch etwas Wichtigeres für uns Alle und nur hierauf dürfen Sie in dieſer Stunde Ihr Augenmerk richten. Sind Sie vernünftig und ruhig genug, mich weiter anzuhören?“ „O ja doch, Sie haben mich ja überglücklich ge⸗ macht— ſprechen Sie nur.“ „Gut, damit Sie nun einen ſichtbaren Beweis vor Augen haben, daß ich die Wahrheit ſprach, ſo bringe ich Ihnen hier einen Brief von Alwining und— Ihr Skizzenbuch, welches Sie im Hauſe des Kieler Grun⸗ des liegen ließen—* „Ah!“ rief der Maler und griff mit namenloſer Haſt zuerſt nach dem Briefe. „Da haben Sie ihn und nachher ſollen Sie ihn auf Ihrem Zimmer in der allergrößten Ruhe leſen, er enthält Alles, was ich Ihnen nur ſelbſt über Ihre Geliebte ſagen könnte. Doch nun zu dem Wichtigeren.“ Heinrich Markholm ſteckte den Brief mit zuckenden Händen in die Bruſttaſche und warf nur einen kurzen Blick auf das Skizzenbuch, welches auf einem kleinen Tiſche im Schatten des Zimmers lag. Dann aber richtete er ſein Auge forſchend auf Alfred Brunſt, der jede ſeiner Bewegungen beobachtete und Gefallen an der freudigen Aufregung des jungen Mannes zu fin⸗ den ſchien. „Ich muß jetzt,“ fuhr er fort,„ein Wort mit Ihnen über den Kerl, den Halling, ſprechen. Der Menſch iſt offenbar ein Schurke, ſo viel iſt klar. Er iſt Schmuggler, Steinzanger, Dieb und vielleicht noch etwas Schlimmeres. Er tritt an verſchiedenen Orten unter verſchiedenen Namen auf; im Kieler Grunde nannte er ſich Halling, am Möwenort heißt er Stum⸗ per und in Jütland mag er wieder anders heißen, je nachdem er verſchiedene Geſchäfte treibt und ſich da⸗ durch den Nachforſchungen der Behörden entziehen will. Was Sie aber zunächſt berührt und am meiſten befriedigen wird, das iſt der Umſtand, daß ich die ſichere Ueberzeugung erlangt, wofür Sie nur eine Ver⸗ muthung hatten, daß Alwining nicht ſeine Tochter iſt.“ Heinrich Markholm ſtand wie bezaubert vor dem Redenden und ſtarrte ihn mit ſeinen großen dunklen Augen wie einen pythagoriſchen Weltweiſen an. Sein 319 Herz klopfte ſtürmiſch vor Ueberraſchung und kaum kamen einige faſt unverſtändliche Worte über ſeine bebenden Lippen. „Sie ſagen es?“ ſtammelte er.„O, dann muß es wohl wahr ſein! Aber weſſen Tochter iſt ſie denn?“ Alfred Brunſt lächelte, beinahe triumphirend.„Ja, wer das wüßte!“ ſagte er leiſe und gleichſam lauernd. „Allein wir müſſen uns bemühen, es zu ergründen, und dazu können Sie vielleicht mehr als jeder Andere beitragen.“ „Ich? O ſprechen Sie— was ſoll ich thun?“ „Hm!“ fuhr Alfred Brunſt auf ſeine feine Weiſe fort,„Sie nannten ſich ja einen Künſtler— wollen Sie das einmal beweiſen?““ „Daß ich ein Künſtler bin?“ „Ja, und daß Sie Talent haben! Wohlan denn, ich will dies Talent heute auf eine Probe ſtellen. Fühlen Sie ſich wohl im Stande, aus der Erinnerung das Portrait Halling's zu entwerfen, gerade wie er damals ausſah, als er Sie aus dem kleinen Hauſe in Jasmund wies, he?“ Ueber Heinrich Markholm's ſprechende Züge flog ein Ausdruck freudiger Ungeduld.„O,“ rief er froh⸗ lockend aus,„es wäre ſchlimm, wenn ich nicht einmal ſo viel könnte, und das heißt mein Talent wahrlich nur auf eine geringe Probe ſtellen.“ „Nun gut, beweiſen Sie, was Sie können. Da liegt Ihr Skizzenbuch, da ſtehen zwei Kerzen auf dem Tiſche und nun ſetzen Sie ſich und zeichnen Sie das Portrait, aber ſo ähnlich, wie Sie es nur hervorzubrin⸗ gen im Stande ſind.“ „Sogleich!“ rief der Maler, voller Entzücken, daß die ihm aufgetragene Arbeit keine ſchwerere ſei.„Er⸗ lauben Sie nur, daß ich meine Bleiſtifte hole.“ „Gehen Sie, aber kommen Sie gleich wieder.“ Er öffnete ihm ſelber die Thür und Heinrich Markholm ſchlüpfte hinaus. In drei Minuten war er nebſt allem Erforderlichen wieder da und begab ſich ſofort an die Arbeit. Während er nun mit wahrem Feuereifer das ver⸗ langte Portrait entwarf und mit flüchtigen Zügen über das glatte Papier fuhr, ging Alfred Brunſt mit un⸗ tergeſchlagenen Armen im Zimmer hin und her, nur bisweilen einen haſtigen Blick auf die Arbeit des Ma⸗ lers werfend, die überaus ſchnell vorſchritt. Mittler⸗ weile war ihm der Appetit gekommen und er ſetzte ſich zehn Minuten lang nieder und aß von dem reichlichen Vorrathe, der auf dem Tiſche ſtand. „Zeichnen Sie nicht zu fein,“ rief er dazwiſchen 321 dem Maler zu, der mit großer Vorſicht jetzt die fei⸗ neren Geſichtslinien zog,„machen Sie es nur ſo kennt⸗ lich wie möglich. Es ſoll mir zu einem Zwecke die⸗ nen, der keine vollendete Künſtlerarbeit, vielmehr nur Aehnlichkeit und Erkennbarkeit der Züge im Allge⸗ meinen verlangt.“ „O, ich verſtehe ſchon,“ ſagte der Maler ſo leiſe und langſam, wie die Maler zu ſprechen pflegen, wenn ſie ihren Geiſt auf ihre Arbeit richten und doch dabei ihre Unterhaltung nach Außen fortſetzen,„Sie ſollen zufrieden ſein, nur noch zehn Minuten Geduld.“ „Was— ſo raſch geht das Ding?“ „Eine Skizze wie dieſe, die man aus der Erinne⸗ rung an einmal geſehene Züge entwirft, muß raſch angefaßt und vollendet werden. Jeder Zug, jede Linie drückt ſich im Fluge aus wie der Gedanke ihn bringt, und ein tüchtiger Maler muß eben ſo ſchnell ein ſol⸗ ches Geſicht zeichnen können, als der Beſchreiber Zeit gebraucht, die einzelnen Züge und Linien mit Worten zu ſchildern. So— ſehen Sie da— wie gefällt Ihnen der Menſch? Meiner Meinung nach habe ich ihn getroffen, wenigſtens ſteht er mir jetzt, wo ich ihn vor mir ſehe, faſt greifbar vor der Seele, wie damals, als er mich ſo höhniſch und grob von ſeiner Schwelle wies.“ Die Inſulaner. III. 21 322 Alfred Brunſt ſtand auf, nahm das Buch in die Hand und trat damit an das Licht. Sein Geſicht war ernſt, als er die unheimliche Phyſiognomie dieſes Menſchen ſah, der ihm und ſeinen Freunden ſo viel Ungemach bereitet; aber dann lächelte er wieder freu⸗ dig über die kunſtvolle Arbeit, die er wiederholt mit Bewunderung überflog. Und in der That ließ Heinrich Markholm's Lei⸗ ſtung nichts zu wünſchen übrig und wahrſcheinlich hatte das Verlangen, das große Reſultat zu fördern, ſeiner Hand Flügel und ſeinem Geiſte Kraft gegeben, die Zeichnung in der kürzeſten Zeit zu vollenden. Es war ganz das Geſicht des ſchwarzen Halling, wie wir es ſo oft vor uns geſehen. Um den dicken, unge⸗ ſchlachten Kopf hing wüſt und wirr das ſtruppige, ſchwarze Haar und der mächtige Bart; die böſen, hin⸗ terliſtigen Augen blickten eben ſo feindſelig wie liſtig den Beſchauer an und das unheimlich drohende Lä⸗ cheln, der Ausdruck niedrigſter Sinnlichkeit und Völ⸗ lerei um die dick aufgewulſteten Lippen nebſt der plat⸗ ten eingedrückten Naſe gaben die ganze Gemeinheit der Geſinnung wieder, mit der die Perſon begabt war, welche das Portrait vorſtellte. „Ha!“ rief Alfred Brunſt erſtaunt und in bewun⸗ derndes Anſchauen verſunken aus,„alſo ſo ſieht dieſer 8 323 verdammte Kerl aus? Nun, das iſt allerdings keine Phyſiognomie, die viel Gutes verſpricht. Haha! Wenn er wirklich ſo ausſieht, und ich zweifle keinen Augen⸗ blick daran, ſo ſoll uns Ihre Arbeit einen guten Schritt vorwärts bringen. Doch das wollen wir gleich er⸗ fahren, die Probe muß verſucht werden. Gehen Sie jetzt hinunter, die Herren ſcheinen noch bei den Da⸗ men zu ſitzen und Sie können ihnen auch noch eine Stunde Geſellſchaft leiſten. Bevor Sie das aber thun, ſuchen Sie den Statthalter auf und ſchicken ihn mir her, er ſoll ſich das Geſicht hier ebenfalls einmal betrachten. Alles Uebrige ſollen Sie morgen erfah⸗ ren, denn ich habe heute noch Viel zu thun.“ Heinrich Markholm ſtieg langſam, aber mit einer Wonne im Herzen die Treppe hinab, wie er ſie noch nie im Leben empfunden zu haben glaubte.„Dieſer Mann iſt mir ein Räthſel,“ ſagte er,„er kann Alles, und weiß es der Himmel, man thut Alles und gehorcht ihm auf Schritt und Tritt, auf den bloßen Wink ſei⸗ nes Auges, als ob er die irdiſche Vorſehung wäre, die über unſer Aller Schickſal gebietet. O, o, mein Gott, Alwining iſt nicht Halling's Tochter— ſie ſoll mir gehören— mein Weib werden— und das ſoll ein Menſch ertragen, ohne den Verſtand zu verlieren?“ Von ſeinem Glück faſt geblendet, ging er in das 21* 324 Hinterhaus, wo das Hofgeſinde ſeine Wohnungen hatte. Hier war der alte Statthalter bald gefunden und kaum hatte er Herrn Brunſt's Auftrag empfangen, ſo ſchickte er ſich an, demſelben Folge zu leiſten. Als er in das Zimmer zu dem Freunde ſeines Herrn trat, ging dieſer, ſtill vor ſich hin lächelnd, langſam auf und ab, die Hände auf den Rücken zu⸗ ſammengelegt, in denen er das Skizzenbuch des Ma⸗ lers hielt.„Nun,“ rief er den ihn fragend anſchauen⸗ den Mann an, indem er ſich hoch emporrichtete, wo⸗ bei ein freudiges Leuchten ſein edles Geſicht überflog, „nun, da ſeid Ihr ja, Vormäher. Alſo Ihr habt das Geſicht des Mannes nicht vergeſſen, der Euch in der Nacht neulich, als Ihr die erſte Wache hieltet, er⸗ ſchienen iſt?“ „Ei, wie könnt' ich das jemals vergeſſen, Herr Brunſt! Es iſt mir ja nicht nur von jener Nacht her in der Erinnerung geblieben— ich habe— „Still davon! Ihr würdet ihn auch gewiß wie⸗ der erkennen, wenn ich ihn Euch zeigen wollte, wie?“ Der Statthalter blickte ſich furchtſam in allen Ecken des Zimmers um, als beſorge er, die düſtere Geſtalt könne irgend wo in ſeiner Nähe auftauchen und ihn beim Kragen packen.. Alfred Brunſt lachte laut.„Fürchtet Euch nicht, Vormäher,“ ſagte er,„in Perſon iſt er nicht gegen⸗ wärtig, aber— ſeht einmal her— kennt Ihr viel⸗ leicht dies Bild hier?“ Damit hielt er dem Alten raſch das Buch hin und drängte ihn den Lichtern auf dem Tiſche zu. Der Statthalter erfaßte das Buch, legte es auf den Tiſch und bückte ſich nieder, um es genau zu be⸗ trachten. Kaum aber hatte er nur einen Blick dar⸗ auf geworfen, ſo fuhr er erſchrocken zurück und ſchrie laut auf vor Verwunderung und Schrecken.„Beim Teufel, Herr Brunſt. rief er,„das iſt er ja, wie er leibt und lebt— 2* „Ha!“ ſagte Alfred Brunſt mit ſeltſam leuchtendem Auge—„derſelbe, der Euch in jener Nacht erſchienen?“ „Ja, und nicht nur der, ſondern auch der— es iſt—“ „Still, Mann,“ unterbrach ihn Alfred Brunſt, raſch und leiſer ſprechend.„Nennt ſeinen Namen hier nicht — alſo er iſt es?“ „Ja, Herr, er iſt es, ſo wahr Gott lebt, ich kenne jeden Zug wieder heraus, nur den Bart hatte er da⸗ mals noch nicht, als—“ „Schweigt!“ rief Alfred Brunſt mit ſtolzem, küh⸗ nem Blicke und in einigen raſchen Schritten ſeine in⸗ nere Bewegung austobend.„Nun, dann wollen wir ſehen, was wir weiter vermögen! Halloh, Vormäher! 326 Das iſt ein Sieg, den wir ſchon errungen, bevor wir noch den Menſchen haben, und nun iſt mir Alles, Alles, Alles klar.— O,“ fuhr er halb zu ſich ſelber und halb zum Statthalter ſprechend fort,„das iſt ein wichtiger Moment in unſerm Leben! Wir halten die Schickſalsfäden vieler Menſchen in unſrer Hand! Das bedenkt wohl, Vormäher, und nun gebt mir Euer hei⸗ liges Wort, Mann, daß Ihr, was Ihr jetzt und da⸗ mals geſehen, vor Jedermann geheim halten wollt, bis ich Euch Erlaubniß gebe zu reden. Wollt Ihr das thun?“ „Ob ich es will, Herr Brunſt! Wie können Sie voch ſo fragen!“ 1„Nun denn, Vormäher, ſo ſind wir Beide jetzt die einzigen Mitwiſſer eines großen Geheimniſſes. Aber es ſoll bald enthüllt werden, vielleicht morgen ſchon, und Alles, Alles ſoll an den Tag kommen, was ſich im Grunde meiner Seele birgt. Ha, das wird ein ſiegreicher Tag werden! Ich habe nicht vergebens für das Wohl meiner Freunde gearbeitet— der Lohn iſt ſüß— und das, das macht mich überglücklich, mein alter Freund. O dieſen Halling— Hallunken tauft, ich ihn lieber— den müſſen wir haben und noch dieſe Nacht will ich mit Melms das Nähere vorläufig verabreden. Jetzt, Vormäher, geht ruhig hinunter und thut, als ob Ihr kein Sterbenswörtchen von dem wüßtet, was vorgeht. Aber gebt Acht, wenn Ihr auf Wache ſteht, und laßt ihn nicht wieder entſchlüpfen, es hängt das ganze Glück Eures guten Herrn und unſer Aller davon ab.“ „Ja, ja, Herr, das wollen wir ſchon beſorgen und diesmal ſoll er mir nicht wieder entwiſchen.“ „Nein, das ſoll er wahrhaftig nicht, und will er es— nun, ſo ſchießt ihm eine Hand voll Schrot in die Beine, aber— Vormäher, hört es wohl und be⸗ folgt es— tödtet ihn um Gottes willen nicht!“ „Das hat gute Wege, Herr Brunſt! Solch' Un⸗ kraut ſtirbt nicht auf einen Schuß von ehrlicher Hand! O, der Kerl iſt ſein Lebtage ein Scheuſal geweſen und die ganze Oehe—“ „Still!“ unterbrach ihn nochmals Alfred Brunſt mit hoch empor gehobener Hand.„Die ganze Oehe ſooll es zur rechten Zeit erfahren, was wir wiſſen, aber keine Maus darf einen Augenblick früher eine Ahnung davon haben. Jetzt geht, Alter, und vergeßt Euer Verſprechen nicht!“— Lenntes Anpitel. Der Kriegsrath. Eine halbe Stunde ſpäter hatte ſich die Geſellſchaft im untern Stockwerk getrennt und die einzelnen Mit⸗ glieder derſelben ſuchten ihre Zimmer auf. Carl Melms war einer der Erſten, der die Treppe heraufſtieg und zwei Minuten nachher trat Alfred Brunſt bei ihm ein. „Guten Abend, Carling,“ ſagte er in ſeiner treu⸗ herzigen Weiſe.„Nun ſieh da, da bin ich, um ein recht langes und ernſtes Geſpräch mit Dir zu halten, wie es lange nicht vorgekommen, was in der That ein Glück iſt; denn nur bei ſchweren Veranlaſſungen ver⸗ einigen wir uns in ſo ernſter Berathung und legen unſre Gedanken und Gefühle zuſammen, um Beſchlüſſe zu faſſen, die unſer oder unſrer Freunde Schickſal günſtiger geſtalten, als es zur Zeit gerade beſchaffen iſt.“ 329 Carl Melms hob ſein ſanftes Geſicht in die Höhe und blickte den ungewöhnlich bedeutſam redenden Freund feſt mit ſeinen treuen, ehrlichen Augen an. „Ich bin bereit,“ erwiderte er,„den Rath abzuhalten, und mein bischen Verſtand ſteht Dir völlig zu Ge⸗ bote; aber Du ſiehſt ſo bedenklich aus— Du haſt mir doch nichts Trübes mitzutheilen?“ Ein Schimmer heiterſten Wohlbehagens flog über das ausdrucksvolle Geſicht des edlen Brunſt und dieſer Schimmer allein ſchon genügte, Carl Melms zu be⸗ ruhigen, der in der. Miene ſeiner Freunde zu leſen verſtand.„Nein,“ fuhr Jener fort,„ich habe Dir nichts Trübes mitzutheilen, im Gegentheil, etwas recht Freudiges, Großes und beinahe Wunderbares ſogar, was Du gewiß nicht erwarteſt und was auf des alten Herrn Familie den nächſten Bezug hat, wie Du wohl ſchon errathen haſt.“ „Ah! Es betrifft wohl den— den jungen Stern⸗ berg, nicht wahr?“ „Nein, den betrifft es diesmal nicht, der verfolgt ruhig ſeinen Weg für ſich und ich werde ſchon dafür Sorge tragen, daß ſeine Angelegenheit mit der, die ich meine, ſich zugleich entwickelt, was eine um ſo größere Freude oder auch Staunen bereiten wird. Nein, nein, es befrifft etwas ganz Anderes und Du 330 erräthſt es gewiß nicht. Wir verdanken diesmal dem Maler eine merkwürdige Aufklärung geheimnißvoller Dinge, er hat im Stillen für Oehe, alſo auch für uns gewirkt und ſeltſam genug! hat er nicht die ge⸗ ringſte Ahnung davon, was für ein Geheimniß er uns erſchloſſen hat undnun nächſtens zu löſen im Begriff ſteht. Doch komm, ſetzen wir uns auf dies kleine Sopha nieder und da will ich Dir die ganze Geſchichte erzählen.“ Als ſie nun ſo behaglich neben einander Platz ge⸗ nommen, nahm Alfred Brunſt abermals das Wort, während Carl Melms ihm aufmerkſam zuhörte.„Nun,“ begann er,„Du wirſt vor allen Dingen begierig ſein, zu erfahren, wohin ich heute meine Reiſe gerichtet und was ich ausgeführt habe. Doch da muß ich Dir erſt einen vollen Einblick in die Herzensgeſchichte dieſes Malers gewähren. Die Sache verhält ſich ſo.“ Und nun erzählte er, was wir ſchon wiſſen, Heinrich Markholm's Liebesroman, den Grund ſeiner Ankunft auf der Oehe und was er über den Aufenthalt Hal⸗ ling's am Möwenort hinterbracht. „Aha!“ ſagte Carl Melms,„das gehört alſo mit dem Bericht meines Steueraufſehers zuſammen?“ „Nun ja, der Brief dieſes Mannes kam gerade zur rechten Zeit, um den Verdacht zu beſtätigen, den ich ſchon aus des Malers Berichten geſchöpft hatte.“ 331 „So biſt Du alſo am Möwenort geweſen?“ „Ja, da bin ich geweſen. Was ich aber da ent⸗ deckt, erwarteſt Du ſicher nicht.“ Und uun erzählte er Wort für Wort, was wir dem Leſer in den vori⸗ gen Kapiteln mitgetheilt haben. Carl Melms hatte ſich bei dieſer Erzählung in das Sopha zurückgelehnt und mit geſpannteſter Erwartung den Worten des Freundes gelauſcht. Als dieſer aber ſeine Erlebniſſe am Möwenort berichtet, ſtand er in ſtarker Bewegung auf und ging einige Male nach⸗ denklich durch das Zimmer. „Das iſt ſeltſam,“ ſagte er,„aber ich ſehe noch keinen Ausgang aus dieſem Labyrinth. Du haſt doch wohl nicht auch den Schlüſſel zu dieſem wunderbaren Räthſel gefunden?“ „Das habe ich doch!“ rief Alfred Brunſt triüm⸗ phirend,„und nun kommt erſt der Maler ſo recht in's Spiel. Höre nur weiter— aber ſetz⸗ Dich, alter Freund, denn nun wird die Geſchichte erſt intereſſant.“ So berichtete er denn ſeine Unterhaltung mit dem Statthalter, dann mit dem Maler und zeigte ihm zu⸗ letzt das Portrait Halling's, welches Carl Melms un⸗ gemein neugierig betrachtete. „Du kennſt dies Geſicht nicht?“ fragte Alfred Brunſt. 33² „Nein, Alfred, ich kenne es nicht.“ „Nun, ich auch nicht, aber es giebt einen Menſchen auf der Oehe, der es augenblicklich erkannt hat.“ „War es der alte Herr?“ „Gott bewahre, der weiß ja von der ganzen Ge⸗ ſchichte noch kein Wort und darf auch nicht eher etwas davon erfahren, als bis wir Alles geordnet und ge⸗ regelt haben und ihm ſagen können: Alter Herr, da haſt Du, was wir für Dich insgeheim gethan!“ „Ah! Ja, das iſt hübſch, Alfred, Du biſt ein wahrer Freund!“ „Nicht mehr als Du— denke an die Geſchichte mit— mit—“ „Ich verſtehe. Nun, wer denn ſonſt auf der Oehe kannte das Bild?“ „Kein Anderer als der alte Vormäher. Ich zeigte es ihm und kaum hatte er es geſehen, ſo lähmte ein furchtbarer Schreck ſeine Glieder und er ſtammelte: das iſt er, ja, das iſt er, ich kenne ihn wieder— nur den Bart hat er damals nicht getragen.“ „Du machſt mich ſehr neugierig, Alfred— wer war es denn? Ich errathe es noch nicht.“ Alfred Brunſt flüſterte ſeinem Freunde einen Na⸗ men und einige Worte in's Ohr und lachte vor heim⸗ lichem Entzücken dabei. 4 333 „Alfred!“ rief Carl Melms erſchrocken und ſprang athemlos von ſeinem Sitze auf, die Hand feſt gegen das Herz preſſend, das ſeine Krankheit eben durch einen ſtechenden Schmerz verrathen hatte.„Wäre es möglich! Und dieſer Mann wäre der Halling?“ „Es iſt nicht allein möglich, er iſt es wirklich, Carling. Da haſt Du das ganze Geheimniß und nun weißt Du alles Uebrige. Der Verdacht Vormähers, den er ſchon vor zwanzig Jahren gehegt, iſt beſtätigt—“ „Mein Gott, mein Gott!“ rief Carl Melms die Hände faltend und gen Himmel erhebend.„So ſelt⸗ ſam alſo ſind Deine Fügungen? Und das arme Mäd⸗ chen— die angebliche Tochter Hallings— 2 Alfred Brunſt nickte ruhig mit dem Kopfe.„Ja,“ ſagte er,„nun haſt Du es errathen. So iſt es. Und was müſſen wir nun zuerſt thun, mein alter Junge?“ „O, da iſt nur Eins allein nöthig— wir müſſen den Halling faſſen.“ „Das iſt es, Du haſt mir aus der Seele geſpro⸗ chen, und da wir das Was gefunden, müſſen wir uns jetzt bemühen, auch das Wie zu finden. Dazu habe ich Dich aufgeſucht und nun laß uns an die Arbeit gehen. Wie geſagt, Oehe darf keine Ahnung von dem ganzen Zuſammenhang haben. Er iſt ein alter Hitzkopf und würde in ſeiner Haſt die Geſchichte 331 am unrechten Ende anfaſſen. Laß uns alſo für ihn handeln, wie wir ſchon oft für ihn gehandelt, und erſt wenn wir des Erfolges ſicher ſind, wenn wir ſagen können: hier iſt es, Schwarz auf Weiß, die lebendige Perſon, der Verbrecher, der Dieb, der Räuber— dann, dann öffnen wir ihm die Augen und ſein Herz wird dadurch weich genug werden, auch in einer andern An⸗ gelegenheit Gnade für Recht ergehen zu laſſen— wie, meinſt Du nicht auch?“ „Ich bewundere Dich, Alfred, Du haſt einen herr⸗ lichen Plan entworfen— aber die Ausführung, die Ausführung?“ „Ja, an die müſſen wir jetzt denken. Sieh, wir müſſen einen ordentlichen Feldzugsplan machen, um den Halling, koſte es was es wolle, in unſre Gewalt zu bringen. Das hat ja ſchon lange der alte Herr ſelber gewollt und darum wird er uns um ſo eher beiſtim⸗ men, wenn wir ihm unſern Plan fix und fertig vor⸗ legen. Es kommt nur darauf an, daß wir den Kerl bei einem Attentat auf das Eigenthum unſers Freun⸗ des ertappen, dann, erſt dann haben wir reelle Be⸗ weiſe gegen ihn und können ihn den Gerichten über⸗ liefern. Es iſt mir außerordentlich lieb, daß der Po⸗ lizeibeamte auf der Inſel iſt. Durch ſeine Mitwirkung wird die Ergreifung des Halling eine geſetzliche Hand⸗ 33⁵ lung und Niemand kann ſagen, daß der alte Oehe das Fauſtrecht geltend gemacht. Um nun unſer Vorhaben auszuführen, müſſen wir auf das Schleunigſte eine Seeexpedition ausrüſten und es ſo einrichten, daß die angebliche Tochter Halling's zu derſelben Zeit hier ein⸗ trifft, wo wir ihn ſelber gefangen auf die Inſel bringen. Dazu nun habe ich den Maler beſtimmt, denn ich kann mir denken, daß er fliegen wird, ſeine Taube zu holen, nach der er ſchmachtet, und daß kein Menſch dieſe Ent⸗ führung beſſer bewerkſtelligen wird als er.“ Carl Melms lächelte milde.„Das wird freilich 4 eine ſehr leichte Sache für ihn ſein, aber den Halling zu fangen, ſcheint mir mehr Schwierigkeiten zu bieten.“ „Allerdings. Aber auch dazu habe ich ſchon mei⸗ nen Plan entworfen. Wir rüſten alle Boote in Schap⸗ rode und auf der Oehe aus und bringen ſie in See. Von allen Seiten dringen ſie auf die Schiffe des Spitzbuben ein, umzingeln ſie und nehmen die ganze Mannſchaft gefangen. O, denke Dir einmal den alten Oehe bei dieſer Affaire! Ich ſehe ſchon ſein Feldherrn⸗ auge blitzen und höre ſeine Donnerſtimme weit über See ſchallen. Er wird ein wahrer Schſachtengot ſein, nicht wahr?“ Carl Melms lächelte abermals bei der lebhaften Darſtellung des leicht beweglichen Freundes, aber nicht 7 lange lächelte er. Plötzlich nahm ſein Geſicht einen ernſten Ausdruck an und er ſagte in ſeiner ruhigen 336 Weiſe: „Das iſt Alles recht hübſch, Alfred, und macht Deiner Erfindungsgabe Ehre. Aber Du ſcheinſt mir mit Deinem Angriffsplan etwas voreilig zu Werke ge⸗ gangen zu ſein.“ 1 „Wie ſo denn?“ „Sage mir doch, haſt Du beſtimmte Beweiſe, daß jener Mann, den Halling meine ich, in Verbindung mit den Steinzangern ſteht, die ſeit Jahr und Tag ihr Weſen auf der Oehe treiben?“ 1 Alfred Brunſt ſah ſeinen Freund groß an, denn die ſo beſtimmt geſtellte Frage, mit dem ehrlichſten Ge⸗ ſicht von der Welt vorgebracht, warf ihn etwas aus ſeiner ſiegesgewiſſen Haltung. „Greifbare Beweiſe habe ich allerdings nicht da⸗ für,“ ſagte er langſam,„aber ziemlich ſicher ſind die meinigen denn doch. Erſtens war es ohne Zweifel Halling, der neulich in der Nacht hier landete und irgend etwas im Schilde führte, woran ihn nur das ſtürmiſche Wetter und das frühe Erwachen der Leute auf der Inſel ſtörte, nicht wahr?“ „Das iſt in der That ein Beweis, aber kein ultn ſtarker.“ „Nun, mir genügt er. Alsdann handelt der Hal⸗ ling mit Steinen und iſt bekannt als Steinzanger — man nennt ihn ſogar den Steinzangerkönig.“ „Das iſt mir Alles erklärlich, beſter Freund, aber Eins nur macht mir die ganze Geſchichte zweifelhaft. Wenn er wirklich der Mann wäre, den der Statthal⸗ ter in ihm erkannt haben will, und wenn er des Verbrechens gegen Oehe ſchuldig iſt, deſſen Du ihn zeiheſt— dann erkläre ich mir nicht, wie der Menſch ſo frech und dumm ſein kann, noch jetzt hierherzukom⸗ men, Steine zu zangen, Vieh zu ſtehlen, Feuer anzu⸗ legen und ſo unſerm Freunde allen möglichen Schaden anzuthun, wobei er doch ergriffen und aller ſeiner Schandthaten überführt werden kann.“ „Carling,“ erwiderte Alfred Brunſt langſam und mit unbeſchreiblicher Herzensgüte:„nur Du kannſt das nicht erklärlich finden, weil Du zu gut, zu ehrlich biſt, an ein ſolches Verbrechen zu glauben. Gerade die Frechheit, mit der dieſer Menſch abermals die Oehe brandſchatzt, beweiſt mir die Verruchtheit und Unver⸗ beſſerlichkeit ſeines Herzens. Er hat einen unbezwing⸗ lichen Haß gegen die Oehe'ſche Familie gefaßt und der läßt ihm keine Ruhe. Rache will er üben, Rache, und das iſt ſein einziger Gedanke. Menſchen wie er, denken nur an die Sättigung ihrer perſönlichen Ge⸗ Die Inſulaner III. 22 338 lüſte und dabei nur an das Gelingen ihrer Pläne, nie an ein Scheitern derſelben. Dazu ſind ſie zu blind, zu wild, zu unbeſonnen und zu gewaltthätig. Daß wir ſeine Verhältniſſe kennen, daß wir Alwining be⸗ ſchützen, daß wir ſie ihm jeden Augenblick gegenüber ſtellen können, davon hat er ja nicht die geringſte Ahnung, ſie iſt ſeiner Meinung nach am Möwenort und er iſt hier. Er kommt bei der Nacht, nimmt fort, was er ſchnappen kann, und wenn man ihn ſeinen Dieb⸗ ſtahl vollbringen ſieht, lacht er ſich in's Fäuſtchen; denn rückt man ihm auf's Leder, ſo lichtet er ſeim Anker, ſpannt ſeine Segel aus und giebt Ferſengeld. Die See iſt weit und groß, er ſegelt gut, er ſegelt weit und ob er einmal nach Dänemark ſteuert oder ſich eine Woche in allen Ecken und Winden herumtreibt, das iſt ihm einerlei, er hat ſeinen Willen durchgeſetzt, hat die Oehe abermals beraubt und wieder ſeine Rache gekühlt. Ja, rücken wir ihm enger auf den Leib, ſo ſegelt er nach Möwenort, packt die Frauen und alle ſeine Habe ein und verkriecht ſich in irgend einem ſei⸗ ner Schlupfwinkel, um wieder zu warten, bis hier Alles eingeſchläfert iſt, und dann den Raub von Neuem zu beginnen. Nein, nein, mein guter Carling, Du machſt mich keinen Augenblick ſchwankend— Halling iſt unſer Dieb. Heute Morgen iſt er mit einer großen Expe⸗ gehen gut bemannt in See— — 33⁰90 dition nach Süden geſegelt und dieſe Nacht, wenn der Wind irgend günſtig iſt, was er jetzt nicht iſt, oder morgen früh wird er uns ſichtbar werden, wird Steine zangen oder vielleicht gar die Inſel betreten, um Vieh zu ſtehlen oder eine Scheune in Brand zu ſtecken, denn dem Kerl traue ich jetzt alles Ueble zu.“ „Du magſt Recht haben,“ ſagte Carl Melms, nach⸗ dem er lange hin⸗ und hergeſonnen und die Worte des Freundes wohl überlegt hatte.„Und was ver⸗ ſchlägt es am Ende, wenn es ein Anderer iſt, der uns beſtiehlt! Wir rüſten morgen auch eine Expedition aus, 44 „Na, endlich alſo ſind wir auf einen Punkt zu⸗ ſammengetroffen, mein alter Junge! Topp, gieb mir . die Hand und nun laß uns unſern Kriegsplan beſchla⸗ fen. Heute Nacht—“ er horchte dabei nach dem Winde, der draußen die alten Bäume ſchüttelte und die Wogen der See anſchwellen machte—„heute Nacht kommt Keiner an's Land. Im Kanal von Schaprode ſchlafen die Schiffer an Bord— am Steinort haben wir unſern Poſten und von einer andern Seite kann uns keine Gefahr drohen.“ „Nein, und ſelbſt am Steinort kann man bei die⸗ ſem heftigen Weſtwind nicht landen. Alſo bis morgen! 1 „Ader ſteh' früh auf, alter Freund, wir haben nicht 22* zu viel Zeit vor uns. Zuerſt wollen wir dem alten Herrn unſern Kriegsplan mundgerecht machen und dann mit den Schiffern darüber berathen, die überdieß ihre Schiffe in Stand ſetzen müſſen; alles das nimmt Zeit fort und der wilde Jäger wartet nicht auf unſere Vor⸗ bereitungen, er jagt, wenn er Luſt dazu hat.“ Die Freunde ſtimmten einander bei, wie immer in wichtigen Dingen, verabredeten noch verſchiedene Einzelnheiten und ſchüttelten ſich dann die Hände, um gleich darauf die Ruhe zu ſuchen, die namentlich Alfred Brunſt ſehr erwünſcht fand, da ihn die Reiſe und die Aufregungen des Tages überaus ermüdet hatten. Schon lange vor Einbruch der Nacht hatte man im Freien einen übrigens längſt erwarteten Wechſel der bisher ſo ſchönen Witterung bemerken können. Von Südweſten her waren gewaltige Wolkengebirge herauf⸗ gezogen, die ein mehr ſtoßender als blaſender Wind⸗ ſtrom ſchnell über den ganzen Horizont verbreitete. Das blaue Himmelszelt war verſchwunden und eine düſter graue, undurchdringliche Nebelhülle hatte ſich weit und breit über Land und Meer niedergelaſſen. So waren nicht allein die Sterne hinter Wolken ver⸗ borgen geblieben, auch der Mond, den man in vollem Glanze zu ſehen erwartet, ſchimmerte nur mit matt⸗ 2 341 gelbem Scheine aus einem Dunſtſchleier hervor, ſo daß er der Nacht nur eine ſehr mäßige Helligkeit verlieh. In den erſten Stunden der Nacht geſtaltete ſich das Wetter noch viel trüber. Der Wind ſteigerte ſich zum Sturm, die lange drohenden Wolken öffneten ihre Schleuſen und goſſen eine wahre Regenfluth, mit Hagelkörnern gemiſcht, herab und die See ſchleuderte ihre ſchäumenden Wogen wild über die Dämme der Inſel fort. Erſt gegen Morgen nahm die Gewalt des Un⸗ wetters nach und nach ab; der Regen hörte auf, der Wind heulte nur noch in abgeriſſenen Stößen und nur die See konnte es ſich nicht verſagen, noch einen halben Tag lang ihre Wogenberge donnernd an's Ufer zu wälzen und jene düſtere grauſchwarze Färbung zu bewahren, die das drohende Ungethüm dem Auge noch un⸗ heilvoller erſcheinen läßt, als es an und für ſich ſchon iſt. Alfred Brunſt wachte in dieſer Nacht trotz ſeiner Müdigkeit mehrere Male auf; ſeine geiſtige Erregung war zu groß, als daß ſie ſich ſo bald hätte beruhigen können. Jedesmal aber, wenn er in dieſem kurzen Wachen den Sturm draußen heulen hörte, legte er ſich zufriedenen Sinnes wieder zum Schlafen zurecht, da er ſich ſagen konnte, daß bei dieſem Wetter kein Schiff ungeſtraft dem Lande nahe kommen dürfte. 342 Um vier Uhr Morgens, als das Licht des neuen Tages ſchon ſein Zimmer erhellte, wachte er abermals auf und nun konnte er die unthätige Ruhe nicht län⸗ ger ertragen. Er kleidete ſich an, weckte Carl Melms und ging dann in's Freie, um mit eigenen Augen Umſchau zu halten und ſich vom Stande des Wetters zu überzeugen. 8 Die Luft war trotz des gefallenen Hagels wieder warm geworden, das düſtere Gewölk hatte ſich hie und da ſchon getheilt und ließ einige Streifen blauen Himmels hindurchblicken, der Wind aber wehte noch immer ungemein ſtark aus Südweſten und die See ging hoch, ſo daß auch jetzt kein Steinzanger das an Untiefen ſo reiche Ufer der Oehe bedrohen konnte. Als Alfred Brunſt an die Fuchsgrube kam, fand er den alten Statthalter in guter Laune darin vor. Er hatte ſich ſo wohl in Pelze gehüllt und obenein ein dichtes Strohdach über die Höhlung des Bodens gezogen, daß ihm das Unwetter keinen Schaden an⸗ thun konnte. Als er den Freund ſeines Herrn nahen ſah, kam er aus der Hütte hervor und berichtete, daß er ſowohl wie der Gensdarm und Herr Sternberg, die ſich die Wachen in dieſer Nacht getheilt, nichts Feindſeliges bemerkt hätten,„und auch jetzt,“ fügte er hinzu,„iſt kein Schiff ringsum zu ſehen, Herr Brunſt, wovon Sie ſich ja ſelbſt überzeugen können.“ „Es iſt gut, Alter,“ entgegnete ihm Alfred Brunſt. „Nun geht nach Hauſe und laßt Euch einen warmen Kaffee geben, die Leute ſind ſchon munter. Hoffent⸗ lich iſt es eine der letzten Nächte geweſen, die Ihr ſo traurig zugebracht habt; aber wenn uns der Fang gelingt, den wir vorhaben, ſoll die Belohnung keine geringe ſein, verlaßt Euch darauf.“— „O, o, Herr Brunſt, ich verlange keine andere Belohnung, als daß es mir vergönnt iſt, den Kerl— Sie wiſſen ſchon, wen ich meine— noch einmal hier auf dem Trockenen zu haben und ihn den Händen der Gerichte überliefert zu ſehen. Das wäre ein Glück in meinen alten Tagen, das ich mir wahrhaftig ſelbſt in meiner Jugend nicht habe träumen laſſen!“ Alfred Brunſt ſchlug mit ihm den Weg nach dem Herrenhauſe ein, da jetzt die Sonne aufging und die Arbeiter aus dem Gehöft auf das Feld heraustraten. „Haltet Euch im Hauſe, Alter,“ ſagte Herr Brunſt zuletzt,„in kurzer Zeit werden wir Euch brauchen und Ihr ſollt an der Berathung Theil nehmen, die wir Alle zuſammen abhalten wollen.“ Als Alfred Brunſt in's Haus trat, kam Carl Melms gerade die Treppe herunter und Beide begaben ſich 344 nun in das Schlafzimmer ihres Wirthes, den ſie ganz gegen alle Gewohnheit noch im feſten Schlafe vorfan⸗ den. Sobald er aber die Thür knarren hörte, wachte er auf und blickte, kaum halb munter, verwundert ſeine Freunde an, die er ſchon völlig in Tageskleidung vor ſeinem Bette ſtehen ſah. „Na,“ rief er, ſich ein wenig aufrichtend,„was iſt denn los, daß Ihr mich weckt, he? Oder habe ich mich verſchlafen— wie?“ „Es ſcheint beinahe ſo, alter Herr,“ nahm der Grünthaler Freund das Wort,„es iſt ſchon halb Fünf, wir ſind bereits lange munter und ich bin ſogar ſchon am Steinort geweſen.“ „Nun? Es giebt doch nichts Neues dort?“ fragte der alte Herr, ſich wieder zurücklegend und die ver⸗ ſchlafenen Augen reibend. „Neues giebt es alle Tage, und das Neueſte iſt, daß ein recht hübſcher Südweſtſturm dieſe Nacht getobt hat.“ Der alte Herr lachte herzlich.„Ich muß gut ge⸗ ſchlafen haben,“ ſagte er dann,„ich habe keine Ahnung davon gehabt.“ „Aber was iſt denn darüber zu lachen?“ verſetzte Alfred Brunſt mit ironiſchem Lächeln.„Du vwirſt nicht lachen, wenn wir Dir mittheilen werden, was uns heute bevorſteht.“ 345 Herr von der Oehe warf nur einen Blick auf den Redenden, dann auf den ſchweigend daneben ſtehen⸗ den Melms und glaubte in Beider Augen in der That den geheimnißvollen Ausdruck eines ernſten Ereigniſſes zu leſen.„Halloh!“ rief er und ſprang aus dem Bette.„Iſt doch etwas vorgefallen, was Ihr mir zum Frühſtück auftiſchen wollt?“ „Allerdings iſt etwas vorgefallen, alter Herr, aber erſt zieh Dir nur die Strümpfe an, damit Du Dir keinen Schnupfen holſt.“ Herr von der Oehe warf ſich milner Haſt in die Kleider, daß er ſich zehnmal vergriff und das 1 Unterſte zuoberſt kehrte, was ſogar den ernſten Melms zum Lachen brachte.„Aber ſo ſagt mir doch, was es giebt?“ rief er endlich mit dröhnender Stimme.„Ich verſtehe Euch diesmal nicht.“ „Zieh Dich erſt fertig an und dann werde ich un⸗ ſern Kaffee in Dein Vorderzimmer bringen laſſen. Wir wollen zuſammen frühſtücken und dabei ſollſt Du † etwas hören, was Dir gewiß nicht unangenehm ſein wird. Hoffentlich läſſeſt Du noch heute die Kriegs⸗ trompete erſchallen, denn der Feind iſt da— wie nennt das doch der Lateiner? Du biſt ja ſo ein alter Heide, daß Du die Sprache verſtehen mußt.“ „Haha!“ lachte der alte Herr, halbangekleidet im Zimmer umherſpringend:„Hannibal ante portas! Alſo der Feind iſt da?“ „Geduld! Erſt die Stiefel und den Rock an— und dann wollen wir zur Berathung ſchreiten, um vielleicht bald darauf zu den Waffen zu greifen.“ Damit gingen die Beiden zur Thür hinaus und überließen den alten Herrn ſeinen Toiletteangelegen⸗ heiten. Schneller als an dieſem Morgen hatte ſich dieſer aber noch nie gewaſchen und angekleidet und in nicht zehn Minuten erſchien er im Nebenzimmer, wo er die beiden Freunde ſchon am Kafeeetiſch ſitzen unnd ihn erwarten ſah. Während man nun aß und trank, Herr von der Oehe aber vor ungeduldiger Erwartung ungeheure Biſſen faſt ohne zu kauen verſchlang, ſchwiegen die beiden Anderen noch, ſobald aber das erſte Bedürfniß des Magens befriedigt, ſchickte ſich Alfred Brunſt zur Erzählung an. „Alter Herr,“ ſagte er,„ich will Dir jetzt ſagen, wo ich geſtern geweſen bin. Ich hatte durch den Maler, den Steuerbeamten in Crampas und durch andere Mittheilungen, die mir zufällig in die Hände fielen, gehört, daß ein ſchlechtes Subjeet ſich an ver⸗ ſchiedenen Orten umhertreibt, welches ſich haupt⸗ ſächlich vom Steinzangen ernähren ſoll und dem 8 347 man ſogar den Namen:„der Steinzangerkönig“ gege⸗ ben hat.“ Ihe ſagſt Du!“ rief Herr von der Oehe mit zornesfunkelnden Augen.„Das wird der Dieb ſein, der mich beſtiehlt.“ „Das ſchien mir auch ſo. Um mich aber genauer zu überzeugen, unternahm ich geſtern eine Reiſe nach dem Orte, wo ſich jenes Subject zuletzt aufgehalten haben ſoll.“ „Und Du haſt ihn gefunden?“ „Ihn ſelbſt nicht, aber mit ziemli Gewißheit erfahren, daß er der Dieb iſt, der Dich ſchon lange brandſchatzt. Er iſt geſtern mit zwei großen Nachten von Wittow nach Süden geſegelt und die Leute am Ort, wo er wohnt, wollten wiſſen, daß er mit reich⸗ licher Mannſchaft zum Steinzangen ausgezogen ſei. Nun hat er aber dieſe Nacht wegen des ſtarken Win⸗ des nicht herankommen können, er wird ſich alſo, wenn er wirklich etwas gegen die Oehe im Schilde führt, irgend wo ruhig vor Anker gelegt haben, um gün⸗ ſtigeres Wetter abzuwarten. Meinſt Du nicht auch?“ „Nun natürlich, das iſt ja ganz klar, großer Jung'! Aber weiter, Du biſt auf der rechten Fährte.“ „Nun ſiehſt Du! Bei dem jetzigen Winde kann er nichts gegen Dich ausrichten, er muß alſo warten und —.— 1—— pfangen, daß er an's Wiederkommen nicht denken ſoll.“ den Eifer des alten Herrn, der ſchon keine Ruhe mehr ſeine Zeit verlieren. Wir aber dürfen dieſe Zeit nicht verlieren, ſondern müſſen uns rüſten, ihn ſo zu em⸗ „An's Wiederkommen?“ donnerte Herrn von der Oehe's Stimme durch das Zimmer.„Greifen müſſen wir ihn, meine Jungen, greifen— und damit iſt die Sache ein für alle Mal abgemacht.“ Alfred Brunſt und Carl Melms lachten jetzt über zum Sitzen hatte, aber ſie theilten ihm nun in aller Eile den 1 mit, den ſie für ſich entworfen und auf die Mitwirkung der Schaproder Schiffer gegrün⸗ det hatten.„Biſt Du ihrer Hülfe ſicher?“ fragte Alfred Brunſt ſeinen alten Freund. „Vollkommen, mein Junge, vollkommen! Ich kenne ſie gut genug, um zu wiſſen, daß ſie mir mit Gut und Blut zur Seite ſtehen werden, wenn es gilt.“ „Dann verlieren wir keinen Augenblick. Sende auf der Stelle den Statthalter nach Schaprode hin⸗ über und laß die Zuverläſſigſten nach der Oehe ein⸗ laden, um ihnen den Sachverhalt vorzutragen, ſie um ihren Beiſtand zu bitten und dann mit ihnen einen Plan zu verabreden, nach dem wir gemeinſam verfah⸗ ren wollen.) 4 Herr von der Oehe fand dieſen Vorſchlag ſo an⸗ 349 gemeſſen, daß er augenblicklich darauf einging, und fünf Minuten ſpäter ſetzte der Statthalter ſchon nach Schaprode über, um die Schiffer zu ſeinem Herrn zu beſcheiden, deren Namen ihm dieſer auf einen Zettel geſchrieben. 4 Während dieſer Zeit aber wurden die Mägde in der Küche mit dem Befehle verſehen, ein gewaltiges Frühſtück anzurichten, denn es war auf der gaſtfreien Oehe Sitte, die benachbarten Schiffer und Fiſcher ſtets mit etwas Warmem zu empfangen, wenn ſie dem Herrn derſelben, noch dazu auf ſeine Einladung, einen Beſuch abſtatteten. So begab man ſich denn eilig daran, das große Zimmer Herrn von der Oehe's zu dem Empfange der Gäſte einzurichten, und in weniger als einer halben Stunde ſtanden lange Tiſche gedeckt und mit ungeheuren Kaffeetaſſen, Tellern, Meſſern und Gabeln beladen da, um einem Dutzend hungriger Mägen auf angemeſſene Weiſe Speiſe und Trank zu bieten. Unterdeſſen aber ſetzten Alfred Brunſt und Carl Melms auch die jungen Leute auf der Oehe von dem Vorgehenden in Kenntniß und riefen den Gensdarmen herbei, denn dieſe Alle ſollten an der Berathung Theil nehmen, die den großen Feldzug einleiten mußte. Es verging auch keine weitere halbe Stunde, ſo traten ſie 2 ſämmtlich in das Zimmer, um vorläufig von der An⸗ gelegenheit im Allgemeinen unterrichtet zu werden, die bald darauf im Einzelnen vorgetragen werden ſollte. Während dieſe nun unter ſich leiſer oder lauter ſprachen und ihre Meinungen austauſchten, kehrte Herr von der Oehe in ſein Arbeitszimmer zurück und über⸗ dachte ſich die Worte, die er an die Verſammlung richten wollte, denn daß er heute die Debatten leiten müßte, hatte ihm Alfred Brunſt ſowohl wie Carl Melms geſagt und er fühlte ſich vollkommen dazu aufgelegt, ſeiner Stellung Ehre zu machen und eine Rede zu halten, die Feuer in die Adern ſeiner ehe⸗ maligen Vaſallen gießen ſollte. Es war kaum ſechs Uhr vorüber, als der Statt⸗ halter von ſeinem Rundgange heimkehrte und die Mel⸗ dung überbrachte, die Eingeladenen würden erſcheinen, ſobald ſie ſich in Staat geworfen hätten, denn an⸗ ders als im Sonntagskleide vor den Beſitzer der Oehe zu treten, wäre ein Verbrechen gegen die Sitte ge⸗ weſen, namentlich wenn die Einladung von dem gnä⸗ digen Herrn ausgegangen war. Gegen ſieben Uhr ſah man denn auch die erſten Schiffer über den kleinen Meeresarm ſetzen, der die DOehe von ihrem Dorfe trennt, und der alte Tode, der reichſte und angeſehenſte Schiffseigenthümer, führte 351 dieſen erſten Zug in Perſon an. Bald nach ihnen langten auch die Anderen an und als ſie ſämmtlich am Strande der Inſel vereinigt waren, ſchritten ſie langſam und gemeſſen, wie es ihre Art war, dem Herrenhauſe zu, unterwegs ſich ihre Gedanken mitthei⸗ lend, was dieſe frühe Berufung denn eigentlich zu be⸗ deuten haben möge. Als ſie den Hausflur erreicht und hier mit laut dröhnendem Geräuſch ihre vom naſſen Erdreich be⸗ ſchmutzten Stiefel reinigten, kam ihnen der Herr vom Hauſe ſelber entgegen und lud ſie freundlich ein, näher zu treten, was ſie denn auch langſam Einer nach dem Andern thaten, nach dem Eintritt ſich vor den An⸗ weſenden tief verbeugten und dann einen ſchmunzeln⸗ den Blick über die mit herrlichem Damaſt gedeckten und mit Kaffeetaſſen ſo reich verzierten Tiſche ſchwei⸗ fen ließen. Es waren acht handfeſte, kräftige Geſtalten mit wettergebräunten Geſichtern, auf denen eben ſo viel Neugier und Gutmüthigkeit wie. Ergebenheit gegen den reichen Herrn der Inſel zu leſen war; ſie er⸗ ſchienen in neuen blauen Tuchjacken und weißen Leinen⸗ hoſen, über die bis zur Hälfte der Schenkel ungeheure Waſſerſtiefel gezogen waren. Um die weiß und blau geſtreiften Hemdkragen trugen ſie loſe geknüpfte ſchwarz⸗ 35² ſeidene Tücher und ihre mit rothen Bändern umwun⸗ denen Strohhüte hielten ſie in der linken Hand, die Rechte ſchon zum Handſchlag bereit haltend, mit dem ſie, bei dem Wirthe beginnend, der Reihe nach zu allen Verſammelten herumgingen und ihnen die Hände mit einer Herzlichkeit ſchüttelten, daß die Gelenke krachten. Nachdem dieſe erſte Begrüßung nach altem Brauch und mit dem gehörigen Nachdruck ausgetauſcht, lud der Wirth die Freunde und Nachbarn zum Sitzen ein, und nachdem ſie ihre Hüte bei Seite gelegt, ſetzten ſie ſich der Reihe nach neben einander, die beiden Aelteſten aauf den Sopha, die anderen zu beiden Seiten an den lang zuſammengereihten Tiſchen, worauf dann Herr von der Oehe mit ſeinen übrigen Gäſten folgte. Kaum hatten ſie aber Platz genommen, ſo öffnete ſich die Thür und drei wohlgeputzte Mägde, Metke an der Spitze, traten mit glühenden Wangen herein, unge⸗ heure Kannen mit Kaffee und fetter Milch auf den Tiſch ſetzend, denen ſie gewaltige Schüſſeln mit friſchem Backwerk beifügten. „Wir wollen zuerſt einen Imbiß nehmen,“ begann Herr von der Oehe mit tönender Stimme,„damit uns die Arbeit nachher nicht träge findet. So greifet denn Alle zu und Jeder mache es ſich mundgerecht nach Belieben.“ Unſre drei Künſtlerfreunde, die an dem einen Ende 353 des Tiſches neben einander ſaßen, langten nun zwar auch zu, aber ihre Aufmerkſamkeit war doch mehr auf die Gäſte als das Frühſtück gerichtet, was bei den Schiffern gerade umgekehrt der Fall war. Dieſe Letz⸗ teren ließen die gaſtliche Aufforderung denn auch nicht vergebens geſprochen ſein, im Gegentheil, ſie machten ſich mit einem Eifer über die Kaffeekannen her und beſtrichen ihre großen Schnitten feinen Roggenbrodes mit anſehnlichen Stücken friſcheſter Butter, daß man ſeine Freude an ihrem Appetite haben konnte, der da⸗ durch nicht abgenommen zu haben ſchien, daß ſie ſchon zu Hauſe ihr gewöhnliches Frühſtück eingenommen hat⸗ ten. Zehn Minuten lang herrſchte ein faſt vollkom⸗ menes Schweigen in der zahlreichen Verſammlung und nur bisweilen ließ ſich hier ein Räuspern und dort ein Seufzer des Wohlbehagens unter den Speiſenden vernehmen. Wo der Inhalt der eben noch ſo vollen Kaffeekannen und der überreiche Vorrath der Schüſſeln mit Backwerk und Butter blieb, erſchien den anweſen⸗ den Städtern faſt ein Räthſel, und trotzdem die Män⸗ ner äußerſt langſam und bedächtig kauten, verſchwand dennoch Alles mit einer fabelhaften Geſchwindigkeit, ſo daß man daraus hätte ſchließen mögen, ſie beeilten ſich nur deshalb ſo ſehr, um deſto raſcher zu der Mit⸗ theilung des Wirthes zu kommen. Die Inſulaner. III. 23 Allein dem war nicht ſo. Als die acht Männer ſo viel gegeſſen und getrunken, daß man hätte glauben ſollen, ſie wären für volle vierundzwanzig Stunden geſättigt, legten ſie die Meſſer nieder und kippten die . Obertaſſen um, zum Zeichen, daß ſie von dieſer Speiſe genug genoſſen. Kaum aber hatte Herr von der Oehe dieſes ſymboliſche Verfahren bemerkt, ſo ſtand er auf und zog die Schelle, worauf die drei Mägde wieder hereinkamen und den Tiſch von dem gebrauchten Ge⸗ ſchirr ſäuberten, an deſſen Stelle aber ſogleich friſches aufſtellten. Nach einer kurzen Pauſe, in der man ſich gegenſeitig wohlgefällig anblickte, that ſich abermals die Thür auf und unter Metke's Vortritt trugen die Mägde eine zahlloſe Menge Schüſſeln mit geſottenen Eiern und Zwiebeln, Schinken, Wurſt und anderen kalten Fleiſchſpeiſen herein, die kaum auf den geräu⸗ migen Tiſchen Platz fanden. Als die Mägde ſich wie⸗ der entfernt, rührte kein Menſch eine Gabel an, Alle ſaßen unbeweglich auf ihren Plätzen, die Hände auf den Knieen haltend und nur dann und wann ein freu⸗ diges Schnalzen mit der Zunge hören laſſend oder begierig die Lippen leckend. Dieſe Zeichen deuteten die allgemeine Erwartung der Dinge an, die da kommen ſollten, und dieſe Er⸗ wartung ſollte auch nicht getäuſcht werden, denn als⸗ 3⁵⁵ bald erſchienen noch einmal die Mägde und brachten große Flaſchen mit altem guten Kornbranntwein und Humpengläſer, die ebenfalls noch ihren Platz auf den Tiſchen finden mußten. Herr von der Oehe war wieder der Erſte, der das Zeichen zum neuen Angriff gab, indem er eine Flaſche entkorkte, ſein Glas halb voll goß und, es mit langgeſtrecktem Arm weit über den Tiſch haltend rief: „Wohl bekomm's, meine Freunde! Ich trinke dies Glas auf Eure Geſundheit!“ Kaum war das Wort verklungen und das Glas an den Mund geſetzt, ſo fuhren alle Hände unter den Tiſchen hervor und die Flaſchen wurden gehoben und ſenkten ihre Hälſe in die Gläſer, die wie hungrige Raben ihre Mäuler ſo weit wie möglich aufſperrten, um den ſtark duftenden Inhalt zu empfangen. Als dann Jeder der Anweſenden ſein„Wohl bekomm's!“ und„Auf Ihre Geſundheit, meine Herren!“ geſpro⸗ chen und ein volles Glas geleert hatte, griffen die Hände wieder zu den Gabeln und, wie ſich die Kaffee⸗ kannen vorher geleert, ohne daß man eigentlich ſah, wie es geſchah, ſo leerten ſich auch die Schüſſeln, trotzdem dieſelben kurz vorher noch übermäßig gefüllt geweſen waren. Endlich war man auch mit der Beſeitigung dieſer 23* Speiſe glücklich zu Stande gekommen und nun glaub⸗ ten unſere Freunde an den Anfang der Verhandlung gelangt zu ſein, allein auch diesmal irrten ſie ſich. Denn noch einmal wurden die Teller von den herbei⸗ gerufenen Mägden abgeräumt und neue an deren Stelle geſetzt, worauf abermals Schüſſeln mit feinerem trocknen Backwerk folgten, auf welche die Blicke der Geladenen ſich mit ſteigendem Wohlgefallen richteten. Denn daß heute ein volles Frühmahl ſolle gehalten werden, unterlag nun keinem Zweifel mehr, und das bewies denn auch Metke mit ihren Gefährtinnen ſo⸗ gleich dadurch, daß ſie ein Dutzend Flaſchen mit altem Madeira gefüllt und neue, ſchlankere Gläſer herein⸗ brachte und vor den freudig aufblitzenden Augen der Gäſte aufpflanzte. (Als aber nun das erſte Glas des feurigen Weins getrunken und eine Handvoll leckeren Backwerks den Weg alles Fleiſches gewandelt war, wobei die Gäſte den erſten Tropfen mit ſchnalzender Zunge gekoſtet und dann ſich beifällig einander zugenickt hatten, da ſchien endlich die Stunde der Verhandlung gekommen zu ſein, denn Herr von der Oehe erhob ſich, ſtellte ſich mit lebhaft geröthetem Geſicht vor allen ſeinen Gäſten auf und ſprach mit dröhnender Stimme fol⸗ gende Worte, wobei er bemüht war, die glotzenden 357 Geſichter ſeiner Gäſte aus e haprode Nach der Reihe ermunternd und zugleich forſchend anzubl icken.) „Meine lieben Freunde und Nachbarn! Sie wiſſen, wie gern ich Sie in meiner Behauſung willkommen heiße, und ſchon manches Mal, ſeitdem ich meinem in Gott ruhenden Vater, der mit Euern Vätern auf dem Friedhof dort unter einer Erde begraben liegt, im erb⸗ eigenthümlichen Beſitz der alten Oehe gefolgt bin, ſchon manches Mal, ſage ich, haben wir hier um einen Tiſch geſeſſen und unſre Angelegenbeiten, mochten ſie heitere oder trübe Gegenſtände betreffen, beſprochen und ver⸗ handelt. Zwiſchen uns iſt auch noch niemals ein Wort des Streites oder Haders gefallen, und immer haben wir uns wie Freunde vertragen und geholfen, wo wir nur immer konnten. Nicht wahr?“ Die acht Schiffer blickten ſich mit leuchtenden Augen an, nickten einander zu und ſchlugen dann mit ihren Fäuſten auf die Tiſche, daß die Flaſchen und Gläſer tanzten, und riefen dabei wie aus einer Kehle:„Ja, das iſt wahr, nur weiter, Herr von der Oehe!“ „Heute nun,“ fuhr der Redner fort,„habe ich Sie abermals gerufen, um Ihnen eine gewichtige Mitthei⸗ lung zu machen, ja, heute, meine Freunde und Nach⸗ barn, bedarf ich Ihres Rathes und, ſo Sie mir nicht widerſtreben— ſogar Ihrer Hülfe.“ * Die Schiffer blickten ſich wieder freundlich grinſend an und nickten mit ihren braunen Geſichtern Herrn von der Oehe muthig zu, was ſo viel heißen ſollte als: ſie wären bereit zu hören und er ſollte nur wei⸗ ter ſprechen. „Doch was ſoll ich einen langen Weg mit Wor⸗ ten machen,“ fuhr er, kräftig die Stimme erhebend fort,„wo es raſch an das Ziel zu gelangen gilt, ich will es alſo ſchnell ſagen, damit Ihr mir ſchnell Euer Ja oder Nein zurufet. Seht, Ihr wißt, daß ich Nie⸗ mandes Eigenthum jemals berührt habe, weder mit dem Fuß noch mit der Hand, wenn es mir nicht freund⸗ lich geſtattet war— an meinem Eigenthum aber ver⸗ greifen ſich ſeit Jahr und Tag ſchurkiſche Hände und ſchaden mir und meiner Inſel— nicht wahr, Ihr wißt ſchon, was ich meine?“ „ Ja, wir wiſſen es!“ lautete die Antwort, von eeinem donnernden Fauſtſchlag auf den Tiſch begleitet. „Nun gut denn— nicht allein meine Steine haben mir die Räuber genommen, ſondern auch meinen ſchö⸗ nen braunen Stier haben ſie mir vor wenigen Tagen geſtohlen und ſogar Feuer an meine Roggenmiethe gelegt, was nur die ſchnelle Hand meines Statthalters da glücklich gelöſcht hat.“ „Was!“ riefen die Schiffer mit funkelnden Zornes⸗ 359 augen.„Das wiſſen wir ja noch nicht— den Stier geſtohlen und Feuer haben ſie anzulegen verſucht?“ „So iſt es, meine Freunde, und ich habe mit Ab⸗ ſicht über dies Attentat geſchwiegen, weil ich mich vor Euch ſchämte, daß dergleichen mir, in dieſem Jahr⸗ hundert, auf meiner alten Beſitzung geſchehen konnte. So iſt alſo mein ganzer Hof und mein ganzes Beſitz⸗ thum in Gefahr, geplündert und in Aſche gelegt zu werden, und das zu dulden— dazu bin ich nicht der Mann und das hätte auch Keiner meiner Vorfahren von irgend einem Feinde geduldet.“ „„Nein,“ riefen die Männer,„das hätte Keiner Ihrer Vorfahren geduldet und das dulden auch wir nicht, die wir der Oehe ſo nahe wohnen und von jeher an allen ihren Schickſalen den innigſten Antheil ge⸗ nommen haben.“ „Nun, das freut mich, daß Ihr das ſagt. Höret aber weiter. Wiederholt hatte ich mich mit meiner Beſchwerde an die Behörden gewandt, aber man hatte meine Klagen für leichte Waare genommen und wenig darauf zu erwidern für gut befunden, noch weniger aber für eine genügende Abhülfe des Unfugs geſorgt. Da ergrimmte ich denn im Herzen und beſchloß mir ſelber zu helfen, indem ich ſchwur, jeden Dieb, den ich auf meinem Grund und Boden betreffen würde, vor den Kopf zu ſchießen und ſo mir ſelber Recht zu verſchaffen. Bevor ich jedoch zum Aeußerſten ſchritt, ſchrieb ich noch einmal einen verſtändlichen Brief an die Regierung und der half, denn man ſchickte mir den Mann dort—“ hierbei zeigte er auf den Gens⸗ darmen, der wohlgefällig ſeinen Schnurrbart ſtrich und dann eine achtungsvolle Verbeugung machte—„um mir beizuſtehen.“ Die Schiffer richteten ſämmtlich ihre Augen auf den Gensdarmen, der ganz roth darüber wurde und ſich in die Bruſt warf, dann nickten ſie ſich wieder mit bedeutſamem Winke zu, als begriffen ſie nun erſt die Anweſenheit des uniformirten Mitgliedes der Ver⸗ ſammlung. „Aber was, meine Freunde und Nachbarn,“ fuhr Herr von der Oehe fort,„ſoll mir ein Mann gegen die verwegenen Freibeuter helfen, und wenn er auch einen raſſelnden Säbel an der Seite und Piſtolen in der Taſche trägt? Ich frage Euch. Kann er mit dem Säbel über die See ſchwimmen und die Schiffe feſt⸗ halten, die mir meine Steine ſtehlen, von deren Ver⸗ bleib meiner Inſel Exiſtenz abhängt? Und wie genügt ein Mann, wenn Zehne mich angreifen und mir Tag und Nacht mit frechſter Stirn die Zähne weiſen, he?— Seht einmal, da habe ich nun auf meine eigene 361 Hand Nacht für Nacht Wachen ausgeſtellt und. habe mir ein Loch in die Erde gegraben, von wo aus wir die ganze Nacht unſere Augen auf die See gerichtet hielten. Und ich ſelbſt, ich alter Mann, habe mich in dies Loch gelegt, meine Flinte und Piſtolen neben mir, und habe den Dienſt für mein Eigenthum gethan, ſo gut wie meine Freunde hier, die mir Alle redlich Bei⸗ ſtand geleiſtet.“ „O, o!“ riefen die Schiffer und ſchüttelten, ihr Beileid bezeigend, ihre Köpfe.„Warum haben Sie uns das nicht ſchon lange geſagt, Herr von der Oehe, wir wären Alle gekommen wie ein Mann und hätten auch das Unſrige gethan, um Ihr Eigenthum gegen die Uebelthäter zu ſchützen!“ ſagte der alte Tode, mit der Fauſt ſo heftig auf den Tiſch ſchlagend, daß er in allen Fugen krachte. „Nicht doch, meine Freunde,“ fuhr der alte Herr fort,„ich wußte das wohl, aber ich fühlte mich ſtark genug gegen meine Feinde, und warum ſollte ich noch Andere in mein Ungemach verwickeln, da ich nur um mein eigenes Wohl zu kämpfen hatte! Genug, ich glaubte das Werk allein zu Stande zu bringen und ich habe immer gefunden, daß ein wirklicher Mann, der das Herz auf der rechten Stelle hat und außer Gott Niemand fürchtet, endlich mit allen ſeinen Feinden fertig wird.“ 6 362 „Ja, ja!“ riefen die Schiffer.„Aber nur weiter, wir kommen nun vielleicht doch noch an die Reihe!“ „Ja, ſo iſt es, doch hört mich erſt zu Ende. Von meinen anweſenden Freunden hier hat ſich nun mein alter Freund Brunſt aus Grünthal, den Ihr ja Alle kennt, am meiſten um mich verdient gemacht. Er hat nicht eher in ſeiner Sorge nachgelaſſen, als bis er entdeckt—“ „Alter Herr!“ unterbrach ihn hier Alfred Brunſt, „dieſe Herren hier haben mir ſämmtlich treulich dabei geholfen.“ „Ja doch, ja, ich weiß es wohl und ich bin Allen unausſprechlich dankbar dafür, aber Du haſt doch das Letzte gethan und ausgekundſchaftet: daß gerade jetzt ein neuer Angriff der Freibeuter bevorſteht und daß er vielleicht ſchon erfolgt wäre, wenn Wind und Wel⸗ len die See nicht unſicher gemacht hätten. Und ſo iſt es, meine Freunde, es ſind zwei NYachten von Wit⸗ tow ausgelaufen, von denen mein Freund Brunſt den Verdacht hegt, daß ſie ihre Richtung nach der Oehe nehmen wollen, um abermals Steine zu zangen oder Gott weiß was für Schandthaten zu üben. Da wollte ich denn Alles aufbieten, um den Buben zuvorzukom⸗ men und ſo haben wir denn beſchloſſen, einige Schiffe 5 363 in See zu ſchicken, an allen Ecken auf den Freibeuter zu lauern und, wenn er ſich der Inſel in feindſeliger Haltung nähert, über ihn herzufallen, ihn gefangen zu nehmen und vor die Gerichte zu ſtellen, damit er nicht allein ſeinen Lohn empfängt, ſondern auch alle Uebri⸗ gen daran ein Beiſpiel nehmen und mich ferner in Ruhe laſſen. Und nun frage ich Euch! ob Ihr vielleicht aus alter Freundſchaft geſonnen ſeid, mir Beiſtand zu lei⸗ ſten und den wilden Jäger fangen zu helfen? Zu dieſem Ende aber müßtet Ihr mir nicht allein mit Eurer Perſon zur Seite ſtehen, ſondern auch Eure Schiffe leihen, denn ohne viele und reichlich bemannte Schiffe oder Boote dürften wir wenig oder gar nichts ausrichten. Nun habe ich geſprochen und jetzt ſprecht Ihr, wie es Euch um's Herz iſt.“ 6 Der alte Herr, flammend von den ihn tief ergrei⸗ fenden Gefühlen, ſetzte ſich nach dieſen Worten auf ſeinen Stuhl nieder; dafür aber ſprang ſogleich der angeſehenſte Schiffer des Dorfes auf und nachdem er einen raſchen Blick auf ſeine Gefährten geworfen und ihre Meinung ihnen gleichſam an den Augen abge⸗ ſehen, ſprach er mit überlaut tönender Stimme: „Herr von der Oehe! Sie haben geſprochen und nun ſpreche ich. Bei Gott, ſo viel ich weiß, und mir 364 hat es mein Großvater und dem wieder ſein Groß⸗ vater ſeit undenklichen Zeiten erzählt, ſo viel ich weiß, haben alle Schaproder, Groß und Klein, Alt und Jung, Reich und Arm, von jeher der Oehe und ihren Bewohnern mit Gut und Blut zur Seite geſtanden, alle Gefahren in Krieg und Frieden mit ihnen ge⸗ theilt,(Sonnenſchein und Regen„) Wind und Wellen zugleich ertragen, und ich ſehe nicht ein, warum blos unſre Vorfahren ſo gute Freunde geyeſen ſein ſollen. Sie ſind ein Edelmann, und außerdem ein Mann nach unſerm Sinn, das heißt ein edler Mann von altem Geſchlecht, das alle Achtung verdient, das ſich immer um die armen Leute bekümmert und nie auf Andrer und Geringerer Koſten ſeine vornehme Sipp⸗ ſchaft in die erſte Linie geſtellt hat. Das müſſen wir anerkennen und das haben wir unter uns ſchon oft anerkannt. So hören Sie denn, was meine— und ich denke— auch meiner Kameraden Meinung in die⸗ ſer Sache iſt. Sie ſitzen in der Patſche, das iſt klar, und wir dürfen nicht dulden, daß Sie in der Patſche ſitzen bleiben. Eine Hand wäſcht die andere und eine Liebe iſt der andern werth. Heute Dir und morgen mir! pflegt man zu ſagen und uns kann der rothe Hahn auch einmal auf das Dach ſteigen und Ihre Hülfe von großem Werthe ſein laſſen. So wol⸗ 36⁵ len wir deun wie immer und ewig auch diesmal an Ihrer Seite ſtehen und nicht eher ruhen und raſten, als bis wir den Hund“— hier erſchütterte ein furcht⸗ barer Fauſtſchlag den Tiſch, ſo daß ſelbſt die Schei⸗ ben in den Fenſtern klirrten—„als bis wir den Hund, ſage ich, ergriffen haben, der ſich an Ihrem Hab' und Gut vergreift. Wohlan denn, ich ſtehe Ihnen mit meinem Jungen, dem beſten Steuermanne auf ganz Rügen, zu Dienſten, und nicht er allein und meine Mitſchiffer und Kameraden ſollen dabei ſein, auch meinen neuen Kutter mit Halbdeck ſtelle ich un⸗ ter Ihre Befehle und zu Ihrem Dienſt und— Gott ſtraf' mich, wenn es nicht wahr iſt!— Derjenige un⸗ ter uns, der nicht das Gleiche thut, iſt ein Hundsfott — das ſage ich, Peter Tode aus Schaprode, der aälteſte Schiffer des Orts und auf allen Meeren befah⸗ ren, die Gott der Herr um das kleine Rügen, unſer Vaterland, ausgeſchüttet hat! Baſta!“ Er ſetzte ſich mit dunkelrothem Geſicht, auf dem Zorn, Theilnahme und Kampfesmuth um die Wette glühten. Kaum aber hatte er ſeinen Platz eingenom⸗ men, ſo ſprang ſein Nachbar auf, hielt eine ähnliche donnernde Rede und bot auch ſeinen Kutter mit Halb⸗ deck an, der zwar nicht ſo ſpiegelblank und geleckt ſei, „wie Vater Tode's,“ ſagte er,„der aber ſegelt wie 366 Einer und ſelbſt einer größeren Nacht zu Leibe zu gehen wagen kann.“ Nach dieſem zweiten Redner ſtand der dritte und ſo nach einander alle übrigen auf; Jeder bot ſein großes oder kleines Fahrzeug, je nachdem er es nun beſaß, zur Hülfe an und außerdem alle Hände, über die er verfügen konnte. Als dieſe von Herzen kommenden Reden beendigt waren, erhob ſich Herr von der Oehe noch einmal und dankte mit gerührter Miene für ſo viele Liebe unter ſeinen guten und getreuen Nachbarn, worauf er an Alfred Brunſt das Wort abtrat, der ſeine mächtige Geſtalt jetzt erhob, mit ruhigem Auge über die ganze Verſammlung ſchaute und dann mit eindringlichem Nachdruck folgende Worte ſprach: „Meine lieben Freunde! Da wir nun ſo weit ge⸗ kommen ſind und wiſſen, daß wir auf Eure Hülfe rechnen dürfen, wie wir es gleich von Euch vorausge⸗ ſetzt, ſo müſſen wir auch weiter kommen und überle⸗ gen, wie wir uns am beſten aufſtellen und durch un⸗ zweideutige Signale unter einander verſtändigen kön⸗ nen, da ja der Ueberfall nicht blos bei Tage, ſondern auch bei Nacht erfolgen kann. Glücklicher Weiſe haben wir Vollmond und da der Feind nur bei günſtigem Wetter die Inſel beläſtigen kann, ſo iſt ſein Vortheil 367 in dieſer Beziehung auch der unſrige. Wir ſind jetzt Dank Eurer Zuſage im Beſitz von acht großen und kleinen Booten und die müſſen wir nach allen vier Windrichtungen vertheilen und ſo auslaufen laſſen, daß kein Menſch ringsum, mag er auf dem Waſſer oder am Lande ſein, eine Ahnung hat, was wir damit im Sinne führen. Mag alſo Euer Kutter, Tode, auf dem Herr von der Oehe das Commando führt und der Gensdarm ſich befindet, hier an der Schaproder Küſte hinaufſegeln, etwa nach Seehof hin, und von dort aus ſein Augenmerk nach Norden und Süden richten. Ihn mag ein kleineres Boot in mäßiger Entfernung be⸗ gleiten, damit er Hülfe nahe hat, wenn er ſie braucht. Ihr, Clemens, geht mit mir oder meinem Freunde Melms nach zi dens an der Küſte von Ummanz ent⸗ lang; Ihr, Seiler, ſteuert mit Euerm großen Lang⸗ boot nach Hiddens⸗öe hinüber, und Ihr, Mechting, müßt ihn begleiten. Die anderen dertheilon ſich ſämmt⸗ lich an irgend gut gelegene Punkte und halten ihre Augen immer auf die Yachten gerichtet, wenn ſie etwa kommen ſollten. Alle aber machen ſich, wo ſie nun ſein mögen, etwas zu ſchaffen, damit der Feind nicht merkt, daß es auf ihn abgeſehen ſei. Die Einen mögen fiſchen, die Andern lothen oder thun, als ob ſie Steine zangen, noch Andere mögen ruhig ihren . 368 Cours ſteuern. Ueber Hiddens⸗öe, weder im Norden noch Süden, geht aber kein Boot hinaus, damit es die Oehe nicht aus den Augen verliert. Bei Tage giebt uns Allen ein langer rother Wimpel das Signal zum gemeinſamen Angriff, bei Nacht drei blaue Leucht⸗ kugeln, die wir mitnehmen und für deren Anſchaffung ich geſorgt habe. Eure Ferngläſer müßt Ihr natürlich zur Hand haben, damit Ihr ſcharf auslugen und Freund von Feind unterſcheiden könnt. Seht Ihr nun die NYachten der Oehe näher kommen, ſo ſegelt ſcharf oder lavirt, je nachdem es der Wind erlaubt, auf die Oehe los, ohne daß Ihr Euch merken laßt, worauf Ihr Jagd macht. Führt den Feind ſo lange irre, als es geht und packt ihn nur zur rechten Zeit. Die rechte Zeit iſt aber erſt dann und keinen Augenblick früher, wenn Ihr ſeht, daß der Feind auf dem Gebiete der Oehe zangt— bis er das thut, laßt Ihr ihn ungeſchoren. Seht Ihr aber von den beiden Kuttern die rothen Wimpel flattern oder bei Nacht die Leuchtkugeln auf⸗ ſteigen, dann beeilt Euch, dann iſt der Feind vor uns und dann ſtoßt dahin, wo wir ſelber ſein werden. Angreifen, was man ſo nennt, ſollt Ihr ihn nicht, nur unzingeln ſollt Ihr die Nachten, denn der Angriff darf allein von Herrn von der Oehe ausgehen, der den Gensdarmen zur Seite hat, und erſt wenn der Feind 369 3 entſchlüpfen will, dann laßt alle Eure Segel los und legt Euch ihm in den Weg, entert ihn und ſchneidet ſein Takelwerk entzwei, ſo daß er nicht entwiſchen kann. Blut dürft Ihr nicht vergießen und nur Euch zur Wehre ſetzen, wenn man Euch mit Meſſern oder Piſtolen zu Leibe geht, was ich übrigens nicht glaube. Und nun noch Eins, meine alten Seehunde! Der Mann, auf den ich es am meiſten bei der ganzen Unternehmung abgeſehen habe und den ich für den Hauptübelthäter halte, darf uns bei Leibe nicht ent⸗ wiſchen. Er kann aber nur auf einer der beiden Nachten ſein. Welche das ſein wird, ſollt Ihr von dem Boote aus erfahren, auf welchem ich mich ſelbſt befinde, und damit Ihr das wißt, will ich lieber gleich beſtimmt ſagen, daß ich an Bord von Clemens'Kutter gehen werde. Ich werde nicht ausbleiben, wenn die Zeit da iſt, verlaßt Euch darauf, und kann ich Euch nicht durch das Sprachrohr zurufen, welche Yacht den Uebelthäter beherbergt, ſo ſollt Ihr mich zuerſt an Bord derjenigen ſehen, die ich für die wichtigſte halte. Alſo gebet 2 Seid Ihr mit dieſem Vorſchlage zufrieden, meine Freunde?“ Die Schiffer ſahen ſich alle grimmig, das heißt glücklich lächelnd an, nickten einander zu und dann ſagte der alte Tode:„Sie haben geſprochen wie ein. Die Inſulaner. III. 24 Advocat, Herr Brunſt, und Ihre Worte ſind ſo fein abgewogen geweſen und doch ſo verſtändlich, als hätt' ich ſie gedruckt geleſen. Alle Ihre Vorſchläge ſind gut, nur einen will ich noch hinzufügen, wenn die Herren es mir erlauben.“ „Sprecht!“ ſagte Herr von der Oehe, den der Redner zumeiſt angeblickt hatte. „Wir dürfen nicht alle zu gleicher Zeit ausſegeln, damit kein Verdacht entſteht, daß wir eine beſtimmte Abſicht verfolgen. Die Burſchen könnten irgend wo am Lande ihre Kundſchafter aufgeſtellt und eben ſo gut ihre Signale abgeſprochen haben wie wir— meinen Sie nicht?“ „Gewiß,“ erwiderte Alfred Brunſt.„Ihr habt Recht, und ſobald der Wind von der Beſchaffenheit iſt, daß wir vorausſetzen dürfen, der Feind komme dabei heran, oder ſobald wir gewiſſe Botſchaft über ſeinen Verbleib haben, wollen wir ein Boot nach dem andern auslaufen laſſen und jedes ſoll dahin gehen⸗ wohin es beordert iſt. Hat noch Jemand etwas zu ſagen?“ 4„ Ja, ich!“ rief Herr von der Oeh em er auf, ſtand.„Unſere Expedition kann mek Tage und Nächte dauern, daher verſeht Euch mit warmen Klei⸗ dern und rechnet auf jede Witterung. Da man aber 371* in ſo langer Zeit eſſen und trinken muß, um die Luſt und den Muth friſch und kräftig zu erhalten, ſo werde ich ſelbſt für die Proviantirung Eurer Boote ſorgen und ſogleich Befehl geben, daß man ſich in meinem Hauſe zur Anſchaffung des Nothwendigen anſchickt. Ihr ſendet dann wohl heute Abend einige Leute her⸗ über, um die Speiſen und Getränke abholen und ver⸗ theilen zu laſſen und nur für Tode's und Clemens' Kutter werde ich allein ſorgen, da wir ſelber am beſten wiſſen, was wir am liebſten ſpeiſen. Seid Ihr auch damit zufrieden?“ Die Schiffer kicherten leiſe, nickten ſich verſtohlen zu und ſprachen dann einſtimmig ihren Dank für das zuletzt Gebotene aus. Nachdem man nun noch den ganzen Feldzugsplan bis in ſeine kleinſten Einzelnheiten beſprochen, die Führer für die verſchiedenen Fahrzeuge ernannt, ein⸗ zelne, durch unerwartete äußere Umſtände herbeigeführte Abweichungen von dem feſtgeſtellten Plan aber dem Ermeſſen und der Klugheit der Führer anheimgegeben hatte, ſtanden die Schiffer von ihren Plätzen auf, näherten ſich ihrem gaſtfreien Wirthe und dankten ihm mit herzlichen Worten für die glänzende Bewir⸗ thung, wobei Jeder die wichtige Bemerkung wieder⸗ holte, daß ihm das Frühſtück vortrefflich gemundet 24* 372² habe, was ſie eigentlich nicht beſonders zu verſichern brauchten, da die Thatſache klar genug vor Aller Augen lag. Nachdem ſie nun Herrn von der Oehe noch ein⸗ mal die herzlichſte Verſicherung ihrer treuſten Freund⸗ ſchaft und Ergebenheit ausgeſprochen und allen An⸗ weſenden der Reihe nach die Hände geſchüttelt hatten, verließen ſie das Haus und die Inſel und begaben ſich unverweilt auf ihre Boote, um dieſelben mit bren⸗ nendem Eifer zu der beſchloſſenen Expedition auszu⸗ rüſten. So ſah man denn bald den ganzen Schap⸗ roder Strand mit einer großen Menge ſeekundiger Arbeiter bedeckt, die Waſſerfäſſer, Segel, Tauwerk, Ruder und Haken nebſt vielem Anderen an Bord ſchafften und Alles zum Auslaufen klar machten. Es war eine Rührigkeit unter die Leute gekommen, als ob es für ihren eigenen Heerd zu fechten gälte, und noch lange vor Abend traf der alte Tode wieder bei Herrn von der Oehe ein, um zu melden, daß Alles bereit ſei, um in See zu ſtechen und daß man nur den Befehl dazu erwarte, falls das Wetter ſich damit einverſtanden erkläre. 3 Eiinne nicht minder ungewöhnliche Rührigkeit ging um dieſelbe Zeit im Herrenhauſe auf der Oehe vor, namentlich in der Küche und in den Kellern regten 373 Mägde und Knechte wunderbar eilfertig die Hände. Es wurde gebacken und gebraten, Fäſſer und Körbe mit Flaſchen, Brod, Fleiſch und allem möglichen Zu⸗ behör bepackt, als müſſe eine kleine Armee acht Tage lang auf der See verproviantirt werden, und da die vorhandenen Vorräthe kaum ausreichten, indem doch auch für die Zurückbleibenden geſorgt werden mußte, ſo flogen die Boten nach allen Seiten, um aus der Ferne das Fehlende herbeizuſchaffen. Den Oberbefehl auf der Inſel während der Ab⸗ weſenheit Herrn von der Oehe's erhielt der getreue Statthalter. Seine Inſtructionen lauteten dahin, daß er ſich ruhig verhalten und nur vom Dornbuſch aus die See fleißig beobachten ſolle. Von hier aus werde er alle Vorgänge auf dem Waſſer zeitig genug wahr⸗ nehmen können und nur dann ſolle er mit den zurück⸗ gebliebenen Knechten thatkräftig eingreifen, wenn etwa, was Niemand erwartete, während der Ausfahrt der Schiffe ein Theil der feindlichen Partei die Inſel auf irgend eine Weiſe zu berühren oder gar zu brand⸗ ſchatzen wagte. Auf keinen Fall aber ſollte er durch unzeitiges Vorgehen gegen den Feind, wenn er in Angeſicht der Inſel ankerte und ſeine Vorbereitungen zum Steinzangen träfe, ſtörend in den allgemeinen Gang der Ereigniſſe greifen, am wenigſten ihn ver⸗ —yn — rM— 374 A treiben und alles Uebrige der Mannſchaft der ver⸗ ſchiedenen Boote überlaſſen, die ihre Manöver ſchon zweckgemäß einleiten würde. Damit die Damen nun nicht ganz verlaſſen wären und doch wenigſtens einen der Bewohner des Herren⸗ hauſes zur Unterhaltung behielten, wurde Willibald Stillfried zum Verbleiben auf der Inſel beordert. Er möge vor wie nach ſeinen ſtillen Beſchäftigungen nachgehen, ſagte man ihm, vor allen Dingen die Da⸗ men beruhigen, wenn ſie etwa Angſt empfinden ſollten. Gefahr könne denſelben auf keine Weiſe drohen, da⸗ für würden die Männer auf den Schiffen ſchon ſor⸗ gen. Beliebe es ihm mit ſeinen Gefährtinnen, Zu⸗ ſchauer des Vorgehenden zu ſein, ſo ſolle er ſich dem Statthalter anſchließen, aber ſein Auge auf das Ge⸗ höft halten und namentlich den zurückbleibenden Fähr⸗ mann beaufſichtigen, damit der Uebergang nach der Inſel auf keine Weiſe unterbrochen werde. Willibald Stillfried fügte ſich mit ſeinem leicht befriedigten Herzen willig in die ihm aufgetragenen Obliegenheiten, obgleich er am liebſten Carl Melms, zu dem er eine ſo zärtliche Neigung gefaßt, auf der Waſſerfahrt begleitet hätte. Den Damen aber ver⸗ ſchwieg er auf erhaltene Anweiſung noch das ganze Unternehmen, denn dieſe ſollten erſt in dem Augen⸗ 375 blick Kunde davon erhalten, wo die Herren die Inſel verlaſſen und ſich auf ihre Schiffe begeben würden. Einen ganz anderen Auftrag erhielt Heinrich Mark⸗ holm von Alfred Brunſt. Sobald nämlich von der Inſel aus wahrzunehmen ſei, daß die Boote ſich von ihren verſchiedenen Stationspunkten nach der Inſel in Bewegung ſetzten, um die Freibeuter zu umzingeln, ſolle er die beſten Pferde Herrn von der Oehe's vor einen Wagen legen laſſen, damit nach Möwenort fah⸗ ren, Alwine Halling in demſelben nach Schaprode bringen und ſich ſo lange daſelbſt im Kruge mit ihr aufhalten, bis ihm Kunde zukomme, daß er ſie nach der Oehe überſetzen könne. „Haben Sie das genau verſtanden, Herr Mark⸗ holm?“ fragte Alfred Brunſt den jungen Mann, nach⸗ dem er ihm zweimal dieſen Auftrag wiederholt. Heinrich Markholm hatte ihn ſehr genau verſtan⸗ den, aber ſeine innere Bewegung, ſeine Freude, ſein Glück war ſo groß, daß er nur wenige Worte erwi⸗ dern konnte. Er war ganz bleich geworden, ſeine Lippen bebten und ſeine Hände drückten nur krampf⸗ haft die Hand des biederen Freundes, der ihm liebe⸗ voll und glückverheißend in die überfließenden Au⸗ gen ſah. „Herr Brunſt!“ rief er,„ob ich Sie verſtanden 7 ———— —;—ÿÿℳ— 376 habe? Iſt denn das ſo ſchwer? Ich denke, Sie ha⸗ ben mir die leichteſte und ſüßeſte Arbeit aufgetragen, die je einem Manne zugewieſen ward. Ja, ja, ja, ich will Alwining hierher holen—“ „Nicht hierher!“ unterbrach ihn Alfred Brunſt mit ernſtem und faſt würdevollem Weſen.„Vergeſſen Sie das nicht in Ihrer überſtrömenden Herzenswonne, nur nach Schaprode und ſogar dort ſollen Sie ſie in einem Zimmer geheim halten und von Niemanden eher ſehen laſſen, als bis ich oder ein Anderer Sie dazu auffordern wird.“ „Ja, ja, ja, ich begreife Alles, mein wackerer, edler Freund! Nur ich, ich allein werde ſie ſehen, bei ihr ſein— o mein Gott! Wer hätte das ſo ſchnell für möglich gehalten!“ „Still, ſtill, mein lieber Markholm!“ flüſterte Alfred Brunſt mit einer geheimnißvollen und überaus ernſten Miene.„Wir ſind Alle noch nicht über den großen Berg, den wir zu erſteigen haben, und wie Gott Wind und Wellen ſchickt, ſo kann er auch Miß⸗ geſchick ſenden, das uns unſre Arbeiten vergebens ge⸗ than haben läßt. Allein ich fürchte das diesmal nicht, obgleich ich jeden Augenblick darauf gefaßt bin. Dar⸗ um ſeien auch Sie darauf gefaßt und verlieren Sie vor allen Dingen die Beſonnenheit nicht, wenn Hinderniſſe — — — 37 zu überwinden wären, an die wir in unſerem frohen Muthe nicht gedacht haben.“ Dieſe Worte machten den Maler wieder ernſt, faſt beſorgt.„Aber das Eine ſteht doch feſt,“ fragte er mit bebender Stimme,„daß Alwining die Meinige wird, wenn ich ſie hierher bringe?““ „Das ſteht feſt, mein junger Freund; und wenn ſie keinen anderen Vater finden ſollte, ſo erbiete ich mich ſelbſt dazu und Ihnen— Ihnen zunächſt be⸗ ſtimme ich die Hand meiner Tochter. Sind Sie da⸗ mit zufrieden?“ Heinrich Markholm flog in ſtürmiſcher Aufwallung ſeines überſprudelnden Herzens auf den edlen Mann zu und drückte ihn an ſeine Bruſt.„Herzlichen, herz⸗ lichen Dank, mein theuerſter väterlicher Freund!“ rief er, indem er vor Freuden faſt Thränen vergoſſen hätte. „Ruhig, mein Lieber,“ entgegnete Alfred Brunſt mit ſeiner alten männlichen Feſtigkeit.„Man muß das Glück wie das Unglück mit Faſſung und Würde ertragen, nur ſo beweiſt man allein, daß man ein Mann und den Schlägen des Schickſals gewachſen iſt!“— Als er Paber den glücklichen Künſtler nach einiger Zeit aus ſeinem Zimmer entlaſſen hatte, ſenkte er ſtill den— Kopi auf die Bruſt und flüſterte wie in dieſelhe hinein: 378 „O, es iſt doch ein ganz hübſches Gefühl, Vater zu ſein und eine ſchöne Tochter einem edlen Manne überliefern zu können. Und wenn dieſe Alwining mein eigenes Kind wäre, der Markholm ſollte ſie heimführen, denn das iſt eine reine unverfälſchte Na⸗ tur, wie wir ſiejjetzt nur ſelten noch finden. O, o, o! Die Welt wird immer weiter für die anſtrömende Civiliſation, aber das Menſchenherz wird immer enger für die ſturmartigen Gefühle, die jetzt ſchon die Ju⸗ gend bewegen! Doch was verſchlägt das mir? Ich habe meinen alten guten Oehe, meinen theuren Melms und nun haben wir auch noch dieſe drei jungen Freunde gefunden,— das iſt ein Reichthum an edlen Herzen, deſſen ſich nicht viele Sterbliche rühmen können!“ Ende des dritten Theils. Druck von Oswald Kollmann in Leipzig. —— 3. 8— 5 3 “,—