Leihbibliothek utſcher, engliſcher und franzöſtſcher Literatur CEdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ees Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe erleg welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „N— Pf. 1Mr. 50 Pf. 2 M. Pf. 4 Sreänf en von mir geli Bie Inſulaner. gbo- . 2 = 2 — 8 —₰ —‿ — — B o 4 ——— 92,2,2229 — Von Philipp Galen. Zweiter Theil. 8 O)(DaA — e. Oents Si Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1861. Das Ueberſetzungsrecht iſt vorbehalten. Erztes Papitel. Der Maler beginnt ſeine Studien. Wir befinden uns alſo wieder in dem gemüthlichen Grünthal und zwar am Tage nach der Abreiſe Guſtav Steinau's. Das Gewitter, welches ſich über den Weſten Rügen's entladen, hatte den Oſten faſt gar nicht berührt und kaum einige Regentropfen waren erquickend auf das grüne Jasmund gefallen, das da⸗ nach ſchmachtete, wie auch das übrige Land ſchon lange danach geſchmachtet hatte. Durch keine Wolke ge⸗ trübt, ſtrahlte die Sonne am Himmel fort und fort und die Hitze blieb im Juli ſo anhaltend, wie ſie es auch im Juni geweſen war. An dem Morgen des ſchönen Tages nun, den wir ſo eben bezeichnet, treffen wir Heinrich Markholm ſich ſelbſt überlaſſen an; und in der That, er bedurfte Die Inſulaner. II. 1 — 2 auch keines Führers und Wegweiſers mehr, weder in noch außer dem Hauſe und Hofe, meilenweit in der ganzen Umgegend herum. Das ſo leicht an Jeder⸗ mann und in alle Verhältniſſe ſich ſchmiegende Weſen des leichtlebigen Künſtlers hatte nicht viel Zeit ge⸗ . braucht, in dem Haushalt des reichen Gutsbeſitzers heimiſch zu werden, er kannte das Leben darin, die einzelnen Perſönlichkeiten mit ihren Gewohnheiten und Eigenſchaften auf das Genauſte und indem Allen nach ihrer eigenen Art und We war er Jedermanns Freund geworden ſich am wohlſten befand. Heinrich Markholm war ganz der Mann dazu, nicht allein den Werth ſeines Wirthes und die vor⸗ trefflichen Einrichtungen ſeines Hausweſens, ſondern 4 auch die Eigenthümlichkeiten der unter ſeiner Leitung arbeitenden Hausbewohner zu würdigen. Es gefiel ihm vor Allem der regelmäßige Geſchäftsgang nach allen Richtungen und in allen Punkten. hatte in dieſem Hauſe er mit iſe verkehrte, „wobei er ſelbſt Jede Stunde⸗ ihre Arbeit und jede Minute der Ruhe ihre einfache Behaglichkeit und Freu Hierin ging allen ſeinen Unte herr als leuchtendes Vorbild voran. Er war ſo recht ein Mann der That, die nicht laut ſchallend nach allen Seiten ihr eigenes Lob verkündet, de. rgebenen der Haus⸗ nein, der 3 That, die im Stillen wirkt und ſchafft, wo ſie kann, und die ſtets mehr zum Wohle Anderer in Be⸗ wegung geſetzt wird als ſie ſich um das eigene Wohl⸗ behagen bemüht. Mit ſteigender Verwunderung hatte Heinrich Mark⸗ bolm geſehen, was dieſer Mann alles an einem Tage zu leiſten vermochte. Am frühſten Morgen beſchritt er ſeine Felder und Aecker, den Wald und die Wieſen und ſogar im Garten hatte er ſchon zeitig gepflanzt und gearbeitet, wo gerade ſeine Hand etwas zu ſchaf⸗ fen fand. Kurz nach ſechs Uhr war dieſer erſte Zeit⸗ abſchnitt ſeines Tages ſchon beendigt. Dann früh⸗ ſtückte er und hier ſah ihn zum erſten Mal der Maler, der bis dahin der Ruhe gepflogen hatte. Bald nach dieſer Zeit erſchienen nach und nach aus der Nach⸗ barſchaft, oft viele Meilen weit her, verſchiedene Per⸗ ſonen, die den Rath des erfahrenen Gutsherrn be⸗ gehrten oder den wohlthätigen Sinn des reichen Man⸗ nes in Anſpruch nahmen. Mit dieſen Leuten verbrachte Alfred Brunſt oft mehrere Stunden des Vormittags, indem er ihre Klagen anhörte und dann ſeine Meinung zu erkennen gab oder ſeinen ſtets gefüllten Säckel öffnete. Ge⸗ tröſtet oder wenigſtens beruhigt ſah man ſie alle wie⸗ der von dannen ziehen und höchſt ſelten nur betrat 1* 4 ein Bummler oder Faullenzer den Hof, der mit einem ernſten Verweiſe heimgeſchickt wurde, nachdem er in der Küche geſpeiſt worden war, ſobald er über Hun⸗ ger geklagt. Hunger war ein Wort, dem ſich kein Bewohner von Grünthal, und wäre es der ärmſte Käthner geweſen, verſchloß, ſo waren die Leute von ihrem Herrn erzogen, denn dieſem ſelbſt galt die Be⸗ friedigung der leiblichen Bedürfniſſe als erſte Lebens⸗ bedingung des menſchlichen Geſchöpfs. Waren die Bittenden und Hülfe Suchenden ent⸗ laſſen, ſo arbeitete der raſtloſe Mann zwei Stunden lang am Schreibtiſch, und daß er viel zu ſchreiben, viele Briefe zu beantworten hatte, bewies der Poſt⸗ bote, der alle Tage mit einem artigen Packete er⸗ ſchien.. Erſt zur Mittagszeit athmete Alfred Brunſt etwas auf. Um dieſe Zeit ging er leiſe vor ſich hin pfei⸗ fend im Garten auf und ab, aber dabei oft die Uhr hervorziehend, denn der Appetit machte ſich bei dem handfeſten Mann pünktlich bemerklich. Bei Tiſche ſitzend aß er ſchnell und trank nur ein oder zwei Gläſer Wein, dabei war er redſelig und ſcherzhaft, wenn er Gäſte hatte, nachdenklich und grübelnd da⸗ gegen, wenn er allein war. Gleich nach Tiſche legte er ſich eine halbe Stunde — 5 zum Leſen auf einen bequemen Ruheſeſſel und hier durfte ihn Niemand ſtören, wenn man ihn nicht den ganzen übrigen Tag mürriſch ſehen wollte; nur dieſe kurze Zeit nahm er für ſich allein in Anſpruch, für ſie begehrte er durchaus der ungeſtörteſten Ruhe— vielleicht, weil er derſelben bedurfte und ſich ermattet fühlte, ohne es Jemanden erkennen laſſen zu wollen. Hatte er nach dieſer kurzen Raſt ſeinen Kaffee ge⸗ trunken, ſo war er zu jeder Unternehmung bereit, zu der ihm von Außen her Veranlaſſung geboten wurde. Bald ritt er, bald fuhr er, bald ging er in die Nachbarſchaft und ſehr häufig ſuchte er Stubbenkam⸗ mer auf, um ſein Auge an den Schönheiten zu er⸗ götzen, die die Natur hier in ſo reichem Maaße ausge⸗ ſtreut hat. Dieſe Stunden waren alſo auch die, welche er vorzugsweiſe ſeinen Gäſten widmete, und mit ihnen ſtreifte er nach Belieben bald hier bald dort herum, immer zu jederlei Unterhaltung, zu Scherz und Ernſt geneigt, je nachdem er Anregung zu dem einen oder andern erhielt. Kam er dann gegen Abend nach Hauſe zurück, ſo war es ſein Erſtes, durch Scheunen und Ställe zu gehen, die Arbeiter zu beaufſichtigen und das Geleiſtete ſeiner Beurtheilung zu unterwerfen. Hatte er hierin vollſtändig ſeine Pflicht erfüllt, ſo ſetzte er ſich an den Speiſetiſch, ſprach mit den beiden alten Damen über nothwendige Wirthſchaftsgegenſtände oder neckte und quälte ſie auf ſeine eigene Art, was ſie eben ſo wenig entbehren mochten wie er ſelber, da ſie ſich ſeit vielen Jahren daran gewöhnt hatten. Nach dem Abendbrod zog er ſich, wenn er allein war, in ſein Studirzimmer zurück, las in ſeinen Büchern oder in den gebrachten Zeitungen und ging Punkt zehn Uhr, wie erwähnt, zu Bette; hatte er aber Gäſte, ſo widmete er ihnen auch dieſe Zeit und dann fand er einen hohen Genuß darin, belehrende Geſpräche zu führen, in denen er ſich gern in Dingen unter⸗ weiſen ließ, die ihm weniger zugänglich als ſeinem Beſuche waren. So war er gefällig gegen Jeden, ſein Geſinde eigentlich verwöhnend, indem er die Einzelnen nicht als untergeordnete Diener, ſondern als Gehülfen und Triebräder des ganzen großen Hausweſens betrachtete, die ihm nur Gutes erwieſen und denen er daher Dank ſchuldig war. Alle dieſe Eigenſchaften boten dem Beobachter ſo unendlich viel des Guten und Bedeutenden, daß man gern über ſeine kleinen Eigenheiten hinwegſah, und auch Heinrich Markholm hatte es ſehr bald gelernt, ſeinen Launen aus dem Wege zu gehen, die er überdieß — 7 meiſt ſo klug war, in einſamer Selbſtbeſchauung aus⸗ toben zu laſſen. Desgleichen genirte auch er ſich nicht im Gering⸗ ſten vor dem jungen Manne. War er bei Tiſche ge⸗ ſättigt, was ſehr oft vorkam, bevor der langſamer eſſende Maler mit dem Maͤhle zu Ende war, ſo ſtand er auf und bekümmerte ſich nicht um die ihm mit einer gewiſſen Verblüffung nachſchauenden Augen der Frau von Buchholz oder der ihn angſtlich betrachtenden Frau Albrecht, die immer um ſeine Geſundheit beſorgt und deshalb auch alle Schädlichkeiten von ihm abzu⸗ halten bemüht war, wie es eine alte Kinderfrau mit dem ihr anvertrauten Säuglinge zu thun pflegt. Wollte er einmal früher ſchlafen gehen, ſo ſagte er einfach:„Gute Nacht!“ und ohne ſich an der mun⸗ teren Unterhaltung der Uebrigen zu betheiligen, kehrte er ihnen den Rücken, als ob ſie gar nicht für ihn vorhanden wären. Heinrich Markholm, practiſch in jeder Beziehung, ſehr leicht von Begriffen und klug, anders Denkenden und Handelnden gegenüber, hatte ſich ſehr bald in dieſe Art und Weiſe, das Leben zu erfaſſen, hinein⸗ gefunden und das war vielleicht mit ein Grund, war⸗ um ſein Wirth ihm ein außerordentliches Wohlwollen erwies. An dem Tage nun, welchen wir vorher an⸗ 8 gedeutet, hatte der Gutsherr von Grünthal am Mor⸗ gen ſehr viele Rathſuchende abzufertigen und ſelbſt am Mittagstiſche war er von ſeinen Gedanken ſo in Anſpruch genommen, daß er kaum zwei Worte ſprach. Gleich nach Tiſche, ſobald er eine halbe Stunde ge⸗ ruht, hatte er aber anſpannen laſſen und war mit ſeinem Gaſt nach Spyker gefahren, das er ihm ſchon längſt zu zeigen verſprochen, da dies faſt der einzige Punkt von Jasmund war, den Heinrich Markholm noch nicht in Augenſchein genommen. Man war Abends kurz vor dem Eſſen zurückge⸗ kehrt. Heinrich Markholm hatte ſchon auf der Fahrt bemerkt, daß ſein Wirth einen ernſten Gedanken in ſeinem Hirne verarbeite, er hatte ſich aber nicht den Anſchein gegeben, als bemerke er es ſonderlich, viel⸗ mehr ſich begnügt, den ſtillen Mann ſo wenig wie möglich in ſeinem Nachſinnen zu unterbrechen. Auch bei Tiſche ſprach er faſt gar nichts, als aber die Mägde die Tafel abgeräumt, gab er den beiden alten Damen einen Wink, ihn mit dem Gaſte allein zu laſſen, und forderte nur eine Flaſche Wein mit zwei Gläſern, was ſchnell herbeigeſchafft wurde. Als der Wein vor ihm auf dem Tiſche ſtand, goß er die Gläſer voll, rührte jedoch das ſeinige nicht an, ſaß vielmehr mit verſchränkten Armen auf — —᷑—ꝛ—x—x˖—ę——————— — 9 dem Sopha zurückgelehnt und ſtarrte ſchweigend vor ſich hin. Heinrich Markholm, der ihn unausgeſetzt aber vor⸗ ſichtig beobachtete, denn Alfred Brunſt's Auge blitzte oft raſch nach ihm hin, glaubte wahrzunehmen, ſein Wirth wolle ihm irgend eine Sache von Wichtigkeit mittheilen und das ſchien in der That ſo, allein plötz⸗ lich mochte derſelbe einen anderen Entſchluß gefaßt haben und indem er einen lächelnden Blick auf den ſtillen Maler warf, der mit kühnen Strichen an einer kleinen Skizze arbeitete, ſagte er: „Hm! Haben Sie heute ſchon an Ihren Freund gedacht?“ „An welchen, Herr Brunſt?“ „Ja ſo! Sie haben zwei! Nun, den Kleinen auf der Lenz meine ich nicht, dem geht es ohne Zweifel ganz nach Wunſch, der iſt bei dem guten Melms in ſeinem Element, wie der Fiſch im Waſſer. Sie compo⸗ niren und flöten, geigen und ſingen gewiß, daß es eine Luſt iſt. Nein, ich meinte den Dichter, wie Sie ihn nennen—“ „Ah, Guſtav— Sternberg!“ verbeſſerte ſich Heinrich Markholm raſch, der ſich beinahe verſpro⸗ chen hätte. 8 „Guſtav Sternberg?“ fragte Alfred Brunſt mit 10 einem eigenthümlichen Blick, indem ein ſeltſames, halb triumphirendes, halb ironiſches Lächeln um ſeine Mundwinkel zuckte.„Ich meine, er heißt Paul?“ „Paul, ja wohl,“ wiederholte der Maler,„ich dachte eben an einen Anderen.“ „Ei, ei— denken Sie auch bisweilen an etwas Anderes als wovon Sie ſprechen? Das iſt ja eine ganz neue Eigenſchaft an Ihnen,“ ſagte halb ſcher⸗ zend, halb ernſthaft Alfred Brunſt, wobei ſein durch⸗ dringendes Auge ſcharf des Malers Züge durchforſchte. „Nun, von dieſem Paul Sternberg wollte ich eben prechen. Er wird nun wohl ſchon auf der Oehe ſein. In Gedanken bin ich auch dort und ſehe den alten Herrn ſchmunzeln und ſich freuen, daß er ein⸗ mal einen Menſchen erwiſcht hat, den er in ſeine Schule nehmen kann. Haha! Nun kann er erzählen und auskramen die Hülle und Fülle, Ihrem Freunde iſt auf der Inſel Alles neu. Erzählen aber thut der Alte ungeheuer gern. Na, ich gönne es ihm, er hat nur ſelten Freude und gerade jetzt bedarf er derſelben am meiſten.“ 4 „Warum gerade jetzt?“ fragte der Maler, ohne Neugierde, nur weil ſein Wirth einen merklichen Nach⸗ druck auf die letzten Worte zu legen ſchien. „Ach! Der alte Herr hat ſo manchen Kummer. 11 Eine alte Wunde iſt wieder in ihm aufgebrochen und eine neue dazugekommen, die ihn bei ſeinem zarten Ehrgefühl vielleicht am meiſten krankt. Er fühlt ſich nicht nur einſam und verlaſſen, ſondern auch bedroht in ſeinem eigenen Beſitz und das kann er am wenig⸗ ſten vertragen. Ihr Freund wird das Nähere bald erfahren und dann werden Sie es ja auch hören, ich mag noch nicht darüber ſprechen. Dies war auch der Grund, warum er Melms und mich nach Putbus be⸗ rief, wo wir uns ſo glücklich trafen. Hoffentlich geht die Sache noch einmal gut und erreicht bald ihr Ende. Ich ſehe nicht gern, wenn meine Freunde in Noth oder Sorge ſind, lieber wollte ich ſie ſelber ertragen, ich verſtehe damit beſſer umzugehen als ſiex. „Das heißt, Sie machen ſich keine Sorge. Ich habe ſchon lange Ihre Philoſophie in dieſem Punkt bewundert.“ „O, zu bewundern iſt dabei nichts, nur nachzu⸗ ahmen. Allerdings mache ich mir keine Sorge; wenn ſie aber von ſelbſt kommt, beſiege ich ſie. Was ſoll es auch helfen, ſich zu quälen? Man muß vernünftig ſein. Aendern kann man doch nicht, was die Vor⸗ ſehung ſchickt.“ „Um ſo zu denken, wie Sie denken, muß man einen kräftigen Geiſt haben.“ 12 „Das weniger, nur Gemüthsruhe. Des alten Oehe Geiſt iſt kräftig genug, verſuchen Sie es nur, ihm zu trotzen. Der thut was er will wie Einer, und wer nicht will wie er, den ſchlägt er zu Boden. Er wehrt ſich, der alte Mann! Allein— brechen wir dies Geſpräch ab— es iſt Ihnen ja doch nicht völlig klar. Ich wollte auch etwas ganz Anderes ſagen und nur die Erwähnung Ihres Freundes Guſtav— Sternberg—“. „Paul heißt er, Herr Brunſt—“ „Ja, Paul, richtig— die hat mich von meinem eigentlichen Thema abgebracht. Hören Sie alſo, es iſt nöthig, daß ich ein aufrichtiges Wort mit Ihnen rede. Sehen Sie, Sie ſind nun ſchon elf oder zwölf Tage bei mir und hoffentlich werden Sie noch eben ſo viele Wochen hier bleiben— ja, ja, ſtill davon, das wird ſich finden. Wenn man aber ſo lange zu⸗ ſammen iſt, muß man ſich keinen Zwang auflegen, man muß leben können, wie man gern lebt, wie man Genuß und Vortheil davon hat. Das beanſpruche ich nun nicht allein für mich, das können Sie auch für ſich beanſpruchen. Bis jetzt aber haben Sie hier gelebt, wie es mir gefiel, nun ſollen Sie einmal leben, wie es Ihnen gefällt. O bitte— laſſen Sie mich ausſprechen. Ich habe nun dieſe Tage hindurch 13 den aufmerkſamen Wirth geſpielt, Sie umhergeführt und Ihnen die Quellen angedeutet, aus denen Sie Ihr Vergnügen und Ihren Genuß ſchöpfen können. Jetzt, da Sie hier überall bekannt und bei mir wie zu Hauſe ſind, tritt die Zeit ein, wo Sie für ſich ſelber ſorgen und nur das genießen können, was Ihnen am meiſten frommt. Glücklicher Weiſe ſind Sie Künſt⸗ ler und Ihr Vergnügen iſt auch Ihr Studium und Ihre Arbeit. Sie kamen aber nach Rügen, nicht allein um Menſchen, ſondern auch um die Natur zu ſtudiren, alſo um zu arbeiten und Nahrung für eine ſpätere Zeit daraus zu ſchöpfen. Das ſollen Sie nun thun und vollbringen ohne alle Einſchränkung. Von dieſem Augenblick an alſo, erkläre ich Ihnen, ſind Sie vollkommen Ihr eigener Herr und können mit Ihrer Zeit ſchalten und walten, wie es Ihnen beliebt. Gehen Sie, reiten Sie, fahren Sie, wohin und ſo lange Sie wollen. Mein Tiſch wird ſtets für Sie gedeckt und Ihr Bett Sie aufzunehmen bereit ſein, wenn Sie hier ſpeiſen oder ſchlafen wollen. Wollen Sie einmal eine oder zwei Nächte ausbleiben, gut, ich frage Sie nicht, wohin Sie gehen, warum Sie aus⸗ bleiben, wenn Sie ſich nur amüſiren.““ Der Maler hob ſeine dunklen Augen mit einer an Rührung gränzenden Verwunderung zu dem groß⸗ 88 14 artig gaſtfreien Mann auf, als traue er ſeinen Ohren nicht. Faſt kam es ihm vor, als ſcherze derſelbe, und doch ſprach er im vollſten Ernſt. Herr Brunſt ver⸗ ſtand ihn auch vollkommen und in ſeiner eigenen Weiſe lächelnd, fuhr er fort: „Zweifeln Sie nicht an dem, was ich Ihnen ſage; ich halte es für meine Schuldigkeit einem Gaſte gegen⸗ über, wie Sie einer ſind. Frei und unabhängig muß der Künſtler ſein, wenn er ſich regen und ſchaffen will. Regen Sie ſich alſo und ſchaffen Sie! Sie haben lange genug geruht, um zur Arbeit aufgelegt zu ſein und wenn Sie Abends zurückkehren und mir eine hübſche Skizze vorlegen, werde ich mich darüber freuen, als wäre mir ſelbſt etwas Gutes gelungen. Ich kann mir aber denken, daß Sie die ſchöne Oſt⸗ küſte von Jasmund vorziehen. Das iſt freilich etwas weit von hier. Damit Sie nun nicht ermüdet auf Stubbenkammer anlangen, von wo Sie ſich die male⸗ f 1 riſchſten Punkte ſelbſt aufſuchen müſſen, habe ich 1 Jochen beauftragt, jeden Tag für Sie den Schim⸗ mel bereit zu halten, den Sie ſo gern reiten. Er iſt Ihr Eigenthum, ſo lange Sie auf Grünthal ſind. Mit dem Wirth auf Stubbenkammer habe ich auch geſprochen. Sie ſind dort mein Gaſt wie hier—“ 17 er endlich ein und träumte die ganze Nacht, er ſitze auf ſeinem Schimmel und durchreite die Welt, um Eroberungen zu machen, wie ſie noch kein Maler ge⸗ macht, ja kein Dichter in ſeiner regen Phantaſie für möglich gehalten hatte. Als Heinrich Markholm um ſechs Uhr am nächſten Morgen in das Frühſtückszimmer des unteren Stock⸗ werks trat, hörte er von Frau Albrecht, daß ſein Wirth ſchon um fünf Uhr zu Lande nach Wittow gefahren ſei. Raſch nahm er daher ſein Frühſtück ein und begab ſich dann in den Stall, wo der ſchöne Schimmel, den er gewöhnlich ritt, den Kopf nach ihm umdrehte und wieherte, als frage er ihn, warum er nicht in's Freie käme, da ſeine Nachbarn ihn ſchon lange verlaſſen hätten. Der Maler liebkoſte ihn und während er ihn mit eigenen Händen ſattelte, ſprach er nach ſeiner Art laut und erzählte ihm, daß ſie nun täglich einen tüch⸗ tigen Ritt machen würden. Als er mit ſeinem Geſchäft, für das er von jeher eine beſondere Vorliebe gehegt, zu Stande gekommen, begab er ſich noch einmal nach dem Herrenhauſe, um ſein Skizzenbuch zu holen und den alten Damen Lebewohl zu ſagen. Sie ſcherzten in ihrer harmloſen Art mit ihm und baten ihn ſchließ⸗ Die Inſulaner. II. 2 ““+— 18 lich, recht ſchöne Bilder zu zeichnen, damit ſie ſie am Abend bewundern könnten. 3 Als unſer Freund, beglückt von der Freiheit, der er ſich mit dem ganzen Ungeſtüm ſeines lebhaften Temperaments hingab, über die Feldex von Grünthal ritt, begrüßten ihn die Lerchen, die in zahlloſen Schaaren in den Lüften wirbelten, mit weithin ſchmetterndem Geſang. Es war ein Morgen, ſo ſchön, ſo mild, wie man ihn nur ſelten in jener Gegend genießt, aber ge⸗ rade darum übte er einen um ſo tieferen Zauber auf das empfängliche Gemüth des Malers aus. Ein leiſer Südwind zog flüſternd über die hohen Roggenähren hin, die ihrer Reife ſchon entgegenſchwollen, und blitzend ſtand die Sonne am azurblauen Himmel, an dem ringsum kein Wölkchen zu entdecken war. Als der Reiter aber erſt die Felder hinter ſich gelaſſen und den Wald erreicht hatte, da ging ihm das Herz noch viel weiter auf, denn ſein Künſtlerauge ſchwelgte in den Spielen des Schattens und Lichtes, die ſich unter den grünen, balſamiſch duftenden Zweigen zu haſchen ſchienen, und ſelbſt der Schimmel drückte durch Wiehern ſeine Freude aus, als er die feinen Hufe auf die Thauperlen ſetzte, die den mooſigen Grund des ganzen Waldes wie mit einem Diamanten⸗ beſetzten Teppich überzogen. 19 „Halloh!“ rief der entzückte Maler,„das iſt ein Genuß, wie ich noch keinen hier gehabt; ſo frei, ſo glücklich, ſo aufgelegt zu Gott weiß was für Thaten habe ich mich noch nie gefühlt. Und das Alles ver⸗ danke ich dem guten Brunſt! O, wenn ich nur wüßte, wie ich dem Manne mit meinem Danke etwas Gutes thun könnte!“ In dieſer Stimmung traf unſer Freund auf Stubbenkammer ein und neue Freude bewegte ſein Herz, als er das große Schweizerhaus auf der ſonnen⸗ beſtrahlten Lichtung zwiſchen den Schatten der Bäume hervortauchen ſah. Da er mit Herrn Brunſt und Guſtav Steinau ſchon ſehr oft hier vorgeſprochen hatte, ſo war er dem Wirth und den übrigen Bewohnern wohl bekannt, und ſein heiteres Weſen, ſein deutlich hervortretender Trieb, in jeden abgelegenen Winkel zu ſchauen, jede Felsſpalte zu durchſpähen, hatte gerade den Wirth für ihn ge⸗ wonnen, der ein gewandter Kletterer und mit allen Geheimniſſen der romantiſchen Umgebung ſeines Hauſes wohl vertraut war. Die bekannte Neigung des Letzteren dagegen, ſeine Erlebniſſe und Forſchungen den ſich dafür intereſſirenden Beſuchern auf eine gewiſſe origi⸗ nelle Weiſe vorzutragen und mitunter der Wirklichkeit eine kleine Fabel beizufügen, hatte den Maler zu ihm 9* 20 hingezogen und ſo war dieſer ein gern geſehener und gern verweilender Gaſt, auch wenn er nicht in Herrn Brunſt's Begleitung erſchien. Der Erſte, der Heinrich Markholm heute auf dem Hofe begrüßte, als er ſein Pferd einem Knechte über⸗ gab und ihm die größte Sorgfalt dafür empfahl, war Türk, der große, ſchöne weißzottige Wolfshund, der zu jener Zeit ſchon eine gewiſſe Berühmtheit unter den Reiſenden erlangt und ſeiner Klugheit wegen weit und breit bekannt war. Der Maler hatte ſich viel mit ihm zu ſchaffen gemacht und ſo war ihm das Thier geneigt und gab jedesmal ſeine Freude zu erkennen, wenn es den Fremden ankommen ſah. Türk war an dieſem Morgen noch friſch bei Kräften, denn er war heute nicht nach dem eine Meile entfern⸗ ten Sagard gelaufen, um in einem Korbe, den er im Maule trug, das nöthige Weißbrod für die Anſiedlung zu holen, was er häufig that, wenn der dazu beſtimmte Bote durch irgend ein Geſchäft daran verhindert war. Er ſprang alſo hoch auf vor Freude, tanzte auf den Hinterbeinen vor dem Maler her und verkündete ſeinem Herrn durch lautes Bellen die Ankunft deſſelben. Herr Behrendt trat auch alsbald aus der Thür des Hauſes hervor und begrüßte den Maler. „Ah“, rief er ihm entgegen,„heute kommen Sie 21 alſo allein und um zu arbeiten, wie ich an Ihrem Buch ſehe!“ „Ja, ich will einmal in den Felſen herumklettern und mir ein hübſches Plätzchen zum Zeichnen ſuchen. Sie wollten mir ja ſchon lange einige Punkte andeuten, wo ich eine reiche Ausbeute fände.“ „O, da thut es mir leid“, entgegnete der Wirth, „daß ich gerade heute daran verhindert bin. Eine große Geſellſchaft von Putbus her hat ſich angeſagt und ſo kann ich mein Haus nicht verlaſſen. Jedoch, das ſchadet nicht, ich werde Ihnen Türk mitgeben.“ „Türk? Was ſoll mir denn der Hund nützen?“ „O, viel, Herr Markholm! Kein Menſch hier kennt die ſchönſten und geheimſten Punkte ſo gut wie dieſes Thier und ich brauche ihm nur zu ſagen: geh mit dem Herrn und zeige ihm Alles! ſo läuft er voran und führt Sie überall umher.“ Der Maler lächelte; er glaubte wieder eine der beliebten Fabeln zu vernehmen.„Nein, nein“, ſagte der Wirth ernſthaft,„ich ſcherze nicht. Verſuchen Sie es— ſehen Sie nur, wie er ſchon die Ohren ſpitzt; er merkt bereits, was er leiſten ſoll.“ „Gut denn“, erwiderte der Maler, den großen Kopf des Hundes ſtreichelnd,„wird er aber bei mir bleiben und mich nicht verlaſſen, wenn ich ſeiner am meiſten bedarf?“ 22 „Gewiß nicht. So lange Sie es aushalten, ohne zu eſſen und zu trinken, hält er es auch aus.“ „Ich denke aber etwas lange auszubleiben.“ „So werde ich ihn vorher füttern. Und ſollten Sie unterwegs einmal etwas vergeſſen haben, ſo brauchen Sie es blos auf ein Stückchen Papier zu ſchreiben und an ſein Halsband zu binden. Dann ſagen Sie ihm: Türk, lauf nach Haus!— und Ihre Botſchaft wird beſtellt ſein.“ Der Maler ſchüttelte ungläubig den Kopf, denn Herr Behrendt ließ bei dieſen Worten ſein pfiffiges Lächeln blicken. Nachdem er aber noch einmal die Wahrheit des Geſagten verſichert, ſagte Jener:„Gut, ich will es verſuchen. Ich werde den Hund heute mitnehmen und mir durch ihn mein Frühſtück von Ihnen abholen laſſen. Bringt er es mir, ſo ſollen Sie an mir einen Gläubigen und einen Lobredner Ihres Hundes finden.“— Herr Behrendt ging darauf ein, rief den Hund und ließ ihn füttern, während der Maler auf den Königsſtuhl trat und einen bewundernden Blick über die Kreidefelſen und das ruhende Meer warf, deſſen blauen Spiegel in der Ferne langſam fluthende Schiffe belebten. Nach einer Weile kam der Wirth mit Türk wieder und meldete, daß der Hund bereit ſei, und 23 nachdem der Maler von ihm Abſchied genommen, ſagte er, die Hand nach Kleinſtubbenkammer aus⸗ ſtreckend:„Türk, geh mit dem Herrn und Feige ihm Alles!“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo ſprang der Hund luſtig bellend die Stufen hinunter und ſchlug, ohne ſich umzublicken, mit trottenden Schritten den ſchmalen Fußſteig nach Klein⸗Stubbenkammer ein. Der Wirth grüßte den Maler und dieſer folgte ver⸗ wundert dem Hunde, der den beſten Willen zu ver⸗ rathen ſchien, dem Lobe ſeines Herrn Ehre zu machen. Viele der Leſer kennen gewiß den herrlichen und in ſeiner unübertreffllichen Schönheit kaum zu beſchrei⸗ benden Weg, der von Groß⸗Stubbenkammer aus, an Klein⸗Stubbenkammer vorbei, durch den grünen Buchen⸗ wald auf moosreichem Teppich am Klippenrande jener Kreidefelſen entlang, bald bergauf, bald bergab führt, auf dem eine düſtere Schlucht der anderen, ein Abhang dem andern folgt und zahlloſe geheimnißvoll verborgene Plätze den Wanderer bald hier, bald dort zur bewun⸗ dernden Raſt einladen,— und deshalb brauchen wir die Schritte des Malers wohl nicht einzeln zu bezeichnen. Derſelbe war von Allem, was er zum erſten Male allein und ungeſtört ſah, ſo entzückt, daß er wohl eine Stunde lang ſeinen Vorſatz, zu arbeiten, ganz vergaß 24 und, langſam ſeinem vierbeinigen Führer folgend, eine Strecke nach der anderen auf dem bisweilen mühſamen Wege zurücklegte. Ueberall aber, wo ſich eine ſchöne Fernſicht aufthat, blieb der Hund ſtehen, ſein kluges Auge zu dem Manne erhebend und ein leiſes Bellen ausſtoßend, gleichſam als wolle er ihm andeuten, daß hier etwas Gutes zu ſehen ſei. Nach dieſer Zeit ſah der Maler ſchon ein, daß der Wirth auf Stubbenkammer diesmal die volle Wahrheit geſprochen, und er liebkoſte den Hund auf alle Weiſe und ſprach mit ihm, um ihn bei gutem Willen zu erhalten. Dieſer aber ſetzte den begonnenen Marſch ruhig fort, blieb nur auf völlig gefahrloſen Stellen ſtehen und ging erſt weiter, wenn der ihm Ueberwieſene die Abſicht dazu verrieth. So war man ſchon über eine Stunde weit von Stubbenkammer entfernt, als Türk auf einen Klippen⸗ vorſprung voraus lief und ſich niederlegte, zum Zeichen, daß hier ein längerer Aufenthalt genommen werden könne. Der Maler folgte ihm, ſah in die Richtung, wohin der Hund blickte und blieb verwundert ſtehen, denn einen Anblick, wie er ihn jetzt vor ſich ſah, hatte er in dieſer ſtillen Waldung noch nie genoſſen. Der Felſenvorſprung, auf welchem er ſtand, ragte hoch über dem Meere hervor und halb entwurzelte 2⁵ Bäume hingen, jeden Augenblick ihren Niederſturz erwarten laſſend, tief über die Klippen und den Ab⸗ grund hinab, deſſen Fuß unten die brandende See beſpülte. Zur Rechten des Vorſprungs ſpaltete ſich der Fels und bildete eine ungeheure Schlucht, die dicht mit Buchengeſtrüpp, jungen Birken, Haſelnußſträuchern und tauſend anderen Waldpflanzen bewachſen war. Unten, am Grunde derſelben, lagen große, chaotiſch durch einander geworfene und ſeltſam geſtaltete Fels⸗ blöcke am Strande, und darüber, noch mehr zur Rechten hinaus, ſprangen ſechs rieſige Kreidewürfel in ge⸗ ſchwungener Linie, durch grünbewaldete Zwiſchenräume von einander getrennt, hervor, die, wie wir wiſſen, den Namen: das Kieler⸗ und Dreihufen⸗Ufer führen. Maleriſcher konnte ſich keine Felsbildung aus der Ferne und von dieſer Höhe herab geſehen, geſtalten, aber noch maleriſcher für den Künſtler mußte der Anblick pon unten her ſein und dieſen Genuß wollte ſich Heinrich Markholm verſchaffen. Allein noch raſtete er eine Weile und geſtand ſich dabei ein, daß der Fernblick auf dieſe ſechs Kreidewürfel ſchöner und er⸗ habener ſei als ſelbſt Klein⸗Stubbenkammer vom Königs⸗ ſtuhl aus geſehen. Von Baum zu Baum vortretend und ſich an den Zweigen haltend, gewann er einen Einblick in den ſchroff abſtürzenden Abhang; ein Chaos 26 von Klippen, von ſchauerlicher Größe und Majeſtät, mit Geſtrüpp aller Art bewachſen, that ſich hier vor ihm auf. Hoch auf einer Felsſpitze, die von allen Umgebungen losgelöſt ſtand, hatte ein Falke ſein Neſt gebaut und als derſelbe den Fremdling ſeinem Reviere ſo nahe kommen ſah, erhob er ſich in die Lüfte, kreiſte unwillig um ſein Neſt herum und ſtieß einen ſchrillen Weheruf aus, der in der wilden Einſamkeit unheimlich an den nackten Felſen widerhallte. Heinrich Markholm fand die Scene ſo verlockend, daß er den einſam in die Lüfte ragenden Felskegel mit der Zwergbuche und dem Neſte darauf zeichnete, eine Arbeit, die bei ſeiner Fertigkeit nur wenige Mi⸗ nuten wegnahm; dann erſt ſetzte er auf einem ziemlich ungebahnten Wege ſeinen Gang weiter fort, forſchte „ ald in den Höhen, bald in den Abgründen und fand vielerlei Einzelnes, was er zur Erinnerung an dieſen Spaziergang ſeinem Buche einverleiben konnte. Mit ein paar Strichen nahm er hier einen ſeltſam ge⸗ krümmten Baum, dort einen majeſtätiſchen Felsblock, maleriſch mit Moos und Geſtrüpp bewachſen, und dort eine reizende Perſpective auf, zumeiſt aber betrachtete und prüfte er das Vorgefundene, wählte den geeignetſten künſtleriſchen Standpunkt dafür und ſparte ſich dann die Zeichnung für die Zukunft auf, 27 da er noch öfter an dieſe Stellen wiederzukehren gedachte.— Bis jetzt indeſſen hatte er nur auf gebahnten Pfaden oder wenigſtens von leicht erreichbaren Punkten aus die reichen Naturſpiele und Schöpfungen dieſer reizvollen Gegend durchforſcht, daß er dabei jedoch nicht ſtehen bleiben, vielmehr tiefer in die verborgeneren Geheimniſſe derſelben eindringen werde, ſtand bei ihm feſt. War es doch einmal ſeine Luſt, querfeldein zu gehen, zu klettern, zu klimmen und gerade ſolche Ruhe⸗ punkte für ſich auszuſuchen, die den Augen gewöhnlicher Reiſender unzugänglich erſchienen. Für’s Erſte jedoch wollte er eine Weile ruhen und zu dieſem Zwecke wählte er ein ſchönes Plätzchen aus, wo er nicht allein bequem ſitzen konnte, ſondern auch einen ſeines Bleiſtiftes würdigen Gegenſtand fand. Solches hatte er endlich entdeckt und hier war die Zeit gekommen, wo er die Klugheit des Hundes prüfen wollte, da er bereits ſeit längerer Friſt einen ſcharfen Hunger ſpürte. Er ſchrieb daher auf einen Zettel:„Ich bitte um mein Frühſtück“, band denſelben an des Hundes Halsband und ſagte, in die Richtung nach Stubben⸗ kammer deutend:„Nun, Türk, lauf nach Haus und bringe was ich verlange!“ 28 Kaum hatte er es geſprochen, ſo ſprang der Hund mit fröhlichem Gebell den Kamm der Felſen hinauf, vermied klüglich die Schluchten und Umwege und lief in einem weiten Bogen oben im ziemlich ebenen Walde nach dem Schweizerhauſe zurück. „Aha!“ ſagte Heinrich Markholm zu ſich ſelber, „der Weg, den er mit mir gekommen, iſt ihm zu mühſam, er wählt einen kürzeren; das ſoll mir für künftige Wanderungen ein mit Dank angenommener Fingerzeig ſein!“ 2 Von dem Punkte aus, auf welchem der Maler Platz genommen, konnte er auch einen ziemlich großen Abſchnitt von der See überblicken. Ungetrübt wölbte ſich noch der Himmel darüber und die klare blaue Fluth blitzte und glänzte im reinen Sonnenglanze. Vom Klettern und Hin⸗ und Herlaufen erhitzt, legte ſich unſer Freund auf das kühle Moos nieder und in Er⸗ wartung der feſteren Speiſe, die ihm vorausſichtlich Herr Behrendt ſenden würde, pflückte er die funkelnden— Walderdbeeren, die rings um ihn her in ungeheurer Menge wuchſen. Als er ſich ſo einigermaßen ausge⸗ ruht und erfriſcht, griff er zum Bleiſtift und in kurzer Zeit hatte er die kleinen Gegenſtände, die ihn nach dieſer Stelle gelockt, in das Buch eingetragen. Er war noch nicht lange mit dieſer Arbeit fertig, 29 als er in der Ferne ein kniſterndes Geräuſch wahr⸗ nahm, wie wenn ein gejagtes Wild durch die Ge⸗ büſche bricht. Er ſchaute auf, pfiff und bald ſah er Türk herbeiſpringen, in der Schnauze ein Körbchen tragend, das mit ſaftigen Fleiſchſchnitten, friſchem Brod und einer halben Flaſche Wein gefüllt war. Sichtlich voller Freude kam der brave Hund her⸗ beigeſprungen und ließ ſich dann keuchend neben Heinrich Markholm nieder, der ihm freundliche Worte ſagte und ihm durch Liebkoſungen die gebührende An⸗ erkennung, dann aber auch zur Belohnung einen Theil von den gebrachten Speiſen zukommen ließ. „Du haſt wacker die Probe beſtanden, edles Thier,“ ſagte der Maler, den großen Kopf des Hundes ſtrei⸗ chelnd, der ihn mit faſt menſchlicher Klugheit aus ſeinen brennenden Augen anſah,„aber Du haſt Dich außer Athem gelaufen, das ſollſt Du in meinem Dienſt nicht wieder thun. Da, jetzt friß, Du ſollſt alles Brod und auch ein Stück Fleiſch haben, ich werde mich mit dem Uebrigen und dem Weine be⸗ gnügen.“ Nachdem nun beide ihr Frühſtück eingenommen und noch eine Weile im Mooſe gelagert hatten, nahm Heinrich Markholm ſein Buch auf und band es ſich um die Schulter. Er hatte den Vorſatz gefaßt, den 30 Abhang ganz hinab zu klettern, der in die Tiefe der Kieler Schlucht führt, und dazu ſchon die paſſendſte Richtung ausgekundſchaftet.„Jetzt folge Du mir ein⸗ mal, Türk,“ ſagte er zum Hunde,„wie ich Dir bis⸗ her gefolgt. Es wird nicht ſo raſch gehen wie vor⸗ her, aber vielleicht dort unten noch hübſcher ſein als hier oben.“ Und der Hund, als habe er die Worte verſtanden und wiſſe, um was es ſich handle, folgte langſam den Tritten des Mannes, der vorſichtig nie⸗ derzuſteigen begann und ſich ſo lange an einem Strauche oder Baume feſthielt, bis er feſten Boden unter den Füßen gefunden. Dieſes Unternehmen war nicht ſo leicht, als er es ſich vorgeſtellt, das ſollte der kühne Kletterer trotz ſeines Geſchicks ſehr bald empfinden. Bald ſtürzte der Ab⸗ hang ſchroff und ſteil hinab, bald trat ein Felsblock ihm in den Weg, den er umgehen mußte, bald war das Geſtrüpp ſo dicht, daß er keine Bahn brechen konnte, ſo fleißig er auch ſein ſtarkes Meſſer gebrauchte und mit einem von Stubbenkammer mitgenommenen Eicchenſtocke ſich weiter half. Wiederholt blieb er hier und da ſitzen, um zu ruhen und die nächſte Strecke auszukundſchaften, immer aber war der Hund an ſeiner Seite und wandte die klugen Augen nicht von ihm ab, als wollte er ſich erkundi⸗ 31 gen, wohin denn nun der kühne Wanderer klettern werde. Als er nach einer halben Stunde mühſamen Glei⸗ tens und Klimmens endlich an eine Stelle gelangte, die zum bequemen Raſtorte wie geſchaffen war, lehnte er ſich an einen Baum und trank den Reſt ſeines Weines aus. Dann legte er die Flaſche in das Körb⸗ chen, das der Hund willig wieder zwiſchen die Zähne nahm, um es weiterzutragen. Plötzlich aber ließ er das Körbchen ſinken, ſpitzte die Ohren und ſchaute nach einer beſtimmten Richtung in die Tiefe der Schlucht hinab. „Was gibt's?“ fragte der Maler, ſeine Blicke in dieſelbe Richtung wendend. Alllein er ſah nichts, nur glaubte er, als er ſtill lauſchend daſaß und auch der Hund unbeweglich an ſeiner Seite ſtand, einen Ton zu hören, den er bis jetzt noch nicht vernommen und der wie das ferne Brauſen eines kleinen, vom Felſen niederrinnenden Gießbaches klang. Heinrich Markholm wandte das Auge nach der Seeſeite, denn anfangs glaubte er, er höre die Bran⸗ dung des Meeres, dem er ſchon bedeutend näher ge⸗ kommen war. Aber die See konnte nicht ſo laut branden, dazu war keine Veranlaſſung vorhanden, da faſt völlige Windſtille herrſchte und weder in der Nähe noch Ferne ein Wogen und Fluthen des beweg⸗ lichen Elementes zu ſpüren war. „Vorwärts!“ ſagte der Maler,„unterſuchen wir es, wir können nicht weit von dem Grunde der Schlucht ſein, die wir kennen lernen wollen.“ Mit friſch geſammelten Kräften ward die gefahr⸗ volle Reiſe fortgeſetzt. Nirgends war eine Spur, daß dieſer Abhang jemals von menſchlichen Füßen betreten ſei, Alles ringsum lag unentweiht und unangetaſtet, als wäre es eben erſt aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen. 1 „Das iſt reizend hier,“ ſagte der Maler zu ſich, von Neuem Athem ſchöpfend und die grüne Wildniß ringsum betrachtend,„und horch! da rauſcht es ſchon deutlicher, es muß ein kleiner Bach ſein, der ſich wie wir ſeine Wege durch die Wildniß bahnt.“ Noch eine Höhe von etwa zwanzig Fuß war hin⸗ abzuklettern, dann aber ſchoß der Abhang jäh in die Tiefe. Allein auch dieſes letzte Hinderniß ward glück⸗ lich überwunden und bald ſtand der Wanderer, von dem treuen Hunde gefolgt, in einer engen Schlucht, die zu beiden Seiten von ſteilen dichtbewachſenen Ab⸗ hängen begränzt war, jedoch hier unten ſchon deut⸗ licher die Spuren von Menſchentritten erkennen ließ. 33 Nur wenige Schritte ſetzte der Maler nun ſeinen Weg auf einem ſchmalen Pfade fort und als er eine Windung deſſelben umgangen, ſtand er vor einem ge⸗ ſtrüppreichen Hügel, der ſich mitten in der Schlucht erhob, dieſelbe trennte und mit ſeinen Seitenflächen zwei ſchmalere Schluchten oder Thäler bilden half, durch welche zwei kleine Bäche rieſelten, die ſich vor dem Hügel vereinigten und in ein tieferes Bett hin⸗ abſtürzend, einen niedlichen Waſſerfall bildeten, der das erwähnte Geräuſch verurſachte; mit einem Wort, Heinrich Markholm war an die Stelle gelangt, wo wir noch heutzutage den Kieler und Briesmitzer Bach ſich vereinigen ſehen und wo ſchon viele Reiſende vor und nach ihm, die nur auf einem bequemeren Wege dahin zu gelangen pflegen, mit Vergnügen geveilt und dem lieblichen Naturſpiel ihre Bewunderung ge⸗ zollt haben. Türk trank ſogleich von dem kühlen reinen Berg⸗ waſſer und auch Heinrich Markholm ſchlürfte daraus, nachdem er eine Weile geraſtet und die Umgegend flüchtig ſtizzirt hatte. Als er dies zu Stande gebracht und ſeinen Durſt völlig gelöſcht, wollte er ſich der See zuwenden, deren Strand nicht weit von ihm ent⸗ fernt ſein konnte, als er durch Türk in die entgegen⸗ geſetzte Richtung gelenkt wurde. Die Inſulaner. II. 3 34 Der Hund hatte nämlich bald den kleinen Waſſer⸗ ſei verlaſſen und war tiefer landeinwärts in die Schlucht vorgedrungen, aus welcher die Bäche hernie⸗ derrauſchten. Kaum aber hatte der Maler, dem Hunde nachgehend, einige zwanzig Schritte zurückgelegt, ſo hörde er ihn laut anſchlagen, als habe er etwas ent⸗ deckt, was er nicht zu finden erwartet. Eiligen Fußes folgte er nun dem treuen Türk und nach wenigen Schritten ſah er ihn auf einem Vor⸗ ſprunge des Abhanges ſtehen und leiſe bellend die Augen auf einen Fleck mitten in der ſchweigſamen Wildniß richten. Das raſche Auge des Malers faßte den Gegen⸗ ſtand ſogleich auf, der den Hund zum Bellen veran⸗ laßte, und er ſah zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen kurz hinter dem Vorſprunge einen leichten blauen Rauch aufſteigen, der aus der Erde zu dringen ſchien, ſich aber dann allmälig in der ſtillen Luft verzog. „Was iſt das?“ fragte ſich unſer Freund.„Rauch? Sallie hier etwas brennen? Das wollen wir doch näher unterſuchen.“ Und ohne Zögern ſeine Schritte fortſetzend, erreichte er bald nach Türk, der ihm muthig voranſprang, eine freiere Stelle der Schlucht, in deren Mitte ſich ihm ein unerwarteter Anblick bot. —— Auf einem über dem Niveau des Grundes der Schlucht etwa acht Fuß hohen abgeplatteten Hügel, den ein dichtes Strauchwerk lieblicher Waldbäume umgab, ſtand ein niedliches Haus, halb aus Holz, halb aus dem Geſtein des nahegelegenen Strandes aufgeführt. Die Balken waren roth, die Steinlagen weiß getüncht. Ein dichtes Rohrdach deckte es feſt zu und die von zwei Seiten nahe herandrängenden Wände der Schlucht ſchützten es gegen die von Nor⸗ den und Oſten heftig blaſenden Winde. Zu der nie⸗ drigen Thür führten ſechs Stufen empor und zu jeder Seite derſelben ſah man zwei Fenſter, mit rothgeſtri⸗ chenen Holzläden verſehen, die der Bewohner Abends ſchließen konnte, wenn er vor den Blicken eines zu⸗ fällig des Weges ziehenden Wanderers unbeläſtigt bleiben wollte, eine Vorrichtung, die eine faſt allzu große Sorgfalt in dieſer menſchenleeren Gegend ver⸗ rieth und vielleicht nur gegen die kalte Seeluft dienen ſollte, die bei ſtarkem Oſtwind ſtürmiſch durch die ge⸗ wundene Schlucht fegen mochte. Im Ganzen bot die kleine Niederlaſſung einen freundlichen Anblick dar und Alles, was man aus der Ferne daran wahrneh⸗ men konnte, wie die einfachen Mouſſelinvorhänge an den Fenſtern, die Blumentöpfe hinter den Fenſter⸗ ſcheiben und verſchiedene andere behagliche Kleinig⸗ 3* 3 36 keiten, verliehen ihm einen Anſtrich von Wohlhaben⸗ heit und Geſchmack, der den überraſchenden Eindruck, den es hervorbrachte, zum großen Theil eben der Einſamkeit und Abgeſchiedenheit verdankte, in welcher es lag. Das Auge des Malers war augenblicklich von dem Aeußern dieſes Häuschens gewonnen; betroffen ſtand er eine Weile davor, überblickte es freudig und folgte pann mit einem gewiſſen Behagen dem ſtill und lang⸗ L die Lüfte wirbelnden Rauche, der dem etwa in der Mitte des Daches errichteten Schornſtein entſtieg. „Wie,“ ſagte er faſt laut,„wohnen denn hier auch Menſchen? In dieſer öden, von aller Welt ab⸗ geſchloſſenen Einſamkeit? Nun, die müſſen einen ro⸗ mantiſchen Sinn haben, denn fürwahr, ſie haben ſich an einem lieblichen Orte angeſiedelt! Das wollen wir doch näher unterſuchen!“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen oder viel⸗ mehr nur laut gedacht, ſo regte es ſich in dem kleinen Hauſe, die Thür that ſich auf und eine alternde Frau in höchſt ſauberer ländlicher Kleidung trat daraus her⸗ vor, fuhr aber ſchnell wieder einen Schritt zurück, als ſie den Hund und dicht hinter ihm einen fremden Menſchen ſah. Als ſie aber dann dieſen Menſchen genauer in's Auge gefaßt und ſeine angenehme Ge⸗ ſichtsbildung wahrgenommen, die offenbar nichts Feind⸗ ſeliges, höchſtens eine kleine verzeihliche Neugierde verrieth, erwiderte ſie ſeinen freundlichen Gruß, blieb jedoch, die Thür in der Hand haltend, mit einem ängſtlichen Geſichtsausdruck wie feſtgebannt auf der Schwelle ſtehen. 4 Heinrich Markholm, dem es gegeben war, auf den erſten Blick die Blwfiomanie eines ihm begegnenden Menſchen in ihren zumeiſt hervortretenden Zügen zu er⸗ faſſen, fiel dieſer ängſtlich e Geſichtsausdruck vor allen Dingen auf. Es war eine Art, Menſchenſcheu, die ſich darin ausſprach, mit dem Gepräge tiefen Kum⸗ „mers und dann auch des Schreckens gepaart. Den⸗ noch konnte er die Spuren einer jedenfalls früher ſehr angenehmen Geſichts bildung nicht verkennen und auch eine gewiſſe Gutmüthigkeit, ja Herzlichkeit enthüllte ſich nach und nach, je mehr der Schrecken abnahm, den ſie im erſten Augenblick zu empfinden ſchien. Dem Anſehen nach war die Frau weit über die Fünfzig hinaus, in Wahrheit aber war ſie kaum vierzig Jahre alt und nur früh gealtert, wie Gram und Kummer aller Art dies bei einzelnen Naturen ſehr häufig zu Stande bringen. „Guten Morgen, meine liebe Frau;“ redete ſie 38 der Fremde mit ſeiner gewöhnlichen Freundlichkeit an, „o, erſchrecken Sie nicht, der Hund thut Ihnen nichts. Zurück da, Türk! 4 Die Frau warf einen raſchen Blick auf den großen Hund und dann einen zweiten längeren auf den jun⸗ gen Mann, der ſo viel ſagen wollte aͤls:„O, den Hund fürchte ich nicht, aber den Menſchen ſehe ich mit Erſtaunen in meine Nähe treten.“ Dann erſt erwiderte ſie den Morgengruß und Heinrich Markholm glaubte aus den geſprochenen Worten den Anklang einer fremden Sprache, wenigſtens eines fremdartigen Dialects herauszuhören. „Verzeihen Sie,“ fuhr der Maler fort, langſam näher tretend und ſich die erhitzte Stirn mit dem Tuche trocknend,„verzeihen Sie, daß ich Ihren Grund und Boden betrete. Ich habe einen Spaziergang ge⸗ macht und dürch Zufall das Haus hier gefunden.“ „Das ſehe ich,“ erwiderte die Frau haſtig,„und es kommen bisweilen noch mehr Menſchen in die Kie⸗ ler Schlucht ℳ „Daran thun ſie auch ganz wohl, ſie iſt zu ſchön und Ihr Häuschen liegt allerliebſt zwiſchen den Fel⸗ ſen und an dem rauſchenden Bache. Darf ich Sie fragen, wem das Häuschen gehört?“ „Meinem Mann gehört es, Herr!“ 3 9 3 „Und wie heißt Ihr Mann?“ „Halling heißt er!“ ſagte ſichtbar zoͤgernd die Frau. „Halling, ſo! Iſt er vielleicht ein Forſtbeamter?“ „Nein, Herr, er iſt der Pächter des neuen Kreide⸗ bruchs, der dort drüben am Fahrnitzer Fall angelegt iſt.“ „So, ſo. Wohnen Sie ſchon lange hier?“ „Zwei Monate, Herr! Mein Mann hat ſich das Haus ſelbſt erbaut.“ „Das iſt recht von ihm. Aber Sie ſcheinen keine Rügianerin zu ſein, nach Ihrer Sprache zu urtheilen.“ Die Frau erröthete, als wundere ſie ſich über die Aufdringlichkeit des Fremden. Aber dennoch behielt ſie ihre gutmüthige Miene bei und der Ausdruck des Schreckens verlor ſich immer mehr, je länger ſie den jungen Mann betrachtete und mit ihm ſprach. „Ich bin eine Jütin,“ ſagte ſie dann,„und wohnte früher unweit Hadersleben in Schleswig, wo ich mei⸗ nen Mann kennen lernte und heirathete. Allerdings ſpricht man bei uns Deutſch, aber mit dem Däniſchen untermiſcht und man muß ſich erſt daran gewöhnen, um es leicht zu verſtehen.“ „O, ich verſtehe es ſchon. Ihr Mann aber iſt doch ein Deutſcher, nach ſeinem jetzigen Aufenthalts⸗ ort und ſeinem Gewerbe zu ſchließen?“ Die Frau erröthete noch ſtärker als vorher und ſagte dann:„Ja, er iſt ein Deutſcher und ſtammt von Rügen her. Deshalb iſt er auch hierher zurück⸗ gekommen, nachdem er eine lange Unterhandlung mit der Regierung gehabt, ehe er ſich hier anſiedeln durfte. Freilich, den Kreidebruch wollten ſie gern verpachten, um Geld daraus zu ziehen, aber das Haus wollten ſie nicht bauen laſſen, weil Grund und Boden könig⸗ liches Eigenthum iſt. Es meldete ſich aber kein An⸗ derer als mein Mann und da haben ſie es endlich zugegeben, was ihnen, wie man ſagt, ſchon wieder leid thun ſoll, ſeitdem das Haus auf dieſer Stelle fertig ſteht.“ „So. Aber warum wählte Ihr Mann gerade dieſe Stelle, wenn der Bruch an der Fahrnitz liegt?“ „Ach Gott, Herr, dort giebt es keinen ſo paſſen⸗ den Ort; ringsherum iſt Alles weißer Fels, nackt und kahl und der Wind ſteht Tag und Nacht darauf.“ 1 Von ihrer natürlichen Zutraulichkeit verlockt, hatte die Frau ihre Verhältniſſe ſo genau dem Fremden mitgetheilt; erſt als ſie ausgeſprochen und dieſer ſie nun theilnehmend anblickte, dabei immer näher ge⸗ treten war und zuletzt ſich auf einen Stein vor der Thür niedergelaſſen hatte, ſchien es, als erinnere ſie ſich, mehr geſprochen zu haben als verlangt worden war. Mit einer Art verſchämter Verlegenheit wollte ſie ſich eben zum Hauſe wenden, als die Thür noch einmal aufging und eine neue Geſtalt heraustrat, deren Erſcheinung eine noch viel größere Wirkung auf den Maler hervorbrachte, ſo daß er augenblicklich von ſeinem Platze aufſprang und mit blitzenden Augen ſie vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete, wobei er ſchließlich ſelbſt ſo verlegen wurde, daß eine glühende Röthe ſein dunkles Geſicht beſchlich. In der That, war ſchon das Auftreten von Men⸗ ſchen in dieſer abgelegenen Berggegend überhaupt ein Gegenſtand der Verwunderung für den Maler, der dieſelbe für gänzlich unbewohnt gehalten hatte, ſo war die Perſönlichkeit, die jetzt vor ihn hintrat, ganz dazu geeignet, ihn mit viel höherem Erſtaunen zu erfüllen. Es war ein Mädchen von vielleicht zwanzig Jahren, aber von einer Geſtalt und mit Geſichtszügen begabt, wie ſie vorzüglich Heinrich Markholm zu würdigen verſtand. Unbedingt mußte er ſie auf den erſten Blick für ſchön halten und noch dazu war dieſe Schönheit von einer Art, die ihm nicht ganz unbekannt, ja, die ihm von Augenblick zu Augenblick bekannter vorkam. Gekleidet war ſie ähnlich wie die Mutter, nur ver⸗ liehen ihre reizenden Körperformen den einfachen Ge⸗ wändern einen ganz anderen Werth. Sie trug einen dunkelblauen reich gefalteten Wollrock, der kaum bis auf die Knöchel reichte, darüber eine Art Mieder von 42 blauem Tuche, das bis hoch an den Hals hinaufging, die rei Fox umſpannte und vorn dur die reichen Fopmen eng umſpe ate und vorn durch zwei Reihen großer Knöpfe zuſammen gehalten wurde, die rothſeidene Schnüre unter einander verbanden. Das Mieder aber war länger, als man ſie bei uns gewöhnlich auf dem Lande ſieht, und nach Art der ſchleswig'ſchen Mode mit Schößen beſetzt, die an den vier aufgeſchlagenen Ecken ein rothwollenes Futter ſehen ließen. Die Aermel dieſer Art Camiſol oder Jacke reichten kaum bis zur Hälfte des runden und kräftigen Oberarms, der ſeinerſeits entblößt war und einen vollen Vorderarm und eine ſehr hübſche Hand ſehen ließ, was des Malers raſches Auge augenblick⸗ lich erkundet hatte.. War nun ſchon die Geſtalt und die ſichtlich Wohl⸗ habenheit und einen gewiſſen Geſchmacksſinn ver⸗ rathende Kleidung von der gefälligſten Art, was ſollte Heinrich Markholm erſt von dem Geſicht denken, das mit ſeinen großen blauen Augen kühn und doch wie⸗ der beklommen, dem Ausdruck der Mutter ziemlich entſprechend, ihm entgegenleuchtete? Und wie, dieſe hellblonden reichen Haare, die in dicken Flechten das Hinterhaupt umgaben und ganz auf der äußerſten Spitze ein ſchwarzſammetnes, Flitternbeſetztes Käppchen mit flatternden Bändern trugen— hatte er nicht — ſchon einmal in ſeinem Leben etwas ganz Aehnliches, wenn auch in modernerer Form an einem ſchönen Mädchen geſehen? Aber das war bei Weitem noch nicht Alles, was den jungen Maler in raſch zunehmende Verwunderung ſetzte. Dieſes ſchöne Mädchen— ſie ſchien dem Künſtler von Augenblick zu Augenblick ſchöner zu werden, je länger er ſie mit ſeinen Blicken verſchlang — dieſes ſchöne Mädchen hatte nicht allein ſo hell glänzende und feine Haare wie eine andere Dame, die ihm ſchon einmal in den Weg getreten, nein, ſie hatte auch ein eben ſo liebliches Geſicht, eben ſo große blaue Augen, nur war ihre Haut mehr von der Sonne gebräunt, ihre Geſtalt war kräftiger, ihre Bewegungen raſcher und natürlicher, und doch war eine auffallende Aehnlichkeit mit jener nicht zu verkennen, was ein ſo kunſtgebildetes Auge, wie das unſers Malers und ein für die Verſchiedenheiten oder Aehnlichkeiten menſch⸗ licher Geſichter ſo geübter Sinn auf der Stelle entdeckte. Beinahe hätte nun unſer Freund, deſſen Blut einer ſolchen Frauenerſcheinung gegenüber nur zu leicht in Wallung gerieth, ſie in ähnlicher Weiſe angeredet, wie er jene ſchöne Dame aus Rügen auf dem D Dampf⸗ ſchiffe anredete, aber es war ihm unmöglich, ſogleich Worte zu finden, die ihm für die Begrüßung eines 44 Landmädchens natürlich genug erſchienen. Endlich aber faßte er ſich und freundlich gegen das Mädchen hin mit der Hand grüßend, die dieſen Gruß auf die ungezwungenſte Weiſe erwiderte, wandte er ſich an die Frau und ſagte:„Iſt das Ihre Tochter, Frau Halling?“ „Ja, Herr!“ entgegnete die Frau, den Zipfel ihrer Schürze faſſend und abermals ein ſeltſames Zagen in ihren Mienen verrathend. „Sie haben eine hübſche Wohnung,“ bemerkte er, indem er ſich nun an das Mädchen ſelbſt wandte, „und ich freue mich, ſie ſo zufällig entdeckt zu haben.“ Das Mädchen lächelte überaus freundlich bei der letzten Wendung, aber die erſten Worte erwidernd, ſagte ſie:„Hübſch iſt ſie, ja, aber ſie iſt ſehr einſam.“ Als das ſchöne Mädchen dieſe wenigen Worte mit reizender Einfachheit ſprach, wurde der Maler noch verwirrter als vorher. Er faßte ſich an die Stirn, blickte ſich ringsum, ſah noch einmal die Frau, dann ihre Tochter an und glaubte, ein lieblicher Traum gaukele ihm ein ſeltſames Bild vor oder ein Zauberer habe ihn mit ſeinem Stabe berührt, denn auch in der eben gehörten Stimme lag ein ihm bekannter Ton, der ſeine Empfindungen wunderbar mächtig in Bewegung ſetzte. 45— „Darf ich vielleicht um ein Glas Waſſer bitten?“ fragte er plötzlich, ſeine Worte an das Mädchen richtend. Dieſe eilte in das Haus, holte ein Glas heraus und lief dann mit gelenken Schritten nach dem Bache, wo ſie am Falle ein ſo friſches Waſſer ſchöpfte, wie nur ein Durſtiger es zu trinken begehren mag. „Frau Halling,“ ſagte der Maler raſch und weni⸗ ger laut als vorher, ſobald das Mädchen aus der Ge⸗ hörweite gelangt war,„entſchuldigen Sie meine Neu⸗ gierde, aber ich bin ein Menſch, der das Herz immer auf der Zunge hat— ſagen Sie mir, iſt Ihre Tochter ſchon auf Reiſen geweſen?“ „Auf Reiſen? Daß ich nicht wüßte! Sie iſt mit mir aus Schleswig von der jütiſchen Gränze hierher⸗ gekommen— ſonſt iſt ſie nirgends geweſen.“ „Alſo auch nicht am Rhein?“ „Am Rhein? Was iſt das?“ Der Maler mußte über ſeinen Irrthum ſelbſt lächeln. Er ſchwieg, um ſo mehr, da ſo eben das Mädchen zurückkam, flugs ein Tellerchen aus dem Hauſe holte und ihm das friſche Waſſer mit einem artigen Knixe darbot. Als der Maler getrunken, glaubte die Frau, er werde ſich mit einem freundlichen Danke wieder ent⸗ 46 fernen. Aber ſie hatte ſich außerordentlich in ihrem neuen Bekannten geirrt. Wenn Heinrich Markholm Menſchen wie dieſe fand, noch dazu in einer ſo ro⸗ mantiſch gelegenen Wohnung, in ſo traulicher ein⸗ ſamer Gegend, dann fühlte er ſich gefeſſelt, ſtärker ſogar, als hätten ihn leibliche Bande an Ort und Stelle gebunden. „Darf ich mir wohl erlauben, ein wenig Ihr Haus aus der Nähe und dann vielleicht auch im Innern zu betrachten?“ fragte er, dem Gegenſtande ſeiner Neugierde einige Schritte näher tretend. Frau Hallings Geſicht nahm wieder den Ausdruck ängſtlicher Betroffenheit an.„Ach Gott, Herr,“ ſagte ſie,„was wollen Sie daran betrachten? Es iſt gewiß kein Haus, wie Sie es zu ſehen gewohnt ſind.“ „Eben darum, liebe Frau!“ rief der hartnäckige Maler, der ſich ſchon nach der Thür wandte. Die Alte faßte ſeinen Arm, um wenigſtens in ihrem Sinn Alles zu thun, was einen Fremden ab⸗ halten konnte, ihr kleines Heiligthum zu betreten. „Sehen Sie,“ ſagte ſie mit beklommener Stimme, die vor innerer Aufregung bebte, deren Grund der Maler in einer falſchen Beurtheilung ſeiner Abſichten zu fin⸗ den geneigt war,„ſehen Sie, es iſt ja nur ein ganz unbedeutendes Ding und gewiß nicht für die Ewig⸗ 47 keit gebaut. Mein Mann haͤt erſt nach vieler Mühe die Erlaubniß dazu erhalten und hätte ein viel grö⸗ ßeres an einer anderen Stelle bauen können, aber er hatte nun einmal die Laune, ſich hier in der ver⸗ ſteckten Schlucht anzuſiedeln. Er ſei hier gegen Wind und Wellen am meiſten geſchützt, ſagte er mir.“ „Darin muß ich ihm Recht geben,“ erwiderte der Maler, dem es auffiel, daß die Frau mit einer un⸗ willkürlichen Nachdrücklichkeit von ihrem Manne ſprach, die eine ungemeine Abhängigkeit von ihm verrieth. Allein er verharrte ſo feſt auf ſeinem ausgeſprochenen Wunſche, daß die Frau endlich nachgab und ihm be⸗ dächtig und langſam vorantrat, um ihn in das erſte Zimmer des Häuschens zu führen. Im Hintergrunde des Mittelraums, einer Art Flur ſah man die Küche und auf dem Heerde derſelben das kleine Feuer, deſſen Rauch dem Maler das Haus ſelbſt verrathen hatte. Zur Rechten trat man in ein kleines gemüthliches Zimmer mit einem Fenſter, dem ein zweites von gleicher Größe folgte. Auch hier erblickte man die unverkennbaren Zeichen eines leid⸗ lichen Wohlſtandes. Neben dem grauen Ofen ſtand eine alte Uhr, die ihre hundert Jahre zählen mochte, aber ſehr richtig ging und deren Gehäuſe aus Nuß⸗ baumholz beſtand und mit Elfenbein ausgelegt war. 48 — An der Hauptwand ſtand ein kleines Sopha, in der einen Ecke ein Sorgenſtuhl, wie alle übrigen Stühle weich gepolſtert und mit dunkelgrünem Wollſtoff über⸗ zogen. Ueber den Tiſch vor dem Sopha war eine weiße Damaſtdecke gebreitet und darauf ſtand ein Glas mit zierlich geordneten Feldblumen gefüllt, wie ſie ſo ſchön und reichlich in der ganzen Umgebung des Häuschens wuchſen. Aehnlich war das zweite Gemach ausgeſtattet, nur ſah man hier noch einen Nähtiſch, der aufgeſchlagen war und erkennen ließ, daß noch kurz vorher Jemand daran gearbeitet hatte. Aus dieſem Zimmer führte eine Thür in den Hinterraum des Hauſes, und obwohl das junge Mädchen ſogleich dieſe Thür ſchloß, hatte der Maler doch Zeit genug gehabt, darin ein ſehr ſauber überzogenes Bett wahr⸗ zunehmen. Das Mädchen ſelbſt ſtand, während Jener ſich dreiſt in allen Ecken und Winkeln umblickte, an der Eingangsthür, mit freundlichen und beſcheidenen Blicken von dem Geſicht des Fremden den Eindruck ableſend, den das kleine Stübchen mit ſeinem Inhalt auf ihn machen würde, und wiederholt färbte eine dunklere Röthe ihre friſchen Wangen, gleichſam als ſchäme ſie ſich, einen ſo ſtattlichen und gewiß reicheren Mann die. Einfachheit ihres Beſitzes durchſpähen zu laſſen. „Ich finde Alles ſehr hübſch hier“, ſagte er in — 49 ſeiner zutraulichen Weiſe, die ſichtbar ihre Wirkung auf beide Frauen nicht verfehlte.„Ich habe es mir nicht ſo artig vorgeſtellt. Sehen Sie, ich bin ein Maler, Frau Halling, und beſuche dieſen Wald, die Klippen und den Strand, um verſchiedene Punkte ab⸗ zuzeichnen. Da komme ich nun recht oft hierher und wenn Sie es erlauben, werde ich auch Sie öfters in Ihrem ſtillen Häuschen beſuchen.“ „Ach Gott ja, das wäre recht hübſch“, erwiderte die Frau, die Augen verlegen niederſchlagend,„ich habe gar nichts dagegen, aber— aber—“ „Aber vielleicht Ihre Tochter?“ wagte der dreiſte Maler zu ſagen, indem er ſeine Augen mit ſteigendem Wohlgefallen über das unbefangenere Geſicht derſelben ſchweifen ließ. „Meine Tochter— Alwining? O nein!“ „Aber Ihr Mann, wie?“ „Aufrichtig“, ſagte die Frau mit dem feſten Willen, die Rinde zu brechen, die ſich um ihr Herz gezogen, „mein Mann iſt ein etwas ſtrenger Mann und hat in allen Dingen ſeinen eigenen Willen. Ich will es Ihnen nur geſtehen— er ſieht nicht gern Beſuch bei ſich.“ „O, ich will ihm auch nicht hinderlich ſein, liebe Frau, und ihm ſelbſt ſo wenig wie möglich zur Laſt Die Inſulaner. II. 4 50 fallen. Ich bin ja jetzt nur bei Ihnen. Kommt er vielleicht bald zu Tiſch nach Hauſe?“ „Ach nein, er iſt wohl auf acht Tage verreif. „Nun ſehen Sie, das trifft ſich ja gerade. So ſind Sie vielleicht ſo freundlich, mir heute Mittag ein wenig Eſſen zu geben, ich werde Ihnen dafür dank⸗ bar ſein.“ Bei dieſen unerwarteten Worten, die jedoch durch die freundliche Milde, mit der ſie geſprochen wurden, die heftige Wirkung verloren, die dergleichen Zumu⸗ thungen in Abweſenheit ihres Mannes auf die Frau hervorbringen mochten, erhob dieſe mehr erſtaunt als unwillig die Augen und ſah ängſtlich forſchend ihre Tochter an. Dieſe faßte den eigenthümlichen Blick nach ihrer⸗ Weiſe auf und ſagte ſchnell:„Es kommt darauf an, was Sie zu eſſen gewohnt ſind und ob Sie mit unſern Vorräthen vorlieb nehmen wollen?“ Von jetzt an hatte der Maler gewonnenes Spiel. Er ſah, daß er den Eingang zu dem Innern dieſer Menſchen gefunden, und er faßte den ſchnellen Ent⸗ ſchluß, unaufhaltſam noch weiter vorzudringen.„Was das betrifft“, ſagte er freundlich,„ſo bin ich ſehr leicht zufrieden zu ſtellen und nehme mit Brod und Milch oder Eiern vorlieb, was Sie gerade davon haben.“ 51 „O“, erwiderte Alwining mit einem gewiſſen Stolze, „ſo arm ſind wir nicht, wie Sie vielleicht denken, Wir haben auch Fleiſch und ganz friſch gefangene Flundern ſind ſehr leicht auf irgend eine Weiſe zu⸗ gerichtet.“ Die Mutter ſeufzte tief auf, ſie ſchien ſich noch nicht recht in das neue Verhältniß finden zu können, das ſie immer feſter zu umſpinnen drohte, dennoch war ſie bei ihrer natürlichen Gutmüthigkeit für ihre eigene Perſon gern bereit, den Gaſt bei ſich aufzunehmen und ſie drückte das in einigen herzlichen Worten aus, denen nur ihr Geſicht widerſprach, woraus noch lange nicht alle Sorge verflogen war. Darauf ſchickte ſie ſich ſogleich an, in die Küche zu gehen, und äußerte dabei, der Herr ſolle in einer kleinen Stunde eſſen können, ſo lange möge er Geduld haben und zur Unterhaltung an den Strand gehen, dort ſei es angenehmer als in der engen Schlucht.„Geleite den Herrn dahin!“ fügte ſie, zu ihrer Tochter gewendet, hinzu. „Soll ich Dir nicht helfen, Mutter?“ fragte dieſe mit herzlichem Tone.„ 3 „Nein, nein, ich ſchaffe es allein, es iſt nur eine Kleinigkeit.“ Heinrich Markholm war ſchon vor die Thür ge⸗ treten, wohin ihm Alwining bald folgte; mit ihrer 4 ½ natürlichen Freundlichkeit und ohne alle Ziererei ſchritt ſie ihm nun auf dem ſchmalen Pfad zum Waſſerfalle voran, wo ſie ſtehen blieb, ſich umdrehte und lächelnd ſagte: „Iſt das nicht hübſch?“ „Das iſt ſogar ſchön“, erwiderte der Maler, der heute und namentlich in dieſer Geſellſchaft Alles über die Maaßen ſchön fand und dieſes Geſtändniß ſich ſchon lange im Stillen abgelegt hatte. „Aber am Strande iſt es nicht minder ſchön, kommen Sie nur.“ Der junge Mann folgte dem elaſtiſch ſchnellen Schritte des Mädchens, mit Verwunderung ihre Haar⸗ flechten, die edle Haltung des Kopfes, ihre Geſtalt und jede einzelne ihrer Bewegungen beobachtend. Es war ihm, als ob er träume und als löge ihm die Phantaſie ein Abenteuer vor, das ihm die Wirklichkeit ſo reizend nie zu bieten vermöge. Aber Türk, der zwiſchen dem Mädchen und ihm dahin trottete, als ob er auch hier ſchon zu Hauſe wäre, erinnerte ihn an dieſe Wirklichkeit, indem er ihm in's Gedächtniß zurückrief, wie die Begegnung auf ſehr natürliche Weiſe vor ſich gegangen war. Plötzlich öffnete ſich die ſchmale Schlucht, der Pfad wurde breiter und man ſah ſchon von Weitem den Kieler Bach, zwiſchen großen Steinen hindurchrieſelnd, 53. in ſeiner blumenbewachſenen Rinne ſich in die See ergießen. Gleich darauf war man am Ende der Schlucht und hier ſtand der Maler überraſcht ſtill und blickte ſich nach allen Seiten um, denn in der That war dieſe abgelegene Strandſtelle eine der lieblichſten, die er je im Leben geſehen. Vor ihm lag die See, weit geöffnet, blau und klar, von fernen Segeln belebt und ganz im Hintergrunde mit einem ſilbernen Streifen endigend, wo der Horizont des Meeres mit dem Aetherblau des Himmels in Eins verſchmolz. Zunächſt vor ihm lag der mit unzähligen größeren und kleineren Steinblöcken beſäete Strand, einen natürlichen Halbkreis bildend, denn das Kieler Ufer ſprang rechts und links mit ſeinen gigantiſchen Felsmaſſen weit vor und ſchloß die Ausſicht in einer gewiſſen Entfernung auf beiden Seiten ab. Beide Felsvorſprünge waren mit dichtem Geſtrüpp bewachſen, auf den Gipfeln derſelben aber ragten hochſtämmige Buchen, von denen ſich die vorderſten neugierig über die Klippen beugten, als wollten ſie Tag und Nacht den Anblick der unten wogenden See genießen. Nach dem Gipfel des linken Felſenvorſprungs führte kein ſichtbarer Weg, wie heutzutage, zur Rechten aber lief der ſteile kahle Kreidepfad über den ſchmalen Kamm hinauf, wie er noch jetzt zu ſchauen iſt. Unmittelbar 54 am Strande ſpielte die glatte See mit den kleinen Steinen, die zu Millionen den ganzen Oſtſtrand von Jasmund bedecken, und überall, wo eine Handvoll Erde das Geripp des ſteilen Gebirgs bekleidet, ſproßte eine üppige Blumenvegetation hervor, Höhe und Tiefe mit einem wunderlieblichen Teppich ſchmückend. Zur Lin⸗ ken, dicht an die hohe Felswand ſich lehnend, hatte irgend eine kräftige Hand mächtige Steine zuſammen⸗ gewälzt und auf dieſe Art verſchiedene Sitzplätze er⸗ richtet, von denen aus man die herrliche Scenerie be⸗ haglich überſchauen konnte; zur Rechten aber lag auf den Steinen dicht am Rande der See ein kleines Boot umgeſtülpt, daneben ein Maſt mit Segelwerk und Tauen, ſo wie einige große und kleine Ruder, wie ſie die Schiffer jener Gegenden je nach dem heftigeren oder ſanfteren Wogengange gebrauchen. Einige Augenblicke blieb Heinrich Markholm dicht am Strande ſtehen und überflog mit kundigem Auge das eben bezeichnete Gemälde; dann als er jedes Einzelne darin aufgefaßt, wandte er ſich nach dem Mädchen um, das ſchweigſam an ſeiner Seite ſtand und mit ſichtbarem Behagen den Eindruck beobachtete, den die wundervolle Scene auf ihren Gaſt hervorbrachte. „Hier könnte ich auch wohnen, ſo gut gefäͤllt es mir,“ ſagte endlich Heinrich Markholm. e. „Auch allein?“ fragte Alwining, indem in ihrem Auge ein Strahl von Intelligenz aufblitzte, die weit über ihren Stand hinauszugehen ſchien. „Ja, auch allein, wenn es ſein muß. Allerdings würde ich dann nur auf meine Kunſt und mich ſelbſt angewieſen ſein, aber unter Umſtänden iſt das auch genug. In Geſellſchaft indeſſen hier zu leben, würde mich glücklich machen, vorausgeſetzt, daß dieſelbe nach meinem Geſchmacke wäre.“ „Und wie lange?“ fragte Alwining abermals auf ihre eigenthümlich kurze und ſinnige Weiſe, indem ſie ihr ſchönes blaues Auge voll und natürlich gegen ihn aufſchlug. „Das iſt eine andere Frage, die ſich nicht ſogleich beantworten läßt. Es käme auf die Art und Weiſe der Geſellſchaft, das Wetter, die Jahreszeit und aller⸗ dings noch auf einige andere äußere Verhältniſſe an.“ „Aha, das iſt es. Was mich betrifft, ſo wohne ich nun mit meiner Mutter ſeit zwei Monaten an dieſem Orte. Wir kamen in der beſten Jahreszeit hierher und ſahen das Erwachen der Natur mit an. Ich fand das ſehr ſchön und jeder Tag hat mir rei⸗ chen Genuß geboten, aber doch auch Stunden gebracht, in denen ich mein Herz vor Einſamkeit und Oede ſchaudern fühlte. Wie muß es nun hier erſt im Win⸗ ter ſein, wenn das Eis der See in rieſigen Bergen gegen die Ufer ſtürzt, grundloſer Schnee jede Be⸗ wegung im Freien unmöglich macht und dabei der ſchreckliche Nordoſt wüthet,— ach ja, wie mag es dann ſein?“ Der Maler hörte wohl die Frage, aber er beantwortete ſie nicht. Staunend ſtand er neben dem Mädchen und fragte ſich, ob er nicht abermals träume, denn dieſe Sprache, der Geiſt, der in dem Tone, dem Ausdruck der Stimme und noch mehr in ihrem Auge lag, das noch viel aufrichtiger zu ſprechen ſchien als ihre Lippe, ſtimmte ſo wenig mit ihrer abgeſchiedenen Lage, mit ihren zu Tage tretenden Verhältniſſen über⸗ ein, daß er noch lange nicht klar genug über Beides zu ſein glaubte. „Sie mögen Recht haben,“ ſagte er endlich.„Im Winter mag es hier ſchrecklich öde ſein. Für den Augenblick aber gefällt es mir ungemein an dieſem ſtillen Orte und ich werde häufig hierher kommen und Alles zeichnen, was ich zu zeichnen vor⸗ finde.“ „O, wenn Sie das wollen, müſſen Sie dieſe Ufer erſt in einer gewiſſen Entfernung vom Meere aus ſehen, dann werden Sie ſtaunen, denn von dort aus überſieht man viel mehr als von hier.“ 57 „Das wird nicht ſchwer zu bewerkſtelligen ſein,“ verſetzte der Maler.„Dort liegt ja ein Boot und Ruder ſind auch bei der Hand.“ „Freilich, aber das Boot liegt auf dem Strande und es iſt keine leichte Arbeit, es in die See zu ſchaffen.“ „O, ich bin ſtark— gehört Ihnen das Boot?“ „Meinem Vater gehört es.“ „Dann dürfen wir es ja wohl benutzen. Wollen wir es einmal am Nachmittag verſuchen?“ „Gern, wenn es Ihnen Vergnügen macht; und wenn Ihnen das Ufer gefällt und Sie es zeichnen wollen, können wir einen kleinen Anker mitnehmen und ihn auswerfen, wo Sie es für angemeſſen halten. Da, ſehen Sie, da liegt er am Strande.“ In ähnlicher Weiſe unterhielten ſich die beiden ſo zufällig zuſammengeführten jungen Leute noch eine halbe Stunde lang, dann mahnte Alwining zur Heim⸗ kehr, da die Mutter gewiß das Eſſen fertig habe. Heinrich Markholm gehorchke der Aufforderung ſo⸗ gleich und nicht recht wiſſend, ob er mehr ſein Geſchick preiſen oder ſich alles Nachdenkens enthalten und ganz dem Genuſſe der Gegenwart überliefern ſolle, langte er im Häuschen wieder an, wo er von Mutter Halling den Tiſch bereits ſauber gedeckt fand. Die Flammen des Heerdes hatten das Geſicht der alternden Frau geröthet, das konnte das Auge auch des oberflächlichſten Beobachters wahrnehmen und auch Heinrich Markholm ſah es; wäre aber ſein Auge nicht allzu eifrig mit dem hurtig hin und her eilenden Mäd⸗ chen beſchäftigt geweſen, das ſich alsbald mit der Ver⸗ vollſtändigung des Tiſches zu ſchaffen machte, ſo würde er auch Spuren von Thränen entdeckt haben, die in ſeiner Abweſenheit vergoſſen worden waren. Auch wir wollen dieſe Thatſache nur oberflächlich erwähnen, ohne für jetzt den Grund derſelben zu erforſchen, und bemerken nur, daß dem Gaſte die vorgeſetzten Speiſen vortrefflich ſchmeckten, daß es ihm gelang, den kum⸗ mervollen Blick der Mutter Alwining's durch heitere und ermunternde Geſpräche zu verſcheuchen, und daß die arme Frau zuletzt ſogar ihr Herz von einer lange nicht empfundenen Freude aufſchwellen fühlte, was Alining ſehr gut zu bemerken ſchien und ſie ſelber munterer ſtimmte. Hier bei Tiſche erfuhr denn der Maler auch, der ſich nach Allem erkundigte, daß Frau Halling ihre kleine Wirthſchaft faſt allein führe, daß Alwining ſich viel mit Handarbeiten und Leſen be⸗ ſchäftige und daß die Frau eines Arbeiters vom Kreide⸗ bruch täglich friſches Brod, Fleiſch, Milch und Gemüſe aus der nächſtgelegenen Ortſchaft bringe, ſo wie die 59 gröberen Hausarbeiten beſorge, ände, die genü⸗ gend die Feinheit der Hände Alwining's erklärten, die der Maler ſchon längſt mit der Stellung des Mäd⸗ chens nicht hatte vereinbaren können. Nachdem auch Türk, der geduldig den ganzen Tag über bei ſeinem jetzigen Herrn aushielt, ſein Theil vom Mahle erhalten hatte, erinnerte der Gaſt Alwining an ihr Vormittag gegebenes Verſprechen und bald brachen ſie wieder auf, dem Strande zuſchreitend, um das Boot flott zu machen und darauf in die See hinaus zu rudern. Obgleich Heinrich Markholm wirklich ſehr kräftig und gewandt war, ſo fand er es doch ſchwerer als er vermuthet, das Boot in See zu bringen. Allein mit Hülfe und dem Rathe Alwining's gelang es endlich; das kleine feſtgefügte Boot lag zwiſchen den Steinen am Strande und wurde nun vorſichtig hinausgeſcho⸗ ben, bis es willig dem Drucke der Ruder gehorchte. Raſch ſtiegen nun die beiden jungen Leute ein, Türk ſprang ihnen nach und Alles war zur Ab⸗ fahrt bereit. „Jetzt ſetzen Sie ſich an das Steuerende auf die bequeme Bank,“ ſagte Alwining;„wenn wir weit ge⸗ nug in See ſind, wende ich und dann werfen wir den Anker aus, damit Sie zeichnen können.“ 60 „Darf ich Ihnen denn das Rudern überlaſſen? Iſt die Arbeit nicht zu ſchwer für Sie?“ „Es macht mir ſogar Vergnügen und ich habe es ſchon oft verſucht, wenn das Boot im Waſſer lag.“ Heinrich Markholm nahm den ihm zugewieſenen Platz ein; Alwining legte zwei leicht zu handhabende Ruder aus und bald ſchwamm das Boot luſtig auf dem leiſe wogenden Waſſer fort. „Sehen Sie ſich erſt um, wenn ich wende,“ ſagte das Mädchen, ohne zu ahnen, daß dieſer Rath un⸗ nöthig war, denn der Maler dachte nicht daran, den Kopf von ihr abzuwenden, da er ſie in ihrer neuen Beſchäftigung faſt noch ſchöner fand als vorher und ihre Geſtalt und ihr holdes Geſicht wiederholt faſt mit den Augen verſchlang. Nachdem das Boot aber etwa hundert Ellen weit vom Strande fortgerudert war, hielt Alwining mit ihrer Arbeit inne, zog die Riemen ein und gab dem kleinen Anker, der vor ihr auf dem Rande des Bootes lag, einen Stoß, ſo daß er in's Waſſer fiel. Augen⸗ blicklich folgte das Boot der Strömung und wendete ſeinen Bug dem Lande zu, aber vom Anker gehalten, lag es gleich darauf ſtill und Heinrich Markholm hatte nun den bezaubernden Anblick vor ſich, der dem auf einem Boote Befindlichen auf dieſer Stelle zu Theil wird. Er ſtieß einen lauten Ruf der Bewunderung aus. Majeſtätiſch thürmten ſich vor ihm die ſechs großen Felsrieſen auf, die durch tiefe mit Buchenwaldung ausgefüllke Schluchten von einander getrennt, das ſchöne und überaus großartige Bild des Kieler Ufers zuſammenſetzen. Und in der That, das Auge des Künſtlers muß davon entzückt ſein, denn dieſe weichen Linien der weißen Kreidefelſen, durch den Duft der Ferne wie mit einem zarten Schleier verhüllt, im Gegenſatz zu der kräftig grünen überall hervorquellen⸗ den Vegetation, locken ihn unwiderſtehlich zur offenen Bewunderung wie zum ernſten Studium an. Unwillkürlich an ſeine Kunſt erinnert, ſchlug Hein⸗ rich Markholm das Skizzenbuch auf und ſchnell flog ſein Bleiſtift über das glatte Papier, wobei er mit ſtillem Geplauder ſeine Gefährtin unterhielt, die ganz leiſe ein Strickzeug hervorgeholt und zu ſtricken be⸗ gonnen hatte. Aber nicht gar eifrig war ſie damit beſchäftigt. Auch ſie hatte ein Studium ganz eigener Art vor Augen, denn ohne Scheu betrachtete ſie den vor ihr ſitzenden und ſo ämſig zeichnenden Künſtler, deſſen Aeußeres ganz dazu geſchaffen war, die Blicke eines ſchönen Mädchens auf ſſich zu ziehen. In der Regel aber, wenn der Maler ſein Auge auf ſie rich⸗ tete, fand er das ihrige auf ihre Arbeit oder nach der See hin gewandt und ſo ſetzten ſie Beide wohl eine Stunde lang ihre ſtillen Studien fort. Nach dieſer Zeit aber ſchlug Heinrich Markholm ſein Buch zu und ſagte:„So mag es für heute genug ſein, ich will Ihre Geduld nicht zu lange auf die Probe ſtellen. Morgen iſt auch noch ein Tag und vielleicht ſind Sie ſo freundlich und rudern mich wieder 1 hierher?“. „Sehr gern, wenn Sie mir zeigen wollen, was Sie gezeichnet haben.“ „Das ſoll geſchehen, wenn es fertig iſt; auch kann ich Ihnen noch andere Skizzen als dieſe zeigen, wenn Sie Gefallen daran finden.“ „Ein ſehr großes Gefallen, faſt eben ſo wie an der ſchönen Natur. Ich kann Ihnen auch noch an⸗ dere herrliche Stellen am Meere zeigen, zum Beiſpiel dort oben, ſehen Sie, wo die Buche über dem Ab⸗ grund hängt und die graue Klippe weit vorſpringt. . Das iſt ein ſchöner Platz und dort ſitze ich am lieb⸗ ſten, wenn der Wind nicht zu heftig weht.“ „Dahin wollen wir vielleicht ſchon morgen gehen. Soll ich Ihnen einmal die Ruder abnehmen?“ 8„O nein, das Waſſer iſt ruhig und ein ſo ge⸗ mächliches Rudern ermüdet mich nicht.“ Bei dieſen Worten hatte ſie mit Hülfe des Ma⸗ 63 lers den kleinen Anker aus der Tiefe gezogen und in das Boot geworfen, dann die Ruder ergriffen und wenige Minuten ſpäter ſtand man wieder auf feſtem Boden, wo es nicht geringe Mühe machte, das Boot auf das Ufer zu ziehen, was aber doch endlich gelang. Dem freudig bellenden und voranſpringenden Hunde folgend, ſchritten ſie nun wieder dem kleinen Hauſe zu, wo die Mutter ſie bereits erwartete und mit einem guten Kaffee bewirthete. Während dieſes Genuſſes und bei ununterbrochenem Geſpräch verſtrich die Zeit ungemein ſchnell und der Abend näherte ſich bereits, als unſer Freund kaum den Nachmittag gekommen wähnte. Ganz gegen ſei⸗ nen Wunſch mußte er nothgedrungen an den Rück⸗ weg denken, denn er hatte ſelbſt bei ſchnellem Gehen eine ſtarke Stunde zurückzulegen, bevor er Stubben⸗ kammer erreichte, von wo er noch nach Grünthal reiten mußte. Das ſprach er endlich mit innerm Wi⸗ derſtreben aus und Frau Halling ſtimmte raſch ſeiner Abſicht bei, während Alwining ſchwieg und nur auf⸗ merkſam forſchend das Geſicht der Mutter befragte. „Ich darf alſo morgen wiederkommen?“ ſagte der Maler zuletzt, indem er ſich zum Aufbruch entſchloß. 8 „In Gottes Namen!“ erwiderte die Frau mit höchſt bedrücktem Geſicht.„Ich habe Sie nicht ge⸗ 64 rufen, Sie kamen von ſelbſt und wenn Sie hier ſpa⸗ zieren gehen oder malen wollen, denke ich, kann Sie Niemand daran verhindern.“ Der Maler hatte eine freundlichere Aufforderung zur Wiederkehr erwartet, indeſſen begnügte er ſich auch mit dieſer, ſprach ſeinen Dank aus und reichte der Frau zum Abſchiede die Hand. „Leben Sie wohl,“ ſagte ſie wehmüthig,„und kommen Sie gut nach Hauſe.“ „Und darf ich mein Buch bei Ihnen laſſen, da ich doch morgen wiederkomme?“ Frau Halling beſann ſich noch, was ſie ſagen ſolle, als Alwining das Buch ſchon ergriffen und in dem Kaſten einer Commode ſicher geborgen hatte. „Wiſſen Sie auch den beſten und kürzeſten Weg nach Stubbenkammer?“ fragte die Frau ſchließlich, bei der immer wieder die angeborene Gutmüthigkeit zum Durchbruch kam. „Ich denke, ich ſteige dieſen Bergrücken hinauf,“ erwiderte Heinrich Markholm, nach der Höhe deutend, von der er am Morgen herabgeklettert war. „O nicht doch,“ ſagte Alwining lächelnd.„Kom⸗ men Sie, ich werde Ihnen einen bequemeren Weg zeigen.“ Und raſch den ſchmalen Pfad hinter dem Hauſe 6⁵ betretend, ſchritt ſie dem ungern ſcheidenden Gaſte voran, führte ihn auf einem ſteilen, aber gangbaren Wege zu der Höhe und als ſie oben ſtand, deutete ſie nach Norden hin und ſagte kurz und freundlich: „Dieſer Pfad führt auf den großen Weg nach Stub⸗ benkammer. Sie brauchen ihn nur zu verfolgen, nicht rechts, nicht links abzuweichen, dann werden Sie Ihr Ziel erreichen.“ „Ich danke Ihnen herzlich für Ihre vielen Be⸗ mühungen,“ ſagte mit bewegter Stimme der Maler. „Darf ich Ihnen auch wie Ihrer Mutter die Hand zum Abſchied bieten?“ „Warum nicht?“ entgegnete Alwining, leicht er⸗ röthend und ſchon die ſo ſchön geformte Hand hin⸗ ſtreckend. Deerr Maler ergriff ſie, hielt ſie einen Augenblick feſt und ſagte mit ſeiner helltönenden Stimme:„Das war ein ſchöner Tag! Alſo auf morgen!“ Nach dieſen Worten ließ er die Hand los und bald darauf ſprang das ſchöne Mädchen hurtig den ſteilen Felspfad hinab, während der Maler ſich nord⸗ wärts wandte und dem laut bellenden Türk langſam nachfolgte. Die Inſulaner. II. 5 Sweites Anpitel. Aus den Studien des Malers entwickeln ſich Studien des Menſchen. Langſam, immer langſamer ſetzte der Wanderer ſeinen einſamen Weg fort; auf dem Hinwege hatte er ge⸗ pfiffen und geſungen, auf dem Rückwege war er ſtill, denn er hatte mit einem Mal unglaublich viel zu den⸗ ken. Sein ganzes Innere war in eine Art wogenden Aufruhrs gerathen und nicht nur der Künſtler in ihm, auch der Menſch war beſchäftigt, bemüht, aus den vielfach verworrenen Fäden, die ihn umſpannen, ſich loszuwickeln und, wenn nicht über ſich ſelbſt, doch über Andere in's Klare zu kommen. Aber davon war er noch weit entfernt und das geſtand er ſich bald ſel⸗ ber ein. 4 Vor allen Dingen konnte er ſich Eins nicht er⸗ klären und darüber mußte er jedenfalls am nächſten 67 Tage Erkundigungen einziehen. Wenn auch die Schön⸗ heit des ſo glücklich aufgefundenen Mädchens, die Zartheit ihrer Hände, der Geſchmack in ihrer Kleidung, verbunden mit der im Hauſe überall wahrgenommenen Wohlhabenheit mit ihrer äußeren Lage in keinem offenbaren Widerſpruch ſtand— denn warum ſollte ein Mädchen auch derunterſten Volksklaſſe nicht über⸗ aus ſchön ſein können?— ſo ging doch die Bildung, die ſie in ihren Geſprächen verrathen, das geiſtige Sprühen ihres Auges, vereint mit einem eben ſo lieblichen wie klugen Lächeln und der Ausdruck ihrer Sprache bei Weitem über ihre Verhältniſſe hinaus und es lag die Vermuthung nicht fern, daß ſie ſich früher wohl in anderen Lebenslagen befunden haben müſſe, als in welcher ſie der Maler an dieſem Tage getroffen. Mit dieſem auffallenden Bildungsgrade fiel noch ein Anderes zuſammen und verſtärkte den Verdacht des jungen Mannes noch mehr, und das war das eigenthümliche Weſen der Mutter, die ihm den Ein⸗ druck gemacht, als habe ſie irgend eine wunde Stelle in ihrem Gewiſſen, als bebe ſie vor der Berührung mit fremden Menſchen zurück, die ſich in das Geheim⸗ niß ihres Lebens drängen könnten. Denn warum er⸗ ſchrak ſie ſo ſichtbar, als ſie des harmloſen Gaſtes 5* 68 anſichtig wurde, warum war ſie ſo oft in trübe Ge⸗ danken verſunken, wenn von ganz gleichgültigen Din⸗ geu geſprochen wurde, warum erwähnte ſie ihres Mannes ſo häufig und ſtets mit dem Ausdruck einer inneren Angſt und Beſorgniß? Daß dahinter etwas Anderes ſtecke, hatte der geiſtig ſo regſame und auf jeden Wechſel der Phy⸗ ſiognomie eines Menſchen genau achtende Maler ſehr leicht entdeckt, und wenn dies Geheimniß auch nur wenig Angenehmes verhieß, es reizte ihn dergeſtalt, daß er ſich feſt in den Kopf ſetzte, es ſo bald wie möglich zu ergründen. Aber das Alles war es nicht allein, was ſeine Seele in ein ſolches Fluthen brachte, nein, es war die wunderbare Aehnlichkeit des Mäd⸗ chens mit jener Dame, der er vor zwei Jahren auf der Reiſe begegnet war. Dieſe Aehnlichkeit konnte ganz zufällig ſein, und gewiß war ſie es auch, aber unſern Freund, der für Dergleichen Augen hatte, be⸗ ſchäftigte ſie jetzt, da er ſie nicht mehr vor ſich ſah, noch viel mehr als vorher, wo ihre Gegenwart die Gedanken darüber aus ſeinem Hirn verdrängt hatte. „Ich werde ſie zeichnen,“ ſagte er ſich ſchließlich, „genau nach der Natur, wie ſie ſo hold und lieblich ſich meinen Blicken darſtellt, und werde nicht dabei an jenes Bild denken, deſſen einzelne Züge ich ſo 69 genau im Kopfe trage, als hätte ich ſie erſt geſtern geſehen. Wenn ich auch dieſe zweite Rügianiſche Schöne auf dem Papiere habe, werde ich Beider Züge vergleichen und dann— ja dann werde ich gewiß Unterſchiede auffinden, die mir beim erſten Anblick nicht aufgefallen ſind.“ Mit ſolcherlei Gedanken und Vorſätzen beſchäftigt, langte er endlich auf Stubbenkammer an, wo er erſt merkte, daß der Abend ſchon weit vorgeſchritten und die Sonne bereits hinter den Wipfeln der Stubnitz verſchwunden war. Aus ſeinem träumeriſchen Sinnen aber wurde er erſt ganz erweckt, als er dicht vor dem Hauſe den Wirth ſtehen und ihn mit ſeinem gewöhn⸗ lichen heiteren Lächeln erwarten ſah, nachdem er be⸗ reits den voraufgeeilten Türk mit Liebkoſungen über⸗ ſchüttet hatte. „Na,“ rief der freundliche Mann,„was ſagen Sie nun, Herr Markholm? Hat der Hund die Probe be⸗ ſtanden und treulich bei Ihnen ausgehalten?“ „Sie haben Recht gehabt,“ erwiderte der Maler, „Türk hat ſich vortrefflich bewährt in allen Dingen, das Zeugniß kann ich ihm ausſtellen, und außerdem bin ich ihm zu großem Danke verpflichtet, Sie hätten mir keinen beſſeren Führer in die Schluchten und Windungen des Gebirgs mitgeben können.“ 70 „Ich wußte es wohl. Aber was hat er denn ſo Großes ausgerichtet, daß Sie ihm zu beſonderem Danke verpflichtet ſind?“ „Er hat mir eine allerliebſte Bekanntſchaft ver⸗ ſchafft.“ „Oho! Wo ſind Sie denn geweſen und wo haben Sie zu Mittag geſpeiſt?“ „Am Kieler Ufer und eine reizende Hand hat mich bei Tiſche bedient.“ „Eine reizende Hand? Am Kieler Ufer? Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht.“ „Nun ja, ich bin bei dem Pächter des neuen Kreidebruchs an der Fahrnitz oder vielmehr bei ſeiner Frau und Tochter geweſen.“ Herr Behrendt machte große Augen.„Bei dem ſchwarzen Halling ſind Sie geweſen 2“ fragte er dann verwundert. „Ob er ſchwarz oder weiß iſt, weiß ich nicht, denn ich habe ihn gar nicht geſehen; aber ſeine Tochter iſt wenigſtens blond und ſo wunderbar ſchön blond, daß man nichts Schöneres ſehen kann und, Sie wiſ⸗ ſen, ich verſtehe mich darauf.“ „So, ſo! Nun, die Frau und ihre Tochter kenne ich nicht, aber der Mann iſt mir bekannt, ja!“ Herr Behrendt ſprach dies mit einem ſo unge⸗ 71 wöhnlich ernſten Geſicht, daß es dem Maler auffallen mußte.„Was iſt er für ein Mann, dieſer ſchwarze Halling, wie Sie ſagen?“ fragte er. Herr Behrendt führte ſeinen Gaſt etwas abſeits unter die Bäumen, wo Niemand ihn hören konnte, und da ſagte er:„Ich will Ihnen mit kurzen Wor⸗ ten erzählen, wie ich den Mann kennen gelernt habe, und daraus werden Sie ſchließen können, was er werth iſt. Von dem neuen Kreidebruch an der Fahrnitz war ſchon lange die Rede, aber wegen der abgelegenen Lage wollte ſich kein Pächter dazu finden. Endlich kommt dieſer Mann, zeigt gute Papiere vor, legiti⸗ mirt ſich als ein gewiſſer Halling, der früher in Schleswig oder Jütland gewohnt, dieſe und jene Ge⸗ ſchäfte gemacht, und aus Allem, was er vorbringt, ſteht man, daß er ein gewiegter Kunde iſt, obwohl er ein abſtoßendes Aeußere hat. Nach langen Verhand⸗ lungen wird ihm der Bruch zugeſprochen und Halling ſetzte ſeine Bedingung durch, ſich in der Kieler Schlucht anbauen zu dürfen. Das hätte Verdacht erregen ſol⸗ len— ich ſage das Ihnen unter vier Augen— denn ein Mann, der Schiffe beſitzt und einen ſo einſamen Ort zur Anſiedelung wählt, wo die Ueberwachung ſo ſchwer fällt, muß ſeine beſonderen Gründe zu einem ſolchen Beginnen haben. Indeſſen, der Bruch liegt in der Nähe und ſo hat man wahrſcheinlich des leidigen Pachtzinſes wegen die Augen zuge⸗ drückt. Genug, der Mann baute das Haus und zog vor zwei Monaten mit Hab' und Gut ein. So weit das Allgemeine— jetzt kommt das Be⸗ ſondere.. Als er kaum zwei Tage an Ort und Stelle wohnte, kam er nach Stubbenkammer, angeblich um mir ſeinen nachbarlichen Beſuch zu machen, augenſcheinl lich aber, um mich für gewiſſe Fälle zu ſondiren. 68 war da⸗ mals kein Beſuch im Hauſe und ich ding, mich lang⸗ weilend, hier vor der Thür ſpazieren. Da ſah ich den Mann von dort unten herauf bommen, den Kö⸗ nigsſtuhl beſteigen und ſich lange nach allen Seiten umſchauen. Obgleich er ſich in ſehr anſtändige Klei⸗ der geworfen, um einen guten Eindruck hervorzubrin⸗ gen, ſo ſab man ihm doch ſeine untergeordnete Stel⸗ lung auf den erſten Blick an; e war halb Bauer, halb Schiffer, trotz ſeines neuen Hutes und ſtädtiſchen Rockes. Als er ſich endlich dort oben ſatt geſehen, kam er zu mir herab und ſtellte ſich vor. Ich lud ihn ein, näher zu treten, und da forderte er gleich eine gute Flaſche Rothwein, ohne abzuwarten, ob ich ihm nicht als Nachbar ein Glas von ſelbſt vorſetzen würde. Er erhielt was er verlangte und da zog er eine volle —-— — 73 Börſe und legte einen däniſchen Doppelfuchs auf den Tiſch. Er wollte alſo auch zeigen, daß er Geld habe. Ich nahm das Goldſtück und wechſelte es. Er trank raſch die Flaſche leer, wie ein Mann, der nicht viel Zeit übrig hat, dann trat er dicht zu mir heran an's Fenſter, an dem ich lehnte, und ſagte flüſternd: Wo⸗ her beziehen Sie Ihren Wein?— Ich erwiderte ihm: aus Stettin und Stralſund.— Da ſchüttelte er griesgrämig den Kopf, geberdete ſich als Kenner und ſagte: O, aus dieſen Städten können Sie auf keinen guten und billigen Wein rechnen. Wollen Sie es einmal verſuchen, ihn aus erſter Hand zu beziehen? Ich verſtand ſein ſchmunzelndes Lächeln und ſeinen ſpitzen Blick ſehr wohl. Ich danke für die erſte Hand, erwiderte ich, und die zweite iſt mir lieber, wenn ſie auch theurer iſt. O, rief er pfiffig, denn der Kerl hat eine feine Spürnaſe und roch, daß er vorlaut geweſen, Sie wer⸗ den doch Spaß verſtehen, ich beziehe meinen Wein auch aus Stralſund. Und damit gute Nacht, wir wollen gute Nachbarſchaft halten!— Sehen Sie, das war Herr Halling, der neue Pächter des Kreidebruchs an der Fahrnitz; die Leute nennen ihn wegen ſeines dunklen Geſichts und ſeiner ſchwarzen Haare den ſchwarzen Halling. Seit jenem Tage iſt er nicht wieder hier geweſen und ſeine erſte Unterhaltung mit mir iſt auch daran ſchuld, daß ich, der ich doch ſonſt ſo gern in alle Winkel krieche, ſein Haus und alſo auch ſeine ſchöne Tochter noch nicht geſehen habe.“ Heinrich Markholm börte dieſe Erzählung ruhig an.„Aha,“ ſagte er endlich,„ich verſtehe und das iſt wohl möglich. Aber ſeine Tochter iſt darum doch ſchön und da ich mit dem ſchwarzen Halling nichts zu thun habe, werde ich ſie morgen wieder beſuchen.“⸗ „Das verdenke ich Ihnen auch gar nicht. Was wiſſen die Kinder, was ihre Väter treiben, haha!— Doch, wollen Sie fort?“ „Sogleich; ich möchte nicht gern zu ſpät auf Grün⸗ thal ankommen.“ Zehn Minuten ſpäter ſtand der Schimmel geſattelt vor der Thür; der Maler nahm vom Wirth und Türk Abſchied und trabte haſtig von dannen, denn ſein Ge⸗ wiſſen drückte ihn etwas, einen vielleicht zu ausge⸗ dehnten Gebrauch von ſeines Wirthes edelmüthiger Gaſtfreundſchaft gemacht und ſein Ausbleiben etwas zu weit hinausgezogen zu haben. Das eben Gehörte kümmerte ihn dagegen nicht ſehr, im Gegentheil, es gab ihm manchen Aufſchluß; daß aber Alwining keine Mitwiſſerin oder gar Theilnehmerin der Handlungen 1 75 ihres Vaters ſei, das— ſo ſagte er ſich wenigſtens — wollte er mit Lanze und Schwert wie ein Ritter des Mittelalters gegen jeden Verläumder vertheidigen. In etwas lebhaftere Stimmung hatte ihn aber die Mittheilung des Wirths doch wieder geſetzt und ſo kam er heiter und vergnügt auf Grünthal an, wo er von Jochen herzlich bewillkommnet wurde, der ihm den Schimmel abnahm und ſagte: der Herr ſitze in ſeiner Stube und erwarte ihn gewiß ſchon lange. Dies war auch der Fall. Alfred Brunſt war vor zwei Stunden von Wittow nach Hauſe gekommen ad hatte ſich gar nicht gewundert, zu hören, daß ſein Gaſt noch nicht daheim ſei. Er hatte allein zu Abend gegeſſen, ſich dann im bequemen Hausrock auf das Sopha geſetzt, um die Zeitung zu leſen, und erwartete nun mit einiger Spannung die Ankunft des Malers. Das Bellen der Hunde auf dem Hofe und Jo⸗ chen's laute Begrüßung verkündete dieſelbe. Als Hein⸗ rich Markholm in das erſte Zimmer trat, kam Frau Albrecht berbei und erkundigte ſich nach dem Appetit ihres Gaſtes. Auf die Erwiderung, daß derſelbe in beſter Verfaſſung ſei, wollte ſie eben davoneilen, als ihr Herr klingelte. Sie trat mit dem Maler zugleich bei ihm ein und vernahm den Befehl, für Herrn Markholm in des —* 76 Herrn Zimmer zu decken, dann könne Letzterer auf ſeinem Sopha bleiben und zugleich die Geſellſchaft des Erſteren genießen.— Als Frau Albrecht das Zimmer verlaſſen, wandte ſich Herr Brunſt mit ſeinem gewöhnlichen herzlichen Lächeln zu ſeinem Gaſte.„Da ſind Sie alſo,“ ſagte er, ihm die Hand darreichend,„das iſt gut. Haben Sie ſich amüſirt?“ „Vortrefflich— ja, ich habe einen genußreichen Tag gehabt.“ „Das kann ich mir denken. Wo ſind Sie geweſen?“ Heinrich Markholm begann ſeine Erlebniſſe von Anfang an vorzutragen; mit ſeiner gewöhnlichen Offen⸗ heit berichtete er jeden einzelnen Vorfall, mit dem Hunde ſowohl wie mit den Bewohnern des Häuschens in der Kieler Schlucht, und dabei ſprach er mit ſol⸗ cher unwillkürlichen Lebhaftigkeit von der Schönheit und Liebenswürdigkeit Alwine Halling', daß ſein Zuhörer nicht zweifeln durfte, das empfängliche Gemüth des Künſt⸗ lers habe einentiefen Eindruckempfangen, was dieſer auch keineswegs läugnete, indem er als Grund ſeines Intereſſes 1 namentlich den Umſtand hervorhob, daß ihn die Tochter des Pächters durch ihre Aehnlichkeit nur zu ſehr an eine Dame erinnert habe, der er auf einer früheren 7 Reiſe begegnet ſei. 77 „Nun das muß ich ſagen,“ rief ſein Wirth halb im Ernſte halb im Scherze aus,„das iſt ja ein ordentliches Abenteuer! Sie ſind ein Glückskind, nur Ihnen allein kann ſo etwas begegnen. Doch das iſt mir nichts Nenes. Leute von Ihrem Alter und Ihren Verhältniſſen müſſen auf die Gunſt des Zufalls rech⸗ nen— ohne Zweifel ſind Sie mit der Ihnen wider⸗ fahrenen Gunſt zufrieden?“ „Gewiß, Herr Brunſt, ich bin ſogar dankbar da⸗ für, denn ich habe ſehr hübſche Studien gemacht.“ „Die Sie ohne Zweifel morgen in der Kieler Schlucht fortſetzen werden?“ Dieſe mit einer unbeſchreiblichen Gutmüthigkeit, in die ſich gleichwohl einige Ironie miſchte, geſpro⸗ chenen Worte brachten den Maler unwillkürlich zum Lachen, dennoch erröthete er, daß ſein Wirth ſeine Abſichten ſo bald durchſchaut.„Ja,“ ſagte er ehrlich, „ich ginge gewiß ſehr bald wieder hin und muß es ſogar, da ich mein Buch in dem Hauſe zurückgelaſſen habe.“ „Das iſt Recht. Gehen Sie. Solch' ein unſchul⸗ diges Vergnügen paßt für einen Künſtler.“ „O ja,“ entgegnete der Maler mit einigem Be⸗ dacht,„aber es knüpft ſich an dieſe Geſchichte noch eine andere, die mir nicht ſo gefällt.“ 78 „Erzählen Sie; Sie verſtehen es, mich neugierig zu machen.“ Heinrich Markholm erzählte nun in ſeiner ehrlichen Weiſe, was ihm der Wirkh auf Stubbenkammer über den Pächter des Kreidebruchs mitgetheilt. Als er damit zu Ende gekommen, rief Herr Brunſt lebhaft aus: „Oho! Das iſt hier auch nichts Neues. Aber der Mann mag ſich in Acht nehmen! Unſere Steuerbeamten laſſen nicht mit ſich ſpaßen. Nun, Sie berührt das nicht, denke ich. Sie werden doch keinen Wein aus erſter Hand beziehen wollen, Ihnen iſt eine andre Waare in des Pächters Beſitz lieber, wie es ſcheint.“ Beide lachten.„Wiſſen Sie was?“ rief der Guts⸗ herr von Grünthal plötzlich, den die Mittheilungen ſeines Gaſtes in die beſte Laune verſetzt,„Sie haben ſich heute ſehr angeſtrengt und ich habe Luſt, eine halbe Stunde über meine gewöhnliche Zeit mit Ihnen. zu plaudern. Trinken wir eine Flaſche Wein aus unſrer erſten Hand und laſſen wir die ſchöne Maid im Kieler Grunde und meinetwegen auch den ſchwar⸗ zen Halling dabei leben. Frau Albrecht! Kommen Sie einmal herein— ſo, bringen Sie doch eine Flaſche Wein aus erſter Hand!“ Was iſt das für eine, Herr Brunſt?“ fragte die guts Alte mit ihrem ewig dienſtfertig heiteren Geſicht. 79 Beide Männer lachten wieder, wobei die alte Frau ganz verlegen wurde.„Ich meine eine von der beſten Sorte!“ ſagte ihr Herr.„Verſtanden?“ Nach wenigen Minuten„ſtanden Flaſche und Glä⸗ ſer auf dem Tiſche und bald hatten die beiden Män⸗ ner ihren Vorſatz ausgeführt und auf das Wohl der ſchönen Alwining ein Glas geleert.„Hören Sie,“ ſagte der Wirth darauf zu ſeinem Gaſte,„ich bin auf die fernere Entwickelung dieſes Abenteuers recht geſpannt. Bei Gelegenheit werde ich auch einmal die Kieler Schlucht beſuchen, das heißt— fürchten Sie nichts— nicht mit Ihnen zugleich, ich würde nur ſtören, ſondern allein. Ich werde mir die Pächters⸗ tochter anſehen und Ihnen dann meine Meinung ſagen.“ „Soll ich ſie Ihnen vielleicht zeichnen, damit Sie ſie ſchon vorher ſehen?“ *⁴„O, o, das wird nur zu bald geſchehen; aber für ſich ſelbſt, mein junger Freund, mögen Sie es im⸗ merhin thun. Ein Maler wie Sie pflegt damit nicht lange zu zaudern.“ Heinrich Markholm fühlte ſich durch dieſe Worte betroffen, er hatte wirklich die Abſicht gehabt, Alwine Halling nach der Natur zu zeichnen, wenn auch nur, wie er ſagte, um von ihr eine Erinnerung wie von 80 ſeiner erſten Reiſebekanntſchaft zu beſitzen. Hierüber in Gedanken gerathend, ſchwieg er eine Weile und ſah vor ſich nieder, wobei er nicht bemerkte, daß das ſcharfe Auge ſeines Wirthes forſchend auf ſeinen wohl⸗ gebildeten Zügen ruhte. Plötzlich fuhr der Maler wie aus einem Traume empor.„Sagen Sie, Herr Brunſt,“ fragte er mit leiſe bebender Stimme, als ob dieſe Frage mit ſeinen innerſten Empfindungen im Zuſammenhang ſtehe, „aber Sie müſſen mir auch dieſe Frage nicht übel deuten— warum haben Sie und Ihre beiden Freunde ſich nicht verheirathet? Sie ſind alle Drei Männer von Vermögen und Herz und nach meiner Anſicht der Dinge hätten Sie dadurch nur Ihr Glück vermehren können.“ Alfred Brunſt hörte kaum dieſe Worte zu Ende ſprechen, ſo brach er auch ſchon in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus, was den Maler ganz verwirrt machte, da er ſich den Grund deſſelben nicht zu erklären vermochtk. „Was,“ rief Erſterer,„ſind Sie wirklich auch von dem Weiberteufel im Ernſte beſeſſen? Beinahe konnte ich mir es denken, da Ihr Blut ſo leicht durch Ihre Adern fließt. Haha! Das iſt doch zu ſpaßhaft! Kaum haben Sie ein hübſches Geſicht geſehen, ſo fällt Ihnen auch ſchon das Heirathen ein. Haha! Das iſt faſt zu raſch gegangen.“ 81 „Erlauben Sie,“ fuhr der Maler eifrig fort, deſ⸗ ſen Geſicht jetzt eine dunkle Röthe überzog,„Sie haben mich vielleicht falſch verſtanden. Nur durch eine Ideenverbindung bin ich auf den Gedanken und die ſich daran knüpfende Frage gerathen.“ „Nun ja, das iſt es ja, über dieſe Ideenverbin⸗ dung lache ich eben, ſie fördert ſo manches Selt⸗ ſame und Spaßhafte zu Tage, und das hier iſt in der That ſeltſam und ſpaßhaft genug. Doch,“ fuhr er ernſter fort, da er die ſteigende Verlegenheit des jun⸗ gen Freundes bemerkte,„Sie haben da einen Punkt berührt, der auch ſeine ernſten Seiten hat, und Sie ſind nicht der Erſte, der mir dieſe Frage vorlegt. Ich will Ihnen eine Antwort darauf geben und wenn Sie darin etwas finden, was Sie für jetzt oder künf⸗ tig gebrauchen können, ſo bewahren Sie es im Ge⸗ dächtniſſe auf. Sie fragen mich, warum meine Freunde und ich ſich nicht verheirathet hätten? Ich könnte Ihnen ſagen, wie ſo viele Männer denken und es ſo⸗ gar ausſprechen, wenn ſie aufrichtig ſind, daß mich⸗ und eben ſo meine Freunde die Wandelbarkeit des weiblichen Weſens zurückgeſchreckt hat. Die in der Jugend ſchönſten Mädchen werden oft ſchon im mit⸗ leren Lebensalter häßlich, die geiſtreichſten nüchtern, die ſanfteſten zänkiſch, keifend, neidiſch und unausſteh⸗ Die Inſulaner II. 6 lich, und kein Menſch iſt ſicher, daß ihm dergleichen nicht begegnet. Allein das wäre nur ein untergeord⸗ neter Grund, der mich und auch die Andern nicht zurückgeſchreckt hätte, und ſo will ich Ihnen einen zwei⸗ ten anführen, der ſchon wichtiger iſt. Wenn Sie ſich in der Welt umſehen, ſo werden Sie finden, daß die Gegenwart nicht dazu angethan iſt, mit vollem Ver⸗ trauen auf die Dauer guter Zeiten einen ſo engen Bund zu ſchließen. Eine Ehe iſt immer ein ernſtes Ding und will vielfach bedacht ſein. Sehen Sie, ich bin jetzt wohlhabend und habe keine Sorge oder mache mir wenigſtens keine. Ich liebe es nicht, dahin zu arbeiten, daß mein Beſitz vermehrt werde; ich habe es nie geliebt, des reinen Beſitzes wegen zu ſchaffen und zu wirken. Hätte ich nun aber eine Frau, ſo geſtaltete ſich mein Verhältniß ganz anders. Die Frauen heu⸗ tiger Zeit ſind voller Anſprüche. Sie begnügen ſich ſelten mit dem, was ſie haben, ſie verlangen täglich mehr, indem ſie andere mehr beſitzen ſehen. Ich würde einer Frau aber, die ich liebte, nichts verwei⸗ gern können, ich würde ihr Alles geben, was ich habe, und da ſie noch mehr begehren würde, müßte ich um den leidigen Beſitz zu arbeiten anfangen, abgeſehen davon, daß die anderweitige Verwendung meiner Mit⸗ tel, die ich nicht für mich ſelbſt gebrauche, unterblei 83 ben müßte und ich meinen Ideen darin nicht folgen könnte. Allein auch dieſer Grund war nicht wichtig genug, um mich und meine Freunde von der Ehe abzuſchrecken, da es ja gewiß noch gute Frauen giebt, die ſich in ihre Lage bei uns zu finden verſtänden und mit einem beſcheidenen Erdenlooſe zufrieden wären— ich we⸗ nigſtens habe, ſo wenig ich mich darum bekümmere, die gute Meinung von dem ſchönen Geſchlecht, daß es Mädchen giebt, die vernünftig genug ſind, einen ver⸗ ſtändigen Mann„durch ihre guten Eigenſchaften be⸗ glücken, nicht aber ihn beherrſchen und leiten zu wollen. Der wichtigſte Grund nun, der uns von der Ehe zurückgehalten hat— und wir Drei haben uns oft darüber gründlich ausgeſprochen— war unſere lang⸗ jährige und innige Freundſchaft, eine Freundſchaft, die uns über Alles geht. Wie nun, mein Freund, wenn Einer von uns oder wir alle Drei verheirathet wären, würde unſer Bund dauern, unſre Freundſchaft beſtän⸗ dig ſein und bleiben können? Ich glaube das nicht. Denn unſere Frauen müßten dann unter einander einig ſein wie wir Männer es ſind, und das, mein junger Freund, iſt eine Aufgabe, die wenige Frauen löſen dürften. Wären ſie es nicht, ſo wäre unſer Bund ſelbſt geſprengt und das, das wollten wir ver⸗ 6* 84 meiden, da Keiner von uns im Stande zu ſein glaubt, drei für uns und unſere Verhältniſſe paſſende Frauen aufzufinden. Unter ſolchen Umſtänden ſind wir alle Drei unbeweibt geblieben und ich wenigſtens habe es nie bereut, da ich mich in meiner gegenwärtigen Lage ganz glücklich fühle.— So, nun wiſſen Sie es. Trinken Sie Ihr Glas aus und legen Sie ſich zu Bett, o hne an's Heirathen zu denken, was ſchlafloſe Nächte macht. Ich weiß es. Und Ihnen wünſche ich vor Allen eine recht gute— da Sie morgen ſo früh wieder— an die Arbeit müſſen: Haha! Sie verſtehen mich, gute Nacht!“ Nach dieſen Worten trennten ſich die beiden Män⸗ ner; Alfred Brunſt, um ſogleich in den feſteſten und ruhigſten Schlaf zu ſinken, Heinrich Markholm dagegen, um trotz der gutgemeinten Mahnung wenigſtens eine Stunde lang nachzudenken, ob ſein Wirth Recht oder Unrecht habe, wonach er endlich zu dem Reſultate ge⸗ langte, daß derſelbe für ſeine Perſon Recht haben möge, daß aber andere Menſchen wohl von andren Principien geleitet werden könnten. Ob er dabei an ſich ſelber dachte, vermögen wir beim beſten Willen vor der Hand noch nicht zu verrathen. Bald nach ſechs Uhr am nächſten Morgen ſtand der Schimmel geſattelt vor der Thür und wenige Mi⸗ * 85 nuten ſpäter kam Heinrich Markholm heraus, von Alfred Brunſt geleitet, der ihm in ſeiner ſcherzenden Weiſe ſo viel Vergnügen wünſchte, als der Schimmel heim⸗ zutragen vermöge.„Kommen Sie ſtets ſo heiter und glücklich vom Kieler Ufer nach Grünthal zurück,“ ſchloß er,„wie Sie es geſtern waren, und vergeſſen Sie nicht ganz die übrige Welt, wenn Sie ſich eine neue aus Roſen und— Kreide auferbauen.“ Der Maler lachte herzlich über den Humor ſeines Wirthes, reichte ihm die Hand und ſtieg auf. Als er ſcharf abtrabte, ſagke der ihm nachſehende Gutsherr zu ſich:„Der hat es eilig, der Tauſend! Und doch liegt es mir in den Gliedern, als würde er auch ein⸗ mal ſehr langſam und bedächtig dieſen Weg zurücklegen, den er jetzt nicht ſchnell genug verſchlingen kann. Doch— ich will ihm kein Unheil prophezeihen! Ein ſo ehrlicher Kerl wie er lebt kaum zum zweiten Mal auf der Welt. Mag er ſich bis über die Ohren ver⸗ lieben, was geht es mich an, wenn dieſe Liebe ihn nur nicht elend macht,— und ſo ſchlimm wird es nicht werden. Da— neg iſt er! Nun wollen wir an unſre Arbeit gehen!“ In raſchem Trabe ſetzte unterdeſſen Heinrich Mark⸗ holm ſeinen Weg bis dicht vor Stubbenkammer fort, erſt dann fing er an langſam zu reiten, da er plötzlich 86 eine große Hitze in und um ſich wahrzunehmen begann. Und in der That regte ſich kein Lüftchen in der ganzen Natur, gleichſam ermattet hingen ſchon am frühen Mor⸗ gen die Blätter von den Zweigen und nur ein ſo eifriger Maler, wie Heinrich Markholm einer war, konnte mit ſol⸗ cher Leidenſchaftlichkeit ſeiner Tagesarbeit entgegengehen. In Stubbenkammer angekommen, gab er nur ſein Pferd ab, ohne ſich aufzuhalten. Auch Türk's bedurfte er nicht mehr und ſo trat er mit freudigem Herzen ſeinen Gang an, indem er wiederum den kürzeren Weg einſchlug, den er am Abend vorher gegangen war. Als er nun ſo allein ging und ſich die Art und Weiſe überdachte, wie er den heutigen Tag verbringen würde, fiel ihm ſo manches Wort ſeines Wirths ein, das zwar wie im Scherze geſprochen war, doch nun nach der Trennung wie im Ernſt wirkte und ihm Manches zu bedenken gab. Bald jedoch rang ſich der natürliche Frohſinn, der in dem jugendlichen Gemüthe wohnte, wieder an die Oberfläche, und alles Bedenken und Vorurtheil gegen Dies und Das bei Seite ſetzend, ſchritt er mit froher Erwartung dem Kieler Ufer zu. Nach einer Stunde rüſtigen Gehens hatte er den Ausgang des Pfades erreicht, bis wohin ihm Alwi⸗ ning am vorigen Abend das Geleit gegeben, und durch dieſe Erinnerung ſchon wie an einen heimatlichen Ort ſich verſetzt fühlend, ſtieg er fröhlich den ſteilen engen Pfad hinab. Sein Vorgefühl hatte ihn nicht betrogen, er konnte mit dem Empfange, der ihm zu Theil wurde, wohl zufrieden ſein. Die erſte Perſon, die er wiederſah, war Mutter Halling; ſie ſtand in der Küche und war mit verſchiedenen Vorbereitungen zum Eſſen am Mittag beſchäftigt. Als der junge Mann raſch näher trat und ihr einen guten Morgen zurief, drehte ſie ſich haſtig um, und als ſie das bekannte freundliche Ge⸗ ſicht deſſelben ſah, erheiterte ſich auch das ihre, das gewöhnlich in trüben Falten lag. „Alſo Sie ſind wieder da,“ ſagte ſie, nachdem ſie ihm die Hand gereicht,„nun, daß Sie ſo früh kommen, beweiſt wenigſtens, daß Sie ſich geſtern nicht gelang⸗ weilt haben, was ich ſchon befürchtet hatte.“ „Im Gegentheil, Frau Halling, es war geſtern ein anmuthiger Tag für mich und um auch heute einen ähnlichen ſo lange wie möglich zu genießen, ritt ich früh von Grünthal fort und hielt mich unterwegs keine Minute auf.“ Die offene Sprache des Redenden, die gerades Weges aus dem Herzen kam, ermuthigte die Frau des Pächters mehr und mehr; und für's Erſte nicht an ihre geſtrigen Beſorgniſſe denkend, bot ſie dem Gaſte eine 88 Taſſe Kaffee an. Alwining werde ſogleich kommen, ſagte ſie, und er könne dann mit ihr in Gemeinſchaft das Frühſtück genießen. Fünf Minuten ſpäter kam Alwining mit friſchem Waſſer von der Quelle zurück, Roſen auf den Wangen, ſo friſch und luſtig, als wären ſie eben erſt aufgeblüht, und das milde kluge Auge ſo voll eines freudigen Glanzes, daß Heinrich Markholm auch hier ſah, wie willkommen er war. Nachdem ſich Beide freundlich begrüßt, brachte die Mutter das Frühſtück in die Stube und nachdem die jungen Leute ihren Appetit befriedigt, äußerte der Maler den Wunſch, ſeine geſtrige Arbeit zeitig fortzu⸗ ſetzen, und bat ſich ſein Zeichenbuch aus. Alwining erhob ſich vom Stuhle und holte das Buch aus dem Kaſten, in dem ſie es verwahrt. Als ſie es aber übergab, wallte eine höhere Röthe in ihrem Geſicht auf, die ſo verrätheriſch ſprach, daß der Maler faſt errieth, was ſie bedeutete. 4 „Sie haben in den Buche geblättert,“ fragte er lächelnd,„nicht wahr 2 „Ja,“ ſagte ſie ohne alle Ziererei,„und ich habe nicht allein Ihren Namen aus dem Buche erſehen, ſondern auch, daß Sie ein tüchtiger Künſtler ſind.“ Der Maler erhob verwundert ſein Auge, als wollte er fragen, ob ſie das zu beurtheilen verſtehe? 89 Sie verſtand dieſen Blick und lächelte.„Nun ja,“ fuhr ſie fort,„das ſieht man der kleinſten Zeichnung auf den erſten Blick an, ich habe viele ſolcher Skizzen in früheren Zeiten betrachten können.“ „Wenn Sie erlauben, wollen wir gleich mehr darüber ſprechen,“ ſagte er, nahm ſeinen Hut und fragte, ob er auf ihre Begleitung rechnen dürfe? „Gewiß,“ erwiderte ſie heiter,„ohne mich können Sie die begonnene Skizze nicht fortſetzen und ich bin neugierig, die Arbeit zu ſehen, wenn ſie fertig iſt.“ Mit dieſen Worten trat ſie in ihr Schlafſtübchen, nahm hurtig einen breitrandigen Strohhut, der ſie beſſer gegen die ſengenden Strahlen der Sonne ſchützte, und erſchien dann wieder bei ihrem Gaſte, mit dem ſie darauf das Haus verließ, nachdem ſie der Mutter ein kurzes Lebewohl zugerufen hatte. Seufzend ſtand die Mutter vor der Thür und blickte mit kummervollem Geſichte den beiden jugend⸗ lichen Geſtalten nach; erſt als ſie im engen Hohl⸗ wege hinter dem Gebüſch verſchwunden waren, kehrte ſie in das Haus und zu ihrer Arbeit zurück, wo ſie ſich ſtill eine Weile niederſetzte und die ſchmerzlicſten Thränen vergoß. Die jungen Leute dagegen beendeten in entgegen⸗ geſetzter Stimmung raſch ihren kurzen Gang, das Boot 90 wurde wieder flott gemacht und bald trieben es Alwi⸗ ning's Ruder auf dieſelbe Stelle, die es ſchon geſtern eingenommen hatte. So finden wir ſie denn in ähnlicher Lage wieder wie am Tage vorher. Der Maler zeichnete eifrig und Alwining hatte ihr Strickzeug vorgeholt, mit dem ſie ſich ſtill zu ſchaffen machte, nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die friedliche Umgebung und dann wieder auf ihren Gefährten werfend. Nachdem dieſer ſeine Arbeit, ſo weit ſie fertig war, mit der Natur verglichen, Einiges geändert und Anderes hinzugefügt hatte, ſagte er, ohne ſeine Augen von dem Blatte zu erheben: „Ich hoffe, Ihre Geduld wird nicht ſo bald zu erſchöpfen ſein, ich denke heute etwas länger zu zeich⸗ nen als geſtern.“ „Ich bin ſehr geduldig,“ erwiderte das Mädchen mit ihrer klaren Stimme,„und habe darin ſchon manche Prüfung beſtanden.“ „Ihre Zeit erlaubt es doch auch, daß Sie hier ſo unthätig ſitzen— zwar ſtricken Sie, aber das halte ich für keine ernſtliche Arbeit für ein junges Mäd⸗ chen, noch dazu am Morgen.“ Nach einer kleinen Pauſe erwiderte die Gefragte: „Meine Zeit erlaubt es, o ja, ich habe leider eigent⸗ 91 lich nichts zu thun, wenn wir allein ſind, und meine Mutter goöͤnnt mir gern eine Abwechſelung in meinem einförmigen Leben.“ „Das freut mich; Ihre Mutter ſcheint überhaupt eine ſehr thätige und verſtändige Frau zu ſein, ob⸗ wohl ſie meiſt etwas trübe aus den Augen ſieht und ſogar geſtern bei meiner Ankunft einen ungeladenen Gaſt nicht gern zu ſehen ſchien.“ „Verkennen Sie meine gute Mutter nicht, Herr Markholm. Es iſt wahr, ſie macht bisweilen ein ängſtliches Geſicht und hat auch wohl Grund dazu. Sie hat ſeit vielen Jahren ein durchaus abhängiges Leben geführt, ſelten frei nach Gefallen ſich regen dürfen und manches Leid erfahren. Sie hätte das nicht vermocht, wenn ihr die Natur nicht ein ſo from⸗ mes und geduldiges Gemüth gegeben hätte, das auch das Bitterſte ertragen kann, ohne einmal zu murren.“ „Hat Ihr Vater ein eben ſo geduldiges Gemüth?“ fragte der Maler, ſich tiefer über ſeine Arbeit beugend. Das Mädchen antwortete nicht gleich, dann aber ſagte es mit ungemein ernſter Miene:„Wenn Sie ihn kennen lernten, würden Sie das gewiß ſehr bald erfahren. Er pflegt ſelten Jemanden ſeine wahre Meinung zu verhehlen.“ „Dann hat er einen offenen Charakter, nicht wahr?“ 92 „In ſeiner Art— ja!“ tönte es langſam und beklommen aus der Bruſt des Mädchens hervor. Heinrich Markholm glaubte zu erkennen, daß dies Geſpräch ſeiner Gefährtin nicht ganz angenehm ſei, er wechſelte daher den Gegenſtand und ſagte:„Ich möchte wohl den Gang Ihrer Erziehung überſehen können! Offenbar haben Sie nicht immer in einer ſo abgelegenen Gegend gelebt und Ihr Schulunterricht hat vielleicht ein anderes Ziel im Auge gehabt?“ „Darin haben Sie Recht,“ erwiderte Alwining mit belebtem Weſen.„Sie haben das alſo erkannt?“ „O,“ rief der Maler und erhob ſein Geſicht raſch zu dem ſeiner Gefährtin, ndas mich erkennen zu laſſen, haben nur wenige Worte von Ihnen hingereicht.“ Jetzt blickte Alwine Halling tiefer auf ihre Arbeit, als wäre ihr eine Maſche entfallen, und als ſie die Augen nach einer Weile wieder erhob, ſpiegelten ſie ſichtbar die freudige Bewegung ab, die dieſe Worte in ihrem Herzen hervorgerufen hatten. „Darf ich Sie wohl fragen,“ fuhr der Maler mit herzlichem Antheil in Miene und Ausdruck der Stimme fort,„wo und wie Sie erzogen worden ſind? Auch Ihnen erlaube ich, Fragen an mich zu richten, ſo viel Sie wollen.“ „Ach,“ ſagte das Mädchen,„ich habe keine ähn⸗ liche Frage an Sie zu richten, aber ich wüßte keinen Grund, der mich verhinderte, Ihnen die Ihrige zu beantworten. So viel ich weiß, wohnten meine Eltern in der Nähe der jütiſchen Gränze, wo meine Mutter ein kleines, von ihrem Vater ererbtes Bauerngut be⸗ ſaß. Mein Vater betrieb Ackerbau und Fiſcherei. Seine Verhältniſſe können nicht ſchlecht geweſen ſein, obwohl er ſich nie lange an einem Orte aufhielt und unruhig hin⸗ und herreiſte, neben jenen Geſchäften auch vielerlei andere betrieb. Doch davon weiß ich nicht viel. Von meiner Mutter bin ich immer ſehr milde behandelt worden. Sie kleidete und nährte mich gut, und da ſie keine anderen Kinder hatte, war ich ihr Liebling und Augentroſt. Ich habe ſie ſtets mehr weinen als lachen geſehen und ich glaube, ſie hatte ſchon Kummer, als ich noch zu jung war, um einen Unterſchied zwiſchen Freude und dem Gegen⸗ theil machen zu können. Vielleicht trug dazu viel der Unterſchied der Abſtammung meiner Eltern bei. Meine Mutter war eine Dänin und mein Vater ein Deutſcher, und von letzterem hat Jene erſt die deutſche Sprache erlernt. Ich ſelbſt habe nie Däniſch ſprechen dürfen, denn meinem Vater war dieſe Sprache wie das ganze Volk meiner Mutter verhaßt. Ich wurde daher von allem Umgang mit däniſchen Kindern fern gehalten, 94 und ſo bin ich ſchon in der Jugend einſam erzogen worden. Was aus mir und meiner Bildung gewor⸗ den wäre, weiß ich nicht, wenn nicht die Vorſehung ſich meiner angenommen und mich in ganz andere Verhältniſſe gebracht hätte. Mein Vater ſtreifle ge⸗ rade damals— ich mag etwa zehn Jahre alt geweſen ſein— weit und breit umher und noch ſeltener als jetzt ward er zu Hauſe geſehen. Der Umgang mit Schiffern und ähnlichen Leuten machte ihn rauher und kälter, als er ſchon von Natur war, und wenn er einmal nach Hauſe kam, behandelte er nicht nur meine Mutter, ſondern auch mich etwas unſanfter, als es ſonſt Väter gegen ihre Frauen und Kinder zu thun pflegen, namentlich wenn ſie ſie ſelten ſehen. Eines Tages nun erhielten wir Beſuch aus Haders⸗ leben, als gerade mein Vater zu Hauſe und ſehr auf⸗ gebracht gegen mich war. Was ich begangen hatte, weiß ich nicht mehr, doch das weiß ich ſehr wohl, er ſtrafte mich überaus hart, als gerade jener Beſuch kam. Es war der Mann der verſtorbenen Schweſter meiner Mutter, der in Hadersleben Vorſteher einer Mädchenſchule war, die damals in ſehr gutem Rufe ſtand. Meine Mutter wandte ſich an dieſen guten Mann mit der Bitte, mich mit ſich nach Hadersleben zu nehmen und zu unterrichten. Als mein Ohein 95 mit ſeinem Vorſchlage beim Vater zum Vorſchein kam, erfolgte eine heftige Seene. Der Oheim aber war ein energiſcher Mann; er begab ſich zu meinem Vater in's Zimmer und ſprach eine ganze Stunde mit ihm. Als er wieder herauskam, ſah er ungemein erregt aber doch glücklich aus, der Vater dagegen war finſterer als je und hieß mich gehen, wohin meine Mutter es haben wolle. So kam ich nach Hadersleben, wo ich bis vor zwei Jahren blieb. Ich führte ein außerordentlich glück⸗ liches Leben und wäre gern immer dort geblieben. Mein Oheim war ein edler und ſehr unterrichteter Mann, dem ich alle meine Kenntniſſe verdanke und der mich in meinem Wunſche beſtärkte, mich zur Er⸗ zieherin auszubilden, um auf dieſe Weiſe in Verhält⸗ niſſe zu gerathen, die meiner Neigung mehr entſprä⸗ chen, als der Aufenthalt auf dem einſamen Hofe meines Vaters. Ich durfte damals ſtädtiſche Kleider tragen und ward wie das eigene Kind des Hauſes gehalten. Laſſen Sie mich über dieſen wohlthätigen Sonnen⸗ ſchein in meinem Leben raſch hinweggehen, er ſollte unverhofft einer trüberen Lebenszeit weichen. Mein Oheim ſtarb. in der Blüthe ſeiner Jahre; und trotz meiner Bitten, die einmal betretene Laufbahn verfolgen . zu dürfen, ward ich durch einen Befehl meines ſtren⸗ gen Vaters nach Hauſe beſchieden. Hier fand ich zu meiner Ueberraſchung ſehr Vieles verändert. Die Umſtände meines Vaters ſchienen ſich um ein Bedeu⸗ tendes gebeſſert zu haben, er hatte ein größeres Gut gepachtet, und hätte gewiß ganz glücklich dabei leben können; allein ſeine unſtäte Lebensweiſe trieb ihn nur zu häufig von Hauſe fort, und unzufrieden mit Allem, was ihn umgab, ließ er ſich in vielerlei Geſchäfte ein, deren Betrieb er vielleicht nicht gewachſen war, wor⸗ über ich mich jedoch hier nicht weiter auslaſſen will. Gegen mich ſelbſt war er nicht gütiger geſtimmt als früher und meiner Mutter ſah ich an ihrem kum⸗ mervollen Weſen an, daß ſie auch nicht auf Roſen gebettet ſei. Gleich am erſten Tage befahl er mir, die ſtädtiſchen Kleider abzulegen und mich meinem ländlichen Stande angemeſſen zu kleiden. Ich ſähe ihm zu vornehm aus, ſagte er mit wilder Geberde, und vornehme Menſchen haſſe er bis in den Tod. Ich mußte gehorchen, hierin wie in vielen anderen Dingen, und wären wir, meine Mutter und ich, uns nicht ſo oft allein überlaſſen geweſen, wir würden un⸗ ſer Leben noch weniger erträglich gefunden haben. Allmälig ſchienen die Verhältniſſe meines Vaters wieder rückwärts zu gehen, wenigſtens ließ er uns 1 97 das aus manchen rauhen Andeutungen vermuthen. Von jeher unzufrieden mit ſeiner Anſiedlung in Jüt⸗ land, nährte er eine beinahe leidenſchaftliche Sehnſucht. nach ſeinem Vaterlande, wenigſtens nahmen wir ſeine Ergüſſe darüber ſo auf, und plötzlich ſegelte er mit einer ſeiner Jachten ab und kam erſt vor etwa einem Jahre wieder nach Hauſe zurück, ohne zu ſagen, wo er geweſen und was er getrieben habe. Endlich er⸗ fuhren wir, daß uns ein Wechſel des Aufenthalts be⸗ vorſtand. Er hatte neue Verbindungen angeknüpft, verſchiedene Handelsgeſchäfte eingeleitet und mehrere Schiffer zu ſeinem Dienſt geworben, deren Aeußeres meiner Mutter eben ſo wenig wie mir behagte. Eines Tages theilte er uns mit, daß wir nach Rügen überſiedeln würden; er hätte dort mehrere Unternehmungen begonnen, ſagte er, auch ein hübſches Haus gebaut, und dahin ſollten wir mit ihm reiſen. Vorher jedoch müßten wir uns dieſen Sommer mit einem einſamen Aufenthaltsorte begnügen, denn erſt im Herbſt dieſes Jahres könne er auf ſein neues Gut ziehen. So wurde denn ein Theil unſeres beweglichen Be⸗ ſitzthums auf die Yacht geladen und wir ſegelten nach dem Kieler Ufer, wo wir die erſte Nachricht von der Pachtung des benachbarten Kreidebruchs erhielten. Die Inſulaner. II. 4 98 Seit zwei Monaten wohnen wir nun hier, eben ſo wenig wiſſend, wohin wir uns im Herbſt begeben wer⸗ den, als wir früher wußten, daß wir hierher zögen. Mein Vater ſetzt vor wie nach ſein unſtätes Leben fort und ſelten nur kommt er auf einen oder zwei Tage nach Hauſe, ſtets vorgebend, ſeine Geſchäfte brächten das ſo mit ſich. Ich muß glauben, daß es mit dieſen Geſchäften nicht recht vorwärts will, denn er iſt ſtets übler Laune, wenn er uns beſucht und nach dem Kreidebruche ſieht. Auch meine Mutter befürch⸗ tet das, doch bitte ich Sie, mit ihr nicht darüber zu reden, ſie leidet genug und mehr als ſie blicken läßt, da ſie ſich, wie mir ſcheint, außerordentlich bemüht, ſelbſt mir die Tiefe und den Umfang ihres Kummers zu verbergen. 1 Und nun,“ fuhr die Erzählende mit einer gleich⸗ ſam vor innerer Beſchämung tief bewegten Miene fort,„muß ich Sie um Verzeihung bitten, daß ich Ihre Fragen ſo umſtändlich beantwortete. Aber es thut mir wohl, einmal aus freiem Herzen mit einem gebildeten Menſchen zu reden und obgleich ich Sie erſt zwei Tage kenne, ſind Sie doch der Erſte, dem ich mein Schickſal mittheilen konnte und der mir durch ſeine Freundlichkeit dazu den Muth eingegeben hat.“ Alwining ſchwieg und vielleicht noch in den Erin⸗ 99 nerungen ihrer beſſeren Tage befangen, ließ ſie ihre Arbeit aus den Händen gleiten und ſenkte die Augen vor ſich nieder in das ruhig fluthende Waſſer, welches das kleine Boot leiſe hob und ſenkte. Der Maler aber hatte längſt ſeinen Bleiſtift ruhen laſſen und blickte mit ſtillem Erſtaunen in das hochgeröthete Ge⸗ ſicht des lieblichen Mädchens, das ihm ein ſo großes Vertrauen bewies. Von dem Augenblicke an, wo ſie die Erzählung ihrer Geſchichte begann, wuchs ſie in ſeinen Augen nach allen Richtungen und zuletzt nahm ſie eine Höhe in ſeiner Schätzung ein, die alle ſeine früheren Erwartungen bei Weitem überſtieg. Der ungewöhnliche Grad ihrer Bildung war ihm erklärt, ihr Leid, das ſie gewiß nur in einem geringeren Maaße geſchildert, als es wirklich war, ging allein von ihrem Vater aus, der die Erziehung und Bil⸗ dung ſeiner Tochter nicht zu würdigen verſtand, die gegen ſeinen Willen ſo klug, ſo ſchön und ſo verſtän⸗ dig geworden war. Als der Maler ſo weit in ſeinen Gedanken und Empfindungen gekommen, erfaßte ihn eine Regung tief innigen Mitleids mit dem armen Weſen. Es däuchte ihm, als umſchwebe ſie ein geiſtiger Schim⸗ mer, eine Art verklärenden Heiligenſcheins, der ſie ihm immer reizender erſcheinen ließ, ſo daß er zuletzt 7* 100 ein ganz anderes Weſen als früher in ihr zu ſehen glaubte. Plötzlich erfaßte ihn ein ſeltſames Gelüſten. Einzelne unbedeutende Worte ſprechend, die ſich auf die eben gehörte Erzählung bezogen, ergriff er ſeinen Bleiſtift, ſchlug in dem Skizzenbuche ein bald gefun⸗ denes Blatt auf und fing mit raſchen Zügen an zu zeichnen. Es liegt ſehr nahe, zu errathen, was er zeichnete. Es war das Portrait Alwining's, wie er ſie in dieſem Augenblicke in ſeinem poetiſch angeregten Geiſte vor ſich ſah. Aber es hatte noch eine beſon⸗ dere Bewandtniß mit dieſer Arbeit. Er hatte die gegenüberſtehende Seite des Blattes gewählt, welches das Bild ſeiner früheren Reiſegefährtin einnahm, aber mit wie ganz anderen Empfindungen ergriff er die neue Arbeit, als er einſt die alte ergriffen! Das Portrait jener Dame hatte er mit ungemeiner Sorg⸗ falt entworfen, Strich für Strich bewies eine höchſt ſaubere und faſt mühſame Ausführung, wie etwa ein kunſtgebildeter Dilettant auch kleine Gegenſtände mit großem Aufwand von Kraft darſtellt. Das Portrait dagegen, welches er jetzt zeichnete, entwarf er mit küh⸗ nen, markigen Strichen,— mit einer wahren Leidenſchaft floß es aus ſeinem Innern, als wäre es längſt darin eingebürgert, und zuletzt hatte er eine Arbeit vollen⸗ det, wie ſie nur ein genialer Meiſter vollführt, wenn 101 Herz und Geiſt in Gemeinſchaft ſich der Fülle ihres Stoffes entladen. Endlich war er fertig, wenigſtens im Allgemeinen. Eben wollte er den Anker heben, um an das Land zurückzukehren, als Frau Halling am Ufer erſchien und ſich nach den beiden jungen Leuten umſchaute. Still ruderte nun Alwining das Boot dem Strande zu, und nachdem es auf ſeinem gewöhnlichen Platze geborgen, bat der Maler die Frauen, langſam nach Hauſe zu gehen, er werde nachfolgen, ſobald ſeine Zeichnung beendet ſei. Als Beide ihm gewillfahrt, ſetzte er ſich auf einen Stein am Strande nieder und fügte dem neuen Portrait die letzten feineren Züge hinzu, und als er es dann betrachtete, war ein Wohlgefallen auf ſeinen Mienen zu leſen, die noch niemals Jemand darauf wahrge⸗ nommen hatte. Raſch verglich er nun die beiden Ge⸗ ſichter mit einander, was er vorher auf jede Weiſe vermieden, und auch jetzt fand er auf dem Papier wie im Leben die ſchon erwähnten Aehnlichkeiten her⸗ aus. dülindings war der Ausdruck der beiden Ge⸗ ſichter ein ſehr verſchiedener. Die Dame vom Rhein hatte mehr jenes ſchon erwähnte Gepräge der feinen geſelligen Bildung, welches aus dem gewählten Um⸗ gang und einer ſtets gleichartigen Beſchäftigung ent⸗ 10² ſpringt und wie ein unbeſchreiblicher Hauch manche Geſichter gleichſam mit einem künſtlichen Firniß über⸗ zieht, der einem natürlich gebildeten Menſchen nicht immer behagt, am wenigſten aber dem Künſtler zu⸗ ſagt. Mit dieſem Ausdrucke war eine ſcharf ariſtokra⸗ tiſche Färbung im Blick und namentlich in der Hal⸗ tung verbunden. Alwine Halling dagegen war kräf⸗ tiger, ſelbſtſtändiger, natürlicher, abgeſehen davon, daß ſchon ihre Formen entwickelter und gleichſam auch für das Auge des Malers künſtleriſch vollendeter waren. Statt jenes vornehmen Ausdrucks lag ein feiner zar⸗ ter Schmelz in ihren Augen, der das unausgeſprochene Leid im Herzen verrieth und eine unglaubliche An⸗ ziehungskraft, namentlich auf empfindſame Gemüther ausübt, beſonders wenn— wie hier— die Herzensbil⸗ dung mit der des Geiſtes gleichen Schritt gehalten hat. Der zweite Mittag ging in dem kleinen Häuschen wie der erſte hin. Der Gaſt hatte ſich keineswegs über ein zu kärgliches Mahl zu beklagen und wenn auch die Unterhaltung in Folge des vorher geführten ernſten Geſpräches nicht ſo heiter und unbefangen floß, wie am vorigen Tage, ſo war doch ein unausgeſpro⸗ chenes Bewußtſein auf beiden Seiten vorhanden, daß man ſich ſeit geſtern um ein Bedeutendes näher ge⸗ rückt ſei, was immer, wenn die Bekanntſchaft eine angenehme iſt, eine gewiſſe innere Behaglichkeit zur Folge hat, die auch hier aus den glänzenden Augen des Malers wie aus den befriedigten Blicken der Tochter des Pächters zu ſprühen ſchien. Am Nachmittage blieb man im Schatten des Wal⸗ des ſitzen, da die Hitze das Gehen und Bergſteigen beſchwerlich machte, und als Alwining aus irgend einem Grunde die Mutter und den zeichnenden Gaſt verließ, benutzte dieſer die Gelegenheit, um mit jener ein paar Worte zu reden, die ihm ſchon lange auf der Seele gebrannt hatten. „Frau Halling,“ ſagte er, die Hand. der ihn ver⸗ wundert anblickenden Frau faſſend,„es gefällt mir ungemein bei Ihnen und Ihrer Tochter, und es drängt mich, die Bitte auszuſprechen, mir zu erlauben, Sie ſo oft zu beſuchen, wie es geht, ſo lange ich in Ihrer Nähe lebe. Ich bin aus dem einzigen Grunde nach Rügen gekommen, um mich zu zerſtreuen, zu erheitern und nebenbei Stoff zu neuen Arbeiten zu ſammeln. Sehen Sie, alles dies habe ich bei Ihnen gefunden, und da ich nicht weit von hier auf dem Gute Grün⸗ thal hinter Stubbenkammer bei einem edlen Manne wohne, der mir volle Freiheit gewährt, meinen Nei⸗ gungen nachzugehen, ſo hindert mich wenigſtens nichts 104 daran, Sie recht häufig zu beſuchen, und es kommt nur darauf an, daß auch Sie damit einverſtanden ſind.“ Als Heinrich Markholm zu reden anfing, hatte die Frau den Kopf erhoben und aufmerkſam nach ihm hingewandt. Je weiter er aber ſprach, um ſo tiefer war auch ihr Geſicht geſunken und endlich hatte ſie den Zipfel ihrer Schürze erfaßt und war damit nach den Augen gefahren. Als er nun ausgeſprochen, ſchluchzte ſie laut und war ganz außer Stande, auch nur ein Wort auf ſeine herzlich vorgebrachte Rede zu erwidern. Einen ſo herben Schmerz durch dieſe ſo einfache Bitte hervorzurufen, hatte keineswegs in der Abſicht oder Erwartung des gutmüthigen Malers gelegen, und ſchon bereute er faſt, daß er ſo dringend geworden, als die Frau langſam den Kopf erhob und mit ihrer milden Stimme ſagte: „Ach Gott, ich habe ja gar nichts dagegen, daß Sie hierher kommen. Ich freue mich ſogar von gan⸗ zem Herzen, wenn ich einmal Menſchen finde, mit denen ich ſprechen und verkehren kann, was ich ſo ſelten nach meinem Gefallen habe thun dürſen. Aber was wird mein Mann ſagen, wenn er erfährt, daß Sie uns täglich beſuchen— und verſchweigen darf ich ihm das doch nicht?“ 6 2 105 „O, darum ängſtigen Sie ſich nicht, beſte Frau. Sollte ich einmal mit Ihrem Manne hier zuſammen treffen, ſo werde ich ihm meine Anveſenheit ſchon ge⸗ nügend erklären und ihn nöthigenfalls darüber beruhi⸗ gen. Ich verſtehe es, mit Männern umzugehen, die einen Eiſenkopf haben, denn ich habe etwas Aehnliches hier oben auf den Schultern ſitzen.“ Die Frau lächelte und ſchien durch dieſe Worte enthigt zu ſein. „Wann erwarten Sie denn Ihren Mann zurück?“ „Er kann jeden Tag kommen, wenn Weſtwind ein⸗ tritt, wenigſtens können keine Schiffe hier vor Anker gehen, wenn der Oſtwind ſcharf gegen die Küſte weht.“ „So ſo. In welchen Geſchäften iſt Ihr Mann außerhalb?“ „Das weiß ich nicht, Herr, und danach darf ich ihn ſelbſt nicht fragen. Aber er treibt Handel mit allen möglichen Dingen und beſitzt zwei Yachten, die weit herum zwiſchen Dänemark, Schweden und Deutſch⸗ land ſegeln.“ „Dann iſt er wohl auch ein vermögender Mann?“ 3. „Leider weiß ich das nicht, wie ich überhaupt nur ſehr wenig von ſeinem Treiben weiß. Doch, Herr, ich darf über ſolche Dinge mit Niemanden ſprechen 106 und ſo will ich es auch nicht mit Ihnen thun. Kom⸗ men Sie alſo, wenn Sie Zeit und Luſt dazu haben, zu uns; ich denke, mein Mann wird es mir nicht an⸗ rechnen, daß Sie der Zufall hierher geführt hat.“ Drittes Papitel. Das Gewitter. Als der Maler an dieſem Abend etwas früher als am vorigen Tage nach Hauſe kam, hatte er ſeinem Wirthe ſchon viel Ausführlicheres über die neue Be⸗ kanntſchaft mitzutheilen und nichts verhehlte er ihm, was gerade der Grund war, warum ihm Jener mit ungewöhnlichem Antheil zuhörte und gleich von vorn⸗ herein mit einer gewiſſen Parteilichkeit auf ſeine Seite trat. Er ſprach das zwar nicht mit beſonderem Nach⸗ druck aus, aber er geſtand es ſich ſelbſt ein und Hein⸗ rich Markholm merkte aus dem beweglichen Spiele ſeiner Mienen, daß er ſelbſt nicht tiefer dadurch in der Achtung Jenes geſunken ſei, weil er Intereſſe für ein armes Weſen bewieſen, das, von dem eigenen Vater auf eine unglaubliche Weiſe vernachläſſigt, allein 1098 auf ſich ſelbſt und den fraglichen Schutz einer macht⸗ loſen Mutter angewieſen war. „Es iſt gut ſo,“ ſagte Herr Brunſt endlich,„ſetzen Sie Ihre Beſuche bei den Leuten ruhig fort, Sie werden ja ſehen, was für ein Mann der Papa iſt, wenn Sie mit ihm zuſammentreffen. Ich ſehe noch immer nichts Verfängliches in der Bekanntſchaft und ein Mann wie Sie wird ſich eben ſo wenig zu tief in Verhältniſſe verſtricken, die er bei Weitem noch nicht ergründet hat, wie er ſich zu helfen wiſſen wird, wenn er in eine Enge gerathen ſollte. Doch das fürchte ich von Ihnen nicht. Fahren Sie nur fort, aufrich⸗ tig gegen mich zu ſein, und ſollten Sie dann in irgend einem Punkte meines Rathes bedürfen, ſo ſprechen Sie, Sie wiſſen ja, ich bin eine Art Advocat, der ſich einigen Ruf in der Schlichtung zweifelhafter Fälle er⸗ worben hat. So weit hiervon. Morgen will ich nach der Lenz; ich muß Melms ſprechen und will ſehen, wann er den Roggen zu ſchneiden anfängt. Hoffent⸗ lich begleiten Sie mich— Sie werden wohl einen Tag für mich übrig haben.“ Dieſe Aufforderung, mit einer Miend und einem Tone geſprochen, die keinen Widerſpruch zuließen, kam unſerm Freunde ſehr unerwartet und machte für den folgenden Tag einen dicken Strich durch ſeine Rech⸗ 109* nung. Indeſſen zögerte er keinen Augenblick, ſeine Begleitung zuzuſagen, und ſo begab man ſich zur ge⸗ wöhnlichen Zeit zur Ruhe. Um den größten Theil des nächſten Tages auf der Lenz zubringen zu können, hatte Alfred Brunſt den Wagen um acht Uhr beſtellt. Jochen war auch pünkt⸗ lich wie immer; als man aber einſteigen wollte, er⸗ ſchienen einige Leute aus der Umgegend, um den Guts⸗ herrn von Grünthal in ihren Angelegenheiten um Rath anzugehen. So verzögerte ſich die Abreiſe um mehr als zwei Stunden und Niemand wurde dadurch in größere Ungeduld verſetzt als unſer Maler. Er glaubte, der Tag, den er für ſeine Privatintereſſen verlor, würde ſchneller verfließen, wenn er erſt unterwegs wäre, und nun ſah er ſich auf längere Zeit zu unthätigem Warten verurtheilt. Zur Arbeit hatte er weder Luſt noch Ruhe und ſo lief er grübelnd und an ſeinen Wünſchen zehrend im Garten umher, bis die Stunde zur Abfahrt gekommen war. Endlich aber gingen die Bittſteller fort und Alfred Brunſt rief ſeinen Gaſt herbei, eilig den Wagen zu beſteigen, ehe noch andere Abhaltungen kämen, und ſo war man gegen elf Uhr unterwegs, um in ſchar⸗ fem Trabe der Lenz zuzueilen. So ſehr nun auf die⸗ ſem Wege Heinrich Markholm auch aufgelegt war, mit 4 110 ſeinem älteren Gefährten über das Thema des Tages, die Familie in der Kieler Schlucht zu ſprechen— Alfred Brunſt verrieth nicht die geringſte Neigung, dazu. In ſeiner gewöhnlichen ruhigen Art leitete er das Geſpräch auf naheliegende Gegenſtände, betrach⸗ tete mit Wohlgefallen die reifenden Getreidefelder und ſprach nur von den Hoffnungen einer ergiebigen Erndte, wobei er jedoch nur zu häufig ſein Auge im Stillen prüfend auf das geſpannte Geſicht ſeines Nachbars ge⸗ richtet hielt, was dieſer in ſeiner grübelnden Verſun⸗ kenheit nicht im Geringſten bemerkte. Man langte auf der Lenz gerade zur Zeit des Mittageſſens an und die Freude war groß auf beiden Seiten, als man ſich nach längerer Trennung wieder beiſammen fand. Nach Tiſche verfügten ſich die bei⸗ den älteren Freunde auf die Felder und beſprachen dort ihre Angelegenheiten in der gewohnten vertrau⸗ lichen Weiſe. Der Gutsherr von Grünthal fand ſeinen Nachbar bereit, die Erndte zu beginnen und auch er, erzählte er, wolle in den nächſten Tagen die Vorkeh⸗ rungen dazu treffen. Auch über andere Dinge tauſchten ſie noch ihre Meinungen aus, fanden ſich wie immer in Allem einig und verabredeten Mancherlei, was wir künftig vielleicht ebenfalls erfahren werden. Als ſie nach einigen Stun⸗ Brunſt plötzlich vor ſeinem Freunde ſtehen, legte die Hand an die Stirn, als beſänne er ſich auf etwas und ließ dann die Frage vernehmen: 4 „Sag' einmal, Carling, biſt Du ſchon auf dem neuen Kreidebruch an der Fahrnitz geweſen?“ „Nein,“ erwiderte dieſer gleichgültig,„es hat mich kein beſonderes Intereſſe dahin gezogen.“ „Der Pächter deſſelben, Halling mit Namen, iſt Dir alſo nicht bekannt?“ „Halling, Halling—! Nein, ich kenne ihn nicht, habe indeß irgend wo von ihm ſprechen hören, aber ich erinnere mich nicht genau, wo und was es war. Von Bedeutung war es gewiß nicht. Liegt Dir etwas daran.“ „Offen geſtanden, ja. Ich möchte über den Mann in's Klare kommen und einen tieferen Blick in ſeine Verhältniſſe werfen.“ Carl Melms ſann eine Weile nach, dann ſagte er: „O, das iſt ſehr einfach. Der Steueraufſeher Kreuzer in Crampas iſt mir genau bekannt und den werde ich gelegentlich danach fragen. Er kennt jede Maus, die am ganzen Oſtſtrande wohnt, und weiß auch in ihren Verhältniſſen Beſcheid.“ „Gut, das kann zu etwas führen,“ ſagte Alfred 112 Brunſt mit ſeinem alten ſchlauen Lächeln, während er vorher ſehr ernſt geweſen war.„Vergiß es nicht, mir liegt wirklich etwas daran— was und wie viel, ſollſt Du ſpäter hören. Sprich aber nicht in Gegenwart der jungen Leute davon. Wenn Kreuzer zufällig nichts Ge⸗ naueres wiſſen ſollte, mag er Erkundigungen einziehen.“ Carl Melms verſprach, dem Wunſche des Freundes zu genügen und ſo ſchritten ſie gegen Abend langſam nach Hauſe zurück.— Wie die alten, ſo waren auch die jungen Freunde zuſammen aus dem Hofe gegangen und hatten den ſchönen Lenzberg beſtiegen, um ſich an der köſtlichen Ausſicht zu laben. Hier auf der hochgelegenen Bank ſitzend, tauſchten ſie ihre Erlebniſſe aus und namentlich Willibald war reich an Worten, mit denen er das friedliche Glück pries, das ihm im Hauſe des braven Melms zu Theil geworden war. Er konnte nicht ge⸗ nug Thatſachen anführen, um ſeinem Freunde das herrliche Leben anſchaulich zu machen, welches er ge⸗ genwärtig führte. Von Spaziergängen über die Fel⸗ der und die herrliche Umgebung zurückkehrend, feſſelte ihn feine Arbeit ſtundenlang an den Schreibtiſch, und da ihm ſein Wirth auf das Bereitwilligſte ein Klavier aus Sagard beſorgt, hatte er allerliebſte Lieder com⸗ ponirt, deren Text er alten Rügianiſchen Volksweiſen H entnommen, die er von Melms erhalten. Abends ſtrich er gewöhnlich in Gegenwart deſſelben die Geige und ſeine Virtuoſität begeiſterte fort und fort den ſtillen Bewohner der Lenz, der ſeine Flöte darüber ganz ver⸗ geſſen hatte. Viel weniger redſelig erwies ſich an dieſem Tage der Maler; erſt als er dem Freunde ſein Begegniß im Kieler Grunde erzählte, was dieſem ein großes en gewährte, belebte er ſich auf ungewöhnliche oran indeſſen der ſtille Muſicus keinen Anſtoß nahm. Als dieſer aber endlich fragte, ob nun nicht bald die Zeit heranrücke, wo ſie von ihren gaſtfreien Wirthen Abſchied nehmen müßten, wurde Heinrich betreten, ſchwieg plätzlich ſtill und ließ endlich nur die Frage laut werden, was er ſelbſt darüber denke? „Ich darf gar nicht von einer Trennung reden,“ ſagte da Willibald fröhlich.„Herr Melms hat mir ein für alle Mal die Berühruug dieſes Punktes unter⸗ ſagt. Vor dem Herbſt, ſagte er geſtern noch, käme ich nicht von ihm fort und ein Gleiches hätten ſeine Freunde über Euch beſchloſſen, da ſie von vornherein auf einen längeren Beſuch gerechnet.“ Ueber die etwas matten Züge Heinrich Markholm's flog mit einem Male ein blitzartig triumphirendes Lächeln. Er umfaßte ſeinen Freund mit lebhafter Die Inſulaner. II. 8 114 Innigkeit und drückte ihm dadurch ſeinen herzlichſten Dank für dieſe Mittheilung aus, die ihm wie aus der Seele geſprochen war.„Mir gefällt es auch ſo gut auf Grünthal,“ ſagte er dann,„daß ich mich nur mit Schmerzen davon trennen könnte, und wenn es Guſtav ergeht wie uns, wollen wir gern dieſe ſeltene Gaſtfreundſchaft annehmen. Du haſt noch nichts von der Oehe gehört?“ „Kein Wort. Und das iſt ein gutes Zei ſagte Herr Melms heute Morgen noch. Wenn alte Herrr nichts ſchriebe, ginge es ihm wohl und ſomit auch unſerm Freunde.“ Nach dieſem Geſpräche ward Heinrich Markholm viel heiterer als vorher, und als man am Abend zu⸗ ſammen bei Tiſche ſaß, konnten Alle bemerken, daß ſeine Lebhaftigkeit in Grünthal nicht abgenommen habe, ein Umſtand, der am meiſten Alfred Brunſt auffiel, ihn aber mehr befriedigte als das Benehmen des jun⸗ gen Mannes am Morgen.„Der iſt aus ſeinem Di⸗ lemma heraus!“ ſagte er zu ſich.„Wie mag das ge⸗ kommen ſein? Nun, ich dachte es mir wohl, er hat dem Freund ſein Herz ausgeſchüttet und gerade in Vorausſicht dieſes günſtigen Ereigniſſes nahm ich ihn mit hierher. Man muß einen ſolchen jungen Tollkopf bisweilen zur Beſinnung kommen laſſen und das er⸗ 115 reicht man am beſten durch Pauſiren. Nun hat er einen ganzen Tag pauſirt und morgen kann er ſeine Studien von Neuem beginnen.“ Und als er das dachte, lächelte er herzlich vor ſich hin, ein Beweis mehr, daß er den Maler liebgewonnen und ſeinem Schickſal mit Antheil folgte, wie es ſeine beſondere Art in Bezug auf das Leben aller ihm Näherſtehen⸗ den war. Die Abendfahrt nach Hauſe wurde zur rechten Zeit angetreten, um Punkt zehn Uhr zu Bett gehen zu können.„Schlafen Sie wohl,“ ſagte Alfred Brunſt zu ſeinem Gaſte, als ſie ſchieden,„damit Sie morgen wieder friſch ſind und fleißig arbeiten können!“— Als aber der Maler Morgens Punkt ſechs Uhr völlig zum Ausritt angekleidet zu ihm in's Zimmer trat, wußte er, worauf deſſen Gedanken gerichtet waren, und als um ſieben Uhr der Schimmel vorgeführt ward, ging er mit ihm vor die Thür, drückte ihm die Hand und ſagte: „Nun reiten Sie raſch und holen Sie nach, was Sie geſtern verſäumt haben. Glück auf den Weg!“ Er hätte nicht nöthig gehabt, Heinrich Markholm dieſen wohlgemeinten Rath zu ertheilen. Dieſer ritt nnr langſam, ſo lange man ihn von Grünthal beobachten 8* konnte; dann aber ließ er den muthigen Schimmel tüchtig ausgreifen, ſo daß er ſchon in einer Viertel⸗ ſtunde in Stubbenkammer war, von wo er ſich ohne Aufenthalt nach der Waldſtelle begab, die eine ſo große Anziehungskraft für ihn beſaß. Wäre Heinrich Markholm von ſeinem Wirthe am vergangenen Tage nicht nach der Lenz geführt wor⸗ den, ſo hätte er wahrſcheinlich noch nicht eine Ent⸗ deckung gemacht, die ihm nun auf dem Wege nach dem Kieler Ufer klar werden ſollte. Der eine Tag, dieſe vierundzwanzig Stunden mehr in ſeinem Leben, die ihn von dem Häuschen daſelbſt fern gehalten, hatten ihn erkennen laſſen, wie werth ihm die Bewoh⸗ ner deſſelben bereits geworden waren. Solche Klar⸗ heit giebt dem leicht beweglichen Menſchenherzen nur die Trennung von dem, was es mit Neigung umfaßt, und darum iſt gerade ſolche Trennung für ein edles „Herz mehr ein treibender Stachel als was es im er⸗ ſten Augenblick zu ſein ſcheint, ein ſehr unwillkomme⸗ nes Hinderniß. So raſch wie diesmal hatte der Maler den über eine Stunde langen Weg noch nie zurückgelegt und merkwürdig genug ſchlug ſein Herz nur vor Freude dabei. Vor Freude, ſagen wir mit Bedacht, wenn ſich dieſelbe auch von ſelbſt zu verſtehen ſcheint, denn ſo 117 weit war er in ſeinem überaus ſchnellen Fortſchritte zu einem unausbleiblichen Ziele noch nicht gekommen, daß ein ernſtliches Nachdenken dieſe Freude gemäßigt oder gar getrübt hätte. Nein, Heinrich Markholm dachte noch nicht über die Urſache ſeiner heutigen Schnelligkeit nach und darum war ſeine Freude rein und klar wie der heitere Himmel, der auch heute über ihm lächelte und ſeinem Pfad mit dem Sonnenlichte des Glückes beleuchtete. Seine Uhr zeigte nach Neun, als er das Häus⸗ chen in der einſamen Schlucht vor ſich liegen ſah. O wie reizend nahm es ſich in dem Schatten der hohen Felswände aus, über den nur dann und wann goldene Streiflichter fielen, wenn die Sonne von laub⸗ reichen Bäumen nicht behindert, mit blitzendem Auge in ſeine kühle Tiefe ſchaute! Heinrich Markholm hielt eine Minute im Gehen inne, als er dieſen Anblick vor ſich hatte, ſein künſtleriſches Auge war eben ſo leicht erregbar wie ſein klopfendes Herz, und erſt nach⸗ dem er jenes geſättigt, gab er dem Verlangen dieſes nach und ſetzte ſeinen Weg haſtig bis zum Ende fort. Als er in die Küche des Hauſes trat, fand er Niemand vor; alsbald aber kam Mutter Halling aus dem wohlbekannten Stübchen und als ſie den jungen Freund erblickte, ſtieß ſie einen lauten Ruf der Ueber⸗ 118 raſchung aus, der diesmal ſchon mehr den Ton der Freude als der Angſt und Beſorgniß erkennen ließ. „O, o,“ rief ſie, ihm freundlich die Hand entge⸗ genſtreckend,„da ſind Sie ja wieder! Wo ſind Sie denn geſtern geweſen? Wir haben recht große Sorge um Sie gehabt.“ „Sorge?“ tönte es mit einem herzlichen Lächeln von den Lippen des jungen Mannes.„Warum denn?“ „Sie hatten ja nicht geſagt, daß Sie ausbleiben würden, und ſo konnten Sie ja ein Unheil erlebt haben.“ „Nein, Frau Halling, ſo leicht begegnet mir kein Unheil. Mein guter Wirth hat mich nur auf einen Tag in Anſpruch genommen und deshalb konnte ich nicht erſcheinen, ſo gern ich gekommen wäre.— Aber wo iſt Ihre Tochter?“ fragte er, indem er ſich im Zimmer umſchaute, in welches er mit der Mutter ge⸗ treten war. „Sie ſitzt am Strande und näht, um die friſche Seeluft zu genießen. Wollen Sie zu ihr gehen?“ Heinrich Markholm ließ ſich dieſe Frage nicht zweimal vorlegen. Haſtig nahm er ſeinen Hut wieder auf, bat ſich ſein Zeichenbuch aus und eilte damit nach dem Strande, um ebenfalls— die friſche See⸗ luft zu genießen. 1 Als er den Ausgang der Schlucht erreichte, ſah. 119 er auf einem der herangewälzten Steine die ſchöne Alwining ſitzen. Sie hatte zwar ihre Näharbeit auf dem Schooße liegen, aber weder ihre Hände noch ihre Gedanken waren damit beſchäftigt, letztere vielmehr ſchienen den Augen zu folgen, die träumeriſch über die unermeßliche See ſchweiften, als ſuchten ſie in ihrem trügeriſchen Spiegel das Bild der Zukunft zu erſpähen, das ſo oft vor uns zu ſchweben ſcheint, aber nie mit den ſehnſüchtig ausgeſtreckten Händen zu er⸗ reichen iſt. Das ſonſt ſo heitere, klare Geſicht Alwining's war diesmal wie von einer inneren Wolke beſchattet. Ihr glänzendes Auge blickte gleichſam hinter einem grauen Flor hervor und um ihren Mund zuckte ein ſchmerz⸗ liches Lächeln, als miſche ſich in ihrem Innern ſelt⸗ ſam genug ein unbeſtimmtes Weh mit einer geheimen Freude, die nur ſelten ihre Seele beſuchte, darum aber um ſo willkommener war, wenn ſie einmal erſchien. Heinrich Markholm war ſchon dicht an ſie heran⸗ getreten und konnte dieſen Zug erkennen, bevor ſie ihn erblickte; als dies aber endlich geſchah, fuhr ſie wie auf einem Schleichwege ertappt zuſammen und ließ einen unwillkürlichen Laut der Verwunderung und des Erſtaunens hören. „Guten Morgen, Fräulein Alwining!“ tönte es * 120 ihr da freundlich entgegen, ein dunkles Auge blickte voll in das ihrige und eine begrüßende Hand hatte ſchon die ihrige berührt, noch bevor ſie ihre in der Ferne ſich tummelnden Gedanken ganz geſammelt hatte. „Guten Morgen, Herr Markholm,“ ſagte ſie milde lächelnd und ſogleich ihre heitere Miene wieder an⸗ nehmend,„o, Sie baben mich beinahe erſchreckt, ich hörte Ihre Schritte nicht.“ „Sie müſſen mit Ihren Gedanken weit weg ge⸗ weſen ſein,“ fuhr er fort,„ich ſtand ſchon eine Weile neben Ihnen und getraute mich kaum, Sie zu ſtören.“ „Dennoch hätten Sie mir damit einen Gefallen gethan; meine Gedanken waren nicht die angenehm⸗ ſten und bei Weitem weniger angenehm als das Be⸗ wußtſein, daß ein Freund, den ich ſchon halb verloren gab, wieder an meiner Seite ſteht.“ „Warum denn,“ erwiderte der Maler, indem er ſich dicht neben ihr niederließ,„warum glaubten Sie mich nicht wiederzuſehen?“ Alwining ſchlug ihr großes Auge gegen ihn auf, als wolle ſie bis in die Tiefe ſeiner Seele blicken. „Wer konnte es wiſſen,“ ſagte ſie;„Sie hatten Ihren Beſuch geſtern beſtimmt zugeſagt und— Sie blieben aus. Konnten Sie Ihre Studien am Kieler Ufer nicht beendet haben?“ 121 „Aufrichtig geſagt, ich will ſie erſt recht beginnen, denn ich habe meinem inneren Triebe an dieſem ſchö⸗ nen Orte noch ſehr wenig Genüge gethan— aber davon wollen wir nachher ſprechen. Sagen Sie mir lieber— Sie erwarteten mich geſtern beſtimmt?“ „Den ganzen Tag, ja! Die Mutter dachte, es ſei Ihnen ein Leid widerfahren, und ich—“ „Nun, was dachten Sie?“ „Ich dachte, es wäre Ihnen vielleicht bei uns ge⸗ ſchehen und um mehr dergleichen zu vermeiden, hätten Sie einen andern Ort zu Ihren Arbeiten aufgeſucht.“ „Rein, nein, mir iſt keins von beiden geſchehen, das beweiſt Ihnen ſchon die Freude, mit der ich heute wiederkehre; ich war nur durch eine Pflicht von mei⸗ nem Gange hierher abgehalten, der ich mich nicht entziehen konnte.“ Das Geſicht des Mädchens heiterte ſich jetzt von Augenblick zu Augenblick mehr auf.„Das iſt mir angenehm zu hören,“ ſagte ſie,„denn gerade geſtern habe ich Sie eifriger denn je erwartet, da ich mir einen Aufſchluß über eine Sache erbitten wollte, die mich den ganzen Tag beſchäftigt hat.“ „Und welche Sache wäre das?“ „Sie iſt dort in Ihrem Buche enthalten, das ich D vielfach durchmuſtert habe.“ „Aha, ich errathe es— Sie haben das neue Portrait darin gefunden?“ „Ja, und mich um ſo mehr darüber gewundert, da ich nicht ahnte, daß Sie es vorgeſtern zeichneten. Aber warum haben Sie es zur Seite der ſchönen Dame angebracht, deren regelmäßige Züge ich ſchon früher bewundert habe?“ „Warum?“ fragte Heinrich Markholm und blickte der Pragenden feſt in's Geſicht, ob ſie nicht dennoch ſchon die Wahrheit errathen habe. Aber da er nicht fand, was er ſuchte, fuhr er fort:„Weil ich mit Vergnügen die Aehnlichkeiten und doch die Verſchie⸗ denheiten dieſer beiden Geſichter betrachte, und um ſie recht bequem vergleichen zu können, habe ich ſie beide neben einander gezeichnet.“ „Wen ſtellt jenes Portrait vor?“ „Eine Dame, der ich vor zwei Jahren auf einer Reiſe begegnete und die ich nur einen Tag ſah.“ „Und niemals wieder?“ „Niemals.“ „Wer iſt ſie?“ 3 „Das weiß ich nicht, ich konnte ihren Namen nicht erfahren. Gefa llt Ihnen das Geſicht?“ „Außerordentlich. Sie muß ſehr ſchön ſein.“ „In.„ ſagte der Maler,„ſchön war ſie, wenigſtens 1 123 erſchien ſie mir damals ſo, ſonſt hätte ich ſie wohl nicht mit ſolcher Vorliebe behandelt— jetzt aber—“ „Nun?“ „Aufrichtig geſagt, haben Sie ſelbſt ſie faſt ganz aus meiner Erinnerung verwiſcht und wenn ich an ſie denken will, tritt Ihr Geſicht vor jenes hin und ich kann beide kaum noch von einander unterſcheiden.“ „Finden Sie die Aehnlichkeit wirklich ſo groß? Ich finde das durchaus nicht.“ „Sie iſt ungewöhnlich und Sie würden es auch finden, wenn beide Geſichter mit Farben gemalt, ſtatt mit der Bleifeder gezeichnet wären. Sehen Sie, es iſt daſſelbe reiche, ſchöne blonde Haar, derſelbe wun⸗ dervolle und ſo eigenthümliche Schnitt der Augen— auch ihre reine, blaue Farbe iſt in beiden gleich, und was den Mund betrifft—“ Er hielt inne und ſah⸗ das ſchöne Mädchen er⸗ ſtaunt an, deren zart holdes Geſicht eine dunkle Röthe überzogen hatte, da die Beſchreibung des erregten Malers ihr keinen Zweifel übrig ließ, daß er ſie auch ſchön finde—„aber was iſt Ihnen?“ fuhr er fort. „Nichts, durchaus nichts. Und Sie haben dieſe Dame gewiß nie wiedergeſehen?“. „Nie, ich betheure es Ihnen. Ich fuhr nur auf, dem Dampfboot von Cöln bis Mannheim mit ihr 124 und unterwegs entwarf ich das Bild und nachher führte ich es aus.“ „Seltſam mag es ſein,“ ſagte ſie, im Stillen nach⸗ ſinnend,„aber es kommt wohl dergleichen vor. Doch — wollen Sie nicht noch einmal hinausfahren, um Ihre Skizze zu vollenden, die nicht vorgeſchritten iſt, da Sie davon abgewichen ſind?“ Der Maler ſtimmte bei. Das Boot wurde in's Waſſer gebracht und bald ſchwammen ſie wieder auf dem flüſſigen Elemente, das wie in den letzten Tagen ruhig auf und ab wogte, ohne von dem leiſeſten Winde in Bewegung geſetzt zu werden.— Heinrich Markholm brachte dieſen Tag in derſelben Weiſe wie die früheren, theils im Hauſe, theils im Freien zu und erſt zu der feſtgeſetzten Zeit nahm er Abſchied, um nach Grünthal zurückzukehren. Aber ſchon hatte ſich in ſeinen Gedanken über dieſen Tag ein kleiner Fortſchritt eingeſtellt, der auch auf ſeine Empfindungen nicht ohne Einfluß blieb.„Sie haͤt mich erwartet!“ ſagte er ſich und wiederholte dieſe Worte nur zu oft, da ſie ihm angenehmer klangen, als ihm lange etwas geklungen hatte.„O, auch ich gehe gern zu ihr,“ fuhr er dann fort,„aber ſeltſam genug nimmt meine Luſt zur Arbeit ab und ich möchte lie⸗ ber Stundenlang bei ihr ſitzen und gemüthlich plau⸗ dern, ihr in das blaue Auge ſchauen und weiter nichts, gar nichts denken, als das trockne Bleiſtift zur Hand nehmen.“ Aber aus dieſem Garnichtsdenken ſollte nun ein für alle Mal nichts wieder werden. Heinrich Mark⸗ holm hatte über Vieles nachzudenken begonnen und dieſes Nachdenken hatte ihn zur ernſteren Selbſtſchau geführt. Dies hinderte ihn jedoch nicht, ſeinen Be⸗ ſuch noch zwei oder drei Tage zu wiederholen, ja ihn mit größerem Eifer fortzuſetzen als früher, und immer ſehnſüchtiger, ungeſtümer eilte er dem ſtillen Orte zu und immer ſchwerer riß er ſich von demſelben los. Auf Befragen ſeines Wirths, ob er ſich noch im⸗ mer bei der ſchönen Einſiedlerin amüſire, antwortete er am letzten Abend, nachdem er vom Kieler Ufer zurückgekehrt:„Nein, Herr Brunſt, ich amüſire mich nicht mehr allein, um es Ihnen offen zu geſtehen. Das Mädchen hat ſogar meine höchſte Theilnahme erregt und ich kann die Stunde kaum erwarten, wo ich ſie wiederſehe.“ „Da haben wir's!“ dachte Alfred Brunſt.„Das habe ich lange vermuthet.— Und was denken Sie nun zu thun?“ fragte er mit ſeinem ſtillen, bedeu⸗ tungsvollen Lächeln. Der Maler dachte einen Augenblick nach, dann 126 ſagte er offen und ehrlich:„Zuerſt denke ich meine Beſuche fortzuſetzen und das Uebrige—“ „Nun, das Uebrige?“ „Soll mich für jetzt noch nicht kümmern.“ „Alſo Sie ſind conſequent?“ „Conſequent heißt bei mir ehrlich, Herr Brunſt; glauben Sie mir und befürchten Sie nichts.—“ Als ſie an dieſem Abend ſich trennten, ſagte Alfred Brunſt zu ſich:„Es iſt offenbar, er hat ſein Herz verloren, und nun wird es Zeit, daß ich mich ernſtlich darein miſche. Vielleicht bin ich ſchon zu ſaumſelig geweſen. Er lebt unter meinem Dache und iſt mei⸗ ner Obhut anvertraut. Ich hielt ihn doch für ſtärker und widerſtandsfähiger als er iſt. Nun iſt das Un⸗ heil geſchehen und wie ich ihn kenne, wird er ſchwer davon abzubringen ſein. Conſequent iſt er und ehrlich — ja ehrlich iſt er auch, das braucht er mir nicht zu ſagen, das ſteht in ſeinem Auge geſchrieben. Alſo bis morgen— morgen werde ich ihn mit einem Auf⸗ trage nach der Lenz ſenden und unterdeß ſelbſt nach dem Kieler Ufer gehen.“ Mit dieſem Vorſatze ſchlief Alfred Brunſt ein, aber mit einem anderen mußte er leider aufwachen. Denn als er ſich zur gewöhnlichen Zeit aus dem Bette erheben wollte, fühlte er ſich krank, er war von einem 127 gichtiſchen Schmerze in der Hüfte und im Fuße be⸗ fallen, der ihn ſchon öfter geplagt, und ſo konnte er nicht daran denken, den veſchloſſenen Beſuch abzu⸗ ſtatten. Da er aber nicht gern laut klagte, ſo ſagte er nichts von ſeinem Unwohlſein und ſo hielt er Hein⸗ rich Markholm auch nicht ab, um ſieben Uhr ſeinen gewöhnlichen Ritt anzutreten, da natürlich nun auch die Sendung nach der Lenz unterblieb. „Es iſt dies ein Strich durch meine Rechnung,“ ſagte ſich der Patient, als der Maler abgeritten war, „aber dergleichen begegnet dem Menſchen oft. Laſſen wir ihn alſo noch einmal ſeinen Beſuch wiederholen, morgen iſt auch noch ein Tag und ob ich nun einen Tag früher oder ſpäter die Leute ſehe, wird keinen Unterſchied ausmachen.“ So dachte er, aber auch er ſollte in ſeinen alten Tagen noch die Lehre empfangen, daß ein Tag oft hinreichend iſt, alle Entwürfe unnütz zu machen oder über den Haufen zu werfen, die der gebrechliche Menſch in ſeinem ſiegesgewiſeen Muth aufgebaut und von denen er ſich die glänzendſten Erfolge verſpro⸗ chen hat. Begleiten wir alſo noch einmal den Maler nach dem Kieler Ufer, der, über die Gegenwart die Zu⸗ kunft vergeſſend, glücklich und hoffnungsvoll einer 128 4 Entwicklung ſeines Schickſals entgegenging, die er ſich ſo bald noch nicht hatte träumen laſſen. Es war ein Sonnabend. Die bisher ſo anhal⸗ tende und in dieſem Lande ſo ſeltene Hitze hatte an dieſem Tage ihre höchſte Höhe erreicht. Unbeweglich und wie ermattet hingen die Blätter an den Zweigen und der wolkenloſe Himmel glühte in ſeiner vollſten Pracht über See und Land. Als Heinrich Markholm aber Stubbenkammer verließ, um in ſtürmiſcher Eile der einſamen Schlucht zuzuſchreiten, veränderte ſich plötz⸗ lich das Wetter. Die bisher ſo reine Bläue des Himmels ging allmälig in eine unbeſtimmtere Farbe über, die klare Luft verſchleierte ſich in der Ferne und von Weſten her wehte ein leiſer Wind heran, der zuerſt nur eine angenehme Kühlung, bald aber unbehagliche Froſtſchauer hervorrief. Heinrich Markholm, von ſeinen lebhaften Gefühlen ganz und gar beherrſcht und ſeine Gedanken auf ganz andere Dinge richtend, bemerkte dieſen Wechſel der Witterung kaum. Raſch ſchritt er auf den bekannten Pfaden dahin und nach fünf Viertelſtunden ſah er das Häuschen in der Schlucht vor ſich liegen. Als er eintrat, fand er Alwining allein im Hauſe, aber nicht mit ihrer gewöhnlichen Arbeit beſchäftigt, ſondern unruhig hin und her gehend, wie in einem 129 inneren Zwieſpalt befangen. Als ſie aber ihren Freund wiederſah— denn ihr Freund war er ja wirklich ge⸗ worden— heiterte ſich ihr Antlitz auf und ſie bot ihm freundlich wie jeden Morgen die Hand. „Wo iſt Ihre Mutter?“ fragte der Maler, nach⸗ dem er die erſten Worte der gewöhnlichen Begrüßung mit ihr gewechſelt hatte. „Sie iſt oben auf der Klippe,“ ſagte Alwining mit der ihr eigenthümlichen Kürze, die ihren Grund in ihrem beſtimmten Weſen und ihrem feſt ausge⸗ prägten Charakter hatte. „Auf der Klippe? Was thut ſie denn ſo früh da oben?“ „Sie ſchaut nach dem Meere aus, wir haben Weſt⸗ wind bekommen, Herr Markholm.“ „Und was thut das?“ fragte der Maler verwundert. „Es werden heute viele Schiffe vom Norden her⸗ einkommen,“ fuhr Alwining den Kopf ſenkend fort, „ſo meint wenigſtens meine Mutter, die ſchon lange dieſen Wechſel der Witterung, wenn nicht gefürchtet, doch ziemlich ſicher erwartet hat.“ Der Ernſt in der Miene des Mädchens, als ſie dies ſprach, und die beinahe traurige Senkung der Stimme klärte plötzlich den Maler auf. Er fuhr mit der Hand durch ſein üppiges Haar und lief ſich un⸗ Die Inſulaner. II. 130 willkürlich auf einen Stuhl nieder.„Das heißt,“ ſagte er,„Ihre Mutter erwartet ihren Mann und Sie— Ihren Vater?“ „Ich erwarte ihn nicht, nein; ja, ich erwarte ihn nie. Wenn er kommt, iſt er da.“ Aber Sie freuen ſich auch nicht darauf?“ 7,* — „Ich wüßte keinen Grund, warum ich mich dar⸗ über freuen ſollte.“ In dieſem Augenblick öffnete Jemand von Außen die Thür und Frau Halling trat mit geröthetem Ge⸗ ſicht in die Stube. Sie war mit Schweiß bedeckt und ihre Beine zitterten von der Anſtrengung, die ihr das Bergſteigen verurſacht. Der junge Mann begrüßte ſie und bemerkte dabei ſogleich, daß der frühere ängſtliche Ausdruck ihres Geſichts auf der Stelle wiederkehrte, als ſie ſeiner anſichtig ward. „Haſt Du Schiffe geſehen?“ fragte Alwining mit forſchendem Blicke. „Sehr viele, mein Kind, aber ſie ſind noch ſehr weit entfernt.“ „Herr Markholm,“ wandte ſich Alwining plötzlich zu dem Gaſt,„wollen wir auch einmal die Klippe be⸗ ſuchen und meiner Mutter Ausſchau fortſetzen?“ Augenblicklich erheiterte ſich der Letzteren Geſicht und als der Maler der Aufforderung beiſtimmte, 131 holte ſie ſelbſt, ſo müde ſie war, ein Tuch herbei, welches ſie der Tochter mit auf den Weg gab. Bald darauf hatten die beiden jungen Leute das Haus im Rücken liegen. Als ſie an den Strand hinaustraten, war der Maler betroffen von dem Wech⸗ ſel, der ſich in ſeiner nächſten Umgebung und auf der See darſtellte. Die glatte, ſchimmernde, blaue Ober⸗ fläche derſelben war verſchwunden und eine ſtahlgraue unruhige Wüſte thürmte ſich majeſtätiſch vor ihm auf, ſchaumgekrönte Wogen heran und wieder fortwälzend, die hochaufſpritzend über die Felsblöcke am Strande tosten und ein dumpfes Brauſen ertönen ließen, daß die menſchliche Stimme wie ein ohnmächtiges Wim⸗ mern dagegen erklang. Da wo die jungen Leute ſtanden und auf die wilde Scenerie blickten, hatten ſie noch Schutz gegen den Wind, der von Südweſten daherſchwoll, nur auf der Höhe der Klippen beugten ſich die Sträucher zit⸗ ternd über den Abgrund und ſelbſt die vollen Laub⸗ wipfel der alten Buchen ſchüttelten ihre ehrwürdigen Häupter, als wunderten ſie ſich über den ungeſtümen Wechſel, der ſo plötzlich über den ſchönen Sommertag bereingebrochen war. „Das iſt wieder ſehr ſchön und majeſtätiſch anzu⸗ ſchauen,“ ſagte Heinrich Markholm mit lauter Stimme 9* 13² zu ſeiner Gefährtin, die ruhig neben ihm ſtand und mit geſpannter Miene auf den viel enger gewor⸗ denen Horizont hinausblickte.„Aber bei dieſem Wet⸗ ter können doch keine Schiffe ſich dem Lande nähern?“ „O ja,“ erwiderte das Mädchen, ebenfalls ſeine klare Stimme erhebend,„das iſt gerade der rechte Wind, den die Schiffer lieben, um an die Küſte zu gelangen. Wenn Sie Luſt haben, die Klippe hier zu beſteigen, ſo werden Sie ſie zu Dutzenden aus der Ferne heranſegeln ſehen.“ „So ſteigen wir denn hinauf!“ rief Heinrich Markholm und wollte ſchon ſeinen Fuß auf den kahlen Pfad ſetzen, der über den ſchmalen Kreidekamm zu. der ſteilen Höhe hinanführte, als er ſich plötzlich von der Hand Alwining's gehalten fühlte. Er blickte ſie fragend an, da er nicht wußte, warum ſie ihn noch zurückhielt. „Herr Markholm,“ ſagte ſie mit leuchtendem Auge, „es iſt ſehr windig und da oben bläſt es noch ſtärker als hier. Der Pfad hier hinauf iſt gefährlich, Sie haben ihn noch nie betreten.“ „Ich ſollte meinen,“ antwortete er,„Sie hätten meine Kletterfertigkeit hinreichend erprobt. Aber für Sie möchte allerdings dieſer glatte Kreidefels bei dem Winde zu ſchwer zu erſteigen ſein.“ 133 Das Mädchen lächelte und ſchüttelte dann den Kopf, als ſchätze es dieſe Gefahr nur ſehr gering. „Nein, nein, um mich ſeien Sie nicht beſorgt, mein Fuß tritt ſicher auf, ich bin kräftig und habe dieſen Weg ſchon oft bei ſtärkerem Winde zurückgelegt. Nur gehen Sie voran, doch übereilen Sie ſich nicht.“ Heinrich Markholm nahm einen kurzen Anlauf und bald ſtand er mitten auf dem Kamm, deſſen Pfad kaum einen Fuß breit iſt und deſſen beide Seiten⸗ flächen wie mit dem Meſſer abgeſchnitten ſteil in die Tiefe ſtürzen. Als er ungefähr auf die Mitte ge⸗ langt war, wollte er ſich umdrehen und nach Alwining ſehen, aber da empfand er, daß ſie Recht gehabt, als ſie den Weg gefährlich nannte. Auf dem ſchmalen Stege fand er keinen Haltpunkt, weder für ſeine Füße noch für ſeine Hände, und mit beiden Armen ba⸗ lancirend, hatte er genug zu thun, ſich bei dem hef⸗ tigen Anprall des Windes vor dem Herabfallen zu bewahren. So ſtand er denn nur einen Augenblick ſtill, wagte weder links noch rechts zu ſehen und rief nur mit lauter Stimme zurück:„Sind Sie da, Alwining?“ „Ich bin da,“ lautete es zurück,„vorwärts!“ Nach wenigen Minuten hatte er die Höhe erreicht und hinter einem Gebüſch feſten Fuß gefaßt. Hier 134 wandte er ſich ſchnell um, reichte der bald Nachkom⸗ menden die Hand und zog ſie freudig bewegt an den ſicheren Ort. „Da ſind wir,“ ſagte er, faſt keuchend,„das war in der That nicht leicht.“— „Nein,“ erwiderte ſie hoch aufathmend,„aber wir müſſen noch weiter, wir haben erſt die Hälfte hinter uns. Doch nun wird es leichter. Gehen Sie.“ Heinrich Markholm ſprang rüſtig voran. Alwining, mit der einen Hand ihre Röcke faſſend, mit der au⸗ dern balancirend, folgte ihm faſt eben ſo raſch, und als ſie erſt die obere Fläche der Felſen erreicht hatten, ſchritten ſie langſam neben einander her, der klopfenden Bruſt Ruhe gönnend und darum ſchweigend. „Wir können uns noch nicht ſetzen,“ ſagte der Maler nach geraumer Zeit,„wir ſind noch zu warm. Laſſen Sie uns ein wenig dieſen Pfad unter den Bäumen verfolgen und ein Plätzchen ſuchen, wo wir gegen den Wind geſchützt ſind.“ „O, ich weiß ein ſehr ſchönes, aber gehen wir erſt, doch nicht zu weit, damit man uns nicht vom Kreide⸗ bruch ſieht. Die Arbeiter meines Vaters ſind rohe Leute und möchten ſich überflüſſige Späße erlauben, wenn ſie mich mit einem Fremden hier oben wandeln ſähen.“ „So führen Sie mich ſelber,“ ſagte der Maler, der 135 lieben Gefährtin ſeinen Arm bietend, den ſie freundlich dankend annahm. Alwining führte nun ihren Freund auf einen der höchſten Punkte des Kreidefelſens, der ſich über dem Kieler Ufer erhebt, und bald gelangte ſie auf eine breite Platte, die rings von ſtämmigen Buchen um⸗ geben und außerdem von dichtem Gebüſch gegen den Anprall des Windes und etwaige neugierige Blicke geſchützt war.„Hier,“ ſagte ſie, auf eine rieſige Buche deutend, deren unterſter Stamm wie ein Lehnſeſſel geformt und vor dem eine Art Raſenbank von mit Moos überwucherten Baumwurzeln gebildet war,„hier iſt mein Lieblingsplatz, hier wollen wir uns ſetzen, denn durch dieſe Lücke können wir die See weit nach allen Seiten überblicken.“ Sie hatte Recht. Zwei mit ihren Wipfeln weit über den Abgrund nach dem Meere hängende Buchen ließen durch einen Zwiſchenraum ihrer Blätter den Blick in die blaugraue Ferne frei und gewährten zu⸗ gleich Schutz gegen den Wind, der wieder etwas nachgelaſſen zu haben ſchien. Tiefe Stille herrſchte hier oben unter den ſchattigen Bäumen, höchſtens krächzte ein aufgeſcheuchter Raubvogel zwiſchen den Klippen, und das Brauſen des aufgewühlten Meeres drang nur wie ein leiſe dröhnendes Gemurmel zu der bedeutenden Höhe hinauf. An dieſem von aller Welt abgelegenen Orte, den düſter gewordenen Himmel über ſich, das ſchäumende Meer unter ſich, um ſich das Sauſen in den blätter⸗ reichen Wipfeln, erfaßte Heinrich Markholm in Gegen⸗ wart des ſo ſchönen und ihm ſchon ſo theuer gewor⸗ denen Mädchens ein poetiſcher Schauer und wie durch den Wunderſchlüſſel der Natur geöffnet, that ſich ſein Herz weit auf, ohne daß weder eine Störung von Außen, noch eine Rückſicht von Innen die geheimniß⸗ volle Wallung ſeiner Seele hemmte. „Alwining,“ ſagte er, die Hand des Mädchens faſſend, das dicht neben ihm auf dem Moosteppich ſaß,„einen ſolchen Anblick und in ſolcher abgeſchiedenen Einöde habe ich noch nie gehabt. Mir iſt hier wunderbar zu Muthe und wenn ich mich frage, was ich empfinde, ſo muß ich bekennen: es iſt ein nie geahntes ſeliges Gefühl, für das ich augenblicklich keinen Namen weiß.“ Die Angeredete wendete ihren leuchtenden Blick voll auf ſein ausdrucksvolles Geſicht, aus dem eine unverkennbare Ehrlichkeit und Redlichkeit ſtrahlte, aber ſie lächelte ſchmerzlich dabei und ſagte kein Wort. „Fühlen Sie ſich hier nicht ſo glücklich wie ich?“ fragte er weiter mit ſteigender Herzlichkeit. „Ich weiß nicht, ob ich es darf,“ antwortete ſie. „Ich finde es allerdings ſehr ſchön in dieſer wild ro⸗ 12 mantiſchen Gegend, aber es gehört noch mancherlei Anderes dazu, wenn man ſich dabei glücklich fühlen ſoll.“ „Freilich. Man muß Gefährten und Freunde um ſich haben, und die fehlen Ihnen, nicht wahr?“ „Sie fehlen mir ſehr und bis vor Kurzem habe ich ſie nicht ſo entbehrt, wie ich ſie entbehren werde, wenn Sie aus dieſer Gegend geſchieden ſein werden.“ Im Innern des Malers ſtieg ein maaßloſes ge⸗ heimes Entzücken auf.„Alſo,“ fuhr er fort,„ich darf ſo dreiſt ſein zu fragen: Sie werden mich vermiſſen, wenn ich gegangen ſein werde?“ „Beantworten Sie ſich das ſelber. Ich komme hier mit Niemanden auf der Welt in Berührung und ſo iſt es kein Wunder, daß ich große Freude empfinde und Gott dankbar dafür bin, wenn ich ein⸗ mal eine theilnehmende Seele gefunden habe, mit der ich reden kann, wovon ein menſchliches Herz ſo gern ſpricht. Aber Sie ſprechen vom Fortgehen— wird das bald geſchehen?“ „Ich weiß es nicht, das hängt von dem trefflichen Manne ab, bei dem ich in Grünthal zu Gaſte bin.“ „Wie heißt er?“ „Alfred Brunſt, ein edler, hochherziger und hoch⸗ begabter Mann.“ „Wie glücklich ſind Sie, mit ſolchen Leuten ver⸗ 138 kehren zu können! Ich entbehre ſchmerzlich jeden Um⸗ gang ſeit zwei Jahren.“ „Sie haben doch aber eine zärtlich um Sie be⸗ ſorgte Mutter?“ „Die habe ich noßh, Gott ſei Dank, ja, aber— laſſen Sie mich 9* bekennen— ihr Gram iſt zu groß, als daß ſie an meſſlen Glücke Theil nehmen könnte, wenn ich ein ſciches⸗ i in dieſer Einſamkeit wirklich finden und empfinden ſollte.“ Der Maler ſchwieg, von innerſter Theilnahme be⸗ wegt, aber er wollte„kicht weiter nach dem Grame der Mutter fragen, den er ſich nach Allem, was er im Hauſe geſehen und gehört, ſo ziemlich zu deuten wußte. Plötzlich dagegen draiigen, faſt ohne ſein Wiſſen und Wollen, die Worte heraus:„Sollte ſich Ihr Schickſal nicht auf irgend eine, Weiſe anders geſtalten laſſen?“ „Wie könnte das geſchehen, ich ſehe keine Mög⸗ lichkeit dazu ein.“ 4 Heinrich Markholm ſchwieg wieder. Er dachte an ſeinen Wirth, an deſſen edles Herz und ſeine Men⸗ ſchenfreundlichkeit. Weun er ihm Alwining's Geſchick ſo recht eindringlich vorſte llte, ſollte der erfahrene und unternehmende Mann nicht irgend eine Hülfe, einen günſtigen Wechſel herbeiführen können? „Man kann nicht wiſſen, was möglich iſ,“" ſagte 139 er endlich.„Erlauben Sie mir denn, daran zu den⸗ ken, wie Ihnen geholfen werden könnte?“ Alwining verſtand ihn nicht recht; ſie ſah ihn groß an, aber auf ſeinen edlen Zügen lag der Ausdruck einer ſo rückhaltsloſen Treuherzigkeit, daß ſie ihm un⸗ bedingt Vertrauen ſchenkte.„Warum ſollte ich Ihnen das nicht erlauben,“ entgegnete ſie mit halb geſenktem Kopfe,„nur weiß ich nicht, wie ich Ihnen ſchon für Ihren guten Willen dankbar ſein ſoll.“ „Schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen,“ fuhr er lebhaft fort,„und Ihre vollkommene Freundſchaft — das Uebrige wird ſich finden.“ „Mein Vertrauen beſitzen ſie ſchon und meine Freundſchaft— könnte Ihnen daran gelegen ſein?“ „Darauf habe ich keine Antwort!“ rief er, ihre Hand feſt in die ſeine drückend.„Wenn Sie das nicht fühlen, nicht ahnen— ſagen kann ich es Ihnen nicht, wenigſtens jetzt noch nicht.“ Beide ſchwiegen eine Weile.—„Ach, wir ver⸗ geſſen die Schiffe!“ rief Alwining plötzlich, von ihrem Platze aufſpringend, vielleicht nur, um durch eine Be⸗ wegung ihrem Herzen Luft zu machen, das zu voll, zu heiß in dieſem Augenblicke ſchlug. Heinrich Markholm folgte ihr auf dem Fuße und ſchaute auch nach der See hin, worauf ſie ihre Augen 140 gerichtet hatte.„Da ſehen Sie,“ rief ſie,„wie viele Schiffe zählen Sie?“ Der Maler zählte mit ſeinen ſcharfen Augen ſieben. „So viel zähle ich auch,“ ſagte ſie,„aber keins von allen ſegelt hier heran, auch ſind ſie zu groß, um Küſtenfahrer zu ſein.“ „Wie groß iſt Ihres Vaters Yacht?“ „Er hat zwei, von ziemlicher Größe. Beide ha⸗ ben braune getheerte Segel und blaue Wimpel auf dem Maſt.“ „Iſt ſonſt noch ein beſonderes Kennzeichen daran?“ „Daß ich nicht wüßte. Doch ja, ſie ſind ſchwarz und haben unter dem Borde einen breiten weißen Strich. Die eine heißt Petronella, wie meine Mut⸗ ter, und die andere Simeon, wie mein Vater.“ „Denken Sie, daß er heute kommt?“ „Es iſt möglich, meine Mutter hält es für wahr⸗ ſcheinlich und darum ängſtigt ſie ſich.“ „Aber warum denn? Iſt Ihr Vater ſo ſchrecklich?“ Alwining ſchwieg, ſie hatte ein Wort auf der Lippe, aber ihr Vertrauen zu ihrem Freund war noch nicht groß genug, um es ausſprechen zu können. „Antworten Sie mir!“ ſagte Heinrich Markholm dringend. „Nein, ſchrecklich iſt er nicht, aber hart und jäh⸗ 141 zornig, und meine Mutter fürchtet, er könne ſie bitter tadeln, wenn er zufällig Beſuch bei uns fände.“ „O, iſt es das?“ rief der Maler.„Weiter nichts? Dann hegen Sie keine Beſorgniß. Mich ſoll er nicht finden. Sobald wir ſein Schiff kommen ſehen, ent⸗ ferne ich mich, um ſpäter ſeine Bekanntſchaft zu ma⸗ chen, wenn er zu Hauſe iſt.“ „Wollen Sie wirklich mit ihm bekannt werden?“, fragte Alwining mit leiſe zuckenden Lippen. Heinrich Markholm ſah ihr freundlich, beinahe liebevoll in die Augen und ſagte dann ehrlich und offen, wie er es einem ſolchen Mädchen gegenüber ſeiner innerſten Natur nach nicht anders ſein konnte: „Ja, Alwining, ich will und muß ſeine Bekanntſchaft machen— wie ſollte ich Ihnen denn ſonſt helfen kön⸗ nen? Oder glaubten Sie, ich wollte etwas hinter ſeinem Rücken für oder gegen Sie unternehmen?“ Alwining begriff ſeinen Edelmuth vollkommen und ſchloß ihn darum nur um ſo tiefer in ihr Herz. Jetzt ergriff ſie dankbar ſeine Hand und indem ſie ſie herz⸗ lich drückte, ſagte ſie:„Nun wohl, machen Sie ſeine Bekanntſchaft, aber was Sie auch unternehmen mögen, waffnen Sie ſich mit Muth und Kraft, Sie könnten vielleicht beides gebrauchen.“ Unſer guter Maler wurde durch dieſe Worte etwas 142 hart betroffen, doch nur für den erſten Augenblick; dann hatte er ſeine natürliche Kaltblütigkeit wieder zuſammengerafft, ſein Herz, voll von raſch wachſender uneigennützigſter Neigung, ſchwoll höher auf und er war auf Alles gefaßt, was ihm das Schickſal von dieſer Seite her in den Weg werfen konnte. Erſt kurz vor Mittag verließen die beiden jungen Leute ihren anmuthigen Sitz unter der Buche auf der Klippe und ſtiegen den gefährlichen Steg nach der Schlucht hinab. Der Wind hatte um dieſe Zeit be⸗ deutend nachgelaſſen, aber die Luft war wieder um ſo ſchwüler und die Hitze um ſo drückender geworden. Im Hauſe erwartete ſie Frau Halling ſchon mit dem Mittagbrod und hörte zu ihrer größten Befriedigung, daß weit und breit keine Küſtenſchiffe zu ſeben ſeien. So ſetzten ſich denn Alle am⸗ Tiſche nieder und ſpeiſten ihr einfaches Mahl, das ſtiller als gewöhnlich verlief, da Jedes von ihnen ſeine eigenen Gedanken verfolgen mochte. Als ſie mit dem Eſſen fertig waren, verließen die jungen Leute wieder das Haus, um nach dem Strande zurückzukehren und, wie ſie ſagten, ihre Beobachtungen bezüglich der Schiffe fortzuſetzen. An's Zeichnen dachte Maler der nicht mehr, ſein Kopf war mit ganz ande⸗ 143 ren Studien beſchäftigt als um derenwillen er früher dieſe Strandgegend aufgeſucht hatte. In leiſes Ge⸗ ſpräch verſenkt, verfolgte er mit ſeiner Begleiterin ver⸗ ſchiedene kleine Gehirgspfade auf der entgegengeſetzten Seite der Felſen, die ſie am Morgen beſtiegen, und von Zeit zu Zeit ließen ſie ſich an einem einladenden Plätzchen nieder, wie es deren dort unzählige giebt, um immer wieder das herrliche Schauſpiel zu genießen, das die See bietet, wenn ein ſtürmiſches Wetter ausgetobt hat und nun die aufgeregten Wogen noch mit ſich ſelber im fruchtloſen Kampfe liegen. Schiffe ſahen ſie genug, alle aber ſchienen fernab an der Küſte vorbeizugehen und nichts veranlaßte ſie zu glauben, daß eine der Nachten des Pächters noch an dieſem Tage die Kieler Bucht anlaufen würde. So verging ihnen der Nachmittag, ohne daß ſie die Flüchtigkeit der Zeit merkten, die unter ſolchen Umſtänden doppelt geflügelt erſcheint. Alwining war die Erſte, die daran dachte, daß der Abend nahe ſei, aber ſie wollte es nicht ſagen, da ſie ihren Freund nur zu bald zu verlieren fürchtete. Allein die äußeren Vorgänge auf der See und über ihnen am Himmel führten endlich auch Heinrich Markholm auf denſelben Gedanken und er ſprach ihn damit aus, daß er ſeine 144 Begleiterin auf die ſchnell hereinbrechende Dämmerung aufmerkſam machte. Es war indeſſen nicht ſowohl der Abend, der dieſe Dämmerung ſo frühzeitig brachte, als ein heranziehen⸗ des Gewitter, deſſen langſame Entwicklung die beiden jungen Leute allerdings nicht bemerken konnten, da ihnen der Anblick des ganzen weſtlichen Horizontes entzogen war. Allmälig und immer noch langſam fortſchreitend batten ſich ungeheure Wolkenmaſſen im Weſten geſammelt und ſchickten ſchon ihren düſteren Vortrab bis weit über die See hinaus, deren Wogen ſich dunkler und dunkler färbten, bis ſie zuletzt faſt ſchwarz wurden, was einen unheimlichen Contraſt mit den ſchäumenden Kämmen bildete, die ſchneeweiß auf und nieder tanzten und ein phosphoriſches Leuchten blicken ließen. Dabei ging die See in der Ferne hohl und ein unheimliches Brauſen quoll durch die Lüfte, als wüthe das Ungethüm des nahenden Sturmes ſchon in der Tiefe und warne die Schiffe, die zu nahe dem Lande ſegelten. Allmälig auch erhob ſich der Wind wieder, peitſchte ſtoßweiſe die Waſſerwogen auf, daß ſie wie ſprühende Staubwirbel ſich erhoben und endlich wie jagende Renner dahinſchoſſen, denen der weiße Giſcht kochend und ſchäumend vom Buge trieft. „Sehen Sie,“ ſagte Alwining plützlich, auf die — 145 wildbewegte See und den düſteren Himmel deutend, „das ſieht ſchlimm aus und Sie werden heute einen unangenehmen Rückweg haben.“ Heinrich Markholm ſchaute mit ſichtbarem Ent⸗ zücken auf das wilde wogende Chaos vor ſich, jede Phaſe beobachtete er mit ſcharfem Auge, denn jeder einzelne Wechſel gab ihm Nahrung für ſeinen poetiſch ſchaffenden Geiſt.„O,“ ſagte er, ohne die Augen auf Alwining zu wenden, die ihn mit beſorgter und verſtohlener Innigkeit betrachtete,„an den Rückweg denke ich noch nicht, ich bin ja noch hier. Solch' ein Schauſpiel giebt es ſo bald nicht wieder zu ſehen und gerade das iſt etwas für meine Kunſt. Sehen Sie nur.“ „Ich ſehe Alles— aber die Zeit iſt flüchtig und in einer halben Stunde werden Sie ſich zu Ihrem Aufbruch rüſten müſſen.“ „Schon ſo bald? O, dann bleibe ich eine Stunde länger— ich bin nicht ſo ſtreng an die Zeit gebun⸗ den. Wenn Sie wüßten, wie gern ich bei Ihnen weile—!“ Alwining wußte es ſchon und ſie ſtimmte ihm ſtillſchweigend bei und ſo ſaßen ſie wieder lautlos neben einander, nur ihren Augen und Gedanken die vollſte Freiheit gewährend.. 4 Die Inſulaner. II. 10 146 Aber dies Vergnügen ſollte die längſte Zeit ge⸗ dauert haben. Frau Halling, deren geheime Angſt wuchs, je auffallender die Finſterniß wurde und je länger Alwining im Freien blieb, konnte ihre Unruhe nicht länger bemeiſtern und kam ſelbſt an den Strand, um zu ſehen, wo die jungen Leute ſo lange blieben. Sie fand ſie ſtill bei einander auf einem mit Moos überzogenen Steine unter einer Buche hoch oben auf dem Felſen ſitzen, ſobald ſie ſie aber rief, kamen ſie herunter und geſellten ſich zu ihr. „Es giebt ein Gewitter,“ ſagte die Frau, indem ſie dabei ihren Gaſt bedeutungsvoll anſah, als hätte ſie ihn damit an ſeinen Heimgang erinnern wollen; „in der Schlucht ſieht es ganz grauſig aus und in den Stuben kann man ohne Licht nicht mehr leſen.“ „Wir haben es ſchon lange vermuthet,“ erwiderte der Maler gelaſſen, ohne im Geringſten durch jene Worte zur Eile getrieben zu werden. „Es wird ein ſtarkes Gewitter geben,“ fuhr Frau Halling fort. „Das wird es gewiß,“ bemerkte Heinrich Markholm, „und wir wollen lieber in's Haus gehen.“ Eilig ſchritt man demſelben zu und nun glaubte Frau Halling den Augenblick gekommen, wo Herr Markholm ihnen Lebewohl ſagen wuͤrde. Aber ſie 147 irrte ſich. Herr Markholm dachte nicht an den Ab⸗ ſchied, eine unbeſiegliche innere Gewalt feſſelte ihn an den Ort ſeines Aufenthalts, ohne daß er ſich ſelbſt darüber Rechenſchaft abgelegt hätte. Frau Halling ging unruhig im Zimmer hin und her und warf bald auf den jungen Mann, bald auf ihre Tochter einen fragenden Blick. Aus dieſer letz⸗ teren aber konnte ſie heute gar nicht klug werden, wenigſtens ſchien dieſelbe nicht wie ſonſt ihre Blicke zu verſtehen. Ernſt, gefaßt, wie ihr Charakter es mit ſich brachte, ſchaute ſie auf jenen Blick wiederum die Mutter an und als dieſe den ungebeugten Muth und die unbeſiegliche Seelenkraft ſah, die aus ihrem ſchö⸗ nen Angeſicht ſtrahlte, wurde ſie ſelbſt wieder etwas ruhiger. Da nahm endlich Heinrich Markholm Hut und Stock.„Mein Buch laſſe ich hier, wie gewöhnlich,“ ſagte er, zu Alwining ſich wendend,„ich zeichne zu Hauſe doch nicht und möchte es nicht gern naß wer⸗ den laſſen. Ich werde mich beeilen müſſen, noch vor dem Ausbruch des Gewitters nach Stubbenkammer zu gelangen. Leben Sie wohl, Frau Halling, bis mor⸗ gen! Gute Nacht, Alwining!“ Er hatte die Hand der Letzteren noch gefaßt, als der Aufruhr der Elemente, der lange gedroht, plötzlich 10* 8— 148 ausbrach. Es wurde faſt ganz Nacht rings um das Haus her, denn eine rieſige rabenſchwarze Wolke hatte ſich über die ſchmale Schlucht gebreitet und deckte ſie wie mit einem Trauermantel zu. Zugleich fegte ein heulender Windſtoß von Weſten her darüber hin, es krachte in den Wipfeln der Bäume, und Zweige und Blätter, von ihren Stämmen und Stielen losgeriſſen, wirbelten durch die Lüfte, praſſelnd hier und da nie⸗ derſtürzend und ringsum Schrecken verbreitend. Mit dieſem Windſtoß zuſammen ziſchte ein violettgefärbter Blitz aus der Wolke hernieder, dem ein mehr krachen⸗ der als rollender Donner auf dem Fuße folgte. Die drei Menſchen ſtanden mit ſtockendem Athem zuſammen, als ſie dieſen Blitz ſahen und dieſen Don⸗ ner hörten, und ſprachen anfangs kein Wort vor Schreck. Alwining war die Erſte, die ſich ermannte, und dem Freunde den Hut aus der Hand nehmend, ſagte ſie mit einer Beſtimmtheit und Entſchiedenheit in Sprache und Miene, die Heinrich Markholm noch nie an ihr bemerkt: „Es iſt zu ſpät— jetzt können Sie nicht mehr fort.“ „Aber wie lange wird das Ungewitter dauern, Alwining?“ fragte die Mutter nach geraumer Zeit, nachdem ſie vor Angſt und Beſorgniß auf einen Stuhl geſunken war. 149. 2 „Das weiß Gott allein, Mutter!“ Kaum hatte ſie es geſagt, ſo öffnete ſich der tief über der Schlucht mit ſchweren Wolken hängende ſchwarze Nachthimmel und eine Waſſermaſſe ſtürzte herunter, als wollte ſie mit einem Male die ganze ſchmale Schlucht damit ausfüllen. Zugleich ließ ſich ringsum ein Praſſeln, Krachen und Heulen verneh⸗ men, daß die Menſchen, wenn ſie auch geſprochen, kein Wort verſtanden hätten. Frau Halling war mit gefalteten Händen auf ihren Sitz zurückgeſunken; Alwining ſtand gefaßt und mu⸗ thig neben dem Maler, deſſen dunkles Geſicht den Ausdruck kraftvoller Energie und doch wieder hinge⸗ bender Herzlichkeit zeigte. Er trat zu der Mutter und ſprach ihr tröſtende Worte zu. Das Gexvitter ſei zwar dicht über ihnen, ſagte er, aber es werde mit Gottes Hülfe vorüber⸗ ziehen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Als ſie dieſe Worte vernahm, hatte ſogar Frau Halling eine An⸗ wandlung von Zufriedenheit, daß ihr Gaſt noch an⸗ weſend war, aber dennoch hoffte ſie im Stillen, daß das Unwetter bald nachlaſſen und er dann ſeinen Rück⸗ weg antreten würde. Allein ſie ſollte vergeblich auf dieſen Nachlaß war⸗ ten. Schon eine Stunde hatte das Gewitter wie un⸗ 150 beweglich über der Schlucht geſtanden und der Regen fiel noch immer ſtromweiſe nieder, während der Sturm in ungebrochener Kraft Zweige und junge Stämme knickte. Es war ſchon zehn Uhr geworden und völlige Nacht hatte ſich auf die Erde herabgeſenkt. Da erſt wurde der Wind plötzlich wie von einer andern da⸗ gegen ankämpfenden Macht gehemmt und eine ſelt⸗ ſame Stille trat in der aufgewühlten Natur ein, in⸗ dem zugleich auch der Regen zu ſtrömen aufhörte. Frau Halling erhob ſich vor Freude, öffnete ein Fenſter und ſchaute hinaus.„Es regnet nicht mehr,“ ſagte ſie,„und der Wind hat ganz nachgelaſſen. Gott ſei Dank, wir haben es überſtanden!“ Bei dieſen Worten trat ſie vom Fenſter zurück und blickte den Maler an, der neben Alwining auf dem kleinen Sopha ſaß, als wollte ſie ſagen:„Wäre es nicht beſſer, Sie machten ſich jetzt auf den Weg?“ Auch Heinrich Markholm hatte einen Augenblick dieſen Gedanken und ſchon wollte er ſich erheben, als der Sturm mit erneuerter Heftigkeit ausbrach, der Regen abermals niedergoß und ſo ſtark wurde, daß der kleine Bach am Hauſe zum Strome anſchwoll, Sträucher, Erde, Steine fortwälzte und mit wildem Getöſe dem aufgewühlten Meere entgegenſtürzte. Da ſtand Alwining plötzlich mit energiſcher Hal⸗ 151 tung auf und ſtellte ſich vor ihre Mutter hin, ſah aber ihren Gaſt an, während ſie ſprach:„Es wäre eine Thorheit,“ ſagte ſie,„wenn Sie jetzt noch an Ihren Gang nach Stubbenkammer denken wollten. Es geht nicht. Sie müſſen hierbleiben— ja, Mut⸗ ter, ja, mag daraus werden was will, ich übernehme die Verantwortung für den Fall der Noth. Aber be⸗ denke und bedenken auch Sie, Herr Markholm, die Wege ſind vom Regen aufgewühlt, Sie können ſie bei der Dunkelheit nicht einmal erkennen und der Wind bricht Bäume und Felsſtücke ab, wie wollten Sie da ungefährdet nach Hauſe kommen?“ „Aber ich werde Ihrer Mutter zu läſtig?“ ſagte der Maler, nur ſchwach widerſtrebend. „Wo ſoll er denn ſchlafen?“ rief die arme Frau, halb todt vor Angſt, aus. „Auch dafür weiß ich Rath, Mutter,“ ſagte Alwi⸗ ning entſchloſſen.„Herr Markholm wird unter ſol⸗ chen Umſtänden keine Anſprüche machen. Das Giebel⸗ ſtübchen unter dem Dach iſt zwar ſehr klein, aber es läßt ſich eine Nacht darin zubringen und eine Nacht im Sommer geht bald vorüber. Dort oben iſt er allein für ſich und Niemand wird dadurch geſtört. Ich werde ſelbſt gehen und Alles in Bereitſchaft ſetzen.“ Und ohne weiter eine abweiſende Antwort der 152 Mutter oder eine zuſtimmende des jungen Mannes abzuwarten, nahm ſie ein Licht und ging zur Thür hinaus. Frau Halling lief händeringend im Zimmer auf und ab. Heinrich Markholm ſah ihr ihre Noth und Beſorgniß an.„Frau Halling,“ ſagte er liebreich und legte zutraulich die Hand auf ihre Schulter,„es thut mir leid, daß Sie meinetwegen ſo viel Sorge haben, und wenn es mir möglich iſt, will ich Ihre Freundlichkeit gegen mich zu vergelten ſuchen.“ Die arme Frau brach in Thränen aus, ſie hatte ſich endlich ergeben, aber mit halb gebrochenem Herzen, denn nur ſie allein kannte den Grund ihrer Angſt und die Bedeutung des Schrittes, der nun nicht mehr zurückgethan werden konnte. Nach einer Viertelſtunde kam Alwining wieder herein, mit geröthetem aber vor Freude ſtrahlendem Geſicht.„Ihr Lager iſt fertig und erwartet Sie,“ ſagte ſie faſt heiter.„In nicht fünf Stunden bricht der neue Tag an und dann wollen wir ſehen, ob das Unwetter Ihnen einen Weg offen gelaſſen hat.“ So lange der Regen noch heftig floß und der Sturm draußen wüthete, blieben die drei Perſonen bei einander im unteren Zimmer ſitzen. Als aber das Gewitter ſich verzogen hatte und eine um ſo 153 tiefere Ruhe in der Natur eingetreten war, trennten ſie ſich. Frau Halling führte ihren Gaſt in die für ihn beſtimmte kleine Kammer und auch Alwining ver⸗ fügte ſich ſogleich in ihr Zimmer, ohne abzuwarten, bis die Mutter zurückkam, da dieſe ihr eigenes Schlaf⸗ gemach auf der andern Seite des Hauſes beſaß, die der Maler noch nie betreten hatte. Viertes Papitel. Der ſchwarze Halling. Mit ſeltſamen und gerade nicht ſehr angenehmen Ge⸗ fühlen betrat Heinrich Markholm den kleinen Raum, der ihm durch des Zufalls Fügung für die bevor⸗ ſtehende kurze Nacht zur Schlafſtätte angewieſen war. Er hatte wohl die innere Angſt und Beſorgniß ſeiner Wirthin wahrgenommen, mit der ſie nothgedrungen in ihrer Tochter Vorſchlag gewilligt, und es war ihm „peinlich, zu derſelben Veranlaſſung gegeben zu haben. Allein das war nun nicht mehr zu ändern und ſo fügte er ſich in das Unvermeidliche. Mit dem feſten Entſchluß, gleich mit anbrechendem Tage die gute Frau Halling von ihrer Angſt zu befreien, falls ſie noch darin befangen wäre, und das Haus zu verlaſſen, ſtreckte er ſich unausgekleidet auf das kleine Bett, das 15⁵ Alwining's liebevolle Sorgfalt ſo bequem wie möglich hergerichtet und mit der beſten Wäſche des Hauſes verſehen hatte. Anfangs konnte er den erwünſchten Schlaf nicht finden, die Gedanken ſchwirrten in ſeinem Geiſte, die Gefühle pulſirten in ſeinem Herzen, aber allmälig, von der langen Aufregung des Tages er⸗ mattet, ſchloſſen ſich ſeine Augen und er fiel in einen todesähnlichen Schlaf. Nicht ſo Frau Halling. Als ſie vom Giebelſtüb⸗ chen in das Unterhaus zurückgekehrt war, ging ſie ſogleich in die Abtheilung des Hauſes, welche Heinrich Markholm noch nicht betreten hatte. Hier wohnte und ſchlief ihr Mann, wenn er zu Hauſe war und hier ſchlief auch ſie. Das Wohnzimmer des Mannes, zwar klein wie alle übrigen Räume, war der Einrich⸗ tung nach das ſtattlichſte des ganzen Hauſes und nicht nur Bequemlichkeitsſinn, ſondern auch ein gewiſſer ge⸗ ſchmackloſer Luxus zeigte ſich in verſchiedenen Möbeln, die Gott weiß woher ſtammten und aus aller Welt Enden zuſammengerafft ſchienen. Dieſes Gemach nun ordnete Frau Halling mit gewohnter eilfertiger Hand, denn ſie hatte die be⸗ ſtimmte Ahnung, ihr Mann werde noch in dieſer Nacht heimkehren, da er ſo dunkle und ungeſtüme Nächte liebte und in ihnen am ungeſtörteſten in der Kieler 6 5 156 Bucht landen konnte. Allerdings that ſie es mit zit⸗ ternden Händen und thränenden Augen, denn ſie wußte noch nicht, wie ſie ihm den Beſuch des jungen Malers ankündigen ſollte, von dem er durchaus ſogleich unterrichtet werden mußte. Nachdem ſie nun Alles zurecht gelegt, wie ihr Mann es gern ſah, langte ſie aus einem alten Schranke eine Flaſche ſtarken Weines, ſtellte ſie nebſt einem Glaſe auf den Tiſch, zündete dann eine ziemlich mo⸗ derne Lampe an und brachte auch das Bett im Neben⸗ gemache in Ordnung, damit Alles im Stande ſei, den Herrn des Hauſes nach den ihr ſtreng vorgeſchriebe⸗ nen Regeln zu empfangen. Als ſie dies Alles zu Stande gebracht, öffnete ſie ein Fenſter und lauſchte hinaus; aber Alles ringsum in der ganzen Länge der Schlucht war ſtill, die Winde hatten zu blaſen auf⸗ gehört und nur von den Bäumen fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen und der kleine Kielerbach rauſchte weiter unten immer noch mit ungewöhnlicher Heftigkeit. Jetzt überlegte die ängſtliche Frau, ob ſie ſelber zur Ruhe gehen ſolle oder nicht. Müdigkeit und Furcht kämpften in ihr um die Wette, endlich ſiegte die letztere und ſie blieb auf einem bequemen Stuhle ſitzen, die Hände im Schooße gefaltet und das Kinn auf die Bruſt geneigt. Lange hatte ſie noch nicht in 157 dieſer Lage zugebracht, als die Müdigkeit ſie über⸗ mannte und ſie ebenfalls entſchlief. Ihre Ahnung indeſſen, daß ihr Mann noch dieſe Nacht nach Hauſe kommen würde, ſollte ſie nicht ge⸗ täuſcht haben und ihr Widerſtreben, dem Maler wider Wiſſen deſſelben eine Herberge für die Nacht zu bieten, war alſo gerechtfertigt geweſen. Um nun die Art und Weiſe, wie die Ankunft des Herrn vom Hauſe vor ſich ging, kennen zu lernen, wollen wir uns an den Strand begeben, um aus nächſter Nähe ungeſehene aber aufmerkſame Zuſchauer zu ſein. Es mochte etwa ein Uhr ſein, als ſich das zu⸗ trug, was wir mit wenigen Strichen ſchildern wollen. Das Gewitter war um dieſe Zeit längſt nach Oſten gezogen, der brauſende Weſtwind hatte faſt ganz nach⸗ gelaſſen und die See ging nur noch hohl und ſchwer in der Ferne, während das Waſſer in der Nähe des Strandes bei Weitem ruhiger wogte. Sterne waren noch nirgends am Himmel hervorgetreten, dazu waren die Wolkenmaſſen, die in den oberen Regionen fluthe⸗ ten, noch zu ſchwer und dicht und ſo lag die See wie das Land in den düſteren Schleier eingehüllt, wie es Leute gern zu haben pflegen, die ein ähnliches Geſchäft wie der ſchwarze Halling betreiben. 158 Um die genannte Zeit hätte man, wenn es Tag geweſen wäre, eine ſehr geräumige Nacht dicht vor dem Kieler Ufer kreuzen ſehen können. Die Männer, die den Dienſt an Bord verrichteten, mußten geſchulte Matroſen und mit der Oertlichkeit des Landes, wie den Eigenthümlichkeiten der unregelmäßigen Fahrſtraße an dieſer Küſte überaus vertraut ſein, denn ihre Ma⸗ növer waren ſicher und das gut geſteuerte Schiff be⸗ folgte richtig den Cours, der es ungefährdet auf die einzige Ankergrundſtelle vor dem Kieler Ufer führen konnte. An Bord ſelbſt war kein Licht zu ſehen, das hätte das Schiff etwaigen Laueraugen verrathen können, und die ſechs bis acht Männer, die auf verſchiedenen Stellen deſſelben ſtanden und mit ſcharfen Augen das vom Meere aus deutlich erkennbare Land muſterten, flüſterten ſich ihre Rathſchläge ſo leiſe zu, daß außer dem Rauſchen des Waſſers vor dem ſcharfen Buge der Nacht kein Laut an das Land gelangen konnte, und ſelbſt dieſes Rauſchen verſchlang das Brauſen der See in der Ferne, wie das Gekreiſch eines großen Raubvogels das Gezwitſcher eines kleinen Waldſän⸗ gers übertönt. Als die Yacht dem Lande ſo nahe wie möglich gekommen war, raſſelte die Ankerkette in die Tiefe 159 hinab, das Schiff ſchwaite um und lag dann ſtill auf dem gewählten Platze, nur hin und her ſchwankend, je nachdem die todten Wellen es hoben oder ſenkten. Die Segel aber wurden nicht völlig eingezogen oder beſchlagen, nur in leicht lösliche Reefe gelegt, damit man jeden Augenblick wieder in See ſtechen könne, wenn ein verdächtiges Geräuſch am Lande es noth⸗ wendig erſcheinen laſſen ſollte. Als man ſo weit gekommen, gab ſich einige Bewe⸗ gung an Bord kund und es wurde ein ſtarkes Boot vom Spiegel der Nacht herabgelaſſen, in welches meh⸗ rere Männer kletterten, langſam und vorſichtig, da ſie verſchiedene kleine Laſten unter den Armen trugen. Als ſie alle darin waren und feſt ſaßen, ergriff ein Mann das Steuer, zwei andere tauchten verhüllte Riemen in das Waſſer und man ruderte achtſam dem Lande zu, bis man zwiſchen zwei große Felsblöcke ge⸗ langte, wo man hielt und einen kleinen Anker aus⸗ warf. An dieſer Stelle nun ließen ſich ſämmtliche Schiffer bis auf Einen in das ſeichte Strandwaſſer gleiten und als ſie den Grund unter ihren langen Stiefeln fühlten, hoben ſie einige Säcke und Kiſten aus dem Boote, wateten zum Ufer und erklommen dann mit vieler Mühe aber großem Geſchick den ſtei⸗ len ſchlüpfrigen Kreidepfad, den wir Alwining mit 160 ihrem Begleiter am Nachmittag dieſes Tages betreten ſahen. Als ſie erſt ſo weit gelangt waren, verſchwan⸗ den ſie bald in dem Schatten der Nacht und zerſtreu⸗ ten ſich von der Höhe aus nach verſchiedenen Rich⸗ tungen, ohne auch nur ein einziges Wort mit einander zu wechſeln, was verrieth, daß ſie alle das Ziel genau kannten, dem ſie zueilen ſollten. Nur ein Mann und zwar der, der das Steuer des Bootes gelenkt, betrat die Schlucht, und nachdem er eine Weile ruhig gewartet, bis die anderen Män⸗ ner unbeläſtigt die Höhe erreicht, ging er tiefer in dieſelbe hinein, zog eine Blendlaterne aus einer Taſche ſeines Friesrocks, zündete ſie an und beleuchtete den Pfad, der nach dem kleinen Hauſe des ſchwarzen Hal⸗ ling führte. Ohne Hülfe dieſer Laterne wäre es ihm bei der herrſchenden Dunkelheit ſchwer geworden, den ſchma⸗ len, vom übergetretenen Waſſer des Baches ſchlammig aufgeweichten Pfad inne zu halten; ſchon ſo glitt er häufig aus, aber immer wieder faßte er mit ſeinen ſchweren Stiefeln feſten Grund und allmälig gelangte er an die Thür, die, wie es ſich von ſelbſt verſtand, feſt verſchloſſen war. Während der geheimnißvolle Nachtwandler nun in ſeiner Taſche den Schlüſſel zu der Thür ſuchte, ging 161 er einmal um das Haus herum, beleuchtete die Fen⸗ ſter von oben bis unten, und da er Alles wohl ver⸗ ſchloſſen fand, brummte er einen unverſtändlichen Laut vor ſich hin, der ohne Zweifel ſeine Zufriedenheit mit der Sorgfalt der Hausbewohner ausdrücken ſollte. Dann kehrte er wieder zur Thür zurück, ſchloß ſie auf und trat in den Flur, riegelte die Thür von in⸗ nen wieder zu und ſchlich endlich in die Stube zur linken Hand, in welcher wir Frau Halling vom Schlafe bewältigt verlaſſen haben. Bevor wir jedoch erzählen, was ſich ſogleich nach ſeinem Eintritt in's Zimmer zutrug, wollen wir einen genaueren Blick auf dieſen Mann werfen, der kein anderer als der Pächter des Kreidebruchs ſelber, Si⸗ meon Halling, genannt der ſchwarze Halling, war. Um zunächſt ſeine äußere Erſcheinung aufzufaſſen, ſo war er mit einer kurzen Schifferjacke bekleidet, über die er einen langhaarigen Regenrock gezogen hatte; auf dem Kopfe trug er einen ledernen Matroſenhut und an den Füßen große Waſſerſtiefel, die faſt bis zum Leibe hinauf reichten. Von Geſtalt war er gedrungen, feſtgefügt, kaum die mittlere Mannesgröße erreichend, dafür aber mit übermäßig breiten Schultern, langen Armen und gewaltigen Fäuſten ausgeſtattet, die eine ungewöhn⸗ Ddie Inſulaner. II. 11 liche Kraft verriethen. Dieſen ungeſchlachten Glied⸗ maßen entſprachen die höchſt ungeſchickten Bewegun⸗ gen, die ſie machten, vollkommen; ein beſtändiges Hin⸗ und Herwiegen auf den Hüften aber, wenn er ſtand und ſogar wenn er ſaß, bekundeten den unruhigen Geiſt, der in dieſem Manne tobte, den er aber durch ein ſelbſtgefälliges Lächeln zu verbergen trachtete, wel⸗ ches, ſo nahe es dem Grinſen verwandt war, eine unbeſchränkte Eitelkeit und Aufgeblaſenheit verrieth. Trotz des beſten Willens, durch dieſes Lächeln ſei⸗ ner ganzen Perſönlichkeit einen mildernden Anſtrich zu geben, vermehrte es nur den widrigen und ab⸗ ſchreckenden Eindruck, den ſein Geſicht auf den Be⸗ ſchauer hervorrief, ein Eindruck, der ſogar noch ſtärker hervortrat, je genauer man die einzelnen Züge prüfte. Schon die über alle Verhältniſſe⸗ regelmäßiger Bildung hinausgehende Größe und Breite des Kopfes, der dem kleinen Körper durch einen dicken ſtierartigen Hals angefügt war, hatte in der Art, wie er getragen wurde, etwas Trotziges, Herriſches, was eben nicht auf die Zugänglichkeit des Mannes ſchließen ließ und dem geiſtigen Ausdrucke ſeines Geſichts vollkommen ent⸗ ſprach. Dieſer an ſich ſchon dicke Kopf war mit einem ungeheuren Wuſt von dunklen Haaren umge⸗ ben, deren Spitzen in's Röthliche fielen, auf dem 165 „Ja, Beſuch, doch höre mich nur ruhig an. Es iſt ein ſehr unſchuldiger Menſch, aus weiter Ferne, ein Maler. Er kam vor einigen Tagen hierher und zeichnete Steine und Bäume, und da trat er eines Morgens in das Haus und bat ſich ein Glas Milch aus.“ „Weiter!“ rief der ſchwarze Halling, deſſen erſter Schreck ſchnell abnahm und deſſen Muth wieder im Wachſen begriffen war. „Nun ja, heute kam er wieder und wollte eben fort gehen, als das ſchreckliche Gewitter ausbrach. Ach Gott, ich habe mich ſo darüber geängſtigt— aber er konnte doch nicht fort, der Bach war ganz ausgetreten und die Finſterniß ließ ihn keinen Weg erkennen. Auch meinte Alwining, ſie wolle jede Ver⸗ antwortung übernehmen— und ſo blieb er.“ „Ha!“ rief der wieder heftig aufbrauſende Päch⸗ er,„Alwining wollte die Verantwortung üh rnehmen? So, ſo— wo ſchläft er?“ Die Frau deutete mit der Handt denraume, mit einer Geberde, als wo. e ſo viel wie möglich das laute Sprechen vermeiheßt. Dieſer⸗ Wink kam zu rechter Zeit. Simeon Halling's Wuth mäßigte ſich wieder und auch ſeine Stimme ant zu einem leiſeren Flüſtern herab. „Was iſt er für ein Mann?“ fragte dem Bo⸗ 166 „O, jung, hübſch—“ „Das konnt' ich mir denken. Wie heißt er?“ „Heinrich Markholm nennt er ſich.“ „Markholm, Markholm, hm! Den Namen kenne ich nicht.— Hältſt Du ihn etwa für einen Spion?“ fragte er dann, die Frau mit ſtechenden Blicken fixirend. „Für einer er viel zu ehrlich— Blick ſehen, wenn Du ihn ſprichſt.“ Halling ſchien befriedigter und war Stuhl, nachdem er ein Glas alten Port g für heute ſchlafen,“ ſagte er dann. eder in mein Haus— dafür Du verſtehſt mich— bringe ich Dohle beſuchen ſoll.“ Spion? Gott bewahre mich! Dazu iſt Du wirſt es auf den erſten f ſich auf einen weins getrunken hatte.„Er ma „Aber er kommt nicht wi bürgſt Du mir, ſonſt— Euch ameinen Ort, wo Ench keine arte mußten der armen Frau ſchon milde ein ſo gnädiges Urtheil hatte ſie kaut klingen, aus dem e ihres Gebieters für die verbotene Aufnahm 8 Fremden erwartet. Sie trat auch dem Stuhledes Mannes näher, legte ihre Hand auf Arin und ſah ihm bittend in die tückiſchen Augen. Bas giebt es noch?“ fragte er barſch. dichts, Simeon, gar nichts— aber wo biſt du chalb geweſen?“ 167 „Weit aus, nur zu Eurem Beſten, Nelle, und Du wirſt damit zufrieden ſein. Ich ſagte Dir ſchon, ich hätte ein ſchönes Stück Land an einem andern Orte gepachtet— nun ja, damit bin ich zu Stande gekom⸗ men. Und die Wohnung, die ich für Euch gebaut, wo ich den Steinhandel habe, iſt fertig. Wir brauchen nur die Sachen hier einzuſchiffen und hinzufahren und dann ſollt Ihr in Ruhe leben.“ „Gott ſei Dank! Alſo hier bleiben wir nicht?“ „Nein, mir gefällt es hier nicht. Ich ſtehe im Handel mit einem Mann, der mir den Bruch abpachten will und die— die Behörden, die verfluchten, haben es ſo gut wie genehmigt, für den Fall, daß der neue Pächter dies Haus abbricht und an der Fahrnitz wieder aufbaut.“ „Will er denn das?“ „Ja, wenn ich ihm die Koſten bezahle. Darum handelt es ſich noch.— Aber höre, R mich über die Maaßen, daß Du ſo biſt und den Fremden aufgenommen nach mir gefragt, war er ſehr neugierige⸗ „Nicht im Geringſten. Er iſt ein ſo eifriger Maler, daß er einen halben Tag auf einer und der⸗ ſelben Stelle ſitzen kann.“ „Und haſt Du geplaudert?“ elle, es wurmt umm geweſen 8 168 „Was ſoll ich denn plaudern? Ich denke, Du ſagſt mir nicht viel, was anderen Leuten einen Stein in die Hand gegen Dich geben könnte.“ Der ſchwarze Halling grinſ'te. Die Frau hatte nur zu wahr geſprochen, ſie wußte nur ſehr wenig von ſeinen Thaten, wenngleich ihr Verdacht ſchon ſeit vielen Jahren gegen den unſtäten und habgierigen Mann geweckt war. „Wie lange wirſt Du zu Haus bleiben?“ fragte die Frau, noch einmal d demüthig nähertretend. „Bis morgen Mittag. Ich muß wieder zu meinem Handel. Ich fühle mich hier ſehr eingeengt in dieſem Keſſel. Doch nun ſind genug Worte gewechſelt. Mach' mir einen ſteifen Grog, kalt, hörſt Du— 2“ Während die Frau den Grog miſchte, deſſen Be⸗ ſtandtheile alle in der Nähe waren, fuhr Jener in ſeiner Rede fort:„Ich will morgen früh den Maler ſelbſt ſehen und ſprechen. Ihr bleibt aber drüben, ſetzt keinen ß vor das Haus und ſchließt Eure Thür von Innen Verſtanden?“ „Ja, Sime n, es ſoll geſchehen, wie D Du es wünſcheſt.“ „Haha!: Er wird Augen machen, wenn er ſtatt der Alwining mich hier ſitzen ſieht. So. Das haſt Du gut gemacht, Nelle,“ ſetzte er hinzu, nachdem er von dem dargereichten ſtarken Getränk einen tüchtigen 8 169 Schluck genommen.„Und jetzt geh zu Bett, ich werde auch bald nachkommen.“. Frau Halling wünſchte ihm eine gute Nacht und ging in ihr Stübchen. Ihr Mann dagegen blieb noch eine Weile auf dem Stuhle ſitzen, trommelte mit den Fingern auf den Tiſch und nahm von Zeit zu Zeit einen neuen Schluck. Die Wirkung dieſes häufigen Trinkens mußte eine ſehr günſtige ſein, denn bald fing der Pächter des Kreidebruchs luſtig zu ſchmunzeln an, verzog lächelnd die dicken Lippen und brummte einige Worte vor ſich hin, die ohne Zweifel ſeine Zufrieden⸗ heit ausdrücken ſollten. Endlich aber ſtand er auch auf, riegelte die Thür feſt zu, langte aus einem Pulte zwei geladene Piſtolen und nahm ſie mit in ſein Schlaf⸗ zimmer, um auf jeden Fall gerüſtet zu ſein, wenn ihn ein unvorhergeſehener Feind überraſchen ſollte, woran in dieſer ruhigen Gegend gewiß nicht zu denken war, was das böſe Gewiſſen des Mannes aber niemals zu befürchtengunterließ. So feſt Heinrich Markholm's Schlaf auch geweſen war, das Licht des neuen Tages, welches durch das kleine Fenſter des Dachſtübchens auf ſein Lager fiel, hatte ihn dennoch ſehr zeitig ermuntert. Sich ſchnell in ſeine Lage findend, ſprang er auf und machte von —— — 170 den ſo freundlich von Alwining für ihn aufgeſtellten einfachen Toilettegegenſtänden Gebrauch. Heiteren Sinnes, daß dieſe kurze Nacht ſo ſchnell vorübergerauſcht, trat er dann auf die enge Treppe hinaus, ſchritt hin⸗ unter und wandte ſich lauſchend zur Küche, in der er Frau Halling ſchon thätig zu finden hoffte. Allein er irrte ſich. Die Küche war leer und nur ein ſchwaches Feuer brannte auf dem kleinen Heerde, um welches verſchiedene Töpfe herumſtanden. Ueberdieß herrſchte eine unheimliche Stille im ganzen Hauſe, als drücke ein unſichtbarer Alp jede Aeußerung der ſonſt ſo früh thä⸗ tigen Bewohner nieder. „Sie ſind gewiß in dem Zimmer,“ dachte Heinrich Markholm,„denn ſchlafen werden ſie ſicher nicht mehr. Es iſt ja ſchon ſechs Uhr vorbei!“ Und ſo trat er an die Thür, die ihm ſo oft eine freundliche Hand geöff⸗ net, und pochte beſcheiden an. Aber kein Laut ließ ſich von Innen vernehmen, denn Frau Halling ſorgte in ihrer gränzenloſen Furcht vor ihrem Manne dafür, daß das ihr am Abend aus⸗ ſprochene Gebot auf's Strengſte erfüllt wurde, und Alwining ſaß regungslos auf einem Stuhle dicht an der Thür, geduldig und mit einer ſeltſamen Faſſung abwartend, welchen Lauf die unergründliche Willkür ihres Vaters diesmal nehmen würde. 171 Heinrich Markholm klopfte noch einmal und da er auch jetzt keine Einladung zum Nähertreten vernahm, wollte er eben den Drücker des Schloſſes ergreifen, als hinter ihm eine Thür heftig geöffnet ward und eine rauhe Stimme rief:„Treten Sie hier herein, mein Herr, hier iſt der Mann, mit dem Sie heute zu reden haben.“ Der Maler wandte ſich ſtaunend um, aber auf der Stelle hatte er den Zuſammenhang der unerwar⸗ teten Thatſache begriffen. Raſch zu dem geöffneten⸗ Simmer ſich wendend, ſchritt er über die Schwelle und blickte dann halb verwundert, halb verdutzt den kleinen Mann an, der ſchon wieder ſeinen bequemen Sitz auf einem Sorgenſtuhle eingenommen hatte und höhniſch grinſend aus einer kurzen Seemannspfeife ſehr wohlriechenden Kanaſter dampfte. Einer der erſten Gedanken des Malers aber, als er das trotzig wilde und gemeine Geſicht dieſes Mannes ſah, der ſich ihm gegenüber ein ſo wichtiges Anſehen zu geben bemühte, war:„Nein, dieſer Mann kann unmöglich Alwining's Vater ſein, wenn er auch der Mann ihrer Mutter iſt. Hier iſt kein Zug, kein Strich, keine Linie, die den reinen und klaren Zügen des lieblichen Mädchens entſpräche. Dies iſt ein nied⸗ riger Menſch und ſie iſt ein edles reines Weſen— es iſt nicht denkbar, daß Beide eine andere Gemeinſchaft 172 mit einander haben, als die der launenhafte Zufall hervorgerufen oder gar ein hier waltendes Geheimniß nothwendig gemacht hat.“ Und doch mußte er für den Augenblick annehmen, daß dieſer Mann Alwining's Vater ſei, aber dies geſchah nicht ohne ein gleichſam unwillkürliches inneres Sträuben. Um jedoch nicht lange in der peinlichen Schwebe zu verharren, in die ihn dieſer Gedanke verſetzte, beſchloß er auch diesmal ſeiner Natur gemäß geradeaus zu gehen und ſich eine wo möglich genügende Auskunft, zu verſchaffen. Mit offenem, wohlwollendem Geſicht wandte er ſich alſo zu dem behaglich auf ſeinem Sitze Ruhenden und ſagte: „Alſo mit Ihnen habe ich heute zu reden? Nun wohl, ſo biete ich Ihnen zuerſt einen guten Morgen!“ Der ſtark rauchende Mann nickte gnädig mit dem Kopfe, ohne auch nur mehr den Mund aufzuthun, als durchaus nöthig war, um dem Dampfe des Tabacks einen Ausweg zu geſtatten. „Ich irre mich wohl nicht,“ fuhr der Maler lächelnd fort, dem dieſer Eingang einigermaßen ſpaßhaft vor⸗ kam,„wenn ich annehme, daß Sie der Pächter des Kreidebruchs an der Fahrnitz, Herr Halling ſind?“ „Der bin ich, zu dienen,“ erwiderte der Mann, der ſich ſelbſt jeden Augenblick einen Zoll zu wachſen 173 dünkte, je länger er ſich ſchweigſam verhielt,„und noch dazu bin ich der Beſitzer des Hauſes, in dem Sie dieſe Nacht geſchlafen haben.“ „Freilich, Herr Halling, und ich muß um Entſchul⸗ digung bitten, daß ich ohne Ihr Wiſſen von dem freund⸗ lichen Anerbieten, dieſe Nacht hier zuzubringen, Gebrauch gemacht habe. Mich zwang jedoch nur die Noth dazu.— Allein ich muß Sie noch um die Beantwor⸗ tung einer anderen Frage bitten.“ „Sie müſſen? Ei das wäre! Welche Frage haben Sie noch auf dem Herzen?“ „Sie ſind auch Alwining's Vater, nicht wahr?“ Der kleine Mann richtete ſich auf und ſeine bisher friedfertige Miene verdüſterte ein raſch darüber hin⸗ fliegender Schatten, der ſein unheimliches Geſicht noch viel unheimlicher machte. Die Frage des Fremden klang ihm, ſo einfach ſie geſprochen ward, ſo heraus⸗ fordernd, daß ſein leicht entzündliches Blut zu kochen begann.„Was ſoll das heißen, mein Herr,“ ſtieß er heftig hervor,„daß Sie mir eine Frage vorlegen, be⸗ vor Sie mir ſelbſt ein halbes Dutzend beantwortet haben, die ich ſchon auf den Lippen trage, he? Beim . Teufel, dieſe Frage klingt ſeltſam in meinen eigenen vier Pfählen. Natürlich, wenn ich ihr Vater bin, wird ſie meine Tochter ſein, oder nehmen Sie ſich heraus, 174 mir zur Beſtätigung meiner Ausſage und unſers Ver⸗ hältniſſes ihren Taufſchein abzuverlangen, mein vor⸗ nehmer Herr?“ Der gutmüthige Maler konnte ſich nicht erklären, was den Mann veranlaßte, mit einem Mal eine ſo finſtere Miene anzunehmen.„Ich bin kein vornehmer Herr, wie Sie eben ſagen,“ erwiderte er,„ſondern nur ein einfacher und beſcheidener Künſtler.“ „Das freut mich, daß Sie kein vornehmer Herr ſind, ſonſt möchte unſre Bekanntſchaft leicht noch pon viel kürzerer Dauer ſein, als ſie ohnehin ſein muß. Doch nun iſt das Fragen an mir. Wer und was hat Sie in dieſes Haus geführt?“ „Wenn Sie das noch nicht wiſſen ſollten, ſo will ich es Ihnen ſagen: der Zufall. Ich bin ein Reiſen⸗ der in dieſem Lande und da man hier überall Gaſt⸗ freundſchaft übt, ſo glaubte ich nicht in die Lage zu gerathen, auf dieſe Weiſe von einem Manne empfangen zu werden, dem ich nichts Uebles zugefügt habe, noch zuzufügen gedenke.“ „Oho, das ſollte Ihnen auch ſchwer werden! Ich taſte Sie auch nicht an, aber ich denke, ich habe ein Recht, mich nach den Verhältniſſen eines Mannes zu erkundigen, der wider mein Wiſſen eine Nacht unter meinem Dache zugebracht hat.“ „Dies Recht erkenne ich an,“ ſagte der Maler kurz und ſtolz. Der Pächter achtete nicht auf die Geringſchätzung, mit der dieſe Worte vorgebracht wurden, aber er legte die Pfeife bei Seite, blinzelte ſchlau und fragte mit einem eigenthümlichen Lauerblick in ſeinen ſcharfen Augen:„Wie lange ſind Sie ſchon auf Rügen?“ „Einige Wochen, und hoffentlich werden Sie nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ich noch etwas länger bleibe.“ „Hoho! Sie bezeigen Ihre Dankbarkeit dafür, daß ich Sie beherbergt habe, auf eigene Weiſe, mein Herr.“ „Sie haben mich nicht beherbergt und hätte ich Sie gleich anfangs in dieſem Hauſe getroffen, ſo würde ich es wahrſcheinlich gar nicht betreten baben.“ Dieſe Worte, die ein Anderer für eine Grobheit gehalten hätte, beleidigten den Pächter nicht, im Ge⸗ gentheil, ſie beſchwichtigten ſeinen immer noch nicht ganz verſchwundenen Verdacht. Er lächelte daher auf ſeine widrige Weiſe und ſagte:„Das war ehrlich ge⸗ ſprochen und ſolche Ehrlichkeit liebe ich. Sie gefallen mir ſo beſſer, als wenn Sie mir eine leckere Schmei⸗ chelei geſagt hätten. Ich habe nur noch eine Frage: welche Abſichten verfolgen Sie hier und warum halten Sie ſich ſo hartnäckig am Kieler Ufer auf?“ 176 „Mein Herr,“ antwortete der Maler gereizt,„ob⸗ wohl ich Ihnen keine Antwort auf dieſe Frage ſchul⸗ dig zu ſein glaube, ſo will ich ſie doch geben, und ich ſage alſo, daß ich meiner Kunſt und meines Vergnügens wegen die ſchönſten Stellen dieſer Küſte beſuche und daſelbſt ſo lange zu verweilen gedenke, als es mir gefallen wird.“ „Gut, gut, ja doch, ich habe nichts dagegen. Aber nun hören Sie auch mich an, damit wir uns Beide gleich vollſtändig kennen lernen. Nach Allem, was ich von Ihnen gehört habe und nun ſelbſt ſehe, ſcheinen Sie mir für meine Perſon kein gefährlicher Menſch zu ſein. Allein ich wohne nur ſelten hier und außer mir leben zwei Perſonen in dieſem Hauſe, die keiner fremden Geſellſchaft bedürftig ſind. Wiſſen Sie alſo was? Ich liebe einen kurzen Proceß in allen Dingen: laſſen Sie unſre Bekanntſchaft, wie ſie heute begonnen hat, auch heute, das heißt in dieſem Augenblicke enden. Nehmen Sie die Gaſtfreundſchaft in meinem Hauſe für genoſſen an und laſſen Sie ſich nie wieder bei mir blicken. Kennte ich Sie genauer, ſo hätte ich vielleicht nichts dagegen, wenn Sie einmal hier ein Glas Milch tränken, aber wie die Sachen einmal ſtehen, iſt es beſſer, ein Jeder von uns kehrt ferner vor ſeiner eigenen Thür. Und damit Gott befohlen — da iſt die Thür, mein Herr!“ 7 177 Bei dieſen Worten zeigte er mit der wiederaufge⸗ nommenen Pfeife auf die Thür hin und heftete ſein Auge ſtreng und kalt auf die immer ſtolzer werdende Miene des tief gekränkten Künſtlers. Dieſer aber war nicht der Mann, für den ihn Jener vielleicht hielt, er ließ ſich nicht ſo leicht von einem Menſchen, wie er ihn hier vor ſich ſah, ein⸗ ſchüchtern. Sein heißes Blut wallte ſogar noch heißer in ſeinen Adern, aber alle ſeine Ruhe zuſammenfaſ⸗ ſend, ſagte er mit beißender Schärfe:„Ich verſtehe Sie und werde meine Handlungen nach dieſem Ihren Wunſche einrichten. Nur noch Eins erlaube⸗ ich mir zu bemerken, obgleich ich es ſchon vorher angedeutet habe. Von Ihnen habe ich keine Gaſtfreundſchaft 3 verlange und werde ſie nie verlangen, darin ſind Sie alſo ſicher vor mir. Was aber meinen Beſuch der Umgebung dieſes Hauſes betrifft, ſo iſt das Kieler Ufer, dieſe Schlucht, der Wald und die See könig⸗ lichs Eigenthum. Hier kann ich gehen, ſtehen und ſitzen wo ich will und ſo lange es mir beliebt; und wenn Sie etwa Gewalt gegen mich anzuwenden ge⸗ neigt ſind, ſo weiß ich, wo man den wirkſamſten Schutz gegen die Anmaßungen ſolchen Betragens ſichen muß.“ Nachdem er dieſe Worte mit Nachdruck geſprochen, Die Inſulaner. II. 12 der Pächter unwirſch von ſeinem Sitze auf. Wider ——— 178 wandte ſich der Maler zur Thür, und ohne dem Zu⸗ rückbleibenden weiter die geringſte Beachtung zu ſchen⸗ ken oder ihn mit einem Gruß zu beehren, verließ er das Haus und ſchritt ohne Rückblick dem Ausgang der Schlucht zu, hinter deren Gebüſchen er bald ver⸗ ſchwand. Kaum aber hatte er die Stube verf aſſen, ſo ſprang Erwarten hatte ihm der Fremde imponirt und mit einer kräftigen Sprache wiederholt einen wunden Fleck in ihm berührt.„ Der Teufel!“ ſchrie er, mit beiden Händen durch die verworrenen Haare fahrend, „was war das? Sollte er am Ende doch ein Spion und zwar einer von der gefährlichſten Sorte ſein? Das war dumm von mir, haha!— Ich ſcheine jetzt nichts als Dummheiten zu begehen! Ich hätte ihn lieber halten und noch ſchärfer ausfragen ſollen. Hml“ n er ſtand ſtill und ſann eine Weile nach.„Nam ielleicht,“ fuhr er ſh treſſ ich ihn wieder— ich werde ein wenig auf der Lauer ſein— und dank- dann— muß 1, das Ding auf eine andre Wiie verfuchen. Hal! dieſe verfluchten Weiber, die habm mir alſo wieder eine eulid gelegt! Aber Geduld das ſoll nicht mehr lange ſo währen! Es behagt mir hier immer weniger, je länger ich an dieſem Flect 179 ſitze, und ich muß zum Ende damit kommen. Ha— was willſt Du?“ ſchrie er ſeine Frau an, die mit ängſt⸗ lichem Geſicht an der Thür erſchien, da ſie den Ma⸗ ler das Haus verlaſſen und den Weg nach Stubben⸗ kammer hatte einſchlagen ſehen. „Ich wollte Dich fragen,“ ſagte Frau Halling mit ihrer von innerer Sorge ſtets gedämpften Stimme, „ob Du noch nicht Dein Frühſtück verlangſt?“ „Nicht von Dir, nicht von Dir! Das Mädchen ſoll mich bedienen! Wo ſteckt ſie? Herein mit ihr!“ Als Alwining, von der Mutter gerufen, bedächti⸗ gen Ganges und gefaßten Herzens ſtill und ruhig ins Zimmer trat, fand ſie ihren Vater wieder auf dem Stuhle ſitzen. Ohne Zweifel hatte ſie ihm ſchon früher einen guten Morgen geboten, denn jetzt kam kein Wort über ihre Lippen und nur ihr großes blaues Auge war forſchend und eine Anrede erwartend auf ſeine finſtere Miene geheftet.* Aber dieſe finſtere Miene verlor allmälig ihre Strenge und Bitterkeit, je länger das Auge des Man⸗ nes auf den feinen Zügen des Mädchens ruhte. Ihr natürlicher Liebreiz hatte ſchon oft dieſe Umwandlung in ihm bewirkt und Gott weiß, welche Empfindungen ſich 1 in dem düſteren Herzen dieſes brutalen Mannes regten, als er jetzt abermals dieſe Wirkung in ſich verſpürte. 12* 180 Wenn man aber in dieſem Augenblick dieſen Vater und dieſe Tochter einander gegenüberſtehen ſah und dabei das ſogleich ſich entwickelnde Geſpräch genau beachtete, ſo mußte man zur Einſicht gelangen, daß Alwining in ihrem Berichte über ihren Vater gegen den Maler nur ein ſehr idealiſirtes Bild von ihrem Verhältniß mit ihm entworfen hatte. Dies Verhältniß mußte demnach ein viel geſpannteres und herzloſeres ſein, als das Zartgefühl des Mädchens den Fremden wollte errathen laſſen. Während Halling freundlicher und beinahe kriechender wurde, zeigte ſich Alwining, die gegen Jedermann warm und zuvorkommend war, von Augenblick zu Augenblick kälter gegen ihn und trat mit einer Würde auf, die man in höheren Kreiſen der Geſellſchaft mit dem Worte„Hoheit“ bezeichnet haben würde, und die jedenfalls nicht nur ein Aus⸗ fluß ihres edlen und reinen Weſens, ſondern auch die Folge einer langen Reihe von Mißhelligkeiten war, die in früherer Zeit zwiſchen Beiden ſtattgefunden haben mußten. „Alwining!“ herrſchte der Vater die Tochter an, „thue Deine Pflicht gegen mich!“ „Welche Pflicht meinſt Du?“ „Miſche mir den Grog!“ Alwining ging lautlos auf den Schrank zu, in dem das Lieblingslabſal des ſchwarzen Halling enthalten war, nahm die Rumflaſche, goß zur Hälfte Waſſer und Rum in ein großes Glas und that dann eine Hand⸗ voll Zucker dazu. Nachdem ſie das Gemiſch nun mit einem hölzernen Löffel umgerührt, ſetzte ſie es auf den Tiſch, der Hand des Vaters ſo nahe, daß er das Glas bequem erreichen konnte. Als der Mann das Glas mit kundigem Auge ge⸗ prüft, die rechte Farbe erkannt und dann einen tiefen Zug daraus gethan hatte, grinſ'te er behaglich, ſchnalzte mit der Zunge und ſagte:„Das wenigſtens verſtehſt Du, beſſer noch als Deine Mutter.“ Alwining erwiderte nichts, ſondern ſtand un beweglich vor dem Vater.„Begehrſt Du noch etwas von mir?“ fragte ſie endlich mit einer kalten und faſt ausdrucks⸗ loſen Stimme. „Keine Fragen jetzt, bitte ich mir aus. Du weißt, das liebe ich nicht. Thue Deine Pflicht, ſage ich Dir, ſtopfe mir die Pfeife und zünde ſie an.“ Wie vorher ging auch diesmal Alwining ſchweig⸗ ſam auf die auf dem Tiſche liegende Pfeife zu, ergriff ſie mit ſichtbarem Widerwillen mit. ihrer feinen Hand, ſchüttete den Inhalt aus und ſtopfte dann den holländiſchen Kanaſter hinein, der in einer braunen Düte auf einem Seitentiſche lag. Dann 182 einen Fidibus anzündend, ging ſie mit beiden zum Stuhle des Vaters, reichte die Pfeife hin und hielt das brennende Papier auf den Taback, der in Folge kräftigen Anziehens Seitens des Rauchenden bald in Brand gerieth. Als auch dieſe Pflicht erfüllt war, blieb ſie aber⸗ mals vor den prüfenden Augen des Vaters ſtehen und las mit leuchtenden Blicken ſeine etwaigen ferneren Wünſche von ſeinem Geſicht ab. Aber dies Geſicht nahm allmälig einen ganz eigenthümlichen Ausdruck an, den Alwining vielleicht am wenigſten zu entziffern vermochte, da ſie ſeit langer Zeit daran gewöhnt war. Es lag in den cyniſchen Blicken des ſchwarzen Halling ein ſeltſames Wohlgefallen, man könnte ſagen eine Art Wolluſt, über den Gedanken, daß er in dieſem Augenblicke der Herr und das ſchöne Mädchen vor ihm mit der feineren Bildung, in der allein ſchon die Berechtigung zu höheren Anſprüchen lag, die Dienende, gleichſam ſeine Magd war. Dieſen Gegenſatz zwiſchen Beiden liebte der Pächter ſo oft wie möglich auszu⸗ beuten, er behagte ihm ungemein, denn er fühlte ſich noch einmal ſo erhaben, wenn er die Tochter in ſcla⸗ viſchen Dienſten ſeinen Wünſchen zu Gebote ſtehen ſah.„Ich bin der Herr und Du biſt meine Sclavin, ich kann mit Dir machen was ich will und Du mußt mir gehorchen wie ich gebiete!“ das lag auf ſeinem Geſicht, das niemals ſo triumphirend geblickt hatte, wie in dieſem, das edle Mädchen bis in die Tiefe ihres Herzens demüthigenden Augenblick. Als er dieſen Triumph hinreichend genoſſen hatte, Alwining dagegen ruhig und kalt vor ihm ſtehen ge⸗ blieben, war, ohne die geringſte Veränderung in ihren Mienen zu zeigen, und ſich in ihr Schickſal mit Würde und Anſtand ergab, heiterte ſich ſein düſteres Geſicht noch mehr auf und er ſagte endlich mit herablaſſender Miene und einem heiſeren Gurgeln, das bei ihm ein wohlgefälliges Lächeln ausdrücken ſollte: „Nun, da Du heute ſo hübſch fromm und dienſt⸗ eifrig biſt, bleib einmal da ſtehen, ich habe gerade Zeit, ein wenig mit Dir zu plaudern. Wie gefällt es Dir hier in dieſer kleinen hübſchen Koje, he?“ Alwining hob ruhig den Kopf in die Höhe, blickte den Vater feſt an und ſagte mit entſchiedener Frei⸗ müthigkeit, wiewohl ohne alle Bitterkeit:„Es gefiele mir hier ganz gut, wenn ich bisweilen Geſellſchaft hätte, die meiner Erziehung und Bildung entſpricht.“ „Oho, wirſt Du wieder trotzig wie ehedem? Er⸗ ziehung! Bildung! Ich weiß es, was Du damit ſagen willſt und warum Du immer wieder darauf zurück⸗ kommſt, da Dir doch bekannt iſt, daß ich dafür keine 184 Ohren habe. Wer hat mich erzogen, mich gebildet, he? Haben die Leute es ſich etwa angelegen ſein laſ⸗ ſen, mich mit Zucker zu füttern und fromme Lieder ſingen zu lehren? Denn das nennen ſie doch Bildung und Erziehung, haha! So verſtehe ich es wenigſtens. Alſo wer hat mich erzogen und zelildeeg Das Leben. Das aber mag Dir eine Lehre ſein. Du trittſt jetzt erſt in das Leben und ſo beginnt Deine wahre Er⸗ ziehung und Bildung erſt. Daß Du eine Schule be⸗ ſucht haſt, wo ſie Dir Hochmuth und Hoffart beige⸗ bracht, thut mir leid genug, und hätte ich das Ende vom Liede vorherſehen können, würdeſt Du nicht lange bei Deinem gelehrten Onkel geblieben ſein, haha! Doch— es giebt vielleicht noch andere Gründe, war⸗ um es Dir hier nicht ſonderlich gefällt, und darin ſtimme ich Dir bei und Du ſollſt auch nicht lange mehr hier bleiben. Der Wohnort, der Dich und Deine Mutter aufnehmen ſoll, iſt ziemlich bereit, Zeit und Stunde aber, wo Ihr ihn bezieht, werde ich be⸗ ſtimmen, wenn es mir gut dünkt. Für's Erſte ge⸗ dulde Dich.“ Alwining erwiderte hierauf nichts, es wäre jn doch jeder Einſpruch vergebens geweſen. Sie kannte einmal ihren Vater und ſo fügte ſie ſich in ſeinen un⸗ abänderlichen Willen. Der ſchwarze Halling aber 4³³ nahm ihr Schweigen mit Wohlgefallen auf. Er ver⸗ zog ſein gebräuntes Geſicht zu einer grinſenden Freund⸗ lichkeit und ſagte dann, nachdem er noch einen ſtarken Zug Grog gethan:„Nun zu etwas Anderem. Sag' einmal, der Name dieſes jungen Herrn, den ich ſo eben heimgeſchickt, iſt Dir alſo bekannt? Wie heißt er?“ Alwining's roſiges Geſicht überzog eine bleichere Färbung bei dieſer Frage, die ſie für den Augenblick nicht erwartet hatte, indeſſen faßte ſie ſich bald wieder und entgegnete mit ihrer natürlichen Ruhe und Kürze: „Er heißt Heinrich Markholm.“ „Alſo das iſt richtig, Du weißt es beſtimmt?“ „So beſtimmt ich es wiſſen kann— er hat es mir geſagt und ich habe nicht den geringſten Grund, ſeinen Worten keinen Glauben zu ſchenken.“ „Hm! Gut. Und er iſt Maler?“ „Ja. „Woher ſtammt er?“ Alwining ſagte, was ſie darüber wußte und zwar mit einer Wärme, von der ſie ſelbſt keine Ahnung hatte, die jedoch ihrem Vater keineswegs entging. „Sieh einmal,“ fuhr er fort,„Du weißt ja ziem⸗ lich genau in ſeinen Verhältniſſen Beſcheid. Ei ei! Wie kam er denn eigentlich hierher?“ 186 „Er zeichnete in der Gegend und da fand er un⸗ ſer Haus.“ „So hörte ich ſchon. Ihr aber machtet ihm mit Frenden die Thür auf und ludet ihn ſchwänzelnd und lächelnd ein, näherzutreten?“ „Was mich betrifft,“ entgegnete Alwining mit be⸗ lebter Stimmr und hochathmender Bruſt,„ſo öffnete ich ihm die Thür mit Freuden, ja, und ich ſehe kei⸗ nen Grund, warum ich das nicht hätte thun ſollen.“ „Ei ſieh doch! Aha! Und Deine Mutter?“ „Meine Mutter nahm ihn nicht mit gleicher Freude auf, ſie ſträubte ſich ſogar dagegen und nur auf mei⸗ nen ausdrücklichen Wunſch gab ſie endlich nach.“ „Höre, das iſt das einzige Mal, ſo weit ich mich erinnere, daß Deine Mutter etwas Geſcheidtes that. Sie ſteigt dadurch in meiner Achtung. Du aber hüte Dich! Ich warne Dich vor ähnlichen Freuden und ausdrücklichen Wünſchen, ſonſt könnte es Dir einmal ſchlimm ergehen!“ Dieſe mit drohendem Auge und wilder Geberde geſprochenen Worte regten Alwining's heißes Blut auf. Sie ſchleuderte ihrem Vater einen Blick zu, der darthat, daß ſie ſich vor keinem Kampfe mit ihm fürchte, und antwortete lebhaft und ſchnell:„Nicht ſchlimmer, als in den letzten zwei Jahren!“ 187 Der ſchwarze Halling, als er dies hörte und die ihm entgegenſtrebende Miene des muthigen Mädchens ſah, wollte aufſpringen, ſo hatten ihn die letzten Worte gepackt. Allein er mäßigte ſich und lachte ſogar höh⸗ niſch, weil er wußte, daß er ſogleich Vergeltung üben würde. Nur mit der Fauſt ſchlug er hart auf den Tiſch, um doch an etwas ſeine Wuth auszulaſſen und dann ſchrie er:„Still! Die Sache iſt abgemacht, jetzt zu etwas Anderem. Gieb Acht! Du biſt zwei⸗ und zwanzig Jahre alt, denke ich. Nun einerlei, auf ein paar Jahre mehr oder weniger kommt es bei Euch nicht an. Aber das iſt das Alter, worin Ihr Euch gern verheirathet. Wie ſteht es bei Dir damit?“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Oho, Du verſtehſt mich wohl, aber ich kenne ſchon Deinen eigenſinnigen und trotzigen Kopf. Glück⸗ licher Weiſe habe ich die Mittel in Händen, ihn zu brechen.“ Er ſchwieg, als wolle er die Wirkung kennen ler⸗ nen, die dieſe Worte auf das ſtolze Mädchen hervor⸗ bringen mußten. Aber ſie regte ſich nicht. Still, bleich, mit geſpanntem Auge den Vater gleichſam her⸗ ausfordernd anblickend, ſammelte ſie nur ihre ganze innere Kraft, denn ſie ahnte inſtinetartig, daß ſie der⸗ ſelben bald bedürfen werde. 8 188 „Sprich weiter!“ ſagte ſie endlich, um die pein⸗ liche Unterhaltung zu beenden, die ihr ſchon viel zu lange währte. „Ich werde Dich verheirathen!“ lauteten des Va⸗ ters nächſte, beinahe lauernd geſprochenen Worte, denn die Ruhe des Mädchens machte einen bedeutenden Eindruck auf ihn.„Was ſagſt Du dazu?“ „Alſo das haſt Du Dir vorgeſetzt?“ fragte ſie mit zitternden Lippen, aber funkelndem Auge. „Ja, das habe ich mir vorgeſetzt. Und ich habe einen hübſchen und wackeren Mann für Dich.“ „Meine Begriffe über das, was hübſch und wacker iſt, ſind anders als die Deinigen.“ „Ich frage nicht nach Deinen Begriffen, meine gefallen mir beſſer. Mit einem Wort: mein Steuer⸗ mann Janſſen begehrt Dich zum Weibe und ich habe Dich ihm zugeſagt.“ „Du— mich? Sollteſt Du das für eine ſo leichte Sache halten?“ „Dafür halte ich ſie und ſie wird bald abge⸗ macht ſein.“ 5 „Ich nicht. Auch kennſt Du mich zu genau, um nicht zu wiſſen, daß ich lieber von jener Klippe her⸗ unterſpringen und mir den Kopf zerſchmettern würde, als den Steuermann Janſſen heirathen.“ — 189 „Spring' hinunter, zerſchmettere Dir den Kopf — mir auch recht, dann habe ich eine große Sorge weniger auf der Welt.“ Alwining's Antlitz überflog ein ſeltſames Lächeln. Es war das geheimnißvolle Lächeln einer ſtarken Seele, die, ihrer ureigenen Kraft bewußt, ſich mit voller Ge⸗ walt gegen die Angriffe des böſen Feindes ſtämmt. „Ich danke Dir für dieſen Ausſpruch,“ ſagte ſie,„er verräth Deine Empfindungen für mich und giebt mich mir ſelbſt zurück.“ „Oho!“ kreiſchte der ſchwarze Halling auf und ſchlug ſchmetternd mit der Fauſt auf den Tiſch.„Was heißt das? Sprich das noch einmal, Creatur, und Du ſollſt mich kennen lernen.“ „Ich kenne Dich!“ lautete es von den bleichen Lippen des Mädchens mit einer unbeſchreiblichen Ver⸗ achtung. Er ſtand auf, ballte die Fäuſte und ging grollend im Zimmer auf und ab. Alwining regte ſich nicht. Sie war auf Alles gefaßt, ſelbſt darauf, jeden Augen⸗ blick von der Hand des gewiſſenloſen Wüthrichs, der ſich ihren Vater nannte, niedergeſchmettert zu werden. Aber ſo weit pflegte der ſchwarze Halling ſelbſt in ſeinem größten Zorne nicht zu gehen; er war ſtets tapferer mit dem Munde als mit der Hand und im 190 Ganzen hatte er Reſpect vor ſeiner Tochter, deren ſtarke Seele und unbeugſamen Muth er kannte. Ein energiſcher Widerſtand übte ſtets Einfluß auf ihn, und wäre ſeine Frau nicht von jeher ein ſchwankendes Rohr in ſeiner Hand geweſen, ſo wäre ihr und ihres Mannes ganzer Lebenslauf vielleicht ein anderer ge⸗ worden. Endlich ſtand der ſchwarze Halling wieder ſtill, trat dicht vor ſeine Tochter hin und ſagte:„Alſo Du kennſt mich! Nun, dann wirſt Du wiſſen, daß ich zu halten pflege, was ich verſpreche. Jetzt kannſt Du gehen. Ich hoffe, Du wirſt dieſe Stunde ſo bald nicht vergeſſen und einſehen lernen, daß ich Gewalt über Dich habe. Sollte der Maler aber etwa tiefer in Dein Herz gedrungen ſein— und mich will das faſt bedünken— ſo gebe ich Dir einen Rath: Vergiß ihn oder Ihr habt es Beide mit mir zu thun.“ Alwining's bleiche Wangen überflog eine glühende Röthe und ihre Geſtalt ſchien zu wachſen, während ſie die folgenden Worte ſprach, nach denen ſie raſch zur Thür hinausſchritt:„So viel ich den Mann kenne, von dem Du eben ſprichſt, ſo fürchtet er Dich ſo we⸗ nig wie ich. Wage es, ihn oder mich anzutaſten, dann kannſt Du darauf gefaßt ſein, wenigſtens in mir einen Gegner zu finden, dem Du, ſo ſtark Du zu ſein glaubſt, doch nicht in allen Dingen gewachſen biſt!“—:. Als ſie das Zimmer verlaſſen hatte, ſtand Halling mitten darin ſtill und ſann über das eben Gehörte nach. Es mußte eine große Wirkung auf ihn aus⸗ geübt oder vielleicht gar einen wunden Fleck in ſeiner Seele getroffen haben, denn er ſtand einen Augenblick wie gelähmt da. Plötzlich aber raffte er ſich zuſam⸗ men und mit dem Fuße wild auf den Boden ſtam⸗ pfend, kuirſchte er in ſtill kochender Wuth die Worte hervor:„Ha, ha, ha! Ich ſagte es ja, das war dumm von mir, den Menſchen ſo raſch wegzuſchicken— ich hätte am Ende auf ganz andre Weiſe meinen Zweck erreichen können, das Mädchen los zu werden, deren Wucht mir ſchon lange zu ſchwer iſt und immer ſchwe⸗ rer wird. Aber nun iſt es einmal beſprochen zwiſchen uns und ich muß meinen Entſchluß bald ausführen. Die Creatur wächſt mir immer höher über den Kopf. Sie verläugnet ihr verdammtes Blut nicht. Aber wart', Euch ſoll Alle der Teufel holen, früher oder ſpäter! Im Ganzen ſehe ich, daß ich mit meinem Werke eilen muß. Da ich ihnen nicht au's Leben kann, will ich ſie wenigſtens ärgern, quälen, bedrängen, auf alle Weiſe, alle die von dieſem Blute ſind. Leider ſind es ihrer nur Wenige— aber dieſe Wenigen 8 ſollen es fühlen. Oho! Habt nur Geduld!“ rief er, die Zähne grimmig auf einander beißend und die Fauſt nach einer Richtung hin ſchüttelnd,„Ihr kommt Alle nach einander an die Reihe.— Die Weiber aber muß ich bald von hier fortbringen— hier kom⸗ men zu viele neugierige Menſchen her— und mein Steuermann ſoll die Creatur ſchon bändigen, er iſt ganz der Mann dazu. Hat er ſie erſt einmal auf dem Schiff, dann wird ſie ihn kennen lernen und ſtille Orte giebt es genug auf der Welt, wo man vorlau⸗ ten Weibern das Maul ſtopfen kann. He— da iſt ſchon wieder eins— was giebt's?“ Die letzten Worte richtete er an ſeine Frau, die zitternd und zagend ſo eben in die Thür trat. „Simeon,“ ſagte ſie mit flüſternder Stimme, da ſie ihn ſichtbar noch in großem Zorne fand,„ſei ruhig und beſchwichtige Dein wildes Geſicht. Der Steuer⸗ beamte von Crampas iſt da und will Haus und Schiff viſitiren.“ Der ſchwarze Halling lachte höhniſch auf.“„Der Hund!“ knirſchte er zwiſchen den Zähnen.„Schon wieder einer von den herrlichen Beſuchern! Aber haha! Er hat ſich verrechnet. Mag er ſchnüffeln ſo viel er will, dort oder hier, er findet nichts mehr. Aber ich ſag's ja. Die Stelle hier taugt nichts für mich, er ſitzt mir viel zu nah auf dem Pelz und die Specula⸗ tion mit dem verdammten Kreidebruch war eine falſche wie ſo manche andere. Nun, hole ſie Alle der Teufel! Ich habe noch Mauſelöcher genug, um ihnen ein Schnippchen zu ſchlagen. Heda! Luſtig, luſtig! Noch ſind wir nicht leck, und ehe wir auf den Grund ſtoßen, muß eine ganz andere Windsbraut wehen!“ Mit dieſen Worten nahm er ſeinen Hut, ſtülpte ihn auf den Kopf und trat auf den Flur hinaus, wo ihn der Steuerbeamte mit geladener Büchſe in der Hand erwartete, um ſeine Schuldigkeit in dem ihm zugewieſenen Reviere zu thun. Fünftes Bapitel. Die geheime Sendung. Während ſich die eben erwähnten Vorgänge in dem einſam gelegenen Hauſe der Kieler Schlucht abwickel— ten, verfolgte Heinrich Markholm in unbeſchreiblich aufgeregter Gemüthsſtimmung, ohne klares Bewußt⸗ ſein des um ihn her Vorgehenden, faſt nur inſtinct⸗ mäßig ſeinen Weg. Er wußte nicht, ob trübes oder heiteres Wetter war, ob es regnete, ob Sonnenſchein den Wald erhellte— er war ſo vollſtändig mit ſei⸗ nem Innern beſchäftigt, daß keine Stimme der Na⸗ tur auch nur ein einziges Mal ſeine Aufmerkſamkeit erregte, obwohl der herrliche Morgen nach der furcht⸗ baren Gewitternacht ganz dazu angethan war, ein ſonſt ſo poetiſch und warm fühlendes Herz mit tau⸗ ſend Freuden zu erfüllen. 4 5 1 185 Allein man glaube nicht, daß unſer Freund ganz und gar außer Faſſung gerathen war, oder ſich gede⸗ müthigt gefühlt und allen Muth, das eben verlaſſene Häuschen jemals wieder zu betreten, verloren hätte; im Gegentheil, niemals fühlte er ſich ſo aufgelegt, gegen des Schickſals Tücke, die ihm in der Perſon des brutalen Pächters entgegengetreten war, eine Lanze einzulegen, denn der Widerſpruch, das phyſiſche wie moraliſche Hinderniß, welche alle ſtarken Naturen nur zu größerer Kraftentwicklung reizen, hatten auch ſeine Lebensgeiſter angeregt und ihn zu dem Entſchluſſe gebracht, über kurz oder lang, wo und wie es auch ſei, die Bekanntſchaft mit dem ſchönen Mädchen fort⸗ zuſetzen, deren Endziel ihm allmälig in beſtimmteren Umriſſen vorzuſchweben begann. Niemals wie zu die⸗ ſer Stunde war ihm der Liebreiz Alwining's in einem helleren Lichte erſchienen, niemals hatte ihr ſanftes und doch kerniges Weſen ihm ſo klar und anziehend vor der Seele geſtanden und niemals hatte er zugleich ein innigeres Mitleid mit ihrer Lage empfunden, in die ſie ſich ſo geduldig und ergebungsvoll, wenn auch mit innerem Widerſtreben zu fügen ſchien. Alllein dennoch war er ſehr weit davon entfernt, gerade freudig geſtimmt zu ſein; nein, er geſtand ſich ſogar ein, für den Augenblick eine Niederlage erlitten 13* 196 zu haben und auf eine eben ſo unerwartete wie rauhe Weiſe aus ſeinem friedlichen Stillleben in der einſa⸗ men Bergſchlucht getrieben zu ſein; aber dieſe Nie⸗ derlage ſollte ſich ſeiner Meinung nach ſehr bald in einen köſtlicheren Sieg verwandeln, und nur die Art und Weiſe, wie er zu demſelben gelangen ſollte, be⸗ ſchäftigte ihn auf das Lebhafteſte. Daß er ſeinen Wirth ſogleich von jedem einzelnen Vorfall in Kennt⸗ niß ſetzen und ſich ſeinen Rath erbitten würde, ſtand bei ihm feſt und er empfand durchaus kein beſchämen⸗ des Gefühl, der reiferen Erfahrung und der bewähr⸗ teren Kraft des älteren Freundes getroſt das Mißge⸗ ſchick ſeiner Gegenwart und das Glück ſeiner Zukunft anzuvertrauen. Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt ſetzte er ohne Uebereilung den Weg nach Stubbenkammer fort und als er das große Schweizerhaus von ferne in ſeiner gewöhnlichen friedlichen Stille liegen ſah, freute er ſich, die größere Hälfte des ganzen Weges ſo ſchnell zurückgelegt zu haben. Herr Behrendt ſchien nicht allzuſehr verwundert, als er den jungen Mann langſam den Berg herauf⸗ kommen ſah; er begriff leicht, daß das Unwetter der vergangenen Nacht ſeine Ankunft verzögert hatte, und Heinrich Markholm brauchte nur wenige Worte zu 197 ſprechen, um ihn über ſein Ausbleiben am vorigen Abend aufzuklären. Bald ſaß er im Gaſtzimmer und verzehrte ſein Frühſtück, wobei man die tröſtliche Be⸗ merkung machen konnte, daß ſein Appetit durchaus nicht gelitten habe; ſobald er aber damit fertig war, ließ er den Schimmel vorführen, den man in dem gaſtlichen Stalle vortrefflich gepflegt hatte. Er nahm mit kurzen Worten vom Wirthe Abſchied, ſchwang ſich in den Sattel und trabte nun raſch dem ſtillen Grün⸗ thal zu, das ihn ein inneres Gefühl ſo ſchnell wie möglich zu erreichen trieb. Erſt als er den großen Hof in der Ferne auf⸗ tauchen ſah, ſchien der Schleier, der bisher vor ſeinen Augen gelegen, zu ſinken und er bemerkte plötzlich den herrlichen Sonnenſchein, der die Fenſter des Herren⸗ hauſes vergoldete, er hörte wieder die Lerchen ſingen und die ganze fröhliche Außenwelt fing an mit ihrem belebenden Zauber auf ihn zu wirken, der zu einer ſchöpferiſchen Natur, wie die ſeine war, ſo leicht Zu⸗ gang gewinnt. Ein neuer und ihn erhebender Muth bemächtigte ſich ſeiner dabei, ſein Herz ſchlug ruhiger denn je und die Hoffnung, daß noch bei Weitem nicht Alles verloren ſei, brach ſich mächtig in ſeiner Seele Bahn. Einigermaßen gedämpft aber wurden dieſe ange⸗ 198 nehmen Empfindungen wieder, als er von Jochen, der ihm das Pferd abnahm, hörte, daß Herr Brunſt krank ſei und ſogar das Bett hüten müſſe. Er begab ſich alſo zu Frau Albrecht und erfuhr von dieſer zu ſei⸗ nem Troſte, daß die Krankheit des Herrn hoffentlich nicht viel zu bedeuten habe, die Gicht ſei ein wenig gekommen, wie faſt jedes Jahr, und eine Woche würde hinreichen, den guten Mann wieder auf die Beine zu bringen. „Darf ich ihn denn nicht ſehen?“ fragte Heinrich Markholm die alte ehrwürdige Schaffnerin. „Ei ja wohl und Sie werden dem Herrn ſehr angenehm ſein, er hat ſchon mehrmals heute Morgen von Ihnen geſprochen und wird gewiß erfreut ſein, Sie geſund wieder zu ſehen.“— Dies fand der Maler auch ſehr bald beſtätigt. Als er in das Zimmer des Kranken trat, richtete die⸗ ſer ſich im Bette auf, ſtreckte ihm herzlich die Hand entgegen und fragte, wie es ihm ergangen ſei und wo er die Nacht zugebracht habe. In einer halben Stunde wußte er Alles, ſo aus— führlich, wie Heinrich Markholm es nur zu ſchil⸗ dern vermochte, ja er wußte noch mehr, als die⸗ ſer ihm ſagte, denn mit ſeinem ſcharfen Blicke hatte er die Rinde des Herzens des jungen Mannes durch⸗ 3 199 drungen, die überdieß nicht von undurchdringlicher Stärke war. Wenn aber Heinrich Markholm erwartet hatte, Herr Brunſt werde ihm ſofort ſeinen Rath ertheilen und ihn ermuntern, auf der Stelle dieſen oder jenen Weg einzuſchlagen, ſo hatte er ſich geirrt. Im Ge— gentheil, der edle Gutsherr von Grünthal war ſehr ſtill, als er die unerwartete Begebenheit vernommen, legte ſich in ſein Bett zurück und bat ſogar den jun⸗ gen Freund, ihn eine Stunde allein zu laſſen, er werde gerufen werden, ſobald er ihm ſeine Anſicht der Dinge zu erkennen zu geben habe. Als der Maler das Zimmer verlaſſen, dachte ſein Wirth lange und ernſtlich über das eben Gehörte nach.„Aha,“ ſagte er ſich dann,„es wird alſo Ernſt mit dieſer Geſchichte, die anfangs ein ſo ſcherzhaftes Anſehen zeigte, und auch in das Schickſal dieſes jungen Mannes muß ich mit dreiſter Hand eingreifen, wenn ich ihn vor größerem Schaden bewahren will. Nun, das iſt kein unangenehmes Geſchäft, ich liebe derglei⸗ chen und in meiner langen Advocatenpraxis habe ich. wohl ſchwerere Aufgaben zu löſen gehabt. Haha! Der arme Junge thut mir leid. Er ſtellt ſich ſo ſtark, iſt es vielleicht auch, und doch wühlt der Kummer in ſeinem Herzen, den er mir vergebens zu verbergen 200 trachtet. O, o, da haben wir wieder ein Beiſpiel, was für gefährliche Geſchöpfe die Weiber ſind! Die⸗ ſer war ein ſo verſtändiger und geſcheidter Burſche, klar und beſonnen, wie Einer— kaum aber hat er ein hübſches Geſicht geſehen, ſo geht die Tragödie los und wo bleibt der Verſtand, die Beſonnenheit, das klare Urtheil des Mannes, wie? O Ihr Männer mit Herzen von weichem Wachs, was ſeid Ihr für Thoren! Doch nun? Ja, dem armen Maler muß geholfen werden, ſo viel ſehe ich ein. Aber bevor ich mich entſchließe, meine Karten mit in das Spiel zu miſchen, muß ich mit unparteiiſchen Augen ſehen, ob das Mäd⸗ chen, das allen dieſen Wirrwarr angerichtet, auch wirk⸗ lich die Mühe verdient, der man ſich unterzieht. Iſt ſie ſo, wie er ſagt, nun— dann habe ich kein Be⸗ denken, dann vorwärts, großer Jung', dann laß das Waſſer Deiner Mühle brauſen und ſieh' zu, was Dei⸗ ner und ſeiner vereinigten Kraft gelingt. O wie dumm, wie dumm, daß ich gerade jetzt krank ſein muß oder keinen von meinen älteren Freunden hier habe! Sie oder ich, das wäre einerlei, ihr Herz, ihre Hand würde daſſelbe bewirken, was mein Herz und meine Hand bewirkt, aber ſo!— Raſch, Alfred, tummle Dich, die Sache hat Eile, ich kann den armen 201 Jungen nicht ſo kopfhängeriſch umherlaufen ſehen, ich liebe es nicht, die Menſchen in meiner nächſten Nähe traurig zu wiſſen, und am Ende bin ich mit ſchuld an dem ganzen Unheil,— warum habe ich ihn ſich ſelbſt überlaſſen und bin von ſeiner Seite gewichen! Ha, daran iſt wieder die alte Laune ſchuld, immer für Dich allein zu ſein, alter Knabe, nach Deinem Kopfe Alles tanzen zu laſſen— pfui, das ärgert mich und diesmal iſt es erſt recht an mir, den Fehler zu ver⸗ beſſern, den ich allein verſchulde!“ So ſprach Alfred Brunſt mit ſich; aber ſo viel er auch grübelte, er konnte zu keinem beſtimmten Ent⸗ ſchluſſe kommen, an welchem Ende er die Sache an⸗ faſſen ſolle, um ſeinem Herzen Genüge zu thun und von einem Unparteiiſchen einen Blick in das Haus der Kieler Schlucht werfen zu laſſen. Erſt nach Tiſche, nachdem er noch einmal mit dem Maler geſprochen, fiel ihm ein Gedanke ein, der gute Folgen zu haben verſprach, und augenblicklich war er zur Ausführung deſ⸗ ſelben bereit. Er ließ Jochen kommen und befahl ihm, die Kutſchpferde vor den kleinen Jagdwagen zu legen. „Herr Gott!“ rief der alte, eisgraue Kutſcher, „wollen Sie denn ſtracks aus dem Bette in den Wa⸗ gen ſteigen? Sie ſind ja krank, Herr, und thun wahr⸗ haftig viel klüger, diesmal zu Hauſe zu bleiben.“ 20² „Wer ſagt Dir,“ erwiderte ſein Herr lächelnd, „daß ich ſelber ausfahren will?“ „Nun, Sie beſtellen ja die Kutſchpferde und ich ſelber ſoll fahren!“ „Das ſollſt Du auch, aber nicht mich.“ „Herr!“ fuhr der Alte verwundert auf,„wann hätte ich denn einen Andern gefahren als Sie?“ „Heute iſt es nothwendig, Jochen, und wir müſſen einmal von der Regel abweichen. Sieh, mein Sohn — der Kutſcher war zwanzig Jahre älter als er— es iſt eine wichtige Angelegenheit, die mich ſehr inter⸗ eſſirt, und nur Du allein darfſt darum wiſſen und Niemanden ein Wort darüber ſagen.“ Der Alte verſtand und fühlte Reue über ſeinen unverſtändigen Widerſpruch. Er trat dem Bette noch näher und flüſterte, als ob es ein Staatsgeheimniß zu verhandeln gäbe:„Ach ſo, ich verſtehe, es iſt eine geheime Privatangelegenheit?“ „Ja, das iſt ſie, und nun höre und befolge ſo⸗ gleich meinen Befehl. Spanne ruhig an, ſage Nie⸗ manden, wohin Du fährſt—“ „Aber ich weiß ja noch nicht, wohin ich fahren ſoll—“ „Sprich nicht, ſondern höre! Und fahre nach Stubbenkammer zu Herrn Behrendt. Bitte ihn in 203 meinem Namen, auf der Stelle herzukommen, auch wenn ſein Haus voller Gäſte wäre. Ich ſei krank und müſſe ihn ſprechen. Dann fährſt Du ihn ber, ſpannſt aber nicht aus, denn Du mußt noch weiter fahren.“ Der alte Jochen wurde ganz beklommen über die⸗ ſes große Geheimniß. Er verſprach danach zu han⸗ deln und verabſchiedete ſich. In zehn Minuten ſchon ſah man ihn aus dem Hofe fahren und zwar ſo ſchnell, wie er ſonſt nur ſeinen verehrten Herrn in eigener Perſon zu fahren pflegte.— Kaum eine Stunde ſpäter kehrte der Wagen mit Herrn Behrendt zurück, der ohne Säumen dem Rufe des Gutsbeſitzers, dem er ſchon als Nachbar von ganzer Seele ergeben, gefolgt war. Der gefällige Mann trat raſch in's Zimmer und bedauerte mit herzlichen Wor⸗ ten, daß er Herrn Brunſt krank und zu Bett finde. „Es hat nichts zu ſagen, Behrendt, und wird bald beſſer werden. Aber ſetzen Sie ſich, ich habe ein paar ernſte Worte mit Ihnen zu ſprechen und Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, und zwar in einer Ange⸗ legenheit, die nur uns Beiden bekannt werden darf.“ Herr Behrendt lächelte Auf ſeine eigene pfiffige Weiſe.„Ich verſtehe,“ ſagte er,„ſprechen Sie dreiſt, meiner Verſchwiegenheit ſind Sie gewiß.“ 204 „Gut. Sie kennen den ſchwarzen Halling in der Kieler Schlucht?“ Herr Behrendt ſtutzte.„Woher wiſſen Sie das?“ fragte er. „Nun, ohne Umſchweife,— mein junger Freund, der ehrliche Maler, hat mir ſeine Unterhaltung mit Ihnen über denſelben erzählt.“ „Ah, iſt es das! Nun weiter. Ja, ich kenne ihn.“ „Und Sie müſſen ihn noch näher kennen lernen.“ „Wie ſo denn und wozu?“ „Das ſollen Sie gleich hören. Der Mann in⸗ tereſſirt mich, mehr als Sie denken, und ſeine Frau und Tochter noch viel mehr. Setzen Sie ſich alſo in meinen Wagen und fahren Sie gerades Weges nach ſeiner Behauſung. Machen Sie ſich irgend etwas bei ihm zu ſchaffen, beſtellen Sie meinetwegen auf meine Rechnung zehn Centner Kreide, aber ſondiren Sie ihn— Sie ſind ja ein ſchlauer Kunde und verſtehen es, den Leuten bis in's Herz zu blicken.“ Herr Behrendt lächelte.„Aber was ſoll ich denn bei ihm ſondiren?“ „An dem Manne nichts. Er giebt nur den Vor⸗ wand ab und die Hauptſache bleibt ſeine Tochter. Gehen Sie alſo in's Haus und ſuchen Sie ſie zu ſehen — auch die Frau. Sprechen Sie mit ihnen, erforſchen 20⁵ Sie, was ſie für Leute ſind, und vor allen Dingen beobachten Sie genau, was zu beobachten iſt, damit Sie mir nachher auf alle Fragen Antwort geben können.“. „Aber mein Gott, Herr Brunſt, das iſt ja ein wahrer diplomatiſcher Auftrag!“ „Das iſt er. Sie haben Recht. Mehr kann ich Ihnen nicht ſagen, jetzt wenigſtens nicht, vielleicht je⸗ doch ſpäter. Sie ſollen nur ſehen, beobachten und dann wieder herkommen, und wenn Sie hübſch ſchlau ſind, wie gewöhnlich, ſollen Sie heute Abend bei mir zu Nacht ſpeiſen, wie man es ſelbſt auf Stubbenfam⸗ mer nicht gewohnt iſt.“ Herr Behrendt ſchien endlich zu begreifen, was er ſolle, ja er hörte noch mehr aus den verſchwiegenen als den geſprochenen Worten heraus, denn er war wirklich ein ſchlauer Kunde. Daß hier der Maler mit im Spiele ſei, der alle Tage nach der Kieler Schlucht ging und heute Morgen erſt zu ganz ungewöhnlicher Zeit von daher zurückgekommen war, das wurde ihm allmälig klar, und ſchon aus Neugierde, was er zu ſehen und zu beobachten bekommen würde, freute er ſich auf dieſen diplomatiſchen Beſuch, verſprach ſein Beſtes zu thun und fuhr vergnügt von dannen. 206 Als Herr Behrendt abgefahren war, fühlte ſich der Gutsherr von Grünthal ganz zufrieden. Er hatte für's Erſte ſeine Schuldigkeit gethan und das erfüllte ſeine edle Seele ſtets mit einer eigenen Behaglichkeit. Er liebte es einmal, Dinge in's Gleichgewicht zu brin⸗ gen, deren Bemeiſterung Anderen zu ſchwer war, und konnte er damit gar eines Freundes Glück begründen, ſo fühlte er ſich ſelbſt auf das Höchſte beglückt. Er ließ den Maler vor ſein Bett beſcheiden und unterhielt ſich auf eine ſo heitere Weiſe mit ihm, daß kein Menſch hätte denken ſollen, er leide an leiblichen Schmerzen, und doch waren dieſe nicht geringer Art. Heinrich Markholm ganz beſonders wunderte ſich über dieſe Heiterkeit und wußte dieſelbe gar nicht zu deuten. Sein Wirth war krank und hatte mit ihm vor Kurzem ein ſo ernſtes Geſpräche geführt und nun war der alte Humor mit einem Male wieder bei ihm eingekehrt und er zeigte ſich ſogar zum Scherzen aufgelegt. Wie ſollte er ſich das erklären und was bedeutete es? War der Maler nun ſchon hierüber im Unklaren, ſo ſollte er noch mehr über ſeinen Wirth erſtaunen, als etwa vier Stunden ſpäter, da es ſchon gegen Abend ging, die Hunde auf dem Hofe freudig zu bellen anfingen und auf dieſe Weiſe einen eben in 207 den Hof einfahrenden Wagen begrüßten. Denn kaum hatte Herr Brunſt das Geräuſch der Räder auf den Steinen vernommen, ſo wandte er ſich zu ſeinem Gaſte und bat ihn, ſein Zimmer aufzuſuchen oder ſpazieren zu gehen und nicht eher zurückzukehren, als bis er ge⸗ rufen werden würde. Er befolgte natürlich dieſen Rath und ſtieg mit erſtaunten Mienen die Treppe hinauf, ohne im Ge⸗ ringſten das Vorgehende zu errathen, da er die An⸗ kunft des Wirthes von Stubbenkammer weder vorher noch jetzt bemerkt hatte. Kurz nach ſeinem Abgange trat Herr Behrendt mit ſichtbar befriedigter Miene und voller Begier, ſich des Reſultates ſeiner diplomatiſchen Sendung zu entledigen, bei Herrn Brunſt ein. Daß Alles gut abgelaufen und die erwartete Botſchaft eine günſtige ſei, hatte Letzterer ſchon auf dem Geſicht des Boten ge⸗ leſen. Sein Antlitz, das kurz vorher noch eine eigenthüm⸗ liche Spannung hatte blicken laſſen, heiterte ſich daher auch auf und er richtete ſeine ſcharfen Augen fragend auf den Eintretenden, der ruhig den Hut ablegte und dann auf einem Stuhl am Bette des Kranken Platz nahm. „Alſo Sie ſind wieder da?“ begann dieſer das Geſpräch,„und wie ich hoffe, haben Sie Ihre Sen⸗ dung zu allgemeinem Wohlgefallen erfüllt?“ 208 „Ich denke es, Herr Brunſt; ich wenigſtens bin befriedigt und meine, Sie werden es auch ſein.“ „Herrlich! Sie trafen alſo den ſchwarzeu Halling?“ „Nein, ich traf ihn nicht. Er war vor einer Stunde bei günſtigem Winde mit ſeiner Yacht abge⸗ ſegelt und das war gut, denn ſo habe ich ganz ge⸗ müthlich zwei Stunden bei der alten Frau ſitzen, mit ihr ſchwatzen und mancherlei erfahren können, was Ihnen nicht unangenehm ſein wird.“ Der Kranke richtete ſich in ſeinem Bette auf und ſeine Befriedigung war ſchon jetzt ſo groß, daß er die ihn vorher plagenden Schmerzen kaum noch fühlte. „Aber nun erzählen Sie— was iſt die Alte für eine Frau?“ ſagte er haſtig. „Auf mich hat ſie einen ſehr guten Eindruck ge⸗ macht. Ich ſagte ihr, wer ich ſei, aber nicht, wes⸗ halb ich gekommen, ſondern gab als Grund meines Beſuches die Neugierde an, die Familie eines Nach⸗ bars kennen zu lernen, der mir auch ſchon ſeinen Be⸗ ſuch abgeſtattet. Schon als ich das Wort Stubben⸗ kammer nannte, ſpitzte ſie die Ohren und ſchien an eine Verbindung zwiſchen mir und Demjenigen zu denken, der alle Tage von Stubbenkammer aus ihr ſeine Aufwartung gemacht hatte.“ „O! Sie beſtärkten ſie doch nicht in dieſem Gedanken?“ 209 „Gott bewahre, für den Anfang wenigſtens noch nicht. Ich hatte dadurch nur ihre Theilnahme für mich erregt. Ich erkundigte mich nun nach der Pach⸗ tung ihres Mannes und da ſah ich bald ein, daß die arme Frau ſehr wenig Beſcheid wußte und überhaupt mit den Geſchäften ihres Mannes, mögen ſie ſein, welche ſie wollen, höchſt kärglich vertraut war. Ein Wort gab nun das andere und das Ende vom Liede war, daß ich erkannte, daß die Frau unglücklich und ſorgenvoll ſei und ſich nur ſchwer in das Schickſal füge, die Frau eines Mannes von ſo zweideutigem Charakter zu ſein, wie der ſchwarze Halling es iſt.“ „So. Das iſt wichtig. Fahren Sie fort.“ Herr Behrendt berichtete nun Mehreres, was wir ſo ziemlich ſchon wiſſen und was auch Alfred Brunſt ſchon aus den Mittheilungen des Malers erfahren hatte.„Als ich nun Alles erfahren,“ fuhr der Be⸗ richterſtatter fort,„was ich ohne aufdringlich zu ſein, erfahren konnte, fragte ich nach ihrer Tochter. Ach, ſagte ſie, das arme Ding iſt nicht in der beſten Ver⸗ faſſung heute, ſie hat einen großen Kummer gehabt. Ohne näher hierauf einzugehen, da Sie mich nicht beauftragt hatten, danach zu forſchen, ſprach ich der armen Frau, die mit ihrer traurigen Miene wirklich mein Herz gewann, allen möglichen Troſt ein und da⸗ Die Inſulaner. II. 14 210 durch wurde ſie allmälig geiprächiger Sie erzählte von ihrer Tochter, wie dieſelbe eine gute Erziehung genoſſen und nun leider in dieſer Abgeſchiedenheit ihre Jugend verbringen müſſe. Endlich bat ich ſie, mir ihre Tochter vorzuſtellen. Sie ging darauf ein und begab ſich hinaus, um ſie zu ſuchen. Nach einer Weile kam ſie mit ihr herein und ſtellte ſie mir vor.“ „Nun,“ ſagte Alfred Brunſt geſpannt,„und was ſahen Sie da?“ „Herr Brunſt! Ich war betroffen von dem Anblick dieſes Mädchens. Sie war zwar ſichtlich traurig und ſtill, aber ſchön wie ein Engel, und hat eine Bildung genoſſen, die ich in dem kleinen Häuschen nicht ge⸗ ſucht hätte. Ich blieb ganz ſchweigſam vor ihr ſtehen, ſolchen Eindruck machte ſie auf mich. Und ich kann Ihnen in Wahrheit verſichern, daß ich mir noch jetzt nicht erklären kann, wie dieſer Kerl, der Halling, zu ſolch' einer Tochter oder dieſe Tochter zu ſolch' einem Vater gekommen iſt.“ „Alſo wirklich?“ „Ja, wahrhaftig. Wenn Sie ſie ſehen, werden Sie ſich wundern wie ich.“ „Gut, ich werde ſie ſehen. Sie reizen meinen Appetit danach. Nun fahren Sie fort.“ Herr Behrendt berichtete noch Mancherlei aus der 24 1 mit den Frauen geführten Unterhaltung und ſchloß dann damit, daß er ſagte, zwei Stunden wären ihm überaus ſchnell in dem angenehmſten Geſpräch ver⸗ ſtrichen. Alfred Brunſt lehnte ſich wieder in ſeine Kiſſen zurück und dachte lebhaft einige Minuten im Stillen nach.„Das iſt alſo Alles, was Sie zu berichten ha⸗ ben?“ ſagte er dann. Herr Behrendt lächelte verſchmitzt.„Nein, Herr Brunſt,“ erwiderte er,„das iſt noch nicht Alles, aber vielleicht bin ich in dem Folgenden etwas über die Gränze meiner diplomatiſchen Sendung hinausgegangen.“ „Wie ſo?“ fragte Alfred Brunſt mit blitzendem Auge. „Je nun! Kurz bevor ich mich entfernen wollte, verließ uns die Tochter, Alwining heißt ſie. Ich ſtand auf und nahm meinen Hut. Haben Sie mir vielleicht noch etwas zu ſagen? fragte ich die Frau, die augenſcheinlich Vertrauen zu mir gefaßt. Auf dieſe Frage ſah ich in dem Herzen derſelben einen ſtillen Kampf vorgehen. Sie überlegte hin und her, ob ſie mit der Sprache heraus ſolle oder nicht; da ich ſie aber ermuthigte, zu ſprechen, was es auch ſei, und ſagte, ich wolle ihr gern zu Gefallen ſein, ſprach ſie mit bebenden Lippen: Herr Behrendt, alſo 14* 212 Sie wohnen auf Stubbenkammer? O, kennen Sie vielleicht einen Maler, Herrn Markholm? Ja wohl, den kenne ich, ſagte ich und er iſt heute Morgen erſt von Ihnen kommend bei mir eingekehrt.“ „Behrendt!“ unterbrach ihn hier der aufmerkſam zuhörende Kranke,„Sie ſind ein Schlaukopf, wie kein Anderer. Sie haben die Naſe etwas weit vor in den Wind geſteckt. Nun gut, reden Sie; mögen Sie wiſ⸗ ſen, was Sie wollen oder mich errathen haben, einer⸗ lei, Sie werden die Ihnen gewordene Kunde nicht mißbrauchen und mir überlaſſen, die etwaigen Erklä⸗ rungen dazu zu liefern.“ „Ganz gewiß, Herr Brunſt, und nun hören Sie. Ach, fuhr die Frau fort, während ihr die Thränen über die Backen liefen, Herr Markholm iſt heute Morgen gegen unſern Wunſch ſo bald von hier ge⸗ ſchieden und er denkt am Ende, es ſei uns damit ein Gefallen geſchehen. Aber das iſt nicht der Fall, im Gegentheil. Soll ich ihm ſagen, daß er wiederkommt? fragte ich. Die Frau fing bitterlich an zu ſchluchzen und drückte mir die Hand. Ja, fuhr ſie fort, ſagen Sie ihm das. Aber er ſoll nur des Mittags auf ein paar Stunden kommen und bei Zeiten wieder fortgehen. Ich weiß wohl, ich handle dadurch, daß ich Ihnen das ſage, 213 gegen die Vorſchriften meines Mannes, aber Alwi⸗ ning— das arme Kind— hat auch Recht, wenn ſie meint, wir dürften nicht ſo ungaſtlich gegen den jungen Mann ſein, der uns ſo viel Wohlwollen und Freund⸗ ſchaft erwieſen hat. Ich verſprach ihr, die Beſtellung auszurichten, und das habe ich nun an Sie gethan. Richten Sie ſie weiter aus, das Uebrige geht mich nichts an.“ Alfred Brunſt reichte ſeinem Botſchafter die Hand. „Ich danke Ihnen,“ ſagte er herzlich,„Sie haben Alles ſo ausgerichtet, wie ich es wünſchte. Aber wie— Sie wollen doch nicht ſchon fort?“ „Ich muß. Ich habe Jochen vor der Thür halten laſſen, denn meine Wirthſchaft ruft mich nach Hauſe. Das gute Abendeſſen wollen wir im Winter genießen, wenn wir einſamer ſind als jetzt.“ „Auch gut, ich bin dabei. So leben Sie denn wohl, ich bin Ihnen einmal wieder gefällig.“ „Ich weiß es, ich weiß es und ſebe es gern, wenn Schuldner wie Sie in Vorrath habe.“— Als Herr Behrendt das Zimmer verlaſſen hatte und abgefahren war, blieb Alfred Brunſt geraume Zeit im Nachdenken und unbeweglich im Bette liegen. Plötzlich griff er nach der Klingel und ſchellte.„Laſſen Sie Herrn Markholm zu mir kommen,“ ſagte er zu Frau Albrecht, die ſogleich herbeigetrippelt kam. ich 214 Der Maler ließ nicht lange auf ſich warten und trat mit geſpannter Miene bei ſeinem Wirthe ein, deſſen ganzes Benehmen ihn auf etwas Unerwartetes vorzubereiten ſchien. „Hören Sie,“. ſagte der Kranke,„jetzt bin ich im Stande Ihnen zu ſagen, daß ich im Laufe des Tages etwas für Sie ausgewirkt habe. Ruhig, ich bitte, hören Sie erſt. Fragen Sie nicht, was ich gethan, denn wenn ich auch gern für meine Freunde handle, ſo laſſe ich ſie doch nicht immer in meine Karten ſehen. Ich babe ſo meine eigene Weiſe, dieſe Karten zu miſchen, und nur wenn das Spiel am Ende iſt, decke ich ſie ehrlich auf. Sie finden mich nicht abgeneigt, in Sachen der Hallings Ihre Partei zu nehmen. Wenn ich Ihnen dies ſage, ſo heißt dies nichts An⸗ deres, als daß Sie auf mich im Leben und Sterben rechnen können. Da haben Sie meine Hand zur Be⸗ ſtätigung des Geſagten. Bitte, laſſen Sie mich aus⸗ ſprechen. Der Kerl, der Halling, iſt abgereiſt und kommt erſt in acht Tagen wieder.— Machen Sie immer große Augen, aber hören Sie— ſeine Frau iſt troſtlos über das Vorgefallene und wird es nicht ungern ſehen, wenn Sie ſie Nachmittags auf einige Stunden beſuchen. In acht Tagen aber werde hoffentlich ich auf den Beinen ſein und dann 215 werde ich ſelber dem Herrn Gemahl emeinen Beſuch abſtatten. Ich werde einen noch ſchärferen Blick auf die dortigen Verhältniſſe werfen als Sie, verlaſſen Sie ſich darauf, und das Uebrige wird ſich finden.“ „Herr Brunſt,“ rief der Maler, vor Freuden in Feuer und Flamme auflodernd,„wie ſoll ich Ihnen für Ihre Güte danken! Aber wie ſteht es mit Alwining — wiſſen Sie nichts von der?“ Alfred Brunſt lachte laut auf.„O, o,“ rief er, „beinahe hätte ich das Wichtigſte vergeſſen. Alwining läßt Sie herzlich grüßen und morgen bald nach Mit⸗ tag wird ſie Sie erwarten.“ Der Maler war faſt bis zu Thränen gerührt und nun erſt erkannte ſein Wirth, wie tief dem Armen der ſanfteſte Stachel des Lebens in's Herz gedrungen war. Er wollte noch einmal ſeinen innigſten Dank ausſprechen, aber Alfred Brunſt ließ es nicht dazu kommen, fing von anderen Dingen zu ſprechen an und gab ſich zuletzt wieder ſeiner ganzen natürlichen Heiterkeit hin. So endete dieſer Abend. Am nächſten Mittage aber wollen wir Heinrich Markholm nicht nach dem Kieler Ufer begleiten, ſondern lieber einen kleinen Ab⸗ ſtecher nach der Oehe machen und ſehen, wie es da⸗ ſelbſt unterdeſſen ſeinem Freunde Guſtav Steiuau er⸗ gangen war. Serhstes Napitel. Die Geſchichte eines Landedelmanns. Dem Gewitter am Tage der Ankunft Guſtav Stei⸗ nau's auf der Oehe waren überaus heitere und ſon⸗ nenklare Tage gefolgt, die zum Aufenthalt im Freien einluden, günſtiges Wetter zur Erndte verſprachen und auf dieſe Weiſe die Hoffnungen des Landmanns eben ſo anregten, wie ſie dem Naturfreunde Genuß und Vergnügen nach allen Seiten boten. Herr von der Oehe entwickelte in dieſen ſchönen Tagen eine un⸗ gemeine Thätigkeit nach Außen hin; ſchon mit An⸗ bruch des Tages ſtreifte er auf den Feldern umher, beaufſichtigte ſeine Leute, gab ihnen die nöthigen Be⸗ fehle und richtete zuletzt mit immer wachſender Span⸗ nung ſeine Aufmerkſamkeit der See zu, als erwarte er ſtündlich von derſelben ein Ereigniß, deſſen An⸗ 217 näherung man nicht früh genug bemerken könne. Dieſes vollkommene Stillleben, in der ruhigſten Gleich⸗ förmigkeit, ohne Aufregung und Leidenſchaft vollbracht, theilte ſein junger Gaſt mit ganzem Herzen. Guſtav Steinau hatte ſich in die Gewohnheiten und Lieb⸗ habereien des alten Herrn völlig eingelebt, er ging an ſeiner Seite in den ihm aufgedrungenen Kleidern Morgens mit auf die Felder, bewies den herzlichſten Antheil an ſeinen Intereſſen, betrachtete mit ihm die See und die reizenden Punkte der Ferne, die über den Waſſerſpiegel ſo lieblich herüberblickten, und ſpeiſte und trank mit ihm, wie es der alte Herr gewohnt war, ohne auch nur ein einziges Mal eine andere Neigung zu verrathen oder einen von den alltäg⸗ lichen Gewohnheiten abweichenden Wunſch zu erkennen zu geben. Ohne es ſich beſonders merken zu laſſen, hatte Herr von der Oehe ſeine Augen aufmerkſam auf die⸗ ſes Gebahren gerichtet, und je länger er ihn ſo beobach⸗ tete, um ſo beſſer gefiel ihm der junge Menſch von Tage zu Tage. Niemals hatten ſeine Anſichten über den Ackerbau und überhaupt ländliche Beſchäftigung geringeren Widerſpruch erfahren, niemals war Jemand ſo genau ſeinen Anweiſungen gefolgt, und ſo gewöhnte eer ſich ſo ſchnell an den Gaſt, daß er ſich ſogar wun⸗ 18 derte, wenn er einmal eine halbe Stunde nicht an ſeiner Seite war. Die angenehmſte Zeit vom ganzen Tage aber war ihm der Abend, und Jaum konnte er es erwarten, daß die Sonne Mu, 29* dann alle Geſchäfte ruhten, kein Menſch mehr⸗u beaufſichtigen war und er ſich nun mit dem G te ic ſein trauliches Zimmer zurück⸗ ziehen, oder, weun vei Wind es erlaubte, vor der Thür auf der Bank ſißen oder im Garten auf und nieder wandeln tonriy Da ſaßen ſie dann und unter⸗ hielten ſich auf das Lebhafteſte von alten und neuen Zeiten und Dingen;, Guſtav Steinau ließ ſtets den alten Herrn ausſpt en, hörte mit unnachahmlicher Geduld alle ſeine ſelbſterlebten Geſchichten an, die er mit außerordentlichey/Liebhaberei erzählte und ſprach nur dann ſeine eigene Meinung aus, wenn er beſon⸗ ders danach gefragt, wurde. Als aber der Vorrath dieſer Mittheilungen endlich ziemlich erſchöpft war, der alte Herr ſchwieg und ſich auf andere ſeinem Ge⸗ dächtniſſe entfallene— atſachen beſann, begann Guſtav Steinau allmälig mehr und mehr die geiſtigen Po⸗ tenzen des Lebens in, die Unterhaltung zu ziehen, lenkte die Aufmerkſamkeit ſeines Wirthes auf die Lite⸗ ratur, in der er ſo wohl bewandert war, und ſo ge⸗ lang es ihm endlich⸗ den Sinn deſſelben für neuere⸗ —— „. Gegenſtände zu wecken, ſo daß er ihn zuletzt aus freien Stücken bat, ſeine Belehrungen fortzuſetzen, indem ſie ihm einen großen Genuß gewährten. Früher hatte er nie ſeinen Gaſt im Zuſammenhange längere Er⸗ zaͤhlungen vortragen hören, als er nun aber erſt den Fluß ſeiner Rede, den kühnen Schwung ſeiner Phanta⸗ ſie und den unverkennbaren Adel in ſeinen Empfin⸗ dungen kennen lernte, ging ihm allmälig ein neuer Sinn für die Leiſtungsfähigkeit deſſelben auf, und wie er früher nur der alleinige Redner geweſen war, konnte er jetzt nicht ſatt werden, den perlenden Worten des jungen Erzählers zu lauſchen. Herr von der Oehe war von jeher ſtark im Citi⸗ ren alter Gedichte und Sinnſprüche geweſen und wie wir wiſſen, war Salis hierin ſeine erſte Autorität. Sobald Guſtav dies merkte, verſuchte auch er ſich auf dieſem Felde und da war ſein Wirth auf's Neue über das ungeheure Gedächtniß erſtaunt, das ſich hier ſo unerwartet und ohne mit abſchreckender Gelehrſamkeit zu prunken, vor ihm entwickelte,, ihn auf bisher noch unbetretene Geiſtesbahnen lenkte und ſeinen Geſichts⸗ punkt nach allen Seiten des Schönen und Erhabenen hin erweiterte. So kam es denn, daß Guſtav in kurzer Zeit um ein Bedeutendes in ſeiner Achtung geſtiegen war, daß 220 er ihn nicht mehr allein zu belehren ſuchte, ſondern auch Belehrungen von ihm zu empfangen ſich äußerſt geneigt zeigte. Bei dem ununterbrochenen Verkehr und der Einſicht, daß dieſer junge Mann eben ſo fügſam wie unterhaltend ſei, folgte der Achtung eine gewiſſe Zuneigung auf dem Fuße nach und ſo ſchätzte der alte Herr ſich ſehr bald glücklich, einen Gaſt ge⸗ wonnen zu haben, der nicht nur ſeine Einſamkeit an⸗ genehm belebte, ſondern ihn auch den peinvollen Ge⸗ danken entriß, die ſeine Seele in der letzten Zeit nur zu oft umdüſtert hatten. Aber auch Guſtav Steinau gewann den geiſtig ſo kräftigen und im Herzen ſo wohlwollenden Mann alle Tage lieber und lieber, je mehr er wahrnahm, daß die rauhe Schaale hier wirklich einen ſchönen Kern umſchließe, der vielleicht nur durch äußere ungünſtige Umſtände nie ganz zum Durchbruch gekommen war. Indem er ſich nun bemühte, allmälig dieſen Kern aus ſeiner Schaale zu löſen, drang er mit liebevoller Hingebung tiefer und tiefer in die Seele des Mannes ein und indem er dabei ſeine Anſchauungen von Per⸗ ſonen und Verhältniſſen gründlich zu erforſchen trachtete, fand er, daß der alte Herr ſich immer natürlicher gehen ließ, bis zuletzt der alte Bann ſich völlig löſen zu wollen ſchien, der ſein Vertrauen noch in einigen Feſſeln gehalten hatte. 221 An einem Tage nun, den wir genauer ſchildern müſſen, war dies Vertrauen weiter denn je zum Durch⸗ bruch gekommen, und zwar durch einen Zufall, den Herr von der Oehe ſelber abſichtslos herbeiführte. Es hatte an dieſem Tage viel Arbeit auf der Iüſſel gegeben. Am nächſten Tage ſollte die Roggenerndte beginnen, die hier um eine Woche früher als auf Jasmund fiel, und um vorher noch alles Störende abzuthun, hatte Herr von der Oehe unter Anderm ſein Badezelt oberhalb des Steinortes aufſchlagen und die Brücke legen laſſen, die wegen des überaus ſeich⸗ ten Waſſers an dieſem Strande weit hinaus in di See reichte. Gegen Abend war man damit zu Stande gekommen und der Wirth hatte ſeinem Gaſt zum erſten Mal den Genuß eines Seebades verſchafft, den dieſer bisher noch nicht kennen gelernt. Als ſie nun Beide aus dem Waſſer gekommen, ſchlug der alte Herr Gu⸗ ſtav Steinau einen Spaziergang rings um die Inſel vor und, vergnügt wie er über das Gelingen der heutigen Arbeit war, floß er von Citaten über, die ſich an verſchiedene eben geführte Geſpräche anknüpften. Guſtav Steinau ſchenkte ihm ein williges Ohr und hörte mit Vergnügen einige Strophen an, die ſich auf die Genüg⸗ ſamkeit eines edlen Mannes bezogen, und ſie gefielen ihm ſo wohl, daß er ſeinen Wirth um Wiederholung derſelben bat. 222 Das Geſicht des alten Herrn glänzte vor innerer geheimer Freude, als er dieſe Worte vernahm, und mit wahrem Enthuſiasmus ließ er noch einmal die Verſe vor den Ohren des Freundes erklingen, welche alſo lauteten: „Glücklich, o glücklich der Menſch, dem ſtill im friedlichen Stübchen Und im häuslichen Kreiſ' harmlos das Leben verfließt, Der zufrieden mit Dem, was ihm das Schickſal verliehen, Nur auf die Aermeren ſieht, neidlos dem Reicheren naht. Mängel, die findet man ſtets, und Sorgen, die drücken auch Fürſten, Darum am glücklichſten iſt, wer nur Geringes begebrt. Vollkommnes hat nicht die Welt, und nimmer darf ſie es haben, Wäre es vollkommen hier, ſehnten wir niemals uns fort. Darum pflücke die Blumen am Wege, wie Du ſie findeſt, Roſen, die ſind es nicht ſtets— nimm auch mit Wegrich vorlieb; Luſt am Genuſſe beſtimmt uns nur den Werth aller Dinge, Und nur ein mäß'ger Genuß iſt’s, der am meiſten erquickt!“— Als er damit fertig war, ſtand Guſtav Steinau einen Augenblick ſtill, als denke er über etwas nach, dann wandte er ſich zu dem ihn ſtillſchweigend be⸗ trachtenden Manne und ſagte:„Dieſe Verſe kannte ich noch nicht, ſie ſind bisher meiner Aufmerkſamkeit entſchlüpft; nach dem Inhalte aber und der unſchul⸗ digen reinen Denkungsweiſe zu urtheilen, die ſie aus⸗ ſprechen, müſſen ſie auch von Salis ſein.“ 223 9⁹ er Beſitzer der Oehe ſtand ſtill, ſchöpfte tief Athem und blickte ſeinen Gaſt mit unverkennbarer Genugthuung an.„So,“ ſagte er,„gefallen ſie Ihnen?“ „In Wahrheit, außerordentlich, Herr von der Oehe, und ich wundre mich nicht mehr, daß gerade Sie den alten guten Salis zu Ihrem Lieblingsdichter erkoren haben.“ Der alte Herr hielt ſeine Freude nicht länger zurück, er lachte herzlich und zeigte dabei, wie er im⸗ mer bei ſolcher Gelegenheit that, ſein herrliches Ge⸗ biß in glänzender Fülle, wobei er Töne der Wonne ausſtieß, wie ſie ſein Gaſt noch nie von ihm vernom⸗ men hatte. „Sie irren,“ ſagte er endlich, als er wieder zu Athem gekommen war.„Dieſe Verſe ſind nicht von Salis.“ „Ich hätte darauf wetten mögen,“ erwiderte Gu⸗ ſtav betroffen.„Von Wem ſind ſie denn?“ „O, Herr Sternberg, ſprechen Sie im Ernſt?“ fragte der alte Herr entzückt. „Mit Ihnen ſpreche ich immer im Ernſt,“ lautete die Antwort,„und am wenigſten ſcherze ich, wenn ich voller Bewunderung über eine eben ſo kräftige Sprache wie eine edle Denkungsart bin.“ 224 Der alte Herr erröthete wie eine Jungfrau, der man in's Geſicht ſagt, daß ſie ſchön ſei. Und einen forſchenden Seitenblick auf ſeinen Gefährten werfend, ſagte er:„Dieſe Verſe, warum ſoll ich es Ihnen ver⸗ ſchweigen— aber ſagen Sie nichts meinem Freunde Brunſt davon, der nur Spott für mich hat— dieſe Verſe rühren von mir ſelbſt her.“ „Wie,“ rief Guſtav verwundert,„von Ihnen?“ Und von einem herzlichen Antriebe geleitet, ergriff er die Hand des alten Naturpoeten und drückte ſie warm und achtungsvoll. „Ja, ſie ſind von mir und es war von jeher, wenn ich nach mühevoller Arbeit Abends auf dieſem einſamen Strande umherging, meine liebſte Beſchäf⸗ tigung, meine Gedanken in möglichſt wohlklingende Worte zuſammenzufaſſen, um mich ſpäter in un— ruhigeren Stunden mit Freuden der beſten Augen⸗ blicke meines Lebens zu erinnern, derer, wo Sorge und Kummer fern von mir lag und ich ein fühlen⸗ der Menſch ſein durfte, wie ich es ſo gern immer und ewig in noch viel größerem Umfange geweſen ſein möchte.“„ Bei dieſen Worten, die er mit einer erſichtlichen Wehmuth ſprach, griff er in ſeine Bruſttaſche, holte ein Packet Schriften hervor und reichte ſie dem jun⸗ 225 gen Freunde hin.„Da,“ ſagte er,„nehmen Sie und leſen Sie einige Seiten darin und dann ſagen Sie mir aufrichtig, was Ihnen davon gefällt und was nicht. Aber da kommt mein alter Statthalter und ſcheint mir etwas ſagen zu wollen. Heute Abend ſprechen wir hoffentlich mehr darüber.“ Mit dieſen Worten ging er auf den Statthalter zu und ließ Guſtav Steinau mit dem Hefte in der Hand allein. Dieſer wandelte langſam auf dem ein⸗ geſchlagenen Wege weiter, ſtand bisweilen ſtill und las aufmerkſam und mit ſteigendem Intereſſe die we⸗ nigen Blätter, die ihm das Vertrauen ſeines Wirthes überliefert hatte.— Am ſpäteren Abend traf man wieder bei Tiſche zuſammen. Der alte Herr war ſtiller als gewöhnlich und augenſcheinlich voller Spannung, ob der junge Mann nicht wieder auf das Thema des Mittags zu⸗ rückkommen werde. Dieſer ließ ruhig erſt das Mahl zu Ende gehen, dann folgte er ſeinem Wirthe in das Studirzimmer und als ſie daſelbſt Platz genommen hatten, ſagte er: „Herr von der Oehe, es drängt mich ein unwider⸗ ſtehlicher Trieb, Ihnen meine Anerkennung über die Verſe zu ſagen, die Sie heute ſo gütig waren, mich eennen lernen zu laſſen. Ich habe nicht allein vor⸗ Die Inſulaner. II. 15. 226 treffliche Wendungen und Gedanken, ſondern auch, was mir faſt noch mehr werth ſcheint, eine ſeltene An⸗ ſpruchsloſigkeit und Genügſamkeit, eine Reinheit des Charakters und Unbeſcholtenheit des Herzens darin vor⸗ gefunden, die ich, offen geſtanden, in dem Maaße nicht in einem einſam lebenden Landedelmann der heutigen Zeit geſucht hätte.“ Dem alten Herrn ging die dampfende Pfeife aus. Er hob den Kopf gegen den Sprechenden in die Hoͤhe und in ſeinen Augen ſchimmerte ein feuchter Glanz, der das geheime Entzücken ſeiner Seele verrieth. „Sprechen Sie aufrichtig?“ fragte er leiſe und mit warmer Betonung, wie ſie ihm ſonſt nicht eigenthüm⸗ lich war.. „Ganz aufrichtig, vom Herzen weg!“ erwiderte Guſtav Steinau mit wirklicher Empfindung. „O, Sie glauben nicht, wie wohl mir das thut,“ ſagte der alte Herr, aus voller Bruſt tief aufſeufzend, „das hat mir noch Niemand geſagt und ich glaubte nicht, daß ich es noch in meinen alten Tagen zu hören bekommen würde. Ach! wenn ich daran denke, was aus mir hätte werden können, und ſehe, was nur aus mir geworden iſt, fällt ein tiefer Schatten in mein Herz und verdunkelt mir das ganze goldne Lebenslicht. Ja, meine ganze Geiſtesbildung konnte eine andere — 227 ſein, aber der Drang der Umſtände hat ſie in ihren Fortſchritten gehemmt, ſie noch weniger zur vollen Ent⸗ wicklung gelangen laſſen. An mir lag freilich die Schuld nicht, ich habe genug gearbeitet, gekämpft, ge⸗ litten, aber das Leben ſchob mir einen Riegel vor und den konnte ich mit dem beſten Willen und mit aller aufgewendeten Kraft nicht zerbrechen.“ Er ſenkte ſchweigend den Kopf und man ſah ihm an, wie tief er von dem Gefühle einer vielleicht über⸗ ſchätzten Unbedeutendheit ſeines eigenen Werthes er⸗ griffen war. Guſtav Steinau betrachtete ihn eine Weile ſchwei⸗ gend und voll tiefer Rührung, denn der alte Mann dauerte ihn mehr, als er ſich anfangs eingeſtehen wollte. „Sie müſſen aber doch,“ ſagte er endlich,„ein um ſo reicheres inneres Leben gehabt haben, wenn auch das außere Ihnen manchen Wunſch unerfüllt ließ?“ „Ja, ja, ja, Sie haben Recht, mein inneres Leben quoll reich genug und brachte wenigſtens in meiner Jugend manche duftende Blüthe hervor, aber dafür war mein äußeres Leben, namentlich in der Jugend, auch bitter genug.“ „Iſt dieſes Leben ein Geheimniß?“ fragte Guſtav Steinau ſanft mit ſeinem ſich ſo innig anſchmiegenden Weſen, wenn ſein Geſühl geweckt war. 15 ½ 228 „O nein, ein Geheimniß iſt es nicht, allein ich ſpreche nicht gern davon und ich begreife kaum, wie ich ſchon ſo viel habe ſagen können. Aber da ſehen Sie, wie viel Vertrauen ich zu Ihnen gefaßt! Nur wenige Menſchen können ſich rühmen, ſo tief in mein Inneres geblickt zu haben.“ „So danke ich Ihnen und will nicht verſuchen, noch tiefer in Sie zu dringen, obgleich ich gern von dem Geſchlechte der Oehes etwas gehört hätte, von deſſen Alterthum Ihre Freunde oft mit hoher Achtung ſprachen.“ „Oho! Hat der große Jung' auch mit Achtung davon geſprochen,— er, der mich den Abkömmling der Fiſcher von der Oehe nennt?“ „O das thut er wohl nur im Scherz, Sie kennen ihn ja genügend darin.“ „Ja, ich kenne ihn und thäte Unrecht, wenn ich ihm ſeine Scherze über mich zu ſchwer anrechnen wollte, da er mir ſeine wahre Freundſchaft und ſeine men⸗ ſchenfreundliche Geſinnung nur zu oft im Ernſt be⸗ ſtätigt hat. Auch mögen ſich manche meiner Vor⸗ fahren wohl mit dem Fiſchfang beſchäftigt haben, warum nicht? Ich ſehe darin nichts Schlimmeres, als wären meine Ahnen Müller, Kriegsknechte oder gar Raubritter geweſen, wie ſo viele Ahnen jetzt berühmter Ge⸗ 229 ſchlechter. Jedoch— ich weiß es aus meiner Fami⸗ lienchronik, daß ſie im eigentlichen Sinne keine Fiſcher waren. Im Gegentheil haben ſie als Edle in man⸗ chem Fürſtenſtrauße gekämpft und durch Weisheit im Rath und aufopfernde Treue und Hingebung ſich die Gunſt ihrer Fürſten erworben. Gewaltige Thaten haben ſie freilich nicht verrichtet, die Erde haben ſie nicht aus den Angeln gehoben, wie mancher ſtolze Edel⸗ mannsſohn es im vermeſſenen Dünkel von ſeinen Vor⸗ fahren rühmen möchte, aber was ſie mit ihren ſchwachen Kräften im kleinen Kreiſe ihres Lebens Gutes voll⸗ bringen. konnten, das haben ſie redlich gethan, das er⸗ kennen wenigſtens Diejenigen an, die ſonſt Neider und Feinde der alten Geſchlechter ſind, die doch nicht dafür können, daß ſie ihre Ahnen in eine uralte Zeit hinauf zu verfolgen vermögen.“ „Alſo Ihr Geſchlecht iſt ſehr alt?“ „Eins der älteſten auf Rügen. Sechshundert Jahre kann es nachweiſen, in ununterbrochener Reihe ſeinen Na⸗ men geführt und ſogar auf dieſer Inſel gewohnt zu haben, die ihnen ein Rügianiſcher Wendenfürſt verlieh, weil ein Mann meines Stammes ihm einſt auf der Jagd das Leben rettete. Meine Großeltern freilich und meine Eltern lebten ruhig und friedfertig auf dieſer Inſel, bebauten ihren Boden und nährten ſich redlich, 230 weiter weiß ich ſelbſt nichts von ihnen zu melden und das ſcheint mir eben kein ſchlechtes Lob zu ſein.“ „Das iſt es gewiß nicht. Man pflegt ja auch zu ſagen, daß die Menſchen, von denen man am wenigſten zu erzählen weiß, die unbeſcholtenſten und redlichſten ſind.“ „Aha! Das iſt es, und ſo wünſche ich, daß man auch von mir einſt nicht viel mehr ſagen kann, als: er lebte ſtill auf ſeiner Inſel, hatte einige brave Freunde, keine Neider und an dem Haſſe ſeiner Feinde iſt er nicht zu Grunde gegangen.“ Nach einer Pauſe fuhr Guſtav Steinau mit ruhiger Beharrlichkeit fort:„Sie wollten aber von Ihrem Le⸗ ben ſprechen, denke ich.“ „Ha! Wollte ich das? Ich glaube beinahe nicht, junger Mann. Doch, ich weiß nicht, was mich gerade in Ihrer Gegenwart dazu drängt; wenn Sie alſo Luſt haben, meine ſehr einfache Geſchichte anzuhören, ſo will ich ſie Ihnen erzählen.“ Guſtav Steinau ſaß mit voller Spannung auf ſeinem Stuhle. Kaum konnte er die Zeit erwarten, wo der alte Herr damit beginnen würde. „Ich bin auf der Oehe geboren,“ erzählte Dieſer, „und blieb daſelbſt bis zum zwölften Jahr, wo leider mein Vater ſtarb, dem meine vortreffliche Mutter bald in's Jenſeits folgte. Ich hatte einen Bruder und zwei — 231 Schweſtern, alle drei viel älter wie ich. Aber auch mein Bruder ſtarb frühzeitig und ſo wurde ich der Erbe der Inſel, die immer nur auf männliche Nachkommen überging. Von meiner Mutter ward in erſter Kind⸗ heit ſchon der religiöſe Sinn lebhaft in mir geweckt und ich wäre am liebſten Pfarrer geworden, aber man fragte mich nicht nach meinen Neigungen, und verrieth ich ſie, ſo wußte man ſie nur zu bald zu überſehen und mich fortan in eine meinen Wünſchen entgegengeſetzte Richtung zu treiben“. „ Aber wer that denn das?“ fragte Guſtav Steinau hoch aufathmend und ſcharf lauſchend. „Wer das that? Ach, das that ein Mann, dem Gott verzeihen möge, daß er ſo übel an mir gehan⸗ delt— ich— ich kann es immer noch nicht vergeſſen, daß er der böſe Dämon meines Lebens war, wovon ich freilich erſt viel ſpäter die Einſicht gewann. Es war mein Vormund, Herr Sternberg. Er war der Pächter einer benachbarten großen Domaine, ein Mann von gewöhnlicher Herkunft, ohne Herz und Geiſt, aber ein Rabuliſt, ein Heuchler, der die Augen verdrehte, ewig von Gott dem Allmächtigen ſprach und nur dem Teufel diente. Wie er das Vertrauen meines Vaters gewon⸗ nen, iſt mir nie klar geworden. Genug, er war im Teſtament deſſelben als mein Vormund eingeſetzt und 232 ergriff das ihm zugefallene Recht mit ungeſtümer Hand. Als mein Vater geſtorben war, kam er auf die Oehe, ſah mich mit ſeinem gleißneriſchen Lächeln an und ſagte, er hoffe, ich würde nicht ganz aus der Art ſchlagen und meine üblen Gewohnheiten in einer ſtrengen Schule abzulegen ſuchen. Was er damit meinte, weiß ich heute noch nicht, und ich bin mir nicht bewußt, je⸗ mals üble Gewohnheiten in dem Sinne, wie er es meinte, gehabt zu haben. Genug, er brachte mich zu einem Lehrer nach Stralſund, der micherziehen ſollte, und dieſer engherzige Mann war ſo gut von meinen ſchlimmen Eigenſchaften unterrichtet, daß er ſie mit Stumpf und Stiel auszurotten beſchloß. Ich bekam mehr Schläge als Speiſe und weiß noch heute nicht warum. Ich wäre verzogen, hieß es, und müſſe gebeſſert und einem ernſteren Leben zugeführt werden. Ich war damals nahe daran, ein Menſchenhaſſer zu werden, denn ich ward in ſteter Furcht vor Strafe gehalten und wußte doch niemals, womit ich ſolche verdient hatte. Mein Vormund übernahm damals die Verwaltung der Oehe, um für mein Beſtes zu ſorgen, wie es hieß, aber was dies Beſte war, werden Sie bald erfahren. Ich hörte nur ſpäter, daß er ein herrliches Leben auf der Inſel führte, mehr ausgab als ſie einbrachte und ſo nach und nach mein eigenes Hab' und Gut vergeudete. 233 Dennoch gelang es ihm, der ein ſehr ſchöͤner Mann war, ſich das Herz meiner älteſten Schweſter zu erobern und trotz des Widerſpruchs der anderen Schweſter und einiger ferner Verwandter heirathete er ſie. Als ich das erfuhr, weinte ich bitterlich, ohne zu wiſſen warum, aber es war ein inſtinetartiges Ge⸗ fühl in mir, daß meine Schweſter und wir Alle dar⸗ unter zu leiden haben würden.— Warum ſehen Sie mich ſo ſcharf an?“ Guſtav Steinau war bei den letzten Worten auf ſeinem Stuhle hin und her gerückt, als verzehre ihn eine innere Unruhe. Offenbar wollte er etwas ſagen, aber ſeine Lippen bebten und nur die ihm ſcheinbar zufällig aufſtoßende Frage drang daraus hervor: „Sie hatten vielleicht ein Vorurtheil gegen den Mann, weil er von bürgerlicher Abkunft war und ſich gegen Ihren Wunſch mit dem ſo alten Geſchlechte der Oehes vermiſchte?“ „Oho! Was denken Sie von mir! Ein Vorurtheil gegen ihn, weil er ein Bürgerlicher war? Halten Sie das für möglich bei mir? Wer hat den Adel ſeiner blos äußeren Vorrechte wegen je weniger geſchätzt als ich? Nein, mir galt der Mann von jeher für adlig, der adelig, das heißt edel handelte; der Name, der Rock, der Schein hat nie Eingang bei mir ge⸗ 234— funden, nie Einfluß auf meine Meinung gehabt. O, ſehen Sie doch nur meine beiden alten Freunde an! Sind ſie etwa Edelleute? Nein, das ſind ſie nicht und doch ſind ſie die edelſten Seelen im ganzen Rügen⸗ lande und ich achte ſie, als wären ſie von fürſtlichem Geblüt. Nein, nein, nichts davon— ich hatte kein Vorurtheil gegen meinen Vormund und ſeine ſpäteren Handlungen bewieſen, daß mein Urtheil über ihn nur ein gerechtes war. Aber hören Sie weiter, da wir nun doch einmal ſo weit gekommen ſind. Meine Neigung alſo zog mich zum Studiren hin, allein mein Vormund ſchrieb mir, ob ich dummer Junge glaubte, daß das ſo leicht ſei? Uebrigens wären meine Vermögensumſtände in einer Verfaſſung, daß ſie keinen Koſtenaufwand ge⸗ ſtatteten, wie ihn ein mehrjähriges Studium verlange, und wenn mir das leid thue, ſolle ich mich an meinen Vater halten, der mir ſo viel wie gar nichts hinter⸗ laſſen habe. Dieſe Nachricht ſetzte mich in gränzenloſes Er⸗ ſtaunen, da ich mich wunder wie reich geglaubt hatte, und ich fragte deshalb bei meiner zweiten Schyeſter an, die damals noch unverheirathet in Bergen lebte, wie es ſich damit verhalte. Aus ihrer Antwort ging hervor, daß ſie die väterliche Hinterlaſſenſchaft auch 235 für größer gehalten, als ſie ſich erwieſen, aber mein Vormund habe ſie eines Beſſeren belehrt und es bliebe uns nichts übrig als uns in das Unvermeidliche zu fügen. So befolgte ich denn den ſchweſterlichen Rath und begann meine„Fügung“ damit, daß ich meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf eine andere Carrière richtete. Ich wollte Soldat werden, ſtudirte fleißig und unterwarf mich dann einer Prüfung, die ich beſtand. Als ich mich aber darauf bei einem Truppentheil meldete, fand mich der Commandeur zu ſchwach, obgleich ich mir des Gegentheils bewußt war; ſpäterhin aber erfuhr ich, daß auch hier mein Vormund ſeine Hand im Spiele gehabt und mich dergeſtalt verläumdet hatte, daß kein Menſch mit mir etwas zu thun haben wollte.“ Er ſeufzte tief auf und hielt einen Augenblick inne.„Das iſt ja aber ganz unbegreiflich,“ ſagte Guſtav Steinau,„was für Gründe konnte denn jener Mann zu ſolcher Handlungsweiſe haben?“ „Was für Gründe? Ei, junger Freund, überall meinen Ruf zu untergraben, mir jede Anſtellung un⸗ möglich zu machen, mich dadurch zu Grunde zu richten, Gott weiß zu welchem Ende zu treiben, um hinterher— 236 „Nun, was?“ unterbrach ihn Guſtav mit ſtocken⸗ dem Athem. „Um mich zu beerben, um meinen Beſitz anzu⸗ treten, ihn erſt für ſich und dann für ſeine eigene Familie auszubeuten, da ſein Sohn ja, wenn ich irgend wo meinen Untergang fand, als der letzte Erbe der Oehes adoptirt werden konnte.“ Guſtav Steinau erhob ſich von ſeinem Sitze und ging einige Male im Zimmer auf und ab. Als er ſich wieder ſetzte und einige Worte der Verwunderung hören ließ, war er ſo bleich, daß der Erzähler den Antheil nicht verkennen konnte, den er an ſeinem Schickſal nahm.„Hören Sie weiter,“ ſagte er,„ich bin noch lange nicht fertig. Mir blieb nun weiter nichts übrig als meiner Neigung ganz entgegen ein Landmann zu werden, wozu ich von meinem Vormund wiederholt aufgefordert worden war. Er brachte mich auch zu einem Pächter in Preußen, der, wie er mir ſagte, ſein Freund ſei und mich in allen D Dingen zu meinem Vortheil unterweiſen werde. Vertrauensvoll trat ich die Reiſe zu dieſem Freunde meines Vormunds an, aber ſehr bald lernte ich ein⸗ ſehen, daß ich in die Hand eines brutalen und unge⸗ bildeten Bauers gerathen, der ſelbſt keine Erziehung genoſſen und am wenigſten im Stande war, die meine — zu vollenden. Hier auf dem abgelegenen Gute, wo ich zwei Jahre lang mit keinem gebildeten Menſchen in Berührung kam, machte ich ſchreckliche Erfahrungen. Ich wurde wie ein Knecht behandelt, mußte mit an⸗ deren Knechten zuſammen ſchlafen und leben und ſo ſchwer arbeiten, daß ſich von damals mein Aſthma berſchreibt, an dem zu leiden ich nie wieder aufhören ſollte. Verkümmert, halb verhungert und im Aeußern verwildert, weil mir ſelbſt die Mittel entzogen wur⸗ den, mich anſtändig zu kleiden, hielt ich es endlich nicht länger mehr in Preußen aus. Ich entwich und flüchtete zu einem alten Freunde meines Vaters, der mir von jeher ein väterliches Wohlwollen erwieſen hatte. Dieſer edle Mann, von Berg iſt ſein Name, nahm mich in ſein Haus auf, verpflegte mich, bis ich wieder arbeiten konnte, und ſuchte meinen geſunkenen Lebensmuth von Neuem aufzurichten, der nahe daran war, gänzlich zu Grunde zu gehen, wodurch die Ab⸗ ſichten meines Vormundes nur zu leicht hätten erreicht werden können. Doch das ſollte nicht geſchehen, denn jenem edlen Manne gelang ſein menſchenfreundliches Vorhaben. Er behandelte mich auf das Liebevollſte und, von dem Grundſatze ausgehend, daß aus mir miehr werden müſſe als ein Stroom,“) unterwies er — *) Roher Landmann. mich in allem Guten und namentlich auch in dem Be⸗ rufe, den ich einmal ergriffen hatte. Leider ſtarb dieſer edle Mann nach drei Jahren und ich ſah mich abermals genöthigt, in fremde Dienſte zu gehen. Ich trat erſt als Schreiber, dann als Inſpector auf ver⸗ ſchiedenen Gütern ein und machte auch hier eine rauhe Schule durch. Ich wundere mich noch, daß ich den Trieb und die Neigung behielt, mich vorwärts zu ar⸗ beiten und daß ich nicht in die Netze gerieth, die mir ohne Unterlaß von allen Seiten geſtellt wurden. Allein die religiöſe Baſis, die mir meine gute Mutter gege⸗ ben, bildete einen feſten Grund unter meinen Füßen und hielt mich aufrecht, und ich gab die Hoffnung nicht auf, daß es mir endlich doch gelingen würde, an mein Ziel zu gelangen, das heißt ein guter und brauch⸗ barer Landwirth zu werden und auf rechtliche Weiſe mein Brod zu erwerben. Und ich gelangte wirklich an dieſes Ziel, aber frei⸗ lich erſt nach tauſend neuen, unerwarteten Schwierig⸗ keiten und traurigen Erfahrungen.— Ich wurde mündig und unerwartet trat ich bei meinem Vormund ein und verlangte mein väterliches Erbe— die Inſel Oehe. Mein Vormund, ſchon damals durch Leicht⸗ ſinn, Völlerei und den Umgang mit ſchlechten Sub⸗ jecten unendlich tief geſunken, konnte meine Forderung 239 nicht zurückweiſen und— trat mir mein Erbe ab. Aber, ach Gott, wie gelangte es in meine Hände! Nicht allein hafteten ungeheure Schulden darauf, ſon⸗ dern Alles im Ganzen und Einzelnen war im trau⸗ rigſten Verfall und Jahre mußten dazu gehören, es wieder in nur einigermaßen ertragfähigen Zuſtand zu verſetzen. Nachdem die Auseinanderſetzungen mit meinem Vormund beendigt waren— unter Umſtänden, wo⸗ mit ich Sie nicht behelligen will, die aber ein ſcharfes Licht auf den Charakter und den moraliſchen Werth meines Vorgängers warfen— verließ er die Inſel, um ſich mehrere Jahre lang an einem kleinen Orte Rügen's niederzulaſſen. Meine Schweſter, die ſchon damals unter der grauſamen Hand ihres Mannes un⸗ endlich litt, war nicht dazu zu bewegen, den Unglück⸗ lichen zu verlaſſen und bei mir ihre ferneren Tage zu verleben. Sie folgte ihm, der ſich ſpäter in Deutſch⸗ land an verſchiedenen Orten zu neuen Speculationen mit Glücksrittern verband und von einer Stufe auf 1 die andere immer tiefer ſank, zu ihrem eigenen Unglück. Ich hatte damals, wie Sie ſich denken können, für meine eigene Exiſtenz mannhaft zu kämpfen, aber mich dauerte die Schweſter und ich gab ihr von meinem geringen Einkommen, ſo viel ich erübrigen konnte. Leider that ich damit nichts Gutes. Meine Erſpar⸗ 240 niſſe wanderten unverzüglich in die Hände meines ehemaligen Vormundes und trugen nur dazu bei, ihn in ſeiner Trägheit und ſchwelgeriſchen Lebensweiſe noch mehr zu beſtärken. Erſt damals erfuhr ich die niederträchtige Hand⸗ lungsweiſe deſſelben gegen mich in ihrem ganzen Um⸗ fange; ich hätte ihn gerichtlich zur Rechenſchaft ziehen können, aber die Rückſicht auf meine unglückliche Schweſter hielt mich allein davon ab. Ich ſchrieb dieſer indeſſen, was ich in Erfahrung gebracht, und rieth ihr noch einmal, den Mann zu verlaſſen, der uns Alle elend und arm gemacht. Allein ich erhielt eine Antwort von ihr, die ich nicht näher bezeichnen will, ſie wies mit einem gewiſſen Hohn— nur ihr Mann konnte ihr dieſen eingegeben haben— meine Bemühungen zurück und hielt mir ſogar noch die Pflicht vor, für ſie zu ſorgen, da ich der Haupterbe meines Vaters geweſen, ſie aber als Tochter nur mit einem geringen Pflichttheil abgefunden worden wäre. Schon damals ergriff mich der grimmigſte Zorn gegen ſie und Alles, was mit ihr verbunden war; ich wollte mich ganz von ihr zurückziehen, aber ein inne⸗ res Gefühl führte mich immer wieder zur Theilnahme und zum Mitleid zurück, bis daſſelbe, wie Sie ſpäter hören werden, für immer erloſch. 241 Doch ich komme jetzt zu einem Wendepunkte in meinem Leben und Sie werden gleich zwei Ihnen bekannte Perſönlichkeiten als meine Schutzgeiſter darin auftauchen ſehen. Ich hatte nun ſchon ſeit einigen Jahren mein Gut bewirthſchaftet, wie ein Einſiedler gelebt, mir den Biſſen vom Munde abge⸗ ſpart, aber trotz aller Bemühung wollte es nicht vor⸗ wärts gehen, im Gegentheil, ich ſank immer tiefer in mich demüthigende Schulden und ſo faßte ich endlich den mich ſo peinlich berührenden Entſchluß, mein Gut, meine Inſel, das Erbtheil einer ſechshundert Jahre alten Familie zu verkaufen.“ „ Was?“ rief Guſtav Steinau, der immer beklom⸗ mener, ängſtlicher zugehört—„die Oehe wollten Sie verkaufen?“ „Ja, es blieb mir nichts Anderes übrig. Ich wollte mir ein kleines Gut pachten und von vorn an⸗ fangen, da es mir einmal im Rathe der Götter nicht be⸗ ſchieden zu ſein ſchien, auf meiner Väter Grund und Bo⸗ den ein glücklicher Mann zu werden. Ich bot die Inſel alſo zum Verkaufe aus. Ach, mein junger Freund, es war ein trübſeliger Tag, als ich die Anzeige davon in den öffentlichen Blättern las. Thränen hatten meine Augen nicht, aber mein Herzblut gerann vor Schmerz und nie wohl hat der Abkömmling eines ſo Die Inſulaner. II. 16 alten Geſchlechts ſich ſo verlaſſen gefühlt, wie ich mich damals fühlte, da ich keine Hülfe, keinen Beiſtand von irgend einer mitleidigen Hand zu erwarten hatte. Doch es war geſchehen und ich mußte mich fügen. Es kamen ſehr bald einige Leute, um die Inſel in Augenſchein zu nehmen. Als ſie aber Alles in höchſt mittelmäßigem, Vieles ſogar in ſehr ſchlechtem Stande fanden, zogen ſie ſich zurück, ohne einmal ein Gebot zu thun. Das ging Wochen, ja Monate lang fort. Ich war der Verzweiflung nahe, denn nicht einmal verkaufen konnte ich das geringe Gut, welches mir von dem einſtigen Beſitz meiner Väter übrig geblie⸗ ben war. Da ging mir endlich der Tag des wiederkehrenden Glückes auf. Ich ſehe noch an jenem Morgen, als ich troſtlos über meine Aecker ſchritt, die Sonne drüben am Himmel ſtehen und ſo freundlich lächeln, wie ſie jemals dem armen Menſchenherzen gelächelt, das, von allen Seinesgleichen verlaſſen, dem himmliſchen Retter allein ſich in die Arme wirft. Das that ich damals im heißen Gebete und ſiehe, der Retter nahte, vom Geber alles Guten da Oben geſendet. Als ich nämlich auf meinem Wege vom Steinort nach dem Hauſe an die Fährſtelle gekommen war und einem meiner Leute eben irgend einen Auftrag erthei: 4 len wollte, ſah ich drüben am Schaproder Ufer einen Wagen mit zwei herrlichen Pferden halten. Es ſtie⸗ gen zwei junge Männer aus und ließen ſich nach der Oehe überſetzen. Ich ging ihnen entgegen und be⸗ grüßte ſie. Sie nannten ſich. Es waren Alfred Brunſt und Carl Melms. Sie waren gekommen, wie ſie ſagten, um die Inſel im Ganzen und Einzelnen kennen zu lernen. Ich führte ſie herum, zeigte ihnen Alles und ſie hörten ſtill und aufmerkſam meinen Wor⸗ ten zu. „Wie kommen Sie dazn, dieſe Inſel zu verkaufen?“ fragte mich plötzlich Brunſt, der wiederholt mit großer Theilnahme mein bedrücktes Weſen betrachtet hatte. „Das iſt eine traurige Geſchichte!“ ſagte ich zögernd. „Erzählen Sie ſie uns,“ erwiderte Melms,„wir ha⸗ ben ſchon Einiges davon gehört, möchten aber das Ganze wiſſen. Ich ſelbſt habe die Abſicht, die Inſel zu kaufen, wünſche jedoch vor allen Dingen zu erfah⸗ ren, wie es kommt, daß Sie ſich auf derſelben nicht halten können.“ Ich weiß nicht, wie es kam, daß mich plötzlich ein ganz ungemeines, nie vorher zu einem Menſchen ge⸗ hegtes Vertrauen ergriff, als ich den jungen Mann mit ſeiner ſanften Stimme dieſe Worte ſprechen hörte. * 16* 244 Seine treuen blauen Augen ruhten ſo herzlich theil⸗ nehmend auf mir und ſein Freund betrachtete mich ebenfalls mit einer Art wohlthuender Samariterbarm⸗ herzigkeit, daß ich mich entſchloß, ihnen Alles zu ſagen, was mir das Herz belaſtete. Ich lud ſie in das Haus ein, wir ſetzten uns und ich erzählte ihnen ehrlich den ganzen Zuſammenhang. Sie unterbrachen mich mit keiner Sylbe. Nur bemerkte ich, daß ſie von Zeit zu Zeit ſeltſame Blicke mit einander austauſchten und daß ſie eben ſo auf⸗ merkſam meinen Worten folgten, wie mein Schickſal ſich liebevoll zu Herzen nahmen. Als ich fertig war, ſahen ſie ſich Beide wieder, wie mir ſchien, verlegen an.„Das iſt allerdings eine traurige Geſchichte,“ nahm Alfred Brunſt das Wort, „ich habe mir die Verhältniſſe nicht ſo ſchlimm ge⸗ dacht. Sie erlauben wohl, daß wir Sie einen Augen⸗ blick verlaſſen, ich möchte mich mit meinem Freunde ungeſtört über unſer Vorhaben beſprechen.“ Ich wollte ſelbſt das Zimmer verlaſſen, aber ſie ließen es nicht zu und gingen hinaus. O, mein junger Freund, ich ſehe ſie noch unter den Eſchen hier am Hauſe langſam auf und nieder wandeln und mit einander reden. Sie machten nicht viele Worte und in wenigen Minuten hatten ſie ſich 245 verſtandigt. Viel ſpäter erſt habe ich erfahren, was ſie ſprachen, und ich will es Ihnen erzählen, damit auch Sie meine beiden alten würdigen Freunde nach ihrem vollen Werthe ſchätzen lernen. „Der Mann iſt in einer üblen Lage, Carling,“ ſagte Alfred Brunſt,„und es ziemt ſich nicht, uns dieſelbe zu Nutzen zu machen und für wenig Geld das alte adlige Erbe zu erſchachern. Der Mann dauert mich. Schon in ſeiner Jugend hat man ihn mit Füßen getreten und er iſt doch nicht am Boden liegen geblieben. Es muß ihm ſchmerzlich ſein, ein Erbe zu verlaſſen, das ſeine Vorfahren ſechshundert Jahre beſeſſen und dem ſie ihren tadelloſen Namen verdanken. Er iſt ein Edelmann, und eigentlich ſoll⸗ ten ihm ſeine Standesgenoſſen helfen. Aber da ſie das nicht thun, müſſen Andere an ihre Stelle treten und ſich ein Gotteslohn verdienen. Was meinſt Du — ich habe Vertrauen zu dem Mann, ſein Geſicht kann nicht lügen. Er iſt arbeitſam und tüchtig, es fehlt ihm blos an den nöthigen Mitteln, die ganze Maſchine in Gang zu bringen. Soll ich ihm helfen?“ „Alfred,“ erwiderte Carl Melms,„ich theile ganz Deine Meinung über dieſen Mann, er gefällt mir. Aber Du weißt, ich bin ſelbſt nicht bemittelt und ſuche mir mit Deiner Hülfe ein kleines Gut.“ 246 „Das weiß ich,“ ſagte Alfred Brunſt.„Ich frage Dich auch blos um Deine Meinung. Würdeſt Du, wenn Du an meiner Stelle, bei meinen Mitteln wäreſt, ihm ein Capital vorſtrecken?“ „Ja,“ ſagte Melms,„ich würde es thun.“ „Nun, wenn Du das ſagſt und mir dieſen Rath giebſt, ſo muß ich ihn befolgen, da er nicht ſchlecht ſein kann. Komm— dem Mann ſoll a uch geholfen werden!“ Und ſie kamen herein, gaben mir die Hand und ſagten mir etwas Aehnliches, indem ſie mir mehrere tauſend Thaler anboten, wenn ich mein Gut behalten und auf meinem Erbe ſitzen bleiben wollte. Ich war anfangs ſo erſchrocken, daß ich keine Worte finden konnte. Ich glaubte gar nicht an die Möglichkeit eines ſolchen Beiſtandes. Dennoch war er gekommen. Und, mein Freund, um es kurz zu machen, ich nahm ihr hochherziges Anerbieten an— ich erhielt Alfred's Geld— ich wirthſchaftete damit, pachtete drüben in Schaprode den großen Gemeindeacker für ein Billiges — und Gottes Segen war damit verbunden, denn von Stund' an hoben ſich meine Verhältniſſe und nach regem Fleiße und andauernder Thätigkeit bin ich ſelbſt ein wohlhabender Mann geworden, wie Sie mich jetzt vor ſich ſehen. Ja, ſo habe ich mir dieſe beiden. Freunde erworben, oder vielmehr ſie haben mich er⸗ 247 worben— ſind ſie nicht meiner ganzen Liebe und Achtung werth?“ „Ja, das ſind ſie,“ ſagte Guſtav Steinau mit freudigem Blicke,„und nun erſt ſchaue ich ganz klar in Ihre Verhältniſſe. Doch nein, noch nicht,“ unter⸗ brach er ſich plötzlich,„Sie haben mir Ihre Geſchichte ja noch nicht auserzählt. Was iſt aus Ihrem Vor⸗ mund und Ihren übrigen Verwandten geworden?“ Herr von der Oehe'’s Miene, die ſich eben erſt aufgehellt hatte, verfinſterte ſich wieder.„Ach,“ ſagte er,„der Gedanke an ſie wird ewig für mich eine Quelle der herbſten Bitterkeit bleiben, und um ſo mehr, da, wie ich damals nicht vorausſehen konnte, das Verhältniß mit meiner Schweſter mich beinahe mit meinen friſch gewonnenen Freunden wieder ent⸗ zweit hätte.“ 3 „Wie ſo?“ fragte Guſtav Steinau mit von Neuem geſpannter Aufmerkſamkeit. „Hören Sie. Beide Freunde kannten alſo meine Vergangenheit und meinen Kummer. Sie hatten ihn mir von der Seele genommen, aber wunderbarer Weiſe nahmen ſie ganz wider Vermuthen die Partei meiner Verwandten gegen mich.“ „Wie? Das thaten ſie? Warum denn?“ „Ja, warum! Aus reiner unbegreiflicher Menſchen⸗ 3 248 liebe. Hören Sie nur weiter. Meine Schweſter litt manche Noth und ſie wandte ſich unaufhörlich an mich mit der Bitte, derſelben abzuhelfen, wobei ſie meine eigenen geſchwächten Mittel bedeutend überſchätzte und auf die wiederholte Darlegung meiner Verhältniſſe keine Rückſicht nahm. So viel ich nun auch für ſie that, es fruchtete nichts, es war nur ein Tropfen Waſ⸗ ſer auf einen heißen Stein gegoſſen, und hätte ich mein ganzes Vermögen hingegeben, es würde nichts gehol⸗ fen und gebeſſert haben. Der Grund davon war der mir ſehr wohlbekannte Umſtand, daß meine Unter⸗ ſtützungen nicht meiner Schweſter zu gute kamen, ſon⸗ dern ihrem Manne in die Hände fielen, der ſie zu ſeinen Zwecken und zur Fortſetzung ſeines leicht⸗ ſinnigen Lebenswandels verwandte. Endlich verließ er meine Schweſter und ging, glaube ich, nach Amerika, nachdem er ihr das Verſprechen abgenommen, niemals ihren Sohn meiner Hand anzuvertrauen, was er viel⸗ leicht aus Haß gegen mich, vielleicht auch in der eigenthüm⸗ lichen Beſorgniß that, ich möchte eben ſo gewiſſenlos ſein wie er und an dem unſchuldigen Kinde eine gemeine Ver⸗ geltung üben.“ „Wie,“ unterbrach Guſtav Steinau den Erzählen⸗ den, der ſich einen Augenblick vom Sprechen ausruhte, „Ihre Schyeſter hatte alſo Kinder?“ 249 „Ja, einen Sohn hatte ſie, den einzigen männ⸗ lichen Sprößling meiner Familie, auf den ich ſchon längſt mein Augenmerk gerichtet hatte, da ich ihn ſeinen Eltern entziehen und an Sohnes Statt anneh⸗ men wollte, um ſo meinen Namen und einſt auch meinen Beſitz auf ihn zu vererben. Sie ſeufzen, ja, und Sie empfinden gewiß, was ich damals empfand, wie mangelhaft die Erziehung eines Knaben ſein mußte, der ein ſo trauriges Vorbild an ſeinem Vater und eine ſo ſchwache, charakterloſe Mutter zur Leiterin hatte. Als ich nun erfuhr, daß mein ehemaliger Vor⸗ mund meine Schyeſter verlaſſen, was ſie ſelbſt mir mit wiederholter dringender Bitte um Unterſtützung zur Erziehung ihres Sohnes anzeigte, faßte ich einen Entſchluß und gelobte mir, denſelben auf das Pünkt⸗ 8 lichſte auszuführen. Entweder ſollte ſie mir ihren Sohn zur Erziehung gänzlich überliefern oder auf jede fernere Unterſtützung von meiner Seite auf ewig verzichten.“ Guſtav Steinau fuhr faſt von ſeinem Stuhle auf und ſeine blitzenden Augen hingen mit einer ſeltſamen Verwunderung an dem Geſichte des Herrn von der Oehe.„Das thaten Sie wirklich?“ fragte er mit ſichtbarer Aufregung. „Ja, mein Freund, das that ich, aber— es half nichts. Meine Schweſter, auf ihres elenden Mannes —————;— 250 Haß gegen mich mehr Geyvicht als auf meine Liebe legend, ſchlug mir ihren Sohn ab, zog den Mangel vor und verfolgte fortan ihren eigenen Weg. Als die Nachricht hiervon in meine Hände gelangte, waren gerade meine beiden Freunde auf der Oehe anweſend. Ich las ihnen den Brief vor und hielt nicht im Ge⸗ ringſten den Zorn zurück, den der Inhalt deſſelben in meiner Seele anfachte. Da war es, wo beide Freunde die Partei meiner Schweſter gegen mich nahmen und mich zum Aufgeben meines gefaßten Entſchluſſes be⸗ ſtimmen wollten. Es kam zu einem Wortwechſel zwi⸗ ſchen uns, der mich nur noch mehr zum Feſthalten meiner Meinung beſtimmte. Ach! hätten ſie mir bei⸗ geſtimmt, ſo wäre ich vielleicht nicht ſo unerbittlich geweſen, aber den Widerſpruch aus Princip habe ich nie ertragen können und ſo ſchwoll mir die Galle auf und ich verbat mir ihre Einmiſchung in meine per⸗ ſönlichen Angelegenheiten. 1 In Folge dieſes Vorfalls gerieth unſere Freund⸗ ſchaft eine Zeitlang in's Stocken, wir ſahen uns nicht mehr und die Thorheit meiner Schweſter ſchien mich auch um dies letzte Glück meines Lebens betrogen zu haben. Allein am nächſten Geburtstage kamen meine Freunde unerwartet nach der Oehe, thaten, als ob nichts zwiſchen uns vorgefallen wäre, und von dieſer 251 Zeit an ſind wir nie wieder in Zwieſpalt gerathen, da ſie auf jede Weiſe vermieden, mit mir über meine Verwandten zu ſprechen, was mein Herz jedesmal mit 8 namenloſer Pein erfüllt, indem es das alte Weh aus dem Schlummer reißt. So ſteht es denn noch zwi⸗ ſchen uns und nur einmal in ſpäteren Jahren haben ſie eine Andeutung fallen laſſen, daß ich vielleicht doch nicht ganz im Unrecht geweſen, als ich meine Hand von meinen Verwandten zurückzog. Jedoch, ich wollte nichts mehr davon hören und ging auf ihre Andeu⸗ tungen nicht ein.“ K O Der Erzähler ſchwieg und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. Guſtav Steinau hatte die Augen nied dergeſchlagen, doch ſah man ihm an, daß ſein In⸗ neres an einer Frage arbeite, die nur ſchwer über 9 eeine Lippen kommen zu wollen ſchien.„Was iſt denn mnun aber aus dem Sohne Ihrer Schweſter gewor⸗ den?“ fragte er endlich, ſchwer aufathmend. 7 „Aha! Die Frage habe ich faſt von Ihnen er⸗ wartet,“ fuhr der alte Herr mit innerer Genugthuung fort,„und glücklicher Weiſe für mech kann ich ſie Ihnen dahin beantworten, daß Sie einſehen werden, wie Irichtig meine Vorausſicht geweſen iſt. Was iſt aus meinem Neffen geworden? fragen Sie. Nun, ſage ich, was aus ihm werden mußte— die Erndte hat 2 52 gebracht, was die Saat verſprach. Durch einen Be⸗ kannten, den ich einmal zufällig irgendwo traf, erfuhr ich die Geſchichte. Der Sohn meiner Schweſter ſtu⸗ dirte. Woher er die Mittel dazu nahm, iſt mir ein Räthſel geblieben bis auf den heutigen Tag. Wahr⸗ ſcheinlich aber hat ſich meine Schweſter an eine Ver⸗ wandte gewendet, welche die Tochter meiner jüngeren Schweſter erzog, und aus deren reichen Mitteln mag die Unterſtützung gefloſſen ſein. Genug, er ſtudirte, ich weiß nicht wo. Sein Betragen aber war von der Art, daß er relegirt wurde. Auch auf einer zweiten Univerſität erging es nicht beſſer, denn der junge Herr beſchäftigte ſich mehr mit demagogiſchen Umtrie⸗ ben als mit ſeinen Büchern. Endlich machte er eine Prüfung und trat in den Staatsdienſt. Auch aus dieſem mußte er entlaſſen werden, weil er ſich neue mir unbekannte Vergehen zu Schulden kommen ließ, und wo er ſich jetzt umhertreibt, weiß nur Gott. Ich habe mich nicht wieder um ihn bekümmert. Der Schmerz aber, den mir ſeine Aufführung verurſacht, iſt nicht zu beſchreiben. Auch durch ihn ſah ich die Ehre meiner Familie beſchimpft; mein ehrlicher Name, fürchtete ich, könne neben dem ſeinen an den Pran⸗ ger geſchlagen werden, wenn er ſich gegen ſeinen Kö⸗ nig und Herrn durch Theilnahme an den Plänen der Umſturzpartei betheiligte, denn das iſt das höchſte Verbrechen in meinen Augen, welches ſich ein Menſch 3u Schulden kommen laſſen kann. Meine Begriffe über dieſen Punkt ſind nun einmal in mir Blut und 3 Fleiſch geworden, ſechshundert Jahre ſind die Oehes treue Unterthanen geweſen und meine alten Augen ſollen „ess nicht mehr ſehen, daß Einer von ihnen, wenn er auch nur einen Blutstropfen des alten Geſchlechts in den Adern trägt, ſeine und ſeiner Vorfahren Ehre vergißt.“ Der alte Herr hatte ſich mit dieſen letzten Worten in eine große Aufregung verſetzt, war vom Stuhle aufgeſprungen und lief mit heftigen Schritten im Zim⸗ mer auf und ab. Guſtav Steinau betrachtete ihn mit einem wehmüthig und unbeſchreiblich klagenden Blick, er wollte etwas ſprechen, aber er vermochte es aicht, ſeine Zunge klebte ihm am Gaumen und ſein Herz ſchlug dabei in ſo vollen Schlägen, daß er die Hand darauf preßte, um es in ſeinen Gränzen zurück⸗ zuhalten. Endlich aber bezwang er ſich dennoch. „Das iſt bitter,“ ſagte er,„ſehr bitter, ich ſehe es ein. Wenn Ihr Neffe nun aber doch nicht ſo ſchul⸗ dig wäre, wie Sie ihn zu halten ſcheinen?“ Herr von der Oehe blieb vor ſeinem Gaſte ſtehen und ſah ihn ſtarr und faſt zornig an.„Wie meinen Sie das?“ fragte er barſch. 254 „Wenn er nun bei Ihnen verläumdet wäre?“ fuhr Guſtav Steinau leiſe erbebend fort. „Verläumdet? Niemand hat ihn bei mir ver⸗ läumdet und die Sache iſt ein für alle Mal abge⸗ macht— reden wir nicht mehr davon. O, welche Sorge hat mir das Alles gemacht— wenn Sie das wüßten— und wenn Sie die guten Abſichten kenn⸗ ten, die ich für ihn gehegt, dann würden Sie nicht von Verläumdungen ſprechen.“ „Entſchuldigen Sie, Herr von der Oehe, daß ich es that. Ich meinte es nicht bös.— Sie hatten aber außer jener Schweſter noch eine andere— was iſt aus der geworden?“ Der alte Herr ſeufzte laut, griff unwillkürlich in ſeine grauen Haare und ließ ſich dann, ſo raſch in eine neue ſchmerzliche Gedankenreihe gedrängt, gleich⸗ ſam mechaniſch wieder auf ſeinen Seſſel fallen.„Ach,“ ſagte er,„ſoll ich denn auck noch davon reden? Haben Sie noch nicht genug gehört? Doch ja, wir haben einmal den Anfang gemacht und ſo will ich mein Herz bis auf den letzten Kummerreſt frei ſpre⸗ chen. Glücklicherweiſe iſt das Schickſal dieſer Schwe⸗ ſter ganz anderer Art geweſen, aber von Glück und Segen kann ich leider auch hier nichts ſagen. Bald nachdem ich die Oehe übernommen, warb⸗ Or 5 um meine Schweſter, die im Kloſter zu Bergen lebte, ein Herr von Kulpen, auch der letzte Sproß einer uralten Familie und einer der reichſten Grundbeſitzer Rügen's. Er heirathete ſie, verließ aber bald ſeine Heimat, um nach dem Süden zu gehen, weil das ſtrenge Klima bei uns übel auf ſeine Bruſt einwirkte, die in Folge einer Verwundung bei einem Duell ſchon ſeit einiger Zeit in ſchwacher Verfaſſung war. Er lebte zu fern von mir, um ſich um meine Verhaͤltniſſe kümmiern zu können, und ich war zu ſtolz, ſeine Hülfe für mich in Anſpruch zu nehmen. Und 10 Reichen! Ach! ſelten nur bekümmern ſie ſich um das Schickſal der Aermeren! Sie kennen den Wurm der Notb nicht und darum glauben ſie auch nicht, daß er über⸗ baupt in der Welt iſt. Doch— keine Klagen mehr — ich will nur erzählen. Einige Jahre ſpäter, nachdem ich mich ſchon durch Brunſt's und Melms' Hülfe emporzuarbeiten angefan⸗ gen, kam meine Schweſter aus Rom unerwartet auf der Oehe an. Ihr Mann war geſtorben und hatte ſie und ihre beiden Kinder, ein Mädchenzwillingspaar, zu ſeinen alleinigen Erben eingeſetzt. Meine Schwe⸗ ſter war noch nicht alt und hätte alſo noch lange glücklich leben und ihres großen Reichthums froh wer⸗ den können, allein das Glück war eben nicht in der 2⁵⁶ Oehe'ſchen Familie heimiſch. Hätte ich geahnt, was ihr Aufenthalt auf der Oehe ihr und mir koſten ſollte, ich hätte ſie lieber gebeten, Gott weiß wohin zu gehen und keine Stunde länger in meinem Hauſe zu leben. Allein wer ſieht in die Zukunft und erräth die Be⸗ ſtimmungen der Vorſehung? Doch hören Sie. Eines Tages— es war ein für mich durch andere Vorfälle auf meiner Inſel, die ich Ihnen ſogleich auch erzählen werde, höchſt unan⸗ genehmer Tag— eines Tages alſo ſpielten die bei⸗ den kleinen, etwa zwei Jahre alten Mädchen am Waſ⸗ ſer, dort in der Nähe des Fährhauſes. Ich hatte ſtets dagegen geſprochen und die Magd, welche die Kinder beaufſichtigte, angewieſen, letztere nicht aus den Augen und von der Hand zu laſſen, da der Strom an jener Stelle tief und reißend iſt. Allein was half's! Die Magd hatte eine Liebſchaft mit einem Fiſcher drüben am Schaproder Ufer angeſponnen und ſtand nun ſtundenlang am Strande, um mit dem am jenſeitigen Ufer lauernden Liebhaber Worte zu wech⸗ ſeln, was bei ruhigem Wetter und Windſtille eine leichte Sache iſt. Es war ſchon ſpät geworden und die Dunkelheit ſank raſch herein, denn es war in den erſten Tagen des September. Ich ſaß mit meiner Schweſter im Hauſe— es war noch das alte, dies neue habe ich erſt vor wenigen Jahren gebaut— nd plauderte gemüthlich mit ihr. Sie bot mir Geld über Geld an, aber ich wies ihr Anerbieten von der Hand, da ich deſſelben nicht mehr bedurfte und mein Auskom⸗ men mir ſelbſt verdanken wollte.„Wo ſind die Kinder?“ fragte ich da, wie durch eine innere Ahnung aus dem Geſpräche aufgeſchreckt. „Sie ſind draußen mit Friederike,“ antwortete meine Schyweſter. „Sie wird doch nicht wieder mit ihnen am Waſſer ſtehen!“ rief ich aus, als hätte mir eine geheime Stimme es zugeflüſtert. Ich lief vor die Thür, meine Schweſter folgte mir, aber da war es ſchon zu ſpät. Wir hörten nur noch einen furchtbaren Schrei vom Fährhauſe her, wo ſchon mehrere Menſchen zuſammenliefen, in die Boote ſpran⸗ gen und auf dem Waſſer umherruderten. Als ich da⸗ ſelbſt anlangte, erfuhr ich, daß eins der kleinen Mäd⸗ chen in's Waſſer gefallen und noch nicht aufgefun⸗ den ſei. Laſſen Sie mich kurz ſein. Alles Suchen war vergebens. Das Kind war verſchwunden und keine Spur davon ward entdeckt, ſo viel Mühe man ſich von dieſem und jenem Ufer aus gab. Ach! Ich ſehe noch meine arme Schweſter, aufgelöſt von Schmerz, wie Die Inſulaner. II. 17 258 eine Wahnſinnige am Strande auf und ab laufen— ich ſehe ſie dann am Abend auf dem Sopha liegen— ihr Kind aber war verloren für immer. Erſt vpier⸗ zehn Wochen ſpäter fiſchte man einen völlig verweſten Kinderleichnam eine halbe Meile nordwärts am Strande auf. Ob es meiner Schweſter Kind war, konnte Niemand mehr erkennen— allein der Leichnam be⸗ ſtätigte unſer Unglück und— drüben auf dem Schap⸗ roder Kirchhof liegt der reizende Engel begraben. Einige Zeit nachher verließ meine Schweſter mit ihrem kleinen Mädchen die Unglücksinſel und zog auf das feſte Land nach Stralſund. Ihr Herz aber war gebrochen, ſie konnte ſich von dem neuen Schlage nicht mehr erholen und ſtarb einige Monate darauf, meine unglückliche Familie, die nun immer kleiner ward, wieder zweier Augen beraubend, denn auch meine aͤltere Schweſter ſtarb wenige Jahre ſpäter, wie man mir ſchrieb, an einer plötzlich ſie befallenden Krankheit und mir blieb nichts von ihr übrig als die Erinnerung an all das Weh, das ſie und ihr Mann mir in meinem Leben bereitet hatten.“ „Aber das Kind der jüngeren Ehwrſer, wo blieb das?“ fragte Guſtav Steinau mit lebhaftem Antheil. „O, das blieb glücklich am Leben,“ fuhr der alte Herr mit wieder aufblitzendem Muthe fort.„Guſtava 259 von Kulpen wohnt jetzt bei einer Verwandten in Ber⸗ gen im Kloſter und dieſe beiden Damen ſind es, die ich, wie ich Ihnen ſchon geſagt, morgen auf der Oehe erwarte. Sie werden alſo das Vergnügen haben, die reiche Erbin der Kulpen, meine einzige Nichte, kennen zu lernen, und mögen dann ſelbſt urtheilen, ob ſie wirklich ſo ſchön iſt, wie alle Welt ſagt und auch ich es ſagen muß.“ „Ich freue mich ſehr darauf,“ fuhr Guſtav Steinau mit innerer Spannung und geheimer Freude fort,— „aber was war das für ein Vorfall, den Sie vorher andeuteten und der ſich an demſelben Tage auf der In⸗ ſel ereignete, als das Unglück mit dem Kinde ſtattfand?“ „Ach!“ ſeufzte der alte Mann,„Sie ſehen es, das Unheil will gar kein Ende mit mir nehmen, und Sie haben viele Klagen von mir zu hören. Doch ich will Ihnen auch dieſes erzählen, obgleich es ganz anderer und weniger bedeutender Art iſt, aber mit jenem wenig⸗ ſtens der Zeit nach in nächſter Verbindung ſteht. Unter meinen Dienſtleuten waren zwei Familien, die ſchon als Leibeigene zur Oehe gehört hatten, denn bekanntlich wurde die Leibeigenſchaft erſt 1810 von Guſtav Adolf IV., König von Schweden, in Rügen aufgehoben. Die Stellung der Leibeigenen bei uns war. im Allgemeinen immer eine ſehr günſtige und 17 ⸗ 260 nur an wenigen Orten mögen ſich dieſelben über Härte und Liebloſigkeit ihrer Herren zu beklagen ge⸗ habt haben. Von meinen Vorfahren iſt das Recht, mit ihren Leibeigenen nach Belieben zu ſchalten und zu walten, ſtets mit großer Menſchlichkeit geübt wor⸗ den; wie es unter meinem Vormunde auf der Inſel damit herging, weiß ich nicht, ich glaube aber, daß ſie ſich mehr über Faullenzerei und Nichtsthun als über zu viele Arbeit zu beklagen gehabt. Jene beiden Fa⸗ milien nun blieben auch nach dem genannten Jahre im Dienſte der Beſitzer der Inſel und wahrlich, ich wüßte nicht, welche Dienſtboten es jemals beſſer gehabt hätten als ſie. Jede von ihnen hatte ein Haus, ein Kornfeld zu eigenem Bedarf, Holz, ſo viel ſie gebrauchte, einen kleinen Garten, worin ihnen Kartoffeln und Ge⸗ müſe in Fülle wuchſen, und endlich eine Kuh— dafür mußten die Männer fünfzig Tage Hofedienſte thun; jede Arbeit aber, die ſie außerdem leiſteten, wurde ihnen wie jedem anderen Tagelöhner bezahlt. Die Namen dieſer beiden aus der Leibeigenſchafts⸗ zeit herſtammenden Familien waren Vormäher und Strandkerl. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß man ſeit langen Zeiten dieſelben je nach den Arbeiten, die ſie verrichteten, oder nach ihrem Wohnort oder nach ſonſtigen zufälligen Aeußerlichkeiten benannte, welche Be⸗ nennungen ſie für ewige Zeiten als ihre Familienna⸗ men beibehielten. So hießen die erſteren: Vormäher, weil ſie ſeit undenklichen Jahren Vorarbeiter beim Mähen auf dem Felde geweſen waren, die letzteren dagegen Strandkerle, weil ſie jenes noch jetzt ſtehende Käthnerhaus am Strande bewohnten und zugleich das Amt der Fährleute verſahen. Die Vormäher nun hatten von jeher für die beſten Arbeiter auf der Inſel gegolten; ſie waren Muſter von treuer Anhänglichkeit gegen ihre Herrſchaft, dabei fleißig, geſchickt, rechtſchaffen und vom beſten Wil⸗ len nach allen Richtungen beſeelt. Die Strandkerle dagegen haben den Beſitzern der Oehe von jeher zu ſchaffen gemacht und oft genug hat man ſie wegen ihrer Streitſucht, ihrer Trägheit und anderer Untu⸗ genden halber ganz von der Inſel entfernen wollen. Als ich nun die Oehe übernahm, trat die Böswil⸗ ligkeit der Strandkerle erſt recht zum Vorſchein, ſei es nun, daß ſie, wie die Vormäher behaupteten, von meinem Vorgänger gegen mich aufgehetzt worden, oder ſei es, daß ſie mich für einen zu jungen Herrn hielten, deſſen Befehlen man nicht unbedingt Folge zu leiſten habe und dem man ſich ungeſtraft widerſetzen könne. Genug, ſchon der alte Strandkerl, damals ein Mann von fünfzig Jahren, war mir vom erſten Tage an 262 trotzig und widerſpenſtig begegnet, hatte ſich wieder⸗ holt trunken gezeigt, war träge, unluſtig zur leichteſten Arbeit und lebte mit allen Leuten in Zwietracht, na⸗ mentlich mit den Vormähern. Zwiſchen beiden Fami⸗ lien beſtand ſeit langen Zeiten ein Familienhaß, der bei den Strandkerlen noch mehr dadurch gewachſen war, daß ſie bei Schlichtung ihrer Streitigkeiten Seitens der Herrſchaft faſt immer im Nachtheil blieben, indem das Urtheil nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen ſtets ge⸗ gen ſie ausfiel, was gar nicht zu verwundern war, da die Schuld meiſt auf ihrer Seite lag. Der alte Strandkerl alſo machte mir viel zu ſchaffen; ich mußte ihn nur antreiben und ſtrafen, loben und belohnen konnte ich ihn nie, ſo gern ich es auch manch⸗ mal gemocht hätte. Noch bei Weitem trotziger, wider⸗ ſpenſtiger und nachläſſiger zeigte ſich ſein einziger Sohn, damals etwa zwanzig Jahre alt und Peter genannt, dem die anderen Dienſtboten der Inſel aber wegen ſeiner unbändigen Gemüthsart den Namen„der wilde Strandkerl“ beigelegt hatten. Von frühſter Jugend an war der Knabe ſtörriſch, faul und grob mit dem Maul und der Hand geweſen, ſelbſt ſein Vater, der doch kaum einen Deut mehr werth war, hatte keine Gewalt über ihn. So oft er es konnte, verließ er die Inſel, oft Nachts, und gab — 263 ſich in benachbarten Ortſchaften mit Leuten ſeines Ge⸗ lichters ab, die ihn nur noch mehr zum Müßiggang, zur Trinkſucht und anderen Laſtern verführten. Na⸗ mentlich war ihm die Geſellſchaft verſchiedener Schmuggler ſehr intereſſant, die in der Gegend ihr Weſen trieben; er ließ ſich nicht ſelten von Steuerbeamten als höchſt verdächtig bezeichnen, aber niemals gelang es, ihn ſeiner Unthaten gerichtlich zu überführen. Nachdem ich alles dies durch häufige Erfahrung kennen gelernt, berief ich ihn eines Tages zu mir, be⸗ wies ihm ſein Unrecht und drohte, ihn bei nächſter Gelegenheit aus meinen Dienſten zu entlaſſen und ihn des Anrechts auf die Nachfolge in ſeines Vaters Fähr⸗ hauſe zu berauben, was eine Stellung war, nach der ſich von jeher die Dienſtleute auf der Inſel gedrängt hatten. Mit trotzigem Geſicht hörte der Burſche meine Ermahnungen an, verſprach weder Beſſerung noch be⸗ achtete er überhaupt meine Drohung und verließ mich mit Hohn auf der Lippe und Haß im Auge. Ich hatte damals gerade viel mit wichtigeren Dingen zu ſchaffen und ſo überſah ich Manches, was ich unter anderen Umſtänden nicht ungeſtraft gelaſſen hätte. An jenem unſeligen Tage nun, deſſen Abend meiner Schweſter eine Tochter rauben ſollte, hatte ich ſchon früh am Morgen einen heftigen Auftritt mit dem wilden Strandkerl. Wir waren mitten in der Weizen⸗ und Hafererndte, die Arbeiter waren ſchwer zu haben und wir auf der Oehe hatten alle Hände voll zu thun, da unſre Kräfte kaum die tägliche Arbeit bezwingen konnten. Der wilde Strandkerl fühlte durchaus keine Luſt, bei der ſo nothwendigen Arbeit zu helfen, er trieb ſich tagelang in den Schänken der benachbarten Ort⸗ ſchaften umher, trank und ſpielte und lachte Jedem höhniſch in's Geſicht, der ihn zur Rede ſtellte. Morgens um ſechs Uhr an dieſem Tage kam der alte Vormäher zu mir und ſagte, Peter ſei in der Nacht trunken nach Hauſe gekommen und weigere ſich jetzt, nachdem er genügend geſchlafen, auf das Feld zu ge⸗ hen und ſeine Arbeit zu verrichten. Ich verließ ſo⸗ gleich mein Zimmer, wo ich eben frühſtückte, und ging nach dem Fährhauſe. Der alte Strandkerl war auf dem Felde und nur ſein Sohn allein zu Hauſe. Als ich vor demſelben anlangte, fand ich es zu meiner Verwunderung von Innen verriegelt, aber durch das Fenſter konnte ich den Burſchen ſitzen und mich mit ſpöttiſcher Grimaſſe verhöhnen ſehen. Mir ſtieg die Galle auf und ich rief ihm zu, her⸗ auszukommen oder die Thür zu öffnen. Er grinſ'te mich an, that aber als ob er mich nicht hörte. Voller Zorn, mich auf ſolche Weiſe mißachtet zu ſehen, ſtieß ich mit einem Fußtritt die morſche Thür ein und trat dann zu dem Burſchen, dem ich eine exemplariſche Strafpredigt zugedacht hatte.„Warum gehorchſt Du nicht und öffneſt mir nicht die Thür?“ ſchrie ich ihn an. „Es iſt meines Vaters Haus, worin ich ſitze, und da kann ich thun und laſſen was ich will!“ antwor⸗ tete er grob und höhniſch. „Wie!“ rief ich, auf's Höchſte erzürnt,„Du er⸗ frechſt Dich, mir das in's Geſicht zu ſagen? Weißt Du nicht, daß Deines Vaters Haus mein Haus und daß ich Euer Beider Herr bin?“ Er ſchnitt mir ein grimmiges Geſicht und ſagte frech:„Was ſchiert mich das? Herr hin, Herr her, wir ſind freie Leute und keine Leibeigenen mehr, wozu Sie uns gar zu gern wieder machen möchten!“ Das war ein Vorwurf, den ich am wenigſten verdiente. Ich ergriff ihn kräftig am Arm und zerrte ihn von ſeinem Sitze empor, den er noch immer bei⸗ behielt.„Höre, Bube,“ ſagte ich,„ich will Dir Deine Freiheit ganz und für immer geben. Auf der Stelle erhebe Dich, geh' aus dem Hauſe und laß Dich auf der Oehe nicht wieder blicken. Wir ſind quitt mit einander.“ 3. Aber er widerſetzte ſich, ſchüttelte meine Hand von ſich und gab mir dabei einen Stoß, daß ich rückwärts taumelte. Nun aber war meine Geduld zu Ende. Ich packte ihn mit der Linken am Kragen, hob den Stock, den ich trug, mit der Rechten und bläuete ihn auf eine Art durch, daß er nicht nach mehr verlangte. Darauf warf ich ihn aus dem Hauſe, ſchleppte ihn ſelbſt auf die Fähre und fuhr mit ihm hinüber, wo ich ihm an's Land zu ſteigen befahl und mich wieder nach der Inſel zurückzog. Ohne ſich auch nur ein einziges Mal nach mir umzublicken, ſchlug er den Weg durch das Dorf ein und bald hatte ich ihn aus dem Auge verloren. Nun aber ließ ich ſeinen Vater vom Felde holen, erzählte ihm den Vorfall und dachte bei ihm Beiſtand gegen ſeinen übermüthigen Sohn zu finden; aber da erhob der Alte ähnliche Vorwürfe gegen mich und ſchmähte die Vormäher, die ſich als Begünſtigte geberdeten und ſie, die Strandkerle, bei mir verläumdeten. Er habe mir das ſchon längſt ſagen wollen und habe den Dienſt bei mir ſatt. „Dann kannſt Du gehen,“ ſagte ich ihm,„ſo gut wie Dein Sohn. Du wirſft ſelbſt wiſſen, wie gleich⸗ mäßig freundlich ich meine Arbeiter behandle, wenn ſie fleißig und brauchbar ſind.“ „Dann geben Sie mir meinen Lohn!“ ſagte er frech. „Komm mit!“ rief ich ihm zu und ging ihm nach meinem Hauſe voran. Hier gab ich ihm ſeinen Lohn und zwei Stunden ſpäter ſetzte er mit ſeinen Habſeligkeiten nach Schap⸗ rode über. Auch ihn habe ich ſeit jener Zeit nicht wieder geſehen, hörte aber, daß er nach etwa einem halben Jahre in einer Schifferſchänke am Strande in der Trunkenheit vom Schlage gerührt und geſtorben, nachdem er noch kurz vorher ſeinen Gefährten die eidliche Verſicherung gegeben, er wiſſe nicht, wohin ſein Sohn gegangen ſei. An dem Abend jenes Tages nun, wo ich die Strandkerle verwies, fiel das Unglück mit meiner Nichte vor und in meinem Gewiſſen habe ich mir oft Vorwürfe gemacht, vielleicht zu hart geweſen zu ſein und den Verluſt des lieben Kindes als Strafe dafür von der Vorſehung erlitten zu haben.“ „Das glaube ich nicht!“ rief Guſtav Steinau, raſch von ſeinem Sitze aufſtehend.„Sie waren in Ihrem Recht. Vielmehr glaube ich, daß der wilde Strandkerl das Kind in's Waſſer geſtoßen und ſo ſeine Rache gekühlt habe.“ „O, o, das wäre ſchrecklich, mein junger Freund. Aber ich erinnere mich, daß mein jetziger Statthalter, 268 eben der Sohn jenes alten Vormähers, mir damals etwas Aehnliches ſagte. Allein es lag kein Beweis vor und ſelbſt der Verdacht ſtand auf ſehr ſchwachen Füßen. Ich ließ zwar den wilden Strandkerl durch die Gerichte verfolgen, um ihn zur Unterſuchung zu ziehen, allein er ward nicht defünden und iſt wahr⸗ ſcheinlich in's Ausland gegangen.) So habe ich Ihnen denn a16 dieſe Geſchichte er⸗ zählt und Sie können daraus abermals entnehmen, daß ich nicht ohne Prüfungen ein alter Mann ge⸗ worden bin.“ „Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen und wünſche, daß Sie ferner kein Unheil mehr auf Ihrem alten Beſitzthum treffe.“ „O! Schweigen Sie ſtill!“ rief der alte Herr mit einem durch inneren Kummer ganz eigenthümlich verzerrten Geſicht.„Das Unheil hat beinahe zwanzig Jahre lang hier geſchlummert, jetzt aber iſt es von Neuem erwacht und ich ſehe den Tag immer näher rücken, wo ich doch noch die Unglücksinſel verkaufen und mich in die Ruhe einer Stadt zurückziehen werde.“ „Wie?“ rief Guſtav Steinau.„Verkaufen— die Inſel? Was für eine neue Veranlaſſung könnter dazu geboten werden?“ „Ja, ich habe es auch nicht gedacht und doch iſt 269 ſie geboten. Doch, damit Sie auch Dies wiſſen und meine ganze gegenwärtige Lage überſchauen, will ich Ihnen mein neueſtes und letztes Drangſal enthüllen. Sehen Sie, es iſt nun ungefähr ein Jahr her und ich war gerade mit dem Bau dieſes Hauſes, ſo weit es jetzt ſteht, zu Stande gekommen, da klopfte abermals ein Unhold an meine Thür und belehrte mich, daß der Abend der Ruhe noch nicht für mich gekommen ſei und wahrſcheinlich an dieſem Orte auch ſobald nicht kommen werde. Sie kennen meine Inſel und haben ſich mit eigenen Augen überzeugt, wie ich bedacht ſein muß, mit dem feindlichen Elemente zu kämpfen, das alle Tage gierig an meinem Lande nagt und ein Stück nach dem andern davon abreißt. Aber alle unſre Mühe wäre vergebens, wenn die Natur ſelbſt uns nicht geholfen und eine ſchützende Mauer gegen den böſen Feind aufgerichtet hätte. Sie haben den Steinort geſehen— das iſt dieſe Mauer gegen den böſen Feind, denn gerade da jagt der Wind die Wellen mir auf den Hals und ſo ſind dieſe Steine nicht nur mein Schutz, ſondern auch das einzige Mit⸗ tel, mich vor Untergang zu ſchützen, mir meinen Be⸗ ſitz zu ſichern, meinen Wohlſtand zu mehren. Aber ſeit einem Jahre bemerkte ich eine allmälige Abnahme dieſer Steine. Die ich noch am Abend geſehen, wa⸗ 270 ren am Morgen verſchwunden. Ich gab genauer Acht und konnte zuletzt nicht mehr zweifeln, daß man mich auf eine ſchurkiſche Weiſe beſtahl.“ „Aber zu welchem Zweck denn?“ ſchaltete Guſtav Steinau erſtaunt ein. „Um ſie zu verwerthen, mein junger Freund. Sie ſind ja ein koſtbares Material zu Bauten, zur Pflaſterung der Straßen in großen Städten, und jeder Menſch kauft ſie gern, denn beſſere Steine fin⸗ det er ſo leicht nicht, ſie ſtammen meiſt von ſkandina⸗ viſchen Granitfelſen, die das Eis wohlwollend hierher⸗ trägt und an meinem Strande aufhäuft. Was nun mein Verhalten einem ſolchen Diebſtahl gegenüber an⸗ betrifft, ſehen Sie, ſo bin ich darin ein ſonderbarer Menſch: ich will lieber untergehen als ihn erdulden. Ich gebe gern, was das Geſetz von mir verlangt, und ſpricht man zu meinem Herzen, ſo gebe ich mit beiden Händen— mit Gewalt aber mir etwas ab⸗ dringen zu laſſen, widerſtrebt meiner Natur und ich will lieber Hunderte von Thalern verſchenken als mich um einen Groſchen betrügen laſſen. Ich wandte nun meine ganze Aufmerkſamkeit auf verſchiedene ſchöne, dicht an meinem Strande liegende Steine und ſiehe da, einer nach dem andern ver⸗ ſchwand, wie ich es vermuthet hatte.“ “ 5 271 „Aber mein Gott, wo kamen ſie denn hin und wer nahm ſie?“ „Räuber, niederträchtige Menſchen, eine Art See⸗ wilddiebe, Piraten oder was für Namen Sie ihnen ſonſt beilegen wollen. Es giebt in dieſer Gegend eine beſondere Gattung von Menſchen, die auf dieſe Seeräuberei förmlich erzogen und abgerichtet werden. Man nennt ſie Steinzanger. Sie ſind außerordent⸗ lich geſchickt in ihrem Geſchäft und beſitzen künſtlich geſtaltete Vorrichtungen, um große Steine ſelbſt aus dem tiefen Meeresgrunde zu ſchaffen. Mit einem ankerähnlichen Inſtrumente, deſſen einer Arm beweg⸗ lich iſt, umfaſſen ſie die Steine, heben ſie mittelſt Hebel und Winden, die ſie an den Maſten ihrer Boote befeſtigen, in die Höhe, laden ſie ein und wenn ſie ihre Schiffe voll haben, ſegeln ſie von dannen und lachen ſich in's Fäuſtchen. Natürlich kann dieſe Arbeit nur bei ruhigem Wetter vorgenommen werden, aber wenn die Leute kräftig, gewandt und mit guten Werkzeugen und Schiffen verſehen ſind, verſuchen ſie es auch bei leidlichem Wellengang und ſchleppen die billige Beute in gewaltigen Maſſen heim. Als ich nun Tag und Nacht auf der Lauer lag, worin mich namentlich mein treuer Statthalter redlich unterſtützte, ſah ich denn auch, erſt einzeln und ſehr 272 vorſichtig, Boote herankommen, die Jagd auf meine Steine machten. Sie hatten große YNachten im Hin⸗ terhalt und in dieſe lud man meinen kleinen Reich⸗ thum ein. Endlich aber kamen ſie nicht allein in der Stille der Nacht, ſondern ganz keck und frech bei Tage und beſtahlen mich. Da ich die Diebe nicht kannte und auch keinen von ihnen erreichen und feſthalten konnte, ſo ſah ich ein, daß mir meine Klagen nichts helfen würden. Dennoch klagte ich. Aber da fragte man mich, wer der Thäter ſei und gegen Wen ich klagbar geworden wäre? Ich konnte keinen Namen nennen und alſo hatte die Sache dabei ihr Bewen⸗ den. Die Diebe aber kamen faſt alle Tage und ein Stein nach dem andern nahm ſeinen Abſchied von mir. Allein es ſollte noch ärger kommen. Nicht einzeln mehr kamen die Boote, in ganzen Haufen ließen ſie ſich blicken und rückten mir immer näher auf den Leib. Nun ſchrieb ich an alle möglichen Behörden und requirirte Gensdarmen, um meine Küſte zu ſchützen. Jedoch man bedauerte mich, ſchalt das Verfahren ein Unrecht, aber Gensdarmen ſchickte man nicht. Da gab es denn viel Schreiberei und neben der Tinte floß auch viele Galle in meine Beſchwerden. Das ſchien endlich zu helfen, wenigſtens verhieß man Hülfe, indem man mich damit vertröſtete, man beabſichtige 273 ein Geſetz gegen das Steinzangen zu erlaſſen, und wer ſich bei vier Fuß Waſſertiefe in der Nähe des Lan⸗ des ſehen ließe, würde als Steinzanger zur Rechen⸗ ſchaft gezogen werden. Nun ſehen Sie, vier Fuß Waſſertiefe iſt, den Kanal zwiſchen der Oehe und Schaprode ausgenommen, nirgends ringsum auf mei⸗ ner Inſel eine Viertelmeile weit zu finden und danach könnte ich alſo mit dieſem Geſetze gegen die Stein⸗ zanger zufrieden ſein. Aber was hilft mir ein ge⸗ ſchriebenes Geſetz, wenn es nicht practiſch befolgt wird? Indeſſen das Geſetz ward erlaſſen und ſchien einige Zeit zu wirken; ich ſah wenigſtens die Spitzbuben nicht und meine Steine verringerten ſich auch nicht. Aber die Kerle, die ſich wahrſcheinlich durch mein Klagen beeinträchtigt glaubten, rächten ſich mit einem Male auf andere Weiſe und nahmen mir das Vieh 8 von der Weide; eines ſchönen Morgens fand ich ſo⸗* gar eine ganze Miethe Weizen zerſtört, die dicht am Steinort aufgerichtet ſtand, und überdieß einen Schlag Hafer abgemäht, der noch nicht reif war. Herr Sternberg, Sie können ſich denken, wie mir da zu Muthe wurde. Ich ſetzte mich nieder und ſchrieb einen Klagebrief nach dem andern. Aber was half's? Nichts! Ja, man hielt mich, ſo hörte ich, für einen Querulanten und lachte mich Die Inſulaner. II. 18 274 über meine ewigen Beſchwerden, die ich doch nur gegen den Wind richtete, aus. Eine Zeitlang, im Winter, blieb ich von jeder Be⸗ läſtigung verſchont und ſchon glaubte ich über den Berg fort zu ſein, da ſollte ich erfahren, daß ich mich bitter getäuſcht hatte. Denn plötzlich wurden wieder die Steinzanger im Frühjahr ſichtbar und, da ſie ſahen, daß die Behörden ſchwach oder nachläſſig wa⸗ ren, traten ſie um ſo frecher auf und die Sache war bald wieder im beſten Zug, wie im vorigen Jahre. Da ergrimmte ich im Herzen und ſchrieb einen Brief an die Regierung, der mich in das Gerede der Leute gebracht hat. Ich ſagte darin: Wenn die Be⸗ hörden zu ſchwach ſeien, das Eigenthum der friedlichen Unterthanen gegen Räuber und Banditen zu ſchützen eund ſo im neunzehnten Jahrhundert das Fauſtrecht mit ſeinen traurigen Conſequenzen wieder in’s Leben treten ſollte, dann würde ich mich erinnern, daß ich von einem Geſchlechte ſtamme, das ſchon zur Zeit ge⸗ lebt, wo dieſes Fauſtrecht noch wirklich gültig war. Ich würde alſo mit Waffengewalt gegen Jeden auf⸗ treten, der mein Eigenthum berührte, Solches auch als Warnung in allen öffentlichen Blättern bekannt machen und mir auf dieſe Weiſe ſelber zum Rechte verhelfen.. 275 Sehen Sie, mein junger Freund, in dieſem Sta⸗ dium finden Sie mich im gegenwärtigen Augenblick. Man beſtiehlt mich nach einem deutlich erkennbaren Syſtem und es hat ſich eine ordentliche Bande organi⸗ ſirt, deren Führer ein kluger Kopf ſein muß und hier alle Wege zu Waſſer und zu Lande kennt. Um meinen Freunden die Lage der Dinge ausein⸗ anderzuſetzen, lud ich ſie neulich nach Putbus ein, wo auch wir uns zufällig getroffen haben. Sie ſtimmten mir bei und ſo bin ich jetzt gerüſtet, ein Ritter zu ſein, der ſeinen eigenen Heerd beſchützt, da ihn die Hülfe des Geſetzes verläßt.“ 4. 1 „Wie? Alſo noch jetzt beſtiehlt man Sir?⸗ „Gewiß, aber nicht mehr bei Tage, meiſt bei Nacht, wo man keinen Menſchen erkennen und den Feind nicht ſicher auf's Korn nehmen kann. Und ich kann doch nicht alle Nächte auf der Lauer ſtehen, woher ſoll ich denn die Wachen dazu nehmen? Die Diebe ſind ſchlau, ſtark und ſchnell bei der Hand. Von allen Seiten kommen ſie heran und ehe ich's mir ver⸗ ſehe, haben ſie einen Stein erwiſcht, eingeſtaut und ſind auf und davon geſegelt, wenn ſie ihre Ladung voll haben. Da haben Sie nun den Grund, warum ich ſo diel durch mein Glas den Horizont befrage, Nachts * 18* 276 ſo oft aufſtehe und Morgens ſchon mit Tagesanbruch auf den Beinen bin, wenn ich lieber ſchliefe und mich von meinen Sorgen ausruhte. Und nun wiſſen Sie Alles und ich hoffe Ihnen mein Vertrauen durch die Erzählung meiner Schickſale vollſtändig bewieſen zu haben.“ Der alte Herr ſchwieg, trocknete ſich die heiße Stiruͤ und ſah mit ſeinen gutmüthigen Augen ſichtlich erleich⸗ tert ſeinen Gaſt an. Dieſer aber reichte ihm die Hand und ſagte mit herzlichem Tone in der Stimme:„Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr von der Oehe, für dieſes Vertrauen. Sie ſollen es nicht bereuen, mir daſſelbe geſchenkt zu haben, und wenn wir einmal wieder ſo ſo ruhig beiſammen ſitzen, werde ich Sie bitten, auch mein Vertrauen entgegenzunehmen, da Ihnen meine kleine Lebensgeſchichte vielleicht auch einigen Antheil entlockt.“ 1 „Ja, ja,“ rief der alte Henr„Sie ſollen mir auch einmal Ihr Leben thrihte „Das will ich und nebenbei will ich Ihnen meine Augen und, wenn es nöthig, auch meine Hand leihen, um Ihre Feinde zu bekämpfen, die ich, ſo lange ich bei Ihnen bin, auch für die meinigen zu halten mich verpflichtet fühle.“ „Wackerer junger Mann, damit ſagen Sie mir et⸗ * 277 was ſehr Angenehmes. Nun, da Sie mir in's Herz geblickt haben, und mich vielleicht weniger nach meiner rauhen Außenſeite beurtheilen, iſt mir Ihre Anweſen⸗ heit noch einmal ſo lieb. Doch jetzt wollen wir zu Bett gehen, es iſt ſpät geworden. Ich denke, morgen wird meine Nichte mit der Kloſterdame kommen. Ich wollte erſt ſelber nach Bergen fahren und ſie holen, aber die Erndte hält mich hier feſt und ſo werde ich nur meinen Wagen nach der Stadt ſenden. Gute Nacht alſo. Ruhen Sie ſich gut aus, damit Ihre Augen morgen klar ſind und die Damen uns nicht anmerken, daß wir in alten Geſchichten gekramt und uns dadurch die Vorfreude auf ihren Beſuch verküm⸗ mert haben. Gute Nacht, gute Nacht und ich wünſche uns Beiden morgen einen fröhlichen Tag.“ Siebentes Bapitel. Die Erbin. Als Guſtav Steinau an dieſem Abend ſeinen Wirth verließ und ſein ſtilles Stübchen aufſuchte, wirbelte ſein Kopf von traurigen und doch wieder hoffnungs⸗ vollen Gedanken und in ſeinem Herzen flutheten eben⸗ ſo Empfindungen völlig entgegengeſetzter Art. Was er ſo eben gehört, war ihm ſo neu, ſo ſeltſam, daß er. ſich kaum in allen Einzelnheiten zurecht finden konnte und erſt lange darüber nachdenken mußte, um zu einem wünſchenswerthen Reſultate zu gelangen. Endlich aber, als er ſchon lange auf ſeinem Lager ruhte, verbannte er mit Gewalt die traurigen Bilder, die ihn um⸗ ſchwirrten, rief nur die angenehmen herbei und ſank zuletzt, nachdem er ein inniges Gebet zu Gott geſpro⸗ chen, in den feſteſten Schlaf. 279 Als er am Morgen viel ſpäter als gewöhnlich er⸗ wachte und ſich wunderte, daß man ihn nicht zeitiger geweckt, ſah er die Sonne die freundlichſten Strahlen über Waſſer und Land bis in ſein Zimmer werfen, und dieſer Anblick belebte und erfriſchte ſein Herz der⸗ geſtalt, daß er ſich wunderbar gehoben fühlte, als wären die Leiden ſeiner früheren Tage weit hinter ihn zurück geſunken und als ſtiege nun vor ſeinem ahnenden Geiſte ein ganz neues Leben voller Freude und Glück empor. Als er in ſeinem gewöhnlichen Landanzuge, den er auf beſonderen Wunſch ſeines Wirthes bisher bei⸗ behalten hatte, in deſſen Zimmer trat, fand er ihn noch beim Frühſtück vor, ein Beweis, daß auch er länger als gewöhnlich geſchlafen. „Hoho!“ rief der alte Herr herzlich vergnügt aus, „da kommen Sie alſo auch erſt! Na, wir ſcheinen Beide geſtern Abend einen Schlaftrunk genommen zu haben, und es iſt gut ſo; der Leib will auch einmal ruhen, wenn die Seele ruht, und meine Seele iſt ruhiger geworden, nachdem ich die Sorgen, die dar⸗ auf lagen, heruntergeſprochen. Hoffentlich iſt Ihre Seele eben ſo ruhig wie meine— da, nehmen Sie Platz und eſſen und trinken Sie.“ Während des Frühſtücks erfuhr Guſtav Steinau, daß der Wagen, der die Damen aus Bergen holen ſolle, bereits vor zwei Stunden abgefahren ſei und daß man ihn gegen Mittag auf der Inſel zurück erwarten könne.„Das wird heute ein Freudentag,“ ſetzte der alte Herr mit glänzendem Antlitz hinzu,„auf den ich lange mit Sehnſucht gewartet habe. Es iſt meine letzte Verwandte, die ich begrüßen werde, und es be⸗ ſchleicht mich ſtets ein Gefühl der Milde, faſt der Weichheit, wie es mir ſonſt nicht eigen iſt, wenn ich ihr holdes Geſicht ſehe und dabei im Stillen den lieben Gott frage, wie wird ihre Zukunft beſchaffen ſein? Wird ſie glücklicher werden als ihre arme Mutter oder iſt ſie auch vom Verhängniß verurtheilt, das Schickſal der meiſten Sprößlinge der Oehes zu theilen und früh dahin zu gehen, woher keine Rückkehr möglich iſt?— Doch, machen wir uns das Herz nicht wieder ſchwer! Kommen Sie hinaus, wir wollen einmal einen Rundgang am Strande machen und nach dem Waſſer blicken; wir behalten doch noch Zeit genug, uns zu ſchmücken und zum Empfange der Damen vürdig vorzubereiten.“ Als Guſtav Steinau ſeinem Wirthe folgte und dabei die mannigfachen Zurüſtungen im Hauſe be⸗ merkte, die man zum Empfange der Fremden traf, ſah „daß der Gutsherr nicht allein einen Feſttag feierte. Alle Bewohner des Gutes nahmen Theil daran und jeder trug in ſeiner Stellung nach Kräften bei, ſeine Geſinnung an den zu Tag legen und der Familie, der er diente, ſeine Liebe und Achtung zu beweiſen. Alle Dienſtboten, die heute nicht auf dem Felde beſchäftigt waren, namentlich ſämmtliche Mägde, hatten ſchon am frühen Morgen ihre beſten Kleider angezo⸗ gen, denn ſpäter hätten ſie wohl nur wenig Zeit ge⸗ funden, an ihren„Ausputz“ zu denken. Es war ja eine große Seltenheit für ſie, wenn Damen im Herren⸗ hauſe der Inſel einkehrten. Bei der hekannten Gaſt⸗ freiheit des Herrn von der Oehe kam zwar häufig Beſuch dahin, ſelbſt Damen aus der Nachbarſchaft, die bei ungünſtiger Witterung mit ihren Männern zuwei⸗ len ſogar Nachts dablieben,— Familienglieder aber wa⸗ ren nur ſelten Gäſte, und ſo rief ihr Erſcheinen ſtets einen Freudentag für die guten Leute hervor. Fräu⸗ lein von Kulpen nun gar, die reiche und ſchöne Erbin, war die letzte Verwandte des Gutsherrn, das wußten die älteren Diener und Dienerinnen ſehr wohl, ihr Beſuch alſo vor allen brachte die Freude der Inſel⸗ bewohner auf den höchſten Grad. So hatten ſie ſich denn ſchon am Tage vorher auf den herzlichſten Empfang der beiden Damen vorbe⸗ reitet; ſie waren nach Schaprode übergeſetzt und hatten 28² aus den Gärten daſelbſt alle möglichen Blumen und Blätter geholt, um den eigenen Garten nicht zu ſehr in Anſpruch zu nehmen, der ſeinen Schmuck ja für die Gäſte bewahren mußte. Bis ſpät in die Nacht nun hatten die fleißigen Dirnen Kränze und Guir⸗ landen geflochten, um am frühſten Morgen die Thüren und Treppen zu ſchmücken, durch welche die Gäſte ihren Einzug halten würden. Das ganze Haus erfüllte ſchon am Morgen ein ſtarker aromatiſcher Duft reichlich verwandten Eichen⸗ laubs, der an ſich ſchon etwas Feſtliches hat, und als der Hausherr beim Hinausgehen mit ſeinem Gaſte den⸗ ſelben wahrnahm, ſchmunzelte er freudig und nickte den ab⸗ und zugehenden Mägden ſeine volle Zufrie⸗ denheit zu, die ihrerſeits aus dem Schnattern und Lachen nicht herauskamen, was ja bei feſtlichen Ver⸗ anlaſſungen ſtets die Hauptſache iſt. Aber auch in Küche und Keller war man über⸗ aus thätig; da wurde gebraten und gebacken, als ob man eine Armee hungriger Gäſte erwartete, denn es galt ja als Sitte auf der Oehe, ſtets mehr Speiſen in Vorrath zu haben und ſie wenigſtens mit den Au⸗ gen genießen zu laſſen, als der Magen der Beſucher bewältigen konnte. So hatte man denn auch diesmal den Geflügelhof gelichtet, die Fiſcher von Schaprode 283 in Anſpruch genommen und alle möglichen feinen Ge⸗ müſe aus Nähe und Ferne herbeigeſchafft. Das war nun einmal die Luſt der alten Schaffnerin und an dieſem Tage, das. wußte ſie wohl, bekam ſie kein brum⸗ miges Geſicht vom gnädigen Herrn zu ſehen, da hieß er in ſeinem Glücke Alles gut und recht, was ſie an⸗ geordnet hatte, und wäre es ſo überflüſſig wie mög⸗ lich geweſen. Als Guſtav Steinau ſeinen Wirth auf dem Rund⸗ gang um die Inſel begleitete, wo derſelbe gelegentlich einen Blick auf die Feldarbeiter warf, fand er ihn ungemein geſprächig. Aber ſeine Worte richteten ſich / diesmal nicht auf ernſtere Gegenſtände, nein, alle 8½ Sorge ſchien verbannt, er ſprach über die Vorfälle des Tages und allerlei Kleinigkeiten, und einmal über das Andere pries er ſein Glück, daß ihm der liebe Gott einen ſo ſchönen warmen Tag nicht allein für die Erndte, ſondern auch für den Beſuch beſcheert habe. Dabei aber ſah er alle fünf Minuten nach der Uhr und als endlich die zehnte Stunde herange⸗ kommen ar, ward er unruhig, forderte ſeinen jungen Freund auf, raſch nach dem Hauſe zurückzukehren und ſich anzukleiden, da man doch nicht ſo beſtimmt wiſſen könne, wann die ſo unregelmäßig verfahrenden Da⸗ men anlangen würden. S 284 Guſtav Steinau lächelte im Stillen über die herz⸗ liche Ungeduld des guten Mannes. Selbſt wenn die ſchnellen Pferde ununterbrochen bis Bergen und von Bergen nach der Oehe zurückgelaufen wären, brauchten ſie beinahe ſechs Stunden, und' da der Kutſcher erſt um fünf Uhr abgefahren war, konnte man vor elf Uhr unmöglich auf der Oehe ſein. Aber an eine ſolche Schnelligkeit war ja gar nicht zu denken. In Bergen mußten die Pferde erſt freſſen und die Damen pflegen auch nicht ſo pünktlich bei der Hand zu ſein. Alles das hatte ſich der alte Herr zehnmal ſelbſt geſagt und dennoch befürchtete er einen geheimen Ueberfall und das wäre eine Schmach für ihn geweſen, wenn man ihn noch in ſeinem Landrocke und ſeinen großen ge⸗ ölten Stiefeln getroffen hätte! So kehrte denn Guſtav Steinau mit ihm nach. dem Hauſe zurück, kleidete ſich an und kam dann wie⸗ der herunter in die Beſuchzimmer, die alle geöffnet, gelüftet und eben ſo reich mit Blumen geſchmückt wa⸗ ren wie die Flure und Treppen. Aber der alte Herr ließ etwas lange auf ſich warten, ſeine Toilette nahm viel Zeit fort, denn es gab unter Vielem zu wählen und nur Weniges auszuleſen, und da die begehrten Gegenſtände nicht alle Tage gebraucht wurden, ſo mochte wohl mancher Zweifel obwalten und Vieles 285⁵ nicht für gut genug befunden werden. Als er dann aber endlich ſichtbar ward, verſetzte er auch Jeder⸗ mann, der ihn ſah, in Erſtaunen. So geputzt und geſchniegelt hatte man ihn auf der Oehe vielleicht noch nie, wenigſtens ſeit langen Jahren nicht geſehen, und ſelbſt in Putbus hatten die heutigen Feſtkleider nicht ihren Einzug halten dürfen. Er trug für dieſen Tag einen ganz neuen ſchwar⸗ zen Anzug.„O Jeſſes!“ riefen die Mägde,„er hat einen Schwanzrock an und ſogar ſteife Hemdenzipfel am Halſe!“ Das war allerdings etwas Seltenes, aber eben die ungewohnte Tracht verlieh dem ehrwürdigen Geſicht des alten Herrn, das in die ſonntäglichſten Falten gelegt war, eine ungemeine Würde und ſeine kräftige Geſtalt, ſein ergrauendes Haar, das blitzende Auge und zu Allem nun die gerade aufrechte Haltung gaben ihm ein ſo ächt ariſtokratiſches Gepräge von jener edlen, einfachen und alten Weiſe, die man ſo ſelten und höchſtens nur noch auf dem Lande ſieht, daß ſelbſt Guſtav Steinau ihn noch einmal ſo bedeu⸗ tend als ſonſt fand. „Oho, Herr von der Oehe!“ rief er ihm entge⸗ gen, als er ihn mit triumphirendem Lächeln herein⸗ ſchreiten ſah,„Sie geben den augenſcheinlichen Beweis, daß ein neues Kleid doch eine an ſich 286 ſchon ſtattliche Erſcheinung noch viel ſtattlicher ma⸗ chen kann!“ „Ja, ja doch, aber wie eng ſitzt mir das Ding auch um den Hals— haben Sie einen Begriff da⸗ von? Und dieſe Aermel von feinem Tuch— darf man ſich denn darin bewegen? Glauben Sie mir, ich mäßige mich jeden Augenblick, denn wollte ich einmal tief Luft holen, ich platzte alle Nähte aus einander.“ „Es iſt gut,“ dachte Guſtav Steinau,„daß Alfred Brunſt nicht hier iſt, er wüßte ſchon wieder eine Fer⸗ tigkeit mehr an ſeinem Freunde, die dieſer ausüben könnte, wenn er Luft genug hätte.“ „Weiß es der liebe Gott!“ rief der alte Herr und ging ſteif und ſichtlich unbequem in ſeinem Feſtkleide auf und ab,„was die Menſchen doch närriſch ſind! Da putzen und ſtriegeln ſie ſich, zwängen ſich in die modiſchen Kleider ein, um ein paar Stunden nach etwas Rechten auszuſehen, und kein Menſch iſt froher, als wenn er den ganzen Flitterkram wieder ausziehen und abwerfen kann! Warum zieht man ihn denn eigentlich an? frage ich. O, geht mir doch mit dem ganzen modernen Plunder! Wo ich zu Hauſe bin, ge⸗ fällt es mir am beſten und in meinem Schlaf⸗ oder Hausrock bin ich allein der alte Oehe, während ich jetzt nur—“ 287 „Gnädiger Herr!“ rief da plötzlich eine Stimme vor dem Fenſter,„ich glaube, der Wagen kommt!“ „Was!“ ſchrie der alte Herr und ſuchte ſeinen Hut in allen Ecken, der noch ſunkelnagelneu ausſah und doch ſchon ein Dutzend Jahre zählte,„was, ſie ſind ſchon da? Das iſt nicht möglich!“ Die Magd hatte ſich in der That geirrt; es war ein Wagen von einem Gutsbeſitzer geweſen, der an den Strand von Schaprode gefahren kam, um irgend eine Beſtellung bei einem Schiffer auszurichten. Man ſollte noch zwei ganze Stunden warten, denn erſt gegen ein Uhr verkündete ein am Sttande aufgeſtell⸗ ter Junge, daß„Fritze Niklas“ mit dem Wagen komme und daß 4½ wirklich die Damen„geladen“ habe. Am Strande unſerer kleinen Inſel ſowohl, wie 6 noch mehr an dem von Schaprode, herrſchte zu dieſer Stunde ein überaus reges Leben. Die mit der In⸗ ſel in ſo mancher Verbindung ſtehenden und mit de⸗ ren Beſitzer befreundeten Schiffer hatten alle ihre Boote beflaggt und bewimpelt, denn ſie wußten ja, was heute auf der Inſel„paſſirte“. Eine reichliche Zahl der zunächſt wohnenden Strandleute hatte ſich perſönlich eingefunden, um die vornehme ſchöne Dame, die letzte des Oehe'ſchen Geſchlechts, anlangen und 288 nach der alten Inſel, dem Beſitzthum ihrer Väter, überſetzen zu ſehen. Auf der Oehe ſelbſt aber, dicht am Waſſer auf den großen Steinen, an welche die Fähre antreiben mußte, erwartete ſie der alte Herr ſelber in ſteifſter Haltung, mit ſtrahlendem Geſicht und beim weithin ſichtbaren Lächeln das mächtige Ge⸗ biß zeigend, um das er von ſo manchem Jüngeren ſchon oft beneidet worden. Neben ihm, in modernſter, großſtädtiſcher Kleidung ſtand eine hohe Männergeſtalt mit edlen Zügen und erwartungsvoll funkelndem Auge, gleich Jenem die Blicke auf die beiden Damen gerich⸗ tet haltend, die bereits mit ihrem Dutzend Koffern, Kiſten, Schachteln und Packeten aller Art in die Fähre geſtiegen waren und ſchon von Weitem dem alten Herrn die herzlichſten Grüße und Winke zuſandten. „O!“ dachte Guſtav Steinau in dieſem für ihn ſonſt ſo angenehmen Augenblick, indem er ſtumm und nachdenklich den Vorgängen am andern Ufer zuſah, „wie ſeltſam ſind doch die Fügungen, denen die Men⸗ ſchen hier auf Erden unterworfen ſind! Heinrich Markholm begegnet dieſer jungen Dame am Rhein, ſie gefällt ihm ſo, daß er ſie zeichnet und malt, ja er verliebt ſich ſchon in ihr Bild, und nun muß ich ſie hier wieder finden, nachdem mein Freund mich zu dieſer Reiſe gedrängt hat, zu der ich mich ohne ihn 289 nie entſchloſſen haben würde. Und es muß auch gerade die Nichte dieſes Mannes ſein, den— o wäre der Maler jetzt hier, wie glücklich würde er ſein, wie würde ſein Auge vor Freude ſtrahlen— und meines— 2“ Die Ankunft der Damen am Oehe'ſchen Ufer un⸗ terbrach ſeinen Gedankenflug. Guſtava von Kulpen flog ihrem Oheim in die Arme, der ſie weidlich drückte und herzte, und dann kam Fräulein von Baſſenitz an die Reihe, die ebenfalls herzlich umarmt und begrüßt wurde. Aber dann wandte ſich der alte Herr nach Guſtav Steinau um, ſtellte ihn als ſeinen Gaſt„für den ganzen Sommer“ vor, denn auf ſo lange Zeit hatte er ihn im Stillen ſchon für ſich„erbeutet“, und bemerkte durchaus nicht die ſprachloſe Verwunderung auf den Geſichtern der beiden Damen, als ihnen der dem Oheim befreundete junge Mann als Herr Paul Sternberg bezeichnet wurde. Da Herr von der Oehe die junge Dame in An⸗ ſpruch nahm, ſo reichte Guſtav der älteren ſeinen Arm, und Beide hatten hinreichende Gelegenheit, den Triumphſchritt des Gutsherrn zu bewundern, mit dem er die ſchöne Nichte ſeinem Hauſe zuführte, deren langes, ſeidenes Moiréekleid über den Boden der In⸗ ſel rauſchte und deren geſchmeidige Geſtalt mit an⸗ ni Inlulaner. II. 19 290 muthigen Bewegungen weiterglitt, während ihr roſiger Mund den galanten Liebkoſungen des Oheims in ſcherzhafter Weiſe keine Entgegnung ſchuldig blieb. Kaum aber hatten vor der Thür des Herrenhau⸗ ſes die drei oberſten Mägde Metke, Hanne und Liſe ihre erſte Neugier befriedigt und den holdeſten Ge⸗ gengruß von den ſchönen Lippen des gnädigen Fräu⸗ leins empfangen, ſo trat man auch ſchon in die Be⸗ ſuchzimmer ein, deren Schmuck der Damen vollen Beifall empfing, und kaum hatten ſie hier ihre Hüte und Tücher abgelegt und die vom Winde in Unord⸗ nung gebrachten Haare vor dem Spiegel geordnet, ſo ſtellte ſich auch ſchon die würdige Schaffnerin vor, knixte und grüßte nach alter Sitte und lud ſie ſo⸗ gleich ein, in das Eßzimmer zu treten, aus dem der Duft zahlloſer Speiſen ſchon durch das ganze Haus gedrungen war. Bei Tiſche ſaßen auf der einen Seite Guſtava und ihr Oheim, auf der andern Fräulein von Baſſe⸗ nitz und Guſtav Steinau. Die Erſte und der Letzte ſenkten ihre Blicke ruhig vor ſich nieder; Herr von der Oehe hatte für nichts Auge als für die Nichte, und nur Fräulein von Baſſenitz ſchaute mit einiger Verwunderung bald ihren Wirth, bald den jungen Mann an, deſſen Hierſein und vertrauliche Stellung zu Jenem ſie ſich auf keine Weiſe erklären konnte. „Nun,“ ſagte der alte Herr nach einer Weile, ſo bald er den Gäſten die Gläſer voll herrlichen Weines geſchenkt, der nur an feierlichen Tagen aus dem dun⸗ klen Keller an's Tageslicht kam,„nun ſeid Ihr alſo da und das iſt gut, wir konnten die Zeit nicht er⸗ warten, Euch ankommen zu ſehen. Herr Sternberg, was meinen Sie nun? Wie gefällt Ihnen meine Nichte und finden Sie einige Aehnlichkeit an ihr mit mir?“ Alle lachten über dieſe ſeltſame Frage. Guſtav Steinau aber neigte ſich gefällig vor den Damen und beiden nach einander einen Blick zuwerfend, ſagte er: „Ich hatte bereits die Ehre, die beiden Damen zu kennen.“ Der alte Herr ſchaute verwundert von Einem zum Andern hin, denn dieſe Worte ſeines Gaſtes ſchien er nicht recht begreifen zu können.„O, wir kennen Sie auch,“ nahm Fräulein von Baſſenitz dann das Wort, „denn irren wir nicht, ſo ſind Sie der Herr, der uns neulich zweimal auf dem Rugard begegnet iſt.“ „Der bin ich,“ erwiderte Guſtav mit ſeinem fei⸗ nen, ſtillen Weſen und erklärte nun Herrn von der Oehe die Begegnung in Bergen mit den Damen, 19 worauf Fräulein von Baſſenitz erwidern zu müſſen glaubte: „In einer ſo kleinen Stadt, wie unſer gutes Ber⸗ gen iſt, wo man ſelten Fremde ſieht, behält man die Wenigen in Erinnerung, denen man einmal zufällig begegnet, namentlich wenn—“ ſie hätte am liebſten vielleicht etwas Anderes, für Guſtav Steinau viel Schmeichelhafteres geſagt—„wenn man von ihnen ſo freundlich begrüßt wird.“ „Ich hielt dies für doppelte Schuldigkeit,“ ent⸗ gegnete Guſtav Steinau,„da ich in Fräulein von Kulpen eine noch viel ältere Bekannte wiederfand, wenngleich ſie ſelbſt nicht wiſſen wird, wie ich ihre Bekanntſchaft vor längerer Zeit gemacht habe.“ Jetzt richteten ſich Aller Augen auf ihn, und Fräu⸗ lein von Kulpen gab ſich vergebliche Mühe, in ihrer Erinnerung zu ſuchen, wo ſie dem jungen Mann ſchon früher in den Weg getreten ſei. „Bemühen Sie ſich nicht, ſich meiner geringen Per⸗ ſon erinnern zu wollen,“ fuhr er fort.„Sie würden doch nicht das Richtige treffen. Aber ich glaube, Sie ha⸗ ben vor zwei Jahren eine Reiſe auf dem Rhein gemacht.“ Die beiden Damen ſchauten ſich immer verwun⸗ derter an.„Ja,“ ſagte Fräulein von Baſſenitz,„wir reiſten Beide nach Mannheim zu meiner Schwägerin.“ 293 „Und da haben Sie ſie geſehen?“ fragte Herr von der Oehe geſpannt. „Nein, Herr von der Oehe, ich habe nicht die Ehre gehabt, ich habe ſogar dieſe Damen vor der Begegnung in Bergen nie mit Augen geſehen.“ „Aber ſo erklären Sie ſich doch!“ „Das iſt ſehr einfach. Erinnern Sie ſich, meine Damen, eines jungen Mannes, der damals einige Worte auf dem Schiffe mit Ihnen gewechſelt?“ „O ja,“ erwiderte Guſtava von Kulpen;„ein Herr reiſte und ſprach mit uns, aber den können Sie unmöglich meinen. Unſere Unterhaltung war ſehr kurz und ich weiß nicht einmal ſeinen Namen zu nennen.“ Guſtav Steinau's Augen drangen bei dieſen Wor⸗ ten wie flammende Strahlen in das Auge der ruhig Redenden, die mit der größten Unbefangenheit ſeines Freundes Erwähnung that. „Die Unterhaltung mag nur kurz geweſen ſein, der Zeit nach,“ fuhr Guſtav Steinau fort,„aber ſie war lang genug, um auch mir das Glück zu ver⸗ ſchaffen, Sie kennen zu lernen. Doch ich will Sie nicht länger im Dunkel laſſen. Der junge Mann, deſſen Sie ſich erinnern, war mein Freund, ein nam⸗ hafter Künſtler— Sie kennen ihn auch, Herr von 294 der Oehe— Heinrich Markholm. Er hat eine Paſ⸗ ſion für Geſichter, die— die nicht alltäglich ſind, er zeichnete alſo das Ihrige, und zu Hauſe angekommen, malte er Ihr Portrait und das iſt es, was mir zu der Ehre Ihrer Bekanntſchaft verholfen hat.“ „Wie,“ rief Guſtava von Kulpen mit dem natür⸗ lichſten Gleichmuth und ohne alle Ziererei aus,„war das Bild ſo ähnlich, daß Sie mich in Bergen wieder erkannten, als Sie mich perſönlich ſahen?“ „So ähnlich war es, ja, und Sie ſehen daraus, welchen geſchickten Pinſel mein Freund führt.“ „Das iſt merkwürdig!“ ſagte Herr von der Oehe. „O dieſer Heinrich Markholm! Na, Ihr werdet ihn auch noch genauer kennen lernen, ich denke, er wird mich mit Alfred Brunſt nächſtens beſuchen.“ „Wie kommt er zu Alfred Brunſt?“ fragte Fräu⸗ lein von Baſſenitz. „Das iſt ebenfalls eine merkwürdige Geſchichte!“ ſagte Guſtav Steinau und ſah lächelnd Herrn von der Oehe an. „O, erzählen Sie nur, erzählen Sie,“ rief dieſer, „ich finde die Geſchichte ſehr hübſch und bin mit dem Reſultate derſelben zufrieden.“ So erzählte denn Guſtav den Beginn ſeiner Be⸗ kanntſchaft mit den drei Inſulanern und die beiden 295 Damen fanden die Begegnung in Putbus ſo intereſ⸗ ſant, daß ſie ſie nach allen Richtungen ausbeuteten und ſomit der ſchönſte Stoff für die Tiſchunterhaltung gefunden war. Gleich nach Tiſche ſchlug Herr von der Oehe den Damen einen kleinen Spaziergang vor, falls ſie es nicht vorzögen, ein Schläfchen zu halten, um ſich von den Anſtrengungen der Reiſe zu erholen. Er ſelbſt dachte nicht einmal daran„die Augen zu ſchonen“, dazu war er viel zu glücklich und aufgeregt. 4„Nein, nein,“ rief Guſtava frohlockend,„wir ſchla⸗ fen nicht, ich nie und Tante Baſſenitz hat heute auch keine Luſt dazu, ſie opfert ſogar ihre neueſten Jour⸗ nale, um uns zu begleiten. So laß uns denn ohne Zögern die ganze Inſel umkreiſen, lieber Onkel, ich habe ſie ſo lange nicht geſehen und bin recht neugie⸗ rig, die alten, traulichen Plätze wieder zu beſuchen, wo ich ſchon als Kind ſo fröhlich ſpielte.“ „Nein, nein,“ ſagte da der gute Oheim, bedeu⸗ tungsvoll lächelnd und einen komiſchen Blick über die ſchöne Robe der Nichte gleiten laſſend,„heute um⸗ gehen wir die Inſel nicht, aber morgen— vielleicht, wenn Du hübſch artig biſt.“. „Warum das, lieber Onkel?“ 296 „Das ſollſt Du nachher hören, für heute wollen wir uns mit dem Garten begnügen, Du mußt Dir doch einmal meine neuen Anlagen betrachten.“ Nachdem er dies mit ſeiner gewöhnlichen Gutmü⸗ thigkeit geſprochen, belud er ſich mit den Schirmen und Tüchern der Damen und nahm überdieß noch ein langes Kiſſen mit, um es ihnen unterzubreiten, wenn ſie etwa irgend wo zu ſitzen beliebten. Als die Damen ihn ſo belaſtet ſahen, lachten ſie, denn ſie kannten ſchon ſeine Gewohnheit, Alles allein tragen zu wollen, und als Guſtav Steinau ihm einen Theil abnehmen wollte, der alte Herr ihn aber mit faſt eifer⸗ ſüchtiger Hitze zurückwies, bemerkte Guſtava lächelnd: „Greifen Sie nicht in meines Onkels geheiligtes Privilegium. Er läßt es ſich nicht nehmen, der ein⸗ zige Ritter ſeiner Damen zu ſein. Sie würden ihn nur erzürnen, wollten Sie ihm darin entgegen treten.“ Guſtav Steinau fügte ſich lächelnd und die Ge⸗ ſellſchaft ſclug nun den Weg nach dem Garten ein, wo ſie in dem breiten Hauptwege, der nach dem am Waſſer liegenden Park führte, anfangs langſam auf und nieder wandelte. Diesmal aber ging Guſtav Steinau mit Fräulein von Kulpen voran; dicht auf dem Fuße folgte ihnen Fräulein von Baſſenitz mit dem Wirthe, dem es un⸗ 297 ter ſeiner leichten Laſt ungemein behaglich zu Muthe war. Kaum aber hatten ſie einige Schritte gethan, ſo richteten ſich des alten Herrn Augen mit einem ſelt⸗ ſamen Ausdruck auf das lange ſeidene Kleid ſeiner vor ihm gehenden Richte, das laut rauſchend den Boden fegte, hier und da an den Pflanzen hängen blieb und eine ganze Wolke von Staub aufwirbelte. „Sag' einmal, Guſtava,“ begann er halb im Scherz, halb im Ernſt,„ſind die Kleider, die Du mit nach der Oehe gebracht, alle von ſolchem Stoff und ſo zweckmäßig eingerichtet, die Wege zu fegen, wie dies da?“ „Nein, lieber Onkel, nur wenige. Aha! Du ſiehſt mich ſchon wieder mit den alten kritiſchen Augen an. O ich kenne Deine Liebhaberei noch für die be⸗ queme Landtracht und Du ſollſt mich nicht lange ſchelten dürfen. Von morgen früh an wirſt Du mich, außer bei Tiſche, wie ein zwangloſes Landmädchen gekleidet ſehen— ich habe mich ſchon darauf vorbe⸗ reitet— falls Du meine Bedingung eingehſt, die ich mir feſt dabei in den Kopf geſetzt.“ „Bedingung? Wie? Biſt Du mit Bedingungen nach der Oehe gekommen?“ „O ja. Ich werde mich nämlich nur dann Deinem 298 Wunſche fügen, wenn Du Dir ſelbſt keinen Zwang auflegſt und vor uns in Deinen gewöhnlichen Arbeits⸗ kleidern erſcheinſt, in denen Du mir überdieß am beſten gefällſt.“ „Ah, Du Hexe!“ rief der alte Herr lachend,„Du verſtehſt es, die Leute bei ihrer ſchwachen Seite zu faſſen. Aber die Bedingung ſoll zugeſtanden werden. Morgen alſo, Herr Sternberg, werden wir wieder als das erſcheinen, was auch Sie jetzt ſind, als einfache und ungekünſtelte Landleute.“ „Ich für meine Perſon,“ nahm Guſtav Steinau das Wort auf,„glaube nicht in die Bedingung Fräu⸗ lein von Kulpen's mit eingeſchloſſen zu ſein.“ „Und ich nehme ihre Bedingung nur unter Ein⸗ ſchluß Ihrer Perſon an. Wir haben den Damen die Ehre angethan und uns zu ihrem Empfange geputzt; heute war Feiertag, morgen aber iſt Werkeltag, und ſo iſt die Sache abgemacht.“ Guſtav Steinau wollte einigen Einſpruch erheben, Guſtava von Kulpen aber gab ihm einen leiſen Wink, ſich dem Onkel zu fügen, und ſo ſchritten ſie munter weiter, alle Wege des Gartens und endlich auch des Gehölzes durchſchreitend, wo ſie ſich zuletzt am Waſſer auf einer Bank niederließen und den Nachmittag harm⸗ los verplauderten. Nach einer eben ſo fröhlichen Unterhaltung bei der Abendtafel, wobei indeſſen der alte Herr am auf⸗ geräumteſten, Guſtav Steinau aber merkwürdiger Weiſe ſtiller als am Tage war, ging man an dieſem Abend zeitig zur Ruhe, um am anderen Morgen früh munter zu ſein. Fräulein von Kulpen, die eine leidenſchaftliche Waſſerfreundin war, hatte den Gaſt ihres Onkels auf⸗ gefordert, mit ihr am nächſten Nachmittag eine Segel⸗ fahrt nach Hiddens⸗öe zu unternehmen, und Guſtav hatte freudig beigeſtimmt, wenn ſein Wirth nichts da⸗ gegen einzuwenden habe. „Fahrt immer zu,“ hatte er geſagt,„wenn Ihr mich nur zu Hauſe laßt. Ich liebe das Waſſer nicht, es war mir von jeher feindlich geſinnt und wenn ich mit von der Parthie wäre, bekämt Ihr gewiß con⸗ trairen Wind oder gar einen kleinen Sturm. Ich kenne das ſchon.“ So war die Fahrt denn beſchloſſen und man trennte ſich, ungemein befriedigt vom erſten Tage, dem vor⸗ ausſichtlich eben ſo angenehme folgen würden. Nach⸗ dem Herr von der Oehe ſeine Damen in ihre Zimmer geführt und ſich von ihnen verabſchiedet hatte, kam er noch zu Guſtav Steinau hinauf, der ſchon beim Auskleiden war. 1 „Nun, mein lieber Freund,“ ſagte er mit leuch⸗ 300 tenden Augen und ſichtbar herzlich vergnügt,„Sie waren ja ſo ſtill heute Abend. Iſt Ihnen irgend etwas begegnet, dem ich vielleicht für künftig abhelfen kann?“ „Nicht das Geringſte, Herr von der Oehe, im Ge⸗ gentheil, ich habe einen genußreichen Tag verlebt.“ „Ja? Nicht wahr? O, das wußte ich wohl, daß wir Vier zuſammen paſſen würden. Aber ſagen Sie mir,“ fuhr er mit leiſerer Stimme fort,„wie gefällt Ihnen die Erbin?“ „Als Erbin habe ich ſie noch nicht in's Auge ge⸗ faßt, Herr von der Oehe; bis jetzt habe ich ſie nur als Frau, oder vielmehr als Mädchen bewundert.“ „Ah, bewundert! Ja, das iſt das rechte Wort. Alſo ſie gefällt Ihnen?“ „O! Was ſoll ich darüber Worte verlieren! Sie iſt ſchön— wunderbar ſchön, und ich finde es jetzt ſehr erklärlich, daß Heinrich Markholm ſie für ſich wenigſtens verewigt hat.“ „Haha! Der Markholm iſt ein Schelm, der ver⸗ ſteht ſich auf Weiber. Nun, er wird ſchöne Augen machen, wenn er hierherkommt und ſie plötzlich vor ſich ſieht. Doch jetzt will ich Sie nicht länger abhal⸗ ten— gute Nacht! Ich wünſche Ihnen angenehme Träume!“— „Angenehme Träume!“ dachte Guſtav Steinau, als ₰ er allein war,„die braucht mir der gute alte Herr nicht noch zu wünſchen. Aber er hat den rechten Punkt getroffen, an Heinrich Markhalm habe ich den ganzen Tag denken müſſen. O, was iſt der für ein Kenner vom ſchönen Geſchlecht! Dieſe üppigen Sei⸗ denlocken! Dieſe blauen Sternenaugen! Dieſes hold⸗ ſelige Lächeln um die Lippen, ſelbſt wenn ſie Dinge ſpricht, die mit dem Lächeln gar nichts zu thun haben! O, o! Aber wie? Sollte es nicht meine Pflicht ſein, gleich morgen an Heinrich zu ſchreiben und ihn von dieſer ſeltſemen Begegnung zu benachrichtigen? Er hat doch das erſte Anrecht an dieſes herrliche Weib, er hat ſie ſich auf ſeine Weiſe erobert!— Doch nein, nein, nein, das hat er nicht. Weſſen Anrecht iſt größer, ſeines oder— doch halt! was ſind das für dumme Gedanken! Der alte Oehe hat mir ja ange⸗ nehme Träume gewünſcht und ich bin auf dem beſten Wege, mir recht bittere herbeizurufen.“ Nach einigen Augenblicken ruhigen Nachdenkens faßte er den Entſchluß, noch nicht an Heinrich Mark⸗ holm zu ſchreiben. Er wollte damit noch ein Weil⸗ chen warten und die Blume, die ihm der Zufall in den Weg geworfen, erſt ein wenig vorweg genießen. „Ich habe ja immer noch Zeit dazu,“ ſagte er ſich, „Heinrich hat uns damals auch nicht herbeigerufen, 30² um uns ſeinen köſtlichen Fund zu zeigen.“ Und mit dieſem Gedanken ſchlief er ein, ohne ſich am andern Morgen weder eines angenehmen noch unangenehmen Traumes bewußt zu ſein. Um fünf Uhr nahm Guſtav Steinau ſchon mit ſeinem Wirth wie gewöhnlich das Frühſtück ein. Na⸗ türlich ſchliefen die Damen zu dieſer Zeit noch. Als⸗ dann gingen die beiden Männer nach den Aeckern, hielten ſich einige Stunden bei den Arbeitern auf und genoſſen den herrlichen Morgen, der blitzenh über See und Land funkelte. Um acht Uhr aber ſchickte Herr von der Oehe Guſtav Steinau nach dem Hauſe, um Kundſchaft einzuziehen, ob die Damen noch nicht ſichtbar wären. Als Guſtav Steinau in das Haus trat, fand er die Thür zu der Wohnung der Damen offen ſtehen, und im erſten Zimmer, mit einer großen Kiſte beſchäftigt, die ſelbſt die kräftige Metke vergeblich zu öffnen ver⸗ ſucht hatte, ſah er Fräulein von Kulpen im ein⸗ fachſten und reizenden Morgenanzuge. Sie trug einen weiten Rock von dunklem Woll⸗ ſtoff, der diesmal gewiß nicht den Boden fegte; ein ſchwarzes Sammtjäckchen umſchloß ihren herrlichen Wuchs, von dem ſchon Heinrich Markholm ſo oft mit 303 Enthuſiasmus geſprochen, und die goldenen Locken, die zwanglos ihrem natürlichen Behagen folgten, ſchloß ein feines Häubchen mit langen roſarothen Bändern ein, deren Farbe jedoch von der Gluth der Wangen bei Weitem überſtrahlt wurde, wie ſie jetzt auf dem holden Geſichte bemerkbar war. Als die jungen Leute in ihrer Morgentracht ſo plötzlich zuſammentrafen, lachten ſie beide laut auf und ſtellten ſich, einen guten, Morgen wünſchend, ein⸗ ander vor. „Hier ſehen Sie den Landmann, wie Herr von der Oehe ihn aus mir gemacht hat!“ ſagte Guſtav Steinau heiter. „Und hier ſehen Sie das Landmädchen, wie ſie ſich auf der Oehe des Morgens zeigen muß, wenn ſie dem gnädigen Herrn gefallen will. Mein Onkel liebt die Bequemlichkeit und ich ſehe nicht ein, warum wir ſie nicht auch lieben ſollen, da ſie ſo angenehm iſt. Tragen Sie ja ſeine Kleider, ich kenne ſie ſchon. Er hat ſie für ganz beſondere Fälle anfertigen laſſen, und ein ſolcher Fall iſt eingetreten.“ „Ein beſonderer Fall?“ fragte Guſtav Steinau mit auffallender Betonung. „Nun ja, daß Sie hier ſind und die Kleider Ihnen paſſen. Doch fragen Sie mich nicht nach Dingen, die ſich von ſelbſt verſtehen, und kommen Sie lieber und 304 helfen Sie mir dieſe Kiſte öffnen, ſie enthält meine Bibliothek, die ich immer mit nach der Oehe nehme, da man hier nur alte Journale, Zeitungen und Dichter findet, deren Namen man ſchon beinahe vergeſſen hat.“ „Ich hoffe, Sie nehmen Salis davon aus,“ ver⸗ ſetzte Guſtav mit ſchalkhafter Miene. Fräulein von Kulpen lachte herzlich.„Salis nehme ich aus, natürlich, ich habe ihn auch ſchon mehrmals leſen müſſen und er hat immer einen ſehr wohlthä⸗ tigen Eindruck auf mich gemacht— der Tauſend, Sie haben Kraft!“ Die letzten Worte wurden nach einem gewaltigen Krachen ausgerufen, welches bewies, daß es Guſtav gelungen, die Kiſte zu öffnen, die ein Bergener Tiſchler wahrſcheinlich in der Meinung geſchloſſen, ſie gehe über See und müſſe alſo zehnfach verwahrt werden. „Wir wollen die Bücher einſtweilen auf dieſen Tiſch legen,“ ſagte Guſtava,„nachher ſtelle ich ſie mir auf, wie ich es gern habe. Erſt muß ich mir mein Zim⸗ mer behaglich einrichten, dann kommen die Bücher, dann die Studien— „Da wird wohl aus unſrer Waſſerfahrt heute nichts werden?“ „O gewiß, ich leſe nur Morgens— aber Sie ſind neugierig.“ 30⁵ Guſtav hatte faſt alle Bücher geöffnet, während er ſie auf den Tiſch legte, und dabei entdeckt, daß Fräulein von Kulpen eine Liebhaberin der beſten deutſchen Dichter und Schriftſteller ſei, von deren jedem faſt hier das Auserleſenſte zu finden war. Innerlich mehr befriedigt, als er ſich ſelbſt geſtehen wollte, zügelte er ſeine Neugierde und brachte eben das Geſchäft zu Ende, als Fräulein von Baſſenitz eintrat und ihm freundlich einen guten Morgen bot, Im Laufe deſſelben Vormittags beſchäftigten ſich die Damen, mit Hülfe der Mägde, in ihren Zimmern gewiſſe kleine Veränderungen in Betreff der Einrich⸗ tung derſelben vorzunehmen und ſich auch in dieſem Punkte die gemüthlichſte Behaglichkeit zu bereiten. Es iſt merkwürdig, wie wenig oft dazu gehört, einem Zimmerraum ein ganz anderes Anſehen zu geben und wie wenige Frauen doch eigentlich dies angenehme Talent beſitzen. Fräulein von Baſſenitz und Herrn von der Oehe's Nichte beſaßen es in ungewöhnlichem Grade und bewieſen es an dieſem Morgen. In kurzer Zeit hatten ſie die Möbel anders geſtellt, hier einen Teppich ausgebreitet, dort eine Verzierung mit Blu⸗ men vorgenommen oder einen Vorhang anders aufge⸗ Die Inſulaner. II. 20 3 306 hängt, und obwohl im Ganzen Alles daſſelbe geblie— ben, war die Geſammtwirkung für den Beſchauer doch eine völlig andere geworden. Als der Hausherr kurz vor Tiſche nach Hauſe kam und einen Blick in ſein Beſuchzimmer warf, war er auf's Höchſte erſtaunt über die vollendete Umwand⸗ lung. Es gefiel ihm allerdings, was er ſah, aber dennoch konnte er ſich nicht enthalten, nebenbei iro⸗ niſch zu lächeln und verwunderungsvoll den Kopf zu ſchütteln. „Was die Menſchen ſich doch das Leben ſchwer machen,“ ſagte er zu Guſtav Steinau, den er ſchon im Begriff fand, ſich zu Tiſche anzukleiden,„wo ſie es doch ſo bequem genießen könnten. Da kommen die lieben Dingerchen nun hier an, könnten ſogleich Platz nehmen auf meinen bequemen Sophas und es ſich darauf gefallen laſſen, aber nein!— erſt müſſen ſie rücken und poltern und fegen und räumen, daß man glaubt, ſie wollten das Oberſte zu unterſt kehren, und wenn man bei Lichte beſieht, was ſie gemodelt, kann man es kaum mit den Augen bemerken. Ha! eine ſeltſame Generation lebt heutzutage auf der Welt! Davon haben wir Alten nie etwas gelernt und ver⸗ ſtanden! Ich könnte hundert Jahre in einem und demſelben Zimmer wohnen und mir fiele es nicht ein, 307 auch nur einen einzigen Stuhl von der Stelle zu rücken. Die ſind erſt einen Tag hier und ſchon kenne ich mein eigenes Haus nicht mehr!“ „Aber es iſt doch ganz niedlich, was ſie gemacht haben!“ bemerkte Guſtav Steinau beſchwichtigend und im Stillen die Partei der Damen nehmend. „Niedlich! Ja, das iſt es. Aber eben, dafür habe ich keinen Sinn und preiſe Gott dafür. Das Nütz⸗ liche iſt mir lieber und das Bequeme geht mir faſt noch darüber. Haha! Doch drücken wir die Augen zu, mein Lieber! Es ſind Damen, die ſich dies Vergnügen bereiten und wir müſſen als ächte Cavaliere uns ver⸗ beugen und ein zufriedenes Geſicht dazu machen. Na, ich ſehe immer mehr ein, wie geſcheidt ich gehandelt, mich mit dieſem ſchönen Geſchlecht nicht näher zu ver⸗ binden, ich wäre am Ende auch unter den Pantoffel gerathen und das muß eine furchtbare Hoͤlle ſein, mein Freund, nicht wahr?“ „Ich verſtehe es nicht, da ich keine Erfahrung darin beſitze. Moͤgen ſie in ihren vier Pfählen wirth⸗ ſchaften wie ſie wollen, wir können ja in den unſri⸗ gen thun und darüber denken, was wir wollen.“ „Denken! Ja! Das bleibt uns allein übrig, alles Andere wiſſen ſie uns vom Munde fortzuſchnappen. Aber darum wollen wir uns den Appetit nicht ver⸗ 20* 308 gehen laſſen. Vorwärts! Lachen und denken wir, das iſt die Hauptſache!—“ „Denken! Ja, das iſt auch für mich jetzt die Haupt⸗ ſache!“ ſagte Guſtav Steinau zu ſich, als er wieder allein war.„O, ich habe Stoff genug dazu. Ach! wenn dieſe Leute alle in mein Herz ſehen könnten, wie es darin gährt, in meinen Kopf, wie es darin wir⸗ belt— doch— vorwärts, ſagt der alte Herr und das ſoll auch meine Deviſe ſein!“ Noch einen Tag brachten die Damen mit ihrem Räumen und Poltern zu, wie der alte Herr ſich aus⸗ drückte, dann aber waren ſie ein für alle Mal fertig, und nun erſt machte ſich die rechte Gemüthlichkeit und Behaglichkeit im Hauſe und im ganzen Gange der Tagesſtunden bemerklich. Der letzte Firniß, der in den Zimmern des Herrn von der Oehe bisher fehlte, wie wir früher geſagt, hatte ſich eingefunden, Alles blitzte und funkelte von Sauberkeit und nur auf das Arbeitscabinet des Hausherrn hatte ſich die Revolution nicht erſtrecken dürfen, wie er im Stillen das Ge⸗ bahren ſeiner weiblichen Verwandten zu nennen beliebte. In den Nachmittagsſtunden des genannten Tages hatte Fräulein von Kulpen mit Guſtav Steinau die verabredete Fahrt nach Hiddens⸗öe bei günſtigem Se⸗ 309 gelwind angetreten und Beide hatten ein großes Ver⸗ gnügen dabei genoſſen. Als ſie aber Abends nach Hauſe zurückkehrten, mußten ſie ſich entſchließen, mit den älteren Herrſchaften eine Parthie Whiſt zu ſpielen, eine Unterhaltung, der namentlich Fräulein von Baſſenitz ſehr zugeneigt war. Dafür entſchädigten ſich am näch⸗ ſten Morgen wieder die jungen Leute, indem ſie in den Garten gingen und auch hier eine kleine Revolu⸗ tion unter den Blumenbeeten anrichteten, ein Unter⸗ nehmen, dem Herr von der Oehe ſchon mit größerem Gleichmuthe zuſchaute, da ihm nicht viel Zeit übrig blieb, an die Verzierungen des Gartens zu denken. So ſtellte ſich ſehr bald ein angenehmes Verhält⸗ niß zwiſchen ſämmtlichen gegenwärtigen Bewohnern der Inſel her und namentlich für Guſtav Steinau fing letztere allmälig an, eine wirkliche Heimat zu werden. Selten, vielleicht nie in ſeinem Leben hatte er ſich ſo glücklich gefühlt, wie er ſich jetzt in manchen Stunden fühlte. Es war ein ſo trauliches, von der tumultua⸗ riſchen Welt abgeſchloſſenes, durch keinen geſelligen Zwang verkünſteltes Daſein, dem man ſich hier mit vollem Behageu hingeben konnte, daß man es mit vollen Zügen einſog, mit ganzem Herzen es umfaßte, und ohne daß man darüber ſprach, fühlten ſich Alle gleich wohlthätig wie von einem milden Lebensdufte angehaucht. 310 Aber es war auch ein Leben, voll von Poeſie und anregender Geiſtesfriſche, das namentlich Fräulein von Kulpen und an ihrer Seite Guſtav Steinau führte. Die beiden älteren Perſonen flocht eine beſondere Sympathie, die ſich noch aus früheren Zeiten her⸗ ſchrieb, zuſammen; auf Spaziergängen gingen ſie ſtets neben einander und auch im Hauſe tauſchten ſie oft im Stillen ihre Gedanken aus. Fräulein von Baſſenitz namentlich war Morgens nur wenig für die Jüngeren zu haben. Da las ſie in den alten Journalen, die ſie in großen Sammlungen auf der Oehe vorgefunden und die ihr noch neu erſchienen, obgleich das Papier derſelben ſchon vergilbt war, denn ſie theilte die Lei⸗ denſchaft ihres Vetters für dergleichen Zeitſchriften, und nicht gern ſah ſie ſich in dieſer Unterhaltung bis Mittag geſtört. Nachmittags aber ſchloß ſie ſich dann gern ihrem alten Freunde an; mit ihm ging und ſprach ſie und mit ihm ſpielte ſie ſogar Abends eine ſtille Parthie, wenn die jungen Leute auf einem wei⸗ teren Ausfluge begriffen oder in ernſte Geſpräche über die Literatur der Gegenwart vertieft waren. Guſtav Steinau hatte Fräulein von Kulpen's Lieb⸗ haberei für die vaterländiſche Literatur ſehr bald ent⸗ deckt und hierin konnte er ihr ein Wegweiſer und Leiter ſein, wie ſo leicht kein Anderer. Aus der rei⸗ 311 chen Quelle ſeiner Kenntniſſe, aus der ſchöpferiſchen Fülle ſeiner Phantaſie gingen für ſie Unterhaltungen hervor, wie ſie ſie in Bergen noch nicht gehabt, und es wird wohl Niemand in Verwunderung ſetzen, wenn wir ſagen, daß ſie von denſelben lebhaft ergriffen und bisweilen ſogar geradezu entzückt wurde. Die tiefe Abgeſchloſſenheit, in der Beide verkehr⸗ ten, die friedliche Stille, die ſie umgab, das blitzende Meer, dem ſie ſich oft anvertrauten und das ſie jeden Tag von allen Seiten mit den Augen begrüßten, be⸗ günſtigten die Empfindungen, die unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen ſo leicht die menſchlichen Herzen bewegen; und wenn ſie auch Beide, aus verſchiedenen Gründen, weit davon entfernt waren, an die Möglichkeit einer entſtehenden Neigung zu denken— die überhaupt wie ein Dieb in der Nacht kommt, ohne daß man vorher an ſie denkt— ſo fanden ſie doch an dem ungeſtörten Zuſammenleben und in dem Austauſch ihrer Gedan⸗ ken ein Wohlgefallen, das ſie um ſo gründlicher er⸗ ſchöpfen konnten, als weder Herr von der Oehe noch Fräulein von Baſſenitz ein Auge für dergleichen Vor⸗ kommniſſe hatte. Das einzige Symptom, das unſerm jungen Freunde hätte von Bedeutung erſcheinen und ihn aufmerkſam machen können, daß im Hintergrunde dieſes zeitlichen 312 Wohlbehagens ein ungeahnter Feind ſchlummere, wenn er überhaupt im Stande geweſen wäre, ſein Leben mit objectiven Augen zu betrachten, war die wachſende Beſorgniß, die ihn in einſamen Stunden ergriff, daß Heinrich Markholm plötzlich auf der Oehe erſcheinen könne.„Was würde er ſagen,“ fragte ſich Guſtav Steinau oft,„wenn er nun zufällig käme, mich hier in ſo vertraulichem Geſpräche mit ſeiner Reiſegefährtin ſähe und mich fragend anblickte, warum ich ihm von meinem glücklichen Funde keine Nachricht gegeben?“ Von dieſer Beſorgniß aber ſollte er— damit ja nichts zu ſeinem jetzigen Glücke fehle— an einem der nächſten Tage durch eine unerwartete Mittheilung befreit werden. Ein Schiffer aus Schaprode hatte, ohne daß Herr von der Oehe davon Kenntniß erhal⸗ ten, in der Nähe der Lenz ein Geſchäft zu vollbrin⸗ gen gehabt. Carl Melms, der ihm begegnet war, hatte ihn erkannt und angeredet und natürlich nach Herrn von der Oehe gefragt. Der Mann war in das Haus getreten und Willibald hatte raſch einige Zeilen geſchrieben, um ſeinem Freunde auf der Oehe Nachricht von ſich und Heinrich Markholm zu geben. In dieſen Zeilen nun gab ſich die größte Zufrieden⸗ heit des genügſamen Muſicus kund. Das patriarcha⸗ liſche Leben auf der Lenz ſchien ihm über Alles zu gehen und von ſeinem Wirth ſprach er mit der aller⸗ herzlichſten Zuneigung und Dankbarkeit. Heinrich Mark⸗ holm, hieß es darin, ſei einige Male auf der Lenz geweſen und Willibald habe ihn erſt am letzten Tage auf Grünthal beſucht. Es gehe auch ihm außerordent⸗ lich wohl und er denke eben ſo wenig daran, für's Erſte Grünthal zu verlaſſen, wie Willibald die Lenz. Er habe ſo viele Schönheiten in der Umgegend ent⸗ deckt, daß er ſich ganz und gar ſeiner Kunſt über⸗ laſſen, und namentlich habe er eine Bekanntſchaft gemacht, die ihn überaus feſſele und von welcher er mit dem ihm eigenthümlichen Enthuſiasmus ſpreche. Näheres wiſſe Willibald ſelbſt darüber nicht, doch habe er ge⸗ wiſſe Vermuthungen, daß ſein Herz ein klein wenig dabei betheiligt ſei. Dieſe Nachricht beruhigte Guſtav Steinau bezüg⸗ lich ſeiner Beſorgniß über das plötzliche Eintreffen des Malers ungemein, obgleich er an die Betheiligung ſeines Herzens bei dieſer neuen Bekanntſchaft nicht ſo recht glauben wollte. Er kannte die energiſche Con⸗ ſequenz dieſes Herzens, und daß die Dame auf dem Dampfboot einen tiefen Eindruck auf daſſelbe gemacht, glaubte er beſtimmt annehmen zu müſſen. Ach ja, das war das Einzige, was das Glück des Dichters einigermaßen trübte, denn jedesmal, wenn er ſo recht aus vollem Herzen glücklich war, tauchte das ausdrucks⸗ volle Geſicht und das brennende Auge des Malers vor ihm auf und es war ihm, als ob er drohend ſeinen Finger erhebe und mit bebender Lippe ſpräche: „Guſtav! vergiß nicht, daß ich Dein Freund bin und daß ich es war, der dieſe Perle aus dem Meere des Lebens auffiſchte, daß ich alſo den erſten Anſpruch an ſie habe!“ Ja, ſo gewiſſenhaft, ſo redlich, ſo edel war Guſtav Steinau— und hätte Heinrich Markholm wirklich auf die von ſeinem Freunde wiedergefundene Perle den erſten Anſpruch erhoben, dieſer würde keinen Augen⸗ blick gezögert haben, ihm denſelben einzuräumen und erſt in zweiter Reihe um ein Gut geworben und ge⸗ kämpft haben, wenn dieſes Gut von einem Menſchen ſo unbedeutender Lebensſtellung, wie er einer war, überhaupt erworben und erkämpft werden konnte. Aentes Aapitel. Das Bündniß. Wenn nun ſchon das ſtete Zuſammenleben auf einem durch natürliche Gränzen ſo beſchränkten Raume und gleichgeartete Neigungen und Liebhabereien auf das gegenſeitige Verhältniß Guſtav Steinau's und der Nichte ſeines Wirths einen förderlichen Einfluß übten, ſo ſollte doch ein Geſpräch, auf welches Beide mehr oder minder zufällig geriethen, deſſen Reſultat aber von großer Bedeutung für einen Dritten werden zu wollen ſchien, ſie noch bei Weitem näher verbinden. Guſtava von Kulpen war mit Fräulein von Baſſe⸗ nitz etwa eine Woche auf der Oehe, als ein völlig windſtiller Tag eintrat, was auf der Oehe etwas ſehr Seltenes iſt, und der Schiffer aus Schaprode, der in ſeinem Segelboot die jungen Herrſchaften faſt 8 316 alle Tage nach irgend einer Richtung fuhr, meldete ſchon vor Tiſche, daß für diesmal nicht geſegelt werden könne. „Gott ſei Dank!“ ſagte Herr von der Oehe, als bei der Mahlzeit die Rede hierauf kam,„nun wird man Euch doch'mal zu Hauſe behalten. Du haſt mir meinen Gaſt ganz abwendig gemacht, Guſtava. Sonſt war er ſo häuslich, wich nicht von meiner Seite, aber ſeitdem Du hier biſt, läuft er Dir nach wie ein Hünd⸗ chen und hat den alten Mann ganz vergeſſen, um deſſen⸗ willen er doch hierhergekommen iſt.“ Die junge Dame erröthete, faßte ſich jedoch bald wieder und ſtreichelte dem Oheim die Wange, indem ſie naiv ſagte:„Schick' mich wieder fort, lieber Onkel, dann haſt Du ihn wieder allein. Ich weiß wohl, daß ich auf die Dauer für die Oehe nicht tauge, wo nichts verpönter iſt, als die gewohnte Ordnung der Dinge umzuſtoßen. Von heute an alſo gebe ich Dir Herrn Sternberg wieder zurück, ich habe nicht gewußt, daß man nicht eine Stunde täglich mit ihm auf der See fahren kann.“ „Oho!“ rief der alte Herr,„ſo habe ich es nicht gemeint! Behalte ihn, Liebchen, und vergnüge Dich ſo viel Du willſt, ich habe die Couſine und die ver⸗ tritt Herrn Sternberg bei mir recht gern— nicht wahr, mein ſchönes Fräulein?“ Jetzt war die Reihe zu erröthen an Fräulein von Baſſenitz gekommen, um aber auch ſeine nicht geringe Verlegenheit zu verbergen und das Geſpräch auf einen anderen Punkt zu leiten, ſagte Guſtav Steinau: „Herr von der Oehe, Sie haben jetzt Geſellſchaft genug im Hauſe; vielleicht ſähen Sie es gern, wenn ich einmal zur Abwechſelung meine Freunde aufſuchte, um mit ihnen zuſammen ſpäter vielleicht wieder zu kommen?“ Der alte Herr ſchlug verwundert die Augen auf. „Was,“ rief er,„verſteht Ihr Alle keinen Scherz? Wollt Ihr gegen mich rebelliren? Soll ich einen Machtſpruch thun?“ 5 „Mein lieber Onkel,“ fuhr Guſtava freundlich lächelnd fort,„wir rebelliren weder, noch brauchſt Du einen Machtſpruch zu thun— wir erfüllen Alle aus freien Stücken Deine Wünſche und Du ſollſt von jetzt an beſtimmen, wen von uns Du zu jeder Stunde in Deiner Nähe haben willſt.“ „Da haben wir's!“ rief der glückliche Onkel. „Die iſt die Klügſte, ſie fügt ſich. Nun wohlan, für heute mögt Ihr noch ſegeln, oder leſen oder über Ge⸗ lehrſamkeit ſchwatzen, wie Ihr wollt, ich bitte dafür Fräulein von Baſſenitz um ihre Begleitung für dieſen Nachmittag.“ 318 Damit war die Sache abgemacht. Da es ſehr heiß war, ſo blieb man die nächſten Stunden nach Tiſche im kühlen Hauſe. Der alte Herr lag auf ſei⸗ nem Sopha im Arbeitscabinet und„ſchonte die Augen.“ Fräulein von Baſſenitz lag auf dem ihrigen, den gan⸗ zen Schooß voller Journale, von denen ſie kaum eins aufgeſchlagen hatte, als ihr die Augen zufielen; Fräu⸗ lein von Kulpen las in ihrem beſchatteten Zimmer, Guſtav Steinau aber ſaß im oberen Stockwerk in ſei⸗ nem Stübchen und ſchrieb, denn ſeit einiger Zeit, er wußte ſelbſt nicht wie es kam, verſpürte er einen un⸗ gemeinen Trieb zur Production und ſo arbeitete er mit großem Fleiße an einer Novelle, um ſie zu ge⸗ legener Zeit der Erbin zu verehren, die ſo großen Antheil an den Erzeugniſſen der gegenwärtigen Lite⸗ ratur nahm und ſchon längſt den Wunſch ausgeſpro⸗ chen hatte, eine Arbeit aus der Feder des befreun⸗ deten Gaſtes zu leſen. Um vier Uhr erſchien Metke bei dem jungen Ge⸗ lehrten und rief ihn zum Kaffee hinunter. Dort fand er die drei Perſonen bei einander und plauderte ge⸗ müthlich ein Stündchen mit ihnen. Nach Fünf begab ſich Herr von der Oehe auf das Feld und Fräulein von Baſſenitz nahm ihren Strohhut, um ihn pflichtgemäß zu begleiten, wie es vorher abgeſprochen war. 319 „Was machen wir nun, da wir nicht ſegeln kön⸗ nen?“ fragte Fräulein von Kulpen Guſtav Steinau, der heute ungewöhnlich ernſt ausſah und wie in Ge⸗ danken verloren ſchien, was ihn indeſſen nicht verhin⸗ derte, ſein Auge mit bewundernder Aufmerkſamkeit von Zeit zu Zeit auf das ſchöne Antlitz ſeiner Gefähr⸗ tin zu heften. „Ich denke,“ ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen ruhigen Milde,„wir bleiben noch ein wenig hier im Schatten ſitzen, bis die Sonne tiefer geſunken iſt, dann machen wir einen Spaziergang und beſuchen Ihren Oheim auf dem Felde.“ „Nein, ich weiß noch etwas Beſſeres,“ entgegnete Guſtava kaſch;„oder ja, wir können zuerſt den Onkel beſuchen; dann aber, wenn die Sonne ſinkt, will ich Ihnen einmal einen ſchönen Anblick zeigen, doch müſſen Sie des Onkels Fernrohr mitnehmen.“ „O, das vergeſſe ich nie,“ rief er fröhlich,„und es giebt faſt kein Haus und keinen Strauch in der ganzen Runde, die ich damit nicht ſchon in Augen⸗ ſchein genommen hätte.“— Nach ſechs Uhr endlich forderte Guſtava den jun⸗ gen Mann auf, mit ihr den verabredeten Rundgang anzutreten. Er war bald bereit. Die Dame nahm Strohhut und Handſchuhe und trat vor die Thür, 8 320 von wo ſie die Richtung nach dem Strande von Schap⸗ rode nahm. Guſtav Steinau ging ſchweigend neben ihr her.„O wenn der Maler hier wäre!“ dachte er wieder mit einem faſt alle Tage bitterer werdenden Gefühle,„er könnte ſein Ideal in einer ganz neuen Gewandung darſtellen. Wie ſchön ſieht ſie aus und welchen nymphenhaften Gang, welche anmuthigen Be⸗ wegungen hat ſie!“ Die Bemerkung Guſtav Steinau's war eine ſehr richtige. Die hohe ſchlanke und doch ſo regelmäßig gerundete Geſtalt des ſchönen Mädchens krat in der allmälig beginnenden Abendbeleuchtung ungemein vor⸗ theilhaft hervor. Das helle ausgeſchnittene Sommer⸗ kleid, welches ſie trug, umſchloß luftig und friſch ihre ſchönen Glieder und die leichte Spitzenmantille hing nur wie der Schein einer Hülle über ihren runden Schultern. Auf den blonden, in der Sonne wie lich⸗ tes Gold ſchimmernden Locken ſaß anmuthig der ein⸗ fache Hut mit den blaßblauen Bändern und die ſanf⸗ ten klugen Augen ſchauten ſo holdſelig wie nie um⸗ her, jeden Begegnenden freundlich begrüßend und das ganze Bild mit Wonne erfaſſend, das ſich ings um ſie her allmälig erſchloß. Am Strande entlang wandernd, erreichten ſie bald die Fährſtelle und ſahen das wohlhäbige Dorf in ſei⸗ * 321 nem ganzen friedlichen Reize am jenſeitigen Ufer liegen. Die Schiffer und Fiſcher reinigten und putzten ihre Boote, rollten die Segel aus einander und knüpften die Takelage neu. Ihre Kinder ſpielten im Sande am Strande und daneben ſtanden die jungen Mütter, fleißig ſtrickend, während die alten Leute in den Fen⸗ ſtern lagen, oder rauchend vor den Thüren ſtanden und den Arbeiten ihrer Söhne und den Spielen ihrer Kindeskinder mit fröhlichem Behagen zuſchauten. Als die Schiffer drüben am Strande die ſchöne Tochter des Hauſes ſahen, wofür Guſtava hier bei Allen galt, nahmen ſie ehrerbietig die Hüte ab und riefen ihren guten Abend über das Waſſer herüber, wogegen das Fräulein herzlich und liebevoll den Be⸗ kannten zunickte. Ihrem Gefährten Mancherlei von den Familien⸗ verhältniſſen dieſer guren Leute erzählend, ſetzte ſie ihren Gang fort, gelangte zum Steinort und traf in deſſen Nähe den Onkel, der Fräulein von Baſſenitz ſeine Kühe zeigte und überaus vergnügt war, als er „die beiden Gelehrten“ ſo langſam daher wan⸗ deln ſah. „Da kommen ſie,“ ſagte er zu der Kloſterdame, „„und ich bin neugierig, wovon ſie ſich wieder unter⸗ halten mögen. Wie gefällt Dir mein Gaſt?“ Die Inſulaner. II. 21 322 „Er gefällt mir und auch Guſtaven ſehr gut,“ erwiderte die Dame,„wir haben noch heute Morgen darüber geſprochen. Schade, daß ſeine Heiterkeit bis⸗ weilen durch ein ſo trauriges Schweigen und ſo me⸗ lancholiſche Blicke entſtellt wird.“ „O, das habe ich doch noch nicht bemerkt,“ ſagte Herr von der Oehe leichthin. „Frauenaugen ſehen darin ſchärfer. Still— ſie kommen uns näher.“ Herr von der Oehe begrüßte die Beiden herzlich und ſah ſich dabei zum erſten Mal ſeinen Gaſt„mit ſchärferen Frauenaugen“ an; und in der That, es wollte ihm bedünken, als ob gerade jetzt das wohlgebildete Geſicht deſſelben von einem trüben Schatten umzogen war. „Es giebt auch heute nichts zu ſehen, Herr von der Oehe,“ ſagte Guſtav Steinau, dicht zu ihm her⸗ antretend.„Schiffe genug, aber ſie liegen alle in der Ferne ſtill und warten auf Wind. Ich habe ſchon fleißig den Tubus gebraucht.“ „Prächtig, prächtig!— Sieh einmal, Guſtava, wie gefallen Dir meine Kühe?“ „Sie ſind vortrefflich im Stande, lieber Onkel; ſie haben aber auch herrliches Futter dies Jahr.“ „Gott ſei Dank, ja! Na, wollen die Herrſchaften ſchon weiter?“ — 323 blicken, wenn die Sonne ſinkt.“ „Aha! Das iſt ſchön— adieu, adieu!“ „Wie der alte Mann ſo ſtattlich in ſeinem Land⸗ rock und ſeinen Waſeerſtiefeln ausſieht,“ ſagte Guſtava, langſam weiter wandelnd.„Ich ſehe ihn viel lieber ſo als im Frack, der nun einmal nicht für ihn paßt.“ „Das iſt natürlich, mein Fräulein. Er trägt den Frack nur ſelten und fühlt ſich beengt durch ihn. Den Landrock und die Waſſerſtiefel trägt er alle Tage und darum fühlt er ſich bequem und frei darin.“ „Wie lange tragen Sie denn ſchon die Waſſer⸗ ſtiefel?“ fragte Guſtava ſcherzend. „So lange ich hier bin, Sie wiſſen es ja.“ „Nun, ich wollte Ihnen damit nur andeuten, daß Sie den richtigen Grund nicht gefunden haben, war⸗ um meinem Onkel der Landrock beſſer ſteht als der F Nrrack. Sie ſind des erſteren auch nicht gewohnt und er ſteht Ihnen, als wenn Sie darin groß geworden wären.“ Guſtav Steinau lachte über das etwas zweifelhafte Compliment und Beide ſchritten in lebhafterer Stim⸗ mung weiter. Auf der Südſpitze der Inſel, in der Nähe des Dornbuſches, blieben ſie ſtehen und ſchau— ten nach Stralſund hinüber. 21* „Ja, wir wollen einmal nach Bergen hinüber⸗ 324 „Sehen Sie,“ ſagte Guſtav Steinau,„wie ſchön iſt das! Drei Meilen iſt die Stadt entfernt und doch ſpiegeln ſich ihre alten herrlichen Thürme ſo deutlich im Waſſer, als ob ſie dicht vor uns lägen!“ Guſtava hatte ſeine Worte wohl gehört, aber offen⸗ bar verband ſie damit noch einen anderen Gedanken und antwortete daher nicht gleich darauf.„Ja,“ ſagte ſie endlich,„ſchön iſt es. Aber ſagen Sie mir, haben Sie wohl ſchon etwas Aehnliches in der moraliſchen Welt erlebt, was Sie hier in der phyſiſchen erblicken?“ „Wie meinen Sie das?“ „Haben Sie ſchon einmal die Thürme Ihrer Zu⸗ kunft, Ihre ſchönſten und höchſten Hoffnungen und Erwartungen, wie die Thürme in dieſem Waſſer im Spiegel Ihrer Seele ſich darſtellen ſehen?“ „Ah, ich verſtehe. Sie meinen die Art von Phan⸗ tasmagorie, die uns bisweilen unſer Schickſal im ſicht⸗ baren Bilde wie im Traume vor die Seele führt?“ „Ja, das meine ich. Es iſt ſonderbar. Dies Bild erinnert mich jedesmal daran.“ „Aber dieſe Thürme ſtehen auf dem Kopfe— in dieſem Spiegel,“ bemerkte Guſtav Steinau. „Ja leider, eben weil der Reflex nur ein trügeri⸗ ſcher Schein der Wahrheit iſt.“ „O, wie oft mögen wir dann auch unſere Zukunft 325 auf dem Kopfe haben ſtehen ſehen, denn die wenigſten Phantaſiebilder, die wir wie im Traum vor uns er⸗ blicken, gehen in Wirklichkeit über.“ „Sprechen Sie das nicht ſo traurig aus. Es mag auch oft umgekehrt der Fall ſein.“ Guſtav Stoinau nahm eine glücklichere Miene an. „Ich freue mich, daß Sie das ſagen,“ erwiderte er raſch,„es ſoll mir für eine gute Vorbedeutung für meine Zukunft gelten.“— Beide ſchritten ſchweigend weiter; als ſie aber nach längerer Zeit dem Kirchthurme von Gingſt gegenüber angekommen waren, blieb Guſtava ſtehen und nachdem ſie einen Blick auf die Sonne geworfen, die ihrem Untergange nahe war, ſagte ſie:„Jetzt nehmen Sie Ihr Fernglas vor und ſchauen einmal nach Bergen hinüber.“ Guſtav that es. Sobald er die Stadt mit dem Auge erfaßt, brach er in einen Ruf des Erſtaunens aus.„Was iſt das?“ ſagte er.„Das iſt eine orien⸗ taliſche Feenſtadt!“. 4 „Ja,“ verſetzte Guſtava,„es ſieht wirklich beinahe ſo aus. Wenige Menſchen nur kennen dieſes Bild, mir aber iſt es von Jugend an in der Erinnerung geblieben, nachdem mein Oheim mir es einſt gezeigt. Und darum freute ich mich, es auch Ihnen zu zeigen.“ 326 „Ich werde es eben ſo wenig vergeſſen wie Sie,“ ſagte Guſtav Steinau, fortwährend durch das Glas ſchauend,„Sie haben mir ein Bild aus dem Feen⸗ märchen gezeigt und dieſes Bild heißt:— Bergen!“ Guſtava wandte ſich leicht erröthend ab; es war ihr lieb, daß der junge Mann ſie jetzt nicht anſah, denn nicht ſowohl in ſeinen Worten als in der Be⸗ tonung derſelben hatte ſie etwas zu hören geglaubt, was wie eine Anſpielung auf den Umſtand klang, daß ſie ſelbſt in Bergen wohne. „Beſchreiben Sie mir, was Sie ſehen,“ fuhr Gu⸗ ſtava fort,„damit ich weiß, ob Sie Alles ſehen.“ „Ich ſehe zuerſt,“ ſagte Guſtav, immer durch das Glas ſchauend,„über eine reiche, weite, ländliche Ge⸗ gend hin. Felder reihen ſich an Felder und alle ſind mit üppiger Frucht bedeckt. Dann ſehe ich zur Rech⸗ ten und Linken Ortſchaften auf Ortſchaften auftau⸗ chen, allmälig im Hintergrunde aber erhebt ſich das Land und endlich ſteigt auf einem Berge terraſſenför⸗ mig aufgebaut eine Stadt empor, die ſich weit in einem Halbkreiſe ausdehnt und einen wunderbar ſchö⸗ nen Anblick bietet. Denn alle ihre amphitheatraliſch über einander liegenden Fenſter, die ich faſt zählen kann, ſcheinen von flüſſigem Golde zu ſein, ſie blitzen im Widerſtrahl der Sonne und dieſes Blitzen verleiht 327 dem Ganzen den Anſchein von Leben, als ob ich dicht davor ſtände und ſogar die Menſchen aus und ein⸗ gehen ſähe.“ „Das iſt es, Sie haben Alles geſehen!“ „Nein,“ fuhr Guſtav fort,„ich ſehe noch mehr.“ „Was ſehen Sie denn noch?“ „Ich ſehe oberhalb der Stadt den alten, ſpitzen Thurm ſich erheben—“ „Nun ja, der gehört ja zur Stadt—“ „Auch ſeine Fenſter blitzen und die der Kirche ebenfalls, worin ich Sie zum erſten Male ſah—“ „O das ſehen Sie ja nicht jetzt!“ unterbrach ihn Guſtava ſchelmiſch. „Nein! Aber— ich habe es geſehen— aber ach!“ dachte er,„damals ſtanden auch meine Zukunfts⸗ thürme auf dem Kopfe und jetzt vielleicht erſt recht!“ Hatte Guſtava ſeine Gedanken errathen? Wir wiſſen es nicht. Aber ſie lächelte holdſelig, nahm ihm das dargebotene Glas aus der Hand und ſah eben⸗ falls hindurch. „Mein Thurm ſteht diesmal nicht auf dem Kopfe,“ ſagte ſie ſchalkhaft, unverwandt nach Bergen blickend. „Welchen meinen Sie?“ „Nun, den ich vor mir habe— den Thurm von Bergen.“ 328 „O— den habeichauch vorher geradeſtehend geſehen!“ Beide lächelten in ſich hinein, dann ſetzte ſich Gu⸗ ſtava auf dem kleinen Walle nieder, der die Inſel umgab, zog ihre Handſchuhe aus und während ſie die Kornblumen, die ſie nach und nach unterwegs gepflückt, zu einem vollen Kranze zuſammenflocht, wurde ihr Geſicht wieder allmälig ernſt, wie es das ihres Ge⸗ fährten ſchon immer geweſen war. Guſtav Steinau ſah halb in Gedanken dem Spiele ihrer ſchönen Finger zu und blieb endlich mit den Augen auf den Blumen haften, denen die launenhafte Natur, obwohl ſie nur Unkraut ſind, die ſchönſte blaue Farbe verliehen hat.„Ich liebe dieſe Blumen ſehr,“ ſagte er,„aber Ihr Herr Onkel würde es lieber ſehen, wenn ſie nicht auf ſeinem Acker wüchſen.“ Guſtava lächelte wieder.„Wir,“ ſagte ſie,„be⸗ urtheilen dieſe Blumen nur nach ihrem äußeren Kleide, ihrem Ausſehen, mein Onkel aber, der, wie Sie wiſ⸗ ſen, dem äußern Schmuck aller Dinge nicht beſonders zugethan iſt, beurtheilt ſie nach dem Schaden oder Vortheil, den ſie für den Landwirth haben. Er iſt zu practiſch, um poetiſch zu ſein.“ „Und ich bin zu poetiſch, um practiſch zu ſein, nicht wahr? Das will doch wohl Ihr feines Lächeln ſagen?“ warf Guſtav Steinau ſcherzend hin. 329 „O nein! Ich dachte an etwas ganz underes?“ „Ihr Onkel iſt auch poetiſch,“ fuhr Guſtav fort, „mehr als man es denken ſollte; aber die Poeſie ſchwimmt bei ihm„nicht auf der Oberfläche ſeines Weſens, ſie ſitzt tiefer im Herzen, wo ſie eigentlich immer und allein ſitzen ſollte.“ „O, Herr Sternberg, Sie haben ſehr Recht und nicht immer die Menſchen ſind die poetiſchſten, die durch den Schwung ihrer Worte und blumenreiche Phraſen auf den erſten Schlag den Dichter verrathen wollen. Sie zum Beiſpiel ſprechen auch ganz einfach und prunklos und doch haben Sie gewiß ein tief poetiſches Gemüth— ſind Dichter durch und durch.“ „Sie müſſen ſich ſelbſt ſehr viel mit Poeſie be⸗ ſchäftigt haben,“ antwortete Guſtav Steinau,„da Sie ſo genau wiſſen, wo ſie im Menſchen ſitzt und wie ſie ſich ausſpricht.“ „O ja, dem kann ich beiſtimmen. Dazu hat mich nicht allein ein innerer lebhafter Trieb geführt, ſon⸗ dern auch die äußeren Verhältniſſe, in denen ich mich bewege. Wenn man in einem ſo kleinen, von aller Welt weit abgelegenen Städtchen lebt, wie ich, wo der geſellige Verkehr ſo Manches vermiſſen läßt, was man leicht in großen Städten findet, wo die Wunder der Kunſt, die Schätze der Wiſfenſchaft ferne liegen, 330 wie eine entfernte Feeninſel im großen Weltmeer, dann hat man viel Zeit, in ſein eigenes Herz zu blicken und ſich mit den Erzeugniſſen zu beſchäftigen, die an⸗ dere größere Herzen und Geiſter zu Stande gebracht haben. Ich leſe alſo viel und denke darüber nach. Aber auch, wenn wir das Auge nach Außen richten, werden wir nur zu leicht auf die Dichtkunſt, wenig⸗ ſtens auf das Poetiſche in der Welt und im Menſchen geführt. Sie ſind ja auch auf dem Rugard geweſen — iſt dort nicht Alles Poeſie, was Sie um ſich her ſchauen, wenn Sie nicht mit todtem Auge und kaltem Herzen die Bäume, Häuſer, Aecker, Land und Waſſer für lebloſe Gegenſtände halten und ſich nicht fragen, wie das Alles nach und nach entſtanden iſt und was ſich zwiſchen denſelben ſeit Jahrhunderten auf⸗ und abbewegt hat? O, öffnen Sie einmal Auge und Herz recht weit und fragen Sie ſich dann, was Sie ſehen. Erzählen Ihnen die Rieſengräber auf den luftigen Berggipfeln nicht wunderbare Geſchichten, die für die Poeſie ſelbſt zu hoch und entfernt ſind, um ſie ganz. damit zu erfaſſen und zu erſchöpfen? Iſt es nicht Poeſie, die ganze Geſchichte der Vorzeit zu überfliegen, die auf dem kleinen Lande um uns her in tauſend großen und kleinen Bildern ſich abgewickelt hat? O, und die winzigen Hütten, die über hundert Jahre im 331 einſamen Walde, am kahlen Bergabhang ſtehen— träumt man ſich nicht ſo gern in jede eine Idylle hinein, wenn man ſie aus der Ferne und dem Wal⸗ desgrün hervortauchen ſieht? Iſt das nicht Poeſie? Betrachten Sie die ſpiegelnden Binnengewäſſer, auf denen der leichte Fiſcherkahn ſchaukelt vom Morgen bis Abend, den blauen Himmel über, die blaue Woge unter ſich— iſt das nicht Poeſie? Und nun endlich, verſétzen Sie ſich in Gedanken an den ſteinreichen Strand unſerer Inſel und ſehen die ſchäumenden Wellen wild und unbändig eine über die andere ſtür⸗ zen, hören Sie das Gebrauſe der Fluthen und das Gepfeife des ewigen Windes— trotz denen die weißen Segel dahinziehen, empfindende Menſchen tragend, die ihre Kühnheit von Erdtheil zu Erdtheil treibt, die keine Gefahr ſcheuen, für die es keine Furcht giebt— iſt das nicht Poeſie? Und da ſollte ein Menſchenge⸗ müth, wenn es inmitten einer ſolchen kleinen, für ſich beſtehenden und doch ſo vollendeten Welt lebt, nicht die Poeſie lieben und ſelbſt poetiſch werden? Ja, ich liebe ſie über Alles, und ohne von der Natur das koſtbare Geſchenk empfangen zu haben, meine Gefühle in Worten, Farben oder Tönen ausſprechen zu kön⸗ nen, fühle ich doch tief die göttliche Gabe, die ſie Anderen damit verlieh, und danke Gott, daß er mir 33² die Seele wenigſtens für ihr Verſtändniß geöffnet hat. O es muß ſchön und beglückend für ſie ſein, die Ge⸗ danken und Empfindungen, die ihnen tief insgeheim im Kopfe und Herzen wohnen, in ſicht⸗ oder hörbare Bilder geſtalten zu können, während dieſelben bei uns ſtummen Naturen leider ungehört in der Luft ver⸗ ſchwimmen und faſt ſchon vergeſſen und verloren ſind, kaum nachdem ſie geboren wurden.“ Guſtav Steinau hörte mit Wohlgefallen dieſe Worte an, die in perlendem Tonfall ſanft und warm über die Lippen ſeiner ſchönen Gefährtin floſſen. Er wandte den Kopf nach ihr hin und ſah ihre Augen ſtrahlen von innerem Licht und ihre Wangen über⸗ goſſen von einem Purpurglanze, wie ſie kein Pinſel hervorzubringen vermag, ſondern nur die Begeiſterung erzeugt, wenn ſie unmittelbar aus dem Herzen und der Seele an die Oberfläche ſteigen. „O,“ ſagte er zu ſich,„wie ſchön, wie wunderbar ſchön iſt ſie! Und ein poetiſches Gemüth hat ſie auch! Ach, aber wie ſteht es mit ihrem Herzen? Iſt auch das ſo ſanft und warm, wie der äußere Schein es glauben und hoffen läßt? O, der alte Herr hat mir Zweifel erregt in Bezug auf dieſen äußeren Schein und ich laſſe mich auch nicht mehr ſo leicht von ihm verführen. Aber hier muß ich auf's Reine kommen, hier muß ich wiſſen, ob das Innere dem Aeußeren entſpricht— und glücklicher Weiſe habe ich dazu den Schlüſſel in Händen.“ „Worüber denken Sie ſo ernſtlich nach?“ fragte Guſtava den jungen Mann, nachdem ihr klares Auge ihn lange forſchend angeblickt, als wolle ſie die Gedanken aus ſeiner Seele leſen. „Ich fühle, wenn ich glücklich bin,“ erwiderte er nach einigem Beſinnen,„immer die Mahnung in mir, auch der Unglücklichen zu gedenken, die nicht in der Lage ſind, das Leben von einer ſo roſigen Seite zu betrachten, wie ich, denen nicht Alles Poeſie iſt, was ſie um ſich hier erblicken, ja, denen die herbſte Proſa ganz andere Lebensbilder vor Augen führt, als die Sie eben ſo lieblich geſchildert haben.“ „Welche Unglücklichen meinen Sie?“ fragte Guſtava, ihren Kopf raſch nach dem Redenden wendend und. über die Erregung ſtaunend, die ſich auf ſeinem Ge⸗ ſichte ſo plötzlich kundthat. Guſtav Steinau ſenkte den Kopf und ſprach wie in ſich hinein, wiewohl deutlich genug, um verſtanden zu werden:„Ach, ich dachte ſo eben an den armen Neffen Ihres Oheims, den Sohn ſeiner älteſten Schweſter, der—“ Err konnte nicht weiter ſprechen, ſo ſehr über⸗ 334 raſchte ihn die Umwandlung, die plötzlich in dem bis⸗ her ſo ruhigen Weſen ſeiner Gefährtin zu erkennen war. Sie hatte unwillkürlich den halb fertigen Kranz fallen laſſen, mit offenem Munde ſich zu ihm hinge⸗ wandt und dann blickte ſie ängſtlich und ſichtbar er⸗ ſchrocken raſch ringsum, ob auch Niemand in der Nähe ſei, der die letzten Worte des Gaſtes ihres Onkels gehört habe. „Ich bitte Sie,“ ſagte ſie beinahe flüſternd,„wie kommen Sie auf dieſen Gegenſtand? Wiſſen Sie nicht, daß hier, auf dieſer Inſel, im Hauſe meines Onkels Niemand denſelben berühren, Niemand eine Andeutung auf ſeinen Neffen laut werden laſſen darf?“ Guſtav Steinau lächelte mit faſt behaglicher Ruhe. „O, ſeien Sie nicht zu ängſtlich,“ ſagte er beſchwich⸗ tigend;„ich würde es nicht wagen, in Ihrer Gegen⸗ wart dieſer Perſon zu erwähnen, wenn ich nicht aus eigener Erfahrung wüßte, daß man doch dann und wann davon ſelbſt an dieſem Orte reden darf. Doch, ich will Sie nicht länger in Zweifel darüber laſſen. Ihr Onkel hat mir ſein Vertrauen geſchenkt und mir⸗ neulich an einem ſtillen Abend ſeine ganze Lebensge⸗ ſchichte erzählt, die ja auch Ihren Vetter und ſein Schickſal mit einſchließt.“ „Wie? Das hat er gethan?“ rief Guſtava verwun⸗ — 335 dert und ſchlug vor Erſtaunen die Hände zuſammen, indem ſie Guſtav Steinau mit einem ganz anderen und noch viel freundlicheren Auge betrachtete als früher. „O, dann ſtehen Sie in großer Gunſt bei ihm und müſſen ſein Herz tief gerührt haben. Er ſpricht ſonſt nur höchſt ſelten von ſeinen Familienverhältniſſen und ich ſelbſt darf nie an die Wunde rühren, die noch immer zu bluten und zu ſchmerzen ſcheint.“ „Ja, das thut ſie— aber was ſagen Sie zu dieſem ſeltſamen Verhältniß? Ich muß geſtehen, mir thut der arme Menſch ſehr leid.“ „O mein Gott,“ rief Guſtava mit tiefſter Empfin⸗ dung,„wie oft habe ich mir ſelbſt ſchon mein tieſſtes Bedauern darüber eingeſtanden und wie oft bin ich mit meinem Herzen zu Rathe gegangen, ob ſich denn gar nichts darin ändern läßt! Aber ach, es iſt keine Ausſicht dazu; mein Onkel, ſonſt ſo gut, ſo milde, ſo freundlich gegen Jedermann, wenn er auch in man⸗ chen Dingen auf den erſten Blick kalt und ſtarr er⸗ ſcheint, iſt in dieſem einen Punkte unerbittlich. Aber mein armer Vetter, deſſen ich mich noch aus meinen Kinderjahren ſehr wohl erinnere, hat auch ſehr Un⸗ recht gethan und er hätte ſein Verhalten ſo einrichten ſollen, daß ihm mein Onkel verzeihen und ihn wieder bei ſich aufnehmen konnte.“ 336 „So,“ ſagte Guſtav Steinau mit eigenthümlich bebender Stimme, indem er das Fernrohr wieder vor das Auge hielt, als blicke er nach Bergen hinüber, „wiſſen Sie denn, was er ſo eigentlich verbrochen hat?“ „O ja,“ erwiderte Guſtava zögernd,„er hat ſich des Geſchlechts, aus dem er ſtammt, nicht würdig ge⸗ zeigt, wie man mir ſagte; er iſt in ſchlechte Geſellſchaft gerathen, hat ſich gegen die beſtehende Regierung mit Wort und Schrift aufgelehnt, iſt von zwei Univerſi— täten verwieſen, hat ſich undankbar gegen das Wohl⸗ wollen ſeiner Vorgeſetzen betragen, iſt aus königlichem Amte entlaſſen und hat Gott weiß was noch gethan, wie mir einſt mein Onkel erzählte.“ „Nun ja,“ ſagte Guſtav Steinau, indem er wieder auf ſeltſame Weiſe lächelte,„Ihr Onkel hat mir auch erzählt, daß ihm— verſtehen Sie wohl— Jemand dies als Thatſache mitgetheilt habe, und ich wollte dem guten alten Herrn nicht widerſprechen, um ſeinen Kummer nicht noch mehr zu ſchüren— er verträgt nämlich nicht den geringſten Widerſpruch— aber— laſſen Sie uns einmal ernſtlich und ruhig darüber reden: iſt Ihr Onkel von dem, was er dem Neffen zur Laſt legt, auch ſo recht feſt überzeugt? Hat er die volle Wahrheit erfahren? Kennt er den Charakter, das Herz, den Geiſt ſeines Neffen ſo genau, daß er ein . 337 Recht hat, ihn mit dem Namen eines Taugenichts zu bezeichnen, ihn ohne Gnade und Barmherzigkeit zu verſtoßen, ſeinen Namen— o! aus der Reihe ſeiner Familie zu ſtreichen und Niemanden einmal geſtatten will, dieſen Namen vor ihm zu nennen? Wie, wenn der arme Menſch nun ganz oder wenigſtens zum Theil unſchuldig wäre? Wenn er, ein braver Menſch in ſeiner Art, nach ganz anderen Principien beurtheilt werden müßte, um richtig gewürdigt zu werden, als nach denen Herr von der Oehe ihn beurtheilt?“ „Mein Gott,“ unterbrach ihn Fräulein von Kul⸗ pen, indem ſie die Hand auf ihr klopfendes Herz legte,„mein Gott, was für einen ſchrecklichen Gedanken wecken Sie da in meiner Seele— und doch, wie wohlthuend berührt mich ſchon der Zweifel, daß mein Vetter nicht ganz ſo ſchlecht wäre, wie er mir geſchil⸗ dert ward! Aber ich bitte Sie, rathen Sie mir, was hier zu thun iſt. Ich habe ſchon oft daran gedacht, ob man nicht klarer in ſeine Verhälniſſe blicken, ſein Geſchick nicht ändern, ihm helfen könnte! Nur auf das Wie kommt es hier an. Was geſchehen ſoll und kann, macht mir keine Sorge. Ich habe Vermögen, Herr Sternberg— o verzeihen Sie, daß ich Ihnen das ſage, aber bei dieſer Gelegenheit darf ich ja wohl da⸗ von ſprechen— viel mehr Vermögen, als ich je ge⸗ Die Inſulaner. II. 22 338 brauche— und wie gern gäbe ich einen Theil davon hin, wenn ich wüßte, daß mein Vetter deſſelben be⸗ dürfen, daß man ihm damit nützen, ihn damit glück⸗ lich machen könnte! Alſo was ſoll ich thun?“ Guſtav Steinau hatte, als ſie dies lebhaft und mit wogendem Buſen ſprach, die Augen nicht von ihr ab⸗ wenden können. Sie war ſo ſchön, als ſie ſo in Eifer gerieth, und aus ihren blauen offenen Augen ſtrömte eine ſo lichte erwärmende Gluth, daß ſein eigenes Herz wie in feuriger Lohe aufſchwoll und ſeine Wan⸗ gen davon wie überfluthet wurden.„Könnte man denn wohl ſeinen Aufenthaltsort erfahren?“ fragte er mit gewaltſam erzwungener Ruhe. „Das halte ich nicht für ſo ſchwer,“ erwiderte ſie. „Ich eigentlich auch nicht. Kennen Sie Niemand, der mit ihm vielleicht noch in Verbindung ſteht oder wenigſtens früher mit ihm in Verbindung geſtanden hat? Haben Sie nie gehört, von Wem er ſeinen Le⸗ bensunterhalt bezogen hat oder noch bezieht?“ „Nichts iſt mir darüber bekannt, Gott allein weiß, wie es ihm geht und wer ſein Beiſtand iſt!“ „Und Sie haben wirklich die Abſicht, ihn zu unter⸗ ſtützen, wenn er deſſen bedarf, ſobald Sie ſeinen Aufenthaltsort erfahren?“ „Von ganzer Seele! Er iſt ja mein einziger leben⸗ 339 der Verwandter außer meinem Onkel, und ſein Schick⸗ ſal hat mir oft, ſeitdem ich es kennen gelernt, auf dem Gewiſſen gebrannt.“ „Gut, ſo will ich mir überlegen, wie man von ihm etwas Näheres erfahren kann. Was mag er nur treiben?“ 4 „Das weiß ich eben ſo wenig wie Sie.“ Guſtav Steinau. dachte einige Augenblicke nach. 1 Er ſah deutlich, wie ſchnell ſich zwiſchen ihm und ſeiner ſchönen Gefährtin eine neue Brücke des Verſtändniſſes gebaut und wie er ſo raſch das Vertrauen der Nichte gewonnen, das ihm bereits der Oheim geſchenkt hatte. Plötzlich ſagte er, lebhaft aus ſeinem Sinnen auffahrend: „Halten Sie denn ſeinen Vater wirklich für ſo ſtrafbar und hat er ſich in der That ſo ſchwer gegen Ihren Onkel vergangen?“ „O, das weiß ich ziemlich ausführlich, denn da⸗ von iſt in früheren Tagen oft genug die Rede ge⸗ weſen. Der Vormund meines Onkels iſt ohne Zweifel eine dämoniſche Natur geweſen, die Unheil nach allen Seiten angeſtiftet und blos deshalb Eingang in die Oehe'ſche Familie geſucht hat, um ſich das Vermögen derſelben nach und nach anzueignen, was ihm auch— ſo ziemlich gelungen iſt, trotzdem er dabei das Glück ſeiner eigenen Familie verſcherzt hat. Er war nicht 22* 340 allein ein wüſter Verſchwender und ein leichtſinniger Abenteurer, nein, er war auch ein untreuer Verwalter des ihm anvertrauten Gutes. Mein Onkel hätte die Ge⸗ richte gegen ihn wachrufen und ihn ſchon früher ver⸗ derben können, ehe er ſich ſelbſt den Untergang be⸗ reitete, indeſſen er hat es aus Rückſicht für die Familie nicht gethan. Allein dies Alles wirft in meinen Au⸗ gen noch keinen Stein auf den Sohn— was kann der für die Schuld des Vaters? Freilich, die Mut⸗ ter will ich nicht ſo ganz in Schutz nehmen, ſie hat ohne Zweifel in vielen Dingen unrecht gehandelt und iſt namentlich viel zu ſchwach gegen ihren Mann auf⸗ getreten. Sie ſah, ſie mußte ſeine Handlungsweiſe ſehen, wenigſtens mit der Zeit durchſchauen, aber ſie nahm aus blinder Ergebenheit ſeine Partei gegen ihre eigenen Blutsverwandten und trug dadurch viel zu dem traurigen Looſe ihres Sohnes bei.“ Guſtav Steinau hatte den Kopf geſenkt und pflückte mit zitternden Händen an den Blumen, deren er ſich aus Fräulein von Kulpen's Vorrath bemächtigt hatte. „Wiſſen Sie, was ich nicht begreifen kann?“ ſagte er plötzlich, mit ruhigem, obgleich außerordentlich ernſten Blicke aufſchauend. „Nun?“ „Daß die Schweſter Ihres Oheims, alſo Ihre 341 Frau Tante, eben die Mutter Deſſen, von dem wir reden, die Forderung Herrn von der Oehe's, ihm ihren Sohn zu überlaſſen, nicht annahm und ſo dieſen um eine gute Erziehung und eine beſſere Lebensſtellung brachte.“ „Das beweiſt eben, daß ſie, ſelbſt als ſie ſchon von ihrem Manne getrennt lebte, immer im Geiſte noch ſeine Abneigung gegen die eigene Familie theilte, ſeinen Einflüſterungen folgte und ſo in einer Art mo⸗ raliſcher Blindheit den Knoten vollſtändig ſchürzte, an deſſen Löſung wir eben zu arbeiten begonnen haben. Wohlan denn, ja, arbeiten wir fleißig daran, Herr Sternberg, und laſſen Sie uns ein Bündniß ſchließen, denn ich als Mädchen kann allein und ohne Hülfe Anderer nicht viel darin thun. Wollen Sie dieſes Bündniß eingehen und mir helfen?“ 1 „Von ganzem Herzen, und was ich dabei thun kann, ſoll geſchehen, um Sie und Ihren Onkel mit dem armen Vetter auszuſöhnen.“ „Wenn Ihnen das gelingt,“ ſagte Guſtava, tief aufathmend und ſich mit warmem freudigen Erröthen zu ihm wendend,„will ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar ſein! O welches Glück wäre es für mich, wenn ich dieſen dunklen Flecken aus meines guten Oheims Herzen tilgen und ihm Ruhe und Zufrieden⸗ 342 heit wiedergeben könnte, denn daß ein ſolches Un⸗ glück gerade ihm und ſeiner Familie begegnen konnte, iſt der größte Schmerz, den ihm das Leben aufzubür⸗ den vermochte.“. „Haben Sie Vertrauen,“ erwiderte Guſtav Stei⸗ nau mit weicher Stimme,„ich hoffe, es wird gelingen. Für's Erſte ſammeln Sie alle Notizen über Ihren Vetter und ſeine früheren Verhältniſſe und laſſen Sie ſie mir zukommen. Es kann nicht ſo ſchwer ſein, ſeine Spuren aufzufinden und ich werde keine Mühe ſparen, ſie bis an's Ende zu verfolgen und ſollte ich deshalb Reiſen auf Reiſen machen.“ „O, Herr Sternberg, wie freundlich ſind Sie! Aber vergeſſen Sie nicht, daß ich auch meine Hand dabei im Spiel haben will. Die Koſten— Sie ver⸗ zeihen, daß ich es noch einmal ſage— trage ich.“ „Ja, Sie ſollen alle Koſten tragen und dafür auch den ſchönſten Lohn einerndten, den ein edles Herz für ſolche Mühwaltung verdient.“ „Gut denn,“ rief Guſtava aufſtehend,„das Bünd⸗ niß iſt alſo geſchloſſen, und nun ſollen Sie auch als erſte Belohnung dieſen Kranz von mir erhalten, den ich in Gedanken für den alten Onkel zuſammenfügte, um ihm zu beweiſen, wie thätig ich bin, ihm das Unkraut vertilgen zu helfen, welches ſeine Aecker verwüſtet.“ . 343 Guſtav Steinau nahm den vollen hingehaltenen Kranz mit dankbarer Miene hin und hing ihn an ſeinen Arm.„O!“ dachte er dabei,„ſie iſt nicht allein ſchön, ſie hat nicht nur ein poetiſches Gemüth, ſie hat auch ein gutes Herz. Daß ich doch dieſen Vetter fände, nach dem ihr Herz ſo brennt, ich würde vielleicht auf einen noch ſchöneren Dank zu rechnen haben! Ach, wäre ich ihr doch zuerſt begegnet und hätte das erſte Anrecht auf ſie erworben— aber Heinrich Markholm— o wie ſchwer liegt mir dieſer Name jetzt auf der Seele— und doch, und doch iſt er mir ein ſo lieber Freund!“ Mit ſolchen Gedanken ſchritt erran der Seite des ſchönen Mädchens langſam nach dem Herrenhauſe zu⸗ rück und es war gut, daß ihnen in der erſten halben Stunde kein Menſch begegnete, er hätte, wenn er Bei⸗ der glühende Geſichter und blitzende Augen geſehen, denken können, hier ſei ein viel ernſterer Bund ge⸗ flochten, und doch war es nur ein Bündniß zum Wohle eines anderen Menſchen, das ihre Herzen geöffnet und das Blut ihrer Adern ſchneller hatte kreiſen laſſen. Neuntes Papitel. Die Kartoffelgrube. Wie Sommer und Winter, wie Tag und Nacht und das Licht der Sonne mit dem des Mondes in der Natur wechſeln, wie der Wind die Wellen bald nach Oſten und bald nach Weſten treibt, ſo wechſeln die Geſchicke und Empfindungen im menſchlichen Leben, ſo folgt auf die Freude der Schmerz, auf die Ruhe die Unruhe, auf den Frieden der Streit, und es iſt, als ob auch hierin nach urewigen Geſetzen Ebbe und Fluth einander drängen, wie es in der großen äuße⸗ ren Natur geſchieht. So ſollte es auch auf der Oehe der Fall ſein und die gegenwärtig darauf Wohnenden ſollten auf ernſt⸗ liche Weiſe belehrt werden, daß das friedliche Still⸗ leben, in dem ſie ſo gemüthlich mit und neben einander 345 hergingen, ein unerwartet ſchnelles Ende haben, ſo wie daß noch nicht alle traurigen Erfahrungen für den alten Edelmann erſchöpft wären, vielmehr die kaum vernarbte Wunde in ſeinem Herzen friſch wieder aufgeriſſen werden könne. Als Herr von der Oehe ſeinem Gaſt vor der Trennung am ſpäten Abend bis zu ſeinem Zimmer im oberen Stockwerk das Geleite gab, was er bis⸗ weilen that, wenn er in recht glücklicher Stimmung war, ſagte er, indem er ihm zum Abſchiede die Hand reichte:. „Nun, das war wieder ein recht angenehmer Tag und wir wollen uns recht viele ähnliche in der näch⸗ ſten Zeit wünſchen!“ Kaum hatte er es geſagt, ſo vernahm man in dem Zimmer Guſtav Steinau's einen Ton, der beiden Männern wohl bekannt war und der deshalb ihre ganze Aufmerkſamkeit erregte. Die bisherige Wind⸗ ſtille draußen hatte ihr Ende erreicht, plötzlich ſchlugen die Zweige der alten Eſchen an die Fen⸗ ſter und verriethen, daß ein heftiger Wind ſich er⸗ hoben habe. „Was iſt das?“ rief der alte Herr und trat an ein Fenſter, das er öffnete.„Sieh da,“ fuhr er fort, „da haben wir ein anderes Wetter und— ach! wo ſind die ſchönen Sterne geblieben, die uns eben noch ſo freundlich geleuchtet?“ Auch Guſtav Steinau ſchaute hinaus und auch er ſah nirgends einen ſtrahlenden Stern mehr, der ganze⸗ Horizont hatte ſich mit dichtem grauen Gewölk be⸗ zogen und ein tüchtiger Südweſtwind blies kühl über das breite Waſſer her, welches die Oehe von Hid⸗ dens⸗öe und der pommerſchen Küſte trennt. „Da werden Sie wieder eine unruhige Nacht haben,“ ſagte der alte Herr, indem er das Fenſter ſchloß,„aber ich kann es nicht ändern, Sie ſind ein⸗ mal auf der Windinſel und ſo müſſen Sie ſich fügen.“ „Wenn mich weiter nichts ſtört, Herr von der Oehe, ſo will ich das ſchon ertragen; ich höre den Wind gern blaſen und pfeifen, wenn ich im warmen Bette liege.“ „Haha! Ich auch, das iſt oft ſogar recht hübſch. Doch nun gute Nacht— vielleicht haben wir morgen dennoch wieder klares Wetter!“— Bevor Guſtav Steinau ſich zur Ruhe begab, ging er einige Male langſam in ſeinem geräumigen Zim⸗ mer hin und her. Er hatte wieder viel Neues zu be⸗ denken und obendrein eine Aufgabe übernommen, deren Löſung ihm, wie er meinte, noch manches Kopfzer⸗ brechen verurſachen könnte. Allein auch dieſen Berg 24 hoffte er noch zu überſteigen und am Ende ſeines Ge⸗ dankenganges blieb er wieder im Geiſte auf dem Ma⸗ ler haften, deſſen Geſicht in ſeiner erregten Phantaſie einen immer düſtreren Ausdruck anzunehmen begann. „Du guter Heinrich,“ ſagte er zuletzt,„wenn Du wüßteſt, wie viel Unruhe Du mir jetzt bereiteſt, ſo würdeſt Du zur Einſicht gelangen, daß Du keinen ge⸗ / wiſſenhafteren Freund als Guſtav Steinau haben könn⸗ teſt! Warte nur, warte noch einen Tag; morgen ſoll es gethan werden, morgen will ich Dir ſchreiben und dann mag ſich erfüllen, was mir beſchieden iſt!— Was mich betrifft, ich bin auf Alles, ja, ja, auf Alles gefaßt, denn ich habe ſchon in früher Jugend die Bürde der Entſagung tragen gelernt!“ Mit einem Seufzer ſchloß er dann die Augen und bald war er eingeſchlafen, ohne daß ihn die Zweige der Eſchen weiter beunruhigten, die wie mahnende 1 Schickſalsfinger die ganze Nacht an die Scheiben ſei— ¹ ner Fenſter trommelten. Der Wind blies friſch die ganze Nacht durch, ohne Regen zu bringen. Zwar blieb der Himmel be⸗ wölkt, aber der kräftige Luftzug, der in den höheren Regionen noch kräftiger war, als dicht oberhalb der Erde und des Waſſers, trieb die Wolken immer wie⸗ der von dannen, wenn ſie ſich auf die Erde ſenken und ihre Waſſerfülle über dieſelbe ausgießen wollten. Die Auguſtnacht war ziemlich finſter, jedoch nicht ſo ſehr, daß man die Gegenſtände im Freien nicht be⸗ quem von einander hätte unterſcheiden können, wenn man ſich erſt einigermaßen an die Dunkelheit ge— wöhnt hatte. Der Beſitzer der Inſel war, nachdem er ſeinen Gaſt verlaſſen, auch bald zur Ruhe gegangen. Er hatte noch im Bette geleſen, was er nur dann that, wenn ſein Geiſt in ruhigſter Stimmung und ſein Herz von keinem Kummer beſchwert war. So ruhig und ſorgenfrei nun waren ſein Herz und Geiſt lange nicht geweſen, wie gerade an dieſem Abend; die Anweſen⸗ heit der geliebten Nichte und ihrer mütterlichen Freun⸗ din, ja auch die Guſtav Steinau's hatte ungemein günſtig auf ihn eingewirkt und er gab ſich, ſobald er das Licht gelöſcht, den heiterſten Hoffnungen hin, wie ſie nur ſelten in ſeinem Leben ſein einſames Lager umrauſcht. Ruhig und feſt ſchlief auch er wie alle übrigen Hausbewohner und erſt um vier Uhr Morgens ward er auf eine faſt heftige Weiſe aus dieſem Schlum⸗ mer geweckt. Anfangs, als er ſich kaum ermuntert, glaubte er, 349 der Wind ſei ſtärker geworden und habe abgeriſſene und emporgehobene Blätter gegen ſeinen Fenſterladen geworfen; kaum aber hatte er ſich mit dieſem Glau⸗ ben wieder beruhigt, ſo ſchlug noch einmal eine harte Hand draußen an den Laden und gleich darauf war es, als ob eine bekannte Stimme:„Herr, Herr! Wa⸗ chen Sie auf!“ riefe. Von einem bitteren Gedanken erfaßt, der alle ſeine zur Ruhe gegangenen Beſorgniſſe plötzlich wie⸗ der wach rief, ſprang er aus den Kiſſen empor, warf ſeinen Nachtpelz über, der immer auf einem Stuhle vor dem Bette zur Hand lag, und öffnete mit beben⸗ der Hand das Fenſter und einen Laden. „Wer iſt da?“ fragte er mit einer Stimme hin⸗ aus, die in dieſem Augenblick nichts von ihrer alten Kraft und Fülle eingebüßt hatte und muthig erklang wie eine Trompete, die aus beherzteſter Bruſt die Auf⸗ forderung zum Streite ertönen läßt. „Ach, gnädiger Herr!“ ſagte da raſch eine ängſt⸗ liche Stimme,„ich bin es. Ich habe nichts Gutes zu melden. Der böſe Feind iſt wieder da und er hat uns diesmal noch mehr als früher genommen, wie mir ſcheint.“ Herr von der Oehe hatte die Stimme auf der Stelle erkannt. Es war die ſeines getreuen Statt⸗ halters, des alten Vormäher, der zitternd und bebend draußen ſtand, weil er ſicher wußte, welche Wirkung ſeine Meldung auf den guten alten Herrn hervor⸗ bringen würde. Dieſer aber hatte ſich ſchon nach dem erſten Schreck gefaßt.„Hier haſt Du den Schlüſſel,“ ſagte er und reichte denſelben hinaus,„ſchließ' ſelbſt die Thür auf und komm herein, ich werde mich raſch ankleiden.“ Schnell war nun ein Licht angezündet, denn der alte Herr hatte wieder den Laden geſchloſſen, obgleich draußen der Tag ſchon ziemlich hell auf den Feldern lag. In wenigen Minuten ſtand auch der Statt halter bei ihm im Zimmer und während Herr von der Oehe haſtig in die Kleider fuhr und nur von Zeit zu Zeit bei dieſem Geſchäft inne hielt, um mit gläſernem Auge und offenem Munde den Bericht des treuen Dieners anzuhören, erzählte dieſer raſch, was, ſo weit er es bis jetzt überſehen konnte, vorgefallen war. Er ſei, ſagte er, erſt gegen Mitternacht eingeſchla⸗ fen, weil er jeden Augenblick den Regen erwartet und dann den alten Hirten habe wecken wollen, um die im Freien übernachtenden Pferde und Kühe in die Ställe zu treiben. Aber da der Himmel gegen Mit⸗ ternacht wieder etwas klar geworden, habe er ſich niedergelegt. Zwiſchen zwei und drei Uhr aber ſei 5 351 4 er plötzlich aus dem Schlafe aufgeſchreckt. Es habe ihn Niemand geweckt und nur eine innere Stimme habe ihm zugerufen: Wormäͤher. Es geht was Un⸗ heimliches vor!“ Er habe ſich nun angekleidet, den großen Hofhund aus der Scheune gerufen, wo er geſchlafen, und ſei mit ihm nach dem Strande gegangen, wohin von An⸗ fang an die innere Stimme gedeutet. Unterdeſſen ſei es allmälig heller und heller geworden und er habe, an den Steinort gelangt, noch eine große Yacht und ein Boot wahrnehmen können, die vor vollem Süd⸗ weſtwinde nach Norden geſegelt. Er habe ſogleich Unrath gemerkt und ſich in der nächſten Umgegend umgeblickt, als er zu ſeinem größten Schrecken einen ſtarken Rauch wahrgenommen, der aus einer Roggen⸗ miethe aufſtieg, welche die Arbeiter erſt am vorigen Tage vollendet hatten. Er ſei hinzugelaufen und habe entdeckt, daß man Feuer an das Korn gelegt, daß daſſelbe aber nicht ordentlich gefangen und nur ein kleines Stück von der Miethe verzehrt. Nun habe er ſein Auge auf die Heerde geworfen, die in ſeltſamer Unruhe geweſen und laut gebrüllt. Er ſei nach der Wieſe gegangen und da habe er zu ſeinem noch grö⸗ ßeren Schrecken den ſchönen jungen Stier vermißt, den der gnädige Herr mit ſo vieler Freude groß ge⸗ zogen und den die Räuber ohne Zweifel mit fort⸗ geſchleppt hätten.. „Was!“ rief der Beſitzer der Oehe in gränzen⸗ loſer Wuth,„meinen jungen Stier haben ſie mir ge⸗ ſtohlen? Und meine Miethe in Brand geſetzt? Vor⸗ mäher, iſt das wahr?“ „Kommen Sie ſelbſt, gnädiger Herr, und ſehen Sie es an.“ „Ja, ja,“ rief dieſer mit gellender Stimme,„ich komme! Da, Alter, nimm zwei Gewehre und hier, Pulver und Kugeln— vielleicht können wir ſie noch gebrauchen!“ Und ſich dann ſelbſt mit allen möglichen vorhandenen Waffen rüſtend, ging er mit dem Statt⸗ halter hinaus, aber noch ſo voll Beſonnenheit, daß er leiſe mit ſeinen ſchweren Stiefeln auftrat und das Haus vorſichtig ſchloß, um die darin Schlafenden nicht aus dem ſüßen Schlummer zu wecken. Als die beiden Männer in's Freie traten, hatte der Wind ſich etwas gelegt, aber ein leiſer Regen tröpfelte langſam nieder. Es war vollkommen hell, nur die Fernen waren in dichten Nebel gehüllt, ſo daß man kaum Hiddens⸗öe's gewaltigen Bergrücken erkennen konnte. Im Sturmſchritt, mehr laufend als gehend, ge⸗ langten ſie an den Ort des unglaublichen Attentates 3513. und hier ſah Herr von der Oehe zu ſeinem Leidweſen, daß ſein Statthalter nichts als die Wahrheit berich⸗ tet. Das Feuer war durch die Umſicht und ſchnelle Handhabung deſſelben völlig gelöſcht, aber der Stier war wirklich verſchwunden und nach einigem Umher⸗ ſpähen fand man die Stelle, wo die Männer denſelben ergriffen, von ſeiner Koppel gelöſt und nun über die Bretter, die zum Badehauſe führten, bis dahin ge⸗ leitet hatten, wo das räuberiſche Boot angelegt, um ihn aufzunehmen, ihn von da nach der NYacht gefahren und dort, lebendig oder todt, an Bord derſelben ge⸗ hoben hatten. So wenigſtens ſprach ſich die Vermuthung der beiden Männer aus und ſie hatten wahrſcheinlich das Richtige getroffen. Herr von der Oehe ſtand ſprachlos, das Auge mit Falkenſchärfe nach Nordoſten gerichtet, am Strande. Er ſah mit Hülfe ſeines Tubus, der natürlich den frühen Ausgang mitgemacht, noch die Yacht und dicht. dahinter ein Segelboot dicht vor Hiddens⸗öe nord⸗ wärts ſteuern, ohne aber im Stande zu ſein, irgend ein Merkzeichen am Bord zu erſpähen, was die Schiffe der Diebe in Zukunft wieder erkennen ließe. Nachdem er ſeine Augen eine Weile vergeblich an⸗ geſtrengt, ſank er wie verzweifelt auf einen am Strande Die Inſulaner. II.. 23 354 liegenden Stein. Seine Hände hatten ſich in einan⸗ der geballt und ſeine Augen waren ſtarr und glühend auf die raſch verſchwindenden Schiffe gerichtet. Erſt als ſie nicht mehr ſichtbar waren, wollte er zu ſpre⸗ chen anfangen, als eine dritte Perſon in ſeine Nähe trat und ihn mit ihrer hellen Stimme freundlich be⸗ grüßte. Herr von der Oehe drehte ſich um, erhob die Augen und ſtieß einen unarticulirten Laut der Freude aus. Guſtav Steinau ſtand vor ihm, mit Regen⸗ wamms und Waſſerſtiefeln bekleidet, und auf ſeinem Geſichte ſprach ſich nicht minder eine unternehmende Kühnheit, als eine rückhaltsloſe Ergebung in die Wünſche ſeines Wirthes aus. Um ſeinen frühen Ausgang zu erklären, müſſen wir bemerken, daß Herr von der Oehe nicht der Ein⸗ zige im Hauſe geweſen war, der durch das Anklopfen des Statthalters an den Fenſterladen geweckt worden war. Guſtav Steinau hatte einen ſehr leiſen Schlaf und ſo hatte er das Geräuſch und ſogar die Worte des Sprechenden gehört, ohne ſie jedoch ganz verſtan⸗ den zu haben. Etwas Ungewöhnliches muthmaßend war er bald danach aufgeſtanden, hatte ſich angeklei⸗ det und war in das Unterhaus hinabgeſtiegen, wo er Herrn von der Oehe's Bett und die Waffenriegel leer fand. Nun hatte er das Haus durch die Küchenthür verlaſſen nnd war den beiden Männern nach dem Steinorte gefolgt, wo er, wie wir ſahen, mit ihnen zuſammen traf. Guſtav Steinau fand zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen eine vollſtändige Veränderung an ſeinem Wirthe vor. Alle Gemüthlichkeit war aus ſeinem Weſen gewichen, ſein Geſicht war von der Flamme des Zorns entſtellt, er war mit einem Worte nicht mehr der freundliche, alte Herr, nein, er war der in ſeinen heiligſten Rechten gekränkte Edelmann, der be⸗ ſtohlene Landwirth, der zur Selbſthülfe greift, da ihm das Geſetz nicht mehr ſchützend zur Seite ſtand. Als er aber Guſtav Steinau in ſo früher Mor⸗ genſtunde zu ſeinem Beiſtande herbeieilen ſah und den guten Willen auf ſeinem Geſichte las, ihm auch in ſchweren Stunden nahe zu bleiben, erfaßte ihn eine freudige Regung; er ging auf ihn zu, ſchüttelte ihm herzlich die Hand und ſagte:„Wackerer junger Mann! Sie kommen wie gerufen, aber leider ſind wir Alle zu ſpät an Ort und Stelle gelangt. Da fahren die Spitzbuben eben um die Ecke von Seehof und wir haben das Nachſehen. Meinen beſten Stier, die Freude der ganzen Inſel, haben ſie mir geſtohlen und außer den Steinen, die ſie vielleicht fortgenommen, 23* 356 haben ſie die Miethe dort in Brand zu ſetzen verſucht. Aber das ſoll mir nicht wieder begegnen und ſollte ich ſelbſt alle Nächte unter Gottes freiem Himmel mein Bett aufſchlagen und mein Eigenthum bewachen!“ Guſtav Steinau war entrüſtet über den Vorfall und ſprach ſich entſchieden darüber aus, indem er ſeine ganze Perſon, Zeit und Kräfte ſeinem ergrimm⸗ ten Wirthe zur Verfügung ſtellte.. Aber das war ein Beiſtand höchſtens für die Folge, für den Augenblick konnte er nichts thun, als ſeinen Rath geben, wie man ſich in den nächſten Tagen ver⸗ halten wolle, da die Räuber wahrſcheinlich bei dem Anfang ihrer feindlichen Beſuche nicht ſtehen bleiben würden. Man begann alſo eine Berathung, die auch ſehr bald zu einem erwünſchten Reſultate führte. Außer dem Beſitzer der Oehe ſelbſt und Guſtav Steinau be⸗ fanden ſich eigentlich nur zwei Männer auf der In⸗ ſel, denen Erſterer völlig vertrauen konnte, von den Uebrigen wußte er nicht beſtimmt, ob ſie ſich ſeine Intereſſen mit voller Hingebung zu Herzen nehmen würden, oder ob ſie nicht gar mehr oder minder mit den Dieben in irgend einer Verbindung ſtänden. Dieſe beiden Getreuen waren der Statthalter und ein alter Knecht, Fritze Niklas, der ſchon fünfzehn Jahre auf der Inſel wohnte und den Poſten eines Kutſchers verſah. Auf den Hirten, einen ſiebzigjährigen Greis, der das Gnadenbrod aß und ſeinen Dienſt nur aus alter Gewohnheit verſah, war gar nicht zu rechnen. Mehreren aber wollte Herr von der Oehe ſeine An⸗ gelegenheiten vor der Hand auch nicht anvertrauen um die Maßregeln, die er ergreifen würde, nicht be⸗ kannt werden und vielleicht in die unrechten Ohren gelangen zu laſſen. Nach längerem Hin⸗ und Herſprechen war man einig, daß man das Vieh zunächſt Nachts in die Ställe bringen und die gefährdete Miethe mehr in der Nähe des Hauſes aufrichten laſſe, was auch beides im Laufe des Tages uͤnd am Abend geſchah. Sodann beſchloß man einen Wachtpoſten aufzuſtellen, indeſſen war man veder über die Stelle, noch über die Art und Weiſe klar, wie das geſchehen ſolle, da ſehr leicht ſchlechtes Wetter eintreten und dem Wachenden den Dienſt ſehr unangenehm machen konnte. „Dafür weiß ich Rath,“ ſagte endlich der Statt⸗ halter.„Wir bauen hier in der Nähe des Dorn⸗ buſches, der ſchon an und für ſich einigen Schutz ge⸗ währt, eine Strohhütte. Ich lege mich die Nacht über hinein, nehme einen Hund zu mir und dann will ich Den ſehen, der ohne mein Wiſſen und Wollen den 358 Strand der Inſel betritt. Von dieſem kleinen Hügel aus überſieht man das Badezelt, den Steinort und überhaupt die ganze Waſſerfläche, auf der die Diebe nur heranſegeln können. Sie geben mir auch ein paar Flinten und Piſtolen mit, gnädiger Herr, und dann ſchieße ich Jeden nieder, der die Inſel in böſer Ab⸗ ſicht betritt.“ „Das klingt recht ſchön,“ ſagte der alte Herr, „aber wenn die Räuber die Strohhütte ſehen, die früher nicht dageweſen, wittern ſie Unrath und kom⸗ men nicht hier, ſondern wo anders an's Land. Mein ganzes Trachten geht aber dahin, einen von ihnen zu faſſen und feſtzuhalten, damit ich auf dieſe Weiſe die anderen belangen und beſtrafen läͤſſen kann. Darum darfſt Du auch Deinen Hund nicht mit Dir nehmen, Vormäher; er macht am Ende zu viel Lärm und jagt mir die Kerle in die Flucht, ehe wir einen von ihnen erwiſcht haben.“. „Ich weiß vielleicht etwas Beſſeres,“ ſagte Guſtav Steinau beſcheiden, nachdem er eine Zeitlang ringsum das Terrain betrachtet hatte.„Die Bodenverhältniſſe ſcheinen mir zu meinem Vorſchlage ungemein geeignet. Graben wir doch hier auf dem höchſten Punkte, nahe dem Dornbuſche ein Loch und füllen es reichlich mit Stroh aus. Darin kann man es ſchon eine Nacht aushalten, namentlich wenn man die Oeffnung oben ſo weit mit leichten Brettern und Stroh bedeckt, daß nur Raum genug bleibt, um der Wache zu geſtatten, den Kopf darüber zu erheben und die Umgebung zu beobachten. Ich ſelbſt biete mich als erſte Wache an, Herr von der Oehe, wenn Sie mich dazu befähigt halten.“ — „O mein wmackerer, junger Freund!“ rief Herr von der Oehe und ſchüttelte ihm noch einmal die Hand. „Daß Sie ſich ſo in der Freundſchaft bewähren und mir ſo große Dienſte leiſten würden, habe ich wahr⸗ haftig nicht gedacht. Ja, ich nehme Ihre Hülfe ſo lange und dankbar an, bis eine andere kommt, nach der ich mich noch heute umthun werde, und das Loch wollen wir noch heute Morgen graben, damit am Abend Alles bereit iſt.“ „Wenn meine Freunde hier wären,“ ſagte Guſtav Steinau nach einigem Bedenken, wobei ein geheimes Zagen ſein Herz eine Weile beklommen machte,„ſo würden ſie Ihnen auch gern helfen. Ich ſchreibe heute an Heinrich Markholm— ſoll ich ihm vielleicht melden, was geſchehen iſt und ihn nach der Oehe einladen?“ „Nein, ſchreiben Sie nichts davon,“ erwiderte Herr von der Oehe,„ich werde heute ſelbſt an meine 360 Freunde ſchreiben und ihnen den Vorfall mittheilen. Ich habe ihnen verſprochen, ohne ihren Rath keinen Schritt vorwärts zu thun und namentlich keine Ge⸗ waltmaßregeln zu ergreifen. Sie kennen meine Hitze und fürchten, daß ich mit den Geſetzen in zu heftigen Conflict gerathe. Ich will daher Beide herrufen und ſie ſollen ſich mit eigenen Augen überzeugen, wie die Sachen ſtehen. Zwar werden ſie auch ſchon ihre Erndte begonnen haben, aber das thut nichts, ſie haben Leute, auf die ſie ſich verlaſſen können, und kom⸗ men gern, jede Stunde bei Tag oder in der Nacht, wenn ich ſie zu meinem Beiſtande herbeirufe.“ „O, wenn das iſt,“ rief Guſtav Steinau,„dann haben wir Beiſtand genug! Aber dann kommen ge⸗ wiß auch meine Freunde mit!“ fügte er hinzu, indem ein ſtiller Seufzer aus ſeiner Bruſt aufſtieg,„für den Fall, daß Sie ſie aufnehmen können und wollen.“ „Natürlich,“ ſagte der alte Herr mit viel heller gewordener Miene,„das bedarf keiner Frage und ich freue mich ſogar ſehr darauf, ſie wiederzuſehen. Nun aber laßt uns für's Erſte ruhig nach Hauſe gehen und frühſtücken. Hungern und durſten dürfen wir bei dieſen Zeiten am wenigſten. Ich werde ſodann gleich einige Briefe ſchreiben und dann gehen wir wieder hierher und graben das Loch. Die Arbeiter haben 361 am jenſeitigen Ufer heute zu thun und brauchen nicht zu wiſſen, was hier vorgeht. Auch die Schiffer und Fiſcher drüben ſollen noch kein Wort davon erfahren. Vormäher, Du ſchaffſt einige Bund Stroh hierher, aber ohne alles Aufſehen, und für den Abend, ſo bald es dunkel wird, beziehen wir die Wache. Wir ſind drei Männer und da können wir uns von zwei zu zwei Stunden ablöſen. Sechs Stunden iſt es jetzt nur Nacht. Fällt dann ein Schuß von dem Poſten, ſo kommen die Uebrigen herbei und ich werde ſchon ſorgen, daß auf mich wenigſtens kein Menſch zu lange zu warten braucht.“ So gingen ſie denn für's Erſte beruhigt nach Hauſe und nahmen ein kräftiges Frühſtück ein, wor⸗ auf Herr von der Oehe drei Briefe ſchrieb, von denen er mittelſt des erwähnten treuen Knechtes einen nach Gingſt ſchickte, um den dort ſtationirten Gensdarm zu requiriren, und von da den zweiten nach Bergen, um der nächſten Behörde Anzeige von dem neuen Angriff auf ſein Eigenthum zu machen. Den Dritten an ſeine Freunde gerichteten Brief aber legte er bis zum anderen Morgen zurück, da ihn der Statthalter ſelber in aller Frühe nach der Lenz und Grünthal beſorgen ſollte, indem er an dieſem Tage auf der Oehe ſelbſt noch hülfreiche Hand leiſten mußte. 362 Guſtav Steinau erbot ſich auch, ſelbſt nach der Lenz zu fahren, aber Herr von der Oehe ſprach ſich dagegen aus.„Nein,“ ſagte er,„Sie kann ich hier beſſer gebrauchen und das Fahren geht mir zu lang⸗ ſam. Vormäher reitet trotz ſeines Alters wie ein Sportsman und hält den Ritt hin und zurück an einem Tage aus. Dann haben wir ihn die Nacht wieder hier und auch meine Freunde ſind zeitig ge⸗ nug benachrichtigt, um noch am Abend eintreffen zu können. Darum ſoll er mein Bote ſein; Sie aber ſind mein Adjutant und bleiben hier. Außerdem dürfen Sie nicht vergeſſen, daß jetzt auch zwei Damen die Oehe bewohnen, die wir beſchützen müſſen und die kein Wort von Allem erfahren dürfen, was hier vorge⸗ fallen iſt, ſonſt laufen ſie in der erſten Stunde davon.“ „Fräulein von Kulpen ſieht mir nicht danach aus, als ob ſie gleich davon laufen würde.“ „Oho!“ rief der alte Herr ſtolz,„ſie ſtammt aus Oehe'ſchem Blute und da verſteht ſich das von ſelbſt. Aber die Andere möchte ich auch nicht gern verlieren und ſie iſt eine Taube, die davon fliegt, wenn ein kleiner Junge in die Hände klatſcht.“ Nachdem die beiden Briefe nach Gingſt und Ber⸗ gen abgeſandt waren, begaben ſich die drei Männer, kurz bevor die Damen ſichtbar wurden, wieder nach dem Dornbuſche, wohin der Statthalter unterdeß das Stroh und die zum Graben nothwendigen Handwerk⸗ zeuge geſchafft. Hier hatten ſie ſich ſehr bald über den Punkt geeinigt, von wo man am beſten den Strand und die See nach Weſten überblicken konnte, und bald grub Jeder an der ihm zugewieſenen Stelle nach beſten Kräften den lockeren Boden auf. Schon nach einer Stunde fleißigen Hackens und Schaufelns ſahen ſie ihr Werk merklich gefördert und trotzdem zwei von ihnen in dieſer Art Arbeit wenig oder gar nicht geübt waren, merkte doch der Statt⸗ halter keinen Unterſchied zwiſchen ihnen und ſich, da der gute Wille und ihr Eifer den Mangel ihrer natür⸗ lichen Kräfte erſetzte. „Bis Nachmittag müſſen wir damit fertig ſein,“ ſagte Herr von der Oehe,„aber mir ſcheint es zu klein zu werden, da wir, je tiefer wir kommen, um ſo weniger ſchräg nach innen ſtechen dürfen, um das Nachſtürzen des Erdreichs zu verhüten.“ „Dagegen wende ich Bretter an,“ erwiderte der ſachverſtändige Statthalter,„und ich habe mir ſchon zu Hauſe die nöthige Anzahl zurecht gelegt. Danach habe ich auch das Maaß genommen.“ „Gut denn, ich ſtimme Dir bei, aber bequem muß 364 es ſein. Ein Menſch verlangt einen größeren Raum als ein Hund; auch tief genug, damit man ſich vor dem Winde bergen kann! Eben ſo wenig dürfen wir die Stufen vergeſſen, die gerade in der Höhe ange⸗ bracht ſein müſſen, damit des Wachenden Augen über den oberſten Rand reichen, ſonſt könnte er am Ende doch vom Waſſer her bemerkt werden.“ Der Statthalter verſchob ſein gefurchtes Geſicht zu einer Art heiteren Grinſens.„Warum, gnädiger Herr,“ ſagte er,„ſollen wir uns mit den Stufen quä⸗ len? Die ſind nicht ſo leicht gemacht, wie man ſich das denkt. Ich weiß etwas Beſſeres. Ich hole eine kleine Leiter, ſtelle ſie hinein und dann kann man be⸗ quem hinein und heraus und überdieß den Kopf ſo weit vorſtrecken, als es nöthig iſt.“ „Du biſt ein alter Practicus,“ ſagte der Beſitzer der Oehe beinahe vergnügt,„und ſo geh' nach der Scheune und hole die Bretter und die Leiter. Wir können jetzt nicht mehr zu Dreien graben und ſind ſchon faſt tief genug in die Erde dranam 4¹ Der Statthalter kroch ſogleich aus der Oeffnung und, entfernte ſich, um die ihm egeßenen Befehle auszuführen. Dicht bei den Scheunen begegnete er den beiden Damen, die neugierig fragten, wo die Herren ſeien. 365 „Die ſind am Dornbuſch,“ ſagte der Alte, mit der Hand dahin deutend,„und haben ſehr eifrig zu thun.“— Es ging gegen Mittag. Der leiſe Sprühregen, der am Morgen den Aufenthalt im Freien unange⸗ nehm gemacht, war vorübergezogen, aber der Himmel war immer noch trübe und die Sonne vermochte trotz aller Anſtrengung nicht durch den dichten Wolken⸗ ſchleier zu dringen. Die Damen, die ſich das lange Ausbleiben der beiden Männer, die ſogar zum zwei⸗ ten Frühſtück nicht im Hauſe erſchienen waren, nicht zu erklären vermochten, beſchloſſen nun, ſie bei der Arbeit aufzuſuchen, die ſie nach des Statthalters Aus⸗ ſage ſo ämſig beſchäftigte. So ſchritten ſie denn, ihre bequemen Morgenkleider noch etwas höher ſchürzend, durch das naſſe Gras auf dem kleinen Walle um die Inſel, ſuchten mit den Augen ſchon von Weitem die Männer, entdeckten ſie aber zu ihrer Verwunderung erſt, als ſie dem Dornbuſch ſchon ganz nahe gekommen waren, und noch dazu tief in die Erde vergraben. Guſtav Steinau hatte ſich gerade auf den Boden der Grube gebückt, um einen Stein aus der Erde zu heben, und Herr von der Oehe ſtand, auf ſeinen Spaten gelehnt, daneben, um ſich ein Weilchen zu ruhen, als Letzterer von der Ummanzer Seite her die Damen langſam heranwandeln ſah. 366 „Aha!“ rief er ihnen entgegen, die Mütze aus dem Loche emporſchwenkend,„wollt Ihr uns helfen? Ja, ja, da ſind wir und Ihr braucht nicht ſo erſtaunte Geſichter zu machen, wir ſind es ſelber und haben unſer Mittagbrod wacker verdient.“ „Aber mein Gott,“ rief die ſchöne Nichte, nach⸗ dem ſie den Oheim begrüßt hatte und, nahe heran⸗ tretend, nun auch Guſtav Steinau gewahrte, der eben den Stein über den Rand der Grube warf,„aber mein Gott, Onkel, was macht Ihr denn da? Sucht Ihr etwa den alten Schatz, der auf der Oehe vergraben ſein ſoll, oder wollt Ihr einen neuen darin verſtecken?“ „Es iſt möglich, daß hier einer gefunden wird,“ ſagte der alte Herr mit einem Anflug von guter Laune, die ſich heute zum erſten Mal bei ihm einſtellte,„wollt Ihr uns ſuchen helfen?“ „Nein im Ernſt, lieber Onkel,“ fuhr Guſtava fort, „was macht Ihr da?“ „Du ſiehſt es ja, Kind, es wird eine ſehr gute Kartoffelgrube.“ „Eine Kartoffelgrube? So weit vom Hauſe ent⸗ fernt und jetzt ſchon, lange bevor die Kartoffeln reif ſind? O, das iſt doch nicht gut möglich!“ „Herzenskind, was iſt nicht Alles möglich! Dieſes aber iſt ſogar gewiß!“ 367 „Aber dazu ſind ja genug Leute vorhanden, war⸗ um bemühſt Du Dich mit Herrn Sternberg dabei?“ „Guſtava, wozu haben wir unſere Hände von Gott empfangen, he? Sieh, es macht uns Vergnügen.“ „Ja, aber es ſetzt Euch auch in Schweiß. Du ſiehſt ganz erhitzt aus und denkſt gewiß nicht an Dein Aſthma.“ „Oho! Jetzt iſt keine Zeit, an's Aſthma zu denken. Sieh, ich habe heute ſo viel Luft wie Aeolus, und was meinen Schweiß betrifft, ſo ſieh' einmal unſern Dichter an, der ſchwitzt noch mehr und er thut es doch gern, nicht wahr?“ „Sehr gern!“ erwiderte Guſtav Steinau, ſofort wieder weiter arbeitend, nachdem er ſein Auge an dem holden Geſicht ſeiner Verbündeten eine Weile gelabt. Guſtava ſah geraume Zeit mit einer Art von Be⸗ klommenheit dem ununterbrochenen Schaufeln der Män⸗ ner zu. Unterdeß aber war Fräulein von Baſſenitz dem Statthalter, den ſie von Weitem mit Brettern beladen ſah, entgegengegangen und fragte ihn, zu wel⸗ chem Zwecke das Loch gegraben werde. „Ei,“ ſagte der ſchlaue Statthalter, indem er ſeine Laſt einen Augenblick auf der Erde ruhen ließ,„hat Ihnen der gnädige Herr das nicht geſagt?“ „Nein, er hat es uns nicht geſagt?“ „Nun ſehen Sie, dann werde ich es Ihnen auch wohl nicht ſagen dürfen.“ Und damit nahm er die Bretter wieder auf und trug ſie an den Ort ihrer Beſtimmung. Fräulein von Baſſenitz folgte ihm und winkte Guſtava zu ſich heran, die dicht am Rande der Grube ſtand und dem Schaufeln zuſah.„Guſtava,“ ſagte ſie leiſe,„hier muß etwas ganz Beſonderes vorgehen, ſte wollen uns nicht ſagen, warum ſie eine ſo ſeltſame Arbeit verrichten. Komm, laß uns gehen, wir ſtöͤren nur und erfahren doch nicht was wir wiſſen wollen.“ „Ei,“ erwiderte Guſtava ſchelmiſch,„wir ſtören durchaus nicht und ich denke es doch zu erfahren. Geh' Du nach Hauſe, ich komme mit den Herren nach.“ „Nein, wenn Du bleibſt, bleibe ich auch. Ich werde mich hier auf den Stein hinter den Dornbuſch ſetzen und leſen. Ich habe mein Buch in der Taſche.“ Sie ſagte und that es. Guſtava aber näherte ſich wieder den Männern, die eben ihre Erdarbeit vollen⸗ det hatten und nun an verſchiedenen Stellen die Bret⸗ ter einfügten. Als auch das geſchehen, wurde die kleine Leiter an der Waſſerſeite eingeſetzt und dann die ganze Grube mit Stroh ausgepolſtert. Nachdem man auch hiermit fertig, deckte man von beiden Seiten 369 Stroh darüber, ſo daß die neue Höhlung faſt wie mit einem Dache verſchloſſen war, das ſich jedoch kaum ſichtbar über den Boden erhob und der ganzen Um⸗ gebung ähnlich ſah, zumal überall Stroh und Halme des eben gemäheten Getreides abſichtlich umhergeſtreut wurden. Als auch das vollbracht, ſtiegen die Männer aus der Grube hervor, beſchauten vergnüglich ihr Werk, nickten ſich ihren Beifall zu und vertheilten die aus⸗ geworfene Erde rings herum auf den Acker, um einen vom Meere etwa ſpähenden Auge keine auffallende Er⸗ höhung darzubieten. „Jetzt,“ ſagte der alte Herr, ſich an die beiden Damen wendend,„wollen wir nach Hauſe gehen und uns in Staat werfen. Ihr ſehet, die Kartoffelgrube iſt fertig und wir können uns von der ungewohnten Arbeit ruhen.“ Er nahm ſeine Flinte und Jagd⸗ taſche, Guſtav Steinau eine andere und zwei Piſto⸗ len und ſo ſchickten ſie ſich zur Rückkehr nach dem Herrenhauſe an. Guſtava, die auf die Flinten und Piſtolen einen ernſten Blick geworfen, gerieth jetzt aus der Neugierde in größere Spannung. Sie ließ Fräulein von Baſſenitz abſichtlich mit dem Onkel vorangehen und ſchloß ſich dann Guſtav Steinau an, der zu errathen ſchien, daß Die Inſulaner. II. 24 jetzt ein Verhör über ihn verhängt werden würde, und daher mit niedergeſchlagenen Augen voller Er⸗ wartung neben der ſchönen Gefährtin herſchritt. „Herr Sternberg,“ begann dieſe mit leiſer Stimme aber ernſter Miene das vorausgeſehene Verhör,„jenes Loch wird im Leben keine Kartoffelgrube.“ Guſtav Steinau lächelte ſtill vor ſich hin, antwor⸗ tete aber nicht. „Haben Sie keine Antwort für mich?“ „Sie haben mich ja noch nicht gefragk,“ hieß es leiſe, aber ſchon viel vertraulicher zurück. „Ach ſo, ich muß alſo erſt direct fragen! Nun wohlan denn, Sie Geheimnißvoller, wozu ſoll die Grube dienen?“ „Können Sie ſchweigen?“ ſagte da plötzlich Guſtav Steinau mit einem ſehr ernſten Aufblick in das voll auf ihn gerichtete Geſicht der neugierigen Schönen. „Welche Frage! Sobald die Sache Ernſt iſt, wie mir jetzt faſt ſcheint, werden Sie mich zu jeder Theil⸗ nahme geneigt finden. Alſo wozu dient die Grube?“ „Sie dürfen mich aber nicht verrathen, wenn ich es ſage und überhaupt von unſerem ferneren Beginnen nicht die geringſte Notiz nehmen— verſprechen Sie das?“ „Ja, ich verſpreche es.“ „Nun gut, die Grube ſoll ein Schilderhaus vorſtellen.“ „Ein Schilderhaus? Wozu?“ „Zur Nachtwache.“ „Und, wer ſoll darin Wache halten?“ „Wir dtei nach einander, ich von zehn bis zwölf, Ihr Onkel bis zwei, der Statthalter bis vier Uhr.“ „Und warum?“ Guſtav Steinau erzählte mit wenigen Worten den nächtlichen Ueberfall und theilte auch die Beſchluͤſſe mit, die in Folge deſſelben gefaßt worden waren. Guſtava ſenkte die Augen auf die Erde.„O, ich verſtehe,“ ſagte ſie,„mein Onkel will ſein altes Vor⸗ haben ausführen, ich kenne ſeine Anſicht der Sache. Ich bedaure es von ganzem Herzen.“ „Was ſoll er anders thun?“ fragte Guſtav Steinau mit kühn erhobener Stirn.„Man läßt ihm keine Wahl. Und ergreift Einer von uns einen der Räuber, ſo wird ein für alle Mal Ruhe auf der Oehe eintreten.“ „Aber das iſt gefährlich, Herr Sternberg,“ ſagte Guſtava nachdenklich. „Nicht ſo wie es ſcheint. Ich für meine Perſon bin feſt entſchloſſen, auf den Mann Feuer zu geben, der eine Mordbrennerei oder eine Räuberei beabſich⸗ tigt, ſobald ich ſehe, daß er ſeinen Zweck erreicht. Darin liegt keine Gefahr.“ 24* 4 372 „Wollen Sie tödten?“ „Gott bewahre! Ich ſchieße mit Schrot, ſo daß der Thäter nur am Entlaufen gehindert wird.“ „Und wenn er Ihnen mit einer Kugel antwortet?“ „Daran denkt man nicht, wenn man ſeinen Poſten vertheidigt.“ „Alſo Sie ſind feſt entſchloſſen?“ „Völlig. Ich habe bexeits mein Wort gegeben.“ „Das iſt etwas Anderes, dann hilft mein Abrathen nichts mehr. Aber nehmen Sie ſich in Acht. Die Steinzanger ſind entſchloſſene und wilde Menſchen, ſo hat man mir immer geſagt.“ „Entſchloſſen ſind wir auch, aber nicht wild, und das ſcheint mir ein Vortheil gegen Jene zu ſein. Aber da ſteht Ihr Onkel ſtill— brechen wir ab.“ Die beiden Vorangehenden erwarteten am Schap⸗ roder Ufer die Nachkommenden und man ſchritt nun gemeinſam dem Hauſe zu, wo man ſich in einer hal⸗ ben Stunde um die Mittagstafel verſammelte, die dies⸗ mal bei Allen einen auffallenden Appetit zu befrie⸗ digen hatte. Tehntes Mapitel. Die erſte Nachtwache und die Viſion des Statthalters. Ruhe gab es an dieſem Tage im Herrenhauſe auf der Oehe nicht viel und am wenigſten gönnte ſie ſich der Hausherr ſelber. Er lief Trepp' auf und ab, ſorgte dafür, daß die Zimmer ſeiner alten Freunde im Stand geſetzt, ihre Landkleider, die ſie ſowohl hier wie auf der Lenz und in Grünthal ſich gegenſeitig bewahrten, aus dem Schranke geholt und auf die bekannten Stel⸗ len gelegt wurden, ordnete in Küche und Keller das Nöthige an und rief endlich ſeinen Adjutanten herbei, um noch einmal mit ihm die Erdgrotte zu beſuchen und noch mehr Sorgfalt auf die Gleichmachung des ſie umgebenden Erdreichs zu verwenden. Als ſie gegen Abend von dieſer Arbeit zurückkehr⸗ ten, ſahen ſie den Boten über den Kanal ſetzen, der 6* 374 nach Gingſt und Bergen geritten war. Herr von der Oehe ging ihm erwartungsvoll entgegen, ließ das müde Pferd von einem andren Knecht in den Stall bringen und hieß ihn dann in ſein Zimmer folgen, um nun mit klopfendem Herzen die Antwort auf ſeine Briefe zu vernehmen. 4 „Du haſt nichts Schriftliches, Fritze Niklas?“ fragte er den Boten, nachdem derſelbe ein Glas Wein hatte trinken müſſen, um ſich von ſeinem ſcharfen Ritte zu erholen. 8½ „Nein, gnädiger Herr, nichts Schriftliches. Der Gensdarm lag krank zu Bett und darf auch in den erſten Tagen nicht ausgehen, hat der Doctor geſagt.“ „Oho! Alſo ein Stillſtand im Gange des Ge⸗ ſgtzes!“ brummte der alte Edelmann verdrießlich.„Gut, dann müſſen wir uns ſelbſt beſchützen. Aber was ſagte man Dir in Bergen?“ Der Mann kratzte ſich verlegen hinter den Ohren. „Ha, ja!“ ſagte er,„in Bergen habe ich den Brief auf das Büreau gebracht und zur Antwort erhalten, daß man darüber höheren Orts berichten würde.“ „Und weiter nichts?“ rief der alte Herr, vor Staunen erbleichend.„Nichts als dieſe ſanfte Anwei⸗ ſung auf die Zukunft und vielleicht— die Ewigkeit?“ Fritze Niklas glotzte ihn verwunderungsvoll an. 375 „Nicht daß ich wüßte, nein, weiter gar nichts!“ ſagte er. Herr von der Oehe ſtand von ſeinem Stuhle auf, warf einen ſeltſam herausfordernden Blick auf Guſtav Steinau, der ruhig zuhörend am Fenſter ſaß, goß dann dem Boten noch ein Glas Wein ein und ſagte: „Fritze Niklas, trink aus; Du wenigſtens haſt Deine Schuldigkeit gethan. 6s iſt gut ſo— jetzt geh', pflege Dein Pferd und dann leg' Dich auf's Ohr. Adieu, mein guter Burſche!“ Als der Kutſcher das Zimmer des Herrn mit einem Kratzfuß verlaſſen, wandte ſich Letzterer zu ſeinem Gaſte und ſagte mit ironiſchem? Lachen, das aber bald in den Ausdruck eines grimmigen Zornes überging: „Da haben wir's! Der Gensdarm iſt krank! Haha! Als ob es nur einen einzigen auf der Welt gäbe! Nun, nun, die Herren Spitzbuben werden ſich wohl gedulden müſſen und dürfen nicht ſtehlen, bis der Doctor ſeinem Patienten das Ausgehen erlaubt. Don⸗ ner und Wetter, das nenne ich eine kräftige Handha⸗ bung der Geſetze!— Und was ſagt der Herr in Bergen? Auch nicht übel!„Er wird es höheren Orts berichten.“ Gut geſagt, auf meine Ehre! Ich hätte mir denken können, daß da keine Hülfe zu finden iſt. Halloh! Wenn das Fauſtrecht mit ſolchen ſtillen Augen betrachtet wird, ſo wollen wir unſere Fäuſte auch ein⸗ mal erheben. Baſta! Selbſt iſt der Mann, und wir auf der Oehe wollen ihnen zeigen, daß wir allein mit Räubern und Mordbrennern fertig werden können. Vormäher mag ſich rüſten! Um fünf Uhr reitet er ab und morgen Nacht, he, morgen Nacht, mein jun⸗ ger Freund, ſind wir acht Männer beiſammen, die, ſei es in Rath oder That, genügen werden, Alles zu voll⸗ bringen, was die Stunde verlangt. So, nun habe ich meine Galle ausgeſchüttet, nun fühle ich mich wieder munter— wohlan denn, kommen Sie, glätten wir unſere Geſichter und ſuchen die Damen auf, die wir heute über Gebühr vernachläſſigt haben. Punkt zehn Uhr aber, Sie wiſſen, beginnt Ihre Stunde, um zwölf meine, und wehe dem, der mir heute Nacht bis zwei Uhr zwiſchen die Finger geräth!—“ Die ſpäteren Abendſtunden waren gekommen. Die Geſellſchaft im Herrenhauſe hatte abgeſpeiſt und ſich dann in ein Zimmer der Damen zurückgezogen, wel⸗ ches jetzt zum gemeinſamen Sammelplatz für die Stunden nach Tiſche diente. Guſtav Steinau unter⸗ hielt die Damen, indem er ihnen irgend etwas vorlas und dazwiſchen ſprach; Herr von der Oehe aber, der ſonſt einer der Geſprächigſten geweſen, nahm nur mit 377 Unterbrechungen an dieſen Unterhaltungen Theil. Er ging unruhig auf und ab, machte die Runde im ganzen Hauſe, kam wieder zur Geſellſchaft zurück und ſah be⸗ ſtändig nach der Uhr, indem er die Zeit mit der Dun⸗ kelheit verglich, die ſich allmälig auf Land und See herabgeſenkt hatte. Seine Nichte verfolgte insgeheim alle dieſe Zei⸗ chen der Unruhe und Spannung, in denen der alte Herr verharrte, und ihr lebhafter als gewöhnlich ge⸗ färbtes Geſicht verrieth, daß auch in ihr das Blut nicht ſo ruhig wie ſonſt walle, ſondern daß ſie mit voller Theilnahme den Dingen entgegenſähe, die in der Entwicklung begriffen waren. Endlich zeigte die Uhr zehn Minuten vor Zehn. Länger konnte der alte Herr es nicht aushalten. „Meine Damen,“ ſagte er,„ich muß Euch heute früher als gewöhnlich verlaſſen. Ich will morgen früh aufſtehen und bedarf alſo der Ruhe. Gute Nacht!“ Guſtav Steinau ſtand auch auf und empfahl ſich ebenfalls. „Wie!“ rief Fräulein von Baſſenitz verwundert,„Sie wollen auch ſchon zu Bett gehen, Herr Sternberg?“ „Nein, mein gnädiges Fräulein, ich habe noch einige nothwendige Briefe zu ſchreiben und da ich auch früh aufſtehe, ſo—“ „So müſſen Sie auch früh ſchlafen gehen! Nun, X ——— 378 mein lieber Couſin,“ wandte ſie ſich zu Herrn von der Oehe,„ich muß geſtehen, der heutige Tag hat ſehr ſonderbar begonnen und endet nicht weniger ſonder⸗ bar. Ich will hoffen, daß Du mehr Ruhe bekommſt, wenn Deine Freunde hier ſind und dann werden wir ja auch wohl einige Herren finden, die nicht um zehn Uhr ſchon ihre Briefe zu ſchreiben haben.“ Dieſer ſcherzhafte Ausfall gegen Guſtav Steinau nöthigte Dieſem noch einige entſchuldigende Worte ab, als Herr von der Oehe ihn am Arme ergriff und mit den Worten:„Brechen Sie ab, brechen ſie ab, Sie bekommen doch kein Recht!“ nach der Thür zog. Jetzt aber trat Fräulein von Kulpen ihm in den Weg.„Lieber Onkel,“ ſagte ſie,„erlaube wenigſtens auch mir, Dir und Herrn Sternberg eine gute Nacht und recht viel Ausdauer und Glück bei der Arbeit zu wünſchen! Gute Nacht, meine Herren!“ „Was?“ flüſterte der alte Herr, als er Guſtav Steinau glücklich auf dem Flur hatte,„was ſagte ſie da von Ausdauer und Glück bei der Arbeit? Und warum betonte ſie denn das ſo? Wahrhaftig, ich glaube, ſie hat unſre Arbeit errathen— doch das konnte ich mir ja denken, ſie iſt eine Oehe! Haha!“ „Ich glaube es auch,“ ſagte Guſtav Steinau ganz leiſe und folgte dem ſchnell gehenden Wirth in deſſen 4 379 Arbeitsſtube. Hier nun wechſelte er raſch die ſchon bereit gelegten Kleider und dann bewaffnete ihn Herr von der Oehe auf das Vollſtändigſte zu ſeinem nächt⸗ lichen Wachtdienſt. Guſtav erhielt eine Doppelflinte, deren einer Lauf mit einer Kugel, der andere mit grobem Schrot geladen war, zwei Piſtolen und die Jagd⸗ taſche mit dem Tubus, der die ganze Nacht bis zum Morgen bei den Wachthabenden bleiben ſollte. Zum Ueberfluß mußte er auch noch den alten Säbel um⸗ ſchnallen und als er alſo gerüſtet daſtand, betrachtete ihn Herr von der Oehe mit um ſo größerem Wohl⸗ gefallen, als der junge Mann Alles ruhig mit ſich hatte vornehmen laſſen, was der alte Herr zu dem wichtigen Zwecke für unumgänglich befunden. Noch eine zuſammengerollte wollene Decke und den alten Reiſepaletot über den Arm nehmend, ſchritt Herr von der Oehe vor die Thür, denn er hatte ſich vor⸗ genommen, den erſten Wachthabenden bis an Ort und Stelle zu geleiten. Als dies aber geſchehen, kehrte er raſch in das Haus zurück, ſtellte ſeine Weckeruhr auf fünfzehn Minuten vor Mitternacht, ſchraubte ſeine Lampe niedrig und ſtreckte ſich völlig angekleidet auf ſein Sopha hin. Nachdem er nun eine wollene Decke über ſeinen Körper gezogen, faltete er zum allabend⸗ lichen Gebet die Hände, ſeufzte einmal tief auf und ——y—— —— 380 zwei Minuten ſpäter war er in den feſteſten, ruhigſten Schlaf geſunken, als wäre ſeine Seele im Laufe dieſes verhängnißvollen Tages nicht im Geringſten beun⸗ ruhigt worden. Die Nacht, die auf den eben beſchriebenen Tag folgte, ſollte etwas unfreundlicher noch als die vorige werden, und gerade für die drei einander folgenden Wächter keine angenehmen Eigenſchaften beſitzen. Noch in der vorigen Nacht hatte Guſtav Steinau zu Herrn von der Oehe geſagt:„ich höre den Wind gern blaſen und pfeifen, wenn ich im Bett liege,“ und nun ſollte er die Erfahrung machen, wie dieſer Wind bläſt und pfeift, wenn man ſeiner Einwirkung bei nächtlicher Weile im Freien ausgeſetzt iſt. Als Guſtav Steinau wenige Minuten nach zehn Uhr an den Strand des Steinorts gelangte, war der Himmel über ihm ziemlich ſternenklar, aber ein brauſen⸗ der Nordweſter jagte über die Gewäſſer und trieb dann und wann die ſeltſamſten Wolkenbildungen über das flimmernde Firmament. Jeden Augenblick glaubte un⸗ ſer Freund, dieſe dunkelgrauen, dämoniſch geſtalteten hin und her flackernden Wolken würden ſich in einem tüchtigen Regenguß herabſenken, aber immer wälzte der zunehmende Wind ſie weiter und weiter und ließ 381 4 ſo den Himmel von Zeit zu Zeit wieder in ſeiner ſter⸗ nenklaren Bläue hervortreten. War der Himmel nun aber ſchon von ſchnell dahin getriebenen Luftgebilden in fluthender Bewegung, ſo ſtellte ſich die See noch weit ſtürmiſcher und aufge⸗ regter dar. Hohe Wogen rollten brauſend von Weſten heran, ſtürzten am Strande wüthend über einander her und ſchlugen dumpf dröhnend an den ſteinreichen Strand, der gerade in dieſer Nacht Guſtav Steinau einen Beweis ſeiner Widerſtandsfähigkeit und der Nütz⸗ lichkeit der aufgethürmten Felſenſtücke lieferte. Es war ein erhabener und unſern dichteriſchen Freund tief eingreifender Genuß, in dieſer Nacht an dem einſamen Strande zu ſtehen und die ewige Bewe⸗ gung der wie lebendige Weſen ſich geberdenden Waſſer⸗ berge zu betrachten. Hoch auf ſpritzte der weiße Schaum weit über den kleinen Wall hinweg, der die Inſel umſäumte, und wo der bloße Sand dem gefräßigen Elemente erreichbar war, da wühlte es gierig ganze Strecken auf, bald mit Gebrüll, bald' mit ziſchendem Pfeifen die Beute verſchlingend und wegführend. Länger als eine halbe Stunde blieb Guſtav Steinau in tiefe Betrachtung verſunken im Freien ſtehen, dann aber durchſchauerte ihn der kalte Wind und er ſtieg vorſichtig in die warme Höhlung hinab, ſtellte ſeine ——————— Waffen in eine Ecke zur Hand und begab ſich dann auf die Lauer, indem er auf der unterſten Leiterſproſſe Fuß faßte und, die Mütze tief in die Stirn gedrückt, nur ſeine Augen über den Rand der Grube erhob, die von der kleinen Anhöhe aus, auf der ſie lag, den Blick ſelbſt über den Wall hinaus erlaubte. Guſtav geſtand ſich ein, daß er ſobald keine poe⸗ tiſchere Nacht verlebt habe. Zu ſeiner Rechten lag. das Badezelt im Waſſer, zu dem eine etwa ſechszig Fuß lange Brücke, aus zwei ſtarken Eichenbohlen be⸗ ſtehend und auf mächtigem Pfahlwerk ruhend, kühn hinaus in die See lief. Hier tobte die Brandung am ſtärkſten, denn hier war der Meeresgrund flach und die Wogen konnten ſich, indem ſie mit ihren weißen Schaumkronen blitzſchnell über die Eichenplanken rollten, mit voller Macht über die Steine ſtürzen, die an dieſer Stelle durch die Natur und künſtliche Nachhülfe feſt in einander gefügt waren. Auf dieſes Badezelt war die Hauptaufmerkſamkeit des Wachenden gerichtet, denn wenn die Diebe in dieſer Nacht einen Ueberfall beabſichtigten, konnten ſie bei dem herrſchenden Winde nirgend anders als am Badehauſe anlegen— und auch das war eine ſchwierige Sache, da die Brandung zu heftig peitſchte und der Wind zu ſtürmiſch blies. Je weniger nun Guſtav ——ÿ—— 383 Steinau ſelbſt an eine Störung in dieſer Nacht glaubte, zumal da erſt in der vorigen ein Ueberfall ſtattge⸗ funden, um ſo eifriger konnte er ſich den Betrach⸗ tungen der äußeren Vorgänge und dann ſeinen Ge⸗ danken überlaſſen, die nie in ſo ſüßer Poeſie ſchwelgten wie in dieſer Nacht, wozu ihm allerdings auch man⸗ cher Anlaß in ſeinen jetzigen Verhältniſſen auf der Inſel geboten war. Dieſe Gedanken nun wollen wir nicht verfolgen, vielmehr nur einfach berichten, was er mit ſeinen ſcharfen Sinnen wahrnahm und wie ſeine Wache im Allgemeinen verlief. Selbſt weniger gute Augen, als ſie unſer Wacht⸗ habender beſaß, hätten um dieſe Stunde der Nacht den ganzen Umkreis von See und Land ziemlich genau durchforſchen können. Sogar die Umriſſe der ferneren Landſpitzen zeichneten ſich erkennbar genug ab, und nur die Inſel Hiddens⸗öe verſchwand in einer dunklen Nebelſchicht, der die Nacht eine geheimnißvolle Fär⸗ bung verlieh. Schiffe aber waren, ſo weit das Auge des ſcharf auslugenden Mannes reichte, nirgends wahr⸗ zunehmen, auch war wohl nicht vorauszuſetzen, daß ſie ſich bei dem herrſchenden Winde in die Nähe des ſtein⸗ reichen Ufers wagen würden. Eine Stunde war während der Betrachtung aller dieſer äußeren Verhältniſſe dem einſaitten Beobachter 384 ſehr raſch vergangen; die Scenerie war ihm zu neu und zu unterhaltend, und indem er ſie wiederholt ſei⸗ nem Gedächtniſſe einprägte, um auch für die Zukunft ſich ein Bild davon zu bewahren, merkte er den eiligen Flug der Minuten kaum. Erſt die zweite Stunde ließ ihn erkennen, daß man ſich auch an einem ſo in⸗ tereſſanten Schauſpiele ſatt ſehen könne und daß es am Ende dieſes Genuſſes viel angenehmer ſei, ſich auf einen bequemen Stuhl in einem geſchloſſenen Zim⸗ mer niederzulaſſen, als unbeweglich an einer und der⸗ ſelben Stelle und noch dazu auf einer Leiterſproſſe zu ſtehen und den Wind aus erſter Hand über ſeinen Kopf hin pfeifen zu hören. Allein geduldig hielt er auch die zweite Stunde aus und erſt als er Punkt zwölf Uhr die Schritte des quer über das Feld ſchreitenden alten Herrn ver⸗ nahm, ſtieg er aus ſeinem unterirdiſchen Verließe her⸗ vor und ging ihm mit der Meldung entgegen, daß er nichts geſehen habe und daß ſeine Wache völlig un⸗ geſtört verlaufen ſei. „Das iſt gut, das iſt gut,“ ſagte der alte Herr fröhlich.„Nun gehen Sie nach Hauſe und legen Sie ſich auf's Ohr, damit Sie morgen hübſch munter ſind und die Damen keine Einbuße durch unſre Wa⸗ chen erleiden.“ 383 „Soll ich Ihnen nicht noch ein Stündchen Geſell⸗ ſchaft leiſten? Ich bin nicht müde!“ fragte Guſtav Steinau gutmüthig. „Nein, nein, ich will mir ſchon die Zeit vertreiben. Gehen Sie nur— wo ſind die Gewehre?“ „Hier iſt die Flinte und hier ſind die Piſtolen.“— Einige Minuten ſpäter hatten ſie ſich gute Nacht geſagt und Guſtav Steinau war bald den Augen des ihm eine Weile nachſehenden alten Herrn entſchwun⸗ den. Jetzt erſt wandte ſich dieſer dem Meere zu, prüfte Nähe und Ferne und da er nichts fand, was ſeine Aufmerkſamkeit erregte, ſo zog er es vor, ſich in ſeinen Paletot zu hüllen und vorſichtig auf der Leiter nach dem Strohlager hinabzuſteigen. Kaum hatte er hier eine Weile ſeinen⸗Poſten ein⸗ genommen, ſo merkte er, daß eine Veränderung erſt in den oberen und dann auch in den unteren Luft⸗ ſchichten vorging. Der Wind ließ bedeutend nach, die Wolken jagten ſich nicht mehr mit dem früheren Un⸗ geſtüm und ſelbſt die Brandung donnerte nicht mehr ſo gewaltig; im Laufe einer Stunde ſpritzte ſogar der Schaum nicht mehr über die Planken, die nach dem Badezelte führten, und es blieb nur noch ein ſtrammer Wind zurück, wie ihn der Seemann gern hat, wenn er auf eine Unternehmung ausgeht. 5 Die Inſulaner. II. 25 —— — 6 386 Der alte Herr nahm von allen dieſen Vorgängen die genauſte Kenntniß und wandte ſein Auge nur um ſo aufmerkſamer der See zu. Daß er dabei nicht ſo poetiſch geſtimmt war als ſein junger Gaſt, brauchen wir wohl kaum zu erwähnen. Er hörte wohl eben ſo gut die See brauſen und den Wind pfeifen, er ſah die Spitzen der Wellen tanzen und ſpringen und im⸗ mer zuletzt das Land benagen, aber er dachte nicht im Geringſten daran, alle dieſe Erſcheinungen in einen Vergleich mit dem menſchlichen Leben, noch weniger das eigene Ich mit dem eines Anderen in Berüh⸗ 33 rung zu bringen. Nein, er ſah nur ſcharf hinaus in's Freie, ob kein Schiff komme, kein Mann an's Land ſpringe, um eine neue Frevelthat auszuführen, und dachte nur daran, wie er auf ihn losgehen, ihn lahm ſchießen, ergreifen und endlich vor Gericht ſtellen würde, um ſeine Beſtrafung zu beantragen. Aber ach! auch dieſe Hoffnung ſollte nicht in Er⸗ füllung gehen und ſich vor der Hand als ein eben ſo 4 4 weſenloſes Luftgebilde erweiſen, wie es auch Guſtav Steinau, wenn gleich in anderer Art und Weiſe, vor) kurzer Zeit an demſelben Orte vorgeſchwebt hatte. Endlich waren auch die nächſten beiden Stunden abgelaufen und der alte Statthalter kam mit ſchwer⸗ 1 fälligem Tritte daher, um ſeinen Herrn abzulöſen. 387 Dieſer wechſelte nur wenige Worte mit ihm, gab ihm die Waffen, machte ihn auf den Tubus aufmerkſam, den er noch kurz vorher nach dem Auge des Statt⸗ halters geſtellt, und ging dann nach Hauſe, dem treuen Diener eine gute Nacht wünſchend. Als dieſer ſeine Wache antrat, war die Nacht, wie immer kurz vor Tagesanbruch, am dunkelſten, jedoch lichtete ſich gegen drei Uhr der Horizont und im Oſten ſtieg ſogar ſchon eine matt gelbliche Färbung empor, obwohl noch mehr als eine Stunde bis zum Aufgang der Sonne verſtreichen mußte. Der Statthalter hatte ſich nicht lange im Freien aufgehalten, denn er war von froſtiger Natur wie faſt alle Landleute, wenn ſie im Freien ſind und keine Arbeit zu verrichten haben, die ſie warm erhält; er war bald in die Grube ge⸗ krochen, hatte ſich in eine wollene Decke gehüllt und ſtand nun auf der Leiter, aber eine Sproſſe höher als ſeine Vorgänger, da er bei Weitem kleiner war. Trotzdem ragte ſein Kopf nur bis zu den Augen über den Boden hervor und es wäre ſelbſt bei hellem Tage einem am Strande Landenden unmöglich geweſen, die⸗ ſen Kopf zu entdecken, den überdieß eine graue Pelz⸗ mütze bekleidete, die ſich in der Farbe in nichts von der umgebenden Erdoberfläche unterſchied. Es mochte drei Uhr ſein, als der Statthalter die 25* .————ööoͤöooͤoooſſſſſſſſſ 8 ———y* 388 Bemerkung machte, daß der Wind auffallend abnähme und ſogar die Neigung verrieth, nach Oſten umzu⸗ ſpringen. Noch wogte zwar das Meer in ganz hüb⸗ ſchen Wellen auf, ihre Spitzen waren auch noch mit weißem Schaume gekrönt, aber das Pfeifen des Win⸗ des im nahen Dornbuſch ließ ſich ſchon gar nicht mehr hören. Zugleich ſah er auch die Nacht mehr und mehr ſchwinden, das Grau des Himmels wurde lich⸗ ter, die Sterne erbleichten und die Umriſſe der Ufer traten überall deutlicher hervor. Unbeweglich ſtand der alte Mann auf ſeiner Leiter und ſah dieſen Vorgängen in der Natur mit ſtiller Verwunderung zu, denn ſo ungeſtört und unbeſchäf⸗ tigt hatte er denſelben faſt nie in ſeinem Leben bei⸗ gewohnt. Aber da ſollte etwas Seltſames, nie Er⸗ lebtes vor ſeinen Augen vorgehen und ſeine ſtille Verwunderung in ein gränzenloſes Staunen verwan⸗ deln. Die düſteren Umriſſe der drei Viertelmeilen entfernten Inſel Hiddens⸗öe, die nach Süden hin kaum ſichtbar über den Waſſerſpiegel hervorragte, erhoben ſich plötzlich vor ſeinen Augen hoch in die Luft, nah⸗ men gigantiſche Formen an, rückten erſt unruhig hin und her und ſtanden dann kaum eine Viertelmeile weit vor ihm mitten im Meere, als wäre eine neue Inſel plötzlich aus dem Schooße des Waſſers aufge⸗ 389 taucht, wie etwa ein mächtiger Zauberer dergleichen im Feenmärchen entſtehen läßt. Aber noch nicht ge⸗ nug mit dieſer Erſcheinung! Vor der ungeheuren neuen Inſel, die ihre Häuſer und Bäume in den grauen Morgenhimmel hineinhob, tauchten mit einem Male zwei rieſige Schiffe auf, die ungeſtüm hin und her ſchlingerten und wovon das eine ſeinen Schnabel gerade gegen das Geſicht des Statthalters gerichtet hatte, als wollte es auf ihn losgehen und ihn für ſeine Wagehalſigkeit ſtrafen. u Den alten Mann überlief ein Gefühl namenloſer Angſt und ein eiſiger Schauer ſchüttelte ſeine Gebeine. Was war das, was konnte es ſein? Ach, er wußte 8 freilich nicht, was es war; was er aber für eine Zau⸗ berei, ein Wunder oder eine übernatürliche Viſion hielt, vor der der Menſch furchtſam im Staube win⸗ ſeln müſſe, war nichts als eine ſehr natürliche Erſchei⸗ nung, eine Art Fata Morgana, eine Luftſpiegelung, die kurz vor Sonnenauf⸗ oder Untergang auch in dieſer Gegend nicht gar zu ſelten wahrgenommen wird. Je weniger der Statthalter aber das ungeheure nie geſehene Bild ſich erklären konnte, um ſo heftiger wirkte daſſelbe auf ſeine Phantaſie ein und ſein Ge⸗ 4. müth ward in eine Aufregung verſetzt, wie er ſie wohl noch nie zu überſtehen gehabt. Bei der geringen Bil⸗ dung, die er beſaß, ging dieſe Aufregung nur zu bald in Furcht über, die zuletzt ſo ſtark wurde, daß ſeine Zähne klapperten, ſeine Kniee bebten und ſein Blut faſt zu Eis gerann. Aber mit krampfhaftem Griff hielten ſeine Hände die Leiter feſt und, wie ein Mann es auch unter ſolchen Umſtänden ſoll, blieb er ſtand⸗ haft auf ſeinem Poſten aufrecht ſtehen. Seine Angſt ſollte jedoch auch nur wenige Minu⸗ ten dauern. So raſch die Erſcheinung gekommen war, das Bild der unbekannten Inſel ſich gehoben und zu ſeinem vollen Umfang ausgebildet hatte, ſo raſch ſank es auch wieder in ſich ſelbſt zuſammen und bald ſah der gute Vormäher das alte Hiddens⸗öe wie⸗ der ſo weit von der Oehe entfernt in See liegen wie gewöhnlich. Aber was war das? Die beiden ungeheuren Rie⸗ ſenſchiffe waren freilich mit der Inſel verſchwunden, jetzt aber, jetzt tauchte plötzlich mitten im Fahrwaſſer ein Schiff mit vollen Segeln in natürlicher Größe auf und— nein, es war ſchon nicht mehr ein Schiff, auch ein zweites, viel kleineres, augenſcheinlich nur ein Boot, ſegelte ſeitwärts vor jenem her und richtete ſeinen Bug ſogar der Inſel Oehe zu, während das große in weiterer Entfernung auf und ab kreuzte, jedoch immer mehr ſich dem Norden als dem Süden zuwandte. eilfertig hinter ihm her, von Zeit zu Zeit einen lau⸗ ten Fluch ausſtoßend, aber es gelang ihm nicht ſo⸗ gleich und ſo kam er etwa auf zwanzig Schritte dem Statthalter nahe, der ſein Auge voller Spannung und faſt mit Schrecken auf den hutloſen Mann ge⸗ richtet hielt, deſſen langes, dunkles Haar wild um den Kopf flatterte... Als er in der genannten Entfernung vom Statt⸗ halter angekommen war, hatte er den verrätheriſchen Hut erreicht, ſchnell einen Fuß darauf geſetzt und nun bückte er ſich zur Erde, um ihn flugs wieder aufzu⸗ heben. Bei dieſer Bewegung kam ſein Geſicht faſt in eine Linie mit den Augen des Statthalkers und als dieſer, der jeden Schritt des Fremden verfolgte, jetzt dieſes Geſicht ſo dicht vor ſich ſah, war er wie von einem tödtlichen Schrecken erfaßt und außer Stande, ein Glied zu rühren, viel weniger aber noch dem Fremden mit ſeiner ſicheren Waffe entgegenzutreten. Aber was war es, was dieſen Schrecken in dem ſo muthigen Statthalter hervorrief, was ſeinen Lippen einen gepreßten Angſtſchrei abzwang und ihn endlich alle Verſprechungen vergeſſen ließ, die er für einen ähnlichen Fall ſeinem Herrn mit Mund und Hand ge⸗ lobt hatte? War es noch die Nachwirkung der über⸗ natürlichen Erſcheinung, die er erſt kurz vorher wahr⸗ 396 genommen und mit welcher er den jetzigen Auftritt im Bunde ſtehend glaubte? Oder hatte er das Ge⸗ ſicht des Mannes erkannt und hatte dies eine ſo große Aufregung in ſeinem Herzen hervorgerufen? Der Statthalter ſelbſt hätte im erſten Augenblick keine Auskunft über dieſe Fragen geben können, ſo verworren waren ſeine Gedanken, ſo heftig pochte ſein Herz, und es mochte ihm gewiß nicht angenehm ſein, daß gerade in dieſem kritiſchen Zeitpunkte vom Ge⸗ höft her ſich das erwachende Leben ſeiner Bewohner vernehmen ließ. Denn plötzlich bellten die Hunde, die Kühe brüllten, Peitſchen knallten und die auf das Feld eilenden Knechte riefen ſich deutlich vernehmbare Worte zu. Wenn der fremde Mann am Lande auch nicht ge⸗ neigt geweſen wäre, bei dieſen für ſeine Erwartungen zu früh erwachenden Lauten ſich nach dem Boote zu⸗ rückzuziehen, ſo mahnte ihn doch das ſchrille Pfeifen der im Boote Zurückgebliebenen lauter und lauter, daß es die höchſte Zeit dazu ſei. Wild fluchend und mit bei⸗ den Fäuſten nach dem Gehöfte hin drohend, wandte ſich daher der Fremde nach den Planken der Brücke, ergriff ſeine Stange und wenige Seeunden ſpäter ſchwang er ſich wieder in ſein Boot, welches ſogleich den Anker lichtete, das Steuer drehte und in den —— Wind nach Südoſten hinüberſchoß, um dem großen Schiffe zuzuſegeln, das immer noch in der Ferne kreuzte und offenbar die nach dem Lande Abgeſandten erwartete. Jetzt erſt kam der Statthalter wieder zu Athem. Laut aufſeufzend ſtieg er von der Leiter herunter, warf die Flinte nieder, ſetzte ſich auf das Stroh und bedeckte ſich die Augen mit der Hand, als wollte er zur Ruhe gelangen, um bedächtiger über das eben Geſehene und Erlebte nachdenken zu können. „Was war denn das?“ fragte er ſich nach einer Weile.„Träume ich oder wache ich? Aber warum war ich denn hier? Sollte ich nicht auf die Diebe ſchießen und einen von ihnen fangen? Aber wie, der Mann, den ich geſehen, er that ja nichts, und bevor er etwas thun konnte, was mir ſeine Abſicht näher verrathen hätte, eilte er wieder von dannen. O, ge⸗ wiß hatte er ſich verſpätet oder der Wind hatte ihn nicht früher an unſere Inſel gelaſſen, deren Strand ſo gefährlich iſt, wenn der Wind ſtramm aus Weſten weht. Aber dies Geſicht— o mein Gott, mein Gott! Ich habe es nur einen Augenblick geſehen und doch — war es nicht, als ob mich ein Keulenſchlag mitten auf den Kopf dabei getroffen und mich an— an— o wer weiß es Alles mit einem Worte zu ſagen— ☛ 398 erinnert hätte? Habe ich recht geſehen oder nicht? Nein, nein, nein, ich muß mich getäuſcht haben, wie ſollte es denn möglich ſein!“ Der alte Mann ſaß noch eine ziemliche Weile wie zerſchmettert in der Strohhütte, ohne ſich daran zu kehren, daß die Stunde ſeiner Wache längſt vorüber und das Boot ſchon weit von der Inſel entfernt war. Kopfſchüttelnd und wie gebrochen kletterte er endlich herauf, nahm die Flinte in die Hand, ſteckte den Tu⸗ bus und die Piſtolen in die Taſche und wankte, wie von der Wache übermüdet, nach dem Gehöft, wobei er weislich den Knechten aus dem Wege ging, die ihrer Arbeit auf dem Felde zuſchritten. Als er den Hof erreicht, ging er erſt in den Stall und ſattelte das Pferd, das ihn nach der Lenz und Grünthal tragen ſollte, und als dies geſchehen, wen⸗ dete er ſich mit zögerndem Schritte nach dem Herren⸗ hauſe, wo ihm Metke ſagte, der gnädige Herr ſei noch nicht aufgeſtanden. Noch einmal ging der Statthalter nach dem Stalle zurück, holte die in der Zerſtreutheit vergeſſenen Waf⸗ fen und als er damit wieder im Herrenhauſe eintrat, hörte er, der Herr ſei wach und habe bereits nach ſeiner Milch gerufen. Nicht fröhlich wie ſonſt, nicht innerlich zufrieden *, — 399 mit ſeiner Nachtarbeit, trat der alte Statthalter in das Zimmer ſeines Herrn, nein, einem Verbrecher nicht unähnlich wankte er hinein und wagte nicht, das Auge gegen den Mann außzuſchlagen, der, gerade mit dem Waſchen ſeines Geſichts beſchäftigt, ihm glücklicher Weiſe den Rücken zukehrte, ihn aber mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen lauten:„Guten Morgen, Vormäher!“ be⸗ grüßte.. „Nun, Alter,“ fuhr Herr von der Oehe fort,„was giebt es Neues? Haſt Du etwas geſehen?“ „Nein, Herr!“ antwortete dieſer mit halb gebro⸗ chener Stimme und hing die Gewehre an die Riegel neben der Thür. „Alſo es iſt Niemand gelandet?“ „Ach nein, Herr!“ Herr von der Oehe fiel das ſeltſame Schweigen des ſonſt ſo geſprächigen Mannes auf und er wandte ſich einen Augenblick nach ihm um.„Biſt du müde?“ fragte er freundlich. „O, das mag wohl ſein,“ erwiderte Vormäher, indem er ſich mit aller Anſtrengung bemühte, einige Worte zu ſprechen,„es wird aber beſſer werden, wenn ich erſt im Sattel ſitze. Den Fuchs habe ich ſchon geſattelt und ich erwarte nur, daß Sie mir Ihren Brief an die Herren geben.“ 400 „Dort liegt er, Alter, und nun tummle Dich! Ueber das Lietzower Waſſer wirſt Du nicht reiten können, es iſt jetzt zu hoch bei dem Wind; reite alſo über die ſchmale Haide. Wenn es Dir zu viel für einen Tag wird, ſo bleibe die Nacht in Grün⸗ f uan Meein, nein, Herr, es wird mir nicht zu viel, ich habe den Weg hin und zurück ſchon öfters an einem Tage gemacht. Meine Knochen ſind noch tüchtig und feſt.“ „Gut denn, handle ganz nach Deinen Kräften. Was Du den Herren ſagſt, weißt Du, und grüße ſie recht herzlich von mir und erzähle Alles, wie es iſt. Lebe wohl!“— Zehn Minuten ſpäter waren Reiter und Pferd über den Kanal geſetzt; der Statthalter ſtieg auf und ritt langſam durch Schaprode, von dort aus den kür⸗ zeſten Weg nach Bergen einſchlagend. Aber ach! Nicht ſo lebensmuthig und friſch wie ſonſt begann der alte Statthalter dieſen weiten Ritt. Nicht allein die Sorge, auch Gewiſſensbiſſe und oben⸗ drein ein ihm unerklärliches Geheimniß ſaßen mit ihm im Sattel. Erſt als er Schaprode hinter ſich hatte, hob er die Augen vom Halſe des Pferdes auf und ſchwer ſeuf⸗ zu ſich:„Ach, es ſcheint wirklich ſo, als inem guten Herrn eine Lüge geſagt— die meinem Leben— aber konnte, durfte ich ihm n ſagen, was ich erlebt und zu ſehen geglaubt; denn daß es wirklich ſo geweſen, wie es mir vorkam,. glaube ich nun und nimmermehr. Nein nein, ich glaube es nicht. Und wenn ich mich geirrt hatte, warum ſollte ich ihm denn meine Dummheit geſtehen? Und habe ich mich nicht geirrt, habe ich recht geſehen — warum ſollte ich den armen Herrn erſchrecken, ihn quälen, bevor ich noch darüber nachgedacht, wie ich meine Entdeckung verwerthen kann!— Hal da fällt 4 mir ein guter Gedanke ein. Ich werde Niemanden und am wenigſten meinem Herrn etwas davon ſagen. Erſt will ich es mir überlegen und dann will ich zu guter Stunde Herrn Brunſt mein Geheimniß anver⸗ trauen. Das iſt ein kluger Mann und er weiß Rath für Alles. Er hat auch Einfluß auf meinen Herrn und was er ihm räth, das thut er. Ja, ja, ſo ſoll es ſein, nun weiß ich, wie ich mich benehmen muß obi . 4 und nun, dicker Schelm, trabe einmal ein wenig zu, Du haſt noch einen weiten Weg vor Dir!“ f Nach dieſem halblaut geführten Selbſtgeſpräch ſtieß er ſeinem Fuchs die Ferſen in die Seiten und dieſer, eein kräftiges Thier, ſetzte ſich i in einen raſchen Trab, Die Inſulaner. II. 26 ſo daß bald Felder auf Felder hint blieben Um ſechs Uhr etwa wurde das Wetter licher. Die trüben Nebelſchleier am Himmel verzoß ſich, die Sonne drang ſiegreich herauf und der nach Oſten umſpringende Wind verſprach einen heiteren, ſonnenklaren Tag. liegen Alle dieſe äußeren Naturerſcheinungen, die in der Regel auf ein bedrücktes Gemüth heilſam wirken, hei⸗ terten auch den alten Statthalter wunderbar auf. Er holte ſeine Pfeife hervor, die ſchon geſtopft ihrer Er⸗ löſung aus der Satteltaſche harrte, brannte ſie an und indem er ſich nun ſagte, daß Alles zum Beſten ſich wenden und das Geheimniß oder der Irrthum— was es nun ſei— ſchon an den Tag kommen werde, erinnerte er ſich des ihm gegebenen Auftrags, ſchnell zu reiten, und ſo ließ er den Fuchs einen hübſche⸗ Galopp einſchlagen, der ihn bald ſeinem erſten Ziele näher brachte, das er in vier bis fünf Stunden, alſo lange vor Mittag, erreichen mußte, wollte er noch am Abend wieder anf der Oehe ſein, was er ſich feſt in den Kopf geſetzt hatte. „Und kommt er mir noch einmal ſo nahe wie heut',“ ſagte er ſich, als er ſo über die Felder galop⸗ pirte, wobei ſein Muth wieder allmälig wuchs,„einer⸗ —ꝑ—CQQ—Q—Qʒ——Q—Oẽ=m——nnnn 403 lei ob er ſtiehlt oder nicht, ob er brennt oder nicht, ſo ſchieße ich meine Flinte auf ihn ab, und ich bin ſicher, ſei es nun ein Geſpenſt oder der— Kerl ſel⸗ ber, den ich meine, daß nie eine Kugel ein beſſeres Ziel erreicht haben wird. Ende des zweiten Theils. Druck von Oswald Kollmann in Leipzig. Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind von demſelben Verfaſſer ferner erſchienen: Philipp Galeng Schriften: Baron Brandau und ssines Bnnzer⸗ 1 Aus den Papieren eines Arztes. 4. Theile in 2 Bdn. 8. geh. II. Auflage. 1861. 5 Thlr. 8. 92 9 Der Inſelkönig. Ein Roman in fünf Bänden. 8. geh. III. Auflage. 1858. 3 Thlr. 18 Ngr. Fritz Stilling. Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes. 4 Bände. 8. geh. II. Nuflager 1856. 4 Thlr. 15 Ngr. Andreas Burns und ſeine Familie. Geſchichtliches Lebensbild aus dem deutſch⸗däniſchen Kriege 1848— 1850. 4 Bde. 8. eleg. geh. 1856. 6 Thlr. 5 5 ſſer 5 Verfa 3 5