☛‿ ☛ 5 3——— 2— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher, und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und TCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 ] jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſſ en angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 8 auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2„=„ 3„=„ 1„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und b defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9 —— eeeeeeee Erstes Aapitel. Guſtav Steinan. Ohne Zweifel hat der Leſer ſchon einmal in ſeinem Leben eine jener traurigen Wohnungen betreten, die in einer von Menſchen überfüllten Reſidenz, drei Stock⸗ werke hoch, nach dem Hofe hinausliegen, in welche kein Sonnenſtrahl fällt, die kein Luftzug erfriſcht, in denen zur Sommerzeit eine beängſtigende Glühhitze, im Winter eine feuchte Moderkälte herrſcht und die nichts von der großen freien Welt da draußen erblicken laſſen, als ein winziges Stückchen blauen Himmels, nichts hören, als ein monotones Geräuſch fernen Wagen⸗ geraſſels und als überflüſſige Beigabe ſchließlich ein Pochen, Hämmern und Raſſeln von Handwerkzeugen, 1, die mit Tagesanbruch ihre Arbeit beginnen und ſelten damit aufhören, bevor die Nacht ibren dunklen Mantel Die Inſulaner. I. 1— 2 füber den engen ſchmutzigen Hof gebreitet hat. Doch nein, wir irren, es dringen bisweilen noch andere Laute, dem äußeren Leben angehörig, in dieſen höhlen⸗ artigen Raum: Nachts miauen und pruſten ein hal⸗ bes Dutzend Katzen um die Wette ihre ſchauerliche Muſik aus, bei Tage beißen ſich dann und wann mit mörderiſchem Geheul zwei Hunde, eben ſo neidiſch auf einander wie ihre benachbarten Herren, von denen keiner dem andern einen wohlgekleideten Kunden gönnt, und gegen Abend belebt ſich der Hof, indem ein wan⸗ dernder kupfernaſiger Invalide mit ſeiner Drehorgel kommt oder eine blinde Harfeniſtin mit ihrem zer⸗ lumpten Harfenträger, dem der Hunger und die Vaga⸗ bondenromantik grell aus den hohlen Augen ſtieren, aͤauftritt, drei endloſe ableiern und den letzten Reſt Behaglichkeit nehmen, den man empfinden kann, wenn man ſo unglücklich iſt, zur Bewohnung eines alſo gelegenen Hofſtübchens verurtheilt zu ſein. Allein der Menſch, namentlich Stücke mit krähendem Geſange wenn ihn die unerbittliche Nothwendigkeit dazu zwingt, gewöhnt ſich an Alles; die Kinder ſchlafen bei dieſem unaufhörlichen Lärm und wachſen darin auf, ohne ſich darüber zu verwundern, und ſelbſt der Gelehrte, der Denker, der Dichter, verſchließt ſein ſonſt ſo zart⸗ beſgitetes Ohr dagegen oder arbeitet wenigſtens mit 3 unwillkürlich geſteigerter Anſtrengung fort, was ſeinen Geiſt allerdings mit der Zeit ermattet und ihn mit einem periodiſchen Widerwillen gegen die Arbeit das Bedürfniß nach Ruhe und friedlicher Stille empfin⸗ den läßt. Eine ſolche Wohnung, auf ſolchem Hofe gelegen, von ſolchem raſtloſen Gehämmer, Gebell und Gequiek Tag und Nacht umſchwirrt, betreten wir heute. Es iſt der letzte Tag im Mai; das Stückchen blauen Himmels, welches über dem düſteren, von hohen Ge⸗ bäuden umſchloſſenen Hofe ſichtbar iſt, lächelt ſo fried⸗ lich und ſanft hernieder und die Luft iſt ſelbſt hier ſo mild und einladend, daß ſie einen großen Theil der Bewohner aus ihren engen Räumen gelockt hat, um einen lange entbehrten friſchen Athemzug zu ſchöpfen, obgleich da kein Baum, keine Blume, kein Grashalm dem Auge freundlich entgegenſchimmert. Fünf bis ſechs Frauen hocken vor ihren Thüren, nähend und ſtrickend, und natürlich unterhalten ſie ſich bald keifend, bald jubelnd dabei; ſechs bis acht Handwerker klopfen und hämmern im Freien und ein Dutzend Kinder balgen ſich oder treiben mit Zeter⸗ geſchrei ihre Spiele, ie ſich in jedem Frühjahr wie⸗ derholen und ſo regelmäßig, wie das Jahr ſeine Jahreszeiten, ihre Epochen wechſeln. 4 Betrachten wir aber das Stübchen, welches wir betreten und dem wir ſchon ſeines fleißigen Bewoh⸗ ners wegen einige Aufmerkſamkeit ſchenken müſſen, etwas genauer. Es iſt allerdings klein und niedrig, mit ſchmutzig grauer Farbe getüncht und hat nur ein winziges Fenſter, ſo ſchmal, daß kaum zwei Menſchen zu gleicher Zeit ſich hinauslehnen können. Aber das Innere iſt trotz des fehlenden Sonnenſcheins nett und freundlich und eine gewiſſe Sauberkeit macht ſich auf dem rein geſcheuerten Fußboden und ſogar auf dem wohlgebürſteten Sopha bemerklich, deſſen ſchwarzer Wollüberzug ſchon hier und da die Spuren einer ausbeſſernden Nadel verräth. Traulich ruht in ihrem Gehäuſe eine alte Violen⸗ geige auf der Commode unter dem Spiegel, die Bü⸗ cher in dem hohen Repoſitorium, die deutſchen Claſſiker und die beſten unſrer Geſchichtswerke umfaſſend, ſtehen geordnet neben einander, Zeitungen und Flugſchriften, welche Tiſche und Stühle bedecken, da ſonſt nirgends Raum für ſie iſt, liegen nach Monatsgängen regel⸗ mäßig aufgeſchichtet, und an den Wänden hängen, anſtatt der Gemälde oder Kupferſtiche, ſchöne Karten, Pläne von Städten und Gegenden, die dergeſtalt ange⸗ bracht ſind, daß man ſie trotz des ſpärlichen Lichtes, das vom Hofe hereindri ingt, bequem in Gebrauch nehmen kann. — 5 Am ſauberſten und gefälligſten aber ſtellt ſich unſerm beobachtenden Auge das Prachtſtück des Be⸗ wohners, ein alter Schreibtiſch, dar. Zahlloſe Hand⸗ ſchriften, Notizen und beſchriebene Zettel bedecken die aufgezogene Klappe deſſelben, aber ihre ganze Anord⸗ nung, ſo wie der vorſorglich geſonderte Inhalt der geöffteten Kaſten verräth, daß es dem Beſitzer und Sammler dieſer Schätze ein großes Vergnügen ge⸗ währt, in ſeinem kleinen Haushalt Regel, Symmetrie und Zierlichkeit walten zu laſſen. Vor dieſem Schreibtiſch nun ſitzt der Bewohner des Zimmers ſelbſt, eifrig an einem Briefe ſchreibend, der ſehr lang zu werden ſcheint, denn ſchon liegen drei oder vier gefüllte Bogen vor ihm, deren Inhalt ihn ſehr intereſſiren muß, was ſein lebhaft geröthetes Geſicht, ſein ſprühendes Auge und die Haſt verrathen, mit welcher er die Feder über das Papier fliegen läßt. Er iſt ein Mann, der das„Jünglingsal ter be⸗ reits überſchritten hat und etwa ſechs⸗ oder ſiebenund⸗ zwanzig Jahre zählen mag; kein Zug in ſeinem Aeußern verräth, daß er das Leben zu früh genoſſen oder zu tief ausgebeutet hat, vielmehr iſt noch die ganze Friſche der Jugend und die Fülle der ihm zugewieſenen Kraft darin ausgeprägt. Trotzdem er augenblicklich ſitzt und ſich etwas tief über den Tiſch 3 beugt, kann man doch bemerken, daß ſeine Geſtalt von anſehnlicher Größe iſt und regelmäßige Verhält⸗ niſſe aufzuweiſen hat. Sein dunkelblondes Haar fällt in ſtarken Wellenlinien über eine offene und edle Stirn, die trotz ihrer Klarheit einige leichte Falten zeigt, in denen der Schatten geheimer Sorge, ſelbſt ſtillen Kummers lagert, der ſogar beim lebhaften Sprechen und in heiterer Geſellſchaft nie gänzlich verſchwindet. Aus ſeinen großen blauen Augen, wenn er, in ſeinen Stuhl ſich zurücklehnend und irgend einen Gedanken verfolgend, ſie erhebt oder ſinnend vor ſich hin blickt, leuchtet ebenſowohl ein ernſter und — bedächtiger Charakter wie eine Seele hervor, die fern von aller Schwärmerei iſt, aber eine Fülle von Geiſt und Phantaſie birgt. Um ſeinen fein gezeichneten Mund, inſofern man die Linien deſſelben inmitten eines ſtarken Schnurr⸗ und Kinnbartes entziffern kann, ſchwebt ein etwas trauriger Zug, der vollkommen mit jenen Falten auf der Stirn übereinſtimmt, aber den⸗ noch prägt ſich in allen übrigen Zügen dieſes Ge⸗ ſichts eine entſchloſſene Thatkraft, ein feſter männ⸗ licher Wille und vor allen Dingen eine ſtandhafte Ergebung in die unabweisbaren Fügungen äußerlichen Mißgeſchicks aus. Im Ganzen alſo liegt mehr Licht als Schatten auf dieſem Geſicht, mehr Geiſt und 7 Empfindung als Kraft und phyſiſche Dauerhaftigkeit, mehr inneres Leben und beſchauliche Nachdenklichkeit als behagliches Sichgehenlaſſen und ſchwelgeriſche Ge⸗ nußſucht. Es war, mik einem Wort, eins von den Geſichtern, die man ſtudiren muß, um ſie ſchön zu finden, die aber immer auf den Beſchauer eine an⸗ genehme, in gewiſſen Momenten aufblitzender innerer Erregung ſogar hinreißende Wirkung hervorbringen, die um ſo dauernder bleibt, wenn man wie hier her⸗ ausfühlt, daß ihre Beſitzer ſchon manchen Kummer überſtanden, ſchon manche Sorge erfahren haben, aber auch daß ſie Männer ſind, die mit elaſtiſchem Geiſte und ruhigem Herzen ſich über kurz oder lang als Sieger ihres Schickſals werden betrachten können. Es ging gegen Abend, als wir bei ihm eintraten. Das Licht, welches ſelbſt in den Mittagsſtunden nur ſpärlich in ſeine kleine Wohnung fiel, begann raſch abzunehmen, um ſo eifriger aber, und ohne von dem draußen tobenden Geräuſch merklich geſtört zu werden, fuhr er im Schreiben fort; erſt als er ſeinen Namen unter den letzten Bogen geſetzt, lehnte er ſich ganz in ſeinen Stuhl zurück und durchlas ruhig und mit wachſender Zufriedenheit, was er in den Nachmittags⸗ ſtunden zu Papier gebracht. Da uns ſein Schickſal bis auf die geringſten ——— 8 . 4-* ·h. 8 3/ Kleinigkeiten vollkommen bekannt iſt, ſo könnten wir daſſelbe hier gleich am Anfang unſrer Erzählung dem Leſer durch eine genaue Berichterſtattung enthüllen, allein wir ziehen es vor, dieſelbe dem Schreiber ſelbſt zu überlaſſen, da es vielleicht einerſeits mehr Intereſſe gewährt, unſern jungen Freund nach ſeiner eigenen Schilderung kennen zu lernen, andererſeits es aber unmöglich iſt, einfacher und wahrheitsgetreuer zu be⸗ richten, als der Briefſteller es in dieſem Schreiben ſelber thut, aus dem nicht allein ſeine Erlebniſſe in der Vergangenheit, ſondern auch ſeine gegenwärtigen Beſtrebungen, ſeine Verhältniſſe im Allgemeinen und Beſonderen klar zu Tage treten. Der mehrerwähnte Brief war an einen Jugend⸗ freund gerichtet, den einzigen, mit dem ihn frühe Neigung und glückliche Uebereinſtimmung kindlicher Gefühle verband. Er hatte ihn ſehr früh, ſchon im ſiebzehnten oder achtzehnten Jahre aus den Augen verloren, und man hätte denken ſollen, das unſtäte Leben, das er zu führen genöthigt, und mancherlei trübe Erfahrungen wie anderweitige Bekanntſchaften hätten ihn längſt den Knaben vergeſſen laſſen müſſen, mit dem er Ball geſpielt und die erſten Meinungen und Anſichten erwachenden Jugendgeiſtes ausgetauſcht. Allein dem war nicht ſo. Guſtav Steinau, ſo heißt — 9. unſer Freund, vergaß nie einen Menſchen, oder auch nur einen Gegenſtand, den er einmal liebgehabt, mit dem er Luſt und Leid getheilk, und gerade dieſer Jugendfreund war ihm um ſo unvergeßlicher geblie⸗ ben, als er der Einzige war, der ihn an glückliche Tage erinnerte, die auf dem Pfade ſeines Lebens nur zu bald den Nebeln und Stürmen einer ſpäteren Zeit gewichen waren. War es daher nicht ſehr natür⸗ lich, daß er glaubte, der Jugendfreund werde auch ihm eine gleiche Anhänglichkeit bewahrt haben und er werde ſich freuen, ſo ausführliche Botſchaft von ihm zu erhalten, nachdem zehn Jahre über Beider Scheitel hinweggerauſcht waren und ſie fern von einander gehalten hatten? Mit welcher Freudehatte Guſtav Steinau alſo nicht vor wenigen Tagen in einer Zeitung von dem ehemaligen Freunde geleſen! Er war Pfarrer in einem kleinen pommerſchen Städt⸗ chen geworden, und die erwähnte Zeitung hatte die Anzeige ſeiner ehelichen Verbindung mit einer Jugend⸗ bekannten aus jener Gegend enthalten. Guſtav be⸗ nutzte nun dieſe ſchöne Gelegenheit, dem Freunde nicht nur ſeinen Glückwunſch auszuſprechen, ſondern ihm auch den Gang ſeines eigenen Lebens zu er⸗ zählen, in der Vorausſetzung, der junge Pfarrer werde in ſeiner gegenwärtigen glücklichſten Lebenszeit ſich 10 freundlicher denn je der früheren Tage erinnern und in umgehender Antwort Gleiches mit Gleichem vergelten. Leſen wir nun den erwähnten Brief mit eigenen Augen. Nur der Eingang, der die Freude des Wie⸗ derauffindens und den Glückwunſch wegen der ehe⸗ lichen Verbindung ausſpricht, laſſen wir fort, in dem Glauben, dem Leſer hiermit nichts Weſentliches vor⸗ zuenthalten. —„Wo in aller Welt, fragſt Du nun, kommt dieſer Brief her, was bewegt meinen Guſtav, mir ſo Viel auf einmal zu ſchreiben, nachdem er ſo lange geſchwiegen, was treibt er, wie lebt er, was iſt über⸗ haupt aus ihm geworden? Ja, mein Freund, auf letztere Frage muß ich Dir gleich eine Antwort geben, die Dich überraſchen, vielleicht in Verwunderung ſetzen wird, denn aus mir iſt etwas geworden, ich treibe etwas, was ich nie zu werden und zu treiben er⸗ warten konnte, als wir noch im Flügelkleide über Wieſen und Anger ſprangen, mit den Lerchen um die Wette jubelten und uns die Welt als eine uner⸗ ſchöpfliche Quelle unſäglichen allſeitigen Glückes träum⸗ ten. Mit einem Wort— hier haſt Du Alles in Allem— ich bin ein Künſtler geworden. Ein Künſt⸗ ler! rufſt Du erſtaunt und gedehnt aus. Ja, ein 11 Künſtler, und zwar auf eine Weiſe, wie es ſo Viele werden: durch den Drang der Umſtände, deſſen mancher Geiſt leider zu bedürfen ſcheint, um ſich ſeines lange unbewußt herumgetragenen Triebes be⸗ wußt zu werden, um die Seele aus ihrem Schlum⸗ mer zu reißen und den umdüſterten Blick klar, die zitternde Hand ſtark, das zagende Herz weit und muthig zu machen. Ach ja, es ſcheint wirklich das Loos dieſer Menſchenklaſſe zu ſein, erſt darben, halb verkümmern zu müſſen und mit Gewalt in ſeltſame Verhältniſſe geſtoßen oder geriſſen zu werden, bevor ſie ſich eine geachtete Lebensſtellung erringen, und dieſer Umſtand iſt gewiß mit ein Grund, warum der ruhig und im alltäglichen Geleiſe des Lebens fort⸗ gleitende Menſch, namentlich wenn er beſchränkten Geiſtes und voller Vorurtheil iſt, einen Widerwillen, oft eine wahre Angſt und, in mildeſter Form, eine Art nobler Scheu vor den Künſtlern hat, die ein durch die Stürme des Lebens herumgeſchüttelter und klar gewordener Menſch gerade wegen des eigenthüm⸗ lichen Laufes ihres Schickſals zu ſchätzen wiſſen wird. Seit dem Jahre, wo wir uns trennten, mein lieber Eduard, bin auch ich mannigfachem Schickſalswechſel unterworfen geweſen, und eigentlich nie bis zu dem Augenblick, wo ich meine Künſtlerlaufbahn begann, das 12 heißt wo ich über mich und Andere klar geworden war, hat mich des Lebens Sonne freundlich ange⸗ lächelt. Ich weiß nicht, ob Du eine Ahnung von dem Familienunheil haſt, dem ich ſchon in frühſter Jugend preisgegeben war. Ich ſelbſt war damals, als wir noch als Knaben mit einander ſpielten, nicht in der Lage, meiner Eltern Verhältniſſe durchſchauen zu können, und wenn ich ſie durchſchaut, hätte ich gewiß noch nicht den Verſtand beſeſſen, mir das Leid derſelben zu Gemüthe zu ziehen, denn man muß Ver⸗ ſtand beſitzen, nicht allein um das Glück zu begreifen, welches uns blüht, ſondern auch das Uebel, an dem wir oft unbewüßt leiden. Um Dir nun mit einem Worte zu ſagen, was, ich erſt ſpäter in Erfahrung⸗ brachte, ſo ſchrieb ſich dieſes Familienunheil von mei⸗ nem Vater her, der, zu ſeinem eigenen Heile und mir zum Troſte, vor einigen Jahren in Amerika das Ende ſeiner ſtürmiſchen Laufbahn auf Erden gefunden hat. Er war urſprünglich Domainenpächter auf Rügen und befand ſich in ſehr glücklichen äußeren Verhältniſſen. Leider aber gingen dieſe alle Jahre mehr und mehr rückwärts, wozu das Spiel und pielleicht noch andere ſchlimme Leidenſchaften die Hauptveranlaſſung geweſen ſein mogen. Daß meine Mutter gegen den Wunſch ihrer Familie— ich glaube, dieſelbe war ſehr ahnen⸗ ſtolz— einen Mann von bürgerlicher Herkunft hei⸗ rathete, brachte ſie zuerſt in Zwietracht mit ihren Angehörigen; der unter der Aſche glimmende Funke des Mißtrauens und der Abneigung gegen meinen Vater von Seiten Jener wurde durch dieſen ſelbſt zur hellen Flamme angefacht, und dennoch gelang es ihm, der Vormund des jüngſten Bruders meiner Mutter zu werden, als mein Großvater frühzeitig ſtarb und der Erbe deſſelben, eben jener jüngere Bruder, noch nicht im Stande war, das ihm zugefallene Gut zu verwalten und ſich als das Haupt der Familie nach außen hin Geltung und Anſehn zu verſchaffen. Was damals nun im Schooße dieſer Familie geſchah, ver⸗ mag ich nicht einmal annäherungsweiſe anzugeben, ich weiß nur ſo viel, daß mein Vater, nachdem er fünf oder ſechs Jahre das Gut meiner Großeltern ver⸗ waltet, daſſelbe verließ und zuerſt einige Jahre auf einen abgelegenen Hof auf Rügen und dann nach dem 9 Städtchen A... in Pommern zog, wo wir Beide uns bei Deinem Vater kennen lernten, der daſelbſt Pfar⸗ rer und Lehrer an der Schule war, die wir beſuchten. Seit jener Zeit, das habe ich erſt viel ſpäter erfah⸗ ren, hörte jede Vorbindung zwiſchen meinen Eltern und den noch lebenden Mitgliedern der Familie mei⸗ ner Mutter auf, ja dieſe letztere ſelbſt, der man die 14 Schuld beimaß, ihren Mann nicht gehörig gezügelt, ihn vielmehr durch übermäßige Nachſicht und Geduld noch tiefer in's Unheil geſtürzt zu haben, gerieth in ein ſo mißliches Verhältniß mit ihren Verwandten, daß man ihr kaum noch jährlich einige Male zu ſchreiben geſtattete, daß man ſie vielmehr als ein ver⸗ lorenes Familienglied betrachtete und leider auch mich als den Sprößling der gemißbilligten Verbindung, der doch an Allem ſo ſchuldlos war, mit in den all⸗ gemeinen Bann that. Meine arme Mutter muß damals, als ſie völlig fremd an dem kleinen Orte anlangte, unſäglich viel gelitten haben. Ich erinnere mich noch ſehr deutlich, wie ich ſie faſt jeden Abend in Thränen ſchwimmend fand, was faſt noch ärger wurde, als mein Vater plötzlich ſich von ihr trennte und auf eigene Hand dur aller Herren Länder zog. . Er hatte uns nichts hinterlaſſen, wovon wir leben konnten, und meine Mutter, von Jugend auf an ein, wenn nicht ſchwelgeriſches, doch angenehmes Leben ge⸗ wöhnt, war genöthigt, durch ihrer Hände Arbeit ſich und mir das Daſein zu friſten. Aber ſo fleißig ſie war, ſie würde dennoch dem Elend anheimgefallen ſein, wenn ſie nicht durch die Vermittlung Deines guten Vaters einen mir noch heute unbekannten Gön⸗ — — A₰ ner gefunden hätte, der ſich unſerer erbarmte und uns ſogar allmälig in einen erträglichen Lebenszuſtand überführte. Meine Mutter ſchrieb nämlich, da ihre Briefe zuletzt nicht mehr von Hand zu Hand ange⸗ nommen wurden, durch Deinen Vater an ihren unter⸗ deß herangewachſenen Bruder, der das Gut übernom⸗ men hatte und nun das Haupt der Familie geworden war. Er antwortete auf dieſe wiederholten Bitt⸗ ſchreiben nur ſelten und immer ſehr kurz und ableh⸗ nend, und ſein letzter Brief hatte ungefähr den In⸗ halt: Er ſei ſelbſt in ſchlimmen Verhältniſſen, die er einzig und allein meinem Vater verdanke. Habe meine Mutter einſt den unverdienten Ueberfluß ihres Man⸗ nes getheilt, ſo könne ſie auch jetzt den verdienten Mangel ertragen. Er, mein Onkel, ſage ſich hiermit los von mir und allen den Ihrigen, er köͤnne es nicht vor ſeinem Gewiſſen verantworten, die Verwandten eines Mannes zu unterſtützen, der ihn an den Rand des Verderbens geführt und den ſie ſelbſt dazu ange⸗ leitet und darin beſtärkt habe. Augenblicklich ſtecke er ſelbſt tief in Schulden, und ſeien dieſe getilgt, ſo habe er auch die Pflicht, endlich einmal an ſich ſelber zu denken. 4 Genug, ſo ſchrieb er und ſo handelte er auch. Meine Mutter erhielt nie wieder von ihm weder eine 16 Zuſchrift, noch eine Unterſtützung, ſo oft ſie ihn auch bitten ließ, ſein Herz zu ihr zurückzuwenden und wenigſtens nicht mich, das unſchuldige Opfer, das Un⸗ recht entgelten zu laſſen, das ihm ſelbſt einſt wider⸗ fahren. Ueber dieſe anſcheinende Hartherzigkeit eines Bruders, den ſie vielleicht nicht ganz richtig beur⸗ theilte, wie mich nach genauerer Prüfung der unglück⸗ lichen Verhältniſſe bedünken will, gerieth ſie beinahe in Verzweiflung, zumal faſt zu gleicher Zeit ihre ein⸗ zige jüngere Schweſter ſtarb, die, erſt ſeit wenigen Jahren mit einem reichen Rügianiſchen Edelmann vermählt, dem raſch hinſiechenden Gatten im Laufe eines Jahres in jenes Leben nachfolgte. Nun war ihr auch dieſe Quelle verſiegt und ſie blieb ganz allein auf ihrer eigenen Hände Arbeit angewieſen, um ſich und mir das Leben zu friſten, für deſſen Wohl ſie auf unglaublich innige Weiſe beſorgt war. Mit Deinem Vater pflog ſie damals endloſe und gewiß ſehr traurige Geſpräche; der gute Mann tröſtete ſie ſo gut er konnte und verwies ſie auf die Segnungen Gottes, die wunderbar genug oft zu Zeiten einträten, wo der Menſch auf keine irdiſche Hülfe mehr hoffen zu dürfen glaube. Wie ich ſpäter von meiner Mutter erfahren, ſchrieb Dein edler Vater nun insgeheim an jenen uns unbekannten Gönner und Wohlthäter und —— —— 17 ſtellte ihm unſere Lage vor. Mehrere Wochen ſpäter erhielt er zur Antwort, daß man für die Frau Steinau inſofern etwas thun wolle, als man ſich anheiſchig mache, für meine Erziehung Sorge zu tragen, zu welchem Behufe eine jährliche Unterſtützung verheißen ward, deren erſte Zahlung auch richtig in die Hände Deines Vaters niedergelegt wurde. Von dieſem Augenblick an lichtete ſich etwas das trübe Geſchick meiner Mutter und ich ſe lbſt konnte die Schule in A... beſuchen, wo ich Dich kennen lernte und lieb gewann. Was uns da äußerlich be⸗ gegnete, weißt Du ſo gut wie ich, nur blieb Dir ver⸗ borgen, daß ich, dem wohlgemeinten Rathe Deines Vaters folgend, von Zeit zu Zeit an meinen unbe⸗ kannten Wohlthäter ſchrieb, ihm für ſeine Güte dankte und um ſeinen ferneren Beiſtand bat, deſſen ich mich immer würdiger zu machen verſprach. Dein Vater vermittelte auch dieſe kindlichen Dank⸗ und Bittgeſuche; ich ſelbſt aber bekam, eben ſo we⸗ nig wie meine Mutter, je eine Zeile von meinem Goͤnner zu ſehen, nur erhielt Letztere pünktlich das für mich beſtimmte Geld ausgezahlt. Doch ich will über dieſen mir noch ſehr wohl er⸗ innerlichen diirdhrit raſch hinwegeilen, um zu wich⸗ tigeren Ereigniſſen u gelangen. Fünf Jahre ſpäͤt Die Inſulaner. I. 2 18 war die Zeit gekommen, wo die Schule uns Beide ſo weit gebracht, wie die Schule Knaben bringen kann, die allmälig zu Jünglingen heranreifen. Wir waren damals eben ſiebenzehn Jahre alt geworden. Bei einem Beſuche in Deines Vaters Hauſe hatte ich mit Letzterem ein ſehr ernſtes Geſpräch, und die Folge davon war, daß ich, abermals auf ſeinen Rath, einen ſehr herzlichen Brief an meinen Wohlthäter ſchrieb, Güte dankte und dabei den Wunſch durchblicken ließ, die Rechtswiſſenſchaft zu ſtudiren, falls mir die Mittel dazu nicht verſagt blieben. Vier Wochen ſpäter ward ich eines Abends mit meiner Mutter zu Deinem Vater gerufen, und Letzte⸗ rer theilte uns mit freudig bewegter Miene mit, daß der unbekannte Helfer in der Noth auch diesmal Ohr und Herz für uns offen gehabt habe und mir bis zur Ablegung meiner geſetzlichen Prüfungen ein jährliches Stipendium von dreihundert Thalern bewilligen wolle. „Meine Mutter war außer ſich vor Glück— ach! es war das letzte, was ſie auf Erden kennen lernen ſollte. Wenige Monate ſpäter, nachdem ihre Geſund⸗ heit ſchon lange tief erſchüttert geweſen war, erlag ſie einem bösartigen Fieber, noch dazu ohne den Namen ihm für alle ſeine, treu bis an's Ende ausgeführte 8.. des edlen Mannes zu erfahren, dem wir Beide ſo — 19 unendlich viel Gutes verdankten, denn Dein Vater hielt ſein Wort, er verſchwieg uns hartnäckig, was er über ihn wußte, und bis auf den heutigen Tag bin ich darüber in Ungewißheit geblieben. Doch davon ſpäter. Was mich ſelbſt betraf, ſo beglückte mich jenes Stipendium über die Maaßen und ich faßte den Vor⸗ ſatz, fleißig zu ſein und ein tüchtiger Rechtsgelehrter zu werden. Aber ach! was helfen alle Vorſätze des Menſchen, wenn der Wille der Vorſehung oder auch die Laune des Glücks damit nicht übereinſtimmen! Doch weiter! Wir verließen alſo die Schule, um ſie mit der Univerſität zu vertauſchen. Du gingſt nach Halle, um Theologie, und ich nach Jena, um die Jurispruden 3 z1 ſtudiren. Merkwürdig genug, haben wir uns ſeit dieſer Zeit, trotzdem wir uns ein Jahr lang ſo nahe waren, nicht wie edergeſehen, und ſelbſt die ſpärlichen Mittheilungen, die wir uns anfänglich zuſandten, erloſchen allmälig ganz, je tiefer wir in die unruhige Strömung des Lebens geriethen. Das mag häufig ſo im Leben ſein, aber ich ſelbſt tadle mich dninine bitter darüber, da ich keine eigentliche Entſchuldig 1 wer von uns Beiden zuerſt den verabredeten Brief⸗ wechſel abgebrochen hat. Atten. 2*, r mich weiß und im Unklaren bin, 20 Genug davon! Wie ich es mir ſelbſt gelobt, war ich ein fleißiger Student, allein faſt noch mehr als die Rechtswiſſenſchaft zog mich mit einem Male ein Studium an, welches jener faſt ſchnurſtracks zuwider lief. Ich lernte nämlich in Jena und ſpäter in Hei⸗ delberg und Leipzig junge Männer kennen, deren all⸗ mälig vertrauterer Umgang einen höchſt bedeutenden Einfluß auf meine Zukunft ausgeübt hat und denen ich in meiner jetzigen Lage ſogar den wärmſten Dank zollen muß. Dieſe jungen Männer, Studenten gleich mir, ſtudirten dem Namen und der Form nach alles Mögliche, beſchäftigten ſich aber vorzugsweiſe mit der mit einem wahren Feuereifer durch verſchiedene Hin⸗ derniſſe ſich ihre Bahn brachen und die Aufgabe ge⸗ ſtellt hatten, durch Wort und Schrift die Meinungen breiten, die ſie ſelbſt für die richtigſten und maß⸗ gebendſten hielten. Es dauerte nicht lange, ſo war ich einer der Eifrigſten unter ihnen und auch ich fing an wie ſie zu ſchreiben und zu ſprechen, was ich aus meinem Innern ausgießen mußte, da es mir ſonſt wie ein unſichtbares Feuer das Herz verbrannt hätte. 8 Nichtsdeſtoweniger ſtudirte ich fleißig fort, und da ich hes evolge meiner geringen Einnahmen zu einem haus⸗ Literatur und Poeſie. Es waren junge Talente, die und Anſichten in der Kunſt und Wiſſenſchaft zu ver⸗ 21 hälteriſchen Leben genöthigt war, ſo arbeitete ich, glaube ich, mehr als alle Uebrigen zuſammen ge⸗ nommen. Jedoch— und hier beginnt ſich der Horizont meines Lebens wieder dunkler zu färben— nicht allein die Kunſt und die Wiſeenſchaften beſchäftigten unſere Geiſter, auch was draußen in der Welt, im Schooße der Regierungen vorging, fing an, unſer wärmſtes Intereſſe zu erregen. Wir ſchloſſen uns daher ſämmtlich einer Burſchenſchaft an und geberde⸗ ten uns in jugendlicher Ueberhebung als Männer, die in Betreff des Wohles der Völker ein Wort mit⸗ zuſprechen haben. Allein unſere Verbindung war und blieb immer nur eine ſehr zahme, unſere Hauptthätig⸗ keit beſchränkte ſich auf das Wünſchen und Hoffen eines beſſeren politiſchen Zuſtandes unſres Vaterlandes, und das hat meines Wiſſens ja noch nie einen großen Staat in Gefahr gebracht. Indeſſen waren gewiſſe Staatsoberhäupter, oder vielmehr ihre Miniſter, nicht gleicher Anſicht mit uns in dieſem Punkte und es begann für uns Alle eine dunkle Zeit heraufzudämmern. So überraſchte es uns denn ſehr, als wir eines Tages vor den Rath der Univerſität beſchieden wurden und eine ſehr nach⸗ drückliche Verwarnung über unſer Gebahren erhielten. 22 Bald jedoch vergaßen wir dieſelbe wieder und über⸗ ließen uns vor wie nach unſern Träumen, unſern Wünſchen und— leider auch unſrer unzeitigen Schrift⸗ ſtellerei. Die Folge davon war, daß wir, etwa zehn an der Zahl, von der Univerſität ausgewieſen wurden und mit langen Geſichtern und ziemlich leeren Taſchen das Weite ſuchen mußten. Wir wanderten nach Leipzig, friſteten dort auf ziemlich kärgliche Weiſe unſer Leben, ſetzten aber auch hier unſer einmal begonnenes Dichten und Trach⸗ ten fort. Mehr als alle meine damaligen Commilitonen brachte dieſe Ausweiſung und der unvorbereitete Auf⸗ enthalt in Leipzig mich in eine traurige Lage, und endlich ſah ich mich genöthigt, an Deinen Vater zu ſchreiben und ihm mitzutheilen, was mir begegnet war. Die Antwort, die mir zu Theil werden ſollte, ließ etwas lange auf ſich warten, endlich aber kam ſie. Ich erhielt eine ſehr ernſte Ermahnung und ſchließlich den Rath, nach Berlin zu gehen und dort die Rechts⸗ wiſſenſchaften fleißig weiter zu ſtudiren, um ſo bald wie möglich mein erſtes Examen zu abſolviren. Es blieb mir nichts weiter übrig— ich mußte gehorchen. So kam ich nach Berlin. Allein auch da gab es leider Burſchenſchafter, Schriftſteller und angehende 23 Politiker, und nur wenige Wochen dauerte es, ſo wußten ſie alle, wer ich war, was ich geleiſtet und was mir begegnet war. Ich gewann dadurch freilich ſehr ſchnell einen großen Anhang und Ruf unter meinen neuen Commilitonen, allein ich verlor auch immer mehr und mehr den Boden unter den Füßen, denn die Polizei in Berlin hatte ſo gute Naſen wie je eine andere und man glaubte ſehr bald, in uns höchſt gefährliche Individuen gewittert zu haben. Was damals in Berlin im Allgemeinen geſchah, wird Dir bekannt ſein, auch über mich brach das Ungewitter los und als ich eines Abends nach Hauſe kam, fand ich einige Herren auf meinem Sopha ſitzen und mich mit nachahmungswerther Ruhe und Geduld erwarten. Zuerſt zwar nahm man mir nur meine Papiere, zwei Tage ſpäter aber holte man mich ſelbſt ab und brachte mich— wer hätte es je für möglich gehalten— hinter Schloß und Riegel. Trotzdem ich mir keines Vergehens gegen die öffent⸗ liche Ordnung, noch weniger eines Verbrechens be⸗ wußt war, ſchlug mir doch das Herz vor Unruhe und Angſt, denn es handelte ſich ja jetzt um meine ganze Exiſtenz. Nachdem ich einige Male von verſchiedenen Unterſuchungsrichtern verhört und wahrſcheinlich als ein ziemlich unſchuldiger Weltverbeſſerer erkannt war, erhielt ich nach zehn langen Wochen troſtloſer Ge⸗ fangenſchaft meine Freiheit, aber zugleich auch den ernſtlichen Rath, mich von allen ſogenannten politi⸗ ſchen Verbindungen fern zu halten, da keine meiner Handlungen unbeachtet bleiben würde, indem ich fortan unter polizeiliche Aufſicht geſtellt ſei. Ueber dieſe Entſcheidung, ſo glimpflich ſie noch in Vergleich mit der meiner Schickſalsgefährten lauten mochte, empfand ich einen faſt leidenſchaftlichen In⸗ grimm, denn nun erſt recht fühlte ich mich vor mei⸗ nem eigenen Gewiſſen unſchuldig, da auch der geſetz⸗ liche Richter mich nicht für ſtraffällig hatte erkennen können; um ſo niederbeugender aber wirkte der ganze Vorfall auf mich, da ich, ſchon um mich auch in den Augen Deines Vaters und meines unbekannten Wohl⸗ thäters zu reinigen, gezwungen war, ihnen denſelben bis in alle Einzelnheiten mitzutheilen und den trüben Eindruck zu verwiſchen, den ſie bei der Leſung der Bekanntmachung meiner Haftnahme, die durch alle Blätter ging, empfangen haben mußten. Es dauerte ziemlich lange, bis ich eine Antwort erhielt. Sie lautete von Seiten Deines Vaters herber denn je, und ſelbſt mein Wohlthäter ließ mir ankün⸗ digen, daß ſeine Nachſicht mit meinem geſetzwidrigen Verhalten im Begriff ſtehe, auf die Neige zu gehen, 25 und daß er, wenn er noch einmal etwas Aehnliches über mich erfahre, geſonnen ſei, ſeine Hand gänzlich von mir abzuziehen. Als ich dieſen Brief zwei⸗ oder dreimal geleſen, ſchloß ich mich in einer Art Verpuppung in mein Zimmer ein, ließ mich vor keinem meiner früheren Gefährten ſehen und ſtudirte Tag und Nacht, um durch mein erſtes Examen Ehre bei meinen Gönnern einzulegen. Und in der That, das gelang mir voll⸗ kommen, denn ich ging mit einer ſehr guten Cenſur daraus hervor— die Art und Weiſe aber, in welcher mehrere Examinatoren mit einigen meiner Commilito⸗ nen verfuhren, indem ſie ſie ungerechter Weiſe durch die Prüfung fallen ließen, und überhaupt der Ton, den ſie bei der Prüfung ſelbſt gegen uns annahmen, empörte mein Rechtlichkeitsgefühl auf das Tiefſte und ich verfaßte in meinem Groll eine Schrift, die ein grelles Licht auf die Prüfungscommiſſion der Berliner Rechtsfacultät fallen ließ. Dieſe Schrift ließ ein bemittelter Freund, der nahe dabei betheiligt war, auf ſeine Koſten drucken und, was wir kaum erwartet, die Schrift ging nicht allein reißend ab, ſie mußte auch zwei⸗ oder dreimal nachgedruckt werden und brachte außer den Koſten noch eine erkleckliche Summe für den im Stillen 26 triumphirenden Verleger ein. Aber was geſchah da mit mir? Ich wurde eines Tages durch ein ſehr höf⸗ liches Schreiben vor den Tribunalsrath So oder So geladen, und als ich mit weißer Cravatte und Glacee⸗ handſchuhen vor ihn trat, glaubte ich in ſeinen ſüßen Mienen den ungemeſſenſten Beifall zu leſen, worauf ich mich ruſtete, eine große Lobrede mit beſcheidenem Selbſtgefühl entgegenzunehmen. Doch wie ſehr hatte ich mich geirrt! Jene honigſüße Miene war nur eine Maske geweſen, um dahinter den bitterſten Sarkas⸗ mus und den übermüthigſten Beamtenterrorismus zu verbergen, denn kaum hatte jene Maske ihr einge⸗ lerntes Spiel auch an mir bewieſen, ſo ſagte mir der Herr Rath mit der Stimme eines Dorſſchulmeiſters, der einem Bauerjungen das Einmaleins auf fühlbare Weiſe beibringen will: „Herr Steinau, nicht wahr, Sie haben Ihr er⸗ ſtes juriſtiſches Examen glücklich überſtanden?“ „Ja wohl, Herr Rath!“ antwortete ich, verwun⸗ dert aufhorchend. „Nun, Sie brauchen ſich mit dem Studium zum zweiten Examen nicht zu bemühen. Ein Mann, der wie Sie die Pietät gegen ſeine Lehrer und den ſchul⸗ digen Reſpect gegen die ihm von der Facultät ge⸗ ſtellten Examinatoren ſo weit verletzt, daß er ſie vor 27 aller Welt auf hämiſche Weiſe lächerlich macht, wird in einem wohlorganiſirten Staate nie auf eine Beamten⸗ ſtelle Anſpruch erheben können. Ueberhaupt verſpricht Ihre Vergangenheit wenig Gutes für die Zukunft und ich rathe Ihnen aufrichtig, nicht allein Ihre Be⸗ ſtrebungen, ſondern auch Ihre Geſinnungen zu wech⸗ ſeln, damit Sie Ihre Zeit nicht gänzlich verlieren und mit ihr noch etwas mehr, was wenigſtens eben ſo viel werth iſt.“ „Und was iſt das?“ fragte ich, von einem ſelt⸗ ſamen Stolze entflammt. „Das iſt Ihr guter Ruf und die Ausſicht auf irgend eine erträgliche Zukunft!“— Ich verſtand den Mann und ließ es nicht daran fehlen, ihm eine eben ſo eilfertige Verbeugung zu machen, wie er mir eine machte, und damit— hatte meine juriſtiſche Carrière ein Ende. Als ich nach dieſem Vorfall zu Hauſe ankam und meine weiße Cravatte ablegte, die ich in Gott weiß welcher Hoffnung umgebunden, ſchoß mir ein ganzer Strom trauriger und dennoch wieder anregender Ge⸗ danken durch den Kopf. Ich erkannte nur zu deut⸗ lich, daß eine Art Fatum über meinem Lebensſchickſal ſchwebte und mich des Genuſſes einer wünſchenswer⸗ then Exiſtenz beraubte, allein ich konnte mir doch bei 28 alledem keine Vorwürfe machen, mich nicht ſchuldig finden und mußte ſogar bekennen, daß ich unter an⸗ deren Umſtänden vielleicht nicht anders handeln würde, als ich bisher gehandelt hatte, und daß ich mich viel⸗ mehr ſelbſt verachten müßte, wollte ich demüthig bit⸗ tend ſolcher Leute Gunſt erbetteln, wo ich als freier Mann mein Haupt erheben und ohne Scheu jedem rechtlich Denkenden in die Augen ſchauen konnte. Dieſe Gedanken, die ich Dir hier nur kurz an⸗ deute, waren es ungefähr, die ich Deinem Vater mit der Meldung des Vorgefallenen ſchrieb. Es dauerte ſehr lange, bis ich eine Antwort erhielt, und als ſie endlich kam, lautete ſie, wie ich gefürchtet hatte. Mein bisheriger Wohlthäter zog ſeine Hand von mir zu⸗ rück, indem er mich wiſſen ließ, daß er vor wie nach geſonnen ſei, einen Theil ſeiner Mittel ärmeren jungen Leuten zur Beſtreitung ihrer Studienkoſten zuzuwen⸗ den, aber ſie müßten dieſer Unterſtützung würdig ſein. Ich hätte mehrfach durch die That bewieſen, daß ich nicht zu letzteren gehöre, und ſomit möge ich fortan meine Wege allein wandeln und mir dieſelben durch mein eigenes Licht erleuchten laſſen. Dieſe Antwort und namentlich der letzte Satz verwundete und erhob zugleich meinen Stolz, anſtatt ihn zu demüthigen, und weckte alle meine Geiſtes⸗ 29 thätigkeit aus ihrem Schlummer auf; und gleichſam, um ſo wohl den Herren der juriſtiſchen Facultät, wie allen übrigen Menſchen zu beweiſen, daß ich nicht nöthig habe, Hungers zu ſterben, auch wenn ich kein Advocat würde und keine Unterſtützung von fremder Hand erhielte, blieb ich noch eine Weile in Berlin und ſetzte den Umgang mit meinen literariſchen Freun⸗ den fort, von denen mir Einige Zöglinge verſchafften, die ich unterwies, wie man ungefährdet durch die Klippen des juriſtiſchen Examens ſteuern könne, wo⸗ durch ich mir einen, freilich ziemlich kärglichen, Lebens⸗ unterhalt erwarb. Dieſe Lebensquelle aber ſollte mir auch nicht lange ſprudeln, denn bald ekelte mich das Buchſtabenweſen aller öffentlichen Prüfungen der Welt an und ich beſchloß den Rath meines unbekannten Wohlthäters zu befolgen und meine Wege fortan durch mein eige⸗ nes Licht mir erleuchten zu laſſen. Glaube nicht, daß ich damals ganz unglücklich war, als ich dieſen Entſchluß faßte, ach nein, im Gegentheil, und ich bin überzeugt, daß jeder redlich vorwärts ſtrebende Menſch, wenn er den feſten Willen hat, etwas Gutes zu leiſten, und dabei einigermaßen vom Glück begünſtigt wird, in dem friſchen Entſchluß zur That und in der Anſpannung ſeiner geiſtigen 30 Kräfte allein ſchon einen Anreiz zum Guten und eine Selbſtbefriedigung findet, die ihn weit über viele er⸗ lebte Demüthigungen erhebt und ihn ſomit ſtark und fähig macht, den großen Kampf um die irdiſche Exiſtenz ſiegreich auszukämpfen. Wie ich Dir geſagt, hatte ich bisher nur Ver⸗ ſuche in literariſcher Production gewagt, und da ſie mir gelungen waren, bekam ich Muth und Luſt, von den Verſuchen zu wirklichen Unternehmungen über⸗ zugehen. Ich fing alſo langſam zu arbeiten an, faßte Dies und Jenes auf, was ich mir ſchon lange im Kopfe zurechtgelegt, und führte nur das aus, wozu mich eine unüberwindliche Neigung trieb. So lieferte ich raſch auf einander Aufſätze über verſchiedene Zu⸗ ſtände der Kunſt und Wiſſenſchaft und ließ ſie in mehrere viel geleſene Blätter einrücken. Anfangs wurden dieſe Arbeiten nur geringe bezahlt, endlich aber trugen ſie mir eine erkleckliche Summe ein und ich erkannte, daß man allenfalls von dergleichen Ar⸗ beiten leben könne, wenn man Talent und einiges Glück hat. Von dieſen zerſtreuten Aufſätzen ging ich zu grö⸗ ßeren ſelbſtſtändigen Arbeiten über, und als ich auch durch dieſe Erfolg gewann, kam ich der Einladung eines Studienfreundes nach und ſiedelte in die alte —— 9 Kunſtſtadt über, in der ich noch jetzt wohne und mein Leben auf ganz anſtändige Weiſe friſte. Ohne Zweifel kennſt Du die angeſehenen deut⸗ ſchen Schriftſteller, welche gegenwärtig hier wirken und ſchaffen, alſo brauche ich ſie Dir nicht zu nennen, mit denen ich fortan in nähere oder fernere Berüh⸗ rung trat. Wenn ich ſie auch nicht alle Tage ſehe und ſpreche, ſo ſtehen wir doch in ununterbrochener ſtiger Verbindung und ſtützen und tragen uns gegenſeitig, indem wir alle zuſammen einem einzigen großen, freilich nicht ſo leicht zu erreichenden Ziele zuſtreben. Doch ich muß Dir jetzt wohl noch einige nähere Aufſchlüſſe über meine Thätigkeit geben, damit Du weißt, auf welchem Felde der Literatur Du mich zu⸗ denh zu ſuchen habeſt. Bis jetzt freilich habe ich mich nicht ausſchließlich einem oder dem andern Zweige derſelben gewidmet, ich pflücke vielmehr die Blüthen, wo ich ſie finde, und beſtelle den Acker, der mir ge⸗ rade für den Augenblick die ſaftigſten Früchte verſpricht. Anfangs allerdings befiel mich ein unbeſchreibliches Bangen, als ich, losgelöſt von allen früheren Ver⸗ hältniſſen, mein Auge umherſchweifen ließ und ſah, was Alles in der Welt um mich her geſchah und wie⸗ viel man nach jeder Richtung hin ſchon geleiſtet hatte oder ſich noch zu leiſten bemühte, und ſo wird es Manchem ergehen, der ſich aufrichtig die Frage vor⸗ legt, ob er noch zu dem Wuſt und der Ueberfülle des alltäglich Geſchaffenen etwas Erſprießliches hin⸗ zufügen könne. Denn ſei es auf dem Felde der Poeſie, der Kunſt und Wiſſenſchaft überhaupt, der Induſtrie oder irgend einer ſonſtigen menſchlichen Beſtrebung, er wird einerſeits in Verwunderung und Staunen gerathen über die rieſigen Fortſchritte im Allgemeinen, ſo daß es auf den erſten Blick faſt un⸗ möglich ſcheint, dem kühnen Fluge mit Erfolg ſich anzuſchließen; andererſeits aber wird er trotzdem über den unerklärlichen Stillſtand, die an Verſumpfung gränzende Stockung, ja über die unbegreiflichen Rück⸗ ſchritte in einzelnen Fächern erſchrecken. Da ſieh Dir zum Beiſpiel nur die dramatiſche Dichtung der Gegen⸗ wart an. Was ſagſt Du dazu? Iſt es nicht ein Jammer, wohin wir auf dieſem Felde gekommen ſind? Wo früher die edelſten Geiſter der Menſchheit ihre Siege feierten, wo Helden und Halbgötter triumphi⸗ rend über die Bühne ſchritten, da ſacken die Poſſen⸗ reißer den ſtürmiſchen Beifall eines hypochondriſchen, gelangweilten, durch endloſe Speculationen halb blöd⸗ ſinnig gewordenen Publicums ein, und ſchnöde Witze, zweideutige Anſpielungen und ein an Irrſtnn gränzen⸗ 33 der Cynismus gelten als das Beſte und Anregendſte der ganzen Gattung. Wie lange wird es noch dauern, bis wir die empörende Verſandung, in welche jetzt die deutſche dramatiſche Kunſt gerathen iſt, mit friſchem Quelle wieder auffüllen; wie viel Anſtrengungen wird es koſten, das lachluſtige Publicum auf die geregelte Bahn edler Kunſtanſchauung zurückzuführen? Mag es ſo lange dauern wie es will— die Anſtrengung muß verſucht und eifrig fortgeſetzt werden. Und ſiehe, ich ſelbſt habe ſie verſucht und gleich der erſte Anlauf hat— wenigſtens mir— goldene Früchte getragen. Von der Hofbühne zu M... aus ward vor einem Jahre ein Preis für das beſte Schauſpiel ausgeſetzt. Ich arbeitete eins nach meinem Geſchmack, und ſiehe da, ich errang den Preis von hundert Ducaten. Iſt das für mich nicht ein ſchöner Anfang, ein Sporn zu fortgeſetzter Thätigkeit und Ausdauer? Außerdem verfaßte ich einige Novellen, ſandte ſie nach St..„ und auch da ward mir ein annehmlicher Preis zu Theil. Du ſiehſt alſo, verhungern werde ich nicht und ich kann Dir verſichern, ſogar meinen Durſt könnte ich dabei löſchen, ſelbſt wenn er ſehr groß wäre, was er glücklicher Weiſe nicht iſt. Wenn das ſo fortgeht— glaube nicht, daß ich mich überhebe; was ich an mir ſelbſt anerkenne, iſt nur mein Fleiß Die Inſulaner. I. 3 34 und meine Luſt an der Arbeit— ſo leuchtet mir wirklich ein kleines Licht auf meinem bisher ſo dunklen Lebenswege, allein bisweilen beſchleicht mich doch ſchon die Sorge, als könnte der augenblicklichen Fluth doch einmal eine klägliche Ebbe folgen, und das iſt, außer dem Familienkummer, den ich Dir ſchon mitgetheilt, das einzige Weh, über welches ich mich jetzt zu be⸗ klagen habe. Du wirſt vielleicht gehört oder geleſen haben, daß hier in unſerer Künſtlerſtadt auch die ſchriftſtellernden Damen eine gewiſſe Rolle ſpielen, und das muß ich Dir beſtätigen. Erwarte aber keine weitläufige Schil⸗ derung ihrer Perſonen und Leiſtungen von mir an dieſer Stelle; obgleich ich bisweilen hier und da mit ihnen zuſammentreffe, ſagen ſie mir im Ganzen doch wenig zu, und das findet ſowohl in ihren äußeren Erſcheinungen, wie in ihrem inneren Werth, oder vielmehr ihrem geiſtigen Gehalt ſeinen triftigen Grund. Es giebt der künſtleriſch productiven Damen hier eine Fülle, daß man von ihnen beinahe auch ſagen könnte: „wie Sand am Meere“, und faſt will es mich be⸗ dünken, als ob dieſe Bezeichnung noch einen tieferen Sinn enthielte. Doch ſtill davon! Sonſt möchte es mir ſchlimm ergehen! Es iſt immer das Beſte— ich aber habe dieſe Lebensregel leider noch nicht practiſch „ — 3⁵ in mich aufgenommen— wenn man von dem ſchönen Geſchlechte ſchweigt, weder Gutes noch Böſes von ihm ſagt, denn nur dann iſt man gewiß, in keinen Hader mit irgend einem Gliede dieſer zahlreichen und empfindlichen Sippſchaft zu gerathen. Gutes nun kann ich von denen, die mir hier im Tempel des Apoll und der Muſen erſchienen ſind, nicht über die Maaßen ſagen, und Böſes will ich ihnen nicht nach⸗ ſprechen. Um ſie Dir jedoch im Ganzen zu charakteri⸗ ſiren, ſo theile ich Dir mit, daß ſie ſich faſt ſämmt⸗ lich für Sterne erſter Größe am Poetenhimmel halten und in Bezug auf die Verunglimpfung ihres ſchrift⸗ ſtelleriſchen Rufes außerordentlich empfindlich ſind. Ich für meine Perſon, der ich oft ſo unglücklich war, in ihren ätheriſchen Verſammlungen zwiſchen ihr gröb⸗ ſtes Geſchützfeuer zu gerathen, und beinahe mein Ge⸗ hör dabei verloren hätte, würde ſie bei Weitem für liebenswürdiger halten, wenn ſie von Dingen ſprechen und mit Dingen ſich beſchäftigen wollten, die ihrem Geſchlechte ureigen ſind, als von und mit ſolchen, die ſie nur halb oder lieber gar nicht verſtehen. Wollte Jede nur das gelten, was ſie wirklich werth iſt, ſo wären ſie doch noch einigermaßen erträglich und man könnte von Zeit zu Zeit mit ihnen verkehren, was ſie durch ihre ungemeſſene Klatſchſucht, einen gränzenloſen 3* 36 Neid und eine höchſt gefährliche Eiferſucht auf einan⸗ der faſt unmöglich machen. Es ſind ohne Zweifel recht geiſtreiche Perſönchen und Talente unter ihnen, aber ſo viel Geiſt und Talent, wie jede Einzelne von ihnen zu beſitzen beanſprucht, haben ſie alle zuſam⸗ men nicht. Ach mein Gott, wenn ſie wüßten, daß ich das von ihnen ſchreibe, ſo fiele über mich der Blitzſtrahl eines Bannes von ungleich bedeutenderer Schwere, als ihn der arme Papſt jetzt noch zu ſchleudern ver⸗ mag, allein ich fürchte weder ſie, noch die Kritik ihrer Freunde, denn wer ſich erſt vor Damen und Kritikern fürchtet, die ſich Beide mit aller Halbheit und Un⸗ wiſſenheit, Oberflächlichkeit und einem unerhörten Egoismus fabelhaft breit machen, der iſt kein ſelbſt⸗ ſtändiger Schriftſteller mehr, der iſt ein Hampelmann, den ein einfacher Faden vom lockerſten Zwirn lenkt, der thäte beſſer, ſich irgendwo als Handlanger zu ver⸗ dingen, als unſchuldiges Papier zu ſchwärzen, denn nur Menſchen ganz untergeordneten Weſens ſind vor dem käuflichen Wespenſtachel dieſer beiden im Ganzen unmächtigen Potenzen ſicher. Was ich Dir von den Damen ſchrieb, die ich in unſerm Athen kennen gelernt, wird Dich erkennen laſſen, daß ich mein Herz von vorzeitiger ſogenannter — 37 Liebe freigehalten; Schriftſtellerinnen ſind in der Regel Damen, die in der Liebe Schiffbruch gelitten haben oder nicht mehr leiden können, ſie ſind mir alſo ſehr wenig gefährlich. Andere Frauen aber habe ich hier noch nicht kennen gelernt und namentlich ſind mir ſolche fremd geblieben, die mich auf den erſten Blick durch ihre äußere Erſcheinung und die hervor⸗ ragende Schönheit ihres Geſichts, wie man ſagt, be⸗ zaubern könnten, dieſer herrliche Augenblick ſteht mir alſo noch bevor, aber auch ihn erwarte ich mit Ergebung, wie mein ganzes übriges Geſchick. Statt der Liebe aber habe ich mich der Freund⸗ ſchaft mit einer wahren Inbrunſt in die Arme ge⸗ worfen und meine zwei beſten und faſt einzig wirk⸗ lichen Freunde ſind Künſtler, die nicht meinem Fache angehören, vielmehr der Malerei und Muſik ſich ge⸗ widmet haben. Durch den näheren Umgang mit ihnen habe ich erſt erfahren, wie eng die Künſte über⸗ haupt verſchwiſtert und verſchwägert ſind, wie eine der andern eine Handhabe bietet, wie eine die andre läutert, belehrt und verklärt. Ich lernte ſie vor fünf Jahren auf einer Reiſe nach Düſſeldorf kennen; wir fanden Gefallen an einander und auf mein Zureden ſiedelten ſie hier herüber, wo es ihnen jetzt in meiner nächſten Nähe ganz gut gefällt und ziemlich behaglich 38 ergeht. Zunächſt führte uns die gemeinſame Luſt an der Muſik zuſammen, der ich, wie ich Dir zu ſagen vergaß, mit beſonderer Vorliebe ergeben bin, wie ich denn meine Violengeige ganz leidlich handhabe. Wir wohnen in einem Hauſe zuſammen und bringen unſre Mußeſtunden gewöhnlich bei einander zu. Theils plaudern wir, beſprechen unſre Pläne, unſre Studien, unſre vollendeten Arbeiten, theils aber gehen wir ſpazieren, wenn man das Spazierengehen nennen kann, ſich durch Haufen von Menſchen hindurchzu⸗ drängen und eine dicke ſtaubige Luft einzuathmen. Meiſt aber, namentlich wenn wir von unſrer Arbeit ermüdet ſind, muſiciren wir und empfinden dabei mit ganzer Seele, wie allein die Muſik alle Diſſonanzen unſres unruhigen Lebens ausgleicht, unſre Stirnen glättet und unſre nur zu oft zagenden Herzen erfreut und ermuthigt. Doch ich will Dir mit wenigen Worten eine kleine Schilderung meiner beiden Freunde liefern, damit Du ſiehſt, in wie guter Geſellſchaft ich mich befinde und wie glücklich ich in dieſem Umgange zu ſein das Recht habe. Heinrich Markholm, der Maler, iſt das heiterſte und zugleich kräftigſte Element in unſerm Dreiblatt. Es iſt eine durch und durch romantiſche, ſtrebſame und dabei auch in anderen —— — 39 Richtungen äußerſt bildſame Natur. Zu jedem kühnen Unternehmen geneigt, immer bereit, einen Schritt vorwärts zu ſchreiten, ohne ihn mit zu vieler Rück⸗ ſicht ängſtlich zu bedenken, wie vorſichtige Menſchen es zagend thun, fühlt er ſich ſtets glücklich, iſt immer heiter, wohlgelaunt und erhebt dadurch mein Herz, wenn daſſelbe, wie nur zu häufig geſchieht, eine neue Wolke am Lebenshimmel heraufziehen ſieht. Er hat eine merkwürdige Schule durchgemacht. Sein Vater war Kammermuſicus an der Oper eines kleinen Für⸗ ſtenhofs⸗und wünſchte natürlich ſeinen Sohn einſt an ſeiner Seite geigen zu ſehen. Der Knabe beſaß auch großes Talent dazu und wählte aus eigenem Antriebe das Cello, das er ſehr bald trefflich bemeiſtern lernte, woran der Alte natürlich ſeine Freude hatte, ohne zu ahnen, daß ein noch größerer Trieb zu einer anderen Kunſt in der Bruſt ſeines Sohnes ſchlummere, die denſelben bereits oft im Stillen begeiſtert hatte, deren Erlernung ihm aber unmöglich gemacht ſchien. Als er fünfzehn Jahre alt war, hatte er bereits eine ſolche Fertigkeit im Celloſpiel erlangt, daß ſein Vater es wagen durfte, ihm im Orcheſter bei einer großen Oper ſeinen Platz anzuweiſen, da gerade der erſte Celloſpieler plötzlich erkrankt war. Heinrich ging alſo mit ſeinem Vater in die Probe, und dieſelbe fiel ſo 40 gut aus, daß Vater und Sohn gleicher Weiſe entzückt ſchienen. Auch die Generalprobe ließ nichts zu wün⸗ ſchen übrig und man glaubte von der Aufführung der großen Oper ſelbſt die beſten Erwartungen hegen zu dürfen. Da aber ereignete ſich gleich im erſten Acte ein unvorhergeſehenes Ereigniß. Bei einer Wand⸗ lung der Scene wird eine prachtvolle Gegend mit herrlicher Perſpective dem Zuſchauer vor Augen ge⸗ führt. Die Decorationen waren vortrefflich gemalt und hatten ſchon lange vorher durch das Gerücht das Publicum in Spannung verſetzt. Gerade als dieſe Scene ſich aufrollt, hat unſer junger Celliſt ein rei⸗ zendes Solo zu ſpielen, aber welches Staunen ergreift die Zuhörer, welche Angſt den Vater, welch heiliger Zorn den Orcheſterdirigenten, vernehmen läßt und der Knabe, die zaubert auf die glänzende Decoration geri chenſtill, faſt athemlos daſitzt und gleichſam verſteinert in die unbekannte Wunderwelt hineinſtarrt. Es war dies der Moment im Leben unſers jungen Künſtlers, wo ſein Talent, ſeine Liebe zur Malerei ſich faſt gewaltſam Bahn brach. Es war nicht mehr möglich, ihn an dieſem Abend zum Spielen zu be⸗ wegen, und die wohlgeſchulten Orcheſtermänner mußten ſich behelfen, ſo gut ſie konnten. Natürlich wurde Augen wie ver⸗ chtet, mäus⸗ als das Solo ſich nicht ———— * 41 der junge Doppelkünſtler ſeit dieſem Abend aus dem Orcheſter verbannt und der Vater erglühte in einem heilloſen Zorn. Aber was half es? Von den flehen⸗ den Bitten des Sohnes bezwungen, ihn die Malerei erlernen zu laſſen, gab der Vater endlich nach und nun erſt ſollte er wahre Vaterfreude an ſeinem ein⸗ zigen Sohne erleben. Denn einen fleißigeren Schüler hatte wohl nie ein Zeichenlehrer gehabt als der, wel⸗ cher Heinrich in ſeine Kunſt einweihte, und in wenigen Jahren war er ſo weit vorgerückt, daß er die Akade⸗ mie in Düſſeldorf beſuchen konnte, wozu der kunſt⸗ liebende Fürſt, dem der Vater diente, hochherzig die Mittel geboten hatte. Von dem Augenblick an, wo Heinrich den Blei⸗ ſtift und den Pinſel ergriff, ging eine merkwürdige Wandelung in und mit ihm vor. Bis dahin ſtill, faſt verſchloſſen, dem Vater nur ſchweigend gehorchend, wurde er jetzt heiter, fröhlich, ſchon außerlich von Glück und Wonne ſtrahlend, und nur Abends, wenn er nicht mehr zeichnen konnte, ſpielte er willig das Cello, um den Vater zu erfreuen und ſich auch darin eine immer größere Kunſtfertigkeit anzueignen. In Düſſeldorf entwickelte ſich meines Freundes Sinn für die Romantik— in der Kunſt wie im Leben. Alles Neue, Unbekannte, Große und Schöne 42 reizte ihn, er ſuchte ſich wenigſtens einen Theil davon anzueignen und ſollte er es auf eine faſt abenteuer⸗ liche Weiſe erſtreben, erreichen. Dabei wurde ſein Körper ſtark, elaſtiſch, ſeine Bewegungen raſch, ge⸗ wandt; in allen Künſten und Fertigkeiten des Leibes ward er Meiſter, und ſelten hat es einen ſo ſorgloſen und zugleich ſo muthigen Mann gegeben, wie er einer iſt. Von tüchtigen Meiſtern mit Vorliebe gebildet, er⸗ langte Heinrich Markholm ſchon als zweiundzwanzig⸗ jähriger Maler einen ziemlich bedeutenden Ruf. Leider ſtarb der Fürſt, desgleichen ſein Vater, und Heinrich mußte ſich jetzt durch eigene Arbeit weiterhelfen. Das mag ihm als Künſtler geſchadet haben, ſein Charakter aber hat dabei ſicher gewonnen. Vor fünf Jahren ließ er ſich, wie geſagt, hier nieder, und ſeit jener Zeit hat er ſich, wie wir alle täglich ſehen, bedeutend vervollkommnet. Er iſt eigentlich Landſchafter, aber auch Figuren gelingen ihm gut und namentlich iſt er im Portraitiren ſehr ſtark, wovon er zwei Jahre lang faſt allein gelebt hat. Jetzt malt er meiſt Landſchaf⸗ ten und nur bei beſonderer Vorliebe für dies oder jenes Geſicht kehrt er zu ſeinem erſten Erwerbszweige zurück. Heinrich Markholm iſt, wie man es nennt, ein Charakter. Mit heiligem Eifer ſeiner Kunſt und überhaupt den Künſten ergeben, ſieht er die Kraft und Vollendung des Malers in der vollendeten Durch⸗ bildung der individuellen Richtung und des urſprüng⸗ lichen Talentes. Er legt ſich mit ganzer Macht auf einen einmal gefaßten Vorſatz und führt ihn mit Wärme und unermüdlicher Ausdauer aus. Hiermit ſtimmt auch ſein Weſen überein. Er iſt kein Mann, der eines Protectors bedarf, um ſich emporzuſchwin⸗ gen; was er iſt und werden kann, will er ſich ſelbſt verdanken. Ihn verlockt kein Lob, ihn drückt kein Tadel nieder; niemals buhlt er um die zweifelhafte Gunſt vornehmer Kunſtliebhaber, und ein Kenner iſt ihm lieber als zehn Käufer. Sein kleines Atelier wird von keinem reiſenden Fürſten beſucht, kein Orden ſchmückt ſeine Bruſt, kein Titel ſeinen Namen, keine goldenen Renten überlaſten ſeine leichte Boͤrſe. Edel, hochherzig, mittheilſam, leichtblütig und warmherzig iſt er ein Künſtler wie er ſein ſoll, bieder und ehr⸗ lich, wahr und offen— kannſt Du mir nun ver⸗ denken, daß ich ihn liebe, daß ich gern und oft mit ihm zuſammen bin, daß wir faſt gemeinſchaftlich leben und wirken? O, ich ſchätze mich glücklich, ihn zum Freunde zu haben, und wenn er mich nur halb ſo innig liebt, wie ich ihn liebe, will ich gern man⸗ 44 chen andern Mangel im Leben ertragen, ohne zu murren.. Eine ganz andre Perſon, ſowohl in der Erſchei⸗ nung wie im Weſen, ſtellt unſer Freund Willibald Stillfried dar. Er iſt eine ächte empfindſame, ſtill für ſich wirkende und ſchaffende Künſtlernatur, nicht wie man ſie oft in der Wirklichkeit trifft, ſondern wie man ſie ſich bisweilen in faſt idealer Form vorſtellt. Nicht groß, nicht allzu kräftig von Geſtalt, hat er ein etwas blaſſes, von hellblondem ſchlichten Haar um⸗ rahmtes Geſicht, das, völlig bartlos, einen ſeltſam klaren Teint zeigt, aus ſanftblauen Augen hervorſieht und in der Regel einen ſtill nachdenklichen und weichen Ausdruck zur Schau trägt, ohne krankhaft ſentimental oder überreizt zu erſcheinen. Er iſt unter uns Dreien der einzige Glückliche, der gleich von Anfang an den Kunſtweg betrat, den er noch jetzt verfolgt, aber es kam daher, daß er ganz hülflos, ohne Verwandte, Freunde oder Gönner, alſo eben ſo frei von hindern⸗ den wie fördernden Einflüſſen, ſeine Bahn begann und nur diejeuigen Schwierigkeiten fand, die ſich jedem ſtrebenden Menſchen durch die Mängel irdiſchen Lebens von ſelber darbieten. Er iſt der Sohn eines armen Dorfſchulmeiſters, der ihn ſchon als kleines Kind auf dem Klavier und der Orgel unterrichtete. — 45 Er war für ein Seminar beſtimmt, kam aber, als er ſieben Jahre alt war, unmittelbar nach dem frühen Tode ſeines Vaters, in ein Waiſenhaus, wo man ihn ohne allen Aufwand erzog und in den üblichen Dis⸗ ciplinen unterwies. Von früher Jugend an alſo jeder außerlichen verwandtſchaftlichen Einwirkung beraubt, lernte er ſchon als Knabe ſein Auge in ſein eigenes Innere richten, und wenn er einmal einen kleinen Kummer empfand, fang er ſich frei davon, wie die Nachtigall, die all ihr Leid den Lüfter übergiebt und dadurch vielleicht ſelbſt zufriedener u glücklicher wird. 4 Als Willibald ſechszehn Jahre alt war, bezog er ein Seminar in ſeiner Vaterſtadt und trieb hier außer dem gewöhnlichen Elementarunterricht vorzüglich Mu⸗ ſit, worin ihn ein ſehr tüchtiger Lehrer auf die beſten Wege leitete. Schon mit dem achtzehnten Jahre com⸗ ponirte er eine Cantate, die Aufmerkſemkeit erregte und ihm ein Stipendium an einer höheren Lehranſtalt eintrug. Von nun an war es mit der Beſtrebung um eine Dorſſchulmeiſterſtelle auf ewig vorbei. Sein Sinn ſtrebte nach Höherem, er ſtudirte allein die Muſik, wurde Virtuos auf der Geige und kam als ſolcher hierher, um durch Unterricht und Componiren ſein Leben zu friſten. So fanden wir ihn und als 46 wir ihn eines Abends in einem Concert eine Etüde von Vieuxtemps ſpielen hörten, wurden Heinrich und ich ſo ſehr von ſeinem Vortrag hingeriſſen, daß wir ihn aufſuchten und unſer Bündniß mit ihm für ewige Zeiten ſchloſſen. Bald nach dieſer Zeit war Willibald ſo glücklich, einen Muſikalienhändler zum Verleger zu finden, der ihm ſeine Lieder, worin er vorzüglich ſtark iſt, Stück für Stück für zehn Thaler abkauft, während ſie ohne Zweifel zehnmal ſo viel werth ſind. Aber der junge Künſtler iſt genügſam und braucht für ſich wenig, ſo daß er dem Verleger, der ihn erſchachert hat und der mit ſeinem Talent Wucher treibt, treu geblieben und mit ſeinem Looſe zufrieden iſt. Die Aufforderung des Dirigenten der hieſigen Hofcapelle, in das Orcheſter einzutreten, hat er wiederholt abge⸗ lehnt; er will frei und unabhängig ſein, denn er fühlt heraus, daß ein wahrer Künſtler es ſein muß, um friſch und fröhlich wirken und ſchaffen zu können. So ſanft und mild nun ſein Weſen und Charak⸗ ter iſt, ſo liegt doch in ſeiner Muſik ein kühner Schwung, verbunden mit einer ernſten, faſt melancho⸗ liſchen Färbung, die etwas ungemein Anſprechendes hat. Wenn wir zuſammen concertiren, muß ich mich immer enthalten, ſein Geſicht zu betrachten, denn er ſieht ſo lieblich kindlich und fromm dabei aus, daß — A 47 ich dabei ſtets an einen muſicirenden Engel denken muß, den Heinrich vor zwei Jahren gemalt und wozu er die Idee durch unſern Freund ſelber gefaßt hat. Da haſt Du uns Drei nun beiſammen und ich ſage Dir, daß wir ein Herz und eine Seele ſind und gewiſſermaßen nur eine Perſon bilden, die drei verſchiedene Organe hat und nach drei verſchiedenen Richtungen dieſelben in Thätigkeit ſetzt. Arbeit wie Muße treiben und genießen wir faſt immer gemein⸗ ſchaftlich, wir bewohnen ein Haus, wenigſtens einen Hof und ſeit den fünf Jahren, wo wir hee Vnnd. niß ſchloſſen, unternehmen wir ſogar alljährlich einen weiteren Ausflug, um uns von den Anſtrengungen zu erholen, die wir elf Monate lang geduldig ertragen haben. Auch jetzt rückt die Zeit allmälig näher, in der wir die ſtaubige, überfüllte Reſidenz zu verlaſſen pfle⸗ gen, und ich muß bekennen, daß ich mich alle Tage mehr nach dieſer Erholungsfriſt ſehne. Ich habe in den letzten Monaten ſehr eifrig gearbeitet; die vielen Zeitſchriften, dei denen ich thätig bin, erſcheinen ſo pünktlich, daß man jede Stunde wahrnehmen muß, um der Pflicht nachzukommen, wenn der Trieb ſogar bisweilen ermattet und Herz und Geiſt nach Ruhe und Frieden ſchmachten. Ebenſo ſehne ich mich auch 48 aus meiner dumpfen Hofkammer fort, in Gottes freie Natur hinaus, um mein träge fließendes Blut mit neuem belebenden Stoffe zu füllen, neue Wunder⸗ werke der Schöpfung zu ſehen und mit Menſchen zu verkehren, die nicht gleich uns in die Schnürbruſt großſtädtiſchen Lebens eingezwängt ſind. Hier haſt Du nun Alles, was Du von mir zu wiſſen verlangen kannſt, und Du wirſt mir nicht den Vorwurf machen können, zu wenig ausführlich geweſen zu ſein. Schließlich habe ich nun ein Geſuch an Dich zu eenſun deſſen Erfüllung, wenn es Dir irgend möglich iſt, ich Dich recht warm und herzlich bitte. Es betrifft meinen ehemaligen Gönner und Wohlthä⸗ ter, dem ich vielleicht manchen Kummer bereitet habe und dem ich doch zu unendlichem Danke verpflichtet bin. An Deinen Vater wage ich nicht deshalb zu ſchreiben, ſein letzter Brief war ſo herbe und vor⸗ wurfsvoll, daß ich fürchte, er bewahrt ſeinen Groll gegen mich noch jetzt. Du weißt nun, daß ich den⸗ ſelben nicht verdiene, und deshalb bitte ich Dich, die Mittelsperſon zwiſchen ihm und mir ſein zu wollen. Benutze eine glückliche Stunde bei ihm und trage ihm mein Begehren vor, er kann es weder unehrenhaft noch voreilig nennen. Früher glaubte ich, der unbe⸗ kannte Ehrenmann wolle ſich mir aus perſönlichen * 49 Gründen nicht zu erkennen geben und um weitere Zudringlichkeiten meinerſeits von ſich fern zu halten. Jetzt aber, wo ich ruhig über frühere Zeiten und meine Irrthümer denke, und namentlich, wo ich keiner fremden Unterſtützung weiter bedarf, alſo nicht mehr als Hülfeſuchender vor ſeine Augen trete, will es mich bedünken, daß es für mich eine Pflicht ſei, ihm laut meine Gefühle darzulegen, denn vor allen Dingen habe ich eine wahre Angſt, von ihm für einen Un⸗ dankbaren und Unwürdigen gehalten zu werden. Kannſt Du alſo ſeinen Namen und Wohnort erfahren, ſo vertraue mir denſelben an und ſei überzeugt, daß ich keinen Mißbrauch damit treiben werde. Dies iſt ein Hauptpunkt meines ganzen langen heutigen Schreibens, und nachdem ich ihn Dir, dem alten lieben Jugend⸗ freunde, auf die Seele gelegt, grüße ich Dich herzlich mit allen Gefühlen unſrer erſten, herzlichſten und hof⸗ fentlich für alle Zeit unverlöſchbaren Zuneigung als Dein treu ergebener .. im Mai 18... Guſtav Steinau.“ Die Inſulaner. I. — Sweites Bapitel. Die Künſtlerfreunde. Nachdem der eifrige Schreiber ſeinen Brief beendigt und dann überleſen, was ihm zuletzt ſchon einige Mühe verurſachte, da das Tageslicht in dem dunklen Stübchen immer mehr abgenommen hatte, ſiegelte und adreſſirte er ihn, ſtand dann raſch auf und warf ihn in ſeinen grauen Filzhut, um ihn nicht zu ver⸗ geſſen, wenn er ausgehen würde. „Damit wäre ich zu Stande gekommen,“ ſagte er, einige Male lebhaft durch das Zimmer ſchreitend, wie um das ſtockende Blut wieder in friſchere Bewegung zu bringen,„und nun mag Gott ſeinen Segen geben! Aber es iſt ein ſtarker Brief geworden und ich hätte nicht geglaubt, ſo viel über mich ſelbſt ſagen zu kön⸗ nen. O, aber wie wird ſich der alte gute Kerl freuen, 51 wenn er ihn lieſt, wie ſchnell wird er ſich niederſetzen und mir ſeinen Lebenslauf gewiß eben ſo vollſtändig beſchreiben, wie ich den meinen beſchrieben habe! Nun— aber es iſt wirklich völlig Abend geworden — Heinrich kann doch nicht mehr arbeiten, obgleich ſein Atelier etwas länger Licht hat als mein Zimmer. Wo mag er denn ſtecken?“ Mit dieſen Worten trat er an's Fenſter, öffnete es und augenblicklich drang das Gelärm des Hofes, das Jauchzen der Kinder, das Geſchrei zankender Weiber und das zehnfache Geräuſch der mit ihrer Handwerksarbeit beſchäftigten Männer ungehindert zu ihm herein und erfüllte ihn mit dem Widerwillen, welchen ein Mann empfindet, der gern in Ruhe ar⸗ beiten möchte und jeden Augenblick durch das ver⸗ worrene Getöſe der Außenwelt geſtört wird. „Nein,“ ſagte er, raſch das Fenſter ſchließend, „das iſt heute wieder nicht auszuhalten, und da— da kommt noch ein Leierkaſten hinzu— und Heinrich arbeitet am Ende doch noch. Nun, mag er arbeiten, ſo lange er will und kann; Willibald iſt auch ſchon fortgegangen, um Richard Wagner's neue Muſik zu bören, die heute zum erſten Mal in dieſen Mauern vernommen wird. Abh, ich bin neugierig, was er da⸗ zu ſagt, er wollte ſich nachher noch bei mir einfinden, 4 ³ 53 Wenige Augenblicke ſpäter trat eine kräftige und hohe Geſtalt in des Schriftſtellers Zimmer, deſſen Thür faſt zu niedrig ſchien, dem Eintretenden zum Durchgange zu dienen. Der Maler trug leichte, gleich⸗ farbige Sommerkleider; um ſeinen markigen Hals ſchlang ſich ein anmuthig geknüpftes buntſeidenes Tuch, auf den Kopf hatte er einen etwas ſpitz zu⸗ laufenden breitkrämpigen Hut geſtülpt und nicht allein dieſe zwangloſe moderne Kleidung, auch der Schnitt der Haare, die ungezwungene Haltung des ganzen Körpers verriethen den Künſtler auf den erſten Blick. Seine Geſichtszüge waren nicht ſo fein geſchnitten, wie die des Freundes, den er beſuchte, es lag nicht ſo viel Intelligenz in dem kühn blickenden Auge, aber ein geſunder Menſchenverſtand ſprach aus jedem Zuge und eine biedere Gutmüthigkeit, wie ſie Menſchen von kräftigem Körperbau ſo oft beſitzen, leuchtete Jedem entgegen, der ihn zum erſten Mal betrachtete und ohne Zweifel durch Alles, was er wahrnahm, gewonnen und gefeſſelt ward. „O mein Gott,“ rief der Maler mit lebhaftem Unwillen im Mienenſpiel aus, indem er dem Schrift⸗ ſteller die Hand drückte,„iſt das heute wieder ein Gedudel! Haſt Du denn Deinen Brief mit Ruhe be⸗ enden können?“ 5² Heinrich hat ja eine Verſammlung ausgeſchrieben und eine wichtige Mittheilung angekündigt.“ Er hätte noch viel länger mit ſich fortgeplaudert, wie man es thut, wenn man im Halbdunkel im Zim⸗ mer auf⸗ und abgeht und nichts Ernſtes dabei zu denken hat, wäre nicht gerade in dieſem Augenblick eine Pauſe im Leierkaſtenſpiel eingetreten und hätte ſicch nicht gleich darauf ein ſtarkes fröhliches Pfeifen aus einem der oberen Hoffenſter vernehmen laſſen, das unſerm Freunde ſo bekannt war, daß er ſofort wieder das Fenſter öffnete und hinausſah.„Ah,“ ſagte er zu ſich,„das iſt Heinrich! Er iſt fertig mit ſeiner Arbeit und nun pfeift er wie der edelſte Fin⸗ kenhahn— nun, da iſt er ja— biſt Du fertig?“ rief er laut über den Hof.. Ein ausdrucksvoller Kopf, mit einem energiſchen und doch ſo fröhlichen, aber jetzt von der Arbeit er⸗ hitzten Geſicht, welches ein dunkler Vollbart einſchloß, lehnte ſich pfeifend aus dem ebenfalls geöffneten Fen⸗ ſter und ein kühn blickendes Auge flog blitzſchnell zu dem Fragenden herüber. „Guten Abend!“ rief der Maler dann, heiter nickend.„Biſt Du fertig mit Schreiben, Guſtav? Störe ich Dich nicht?“ Nein, nein, ich erwarte Dich ſchon.“ 71 54 „Gott ſei Dank, ja, da liegt er ſchon geſiegelt; aber wie ſteht's mit Deiner Skizze zu der großen Landſchaft, he?“. „Sie iſt fertig, Junge, fertig und ziemlich ge⸗ lungen, heißa! Aber gemalt wird dieſen Sommer nicht mehr— das war das Letzte, ich habe es eine Zeit lang ſatt! Der Himmel weiß es, wie es kommt, aber wenn der letzte Mai mit ſeinem blauen Auge hier über unſre Dächer hereinſieht, finde ich keine Ruhe mehr in der dumpfigen Stube. Habe ich doch lange genug den Herbſt, Winter und Frühling hindurch ge⸗ ſeſſen, und das Geraſſel auf den Straßen, der Staub, die bleichen Stadtgeſichter jagen mich fort in's Weite — doch halt, davon wollen wir heute Abend ſprechen, wenn Willibald nach Hauſe kommt. Höre, ich habe Dir eine prächtige Geſchichte zu erzählen, die mir heute begegnet iſt.“ Guſtav gab ihm freundlich aufhorchend ſeine Bei⸗ ſtimmung zu erkennen, nahm eine Cigarre und reichte denk Freunde ſchweigend ebenfalls eine dar, worauf er Feuer anzündete und den Gaſt und ſich bediente. Als aber der blaue Rauch duftig durch das Zimmer wirbelte, nahm er auf dem alten Sopha Platz, nickte dem Freunde ermunternd zu und ſagte:„Nun ſprich, ich hoͤre mit beiden Ohren.“ 5⁵ „Zuerſt,“ begann der Maler mit pathetiſchem Tone,„habe ich Dir von einem vornehmen Beſuch zu berichten.“ „Vornehmen Beſuch? Wer war es denn?“ „Der Profeſſor Hubert!“ ſagte der Maler, das Wort Profeſſor nachdrücklich betonend. „Der Profeſſor Hubert? Wer iſt denn das?“ „Nun wer denn anders als Hubert, mein College, der Frezcomuler⸗ Ja, ja, er iſt Profeſſor geworden, er hat es glücklich zu Stande gebracht. Sein Onkel, der Geheime Kriegsrath, hat es höchſt diplomatiſch beim Könige ausgewirkt. Na, nun wird er gewiß lauter profeſſorartige Bilder malen! Was ihm bisher nicht gelungen iſt, gelingt ihm jetzt gewiß. Und denke Dir, zugleich mit ſeiner Profeſſur iſt auch ein Orden nsgeſiogen— und an Weun iſt er haften geolirden⸗ An dem Maler Lux, d den wir den Schattenlux nennen.“ „Was? Der hat einen Orden erhalten?“ „Ja, den Verdienſtorden des heiligen Georg— oder Nepomuck— ich habe vergeſſen wie er hieß.“ „Verdienſtorden! Was hat er ſich denn für Ver⸗ dienſte erworben?“ „Wie Du ſo fragen kannſt! Er hat gepinſelt wie ich, wie wir Alle, die wir mit bunter Farbe die Lein⸗ wand bemalen. Es iſt aber nun einmal Mode jetzt, 56 daß die Maler betitelt und mit Orden behängt wer⸗ den, ſonſt ſind ſie ja in ihren eigenen Augen nichts werth, meinen ſie. O, die kleinen Seelen! Ja, wenn der alte Leſſing noch lebte, ſo würde er nicht mehr ſagen, die Kunſt geht nach Brod, obgleich ſie das auch noch leider Gottes recht oft thut, ſondern er würde ſagen: ſie geht nach Orden und Titeln, wenig⸗ ſtens bei den Künſtlern, die in Reſidenzen leben und ſich um die Fürſten drängen, die leider keine Medi⸗ ceer mehr ſind. Ich könnte Dir wenigſtens eine ganze Reihe ſonſt ehrenwerther Künſtler nennen, die gar nicht mehr aus den Vorzimmern der Leute von Einfluß herauskommen, Stunden lang leiſe athmend 5 an den Thüren ſtehen und um die zweifelhafte Gunſt von Leuten buhlen, die weder wiſſen, was die Kunſt noch was die Künſtler werth ſind. Pfui doch! Ein wahrer Künſtler muß ſich ſuchen laſſen und er wird 8 auch endlich geſucht, aber er muß nicht mit Bücklingen um eine Gabe betteln, die ihm nur der Himmel ge⸗ f. währen kann, der ihm allein den göttlichen Funken eingehaucht hat.“ N „Du biſt bitter, Heinrich.“ 8 „Was— bitter! Ich bin noch ſüß mit Worten, mit der Galle verglichen, die mir das Herz abſtößt. Meiner Meinung nach ſtrebt der wahre Künſtler nicht 57 nach äußerer Anerkennung, er will, er muß allein dem inneren Drange genügen und dem Ideale nach⸗ ſtreben, das ihm Phantaſie und Geiſt im reinen Aether aufgebaut. Aber da kommt Einer heutzutage ſchön an! Wer kein Bändchen im Knopfloch, keinen Titel auf⸗ weiſen oder wenigſtens ſeine Priſe in einer goldenen mit Diamanten beſetzten Doſe darbieten kann, der glaubt ſich vernachläſſigt, übel behandelt, und das Volk— o das dumme Volk!— glaubt es auch oder hält ihn für einen armſeligen Kleckſer, denn nur die mit ſolchem äußerlichen Tand behängten und vergol⸗ deten Menſchen ſcheinen ihm des Anſehens und der 1 Bewunderung werth. O, es iſt eine ſchöne Welt!“ 3 Der Dichter ſeufzte und ſchwieg nachdenklich. 3„Du wollteſt mir aber eine Geſchichte erzählen,“ fuhr er endlich aus ſeinen Träumen auf.„War ſie das?“ „Nein, das war nur ein Vorſpiel davon, die eigentliche ſpaßhafte Geſchichte kommt jetzt erſt. Denke Dir, im Vorübergehen trat ich heute Mittag bei dem Kunſthändler Jäger in der Sachſenſtraße ein. Ich wollte mir den neuen Kaulbach'ſchen Carton beſehen und ſtehe eben davor und betrachte ihn andächtig. Da geht die Thür auf und ein Lakai meldet Seine Excellenz den Grafen von O... an. Unſer guter Kunſthändler fällt vor Freuden beinahe in Ohnmacht 58 und ſtößt einen Schrei des Entzückens aus. Der Herr Graf aber tänzelt herein, läßt ſich in einen Seſſel fallen und nimmt eine Priſe Bahia, um ſich zu ſeinem künſtleriſchen Unternehmen zu ſtärken. „Herr Jäger,“ ſagt er mit gnädigem Lächeln,„ich habe ein Anliegen.“ „Sie machen mich überaus glücklich damit, Herr Graf. Womit kann ich Ihnen dienen?“ „Hören Sie,“ ſagt der Graf und ohne ſich im Geringſten um meine Anweſenheit zu kümmern, der ich vor dem Carton ſtand, das Blatt betrachtete und ihm alſo den Rücken zukehrte,„hören Sie, ich werde Ihnen heute eine neue Landſchaft ſchicken. Der Sohn meines Kammerdieners hat ſie gemalt und ich glaube, es iſt ein ganz leidliches Bild. Aber ich moͤchte den jungen Mann pouſſiren und darum komme ich zu Ihnen. Haben Sie nicht irgend Jemand bei der Hand, der das Bild in allen möglichen Zeitungen be⸗ ſpricht und rühmt und ſo dem jungen Mann einen Namen macht, he?“ 8 Herr Jäger räuſperte ſich etwas ängſtlich, denn ihm mochten dergleichen Empfehlungen ſchon manchen Seufzer gekoſtet haben.„Soll es denn ſehr gelobt werden?“ fragte er ziemlich kleinlaut. „Ja, ſehr, ſo ſehr wie möglich, es liegt mir daran; —jjj—— 59 der junge Mann hat eine ſo hübſche Schweſter. Was es koſtet, werde ich bezahlen!“ Und der Herr Graf nahm eine neue Priſe, ſtand auf und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. Herr Jäger aber verbeugte ſich beinahe bis auf den Boden und fragte beſcheiden, ob der Herr Graf nicht den Kaulbach'ſchen Carton beſichtigen wo olle. „Ein andermal, mein Lieber— aber Sie ſtehen mir für die Kritik ein, nicht wahr?“ „Ich werde Alles zur Zufriedenheit Eurer Exeellenz beſorgen.“— Haha! Was ſagſt Du zu dieſer Ge⸗ ſchichte? Iſt ſie nicht köſtlich?“ Guſtav Steinau machte eine Bewegung innerer Entrüſtung.„Ja, ſie iſt köſtlich in ihrer Art und wirft ein grelles Licht auf die Kritik unſrer Zeit und die Art, wie ſich die Künſtler ihre Namen verſchaffen. Aber was hilft das Alles? Welcher Verſtändige giebt auf dergleichen Kritiken und Namen noch etwas? Es iſt in meinem Fache eher ſchlimmer als beſſer. Die Unverſtändigen, der große Haufe, müſſen einmal Vordenker haben, wie ſie Vormünder haben, das iſt bequem, und ſo machen es ſich die Herren Kriti⸗ ker auch bequem und ſchreiben, was ihnen in die Feder läuft oder von ihrem Eigennutz, ihrem Groll, ihrem Neid und was ſie ſonſt für Mitarbeiter haben, 60 in die Feder dictirt wird, nicht aber, was aus einem geſunden und in der That immer ſehr ſchwie⸗ rigen Urtheil entſpringt. Was villſt Du— für Geld iſt heute Alles zu haben, Lob und Ehre für ſich, Tadel und Schande für Andere, das iſt ſo der Zeitgeiſt und gegen den kämpfen ſelbſt Götter ver⸗ gebens.“— „Ja, ja doch, aber nimm Dir die Sache nicht zu ſehr zu Herzen, mir hat ſie Spaß gemacht. Wir verwenden kein Geld, um unſre Arbeiten rühmen zu laſſen, wir ſind zufrieden, wenn wir es für unſern Lebensunterhalt haben. Am Ende, was wollen wir auch mehr? Reich ſind wir nicht, aber wir können von unſerm Erwerb leben und ſchließlich iſt das die Hauptſache. Und im Grunde genommen— ſind wir nicht viel glücklicher als jene ſogenannten Herren der Welt, die nicht wiſſen, was ſie mit ihrem Reichthum anfangen ſollen und aus einem Wahnſinn in den an⸗ dern verfallen? Was unſer Geiſt erdenkt, bringt unſre Hand zu Stande, wir freuen uns darüber, ſchaffen alle Tage etwas Neues und ſchreiten ſo mit der Zeit fort, die Andere überflügelt oder gar über den Hau⸗ fen rennt. Das kann nicht Jeder von Denen ſagen, die man um ihre Glücksgüter beneidet. Meinſt Du nicht auch?“ 61 „Ach, ich will auch keine Glücksgüter erwerben und beſitzen, dahin ſtrebt meine Seele nicht, Du weißt es wohl. Aber eine ſichere Zukunft möchte ich mir gründen, der Sorge künftiger Tage aus dem Wege gehen, denn wenn einmal unſre Hand erlahmt, unſer Geiſt ermattet, was haben wir dann, wovon leben wir dann, wer ſtützt uns dann?“ Als er das mit faſt wehmüthigem Tone ſagte, wie er ihn bei ähnlichen Gelegenheiten wohl bisweilen hören ließ, rückte Heinrich Markholm ihm näher, legte ſeine kräftige Hand feſt auf die Schulter des Freun⸗ des und ſagte mit erhobener Stimme:„Guſtav, Du fällſt wieder in Deine alte Träumerei zurück, aus der ich Dich ſchon ſo oft mit ſtarker Hand geriſſen habe. Auf und ermanne Dich! Sieh, Du haſt noch immer nicht das ächte Künſtlertemperament, Dein Blut iſt noch zu dick, Dein Geiſt noch nicht gänzlich frei von den Sorgen des alltäglichen Lebens. Doch betrachte daſſelbe genauer, ſchau' um Dich. Wer iſt ſo glück⸗ lich wie wir, wenn wir arbeiten und durch Arbeiten das Nöthige erwerben? Wir thun damit unſre Schul⸗ digkeit, genießen den Augenblick und für das Uebrige wird Gott ſorgen. Ich habe noch keinen Menſchen verhungern ſehen, der Willen, Thatkraft und Fleiß beſitzt, wie wir alle Drei ſie beſitzen.“ 622— „Ja, ja, Du magſt Recht haben, aber inſofern irrſt Du, als Du mein Blut dick nennſt. Ach nein, es fließt mir ſo flüſſig durch die Adern wie Dir, aber bedenke, wie nahe mir oft die Sorge des Lebens ge⸗ rückt iſt, was ich Alles erlitten— doch, wozu das wiederholen, Du kennſt ja mein Leben faſt ſo genau wie ich ſelber.“ Der Maler ſprang auf, wie von einer Stahlfeder emporgeſchnellt.„Ja,“ rief er mit ſeiner ſonoren Stimme,„ich kenne es und Du ſollſt es mit mir ver⸗ geſſen lernen. Ich habe für uns Drei einen Plan gemacht und heute Abend ſollſt Du ihn vernehmen. Doch jetzt zieh Deinen Rock an, nimm Deinen Hut und laß uns ein paar Straßen auf⸗ und ablaufen. Da ſehen wir Geſichter, da bohren ſich zwanzig Ell⸗ bogen in unſre Rippen und das nennt ja ein Groß⸗ ſtädter das Leben genießen und— ſpazierengehen. Komm!“ Guſtav war ſchon aufgeſtanden und hatte ſich zum Ausgehen angekleidet. Auch diesmal hatte der leicht⸗ blütige Freund ihn ſeinen Grübeleien entriſſen und als ſie erſt in dem bunten Menſchengewühl auf und nieder gingen, war ein anderer, heiterer Geiſt in ihn eingekehrt und die Ellbogenſtöße der Vorübergehenden hatten ihm gute Laune gemacht, zumal wenn er ſah, 63 wie ſie der Maler mit ſeinen mächtigen Armen nach allen Seiten kräftigſt erwiderte. Zwei Stunden ſpäter finden wir die beiden Freunde wieder in dem heimiſchen Stübchen ſitzen, heiter und munter ihre Beſtrebungen und Erfolge beſprechend, ein Stoff, der bei Künſtlern, die es ehrlich mit ſich meinen, nie erſchöpft wird. Vor ihnen auf dem Tiſch brennt eine Lampe hell und freundlich; auf dem mit einer Serviette bedeckten Tiſche ſteht Brod, Butter und etwas kaltes Fleiſch, auch ein paar Gläſer Bier hat die Wirthin geholt; das Rouleau vor dem Fen⸗ ſter iſt niedergelaſſen, damit kein neugieriger Nach⸗ bar in die einſiedleriſche Künſtlerwohnung blicken kann. Zu dieſer Zeit und unter ſolchen Verhältniſſen ſah das Stübchen ungemein einladend und behaglich aus. Der Lärm des Tages auf dem Hofe war allmälig ver⸗ ſtummt, nur von Zeit zu Zeit miaute eine Katze oder bellte ein Hund in der Nachbarſchaft, ſonſt herrſchte eine wohlthuende Stille ringsum und darum war es auch die Stunde, wo Guſtav am liebſten allein war und ſeinen Arbeiten mit raſtloſem Eifer oblag. Heute aber ruhte dieſe Arbeit; der Maler hatte die Freunde zuſammenberufen, um ihnen eine Mittheilung zu 64 machen, und die beiden Anweſenden erwarteten nur noch die Ankunft des Muſikers, der auch nicht lange mehr ausbleiben ſollte. Denn eben als Jene ihr einfaches Abendbrod ver⸗ zehrten, huſchte ein leiſer Tritt die Treppe herauf, und ſtill, wie er meiſt immer war, trat der dritte Freund herein, mit ſeinem gewöhnlichen milden Lächeln die Andern begrüßend, die ihm freundlich die Hände entgegenſtreckten.— Willibald Stillfried war ein mehr kleiner als großer, mehr ſchwächlicher als ſtarker Mann von ſechs⸗ undzwanzig Jahren. Guſtav hatte ihn in ſeinem, dem Leſer mitgetheilten Briefe ſchon ziemlich genau geſchil⸗ dert, wir fügen daher nur noch hinzu, daß ſein ſanf⸗ tes Geſicht ſeiner ganzen Erſcheinung entſprach, daß darauf ein ſinniger, faſt nervöſer Ausdruck lag, wie ihn Muſiker oft haben, und daß ſein klares aber etwas mattes Auge mehr in ſich hinein als aus ſich heraus zu ſchauen pflegte. Nachdem er die Freunde mit einigen Worten be⸗ grüßt, nahm er ſeinen Platz auf einem Stuhle ein, da die beiden Anderen ſchon das Sopha in Beſchlag genommen hatten, und nachdem er eine Weile ſchwei⸗ gend um ſich geblickt, ergriff er ohne weitere Ein⸗ ladung das Brod und aß und trank, ſo ſtill, ſo ge⸗ — räuſchlos, wie er Alles that, und ohne daß eine einzige aufregende Frage von Seiten ſeiner Freunde an ihn gerichtet worden wäre. Als er aber das Meſſer wieder niederlegte, ſeinen Teller bei Seite ſtellte und nun die Augen zu den beiden Anderen er⸗ hob, die ihn ſchon lange ſtillſchweigend beobachteten, ſagte der Maler, indem er ſich eine neue Cigarre an⸗ brannte: „Nun, Willibald, da Du gegeſſen haſt, wirſt Du anch reden können. Erzähle alſo, erzähle, wie hat Dir die Zukunftsmuſik behagt, oder hat ſie Dich ſo berauſcht, daß Du noch zu keiner klaren Ueberzeugung darüber gekommen biſt?“ „Nein,“ erwiderte der Muſiker,„berauſcht hat ſie mich nicht, aber einen gewiſſen Nachhall hat ſie mir doch hinterlaſſen, den ich erſt ausſchwirren laſſen muß. Noch brauſt es mir von den wild arbeitenden Inſtru⸗ menten zu ſtark im Kopfe und Ihr wißt, ich rede nicht gern, wenn ich eine Muſik gehört, d die mir Stoff zum Nachdenken bietet. 4 „Alſo ſie hat Dir doch Stoff dazu geboten?“ fragte 4 Guſtav Steinau etwas neugierig. „O ja. Und darum allein ſchon mag ich ſie nicht ſo unwirſch tadeln, wie manche Kunſtrichter es thun. Für den Augenblick ka un ich nicht ſagen, ſ iſt gut Die Inſulaner. I. 66 oder ſie iſt ſchlecht, ich kann nur im Allgemeinen ſagen ob ſie mir gefallen hat oder nicht.“ „Hat ſie Dir denn gefallen?“ „Bald mehr, bald weniger. Es iſt unläugbar Inhalt darin; auch manche neue Wendung, ſogar an das Erhabene ſtreifend, habe ich entdeckt. Aber mit einem Wort, ſie iſt weder ſo groß, wie ihre Lobpreiſer ſie auspoſaunen, noch ſo grundlos, wie ihre Tadler ſie verſchreien. Richard Wagner hat ein großes Ta⸗ lent— meiner Meinung nach, wohlverſtanden— aber er verſteigt ſich zu oft in unergründliche Regio⸗ nen, wohin ihm nur Schwindler oder Schwärmer fol⸗ gen können, und manchmal läßt er ſich leider zu leicht gehen, wie ein Menſch, der ſeines Sieges ſchon vor Beginn des Kampfes gewiß iſt. Im Ganzen wirkt ſeine Muſik nicht wohlthuend, aber doch anregend; ſie iſt bald ſyrenenhaft verlockend, verführeriſch, bald hart und rauh, wie auf ungebahnten Wegen einherſtolpernd, oft klingt ſie groß, wo ſie es in der That nicht iſt. Sie verräth viel Willen, aber dem Willen iſt die Kraft nicht gewachſen, die den Meiſter beſeelt, und nur zu oft haſcht er ſichtbar nach einem Effect, der keine woohlthätige, kaum eine ergreifende Wirkung übt. Da⸗ bei arbeitet er mit Anſtrengung ſich zu einer ſchwin⸗ delnden Höhe hinauf und wenn er oben angekommen 67 iſt, erſtickt er ſich ſelbſt im Geräuſch; er betäubt, an⸗ ſtatt zu rühren, er lähmt, anſtatt zu kräftigen. Jeden⸗ falls wäre Wagner bedeutender geworden, wenn er nicht zu früh übermäßig geprieſen und zu herbe ge⸗ tadelt worden wäre. Man hätte ihn weniger ver⸗ himmeln und ruhiger beurtheilen ſollen. Doch das Kritiſiren iſt nicht meine Sache und nun laßt mich in Ruhe, das Denken wird mir ſchwer, wo noch ſo viele Trompeten und Paukenſchläge in meinen Nerven zit⸗ tern, und mein Herz dröhnt noch immer wieder unter den maſſenhaften Klängen, die ich noch lange nicht bewältigt habe.“ „Das Kritiſiren iſt alſo nicht Deine Sache, ſagſt Du,“ fuhr dennoch der Maler fort,„und doch haſt Du uns wider Willen eine ganz hübſche Kritik eben geliefert. Du biſt aber ein milder Beurtheiler, Willi. Es könnten viele Herren von Dir etwas lernen, die immer mit dem Mund vorneweg ſind und mit dem Kopf langſam hinterdrein gewackelt kommen! Aber ſage uns doch— wird denn Deiner Meinung nach der Wagner wirklich den Mozart über den Haufen werfen und den Beethoven vergeſſen machen?“ Das nervöſe Geſicht des Muſikers überflog eine faſt zornige Röthe. Er ſprang vom Stuhle auf, ging einige Male mit aufgehobenen Händen in der Stube 5* 5 auf und ab und ſagte dann mit ſelten bei ihm ge⸗ hörter Energie: „O mein Gott, o mein Gott, daß auch Du dieſe Frage thun mußt! Habe ich denn nicht ſchon an dem Geplärre dieſer Menſchen darüber genug? Mozart über den Haufen werfen? Beethoven vergeſſen machen? Freunde, wer das geſagt hat, hat Unſinn geſagt, mag er ſein, wer er will— ich ſage es Euch. Mozart und Beethoven können Beide nicht über den Haufen geworfen und vergeſſen werden— ſie ſind Berge— nein, Felſen im Meere, an denen alle Wogen der Zeit ſpurlos branden und zerſchellen, und gern will ich glauben und wünſchen und hoffen, daß ein neuer Shakeſpeare, ein zweiter Raphael geboren werde, aber ein Mozart und ein Beethoven werden, nein, ſie kön⸗ nen nicht wieder geboren werden.“ „Den Grund, den Grund davon wollen wir wiſ⸗ ſen!“ rief der Maler, ebenfalls aufſpringend. „Ich kann ihn nicht nennen,“ erwiderte der Mu⸗ ſiker, zu ſeiner gewoͤhnlichen Sanftmuth raſch zurück⸗ kehrend,„aber er liegt mir im Herzen, in der Seele, in Allem, was in mir denkt, fühlt, ſchafft und pocht. Ob das daher kommt, daß ich ſelbſt Muſiker bin, weiß ich nich t, aber es iſt ſo; und nun laßt mich kein Wort mehr darüber ſprechen, denn ich vermag keins mehr zu ſagen.“ — 69 Guſtav gab dem Maler einen Wink, den Gegen⸗ ſtand nicht weiter zu verfolgen, wozu dieſer große Luſt zu haben ſchien, und er drang diesmal mit ſei⸗ nem gutgemeinten Wunſche durch. Alle Drei beruhig⸗ ten ſich allmälig und nahmen wieder am Tiſche Platz, worauf endlich Guſtav den Grund ihrer heutigen Zuſammenberufung zur Sprache brachte und den Ma⸗ ler bat, ihnen denſelben kund zu thun. „Du haſt Recht“, nahm dieſer mit heiterer Miene das Wort,„wir wollten ja heute Abend weder arbei⸗ ten noch kritiſiren, wir wollen vielmehr plaudern und dabei uns von unſern Arbeiten und Sorgen erholen. ſoll nun auch geſchehen und da will ich Euch ſagen, daß ich ein herrliches Mittel kenne, uns ſogleich von unſern Mühen und Banden zu löſen und mitten hinein in eine Fülle von Freuden und Genüſſen zu tauchen. Ja, ja, meine Freunde, ich frage nur: welches Datum ſchreiben wir heute? und Ihr werdet mich ſchon verſtanden haben. Wir ſchreiben den 31. Mai — da habt Ihr's auf einen Schlag: unſere Arbeits⸗ zeit iſt abgelaufen und unſre Ruhe⸗ und Reiſezeit be⸗ ginnt. Ich für meine Perſon geſtehe offen, daß ich ſchon ſeit mehreren Tagen nur noch körperlich hier bin, mein Geiſt, meine Seele mit allen ihren Wün⸗ ſchen und Hoffnungen iſt ſchon weit von hier entfernt. Ich kann das Geraſſel und Gelärm nicht länger er⸗ tragen, oder mein Herz wird krank, wie mein Ohr ſchon lange davon betäubt und mein Geiſt verworren iſt. Auf denn, laßt uns unſer Bündel ſchnüren und hinaus in's Weite, Freie und Grüne ziehen, in die ſchöne Natur, durch die Gottes reiner Athem weht, und ich ſtehe dafür ein, es werden nur wenige Tage vergehen und wir ſind neue und friſche Menſchen ge⸗ worden. Meint Ihr nicht auch?“ Die beiden andern Freunde ſahen ſich wohlgefäl⸗ lig an und ſtimmten dann freudig nickend des Malers Anſicht bei.„Ja,“ ſagte Guſtav Steinau,„Du haſt Recht, unſre Reiſezeit iſt gekommen; gehen wir und ſehen wir uns wieder ein Stück von Gottes ſchöner Erde an— aber wohin wenden wir uns diesmal, das iſt die Frage.“ „Hört mich an!“ fuhr der Maler mit bedächtiger Miene fort, ſo daß die Andern merkten, er habe ſei⸗ nen Plan bereits fertig und diesmal etwas Abſonder⸗ liches im Sinne, worauf ſie nicht gerade völlig vor⸗ bereitet wären.„Wohin, fragt Ihr? Nun gut. Ich will einmal erſt kurz wiederholen, wo wir bereits ge⸗ weſen ſind, und daraus wird hervorgehen, was uns noch übrig bleibt. Im erſten Jahre unſrer Bekannt⸗ ſchaft durchreiſten wir Sachſen, Böhmen und einen Theil von Oeſterreich; im zweiten das übrige Oeſter⸗ reich, Baiern und Tyrol. Im dritten Schleſien und wieder Böhmen und Mähren; im vierten den Rhein, Baden und einen Theil der Schweiz, und im fünften endlich ſiedelten wir uns faſt ein Vierteljahr im ſchö⸗ nen Harze an. Nicht wahr? Nun ſeht Ihr, unſer Deutſchland haben wir alſo ſo ziemlich nach allen Richtungen kennen gelernt und es bleibt nur noch das Ausland übrig—“ „Halt!“ fiel hier Guſtav ein, dem ſogleich ſtill⸗ ſchweigend, aber mit ſprechender Geberde der Muſicus beiſtimmte,„Du machſt die Rechnung ohne den Wirth, mein Lieber. Wir wiſſen wohl, daß wir Frankreich, Holland, England und Italien noch nicht geſehen ha⸗ ben, aber Du weißt auch, warum wir ſie nicht ſahen und auch jetzt nicht ſehen können.“ „Wohl weiß ich es, unſre Mittel erlaubten es nicht, und wahrſcheinlich ſteht es auch heute noch da⸗ mit ſo. Stellen wir einmal gleich unſre Rechnung an. Wieviel Gelder habt Ihr für den Sommer flüſ⸗ ſig? Denn ich geſtehe gleich von vornherein, daß ich den ganzen Sommer über draußen bleiben und dies⸗ mal tüchtig ruhen, das heißt nachdenken und ſtudiren will.“ Der Muſicus, der am wenigſten mit Mitteln Ge⸗ ſegnete unter ihnen, durch ſeine feinen Haare, „O, ich bin ſo ziemlich verſehen, me caten für das Schauſpiel liegen unange im Schreibtiſch.“ „Das kann ich nicht bald kleinlaut das Wort,„ Vermögen erreich im October erſt bezahlt mein Compoſitionen.“ „O, der muß früher zahlen,“ rief Heinrich holm,„ſoll ich morgen einmal zu ihm gehen?“ Willibald überlegte ſchwe Nein ſagen ſollte, ehe er a ſchluſſe gekommen, nahm Guſt ſagte mit entſchiedener Gutherzigkeit: „Nein, gieb das nicht zu, Willibald. Mann nicht, er möchte unwillig werden, Du von der Reiſe zurückkommſt, iſt es eine runde Summe für den Winter Warum auch noch mehr Geld zuſammenhäufen— wir haben, dächte ich, für un wir unſre Capitalien zuſammen; weniger beiſteuert, iſt einerlei, mir wenigſtens. Zwei haben alſo ſchon beinahe vierhundert Thaler und ſtrich verlegen mit der Rechten Guſtav aber rief munter: ine hundert Du⸗ taſtet da unten von mir ſagen,“ nahm Willi⸗ mein ganzes augenblickliches t kaum die Höhe von ſechszig Thalern, Verleger meine letzten eigend, ob er Ja oder ber noch zu einem Ent⸗ av raſch das Wort und ſre Zwecke genug. Legen ob Einer mehr oder 1 ——:—:———— 73 das iſt ein hübſches Reiſegeld. Wenn Du wieder in Fluth biſt, Willibald, dann zahle an mich zurück, ganz nach Deiner Bequemlichkeit. Wieviel aber haſt Du, Hainrich „O, ich bin diesmal weder ſo reich, wie der Eine von Euch, noch ſo arm wie der Andere. Der Ban⸗ kier Meyer hat mir mein letztes Bild abgekauft und zweihundert Thaler liegen bei ihm im Kaſten, ich kann ſie holen, ſobald ich ſie gebrauche. Somit haben wir beinahe ſechshundert Thaler. Davon können wir bequem vier Monate in der Fremde leben und noch etwas übrig behalten, um die erſte Einrichtung im Winter zu beſtreiten. Wie, ſind wir nicht wahrlich reich zu nennen?“ „Es kommt darauf an, wie weit wir reiſen wol⸗ len!“ ſchaltete bedächtig der Schriftſteller ein. „Natürlich, darauf kommt Alles an. Nun, ſo will ich Euch denn einmal einen, wie mir ſcheint, recht vernünftigen Vorſchlag machen. Ich weiß diesmal etwas ganz Neues.“ „Und das wäre?“ fragten ihn die Augen der beiden Anderen, die freudig blitzend ſich auf das ſtrahlende Antlitz des trefflichen Freundes richteten. „Ich habe eine Reiſe vor, die nicht ſehr weit iſt und keine großen Mittel beanſprucht. Nebenbei liegt 74 ſie im Vaterlande, in Deutſchland, meine ich, denn das iſt ſo reich an Naturſchönheiten, daß wir ſie noch lange nicht erſchöpft haben. Nun hört! Am meiſten ſehnen wir uns doch aus der abſcheulichen Staubluft fort, wir wollen Aether trinken— wo aber haben wir den wenigſten Staub? Ah!“ „Nun, wo denn?“ fragten ungemein neugierig die beiden Anderen. „Wie? Ihr fragt noch? Nun denn— das ganze feſte Land von Deutſchland haben wir ſchon geſehen, aber was haben wir noch nicht geſehen? Die See, die unſer Vaterland im Norden beſpült.“ „Ah, die See!“ lautete es mit verſchiedenen Be⸗ tonungen von den Lippen der Freunde. „Ja, die See! Iſt es nicht merkwürdig, daß ſie uns bisher entging? Nun denkt einmal an die ſchöne, herrliche Oſtſee mit ihrem geſchwungenen Strand und ihren zahlloſen Schiffen, an die dunklen Wälder auf den Küſten, an den weiten Himmel und die ſchwel⸗ lenden Wogen— o, werden wir da nicht ganz neue Dinge zu ſchauen bekommen und ganz herrliche Stu⸗ dien machen können? Gewiß, gewiß, alſo laßt uns diesmal an die See gehen!“ Guſtav Steinau, der von dem Augenblick an, wo ſein Freund der See Erwähnung gethan, aufmerkſam 7⁵ geworden war, ſenkte jetzt ein wenig den Kopf und lehnte ſich in ſeinen Sitz zurück. Eine, man möchte ſagen, ahnungsvolle Woge tiefgreifender Empfindung ſtieg aus ſeinem Herzen nach ſeinem Hirne auf und färbte Stirn und Wangen lebhafter.„Weißt Du denn einen anſprechenden Punkt,“ ſagte er leiſe,„der uns völlig befriedigte, uns Gelegenheit zur Muße, zur Ruhe und doch auch Stoff zum Nachdenken gäbe?“ „Ja, ich weiß einen, mein Junge. Wir wollen nach Rügen. Rügen iſt ein herrliches und ſchon von vielen Künſtlern bereiſtes, beſungenes und in einzel⸗ nen Theilen ſkizzirtes Ländchen. Voriges Jahr ſind mehrere Maler da geweſen und ſie haben mir außer⸗ ordentlich viel Rühmendes davon erzählt.“ Von innerer Unruhe zu mächtig ergriffen, um länger ſitzen bleiben zu können, ſtand Guſtav von ſeinem Platze auf, trat an's Fenſter, ſchob den Vor⸗ hang zurück und ſchaute gleichſam fragend zu dem Stückchen ſternbeſäeten Himmels auf, das über dem Hofe ausgeſpannt war, unterdeß aber nahm Willi⸗ bald das Wort und entgegnete dem Freunde, der vor⸗ her geſprochen, mit leiſer aber doch nicht ganz zu ver⸗ kennender Mißſtimmung: „Höre, Heinrich, Dein Vorſchlag mag ganz gut ———— 76 für Euch Beide ſein. Ein Dichter, ein Schriftſteller kann überall Studien machen, wo Menſchen leben, ein Maler da, wo es eine ſchöne Natur zu betrachten und nachzubilden giebt— Rügen iſt alſo etwas für Euch— was finde aber ich daſelbſt?“ „O, reiſen wir denn blos, um Studien zu ſam⸗ meln? Wollen wir uns denn nicht auch vergnügen und hauptſächlich erholen? Ueberdieß, mein Kleiner, iſt das Rauſchen des Windes, das Murmeln und Brauſen des Meeres etwa keine Muſik? Kannſt Du da nicht eben ſo gut wie wir ganz neue Studien machen, wenn Du doch einmal ſtudiren willſt? Und nun denke einmal— den großen freien Raum über Dir und um Dich! Wie viele Lerchen mögen da ſchwirren, wie viele Nachtigallen flöten, und wenn Du da der See etwas vorgeigteſt— wie würden die Wellen, die Millionen plätſchernder Fiſche abgerechnet, koſend und tanzend an das Ufer ſpiglen und Dir ein tauſendſtimmiges Bravo zurauſchen, nicht?“ Willibald lächelte bei den Schmeicheltönen des Freundes mit ſeinem ganzen milden, freundlichen Ge⸗ ſicht; er wollte eben etwas Beifälliges erwidern, als Guſtav ſich raſch vom Fenſter abwandte, an den Tiſch trat und mit ernſter Geberde ziemlich beſtimmt ausrief: 1 77 3 „Nein, nein, Heinrich, es geht nicht. Nach Rügen gehe ich nicht und kann ich nicht gehen.“ Der Maler richtete einen haſtigen, forſchenden und doch dabei ungemein liebevollen Blick auf ihn. Und indem er ſeine mächtige Hand ſanft auf des Freundes Schulter legte, ſagte er ernſt und beſchwichtigend: „Gemach, Guſtav! Wohl weiß ich, warum Du nicht nach Rügen gehen willſt, denn von nicht können iſt hier keine Rede. Deine trüben Jugenderinnerungen tauchen lebendig vor Dir auf, wenn Du an Rügen denkſt, nicht wahr? Du fürchteſt vielleicht mit Deinem ſtarren Onkel zuſammenzutreffen und in neuen Zwie⸗ ſpalt mit ihm zu gerathen, da der alte noch nicht ein⸗ mal verharrſcht iſt. O, ich weiß. Aber ſieh doch, Rügen iſt ja nicht ſo klein, wie Du es Dir vielleicht vorſtellſt, und da Du weißt, wie Dein Onkel heißt und wo er wohnt— uns haſt Du das zwar niemals ſagen wollen, weil Du es für überflüſſig hielteſt— ſo kannſt Du ihn ja ſehr leicht vermeiden.“ Guſtav ſchüttelte ablehnend und mit einem über⸗ aus melancholiſchen Ausdruck ſeines ſchönen Auges den Kopf.„Ich kann ihn vermeiden, ja,“ ſagte er halblaut, naber könnte uns der Zufall nicht wider meine Abſicht zuſammenführen? Und dann denke doch, Heinrich, mit welchen Gefühlen müßte ich nicht in der Nähe der Orte weilen, wo meine Eltern einſt lebten, meine Verwandten noch leben und mich jeder Baum an Das erinnerte, was ich verloren habe und niemals, niemals wieder gewinnen kann!“ „Nicht doch, ich bin darin durchaus nicht Deiner Anſicht. Und gerade Dein Widerſpruch reizt mich, nur um ſo hartnäckiger auf meinen Vorſchlag zu be⸗ ſtehen. Höre mich nur weiter an. Laß uns dieſe Angelegenheit einmal aus einem anderen, einem neuen Geſichtspunkte betrachten. Dein Onkel hat ſeine Hand von Dir, oder eigentlich von Deinen Eltern zurück⸗ gezogen, nicht wahr? Gut. Ob er Grund und Recht gehabt, alſo zu handeln, iſt ſeine Sache. Was haſt Du nun mit ihm zu ſchaffen? Du willſt nichts von ihm und er will nichts von Dir. Ihr ſeid quitt mit einander, jeder von Euch iſt ſein eigener Herr, ſelbſt⸗ ſtändig, und hat ſich um den Andern wenig oder gar nicht zu kümmern. Meinſt Du nicht auch? Er kann Dir nicht verwehren, Deine Heimat zu beſuchen, und Du wirſt ihm nicht verwehren, über Dich zu denken, wie es ihm beliebt. Nun ſiehſt Du— aber am Ende hat das Ding noch eine andere Seite. Denke Dir den Fall, daß Ihr Euch zufällig kennen lerntet und eine beſſere Meinung von einander gewännet, ſo daß vielleicht der alte Familienzwiſt dadurch geſchlichtet 5* 79 und Ihr ſogar gute Freunde würdet? Ha, wie dann? Aha, das ſcheint bei Dir zu wirken— Du ſtehſt auf und gehſt unruhig hin und her. Geh Du nur— meine Worte zünden doch eine kleine verborgene Mine in Dir an— ich weiß es wohl— und ſprengen am Ende Deinen phantaſirenden Trotzkopf auseinander.“ „O, o!“ ſtöhnte Guſtav Steinau, trat wieder an's Fenſter und riß daſſelbe auf.„O, was iſt es heiß hier!“ „Ja, es iſt heiß hier, Du haſt Recht, und ich be⸗ abſichtige ſogar, es noch ein Bischen heißer zu machen. So, ſchließe das Fenſter nur wieder, draußen iſt es nicht viel kühler, und nun komm' einmal her und höre mich ruhig bis zu Ende an. Sieh, ich habe Dir noch etwas ganz Beſonderes zu ſagen. Wer in der Welt zwingt Dich überhaupt, Dich Deinem Onkel zu erkennen zu geben, wenn Du ihm zufällig begeg⸗ nen ſollteſt, wie? Mache es wie andere Schriftſteller, lege Dir einen fremden Namen bei, und ſtelle Dich ihm unter demſelben vor, wenn Du mit ihm zuſam⸗ mentriffſt. Es wird Dich auf Rügen kein Menſch nach Deiner Paßkarte fragen. Oder kennt Dich Dein Onkel vielleicht von Angeſicht?“ „Nein, er kann mich nicht kennen; ich war acht oder neun Jahre alt, als er mich zum letzten Male 30 ſah, und ich ſelbſt erinnere mich ſeiner gar nicht mehr.“ „Siehſt Du Deinen Eltern ähnlich?“ „Meine Mutter läugnete es ſtets. Mein Vater war völlig brünett und meine Mutter hellblond wie alle ihre Verwandten, ich ſtehe zwiſchen Beiden in der Mitte und ſoll gar keinen Familienzug tragen.“ „Nun gut, ſo thu, wie ich ſage; ich glaube dies⸗ mal einem glücklichen Animus zu folgen, indem ich Dir dieſen Rath gebe.“ „O, o, ich kenne dieſen glücklichen Animus,“ rief hier plötzlich, heiter lachend, der Muſicus.„Jetzt weiß ich, was Dich nach Rügen zieht, Heinrich, und 3 warum Du uns zu dieſem Ausflug überreden willſt.“ Heinrich Markholm erröthete leicht, mochte er ſich nun von den Worten des damit nicht ſehr verſchwen⸗ deriſchen Willibald getroffen fühlen oder nicht.„Was zieht mich denn nach Deiner Meinung nach Rügen?“ fragte er, jetzt ſelbſt lächelnd.. „O, mir fällt nur eben Deine ſchöne Reiſegefähr⸗ tin auf dem Dampfboot ein, als Du nach Mannheim fuhrſt,— weißt Du es noch? Vor zwei Jahren ge⸗ ſchah es, und als Du von ihr zu uns nach Heidel⸗ verg kamſt, ſprachſt Du zwei Tage lang von nichts als von ihr. Sie war ja, wenn ich mich recht er⸗ 8 4 81 innere, eine Rügianerin, nicht wahr? Dieſer ehe⸗ maligen Reiſegefährtin nun wieder zu begegnen und vielleicht die Bekanntſchaft weiter fortzuſetzen, trägſt Du ein gewiſſes Verlangen— das iſt mir ſehr klar— 4 habe ich diesmal Deinen Animus eerrathen?“ Alle drei jungen Männer lachten jetzt laut wie auf einen gemeinſamen inneren Antrieb.„Nun ja,“ ſagte endlich der Maler,„warum ſoll ich es läugnen, ich habe oft und lange an dieſe junge Dame zurück⸗ gedacht, die ich im Ganzen doch nur einen Tag lang geſehen und mit der ich nur einige Stunden mich unterhalten habe.“ „Nun, was das betrifft, mein Lieber,“ fuhr der aus ſeinem Schweigen aufgeſcheuchte Muſicus fröhlich fort,„ſo haſt Du ſie freilich nur kurze Zeit aber doch mit einem wahren Künſtlerauge betrachtet, denn D Dein Bleiſtift und ſpäter Dein Pinſel haben die flüchtige Erſcheinung trefflich wiedergegeben.“ „O, meine Freunde, das würdet Ihr gethan haben, wie ich, wenn Ihr Maler geweſen wäret. Denkt nur, die Begegnung war zu angenehm und das Mädchen faſt zu ſchön. Während Ihr nach Hei⸗ delberg vorangegangen waret, blieb ich noch einen Tag in Düſſeldorf bei meinen alten Kameraden. Als ſie mich eines Morgens auf das Dampfboot führten, Die Inſulaner. I. 6 8² —— mit dem ich Euch nachfolgen ſollte, hatte einer von ihnen jene Dame ausgewittert. Nimm Dein Skizzen⸗ buch zur Hand, Heinrich, ſagte er zu mir, Du wirſt eine ſchöne Geſtalt und ein ächtes Leonardogeſicht un⸗ ſterblich zu machen haben. Und in der That, als mich verlaſſen hatten und das Boot meine Freunde ich nun an Bord auf⸗ und ab⸗ in Bewegung war, ſpazierte, ſah ich zwei Damen unter dem Sonnenzelt ſitzen, von denen die eine ziemlich alt und grau, die andere ein Wunderwerk von Schönheit war. Wie man auf Reiſen ſehr bald bekannt wird, ſo auch hier. Ich näherte mich ihnen und die Unterhaltung begann. Ich hätte gern gewußt, wer ſie wären, wo ſie einmal wiederzufinden, aber ich konnte ſie doch nicht fragen und erfuhr blos, daß ſie von Rügen kämen und in Familienangelegenheiten der älteren Dame eine Reiſe nach Mannheim unternähmen. Da man bald erfuhr und ſah, daß ich ein Maler war, ſo nahm ich ganz ungeſcheut mein Skizzenbuch hervor und, mich den Damen gegenüber ſetzend, that ich, als ob ich irgend ein Stück Land zeichnete, während ich doch nur eifrig bemüht war, den Kopf des ſchönen Mädchens zu ſkizziren. Das war Alles und in Mannheim wünſchten wir uns glückliche Reiſe und ſchieden, um uns wahr⸗ ſcheinlich nie wiederzuſehen.“ 83 „Das war nicht Alles,“ fuhr der Muſicus mit ſeltener Ausdauer fort. wnruee, als Du ſchon bei uns warſt, haſt Du dieſen ſchönen Kopf ſo über⸗ aus ſchön gefunden, daß Du ihn wenigſtens dreimal, wie Dein Skizzenbuch ausweiſen muß, und zwar ſehr ausführlich zeichneteſt. Später ſogar—“ „Nun ja,“ rief der Maler lachend, da er ſich wahr⸗ ſcheinlich für überwunderd erkannte,„nun ja, das iſt ja ſehr natürlich, mein Lieber. Wenn ich einmal ein Geſicht oder etwas dergleichen vor Augen, im Kopfe habe, ſo ruhe ich nicht eher, als bis meine Hand es auf der Leinwand wiedergegebeſt hat. Und das that ich, Ihr wißt es ſehr wohl, als ich nach Hauſe kam; ich malte jenes Mädchenportrait nach meiner Skizze und meiner Erinnerung und glaube, ein ganz nettes Bild damit zu Stande gebracht zu haben.“ „Das haſt Du, wir wiſſen es. Und nun genug davon. Gurgnn, das iſt ein wahrer kleiner Roman, der Dir vielleicht Stoff zu irgend einer Novelle giebt. Ah, Ihr kommt Beide gut dabei weg, aber was fällt mir davon zu, wie?“ „Dafür laß den Himmel ſorgen,“ ſagte der Maler, „er giebt Jedem das Seine. Und nun, Du finſter blickender Rügianer, ſchlägſt Du ein, willſt Du mit uns Deine Heinat beſuchen, denn Willibald geht mit 3 6* 84 mir, das weiß ich ſo gewiß, wie daß ich mit ihm gehe.“ „Gemach!“ erwiderte noch immer etwas zaghaft der Gefragte.„Das will überlegt ſein, ſo raſch kann ich mich nicht dazu entſchließen. Auch iſt es noch ſehr früh in der Jahreszeit— Rügen iſt ein kaltes und windiges Land, ſo viel ich weiß, erſt Anfang Juni werden die Wälder grün* „Nun ja, Anfang Juni wollen wir auch erſt da⸗ hin gehen, vierzehn Tage haben wir noch reichlich hier zu thun. Außerdem aber fürchten wir uns hoffent⸗ lich alle Drei vor einem Bischen Wind und Wetter nicht, und dann iſt es doch auch ein Hochgenuß, die Natur aus ihrem Schlummer erwachen und aus dem Wintermantel in das reizende Kleid des Frühlings überhuſchen zu ſehen. Nicht?“ „Laßt mich es beſchlafen!“ ſagte Guſtav.„Ich will Euch morgen oder übermorgen meinen Entſchluß verkünden und nun wollen wir zu Bett gehen, es iſt ſpät geworden. Gute Nacht, Heinrich; gute Nacht, Willi⸗ bald; gebe Euch Gott glückliche Träume, und mir—“ „Einen weiſen und kurzen Entſchluß!“ endigte der Maler, indem er den gähnenden Muſicus leiſe mit ſich zur Thür hinauszog. 8⁵ Am ruhigſten geſtimmt und von keiner Leiden⸗ ſchaft aufgeregt, die den nächtlichen Schlaf verſcheucht und den nie raſtenden Geiſt in Bewegung ſetzt, begab ſich von den drei Freunden Willibald Stillfried in ſeine einſame Wohnung. Leiſe eine Melodie vor ſich hinſummend, kleidete er ſich aus, blätterte noch in einer klaſſiſchen Partitur und legte ſich dann nieder, um in wenigen Minuten in den ruhigſten Schlaf zu ſinken. Nicht ſo Guſtav Steinau und Heinrich Markholm. Erſterer blieb, nachdem ſeine Freunde das Zimmer verlaſſen, lange Zeit unbeweglich und den Kopf auf die Hand geſtützt, in der Sophaecke ſitzen, indem er mitt tief wehmüthigen Empfindungen an ſeine traurigen FKaamilienverhältniſſe dachte, die theils durch den am Nachmittag geſchriebenen Brief, theils durch des Ma⸗ lers unerwarteten Vorſchlag, den Sommer auf Rügen zuzubringen, aus ihrer langen Ruhe wieder geweckt worden waren. „O, o,“ ſagte er in ſtillem Selbſtgeſpräch zu ſich, „wie hat doch der heitere Markholm, der immer luſtig und guter Dinge iſt, ſo gar keinen Begriff von dem Opfer, das ich ihm bringe, wenn ich ſeiner Leitung . folge und mit nach der paterländiſchen Inſel gehe. Da wird Alles wieder in meiner Seele wach, ja vor* 86 meinen Augen klar, was mir Herbes und Trauriges in meinem öden Jugendleben begegnet iſt. Aber das ließe ſich, das müßte ſich bezwingen laſſen, wenn nicht ein neuer Zuſammenſtoß mit meinem alten Oheim, der, wie meine Mutter mir ſo oft ſagte, unbeſieglich in ſeinem Grolle gegen uns iſt, zu befürchten wäre. Und doch, wenn Heinrich Recht hätte, wenn ich uner⸗ kannt mich ihm nahte, ſeine Neigung gewönne, ſein Vorurtheil gegen mich beſeitigte— was könnten dann für herrliche Folgen aus dieſem Begegnen entſtehen! Doch nein, nein, nein, ich ſuche ihn nicht auf; ich bleibe ihm fern, wie er mir gewiß duch fern bleibt, wenn er darüber zu beſtimmen hat, und nur der Zus fall, des Schickſals Fügung mag uns zuſammenführen, wenn die Zeit gekommen iſt, daß wir, wenn auch nicht mit Liebe, doch mit Ruhe uns in's Auge blicken können. Sieh, wie ich mich ſchon dem Willen dieſes gebieteriſchen Heinrich beuge! Eine ähnliche Einwir⸗ kung hat er von Anfang an auf mich ausgeübt, ſeit⸗ dem ich ihm auf meinem Lebensgange begegnete— nie habe ich mich ganz von ſeinem mächtigen Ein⸗ kluſſe frei machen können— aber ich muß auch ge⸗ recht ſein, nie habe ich Urſache gehabt, die Befolgung ſeines Rathes zu bereuen. Soll ich ihm auch dies⸗ mal fol gen? Soll ich wirklich? O! Ach! ich will es 8 87 8 beſchlafen, ich bin müde, wenigſtens abgeſpannt, und wie es mir oft begegnet, daß mir am Morgen der Plan meiner Arbeit klar vor der Seele ſtand, wenn ich am Abend rathlos und ſchwankend war, ſo will ich auch diesmal mich meinem ſtillen Genius über⸗ laſſen, den wir Menſchen alle über uns, in uns, um uns haben, der mit uns ſchaltet und waltet, wie es uns heilſam und erſprießlich iſt, mit uns allen wenig⸗ ſtens, die wir aus unſerm geheimnißvollen Innern ſchöpfen, die wir denken und ſtreben, die wir dichten und trachten, mag es nun mit der Feder, dem Pinſel oder dem Tone geſchehen!—“ Eine ganz andere Richtung verfolgte zu derſelben Zeit der leichtblütigere Maler. Als er ſein Zimmer erreicht und zwei große Kerzen angezündet hatte,— denn er liebte es in einem ſo hell wie möglich er⸗ leuchteten Zimmer zu ſitzen, weil er die Dunkelheit und den Schatten, wie er ſagte, nur im Walde und im Gegenſatze zum Licht auf ſeinen Bildern leiden mochte,— ſtellte er dieſe Kerzen zuerſt vor ſeiner letzten Arbeit, der Skizze einer ſchönen Tyrolerland⸗ ſchaft auf, deren Ausführung er ſchon vor langer Zeit beſchloſſen und nun erſt begonnen hatte. Mit behag⸗ licher Miene beſchaute er ſi eigenes Werk, prüfte und kritiſirte es, und in dem hellen Schimmer ſeines 88 4 dunklen Auges konnte man deutlich den Ausdruck der Zufriedenheit mit ſich ſelber leſen, was dem ſtreben⸗ den Künſtler freilich ſelten begegnet, ihn dann aber immer mit einer unbeſchreiblichen Freude erfüllt. „Es geht,“ ſagte er halblaut,„es wird wenigſtens gehen; ich denke, ich hoffe es. Aber Geduld, Hand, zucke noch nicht— erſt kommt die Reiſe und dann erſt die Arbeit. Die Reiſe, hm! Der Steinau muß mit und ſollte ich ihn mit Gewalt in den Wagen ſchieben, ich weiß beſſer, was ihm dienlich iſt, als er ſelber, und wenn ich den Namen ſeines Onkels er⸗ fahren kann— wer weiß, was für einen Tanz ich ihm dann aufſpiele! Doch auch das hat noch Zeit. Jetzt wollen wir einmal noch ein ſchönes Geſicht be⸗ trachten, bevor wir zu Bette gehen. Es ſchläft ſich ſüßer darauf.“ Und in die Ecke ſeines Zimmers tretend, nahm er von einer kleinen Staffelei ein Bild herab, ſtellte es auf eine, andere zwiſchen die beiden Kerzen und betrachtete es lange und mit einem, jeden Augenblick ſteigenden Wohlgefallen. In der That rief nicht allein das Bild— die Arbeit des Künſtlers— ſondern auch der Gegenſtand deſſelben, das ſchöne Geſicht, die vollendete Geſtalt, dieſes Wohlgefallen mit großem Rechte hervor. Das — 89 Portrait war in halber natürlicher Größe dargeſtellt und hatte den letzten vollendenden Pinſelſtrich ſchon lange erhalten. Wie der Düſſeldorfer Kunſtfreund dem Maler vor zwei Jahren geſagt: es war ein Leonardo da Vinci'ſches Geſicht, was er hier, von ſeiner eigenen Hand auf die Leinwand gezaubert, vor ſich ſah. Hellblonde, faſt der Farbe des matten Gol⸗ des ſich nähernde, in reiche Locken geordnete Haare ſchloſſen ein reizendes Oval von wunderbar ſchöner Durchſichtigkeit des Teints ein. Rein und klar wölbte ſich die Stirn über den leicht geſchwungenen Brauen von viel dunklerer Farbe, als ſie das Haar zeigte; freundlich und wohlwollend lächelte das große blaue Auge daraus hervor, und die feine Naſe, der kleine, ernſt geſchloſſene Mund, der doch ſchalkhaft lächeln zu können ſchien, bot ſo viele Züge vollendeter weiblicher Schönheit dar, daß nicht nur ein Maler, ſondern auch ein Laie einen großen Gefallen daran hätte fin⸗ den müſſen. Und doch lag auf dieſen ſchönen Zügen, wie ein feiner Hauch, der die Purpurfarbe einer herr⸗ lichen Frucht überzieht, ein eigenthümlicher, gleichſam ariſtokratiſcher Duft, den der Maler nicht etwa er⸗ funden hatte, den er vielmehr noch möglichſt gemildert zu haben glaubte, da er ſeiner Meinung nach dem ſchönen Geſicht einen nicht ganz wünſchenswerthen 90 Charakter verlieh. Auf dieſem letzten Zuge haftete u jetzt Heinrich's Blick oder vielmehr ſein inneres darüber wurde ſo leb⸗ Auge, und ſeine Empfindung d haft, daß er ſie nicht nur in Gedanken, ſondern ſogar in halb laut nenftene Worte kleidete. „Ja,“ ſagte er, den Kopf hin und her wendend und abermals eine Prüfung anſtellend, die er ſchon „ſchön iſt ſie, das iſt wahr. Sie mochte damals etwa neunzehn Jahre alt ſein Aund muß jetzt alſo etwa einundzwanzig zählen. Ein herr⸗ liches Alter, mir lieber als ſiebzehn und achtzehnjährige Schönheiten, vie die jungen Leute faſeln. Aber— ſo ſchön ſie iſt— lieben könnte ich ſie doch nicht. Hm! Und warum nicht? Ja, darum: für mich hat ſie einen gewiſſen ſogenannten vornehmen Zug, der mich ſtört, mich zurückſtößt. Gerade heraus geſagt, es liegt etwas Gekünſteltes um den geſchloſſenen Mund, etwas Gekniffenes um das herrliche Auge, wenigſtens in meinem Geiſte, was ich hier auf dem Bilde nicht völlig wiedergegeben, weil es mein Auge verletzte. Ich liebe mehr das Na atürliche auf einem ſolchen Ge⸗ ſicht, denn der Natur im Ganzen und Großen wie im Kleinen und Einzelnen huldige ich nun einmal. Ein Bauermädchen, wenn es ſo ſchön wäre, wie die⸗ ſes, könnte ich lieben, ja ſogar heirathen— heirathen! ſo oft wiederholt, 91 toller Gedanke für einen armen Künſtler wie ich— aber dieſe da, ſo ſchön ſie iſt, könnte ich weder lieben noch heirathen. Puh! Um Gotteswillen nicht! Ich will darauf wetten, daß dieſe Dame von Adel iſt, von Adel, wie ihn die Menſchen in ihrem Dünkel erſchaffen, nicht wie ihn Gott jeden Tag zu ſeiner Freude ſchafft. Es däucht mir faſt, als ſähe ich in dieſen Augen einen Blick, der mit Wohlbehagen auf ihrem Stammbaum ruht und die Ahnen zählt, die ihre Vorfahren mit großem Bedacht in das goldne Familienbuch des edlen Hauſes eingetragen. O, und ein ſolcher Blick iſt nicht mein Blick, ich liebe ihn nicht; ich ſchätze die Menſchen nicht nach dem, was ſie ſich einbilden zu ſein, ſondern was ſie wirklich ſind. Nun— ja, ſo iſt es, und darum, meine ſchöne Dame, iſt eine kleine Scheidewand zwiſchen uns auf⸗ gerichtet, die zu überſchreiten ich nicht die geringſte Luſt empfinde. Aber ſahen möchte ich Dich doch noch △̈ einmal. Nun, nur Geduld, ich komme, Du nordiſche Schöne, vielleicht begegnen ſich unſre Schritte noch einmal, und dann— und dann— ja, was dann? Narrethei! Was ſind das für Geſchichten! Gute Nacht, meine ſchöne Reiſegefährtin, gute Nacht! So. Wir haben uns nun lange genug betrachtet. Geh Du in Deinen Winkel zurück und ich— ich Heinrich 92 Markholm, der Dich wider Dein Wiſſen in dieſen Winkel gebannt, will ſchlafen gehen, gute Nacht!“ Mochte nun der äußere Einfluß des Malers, den derſelbe, unläugbar auf ſeine beiden empfindſameren Freunſe von Zeit zu Zeit ausübte, und der zum gro⸗ ßen Theil aus ſeiner practiſch thatkräftigen Lebens⸗ anſchauung und ſeiner phyſiſchen Ueberlegenheit ent⸗ ſprang, oder mochte das ungeſtörte Nachdenken nach einem ruhigen Schlafe von heilſamer Wirkung bei Guſtav Steinau geweſen ſein, genug, als er am näch⸗ ſten Morgen den Vorſchlag Heinrich's noch einmal nach allen Richtungen erörterte, fand er ſich geneigt, demſelben, wenn nicht freudig, doch wenigſtens willig beizuſtimmen. Und wunderbar, je häufiger er ſich das ſelbſt ſagte, je anſchaulicher ihm die Lagen wur⸗ den, die ihn möglicher Weiſe auf Rügen erwarten konnten, um ſo dankbarer glaubte er ſich dem biederen Freunde gegenüber zeigen, um ſo bereitwilliger ſeinen einzelnen Rathſchlägen nachkommen zu müſſen. So ſehen wir denn die drei Freunde nach einigen Tagen eines Abends wieder beiſammen ſitzen, um die letzten Vereinbarungen über ihren bevorſtehenden Sommer⸗ ausflug zu treffen. Guſtav Steinau war vor allen Dingen damit ein⸗ 93 verſtanden, unter einem auf Rügen unbekannten Na⸗ men ſeinen Einzug auf der heimatlichen Inſel zu halten; nach verſchiedenem Hin⸗ und Herreden hatte ihn Heinrich Markholm Paul Sternberg getauft und die beiden Freunde verſprachen, ihn nie anders zu nennen, um ſeine eigentlichen Verhältniſſe Nieman⸗ den, auch nicht einmal irgend einer gleichgültigen Perſon zu verrathen. Ferner war man übereingekom⸗ men, ſich keinerlei Zwang in irgend einer Weiſe auf⸗ zuerlegen. Jeder ſollte thun und laſſen können, was ihm beliebte, und wenn es dem Einen, theils zur Vollendung irgend einer Studie, theils zur Ausbeu⸗ ſtung irgend eines perſönlichen Genuſſes länger an einem Orte gefiele, als den Anderen, ſollte er blei⸗ ben dürfen und die Anderen ruhig ihres Weges zie⸗ hen laſſen Dieſe Bedingung hatte namentlich der Maler r ge⸗ ſtellt, da er vorausſah, daß gewiſſe ſchöne Punkte ihn behufs ſeiner Arbeiten länger feſſeln könnten als die beiden anderen Freunde. Er war nicht der Mann, ſich durch den zufä lligen oder launenhaften Wunſch eines Anderen mitten aus einem Genuſſe, einer Ar⸗ beit abrufen oder gar verdrängen zu laſſen. Er wollte Alles, was er ergriff, mit vollen Händen, mit ganzer Seele ergreifen, und ehe er nicht das Ende einer be⸗ 94 gonnenen That geſehn und erlebt, war die That ſelbſt gar nicht für ihn vorhanden. Als nun Guſtav und Heinrich vorzugsweiſe dieſe Vereinbarung getroffen, Willibald aber in ſeiner füg⸗ ſamen Weiſe ſeine Beiſtimmung zu erkennen gegeben hatte, glaubte man Alles gethan zu haben, was noth⸗ wendig war, und ſchickte ſich eben an, Tag und Stunde der Abreiſe feſtzuſetzen, als Willibald lächelnd ſeinen Kopf erhob und die Freunde um Erlaubniß bat, ſei⸗ nerſeits ebenfalls noch einen anderen Vorſchlag aus⸗ ſprechen zu dürfen. „Nun, was haſt Du denn jetzt noch?“ fragte ver⸗ wundert der Maler, der nicht gewohnt war, von dem ſtets nachgiebigen Muſiker irgend einen Einwurf zu erfahren. „Ich habe nur noch einen Wunſch,“ fuhr dieſer mit ſeiner eindringlich ſanften Stimme zu reden fort, „und den werdet Ihr mir hoffentlich erfüllen, da ich ſo willig Euren Bedingungen beipflichtete. Ich habe nämlich auch eine zu ſtellen und ſie iſt, für mich wenig⸗ ſtens, eine Hauptbedingung.“ „Eine Bedingung haſt Du?“ fragte der Maler mit dem Munde und der Dichter mit dem Auge. „Ja. Wie ich ſchon früher andeutete, ſo iſt in. der That für Euch und Euern Genuß auf dieſer 9 Or Reiſe beſſer als für mich geſorgt. In großen Städten und in den ſüdlichen Ländern, die wir früher durch⸗ zogen, habe ich Muſik in Fülle hören können, und ohne Muſik, wißt Ihr, kann ich einmal nicht exiſtiren. Soll ich mich nun aber Monate lang von meinen Inſtrumenten trennen und auf jener einſamen Inſel, die weder große Städte noch wahrſcheinlich auch ein muſikaliſches Publieum anfzuweiſen hat, gutwillig einer ſo großen Entbehrung unterwerfen, während Ihr überall Genuß und Anlaß zum Studium habt? Nein, das würde mir nicht gefallen und Euch vielleicht auch nicht, wenn Ihr mein trübes Geſicht ſähet. Erfüllet alſo meine Bitte und geſtattet, daß wir ſämmtlich unſte Inſtrumente mitnehmen, Guſtav ſeine Bratſche, Heinrich ſein Cello und ich meine Geige, dann haben wir wenigſtens unſer Trio beiſammen und die beſte Muſik ſtets zur Hand, wenn wir Verlangen nach ihr tragen.“ 1 Guſtav nickte ſchon beifällig, denn der Wunſch des Muſicus kam ihm nur als ein ſehr billiger vor, als Heinrich lebhaft ausrief:„Was, ich ſoll meinen großen Cellokaſten mit herumſchleppen? Soll ich ihn etwa wie ein wandernder Muſikant auf der Schulter tragen und die Leute denken laſſen, ich gehe zum Kindtauf⸗ oder Hochzeitsſchmauſe?“ * 96 „Gemach, Heinrich,“ erwiderte Willibald ſanft, in⸗ dem er in das fröhliche Gelächter Guſtav's heiter ein⸗ ſtimmte,„Du ſollſt weder Deinen Cellokaſten, noch wir unſre Violinen tragen. Auf der Poſt und den Schiffen iſt der Transport de ſelben ſehr leicht und auf Rügen ſelbſt, ſagſt Du ja, fahren große Wagen die Reiſenden herum. Wo wir und unſre Koffer nun ein Unterkommen finden, werden auch unſre Inſtru⸗ mente Platz haben, darum bitte ich, dieſelben die Reiſe mitmachen zu laſſen.“ Guſtav warf dem Maler einen ermunternden Blick zu und ſagte:„Er hat nicht ſo Unrecht, Heinrich, und ich ſtimme für ſeinen Vorſchlag. Es hat ſein Ange⸗ nehmes, von Zeit zu Zeit, wie wir es hier thun, ein Trio zu ſpielen, und wir kommen dann nicht ganz aus der Uebung.“ „Ja, ja doch, ich habe gar nichts dagegen, wenn nicht das, daß man uns für wandernde Muſikanten halten wird.“ „Man wird uns höchſtens für Künſtler halten, wenn man uns hört,“ ſagte Willibald mit ſeltener Entſchiedenheit,„und die ſind wir ja auch. Was man von uns denkt, wenn man uns ſieht, kann uns gleich⸗ gültig ſein.“ 3 „Oho!“ rief der Maler in ſcherzendem Tone.„Ich 97 bin ein Mann für das Auge, wie Du einer für das Ohr biſt. Mir iſt es nicht ganz gleichgültig, was man von mir denkt, wenn man mich ſieht. Aber abgemacht, die Geigen gehen mit und wir wollen bei Gelegenheit ein hübſches Concert hören laſſen.“— Auch dieſe Uebereinkunft war alſo glücklich ge⸗ ſchloſſen und man beſprach eben noch mehrere Einzeln⸗ heiten, als es an die Thür klopfte und auf den Herein⸗ ruf der Briefträger erſchien und Guſtav Steinau einen Brief überreichte. Dieſer ſprang auf, flog mit raſchem Blick über die Adreſſe, und mit dem Jubelruf:„Es iſt meines Ju⸗ gendfreundes Antwort!“ machte er ſich ſogleich daran, den Inhalt von ſeinen Banden zu löſen. „O,“ ſagte er dann, nachdem der Poſtbote wieder gegangen war,„nun ſollt Ihr einmal ſehen, was für ein prächtiger Kerl mein alter Freund iſt! Gebe nur Gott, daß er meine dringende Bitte erfüllt und mir den Namen meines unbekannten Wohlthäters ge⸗ nannt hat!“ 4 Er ſtellte ſich an's Fenſter und las raſch und mit ſchimmerndem Auge den ſeltſamer Weiſe nur kurzen Brief, während ſeine Freunde irgend ein Buch er⸗ griffen und darin blätterten. Wie erſtaunten ſie aber, als ſie ihren Freund plötzlich die Farbe wechſeln und Die Inſulaner. I. 98 dann, ſobald er den Brief zu Ende geleſen, die Hände zuſammenſchlagen und in eine maaßloſe Verwunderung ausbrechen ſahen. „Nun, was giebt es denn?“ fragte der Maler. „Es iſt doch kein Unglück geſchehen?“ „Ein Unglück? Nein, nein, aber hört einmal dieſes merkwürdige Schreiben an und dann ſagt mir, ob mir mit Recht oder Unrecht die Sinne ſchwindeln.“ Und er las laut folgende Worte aus dem mit flüchtigſter Hand geſchriebenen Briefe vor, dem man faſt ſchon von Außen den Unwillen anſah, mit dem er auf das Papier geworfen war. „Deinen langen Brief, mein ehemaliger Jugend⸗ gefährte, habe ich zur Zeit richtig erhalten, aber, auf⸗ richtig geſagt, zugleich auch eine nicht geringe Trübſal darüber empfunden. Allerdings ſehe ich daraus, daß Du lebſt, aber nicht daß der Menſch lebt, ſondern wie er lebt, iſt der Stolz und die Freude Gottes und Chriſti, ſeines eingeborenen Sohnes. In der That biſt Du in den Schilderungen Deiner und Deiner Freunde Verhältniſſe ſehr ausführlich geweſen und es hätte ſo vieler Umſchweife nicht bedurft, um mir unſre Jugendjahre in's Gedächtniß zurückzurufen. Leider aber habe ich daraus erkannt, daß Du früh von den Wegen des Chriſten ab und auf die des 99 Antichriſten gerathen biſt und wahrſcheinlich nur wenig an das, was uns allein Heil geben kann, an unſern einzigen Heiland gedacht haſt.“ „Ha! Das iſt ja ein wahrer Mucker!“ unterbrach den Leſenden der grollende Maler.„Er hält Dir ja eine förmliche Bußpredigt. Doch lies weiter— ich kenne den Menſchen nicht, der ſo an Dich ſchreiben kann, aber ich könnte ſein Geſicht malen, indem er Dir und der Welt das einzige Heil verkündet.“ „Still, Heinrich! Lies weiter, Guſtav!“ ſagte Willi⸗ bald, mit der Hand beſchwichtigend gegen den Freund winkend. „Nimm es mir nicht übel,“ fuhr Guſtav weiter leſend fort,„daß ich Dir dies ſage, aber Dein gan⸗ zes Leben iſt ein großes Gebrechen in meinen durch mein heiliges Amt geläuterten Augen. Was ſoll ich Dir alſo eine lange Antwort ſchreiben? Deine Wege ſind nicht meine Wege und weit auseinander liegen die Pforten, aus denen wir einſt in das Jenſeits ſchreiten und dieſe Welt der Trübſal verlaſſen werden. Wandle Du alſo Deinen Weg, falls Du Dich nicht zu dem meinen bekehren willſt, der ungleich ſchattiger, ebener und gefahrloſer iſt. „Aus Deinen Mittheilungen erſehe ich, daß Du in der That ein ſogenannter Künſtler geworden biſt. , 100 Ich mag dieſe Leute nicht leiden, ſie erinnern mich jederzeit an den mit Flittern behangenen Seiltänzer, den ich vor vielen Jahren aus einer Höhe von fünf⸗ zig Fuß herabfallen und ſich das Gehirn auf den Steinen zerſchmettern ſah. Gieb alſo Acht, daß auch Du nicht von Deiner geträumten Höhe fällſt und Dir das Gehirn wie jener zerſchmetterſt.“ „Der Kerl iſt verrückt!“ polterte der Maler un⸗ geſtüm heraus.„Rein toll iſt er mit ſeinem Flitter behangenen Seiltänzer!“ „Willſt Du ſchließlich einen wohlgemeinten Rath von mir anhören,“ las Guſtav kopfſchüttelnd weiter, „ſo höre ihn: Beſeitige Alles, wende Dich von Allem ab, was Dich von dem Wege des Gerechten ablenken lann, und werde wieder ein Chriſt, der Du jetzt auf dem beſten Wege zu ſein ſcheinſt, ein Heide zu wer⸗ den. Denn was hilft mir alle Muſtk, aller Bilder⸗ kram, alle Poeſie und Narrethei, wenn wir nicht Gott im Herzen und auf der Zunge tragen und ſeinen heiligen Namen lobpreiſen, jede Stunde, bei Tag und bei Nacht? Nur dann, ja, nur dann kannſt Du wieder ein ehrlicher Staatsbürger werden, der ſein Kreuz zum Lobe und Preiſe des Herrn für König und Vaterland trägt, aber wie Du es jetzt treibſt, iſt Alles verloren, falls Du nicht raſch und reuig zu Deinem Schöpfer zurückkehrſt.“ 101 „Er ſcheint wirklich ein religiöſer Schwärmer zu ſein,“ ſagte völlig bleich geworden der Muſiker, wäh⸗ rend der Maler mit den Händen durch ſeine üppigen Haare fuhr und ſtürmiſch im Zimmer auf und abſchritt. Guſtav ſeufzte tief auf, dann las er langſam wei⸗ ter:„Was endlich Deine Bitte betrifft, ſo kann ich Dir dieſelbe, auch wenn ich wollte, nicht erfüllen. Mein Vater hat ſein ſeelſorgeriſches Herz ſchon ſeit langer Zeit gänzlich von Dir abgewandt und will gar nichts mehr von Dir hören, er würde alſo auch nicht geneigt ſein, Deinen Wunſch zu erfüllen. Ich ſelbſt kann Dir den Namen des edlen Mannes nicht angeben, der Deine unberathene Jugend zu leiten ſich ſo bereitwillig gezeigt hat, denn ich kenne ihn nicht, da ich mich um mir ſo entfernt liegende Dinge nie bekümmert habe. Auch wäre, falls Du ihn er⸗ kunden ſollteſt, Deine Mühe, ihn nochmals für Dich gewinnen zu wollen, wahrſcheinlich vergebens, denn er hat ja in gerechter Erbitterung, nachdem Du nur zu oft ſeinem Rathe entgegengehandelt und auf fal⸗ ſchen Wegen gewandelt, ſeine Hand von Dir abge⸗ zogen, was Dir wiederum ein Beweis ſein muß, wie übel Du berathen warſt.“ „Lebe wohl. Sollteſt Du einſt das wahre Licht des Lebens erkannt haben, o ſo hemübe Dich, es in 10² Dir wirken zu laſſen, ehe die Tage kommen, von denen Du ſagſt, ſie gefallen mir nicht!— So erinnere Dich denn zu guter Stunde meiner, des armen Hirten in Chriſto, Du aber fahre nicht fort, Wind zu ſäen, da⸗ mit Du nicht einſt Sturm erndteſt. Der Segen des Herrn ſei mit Dir auf allen Wegen, vorausgeſetzt, daß es die rechten Wege ſind, wo nicht— ſo nimm das aufrichtige Bedauern entgegen von Deinem ehe⸗ maligen Freunde, der, ſo gut er mit ſeinem Schöpfer ſteht, doch zweifelt, daß ſeine Bitten bei ihm fruchten werden und daß er einſt für Dich zu Hauſe ſein wird, wenn Du an ſeine Thür klopfeſt und mit Zähne⸗ klappen rufſt: Herr, o Herr, öffne mir des Himmels Thor in Deiner Barmherzigkeit. Amen! Eduard...“ „Halloh!“ rief der Maler entrüſtet,„gebt mir einen Stock; er iſt vom Teufel beſeſſen, den kann man nur auf eine draſtiſche Weiſe austreiben!“ „Nein, nein,“ ſagte Guſtav mit Würde,„mit Stöcken und Schlägen treibt man dieſe Teufel nicht aus. Aber ach! das hat alſo mein Freund, mein Jugendgefährte, der einſt ſo fröhliche geiſtreiche Knabe geſchrieben? O mein Gott, was kann doch die Welt Alles aus Deinen Geſchöpfen machen! Der nun ver⸗ ſprach ein tüchtiger Arbeiter, ein wackerer Bürger, . 1 — W 103 ein guter Freund und Hausvater zu werden, und was iſt aus ihm geworden, jetzt ſchon, da er erſt ſieben⸗ undzwanzig Jahre alt iſt? Ein ſalbadernder Kanzel⸗ redner, ein wandelnder Tugendſpiegel, ein leben⸗ diges Muſterblatt für verwahrloſte Knaben und ge⸗ fallene Magdalenen! Was iſt ihm Kunſt, Wiſſen⸗ ſchaft, Poeſie? Nichts, gar nichts! Und was iſt ihm die Religion? Eine herzloſe Heuchelei, ein knie⸗ beugender Götzendienſt— und das nennt er chriſt⸗ lichen Wandel? Chriſtus, o Chriſtus! Wozu wird Dein heiliger Name ſo oft mißbraucht!— Ach, den habe ich alſo verloren, für immer— vielleicht auch nie beſeſſen! Gut denn, ſo mag er ſeine eige⸗ nen Wege wandeln und ich will die meinigen wan⸗ deln, wir werden fa ſehen, ob er einſt aus einer breiteren Pforte als ich von der Erde in den Him⸗ mel treten wird!—— Und was er mir von meinem Wohlthäter ſchreibt, dem ich nur habe dan⸗ ken wollen, iſt das nicht faſt lächerlich? Iſt er ſo einfältig, daß er mich nicht verſtanden hat oder will er mich vielleicht gar nicht verſtehen? Doch nein, regen wir uns nicht das Blut auf, laſſen wir es gut ſein, mit ſolchen Widerſachern mag ich nicht ſtreiten, die werfe ich zu den Todten! So will ich denn meinen Dank gegen meinen Wohlthäter im ½ ——.—— —————— 104 Herzen abtragen, das iſt auch ein Dank, nicht wahr, meine Freunde?“ „Ja, ja doch, mein Junge!“ rief zähneknir⸗ ſchend der Maler.„Das iſt ein ächter Philiſter, dieſer Prediger in der Wüſte! Sein Wandel mag gut ſein für ihn, aber nicht für uns! Er lebe für ſich, meinetwegen, aber meine Anſicht der Dinge iſt, daß ein mit Geiſt begabter Menſch auch für die Welt leben muß, wenn er Gottes Gebote erfüllen will. Und nun kein Wort mehr darüber, es ſind ihrer ſchon zu viele geſprochen!“ „Ja,“ ſagte Guſtav entſchloſſen und legte den Brief mit bebender Hand in den Schreibtiſch,„Du haſt Recht. Und hier liege er begraben, für mich iſt er todt und ich mag nichts wieder von ihm hören. Solche Prieſter, Diener Gottes nennen ſie ſich, giebt es heutzutage, und wir ſollen ihren Worten mit Andacht lauſchen? Und ſie wollen die Welt und die Menſchen regieren? Schmach über Den, der ſich vor ſolchem Würdenträger beugt!“— Wenige Tage ſpäter waren Kleider und ſonſtige Reiſegegenſtände, namentlich aber die Inſtrumente der drei Freunde vorſichtig eingepackt und es war A 105 unruhigen und geräuſchvollen Aufenthalte Lebewohl ſagten und ihre Füße in die freie fröhliche Welt Gottes ſetzten, um einen Sommer in Muße, aber auch in Nachdenken und ſtillem geiſtigen Fortſchritt zu verleben. ein herrlicher Tag inmitten des Juni, als ſie ihrem —y ⸗õ— — —— —— 2 1 3 Drittes apitel. Die drei Inſulaner. Es iſt einer der angenehmſten Genüſſe im menſch⸗ lichen Leben, nach langer anſtrengender Arbeit, Un⸗ ruhe und Knechtſchaft ſich von allen hemmenden Ban⸗ den loszulöſen und, durch nichts als die eigene Neigung und Laune geleitet, frank und frei in die weite Welt zu ſchweifen, wo Alles jung und neu erſcheint und jeder Gegenſtand dem friſch blickenden Auge heiter entgegenlächelt. Ach ja, das wiſſen wir Alle, die wir Tag aus Tag ein entweder dem Staats⸗ dienſte unſre Mühen geweiht haben oder irgend einem Geſchäfte, einer Pflicht verfallen ſind, die uns an das ewige Einerlei ſelaviſchen Dienſtes feſſeln, erforderlichen Mittel zu gebieten, alle Jahre vier bis und vielleicht, wenn wir ſo glücklich ſind, über die 107 ſechs Wochen lang der behaglichen Freiheit in be⸗ neidenswerther Muße uns erfreuen dürfen. Um wie viel größer aber iſt dieſer Genuß, wenn man jung und fröhlich, geſund und kräftig, nicht allein aus Nothwendigkeit und zur Stärkung oder Erholung, ſondern in der Eigenſchaft eines Künſtlers die Stra⸗ ßen der Welt befährt, der eben im Reiſen ſeinen Genuß, im Wechſel ſeine Behaglichkeit, in der an⸗ ſcheinenden Muße eine erfreuliche Arbeit findet! O, in wie herrlichem, blühendem Glanze liegt da die ganze Welt vor ihm ausgebreitet, wie ſind ihm Auge und Ohr, Herz und Seele geöffnet, um mit jedem neuen Athemzuge auch ein neues berauſchendes Leben einzuſaugen, in jedem Windhauche einen Gruß über⸗ irdiſcher Geiſter, in jeder Blume Duft ein Ahnen höherer Glückſeligkeit zu empfinden! Und niemals haben wir dieſen Genuß ſo ſchnell eintreten, das gewohnte alltägliche Leben ſo raſch hin⸗ ter uns verſinken ſehen und uns wie in eine neue Welt hinein verſetzt gefühlt, als wenn wir einen Ausflug über die See antraten, und ſollte derſelbe ſo klein geweſen ſein wie der, auf dem wir unſern drei Freunden nun folgen wollen, um der Entwick⸗ lung ihres Schickſals mit eigenen Augen beizuwohnen. In der That iſt es merkwürdig, wie gerade die See I uns faſt augenblicklich das ewige Einerlei des Alltags⸗ lebens, den nüchternen Schlendrian langweiliger Ver⸗ hältniſſe vergeſſen läßt. Iſt es nun das Neue und Ungewohnte auf dem Schiffe und in unſrer ganzen Umgebung, was dieſe zauberähnliche Wandelung be⸗ wirkt, oder iſt es die heilige Macht und Majeſtät einer großen Naturkraft, die uns ſo wunderbar erhebt und belebt— genug, wie eine unüberſteigliche Kluft legt ſich der blitzende Streifen ſchäumenden Waſſers zwiſchen unſre Vergangenheit und Gegenwart, und indem wir die erſtere vergeſſen, der letzteren aber uns gleichſam in einem ſeligen Rauſche hingeben, ſteigt aus den brodelnden Wellen auch eine neue Zukunft vor uns auf, die uns mit einem wonnevollen Hoff⸗ nungstraume erfüllt und unſer bisher ängſtlich und matt pochendes Herz von gewaltigen Sehnſuchts⸗ ſchauern ſchwellen und erbeben läßt. Aehnlich erging es unſern Freunden, die nie etwas vom Seeweſen und Leben geſehn hatten, als ſie mit verwunderten Augen zum erſtenmal die Kais und Bollwerke in Stettin beſuchten, die gerade in dieſem Jahre von Schiffen aller Nationen wimmelten. Sie hatten beabſichtigt, ſich nur wenige Stunden in der alten und ſonſt wenig angenehmen Stadt auf⸗ zuhalten, aber ſie blieben einen ganzen Tag daſelbſt, 109„ liefen am Hafen auf und ab, beſtiegent mehrere Schiffe und betrachteten mit wachſendem Staunen die ſelt⸗, ſame Geſchäftigkeit, die vor aller Welt Augen auf dem Waſſer und n der rieſigen Schiffe ſich abrollte. Selbſt der Muſiker, der hier doch am we⸗ nigſten Gelegenheit fand, ſich in die ſüßen Melodieen ſeiner Kunſt zu vertiefen, mußte zugeſtehen, daß dieſes raſtloſe Treiben einer ganz neuen Welt zu entſtam⸗ men ſcheine, neue Ideen erzeuge und dem Auge wie dem phantaſiereichen Geiſte eine ganz unabſehbare Reihe ungeahnter Genüſſe aufſchließe. Für den Maler und den Dichter aber war es ein unbeſchreiblich hoher und ſeltener Genuß, hier zu ſtehen, die auf und ab treibenden Menſchen zu beobach⸗ ten, ihren wunderbaren Mittheilungen zu lauſchen, und Beide äußerten ihre frohe Ueberraſchung auf eine ihrem Charakter ganz entſprechende und alſo ver⸗ ſchiedene Weiſe. Denn während der Letztere ſtumm 1 ſeine Augen kreuz und quer ſchweifen ließ und dabei in die wunderſamſte Grübelei verſunken ſchien, pfiff und jodelte Erſterer ſeinen inneren Jubel gaut aus und wiederholt ſagte er zu den Freunden: „Nun, Willibald, nun, Guſtav, habe ich recht gethan, Euch zu dieſer Reiſe zu bereden und habe ich Grund ge⸗ habt, Euch Vergnügen und Luſt in Fülle zu verſprechen?“ ————— 5 4 3 5 ———————— ͦ—— ——.— ꝗ ͦ ͦůM⁴öꝗöꝗłꝗ-— — ¾— — — „—— 110 Allein es ſollten ihnen noch größere Ueberraſchun⸗ „gen und höhere Genüſſe geboten werden, als ſie erſt an Bord des ſchönen neuen Dampfbootes traten, welches ſie die Oder entlang, durch das große Haff und die tiefe Swine über die See nach Lauterbach, dem kleinen Hafen von Putbus auf Rügen trug. Wegen der frühen Jahreszeit— für die Beſucher der Oſtſeebäder beginnt die eigentliche Reiſezeit erſt in der Mitte des Juli— waren nur wenige Paſſagiere auf dem Boot, um ſo mehr Raum und Beguemlichkeit aber wurde dafür unſern Freunden zu Theil. Mit dem geſprächigen Capitain hatten ſie bald Bekannt⸗ ſchaft gemacht, und als derſelbe erſt ſah, welches In⸗ tereſſe die Reiſenden an ſeinem heimatlichen Elemente nahmen, ließ er ſich herbei, ſie auf Alles und Jedes aufmerkſam zu machen, was ihnen neu und bedeutend erſcheinen konnte. So flogen ſie denn raſch an dem maleriſchen Oderufer vorüber und in das große Haff hinaus.* „Ha!“ rief der Maler entzückt, als er zur Linken das große Waſſerbecken ſich weithin dehnen und in der Ferne gerade vor dem Schnabel des Schiffes die romantiſchen Lebbiner Berge blau in die klare Luft ragen ſah,—„das iſt Waſſer, meine Jungen!“ „Nein, das iſt Muſik!“ antwortete Willibald 8 jubelnd, auf das Rauſchen der Schaumwogen deutend, die hinter dem Räderkaſten des Schiffes aufſtiegen, und in ſchön geſchwungenen Wellenlinien immer klei⸗ ner und kleiner in der Ferne verſchwanden. „Es iſt auch Poeſie!“ erwiderte der Dichter, als er das Land zur Linken immer mehr zurückweichen und den Horizont ringsum an Ausdehnung gewin⸗ nen ſah.. Als aber Swinemünde mit ſeinen hier ankernden coloſſalen Seeſchiffen erſt erreicht war, die Molen ihr weites Thor öffneten und die ewig rauſchende, bald ſich hebende, bald ſenkende See ihr rieſenhaftes Ath⸗ men fühlen und, das Schiff wie im Rauſche tanzen ließ, ſo daß die lachenden Freunde ſich an irgend einem feſten Gegenſtande halten mußten, um nicht zu taumeln, da rief d er Maler entzückt aus: „Nun, was meint Ihr? Habe ich Recht gehabt? Spürt Ihr die Wirkung einer ungemeſſenen und un⸗ gebändigten Kraft unter, über und um Euch? Wäſcht die See, weht die würzige Luft unter dem weiten fleckenloſen Himmel nicht alle Erinnerung an Euern Kummer und Eure Sorgen fort? Wie? Wird man hier nicht wie neugeboren? Oeffnet ſich hier nicht eine ganz neue unabſehbare und herrlich tagende Zukunft?“ 8 Der Muſiker, etwas wirr geworden von der tan⸗ zenden Bewegung des Schiffes, nickte ihm ſchweigend ſeinen Beifall zu, Guſtav Steinau aber, ſtärker organi⸗ ſirt und vielleicht auch muthiger und zuverſichtlicher dem unbekannten Meerungethüm gegenüber, erwiderte: „Ja, es will mir in der That ſcheinen, als ob Du Recht hätteſt oder wenigſtens von Stunde zu Stunde mehr bekämeſt, denn allmälig blicke ich ruhiger und mir ſelbſt verſtändlicher in meine Vergangenheit zu⸗ rück, und freudiger und hoffnungsreicher ſtrahlt mir die Zukunft entgegen, die mir vor Kurzem noch ſo traurig und düſter erſchien. O wie mag es einſt Columbus zu Muthe geweſen ſein, als er, den Ge⸗ fahren des unermeßlichen Oceans preisgegeben und allein dem inneren Geiſte vertrauend, der einzige Un⸗ verzagte unter hundert Troſtloſen, dem neuen Lande entgegenſteuerte, auf das ſeine einzige, ſeine libt Hoffnung gegründet war!“ Trotz des ernſten Gedankens, den dieſe Worte enthielten, lächelten die Freunde über dieſe Aeußerung, indem ihnen ihre kleine Seefahrt doch ein wenig un⸗ bedeutend gegen jene großartige Unternehmung vor⸗ kam. Der Maler aber machte ſich einen bequemen Sitz hinter dem Radkaſten des Schiffes zurecht, nahm ſein Skizzenbuch auf das Knie und einen wohlgeſpitzten Bleiſtift zur Hand, denn man näherte ſich raſch der Greifswalder Oie, die mit ihren ſenkrecht abgeſchnit⸗ tenen Lehmwänden, ihren freundlichen Baumgruppen und den einſamen Strandwohnungen ſchon lange vor den Blicken der Reiſenden aufgetaucht war. Dem Maler zur Seite, das Auge bald auf das bergige Eiland, bald auf den ſchnell über das Papier fahrenden Bleiſtift des Zeichnenden richtend, ſaßen die beiden anderen Freunde, ſtumm und im Geiſte die Einſamkeit bedenkend, der die Bewohner dieſes ſtillen Ortes preisgegeben waren. „Sieh, Willibald,“ ſagte Guſtav,„da liegen die Häuſerchen der Lootſen und dort die der Eigenthümer der kleinen Inſel. Alſo auch hierher haben ſich Men⸗ ſchen geflüchtet, auch hier jubeln und trauern empfind⸗ ſame Herzen, Tag und Nacht umbrauſt von den Wo⸗ gen eines unerbittlichen Meeres, das, wenn es wollte, ſie alle in einer Nacht in ſeinen Schooß verſchlänge. Mir däucht, es gehört Muth dazu, an einem ſo ge⸗ fährlichen Orte ſeine Heimat aufzuſchlagen.“ „Nicht mehr als dazu gehört, in einer dicht be⸗ völkerten Stadt vier Stockwerke hoch zu wohnen,“ meinte der Maler, ruhig weiterzeichnend,„wo in jeder Nacht ein leichtſinniger Nachbar mir das Haus über und unter dem Bette anzünden kann. Es iſt allein Die Infulaner. I. 8 — — 114 die Gewohnheit, die uns die Ruhe und den Muth dazu giebt. Was mag aber das dort für ein Land oder eine Inſel ſein?“ Der Capitain, der eben näher gekommen war, hörte die Frage.„Das iſt Rügen, meine Herren,“ ſagte er.„Da ſehen Sie die ſüdöſtlichen Vorſprünge der Halbinſel Mönchgut; dort obenhin, mehr nord⸗ wärts aber tauchen ſchon die Kreidefelſen Jasmunds auf, die Sie hoffentlich ſehr bald beſuchen werden.“ Die Freunde richteten ihre Augen auf das all⸗ mälig aus den Wellen ſteigende Land und ſprachlos hingen ſie mit ihren Blicken an den ſchönen Punkten, von denen ſie ſo oft gehört und geleſen hatten.„Aber was für ein Land iſt das dort im Weſten?“ fragte der Muſiker, der wieder um ſo fröhlicher wurde, je mehr Land er in ſeiner Nähe wahrnahm. „Das iſt der Zudar, die ſüdlichſte Halbinſel von Rügen.“ „Wie, iſt denn Rügen ſo groß?“ „O, mein Herr, ſieben Meilen lang nach allen vier Windgegenden hin; Sie überſehen hier nur einen ſehr kleinen Theil des ganzen Rügenſchen Landes.“— Eine Stunde ſpäter hatte man das Thieſſower Vorgebirge hinter ſich gelaſſen und ſteuerte nun bei ruhigerem Waſſer raſch in den Rügianiſchen Bodden 115 hinein, wo man bald im bläulichen Abendduft die Kirche von Bergen auf ihrer Höhe, die von Vilmnitz und dahinter die weißgetünchten Häuſer von Putbus liegen ſah. Voller Spannung auf das Kommende blickend, eilten die Freunde nach dem vorderen Deck des Schif⸗ fes und mit Behagen betrachteten ſie die herrlich be⸗ waldete Inſel Vilm, die in ſchön geſchweiftem Bogen Lauterbach gegenüber lag. „Das iſt eine reizende Inſel,“ bemerkte Willibald, „die müſſen wir beſuchen.“„ „Sie werden daſelbſt die ſchönſten und älteſten Bäume auf ganz Rügen finden,“ ſagte der Capitain, der wieder an ſeine Paſſagiere herangetreten war, deren Enthuſtasmus für alles Neue ihm außerordent⸗ lich behagte. Man wandte ſich nun bald hierhin, bald dahin und nach einiger Zeit, bevor die Sonne ganz den Horizont berührte, hatte das Schiff die Landungs⸗ brücke bei Lauterbach erreicht, die ſich zwölfhundert Fuß lang wie eine ſchmale Zunge in die See hinein erſtreckt. Die Reiſenden nahmen herzlichen Abſchied von dem biederen Capitain und einige Augenblicke ſpäter hat⸗ ten ſie wieder feſten Boden unter den Füßen. Vor⸗ 8* 116 ſichtig wurden die Inſtrumentenkaſten ausgeſchifft, vor⸗ ſichtig auf eine Karre und am Ende der Brücke auf einen Wagen geſchafft und nun fuhren ſie im ſcharfen Trabe dem Städtchen Putbus zu, wo ſie im Hotel du Nord bei Herrn Schuhmacher ein vortreffliches Unterkommen fanden und auf das Freundlichſte empfan⸗ gen wurden. Putbus, das ſo raſch aufgeblühte Städtchen, das reizende Seebad, die Reſidenz des eben ſo kunſtſinni⸗ gen wie leutſeligen Fürſten gleichen Namens, war da⸗ mals, als unſere drei Freunde es zum erſten Mal ſahen, bei Weitem mehr beſucht als jetzt, wo alle Jahre ein halbes Dutzend neuer Seebadeorte auftaucht und der wechſelnden Laune des reiſeluſtigen Publicums eine endloſe Reihe von mehr oder minder empfehlenswer⸗ then Sommeraufenthaltsorten hietet. Allein die eigent⸗ liche Badezeit war noch nicht gekommen und ſo fehlte es auch jetzt noch an den mit Sehnſucht erwarteten Beſuchern. Nur eilig von Ort zu Ort reiſende junge Leute, welche die Schönheiten der Inſel zur flüchtig⸗ ſten Beſichtigung locken, waren bereits angelangt und. auch das Hotel du Nord war ſo glücklich geweſen, 5 außer unſern Freunden einigen dieſer Zugvögel ſeine gaſtlichen Thüren öffnen zu können. 117 Die drei Künſtler, ſobald ſie ihr Gepäck ſicher un⸗ tergebracht, wurden von der lieblichen Stille und der lauen Abendluft verlockt, noch raſch einen Spaziergang durch den fürſtlichen Park zu unternehmen, und ſchon jetzt, ſchon hier waren ſie entzückt, ihre Erwartungen bei Weitem übertroffen zu finden. Friedlich lag das Schloß in ſeinem Blättermeere am ſchönen, von Schwä⸗ nen belebten Teich; koſend ſtrich der linde Abend⸗ wind durch die duftenden Gebüſche und der junge Smaragdraſen, der eben aus ſeiner Winterhülle her⸗ vorgeſchlüpft war, lachte ihnen mit friſchen Augen ſein ſtilles Willkommen entgegen. Alles was ſie hier um ſich ſahen, war ſo friſch, ſo jungfräulich, als wäre es eben erſt aus des Schöpfers ſegensreicher Hand her⸗ vorgegangen, und die friedliche Stille, die ringsum herrſchte, that den Reiſenden unendlich wohl, ſo daß ſie ſich ſchon jetzt heimiſch und wohlgebettet fühlten. Hochbeglückt und ſeelenvergnügt kamen ſie bei tiefer Abenddämmerung nach Hauſe und als ſie ſich nieder⸗ legten, um die erſte Nacht auf der Inſel zuzubringen, ſprachen ſie laut und unverholen ihre vollſte Befrie⸗ digung über den Anfang ihrer Reiſe aus. Am nächſten Morgen aber, in aller Frühe ſchon, ſchritten ſie wieder nach Lauterbach hinab, um die See noch einmal in der Nähe zu haben, die ihnen 118 allen ſo wunderbar wohlgethan, und in dem ſchönen Badehauſe am Strande, wo ſie mehrere Stunden weilten, nahmen ſie ihr zweites Frühſtück ein. Der Tag war herrlich, die Luft faſt windſtill und die See glich einem blitzenden Silberſpiegel, der den grünen Vilm wie einen leuchtenden Edelſtein einfaßte, ein Anblick, von dem Willibald Stillfried ſich auch dies⸗ mal kaum trennen konnte. Als ſie endlich kurz vor Mittag in ihr Gaſthaus zurückkehrten, waren wenigſtens ein Dutzend Gäſte an⸗ gekommen, die heiter plaudernd in den ſchönen Alleen des Parkes luſtwandelten, der dicht vor dem Hauſe liegt und den köſtlichſten Schatten ſpendet. Vor der Thür, gerade wie heute noch, ſtanden unter einem ſchützenden Zeltdache Tiſche und Bänke, und von ihrem Gange etwas ermüdet, ließen ſich die drei Freunde darauf nieder, um bis zur Tafelſtunde ein wenig aus⸗ zuruhen. Auf dem Perron der Treppe, dicht neben ihnen, lagen drei etwas alterthümliche, aber geräumige Reiſe⸗ taſchen, die einigen der im Parke Luſtwandelnden zu gehören ſchienen. Unſere Freunde, die Alles, was ringsum geſchah, mit aufmerkſamen Augen verfolgten, unterhielten ſich eben über die muthmaßlichen Beſitzer derſelben, als der Hausknecht herbeikam und den im 119 Flur ſtehenden Kellner fragte, wohin die Reiſetaſchen gebracht werden ſollten. Eben wollte der Kellner antworten, als Herr Schuhmacher ſelber eilig die Treppen herunterſchritt und dem Diener befahl, die drei Taſchen auf ein Zim⸗ mer zu bringen, deſſen Nummer er nannte, und die beiden anſtoßenden Zimmer ſchnell in wohnbaren Zu⸗ ſtand zu ſetzen; die drei Herren, denen die Taſchen gehörten, würden unmittelbar neben einander wohnen und es ſeien dieſelben, die jene Zimmer ſchon vor einigen Tagen beſtellt hätten. Arglos ſahen unſre Freunde dieſem Vorgange zu; es iſt ja etwas ſo Alltägliches, drei Reiſetaſchen brin⸗ gen und wegſchaffen zu ſehen und dabei zu hören, daß drei Herren angekommen ſeien, die ihr Quartier ſchon vorher beſtellt haben. Eine halbe Stunde ſpäter wurden alle anweſenden Fremden zur Tafel in einen Saal im Oberhauſe be⸗ rufen. Sie war ziemlich beſetzt und die etwa vorhan⸗ denen zwanzig Perſonen begannen ſogleich eine laute. Unterhaltung zu führen, die von Augenblick zu Au⸗ genhlick lebhafter ward, ſo daß ein leiſes Geſpräch unter benachbarten Gäſten ſchwierig wurde. Unſere drei Freunde hatten ihre Plätze dicht bei einander an einem Ende des Tiſches erhalten und ihnen gegenüber blieben drei Stühle leer, die während der erſten Vier⸗ telſtunde vergeblich ihre Beſitzer erwarteten. Erſt als man bei der Suppe war“), erhob ſich plötzlich der Wirth von ſeinem Platze und ſchritt mit der dienſtfer⸗ tigſten Miene drei Männern entgegen, die langſam und gemächlich nach einander durch die Thür traten und, von Jenem geführt, unſern Freunden gegenüber die drei leeren Stühle in Beſchlag nahmen. Nachdem dieſe drei Fremden eine ſtumme Ver⸗ beugung gemacht, bedienten ſie ſich ſogleich der vom Wirth ſelbſt dargereichten Speiſen, der ihnen über⸗ haupt eine ungewöhnliche Aufmerkſamkeit erwies. Sie ſchienen ſich ſchon draußen ſehr lebhaft unterhalten und gleichſam ausgeſprochen zu haben, denn bei Tiſche ſprachen ſie faſt kein Wort, dagegen entwickelten ſie einen Appetit, der ihre geſunde Verdauung bekundete und zugleich der ſchmackhaften Wirthstafel alle Ehre widerfahren ließ. Aber nur zwei von ihnen, und zwar die auf den Flügeln ſaßen, tranken zuſammen eine Flaſche Rothwein, der in der Mitte ſitzende alte Herr be⸗ gnügte ſich mit Waſſer, das er ſehr raſch und in reich⸗ licher Fülle trank.. unſere Freunde, die ſich bis zur Ankunft der drei *) An der Gaſttafel zu Putbus bildet nach altem ſchwedi⸗ ſchen Brauch die Suppe erſt das dritte Gericht. 121 Herren lebhaft unterhalten, verſtummten, als letztere ſo ſchweigſam ihnen gegenüberſaßen, weniger aus dem Grunde, um ihrem Beiſpiel nachzuahmen, als um ſie mit wachſendem Intereſſe zu betrachten. Denn ſo viel war gewiß, obgleich die drei Künſtler keine Gelegen⸗ heit fanden, ihre Meinungen über dieſe Herren aus⸗ zutauſchen, ſo ſtimmten ſie doch ſehr bald darin über⸗ ein, daß dieſelben ſo auffallende Erſcheinungen wären, wie man ſie nur ſelten zu ſehen bekommt. Da dieſe drei Herren Hauptperſonen in unſrer Er⸗ zählung ſind, ſo dürfte es wohl an der Zeit ſein, die Bemerkungen niederzuſchreiben, die unſere drei jünge⸗ ren Freunde über ſie zu machen bei Tafel genügende Muße fanden und die ſie ſich ſpäter einander mit⸗ theilten, als ſie ihre Anſichten und Meinungen über ſie wieder laut werden laſſen konnten. Indeſſen be⸗ ſchränkten ſich dieſe Bemerkungen vor der Hand nur auf die äußere Erſcheinung derſelben und überlaſſen auch wir es der Entwicklung unſrer Erzählung, über ihr Weſen und ihren Charakter erſt ſpäterhin das Nähere feſtzuſtellen. Alle drei waren ziemlich gleichen Alters und moch⸗ ten beretts das fünfzigſte Lebensjahr überſchritten ha⸗ ben, obwohl der in der Mitte ſitzende Herr einige ſein ſcht 122 als ſeine beiden Gefährten. Der Mann, der Heinrich Markholm gegenüber ſaß und den dieſer wiederholt mit wahrem künſtleriſchen Heißhunger verſchlang, war eine markige Geſtalt von ungewöhnlicher Größe und deutlich ausgeprägter leiblicher Kraft. Seine breiten Schultern ſtanden mit den athletiſchen Gliedern in voll⸗ ſter Uebereinſtimmung und er nahm ſich in ſeinem leidlich modernen Anzug mit glänzend weißer Wäſche wie ein wohlhabender Landmann aus der nur ſelten eine Stadt beſucht, dann aber ſtets mit einer gewiſſen Sauberkeit und Sorgfalt gekleidet iſt, die ihm über⸗ aus natürlich ſteht. Alle dieſe zuerſt in die Augen fallenden Einzelnheiten hatte der auf jede Kleinigkeit aufmerkſame Maler raſch erfaßt und begriffen, aber mit ungleich lebhafterer Begier haftete ſein dunkles Auge auf dem Kopfe und den Geſichtszügen des Mannes. Dieſer Kopf war im Verhältniß zu dem athletiſchen Körper offenbar etwas zu klein gerathen, aber dafür mit einem Ausdruck begabt, der jenes Mißverhältniß nur dem genau und ſtreng Prüfenden zur Anſchauung kommen ließ. Sein Haar war dunkelblond, etwas kurz geſchnitten und bedeckte nur wenig die reine breite Stirn, die, ſtark gewölbt, nach unten hin mit fein ge⸗ ſchweiften Augenbrauen endete, unter denen blaugrane Augen hell und ruhig hervorblickten. Fein gemeißelt 8 123 und etwas ſtark gebogen verband eine große Naſe dieſe Stirn mit mäßig entwickelten Lippen und um die vol⸗ len Wangen lief ein ſchmaler kräftiger Bart, der ſich ſogar bis unter den Hals fortſetzte, wo er unter dem feinen Hemdenkragen ſpurlos verſchwand. Im Ganzen bot das auf den erſten Blick nicht allzu bedeutend erſcheinende Geſicht den Ausdruck phy⸗ ſiſcher und geiſtiger Ruhe dar, die eine feſte und un⸗ erſchütterliche Selbſtbeherrſchung verräth, wie ſie nur ein vollkommen in ſich befriedigter und von der Außen⸗ welt wenig berührter Mann durch reichliche Lebens⸗ erfahrung erwirbt; namentlich krat dieſe unerſchütter⸗ liche Ruhe, dieſe gleichſam auf Alles vorbereitete Gei⸗ ſtesſtimmung deutlich erkennbar hervor, wenn er ernſt vor ſich niederblickte und das laute Geſumme, welches ihn umgab, nicht im Geringſten zu beachten ſchien. Erſt wenn er das klare Auge aufſchlug, freundlich, aber etwas ſcharf umherſchaute, ſeinen Gefährten einen vertraulichen Blick zuwarf, oder gar wenn er ſtill lächelnd mit ſichtbarem Wohlgefallen die jungen Künſt⸗ ler betrachtete, deren feine, geiſtreiche und offene Züge ſein Auge häufig anzogen, zuckte durch ſeine Mienen ein blitzartig kommendes und verſchwindendes Muskel⸗ ſpiel, wobei um ſeine Lippen ein Zug feinen Humors ſichtbar ward, der etwas überaus Gemüthliches an ſich 124 hatte. Das ganze Geſicht belebte ſich dann, wie eine Gegend, über die ein freundlicher Sonnenſtrahl fällt, und drückte dabei ein Wohlwollen und eine Menſchen⸗ freundlichkeit aus, die ungemein für ihn einnahmen, den aufmerkſamen Beobachter dauernd feſſelten und mit einer gewiſſen behaglichen Zuverſicht erfüllten. Eine ganz andere Erſcheinung in Geſtalt und Ge⸗ ſichtsbildung bot der Mann, welcher auf dem andern Flügel und unſerm Willibald Stillfried gegenüberſaß. Er war von gedrungenem Körperbau, mittelgroß, aber etwas ſtark im Leibe und beſonders in der breiten Bruſt entwickelt. Auf den erſten Blick ſah er wie ein gemächlicher Lebemann aus, der Gefallen am Eſſen und Trinken findet, zumal er weiß, daß er es mit Leichtigkeit bezahlen kann und niemals Noth zu leiden hat. Auch ſeine Kleidung entſprach dieſer Anſicht und ſtimmte bis auf gewiſſe Kleinigkeiten mit der des zu⸗ erſt Geſchilderten überein. Aber wenn man ihn ge⸗ nauer betrachtete, verſchwand allmälig der Gedanke, daß er nur ein wohlhäbiger Feinſchmecker ſei und ganz andere Dinge traten dem Beſchauer vor's Auge. Er hatte dunkles Haar, das auf dem Scheitel ſchon etwas ſpärlich wurde, einen geſunden, ſtark gebräunten Teint, als wäre er viel den Einwirkungen der freien Luft ausgeſetzt geweſen, und einen kräftigen ſchwarzen 125 Vollbart, der von den Schläfen bis unter das Kinn reichte und die untere Hälfte ſeines Geſichts nicht ge⸗ nau entziffern ließ. Um ſo deutlicher ſprach dagegen das Auge ſein Weſen und ſeinen Charakter aus, ein Auge, wie man es ſelten ſo ſchön, ſo groß, ſo rund und dabei ſo tief klar und rein zu betrachten Gelegen⸗ heit hat. Dieſes große blaue Auge, wenn es ſich voll auf das Geſicht eines Menſchen richtete, ließ wie auf den Grund eines durchſichtigen ſpiegelklaren See's bis in die tiefſten Tiefen ſeiner Seele blicken; es verhehlte nichts, es verſchleierte keinen Gedanken, es verbarg keinen Wunſch, ſo daß es ſchien, als ob nicht das ge⸗ ringſte Geheimniß in ſeinem Innern Raum finden könne. Wie ein offenes unſchuldiges Kinderauge rich⸗ tete es ſich ſtill fragend, beinahe ſanft lauſchend und doch dabei ſo ſprechend und gutmüthig auf das fremde Auge, daß man ſich augenblicklich davon angezogen fühlte und gleichſam den Strahl des Wohlwollens, der Biederkeit und Treuherzigkeit zu empfinden glaubte, der daraus in ſeltener Fülle hervorquoll. Gleich von Anfang an hatte ſich dieſes wunderbar ſchöne Auge auf das ſanfte Geſicht Willibald's gerichtet und ſchien mit Wohlgefallen darin zu leſen, ohne ſei⸗ nem Studium irgend eine läſtige Neugierde beizumi⸗ ſchen. Denn wenn der Mund des Mannes auch ſtreng 126 geſchloſſen blieb, dies Auge ſprach ſo verſtändlich mit dem gegenüberſitzenden Fremden, daß es Willibald zu Muthe war, als tauſche es mit ihm Gedanken um Gedanken und Worte um Worte aus. Von den beiden eben geſchilderten Perſonen wich die in der Mitte zwiſchen ihnen ſitzende um ein Be⸗ dentendes ab und Guſtav Steinau hatte Gelegenheit genug, einen Mann zu muſtern, deſſen äußere Erſchei⸗ nung allein ſchon ſeinen Beifall erwarb. Denn war der Freund deſſelben zur Rechten ein muskelſtarker, großer und der zur Linken ein wohlbeleibter Mann von Mittelgröße, ſo beſaß dieſer Dritte einen Knochen⸗ bau, wie man ihn nur ſelten zu ſehen bekommt, in⸗ dem er viel eher einem ſchlachtgerüſteten Ritter des Mittelalters als einem jetzt lebenden Menſchen anzu⸗ gehören ſchien. Obgleich kräftig in allen ſeinen For⸗ men und hinlänglich mit Fleiſch begabt, erſchien dieſer Mann doch eben wegen ſeines ſtarken Knochenbaues eher mager als fett, eher eckig als rund. Die eben⸗ falls große, mit breiten Schultern und ungeheuer mäch⸗ tigen Händen verſehene Geſtalt war in einen grünen Tuch⸗ rock gehüllt, der etwas Jägerartiges verrathen hätte, wäre er nicht über die Maaßen lang, weit und alt⸗ modiſch geweſen. Der Schnitt ſeiner langen ſchwarz⸗ tuchenen Weſte dagegen und die ungezwungene Art und 8 127 Weiſe, wie er das ſchwarzſeidene Halstuch mit lang herabhängenden Zipfeln und ohne den Hemdkragen ſichtbar werden zu laſſen, loſe um den Hals geſchlun⸗ gen trug, hatte etwas Prieſterhaftes, dem aber wie⸗ derum nichts in ſeinem übrigen Weſen und Gebahren entſprach. Offenbar zeigte das Geſicht dieſes Mannes das charakteriſtiſchſte Gepräge unter ſeinen Gefährten, denn außer einer natürlichen Würde traten unverkennbar ariſtokratiſch ſtolze und edle Züge aus demſelben her⸗ vor. Sein halb ergrautes, nicht allzu üppiges blon⸗ des Haar legte ſich glatt und wohlgekämmt über eine ungeheure Stirn, auf der ein Zug feſter Entſchloſſen⸗ heit thronte, der zu ſagen ſchien: ich thue Niemanden etwas zu Leide; wer mir aber etwas thut, wird ſeinen Mann an mir finden. Dieſe Stirn ſtrahlte von einer faſt jungfräulichen Weiße und ſtach dadurch um ſo mehr von dem übrigen tiefdunklen ſonnenverbrannten Geſicht ab, durch welche Farbenverſchiedenheit daſſelbe eine eigenthümliche Lebhaftigkeit erhielt. Aus ſeinen hellblauen Augen, die klar und grell unter ſehr dich⸗ ten Brauen in die Welt blickten und die ein feines blaues Geäder umgab, das ſich halb und halb in eine Fülle zarter Falten verlor, leuchtete eine charakteri⸗ ſtiſche Gutmüthigkeit hervor, die aber keineswegs eine 128 gewiſſe vornehme Selbſtſchätzung verkennen ließ. Seine Naſe war etwas breit, ſtark und reichlich roth gefärbt, obgleich gewiß nicht von übermäßigem Weingenuß, denn Spirituoſa, mochten ſie einen Namen haben, welchen ſie wollten, trank er faſt nie. Seinen großen Mund bedeckte ein ſtarrer grauer Schnurrbart, wie ihn alte Militairs tragen, aber nicht ſo ganz, daß man nicht die ungeheuren weißen Zähne hätte wahrnehmen kön⸗ nen, die mit ſeltener Kraſt und Schnelligkeit die Spei⸗ ſen zermalmten, die dem Munde reichlich zugeführt wurden. Sonſt war ſein Geſicht überaus glatt raſirt, weder Wangen noch Kinn ließen das feinſte Härchen ausfindig machen; das war aber auch die einzige Sorgfalt, die dieſer Mann auf daſſelbe verwandte, der überhaupt kein Freund moderner Toilettenkunſt zu ſein ſchien. Im Ganzen lag etwas Zwangloſes, Freies, faſt möchte man ſagen Freiherrliches und Ungebundenes in ſeiner Erſcheinung; ohne Zweifel war er kein Mann, der einer ſteifen Etikette ergeben iſt und der ſich im Geringſten bemüht, ſein Geſicht in andere Falten zu legen, als die ihm die Natur urſprünglich gegeben hat. Man hätte ſich, wenn man ihn im Ganzen und Einzelnen betrachtete, leicht ſagen können: dieſer Mann bleibt, was er iſt, in allen Lebenslagen; ſeine Würde 129 liegt nicht im Rock, ſein Lächeln iſt eben ſo ungekün⸗ ſtelt wie ſein Stirnrunzeln, und gedrechſelte Worte ſind dieſe Lippen eben ſo wenig im Stande zu ſpre⸗ chen, wie ſein Herz etwas zu wünſchen liebt, was ſeinem perſönlichen Stolze zuwiderläuft und ſeinem Ehrgefühl nicht die Waage hält. Auch dieſer dritte Fremde betrachtete gleich ſeinen Gefährten die ihm gegenüberſitzenden jungen Männer wiederholt und mit freundlichem Auge; aber mehr mit ſeinem eigenen geheimen Gedankengange beſchäftigt, den wir ſpäter noch zur Genüge kennen lernen werden, nahm er nicht den lebhaften Antheil an ihnen wie jene, und als er erſt eine leichte Engbrüſtigkeit überwunden, die ihm unzweifelhaft das Treppen⸗ ſteigen nach dem Speiſeſaale zugezogen, gab er ſich ſo ganz dem leiblichen Genuſſe hin, daß man ihm anmerkte, auch er ſei im Ganzen ein kerngeſunder Mann mit wunderbarem Appetit und ſein Bruſt⸗ fehler vielleicht ein altes Familienübel, das ihn nur wenig kümmerte und ihm weder die Hoffnung benahm, ein hohes Alter zu erreichen, noch ihn hinderte, ſich im Allgemeinen ganz behaglich und kräftig zu fühlen. Das Mahl war zu Ende, die Gäſte erhoben ſich zum Theil und unter ihnen unſre drei jungen Freunde. Die Inſulaner. I. 9 7 130 Sie machten den drei alten Herren, ohne ein einziges Wort mit ihnen gewechſelt zu haben, eine ſtumme Verbeugung, die dieſe ſehr höflich erwiderten, und verließen den Saal, während die drei Fremden noch eine Weile auf ihren Plätzen ſitzen blieben, um viel⸗ lricht nun erſt ein behagliches Wörtchen zu plaudern. Da es herrliches Wetter war, begaben ſich die Kinlct auf die Promenade vor dem Hauſe und ſpa⸗ zierten langſam auf und nieder. „Sagt einmal, Kinder,“ begann der Maler mit einiger Aufregung das Geſpräch,„wie haben Euch dieſe drei alten Geſellen gefallen, he? Maulfaul wa⸗ ren ſie nur, inſofern es das Sprechen betrifft, ja, aber was für einen Appetit entwickelten ſie und was für Glieder und Köpfe hatten ſie, nicht wahr? Und dieſe Geſichter! Habe ich doch lange keine von ſolcher vollendeten Ausarbeitung in allen einzelnen Zügen geſehen! Wahrhaftig, die können ſich malen laſſen, und wenn ich ſie noch einmal tüchtig auf's Korn nehmen kann, ſollen ſie mein Skizzenbuch als ein paar ſeltene Prachtexemplare zieren. Bei Gott! das ſind keine modernen Männerchen, wie wir ſie bei uns zu Tau⸗ ſenden herumlaufen ſehen, die haben ſich nicht mit dem dünnen Firniß äußerer Cultur überſtrichen, nein, ſie ſind im Feuer und D Drang des Lebens mit ächtem 131 Golde überzogen und man muß ſie reſpectiren, ohne ein einziges Wort von ihnen gehört zu haben.“ „Ich ſtimme Dir vollkommen bei,“ ſagte warm und freudig Guſtav Steinau,„mir haben ſie auch gefallen und ich halte ſie für Charaktere, die im edelſten Roman einen hübſchen Platz ausfüllen könn⸗ ten. In dieſen Menſchen liegt ein goldener Kern verborgen, das ſagen ihre Geſichter, das ſpringt ihnen blitzartig aus den Augen und ich möchte wohl wiſſen, wer ſie ſind und was für ein Land ſie groß 498 gezogen hat.“ „Das könnt Ihr ja ſehr leicht erfahren,“ nahm Willibald das Wort,„es braucht ja nur Einer von uns den Wirth zu fragen, der ihnen mehr Aufmerk⸗ ſamkeit erwies, als allen übrigen Gäſten zuſammen⸗ genommen. Aber wenn Ihr ihre Geſichter für aus⸗ gezeichnet und ihre Charaktere für trefflich haltet, ich meinerſeits möchte noch etwas hinzufügen, was mir wenigſtens bei Betrachtung meines Gegenübers auf⸗ gefallen iſt: ich halte ſie auch für gute Menſchen, mit warmen, vollen Herzen, denn ſolch ein Auge, wie , der ſtarke Herr es hatte, habe ich noch nie geſehen und es war mir, als ſähe ich bis in die Tiefe ſeiner Seele hinein—“ „Und er Dir wahrſcheinlich auch,“ unterbrach ihn 9⸗ 13² Heinrich Markholm,„denn er nahm Dich gewaltig hartnäckig auf's Korn und Dein zartes Mädchengeſicht ſchien ihm zu gefallen.“ „Scherze nicht, ich meine es ernſtlich, was ich von ihm ſage.“ „O, ich auch, und Guſtav auch, was denkſt Du denn? Jenes Mannes Auge iſt mir wie Dir auf⸗ gefallen. Es ſah aus, wie der dunkelblaue Abend⸗ himmel, den der Vollmond und die prächtigen Sterne erleuchten und hinter dem Gott weiß welche Heer⸗ ſchaaren von Engeln wohnen. Und dennoch lag etwas Trauriges, Melancholiſches in dem ſanften Blick, habt Ihr das nicht auch gefunden?“ „Etwas, was wenigſtens daran ſtreift, widerte Guſtav;„mir aber kam es eigentlich wie eine ſtille Sehnſucht nach dem Himmel vor und ich konnte mich des Gedankens nicht entſchlagen, der Mann ſei inner⸗ lich krank, obgleich es ihm vortrefflich ſchmeckte.“ Alle Drei lächelten heiter, denn ihnen allen war der Appetit aufgefallen, den die Fremden bewieſen hatten.„Eigentlich,“ fuhr der Maler fort,„gefällt mir aber doch mein großer Herr beſſer. Welche coloſ⸗ ſale, feſte Geſtalt, einer undurchdringlichen Mauer gleich, und nun dieſes ruhige und doch ſo kluge Ge⸗ ſicht dabei, als wollte er ſagen: Rüttelt nur an mir, 133 ich ſtehe feſt auf meinen Beinen und mein Herz fürch⸗ tet ſich nicht!“ „Ja,“ ſagte Guſtav,„das iſt wahr; aber mir hat wieder der Aelteſte am beſten gefallen. Habt Ihr wohl dieſe Stirn von Eiſen betrachtet? Dieſe Hände, wie ſie gleich ſtählernen Klammern von Kraft und Feſtigkeit ſtrotzen, dieſe Zähne, als ob ſie wie Wolfs⸗ zähne einen Knochen zermalmen könnten? Und doch lag in dem Weſen des alten Mannes, der wahrhaftig keinen modernen Rock trug, ein ſo feines, gleichſam hingehauchtes vornehmes Weſen, daß ich ihn, Alles in Allem betrachtet, für einen ächten Edelmann von tadelloſer Abkunft und uraltem Geſchlecht haͤlten muß.“ „Das mag er wohl ſein, etwas Mittelaltriges hatte er gewiß an ſick und in ſich— doch ſtill, ſprecht von etwas Anderem, ſie kommen hinter uns her— und diesmal, glaube ich, können wir hören, weſſen Landes Kinder ſie ſind— ſie ſprechen laut mit einander.“ Die drei alten Herren, die ebenfalls die Prome⸗ nade aufgeſucht hatten und nun behaglich auf⸗ und abſpazierten, drehten ſich ruhig um, als ſie den jungen Männern nahe gekommen waren, und dieſe, von Neu⸗ gierde und Eifer geſtachelt, wandten ſich ebenfalls und ſchritten langſam hinter ihnen her. „Nun ſeht einmal dieſen Gang,“ nahm der Maler ——;——8————ſſſ 134 leiſe das Wort.„Sie tragen weder einen Panama, noch einen ſtädtiſchen feinen Seidenhut, einfache Mützen bedecken ihre Köpfe, aber ſchreiten ſie nicht wie Für⸗ ſten einher, die wiſſen, daß ſie eigenen Grund und Boden mit ihren Füßen berühren?“ „Hm! Aber was iſt das für eine Sprache? Ver⸗ ſteht Ihr ein Wort? Ich nicht.“ Und in der That, im erſten Augenblick war die Sprache der drei lebhaft und laut Redenden ſchwer zu verſtehen, ſie klang wenigſtens nicht wie Deutſch, und doch war es weder Däniſch noch Engliſch. Bei genauerer Aufmerkſamkeit aber hörte man doch das Deutſche heraus, aber es war der alte neuvorpom⸗ mer'ſche Dialect, dem ſo viele ſchwediſche Brocken bei⸗ gemiſcht ſind, und der, wenn Eingeborene ſich gemüth⸗ lich darin unterhalten, von hochdeutſch Redenden ſo ſchwer verſtanden wird. Langſam, die Hände auf dem Rücken zuſammen⸗ gelegt und behaglich ihre Cigarren rauchend, ſchritten ſie vor unſern Freunden her; der ältere Herr ging wieder in der Mitte und erzählte ſehr lebhaft irgend eine Begebenheit, die ihn ernſthaft zu beſchäftigen ſchien, und der größte allein erwiderte ihm einige Worte, aber in einem ſo ernſten Tone, als ob er ihm einen Rath ertheilte, während der Kleinſte zuhorchend . 135 nebenherſchritt und nur von Zeit zu Zeit dem Rath Ertheilenden mit wenigen Worten ſeinen Beifall zollte. Als man wieder vor der Thür des Gaſthauſes angekommen war, wollten die drei Jüngeren den Aelteren nicht aufdringlich erſcheinen und beſchloſſen, nach Lauterbach zu gehen und eine Waſſerfahrt zu unternehmen. Bevor ſie jedoch ihren Weg dahin einſchlugen, trat Heinrich Markholm zu dem Wirth heran, der allein vor der Thür ſaß, und fragte ihn, wer die drei alten Herren wären, die ihnen bei Tiſche gegenüber geſeſſen hätten. Herr Schumacher lächelte, als der junge Mann dieſe Frage an ihn richtete.„O,“ ſagte er,„ſind ſie Ihnen aufgefallen? Das kann ich mir wohl denken. Nun, ſie ſind auch drei ſeltſame und auf ganz Rügen bekannte Perſönlichkeiten, die überall im beſten An⸗ ſehn ſtehen. Man nennt ſie gewöhnlich das Rügia⸗ niſche Kleeblatt. Sie ſind reiche Gutsbeſitzer, unver⸗ beirathet und wohnen Meilen weit von einander ent⸗ fernt auf Rügen. Herr von der Oehe, der da in der Mitte geht, auf der Inſel Oehe am Weſtſtrande; Herr Brunſt, der Große, auf Grünthal in Jasmund an der Tromper Wiek; und Herr Melms, der Kleine, auch auf Jasmund, aber auf der ſchönen Lenz an der Prorer Wiek. Man ſieht ſie im Ganzen nur ſelten 136 außerhalb ihrer Beſitzungen, aber wenn es einmal geſchieht, findet man ſie beiſammen, da ſie ſich bald hier bald da ein Rendezvous geben, um ein paar Tage mit einander zu verbringen. Diesmal haben ſie Putbus zu ihrem Sammelpunkt gewählt und ſie werden wohl Wichtiges zu verabreden haben, denn ſie ſind diesmal ſehr ernſt und halten unendlich lange und ſtille Berathungen.“ „So. Ich danke Ihnen. Es ſind alſo gewiß Männer von anerkanntem Werth?“ „O und wie! Ganz Rügen hat keine beſſeren auf⸗ zuweiſen. Und merkwürdig iſt dabei ihre große Freund⸗ ſchaft unter einander. Mit Anderen verkehren ſie ſelten, obgleich ſie gaſtfrei ſind wie Wenige. Ihre Güter ſind zwar nicht ſehr groß, aber ſie tragen ihnen ein hübſches Geld ein und außerdem haben ſie auch anderes Vermögen. Wenn Sie ſie übrigens näher kennen lernen wollen, ſo werden Sie Gelegenheit ge⸗ nug dazu haben, ſie bleiben noch zwei Tage hier und halten ſich meiſt im Hauſe oder dort in der Prome⸗ nade auf.“ Der Maler dankte noch einmal und ſchritt ſei⸗ nen Freunden nach, denen er Bericht über das Gehörte abſtattete. Nur die Namen nannte er ihnen nicht, da er ſie bereits vergeſſen hatte, 137 weil er ſich weit mehr für das Uebrige in⸗ tereſſirte. Auf ihrem Wege nach Lauterbach wollen wir dies⸗ mal die Freunde nicht begleiten; wir erwähnen nur, daß ſie daſelbſt ein Boot nahmen und bei friſchem Oſtwinde nach dem Vilm ſegelten, von dem ſie gegen Abend zurückkehrten, ganz entzückt von der Fahrt, der ſtillen einſamen Inſel und dem Genuſſe, welchen ihnen der Anblick der bewegten See geboten hatte. Ueber dieſe Gegenſtände ſprachen ſie noch, als ſie einige Stunden ſpäter im unteren Gaſtzimmer ſaßen und ihr Abendbrod verzehrten. Zu dieſer Zeit er⸗ ſchienen die drei Inſulaner ebenfalls, ſetzten ſich mit⸗ an den Tiſch und ließen ſich trotz ihres guten Appe⸗ tites am Mittag einen tüchtigen Nachtimbiß reichen. Auch jetzt waren ſie ſchweigſam und muſterten nur mit größerer oder geringerer Aufmerkſamkeit die jün⸗ geren Leute, deren Phyſiognomieen ihnen gefallen mochten. Als ſie ſie aber mit höchſter Befriedigung von ihrem Ausfluge ſprechen und Alles, was ſie bis⸗ her um Putbus geſehen, rühmen hörten, miſchten ſie ſich allmälig in das Geſpräch, ſo daß daſſelbe endlich in flüſſigeren Gang kam und Fragen und Antworten raſch auf einander folgten, ohne daß ſich jedoch darin weder auf der Seite der Jüngeren eine große Neu⸗ 4½ 138 gierde, noch auf der der Aelteren eine beſondere Theil⸗ nahme an dem Treiben Jener ausgeſprochen hätte. „Wollen Sie lange auf Rügen weilen?“ fragte endlich der Kleinſte der drei Inſulaner und zwar im reinſten Hochdeutſch, als eben der Maler eine Bemer⸗ kung über die früher vermuthete Kleinheit der Inſel fallen ließ, die er jetzt bei näherer Beſichtigung aber von einem viel größeren Umfange und Inhalte erkannt. „Ach ja,“ erwiderte Letzterer,„wir wollen etwas lange hier bleiben, vielleicht den ganzen Sommer, je nachdem es uns gefällt und wir die Abſicht erreichen, die wir vor Augen haben.“ „Darf ich mir erlauben, nach den Abſichten zu fragen, die Sie hier verfolgen?“ fragte der Herr im grünen Rock, indem er ſein grelles Auge theilnehmend auf Guſtav Steinau ruhen ließ. „Zunächſt,“ antwortete Dieſer,„wollen wir uns von langer und anſtrengender Winterarbeit erholen und Kraft und Luſt zu neuer Arbeit ſchöpfen. Dieſen Zweck hoffen wir hier ziemlich vollſtändig erreichen zu können, denn was wir bis jetzt von Rügen geſehen, läßt uns noch Schöneres und Großartigeres erwarten. Sodann aber wollen wir Land, Meer und Leute ken⸗ nen lernen und ſo gewiſſermaßen unſre Kenntniſſe bereichern. Wir pflegen alle Jahre etwas Aehnliches 139 zu unternehmen und haben auf dieſe Weiſe ſchon einen Kreis durch ganz Deutſchland beſchrieben, den jetzt Rügen und ſeine Bewohner ſchließen und voll⸗ enden ſollen, nachdem wir von dem hiſtoriſch ſo be⸗ rühmten Eilande wo möglich eine Erinnerung für das ganze Leben mitgenommen haben.“ „ und wo beabſichtigen Sie ſich am längſten auf⸗ zuhalten?“* „Das wiſſen wir noch nicht. Wo es uns gefällt, da bleiben wir, bis uns Trieb und Luſt weiter zie⸗ hen; und haben wir erſt alle ſchönen Punkte kennen gelernt, ſo kehren wir vielleicht zu denen auf längere Zeit zurück, die uns am beſten gefallen haben.“ Die drei alten Herren nahmen eine befriedigte Miene an und wurden augenſcheinlich noch freund⸗ licher, als ſie inne wurden, daß es den jungen Frem⸗ den um eine gründliche Kenntniß ihres Vaterlandes zu thun ſei. „Sie haben einen guten Entſchluß gefaßt, meine Herren,“ nahm plötzlich mit wohlwollendem Weſen der größte der drei Inſulaner das Wort,„und ich freue mich, daß Sie nicht zu den oberflächlichen Rei⸗ ſenden gehören, die mit der Meinung hierher geſegelt kommen, alles Schöne, Anmuthige und Merkwürdige der Inſel müſſe ſich, ſobald ſie ihren Strand betreten * 140 haben, augenblicklich offenbaren und dem Fremden gleichſam demüthigſt und gehorſamſt zu Füßen legen. Ach nein, meine Herren, das Schönſte auf unſrer guten Inſel ſieht man nicht auf den erſten flüchtigen Blick und es gehören Tage, ja Wochen dazu, bis man unſre Verhältniſſe, unſre abgeſonderte Lage rich⸗ tig würdigen und die Reize erkennen lernt, mit denen uns die Natur ſo verſchwenderiſch geſegnet hat. Allein dieſe Reize liegen nur in einzelnen Gruppen und auf weit von einander getrennten Punkten zerſtreut um⸗ her. Sie mögen hier viele Schritte thun, bevor Sie einen der hervorragendſten derſelben erreichen und es gehört beinahe ein Studium, mit Neigung für Land und Volk verbunden, dazu, ſie zu entdecken und vor allen Dingen in ihrer rechten Beleuchtung zu ſehen, um ſie ſo ſchön zu finden, wie ſie wirklich ſind.“ „Dieſes Studium eben beabſichtigen wir anzuwen⸗ den,“ ergriff Guſtav Steinau mit Wärme das Wort, „und dieſe Neigung zu Land und Volk haben wir mitgebracht, und ſo hoffen wir, nicht allein befriedigt zu werden, ſondern auch unſre Mußezeit eben ſo an⸗ genehm wie vortheilhaft auszufüllen.“ „Wenn Sie alſo vorbereitet und gerüſtet zu uns gekommen ſind,“ fuhr der große Herr fort,„ſo ver⸗ ſprechen wir Ihnen Erfolg; wir kennen jeden Fuß⸗ 141 breit Erde und Waſſer auf der Inſel und wiſſen, was für Schätze ſie für Denjenigen birgt, der Augen hat, ſie zu ſehen, und das Herz, ſie zu empfinden. Groß⸗ artige und erhabene Naturſcenen, wie ſie Tyrol und die Schweiz darbieten, dürfen Sie ſich nicht verſpre⸗ chen. Wir haben keine bis in die Wolken ſteigenden Gebirge, keine Gletſcher, keine Alpenketten und keine reizenden mit Weingärten umrankten Seen. Aber was, in meinen Augen wenigſtens, auch etwas ſagen will, wir haben die See nach allen Windrichtungen und in allen ihren bedeutungsvollen Erſcheinungen und Wir⸗ kungen. Auch ein reizendes Land haben wir, da oben in Jasmund, herrliche Waldungen, wie ſie Deutſch⸗ land nur ſelten aufzuweiſen hat, Schluchten und Thä⸗ ler, Felſen und Klippen, und außerdem, was in mei⸗ nen Augen einer der größten Reize unſrer Heimat iſt, haben wir eine große Vergangenheit, eine Geſchichte, die ſo weit hinauf reicht, wie keine Geſchichte des übrigen großen Deutſchlands. Völker ſind hier auf Völker, wie Generationen auf Generationen in ande⸗ ren Ländern gefolgt, und wenn Sie unſre vielbeſun⸗ genen Grabhügel befragen, ſo können Sie darin nicht allein Spuren von Nationen finden, die vor und nach Chriſtus gelebt, ſondern auch von ſolchen, deren Geſchichte bei Weitem über unſre älteſten Sagen hin⸗ 142 ausreicht und ſich in's fabelhafte Heidenthum verliert. Das iſt auch Etwas und, wie ich denke, etwas Großes, um das uns mancher Binnenländer beneiden mag, abgeſehen davon, daß auch große Thaten hier ge⸗ ſchahen, ſeitdem das Chriſtenthum bei uns eingeführt ward, und ſich bis auf die neueſten Zeiten fortſetzten, wie Sie ſonder Zweifel ohne mich wiſſen werden.“ Die jungen Männer verneigten ſich zuſtimmend und dankten mit Blicken und Worten für die wohl⸗ gemeinte Unterweiſung. Es wurden noch einige an⸗ dere darauf bezügliche Gegenſtände beſprochen und dann erhoben ſich die Inſulaner, grüßten freundlich die Zurückbleibenden und zogen ſich in ihre Zimmer zurück. Auch unſere Freunde thaten bald ein Gleiches und wie ſie ſich gern eingeſtanden, waren ſie auch mit dieſem Tage ihrer Wanderung höchſt zufrieden. Viertes Mapitel. Das Concert auf dem Vilm. Am nächſten Morgen finden wir ſie ſchon frühzeitig im fürſtlichen Park, den ſie nach allen Richtungen durchſchweiften; immer aber kehrten ſie bald wieder auf die zierlich bepflanzten Anhöhen darin zurück, von denen man den reizenden Ueberblick bis zum Vilm und in noch viel weitere Ferne bis zu den pommer⸗ ſchen Küſten genießt. Namentlich Willibald Stillfried konnte ſich von dem Anblick der kleinen, ſo dicht be⸗ waldeten Inſel gar nicht losreißen, und als ihn ſeine Freunde endlich fragten, warum er denn eigentlich ſo unabläſſig auf den einen Punkt hinſtarre, ſagte er: „Meine Freunde, mir liegt ein Wunſch auf der Seele, den ich ſchon im erſten Augenblick erwachen fühlte, als ich jene dunklen Laubkronen dort auf dem 144 kleinen Eilande ragen ſah. Ihr habt ja geſtern ſelbſt einen heiligen Schauer empfunden, als Ihr im Schat⸗ ten des friſchen Blätterſchmucks jener hundertjährigen Eichen ſaßet und die Vögel über Euch in den Zwei⸗ gen trillern und zwitſchern hörtet. Seht, ich will Euch nun meinen Wunſch zu erkennen geben. Wie ſchön müßte in jener Waldeinſamkeit, die nur der weite Himmel bedeckt und die unendliche See umrauſcht, eine ſchöne Muſik klingen. Denkt Euch einmal, wel⸗ chen Eindruck zum Beiſpiel Beethovens Adagio aus der C⸗Mol⸗Symphonie in einem ſolchen Naturtempel „hervorbringen müßte! Wie wäre es alſo, wenn wir mit unſern Inſtrumenten hinüberführen und nach Her⸗ zensluſt ein paar Symphonieen erklingen ließen?“ „Das iſt eine originelle Idee,“ erwiderte der Ma⸗ ler, nachdem er eine Weile nachgeſonnen,„aber ſie läßt ſich hören. Haſt Du Luſt, heute Deine Bratſche zu ſtreichen, Guſtap?“ „Warum nicht? Gern ſogar. Willibald hat Recht, er verſteht ſein Orcheſter gut aufzuſtellen. In den Blätterdomen muß der Widerhall herrlich klingen und wie werden ſich die kleinen Vögelein darüber verwun⸗ dern! Faſt möchte ich an ihrer Stelle ſein, um einen ganz neuen Genuß kennen zu lernen.“ „O, es iſt prächtig,“ rief Willibald entzückt,„daß 145 Ihr mir darin beiſtimmt! Ihr werdet ſehen, die Mühe, die Inſtrumente hinüberzuſchaffen, wird ſich be⸗ lohnen, die Muſik wird uns erheben und beglücken und wenn wir, der Wald, die Lüfte und die Wellen der See auch nur die einzigen Zuhörer ſind.— Wann wollen wir hinüber?“ „Ich denke, gleich nach Tiſche,“ ſagte Heinrich Markholm. 6 „O nein, laß es am ſpäteren Nachmittag ſein!“ fiel Guſtav ein. „Ja, am beſten dürfte es ſich gegen Abend aus⸗ nehmen,“ ſchloß Willibald.„D Denkt Euch einen ſchö⸗ nen ſanften Sonnenuntergang, der keine rothe Pur⸗ purgluth durch die Alles ſchweigt um uns her, voll Andacht und Entzücken, und nun geben wir den göttlichen Gedanken Mozart's oder Beethoven's einen Ausdruck— o was muß das für ein Göttergenuß ſein!“ „Ja, ja, ſchön muß es ſein!“ rief der Maler laut. „Glücklich ſind die armen Künſtler, die ſich ohne große Koſten und Mühen einen ſolchen Genuß bereiten können!“ Zur Zeit des Mittageſſens fanden ſich die drei Inſulaner im Speiſeſaale wieder ein, und da ſie mit Die Inſulaner. I. 10 den Künſtlern, die auch nicht auf ſich warten ließen, 8 146 nun ſchon bekannter waren, die übrige Tiſchgeſellſchaft auch bei Weitem weniger zahlreich und laut war, ſo kam das Geſpräch ſchon in beſſeren Fluß, als am vorhergehenden Tage. Trotzdem unſre Künſtler aus leicht erklärlichen Sparſamkeitsgründen keinen Wein bei Tiſche tranken, ſo war ihre Unterhaltung doch durch ihren natürlichen Enthuſiasmus und ihre künſt⸗ leriſche Lebhaftigkeit genügend angeregt, und ſelbſt der ſonſt ſo ſtille Willibald ſchloß ſich mit heiterer Unge⸗ zwungenheit den längeren Auslaſſungen des freimüthi⸗ gen Malers und den gemeſſenen Bemerkungen des bedächtigeren ſchriftſtellernden Freundes an. Von den heiter ſprudelnden Unterhaltungen der jungen Leute aufgemuntert, ließen ſich nun auch die aͤlteren Herren in behaglicherem Geplauder gehen. Der ſtarke kleinere Herr begann das Geſpräch mit Willi⸗ bald und bald verriethen ſeine tiefblauen Augen den herzlichſten Antheil an den Ergüſſen ſeiner jüngeren Nachbarn. Auch der alte Herr, wie er ſogar in der 6 Anrede von ſeinen Freunden genannt wurde, obwohl er, wie wir ſchon wiſſen, höchſtens zwei Jahre älter war als ſie, ließ ſeine markige Stimme lauter ertönen, und ſogar der große Herr, der zurückhaltendſte im Reden, ſobald Fremde zugegen waren, ſprach durch ſein beifälliges Lächeln und manches heiter geäußerte 147 Wort unverholen ſein Wohlgefallen an der Tiſchge⸗ ſellſchaft aus. Ja, gegen Ende des Mahles, wo es unter den verſchiedenen Gäſten an einer ſo kleinen Wirthstafel immer am lauteſten und gemüthlichſten hergeht, verfiel er ſogar in eine Art ſcherzhafter Po⸗ lemik gegen den alten Herrn, indem er ſeinem natür⸗ lichen Humor freien Lauf ließ, der ſonſt nur bei ge⸗ wiſſen Gelegenheiten und wenn er mit ſeinen Freun⸗ den allein war, zu Tage trat, ein Verfahren, welches nur ein ſtilles Lächeln des Angegriffenen zur Folge hatte, da er ſchon wußte, wie der Scherz gemeint ſei und aus welchem Herzen er fließe. Der alte Herr, wie auch wir ihn zu nennen uns erlauben wollen, verlor dabei ganz die trübe Miene, die er am ver⸗ gangenen Tage gezeigt und die auch jetzt noch, gleich⸗ ſam unwillkürlich, von Zeit zu Zeit einen Schatten über ſeine natürliche Freundlichkeit warf. Er erwi⸗ derte die Angriffe ſeines Freundes redlich dadurch, daß er ihn mit einem Namen belegte, der ſonſt nur ſeine Anwendung fand, wenn die drei alten Herren unter ſich oder zu Zweien von dem Dritten ſprachen. Er nannte ihn nämlich den„großen Jung',“ was dieſer mit Lachen hinnahm und nun ſeinerſeits den Kleinen„Carling“ anredete, was ohne Zweifel ein Liebkoſungswort war, wie man denn noch heute auf 10* 148 Rugen, wo es irgend geht, einem Namen die Sylbe „ing“ anhängt, wenn man den Träger deſſelben auf vertrauliche Weiſe anreden odet damit eine gewiſſe Zärtlichkeit an den Tag legen will. So ging das Mittagsmahl auf eine Allen ſehr an⸗ genehme Weiſe zu Ende und bald darauf trafen die ſechs Tiſchgenoſſen wieder vor der Thür zuſammen, um dort im Freien gemeinſchaftlich den Kaffee zu trin⸗ ken. Nach demſelben hatten ſich die drei alten Herren eben erhoben, um vielleicht einen Spaziergang zu un⸗ ternehmen, und ſtanden ſchon unter den Bäumen der Promenade, als ſie plötzlich durch einen eigenthüm⸗ lichen Vorgang noch eine Weile im Schatten des Laubganges gefeſſelt wurden. Es fuhr nämlich der vom Makler ſchon früher beſtellte Wagen vor die Thür des Gaſthauſes, der die Künſtler und ihre Inſtru⸗ mente nach Lauterbach bringen ſollte, von wo man nach dem Vilm überſetzen mußte. Eben nun brachte der Hausknecht den großen Cellokaſten herunter und legte ihn mit Hülfe Willibald's vorſichtig auf ſeinen Platz im Wagen nieder. Sodann folgten die Kaſten mit der Geige und Viole und endlich ſtiegen die jun⸗ gen Männer ſelber auf, nachdem ſie die drei zu⸗ ſchauenden Inſulaner mit den freundlichſten Grüßen be⸗ dacht hatten. 149 Der Wagen rollte davon, die drei alten Herren aber ſtanden unbeweglich da und blickten ihnen mit eigenthümlicher Verwunderung nach, die jedoch in den verſchiedenen Perſonen wohl aus ſehr verſchiedenen Urſachen entſpringen mochte. Denn während der alte Herr ziemlich gleichgültig und der vorher„große Jung'“ Genannte ſtill bedächtig dem Wagen nachſchaute, glänz⸗ ten Carling's Augen plötzlich noch einmal ſo hell, und ſeinen Gefährten einen gewiſſermaßen triumphirenden Blick zuwerfend, ſagte er raſch: „Ah, nun wiſſen wir ja mit einem Male, was die drei jungen Männer ſind! Es ſind Künſtler! Das habe ich mir gleich gedacht, Ihr aber wolltet mir nicht Recht darin geben.“ „Meinetwegen!“ brummte etwas ernüchtert der alte Herr, der über dieſe Entwicklung ſeiner jungen Bekannten nicht gerade überaus erfreut zu ſein ſchien. Der„große Jung“ aber ſchritt, einem inneren Antriebe und vielleicht einer geheimen Neigung ge⸗ horchend, raſch über die Straße und trat auf den Wirth zu, der noch vor der Thür ſtand und dem eben verſchwindenden Wagen nachſah. „Schumacher,“ ſagte er,„wer ſind denn eigent⸗ lich dieſe drei Herren?“ „Ich glaube, es ſind Künſtler aus Berlin, Dresden 15⁰ oder Weimar, ich weiß es nicht recht, und nach thren Inſtrumenten zu ſchließen, ſind es Muſiker. Sie ha⸗ ben in das Fremdenbuch blos ihre Namen, ſonſt aber weder ihren Wohnort noch eine andere Bezeich⸗ nung eingetragen.“ „Laſſen Sie mich einmal das Buch ſehen!“ Ein dienſtfertiger Kellner ſprang in's Haus, holte das Buch und ſchlug es auf. „Da ſtehen ſie,“ ſagte Carling, von der Seite des Freundes her eifrig in das Buch ſchauend und die Namen ſuchend.„Paul Sternberg, Heinrich Mark⸗ holm und Willibald Stillfried. Wie? Ha! Das iſt ſeltſam, Alfred, meinſt Du nicht auch?— Da ſteht es: Heinrich Markholm und Willibald Still⸗ fried— hm!“ Der mit dem Namen Alfred angeredete Freund wechſelte mit Carling einen raſchen Blick des Einver⸗ ſtändniſſes, der dem alten Herrn entging und viel⸗ leicht auch entgehen ſollte. Dann aber wandte er ſich ruhig lächelnd zu dem Wirth und ſagte:„Wohin wollen ſie denn jetzt mit den Inſtrumenten? Wiſſen Sie es vielleicht, Schumacher?“ „Ich glaube, ſie wollen nach dem Vilm, um drü⸗ ben im Freien unter den Eichen ein Concert auf⸗ zuführen.“ 151 „O!“ rief der kleine wohlbeleibte Mann ganz auf⸗ geregt,„warum haben ſie uns davon nichts geſagt! Doch, noch haben ſie nicht viel Weges vor uns vor⸗ aus. Heda, Freunde, wollen wir ihnen nach? Sie haben uns zwar nicht eingeladen, aber ſie ſehen nicht ſo aus, als ob ſie unſre Neugierde übel deuten wür⸗ den. Künſtlernaturen ſind offene Naturen und dieſe Leute haben mir ſchon lange gefallen.“ „Ich mache mir aus der Muſik nicht viel,“ erwi⸗ derte im ſchläfrigen Murrton der alte Herr,„Ihr wißt es wohl. Meine Ohren haben ſeit Jahren nichts als das Rauſchen der See, das Brüllen meiner Kühe und das Bellen meiner Hunde vernommen, da ſind ſie eben nicht feiner geworden, und ich möchte auch lieber eine halbe Stunde die Augen ſchonen.“ „Das heißt, Du willſt ſchlafen!“ nahm der Große in freundlich verweiſendem Tone das Wort.„Nichts davon, alter Herr! Ei, wer wird ſo unharmoniſch ſein und ſich und Andern das Bekenntniß einer ſo uncul⸗ tivirten Seele ablegen! Nichts da, laß uns Carling folgen und nach dem Vilm fahren.“ „Thu es mir zu Gefallen, alter Herr!“ bat dieſer und legte mit ſchmeichelnder Herzlichkeit ſeine Hand auf die knochige Schulter des Freundes. „Nun natürlich, ich werde Euch doch nicht allein 1⁵52 fahren laſſen! Ich werde nur gleich gehen und mich rüſten, da die Fahrt doch gewiß bis zum Abend dauert.“* Mit dieſen Worten ſtieg er langſam die Treppe des Hauſes hinauf, um ſich zur Ausfahrt zu„rüſten,“ wie er ſagte. Der Carling genannte Inſulaner da⸗ gegen, der, wie wir ſpäter erfahren werden, ein en⸗ thuſiaſtiſcher Muſikfreund war und ſelbſt ein wenig die Flöte blies, wechſelte raſch und insgeheim einige Worte mit dem zurückgebliebenen Freunde, der ihn bald darauf verließ, und wandte ſich dann zu dem Wirthe, indem er ſagte: „Schumacher, laſſen Sie ſchnell meinen Wagen anſpannen und vorfahren. Packen Sie auch vier Fla⸗ ſchen von Ihrem beſten Rheinwein zuſammen und thun Sie etwas kalte Küche hinzu. Die Herren wer⸗ den den Schmaus nicht ausſchlagen, wenn wir ſo un⸗ gebeten ihrer Muſik zuhören, und im Freien ſchmeckt ein Glas Wein vortrefflich, wenn das Herz friſch und munter iſt. Raſch, raſch, nehmen Sie was Gutes und laſſen Sie mich Ehre mit Ihrer Auswahl ein⸗ legen.“ Indem er nun den beiden Andern nachfolgte, ver⸗ ſchwand er im Hauſe, um auch ſeine Vorbereitungen zu dem Genuſſe eines unverhofften Vergnügens zu treffen. 153 Es war gegen fünf Uhr, als der Wagen vor die Thür des Gaſthauſes fuhr und mit einem Korb voll Wein, gebratenem Geflügel und was ſonſt„Gutes“ vorhanden war, befrachtet wurde. Gleich darauf trat der„große Jung“ und Carling von der Treppe herab, denen endlich auch der alte Herr in ſeiner Ausrüſtung folgte, wie er ſie nun einmal nach alter Gewohnheit anzulegen pflegte, wenn er einen Ausflug in's Grüne unternahm. Betrachten auch wir ihn in dieſer ſeiner Aus⸗ rüſtung etwas genauer, denn ſie wird die Charakteriſtik, die wir bereits von ihm gegeben haben und noch zu geben denken, vervollſtändigen helfen. Der alte Herr pflegte nämlich auf allen größeren und kleineren Aus⸗ flügen ſich ſtets mit vielerlei Gegenſtänden zu belaſten, die er oder ſeine Freunde irgend nur gebrauchen konn⸗ ten. So ſehen wir ihn auch diesmal angethan mit einer großen Jagdtaſche, die wohl ſchon ein Viertel⸗ jahrhundert gedient haben mochte. In ihrem weiten Bauche lag zuerſt ein großer ſehr koſtbarer Tubus, ohne welchen der Beſitzer ſich eigentlich nie von ſei⸗ nem Hauſe entfernte. Damit derſelbe aber nicht ſ leicht verloren gehe, war das Pappfutteral, in dem er in der Taſche ſteckte, an letztere feſ ſknihe Außer⸗ dem barg ſie einen Band mit Salis Gedichten, ſehr 154 ſchön in rothen Maroquin mit Goldſchnitt gebunden, von dem er ſich nie trennte; ſodann eine kurze Pfeife mit Meerſchaumkopf, Taback und eine ſolche Menge Cigarren, daß ein Dutzend Männer für einen gan⸗ zen Tag daran genug gehabt hätten. An einem Knopf⸗ loche ſeines langen grünen Rockes war ein mit Wachs⸗ leinwand überzogener Regenſchirm angeknöpft und in ſeiner gewaltigen Rechten, die ein hirſchlederner Hand⸗ ſchuh bedeckte, der für dieſe Gigantenhand eigens be⸗ ſtellt und angefertigt worden war, trug er einen mäch⸗ tigen Eichenſtock mit ſtarker Eiſenſpitze. Außerdem wa⸗ ren alle ſeine Taſchen mit Meſſern jederlei Art, einem Korkzieher, Feuerzeug zum Streichen und zum Anſchla⸗ gen angefüllt„damit wenn das eine ſeine Hülfe ver⸗ ſagte, das andere augenblicklich bereit wäre. Ueber dem linken Arm endlich trug er einen alten verwitter⸗ ten P aletot, der ſchon viele Winter und Sommer wech⸗ ſeln geſehen, und den er weniger für ſich mitnahm— denn er war gegen jede Witterung abgehärtet genug— als um ihn jeden Augenblick bei der Hand zu haben, wenn irgend Jemand in ſeiner Begleitung deſſelben bedürfen ſol llte. Alſo gerüſtet und von einem behaglichen Lächeln ſei⸗ ner Freunde begrüßt, ſtieg er in den Wagen und z nahm er wie immer, auch diesmal ſeinen Platz dein 58 155 H Kutſcher ein, damit, wie er ſagte, ſeine kräftige Hand den Freunden gleich zu Gebote ſtände, wenn die Pferde einmal durchgehen wollten. Hinter ihm, den Korb mit den Weinflaſchen vorſichtig zwiſchen ſich ſtellend, nahmen die beiden andern Herren Platz und bald da⸗ rauf fuhr, unter den Wünſchen zu einer recht vergnüg⸗ ten Fahrt von Seiten des Wirths, der Wagen davon, raſch den Spuren ſeines Vorgängers folgend, der wenigſtens eine Stunde Vorſprung gewonnen hatte. Von den dienſtwilligen Schiffern in Lauterbach war bald ein Boot zur Ueberfahrt nach dem Vilm bereit gemacht und ein Mann gedungen, der die Körbe mit Speiſen und Getränken nach dem erſtrebten Platze tra⸗ gen ſollte. Von den Fährleuten erfuhr man auch, daß die drei jungen Herren bereits an Ort und Stelle wären, und zwar auf der Höhe der Oſtſpitze der In⸗ ſel zwiſchen den Bäumen, und daß ſie das Boot zum Abholen erſt nach Untergang der Sonne wieder nach dem Vilm beſtellt hätten. „Gut, gut, nur vorwärts!“ rief der ungeduldige Muſikfreund und trieb ſeine Gefährten an, das Boot zu beſteigen, und die Ruderer, möglichſt kräftig zu rudern, da der Wind zu ſchwach war, das Boot mittelſt der Segel nach dem eine halbe Meile weit entfernten Eiland zu treiben. 156 Es war ein herrlicher Junitag, der einen noch viel ſchöneren Abend verſprach. Nur von Zeit zu Zeit durch einen kühlenden Luftſtrom angehaucht und dann ſilbern glitzernd in den Strahlen der Sonne, lag die See faſt ſpiegelglatt in tief dunkler Bläue da, als wollte ſie mit dem wolkenloſen Himmel darüber im Farbenſchmelze wett⸗ eifern. Ungemein klar traten die im tiefſten Violett ſchimmernden Umriſſe der fernen Ufer aus der reinen Luft hervor und man ſah deutlich ringsum die ber⸗ gigen Vorſprünge mit den friſchbelaubten Bäumen dar⸗ auf ſich im Waſſer ſpiegeln, als wollten ſie alle zu gleicher Zeit daraus ihren Durſt löſchen, da die Sonne heiß und brennend auf ſie niederſchien. Ein unend⸗ lich lieblicher Friede ruhte dabei auf den weiten Waſſer⸗ flächen und nur dann und wann tauchten am fernen Hoxizonte einige ſchwach gebauſchte Segel auf, langſam über die ſchweigenden Wogen dahin ſchleichend, als ruhten auch ſie ſchon von ihrem heißen Tagewerke lange vor Einbruch der Nacht aus. Die drei Männer im Boote, obwohl an dergleichen Naturſcenen gewöhnt, waren dennoch in Betrachtung und Bewunderung dieſes Friedens und dieſer Ruhe ganz verſunken und ſelbſt der alte Herr, obſchon ſonſt kein allzu heißer Verehrer maleriſcher Schönheit, hatte dabei vergeſſen, ſeine Pfeife in Brand zu ſetzen, die 157 er bereits zur Hand genommen, ſobald er in das Boot geſtiegen war. Keiner von ihnen ſprach ein Wort, alle ſchauten weſtwärts und oſtwärts, um die duftige Ferne zu durchdringen, und nur der Carling Genannte neigte bisweilen ſein Ohr dem Vilm ent⸗ gegen, dem ſie ſich allmälig zu nähern begannen. Da war es ihm, als ob auf den leiſen Schwingen des Windes ein ſanft und lieblich klingender Ton von der Inſel herüberſchwebe, und in der That, als er die Ruderer in ihrer Arbeit einen Augenblick inne⸗ halten ließ, hörte man deutlich, daß die Muſiker ihr Concert bereits begonnen hatten. Sofort befahl er den Schiffern, ſo leiſe wie mög⸗ lich zu rudern, und als ſie gehorchten und das Boot bald darauf der Inſel näher kam, klangen die herr⸗ lichen Töne ſchon deutlicher herüber, aber immer noch leiſe und geiſte rhaft, als führe die ſtille Luft die Seuf⸗ zer einer in der Ferne klagenden Menſchenbruſt mit ſich fort in ungemeſſene Weite. Wenige Minuten ſpäter landete man und eilig ſtiegen die Männer aus, dem Klange der Inſtrumente nachgehend, der nun ſchon ſchärfer und beſtimmter ihr Ohr berührte. Der alte Herr, deſſen Engbrüſtigkeit wieder zu Tage trat, ſobald der Weg, den man verfolgte, etwas bergig ward, ſchritt unter derfLaſt ſeines Paletots, ſeiner Jagd⸗ 158 taſche und ſeiner übrigen Ausrüſtung langſamer hinter den beiden Gefährten her; der Muſikliebhaher aber, ob⸗ gleich beim Bergſteigen auch ſein Herz lebhaft pochte — ein Fehler, der ihn von Zeit zu Zeit heftig peinigte — achtete dieſer Gebrechlichkeit im Augenblick ſehr we⸗ nig und ging rüſtig an der Seite des großen Herrn her, der mit ſeinen langen B Beinen ungeheure Schritte machte. So erreichte man bald die bergige Anhöhe der In⸗ ſel, in welcher die großen Eichen in einem rieſigen Kranze ſtanden und über den dunklen Moosgrund und die eben aufſchießenden Waldblumen mit ihren gewaltigen Laubkronen einen kühlen Schatten verbreiteten. Da, in einer mit Moos natürlich ausgepolſterteu Bodenver⸗ tiefung, ſah man von Weitem die Künſtler theils ſitzeite theils ſtehen und die himmliſchen Laute den Lüften zuſen⸗ den, die Ludwig von Beethoven einſt aus voller Bruſt ſang und der kunſtſinnigen Welt als ein ewiges Denk⸗ mal ſeiner genialen Begabung hinterlaſſen hat. O wer beſchreibt die zauberhäften Töne, welche die drei vor⸗ trefflich gehandhabten Inſtrumente in dieſem ſchönen und geheimnißvollen Halbdunkel hören ließen, den ſanf⸗ ten Widerhall aus ſeinem leiſen Schlummer weckten und in den Wipfeln der Bäume erſtarben, die ſich voll und hoch wie ein gothiſcher Dom über den Muſikern wölbten! 159 In Wahrheit, noch nie hatten die Vögel, die in den Zweigen niſteten, und die Wellen der See, die in nächſter Nähe ſich ſo leiſe an das ſchweigende Ufer ſchmiegten, ähnliche Laute vernommen, noch nie hatten die Winde ſo ſüß lispelnde Klänge auf ihren Schwingen in die Ferne zu tragen gehabt. Voll Staunen und jeden Augenblick tiefer von der vollendeten Fertigkeit der ausübenden Künſtler ergriffen, waren die drei Inſulaner in einiger Ferne von den Muſikern ſtehen geblieben und ſchauten ſie voll Ver⸗ wunderung an, die ſelber den Stimmen ihrer Inſtru⸗ mente mit Entzücken zu lauſchen ſchienen, denen ſie Le⸗ ben einhauchten, ſo daß ſie unter ihrer Hand wollüſtige Töne von ſich gaben. Obgleich die Inſulaner nicht wagten, nahe an den Kreis heranzutreten, um nicht zu ſtören, ſo ſtanden ſie doch nahe genug, um die Künſtler zu beobachten und in ihrer Haltung und Miene den Geiſt zu leſen, der ſie augenblicklich beſeelte. Willibald Stillfried, den Bogen der Geige mit Grazie führend und doch mit dem Auge die ihn begleitenden Freunde bewachend, ſtand an den Stamm einer jungen Buche gelehnt und ſchien von nichts in der Welt ein Bewußtſein zu haben, als von den Melodieen, die er den Saiten ohne Hülfe der Noten entlockte, da er ſie alle im Kopfe hatte. Der Maler, auf einem bemooſten 160 großen Steine ſitzend und nur bisweilen das Noten⸗ blatt befragend, welches neben ihm auf dem Boden lag, ſtrich mit einer Würde ſeinen großen Bogen, der einem erſten Celliſten im königlichen Orcheſter Ehre gemacht haben würde, während Guſtav Steinau, ſein Auge nur auf den leitenden Geſichtsausdruck des Muſikers gerichtet haltend, der Einzige war, der ſich Mübe ge⸗ ben mußte, der Vollendung der beiden geſchulteren Meiſter die Waage zu halten. Das Adagio, welches ſie eben hören ließen, dauerte ziemlich lange, aber unbeweglich ſtanden in der Nähe der Muſicirenden die Inſulaner, hinter denen in ſtarrem Staunen und wie in Andacht die Hände gefaltet, der Schiffer an einem Baume lehnte, nachdem er die Körbe mit Wein und Speiſen vorſichtig neben ſich auf deu Boden geſtellt hatte. Als aber der Satz zu Ende war, näherte ſich den Spielern der muſikaliſche Herr zuerſt, dem der größere und dann endlich der alte folgte, der diesmal weder ſagte noch dachte, daß er kein Muſikfreund ſei, denn eine ſo ſchöne und vollendet vor⸗ getragene Muſik hatte er nie in ſeinem Leben, am wenig⸗ ſten aber an einem ſo wohl dazu geeigneten Orte gehört. „Meine Herren,“ ſagte der voranſchreitende Muſik⸗ freund mit gerötheten Wangen und blitzendem Auge zu den Künſtlern, die mit herzlicher Freude die Fremden 161 heranſchreiten ſahen,„verzeihen Sie, daß wir ohne Ihre Erlaubniß hierhergekommen ſind und Sie vielleicht in Ihrem Vortrage geſtört haben. Aber ich bin ein großer Verehrer der Muſik und ſo überredete ich meine Freunde, Ihnen nachzufahren und ſo uns einen ſeltenen Genuß zu verſchaffen. O meine Herren, eine wie große Freude haben Sie uns, ohne es zu ahnen und vielleicht zu wollen, ſo eben bereitet und wie preiſen wir uns glücklich, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben! Heute Mittag wußten wir freilich noch nicht, wer Sie waren, aber jetzt wiſſen wir es: Sie ſind drei Virtu⸗ oſen in einer der ſchönſten, wenn nicht der allerſchönſten und beglückendſten Kunſt!“ Willibald verhielt ſich bei dieſen Worten ganz ſtill, nur eine feinere Bläſſe, die während der Anrede des Fremden ſeine ſchmalen Wangen überzog, und ein leuch⸗ tender Blitz ſeines wie im Rauſche ſchwimmenden Auges verriethen die lebhafte Freude, die bei den eben ver⸗ nommenen Worten ſein Herz durchzitterte; der Maler aber, Guſtav Steinau ein ſchelmiſches Lächeln zuwer⸗ fend, trat den alten Herren näher und ſagte: „Wir heißen Sie auf dieſem ſchönen Fleck der ſchattigen Inſel willkommen, zu der ja Sie ſowohl wie wir und jeder Andere jeden Augenblick freien Zutritt haben, aber Sie thun uns zu viel Ehre an, wenn Sie Die Inſulaner. I. 11 3 1 — 8 1 — * 162 uns alle Drei für muſikaliſche Künſtler halten. Nur dieſer, mein Freund, Willibald Stillfried, iſt ein Muſi⸗ ker vom reinſten Waſſer und in der That ein aner⸗ kannter Virtuos; wir Beide aber, obwohl auch Künſt⸗ ler, ſind nur muſtkaliſche Dilettanten und huldigen einer andere Muſe, denn wie mein Freund Paul Sternberg hier Dichter und Schriftſteller iſt, ſo bin ich, Heinrich Markholm mit Namen, ein Maler, der einen leidlichen Pinſel, aber einen ſehr mittelmäßigen Bo⸗ gen führt.“ Faſt allgemeines Staunen entſtand nach dieſen unerwarteten Worten auf der anderen Seite, denn wie der Eine von ihnen ein enthuſiaſtiſcher Muſikfreund, war der alte Herr ein Verehrer der dichteriſchen Muſe und der Dritte ein eben ſo eifriger Verehrer der Maler⸗ kunſt. Man trat ſich alſo raſch wie im Geiſte, ſo auch in Perſon näher, ſchüttelte ſich lebhaft die Hände und bald darauf hatten ſich die drei Inſulaner als Carl Melms, Alfred Brunſt und Gottlieb von der Oehe den Künſtlerfreunden vorgeſtellt. Jedoch nicht die eben angeführte ſeltſame Ueber⸗ einſtimmung künſtleriſcher Neigungen war es allein, die jenes Staunen bei einem der älteren Herren her⸗ vorrief, es mußte vielmehr jedenfalls noch ein anderer, nicht ſo leicht zu entziffernder Grund dazu vorhanden 163 ſein. Der Alfred Brunſt genannte Herr, der ſchon bei der Leſung der Künſtlernamen im Fremdenbuche nachdenklich geworden war, ſchien jetzt eine lebhafte innere Ueberraſchung niederzukämpfen, was ihm auch endlich gelang, und indem er nur ſeine ſprechenden Augen langſam von einem der jungen Männer zum anderen laufen ließ, blieb er endlich mit eigenthüm⸗ lich geſpannter Miene auf dem Paul Sternberg genann⸗ ten Künſtler haften, wobei ihm nicht entging, daß die⸗ ſer weniger eine auffallende Ueberraſchung, als ſogar eine an Schrecken gränzende Beſtürzung einen Augen⸗ blick lang auf ſeinen Geſichtszügen wahrnehmen ließ. Indeſſen brachte Carl Melms durch ſeinen muſi⸗ kaliſchen Enthuſiasmus die Unterhaltung nach kurzer Stockung wieder in lebhafteren Gang und indem er ſich zu den Künſtlern wandte, ſagte er mit ſeiner über⸗ redend weichen Stimme:„Doch nun, meine Herren, wollen wir Sie nicht weiter ſtören. Laſſen Sie uns das Finale jener herrlichen Sonate hören und wir werden uns an Ihrer Seite auf das Moos nieder⸗. laſſen, um mit aller Ruhe It Ihren Tönen zu lauſchen.“ Willibald gab den Freunden einen Wink, ohne zu bemerken, daß die friſchen Wangen Guſtav Stei⸗ nau's eine auffallende Bläſſe entfärbte. Dieſer ſchien nur mit Mühe und großer Selbſtüberwindung das ſo⸗ 11* 164 gleich begonnene Allegro zu beenden und, von einer an dieſem Orte am wenigſten erwarteten Aufregung ergriffen, wagte er es kaum, ſeine Augen von dem vor ihm liegenden Notenblatte zu erheben. Als aber der Satz zu Ende war, legte er raſch ſeine Geige auf den Boden und that einige Schritte von der Gruppe fort in das Gebüſch, ſo daß er bald den Blicken der ſich gemüthlich Unterhaltenden entſchwunden war. Fragen wir nicht, welches der Grund dieſer maaß⸗ loſen und faſt an Beſtürzung gränzenden Ueber⸗ raſchung war, die ihn unwillkürlich in dieſem Augenblick von ſeinen Freunden wegzog, wir werden ihn früh genug erfahren; führen wir für jetzt nur an, daß er, von der Fügung uns noch unbekannter Umſtände mäch⸗ tig in innerſter Seele ergriffen, in der Stille des Waldes mühſam nach Faſſung rang, um ſeinen Freun⸗ den und vor Allen den drei fremden gütigen Män⸗ nern ſeine Empfindungen zu verbergen. Und Dank ſeiner kräftigen geiſtigen Organiſation, es gelang ihm, wieder Herr derſelben zu werden, und nach einiger Zeit, in der jedoch eine große Umwandlung ſeines Weſens und ſeiner Erſcheinung vorgegangen, trat er wieder in den Kreis der noch auf demſelben Punkt Verſammelten zurück. Als er bei ihnen anlangte, fand er Herrn Melms 165 ſehr eifrig beſchäftigt, die vortrefflichen Inſtrumente der qroßſtädtiſchen Künſtler zu beſichtigen, wobei das Geſpräch ſich hauptſächlich um Muſik drehte. Herr von der Oehe aber hatte ſeine Jagdtaſche geöffnet, Cigarren hervorgeholt und angeboten und war in voller Arbeit begriffen, jeden Einzelnen mit dem noth⸗ wendigen Feuer zu verſorgen, was er auch ſogleich bei d dem leiſe herantretenden Dichter that. ieſer wollte mehr aus natürlicher Beſcheidenheit „ als a aus ſonſt einem Grunde die dargebotene Cigarre ablehnen und von ſeinem eigenen Vorrath nehmen, als Alfred Brunſt, der auf alle Vorgänge ein ſcharfes Auge richtete, halb ſcherzhaft, halb ernſt ſagte: „Nehmen Sie, nehmen Sie, Herr Sternberg! Dem dii Herrn dürfen Sie niemals eine dargebotene Gabe abſchlagen, Sie verderben ihm ſonſt alle Freude. Er pflegt mit dergleichen ſtets reichlich verſorgt zu ſein.“ Kaum aber hatte Guſtav die Cigarre an dem dar⸗ gereichten Feuer in Brand geſetzt, ſo richtete ſich des guten alten Herrn Aufmer kſanffeit ſchon wieder auf einen anderen Punkt. Willibald Stillfried näm⸗ 8 Haß in Folge des eifrigen Geigens und der rch hervorgerufenen Erregung ein lebhaft geröthe⸗ kes Geſicht und trocknete ſich mit einem Tuche den Schweiß von der Stirn. Kaum bemerkte dies der 166 alte Herr, ſo erhob er ſich raſch von ſeinem Platze, holte den abſeits gelegten alten Paletot herbei und verſuchte ihn mit gelenker Hand um die Schultern des erhitzten Künſtlers zu ſchlagen. Als dieſer aber ablehnend dankte, bat auch ihn Herr Brunſt, das freundliche Anerbieten nicht von der Hand zu weiſen, da der warme Rock gerade für dergleichen Zwecke die Reiſe mitzumachen pflege, wobei, als er dies ſagte, ein heimliches Augenzwinkern den jungen Künſtler noch dringender zur Annahme des Gebotenen bewegte. So ſaß er denn bald, dicht in den warmen Rock gehüllt und fröhlich eine Cigarre rauchend, unter den Uebrigen, als Herr von der Oehe ſich wieder zu Guſtav Steinau wandte und ihm die Frage vorlegte, ob er den Dichter Salis kenne und ob er nicht etwa über das viele Geſchreibſel der Neuzeit den edlen al⸗ ten Sänger vergeſſen habe? Guſtav, der ſtill und faſt traurig den alten Herrn betrachtete, als er ihm dieſe Frage vorlegte, empfing nochmals einen ermunternden Wink des nach allen Seiten wachſamen Brunſt, worauf er freundlich lächelnd einiges Anerkennende über Salis und ſeine Poeſien ſprach, was Jenem ſichtliche Freude bereitete. „Sie haben Recht,“ ſagte er,„wer den gemüthlichen 167 Mann ganz kennt und ſo genau kennt wie ich, der braucht viele andere Dichter gar nicht zu kennen. Sehen Sie hier, da iſt er! Er iſt mein ſteter Beglei⸗ ter auf allen Wegen, obgleich ich ihn von Anfang bis zu Ende auswendig weiß, und ich freue mich je⸗ desmal, wenn ich Jemanden finde, der meiner Anſicht über ihn beiſtimmt. Aber ſagen Sie mir, welcher Richtung haben Sie ſich zugewandt? Wobei ich natür⸗ lich vorausſetze, daß Sie die Frage eines alten Man⸗ nes, wie ich bin, nicht für unbeſcheiden halten werden.“ „Nicht im Geringſten,“ entgegnete Guſtav verbind⸗ lich—„ich aber, ich— habe mich hauptſächlich der dramatiſchen Dichtung ergeben, obgleich ich mich auch ſchon in manchen anderen Arten verſuchte.“— Doch, verfolgen wir dieſes Geſpräch nicht weiter, das noch lange über denſelben Gegenſtand zwiſchen den Beiden fortgeſetzt wurde, während der freundliche Melms den Muſiker in ähnlicher Art beſchäftigte. Des Malers dagegen hatte ſich der dritte Inſulaner bemächtigt und in ſeiner geraden Art und Weiſe nach den Beſtrebungen geforſcht, denen er ſich in ſeiner Kunſt hauptſächlich hingegeben. Heinrich Markholm, offenherzig wie kein anderer Menſch, ſprach ehrlich Alles aus, was er dachte und wie er es fühlte, und da Herrn Brunſt's feiner Unterſcheidung dies nicht ent⸗ 8 — 168 ging, ſo gerieth der Maler in weit größere Gunſt bei ihm, als der anſpruchsloſe Künſtler es vermuthen konnte. Indeſſen wurden dieſe abgeſondert geführten Un⸗ terhaltungen durch Herrn Melms und Willibald Still⸗ fried unterbrochen, indem Beide die jüngeren Freunde aufforderten, noch ein ſchönes Trio zum Beſten zu geben; Willibald wollte eine Sonate von Mozart ſpie⸗ len, Heinrich aber drang mit einem anderen Vor⸗ ſchlage durch. Nachdem ſie ſich nun geeinigt, hallten die grünen Laubdächer, die ſich über den lagernden Männern wölbten, bald von den Klängen einer ebenſo erhabenen wie gefälligen Muſik wider, die aus drei raſch hintereinander vorgetragenen Sätzen beſtand. Während das Finale nun mit reißendem Schwunge die Hörer in neues Staunen und Bewundern verſetzte, ſank die Sonne allmälich dem Weſten zu und ihre herrlichen Abendſtrahlen färbten mit glühendem Pur⸗ pur die lichtgrünen Gebüſche, in denen ſchon lange jedes Geräuſch verſtummt war und kein Blatt ſich mehr im leiſeſten Winde ſchaukelte. War dieſe ſchöne und vom fühlenden Menſchenherzen immer mit Ent⸗ zücken bewunderte Naturſcene die Urſache davon, oder lag in der vorgetragenen Muſik ein unbekannter ge⸗ heimnißvoller Reiz, genug, die Inſulaner glaubten nie 1 — 169 eine ſchönere Muſik gehört zu haben, und als ſie zu Ende war, wurden mehrfache Fragen laut, wem dieſe köſtliche Sonate oder Symphonie ihr Daſein verdanke. „Da ſteht der Autor vor Ihnen,“ ſagte der Ma⸗ ler, auf den beſcheiden ſchweigenden Freund deutend, „es iſt ſein Preisſtück und gerade dadurch iſt er in den Kreis der bedeutenderen lebenden Künſtler ein⸗ getreten.“ Herr von der Oehe ſchwieg und nahm nur die Mütze ab, gleichſam dadurch ſeine Anerkennung ausſpre⸗ chend, Alfred Brunſt nickte ihm freundlich und wohlwol⸗ lend zu, Carl Melms aber ſprang empor und drückte ihm warm und mit einigen herzlichen Worten die ſchüchtern dargereichte Hand. „Meine Herren,“ wandte ſich Letzterer darauf an die drei Künſtler, indem er dem in der Ferne andäch⸗ tig lauſchenden Schiffer einen Wink gab, die Körbe mit den Speiſen heranzubringen,„wir ſind ohne Ihre Einladung ſo frei geweſen, an dem Genuſſe Theil zu nehmen, den Sie wie eine ſchöne Gabe auf den rei⸗ een Altar in Gottes freier Natur niedergelegt haben; nun bitten wir Sie, dagegen auch an den freilich viel geringeren Genüſſen Theil nehmen zu wollen, die wir Ihnen augenblicklich darbieten können. Wie die Muſik unter freiem Himmel, in warmer Abendluft und . ——————ÿ 170 beim Sinken der goldenen Sonne am herrlichſten lau⸗ tet, ſo duftet der goldene Wein am lieblichſten im kühlen Waldesſchatten. Kommen Sie, trinken Sie mit uns ein Glas und laſſen wir die Künſte und die Künſtler leben, die Sie, ſo ſelten vereint und ſo auf⸗ richtig von uns bewundert, in freundſchaftlicher Ein⸗ tracht hier vertreten. Wohlan denn, Alfred, reiche die Gläſer herum, und Du, alter Herr, öffne die Flaſchen, denn Du wirſt doch wie gewöhnlich mit einem Kork⸗ zieher verſehen ſein.“ Der alſo Aufgeforderte griff ſchnell in eine Taſche und zog das verlangte Inſtrument hervor, worauf er ſogleich eine Flaſche entkorkte und mit wirthlichem Eifer die Reihe herumging und die Gläſer füllte. So aß und trank man denn und gab ſich einer ebenſo ungezwungenen wie allerſeits befriedigenden Unterhal⸗ tung hin, an der auch Guſtav allmälich wieder regeren Antheil nahm, nachdem er ganz gegen ſeine ſonſt ſo mittheilſame Natur eine Weile ungemein ſtill geweſen war. Sogar Herr von der Oehe trank an dieſem Abend wider Gewohnheit ein paar Gläſer edlen Rhein⸗ weines und wurde dadurch in ſo muntere Laune ver⸗ ſetzt, daß er ein lautes Lachen wiederholt durch den Wald ſchallen ließ, wozu ihn„der große Jung'“ durch ſeine Späße anregte, die dazu angethan waren, — 174 — 1 8 die Geſellſchaft in die fröhlichſte Stimmung zu verſetzen. „Sie ſind wohl ein eifriger Jäger?“ hatte unter 1 Andern der heitere Maler gefragt, als der alte Herr ſich ſehr häufig ſeiner Jagdtaſche bediente und einen Gegenſtand nach dem andern daraus hervorzog, den er zur Bequemlichkeit ſeiner Gäſte darin untergebracht hatte. O ja,“ ſagte Alfred Brunſt,„er ſchießt viel, denn anf ſeiner Inſel hat er eine ganz hübſche und überdieß ewig freie Jagd— aber wie ſteht es mit dem Treffen, alter Herr?“ Der alte Herr war in der herrlichſten Laune und lachte ſo herzlich, daß er ſein rieſiges Gebiß in vollſter Pracht zeigte und kaum Worte fand, der Frage zu entgegnen.„Wenn ich nur immer Luft hätte,“ ſagte .. er endlich, nachdem er ſich ausgelacht,„dann würde meine Kugel nie fehlen; aber ſehen Sie, meine Herren— ein alter Erbfehler— da iſt er ſchon wieder— es kommt diesmal vom Lachen oder vom ungewohnten Weintrinken— das Aſthma hindert mich oft daran und an vielem Anderen.“— „Haha! Ja, wenn Du nur Luft hätteſt, dann könnteſt Du fliegen wie eine Lerche und ſchwimmen wie ein Delphin! Sie müſſen nur wiſſen, daß das ein — — Leib⸗ und Stichwort unſers Freundes iſt, womit er ſtets bei der Hand iſt, wenn er einer Entſchuldigung zu bedürfen glaubt, daß ſeine Kräfte für das Eine oder Andre nicht ausreichen. Habe ich nicht Recht, Carling?“ Carling lächelte in ſeiner gutmüthigen Weiſe, denn er war theils zu ernſt, um auf dergleichen Späße ein⸗ zugehen, theils widerſtrebte es ſeinem Naturell, die Angriffe auf den alten Herrn zu unterſtützen, dem er von ganzem Herzen zugethan war, was jedoch den humoriſtiſchen Brunſt, der eine gleiche Neigung für ihn empfand, nie abhielt, zur gelegenen Zeit Pfeile auf Pfeile auf den guten Mann abzuſchießen. Fünftes Vapitel. Die Einladnng. In der angeführten Weiſe wurde die Unterhaltung wohl eine Stunde lang fortgeſetzt und erſt als der letzte Tropfen der letzten Flaſche gefloſſen war und auch der Schiffer ſeinen Antheil erhalten hatte, ſchickte man ſich zum Aufbruch an, während die Schatten des dichten Waldes, die der bereits aufgegangene Mond nicht durchdringen konnte, ſchon dunkler geworden waren. In einer Viertelſtunde hatte man Inſtrumente und was ſonſt noch mitgenommen, an Bord geſchafft, denn die beiden Boote waren pünktlich herangerudert. Wäh⸗ rend nun die Inſulaner ihr Fahrzeug beſtiegen und die Künſtler in dem ihrigen ſich zurecht ſetzten, um auf der Rückfahrt bei ſpiegelglatter See eine herrliche Serenade zu ſpielen, griffen die Bootsleute zu ihren 174 Riemen und der majeſtätiſch heraufſteigende Vollmond wurde bald darauf mit Tönen begrüßt, wie ſie vielleicht noch niemals auf dieſen Wellen erklungen waren. Still und langſam ruderten die Schiffer ihre leichten Boote dahin; die Bewohner des alten Rügens aber, durch die Macht der Töne wieder zum Ernſt des Lebens zurückgeführt, ſaßen ſchweigend auf ihren Plätzen, nicht nur horchend und lauſchend, ſondern auch denkend, und die muſicirenden Künſtler hatten keine Ahnung davon, daß einer jener Männer in ſeinem wohlwollenden Herzen dabei Pläne auf Pläne entwarf, die für ſie Alle von großer Bedeutung waren und mit dem Schickſal des Einen von ihnen in allernächſter Verbindung ſtanden. Endlich war man an die Landungsbrücke gelangt; da aber die Serenade noch nicht beendet war, als die Boote anlegten, ſo blieben die Zuhörer noch einige Minuten im Boote ſitzen. Als man jedoch nach dem Schluß des Trio's ausſtieg, ſagte Carl Melms leiſe zu ſeinem Freunde Brunſt: „War das nicht ſchön, Alfred?“ „Es war ſehr ſchön, Carling“, erwiderte Dieſer eben ſo,„und nun ſage ich auch, dieſe drei Menſchen gefallen mir. Gieb Acht, was ich ihnen ſagen und wozu ich ſie auffordern will, ich bin überzeugt, daß Du mir gern beiſtimmen und meine Abſicht unter⸗ 175 ſtützen wirſt.— Laſſen wir die Inſtrumente langſam 7 nach der Stadt fahren,“ ſagte er dann laut zu den jungen Leuten;„wir wollen den ſchönen Abend ge⸗ 8 nießen und den kurzen Weg nach Putbus zu Fuße zurücklegen.“ Alle traten ſeiner Meinung bei und ſo ſchritten ſie hinter dem Wagen langſam her, damit den alten Herrn nicht wieder das läſtige Aſthma befalle. Man wandelte in zwei Reihen auf dem ſchmalen Wege fort. In der vorderſten ging Alfred Brunſt, Carl Nelms und der Muſtker, in der zweiten folgte Herr von der Oehe zwiſchen dem Maler und Guſtav Steinau. „Hören Sie, meine Herren,“ wandte ſich Alfred Brunſt an die drei Künſtler, indem er ſeine Stimme laut ertönen ließ, ſo daß ihn jeder bequem höoͤren konnte, „nachdem wir nun das Vergnügen gehabt, in Ihnen eben ſo wackere Künſtler wie anſpruchsloſe Männer kennen 8— lernen, freue ich mich um ſo mehr Ihres 5 Entſchluſſes, nicht wie wilde Jäger ganz Rügen in wenigen Tagen durchſtreifen, ſondern in gemüthlichſter Ruhe unſre kleine Heimat ergründen und genießen zu wollen. Wir Rügianer vom alten Schlage haben jedes Organ auf der rechten Stelle, alſo die ehrliche dand am kräftigen Arm und das Herz auf der Zunge 3u—* ſitzen— darf ich Sie daher fragen, ohne unbeſcheiden . 4 176 zu ſein, ob Sie vielleicht noch beſondere Zwecke hier verfolgen oder ob Sie bereits Ihr Augenmerk auf be⸗ ſtimmte Punkte der Inſel gerichtet haben?“ Wäre es nicht Abend geweſen und hätte die Dun⸗ kelheit nicht trotz des glänzenden Mondlichts die Ge⸗ ſichter der Wandelnden beſchattet— die neben Guſtav Steinau Gehenden hätten die glühende Blutwelle be⸗ merken müſſen, die bei dieſen Worten des ehrenfeſten Mannes aus ſeinem Herzen aufſtieg und ſich dann mit ſtürmiſcher Eile über ſeine Wangen ergoß. Wäh⸗ rend er aber noch nach Faſſung rang und die Antwort überlegte, die er auf die wohlgemeinte Frage laut wer⸗ den laſſen ſolle, ergriff der leichtblütige Maler das Wort und ſagte in ſeiner gewöhnlichen offenherzigen Weiſe: „O mein Herr, wie dankbar ſind wir Ihnen nicht für Ihr freundliches Entgegenkommen und das zutrau⸗ liche Weſen, womit Sie uns heute den ganzen Tag beglückt haben! Wir ſind nur einfache Künſtler, wiſſen aber dennoch ein ſolches Benehmen zu ſchätzen, das um ſo angenehmer iſt, je ſeltener es uns zu Theil wird. Ueber unſere Abſichten in Bezug auf die Inſel dn haben wir 2e unterrichtet, und auch wir nichts mehr hinzuzufügen wiſſen. Nur mögen wir 5 58 jetzt, nachdem wir Sie genauer kennen gelernt, dürften — 177 Ihnen gern geſtehen, daß der Drang der Verhältniſſe, in denen wir leben, und die Anſtrengungen, mit denen wir unſer Brod verdienen, indem wir unſerm innern Triebe gehorchen, es uns wünſchenswerth erſcheinen laſſen, in ungeſtörter Ruhe und Gemächlichkeit einige Monate uns ſelbſt zu leben, um dadurch Kraft und Luſt zu ſpäteren neuen Anſtrengungen zu gewinnen. Glücklicher Weiſe geht das Vergnügen des Künſtlers mit ſeiner Arbeit Hand in Hand und wenn wir alſo während unſrer Ferien neue Studien machen und friſchen Stoff ſammeln können, werden wir vollſtändig den Zweck erreicht haben, der uns hierhergeführt hat.“ Die drei Inſulaner ſchwiegen, als dächten ſie eifrig über das eben Gehörte nach. Endlich aber nahm Alfred Brunſt mit friſcher Lebhaftigkeit das Wort wieder auf, indem er ſagte:„Ei ja, da haben Sie ſich ein hübſches und achtungswerthes Ziel geſteckt und bei allen Ihren Mühen und kleinen Sorgen dürfte Ihr Loos nicht allzu ſehr zu beklagen ſein. Ich fühle das aus Ihrer Seele heraus, glauben Sie es mir. Indeſſen habe ich Ihnen einen Vorſchlag zu machen, der Ihren Abſichten vielleicht nicht ganz zuwider läuft. Aber erſt ſagen Sie mir, welchen Weg denken Sie denn auf unſrer Inſel einzuſchlagen? Ohne Zweifel werden Sie doch Ihre meiſte Zeit dem romantiſch 5. 1 2 Die Inſulaner. I. 17 178 ſchönen Jasmund widmen wollen?— O“, fuhr er gegen Herrn von der Oehe gewendet fort, der bei dieſen Worten einen eigenthümlichen Murrton hatte vernehmen laſſen, als billige er nicht ganz den ge⸗ heimen Plan des Redenden, den er errathen zu haben glaubte,„o, alter Herr, murre nicht, wenn ich Jasmund den ſchönſten und romantiſchſten Theil der Inſel nenne. Ich weiß ja wohl, daß Du im Weſten wohnſt und ſpreche Deiner näheren Heimat durchaus nicht ihre Reize oder Vorzüge ab— beſſeres Land und beque⸗ mere Wege habt Ihr gewiß dort drüben als wir— aber Jasmund bleibt einmal Jasmund und unſre Kreidefelſen, unſre hohe See, unſern köſtlichen Wald mit ſeinen Schluchten und Klippen, die gerade Künſtler aufſuchen, wenn ſie ſich vergnügen wollen, nein, nein, die habt Ihr nicht.“ „Nein“, ſagte Carl Melms entſchieden und in warmer herzlicher Weiſe,„die habt Ihr nicht, alter Herr, das mußt Du doch eingeſtehen.“ „Es iſt gut“, brummte der alte Herr, halb ge⸗ zwungen nachgebend, fort.„Ihr ſeid Zwei gegen Einen, aber meine Inſel und ihre Lage, Hiddens⸗öe und das Uebrige ſind auch nicht zu verachten.“ „Gewiß nicht, und am wenigſten Deine gute Küche und Dein gaſtfreies Haus, in dem Jeder bei ſich zu —,— —.,— — 179 ſein glaubt, wenn er die Schwelle erſt überſchritten hat— aber ſieh, dieſe Herren wollen doch Alles und recht genau ſehen und darum werden ſie ſich gewiß längere Zeit auf Jasmund aufhalten, nicht wahr?“ „Ja“, fuhr der Maler fort,„das lag allerdings in unſrer Abſicht, doch wollen wir die ganze Inſel nach allen Richtungen kennen lernen. Zuerſt jedoch wollten wir nach Mönchgut gehen, wovon wir ſo viel Selt⸗ ſames gehört und geleſen haben.“ „Das iſt auch recht“, entgegnete Alfred Brunſt. „Moͤnchgut hat viel, ja das meiſte Eigenthümliche unſrer ganzen Inſel aus ſeiner altersgrauen Vergangenheit bewahrt. Wenn Sie ſich aber daran geſättigt, ſo kommen Sie nach Jasmund, und da ich an einem der ſchönſten Punkte der Inſel und dem allerſchönſten ſehr nahe wohne, ſo kehren Sie bei mir ein und bleiben Sie dort, ſo lange es Ihnen gefällt.“ Guſtav Steinau und Willibald verharrten in un⸗ durchdringlichem Schweigen, obgleich Beider Herz aus verſchiedenen Gründen freudig und unruhig pochte. Der Maler dagegen wollte eben den Mund aufthun, als Carl Melms, der ſchon lange die eigentliche Abſicht ſeines Freundes errathen, beinahe heftig das Wort nahm: „Oho, großer Jung', Du gehſt etwas ſchnell mit 12* 180 Deinen langen Beinen und überſpringſt dabei mit einem kühnen Satz Deine alten Freunde. Wenn Sie nach Jasmund gehen, meine Herren, und lange bevor Sie Grünthal erreichen, wo Alfred Brunſt wohnt, be⸗ rühren Sie die Lenz, mein heimatliches Dach. Freilich iſt die Lenz kein Rittergut, wie die Inſel Oehe, und auch kein ſo großes und reiches Gehöft wie Grünthal, vielmehr nur ein einfaches ſchlichtes Bauerngut, aber die Gegend, worin es liegt, läßt auch nichts zu wün⸗ ſchen übrig und unmittelbar an meinem Grund und Boden beginnt die ſchöne Stubnitz, die ihre Krone eine Meile von mir entfernt, in Stubbenkammer hat. Da ſehen Sie nun— ich wohne alſo zunächſt an Ihrem Wege und bei mir müſſen Sie daher die erſte Ein⸗ kehr halten.“ Der alte Herr, als er dieſe Worte vernahm, die ſeinen gaſtfreien Sinn reizten, ihn aber des ſo oft entbehrten Vorzuges berauben zu wollen ſchienen, gern geſehene Gäſte bei ſich zu begrüßen, ſchwieg hartnäckig, denn er wollte erſt die Antwort der ſo freundlich Ein⸗ geladenen erwarten, bevor er ſeine Wünſche eröffnete, aber insgeheim machte er ſich ſchon auf einen gewaltigen Sturmanlauf gefaßt. „Meine Herren“, ſagte der Maler, der nun einmal wie auf geheime Verabredung die Wortführung für 78 181 — ſeine Freunde übernommen hatte,„Sie ſind Beide außerordentlich gütig und gewiß werden wir Ihrer freundlichen Einladung zur Zeit Folge leiſten.“ „Halt da!“ fuhr jetzt der alte Herr, ſchwerathmend ſtehen bleibend und ſich auf ſeinen ſtarken Eichenſtock ſtützend, mit ſeiner orkanartigen Stimme dazwiſchen, „Laßt mich einmal erſt Luft ſchöpfen— ſo— nun bin ich an der Reihe zu ſprechen, Ihr voreiligen Schwätzer. Meine Herren, glauben Sie nicht, daß meine Freunde Brunſt und Melms allein Ihnen etwas Angenehmes zu bieten haben. Aber in ihrer Leiden⸗ 2 84 ſchaft, Gäſte bei ſich zu ſehen, vergeſſen ſie ganz ihren alten Freund, der etwas abſeits von ihnen wohnt und eben ſo gern Beſuch auf ſeinem einſamen Gute hat wie ſie.“ 4 2„Alter Herr“, ſagte Alfred Brunſt beſchwichtigend, indem er zurück trat, Herrn von der Oehe unter den Arm faßte und ihn langſam weiter zog,„ereifere Dich 4 nicht und ſpare Deinen Athem, er iſt ohnehin heute leider kurz genug und wir ſteigen bergan. Wie kannſt Du denken, daß wir Dich vergeſſen, und wann im Leben hätten wir das ſchon gethan? Komm doch mit zu uns, dann ſind wir Alle bei Melms oder bei mir auf einem Punkte zuſammen.“ Du haſt gut reden, Alfred; Du weißt, daß ich 182 jetzt nicht von der Oehe fort kann!— Nichts da, ich will auch Gäſte haben und kein Menſch ſoll ſie mir ſtreitig machen!“ „Gewiß nicht, alter Herr, ſie kommen auch zu Dir; aber erſt kommen ſie zu uns— nicht wahr, Carling?“ Der zuletzt Angeredete, immer gern bereit, zwiſchen den beiden Freunden zu vermitteln, die ſich oft über Punkte ſtritten, über die ſie im Grunde ſtets einig waren, faßte einen raſchen Entſchluß, es auch diesmal zu thun, und ſagte dann: „ Laßt mich auch ein Wort ſprechen und dem ſtimmen vielleicht dieſe Herren nicht ungern bei, die vor allen Dingen ein Recht haben, hier ihre Meinung zu ſagen. Aber zuerſt geſtatten Sie mir die Frage: Sie haben wohl keine Luſt, ſich ein paar Tage von einander zu trennen, um dann jeden beliebigen Augenblick wieder hier oder dort zuſammenzutreffen?“ „Das iſt ein guter Gedanke!“ rief Alfred Brunſt frohlockend aus und ſchwang vergnügt ſeinen Stock. „Sprich ihn aus, Carling, ich errathe ſchon, was Du vorſchlagen willſt.“ „Laß erſt die Herren meine Frage beantworten, Alfred!“ „Meine Herren“, ſagte nun etwas zögernd der Maler, der nicht ganz beſtimmt wußte, was man von 183 ihm wollte oder ob ſeine Anſicht der Dinge dem Wunſche ſeiner Freunde entſpräche,„was dieſen Punkt betrifft, ſo haben wir ſchon vor der Reiſe nach Rügen unſre Bedingungen darüber feſtgeſtellt. Allerdings bleiben wir gern zuſammen, allein wir haben uns vorgenommen, Keiner ſolle dem Andern in ſeiner Neigung, zu bleiben oder zu gehen, jemals im Wege ſtehen. Wenn ich zu lange auf einem Punkte zeichne und ſkizzire und meinen Freunden geht die Geduld aus, ſo marſchiren ſie voran und ich folge ihnen nach meiner Bequenlichkeit früher oder ſpäter nach; eben ſo machen ſie es und ſo erledigt ſich Ihre Frage hiermit von ſelbſt.“ „Halt einmal!“ rief hier der ſtets ſyſtematiſch vor⸗ ſchreitende Brunſt aus, ſich an Guſtav und Willibald ndend, die ſchweigend und nachdenklich zugehört „Stimmen Sie hierin mit Ihrem Freunde überein? 20 „Ja!“ antworteten Beide und Guſtav fügte hinzu: „Wir haben darin ſtets nur eine Meinung, was der Eine will, will der Andere, und wir ſtehen in dieſem Punkte da wie eine einzige Perſon, obgleich wir unſrer Drei ſind.“ „Nun, da haben wir es ja“, rief Alfred Brunſt vollkommen befriedigt aus,„das iſt gerade wie bei uns, wir Drei ſtehen auch ſtets für Einen und ſo herrſcht 184 ſchon von Anfang an eine glückliche Uebereinſtimmung zwiſchen uns vor. Und nun hört mich einmal an, jetzt kommt mein letzter Vorſchlag, den gewiß Alle für billig halten werden. Wie Sie ſehen, meine Herren, möchten wir Sie alle haben und Keiner will leer aus⸗ gehen. Da Sie aber nicht alle Drei zu gleicher Zeit an drei verſchiedenen, leider weit von einander entfernt liegenden Orten ſein können, ſo wollen wir drei Aeltere uns unter einander vertragen und Sie mögen unter ſich entſcheiden, ob Sie das auch zu Stande bringen. Sprechen Sie alſo zuerſt alle Drei einige Tage bei Carling vor, ſehen Sie ſich ſein Haus, ſein Gut und deſſen Umgebung an. Wem von Ihnen es dort am beſten gefällt, der bleibt einſtweilen bei ihm und die beiden Andern kommen zu mir. Wir haben Pferde ſſe ſte genug, um jeden Tag, wenn wir wollen, zuſammen zu ſein, denn unſre Güter liegen nicht allzu weit von einander entfernt. Und wie ich vorausſehe, wird Car⸗ ling ſich ſeinen Muſiker nicht nehmen laſſen, er paßt zu gut zu ihm und ſie können ſich einander vorpfeifen und geigen nach Herzensluſt. Sie, meine Herren, kommen dann zu mir und ich werde es mir angelegen ſein laſſen, einen Rügianiſchen Wirth nach alter Form und Mode vorzuſtellen. Haben Sie ſich ſatt bei mir geſehen, Herr Sternberg, und treibt Sie Ihre Neigung ————— 185 weiter— denn ich ſetze voraus, daß der Maler am längſten auf Grünthal aushalten wird, weil er in meiner Nähe die reichſte Ausbeute für ſeinen Pinſel findet— ſo ſetzen Sie Ihre Wanderung fort und fahren nach der Oehe. Da können Sie mit des alten Herrn Tubus Land und Meer beſichtigen, den Salis ſtudiren und an unſerm alten Freund einen Charakter kennen lernen, wie er nicht oft auf der Menſchenerde geboren wird. Wir kommen dann einmal Alle nach der Oehe und bleiben ſo lange zuſammen, wie wir es nur wünſchen können. Hel iſt das nicht ein annehm⸗ barer Vorſchlag?“ 1 Alle lachten; der alte Herr aber war ſo fröhlich darüber geſtimmt, daß er ein ſchallendes Gelächter hören ließ und Guſtav Steinau am Arme ergriff, den er bereits als ſein ſiegreich errungenes Eigenthum betrachtete. 6 „Jau, rief er triumphirend,„ich bin damit zufrieden, wenn die Herren es ſind.“ „Wir ſind es gewiß— und dankbar obendrein!“ ſagte Guſtav mit ernſter und doch heimlich beglückter Miene. „Nun, dann wäre die Sache ja abgemacht“, fuhr Herr von der Oehe fort.„Sie müſſen ſich aber nicht wundern, meine Herren, daß wir ſo ſeltſame Einladungen ergehen laſſen. Wir ſind einmal drei närriſche Käuze 186 und dafür auf ganz Rügen bekannt, Sie können da hübſche Studien an uns machen. Wenn Sie uns aber erſt näher kennen gelernt haben, werden Sie vielleicht einen leidlichen Kern in der rauhen Schale finden. Ueberdieß peinigt uns eine wahre Leidenſchaft nach Beſuch, denn unſere Wohnungen ſind abgelegen und der Trieb nach Verkehr mit Unſersgleichen iſt ein ſehr erklärlicher Trieb bei uns. Bei mir zwar, Herr— Herr Sternberg heißen Sie ja wohl— werden Sie es am einſamſten finden. Meine kleine Inſel iſt öde und ſtill und ich bin ein alter Mann, der von der neueren Gewohnheit und der Sitte der modernen Welt etwas links liegen geblieben iſt, aber Friede herrſcht in meinem Hauſe und ein gutes Bett habe ich auch — Sie werden es alſo ſchon bei und mit mir ein Weilchen erträglich finden.“ „Gewiß“, rief Alfred Brunſt,„und Salis wird ſtets den Vermittler machen, wenn einmal eine Zwie⸗ tracht ausbrechen ſollte. Haha! Ich warne Sie, junger Mann, der Alte iſt händelſüchtig und Sie könnten leicht Gelegenheit finden, ſich zu überzeugen, daß er ein alter Edelmann iſt, der ſeine Ahnen nicht umſonſt bis in die Zeit des Fauſtrechts hinauf verfolgt.“ Alfred Brunſt ſcherzte, wie ſo oft, und ſo nahmen es auch die Künſtler auf. Carl Melms aber, der 187 dergleichen Anſpielungen auf begründete Thatſachen nicht liebte und namentlich den alten Herrn in Schutz nahm, wo er nur konnte, warf ſich auch diesmal zu ſeinem Kämpen auf und ſagte zu Guſtav Steinau: „Laſſen Sie ſich nicht bange machen, wir haben Alle unſre Eigenthümlichkeiten und der große Jung' da hat ſie ſo gut wie wir alte Junggeſellen. Herr Markholm wird das auch ſehr bald entdecken. Nun aber iſt der Streit geſchlichtet und wir haben Alle, was wir wollen— einen Gaſt. Und da iſt Schu⸗ macher's Reſidenz und nun wollen wir mit unſerm Tagewerk zufrieden ſein und unſern freundlichſten Dank für die angenehme Unterhaltung abſtatten. Morgen ſchlägt die Scheideſtunde, denn wir müſſen nach Hauſe. V Alſo bis morgen, meine Herren, und dann auf ein baldiges längeres Wiederſehen bei uns!“ Man blieb noch einige Augenblicke vor der Thür ſtehen und wechſelte die üblichen Abſchiedsworte. Die Inſtrumente waren ſchon in's Haus gebracht und bald darauf hatten ſich die beiden Parteien getrennt und ſuchten ihre verſchiedenen Zimmer, die ſie ſämmtlich zu ihrem Empfange in Bereitſchaft fanden. Unſere Künſtler hatten gewiß alle Urſache; mit ihrem diesmaligen Tagewerke zufrieden zu ſein, und 188 das ſprachen ſie auch theilweiſe, je nach ihrer mehr oder minder lebhaften Natur gegen einander aus, als ſie bereits ihr Lager geſucht hatten und in ſtillem Geplauder, wie es zu geſchehen pflegt, das Erlebte noch einmal durchgingen, kritiſirten und daraus für die nächſtfolgende Zukunft ihre Schlüſſe zogen. „Das muß ich geſtehen,“ ſagte zuletzt der Maler, „Willibald's Idee, auf dem Vilm ein Privateoncert zu veranſtalten, hat ſich über Erwartung belohnt und eigentlich verdanken wir dem guten Jungen Alles, was ſich daran knüpft, für jetzt und unſre nächſten Tage. Habe alſo nochmals Dank, mein Junge, bin ganz erbaut von der Begegnung mit dieſen drei uſdnan Männern und habe ſie ſchon erſtaunlich lie vorzüglich den, großen Jung', wie ſie ihn deleene „Mir gefällt Carling noch beſſer,“ ſagte Willi⸗ bald warm,„er hat etwas Weiches, Stilles in ſeinem Was dem Deinen in der That ziemlich ähnlich ſieht,“ ergänzte de türlich, daß ſich wie überall auch unter den Menſchen Gleichgeartetes anzieht, und um unſer Vergnügen voll zu machen, müßte nun blos der alte Herr auch Dir, Guſtav, am beſten gefallen, dann hätte ja Jeder von r Maler.„Ich finde es ganz na⸗ 3 uns ſeinen Mann gefunden. Mir gefällt dieſe Ein⸗ ladung nach den verſchiedenen Gütern auf verſchiede⸗ nen Punkten der Inſel ſehr und ich verſpreche mir viel Neues und Anregendes von der näheren Ent⸗ wicklung der Charaktere und Verhältniſſe dieſer Män⸗ ner. Was ſagt Ihr dazu?“ „Mir geht es eben ſo, Heinrich, und ich preiſe unſer Geſchick, daß es uns dieſe Herren finden ließ.“ „Und was ſagſt Du, Guſtav— oder ſchläfft Du etwa ſchon?“ „Ich ſchlafe nicht,“ erwiderte Guſtav mit einem faſt trüben Klange ſeiner ſonſt ſo hell tönenden Stimme, „ach nein, ich bin ſogar ſehr munter— mir gefällt die Einladung auch.“ „Sie gefällt Dir, nun ja, das iſt ſehr natürlich, aber Du ſagſt das ſo⸗ kalt, ſo ruhig, wie es ſonſt gar nicht in Deiner Art ltegt. Ueberhaupt glaube ich die Bemerkung gemacht zu haben, daß Du am Nachmittag und beſonders drüben auf dem Vilm ſehr ſtill gewe⸗ ſen biſt. Sag' einmal, drückt Dich etwas, mein Junge, he?“ „Mich drückt nichts, Heinrich, gar nichts, nur— iſt mir heute ſo manches Unerwartete und Neue durch den Kopf gefahren, daß ich etwas nachdenklich dar⸗ über bin.“ 190 „Oho! Du machſt doch nicht ſchon etwa Studien für den Winter?“ „Du haſt es errathen. Dieſe drei Männer haben eine eigenthümliche Idee in mir angeregt, und es iſt wohl möglich, daß ich den Anfang zu einer großen und lohnenden Arbeit im Kopfe habe.“ „Der Tauſend! Das iſt ſchnell bei Dir gegangen. Nein, ich denke noch nicht an die Arbeit, erſt will ich ruhen und genießen.“ 1 „Meine Arbeit iſt meine ſchönſte Ruhe und mein höchſter Genuß!“ „Bah! Ich bin jetzt nicht aufgelegt, darüber mit Dir zu mäkeln. Ich bin müde und mir ſchwirrt Alles im Kopfe. Willibald ſcheint auch ſchon zu ſchlunmern— gute Nacht, mein Junge!“— Guſtav hatte die Wahrheit geſagt, daß er eine neue Arbeit im Kopfe habe, und vielleicht eine recht lohnende, wie er ſich ausgedrückt. In der That ſchwirrte es auch ihm bunt durcheinander vor den Augen und er konnte noch nicht recht begreifen, wie dieſe Männer ihnen ſo raſch ſo nahe getreten, wie ſie ſie ſo freundlich eingeladen und wie ſie ſelbſt ſo ſchnell zugeſagt hatten, ſich zu trennen und einzeln nach den verſchiedenen Gütern zu gehen. „Alles dies iſt ſo raſch gekommen,“ ſagte er zu —ʒ—— ——— — 191 ſich,„als hätte es ſchon längſt vorher beſchloſſen im Rathe der Götter gelegen, und doch habe ich mich mit eigenen Augen von der allmäligen Entwicklung des ganzen Vorganges überzeugt. Aber wer weiß, wie die Vorſehung dergleichen beſchließt und zuſämmenfügt, wie ſie kittet und bindet, wie ſie löſt und trennt! O, wie merkwürdig und bunt laufen die Schickſals⸗ fäden der Menſchen durch einander, hier einen herr⸗ lichen Teppich webend, dort Stricke und Ketten ſchlin⸗ gend— wer begreift, wer entziffert, wer widerlegt es? Ich nicht. Ich nehme nur Alles gleichſam paſſiv auf, wie es mir geboten wird, und kaum kann ich mir denken, daß mir eine freie, ſelbſtſtändige Hand⸗ lung dabei überlaſſen iſt. Und doch muß ich am Ende handeln— doch muß ich— ja, ja, wer weiß, was ich noch müſſen werde! O, auch das wollen wir beſchlafen— mir hat ja auch damals, als ich mich zu dieſer Reiſe entſchließen wollte, der Schlaf wohl⸗ gethan. Wohl? Wer weiß es! Wer weiß, ob ich nicht beſſer gethan, weit weg von hier zu flüchten— doch nein, nein, nein, das iſt nicht mein Ernſt— im Ge⸗ gentheil— im Ganzen genommen bin ich erfreut und vor allen Dingen Gott dankbar, daß er den erſten Schritt in meine alte Heimat mir ſo gütig erleich⸗ tert hat.—“ 192 Miit dieſem Gedanken ſchlief Guſtav Steinau ein und er hatte wohl gethan, über das unbegreifliche Walten der Vorſehung nicht zu grübeln. Das Grü⸗ beln hilft hierbei nichts und das Labyrinth, welches uns umſchließt, wird dadurch nur dichter, verworrener, unzugänglicher; am beſten thun wir, wenn wir den Ariadnefaden feſt in der Hand behalten und ihm fol⸗ gen, den Faden, den der große Leiter und Lenker aller Staubgeborenen von ſelbſt uns in die Hand drückt, der aber oft ſo fein geſponnen iſt, daß feine Sinne dazu gehören, ihn wahrzunehmen, ihn zu ſpü⸗ ren, und ein vertrauensvolles Gemüth, ihm durch die Wirren und dunklen Regionen zu folgen, die wir das menſchliche Leben zu nennen pflegen.— Als unſer Freund am nächſten Morgen die Augen aufſchlug— der erſte Strahl der Juniſonne, der ſein Zimmer berührte, hatte dies vorzeitig bewirkt— lä⸗ chelte ihm ein reiner blauer Himmel entgegen, die Vögel ſangen luſtig in den Bäumen, ſeinem Fenſter gegenüber, und wir wiſſen ja, welche Wirkung ein ſolches Erwachen auf ein junges und hoffnungreiches Gemüth hat.„O,“ ſagte er ſich,„ein ſchöner Tag erwartet uns— nehmen wir das als eine gute Vor⸗ bedeutung für künftige Tage an. Doch was iſt das? Wer ſpricht da unten auf der Straße ſo laut? Ha, 193 es ſind unſre drei neuen Freunde, die uns Langſchläfer beſchämen, und ich erkenne deutlich die mächtige Stimme meines— meines künftigen Wirthes. Heda, Hein⸗ rich! Willibald! Macht die Augen auf— ſchaut um Euch! Gott hat uns längſt mit ſeinem lachendſten Sonnenblick angeſchaut und die Inſulaner trinken ſchon ihren Kaffee vor der Thür!“ Es bedurfte nicht mehr, um die beiden Freunde aus dem tiefſten Schlafe zu erwecken, und in wenigen Minuten ſtanden ſie alle Drei, völlig zum neuen Tagewerke gerüſtet, im Freien und begrüßten die alten Herren, deren Reiſetaſchen bereits geſchloſſen auf der repdenange des Hauſes lagen. „Wollen Sie denn ſchon ſo früh fort?“ fragte der Maler die Herren, die, wie ihn bedünken wollte, ſämmtlich ein viel ernſteres Geſicht als am vergan⸗ genen Tage zeigten. „Ja, Herr Markholm,“ ſagte Alfred B. reichte ihm freundlich die Hand,„wir müſſen wohl, denn wir Beide, Melms und ich, haben einen etwas weiten Weg vor uns. Herr von der Oehe fährt nur nach Bergen und er hätte alſo mehr Zeit als wir.“ runſt und „Nein, nein, ich habe keine Zeit mehr, wenn Ihr fort ſeid,“ ſagte dieſer,„auch will ich in Bergen nur Die Inſulaner. I. 13 184— ein kurzes Geſchäft verrichten, meine Pflichten rufen 4 mich im Ganzen ſchneller nach Hauſe als Euch.“ „Und wann kann ich Sie bei mir auf der Lenz erwarten?“ fragte unterdeſſen Carl Melms den ſchwei⸗ gend vor ihm ſtehenden Muſiker. „Wir ſollen alſo wirklich kommen?“ „Ei, das verſteht ſich, das iſt ja abgemacht. Wir alten Rügianer drücken nur einmal durch Worte aus, was wir von Anderen erwarten oder ſelbſt thun wol⸗ len, und das weiß Jeder, der uns kennt— ſo wer⸗ den Sie uns hoffentlich auch noch kennen lernen.“ „Gut denn, ſo erwarten Sie uns in ſpäteſtens ſechs bis acht Tagen; wir haben geſtern Abend noch berechnet, wie viel Zeit wir gebrauchen würden, um bis zu Ihnen zu gelangen. Wir reiſen langſam, Herr Melms.“— „Ja, aber um ſo ſicherer und beutereicher, ſo liebe ich es auch. Rechnen Sie aber nicht darauf— ich ſage es Ihnen im Voraus— mit ein paar Tagen von mir fortzukommen. Wenn ich einmal einen Gaſt auf der Lenz habe, pflege ich ihn feſtzuhalten, bis alle Stricke reißen.“ Er lächelte dabei ſo herzlich und freundlich, daß Willibald die Ueberzeugung erhielt, er meine es wie er es ſagte. —,— 195 Bald darauf fuhren zwei Wagen vor, von denen der eine Herrn Melms, der andre Herrn von der Oehe gehörte. Beide waren ſehr einfache, feſte kleine Jagd⸗ wagen, aber mit vortrefflichen Pferden beſpannt, na⸗ mentlich die beiden Hengſte vor dem Wagen des Letz⸗ teren bewieſen, daß ihr Herr nicht allein ein Liebhaber von ſchönen Thieren, ſondern auch wohlhabend genug ſei, dergleichen zu halten. Die ganze Hausbewohnerſchaft war vor der Thür zuſammengelaufen, um die drei Rügianiſchen Herren abreiſen zu ſehen, deren Beſuch Jedermann angenehm und die überall hochgeachtete Leute waren. Raſch wurden die Reiſetaſchen aufgelegt und nun ſagten ſie zuerſt den drei Künſtlern und dann dem alten Herrn Lebewohl, welcher letztere Vorgang in ſeiner natür⸗ lichen Einfachheit den jugendlichen Beobachtern etwas ungemein Rührendes bot. „Nun, meine Freunde,“ ſagte Alfred Brunſt, in⸗ dem er zu Herrn von der Oehe herantrat und die ihm dargebotene Hand faßte,„das waren einmal wie⸗ der einige ſchöne Tage in Putbus. Die Scheide⸗ ſtunde hat geſchlagen und wir wollen ſie uns nicht durch Worte ſchwerer machen, als ſie an ſich ſchon iſt. Auf Wiederſehn alſo bei Dir oder bei uns— oder wo Gott ſonſt will. Vor allen Dingen aber, mein 13* 196 lieber Oehe, keine Sorge vor der Zeit! Es bleibt bei unſrer Verabredung! Adieu, alter Herr! Carling fährt noch einige Stunden mit mir zuſammen.“ Und feſt fielen die drei Hände in einander und nachdem auch unſere drei Freunde noch einen freund⸗ lichen Abſchiedsblick erhalten, ſtieg der alte Herr zu⸗ erſt ein und ſeine Hengſte ſtoben mit ihm raſch davon, wobei die beiden Inſulaner ihm nachblickten, bis ſein Wagen um die Ecke gebogen war. Dann ſtiegen ſie ſelbſt auf und flüchtig trabten die Pferde auch mit ihnen fort, den weiten Weg nach Jasmund einſchla⸗ gend, der damals noch viel ſandiger und unbequemer war, als wir ihn heute noch finden, wenn wir die romantiſchen Geſtade Rügens beſuchen. So lange der letzte Wagen ſichthar blieb, ſtanden die Künſtler unbeweglich, neben ihnen der Wirth, und ſchauten demſelben nach. Als aber auch er wie ſein Vor⸗ gänger verſchwunden war, drehte Heinrich Markholm ſich zu ſeinen Freunden herum und ſagte aus tiefſtem Herzensgrunde:„Drei prächtige Männer, in Wahrheit!“ „Ja,“ beſtätigte der Wirth,„das ſind ſie und Jedermann erkennt ſie dafür an. Wie ich höre, wollen Sie ſie alſo beſuchen?“ „Sie haben uns freundlichſt eingeladen und wir werden ihrer Einladung Folge leiſten.“ — — — ——ͦ—ÿ—ͦ—ᷣ—ꝛ—QBꝛñ—·ꝛO᷑B⁊OK==V·——— 107 „Nun, da werden Sie gut aufgehoben ſein; ſie gehören zu den gaſtfreiſten Gutsbeſitzern der Inſel.“ „Wohnen ſie hübſch?“ fragte Willibald, während Guſtav Steinau in ſtilles Nachdenken verſunken da⸗ neben ſtand. „O, herrlich, herrlich! Die Lenz liegt ſo ſchön wie Grünthal, und die Oehe iſt wahrhaftig auch nicht zu verachten. Alle drei gehören nicht zu den größten Gütern auf Rügen, bewahre, aber jedes iſt eigenthüm⸗ lich in ſeiner Art, wie ihre Beſitzer es ſind.“ „Ja, das ſind ſie und deshalb gefallen ſie mir!“ rief der Maler und beide Freunde ſtimmten ein, der Eine lebhaft, der Andre in ſeiner ſtillen Weiſe, die ihm ſeit kurzer Zeit zur zweiten Natur geworden zu ſein ſchien. Serhstes Papitel. Die Lenz. Bald nachdem die drei Rügianiſchen Herren Putbus verlaſſen hatten, empfanden die zurückgebliebenen Künſt⸗ ler, als ſie durch die einſamen Gänge des fürſtlichen Parks in einer noch nicht betretenen Richtung wan⸗ delten, eine ungewöhnliche Leere um ſich her und tra⸗ ten allmälig mit dem gegenſeitigen Geſtändniß her⸗ vor, daß die Abreiſe der alten Herren eine fühlbarere Lücke zurückgelaſſen habe, als ſie ſelbſt es nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft für möglich gehalten hätten. Aber dergleichen begegnet uns auf Reiſen ſehr leicht und das Gefühl, welches ſich dabei in unſerm Herzen bemerklich macht, iſt eben ſo unangenehm, wie das Begegnen und der Verkehr mit geiſtesverwandten Perſonen angenehm war. Denn in der Fremde, wo 199 das Herz des empfindſamen Reiſenden allen Eindrücken offen ſteht, der conventionelle Zwang beſchränkten Le⸗ bens aufhört und die poetiſche Anſchauung vorherrſcht, reicht oft ein Tag, ja eine Stunde hin, herzliche Bande zu knüpfen, die in der Proſa des heimatlichen All⸗ tagslebens, wo das Philiſterium vorwaltet und unſer . Herz oft leider verſchloſſen iſt, in Jahren nicht zu⸗ ſammengefügt werden könnten. War es nun eine Art verzeihlicher Neugierde, das verheißene Stillleben auf den Gütern der gaſtfreund⸗ lichen Herren kennen zu lernen und die Entzifferung ihrer Charaktere fortzuſetzen, oder war es der Trieb und Drang der Künſtlerſeele überhaupt, etwas Neues, Schönes und Großes zu ſehen— genug, die drei Freunde fanden ſehr bald, daß ſie auf dieſer ihrer er⸗ ſten Station lange genug verweilt und daß es alſo Zeit ſei, den Wanderſtab weiter zu ſetzen. So ſehen wir ſie denn ſchon am nächſten Morgen nach der Abreiſe der alten Herren ihr Bündel ſchnü⸗ ren, von dem freundlichen Wirth des Gaſthauſes in Putbus Abſchied nehmen und einen Wagen beſteigen, der ſie nach Mönchgut befördern ſollte. Da es aber nicht unſre Abſicht iſt, ſie auf dieſen kurzen Ausflügen Schritt für Schritt zu begleiten, wir vielmehr uns be⸗ eilen müſſen, ſie an Ort und Stelle zu bringen, wo⸗ 200 hin ſie eingeladen waren und wohin ſie ſich ſelber ſehnten, ſo wollen wir blos erwähnen, daß ſie drei bis vier Tage auf der ſeltſam vom Waſſer zerriſſenen, von Höhen und Thälern durchzogenen Halbinſel ver⸗ weilten, die den Namen Mönchgut führt und deren Bewohner von uralter Zeit her die charakteriſtiſchen Eigenthümlichkeiten bewahrten, die ſie im Munde der Geſchichtsſchreiber wie in den Augen der Reiſenden ſo berühmt gemacht haben. Mancherlei Schönes und Neues, auf Land und Meer Bezügliches, hatten die jungen Männer in die⸗ * ſen Tagen erlebt und geſehen, und wie es auf ihre künſtleriſche Natur gewirkt, könnten wir am beſten er⸗ fahren, wenn wir ihren Geſprächen lauſchen wollten, die ſie, auf öder Felsklippe oder am Strande der ſchimmernden See ſitzend, ſo häufig mit einander führten. Allein auch dazu mangelt uns die Zeit, und ſo wollen wir nur eines Abends gedenken, wo ſie auf dem romantiſchen Peerdvorgebirge ſaßen und Jeder von ihnen auf ſeine Weiſe beſchäftigt war, was ſie jedoch nicht hinderte, von Zeit zu Zeit ein paar Worte zu wechſeln und ſich gegenſeitig ihre Empfindungen mitzutheilen. In der Regel hatte der Maler an ſolchen Punk⸗ ten und zu ſolcher Zeit ſein großes Skizzenbuch auf —,— 201 den Knieen ausgebreitet, um bald einen ſeewärts gebeugten Baum, bald eine gebaute Hütte, bald eine menſchliche /Geſtalt zu zeich⸗ nen. Guſtav Steinau ſaß unmittelbar neben ihm, ſchrieb Notizen für künftige Arbeiten nieder und warf eigenthümlich mit Vergnügen dann und wann einen Blick auf den raſch über das Papier fliegenden Bleiſtift des Malers, während Willibald, etwas abgeſondert auf einem be⸗ quemen Sitze hockend mit ſeiner feinen Stimme eine Melodie ſummte und die ſeltſamen Charaktere in ein dazu mitgenommenes Buch eintrug, in denen die Mu⸗ ſiker ihre Gedanken und Phantaſieen der hörenden Welt überliefern. Auch diesmal ſaßen ſie in der angedeuteten Weiſe auf hoher Uferſtelle. Vor ihnen dehnte ſich unab⸗ ſehbar das ſtill wogende Meer in heiterer Bläue aus, ein wolkenloſer Himmel lächelte ermuthigend auf ſie hernieder und dicht zu ihren Füßen rollte ſich der öde zerriſſene Strand des einſamen Vorgebirges auf, dem der weitſegelnde Schiffer, der für jeden ſichtba⸗ ren Punkt einen Namen hat, die Bezeichnung Peerd beigelegt hat. Auch jetzt ſkizzirte Heinrich eine vom Alter gebeugte Kiefer, die ihre Zweige, gleichſam ver⸗ zweifelnd über den ewigen Wind, der an dieſen Kü⸗ ſten tobt, zur Erde ſtreckte, um Schutz und Schirm 202 auf dem atlichen Boden zu ſuchen, und Willibald überlas mit ngetheilter Aufmerkſamkeit die Compoſi⸗ tion eines Liedes, das er ſo eben niedergeſchrieben. Nur Guſtav ſaß anſcheinend gedankenlos zwiſchen ihnen und beſchäftigte ſich damit, kleine Steine den ſteilen Abhang hinabrollen zu laſſen, der ſich unmittelbar un⸗ ter ihren Füßen öffnete. Aber dennoch hatte er Gedanken, recht viele ſogar, und wo flogen ſie hin? Warum war er, früher ſo mittheilſam, ſo geſprächig, ſo lebhaft, jetzt ſo oft ſtumm, geheimnißvoll, als nähme er an dem augen⸗ blicklichen Vergnügen ſeiner Freunde nicht den gering⸗ ſten Antheil? So fragte ſich der Maler, der ſchon oft eine Anſpielung über das ſeltſame Gebahren des Freundes hatte laut werden laſſen. Plötzlich legte er ſeinen Zeichenſtift nieder, hob das Auge auf und ſich dann auf ſeinem Sitze bequem wie zur gemächlichſten Ruhe niederlegend, ſagte er: „Da fällt mir eben ein, Guſtav, daß wir Dir wahrſcheinlich ganz umſonſt einen anderen Namen bei⸗ gelegt haben.“ Guſtav zuckte wie vor Schreck leiſe zuſammen, und ſein helles Auge auf das dunkle des Freundes rich⸗ tend, fragte er, ohne eigentlich zu wiſſen, wie er da⸗ zu kam:„Was meinſt Du damit?“ —ö—ᷣ—ÿ—ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ—ꝛ—— 203 „Nun, das iſt doch ſehr einfach, denke ich. Sieh Dich einmal um. Begegnen uns wohl hier ſo viele Menſchen, wie Du es Dir vielleicht gedacht haſt? Liegen nicht die meiſten Strecken in dieſem ſeltſamen Lande öde und leer? Und Du glaubteſt, Dein hart⸗ herziger Qnkel würde Dir gleich bei der Landung entgegenlaufen und Dir“—— „O, laß das!“ unterbrach ihn Guſtav, die Haud abwehrend gegen den Freund ausſtreckend und die Augen verlegen nach der andern Seite wendend. „Thu' mir den Gefallen und erinnere mich nicht ſo oft daran— ich mag nicht an die Vergangenheit den⸗ ken, und die Zukunft—“ „Die ſtellſt Du Dir ſtets zu dunkel vor, mein Lieber!“ rief der Maler lebhaft aus.„Höre einmal, was ſoll überhaupt das Geheimthun? Sei nicht ſo eigenſinnig! Nenne mir Namen und Wohnort des geſtrengen Herrn und ich will nach ihm forſchen und Dir dann meine Meinungüber ihn und Dich ſelber ſagen.“ „Nicht doch, Heinrich, überlaß mir das ſelber. Am liebſten aber ſähe ich es, wenn dieſer Punkt ein für alle Mal aus unſrer Unterhaltung geſtrichen würde.“ „Gut, dann grüble Du aber nicht immer und gieb mir Veranlaſſung, darauf zurückzukommen.“ „Hört einmal,“ begann der Muſiker plötzlich, ſchlug 204 8 ſein Buch zu und ſteckte es ein,„Ihr ſeid auf dem beſten Wege, mit einander zu zanken. Darum ſind wir nicht hierher gekommen und ich preiſe die Vor⸗ ſehung, daß ſie uns drei verſchiedene Pforten geöff⸗ net hat, durch die ein Jeder von uns ſeinen eigenen Weg verfolgen kann. Es wird Euch ganz gut thun, einmal ein paar Tage getrennt von einander zu leben, um zu erkennen, daß Ihr doch nicht ohne einander exiſtiren künnt“ „O, o,“ ſagte Guſtav, auf der Stelle beſänftigt, „ich zanke ja nicht.“ „Und ich auch nicht, ich ſpreche nur meine Mei⸗ nung aus,“ rief Heinrich und wandte ſein heiteres Geſicht voll und freundlich den Beiden zu. „Dann mag es gut ſein,“ ſchloß Willibald,„und nun gebt Euch die Hand und dieſes Kapitel ſoll nicht wieder erwähnt werden.“ „Meinetwegen!“ rief der Maler, von ſeinem Sitze aufſpringend und den weggeworfenen Stock ergreifend. „Woblan denn, laßt und aufbrechen nach dem Dorf, wo wir unſre Sachen gelaſſen, und ſetzen wir dann die Reiſe fort. Alſo über die Granitz und die ſchmale Haide nach dem Wunderlande Jasmund undzuerſt zu dem guten freundlichen Carling, wie ihn ſeine Freunde nennen. Vorwärts!“ 5 —.,.— Augenblick an 205⁵ Doch bevor ſie Jasmund und die Lenz erreichten, hielt ſie die herrliche Granitz mit ihren köſtlichen Aus⸗ ſichten vom Tempelberge, wo damals gerade das jetzt ſo berühmte und vielbeſuchte Jagdſchloß erbaut wurde, noch einen ganzen Tag auf und von den Gerüſten des letzteren warfen ſie zum erſten Male einen Blick auf die anmuthig geſchwungene Prorer Wink, deren nördliches Dritttheil ſchon die Ufer von Jasmund be⸗ ſpült— Jasmund an dem ihre nächſten Wünſche und Hoffnungen mit begehrlicher Künſtlerſeele hingen. Aber noch einen überſichtigeren Blick auf das kleine Länd⸗ chen gewannen ſie von der Schwedenſchanze der Prora aus. Von hier aus konnte man ſchon die erſten An⸗ höhen und den allmälig aufſteigenden Felsrücken der Halbinſel genauer überſchauen, und wäre ein Kenner des Landes unter ihnen geweſen, ſo hätte er ihnen den ſchönen Lenzberg zeigen können, auf deſſen Gipfel das berühmte Hünengrab liegt, von deſſen Plattform aus man eine der ſchönſten Ausſichten über einen großen Theil Rügens und die wunderbar herrliche nächſte Umgebung genießt. So war denn auch der ſchmale ſandige Erdgürtel üͤberwunden, der Rügen von Jasmund trennt und den man die ſchmale Haide genannt hat. Von dem wo zur rechten Seite des Weges ein 206 aufgeſtellter Wegweiſer die Bezeichnung„Gränze von Jasmund“ trägt, wurden unſre Künſtler ſchweigſam und mit neugierigen und geſpannten Blicken betrach⸗ teten ſie die bewaldeten Anhöhen zur Linken und das laut rauſchende Meer zur Rechten, das hier ſchon mit ernſterer Miene und dumpferem Geſtöhne ſeine wach⸗ ſende Macht verräth, als erwarteten ſie, hinter jenem das trauliche Wohnhaus des guten Melms und auf dieſem ſeine Boote mit geſchwellten Segeln ſchwimmen zu ſehen. Allein noch ziemlich eine Stunde mußten ſie war⸗ ten, bis der Mann, der ſie fuhr, ihnen von ferne das Gut„die Lenz“ bezeichnete, dem ſie ſo eifrig zu⸗ ſtrebten. Man war eben durch ein Gehölz gefahren, welches mit einfachſter Ländlichkeit die reizendſte Romantik ver⸗ bindet, ein Gehölz, das ſich mit jähem Abſturze bis zur See erſtreckt und deſſen abſchüſſige Schluchten, in denen zwiſchen verwittertem Geſtein und umgeſunkenen Baumſtämmen die lieblichſten Blumen blühen, der kleine Tribberbach maleriſch durchrieſelt. Dies reizende und viel beſuchte Gehölz gehört zum Gute Lanken und ſobald man aus demſelben hervortritt, hat man ſchon den Fuß auf das Ge⸗ filde der Lenz geſetzt, wenigſtens gehörte es noch — zu der Zeit dahin, welche wir hier im Auge haben. Als die matt gewordenen Pferde mit dem ſchwe⸗ ren Wagen mühſelig die Anhöhe hinauf keuchten und nun der Blick ringsum frei ward, ſenkte ſich die Sonne ſchon allmälig ihrem Untergange zu. Aber noch wa⸗ ren ihre Strahlen heiß und vergoldeten Land und Meer, welches letztere zur Rechten lag und bei ſchwa⸗ chem Oſtwinde leiſe rauſchend gegen den ſcharf ab⸗ fallenden Strand brandete.. Die Freunde waren in Betrachtung der lieblichen Gegend verſunken, als der Kutſcher plötzlich rief: „Da, meine Herren, haben Sie den Lenzenberg, und das da oben, dicht vor dem Walde, iſt das ſchöne Hünengrab, wonach Sie ſchon ſo viel gefragt haben.“ „Das da— dort?“ fragte einer der Freunde nach dem andern mit vor Freude höher klopfendem Herzen. „Ja, das iſt es. Es iſt das höchſte im ganzen Lande und am beſten erhalten von allen. Herr Melms hegt und pflegt es nach Kräften und es darf weder Pflug noch Egge weiter als bis an ſeinen äußerſten Rand vordringen. Er liebt es, von dort oben ſeinen Ausguck zu halten und wenn Sie ihn beſuchen, werden Sie ihn wohl oft dahin begleiten müſſen.“ 208 Die drei Freunde ſtarrten ſchweigend empor nach der Höhe, und in der That, das kegelförmige Ge⸗ bilde, rings mit kleinen Buchen bepflanzt und ſo ein⸗ ſam, ſo hoch in die Lüfte ragend, macht ſchon von hier unten einen eigenthümlichen Eindruck auf den Beſchauer, der für dergleichen Reliquien aus uralter Vergangenheit Herz und Sinn hat. „Wahrhaftig,“ begaun Guſtav Steinau aus tief bewegtem Herzen zu ſeinen Gefährten zu ſprechen, „wahrhaftig, wer es auch geweſen ſein mag, der auf den ſeltſamen Gedanken kam, ſeine geliebten Todten nach jener Höhe zu ſchaffen, ſie dort zu begraben und ihnen durch die rieſige Erdſäule ein unvergängliches Denkmal zu errichten, es muß ein Geſchöpf von Geiſt und Gefühl geweſen ſein, mag es nun tauſend oder gar dreitauſend Jahre vor Chriſtus gelebt haben, wie die Geſchichtsforſcher muthmaßen. Denkt Euch einmal die Zeichen der aufblühenden Cultur von dieſem Bo⸗ den fort; ringsum, ſo weit Euer Auge reicht, ſtarrte das Land von himmelanſtrebenden Eichen, Buchen und Tannen, und unter ihnen lebte, kämpfte und opferte ſeinen Götzen ein Volk, deſſen Namen wir jetzt Lebenden nicht einmal mehr nennen können. Und nun denkt Euch, in einem ihrer, Nationen vertilgen⸗ den Kämpfe iſt ihr oberſter Fürſt und Prieſter den 209 Heldentod geſtorben. Das ganze Land wehklagt und jammert und rieſige Scheiterhaufen ſind auf allen be⸗ nachbarten Höhen errichtet, um ihm zu Ehren weit hinleuchtende Feuer aufflammen zu laſſen und den Blick der unbekannten Götter da oben auf das Schau⸗ ſpiel hier unten hinzulenken. Und tief, tief in die Erde auf jenem höͤchſten Punkte haben die vielen Ge⸗ treuen eine ungeheure Grube gegraben und mit müh⸗ ſelig behauenen Rieſenſteinen, denn ſie kannten noch keine eiſernen Handwerkzeuge, dieſelbe ausgefüllt. Und nun kommen ſie in endloſem Zuge über die Berge und durch die Wälder gezogen, und mit Aſche be⸗ ſtreuten Häuptern und wundgeweinten Geſichtern tra⸗ gen ſie auf ihren Schultern die Gebeine des theuren Herrſchers empor. Wie? Seht Ihr im Geiſte, wie ich, den endloſen Zug?“ Der Fuhrmann blickte ſich bei dieſen mit poeti⸗ ſcher Erhebung geſprochenen Worten des Dichters ängſtlich und ſcheu von ſeinem Vorderſitze nach allen Seiten um, als fürchte er, die Zeit könne tauſende von Jahren rückwärts ſchreiten und die Gräber der Vergangenheit mit den Männern von rieſigen Lei⸗ bern und knochigen Gliedern ſich vor ſeinen Augen aufthun. „Ja,“ fuhr der Redende mit migender Begei⸗ Die Inſulaner I. 210 ſterung fort,„man glaubt ihn wenigſtens zu ſehen, wenn man eine rege Phantaſie und die Gabe hat, ſich im Geiſte hundert Menſchenalter in die Vergan⸗ genheit zurückzuverſetzen. Und voran dem unabſeh⸗ baren Zuge ſchreiten in flatternden Gewändern und mit hochgetragenen Götzenbildern die Prieſter, und als Alle auf dem Gipfel des Berges angekommen ſind, erheben ſie einen Mark und Bein durchſchauern⸗ den Geſang und laſſen ihre Wehklagen bis in die Wolken und weit über Land und Meer dringen. Dann aber legen ſie ihren verehrten Todten in die kühle Gruft, häufen ſeine Waffen neben ihm auf und tragen mit tauſend Armen den großen Denkſtein her⸗ bei, der die Gruft ſchließt, ſchütten Erde darauf und ſtellen ringsherum im Kranze die gewaltigen Granit⸗ blöcke auf, die ihnen das Meer mit dem wogenden Eiſe zur Winterzeit von Skandinaviens Felſenküſten her an den Strand geſpült hat. Und ſo liegt der er⸗ habene Todte noch heute, meine Freunde. Die Erde iſt nicht von dem Grabe und der Denkſtein nicht von dem Sarkophage genommen; aufgerichtet, als wären ſie erſt geſtern hierhergebracht, ſtehen die Blöcke von Granit noch und bewahren und beſchützen treulich die ihnen anvertraute Häuptlingsleiche. Iſt das nicht groß, nicht ſeltſam, nicht poetiſch, meine Freunde? 211 Und wir, wir ſollten gefühllos an ſolcher Stätte vor⸗ überſchreiten? Nein, laßt uns Gott, unſerm höchſten Weſen danken, den jene Männer noch nicht kannten, daß er uns Geiſt und Sinn verliehen, mit den Ge⸗ danken den ſeither entſchwundenen Zeitraum zu durch⸗ laufen und die poetiſche Handlungsweiſe derſelben zu begreifen, ihre großen Todten hoch über dem Gewühl des niedern Erdenlebens zu beſtatten und ſie, dem Himmel näher gerückt, wo ihre Seele in Entzücken ſchwelgt, gleichſam im Geiſte fortleben zu laſſen, die Erde überſchauend, die ſie regiert, und das Meer betrachtend, deſſen Wellen ihre Schlachten oft vom Blute der Feinde haben ſich röthen gemacht. O ja, es iſt ein poetiſcher Gedanke, dort oben zu ſchlafen— zu ſchlafen, wie ein Todter ſchläft, ruhig und ungeſtört, ewig, erhaben über allem Lebendigen und ſo nahe den Wolken wie möglich!“ Der Dichter ſchwieg, von ſeinen eigenen Worten tief ergriffen; ſo auch die Freunde. Der eingeborene Landmann aber, der die Pferde lenkte, ließ dieſe im langſamſten Schritt gehen, denn auch er hatte die lachende Gegenwart vergeſſen und fühlte bei dem Ge⸗ danken an die vergangenen Zeiten einen ſeltſamen Schauer durch ſeine Glieder rieſeln. „Nun, Freund, wie iſt es“, fuhr endlich der Maler 3 14 aus ſeinem Sinnen empor,„haben wir bald die Lenz erreicht?“ Der Mann fuhr erſchrocken zuſammen, ſammelte mühſam ſeine Gedanken und, mit der Peitſche auf ein Gehöft deutend, welches rechts vom Wege mitten in einem wogenden Weizenfelde an einem Abhange lag, der ſich allmälig der See zuneigte, ſagte er:„Ja, mein Herr, ja, ja, das da, das iſt die Lenz!“ Ueber ein wellenförmiges, mit kräftigem Weizen beſtandenes Land rollte nun der Wagen auf beſſer gewordenen Wegen leicht dahin, lenkte ſeewärts nach dem Gehöft herum und fuhr dann raſſelnd und pol⸗ ternd auf hartem Steinpflaſter in den geräumigen Hof ein. Als ein langes, weißgetünchtes und mit dickem Rohrdach bedecktes Gebäude, zwar nur ein Stockwerk hoch, aber mit weithin blickenden Giebelfenſtern auf beiden Enden verſehen, ſtellte ſich das Herrenhaus der Lenz dar; flügelartige, ſeewärts laufende Scheunen von mächtiger Ausdehnung, durch einen breiten Hof⸗ raum vom Hauptgebäude getrennt, ſchloſſen ſich dem⸗ ſelben an und bildeten ſo ein nach der See hin offenes Viereck, wie man dergleichen Gehöfte auf Rügen ſehr häufig findet. Vor dem Hauptgebäude lag jenſeit der vorüberführenden Straße der reinlich gehaltene 213 Viehhof, den von der Seeſeite her eine niedrige Stein⸗ mauer einſchloß, ſo daß von den Fenſtern aus der Blick ungehindert das Meer beſtreichen konnte. Die Thür des Hauptgebäudes lag zwiſchen vier Fenſtern auf jeder Seite in der Mitte, davor ſtanden Bänke von grün⸗ geſtrichenem Eichenholz, und auf den äußeren Flügeln derſelben zwei gewaltige Nußbäume, die der langen einfachen Front einen gemüthlichen, heimatlichen An⸗ ſtrich verliehen. Als der Wagen raſſelnd über den Hof fuhr und vor dem Herrenhauſe anhielt, entwickelte ſich faſt augen⸗ blicklich ein reges Leben in und außer demſelben; neu⸗ gierige Gänſe, Enten und Hühner kamen ſchnatternd und gackernd herbeigelaufen, um die Ankömmlinge zuerſt zu begrüßen, und ein Rudel wachſamer Hunde von allen möglichen Racen that ſeine Schuldigkeit mit lautem Gebell und heiſerem Gekläff. Alsbald aber erſchien ein alter Knecht aus einer der Scheunen und brachte die aufgeregten Zwei⸗ und Vierfüßler in Ruhe und zugleich trippelte die Haus⸗ hälterin, eine bejahrte, zierlich ländlich gekleidete Matrone berbei, der drei bis vier derbe Mägde neugierig folgten, um die bereits erwarteten Fremden nach altem Fug und Brauch würdig zu begrüßen. Aber wie erſtaunten ſie alle, als ſie nicht nur die freundlichen jungen Herren 214 ſondern auch die ſeltſam geformten Kaſten ſahen, in denen dieſe ihre Inſtrumente mit ſich führten. Laut lachend oder heimlich kichernd ſtießen die Mägde ein⸗ ander an, aber ſodann griffen ſie rüſtig zu und in wenigen Minuten war der Wagen ſeines ganzen Inhalts beraubt und Großes und Kleines in dem geräumigen Flure des Herrnhauſes ſicher untergebracht. Vor den drei Künſtlern aber ſtand die alte Haushälterin, Jedem die Hand ſchüttelnd, hieß ſie willkommen und rief ein⸗ mal über das Andere:„O, wie wird ſich der gute Herr freuen, er hat Sie ſchon ſeit geſtern Morgen erwartet!“ „Alſo wir ſind ihm willkommen?“ fragte der Maler, der ſeine ganze angeborene Heiterkeit bei dieſem herz⸗ lichen Empfange friſch hervorbrechen fühlte. „O Herr, und wie! Kommen Sie nur herein, Sie werden Alles zu Ihrer Bequemlichkeit hergerichtet finden.“ „Aber wo iſt denn Herr Melms?“ fragte der ſanfte Muſiker, der nach dem treublickenden Auge ſeines Wirthes Verlangen trug. „O, der wird bald hier ſein“, erwiderte die Haus⸗ hälterin, Frau Elſche, raſch in das erſte Zimmer zur Rechten eintretend.„Er iſt nur auf das Feld gegan⸗ gen, wie er alle Abende thut, und wahrſcheinlich hat er Sie von dem Hügel da oben ſchon kommen ſehen.“ 215 „Iſt er da oben?“ fragte Guſtav Steinau, der ſogleich Luſt empfand, den Berg zu erſteigen.„O dann wollen wir ihm entgegengehen und ihn auf ſeinem Lieblingsſitz begrüßen.“ „Ja, ja doch! Aber nicht ſo eilig, junger Herr!“ rief Frau Elſche, mit ruhiger Würde ihn betrachtend. „Sie werden doch erſt einen Imbiß nehmen wollen!“ Und ohne ſich weiter in dem althergebrachten Brauche ſtören zu laſſen, die Gäſte gleich mit etwas reeller Nahrung zu empfangen, gab ſie zwei flinken roth⸗ wangigen Mägden raſche Befehle, und dieſe hatten mit einer Gewandtheit eine Tafel aufgeſchlagen, mit ſchneeweißem Linnen belegt, Teller aufgeſtellt und ſo viele verſchiedenartige Speiſen hereingetragen, daß unſre Freunde ebenſowenig begreifen konnten, woher die Fülle ſo ſchnell kam, noch was damit angefangen werden ſolle. Uunterdeſſen aber hatten ſie auf den beiden großen, mit braunem Leder überzogenen Sophas Platz genommen und die innere Einrichtung des Zimmers mit raſchem Auge überflogen. Es war ein großer Raum mit drei Fenſtern, die zwar ziemlich klein waren, denn man mußte hier ſtets auf Wind gefaßt ſein, aber Licht und Luft genug herein ließen, um ihrem Zwecke vollſtändig zu entſprechen. Die ganze übrige Einrichtung war 2163 weder koſtbar noch überladen, aber ſie war mehr als das, ſie war bequem, einladend und mit einem Hauch patriarchaliſcher Gemüthlichkeit überzogen, wie das Haus und der ganze Hof, was ſich ſogar auf die Leute er⸗ ſtreckte, die darin und darauf herumwirthſchafteten. Als nun der große Gaſttiſch die ganze Laſt empfangen hatte, die man ihm aufzubürden die Grauſamkeit beſaß, trat Frau Elſche wieder mit einem tiefen Knix heran und lud die lieben jungen Herren zum Imbiß ein, worauf ſie ſogleich eigenhändig zwei Flaſchen Rothwein entkorkte, die zuletzt noch eine Magd in einem alt⸗ väteriſchen Flaſchenkorbe hereingebracht hatte. „Da der Herr nicht hier iſt“, ſagte die behäbige Frau,„ſo muß ich für den Augenblick ſchon ſelbſt die Wirthin ſpielen, und wenn das nicht auf die Weiſe geſchieht, wie Sie es gewohnt ſind oder erwartet haben, ſo müſſen Sie hübſch vorlieb nehmen— wir ſind eben auf dem Lande und die Altrügianer pflegen nicht viele Umſtände zu machen. So, nun eſſen und trinken Sie, meine Herren, Gott ſegne die Mahkzeit!“ Die jungen Leute ließen ſich das nicht zweimal ſagen, ſie griffen wacker die kalten Fleiſchſpeiſen, den ſelbſtbereiteten Käſe und die Butter an, die eben erſt friſch aus der Milchkammer hervorgegangen war. Als⸗ ſie aber mit dieſer angenehmen Beſchäftigung bald zu⸗ 217 Ende gekommen und Meſſer und Gabel niederlegten, riß Frau Elſche weit die Augen auf und ſagte:„Nun? Sind Sie ſchon ſatt? Schmeckt es Ihnen denn nicht auf der Lenz?“ „Wir ſind ſatt, beſte Frau, und es hat uns trefflich geſchmeckt“, erwiderte der heitere Maler,„aber es drängt uns, Herrn Melms aufzuſuchen, der mit uns nachher gewiß noch eine Mahkzeit hält.“ „Nun, das iſt natürlich, dies war ja nur ein kleines Vesperbrod und der Appetit iſt eine unſrer beſten Gottesgaben auf der Lenz. Aber geben Sie, ja, gehen Sie, ich ſehe, Sie ſind zu unruhig zum Sitzen, und nun kommen Sie, ich will Ihnen ſelbſt den beſten Weg nach dem Lenzberge zeigen, wo Sie gewiß dem Herrn begegnen.“ Sie trippelte voran, von zwei Dachshunden um⸗ ſprungen, die ihr vor Freude, daß ſie mitgehen durften, in die wogenden Röcke biſſen; und nachdem ſie über den Hof gegangen, deutete ſie auf einen Fußſteig, der unmittelbar jenſeit des Fahrweges bergan durch ein junges Buchenholz führte, womit auf dieſer ſüdlichſten Spitze die gewaltige Stubnitz, der ſchnſte Wald auf Rügen begann. „Son, ſagte die Matrone, ſtehen bleibend und mit dem Finger auf den Weg deutend,„dies iſt er; ihn 218 verfolgen Sie nur, bis er auf ein Roggenfeld ſtößt, und da werden Sie linksab den Lenzberg mit dem alten Hünengrabe ſchon vor ſich liegen ſehen. Aber blicken Sie ſich nicht um, ehe Sie oben ſind“, rief ſie ihnen nach, die ſchon munter emporſtiegen,„Sie ver⸗ derben ſich ſonſt die ganze Ueberraſchung!“ Die drei Freunde, ſchon von dieſem erſten herz⸗ lichen Empfange auf's Höchſte zufriedengeſtellt, ſtiegen den ziemlich ſteilen Pfad, der durch dichtes Unterholz und verſchiedene Schluchten führte, durch welche bei heftigem Regen unzählige kleine Bäche herniederrieſelten, munter hinauf; während ſie aber die ziemlich bedeu⸗ tende Höhe erklimmen, von Zeit zu Zeit ſtillſtehen, um friſchen Athem zu ſchöpfen, wollen wir einen Blick auf ihren Wirth richten und dem Leſer ein Bild von ſeinen Lebensſchickſalen und ſeinem Charakter zu ent⸗ werfen verſuchen, da der Mann es wohl werth iſt, ſich einige Zeit mit ihm und ſeinen Verhältniſſen zu beſchäftigen. Carl Melms, der Letzte ſeines Stammes, denn alle ſeine Verwandte väterlicher wie mütterlicher Seite waren raſch auf einander vor mehreren Jahren ge⸗ ſtorben, war der Sohn eines Rügianiſchen Landmannes, deſſen Vater vor langer Zeit nach Amerika ausgewan⸗ dert war und ſich dort ein ziemlich bedeutendes Ver⸗ 219 mögen erworben hatte. Als der Großvater unſers Melms ſtarb, fiel daſſelbe an ſeinen Vater, der damit ein großes Gut im Herzen von Rügen erwarb, aber es nicht recht zu bewirthſchaften verſtand und ſo faſt ſein ganzes Erbe wieder einbüßte. Carl Melms, ſchon halb erwachſen, ſah mit ziemlichem Gleichmuth den allmäligen Verfall des väterlichen Gutes, nur dauerte ihn der Vater, der weniger leicht den Uebergang vom reichen zum armen Manne ertrug, denn unſer Freund hing von Jugend auf nicht am todten Mammon und ein ſelbſt erarbeitetes Vermögen ſchien ihm mehr Segen und Genuß zu verſprechen, als ein zufällig ererbtes. Als er daher den Kummer über den früh verſtorbenen Vater bewältigt, fand er ſich leicht in die ihm aufer⸗ legte Schickung und trat bei einem reichen Pächter in Dienſt, von dem er die Landwirthſchaft aus dem Grunde erlernte. Da er fleißig, beſcheiden und überaus an⸗ ſpruchslos war, gewann ihn ſein Principal lieb, ſandte ihn auf eine Ackerbauſchule und ließ ihm wiſſenſchaft⸗ lichen Unterricht ertheilen. Je mehr Kenntniſſe nun der junge Mann erwarb, um ſo genügſamer und fleißiger wurde er, um ſo ernſtere Richtung nahm ſein männ⸗ licher Geiſt, um ſo edlere Eigenſchaften ſein weichge⸗ bildetes Herz an. Aber auch ſein Gönner ſtarb vor der Zeit und die wiſſenſchaftlichen Studien wurden ½ 8 220 dadurch unerwartet früh abgeſchnitten. Deſto eifriger ſetzte er nun auf eigene Hand dieſelben fort und es gelang ihm bei ſeinem guten Willen, in wenigen Jah⸗ ren Kenntniſſe zu ſammeln, wie ſie in ſeiner Jugend die Landleute Rügens nur in ſehr geringem Maaße beſaßen. Da er keine Mühe ſcheute und ſeinem edlen Ehrgeize keine Stellung zu geringfügig war, nahm er zuerſt die Stelle eines Schreibers oder Aufſehers auf einem größeren Gute an, welches, Grünthal mit Na⸗ men, einem reichen Manne im nördlichen Jasmund gehörte. Von jener Zeit an ſchreibt ſich ſeine innige Freund⸗ ſchaft mit dem Sohne dieſes Mannes, mit Alfred Brunſt her, eine Freundſchaft, die mit den vorſchrei⸗ tenden Jahren einen faſt brüderlichen Charakter an⸗ nahm. Der alte Brunſt, der die geiſtigen Fähigkeiten und überhaupt die lobenswerthen Eigenſchaften ſeines neuen Schreibers zu würdigen verſtand, begünſtigte ihn auf alle Weiſe und veranlaßte ihn endlich, die Lenz zu pachten, die damals gerade ihren Beſitzer verloren hatte. Carl Melms, obgleich nach Höherem ſtrebend, wollte aus Gutmüthigkeit und Dankbarkeit ſeinem Gönner nicht entgegenhandeln und ſo bewirth⸗ ſchaftete er die neue Pachtung mit frohem Muthe und äußerſtem Fleiße, wobei er bemüht war, durch eigenes 221 Nachdenken und Studium ſeine Kenntniſſe nach allen Richtungen noch mehr zu erweitern. Der faſt bei⸗ ſpielloſe Erfolg in der Bewirthſchaftung des Gutes, den er hauptſächlich der Einführung neuerer Cultur⸗ methoden, nebenbei auch einer langen Reihe geſeg⸗ neter Jahre verdankte, ermuthigte ihn, die Lenz als Eigenthum zu erwerben, die er nun in ein höchſt er⸗ trägliches Grundſtück umwandelte, wodurch er endlich ein wohlhabender, ja nach ſeinen Verhältniſſen viel⸗ leicht ein reicher Mann wurde. Fünfundzwanzig Jahre bewohnte er ſie nun ſchon und in dieſer Zeit war er allmälig zu dem Manne herangereift, den wir in ihm kennen gelernt haben. Er war alſo ein von unten auf langſam herangebil⸗ deter Landwirth, der immer und überall der Natur ablauſchte, was von ihr zu lernen dem Menſchen er⸗ ſprießlich und nützlich iſt, mit der feinen Unterſchei⸗ dung begabt, vom Guten das Beſſere, vom Beſſeren das Beſte zu unterſcheiden und für ſich zu verwerthen. Seine Gutherzigkeit, ſeine Biederkeit und ſein ver⸗ träglicher Sinn hatten ihm viele Freunde und über⸗ all Anhänger erworben, wie er ſeine Bekannten auch nur ſtets in Kreiſen ſuchte, in denen ein höheres Ele⸗ ment der Bildung, des Anſtandes und der fortſchrei⸗ tenden Geiſtesentwicklung zu finden war. Seine beſten 222 Freunde aber waren und blieben Alfred Brunſt und Gottlieb von der Oehe. Mit Letzterem war er erſt ſpäter bekannt geworden und zwar als er noch in ſei⸗ ner, durch äußere ungünſtige Verhältniſſe aufgehalte⸗ nen Entwicklungsperiode begriffen war; auch bei dieſer Bekanntſchaft, die er zu einer Zeit machte, als Herr von der Oehe ſich in bedrängter Lage, befand, hatte ſein edles Herz, ſein hülfsbereiter Sinn und ſeine un⸗ zweifelhafte Menſchenliebe ſich in ihrem höchſten Glanze gezeigt, wie wir ſpäter noch genauer erfahren werden. Zwiſchen ihm und Alfred Brunſt aber, mit dem er durch Bande unauslöſchlicher Dankbarkeit gegen deſſen Vater wie durch innige perſönliche Neigung verbunden war, hatte fich allmälig eine heutzutage im⸗ mer ſeltener gefundene Freundſchaft entwickelt. Alfred Brunſt, ein geiſtig belebter, durch Erfahrung und Kenntniſſe umſichtiger und durch eine von Hauſe aus glücklichere Lebensſtellung ungemein begünſtigter Mann, hatte bisweilen eine gewiſſe herriſche Manier, ſeine Anſicht zur Geltung zu bringen bewieſen, aber dann war Melms immer der nachgiebige, nach allen Seiten hin lenkbare und, wo es ſein mußte, ſich unterord⸗ nende Freund geweſen, wobei er jedoch ſtets ſeine Würde behauptete und in allen Lagen Eigenſchaften entwickelte, die ihn jenem charakterfeſten Manne nur 223 In Carl Melms' ſanftem Weſen herrſchte eine ſeltene Abnei⸗ gung gegen Zwietracht und Uneinigkeit vor und ſelbſt eine vorübergehende Meinungsverſchiedenheit konnte er ſelten länger als eine halbe Stunde ertragen. Daher gab er überall, wo er es mit gutem Geviſſen ver⸗ mochte, den Vermittler ab, und gerade dieſe Rolle hatte er in früheren Zeiten oft zwiſchen den beiden um ſo theurer und koſtbarer gemacht hatten. andern Freunden übernehmen müſſen, die in ihrer ſchrofferen Auffaſſung menſchlicher Lebensverhältniſſe und in ihrer natürlich derben Weiſe, ſich gegen und über einander auszuſprechen, wohl dann und wann in ihren Anſichten weit aus einander gerathen waren. So wirkte und lebte er in ſeinem beſchränkten Kreiſe, den er ſeit ſeinen männlichen Jahren nie mehr überſchritten hatte, unangefochten und ruhig fort. Mit Mitteln reich geſegnet, that er Gutes, wo er es thun konnte, ohne viel Aufhebens davon zu machen und am liebſten war es ihm, wenn Niemand ſeiner wohl⸗ thätigen Handlungen jemals vor ihm Erwähnung that. In ähnlicher Weiſe zeigte er ſich auch ſeinem zahl⸗ reichen Hausſtande gegenüber. Ohne alle Anſprüche, gegen Vornehmere und Reichere, wie gegen Aermere und Niedrigere der immer gleich freundliche und dienſt⸗ fertige Mann, war er mehr Vater als Herr ſeiner 224 Untergebenen; er ſprach ſeine Meinung nur ernſt, langſam und bedächtig aus, bürdete Niemanden mehr auf, als er zu leiſten vermochte, und der Erfolg davon war ſtets der beſte und lohnendſte. Darum auch ſchloß ſein Hof, ſein Haus ſein ganzes Erdenglück ein; außer einigen ſeiner nächſten Nachbarn beſuchte er nur von Zeit zu Zeit ſeine beiden Freunde oder traf mit ihnen an einem beſtimmten Orte zuſammen, wenn ſie ſeinen Rath, ſeine Meinung oder ſeinen Beiſtand verlangten, wozu er Tag und Nacht mit freudigſtem Herzen be⸗ reit war. Seinen höchſten Genuß hatte er von frühſter Ju⸗ gend an in der Muſik gefunden und ſogar eins der ſchwerſten Inſtrumente, die Flöte, mit ſeltener Fertig⸗⸗ keit gehandhabt. Da er in einem Lande lebte, wo nur ſelten eine größere Orcheſtermuſik gehört wird, ſo war er oft aus dem einzigen Grunde nach den be⸗ nachbarten Städten gereiſt, um ſein Ohr zu erlaben und den muſtkaliſchen Drang ſeines ſtillen Herzens zu befriedigen. Allein in letzter Zeit hatte er ſich leider die Ausübung ſeiner Liebhaberei unterſagen müſſen, die Flöte lag faſt unangerührt und ſtumm in ihrem mit Sammet gefütterten Mahagonikaſten und nur ſelten in glücklichen Stunden verſuchte er es noch,. ihr einige klagende Töne zu entlocken, die immer kla⸗ gender und melancholiſcher wurden, je mehr er fühlte, daß das Blaſen derſelben ſeine Bruſt angriff— ein trauriger Umſtand in ſeinem Leben, deſſen wir ſogleich nähere Erwähnung thun müſſen. So werden wir denn die Wärme und Lebhaftig⸗ keit nicht weiter zu erklären haben, mit welcher er im ungeſtillten Triebe nach Befriedigung einer ſo edlen Liebhaberei den Künſtlern auf den Vilm nacheilte, und eben ſo leicht wird ſich daraus die Freude ergeben, mit welcher er ſie einlud, ſein einſames Gut zu be⸗ ſuchen und mit welchem Verlangen er ſie jetzt daſelbſt erwartete. Namentlich der ſtille, ſanfte Muſiker war ihm in kurzer Zeit eine liebe Erſcheinung geworden, und wenigſtens ihn ſo lange wie möglich an ſich und ſein Haus zu feſſeln, war ſein feſter Vorſatz ge⸗ worden. Was nun jenen traurigen Umſtand betrifft, auf den wir ſchon hingedeutet haben, ſo wäre Carl Melms ein vollkommen glücklicher Mann geweſen, hätte die Natur ſelbſt ihm nicht ein großes Leid auferlegt und damit vielen ſeiner Wünſche eine unüberſteigliche Schranke geſetzt. Sie hatte ihm nämlich eine Krank⸗ heit aufgebürdet, deren allmälige Entwicklung ihm ſelbſt lange verborgen blieb und die ihn erſt in den letzten Jahren mit lebhafter Sorge, oder, wenn wir Die Inſulaner. I. 15 226 lieber wollen, mit einem wehmüthigen Gefühle erfüllte. Sein Großvater, ſein Vater waren an einem Herz⸗ übel geſtorben und auch ihn hatte dieſe in der Regel tödtliche Krankheit mit langſam aber hartnäckig vor⸗ ſchreitender Energie ergriffen. Seinem rüſtigen Kör⸗ per zwar, der in voller Manneskraft zu ſtehen ſchien, merkte man den ſtill nagenden Wurm nicht an, er kränkelte weder, noch hatte er ſich je des Rathes eines Arztes bedient; allein von Zeit zu Zeit empfand er einen dumpfen Schmerz in der Bruſt, der oft ſo ſehr überhand nahm, daß er ſein helles Auge verſchleierte und ſeinen kräftigen Geiſt mit trüber Melancholie um⸗ nebelte. Seine Umgebung ahnte nichts davon, ja ſelbſt ſeinen vertrauteſten Freunden verſchwieg er es, nur Alfred Brunſt hatte es mit ſcharfem Auge und. liebevoller Sorgfalt entdeckt und ihn oft vergebens gebeten, noch zu rechter Zeit die nöthige Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Allein, wenn dies dann und wann geſchah, ſchüttelte er ſtets abweiſend und lächelnd den Kopf und ſuchte um ſo eifriger den Freunden ein Uebel zu verhehlen, um ihre Sorge nicht zu wecken und ſie von allen Fragen nach ſeiner Geſund⸗ heit abzulenken. Im Geiſte allem Kommenden ruhig ergeben und nur bedauernd, die Flöte nicht mehr blaſen zu kön⸗ 227 nen, wobei er jedesmal durch einen heftig klopfenden Schmerz an das allmälig zunehmende Uebel erinnert wurde, hatte er endlich auch dieſem Genuſſe entſagt und ſich geduldig in das Unvermeidliche gefügt. Da⸗ für hatte er ſich in letzter Zeit mit um ſo innigerer Wärme dem Genuſſe der Natur ergeben, und wenige Männer mögen ſo viel Vergnügen empfunden haben wie er, wenn ſie die Jahreszeiten wechſeln ſahen, den Aufgang und Niedergang der Sonne beobachteten und das Weben und Walten in der kleinen Welt um ſich her wahrnahmen, das ſo voll Reiz und Poeſie iſt wie nichts auf der Erde ſonſt. Keine Erſcheinung im Reiche der Natur entging ſeinem aufmerkſamen Auge. Das Spiel der flüchtigen Welle im leiſen Winde, ihr Brauſen und Brüllen im Sturm, der die Allmacht der geheimnißvollen weltbewegenden Kräfte entſchleiert, war ihm ſtets ein koſtbares Schauſpiel. Alle Tage brachten ihm unzählig viel des Neuen, Erhabenen und Bewunderungswürdigen. Das Keimen der Saat, das Reifen der Früchte verfolgte er mit einer gehei⸗ men Luſt, und ſtundenlang konnte er auf ſeinem Hü⸗ nengrabe ſitzen, oder im Haidekraut auf den Bergen liegen, um den Zug der vielgeſtalteten Wolken zu verfolgen, wenn ſie der Wind über das Meer jagte, oder das Rauſchen der Blätter zu belauſchen, wenn ſie 15* ein kühlender Luftzug im Sommer ihre wonnevollen Märchen erzählen ließ. In ſolchen unſchuldigen Genuß vertieft, faſt ver⸗ loren, ſchweiften ſeine Gedanken weit über Land und Meer, von dem er ſo wenig geſehen und wonach er ſich doch ſeit ſeiner Jugend ſo heimlich geſehnt— und warum ſchauten ſeine Augen wohl je länger, je häufiger nach den ſpielenden Wolken hinauf? Ahnete er vielleicht, was ihn über kurz oder lang bedrohte, ſchlummerte in ihm das dunkle Gefühl, daß er ſie bald nicht mehr ſehen würde? Wir wiſſen es nicht, er ſprach ſich nie darüber aus, und nur an dem Tage, bis zu welchem wir jetzt in unſrer Erzählung gekom⸗ men ſind, geſtand er ſich ſelbſt zum erſten Male ein, daß ein ernſter Tag an ſeinem Lebenshorizonte her⸗ aufdämmere, viel ernſter als irgend einer von denen, die ihm bis jetzt geleuchtet und mit Dank für ſo viel genoſſenes Gute gegen den Schöpfer der Welten er⸗ füllt hatten. Als der Nachmittag des Tages gekommen war, an welchem ſeine Gäſte auf der Lenz eintrafen, hatte er keine rechte Ruhe mehr im Hauſe. Schon längſt war Alles darin zu ihrem Empfange geordnet, und um ſie recht bequem und in ſeiner nächſten Nähe un⸗ terzubringen, hatte er ſogar von den oberen Giebel⸗ 229 zimmern, die eigentlich für Gäſte beſtimmt waren, für diesmal Abſtand genommen und die beſten Ge⸗ mächer auf dem unbewohnten Flügel ſeines Hauſes eingeräumt, in denen ſonſt nur ſeine Freunde von der Oehe und Grünthal zu wohnen pflegten. Nachdem er nun noch die letzten Anordnungen getroffen, ver⸗ ließ er den Hof, und im Geiſte bedenkend, was er den fremden jungen Männern zeigen und wie er ſie unterhalten wolle, ſchritt er über die Felder, beſchaute den reichen Segen, den ſein Land dieſes Jahr wieder verhieß, und erſtieg freudig bewegt, aber langſam die Anhöhe, die zu dem Hünengrabe, ſeiner Warte, führte, wie er die Bank auf dem Berggipfel zu nennen pflegte. Endlich war er oben angekommen, und eine Weile ſtehen bleibend, um zu Athem zu gelangen, ſchaute er ſehnſüchtig den Weg nach dem Lanken'ſchen Gehölz hinab, ob er vielleicht heute die längſt Erwarteten an⸗ kommen ſähe. Aber ſtill und unbetreten lagen die Felder, die Wege, nur ein leiſer Wind bewegte die langen Halme der Aecker, die in wenigen Wochen ihr grünes Kleid mit einem gelben vertauſchen ſollten. Lange ſtand er ſtill und warf einen befriedigten Blick auf ſein Beſitzthum und dann zunächſt auf die blauſchimmernde See, die ſich unabſehbar vor ihm ausdehnte und heute, wie faſt immer, unruhig wogte 230 und an den Geſtaden nagte, die ſie vielleicht noch einmal zertrümmern wird. Aber betrachten auch wir etwas genauer den Platz, auf dem er hier ſtand, und die ſchöne Ausſicht, die ſich ſeinen Blicken bot und noch heute dem Wanderer bietet. Das Hünengrab auf dem Lenzberge iſt, wie geſagt, das am höchſten gelegene in dieſer Gegend. Es beherrſcht weitum das ganze Land und nur zur Linken beſchränken die grünen Wipfel der Stubnitz die herrliche Ausſicht. Das Grab ſelbſt, kegelförmig ab⸗ geſtumpft, zeigt auf ſeiner höchſten Spitze eine breite Plattform, die mit jungen Eichen und Buchen um⸗ kränzt iſt, deren Wachsthum aber der ewig wehende Wind ſichtbar zurückhält. Die Seitenflächen des kegel⸗ artigen Hügels ſind mit dichtem Buchengeſtrüpp und wilden Roſen und Brombeeren bewachſen und mit großen Felsblöcken umſtellt, durch die ſich ein ſchmaler Pfad emporſchlängelt, bis er oben vor einer Bank endet, auf welcher der Wanderer ſitzend bequem nach allen Seiten ſchauen kann. Prachtvoll und unabſeh⸗ bar dehnt ſich gegen Oſten hin das Meer aus und namentlich kurz vor Sonnenuntergang und beim Oſt⸗ wind, wie heute, wo weiße Schaumwogen raſch über einander ſtürzen, deren ſilberne Kämme die ſchräg⸗ fallenden Sonnenſtrahlen mit einem goldenen Schimmer 231 verbrämen, bietet es einen wahrhaft wundervollen An⸗ blick dar. Einem guten Auge erkennbar taucht in Südoſten die ſteile Wandung der Greifswalder⸗Oie aus den blauen Wogen auf und weiter rechts ſtürzt das düſtere Peerdvorgebirge ſchroff in die See ab. Von dieſem aus ziehen ſich die Mönchguter Berge und die waldigen Anhöhen der Granitz nach Süden hin, aus deren höchſten Wipfeln das fürſtliche Jagd⸗ ſchloß kühn aufſtrebt und, freundlich winkend, die Gäſte aus der Ferne einzuladen ſcheint, ſeine gewaltigen Zin⸗ nen zu erſteigen. Im Vordergrunde, wenn wir in derſelben Richtung das Land wie vorher, das Meer be⸗ trachten, dehnt ſich, von üppigen Weizenfeldern umgeben, das Lanken'ſche Gehölz mit ſeinen Schluchten und Ab⸗ gründen aus; über Aecker, Berge und Wieſen fort überblickt man im Weſten einen bedeutenden Theil des Rügen'ſchen Landes, den großen und kleinen Bod⸗ den, die Inſel Pulitz wit ihrem friedlichen Gehöfte, und ganz im Weſten ragen Thurmſpitze, Mühlen und Bäume von Sagard über unzählige kegelförmige Hünengräber hervor, während weiter zurück die Kirche von Bergen ſtolz auf ihrer Höhe thront und noch weiter weſtlich das langgeſtreckte Hiddens⸗öe ſeinen ge⸗ wölbten hohen Felsrücken zeigt. Gerade hier ſank in dieſem Augenblick die Sonne hinter blaugrauem Ge⸗ 23²2 wöͤlk nieder und umſäumte es mit einem goldenen Streifen, einen Anblick darbietend, der unſern Maler, wenn er ihn geſehen, entzückt haben würde. Ringsum war Alles ſtill; die Vögel in den Bäu⸗ men ſchwiegen, kein Laut drang aus Nähe und Ferne berüber und nur in den Wipfeln der Stubnitz rauſchte der Wind mit ſeiner gewaltigen und doch immer har⸗ moniſchen Muſik.“ 8 „Es iſt ſchön, überaus ſchön, auch heute,“ ſagte der einſame Gutsherr der Lenz auf ſeinem hohen Poſten,„aber es iſt windig. Strecken wir uns nie⸗ der zwiſchen das Gebüſch— ſo, hier ruht es ſich ſanft und man iſt von der ſcharfen Luftſtrömung geſchützt.“ Und wie einem inneren Triebe gehorchend, holte er aus ſeiner Taſche ſeine Flöte hervor, ſetzte ſie zu⸗ ſammen und verſuchte ihr ein paar leichte Triller zu entlocken, die ihre ſchwache Stimme ungemein melan⸗ choliſch mit dem lauteren Rauſchen der Blätter und dem ferneren Brauſen der Wellen vermiſchten. Plötzlich ließ der einſame Muſicus die Flöte vom Munde ſinken und legte ſie ſtill und nur leiſe ſeuf⸗ zend neben ſich nieder. Er hatte wieder den grau⸗ ſamen Schmerz in der Bruſt empfunden, der ihn jetzt öfter und öfter heimſuchte, und ihn ſchon kennend, ſagte er nach einer Weile zu ſich: 10 002 6 „Er mahnt mich ſchon wieder— es geht nie mehr, Carling. O wie gut iſt es, daß die Freund 2 nicht wiſſen, was mich quält, ſie würden beſorgt ſein, und das, das ſollen ſie nicht. Und warum auch? Freilich werden ſie mich vermiſſen, wenn ich nicht mehr unter ihnen bin, aber iſt es denn ſo ſchmerzlich, in ſtiller Erde zu ruhen und vielleicht— o ganz gewiß — Gott näher zu ſein? Nein, nein, nein, das iſt es nicht. Und namentlich hier, wo man mich einſt be⸗ graben ſoll, auf dieſer Höhe, ruht es ſich gewiß recht ſanft. Sie werden es thun, ich weiß es, da ich ihnen meinen Wunſch noch klar genug ausſprechen werde. Alſo auch ich werde ſanft ruhen, ach ja! Hier unter dieſem Raſen trifft mich Sonnen⸗ und Mondſchein aus erſter Hand, Gottes Winde umrauſchen mich bei Tag und Nacht und ſein blauer Himmel lächelt mich mild und freundlich an wie jetzt. Habt alſo Geduld, ihr Steine; ich weiß nicht, wer unter euch ſchläft, aber ein Mann war es gewiß, der ſein Vaterland liebte, und ich liebe es auch— wir werden uns alſo in unſrer Ruhe vertragen und gegenſeitig nicht ſtören. Doch was iſt das— es wird dunkler— ah! die Sonne geht auch zur Ruhe— das wollen wir einmal mit anſehen und ein Beiſpiel daran nehmen, wie lieblich und göttlich ſchön es iſt.“. 234 Er ſtand auf, ſteckte ſeine Flöte ſeufzend wieder i die Taſche und nahm ſeinen Platz auf der Bank ein, das Geſicht gegen Weſten kehrend und darum den Wagen nicht ſehend, der mit den drei jungen Leuten eben aus dem Lanken'ſchen Gehölze hervor, am Fuße des Berges entlang und bald darauf in das Gehöft fuhr. Wohl eine Stunde hatte Carl Melms auf der Stelle geſeſſen und ſeinen Gedanken freien Spielraum gelaſſen. Sein kräftiger Geiſt hatte ſich mannhaft emporgerungen aus den wehmüthigen Gefühlen, die ihn eine Weile beſchlichen. Heiter blickte wieder ſein Auge in die weite Ferne, die immer noch in mildem roſigen Schimmer glühte, als er plötzlich hinter ſich jugendliche Stimmen vernahm, die ungemein friſch klangen und ihn wie auf einen Schlag mitten in die Freuden und Genüſſe, die Hoffnungen und Wünſche munteren Lebens zurückverſetzten. Haſtig ſprang er von der Bank auf und wendete ſich nach dem Wege hin, der auf das Hünengrab führte, und da ſah er, was er ſogleich erwartet, die drei jungen Männer, die lebhaft, aber darum auch keuchend, die Höhe er⸗ klommen und ihn mit fröhlichem Zuruf ſchon von Weitem begrüßten. Und bald waren ſie ihm nahe, raſch hinter einander fielen ſeine Hände in die ihrigen —— 23⁵ und herzlich und wohlgemeint war der Druck, der von beiden Seiten damit verbunden ward. „Da ſind wir!“ ſagte der Maler, ſich den Schweiß von der klaren Stirn wiſchend,„da ſind wir; Sie wollten es einmal ſo haben und nun mögen Sie uns ertragen lernen!“ „O, meine Herren, wie erfreuen Sie mich!“ ſagte da mit ſeinem mildeſten Lächeln der Gutsherr der Lenz,„ich habe Sie ſchon ſo lange erwartet! Sehen Sie ſich um hier und beantworten Sie ſich dann ſelber die Frage, ob man auf ſolchem Erden⸗ punkte ſeine Freunde gern um ſich verſammelt ſieht oder nicht? Ich heiße Sie tauſendmal willkommen— aha! es wirkt ſchon, wie ich ſehe— ja, ſchauen Sie nur zuerſt, zum Plaudern haben wir ſpäter noch Zeit genug vor uns.“ Die drei Künſtler hatten ſich umgewandt und ließen ihre Blicke mit ſteigender Bewunderung über das jetzt dumpfer grollende Meer, das weite grüne Land und die Fernen ſchweifen, die ſich allmälig hinter einem nebelgleichen Schleier verbargen, der hier faſt jeden Abend aus den Tiefen der See auftaucht. Der Ma⸗ ler war vor Allen entzückt und auch Guſtav Steinau empfand ein wonneſchauerndes Behagen, als er den Reichthum und die Fülle von Schönheiten vor ſeinen Augen ſich abrollen ſah. Faſt wehmüthig geſtimmt vor Ueberraſchung ſenkte dagegen Willibald Stillfried ſeine ſtillen Augen vor ſich nieder und bemerkte dabei nicht, wie Carl Melms' Arm ſeine Schulter umſchlun⸗ gen hielt und bald mit ihm die Ferne, bald allein für ſich die feinen Geſichtslinien ſeines Lieblingsgaſtes durchforſchte. Ueberlaſſen wir die vier Männer auf dem Gipfel des Lenzberges ſich ſelbſt, in bewunderndes Anſchauen des dargebotenen Naturbildes verſunken und ihre voll⸗ kommene Befriedigung auf verſchiedene Weiſe darüber ausſprechend, bis das Tagesgeſtirn mit dem letzten roſigen Schimmer im Weſten ganz verſchwunden war und nun auf der Seeſeite Himmel und Meer in ein gleichartiges blaugraues Nebelgebild verſchwammen. Nun erſt ſteigen wir mit ihnen nach dem Gehöfte hin⸗ ab, auf welches die abendliche Ruhe und das damit verbundene friedliche Schweigen ſich ebenfalls nieder⸗ geſenkt hatte. Hier angelangt, hieß der beglückte Wirth ſeine Gäſte noch einmal willkommen, aber ſchon ſtand Frau Elſche an ſeiner Seite, zupfte ihn am Aermel und flüſterte ihm zu, daß die Abendtafel ge⸗ ordnet ſei und die Anweſenden erwarte. „Sollen wir ſchon wieder eſſen?“ fragten ſich die —— — 237 verwunderten Augen der Freunde. Aber als ſie erſt ſahen, welche neuen Heldenthaten man ihnen darin zumuthete, erſparten ſie ſich die unnöthige Mühe, dar⸗ über zu ſprechen und nahmen das ſo freudig Gebotene nur als eine Darlegung der Pflicht und Schuldigkeit eines gaſtfreien Rügianiſchen Landmanns an. Es wäre für den ſtillen Beobachter ein intereſſan⸗ tes Bild geweſen, die vier Männer an dem ſo reich beſetzten Tiſche ſitzen, an dem einen Ende Frau Elſche davor ſtehen, die Gänge des Mahles ordnen und die flinken derben Mägde flüchtig hin und her eilen, dar⸗ bieten und wegtragen zu ſehen, was die Küche im Ueberfluß hereingeſendet. Froh erſchienen ſie Alle, die hier bei einander ſaßen, aber am glücklichſten war ohne Zweifel der Wirth, das ſah man an den ſtrah⸗ lenden Blicken ſeiner dunkelblauen Augen, mit denen er abwechſelnd bald auf dem einen, bald auf dem an⸗ dern Antlitz ſeiner Gäſte weilte, als wolle er ihre Gedanken und Wünſche erforſchen und dann ſich be⸗ mühen, dieſelben möglichſt ſchnell zu gewähren, wobei man ihm aber doch anmerkte, daß er ſelbſt einen ge⸗ heimen Wunſch in der Seele trage. Während des Eſſens fragte er die jungen Leute nach den Ereigniſſen ihrer bisherigen Reiſe und alle Drei leiſteten ihm darin Genüge, indem ſie Alles be⸗ 238 richteten, was ihnen begegnet war und was ſie Schönes und Neues kennen gelernt hatten. Als nun aber Meſſer und Gabel ruhten, Frau Elſche ſchon mit einem Packet feiner Cigarren auf einem großen verfilberten Teller herbeikam und dieſen ſo eben auf den Tiſch ſtellen wollte, wagte der Wirth ſich mit ſeiner ſtillen Neigung hervor und erkundigte ſich ſehr lebhaft, ob auch die Inſtrumente mitgekommen wären und die Querfahrten auf den ſchlechten Wegen gut überſtanden hätten?. Während ihm nun Guſtav Steinau die Ver⸗ ſicherung gab, daß in dieſem Punkte Alles in Ord⸗ nung ſei, richtete Willibald ſein ſanftes Auge fragend auf den Maler, und als dieſer ihn ſogleich verſtand und bejahend nickte, ſagte er laut zu ſeinem Wirthe: „Sollen wir Ihnen vielleicht ein kleines Trio zum Beſten geben?“ Carl Melms ſprang wie von einer Feder empor⸗ geſchnellt von ſeinem Sitze auf. Das war es ja, was er ſo lebhaft gewünſcht und nur nicht auszuſprechen gewagt, da er glaubte, die Künſtler ſeien von der Reiſe zu ermüdet und wünſchten bald zur Ruhe zu gehen. Nun aber hatten ſie ihm ja ſelbſt ihren gu⸗ ten Willen kundgethan und er zögerte keinen Augen⸗ blick, den erſehnten köſtlichen Genuß in's Leben treten 239 zu laſſen. Sofort gab er Befehl, die Tafel abzuräͤu⸗ men, und als dies geſchehen, noch mehr Lichter zu bringen und die Inſtrumentenkaſten herbeizuſchaffen, und als nun die Geigen und das Cello geſtimmt und die bequemſten Plätze für die Spielenden ausgewählt waren, ſetzte er ſich ſelbſt in gehöriger Entfernung von den Muſikern auf ein Sopha, doch nicht eher als bis er die Erlaubniß ertheilt, die Thür nach dem Flure zu öffnen, damit das Geſinde ſich daſelbſt ver⸗ ſammeln und ebenfalls an dem Ohrenſchmauſe Theil nehmen könne. Vor einem ſolchen Publicum, das ſich bald durch leiſes Geſumme vor der geöffneten Pforte bemerkbar machte, hatten unſre Künſtler noch nie ihre Fertigkeit gezeigt, aber ſie ſpielten immer ſo gut ſie konnten, und diesmal, da ſie ihren vor Glück und Wonne ſtrah⸗ lenden Wirth vor ſich ſitzen ſahen, ſpielten ſie vielleicht beſſer denn je. Der ganze Vorgang, der ſich nun entwickelte, bot ein eigenthümliches und ſchwer zu ſchilderndes Bild, denn wer kann die Gefühle beſchreiben, die ſich auf den Geſichtern der Zuhörer einer herrlichen Muſik nur zu deutlich kundthun und, wie namentlich hier, eben ſo Entzücken wie Staunen und Verwunderung ver⸗ rathen? In der That, dieſe zahlreiche Verſammlung 240 zu ſkizziren, auf der ein unbeſchreiblich gemüthliches, faſt patriarchaliſches Gepräge lag, indem der Herr mit ſeinem ganzen Geſinde derſelben beiwohnte und mit ihm in einem Genuſſe ſchwelgte, wäre weit eher ein paſſender Gegenſtand für den Pinſel unſres Freundes Markholm als für unſre ſchwache Feder geweſen. Lautlos, mächtig ergriffen, jeder Note mit ange⸗ ſpannten Nerven folgend, die in dieſer Beziehung ſo fein organiſirt waren, ſaß der Wirth in ſeiner Lieb⸗ lingsſtellung, wenn er hörte, das heißt den Kopf weit vorgeneigt und die Hände auf die ausgebreiteten Kniee ſtützend. Dabei flog ſein funkelndes Auge von einem Spieler zum andern und auf allen haftete es mit Wohl⸗ gefallen, bis es zuletzt immer wieder an den ſtill be⸗ geiſterten Mienen Willibald's hängen blieb, der ſtets bleich wurde, wenn er mit flüchtigem Bogen den Sai⸗ ten ſo herrliche Töne entlockte. Tief in eine Ecke hinter dem gelben Kachelofen gedrückt, ſaß auf einen Polſterſtuhle die alte Frau Elſche. Ihr verſchrumpftes und dabei ſo überaus gutmüthiges Geſicht drückte ein unbeſtimmtes Gefühl zwiſchen Staunen und Andacht ſchwebend, aus. Den Kopf der Muſik entgegengeneigt haltend, hatte ſie ihre Hände auf der ſchneeweißen Schürze im Schooße ge⸗ 241 faltet, und von Zeit zu Zeit, wenn ein nervöſes Zucken ihre morſchen Glieder erſchütterte, nickte die weiße Haube auf ihrem ſchneeigen Scheitel, wie wenn ein leiſer Windſtrom dieſelbe in Bewegung ſetzte. Am Schluſſe jedes Satzes aber fuhr ſie wie aus tiefen Träumen empor und blickte mit offenem Munde ihren Herrn an, als ob ſie nicht recht begreifen könne, wie ihr geſchehe und als ob ſie über das Glück deſſelben ſtaune, ſo wunderſame Gäſte in ſein einſames Haus gelockt zu haben. Draußen vor der Flurthür aber und noch weiter draußen vor dem weit geöffneten Hofthor, welches die benachbarten Käthner belagert hielten, konnte man ein nicht minder ergriffenes und in ſeiner Art eben ſo dankbares Publicum wahrnehmen. Ein halbes Dutzend Mägde drängte ſich vor Allen voran und neigte mit klopfenden Buſen die glühenden Wangen den Tönen der großen und kleinen Geigen entgegen; die Knechte hinter ihnen aber ſtanden mit glotzenden Augen und offenen Mäulern ſtill und manierlich, wie man ſie ſel⸗ ten ſah, in einer Art Verdutztheit, hier und da in den Pauſen einen freundlichen Rippenſtoß austheilend, um die auf's Höchſte geſchraubte Aufmerkſamkeit der Anweſenden wo möglich noch höher zu ſchrauben. Um neun Uhr, im Sommer wie im Winter, Die Inſulaner. 1. 16 242 pflegte ſonſt der größte Theil des Hausgeſindes auf der Lenz zur wohlverdienten Ruhe zu gehen, heute aber hielt Alles wacker Stand bis beinahe um Mit⸗ ternacht, wo endlich der Wirth aufſtand, faſt erſchrocken nach der Uhr ſah und dann ſeinen Gäſten voll war⸗ mer Dankbarkeit die Hände ſchüttelte. 4 Erſt jetzt ſtoben die Zuhörer draußen wie aufge⸗ ſcheuchte Rehe davon und mancher von ihnen mochte noch im Traume die ſeltſam köſtlichen Töne vor den Ohren ſummen hören, die er ſo eben in ſolcher Voll⸗ kommenheit zum erſten Mal in ſeinem Leben ver⸗ nommen.— Carl Melms aber ließ es ſich nicht nehmen, ſeine Gäſte ſelber in ihre Zimmer zu führen und dabei nachzuſehen, ob auch von den Mägden alles Vorge⸗ ſchriebene zu ihrer Bequemlichkeit beſorgt ſei. Als er Alles fand, wie er es wünſchte und wie man es in der Bedienung Fremder auf der Lenz gewohnt war— ſogar die Pantoffeln mit dem koloſſalen Stiefelknecht fehlten nicht vor jedem einzelnen Bett— dankte er den Künſtlern noch einmal für die Freude, welche ſie ihm bereitet, und wünſchte ihnen eine Nacht, ſo ſüß und friedlich, wie man ſie nur in der Heimat, unter den Augen und der Fürſorge liebender Eltern ver⸗ träumen kann. Unſre drei Freunde aber ſuchten mit gleicher Be⸗ friedigung ihre bequemen Lagerſtätten, und als ſie erſt die thurmhohen Betten glücklich erklettert, aus deren jedem man drei bei uns hätte füllen können, fielen ſie bald in einen ſo erquickenden Schlaf, wie ſie ihn auf ihrer diesjährigen Reiſe noch nicht denajen hatten. In ähnlicher Weiſe nun wurde jeder Abend auf der Lenz beſchloſſen, und um ſo ſüßer ruhten die Fremden daſelbſt, je mehr ſie den Tag über gewandert und gefahren waren, wobei wir ſie freilich nicht begleiten 7: 2. 4* können, da wir noch einen weiten Weg zurückzulegen haben, bis wir an die Hauptpunkte unſrer Erzählung gelangt ſind. Siebentes Bapitel. Grünthal und ſeine Bewohner. Schon volle acht Tage lebten die drei Künſtler auf der Lenz, aber die Zeit war ihnen wie im Fluge ver⸗ gangen. Vom Morgen bis zum Abend in der ſchönen Natur zu ſchwelgen, nach allen Richtungen hin Ausflüge zu unternehmen, bald auf der See im beflügelten Boote, bald zu Lande mit ſchnellen Pferden zu fahren, dann wieder Berge zu erklettern, durch Buſch und Feld zu ſtreifen, von hohen Klippen und aus duftigem Wald⸗ ſchatten herab die nach Nord und Süd ziehenden Schiffe zu betrachten und endlich am Abend im traulichen Hauſe, an der reich beſetzten Tafel des gaſtfreien Wir⸗ thes im gemüthlichſten Freundeskreiſe zu ſitzen, zu muſiciren, zu erzählen, zu hören— wahrlich, dies Leben war ſo ſchön, ſo neu, ſo reich an unbekannten Genüſſen 245 und gab ſo viel Stoff zu längerem Nachdenken und künftigen Arbeiten, daß unſere Freunde noch lange, lange hier hätten wohnen können, ohne an eine bal⸗ dige Trennung zu denken, wäre ihnen nicht bewußt geweſen, daß ſie noch anderen wackeren Männern ihren Beſuch auf das Beſtimmteſte zugeſagt hatten. Vor Allen hätte ſie Carl Melms am liebſten ganz bei ſich behalten und er empfand jedesmal einen Stich im Herzen, wenn einer der liebgewonnenen Gäſte irgend ein Wort ſprach, welches an eine bald bevorſtehende Trennung erinnerte. Nie war ihm das Leben auf der Lenz ſo angenehm vorgekommen, nie war er ſelbſt ſo glücklich in und außer dem Hauſe geweſen wie jetzt, wo er wußte, daß ihn nach verrichteter Arbeit oder nach nothwendigem Aufenthalt im Freien ein neuer Genuß— für ihn der edelſte auf der Welt— im Stübchen erwartete. Allein, wie er ſeinen Freund Brunſt kannte, von dem er wußte, daß er an einem einmal gefaßten Plane unverrückt feſthielt und daß ihm ein gegebenes Verſprechen unter allen Umſtänden für heilig galt, ſo ſah er ihn ſchon in Gedanken eines ſchönen Tages auf dem Wege von Crampas daher⸗ 3 kommen und mit irgend einer ſcherzhaften Rede ſich ſeine Gäſte fordern, ſie in den Wagen packen und mit ihnen auf und davon fahren. 246 Dieſe Vorausſetzung nun beſtätigte ſich allerdings nicht; Alfred Brunſt war gerade in den letzten Tagen mehr denn je an den Schreibtiſch gefeſſelt geweſen und verſchiedene Geſchäfte hatten ſeine Anweſenheit in Grünthal erfordert; jedoch ſtatt ſeiner eigenen langen Perſon erſchien ein reitender Bote mit einem Briefe, den Carl Melms mit Herzklopfen empfing, weil er ſeinen Inhalt nur zu genau zu errathen glaubte, bevor er ihn noch geöffnet hatte. Allein im Anfange des Schreibens war nur von geſchäftlichen Dingen die Rede und der Gutsherr von Grünthal fragte den ge⸗ diegenen Landwirth von der Lenz um Rath, wie er denſelben auch ſonſt bei vorliegender Veranlaſſung ein⸗ zuholen pflegte. Erſt am Ende fand ſich die gefürch⸗ tete Bemerkung vor und ſie lautete ganz einfach fol⸗ gendermaßen: „Sind denn die Künſtler noch nicht bei Dir an⸗ gekommen, daß ich auch nicht ein Wort von ihrer An⸗ weſenheit erfahren habe? Oder biſt Du ſo ſelbſtſüchtig geworden, daß Du ſie über die Gebühr lange und nur für Dich allein behalten willſt? Acht Tage gönne ich ſie Dir, aber länger auch nicht eine Stunde. Der alte Herr und ich, wir haben ebenfalls Anſpruch auf ſte, uns wird die Stille und Oede um uns her oft eben ſo überdrüſſig wie Dir; und ſo bitte ich Dich, 247 die Herren an ihr Verſprechen zu erinnern, wenn ſie daſſelbe vielleicht vergeſſen haben ſollten.“ Es war am Nachmittage, als der Grünthaler Bote auf der Lenz anlangte und die drei Freunde waren mit einem Fiſcher aus Crampas auf den Fiſchfang ausgefahren. Als ſie aber gegen Abend mit reicher Beute und überaus fröhlich zurückkehrten, fanden ſie ihren Wirth nicht ſo heiter geſtimmt wie früher und auf ihre Frage, ob etwas Unangenehmes vorgefallen ſei, ſagte er: „Ja, für mich gewiß etwas recht Unangenehmes und es betrifft noch dazu Sie.“ „Wie, uns?“ fragte Guſtav Steinau,„wir haben Ihnen doch keine Urſache zur Unzufriedenheit gegeben?“ Carl Melms lächelte auf ſeine gewöhnliche ſanfte Weiſe.„Wie man es anſehen will“, ſagte er,„aber nehmen Sie es nicht ſo ernſt, zumal was Sie ſelbſt dabei betrifft. Sie kommen gewiß noch am beſten dabei weg und nur ich werde den Kürzeren ziehen. Doch— mit einem Wort— es betrifft Ihren Auf⸗ enthalt bei mir. Sie wiſſen, wie gern ich Sie noch länger, viel länger bei mir behalten hätte, aber ich darf Sie meinen Freunden nicht entziehen, die Ihr Wort haben, daß Sie auch bei ihnen einkehren wollen. Halten Sie alſo das Gaſtrecht von meiner Seite nicht 248 für verletzt, wenn ich Ihnen das ſage, aber meine beiden alten Freunde haben hierbei ein Wort mitzu⸗ ſprechen; und was ihnen gebührt, darf ich nicht in Anſpruch nehmen.“ „Es handelt ſich alſo um unſere Weiterreiſe?“ ſagte der Maler mit einiger Wehmuth, da es ihm auf der Lenz ſo gut gefiel. „Ja, darum handelt es ſich. Alfred Brunſt hat geſchrieben und Sie zur Stunde verlangt. Ich bitte Sie nur noch einen Tag zuzulegen, dann aber mögen Sie gehen— mit Gott, da es ſo ſein ſoll. Indeſſen fragt es ſich, ob Sie alle mich verlaſſen wollen, oder ob Herr Stillfried, wie es früher verabredet war, ſich bewogen findet, mir noch länger ſeine Gegenwart zu ſchenken. Im letzteren Fall würde ich doch einiger⸗ maßen entſchädigt ſein. Natürlich“, fuhr er mit einiger Verlegenheit fort, da Willibald aus Beſcheidenheit ſchwieg,„will und darf ich Sie nicht bitten, bei mir zu bleiben, ich will in keiner Weiſe auf Ihre Entſchlüſſe einwirken, Ihre Neigung allein ſoll und muß in dieſem Punkte entſcheiden.“ „Mein lieber Herr Melms“, erwiderte mit innerer Genugthuung der ſanfte Willibald,„wenn die Neigung allein hier entſcheiden ſoll, ſo hat ſie es bereits gethan. Hätte ich auch kein Verſprechen gegeben, längere Zeit bei Ihnen zu bleiben, und fragten Sie mich jetzt zum 4 zerſten Mal, ob ich hier bleiben wolle, ſo würde es mir lieb ſein, wenn dieſes Wort im Ernſt geſprochen wäre, denn es gefällt mir bei Ihnen ſo wohl, ich bin hier ſo überaus glücklich und zufrieden, daß ich mich nicht erinnern könnte, jemals zufriedener und glück⸗ licher geweſen zu ſein.“ Aus den blauen Augen des ehrlichen Landmanns ſchoß ein faſt blendender Freudenſtrahl, ſeine Hand ſtreckte ſich nach der des Muſieus und ſeine Lippe ſprach Worte der innigſten Befriedigung aus.„Nun denn,“ ſagte er herzlich,„wenn Sie es ſo meinen, ſo verſtehen wir uns; und damit Sie nicht ganz und auf lange Zeit vor Ihren Freunden getrennt zu ſein glau⸗ ben, will ich Ihnen das Verſprechen geben, daß wir recht bald und recht oft ſie in Grünthal beſuchen wollen, ja ſelbſt die Oehe ſoll mir nicht zu weit ſein, wenn Sie einmal Verlangen nach Herrn Stern⸗ berg haben.“. Bald darauf fertigte er den Boten nach Grünthal mit der Abſtattung ſeines Rathes und der ſchließlichen Meldung ab, daß zwei von den fremden Herren am zweitfolgenden Tage in Grünthal eintreffen würden. Den ganzen folgenden Tag aber trennte er ſich nicht mehr von den jungen Leuten und einen guten 250 Theil deſſelben brachte er mit ihnen auf dem Hünen⸗ grabe zu, wo ſie ihm wiederholt das Verſprechen ge⸗ ben mußten, ihn im nächſten Jahre, ſobald es ihre Zeit erlaube, abermals und dann noch viel länger zu beſuchen, ein Verſprechen, das eben ſo freudig gege⸗ ben wurde, wie es aus edelſtem Herzen verlangt wor⸗ den war. Nur kurz vor der letzten Abendmahlzeit war es den drei Freunden noch vergönnt, eine Viertelſtunde allein zu ſein, und dieſe Zeit benutzten ſie, um unter ſich Verabredungen zu treffen, für den Fall, daß hier oder dort unvorhergeſehene Dinge vorfallen ſollten. Es konnte zum Beiſpiel ja leicht möglich ſein, daß Einer oder der Andere von ihnen ſich nicht auf län⸗ gere Zeit an einem und demſelben Orte geſiele oder nach den anderen Freunden Verlangen trüge— mochte nun Dies oder etwas Anderes geſchehen, ſo beſchloſſen ſie, einander zu ſchreiben und ſich ihre Wünſche mit⸗ zutheilen, keiner aber ſollte, laut ihrer erſten Ueber⸗ einkunft, gebunden ſein, ſich von ſeinem Wirthe zu trennen, falls er den Aufenthalt bei ihm zu verlän⸗ gern den Wunſch hegte. Als ſie auch hierin wie in allen übrigen Dingen einig geworden, begaben ſie ſich in den Speiſeſaal und noch einmal blieben ſie bis nach Mitternacht bei⸗ h 2 Nunnmen, um ihrem Wirthe und ſeinem Aanzen Haus⸗ ſtande ihr erzlich gemeintes Abſchiedsconcert zu geben. Am nächſten Morgen aber ſchlug für alle Bewoh⸗ ner der Lenz eine ernſte, für Manche von ihnen ſo⸗ gar eine bittere Stunde, denn Keiner ſah die beiden Gäſte, den heiteren Maler und ſeinen ernſteren Freund, gern vom Hauſe und Hofe ſcheiden. Nach⸗ dem man mit bedrückten Mienen das Frühſtück ein⸗ genommen, trat Carl Melms an die Scheidenden her⸗ „drückte ihnen herzlich die Hand und dankte ihnen mit warmen Worten für die Freude, die ſie ihm und ſeinem beſcheidenen Hauſe bereitet hätten. Er wollte noch mehr ſagen, aber er vermochte es nicht. Sein Auge war wie von einem trüben Schleier der Weh⸗. muth verhüllt und die bebende Lippe bemühte ſich vergeblich, Worte zu finden, die geeignet waren, die Gefühle ſeines Innern vollſtändig auszudrücken. Der edle Mann war merkwürdig bewegt, trotzdem er wußte, daß er die Freunde jeden Tag wiederſehen konnte. Allein ſo geht es uns oft beim Scheiden und es iſt vielleicht mehr das ſüß wehmüthige Bewußtſein, eine köſtliche Zeit verlebt zu haben, die vielleicht nie wie⸗ derkehrt, was dann in uns wogt und gährt, als das Bedauern, uns von Menſchen zu trennen, die wir lieb ggeewonnen haben. 1 6 252 Als der Wagen vorgefahren war und die Koffer der Reiſenden aufgeladen wurden, verſammelte ſich die ganze Bewohnerſchaft des Hofes, ja ſelbſt die benach⸗ barten Käthner kamen herbei, um den Abreiſenden die Hand zu drücken, ſo tief hatte die Anweſenheit der⸗ ſelben ihre Gemüther berührt. Männer und Weiber, Knechte und Mägde umgaben den Wagen und Frau Elſche war nicht die Einzige, die ſich mit ihrer Schürze die alten Augen trocknete. 7 Noch einmal drückten ſich die jungen Freunde die Hand, noch einmal umfaßte die Scheidenden der Wirth mit feucht glänzendem Auge— dann ſtiegen ſie ein und die muthigen Pferde ſtoben davon, die beiden Männer ihrem nächſten Ziele zuführend. Aber hinter ihnen, mitten auf dem Wege, der über Crampas nach Norden führt, ſtanden die Zurückbleibenden ſo lange, als ſie den Wagen und dann noch den Staub, den ſeine Räder aufwühlten, wahrnehmen konnten, erſt als auch dieſer in die friſche Morgenluft verflogen war, faßte Carl Melms ſeinen zurückgebliebenen Gaſt unter den Arm und führte ihn ſchweigend und tief bewegt in das viel einſamer gewordene Haus zurück. Wohl eine Viertelſtunde lang ſaßen unſre beiden Freunde ſchweigend auf ihrem Wagen, nichts oder 14 253 nur ſehr wenig von der äußeren Umgebung, dem ſchönen Buchenwalde, ſehend, durch den zunächſt der Weg nach Grünthal führte; innerlich waren ſie da⸗ gegen um ſo eifriger beſchäftigt, denn ſie durchliefen noch einmal im Geiſte die letzten acht Tage und dach⸗ ten über die einfachen und vortrefflichen Menſchen nach, denen ſie in kurzer Zeit ſo nahe getreten waren. Endlich aber, als ſich dicht vor dem Stranddorfe Saß⸗ nitz der Weg zur Linken abzweigte und ihr Fuhrwerk im tiefen Sande langſamer dahin rollte, ſtieß Hein⸗ rich Markholm, als erwache er aus tiefſtem Schlum⸗ mer, einen Seufzer aus und ſagte, indem er ſich zu ſeinem Nachbar wandte: „Nun, mein Junge, das wäre alſo wieder einmal genoſſen und ein hübſches Stück Erfahrung und Men⸗ ſchenkenntniß hat ſich da aus ſehr einfachen That⸗ ſachen entwickelt. Welche herrlichen Tage waren das in dem einſamen Gehöft und welcher Mann iſt dieſer Melms, der rings um ſich her den wärmſten Sonnen⸗ ſchein milder Menſchenfreundlichkeit verbreitet! Welche Sanftmuth und welche Biederkeit, welcher Mangel an Selbſtſucht und welche Fülle an Aufopferung und Gefällig⸗ keit für Andere birgt dieſer Menſch in ſich! O, ich wun⸗ dere mich nicht mehr, daß ihn ſeine beiden alten Freunde ſo lieben, ich habe ihn auch außerordentlich lieb gewonnen.“ 254 „Ich auch, Heinrich, aber Du vergiſſeſt an dieſem Manne zu rühmen, was bei aller Gemüthsweiche doch aus jeder ſeiner Handlungen in's Auge ſpringt— eben eine kraftvolle Männlichkeit, eine weiſe, zeitgemäße Thätigkeit, ein ungemeines Talent, einen großen Haus⸗ ſtand mit dem Scepter der Milde zu regieren. Welche Ordnung überall, welche Regſamkeit und welcher Ge⸗ horſam, welche Sparſamkeit im Einzelnen und welcher Ueberfluß im Ganzen!— Es war angenehm, gewiß! Schade, daß es vorbei iſt, und wer weiß, ob das, was wir vor uns haben, dem entſpricht, was wir hinter uns ließen!“ „Freilich wohl,“ entgegnete Heinrich Markholm, „die Umgebung iſt ſo maleriſch wie das Haus wohn⸗ lich und gemüthlich, und es hat mir Alles ſo wohl ge⸗ fallen, daß ich eben ſo ſicher mein Verſprechen halten werde, einmal wieder dahin zurückzukehren, wie ich es gern gegeben habe.“ „Warte ab, was kommt— nie muß man über ſein Thun und Laſſen in künftiger Zeit vorherbeſtim⸗ men. Wer weiß, wo wir über ein Jahr ſind!“ „O, ſtill, mein Lieber, nur jetzt keine ernſte Mah⸗ nung an künftige Möglichkeiten, wo uns der Augen⸗ blick zum freudigſten Genuſſe einladet. Mir iſt jetzt ſo leicht und froh zu Muthe, wie nie vorher. Nun 13 25⁵ aber wollen wir einmal über unſre Lage nachdenken. Aus Dreien ſind wir nur Zwei geworden—“ „Ja, aber Willibald iſt prächtig aufgehoben. Der alte Melms hat eine wahrhaft zärtliche Neigung für ihn gefaßt. Haſt Du wohl die herzlichen Blicke be⸗ achtet, die er jederzeit auf ihn warf?“ 8 „Gewiß. Er wird ihn über die Maaßen pflegen und ihn uns am Ende verhätſcheln. Na, das thut nichts, etwas Fett kann er gebrauchen und ich wollte mich freuen, wenn wir ihn mit rothen Backen wie⸗ der ſähen. Aber das Eſſen und Trinken iſt nicht ſein Hauptgenuß.“ N „Wahrlich nicht. An Anreizung zur Muſik wird es aber auch nicht fehlen.“ Nein. Und wenn er Mittags nur vor die Thür tritt, hört er die Nachtigallen ſchlagen und kann mit ihnen und den ſchmetternden Lerchen ein neues Trio beginnen, da das alte nun doch zerriſſen iſt.“ „Hoffentlich nicht auf zu lange Zeit; wir werden bald genug wieder vereinigt ſein.“ „Meinſt Du? Es ſcheint mir nicht ſo. Der alte Brunſt wird uns auch wenigſtens auf eine Woche mit Beſchlag belegen, dann gehſt Du nach der Oehe und wer weiß, wie lange Du da hängen bleibſt.“ Guſtav Steinau fuhr beinahe erſchrocken empor, 256 als rieſele eine kalte Empfindung durch ſein Herz. Der Maler bemerkte es und fragte:„Nun, was haſt Du, friert Dich?“ „O nein, ich denke nur über die ſeltſame Be⸗ gegnung mit dieſen drei Männern nach, die unſern ganzensReiſeplan ſo eigenthümlich geſtaltet und da⸗ durch tief in unſer ſtilles Leben eingegriffen(haben.“ „Gewiß, wir verdanken ihnen ſchon manchen Ge⸗ nuß und es ſtehen uns vielleicht noch beſſere bevor. Es geht doch eigenthümlich in der Welt her. Mit manchen Menſchen kann man Jahre lang zuſammen ſein, ohne das geringſte Zutrauen zu ihnen zu faſſen; kalt und fremd geht man neben ihnen her und fühlt ſich ſogar oft von ihnen unheimlich abgeſtoßen. Da⸗ gegen giebt es Menſchen, die man vom erſten Anblick an lieb gewinnt, denen man mit dem Herzen nahe tritt und gleichſam beim erſten Blick fühlt, daß ſie für uns geſchaffen ſind. Sollte man da nicht bei⸗ nahe an einen geheimnißvollen inneren Zuſammen⸗ hang, an eine geiſtige Seelengemeinſchaft und ſchließ⸗ lich an eine göttliche Verwandtſchaft denken?“ „Glaubſt Du?“ fragte Guſtav faſt heftig und ſah ſeinen Freund mit ſchwimmenden Augen an. „Ja, das glaube ich, ich wenigſtens laſſe es mir nicht ausreden und ich denke, es giebt keinen Menſchen, — — der die Vermeſſenheit beſäße, darüber beſſer unterrichtet ſein zu wollen als ich— als mein Herz, meine ich. Was da unten in der Tiefe des blauen Meeres liegt, mein Freund, iſt geheimnißvoll, doch kann man es nöthigenfalls ergründen, aber was dort oben hinter dem blauen Wolkendom wogt und webt, das iſt ein Räthſel und kein Menſch, der auf Erden lebt, kann es löſen.“— In ähnlicher Weiſe unterhielten ſich die Freunde faſt eine Stunde lang, zum Erſtaunen des Kutſchers, der einmal über das Andere das gefurchte Geſicht von ſeinem Sitze nach ihnen umwandte. Zwar waren es deutſche Worte, die er da hörte, aber das Verſtändniß derſelben lag ſo hoch über ſein Begriffsvermögen hin⸗ aus, daß er die Unterredung nicht weniger verſtanden hätte, wäre ſie auch in chineſiſcher Sprache geführt worden. „Wir müſſen nicht weit von Stubbenkammer ſein, Hans Jürgen“, ſagte der Maler endlich zu dem Mann, um ihn auch ein wenig an der Unterhaltung Theil nehmen zu laſſen. „O nein, Herr! Stubbenkammer bleibt weit rechts liegen. Dies iſt der große Fahrweg durch die Stubnitz dahin, allerdings, aber ſehen Sie, jetzt— jetzt wenden wir uns links ab und in dieſer Richtung geht es fort, bis wir die See wieder haben.“ Die Inſulaner. I. 17 „Wie weit iſt es wohl noch?“ „Noch eine gute Stunde, denke ich.“— Auch dieſe gute Stunde rauſchte den Freunden in gemüthlichem Wechſelgeſpräch vorüber und oft that ſich ein ſchöner Blick in die benachbarte Waldung auf, aus der ihnen die eigenthümliche Vegetation des Wald⸗ grundes: ungeheure Farrnkräuter, auf ihren ſchlanken Stengeln ſich anmuthig wiegend, wahre Moosberge, mächtige Granitblöcke überziehend, epheuumrankte Buchen und darunter ein Teppich, mit tauſend verſchiedenen Blumen beſtickt und mit funkelnden Erdbeeren wie überſäet, auf das Lieblichſte und Mannigfaltigſte ent⸗ gegenleuchtete. Plötzlich wehte durch eine geräumige Lichtung eine etwas ſcharfe Luftſtrömung den Reiſenden entgegen und gleich darauf hielt der Kutſcher die Pferde an. „Nun, was giebt's, Hans Jürgen?“ „Sehen Sie dahin. Spüren Sie die See, Herr? Ueber die bläſt heute ein ordentlicher Oſtwind hin und die Tromper Wiek wird etwas in Aufruhr ſein, es iſt ein wildes und gefährliches Waſſer. Aber das wollt' ich eigentlich nicht ſagen. Ich halte nur, um Ihnen zu zeigen, wo wir ſind. Dieſe Lichtung, die über eine Meile lang iſt, bildet die Gränze der königlichen Forſt. Bis hierher geht die Stubnitz 259 — und hier fängt ſchon der Wald von Grün⸗ thal an.“ „O! Alſo wir ſind ſchon auf Herrn Brunſt's Gebiet?“ „Gleich, Herr— und nun vorwärts, meine Jungen!“ Dieſer Anruf galt den Pferden, aber er erregte auch den Antheil der Menſchen. So waren ſie denn ſchon in Grünthal! Noch ein halbes Stündchen fuhren ſie bergauf und bergab durch eine allerdings jüngere Waldung mit viel ſparſamerem Baumwuchs, als die alte Stubnitz ſie aufzuweiſen hat, aber ſchön, grün und friſch war es doch überall. Nachdem ſie nun etwa zehn Minuten lang durch den Wald gefahren waren, öffnete er ſich plötzlich und über ein lebhaft ſchwankendes Weizenfeld, das noch weit von ſeiner Reife entfernt war, ſchnaubte ihnen der Oſtwind entgegen, der von Schweden und Norwegen her, an Arcona vorbei, mit eilfertigem Ungeſtüm über das felſige Eiland fuhr. Kaum aber hatten ſie noch weitere zehn Minuten zurückgelegt, ſo endigte auch das Weizenfeld und ein ſchöner üppiger Wieſengrund begann, an deſſen äußerſtem Rande der Hof von Grünthal auftauchte. Moͤgen ſie nun auch im raſcheſten Trabe dem gaſt⸗ lichen Gute zueilen, wir wollen ihnen dennoch zuvor⸗ kommen und uns Grünthal und ſeine Bewohner aus der nächſten Nähe betrachten. 17 ⸗ 260 Das Gut liegt auf einem ausgedehnten, hügelreichen Plateau, etwa 150 Fuß über dem Spiegel der See, und der große Hof in einer muldenartigen Vertiefung deſſelben, die ſich ſchluchtförmig nach dem Strande hinabzieht, wohin man mittelſt bequemer in den ſtei⸗ nigen Boden eingearbeiteter und mit Hohzlatten be⸗ feſtigter Stufen gelangt. Fruchtbare Aecker, Wieſen⸗ ſtriche und Wald umgeben das Gehöft von allen Seiten, mit Ausnahme der Seeſeite, wo der Garten liegt, über deſſen zierliche Raſenflächen man auf das Meer her⸗ nieder und darüber weit hinausſchaut. Vor ſich hat man die bald düſtere, bald ſtahlblau gefärbte oder mit weißem Schaum bedeckte Tromper Wiek, je nachdem ein dunkler oder blauer Himmel ſie überwölbt oder der Nordoſt ſie aufwühlend durchfurcht und die Waſſer⸗ wogen mit donnerndem Gebrauſe gegen die unten liegenden Granitblöcke ſchleudert. Jenſeit der drei Meilen betragenden Waſſerfläche tauchen die ſteilen kahlen Ufer von Wittow auf, auf deſſen äußerſter Oſtſpitze der gedrungene Leuchtthurm von Arcona ſeine feſten Mauern erhebt und mit blitzendem Auge weit hin über die unabſehbaren Waſſerflächen ſchaut. Bei ſehr günſtiger Beleuchtung erkennt man wohl mit bloßem Auge einzelne Häuſer am jenſeitigen Strande, Herings⸗ fiſcherwohnungen des Dorfes Vitte, deſſen ſechsſeitiges 261 Bethaus in beſcheidenſter Einſamkeit hoch oben aus ſeiner Schlucht gottvertrauend zum Himmel empor und zu den erbarmungsloſen Fluthen niederblickt. Zur Linken erreicht das Auge, übern das kleine Fiſcherdorf Lohme und ſein boot⸗ und ſteinreiches Ufer hinwegblickend, die Schabe, jenen ſchmalen Sanddünen⸗ gürtel, der Rügen mit Wittow verbindet; zur Rechten aber dringt es in ungemeſſene Weiten, bis die Sehkraft an dem bald dunklen, bald ſilberweißen Streifen er⸗ lahmt, in welchem am fernſten Horizonte die Wolken des Himmels mit den ſchimmernden Wogen ihre Ver⸗ mählung zu feiern ſcheinen. Grünthal iſt ein großes Gut, viel größer als manches Rittergut auf Rügen, ohne die Ehre dieſes Namens zu beanſpruchen, und ſein Ertrag an Korn, Wieſenwachs und Holz ein überaus reicher. Auch ſein Viehſtand läßt nichts zu wünſchen übrig, denn wenige Landſitze auf Rügen mögen ſo herrliche Kühe, gelenke Pferde und feinwollige Schaafe aufzuweiſen haben. Seit fünfzig Jahren ſchon gehört es der Familie Brunſt erb⸗ und eigenthümlich zu, deren einzelne Mitglieder, im Laufe der Jahre auf einander folgend, es an allen Enden und Ecken verbeſſert und verſchönert haben. Der große Hof iſt an der Weſt⸗ und Nordſeite von einem ungeheuren Obſt⸗ und Blumengarten um⸗ 262 ſchloſſen, der mehr zur Zierde des Ganzen als um Frucht zu gewinnen angelegt iſt, da das Klima, der unabläſſige Wind und die kurzen Sommer dem Reifen derſelben nicht eben günſtig ſind. Wenn man auf dem Wege, den unſre Reiſenden verfolgten, alſo von Süden herkommt, ſtößt man am Ausgang des Gehölzes auf eine lange Pappelallee, die durch ihre etwas zwerghafte Größe und ihre gebeugte Stellung ebenfalls die Gewalt des hartnäckigen Nordoſtwindes verrathen. Dieſe Allee fuͤhrt unmittelbar auf den Hof, deſſen großes und breites Herrenhaus mit ſeiner Hauptfront kühn auf die See blickt, aber ſo ziemlich neun Monate im Jahre ſeine wohlgefügten acht Doppelfenſter ver⸗ ſchloſſen hält. Gewaltige Scheunen, auf jeder Seite je zwei in paralleler Richtung der See zulaufend, bilden die Seitenflügel des Gehöfts und um dieſe herum gruppiren ſich drei bis vier Käthnerhäuschen, in denen die Dienſtleute des Gutes wohnen. Auf dem Hofe angelangt, der ungemein ſauber gehalten iſt, empfängt den Ankommenden ein endloſes Hundegebell, aber alle Hunde, von rieſiger Größe und Kraft, liegen an ſtarken Ketten vor ihren Hütten, in ohnmächtiger Wuth dem Fremden die Zähne weiſend. Nur ein kleiner langhaariger Dachshund, Bergmann mit Namen, des Herrn verzogener Liebling, in der 263 Regel von einem Haufen ſchnatternder Enten und gackernder Truthühner umgeben, hat das Recht, frei umherzulaufen und Jedermann in die Beine zu beißen; nur vor Herrn von der Oehe's gewichtigen Tritten hat er Reſpect und allein Carl Melms' ſanfte Stimme be⸗ ruhigt ihn ſehr bald. Das Herrenhaus nun, weiß von Farbe, wie ſo viele ſeines Gleichen auf Rügen, und mit rothen Ziegeln gedeckt, bietet einen ziemlich modernen und faſtſtädtiſchen Anblick dar; ſchon von Außen her vermuthet man ſehr richtig, daß ſein Inneres wohnlich eingerichtet und den reichen Mitteln des Beſitzers gemäß behaglich ausge⸗ ſtattet iſt. Blumen jederlei Art, in zierlichen Porzellan⸗ töpfen, ſchmücken alle Fenſter, und Gardinen von ſchwerem Stoff und meiſt dunkler Farbe hängen in reichen Falten davor herab. Der Größe des Gutes entſprechend iſt das Geſinde dhr zahlreich, das ſeiner Herrſchaft überaus ergeben iſt, da es ſich einer ſeltenen guten Behandlung und Nah⸗ rung erfreut. 5 der Spitze des ganzen Haushaltes ſtehen zwei alte Damen, von denen die eine des Haus⸗ herrn weitläufige Verwandte, die andere ein ehrwürdiges Familienerbſtück iſt, die ſchon unter dem Vater des jetzigen Beſitzers die erſte Wirthſchafterin war und ihr Reich ſtets mit Nachdruck aber herzlicher Milde in beſter Ordnung hielt. Beide Damen, ſeit langen Jahren Wittwen, ſtehen in großem Anſehen auf Grün⸗ thal, und obgleich die Erſte nur die Oberaufſeherin des Geflügels und der gefüllten Milchkammern, die Zweite aber die eigentliche Oberwirthſchafterin iſt, ſo dürfen ſie ſich doch ſchon erlauben, ein Wort zur Zeit mit in die Waage zu legen, auch wenn ſie nicht aus⸗ drücklich dazu aufgefordert ſind. Frau von Buchholz, die Verwandte des Herrn, dürfte ſich in dieſer Eigen⸗ ſchaft zumeiſt auszeichnen; Frau Albrecht aber verliert nie ihre Stellung aus den Augen und beyegt ſich mit einer Beſcheidenheit in dem ihr zugewieſenen Kreiſe, die ſie zum Liebling wie zum unentbehrlichen Bedürfniß aller Einheimiſchen und Fremden gemacht hat. Vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend thätig, ſieht man beide Frauen, durch deren Hand das ganze Räderwerk des großen Hausweſens geht, niemals müßig, und ſelten geſchieht etwas Neues oder wird nur ein Wort im Hauſe oder Hofe geſprochen, von dem ſie nicht ſogleich Kunde erhielten. Fügen wir noch hinzu, daß beide Damen Abends nach vollbrachtem Tagewerke gern ein Spielchen machen, Mariage und Hahnrei aber allen übrigen vorziehen, ſo wie, daß ſie ſtark und gern möglichſt gut eſſen und demzufolge eine ſtattliche Rundung in ihren körperlichen 2 65 Verhältniſſen erlangt haben, ſo glauben wir ſie dem Leſer kenntlich genug gezeichnet zu haben. Die an Anſehen dieſen Damen zunächſtſtehende Perſon iſt der Inſpector des Gutes, ebenfalls ein armer, ziemlich bejahrter Verwandter des Hausherrn. Obgleich er nur ſpricht, wenn er gefragt wird, ſich um nichts bekümmert als was ihm ſpeciell untergeben iſt, ſo hat das Geſinde doch außerordentlichen Reſpect vor ihm, und ein zorniges Wort aus ſeinem Munde, dem unabläſſig ein dicker Tabacksrauch entquillt, wirkt ſtets wie ein Gewitter, das die Luft reinigt, aber ängſt⸗ liche Gemüther in Schrecken verſetzt. Noch einer Perſon wollen wir Erwähnung thun und damit der Wißbegierde der Leſer genug gethan zu haben glauben. Es iſt Jochen, der ſiebzigjährige Oberkutſcher, der Aufſeher der Pferde und Ställe. Wer auf Grünthal fahren oder reiten will, muß mit ihm im beſten Vernehmen ſtehen, ſonſt ſind die Pferde krank oder auf Arbeit. Er ſelbſt fährt nur allein den 8 Gutsherrn und ſitzt dann wie ein König auf ſeinem hohen Bock; auch rühmt er ſich, jenen nur einmal umgeworfen zu haben und zwar an einem Tage, als ſie von einer Geburtstagsfeier des Herrn von der Oehe zurückkamen und der Weinkeller des alten Herrn eine ſeltſame Wirkung auf das Gehirn des greiſen 266 Pferdebändigers ausgeübt hatte. Wer ihn aber an dieſen Tag erinnert, iſt ſein Feind ein für alle Mal, und ſelbſt wenn der Gutsherr von Grünthal in ſei⸗ ner ſcherzhaften Weiſe darauf anſpielt, kommen dem alten Burſchen Thränen der Wehmuth und Reue in die Augen. Gleich ihm ſind die meiſten Dienſtleute auf dem Gute ſehr alt, aber wunderbar rüſtig, denn auf Grün⸗ thal wird kein Knecht wegen Altersſchwäche entlaſſen, nur der Tod kann ſie davon trennen, da grobe Ver⸗ gehen ſeit Menſchen Gedenken daſelbſt nicht vorge⸗ kommen ſind. Werfen wir jetzt einen Blick auf den Herrn ſelber, er bietet uns Stoff genug dar, uns an ſeinem Wir⸗ ken und Schaffen, wie an ſeinem Weſen und Charak⸗ ter Gefallen finden zu laſſen. Seein Großvater und Vater waren Lundwirthe e ge⸗ weſen und erſterer hatte Grünthal zuerſt als ſchwe⸗ diſche Krondomaine gepachtet und dann gekauft. Alfred war der jüngſte von zwei Söhnen, und da der Aelteſte Landwirth ward und dem Vater im Beſitz des Gutes folgen ſollte, ſo konnte der Jüngſte ſeiner Jugendnei⸗ gung nachgehen und ſich der Handlung widmen. Mit einem ungemein ſcharfen Verſtande begabt, ein vortreff⸗ licher Rechner, mit Speculationsgeiſt und einem Aeußern 267 ausgerüſtek, das wohlthuend auf alle Menſchen wirkte,“ mit denen er in Berührung kam, ward es ihm bei den vom Vater im Voraus bewilligten Mitteln leicht, raſche Erfolge zu erzielen, und ſo leitete er ſchon in jungen Jahren ein großes Geſchäft in einer der be⸗ . deutendſten Handelsſtädte des nördlichen Deutſchlands. Aber gerade der reiche Gewinnſt bei im Ganzen ſo geringer Mühe machte ihm den Kaufmannsſtand ver⸗ haßt und er hatte ſchon ſein Augenmerk auf den An⸗ kauf eines großen Gutes gerichtet, als ſein Bruder und kurze Zeit darauf auch ſein Vater ſtarb und er nun Beider einziger Erbe ward. Natürlich vertauſchte er ſogleich die Handlung mit der Landwirthſchaft und zog hoffnungsvollen Sinnes nach dem einſamen Jasmund hinaus, das er immer aus innerſter Seele geliebt hatte. Allein er fand ſehr bald heraus, daß man auch zum gedeihlichen Betrieb der Landwirthſchaft eines Studiums und namentlich der Erfahrung bedürfe, was ſo wenige Menſchen glau⸗ ben wollen und zuletzt oft zu eigenem Schaden kennen lernen; und wie er Alles mit Eifer ergriff, was er für nothwendig erkannt, ſo fing er noch einmal an ein Schüler zu werden, nachdem er ſich einen Meiſter nach eigenem Herzen erwählt hatte. Carl Melms, ſchon lange ein gediegener Landwirth, nahm ſich ſei⸗ 268 ner liebevoll an, wohnte Monate lang auf Grünthal und wies ihm für die Zpiſchenzeit einen verläßlichen Inſpector zu. So wurde auch Alfred Brunſt allmälig ein tüchtiger Oeconom, Carl Melms aber blieb fort⸗ an ſein Vorbild, den er noch jetzt oft um Rath fragte, da er ſo viel Vertrauen hierin zu ihm beſaß, daß er ſtets ſeine eigene Einſicht dem beſſeren Wiſſen Jenes unterordnete. Wie der Freund auf der Lenz nun, ſo hatte auch er auf Grünthal höchſt günſtige Jahre; da aber ſein Gut viel ertragreicher und ſein Beſitz überhaupt außer⸗ dem ein anſehnlicherer war, ſo wuchs ſein Vermögen raſch und nahm im Laufe von zwanzig Jahren einen ſehr bedeutenden Umfang an, ohne jedoch ihn ſelbſt dadurch glücklicher zu machen, denn Alfred Brunſt gehörte zu den ſeltenen Menſchen, die eben ſo wenig am Gelde hängen, wie ſie es auch nicht lieben, ohne Sorge und Mühe wohlhabend, reich und immer rei⸗ cher zu werden. Oft äußerte er ſich darüber gegen ſeine Freunde, und dieſe wußten es, daß dergleichen Aeußerungen auf keiner eitlen Prahlerei beruhten.„Ich will keine Sorge haben,“ ſagte er ihnen,„und das alljährlich anwachſende Geld macht mir Sorge, ich weiß nicht, wo ich es laſſen ſoll!“ Letzteres allerdings war nicht 269 ganz der Wahrheit gemäß, denn Alfred Brunſt wußte ſchon, wo er das Geld laſſen ſollte, dazu war er ein zu gutherziger und edler Mann, und auch wir werden noch hinreichend Gelegenheit haben, zu zeigen, wie er den eigenen Ueberfluß zum Wohle Anderer anzu⸗ wenden verſtand. Ueber ſeine Freundſchaft mit Carl Melms haben wir ſchon geſprochen, und den Grund der mit Gott⸗ lieb von der Oehe werden wir künftig aus deſſen eigenem Munde erfahren. Außer dieſen Beiden gab es noch eine große Menge Anderer, die ihn lieb⸗ ten, und eine noch größere Zahl, die ihm mit unge⸗ meiner Achtung ergeben waren; näher als jene Bei⸗ den aber war ihm nie im Leben Jemand getreten, und von Tage zu Tage wuchs dieſe auf Ueberzeugung vom gegenſeitigen Werth beruhende Freundſchaft. Wir müſſen nun noch einige Worte über die Ge⸗ ſchäfte ſagen, die er weniger für ſich als für Andere zu führen hatte. Da ſein einmal geregeltes Hausweſen ſeinen ruhigen ebenen Gang fortging und ſeine ſtar⸗ ken Schultern die Verwaltung des Gutes nur wie eine leichte Bürde trugen, ſo blieb ihm noch ſehr viel Zeit übrig, und dieſe zweckmäßig auszufüllen, beſchäf⸗ tigte ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Allein die Vor⸗ ſehung gab ihm genug zu thun, indem ſie ſein Au⸗ 270 genmerk auf andere und zwar ſtets ärmere Leute rich⸗ tete, die nicht ſo wie er ohne Sorge groß geworden waren und ohne Kummer ihr Leben friſteten. Sehr bald hatte er einige Nachbarn ausfindig gemacht, die ſeiner Hülfe zu bedürfen ſchienen, und augenblicklich war er zu helfen bereit. Er nahm ſich ihre Ange⸗ legenheiten zu Herzen und leitete dieſelben wie ſeine eigenen. Als das erſt bekannt wurde, fanden ſich mehr Bedürftige ein und zuletzt war er der Sachwal⸗ ter und Rathgeber einer großen Anzahl Menſchen ge⸗ worden, die ihn für die Sonne ihres Lebens zu hal⸗ ten geneigt ſchienen. Kein Tag verging, an dem nicht ein halbes Dutzend Beſuche eintrafen, die ihn mit Bitten beſtürmten, ihnen thätigen Beiſtand zu leiſten, und Alfred Brunſt konnte keine Thräne im Auge eines Andern, keinen Kummer in ſeinen Mie⸗ nen leſen, er rieth, gab, wo er nur rathen und ge⸗ ben konnte, und ſo war ſein Ruf in der ganzen Um⸗ gegend bald ein außergewöhnlicher geworden. Verwendete er nun ſchon auf dieſe Art einen großen Theil ſeines Vermögens auf eine ſehr würdige Weiſe, ſo gab er faſt noch mehr für ſeine ärmeren Verwandten hin. Wer nur im Entfernteſten mit ihm in ſolcher Beziehung ſtand, hatte gerechte Anſprüche auf ſeinen Säckel. Viele von ihnen nahm er in ſein 271 Haus, und eigneten ſie ſich nicht dazu, ſo unterſtützte Wher ſie auf andere Weiſe. Die Knaben ließ er erziehen, Schulen und Univerſitäten beſuchen oder ihre Talente und Anlagen nach ihrer Neigung ausbilden, Mädchen ließ er die Wirthſchaft erlernen, ſtattete ſie aus, und die alten gebrechlichen Leute verſorgte er entweder in Grünthal oder wo ſich ſonſt eine paſſende Gelegen⸗ heit bot. Für ſich ſelbſt dagegen bedurfte er ſehr wenig. Allerdings aß er ſehr gut und hatte ſtets ein offenes Haus für Freunde und Nachbarn, die oft vorſprachen und es ſich wohl bei ihm ſein ließen, aber er war weder Trinker noch Spieler, noch hatte er ſonſt für weltliche Freuden außer dem Hauſe Neigung. Für ddas heimatliche Wohlbehagen aber ſorgte er nach allen Richtungen, in ſeinen vier Pfählen war er glücklich und froh, im Umkreiſe ſeines Hofes, ſeine Freunde mit eingerechnet, glaubte er allein den Segen des Lebens finden zu können, und er fand ihn wirklich darin. Für den Luxus, überhaupt den äußeren Schein — denn das iſt ja Luxus— hatte er keinen Sinn; glänzende Kleider, Möbel gab es für ihn nicht; über die Bequemlichkeit aber ging ihm nur We⸗ niges in der Welt. Dem entſprach die Einrichtung ſeines Hofes, ſeiner Zimmer und was er ſonſt in und 272 außer denſelben gebrauchte. Gute Pferde mit ſtatt⸗ lichem Sielzeug hatte er im Ueberfluß, aber keinen einzigen Luxuswagen, das galt ihm für Spielerei, für Ueberfluß, für Tand. Sein Ackergeräth war vortreff⸗ lich, ſeine Scheunen konnten für Muſter gelten, und wenn er irgendwo im Haushalt eine Lücke, einen Mangel entdeckte, ruhte er nicht eher, als bis er ſie ausgefüllt, als bis ihm abgeholfen war. In ſeiner Jugend hatte er eine Liebhaberei ge⸗ habt. Er hatte für Malerei geſchwärmt und ſelbſt ſehr eifrig das Zeichnen und ſogar das Malen gelernt. Mit der Zeit aber, als die über Nacht emporgewachſenen Geſchäfte ſeine Tage in Anſpruch nahmen, hatte er die Liebhaberei der Nothwendigkeit geopfert, nur die Neigung dafür war geblieben, und die Utenſilien, die ihm einſt gedient, bewahrte er dankbar— wie er überhaupt gegen Alle und Alles war— als theure Reliquien in einem eichenen Schranke, ſogar in einem beſonderen Zimmer auf. Aus dieſem Grunde hatte er auch ſo bald eine gewiſſe Vorliebe für den Maler Markholm gewonnen, die denſelben ſogar, wie wir ſelbſt ſahen, in ſein Haus führte und längere Zeit daſelbſt zu feſſeln verſprach. Auch für die Vervollſtändigung ſeiner kleinen Hausbibliothek hatte er, namentlich in früheren Jahren, 273 eine gewiſſe Fürſorge gehegt. Aber ſie beſtand nur aus den vorzüglichſten Dichtern und Schriftſtel⸗ lern des Vaterlandes und außerdem bildeten namhafte Reiſewerke, geographiſche Handbücher nebſt Karten und 4 den beſten Geſchichtswerken die Baſis derſelben. Ueber⸗ haupt hielt er es nur mit Büchern, die den menſch⸗ lichen Geiſt unterweiſen und: das Herz bilden, ohne das Gemüth zu verweichlichen und die Geiſteskräfte abzuſpannen, indem ſie ſie in den ſanften Schlummer der Trägheit einlullen. Haben wir nun die Lichtſeiten ſeines Charakters beſprochen, ſo müſſen wir auch einen Blick auf die⸗ jenigen Eigenſchaften werfen, die ihn bisweilen etwas⸗ biſſig und minder erträglich erſcheinen ließen. Von ſeinem Humor haben wir ſchon einzelne Proben ge⸗ liefert und in der That dürfen wir denſelben kaum zu ſeinem Nachtheile anführen. Allein bisweilen ging ſeine neckiſche Laune ein wenig weit und wer ihm dann in den Weg kam, mußte feſt im Sattel ſitzen, um bei ſeinem unerwarteten Angriff nicht in den Sand geworfen zu werden. Aber ſeltſam genug kleidete ihm dieſe kleine Un⸗ art nicht übel, ja ſie erregte oft Vergnügen, indem ſie Veranlaſſung zur geiſtreichen Unterhaltung gab, wobei die Lacher ſtets auf ſeiner Seite waren. Uebri⸗ Die Inſulaner. 1. 3 18 274 gens ſtand ſeine ganze Erſcheinung, ſeine gutherzige Miene, ſein ſchelmiſcher Blick ganz im Einklang mit dieſer Art und Weiſe zu reden. Was ihm gerade in den Sinn kam, ſprach er dann aus und man nahm von ihm hin, was man einem Anderen nicht ſo leicht verziehen haben würde; auch klang, mit ſeinem gut⸗ müthigen Lächeln geſprochen, der herbſte Witz natür⸗ lich und verwundete dadurch weniger, namentlich wenn er in ſeinem Hauſe oder bei ſeinen Freunden ſich, wie gewöhnlich, der platten Landesſprache bediente, die für ſeinen Humor wie geſchaffen ſchien und die wir leider nicht nachzuahmen vermögen. Einer nicht gar häufigen Eigenthümlichkeit müſſen wir noch an dieſem Orte erwähnen, zumal ſie ihm in weiteren Kreiſen oft als hervorſtechende Sonder⸗ barkeit ausgelegt ward. Ohne gerade ein Weiber⸗ feind zu ſein, hatte er doch durchaus keine beſondere Zuneigung für das ſchöne Geſchlecht und hielt ſich ſogar möglichſt fern von ihm. In Darlegung dieſer in ſeinen Verhältniſſen ziemlich auffallenden Anti⸗ pathie, beobachtete er jedoch anders Denkenden gegen⸗ über einen feinen Tact. Mochten ſie das ſchöne Ge⸗ ſchlecht verehren, es lieben, ſich verheirathen, ſo viel und mit wem ſie wollten, wenn er ihnen darin nur nicht nachzuahmen brauchte. Höchſtens lächelte er 275 ironiſch, wenn ſie ihm ihr Glück prieſen, und gönnte ihnen daſſelbe von Herzen. Wenn er aber von Jemanden hörte, daß er in der vielgeprieſenen Ehe nicht ſeine Rechnung gefunden, dann ſagte er ganz einfach:„Das iſt ſeine Schuld, hat er es doch nicht anders gewollt, nun mag er ſein Päckchen tragen!“ 8 Am wenigſten war er auch nur der Form nach, die überhaupt in keinem Dinge für ihn exiſtirte, ein ſogenannter galanter Mann und er vermochte es nie recht zu begreifen, wie ſein Freund Melms bei vor⸗ kommender Gelegenheit ſo gutmüthig ſein konnte, irgend einer Dame ein Tuch oder einen Schirm oder dergleichen nachzutragen, oder noch weniger, daß der alte Herr von der Oehe, dem nichts über einen ſolchen Ritterdienſt ging, darin ein wahres Labſal zu finden ſchien. Oft hatten ſie darüber hin⸗ und bergeſcherzt und auf das gewöhnliche Wort des alten Freundes: er verdanke dem edlen weiblichen Geſchlecht ſeine ganze Herzensbildung und er ſei ihm mit voller Seele ergeben, lachte er ſtets, indem er ſeine Verwunderung ausſprach, daß der alte Herr trotz der erhaltenen Be⸗ lehrung und ſeiner ritterlichen Ergebenheit es doch nie gewagt habe, den Entſchluß zu faſſen, ſein Ge⸗ ſchick mit dem eines ſolchen geprieſenen Engels, der 18 276 dem Manne das Leben vergolde, ſchon hier auf Erden zu verbinden. Da er außer den beiden erwähnten alten Da⸗ men nur ſelten eine Frau in ſeinem Hauſe auf Grünthal ſah, ſo mußten dieſe gar häufig offene oder verſteckte Angriffe aushalten. Er neckte ſie un⸗ aufhörlich und wenn er ſie einmal aus aller Faſſung gebracht und über die Maaßen geärgert hatte, lachte er herzlich darüber, worin ſie ſchließlich mit ein⸗ ſtimmten, was dem alten Herrn die größte Freude verurſachte.— Außer dieſem Mangel an ritterlicher Galanterie beklagten ſeine Freunde noch eine andre Eigenſchaft an ihm, die in der That bisweilen ſtörend in ihren herzinnigen Verkehr eingriff. Alfred Brunſt ward dann und wann von Launen heimgeſucht, wenigſtens bezeichnete man die einzelnen Anfälle auffallenden Benehmens mit dieſem Worte. Seine Heiterkeit nämlich, die er in der Regel im Kreiſe der Seinen blicken ließ, erlitt von Zeit zu Zeit einen plötzlichen und unvorgeſehenen Stoß. Mitten im Geſpräch, im Spiel, in irgend einem Unternehmen brach er dann plötzlich ab, verließ die Geſellſchaft und begab ſich gewöhnlich in ein abgelegenes Zimmer oder in den *8 Wald, auf's Feld, lief in die Kreuz und Quere 277 wie ein ſorgenvoller Mann umher und vermied es, mit irgend Jemanden in Berührung zu kommen. Indeſſen beurtheilte man dieſe Anfälle wohl etwas zu ſtrenge, wenn man ſie Launen nannte. In der Regel beſchäftigte ihn in ſolchen Fällen ſtets ein ern⸗ ſter Gedanke; die Ruhe, die er um ſich her ſah, er⸗ ſchreckte ihn, ſeine Sorgloſigkeit flößte ihm Angſt ein und er begann in dieſen Augenblicken meiſt irgend einen Plan auszudenken, der ihn in neue Thätigkeit und Arbeit verſetzte und zugleich auch zu neuen Wobhlthaten anreizte, die er Dieſem oder Je⸗ nem, den er vernachläſſigt zu haben glaubte, erwies. Es war ihm aber ſo gleichgültig, was man darüber dachte, daß er nie ſeine Vertheidigung übernahm, wenn man ihm bei Gelegenheit einen Vorwurf aus dieſem ſeltſamen Benehmen zu machen verſuchte. Hatte er nun ſeinen Koller, wie Herr von der Oehe dergleichen Anfälle nannte, ausgetobt, ſo beru⸗ higte ſich ſein Gemüth außerordentlich ſchnell, und ohne daß man es erwartete, kehrte er wieder heiter und vergnügt zu den Freunden zurück und ſetzte die Unterhaltung oder das unterbrochene Spiel mit der alten Munterkeit wie vorher fort. Wie er nun ſich ſelbſt dergleichen augenblickliche Launen geſtattete, wenn wir denn doch einmal dies rs Wort gebrauchen ſollen, ſo forderte er auch nie von Anderen, daß ſie weniger bevorzugt würden als er. Hatte er zum Beiſpiel Gäſte im Hauſe, ſo ließ er ſie gern ihre Wege gehen, ohne auf ihr Beginnen zu achten. Jeder konnte thun und laſſen, was er wollte, und niemals widerſprach er der Neigung deſſen, der eine ſolche nach irgend einer Richtung in Ausübung 1 brachte. Um mit der vorläufigen Charakteriſtik dieſes ſelt⸗ ſamen Mannes zu Ende zu kommen, müſſen wir ſchließ⸗ lich noch einer Eigenthümlichkeit in ſeinem Weſen Er⸗ wähnung thun. Und dieſe betrifft ſeinen Schlaf. Vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend thätig, konnte man es ihm nicht verdenken, wenn er gern Abends um zehn Uhr pünktlich zur Ruhe ging. Allein auch außer dieſer Nachtruhe hatte er bisweilen ſchon bei Tage Anwandlungen, ſich dem Schlafe zu überlaſſen, und dies fand ſtets nach großen inneren Gemüthsbe⸗ wegungen ſtatt, die er freilich Jedermann zu verber⸗ gen trachtete. Plötzlich, wo er nun ging oder ſtand, befiel ihn eine unbeſiegliche Müdigkeit, und wo er gerade war, ſei es im Hauſe oder auf dem Felde, im Walde, er ſtreckte ſich auf das erſte Sopha, den erſten beſten Heuhaufen oder in das duftende Haidekraut unter einem Baume aus, um dem Bedürfniß ſeines Körpers 279 ein Genüge zu thun, und feſt und ſanft war der Schlaf, der ihn in ſolchen Lagen augenblicklich zu überraſchen pflegte. Gewöhnlich genügte eine Stunde, ſeinen erſchöpften oder wenigſtens angegriffenen Lebensgeiſtern wieder die nöthige Spannkraft zu geben, in ſeltenen Fällen aber ſchlief er ununterbrochen einen halben Tag lang, vergaß Speiſe und Trank, Arbeit und Vergnügen, und keinen freundlichen Blick empfing Derjenige, wel⸗ cher ihn aus dieſem tiefen Schlummer weckte, weshalb es auch alle Seinigen wohlweislich vermieden, während er der gutherzige alte Herr und Freund war, wenn er, aus ſeinem Schlummer von ſelbſt erwachend, ſich die Augen rieb und dann ſogleich an die Arbeit ging, die er vorher unterbrochen hatte. Kehren wir jetzt zu unſern beiden Freunden zurück, die wir verließen, als ſie nach angenehmer Fahrt in den geräumigen Hof von Grünthal einlenkten. Auch ſie empfing ein endloſes Hundegebell und es koſtete den anweſenden Knechten nicht geringe Mühe, den vor⸗ lauten Bergmann von ihren Beinkleidern fernzuhalten, nachdem ſie vom Wagen geſtiegen waren. Kaum aber war das geſchehen, ſo erſchienen die beiden alten Da⸗ men vor der Thür, begrüßten die unbekannten Gäſte 280 wie alte Freunde und führten ſie knixend und lächelnd in das große Empfangszimmer des Hauſes, das in ſeiner behaglichen Geſtaltung ſtets den angenehmſten Eindruck auf jeden Beſucher hervorbringen mußte. Die beiden Damen, von ihrem Herrn unterrichtet, daß die Künſtler kämen, hatten große Toilette gemacht, wie man ſie auf Grünthal nur ſelten zu Geſicht bekam. Frau von Buchholz erſchien in einem erſt wenige Jahre alten ſchwarzen Taffetkleide, in einer Spitzenhaube mit violetten Bändern, und die ſtattliche Frau Albrecht zeigte ſich in einem geblümten Wollkleide mit einfacher Tüllmütze, die ohne bunten Behang mit kleinen Bän⸗ dern unter dem fetten Kinn feſtgebunden war. Beide aber bewieſen durch den Ausdruck ihrer glänzenden Geſichter, daß der Beſuch ihnen außerordentlich ange⸗ nehm war, und daß ſie ihn bereits mit Vergnügen erwartet hatten. Mit einiger Verwunderung hörten die Freunde, daß Herr Brunſt nicht anweſend ſei. Er war in Ge⸗ ſchäften zu einigen Nachbarn gefahren und konnte erſt am Abend zurückkommen. Indeſſen fanden ſie ſich ſehr bald darein, da die Damen ihnen die Verſicherung gaben, daß dergleichen nichts Ungewöhnliches ſei, und daß die Abweſenheit des Hausherrn ihnen keinen Abbruch thun ſolle. 281 Dies bewieſen ſie ihnen auch alsbald dadurch, daß ſie ſie in das Eßzimmer führten, wo eine ungeheure altväteriſche Tafel ſtand, reich mit Speiſen beſetzt, die ſo ſchmackhaft bereitet waren, daß die Gäſte ihnen alle Ehre erwieſen. 3 Aber es wäre ihnen auch ſchwer geworden, das Gegentheil zu thun, wenn ſie keinen Appetit mitge⸗ bracht hätten. Denn die alten Damen, vorzüglich die ſtille Wirthſchafterin, erwieſen ſich als Wirthinnen, die ihr Amt verſtanden und den beſten Willen hegten, ihren Gäſten gleich von Anfang an den Beweis zu liefern, daß Grünthal's Speiſekammern von guten Dingen überfüllt ſeien. Während Frau von Buchholz mit am Tiſche ſaß und gewiſſermaßen die Honneurs des Hauſes machte, hatte Frau Albrecht ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die Bequemlichkeit ihrer Gäſte ge⸗ richtet. Die beiden zureichenden Mägde in ſauberen blau und weißgeſtreiften Linnenkleidern— auf Grün⸗ thal ſelbſt gewebt— beherrſchend und mit einem ein⸗ fachen Winke bald hierhin, bald dorthin lenkend, legte ſie ſelbſt die Speiſen vor, und wo ein Glas, ein Teller, ein Meſſer nöthig zu ſein ſchien, hatte ſie es ſchon zur Hand, um damit im rechten Augenblick zur Stelle zu ſein. Ganz zuletzt trug man einen ungeheuren Pudding 282 auf, das Meiſterſtück der Grünthaler Küche und von Frau Albrecht eigenhändig eingerührt. Mit Wohlbe⸗ hagen ſahen die Damen die jungen Männer davon zulangen, und als der Maler verſicherte, daß die Speiſe vortrefflich ſchmecke, gaben jene durch das roſigſte Lächeln ihre Freude kund und ſagten: ſie müßten den Herren beweiſen, was ſie zu leiſten verſtän⸗ den, denn Herr Brunſt hätte ihnen bereits ange⸗ kündigt, daß die Fremden aus der Reſidenz ſehr ver⸗ wöhnt und überaus lecker wären. „Das haben wir aber weder eingeſtanden noch bewieſen!“ ſagte lächelnd der heitere Maler. „O, das glauben wir Ihnen ſehr gern,“ erwi⸗ derte mit dunkelrothem Geſicht Frau von Buchholz. „Herr Bruuſt hat nur damit geſcherzt, wie er denn ſehr oft zu ſcherzen pflegt. Doch daran müſſen Sie ſich gewöhnen, wie alle Welt bei uns daran gewöhnt iſt. Wenn unſer guter Herr, mein wackerer Vetter, Alles verantworten ſollte, was er in ſeiner Laune ſpricht und womit er uns ſchmält, ſo würde er noch viel mehr zu thun haben, als es für jetzt ſchon der Fall iſt.“ In dieſer Weiſe bewegte ſich die Unterhaltung bei dem zeitig eingenommenen Mittagsmahl, und als daſſelbe zu Ende war, wurden die Gäſte in einen hellen und freundlichen Saal geführt, aus dem man 283 durch eine Glasthür unmittelbar in den Garten ge⸗ langen konnte. Offenbar war dieſer Saal das Prachtzimmer des ganzen Hauſes und hierher hatte Alfred Brunſt ſeine Gemäldeſammlung verlegt, die Heinrich Markholm ſogleich mit Kenneraugen muſterte und darunter einige ſehr hübſche Landſchaften von älteren deutſchen Mei⸗ ſtern fand. Mit dem geheimen Vorſatz beſchäftigt, zwei Bilder von ſeiner eigeuen Hand den vorhandenen demnächſt hinzuzufügen, deren Motive er auf Rügen ſelbſt zu finden hoffte, folgte er dann dem Freunde in den zierlichen Garten, wo Frau Albrecht, überall vorhanden, wo man ſie gebrauchte oder nach irgend etwas Verlangen trug, ſchon den Kaffee in einer ſchattigen Lindenlaube aufgetragen hatte. Die ſpäteren Nachmittagsſtunden benutzten die jungen Männer zu einem Spaziergange nach dem Strande und einer genaueren Beſichtigung der näch⸗ ſten Umgebung des Gutes; als ſie aber gegen Abend in das Haus zurückkehrten, gewahrten ſie ſchon auf dem Hofe ein viel lebhafteres Treiben als zuvor. Eilfertig bewegten die Menſchen ſich hin und her, freudiger bellten die Hunde, und als ſie in das erſte Gemach treten wollten, vernahmen ſie ſchon von ferne den heiteren Klang der Stimme ihres Wirthes, der 284 eben gekommen war und nach Frau Albrecht rief, um ihr zu verkünden, daß er da ſei und Appetit mitge⸗ bracht babe, was ſo viel hieß, als daß ſofort die Abendtafel angerichtet werde. Da drehte er ſich um und erblickte ſeine Gäſte. Eilig ſchritt er auf ſie zu, ſchüttelte ihnen die Hände und begrüßte ſie wie alte Bekannte, deren Zuneigung man verſichert iſt und die man daher nicht beſonders zu bewillkommnen hat, da ſie immer willkommen ſind. „Nun,“ ſagte er,„da ſind Sie alſo auf Grünthal und den Kleinen haben Sie auf der Lenz gelaſſen! Gut ſo. Jetzt aber ſind Sie bei mir zu Hauſe und die Schuld ſoll nicht an mir liegen, wenn Sie das nicht bald fühlen werden. Wenn Sie aber Appetit haben wie ich, ſo folgen Sie mir, die Weibsleute ha⸗ ben da drinnen ſchon ihr Weſen laut genug getrieben — ſo kommen Sie denn!“ Hiernach ging er mit ſeinen gewöhnlichen ſchnellen Schritten den Gäſten voran in das Speiſezimmer, wo man die beiden alten Damen die Herren ſchon erwar⸗ tend fand.. „Guten Abend,“ ſagte der Hausherr, die Frauen begrüßend und ihnen die Fremden noch einmal vor⸗ ſtellend.„Da ſind ſie, von denen ich Euch bereits genug erzählt habe. Nun ſorgt dafür, daß ſie an — 285 nichts Mangel leiden und namentlich beläſtigt ſie nicht zu viel mit Euren langweiligen Familiengeſchichten. He? Was ſchneidet Ihr für ſeltſame Geſichter? Wenn das verliebte Augen ſein ſollen, die Ihr auf die ſchmucken Geſellen da richtet, ſo gebt Ihr Euch ver⸗ geblich Mühe. Daß Ihr ein paar alte und häßliche Schachteln ſeid, habe ich ihnen ſchon im Voraus ver⸗ kündigt. Zum Modell könnt Ihr ihnen alſo nicht mehr dienen, darum bildet Euch nicht ein, daß der Herr hier Euch malen wird, ſo ſchöne Kleider und Hauben Ihr ihnen zu Ehren heute angethan habt.“ Nach dieſen Worten nahm er mit ſchalkhafter Miene ſeinen Platz am Tiſche ein und langte ohne Zögern von den Speiſen zu, ohne ſich um die verlegenen Geſichter der Hausdamen und die lächelnden Mienen der Gäſte zu bekümmern. Als er dann aber das Auge erhob und Frau von Buchholz' glühend rothes Geſicht wahrnahm, die nur mit Mühe ihren inneren Groll verbarg, lachte er überlaut und bemerkte, zu den Gäſten ſich wendend, ſie möchten verzeihen, daß er Alles ausſpräche, was er dächte, dafür könnten ſie aber auch gewiß ſein, daß er nichts Böſes in ſich behielte.„Um das böſe Geſicht der Frau von Buch⸗ holz kümmern Sie ſich nicht,“ fuhr er dann ſcherzhaft fort,„ſie iſt eine Edelfrau, vom reinſten Waſſer— Blut, wollt' ich ſagen, und dieſe Damen haben das Vorrecht, blaß oder roth auszuſehen, zu ſchmollen oder zu lächeln— liebenswürdig, vornehm, verehrungs⸗ werth ſind und bleiben ſie immer!“ „Alfred!“ rief die Dame und ſahr ihren Vetter bittend an. „O, ſie iſt doch ein gutes Weib,“ fuhr er in dem⸗ ſelben Tone fort,„ich weiß es wohl, darum necke ich ſie auch gar zu gern und mache ſie böſe; aber das thue ich blos, um ihr ſtockendes Blut in Umlauf zu bringen und ihren Appetit zu reizen, denn nun wer⸗ den Sie ſie eſſen ſehen, während ſie ſonſt hungrig vom Tiſche aufgeſtanden wäre.“— Das war der Beginn der Unterhaltung bei Tiſche, die aber bald eine ernſtere Wendung nahm und auch behielt, namentlich als das Geſpräch auf die Lenz zu⸗ rückſprang, nach deſſen Beſitzer ſich Alfred Brunſt mit großer Herzlichkeit erkundigte. Man ſaß noch an der Speiſetafel, obgleich dieſelbe längſt abgetragen war, und trank nur noch ein Glas Wein, als die große Wanduhr im Zimmer die zehnte Stunde angab. Kaum hatte ſie ausgeſchlagen, ſo ſtand der Wirth vom Tiſche auf, machte ſeinen Gä⸗ ſten eine leichte Verbeugung und ſagte: „Da ſchlägt es zehn Uhr, nun gehe ich zu Bett, 287 das iſt meine Gewohnheit ſo. Wenn es Ihnen ge⸗ fällig iſt, führe ich Sie auf Ihre Zimmer, von mor⸗ gen an können Sie ſo lange hier bleiben wie Sie wollen.“ Da die Damen vom Hauſe ſich ſchon ſtillſchwei⸗ gend entfernt hatten, ſo folgten die Gäſte dieſer Auf⸗ forderung ohne Zögern und ihr Wirth führte ſie eine ſchmale Treppe empor nach einem Giebelzimmer, das für ſie eingerichtet war. Dort drüben ſchlafen die beiden alten Freunde,“ ſagte Herr Brunſt, auf, die entgegengeſetzte Seite des Hauſes deutend,„und die beiden jungen ſollen hier wohnen. Ich habe Sie bier untergebracht, da⸗ mit Sie am Morgen gleich die weite See vor ſich haben, da ich weiß, daß Sie dafür ſchwärmen. So, das iſt Ihr Schlafzimmer und hier daneben können Sie ſich aufhalten, ſo oft und ſo lange Sie wollen. Nichts ſoll Sie ſtören und mögen Sie leben, wie es Ihnen beliebt. Das iſt auch meine Gewohnheit ſo. Wenn Sie irgend ein Bedürfniß haben, ziehen Sie an dieſer Schelle. Frau Albrecht iſt angewieſen, jeden Ihrer Wünſche auf der Stelle befriedigen zu laſſen. Und nun ſchlafen Sie wohl!“ Er reichte Jedem die Hand und gleich darauf wa⸗ ren die Freunde allein. Beide blickten ſich neugierig um, denn ſie betraten jetzt zum erſten Mal die ihnen zugedachten Räume. Das Schlafgemach war ein großes obwohl niedriges Zimmer mit der Ausſicht auf die See nach Oſten hin. Betten und alle ſonſtigen Geräthe waren von ausgeſuchteſter Güte, aber von Luxus und Glanz war keine Spur zu finden, in Allem und Jedem war man einzig und allein auf Bequenlichkeit bedacht geweſen. Im daneben liegenden Zimmer dagegen fanden ſie alle jene nützlichen und angenehmen Gegenſtände vor, die ein gebildeter Menſch gern um ſich verſam⸗ melt ſieht. Zwei Schreibtiſche, mit Papier, Federn und Tinte verſehen, ſtanden an den geeigneten Stel⸗ len, in der Mitte der einen Wand ein Sopha und da⸗ vor ein Tiſch mit zwei bequemen Rollſeſſeln. Auf dem Tiſche lagen verſchiedene intereſſante Bücher, Reiſewerke, eine Karte von Rügen, alte und neue Beſchreibungen der Inſel und dergleichen mehr. Vor dem einen Fenſter aber ſtand eine alte Staffelei, die⸗ ſelbe, welche einſt dem Gutsherrn von Grünthal zu ſeinen jugendlichen Malerverſuchen gedient hatte, und daneben verſchiedene andere Geräthe, die ein Maler gebraucht, wenn er ſeine Kunſt üben will. „Das iſt hübſch hier,“ ſagte Heinrich Markholm, als er ſich entkleidete,„und Alles geht wie nach der 289 Uhr und wie von ſelbſt. Das ganze Haus iſt wie der Mann ſelber, einfach aber genießbar, und ich denke, ich werde mit ihm auskommen können.“ „Wunderbar, wie verſchieden die Menſchen ſind!“ bemerkte Guſtav Steinau.„Wenn ich dieſen Brunſt mit jenem Melms vergleiche, welch' ein Unterſchied; und doch welch' ein Behagen, von dem Einen zum Andern zu gehen. Das ſind in der That zwei Cha⸗ raktere, mein Lieber, die man ſtudiren muß, um ſie wahrhaft zu ſchätzen.“ „Gewiß— und nun ſchweig' einmal. Hörſt Du das Brauſen?“ „Ja. Es ſind die Bäume im Garten, deren Blätter der Wind bewegt.“ „Nein, es iſt die See, ſie ſingt uns in den Schlum⸗ mer. Es kommt mir vor, als lebte ich in einer neuen Welt, ſeitdem ich auf Rügen bin— iſt Dir nicht ähnlich zu Muthe?“ „Vollkommen!“ „Und was wirſt Du erſt auf der Oehe erleben!“ „Ich bin noch in Grünthal. Laß mich noch eine Weile hier, es behagt mir an dieſem Orte, und was die Oehe bringt, weiß bis jetzt— nur Gott allein!“ Der Maler gab keine Antwort mehr, ſeine kräf⸗ tige Natur war ſchon dem geſundeſten Schlafe ver⸗ Die Inſulaner. I. 19 290 fallen. Guſtav aber lag noch lange ſchlaflos auf ſei⸗ nem weichen Lager und je länger und deutlicher er das ferne Brauſen der Wellen und das Sauſen des Oſtwindes vernahm, um ſo mehr wühlten ſich die Wogen tiefgreifender Empfindung in ſeinem Herzen auf, von deren Sturmesgewalt der glückliche Maler keine Ahnung hatte. Endlich aber unterlag auch er dem allmäligen Andrang der Müdigkeit und gleich dem Freunde ſchlief er ruhig und traumlos bis zum anbrechenden Morgen, wo die Juliſonne hell in ihre Fenſter ſchien und verkündete, daß ein neuer Tag an⸗ gebrochen ſei. Ichtes Bapitel. Die Koſtgängerin im Kloſter zu Bergen. Es war kaum fünf Uhr vorüber, als eine kräftige Hand von Außen her an die Thür pochte und gleich darauf der Wirth in das Zimmer ſeiner Gäſte trat, die er noch unbeweglich in den Betten liegen fand. „Entſchuldigen Sie,“ ſagte er mit ſeinem ruhigen Lächeln,„daß ich ſelbſt zuerſt mein Wort breche und Sie ſtöre. Allein es iſt ein Zwiſchenfall eingetreten, den ich nicht vorausſehen konnte. Ich habe einen Boten erhalten, der mich zeitig nach Wittow zu einem Geſchäfte ruft, und da der Wind ſich gelegt und nach Weſten herumgegangen iſt, ſo will ich nach der Halb⸗ inſel ſegeln. Wollen Sie mit, ſo können Sie ſich gleich Arcona beſehen, der Wind iſt zu einer ſo wei⸗ ten Waſſerfahrt nicht immer ſo günſtig wie heute.“ 19 292 Die jungen Leute fuhren freudig empor und ſag⸗ ten öhne Säumen zu; es konnte ihnen ja kein Vor⸗ ſchlag erwünſchter kommen. Nach einer Stunde ſchon hatten ſie gefrühſtückt und folgten ihrem Wirthe, der nach dem Strande hinabſchritt, wo er bereits ein geeignetes Boot hatte ſegelfertig machen laſſen.— Wir dagegen begleiten die Reiſenden nicht nach Arcona; wir berichten nur, daß der Ausflug ein loh⸗ nender war, daß die Künſtler von dem ſchauerlich Großen, was die Natur auf der nördlichſten Spitze Deutſchlands im Angeſicht der nach drei Seiten offe⸗ nen See bietet, entzückt ſpät Abends nach Hauſe zu⸗ rückkehrten und ihrem Wirthe für den gehabten Genuß ſich in Wahrheit dankbar bewieſen. Desgleichen wollen wir ſie nicht auf den vielerlei Ausflügen begleiten, die ſte in den nächſten acht Ta⸗ gen theils allein, theils in Geſellſchaft ihres Wirthes unternahmen. Sie waren auf Grünthal bald eben ſo zu Hauſe, wie ſie es auf der Lenz geweſen, und da auch der Beſitzer derſelben mit Willibald auf zwei Tage herüber kam, war der Genuß vollkommen und die alten wie die jungen Freunde hatten an ihrem augenblicklichen Looſe nicht das Mindeſte auszuſetzen. Guſtav dachte nicht an die Abreiſe von Grünthal, wenigſtens ſprach er nicht davon, und wenn er daran 293 dachte, wollte es ihn bedünken, als müſſe er ſich da⸗ bei einer geheimnißvoll wirkenden Macht überlaſſen, deren Walten er ſchon lange zu ſpüren glaubte, und als werde ſie ihn ſchon rufen, wohin er beſtimmt ſei, wenn die Zeit dazu gekommen wäre. Dieſe Zeit aber ſollte raſcher kommen, als er es vermuthet, und zwar von einer Seite her ſollte der Mahnruf dazu erfolgen, von der er ihn wohl hätte vorausſehen können, wenn er genauer mit dem ſelt⸗ ſamen Charakter des Mahners bekannt geweſen wäre. Eines Abends nämlich, und zwar am Tage nach der Abreiſe des Gutsherrn von der Lenz und Willi⸗ bald's, ſaß Alfred Brunſt mit ſeinen beiden Gäſten nach aufgehobener Abendtafel noch am Tiſche und trank mit ihnen ein gutes Glas Rheinwein, was er vor Schlafengehen ſehr gern that. Der Wirth wie der Maler waren überaus heiter geſtimmt und ſcherzten über verſchiedene Dinge, nur Guſtav Steinau ſaß un⸗ gewöhnlich ernſt daneben und ſchien ſeine Gedanken auf abweſende Perſonen und Verhältniſſe gerichtet zu haben. „Woran denken Sie?“ fragte Alfred Brunſt ihn plötzlich, indem er raſch von dem bisher verhandelten Gegenſtand abbrach. „Ich dachte,“ erwiderte Guſtav ruhig und der 294 Wahrheit gemäß, die man in ſeinem Auge las,„an das angenehme Leben, welches wir führen, ſeitdem wir die Inſel Rügen betreten haben, und wie unſre Erwartungen davon weit übertroffen ſind.“ „Nun, wenn das etwas Angenehmes iſt, ſo wun⸗ dere ich mich nur, daß Sie, indem Sie daran dachten, nicht heiterer ausſahen; nach dem Ausdruck Ihres Geſichts glaubte ich vielmehr, daß ein unangenehmer Gedanke Sie beſchlich, und nur um demſelben vielleicht entgegenarbeiten zu können, legte ich Ihnen die Frage vor.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Brunſt, und um die Wahrheit ganz zu geſtehen, ſo miſchte ſich allerdings etwas Unangenehmes meinen Gedanken bei.“ „Aha, alſo doch! Was könnte das ſein?“ „Das Bedauern, daß wir oder wenigſtens ich nicht im Stande wäre, Ihnen einen andren Beweis meiner Empfindungen zu liefern, als den ein dankbares Herz ſo lange ſchweigend in ſich trägt, bis es Gelegenheit erhält, ſeine Gefühle in Handlungen und Thaten über⸗ gehen zu laſſen.“ Alfred Brunſt ſah den Redenden mit einem leb⸗ haft flammenden Blicke an, dann lächelte er, faſt ſchwermüthig, ſchüttelte den Kopf nnd ſagte:„Alſo 7, Sie gehören auch zu den wirklich dankbaren Menſchen, 295 das heißt zu denen, die mit dem Herzen, nicht blos mit der Zunge danken? Nun, das habe ich Ihnen gleich angemerkt und meine Menſchenkenntniß hat mich alſo auch diesmal nicht getäuſcht. Gut. Aber nun— geben Sie Acht und ſtaunen Sie, wie ich Ihre Gefühle der Dankbarkeit ſich jetzt gleich durch eine Handlung und That ausſprechen laſſen will.“ „O, ſprechen Sie weiter!“ rief Guſtav Steinau in lebhafter Aufwallung aus. „Halt, junger Freund, hören Sie erſt und dann geben Sie Ihr Urtheil über mich ab. Ich würde Ihnen jedenfalls heute Abend das Folgende auf eine andere Art mitgetheilt haben, aber die Wendung des Geſprächs gab mir eine paradoxe Idee ein, der ich nun folge. Wie ich ſehe, gefällt es Ihnen bei mir, und ich freue mich darüber— dennoch muß ich Sie bitten, Ihren Beſuch vor der Hand ſo ſchnell wie möglich abzukürzen.“ Guſtav blickte dem Sprechenden erſtaunt in's Geſicht, nur Heinrich verſtand ihn auf der Stelle und merkte, worauf der ſchalkhafte Geiſt des ſeltſamen Mannes deutete. „Ja“, fuhr der Redende fort,„ich würde es ſehr gern ſehen, wenn Sie noch lange bei mir bleiben und Ihrem Freunde, den ich für's Erſte nicht fortzulaſſen 296 gedenke, Geſellſchaft leiſten wollten, allein ich bin in meinem ganzen Leben nicht ſelbſtſüchtig geweſen und hoffe es um ſo weniger zu werden, je weiter ich darin vorrücke. Haben Sie wohl ſchon daran gedacht, daß Sie meinem alten Freunde auf der Oehe das Ver⸗ ſprechen gegeben, ſich nicht zu lange von ihm erwarten zu laſſen? Ah, ſehen Sie wohl, und ſein Wort muß man ſtets und unter allen Umſtänden halten. Indem ich Sie nun bitte, mich zu verlaſſen, treibe ich Sie nur an, ſich ſelbſt getreu zu bleiben. So viel ich weiß, erwartet der alte Herr Sie ſchon lange und gerade jetzt möchte ich ihn nicht vergeblich auf eine Freude warten laſſen, da er der Geſellſchaft und der Zerſtreuung, die eine ſolche mit ſich bringt, weit mehr bedarf als Melms und ich. So gehen Sie denn zu ihm und auch dort können wir uns dann und wann zuſammenfinden, wenn Sie Verlangen nach Ihren Freunden und Oehe Ver⸗ langen nach uns hat. Damit Sie jedoch ſehen, wie gern ich Sie wieder bei mir willkommen heißen werde, ſo ſage ich Ihnen Folgendes: Haben Sie Ihr Ver⸗ ſprechen erfüllt und einige Tage auf der Oehe verlebt, dann kehren Sie zu mir zurück, ſobald Ihnen dieſer Wechſel angenehm iſt, oder gehen Sie zu Melms, wenn es Ihnen dort beſſer gefiel— ich hoffe, Sie haben mich nun nicht falſch verſtanden 297 und deuten meine Ermahnung nicht anders als ſie gemeint war.“ „Nein, nein“, erwiderte Guſtav Steinau ehrlich, wobei dennoch eine feine Bläſſe auf ſeinen anſprechen⸗ den Geſichtszügen wahrnehmbar ward,„ich verſtehe Sie wohl und danke Ihnen, daß Sie mich an ein Ver⸗ ſprechen erinnert haben, welches ich einem Ihrer Freunde gab.“ „So meinte ich es— nun ſind wir über einander klar. Und jetzt wollen wir ſchlaͤfen gehen, die Uhr hat eben das Signal dazu gegeben. Morgen früh aber wollen wir weiter bereden, zu welcher Zeit ich Sie nach dem Weſten ſoll fahren laſſen. Gute Nacht!“— „Ein merkwürdiger Menſch!“ ſagte der Maler leiſe zu ſeinem Freunde, als ſie ihr Zimmer erreicht hatten. „Wie er Alles ſo ſeltſam beginnt, was er ſicher zu Ende zu führen weiß!“ 1 3 „Ja, er iſt ſeltſam, wenigſtens ganz anders als andere Menſchen, aber die Redlichkeit ſieht ihm aus den Augen, wenn man tief hineinblickt, obwohl ober⸗ flächlich der Schalk zu ſchwimmen ſcheint. Ach, ſo muß ich mich alſo auch von Dir trennen, Heinrich, ich habe es lange gefürchtet.“ „Gefürchtet? Was iſt denn da zu fürchten? Du thuſt ja gerade, als ob wir uns nie wiederſehen ſollten oder als ob Du einem entſetzlichen Unglück entgegen⸗ gingeſt.“ Guſtav Steinau ſchwieg. Er konnte dem Freunde nicht ſagen, was ihn bedrückte, und ſo wünſchte er ihm eine gute Nacht, was dieſer mit einem leichten Brummen erwiderte, worauf er bald zu ſchnarchen anfing.— Am andern Tage aber beſtimmte Guſtav Steinau ſelbſt den nächſtfolgenden Tag zu ſeiner Abreiſe nach der Oehe und befriedigte dadurch ſichtbar ſeinen jetzigen Wirth, der wiederholt von der Freude ſprach, die der alte Herr über ſeinen Beſuch empfinden würde. Den letzten Tag nun verlebte man in Grünthal noch nach gewohnter Weiſe; man machte einen? Ausflug nach der herrlichen Stubnitz und kehrte erſt Abends um neun Uhr nach Hauſe zurück, wo man raſch das Abendeſſen einnahm und dann Punkt zehn Uhr zu Bett ging. Am andern Morgen aber hatte man ſchon um fünf Uhr gemeinſchaftlich das Frühſtück eingenommen und während Heinrich noch raſch einen Brief ſchrieb, den der um ſechs Uhr Abreiſende in Ber rgen auf die Poſt geben ſollte, ging Herr e Vuninſ mit Guſtav Steinau im Garten auf und ab, Dies und Jenes beſprechend, um die letzte halbe Stunde ſo gut wie möglich zu nützen. „Hören Sie“, ſagte der Gzulsheri von Grünthal in vertraulichſter Weiſe,„ich habe Ihnen noch Einiges zu ſagen und daran denken Sie bisweilen unterwegs, damit Sie es nicht vergeſſen. Ich wollte Sie erſt mit meinen Kutſchpferden bis ganz nach der Oehe fahren laſſen; das iſt aber von hier aus ein weiter Weg und da ich die Pferde übermorgen gebrauche, ſo ſollen ſie Sie nur bis Bergen bringen und dann ſogleich hierher zurückkehren. In Bergen kehren Sie im Gaſt⸗ hof zum Prinzen von Preußen ein und dem Wirth, Bley heißt er, geben Sie dieſe Zeilen.“ Hier händigte der Sprechende dem jungen Mann ein verſiegeltes Schreiben ein und fuhr dann fort:„Der Wirth in Bergen wird Ihnen Pferde bis zur Oehe beſorgen, aber Sie müſſen den kleinen Umweg nicht ſcheuen und den ſchönen Berg Hochhilligor beſuchen. Von dort aus haben Sie eine herrliche Ausſicht und einer ſolchen dürfen Sie nicht vorbei gehen. Auf alle Fälle kommen Sie dann erſt ſpät Abends in Schaprode an, aber übernachten Sie nicht daſelbſt, ſondern laſſen Sie ſich gleich überſetzen und ſollte es Mitternacht ſein. Auf der Oehe iſt man zu jeder Zeit, bei Tage und bei Nacht, willkommen. „Nun aber das Wichtigere. Auf der Oehe werden Sie es in mancherlei Weiſe anders finden als auf der Lenz und hier. Der alte Herr iſt ein Sonderling, das werden Sie mit Ihrem guten Auge bald erkannt 300* haben. Doch das darf Sie nicht abſchrecken. Gehen Sie auf ſeine Eigenthümlichkeiten ein und thun Sie, was er von Ihnen verlangt, er meint es jedenfalls gut mit Ihnen. Ich kenne ihn durch und durch, einen vollkommneren Ehrenmann— ſeinem Gefühl nach, wenn auch ſeine ausgeſprochenen Anſichten ihn oft wunderlich erſcheinen laſſen— giebt es nicht.— Ja, ja, ſehen Sie mich nicht ſo ungläubig an, es iſt wie ich ſage: Gottlieb von der Oehe iſt ein vollkommener Ehrenmann. Er ſpricht bisweilen in ſeiner abſon der⸗ lichen Art Dinge aus, die ihn ſchlimmer oder weniger gut erſcheinen laſſen, als er wirklich iſt, aber ſein Herz weiß nichts davon. Trügt alſo der Schein oft bei andern Menſchen, ſo trügt er bei ihm erſt recht.— Sodann ſchicken Sie ſich in ſeine kleinen, mit der Zeit in ihm feſtgewachſenen Sonderbarkeiten— man nennt dieſelben oft Schwächen— und doch entſpringen ſie nur aus ſeiner iſolirten Lage oder ſind eine natür⸗ liche Entwickelung und Ausbildung ſeines eigenthüm⸗ lichen Weſens und Charakters. Bedienen Sie ſich vorzüglich recht oft ſeines Tubus', damit erfreuen Sie ihn, und Freude gönne ich ihm. Seine Liebhaberei für Salis kennen Sie und dagegen dürfen Sie keinen Einſpruch erheben, er hat einmal ein Salis'ſches Gemüth. Vergeſſen Sie auch nie, daß er ein Edelmann iſt und 1 4 8½ 301 zwar von jenem alten kernigen Schlage, der, abge⸗ ſchloſſen und abgeriſſen von aller Welt, mit ſeinen ſechshundert Jahre alten Erinnerungen und Traditionen unwandelbar auf ſeiner einſamen Inſel hauſt. Bei all' ſeiner Einſicht und Duldſamkeit beſitzt er doch einen tüchtigen Stolz auf ſein Herkommen und ſeine Ab⸗ ſtammung, und wahrlich, da er denſelben auf eine ſehr unſchuldige Weiſe zur Schau trägt, ſo kann man ihn ſich ſchon gefallen laſſen. Anmaßend, dünkelhaft, auf ein Nichts eingebildet wie ſo viele unſerer modernen Herrchen iſt er nicht, er iſt ſich ſeiner blos ſelbſt be⸗ wußt, und das muß man anerkennen, er hat einigen Grund, es zu ſein. Schmeicheln Sie ihm nie, das verfängt bei ihm nicht, aber reden Sie ſtets, wie es Ihnen um's Herz iſt und ſein Herz, ich verſichere es Ihnen, wird das Ihrige verſtehen, wenn ſein Mund auch oft dagegen turnieren ſollte. So— da kommt Ihr Freund mit dem Brief und dort hält der Wagen. Wohlan denn— vorwärts!“ Halb ſchweren, halb leichten Herzens folgte Guſtav Steinau ſeinem Wirthe, und nachdem er den herzlich⸗ ſten Abſchied von Heinrich Markholm und den beiden 48 alten Damen genommen hatte, die gar nicht begreifen konnten, warum er nicht länger bei ihnen bliebe, drückte er Herrn Brunſt die Hand und dankte ihm 30² mit wenigen Worten für die ihm bewieſene Gaſt⸗ freundſchaft. „Davon ſchweigen Sie,“ ſagte der biedere Mann, indem er ihm wiederholt kräftig die Hand ſchüttelte, „beweiſen Sie lieber Ihren Dank dadurch, daß Sie bisweilen an mich denken und bald wiederkommen, da⸗ mit will ich mich für befriedigt erklären.“ Zwei Minuten ſpäter flogen die edlen Pferde mit dem leichten Gefährt davon und ſchlugen den kürzeſten Weg nach Sagard ein, um von da über die ſchmale Haide nach Bergen zu gelangen, da das Waſſer zur Zeit zu groß war, um über die Lietzower Fähre zu gehen. Keiner der beiden andren Künſtler hatte ſeinen Weg zu einem der gaſtfreien Inſulaner mit ſolcher inneren Bewegung angetreten, wie Guſtav Steinau, und doch hatte vielleicht keiner von ihnen ſo unge⸗ duldig wie er dem neuen Aufenthaltsorte entgegen⸗ geſehen. Wie war das Alles nur ſo raſch gekommen, wer hatte ſeine mächtige Hand dabei im Spiele ge⸗ habt? War es der Zufall oder eine geheimnißvolle Fügung der Vorſehung geweſen, die mit weiſer Hand die Schritte der Menſchen lenkt und in unbegreiklicher Sicherheit ihr Schickſal vorherbeſtimmt? Mochte es ſein, was es wollte, nun ließ ſich nichts mehr daran 303 Geſchickes Wille auf ſtill rauſchendem Fittich dem vorgeſteckten Ziele zu. Je weiter Guſtav aber auf dem heutigen Wege vorſchritt, um ſo klarer ward er ſich über ſein ferneres Verhalten, namentlich dem Manne gegenüber, deſſen gaſtliche Schwelle er noch an dieſem Tage überſchreiten ſollte. Er würde ja ſehen und hören, ſagte er ſich wiederholt, wie ſich die unbekannte Zukunft geſtalten würde, er wollte nur ſtill und vorſichtig beobachten, leiſe den angedeuteten Weg wandeln und alles Uebrige Gott überlaſſen. Wie vernünftig erſchien ihm nun unter den ihm allein bekannten Umſtänden des Ma⸗ lers Rath, dieſe Reiſe unter einem fremden Namen anzutreten, denn hätte er mit ſeinem wirklichen Namen die Inſel beſucht, er wäre gewiß nicht ſo raſch ſeinem ehemals ſo dunklen Ziele näher gekommen, das jetzt allmälig heller und heller vor ihm zu tagen begann. So beſchloß er denn, ſein Incognito beizubehalten und mit noch größerer Vorſicht fortzuſetzen. Entdecken, wer er wirklich war, konnte vorausſichtlich Niemand, den kein Menſch kannte ihn in dieſem Lande und Zekannten aus der Heimat zu begegnen durfte er nicht befürchten. Seiner Freunde Verſchwiegenheit aber war er gewiß und ſo konnte er ohne Beſorgniß * ändern, und unaufhaltſam trug den jungen Mann des 304 die Rolle, die er hier zu ſpielen begonnen, fortſetzen; die einſtige Erklärung ſeiner Handlungsweiſe, wenn ſein Geſchick ſich günſtig wendete, war Neicht und— wendete es ſich nicht günſtig, ſo brauchten kein Menſch ſeinen wirklichen Namen zu erfahren und er kehrte ſo unerkannt von der Inſel zurück, wie er dahin ge⸗ gangen war.— Als er dieſes bedacht und nach allen Seiten über⸗ legt hatte, fühlte er ſich friſch ermuthigt, voll neuer Lebensluſt, und getroſt ſah er eine Strecke nach der andern von dem weiten Wege ſchwinden, den er an dieſem Tage zurücklegen mußte. Um halb ſieben Uhr Morgens war er von Grün⸗ thal abgefahren und ſchon um zehn Uhr trabten die raſchen Pferde des Gutsherrn mit ihm der ziemlich bedeutenden Anhöhe zu, auf welcher das alte Bergen mit ſeinem ſpitzen Thurm und dicht davor der weit⸗ berühmte Rugard, die alte Veſte der wendiſchen Rügen⸗ fürſten liegt. Um halb Elf hielt der Wagen vor dem genannten Gaſthof und nachdem der Wirth Herrn Brunſt's Brief geleſen, verbeugte er ſich zuvorkom⸗ mend vor dem jungen Mann und führte ihn ſelbſt auf ein ſtattliches Zimmer in ſeinem freundlich ein⸗ gerichteten Hauſe. „Es ſoll Alles ſo geſchehen, wie Herr Brunſt mir vorgeſchrieben hat,“ ſagte er dann,„nur mit den Pferden ſieht es etwas zweifelhaft aus. Wir haben heute einen Feiertag in Bergen und viele Gäſte ſind gekommen, die ſpäter nach Hauſe gefahren ſein wollen. Wenn Sie aber Zeit bis morgen haben, ſtehen Ihnen meine eigenen Pferde zu Dienſten und in der That, Sie verlieren, denke ich, nichts durch den Aufenthalt; der Rugard iſt ſo ſchön, daß er Sie gewiß einen halben Tag beſchäftigen wird, und außerdem können Sie ja noch der Feſtlichkeit in der Kirche beiwohnen, die Sie vielleicht auch intereſſiren dürfte.“ „Was iſt das für eine Feſtlichkeit?“ „O, wir haben ein altes Kloſter hier in der Stadt, dorrt drüben bei der Kirche. Früher, vor der Refor⸗ mation, wohnten Ciſterzienſer Nonnen darin, ſeitdem aber iſt es in ein adliges Fräuleinſtift umgewandelt, worin alle Töchter der Ritterſchaft des Landes auf⸗ genommen werden können, namentlich die unbemittelten, wenn ſie ſich nicht verheirathen. Es iſt ein wahrer Segen für verwaiſte und familienloſe Damen. Heute nun findet die feierliche Einführung einer neuen Priorin ſtatt und daran nehmen viele Rügianiſche Familien Theil. Um zwölf Uhr iſt die kirchliche Feier und wenn Sie derſelben beiwohnen wollen, biete ich Ihnen gern einen Platz an.“ Die Inſulaner. I. 20 8 306 Guſtav Steinau beſann ſich nicht lange und nach⸗ dem er ein gutes Frühſtück eingenommen, ſchritt er dem großen Marktplatze zu, der ſchon durch ſeltene Lebhaftigkeit den Beginn des Feſtes verrieth. Alle Gaſthöfe am Markt waren von Fremden überfüllt, und Damen wie Herren ſaßen vor den Thüren oder ſpazierten auf dem großen freien Raume hin und her oder begaben ſich ſchon in die Kirche, die bereits ihr feſtliches Geläut hören ließ. Unſer Freund ging ebenfalls einige Male auf dem Markte hin und her, dann aber, da immer mehr Menſchen der Kirche zuſtrömten, ſchritt er auch hin⸗ ein und erhielt, Dank der Vorſorge ſeines Wirths, der ihn mit einer Karte verſorgt hatte, einen Platz, von dem aus er den Vorgang mit anſehen und die ganze Verſammlung überſchauen konnte. Die Kirche, ſonſt ſo einfach und ſchmucklos, ge⸗ währte doch an dieſem Tage einen ſehr angenehmen Anblick. Sie war mit Kränzen und Blumen reich geſchmückt und die Fülle der andächtigen Zuſchauer oder Zuhörer in ihren Feſtkleidern hob denſelben noch mehr durch die Spannung, die auf allen Ge⸗ ſichtern zu leſen war. Als die Thurmuhr Zwölf ſchlug, begann die Feier⸗ lichkeit mit einem ſehr wohl ausgeführten Orgelſatz, dem ein kirchlicher Geſang folgte. Dann trat eine Pauſe ein und während dieſer kamen die Stiftsfräu⸗ lein aus ihrem Chorſtuhle herab und nahmen vor dem Altare die für ſie beſtimmten Plätze ein. Guſtav zählte zwanzig Damen, von denen die meiſten vorgerückten Alters waren, aber in ihren ſchwarzen ſeidenen Kleidern mit weißen Schleiern und über der Bruſt ein breites blaues Band mit einem emaillirten Kreuze“*) tragend, riefen ſie einen eben ſo würdigen wie feierlichen Eindruck hervor. Was nun weiter in der Kirche vorging— wie ſeltſam es auch klingen mag— Guſtav Steinau wußte nichts davon, als er das Gotteshaus wieder verließ und mit geſenktem Kopfe und in tiefes Sinnen verloren, ſeinem Gaſthofe zuſchritt. Was war ihm begegnet, was hatte ſeinen ſonſt ſo aufmerkſamen Geiſt von der kirchlichen Feierlichkeit abgeleitet, ſo daß er nicht einmal wußte, was der Prediger geſprochen, der bald nach dem Eintritt der Damen die Kanzel beſtiegen? Wir wollen es dem Leſer erklären. Im Anſchluß an die älteren Stiftsdamen waren in den Raum vor *) Eine Verleihung der Königin von Schweden, Sophie Magdalene, Gemahlin Guſtavs III. im Jahre 1775 an die Stiftsdamen zu Bergen. 308 dem Altar zwei junge Damen getreten, die nicht zu denſelben zu gehören ſchienen, denn ſie trugen wohl ſchwarze Kleider, aber weder Schleier noch das blaue Band mit dem Kreuz. Dennoch mußten ſie Anſprüche haben, den Kloſterdamen zunächſt ſich anzuſchließen, denn ſie kamen nicht allein zugleich mit ihnen herein, ſondern ſie ſetzten ſich auch auf zwei den Seſſeln nahe ſtehende Stühle, die eigens für ſie in Bereitſchaft ge⸗ halten zu ſein ſchienen. Das Geſicht und die Geſtalt der einen dieſer bei⸗ den jungen Damen nun hatten unſern Freund ganz außer Faſſung gebracht, jedoch nicht etwa, weil ſie ſo ſchön war, ſondern weil er in ihr auf den erſten Blick eine Aehnlichkeit mit einem ihm ſehr wohlbekannten Bilde bemerkt zu haben glaubte. Wie feſt gekettet hingen die Augen des Dichters an dieſem holden und unendlich lieblichen Geſicht. Eine ſolche Fülle von blonden Seidenhaaren, ſo ge⸗ ſchmackvoll geordnet, ſo glänzend in der Farbe, wie lichtes Gold, hatte er nie geſehen. Und mit dieſem herrlichen Haar ſtimmte der Liebreiz und die zarte Färbung des Geſichts vollkommen überein. Lichtblau, groß und klar ſchauten die unſchuldigen Taubenaugen daraus hervor, die zarten Wangen ſtrahlten von einer ſo lebenswarmen Gluth und dieſer feine Mund, ſo 309 edel gebildet und doch ſo ernſt geſchloſſen, drückte eine ſo jungfräulich reine Seele aus, daß man bewundernd und entzückt zugleich davon gefeſſelt ward. Aber das war es ja nicht, was Guſtav Steinau zuerſt und zumeiſt anzog, es war etwas ganz Anderes, ein wunderbar zufälliges Etwas, was er erſt gar nicht zu begreifen im Stande war, bis er es ſich genauer überlegt und dann in ſeinem einfachen Zuſammen⸗ hange mit der Wirklichkeit endlich für ſehr natürlich halten mußte. Woran hatte ihn dieſes Geſicht auf den erſten Blick erinnert? Er konnte nicht daran zweifeln, es mußte ſo ſein— an das Bild, welches Heinrich Mark⸗ holm mit ſo großer Vorliebe gezeichnet, gemalt und oft genug ſeinen Freunden gezeigt hatte. Mit einem Wort, es mußte dies die junge Dame ſein, die dem Maler vor zwei Jahren, da er nach Mannheim fuhr, auf dem Dampfſchiff begegnet war. Und das war ja doch ſo auffallend nicht! Die Dame war ja nach Markholm's Bericht eine Rügia⸗ naerin und nun war ihr Guſtav Steinau in ihrer Hei⸗ 4 mat begegnet. Aber daß. J ner mit wahrer Inbrunſt eine ſo vortreffliche Copie der reinen Wirklichkeit ge⸗ geben, ſo daß Guſtav ſie gleich wiedererkannt und daß endlich auch ihm dieſe Dame in den Weg getreten 31⁰ war, das regte den empfindſamen Dichter ſo auf, daß er nur dieſen Gedanken ſeine ganze Aufmerkſamkeit zuwandte und alles Uebrige, was ihn umgab, vergaß. „O,“ ſagte er wiederholt,„was iſt Heinrich für ein Maler! Ach, er hat gewiß nicht nur mit dem Auge, ſondern auch mit dem Herzen gemalt, Eins hat das Andere unterſtützt und nur darum hat er ſo Vor⸗ treffliches zu Stande gebracht. Wie ſind doch die Maler ſo glücklich, dergleichen Perſonen für immer und jedem Auge erkennbar fixiren zu können! Wir Schriftſteller mögen Menſchen ſo genau wie möglich ſchildern und beſchreiben, eine Aehnlichkeit wie dieſen hier, die da wirkt und ergreift auf den erſten Blick, können wir niemals wiedergeben. O welcher Vorzug des kleinen Pinſels, der bunten Farbe und des Genies eines begabten Künſtlers!“ Wie geſagt, tief in dieſe und ähnliche Gedanken verſunken, ſchritt Guſtav Steinau zu Herrn Bley zu⸗ rück.„Nun, haben Sie gut geſehen und gehört?“ fragte der freundliche Mann. „Vortrefflich!“ „Aber Sie ſcheinen nicht ganz befriedigt— Sie ſehen ſo nachdenklich aus?“ „O nein, ich habe nur Jemand dort geſehen, der mir von früheren Zeiten her bekannt iſt. Sagen Sie, 311 kennen Sie vielleicht die junge Dame mit den herr⸗ lichen blonden Haaren, die mit den Stiftsfräulein in die Kirche trat?“ Herr Bley lächelte.„Nun,“ ſagte er,„Sie haben ſehr ſchnell das Schönſte und Beſte herausgefunden, was wir in Bergen beſitzen. Gewiß kenne ich die Dame, ſie iſt eine ſogenannte Koſtgängerin, das heißt nur bei einer Stiftsdame, ihrer Verwandten, zum zeitweiligen Beſuch, da ſie keinen ſonſtigen feſten Wohn⸗ ort hat. Es iſt die reichſte Erbin auf Rügen, eine Waiſe, ein Fräulein von Kulpen—“ Guſtav Steinau riß die Augen vor Verwunderung, faſt vor Schreck auf, als höre er eine Poſaune vVom Himmel erſchallen. Er wurde bleich, ſo bleich, daß der vor ihm ſtehende Wirth erſchrak und ihm einen Stuhl holte.„Von Kulpen?“ ſagte er ſtammelnd, „Guſtava von Kulpen? Habe ich recht gehört?“ „Ja, ganz recht, und die Dame, bei der ſie hier wohnt, iſt Fräulein von Baſſenitz— wie geſagt, eine weitläufige Verwandte.“ Auf Guſtav's bleiche Wangen kehrte zwar allmälig wieder eine lebhaftere Farbe zurück, aber ſein Mund lächelte immer noch ſchmerzlich und ſein Auge blickte träumeriſch zu Boden.„Sagen Sie,“ fuhr er mecha⸗ niſch fort,„wiſſen Sie vielleicht, ob beide Damen, die 2*. 8 3 3 312 Sie eben genannt, vor zwei Jahren eine Reiſe gemacht haben?“ „Gewiß weiß ich das— nach dem Rhein ſind ſie geweſen, ich glaube nach Mannheim, wo Fräulein von Baſſenitz in Familienangelegenheiten zu thun hatte.“ „Ich danke Ihnen!“ ſagte Guſtav Steinau, der ſich nicht länger mehr beherrſchen konnte und raſch auf ſein Zimmer eilte, obgleich ihm der Wirth nach⸗ rief, daß bereits angerichtet werde. Im Zimmer an⸗ gekommen aber warf er ſich auf ein Sopha, preßte ſeine Hände vor die Stirn und— warum ſollen wir es verſchweigen— zerdrückte eine Thräne im Auge, die ſich wider ſeinen Willen aus ſeinem Herzen dahin empordrängte. Seine ganze Jugend ſtand plötzlich noch einmal vor ſeiner Seele, die Leiden, die ſeine Mutter erduldet, die Kümmerniſſe, die er ſelbſt zu be⸗ ſtehen gehabt, Alles, Alles wurde wieder wach vor ſeiner mit Gewalt aus dem Schlummer geriſſenen Erinnerung, und gleichſam geblendet von dem ihm neu tagenden Morgenlichte einer beſſeren Zukunft, fühlte er ſich gedrungen, ein paar um Hülfe flehende, aber auch dankende Worte an ſeinen Schöpfer zu richten. Als er aber nach einiger Zeit mit geſammeltem Geiſte nach dem Speiſeſaale hinunterſchritt, konnte er * 313 ſich nicht enthalten zu ſagen:„Heinrich Markholm, Du haſt nicht nur einen guten Geſchmack, eine kunſt⸗ fertige Hand— nein, Du haſt auch einen ſehr weiſen vorausſehenden, vorausfühlenden Geiſt; denn wenn es Dir, dem talentvollen, wohlgebildeten Manne gelingt, dieſe Perle zu erobern, die Du ſchon im Bilde ſo herzlich liebteſt— wie glücklich, o wie ſelig mußt Du Dich dünken— dünken? O nein! ſein, ſein— und ich— o ich—!“ 1 „Bitte hier hereinzutreten!“ rief ein dienſtfertiger Kellner, den in Gedanken Verſunkenen ungeſtüm aus ſeinen Träumen weckend, denn in der Zerſtreutheit war Guſtav in ein Zimmer neben dem Speiſeſaal ge⸗ treten. Als er nun aber ſaß und ſein Auge nach einigem irren Umherblicken nach den zahlreichen Gä⸗ ſten zuletzt auf den Wirth fiel, der ihm gegenüber am Tiſche ſtand, ſagte er zu dieſem:„Ich werde bis morgen bleiben, aber dann bitte ich um Ibre Pferde ſo früh wie möglich!“ Hatte die muntere Tiſchgeſellſchaft, die an dieſem, Tage im„Prinzen von Preußen“ verſammelt war und ſich lebhaft mit den Vorkommniſſen des Tages beſchäf⸗ tigte, die Aufregung und Gährung einigermaßen be⸗ ſchwichtigt, in die das Gemüth unſers Freundes durch 314 die unvermuthete Begegnung mit jener ſchönen Dame verſetzt worden war, ſo ſollte er am Nachmittag durch den Beſuch des alten Rugard faſt völlig wieder be⸗ ruhigt werden. 6 In der That iſt nichts auf der Welt ſo ſehr ge⸗ eignet, das aus den Fugen gerathene menſchliche Ge⸗ müth ſo ſchnell in die Bahn der Mäßigung zurückzu⸗ führen, wie der ungeſtörte Anblick einer ruhigen und lieblichen Gegend, über die der Friede Gottes ausgegoſſen iſt und bei deren Anblick die in Leiden⸗ ſchaft getauchte Seele, betroffen von dem ſtillen Weben und Walten geheimnißvoller Naturkräfte, in beſänf⸗ tigenden Schlummer ſinkt und das kochende Herz zu linderem Schlage veranlaßt wird. Einen ſolchen An⸗ blick aber bietet der Rugard ſehr häufig dar, wenn die Natur nicht im Kampfe mit ſich ſelbſt liegt und die Elemente friedlich neben einander ihr ſchweigendes Werk verrichten. Guſtav fing damit an, ſich auf einen der höchſten Punkte, das Geſicht nach Norden und Oſten gekehrt, niederzulaſſen und die Stellen aufzuſuchen, die ſein Fuß ſchon betreten hatte; erſt als er ſein Auge an ihnen geſättigt, blickte er, wunderbar gehoben und be⸗ ruhigt, allmälig nach der Gegend hin, in welcher die kleine Inſel Oehe lag, die er allerdings von hier 31⁵ nicht ſehen konnte, wobei nur noch ein leiſer Seufzer, das letzte Zeichen ſeiner vorherigen Aufregung, ihm entſchlüpfte. Die Sonne neigte ſich um dieſe Zeit ſchon bedeu⸗ tend dem Weſten zu und vergoldete mit ihren ſanf⸗ ten Strahlen weithin das hügelige Land und das blaue Meer, das mit gewaltigem Arm ganz Rügen und ſeine Nebeninſeln umſpannt. Da faſt Windſtille herrſchte, die Fernen bei der klaren Luft ſcharf her⸗ vortraten, ſo konnte man die blauen Wogen deutlich bis in die zahlloſen Buchten und Wieken verfolgen, dieſe trügeriſchen Wogen, die bei ruhigem Wetter das Ganze koſend zu umſchließen und gleichſam liebevoll zu umſchmiegen ſcheinen, während ſie zu anderen Zei⸗ ten ſo ſtürmiſch und feindſelig in das ruhende Land eindringen und es zerſtören. Von Zeit zu Zeit aber, während das Auge des Schauenden von Stelle zu Stelle flog, fielen ſeine Gedanken immer wieder auf die Begegnung mit jener Dame, das Hauptereigniß des Tages, zurück.„O,“ ſagte er ſich,„nun habe ich dem guten Heinrich doch eine gewiß unverhoffte Neuigkeit zu melden. Wie er ſich freuen wird! Und ich muß ihm dazu verhelfen, ſie wiederzuſehen! Denn ſicher kommt er ſogleich, wenn ich ihm davon Kunde gebe, nach Bergen, um ſie R 316 aufzuſuchen und die bereits eingeleitete Bekanntſchaft fortzuſetzen! Der Glückliche! O, wenn er wüßte, was ich weiß,— wer ſie iſt, woher ſie ſtammt, in welcher Verbindung ſie ſteht— doch ſtill, ich will, ich darf ja nicht daran denken— noch nicht— und er am wenigſten darf die Fäden errathen, die mich ſelbſt— mit allen dieſen Menſchen verknüpfen.“ Und er verſank wieder in die düſtere Grübelei, der er erſt kurz vorher ſo glücklich entronnen war, aber es iſt auch nicht leicht, ſich, ſelbſt wenn man ſtark und willig iſt, ſo raſch von Gedanken loszuſagen, die Herz und Seele beſtürmen und in denen Vergangen⸗ heit und Zukunft in offenem Kampfe mit einander liegen. Rings um den jungen Mann her hatten ſich von Zeit zu Zeit Gruppen anderer Beſucher eingefunden. Da ſie aber ſchneller mit ihren Betrachtungen zu Ende kamen, als er, der ſeinen Sitz ſtandhaft behauptete, ſo blieb er oft wieder allein und gerade das war ſein Wunſch und ſein höchſter Genuß an dieſem Nachmit⸗ tage. Als nun aber die drückende Hitze des Tages allmälig ſchwand, die Sonne tiefer ſank, kamen neue Beſucher in ſeine Nähe, wahrſcheinlich Bewohner der nahen Stadt, die einen Spaziergang unternahmen und mit dem Genuß eines ſchönen Anblicks den der erfriſchenden Kühle des Abends verbinden wollten. 8 Allein auch ſie ließen den ſtillen Fremden bald wieder einſam; erſt kurz vor dem Augenblick, ehe die Sonne vom Horizzonte verſchwand, hörte er abermals Stimmen hinter ſich, und als er den Kopf danach umwandte, erblickte er mehrere Damen, die paarweiſe langſam daherwandelten und gleich ihm dem Sonnen⸗ untergang beiwohnen wollten. Kaum aber hatte er einen Blick auf die Nahenden geworfen, ſo ſprang er von ſeinem Sitze auf; er hatte an ihren ſchwarzen Kleidern und ſonſtigen Einzelnhei⸗ ten die Kloſterdamen erkannt, die ihren Schleier und ihr Ordensband abgelegt hatten, um ſich nach vollen⸗ detem Tagewerke eines behaglichen Feierabends zu er⸗ freuen. Die Damen kamen allmälig näher und ſtellten ſich an derſelben Stelle auf, die Guſtav ſo eben ver⸗ laſſen hatte, der mit wieder voller ſchlagendem Her⸗ zen aus der Nähe den Beobachter ſpielte und mit brennenden Augen die Reihen der Rähertretenden muſterte. Da blieb dies brennende Auge endlich auf zwei Geſtalten haften. Sie waren die letzten im Zuge und ſchritten Arm in Arm gemüthlich plaudernd hinter den Gefährtinnen her. Als ſie dicht an ihn heran⸗ gekommen, ſo daß er ihre Geſichtszuge zu unterſchei⸗ 318 den vermochte, erkannte er die eine von ihnen deut⸗ lich, es war Fräulein Guſtava von Kulpen, und die ältere Dame neben ihr wahrſcheinlich die Verwandte, bei der ſie zum Beſuch war und mit der ſie vor zwei Jahren die Reiſe nach Mannheim unternommen. Unwillkürlich zur Darlegung ſeiner Achtung gegen ſie gezwungen, trat Guſtav Steinau ihnen aus dem Wege und nahm dabei ehrerbietig ſeinen Strohhut ab, was die Damen mit einem freilich verwunderten aber nicht unwilligen Blicke und Gruße erwiderten, da ihnen der junge hübſche Mann in den feinen Reiſe⸗ kleidern auffallen mochte. Namentlich die ältere Dame neigte verbindlich ihren Kopf, ſchritt dann lächelnd vorüber und nahm ihren Platz zur Seite der voran⸗ gegangenen Gefährtinnen ein. „O, o!“ dachte der arme Dichter und trat einige Schritte von ihnen weg, wobei ſein Blut in neue Wallung gerieth,„wenn Heinrich jetzt an meiner Stelle wäre, er hätte gleich die beſte Gelegenheit ge⸗ funden, ſeine alte Bekanntſchaft zu erneuen— ſie würde ihn wiedererkennen, aber mich— mich kennt hier Niemand, will Niemand kennen, obgleich— doch ſtill, was hilft's! Es muß durchgekämpft wer⸗ den und wahrlich, ich habe ſchon Aergeres ſiegreich beſtanden!“ 319 Während er dies dachte, war er von den Kloſter⸗ frauen fort auf die andre Seite getreten und ſah nun die Sonne pupurn hinter den Bergen Hiddens⸗öe's in das dunkelgefärbte Meer ſinken. Erſt nach gerau⸗ mer Zeit erbleichten die roſigen Strahlen, die ſie am Horizonte noch zurückließ und dann erſt wichen die Spaziergängerinnen von ihren Plätzen und kehrten langſam nach der Stadt zurück. Jetzt behauptete Guſtav ſeine Stelle, und als die beiden Damen, abermals zuletzt, an ihm vorüber⸗ kamen, begrüßte er ſie wieder, wobei ihm unwill⸗ kürlich das rebelliſche Blut Stirn und Wangen färbte. War es nun der Widerſtrahl dieſer Röthe oder ſprach ſich darin die Verwunderung der ſo ſeltſam von einem Fremden bevorzugten ſchönen Koſtgängerin aus, genug, auch ſie erröthete leicht, als ſie etwas ſchneller vorüberſchritt, wobei ſie jedoch einen haſtigen Blick über die Geſtalt des unbekannten Fremden lau⸗ fen ließ.— Schon lange waren die Damen vorüber, dieſer Fremde aber ſtand noch immer auf derſelben Stelle und ſchaute ihnen mit einer Art wehmüthigen Ge⸗ fühles und doch mit Bewunderung nach.„O, wie ſchön iſt ſie,“ ſagte er ſich wohl zehnmal,„dieſes Auge, wie rein und klar, dieſe Stirn wie edel und 320 mild, und dieſe Geſtalt, wie herrlich, wie vollendet im Ganzen und Einzelnen! Ha, ich verdenke es dem Heinrich nicht, daß er ſie malte, wäre ich ein Meiſter mit dem Pinſel wie er, ich thäte es nun auch, auf der Stelle, doch ach, ich bin leider zu ſpät gekommen und kein Maler, er hat den Vortritt, das erſte An⸗ recht und ich— ich habe wie in vielen anderen Din⸗ gen des Lebens— das Nachſehen.“ Hierauf wandte er ſich, ſeinen alten neu aufgebroche⸗ nen Kummer bekämpfend, ſeitwärts und ſchritt mit haſtigen Schritten auf den leergewordenen Wällen umher. Erſt am ſpäten Abend, kurz vor Einbruch der Nacht kehrte auch er in das Städtchen zurück und begab ſich zur Ruhe, indem er noch einmal in Ge⸗ danken den verlebten Tag durchging, der ihm wider alles Vermuthen abermals etwas ganz Neues gebracht hatte. Am nächſten Morgen war er früh auf, um ſo bald wie möglich ſeine Reiſe fortzuſetzen. Aber da zeigte ſich leider ein neues Hinderniß, wovon ihn Herr Bley mit faſt beſchämter Miene in Kenntniß ſetzte. Die beſtellten Pferde hatten noch ſpät in der Nacht einen benachbarten Gutsbeſitzer nach Hauſe fah⸗ ren müſſen und waren bis jetzt nicht zurückgekehrt. In einer Stunde aber kämen ſie gewiß und dann 321 ſollte es nicht lange dauern, bis ſie auch zu ſeiner Weiterſchaffung bereit wären, hieß es. „Gibt es denn keine anderen Pferde hier?“ fragte etwas unwillig der Reiſende. „O genug, aber ſie ſind alle in gleicher Beſchäf⸗ tigung abweſend. Gedulden Sie ſich nur wenige Stunden, Sie kommen noch zeitig genug an Ihr Ziel.“ So ſehr Guſtav Steinau dieſen abermaligen Auf⸗ ſchub bedauerte, er mußte ihn ertragen, und um die Zeit nicht läſſig zu verbringen, ſchlenderte er lang⸗ ſam durch die Stadt, um Dies und Jenes darin zu betrachten. Unwillkürlich aber lenkte er dabei ſeine Schritte wieder dem Marktplatz zu und da die Kloſter⸗ pforte offen ſtand und er den alten Hof noch nicht geſehen, ſchritt er hindurch und befand ſich bald in⸗ nerhalb der Ringmauern des alten Stiftes. Kaum aber hatte er ſeine Blicke neugierig im Kreiſe herum ſchweifen laſſen, ſo erſchrak er, denn ohne es zu ahnen war er vor die Fenſter der Wohnung gerathen, die jene alte Dame mit Fräulein von Kulpen bewohnte. Beide ſaßen am Fenſter, mit einer Handarbeit be⸗ ſchäftigt und ſchauten eben ſo verwundert auf wie der junge Mann, der gegen ſeine Abſicht nochmals ihrem Auge begegnete. Raſch zog er den Hut und gleich⸗ Die Inſulaner. I. 21 32² ſam um ſie nicht länger zu beläſtigen und nicht auf⸗ dringlich zu erſcheinen, verließ er ſogleich den Klo⸗ ſterhof. Endlich gegen zehn Uhr waren die Pferde des Herrn Bley gekommen, aber da ſie erſt gefüttert wer⸗ den mußten, verzog ſich Guſtav's Abreiſe faſt noch um zwei Stunden. So nahm er denn, ſich in des Schick⸗ ſals Willen fügend, noch einmal an der diesmal ſtille⸗ ren Mittagstafel Platz und erſt als dieſe beendigt, meldete der Wirth, daß der Wagen zur Abfahrt be⸗ reit vor der Thür ſtehe. Guſtav Steinau trat an den Wirth heran, um ſeine Zeche zu bezahlen, verwunderte ſich aber nicht wenig, als dieſer erklärte, die Zeche ſei bereits bezahlt. „Und wer hat das gethan oder verſtehe ich Sie vielleicht falſch?“ „Nein, Sie verſtehen mich ganz richtig. Sie brachten mir ja geſtern einen Brief von Herrn Brunſt und er hat mich angewieſen, Sie als ſeinen Gaſt zu betrachten; ſogar die Koſten der Fahrt nach der Oehe hat er auf ſeine Rechnung zu ſtellen befohlen.“ „Das iſt ja ſeltſam!“ bemerkte der Reiſende. „Nicht ſo wie es ſcheint,“ erwiderte der Wirth. „Herr Brunſt macht es in der Regel ſo und wenn Sie ihn kennten wie ich, würden Sie ſich darüber * 323 gar nicht wundern. Uebrigens ſeien Sie ihm deshalb nicht böſe; er meint es gut mit Jedermann, alſo ge⸗ wiß auch mit Ihnen.“— So ſtand denn alſo der Weiterreiſe unſers Freun⸗ des nichts mehr im Wege und ſchnell beſtieg er den Wagen, bemerkte aber zu ſeinem Leidweſen ſehr bald, daß die Fahrt ſehr langſam von Statten gehen würde, da die Pferde ſichtlich ermüdet waren. Reuntes Mapitel. Die Inſel Oehe und der Letzte ihrer Erbherren. In angenehmer Geſellſchaft kann ſelbſt die an ſich langweiligſte Reiſe einen großen Genuß gewähren und die ödeſte Gegend eine Fülle von Reizen gewinnen, die ſonſt Niemand an ihr entdecken würde— wer hätte dieſe Erfahrung nicht ſchon oft im Leben ge⸗ macht! Aber nicht blos die Geſellſchaft eines lebenden Weſens gewährt dieſen Genuß und Reiz, auch ein guter Gedanke, eine liebe Erinnerung, überhaupt eine angenehme geiſtige Beſchäftigung mit unſerm eigenen Ich kann ſie erzeugen. Dieſe Erfahrung ſollte Guſtav Steinau auf dieſer kleinen Reiſe machen, die meiſt durch eine einfache ländliche Gegend führte, welche nur hin und wieder durch einen grasumwachſenen Teich, ein kleines Gehölz oder eine bald näher, bald 325 2 ferner am Horizonte auftauchende Ortſchaft ihre lang⸗ weilige Einförmigkeit verlor. Und welche Gedanken begleiteten ihn, welches Bild ſchwebte ſeiner Phantaſie ſo lebhaft vor, daß er da⸗ durch ſeiner eintönigen Umgebung und den nagenden Kümmerniſſen ſeiner Seele entrückt ward? O, das dürfte nicht ſchwer zu errathen ſein. Und wunderbar war es: ſo oft er auch das Bild jener Reiſegefährtin des Malers geſehen und ſo ſchön er es ſtets gefun⸗ den, niemals hatte es einen Eindruck in ihm zurück⸗ gelaſſen, der dem im Entfernteſten glich, welchen jetzt das ſchöne Mädchen in lebendig wandelnder Geſtalt auf ihn gemacht. War vielleicht der Anblick des Bil⸗ des erſt nothwendig geweſen, um ſein Inneres ge⸗ wiſſermaßen vorzubereiten und die Pforte der Seele zu öffnen, durch welche jetzt dieſe Erſcheinung zu treten im Begriff ſtand, oder war dieſe ſchöne Dame erſt wie eine ſiegende Sonne in ſeinem Geiſte aufgegan⸗ gen, als er vernommen, daß ſie eine reiche Erbin, eine Waiſe und noch dazu die Letzte eines Geſchlechts ſei, deſſen Name mit ihr einſt für immer erloſch? Wer weiß es„und wer kann ergründen, warum es ſo war, genug es war ſo, und die blaßblonden glänzenden Locken, die um die tadelloſe Stirn Gu⸗ ſtava's von Kulpen fielen, und der milde Glanz dieſer 326 großen blauen Augen, die mit ihrer ganzen Erſchei⸗ nung in ſo wohlthuendem Einklange ſtanden, ſie woll⸗ ten nicht aus der Erinnerung des einſamen Reiſenden weichen, ſie ſahen mit ihm Alles, was er ſah, und ſprachen mit ihm, wenn kein anderes Wort an ſeiner Seite hörbar ward, und ſo war er mit ſeiner Reiſe zufrieden, ſo langſam ſie auch vor ſich ging und ſo wenig Gelegenheit zur Unterhaltung ſie bot. Endlich wandte ſich der Kutſcher nach ſeinem Fahr⸗ gaſte um und bat um Erlaubniß, ſeine Pfeife in Brand ſetzen zu dürfen, worauf ein Geſpräch ſich ent⸗ ſpann, deſſen Gegenſtände den Dichter allmälig in das Gebiet der Gegenwart zurückführten. Indeſſen liefen die Pferde ſehr langſam und man konnte ſich darüber nicht wundern, wenn man erfuhr, wie der Kutſcher erzählte, daß ſie ſeit dem vergangenen Abend zehn deutſche Meilen im Sande zurückgelegt hatten. Guſtav war beſorgt, ob er noch am Abende auf der Oehe eintreffen würde, aber der Kutſcher beruhigte ihn, verſprach in Neuenkirchen zu füttern, während der Herr den Hochhilligor beſtiege, und gab der Hoff⸗ nung Raum, daß in der Kühle des Abends die von der Tageshitze gelähmten Kräfte der Thiere ſich ſchon wieder finden würden. Je weiter nordweſtlich man nun kam, um ſo frucht⸗ *+ 327 barer wurde die Gegend, um ſo reicher drängten ſich Ortſchaften auf Ortſchaften, und Hof um Hof lugte aus den gewaltigen Baumgruppen hervor, die park⸗ artig die adligen Herrenſitze umgaben, von denen die Inſel Rügen in dieſen Strichen ſtrotzt. Die Luft war faſt ganz ſtill, die herrliche Weizenfrucht, in der Regel vom Winde hin und her getrieben und da⸗ durch gekräftigt, ſtand heute unbeweglich auf den hohen Halmen und die Sonne brannte in mitleidloſer Gluth vom wolkenloſen Himmel hernieder. Allmälig aber kam man der nördlichſten Halbinſel von Rügen, deren äußerſte Ortſchaft das Gut Vieregge iſt, ſchon näher und hier ſäuſelte wenigſtens ein kühlender Luft⸗ zug von den großen Waſſerflächen herüber, die ober⸗ halb des Landes ſich naͤch allen Richtungen ausbreiten. Endlich überblickte man dieſe lieblichen Wieken und Buchten zur Rechten und zur Linken, und:„Nun ſind wir bald da!“ rufend, trieb der Kutſcher mit der Peitſche die müden Pferde zu neuer Anſtren⸗ gung an. Es war ſchon fünf Uhr vorüber, als man den Krug in Neuenkirchen erreichte, wo der Kutſcher die Pferde zu füttern beabſichtigte; und da er verſicherte, daß er von hier aus in zwei Stunden nach Schaprode, der Inſel Oehe gegenüber, gelangen könne, ſo gönnte 328 ihm unſer Freund eben ſo lange Friſt, um für ſich und ſeine Gäule zu ſorgen. Während dieſer Zeit be⸗ ſtieg er ſelber den uralten heiligen Berg, deſſen Name ſchon ſagt, wofür ihn die alten Bewohner Rügens hielten, und nur ſo viel kann man an der Form ſei⸗ nes leider ganz beackerten Gipfels erkennen, die der Pflug und die Egge ſeit Jahrhunderten nicht haben umgeſtalten können, daß er auch einſt zum Begräbniß⸗ orte eines oder mehrerer Häuptlinge gedient hat, wie die Lenz. Als Guſtav Steinau auf dem Gipfel des Berges ſtand und die prachtvolle Gegend mit bewunderndem Blicke überflog, als das tauſendfach zerriſſene Land zwiſchen Wittow und Rügen, Hiddens⸗öe und Jasmund hier in einer ganz neuen Verbindung ihm vor Augen lag, gewahrte er in dem Waſſer, das ihn rings um⸗ gab, eine eigenthümliche dunkle Färbung, die keines⸗ wegs dem reinen Blau des hellen Sommerhimmels entſprach. Mitunter auch drang aus der Ferne ein grollender Ton durch die ſtille Luft herüber und an der Stelle, wo die Sonne im Weſten niederſinken ſollte, ſammelte ſich allmälig eine graue Nebelhülle, die raſch zunahm und bald den ganzen neſtlichen Horizont überſpannte.) Ein Landmann, der ſeine Felder beſchritt, geſellte 329 1 ſich zu dem Fremden und auf des Letzteren Frage, was dieſer Nebel zu bedeuten habe, ſagte er, daß es ein Gewitter geben werde und zwar ein gewaltiges, wie man es ſo bald nicht erlebt. Als Guſtav dies hörte, wäre er gern raſch nach Neuenkirchen zurückgekehrt, um ſo ſchnell wie möglich weiterzufahren, aber der Gedanke an die müden Pferde hielt ihn zurück und ſo traf er erſt zur verabredeten Zeit in dem Kruge wieder ein und ſetzte endlich lang⸗ ſam ſeinen Weg weiter fort. Es wurde allmälig Abend, aber anſtatt kühler zu werden, ſchien er an Hitze zuzunehmen und im lang⸗ ſamſten Schritt ſchleppten die Pferde den Wagen mühſelig auf den ſandigen Wegen fort. Guſtav'Stei⸗ nau entſandte ſeine Blicke ringsum— die jetzt an der Neuendorfer Wiek ſich entlangziehenden Felder ſchienen ihm bekannt zu ſein, und je weiter er kam, um ſo lebhafter rüttelte ſich ſeine Erinnerung wie aus einem langen Traume empor, und als ob ein Schleier von ſeinen Augen niederſänke und Feld, Wald und Flur deutlicher um ihn hervortreten ließe, ſo ward er ſich bewußt, dieſe Häuſer und Mühlen, dieſe Höfe und Wälder ſchon öfter, wenn auch in längſt vergan⸗ gener Zeit, erblickt zu haben.) Faſt wäre eine heimatliche Luſt dabei in ſeine 330 Bruſt eingezogen, aber der Gedanke, daß zwiſchen dieſer Erinnerung aus ſeiner frühſten Jugend und dem gegenwärtigen Tage eine tiefe unüberſteigliche Kluft liege, verdüſterte ihm die Freude und es blieb nichts als eine Art wehmüthiger Spannung in ihm zurück, die bei jeder neuen Wendung des Weges einen neuen Anſtoß erhielt, aber auch zu dem bis⸗ weiligen Genuß einen friſchen Tropfen Wermuth fügte. Endlich ſah er nach der Uhr, es war ſchon Neun, und beinahe noch eine Meile war er von der Oehe entfernt, wie ihm der Kutſcher ſelbſt gemeldet hatte. „Es wird ſpät,“ ſagte er zu dem Manne,„und wir werden vor Einbruch der Nacht nicht an Ort und Stelle ſein.“ Deer Kutſcher zuckte die Achſeln und wies mit der Peitſche auf die triefenden Pferde, von denen jetzt eins noch dazu zu lahmen anfing. Guſtav verſtand ihn und war gutmüthig genug, ihn nicht zu ſchärferen Mitteln zu treiben, das Fuhrwerk vorwärts zu ſchaffen. Plötzlich aber verdüſterte ſich im Süden und Weſten der Himmel vollſtändig und ein leiſe pfeifender Wind begann von der Weſtſee daher zu ziehen und die weiten Flächen der Getreidefelder in ein ungeſtümes Wogen zu verſetzen. „Jetzt kommt es!“ ſagte der Kutſcher und knöpfte 331 mit ſtoiſcher Ergebung den leichten Rock, ſeine einzige Bekleidung, feſter zu. Guſtav holte ſeinen Reiſe⸗ mantel hervor und ſchlug ihn um die Schultern; darunter nahm er ſeine Geige, die er mit auf dem Wagen hatte, um ſie vor allen Dingen vor dem aus⸗ brechenden Regen zu ſchützen. Die Finſterniß aber, die jetzt auf das Land her⸗ abſank und die eiſige Kälte, die der Regen mitten im Juli herheiführte, war um ſo überraſchender und empfindlicher, da die vergangenen Wochen ſo überaus heiß geweſen waren. „Hier hat es ſchon lange geregnet,“ ſagte der Kutſcher, ſich in eine ſeiner Pferdedecken hüllend und die andre ſeinem Fahrgaſte reichend.„Es iſt dies eine windige Gegend und wenn Mittags eine Hitze zum Umfſinken iſt, muß man Abends Feuer anzünden, um ſich zu erwärmen.“ Er konnte nicht weiter ſprechen, der lange drohende Sturm brach mit einer Gewalt ohne Gleichen aus. Die Halme der Feldfrüchte beugten ſich bis zur Erde, in den hie und da auftauchenden Gebüſchen knickte der Wind die Zweige ab und ein ſo anhaltender und dich⸗ ter Regenguß fiel, daß die Wege angenblicklich über⸗ ſchwemmt waren und die Pferde bis halb zum Knie wie im Schlamme wateten. 332 Da es kein Mittel dagegen gab, ſo fanden ſich unſere Reiſenden in das Unvermeidliche; langſam ging es vorwärts, der Regen aber ſtrömte unaufhörlich herab, der Donner rollte dumpf über das Meer her und aus den pechſchwarzen Wolken zuckten ringsherum zahlloſe Blitzſtrahlen nieder. So ſchön dies großartige Naturſpiel auch war und ſo gern Guſtav Steinau dergleichen aus einem trocknen wohlverſchloſſenen Hauſe mit anſah, diesmal wünſchte er ſich doch aus dem Bereiche deſſelben, und mit un⸗ endlichem Behagen ſah er die Lichter in den Häuſern von Schaprode glänzen, dem man nun endlich nahe gekommen war. Es war eben zehn Uhr, die Dorfkirche verkündete es mit lauten Schlägen, und gerade als man in das ſtattliche Dorf einfuhr, ließ der Regen etwas nach und der dunkle Himmel darüber lichtete ſich allmälig auf. „Soll ich Sie nach dem Hauſe des Schiffers Tode an der Ueberfahrſtelle nach der Oehe fahren?“ fragte der Kutſcher. „Ja!“ ſagte Guſtav mit einiger Unruhe, denn nun erſt fiel es ihm ſchwer auf's Herz, daß er ſo ſpät an Ort und Stelle gelangte und die Nachtruhe der Inſel⸗ bewohner ſtören mußte. Endlich hielt der Wagen vor der Thür eines 333 ſehnlichen Hauſes. Im Innern war Licht und auf den Anruf des Kutſchers trat ein alter Mann in See⸗ mannstracht heraus, um ſich nach dem Begehren der Fremden zu erkundigen. Als er hörte, was man verlangte, war er ſogleich bereit, den Beſuch nach der Oehe überzuſetzen und auf Guſtav's Frage, ob es nicht am Ende gerathener ſei, die Nacht in Schaprode zuzubringen, um auf der Oehe nicht zu ſtören, ſagte der Mann, der der Schiffer Tode ſelber wak:— „Nein, nein, kommen Sie nur. Auf der Oehe iſt jeder Gaſt zu jeder Zeit willkommen und in wenigen Minuten ſollen Sie unter Dach und Fach ſein.“ „Iſt die Inſel denn ſo nahe?“ „Da ſehen Sie nur, jenes Licht dort brennt in des gnädigen Herrn Hauſe, man iſt alſo darin noch munter.“ Guſtav verabſchiedete den Kutſcher, der ſogleich den Krug aufſuchte; dann nahm er ſeine Geige unter den Mantel, der Schiffer hob den Koffer wie eine feder⸗ leichte Laſt auf die ſtarfe Schulter und leitete den jungen Mann, der bei der herrſchenden Finſterniß auch nicht das Geringſte von der nächſten Umgebung wahr⸗ nehmen konnte, in ein ſchwankendes Boot, nachdem er über einen ſehr holprigen Steindamm hatteklettern müſſen. 334 Wenige kunſtgemäße Ruderſchläge trieben die kleine Nußſchale über die wild tanzende Fluth und als die beiden Männer den feſten Boden der Inſel betraten, goß der Regen wieder in Strömen vom Himmel. „Das iſt ein arges Wetter“, ſagte der voran⸗ ſchreitende Schiffer,„aber nun werden Sie bald im Trocknen ſein.“ Eben hatte man das Herrenhaus auf der Oehe erreicht, ſchon ſchlugen die Hunde ein lautes Gebell an, da ſie die Fremden witterten, als das Licht im Herren⸗ hauſe erloſch und Alles ringsum in tiefſte Finſterniß verſank. „O, o“, ſagte Meiſter Tode,„die hätte auch noch einen Augenblick warten können, aber das war nur eine Magd, die ihr Licht eben ausblies. Gehen wir um das Haus herum, der gnädige Herr iſt ſo früh nicht müde und ſitzt gewiß noch bei ſeinen Büchern.“ Bei dieſen Worten ſcheuchte er einen großen Hund fort, der ihn zu kennen ſchien und knurrend hinter ihnen herſchlich; gleich darauf aber ſtand er vor einem Fenſter ſtill, hinter deſſen Vorhängen man den ſanften Schimmer einer Lampe bemerkte, und mit dreiſter Hand pochte der Schiffer an eine Scheibe, ſeinem Begleiter ein Zeichen gebend, daß ſie noch nicht zu ſpät gekom⸗ men ſeien. 33⁵ „Wer iſt da?“ fragte die tiefe Kraftſtimme des Beſitzers der Inſel, indem ſeine Hand hurtig das Fenſter öffnete. „Ein Fremder“, antwortete Guſtav Steinau mit ſeinem weichen Organe,„der die Gaſtfreundſchaft Herrn von der Oehe's zu einer ſehr unpaſſenden Zeit in Anſpruch nimmt.“ „Hoho!“ rief es im Zimmer faſt heftig, und Herr von der Oehe, der auf der Stelle die Stimme des Redenden erkannt hatte, eilte in das Vorderhaus, ſchloß die Thür auf und lud den vom Wetter arg mitgenommenen Gaſt mit den Worten ein: „Herein, herein, mein junger Freund; bei mir ſind Sie zu jeder Stunde willkommen!“ Während nun der ſo freundlich empfangene Gaſt in das Herrenhaus der Inſel tritt, der Schiffer Tode aber in vollem Regen wieder über den Strom ſetzt, müſſen wir die Inſel Oehe und ihren Beſitzer etwas genauer betrachten, denn auch wir werden daſelbſt einige Zeit verleben und ſogar den wichtigſten Ent⸗ wicklungen unſrer Erzählung beiwohnen, die jetzt in zeitgemäßer Ordnung auf einander folgen ſollen. Die Inſel Oehe, von dem Schaproder Ufer durch einen etwa ſechszig Schritt breiten, aber ſehr tiefen 336 und reißenden Meeresarm getrennt, von der ſüdlich gelegenen Inſel Ummanz drei Achtel Meilen, von dem weſtlich gelegenen Hiddens⸗-öe dagegen drei Viertel Meilen entfernt, ſoll, wie die Sage geht, vor Jahr⸗ hunderten das größte Gut auf ganz Rügen geweſen ſein; aber das wild wogende Element des Waſſers, in Verbindung mit den hier unabläſſig hauſenden Stürmen haben unbarmherzig ein Stück nach dem andern von der Weſtſeite der Inſel abgeriſſen und die fleißige Menſchenhand hat gegen die Tag und Nacht anſtrömende Fluth bis jetzt vergeblich angekämpft. Weit in der See nach Weſten hin kommen von Zeit zu Zeit beim Baggern ungeheure Eichenſplitter und Blöcke aus dem jetzigen Meeresgrunde zum Vorſchein und bekunden die ehemalige große Ausdehnung der Inſel und ihren rieſigen Baumwuchs. Allerdings ſieht man nicht täglich eine allmälige Abnahme des Landes, allein von zehn zu zehn Jahren iſt doch eine Verringe⸗ rung merklich und erſt ſeitdem der jetzige Beſitzer be⸗ gonnen hat, mit vieler Mühe und großen Koſten rings um ſeinen Strand einen kleinen Deich aufzuwerfen, verſchont die gierige Welle das Land, und die Felder der Inſel gedeihen, wo nicht die ſalzigen Gewäſſer hie und da manche Stelle für lange Zeit unfruchtbar gemacht haben. 337 Gegenwärtig iſt das kleine Eiland beinahe drei⸗ hundert Morgen groß, ragt ringsum nur einige Fuß über den Meeresſpiegel hervor und erhebt ſich nur auf der Weſtſeite an zwei verſchiedenen Punkten zu einer hügelartigen Anſchwellung, auf deren erſterer ein uralter, vom Winde gebeugter dichter Weißdornbuſch ſteht, der wie ein ſchützendes Zelt den dort Weilenden überdacht und ihm ſo einen Ruhepunkt gewährt, weit⸗ hin über die ſchäumenden Gewäſſer nach den fern im Nebel auftauchenden Inſeln zu blicken; der zweite vor⸗ ſpringende Ort dagegen iſt der ſogenannte Steinort, ganz nach Weſten hin, auf den wir noch oft zurück⸗ kommen werden, da er eine große Rolle in unſrer Erzählung zu ſpielen beſtimmt iſt. Im Uebrigen iſt die Oberfläche der Inſel, bei hie und da wellenartiger Erhebung, flach und im Ganzen kahl, und die wenigen Bäume in der Nähe des Hofes verrathen nur zu deutlich, daß die Kraft ihres inneren Wachsthums den äußeren Einwirkungen der Stürme bei Weitem nicht die Waage hält. Der Boden der Inſel bringt herrlichen Weizen hervor und bietet, aus der Vogelperſpective überſchaut, die Form eines großen Ahornblattes dar, deſſen Stiel der Steinort und deſſen umgebogene Spitze ein ſüdlich gelegener Haken iſt, auf dem das üppigſte Gras gedeiht. Ueberhaupt umgürtet Die Inſulaner. I. 22 338 die ganze Inſel ein unmittelbar an den kleinen Deich ſich anſchließender ſchmaler Wieſenſtreif, der reichliches Futter für die dreißig Kühe und vierzehn Pferde her⸗ vorbringt, die der Beſitzer ſein Eigen nennt. Hauptſächlich um dieſe Wieſen vor Ueberfluthung zu bewahren, hat der Beſitzer eben jenen kleinen Wall errichtet und allerdings ſchützt derſelbe in gewöhnlichen Fällen das Land ſo ziemlich gegen den Anprall der Wellen. Große Sturmfluthen aber verſpotten dies winzige Werk von Menſchenhand und ſtürzen unbarm⸗ herzig auch über dieſen Wall und beſpülen, zerreißen und untergraben große Inſelſtrecken. Da nun die meiſten Stürme in dieſer Gegend, und zugleich die heftigſten, aus Nordweſten wehen, ſo würde die Inſel längſt zerſtückelt worden ſein, wenn nicht die Natur, gleichſam aus milder Barmherzigkeit, der unermüdlichen Menſchenhand zu Hülfe gekommen wäre. So hat ſie denn ſeit langen, langen Jahren auf der ganzen Weſt⸗ küſte und vorzüglich an dem gefährdetſten Punkte, jenem Steinorte, einen Wall von rieſigen Granitſtücken aufgerichtet, die vom Eiſe herbeigetragen, dort abgelagert und beim Schmelzen der Eisblöcke zurückgelaſſen werden. Alle Jahre trägt ſie ſo gleichſam neue Baumaterialien zum Schutze des Eilandes heran und verſtärkt deren Widerſtandskraft. Faſt alle Steine aber tragen den 339 Charakter ihres Vaterlandes an ſich, es ſind Granit⸗ blöcke, die allein den ſkandinaviſchen Felsgebirgen ent⸗ ſtammen können. Aus dieſem Grunde ſind ſie den Inſelbewohnern von unermeßlichem Werth und darum haben Letztere von jeher große Aufmerkſamkeit auf die⸗ ſelben gerichtet, ſie nur in nothwendigen Fällen zu eigenem Bedarf verwendet, aber niemals verkauft, obgleich ſie einen großen Gewinn in den benachbarten Städten des Feſtlandes daraus hätten ziehen können. Im Oſten der Inſel ziehen ſich wie verlorene Poſten kleine, in einer Linie gepflanzte Weidenbäume an dem. Walle entlang, und ſieben große Eſchen, die einzigen Bäume des Eilandes außerhalb des Parks, beſchatten den öͤſtlichen Hofflügel, deſſen Fenſter ſie Tag und Nacht mit ihren dünnen Zweigen peitſchen und damit den darin Wohnenden das ruheloſe Treiben der Winde verkünden.) Wenn man von Schaprode aus die Oehe mit dem Boote berührt und nach dem Feſtlande von Rügen über den ſchmalen Meeresarm zurückſchaut, hat man einen reizenden Anblick. Die ſtattlichen Häuſer der Schiffer von Schaprode, in denen nur Wohlhabenheit herrſcht und alte Rügianiſche Biederkeit wohnt, um⸗ kränzen das ganze Ufer und über ihnen ragt idylliſch zwiſchen gewaltigen Bäumen der kleine Kirchthurm des . 22* 340 Dorfes hervor. Auf dem tiefen Kanale aber ſchaukeln ſich große Poſtſchiffe, die nach Stralſund und anderen Orten ſegeln, und eine zahlloſe Menge kleinerer Fiſcher⸗ boote drängen ſich am Strande wie in einen friedlichen Binnenhafen zuſammen. Pferde, Wagen und größere Laſten werden mittelſt einer an ſtarken Tauen liegenden Fähre herüber und hinübergefahren, aber wenn die See hoch geht, iſt dies eine gefährliche Paſſage und beim Eisgang vermögen ſogar die feſtgefügten Boote dem Andringen der Eis⸗ berge nicht Stand zu halten und ſechs ſtarke Männer arbeiten oft vergeblich ſtundenlang, den Uebergang in einem Boote zu ermöglichen, der bei ruhigem Wetter und glatter See nur zwei Minuten erfordert.) Wenn man an der gewöhnlichen Fährſtelle die Inſel betritt, ſo erblickt man zunächſt hundert Schritte vom Strande entfernt ein altes Käthnerhaus, in welchem der Fährmann wohnt. Früher war dies der Sitz einer Leibeigenen⸗Familie, die dem Geſchlechte der Oehes viele Jahre treu und redlich diente, aber ſeit längerer Zeit theils ausgeſtorben, theils verſchollen iſt und das letzte Glied dieſer Familie iſt es, welches leider einen traurigen Einfluß auf das Herrenhaus ausgeübt hat, wovon wir noch Manches zu berichten haben werden. An dieſem Fährhauſe vorbei gehend wendet man 341 ſich links, gegen Oſten, dem Herrenhauſe zu. Dies nun erweckt in Bezug auf die Regelmäßigkeit und Schönheit ſeiner Bauart durchaus kein günſtiges Vor⸗ urtheil für den Geſchmacks⸗ und Kunſtſinn ſeines Er⸗ baußrs, aber das Ganze iſt in Anbetracht ſeiner den Winden und Stürmen ſo preisgegebenen Lage und ſeiner ſonſtigen eigenthümlichen Verhältniſſe nur dem Bequemlichkeitsſinn deſſelben angepaßt und erweiſt ſich in ⸗allen ſeinen Theilen außerordentlich zweckgemäß und dabei geräumig und behaglich.(Alfred Brunſt, der jedesmal ſeine Kritik über den Bauſtyl deſſelben laut werden läßt, wenn er die Inſel beſucht, ſagt zwar, es beſtände nur aus zwei ſichtbaren und einem unſicht⸗ baren Flügel ohne Mittelbau, und jedes Zimmer hätte wie ein Zellengefängniß ſeinen beſonderen Flügel, allein das darf nur als im Scherze geſprochen angenommen werden, denn im Ernſt findet der unbarmherzige Kritiker es ſtets ſehr behaglich in ſeinem gaſtlichen Innern. Der Haupttheil des Ganzen, der nach Süden ſieht, iſt ein langes maſſives Gebäude mit fünf großen Fen⸗ ſtern, von denen drei auf der einen und zwei auf der andern Seite der Thür liegen, die alſo ſeltſamer Weiſe nicht die Mitte des Hauſes einnimmt. Ueber der Thür und zwei Fenſtern erhebt ſich ein giebelartiger Vor⸗ und Aufbau, der ein ſchönes Gaſtzimmer enthält 342 und von dem ſich das Dach, aus dichter Rohrlage beſtehend, eigenthümlich in geſchwungenen Linien ab⸗ ſtuft. Gegen Oſten iſt ein langer zweiſtöckiger Flügel angebaut, der, von hinten aus geſehen, nur angeklebt erſcheint, im Innern aber mit dem Hauptgebäude zweckgemäß verbunden iſt. Auf der entgegengeſetzten Seite fehlt der entſprechende zweite und eben darum von Alfred Brunſt unſichtbar genannte Flügel; die Steine zum Bauen deſſelben liegen jedoch ſchon bereit und iſt dieſe Arbeit nur durch äußere Umſtände bisher verſchoben worden. 2 Das Ganze iſt erſt wenige Jahre alt und ſo ziem⸗ lich auf der Grundſtelle des alten feudalen Gebäudes errichtet, welches noch zur Zeit beſtand, als Gottlieb von der Oehe ſeiner Väter Erbe übernahm. Viel annehmlicher als dieſes ſeltſame Aeußere ſtellt ſich uns das Innere des Herrenhauſes dar. Alle Zimmer ſind geräumig, namentlich auf der Weſtſeite, die man mit dem Namen Geſellſchaftszimmer belegt; auf der Oſtſeite liegt zunächſt dem durch Glasthüren geſchloſſenen Flur die eigentliche Wohnung des Haus⸗ herrn, beſtehend aus einem Saal und dem Studirzimmer, an welches ein Alkoven ſtößt, der zum Schlafgemach dient. Das ganze obere Stockwerk des Oſtflügels und ſämmtliche Giebelräume des Hauptgebäudes ſind zur 343 Aufnahme von Gäſten beſtimmt, und acht Zimmer un⸗ mittelbar neben einander bieten mit ihren prächtigen Betten Raum genug, wenigſtens ein Dutzend Gäſte bequem und traulich zu beherbergen. Die unteren Wohnzimmer ſind ſämmtlich modern tapezirt, mit guten Mahagonimöbeln verſehen und einige von ihnen bieten ſogar mit ihren Flügelthüren, bequemen Sophas und Seſſeln und ihren feſtſchließen⸗ den Doppelfenſtern mit großen Spiegelſcheiben einen eleganten Anblick dar. Allerdings mag ein ſehr ſchar⸗ fes und für dergleichen Dinge geſchultes Auge die fein ordnende Frauenhand in dieſen weiten Räumen vermiſſen; es liegt und ſteht zwar Alles in Ordnung, wie man es braucht und gern hat, aber die letzte ver⸗ ſchönernde Zierde, gleichſam der Firniß, der ein großes Hausweſen ſo behaglich und einladend macht, fehlte, etwas mehr Ausputz und Glanz würde nicht ſchaden, aber die blitzende Sauberkeit, die manche Frauen— leider bei Weitem nicht alle und vielleicht ſogar nur ſehr wenige— darüber auszubreiten verſtehen, iſt eine Zuthat, die unſer guter alter Herr, auf eigene Hülfe und Mittel angewieſen, darin nicht hervorzu⸗ zaubern verſtand.) 3 Die Wirthſchaftsräume dagegen, im großen Flü⸗ gel gelegen, laſſen nichts zu wünſchen übrig, denn die 344 Haushälterin und die ihr untergebenen fünf oder ſechs Mägde müſſen rührig, reinlich und fleißig ſein, wie Alles, was auf der Oehe ‚athmet und arbeitet, denn des alten Herrn ſcharfes Auge dringt in jeden Winkel und ſeine mächtige Stimme ruft Groß und Klein, Alt und Jung zur gemeſſenſten Ordnung. Unmittelbar vor der Hauptfront des Hauſes, vor deſſen Thür zu beiden Seiten weißgeſtrichene Bänke ſtanden, lag jenſeit der granitgepflaſterten Auffahrt ein kleiner Vorgarten, eigentlich nur ein beſcheidener runder Raſenfleck, mit Roſenſtöcken bepflanzt, von denen aber nur ſelten einer oder der andere im Au⸗ guſt eine Blume treibt. Im Hintergrunde des Ra⸗ ſenflecks lehnt ſich an die ſteinerne Mauer, welche den Vorgarten vom Dunghof abſchließt, eine hübſche Laube, beſchattet von einigen Akazien, hinter derſelben aber liegt der von ſchönen Strandſteinen umfriedigte Dung⸗ hof, ein Mnſter von Reinlichkeit, denn außerhalb der Steinbrüſtung darf niemals ein Abfall von irgend einem Wirthſchaftsgegenſtande umhergeworfen werden und der grauhaarige Statthalter*) hält ſtreng darauf, *) In der Regel ein alter erfahrener Knecht, der das größte Vertrauen des Gutsherrn beſitzt und als ſolcher Vorarbeiter und Geſchirraufſeher iſt. Oft aber auch iſt es ein halbgebilde⸗ ter Volontair, der das Landweſen von Grund aus lernen will. daß hierin wie in allem Uebrigen des gnädigen Herrn Befehle vollſtreckt werden. Zu beiden Seiten des Dunghofs liegen die Ställe, die Wohnungen des Kutſchers, des greiſen Schäfers und der drei Knechte mit ihren Jungen, und daran ſchließen ſich zwei pa⸗ rallel laufende ungeheure Scheunen, die trotz ihrer Größe ſelten die reichliche Frucht des Feldes im Herbſte faſſen können. Auf, der entgegengeſetzten Seite des Hauſes liegt der Garten, der in ein bis zum Waſſer fortlaufendes parkartiges Gehölz übergeht. Erſterer bringt Obſt und Gemüſe aller Art hervor, es reift aber Alles ſehr ſpät. Auf die Blumenzucht, von der man we⸗ nigſtens einige ſchwache Spuren darin wahrnimmt, ward wenig Zeit und Neigung verwendet, denn es gab wohl meiſt etwas Ernſteres im Hauſe und auf dem Gute zu thun; der Park dagegen war in leid⸗ lichem Stande gehalten und man fand darin manch lauſchiges Plätzchen unter den blätterreichen Bäumen, deren Laubkronen jedoch keine beſondere Höhe erreich⸗ ten, da ſie der Wind zu häufig beſuchte und knickte. Auf der ganzen Inſel lebten außer dem Beſitzer ſelbſt fünfundzwanzig Perſonen, unter denen der Statt⸗ halter die angeſehenſte war. Er war der Vertraute des Herrn, auf der Inſel geboren und hatte ſchon 346 als Leibeigener in der Familie gedient. Er kannte die ganze Leidensgeſchichte derſelben und war ihr ſo treu ergeben, wie es nur ſelten ein Diener iſt. Jetzt war er ein grauköpfiger Alter, älter ſogar als der Herr, aber noch rüſtig, und gegenwärtig bekleidete er mehr dem Namen als der That nach das Amt eines Statthalters, vielmehr war er das Factotum des gan⸗ zen Gutes und ohne ihn wurde kein Kalb geboren, keine Frucht eingebracht, kein Brod gebacken, überall hatte er Augen und Hände dabei und es wäre ein Verbrechen geweſen, wenn ein Andrer es gewagt hätte, ihm eines ſeiner tauſend Aemter ſtreitig zu machen oder ſeine Autorität dabei hintanzuſetzen. Er hieß Vormäher, wahrſcheinlich weil ſeine Vorfahren als Leibeigene das Geſchäft eines ſolchen verſahen, da die Leibeigenen meiſt nach den Arbeiten, die ſie verrichteten oder nach dem Orte, wo ſie wohnten, genannt wurden. Zu welcher Zeit das früher bedeutendere Ritter⸗ gut, die Oehe, in den Beſitz dieſer Familie gekom⸗ men, iſt aus keinem Chronikenbuche mehr nachzuwei⸗ ſen; gewiß iſt nur, daß der Beſitz ſich über 600 Jahre hinaus erſtreckt und die Sage geht, daß ein Rügia⸗ niſcher Wendenfürſt nach einer Jagd den jüngeren Sohn eines ſeiner Edlen, welcher ſich in ſeinem Ge⸗ folge befunden, für Lebensrettung mit der Inſel be⸗ 347 lehnt habe— eine Sage, die Alfred Brunſt im Scherze als völlig wahrheitslos verwirft, indem er behauptet, die Vorfahren ſeines alten Freundes ſeien nichts als ehrbare Fiſcher geweſen, und wenn ſie mit ihrem Fange nach Stralſund gekommen, um ihn zu verkaufen, habe man geſagt: Sieh da, da kommt der Fiſcher von der Oehe! und daraus ſeien endlich die Herren von der Oehe entſtanden. Wir ſelbſt ſind Zeuge geweſen, wie dieſer Punkt einſtmals zwiſchen den beiden alten Herren abgehan⸗ delt wurde, und wir haben eben ſo viel Vergnügen dabei genoſſen, zu ſehen, mit welchem Eifer der Eine an der ehrenvollen Tradition ſeiner Ahnen feſthielt und mit welcher Heiterkeit der Andere den alten Stamm⸗ baum zu erſchüttern ſuchte, obgleich es ihm damit eben ſo wenig Ernſt war, als wenn er in anderen Dingen dem alten Herrn zu Leibe ging, nur um den Genuß zu haben, denſelben in Eifer gerathen und ſich wie ein Edelmann von altem Schrot und Korn auf das Ritterlichſte vertheidigen zu ſehen.) Das Geſchlecht der Oehes hat ſich nie durch haar⸗ ſträubende Kriegsunternehmungen oder durch blutige und raubritterliche Großthaten ausgezeichnet, wie ſo manches andere Geſchlecht von gleichem Alter; nur des Einen von ihnen wird im Stralſunder Raths⸗ archiv ſehr ruhmvoll in kriegeriſcher Weiſe gedacht. Stralſund war nämlich mit einem Rügianiſchen Fürſten wegen der Glewitzer Fähre in Fehde gerathen und eein Herr von der Oehe hatte darin für die Stadt den Sieg davon getragen, weshalb er von jenem Fürſten wegen Lehnsuntreue ſeines Grundſtückes ver⸗ luſtig erklärt und beraubt worden. Der Fürſt verlor aber den darüber angeſtrengten Prozeß, weil jener tapfere Oehe auch in Stralſund ſeinen Wohnſitz ge⸗ habt und alſo ſeine Verpflichtung für die Stadt ihn zu jenem Kampfe genöthigt hatte. Im Ganzen aber haben ſich die Oehes eben ſo wenig durch kriegeriſche Leiſtungen wie ſpäter durch feineren Kunſtſinn ausgezeichnet, ſie haben vielmehr, wie aus allen Chroniken hervorgeht, ſtets ein ſtilles patriarchaliſches Leben innerhalb des ihnen zugewie⸗ ſenen kleinen Kreiſes geführt, mit allen benachbarten Edlen in ſteter Freundſchaft gelebt, durch Rath und That den Bedrängten geholfen und auch Fremden, die ihnen nahe getreten, ſo viel Wohlthaten erwieſen, als ihnen ihre immer nur ſchwachen Mittel geſtatteten. Nie aber iſt ihre Familie weit verzweigt und ausge⸗ breitet geweſen, nie hat ſie Nebenlinien gehabt und iſt faſt immer nur auf zwei Augen beſchränkt geblie⸗ ben— es wären dies aber ſtets zwei vortreffliche 349 Augen geweſen, bemerkte Alfred Brunſt, wenn in ſeiner Gegenwart die Rede darauf kam. Was nun die Perſon des Letzten des ganzen Stam⸗ mes, eben unſern alten Herrn betrifft, ſo wollen wir uns mit der Erzählung ſeiner Jugendgeſchichte hier nicht aufhalten, da er dieſelbe Guſtav Steinau in ihren wichtigſten Momenten bald ſelbſt mittheilen wird; nur ſo viel ſei erwähnt, daß dieſe Jugend eine harte Zeit für ihn war, daß er durch manche ſchwere Prüfungsſtunde gehen mußte, ehe er zum Manne reifte, und daß er auch dann noch Sorgen im Ueber⸗ fluß zu ertragen hatte, deren bitterſte erſt dann von ihm wich, als er mit ſeinen beiden jetzigen Freunden Carl Melms und Alfred Brunſt in nähere Verbindung getreten war. Sein Aeußeres und einige ſeiner Eigenſchaften haben wir ſchon berichtet und fügen wir hier nur noch Folgendes hinzu. Es giebt eine Klaſſe von Nenſchen auf der Welt,— und namentlich unter den Gebildeteren und einer ge⸗ wiſſen Rangklaſſe Zugehörigen haben wir dieſelben zu ſuchen,— die nicht exiſtiren können, ohne eine hervor⸗ ragende Rolle unter ihren Genoſſen zu ſpielen, die ihnen ſchon nach Außen hin ein gewiſſes Anſehen ver⸗ leiht. Was auch geſchehen möge oder welches Unter⸗ 350 nehmen man auch beginne, ſie müſſen an der Spitze deſſelben ſtehen und die Leiter der ganzen Angelegen⸗ heit ſein. Sind ſie das nicht oder beachtet man ihre Meinung nicht, ſo werden ſie entweder grob oder wenden ſich kalt und verächtlich davon ab, als ſei es unter ihrer Würde, ſich damit zu befaſſen. Ueberall, wo man ſpricht, müſſen dieſe Leute das erſte und letzte Wort haben; wo man etwas beſchließt, muß ihre Anſicht der Sache die Entſcheidung herbeiführen; wo man handelt, muß ihre Fahne als Symbol der Gerechtigkeit und Unumſtößlichkeit der ganzen Unter⸗ nehmung vorangetragen werden. Und merkwürdig, wenn auch alle Welt dieſe Schwäche des Hauptagen⸗ ten kennt, dieſe Leute beſitzen eine Energie und Aus⸗ dauer, ſich geltend zu machen, die alles Widerſpruchs ſpottet, und es gelingt ihnen in der Regel, ſich auf die Höhe des Standpunktes zu ſchnellen, der einmal ihres eigenthümlichen Ehrgeizes raſtlos erſtrebtes Ziel iſt. 4 Zu ſolchen Männern nun gehörte Gottlieb von der Oehe nicht, ja er war gerade das Gegentheil davon. Obgleich er Anſehen unter Seinesgleichen, obgleich er Mittel und auch ohne Zweifel Fähigkeiten beſaß, vielen Anderen in guten Dingen voranzugehen, ſo drängte er ſich doch nie in die vorderſte Reihe, vielmehr blieb er beſcheiden auf ſeinem Platze, bis die Handlung ſein Vorgehen erforderte, dann aber that er gewiſſenhaft ſeine Pflicht, wie man es nur von einem Manne von Ehre und unantaſtbarem Adel er⸗ warten konnte. Dennoch beſaß er ſeinen kleinen Eigendünkel; er that gern Alles, wie er es zu thun gewohnt und wie es ihm früher gelungen war, ſelbſt wenn es kürzere und leichtere Wege zum vorgeſteckten Ziele gab. Viel mochte zu dieſem Gebahren die lange abge⸗ ſchloſſene Lage, in der er ſein Leben verbracht, beige⸗ tragen haben. Er hatte nach einer traurigen Jugend ein ernſtes Mannesalter geführt, war wenig mit der äußeren Welt in Berührung gekommen und ſein Um⸗ gang hatte ſich ſtets nur auf eine beſtimmte Klaſſe von ziemlich gleich denkenden und fühlenden Männern erſtreckt.“ Kein Wunder alſo, daß ein ſo einſam le⸗ bender Mann, ohne Familie, die allein nur häusliche Behaglichkeit und innere Zufriedenheit verleiht, ſich ſeine Welt aus manchem ſonderbaren Material con⸗ ſtruirt, und daß er ſein Leben nach ſeiner Weiſe einge⸗ richtet und geſtaltet hatte. 5 So zum Beiſpiel glaubte er von ſich und hatte er das Vertrauen zu ſich, daß er allen Vorkommniſſen des Lebens gewachſen ſei, und allerdings war ſein 3⁵² ſtählernes Herz und ſein vor keiner Schwierigkeit zu⸗ rückbebender Geiſt Vielem gewachſen— aber Alles, nein, das vermochte er doch nicht zu vollbringen, und um ihm dieſe Verkennung ſeiner ſelbſt auf ſanfte Weiſe zu Gemüthe zu führen, hatte Alfred Brunſt eben den Ausdruck erfunden: er könne Alles, wenn er nur Luft genug dazu hätte. Was die Bedürfniſſe des Leibes und Lebens des alten Herrn betrifft, ſo waren dieſelben ſehr einfacher Natur. Außer gutem Taback und einer warmen Stube — er heizte ſelbſt in Sommer oft ſein kleines Gemach, denn er liebte vor allen Dingen den Anblick der flackernden Flamme— bedurfte er nur noch täglich einer großen Quantität Milch, Butter und guten Brodes, welches letztere nirgends ſo wohlſchmeckend wie auf der Oehe gebacken wurde. Andere Speiſen nahm er zwar auch in gehöriger Menge zu ſich, doch war er darin weder wähleriſch noch lecker, er war mit Allem zufrieden, wenn er eben nur Milch, Brod und Butter in Fülle hatte. Dieſe einfache Lebensweiſe hatte er von Jugend auf geführt, wo er mit ſeinen Mitteln ſtreng haushalten mußte, und ſelbſt jetzt, wo dieſelben eine größere Leckerhaftigkeit geſtatteten, be⸗ hielt er ſeine alten Gewohnheiten bei. Ueberhaupt war er auf das Zuſammenhalten ſeiner 353 Mittel bedacht; im Allgemeinen ſparſam, war er in einzelnen Dingen ſogar ſehr genau zu nennen, nament⸗ lich wenn es galt, ſich einen neuen Rock oder irgend ein anderes Möbel anzuſchaffen. In ſolchen Dingen folgte er nur dem unabweislichen Bedürfniß, da ſeine frühere drangvolle Lage ihm von jeher eine weiſe Be⸗ ſchränkung auferlegt. Sein jetziges Vermögen hatte er nur durch ſtetige Arbeit und anhaltenden Fleiß er⸗ worben, es war ihm nichts wie ſeinem Freunde Brunſt durch die Gunſt des Glücks zugefallen und der Schweiß, den er bei der Erwerbung ſeines Beſitzes vergoſſen, war ihm nur zu wohl in der Erinnerung geblieben, weshalb er das Erworbene ſtreng beiſammen hielt. Was er indeſſen ſammelte und ſparte, ſparte er nicht aus Geiz, das heißt aus Freude am Beſitz ſelbſt, ſondern allein weil er keine weiteren Bedürfniſſe hatte und nie die Sorge ganz verbannen konnte, es möch⸗ ten wieder ſchwerere Tage kommen und den geſammel⸗ ten Schatz zu durchaus nothwendigen Ausgaben in Anſpruch nehmen. Daß bei dem ganz beſonderen Entwicklungsgange und der einſamen Lebensweiſe dieſes Mannes gewiſſe Eigenthühmlichkeiten, in der Regel Sonderbarkeiten genannt, allmälig ſich herausgebildet hatten, bedarf keiner Erklärung, denn es verſteht ſich faſt von ſelbſt. Die Inſulaner I. 23 354 Er war ſogar ſehr reichlich damit ausgeſtattet und in mancher Beziehung ſtrotzte er davon, wie wir ſogleich anführen wollen.— (So liebte er es zum Beiſpiel, ſeinen Freunden und ſogar Fremden gegenüber, ſich für härter, kälter und theilnahmloſer darzuſtellen, als er wirklich war. Nur ſein Aeußeres ließ er hart, bisweilen ſogar rauh und kalt erſcheinen— ſein Inneres war in der That warm und liebevoll genug, was Niemand beſſer wußte als Alfred Brunſt, der ihn nach allen Richtungen voll⸗ kommen ergründet hatte und eben deshalb ſchätzte. Aus dieſer abſichtlichen Verſchließung vor allen das Herz bewegenden äußeren Einflüſſen entſprang auch die Neigung des alten Herrn, ſich im Widerſpruch und Gegenſatz mit den Meinungen und Anſchauungen der modernen Welt zu erklären, was ſich indeſſen im⸗ mer nur in mühſam hervorgeholten Worten, nie in der willig geleiſteten That kundgab. Wenn er in dieſer Weiſe eine Fehde recht eifrig mit Worten auskämpfte, die ſein Herz ſchon längſt zu Gunſten der Gerechtigkeit und Billigkeit entſchieden hatte, pflegte er vorzugeben, er allein handle nach Grundſätzen, während andere Leute nur nach Laune und aus Eigennutz handelten; im Grunde aber han⸗ delte er ſtets nach ſeiner Einſicht oder in Folge des 35⁵ guten Rathes, den ihm die Einſicht eines von ihm ſelbſt für unzweifelhaft ehrlichen und wacker gehaltenen Mannes einzugeben wußte. Einen ganz beſonders hohen Begriff hatte er von den moraliſchen Pflichten eines gebildeten Edelmanns, der in ſeinen Augen auf der Höhe des Zeitgeiſtes ſtand und dem dafür die entſprechende Ehre gebührte. Vorzüglich gegen Damen nahm dieſes Pflichtgefühl eine ihm zur zweiten Natur gewordene Galanterie an, gegen ſie war er Ritter durch und durch— ſo lange die Luft es ihm geſtattete, ſagte freilich Alfred Brunſt — denn eine Dame, auch die ſchönſte auf der Welt, einen hohen Berg hinaufzuführen, lag bei ihm außer dem Bereiche der Möglichkeit, er verſuchte es zwar oft, aber mitten auf dem Wege blieb er mit einem ſeltſamen Ausdruck innerer Beſchämung und Hülfs⸗ loſigkeit ſtehen, eben weil die Luft— zu Ende war. Allein auch gegen fremde Männer, wenn er ſich erſt für ſie intereſſirte, war er ungemein dienſtfertig, höflich, ja er konnte ſogar aufopfernd ſein. Begeg⸗ nete er zum Beiſpiel auf einem Spaziergange Jeman⸗ den, der des Weges unkundig nach dieſem oder jenem Orte fragte, ſo führte er ihn, ſelbſt wenn er ermüdet oder beſchäftigt war, Stunden weit, um ihn zu beleh⸗ ren und auf den rechten Weg zu leiten. 23* 3⁵6 Dabei war er gaſtfrei bis zum Uebermaaß. Hatte er Gäſte im Hauſe, ſo ſcheute er keine Koſten, um es ihnen ſo angenehm wie möglich bei ſich zu machen, und auf ſeinem Hofe war Jeder ein geborgener Mann, namentlich, wenn er es verſtand, den klei⸗ nen Eigenheiten des herzensguten Mannes ſich zu fügen. So gutmüthig er ſich nun auch im Allgemeinen bei verſchiedenen Vorkommniſſen des, Lebens erwies und nachgab, wo es irgend ging, ſo verſtand er doch in Rechtsſachen nicht den geringſten Spaß. Er ſelbſt war nie— er konnte es auf ſein Gewiſſen beſchwö⸗ ren— von dem Wege des Rechten abgewichen, und ſo wollte er denn auch, daß kein Anderer gegen ihn davon abweichen ſollte. In dieſem Punkte allein hatte er ſich drakoniſche Grundſätze zur Richtſchnur vorge⸗ zeichnet, und wen er einmal als vom Rechtsboden ab⸗ weichend erkannt, der war und blieb ſein Feind und hatte niemals Verſöhnung zu hoffen. Den Behörden gegenüber zeigte er ſich ſtets will⸗ fährig, obgleich er immer ſeine Würde behauptete; kränken aber durfte ihn kein Menſch in dem, was er als ſein unveräußerliches Recht in Anſpruch nahm. Verletzte man ihn hierin, ſo kämpfte er wie ein antiker Gladiator bis auf den letzten Blutstropfen und lieber 11 * 1„.—. hörden mehr als irgend einen anderen Menſchen in 3 57 wäre er zu Grunde gegangen, als daß er nachgegeben und um Milde oder Schonung gebeten hätte.“ Am grimmigſten, unverſöhnlichſten wurde er, wenn Jemand ſeinen Beſitz antaſtete, denn der Beſitz des Menſchen galt ihm für ein Heiligthum. Daher wa⸗ ren Diebe und Räuber in ſeinen Augen gleich Raub⸗ thieren, die man mit Liſt und Gewalt angreifen und vertilgen müſſe. Wenn einer ſeiner Nachbarn nur ein Wort bei ihm fallen ließ: er glaube, er werde beſtohlen oder er ſei ſchon beraubt, ſo ſtieg ihm das Blut in den Kopf und er nahm ſeine Büchſe zur Hand und verfolgte wie ein ächter Ritter des Mittel⸗ alters den Räuber, bis er ihn fing, und dem Griffe ſeiner rieſigen Hand war ſchon mancher Jagdfrevler unterlegen, dem er Tage lang nachgeſpürt und end⸗ lich mit ſeinen Falkenaugen ergattert hatte. Aus dieſen Gründen reſpectirten ihn auch die Be⸗ der Gegend, und die Gerichte, die ſeine Halsſtarrig⸗ keit oder vielmehr ſeine Ausdauer kannten, hatten nicht gern mit ihm zu thun, da er ſtets mehr Richter als Kläger ſein wollte und in ſeinen Prozeſſen in der Regel auf Rechten und Geſetzen fußte, die er alle buchſtäblich auswendig wußte. So heiter der alte Herr in Geſellſchaft und na⸗ 358 mentlich in der ſeiner beiden Freunde ſein konnte, ſo war er doch meiſt ſtill, faſt traurig, wenn er allein auf ſeiner einſamen Inſel lebte, und dieſe Traurigkeit ſchien mit den Jahren zuzunehmen und beinahe den Charakter einer allerdings nur periodiſch erſcheinen⸗ den Schwermuth anzunehmen. Es war, als ob ein geheimer Kummer an ſeinem ſonſt ſo fröhlichen Her⸗ zen nage, als ob eine innere tief verborgene Wunde ihm glühende Schmerzen errege, die er nur mit Mühe den Blicken der Außenwelt verbarg und für die er bisher vergeblich einen lindernden Balſam geſucht. Gegen Niemand ſprach er darüber, niemals beklagte er ſich und höchſtens Alfred Brunſt, der mit den Irr⸗ gängen dieſes menſchlichen Herzens innig vertraut zu ſein ſchien, hatte die Urſache dieſer ſeltſamen Erſchei⸗ nung ergründet. Auch wir ergründen dieſelbe vielleicht bald, denn gerade an dem Tage, an welchem Guſtav Steinau die Inſel betrat, und zu dem wir jetzt zurückkehren, war der Kummer des alten Herrn recht augenſchein⸗ lich geweſen und er fühlte ſich innerlich ſo zerbrochen, wie noch nie in ſeinem Leben.) Jedoch war die Urſache dieſes inneren Zwieſpalts nicht in einem Ereigniß eben dieſes Tages zu ſuchen, ſchon längere Zeit hatte ſich an dem ſo rüſtig thätigen 359 und immer gleichmäßig heiter geſtimmten Manne eine allmälige Abnahme ſeiner guten Laune bemerklich ge⸗ macht. In früheren Tagen hatte er ſehr häufig Nach⸗ mittags ſeine Inſel verlaſſen und irgend einen Nach⸗ bar beſucht, von dem er gewöhnlich ſpät Abends zu⸗ rückkam; ſeitdem er aber mit den Freunden in Putbus jene bekannte Zuſammenkunft gehabt, war er nicht von dem Platze gewichen, hatte mehr denn je ſich im Freien aufgehalten und von dem Strande des kleinen Eilandes aus allen Vorgängen auf der See die ſchärfſte Aufmerkſamkeit zugewandt. Es war alſo eine äußere Veranlaſſung zu dieſem ſeltſamen Verhalten vorhanden, und dafür zeugen auch die häuftgen Beſprechungen, die er mit den ihm be⸗ freundeten Fiſchern und Schiffern in Schaprode hielt, ſo wie endlich die geheimen Aufträge, die er ſeinem treuen Statthalter gegeben, der ſeinerſeits vom frühen Morgen bis Mitternacht auf dem Poſten ſtand, um alles im Umkreis der Inſel Vorgehende zu bemerken und ſeinem Herrn zu berichten. Was für eine Veranlaſſung von Außen dies nun war und wie ſchwer ſie in die Wagſchale des Glücks des alten Herrn fiel, ja wie tief ſie in ſein Fleiſch einſchnitt— wird die folgende Erzählung lehren. Vorzüglich alſo an jenem Tage, an welchem Guſtav Steinau auf der Inſel eintraf, ſchien der Beſitzer der⸗ ſelben innerlich zu leiden. Ganz gegen ſeine Gewohn⸗ heit hatte er Mittags ohne Appetit geſpeiſt und war dann mit dem Tubus ausgerüſtet an den weſtlichen Strand gegangen, wo er von der vorſpringenden Spitze des Steinorts aus die See rings durchforſchte. Wenn wir ihn aber bei dieſer Gelegenheit bei ſich zu Hauſe ſehen, erkennen wir ihn kaum wieder. Denn die modernen Reiſekleider waren längſt bei Seite ge⸗ legt und Herr von der Oehe war wieder der alte Landedelmann geworden, deſſen Aeußeres ſeiner Be⸗ ſchäftigung und ſeiner Bequemlichkeitsliebe entſpricht. Auf dem Kopfe trug er eine lederne Mütze mit breiten Klappen, die er im Falle der Noth herab⸗ ſchlagen und mittelſt ſtarker Bänder unter dem Kinne befeſtigen konnte. So widerſtand dieſe Bekleidung gleich der übrigen eben ſo gut den Angriffen des Regens wie des Windes. Zum Rocke diente ihm ein altes waſſerdichtes Camiſol, halb Jacke halb Mantel, das bequem und weit genug war, um keiner Bewe⸗ gung ein Hinderniß in den Weg zu legen. Darunter trug er eine ſchwarze Tuchweſte mit langen Schößen und großen Taſchen, um alle die Kleinigkeiten, von denen er ſich nie treunte, namentlich ſeine Meſſer und 361 Feuerzeuge aufzunehmen; um den umgeklappten Hemde⸗ kragen von geſtreiftem Baumwollenzeuge war loſe ein ſeidenes Tuch geſchlungen, deſſen Zipfel im Winde flatterten. Seine Beine ſteckten in braunen ledernen Kurzhoſen, über die ein paar Waſſeerſtiefel von feſteſtem Material gezogen waren, mit denen er mindeſtens zwei Fuß tief in's Waſſer waten konnte, ohne im Gering⸗ ſten von der Näſſe beläſtigt zu werden. Natürlich hing die Jagdtaſche an ſeiner Seite, mit allem Schieß⸗ bedarf gefüllt, und über der Schulter trug er ſeine beſte Doppelflinte, ein Geſchenk Carl Melms', die dieſer für den alten Freund aus Lüttich hatte kom⸗ men laſſen.. In der rechten Hand hielt er natürlich ſeinen feſten Eichenſtock mit ſtählerner Spitze, in der Linken eine kurze brennende Pfeife, und die Hände waren mit verwaſchenen Handſchuhen bekleidet, deren Leder von ſolcher Dauerhaftigkeit war, daß ſie wenigſtens ſchon ſechs Jahre dem anſtrengenden Dienſte, den ſie bei dem alten Edelmann leiſten mußten, widerſtan⸗ den hatten. In dieſem Aufzuge glich der Beſitzer der Oehe faſt mehr einem Jäger als einem Landmann, und hätte Jemand in ſeinem Geſichte den Ausdruck leſen können, der es an dieſem Tage kennzeichnete, er würde 362² eben ſo viel Stolz, Selbſtgefühl und Todesverachtung wie leidende Beſorgniß und jenen Kummer darin ge⸗ funden haben, deſſen wir ſchon vorher Erwähnung thaten. Als er wohl eine Stunde auf einem großen Fels⸗ block am Steinorte geſeſſen und den Horizont ver⸗ gebens nach der erwarteten oder vielmehr gefürchteten Erſcheinung befragt hatte, bemerkte er plötzlich eine Verminderung der großen Hitze, die den ganzen Tag bei völliger Windſtille geherrſcht hatte. Kopfſchüttelnd ſchob er ſeinen Tubus zuſammen und ſteckte ihn in die Jagdtaſche. Als er dann nach einigen ſtarken Zügen aus der Pfeife den Kopf erhob und die Sonne ſuchte, war ſie hinter einem grauen Dunſtſchleier ver⸗ ſchwunden, der blitzſchnell von Weſten heraufgezogen kam. Bald darauf kräuſelte ſich die große Waſſer⸗ fläche und ein ſchriller Windzug wehte kalt und pfei⸗ fend darüber hin. „Es giebt einen Sturm!“ dachte der alte Edel⸗ mann und knöpfte ſeinen Rock feſter zu, ohne jedoch vom Platze zu weichen, den er ſo lange wie möglich zu behaupten entſchloſſen ſchien. Als aber bald der Wind heftiger zu blaſen begann und weiße Schaum⸗ kronen praſſelnd gegen den Wall der Granitblöcke trieb, ſteckte er ſeine Pfeife ein und band ſich die Mütze feſt unter dem Kinne zu. 363 So war er für's Erſte gegen das Andringen des Windes gerüſtet; als aber nach und nach den ganzen Himmel düſtere Gewitterwolken umzogen, ein dröhnen⸗ der Donner in der Ferne hörbar wurde und bald einige kalte große Tropfen in's Meer fielen, erhob er ſich von ſeinem Platze und laut vor ſich hin brummend: „Heute kommt der Räuber nicht, bei aufgeregter See kann er nicht fiſchen!“ ſchritt er langſam auf dem Walle der Inſel der kleinen Anhöhe zu, auf welcher der Dornbuſch ſtand, deſſen ſtarre Zweige bereits der ſtärker gewordene Wind heftig ſchüttelte. Gegen den Wind nun und ſogar gegen den all⸗ mälig ſtärker ſtrömenden Regen war der alte Herr hier ziemlich geſchützt, nicht aber gegen die zunehmende Kälte, gegen die er ſo überaus empfindlich war. Als dieſe nun aber von Augenblick zu Augenblick um ſo unangenehmer ſich fühlbar machte, je heißer die Luft vorher geweſen, ſo beſchloß er den Weg nach Hauſe einzuſchlagen und ſein behagliches Zimmer aufzuſuchen. Kaum aber hatte er den Schutz des Dornbuſches verlaſſen, ſo brach das Gewitter mit voller Wuth aus. Blitz folgte auf Blitz, Donnerſchlag auf Donnerſchlag und ein eiskalter Regen rauſchte dabei ſo feindſelig herab, daß der alte Herr rrotz aller waſſerdichten Kleider in wenigen Augenblicken bis auf die Haut durchnäßt war. 364 Halb laufend und daher bald ganz außer Athem, kam er in etwa zehn Minuten im, Hofe an, ertheilte dem ihm entgegenkommenden Statthalter raſch einige Befehle und trat dann in das Herrenhaus ein, wo er ſich ſogleich der naſſen Gegenſtände und Kleider ent⸗ ledigte, vor allen Dingen aber ſeine Doppelflinte mit äußerſter Sorgfalt reinigte. Als er Beides zu Stande gebracht, ſchellte er der ihn bedienenden Magd, befahl ihr, Feuer im Kamin ſeines Schreibzimmers anzuzünden und ein Glas heißer Milch zu bringen, da ein unheimliches Fröſteln ſeine Glieder erbeben machte. In dieſem Zimmer nun blieb er den ganzen Abend ſitzen und nachdem er um acht Uhr im Speiſeſaal eine warme Suppe, ein kaltes Huhn und einige Löffel ſeiner Lieblingsſpeiſe, Rühreier mit Wurſt, genoſſen, kehrte er wieder dahin zurück, zündete die Studirlampe an und ließ ſich an ſeinem Schreibtiſche nieder, während das Gewitter noch immer in einzelnen Blitzen und Donnern grollte und der Regen vor wie nach vom Himmel ſtrömte. Betrachten wir uns nun dieſes Studirzimmer etwas genauer, denn es war dasjenige im ganzen Hauſe, welches mit dem Weſen des alten Herrn am meiſten ſympathiſirte und worin er ſich meiſt aufhielt, wenn 365 er allein war, ſeine ſchriftlichen Geſchäfte abwickelte und Lectüre oder Schriftſtellerei trieb, mit denen ſich nur zu leicht in jetziger Zeit ein melancholiſches Nach⸗ denken verband, das früher Niemand an ihm zu be⸗ merken Gelegenheit gehabt hatte. Dieſes kleine einfenſtrige Studirzimmer vereinigte alle die alten Raritäten in ſich, die noch von den Vor⸗ fahren des jetzigen Beſitzers auf der Oehe übrig ge⸗ blieben waren. Nichts Modernes, nichts was dem Luxus der Gegenwart huldigt und den Bedürfniſſen eines Edelmannes der heutigen verfeinerten Zeit ent⸗ ſpricht, war in dieſem Zimmer zu ſehen, höchſtens die gelbbraune Tapete, die bei dem Neubau des Hauſes mit eingezogen war, erinnerte an das Jahrhundert, in welchem der Bewohner lebte. Selbſt die dunkel⸗ grünen Vorhänge an den Fenſtern ſchienen einer viel älteren Periode zu entſtammen, aber ſie waren bei Weitem nicht ſo alt wie die übrigen Möbel, das coloſſale Schreibpult von ſchwarz gewordenem Nußbaumholz, das Sopha mit Leder überzogen, deſſen Farbe man kaum noch erkennen konnte, desgleichen ein alter Groß⸗ vaterſtuhl, vier andere Seſſel und endlich eine Commode nebſt Spiegel von ſchönen uralten Stoffen und Formen. An der Wand zur Rechten, wenn man in dieſes Zimmer trat, ſtand das Schreibpult, gegenüber die 366 Commode, dann folgte das Sopha, über welchem zwei alte Oelbilder hingen, irgend einen Ahn des Hauſes und ſeine Gemahlin vorſtellend, denn daß es nicht die Eltern des gegenwärtigen Beſitzers ſein konnten, ſah man an der Tracht, die der Mode des ſiebzehnten Jahrhunderts entſprach. Zur Linken der Thür dagegen hingen an großen eiſernen Riegeln mehrere Gewehre, ſehr alt, nur Carl Melms Geſchenk datirte aus neueſter Zeit; zwiſchen den Gewehren mehrere lange Piſtolen und ein Säbel, der ſeinem Ausſehen nach die Schlachten im dreißigjährigen Kriege mitgefochten haben konnte. Hinter den Gewehren in der Ecke des Zimmers ſah man einen Kamin aus granitfarbigen holländiſchen Flieſen, in dem ein paar Stücke Eichenholz langſam verkohlten und durch welchen ſich zugleich der Tabacks⸗ rauch flüchtete, der das ganze Zimmer erfüllte. Hinter dem Kamin, vor dem der erwähnte Sorgenſtuhl ſtand, ſchloß eine breite Glasthür den Alkoven vom Zimmer ab, die jetzt offen ſtand und uns belehrte, daß das mit roth gewürfeltem Linnenzeug überzogene Himmel⸗ bett, deſſen Breite drei Menſchen hätte beherbergen können, bereits zur Aufnahme des Hausherrn in Stand geſetzt war. Fügen wir hinzu, daß Alkoven wie Stu⸗ dirzimmer mit aneinander gehefteten Rehfellen bis in die äußerſten Ecken belegt waren, ſo werden wir ein ziemlich vollſtändiges Bild des Ganzen gegeben haben, wenn wir nicht noch bemerken wollen, daß dem Bette gegenüber ein alter Pfeifenſchrank an die Wand gefügt iſt, an deſſen Nägeln etwa ein Dutzend Pfeifen von zweifelhaftem Alter, alle wohlgeladen, ihren Platz ge⸗ funden baben. An dem Schreibtiſch nun, deſſen mittelſter Kaſten aus ſtarkem Eiſen geſchmiedet iſt und die Werthpapiere und das baare Geld des Beſitzers enthält, vor einer ausgezogenen Platte, auf deren großer Fläche vielerlei Gegenſtände dem Gebrauche bequem zur Hand liegen, ſitzt Gottlieb von der Oehe ſelbſt, und in der That, der Mann paßt in ſeiner jetzigen Erſcheinung vortreff⸗ lich zu dem alterthümlichen Zimmer, das wir ſo eben zu beſchreiben verſucht. Ein weiter Hausrock von langhaarigem grauen Wollſtoffe ſchließt ſeinen ganzen Körper bis auf die Knöchel ein und nur ein Paar ungeheure Filzſocken ſehen unten daraus hervor. Das graue Haupt iſt tief über einen großen Haufen ver⸗ gilbter Papiere gebeugt und— diesmal um wirklich die Augen zu ſchonen— wirft ein grüner Papierſchirm einen breiten Schatten über denſelben hin, der die Züge ſeines edlen Geſichts ganz und gar verdeckt. Die grüne Studirlampe ſteht ihm zur Linken, zur Rechten ein ungeheures Tintenfaß, über welches die 368 Feder gelegt iſt, die ſo eben noch einen Brief verfaßt hat, der an die Behörden des Kreiſes gerichtet iſt und in markiger Sprache eine Klage und vielleicht ſogar eine Rüge enthält. Die Pfeife, welche die Rauch⸗ wolken entſendet hat, die ſo eben zum Kamine eilen, ſteht kalt und leergebrannt ihm zur Seite und ein kleiner Reſt der getrunkenen Milch iſt noch in einem halben Quartglaſe auf einem Seitentiſchchen zu ſehen. Nachdem der Verfaſſer des geharniſchten Schreibens den Inhalt deſſelben noch einmal überleſen und probat gefunden hat, faltet er das Blatt, ſchreibt die Adreſſe und drückt ſein altes Wappen, einen Eichbaum mit drei Zweigen, an deren jedem eine Eichel hängt und darüber einen Helm mit einem Zweiglein und drei Eicheln zeigend, auf den Lack. Als auch dies geſchehen, wirft er den Brief auf den Tiſch vor dem Sopha und wendet ſich verſchiedenen andren Papieren zu, in denen er blättert; bald aber ſagen auch ſie ihm nicht mehr zu und er nimmt ein Buch zur Hand, das neben ihm aufgeſchlagen liegt und an ſeinen abgegriffenen Blättern einen häufigen Gebrauch erkennen läßt. Es iſt eine Originalausgabe von Salis' Gedichten, in weißes Schweinsleder gebun⸗ den, das aber jetzt durch das Alter und vielfache Be⸗ nutzung eine faſt braunſchwarze Farbe angenommen hat. —369 Eine Viertelſtunde beinahe lieſt der einſame Mann aufmerkſam einige Seiten, endlich aber beendigt er auch dieſe Unterhaltung und wendet ſich dem Fenſter zu, an welches praſſelnd der Regen ſchlägt, der den alten Herrn vor mehreren Stunden in's Haus getrieben hat. Nachdem er eine Weile auf das tobende Unwetter gehorcht, ſteht er von ſeinem Seſſel auf und ſchreitet nachdenklich und mit lautloſen Schritten über den weichen Teppich vor den Kamin, ſchaut eine Minute lang in die leiſe kniſternden Flammen und ſeufzt daun aus tiefſter Seele auf. „Unruhige Zeiten, unruhige Zeiten jetzt!“ ſagt er halblaut und läßt ſich in den weiten Stuhl ſinken, der Jahr ein Jahr aus ſeinen Platz an derſelben Stelle behauptet.„Seit meinem dreißigſten Jahre habe ich dergleichen nicht erlebt und ich dachte ſchon, ich hätte die Stürme des Lebens überſtanden und wäre in den Hafen der Ruhe eingelaufen. Aber nein, nun kommen ſie mit neuer Gewalt und ſchütteln an meinen alten Gebeinen wie an meiner einſamen Inſel. O wer hätte ſich das vorgeſtellt, wer es nur vermuthen können! Ich war ſo ſicher in meinen vier Pfählen, ſo ruhig in meinem häuslichen Frieden und nun packt mich der Aerger, der Zorn— ach! und vielleicht noch eine andere Sorge, der ich keinen Namen zu geben weiß! Die Inſulaner. I. 24 370 Das war ein hübſches Gewitter heute Nachmittag und ich konnte den Regen gebrauchen in dieſem trocknen Jahre. Aber die Kälte, die er mit ſich brachte, die liebe ich nicht, nein, nein, die liebe ich nicht. Kälte! Welch' feindſeliges Element, in der Natur wie im Herzen des Menſchen! O, in der Natur läßt ſie ſich noch ertragen, man kann ſich da⸗ gegen ſchützen, aber im Herzen— was haben wir für Mittel, um ſie daraus zu verbannen und nicht mehr zu empfinden? (O, o, Gottlieb, wie iſt Dir ſo bänglich und kummer⸗ voll zu Muthe! Und dieſe Stille im Hauſe— nie iſt ſie mir ſo unerträglich vorgekommen. Nur Regen und Wind ſind meine Gefährten und beide dringen bis in das Mark meiner morſchen Knochen und legen mir noch einen neuen Zwang zu dem alten auf— ſie laſſen mich nicht hinaus, um wenigſtens unter Gottes Sternen die Gedanken niederzukämpfen, die mich jetzt alle Tage wilder und wilder umſtricken.) Ja, es wird immer ſtiller und öder auf der alten Oehe, wo ich ſo gern Menſchen und Freunde um mich ſähe! Die Leute ſchlafen des Nachts feſter als ſonſt und ſogar die Hunde bellen nicht mehr. Und ſchlafen, ſelbſt ſchlafen— o wie ſüß war das ſonſt!— kann ich auch nicht mehr und es iſt mir, als pochte mein Herz immer lauter und lauter, je ſtiller die Nacht um mich her ihre geſpenſtiſchen Schatten webt. (Wie lange wird dies Herz noch hämmern, wie? O, ich bin auch vergänglich, ich kann auch ſterben, und vielleicht iſt bald der Letzte der Oehes ſeinen Vor⸗ fahren in die Grube gefolgt und Niemand iſt mehr vorhanden, der ſeinen Namen weiter führt und— qualvoller Gedanke!— ſeine Ehre gegen die Verbrecher in Schutz nimmt!) O!“ fuhr er abermals ſeufzend fort,„was iſt doch das menſchliche Leben für ein erbärmliches Ding, wenn man es von dieſer Seite betrachtet! Wie raſch ver⸗ ſchwindet es und wie gebrechlich zeigt es ſich! Alle dieſe nichtigen Dinge, die ich hier um mich ſehe, die Flinte, das Meſſer, der Tiſch, ſelbſt das zerbrechliche Glas dort, können länger dauern als der Menſch mit ſeinen Gedanken und Empfindungen— iſt das nicht traurig und ſchmerzlich? O ja, höchſt traurig und ſchmerzlich! Freilich, wenn man das Leben im Ganzen betrachtet, das dauert länger als Alles— Geſchlechter folgen auf Geſchlechter, bis auch ſie endlich begraben werden und nichts von ihnen bleibt als höchſtens eine ſchwache Er⸗ innerung im Herzen überlebender Freunde. Ach! ſchon über ſechshundert Jahre hat mein Geſchlecht den Erd⸗ 24* boden betreten und hier, hier dicht um mich her hat es gewirkt und gearbeitet, wie ich zu wirken und zu arbeiten und mich dadurch nützlich zu erweiſen bemüht geweſen bin! Ich bin nun der Letzte, ja, der Allerletzte! Ich habe kein Kind, keinen Verwandten— ach!— nein, nein, ich habe keinen, dem ich meinen ehrlichen Namen ver⸗ erben möchte! Alte Oehe, du wirſt bald verwaiſt ſein, die Wogen die dich umgürten, werden noch lange an deinen Ufern nagen und reißen, aber ein Oehe wird ſie nicht mehr ſehen und hören, denn drüben auf dem Friedhofe zu Schaprode wird der letzte bald mit ſeinen Vätern vereinigt ſein! O, und wo bleibt nun Alles, was ich geſammelt, mit Mühe und Noth zuſammengehäuft? Wo? Nun, zuerſt werde ich meine treuen Knechte und Mägde be⸗ denken. Sie alle ſollen eine Erinnerung an mich er⸗ halten, an mich, ihren alten Herrn, der oft gebrummt und geſcholten, aber es doch ſtets gut mit ihnen gemeint hat. Dann aber werde ich meine beiden Freunde be⸗ denken. Meine Freunde— achl ſie fragen nicht viel danach, ich weiß es, haben ſie doch ſelbſt genug, mehr, viel mehr als ſie gebrauchen! Aber wem ſollte ich es ſonſt geben? Wem, ja wem! Meiner Nichte im Fräuleinſtifte etwa? O nein, ſie iſt reicher als wir 373 Alle und einem Weibe ſchadet der allzu große Beſitz mehr als er nützt. Ha!“ fuhr er plötzlich heftig auf und ſchlug mit der mächtigen Fauſt auf ſein Knie,„daß der Bube, der mir ſo Vieles abwendig gemacht, auch meinen Erben abwendig gemacht hat,— es iſt eine Schand⸗ that, die nur ich— ich allein begreifen und empfin⸗ den kann. Doch, ich will ja nicht mehr an vergan⸗ gene Dinge denken, ſie laſſen ſich nicht mehr ändern und mir regen ſie blos die Galle auf, wovor ich einen wahren Schauder habe, denn ich ärgere mich nicht gern über Dinge, die nicht zu ändern ſind!“ Nachdem er dies geſprochen, ſeufzte er noch ein⸗ mal auf, preßte die Hand gegen die heiße Stirn und ſetzte ſich wieder vor ſein Schreibpult, um noch ein⸗ mal ſeinen Lieblingsdichter zur Hand zu nehmen und aus ſeinen ſinnreichen und ermuthigenden Verſen Troſt für ſo manches Leiden zu ſchöpfen. Allein ſein Geiſt, der einmal weit ab aus ſeiner gewöhnlichen ruhigen Bahn gewichen war, fand keinen Sinn in den Worten, die Buchſtaben tanzten und flimmerten vor ſeinen Augen auf und nieder und als er das endlich erkannt, ſchlug er das Buch zu, lehnte ſich hinten über in den Seſſel, legte den Lichtſchirm auf den Tiſch und überließ ſich einem eben ſo trüben wie einſchläfernden Nachſinnen. 374 In dieſem Augenblick war es, wo des Schiffers Tode Hand an das Fenſter pochte, und die Art und Weiſe, wie das geſchah, verrieth Herrn von der Oehe, daß es von Seiten eines mit den Verhältniſſen im Hauſe Vertrauten kam. Des alten Herrn erſtes Gefühl war das des Schreckens, gemiſcht mit einem gerechten Unwillen, denn er hielt dieſe Unterbrechung für die Meldung eines ſeiner Leute, die mit der unangenehmen Lage, in der er ſich gegenwärtig befand, in Verbindung ſtände. „Ha!“ rief der alte Herr empört, aber entſchloſſen aus, als er vom Stuhle aufſprang,„iſt der Schurke ſchon wieder da? Und bei dem Wetter wagt er es? — Wer iſt da?“ rief er nun zu dem raſch geöffneten Fenſter hinaus. Da aber ging augenblicklich eine völlige Verän⸗ derung in der Geiſtesrichtung und den Empfindungen des alten Mannes vor, denn kaum hatte Guſtav Steinau die Worte geſprochen:„Ein Fremder, der die Gaſtfreundſchaft Herrn von der Oehe's zu einer ſehr unpaſſenden Zeit in Anſpruch nimmt!“ ſo er⸗ kannte er die Stimme des jungen Mannes, an den er in den letzten Tagen ſchon oft gedacht und deſſen Ankunft er insgeheim ſehnlichſt herbeigewünſcht hatt e. 37⁵ Die erſte Antwort des alten Herrn beſtand in einem beinahe frohlockenden Aufjauchzen, dann rief er mit weit hinſchallender Stimme, die ſeine überaus freudige Erregung verrieth:„Herein, nur herein, zur Thür— ich werde ſie öffnen!“ Als er aber das Licht nahm und in ſeinen großen Filzſchuhen unhörbar durch das Wohnzimmer glitt, ſagte er zu ſich ſelber:„Gott ſei Dank, alſo endlich ein Menſch, den ich leiden mag! Er kommt gerade zur rechten Zeit!“ Und Guſtav Steinau wäre gewiß ſehr froh geweſen, wenn er gewußt hätte, wie willkommen er trotz der vorgerückten Nachtzeit dem alten Herrn war. Schnell wurden die dreifachen Riegel von! der Thür weggeſchoben und dieſelbe geöffnet, und Guſtav Steinau ſtand nun mit dem Schiffer Tode, der ſchnell die Sachen hereiu trug, in dem durch eine Glasthür in zwei Theile getrennten Vorflur, herzlich willkom⸗ men geheißen, was ſich durch kräftiges Händeſchütteln von Seiten des alten Herrn nur noch deutlicher zu erkennen gab. „Das nenne ich mir Wort halten,“ rief er in wahrhafter Freude aus,„und noch dazu eine Ueber⸗ raſchung bereiten! Heda, Tode, guten Abend! Legen Sie nur den Koffer da ab, er ſoll bald weiter ge⸗ ſchafft werden. So. Ich danke Ihnen. Gute Nacht, 376 bis morgen. Aber halt— warten Sie doch— iſt Alles in Ruhe, Tode? Ich meine auf dem Waſſer!“ Und er gab dabei dem vertrauten Schiffer mit einem verſtändlichen Blick einen Wink, indem er mit der Hand nach der See deutete. „Heute Alles in Ruhe, Herr von der Oehe, und bei ſolchem Wetter kommt er gewiß nicht. Gute Nacht!“ „Gute Nacht, gute Nacht! Na, dann können wir einmal ruhig ſchlafen.— Aber nun hier herein, Herr — Herr Sternberg, nicht wahr? Richtig, richtig, ich habe den Namen behalten— aber, mein Gott, wie naß ſind Sie!— O, welch' herrlicher Einfall war es von mir, das Feuer im Kamin in Brand zu halten! Kommen Sie herein, Sie ſollen bald trocken ſein. Ach— und die arme Geige— nal ſie hat nicht viel abgekriegt, Sie haben ſie warm gehalten, das iſt recht!“ So raſch hinter einander ſprechend, was ſonſt nicht ſeine Art war, ſchritt er dem jungen Manne ſchnell in das mit Tabacksrauch erfüllte Studirzimmer voran, drückte ihn auf den Großvaterſtuhl nieder und lief dann in den Alkoven, aus dem er ſehr bald mit einem zweiten Paar Filzſchuhen und einem Schafpelz hervorkam, die Gu⸗ ſtav ſogleich anziehen mußte, nachdem er ſich raſch auf des Wirthes Geheiß ſeines Rockes und der Stiefel ent⸗ ledigt hatte. 377 „So!“ rief dieſer und zog nun mit Gewalt an einer Glockenſchnur, nun ſoll es bald anders werden. Zwei Stunden haben Sie gewiß noch für mich und dann ſollen Sie ſechs für ſich haben. Das iſt ſicher keine ſchlechte Theilung.— So, und hier ſind für's Erſte Cigarren, oder rauchen Sie lieber eine Pfeife?“ „Ich bitte um eine Cigarre,“ ſagte Guſtav Stei⸗ nau, der nach Alfred Brunſt's Rath nichts von der Hand weiſen wollte, mit ſanfter Stimme, denn ihm war ganz ſeltſam zu Muthe, auf der Oehe einen ſo unerwartet liebreichen Empfang zu finden. Kaum aber hatte er ſich in ſeine Lage gefunden, ſo öffnete ſich leiſe die Thür und das verſchlafene Ge⸗ ſicht einer jungen derben Magd ſchaute mit namen⸗ loſer Verwunderung herein. „Nun, Hanne, jetzt nur keine Schläfrigkeit, bitte ich mir aus!“ redete ſie ihr Gebieter an.„Auf, tummle Dich und wecke die Metke und die Liſe. Wir haben Beſuch bekommen. Es muß noch einmal raſch angerichtet werden und dann ſoll Metke das Zimmer Nr. Drei oben in Stand ſetzen— Nr. Drei, hörſt Du?“ Die Magd nickte wohlgefällig und wollte ſich eilig zurückziehen, die ihr aufgetragenen Gebote zu erfüllen, als ſie noch einmal herbeigerufen ward und den Be⸗ —— fehl erhielt, zuerſt eine Flaſche Rothwein aus dem Keller zu holen und zwei Gläſer zu bringen. „Zwei Gläſer?“ fragte die Magd, die ihres Herrn Abneigung gegen den Wein nur zu wohl kannte. „Zwei, habe ich geſagt— ſoll ich meinem Gaſt kein Willkommen zutrinken?“ Hanne verſchwand und bald hörte Guſtav Steinau es lebendig im Hauſe werden, denn zwei oder drei Mägde geriethen in Thätigkeit und alle waren ſo flink, daß binnen kaum einer Viertelſtunde der Tiſch im Speiſeſaal angerichtet war und zuerſt einige kalte Fleiſch⸗ und Fiſchſpeiſen und dann eine ungeheure Schüſſel geſchlagener Eier mit prächtigem Schinken aufgetragen wurde. Herr von der Oehe aber führte ſeinen Gaſt in den Eßſaal und dieſer mußte gutwillig in ſeinem Pelze folgen, der ihm ſchon faſt zu warm wurde, was er aber auf keine Weiſe den guten alten Herrn merken ließ. „Sehen Sie,“ ſagte dieſer, als er dem Gaſte die Speiſen reichte und ein Glas Wein eingoß,„ich habe ſchon meine Portion vor zwei Stunden eingenommen, aber in dieſem Punkte hat mich die Natur nicht ſtief⸗ mütterlich behandelt, ich kann eſſen, wann ich will, mitten in der Nacht, wenn es ſein muß, und doppelt 379 gut ſchmeckt es mir, wenn ich einen Gaſt nach mei⸗ nem Gefallen bei mir habe.“ 1 Guſtav erhob ſein verwundertes Geſicht vom Teller und ſah dem Sprechenden tief in die Augen. Er fand jedoch einen Ausdruck von ſolcher Wärme und Freude darin, daß er augenblicklich beruhigt wurde und nach einer kurzen dankenden Verneigung wieder zur Gabel griff. „Nun laſſen Sie ſich in Ihrer Arbeit nicht ſtören,“ fuhr Herr von der Oehe fort,„Sie brauchen blos Ja oder Nein zu ſagen, wenn ich frage. Ich kann eſſen und ſprechen zugleich, wie Sie ſehen, denn meine Stimme ſcheint auf einem andren Wege herauszu⸗ kommen, als ihn die Speiſen einſchlagen, die ich hin⸗ unter ſende. Nun ſagen Sie mir aber zuerſt, was machen die alten Freunde? Sie ſind doch geſund?“ „Vortrefflich und ſie ſchicken tauſend Grüße!“ ſagte Guſtav Steinau, mit dem Eſſen einen Augen⸗ blick innehaltend. „Bitte, eſſen Sie weiter, Sie ſind gewiß hungrig. Alſo die alten Jungen ſind wohl. Das iſt herrlich— und Ihre beiden Freunde?“ „Sie haben mir auch die freundlichſten Grüße an Sie aufgetragen.“ 380 „Ich danke, ich danke— aber eſſen Sie nur— Sie ſehen, ich thue es auch. Nun, ſie ſind in guten Händen. Ei ja doch! Melms wie Brunſt ſind Wirthe, wie ſie ſein ſollen, ich kenne die Burſchen. Kommen Sie heute von Grünthal?“ „Von Bergen nur—“ „Von Bergen? Aha, da hat Sie wohl die Feier in der Kirche aufgehalten?“ Guſtav erzählte, was ihm in Bergen begegnet war, natürlich ohne Fräuleins von Kulpen Erwähnung zu thun. „So, ſo iſt es alſo. Nun das iſt ſchön. Ich wollte auch in dieſen Tagen nach Bergen und da Sie hier ſind, werde ich um ſo beſſer fort können.“ „Ich hoffe doch nicht, Sie auf irgend eine Weiſe mit meinem Beſuche zu ſtören?“ fragte Guſtav mit freundlich blickenden Augen. „Sie mich ſtoͤren? O, wer hätte mich je auf der Oehe geſtört! Ich laſſe mich durch Niemanden von meiner Arbeit und meinen Vorſätzen abhalten und ſo werde ich vielleicht morgen oder übermorgen nach Ber⸗ gen fahren. Ich will Ihnen auch ſagen, warum. Ich habe dort zwei Verwandte. Eine alte und eine junge Dame. Da Sie nun gekommen ſind und meine Inſel vielleicht zu einſam für Sie wird, ſo habe ich 381 beſchloſſen, uns Geſellſchaft zu holen, wogegen Sie hoffentlich nichts einzuwenden haben werden.“ Guſtav fiel faſt das Meſſer aus der Hand vor Er⸗ ſtaunen. Sollte Fräulein von Kulpen die angekün⸗ digte Geſellſchaft ſein? Sein Herz zitterte, aus doppel⸗ ten Gründen, und ohne eigentlich zu wiſſen, was er ſprach, ſagte er mit bebender Stimme:. „Ich habe natürlich nichts dagegen einzuwenden, aber was die Einſamkeit betrifft, ſo liebe ich ſie und habe mich ſchon gefreut, es auf der Oehe recht ein⸗ ſam zu finden; dabei kann man am beſten denken und arbeiten.“ „O, was das betrifft, Einſamkeit ſollen Sie genug haben. Aber an die Arbeit dürfen Sie vor der Hand nicht denken, wenigſtens nicht an Ihre Arbeit. Mit mir ſollen Sie arbeiten, tüchtig, dafür laſſen Sie mich ſorgen. Ach Gott, ja, auch Andere ſorgen leider dafür— nun aber trinken Sie einmal— erſt Sie! So iſt es Sitte bei mir! Dann meine Freunde auf der Lenz und in Grünthal! Und dann ich!“— Und er leerte ſein Glas und ſtellte es dann bei Seite, während er ſeinem Gaſte ein zweites vollgoß. „Was willſt Du, Metke?“ fragte er die eintre⸗ tende rieſige Magd, die freundlich knixend und mit einer Meldung auf dem Geſicht in's Zimmer trat. 382 „No. Drei iſt fertig, gnädiger Herr. Kann ich ſonſt noch etwas für den Herrn dort thun?“ „Nein— doch halt— nimm die naſſen Kleider aus meinem Zimmer vom Kamin fort— und dann, höre, ich übergebe Dir dieſen jungen Herrn. Du ſorgſt für ihn in allen Stücken— Du kennſt unſre Gewohnheit?!“ Metke knixte abermals gegen den alten und den jungen Herrn hin und zog ſich dann zurück, um die weiteren Aufträge des Hausgebieters zu erfüllen. Nachdem dieſer aber noch eine Stunde mit ſeinem Gaſte geplaudert hatte, ſtand er auf, was Guſtav als einen Wink betrachtete, ſich ebenfalls zu erheben. „So,“ ſagte Herr von der Oehe,„das war das Willkommen und morgen werden wir uns näher ken⸗ nen lernen. Zuerſt will ich Ihnen mein kleines Reich zeigen, wenn Sie gefrühſtückt haben, und dabei wer⸗ den Sie ſich überzeugen, daß Sie hier einſam genug auf Gottes Erde ſind. Jetzt aber wollen wir ſchlafen gehen. So folgen Sie mir denn, ich ſelbſt werde Sie nach No. Drei führen— Sie haben nämlich No. Drei. Melms hat, wenn er kommt, No. Eins und Brunſt No. Zwei, ſo iſt es einmal hergebracht ſeit langer, langer Zeit.“ Guſtav folgte ſchweigend ſeinem vorangehenden 383 Wirthe, der ein Licht ergriffen hatte. Sie ſtiegen eine krachende Treppe hinauf und betraten den Boden⸗ raum des Hauſes, der ſehr geräumig und in beſter Ordnung war. Von hier aus führte eine Thür in den öſtlichen zweiſtöckigen Seitenflügel und bald ſtand Guſtav Steinau in dem Zimmer, welches er auf der Oehe bewohnen ſollte. Es war ein großes Gemach, mit grünen Vorhängen vor den zwei Fenſtern, einem Tiſche, einem Sopha und Stühlen, einer Commode nebſt Spiegel und Toilettentiſch und endlich einem Bette, welches für einen Hünen in grauer Vorzeit zu⸗ ſammengeſtellt zu ſein ſchien. „So,“ ſagte Herr von der Oehe,„hier haben Sie ein Zimmer mit einer ganz netten Ausſicht. Morgen werden Sie ſich davon überzeugen. Ich wünſche Ihnen eine gute Nacht— Apropos, raſiren Sie ſich ſelbſt?“ „Wie Sie ſehen,“ erwiderte Guſtav,„bedarf ich des Raſirmeſſers nicht; mein Bart wächſt, wie Gott ihn mir gegeben hat.“ „Sie Glücklicher! Ich würde mit meinen ſtarren Haaren wie ein Strauchdieb ausſehen, aber ſonſt habe ich Meſſer wie kein Barbier in der Reſidenz, das iſt mein Fach, ich verſtehe ſie ſcharf zu machen wie der beſte Scheerenſchleifer.“ r 384 Lächelnd reichte er dem jungen Manne die Hand und mit dem Bemerken, daß er ihn ſelbſt um ſechs Uhr wecken würde— ſo lange ſolle er morgen ſchla⸗ fen dürfen— zog er ſich zurück und ſtieg mit ſeinem wuchtigen Körper ſchwerfällig wieder die krachende Treppe hinab. Guſtav blieb, ſobald er allein war, mitten im Zimmer ſtehen und blickte ſich um, wobei er ſeinen Koffer ſchon auf einem Stuhle ſtehen fand. „Guter Gott im Himmel!“ ſagte er,„da bin ich auf der Oehe, bei Gottlieb von der Oehe! O, wer hätte das ſo bald für möglich gehalten! Doch— Gottes Wille geſchehe! Ich widerſtrebe gewiß nicht. Und Guſtava von Kulpen ſoll auch noch kommen? O! Daß ihr Heinrich zuerſt begegnen mußte und mir nur das Nachſehen ließ! Doch ſtill, es iſt Glück ge⸗ nug, was ich hier ohne ſie finde, und gebe Gott, daß das Ende dem Anfang entſpricht, mit dem ich alle Urſache habe, zufrieden zu ſein.“ Nachdem er dieſe Worte mit gerührter Miene ge⸗ ſprochen, kleidete er ſich raſch aus und ſtieg mit Hülfe eines Stuhles in das rieſige Bett, in deſſen Daunen er ſo tief einſank, daß er es kaum für moglich hielt, ohne eines Menſchen Hülfe wieder daraus hervor⸗ zutauchen. 38⁵ Guſtav hatte den beſten Willen recht bald einzu⸗ ſchlafen, aber dies Glück war ihm leider nicht beſchi⸗ den. Der ſtürmiſche Wind draußen rauſchte ſo mäch⸗ tig und peitſchte die Zweige der alten Eſchen, die vor ſeinen Fenſtern ſtanden, ſo unſanft dagegen, daß er jeden Augenblick glaubte, dieſelben müßten zertrüm⸗ mert werden. Dieſe Nachtmuſik war auf der Oehe faſt alle Nächte zu hören und in wenigen Tagen hatte ſich unſer Freund daran gewöhnt. Schwieg diesmal nun aber der Wind einige Minuten, ſo praſſelten die Regentropfen gegen die Scheiben, dann und wann bellte auch ein Hund dazwiſchen und als es zum Morgen ging, regte es ſich ſo laut auf dem Gehöft, daß an einen feſten Schlaf kaum noch zu denken war. Dennoch ſchlief er endlich vor Müdigkeit ein. Kaum aber war er ſeinen wirren Gedanken entronnen und in ein halbes Träumen verfallen, ſo pochte ſchon eine feſte Hand an die Thür und herein trat der Wirth, um mit Mühe unter den Bergen von Betten ſeinen jungen Gaſt herauszufinden. „Hoho!“ rief er mit ſeinem herzlichen lauten Lachen,„noch ſo tief in den Federn? Sie ſehen ja gerade aus wie ein Vogel, der ſich aufgeblaſen und ſeinen Kopf unter die Flügel geſteckt hat. Nun, die Metke hat es gut mit Ihnen gemeint, ſehe ich. Wenn Die Inſulaner. I. 25 386 Sie aber Ihren Kaffee warm trinken wollen, ſo ſtehen Sie auf. Das Wetter iſt zwar nicht ſo, wie es ſein ſollte, um Ihnen die Oehe in ihrem Glanze zu zeigen, aber hoffentlich wird es ſich in einigen Stunden auf⸗ klären. Alſo auf baldiges Wiederſehen!“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer und Guſtav Steinau warf ſich raſch in die Kleider, die ein unſichtbarer dienſtbarer Geiſt ſchon mit Tages⸗ anbruch in das Zimmer gebracht hatte. Als er mit der Toilette fertig geworden, öffnete er ein Fenſter und blickte hinaus. Das Wetter war unfreundlich genug. Ein feiner Sprühregen rieſelte hernieder und verſchleierte die Ferne mit einem grauen Schleier. Dennoch konnte Guſtav's gutes Auge ziem⸗ lich weit um ſich blicken und über eine breite Waſſer⸗ fläche, die Udarſer Wiek, hinwegſchauend ſah er eine große Strecke des Rügianiſchen Landes vor ſich liegen, deſſen Horizont das maleriſch aufſteigende Bergen mit ſeinem ſpitzen Kirchthurm abſchloß. Als er dies er⸗ kannt, beſchlich ihn faſt der verwegene Gedanke, als habe der alte Herr ihn gerade in dies Zimmer ge⸗ bracht, um auf dieſe Kirche wie auf einen Denkſtein in der Ferne hinzuweiſen— eine Idee, die ſein Blut etwas ſchneller kreiſen ließ. Allein er hielt ſich dies⸗ mal nicht lange damit auf, ſeinen Gedanken Raum —— 387 zu geben, er begab ſich eilig in das untere Stockwerk und trat in das große Zimmer neben dem Studir⸗ cabinet des alten Herrn ein, wo er bereits den Tiſch gedeckt und eine große Kanne dampfenden Kaffee's nebſt herrlichem Brod, friſcher Butter und Eiern dar⸗ aufſtehend fand. Gleich nach ihm trat der Hausherr in ſeinem vollſtändigen Landcoſtüm, die gefüllte Jagdtaſche in der Hand tragend, herein. Nach der Begrüßung be⸗ diente der alte Herr, der auch bei Tiſche den Vor⸗ ſchneider machte, ſeinen Gaſt, und als dieſer ihn fragte, ob er denn nicht ſelber an dem Frühſtück Theil neh⸗ men wolle, ſagte er: „Was denken Sie denn! Glauben Sie, daß ich bis jetzt damit gewartet habe? Das wäre mir doch etwas zu lange geworden. Ich bin ſeit vier Uhr auf den Beinen und habe mein Quart Milch ſchon längſt genoſſen. Frühſtücken werden wir erſt zuſammen, wenn wir von unſerm Spaziergange zurückkommen. Wie — Sie ſind ſchon fertig? Ei, Sie eſſen wie ein Sperling. Nun, das wird bald anders werden, ich ſtehe dafür; die Luft auf der Oehe iſt ſcharf und um den böſen Einflüſſen der Witterung zu widerſtehen, muß man kräftige Nahrung zu ſich nehmen.“ „Ich werde mir Mühe geben, den hieſigen Sitten 25* — 388 — zu entſprechen,“ erwiderte Guſtav Steinau höflich, „nur haben Sie etwas Geduld mit mir; die Bedürf⸗ niſſe des Magens wachſen nicht ſo raſch wie die Be⸗— dürfniſſe des Herzens.“. 4 „Ha, gut geſagt, junger Mann. Das gefällt mir. Aber nun eine Cigarre und dann wollen wir trotz Regen und Nebel einen Umgang um die Inſel halten.“ 8 „Ich ſtehe jeden Augenblick zu Dienſten!“ erwiderte Guſtav, nachdem er die Cigarre in Brand geſetzt, und’ griff ſchon nach ſeinem Hute. „Wie?“ rief da der alte Herr im höchſten Er⸗ 8 ſtaunen aus und ließ ſeine Blicke wohlgefällig über die feine Geſtalt und das geiſtreiche Geſicht des jun⸗ gen Mannes laufen, das in Folge mannigfacher Ge⸗ müthsbewegungeu und einer ziemlich ſchlafloſen Nacht heute etwas bleicher als gewöhnlich erſchien.„So, wie Sie da ſind, wollen Sie auf die Inſel hinaus? Gott bewahre, was denken Sie denn! Hier geht man nicht mit ſo dünnen Stiefeln, ſolchem Röckchen und einem modiſchen Hute einher, den der erſte beſte Wind⸗ ſtoß in die See bläſt; das Gras und die Felder ſind naß, hier muß man derbe Wämmſer und Socken anziehen.“ „Das ſind aber meine gewöhnlichen Kleider,“ be⸗ merkte Guſtav lächelnd,„und ich habe kaum feſtere Stiefel bei mir.“ 1 389 „Nun, dann werde ich Ihnen welche geben; in mei⸗ nem Vorrath habe ich glücklicher Weiſe für ein ſo feines Herrchen einen Anzug, der Ihnen paſſen wird. Metke!“ Die Gerufene erſchien faſt augenblicklich und er⸗ rock, eul und waſſerdicht, wie un die Seeleute uiger, eine Mütze von Fiſchotterfell und endlich ein Paar Waſſerſtiefel, die für einen Rieſen berechnet ſchienen, aber auffallend kleine Füße zeigten. „So,“ ſagte der alte Herr,„das iſt ein Anzug, in dem ſich jeder anſtändige Menſch ſehen laſſen kann, Rock und Stiefel ſind ganz neu, ich habe ſie allein für Beſucher von Ihren Verhältniſſen machen laſſen. Nun ziehen Sie ſich raſch an— ohne Umſtände— ich werde mir unterdeß noch eine Pfeife ſtopfen.“ Als der alte Herr aus ſeinem Zimmer zurückkehrte, fand er die Umwandlung geſchehen und ſah Guſtav Steinau, der Alfred Brunſt's Rath befolgend ſich in alle Eigenthümlichkeiten ſeines Wirths ſchickte, ver⸗ wundert vor dem Spiegel ſtehen, da er ſich kaum ſelbſt wiedererkannte. „Herrlich, prächtig!“ rief der alte Herr aus, voller Vergnügen ſeinen Gaſt betrachtend und ihn nun erſt 390 für die Oehe paſſend erachend.„Nun ſehen Sie erſt aus, wie man hier zu Lande ausſehen muß. Glauben Sie mir, das Herz verändert ſich dadurch nicht, wenn man einen groben Kittel jetzt gefallen Sie mi in Staatskleidern nit ſie ſich auch darin geberden wie ſie wolle fühlen ſich ſelbſt darin nicht wohl und der Hochmuthsteufel packt in der Regel nur die Leute an, die einen beſſeren Rock tragen als ſie bezahlen können.— Hier haben Sie noch einen tüchtigen Stock, einen Schirm brauchen Sie in die⸗ ſem Anzuge nicht und nun kommen Sie.“ Der Wirth, ſichtbar freudig bewegt, daß er einem nd Waſſerſtiefel trägt und ccht. Ich liebe die Leute gern geſehenen Gaſte ſein Beſitzthum zeigen konnte, führte dieſen zuerſt nach den Ställen. Die vierzehn ſtarken Pferde, die ſonſt, wenn ſie keine Arbeit ver⸗ richteten, nebſt den Kühen im Freien campirten, waren bei dem geſtrigen Unwetter in den Stall geholt und ſtanden nun muthig wiehernd neben einander. Auch die beiden ſchönen Hengſte, mit denen nur Herr von der Oehe zu fahren pflegte und die ſeinen ganzen Stolz ausmachten, waren dabei. Sodann begab er ſich in den Kuhſtall und in die ziemlich leeren Scheu⸗ nen, die die Erndte dieſes Jahres erſt wieder füllen ſollte. Nachdem auch der Schafſtall und die Enten „Nein, nirgends.“ „Sie haben ein gutes Auge, das freut mich, das können wir hier gebrauchen. Wie gefallen Ihnen dieſe Steine?“ „Wie ſie mir gefallen?“ fragte Guſtav verwundert. „Es ſind tüchtige Steine!“ fügte er dann, einen Blick darüber hinwerfend, hinzu. „Oho, tüchtige Steine, junger Mann! Sie ſind viel mehr als das. Wiſſen Sie, was mir dieſe Steine ſind? Sie ſind mein ganzer Reichthum, Alles in Allem. Wenn ſie nicht hier wären, ginge meine Inſel, mein Erbreich, zu Grunde, denn ſie bewahren und ſchützen es gegen den Einbruch und die Ueberfluthung der Wellen. Gott erhalte ſie mir!“ ſetzte er mit einem ſchweren Seufzer hinzu. „Wer ſollte ſie Ihnen nehmen?“ fragte Guſtav Steinau wieder verwundert, da ein trüber Ernſt in dem Geſichte des alten Herrn ſich bemerklich machte, und derſelbe ihm einen zu großen Werth auf anſcheinend ſo werthloſe Steine zu legen ſchien. „Wer?“ fuhr der alte Herr beinahe ingrimmig auf. „Ja, das iſt eben die Sache, um die es ſich handelt. Doch— heute nichts davon, Sie werden es ohnehin bald genug erfahren. Heute will ich mich nicht mit Sorgen plagen, ich will mich im Gegentheil freuen, 396 Ihnen meinen Reichthum zeigen zu können, der freilich beim erſten Anblick nicht ſo bedeutend erſcheinen mag. Jetzt kommen Sie weiter. So— und da, da ſchauen Sie ſich einmal das Bild dort an, iſt das nicht niedlich?“ Guſtav folgte dem raſch Voranſchreitenden und faſt augenblicklich ſtimmte er der Meinung deſſelben bei. Denn vor ihm lag ein reizendes Landſchaftsbild, ſo lieblich, wie er es hier zu ſehen kaum erwartet hatte. Rechts vom Steinort, nach Norden hin und jen⸗ ſeit des immer ſchmaler werdenden Meeresarms er⸗ hob ſich das Dorf Schaprode mit ſeinem Kirchthurm und ſeinen wohnlichen Strandhäuſern, in deren Fen⸗ ſtern bereits der Widerſtrahl der Sonne blitzte. Am Strande davor ſchaukelten große Boote mit Halbdeck, mit vielem Tauwerk verſehen und mit farbigen Wim⸗ peln geſchmückt. Außerdem aber zierten den kleinen Strand unzählige Fiſcherboote und überall waren Fi⸗ ſcher und Schiffer thätig, das gute Wetter und den Wind zu benutzen und Alles zum Auszuge zu rüſten. Bald füllten ſich auch die Straßen, die Felder mit beweglichen Gefän. die Kühe zogen brüllend her⸗ aus, froh, das duftige Gras wieder abweiden zu kön⸗ nen, das rings auf Triften und Wieſen wuchs, und 397 Pferde trabten und galoppirten wiehernd in anmuthi⸗ gen Gruppen ihnen voran. Auch die Landleute wur⸗ den allmälig munter und Peitſchengeknall und Hun⸗ degebell belebten plötzlich die Gegend, die im trüben Nebel bisher ſo öde und ſtill dagelegen hatte. Endlich waren die beiden Spaziergänger wieder zur Fährſtelle der Inſel gelangt, und nachdem der Beſitzer derſelben mit einigen Schiffern am jenſeitigen Strande ein paar Worte gewechſelt, faßte er den Arm ſeines Gaſtes und führte ihn froh und vergnügt in ſein Haus zurück. „Jetzt wollen wir frühſtücken,“ ſagte er,„die Mor⸗ genluft hat uns Appetit gemacht. Ihnen gefällt alſo mein kleines abgelegenes Reich?“ „Ueber die Maaßen!“ ſagte Guſtav aus voller Seele und folgte, innerlich allmälig ruhiger werdend und ſich beglückt fühlend, in das Herrenhaus, wo in allen Ecken und Winkeln fleißige Hände walteten und ſich beeiferten, des Tages gewöhnliche Arbeit in voll⸗ ſter Pünktlichkeit zu üben.— Verlaſſen wir jetzt die Oehe und ihre Bewohner. Guſtav Steinau wird ſich ohne Beiſtand ſelbſt bald unter ihnen einbürgern. Für's Erſte haben wir unſre Schuldigkeit gethan und jedem der drei Freunde ein behagliches Unterkommen auf Rügen bereitet. Kehren ——õ‧ 398 wir ſodann nach Grünthal zurück, denn dort ſollte die Entwicklung des folgenden Drama's beginnen, wel⸗ ches bald nicht allein die drei jungen, ſondern auch die drei alten Freunde wieder in nähere Verbindung bringen wird. Ende des erſten Theils. Druck von Oswald Kollmann in Leipzig. —— ——— 7 84 4 Af Verfaſſer ferner erſchienen: Philipp Gulen'’s Schriften: Buaron Brandau Aus den Papieren eines Arztes. 5 Thlr. r r,. Der Inſelkönig. Ein Roman in fünf Bänden. 8. geh. III. Auflage. 1858. 3 Thlr. 18 Ngr. Fritz Stilling. Erinnerungen aus dem Leben eines Arztes. Andreas Burns und ſeine Familie. Geſchichtliches Lebensbild aus dem deutſch⸗däniſchen Kriege 1848— 1850. 4 Bde. 8. eleg. geh. 1856. 6 Thlr. Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind von demſelben VIDd SLine Dangr⸗ 4 Theile in 2 Bdn. 8. geh. II. Auflage. 1861. 4 Bände. 8. geh. II. Auflage. 1856. 4 Thlr. 15 Ngr. Ferner: Der Sohn des Gärtners. Roman. 4 Bde. 8. 1861. 6 Thlr. Emery Zlandon. Roman. 3 Bde. 8. geh. 1859. 6 Thlr. Walter Lund. Aus dem Leben eines Schriftſtellers. 3 Bde. 8. geh. 1855. 4 Thlr. Der Irre von St. James. Aus dem Reiſetagebuche eines Arztes. 4 Bände. 8. geh. IV. Auflage. 1858. 4 Thlr. 4 Der Strandvogt von Jasmund. geſchichtliches Lebenshild. aus der Occupationszeit der Inſel Rügen durch die Franzoſen von 1807— 1813. 4 Bde. 8. geh. 1860. 6 Thlr. 4