Ein Roman in fünf Bänden a u s Herloßſohn's nachgelaſſenen Papieren von Philipp Galen. Fuͤnften Theiles zweite Abtheilung. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. Zweites Buch. Zie Nergeltung. Erſtes Kapitel. Die Sitzung der Künſtler und der Väter er Stadt. Die nächſten acht Tage in der Hauptſtadt wurden von dem nun vorgeſtellten und anerkannten Geſandten der Ver⸗ einigten Staaten von Nordamerika mit der Ordnung ſei⸗ ner Privatgeſchäfte zunächſt, ſodann mit der Beſichtigung der großen Sammlungen und Kunſtwerke der königlichen 3 Hauptſtadt und endlich mit einer großen Menge der ver⸗ ſchiedenſten Beſuche und deren Erwiderung hingebracht. Mit der erſteren Beſchäftigung, der Durchſicht ſeiner Rechnungen im Hauſe des Bankiers Ermeling, hatte Eduard Hutten alle Urſache, zufrieden zu ſein. Waldau ’ hatte zwar viel gebraucht, aber es war auch viel dafür geſchaffen worden und eine ungeheure Zahl Werkmeiſter und Arbeiter aller Gattungen konnten mit dem daraus. gezogenen Gewinne, der ihnen unverkürzt in klingender Münze ausgezahlt war, zufrieden ſein. Eben ſo waren —— — 172— die Rechnungsbücher auf dem Comptoir des Bankiers in einer muſterhaften Ordnung und als Mr. Staunton die ungeheure Summe angab, über die man gegenwärtig noch zu gebieten habe, und deren vierteljährlicher Erſatz noch grö⸗ ßere und eben ſo genau geregelte Einnahmen wahrnehmen liß, malte ſich eine unbeſchreibliche Zufriedenheit in dem Geſichte des reichſten aller Bewohner dieſer Stadt. Er Peſchenkte die Sekretaire und Buchhalter des Bankiers reichlich und ermunterte ſie ſo in ihren ferneren getreuen Beſtrebungen. Die in den Muſeen und Sammbungen angehäuſten Kunſtſchätze beſchäftigten die wißbegierige Beata unausge⸗ ſetzt, aber man kann in acht Tagen viel ſehen, und am Ende dieſes Zeitraums fühlte ſie ihre Augen ermüdet, ihre Ohren übertäubt von dem geräuſchvollen Gewirre der Stadt und ſprach unverhohlen ihre Sehnſucht nach ihrer . Einſamkeit im Pavillon und dem grünen Waldſchatten der Inſel aus. Die vielen Beſuche und ihre Erwiderung dagegen waren unſerem Freunde das Ermüdendſte und Läſtigſte aller dieſer Tage und einzig und allein dadurch erleichtert, daß er die Bekanntſchaften vieler vortrefflicher Männer in allen Zweigen des öffentlichen und induſtriellen Lebens machte. Denn er hatte ſeine Beſuche nicht allein auf die Geſandten, die Miniſter, die Autoritäten der Wiſſenſchaf⸗ ten und ſchönen Künſte beſchränkt, auch die Werkſtätten — — 173— der fleißigſten, aufgeklärteſten, die geſammte Induſtrie be⸗ fördernden Meiſter hatte er aufgeſucht. Von allen ihren ſo mannigfaltigen Beſtrebungen nahm der aufmerkſame Menſchenfreund Kenntniß und viele Anfragen wurden mündlich und ſchriftlich an ſie gerichtet, ſodann Aufträge ertheilt, Arbeiten übertragen und viele arbeitſame Hände in Bewegung geſetzt und neu belebt. Ein neuer Stern ſchien den bevorzugten Werkmeiſtern in dem jungen rei⸗ chen Manne, den ſie zum erſten Mal von Angeſicht ſahen und deſſen Beurtheilung ihnen nun ſchon etwas leichter wurde, aufgegangen zu ſein, und ſie hatten ſich darin auch nicht geirrt. Einige der bewährteſten, intelligenteſten * Männer aus dieſer Klaſſe wurden augenblicklich zur Tafel beſchieden, um an der Berathung, die den folgenden Tag ſtattfinden ſollte, ſelbſtthätig Theil zu nehmen, alle Uebri⸗ gen aber, denen ein Beſuch vergönnt war, und viele An⸗ dere, denen man wegen der Kürze der Zeit nur Karten hatte zukommen laſſen können, zu dem ſpäteren großen Inſelfeſte eingeladen. Und ſo war denn die Aufgabe des erſten Beſuchs der Hauptſtadt als vollendet zu betrachten, und eines Abends ſpät ſtanden die Wagen bereit, um die Inſelbe⸗ wohner nach ihrer Heimath zurückzuführen. Eduard hatte abſichtlich die Nacht zu dieſer ſeiner Rückfahrt gewählt, um ſeine Wiederkehr ſo natürlich wie möglich erſcheinen zu laſſen, und als die neuvermählten — —— 1242— Paare am nächſten Morgen erwachten und an ihre Be⸗ ſchäftigungen gingen, fanden ſie zu ihrem nicht geringen Erſtaunen Alles ſo vor, wie es vor der Abreiſe des Inſel⸗ königs geweſen war, und Keiner von ihnen merkte oder . ließ merken, daß eine ſo große Veränderung in ihren wech⸗ ſelſeitigen Beziehungen ſtatgefunden hatte. Beide, Eduard und Beata, athmeten unter dem Blüthendufte ihrer Blumen und Bäume wieder hoch auf, und mit ſchweigendem Entzücken nahmen ſie Beſitz von ihren früheren angenehmen und nützlichen Beſchäftigungen. Es war der fünfzehnte Juli, der Tag, an welchem die Väter der Stadt nach der Inſel beſchieden waren, um in Gemeinſchaft mit den Künſtlern und den aus der Hauptſtadt anlangenden Werkmeiſtern die angeſetzte Be⸗ rathung über das Wohl und Wehe vieler ihrer Kamera⸗ den und Untergebenen abzuhalten. Schon um neun Uhr kamen die Letzteren, und kurz darauf langten auch die drei Magiſtratsmitglieder aus der Sommerreſidenz an. Ein Boot holte ſie Alle herüber, und nachdem ihnen ein kräf⸗ tiges Frühſtück zum Morgenimbiß vorgeſetzt war, wurden ſie nach dem Künſtlerhauſe geführt, wo ſie den vielbe⸗ ſprochenen Inſelkönig endlich in Perſon erblicken und ihre Neugierde befriedigen ſollten. Die Väter der Stadt wa⸗ ren wie die übrigen Geladenen in ſchwarzen Kleidern er⸗ & — 175— ſchienen, wie es bei uns in Europa Sitte iſt, wenn wir irgend etwas Feierliches oder Feſtliches vor uns zu haben glauben. Die Inſelbewohner erſchienen dagegen ſämmt⸗ lich, ſelbſt ihren Herrn nicht ausgenommen, in ihrer ge⸗ ſchmackvollen Inſeltracht und erregten dadurch nicht wenig die Aufmerkſamkeit der Beſuchenden, die ſchon glaubten, den Anfang jener in der Reſidenz umlaufenden fabelhaf⸗ ten Gerüchte vor ſich zu ſehen. Allein Alles, was ſie ſahen, hörten und mit nach Hauſe nahmen, war ſo na⸗ türlich, angemeſſen und alle Fabel ertödtend, daß ihre Abſender beinahe unbefriedigt waren, bis ſie endlich zu ihrem Staunen erfuhren, was außerdem zu ihrem und der Menſchheit Wohle daſelbſt beſchloſſen worden war. Als die Berufenen ſich vor der großen Säulenhalle des Künſtlerhauſes verſammelt hatten, führte ſie Joſeph⸗ ſon in das Haus ſelbſt ein. Wir haben ſchon oberfläch⸗ lich erwähnt, daß dieſes Haus in einer parkartigen Umge⸗ bung lag und mit ſeinen beiden dreiſtöckigen Hinterflügeln an den Buchenwald ſtieß. Das geſchmackvolle, aber höchſt einfache Vorder⸗ und Hauptgebäude enthielt die Wohnun⸗ gen der unverheiratheten Künſtler, mehrere Säle und Ver⸗ ſammlungszimmer. In dem nördlichen Flügel wohnten die Mitglieder der Kapelle und hatten auch hier ihren Probemuſikſaal. Viele bequem eingerichtete Wohnungen für junge Leute ſtanden noch leer. In dem ſüdlichen Flügel wohnten Maler, Bildhauer und andere Gehilfen, — 176— und auch hier waren die meiſten Zimmer noch unbeſetzt. Im Ganzen war noch Raum für wenigſtens hundert neue, künftig erwartete Zöglinge jeglicher Kunſt. Die zur Berathung Gezogenen durchſchritten nun die Saalreihe des Hauptgebäudes. Da ſahen ſie ein Leſe⸗ zimmer für die jungen Leute, in welchem Tagesgeſchichten, Zeitungen und Kunſtblätter zu beliebigem Gebrauche aus⸗ gelegt waren, die das täglich nach der Sommerreſidenz fahrende Dampfboot„Hudſon“ immer friſch herüberbrachte. Auch ein Billard-, ein Speiſe⸗, ein Erholungszimmer war da und ſo wurde man inne, daß der unermüdliche Er⸗ bauer alle Wünſche ſeines Freundes und Bauherrn im vollſtändigſten Maaße erfüllt hatte. Endlich trat man in das Verſammlungs⸗ und Bera⸗ thungszimmer, ein großes, viereckiges Gemach, von deſſen Wänden die Sinnbilder der Gerechtigkeit, der Künſte, Wiſſenſchaften und Gewerbe in Fresko gemalt, herabblick⸗ ten. In der Mitte ſtand ein ovaler, mit grünem Tuche überzogener, ungeheurer Tiſch, rings herum die bequemſten Seſſel. Man nahm ſeine Pläte ein. Links vom Beſitzer der Inſel, dem natürlichen Vorſitzenden, ſaßen die Künſt⸗ lerfreunde in beliebiger Reihenfolge, rechts von ihm zu⸗ nächſt ſein Pflegevater, dann Joſephſon, Mr. Staunton und Treaden, die die Secretaire vorſtellten, obſchon jeder der Theilnehmenden Papier und Dinte vor ſich hatte, ſo⸗ 2 — 177— dann die herbeigerufenen Gewerbemitglieder und Werk⸗ meiſter, und endlich gegenüber dem Vorſitzenden die Ver⸗ treter der Stadt mit ihren ernſten, faltenreichen Ge⸗ ſichtern. Als Alle Platz genommen hatten, begann der Vor⸗ ſitzende die Einleitungsrede. Sie lautete: „Meine Herren und Freunde! Es iſt ſchon in jün⸗ geren Tagen eine meiner Lieblingsbeſchäftigungen geweſen, in Gedanken und im Herzen wenigſtens, zur Förderung, Verallgemeinerung und Erhebung der Wiſſenſchaften und ſchönen Künſte beizutragen und Denjenigen, denen von Gott ſelbſt die Pflege und Uebung derſelben anvertraut iſt, alſo den Künſtlern und Studirenden, ihr ſchönes Streben zu erleichtern und zum Beſten ihrer Beſtrebungen ſelber, ein oft erſchwertes und verbittertes Leben glücklicher zu ma⸗ chen, mit Einem Worte, ihr Erdenwallen zu einem freu⸗ denvolleren Daſein umzugeſtalten. Denn je ſchöner das von ihnen geſchaffene Kunſtwerk, das Kind ihres Geiſtes und ihrer Hände, iſt, je mehr es die ſtaunende Welt ent⸗ zückt und zur Nacheiferung begeiſtert, um ſo betrübender und demüthigender für die ganze Menſchheit iſt es, dieſe ſo herrlich vom Schöpfer Begabten von Seiten Derer, die durch ſie beglückt und veredelt werden, verlaſſen, ja, ſie, die Halbgötter der Erde, oft in Hunger und Elend ihre Tage hinbringen zu ſehen. Mit dieſen ſchönen Künſten aber gehen die Ge⸗ Der Inſelkönig. v. 12 — 178— werbe, deren Erzeugniſſe ebenfalls unſer Leben verſüßen und erleichtern, ſchweſterlich Hand in Hand, ſie ſind oft ſo innig mit ihnen verwachſen, daß man nicht weiß, wo die Grenzen der einen aufhören und die der andern beginnen. Die Blüthe und Frucht der Gewerbe aber ſteht wieder mit dem Wohlſtande und der inneren Befriedigung der ganzen großen Menſchheit in Verbindung, denn von ihrem Ertrage nährt ſich nicht allein ein großer Theil der Be⸗ völkerung der Städte, ſondern auch zum Theil des flachen Landes. Alle Drei aber, die Künſtler, die Gewerbetrei⸗ benden und jene große Bevölkerung wollen, wie ſie die Bedürfniſſe ihres Leibes pflegen, gern kräftig eſſen, nahr⸗ haft trinken und ruhig ſchlafen, ſo auch ihren Herzen eine Genüge leiſten, und, ihrer menſchlichen Neigung fol⸗ gend, mit Muße arbeiten, mit Gemächlichkeit ſtre⸗ ben, und mit Ausdauer und Freude dem Ende ihres Tagewerks entgegenſehen. Das aber können bei Weitem die wenigſten von ihnen, ſie müſſen arbeiten und immer⸗ fort arbeiten, um nur zu leben, denn die Hilfsmittel, die ihre Arbeit erleichtern und lohnen, fehlen leider nur zu oft. Um nun wenigſtens einem Theile dieſer fleißigen und für uns thätigen Menſchen dieſe Hilfsmittel an die Hand zu geben, ihnen ihr ſchweres Loos in etwas zu er⸗ leichtern, dazu habe ich Sie, meine Herren, zu mir beru⸗ fen. Sie ſollen mit Ihrem Rathe, Ihrem Wiſſen, Ihrer Erfahrung mir die Wege angeben, auf denen man ihnen — — 179— helfen kann, die Art und Weiſe andeuten, wie man am beſten und ſicherſten, an richtiger Stelle, zum Vortheil des Ganzen, zum Beſten des Einzelnen mit dieſer Auf⸗ hilfe verfahren muß, und wenn, wie ich nicht zweifle, Ihre Anſichten mit dem Ergebniß meines eigenen Nachdenkens übereinſtimmen, ſo will ich die Quelle ſein, aus der dieſe Unterſtützungen fließen, denn Gott hat mir die Fülle des Reichthums gegeben, die zu dieſem Werke nothwendig iſt, und ich habe gelobt, ſie zum Beſten der mich umgebenden Menſchheit ſtrömen zu laſſen. Legen Sie daher mir, Ihrem und dieſer Menſchheit aufrichtigem Freunde, Ihre Wünſche, Ihre Erfahrungen, Ihre Hoffnungen vor. Seien Sie ganz offen, verſchweigen Sie mir nichts— denn mein Herz iſt weit geöffnet, wie meine Ohren, und ſchon im Voraus ſeien Sie verſichert, daß ich Alles erfüllen werde, was mir von Ihnen als nothwendig, gerecht und möglich geſchildert wird. „Beginnen wir zunächſt mit dem, was die Glück⸗ ſeligkeit unſeres Lebens ſo ungemein erhöht, unſere Freu⸗ den vergeiſtigt und das ganze große Weltall ringsum ver⸗ ſchönt, mit den Künſten. Gehen wir ſodann zu den Ge⸗ werben über, die uns die zu Bedürfniſſen gewordenen täglichen Gebrauchsgegenſtände liefern, und endlich, meine Herren Väter der Stadt, wenn auch mit der Erhebung dieſer nicht genug für Bedürftige und Arme geſchehen iſt, ſagen Sie mir, was ich in Ihrem Wirkungskreiſe für die⸗ 12 3 — 180— jenigen thun kann, die ohne Kraft zur Arbeit, ohne Mit⸗ tel zur eigenen, genügenden Ernährung, des doppelten Lichtes der Arbeit und der Erheiterung beraubt, ihr Le⸗ ben in vollkommenem Dunkel hinzubringen, ſo unglück⸗ lich ſind. 5 „Waldau, Du haſt zuerſt das Wort, denn ich weiß, Du haſt Dich mit den Freunden ſchon lange und genau über die jetzt mitzutheilenden Vorſchläge berathen. Laß mich hören, was Du zu wünſchen haſt und was ich Dir gewähren kann.“ Waldau erhob ſich. Gefaßt und ruhig entwickelte er in einer langen Rede die jetzigen Kunſtverhältniſſe und beſprach dabei den Standpunkt, auf welchen ſämmtliche ſchöne Künſte gegenwärtig gelangt ſeien. Von der Bau⸗ kunſt, dem materiellen Grundſtein und Vereinigungspunkt aller übrigen beginnend, ging er auf die ſich derſelben an⸗ ſchließenden, die Bildhauerkunſt und Malerei, über und endigte, bei der Muſik, der Schauſpielkunſt gedenkend, bei derjenigen, welche als die geiſtigſte und göttlichſte, weil ſie als die naturlichſte alle anderen umfaſſe und erkläre, zugleich die älteſte und ausgebildetſte ſei, bei der Poeſie. Er zeigte ſehr klar, welche Hilfsmittel dieſe verſchiedenen Künſte zu ihrer eigenen Förderung aus ſich herausarbei⸗ teten, ſodann, was die Regierungen, die Könige, die Pri⸗ vatleute, die Kunſtfreunde in allerlei Geſtalten und Rich⸗ tungen für ſie gethan und noch thäten, und endlich ſprach — 181— er als fromme Wünſche aus, was für ſie geſchehen könne, um ſie auf den Standpunkt, den ſie im ſtaatlichen und geſelligen Leben einnehmen müßten, zu erheben, in welcher Art und Weiſe dies geſchehen könne und wie wenige Mit⸗ tel— im Verhältniß zu dem erhabenen Zweck— dazu gehörten, dieſen Standpunkt zu erreichen. Wir können dieſe ſeine ganze lange Rede hier nicht wiederholen, für unſere Aufgabe wäre ſie zu ausgedehnt und zu ſehr in's Einzelne ſich verlierend; nur Einiges wollen und müſſen wir daraus anführen, nur können wir unmöglich ſo verſchwenderiſch an Ideen und ſo reich an Ge⸗ danken und Worten ſein, wie der ſchwärmeriſche, von ſei⸗ nem Stoffe ganz und gar hingeriſſene Künſtler. Dennoch wollen wir verſuchen, ſo klar und ſo kurz uns auszu⸗ drücken, wie möglich, ohne jedoch von dem Gedanken⸗ gange, dem er ſich überlaſſen, weſentlich abzuweichen. „Vielſeitige und gerechte Klagen,“ ſagte der er⸗ griffene Künſtler mit weicher, beinahe wehmüthiger Stimme, „ſind immer und überall, geſtern und heute laut gewor⸗ den und haben oft und verſtändlich genug mit flehender Bitte die Götter der Erde, die Beſitzer von Kraft nnd Vermögen um Erhörung und Befreiung von dem Drange, der auf der Künſtlerwelt laſtet, anzurufen. So viele edle Kräfte, ſo erhabene Geiſtesrichtungen, ſo göttliche Talente ſieht man im Sande des täglichen Lebens wie einen mü⸗ den, von allem Zufluß abgeſchnittenen Strom verrinnen, — 182— und, wo ein gen Himmel ſtrebender Aufſchwung, eine ſchöpferiſche Thatkraft ſein ſollte, ſei oft nichts als Müh⸗ ſal, Elend und Krankheit, aus Bedürftigkeit, Mißmuth und Kummer entſprungen, eine Krankheit, die kein ande⸗ res Heilmittel als eine werkthätige Unterſtützung heilen könne und welche, wo dieſe ausbleibe, geraden Weges zum Uutergange, alſo zum Grabe führe. Der Menſch ſei freilich oft undankbar und gemein in ſeinen Klagen ge⸗ weſen, denn gerade die am häufigſten Geſchmähten hätten am Ende das Meiſte für die Erhaltung und Erhebung der Künſte und der Künſtler geleiſtet, und vorzugsweiſe ſeien es gerade die mit Unrecht verrufenen Könige gewe⸗ ſen, die darin den faulen Reichen und Begüterten mit einem edlen Beiſpiele zu allen Zeiten vorangegangen wären. Und nicht, weil ſie immer die meiſten Mittel in Händen hätten, hätten ſie es gethan, denn verhältnißmäßig wären ſie oft ſogar ärmer als Andere, ſondern weil ſie das leb⸗ hafteſte Vergnügen, die lobenswertheſte Einſicht in die Göttlichkeit der Kunſt und die nothwendige Erhebung ihrer Jünger gehabt hätten und noch hätten. Dieſen er⸗ habenen und edlen Männern ſeien freilich einzelne, an In⸗ telligenz und Kunſtſinn gleich hochſtehende Menſchen ge⸗ folgt, aber immer nur ſehr wenige; gerade die meiſten, denen das Gold in den Kaſten ſchimmele, die ſich äußer⸗ lich, zum Prunke vor Andern, mit den Erzeugniſſen der Kunſt und der Gewerbe ſchmückten und als Kenner prahl⸗ — —— e — 183— ten, die ihr Haus, ihre Diener, ihre Gärten, ja ihre Thiere vergoldeten oder verſilberten, gerade dieſe wären oft die hartherzigſten Geizigen, an deren Thür die Jünger der Kunſt vergeblich bettelten. Gerade ſie, die Gott ſo reich geſegnet, ſegneten Andere am wenigſten oder gar nicht, ja, ſie vergeudeten nicht ſelten mit verſchwenderiſcher Hand Tauſende, die, für das Streben, die Wohlfahrt, die Bedürftigkeit Vieler verwandt, der ganzen Welt ein freund⸗ liches Ausſehen geben könnten. „Jetzt aber,“ fuhr er ſelber erleichtert fort,„jetzt, hier von unſerm Freunde und Gönner aufgefordert, mich über unſere Bedürfniſſe, Wünſche und Hoffnungen frei⸗ müthig zu äußern, thue ich es im Namen meiner Kunſt⸗ genoſſen, in dem ſchönen und feſten Vertrauen, er möge, wie ſeine Einſicht, Menſchlichkeit und ſeine Mittel es ge⸗ ſtatten, geben und verleihen, was er kann und was er will— „Wir bedürfen, wie ſchon edle, einſichtsvolle und gefühlswarme Menſchen überall und immer es ausſpra⸗ chen, ohne noch bis jetzt verſtanden oder erhört worden zu ſein, beſtimmter, alljährlich wiederkehrender, ausrei⸗ chender Mittel, mit denen die geiſtreichſten und fleißigſten Kiünſtler unterſtützt werden, damit ſie ihre erſonnenen Ar⸗ beiten auch beginnen und vollenden können, und damit ihre ſchöpferiſche Thatkraft, anſtatt an den Klippen des bürgerlichen Lebens, Hunger und Sorge, zu zerſchellen, — 184— zur Veredelung der ganzen menſchlichen Geſellſchaft ange⸗ ſtachelt, mit neuem Schwunge belebt, zu längerer Aus⸗ dauer gekräftigt werde. Wir haben Preiſe bis jetzt ge⸗ habt und in öffentlichen Blättern auspoſaunt, ja, aber ſo kleine, ſo wenige, daß ſie ſich ſpurlos in dem Meere der Kunſt verlieren und höchſtens hier und da wie eine verlorene kleine Inſel aus dem großen Ocean auftauchen, und, kaum erblickt, wieder verſchwinden. Alſo bedürfen wir größerer, mehrerer Preiſe, für viele Werke— mögen ſie gearbeitet ſein, in welcher Kunſt, von welcher Hand ſie wollen, wenn ſie nur gut und den Anforderungen der Zeit entſprechend ſind. Dieſe gekrönten Werke mögen alsdann geſammelt und niedergelegt werden in einem all⸗ gemeinen Kunſttempel, heiße er nun Muſeum oder Kunſt⸗ oder Gewerbehalle, er gehöre aber der Nation, dem Volke, dem Ganzen, nicht dem Einzelnen an, damit nicht allein die Nachwelt erfahre, was wir, ihre Vorgänger, geleiſtet, ſondern auch junge ſtrebende Jünger der Kunſt daran einen Anhalt, ein Muſter, ein Ziel haben, deſſen Er⸗ reichung ihrer würdig und ihrer Mühen Lohn iſt. Ein⸗ ſolcher Tempel der Künſte und ſchöpferiſchen Gewerbe— ein üppiges Vaterland für alle ſeine Söhne— erhebe ſich daher vor allen Dingen und, von Einzelnen vielleicht gegründet, werde er von der geſammten Kunſtwelt ausge⸗ ſtattet. Wackere, gerechte und leutſelige Meiſter mögen — 185— die Arbeiten prüfen nach ihrem Gewiſſen und dann, wie ſie Kunſtrichter geweſen, auch Preisvertheiler ſein. 6„Ich habe,“ ſagte der Architekt zum Schluß,„hier ſchon über mein Fach hinaus und in ein anderes gegriffen, deſſen Vertretung mir eigentlich nicht auferlegt war. Ihnen, meine Herren Werk⸗ und Fabrikmeiſter, habe ich damit das Wort entzogen, und Sie mögen mir daher verzeihen. Ich bin aber nicht, was vielleicht viele Andere ſind, ein Stockkünſtler, der nur das Händewerk ſeiner Glaubensge⸗ noſſen und ſeiner mit ihm blutsverwandten Brüder für vollgiltig und ebenbürtig betrachtet, nein, ich bin im gan⸗ zen, großen und allgemeinſten Sinne Künſtler, und was * ein Handwerker Künſtliches vollbracht, wird, wenn es tüchtig und eine Zierde menſchlicher Hände und menſchlichen Nachdenkens iſt, von mir eben ſo begeiſtert anerkannt, ſo warm beurtheilt, ſo verdienſtvoll geprieſen werden, als was der Meißel des Bildhauers, der Pinſel des Malers oder die Töne des Tondichters geſchaffen haben. Nur deshalb, meine Herren, habe ich vorweg auch Ihrem Kunſtzweige die Wege gebahnt und Ihren Wünſchen das Wort geredet.“ Allgemeiner, anhaltender Beifall folgte dieſer ver⸗ ſtändigen und inhaltsvollen Rede. Es begann ein Ge⸗ ſpräch, das nicht lange währte, weil Alle in ihren Grund⸗ anſichten mit den vorgetragenen übereinſtimmten. Des Vorſitzenden Wangen hatten bei jedem vorſchreitenden Ge⸗ — 186— — danken des Sprechenden mehr und mehr ſich belebt, ſein Auge leuchtete von innerem Entzücken und oft und unwillkür⸗ lich fuhr ſeine Hand nach der Feder, die vor ihm lag. Endlich, als Alle ſchwiegen und alſo die Schlußmeinung geſprochen war, um ſeine eigene Beurtheilung zu erwar⸗ ten, ſagte er einfach und mit bebender Stimme: „Treaden, ſchreiben Sie die Summen ein, die ich für das beſtimme, was Waldau mit allgemeiner Beiſtim⸗ mung dieſer Herren mir vorgeſchlagen hat. Ja, in der Mitte unſerer Hauptſtadt, alſo unſeres Vaterlandes, Allen zugänglich, Keinem verſchloſſen, erhebe ſich ein ſchöner und großer Tempel für die Erzeugniſſe der Künſte und Ge⸗ 1 werbe. Schon in ſeinem Aeußeren deute er durch ſeinen 3 Glanz und ſeine Verhältniſſe an, was Göttliches in ſei⸗ nem Innern enthalten iſt, denn die Arbeiten menſchlicher Hände ſind Ausflüſſe des in uns wohnenden göttlichen Schöpfungstriebes. Ich will aus meinen eigenen Mitteln, ohne jede anderweitige Beihilfe, zur Ehre meines ganzen Vaterlandes, zum Heile der Künſtler, zum Ruhme derer einen Kunſttempel errichten, die ihn mir angerathen haben, denn ich bin vollkommen mit dieſer Idee in Uebereinſtim⸗ mung. Aber wir wollen uns mit der Gründung dieſes wichtigen Unternehmens nicht übereilen. Ich erwarte Pläne, wie es am zweckmäßigſten und ſicherſten wird her⸗ zuſtellen ſein. Ob es mir eine, oder zwei oder mehrere Millionen koſtet, hat für mich kein Bedenken; es geſchehe, — ſſſſͤͤ—n———ÿÿõÿ — 7— was geſchehen muß, was des menſchlichen Geiſtes, des menſchlichen Fleißes würdig iſt. In dieſem Tempel mö⸗ * gen alle Werke niedergelegt werden, die Eure Prüfung dieſer Ehre würdig hält; denn da ich ihn gründe, werde ich wohl das Recht der Erwählung ſeiner Erhalter, ſeiner Kunſtrichter haben— Für jede der ſechs ſchönen Künſte ferner ſetze ich einen jährlichen Preis von 50,000 Thalern aus und für ſechs der vollendetſten Gewerke, deren Schöpfungen in das Gebiet der Kunſt ragen, die Hälfte; Ihnen, meine Herren Werkmeiſter, und Ihren Kollegen bleibe aber die Wahl dieſer Sechs überlaſſen, Sie werden gerecht und umſichtig ſein. Dieſe in genügende kleinere 2 Preiſe getheilte Summe möge die Künſtler und Verfer⸗ tiger der gekrönten Werke belohnen, ſie dadurch beglücken und zu weiterem Vollbringen anfeuern. Iſt Ihnen Allen dieſer mein Vorſchlag genügend?“ „Ja, ja!“ riefen Alle wie aus Einem Munde. „Und nun noch Eins, was Du vergeſſen haſt, Waldau. Schon lange weiß ich, und Ihr wißt es eben⸗ falls, daß es allgemeine Nationaldenkmäler giebt, an de⸗ nen ganze Völker und Generationen gearbeitet haben und noch arbeiten, die der Nation zum Ruhm und dem Va⸗ terlande zur Zierde gereichen, und die dennoch, durch klein⸗ lichen Rückhalt oder durch egoiſtiſche Abſchließung Geiziger mittellos, unvollendet vor uns ſtehen. Sie vor allen Dingen müſſen erhalten, gefördert, vollendet werden. Ich — 188— zeichne daher als jährlichen Beitrag, ſo lange ich das Le⸗ ben habe und ſo lange noch ein Stein an ſeiner vollkom⸗ menen Herſtellung fehlt, zum Aufbau des rheiniſchen Doms 100,000 Thaler. Schreiben Sie es nieder, Trea⸗ den, und Du, Waldau, benachrichtige von dieſem meinem Entſchluſſe Diejenigen, die die Vollführung jenes herr⸗ lichen Werkes in ihre Hand genommen haben.“ 1 Allgemeiner Freudenſturm erhob ſich bei dieſen hoch⸗ herzigen Worten. Die Künſtler jubelten, die Werkmeiſter wurden gerührt, die Väter der Stadt zitterten vor Auf⸗ regung und ſtießen ſich unter dem Tiſche mit Händen und Füßen an. Der Vorſitzende aber fuhr fort: „Wir haben noch ein zweites Nationaldenkmal. Du, Riegenſtahl, haſt mich einſt darauf aufmerkſam gemacht und ich danke Dir dafür. Es iſt das beinahe ganz ver⸗ ſchollene auf dem Teutoburger Walde. Zur Schmach des ganzen deutſchen Volkes— ſo groß und weit es die Gauen ſeines Vaterlandes bewohnt— ſteht es nur halb vollendet da, beinahe ein Beweis, als wenn wir niemals etwas Ganzes vollbringen könnten, und erinnert uns je⸗ den Augenblick an die traurige Spaltung der mächtigen Glieder unſeres deutſchen Völkerſtammes. Es erſtehe ſchnell und ſo herrlich, wie es erſtehen muß, als ein Er⸗ innerungszeichen, daß Deutſchlands Söhne Kraft und Muth haben, den übermüthigen Eroberer, der unſere Frei⸗ heiten in Feſſeln ſchlagen will, zu vernichten und ſeines »— — — 189— Weges zu weiſen. Ich zeichne die ganze kleine Summe, deren es zu ſeiner Vollendung bedarf, und wären es 20,000 Thaler, da es vielleicht nur die erbärmliche Hälfte iſt, die das deutſche Volk nicht aufzubringen vermag. „Jetzt aber, meine Herren, nachdem hoffentlich den Künſtlern Genüge geſchehen, laſſen Sie uns die ernſteren Wiſſenſchaften in's Auge faſſen. Was die Univerſitäten und höheren Lehranſtalten betrifft, die die Jugend unſeres Vaterlandes zu brauchbaren Mitgliedern des Staatslebens erziehen, ſo ziemt es mir nicht, zu ihren Gunſten durchgrei⸗ fende Beſtimmungen treffen zu wollen. Es giebt gelehr⸗ tere und einſichtsvollere Männer, als wir Alle ſind, die an deren Erhebung und theilweiſer gänzlicher Auferſtehung aus dem Sumpfe der Gewohnheit und des Herkommens ſeit Jahren, wie es heißt, unausgeſetzt arbeiten. Mögen ſie endlich damit zu Stande kommen und möge ihr Werk ein gedeihliches ſein, mag es den allgemeinen Wünſchen des Vaterlandes und den beſonderen Anforderungen einer ſtrebſamen Jugend entſprechen. Einſtweilen aber wollen wir dieſer letzteren zu Hilfe kommen, damit das zu lange Warten ihren Muth nicht erſchöpfe, denn jedes verrin⸗ nende Jahr läßt unerſetzbare Lücken zurück. Die verſchie⸗ verſchiedenen Mitteln bedacht, einige haben genügend, an⸗ dere zu wenig. Das mögen ſie ſelbſt vertreten und an mächtigere Abhilfe denken. Die ſtudirende Jugend aber, denen Univerſitäten und höheren Lehranſtalten ſind mit. — 190— die ich vor Allen liebe, darf darunter nicht leiden. An jeder höheren Lehranſtalt des Landes will ich ſechs Stel⸗ len gründen, um die ſich arme, geiſtreiche, talentvolle Jünglinge, mögen ſie Kinder eines Bettlers oder Staats⸗ mannes ſein, bewerben können. Jeder dieſer ſechs ſoll mein Sohn ſein, allen werde das gleiche Erbe zu Theil und mag es ihnen gedeihen. Ich verheiße einem Jeden jährlich 300 Thaler, denn damit kann man ſeinen Stu⸗ dien obliegen, ohne zu darben. „Und jetzt, meine Herren Werkmeiſter, da wir auch dieſes hinter uns haben, iſt an Ihnen die Reihe. Was haben Sie mir zum Wohle Ihrer Arbeiter vorzuſchlagen? Sprechen Sie frei und dreiſt wie muthige Männer, ich höre Ihnen aufmerkſam zu.“ Der älteſte Werkmeiſter, ein gerader, offener, ehren⸗ feſter Mann mit ſilbernen Haaren und rührend freundli⸗ chem Geſichtsausdruck, erhob ſich. Er war ein vermö⸗ gender Fabrikbeſitzer, der ſich von der unterſten Stufe des rußigen Handlangers zum Beſitzer der kunſtreichſten Ma⸗ ſchinenfabrik aufgeſchwungen hatte, der Tauſende von Hän⸗ den jetzt beſchäftigte und ein Segen für noch mehrere war. Er ſprach, wie alle dieſe ehrenwerthen Leute den⸗ ken, ſprechen und handeln, das heißt kurz, aber verſtänd⸗ lich, gerade auf das Ziel losgehend. „SGnädigſter Herr,“ ſagte er mit anfangs etwas zi. ternder, nachher aber feſter und ſtarker Stimme, Ehe— —— — 191— haben in dem Vorhergehenden ſchon viele, ja die meiſten unſerer Wünſche mit fürſtlicher Freigebigkeit erfüllt. Für fleißige und geſunde Arbeiter iſt hinlänglich geſorgt. Aber es giebt auch ſchwache und kranke, die mit trübem Sinn dahin ſchmachten, während die Luſt an der Arbeit in ihnen ungeſchwächt fortlebt. Ihr Loos iſt bitter und beklagens⸗ werth. Bedenken Sie dieſe, denn wir können mit unſern Mitteln nicht Alles erſchwingen, ſo viel wir auch thun.“ Er ſetzte ſich wieder und man verhandelte dieſen Gegenſtand lange hin und her. Endlich nahm der Vor⸗ ſitzende das Wort und ſprach: 4 „Schreiben Sie, Treaden. Ich beſtimme für ſchwache und kranke Arbeiter der Hauptſtadt, die zum Wohle des Ganzen ihre Kräfte geopfert haben, die Summe von 100,000 Thalern. Die Zinſen dieſes Kapitals ſollen in meinem Namen an die Hilfsbedürftigen nach Verhält⸗ niß vertheilt werden. Für Aerzte und ſonſtige Bedürf⸗ niſſe haben, wie Sie ſagen, theils der Staat, theils die Stadt, theils die Gewerke ſelber geſorgt, und dieſe Sorge darf man ihnen nicht ganz entziehen. Einige Sorge för⸗ dert das Gedeihen. Ernennen Sie wahrhaft rechtſchaffene Männer, die über die zweckmäßige Vertheilung dieſer Summe wachen. Oraganiſiren Sie die entſprechendſte Einrichtung und theilen Sie mir alljährlich das Geſchehene wie das noch Fehlende mit. Mit Freuden werde ich die⸗ ſem Ergebniß entgegenſehen und es weiter bedenken. — 192— „ Und nun, meine Herren Väter der Stadt, ſind Sie endlich an der Reihe. Ihre Stadt war die Vater⸗ ſtadt Deſſen, dem ich meine Reichthümer verdanke; er ſel⸗ ber hat mir ihr Wohl an's Herz gelegt und ich werde es an demſelben halten, warm und ſicher. Sprechen Sie dreiſt und offen, ich beabſichtige für Sie mehr zu thun, als Sie vielleicht denken.“ Der älteſte, erfahrenſte und verſtändigſte Rath⸗ mann— er ſaß in der Mitte ſeiner beiden Kollegen— erhob ſich und ſprach: „Unſre ſchöne Stadt erfreut ſich der Huld und Gnade unſers geliebten Monarchen in hohem Grade; er hat ſie geſchmückt und in vielen Dingen reich bedacht. Aber den⸗ noch, ſo viel er uns verlieh, jede Noth konnte er nicht lindern, ohne ungerecht gegen Andere zu ſein, und unſere eigenen Kräfte ſind zu ſchwach, das Fehlende zu ergänzen. An die Armen haben Sie ſelbſt erſt jüngſt ein großes Geſchenk geſandt; die größte Noth iſt daher für den Augen⸗ blick abgewendet, und es bleibt uns nur übrig, wozurich von meinen Amtsbrüdern beauftragt bin, Ihnen, dem ed⸗ len Geber, für dieſe reichen Gaben zu danken. Ich ent⸗ ledige mich hiermit vor allen dieſen Herren dieſes Auftrags im Namen der ganzen Stadt und ihrer Bewohner, beſonders aber ihrer Vertreter und ihrer Bedürftigen.— Was wir nun aber vermiſſen oder vielmehr, was wir wünſchen, iſt Folgendes. Nicht Alles, gnädigſter Herr, verlangen wir „— — 8 3 — 193— von Ihrer Großmuth, daher ſtaunen Sie nicht über die große Zahl unſerer Wünſche, Sie allein mögen unter dieſen die Erfüllung wählen und ſchon für Weniges wer⸗ den wir dankbar ſein. 1)„Auch wir haben darbende Arbeiter, obwohl in kleinerer Zahl als jene große Stadt. Könnten auch wir ihnen Hilfe gewähren, wir würden oft ſehr glücklich ſein, viele Noth lindern, manche Thräne trocknen. Vor Allen aber dürfte es in dieſer Hinſicht von Vortheil ſein, über ein kleines Kapital zu verfügen, um aus deſſen Ertrag Vorſchüſſe und Darlehne zu beſtreiten, denn gerade dieſe werden von fleißigen Arbeitern zumeiſt beanſprucht, und wir können ihnen ſelten willfahren. 2)„Sodann bedürfen wir einer Schule für junge Handwerker, worin ſie in Dingen, die zu ihrem Gewerbe gehören, unterrichtet und geſittigt werden. Denn nur der geſittete, unterrichtete Arbeiter, der von der Welt und ihrem Schöpfer weiß, erinnert ſich der Welt und dieſes Schöpfers, nur er allein wird ein brauchbares, zuverläſſi⸗ ges Glied der großen Kette der menſchlichen Geſellſchaft ſein.— 3)„Oft kommt es vor, daß es wohl Arbeiter und Hände genug giebt und auch an der Arbeit nicht mangelt. Denn wer überhaupt arbeiten will, findet in der Regel, was er ſucht. Aber zur Arbeit bedarf es oft mehr gls Der Inſelkönig. V. 13 des guten Willens und der Hände allein. Der Arbeiter gebraucht Werkzeuge und Inſtrumente, und, wenn er arm iſt, kann er ſie oft nicht beſchaffen, er vermag alſo auch nicht zu arbeiten. Ein Kapital, dieſe nothwendigen Hel⸗ fer menſchlicher Betriebſamkeit anzuſchaffen, zu verſchenken, zu verleihen, dürfte mit ein weſentlicher Beitrag zur Si⸗ cherſtellung und Unterſtützung unſerer armen Bewohner ſein.— 4)„Eben ſo mangelt es oft an Materialien zur Arbeit. Der Spinner hat nicht immer Flachs, der Tiſch⸗ ler nicht immer Holz, der Weber nicht immer Garn ſeinen Händen darzubieten. Könnten wir auch dieſes bisweilen liefern, wir würden viele Glückliche und Zufriedene machen.— 5)„Unſre Winter ſind oft ſehr kalt und viele Men⸗ ſchen frieren in ihrer ärmlichen Wohnung und auf der Straße bei ihrer Arbeit, denn ſie haben weder Holz noch Kleider, noch erwärmende Suppen. Behaglich aber muß ſich der Menſch bei der Arbeit fühlen und den Angriffen der Witterung wie den Anforderungen des Magens muß er Genüge leiſten können, wenn er ausdauern und friedlich ſich benehmen will. Und dieſe Bedürfniſſe allein haben bei uns oft Störungen der öffentlichen Ruhe und Antaſtun⸗ gen des Beſitzes hervorgerufen. Könnten wir ihnen immer und überall abhelfen, wir würden ſelber ruhiger und glück⸗ licher ſein. „ — 195— 6)„Es ſterben jährlich eine Menge Menſchen, die ihre Kinder als Waiſen zurücklaſſen, welche dann dem mannigfachſten Elende anheimfallen. Viele von ihnen werden in ſtädtiſchen Anſtalten untergebracht, manche finden bei einzelnen Wohlthätern ein Unterkommen; es bleiben aber immer noch genug übrig, die zu dieſein nicht geeignet, zu jenem nicht volljährig ſind, und nun anderen armen Verwandten zur Laſt fallen. Könnten wir zu dieſen Wai⸗ ſen ſagen— gehe dahin oder dorthin, thue dies oder jenes, wahrlich! wir dürften eben ſo glücklich ſein, wie wir Glückliche machen würden. 7)„Knaben verſorgen ſich ſchon leichter und finden häufiger ein Unterkommen als Mädchen. Dieſe, wenn ſie verlaſſen und ohne Aufſicht ſind, wachſen heran und verfallen nicht ſelten der Unſittlichkeit und dem Laſter. Beides aber iſt der Ruin für eine Stadt und den Staat. Hätten wir Mittel, kleine Mädchen zu großen, brauchbaren, geſitteten Jungfrauen zu erziehen, ſie am Ende ihrer Erziehung auszuſtatten und in die rechten Hände zu geben, wahrlich! wir würden manches gebro⸗ chene Herz, manche verlorene Seele dem Schöpfer reiner und beſſer zuführen und daneben manchem arbeitſamen jun⸗ gen Manne eine ſorgſame Lebensgefährtin überweiſen können.— 8)„In unſerer Stadt leben viele Beamte. Die 13* — 196— höͤheren Grade ſind mit hinreichenden Mitteln verſehen, die niedrigeren darben nicht ſelten. Werden ſie aber alt und ſchwach und müſſen ſie ihren Dienſt verlaſſen, weil ſie den Forderungen deſſelben nicht mehr genügen können, ſo ſind ſie verloren, denn ihr Gnadengehalt kann ſie und ihre Familie nicht ernähren. Entweder ſie ſiechen dahin oder ſie vermehren die große Reihe ſogenannter verſchäm⸗ ter Armen und fallen dann der Stadt oder anderen Fa⸗ milien zur Laſt. Für dieſe Vernachläſſigten, deren Arbeit man hinnahm und bezahlte, ſo lange ihre Kräfte reichten, dürfte ein Unterſtützungskapital die ſegensreichſten Folgen verſprechen, aber wir haben auch dieſes nicht. 9)„Dienſtboten, die uns helfen nnd unterſtützen in jeder Stunde des Tages und der Nacht, arbeiten allein zu unſerm Nutzen. So lange ihre Kräfte dauern, behal⸗ ten wir ſie. Werden ſie ſchwach, ſo nehmen wir kräfti⸗ gere, jüngere. Wo bleiben nun jene? Sie ſinken nicht ſelten zu Bettlern herab und erregen unſer Mitleid, ſo oft wir ſie ſehen, obſchon wir ihnen nicht immer helfen kön⸗ nen. Ihre Treue, ihre Geduld, ihre Thätigkeit müßte anders und beſſer belohnt werden, aber wer ſoll das thun? 1⁰)„Und endlich, die betagten, verkrüppelten Men⸗ ſchen, die einen ſchweren Lebenstag geſehen, wandeln oft einem noch trüberen Abend entgegen, bis die allmählig — 197— hereinbrechende Nacht des Grabes allen ihren Kummer beendigt. Ihnen einen heiteren Lebensabend zu bereiten, würde vor Allen unſere Aufgabe ſein, wenn wir ſie zu löſen im Stande wären. Wir haben ein Armenhaus, aber es entſpricht dem Zwecke nicht, es iſt zu klein in ſeinen Räumen, zu beſchränkt in ſeinen Mitteln— wir können nicht mehr leiſten, als wir geleiſtet haben, und täglich wachſen unſere Ausgaben, anſtatt ſich zu verringern. „Dieſes, gnädigſter Herr, ſind die zehn Punkte un⸗ ſerer Wünſche, unſerer eifrigſten Beſtrebungen. Möchten die Hoffnungen, die wir hegen, wenigſtens in einigen derſelben in Erfüllung gehen. Sie haben uns aufgefor⸗ dert zu ſprechen und wir haben nun geſprochen. An Ihnen wird es ſein, unter den genannten zu wählen und die ge⸗ wählten in Erfüllung zu ſetzen.“ Er verbeugte ſich und ließ ſich auf ſeinem Platze nieder. Ringsherum aber herrſchte ein tiefes Schweigen der Anerkennung, denn jeder der Anweſenden fühlte die Wahrheit des Geſagten. Da erhob ſich der Vorſitzende zum erſten Mal ſelber und mit erhobener Stimme ſagte er: „Nicht einzelne Punkte billige, genehmige und er⸗ fülle ich, ſondern ich billige, genehmige und erfülle ſie alle. Die Armuth kann nicht genug Anſprüche an uns Reiche erheben. Schreiben Sie, Treaden, ich bewillige für jeden dieſer zehn wichtigen Wünſche die Summe von 10 bis 30,000 Thalern, je nach dem größeren oder kleineren Bedürfniß. Ihnen, meine Herren Vertreter der Stadt aber, bürde ich die Laſt auf, für die zweckmäßigſte Ver⸗ theilung derſelben Sorge zu tragen, Du aber, mein guter Vater, übernimm die Oberaufſicht über dieſe Sorge. Be⸗ gieb Dich nach der Reſidenz, höre und beſchließe nach Deinem Wohlgefallen. Was Du mir empfiehlſt, werde ich annehmen, ich halte das für meine erſte Schuldigkeit. Und jetzt ſind wir fertig. Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihre Aufrichtigkeit, für Ihre Mittheilung. Ich habe nur zu fragen, ob Sie befriedigt ſind?“ Ein allgemeines Beifallsgemurmel erhob ſich, Dank⸗ ſagungen ließen ſich von allen Seiten hören, die Eduard Hutten aber ſofort abſchnitt, da ſie nicht ihm, ſondern dem älteren Hutten, der todt ſei, gebührten. „Und jetzt, meine Herren,“ fuhr er fort,„nachdem wir gearbeitet haben, wollen wir uns vergnügen. Ich lade Sie ſämmtlich zu Tiſche ein, heute haben wir unſere Speiſe verdient. Ihnen aber, meine Herren Vertreter der Stadt, ertheile ich den Auftrag, Ihre Stadt in mei⸗ nem Namen zu grüßen. Ich werde ſelbſt morgen bei Ihnen erſcheinen und einigen ihrer Bewohner meine Auf⸗ wartung machen. In einigen Tagen feiern wir hier ein NV V ——— — 199— ich werde noch für mehrere Gäſte ſorgen. Und nun, Mr. Treaden, wie hoch beläuft ſich die Summe, die wir heute gezeichnet, ich ſehe, Sie ſind mit Ihrer Rechnung fertig.“ Mr. Treaden erhob ſich und konnte ein leiſes Lächel nicht unterdrücken. „Außer dem Kunſtgebände, deſſen Anſchlag ich nicht zu machen verſtehe, haben wir drei Poſten verzeichnet,“ ſagte er.„Der erſte, für Unterſtützung und Förderung öffentlicher Bauten, der Künſte und Künſtler, beträgt 560,000 Thaler. Für Stipendien armer Studirender, wenn ich auf fünf Lehranſtalten je ſechs rechne“— „Nehmen Sie getroſt das Doppelte an,“ unterbrach ihn Hutten. „Gut, ſo beträgt es jährlich 36,000 Thaler, alſo zuſammen die Kleinigkeit von 896,000 Thaler im Jahre.“ Er ſchwieg und ſah ſeinen Herrn forſchend an. Dieſer aber nickte befriedigt. „Es iſt gut,“ ſagte er freundlich,„ich bin zuſrieden. Mir bleibt noch etwas übrig, denn ich hatte auf eine Million gerechnet.“ Alle horchten hoch auf. Den Vätern der Stadt lief es eiskalt über den Rücken, als ſie dieſe ungeheure Summe im Geiſte ſich wiederholten, und die beiden Flü⸗ gelmänner gaben dem mittleren Kollegen, der vorher ge⸗ ſprochen hatte, unter dem Tiſche einen Tritt vor das Schienbein, daß er beinahe laut aufgeſchrieen hätte. Dann aber begaben ſich Alle zu Tiſche, der im Speiſe⸗ ſaale des Künſtlerhauſes bereitet war und genoſſen hier ein Mahl, wie es noch keiner von ihnen in ſeinem Leben genoſſen hatte. —2— Zweites Kapitel. Das Feſt des Inſelkönigs bei Tage. s Am andern Tage beſuchte der Inſelkönig, wie er es verſprochen hatte, die Sommerreſidenz, aber nur um im Stillen einige Beſuche zu machen und ſich diejenigen Gäſte einzuladen, mit denen er in näheren Umgang zu treten geſonnen war. Denn er hatte von Natur einen ungeheuren Widerwillen gegen die Verbindung mit dem ſogenannten großen Haufen, der in allen Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft gefunden wird, und lieber wollte er mit ſeinen Freunden allein in ſtiller Einſamkeit leben, als mit Jeg⸗ lichem, der da Luſt hatte, ſein Weine zu koſten, ge⸗ räuſchvoll verkehren. Auch dieſer letzte läſtige Tag der Beſuche, womit uns die ſelbſtquäleriſche Sitte des Tages bereichert hat, ging vorüber und er war wieder Herr ſeiner Zeit unter den Seinigen und den ſchattigen Bäumen der Inſel. Jetzt aber berief er die Freunde und erkundigte ſich nach dem Stande ihrer Vorbereitungen zu dem großartigen Feſte, welches bald die ganze Inſel in Bewegung ſetzen ſollte. Mit Vergnügen vernahm er, daß zum Empfange der zahlreichen Gäſte Alles bereit ſei. Alle Maler, Waldau mit einbegriffen, hatten vollauf zu thun gehabt, um die für das Theater erforderlichen Dekorationen und das Zubehör deſſelben prachtvollſt anzufertigen, denn die kleine Bühne ſollte zum erſten Male cröffnet und bild⸗ liche Darſtellungen darauf ausgeführt werden. Da man die vornehmſten, reichſten, gebildetſten und talentvollſten Bewohner beider Hauptſtädte erwartete und wußte, daß das eingeladene Publikum große Erwartungen von Sei⸗ ten des Inſelkönigs hegte, ſo mußten dieſe auch erfüllt, ja, womöglich überboten werden. Und das war gerade eine Arbeit, wie unſere Künſtler ſie verlangten, wie ſie ihrer Phantaſie entſprach; ſie hofften Ehre einzulegen und den Ruf des geſchmackvollen Beſitzers der Inſel, ihres Freundes, gleich von vorn herein dauerhaft zu begründen. Joſephſon, deſſen Funktionen ſich vorſorglich über das Ganze erſtreckten, war der beſchäftigtſte von Allen, er ritt und fuhr überall umher, ordnete, leitete und erfüllte ſo das ſchwere, aber auch angenehme Amt eines Hofmarſchalls, deeſſen Arbeit dadurch leicht wird, wenn er wie hier, keine Koſten zu ſcheuen, keinen Aufwand zu vermeiden hat. „ 4 —-— — — 203— Und ſo war denn der ſo ſehnlichſt herbeigewünſchte achtzehnte Juli gekommen und ſchon um elf Uhr Mor⸗ gens erwartete man auf der Inſel die erſten Gäſte. Alles war zu ihrem Empfange gerüſtet, jeder Mann auf ſeinem Poſten. Alle Fahr⸗, Reit⸗ und Gangwege auf der ganzen großen Inſel waren feſtlich geſäubert, jedes Blu⸗ menbeet in leuchtendſter Pracht, jeder Baum von den Tag und Nacht arbeitenden Spritzen vom Staube ge⸗ reinigt. Alles in Feierkleidern, bis auf die unſichtbaren ſchaffenden Hände in Küchen und Kellern herab. Eduard ſtand wie gewöhnlich um fünf Uhr Mor⸗ gens auf; ſein erſter Blick fiel auf das Waſſer und die darüber lagernden Luftſchichten. Ein dünner ſeiden⸗ artiger Dunſtſchleier lag auf den leiſe fluthenden Wellen und zog ſich allmählig nach den jenſeitigen Ufern; kein Lüftchen regte ſich und bald trat die klarſte Juliusſonne in hellleuchtendſter Pracht am Himmelsbogen über den öſtlichen Bergen hervor. Bald regte es ſich in den Gän⸗ gen des Schloſſes, die Diener wurden wach und nahmen fröhlich ihre Beſchäftigung hervor, denn jeder von ihnen freute ſich ſelbſt auf den Triumph des allgeliebten Inſel⸗ königs, wie ſie ihn beinahe alle nannten, ohne daß er davon die geringſte Ahnung hatte. Joſephſon war der Erſte in Eduards Frühſtücks⸗ zimmer, um ſich fertig zu melden und für Einzelnes noch Aufträge zu erbiten. 8 — 204— „Wie viel Gaͤſte zeigt Deine Liſte?“ fragte Hutten. „Zwiſchen ſechs⸗ und ſiebenhundert!“ „Haſt Du auch an die Kleinigkeiten gedacht, die zu⸗ meiſt in die Augen fallen? Wie Du ſie ſetzeſt bei Tiſche? Wie Du die Zwiſchenpauſen ausfüllſt? Wie Du die Ein⸗ leitungen zu den verſchiedenen Vorſtellungen triffſt? Iſt auch genug Eſſen und Trinken vorhanden?“ Der Hofmarſchall lächelte heiter. „Sorge um nichts,“ ſagte er,„Alles iſt be⸗ ſtimmt an ſeine Stunde gebunden, und was das Eſſen und Trinken anbelangt, ſo weißt Du ja, daß ich Wolf Joſephſon heiße.“ „Richtig, das hatte ich beinahe vergeſſen.“ . Als er ging, trat Ithyſſa und gleich nach ihm Beata ſelber ein. Erſterer brachte die koſtbaren Kleider des Feſttages, koſtbar an Stoff allein, denn beſonderer Glanz war nicht daran. Es war ein ſchwarzes, durch einen Gürtel zuſammengehaltenes Wams, wie es die Künſtlerfreunde trugen, vom ſtärkſten Sammt, ſchwarze Kurzhoſen von Atlas und Strümpfe von feſtem Seiden⸗ gewebe mit lackirten Schuhen, worauf heute zwei Bril⸗ lantſchnallen prangten. Der Neger legte dieſe Kleidung auf einen Seſſel, zeigte bedeutſam darauf und entfernte ſich ſchweigend. So pflegte er ſeinen Herrn alle Tage zu bedienen. Da erſchien Beata, im ſchneeweißen elaſti⸗ ſchen Morgenkleide, worin ſie Eduard ſo gern i da es —,— — 205— ihre feinen Gliedmaßen wie in ein halbdurchſichtiges Schleiergewebe hüllte. „Was haſt Du da in der Hand, Beata?“ fragte ihr Geliebter „Ein neues Barett für Deinen ſchönen Kopf, mein Freund. Sieh, heute mußt Du eine Feder tragen, damit man Dich ſchon von Weitem erkenne; ich habe ſie ausgewählt, und Cigarita hat ſie ſelbſt befeſtigt’“ Damit ließ ſie die ſchneeige Schwungfeder eines ſeltenen orien⸗ taliſchen Vogels durch ihre alabaſternen Finger gleiten und reichte die Kopfbedeckung dem verwunderten Lieb⸗ ling hin. „Eine Feder!“ ſagte er.„Auf meinem Barett? Damit man mich erkenne? Das iſt wider die Verabre⸗ dung. Du weißt, ich liebe nichts Auffallendes, und hier, dieſe Diamanten⸗Agraffe, die ſie hält, iſt das nicht wirk⸗ lich zu auffallend für mich?“ „Für Dich iſt nichts zu auffallend, mein Freund. Ich liebe es ſo, und Du wirſt Dich freuen, wie gut Du darin ausſiehſt. Sieh mal in den Spiegel.“ Und damit ſetzte ſie ihm das befiederte Barett auf, das ſeinem ſchi. nen Kopfe prächtig ſtand. „Steht es ſot“ ſagte er.„Du liebſt es? Gut! ich werde allen Leuten, die mich fragend anſehen, ſagen, Du habeſt es gewollt.“ „Thu das, es beglückt mich.“ — 206— „So iſt es abgemacht. Eure Vorbereitungen ſind alſo auch getroffen und keine Dame zeigt ſich?“ „Nicht vor dem rechten Augenblicke, mein Freund, ſorge um nichts. Wir treten nur in unſeren Rollen auf, um nachher ſogleich wieder zu verſchwinden.“ Dabei fiel ſie ihm um den Hals, wie ſie alle Tage hundertmal that und drückte ihn liebevoll an ſich. Hier trat ein unerwarteter Zwiſchenfall ein. Ein Neger meldete, athemlos herbeilaufend, daß im nördlichen See ein großes fremdes Dampfboot ſich zeige und auf die Inſel losſteure. „Ein Dampfboot, ſo früh am Morgen? Was kann das ſein?“ dachte Hutten. Die Nachricht beſtätigte ſich und eine halbe Stunde ſpäter legte das Boot an die Landungsbrücke unterhalb des Pavillons an. Ein Stall⸗ meiſter des Königs betrat die Inſel und ſuchte im Namen Sr. Majeſtät den amerikaniſchen Geſandten auf. Er wurde in das Empfangszimmer des Pavillons geführt, wo der Berufene im Augenblick darauf erſchien. Der Stallmeiſter brachte die gnädigſten Grüße des Monarchen und zum Zeichen ſeiner Freundſchaft zwei Züge der ſchön⸗ ſten Pferde aus dem erſten königlichen Geſtüte nebſt ſechs arabiſchen Zuchthengſten, alle von ausgezeichneter Schönheit, letztere ſogar mit den blendendſten Krabiſchen Sattelzeugen geſchmückt. MNiit Chrfurcht nahm der Beſchenkte dis Köuigiihe 3 ãẽãT . † † * — — 207— Morgengabe entgegen, verfügte ſich in den Park und muſterte die edlen Thiere. „Zwei Reiſewagen werden ſogleich nachfolgen,“ er⸗ läuterte der Stallmeiſter,„ſie ſind wie Wohnungen ein⸗ gerichtet und ſollen Sie, wie in Ihrem Hauſe, ſagte der gnädige Monarch, auf Ihren Reiſen durch die Welt tragen.“— Der Stallmeiſter hielt ſich eine Zeitlang auf der Inſel auf, und fuhr dann, reich beſchenkt, mit dem Schiffe nach der königlichen Burg hinüber, wo er eine halbe Stunde verweilte und dann ſeinen Weg wieder nordwärts nach der Hauptſtadt nahm. „Der Tag fängt gut an,“ ſagte Eduard zu Beata, „mag er ſo enden! Jetzt iſt unſer Mauſtal voll. Nun können wir bald reiſen.“ „Reiſen? Schon wieder? Ich bin geniß. Du denkſt nicht daran.“ Jetzt aber umarmte er das geliebte ſchöne Weib und verſprach, nur nach ihren Wünſchen zu handeln. Die große Feſtflagge auf dem Schloßthurme flat⸗ terte im leichten Morgenwinde, der ſich glücklicher Weiſe erhoben hatte, um die Hitze des Julitages etwas zu küh⸗ len und des Capitain Schröder Waſſerfahrten zu begün⸗ N ———— — 208— ſtigen. Joſephſon, von einer ganzen Schaar ſchwarzer Diener in glänzendſter Staatslivree umgeben, ſtand an der kleinen Landungsbrücke am Schweizerhauſe, um als Oberceremonienmeiſter die eintreffenden Gäſte am Strande zu bewillkommnen. Im Schatten der hinter ihm lie⸗ genden Laubwölbungen ſtanden zahlloſe Equipagen aller⸗ lei Art, die Ankommenden ſogleich in ihre Wohnungen zu bringen, die an allen Orten der Inſel in Bereitſchaft geſetzt waren. Endlich, es war ſchon elf Uhr vorbei, gab der im Wirthshauſe am Strande aufgeſtellte Aus⸗ luger durch einen Kanonenſchuß das Zeichen, daß die erſten Gäſte von der nördlichen Landſeite her nahten, ſie kamen alſo aus der Hauptſtadt. Augenblicklich beant⸗ worteten dieſen Knall die ſtärker donnernden Schüſſe von der Schloßrampe her und alle Bewohner der Inſel wuß⸗ ten nun, daß der Feſttag begonnen habe. Auch zeigte ſich bald darauf eine lange Reihe vierſpänniger Wagen, die im Staube der Landſtraße daher flogen. Es waren die Künſtler der Hauptſtadt, die die Reiſe gemeinſchaft⸗ lich unternommen hatten und zuerſt, hoher Erwartung voll, am Feſtorte eintrafen. Die jenſeits liegenden Schiffe aller Größen, mit den feſtlich gekleideten Matro⸗ ſen bemannt, ſetzten ſich unter ihren buntfarbigen Wim⸗ peln in Bewegung, aber noch eine gute Weile mußten ſie aauf die Ueberfahrenden warten, denn die Eingeladenen hatten ſich vorgenommen, Schritt vor Schritt in dem —+2——— —2— — 209— — neuen Reiche vorzudringen und beſahen daher erſt die Einrichtung des Hauſes an der Heerſtraße, deſſen Be⸗ ſtimmung ihnen ſchon früher bekannt geworden war. Die bereit gehaltenen Ställe am jenſeitigen Ufer hatten ſchon lange ihre ermüdeten Pferde in Obhut genommen, als die Künſtler ſich einſchifften und mit taktmäßigem Ruder⸗ ſchlag die gaſtlichen Geſtade erſtrebten, die ſie in vollem Blüthen⸗ und Blätterſchmuck erwarteten. Joſephſon begrüßte ſie an der Brücke, und Waldau, der in dieſem Augenblicke zu ſeiner Hülfe herbeikam, fuhr die Geiſtesverwandten ſchnell nach dem Künſtler⸗ hauſe, wo ihre Wohnungen bereitet waren, und theilte ihnen unterweges mit, welches Zeichen ſie nach dem Schloſſe rufen würde. Kaum waren die Wagen zurück, ſo fanden ſie ſchon andere Gäſte; die Profeſſoren der Hauptſtadt, die Gelehrten jederlei Grades, die Könige der Wiſſenſchaften, mit ihren blaſſen Geſichtern und aus⸗ getrockneten Leibern waren den Künſtlern zunächſt ge⸗ folgt und wurden ſofort nach verſchiedenen im Grünen belegenen Wohnungen von Waldau befördert, wo für ſie ein Unterkommen bereitet war. Gleich nach ihnen kamen die Autoritäten der Gewerbe, die Beſitzer der Fabriken, die Größen der Induſtrie und des Handels. Mit ihnen zugleich langten von der ſüdlichen Waſſerſeite her, in Gondeln daherſchwimmend, die Geladenen der Sommer⸗ reſidenz an; ſie Alle wurden in den verſchiedenen weiten Der Fnſelkänig. V. 14 ———õÿü — 210— Räumlichkeiten der Inſel untergebracht. Dann aber, mit größerem Getöſe und vieler Dienerſchaft erſchienen nach und nach das diplomatiſche Corps, die Miniſter, die höheren Beamten und Würdenträger der Regierung, ihre Orden zeigend, mit langen höchſt wißbegierigen Ge⸗ ſichtern ausgeſtattet, vor Allem der Paſcha von drei Roßſchweifen, ringsum nach dem Serail umſchauend, deſ⸗ ſen Lage ſchnell ausfindig zu machen er ſich feſt in den Kopf geſetzt hatte. Dieſe Herren wurden ſämmtlich in den Beſuchzimmern des nördlichen Schloßflügels unter⸗ gebracht und als man nun annehmen konnte, daß die meiſten Gäſte eingetroffen, zog ſich Joſephſon ſelber nach dem Gartenraume zurück, der zwiſchen den beiden Pavil⸗ lons lag und mit kühlen Gezelten, unter denen ſchwerbe⸗ ladene Frühſtückstafeln in großer Zahl aufgeſchlagen ſtanden, bedeckt war. Die meiſten der Angekommnen blieben nur ſo lange in den ihnen angewieſenen Häuſern, als unumgänglich zu ihrer Toilette nothwendig ſchien, dann begaben ſie ſich in lichten Schaaren in's Freie und zerſtreuten ſich hierhin und dorthin auf der Inſel. Alle Einrichtungen, Baulichkeiten und ſonſtige Niederlaſſungen nahmen ſie in ſcharfſichtigſten Augenſchein, drangen in die Marſtälle, bewunderten die ſchon gezäumten Pferde, die herrlichen Wagen, die Teiche, die Maſchinen, den Park, den Wald, die Blumen, die Bildhauerwerke, die gegenüberliegenden grünen Berghöhen mit den Burgen 4 — 211— darauf, waren entzückt über Alles und zogen ſich allmäh⸗ lig der Schloßgegend zu, von wo ſie die drei Kanonen⸗ ſchüſſe erwarteten, zum Zeichen, daß die Vorſtellung und, was in Vieler Augen weit angenehmer war, das Früh⸗ ſtück ſeinen Anfang nehme. Dieſes Zeichen ließ denn auch nicht lange auf ſich warten, denn es ging Alles ſehr pünktlich auf der Inſel zu, was ſelbſt der ruſſiſche Ge⸗ ſandte lobend zu bemerken nicht ermangelte. Kaum waren die drei Schüſſe verhallt, ſo belebten ſich alle Gänge in der Umgegend des Schloſſes und die Herren traten in einzelnen Gruppen heran, voller Verwunde⸗ rung, daß kein Staub auf der ganzen Inſel zu ſehen, daß Alles ſo kühl und luftig und das Grün der Bäume ſogar friſcher als wo anders ſei. 3 Hier, im Schatten der Lindenbäume, die ihre Wohlgerüche über die ganze Umgegend ausſchütteten, wo um die ſprudelnden Springwellen herum die Tafeln ge⸗ deckt ſtanden, erwartete der Beſitzer der Inſel ſeine zahl⸗ reichen Gäſte. Das glänzende Barett mit der köſtlichen Schwungfeder in der Hand, ſeine majeſtätiſche Geſtalt hoch aufgerichtet und mit dem offenen freundlichen Ge⸗ ſichte Jedermann begrüßend, tauſchte er Worte mit Allen, wie es die Sitte und das Herkommen bei dergleichen Empfangsſcenen mit ſich bringen. Aber nicht lange dauerte dieſe unumgängliche Ceremonie. „Sie haben eine weite Reiſe gemacht, meine Herren,“ 14* — 212— ſagte der Wirth zu den ihn Umgebenden,„ich hoffe daher, Sie haben auch Appetit mitgebracht. Nehmen wir Platz!“ Und ſich ſetzend, wie es die Nähe der Tiſche gerade mit ſich brachte, ließen ſich die willkommenen Gäſte auf den Sitzen vor den reichbeſetzten Tafeln nieder. Und dieſe Tafeln waren in der That mit Dingen überfüllt, die einen geſunden Magen zum faſt convulſiviſchen Wohl⸗ behagen reizen. Mitten unter den ſeltenſten Blumenpy⸗ ramiden ſtanden kalte Speiſen aus allen Gegenden der Welt; die ſchmackhafteſten Früchte des Landes, in Treib⸗ häuſern theilweiſe gezeitigt, lockten alle Augen an, aber auch nie geſehene ausländiſche fehlten nicht. Doch dieſes war Alles nur als Reizmittel und Nachtiſch vorhanden. Bald aber trugen unzählige Diener die warmen Speiſen herbei und ſonderbar geſtaltete, in Eisbehälter verſteckte Flaſchen folgten ihnen nach. Es verbreitete ſich plötzlich eine heilige Stille; nur das Geräuſch ſchlürfender Lippen und ſpäter der Meſſer und Gabeln, die alle von maſſi⸗ vem Silber waren, ließ ſich mit ſeiner zauberhaften Mu⸗ ſik hören. Die ganze Verſammlung, Beamte, Künſtler, Gelehrte, Induſtrielle, Diplomaten, Väter der Stadt, Alles, Alles ſchien in eine verſchlingende, ſchweigſame Maſchine verwandelt, die, wie mit dem natürlichſten Triebdampfe gefüllt, vortrefflich ihre nicht allzuſchwere Arbeit verrichtete. —— — 213— Dieſe heilige Stille wurde durch nichts unterbro⸗ chen, als je zuweilen durch das Zwitſchern eines neugie⸗ rigen Vogels, der von ſeinem Zweige herab die vielen unbekannten, jetzt ſo wohlgefällig ſchmunzelnden Geſichter beſchaute und ſich über das Schweigen des ſonſt ſo geräuſchvollen Menſchen verwundern mochte. Da erſcholl von einem der Tiſche her, wo die Künſtlerfreunde des Inſelkönigs ſaßen, ein Wort, ein einziges Wort, oder vielmehr ein Ausruf, der alſogleich alle Sprachorgane in Bewegung ſetzte. Es war der Banquier Ermeling, der, unter den Freunden ſitzend, ſich in höchſt behaglicher Stimmung befand. „Hundert Millionen!“ rief er lauter als er eigent⸗ lich wollte,„das ſchmeckt hier im Freien prächtig!“ „Hundert Millionen? Was? Wie?“ flüſterte es plötzlich überall. Und augenblicklich war die Bahn ge⸗ brochen, der Gegenſtand des Gedankenaustauſches ge⸗ funden, und jeder erzählte, was er wußte und nicht wußte, ſtets erfreut und geſpannt, noch etwas mehr zu hören. Aber leider, der Menſch iſt in einem Punkte ſo übel daran, wie alle von Gott erſchaffenen Weſen. Er kann nur ſo lange eſſen und trinken, ſo gut es ihm auch ſchmeckt, und ſo viele der köſtlichſten Speiſen ihn auch verlocken mögen, als das heutige, oft ſo undankbare We⸗ ſen in ihm, Magen genannt, es erlaubt. Raunt ihm — 214— dieſer Tyrann in das Dhr: Höre auf, Menſch, es iſt kein Platz mehr da— ſo muß er gehorchen, wie dem Schickſal. Dieſer troſtloſe Zeitpunkt trat, bei dem Einen früher, bei dem Andern ſpäter, endlich bei Allen ein; am längſten widerſtanden noch die Gelehrten dem Rathe des Freundes, denn, wie man weiß, haben ausgebildete, vielumfaſſende Gehirne auch ſtets einen ausgebildeten, vielumfaſſenden Magen zu ihrem Dienſte. Auch dieſer Magen ſagte endlich: Doctissime! Es geht nicht mehr! und der Profeſſor mußte gehorchen. Aber mit ſtoiſchem Gleichmuthe die nicht halb geleerten Schüſſeln, dagegen die doppelt geleerten Flaſchen betrachtend, erwiderte er: „Apage, Satana! Teufel, verlaß mich! Du haſt keine Macht über mir, ich bin ein Graduirter!“— Man erhob ſich allgemein und athmete tief auf. Einige faßten ſich in die Gegend des Magens, um ſich zu überzeugen, daß er auch noch an ſeiner rechten Stelle ſäße, denn bei Vielen hatte er wirklich ſeine Lage ver⸗ ändert.— „Es war gut, ich bin zufrieden,“ flüſterte Eduard Joſephſon zu,„aber ſie haben zu wenig getrunken!“ „Ich bitte Dich um des Himmels willen, ſie haben Dir drei Orhoft Deines eſten Weins geleert, ich kann es berechnen.“ „Das iſt eben viel zu wenig.“ — — — 215— „Ich bitte Dich, ſieh die rothen Köpfe der großen Häupter, der Profeſſoren an— ſie ſchwindeln; auch die Diplomaten haben genug, denn ſie ſprechen ſehr laut und verſtändlich.“ „Aber wo bleiben die Wagen? Aha! Da ſind ſie.“ Und in der That, man war noch beim allgemeinen Glückwunſch, daß dies kleine Frühſtück keine üblen Fol⸗ gen haben möge, ſo erſchienen in langen Reihen ſämmt⸗ liche Equipagen des Inſelkönigs, um die Gäſte aufzuneh⸗ men. Hinterher wurden geſattelte Reitpferde von den Jockey's geführt, die arabiſchen Roſſe mit türkiſchem, die mexikaniſchen mit ihrem vaterländiſchen Geſchirr be⸗ deckt. Man ſprang, wie es eben ging, in die Wagen und drückte ſich zuſammen, was Manchem indeſſen ſehr unbequem war. Von den Profeſſoren wollten viele we⸗ der fahren noch reiten, ſondern beſchloſſen zu Fuße zu gehen, da ſchon das Sprichwort gebiete: post coenam stabis aut passus mille meabis. Nach dem Eſſen muß man ſtehen oder tauſend Schritte gehen. Ihnen ſchloſſen ſich viele Andere an. An die Reitpferde wagte ſich ſo leicht Niemand; nur der Paſchah, der an Roßſchweife ge⸗ wöhnt und ein ſehr guter Reiter war, beſtieg einen ara⸗ biſchen Hengſt und galoppirte zum allgemeinem Entzücken davon. Das war ihm aber gerade recht. Da er Türke war, hatte er nur Arznei, das heißt Champagner ge⸗ trunken und nun begab er ſich auf ſeine Entdeckungsreiſe — 216— nach— dem Serail. Aber der gute Mann, er irrte ſich, denn er fand keine Spur davon. Nur Frau Schwarzkopf ſtand mit ihren alten Nachbarinnen vor der Thür und begrüßte ihn feierlich, als er vorbei kam. Er bber ſah ſie alle drei an, wandte den Kopf um und ſagte bei ſich: Das war Nichts— Gott iſt groß!— Von den Künſtlern indeſſen wagten ſich einige junge übermüthige Leute auf einige mexikaniſche Hengſte. Allein ihr Vergnügen dauerte nicht lange, denn da Einige bald im Sande oder im Raſen lagen und dem Einen ſogar das Unglück begegnete, daß er ſich den Aermel ſeines neuen Feſtrocks dabei ausriß, ſtanden die Uebrigen von dem Ritte ab und folgten den Voranſchreitenden langſam zu Fuße. Eduard blieb mit Joſephſon bis zuletzt, dann von Ithyſſa gefolgt, warf er ſich auf ſeinen ſchwarzen Lieblingshengſt und jagte den Fahrenden nach, die er auch bald einholte und in ſeiner ruſſiſchen Droſchke den ruſſiſchen Geſandten, den engliſchen Lord und den Gra⸗ fen Finſterberg antraf, während der däniſche vorn beim Kutſcher und der bairiſche auf dem Hinterſitz Platz ge⸗ nommen hatte. Nun ging die Fahrt rings um die Inſel herum und dann in’s Kreuz und die Quere. Alles wurde bewun⸗ dert, namentlich die Treib⸗ und Gewächshäuſer beinahe mit jauchzendem Zuruf betreten, die einzelnen Einuih⸗ 3 tungen insgeſammt beſichtigt und ſo ein paar Stunden verbracht. Plötzlich aber erſchallten vom Hafen her wieder die drei bekannten Kanonenſchüſſe, und Wagen und Reiter ſtürzten dem Orte zu, woher der Schall kam. Die Fuß⸗ gänger aber, die ziemlich weit von der Stelle entfernt waren, bedauerten jetzt ſehr die Befolgung jenes Sprich⸗ wortes, denn, um nichts zu verlieren oder nur gar nicht bei einer Feierlichkeit zu ſpät zu kommen, rannten ſie, was ſie rennen konnten, der Gegend des allgemeinen Sammelplatzes zu, wo ſie denn auch nach einiger Zeit, in Schweiß gebadet, eintrafen. „Daß Dich das Wetter hole!“ ſagte ein ſchweißtrie⸗ fender Profeſſor der Anatomie zu ſeinem Kollegen, einem Aſtronomen,„ſo bin ich in meinem Leben noch nicht ge⸗ laufen— ſehen Sie doch, wie ich ſchwitze.“ Und er nahm ſanes henen ſchwarzgefütterten Hut ab, der ſeine Farbe mit gruͤn geiſterbleichem Schimmer auf der gewaltigen Denkerſtirn zurückgelaſſen hatte. „Denken Sie denn, daß ich friere?“ entgegnete der Aſtronom.„Aber Eins iſt gewiß, Herr Kollege⸗ für die Verdauung war es gut.“ „Das wollen wir erſt noch abwarten— aber wie? riechen Sie doch! Ich glaube, hier giebt es Kaffee. Das wäre ein Labſal!“ Und in der That, in der Gegend des Matroſen⸗ — 218— hauſes, in einer großen Geisblattlaube, ſtanden mehrere ungeheure ſilberne Kaffeemaſchinen auf verſchiedenen mit Damaſt gedeckten Tiſchen, und dahinter eine Anzahl wei⸗ ßer Diener, die alle Hände voll zu thun hatten, dem An⸗ dringen Folge zu leiſten. Denn war es ungeheurer Durſt oder ungeheure Liebhaberei, ſämmtliche Maſchinen, ſchon dreimal gefüllt, waren alle Augenblicke leer und doch gin⸗ gen wenigſtens hundert große Taſſen hinein. „Das ſchmeckt!“ ſagte ein Profeſſor der Theologie zu ſeinem Kollegen, einem Profeſſor der Philoſophie, und ließ ſich von einem Diener, der die Taſſen herumreichte, die fünfte aufbürden. „Sagen Sie richtiger, das bekommt!“ erwiderte der Philolog,„Kaffee iſt geſund, was auch die Aerzte ſagen; ſehen Sie doch, wie ſie alle ſelbſt dieſen göttlichen Mokka ſchlürfen. Ich bin überzeugt, meine Verdauung hätte ge⸗ litten, wenn ich dieſe Arznei nicht bekommen hätte.“ „Herrlich! herrlich! Nun fehlt blos noch eine Cigarre— bei Gott, da kommt ſchon ein Neger und trägt ſie herum— das muß man ſagen, man wird hier gut bedient.“ Und er nahm ſchnell wie der Wind eine Hand voll Cigarren von dem ſilbernen Teller, auf dem ſie herumgereicht wurden und dann, als ob er ſich ver⸗ griffen, wollte er ſie wieder zurücklegen, aber der weiter gehende Schwarze lächelte verbindlich und kam gleich — 219— darauf ſogar noch einmal wieder, indem er kurz ſagte: „Maſſa mehr!“ Joſephſon ſtand dicht daneben und lächelte heiter. Er fand ſein Vergnügen daran, wie er vorher den Wein⸗ durſt der Gelehrten beobachtet, jetzt auch ihren Kaffee⸗ drang zu ſtudiren. Es war höchſt ergötzlich, ihn nachher den Freunden erzählen zu hören, wie er mit eigenen Augen geſehen, daß einer der Gäſte, ein unbeſchreiblich gutmüthiger Gelehrter, zwölf Taſſen Mokka zu ſich ge⸗ nommen hätte. Bald war die ganze Hafengegend in eine duftende Tabackswolke gehüllt, als plötzlich wieder einmal drei Kanonenſchüſſe erſchallten und das Zeichen zu einer neuen Ueberraſchung gaben. Diesmal aber waren ſie von einem Dampfboote her gekommen, und einen Augenblick darauf bot ſich den Gäſten ein ſeltener, herrlicher Anblick dar. Mit dem ſeit Nachmittag etwas ſtärker gewordenen Südwinde, vom leiſen Wellengemurmel umſpielt, ſegelte von der Südſpitze der Inſel her die ganze kleine Flotille des Inſelkönigs heran. Voran brauſ'ten die beiden Dampfer in mäßigem Tempo, die Flaggen zum Gruße aufgezogen, alle Mannſchaft im Tauwerk und an den Ka⸗ nonen; auf der Beata kommandirte wie gewöhnlich Capi⸗ tain Schröder, auf dem Hudſon ſein erſter ehemaliger Steuermann, der ihm auf das Süßwaſſer gefolgt war. Unmittelbar hinter den Dampfern zogen die Kutter, 3 — 220— Schooner und Jachten mit vollen Segeln und flattern⸗ den Wimpeln heran, alle mit rüſtigen Matroſen bemannt. Erſtere hielten mitten im Fluſſe unmittelbar vorm Hafen ſtill, aber im anmuthigen Bogen liefen die Segelſchiffe mit eingezogenen Segeln ſelbſt in denſelben ein, um die Gäſte in Empfang zu nehmen. Vor dem kleinen Kai am Strande lagen ſie ſtill und nun begann die Einſchiffung. Der große Kutter und der größte Schooner, die beide Schiffe mit Decken und allerliebſten Kajüten waren, nah⸗ men jeder beinahe ſechszig Menſchen auf, und etwa hun⸗ dert fanden in den kleineren Segelbooten Platz. Die zwei hundert und zwanzig wurden nach den Dampfern gefahren und mußten auf und in dieſelben ſi ich begeben. Das war nun ſchon für Viele eine etwas ungewohnte und unangenehme Anſtrengung. Das Waſſer war be⸗ wegt, der Wellenſchlag nicht unbedeutend und die Schiffe rückten etwas nach vorwärts, als die Herren die Strick⸗ leitern hinankletterten. Ja, viele derſelben erklärten gradezu, wenn ſie nicht in den Segelbooten bleiben dürften, wollten ſie lieber wieder an's Land geſetzt ſein und dem zu erwartenden Schauſpiele von dort aus bei⸗ wohnen. Und das war gar kein ſo übler Gedanke, wenn die Herren nur vorher gewußt hätten, was ihnen bevorſtand. Genug, ein Theil der Boote hatte ſich ſeiner Laſt entledigt und lenkte von Neuem zum Hafenkai, um andere Paſſagiere zu holen. Viele der dort Stehenden — — 221— ſtürzten, aus Furcht, kein Unterkommen zu finden, ſchnell in das erſte beſte Schiff und behielten entweder darin Platz oder beſtiegen das Deck der Dampfer. Eine an⸗ ſehnliche Zahl aber blieb am Lande zurück und war zur Einſchiffung nicht zu bewegen, da jeden Augenblick der Wellenſchlag zuzunehmen ſchien. Die Boote fuhren denn auch mit ihrer Ladung ab und es blieb nur ein kleines ſchwarzes Piratenſchiff mit niedrigem Bord, langen latei⸗ niſchen Spitzſegeln und auf ſeinem Bugſprietkaſten eine allerliebſte Drehbaſſe zeigend, am Kai ohne Gäſte liegen.— Der Steuermann am Ruder, der Niemand anders war als Ithyſſa ſelber, fragte wiederholt:— Memand beliebt? Gleich abfahren! Gleich losgehen!“ Einige Profeſſoren, einer der Mathematik und einer der Beredſamkeit, ſahen ſich fragend an; ſie wußten nicht, welchem Elemente ſie ſich zuwenden ſollten, ſie hatten wohl Luſt, aber ſie hatten auch Furcht. Endlich ſiegte die erſtere; mit Selbſtverläugnung ſprangen ſie, ſo ſchnell ſie konnten, auf die freien Plätze und ihnen folgten unmittelbar noch zwei andere, ein Philoſoph, der ſich zu opfern beſchloß, weil ja Alles in der Welt gleich 2. Leben und Untergang, und ein berühmter Augenarzt, kr ſeiner Umgebung ſehr viel von dem wohlthätigen (influſſe vorgeſprochen hatte, den von der Waſſerſeite haer die grüne Inſel auf das menſchliche Auge hervorbrin⸗ — 222— gen würde. Kaum ſaßen ſie feſt, ſo ſtieß das Boot ab, die Segel flogen in die Höhe und ſich auf eine Seite legend, ſchoß es den vorangegangenen nach. Folgen wir dem kleinen Piraten, der eine bedeutende Rolle in dem Nachfolgenden zu ſpielen beſtimmt war. „Der Tauſend auch!“ rief der Philoſoph etwas ängſtlich aus,„das geht ja ſehr ſchief, wir werden in's Waſſer fallen.“ „Das Schiff gleicht einer ſchiefen Ebene, meine Herren— feſtgehalten!“ ſchrie der Mathematiker. „Maſſa— nicht fallen, wenn nicht ſelbſt hinein⸗ ſpringen,“ belehrte Ithyſſa. 1 „Sehen Sie immer nach der Inſel, nach den Bäu⸗ men, meine ich, das Grün thut dem Auge ſehr wohl,“ bemerkte der Augenarzt. „Sitzen Sie doch ſtill!“ ſchrie der Philoſoph dieſen an, der ſich bei jeder Wendung des kleinen Schiffes nach der Inſel drehte. 1 „Mein lieber Mann, hören Sie mich!“ ſagte der Profeſſor der Beredſamkeit zu dem leitenden Schwarzen —„Iſt wirklich keine Gefahr vorhanden? Geben Sie mir Ihr Ehrenwort!“ „Maſſa— auf Ehre— keine Gefahr, gar kein „Dann bin ich zufrieden— ſitzen Sie ſtill, mein Herren, wir werden ein Vergnügen erleben.“ IJetzt war man zu den andern Schiffen geſtoßen. — 223— doch hielt ſich klüglich ein jedes vom andern weit ent⸗ fernt. Man ſah, daß ſämmtliche Schiffe ſich in zwei Parteien theilten: die Dampfſchiffe, auf denen ſich die Miniſter, Beamten, das diplomatiſche Corps und viele Andere befanden, blieben für ſich und gingen parallel vorwärts laufend, nordwärts, der Fiſcherinſel zu. Die fünfzehn anderen Schiffe, ebenfalls in gleicher Linie vor⸗ rückend und einen Theil der Gelehrten, der Künſtler, der Induſtriellen und der Bewohner der Sommerreſidenz tragend, ſegelten ihnen langſamer nach. „Was hat das nur zu bedeuten?“ fragte der Philo⸗ ſoph im Piraten. „Ich weiß es nicht, ich labe mein Auge an dem Anblick der grünen Vegetation,“ erwiderte der berůͤhmte Augenarzt. „Aber dann hätten Sie ja lieber in der Vegetation ſelber bleiben können“— meinte der Mathematiker. „Jetzt weiß ich, was es giebt, oder ich fürchte vielmehr, es zu wiſſen,“ rief plötzlich der Profeſſor der Beredſamkeit. „Sie fürchten?“ fragte der Philoſoph ängſtlich. „Das ſieht mir gerade aus wie die Aufſtellung zu einer Seeſchlacht, ja, meine Herren—“ „Was— eine Schlacht?“ riefen die drei andern zugleich, nur der Augenarzt wandte ſeinen Kopf nicht von der Inſel ab. — 224— In dieſem Augenblicke dröhnte von dem einen Dampfer herüber ein dumpfer Kanonenſchuß, dem noch zwei andere folgten.. „Da geht es ſchon los!“ rief der Philoſoph. Jetzt gab Ithyſſa dem Maat bei der Drehbaſſe am Bugſpriet ein Zeichen und plötzlich blitzte es auch vom Pi⸗ raten hell auf und der furchtbare Donner deſſelben krachte über die Gewäſſer. Die Gelehrten fuhren ent⸗ ſetzt zufammen und der Pirat gerieth dadurch in eine ſehr ſchwankende Bewegung.. „Um Gottes willen! ſitzen Sie ruhig,“ rief der Philoſoph,„Ruhe vor Allem, Ruhe um jeden Preis, oder wir ſind verloren!“. „Aber das hätte man uns doch ſagen ſollen,“ zürnte der Profeſſor der Beredſamkeit—„die Nerven leiden darunter— ach, und riechen Sie, meine Herren, wie das ſtinkt!“ „Pulver ſtinkt nicht— Pulver riecht gut!“ belehrte der Mohr. Jetzt eröffneten auch alle übrigen Boote ihr Feuer und man ſah deutlich, daß es auf eine Enterung der Dampfer berechnet ſei. Es dauerte nicht lange, ſo war der ganze Horizont in Pulverdampf gehüllt, aus welchem bald hier und da ein Blitzſtrahl hervorleuchtete. „Feuer!“ rief Ithyſſa,„Feuer, Feuer!“ „Und krach, krach, krach! ging es von der Spitze — des Piraten, und hin und her ſchwankend, ſchoß er raſch durch die weißen Wolken vorwärts. Der Philoſoph hielt ſich die Ohren zu und der Profeſſor der Beredſamkeit ſtreckte ſeine Arme aus und hielt ſich an ſeinen Nachbarn, dem Mathematiker und dem Augenarzte, feſt.— „Die Vegetation iſt verſchwunden,“ ſagte dieſer, „ich ſehe kein Grün mehr, Alles iſt blau vor meinen armen Augen.“ „Schweigen Sie doch von Ihrer Vegetation ſtill,“ bat der Mathematiker eifrig,„Sie ſehen ja, wir ſind in augenſcheinlicher Gefahr!“ „Keine Gefahr! nicht die geringſte, Maſſa!“ belehrte Ithyſſa. Jetzt ſchoſſen die Schiffe, von dem lebhafter wer⸗ denden Winde getrieben, näher an einander, gerade auf die Dampfer los; das Schießen nahm zu und die Boote hüpften ſchaukelnd auf den Wellen dahin. Durch den dichten Dampf hindurch war es kaum möglich, die Nach⸗ barſchiffe zu ſehen, und man beſorgte ſchon wieder eine neue Gefahr, die des Aneinanderſtoßens. „Aber das tanzt ſchrecklich!“ rief der Philoſoph. „Es ſcheint, als wären wir auf offenem Meere. Sehen Sie doch, wie das Schiff ſich links legt; ſitzen Sie ſtill, Herr Doctor, ich bitte um Gottes willen!“ Der Inſelkönig. v. 15 —ÿ—— — 226— „Ich ſehe gar nichts!“ rief dieſer—„aber ich halte das Schaukeln kaum noch aus, es bebt mir durch alle Nerven.“ „Sie werden doch nicht ſeekrank?“ fragte betroffen der Mathematiker.„Ich geſtehe, mir wird ganz ſchwin⸗ delig— ich kann ein Quadrat vom Dreieck nicht mehr unterſcheiden.“ „O Gott, mir auch!“ rief der beredſame Profeſſor —„wäre ich doch am Lande geblieben! Kehren Sie um, lieber Mohr!“ „Maſſa— jetzt kann ich nicht— Pirat reißt nicht aus. Vorwärts, Jack, Feuer!“ „Mir wird entſetzlich übel!“ rief plötzlich der Philo⸗ ſoph und ſenkte apathiſch ſeinen Kopf zwiſchen ſeine bei⸗ den Hände. Bald folgten ihm die Leidensgefährten— keiner ſah oder hörte noch, was rings herum vorging. So verging eine Viertelſtunde— und dieſe kurze Zeit brachte unendlich viel Seekrankheit auf allen kleinen Se⸗ gelbooten hervor. Jetzt aber war man den Dampfern ganz nahe gekommen, die Segel wurden eingezogen und die Boote blieben dem tanzenden Spiele der Wellen über⸗ laſſen, während das Schießen ohne Unterlaß fort⸗ znuerte. , Gott, o Gott!“ ſeufzte der Philoſoph— wä⸗ ren wir doch erſt wieder am Lande.“ Jetzt erſcholl ein hundertſtimmiges Hurrah! — 227— „Es ſinkt, es ſinkt!“ riefen die Matroſen, in ein toſendes Gelächter ausbrechend. „Was, wer ſinkt?“ ſchrieen die Gelehrten.„Doch kein Schiff, doch keine Menſchen?“ „Nein, nein, das Waſſer, Maſſa,— Wind legt ſcht— „O, das iſt gut— richtig, richtig— der Dampf zieht rechts— ich ſehe die Vegetation wieder!“ „Ich vegetire ſelber nur noch!“ ſeufzte der Profeſſor der Beredſamkeit. Aber das Schrecklichſte des heutigen Tages war vorüber. Der Wind, je mehr ſich der Abend näherte, legte ſich; der Pulverdampf verſchwamm in den Lüften und man ſah die ganze Flotte in grader Linie vor den Dampfern liegen. Jetzt hörte man deutlich vom Admi⸗ ralſchiff her den Ton einer Trompete. „Was iſt das? riefen die Profeſſoren. „Schlacht iſt vorüber— jetzt wird ſcharf ge⸗ ſchoſſen!“ „Schlacht vorüber— ſcharf geſchoſſen? Warum denn?“ „Maſſa werden gleich ſehen.“. „Das wäre ja gegen alle Geſetze!“ bemerkte der Mathematiker. Jetzt ruderten die damyfe langſam hinter die Se⸗ 15* gelboote; alle Kanonen’ machten ſich mit ſcharfen Ladun⸗ gen ſchußfertig. Vom öſtlichen Ufer her aber ſah man einen kleinen Nachen ohne Segel heranrudern, welcher an einem langen Kabel ein menſchenleeres, vollſtändig geta⸗ keltes Boot hinter ſich herſchleppte. Als dieſes mitten auf dem Waſſer angelangt war, hielten die Ruder des Nachens inne, das Kabel wurde eingezogen und das ge⸗ takelte leere Schiff lag ruhig mitten auf dem ſtillen Waſſer an einem kleinen Anker, hinter ſich eine unabſeh⸗ bare leere Fläche des Seeſpiegels darbietend. Jetzt begann die neue Vorſtellung. Die Segel⸗ boote hatten ihre Segel eingezogen und die Riemen wurden in Thätigkeit geſetzt. Schiff zog an Schiff, vom öſtlichen Flügel ſeinen Lauf beginnend, quer über die Waſſerfläche, etwa vierhundert Schritt von dem dem Untergange geweihten Boote vorüber. Mit ihm in eine Linie gelangend, ſchoß es ſeine Kanone los. Die Kugel entfuhr der Mündung, ſchlug zweihundert Schritt weit auf die Spiegelfläche, daß die Waſſer haushoch empor⸗ ſpritzten, ſprang wieder in einem gewaltigen Bogen empor und verſchwand hundert Schritt hinter dem Ziele im Grunde des Fluſſes. Alle Augen richteten ſich geſpannt auf das neue Schauſpiel. Das zweite Boot folgte und ſchoß eben⸗ falls. Das ähnliche Mißgeſchick traf auch dieſe Kugel, — 229— ſie flog zu weit. Das dritte Boot ſchoß ſchon näher. Jetzt kam der Pirat. Athemlos ſchauten die Gelehrten hin, namentlich der Profeſſor der Beredſamkeit ſchien Pro⸗ feſſor der Stummheit geworden zu ſein. Bau! ließ ſich der Knall hören, und das an einem ſeiner kleinen Maſten getroffene Boot ſchwankte und lag dann wieder ſtill. „Wir hätten es beinahe in den Grund gebohrt!“ rief entzückt der Philoſoph, der ſeine Seekrankheit über⸗ wunden hatte. „Es wackelt!“ ſchrie der Mathematiker.„Sein Gleichgewicht iſt erſchüttert!“ „Es vegetirt nur noch eine Weile! Leben kann man das nicht nennen. Ah— die ſchöne grüne Inſel!“ vol⸗ lendete der Augenarzt. Jetzt folgten nach einander alle Segelboote, keins traf beſſer als der Pirat. Endlich kamen die Dampfer. Sie ſchoſſen mit glühenden Kugeln, Capitain Schröder richtete ſelbſt eins ſeiner Geſchütze. Dieſes traf, und in Zeit von fünf Minuten brannte das kleine Schiff am Vordertheil. Als aber die Schützen den Brand ſahen, geriethen ſie in größeren Eifer. Raſch führten die Ru⸗ derer Schiff an Schiff vorbei. Der Pirat war wieder an der Reihe. Das brennende Schiff ſchlug ſchon in höheren Flammen auf. „Zieht die Riemen ein!“ rief Ithyſſa's gebieteriſche Stimme.„Ruhig! Ruhig, Jack! Mitten auf den Rumpf, Jack! So! Jetzt Feuer!“ Der Schuß ging los, die Kugel traf den Rumpf und zwar in demſelben Augenblicke, wo das Feuer das im Innern verborgene Pulver erreicht hatte. Plötzlich erſchallte ein ungeheurer Knall, Dampf und Schifftrümmer flogen wirbelnd in der Luft umher, das Schiff war auf⸗ geflogen. „Ah!“ ſchrie das ganze zuſchauende Publikum, von dem zuckenden Flammenblitze geblendet und dem Donner erſchreckt, der die ganze Luft erdröhnen und alle Schiffe ſchwanken machte. „Um Gottes willen!“ ſchrie der Augenarzt—„mein Auge.“ „Wir fallen um!“ der Profeſſor der Beredſamkeit. „Halt! halt! Stellt das Gleichgewicht wieder her!“ der Mathematiker. „Nun iſt Alles vorbei!“ der Philoſoph. Die Matroſen jauchzten laut, Ithyſſa lachte wie ein ſchwarzer Kobold. Und ſtolz wie ein heimkehrender Sieger, ließ er von ſeinen Ruderern den Piraten in haſti⸗ ger Eile dahintreiben. Daſſelbe aber thaten alle übrigen Boote, jedes wollte zuerſt am Lande ſein, deſſen Umriſſe ſchon die Dämmerung des Abends einzuhüllen begann. — 231— Beinahe hätten ſich einige überrannt. Es war abermals Gefahr vorhanden, und erſt als man das Land erreicht und die am Strande zurückgebliebenen Zuſchauer, die das ganze Schauſpiel in behaglicher Muße genoſſen hatten, die Heimkehrenden mit lautem Zuruf begrüßten, fühlte man ſich auf dem Piraten geborgen. Die in demſelben Segelnden ſprangen entzückt an das Ufer. „Gott ſei Dank!“ riefen ſie Alle zugleich. „Nun, wie hat es Euch gefallen?“ fragte ein neu⸗ gieriger Juriſt. „Wir haben ihn in die Luft geſprengt!“ rief ſtolz der Philoſoph. „Das heißt, wir haben ſeiner unnützen Vegetation ein Ende bereitet.“* „Es war köſtlich!“ ſagte der Mathematiker.„Wir haben ihm den Garaus gemacht.“ „Unbeſchreiblich ſchön! Was habt Ihr verſäumt!“ rief der Profeſſor der Beredſamkeit.„Wir wenigſtens können doch unſeren Frauen erzählen, daß wir im Feuer geweſen ſind. Ein ſolches Vergnügen hätte ich mir wahr⸗ lich nicht träumen laſſen. Das iſt ein Tag!“ Raſch beſtiegen ſie die harrenden Wagen und fuhren, wie die meiſten auf der Inſel entfernt Wohnenden, in ihre Häuſer zurück, um ihre Toiletten, die von der See⸗ krankheit, dem Waſſer, dem Feuer und der Furcht zugleich gelitten hatten, wieder in Ordnung zu bringen, denn ſie wußten ja, daß nun eigentlich das Feſt im Schloſſe erſt beginnen würde. Alles bis jetzt Geſchehene war nur die Einleitung zu größerem Vergnügen, das Vorſpiel des Hauptaktes geweſen. 3 7 Drittes Kapitel. Das Feſt des Inſelkönigs bei Nacht. Ulnd in der That, die Erwartungen dieſer vier gelehrten Herren, wie die der übrigen Gäſte, ſollten nicht vergebens gehegt worden ſein. Denn wie man den Tag benutzt hatte, um ſich im Freien, im Walde, im Garten, auf dem Waſſer umzuſehen und den dort gebotenen Zerſtreuungen hinzugeben, ſo war es die Abſicht Huttens geweſen, ſeine Gäſte am Abend in die eigentlichen Feſtſäle des Schloſſes zu führen, hier die Glanzpunkte des ganzen Tages zu⸗ ſammenſtrömen zu laſſen, und ſo die Feier würdig zu beenden, wie ſie angenehm begonnen hatte. Die Waſſerfahrt, die Seeſchlacht, das lange beſchoſ⸗ ſene und zuletzt in die Luft geſprengte Schiff, die Nach⸗ hauſefahrt, die Abendtoilette, alles Das hatte mehr Zeit in Anſpruch genommen, als man anfänglich berechnet — 234— hatte, und beinahe war es ſchon neun Uhr Abends, als wiederum drei Kanonenſchüſſe von der Schloßrampe her ertönten, und den auf der Inſel zerſtreuten Gäſten das Zeichen zur ungeſäumtem Verſammlung auf dem Schloſſe gaben. Dies geſchah. Man fuhr, man lief, man ging, wie gerade ein Jeder aufgelegt war, der Gegend zu, wo man die Geſchütze hatte rufen hören, und ſchon von Weitem ſah man den gothiſchen Eingang des Schloſſes durch mehrere große Flammenbecken tageshell erleuchtet. Dieſer Eingang befand ſich mit dem Gartenboden auf einer Fläche; die Rampe war hier durchbrochen, und eine hochgewölbte Halle durchſchnitt als Korridor die Nord⸗ front und den Hof des Schloſſes, der durch dieſe Ein⸗ fahrt in zwei Theile getheilt wurde. Ein jeder dieſer kleinen Höfe konnte durch Flügelthüren in der Mitte dieſes Korridors erreicht werden, und ſtellte ſich als ein zierlicher Blumengarten innerhalb der Schloßmauern dar; heute aber waren Beide, obwohl erleuchtet, den Gäſten nicht zugänglich, da genug andere Gegenſtände der Be⸗ trachtung und dem Vergnügen geboten waren. An der hellerleuchteten Einfahrt dieſer in das Innere des Schloſſes führenden Halle hielten die gefüllten Wagen und entluden ſich ihrer Inſaſſen. Wir ſteigen mit ihnen aus und durchſchreiten die Halle, denn auch wir kennen bis jetzt nur den Oſtflügel, worin die Säle für häusliche Feſte lagen, und die dem Garten zugekehrte Nordfront, — 235— worin ſich die Beſuchszimmer und die Wohnungen der Freunde des Inſelkönigs befanden, während uns die lange Süd⸗ und Hauptfront wie der ganze weſtliche Flügel noch unbekannt ſind. Die in die Säͤle dieſes Hauptgebäudes eintreienden Gäſte waren, mit Einem Worte geſagt, von dem Schimmer und dem Glanze, der ſie gleich in dem erſten ungeheuren Raume empfing, beinahe geblendet. Dies war der größte und Hauptfeſtſaal des ganzen Schloſſes; an ihn reihten ſich, rechts und links, nur durch koloſſale Bogen, die auf Säulen ruhten, getrennt, die beiden bis an die Flügel reichenden Säle, die, mit jenem mittelſten zuſammen gerechnet, beinahe eine Länge von 350 Fuß einnahmen. Betrachten wir zuerſt den Haupt⸗ und Mittelſaal, zu welchem man auf einigen breiten Marmorſtufen hinauf⸗ ſtieg. Er war 120 Fuß lang, beinahe 90 Fuß breit, denn er ſprang hinten in den Hof und vorn auf der Rampe um ein Bedeutendes hervor, und bis zum Beginn der mit Glas gedeckten Kuppel, welche ſelbſt einige 60 Fuß maß, über 50 Fuß hoch. In der That, ein ungeheurer Raum, deſſen Pracht und Ausſtattung ſeinem Umfange vollkommen entſprach. Von den großen Fresko⸗ und Temperagemälden, die ſeine Wände ſchmückten, hieß er der griechiſche Saal. Die Grundfarbe war ſchneeweiß, von künſtlichem, ſpiegelglattem Marmor. Ueber dieſen ſchimmernden Grund — 236— lief ein feingeädertes und vergoldetes Netzwerk, das ein Gitter bildete, von welchem goldene Früchte und Blumen aller Art und Form, in halb erhabener Arbeit, wie die Pfirſichen und Weintrauben von ihrem Spaliere, herab⸗ hingen. Rings herum an den Wänden, zwiſchen den koloſſalen, vom Boden bis beinahe zur Decke reichenden Spitzfenſtern blieben in regelmäßigen Zwiſchenräumen große Felder übrig, in welche man die Gemälde hinein⸗ gemalt hatte. Im Ganzen waren es zwölf große Felder, in denen die olympiſchen Götter in Gruppen dargeſtellt waren, unter denen die Hauptfigur immer an ihrer Größe von den andern zu unterſcheiden war. Hier hatte ſich die ganze Kunſt der Malerfreunde gezeigt; ſie Alle hatten ſich vereinigt, das Schönſte zu leiſten, was die menſchliche Hand mit dem Pinſel zu ſchaffen vermag. Waldau ſelbſt hatte den Zeus gemalt, während Raphael die weichen und ſchönen, Adalbert Lambeck aber die charakteriſtiſchen, ſchärfer ausgeprägten Göttergeſtalten dargeſtellt hatte. Aber über den Karyatiden, die, geflügelte Liebesgötter, den Sims und die prangenden Verzierungen deſſelben trugen, lief um die Kuppel herum ein breiter Gemäldegürtel, und hier war der ganze, ſchöne, griechiſche Olymp in fortlau⸗ fenden Gruppen und Götterſcenen aus den homeriſchen Dichtungen in kleinerem Maaßſtabe abgebildet. Dem goldenen Netzwerk der Wände entſprechend, hingen in jeder Ecke des Saales und in der Mitte von der Kuppel — 237— an vergoldeten Seilen fünf ungeheure Kronleuchter von getriebenem Goldbronzewerk herab, deſſen Zierrathen wieder mit denen an den Wänden harmonirten, und ſchütteten mit ihren zahlloſen Wachskerzen ein wahres Lichtmeer auf den unteren leeren Raum hinab, welches noch hundertfach von den um die Gemälde herum ange⸗ brachten Wandleuchtern verſtärkt wurde. Der Fußboden von fein polirtem Roſen⸗, Citronen⸗, Paliſander⸗ und Mahagonyholze in wunderbar phantaſtiſchen Geſtaltungen zuſammengeſetzt, ſtrahlte von dieſem Lichtglanze wider, und war ſo glatt, daß ein daran nicht gewöhnter Fuß kaum darauf zu gehen vermochte. Die Niſchenräume vor den ungeheuren Spiegelfenſtern waren mit ſchneeweißen, in tauſend Falten herabgleitenden Mouſſelinvorhängen bedeckt, die drei großen Kamine, von demſelben künſtlichen weißen Marmor gearbeitet, mit goldenem Netzwerk über⸗ zogen, zeigten Kaminſtücke von vortrefflicher Arbeit, Diana den ſchlafenden Endymion betrachtend, Apollo, die Muſen übend, Venus, von den Grazien bedient, welche alle Drei ein berühmter mit anweſender Künſtler der Hauptſtadt zu malen ſo gütig geweſen war. Dies war der große griechiſche Saal. Ihm zur Rechten, wie ſchon geſagt, nur durch drei große auf Säulen ruhende Bogenwölbungen von ihm geſondert, lag der ſcandinaviſche Saal. Der in dieſen blitzenden Raum Eintretende, war er ſchon vorher geblendet, trat für den — 238— erſten Augenblick hier mit Zittern und Zagen um ſein Augenlicht ein. Er war 100 Fuß lang, 45 Fuß hoch, und etwa 75 Fuß tief. Er ſah auf den erſten Blick wie ein von Eiszapfen ſtrotzender Kryſtallpalaſt aus. Von ſeiner Decke, ſeinen Wänden hingen ſchneeweiß ſtrahlende Stalaktiten, klare, künſtliche, durchſichtige Tropfſteingebilde herab, die ſich ſogar auf die beiden Kamine und die ſechs großen Kronen in kleineren, regelmäßigeren Formen fort⸗ ſetzten und die merkwürdigſten aller Bildungen zeigten, welche die Natur in ihrem geheimen Schaffen allein zu offenbaren zuerſt verſtanden hat. Man denke ſich nun die Lichtbrechung in dieſen durchſichtigen Kryſtallen, da auch hier Kron⸗ und Wandleuchter ein Lichtmeer aus⸗ ſtrahlten, und man wird ſich in das funkelnde Meer in der ſtillen See verſetzt glauben, wenn Millionen und abermals Millionen Funkenthierchen darin herumſchwimmen, und den ſtaunenden Seefahrer wie in einen von feuriger Lohe glühenden Abgrund blicken laſſen. Der Fußboden in dieſem Kryſtallſaale war heute mit einem moosfarbigen Teppich belegt; darunter beſtand er aus rothem in Wür⸗ feln geſchnittenem Jaspis und weißem anderem Geſtein. An den Wänden aber, zwiſchen Stalaktitenwandleuchtern ſprangen größere Kryſtallformen derſelben Art hervor, welche als künſtliche Rahmen die Fresken der nordiſchen Götterlehre einſchloſſen, von denen der ganze Raum den Namen des ſcandinaviſchen Saales erhalten hatte. Hier — 239— ſah man von gleich geſchickten Künſtlerhänden gemalt: Freya, die nordiſche Göttin der Liebe, auf ihrem von wilden Katzen gezogenen Wagen, Hertha, von Rindern dahin getragen, den ſtarken Tyr mit dem Widder, Frey mit dem Eber, den weißhaarigen Mörd mit dem Bogen, den göttlichen Odin auf ſeinem ſchnellen Roſſe(Sleipner) dahinjagend, die Raben auf den Schultern, den Donner⸗ gott Thor, den durch den Nordhimmel reitenden und denſelben bewachenden Heimdal, die Aſen, die Wallkyrien, Nornen und Elfen, und wie ſie alle heißen, die nordiſchen Götter. Das große Deckengemälde aber ſtellte den Kampf der Rieſen und Aſen vor, und war von ungeheurer künſt⸗ leriſcher Wirkung in dem koloſſalen Raum. Hatten die Gäſte nun dieſen wunderbaren Bau betrachtet, ſo wandten ſie ſich nach der linken Seite des Saales und betraten mit beinahe noch größerem Staunen den ſogenannten grünen oder Blumenſaal. Hatte Wal⸗ dau'’s Phantaſie die beiden vorigen auf das Seltſamſte und Großartigſte geſchmückt, ſo war dieſer Saal eine Er⸗ findung des Blumendichters Karl zu nennen. Die lieb⸗ lichſten Landſchaften der Welt, von Adalbert Lambecks Hand in Tempera gemalt, prangten an den Wänden; an der Decke ſah man einen Theil der ſchönſten Schweizer Alpengegenden, grünende Thäler zwiſchen hohen Eisge⸗ birgen; der ganze übrige Raum aber, ſo daß eben nichts als dieſe Bilder frei blieben, war mit größeren und ——— — 240— kleineren Konſolen bedeckt, auf denen in chineſiſchen Töpfen und Töpfchen, in allerlei Farben und Formen die herr⸗ lichſten Gewächſe, große und kleine, Blumen, Blümchen und Mooſe ſtanden, während von dem Geſimſe der Decken ſelbſt die ſeltenſten Schlinggewächſe herabrieſelten. Die Kronen, die Wandleuchter, die die Temperagemälde in lendendſter Helle erleuchteten, beſtanden aus, dem Ganzen entſprechenden, künſtlich zuſammengeſetzten, bunten Blu⸗ menporzellanſtückchen, die Kamine aber aus grünlichem, roth geädertem Porphyr. Auch hier war der Steinmo⸗ ſaikfußboden mit einem dicken grünen Moosteppich belegt. Durch dieſe drei ſtrahlenden Säle, die wie die Wohnungen der Elfen im Feenmährchen ſchimmerten, ſchwirrten jetzt in bald lautloſem, bald ausgeſprochenem Entzücken die ſtaunenden Gäſte, denn was ſie bis jetzt auf der Inſel auch geſehen, dieſe Pracht, dieſer Glanz, dieſe ſeltene und koſtbare Ausſtattung übertraf alle ihre Erwartungen. „Nehmen Sie Ihre Augen in Acht, Ihre Augen, meine Herren,“ rief ein Mal um das andre der berühmte Augenarzt und lief von einer Gruppe der Schauenden zur andern, während er ſelbſt, mit vorgehaltenen Händen, von Saal zu Saal, von Gemälde zu Gemälde eilte, und nicht genug auf dieſes und jenes aufmerkſam machen konnte. 3½ 4 In den beiden Seitenſälen aber waren die Speiſe⸗ — 241— tafeln aufgerichtet, während der Mittelſaal frei blieb, und eben darum waren ſie auch mit den Moosteppichen bedeckt. Aber wie ſehr auch ſo reich beſetzte Tafeln hungrige Menſchen zum leckerſten Genuſſe zu verführen im Stande ſind, heute dachten ſelbſt die hungrigſten weniger an die Speiſe, als an das unerwartete Schauſpiel, das ihren Augen geboten war, und es verging eine lange Zeit, bevor Joſephſon den Dienern das Zeichen zum Auftragen der Speiſen geben konnte. Endlich ſaßen ſie Alle, in bunten Reihen durch ein⸗ ander, wie der Zufall oder die Neigung es veranlaßt; jeder Rangunterſchied hatte aufgehört, und überall wurden die freundſchaftlichſten und huldvollſten Verſicherungen laut. In dieſem Augenblicke wurde Joſephſon durch einen Diener in den Corridor an der Einfahrt berufen. Er fand dort den Förſter vor, der ihm folgende Meldung machte. Vor einer Stunde ſei ein königliches Dampf⸗ boot vor der Burg angelangt und habe mehrere Perſonen an das Land geſetzt. Sicher ſei es der König ſelber, der von dem Feſte gehört habe, und nun, den Ueberraſchun⸗ gen ſehr ergeben, ſeinen Nachbar, den jungen Inſelkönig, beehren wolle, ohne daß dieſer davon eine Ahnung habe. Er halte es für ſeine Schuldigkeit, hiervon Anzeige zu machen, damit man dem hohen Gaſte gebührend entgegen⸗ treten könne, und durch ſein unerwartetes Erſcheinen nicht in Verwirrung gerathe. Der Inſelkönig. V. 16 — — 242— Joſephſon dankte und entließ ihn; der umſichtige Hofmarſchall hatte ſich dieſen Fall längſt als möglich gedacht und war darauf vorbereitet. Raſch faßte dr ſeinen Entſchluß und führte ihn aus, ohne Hutten ſelbſt das Geringſte mitzutheilen. Er begab ſich an den Eingang des Corridors. Hier war ein Sprachrohr in der Wand angebracht, das in das ſogenannte Kaſtellanzimmer führte, worin Frau Holzbrecher heute Wache hielt, denn ihr Mann war ſelber mit in der Geſellſchaft. Einige hineinge⸗ ſprochene Worte belehrten die kundige Frau, und im Nu war ſie, von ſechs bis acht zuſammengerafften Dienern begleitet, im Weſtflügel des Schloſſes, wo die drei ſoge⸗ nannten Fürſtenſäle lagen, von denen der weſtlichſte mit dem ſcandinaviſchen Saale durch eine große Stalaktiten⸗ thür in Verbindung ſtand. In einer Viertelſtunde brannten auch hier die Wachskerzen der Kronen⸗ und Wandleuchter, und als ſie ſich rings umgeſchaut und Alles in Ordnung befunden hatte, eilte ſie zu der Thür des Eingangs, welche nach dem Landungsplatze mittelſt des kleineren Laubenganges führte, ſchloß ſie auf und überließ das Uebrige den zwei Dienern, welche ſie an der kleinen Treppe am Corridor der Fürſtenſäle aufſtellte. Und es war hohe Zeit, daß ſie fertig war, denn ſchon näherte ſich eine große Barke der Brücke, aus welcher wirklich der König, von ſeinen zwei Söhnen, den Prinzen, und einigen Adjutanten begleitet, an das Land ſtieg. 8 Niemand war auf der Brücke zu ſehen. Der König ſtand ſtill und blickte ſich um.„Es iſt Alles erleuchtet,“ ſagte er,„ſie ſind darin; wir wollen verſuchen, die rechte Thüre zu finden, und dann unvermuthet unter ihnen Die Herren Geſandten und Miniſter werden große Augen machen.“ Aber Se. Majeſtät ſollte heute Abend unerwartet ſelber große Augen machen. Leiſe ging man den Laubengang hinauf und gelangte ſo in den ſteinernen Corridor, in welchem helle Gaslampen Der König ſchritt voran, die kleine Marmor⸗ treppe hinauf, und ſtand vor der Eingangsthür der — 243— Er blieb ſtehen und horchte. „Es iſt Alles ſtill hier drinnen,“ ſagte er, indem er ſich umwandte,„ſie ſind in dem andern Flügel. Wir wollen ſehen, ob die Thür geöffnet iſt.“ Allerdings war ſie geöffnet, denn Frau Holzbrecher hatte ſie ſo eben erſt aufgeſchloſſen, und die beiden Diener, die den König mit ſeinem glänzenden Gefolge hatten herannahen ſehen, waren voller Angſt davon gelaufen, und das war gut, denn nun erreichte der gütige Monarch ſeine Abſicht, er überraſchte, wenigſtens glaubte er es. Der vergoldete Thürdrücker gab der leiſe verſuchen⸗ den Hand nach und der König ſtand mit ſeinem Gefolge in dem mittleren Fürſtenſaal. Er und ſeine beiden Ne⸗ benſäle waren leer, obwohl auf das Glänzendſte erleuchtet, 16* Selber überraſcht von der unerwarteten Pracht, ſtanden die Ueberraſchenden da und blickten ſich an. Die Säle aber, in denen der Monarch jetzt ſtand, hatten folgende Einrichtung: Der mittlere, ſogenannte Empfangsſaal, zeigte ein ſchönes Deckengemälde von Riegenſtahl, ein Schlacht⸗ gewühl im koloſſalen Maaßſtabe darſtellend. Die Wände waren mit dem edelſten ſchwarzen Sammt bekleidet, den ſilberne Sternchen beſäeten und breite ſilberne Borten in verſchieden geſtaltete Felder theilten. Herrliche Meiſter⸗ werke der Malerei bedeckten einzelne derſelben. Die Vor⸗ hänge waren von dickem Silberſtoff, mit ſchwarzen Glas⸗ ſternchen beſtickt, die Kamine von künſtlichem ſchneeweißem Allabaſter, das Feuergeräth und das Gitter davor von maſſivem Silber. Seſſel, Divans, alle mit ſchwarzem Sammt und Silberborten bezogen. Auf dem ſchwarz und weiß getäfelten Fußboden lagen perſiſche Teppiche, die Holzarbeiten der Thüren und Geräthe aber waren von Ebenholz mit Silber ausgelegt. Der Nebenſaal zur Linken war in ähnlichem Ge⸗ ſchmack verziert, das Deckengemälde, die tanzenden Horen vorſtellend, die Bekleidung der Wände von milchfarbigem, opalartigem Sammt mit ſchwarzen Sternchen beſäet und ſchwarzen Sammteinfaſſungen, Seſſelüberzüge von gleichem Stoff; die Holzarbeiten von hellem Roſenholz, die Kamine von kohlſchwarzem Marmor. —A —— Der Nebenſaal zur Rechten, der in den ſeandina⸗ viſchen Saal führte, war faſt noch prachtvoller als die beiden vorigen. Das Deckengemälde zeigte einen herr⸗ lichen Kranz fallender Blumen, von Flora aus einem großen Füllhorne verſchüttet, die Wände und Seſſel mit rubinfarbigem Sammt bekleidet, mit goldenen Bienen beſäet, Vorhänge von dickem Goldſtoff mit rubinrothen Bienen beſtickt. Die Kamine von roſarothem Jaspis mit Goldeinfaſſungen; die Holzgeräthſchaften vom ſtrahlendſten Paliſanderholz. Aufmerkſam beobachtend, jedes Einzelne prüfend, ging der alte König, die Prinzen und Adjutanten dicht hinter ihm, von einem Zimmer in's andere. „Das iſt ſchön,“ ſagte er,„ſehr ſchön. Sein Bau⸗ meiſter hat Geſchmack, aber es koſtet Geld. Sehet d Gemälde, die haben ſeine Freunde gemacht. Der Glückliche!“ Erſt jetzt wurden auf der Treppe Schritte gehört; der Inſelkönig war benachrichtigt worden. Alle ſeine Freunde, die an der Erbauung und Verſchönerung des Schloſſes Antheil genommen, hinter ſich, trat er in das ſchwarzſilberne Zimmer und verbeugte ſich, das Feder⸗ baret in der linken Hand, tief vor dem Könige. „Ich heiße meinen gnädigſten Herrn und König willkommen, der mich in meinem Hauſe auf das Freudigſte überraſcht hat.“ — 26— 4 „So, ſo! alſo wirklich überraſcht? das freut mich. Ich bin wie ein Dieb in der Nacht gekommen. Haha!“ „Ew. Majeſtät haben aber vornweg ſchon ſich als* gnädigſten Spender, nicht als Dieb gezeigt— mein Marſtall hat einen herrlichen Zuwachs erhalten.“— „Still, ſtill doch! Das iſt ja nur eine Kleinigkeit gegen Ihr Geſchenk. Sie gaben mir eine Fregatte von ſechzig Kanonen, und erhalten zweiundzwanzig Pferde dafür. Haha! ſolchen Tauſch mache ich alle Tage. Seien Sie alſo ſtill, Königen ſoll man nicht vorwerfen, daß ſie ärmer ſind, als ihre Unterthanen. Aber— es iſt ja prächtig bei Ihnen. Welchen Geſchmack verräth das! Wer iſt der Baumeiſter, der das gemacht hat?“ — Der Wirth des Königs ſah ſich nach ſeinen Freunden um, die einige Schritte rückwärts im Halbkreiſe um ihn her ſtanden. Er winkte Waldau mit den Augen, und dieſer trat einen Schritt vor und verneigte ſich ehr⸗ furchtsvoll. „Das iſt mein Baumeiſter, Majeſtät, und dieſe da ſind die Künſtler, ohne deren Hilfe er nicht halb ſo groß wäre.“ „Ich wünſche Ihnen Beiden Glück, meine Herren, Ihnen zu ſolchen Dienern, Ihnen zu ſolchem Herrn!“ 3„Es ſind meine Freunde, Majeſtät!“ „um ſo beſſer; Freunde ſind unfre beſten Diener 1 wie auch unſere beſten Herren; beide Theile können ſtolz. ) — ÿÿqoq· e— — 247— auf einander und glücklich mit einander ſein. Ich bin nicht ſo gut bedient, das kann ich ſagen, obwohl auch ich zufrieden bin. Aber Sie haben ja Alles voll Herr⸗ lichkeit in dieſen Sälen. Und Ihre Kleidungen— ſo paßt es zum Ganzen, ſo muß es ſein— nähmen doch Andere ein Beiſpiel daran! Das iſt einfach, das iſt geſchmackvoll, das iſt vornehm— das liebe ich! Geſchmack und Einfachheit iſt beſſer als Reichthum und Glanz. Wiſſen Sie aber, welche von Ihren Einrichtungen mir am beſten gefallen? Das iſt das Haus da drüben am Strande, worin Sie die Hungrigen und Müden der Umgegend ſpeiſen und lagern. Das iſt ein guter Ge⸗ danke, um den beneide ich Sie. Ich habe die Glocke heute Abend läuten hören und mich nach ihrer Bedeutung erkundigt. Ich muß geſtehen, nie haben Glockentöne. ein rührenderes Gefühl erregt. Hat dieſe Einrichte auch dieſer Baumeiſter getroffen?“ Der Inſelkönig ſchwieg und verbeugte ſich blos. „Wenn ich vor Eurer Majeſtät ſprechen darf,“ begann Waldau, wieder einen Schritt vortretend, und zeigte dabei auf ſeinen edlen Freund,„ſo muß ich dieſes Lob von mir ablehnen. Dieſer große Baumeiſter allein, ein Sendling des noch höheren und größeren im Himmel, hat aus ureigenem innerem Triebe ſeines Heräp jene wahlihitie Einrichtung getroffen.“ — 248— Der König trat an die beiden Männer heran und reichte jedem eine Hand hin. „Ich ſehe,“ ſagte er,„auch hier iſt das Sprichwort wahr: wie der Herr, ſo der Diener. Ich freue mich, meine Herren, in Ihnen ſo thätige, talentvolle Männer kennen zu lernen. Aber wie iſt es? Sie ſind verhei⸗ rathet, mein lieber Hutten, ich fühle den Wunſch, Ihrer ſchönen Gemahlin meinen Reſpekt zu beweiſen.“ „Majeſtät! ich nehme dankbar Ihre Gnade an und werde ihr zu entſprechen ſuchen. Für dieſen Augenblick aber muß ich um Entſchuldigung bitten, daß meine Frau nicht anweſend iſt. In kurzer Zeit aber werde ich die Ehre haben, ſie Eurer Majeſtät vorzuſtellen.“ „Gut, gut— ich will die Anordnung nicht ſtören, laſſen Sie uns zu Ihren Gäſten gehen. Wo ſind ſie?⸗ Joſephſon trat an die Thür von Paliſanderholz und öffnete beide Flügel ſchnell. Der König, die Prinzen und ſein Gefolge ſahen mit einem Blick durch alle drei, beinahe viertehalbhundert Fuß lange Säle, in denen die ſechshundert Gäſte an acht Tafeln zerſtreut ſaßen. Der Eindruck war ein mächtiger. Der König trat zurück und bedeckte ſeine Augen mit der Hand. „Das iſt Zauberei,“ ſagte er,„einen ſolchen Anblic habe ich nie gehabt.“ d „Es iſt Wirklichkeit, Majeſtät, geruhen Sie vorzu⸗ treten.“ Alle Gäſte hatten ſich erhoben und brachten dem nahenden Monarchen ein Hurrah. Langſam ſchritt er vor, Tritt vor Tritt betrachtete er Alles und Jedes und ſchien auf das Höchſte überraſcht. Endlich kam er an den Gartenſaal und blieb verwundert in dem Dufte der tropiſchen Gewächſe ſtehen. 1 „Das iſt entzückend,“ fuhr er fort,„der Geſchmack ſo originell wie neu. Meine Herren,“ wandte er ſich an die Miniſter und Geſandten, die hier ſaßen,„ich ſehe, Sie ſind hier gut aufgehoben. Darf ich mir jenen ſilbernen Kelch zu füllen bitten?“— Als er gefüllt war, nahm er ihn, trat an das äußerſte Ende des Gartenſaals, und mit ſeiner kriegeriſchen, weithin tönenden Stimme, den Kelch erhebend, ſprach er: „Nicht mir gebührt hier der erſte Gruß! Da Sie ihn verabſäumt, ſo hole ich ihn nach. Es lebe der nord⸗ amerikaniſche Geſandte, der Menſchenfreund, der Beſitzer dieſes Fecenreiches, er lebe hoch!“ Das zweite Jubelgeſchrei übertönte das erſte; in Eduards Auge perlte eine Thräne, zum erſten Mal in ſeinem Leben war ihm Etwas geſchehen, was nur We⸗ nigen geſchieht: die laute und öffentliche Anerkennung von Seiten ſeines Königs. — 280— „Wo befehlen Ew. Majeſtät zu ſpeiſen?“ fragte er, an den Monarchen herantretend. „O— hier, in dieſem orientaliſchen Garten, bei meinen Miniſtern, will ich ſitzen.“ In wenigen Augenblicken war eine kleine Tafel hex⸗ bei geſchafft und eben ſo ſorgfältig wie geſchmackvoll mit den nöthigen Geräthen und Speiſen bedeckt, während der König mit einigen Anweſenden ſich unterhielt. Als er ſich umwandte und ſeine Plätze in Ordnung ſah, ſagte er zum engliſchen Geſandten: „Mylord, die Amerikaner ſind mit den Elfen ver⸗ bunden, nehmen wir uns in Acht!“ Und damit nahm er Platz und ließ es ſich wohl ſchmecken. Der Wirth aber ſaß dieſen Abend nicht; von viſh zu Tiſch gehend, wie der innerlich frohlockende Joſephſon, ſprach er bald hier bald da mit ſeinen Gäſten. Eben war er bei ſeinen Collegen, den Geſandten, geweſen, als dieſe folgendes Geſpräch begannen: „Das iſt ein glücklicher Mann,“ fing der preußiſche Geſandte an,„nun iſt er auch der Freund ſeines Königs geworden.“ „Das ſcheint mir auch ſo— aber am beſten haben mir doch die Cigarren geſchmeckt, meine Herren, ſie waren in der That aus der ſpaniſchen Havannah,“ ſagte Don Bermuda⸗Pedro⸗Ledro⸗Cervantes⸗Balafreda, ſenan eigenen erhabenen Gedanken folgnd. „Unſer Kaiſer hat es halt nicht beſſer in ſeiner Hofburg,“ bemerkte Graf Finſterberg, der öſterreichiſche Botſchafter. „Was will die Hofburg gegen dieſen Pallaſt ſagen,“ erwiderte Baron von Kariadſchugniatin, der ruſſiſche Ge⸗ ſandte,„höchſtens kann man ihn mit dem Winterpalais in Petersburg vergleichen.“ „Hier bekommt man wieder Luſt, einen König zu haben,“ dachte der franzöſiſche Geſandte, der Bürger⸗ general Barbariere.„Ach! wenn im Elyſee ſo viel Cham⸗ pagner flöſſe!“ „Nur Eins vermiſſe ich ſehr,“ ſagte der Paſcha von drei Roßſchweifen,„und ich hatte mich doch ſo darauf gefreut!“ „Was iſt das?“ fragte Seine Herrlichkei edle Lord. 4 „Was anders, als die ſchönen Frauen, Mylord, von denen man gefabelt. Es iſt gewiß nicht wahr, daß ſie ſchön ſind, ſonſt würden ſie ſi ich wohl zeigen.“ „Sie verbergen die Ihrigen ja auch, Excellenzl“ „Das iſt etwas Anderes, Mylord, wir haben das Glück, Muſelmänner zu ſein. Gott iſt groß!“ Und dabei ſtrich er ſich majeſtätiſch ſeinen ritterlichen Schnurrbart. „Ich glaube,“ flüſterte Graf Finſterberg,„wir bekom⸗ men halt noch andere Dinge zu ſehen, die ſchönen Weibſel werden ſchon am Ende nicht fehlen.“ — 252— „Glauben Sie— o das wäre paradieſiſch! Gott iſt ſehr groß!“— Während die Geſandten der Großmächte ſich alſo geiſtreich unterhielten und gegenſeitig ihre Herrlichkeiten herausſtrichen, verhielten ſich die der kleinen Staaten ſehr kleinlaut, denn die Strahlen, die hier in der Luft ſchwammen, waren ihnen denn doch etwas zu mächtig, und ihre kleinen Fürſten kamen ihnen wie Schatten gegen dieſen Inſelkönig vor. Nur der bairiſche Geſandte unter⸗ hielt ſich leiſe mit dem kurheſſiſchen. „Was mag ſolch ein Feſt koſten,“ fragte der Heſſe den Baier.„Bei meinem Kurfürſten! ich glaube, es koſtet viel. Drei ſolche Feſte, und unſre Staatskaſſe* wäre leer!“ „ Das glaube ich wohl,“ erwiderte der Baier,„aber das kann es koſten? Höchſtens 40,000 Thaler. Das kommt ja unter die Menſchheit. Aber wahr iſt es, man trinkt hier ſo viel Wein, wie bei uns Bier. Hol' mich der Geier! ich möchte ſeine Einkünfte haben!“ „Und was würden Sie dann thun?“ „Ich— ich— hal ich weiß halt nicht! Aber ſolche Feſte würde ich halt nicht geben, das weiß ich gewiß.“ —„Schweigen Sie ſtill, dann wäre ich Ihr Freund aicht. Haha!“ Es war ſchon über zehn Uhr Abends, als ſich in dem Saale der Speiſenden wieder unerwartet drei Kano nenſchüſſe hören ließen, die ein um ſo ſtärkeres Getöſ⸗ verurſachten, als ſie dicht vor den Fenſtern des Mittel⸗ ſaales gelöſt wurden. Die Gäſte fuhren in die Höhe. „Was iſt das?“ fragte der König. „Wenn Ew. Majeſtät es geſtatten, ſo beginnt unſre kleine Vorſtellung auf der Bühne.“ „Alſo eine Bühne haben Sie auch— o, das iſt prächtig! Gehen wir ſchnell dahin. Wo iſt ſie?“ Joſephſon, Waldau, Lambeck ſchritten ſchon vorauf. Durch den Gartenſaal traten ſie in den öſtlichen Seiten⸗ flügel, durchſchrittn hier die von den Eingeladenen noch nicht geſehenen herrlichen Privatſäle, die alle hell erleuchtet waren, kamen in die Gallerie des Theaterpavillons, di dieſen mit dem Schloß verband und, wie die— tapeziret, mit den ſchönſten Kupferſtichen, Handzeichnun⸗ gen und Aquarellen gefüllt war, und erreichten ſo das Theater, welches den ganzen öſtlichen Pavillon einnahm, einen weißen mit Goldverzierungen bedeckten Saal, rothe Sitzbänke im Halbkreiſe, die ſich nach oben und hinten erweiterten, zeigte, und im Parquet eine Reihe der glän⸗ zendſten Seſſel blicken ließ, auf denen der König und ſein Gefolge, die Geſandten, die Miniſter Platz nahmen, wäh⸗ rend die übrige Geſellſchaft ſich in dem großen Halbkreiſe und auf dem darüber auf Karyatidenſäulen ruhenden — 254— Balkon niederließen. Der Vorhang ſtellte die Krönung der verſchiedenen Künſte vor, die von einer Hand mit einem Kranze geſchah, welche ſich aus den Wolken herab⸗ 7 ſenkte, während die Seiten von gekrönten Häuptern ein⸗ genommen wurden, die dem Schauſpiele ruhig zuſahen. „Das iſt eine artige Allegorie,“ ſagte der König— „nun, mich trifft das nicht! Nicht wahr, Graf Finſter⸗ berg?“ „Ganz gewiß nicht, königliche Majeſtät! Aber meinen Kaiſer halt auch nicht!“— Es verging eine Weile, ehe die Gäſte ihre Plätze eingenommen hatten. Als aber die ſtets eintretende Stille, weenn es etwas Neues, Unbekanntes zu ſehen giebt, auch hier dem lauten Wogen des Platznehmens und Einrichtens Wh war, ſuchte der König ſeinen Wirth an ſeiner Seite, aber derſelbe war verſchwunden, Niemand wußte wohin.. Jetzt zog ſich die in der Mitte herabhängende kry⸗ ſtallene große Krone in die Höhe und verſchwand in dem Deckengewölbe. Eine dämmernde, nicht unangenehme Helle hüllte die Zuſchauer ein. „Ah, das iſt wohlthätig für die Augen!“ hörte man eine Stimme voller Pathos und wohl accentuirt ſagen. Dann aber richteten ſich alle Augen und Ohren — 255— auf das Orcheſter, das in dieſem Augenblicke wie die Muſik himmliſcher Sphären unerwartet ſich hören ließ. „Alſo auch Muſik?“ ſagte der König. Das Orcheſter war reich beſetzt, vollzählig, aus⸗ geſucht. Felix Weſſely, der Kapellmeiſter, vor ſeinen Muſikern ſtehend, wandte nicht, wie es ſonſt unleidlich genug zu geſchehen pflegt, den Zuhörern den Rücken zu, ſondern mit dem Rücken gegen die Bühne gewandt, etwas erhöht hinter ſeinem Orcheſter ſtehend und das Ganze überblickend, zeigte er dem Könige und den übrigen Gäſten ſein blaſſes, geiſtreiches Geſicht mit der ſcharfge⸗ bogenen Naſe und den feinen, von einem inneren Feuer ꝛerglänzenden Zügen. Erſt ſchien er im Schlummer zu ſein, als er ſo ſtand und ſich vor dem Monarchen ver⸗ neigte. Als er aber nun den Stab erhob, ſeinen Körper in die Höhe ſchnellte, ſchien ein elektriſcher Strahl in ihn zu fahren, der Genius der Muſik ergriff ihn und ſein ganzes Weſen potenzirte ſich zu einem zehnfach ſtärkeren Leben. Da begann die Muſtk, leiſe flüſternd wie ein Hauch, lieblich wie die Töne der Aeolsharfe, aber immer ſtärker, gewaltiger entwickelte ſie ſich, und in brauſenden Sturm, vermiſcht mit den Schlägen des Donners und dem Ziſchen des Blitzes, übertretend, riß ſie alle Zuhörer wie auf den Fittichen des Orkanes ſelber dahin. Alles ging wie auf einen Schlag, einen Strich, einen Guß. Die Herzen der Männer erhoben ſich, ſie fühlten den nahenden — 256— Sturm. Da flog der Vorhang mit lautem Schlagen der Leinwand raſch in die Höhe. Und man ſah im Hintergrunde der weit geöffneten Bühne, von einem Meiſterpinſel dargeſtellt, dräuende Fel⸗ ſenriſſe, davor eine ſchäumende Brandung, in der Mitte und im Vordergrunde eine wogende See in wilder Be⸗ wegung. Das Meer tobte, der Sturm heulte und brauſtte, deutlich vernehmbar, ſtets von der, ſeinen gewaltigen Na⸗ turtönen angepaßten, Muſik begleitet. Da läßt ſich aus weiter Ferne ein dumpfer Kanonenſchuß wie von einem Hilfe begehrenden Schiffe vernehmen. Plötzlich brechen ſich an der rechten Seite der Bühne die Wogen, ein auf⸗ und abſteigendes Bugſpriet wird ſichtbar, dem nach und nach, von den Wogen abwechſelnd emporgeſchleudert und in die Tiefe gezogen, ein ganzes großes, ſchönes Schiff folgt. Athemlos betrachten es die Zuſchauer, ſie ſehen es deutlich mit dem toſenden Sturme kämpfen, ſie hören ſeine Maſten und Raaen krachen, ſein Tauwerk knarren, die halb gerefften Segel an einander ſchlagen. Die Matroſen arbeiten auf den Maſten und in den Tauen, das Donnerwort des Capitains, der ſelber auf der Schanze ſteht, erſchallt, der Admiral Schröder ſelber zeigt ſeine wirkliche Seemannsfigur. „Das iſt ſein Wappen,“ flüſterte der König ſeinem Nachbar zu,„ſehen Sie, es bricht ſich durch den Sturm Bahn, das iſt ſehr ſchön, ſehr, ſehr ſchön! Bravo!“ N— „——— —— 257— Das Schiff glitt langſam, kämpfend mit den Wogen, vorüber, und der Vorhang fiel. Die Muſik aber ſpielte weiter und ging unbemerkt in eine leiſe klagende Melodie über, die nur einige ſchwache leidenſchaftliche Laute unter⸗ brachen. Da flog der Vorhang wieder auf und zeigte Adalbert Lambecks viel bewundertes Bild, das vertriebene Königsgeſchwiſterpaar, welches der König zu ſehen ſchon öfters begehrt hatte. Judith und Eduard ſelber in aller ihrer Schönheit, in ihrem reichen Koſtüm, waren die lebenden Figuren wie früher. „Ah!“ riefen Alle, und beſonders der Türke ſehr laut.„Das iſt ſchön! das iſt herrlich!“ „Welch eine Frau!“ ſtöhnte der Paſcha.„Gott iſt allmächtig!“— Der Vorhang ſank. Die Muſik ging in harmo⸗ niſche Sphärenklänge über, Harfen und Flöten ließen ſich hören. Der Vorhang flog auf. Die drei Grazien, Blu⸗ menguirlanden in den Händen tragend, zeigten ſich, es war ein herrliches Bild Raphael Manowky's, von den drei Pfarrerstöchtern in aller ihrer Lieblichkeit dargeſtellt. „Aha!“ rief der Paſcha mit innerlichem Behagen, „jetzt kommt das Serail. Vortreffliche Geſtalten, himm⸗ liſche Geſichter! Gott iſt unerſchöpflich!“— Der Vorhang ſank. Die Muſik ging in eine krie⸗ geriſche Schlachtmuſik über. Da trat der Inſelkönig plötzlich an die Seite des Monarchen und ließ ſich neben Der Inſelkönig. v. 17 3 — 258— ihm nieder. Der König war entzückt; ſtumm drückte er ſeinem Wirthe die Hand. Trompeten erſchallten, eine indiſche Schlachtmuſik mit Cymbeln und Pauken ließ ſich hören. Der Vorhang flog auf. Man ſah eine wilde Scene aus dem Kampfe der Schwarzen und Weißen auf dem blutigen Schlacht⸗ gefilde von St. Domingo. Das Bild war von Kannen⸗ ſchmidt gemalt und geſtellt. Die ringenden Kämpfer, die Gegenſätze der Leibesfarben, der Schwarzen und der Weißen, die leidenſchaftlichſte Wuth der Geſichtszůüge— brachten eine ungeheure Wirkung hervor.— Wieder ſank der Vorhang. Eine dämmernde Nacht⸗ muſik ließ ſich hören, man vernahm dazwiſchen das Brauſen eines mächtigen Waſſerſturzes. Als der Vorhang wieder aufflog, ſah man den Niagarafall, wieder von Willibald ausgeführt, vom glänzenden Vollmonde geiſterhaft erleuchtet. Das ſchäumende Waſſer, an dem Abhange hin und her kletternde Menſchen, ein ſchwebender Nachen, der jeden Augenblick in den Strudel des Waſſers, ſein Grab, zu ſtürzen drohte, und der koſende Donnerwirbel, in luftigen Staub ſich auflöſend— alles Das ſah man mit groß⸗ artiger Verwunderung an. 5 Wieder ſchloß der Vorhang die Bühne, und die Muſik ging in eine indiſche Volkshymne, voller Jauchzen, voller Iubel, über. Der Vorhang flog in die Höhe, plötzlich ſchwieg die Muſſk und ein perlreiner Männer⸗ — 259— geſang ſchwebte über den weiten Zuhörerraum. Alles brach in ſtaunenden Beifallsſturm aus. „Eure Majeſtät wollten meine Frau ſehen, hier iſt ſie!“ ſagte der Inſelkönig. Aber der wirkliche König ſchwieg. Er hatte nur Augen in dieſem ſchönen Au⸗ genblick. Auf einem Throne von Perlmutter ſitzend, in ein ſilbernes Florkleid die herrlichen Glieder gehüllt, den Kopf mit einem blendenden Brillantenſchmuck bedeckt, die ſammtweichen Augen voller Milde aufſchlagend, und die rechte Hand, gleichſam ſegnend, von ſich geſtreckt, ſaß Beata als mexikaniſche Königin, von ihren huldigenden Unterthanen, Schwarzen, Weißen und Indianern umgeben, die zu ihren Füßen in maleriſchen Stellungen zu ihr emporſchauten. Erſt als der Vorhang langſam zu falle begann, löſ'te ſich das ſtumme Schweigen in lauten Beifalls⸗ ruf auf. „Das iſt eine Sultanin!“ rief der Paſcha beinahe laut.„Gott iſt groß und Muhamed iſt ſein Prophet! Ein ſchöneres Weib habe ich nie geſehen!“ Der Geſang ſchwieg. Die Muſik nahm ihren Anfang wieder und ging bald in eine wilde, jauchzende Jagdmelodie über. Hörner ſchmetterten, Hunde bellten⸗ eine wilde Jägerſchaar ſchien ſich zu nahen. — 260— Auf flog der Vorhang. Man ſah eine wilde Urwaldgegend, mächtige Rieſenbäume erhoben ſich über dicht verſchlungenem Geſtrüpp— da brachen die Zweige krachend aus einander, und ein wildſchnaubender Bär durchbrach das Gebüſch. Plötzlich belebte ſich die Scene, die heulende Meute ſtürzte hervor, es waren die amerika⸗ niſchen Büffelhunde, die ſich in wildem Rennen auf das dräuende Thier ſtürzten. Da, auf dem weißen Schimmel⸗ hengſte ſitzend, in mexikaniſcher glänzender Amazonentracht ſtrahlend und ihre ſchönen, üppigen Glieder zeigend, den erhobenen Speer in der Hand, das glühende Auge fieberiſch auf das Thier gerichtet, erſchien Cigarita mit allen ihren zauberiſchen Reizen vor den ſtaunenden Zu⸗ ſchauern. Die Hunde packten den Bären, der Speer bohrte ſich in ſeine Bruſt, der weiße Hengſt wieherte kampfluſtig, ſchlug mit ſeinem glänzenden Schweife ſeine Weichen, ſeine Mähnen ſträubten ſich, ſeine Augen flamm⸗ ten und ſeine ſchnaubenden Nüſtern öffneten ſich weit. Da fiel ſchnell der Vorhang herab und das Schau⸗ ſpiel war beendet. Alles erhob ſich in lautem Beifalls⸗ getöſe. Drei mächtige Donnerſchläge tönten wieder und riefen die vor Luſt beinahe fiebernden Gäſte in die großen Säle zurück, wo neue Unterhaltung ihrer harrte. „Das iſt wahrhaft königlich!“ ſagte der gnädige Monarch,„Sie haben mich ſehr entzückt. Nun aber— was bedeuten die drei Schüſſe wieder?“. ——— — — 261— „Ich werde die Ehre haben, Eure Majeſtät nach dem Saale zurückzuführen, da wollen wir ſehen,“ ſagte der Wirth. 3 Alles ſtürzte wild durch einander dahin zurück, kaum konnte der verwunderte König ſich durch das Ge⸗ dränge winden. Man hatte den Gartenſaal erreicht. Im griechiſchen Saale ſah man einen neuen Aufzug, einen ſich in wildem Gewirre tummelnden Bacchuszug. Voran ſchritten die Muſikanten, mit Cymbeln, Hand⸗ pauken und Pfeifen einen nicht unharmoniſchen Hymnus ausführend. Dann kamen wilde Bacchanten und Bacchan⸗ tinnen, junge hübſche Männer in Frauengewändern, den Thyrſus ſchwingend und den wilden Geſang ihres Ge⸗ ſchlechtes mit dem Getöne der Muſiker vermiſchend. Als⸗ dann traten einige andere deſſelben Schlages, große ſil⸗ berne Gefäße des köſtlichſten Getränkes aller Länder tra⸗ gend, auf, hinter ihnen der Wagen des Bacchus ſelber, den Raphael, mit ſeinen ſchönen Locken, im flatternden weißen Gewande, mit Weinlaub umkränzt, darſtellte, von vier Löwen gezogen, in denen vier bereitwillige Schwarze ſteckten, von tanzenden Weibern mit gefüllten Bechern umſchwärmt. Sodann wurden von dem wein⸗ und epheuumkränzten zahlreichen Gefolge in zierlichen Körben und blinkenden Geräthen allerlei Früchte und Leckereien getragen, und zuletzt, auf einem zahmen, herausgeputzten Eſel reitend, ſchloß der dickbäuchige Silenus, den der —õ—-—— — — — —ʃ — 262— Temperamaler ſehr treffend zur Veranſchaulichung brachte, den phantaſtiſchen Zug. Ddrrei Mal bewegte ſich derſelbe in dem griechiſchen Fanl herum, dann wurden die Gefäße mit Wein und anderen duftenden Getränken auf die Tiſche der Seiten⸗ ſäle geſtellt, und nun erſt gewahrten die immer mehr erſtaunten Gäſte, daß während ihrer Abweſenheit flinke Diener andere leckere Gerichte in noch herrlicheren Ge⸗ ſchirren, als die früheren geweſen waren, aufgetragen hatten. Man ordnete ſich ſogleich an ſeine früheren Plätze und das Schmauſen und Zechen begann, während die Kapelle im Mittelſaale Platz ergreifend, die rau⸗ ſchendſten Muſikſtücke aufführte. 4 Das Feſt war auf ſeinen Gipfel gelangt, ſelbſt die Gelehrten waren in ſybaritiſche Schmauſer verwandelt. Der König aber, deſſen Freude nach dem Genoſſenen nicht mehr geſteigert werden konnte, hatte ſich ſtill, wie er gekommen war, nur von dem gaſtfreien Wirthe und ſeiner nächſten Umgebung begleitet, entfernt, und an der Landungsbrücke Abſchied nehmend, dankte er freundlich und verſprach nächſtens wieder zu kommen, wenn er ſeinen Nachbar allein trefſen würde. Mit Vergnügen ſah der Inſelkönig, als er in die von Gelächter und Luſt ſchallenden Säle zurückkehrte, das feſtliche Gelage, und er und ſeine Freunde ſtachelten —— — 263— die Gäſte, die die Welt vergeſſen hatten, zu noch lauterer Freude an.— 3— Es war ſchon längſt Mitternacht vorüber, als Joſephſon ſich ihm näherte und flüſterte:„Es iſt g Eduard, ſieh, wir haben ſchon wirkliche Bacchant uns. Laß uns das Feſt beſchließen.“ 3 „Iſt Alles bereit?“ „Alles— Alles, man erwartet rete „Dann laß das gewöhnliche Zeichen geben!“ Man denke ſich das Erſtaunen der jubelnden Schagren, als plötzlich wieder drei Kanonenſchläge, und dies Mal die letzten, ſich hören ließen.„Was?“ riefen ſie beinahe erſchrocken,„giebt es denn noch etwas Neues, Unerwartetes?“ „In den Park, in den Park!“ erſchollen einige laute Stimmen.„Ein großes Feuerwerk brennt ab!“ Und hinaus ſtürzten ſie Alle, Einige ihre Flaſchen und Gläſer vorſichtig mit ſich nehmend. Man gelangte bald in den Garten. Aber ol wer beſchreibt ihre Verwunderung, als ſie dieſen, den Park, die ganze Inſel in ein Lichtmeer verwandelt ſahen. Hoch brennende Pechpfannen, Laternen, Gasflammen flimmerten überall, alle Wege waren hell erleuchtet, und in der Ferne, in der Nähe des Buchenwaldes, ſah man hellglänzende Leuchtkugeln hoch in die warme Nachluft emporſteigen. Alles bewegte ſich in dieſer Richtung, man ranßte — 264— ſich beinahe gegenſeitig um, Jeder wollte der Erſte am Platze ſein, um das neue Schauſpiel ſo nahe wie möglich zu genießen. und was fand man im Walde? Mitten unter den den Bäumen, im Gebüſch, auf dem Raſen waren von Holz, Moos und Stroh errichtet, und darin ſchmauſendes Zigeunervolk. Eine Alte rührte Keſſel um, rüſtige Buben ſchleppten Holz und Radeln an das praſſelnde Feuer, auf Mandolinen ſpielende Männer aber ruhten im Mooſe, und blinkende Frauen und Mädchen miſchten ſich mit ihren Liebhabern in komiſchem Tanze. Wie verſteinert ſtanden die Gäſte und hätten beinahe über das gegenwärtige das vergangene Schöne vergeſſen. Wie ſie aber da ſtanden und ſchauten, ſiehe, da leuchtete es von ferne aus den Gebüſchen. Eine luftige Elfen⸗ ſchaar, Oberon, den Elfenkönig, und Titania, die Elfen⸗ königin, umgebend, ſchritt mit hochgeſchürzten, durchſich⸗ tigen Kleidern heran, helle Wachsfackeln tragend und ſchwingend. Der ſchelmiſche Puck eilte hierhin und dort⸗ hin, Blumen und Blüthen warfen die neckiſchen Elfen unter die ſtaunenden Gäſte, ſprangen links und rechts und trieben ihr geſpenſtiſches Weſen zum Entzücken Aller⸗ Nachdem aber dieſes Schauſpiel eine Weile gedauert hatte, erloſchen plötzlich, wie auf das Geheiß eines Zauberers, alle Fackeln, Flammen und Lichter, und nur von den — gen der Inſel, Mancher fand einen willkommenen Führer, 265— Sternen des Himmels mit dämmerndem Strahle über⸗ goſſen, waren die plötzlich ihren Taumel wieder fühlenden Gäſte dem Dunkel der Nacht preis gegeben. Ohne daß es ihnen geſagt wurde, fühlten ſie, daß das Feſt vorbei und es an der Zeit ſei, ihren Rückzug anzutreten und ihre wohnlichen Räume aufzuſuchen, denn Vielen von ihnen that dies Letztere Noth. Q Alles zerſtreute ſich nach den verſchiedenen Richtun⸗ Viele dagegen aber irrten in den weiten Gebüſchen umher, ohne im Stande zu ſein, ihr Häuschen wieder zu finden. Schließen wir dieſes ſchon zu lange Kapitel, indem wir eine Gruppe begleiten, die wir ſchon in früherer Noth kennen gelernt haben, und deren Mitglieder, nach langem vergeblichem Umherirren, wieder auf den Platz im Buchenwalde zurückkehrten, wo das Zigeunerlager aufge⸗ ſchlagen war, das aber jetzt nicht mehr von den leitenden Freudenfeuern erhellt, vielmehr in dichte Dunkelheit begraben war. Ddie vier muthvollen Piratenſchiffer, der Profeſſor der Philoſophie, der Mathematik, der Beredſamkeit und der berühmte Augenarzt, hatten ſich das Wort gegeben, auf ihrer nächtlichen Wanderung ſich nicht zu verlaſſen. Sie wohnten in Einem Hauſe und waren von einem und demſelben Gotte dieſe Nacht begeiſtert. Lange ſchon waren ſie umher geirrt, immer aber wieder zud dem Zigeu⸗ — 266— nerlager zurückgeführt worden; da Jeder den Weg kennen wollte, und Keiner ihn kannte, ſo hatte Einer den Andern irre geleitet, und zuletzt, übermüdet, abgeſpannt, kamen ſie noch ein Mal auf den Platz zurück, der ihr einziger Rückzugsort zu ſein ſchien. Als ſie aus dem von ihrem unſicheren Schritt raſ⸗ ſelnden Gebüſch traten, hatten ſie ſich, um ſich nicht zu verlieren, alle Vier unter die Arme gefaßt, und nur Zwei von ihnen hatten ihre Hüte behalten; der Augenarzt, der ſich nicht erkälten wollte, und der Mathematiker, der jetzt ohne ſchwankendes Schiff einer ſchieſen Ebene glich; der Philoſoph dagegen und der Profeſſor der Beredſamkeit waren baarhaupt. „Hier wird es ſein, meine Herren,“ lallte der Doctor, deſſen Pathos aus ſeiner Stimme verſchwunden war,„hier ſehe ich eine Hütte wenigſtens. O, es iſt ſo dunkel— meine armen— Augen!“ „Gott ſoll mich bewahren!“ rief der beredſame Gelehrte.„Hier ſind wir ja ſchon zwei Mal geweſen. Ich glaube, der ſchelmiſche Puck führt uns an der Naſe herum.“ „Das muß ich ſagen!“ ſtöhnte der Mathematiker, „Sie wollen Alles wiſſen, und wiſſen Nichts, meine Herren! Anſtatt die Hypothenuſe zu wählen, ſind Sie auf einer der beiden Katheten hingeſchritten.’“ „Nichts zu wiſſen, das war aller Weisheit Anfang,“ —— —— — 267— murrte der Philoſoph⸗„Aber, ach! mir iſt entſetzlich unbehaglich zu Muthe. Ich muß mich ſetzen.“ Und er lehnte ſich an eine der Mooshütten an, was die Anderen ihm ſogleich nachthaten. „SIch ſchlage vor, wir bleiben hier,“ lallte der Pro⸗ feſſor der Beredſamkeit.„Die Nacht iſt warm und wir haben doch wenigſtens ein Obdach.“ „Um Gotteswillen nicht, nein, meine Herren!“ predigte der Augenarzt.„Das wäre gefährlich. Ich habe meinen Ueberzieher nicht bei mir und würde mich auf den Tod erkälten. Denken Sie an Ihre Augen. Ich— warne Sie!“ „O! O!“ jammerte der Philoſoph.„In meinem Kopfe dreht ſich Alles herum: Gold, Silber, Waſſer⸗ fahrt, Pulverdampf, Pirat, Mohren, Weiße, Pferde und Hunde!“. „Das kommt von dem vielen Champagner, den Sie getrunken haben.“ „Ich habe gar keinen getrunken, trinke nie welchen. Ich habe mich allein an den eres, Lafitte, Burgunder, und zuletzt an den— den Kapwein gehalten. O, der war göttlich.“ „Ich habe blos Rheinwein getrunken,“ ſagte der Augenarzt,„und zuletzt Champagner, das erhitzt das Gehirn nicht ſo. Hu— mich friert.“ „Es wäare mir höchſt unlieb, wenn ich morgen nicht — 268— 8 um die rechte Zeit in der Hauptſtadt wäre, ich habe von zwei bis vier Uhr Nachmittags Vorleſinngen zu halten,“ ſagte der Philoſoph. „Worüber wollen Sie ſprechen?“ „Von zwei bis drei über die Nüchternheit der Ger⸗ manen, von drei bis vier über die Völlerei der Griechen und Römer.“ „Ah, was! laſſen Sie die Jugend ſchmachten!“ „Still— horen Sie nichts?“ „Was denn?“ Man hörte einen großen Hund in der Ferne bellen, deſſen Geheul indeſſen allmählig näher zu kommen ſchien. „Das wäre ein Hauptvergnügen, wenn das eine von den großen Beſtien auf dem Theater wäre, mit dem bluttriefenden Maule! Ha! ich würde nicht gern ein Bär ſein!“ rief der Darſteller der ſchiefen Ebene. „Wahrhaftig, es kommt näher,“ lallte der Philoſoph, „und wenn er uns packte!“ „Um Gottes willen!“ ſchrie der Augenarzt.„Es iſt ſo heiß jetzt— wenn das Thier toll wäre! Wir leben in den Hundstagen!— O!“ Und raſch kroch er in die Mooshütte hinein. Schnell kam der bellende Hund näher, und ehe eine Minute ver⸗ ging, krochen die drei Gelehrten dem vorſichtigen Augen⸗ arzte mit wunderbarer Haſt nach. „Still!“ wisperte dieſer,„damit er uns nicht riecht.“ — 269— Alle Vier kauerten ſich ſo nahe an einander, wie es ging, und hielten den Athem an. Plötzlich ſchraken ſie zuſammen und packten einander. Das große Thier ſtand dicht vor der Hütte und heulte entſetzlich. „Such', ſuch', Kolumbus!“ rief jetzt eine Menſchen⸗ ſtimme.„Es müſſen noch ihrer ein Dutzend herumliegen.“ — Gleich darauf trat ein Neger aus dem Gebüſch, der eine große Laterne trug, und auf das Geheiß ſeines Herrn das große Schlachtfeld nach Leichen abſuchte. „Aha!“ jubelte der Mohr.„Hier werden Einige liegen. Such, ſuch, Kolumbus!“ Aber Kolumbus brauchte nicht mehr zu ſuchen, hatte ſein Amerika ſchon gefunden. Ruhig ſeinen Pe erwartend, den dicken Kopf mit der heraushängenden gewaltigen Zunge gebeugt, ſtand er vor dem Eingang der Hütte und ſah ſich nach dem Neger um. „Fort da, Kolumbus, laß mich heran!“ Und den Hund bei Seite treibend, bückte ſich der Neger und leuchtete mit der Laterne in das Innere der Hütte hinein. Da ſah er denn die vier ſich umklammert haltenden Gelehrten, den Augenarzt, das Haupt in das Moos gedrückt, den Proſeſſor der Philoſophie ihn mit ſtieren eres⸗Augen anglotzend, die beiden andern, ſich ſo weit wie möglich hinter ſeinem Rücken verſchanzend. „Meine Herren,“ ſagte der Neger mit beinahe weh⸗ müthig bittender Stimme—„wollen Sie nicht nach — 270— Hauſe gehen? Ich ſuche Sie ſchon ſo lange. Sie woh⸗ nen ja in meiner Wohnung.“ „Ach ja!“ lallten die Vier. „Dann kommen Sie heraus.“ „Aber der Hund—“ „Der thut Ihnen nichts, geh' abſeits, Kolumbus!“ Und nun erſt krochen die geängſtigten Gelehrten auf allen Vieren langſam aus der Hütte hervor und verſuchten ſich auf ihre Füße zu ſtellen, die plötzlich ihre gewohnten Dienſte zu verſagen ſchienen. Als ſie aufrecht ſtanden, faßten ſie ſich wieder an. Keiner ſprach ein Wort. Der Schreck hatte das Letzte vollbracht. Der Neger ſchritt voran mit ſeiner Laterne. Die vier Gelehrten folgten taumelnd nach, bald an dieſen, bald an jenen Baum ſtoßend. Kolumbus beſchloß in anſtändiger Ferne den Zug, augenſcheinlich beſorgt, keinen der Gefundenen wieder zu verlieren.— Eine halbe Stunde ſpäter hatte Jack, denn er war es, ſeine vier Herren entkleidet ud zu Bette gebracht. Die Inſel aber lag ſo ſtill und harmlos in dem nächt⸗ lichen Dunkel, als wenn kein ungewöhnlicher Tumult ihre ſchattigen Gebüſche belebt hätte.“ Viertes Kapitel. Der gebändigte Löwe. Am nächſten Morgen, in aller Frühe, ſah man die Ar⸗ beiter der Inſel, ſo viele ihrer waren, auf das Emſigſte beſchäftigt, Häuſer und Land in den Zuſtand wieder zu verſetzen, wie ſie vor zwei Tagen geweſen waren, den 3 der ehrenwerthe Beſuch hatte einige Spuren ſeines vergnüg⸗ ten Daſeins hinterlaſſen. Die meiſten Gäſte waren ab⸗ gereiſ't, die Diplomaten, Miniſter und höheren Beamten. ſchon gleich in der Nacht nach beendigtem Feſte, viele An⸗ dere waren ihnen am nächſten Morgen mit Tagesanbruch gefolgt, einige Wenige, darunter obige vier Gelehrte, la⸗ gen noch in den weichen Betten, drehten ſich wehmüthig herum und konnten die Verblendung nicht begreifen, welche ſie verleitet hatte, gegen ihre Gewohnheit, ihren Willen und ihre Neigung dem heidniſchen Gotte ein ſo großes — 22— Opfer darzubringen. In der That fühlten ſie ſich immer mehr bedrückt, je vollſtändiger ſie die Herrſchaft ihrer geiſti⸗ gen Fähigkeiten wieder erlangten, und, anſtatt zu bleiben aund den nächſten Tag noch, wie die Einladung beſagte, in harmloſer Betrachtung der Natur und Kunſt zu verle⸗ ben, faßten ſie kurz den Entſchluß, ſich zur Abreiſe zu rüſten und führten denſelben, als ſie ihr Fuhrwerk vor⸗ fanden, auch in den erſten Morgenſtunden aus. So blieben auf der jetzt ſchweigſamen Inſel nur einige Künſtler aus der Hauptſtadt zurück, um ſich der genaueren Betrachtung der herrlichen Leiſtungen ihrer Kol⸗ legen zu widmen; dieſe Wenigen aber ſtörten den ge⸗ wöhnlichen Gang der Geſchäfte und Verrichtungen nicht, und weder Hutten ſelbſt noch die übrige Geſellſchaft hörte von ihrer längern Anweſenheit früher als bei Tiſche. Alle Künſtlerfreunde fühlten ſich glücklich über den günſtigen olg ihrer Bemühungen und empfingen den Dank Huttens. Man erzählte ſich ſo viel von den Er⸗ lebniſſen des letzten Tages, hatte ſo manche ergötzliche Geſpräche, Scenen und Begebenheiten beobachtet, daß die Mittheilung derſelben das Feſt beinahe verdoppelte und jeden Einzelnen mit dem Vorrathe des Andern bereicherte. Nur einer der Freunde ließ ſich vergeblich ſuchen. Keiner ſah ihn, keiner wußte, wo er war.— Denn auf ſeinem Zimmer eingeſchloſſen, die Vorhänge vor die Fen⸗ ſter gezogen, ging Adalbert Lambeck, der kühne Temperg⸗ — 223— maler mit ſeinem eigenen Gewiſſen zu Rathe. Dieſen feſten, gegen ſich und Andere ſo ſtrengen, ausgeprägten, entſchloſſenen Mann hatte endlich eine fürchterliche Leiden⸗ ſchaft gepackt. Er war in der letzten Zeit fleißiger gewe⸗ ſen als je, aber nur eines beſtimmten Zweckes, nicht wie ſonſt, ſeiner vortrefflichen Arbeit ſelbſt wegen. Was er aber geſchaffen und vollendet hatte, wußte er eigentlich ſelbſt nicht, denn alle ſeine brütenden Gedanken, ſeine feurigen Ideen jagten auf einem ganz andern, neuen, bisher unbebauten Felde. Er hatte auch Theil genom⸗ men, thätigen Theil an dem vergangenen Feſte, aber wie⸗ der nur ſeines beſtimmten Zweckes wegen. Niemand hatte ihn beobachtet, als er in der geſtrigen Nacht hinter den Kouliſſen des Theaters mit ſchlagendem Herzen ge⸗ ſtanden, die ſtrengen dunkeln Augen unverwandt auf die wilde Jägerin geheftet, die mit weit ausholendem Arme und Speere nach dem Bewohner amerikaniſcher Wälder zielte. Ach, dieſer Speer war an dem künſtlich gearbei⸗ teten kalten Ebenbilde des Unthieres vorbei, in ſeine warme Bruſt gefahren und hatte darin eine ſchrecklichere, weil um ſo ſeltnere, Verwüſtung angerichtet. Adalbert Lambeck hatte, einige kleine Jugendleiden⸗ ſchaften abgerechnet, nie ernſtlich geliebt. Das Weib, welches ſeine Künſtleraugen oft erblickt und ſtudirt hatten, Nvar ihm in Wirklichkeit immer nur als ein zeitraubendes Sodoielwerk, als eine Tändelei erſchienen, gut genug, eine Der Inſelkönig. v. 18 à — 224— Pauſe in des Mannes ſtrebendem Herzen auszufüllen, nie aber hatte er daran gedacht, daß ein ſo kleines, ſchwaches Weſen alle Gedanken eines ſo ſtarken Mannes, wie er ſelbſt war, in Beſchlag nehmen und bewältigen könne. Da ſah er, aus fernem Welttheil kommend, mit den üppi⸗ gen Formen des Südens ausgeſtattet, mit feurigem Tem⸗ peramente und einer bei einem Weibe nie geſehenen Cha⸗ rakterſtärke begabt, jene dunkle Schönheit Cigarita, deren funkelnde Augen, blendende Zähne und mächtige Glieder ſein Künſtlerauge anfangs feſſelten, dann ſeine Phantaſie entzündeten und endlich ſein ganzes Herz in einen glü⸗ henden Flammenheerd verwandelten. Ach, welch nieder⸗ ſchlagendes Gefühl war es für einen ſo ſtarkgeiſtigen Mann, wie Lambeck, ſich ſo ganz einem Weibe unterwürfig zu wiſſen!— Und nun ſah er das allmählig heranwachſende und endlich vollkommene Glück der Freunde; Raphael, mit der ſchönen Judith am Arme, ſchwebte durch die Gärten dahin, Ernſt und Karl, ja, der ſanfte Felit, jeder mit ſeiner jungen Frau, ſaßen in ihren freundlichen Häuſern und ihre Blicke leuchteten wieder von dem Glücke ihrer Herzen. Und er, er, der eben ſo Vieles, wo nicht Schö⸗ neres leiſtende Künſtler mit dem friſchen ſchöpferiſchen Geiſte, der göttlichen Thatkraft— ſollte nicht im Stande ſein, ſich ein ähnliches Weſen zu erringen? Hatte er etwa nicht der Tochter der ſpaniſchen Negerin gezeigt, wie ſein 8 3 —ᷣᷣ—ᷣ—ᷣ— x— 4 — 295— Inneres beſchaffen ſei? War er ihr nicht gefolgt auf je⸗ dem Schritte? Hatte er ihr nicht die herzlichſten Bilder erklärt, ſie ſelbſt mit der Gattin des verehrten Freundes in ſein Atelier geführt und ihr ſogar das Geheimniß ſei⸗ ner allen Uebrigen unbekannten Farbenmiſchung offenbart? Ja, er hatte ihr Portrait mit einem Ausdruck wahrhafti⸗ ger Glut und idealiſcher Schönheit entworfen und ihr zu⸗ geſandt, wie es keiner der Freunde ihm hätte nachmachen können. Und doch hatte ſie ihm nicht ein einziges Lächeln mehr zugewandt als allen Anderen. Nicht einmal ge⸗ dankt hatte ſie ihm, als Felix auf ſeine Veranlaſſung ihr eine Nachtmuſik gebracht, obwohl ſie den Urheber derſelben erfahren. Wohl hatte ſie bisweilen einen ihrer glühend⸗ ſten Blicke in ſeine harrende Seele getaucht, nicht aber um ſie zu beruhigen, vielmehr um ſie nur ſtärker in ver⸗ zehrende Flammen zu ſetzen. Welche Kraft ſprach aus dieſen Blicken, welche Fähigkeit, welches Feuer! Und das ſollte er noch länger ertragen, allein mit ſich herumſchlep⸗ pen? Nein, die feurige Maſſe in ſeinem Innern hatte ſich zum Ueberſprudeln angefüllt, ſie mußte ausbrechen, wie die glühende Lava aus dem Schooße der Erde durch den Vulkan ausbricht und die entſetzliche Lohe an das er⸗ kältende Tageslicht wirft; denn keinem der Freunde hatte er ſich vertraut, das war ſeine Art nicht, man hätte ihn gar für ſchwach halten, und wenn auch nicht verſpotten, doch über ihn lachen können, und das wäre ihm fürchter⸗ 18* -— 276— lich, unerträglich geweſen. Daß der Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft eine Schwarze war, das war ihm beinahe noch nie eingefallen; denn ſo weit hatte ſie ihn ſchon be⸗ herrſcht, daß er nicht mehr ſah, nicht mehr hörte; er ver⸗ ſchlang nur ihre ganze Erſcheinung, und ſchon wenn er den Duft ihrer rauſchenden Kleider einſog, ein Duſt, welchen ſie ſelbſt mit kunſtfertigen Händen aus geheimniß⸗ vollen Blüthen ihrer Wälder angefertigt und welcher ſo⸗ gar einſt eines Hutten Sinne berauſcht hatte, ſchon dann war er entflammt und das Blut trat ihm in das dunkle Geſicht, ſein Auge mit einem düſtern Schleier bedeckend. Wäre er beſonnener, ruhiger geblieben, hätte er die Cigarita umgebenden Verhältniſſe ſich klar gemacht, er wäre wahrſcheinlich leichter und ohne jene krampfhaften Schmerzen zu ſeinem Ziele gelangt. Er hätte nur mit Eduard und dieſen mit Beata ſollen ſprechen laſſen, dann hätte ſich gewiß ſein Schickſal ſehr bald entſchieden. Dar⸗ an dachte er aber nicht, geraden Wegs ging er auf das Ziel ſeiner Leidenſchaft los und dieſes, Cigarita— o, ſie war nicht ſo leicht zu erobern, ſie hatte wenigſtens nicht den geringſten Eindruck aller ſeiner Bemühungen auf ihr ſtählernes Herz verrathen. Wohl hatte ſie ſeine Bewer⸗ bungen bemerkt, denn welches Weib, ſei es ſchwarz, weiß oder von brauner Haut— bemerkt es nicht, wenn ein liebender Mann ſeine Blicke, ſeine Gefühle auf ſie wieft? Aber ſie war ein Kind der wilden, gigantiſchen Ratur, — 277— heißes Blut rollte in ihren Adern und ein ſtarker, bei⸗ nahe männlicher Sinn erfüllte ihre ganze Seele. Und da Cigarita dieſe Bewerbung wohl merkte und ſie im An⸗ fang nur für Scherz hielt, da ſie im Ernſte nicht glauben konnte, daß ihre dunkle Schönheit auf einen weißen Mann ſolche Wirkung üben könne, ſo entzog ſie ſich ihm, ſchloß ihr eigenes Herz zu und gab ſich gegen ihn gezwungener, zurückhaltender ſogar als gegen jeden Andern. Sie ver⸗ ließ Beata, wenn dieſe im Freien war, faſt nie und in Begleitung irgend eines Menſchen, war ſie für Adalbert Lambeck ein unnahbares Weſen, denn er wollte nur mit ihr, mit ihr allein, ohne jeden Vermittler zu thun haben. So ſtanden die Sachen am Morgen nach den Feſte. Wie ein im Käfig eingeſchloſſener wilder Löwe ſchritt der kühne Künſtler in ſeinem Zimmer auf und nieder, ſein Herz war in engen Banden. Er war ſchon fertig geklei⸗ det; in feine ſeidene Strümpfe das volle Bein gehüllt, ſein dunkles Sammtwamms übergeworfen und das Barett tief in die Stirn gedrückt, die Arme unter einander ge⸗ ſchlagen, wilde Worte murmelnd, die lebhaften, kernigen Züge ſtraff geſpannt, ging er in quallvoller Einſamkeit mit ſich zu Rathe. „Was ſoll ich thun?“ ſagte er.„Dieſe entſetzliche Leidenſchaft erdrückt mich. Ich, der ich tauſend Mal An⸗ dere verlacht, verſpottet habe, ſpiele dieſe erbärmliche Rolle? Wenn das Joſephſon, der Spaßmacher, wüßte, es wäre — 278— entſetzlich! Und doch muß die Sache ein Ende nehmen, ich ertrage es nicht länger. Adalbert, Adalbert! das iſt eine abſcheuliche Geſchichte! Wie klein, wie erbärmlich biſt Du geworden! Läufſt einem Weibe nach, welches Dich kaum eines Blickes würdigt. Pfui! Aber ha! was für ein Weib! Ein Weib gerade für einen Maler, einen Mann wie ich! Dieſer ſtolze Kopf, dieſes glänzende Haar wie von funkelndem Ebenholze! Dieſer Nacken, dieſer Buſen, dieſe Arme! Dieſer Gang, dieſer Blick, dieſe Feſtigkeit! O, es iſt ſchändlich, ſchändlich, ſchändlich— mich ſo zu entflammen und mir kein Waſſer, dieſen Brand zu löſchen, zu geben! Wenn ich nun an ſie heranträte, es ihr gerade in's Geſicht ſagte— Cigarita, ich liebe Dich! Nimm mich oder ich erdolche mich vor Deinen Augen! Wie dann? Wenn ſie nun lacht, mir ihre blendenden Zähne zeigt und ſagt: „Erdolchen Sie ſich!“ Er riß ſich das ſaubere Barett von dem dunkeln Haar und trat es mit Füßen. O, dieſe Wuth, die mich erfüllt— und doch— das iſt ja närriſch! Iſt das die Liebe? das die Leiden⸗ ſchaft zu einem Weibe? Ja, dann freilich war ich ein Thor, ein Unſinniger, ein Wahnwitziger, das ich die Anderen verſpottete, während ich ſelber— ich— ich— ich— o, daß ich den Joſephſon zermalmen könnte in meinen —————— — 279— Händen, ich ſehe ihn ſchon lächeln mit ſeinem feinen, ſpitzi⸗ gen Lächeln und mich fragen— „Nein, nein, das ſoll nicht ſein, ich halte es nicht länger aus. Ich will nach dem Schloß, ich dringe in ihr Zimmer, ich ſage ihr, was ich will.— Gut, das ſoll, das muß geſchehen. Und ſogleich.“ 2 Haſtig riß er das Barett vom Boden auf, bürſtete den Staub ab, den ſeine Füße darauf zurückgelaſſen hat⸗ ten, und drückte es ſich in die Stirn, die mit einem glü⸗ henden Roth gefärbt war, ſchloß ſein Zimmer auf und verließ mit energiſchen Schritten das Künſtlerhaus. Die Gärtner und deren Handlanger ordneten und hark⸗ ten die Wege, die von den Hufen der Pferde und den Rädern der Wagen am vorigen Tage zerſtampft und aufgewühlt waren. Ohne Gruß ging er an Karl vorüber, der ſeine Untergebenen beaufſichtigte. Er ſchlug die Richtung nach dem nahen Marſtall ein. Da, um eine Hecke biegend, blieb er wie angewurzelt ſtehen, denn er ſah von ferne das ſchwarze Geſchwiſterpaar ihm entgegenſchreiten, ebenfalls dem Marſtalle zu, gefolgt von dem treuen Kolumbus. Raſch war ſein Entſchluß gefaßt; er trat auf die Geſchwiſter zu. Sein Barett lüftend bot er ihnen einen Morgengruß und ſtellte ſich vor ihnen mitten im ege auf. Beide ſahen ihn überraſcht an. 2 „Ithyſſa,“ ſagte er,„thu⸗ mir einen Oefulen. Laß 8 — 280— mich einen Augenblick mit Deiner Schweſter alleim, ich habe mit ihr zu reden.“ Ithyſſa blickte fragend Cigarita an. Dieſe winkte ihm mit dem Auge und während der Bruder ſie verließ, ging ſie mit ihrem gewöhnlichen energiſchen Schritte, der ihren ganzen Charakter ausprägte, dem Marſtalle zu, von dem Temperamaler gefolgt, der ſich zum Sturm ent⸗ ſchloſſen hatte, wenn die Uebergabe der Feſtung nicht von ſelber erfolgen ſollte. „Was haben Sie mir zu ſagen?“ fragte ſie kurz, mit ihrer kleinen Reitgerte den Staub von ihren griechi⸗ ſchen Beinkleidern ſchlagend. „Das werden Sie ſogleich hören, Cigarita; wenn Sie aber fortfahren, nach den Stallungen zu gehen, wo ſo viele Menſchen ſind, ſo hätte auch Ihr Bruder bei uns bleiben können.“ „Ich will reiten; reiten Sie mit mir, dann könden Sie genug ſprechen.“ Der Temperamaler warf einen beinahe klagenden Blick auf ſeine ſeidenen Strümpfe. „Ich bin eher zum Tanzen als zum Reiten eingerich⸗ tet,“ ſagte er,„laſſen Sie uns gehen, es iſt beſſer ſo.“ „Ich will aber reiten, mein Herr. Wenn Ihnen an Ihrem Geſpräch etwas gelegen iſt, ſo werden Sie, denke ich, doch wohl Ihr Schuhwerk wechſeln können.“ — 281— „Gewiß, Cigarita, gewiß. Werden Sie mich aber auch hier erwarten?“ „Ich werde unterdeſſen ſatteln laſſen.“ Der Maler flog mehr als er ging, den Weg nach dem Künſtlerhauſe zurück. Es waren noch nicht zehn Mi⸗ nuten vergangen, da war er ſchon wieder halb athem⸗ los und in Reitſtiefeln vor dem Marſtalle, aus dem ſo eben zwei koſtbare geſattelte mexikaniſche Hengſte geführt wurden.— „Soll ich mitreiten!“ fragte der dienende Neger. „Frage dieſen Herrn, David, er iſt mein Begleiter.“ „Nein, David, nein, bleibe zu Hauſe.“ Im Nu waren beide geſchickte Reiter im Sattel. „Wohin wollen Sie?“ fragte Cigarita wieder. „Wohin Sie mich führen.“ „Wohlan, vorwärts, in den Buchenwald hinein, da iſt es ſchattig, Ihr Teint leidet von der Sonne.“ Sie galoppirte voran, Lambeck folgte dicht an ihrer Seite.— „Wenn das ſo fortgeht im Galopp,“ dachte der arme Maler,„ſo wird mein Geſpräch ſehr holprig he auskommen.“ „Sie wollten etwas ſagen!“ fing Cigarita an. „Ich! Ja! Aber— im Galopp— ich bin keine Windsbraut— ich bin nur ein Menſch, Cigari— tal⸗ — 282— Die neckiſche Cigarita lachte und ſetzte ihren ſchnau⸗ benden Hengſt in ruhigen Schritt. „Nun,“ ſagte ſie,„jetzt reiten wir Schritt. Spre⸗ chen Sie, die Sonne beläſtigt Sie hier nicht. Und da⸗ mit ich gemüthlich zuhören kann, will ich mir eine Ci⸗ garre anbrennen.“ Damit legte ſie dem Pferde vorſichtig den Zügel auf den Hals, nahm ihre kleine Cigarrenbüchſe von Schildpatt, mit Gold verziert, aus der Taſche ihres kurzen Gewandes, ſtrich ein Wachskerzchen an und brannte in aller Gemüthsruhe ihre Cigarre an. „Geben Sie mir auch eine Cigarre, ſie duftet ſehr ſchön.“—— „Bewahre, Sie ſind keine Windsbraut und müſſen Ihren Athem behalten. Ueberdies haben Sie zu ſprechen und ein rauchender Menſch, zumal wenn die Cigarre ſo ſchön iſt, wie dieſe, iſt ein ſchlechter Redner.“ Sie griff nach den Zügeln, der Rappe ſprang an, vielleicht etwas zu heftig, und, mochte es die Reiterin nun nicht vorher geſehen haben und zuſammengefahren ſein, oder hielt ſie ihr Tabacksſtengelchen nicht feſt zwiſchen den Cigarre ihrem Munde und auf den Raſen, über den ſie eben ritten. Wie der Blitz war der Maler vom Pferde, bückte ſich, nahm die noch brennende Eigarre vom Boden und Zähnen, genug, bei dem Anſprung des Pferdes entfiel die — — 283— ſteckte ſie in ſeinen eigenen Mund. Gleich darauf war er wieder im Sattel. Cigarita warf einen glühenden, fragenden Blick auf den liebetrunkenen Mann und lächelte. „Alſo Sie wollen Ihren Willen haben?“ fragte ſie. „Gut, ich will den meinen auch haben.“ Und wieder legte ſie den Zügel auf den Hals des Pferdes, holte ihre Büchſe hervor und nahm eine neue Cigarre daraus. „Ich habe kein Wachsſtöckchen mehr,“ ſagte ſie,„ge⸗ ben Sie mir von Ihrem Feuer.“ Entzückt hielt der Maler ſein Pferd an, nachdem er es dicht an das ihrige gedrängt und b reichte er ihr ſeine brennende Cigarre hin. Sie rauchte die ihrige vollkommen an, dann, eben als der Maler die Hand ausſtreckte, ſein geraubtes Eigen⸗ thum wieder zu empfangen, drückte ſie es zwiſchen den Fingern raſch entzwei und warf es in die Gebüſche. Adalbert Lambeck ſah ſie halb verwundert, halb un⸗ willig an. „Das war Unrecht,“ ſagte er. „Das war Recht. Mein Wille war früher ausge⸗ ſprochen als der Ihrige.“. „Ich dachte es wohl,“ ſagte ſich der Künſtler.„Aber ſo will ich das Weib haben. Sie iſt göttlichl! Und wieder ſprengte die kühne Reiterin im Ga⸗ lopp dahin. — 284— „Sie ſprechen ja noch nichts,“ ſagte ſie lächelnd und warf ihre dunklen Augen im ſtrahlendſten Glanze auf den Europäer, deſſen Herz in immer ſtärkeren Flammen auf⸗ loderte, je mehr ſich ſein Blut durch die heftige Bewe⸗ gung erhitzte. Aber jetzt ſchwieg er; er nahm ſich zuſam⸗ men und wollte nicht beſiegt erſcheinen. Auch hatte er diesmal richtig gerechnet. Cigarita hielt ihr Pferd von ſelbſt an und betrachtete ihren Nachbar mit fragenden Blicken.— „Jetzt iſt es Zeit,“ dachte er.„Sie ſind in Ame⸗ rika geboren?“ fing er an. „Ja— das wiſſen Sie ſchon lange.“ „Ihre Eltern ſind todt?’“? „Ich habe nur noch einen Bruder am Leben und zwei unſchätzbare Freunde, Beata und Eduard Hutten.“ „Sie haben noch mehrere!“— „Das denkt man— ich fühle es nicht. Nicht Je⸗ dermann iſt unſer Freund, der es zu ſein vorgiebt.“ „Haben Sie ſonſt noch Niemanden geliebt, Ci⸗ garita?“ „Geliebt? Rein! Ah— hier iſt der Weg ſchön, vor⸗ wärts, Zampa!“ Und auf der Stelle ſetzte ſich der ſtolze Hengſt wie⸗ der in Galopp. Der Maler folgte und mußte ſich geſte⸗ hen, daß eine Liebeserklärung bei ſolcher Reiterei anzu⸗ bringen, zu Pferde noch mehr Schwierigkeiten habe, als — — — — — 285— zu Fuße. Plötzlich hielt er ſein Pferd an. CEigarita, einige zwanzig Schritt voraus, blickte ſich um und ſah den Mann unbeweglich halten. Jetzt hielt auch ſie ihr Pferd an und kehrte im Schritt zurück. „Was ſoll das heißen?“ fragte ſie und blies lange Wolken aus ihrem Munde in die Morgenluft. „Ich habe auch meinen Willen,“ entgegnete Adal⸗ bert Lambeck,„und dieſes Mal habe ich ihn zuerſt aus⸗ geſprochen.“ Cigarita wollte etwas erwidern, als plötzlich, einem Seitenwege folgend, Joſephſon mit Willibald, Riegenſtahl und einigen fremden Künſtlern daher gewandelt kam. „Ah!“ rief der Temperamaler grimmig,„das fehlte auch noch!“ Und nun gab er ſeinem Pferde die Sporen und jagte denſelben Weg zurück, den er eben gekom⸗ men war. 1. 4 Cigarita, zuerſt die Künſtler freundlich grüßend, die ihr einen guten Morgen zuriefen, wandte dann langſam ihr Pferd und ritt in kurzem Galopp dem ſonderbaren Begleiter nach. Bald hatte ſie ihn wieder eingeholt, denn er wartete in einem Laubgange auf ſie, nachdem er ſich überzeugt, daß die Freunde einen andern Pfad eingeſchlagen. SKie ſind ein eigenthümlicher Ritter,“ ſagte ſie lä⸗ chelnd, aber ſchon mit mehr Milde als zuvor,„eigentlich hätte ich Sie Ihrem Schickſal überlaſſen ſollen,.. 4 — 286— „Sie können es jeden Augenblick thun— ich bin es zufrieden.“ 3 „Jetzt will ich wieder nicht. Reiten wir langſam.“ Nun ritten Beide ſchweigend im Schritt neben ein⸗ ander her, als wäre nicht das Geringſte zwiſchen ihnen vorgefallen. Der Maler blickte unverwandt, mit geröthe⸗ tem Geſicht, auf den Hals ſeines Pferdes, von den blitzen⸗ den Augen ſeiner Gefährtin dann und wann beobachtet. Der ſtolze, kühne und kurz angebundene Mann hatte ihr einen Zügel angelegt, wie ſie ihm auf gleiche Weiſe ge⸗ than hatte, ſie waren wie Nord⸗ und Südpol, Beide einander abſtoßend, wenn ſie ſich vertraulich nähern wollten.— „Das muß ein Ende nehmen,“ dachte endlich der Maler, und plötzlich ſein Pferd dicht an das ihrige heran⸗ drängend, ſah er ſie⸗ it flammenden Blicken an. Ciga⸗ rita ritt dicht an den Bäumen, ſie konnte nicht auswei⸗ chen. Sie erhob ihre funkelnden Augen und blickte ihn verwundert an. 3 1 „Cigarita,“ ſagte er mit vor innerem Kampfe erſtick⸗ ter Stimme,„weichen Sie mir nicht länger aus, Sie wiſſen, was ich ſagen will.“ „Ich weiß nichts!“ war die kurze, ſtolze Antwort. „Dann ſollen Sie es ſogleich hören. Ich bin ein Mann, wie Sie ein Weib ſind. Ich bin ein Künſtler —=— Sie wiſſen es. Ich habe ein Herz.— Sie wiſſen — „ W — 287— es. Mein Herz iſt voll— übervoll zum Zerſpringen. Ich habe nie geliebt— jetzt liebe ich, auf eine entſetz⸗ liche Weiſe und nur Sie allein können meine Gefühle erwidern.“ Cigarita zuckte zuſammen, ihre Augen ſclenderten einen Doppelblitz dieſer kühnen Sprache entgegen, dennaz ſchwieg ſie hartnäckig. „Antworten Sie mir, ich habe nichts mehr zu Hagen. Wohin Sie wollen, nach Amerika, Aſien oder Afrika— wohin Sie wollen, heute oder morgen, ich folge Ihnen, wenn Sie es verlangen.“ „Wer ſagt Ihnen, daß ich die Inſel verlaſſen will?“ Ich verlaſſe ſie nie, ich bin glücklich hier.“ „Dann machen Sie auch mich glücklich. Werden Sie mein Weib, wie es die Andern meinen Freunden gewor⸗ den ſind— ich kann nicht bitten, nicht flehen, das ver⸗ ſtehe ich nicht. Sagen Sie Ja oder Nein! Im erſteren Falle bleibe ich hier und bin ein glückſeliger Menſch, im anderen gehe ich heute von hier fort und Niemand auf dieſer Welt ſieht mich wieder.“ Cigarita war gerührt, gerührter von dieſen kräfti⸗ gen Worten, als je zuvor in ihrem Leben. Jetzt blickte ſie auf den Hals ihres Pferdes. Der kühne Reiter ritt noch dichter an ſie heran und umfaßte mit ſeinem linken Arm ihre Hüfte, während ſeine Rechte die Zügel des Mſerdes ergriff. Ein nervöſes Zucken fuhr dn ch K 3 Glieder des Malers bei dieſer Berührung. Er hatte die Sonne ſeines Lebens, die er bisher nur empfunden, mit ſe en Armen berührt und ſie verſengte ſeinen Athem. Unbeweglich aber, wie die Sonne am Himmel ſelbſt, blieb dieſe ſeine irdiſche Sonne, ſie wehrte ſeiner Berüh⸗ rung nicht, ſie ſchien ſie nicht einmal zu bemerken. Träu⸗ meriſch blickte ſie nieder. „Antworten Sie mir!“ brach er ſtürmiſch hervor. „Was ſoll ich antworten?“ flüſterte ſie.„Wiſſen Sie nicht, daß ich mir nicht gehöre? Ich habe eine Her⸗ rin und einen Gebieter. Nur ſie allein haben über mein Schickſal zu entſcheiden.“ Wie ein Blitzſtrahl durchfuhr es bei dieſen hoffnung⸗ verheißenden Worten den Temperamaler, er ſah ein, was er verabſäumt, er hatte ſeinen Freund, Eduard Hutten, vergeſſen, und der konnte in ſeiner liebevollen Gemüths⸗ art ſeinen Untergang nicht wollen. Denn nur um Leben und Untergang handelte es ſich jetzt in ſeinem Herzen. „Ich bin zufrieden,“ ſagte er leiſe und zog ſeinen Arm zurück,„ich werde mit Hutten ſprechen.“ Und ohne ein Wort weiter zu wechſeln ritten die beiden Reiter, das ſchwarze Weib und der weiße Mann, nach dem Schloſſe, wo ein Diener ihnen die Pferde abnahm. Adalbert begab ſich zu Raphael, Cigarita dagegen petrat augenblicklich Beata's Gemach, wo ſie die beiden zäͤrtlich Gatten allein fand, die Arm in Arm auf — 289 einem Divan ſaßen.— Thränen. der Negerin aus den Augen, ſie warf ſich ſchluchzend zu den Fü⸗ ßen der beiden Liebenden und umſchlang ihre Knice, während ihr Buſen wie ein ſtürmiſches Meer wallte und kochte.. Beſtürzt ſchaute Hutten auf, eben ſo ſeine Gattin. „Was iſt geſchehen?“ riefen Beide. „Ach, meine beſten, einzigen Freunde,“ ſchluchzte die heftig ergriffene Negerin,„ich habe keinen Vater, ich habe keine Mutter, ich habe kein Vaterland, Ihr allein ſeid mir dieſes Alles. Verſtoßet mich nicht von Euch, die Welt ohne Euch und außer Euch iſt ſo rauh, ſo kalt, bei Euch allein bin ich glücklich, bin ich in meiner Heimath—“* „Aber wer will Dich denn verſtoßen, Cigarita!“ rief Eduard und zog die Freundin Beata's empor.„Was iſt denn geſchehen?“ „Der ſchwarze Maler mit den brennenden A lugen hat um mich geworben, er will mich zum Weibe, aber ich will Euch nicht verlaſſen!“ „Adalbert Lambeck? Weiter nichts? Will er denn mit Dir fort von uns?“ „Nach Aſien, Afrika oder Amerika, hat er geſagt, wohin ich will.“ „Aber Du willſt ja nicht dahin, das war ia nur ein Der Inſelkönig. V. 4 290— Beweis ſeiner großen Liebe zu Dir. Wenn Du bleibſt, bleibt er auch.“ „Er will bleiben? Ach, wenn er bliebe!“ „Nun, und dann? Liebſt Du ihn nicht?“ 1„Er iſt ein Weißer und ich eine Schwarze! Welche Verbindung! kann das eine wahre Neigung von ihm ſein?“ „Das müſſen wir ihn allein entſcheiden laſſen, Ci⸗ garita; die Frage iſt nur die, ob Du ihn zum Manne willſt.“— „Ja, wenn er vergißt, daß meine Haut die Farbe der mittägigen Sonne hat und wenn er bei Euch bleibt. Sonſt nie— nie!“ Eduard ſah Beata an, als wollte er ſagen: habe ich Dir es nicht lange geſagt? Beata nahm die weinende Negerin in ihre Arme und küßte ihre ſchöne Schulter. „Wir wollen ihn fragen,“ ſagte ſie liebevoll,„Du ſollſt uns nie verlaſſen, dinfen wir r ibm aber ſagen, daß Du ihn magſt?“ „Ja, ja, aber unter einer Bedingung!“ „Und welches iſt die dinhng. Cigarita?“ fragte Beata.— „Komm hierher bei Seite, nur Dir allein kann ich es ſagen“ Und die noch ſchönere Freundin in eine Ecke ziehend, flüſterte ſie leiſe, während ihr Buſen noch ſtürker wogte:„Hat er auch an Alles gedacht? Weiß er, daß die — 291 Kinder einer ſchwarzen Mutter und eine gelbe Haut haben? Ach, un wird er dann glücklich bleiben? Die gden ben dieſe Farbe nicht. Das ſage ihm.“— entſprang ſie in's Nebenzimmer. Beata theilte lächelnd die von Cigarita beſt mt Bedingung ihrem Gatten mit und blickte ihn fragend an. „Sie hat Recht!“ ſagte Hutten.„An den Kindern merken die Weißen, die eine ſchwarze Liebe haben, erſt, daß die Mutter dieſer Kinder keine Weiße war. Ich will ſogleich Lambeck rufen. Das muß entſchieden werden. Ich mag keinen Liebesjammer um mich her, wo wir Alle nur glücklich ſind; auch der Joſephſon fängt ſchon an, vor Sehnſucht zu kränkeln. Es wird Zeit, daß ich mein ihm gegebenes Verſprechen halte.“ Und er ging ſogleich an ſeinen Telegraphen und ließ die Glocke im Künſtlerhauſe ertönen. Die Antwort ergab, daß Adalbert ausgeritten ſei. Das war nach Ci⸗ garita's Verſicherung nicht wahr, er mußte alſo wo anders ſein. Einige andere Glocken wurden in Bewegung ge⸗ ſetzt, aber keine Antwort lautete befriedigend. Endlich, wie man an den richtigen Ort ſtets zuletzt gelangt, erhielt Eduard von Raphael die Antwort: Lambeck iſt hier, er kommt ſchon.. Doch gehen wir zu dieſem zurück, der unmittelbar aus dem Garlan zu Raphael gelaufen war. Er 2 19* ein zu treffen, unglücklicher Weiſe aber wa⸗ Joſephſon, Riegenſtahl und Willibald zum nachdem ſie die Künſtler an den d geleitet von ihnen Abſchied genommen hatten. Raphael war mit den Freunden im Atelier, Judith 4 nicht dabei. Alle bemerkten die Aufregung des ſonſt ſo gefaßten und gemüthsruhigen Temperamalers und ſchau⸗ ten ihn verwundert an. „Nun, was giebt es, Adalbert?“ fragte Raphael, „Du haſt Schweißtropfen auf der Stirn.“ „Er hat einen Morgenritt gemacht!“ lächelte Jo⸗ ephſon Der Temperamaler warf ihm einen ſchrecklichen Blick zu, der aber an dem Harniſch der Gleichmuth des Hof⸗ marſchalls abprallte. „Ich wollte Dich beſuchen,“ ſprach er dumpf,„nun, da Du nicht allein biſt, gehe ich.“ Joſephſon faßte den ſich Umwendenden am Arm. „Bleib,“ ſagte er,„wir haben ſo eben von Dir geſprochen, heute biſt Du der Wolf, den wir hetzen, nicht ich.“ „Was habt Ihr geſprochen, ich will nicht hoffen—“ „Eine Frage wirſt Du uns wohl erlauben. Erin⸗ nerſt Du Dich noch Deiner Eintheilung der idlihe 5 Gheiten, Adalbert?“ 4 — 293— „Was ſoll das hier? Ich bin nicht zum aufgelegt.“ „Aber wir! Warum reiteſt Du, nachdd m D. vor Niemandem gezeigt, mit einer Schönh für die wir, nach Deiner eigenen Aſicht, k cirung haben.“ 6 ℳ „Wolf hat Recht,“ ſtimmte Raphael lächelnd „Cigarita iſt eine Schönheit, wir finden das Alle.“ „So, findet Ihr das? Das beweiſtt allein, daß Ihr nicht blind geworden ſeid, nachdem Ihr Eure Augen und Herzen an nicht ſo blendende Schönheiten verloren.“ Die Freunde lachten nun laut; der Temperamaler . ging knirſchend im Gemach umher und ſtieß beinahe Alles V — . um, was ihm in den Weg kam. „Ja,“ ſagte der ſonſt ſo ſanfte Willibald,„eine bleiche Schönheit kann man Cigarita nicht nennen.“ „Eine roſige auch nicht!“ bemerkte Raphael und be⸗ achtete nicht den vernichtenden Blick, den ihm der Urhe⸗ ber dieſer Schönheitstheorie zuwarf. „Es bleibt alſo nur die blendende und Pppige übrig,“ 6 gewiſſen Sinne, üppig aber ganz gewiß, alſo gehört ſie doch in eine der vier Klaſſen.“ „Ach, was ſtreitet Ihr Euch!“ rief Wolf jubelnd. „Sehet doch dieſen wilden Löwen an, er giebt ſich ja ſelbſt gefangen und geſteht, daß er eine Hauptklaſſe vergeſſen 4 ſagte Riegenſtahl kichernd.„Blendend iſt ſie freilich im — 294— d die gehört in ſein eigenes Vaterland. Mit Einem eer Löwe lächelte und zeigte damit zuerſt, daß er ndigt war. Tumultuariſch umringten ihn Alle und woollten von ſeiner Unterhaltung mit der ſchwarzen Schön⸗ heit Vortheil ziehen. „Seid Ihr verrückt geworden?“ rief der Tempera⸗ maler mit ſeiner Löwenſtimme,„was wollt Ihr von mir?“ „Nehmt Cuch in Acht, Ihr Künſtler!“ rief Joſeph⸗ ſon,„noch iſt das wilde Thier in ihm nicht ganz todt. Seht, er ſchlägt einen Reif, wenigſtens mit ſeinen Augen, und ſeine Tatzen ziehen ſich ſchon zuſammen.“ Wuthentbrannt wollte Lambeck etwas Grimmiges erwidern, da ſchlug die Telegraphenglocke in Raphaels Zimmer ſieben Mal an, ein Zeichen, daß Hutten ihn rufe. „Still,“ ſagte er,„der Telegraph ſpricht.“ Und er ging an ſein Büreau und las die Taſten, die ſich erhoben. „Lambeck!“ rief er laut. Dann, nach einer Weile:„Du ſollſt zu Hutten kommen, er ruft Dich!“ Der ſo plötzlich aus ſeinem Grimm Geſchreckte ließ die Hände an ſeinen Leib herabſinken; ſein Barett auf⸗ raffend und:„Er iſt mein Schickſal!“ murmelnd, verließ er raſch das Atelier, um ſich zu dem Bewohner des Pa⸗ pillons zu begeben. Der iſt todt, mauſetodt!“ ſagte Joſephſon, als er garita iſt eine ſchwarze Schönheit. Nicht wahr, —— ſind angenommen, Cigarita!“* — 295— fort war.„Paßt ni wir haben heute ein Prnut aar bei Tiſche mehr. O, welche Luſt!“ 5 Eduard empfing ſeinen Freund gütig wie immer, wenn er Jemanden glücklich zu machen wußte. Sie hat⸗ ten eine lange Unterredung. In Allem waren ſie einig. Zuletzt kam Cigarita’'s Bedingung. „Was?“ rief Adalbert Lambeck,„auch Du? Sie iſt nicht ſchwarz, das ſchwöre ich Dir, ſie iſt roſig, golden üppig, blendend, kurz, Alles, was Du willſt— aber ſchwarz iſt ſie nicht, und wäre ſie es— und wäre ſie roth, wie Deine Indianer, gelb wie die Mulatten, ich liebte ſie und nähme ſie doch zum Weibe, wenn ſi mich wollte.“— 1 „Und Du ſelbſt willſt mich nie mit ihr delaſſn:⸗ „Nie, nie, mein theuerſter, edelſter Freund!“ Eduard öffnete ſeine Arme und ſchloß den vollkom⸗ men gebändigten Löwen an ſeine Bruſt. Dann öffnete er die Thür zum Nebenzimmer und Lambeck ſah Cigarita neben Beata ſitzen, ihren ſchönen Kopf an dem ſchöneren Buſen der Freundin verbergend. „Da iſt er!“ ſagte Eduard und führte ihn zu den harrenden Frauen.„Ich habe ihn. Deine Bedingungen — 296— Und Beata winkend, zog er ſie in das Nebemzim⸗ hinein. Lambeck aber, mit thränenden Augen, ſtand vor der glühenden Cigarita— ihre brennenden Blicke verzehrten ſich. Dann öffneten ſich ihre Arme, und das ſchwarze Mädchen lag an der Bruſt des weißen Mannes. 7 — 5 8 *„Das werden zwei ſehr verſchiedene Paare ſein, die wi Louiſe und die wilde Cigarita, der duldſame junge welches die W üindungsſtufe zwiſchen beiden bildete.— Füuftes Kapitel. Die Brautfahrt. Eduard und Beata befanden ſich am Nachmittage die⸗ ſes Tages in ihrem Billardzimmer und unterhielten ſich K allein mit ihrem Lieblingsſpiele. Eduard war zerſtreut 4 und Beata ſpielte beſſer als er. „Was haſt Du nur, mein Freund?“ fragte die Gattin. „Frage lieber was wir haben. Wir haben wieder zwei Bräute auf der Inſel, und ich denke ſchon an n ihre Hochzeit.“ Geiſtliche, und dieſer friſch gebändigte Löwe Adalbert, wie Du ihn nennſt.“ „ vinſchte, wir hätten noch ein drittes Paar, — 298— Aufrichtig geſtanden, Joſephſons Liebe liegt mir ſchwer am Herzen, und es wird Zeit, daß die Frucht genoſſen werde, ſie iſt überreif.“ „Du kannſt aber doch nicht nach Rom reiſen, um den widerſpenſtigen Vater zu bereden.“ „Das will ich auch nicht. Mir iſt Alles geglückt, ich kann es en eingeſtehen, Beata, das Schickſal ſelbſt hat für mich gearbeitet. Der arme Joſephſon allein bleibt verwaiſ' zurück, ohne daß ich ſehe, wie ihm zu helfen. — Schon lange habe ich ſeine Faſſung und Geduld be⸗ wundert.“ In dieſem Augenblicke ging leiſe die Gartenthür auf, und ein ſchöner Kopf mit dunkeln Feicheitelten Haarei ſchaute lächelnd herein. „Störe ich?“ fragte die holdſelige Judith und grüßte Augen und Händen. „Du ſtörſt nie!“ rief Beata. „Geſchwind, geſchwind herein, ein ſo ſchöner Gaſt iſt ſelten nicht willkommen,“ fügte Eduard hinzu. Judith war ſtrahlend von Heiterkeit und Frohſinn. Als ſie die Gatten allein ſah, ſprang ſie ſogleih in's Zimmer, mehr als ſie ging. 3„Ich bringe eine Botſchaft,“ ſagte ſie,„rathet ein⸗ mal, welche?“ Das können wir nicht, Judith, für uns giebt es 1 8 8 — 299— viele Orte, von denen eine Botſchaft einlaufen kann. Iſt es von der Inſel?“ „Nein, nicht von der Inſel. Aber nicht weit davon. Hier iſt ein Brief an mich!“ Und ſie hielt einen in roſa Seidenpapier geſchlagenen Brief in die Höhe. Eduard und Beata riethen mit einander. „Zerbrecht Euch die Köpfe nicht, Kinder,“ rief die junge Frau munter,„Du, Beata, nun einmal gar nücht Du kennſt den Schreiber nicht.“ „Alſo iſt es ein Schreiber?“ „Oder eine Schreiberin! Was weiß ich!“ „Ach, nun weiß ich es!“ rief Eduard freudig,„es iſt ſchon wieder der Wolf in der Fabel, und den Wolf betrifft es ſelber, nicht wahr?“ „Richtig gerathen! Emma hat geſchrieben. Sie iſt in der Hauptſtadt.“ „In der Hauptſtadt? Mit ihrem Vater?“ „Gewiß, immer mit ihm. Er iſt ganz hergeſtellt, glücklich und froh, und hat nun endlich ſein letztes Ziel erreicht. Er iſt Juſtizminiſter geworden.“ „Juſtizminiſter?!“ ſprach Eduard bedenklich und faßte ſich an die Stirn.. „Ja, geſtrenger Herr und Gebieter! Juſtizminiſter! Und die kleine Emma iſt außer ſich vor Entzücken, wiede in unſerer Naͤhe zu ſein; ſchon ſeit drei Tagen ſind — 300— zurück. Sie weiß Alles, was hier vorgegangen und ſendet die freundlichſten Grüße.“ „Hat ſie nichts von Joſephſon geſagt?“ „Gewiß hat ſie das. Sie herzt und küßt ihn in Gedanken, da ſie es in der That noch nicht darf.— Ihr Vater weiß noch nichts, weder von ihrem Verſprechen an uns, noch von ihrer Neigung. Das arme Kind, ſeit⸗ dem ſie einen Verlobten im Stillen hat, hat ſie ihn auch noch nie geſehen, höchſtens alle vier Wochen einen Brief gewechſelt. Ihre Abreiſe hierher hat ſie ihm aber nicht melden können, da ſie zu raſch vor ſich ging. Und da ſie weiß, daß Wolf Joſephſon jetzt ein bedeutender Mann geworden, ſo hat ſie— nun, das könnt Ihr Euch vor⸗ ſtellen.“ Eduard ſtand, im Innern ſich bedenkend, ſhwetend vor der erfreuten Botin. „Hat ſie nichts von mir geſchriiben fragte er nachdenklich. „Nichts als Grüße; nur ſchreibt ſie, ihr Vater litte nicht mehr an ſeinen Anfällen, und das käme daher, weil er nach reiflicher Ueberlegung zu der Ueberzeugung ge⸗ kommen wäre, daß ein gewiſſer Eduard Hutten Stolling toodt wäre, und weil er, wenn er noch lebte, ſich längſt um ſeine Erbſchaft beworben und gemeldet hätte.“ „Aber mein Gott, iſt denn der Mann wahnſinnig? en ihm die Zeitungen, die Nachrichten aus der Haupt⸗ ᷣ . ſtadt, mich nicht unter den Lebenden und Glücklichen an⸗ gegeben?“ „Das hält er Alles für Täuſchung oder für einen Zufall. Doch Mehreres weiß ich nicht.“ „Ich muß ſogleich Joſephſon ſprechen. Ich will keinen Augenblick in dieſer Sache verlieren. Freut Euch, Kinder, es giebt wieder eine Hochzeit für drei glück⸗ liche Paare. Und nun laßt mich auf mein Zimmer gehen, ich muß dem Premierminiſter anzeigen, daß ſein Schwiegervater ſein Kollege geworden iſt.“ Er wollte gehen, nachdem er ſich den Damen em⸗ pfohlen, aber ihr leiſes Geflüſter hielt ihn einen Augen⸗ blick zurück. „Was giebt es?“ Beata näherte ſich ihm ſchmeichelnd, mit geneigtem Köpfchen und ſchmelzenden Augen. „Dürfen wir horchen, Eduard?“ fragte ſie.„Wir möchten gern ſeine großen Augen ſehen, die er machen wird.“— „Horchen? pfui! Nein, gewiß nicht. Kommt aber mit in mein Zimmer und ſetzt Euch auf den Divan im Nebenzimmer, ich laſſe die Thür auf.“ „Närrchen, das iſt's ja eben, was wir wollen!“ und ſie raubte dem Geliebten einen flüchtigen Kuß. Alle Drei gingen ab. Fünf Minuten darauf trat Joſephſon in Sduards — 302— Wohnzimmer; er hatte keine Ahnung von Dem, was ihn erwartete. „Du rufſt mich, ich komme,“ ſagte er.„Was ſoll ich?“— „Joſephſon,“ begann Hutten ſehr ernſt und heftete ſein ſprechendes Auge feſt auf des Freundes Antlitz, „Du haſt Dich in den Dienſt meiner Herrſchaft begeben und ſollſt Urſache haben, dieſen Dienſt ſehr bitter zu finden.“ „Im Gegentheil, er iſt ſehr ſüß, ich habe nur An⸗ genehmes zu thun.“. „ Das iſt es ja. Jetzt kommt etwas Unange⸗ nehmes.“ „O, was denn?“ 4 „Du mußt augenblicklich eine Reiſe antreten, Wolf.“ „Gern, wohin ſoll ich? mit welchen Aufträgen?“ „Es geht weit, Wolf, ſehr weit. Die Aufträge ſind kitzlig.“ 8 „Nur heraus damit. Ich brenne vor Ungeduld, Jemanden zu kitzeln.“ „ Wenn Du nun aber ſelbſt gekitzelt wirſt?“ 2 „O, das laß nur gut ſein, ich fürchte mich nicht.“ „Das iſt nur Prahlerei. Wenn Du weißt, an wen mein Auftrag lautet, wirſt Du erbleichen.“ Joſephſon erröthete ſtark. — — —— erbleichen. Dieſe Farbe kenne ich nur an Adalberts Schönen.“ „Nicht an Deiner eigenen?“ Joſephſon erröthete noch ſtärker. „Nun, da wir gerade davon ſprechen, Du mußt augenblicklich zu Deinem zukünſtigen Schwiegervater reiſen.“— Und nun erbleichte der edle Menſch doch. „Nach Rom?“ fragte er beinahe fieberhaft. „Nicht nach Rom, wohl aber nach der Hauptſtadt— er iſt ſeit drei Tagen daſelbſt angelangt, und zwar als— Juſtizminiſter.“ Joſephſon trat einen Schritt zurück. „Und was ſoll ich bei ihm?“ fragte er dann ernſt weiter. „Um die Hand ſeiner Tochter werben, die Dich grüßen läßt und Dich wahrſchein jeden Augenblick erwartet.“ „Eduard?!“ „Joſephſon!“ „Iſt es Dein Ernſt? Ich weiß nicht, was ich von dieſer plötzlichen Ankunft und dieſer Standeserhöhung denken ſoll. Wie lange weißt Du es?“ „Ich habe es vor fünf Minuten erfahren. N Dein Muth ſchon eigſihen: „Sprich,“ ſagte er.„Ich höre und werde nicht 3. — 304— „Stelle noch dreitauſend Teufel an ſeine Seite, und frage mich, ob ich meinen Muth verliere.“ „Sachte, ſachte! der eine Teufel in ſeiner Bruſt iſt ſtark genug, Dich zu beſiegen.“ „Welcher Teufel?“ „Den Du kennen lernen ſollſt, da Du doch einmal mit Teufeln zu thun haben willſt. Alſo genug. Mache Dich reiſefertig, nimm meine beſte Equipage. Halte in meinem Palaſt in der neuen Straße einen feſtlichen Einzug mit einem ganzen Troſſe glänzender Diener. Beſtich ihn mit Glanz. Laß Dich bei ihm melden. Sage: hier bin ich— Deine Tochter, oder—“ „Oder was?“ „Still, ſo weit ſind wir noch nicht. Biſt Du ent⸗ ſchloſſen?⸗ „Augenblicklich. Weiter nichts?“ „Das iſt genug, mache Dich fertig, ich werde oogleich ſelbſt den Wagen und die Diener beſtellen, die Dich be⸗ gleiten ſollen.“ Joſephſon war zur Thür hinaus und ſprang nach ſeiner Wohnung hinauf, daß die Stufen der Treppe krachten. „Halloh!“ rief er.„Vorwärts! Wir holen uns eine Braut! Hundert Millionen— wer hätte das gedacht!“ Wenn ihn jetzt Adalbert Lamec Fehen u, ———.— der hätte Rache nehmen köoͤnnen für den gebändigten Löwen an dem in der Falle gefangenen Wolfe und für die ſchwarze Schönheit an der bleichen mit blonden Locken! — So wandelbar ſind die Schickſale der Menſchen, und ſo ſchleudert die Schwachen, die ſich bei ihrer Schwäche groß und ſtark dünken, die mächtigere Welle des Lebens bald auf ihrem aufſteigenden Rücken gen Himmel, bald auf der niederſteigenden in den verſchlingenden Abgrund hinab. Und in weniger als zwei Stunden kam der Glück⸗ liche wieder, um Abſchied zu nehmen, einige beſondere Verhaltungsbefehle zu empfangen und noch eine Viertel⸗ ſtunde— und der luſtige Joſephſon, ſammt ſeinem Ge⸗ päck, ſeinen Wagen, ſeinen Pferden, ſeinen Dienern war über den Fluß geſetzt und jagte, was die Pferde laufen konnten, der Hauptſtadt zu. Kehren wir jetzt zu dem Kammergerichtspräſidenten Ramkau zurück, den wir vor zwei Jahren und etlichen Monaten verlaſſen haben, als er krank, ſiech, moraliſch und phyſiſch vernichtet, ſein Vaterland und ſein ſchwieri⸗ ges Amt verließ, um in des Südens wohlthätigem Klima nicht allein die verlorene Geſundheit, ſondern auch das entſchwundene Glück, die verwüſtete Ruhe ſeines Gemüths, Der Irſelkönig v. 20 — 306— das Gleichgewicht ſeiner ſonſt ſo ſtarken Seele wiederzu⸗ finden.— Und er hatte alles Dies wiedergefunden. Das fremde Land, die geſunde belebende Luft, die Zerſtreuung, die Ruhe und eine bis zum Aeußerſten getriebene Pflege von Seiten ſeiner liebenswürdigen und vortrefflichen Toch⸗ ter hatten ſeine ganze Lebenskraft von Neuem geweckt, ſeinen Geiſt gereinigt und ſein Herz die düſteren Bilder der Vergangenheit vergeſſen laſſen. Schon in Nizza, wo er beinahe ein halbes Jahr geweſen war, fühlte er ſich wohler und leichter. Er aß und trank wieder mit Appe⸗ tit, ja er ſchlief wieder, was er ſo lange nicht vermocht, und endlich, als er die Luſt zur Weiterreiſe befriedigt, ſtellten ihn ſein ſtilles Leben in Rom, in Neapel und Palermo vollkommen wieder her. Mit der wachſenden Kraft und Geiſtesfriſche aber kehrte auch der alte Sinn, das Verlangen zurück, ſeinen ſo widerwärtig unterbroche⸗ nen Lebenszweck aufzunehmen und weiter zu verfolgen, denn ein ſo ehrgeiziger Menſch wie er war, kann ſich⸗ kaum einen Tag geſund und kräftig fühlen, ohne ſogleich den Wunſch zu hegen, regſam an ſeinem ihm vorſchweben⸗ den Glücksbilde zu arbeiten. So kehrte er nach Rom zurück und nahm daſelbſt ſeinen dauernden Aufenthalt, denn von einer Rückkehr nach Hauſe war für's Erſte nicht die Rede, da ſein Urlaub auf zwei Jahre lautete. Hier lernte er den Ge⸗ 4 — 307— ſandten ſeines Vaterlandes kennen und trat mit ihm in die freundſchaftlichſten Beziehungen; das diplomatiſche KLeben hatte immer einen gewiſſen Reiz für ihn gehabt; er war als Juriſt ſchlau, verſchlagen und als Menſch eben ſo kühn, wie er als Lebemann umgänglich und leut⸗ ſelig ſein konnte. Seine Beredſamkeit, in allen höheren Lagen des Lebens bewandert, zog die Aufmerkſamkeit vieler Großen auf ſich und er knüpfte weitläufige Be⸗ kanntſchaften an. Als daher ſein neuer Freund, der Ge⸗ ſandte, erkrankte und in ſeine Heimath zurückzukehren genöthigt war, weil ihm das warme Klima für die Dauer nicht zuzuſagen ſchien, ſchlug er den Präſidenten zu ſeinem augenblicklichen Stellvertreter vor, womit Dieſer zur Zeit einverſtanden war. Der Vorſchlag wurde vom vater⸗ ländiſchen Hoſe genehmigt, und da Ramkau ſich nach einer bequemen Arbeit mit möglichſter Auszeichnung ſehnte, welches Beides ein Geſandtſchaftspoſten an einem befreundeten Hofe in ſich vereinigt, ſo nahm er ihn unter dem Vorbehalte an, durch ſeine neue Pflicht nicht von ſeiner heimathlichen, ihm noch inniger am Herzen liegenden Laufbahn abgeſchnitten zu werden.— So blieb der neue Geſandte auf ſeinem Poſten, der dazu beſtimmt war, ihn in ſeine frühere Lebenskraft und Energie wieder überzuführen. Er war glücklicher als je, mit dieſem Glücke aber auch zugleich wicdes innerlih — 308— kühner, beharrlicher, trebiger und nbeugſamer denn zuvor geworden. Emma hatte genug Gelegenheit, dieſe Gemüths⸗ änderung in ihrem Vater wahrzunehmen, denn wie oft ſie das Geſpräch auf die Heimath, auf Judith, auf Joſeph⸗ ſon ſogar, als den ihrem Vater ſo unausſprechlich Er⸗ gebenen brachte, und welche Empfindungen dieſe lebhafte Erinnexung an ſo kleine, unbedeutende Menſchen in ſeiner Tochter auch hervorrief, der ſtrenge Vater offenbarte nicht den geringſten Antheil daran, und Emma war ſo weit von ihrem Herzensziele entfernt wie je. Joſephſons Briefe, durch Judith befördert, regten zwar in längeren oder kürzeren Pauſen ihr Gefühl, und eine laute Wiederholung ihrer Erinnerungen an— aber ſtets vergeblich. Der Geſandte hatte keine Ohren für. dergleichen Kleinigkeiten, er faßte das Leben jetzt mit andern Augen und andern Begriffen auf. Und dachte er wohl je zuweilen dabei an jenes alte quäleriſche Schreckbild ſeiner Jugend, an jenen verlorenen Knaben, ſeinen Stiefneffen? O ia, wohl dachte er daran, und ſehr oft ſogar; je häufiger er aber daran dachte, um ſo mehr ſtählte er ſich gegen dieſe Mahnung ſeines Gewiſſens, und endlich, als er ſich vollkommen geſund, kräftig und mächtig fühlte, bot er ihr ſogar Trotz. „Er iſt todt,“ ſagte er oft zu ſich, wenn ſeine Ge⸗ — 309— danken ihn heimſuchten,„er iſt todt, ganz gewiß iſt er das. Sonſt hätte er längſt von ſich hören laſſen. Und wenn er nicht todt iſt, ſo weiß er nichts von mir, denn von wem ſollte er eigentlich etwas wiſſen? Selbſt ſeinen Namen kennt er nicht wenn er lebt, wenigſtens höchſt wahrſcheinlich nicht, denn der Kerl von Menſch— dumm genug, daß ich mich von ihm hinter das Licht führen ließ — aber ich war damals jung, unerfahren und vertrauens⸗ voll— wird ihm denſelben nicht genannt haben, um ſich nicht ſelber zu verrathen. So dumm war er nicht, und ſelbſt wenn er ſeinen Namen wüßte, was will er von mir? Ich bin muthig, ich bin als Rechtsgelehrter berühmt, ich habe gegen ſeinen kleinen und unbedeutenden einen höchſt bedeutenden Namen. Sohbald ich Miniſter bin, und das werde ich bald ſein, decke ich die Geſchichte auf, um mir meine Zukunft auch nicht im Geringſten mehr zu ver⸗ bittern. „Meine Herren,“ ſage ich zu dem Vormundſchafts⸗ collegium,„ich bin der Miniſter Ramkau. Sie kennen mich. Mir ward vor ſo und ſoviel Jahren ein Knabe anvertraut. Ein Spitzbube ſtahl ihn mir. Um ſeine Familie nicht an den Pranger zu ſtellen—(dieſe Familie war, wie bekannt, er ſelbſt allein)— ſchwieg ich vor der Oeffentlichkeit. Im Geheimen habe ich Tag und Nacht geforſcht. Er iſt verſchollen, wahrſcheinlich todt. Sehen — 310— Sie, wie ich mit ſeinem Vermögen gewirthſchaftet habe; hier iſt der Beweis; jetzt hat es ſich verdoppelt. Nehmen Sie es hin und befreien Sie mich von der Bürde, es fer⸗ ner zu verwalten. Was dann?— Egxeellenz, wir ſehen, wie es liegt, ſagen ſie. Wir wollen der Form genügen und einen Aufruf erlaſſen. Das iſt Alles, ſo wird es kommen. Alſo Furcht? Zagen vor der Zeit?— Lächerlich! Ich muß doch früher ſehr ſchwach und elend geweſen ſein, daß eine ſolche kleinliche Poſſe mich aufregen konnte. Abgemacht! das war das lebie Mal, daß mich dieſe Bagatelle beſchäftigte!“ Da kamen die Zeitungs⸗ und Privatnachrichten von der ungeheueren Erbſchaft, die der Sohn eines Ameri⸗ kaners, eines gewiſſen Eduard Hutten in Amerika, gemacht habe, und ſpäter auch der Zuſatz, daß der Erbe ameri⸗ kaniſcher Geſandter am Hofe ſeines Königs geworden ſei. Er mußte alſo wider ſeinen Willen noch einmal an dieſe Beagatelle denken. „ Cduard Hutten?“ ſagte er nachdenklich,„der Name iſt derſelbe— aber was bedeutet ein Name! Möglich, daß dieſer junge Erbe ein natürliches Kind des Erb⸗ laſſers iſt, möglich— aber was denn? Iſt denn dieſer Erblaſſer mein Hutten, der Hutten, den ich kenne? Und wenn er es wäre— was ſoll er mir?— Dummes Zeug! Mich geht er nichts an! Mir hat er nichts ver⸗ macht und von mir kann er dem Erben nichts hinterlaſſen — 311— haben— und wenn auch— was ich nicht im Mindeſten glaube— nun dann wollen wir ſehen!“ Daran dachte der ſchlaue Mann alſo wohl, daß jener Erblaſſer derſelbe Hutten ſein könne, der in ſeiner Familie einſt eine Rolle geſpielt hatte, aber daran nicht im Ge⸗ ringſten, daß deſſen Erbe zugleich auch der von ihm ſelbſt verlorene Knabe ſei. Denn nie hatte er in einer Zeitung den Namen Stolling geleſen, wie denn derſelbe auch jetzt erſt allmählig in der Reſidenz bekannt wurde, und der Erbe als Hauptnamen nur den ſeines Adoptivvaters führte, wäh⸗ rend er früher ſich nach ſeinem Pflegevater Wollzagen ge⸗ nannt hatte. Emma aber hatte den Eduard gethanen Schwur gehalten, und von der Identität Wollzagens mit dem verlorenen Knaben geſchwiegen. Hätte ſie dieſen Schwur gegen ihren Vater gebrochen, ſo würde ſie dieſen— das wußte ſie beſtmmt— zugleich wieder in ſein früheres Unglück zurückgeſtoßen haben, und das wollte ſi G konnte ſie nicht, denn das Glück und die Ge dieſes theuern Vaters ging ihr über Alles. 8 Da trat in der Heimath die vorausſichtliche Er⸗ ledigung des Juſtizminiſterpoſtens ein. Es war eine be⸗ denkliche Aufgabe, in dem aufgewühlten Europa jetzt ein durchgreifender, umſichtiger, alle Welt befriedigender Vertreter der allgemeinen Gerechtigkeit zu ſein. Nur Ramkau in ſeinem Selbſtgefühle, ſeiner Schmiegſamkeit,. — 312— fühlte ſich dieſer Aufgabe gewachſen, und es gab zu Hauſe ihm anhängliche und ergebene Leute, die dieſe Hoffnung allmählig zu flüſtern unternahmen. Und ſiehe da, wie ein deus ex machina fiel er den Suchenden und Nichtfinden⸗ den vom Himmel. Es dauerte nicht lange, ſo wurden Unterhandlungen mit ihm angeknüpft, gleich darauf nahm er Urlaub nach der Heimath, und unterwegs, ſchon in Wien, traf ihn ſeine Ernennung. Wer war glüeklicher, ſtolzer, mächtiger als er! Sein Ziel war erreicht, glanz⸗ voll, ohne alle Winkelzüge erreicht, es war ihm nicht ein⸗ ſein Wiſſen, ſeine Berühmtheit Schuld, denn es gab ja keinen gelehrteren, umſichtigeren, erfahreneren Juriſten, als ihn. Und ſo fuhr er als Miniſter, von Geſundheit ſtrah⸗ lend, in die Hauptſtadt wieder ein, die er ſiech und ver⸗ iſteriums ſchon geräumt war, ſo betrat er als Sieger, llen Bekannten, Freunden und Verehrern wie ein Halbgott bewillkommnet, die neu decorirten Räume ſeines Palaſtes. da ſollte ihn der ehemalige Referendarius, der kleine gute Joſephſon, wie er ihn früher ſo oft ſcherzweiſe genannt, aufſuchen, mit keinem anderen Geſuche ſich nahend, als ihm ſogleich, ohne Weiteres, ſeine einzige Tochter zur mal ſchwer geworden. Daran war aber auch ſein Genie, veifelnd verlaſſen hatte, und da das Hotel ſeines Da ſaß er nun in ſeinem herrlichen Zimmer, und 8— — 313— 8— Frau zu geben. Denn das konnte ja dem überglück⸗ lichen⸗ wichen, ſchmachtenden Bräutigam nicht ſchwer werden! 4 Der neue Miniſter war zum Könige gefahren, der ſeit dem Morgen wieder in der Reſidenz war, und hatte 3 ſich vorgeſtellt. Emma war allein zu Hauſe und ſtand am Fenſter. Da rollte eine prächtige Equipage auf die Rampe, 3 mit zwei ſchwarzen Pferden beſpannt, wie ſie ſie nie ſo 5 ſchön und unbändig geſehen, und hintenauf ſtand ein Mohr in orientaliſcher Kleidung. 13„Wer mag das ſein?“ dachte das neugierige Mäd⸗ 3 chen, öffnete leiſe das Fenſter und ſchaute behutſam * uie Aber wie von einem Blitzſtrahl geblendet, fuhr ſie zurück und ſprang in den Corridor. Sie hatte Joſeph⸗ ſon erkannt, der, in feinſter Stadtkleidung, ſeine Meldung war.—„ Schon unten an der Treppe erfuhr er, daß Seine Excellenz beim Könige, daß aber Fräulein Emma zu Hauſe ſei.⸗ Da ſtanden ſie denn Beide und ſahen ſich an. Wie ſah er, der glatte, feine, ſchöne Mann, ſo geſund, kräftig und glücklich aus— und ſie— o wie lieblich erröthete 8 7 und ſeine Werbung in Einem Guſſe zu machen gekommen 4 — “ — 314— das zarte, ſonſt ſo wachsbleiche Geſicht mit den ſeidenen Goldlocken, die ſie noch immer trug, als ſie den Mann ſah, dem ſie ſich heimlich verlobt, mit dem ſie ſchon Jahre lang Briefe gewechſelt und alſo vertrauter war, als der Vater wußte. Was hatten ſich dieſe zwei Menſchen nicht Alles zu ſagen! Er war mehrere Jahre lang in der neuen Welt, ſie in Italien geweſen. Was hatte ſich in dieſer Zeit ereignet! Wie reich, wie glücklich war Joſephſon gewor⸗ den, ſo daß ihm zur vollkommenen Seligkeit nur dieſe kleine Hand fehlte, die jetzt in der ſeinigen lag, und noch eben ſo zart, weich und ſchön war, wie ſie es vor zwei Jahren geweſen, da er ſie noch nicht zu berühren gewagt hatte.— Joſephſon blieb beinahe eine Stunde, und da der Miniſter noch immer nicht zurückkehrte, fuhr er endlich ab, unter dem Verſprechen, gleich nach Tiſche wiederzukommen, zu welcher Zeit Seine Excellenz immer ſehr gnädig zu ſprechen war, wie Emma lächelnd erzählte. Beide waren voll Hoffnung, da der Miniſter ja keinen Grund hatte, ſeine Tochter dem Manne zu verſagen, den er nicht nur achtete, ſondern der auch reich genug war, dem verwöhnten einzigen Kinde des Miniſters das Leben zu verſüßen. Der Miniſter kam zurück, nachdem er dem erſten Anninernth beigewohnt, was ihn ſo lange aufgehalten hatte — 315— „Iſt Niemand hier geweſen?“ fragte er, als er mit ſeiner Tochter allein zu Tiſche ſaß. „O ja, Päterchen— Einer. Rathe einmal.“ „Der neue Kammergerichtspräſident?“ „Bewahre, etwas höher!“ „Nun, wer denn? Die Miniſter habe ich ja ge⸗ ſprochen.“ 5 „Ein Premierminiſter ſogar,“ ſagte ſie lächelnd.— „Nun, verwundere Dich nicht, Väterchen,“ fuhr ſie fort, „es war der ehemalige Referendar Joſephſon— Du kennſt ihn ja.“ „So— der. Was hat der mit einem Premier⸗ miniſter zu thun?“ „Er wird nur im Scherz ſo genannt von ſeinem Herrn, oder vielmehr ſeinem Freunde, deſſen erſter Rath und Beiſtand er iſt.“ „ Wer iſt ſein Freund?“ „Der amerikaniſche Geſandte, Mr. Hutten!“ Der Miniſter hob das Haupt und ſah ſeine Tochter etwas düſterer als gewöhnlich an. „Ueberall, wo man hinkommt, wird von dieſem fabelhaften Menſchen geſprochen,“ ſagte er langſam,„der König war ſogar bei ihm. Ich beneide ihn.“ „Der König und alle Miniſter, Väterchen. Schade, daß wir noch nicht hier waren, wir wären auch eingeladen worden. Er iſt ja ein alter Bekannter von uns.“ — 316— „Von uns, wie?“ „Erinnerſt Du Dich nicht jenes jungen Mannes, der mit bei den lebenden Bildern wirkte, als—“ „Ha! der? Ich weiß. Der iſt der Geſandte? Das wußte ich nicht. Haſt Du denn das ſchon früher gewußt?“ „Schon ſehr lange, mein Väterchen.“ „Durch wen?“ „Durch Judith.“ „So, ſo! Richtig! Und der Joſephſon iſt Secretair bei ihm 20 „Bei der Geſandtſchaft hat er nichts zu thun. Er iſt nur ſein Freund, und bezieht außer Wohnung und Koſt 4000 Thaler Gehalt.“ „4000 Thaler? Das hat er gelogen.“ „Väterchen!“ „Das hat er gelogen, ſage ich. Soviel giebt kein König ſeinem Freunde für nichts.“ „Er iſt auch reicher als der König, denke nur—“ „Schweig von der Fabel. Das iſt Alles nicht wahr.“— „Es iſt es doch— „Mein Kind, wenn ich etwas behaupte, ſo glaube Du es.“ „Aber Joſephſon hat es mir ja ſelbſt geſagt—“ „Was Du mir immer mit Deinem Joſephſon willſt — 4—— —„„ — — 317— — der Menſch ſcheint ein Windbeutel geworden zu ſein— für den Dienſt iſt er verloren, das ſehe ich ſöon—⸗ „Er will auch gar nicht dienen—“ „Er will nicht? Er kann nicht. Er ſoll nicht. Ich bin Miniſter!“ „Väterchen! Warum ereiferſt Du Dich ſo?“ „Weil alle Welt in das eine Horn bläſ't und Du mit ihr übereinſtimmſt. Ich mag das nicht leiden. Die Welt lügt, das mag ſie, aber nicht ſo ungeheuer dumm lügen, wie in dieſem Punkte. Du weißt, ich bin gerecht; was ich ſage, iſt wahr.“ „Aber er wird doch nicht ſagen, daß er mehr Ge⸗ halt habe, als er in Wahrheit erhält.“ Der Miniſter ſtand auf und ging aus dem Zimmer. Dies Geſpräch hatte ihm nicht gefallen. Er wußte nicht recht warum. Wäre er nicht mit ſich ſelber genug be⸗ ſchäftigt geweſen, er hätte die Wärme der Vertheidigung Joſephſons und ſeines Freundes auf Emma's Wangen leſen können, denn dieſe waren röther und immer röther geworden, was gewiß eine ungewohnte Erſcheinung bei ihr war. „Mr. Hutten⸗Hutten⸗Wollzagen!“ ſagte der Miniſter zu ſich und ging ärgerlich im Zimmer auf und ab,„muß mir dieſer Menſch gleich wieder auf allen Lippen begeg⸗ ““ — 318— nen! Habe ich nirgends vor ihm Ruhe? Hm! in Rom war es beſſer, ich hätte da bleiben ſollen.“ In dieſem Augenblicke fuhr ein Wagen auf die Rampe; der Juſtizminiſter hatte daſſelbe Schauſpiel wie ſeine Tochter vorher. Kaum erkannte er die von Emma beſchriebenen Pferde, ſo ſetzte er ſich feſt auf ſeinen Seſſel, nahm ein Buch zur Hand und that, als ob er läſe. „Herr Wolfgang Joſephſon!“ meldete ein Be⸗ dienter. „Laß ihn eintreten.“ Als der ehemalige Referendarius vor ſeinem Chef⸗ und Gönner ſtand, ſeinen gewöhnlichen Ernſt, ſeine jetzige neue Würde und die daraus plötzlich entſtandene Hoheit der Miene und des Gebahrens ſah, verlor ſich ſein ſan⸗ guiniſcher Muth um ein Bedeutendes und ſeine ſiegreiche Haltung verſchwamm etwas in die alte Ehrfurcht vor der gebietenden Stirn des Juſtizminiſters. Er verbeugte ſich tief, und bat um Verzeihung, daß er Seine Excellenz nach Tiſche ſtöre, er könne aber nicht die Zeit erwarten, ihn im Vaterlande wieder zu begrüßen und dabei ſeine Freude auszuſprechen, ihn ſo wohl und rüſtig wie nie vorher zu ſehen. Die Miene des Miniſters wurde bei dieſer ohne alle Schmeichelei und mit einem etwas ſicheren Tone vorge⸗ brachten, mehr herzlichen als unterthänigen Rede etwas —= — e — 319— finſtrer als gewöhnlich, und ſeine Stirnader ſchwoll ſicht⸗ bar an. „Sie machen mehr Worte als ſonſt,“ ſagte er etwas barſch.—„Sie haben alſo Ihre juriſtiſche Laufbahn verlaſſen?“ „Zum zweiten Male— ja. Das erſte Mal—“ „Vom erſten Male will ich nichts hören, das geht mich nichts an. Warum das zweite Mal?“ „Weil ich einen beſſeren, lohnenderen Dienſt fand, der mir eine günſtigere Zukunft bereitete, als der Richter⸗ ſtuhl mir jemals hätte bieten können.“ „Einen beſſeren Dienſt? Ich kenne nur einen, den allerbeſten.“ „Welcher iſt dies, Excellenz?“ „Sie fragen mich? Ei! Sie kommen mir ſehr verändert vor gegen früher. Ich kenne nur den Staats⸗ dienſt.“ „Ich kenne noch einen beſſeren, denn dieſer iſt nur ein Zweig des allgemeinen großen Dienſtes.“ „Sie erlauben gewiß auch mir, zu fragen, welcher dies iſt?“ „Ich meine den Menſchendienſt.“ „Das iſt entweder eine Redensart, oder er ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, und dann brauchten Sie ihn nicht zu erwähnen.“. „ Und dennoch erwähne ich ihn, wie Sie ſehen.“ —————— — 320— „Das höre ich. Was wollen Sie damit?“ „Eben einen Menſchendienſt.“ „Ah ſo, darum die Wortſpielereien— ich ver⸗ ſtehe— welchen Dienſt verlangen Sie?— aber ſeinen Sie kurz.“ „Excellenz, Sie waren mir früher wohlgeſinnt—“ „Sie haben Recht, ich war es.“ „Und Sie werden es wieder werden.“ „Wenn Sie in Ihren alten Dienſt zurücktreten, vielleicht—“ „Ich danke dafür, ein für alle Mal. Ich bin beſſer daran. Denn ich habe, wenn ich Alles in Anſchlag bringe, beinahe eben ſo viel Einkommen wie ein Miniſter und weniger Ausgaben als er.“ „Wollen Sie mir auch die Fabel aufbinden? Ich bin nicht ſo leichtgläubig wie der großen Haufe oder— ein Mädchen.“ „Excellenz, ich binde Niemandem eine Fabel auf, am wenigſten Ihnen.“ „Mit Einem Worte, wer iſt jener Kröſus, dem Sie zu dienen vorgeben?“ „Aha,“ dachte Joſephſon,„Eduard hat Recht gehabt — ich muß mich ſeiner Aufträge erinnern.“ „Ein edler Menſch,“ ſagte er dann laut,„der Sohn eines amerikaniſchen Handelsherrn, den er beerbt — 321— hat, jetzt Geſandter der Vereinigten Staaten von Nord⸗ amerika.“ „Das weiß ich. Er heißt Hutten, nicht wahr?“ „Eduard Hutten— ja, ſo heißt er, mit dem Bei⸗ namen Wollzagen.“ „Schon gut, wie kam er nach Amerika?“ Joſephſon, erinnerte ſich der Antworten in dieſem Falle, die ihm ſein Freund in dem Augenblicke ſeiner Abreiſe von der Inſel vorgeſchrieben hatte.„Eben durch ſeinen Verwandten,“ erwiderte er,„der ihn nach ſeinem Tode dahin berief.“ „Ein Verwandter, der ihn dahin berief? Wiſſen Sie das gewiß?“ „Er hat es mir ſelbſt geſagt, und mein Freund ſpricht die Wahrheit.“ „Das iſt gut. Iſt ſein Pflegevater bei ihm, der Pfarrer?“ „Alle ſeine Verwandten ſind bei ihm und von ihm hoch beglückt.“ „Wie kam er zu dieſem Pflegevater? Wiſſen Sie das nicht?“ „Aha,“ dachte Joſephſon,„Eduard hat Alles vor⸗ hergeſehen.“ „Auf ganz natürlichem Wege,“ ſagte er laut.„Seine Eltern ſtarben und überlieferten ihn durch ein Teſtament dem Pfarrer zur Erziehung.“ Der Inſelkönig. v. 21 — 322— „So, ſo! Ich ſehe nun ſchon klarer— beſſer— das iſt mir lieb.“ Dieſe Worte waren mehr innerlich gebrummt, als deutlich geſprochen. „Ich habe nicht recht verſtanden,“ ſagte der unge⸗ duldige Joſephſon, deſſen Herz bei der ſtrengen Miene des Miniſters pochte, wenn er an ſeine Werbung dachte, die doch nun gleich erfolgen mußte. Sich aber getroſt auf Eduards Hilfe ſtützend, ging er friſch an die ſaure Arbeit. „Ich ſagte nichts zu Ihnen,“ brummte der Miniſter. „Doch Sie wollten einen ſogenannten Menſchendienſt von mir— was iſt es?“ „Ich— ich— da ich ein wohlhabender Mann bin, mein Auskommen habe, ſo komme ich ganz einfach, Excellenz, Sie— um die Hand Ihrer Tochter zu bitten, die ich ijmmer geliebt habe.“ Beinahe hätte ihm die Excellenz in das Geſicht gelacht. Aber ſie mäßigte ſich, ſah ihn ſtrenge an und rief ihm zu: „Das iſt freilich ſehr einfach! Sie ſind im vor⸗ trefflichen Zuge! Sie— meine Tochter! meine Emma! Wie kommen Sie zu dieſem ſonderbaren, erhabenen Ge⸗ danken?“ „Er iſt weder ſonderbar, noch erhaben, Excellenz, — 323— vielmehr ſehr natürlich. Denn ich komme dazu, wie Männer überhaupt dazu kommen, ſich eine Frau zu wählen, die ihnen gefällt.— Ja, haben Sie nicht ſogar ſelbſt die Tochter Ihres Chefs, des Juſtizminiſters, geehelicht?“ 3 „Er war auch mein Chef— und ich war Rath— ich bin Ihr Chef nicht mehr— Sie ſind kein 6 Rath.“ G „Ich bin mehr als das— ich bin unabhängig und reich.“— „Was, unabhängig? Sprechen Sie im Schlafe? Sie beziehen Ihr Einkommen als Geſchenk eines Freundes, ſagten Sie mir.“ „Das bleibt mir für immer— denn wir tren⸗ nen uns nicht, und wenn wir uns trennen, was Gott verhüte, ſo bleibt mein Einkommen geſichert, er hat es mir gelobt.“ „Gelobt? Unzertrennliche Freunde? Glauben Sie daran?“ „So gut, wie ich an Gott glaube.“ „Ah! junger Mann— Sie ſind ſehr zuverſichtlicher Natur geworden— aber genug— Sie irren ſich in mir— meine Tochter wird nie Ihre Frau— ich danke Ihnen für Ihren Beſuch— aber Sie brauchen mich nicht wieder zu beehren.“ 21 ——— — 324— Joſephſon ſtand wie verblüfft und ſah den alſo Sprechenden mit ſtieren Augen an, der ſich auf ſeinem Seſſel herumdrehte und that, als ob er läſe. „Iſt das Ihr Ernſt, Excellenz?“ fragte er dann mit einer geheimen Wuth, die ſich noch in ſeinem Innern hielt.— „Ja, mein Herr!“ „Nein, mein Herr!“ „Mein Herr, Sie werden unverſchämt. Unſre Unter⸗ redung hat ſchon zu lange gedauert.“ Joſephſon ſtand wie angewurzelt, ſeine Augen bohr⸗ ten ſich auf den ſtolzen, ungemüthlichen Mann. „Haben Sie mich nicht verſtanden?“ brauſtte er auf.„Soll ich meinen Bedienten rufen und Sie hinaus⸗ führen laſſen?“ Das Geſicht des tödtlich Verletzten flammte in Zor⸗ nesröthe auf. Er wollte losbrechen, aber beſann ſich. Auch er war ſtolz, aber dieſer Stolz hatte nichts Belei⸗ digendes, Durchdachtes, Abſichtliches. Ohne Wort, ohne Gruß, mit einer verächtlichen Geberde auf den Mienen und in den Bewegungen ſeiner Schultern, drehte er ſich herum und ſchritt langſam aus dem Zimmer. Auf der Treppe aber angelangt, mußte er ſich halten, er fühlte einen Schwindel ſeinen Geiſt umziehen. In dumpfer Betäubung, er wußte nicht, wie er die Treppe hinabglitt, kletterte er in ſeinen prachtvollen Wagen, der ihm —— — 325— plötzlich wie ein gemeiner Karren von Holz vorkam.— 3 Kaum zu Hauſe angekommen, machte er ſich reiſefertig, und in weniger als drei Stunden, Abends gegen neun Uhr, traf er von ſeiner verunglückten Brautreiſenauf der Inſel ein. Sechſtes Kapitel. Die dritte Werbung. Die nächſten Freunde und Freundinnen waren um Eduard und Beata in den Zimmern des Pavillons verſammelt. Der alte Wollzagen, Felix, Raphael, Lambeck, Judith, Cigarita und Felix junge Gattin waren fröhlich bei ein⸗ ander. Eduard und Judith ſpielten auf dem Flügel eine vierhändige Sonate aus früherer Zeit. Beata war ſo kindlich entzückt darüber, daß ſie bald den Spieler, bald die Spielerin lebhaft küßte. Die Anderen ſtanden und ſaßen im Umkreiſe und hörten und ſahen zu. Da ging die Thür auf und wie ein Träumender, dednr„Berauſchter ſchwankte Joſephſon herein. Sein Geſicht war bleich wie der Tod, ſeine Hände zitterten, auf ſeiner Stirn perlte kalter Schweiß. Alle ſprangen in jähem Entſetzen auf, ſie glaubten, er hätte an ſeinem Leibe ein Unglück gehabt. — . 2 * 4 —;— 4 — — —— Eduard allein begriff auf den erſten Augenblick Alles. Stolz, ruhig erhob er ſich und trat dem geliebten Freunde entgegen.. „Wolf!“ rief er,„was haſt Du? Sprich es aus — es gibt kein Geheimniß für die Anweſenden.“ Wolf ſank auf einen Stuhl. Mit gebrochener Rede ſtammelte er den traurigen Erfolg ſeiner Reiſe. Bald war er damit zu Ende. Alle Blicke richteten ſich erſchro⸗ cken auf Eduard Hutten. So, wie er jetzt ausſah, hatte ihn noch Niemand geſehen. Seine Augen rollten zornig in ihren Höhlen und flammten gleich überirdiſchen Lich⸗ tern. Seine geballte Fauſt erhob ſich und drückte ſich krampfhaft auf ſein Herz. Er konnte keine Worte für ſeine ſtürmiſchen Gefühle finden. „Was!“ rief er endlich.„Alſo ſo? das meinem be⸗ ſten Freunde? Halt! Seine Stunde hat geſchlagen. Wie der Blitz will ich über ihm ſchweben und auf ſeinen ſtählernen Kopf herniederfahren.“ „Eduard!“ bat der ehemalige Pfarrer,„vergiß Dein Gelübde nicht!“ ¹ „Ich vergeſſe Nichts, Nichts auf der Welt. Wiſſe, Joſephſon, er, der Dich ſo beleidigt, Wiſt mein Oheim, der mich verſtoßen, der mir meinen Namen, meinen Beſitz geraubt oder vorenthalten hat— gleichviel! Ich werde ſelber zu ihm gehen; ich bin ein Mann geworden und meine Angelegenheit muit ihm mß ein Ende nehmen. — 328— Bleibe Du hier zurück— er ſelbſt, der Miniſter, der Vater Emmas, ſoll hier vor Dir erſcheinen und ſeine * Tochter bringen und ſagen:„„Nimm ſie hin— ich gebe ſie Dir von ganzem Herzen!““ Oder— oder— Ihr ſehet mich niemals wieder.“ Alle ſprangen entſetzt auf. Beata flog an ſein Herz. Er umſchlang ſie zärtlich.. „Ruhig, mein Kind,“ ſagte er,„rüſte Dich zur Reiſe, Du gehſt mit mir, ich will Milch in meiner Nähe haben, da in mir nur Galle und Bitterkeit iſt. Raphael, laß Deine Frau uns begleiten. Sendet ſogleich einige Wagen und Pferde nach der Hauntſtadt, damit wir ſie morgen friſch finden und nach der Arbeit zu unſerer Ruhe zurück⸗ kehren können. Um ſechs Uhr fahre ich ſelber.“— Und ſo geſchah es. Um neun Uhr waren ſie in der Hauptſtadt. Judith fuhr ohne Aufenthalt zu Emma, um ſie zu tröſten, und das war gut, denn ſie bedurfte eines freundlichen Troſtes. Sie lag ſchluchzend in ihrem Zimmer, ſie ahneke, was kommen würde, denn ſie kannte ihres Vaters Vergehen. Aber ſie hielt ihr Verſprechen und ſagte ihm nichts; es hätte auch jetzt nichts mehr geholfen, denn er war Juſtizminiſter und ein Mann, der einen Kopf gegen die Wand rennt, wenn er ſie nicht . anders einſtürzen kann. Judith war die wohlthuendſte Erſcheinung, die ſich bei dem armen Mädchen einfinden konnte, denn ſie kannte ja alle obſchwebenden Verhält⸗ niſſe. Auch gelang es ihr, die Verzweifelnde zu beruhigen. Emma ſchöpfte neue Hoffnung, denn Judith ſtellte Alles im ſanfteſten Lichte dar. „Wann kommt er zu meinem Vater?“ fragte die Tochter. „Still! Da raſſelt ein Wagen auf die Rampe. Er wird es ſchon ſein.“ Sie ſprangen Meide an's Fenſter. Er war es. Lang⸗ ſam, gebieteriſch, ruhig rrt uard Hutten Stolling aus dem Wagen. Ithyſſa hinter ihm, ein Paket unter dem Arme tragend. Er erreichte den unteren Flur. Einige Bediente ſtanden unten und ſahen ihn fragend an, aber ſie wagten nicht ein Wort an den ſonderbar gekleideten unbekannten Mann zu richten, der ſtolz und ohne ſie eines Blickes zu würdigen, langſam die Stufen des erſten Stockwerkes hinanſtieg.. 1 Aus der Thür des Juſtizminiſters trat jetzt ein 4 Diener ihm entgegen.„.— „Was wünſchen Sie?“ fragte dieſer. „Ich will den Juſtizminiſter ſprechen.“ „Er iſt nicht zu Hauſe.“ „Für mich iſt er immer zu Hauſe.“ Und mit feſtem Arme, aber ohne Gewalt den Diener bei Seite ſchiebend, 74 1 — 330— drückte er ſelbſt das Schloß auf und ſtand vor dem Ju⸗ ſtizminiſter, der, entſetzt von dem Anblicke und eine jähe Furcht im Herzen, in ein Nebenzimmer entfliehen wollte. Aber der Fremde vertrat ihm den Weg, und ohne ſich im Geringſten zu verbeugen, wies er, ohne Worte, auf zwei Stühle, und da der Miniſter, ſeinem Schickſale nicht entrinnen könnend, ſich ſetzte, nahm er den andern, ließ ſich darauf nieder und ſah mit feſtem Auge in das von Trotz und Furcht zugleich verzogene Antlitz des Miniſters. Zum erſten Male im Leben ſaßen ſich ſo Oheim und Neffe einander gegenüber. Der Letztere begann das ſeltſamſte Geſpräch, welches je zwiſchen zwei, im gewöhnlichen Leben ſich ſonſt ſo nahe ſtehende Perſonen geführt wurde. „Mein Herr, guten Morgen!“ ſagte er.„Ich ſtöre Sie früh. Sie wollten mich nicht annehmen, aber ich wohne weit von hier und meine Zeit iſt koſtbar, daher muß ich Ihnen ſchon aufdringlich erſcheinen. Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen.“ Der überraſchte Juſtizminiſter erlangte einen großen Theil ſeines Se nnne Gleichgewichts wieder, als er dieſe unerwarket ergebene und in Ton und Miene beinahe höfliche Anrede vernahm. Nur einige unverſtändliche Worte murmelnd und ſeine Augen immer weiter öffnend, als ſähe er immer noch nicht genug, verneigte er ſich. „Sie kennen mich?“ fragte der Beſuch weiter. „Nein, ich habe nicht die Ehre.“ den ich ſchätze, und den auch Sie einſt ſchätzten, jetzt aber — 331— „So muß ich mich ſchon ſelbſt vorſtellen. Ich bin in der gewöhnlichen Welt der Geſandte der Vereinigten Staaten Nordamerika's; hier aber bin ich das nicht, ich komme als Privatmann zu Ihnen.“ 8 4 „Und was wünſchen Sie denn?“— „Ich habe, gerade heraus geſprochen, zwei Anliegen an Sie. Das erſte trage ich als Menſch, als Mann vor, und zwar Ihnen nicht als Beamten, ſondern ebenfalls als Mann und Menſchen.“ „Das bin ich freilich beides.“ „Gut, dann kommen wir uns hoffentlich auf halbem Wege entgegen. Alſo zur Sache. Ich habe einen Freund, keine Urſache haben, ihn minider zu ſchätzen. Es iſt Herr Wolfgang Joſephſon.“ „Mit dem bin ich fertig, mein Herr Geſandter!“ „Aber ich nicht. Doch, laſſen Sie den Geſandten, Sie ſehen ja, ich wende mich hierbei auch nicht an den Juſtizminiſter— wir ſind hier nur zwei Privatleute— Ramkau und Hutten— die ein behagliches Geſpräch mit einander halten, wenn Sie es nämlich ſo wollen.“ „Wenn ich will? Sie zwingen mich ja dazu. Ich muß Ihnen gleich von vornherein bemerklich machen, daß ich nicht, wie viele andere Leute, nur ein halber Menſch, heute das und morgen jenes bin, ich bin immer ein gan⸗ zer geweſen, nie aus zwei trennbaren Hälften beſtehend, — 332ñ— und deshalb bitte ich, in mir nicht allein den Menſchen, ſondern zugleich auch den Beamten zu ſehen.“ „Erlauben Sie, daß ich Sie, obgleich ich jünger bin als Sie, doch darauf aufmerkſam mache, daß es den⸗ noch bisweilen förderlich, ja heilſam iſt, dieſen Unterſchied und dieſe Trennung eintreten zu laſſen. Ich wenigſtens muß darauf dringen, daß Sie mich jetzt erſt als Menſch, nicht als Beamter anhören.“ „Wie ſo? Wollen Sie mir eine Vorleſung halten?“ „Noch nicht, nein! Obgleich ich geſtehen muß, daß Sie bei mir eben ſo viel lernen könnten, wie ich bei Ihnen nicht lernen möchte.“ „Mein Herr— Sie werden intereſſant!“ „Bitte, bleiben Sie ſitzen und gehen Sie einſtweilen auf meinen ergebenſten Vorſchlag ein. Wir ſind alſo, ſagte ich, unter uns; zwei Privatleute, die ein behag⸗ liches Geſpräch mit einander halten, wenn Sie es nämlich wollen. Ich fange mithin noch einmal an. Herr Joſephſon iſt mein Freund—“ „Ich will aber von ihm Nichts wiſſen—“ „Sie ſollen aber, ich will es. Sie haben ihm ge⸗ ſtern Ihre Tochter verweigert und ihn mit Hohn aus dem SHauſe gewieſen.“ „Aus ſehr guten Gründen, mein Herr Privatmann.“ „Darf ich dieſe ſehr guten Gründe nicht erfahren?“ „Ein Vater hat einem Fremden nie Rechenſchaft, zu —— — geben, warum er ſein Kind Dieſem oder Jenem nicht geben will.“ „Freilich, das klingt billig, aber in dieſem Falle iſt es nicht billig. Ich ſorge für ihn, weil er mein Freund iſt, und hoffe, Sie werden, wenn Sie auch ihm eine ab⸗ ſchlägige Antwort gegeben haben, mich nicht mit denſel⸗ ben Redensarten heimſchicken.“ „Das dürfte ſehr die Frage ſein!“ „Ich dächte nicht. Hören Sie mich ruhig an. Ich habe ihm bereits viertauſend Thaler jährliches Einkommen feſtgeſetzt, Wohnung und Tiſch außerdem. Wir verlaſſen uns nicht. Wenn Sie aber Sicherheit darüber verlangen, ſo bin ich erbötig, hier auf Ihrem Tiſche das Kapital dieſes Einkommens Ihrer Tochter ſogleich zu verſchreiben. Außerdem aber kann er, wenn Sie es verlangen, jeden Augenblick in eine Geſandtſchaft eintreten, dann iſt er Beamter, dann hat er einen Dienſt, deſſen Mangel Sie ihm ſo ſehr zum Vorwurf machten. Ich hoffe, dieſer Vorſchlag klingt nicht allein, ſondern iſt auch billig.“ „Mein Herr— das iſt Alles ganz gut. Dies aber i*ſt die Nebenſache. Ich bin nicht, wie Sie vielleicht den⸗ ken, mit elaſtiſchen Anſichten und Neigungen ausgerüſtet, die ſich nach Belieben, auf Jedermanns Wunſch, verengen und erweitern laſſen. Ich bin mit Einem Worte, ein Mann, der etwas Eiſen in ſeinem Willen hat, und deſſen Anſichten und Neigungen unabänderlich ſind.“ — 334— „In gewiſſer Beziehung bin ich das auch, wie die meiſten Menſchen von Kopf. Wir ſtimmen alſo auch in unſerm Stoff überein. Dennoch aber möchte es bisweilen gut ſein, unſern Willen elaſtiſch verengen und erweitern zu laſſen, denn das verlangt oft die Welt, das fordern die Menſchen, das gebietet Gott!“ „Gott hat mir nie dieſe Frage ſo kategoriſch geſtellt, er zwingt uns nicht halb ſo oft und ſo viel, wie die Menſchen, und Sie wollen doch nicht ſeinen Meiſter ſpielen?“ „Das ſei ferne von mir. Ich bin ein Wurm im Vergleich mit ihm, und ihm beuge ich mich, wie das Schilf im Sturme. Sie aber müſſen ſich auch beugen.“ „Und wenn ich Nein ſage?“ „Dann ſagt vielleicht ein Anderer Ja l4 „Mein Herr, Sie ſprechen gerade wie Ihr Freund, aber Sie, wie er, bekommen von mir die gleiche Antwort.“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „Mein allerletztes. Ich laſſe mich von Niemandem zwingen, und Sie ſollen nicht der Erſte ſein, der mir Gewalt anthut.“ „Beſinnen Sie ſich.“ „Ich brauche mich nicht zu beſinnen.“ Der Geſandte zog mit der ruhigſten Miene von der Velt eine ſchöne goldene mit Brillanten beſetzte Uhr aus der Taſche und legte ſie dicht vor dem Miniſter auf den Tiſch. — 335— „Sie haben fünf Minuten Bedenkzeit,“ ſagte er beinahe ſanft,„hier iſt die Uhr. Jetzt ſteht der große Zeiger auf ſieben, wenn er auf acht ſteht, frage ich noch einmal nach.“ Der Miniſter ſah den ſo Sprechenden mit einer wahren Erſtarrung in ſeinen Zügen an, er ſuchte etwas Wahnſinniges, Verkehrtes in ihm, aber nicht die geringſte Aufregung war in ſeinem edeln, männlichen Geſichte zu entdecken. So ſah er ihn eine Minute lang an, Worte ſuchend und nicht findend, womit er ihn zu Boden ſchla⸗ gen könnte. „Eine Minute iſt vorüber, Sie haben noch vier,“ ſagte der Fremde ſtill, nahm ein Buch vom Tiſche und blätterte darin. Als aber drei Minuten vorüber waren, ſtand der Miniſter plötzlich auf und ſchien zur Glocke gehen zu wollen, die neben der Thür hing. „Sie bleiben hier!“ warnte der Geſandte mit eiſi⸗ gem Tone. Dennoch trat der Miniſter einen Schritt näher hinzu. „Zurück von dem Griffe, ich befehle es!“ donnerte es aus der Tiefe einer aufgewühlten Bruſt. „Sie haben hier Nichts zu beſehlen— ich werde nach der Polizei ſchicken—“ 3 „Sie können nachher ſchicken— vielleicht ſchicke ich ſelber dahin. Jetzt haben Sie noch eine Minute.— So! — 336— Jetzt ſteht der Zeiger auf acht. Ich bitte um Ihre Ant⸗ wort, wenn es gefällig iſt.“— „Die haben Sie!“ „Welche?“ „Ich behalte meine Tochter und Sie Ihren Freund!“ „Gut!“ ſagte der Geſandte und ein tiefer Seufzer rang ſich aus ſeiner Bruſt los. Er fuhr mit ernſtem Tone fort:„Die eine Angelegenheit iſt vorüber, ich komme nicht mehr darauf zurück. Hören Sie es wohl. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?“ „Nein, ich will nicht.“ „Ich bin damit zu Ende. Ich gehe zu meinem 4 zweiten Anliegen über. Vielleicht bin ich glücklicher darin und Sie weniger von Eiſen. Mein Herr, ich möchte den Juſtizminiſter ſprechen—“ „Hier iſt er—— „Excellenz, ich nahe jetzt als Bittender—“ „Das kommt etwas ſpät—“ „Nicht zu ſpät! Sie ſind der oberſte Richter die⸗ ſes Landes, Leiter und Vertreter der Geſetze, Vollſtrecker, wwenn ſie lohnen oder ſtrafen ſollen—“ Der Juſtizminiſter erbleichte etwas; wie eine düſtere WTolke dämmerte es vor allen ſeinen Sinnen auf, denn es lag etwas furchtbar Schneidendes, Höhnendes in dem Und dennoch war der Trotz, der Dünkel, der Hochmuth. 2* plötzlich geänderten Tone der Stimme des Sprechenden. — 337— dieſes Eiſenmannes ſo groß, daß er Stand hielt. Der Geſandte fuhr in demſelben Tone fort, zwiſchen jedem Satz machte er eine Pauſe, die wie ein ſchneidendes Meſ⸗ ſer in das Gewiſſen des Miniſters fuhr. „Ich werde in dieſem Jahre neunundzwanzig Jahre alt. Am vierundzwanzigſten December bin ich geboren. — Merken Sie wohl auf, Excellenz. Ich bin ein ver⸗ waiſttes Kind. Beinahe ward ich ausgeſetzt. Vor vier⸗ undzwanzig Jahren am vierundzwanzigſten December ward ich zu meinem Vormund gebracht. Er war mein einziger, freilich entfernter Verwandter auf der Welt. Er hatte mein Vermögen und meine Papiere in Beſitz. Und was that er? Anſtatt mich zu ſich zu nehmen— in eine Erziehungsanſtalt zu geben— überlieferte er mich einem Taugenichts— der mich durch Sturm und Nachtfroſt in eine elende Hütte ſchleppte— unter Flüchen, Trun⸗ kenheit und Elend lebte ich dort ein Jahr— mein Vor⸗ mund ließ Nichts von ſich hören— bis heute nicht— kennen Sie kein Geſetz, das mir zu meinem Rechte, zu meinem Vermögen helfe— das jenen gewiſſenloſen Vor⸗ mund in meine Hände— vor Gericht— lieferte?“ Der Miniſter hatte ſich ſchon lange von ſeinem Stuhle erhoben— jetzt ſtützte er ſeinen ſchwankenden Körper auf den Tiſch— ſein Athem keuchte— ſein Auge bedeckte ſich— und doch, doch beugte er ſich nicht. Der Mann war von dreifach gehärtetem Eiſen. Der Inſelkönig. v. 22 — 33³38— „Weiter!“ ſagte er leiſe. „Was weiter! Wie beſtraft man den Verbrecher? Das frage ich Sie, den Juſtizminiſter.“ „Beſtrafen? Verbrecher? Iſt er denn einer? Das müſſen Sie doch erſt beweiſen. Wer iſt er! Was iſt er? Das iſt wichtig. Er kann ſich vielleicht vertheidigen, beſſer als Sie denken. Welche Gründe leiteten ihn? Was that er, um den Knaben wieder zu finden? Haha, Herr Geſandter, bei uns geht man gerecht zu Werke. Die Gründe erſt werfen Licht auf ſeine That, Herr Geſandter! Erſt ſammeln Sie Beweiſe, daß er Sie wirklich ausſetzte, Preis gab, Ihr Vermögen verſchlang— haha!“. „Beweiſe! Sie wollen Beweiſe? Hier— da—“ 1 und er zog eine einfache Brieftafel aus der Taſche und warf ſie ihm hin.„Oeffnen Sie dieſes Leder— ich be⸗ faſſe mich nicht mehr mit dem unreinen Inhalt.“ Der Miniſter ſtreckte die Hand aus— zitternd öffnete er die Tafel— und der Blitz, der ſo lange über ihm geſchwebt hatte, fuhr plötzlich auf ihn hernieder. Er ſank auf den Seſſel— ſprachlos, bewegungslos, denn er hielt in ſeiner Hand einen alten, beſchmutzten, zerknitterten Zettel, worauf von ſeiner eigenen Hand die Worte ge⸗ ſchrieben ſtanden: 3„Eduard Hutten Stolling! Geboren den 24. De⸗ 1 cember 1821.“ „Das war ein kluger, oder was hier daſſelbe ſagen. 1 — 339— will, ein dummer Menſch, der dieſe Worte ſchrieb, nicht wahr, Herr Miniſter?“ 5 Aber auch das reichte nicht hin, den Geiſt dieſes Menſchen zu brechen, er raffte alle ſeine Schlauheit zu Hilfe— war er ſo weit gekommen, mußte er ſuchen noch weiter zu kommen— und er glaubte bereits einen Aus⸗ weg gefunden zu haben. „Was ſoll dieſer Zettel?“ fragte er.„Was kann er beweiſen? Wer hat ihn geſchrieben? Kann er nicht ver⸗ fälſcht ſein?“ „Das iſt wahr, Sie haben Recht. Daran dachte ich nicht. Alſo wir müſſen nach gewichtigeren Beweiſen ſuchen. Sie ſollen ſie haben.“ Und dreimal ſchlug er in die Hand. Da öffnete ſich die Thür und wie eine Statue aus ſchwarzem Mar⸗ mor gemeißelt, ſtarr, kalt, gemeſſen, trat der athletiſche Neger Ithyſſa in das Zimmer und reichte dem die Hand ausſtreckenden Gebieter ein in ſchwarzen Sammet ge⸗ ſchlagenes Packet hin. Dann ging er ſogleich wieder, ſtumm, ohne daß man ſeinen Schritt hörte, hinaus. Der Miniſter wich einen Schritt zurück, ſchien zu ſehen, aber ſah in der That nicht mehr. „Ich habe hier eine koſtbare Reliquie,“ fuhr der Ge⸗ ſandte ernſt fort.„Reliquien thun oft Wunder, wie ſie „oft ſelbſt ein Wunder ſind. Da— kennen Sie das?“ Und er hielt ihm das von den Flammen verſchonte, 2221 3 — 340— längſt von dem einſtigen Beſitzer vergeſſene rothe Käſt⸗ chen hin. 2 Das war zu viel. Der Donner war dem Blitze gefolgt, und was jener verſchonte, ſchmetterte dieſer zu Boden. Und er lag bewegungslos auf dem Seſſel, der un⸗ beugſame Mann, und benahm ſich wie ein Todter. „Ramkau! ſtehen Sie auf!“ rief der auferſtandene Neffe mit gebieteriſcher Stimme—„Sie ſtehen allein vor Gott— er verzeihe Ihnen— ich habe Ihnen verziehen. Blicken Sie mich an, ich bin Eduard Stolling— er⸗ kennen Sie ihn?“ „Ja, ja— ich erkenne ihn— Gott hat mich ge⸗ richtet— aber woher das Käſtchen?“ „Eine brave Frau, Schwarzkopf mit Namen, ſah es in Ihrem Ofen brennen— löſchte den Brand— erhielt und gab es mir— Wollen Sie noch mehr Beweiſe?“ „Nein, nein— verſchonen Sie mich damit— ich habe genug—“ Und er ſchwankte und fiel auf den Boden. Gerührt ſtand ſein Neffe über ihm. Wie man ein Kind aufhebt und es niederlegt, hob der ſtarke Mann den alten Mann auf und legte ihn auf den Divan. Bald kam ihm das Leben wieder. „Sind Sie noch da?“ ſchluchzte er. 3 3 — 341— „Ich weiche nicht ſo ſchnell von Ihnen— ich weiß ja, Sie werden mich nicht noch einmal verſtoßen—“ „Wollen Sie mich den Gerichten überliefern?“ „Ich— Sie? fürchten Sie ſich vor Ihren eigenen Geſetzen?“ „Ich fürchte mich vor Nichts mehr— aber was wollen Sie mit mir thun?“ „Ich ſtehe wieder als Menſch vor Ihnen, dem Men⸗ ſchen. Erhält mein Freund Ihre Tochter?“ „Ich gebe ſie ihm.“ „Das iſt nicht genug. Sie müſſen Sie ihm brin⸗ gen. Ordnen Sie Ihre Geſchäfte. Sie wiſſen, wo ich wohne. Ich laſſe Ihnen und Ihrer Tochter eine Freun⸗ din hier— ſie wird Sie zu mir führen.“ „Wann ſoll ich kommen?“ „Heute Abend können Sie bei mir ſein.“ „Vertrauen Sie mir denn?“ „Als wenn Sie es Gott geſchworen hätten, Wort zu halten.“ „Ich halte Wort!“ „So leben Sie wohl! Auf Wiederſehen!“ Und hinaus war er. Eine halbe Stunde brachte er bei Emma und Judith zu, dann fuhr er nach Hauſe, holte Beata ab, und als er mit ihr auf der Landſtnhe war, ſagte er: „Gott ſei Dank! Nun erſt hat meine Nacht ein Ende und mein Morgen bricht an.“— 3 Sobald Eduard auf der Inſel wieder angelangt war, hatte er ſeine Umgebung, ſo weit es nöthig war, auf das neue Ereigniß vorbereitet und die umfaſſendſten Befehle zum würdigen Empfang der erwarteten neuen Gäſte gegeben. Sein ſanftes Herz hatte des Krieges ge⸗ nug gehabt, ſeine Seele dürſtete allein nach Frieden. Was zwiſchen ihm und dem Juſtizminiſter Bitteres gewe⸗ ſen, war ausgeworfen worden, fortan ſollte ſie keine Schranke von einander trennen. Was er im gerechten Zorne gegen ihn vollführt, ſchien ihm für den von ſeinem eigenen Gewiſſen Verurtheilten Strafe genug zu ſein. Er wollte, wie er ſchon vergeben hatte, auch vergeſſen. Zu dieſem Zwecke, um auch den Oheim auf ſeinen Empfang vorzubereiten, war der Pfarrer Wollzagen dem Erwar⸗ teten und ſeiner Tochter als Bote des Friedens und um das von nun an ſtattfindende Einverſtändniß zu vermitteln, entgegengeſandt worden. Und in der That, nie war ein ahnlicher Auftrag einem Würdigeren zu Theil geworden. Milde auf dem Geſicht, Sanftmuth im Herzen, Verſöh⸗ nung auf den Lippen, ging der Pfarrer dem Manne ent⸗ gegen, den er ſo lange zu ſehen und kennen zu lernen ge⸗ — 343— wünſcht hatte, obwohl es eine Zeit für ihn gab, wo er ſein Erſcheinen gefürchtet hatte. Joſephſon allein hatte Eduard Alles eröffnet, und der ſo ſchon Hutten im Herzen tragende Freund hatte Gelegenheit, über den Edelmuth deſſelben noch mehr zu erſtaunen. „Und Du haſt das ſchon vor Jahren gewußt, Eduard?“ fragte er, als ſie am Strande auf⸗ und ab⸗ ſchritten und den Wagen aus der Hauptſtadt von Stunde zu Stunde erwarteten. „Seit dem Abende meiner Rückkehr von der nordi⸗ ſchen Reiſe wußte ich allerdings, daß der Vater Deiner Geliebten mein Oheim und der Mann war, der mich in die rauhe Welt der Dürftigkeit geſtoßen hatte, ja, und ich habe es Dir verſchwiegen, um Dir jahrelangen Kummer und nie endende Beſorgniß zu erſparen. Das iſt der Grund meines einzigen Geheimniſſes geweſen, welches ich je vor Dir verborgen gehabt habe.“ „O, Du edler Menſch, Du herzensreiner Freund!“ brach Joſephſon aus und umſchlang den Geliebten mit ſeinem Arme. „Laß es gut ſein— jetzt ſind wir hoffentlich Alle glücklich und der letzte Sturm, der uns noch drohte, hat ausgetobt. Aber ſieh— kommt dort nicht ein Wagen den Berg herunter?“. Joſephſon ſah nicht ſcharf, aber er hörte gut. Er glaubte fernes Raſſeln auf der Landſtraße zu vernehmen. Und ſo war es. Eine halbe Stunde ſpäter trat der Juſtizminiſter, an der einen Hand vom Pſarrer, an der andern von Emma geleitet, in Eduards Zimmer und fand ihn allein. Waldemar Ramkau, gerührt von dem nicht erwarteten gütigen Empfange, erſchüttert von den ihm neuen Empfindungen der letzten Stunden, zerknirſcht bis in's Innerſte ſeines Lebens, hatte, wie ein Schmetter⸗ ling, der ſeine rauhe Raupenhülle von ſich ſtößt und mit lichteren Schwingen einen neuen Aether, ein reineres Leben berührt, die Schlacken ſeines düſteren Stolzes, die Maske ſeines Trotzes von ſich geworfen und ein durch den Schmerz des Lebens geläuterter Menſch trat er vor den jungen Mann, der ſein ganzes Daſein ohne ſeinen Willen ſo herbe und dunkel gefärbt hatte. Faſt wäre er vor ihm nieder⸗ gefallen, als er ſein offenes, klares Auge ſah und in ihm die Züge der nie vergeſſenen Schweſter, der Mutter Eduards, erkannte. Dieſer vergoß Thränen der Rührung, als er den alten Mann mit den weißen Haaren ſo gebeugt vor ſich ſtehen ſah, und ihm raſch entgegentretend und mit der einen Hand ihn, mit der andern Hand Emma haltend, ſprach er ſauft und faſt wehmüthig. „Mein Oheim! Habe ich nicht Recht gehabt, daß ich vertraute? Da ſind Sie und ich heiße Sie willkom⸗ men! Jetzt bin ich verpflichtet, Ihnen zu ſagen, daß ich „Semen mein ganzes Glück verdanke.“ 2—„O! ¹ O! 14 „Laſſen Sie mich ausreden. Ohne jenen ſchlimmen Zufall mit dem Landbewohner wäre ich nie in meines Pflegevaters Haus gekommen. Ohne d dieſen hätte ich nie im Gartenhauſe meine Wohnung aufgeſchlagen. Mein ganzes Leben wäre ein anderes geworden, und ich hätte nie den Freund meiner Mutter, meinen edlen Wohlthäter, 4 Edward Hutten, gefunden. Muß ich Ihnen alſofür die⸗ ſes Schickſal nicht dankbar ſein?“ „Mein Gott, mein Gott!“ ſchluchzte der gebrochene alte Mann.—„Nun dankt er mir noch! Was ſoll ich ſagen? Hier, Eduard Hutten Stolling, iſt mein Kind, mein einziges Kind. Führe mich zu dem Manne, den ſie liebt, was ich nicht wußte. Hier aber,“— und er zog ein Packet Schriften aus der Taſche—„iſt das Vermö⸗ gen Deiner Mutter. Sieh, es hat ſich unter meiner Obhut mehr als verdoppelt. Und nun vergönne mir eine Stunde mit Dir allein, ich habe zu beichten.“ „Wir wollen uns Beide erleichtern, Oheim. Dieſes Vermögen aber, von Ihrer Hand ſo ſorglich bewahrt, gehöre Emma. Ich beſtimme es zu ihrer Ausſteuer mit maeeinem innigſt geliebten Freunde!“ Und ehe Beide, Vater und Tochter, auf dieſe edel⸗ — 346— herzige Anrede ein Wort erwidern konnten, hatte er die Nebenthür geöffnet und Beata gerufen. „Dieſes iſt meine Frau, Beata, eine geborene Hut⸗ ten,“ ſagte er,„und dieſes iſt mein Oheim Ramkau und ſeine Tochter, meine Couſine. Ich hoffe, wir werden Ge⸗ legenheit genug haben, uns kennen zu lernen und, wo möglich, zu lieben.“ „Ach, mein Kind,“ ſagte der alte Mann ſchluchzend und legte ſeine zitternde Hand auf das ſchöne Haupt der ebenfalls weinenden Beata—„ſieh, ich habe Deinem Gatten Uebles und er hat mir dafür Gutes gethan. Ich bin nichts mehr auf der Welt, als Euer Oheim. Mein Amt habe ich in die Hände meines Königs niedergelegt— gönnet mir Ruhe bei Euch, nach der ich allein Verlangen trage, denn hier iſt es ſchön und Eure Geſichter machen einen wohlthuenden Eindruck auf mein Herz, wie ich ihn niemals empfunden habe. Und nun, wo iſt der Mann, dem ich meine Tochter geben will?“ Joſephſon wurde gerufen. Auch ihm ſtanden die Thränen in den Augen, als er ſeine Emma an der Hand ihres ſo plötzlich umgewandelten Vaters ſah. „Mein Herr,“ ſagte dieſer zu ihm,„wollen Sie mir Ihre Hand geben? So! Zürnen Sie mir nicht mehr. Ich— ich bin ein anderer Menſch geworden. Was Gott will, das muß der Menſch vollführen, er hat Sie zu nei ner Tochter geleitet und ich gehorche ihm, indem ich meine .. ——— 2 — 347— Tochter zu Ihnen leite. Gott ſegne Euch Beide! Und nun laßt mich mit Dieſem allein!“ Alle verließen das Zimmer außer Eduard und ſein Oheim. Was ſie in der Stunde ſprachen, die ſie in traulichem Geflüſter mit einander verbrachten, wiſſen wir nicht. Das aber wiſſen wir, daß dieſe Stunde zwei Her⸗ zen ſich einander naͤhern ſah, die ſo lange Jahre entfernt von einander geſchlagen hatten. Denn als in einem der Säle des prachtvollen Schloſſes am ſpäteren Abend vor den verſammelten Freun⸗ den die Vorſtellung der neuen Gäſte und dann die Tafel erfolgte, bemerkte keiner der Anweſenden, daß je eine Zwietracht zwiſchen Oheim und Neffen ſtattgefunden hatte. Schlußkapitel. Der ſtille Fiſcher. Noch ein Mal läuteten die Glocken der Abteikirche mit ihren ſilbernen Klängen die friedlichen Bewohner des grü⸗* nen Eilandes zum Brautfeſte zuſammen; noch ein Mal waren Blumen geſtreut, Kraͤnze ſchmückten Altäre und Säulen, und noch ein Mal ließ die ſchoͤne Orgel, dies Mal von Felix ſelber bemeiſtert, ihre feierlichen Töne den drei Paaren entgegenſchallen, die vom Beſitzer der Inſel ſelber geführt, in die kirchliche Halle und vor das Ange⸗ ſicht der zuſchauenden Menſchen traten. Voran ſchritt Eduard. Ihm folgte Joſephſon mit der blondgelockten, bleichen Emma, Beide ſtrahlend von innerer Glückſeligkeit. Sodann kam der junge Geiſtliche, an der Hand die ſanfte Louiſe führend, Beide ſittſam und demüthig, als ſtänden ſie allein vor Gott, die Augen niederſchlagend. Den Zug aber beſchloß ein Paar, in 8 4** 8 — 349— deſſen Adern ein wilderes Blut rollte; Adalbert Lambeck, mit hochgetragenem, kühnem Kopfe, als wollte er der ganzen Welt ſeinen Sieg über die dunkle Schönheit ver⸗ künden, führte Cigarita an der Hand, deren Augen mit ſanftem Schimmer im Umkreiſe umherblitzten, und deren vollkommene Formen ſich wie in einem Meere der Wonne behaglich auf den üppigen Hüften wiegten. Wieder empfing ſie der alte Pfarrer und wieder ſeg⸗ nete er die Paare mit Worten der Liebe und väterlicher Hingebung ein. Der ſanfte Geſang der Kapelle, mit den gewaltigen Tönen der Orgel verſchmolzen, beendigte auch dieſe Feier und zu den fünf jungen Männern und fünf jungen zierlichen Frauen der Inſel waren drei neue Paare hinzugekommen. Die Verſammelten entfernten ſich aus der Kirche, nur drei Menſchen blieben bis zuletzt darin zurück. Zwei knieten vor dem Altar und einer ſtand vor ihnen und legte ihre Hände in einander. Dieſer ſprach zu Je⸗ nen aber die einfachen und kurzen Worte: „Friede ſei auf der Welt und in den Herzen der Menſchen! Ach! wir können ja doch nicht jeden Kampf von uns weiſen, bald ſtreiten wir mit dem äußeren, bald mit dem inneren Feinde. Wie Vater und Sohn aber zu engerem Bündniß von Gott beſtimmt ſind, ſo wandeln fortan auch Oheim und Neffe ihre Wege in ſteter Einig⸗ keit dahin. Vergeſſet ganz und für immer das Vergan⸗ gene und lebet von heute an einer glücklicheren Zukunft. — 350— So wolltet Ihr ſelber, daß ich am heiligen Orte zu Euch rede und ſo thue ich, in Gottes, des Ewigen, des All⸗ gnädigen Namen, Amen!“ Und der Pfarrer erhob die beiden Männer und legte ſie einander an die Bruſt und ſtreckte ſeine Hand ſe egnend über ſie aus. Dann verließen ſie alle Drei die Abtei und begaben ſich in das Schloß, wo ſie ſchon erwartet wurden. Am Hochzeitstiſche ging es ſehr fröhlich zu. Da ein ſanfter und erquickender Regen geſallen war und den heißen Auguſttag etwas abgekühlt hatte, war die Hoch⸗ zeitstafel in einem ſchönen Saale des Privatflügels auf⸗ geſtellt. Man war zum Ende des Feſtes gelangt. Da ereignete ſich ein Zwiſchenfall, den Niemand vermuthet hatte, der aber auch Niomanden, wie er ſich jetzt zeigte, beſonders erſchreckte. Der Vater Emma's, der nun jun⸗ gen Frau an Joſephſons Seite, ſaß zwiſchen dieſer ſeiner Tochter und dem Pfarrer Wollzagen. Alle Drei hatten durch muntere Geſpräche das heitere Mahl verkürzt. Plötz⸗ lich ſchaute der alte Mann in die Höhe nach der Decke. „Was iſt das!“ ſagte er leiſe zum Pfarrer,„ſie be⸗ wegt ſich.⸗ Erſchrocken ſchaute der Pinri auf, ſah aber nichts. Dann aber blickte er ſeinen Nachbar an, deſſen leiſes Ge⸗ flüſter etwas Seltſames und Kindiſches angenommen hatte.— — „Doch, doch,“ ſagte er,„ſie wird herabfallen und mich erdrücken, mich allein— ich muß in's Freie.“ 7 Und der Pfarrer, Eduard ſtill winkend, ſtand mit dem Greiſe auf und führte ihn in die friſche Luft des Gartens. „Hier iſt miſgwieder wohl,“ ſagte er immer noch in ſeinem ſeltſamen Geflüſter.„Höre, mein Sohn, das große Schloß taugt nicht für mich, es iſt zu prächtig, zu glänzend, zu gefahrvoll. Ich kenne ein kleines Häuschen, da unten am Strande, neben der Wohnung der Hand⸗ werker— der Tiſchler, Du weißt ſchon, wohnt auch darin — es liegt mitten unter duftenden Tannen, meiner Lieb⸗ lingsbäume— darin laß mich wohnen, ganz allein, und dort beſucht Ihr mich. Willſt Du mir dieſen Wunſch erfüllen?“ „Gern, mein Oheim, Du kannſt wohnen, wo Du willſt. Gleich morgen früh ſoll es für Dich in Stand geſetzt werden, wie Du es wünſcheſt.“ —„ Das iſt gut, das iſt ſchön! Nun geht hinein, ich will etwas ſpazieren gehen!“ Eduard befahl einem Diener, in der Nähe des al⸗ ten Mannes zu bleiben und ſein Thun zu beobachten, denn ſowohl ihm wie dem Pfarrer kam es ſeltſam und wunderbar vor. Sie fürchteten aber ohne Noth, denn der alte Mann hegte keinen Gedanken, der ihm oder An⸗ dern hätte ſchädlich werden können.— Am Morgen des nächſten Tages aber erwartete man 4 1 ——yy— ihn vergeblich aus ſeinem Zimmer hervorgehen zu ſehen. Als man ihn darin ſuchte, war er verſchwunden. Augen⸗ blicklich, ohne Joſephſon und ſeine junge Gattin von dem Vorfalle zu unterrichten, ließ Eduard zwanzig Menſchen in verſchiedenen Richtungen der Inſel den Vermißten ſu⸗ chen, aber auch dieſe fanden ihn nicht. Endlich um neun Uhr erſchien Frau Schwarzkopf im Schloſſe und verlangte ihren Herrn zu ſprechen. Ge⸗ heimnißvoll winkend, ging ſie ihm in den Garten voran. Unterwegs hörte er ihre Erzählung. Nicht weit von ihrem Hauſe, dicht an jenem kleinen Häuschen, welches ſich der Oheim Eduards am Tage vorher zur Wohnung erbeten hatte, lag eine kleine Bucht zwiſchen den Tannen am See. Dort ſtand ein Nachen angebunden. In die⸗ ſem Nachen, mit Angeln beſchäftigt, hatte die verwunderte Frau ihren früheren Herrn zufällig am frühen Morgen entdeckt. Sie hatte ſich ihm genähert und ihn gefragt, was er ſo früh ſchon im Freien treibe? „Still,“ hatte er geſagt—„ſtöre mich nicht. E⸗ 3 i*ſt hier ein Knabe in's Waſſer gefallen, ein wunderſchöne liebliches Kind; mir allein iſt es verloren, Euch Ande. nicht. Ich werde es aber ſchon wieder finden und darun fiſche ich hier.“ Eduard hörte erſtaunt der Erzählung zu und fand ſie beſtätigt. Er ſah den alten Mann in dem Nachen der ſich im leichten Morgenwinde auf dem ſanften Buſe 1 — 353— des Fluſſes ſchaukelte. Er hielt eine Angel in der Hand, die er im Nachen gefunden, und aufmerkſam die Ober⸗ 4 flähe des Waſſers betrachtend, ſaß er ſchweigend und friedfertig da. „Oheim!“ rief ihn der Neffe freundlich an.„Was machſt Du da?“ „Still, mein Kind! Störe mich nicht. Ich ſuche etwas Köſtliches. Wenn ich es finde, werde ich ſehr glücklich ſein!“ Der Neffe ſchüttelte wehmüthig den Kopf und ließ augenblicklich das kleine Haus für den Verwandten einrich⸗ ten. Ein Arzt wurde aus der Sommerreſidenz auf die Inſel beſchieden und wohnte mit ihm in dem Hauſe. Aber das Weſen des alten Mannes änderte ſich nicht. Er war in jenen harmloſen, kindiſchen Wahnſinn gefallen, der Niemandem etwas zu Leide thut, und eigentlich weiter nichts als ein Selbſtvergeſſen iſt. Frau Schwarzkopf, durch die Fügung des Schickſals wieder ſeine Nachbarin geworden, pflegte ihn behutſam. Die leckerſten Gerichte, die feinſten Weine wurden ihm zugeſchickt und er aß und trank ſie mit dem größten Wohlbehagen. Kaum konnte er genug eſſen und trinken. Und wunderbar, er, der in früheren Tagen ſo mager und dürr geweſen, nahm täg⸗ lich an Wohlbeleibtheit zu, während ſein Haar ſich in die Farbe des Schnee's verwandelte. Täglich beſuchte ihn Eduard, ſeine Tochter und deren glücklicher Mann, und Der Inſelkönig. v.. 23 — 354— täglich hatte der Alte ſeine Freude daran. Gewöhnlich aber und ſelbſt in Folge des Winters, wo man das Waſ⸗ ſer um den Nachen herum vom Eiſe befreien mußte, nahm er ihren Beſuch bei ſeiner einzigen Beſchäftigung an. Er angelte fort und fort und ſuchte das Kind im Waſſer, welches ihm einſt in einem drangvollen Augenblicke des Lebens abhanden gekommen war. Kein Menſch fürchtete ſich vor ihm, Alle, ſelbſt die Kinder liebten ihn und tru⸗ gen ihm zu, was die Jahreszeit an Blumen und Früchten Schönes hervorbrachte. So hatte den unruhigen Mann am Ende ſeines Lebens die Ruhe des glücklichſten Wahn⸗ ſinns ereilt, denn glücklich war er in ſeinem Wahne, das ſah man ihm an und darum ſtörte er minder, als ſonſt geſchehen, das Glück und den Frohſinn der Uebrigen. An einem ſchönen Septembermorgen waren die acht jungen Frauen, um die Arbeiten ihrer fleißigen Männer nnicht zu ſtören und ſelber ungeſtört über die Fülle ihres neuen Glückes plaudern zu können, in ſchweſterlicher Ein⸗ tracht über den Fluß nach dem romantiſchen Förſterhauſe am jenſeitigen Waldufer gefahren, nur von einigen Matro⸗ ſen und Ithyſſa hinübergerudert. Beata allein war zu⸗ rückgeblieben, da ihr unzertrennlicher Gefährte, ihr edler Gatte, an der Fahrt nicht Theil genommen hatte. Sie ſaß mit einer Stickerei beſchäftigt, in ſeinem Zimmer, während er ſchrieb, und nur zuweilen ruhte ihr ſammt⸗ artiges, dunkles Auge auf der reinen Stirn des in Nach⸗ denken Verſunkenen, um ihn durch Worte nicht zu ſtören und doch Theil an ſeiner Beſchäftigung zu nehmen. Da legte er die Feder weg und blickte ſich um. Sogleich warf ſie die Arbeit bei Seite, flog auf ihn zu und um⸗ ſchlang ihn mit den Armen, ihrer häufigſten und luſtig⸗ ſten Beſchäftigung. „Alſo Du biſt wirklich nicht mit hinüber gefahren?“ fragte er freundlich.„Warum ſchließeſt Du Dich von den Glücklichen aus?“. „Weil ich hier glücklicher bin, mein theurer Freund. Sieh, mir iſt es nicht gegeben, über das zu ſprechen, was in meinem geheimſten Innern vorgeht, und nur Dir allein gehören meine ſüßen Gedanken darüber.“ „Wir ſind recht glücklich, Beata, nicht wahr?“ „O, unendlich, unermeßlich, mein Gatte!“ „Wenn unſer Vater noch lebte, was würde er ſagen?“ „'Er würde ſagen: ſo habe ich es mir gedacht! Und dann würde er ſelbſt ſehr glücklich ſein.“ „Daß ſo ein edler Menſch nicht ewig leben und fort⸗ wirken kann, daß ſein Wiſſen, ſein Können, ſein Wollen zugleich dahin iſt— dieſer Gedanke hat mich recht oft ſchon mit Wehmuth erfüllt. Denn wir Jüngeren müſſen im⸗ mer wieder von vorne anfangen und das von Neuem ler⸗ — 356— nen und üben, was ſo ein Mann in vollkommenem Be⸗ ſitze hat und in das Leben hinüberzutragen im Stande iſt.“ „Und doch iſt es nicht anders, mein Freund, doch geht Alles, was wir beſitzen und leiſten können, mit uns dahin, das heißt, für uns, und wohl uns, wenn wir ſolche Erben finden und hinter uns laſſen, wie mein Va⸗ ter gefunden und hinter ſich gelaſſen hat.“ „Wir wollen es hoffen und Gott bitten, daß er nach uns Menſchen ſendet, die gleich uns das Gute wollen und üben— Ich habe Dir aber jetzt einen Vorſchlag zu machen; wollen wir nicht unſere längſt beabſichtigte Rund⸗ fahrt auf der Inſel vornehmen, und uns von der Zufrie⸗ denheit der Bewohner unterrichten? Die Morgenluft iſt ſo ſchön und warm und die jungen Frauen ſtören heute ihre Männer nicht!“ Beata ſtimmte in alle Vorſchläge ihres Gatten ein, alſo auch in dieſen, und bald fuhr das ruſſiſche Geſpann, ihr jetziges Lieblingsfuhrwerk, vor, und ſie begannen ihre Fahrt. Zuerſt kamen ſie zum Künſtlerhauſe. Felix war mit ſeiner Kapelle im Concertſaale und übte ein großar⸗ tiges Muſikwerk ein. Einige Augenblicke hörten die Gat⸗ ten zu; um aber die jungen Virtuoſen nicht zu ſtören, ſchritten ſie raſch in das große Maleratelier. Hier ſaßen Adalbert Lambeck, Raphael Manowsky, Willibald Kan⸗ nenſchmidt und David Riegenſtahl vor einer großen Lein⸗ — ᷣ0— — — 357— wand. Alle Vier arbeiteten an einem mächtigen hiſtori⸗ ſchen Gemälde, zu dem ſie die Geſichter ihrer Umgebun⸗ gen geliehen hatten, um, nach Art der Maler, ſich ſelbſt der Zukunft in ihrer jetzigen Geſtalt aufzubewahren. Hans Waldau ſaß in einem beſondern Zimmer und entwarf den großartigen Plan des Nationalkunſthauſes, welches Eduard in der Hauptſtadt zu erbauen beabſichtigte und dazu von dem kunſtliebenden Könige einen vortheilhaft gelegenen Platz ſchon angewieſen erhalten hatte. In einigen andern kleineren Abtheilungen ſaßen jüngere Künſtler, zeichneten und malten, von Zeit zu Zeit von einem der älteren Mei⸗ ſter beſucht, der ihre Arbeit leitete und ihr jugendliches Blut regelte. In anderen Abtheilungen ſaßen wieder Goldarbeiter, Holzſchneider, Metalldrechsler und gingen ihrem Talente und ihrer Neigung nach. Keiner durfte ſich erheben, als das ſreundliche Paar eintrat, ihre Lei⸗ ſtungen beſichtigte und mit Wohlgefallen am Großen und Kleinen ſeinen Antheil verrieth. Sodann gelangten ſie an den Marſtall. Die Reit⸗ knechte und Kutſcher putzten die edlen Thiere und ſäuber⸗ ten die reinlichen Stallungen. In der Schmiede praſſelte das Feuer und hämmerten die Geſellen, einige beſchlugen die Hufe herbeigeführter Pferde, die an dieſe Belaſtung gewöhnt waren, was die amerikaniſchen Pſrrde nigt dul⸗ deten oder bedurften. Im Handwerkerhauſe waren alle Hinde in — 358— Thätigkeit. Meiſter Schwarzkopf beaufſichtigte ſeine Ge⸗ ſellen und Lehrlinge, die an verſchiedenen Gehrauchsge⸗ genſtänden hobelten, feilten und polirten. Meiſter Becker, der Schneider, und Meiſter Ritter, der Schuſter, waren in ihren großen Arbeitsräumen und ſchnitten zu, während ihre Geſellen klopften, hämmerten, nähten und bügelten. „Laß uns ein Mal an das Waſſer hinabgehen und den Oheim beſuchen,“ ſagte Eduard zu Beata. Da hatten ſie denn ein rührendes Schauſpiel. Hinter einem belaubten Baume ſtehend, überſchauten die Gatten den augenblicklichen Vorgang. Der angelnde Greis ſaß in ſeinem Nachen und hatte die Schnur ausgeworfen. Am Rande des Waſſers ſtand ein kleiner, mit einer Damaſt⸗ decke bekleideter Tiſch, davor Frau Schwarzkopf, dem Hungrigen das appetitliche Frühſtück zurechtlegend. „Kommen Sie heraus, Onkel Ramkau,“ rief ſeine ehemalige Haushälterin,„kommen Sie heraus, heut fin⸗ den Sie das Kind doch nicht. Ihre Lieblingsſpeiſe, die weiche Omelette mit Himbeeren gefüllt, wird kalt und der Wein verliert ſeine Perlen.“ „Gleich, gleich, gute Frau, ich komme ſchon!“ rief der ſtille Fiſcher. Und behutſam legte er ſeine Angel in den Nachen und kletterte langſam aus demſelben heraus, wobei ihn die freundliche Frau unterſtützte. Sie ſchob ihm einen Seſſel an den Tiſch, und er ſetzte ſich. „Wo iſt Fritz?“ fragte er. 42 42 — „Er kommt ſogleich,“ erwiderte ſie,„er holt nur den Schaumwein aus dem Keller, damit er nicht vorzeitig ſeine Kälte verliere.“ „So, ſo! Schön! Ah— das ſchmeckt.“ „Eſſen Sie aber nicht ſo ſchnell, Onkel Namlan. das bekommt Ihnen nicht.“ „Mir bekommt Alles. O, wo bleibt Fritz?“ Aber Fritz kam ſchnell herbeigelaufen und brachte nicht nur eine Flaſche Sillery, ſondern auch eine Schüſſel voll Auſtern. „Ach, was iſt das?“ fragte der ſtille Fiſcher. „Es ſind die erſten, Onkel Ramkau,“ ſagte der Diener,„heute Morgen erſt mit dem Dampfboot ange⸗ kommen.“ „Das iſt ſchön— o, wie voll Waſſer! Schenke ein, Fritz, ſchenke ein. Ich habe nicht viel Zeit, das Waſſer ſchwimmt vorbei und das Kind könnte mir heute ent⸗ gehen.“— Raſch, haſtig aß und trank der ſtille Fiſcher. Dann, als er fertig war, wiſchte er ſich mit der Serviette den Mund. „So,“ ſagte er,„ich bin fertig. Aber mein Mit⸗ tagseſſen ſoll etwas früher angerichtet werden als geſtern, ich bekomme ſonſt zu großen Hunger. Jetzt könnt Ihr eſſen und trinken.“—. Und ſchnell kletterte er wieder in ſeinen Nachen, der 11 halb auf dem Sande lag und warf mit fröhlichem ſtillem Lächeln ſeine Schnur aus, während Frau Schwarzkopf ein Glas Schaumwein einſchenkte und leerte und Fritz die übriggebliebenen Auſtern ſchlürfte. Eduard blickte Beata an und drückte ihren Arm an ſein Herz. „Er iſt glücklich,“ ſagte er;„laß uns weiter gehen, wir wollen ihn jetzt nicht ſtören, das Kind möchte mit dem Waſſer vorbeiſchwimmen!“ Und die Weiterfahrenden gelangten zum Zimmer⸗ platz, wo der alte Meiſter Doſſow ſeine Geſellen ſägen und hauen und bauen ließ. Ein reges Gewimmel herrſchte auf dem weiten Hofe und das friſche Holz duftete ſeinen natürlichen Wohlgeruch aus. Der Meiſter beſprach ſich mit ſeinem Kollegen, dem Maurermeiſter; eine Cigarre rauchend gingen die beiden Handwerker auf und nieder, hierhin und dorthin ihre aufmerkſamen Blicke lenkend. An Riegenſtahls ſtiller Wohnung am Strande vor⸗ bei kamen die Fahrenden zur Meierei. Schon von Wei⸗ tem hörten ſie die brüllenden Rinder und die blökenden Schafe, von denen die Letzteren auf dem Raſen zwiſchen den Buchen weideten, die Erſteren aber in einem weiten Gefolge im Waſſer ſtanden und von den Knechten ge⸗ waſchen und gebürſtet wurden. .„Alles iſt thätig,“ ſagte Eduard zu Beata,„darum — 361— ſind ſie auch zufrieden. Nur der arbeitſame Menſch iſt glücklich.“— An den einzelnen kleineren Berufshäuſern vorbei, die noch leer ſtanden, gelangten ſie zum Hafen. Hier herrſchte ein noch regeres Leben. Die älteren Matroſen flochten am Rande des Waſſers vor ihrem langen Metro⸗ ſenhauſe Taue und Netze. Die jüngeren waren auf dem Fluſſe und in den Booten, Kapitain Schröder und einige aäͤltere Steuerleute übten ſie ein. Man hörte das eigen⸗ thümliche Geſchrei der Arbeitenden, man ſah ſie im Tau⸗ werk, an den Riemen, am Steuer ſitzen und ſchnell dem gebotenen Winke gehorchen. Jetzt wandten ſich die Fahrenden nach dem Mittel⸗ punkte der Inſel. Sie trafen vor der Kirche ein, in der der neue Küſter ſich auf der Orgel übte und der junge Geiſtliche, in einem Buche leſend, im Garten auf und ab ging. Nun am Gewächshauſe, am Karpfenteich, am Vo⸗ gelhauſe, wo die Waſſervögel ihr munteres Weſen trieben, vorübereilend, kamen ſie an das Bildhaueratelier, welches im n ſein — 362— ſeiner Hilfe einen mächtigen Sandſteinblock bearbeiteten, während einige Jüngere an Seitentiſchen ſaßen und Blät⸗ ter, Arabesken und ſonſtige Zierrathen in weichem Thone modelirten. Von hier aus, ſich nach der Oſtküſte des Eilandes wendend, gelangten ſie an das große Maſchinenhaus. Die Räder brauſ'ten, der Dampf ziſchte, das ganze große Triebwerk hämmerte und verrichtete ſein tägliches Werk, welches ſich über die ganze Inſel, Fruchtbarkeit und küh⸗ lende Friſche austragend, verbreitete. Die rußigen Arbei⸗ ter waren am Feuer, und Ernſt beaufſichtigte ſie von Zeit zu Zeit, in den Zwiſchenpauſen an einem neuen Entwurfe zu einer Säemaſchine zeichnend. Von hier aus kamen ſie endlich an das Obergärtner⸗ und Schweizerhaus, die Beide leer ſtanden, denn die Gärtner waren Alle mit dem fleißigen Karl in den Treib⸗ häuſern, den Gängen des Parkes und den Blumenbeeten. Zuletzt warfen ſie einen Blick auf die Einſiedelei des Kantors. Er ſaß an ſeinem Flügel und ließ ſein Lieb⸗ lingsthema ein 3 5 n offenen