— 7S05 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſtſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pf fnnahne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedam Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Avonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 1ächentlich 2 2Bücher:: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk Nk.— i 1 Mk. 50 Pr. 2 Mkk.— Pf. 3 „ 5. Answärtige Abonuenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenen, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. x—n f A. K — 8 Der Inſelkönig. „ 1 7 Herloßſohn's nachgelaſſenen Papieren Ein Roman in fünf Bänden a u 8 dn. Philipp Galen. Fuͤnften Theiles erſte Abtheilung. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs 1852. Erſtes Buch. Der Inlelkönig. Der Inſelkönig. v. Erſtes Kapitel. Hans Waldau's Luftſchlöſſer. — Wahrend wir die eben verlaſſenen Glücklichen auf dem Meere zwiſchen beiden Welttheilen ſchweben laſſen, wollen wir einen Rückblick auf die in der Heimath Gebliebenen werfen, und ſehen, was Hans Waldau, der Architekt, genannt Michel Angelo, an der Spitze der übrigen Freunde des reichen Erben, jetzigen Grundbeſitzers in Deutſchland, amerikaniſchen Bürgers und Geſandten der größten R⸗ publik der Erde, zu leiſten vermocht, und ob er den Er⸗ wartungen zu entſprechen fähig war, die ſein Freund, Eduard Hutten Stolling, in ſo vollem und nufangraitem 3 Maaße in ihn geſetzt hatte. Sechsundzwanzig volle Monate hatte der thätige Baumeiſter für die Ausführung ſeiner großen und um⸗ faſſenden Werke vor ſich gehabt, aber vollkommen hatte 1* er ſie auch zu benutzen verſtanden. Beide Winter, welche in dieſem langen Zeitraume lagen, waren äußerſt milde geweſen, und kaum waren die Arbeiten durch den Froſt oder ſtürmiſches Regenwetter auf kurze Zeit unterbrochen worden. Auch die politiſchen Zeitereigniſſe, ſonſt ſo ſtörend auf den allgemeinen Verkehr, auf ſtaatliche wie private Beſtrebungen einwirkend, waren ihm, dem umſich⸗ tigen Leiter einer ſo ſchwierigen Aufgabe, nicht hinderlich, ja, in manchen Dingen ſogar förderlich geweſen; denn hunderte von Arbeitern, bei der allſeitigen Stockung der Geſchäfte und baulicher Unternehmungen ohne Brot, waren dadurch für ihn gewonnen worden, und da jeder Exceß ſogkeich mit Entfernung des Uebelthäters geſtraft, und ein fleißigerer, ruhigerer Geſell für den Abgehenden eingeſtellt wurde, ſo hatten ſich bei der guten Löhnung und dem trefflich vorgeſorgten Unterhalt der Arbeitenden die beſten, tauglichſten Hände unter ſeine Aufſicht begeben, und Baumeiſter wie Tagelöhner waren dabei im Vortheil geweſen. Die ſonſt ſo einſam in dem ſtillen See liegende Inſel war bald ihrer Einſamkeit auf ewige Zeiten ent⸗ riſſen worden. Die benachbarten Ufer, Wälder und Land⸗ ſitze hallten wider von den Schlägen der fleißigen Art und dem fröhlichen Jauchzen ſo vieler raſtlos thätigen Handwerker. Der ruhige Fluß hatte ſich belebt, und zahlloſe Kähne und Boote fnhren in ſtündlicher Aufein⸗ —— — 5 1 anderfolge die Materialien herbei, die der überall bekannte Werkführer aus allen zweckmäßigen Lagern und Vorräthen an's Tageslicht gerufen hatte. Auch die Neugierde der Nachbarn der zu einer fürſt⸗ lichen Herrſchaft umgeſtalteten Inſel und der weiter ent⸗ fernt wohnenden Bewohner der Sommerreſidenz des Königs war geweckt worden. In zahlreichen Geſellſchaften kamen ſie von allen Seiten herbei, mit lauterer oder ſtillerer Verwunderung die Werke zu betrachten, die ſo plötzlich, wie aus dem Schooße des Waſſers aufgetaucht, unter den Händen ſo vieler Hunderte emporſtiegen. Denn wie in einem gefüllten Bienenkorbe oder einem Ameiſen⸗ berge regte es ſich auf der ſchnell bevölkerten Inſel; da gab es viel zu ſchauen, viel zu fragen, viel zu erwarten. Privatperſonen und Beamte, Militairs und der wunderbar betroffene Adel ſtrömten herbei, um ſich zu unterrichten, ob es denn wahr oder gar nur möglich ſei, daß ſo unge⸗ heuer viel Geld noch in der Welt verborgen liege, daß ſo koſtbare und zahlreiche Bauten wie mit einem einzigen Schlage aus dem Säckel eines einzigen Menſchen beſtritten werden könnten. Nur der wahnſinnige Bummler hielt ſich von den Ufern der Inſel fern, denn er wußte aus mannigfacher Erfahrung, daß Herr König, der Polizei⸗ beamte aus der Hauptſtadt, den wir am Abende der An⸗ kunft Mr. Stauntons kennen gelernt haben, und der bereitwillig die Beaufſichtigung der Arbeiter auf der Inſel — 8— übernommen hatte, er wußte aus mannigfacher Erfahrung, ſagen wir, daß Herr König ein entſchloſſener Mann mit mächtigen Hilfswerkzeugen ſei, der keinen Spaß verſtehe, und eine ungeheuer feine Naſe in Bezug auf fahrende, talentvolle Spitzbuben und faullenzende Staatsumwälzer habe. Waldau ſelber, wir müſſen es hier kurz wiederholen, hatte ſich zuerſt mit den beiden Doſſows, mit Karl Michel, dem Gärtner, dem neugeworbenen Oekonom und einigen tüchtigen Maurermeiſtern auf der Inſel eingeniſtet. Bald waren ihnen einige hundert Maurer, Zimmerleute, Stein⸗ metzer und Handlanger gefolgt, und man war zuerſt bemüht, für die Arbeiter ſelbſt ein gedeihliches Unter⸗ kommen zu ſchaffen. Denn bei der Abgelegenheit der Inſel konnten dieſe nicht Alle täglich den weiten Weg nach ihrer Behauſung zurücklegen, es hätte eine ſolche Einrichtung zu viele Kräfte und Zeit weggenommen. Bald waren die alten Scheunen, Ställe und ſon⸗ ſtigen Baulichkeiten der Inſel zu Lagerſtätten eingerichtet, und eine proviſoriſche Küche erſtand dicht daneben in einem Bretterhauſe. Denn das Eſſen wurde, damit der Arbeiter gut und kräftig genährt wurde, von dem reichen Bauherrn, ſo lautete ſein Wille, allen Arbeitern auf der Inſel als ein Theil ihres Verdienſtes und eine Belohnung ihrer Mühe umſonſt geliefert. Und das ließen ſich denn —— — — auch viele Hungernde und vergeblich Arbeit Suchende gern gefallen. Nachdem nun die Behauſungen der Arbeiter ge⸗ ſchaffen waren, zogen dieſe ſelbſt von allen Gegenden in hellen Haufen herbei. Namentlich Bilſingen lieferte einige ſechzig willfährige Tagelöhner und Erdarbeiter. Doſſow der Aeltere, der die Oberaufſicht über die dreihundert angenommenen Zimmerleute führte, beſchäftigte dieſe ſogleich auf der Stelle, die er ſich zu ſeinem künftigen Arbeitsplatze auserſehen hatte, und da die Holzſendungen raſch und beinahe zuerſt eintrafen, ſo fanden dieſe Truppen zunächſt ihren Geſchäftskreis eröffnet vor. Zweihundert Steinmetzen hämmerten die von dem nahen Sandſtein⸗ bruche her verſchriebenen Felsſtücke zurecht, ſechshundert Maurer begannen auf allen Theilen der Inſel, in einzelne größere und kleinere Abtheilungen geſchieden, eine jede unter beſonderer Aufſicht arbeitend, die Grundſteine der vielen Gebäude zu legen. Denn auf einundzwanzig ver⸗ ſchiedenen Bauſtellen wurde zugleich rührig Hand ange⸗ 3 legt, damit die Maſſe der Hände, auf einen Punkt zu⸗ ſammen wirkend, ſich nicht ſelber im Wege wäre. Und zuerſt wurden diejenigen Baulichkeiten mit dem größten Eifer betrieben, in deren Räumen die Handwerker ſelber wohnen ſollten, welche, zu künftigen Bewohnern der Inſel beſtimmt, der Stille und der Behaglichkeit bedurften, ihren Theil an dem Ganzen ſo gut und ſo ſchnell wie möglich zu liefern. Es waren dies die Wohnungen des Zimmermeiſters Doſſow, eines Maurermeiſters, das Hand⸗ werkerhaus für die Meiſter Schwarzkopf, Becker und Ritter, die wieder in alter Eintracht in einem Hauſe ihre Werkſtätten haben ſollten, die Oekonomiegebäude an der Stelle der alten Meierei, und endlich ein neues, ſoge⸗ nanntes Schweizerhaus, im Alpenſtyle errichtet, worin die Gärtnergehilfen der Inſel in Zukunft wohnen ſollten. Sodann wurde auch auf das Maſchinenhaus vorzugsweiſe Bedacht genommen, in welchem Ernſt ſein Weſen trieb, und daneben das freundliche Wohnhaus gebaut, in wel⸗ chem er ſelbſt ſein Haupt niederzulegen beſtimmt war. Nicht weit davon, ebenfalls am Strande der Oſtküſte, wurde der Grund zu Karls Obergärtnerhauſe gelegt, durch einen Blumengarten damit verbunden, das ländliche Aſyl ſeines Vaters, des Kantors und der alten Suſanne, denen Eduard eine beſonders gemüthlich eingerichtete Wirthſchaft zugedacht hatte. Außer dieſen zunächſt in Arbeit gegebenen Stellen ward die Hauptkraft aller Regſamkeit auf das großartige und prachtvolle Schloß verwandt, woran allein die Hälfte aller vorhandenen Arbeiter beſchäftigt war, denn an deſſen zeitige Vollendung glaubte der Architekt ſeine Ehre und ſeinen ganzen Ruf gebunden. Der daran ſtoßende Pa⸗ villon, zu des Erben ſtillem Landſitze beſtimmt, wurde ebenfalls mit tüchtigen Händen angegriffen, und ſo ſah 9 man bald die allgemeinſte Thätigkeit über die ganze, bei⸗ nahe meilenlange Inſel verbreitet, und es gab des Stoffes zu intereſſanter Betrachtung genug. In kaum vier Wochen waren die nöthigen Erdar⸗ beiten beendigt und die Maurer begannen die Grund⸗ pfeiler zu legen, überall faſt zu gleicher Zeit. Ein wahrer Wetteifer beſeelte die ſich ſelbſt anfeuernden Ar⸗ beiter, die ſich nicht allein gut und pünktlich bezahlt, ſondern auch beſſer und nahrhafter beköſtigt ſahen, als ſie es bisher gewohnt geweſen waren. Die Geldquelle floß von der Hauptſtadt her reichlich, und ſo fehlte es an nichts. Was nun die ſachkenneriſche und umſichtige Lei⸗ tung im Ganzen und Großen betraf, ſo war dieſe in Fülle vorhanden. Man hätte hier Hans Waldau ſehen müſſen. Wenn es möglich geweſen wäre, ſich ſelber in zehn Theile zu zerſpalten, er hätte es gewiß gethan. Er war überall. Wie der Wind trug ihn ſein ſtets geſattelter ſchneller Pony von Ort zu Ort, von Bauſtelle zu Bauſtelle, und Ernſt war ſein oberſter und unmittel⸗ barer Werkführer. Wo man dieſe Beiden nicht vermuthete, da waren ſie, oft kam der Eine nach dem Andern, oft Beide zugleich, und ſtets gehorchte man ihren Anord⸗ nungen auf der Stelle. Es war ein Kopf, der Alles leitete, ein Wille, der überall gebot, und da die kleinen Werkräder genau und geſchickt in das große Triebrad griffen, ſo wurde überall die Arbeit gefördert, und das allgemeine Werk gelang. Bald nach dem Beginn der einzelnen Gebäude und ſobald ihre Grundmauern über dem Boden ſichtbar wur⸗ den, erſchien Karl Michel, als Obergärtner, mit ſeinen Heerſchaaren, ſtellte ſie in Schlachtlinie auf und führte ſie unmittelbar darauf in's Treffen. Bis auf den unver⸗ ſehrt bleibenden Buchenwald ward die Oberfläche der ganzen Inſel beinahe aufgewühlt, und in Raſenhügel, Blumenbeete und geſchlängelte Wege eingetheilt. Die ſchönſten Baumgruppen wurden von dem verunzierenden Geſtrüpp gereinigt und in perſpektiviſcher Schönheit dar⸗ geſtellt. Viele Bäume wurden ganz und gar ausgegraben und an andre Stellen gebracht, mancher Platz auch ge⸗ lichtet, manche Lücke neu angepflanzt. Ein Theil dieſer Arbeiten, zu denen ein ungeheurer Andrang war, weil ſie die am wenigſten ſchwierigen waren, und oft von alten Leuten oder Kindern ausgeführt werden konnten, wuchſen gleichzeitig mit den Bauwerken aus dem Erdboden hervor; man ſah ſchon, was das wüſte Chaos einſt zu werden verſprach, und der Liebhaber an ſolchen Dingen gab es Viele, die bald durch den Einen, bald durch den Andern auf die Inſel geführt und als oft ſtörende Zuſchauer zugelaſſen wurden. Im Herbſt des erſten Jahres hatte man denn ſchon einen ſichtbaren Erfolg vor ſich. Die Werkhäuſer waren — 11— ganz fertig bis auf die inneren Verzierungen; die Arbeits⸗ plätze aber, wie der Zimmerhof und die Werkſtellen der Tiſchler wurden ſchon benutzt und in ihnen das Erforder⸗ liche für die weiteren Bauten angefertigt. Meiſter Schwarzkopf befahl jetzt hier als Herrſcher, und mehr als zwanzig gewöhnliche und etwa ein Dutzend Luxus⸗ tiſchlergeſellen hatten alle Hände voll zu thun. Eben ſo waren fertig bis auf den Abputz das künftige Matroſen⸗ haus, die Oekonomiegebäude mit der Meierei, die Woh⸗ nungen des Zimmer⸗ und des Maurermeiſters, das Pre⸗ diger⸗ und Schulhaus, das koſtbare, aus Eiſen und Glas erbaute Gewächshaus, das Schweizer⸗ und Obergärtner⸗ haus mit des Kantors Einſiedelei, das Forſthaus drüben jenſeits des Fluſſes am Saume des Waldes, das Atelier der Bildhauer, und endlich auch das Wirthshaus an der Landſtraße auf der Oſtſeite der Inſel. Dieſe Gebäude ſollten Alle bis zum Frühjahr gehörig austrocknen, und dann ſogleich von Außen abgeputzt und im Innern gezie⸗ mend eingerichtet und mit den nothwendigen Möbeln ver⸗ ſehen werden, denn gleich fertig zum Bewohnen wollte der freigebige Herr ſeinen Freunden und Arbeitern ihre Woh⸗ nungen anweiſen. Sobald nun die in einzelne Abtheilungen gebrachten Maurer und Zimmerleute an dieſen Orten fertig waren, zogen ſie ſich in gedrängteren Maſſen auf die Haupt⸗ gebäude zurück und wetteiferten hier mit ihren eben ſo — 12— fleißigen Gefährten. Es waren dies das ſogenannte Herrenhaus, in welchem die Künſtler und Muſiker wohnen ſollten, ein großes in ſchönen architektoniſchen Verhält⸗ niſſen aufgeführtes Gebäude, im altdeutſchen Style mit ſchönen Thürmen und Thürmchen, Spitzfenſtern und weit nach hinten in den Buchenwald hinausgehenden Flügeln; ferner Eduards Pavillon, die ſchöne Abteikirche im nor⸗ männiſch⸗romantiſchen Styl, und endlich das Schloß ſelbſt, das ein großes, unregelmäßiges Viereck darſtellte, beinahe vierhundert Fuß lang und dreihundert Fuß breit war, mit der Vorder⸗ und Hauptfront nach Süden von dem Hügel der Inſel her über den Waſſerſpiegel ſah, und einen länglichen Hofraum einſchloß, in deſſen Kreis die Corridore herumliefen, während die Säle, Fremden⸗ und Wohnzimmer alle nach Außen hin lagen. Dieſe vier Gebäude wurden jetzt mit vereinigten Kräften angegriffen und der Pavillon zuerſt im Dezember äußerlich beendet, worauf im Februar das Herrenhaus und die Abtei folgte, während das Schloß erſt am Ende des zweiten Jahres äußerlich vollendet ward. Sobald nun der Winter, die Zeit und die angewandten künſtlichen Mittel ein Gebäude gehörig ausgetrocknet hatten, bemächtigten ſich ſeiner die Tiſchler, Anſtreicher, Tapeziere, Glaſer und Schloſſer. Jetzt ſah man die Arbeiter nicht mehr, man hörte nur an dem ſteten Pochen und Lärmen ihre im Innern der Ge⸗ bäude betriebene Thätigkeit. *‿ — 13— Im Sommer des zweiten Jahres wurden die meiſten ſchon bezogen und wohnlich eingerichtet. Doſſow, der Zimmermeiſter, war mit ſeiner Frau der erſte, der ſagen konnte, da ſteht mein Haus, ich wohne ſchon darin. Ihm folgte ſein Sohn Ernſt, der, nachdem die Maſchinen zur Berieſelung des Parkes und zu den verſchiedenen Spring⸗ brunnen im Gange waren, nach eigenem Geſchmacke ſeine reizende Villa, wie er ſie nannte, einrichtete. Mit ihm zugleich erſchien Karl, und nahm, wie ſeine Untergebenen vom Schweizerhauſe, ſo von ſeinem eigenen, im italie⸗ niſchen Style drende Gartenhauſe Beſitz. Die drei Meiſter, Schwarzkopf, Becker und Ritter waren ſchon im Frühjahr mit ihren Familien in ihre bequem eingerichteten Wohnungen gezogen. Auch der Oekonom bewohnte ſchon. ſeine Meierei und züchtigtez ſchon die mit vielem Gelde)e. lale angekauften edlen Schaf⸗ und Rinderheerden, während er dabei ſeinen übrigen Landgeſchäften oblag. Auch der Förſter hatte ſeine Waldwohnung bezogen, deren oberer Theil für die Herrſchaft eingerichtet war, für den Fall einer Jagd in den wildreichen Wäldern ſeines Reviers. Und nachdem nun die Kirche fertig und das Schloß äußerlich wenigſtens vollendet war, begab ſich Waldau an die Herſtellung von neun einzelnen auf die ſchönſten Punkte der Inſel vertheilten ſogenannten Beſuchshäuſern, kleine reizende in verſchiedenen Geſchmack angelegte Villen, für welche der Beſitzer noch keinen beſtimmten Bewohner — u— wußte, die er aber vollſtändig eingerichtet vorräthig haben wollte, für den Fall, daß ein künftiger Beſuch oder ein neu hinzutretender Beamte einer ſolchen bedürfen würde. Auch das lange Marſtallgebäude mit der ſchönen Wohnung des Oberſtallmeiſters, und der zweckmäßig ein⸗ gerichteten Reitbahn dabei, in der Nähe des Herrenhauſes, zwiſchen dieſem und dem Handwerkerhauſe, war einge⸗ richtet und harrte nur der vortrefflichen Pferde, wie die dabei liegenden Remiſen der verſchiedenen Fuhrwerke, die bereits alle angekauft oder in Beſtellung gegeben waren und nächſtens eingeliefert werden ſollten. Die Zugpferde kamen theils aus Mecklenburg, theils aus den litthauiſchen Provinzen, denn Eduard liebte die ruſſiſchen Pferde und die ruſſiſche Beſpannung. Emil, des Bankiers Ermeling Sohn, holte ſie und wurde im nächſten Frühjahr erwartet, mit ein Grund, warum der Architekt des Beſitzers Ankunft länger hinaus geſchoben haben wollte. Mit der Vollendung aller dieſer im reinſten und würdigſten Geſchmacke hergeſtellten Gebäude ſchritt die Umwandlung der Inſel in einen der ſeltenſten Garten⸗ parke gleichmäßig vorwärts. Karl war nicht umſonſt mehrere Jahre in allen Ländern Europa's umher gereiſt, er wußte, was ſchön und erfreulich war. Die großen umgepflanzten Bäume waren bei der ſorgfältigſten Be⸗ handlung angewachſen, die neu angelegten duftigen Ge⸗ büſche gediehen, und die Raſen⸗ und Blumenfelder in den 1— heiterſten Einfaſſungen grünten und blühten ſchon im zweiten Sommer in der mannigfaltigſten Farbenpracht. Nun aber kam des Architekten Hauptſorge. Dieſe betraf die innere Ausſchmückung des Schloſſes, des Pa⸗ villons und der Abtei. Da kamen denn eines Tages die Künſtlerfreunde mit ihren Gehilfen aus der Haupt⸗ ſtadt angewandert. Mit ſtillem Erſtaunen ſtanden ſie da und bewunderten, was ihr theurer Michael Angelo Großartiges und Herrliches ſchon geleiſtet hatte. Und die innere Begierde des Schaffens, die Luſt der Arbeit, die Gluth der Begeiſterung erwachte in ihnen, und ſchon am nächſten Morgen beſtiegen ſie die räumlichen Gerüſte, und ihre Farben und Pinſel begannen ihr zauberhaftes Werk. Andreas Oeggering war ſchon lange da. Er hatte in ſeinem neuen großen, im dichten Laubgehölze belegenen Atelier nicht allein ſelbſt die herrlichſten Arbeiten gelie⸗ fert, ſondern auch die vielen angenommenen Hilfsarbeiter beaufſichtigt und ihnen mit Rath und That beigeſtanden. Die Marmortreppen, die Granitböden, die köſtlichen Saulen von grünem, weißem, rothem, ſchwarzem Marmor, desgleichen die Kamine, die Kapitäler, die Frieſe, die Ge⸗ bälkverzierungen, die Karyatiden, Alles war unter ſeiner Anleitung gearbeitet, vollendet, aufgeſtellt, und für Auge und Gemüth auf das Herrlichſte zurecht gerückt. Aber mit allem Fleiße und aller Hingebung waren — 16— die Freunde nicht im Stande, die großen Decken⸗, Wand⸗ und Treppengemälde allein zu vollenden. Bald wurde Hilfe in der Hauptſtadt geſucht, und die hervorragendſten, geprieſenſten Künſtler kamen gern, ihre Hände zu dem großartigen Unternehmen zu leihen. Erſt ſo war es Waldau gelungen, zum Ziele zu kommen, und da er ſelbſt ſeine meiſten Arbeiten hinter ſich ſah, warf er, ſchnell ent⸗ ſchloſſen, den Befehlshaberſtab bei Seite und ergriff mit eigener kunſtfertiger Hand den Pinſel. Das war ein Arbeiten um die Wette, mit ächter Künſtlerbegeiſterung ergriffen, mit männlicher Ausdauer vollführt und der ſel⸗ tenſten Freundſchaftshingebung vollendet. Aber bald ſollte das Leben und Treiben auf der ſo beglückten Inſel noch vollſtändiger werden. Allerlei Sen⸗ dungen von verſchiedenen Orten und Gegenden, aus allerlei Sammlungen und Vorräthen trafen allmählig ein. Emil, der ſchlanke, ſchöne Stallmeiſter, ein wahrer Roſſe⸗ bändiger, kam von ſeiner Reiſe zurück, und ſeine Kutſcher und Reitknechte führten einige Dutzend der herrlichſten Pferde edelſter Zucht in die prächtigen Ställe. Da waren alle Liebhabereien vertreten, das arabiſche Roß, nur zum Reiten geſchaffen, ſtand neben den engliſchen Voll⸗ plutpferden, die zur Jagd eben ſo vorzüglich wie eine Zierde vor dem Galawagen ſind. Das ruſſiſche Geſpann mit den kleinen Köpfen, den wallenden Mähen und dem kräftigen, ſchön getragenen Schweife rannte wild vor ſeiner AX * — 172— bärtige Kutſcher mit dem langen Kaftan und dem kleinen Hute kaum zu zgeln vermochte. Faſt zugleich mit ihnen hatte ſich die Heerde bunt⸗ farbiger Waſſervögel vermehrt und ſchwammen luſtig auf dem vergrößerten Teiche, in deſſen Mitte das ſchmucke Vogelhaus mit dem ſpitzigen Thürmchen ragte und von dem ſaftigſten Raſen und den zierlichſten Blumen um⸗ kränzt war. Auch Karl traf mit ſeinen Schiffsladungen voll der ſeltenſten tropiſchen Gewächſe ein. Die Fächer⸗ und Dattelpalmen, die Piſangs, die Granaten⸗ und Gummi⸗ bäume mit ihren rieſigen Stämmen und den ſaftigen Blättern wurden mit vielen anderen, kleineren und grö⸗ ßeren, zur Füllung des gläſernen Gewächshauſes ver⸗ wandt, die Citronen⸗, Mandel⸗ und Pomeranzenbäume aber zur Zierde des Schloſſes, außen und innen, des Pavillons und des darin befindlichen Kuppeltreibhauſes aufgeſtellt. Mit ihm zugleich ſchmückte Andreas Oeggering die Ruheplätze an den Springbrunnen, die Blumengärten, die Grotten, die größeren Parkplätze mit ſeinen marmor⸗ nen und bronzenen Statuen, Vaſen, Urnen und ſonſtigen plaſtiſchen Zierrathen. Dazu geſellten ſich in ganzen Schaaren die Zimmerbohner, die die köſtlichen Moſaik⸗ N böden der Säle und Gemächer, aus hundert verſchiedenen Holzarten in allen Geſtaltungen zuſammengeſetzt, in ſpie⸗ Der Inſelkönig. V. 2 3 Droſchke einher, die der — 18— gelglatte Flächen verwandelten. Dann kamen die Tape⸗ zierer und rollten die ſchweren ſeidenen Vorhänge, die orientaliſchen Mouſſeline, die türkiſchen Shawls vor den Spiegelfenſtern auf, und gaben ihnen jene Geſtaltungen, die eben ſo das Auge entzücken wie den geſchmackvollen Sinn dieſer jetzt unentbehrlichen Künſtler verrathen. Nun wurden die prachtvollen Möbel angefahren, welche Herr und Frau Holzbrecher ſelber ordneten und aufſtellten, die Möbel von koſtbarem Holze, einfach oder mit Elfen⸗ bein, Perlmutter, Silber⸗ und Goldplatten ausgelegt, von Riegenſtahls kunſtfertiger Hand gezeichnet, von Schwarzkopf und ſeinen Helfershelfern ausgeführt, die großen und kleinen, runden und eckigen, hölzernen, eiſer⸗ nen und marmornen Tiſche, die üppigen Sitzpolſter, von allen Sammten und Seiden ſtrahlend, die Seſſel, Divans, Stühle, zum Liegen und zum Sitzen, zum Schlafen und Arbeiten, Eſſen, Trinken und Rauchen eingerichtet. Dann kamen die Spiegel, die nicht ſchon in den Wänden befeſtigt waren, von den beſten Glashütten des Vater⸗ landes erzeugt, die runden mit den breiten Gold⸗ Silber⸗ und Eiſenrahmen, die von Citronen⸗ und amerikaniſchen Hölzern eingefaßten, an denen die Holzſchnitzer ihre höchſte Kunſt erſchöpft hatten. Ihnen folgten die klang⸗ und geſangreichſten Flügel, von Holzbrecher theils ſelbſt gear⸗ beitet, theils auserleſen, von denen allein acht im Schloſſe und zwei im Pavillon vertheilt wurden, die abgerechnet, — —— —+— welche in die Privatwohnungen auf höheres Geheiß gelie⸗ fert worden waren. Nun wurden von den Künſtlern ſelber eigene und fremde Gemälde, koſtbare Kupferſtiche und Handzeichnungen, in ungeheurer Menge, geordnet und vertheilt, die bronzenen, ſteinernen und hölzernen Zier⸗ rathen des Luxus und der Kunſt in allen Gemächern nach Geſchmack und Künſtlerſinn aufgehängt und auf⸗ geſtellt. Und um die Reichthümer alle, wie ſie ſchon ſelten und ausgeſucht waren, noch höher zu überſtrahlen, kam gerade jetzt Joſephſon und Willibald mit Mr. Staunton und Treaden und ihren amerikaniſchen Schätzen allerlei Art an, die wohlerhalten den weiten Weg über den Ocean zurückgelegt hatten. Das war ein gegenſeitiges Staunen und Bewundern, ein Begrüßen und Beglückwünſchen der Freunde, die ſich ſo lange nicht geſehen hatten und nun ihre ganze Umgebung ſo vollſtändig verändert und ver⸗ ſchönert fanden! Sogleich begab man ſich an eine Sonderung der von jenen mitgebrachten Gegenſtände, um ſie an die paſſendſten Lokalitäten zu vertheilen; ſie aber nur zu betrachten, nahm ſchon eine lange Zeit weg. Zuerſt bewunderte man die mexikaniſchen Pferde, von denen kein einziges Schaden genommen hatte, und namentlich Lambeck konnte ſich von den mit einem Male beinahe gefüllten Ställen nicht losreißen. Dann wurden die übrigen Koſt⸗ barkeiten aus Mr. Huttens reicher Sammlung aus ihren Kiſten geholt, und als Joſephſon mit Ruhmredigkeit ver⸗ kündete, daß man mit dem Aufſtellen derſelben noch warten müſſe, da die größte und ſchönſte Sendung noch nachkäme, 3 da gingen ſelbſt Waldau die Augen über und er ſprach im Stillen ein frommes und zufriedenes„Gott ſei bei 1 uns!“ aus. Joſephſon zog ihn am erſten Abend ſeiner Ankunft auf die Seite und forſchte nach den Zimmern des Pa⸗ villons, um zu horchen, ob auch wohl für eine künftige Gemahlin des Beſitzers Vorkehrungen getroffen ſeien. „Komm mit!“ ſagte der beinahe ſtolz gewordene 4 Künſtler, und zog den verehrten Freund in den Pavillon. „O!“ ſagte der erſtaunte, weit gereiſte Wolf— 4 ſich ſehe, Ihr habt die eingeſandten Zeichnungen Willi⸗ 3 balds wohl benutzt— ich habe nichts mehr darüber zu ſagen.“ Und nun theilte er ſelbſt Waldau nichts von dem ſchönſten Geheimniſſe Eduards mit.—„Aber wie iſt es mit dem Cypreſſenkranz und dem Grabmal Mr. Huttens?“ fragte er. „Dort ſteht es— gehe hin und ſiehe, ob es ähn⸗ lich iſt!“ das war die einzige Antwort, die der moderne Michel Angelo ſprach, und wie fand ſich Joſephſon befrie⸗— digt, als er es ſah! Er glaubte zu träumen und ſich. plötzlich wieder an den Hudſon verſetzt. V „Ihr ſeid fleißig geweſen,“ ſagte er,„das iſt Alles ganz köſtlich!“ 0 — — 21— „Still, ſtill, wir haben nichts als unſre Schuldigkeit gethan; er giebt uns Liebe und Gold und wir geben ihm Liebe und Arbeit. Das iſt ſo in der Welt. Du haſt bei Weitem noch nicht das Schönſte geſehen, urtheile erſt, wenn Du das Schloß ſiehſt.“ „Zeige es mir doch!“. „Gott bewahre! Hutten ſelber bekommt es nicht am erſten Tage zu ſehen; wir müſſen eine Gelegenheit abwarten, denn wir haben mehr geleiſtet, als in vierund⸗ zwanzig Stunden genoſſen werden kann.“ „Ich beſcheide mich,“ entgegnete Joſephſon,„aber ich räche mich. Ich zeige Dir auch nicht Alles, was ich habe.“— „Was denn?“ „Wir müſſen eine Gelegenheit abwarten. Adieu! Wo ſind meine Zimmer?“— Und als man nun die Mohren in ihren mexika⸗ niſchen Kleidungen ſah, und jedes Geſicht an ihren gut⸗ müthigen, freundlichen Mienen hing, da fing man auf der Inſel an zu begreifen, daß der Zeitpunkt beinahe gekommen wäre, wo ſie den freundlichen Herrn, den reichen Privatmann, und, wie man mit Erſtaunen erfuhr, den nordamerikaniſchen Geſandten bald in eigener Perſon wieder ſehen würde. „Sieht er verändert aus?“ fragte man den Ge⸗ fährten des Reiſenden. Micht im Geringſten. Geſunder, kräftiger, milder und glücklicher iſt er, als er war, ſonſt ohne alle Wan⸗ delung.“ Und die Freunde erhoben beinahe ein Triumph⸗ geſchrei. So kam man denn mit der Zeit ſeinem Ziele näher. Aber das Laufen, das Ordnen, das Bewundern wollte kein Ende nehmen, zuletzt wurde es am allerärgſten; Waldau's Unruhe, anſtatt abzunehmen, wuchs beinahe mit jeder Stunde, überall fand er noch etwas zu verbeſſern, zu rücken, zu verſchönern. Endlich aber, es war am erſten Junitage, berief er alle Freunde zuſammen, und als ſie im Garten in einer ſchönen Roſenlaube verſammelt waren, ſagte er: „Nun, meine lieben Freunde, iſt endlich der Augen⸗ blick gekommen, wo ich ſagen kann, wir ſind fertig! Das war eine herrliche Arbeit, die Engel im Himmel mögen uns darum beneiden! Jetzt fragt es ſich, wann kommt er und wie empfangen wir ihn?“ Alle verſtummten, dieſe Frage hatte ſich ſchon ein Jeder vorgelegt, aber Keiner hatte ſie zu beantworten verſtanden. Raphael wollte einen künſtleriſchen Aufzug, Lambeck einen zu Pferde, Felix eine große Muſikaufführung, Ernſt eine phantaſtiſche Waſſerfahrt, bei der die Nixen des Fluſſes und die Rymphen der Bäume Reden halten ſollten. — 23— „Ich weiß etwas Beſſeres als das,“ ſagte Joſephſoſt, und ſchnitt alle Streitigkeiten mit einem Male ab;„wir machen— denn ſo will Er es— gar keine beſonderen Feierlichkeiten, wir berufen einzig und allein alle ſeine Lieben zuſammen, und laſſen Kinen. ich ſchlage Waldau vor, ſprechen: „Eduard Hutten! Wir grüßen Dich! Da ſiehe unſere Freundſchaft zu Dir! Gott ſegne Dich!“ „Und dabei machſt Du eine Verbeugung und zeigſt auf alle dieſe Herrlichkeiten!“ Alles lachte, aber ſtimmte bei. Und ſo war es beſchloſſen. Aber noch eine Zierde der Inſel fehlte, und daran hatte bis jetzt kein Menſch gedacht, und dennoch war ſie eine der ſchönſten und nützlichſten von allen. Und das Glück wollte es, daß ſie grade jetzt, zu rechter Zeit, ein⸗ traf, und zufällig an demſelben Tage, wo der einzige Mann kam, der über ſie zu gebieten und ſie allein zu handhaben verſtand.. Am zweiten Juni nämlich traf die vom Capitain Schröder bei ſeinem Vater, dem Schiffsbauer, beſtellte kleine Flottille ein. Die zwei Dampfboote, von reizender Bauart, geſchmackvoll eingerichtet, zweckmäßig getakelt, liefen den Fluß vom Norden daher und trugen oder ſchleppten gleichzeitig funfzehn der reizendſten kleinen Segelboote mit ſich, die von allen jetzigen Bewohnern der —— Inſel mit einem wahren Beifallsſturme begrüßt wurden. Das größere Schaufelboot trug an ſeinem Spiegel den Namen„Hudſon“. Das bei Weitem reicher ausgeſtattete Schraubenboot dagegen den Allen unbekannten:„Beatan. „Dieſes beſteigt Niemand,“ befahl Joſephſon,„es iſt ſein Boot, er zuerſt ſoll an ſeinen Bord gehen.“ Und ſiehe da, von der anderen Seite, von Süden her, mit Extrapoſtpferden angebrauſ't, kam der Capitain Schröder ſelber. Ihm folgten in drei anderen Wagen zwölf ſeiner tüchtigſten Matroſen. Er betrat ſogleich die Inſel und ward von Joſephſon der Verſammlung als der Admiral des Beſitzers der Inſel und zugleich als ſein Bote vorgeſtellt, der ſeine bevorſtehende Ankunft verkün⸗ den ſollte.. „Wo iſt er? Wann kommt er 2“ hieß es allgemein. „Er iſt in Paris. Und hier iſt ſein Brief an— Herrn Waldau.“ „Das bin ich!“ Und der in Schweiß geſetzte Architekt erbrach das Siegel und las das kurze Schreiben ſogleich vor. Es hieß: 4 „Mein lieber Waldau! Ich grüße Euch Alle. Verſammelt alle meine Freunde auf der Inſel. Sendet mir, wenn es ſchon da iſt, mein kleines Schraubenboot, Beata genannt, nach der Sommerreſidenz. Keiner aber befinde ſich darauf, als der Capitain mit ſeinen Matroſen und Joſephſon; die Uebrigen will ich erſt am Strande begrüßen. Am 24. Juni Morgens acht Uhr treffe ich in der Stadt ein, und um neun, ſo Gott will, bin ich bei Euch. Lebet Alle wohl! „Eduard Hutten⸗Stolling⸗Wollzagen.“ „So, da haben wir's, am Johannistage! Nun wohlauf, Kinder, rüſtet Euch, noch haben wir Zeit. Laſſet die Einladungsſchreiben abgehen, damit Alle kommen und Keiner ausbleibe. Aber wo iſt der Capitain— der Admiral, wollte ich ſagen?“ Aber der neue Admiral war ſchon an Bord ſeines Admiralſchiffes gegangen. Mit kundigem Auge unter⸗ ſuchte er jede Planke, jede Schraube, jedes Tau. Dann wurden die Segelboote in's Waſſer gelaſſen, und in weni⸗ gen Stunden lagen Dampfer und Boote, alle nach ächter Seemannsweiſe getakelt, im kleinen, vortrefflich gerundeten und vertieften Hafen an der Oſtſeite der Inſel. Der Capitain ſelbſt eben ſowohl wie ſeine Matroſen zogen ein in das ſchöne Matroſenhaus, welches, aus zwei Stock⸗ werken beſtehend, an den Ecken zwei Thürmchen zeigte, mit Baumborke äußerlich verkleidet war und in einer Fülle von Epheu und Schlinggewächſen unmittelbar hinter den Fliederbüſchen am Strande verſteckt lag und zur Aufnahme von ſechzig Matroſen eingerichtet war. Im oberen Stock⸗ werke aber war Schröders eigene Wohnung zu ſeinem Empfange bereit, und als er in dieſelbe trat, fand er — — 26— Alles darin, ſogar die Uhr an der Wand und ein köſt⸗ liches Fernrohr auf dem Tiſche liegend. Einige Tage nach des Capitains Ankunft folgten ihm auch die auf der Beata mitgebrachten Kiſten mit den Gemälden, Statuen, Bronzen, Waffen, Teppichen, Edel⸗ ſteinen, Geſchmeiden, den Goldſammlungen und was der⸗ gleichen Seltenheiten mehr waren. Die Teppiche wurden in den koſtbarſten Gemächern, auf den glänzenden Fuß⸗ böden, den Tiſchen und endlich in der ſogenannten Gallerie ausgebreitet, welche den Theil des Schloſſes einnahm, der dieſes mit dem Pavillon verband. Hier wurden auch, 4 4 u durch lange, oben ſpitz zulaufende Fenſter erleuchtet „die ſchönen Gemälde, die Bildhauerarbeiten aufge⸗ uſ und, kurz vor dem Eingange in den Pavillon ſelber, der letzte Raum in eine Art Waffenhalle verwandelt, deren ſinnreiche Ausſtattung ſich Adalbert Lambeck nicht nehmen ließ. So war alſo Alles auf den feſtlichen Tag vorberei⸗ tet, der die Inſelbewohner ſo glücklich machen und viele von ihnen mit unerwarteten Erſcheinungen überraſchen ſollte. Dieſe Ueberraſchung, dieſes Glück aber ſollte auf beiden Seiten Statt finden, und da ſich Diejenigen immer am meiſten freuen, die Anderen eine ſolche bereiten, ſo war die Freude ſchon vorher eine wechſelſeitige. ——õÿ—— Die Einladungen an die Freunde Eduards waren kaum einige Tage abgegangen, da kamen ſie auch ſchon von allen Seiten mit heiteren Geſichtern daher. Zu Waſſer, zu Wagen, zu Fuße, wie einen Jeden ſeine Luſt und Laune trieb, ſo ſah man ſie nach einander auf der Inſel anlangen, worauf ſie ſogleich von dem dazu erleſe⸗ nen Führer in ihre ihnen voraus beſtimmten Wohnungen geführt wurden. So füllten ſich die Räume der Inſel allmählig, und auch die Beamten des Haushalts zogen ein. Es kamen die Köche, der Kellermeiſter, die Diener weiblichen und mänglichen Geſchlechts aller Art, deren vorzüglichſte Aus⸗ wahl Holzbrechers mit unermüdlicher Sorgfalt getroffen hatten, und bezogen ſämmtlich die großen Räumlichkeiten im Erdgeſchoß des Schloſſes. Da brachte denn auch Meiſter Becker, der Schneider, die ſchon lange im Voraus nach der Zeichnung Riegenſtahls gefertigten Kleidungs⸗ ſtücke der Diener, deren Hauptfarben nach Huttens Vor⸗ ſchrift die ſeines Adoptivvaters waren. Sie beſtanden bei Allen aus ſeegrünen Röcken mit Silber beſetzt, die, beinahe bis zum Knie reichend, in der Form der altdeut⸗ ſchen ſo geſchmackvollen Männertracht gearbeitet, und vorn auf der Bruſt durch ſilberne Knöpfe und Schnüre zu⸗ ſammen gehalten waren. Darunter trugen ſie rothe Tuchweſten mit weißem Halstuch, kurze ſchwarze Sammt⸗ hoſen und weißſeidene Strümpfe mit Schnallenſchuhen, — 28— die Reitknechte und Kutſcher dagegen bei aͤhnlicher Ober⸗ kleidung, weiße lederne Beinkleider und Reitſtiefel mit gelben Stutzen und Sporen.. Als die Diener nun dieſe ſchöne und glänzende Kleidung angelegt hatten, hielt Joſephſon, als Hofmar⸗ ſchall, eine Muſterſchau, und konnte nicht umhin, zu geſtehen, daß das ganze Leben und Treiben auf der Inſel bereits das Anſehen einer reichen fürſtlichen Hofhaltung angenommen habe. Von ihm wurden nun auch dem Oberkoch die Küche, ihre Vorräthe, ihre Diener, Gehilfen und Mägde zuge⸗ wieſen, und der Kellermeiſter in die gefüllten Keller geführt, wo jedes Faß mit ſeinem Inhalte und der Zahl ſeines Jahrganges verzeichnet lag, und wo eine unabſeh⸗ bare Menge verſchieden geſtalteter Flaſchen in ihren Fächern und Lagen, wie gebannte, noch mit dem Schloſſe des Schweigens verſehene Geiſter, ihrer Auferſtehung und Entfeſſelung entgegen harrten. Wolfs leckere Zunge ſchmeckte im Voraus die Wonne der köſtlichen Tropfen, als er den Kellermeiſter auf einige beſondere an die Fächer geſchriebene Namen aufmerkſam machte, ihm die größte Sorgfalt empfahl und die Art und Weiſe ihrer künftigen Beſtimmung erklärte. So war alſo auch das vollendet, jeder Einzelne hatte ſein Amt übernommen, jeder den Umfang ſeiner Pflichten im Einzelnen und Allgemeinen kennen gelernt. — 29— Auch das ferne und nahe Publikum, welches jede neue Erſcheinung dieſer Art gewiſſermaßen als ſein Eigen⸗ thum betrachtet und mit oft ſehr wahren Benennungen das bisher Ungenannte in Umlauf und Anerkennung bringt, nahm ſeinen beſcheidenen Antheil an den allmählig laut werdenden Einrichtungen des neuen Inſelſtaates. Die Inſel ſelbſt erhielt von ihm die verſchiedenſten Nainen. Denn der vom Beſitzer ihr beigelegte Name„Hutteninſel“ war der unbekannteſte von Allen, und nur bei ihren Bewohnern gebräuchlich. Zunächſt wurde ſie die ameri⸗ kaniſche oder Künſtlerinſel genannt, während man den reichen Herrn, der auf ihr gebieten ſollte, allgemein den Inſelkönig nannte, noch lange bevor er ſelbſt die ſanften Zügel ſeiner glücklichen Regierung in die Hände genommen hatte. So war man bis zu den letzten Tagen vor der Ankunft Huttens gelangt. Die Witterung begünſtigte durchaus jedes auf der Inſel vorbereitete Unternehmen. Ein in der Nacht gefallener warmer Regen hatte die trockene Hitze gemildert, die Bäume und den Raſen erfriſcht, die Blumen in blühendſter Farbenpracht hergeſtellt. Vor Allen duſteten die Kinder des Juni, die Roſen, in ſüßeſter Fülle. Denn mit Roſen waren alle Blumen⸗ beete, Lauben, Raſenplätze, alle Eingänge der Häuſer, des Schloſſes und namentlich des Pavillons beinahe überſäet. Hunderte verſchiedener Arten, Farben, Gerüche wechſelten — —— — — 30— in bedachteſter Mannigfaltigkeit mit einander ab, und erquickten eben ſo das Auge, wie ſie das allgemeine Luſt⸗ und Wonnegefühl der glücklichen Menſchen erhöhten. Der Fluß ſelber und der klare Himmel darüber dehnten ſich in heiterſter Bläue aus; die die gegenüberliegenden Ufer ſchmückenden Wälder wölbten ſich in anmuthigſter Friſche; die benachbarten Landhäuſer auf den angrenzenden Berg⸗ höhen hatten ihr luſtiges Sommerkleid angezogen und wimmelten von ihren fröhlichen Bewohnern, die die Ge⸗ wohnheit nicht allein, ſondern auch die Neugierde dies Mal in größerer Anzahl herbeigelockt hatte. Auch das königliche Luſtſchloß auf der Weſtſeite der Inſel, die nahe, zur Inſel gehörige Waldung mit dem Förſterhauſe begrän⸗ zend, hatte ſich geſchmückt, und obwohl kein Mitglied der königlichen Familie im Augenblick darauf wohnte, ſo war doch der Kaſtellan deſſelben ermächtigt, den ankommenden Nachbar durch das Aufziehen der königlichen Flagge ehrenvoll zu begrüßen.— Es war der Tag vor der ſehnlichſt erwarteten An⸗ kunft. Joſephſon berief die Freunde zuſammen. Er bezeichnete ihnen noch ein Mal Stunde und Art des Empfanges und wies Jedem ſeinen Platz an.„Und nun, Waldau, was haſt Du noch mitzutheilen?“ fragte er dieſen, der ſich das Wort erbat. „Da wir ſo weit ſind,“ ſagte dieſer,„ſo wollen wir uns heute Nachmittag zum erſten Male in unſeren neuen — 31— Bekleidungen zeigen. Keiner ſchließe ſich aus, wir Künſtler müſſen den Anfang machen, die Anderen werden uns ſchon nachfolgen. So iſt es beſchloſſen, ſo ſoll es geſchehen.“ Und in der That, in der Nachmittagſtunde erſchienen ſie in ihren lange entworfenen, künſtleriſchen Trachten. Gleich waren dieſe an Form, Schnitt und Stoff, nur ver⸗ ſchieden an Farbe, mit Ausnahme der von Allen getra⸗ genen ſchwarzſeidenen Strümpfe und der ſilbernen Schnallen auf den lackirten Schuhen. Die Farbe der ſammtnen Ueberwürfe war allein dem Geſchmacke der Einzelnen überlaſſen; ſo hatte zum Beiſpiel Waldau ein dunkelblaues, Raphael ein olivenfarbiges, Lambeck ein braunes, Rie⸗ genſtahl ein dunkelgrünes und Willibald ein aſchfarbiges Kleid gewählt. Auf den lockigen Köpfen trugen ſie ein einfaches Sammtbarrett von derſelben Farbe wie das Kleid. Man hatte gefürchtet, bei ihrem erſten Erſcheinen in dieſer Kleidung ein heimliches Gelächter auf den Ge⸗ ſichtern der Zuſchauenden wahrzunehmen, aber man hatte ſich geirrt. Die romantiſche Umgebung, die ganze Art und Weiſe der alle Herzen erhebenden Feierlichkeit hatte einen heiteren Ernſt über Menſchen und Gegenſtände ver⸗ breitet. Man ſah ſich freilich mit großen Augen an, fand aber dieſe Wahl ſo einfach, natürlich und geſchmackvoll, daß man ſogar die Verwunderung ausſprach, wie es noch — 32— Menſchen geben könne, die in nüchternen langen Bein⸗ kleidern mit dem todten ſchwarzen Fracke einhergingen, ein Bild der ermüdeten, alles Geiſtigere, Schönere und Erhabenere tödtenden Zeit. In den letzten Abendſtunden begab ſich der Archi⸗ tekt, von Joſephſon begleitet, noch ein Mal an alle die verſchiedenen Orte ſeines Fleißes und ſeiner Anſtrengungen. Haus um Haus, Ort um Ort, Baumgruppe um Baum⸗ gruppe, Park, Garten, Blumen, Schiffe, Diener— Alles muſterte er mit verſtändigem Kennerblick, und als er endlich Abends ſpät ſein Lager ſuchte, ſagte er freudig zu ſich ſelber:„Es iſt Alles, wie ich es wollte, Gott gebe einen ſchönen warmen Sonnentag und ein heiteres Gemüth.“ ZBweites Kapitel. Der Morgen des Johannistages. Ulnd Gott gab einen ſchönen warmen Sonnentag und nicht allein heitere, ſondern auch glückliche, dankbare Ge⸗ müther. Schon in der Frühe des friſchen Morgens war Alles, was Leben und Hoffnung hatte, in freudiger Be⸗ wegung auf der Inſel. Alle Bewohner, feſtlich gekleidet, in Gruppen verſammelt, klopfenden Herzens, voll ſehnen⸗ der Gefühle, drängten ſich auf der Rampe vor der ſüdli⸗ chen Hauptfronte des Schloſſes zuſammen, von wo man zuerſt des ankommenden Schiffes anſichtig werden konnte, welches der Kapitain Schröder, in ſeinem Feſtanzug, den Degen an der Seite, und allein von Joſephſon begleitet, ſchon am frühen Morgen nach der Reſidenz gefahren hatte. Die obenerwähnte Rampe umgab das ganze Schloß, war etwa zwölf Fuß über dem Hügel erhaben, auf welchen Der Inſelkönig. v. 3 die andere, längere, etwas mehr links ab an die weſtliche daſſelbe gegründet war, und flachte ſich nach ſeinem Fuß⸗ ende in einen ſanft abſteigenden grünenden Raſenwall ab⸗ Der Raum auf der Rampe vor dem Schloſſe ſelbſt war mit den köſtlichſten Blumen, in bronzenen Gitterverzie⸗ rungen, in Form eines ungeheuren Blüthenteppichs ge⸗ ſchmückt; in den mit rothem Kieſe beſtreuten Zwiſchenräu⸗ men waren, die ganze Länge des Schloſſes einnehmend, ſechs ſchöne metallene Kanonen aufgeſtellt, die eine ernſte Zierde des Ganzen bildeten. Feuergeübte Männer ſtan⸗ den an den Lafetten und erwarteten das Zeichen des erſten Freuden⸗ und Begrüßungsſchuſſes. Unmittelbar unter dem Abhange des Hügels beugten ſich ſchön verſchnittene Hängeweiden mit den ſilbernen in der Morgenluft zittern⸗ den Blättern, vorüber in den Fluß, gleichſam ermüdet, als hätten ſie auf ihren breiten Aeſten den ganzen Hügel und die Laſt des darauf prangenden Schloſſes zu tragen. Die Schiffe, aus dem gewöhnlichen Hafen in die Umgebung der Landungsbrücke auf der Südweſtſpitze der Inſel, dem Haupteingange des Schloſſes, gefahren, ſchau⸗ kelten ſich luſtig auf den blauen Wellen und hatten ihre bunten Flaggen und Wimpel aufgezogen. Von der Lan⸗ dungsbrücke empor, in breiten, bequemen Stufen ſich er⸗ hebend, von grünenden Waldbäumen beſchattet, wanden ſich zwei bronzene Gitterlauben, die eine nach dem Eingange des Schloſſes ſelbſt, wo der Empfang ſtattfinden ſollte, *—— — 35— Thür des Pavillons führend. Sie war allein für den Hausherrn beſtimmt. So war die erwartete Stunde näher gekommen. Auf der Rampe ſtanden die Freunde Eduards in ſchwei⸗ genden Gruppen, dahinter die Diener in blinkenden Klei⸗ dern, unter den neuen weißen Dienern die alten treuen Neger, in ihren amerikaniſchen Trachten, gemiſcht. Wal⸗ dau ſtand auf einer Kanone und hatte ein Fernrohr in der Hand. Sein Herz zitterte vor Wonne, ſeine Augen funkelten und kaum konnte er in der von Freude bewegten Hand das Glas ruhig vorm Auge halten. Viele Andere hatten ebenfalls Gläſer, durch die ſie in die Ferne des Fluſſes blickten, während die nicht ſo Ausgerüſteten ſie wiederholt fragten, ob ſie denn noch nichts ſähen? Waldau ſchüttelte den Kopf und ließ das Glas ſinken, alle Minuten ſah er nach der Uhr. Da rief plötzlich ein ſcharfſichtiger Kanonier: „Da— dal da iſt der Dampffſtreif des Bootes!“ „Wo? Wo!“ riefen Alle mit einem jauchzenden Tone der reinſten Herzensfreude und ſtreckten die Köpfe in die Richtung des Fluſſes. Und wirklich, um die letzte Biegung des ſich kruͤm⸗ menden Fluſſes herum zog ſich der weiße lange Rauchſtreif eines ſich ſchnell nähernden Dampfbootes. Waldau ſchaute durch ſein Glas. „Er iſt's! er iſt's!“ rief er mit donnernder Stimme. 3* Und mit der Rechten nach der Höhe des Schloſſes win⸗ kend, ſchrie er aus vollen Leibeskräften:„Hinauf, hinauf mit der Flagge und laßt die Kanonen brummen!“ Und hoch oben auf der Zinne des höchſten Schloß⸗ thurmes ſchwebte zum erſten Mal die feſtliche, gewaltige Flagge den langen Flaggenſtock hinauf, in ihren weißen und dicken Seidenfalten das Wappen Mr. Huttens des Aelteren zeigend: ein gegen Sturm und Wogen kämpfen⸗ des Schiff mit vollen Segeln. Und der erſte Kanonenſchuß donnerte herab von der grimmen Höhe und begrüßte freierlich den in ſeine Hei⸗ math glücklich zurückkehrenden Erben. Ihm folgte nach rechtzeitiger Pauſe der zweite und die andern ſo lange, bis das Schiff die Landungsbrücke erreicht hatte. Doch begeben wir uns auf das Schiff ſelber, wel⸗ ches mit voller Kraft auf dem blauen Strome daher flog. Eduard Hutten hatte ſeine junge Gemahlin nach Paris geführt; aber das unruhige, wühleriſche Leben da⸗ ſelbſt hatte ihr nicht zugeſagt. Schon mehr hätte ſie das ſüdliche Frankreich befriedigt und einen Theil der Schweiz hatte ſie mit der größten Bewunderung verlaſſen. Von Schaffhauſen, wo ihr Eduard die Stellen gezeigt, die er mit ihrem Vater vor einigen Jahren betreten hatte, waren ſie den Rhein hinabgefahren und, obſchon im Innern nach dem gewohnten und lange entbehrten Frieden eines ſtillen Hauſes verlangend, hatten ſich beide in inniger Gemein⸗ —&☛- — 37— ſchaft an dem ſchönen Strome und ſeiner reizenden Ro⸗ mantik erbaut. Nun aber, als auch das vorüber war, ſehnten ſich beide nach Ruhe und ländlicher Stille. Als ſie in der Reſidenz angelangt waren und die ihrer harren⸗ den Freunde, Joſephſon und Schröder, auf das Herzlichſte begrüßt, und das ſchöne neue Dampfboot, das der Ka⸗ pitain nicht genug rühmen konnte, betreten hatten, da ſagte Eduard: „Das iſt der erſte Schuhbreit Boden, der uns allein gehört; noch einen aufregenden Tag, meine Beata, der die Begrüßung aller meiner Lieben einſchließt, laß vorüber, dann ſollſt Du Ruhe und Frieden in Fülle haben. Laſ⸗ ſen Sie uns ſogleich abfahren, Schröder!“ Und die Schraube ſetzte ſich in Bewegung und das Schiff flog wie ein Geiſt, deſſen Schwingen man nicht ſieht, auf dem langſam fließenden Waſſer dahin. Und nun öffnete ſich bald die ſchöne Gegend des neuen Heimathlandes, die Seeen und Berge, die Land⸗ häuſer und Wälder traten hervor, und es war unſerm Freunde, als wehte ihn ſogar die Luft mit ſüßerer, hei⸗ mathlicher Wärme an. „O, wie ſchön iſt das!“ rief Beata entzückt, die auf dem Verdeck neben dem Gatten ſtand und ſich an ſeinen Arm lehnte,„und hier ſollen wir wohnen?“ „Es kommt eine noch ſchönere Gegend, mein Kind. — 38 gedulde Dich ein wenig, in der herrlichſten Mitte wird un⸗ ſer Häuschen ſtehen.“ „Ja, Häuschen!“ dachte Joſephſon und ſah mit ſtil⸗ lem Entzücken das ſchöne Paar an, wie es da unter dem luftig aufgeſpannten Segelzelte ſtand und ſich gegenſeitig ſtützend in liebevoller Innigkeit auf die grünenden Ufer hiausſchaute. Wie ſahen ſie beide ſo geſund, ſo kräftig und ſo ſchön aus! Eduard war in ſein kurzes Wamms von ſchwarzem Sammet gekleidet, welches er ſeit langer Zeit beſtändig trug und, bis oben hinauf zugeknöpft, ſeine breite Bruſt, ſeine kräftigen männlichen Glieder in voll⸗ ſter Blüthe und Kraft zeigte; an den Füßen trug er be⸗ queme Reiterſtiefel, über dem Spann in weiten Falten beginnend und unter das Knie reichend 3 wo die elaſtiſche Bekleidung von gegerbtem Büffelleder begann, eine Mode, die Eduard ſo bequem fand und die ihn auch ſo gut keidete, daß er ſie auch fernerhin zu tragen beſchloß. Sein Haupt⸗ haar war etwas kürzer geſchoren, als früher, eben ſo ſein Wangen⸗ und Kinnbart, nur ſein ſchöner Lippenbart, in breiten Ringeln hinabfließend, war geblieben, denn der Geſandte Nordamerika's durfte ja nicht wie ein bärtiger Weltzertrümmerer in die alte Welt und an den Hof ſeines Königs zurückkehren. Beata zeigte ſich in ihrer ſchoͤnen ſpaniſchen Tracht, nur in Hinſicht auf die Reiſe und Wärme war dieſe etwas abgeändert. Sie trug einen faltigen langen Rock von 4 blendend weißem indiſchem Monſſelin, ein ihre elaſtiſchen Formen eng umſchließendes Mieder von ſchwarzem Atlas, vorn mit roſa Bandſchleifen zugebunden, die auch in der Mitte des Kleides vom Gürtel herab bis auf den letzten der zwanzigfachen Säume ſich fortſetzten und auf den Schultern in größern Ringeln wiederholten. Ueber dem goldenen Netze, das die glänzende Lockenfülle einzwängte, trug ſie ein leichtes Sommerhütchen von geflochtenem ita⸗ lieniſchem Stroh, über welches ein langer dichter Schleier hinflatterte. Dicht hinter Beiden ſtand das ſchwarze Geſchwiſter⸗ paar, in dieſem Augenblicke, wo die geſpannteſte Erwar⸗ tung der kommenden Dinge ihren Geiſt aufregte, einen wahrhaft köſtlichen Anblick bietend. An den größeren⸗ mächtigern Bruder mit den breiten Schultern, dem ſymme⸗ triſch athletiſchen Gliederbau, dem bronzenen Geſicht mit den glühenden, die Fläche des zuaſi durchdringenden Augen lehnte die große, ſprühende, in dunkler Farben⸗ gluth prangende Schweſter. Die acht mexikaniſche Tracht hob den reizvollen Bau ihrer nie ſo ſchön geſehenen For⸗ men hervor und ſchon, in der Erwartung d des Landes, zog ſie den langhinſchleppenden Staubmantel, aus weſtin⸗ diſcher roher Seide gewebt, dichter an ihre üppigen Schul⸗ tern hinauf. Ihre, wie ein wahres Lichtmeer erſcheinenden Augenſterne funkelten von Ort zu Ort, von Ufer zu Ufer — 410— und ein Mal über das andere fragte ſie den naheſtehenden Joſephſon: „Wie lange dauert es noch?“ 3 Da hatte das Schiff die letzte Biegung des Fluſſes erreicht und vor ihm lag die grüne Inſel, auf ihrer Süd⸗ weſtſpitze das prachtvolle Schloß mit den beiden ſchlanken Thürmen an den Ecken und dem runden dickern in der Mitte, auf dem ſo eben das flatternde Banner in die ſon⸗ nige Morgenluft empor ſtieg. Auf der linken Uferſeite erhob ſich das Schloß des Monarchen, ſein königliches Banner langſam entfaltend, gegenüber der Landſitz des benachbarten Privatmannes, ebenfalls eine kleinere Begrüßungsflagge zeigend. Eduard hatte jetzt nur Augen für das herrliche Schloß, das ſeine langen gothiſchen Fenſterreihen, die in der Hauptfront bis auf den Boden reichten, im Sonnen⸗ lichte glänzend enthüllte; die kleineren, auf der andern Seite liegenden, in allen architektoniſchen Verhältniſſen ge⸗ geformten Bogen⸗, Pfeil⸗ und Spitzfenſter, die einzelnen vor⸗ und zurückſpringenden Verbindungstheile mit tauſend⸗ fältig verſchiedenen Schnörkeln und Verzierungen konnte er von hier aus noch nicht ſehen. Nur die mächtigen Zin⸗ nen, die Thürme, die allgemeinen Umriſſe vermochte er aufzufaſſen, denn ſein Gemüth war in der aufgeregteſten, freudigſten, glücklichſten Bewegung. D, wie wunderſchön!“ lispelte Beata. 5 ————— — — —— — 41— „Maſſa Joſeph— koſtbar!“ rief Ithyſſa aus. Cigarita ſchwieg, aber ſie drückte ihres Bruders Arm gegen die leidenſchaftlich bewegte Bruſt. „Sieh, ſieh! ſie haben auch Kanonen!“ rief Eduard beinahe jauchzend, denn eben erreichte ſein Ohr der erſte weithin rollende, an den Wäldern der Ufer ſich brechende Donnerſchuß.„Schröder!“ wandte er ſich zu dieſem, „laſſen Sie doch auch von unſerm Pulver verdampfen, da⸗ mit ſie ſich nicht die allein Redenden dünken!“ Und im Augenblicke darauf krachte es von dem Ver⸗ deck der Beata daher und der wirbelnde Dampf zog in bläulichen Ringen über die ſchweigenden Gewäſſer. Schuß folgte auf Schuß, Schuß auf Schuß wurde erwidert. „Jetzt aber, meine Damen,“ rief Joſephſon,„treten ſie hinter den Vorhang des Sonnenzeltes; die Freunde da drüben haben Gläſer und reichen mit ihren Augen bis hierher.“ Und es war hohe Zeit, denn ſchon hatte der ſcharf⸗ blickende Waldau etwas Weibliches erblickt und wollte ſeine Wahrnehmung ſchon den Uebrigen verkünden, als Beata und Cigarita plötzlich hinter dem Zelte verſchwanden. Raſch näherte ſich das fliegende Schiff; im weiten Bogen holte der ſeekundige Kapitain aus und gab dem Steuermann ſeine Befehle. „Hoho!“ rief er aus,„ich will ihnen zeigen, was. ein ſolches Schiff vermag; auf einem Teller ſoll es ſich — 422— dicht an der. Landungsbrücke vor ihren Augen herum⸗ drehen. Herum mit dem Steuer, Jack, immer Backbord, Back— Back— Backbord. Hurrah!“ Und die ganze Mannſchaft ſchwenkte die Hute in der Luft und ſchleuderte der deutſchen Inſel ein ſchallendes amerikaniſches Hurrah entgegen. Die Landbewohner erwiderten es hundertſtimmig. Das Schiff flog im kreisrunden Bogen herum— die Waſſer ſchäumten hinter ſeinem ſchneidenden Kiele— noch eine Schraubenbewegung, noch ein Druck der ſtöhnen⸗ den Maſchine und das gewaltige„Stopp“ donnerte in den Raum hinunter. Die Waſſer theilten ſich, das Schiff ſchwankte hin und her, als wenn es vor Anſtrengung zitterte, dann lag es ruhig wie ein ſchlafendes Kind an der Landungsbrücke, die ſogleich des Beſitzers Fuß betrat, der, allein von Mr. Staunton, Treaden und den ſchwar⸗ zen Dienern unten am Eingang der Gitterlaube bewill⸗ kommnet, mit flüchtigem Fuße die Treppe hinaufeilte und ſeine mit Wonne erfüllte Beata an der Hand hielt. Da ſtand er oben, inmitten der bis zum ſchweigen⸗ den Staunen verwunderten Freunde, denn die Damen hatten ſie nicht erwartet und beinahe hätte der zum Spre⸗ cher erwählte Michel Angelo ſeine Anrede vergeſſen. Eduard Huttens feuchtes Auge aber flog im Kreiſe wie das Auge eines Adlers umher, das alle ſeine Jungen — 43— ſucht, ſie überzählt und, ſie vollzählig findend, mit jubeln⸗ dem Blicke begrüßt. Und wen ſah er? Da ſtand, mit einem Schritt vorantretend, ſein edler Pflegevater, der ehemalige Paſtor Wollzagen aus Bilſingen, das grau gewordene Haar entblößt, mit dem ungebrochenen, geſunden, rüſtigen Körper, aber dem Herzen voller Liebe und den Augen mit dankbaren Thränen ge⸗ füllt; neben ihm die ehrwürdige Mutter und ihr zunäͤchſt die vier lieblichen Töchter, alle in die Farbe der Freude und der Unſchuld gekleidet. Dicht daneben der alte milde Kantor, das weiße Haupt auf der Mitte geſcheitelt, die ganze Geſtalt und das lächelnwollende Geſicht ein Bild der tiefſten menſchlichen Rührung. Das Käppchen, wo⸗ mit vorher ſeine langen Haare bedeckt waren, hielt er jetzt in der Hand und, den Glanz der Begleiter Eduards ſe⸗ hend, fuhr ſein Blick auf ſeine eigenen langen Stiefel hinab, gleichſam bittend, man möge ihm ſeine alte Ge⸗ wohnheit verzeihen, in dieſer Tracht hier zu erſcheinen, denn auch ſein alter Freund Wollzagen hatte ja, der all⸗ gemeinen und ſeiner beſondern Feier wegen, die übliche ſchwarzſeidene Fußbekleidung angelegt. Neben dem Kan⸗ tor ſtand die alte, gebrechliche Suſanne in einem ganz neuen ſchwarzſeidenen Kleide. O! was fühlte ſie wohl, als ſie jetzt den reichen Herrn ſah und ſich des kleinen Knaben erinnerte, der einſt im Mregeſtöber, von Kälte erſtarrend, in ihr ärmliches Haus getreten war. nu Auf der andern Seite des Paſtors ſtand der be⸗ wegte Bankier Ermeling, der dem reichen Erben ſein gan⸗ zes gegenwärtiges Glück verdankte; ihm zur Rechten die in aller Schönheit ſtrahlende Judith, die Hände und Augen zum freudigſten Gruß erhoben. Neben der ſchö⸗ nen Schweſter der blühende Bruder, Emil, in ſeiner neuen Stallmeiſter⸗Würde. Dann kam Frau Holzbrecher im ſchweren rauſchenden Atlaskleide, einen Diamantenſchmuck in den Ohren und an den Händen tragend. Dann kamen die alten Freunde, der ruhige, beſon⸗ nene Ernſt mit dem klaren, verſtändigen Auge und dem von ſeiner Hände Thätigkeit befriedigten lächelnden Ge⸗ ſichte, der talentvolle Felix mit dem originellen Ausdruck des muſikaliſchen Künſtlers in ſeinen ſcharfen Zügen, an der Hand die vor Aufregung zitternde alte Mutter hal⸗ tend, die aus ihrer klappernden Mühle in Bilſingen her⸗ beigekommen war. Der beſcheidene, etwas zurücktretende Karl, als wolle er ſich in die geheimſten Schlupfwinkel ſeines Gartens zurückziehen, ſtand neben ihnen. Nun kamen die Künſtlerfreunde, Waldau ſelber mit ernſter Feſtesmiene und doch dem Weinen näher als dem Lachen vor mannichfacher Gemüthsbewegung; Raphael mit ſeinem lockigen goldenen Haar und dem durchſichtigen Mädchenantlitz; Riegenſtahl, der gute Kerl, etwas mehr noch als verlegen, denn er hatte eine geheimnißvolle Bitte auf dem Herzen, die nur ſein edler Freund ihm gewähren — 45— konnte; Willibald Kannenſchmidt, lächelnd, denn er ſah ja die Ueberraſchung Aller vor ſich, die nur ihre Freude zu vermehren im Stande war, und endlich Adal⸗ bert Lambeck mit dem dunkeln Haupthaar und dem ſchwar⸗ zen, kühnen Barte in dem feſten, männlichen Geſicht, welches jetzt nur Augen für die merkwürdige, charaktervolle Erſcheinung hatte, die an Ithyſſa's Hand dahergeſchritten kam. Neben ihm ſtand Andreas Oeggering, der Bild⸗ hauer, in ſteingrauen Sammet gekleidet, das wellenför⸗ mige Haar vor Verlegenheit nach der verkehrten Seite ſtreichend. Sodann kam Frau Schwarzkopf, in braunem Sei⸗ denſtoff, an der Hand die ſchöne Anna haltend, die, ver⸗ ſchämt, ſich in der Mitte des glänzenden Kreiſes zu ſehen, die blitzenden Augen niederſchlug; hinter Beiden die drei Meiſter, ſich mit den Ellnbogen anſtoßend, wie immer,⸗ wenn keiner wußte, was er vor Verlegenheit ſagen ſollte; ihre Frauen fehlten natürlich neben ihnen nicht. Sodann kamen der alte Förſter, der Oekonom, die Gärtner, die Matroſen, die Kutſcher, die Reitknechte mit den Mägden des Hauſes und alle die Arbeiter, wie viele ihrer auch auf der weiten Inſel zerſtreut waren, denn alle hatten ſich hier verſammelt, um den großen, vornehmen, ſchönen Herrn, den ſie noch nie geſehen, gleich bei ſeiner Ankunft egrüßte roßen Kreis überflog des Inſelbe⸗ herrſchers in Freudenthränen lächelnder Blick und eben wollte er Beata's Hand ergreifen und mit ihr vor ſeinen Vater treten, denn bis jetzt hatte ſie noch nicht ihren dich⸗ ten Schleier gelüftet, da trat Waldau ihm ſtandhaft ent⸗ gegen und ſprach die wenigen Worte: „Eduard Hutten Stolling Wallzagen!— Aus wei⸗ ter Ferne kehrſt Du in Deine Heimath zurück, Dir ſelbſt und Andern eine Stätte der Ruhe, der Arbeit und des Glückes im Wohlthun zu bereiten— ſiehe Dich um, Alle, die hier vor Deinen Augen ſtehen, haben mit mehr oder minder großem Fleiße dieſe Stätte gründen helfen, ſo gut ſie es vermochten. Lebe glücklich darauf und ſegne Dich Gott!“— Da trat Eduard Hutten, ſich zu ſeiner ganzen Höhe erhebend und mit wenigen Ausnahmen die ganze Verſamm⸗ lung überragend, raſch und froh bewegt hervor, ſeine Wangen glühten und ſeine Augen ſtrahlten in einem hö⸗ heren Feuer. Er ergriff Beata's Schleier mit der Hand, nahm ihn ſammt dem Hute von ihrem herrlichen Antlitz, und vor ſeinem Vater ſich beugend ſprach er: „Mein theurer Vater und Ihr alle meine Vielgelieb⸗ ten, die Ihr meinem Herzen ſeit langen Jahren ſo nahe ſteht!— Wohl bin ich zurückgekehrt aus weiter Ferne, nicht zu meinem Glück allein, ſondern vielleicht und hof⸗ fentlich zu dem Eurigen und vieler A Schet glen hier— ich kam nicht allein. Hier 47 nes edlen Adoptivvaters Edward Hutten, deſſen Sinnbild, das meerbezwingende Schiff, da droben im Winde flattert, dem wir Alles verdanken, was wir hier und anderwärts beſitzen— hier dieſe, jetzt meine theure Gattin, kommt vom Hudſon, der ſeine Fluthen in das atlantiſche Meer ergießt, alſo aus weiter Ferne mit mir zu Euch, voll Hoffnung, Freundſchaft und Vertrauen, Ihr werdet ihr ſein, was Ihr mir bisher geweſen waret. Ich grüße Euch und, dankbar für Eure unendliche Liebe, ſchließe ich Euch Alle an mein überfließendes Herz!“ Und mit dieſen Worten eilte er, Beata umſchlingend, zuerſt auf ſeinen alten Vater zu und lag bald in ſeinen Armen. Eine feſte, dichtverſchlungene Grupbe bildete ſich, denn ein Jeder wollte etwas von d armung haben und es dauerte lange, bevor die Bazsungen und Vor⸗ ſtellungen ein Ende genommen hatisß 7 Judith aber vor Allen konnte ſich von der ſchönen, kälgefaßten und unge⸗ mein glücklichen Beata, da ſie alle dieſe Liebe ſah, die man ihrem Gatten bewahrt, nicht trennen, wiederholt drückte ſie ſie an ihr Herz und rief: 1 „O, Sie glauben nicht, wie ſehr, wie unendlich glück⸗ lich ich heute bin!“ Endlich aber waren denn doch alle Begrüßungen vorüber und man ſonderte ſich wieder in ſeine frühere Stellung, denn Eduard drehte ſich auf der Rampe um, zeigte Beata mit der Hand die ſchöne Umgebung und dann, auf das im gonnerliht zauberähnlich leuchtende Schloß deutend, fragte er Waldau: „Iſt das mein kleines Gartenhaus, das Du mir zu bereiten verſprochen?“ „Nein, theuerſter Eduard, das iſt es nicht. Folge mir, i5 will Dich führen!“ Und im Triumphſchritt ging er vorauf, Eduard ſeine Mutter und der alte Vater Beata geleitend. So gelangte man an die Pforten des Pavillons. Wie aber ſah die⸗ ſer aus? Auch das war nicht das beſcheidene Garten⸗ häuschen, wie es hinter dem Wohnhauſe in der Mauer⸗ ſtraße fand, es ſchien noch zu köſtlich für den erſtaunten Beſitzer. 4 Urſprüngli⸗ ieſer Pavillon ein im ſchönſten Blumengarten, den nde Springbrunnen und Werke romantiſcher Sculptur ſchmückten, liegendes Quadrat, welches nur an der Südſeite durch die ſchon erwähnte Gallerie mit dem Schloſſe im Zuſammenhange ſtand. Er lag ebenfalls auf einer Rampe und ſtand in gleicher Grundhöhe mit jenem. In der Mitte der weſtlichen, öſt⸗ lichen und nördlichen Seite war dieſe Rampe von mar⸗ mornen Treppen durchbrochen und jede Treppe führte auf eine Blumenterraſſe, von welcher wiederum einige Stufen in das Innere leiteten; der Haupteing vom Parke, alſo an der Nordſeite her. Hier war der Eingang wehihaſ mit Roſen überfüllt, große Kränze — — — 49— dieſer ſchönen Blumen hingen über der maſſiven, mit Bild⸗ hauerarbeit geſchmückten Flügelthür und ſtanden in duf⸗ tige Sträuße vereinigt zu beiden Seiten auf dem ver⸗ goldeten Balkone in bronzenen Urnen. Dieſes in Qua⸗ dratform erbaute Gebäude hatte nur ein Stockwerk von beträchtlicher Höhe und zeigte auf jeder der drei genann⸗ ten Seiten neben den großen Thürmen zwei ungeheuere Erkerfenſter, die nach außen gewölbt hervortraten und in den dadurch entſtandenen Fenſterniſchen den ſeltenſten Gewächſen hinreichenden Raum gaben, Das platte Dach lief rings um, der Panzen Bauart entſprechend, in archi⸗ tektoniſche Zierrathen aus, nur die Mitte deſſelben ragte höher hervor und bildete eine große Glaskugel, die den innerſten Raum von oben erleuchtete, da dieſer, als in der Mitte gelegen, auch der einzige ohne Fenſter war. Nachdem Eduard ſich das Aeußere dieſes ſchönen, einfachen und doch ſo kunſtvoll erſonnenen Bauwerks flüch⸗ tig angeſehen, folgte er dem raſch voranſchreitenden Füh⸗ rer, während ihm ſelber die ganze Verſammlung auf dem Juße folgte und ſich an ſeiner Befriedigung, die ſich deut⸗ lich genug auf ſeinem Geſichte ausſprach, weidete. Aber auf der Schwelle des Hauſes, eben als er die marmornen Stufen hinaufgeſchritten war und den Roſen⸗ duft mit Wonne einathmete, traf ihn ein kaum erwarteter Anblick. Auf der Schwelle nämlich ſtand, tief fich ver⸗ neigend, das ſchwarze Sammetkäppchen in der einen, ein Der Inſelkönig. v. 4 — 50— großes Schlüſſelbund in der andern Hand, ebenfalls in ſeide⸗ nen Strümpfen und Schuhen und, wie die Künſtler in ein bequemes Sammetwams gekleidet, ein alter Mann mit grauem Haar und freundlich lächelnden Zügen. „Holzbrecher!“ rief Eduard voller Jubel und eilte auf ihn zu. „Ich habe die Ehre, mich als Oberaufſeher dieſer Schlöſſer vorzuſtellen,“ ſagte der alſo Begrüßte,„und über⸗ reiche dem gütigen Beſitzer die Schlüſſel. Möge er in Frieden darin wohnen und mich hier unter den Seinigen dulden, worum ich freundlich und ergeben bitte.“ Gleich darauf aber lag er in des Freundes Armen. — Das war die Ueberraſchung, die er mit Waldau dem Erben ſchon lange zugedacht hatte. Aber es ſollten noch andere, ähnliche folgen. Holzbrecher ging nun voran und Eduard betrat ſein erſtes Gemach, welches wie die übrigen neun, die ſich im Pavillon befanden, von regelmäßig viereckiger Form und angemeſſener Höhe war. Dies iſt Dein Empfangzimmer für gewöͤhnlihe Fülle,“ ſagte Waldau und deutete mit beiden Händen auf den einfachen, aber gediegenen Inhalt des Gemaches. Die Tapeten deſſelben waren von lichtgrauem Sei⸗ denſtoff, mit breiten, matt vergoldeten Borten eingefaßt, die Decke von höchſt geſchmackvoller, aber einfacher Stukka⸗ turarbeit, von ihrer Mitte hing ein zwölfarmiger Kron⸗ 4* — 51— leuchter, ebenfalls von matt vergoldeter Bronze herab. Der Eingangsthür gegenüber zeigte ſich der aus blau ge⸗ adertem ſchleſiſchem Marmor gearbeitete Kamin, mit bron⸗ zenem Gitterwerk verſehen, über demſelben hing das ein⸗ zige Bild im Gemach, Adalbert Lambecks verhängnißvolles Geſchwiſterpaar. Rechts und links, in die Nebenzimmer einladend, befanden ſich große Flügelthüren von ſchön polirtem Nußbaumholz mit matt vergoldeten Beſchlägen und Schlöſſern. Vor dem Kamine ſtand das einzige Möbelgeräth, ein prachtvoller runder Tiſch auf drei gol⸗ denen Füßen, mit rother Sammetdecke belegt, und um denſelben ſechs ſchöne bequeme Seſſel, mit demſelben Stoffe überzogen. In den Ecken des Zimmers, pyrami⸗ denförmig aufgeſtellt, prangten ſchöne Blattgewächſe in vaterländiſch gearbeiteten, dem chineſiſchen Porzellan nach⸗ geahmten Blumentöpfen. Die weiten Fenſterniſchen mit weit zurückgeſchlagenen rothſeidenen Vorhängen verſehen, waren mit ähnlichen Zöglingen der Gärtnerkunſt geſchmückt; den Boden aber bedeckte ein weicher Teppich, in dem die grüne Farbe vorherrſchend war. Aus dem Empfangszimmer trat man zur Rechten in das Wohngemach. Eduard war erſtaunt, die behagliche Einrichtung deſſelben zu ſehen. Es war beinahe buchſtäb⸗ lich dem früheren Gartenzimmer nachgeahmt; die Möbel, der große runde Tiſch, die Schränke von Nußbaumholz, Alles von gediegener Arbeit; nur die Seſſel und der 4* — 52— Tiſch waren mit grünem Sammet, Eduards Lieblingsfarbe, überzogen. Ueber dem Kamin von grauem Marmor hing ebenfalls ein einziges Bild, das von Willibald in Lebens⸗ größe in Amerika gefertigte Portrait Beata's, welches der Künſtler ſelber noch am vorigen Abende darin aufgehan⸗ gen und kurz vor dem Eintreffen des Beſitzers erſt enthüllt hatte. Die Tapete war von braunem S Seidenſtoff mit kleinen goldenen Sternen, die Vorhänge von weißem, durchſichtigem Seidendamaſt, ebenfalls mit goldenen Stern⸗ chen beſäet. Der Teppich war den Farben des Zimmers entſprechend. Der ſchöne aufrecht ſtehende Flügel fehlte auch hier nicht, eben ſo wenig die Topfgewächſe in den Feſterniſchen, deren Spiegelſcheiben die Ausſicht nach dem Fluſſe boten. Zur Linken führte die Thür aus dem Empfangs⸗ zimmer in das Bibliothek⸗ und Arbeitszimmer. Die koſtbarſten Bücher, nach Joſephſons Verzeichniß angeſchafft, worin alle Sprachen, alle Klaſſiker, alle vorzüglichſten Kunſt⸗ und Wiſſenſe chaftswerke vertreten waren, bedeckten ringsum die Wände. Der Arbeitstiſch mit allem Zube⸗ hör ſtand in der Mitte, Pläne des Schloſſes, des Par⸗ kes, der ganzen Inſel von Waldau, von Ernſt und Karl angefertigt, waren innerhalb der Thüren entrollt. An dieſes Zimmer ſchloß ſich das Billardzimmer, aus dem man, da es in der Nitte der Oſtfronte lag, wieder auf einigen Stufen in den Garten gelangen konnte, — 53— das Billard ſelbſt mit alle dem dazu Gehörigen war von der ſeltenſten Schönheit aus Paliſanderholz gefertigt und ruhte auf ſechs breiten bronzirten Löwenklauen. Vier filberne Lampen mit großen Milchgläſern hingen an den gehörigen Punkten darüber. „Das iſt Deine Einrichtung,“ ſagte Waldau und verneigte ſich freundlich vor dem entzückten Freunde,„jetzt aber betreten wir die Gemächer Deiner Gattin.“ Aus dem Billardzimmer, der Bibliothik gegenüber, trat man in das mit vier Erkerfenſtern verſehene, ſoge⸗ nannte Damen⸗Arbeitszimmer. Tapeten, Stuhlbezüge, Vorhänge waren denen am Hudſon nachgebildet und be⸗ ſtanden aus roſarothem Atlas mit Silberborten verziert. Ein perſiſcher Teppich in tauſend ſanften Farben ſpielend, bedeckte den Böden. Die große Krone war von durch⸗ ſichtigem Kryſtall. Der Kamin von carrariſchem Marmor, von den Wänden hingen lebensgroße Gemälde, Hutten der Aeltere und Jüngere, ernſt, doch freundlich ſich an⸗ blickend, beide ſchon in Amerika von Willibald gemalt und von Joſephſon herübergebracht. Dieſem Zimmer folgte das Damenempfangszimmer, dem Eduards gegenüberliegend. Die Einrichtung war eine ähnliche, nur war der Kamin von ſchwarzem Marmor, die Tapeten lichtweiß mit tauſenden kleiner farbiger Blu⸗ men und Blüthen beſprengt. Von gleichem Seidenſtoff waren Vorhänge und Ueberzüge der ſechs Seſſel um den Marmortiſch, den eine türkiſche Kaſchmirdecke verhüllte. Ueber dem Kamin hing Cigarita's lebensgroßes Bild, von Willibald gemalt. Dem Kamiite grnüber, zwiſchen den kleinern Fenſtern führte eine Flügelthür von Eben⸗ holz in die Gallerie, die wir ſpäter betreten werden. Ne⸗ ben dem Damenempfangszimmer ein zweites Damenzimmer, dem erſteren gleich. Hier waren die Tapeten, Vorhänge, Seſſelüberzüge von mattblauer Seide, mit eingeſtickten ſilbernen Sternen. Die Teppiche und ſonſtigen Möbel dem Ganzen entſprechend. Die mit Blumen gefüllten Fenſter zeigten ebenfalls das Waſſer, an deſſen gegen⸗ ſeitigem Ufer die königliche Burg ihre gelblichen Mauern erhob.— Aus dieſem Zimmer führte die Thür in das Schlaf⸗ gemach, welches auf der andern Seite an Eduards Wohn⸗ zimmer ſtieß. Es war ganz und gar mit indiſchem, grün und weiß geſtreiftem Mouſſelin bekleidet, ebenſo die Vor⸗ hänge der Fenſter und Betten, die nebeneinander ſtanden. Der Teppich von dunkler Moosfarbe war ſo dick und weich wie das Moos des Urwaldes ſelber. An der Stelle, wo auf der gegenüberliegenden Seite der Garteneingang zum Billard war, ſtanden die Betten, ihnen gegenüber der Kamin von grünlichem Marmor, weiß geadert. Auf dem Geſims Thorwaldſens Pſyche und Amor, an den Wänden vier große italieniſche Mondſcheinlandſchaften, der Golf von Neapel, der große Kanal zu Venedig, Tarent — — 53— und die blaue Grotte von Capri, alle vier von Raphaels italieniſchem Pinſel gemalt. Die zwei Toiletten, von Ro⸗ ſenholz wie die geſtelle, waren mit dem geſchmackvoll⸗ ſten Porzellan gefün und alle ſüßen Düfte der Erde zeigten ſich in kryſtallenen Gefäßen, die ein flehender Amor dem Gebrauchenden entgegenhielt. Waldau verbeugte ſich tief vor der ſchönen Frau des Hauſes und entſchuldigte ſich, daß er die ihr geweih⸗ ten Räume mit ſeinem Fuße betreten habe. Beata ſelber war zu bewegt, um ihr Dankgefühl lebhaft ausſprechen zu können, ſie reichte dem Freunde ihres Mannes die Hand, die dieſer erröthend küßte. „Nun, mein theurer Hutten,“ fuhr Waldau fort, „haſt Du die äußeren Zimmer Deines kleinen Gartenhau⸗ ſes geſehen, beſchaue auch den Mittelpunkt deſſelben.“ Wir haben ſchon geſagt, daß der mittelſte und größte Raum des Pavillons mit einer Kuppel bedeckt war, durch deren Glas das Licht von oben hereinfiel. Dieſer große viereckige Raum beſtand aus fünf Abtheilungen, von denen die mittelſte ein Rundſaal war, die vier andern herumlie⸗ genden eckigen aber als Nebenkabinette zu den Wohnzim⸗ mern dienten. Die eine, an Beata's Empfangzimmer und das gemeinſame Schlafgemach ſtoßend, war das Badezim⸗ mer. Eine herrliche Badewanne von künſtlichem blauem, halbdurchſichtigem Geſtein, eigentlich eine Glasart, ſtand, an der einen Wand. Die Röhren waren durch den Bo⸗ dem überraſchendſten Gezwitſcher. den eingeführt und brachten vom Maſchinenhauſe her heißes und kaltes Waſſer. Große bronzene Rollſpiegel ſtanden in den Ecken. Die Kopie von Correggio's Leda mit dem Schwan, hing als einzige Zierde an der Wand. Den Boden bedeckte ein chineſiſcher Teppich von weichem ge⸗ flochtenem Baſt. Zwei Rolldivans und eine Toilette don Milchglas mit Gefäßen von gleichem Metall vollendeten die Ausſchmückung. In dem zweiten Kabinet ſtanden die mit ſo großer Sorgfalt über das Meer getragenen Schränke, in denen die Geſchmeide, die Goldſammlungen und die Cigarren enthalten waren, zu denen Beata den Schlüſſel hatte. Die beiden andern Kabinette dienten zu Ankleide⸗ zimmern und zur Aufbewahrung der Kleidungsſtücke. Der Rundſaal endlich war ein mitten im Pavillon gelegenes Gewächshaus. Hier ſtanden die ſchönſten Exem⸗ plare aller tropiſchen Stamm⸗ und Blattgewächſe, Citro⸗ nen⸗, Granatenbäume, Kamelien, Azaleen und womit man ſonſt dieſe Räume zu füllen pflegt. In der Mitte, um welche ein bequemer runder Divan ſtand, ſprudelte ein kühler Springbrunnen ſeine Waſſer in allerlei beliebi⸗ gen Figuren, die metallnen Aufſatzſtücke lagen in einem Kaſten dabei. Vögel allerlei Länder und mit dem glän⸗ zendſten Gefieder hingen in vergoldeten Käfigen an ſeide⸗ nen Schnüren herab und begrüßten die Eintreteugen mit „Jetzt find wir hier fertig und wir können die Gal⸗ lerie betreten,“ ſagte Waldau. „Um Gottes willen, ich bin jetzt ſchon geblendet,“ rief Ednard,„nicht Alles auf ein Mal!“ „Du bekommſt heute auch nicht den zwanzigſten Theil zu ſehen. Doch bevor Du Dich zum Frühſtück ſetzeſt, mußt Du wenigſtens den Theil des Schloſſes beſuchen wo Deine Freunde wohnen.“ Das war freilich ein Wort, dem Eduard nicht wi⸗ derſtehen konnte und er folgte dem Voranſchreitenden ſo⸗ gleich in die Gallerie, die, wie wir wiſſen, die Waffen⸗, „ Gemälde⸗ und Skulpturſammlung Mr. Huttens enthielt und einen langen Raum darſtellte, der mit dunkelrothen Sam⸗ met⸗Tapeten geſchmückt war, auf denen ſich die Marmor⸗ figuren beſonders ſcharf und ſchön abzeichneten. Aus dieſer Gallerie nun trat man, ſchon im Schloſſe befindlich, und zwar nach dem Garten hinaus im untern Stockwerk, zunächſt zur Linken in die Geſchäftszimmer des reichen Beſitzers. Hier waren die Büreaus Mr. Staun⸗ tons und Mr. Treadens, woran ſich ihre Wohnungen ſchloſſen. Dieſen folgten die für Raphael Manowsky und ſeine künftige Gattin beſtimmten Räume, alle in einem Geſchmacke und einem Glanze eingerichtet, die ſowohl dem Erbauer ur Ehre, wie dem Bewohner zum größten Be⸗ hagen gereichten. An Judiths Zimmer ſchloß ſich Holz⸗ brechers gemüthliche Wohnung mit einer Werkſtatt für den — 58— akademiſchen Künſtler verbunden, wie dieſer ſie ſich nur bequem und geräumig hätte träumen können. Daneben die des Architekten ſelber, welche, wie Raphaels, ein be⸗ ſonderes, höchſt vortheilhaft angelegtes Atelier enthielt. Endlich kam Joſephſons reizende Zimmerreihe, denn auch für ihn und ſeine künftige Hausfrau war Waldau eifrig bemüht geweſen. In dem oberen Stockwerke über dieſen eben genannten Wohnungen lagen zuerſt die für Felix und ſeine junge Frau beſtimmten Zimmer, dann eine zahlloſe Reihe prächtig und bequem ausgeſtatteter Be⸗ ſuchsgemächer, die auf eine ſpätere, zahlreichere Menſchen⸗ menge berechnet waren, während die eigentlichen Pracht⸗ und Geſellſchaftsräume, Speiſeſäle u. ſ. w., in den Theilen des Schloſſes lagen, welche die Hauptfront mit der eben beſchriebenen Gartenfront verbanden, und welche wir viel⸗ leicht ſpäter im Fluge durchlaufen werden. Von der Gallerie aus zur Rechten ſich wendend, gelangte man dagegen zunächſt in Cigarita's und Ithyſſa's in mexikaniſchem Geſchmacke ausgeſchmückte Wohnungen, denn Ithyſſa ſollte nicht mehr ſeine gewöhnlichen Dienſte bei ſeinem neuen Herrn verrichten, vielmehr nur als erſter Leibdiener die Aufſicht über die anderen ſchwarzen Haus⸗ diener haben, obgleich er ſelbſt in ſeinem Verhältniß zu Maſſa Hutten keine Aenderung bemerken ließ. An Ci⸗ garita's ſchwelgeriſch eingerichtete Wohnurg ſchloß ſich Heinrich Wollzagens neue Heimath. Dieſe war etwas „ „r — 59— glänzender ausgefallen, als ſich der beſcheidene Pfarrer eigentlich gewünſcht hatte, obgleich ſie heiter und gemäch⸗ lich genug war, die Ausſicht nach dem Waſſer bot, und in dieſer Beziehung ſogar eine der ſchönſten auf der gan⸗ zen Inſel war.* So konnte alſo Eduard jeden Augenblick, ohne daß er ſeinen Fuß in's Freie ſetzte, unmittelbar aus ſeinem Pavillon in die Gemächer ſeiner treueſten Freunde ge⸗ langen, und gerade dieſe Einrichtung verpflichtete ihn zu dem herzlichſten Danke gegen die eben ſo geſchickten wie aufmerkſamen Erbauer. 8 Als nun an dem ſo mannichfache Aufregungen bie⸗ tenden Morgen auch dieſe Beſchäftigung vorüber war, zogen ſich Eduards Begleiter ſämmtlich wie auf einen im Stillen gegebenen Wink zurück und ließen das junge Paar einige Stunden in gemüthlichſter Beſchaulichkeit und Muße allein. Hutten befand ſich in ſeinem ſchönen Wohnzimmer, in welchem das eine bis auf den Boden reichende Niſchen⸗ fenſter geöffnet war, von wo aus man einen kleinen Altan betrat, der die Ausſicht über den See hin auf das könig⸗ liche Schloß gewährte; er befand ſich in dieſem ſtillen, freundlichen Zimmer, und Beata, die ſelten von ihm wich, war bei ihm. Nach genauerer Betrachtung jedes einzel⸗ nen darin aufgeſtellten Geräthes, verſanken Beide in ein nachdenkliches Schweigen. Eduard hatte ſich, etwas er⸗ müdet von der Reiſe und den mächtigen Gemüthsbewe⸗ gungen des Morgens, auf einen Seſſel geſtreckt. Beata kniete neben ihm und hatte ihre ſchönen Arme um ſeinen Naacken geſchlungen. Liebevoll ſah ſie ihm in das Auge und flüſterte endlich: 9. „Wie glücklich bin ich, mein theurer Hutten, und wie glücklich ſind wir Alle. Ach, wenn unſer Vater noch lebte, wie ſelig müßte er über alle dieſe Freuden ſein!“ „Er iſt ja auch der Schöpfer dieſer Freuden, Beata!“„. „Freilich! Aber was wollen alle ſeine Reichthümer gegen ſo viele und ſo ergebene Freunde ſagen! Wie biſt Du geliebt und verehrt von ihnen? Jetzt empfinde ich erſt recht, was und wen ich in Dir beſitze!“ .„Willſt Du mir ſchmeicheln, Du ſüßes Weib? Ver⸗ dirb mich nicht, ich fange ſchon an ſtolz zu werden. Na⸗ türlich auf Dich, Du geliebtes Weſen. Aber gefällt Dir Deine neue Heimath?“ „Ich kann nur ſagen, daß ich vollkommen glücklich bin, und mehr vermag ja ein Menſch nicht zu verlangen. Nur eine Bitte habe ich, und Du erfüllſt ſie mir gewiß.“ Und da Eduard freundlich bejahend blickte, erzählte ſie ihm, wie ſie ſich vorgenommen habe, aus ihren reichen 8 *£ Schätzen jedem der Freunde ein Andenken an den heuti⸗ gen Tag mit eignen Händen zu überreichen. „Das iſt auch meine Abſicht, Beata, und ich werde im Laufe dieſes Tages Mr. Staunton beauftragen, die Freunde am Abend zuſammen zu rufen, um ihnen auch meine Dankbarkeit für ihre reichen Gaben darzulegen. Aber da kommt Jemand!“ Beata ließ ſich hierdurch von ihrer Lieblingsſtellung nicht aufſtören, ſie war noch nicht genug der Natur ent⸗ wachſen, um ihre innigſten und natürlichſten Gefühle der Welt und den Menſchen zu verbergen, wie es bei den ſogenannten Gebildeten heutigen Tages für die höchſte Stufe ſeiner Entwickelung gilt. Die Thür ging auf und Waldau ließ fragen, ob er noch einmal eintreten dürfe? Der Architekt entſchuldigte die nochmalige Störung, bemerkte aber, daß er ihm jetzt, da Eduard von allen Zeugen befreit ſei, Dinge mittheilen müſſe, von denen kein Anderer etwas wiſſe. Eduard erhob ſich neugierig, ebenſo Beata. „Hier bringe ich Dir einen Schlüſſel,„ſagte er, in⸗ dem er einen kleinen, aber feſt gearbeiteten Stahlſchlüſſel Naus einer Taſche zog.„Schließe damit jenen kleinen Schrank auf.“ Eduard that es ſogleich. Der Schrank ſah aus wie jeder andere Schrank, enthielt aber ſeltnere Dinge. „Was iſt das?“ fragte der betroffene Erbe und ſah den lächelnden Freund an. „Sieh,“ ſagte dieſer,„von dieſem Schranke, der feſt in die Wand gemauert iſt, und den keine Gewalt von der Stelle rücken kann, weiß nur Ernſt und ich. Wir haben allein ſein Inneres hergerichtet und übergeben jetzt Dir, ſei⸗ nem Beſitzer, ſein wichtiges Geheimniß. Zuerſt betrachten wir daran Ernſts Arbeit. Schaue dieſe beiden Scheiben mit kleinen elfenbeinernen Tafeln an, auf der einen zur Linken bemerkſt Du Zahlen, auf der zur Rechten ein voll⸗ ſtändiges Alphabet. Alle dieſe Zahlen und Buchſtaben ſtehen mit Kupferdrähten in Verbindung, die von dieſem Schranke aus in unterirdiſchen Behältern über die ganze Inſel laufen. Jedes einzelne Gebäude auf derſelben hat eine Zahl, berührſt Du mit dem Finger auf der linken Scheibe eine Zahl, ſo ſchlägt die Glocke, die in jedem 7 und daraus abnimmt, Du habeſt mit ihm zu reden.“ „Ach!“ rief Eduard,„das iſt ein elektro⸗magneti⸗ ſcher Telegraph!“ „Gewiß iſt er das. Und dieſes Alphabet, wenn Du es berührſt, gibt dem Benachrichtigten augenblicklich von Deinem Begehren Kunde, ohne daß Du eines Dieners oder Boten bedarfſt.“. „Das iſt ja allerliebſt!“ rief das entzückte Paar. „Wir wollen ſogleich ſeine Wirkung verſuchen. Was willſt Du haben oder wen willſt Du ſprechen?“ „Laß Beata Jemand herbeirufen.“ Dieſe verſtand ſogleich, was ſie ſollte und bat um die Erſcheinung ihres Schimmelhengſtes und ihrer Hunde, nach deren Wohlſein ſie ſich erkundigen wollte, da ſie dieſelben ſeit dem Abſchiede vom Hudſon nicht wiederge⸗ ſehen hatte. „Gut,“ ſagte Waldau.„Hier iſt eine Tabelle, auf der ſämmtliche Häuſer der Inſel nach ihrer Zahl verzeich⸗ net ſtehen. Das Marſtallsgebäude hat die Zahl vier. Der Draht geht in das Zimmer des Wagenmeiſters. Berühren Sie die Zahl vier. Schön! Hören Sie die Glocke vom Marſtall her ſchlagen?“ Und in der That vernahm man in der Stille des Morgens, bei geöffnetem Fenſter, deutlich in der Ferne die vier ſilberreinen Metallklänge. „Jetzt merkt er auf unſere Beſtellung. Sehen Sie hier,“ und er berührte das Alphabet der rechten Scheibe und ließ die Buchſtaben der Worte Schimmelhengſt, Kor⸗ tes und Hunde, einzeln und langſam nach einander folgen. „Das wäre beſtellt und abgemacht. In einer Vier⸗ telſtunde wird das Pferd geſattelt vor der Thür ſtehen. Gehen wir unterdeß zum zweiten Geheimniß über, welches von mir eingerichtet iſt. Sieh, derſelbe ſtählerne Schlüſ⸗ ſel öffnet auch dies Schloß in der Mitte des Schrankes. Siehſt Du, es ſpringt eine Klappe auf. Dieſe Klappe verbirgt eine Feder. Ich drücke daran. Nun gieb Acht!“ Und der Architekt zündete ſchnell einen dreiarmigen Kerzenleuchter an, ſchlug den Teppich in der Mitte des Zimmers zurück und drückte hier auf einen großen metall⸗ nen Knopf. Augenblicklich erhob ſich im Fußboden ela⸗ ſtiſch eine Fallthür und es zeigte ſich den erſtaunten Au⸗ gen der Zuſchauenden eine eiſerne Wendeltreppe. „Steig nur hinab mit mir in die Erde und beſieh Dir Deinen gegen Feuer, Waſſer und Menſchen geſicher⸗ ten Geldſchrank.“ Die Freunde ſtiegen hinab und Eduard fand zu ſeiner nicht geringen Verwunderung ein geräumiges eiſer⸗ nes Behältniß, in welches er ſo viel Schätze, wie er wollte, vor Jedermann ſicher verbergen konnte. Als ſie wieder heraufgeſtiegen waren, umarmte der dankbare Erbe den geſchickten Freund und verſicherte ihn ſeiner ewigen Erkenntlichkeit. Ein weiteres Geſpräch wurde abgeſchnitten, denn ſchon war der erſte Auftrag vollſtreckt und der Neger, der Kortes in der Heimath beſorgt hatte, kam mit dem tanzenden Hengſte herbei, den die entfeſſel⸗ —— — 65— ten Büffelhunde freudig und heulend umſprangen. Das herrliche Thier war mit einem prachtvollen türkiſchen Sat⸗ tel und Zaumzeug geſchmückt, welches ihm das Anſehen eines geflügelten Pegaſus gab. Man begab ſich vor die Thür des Pavillons und Beata ſtreichelte dem Lieblinge, der beim Anblick der wohlbekannten Herrin laut wieherte, den zierlichen Kopf. Der fromme Kolumbus ward mit in’'s Zimmer genommen und Kortes und ſeine Begleiter wieder zurückgeführt, denn in dieſem Augenblicke meldete ein Diener, daß die Frühſtückstafel im Garten gedeckt ſei und die Speiſenden erwarte. Unter vier großen ſchattenreichen Linden, die in der duftigſten Blüthe ſtanden, hatte der erfindungsreiche Ar⸗ chitekt ein längliches Zelt aufſchlagen laſſen, deſſen zurück⸗ geſchlagene Seitenwandungen die Blicke der Speiſenden nach allen Richtungen frei umherſchweifen ließen. Hier fanden die jungen Gatten alle Freunde und höhern Beam⸗ ten der Inſel verſammelt und augenblicklich ſchritt man zur Tafel und nahm ſeine Plätze ein. Eduard ſelbſt und ſeine ſchöne Gemahlin waren ſo geſetzt, daß ſie die Gar⸗ tenſeite des Schloſſes, den großen Springbrunnen inmit⸗ ten der Roſengebüſche vor ſich ſahen, wobei ſie jetzt zum erſten Male wahrnahmen, daß auch am öſtlichen Flügel des Schloſſes ein ähnlicher Pavillon wie am weſtlichen angebaut war. Auf ſein Befragen vernahm Eduard, daß in dieſem das Haustheater ſeinen Platz gefunden habe⸗ Der Inſelkönig. v. 5 — 86— welches auch als Concertſaal benutzt werden konnte. Wal⸗ dau hatte an Alles gedacht, nichts war ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit entgangen, jeder Kunſt hatte er die Gelegenheit zu ihrer ſtillen und angenehmen Entwickelung geboten. Das Mahl ſelbſt, ein ſpätes Frühſtück oder ein frü⸗ hes Mittageſſen, wie man es nehmen wollte, war von Joſephſon, dem jetzt dienſtthuenden Hofmarſchall, an⸗ geordnet— man kann alſo annehmen, daß es dem Ap⸗ petite der verſammelten heiteren Geſellſchaft entſprach. Speiſen und Weine, die Bedienung, die blüthenreiche Um⸗ gebung— Alles war in erfreulicher Uebereinſtimmung und es gab viele unter den Gäſten, die noch nie in ihrem Leben ein ähnliches Feſteſſen zu ſich genommen hatten, wie zum Beiſpiel der Kantor Michel, Frau Schwarzkopf und Suſanne, denn heute waren Alle eingeladen, die auf das Schickſal des Zurückgekehrten Einfluß geübt hatten. Judith, zwiſchen ihrem Verlobten und dem Wirthe ſitzend, war auf der Höhe ihres Glückes; Cigarita, zwiſchen Lam⸗ beck und Joſephſon, zog wegen ihrer natürlichen Lebhaftig⸗ keit alle Blicke auf ſich; Anna, zwiſchen Riegenſtahl und Kannenſchmidt, erregte allgemeine Theilnahme. Nach Beendigung der Tafel zerſtreute man ſich in die umliegenden Theile des Gartens und bewunderte Karls Gäͤrtnerkunſt, der, wie Felix und Ernſt, ſich mit ſeiner Verlobten in einem kleinen Boote auf dem Waſſer ſchau⸗ kelte. Hutten führte Beata, von Cigarita und Ithyſſa —. — 672ñ— gefolgt, denen ſich der in den ſtillſten Menſchen umgewau⸗ delte Temperamaler angeſchloſſen hatte, von der Marmor⸗ treppe ſeines Pavillons in die tiefer liegende Theile des Gartens hinab. Zuerſt betrat man einen kleinen Rund⸗ theil, den die zierlichſten Roſengebüſche umgaben, und in deſſen Mitte ein bronzener Triton aus ſeinem weitgeöffneten Munde einen Waſſerſtrahl nach dem andern ausſpie. Ge⸗ ſchlängelte Wege, von blühenden Geſträͤuchen eingefaßt, lockten die Wandelnden weiter. Da, auf der Grenze des Blumengartens und des Parkes, kamen die Einrichtungen dem vorſchreitenden Paare bekannter als die übrigen vor, und nicht lange dauerte es, ſo ſtand man vor einer Moos⸗ grotte, die der am Hudſon täuſchend ähnlich ſah. Jetzt ahnte Eduard, was ihm bevorſtand. Inniger zog er Beata an ſich und führte ſie langſamen Schrittes weiter vor. Da kam man an einen kleinen Graben, über den eine natürliche Brücke von friſch geſchlagenem Birkenholz führte, und noch einige Schritte, und man ſtand vor einem Cy⸗ preſſenkranz, den eine Hängebirke überſchattete. In der Mitte deſſelben aber— Beata fing bei ſeinem Anblick, von tauſend ſüßen und bittern Gefühlen bewegt, laut zu ſchluch⸗ zen an— lag ein ſtiller Raſenhügel, an deſſen Rückſeite ſich das granitne Grabmal mit den darauf eingeſchnitte⸗ nen Goldzügen„Edward Hutten“ befand. „Eduard!“ rief die bis in ihr Innerſtes erſchütterte Tochter des auch hier, wenigſtens im Geiſte der Einge⸗ — 68— weihten, Ruhenden—„Eduard, Du haſt mich zu glück⸗ lich gemacht!“ 3 Un nd ſchnell, wie die flüchtige Hore, flog ſie an den— Naſenhügel nieder und umſchloß ihn, ſeinen duftigen Schei⸗ tel küſſend, mit ausgebreiteten Armen.— Drittes Kapitel. Der Abend des Johannistages. In d den ſpäteren Nachmittagsſtunden, nachdem Vater und Sohn eine gemüthliche und lange erſehnte Unterhal⸗ tung gepflogen, während die junge fröhliche Welt in dem Billardzimmer verſammelt war, und die Männer von den Kunſtfertigkeiten Beata's und Cigarita's in dieſem Spiele entzückt wurden, ſagte Eduard zu dem, eine köſtliche Ci⸗ garre dampfenden, ehemaligen Geiſtlichen: „Du ſchlägſt mir den jungen Pfarrer, den Sohn Deines Freundes, zum Seelſorger unſerer kleinen Ge⸗ meinde vor, und ich nehme ihn an. Seine Wohnung er⸗ wartet ihn und ſein Gehalt beträgt tauſend Thaler. Wenn er damit zufrieden iſt, mag er bald kommen. Alſo er hat eine ſtille Neigung für unſere ſanfte Louiſe? u⸗ „Ich glaube es und wäre glücklich, wenn ſie ihn erhörte.“ — 70— „Laß mich das machen, Beata ſoll das ſchwere Werk übernehmen. Aber mag er erſt hier ſein, wir müſſen ihn kennen lernen, dann wird uns das Handeln leicht. Nun aber habe ich einen anderen Vorſchlag. Laß uns eine gemeinſchaftliche Fahrt um die Inſel unternehmen und dabei unſern alten Freund mit den blanken langen Stie⸗ feln in ſeiner Einſiedelei überraſchen. Ich werde die Wa⸗ gen beſtellen. Sieh einmal her.“ Und er beſchrieb dem erſtaunten Geiſtlichen die Wir⸗ kung des von Ernſt eingerichteten Telegraphen. „Ja, ja,“ ſagte er,„das hat unſer Ernſt gemacht. Er hat was gelernt, der Junge. Habe ich es nicht immer geſagt, in ihm ſteckt ein großer mechaniſcher Künſtler?“ „Aber ich bewundere die Erfindung, mein Sohn, die wiederum ein Triumph des menſchlichen Geiſtes iſt. Was werden wir noch zu ſehen bekommen!“ „Wer die Jahre erreicht, wird ſich wundern. Ge⸗ danken gibt es kaum noch. Es gibt nur Handlungen und Thaten. Freilich, der Menſch, wie er in dem Einen hinaufgeſtiegen, hat es auch in ſeiner irdiſchen Beſchränkt⸗ heit nicht unterlaſſen können, in dem Andern von ſeiner moraliſchen Höhe hinabzuſteigen. Wir haben Beiſpiele davon. Doch das Uebel wollen wir heute nicht erörtern, es drängt ſich zeitig genug von ſelber auf. Weißt Du nicht, mir fällt es eben ein, wann der roͤmiſche Geſandte — ich meine den ehemaligen Kammergerichtspräſidenten— zurückkehrt? Joſephſon flüſterte mir heute bei Tiſche ein Wort darüber zu; er wenigſtens erwartet ihn.“ „Ich habe Nichts davon gehört. Doch was iſt das?“ „Was das iſt? Die Wirkung eines Telegraphen. Da kommen ſchon die Wagen, ha! und die ruſſiſche Droſchke in wildem Jagen voran, die will ich heute be⸗ ſteigen.“ „Das iſt ja eine erſtaunliche Schnelligkeit. Du wirſt Dir manches Wort damit erſparen können.“ „Ja, und manchem Menſchen einen Gang. Aber komm hinaus— da ſtehen ſie ſchon.“ Die jungen Leute waren freudig überraſcht, als ſie die ohne ihr Wiſſen beſtellten Wagen ſahen. Bald hatte man ſich in kleinere Gruppen getheilt und um die ein⸗ zelnen offenen Fahrzeuge verſammelt, die man beſteigen wollte. Eduard zeigte Beata ſein ruſſiſches Geſpann. Vor einer bequemen Droſchke, auf deren Bock der bärtige Ruſſe in ſeinem Kaftan ſaß, das glänzende Auge auf ſeine ſchäumenden Landsleute gerichtet, ſtanden drei ſeltene, auserleſene ruſſiſche Vollblutpferde. In der Mitte der rieſige ſchwarze Hengſt mit dem blitzenden Joche über ſeinem edeln Kopfe, daneben zwei Grauſchimmel als Ga⸗ loppins mit langen flatternden Mähnen und Schweifen, mit dem knirſchenden Gebiß das ſtachlige Eiſen kauend, das ihre widerſpenſtige Kraft zügelte. Es war ein wun⸗ — 22 dervoller Anblick. Eduard ließ Beata und Cigarita auf den Hinterſitz ſteigen, er ſelbſt nahm den Querſitz ein, Ithyſſa ſchwang ſich hinten auf den Sitz, den ſonſt ein Diener einzunehmen pflegte. Der junge Stallmeiſter ritt mit einer Verbeugung heran und fragte, wohin die Reiſe führen ſolle? „Um die ganze Inſel herum,“ hieß es,„vor jedem Hauſe laſſen Sie halten, Emil; aber in raſchem Tempo, bitte ich; zeigen Sie, wie man hier fährt.“ Und ſchon ſprengte der gewandte Reiter voran. Der Ruſſe pfiff, und ſeine Leibeigenen, das gebrüll⸗ artige Freudengeweiher ihrer Race ausſtoßend, rafften ſich auf und mit dem ihnen eigenthümlichen tartariſchen Feuer galoppirten ſie wie beſeſſen in jagender Flucht dahin. Beata klatſchte vor Freuden in die Hände, wie es früher JIudi th gethan, und Cigarita ſah ſich faſt bedenklich um. Aber der Ruſſe zügelte mit kräftiger Fauſt die ſpringen⸗ den Hengſte, und es waren keine drei Minuten vergangen, ſo hielt man ſchon vor dem ſchönen Marſtallgebäude. „Schön, weiter!“ Vorwärts ging es wieder. Jetzt kam der ſtille Buchenwald; wie der Wind flog man durch ſeine kühlen Schattengänge dahin auf den ebenen Wegen, die Karl hatte ausſchlagen laſſen. So kam das Künſtlerhaus heran, das Handwerkerhaus, der Zimmerplatz. Hier wurde ein längerer Halt gemacht. Eduard allein ſtieg aus und ᷣ —— 7— 8 2 ‿- führte Beata hinein. Da ſtanden die großen Sägeböcke und ganze geſchälte Bäume lagen darauf. Das geſchnit⸗ tene Holz duftete wie vor zwanzig Jahren in dem Hofe zu Bilſingen. „Wo iſt der Meiſter?“ „Im Hauſe!“ „Wohlan! Beſuchen wir ihn!“ Eduard führte Beata in das Haus und ſtand bald vor dem alten freundlichen Ehepaar. „Da bin ich,“ ſagte der ehemalige Schüler des Meiſters,„ich muß gleich am erſten Tage meinen älteſten Freunden ihren Beſuch erwidern. Wie geht es?“ „Herrlich, Herr Hutten— die grüne Börſe hat vortreffliche Früchte getragen.“ „Hier iſt ſie!“ 4 Und wirklich zog ſie der Nichts vergeſſende Erbe aus der Taſche. Sie ſchloß ein paar herrliche Geſchmeide in ſich. Kaum lag ſie in des verwunderten Meiſters Händen, er hatte noch nicht wieder den Mund zur Er⸗ widerung geöffnet, da war das ſchöne Paar, wie eine Wolkenerſcheinung, ſchon wieder verſchwunden. „Ein ander Mal länger!“ rief Eduard aus dem Wa⸗ gen heraus, und fort ging es wieder im geſtreckten Ga⸗ lopp. Jetzt kam man an einem noch leer ſtehenden Häus⸗ chen am Strande vorüber, dann gelangte man an die Meierei. . u „Guten Abend, Herr Oekonom! Heute vorbei— morgen hinein! Adieu!“ Vorwärts ging es wie auf Windesflügeln, unmittel⸗ bar an dem Ufer der Nordſpitze herum auf das Ufer der Oſtſeite; überall waren breite Fahrwege hergeſtellt. An drei neben einander liegenden Beſuchshäuſern, jedes in ſeinem beſondern Obſtgarten verſteckt, ging es ſauſend vorüber. Man gelangte an den Hafen. Der Admiral übte ſeine jungen Matroſen im Takeln, Segeln und Steuern. Die Fiſcherinſel hatte alle ihre jungen und jüngſten Mannſchaften, an funfzig Mann, geliefert. In geſtreiftem Sommerkleide ſaßen ſie auf den kleinen Ragen und gehorchten dem Befehle ihres Lehrmeiſters. Man hielt einen Augenblick, ſchaute das Manoeuvre an und, da man nicht ſtören wollte, fuhr man raſch wieder weiter. Jetzt kam man dem Maſchinenhauſe näher, Ernſt ſelbſt war auf einem der Wagen. Die Maſchine ſtampfte wie immer, die rußigen Arbeiter begrüßten die Herrſchaft. Ernſts Wohnhaus daneben ſah wie die Villa eines Ba⸗ rons aus. „Das iſt gut!“ ſagte der Inſelkönig,„ich bin mit des Jungen Geſchmack zufrieden! Weiter!“ Jetzt lenkte man nach dem Mittelpunkte der Inſel zurück, denn das Schweizer⸗, das Obergärtnerhaus und des Kantors Einſiedelei ſollten zuletzt beſucht werden, da⸗ — 275 Eduard bei dem alten Lehrer ein Stündchen zu verweilen beſchloſſen hatte. Vor dem neuen Gewächshauſe, ungefähr in der Mitte der Inſel, beinahe auf derſelben Stelle erbaut, wo früher das alte Jagdſchloß geſtanden hatte, blickte man ſich nach allen Seiten der Inſel um, denn alle Wege liefen hier ſternförmig zuſammen, und man ſah nach Süden hin, am Ende einer langen Lindenallee, die ſilbernen Waſ⸗ ſerſtrahlen vor dem Schloſſe ſpringen, während man nach Norden hin das gothiſche vertiefte und mit reichen Bild⸗ werken verzierte Portal der Abteikirche aus der Blätter⸗ fülle hervorlugen ſah. Den großen Fiſchteich, der aus dem früheren kleineren hervorgegangen und mit zierlichem Gitterwerk umgeben war, und ebenſo den größeren Teich mit dem Thürmchen darauf, für die Waſſervögel beſtimmt, ließ man rechts liegen, und gelangte ſo endlich, an dem im ſchattigſten Grün verſteckten Bildhaueratelier vorüber⸗ fahrend, zur Abtei mit dem dahinter liegenden Prediger⸗ und Schulhauſe, welche beide unter ſich wie mit der Kirche durch einen dunkelbelaubten Weingang verbunden waren. Beide Häuſer ſtanden noch unbewohnt, obgleich alle Ge⸗ brauchsgegenſtände vollſtändig darin vorhanden waren, denn der junge Prediger, deſſen Functionen einſtweilen Heinrich Wollzagen übernommen hatte, wurde mit dem neuen Kantor und Lehrer, Letzterer ein weitläufiger An⸗ *—— 76— verwandter des alten Michel, erſt im Laufe der Woche erwartet. Hier an der Kinche entließ Eduard ſeine Begleitung, die nach dem Schloſſe zurückfuhr, um ſich zu den Unter⸗ nehmungen des Abends vorzubereiten, während er ſelbſt mit Beata in die feierlich ſtille Abtei trat und an den Stufen des einfachen Altars, vor dem ſchönen Bilde Ra⸗ phaels, das Abendmahl des Heilands vorſtellend, mit ſeiner Gattin niederkniete, um in ſtillem inbrünſtigem Gebet dem Schöpfer für alle ſeine reichen Gaben, die glückliche Reiſe und die freudenreiche Rückkehr zu danken. In gleicher Linie mit dieſer Kirche à den dahin⸗ ter in ſtiller Waldruhe liegenden Häuſe, nuͤr noch wei⸗ ter zurück, wieder der Meierei ſich nähernd, lagen in ab⸗ gemeſſenen Zwiſchenräumen, durch friſchen jungen Wald und Obſtgärten getrennt, noch vier allerliebſte kleine Landhäuſer, jedes für eine einzelne Familie eingerichtet; auch dieſe wurden von Außen beſichtigt und dann der Rückweg nach dem Schweizerhauſe angetreten. In nicht allzuweiter Entfernung davon, ebenfalls in der Nähe des Strandes, lag das ſchöne, geräumige Obergärtnerhaus, mit breitblätterigen Ariſtolochien⸗Gewinden, die ſich von Baum zu Baum rankten, umgeben, wie eine Perle in einem Blüthenmeere auserleſener Pflanzen. Karl Michel hatte ſich ein reizendes Aſyl gebaut, das mußte man ge⸗ ſtehen. Er war nicht zu Hauſe, ſondern bei der fröhlichen Schaar auf dem Schloſſe. 4* An die junge Baum⸗ und Pflanzenſchule hinter die⸗ ſer Niederlaſſung reihte ſich im wahren Sinne des Wortes ein Roſenwald; gewundene Gänge, mit blauen, gelben, weißen Einfaſſungen der lieblichſten und wohlriechendſten Blumen, alle außerordentlich und ſorgfältig rein gehalten, nahmen die beiden Beſucher auf. Eduard merkte ſchon des alten Roſengärtners kunſtfertige Hand und glaubte in vielen ſchönen Stöcken alte Bekannte aus Bilſingen wie⸗ der zu erkennen. Inmitten dieſes Blüthenduftes nun, beinahe ganz hinter dem dunkeln Epheu und dem helle⸗ ren Weinblatte verſteckt, lag die Einſiedelei des alten Kantors; ein einſtöckiges, etwas langes Gebäude, oben mit einem kleinen Erkerſtübchen verſehen, gewährte ſie, ganz und gar mit Baumborte umkleidet, einen der wohl⸗ thuendſten und gemüthlichſten Anblicke, die Eduard und Beata je genoſſen hatten. Vor der Thür des Hauſes, in die einige Stufen führten, ſtanden zwei große blühende Linden, zwiſchen ihnen ein einziger Apfelbaum, herrlich gewachſen, und um deſſen Stamm ein runder Tiſch mit einig gen Gartenſtühlen. Auf dieſem Flecke pflegte der alte Kantor ſein Morgen⸗ gferſden zu rauchen und ſeinen Kaffee zu ſchlürfen, den ihm Suſanna ſo vortrefflich zu brauen verſtand. Die innere Einrichtung des Hauſes war, wie ſich nachher er⸗ — 78 wies, beinahe dieſelbe, wie die in Bilſingen, nur waren die Räume etwas größer und die Geräthe darin bei Wei⸗ tem reicher, bequemer und vollzähliger. Leiſe traten Beata und Eduard in die Stube zur rechten Hand. Sie war leer. Der Flügel ſtand darin, der ſonſt ſo ſchöne, jetzt veraltete, den Eduard ſchon längſt gern mit dem ſchönſten vertauſcht haben würde, wenn nicht der Alte aus dankbarer Gewohnheit ſich mit allen Kräften dagegen geſträubt hätte. Der Beſuch ließ ſich ruhig auf das bequeme Sopha nieder und erwartete den Bewohner, den man ſchon im Nebenzimmer ſprechen hörte. Da kam er endlich herein, im behaglichen Schlafrock, das Käppchen auf dem Sil⸗ berhaar, die ſtete Begleiterin, ſein Pfeifchen, in der Hand, und pfiff ſich gemüthlich ein altes Liedchen, das er ſchon gepfiffen, als Eduard noch bei ihm in die Schule ging. Aber wie fuhr er zurück, als er das ſchöne Paar im Zimmer ſah, wie riß er das Käppchen herab und ließ ſogar die Pfeife fallen, deren alter ſchon geborſtener Kopf zerſprang. Beata bückte ſich ſchnell, die Pfeife aufzuhe⸗ ben, und Eduard hielt den Entweichenden, der ſich um ſein Leben gern den Schlafrock vom Leibe gezaubert hätte, wenn es nur gegangen wäre. „Beſter alter Michel, bleiben Sie doch,“ bat der ehemalige Schüler,„oder wir gehen im Augenblick.“ — 29ñ— „Aber meine Herrſchaften— in Schlafrock und Pantoffeln— o, und die Stube iſt ſo voll Tabacks⸗ rauch— „Es iſt ja nicht wahr, mein lieber alter Herr,“ ſagte Beata, und beide zogen den Widerſtrebenden zwiſchen ſich auf das Sopha nieder. 8 Da ſaß er nun und ſtarrte bald den Einen, bald die Andere an. „Junge,“ ſagte er in ſich,„was biſt Du für ein Kerl geworden und was haſt Du Dir für eine Frau mitge⸗ bracht!“ Aeußerlich aber war er ſtumm und betrachtete nur den zerbrochenen Pfeifenkopf, aus dem er ſchon dreißig Jahre geraucht hatte. „Wir ſind hierher gekommen, mein lieber Kantor, um mit Ihnen ein bischen zu plaudern,“ ſagte Eduard, „haben Sie keine Cigarre?“ „Ich— Cigarren— nein! Ich rauche nur Taback.“ „Das iſt aber auch Taback,“ ſcherzte Beata, und holte ihre goldene Doſe hervor, worin ſich gerade noch drei von ihrer ſchönſten Sorte befanden. „Ei, ich werde doch nicht in Ihrer Gegenwart rau⸗ chen, Madamchen,“ ſagte der Alte und wehrte die Ci⸗ garren ab. Aber Beata nahm ihr Streichbuͤchschen und zündete ſich ſelbſt zum höchſten Erſtaunen des Kantors ein duftendes Röllchen an. Beinahe wären ihm die Augen — 80— aus dem Kopfe geſprungen, ſo war er verwundert. Bald aber wurde ihm erklärt, daß das ſogar bei vornehmen Damen in den Urwäldern Sitte wäre, und ſo fügte er ſich und brannte auch die ſeinige an. „Was man doch Alles erlebt!“ ſagte er lächelnd. „Nun rauchen ſogar die Damen!“ Da kam aber auch die alte Suſanne herein, die gar nicht wußte, was der Lärm und das laute Reden in dem ſonſt ſo ſtillen Zimmer des Alten zu bedeuten hatte, und wie dieſer vorher, ſo war auch ſie jetzt betroffen. Beata hatte tauſend liebevolle Fragen an das greiſe Paar zu richten und fühlte ſich hier ſo glücklich, daß ſie verſprach, recht oft den ſchönen Roſengarten zu beſuchen. Ein Stündchen verging ſchnell im traulichen Ge⸗ plauder, und als die beiden Gatten die Einſiedelei ver⸗ ließen, konnte man nicht ſagen, wer in dieſem Augen⸗ blicke glücklicher war, die Alten oder die Jungen. „Das iſt ein Kerl geworden,“ ſchrie beinahe der Kantor und hob die beiden Arme unwillkürlich in die Höhe, als die ruſſiſchen Hengſte die Herrſchaft im Abend⸗ ſchatten des Waldes entführt hatten.„Der Tauſend noch einmal! Suſanne, wer kann das begreifen, ich nicht! Und Taback hat er mir verſprochen, eine ganze Rolle, vom Beſten! Sapperment!“ „Nun, was iſt denn an einer Rolle Taback gelsgen, Alter, hat er uns nicht ſchon mehr gegeben? Sie ſagen — 81— Alle, er ſei ſo verändert, das finde ich gar nicht, er ſieht aus, wie vor—“ „Nu, doch nicht wie vor dreiundzwanzig Jahren, wie er zu Euch nach Amſelbrück kam?“ „Freilich, ſo nicht, aber wie vor zehn. O, wie ſchön, o, wie reich, o, wie gut! Und dieſer Engel von Frau!“ „Das iſt gewiß, Engel ſind ſie Beide, für uns we⸗ nigſtens. Nun wollen wir uns aber rüſten, Suſanne, es iſt Abend geworden, und den ſchönen Geſang dürfen wir nicht verſäumen. Holla! luſtig, Suſanne, der Junge, der Eduard iſt wieder da!“ Es war eine ſtille, überaus warme Juniusnacht. Der Mond war nicht ſichtbar, das ganze Heer zahlloſer glänzender Sterne prangte am reinen Himmelszelte, und wenn es auf dieſen großen und fernen Weltkörpern ſo friedlich und harmlos ausſah, wie auf dem kleinen Flecke der großen Erde, den wir an dieſem ſüßen Abend vor Augen haben, ſo konnten ihre Bewohner eben ſo zufrieden und glücklich ſein, wie die unſerer Inſel. Kein Lüftchen berührte die glatte Spiegelfläche der großen Waſſerbecken, welche das grüne Eiland umſchloſſen, und es war ſo ſtill in der ganzen Natur, daß die auf dem Altane vor Eduards Wohnzimmer Sitzenden die luſtigen Fiſche in dem flüſſigen Der Inſelkönig. v. 6 — — 83 „Laß ſie, ſie iſt jung, und die Jugend ſucht ihres⸗ gleichen. Die Mädchen gefallen ihr.“ „Die Männer mißfallen ihr auch nicht. Schade, daß es keine ſchwarzen Geſichter darunter gibt.“ „Ihr Herz iſt roth, Beata, das hat ſie mir in der erſten Stunde unſerer Bekanntſchaft ſelbſt geſagt.“ „O, das war nur Scherz—“ „Nein, es war Ernſt, Beata. Sie iſt ſchön, ſehr ſchön; wenn das eine Liebſchaft gäbe!“ Sie lachten Beide. „Aber weißt Du, worüber ich mich wundere, Beata?“ „Worüber denn, mein Geliebter?“ „Ich denke an meinen Freund Felix. Sonſt ſo ver⸗ ſchwenderiſch, iſt er heute ſtumm mit ſeiner Muſik. Ach! Du kennſt noch nicht die Muſik, und wie er ſie anzu⸗ wenden verſteht!“ Kaum war dieſes Wort geſprochen, ſo ſchwoll aus weiter Ferne, über den Waſſerſpiegel Heribe der ſanfte, allmählig ſich verſtärkende Ton eines Waldhorns. Leiſe, leiſe hub er an, leiſe, leiſe wuchs er zu einem mächtigen Schwunge empor. Eduards Herz bebte. Er vernahm Oberons Wunderhorn, das bis in die Tiefe der menſch⸗ lichen Seele dringt und den Zauberkreis überirdiſchen Waltens eröffnet. Und das Echo der gegenüberſtehenden Berge, ob künſtlich, ob natürlich wach gerufen, gab den klagenden, warnenden Ton in leiſer Färbung wieder. 6* — 82— Elemente ſpringen hörten, welches ihr Ruhebett und ihr Tummelplatz zugleich war. Wir finden in dieſer ruhigſten Stunde des ganzen bewegten Tages die jungen Gatten auf dem Altane wie⸗ der, zu dem die Gebüſche darunter und die umkränzenden Roſenſtöcke den lieblichſten Wohlgeruch hinaufſandten. Sie waren im traulichſten Zwiegeſpräch begriffen, denn erſt jetzt waren ſie zum erſten Male ungeſtört und allein hatten ſie Vieles zu bedenken, zu überlegen, denn ihr Reichthum legte ihnen große Verpflichtungen gegen die ſie umgebende Menſchheit auf. Der reiche Erbe hatte in einem kurzen Geſpräch mit Mr. Staunton ſeinen ernſten Willen ausgeſprochen; ſeine ſpendende Hand hatte ſich bereits geöffnet und ſeine Sendboten flogen ſchon auf dem Wege zur nahen Stadt, der Vaterſtadt ſeines Erblaſſers. Beata billigte Alles, ja ſie trieb noch mehr, wenn es des Treibens hier be⸗ durft hätte, denn im Geben war ihr junger Gatte ein wildes Roß, welches, keinem Zügel gehorchend, ſeinem dunkeln, vorwärts drängenden Triebe allein die Herrſcher⸗ gewalt einräumt. Sie hatten jetzt das Nächſte beſprochen und eingeleitet. Cs trat eine Pauſe in ihrem Geſpräch ein. Beata unterbrach ſie zuerſt. „Wo mag Cigarita ſein?“ ſagte ſie lächelnd.„Sie hat ſich ſchnell in die unbekannte neue Welt gefunden und ſchwärmt ſchon wie ein alter Vogel darin umher.“ *— 84— Dreimal wiederholte ſich dieſer ſeltſame Ton, dreimal gab ihn das immer leiſere Echo zurück. Beata ergriff des Gatten Hand und drückte ſie ſanft, ſie wagte nicht laut zu ſprechen— der Zauber der Töne begann ſeine himm⸗ liſche Wirkung auch in ihrem Herzen zu üben. „Aha! hörſt Du?“ ſagte er,„man braucht nur lebhaft an Etwas zu denken, gleich iſt es da. Es fängt wieder an!“ Der Darſteller dieſer Muſik ſchien ſeine Aufgabe zu kennen, er hatte auf das an ſich nicht gewöhnliche Herz der Bewohnerin des Urwaldes gerechnet. Noch dreimal, aber jedes Mal gewaltiger, ließ er ſein Horn ertönen, und noch dreimal mehr erbebte das ſanfte menſchliche Herz, das dieſe geiſterhafte Macht zum erſten Mal empfand. Die Geiſter aber, die in ihrer harmoniſchen Seele ſchlummer⸗ ten, ſollten raſch zum vollen Gefühle ihres Bewußtſeins erweckt werden. Bei dem letzten der verſchwimmenden Töne erhob ſich Beata. Ihr Buſen fluthete, alle ihre Sinne nahmen plötzlich einen raſcheren, kühneren Schwung an, ſie umſchlang Eduard mit ihren Armen und preßte ihren Kopf an ſeine Schulter. Und wieder ward es ſtill. Da aber entwickelte ſich eine andere Zauberkraft. Jene Oberontöne waren nur hervorge⸗ rufen, um die Aufmerkſamkeit derer rege zu machen, für die man die Fortſetzung des abendlichen Grußes beſtimmt hatte. Ein ſanfter, feierlicher vierſtimmiger Männergeſang quoll — 5— .—. aus dem Schatten der Bäume herauf und legte ſich leiſe anſchmiegend, wie ein gutes Gewiſſen, auf die ſchweigenden Gewäſſer. O wie rund, voll und rein waren dieſe einer gigantiſchen Meiſterbruſt entſtammenden Töne! Felix wußte, wie ſehr ſein Freund Mozarts Schöpfungen der⸗ ehrte. Daher hatte er den längſt Entſchlafenen hier re⸗ dend eingeführt. Und er redete laut und verſtändlich mit ſeinen Melodieen. Den beiden Hörenden traten Thränen in die Augen. Der Geſang war zu Ende. Die nachfolgende, beinahe wehmüthige Stille wurde aber plötzlich durch dumpfen, über die Gewäſſer hinrollenden Kanonendonner unterbrochen. Im Augenblicke darauf zeigte ſich am jen⸗ ſeitigen Ufer, dicht unter der königlichen Burg, ein blut⸗ rother heller Punkt, der ſich ſchnell vergrößerte und wie in Einem Schlage gleich darauf die Wellen des Fluſſes, den Wald, die Burg, den Himmel mit ſeinen Sternen in ein einziges glühendes Feuermeer verwandelte. Es war wie das Morgenroth einer ſich aufſchließenden Ewigkeit über den Sternen. Millionen leuchtender Funken ſtrahlte jeder Waſſertropfen wieder, und die Blätter der Bäume ſchie⸗ nen eben ſo viele lebendig gewordene Elfenkönige zu ſein. Die Zuſchauer ſtanden lautlos, feſt an. einander geſchloſſen. Eduard kannte die Wirkung der bengaliſchen Flamme in ſolcher Umgebung, Beata aber kannte ſie nicht. Daher war ſie beinahe eben ſo erſchrocken, wie entzückt. Aber ihr Schreck war ein angenehmer und bald vorüber. Kaum jedoch war der letzte rothe Schimmer wie eine erſterbende Nixe in die Fluth hinab geſunken, da kam ſchon eine neue Ueberraſchung. Denn mit voller Kraft ließ ſich das ganze Orcheſter Felix Weſſely's hören, das rauſchende Allegro eines Jubelhymnus anſtimmend, welches die ſtil⸗ len Lüfte der balſamiſchen Nacht mit ihren Geiſtertönen erfüllte. Und ſie rauſchten und brauſ'ten daher wie die ſtürmenden Waſſer und riſſen das ganze Herz der Hörer mit ihrer überwältigenden Kraft fort. Beata lag ſchluch⸗ zend vor Wonne an Eduards Herzen. Nie, nie, nie wa⸗ ren Beide ſo glücklich, ſo ſelig geweſen. Ach! die göttliche Stimme der Muſik, vom Schöpfer alles Guten als Botin des Himmels auf die Erde ge⸗ ſandt, ſie hatte auch heute ihre Sendung erfüllt, und je ſchneller, je überraſchender ſie auf ihren Flügeln daher gerauſcht kam, um ſo ſiegreicher war ſie geweſen. Der Jubelhymnus war zu Ende. Beata erholte ſich, jetzt erſt kam der volle Genuß der neuen bisher un⸗ bekannten Freude. Da erſchien Joſephſon unter dem Altan, und bat im Namen der Freunde, noch einmal ihren Kreis zu betreten und den ſicheren Nachen zu be⸗ ſteigen, der an der Landungsbrücke ihrer harre. Beata hüllte ſich raſch in ihre Mantilla und flog an des Gatten Hand pfeilſchnell hinab. Ehe ſie es dachte, — 87— ſaß ſie auf den weichen Kiſſen eines großen Ruderbootes, deſſen Lauf der Capitain ſelber lenkte und deſſen ver⸗ hüllte Ruder acht Matroſen in Bewegung ſetzten. Da ſchoſſen alle Boote, dicht mit Menſchen beſetzt, aus den Büſchen des Ufers hervor und ein hundertſtimmiges Hurrah emfing die Gatten. Und voran in dem großen Kutter fuhr das Orcheſter, und Webers romantiſche Ouver⸗ ture Oberons, des Elfenkönigs, anſtimmend, lenkten ſie im weiten Bogen vor die Hauptfront des Schloſſes, das ſeine ſchöne Architektur und ſeine blinkenden Fenſter wie mit einem Zauberſchlage noch einmal, in jenes rothe Feuermeer getaucht, herüberſtrahlen ließ. Und ſo fuhr man um einen Theil der Inſel herum, und alle Gebäude, an denen die Flotille vorüber kam, zeigten ſich in ihren Farben, bald roth, bald grün, bald blendend weiß, wie die beiden Künſtler, Ernſt und Lam⸗ beck, die Urheber dieſer Freude, es für angemeſſen hielten. Und als nun, nach ſo vielen Genüſſen, die beiden Gatten endlich nach Hauſe kamen, um nicht wieder in ihrer Ruhe geſtört zu werden, da ſagte Beata: „O mein theurer Freund! das war der erſte Tag in der neuen Heimath! Wenn die übrigen dem erſten glei⸗ chen, dann bin ich glücklicher, als ich es allein im Himmel zu werden von meinem Vater belehrt worden bin.“ — 88— Während die Bewohner der glücklichen Inſel, nach überſtandenen Freudengenüſſen, etwa um Mitternacht in ihre Wohnungen heimkehrten, wurden die Künſtlerfreunde von Mr. Staunton an einen gewiſſen Punkt im Schloß⸗ garten beſchieden, wo ſie ſich auch allmählig einfanden. Die ganze Umgebung lag in ſtill tubender Nacht d da, es regte ſich kein Blättchen. „Was ſollen wir denn noch?“ fragte Lambeck zu⸗ erſt.„Hat das Geſchäft, zu dem wir berufen, nicht bis zum Morgen Zeit?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Waldau,„aber wo bleibt Mr. Staunton ſelber? Es iſt kein Geſchäft für den lauten Tag, Adalbert, zu dem wir berufen ſind, ſon⸗ dern eins für die ſtille Nacht, ſo ſagte der Amerikaner ſelber zu mir.“ „Nun, da bin ich doch ſehr neugierig. Aber da kommt Jemand.“ Ein Diener kam daher und bat die verſammelten Herren, einen Augenblick zu Mr. Staunton ſich zu bemü⸗ hen, er erwarte ſie in dem Kaſſenzimmer.. „Im Kaſſenzimmer?“ fragten ſich Alle.„Was hat das zu bedeuten?“ Sogleich gingen ſie hinauf. Mr. Staunton ſtand in dem hell erleuchteten Zimmer hinter einem grünen, zum Zählen eingerichteten Tiſche; Mr. Treaden und Joſephſon, — 89— mit leuchtendem Geſichte, ihm zur Seite. Letzterer war ſtiller wie gewöhnlich, und begrüßte die Freunde nur mit einem kurzen Kopfnicken. Der Hofmarſchall war im Amte, das er heute zum erſten Male verſah. Als die Freunde im Halbkreiſe ſich um die grüne Tafel aufgeſtellt hatten, ſahen ſie darauf neun weiße Päckchen liegen. Lambeck zählte die Berufenen, es waren ihrer ebenfalls neun,— jetzt wurde er ſo geſpannt wie die Uebrigen. „Meine Herren,“ begann der Kaſſirer,„ich bin be⸗ auftragt und ermächtigt, Ihnen Allen, wie Sie hier vor uns ſtehen, eines von dieſen Päckchen einzuhändigen. Der Inhalt deſſelben darf von Ihnen nicht als eine Beloh⸗ nung für Ihre künſtleriſchen Arbeiten betrachtet werden, denn dieſe Ihre Arbeiten können nicht mit Gold, nur allein mit der dankbaren Ergebenheit meines Herrn be⸗ zahlt werden, vielmehr ſollen Sie denſelben nur als ein Ermunterungs⸗ und Erinnerungszeichen an den heutigen Tag betrachten, und außerdem gegen Niemand, am we⸗ nigſten aber gegen Ihren Freund, meinen Herrn, Mr. Hutten ſelber, irgend ein Wort des Dankes darüber äußern; darum ward zu dieſem Geſchäft die ſtille Nacht, nicht aber der laute, geſchwätzige Tag gewählt. Empfan⸗ gen Sie, meine Herren, was ich beauftragt bin, Ihnen hiermit eigenhändig zu überliefern.“ Und er las die Namen, die auf den Päckchen ſtan⸗ — 930— den, der Reihe nach vor, ſie waren: Andreas Oeggering, Raphael Manowsky, Adalbert Lambeck, Willibald Kan⸗ nenſchmidt, David Riegenſtahl, Ernſt Doſſow, Felix Weſſely, Karl Michel und endlich Hans Waldau, und reichte die Päckchen. Die Freunde riſſen ſie auf und fuhren erſchrocken empor. Jeder von ihnen hatte 10 ,000, Waldau aber 20,000 Thaler zum Geſchenk erhalten. Sie ſahen ſich Alle an, Keiner ſprach ein Wort— das Geſchäft ſchien wirklich in ſtiller Nacht beendigt zu werden. „Auch ich habe noch etwas zu ſagen,“ bemerkte Jo⸗ ſephſon mit von den Freunden nie gehörtem ernſtem und bedächtigem Tone:„Ihr Alle habt für Eduard Hutten Stolling, genannt Wollzagen, bis jetzt gearbeitet, jetzt wird er für Euch und Eure Kunſt zu arbeiten beginnen. Auf heute über drei Wochen, Morgens um zehn Uhr, lade ich Euch zur Verſammlung in dem großen Saale des Künſt⸗ lerhauſes ein. Denket über Eure Wünſche nach; ſie wer⸗ den alle gehört werden; denn die Zeit iſt da, wo die Ge⸗ danken zu Thaten werden ſollen, die der einſtige Student in ſeinem Gartenhauſe uns als Idee zur Förderung der Künſte und Wiſſenſchaften vorzutragen ſo freundlich war, und Ihr ſollt Stimme und Sitz haben in dieſer Ver⸗ ſammlung, und was Ihr für Euch und Eure Kunſt be⸗ ſchließt, ſoll ausgeführt werden, zum Beſten ihrer und — 4——— — ihrer Jünger. Und jetzt kehret in Frieden heim— gute Nacht!“— 4 Aus demſelben Geſchäftszimmer aber war in der⸗ ſelben Nacht folgendes Schreiben an die Behörde der nächſten Stadt abgegangen: „Dem Magiſtrat der Königlichen Sommerreſidenz ** kann ich nicht unterlaſſen, an dem Tage meiner glüͤck⸗ lichen Heimkehr von einer weiten Reiſe, einem der gluͤck⸗ lichſten Tage meines Lebens, von welchem an ich und meine Familie für ewige Zeiten— ſo Gott will! Nach⸗ barn dieſer Stadt bleibe, einer Stadt, die die erſten Lebensjahre meines verewigten Wohlthäters und Vaters geſehen, folgende Gaben zu übermitteln: „Erſtens beſtimme ich 100,000 Thaler zur augen⸗ blicklichen Vertheilung an ſämmtliche Arme, Kranke, Sieche und Unglückliche der Stadt und Vorſtädte, ohne je er⸗ fahren zu wollen, wie dieſe Vertheilung ſtattgefunden hat, die ich dem weiſen und redlichen Ermeſſen der Väter der Stadt überlaſſe. „Zweitens überſende ich abermals 100,000 Thaler zur augenblicklichen Erbauung eines in derſelben fehlen⸗ den, mit gehöriger Umſicht, Hingebung und Erfüllung aller von Gott gebotenen Menſchenpflichten geleiteten Krankenhauſes für Kranke jederlei Standes, Alters, Ge⸗ ſchlechts und Vermögens. Wenn dieſes Haus zum Be⸗ ⸗ ziehen fertig iſt, werde ich weitere Gaben zu ſeiner Unter⸗ haltung anweiſen. „Drittens beſtimme ich allen Greiſen von dund über ſechszig Jahren, welche heute jene Stadt bewohnen und arm, arbeitsunfähig und überhaupt hilfsbedürftig ſind, einem Jeden die Summe von 50 Thalern, und bitte ich den Magiſtrat, mir das Namensverzeichniß derſelben ge⸗ fälligſt zu überſenden. „Viertens endlich ſollen alle am heutigen Tage von Aermeren oder mit Glücksgütern weniger Geſegneten, ob ehelich oder unehelich geborenen Kinder auf meine Koſten erzogen werden, welchen Stand ſie auch in der Zukunft aus Neigung, Talent oder Nothwendigkeit ergreifen mögen, und erwarte ich das Verzeichniß derſelben Genſans näch⸗ ſtens einzuſehen. „Da ich aber geſonnen bin, der Vaterſtadt meines Vaters und Wohlthäters noch größere Unterſtützungen angedeihen zu laſſen, aber nicht weiß, welche Bedürfniſſe derſelben zumeiſt am Herzen liegen, ſo erſuche ich den Ma⸗ giſtrat derſelben, mir heute über drei Wochen, Morgens um zehn Uhr, drei ſeiner unterrichtetſten Mitglieder zuzu⸗ ſenden, um von ihnen begründete Wünſche und Vorſchläge in jener Beziehung entgegen zu nehmen. „Ich wünſche mir ſelber Glück zu dieſer von dem Allmächtigen mir auferlegten ſüßen Menſchenpflicht und — 93— verzichte auf jederlei Dank, von Einzelnen wie von der Stadt im Ganzen mir zugedacht und dargebracht. Mein einziger Dank ſoll die Zufriedenheit der Beglückten ſein. „Hutteninſel, den 24. Juni 1850. „Eduard Hutten Stolling, genannt W ollza gen.“ Viertes Kapitel. Ein Theil der praktiſchen Glückſeligkeitslehre. Am nächſten Morgen um zehn Uhr war der ehema⸗ lige Polizeibeamte der Hauptſtadt, welcher die Beaufſich⸗ tigung der Bauarbeiten auf der Inſel ſo vortrefflich durchgeführt hatte, zu dem Beſitzer derſelben beſchieden. Schon zwei Stunden früher jedoch war Hutten allein nach dem Handwerkerhauſe gefahren, denn es drängte ihn, der guten Frau Schwarzkopf in ihrer neuen Häuslichkeit einen längeren Beſuch abzuſtatten. Er war in die Nähe ihrer Wohnung gekommen und ließ hier in dem Schatten eines großen Kaſtanienbaumes ſeine kleinen Pony's halten, die er heute erprobt hatte. Er näherte ſich der Umzäu⸗ nung des Obſt⸗ und Gemüſegartens, mit dem auch dieſer den Handwerkern gewidmete Ruheort freundlich umgeben war. Eben wollte er die Thür öffnen und in den Gar⸗ ten eintreten, als er halblaut geſprochene Worte vernahm 5 — 98— und alsbald an den Stimmer an con in früher Mor⸗ genſtunde im Garten Luſtwandelnden erkannte. Es war die ſchöne Anna und der jetzt doppeltglückliche David Rie⸗ genſtahl. Der unfreiwillige Lauſcher hörte folgendes Zwiegeſpräch: „Nein, gute Anna, dieſe Hoffnung müſſen wir un⸗ erfüllt laſſen. Ich hätte ſelbſt gern in dem niedlichen Waldhäuschen am Strande gewohnt, welches ſo traulich zwiſchen den Bäumen auf das Waſſer hinauslugt und auch innerlich für uns ſo paſſend eingerichtet iſt, denn ſo⸗ gar eine für mich geräumige Malerſtube wäre darin. Geſtern hatte ich freilich den Enſchluß gefaßt, ihn zu bit⸗ ten, es uns zu überlaſſen; heute aber, nachdem er mich wie die Andern ſo furſtlich beſchenkt, wage ich es nicht mehr. Es hieße zu viel verlangen und er hat ſchon mehr denn zu viel für uns Alle gethan.“ „O, wie dankbar ſind wir ihm dafür, David, und doch ſoll kein Menſch ſeine Freude gegen ihn ausſprechen. Aber ſo war er immer. Wer hätte das damals ſich vor⸗ geſtellt, wie es nun gekommen iſt! Eigentlich verdanken wir Alles meiner Mutter, denn ſie hat ihm in ſeiner Ju⸗ gend einen kleinen Dienſt geleiſtet. Aber ſage mir, weiß er denn überhaupt, daß wir uns lieben? Und was wird er dazu ſagen? Ueber das Häuschen am Strande gräme ich mich nicht allzuſehr, obgleich ich es gern bewohnt nicht auch im Künſtlerhauſe glück⸗ hätte— werden wir lich ſein, David?“ „Gewiß, Anna, aber die viele Muſik, die darin ge⸗ trieben wird, ſtört mich in meiner ruhigen Arbeit; für einen unverheiratheten Mann ginge es noch eher an, aber die vielen jungen Leute—“ 4 „Wie, David, Du biſt doch nicht eiferſüchtig?“ „Bewahre, Anna, Du kennſt mich wohl, aber für ein junges Paar, wie wir, lebt es ſich ſo ſchön und ſüß in der Mitte des Waldes, dicht am fließenden Waſſer. Weißt Du übrigens, daß in acht Tagen die große Hoch⸗ zeit ſein wird und daß der alte Paſtor vier Paare mit einem Male trauen wird?“ „Ach ja! ich habe davon gehört.“ „Du willſt mir Dein Geſchick aber noch nicht anver⸗ trauen, Anna?⸗ 3„Warum nicht? Wie gern! Du haſt ja aber noch nicht mit dem Herrn Doctor— ich wollte ſagen, Herrn Hutten, geſprochen—“ Eduard hatte genug gehört. Schnell lief er um den Garten herum, um von dem jungen Paare nicht ge⸗ ſehen zu werden, kletterte auf der andern Seite über den Zaun und gelangte ſo, von Niemandem bemerkt, in das geräumige Haus. Plötzlich ſtand er vor ſeiner alten Wirthſchafterin, der guten Schwarzkopf, die beim Bügeln war und vor Schreck, den geliebten Herrn vor ſich zu „. ſehen, beinahe das Bügeleiſen hätte fallen laſſen. Die immer noch hübſche Frau war jetzt ſehr gefällig gekleidet und wußte ſich, wie früher in ihren engeren Verhältniſſen, jetzt, da ſie ſo glücklich geſtellt war, ein angenehmes Aus⸗ ſehen zu geben. „Guten Morgen, Frau Schwarzkopf,“ begrüßte er die Erſchrockene,„ich muß ſo bald wie möglich bei Ihnen vorſprechen, geſtern ging Alles im Fluge und ich war auch nicht allein. Setzen wir uns zuſammen auf das Sopha— kommen Sie her.“ Und er zog die Wider⸗ ſtrebende neben ſich nieder. „Gnaͤdigſter Herr!“ begann die zitternde Tiſchlerin. „Dummes Zeug! das verbitte ich mir. Sagen Sie, Herr Hutten, das höre ich am liebſten— So— Nun, was denn?“ „Ach mein Gott, was haben Sie ſich für eine ſchöne Frau mitgebracht, die iſt ja noch viel ſöhüner als Fräu⸗ lein Indith, und meine Anna iſt ein— „Still, ſtill, beſte Frau, meine Frau iſt freilich ſchön, aber Anna iſt es auch, wenn auch in anderer Art. Gerade Annas wegen komme ich. Sie hat einen Lieb⸗ haber— Wie⸗ Alſo, Sie wiſſen?“ „Ich weiß Alles, iſt er es mit Ihrem Willen?“ „Gewiß, Herr Hutten, gewiß. Ach, wir waren ſo erſchrocken, als er kam und um ſie warb, denn er war Der Inſelkönig. V. 7 ja Ihr Freund und Anna iſt nur die Tochter eines Hand⸗ werkers— was ſollte daraus werden? Nun aber hat Anna, Dank Ihrer Güte, etwas gelernt und hat ſich heraus gemuſtert, und iſt viel klüger geworden wie ich und ihr Vater, wozu freilich nicht viel gehört—“ „Das iſt Alles Nebenſache, Frau Schwarzkopf, die Hauptſache iſt, daß Riegenſtahl ein guter und brauchbarer Menſch und Anna ein rechtſchaffenes und arbeitſames Mädchen iſt. Dazu haben Sie ſie erzogen. Ich bin noch in Ihrer Schuld— ja, hören Sie mich an— und ſpre⸗ chen Sie lieber gar nichts— in Ihrer großen Schuld; das Wenige, was ich bisher für Sie gethan habe, iſt mir nicht genug. Laſſen Sie Anna ihren David heirathen, über acht Tage werden die Andern getraut, das iſt ein Segnen, nicht wahr?“ „Ja— aber— mein Gott!“ „Ich beſorge Anna's ansſds und ſchenke ihr zu ihrem Hochzeitsfeſte das kleine H lschen am Strande— Sie wiſſen wohl— das ſich Beide ſo wünſchen—“ „Großer Gott, Herr Hutten!“— Dieſer war aufgeſtanden und drückte der Frau warm die Hand. „Es iſt genug,“ ſagte er,„das iſt mein Wille; Anna und David verdanken Ihnen, was ſie heute em⸗ pfangen, und ich denke, in der Zukunft noch mehr für ſie thun zu können. Guten Morgen— Frau Schwarzkopf, v — 99— die Liebenden ſind im Garten und ſeufzen— gehen Sie zu ihnen und grüßen Sie ſie von mir. Adieu“ Und ſchnell war er aus dem freundlichen Zimmer, dann im Hofe, und zu der Meiſterin höchſtem Erſtaunen, ſprang er ſpäter über den Zaun, anſtalt aus der beque⸗ men Thür zu gehen. „Das nenne ich mir einen Menſchen ¹“ brachte die Frau endlich hervor—„ſpringt da über den Zaun, wie ein Dieb in der Nacht. Ich begreife das nicht— He! Schwarzkopf, Anna, Herr Riegenſtahl— kommt einmal Alle herbei— es hat ſich Etwas ereignet!“ Die Gerufenen kamen ſogleich herbeigeſtürzt und fragten, was denn geſchehen ſei? „Was geſchehen iſt? Ihr Naſeweiſe! Heut über acht Tage iſt Eure Hochzeit und zum Angebinde habt Ihr das Häuschen am Strande. Ja!“ „Frau Schwarzkopf! Mutter!“ rief das Paar. „Alte, biſt Du verrückt!“ drohte der Meiſter. Und da erzählte ſie denn von dem unerwarteten gnadenreichen Morgenbeſuche. Der Spender ſo vieler Freuden fuhr raſch nach dem Strande, wo an der kleineren Landungsbrücke vor dem Gar⸗ tenhauſe ſich ſchon der Pfarrer, Joſephſon und der ehemalige Polizeibeamte, der gar nicht wußte, was er ſollte, eingefun⸗ 7* 7 ——„ —— — 190— den hatten. Man beſtieg ein Ruderboot und fuhr dem gegenüberliegenden Ufer zu, auf dem die Landſtraße vor⸗ beiführte, an welcher, unmittelbar am Waſſer, das ehe⸗ malige Wirthshaus lag, deſſen alte Beſitzerin vor einem Jahre geſtorben war, und welches Waldau, nach ſeines Freundes Vorſchrift, im Schweizerſtyle, mit großen und vielen Räumen neu erbaut hatte. Mit der einen Seite dem Waſſer, mit der andern der großen Heerſtraße zuge⸗ kehrt und von einem freundlichen Obſtgarten umgeben, lag es friedlich da und, weil noch Niemand darin wohnte als ein alter Diener, hatte man lange hin⸗ und hergera⸗ then, zu welchem Zwecke es eigentlich beſtimmt ſei. Man betrat das Uſer und durchging alle Räume des weiten Gebäudes. „Ich bin zufrieden,“ ſagte Hutten zu ſeiner Umge⸗ bung,„es gefällt mir und entſpricht vollkommen dem Zwecke, für den ich es aufbenghe habe. Herr König,“ wandte er ſich zu dieſem—„Sie ſind Vater einer zahl⸗ reichen Familie und haben ſich mir, vom erſten Augen⸗ blick unſerer Bekanntſchaft an, fleißig, ordentlich und be⸗ triebſam erwieſen. Ihren Dienſt in der Hauptſtadt ha⸗ ben Sie meinetwegen verlaſſen, er behagte Ihnen nicht mehr. Ich biete Ihnen einen andern, mir ſehr wichtigen an.— Bringen Sie Ihre Familie hierher, bewohnen Sie dies Haus, Ihr Gehalt beträgt tauſend Thaler. Dafür haben Sie folgende Verpflichtungen. Sie richten hier —-ↄ— . — 101— eine freundliche Wirthſchaft ein. Alle müden Wanderer, die dieſes Weges ziehen, erquicken Sie, und geben ihnen ein weiches Lager. Wenn wir Reichen auf Sammet und Seide ſchlafen, können die Armen wohl auf reinlichem Leinen ruhen. Kein Armer, Müder, Hungriger wende vergeblich ſeinen hilfeſuchenden Blick nach den Geſtaden jenes grünen Eilands. Reichen Sie ihnen ein Almofen, nach eines Jeden Bedürftigkeit. Sie kennen die arbeit⸗ ſamen, braven, redlichen und die ſchlechten, unwürdigen Menſchen. Wenden Sie Ihren Scharfblick zu dieſer Leute Gunſten an. Außerdem aber, und das iſt die Haupt⸗ ſache, richten Sie ſich jeden Mittag und jeden Abend auf eine große, einfache, aber ſtärkende Mahlzeit ein. Eine weithinſchallende Glocke ſoll das Zeichen eine halbe Stunde vor dem Eſſen geben. Wer dann in der Umgebung hung⸗ rig, müde und ſorgenvoll iſt, mag kommen und ſich er⸗ friſchen. Natürlich, auf meine Koſten. Hier, meinem Vater, dem oberſten Vorſteher aller neuen Wohlthätig⸗ keitsanſtalten, die ich errichte, legen Sie Rechnung ab. Sie können dieſe meine Einrichtung bekannt machen, damit Ihnen die Gäſte nicht fehlen. Gefällt Ihnen mein Vor⸗ ſchlag und nehmen Sie ihn an?* „O mein Herr, mit von Dankbarkeit durchdrunge⸗ nem Herzen!“ „So geben Sie mir Ihre Hand— das iſt unſer — 102— Kontrakt. So! Guten Morgen! Ich hoffe, ich werde in einigen Tagen Ihre Familie hier ſehen.“ Und fort war er mit ſeiner Geſellſchaft, die Ruderer fuhren ihn in dem Boote raſch ſeiner Inſel entgegen. Der neue Wirth aber ſtand betroffen vor ſeinem neuen Hauſe und ſah es wie ein Trunkener an. In acht Tagen waren ſeine Frau und ſeine acht Kin⸗ der ſchon darin. Sechs flinke Mägde und Hausdiener, von drüben geſendet, verſahen den Dienſt. Zu den Mit⸗ tags⸗ und Abendmahlzeiten fand ſich eine zahlreiche Ge⸗ ſellſchaft ein. Hungrige gab es bald nicht mehr in der Umgebung der Inſel, und der müde Wanderer, der im Schweiße ſeines Angeſichts, in dürrem Staube des heißen Sommers oder im Schneegeſtöber des kalten Winters da⸗ her zog, fand Alles, was er ſuchte, und wenn er geſpeiſt und getränkt, mit neuen Kräften ſeines Weges zog, ward ihm ein Silberſtück gegeben, welches von dem guim Pfar⸗ rer als Weggeld beſtimmt war. Als Eduard Hutten mit ſeinen Begleitern von dem Gaſthauſe an der Landſtraße zurückkehrte und die Süd⸗ ſeite der Inſel, vor der Hauptfront des Schloſſes vorbei, herumruderte, fand er, als er ſich ſeiner Landungsbrücke näherte, das ganze Waſſer vor derſelben mit Fiſcherkähnen bedeckt, die mit grünem Laube zu einer Art bedeckter 4 — 4 N — 103— Gondeln umgeſchaffen waren. Auch zwiſcen den beiden Pavillons, um das große. Waſſerbecken herum, glänzenden Spiegelwellen in der Morgenſonne nerter ſah man eine große Menge fremder Leute verſammelt. Es waren die Bewohner der benachbarten Fiſcherinſel, welche gekommen waren, dem neuen Herrn ihre Huldigung darzubringen und für die ihnen bereits erwieſenen Wohl⸗ thaten zu danken. Es waren alte und junge Leute bei⸗ derlei Geſchlechts. Als der Inſelherr heraufgekommen war und ſeine Ankunft bemerkt wurde, ſtellten ſich die Fiſcher in einem großen Halbkreiſe vor ihm auf und das auf die Feierlichkeit geſpannte Inſelpublikum um ſie herum, denn ſchon lange bevor die Fiſcher die Inſel erreicht, hatte man ſie in ihrem ſeierlichen Heranzuge beobachtet und ſich nach dem Schloſſe begeben. Die Männer waren in Jacken und Weſten, in ſchwarze mancheſterne Kurzhoſen und lange Waſſerſtiefeln, die Frauen in blaue mit ſilbernen Schnü⸗ ren beſetzte Tuchmieder, rothe, runde kurze Flanellröcke gekleidet, aus denen Füße und Beine, bis beinahe zum Knie ſichtbar, in blauen Zwickelſtrümpfen hervorſahen. Sechs der ſtärkſten Männer hielten große Netze, in denen die Bewohner der nächſten Gewäſſer, große Karpfen, breite Bleie, feinſchmeckende Zander und armdicke Aale zappelten. Ein greiſer, weißhaariger Fiſcher, der Aelteſte und Vorſteher der ganzen Gemeinde, eine große breite Figur mit verſchrumpftem, aber redlichem und dabei kühnem Ge⸗ ſichte, trat als Sprecher hervor. Der alte Mann ſagte mit weicher, etwas ängſtlich klingender Stimme: „Gnädigſter Herr und Patron! Schon geſtern, am ſchönen Johannistage, wollten wir arme Bewohner der benachbarten Fiſcherinſel vor Dir erſcheinen und unſern Dank für Deine bisher uns erwieſene Güte und unſern Tribut darbringen, wie es das Geſetz und jahrelange Sitte uns vorſchreibt. Aber Deine Zeit war kurz und der Be⸗ grüßenden zu Viele. Darum kommen wir heute. Unſre Söhne haſt Du zu Dir genommen, gekleidet und in ge⸗ ſunde Wohnungen geführt. Nimm dafür unſern Dank. Wir ſind nur arme Leute, und Du ein reicher, vielver⸗ mögender Herr. Darum haſt Du uns auch die Steuer erlaſſen, die wir Dir nach altem Brauche ſchulden und unſre alten Tage etwas froher und leichter gemacht. Alle Väter und Mütter der Inſel danken Dir dafür. Möge Dir Gott ein langes Leben geben und Du uns erhalten bleiben, eben ſo wie Deine ſchöne Gemahlin, die wir da neben Dir ſehen. Und ſo nimm unſern einzigen Dank entgegen, den wir beſitzen, unſre Fürbitte bei Gott, dem Herrn und Könige der Lande und der Waſſer, und unſre Fiſche, die wir für Dich und Deinen Hof gefangen haben. Mäͤdchen, tretet hervor und küßt Eurem Herrn die Hand!“— Da traten ſchnell die kurzröckigen Mädchen heran, knixten und näherten ſich ihrem jungen Gebieter. „Geben Sie die Hand hin,“ flüſterte der alte Förſter, der in der Nähe ſtand,„es iſt ſo Brauch hier.“ Die Mädchen traten näher und küßten dem freund⸗ lich erröthenden Gebieter die Hand, dem dieſe Ceremonie etwas ungewöhnlich vorkam. Dann gingen ſie zu Beata, die ihnen herzlich beide Hände entgegenſtreckte und eben⸗ falls mit Küſſen beglückt wurde. Darauf wurden die Fiſche vorgezeigt und auf ihre Größe und Schönheit auf⸗ merkſam gemacht. Als auch dies beendet war, trat der Herr der Inſel wieder hervor und redete die Bewohner ſeines Waſſerreiches folgendermaßen an: „Meine lieben Nachbarn und Mitbewohner dieſer grünen Eilande! Schon lange war es mein Wunſch, Eure Inſel zu beſuchen und Eure Hütten zu betreten, in der Hoffnung, Euch dieſelben wohnlicher und geſunder herſtellen zu können. Ihr aber ſeid mir zuvorgekommen und habt ſogar ſchmackhafte Geſchenke mitgebracht. Da⸗ mit habt Ihr mich zu großem Danke verpflichtet, und ich will mich meines Gegengeſchenkes ſogleich entledigen. Wä⸗ „ reet Ihr heute Morgen nicht gekommen, ich hätte Euch 4 heute Abend beſucht. Wohl habt Ihr mir Eure Knaben und Jünglinge überlaſſen, und das iſt für mich ein großer Vortheil. Ich habe mein Vergnügen daran und ſie ſollen etwas Tüchtiges lernen. Sie erhalten Unterricht in jeder⸗ — 106— lei Art und werden von meinem Schiffskapitain in dem Seeweſen unterrichtet. Wer Luſt dazu verſpürt, kann ſpäter zur Marine des Vaterlandes auf die See gehen, hier wird nur der Grund zu ſeiner ſpäteren Ausbildung gelegt. Bis jetzt habe ich ihnen nur Wohnung, Kleidung und Koſt gegeben; von heute an aber, da ich ſehe, daß ſie fleißig und gehorſam, Ihr aber dankbar und ergeben ſeid, beſtimme ich Folgendes: Die älteſten und erfahren⸗ ſten von ihnen erhalten einen jährlichen Lohn von dreihun⸗ dert Thalern. Sie ſind meine bewährteſten Matvoſen nach ihren von der See mitgebrachten Lehrern; die jüngeren erhalten zweihundert und die Knaben hundert Thaler jährlich. Was ſie nicht brauchen, mogen ſie ſich ſparen, in der Zukunft können ſie es nützlich anwenden. Ihr aber, Ihr älteren Leute, damit auch Ihr auf Eure alten Tage glücklicher und ſorgenfreier leben könnt, ſeid von heute an von jeglicher Steuerabgabe entbunden. Die Steuer an mich beſtehe einzig und allein in einem Ge⸗ richt ſchöner ſchmackhafter Fiſche, die Ihr jedes Jahr, an dieſem Tage, zur Erinnerung der Vergangenheit ſelbſt überbringen ſollt. Eure Abgaben an den Staat aber übernehme ich, der ich Euer Herr geworden bin. Was nun Eure kleinen und baufälligen Wohnungen anbetrifft, ſo habe ich meinem Baumeiſter ſchon meinen Willen mit⸗ getheilt, er wird Eure Wünſche in Empfang nehmen und Euch größere und ſchönere Hütten bauen. Für heute lade ich Euch zu Gaſte und bitte, es Euch wohl ſein zu laſſen. Joſephſon, man hole ein Faß Wein hier auf den Raſen und erquicke die Leute.“ 3 Lautes Jubelgeſchrei erhob ſich, nachdem dieſe Worte geſprochen waren, in die Lüfte. Der Wein kam ſogleich und es war ein luſtiges Leben unter den Fiſchern, denen Felix zum Tanze die ſchönſte Muſik aufſpielen ließ. Was auf der Inſel an Jugend und Munterkeit war, trank und tanzte mit, und Beata und Cigarita konnten nicht genug das noch nie geſehene Schauſpiel bewundern. Die Glücklichen hatten ſich wieder nuf der Inſel ver⸗ mehrt, und Mr. Staunton und Treaden hatten alle Hände voll in den Kaſſen zu thun, und ihre Bücher füllten ſich ſchnell mit den Gaben der Menſchlichkeit, die ihr reicher Herr, ſeiner Glückſeligkeitslehre getreu, nach allen Seiten und mit vollen Händen auszutheilen begann. Alles was bisher auf der Inſel nach der Ankunft ihres Beſitzers geſchehen, war, je weiter die Kunde davon drang, mit um ſo lauterem Poſaunenſchall des Gerüchtes zu den Ohren der Bevölkerung, nicht allein der Sommer⸗. reſidenz, ſondern auch der großen Hauptſtadt gelangt. Man konnte ſich von ſeinem Erſtaunen über alle dieſe un⸗ erklärlichen Dinge gar nicht erholen. Es wurde Wochen⸗ ‚lang von nichts Anderem als dem Inſelkönig, ſeinen un⸗ — 108— ermeßlichen Reichthümern, aber auch von ſeinem Wohl⸗ thätigkeitsſinne und ſeinen alle Tage ſich erneuernden auf⸗ fallenden Handlungen geſprochen. Den Armen erſchien er als ein Engel des Lichts, der endlich einmal Troſt und Segen auf ihre hoffnungsloſen Häupter herniederträufeln ließ; für viele Reiche aber war er ein bitterer Vorwurf, um ſo bitterer, als ſie bisher noch nie das Geringſte in ähnlicher Art im Verhältniß ihrer Mittel gethan hatten. Sie hatten ihr Vermögen nur zu erhalten und zu ver⸗ mehren getrachtet, es in möglichſt ſichere Verwahrungs⸗ kaſſen gelegt und die höchſten Zinſen erzielt; ob dadurch Bedürftigeren eine 3 Quelle ihres Lebens verſtopft, die Ge⸗ werbe niedergehalten, die Künſte und Künſtler herabge⸗ würdigt wurden, war ihnen mehr als gleichgiltig geweſen. Der vornehme Reiche geht leider häufig ſo gern im ge⸗ mächlichſten Schritt ſeinen gewohnten Gang dahin, er ißt und trinkt gut, er ſchläft ſo lange und arbeitet ſo wenig wie möglich, und wenn es ihm dabei ſo behaglich wie den Göttern iſt, fragt er nicht danach, ob Andere dieſelbe Befriedigung genießen. Ja, er kennt in den meiſten Fällen nicht einmal das Weh ſeiner Mitgeſchöpfe und wundert ſich, wenn es mit Poſaunenſtößen und Gewitterbrauſen endlich einmal in ſein Ohr dröhnt, daß ihm ſo etwas ver⸗ borgen geblieben ſein könne. Aber warum erfährt man das nicht? Warum wird Einem das nicht geſagt? Wie kann man es ſo weit kom⸗ —ꝙ— — — 109— men laſſen? Das ſind Worte und Fragen, die man bei⸗ nahe alle Tage zu hören bekommen kann, wenn man nicht einen moraliſchen Widerwillen empfindet, die Kreiſe ſolcher Menſchen zu beſuchen, ihre Praſſereien mitzumachen und ihr todtes und ertödtendes Geſchwätz anzuhören. Wenn man aber Menſchen kennen und zugleich lernen will, wie man es nicht machen muß, um ſich und Andere zu be⸗ glücken, ſo muß man auch vor dieſer Brandungswoge ge⸗ ſellſchaftlichen Lebens nicht zurückbeben, die freilich das unvorſichtig nahende Schiff nicht in dem friedlichen Hafen, wohl aber auf dem Klippengrunde einer mitleidsloſen See begraben kann. Wir haben uns nie in dieſe Kreiſe hin⸗ gezogen gefühlt, die, wie Seylla und Charybdis in der Fabel der Alten, unmittelbar nebeneinander auf dem Meere des Lebens liegen und häufig verſchlingen, was ſich ihnen vertrauend naht; aber wir haben Gelegenheit genug gehabt, mit unſern Augen und Ohren wenigſtens das kokette Spiel dieſer Polypen⸗ und Schmarotzerweſen kennen und wür⸗ digen zu lernen. Genug, auch dieſe Welt hatte ſich mit ihren ſtets fertigen Zungen und erbarmungsloſen Händen der neueſten Tagesvorfälle bemächtigt und glaubte, auf der Inſel, an den köſtlich beſetzten Tafeln des Hausherrn, in ſeinen wei⸗ chen Wagen, in ſeinen duftenden Gartenhäuſern es ſich ebenfalls wohlſchmecken laſſen zu dürfen. Sie hatte ſich aber gewaltig geirrt. Dieſe Welt war für den von ihr — 110— ſogenannten Inſelkönig eine unbekannte und faſt verbar⸗ rikadirte Welt. Daher auch, als ſie in lichten Haufen angeritten, angefahren, angegondelt kamen, wie ehemals in der Hauptſtadt, um ihren ehrerbietigſten Beſuch, ihre freundlichſte Aufwartung zu machen, wurde ihnen von den dazu beſtellten Dienern die unvermuthete Mittheilung ge⸗ macht, der Herr empfange keine Beſuche, als die er ſich ſelbſt eingeladen habe. Und als ſie nun mit der bekann⸗ ten naſeweiſen Dummdreiſtigkeit ihren Namen, ihren Rang, ihren Stand nannten, um wennigſtens zur Beſichtigung der Inſel zugelaſſen zu werden, da mußte man ihnen ge⸗ radezu den Befehl des Beſitzers mittheilen, auch dieſes ſei nur denen geſtattet, die dazu berufen werden würden. Nun gab es eine neue Aufregung in dieſer allerlieb⸗ ſten, ſo überaus gebildeten Welt. „Was,“ riefen ſie,„Gewerbetreibende, Handwerker Künſtler— die läßt er ein, die ruft er herbei, um ihren Rath zu vernehmen— uns Leute von Stand, Rang und Vermögen läßt er mit langer Naſe abziehen? Das iſt ja ein höchſt ungebildeter Menſch!“ Und nun ging das Fabeln los, wie es gewöhnlich iſt, wenn der freche und zugleich winzige Menſch, von einer höheren Macht gedemüthigt, keine andre Hilfe als das erbärmliche Gefühl keiner befriedigten Rache hat, und es wurden Dinge erfunden, die eben ſo unwahr wie lächer⸗ lich waren. Da hieß es, der Erbe ſei eigentlich ein un — 111— eheliches Kind eines abhanden gekommenen Krämers, der — man erinnerte ſich hier wahrſcheinlich der köſtlichen Piratengeſchichte— in Weſtindien und Kalifornien ein Nabob geworden; er habe eine Mohrin geheirathet, die beinahe eine Königin von Golkonda ſei; er ſei ein Men⸗ ſchenfeind, und da er nicht richtig deutſch ſprechen könne, wolle er ſich in gebildeten Kreiſen nicht kritiſiren laſſen— Am ſchlimmſten aber ging es über die armen Künſtler her. Das ſeien Pilze und Schmarotzer, nur des Eſſens und Trinkens wegen hielten ſie bei ihm aus, hätten auch Alle ſchon rothe Naſen von dem vielen Burgunder und Champagner, der auf der Inſel verſchüttet würde, ſie wollten nur, um ihre Schulden zu bezahlen, ihn ſo lange ſchröpfen, wie Blut in ihm wäre, nachher liefen ſie davon und brächten ſeinen Ruf unter die Hunde. „Solches Geſindel,“ ſagten ſie,„kleidet ſich in Sammet und Seide und läuft zum Spott der Welt herum; man ſolle nur die Frauen ſehen, dann hätte man ſchon genug; eines Tages habe eine Dame vom jenſeiti⸗ tigen Ufer her eine der Inſelbewohnerinnen am Strande erblickt, und ſie hätte nicht einmal den Arm mit einem keuſchen Aermel bedeckt gehabt“— Als ob die Keuſchheit in dem Aermel, und die Tugend in der Seidenhoſe ſäße!—— Doch wir haben mit dieſen paar Beiſpielen genügend einen Theil des ſchiefen Urtheils der Welt geſchildert und 1 — 112— freuen uns, die Anführung derſelben hinter uns zu haben, da wir die Menſchen lieber wahr, aufrichtig, ergeben und treu, als gleißneriſch, kriechend, ſchmeichelnd und ſchmaro⸗ tzend ſehen. 4 Es gab auch Leute, die anders urtheilten, als dieſe gebildeten Kreiſe. Es waren dies jene klugen und vertrauenden Perſonen, welche nicht mit den Ohren und Augen Anderer, ſondern mit ihren eigenen hören und ſehen. Zu dieſen gehörten freilich viele Gewerbetreibende, die in Dingen arbeiteten, wovon die Geſellſchaft Nutzen und Annehmlichkeit zieht; ſie wurden gerufen, um geför⸗ dert und gehoben zu werden. Auch Künſtler wurden be⸗ ſchieden, um ihre Talente zu prüfen, und ihre rauhen Lebenswege etwas ebener zu geſtalten. Und dieſe Leute ſprachen eine ganz andere Sprache, eben ſo wie die Väter der Stadt, denen plötzlich die Augen aufgingen, und de⸗ nen fortan die Sorge für die täglich mehr belaſtete arme Stadt, die allein vom Hofe und einigen Beamten lebte, nicht mehr die nächtliche Ruhe verſcheuchte. Neugierig freilich waren Alle, und man konnte in der Stadt nicht raſch genug den Tag herannahen ſehen, an welchem die drei bereits erwählten Magiſtratsperſonen ſich in einen geborgten Wagen ſetzen und hinaus fahren würden, um die halbnackten Menſchen, die rothen Naſen und das glitzernde Gold von Angeſicht kennen zu lernen, womit nach Einigen die Inſel gepflaſtert ſein el. Die — 113— drei Magiſtratsperſonen waren ſelbſt mit einander in Ha⸗ der gerathen, wie ſie ſich zu ihrer Fahrt kleiden und be⸗ nehmen ſollten. Dankbar natürlich mußten ſie ſich zeigen — das verſtand ſich von ſelbſt. Aber ſie würden viel⸗ leicht eine ſchlechte Figur in ihren Schwanzröcken ſpielen und man ſolle ſich lieber— nein! das ging auch nicht, da würde die Stadt wieder lachen, kurz, mun war in ſo großer Verlegenheit, daß noch ein Mal eine Verſammlung einberufen wurde, und da die drei erſtgewählten Boten ſich freiwillig zurückzogen, traten drei einfache, verſtändige, klare Männer auf, die die ganze Sache auf ſich nahmen, ihre Aufträge erbaten und ſich in Alles und Jedes zu fin⸗ den verſprachen. Doch bevor dieſer für ſo viele Menſchen jederlei Klaſſe, Bildung und Anſchauung wichtige Tag heran⸗ nahete, dem wir ein ganz beſonderes Kapitel widmen müſſen, ſollten noch verſchiedene Dinge auf der Inſel ge⸗ ſchehen, die geſchaffen waren, die allgemeine Erwartung noch mehr zu ſpannen und ſogar in noch höhere Kreiſe hinüberzutragen, die, in ihrer mittleren Stellung zwiſchen Kopf und Füßen, in der Regel nur die Meinung aus⸗ ſprechen, die der Kopf und ſeine nächſte Umgebung, Hals und Kragen, und was ſonſt in ſeiner Nähe ſitzt, ſelber hegt und ausſpricht. Auf der Inſel ſelbſt ging Alles in den nächſten Ta⸗ gen ſeinen regelmäßigen Gang. Auch zwei neue Bewoh⸗ Der Inſelkönig. v. 8 — 114— ner waren eingezogen, der junge Pfarrer und der neue Kantor. Beide das Abbild des bediinitndihei wir vor Jahren in Bilſingen kennen gelernt haben, denn der Pfarrer ſowohl wie der Lehrer waren in ihrem Fache gebildete, in ihrem Weſen anſpruchsloſe, in ihrem Berufe treue und aufgeklärte Männer, alſo vollſtändig befähigt, den Anſprüchen zu genügen, die man an den geſelligen Um⸗ gang in Huttens Hauſe zu machen gewohnt war. Beide hatten bereits ihre Aufwartung gemacht, ihre Wohnung bezogen, dieſelbe über ihre Erwartung gefunden und wa⸗ ren ſodann von dem ehemaligen alten Pfarrherrn, dem jetzigen Almoſenleiter des reichen Beſitzers, in ihr Amt und ihre Kirche eingeführt worden. Fünftes Kapitel. Die Hochzeit. So war denn endlich der Tag herangekommen, den ſo viele hoffnungsvolle Herzen, ungeduldig im Innern, aber mit gemäßigter äußerer Freudenbezeigung Jahre lang herbeigeſehnt hatten. Man ſtelle ſich die verſchiedenen Gefühle der Betheiligten bei der Annäherung des ſchön⸗ ſten aller menſchlichen Feſte vor. Zuerſt die drei Jugendfreunde Eduards; wie lange hatten ſie ihre geheimen Wünſche, mit den geliebten Pfarr⸗ töchtern ſich auf ewig verbunden zu ſehen, in ſtiller Bruſt mit ſich herumgetragen. Die Geſpielinnen ihrer erſten Jugend, ſie waren ihnen in allen Verhältniſſen ihres künſtleriſchen und zerſtreuenden Lebens, immer und über⸗ all, der Gegenſtand eines eben ſo redlichen wie ange⸗ ſtrengten Strebens geblieben, treu, wie ſchon die in der Wiege empfangenen Gaben des Schöpfers, hatten ſie ſie — 116— auf allen Wegen ihrer Studien und Wünſche begleitet, und doch, wie gering waren ihre Hoffnungen in früheren Jahren geweſen, die ehemaligen Geſpielinnen auch zu ihren Gattinnen zu gewinnen. Erſt Eduard hatte in der Fülle ſeiner Gaben und ſeiner Liebe die kaum möglich gedachte Hoffnung in die beglückende Wirklichkeit hinüber⸗ geführt. Er hatte den heimlichen Funken ihrer Gefühle zu einer belebenden Flamme angefacht und mit raſcher Entſchließung ihnen die Wege des Gedeihens geöffnet. Der ernſte, bedächtige, ruhig ſtrebende Ernſt, zum gedie⸗ genen Manne und kunſtverſtändigen Baumeiſter herange⸗ reift, den die Technik der neueſten mechaniſchen Fortſchritte in ſeinem Fache begeiſterte,— der talentvolle, reich be⸗ gabte Felix mit dem ihm eigenthümlichen ſinnigen Weſen, — der beſcheidene, in ſeiner Kunſt vollkommene Karl— wie lieb hatten ſie immer ihre Bräute gehabt, aber wie viel glücklicher waren ſie jetzt in ihrem, ſich jeden Tag nähernden Beſitze! Und nun dieſe guten, ſanften Mäd⸗ chen ſelbſt, in dem ſtillen Pfarrhauſe herangewachſen, von dem liebevollſten Elternpaare zu ſittſamen, haushäͤlteri⸗ ſchen Jungfrauen erzogen, nun mit einem Male in eine ſo glanzvolle, auf jedem Schritte Segen ſprudelnde Welt verſetzt; wie kaum glaublich, faſt wunderbar erſchien ihnen dieſe ſchnelle und vollſtändige Umwandlung ihres Ge⸗ ſchicks! Sie hatten immer in Eduard den ihnen von Gott gegebenen Bruder geliebt, ihn in ſeiner reicheren — — — 114— Entwickelung verehrt, jetzt aber, da er ein ſo begüterter Herr und in ihren Augen wenigſtens ein ſo großer Mann geworden war, wie verehrten ſie ihn, da ſie Alle, Alle an ſeinem Tiſche von ſeinen Speiſen ſich ſättigten und an ſeinem Weine erquickten, deren Genuß er Allen, wer und wie ſie auch waren, mit dem ſonnigen Lächeln ſeiner un⸗ ermüdlichen Menſchenliebe noch tauſend fach erhöhte. Und die beiden Künſtler, der ſanfte, wunderſchöne Raphael, der idealiſche Maler, und der ruhig und beſchei⸗ den fortarbeitende David Riegenſtahl, ſie hatten ja auch beide dem Freunde ihrer ſchönſten ideneepuche dem Theilnehmer ihrer künſtleriſchen Studien und Arbeiten in den Jünglingstagen ihr ganzes Glück zu verdanken. Hatte er allein ihnen nicht Alles gegeben, was ihre Gefühle be⸗ ſeligte und ihre Kunſtbeſtrebungen erleichterte; hatte er ſie nicht mit Güte überhäuft, mit, dem Künſtler ſonſt ſo langſam kommenden, Schätzen ſo ſchnell umgeben! Wie gern hatten ſie ihm dafür gelobt, ſich nicht von der Inſel und ihm ſelber zu trennen, damit die beiderſeitigen Fa⸗ milien in angewöhnter und ungeſtörter Einſamkeit für ihr ganzes Leben zuſammenblieben; denn die Welt war ihnen ſo darum nicht auf ewig verſchloſſen, er wollte ja ſelbſt im nächſten Jahre mit ſeiner jungen Gattin nach Italien und Griechenland, dem Lande der Wunder und Künſte gehen, und ſie ſollten ihn ja Alle begleiten, um — 118— in gemeinſamer Luſt die Luft des Südens zu athmen und die Schätze ſeiner Zauberwelt zu heben. Und Anna, fühlte ſie ſich, ſo beglückt ſie ſchon lange war, ſeit den letzten fröhlichen Tagen nicht noch höher beglückt? Sollte ſie nicht mit dem geliebten Manne ihrer Wahl, zu deſſen höherer, vielſeitiger Bildung ſie ſich durch Eduards Güte erhoben hatte, bei den Eltern bleiben, und ſo mit dem alten, dem Kinde ſo unvergeß⸗ lichen Glücke, das neue, unerwartete verbinden? Und was ſollen wir von Judith ſagen? War wohl ihre erſte Jugendneigung zu dem edeln Manne, der der Schöpfer ſo vieler und allgemeiner Glückſeligkeit war, ganz und ohne alle Spuren verflogen? Nein, gewiß nicht, denn das Weib vergißt nie den, den es zuerſt ge⸗ liebt, wenn der Mann ſelbſt es auch oft vergißt oder wielleicht nur zu vergeſſen ſcheint. Sie liebte ihn noch, innig und ergeben, wie ſie es nicht anders konnte, aber es war nicht jene wilde Liebe der Leidenſchaft, der gänz⸗ lichen Hingebung, die nur dem Einen ſich opfert; viel⸗ mehr war es jene andere, vielleicht noch ſchönere Liebe eines dankbaren und gefühlvollen Herzens, die ruhig, wie ein ſtiller Thalſtrom dahin fließend, die Blüthe aller menſchlichen Gefühle iſt und, oft fälſchlich Freundſchaft oder Liebe genannt, weiter Nichts iſt, als die geheimniß⸗ volle Sympathie zweier gleichgeſtimmter Seelen, die nicht irdiſcher Bande bedürfen, um ſich vollkommen in Ueber⸗ — — — — — 119— einſtimmung und ihrer gegenſeitigen Empſindungen be⸗ wußt zu fühlen. Und nun richte man ſeine Blicke auf die Eltern dieſer fünf ſchönen und lieblichen Bräute! Wie glücklich waren ſie ſelber, beinahe glücklicher wie ihre warmblüti⸗ gen Kinder, denn eben ihr kaltes Blut, ihr ruhigerer Verſtand lieh ihnen die Mittel, aller glücklichen Verhält⸗ niſſe der Gegenwart und Zukunft ſich bewußt zu werden. Da ſtand der milde Pfarrer, deſſen Haupt der Frieden ſeiſer gleichmäßig dahin fluthenden Seele vor dem Silber der Jahre beinahe ganz bewahrt hatte, und ſeine gute Hausfrau— war es nicht ein ſchöner Anblick, ſo glück⸗ liche, gute und liebliche Kinder zu ſehen? Wie zufrieden und dankbar war des Pfarrers überſtrömendes Herz, denn wahrlich, ihn hatte Gott, der Herr, geſegnet, den er ſo lange und ohne Unterlaß geprieſen, und deſſen Macht und Herrlichkeit er ſchon erkannt und verkündet hatte, ſo lange er lebte und wirkte, ehe dieſe Macht und Herrlich⸗ keit ihm in ſichtbaren Zeichen vor Augen getreten war. Denn auch Louiſe, die ſanfteſte, ſtillſte, älteſte Tochter, hoffte er noch glücklich zu ſehen, ſchon war es der liebe⸗ vollen Gluth Beata's gelungen, ihr die Wonnen des weiblichen Herzens, wenn es ſich dem einzigen Manne ſeiner Wahl widerſtandslos ergeben, begreiflich zu machen, und Eduard hatte dem Vater ja verheißen, er ſelber, der die meiſte Gewalt über ihren Verſtand beſaß, werde ihr 8 die Ueberzeugung verſchaffen, daß auch für ſie ein Mann geboren, wie ſie ſelber für einen Mann von Gott be⸗ ſtimmt ſei. Und ſeiner Beredſamkeit, der ja Alles gelang, würde auch dieſe ſchwere Aufgabe gelingen, dachte und hoffte man. Und der Banquier Ermeling! War er nicht über⸗ ſchwenglich ſelig, als er am Vortage des Feſtes den Bo⸗ den der Inſel betrat und zehnmal hinter einander ſein: „Hundert Millionen!“ ausrief, da er die ſichtbaren Vor⸗ bereitungen des allgemeinen Feſtes gewahrte? Und Frau Schwarzkopf, ſollen wir deren vom Glücksregen beinahe überfließendes Herz noch beſonders ſchildern? Wer in ihre Seele blicken wollte, brauchte nur ihre ſtets wieder⸗ holten Worte zu hören, mit denen ſie Alles ausſprach, was darin war:„Ich habe es ja immer geſagt! Es iſt das liebe Kind von damals! Eben ſo gut, eben ſo ſchön! Und nun iſt es ein Mann geworden, und was für ein Mann! Und ich— ich habe ihm mit dazu verholfen. O Gott!“ 4 Das war ihr täglicher Lobgeſang, den ſie Abends und Morgens ſang, bis ihn ihr Mann endlich auswendig wußte, und ſelber ſtets zuletzt rief:„Ja, wohl, Du haſt des geſagt, und ich kann es beſchwören!“ 2— — Schon die Vorfeier am Abend vor dem Hochzeits⸗ tage war eine höchſt gemüthliche und heitere. Die Braut⸗ paare und ihre Angehörigen waren ſämmtlich in Eduards Privatgemächern im Pavillon verſammelt. Man ſcherzte, lachte und verabredete die Vorbereitungen zu einem gro⸗ ßen Feſte, welches der Geſandte der Vereinigten Staaten Nordamerika's auf der Inſel geben wollte, ſobald er ſich in der Hauptſtadt dem Könige vorgeſtellt und den übli⸗ chen Beſuch bei ſeinen Collegen, dem ſogenannten diplo⸗ matiſchen Corps, abgeſtattet haben würde. Beata, von Lambeck und Raphael, wie auch von ihrer eigenen Leb⸗ haftigkeit angeſtachelt, die ſo allgemein bewunderten leben⸗ den Bilder zu ſehen und ſelbſt darin eine Stelle zu ber⸗. nehmen, hatte ſämmtliche Bräute gewonnen, in irgend einem Bilde eine Figur darzuſtellen, für deren natürlichſte Umrahmung ſämmtliche Künſtlerfreunde das Beſte zu leiſten verſprochen hatten. Während dieſes Geſprächs wurden Erfriſchungen herumgereicht, als pötzlich die Capelle, diesmal ohne ihren gewöhnlichen Leiter, die Geſellſchaft erinnerte, daß man ſchon heute ein kleines Feſt vor ſich habe. Ein ausge⸗ zeichneter Virtuoſe des Orcheſters hatte ſeine Collegen unter den Fenſtern des Pavillons aufgeſtellt und ließ die heitere Ouverture zu Mozarts Hochzeit des Figaro hören. Felix horchte mit hundert Ohren, und hatte Gelegenheit, wahrzunehmen, daß es wenige Capellen geben würde, die mit größerer Genauigkeit, feinerem Gefühle und reißenderer Gewandtheit eine muſikaliſche Aufführung ſo vollendet zu Stande bringen könnten, wie die ſeinige, für deren Einübung und Ausbildung er Jahre der Aufmerkſamkeit und des Flei⸗ ßes verwendet hatte. Und Felix war gerade hierin ein eben ſo ſtrenger Kritiker wie Adalbert Lambeck in ſeiner Kunſt. O, wie ſüß hallten dieſe melodiſchen bräutlichen Wohl⸗ klänge in den Herzen der beglückten Zuhörer wieder! Wie flammten die Blicke der Brautpaare, wie pochten ihre Herzen in liebender Sehnſucht! Der wundervolle Meiſter ſelbſt müßte darüber in Entzücken gerathen ſein, hätte er die Wirkung ſeiner unſterblichen Töne in den Augen die⸗ ſer Sterblichen wahrnehmen können. Der erſten Aufführung folgten mehrere, alle mit gleicher Klarheit, Reinheit und Vollkommenheit vorge⸗ tragen. Und zuletzt beſchloß der ernſte, ſüße Chor wohl⸗ tönender Männerſtimmen dieſe muſikaliſche Vorfeier. Jetzt erhob ſich der Wirth und die Wirthin; Erſte⸗ rer berief die Bräute, Letztere deren Verlobte zu ſich. Als ſie geordnet waren, ſetzte ſich der Zug in Bewegung, und von dem voranſchreitenden Joſephſon geführt, betrat man, von Vätern, Müttern und Freunden gefolgt, den von dem glänzenden Kuppelbau überwölbten Mitteltheil des Pavillons. Hier goß, Allen eine unerwartete Ueber⸗ raſchung, die ſprudelnde Springquelle ihre Waſſer bei der herbſtlichen Beleuchtung in die Höhe, alle tropiſchen Pflan⸗ — . — 123— zen prangten wie in einem durchſichtigen künſtlichen Son⸗ nenſchein, und die bunten Vögel des Orients zwitſcherten in ihren hin⸗ und herſchaukelnden goldenen Käfigen, als wollten auch ſie die durchwandelnden Paare mit ihrer fremden Stimme begrüßen. Von hier aus ſchritt der Führer durch Beata's hellerleuchtetes Empfangszimmer und trat in die Gallerie ein. In dieſer ſah man zu all⸗ gemeinem Erſtaunen lange, feſtlich geſchmückte Tafeln, mit den glänzendſten Teppichen bedeckt, aufgeſtellt, auf denen die reichen Geſchenke des Hochzeitsgebers ausge⸗ breitet und nach dem Namen der Brautpaare geordnet lagen. Eduard führte die jungen Bräute, Beata ihre Verlobten an die ihnen beſtimmten Plätze. Wie ſtanden ſie nun da, von dem ſtrahlenden Glanze dieſer reichen Gaben geblendet, und mit welcher liebevollen Sorgfalt waren dieſe Gaben für das Gemüth der Beſchenkten ausgewählt.. Raphael Manowsky ſah auf ſeinem Platze ein in violetten Sammet gebundenes, mit Goldverzierungen reich ausgeſtattetes Album von zwei Fuß Länge und andert⸗ halb Fuß Breite. Alle Künſtlerfreunde hatten zur Er⸗ innerung an dieſen ſchönen Tag ihre beſten Skizzen be⸗ arbeitet und eingeliefert, namentlich Willibalds amerikani⸗ ſche Blätter prangten vor Allen darin. Eduard ſelbſt hatte mit ſeiner Meiſterhand das Titelblatt gezeichnet und ein paar widmende Worte darunter geſchrieben. Neben — 1214— dem Album lagen in zierlichen Käſtchen die koſtbarſten und theuerſten Farben der Welt, die Lambeck, ihr Be⸗ ſorger, hatte auftreiben können, ebenſo die herrlichſten Pinſel und ſonſtigen Malergeräthe von dem ſeltenſten, reichſten Material. David Riegenſtahl erhielt ein gleiches Geſchenk, nur war ſein Album in dunkelgrünen Sammet gebunden. Für Ernſt Doſſow war eine Auswahl der ſeltenſten mechaniſchen Inſtrumente und Werkzeuge vorhanden, die auf Huttens Beſtellung theils Holzbrecher, theils andere berühmte Mechaniker angefertigt hatten. Die meiſten waren im Feuer vergoldet, einige von maſſivem Silber gearbeitet. Karl begrüßte ein ihm längſt in Paris bekannt ge⸗ wordenes und oft citirtes botaniſches Prachtwerk in zwölf Foliobänden, worin ſämmtliche Zierpflanzen der Erde in blühendſter Farbenpracht, wie im Leben von der Gluth der Sonne angehaucht, abgebildet waren. Endlich ſah Felix in einer Ecke der Gallerie ſeinen vieljährigen Lieblingswunſch in Wirklichkeit vor ſich ſte⸗ hen, eine allerliebſte Hausorgel, von Holzbrecher ange⸗ fertigt und mit den prachtvollſten Goldverzierungen an ihrer Außenſeite geſchmückt, und daneben eine Auswahl Partituren in Prachtexemplaren, von den älteſten Klaſſi⸗ kern der italieniſchen Muſik beginnend bis in die neueſten Zeiten deutſcher Meiſter fortgeführt. Eine herrliche Zu⸗ ᷣ— — 125— gabe für ſeinen ſchon ſo großen Notenvorrath und ſeine Kapelle. Auch Eduard hatte unterdeß die Briäute an ihre Tiſche geführt, und ſah die Mädchen in ſtummer Ver⸗ wunderung vor den reichen Gaben ſeiner Liebe ſtehen. Für alle fünf war die Auswahl eine gleich ſorgfältige, mannichfaltige in Vollendung der Arbeit und in der Wahl der Stoffe. Da ſahen ſie die, jedes weibliche Auge er⸗ hellenden, weißen Rollen feinſter holländiſcher Leinwand, zierliche Teppiche und einen Vorrath des, den weiblichen Hausrath ſo überaus vervollkommnenden, ſchönſten Por⸗ zellans in allen möglichen Formen und für jeden belie⸗ bigen Gebrauch, ferner für eine Jede ein prachtvolles Theeſervice von getriebenem Silber und außerdem einen Schmuck, um welchen ſie manche Schöne beneidet haben würde. Denn für jeden weißen Hals, für jeden runden Arm, für jeden klopfenden Buſen war ein beſonderes Geſchmeide vorhanden, und nur in Farbe der Steine wichen ſie von einander ab, da der Wähler die Perſon, die es tragen ſollte, und ihre beſonderen Reize dabei vor Augen gehabt hatte. So war für die heitere, ſtrahlende Iudith ein Geſchmeide von funkelnden Rubinen, für die brünette Anna eines von dem ſaftigſten Chryſopras, für die drei Schweſtern, je nach Haar und Hautfarbe derſelben, eines von Smaragden, Opalen und Topaſen gewählt. Wie beſchämt ſtanden die Bräute vor den reichen, — 126— im Kerzenſcheine blitzenden Gaben, und wagten nicht, ihre verlangenden Hände danach auszuſtrecken. Die Eltern aber ſtanden ſprachlos vor Rührung dabei und hinter ihnen die übrigen Zuſchauer, bald dahin, bald dorthin ſich wendend. Alles wurde unter tauſend Fragen und Ausrufungen der Freude endlich genau betrachtet und unterſucht, und als dann die Dankſagungen beginnen ſollten, waren der Geber und die Geberin, wie gewöhn⸗ lich, verſchwunden, um ſich den Ausbrüchen der überſpru⸗ delnden Herzen zu entziehen. Ein heiteres Feſtmahl in den für häusliche Feſte eingerichteten Sälen des öſtlichen Schloßflügels beſchloß einige Stunden ſpäter dieſen Vorabend des ſchönſten aller Tage, das bisher noch auf der Inſel geſeiert worden war. Punkt zwölf Uhr Mittags am folgenden Tage ſollte die kirchliche Feier und die Einſegnung der Brautpaare ſtattfinden. Schon eine Stunde früher wa⸗ ren alle Bewohner der Inſel im höchſten Hochzeits⸗ ſtaate. Alles ſtrömte der feſtlich geſchmückten Kirche zu, kein lebendes menſchliches Weſen war zu Hauſe ge⸗ blieben, ſo daß die kleine Kirche kaum die ganze Be⸗ völkerung faßte. Das grelle Tageslicht, welches von der mit Glas bekleideten Kuppel in dieſes kleine Heiligthum hereinſtrömte, wurde gedämpft durch die bunten Glas⸗ 4 C — 127— malereien der langen gothiſchen Fenſter. Orientaliſcher Weihrauch erfüllte den ſchönen, im reinſten altdeutſchen Style erbauten und verzierten Raum. Die großen Ker⸗ zen des in einen Roſentiſch verwandelten Altars brannten auf maſſiv ſilbernen Kandelabern, ein ſchöner Teppich davor verhüllte die Moſaikarbeit von morgenländiſchem Jaspis und geſchliffenem Marmor. Von den Gewölben unter der Kuppel, welche ein Kranz betender Engel in Karyatidenform aus bronzirtem Metall zu tragen ſchien, bis zu den halbvorſpringenden Säulen, welche die runden Seitenwandungen ſtützten, hingen Kränze von duftenden Blumen und Eichenlaub herab. Raphaels Abendiahl des Heilands ſchien milde auf die feſtliche Verſammlung zu lächeln. Zehn Minuten vor zwölf erſchien im Galawagen der Inſelkönig und ſeine Gemahlin, welche die verſam⸗ melte Gemeinde zum erſten Male vor den Tiſch des Herrn treten ſah; ihnen folgten alle Freunde und höheren Be⸗ amte, außer den Brautpaaren.. Sobald die Kirchenuhr ihre weittönenden Klänge mit der Verkündigung der Mittagsſtunde entſendet hatte, begann das Orgelſpiel, welches ein Virtuos der Kapelle für den heutigen Tag übernommen hatte. Sanft und lieblich fing er an das Kunſtwerk zu rühren, allmählig ſchwollen die Töne mächtig an und brauſ'ten und flöteten jene allgewaltige Rührung herbei, welche das menſchliche — 128— Herz ergreift, wenn es ſeinem Schöpfer in der Kirche ſich nähert, und dem Verlangenden die Thore des Himmels geöffnet werden. Da traten vier Marſchälle mit ſilbernen Stäben in den geweihten Raum und alle Anweſenden geriethen in Bewegung. Langſam und feierlich nahte der glänzende Zug der Brautleute, von dem jungen Geiſtlichen in Amts⸗ tracht geführt. Die Bräutigams in ſammetnen Kleidern, ſchwarzen ſeidenen Strümpfen und Schnallenſchuhen, das Barett in der Linken; die Bräute ſämmtlich in weißen Atlaskleidern, den Myrthenkranz mit dem jungfräulichen Schleier in den Locken, die geſtern erhaltenen Geſchmeide an Hals, Buſen und Armen tragend. Judith in ſtrah⸗ lendſter Schönheit, wie nie zuvor, aber mit geſenkten Augenſternen, das dunkle Haar glattgeſcheitelt über die Wangen gleitend; die drei Pfarrerstöchter in lieblichſter Unſchuld, bleich vor Aufregung, die Stirnen vor ihrem Herrn und Schöpfer gebeugt; Anna mit aller Anmuth ihre volle Geſtalt tragend, die Wangen verſchämt errö⸗ thend und ihre Augen vor denen der Neugierigen ver⸗ bergend. Da ſtanden ſie denn, die talentvollen Männer und die roſigen Bräute, und blickten ſtill in ihr Inneres hin⸗ ein, die tobende Welt von Gefühlen beſchwichtigend, die in ihrem Herzen hämmerten. Da ging die Thür der Sa⸗ kriſtei auf, und heraus trat die hohe, Ehrfurcht gebietende — — 129— Geſtalt des von tauſend Empfindungen der Dankbarkeit und Liebe bewegten Geiſtlichen; er war im Prieſterge⸗ wande und wollte ſeine Kinder ſelbſt ſegnen, der ſchönſte Beruf eines Prieſtervaters. Sein mildes, offenes Geſicht bedeckte eine warme, freudige Röthe, ſeine Augen blickten verklärt gen Himmel, ſeine ruhigen Mienen drückten eine ungemein glückliche innere Befriedigung aus. Langſam, mit würdigen Schritten hervortretend, ſtellte er ſich vor den Altar und betete leiſe. Dann blickte er auf zu der tönenden Orgel und augenblicklich ſanken ihre Stimmen zum leiſen Flüſtern herab, bis ſie endlich in dem gefüllten Raume ganz erloſchen. Da erhob ſich vöm Chore her der vierſtimmige Männergeſang der C Capelle. Alle überrieſelte es kalt bei dieſen einfachen, tiefergreifenden Tönen, die einen weichen Satz des unſterblichen Pergoleſe hören ließen. Als aber auch dieſer engelhafte, Thränen der Rührung in die Augen lockende Geſang zu Ende war, erhob der Pfarrer vor dem Altare ſeine klangreiche Stimme und ſorah folgende Worte: „Allmächtiger und großer Gott! Als Du die Men⸗ ſchen zu Herrſchern der Erde ſchufeſt, da gabeſt Du ihnen tauſend Gaben der Liebe mit auf ihre Wanderung, damit ſie glücklich und zufrieden, Dir zum Ruhme, ſich ch ſelber zur Genüge, die ihnen zugezählten Tage genöſſen und nur Deinem gütigen Willen entſpräͤchen. Dem Du biſt Der Inſelkönig. v. — 130— nicht der fürchterliche, donnernde Gott, der die Menſchen zur Buße und zur Geißelung geſchaffen hat, Du biſt der allliebende, ewige, gnadenquellende Gott, der ſeine Ge⸗ ſchöpfe friedlich und ſelig ſchon auf Erden will. Auch uns, die wir hier vor Deinem Tiſche verſammelt ſtehen, haſt Du dieſe tauſend Gaben der Liebe aus reichſtem Füllhorn des Segens geſpendet, ja, Du haſt uns vor⸗ zugsweiſe vor Allen bedacht, und wir erkennen es wohl in Dankbarkeit und Demuth an. Bei uns aber ſollen dieſe Gaben nicht verloren ſein. Nicht aufſpeichern wollen wir ſie in todten Gräbern, nicht vergeuden in übermüthi⸗ ger Luſt. Ausſtreuen wollen wir ſie unter alle Deine Kinder, die Du gleich uns ſchaffen haſt, verlangend nach dem Guten, durſtend nach der Befriedigung unſerer Seelen. Herr, wir danken Dir noch einmal laut und öffentlich an dieſer heiligen Stätte für dieſen Deinen Segen, wie wir Dir in ſtiller Nacht und zu jeder Stunde ſchon oft in unſeren heißen Gebeten dankend genaht ſind. Halte Dein großes Auge ferner über uns Alle und laſſe keinen von uns entſchlüpfen in die Nacht des Lebens, wo Dunkelheit und kein Licht iſt— Amen! „Herr, lieber Gott und Vater! Blicke von Deinem Himmelsthrone in dieſen kleinen Kreis weniger Menſchen gütig herab. Ich, der Vater von vielen edeln, reinen Kindern, ſtelle Dir hier dieſe meine Kinder vor. Lächle gnädig über ihnen und nimm ihre Bitten, die ſie mit den · — 131— meinigen vereinen, väterlich auf. Siehe, ſie haben ihre Herzen geöffnet und die Liebe der Welt, von Dir ſelbſt den Sterblichen eingepflanzt, hat ihre Bruſt durchdrun⸗ gen und ſie mit Wonne und Sehnſucht erfüllt. Laß dieſe Liebe dieſer zehn Kinder, die ich alle mit gleicher Neigung und Wärme umfaſſe, eine glückliche und geſegnete ſein, für ſich und für Andere, für die Gegenwart und die Zu⸗ kunft; laß die ſanften Gefühle und die heiligen Gedan⸗ ken, die jetzt ihre Bruſt für alles Schöne und Gute durch⸗ glühen, nicht erkalten, laß ſie vielmehr gedeihen und wach⸗ ſen zu Deiner Verherrlichung, zu der Menſchen Wohl⸗ fahrt, zu ihrer eigenen Beſeligung. O, mein armes Vaterherz iſt in dieſem mächtigen Augenblicke zu voll, als daß ich der Worte noch mehrere haben könnte, wie Du mir ſonſt ihrer ſo viele verliehen haſt. Siehe, meine Empfindungen übermannen und überwältigen mich, denn ich bin ja nur ein ſchwacher, hinfälliger Menſch, und mein übervolles Glück erdrückt mich. Segne dieſe Kin⸗ der mit Deinem reichſten Segen, reich, nicht an Gütern, reich nur an reinem Willen und Thatkraft. Und ſo knieet nieder und empfanget den Segen des Herrn!“ Eduard zog Beata bei dieſen Worten des Vaters ſanft mit in den Kreis der Knieenden, und die ſegnende Hand ſchwebte über ſeinem Haupte eine Sekunde länger, als über denen der übrigen Kinder. Und er fühlte die Wirkung und Kraft dieſes Segens in ſeinem Innern 9* — 132— ſchon jetzt, der, vom Himmel ſo inbrünſtig heruntergeru⸗ fen, allſogleich herabſtieg und ſein ganzes Weſen mit guten Vorſätzen zu edeln Thaten erfüllte. Und nun folgte in kurzen Worten die Verbindungs⸗ rede. Als das letzte Gebet des Geiſtlichen langſam in der Kuppel und den Gewölben des Gotteshauſes ver⸗ hallt war, begann der Geſang von Neuem. Leiſe, wie eine Engelsharmonie, ſchwebte er hernieder auf die glück⸗ lichen Menſchen und miſchte ſich gegen das Ende der Feierlichkeit mit den vollen Tönen der Orgel. Und als ob Eduard und Beata mit zu den Neuvermählten ge⸗ hörten, lagen ſie zuerſt an des Vaters Bruſt, der Beide küßte und innig an ſein Herz drückte. Dann erſt kamen die Uebrigen. In nge Umarmung hielten die Schwe⸗ ſtern den Bruder umſchlungen, und auch Judith hutt einen Augenblick in ſeinen Armen.— Die Feier war beendigt, die jungen Gatten mit ihren Gattinnen fuhren raſch nach dem Schloſſe; alle Bewohner der Inſel fanden an verſchiedenen im Freien aufgeſchlagenen Tafeln eine reiche Bewirthung. In dem Zelte unter den Linden aber war das Hoch⸗ zeitsmahl für die Herrſchaft angerichtet. Die Luft hauchte ihren wärmſten Athem aus, nicht der leiſeſte Wind be⸗ wegte die kleinſten Blätter. Nach einer Stunde etwa begann das Mahl. Z3 Eduards Linken ſaß die Mutter, zu Beatas Rechten der 4 — — 133— Vater, ihnen gegenüber die fünf neuvermählten Paare. Daran ſchloſſen ſich die Uebrigen. Neben Louiſe ſaß der junge Geiſtliche, neben Cigarita Adalbert Lambeck. Jo⸗ ſephſon war der Einzige bei'm Feſte, der gegen ſeine Ge⸗ wohnheit ſchweigend und nachdenkend war; er blickte oft Eduard an. Dieſer merkte es wohl und wußte, was ihm auf dem Herzen lag, aber im Stillen gelobte er ihm baldige Erfüllung ſeiner Wünſche. Gegen das Ende des Hochzeitsmahles verſchwinden im gewöhnlichen Leben in der Regel die Brautpaare zu⸗ erſt, hier war es gerade umgekehrt. Eduard und Beata, in ihrem beiderſeitigen Zartgefühle, hatten ihre Abſicht ſchon vorher angeordnet. Die umgebenden Gartenanlagen lockten bald Dieſen, bald Jenen zu der Betrachtung irgend einer Blume. Zuerſt verſchwanden die älteren Leute all⸗ mählig, dann auch einige Jüngere. Ihnen folgte der Beſitzer der Inſel beinahe zuletzt, nachdem Beata mit Cigarita am Arme, anſcheinend abſichtslos, hinter den Gebüſchen verſchwunden war. Plötzlich ſahen ſich die fünf Paare allein an der Tafel, die Augen der Männer ſuchten ſich und verſtanden dieſe eben ſo ſinnvolle wie zartſinnige Handlung. Sie ſollten bald ungeſtört und beinahe allein die Bewohner der Inſel und im vollſten Genuſſe ihres Friedens ſein, denn Eduard hatte es ſo — 134— angeordnet, daß alle bei der Vermählung Unbetheiligten mit ihm ſogleich nach eiliger Umkleidung über den Fluß nach der Landſtraße fuhren und die ſchon daſelbſt har⸗ renden Wagen beſtiegen, um ſich mit ihm zur Hauptſtadt zu begeben, wo ſie ſämmtlich einige Tage bleiben ſollten, während er ſelbſt ſeiner Vorſtellung bei Hofe entgegen ging. So war es beſchloſſen, ſo wurde es ausgeführt. Und ohne es zu ahnen, erſt in den ſpäteren Abendſtun⸗ den von dieſem Entſchluſſe unterrichtet, ſahen ſich die Brautpaare allein auf der Inſel, die, wie Cytherens fa⸗ belhaftes Eiland im Alterthume den Göttern und Genien der Liebe verfallen war und die Wohlgerüche ihrer Ro⸗ ſengebüſche und die Schatten ihrer Haine über die Stir⸗ nen der Glücklichen ausgoß. Folgen wir der abreiſenden Geſellſchaft und über⸗ laſſen wir jene Glücklichen ihrer eigenen Unterhaltung; ſie werden ſich von jener Einſamkeit nicht gedrückt fühlen und ihre Gefühle darüber ſich ſelber am beſten geſtehen. Beata und Cigarita waren ſchon mit Joſephſon, Waldau und den Uebrigen jenſeits des Waſſers, nur Eduard war noch zurück, und Mr. Staunton und Trea⸗ den, die ſie ebenfalls begleiten ſollten, fehlten auch noch. Vergeblich aber wartete man ihrer, und ſah nur den Na⸗ chen, der ſie über den Fluß tragen ſollte, auf den Wellen ſchaukeln und den Capitain Schröder und Ithyſſa mit den Matroſen darin, die es ſich nie nehmen ließen, in eigener Perſon den verehrten Gebieter über den Fluß zu — 135— ſetzen. Sehen wir daher nach, was dieſe Verzögerung veranlaßte. Eduard Hutten war mit dem Kaſſirer und Sekre⸗ tair noch zuletzt in ſeinem Zimmer geweſen, um mit ihnen einige eilige Geſchäfte zu beſprechen, und wandelte nun, von Beiden begleitet, zu Fuß nach der ſüdlichen Landungs⸗ brücke. In die Nähe derſelben gelangt, hatten ſie ſchon den Fuß darauf geſetzt, als Eduard, ſich zufällig um⸗ wendend, in dem dunkeln Laubgange, der zum Schweizer⸗ hauſe führte, ein weißes Kleid flattern ſah. Er winkte ſeinen Begleitern zu, einige Augenblicke auf ihn zu war⸗ ten, und ging dem weiblichen Weſen entgegen, das er ſogleich erkannt hatte und in der Begleitung des jungen Geiſtlichen langſam daherwandeln ſah. Es war Louiſe Wollzagen, ſeine ſanfte Schweſter. Eduard reichte beiden die Hand, als er an ſie her⸗ angetreten war. Louiſe ſchien etwas betreten, der Geiſt⸗ liche ſchweigſam. Nach einigen oberflächlich gewechſelten Worten verbeugte ſich der Letztere, und unter dem Vor⸗ wande, einen Auftrag zu erfüllen zu haben, empfahl er ſich und verſchwand in den Gebüſchen. „Sieh, ſieh,“ ſagte Eduard zur Schweſter, deren Arm er genommen hatte,„meine ſanfte Louiſe wandelt allein mit einem Sterblichen, und dieſer Sterbliche iſt ein Mann.“ — 136— „Er iſt auch ein Prieſter,“ erwiderte Louiſe nach⸗ denklich. „O, Prieſter ſind auch Menſchen. Mir gefällt der junge Mann, gefällt er Dir auch, Louiſe?“ „Mir, Eduard?“ „Ja, Dir, Louiſe!“ Sie ſchwieg und ſchaute mehr den BeSs als den Himmel an. „Was ſuchſt Du da unten?“ „Da unten, wo denn?“ „Da, auf der Erde, die Du mit Deinen Blicken verſchlingſt.“ Louiſe erhob ihr ſanftes blaues Auge und ſchaute offen und aufrichtig den geliebten Bruder an. Er ſchlang den Arm um ihre Hüfte und lächelte freundlich. „Biſt Du heute nicht recht glücklich?“ fragte er weiter. „O ja, recht glücklich; wie immer,“ ſetzte ſie hinzu. „Wie immer? das glaube ich nicht ganz. Wir haben Alle heute beſondere Veranlaſſung dazu, frage Deine Schweſtern.“ „Deren Antwort weiß ich im Voraus. Ich frage nicht, wo ich ſelber bejahen oder verneinen kann.“ „Das weiß ich, Du haſt nie eine überflüſſige Frage an mich gerichtet, wie die Anderen. Ich habe aber eine Frage auf dem Herzen, die ich mir ſelbſt weder bejahen noch verneinen kann, und daher möchte ich ſie wohl aus⸗ ſprechen.“ 3 „Soll ich ſie denn beantworten?“ „Wer denn anders? Wir ſind ja allein. „Eine Frage iſt ſogar an das Schickſal erlaubt.“ „Alſo Du lächelſt? Nun, dann ſei einmal mein Schickſal, o wenn Du lieber willſt, ſogar Dein eignes Schickſal.“ „Wie kann ich mein eigenes Schickſal ſein?“ „Wenn nicht ſein, doch es herbeiführen. Alſo ich darf fragen?“ „Gewiß!“ „Dann ſage mir, liebe Louiſe, ob Du nicht auch ſo einen Tag erleben möchteſt, wie ihn Deine Schweſtern heute feiern?“ „Du kennſt ja meine Anſicht darüber.“ „Anſichten wechſeln. Die Deine war in der erſten Jugend gefaßt. Du biſt verſtändiger geworden. Wir ſind vom Glück geſegnet.“ „Das war ich immer.“ „Vom himmliſchen, ja! Ich rede vom irdiſchen.“ „Ach ſo!“ „Nun, warum errötheſt Du?“ „Ich erröthe nicht!“ „Das kannſt Du am wenigſten wiſſen, ich aber ſehe es. Mit Einem Wort, Louiſe, hat der junge Geiſtliche 138 Hoffnung? haben wir Alle Hoffnung, Dich glücklich zu ſehen?“ „Eduard!“ „Louiſe! Ich will eine Antwort. Du ſchweigſt. Soll Das eine ſein?“ „Nimm ſie als ſolche hin.“ „Dann fährſt Du alſo nicht mit uns?“ „Nein, mein Bruder, meine Mutter bleibt auch hier.“ „Gut, dann will ich gehen, die Anderen erwarten ninh Unter dem Schutze Deiner Mutter und dem des jungen Geiſtlichen biſt Du gut aufgehoben. Ich habe Dich verſtanden. Adieu!“ „Eduard!“— Sie wollte ihn zurückhalten, er aber war mit raſchen Schritten dem Ufer zugeeilt, winkte ihr zum Abſchiede mit der Hand und ſprang in das Boot. Raſch fuhren ihn die flinken Ruderer hinüber. „Wo bleibſt Du ſo lange, theurer Freund?“ rief ihm Beata vom Landungsplatze entgegen, wo ſie im Kreiſe der Freunde ſtand und ſeiner Herüberfahrt entgegenſah. „Meine ſüße Beata, ich bitte um Verzeihung, aber ich habe ein wichtiges Geſchäft gehabt, Du ſollſt es ſogleich erfahren. Steigen Sie ein, meine Herren, ich überhole Sie Alle. Halt, Waldau, höre! Wo findet Ihr ein Unterkommen? Ich ſteige in meinem Geſandt⸗ ſchaftspalaſt ab.“ „Es iſt ſür uns Alle Wohnung beſtellt,“ rief Waldau . — 139— entgegen und lächelte Joſephſon an, indem er in den Wagen ſtieg. „Hundert Millionen!“ jubelte der alte Ermeling in heiterſter Champagnerlaune,„ſie wohnen Alle bei mir!“ „Dann iſt es gut— fahret ab.“ Und er winkte mit der Hand und die ſchnellen Pferde flogen mit ihnen davon. Eduard ließ ſie erſt vor, dann ſprang er Beata in die ruſſiſche Droſchke nach, Ithyſſa nahm wieder ſeinen Lieblingsſitz hinter ihnen ein. Der Ruſſe pfiff, und wie der Wind galoppirten die Hengſte davon, auf demſelben Wege zur Hauptſtadt, den Eduard als Student der Na⸗ turwiſſenſchaften ſo oft zu Fuß zurückgelegt hatte. Sechſtes Kapitel. Die Vorſtellung bei Hofe. Eduard Hutten⸗Stolling⸗Wollzagen betrat alſo dieſelbe Hauptſtadt wieder, welche er vor beinahe zehn Jahren als armer, unbekannter und namenloſer Student bezogen, in der er im Schweiße ſeines Angeſichts Tag und Nacht gear⸗ beitet, um ein brauchbares Mitglied der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft zu werden, und in der er ſich unter den talentvollſten, ſtrebſamſten Jünglingen die achtbarſten Freunde erworben hatte, um endlich, nach Erleidung ſo manchen drückendſten Kummers, der Sorge und dem Hunger preisgegeben⸗ eine unerwartete, über alle gewöhnlichen Begriffe hinaus⸗ gehende große Erbſchaft anzutreten. Wie viele theuere Erinnerungen knüpften ſich für ihn an dieſe große Stadt! ſüße ſo viele, bittere ſo wenig, und auch dieſe wenigen waren in ſeinem jugendlichen Herzen, das die bitterſten gewöhnlich am raſcheſien von ſich wirft, beinahe ganz ver⸗ * 4. —, — 141— geſſen. Nur aus dem tiefen Grabe der Erinnerung ſtiegen bisweilen jene Tage ernſteren Dranges herauf, dann aber nur, um den Gedenkſtein der begrabenen um ſo ſchöner zu ſchmücken, mit dem Bewußtſein nämlich: nach redlichem Streben im Kreiſe der Seinen, von der Liebe Hunderter umgeben und getragen, dem Ziele entgegengewirkt zu haben, welches er ſich als Aufgabe ſeines ganzen Lebens geſtellt hatte. 3 Jetzt fuhr er in dieſe Stadt ein, gezogen von einem Geſpann brauſender Roſſe, wie ſie nur Fürſten beſitzen, gefolgt von einer langen Reihe glänzender Wagen, mit ſeinen Freunden gefüllt, begleitet von zahlloſen Dienern; er, früher einer der ärmſten, jetzt der reichſte Mann der Stadt, und vielleicht auch der glücklichſte von Allen; im Beſitze nicht allein ungeheuerer Reichthümer und begabter Freunde, ſondern auch des ſchönſten, lieblichſten Weibes auf Erden, wie es nur ſelten das Auge des Sterblichen erblickt, viel ſeltener aber an ſeinem Herzen ruhen ſieht. Es war ſchon dunkel, als er in das Portal des Geſandtſchaftspalaſtes einfuhr, welches, in der ſchönſten und beſuchteſten Gegend der Stadt gelegen, ſeine Thore für ihn weit geöffnet und ſeine Räume erleuchtet hatte, denn ſeine Ankunft war vorher gemeldet und erwartet worden. Sämmtliche Diener der Geſandtſchaft ſtanden an der Treppe und harrten des Gebieters mit Neugierde und Spannung, denn auch zu ihnen waren die fabelhaf⸗ — 142— teſten Gerüchte über ſeine äußere Erſcheinung gedrungen. Wie wunderten ſie ſich aber, als ſie den einfach geklei⸗ deten Mann ausſteigen ſahen, deſſen ſchöne Perſönlichkeit in Geſichtszügen, Geſtalt und Haltung allein an ihm das Auffallendſte war. Nur Mr. Staunton, Mr. Treaden, Ithyſſa und zwei ſchwarze Leibdiener, die ſich nie von ihm trennten, und alle ſeine Winke im Augenblick des Wollens auffingen und vollführten, bildeten ſein Gefolge. Seine Gemahlin dagegen war nur von Cigarita und einer weißen und ſchwarzen Dienerin begleitet. Die Anderen hatten ſich innerhalb der Stadt von ihm getrennt und waren ihren Wohnungen zugeeilt, mit dem Verſprechen, in aller Frühe des andern Tages im Geſandtſchaftspalaſt zu erſcheinen und ihn nach ſeiner alten Wohnung zu führen, die er Beata zu zeigen verſprochen hatte. „Das Haus, wo ich gewohnt, iſt zwar niedergeriſſen,“ hatte er ihr geſagt,„Du ſollſt aber wenigſtens den kleinen grünen Fleck ſehen, wo es geſtanden hat und wo ich gelebt und gearbeitet habe, ehe ich Dich, mein zweites, ſchöneres Leben, erblickte.“ Die beiden Sekretaire der Geſandtſchaft führten ihren Chef in ſeine Gemächer, eben ſo ſeine Gemahlin, und wurden ſodann zur Abendtafel geladen. Die reichen Bewohner des mit ſo vielen Herrlich⸗ keiten geſchmückten Pavillons fanden ihre Erwartung in — 143— Betreff der Einrichtung des Geſandtſchaftspalaſtes über⸗ troffen. Es herrſchte nicht ſowohl der Glanz und der Reichthum, als vielmehr eine gediegene Bequenlichkeit, auch eine gemüthliche engliſche Wohnlichkeit in demſelben vor.— So hatten ſie es Beide am liebſten, und ſchnell fanden ſie ſich in den neuen Umgebungen zurecht. Ddie Secretaire hatten alle Urſache, mit ihrem neuen Chef zufrieden zu ſein. Er brachte ihnen Grüße aus der Heimath, und unterhielt ſich ſo gemüthlich mit ihnen von ihrem Leben, daß er ſie ſchnell an ſich gefeſſelt hatte. Der Geſchäfte gab es nicht ſo viele, ſie konnten mit wenigen Kräften beſorgt werden, und der erſte Secre⸗ tair, ein Mann in den Dreißigen, mit großer geiſtiger Biegſamkeit und einem würdigen Weſen, ſtand ihnen voll⸗ kommen vor. „Sie werden hier viel allein ſein,“ bemerkte der Ge⸗ ſandte während der einfachen Tafel,„unter Anderem, ich werde häufig, oder, um es gleich offen zu ſagen, faſt be⸗ ſtändig auf meinem Landſitze leben, und ich hoffe, Sie werden mir, ſo oft Sie können, Ihre Geſellſchaft ſchen⸗ ken; Unterhaltung und Zerſtreuung habe ich für Sie genug. Wenn Sie mir das Ceremoniell des morgenden Tages bei der königlichen Vorſtellung mitgetheilt haben, befreie ich Sie gern von dem Zwange des heutigen *— 2. — — 144— Abends. Es iſt ſpät geworden und wir müſſen morgen ſämmtlich früh aufſtehen.“— Der erſte Secretair theilte ihm das Ceremoniell 4 mündlich und ſchriftlich mit, worauf ſich die beiden Herren empfahlen. Als die beiden Gatten ſich auf ihr Schlafzimmer begeben hatten, welches leider nach der Straße hinaus lag, wunderte ſich Beata über die Rührigkeit, die in der⸗ ſelben herrſchte. Sie war jetzt wieder ſo an die ſtille Ruhe ihrer Inſel gewöhnt, wo kein Wagengeraſſel, kein lauter Nachtwandler, kein Wächter die friedliche Nacht unterbrach, daß ſie Beide nicht einſchlafen konnten, und Eduard Beata verſprach, das Schlafzimmer nach dem Garten hinaus verlegen zu laſſen. „Wir müſſen es heute ſchon durchmachen,“ ſagte er lächelnd und ſich im Bette herumwerfend,„wir ſind hier nicht auf unſerm Eilande, wo das Wellengemurmel uns noch tiefer in den Schlaf ſingt; wir haben hier Pflichten übernommen, und nun müſſen wir ſie erfüllen. Das kommt davon, meine ſüße Beata, ein Staatsmann zu ſein; ein Geſandter iſt kein Privatmann und Hoffart will Zwang leiden! Gute Nacht, mein Kind!“ Und ſeinen Arm um ihren blendenden Nacken ſchlingend, ſchlief er an dem ſchönen Buſen des ſchönſten Weibes auf der Grde ein. — 1445— Am nächſten Morgen um neun Uhr fanden ſich die Freunde ein, denn ſie wußten aus Erfahrung, daß Beata nicht wie jene Damen der Stadt und des höchſt civiliſir⸗ ten Lebens war, die um zehn Uhr ihre Daunen verlaſſen, um zwölf ſich ankleiden und um ein Uhr, nach eingenom⸗ menem Frühſtück, i Beſuche empfangen oder abſtatten. Huttens kleine Frau, ſo nannte er ſie ſo gern, ſtand mit ihrem großen Manne, wie ſie dann ſcherzweiſe entgegnete, um fünf Uhr auf, denn ſie liebte den Morgenduft und den Thau, der auf den Blumen perlte. Um ſechs war ſie ſchon gewöhnlich in ihrer reizenden Morgenkleidung, die ſie, wie jede andere, ihrem elaſtiſchen Körper anmuthig anzupaſſen verſtand. Auch heute trat ſie den beiden Freunden in einem bei ihr bisher noch nicht geſehenen ſtädtiſchen Anzuge entgegen; aber auch ſo war ihre Er⸗ ſcheinung die reizendſte, die man ſich denken konnte.— Man trank eine Taſſe Fleiſchbrühe und nahm einen klei⸗ nen Imbiß dabei. Dann beſtieg man die zwei ange⸗ ſpannten Wagen, denn Cigarita, ihre gewöhnliche Tracht, von der ſie ſich niemals trennte, unter einem großen indiſchen Shawle verbergend, wollte das Gartenhäuschen ebenfalls ſehen. „Wer hat Holzbrechers Haus gekauft?“ fragte Hutten den ihm gegenüberſitzenden Architekten, während Wolf mit Cigarita fuhr. Der Inſelkönig. v. 10 — — — —— — — 146— „Ein reicher Mann!“ lautete die gleichgültige Ant⸗ wort.— Man fuhr in die ſchöne Neuſtraße ein. alte Springbrunnen ſprudelte noch wie früher, die Mägde ſchöpften das Waſſer aus ihm wieh ſonſt, und der faule Sonnenbrater dehnte ſich in nur noch abgerriſſeneren Kleidern, als vor zehn Jahren, an derſelben Ecke, dem ehemaligen Holzbrecher'ſchen Hauſe gegenüber. Dieſem Manne wurde ein bedeutendes Geſchenk gemacht und von ihm mit heiterem Grunzen entgegengenommen, worauf er ſofort in einen Branntweinladen ging und es ſich bei zeiner dampfenden Wurſt und einer Flaſche„Alten“ gütlich ſein ließ. Da ſtand nun das freundliche Haus mit ſeinen grauen Fenſterläden, weißen Vorhängen und einzelnen Topfgewächſen, denn die meiſten waren mit nach der Inſel in Frau Holzbrechers gemüthliches Zimmer gewandert. Ein Portier öffnete der aus dem Wagen ſteigenden Herrſchaft die Thür. „Iſt es erlaubt, in den Garten zu gehen?“ fragte Eduard mit ſeiner alten Beſcheidenheit. Der Mann verbeugte ſich tief und öffnete das große hintere Glasthor. Man trat in den Garten. Aber wie erſtaunte Eduard über die große Veränderung, die in demſelben vorgegangen war. Der Gartenraum hatte ſich um das der — 142— Sechsfache vergrößert, das Nachbarhaus, worin die Hand⸗ werker gewohnt, war verſchwunden, und an deſſen Stelle ein großes Bauwerk in edlem Style, mit einer Rampe davor, hohen breiten Spiegelfenſtern und einem thurm⸗ artigen Aufbaue bei den Flügeln, erſtanden. An dem Platze aber, wo das ehemalige Gartenhäuschen aus dem Grün der Bäume hervorlugte, ſah man einen runden Tempel mit corinthiſchen Säulen von einfachem ſchleſiſchem Marmor, der eine offene Halle bildete; über dem Ein⸗ gange aber ſtanden mit großen goldenen Buchſtaben die Worte: „Der Erinnerung der Freundſchaft geweiht.“ Eduard blickte ſich um und ſuchte die Augen der Freunde, die dieſe wie zufällig abwandten. „Hans Waldau,“ ſagte er,„ich will die Wahrheit hören. Wer hat dies Haus gekauft?“ „Wie kannſt Du noch fragen, Hutten, fühlſt Du Dich hier nicht zu Hauſe?“ „Alſo wirklich? Beata, ſieh, wie ich bedient bin. Elfen und Feen, die mich umgeben, fühlen meine geheim⸗ ſten Wünſche heraus und führen ſie ſofort aus— und Dieſer hier iſt der zauberhafte Elfenkönig.“ „Nein, Hutten, das bin ich nicht, ich bin nur ſein Baumeiſter und Du biſt unſer Aller Herrſcher. Alſo ich habe Dir einen Gefallen gethan? Das freut mich. Sieh, ich glaubte, Du könnteſt hier in der Stadt auch 10* —ͤ 25 8 — 148— ein Privathaus gebrauchen, und die Stelle, wo Dein Gartenhäuschen ſtand, würde Dir die liebſte ſein. Ich habe Holzbrecher und ſeinem Nachbar das Ganze abge⸗ kauft; vorn wohnen wir, oder wer Dich ſonſt begleiten mag, hier im Garten, wie ehemals, Du.“ „Hier haſt Du meine Hand, Hans, Du biſt ein braver Menſch. Aber das möchte ich wohl wiſſen: ſind die Koſten dieſes Stadtbaues auch mit in der allgemeinen Baurechnung der Inſel begriffen?“ „Ach nein, mein Freund; nun kommt die Rechnungs⸗ ablegung, Wolf, das habe ich lange gefürchtet. Wir wollen heute Abend zu Ermeling gehen und Du ſollſt Dir die Summe anſehen. Verwundere Dich aber nicht und ſei mir nicht böſe, ich bin etwas über den Anſchlag hinausgegangen.“ „Das habe ich wohl gedacht, und es iſt mir gerade recht. Ich habe genug. Was ich verliere, gewinnen Andere und Aermere. So muß es ſein. Alſo ich danke Dir. Und nun laß uns den Tempel betreten. Sieh, meine theuere Beata, hier hat Dein großer Mann ſeinen kleinen Grund gelegt,“ ſagte er lächelnd. Und ſie betraten mit einem wehmüthig⸗ freudigen Gefühle die Halle des Tempels, in deren Hintergrunde die Statue der Freundſchaft, in Marmor gehauen, ſtand. Ningsum aber rieſelten die Blätter und zuitſcherten die Vögel ſihrt Theilnahme auunter — 19— Es war an dem Hofe des alten Königs Gebrauch, am zweiten Tage des Jahres alle anweſenden Botſchafter fremder Gewalthaber in vollſtändigſter Verſammlung zu empfangen und ihnen mit ſeinem königlichen Gruße ver⸗ ſchiedene unſchuldige Aufträge oder Anſragen an die Herrſcher, deren Rechte und Pflichten ſie vertraten, anheim⸗ zugeben. Es war dies eine von jenen Formen und Sitten, wie wir ſie häufig an Höfen finden, die ſtets viel von ſich reden machen, aber in der Regel wenig zu bedeu⸗ ten haben. Denn wenn ein Monarch irgend einem ſeiner lieben Vettern etwas mitzutheilen hat, ſo wird er es ſtets, ſobald es etwas Wichtiges iſt, dem betreffenden Bevollmächtigten allein mittheilen, während die Unbe⸗ theiligten dabei immer nur überflüſſige und oft läſtige 8 Zeugen ſind.— Ein ſolcher Hoftag nun war der, zu welchem wir den amerikaniſchen Botſchafter nach der Hauptſtadt begleitet haben. Mittags ein Uhr war die Stunde der feierlichen Audienz. Da rollten denn, als hätte ſie ein Weltereigniß in Bewegung geſetzt, die ſchönſten Karoſſen, die die glanzvolle Hauptſtadt je zu ſehen bekam, mit den goldbetreßten Dienern und Jägern, die Pferde vom funkelndſten Geſchirre ſtrotzend, einher, und zeigten ihre verſchiedenen Wagenſchilder, in denen, wie gewöhnlich, die wilden und fabelhaften Thiere am meiſten von der neugierigen Straßenjugend betrachtet wurden. Auch die Kutſcherböcke waren dann ihrer Ueberwürfe von Wachs⸗ — 150— taffet beraubt, und die Kutſcher ſetzten ihre für den all⸗ täglichen Gebrauch abgeſchafften Perücken wieder auf.— Auf dem Schloßhofe hielten ſie an und ließen ihre ge⸗ bieteriſchen und vornehm blickenden Inſaſſen langſam und bedächtig den ſchwellenden Kiſſen entſteigen, als trügen ſie die Wichtigkeit der Welterhaltung in ihren von Weis⸗ heit aufgedunſenen Köpfen. Mit klüglich berechnetem Schritte,— Körper, Arme und Hände in beſtimmte vor⸗ geſchriebene Formen gerückt, ſtiegen ſie dann die breiten Treppen des königlichen Schloſſes hinauf und verſammel⸗ ten ſich in dem beſtimmten Audienzſaale, wo ſie oft die ſonderbarſten Grüße und Winke unter ſich ſelber aus⸗ theilten. † Dieſes allgemein bekannte Ceremoniell rührt nicht, wenigſtens ſehr ſelten, von den Königen her, ſie kümmern ſich ſogar gewöhnlich nicht einmal darum; ihre Diener legen es ſich vielmehr ſelber auf, um bei ihrem Auftreten ein wichtigeres Anſehen zu haben, als der ganze Kern der Sache, den ſie in ſich trageue in der Wirklichkeit werth iſt. 3 Hier an dieſem Hofe war es eine ebenfalls von den fremden Geſandten eingeführte und zuletzt ſtreng beobach⸗ tete Sitte, ſich ſchon eine halbe Stunde vor der feſtgeſetz⸗ ten Zeit zu verſammeln, um in vertraulichem Ge⸗ ſpräche die nachfolgende offizielle Vorſtellung gebühren⸗ der Maßen einzuleiten. Denn die Diplomaten haben — — 151— ſich gegenwärtig in dieſem vertraulichen Geſpräche, obgleich ſie ihre eigentliche Hauptmeinung dabei klüglich verdecken, ſtets ſehr viel zu erzählen, um wenigſtens das Eine oder das Andere aufzuſchnappen, was, gehörig zuge⸗ ſtutzt, verarbeitet und berichtet, oft einem Regierungsacte eine ganz andere Richtung giebt, als ſie ihm urſprünglich beſtimmt war, denn eben in dieſen vertraulichen Geſprä⸗ chen laſtet oft der Schwerpunkt ihres ganzen geheimniß⸗ vollen Weſens; dieſe daher weiſe zu benutzen, iſt Sache eines großen Genies, eines weiſen Staatsmeiſters. Darum erſchienen ſie auch bei ähnlichen Anläſſen ungemein pünkt⸗ lich und nur eine wichtige Krankheit vermochte ſie von ihnen fern zu halten, da das Verſäumte, welches eben nur im Plaudern, Hören und Nachforſchen beſteht, nie nachgeholt werden kann. Dieſe Art Diplomaten leiſtet ſelten etwas Gutes, viel häufiger ſehr viel Schlimmes. Sie ſind oft der Krebsſchaden an der guten Meinung, die man von einem ſonſt ſehr vortrefflichen Monarchen hegt, eben ſo wie eine große Armee ein Krebsſchaden der Finanzen einer Re⸗ gierung iſt. Allein die Diplomatie und die Armeen ſind einmal von allen Staaten eingeführt, darum müſſen ſie auch von allen beibehalten werden,„denn,“ ſagt ein öſter⸗ reichiſcher Staatsmann ſehr weiſe,„wenn dieſes Verfahren Anderen nützt, ſo nützt es uns auch, und wenn wir uns ———q·· 6 1 damit zu Grunde richten, ſo iſt es doch wenigſtens ein Troſt, daß es Anderen eben ſo ergeht.“ Heute nun, an dem mehrgedachten Tage, war der königliche Empfangsſaal ſchon beinahe eine Stunde vor der beſtimmten Zeit gefüllt. Sämmtliche bei Hofe be⸗ glaubigte Botſchafter waren verſammelt, ſogar der türkiſche Sultan war vertreten, und wie die Großen im Weltreiche, welches ſie unter ſich getheilt haben, ihre Abgeſandten geſchickt hatten, ſo waren auch die Kleinen nicht ausgeblieben, die ja ſtets noch ämſiger und genauer auszuführen pflegen, was jene in allgemeinen Umriſſen vorgemacht oder nur angedeutet haben. Der große Empfangsſaal alſo, deſſen Fenſter nach dem Schloßhoſe hinaus gingen, war bereits gefüllt. In zwei ſtreng von einander geſonderten Gruppen ſtanden die vielvermögenden Herren. In der einen Gruppe hatten ſich die Geſandten der Großmächte, in der anderen die der kleineren Staaten zuſammengefunden, indem die Letzteren es vorzogen, allein für ſich zu bleiben, wie die Sterne am Himmel es machen, die in ihrem geringeren Glanze die große Sonne vermeiden, um nicht von deren hellerem Lichtſchimmer gänzlich verdunkelt zu werden.— Alle dieſe Herren, dicke und dünne, große und kleine, hübſche und häßliche, geiſtreiche und geiſtarme, waren mit bunten Bändern, goldenen, ſilbernen, eiſernen und kupfer⸗ nen Ehrenzeichen geſchmückt, wie ihnen das Glück ſeine — — 153— glanzvolle oder ſeine düſtere Seite zugekehrt hatte; die Militairs ſteckten in ihren Uniformen, die Nichtmilitairs in ihren Galakleidern, wie es an dieſem Hofe Sitte und Brauch war. Die Gruppe der kleinen Machthaber flüſterte leiſer, gleichſam beſcheidener; nur der bayeriſche Geſandte, der, nicht wiſſend wohin er eigentlich gehöre, zufällig bei ihnen ſtand, ließ zuweilen ſeine breite und etwas tiefe Stimme vernehmlicher ertönen. Die große Gruppe dagegen ſprach laut und unverhohlen ihre Mei⸗ nung aus, und kümmerte ſich um keinen der kleineren Horcher, die ſie ja mit Kanonen und Bajonnetten in Ueberfluß in bedächtiger Zucht halten konnten. Das Geſpräch hatte ſich anfangs— wir wiederholen, daß es ein vertrauliches war— um die Tagespolitik gedreht. Als aber nach einer Viertelſtunde ein Kammerherr in's Zimmer trat, wahrſcheinlich um ſich von der baldigen Vollzähligkeit der Verſammlung zu unterrichten, ſchwiegen ſie plötzlich, blickten ſich um und zählten ſich ſelber, was eine wichtige und zeitraubende Arbeit war, denn ſie bilde⸗ ten ein ganzes Heer bedeutender, Leben und Tod in ihren Mienen tragender Männer. Als dieſe Zählung beendigt war, konnte ſich endlich der redſelige Franzoſe nicht mehr beherrſchen, und mit einem ſelbſtgefälligen Blicke ſprudelte er mehr, als er ſprach, hervor: „Wir ſind Alle beiſammen, nur der uns noch unbe⸗ — 154— kannte Herr Amerikaner fehlt noch. Er läßt uns etwas lange warten.“ „ Nicht uns, mein General,“ entgegnete der engliſche Geſandte, der gar zu gern, im Kleinen wie im Großen, dem Franzoſen die Stange hielt,„vielmehr Seine Maje⸗ ſtät den König, der uns ja ſchon zweimal hat zählen laſſen.“ „Um ſo ſchlimmer, Mylord, er ſcheint unſre Sitten nicht zu kennen.“ „Ich bin recht neugierig,“ ſagte Don Bermuda⸗ Pedro⸗Ledro⸗Cervantes⸗Balafreda, der ſpaniſche Botſchaf⸗ ter,„dieſen Deutſch⸗Amerikaner kennen zu lernen. Er ſoll ein eigenthümlicher Mann ſein.“ Alle ſpitzten die Ohren bei dieſer vertraulichen Rede, ſprachen aber kein Wort, da ſie nur zu hören hatten. „Wie ſo?“ fragte wieder der neugierige Franzoſe geradezu. „Iſt er denn wirklich ſo reich, wie der reichſte deutſche König?“ fragte der ruſſiſche Geſandte, der ſelber ein halber Demidoff war. Der Engländer zuckte mitleidig die Achſeln. In ſeinen großbritanniſchen Augen war der beſprochene Ge⸗ ſandte nur ein Amerikaner, das heißt, der Bürger einer von ſeinem eigenen Vaterlande abgefallenen Provinz. — ——— — 155 „Die Nachrichten lauten ſehr widerſprechend,“ fuhr der franzöſiſche General fort,„über den Urſprung und die Größe dieſes Erbſchaften⸗Reichthums.— Geſtern er⸗ zählte mir ein Attache, er ſolle ſeine Frau ihrer Reich⸗ thümer wegen geheirathet haben, obgleich ſie eine Negerin iſt.“ „Der Wahrheit die Ehre,“ bemerkte der brittiſche Antipode,„ſeine Frau iſt ſo weiß, wie die Ihrige, mein Herr General, aber etwa hundert tauſend Mal reicher, was allerdings uur eine Kleinigkeit an Zahlen iſt.“ „Auf ein paar mehr oder weniger, Mylord, wird es wohl nicht ankommmen.“ „Aber auf ihre Farbe, mein General; wie ich höre, ſtammt ſie aus ſpaniſchem Blute.“ „Ah!“ rief hier Don Bermuda⸗Pedro⸗Ledro⸗ Cervantes⸗Balafreda ſehr aufmerkſam und riß ſeine großen ſpaniſchen Augen auf. „Ja, ihre Mutter war eine ſpaniſche Creolin, ihr Vater aber ein in Neuyork anſäſſiger Deutſcher, den ich ſchon genauer kenne. O, auch viele von Ihren Regierun⸗ gen kennen ihn ſehr genau— er hat große Schuldner hinterlaſſen. Er war ein Ehrenmann, mit Einem Worte. Wir kennen ihn ſehr genau. Er war der erſte Handels⸗ mann der Welt, was ſeine Kenntniſſe im Handel anbe⸗ traſ. Dabei rechtſchaffen und warmherzig. Wenn er — 156— helfen konnte, half er. Wie geſagt, viele Ihrer Re⸗ gierungen müſſen das ja wiſſen.“ „Wie ſo? Wir kennen ihn nicht,“ bemerkte der Ruſſe.— „Wir ſelbſt,“ fuhr der Britte fort,„verdanken ſeinem Gelde manche ſchöne Eiſenbahn auf unſerer Inſel „— und die Amerikaner erſt recht. Er zieht freilich gute Procente daraus, wir aber benutzen ſie doch. Haben Sie nicht auch eine Anleihe bei ihm abgeſchloſſen, Excellenz?“. Der ſo geradezu Gefragte, der öſterreichiſche Ge⸗ ſandte, ein Graf Finſterberg, zuckte zuſammen und nahm ſchnell eine große Priſe. „O ja— nicht unmittelbar gerade von ihm, doch — ja— mittelbar— ja, einige kleine Millionen!— Preußen hat auch von ihm geliehen.“ „Bitte um Entſchuldigung,“ ſagte der ſchweigſame preußiſche Geſandte.„Davon iſt mir wenigſtens nichts bekannt. Wir haben wohl eine Anleihe innerhalb der Landesgrenzen geſchloſſen, aber über das bodenloſe Meer hinaus haben wir uns noch nicht gewagt.⸗⸗“ „Sehr wahr, Sie haben keine Schiffe,“ bemerkte der Oeſterreicher.„Aber wenn er nur bald käme, ich habe halt große Luſt, einen Menſchen zu ſehen, deſſen Finanzen in ſo vortrefflicher Ordnung ſind.“ Ein feines, unhörbares diplomatiſches Lächeln lief — 157 in dem Kreiſe herum und zeigte ſich auf den verkniffenen Geſichtern der hohen Kollegen, was aber der Oeſter⸗ reicher nicht bemerkte, denn er war etwas ſtark kurz⸗ ſichtig.— „Und dieſen amerikaniſchen Handelsherrn hat der jetzige Geſandte beerbt, der die ſpaniſche Creolin ge⸗ heirathet hat?“ fragte der ſchon als halber Landsmann geſchmeichelte Don Bermuda⸗Pedro⸗Ledro⸗Cervantes⸗ Balafreda. „Gewiß,“ verſicherte der edele Britte,„das hat er, Alles in Allem über hundert Millionen, Schiffe, Kleinodien und Ländereien mitgerechnet. Und zwar, Don Bermuda⸗ Pedro⸗Ledro⸗Cervantes⸗Balafreda, hat er den Vater beerbt, ehe er die Tochter kannte, überhaupt, ehe er etwas von der Tochter wußte. Das wollte ich nur noch be⸗ meiken.“ „Das iſt ein artiges Kapital,“ fuhr der preußiſche Geſandte fort,„er ſoll aber auch ſehr freigebig ſein, wie ich höre, namentlich ſoll er beabſichtigen, ſeinem Vaterlande eine Marine zu verſchaffen, die wenigſtens den kleinen See⸗ mächten Stand bieten kann.“ Der Engländer ſpitzte lächelnd die Ohren und ſah den däniſchen Geſandten an, der eben von der kleinen Gruppe zur größern übertrat. Dieſer aber erröthete ſtark und zog die Schultern in die Höhe, als wollte er ſeine Ohren decken. Er trat jetzt ganz heran; da man aber — 158— die Marine fallen ließ, lenkte er das Geſpräch in eine andere Richtung, um, halb lavirend gegen den Wiid, doch wenigſtens mit halbem Winde zu ſchiffen. „Haben Sie ſchon gehört, meine Herren,“ ſagte er „daß ſich der Geſandte, von dem Sie eben ſprachen, ein Serail der ſchoͤnſten Frauen, ſchwarze und weiße, mitge⸗ bracht hat und damit auf ſeiner Hotten⸗ oder Totteninſel — ich weiß nicht recht wie ſie heißt— hauſt? Seine Excellenz der bückeburgiſche Geſandte erzählte es ſo eben da drüben.“ „Wie? was?“ rief der türkiſche Geſandte, der ein Paſcha von drei Roßſchweifen war.„Ein Serail? Der Mann behagt mir immer mehr, er ſcheint ein vernünftiger Mann zu ſein.“ „Gewiß iſt er das,“ verſicherte der Britte, und einen ſehr feinen Blick auf den franzöſiſchen General werfend, fuhr er fort:„Und obgleich er eine ſogenannte republi⸗ kaniſche Regierung vertritt, ſo ſoll er doch höchſt monar⸗ chiſche Ideen zu Tage fördern.“ Der Franzoſe biß ſich etwas verſtohlen in die Lippen. Der Oeſterreicher, der lange geſchwiegen hatke und doch ſehr gern ſprach, um viel zu hören, wandte ſich an ihn und fragte ohne Umſtände: „Da iſt er ja Ihr Kollege, Herr General, und Sie müſſen alle möglichen Sympathieen für ihn fühlen.“ „Wir ſind ganze Republikaner,“ ſagte Dieſer — 159— haſtig,„monarchiſche Ideen kommen nie mehr bei uns auf.“— „Stille, ſtille, Herr General,“ lächelte der Britte, „Sie wiſſen nicht, was hinter Ihrem Rücken geſchieht.— Bei Ihnen wechſeln die Staatenbildungen ſo häufig, wie die Bäume die Blätter, man muß in Ihrem Vaterlande immer an eine Brücke denken, die an einem Ende die Lilien und an dem andern die Tricolore aufpflanzt.“ „Die Lilien? Was wollen Sie damit ſagen? Höchſtens könnten es die Adler ſein!“ Hier nießte der Ruſſe dreimal hintereinander ſehr laut; der arme Mann hatte den Schnupfen in hohem Grade; die deutſche Luft war ihm zu warm. Man verbeugte ſich von allen Seiten ſehr eilig, und namentlich der türkiſche Geſandte, der zur Zeit in guten Beziehungen zu dem Ruſſen ſtand, wünſchte ihm zu ſeinem Schnupfen Glück. Kaum aber war das eine Nießgeräuſch verſchallt, ſo regte ſich die Sympathie in der Nähe des Franzoſen und er fing ebenfalls an zu nießen. „Wohl bekomme es!“ ſagt der Ruſſe laut. „Sie haben halt einen Gedanken gehabt,“ ſagte der Oeſterreicher witzig,„Sie leben halt noch ein Jahr zuſammen!“ „Wie Gott will!“ ſeufzte der Ruſſe, der offenbar etwas Muſelmänniſches an ſich hatte. 3 — 460— ſehen. Wie mag er nur ausſehen?“ ¹ Leute zu ſehen.“ mittags. feurigen Roſſe. in das Schloß ſpringen. „Gewiß wie ein echter Republikaner! Finſterberg.„Wir haben halt Gelegenheit gehabt, ſolche „Aber wo bleibt der Geſandte?“ rief Don Bermuda⸗ Pedro⸗Ledro⸗Cervantes⸗Balafreda.„Ich bin nach Allem, was ich höre, ſehr geſpannt, den reichen Men ſchen zu „ murmelte Graf In dieſem Augenblicke donnerte ein im Galopp anfahrender Wagen auf den Schloßplatz.— Und ge⸗ rade ſchlug die Schloßuhr die erſte Stunde des Nach⸗ „Der iſt ſo pünktlich wie mein Kaiſer!“ rief der Ruſſe und ſprang mit einem etwas undiplomatiſchen Satze an's Fenſter. Alle Kollegen folgten ihm ſogleich. was ein kluger Mann thut, thun ihm viel raſch nach. Ein Ach! ein O! ließ ſich von a hören. Zwei kohlſchwarze mexicaniſche Hengſte vor einem einfachen, aber zierlich gebauten Galawagen, deſſen Wagenſchild das durch Sturm und Wellen jagende Schiff zeigte, ſprengten in kurzem Galopp in den Hof. Drei Mohren in noch nie geſehenem prachtvollem Koſtüme ſtan⸗ den hinten auf, ein eben ſo prächtiger Mohr lenkte die Denn ekluge Männer llen Seiten „Das iſt er!“ riefen Alle in großer Einigkeit, und —· ſahen darauf den jungen Geſandten ſchnell aus dem W agen Einige Augenblicke ſpäter trat der Nordamerikaner, von ſeinem Bekannten, dem Finanzminiſter, geführt, in den Audienzſaal, und bald darauf war er vorgeſtellt und mit ſeinen Kollegen bekannt gemacht. Stumm, nicht aus Diplomatie, ſondern vor Ver⸗ wunderung, ſtanden Alle, als ſie dieſe edle, ſchön gewach⸗ ſene kräftige Geſtalt ſahen, die, wie die Ceremonie es vorſchrieb, in einen höchſt eleganten ſchwarzen Frack mit weißer Weſte und weißem Halstuche gekleidet war, wäh⸗ rend die ſchöngeformten Beine mit ſchwarzſeidenen Strümpfen und Schnallenſchuhen bedeckt waren, von denen eine jede von einem Brillanten funkelte. Sonſt trug er nicht den geringſten Schmuck an ſich. Selbſt ſein Degen war der einſache, kleine Hofdegen, wie ihn heut zu Tage alle Kavaliere bei königlichen Feſten tragen. Unter dem linken Arme hielt er den kleinen Faltenhut und in der Rechten eine ſchwarze Sammttaſche, in welcher ſein Be⸗ glaubigungsſchreiben enthalten war. Mit einer Anmuth ohne Gleichen und dem freund⸗ lichſten, offenſten Lächeln verbeugte er ſich vor den Ge⸗ ſandten, wie ein Mann, der alle Tage vor Königen zu ſtehen geboren iſt. Als die Vorſtellung zu Ende war, blieb er ruhig ſtehen, ohne ſich über die feſten und neu⸗ gierigen Blicke zu verwundern, die auf ſeinen eben ſo edeln wie ſchönen Geſichtszügen gewurzelt blieben.— Namentlich war die Sympathie des Türken erregt, er Der Inſelkönig. v. 11 — 162— näherte ſich ihm ſogleich und erkundigte ſich theilnehmend nach dem Wohle ſeiner Damen. „Ich danke, Excellenz, ſie erfreuen ſich Alle der beſten Geſundheit,“ lautete die unerwartete Antwort, die den Horchern das Blut in das Geſicht jagte; nur der Türke wurde noch bleicher, als er ſchon war. „Ich bin entzückt darüber, mein Herr!“ ſagte der Türke und verneigte ſich beinahe bis auf den Boden. „Meine Herren,“ ſagte nun der amerikaniſche Ge⸗ ſandte zu den übrigen verſammelten Collegen, die ſich bei dieſem Ereigniſſe in eine Gruppe vereinigt hatten, „meine Herren, ich freue mich, Sie insgeſammt in einem Augenblicke hier begrüßen zu können. Es war nicht meine Schuld, daß ich ſo unglücklich war, Sie heute Morgen nicht in Ihren Hotels zu finden, wo ich mir die Ehre gab, Ihnen meine perſönliche Aufwartung zu machen.“ „Ol—„Ah!“—„Bah!“—„Mah!“— „Wir bedauern ſehr, außerordentlich!“—„Ganz außer⸗ ordentlich!“ „Der Verluſt iſt dabei ganz auf meiner Seite,“ fuhr der überſeeiſche Botſchafter fort,„denn ich hatte mir ein beſonderes Vergnügen verſprochen.“ 1— „Wie? Wie ſo! Was beliebt?“ fragte das ganze diplomatiſche Corps im Chorus. „Sie werden uns ſehr verbinden, wenn Sie dieſes — — 163— Vergnügen uns ein wenig näher auseinander ſetzen,“ ſagte Don Bermuda⸗Pedro⸗Ledro⸗Cervantes⸗Bala⸗ freda.— „Ich hoffe das Beſte, denn Gott iſt groß!“ ſagte der Türke. „Wir ſpitzen halt Alle die Ohren!“ dachte Graf Finſterberg. „Da Sie mir,“ begann der Amerikaner wieder, „wegen meiner entfernten Wohnung nur mit Beſchwer⸗ lichkeiten Ihren geehrten Gegenbeſuch machen könnten, ſo wollte ich Sie Alle ergebenſt gebeten haben, ſämmtlich an einem beſtimmten Tage bei mir vorzuſprechen. Ich würde dann die ſchöne Gelegenheit der Anweſenheit ſo geehrter Gäſte benützen und auf meiner kleinen Inſel ein länd⸗ liches Feſt veranſtalten, zu welchem Zwecke ich bereits bei Ihrer Abweſenheit eine ſchriftliche Einladung zu hinter⸗ laſſen mir erlaubt habe, die Sie bei Ihrer Rückkehr vor⸗ finden werden.“ Dieſe ohne jeden diplomatiſchen Rückhalt geſchehene mündliche Einladung, ſo angenehm ſte auch für die Neu⸗ gierigen war, verdutzte doch einige der ceremoniöſeſten Geſandten, namentlich den Weimaraner, den kurheſſiſchen und bückeburgiſchen; indeſſen der Gedanke, die Einladung ſei ja auch in aller Form ſchriftlich geſchehen und liege zu Hauſe auf den Tiſchen, machte dieſe ungewohnte Neuerung . 1 11* — 164— wieder gut, eben ſo wie die offene und zuvorkommende Miene des Einladenden. „Auf der Inſel?“ fragte noch einmal der Graf Finſterberg. „Ja, auf der Inſel— und zwar nur ein ländliches Feſt, Excellenz!“ „Da werde ich mich halt ſehr pünktlich einfinden.“ „Sie ſind ſehr gütig!“ ſagte der preußiſche Ge⸗ ſandte. „Sie ſind außerordentlich gütig!“ der ſächſiſche. „Sie ſind ganz außerordentlich gütig!“ der fran⸗ zöſiſche.. 1 „ ‚Ich werde nicht verfehlen zu kommen!“ ſagte der engliſche. „Ich werde die Ehre haben, zu kommen!“ der ruſſiſche. „Es wird mir ein Vergnügen ſ ſchwediſche. 5 „Es wird mir ein ganz beſonderes Vergnügen ſein der neapolitaniſche. „Es wird mir ein beſonderes Vergnügen ſein!“ Don Bermuda⸗Pedro⸗Ledro⸗Cervantes⸗ Balafreda. „Ich fühle mich jetzt ſchon im Paradieſe, wenn ich daran denke,“ ſagte endlich nach allen Uebrigen der Paſcha von drei Roßſchweifen. „So danke ich Ihnen im Voraus, meine Herren, ein zu kommen!“ der n1“ — 165— nur bitte ich Sie, ſchon an dem beſtimmten Tage des Morgens um elf Uhr bei mir zu ſein und ſich auf längere Zeit einzurichten, da die weite Reiſe ſonſt der Mühe nicht lohnt.“ Allle verbeugten ſich noch in herablaſſendſter Ueber⸗ einſtimmung, als plötzlich die Flügelthüren des Neben⸗ ſaales ſich öffneten und zwei Kammerherren hereintraten. Ihnen auf dem Fuße folgte, das edle Haupt freundlich den Geſandten entgegengebeugt, der alte König, das leutſeligſte Lächeln auf dem Geſichte, mit dem Ausdrucke der reinſten Herzensgüte, ganz und gar ohne alles Cere⸗ moniell. Sein helles Auge überflog blitzſchnell die ganze Verſammlung, und blieb dann auf dem Antlitze des ihm folgenden Miniſterpräſidenten haften. Dieſer verſtand den Blick und ſtellte die Herren dem Alter nach vor, welchen Vorgang zu erleichtern, dieſelben ſich ſchnell in die bekannte Reihenfolge geordnet hatten. Der ameri⸗ kaniſche Geſandte kam ſomit an das eine Ende zu ſtehen, denn er zählte ja noch nicht ganz neun und zwanzig Jahre. 3 Der König verbeugte ſich wiederholt und wechſelte mit jedem Einzelnen einige unbedeutende Worte. Das war die ganze Ceremonie, deretwegen das glänzende Luxus der europäiſchen Mächte ſich entfaltet hatte.— Der König verbeugte ſich noch einmal und zog ſich — 166— dann in den Nebenſaal zurück. Als aber die Geſandten mit ungemein befriedigten Geſichtern ſich zum Verlaſſen des Audienzſaales anſchickten, näherte ſich ein Kammerherr dem Vertreter der nordamerikaniſchen Freiſtaaten und er⸗ ſuchte ihn, zu Seiner Majeſtät zu kommen. 5 Der alſo Berufene folgte dem Befehle ſogleich und fand den König in ſeinem Kabinette, dem er, in ehrer⸗ bietigſter Verbeugung, ſtillſchweigend, wie es das Cere⸗ moniell verlangte, das Beglaubigungsſchreiben ſeines Präſidenten überreichte. Der König nahm es huldvoll an und legte es auf einen kleinen ſilbernen Tiſch. Dann ſagte er freundlich: „Die Formen ſind jetzt vorüber, ich bin kein Freund davon. Wir wollen von nun an als Menſchen und Männer mit einander verkehren. Setzen wir uns. Ich begrüße Sie nach langer und bedeutungsvoller Abweſen⸗ heit mit ganzem Herzen wieder im Vaterlande. Sie haben Wort gehalten, haben die Güter gekauft und ſind mein Nachbar geworden. Ich bin Ihnen ſehr dankbar dafür. Noch mehr aber bin ich es Ihnen im Namen des Vaterlandes. Ihre Fregatte iſt angekommen und ſie ſoll ein Meiſterwerk ſein. Darf ich Ihnen meine Geſinnung in vollem Maße ausdrücken?“ „Ew. Königliche Majeſtät haben es bereits mit —, * — 167— dieſen huldvollen Worten gethan, ich fühle mich glücklich dadurch.“ „Nicht ſo wie ich mich durch Ihre Handlungen der Menſchlichkeit und durch Ihren Beſitz glücklich fühle.— Ich muß Ihnen die Hand drücken, ich habe ein Bedürfniß danach. Sie ſind der einzige Geſandte an meinem Hofe, den ich ohne äußerliche Ehrenzeichen ſehe, wonach die Menſchen ſo unabläſſig jagen, und die ich oft mit Wider⸗ ſtreben ertheile, weniger oft mit vollem Bewußtſein auf⸗ richtigen Dankgefühls für eine edle Handlung der Auf⸗ opferung und Hingebung. Ich weiß wohl, daß Ihre Landsleute keinen Werth auf dieſe Aeußerungen eines königlichen Beifalls legen, wollte ich Ihnen dieſen meinen Beiſall, wie ich ihn empfinde, ausdrücken, ſo müßte ich Ihnen das erſte Ehrenzeichen geben, welches ich ertheilen kann. Nehmen Sie daſſelbe in meinem Herzen an.— Ihnen liegt das Wohlſein der Menſchheit nahe, mir auch; wir ſind alſo wieder in einem Punkte gleich. Ich kann Ihnen daher nur meine Freundſchaft anbieten, und dieſe gebe ich Ihnen mit dieſem meinem wärmſten Hände⸗ drucke.“ „Ew. Majeſtät erheben mich, indem Sie mich mit Ihrer Huld und Gnade erdrücken. Ich kann darüber nur denken und empfinden. Worte habe ich nicht.“ „Es braucht bei uns auch der Worte nicht. Wir — 168— verſtehen uns. Darf ich zu Ihnen kommen, wenn es mir beliebt?“ „Alles, was ich beſitze, iſt meines Königs Eigen⸗ thum— für ihn ſind meine Thüren jeden Augenblick geöffnet.“ „So leben Sie wohl, wir werden uns wieder⸗ ſehen!“ Damit war die Audienz beendigt und der ameri⸗ kaniſche Botſchafter fuhr in ſeinen Geſandtſchaftspalaſt zurück.—