Der Inſelkönig. Ein Roman in fünf Bänden a u 8 Herloßſoh'ns nachgelaſſeuen Papieren Philipp Galen. Vierten Theiles zweite Abtheilung.— Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1852 1 Zweites Buch. ZBie neue melt:. Erſtes Kapitel. Ueberfahrt und Ankunft. Da lag ſie, die ſchöne Beata, mit ihren ſchlanken Maſten und Raaen, dem zierlich geſchweiſten Buge und dem blin⸗ kenden Spiegel, ſchaukelnd auf dem fluthenden Fluſſe, deſſen Wellen vom friſchen Morgenwinde flüſternd und ſpielend bewegt wurden; da lag ſie, dicht an der London⸗ Tavern im Altonaer Hafen und hatte, zum Zeichen der Trauer über ihren alten verſtorbenen guten Herrn, die kleine ſchwarze Flagge auf halbem Hintermaſte aufgezo⸗ gen, die der mächtigen Nationalflagge erſt in dem Augen⸗ blicke weichen ſollte, wo der Erbe des Verſtorbenen ſeinen Fuß auf das Hinterdeck des Schiffes ſetzen würde. Auf dem oberſten Maſtkorbe hielt ein Matroſe Wache, um das von Harburg heranſchaufelnde Dampfboot ſchon in der Ferne zu erſpähen, denn man wußte am Bord, daß mit Der Inſelkönig. Iy. 12 dem erſten Boote an dieſem Morgen die beiden erwarte⸗ ten Herren eintreffen würden. „Da kommt es!“ rief die Wache vom Hauptmaſte herab und das zum Abholen der Reiſenden beſtimmte Boot war ſchnell im Waſſer und die bedienende Mann⸗ ſchaft, gefolgt von Mr. Staunton und Treaden, ſprang hinein.— Allmählig kam das Dampfboot näher und legte end⸗ lich an die Hamburger Landungsbrücke an. Es befan⸗ den ſich nur wenige Paſſagiere darauf; unter ihnen waren die beiden hohen Geſtalten der Erwarteten bald zu erken⸗ nen. Schon von Weitem hatte der jüngere Hutten das ihm entgegengeſandte Boot geſehen und den am Steuer ſtehenden Schwarzen erkannt. „Siehe da iſt es!“ rief er Joſephſon zu—„und hinten am Steuer ſteht unſer guter Ithyſſa!“ Die beiden Reiſenden ſprangen auf die Brücke und von da in das Boot. Cduard reichte ſchweigend, aber freundlich dem Schwarzen die Hand. „Alter Maſſa— todt!“ ſagte der dankbare Reger und deutete mit ſeiner Rechten auf den ſchwarzen Flor, den er um den linken Arm trug—„Ithyſſa ſehr, ſehr traurig!“ Aber dann ſeine blendenden Zähne zeigend, ſebte er hinzu: 4 „Junger Maſſa gber ſehr willkommen!“— Naſch fielen die Ruder in's Ppaſſer und Pfeilſchnell —— — — 479— wie ein Vogel fliegt, eilte das kleine Boot der Beata zu. Die Staatstreppe war an ihr heruntergelaſſen, oben an der Bordpforte ſtand der Capitain Schröder mit den bei⸗ den Steuerleuten; alle drei ſchwenkten ſchweigend die Hüte. Wenn nicht die Erinnerung an den Todten geweſen wäre, würden ſie ihr amerikaniſches Hurrah an den Ufern des deutſchen Fluſſes haben ertönen laſſen. Das Boot legte an's Schiff, Eduard ſprang raſch hinaus und begrüßte mit feſtem Händeſchütteln die See⸗ leute, der Reihe nach, wie ſie vor ihm aufgeſtellt waren. Sobald er ſeinen Fuß an Bord geſetzt hatte, ſank die Trauerflagge ünd die dreizehn ſilbernen Sterne der Union ſtiegen triumphirend in die Lüfte. Nun erſt erſcholl das dreimal wiederholte Hurrah, dem drei weithin rol⸗ lende Kanonenſchüſſe folgten. Eduard begab ſich, von dem Capitain geſolgt, in das Billardzimmer. Einige herzliche Worte drüͤckten alle ſeine Gefühle aus; das neue Verhältniß zwiſchen dem jetzigen Herrn und ſeinen Untergebenen ſtellte ſich augen⸗ blicklich zu allſeitiger Befriedigung her. Die Mannſchaft wurde reichlich beſchenkt und dann die Einrichtung der Wohnungen vorgenommen. Eduard bezog die beiden Kajüten, die vor anderthalb Jahren ſein Adoptivvater inne gehabt hatte, Joſephſon und Kannenſchmidt die Eduards, Mr. Staunton undagreaden richteten ſich be⸗ haglich in des Letzteren Zimmer ein. — 180— Mit welchen Gefühlen betrat der Erbe die Räume, in denen der Erblaſſer vor wenigen Monden noch ſo glücklich geathmet hatte! Wie heilig waren ihm die klein⸗ ſten Gegenſtände, die er benutzt hatte und die er ſogleich wieder erkannte. Da ſtand das ſchneeige Bett mit den ſeidenen, dunkelgrünen Vorhängen, da der bequeme Seſ⸗ ſel, auf dem er zu ſitzen pflegte. Und mit welchen ſein ganzes Weſen durchſchauernden Empfindungen betrachtete er das Billard, an dem er ſo oft mit dem alten guten Manne ein Stündchen verplaudert hatte!— Zwei Stun⸗ den etwa blieb Eduard in dieſen Räumen allein, er mußte erſt dem Geſchiedenen den Zoll der Dankbarkeit abtragen; dann aber erinnerte er ſich, daß nicht der Tod allein, ſondern auch das Leben Anſprüche an ſeine Ge⸗ danken habe, und faſt mit Gewalt die Erinnerung an die Vergangenheit von ſich ſchüttelnd, griff er kühn und ſchnell in die neu tagende Gegenwart ein. Der Capitain ließ ſich bei ihm melden. Als er eingetreten war, ſagte er: „Herr Hutten, wir haben einen friſchen Südoſt, das Schiff iſt ſegelfertig, dürfen wir in See ſtechen?“ „Mit Gott, lieber Schröder, immer vorwärts!“ Und augenblicklich wurden die Befehle ertheilt, die Ankerketten aufgewunden, das Steuer in Bewegung ge⸗ ſetzt und die fallenden großen Segel faßte der Wind. In einer kurzen Viertelſtunde ſtrich die Beata dahin und — — — 181— die ſchönen Ufer von Blankeneſe flogen an den Reiſenden vorüber. Jetzt rief der Schiffsherr den ſchon harrenden Schwarzen. Er hatte nicht eher Ruhe, als bis der treue Diener, der bis zum letzten Augenblicke bei ſeinem alten Herrn geblieben war, Alles, was er wußte, von dieſem erzählt hatte. „Ach!“ ſagte der Neger,„alter Maſſa ſehr betrübt geweſen, als junger Maſſa fort war— viel geweint— viel geſchrieben!“ „Ja, Ithyſſa, das weiß ich. Und willſt Du mir eben ſo treu ſein, wie Deinem alten Herrn? Du ſollſt es eben ſo gut bei mir haben wie bei ihm.“ Der Schwarze legte die Hand auf's Herz, bückte ſich tief und ſagte mit rührendem Ausdruck der Stimme: „Ithyſſa gehorſam und treu bis in den Tod!“— In wenigen Stunden gelangte man beim günſtigſten Winde bis Stade. Nach Tiſche bis Glückſtadt; in der Nacht wurde die rothe Tonne bei Kurhaven paſſirt und nun ging es in die offene See. Der Wind blieb günſtig und ſtetig, erſt in der Höhe von Harlem wurde er hef⸗ tiger und als man in den Kanal gelangte, ſo ſtark, daß mehrere Segel gerefft werden mußten. Eduard hatte auch im Nordmeere nicht an der Seekrankheit gelitten, hier verſchonte ihn dieſe bittere Begleiterin der oft ſo ſchönen Seereiſen ebenfalls. Kannenſchmidt wurde m — 182— in geringem Grade davon ergriffen; Joſephſon allein ſchien das einzige Opfer zu ſein, welches ſich das ſchau⸗ kelnde Meerungethüm mit aller energiſchen Wuth ſeiner Laune auserſehen hatte. Der arme Premierminiſter und Hofmarſchall befand ſich in einer traurigen Lage. Einer der jungen Leute war beſtändig bei ihm und ſuchte ihn zu tröſten. Auch Eduard hatte ihm öfter Geſellſchaft ge⸗ leiſtet und von Tag zu Tag auf eine Beſſerung ſeiner Lage gehofft. Endlich, am Ende des fünften Tages, als das Wetter wunderbar klar und die Luft durchſichtig wie Glas war, ſo daß man die franzöſiſche Küſte, an der man entlang ſegelte, mit bloßen Augen verfolgen konnte, that es ihm leid, daß der Freund dieſes langerſehnten An⸗ blickes verluſtig gehen ſollte. Er begab ſich in die Ka⸗ jüte des Kranken und fand ihn auf einer am Boden aus⸗ gebreiteten Matratze liegen, die Augen hohl, das Geſicht bleich, mit dem Würgengel, der ihn gepackt, vergeblich ringend. Er hatte ſchon ſeit vielen Tagen nichts mehr genießen können, ſo ſehr ſich der in ſolchen Dingen prak⸗ tiſche Kochmaat bemühte, durch gewürzige Speiſen und Getränke das Uebel zu beſiegen. Alles war vergeblich geblieben und der Leidende troſtlos und wüthend zu⸗ gleich.— „Wie geht es Dir?“ fragte der Eintretende theil⸗ naehmend und im allergrößten Ernſte. Als er aber den ſich krümmenden Freund erblickte, der die gräßlichſten —ꝗł— Grimaſſen ſchnitt und kaum eine verzweifelnde Geberde mit der Hand zu machen im Stande war, riß ihn der tragikomiſche Zuſtand deſſelben wider ſeinen Willen zur ſcherzhaften Laune hin. „Was,“ rief er ermuthigend,„Du willſt ein gebo⸗ rener Seeſtädter ſein, und biſt ſo ſtolz auf Deine Bluts⸗ verwandtſchaft mit dem Meere geweſen? Das haſt Du nun davon. Täglich haſt Du Dir das Waſſer angeſehen und biſt doch von ihm in der Freundſchaft betrogen? O, wenn das Adalbert Lambeck, Dein Antipode, ſähe, was würde er ſagen, oder gar eine gewiſſe Dame mit den ſchö⸗ nen blonden Locken—“ Joſephſon ermannte ſich mit krampfhafter An⸗ ſtrengung. „Schweig mir vom Himmel ſtill,“ ſchrie er beinahe, „wenn ich die Hölle im Leibe trage. Ihr müßt einen Magen von Eiſen haben, ſonſt verſtehe ich's nicht. Ich wünſchte, Dein Adoptivvater hätte Dir Deine Millionen nach Europa geſchickt.“ „Mein lieber Joſephſon, ich ſagte Dir das nicht, um Dich zu erzürnen, und Dein Uebel zu vermehren; im Gegentheil, ich ſagte es, um Dich zur Kraft des Wider⸗ ſtandes zu reizen und ſo Dich zu heilen. Denn ſchon als Arzt mußt Du wiſſen, daß die Nerven des Magens mit denen des Gehirnes in Verbindung ſtehen und wenn 7 — 184— letztere geſtachelt werden, die Wirkung davon auch auf die erſteren übergeht.“— „Es iſt gut, ich danke Dir. Mir wird ſchon woh⸗ ler, ich glaube, ich ſehe inwendig aus wie eine leere Tonne, deren Inhalt man ausgeſchüttet hat. Ich habe nichts mehr zum Ausſchütten in mir, es müßte denn mein Herz und meine Lunge ſein. Sprich weiter— die blon⸗ den Locken thun mir wohl.“ „Siehſt Du, ich wußte es ja. Merke Dir, wie verſchiedene Heilmittel es in der Welt giebt. Wenn man ſie nur bei jeder Krankheit wüßte!“ „Das iſt es gerade! Wenn ich dieſe Speeifika alle gekannt hätte, wäre ich Arzt geblieben und hätte viel⸗ leicht auch eins gefunden, mir den blonden Lockenkopf zu erobern.“ „Freilich, das wäre Dir ziemlich gewiß geweſen, und wenn Du es auch nicht gefunden, ich hätte es ſicher beſeſſen.“ „Wie ſo? Was willſt Du damit ſagen?“ „Das laß nur jetzt, künftig will ich Dir eine Ant⸗ wort darauf geben. Aber verſuche einmal aufzuſtehen, die Bewegung des Schiffes iſt ruhiger geworden und auf dem Deck manches Neue zu ſehen. Wir ſind ſchon an der Küſte von Frankreich.“ Joſephſon erhob das bleiche Haupt und ſah ſeinen! Freund wie ein lebendiges Jammerbild mit einem herz⸗ durchbohrenden Blicke an. Eduard legte raſch Hand an und bald war der Patient mit ſeiner Hilfe ſoweit be⸗ kleidet, daß er im Schlafrock in den Speiſeſaal kommen und die ſeiner harrenden Freunde begrüßen konnte. „Nun ein paar kräftige Pikles, dann ein Roſtbeef⸗ und eine Flaſche Burgunder, was meinſt Du dazu? Wie?“ Joſephſon lächelte matt. Das Antlitz der blühen⸗ den Erde hatte ihn wieder freundlich angeblickt. Sein Appetit wurde ſchon bei dem Gedanken an das Vorge⸗ ſchlagene rege. „Gieb her,“ rief er ungeduldig,„wenn Du es haſt. Ich fühle wieder, daß ich außer dem geborenen Seeſtädter auch noch ein geborener Wolf bin.“— Und haſtig, wie Jemand, der fünf Tage gehungert und gedurſtet hat, griff er die Speiſe und den Wein an und fühlte ſich mit jedem Augenblicke wohler. Aber eine Cigarre wollte er doch noch nicht zu rauchen wagen, ſo köſtlich der Duft war, der von Eduards Röllchen in ſeine Naſe zog. Von dieſer Stunde aber an war die Seekrankheik gewichen und quälte ihn nicht wieder. Aber die überſtandenen kleinen Leiden ſollten nicht die einzigen ſein, die Joſeph⸗ ſon in der neuen Welt auszuſtehen beſtimmt war.— Bei Tag und bei Nacht zog jetzt das wackere Schiff ſeinen ziemlich ebenen Weg weiter. Die franzöſiſchen Küſten und das biscayiſche Meer ließ es bald hinter ſich. — 186— Ihnen folgte das Kap Finiſterre und Portugals roſige Küſten zeigten ſich. In Liſſabon hielt man ſich einige Tage auf. Dann ging es bei halbem Nordoſt ſchnell weiter, den Azoren entgegen. In Madeira wurde ange⸗ legt und die herrliche Inſel mit ihrer würzigen Luft und den köſtlichen Früchten beſucht. Einige große Fäſſer des beſten Weines wurden eingenommen und, zum Geſchenk für die heimathlichen Keller beſtimmt, zurückgelegt. Denn auf dem Schiffe war, Dank der Vorſorge des Mr. Wharton, ein ſo großer Vorrath der wohlſchmeckendſten Weine der Welt, daß ſie alle Freunde des Erben, wenn ſie die Fahrt mitgemacht hätten, nicht hätten verzehren können. Nachdem in Madeira friſches Waſſer und Fleiſch eingenommen war, ſteuerte dir Beata nun in ziemlich ge⸗ radem Laufe, nur etwas nördlich gewendet, den Küſten Amerika's entgegen und der Wind wie das Wetter blieben den Reiſenden günſtig. Während nun Kannenſchmidt die bis jetzt ſchon eilig geſammelten Skizzen ſorgfältiger ausführte und in der ungewohnten Lage des neuen Seelebens tauſend Zer⸗ ſtreuungen und Annehmlichkeiten bei einem eben ſo kräfti⸗ gen wie ausgeſuchten Tiſche genoß, waren Eduard, Joſeph⸗ ſon, der Kaſſirer und der Secretair vielfach verſammelt, um den Etat des künftigen Haushalts aus allgemeineren Umriſſen in die kleinſten Einzelnheiten zuſammenzuſetzen. So groß auch die Summen waren, die der Beſitzer ſo — — 187— ungeheurer Reichthümer vielen neuen und alten Wohlthaͤ⸗ tigkeitsanſtalten zuwendete, ſo vielen einzelnen Armen wie der allgemeinen Bedürftigkeit der Vaterſtadt Mr. Huttens beſtimmte jährliche Vermächtniſſe er ausſetzte, ſo ſah man nur zu bald, daß die vorhandenen Mittel kaum zur Hälfte damit erſchöpft wurden. Seiner Freunde, der Beamten ſeines Haushaltes, der übrigen Künſtler, Hand⸗ werker und Arbeiter Beſoldung, die er Alle mit einem ſicheren jährlichen Einkommen beglücken wollte, und deren Zahl nach ungefährer Berechnung etwa dreihundert Köpfe betrug, ſelbſt wenn er, was bis jetzt noch nicht ſeine Ab⸗ ſicht war, ſogar eine Schule für die Schauſpielkunſt errichtete, verlangte immer nur eine jährliche Ausgabe von noch lange nicht 300,000 Thalern. Für vater⸗ ländiſche große Bauten waren jährlich etwa 150,000 Thlr. ausgeſetzt, für wohlthätige Zwecke 400,000 Thaler, für die vaterländiſche Marine 500,000 Thlr., für Hebung der Künſte, Wiſſenſchaften und Gewerbe 4 bis 500,000 Thlr. und das machte Alles zuſammengerechnet noch nicht zwei Millionen Thaler aus, die zu dieſen Zwecken beſtimmt waren. Es blieben alſo zur Beſtreitung des vorge⸗ ſchriebenen glänzenden Lebens noch mehr als eine Million und 400,000 Thaler jährlichen Einkommens übrig, aller⸗ dings ein mehr als fürſtliches Vermögen, welches dem Beſitzer noch immer viel zu unermeßlich war, als daß er — 188— ſichh mit ſeinen reichlichen Schenkungen hätte beruhigen können. „An Ihrer Stelle,“ nahm Mr. Staunton das Wort, „wenn ich mir eine ſolche Aeußerung erlauben darf, würde ich mich ſehr beruhigt fühlen. Was Sie zu thun ent⸗ ſchloſſen ſind, hat noch kein Menſch gethan und wenn er es auch gekonnt hätte. Mr. Hutten ſelber würde ſagen, wenn er lebte: Genug, genug, Ihr Gewiſſen kann ſich befriedigt fühlen!“ „Der Meinung bin ich auch,“ ſagte Joſephſon. „Wenn man auch das Beſte der ganzen Welt wollte, ſo darf man ſich doch nicht ſelbſt aus dem Auge verlieren. Frage die wohlthätigſten Fürſten, die Tauſende glücklich gemacht haben, wie viel Dankbare ſie darunter gefunden haben?“ „Die Menge der r Undankbaren kann nie die Hand meines Wohlthuns ſchließen. Auch rechne ich nicht auf Dank. Aber es giebt ſo viel Unglück in der Welt.“ „Mein Herr,“ ſagte Mr. Staunton,„ſelbſt dieſer Gedanke darf die Fülle Ihrer Gaben nicht vermehren. Gießen Sie ein ganzes Meer flüſſigen Goldes auf das Unglück der Welt aus, hier werden Sie es lindern und an tauſend andern Stellen quillt es von Neuem hervor. Das Unglück gehört mit zur Welt, ohne Unglück giebt es kein Glück; ſchon das einzelne zu lindern, iſt eine Handlung voller Edelmuth und zeugt von dem reinſten 4 — 4189— Herzen, wie viel mehr nicht, wenn man wie Sie im Gro⸗ ßen und Ganzen mit vollen Händen ausſtreut. Ich kann nur das Genug! Genug! des Mr. Hutten wieder⸗ holen.“ „Auch würde ich nicht an Deiner Stelle,“ fuhr Jo⸗ ſephſon fort,„meine jährlichen Unterſtützungen an Arme, Inſtitute und dergleichen ſchriſtlich und unumſtößlich feſt⸗ ſetzen. Es giebt Menſchen, die nachher ohne Rückſicht fordern und eine Gabe der Mildthätigkeit als eine Noth⸗ wendigkeit betrachten, die ihnen gezollt werden muß. Gieb ihnen, gieb Allen, aber binde Dich nicht; Du kannſt auch nicht wiſſen, ob nicht Dinge geſchehen und Aus⸗ gaben erfordern, die für die Zukunft nothweniger ſind, als Du für die Gegenwart anzunehmen geneigt biſt. Alſo überſtürze Dich nicht, man kann auch mit dem beſten Willen und Herzen des Guten zu viel thun.“ „Das iſt ein weiſer Rath!“ ſagte Mr. Stauuton halblaut vor ſich hin. „Ich ſehe es ein, Ihr habt Recht, ¹ bemerkte nach einigem Beſinnen der jüngere Hutten.„Ich werde mich nicht binden. Aber wie lange werden wir noch auf dem Waſſer ſein?“ Der Capitain wurde gefragt; er machte ſeine Be⸗ rechnungen und fand, daß die Beata nördlich von den Bermuda⸗Inſeln und beinahe in gleicher Höhe mit Neuyork ſtand, daß ſie alſo bei anhaltendem Winde in , — 190— einigen Tagen die Küſten der neuen Welt erblicken würden. „Ich habe wieder Sehnſucht nach dem feſten Lande,“ ſagte Joſephſon,„und möchte doch nicht die Reiſe um die Welt machen, ſo ſchön ſie ſein mag.“ „Du biſt ein Menſch, in deſſen Adern Queckſilber läuft,“ ſcherzte Eduard.„Ich befinde mich ganz behag⸗ lich auf dem Waſſer, namentlich bei ſolchem Winde und mit der frohen Ausſicht, das Land bald zu erreichen. Was eilſt Du ſo? Wir können noch lange nicht an unſre Rückkehr denken; wo wir alſo ſind, mag es gut ſein. Schmeckt Dir der Wein nicht auf meinem Schiffe?!“ „Doch, doch, es iſt nur das Verlangen, die große Stadt Amerika's, Neuyork, zu ſehen und wieder ruhig in einem ſtillſtehenden Bette ſchlafen zu können. Ich will es nur geſtehen, in jenen erſten Nächten, die wir glücklicher Weiſe hinter uns haben, als mich das Seeungethüm ge⸗ packt hatte, habe ich mich ſtets feſtgebunden, denn ich fürchtete beſtändig aus den Decken zu rollen, und wenn ich träumte, ſo ſah ich eine ungeheure Welle, die ihre naſſen Arme öffnete, um mich in ihren tiefen Schooß hinab zu ziehen.“ „Wer weiß, woran Du da gedacht haſt, als dir dieſer Traum kam, und welche Arme Dir geöffnet waren,“ lachi Eduard. — 191— „Und was Ihre Sehnſucht nach Neuyork betrifft,“ bemerkte Mr. Staunton,„ſo wird dieſe ſehr bald geſtillt ſein; ich kenne keine Stadt in der Welt, die mir ſo viele Langeweile verurſachte wie dieſe, und verlange vielmehr, wenn ich doch nach Etwas Verlangen haben ſoll, nach der ſchönen Inſel zurück, die Mr. Hutten in Europa ange⸗ kauft hat.“ „Wie das klingt! In Europa!“ rief Joſephſon. „Doch wahrhaftig, ja,“ ſetzte er hinzu,„wir ſind ja auch dem Weltmeere und Amerika nher als Europa, beinahe hätte ich es vergeſſen.“ „Gefiel es Ihnen denn auf jener Inſel?“ fragte Eduard. „Fragen Sie Mr. Treaden,“ entgegnete der Kaſſi⸗ r,„was wir uns geſagt haben. Seitdem ich Europa wiede geſehen, gefällt mir Amerika nicht mehr, und ſo mag es allen denen ergehen, die voll Lebensmüde das alte Land verlaſſen und voll Lebenshoffnung in das neue ziehen. Amerika iſt in meinen Augen nicht das pa⸗ „radieſiſche Land, ſelbſt Huttenpark am Hudſon nicht, der doch gewiß ſchön liegt.“— Nach einigen Tagen ſah man ſchon fliegende Vögel, die vom Lande gekommen waren, und am Morgen des nächſten Tages, eben als die Sonne im ſtrahlendſten Glanze aufging, das Meer vergoldete und die blaſſen Wolken roſig umſäumte, ſah man den blaſſen, glatten Streifen vor ſich liegen, in welchem ſich den von der See Kommenden die Inſel Long⸗Island zeigt. Am andern Mittag, nachdem ein Lootſe an Bord gekommen war, befand ſich das Schiff auf der Rhede und einige Stunden ſpäter warf es dicht an der Stadt im Hafen ſeine Anker aus. Mr. Staunton und Treaden beſtiegen ſogleich ein Boot und ruderten an's Land. Aber der wachſame Mr. Wharton, der die Beata ſchon lange erwartet und als ſie ſignaliſirt worden war, ſeine Vorkehrungen getroffen hatte, begegnete ihnen auf dem Wege und ſchüttelte den Freunden herzlich die Hand. Beide hatten dem älteren Mitgliede des früheren Hauſes Hutten, Brown und Moore viel mitzutheilen, und Eduard Hutten, wenn er Zuhörer ihrer erſten Geſpräche geweſen wäre, hätte mit der ihm zu Theil gewordenen Beurtheilung können zu⸗ frieden ſein. Sogleich kehrten die beiden jüngeren Leute mit Mr. Wharton zurück und dieſer betrat, den Hut in der Hand, das Deck der Beata, zum erſten Mal dem vielbewunderten Erben vor's Angeſicht tretend. Beide Männer waren mit ihrem gegenſeitigen Anblick zufrieden. Mr. Wharton war ein mittelgroßer, kräftiger Mann in den Dreißigen. Sein Geſicht war offen und ehrlich, ſeine blauen Augen ließen jeden Menſchen bis in ſein Inneres blicken, ſeine breite und feſte Stirn verrieth den energiſchen männlichen Sinn, den Mr. Hutten ſo ſehr 4 —— an ihm zu ſchätzen gewußt, und die ſtete um Auge und Mund ſpielende Heiterkeit ließ den fröhlichen Geſell⸗ ſchafter in ihm erkennen, den ſein früherer Chef ſo gern rund gewöhnlich um ſich gehabt hatte. Einige Stunden vergingen, ehe die unumgänglichen Maßregeln der Hafen⸗ und Geſundheits⸗Polizei ausge⸗ führt waren. Dann führte Mr. Wharton die Europäer — Joſephſon war in Amerika ſtolz auf dieſe Bezeichnung — in einem Boote nach dem Landungsplatze. Einige Diener folgten mit dem ganzen Gepäck. Als ſie aber den Kai erreicht hatten, fand man einen glänzenden Galawagen mit zwei herrlichen ſchwarzen Pferden be⸗ 1 ſpannt, einen Perrückenkutſcher auf dem Bock und zwei Schwarze am Schlage ihrer warten. Che der Erbe noch Zeit ſich umzuſehen gehabt, ſaßen er und Joſephſon darin, ihnen gegenüber Mr. Wharton, und im Galopp raſſelte der Wagen dahin, die Broadwayſtraße hinunter, in den Flur eines großen Pallaſtes hinein— Eduard Hutten Stolling befand ſich in ſeinem eigenen Hauſe in Reuyork. Dieſes Haus aber war prächtig. In der größten Königsſtadt der alten Welt hätte ein Fürſt darin wohnen können. Die Wohnräume waren groß, mit den köſtlich⸗ ſten Tapeten, Teppichen, venetianiſchen Spiegeln und Der Inſelkönig. IV. 3 13 — 194— herrlichen Gemälden, größtentheils Meiſterſtücken italieni⸗ ſcher Kunſt, geſchmückt. Die Fluren und Treppen mit geſchliffenem Marmor oder Granit belegt, alle mit dun⸗ kelgrünen Teppichen wohnlich ausgeſtattet. Die maſſiven, koſtbaren Möbel ſchienen hervorgegangen aus den Händen wahrer Künſtler, die Seſſel, Sopha's und wie die an Ausdrücken verſchwenderiſche, ausländiſch ſprechende Mode alle dieſe Ruhegegenſtände benennt, waren mit den ſchwer⸗ ſten Seiden⸗ und Sammtſtoffen überzogen. Die Ge⸗ räthe, deren man ſich zu allerlei Verrichtungen der Be⸗ quemlichkeit und des modernen Lebens bedient, waren von ausgeſuchteſter Arbeit, dem Auge wohlthuend, dem Zwecke vollkommen entſprechend. Die großen Kamine von ame⸗ rikaniſchem geadertem, blauem, roſenrothem und ſchwarzem Marmor oder Granit waren mit vergoldeten Gittern ein⸗ gefaßt, die Fußböden von wohlriechenden Holzarten in Moſaik gearbeitet, die Decken der Zimmer entweder mit Freskogemälden bedeckt oder von wunderſchöner Stukka⸗ turarbeit. Maſſiv ſilberne Kronleuchter, Armleuchter in allerlei künſtlichen Formen und Geſtaltungen, auch ſolche von glitzerndem Bergkryſtall, hingen von allen Decken herab, ſtanden auf Konſolen, vor den Spiegeln, an den Wänden und verbreiteten Abends, wenn ſie angezündet wurden, ein magiſches Licht mit ihren hunderten rother, weißer und grüner Wachskerzen. In derſelhen Art war die Bedienung auf das Ge⸗ —ꝛ — — 195— ſchmackvollſte gekleidet. Mr. Huttens Lieblingsfarben, Meergrün und Silber, gaben den Grundton an; die Ne⸗ ger gingen in orientaliſcher Tracht einher, weite, unten ge⸗ ſchloſſene Beinkleider, griechiſche Sammtjacken, flitterge⸗ ſtickte Gürtel, auf der Straße lange faltenreiche Gewän⸗ der darüber tragend. Die Bedienung ſelbſt geſchah raſch, lautlos, einem halben Winke folgend. Eduard empfand bei der Wahrnehmung aller dieſer Koſtbarkeiten beinahe ein unbeſchreibliches Angſtgefühl, er hatte dergleichen nie geſehen. Joſephſon war wie ge⸗ blendet und folgte Mr. Wharton, der dem Erben die Schlüſſel des Hauſes überreicht hatte, eher mit Bellom⸗ menheit als Wohlbehagen. Mr. Wharton führte ſie durch das ganze, weite Haus, durch die lunben gewölb⸗ ten noch koſtbareren Feſtſäle, durch Keller, voll der älte⸗ ſten und geprieſenſten Weinſorten der Welt, durch die Stallungen, in denen Vollblut⸗Pferde, namentlich ſpa⸗ niſch⸗mexikaniſcher Zucht, die beſten des neuen Kontinents, ſtanden und voll ungebändigten Feuers, mit glühenden Blicken und ſcharrenden Hufen den Augenblick zu erwar⸗ ten ſchienen, wo ihr neuer Gebieter ſie in die Luft, in Bewegung führen würde, damit ſich das innen lodernde Feuer nicht kraftlos ſelber verzehre. Und als ſich die Staunenden nun an den Speiſe⸗ tiſch ſetzten und eine unzählbare Reihe der wohlſchmeckend⸗ . 13* — 496— ſten, unbekannteſten Speiſen in maſſiv ſilbernem Tafel⸗ zeug Auge und Zunge berauſchte, da konnte ſich Joſeph⸗ ſon nicht länger halten und er ſtöhnte beinahe hervor: „Mein Gott, mein Gott! die Seekrankheit muß mir neue Organe gegeben haben, denn ich ſehe, eſſe und trinke, was ich noch nie in meinem Leben geſehen, gegeſſen und getrunken habe.“ Mr. Wharton lächelte und erwiderte nur: „Dieſer ganze glänzende Staat iſt nichts gegen die gemüthliche und einfache Bequemlichkeit des Landhauſes Mr. Huttens im Huttenpgrk am Hudſon.“ „Wie,“ rief der erſchrockene Hofmarſchall,„ſoll es noch herrlicher und koſtbarer kommen?“?. „Koſtbarer wohl nicht, aber herrlicher, ſchöner, lieblicher, meiner Meinung wenigſtens nach, gewiß.“ „Bewohnte Mr. Hutten allein dies Haus und lebte er alle Tage ſo, wie wir heute leben?“ fragte ſtill und beinahe traurig der Erbe. „Nein, Mr. Hutten, nein! Er lebte ſehr nfuh. wie Sie es auf ſeinem Schiffe müſſen geſehen haben; er aß und trank freilich nur Gutes und Auserleſenes, aber nicht in ſo reicher Auswahl. Im Winter freilich waren alle Räume des Hauſes, wenn er hier war, emmarmt und Abends erleuchtet, denn er liebte es, aus —— — 197— einem Zimmier in das andere zu gehen und bald ein Ge⸗ mälde, bald einen anderen Gegenſtand der Kunſt mit einem von uns zu betrachten. Aber er wohnte hier allein, denn Mr. Brown und Mr. Moore, als ſie noch lebten, beſaßen jeder für ſich ein ähnliches Haus, welches aber nach ihrem Ableben verkauft wurde und jetzt ande⸗ ren Großhändlern gehört.“ „Jene Gewohnheit mit der Erwärmung im Winter und der Erleuchtung des Abends ſcheint mir indeſſen ſehr angenehm,“ meinte der epikuräiſche Joſephſon, „die wollen wir bei uns auch einführen, Eduard, was meinſt Du!“ „Darin⸗ ſimmme ich Dir bei, aber das Eſſen, Mr. Wharton, laſſen Sie in Zukunft, ſo bitte ich, etwas weniger reichlich ausfallen; unſre europäiſchen Verdauungswerkzeuge ſind an ſo viele indiſche, merika⸗ niſche und peruaniſche Gerichte nicht gewöhnt.“ „Sie haben nur zu befehlen, Mr. Hutten, indeſſen habe ich auch nur heute der Neuheit und des Anfangs wegen Ihnen zeigen wollen, was man hier leiſten kann. Ich ſelbſt liebe dergleichen nicht, wußte übrigens auch von Mr. Hutten, daß Sie kein Schwelger ſind. Morgen werden Sie zufriedener ſein. Aber wie iſt 88, reiten oder fahren Sie nach Tiſche?“ Eduard ſah Joſephſon fragend an. — 198— „Haben Sie nur mexikaniſche Hengſte zum Reiten?“ fragte dieſer kleinlaut den erſten Kaſſirer. „Nur ſolche und einige kleine Pony's für Spazier⸗ fahrten im Park hinter dem Hauſe. „Ich verzichte auf das Reiten, meine Herren. Ich muß erſt einen mexikaniſchen Stallmeiſter annehmen, denn ein ſolches Thier iſt mir ein fremdes Element.“ „So wollen wir fahren, Mr. Wharton!“ „Sogleich!“ Und er winkte einem Neger. Einige Minuten ſpäter ſaßen die erſtaunten Euro⸗ päer in einem Wagen, den man mit vollem Rechte ein fahrendes Bett hätte nennen können und die gefürchteten Hengſte rannten wie vom Dämon beſeſſen davon. Sie fuhren durch die ganze Stadt und in der benachbarten Umgegend umher und als ſie nach einer Stunde zurück⸗ kehrten, glaubten ſie in dieſer kurzen Zeit an einer ganz neuen Welt vorübergekommen zu ſein. „Mir iſt ſonderbar zu Muthe,“ ſagte Joſephſon zu Kannenſchmidt, der bei allen ungewohnten Vorgängen des Tages einen ſtillen, innerlich erſchütterten Zuſchauer abgegeben hatte, als ſie nach ihrer Rückkehr auf ihr Zim⸗ mer gegangen waren,„mir iſt ſonderbar zu Muthe, Willibald, mir ſchwindelt der Kopf. Aber ſo ſprich doch, wie gefallen Dir ſo ein hundert Millionen, wie der gute Ermeling zu Hauſe ſagt?“ — 199— 8 „Frage mich gar nicht,“ erwiderte der ſanſte Willi⸗ bald leiſe, als fürchte er in dieſen koſtbaren Räumen zu laut zu ſprechen.„Frage mich gar nicht, ich bin ganz verdutzt. Giebt es denn ſolchen Reichthum auf der 3 Welt?“ „Gewiß giebt es ihn, ſiehſt Du ihn denn nicht?“. „Das iſt es ja eben— ich ſehe und doch weiß ich nicht, ob ich recht ſehe, denn ich denke mir bisweilen, ich ſei blind geworden.“ „Wenn alle Blindheit ſo beſchaffen wäre, mein Junge, ſo brauchte man ſich nicht den Staar ſtechen zu laſſen. Uns wird er hier bildlich, aber wirklich geſtochen, und der Menſch, der junge Mr. Hutten, wie der Kaſſirer ſagt, ſieht dieſe Operation ſo ruhig an, als ob ſie ſich ganz von ſelbſt verſtünde.“. „Was ſoll er denn auch ſonſt wohl thun? Verlangſt Du, daß er in das Gold und Silber beiße und es ver⸗ ſchlucke das, vor ihm liegt?“ „Nun, ich weiß nicht, ob er das verdauen kann, was er nur ſieht, viel weniger das, was wir heute wirklich verſchluckt haben. Ich muß mich einen Augen⸗ blick niederlegen, Willibald, hole mir eine Cigarre— da ſteht ein ganzes Käſtchen davon— ſo!“* — 200— Und der loſe Ex⸗Reſerendarius warf ſich in ſeiner ganzen Länge auf ein weiches Polſterbett, dampfte die edle Cigarre Havannah'’s in die Luft und ſah den ſtillen Maler an, als wollte er ſagen:„Mir fehlt blos noch 4 ein Harem und ich wäre ein Paſcha!“— 3 Zweites Kapitel. Die Perſon, welche Nenten bezieht. * Die erſten Tage in der großen Hauptſtadt der amerika⸗ niſchen Republik gingen unſeren jungen Reiſenden bei der Neuheit und Menge der zu verarbeitenden Gegenſtände wie im Fluge vorüber. Als aber die erſten Eindrücke ihres neuen Lebens vorüber waren, und die Ruhe des Gemüthes und die Luſt weiterer Arbeit ſich Bahn brach, dachte Eduard an die Geſchäfte, die ſeiner in New⸗York warteten, und er wandte ſich deshalb ernſtlich an ſeinen darin unterrichtetſten Rathgeber, an Mr. Wharton. „Laſſen Sie uns das Original des Teſtamentes in Empfang nehmen, Mr. Wharton,“ ſagte er,„dann wollen wir unſere Bücher vornehmen und mit allen laufenden und zumeiſt drängenden Geſchäften auf’s Reine zu kommen ſuchen,“ — 262— Der eben ſo heitere Tiſchgefährte wie kenntnißreiche Geſchäftsmann war augenblicklich bereit, und die Vor⸗ ſtellung des Erben vor die verſammelten Teſtamentsvoll⸗ ſtrecker fand am nächſten Tage in Mr. Huttens, des Erb⸗ laſſers, Hauſe Statt. Das Teſtunent wurde übergeben und in Beſitz genommen. Jetzt begaben ſich der Erbe und der oberſte Buch⸗ führer in das alte, jetzt geſchloſſene Comptoir des ehema⸗ ligen Großhauſes Hutten, Brown und Moore. Auf dem⸗ ſelben Platze, wo Mr. Hutten früher geſeſſen und ſeinen Namen unter die vorgelegten Schriften gezeichnet hatte, ſaß jetzt ſein Erbe und hatte vielfache Gelegenheit, ſowohl die ungeheure Ausdehnung des ehemaligen Weltgeſchäfts ſeines Erblaſſers, wie die Kühnheit, Entſchloſſenheit und die geiſtige Macht zu bewundern, mit welcher daſſelbe ausgeführt worden war. Eduard, obwohl kein Kaufmann, ſah auf den erſten Blick, ein wie mächtiger Gehilfe Mr. Wharton in dem großen Geſchäfte geweſen war, und wie er mit ſo großem Rechte das Vertrauen verdiente, welches Mr. Hutten unbedingt in ihn geſetzt hatte. Denn er war nicht allein ein ordnungsliebender, pünktlicher Buchführer im Kleinen, ſondern auch ein umfaſſender, das Schwerſte überwin⸗ dender, augenblicklich gehörig eingreifender Sach⸗ und Werkführer im Großen. Sein Gedächtniß war ungeheuer, eben ſo ſeine ſprachlichen, geographiſchen, politiſchen und — 203— finanziellen Kenntniſſe aller Staaten und Völker der alten und der neuen Welt. Eduard bewunderte dieſes Wiſſen; er hatte ſelbſt nicht gewußt, daß es Kaufleute, ausgerüſtet mit ſo ausgebreiteten, umfangreichen Kenntniſſen aller Art, geben könne. „Sie könnten ein großer Staatsmann mit Ihrem Wiſſen ſein,“ bemerkte ihm Eduard, als ſie mit ihren Rechnungen zu Ende gekommen waren und der Erbe in klaren Zahlen ſeinen Beſitz vor ſich verzeichnet ſah,„Sie ſollten bei einem Finanz⸗ oder Handels⸗Miniſterium eine Anſtellung ſuchen, ich verheiße Ihnen jeden gewünſchten Erfolg, denn mich dünkt, es giebt wenige ſo unterrichtete Geſchäftsleute wie Sie.“ Es iſt mir,“ antwortete Mr. Wharton beſcheiden und ſeſt,„als wenn ich aus Ihnen meinen theuren ſeligen Herrn, Mr. Hutten den Aelteren, ſprechen hörte. Er hat mir oft daſſelbe geſagt. Ich will Ihnen aber auch die⸗ ſelbe Antwort geben, die ich ihm gab: Ich bin zufrieden mit meinem Looſe, denn ich bin in meinem jetzigen Ge⸗ ſchäft zu Hauſe, während ich in einem andern in der Fremde ſein würde. Was meine Kenntniſſe betrifft, ſo habe ich ſie nicht für Andere, ſondern für mich, zu meiner eigenen Aufklärung geſammelt. Meine äußerlichen Glücks⸗ güter ſind, Dank der Güte Mr. Huttens, geordnet und überſteigen meine Bedürfniſſe, Ehrgeiz beſitze ich nicht, denn ich bin vollkommen mit meiner Lage zufrieden, und ⸗ — 204— wenn Sie, wie Mr. Hutten, meine Zukunft in gleichem Maaße ſicher ſtellen, ſo werde ich dankbar ſein, falls Sie mir die geſchäftliche Verwaltung Ihrer Finanzen vor wie nach überlaſſen.“ „Sie wollen alſo wirklich zur Begründung meines Glückes Ihre Fähigkeiten bergelen und mein erſter Ge⸗ lüittsirige bleiben?“ Mr. Hutten— ich war der Freund Ihres Adop⸗ tivvaters, er hat mich nie eine Unterordnung fühlen laſſen, und ich habe mich ihm ſtets und für mein ganzes Leben geweiht. Als er aus dem Leben ſchied, gelobte ich ihm, Ihnen zu ſein, was ich ihm war, und, wenn Sie mich nicht aus eigenem Antriebe beſeitigen, ſo gelobe ich Ihnen hiermit feierlich daſſelbe. Denn ich bin, ich wie⸗ derhole es, glücklich in dieſem meinem Berufe, ich bin darin groß geworden und will— ſo Gott es geſtattet— darin endigen, wie ich darin begonnen habe.“ „Hier iſt meine Hand, Mr. Wharton, ich begreife und verſtehe Sie jetzt vollkommen; laſſen Sie mich für Sie Mr. Hutten der Aeltere ſein, und bleiben Sie mir, was Sie ihm waren— hiermit iſt Alles geſagt.“ Mr. Wharton ſchlug ein, und der Bund war für alle Zukunft beſiegelt. „Und nun ſagen Sie mir aufrichtig, Mr. Wharton,“ fuhr Eduard fort,„bleiben Sie lieber hier oder gehen Sie mit mir nach Europa zurück?“ 4 — 205— „Unbedingt wähle ich das Letztere lieber. Aber— für's Erſte noch nicht. Ehe unſre Geſchäfte hier abge⸗ wickelt ſind, können Jahre vergehen. Bin ich aber hier fertig, ſo ſoll mich das erſte beſte Schiff in Ihren Hafen geleiten.“ „Angenommen! Bleiben Sie in Mr. Huttens Hauſe in New⸗York, und thun Sie in meiner Abweſenheit ſo, als ob Sie der Beſitzer deſſelben wären. Ich behalte es für die Zukunft; es ſcheint mir gut, in zwei Welttheilen ein Beſitzthum zu bewahren, damit man ſich nach Belieben aus dem einen in das andere zurückziehen kann, je nach⸗ dem die Weltereigniſſe es erheiſchen. Auch bin ich ja amerikaniſcher Bürger, oder werde es, ſobald ich in Waſhington geweſen bin. Der Oberaufſeher dieſes Hauſes bleibt hier wohnen, eben ſo wie der in Hutten⸗ park, wohin wir uns bald begeben werden, denn dieſes Landgut würde ich behalten, wenn es mir auch nicht im Teſtamente befohlen wäre, es umſchließt die irdiſchen Ueberreſte unſers gemeinſamen Wohlthäters. Wer von den Dienern meines Vorgängers nun mit mir gehen will der gehe mit, die andern mögen bleiben, ich zwinge keinen.“ „Ich habe einen Jeden bereits um ſeine Neigung befragt. Die meiſten werden es vorziehen, ihren neuen Herrn zu begleiten, da ſie bereits erfahren haben, daß er dem alten gleicht. Daß Einige hier bleiben, iſt ebenfalls — 206— gut, die Beſitzungen bedürfen der Hände treuer Diener. Somit alſo werden Sie etwa zwanzig Seelen von hier mitnehmen, von denen die Hälfte etwa aus Schwarzen beſteht, denen Mr. Hutten wegen ihrer Treue und Erge⸗ benheit vorzüglich zugethan war, und wegen ihrer geknech⸗ teten Brüder in anderen Ländern Genugthuung zukommen ließ. Sie haben daher keinen zu verabſchieden, und nur das bisherige Gehalt fortzuzahlen; meine Rechnung bleibt ungeändert. Sie erben ſomit Alles, was Mr. Hutten hinterlaſſen hat, mit Ausnahme der 10,000 Dollars Renten, die er einer Perſon bei Thomſen und Clarke aus⸗ geſetzt hat⸗ „Ja, ich erinnere mich deſſen, es ſteht auch in meinem Teſtament. Wer iſt aber dieſe Perſon? In welcher Beziehung ſteht oder ſtand ſie zu meinem Adop⸗ tivvater?“ 8 Mr. Wharton ſchwieg und wandte zum erſten Mal ſein offenes Geſicht von ſeinem neuen Herrn ab. „ Ich frage nicht aus Neugierde, Mr. Wharton,“ zußerte dieſer ernſt.„Reine Theilnahme veranlaßt mich dazu.“ „Ich denke es mir auch nicht anders, Mr. Hutten, nein, durchaus nicht. Ja, ich bin, ich weiß es wohl, ſogar namentlich in dem Teſtament genannt, und von Mr. Hutten autoriſirt, Ihnen dieſe Perſon zu bezeichnen, aber — die Zeit dazu iſt noch nicht da. Warten Sie, ich — 20⸗— bitte Sie, noch eine Weile; die Gelegenheit, dieſe Bekannt: ſchaft zu machen, iſt augenblicklich nicht günſtig. Viel⸗ mehr, wenn ich Ihnen rathen darf, gehen Sie zunächſt nach Waſhington, ſtellen Sie ſich dem Präſidenten und dem Senate vor, beendigen Sie Ihren patriotiſchen Auf⸗ trag, in dem ich Ihnen Unterſtützung angedeihen laſſen kann, denn ich kenne die angeregten Verhältniſſe genau, und dann, wenn Sie naturaliſirter Bürger dieſes Staates ſind, gehen Sie in der ſchönſten Jahreszeit dieſes Land⸗ ſtriches nach dem Hudſon, wohin ich Sie ſelber zu führen den Auftrag habe. Ich glaube, Ihnen wie uns Allen wird die ländliche Stille und behagliche Bequemlichkeit, die wir dort finden, wohler thun, wie alle Herrlichkeiten dieſes Stadthauſes, welches Ihr Erblaſſer nur der Form und der Geſchäfte halber, nicht aber aus eigener Neigung in ſo glänzendem Zuſtande erhielt.“ „Ich bin in Allem mit Ihnen einverſtanden und folge Ihren Aloitenaen gern, aber laſſen Sie mich eine Bitte ausſprechen, Mr. Wharton,— laſſen Sie mich die ſtillen Zimmer mit der Ausſicht nach dem Fluſſe und den Bergen gegenüber bewohnen, die Mr. Hutten, wie er mir ſelbſt oft geſagt hat, am Hudſon bewohnte; ich trage ein großes Verlangen darnach, ganz in ſeinen Sinn mich einzuleben, denn dieſer Sinn, Sie wiſſen es, war ein vor⸗ trefflicher.“ Mr. Wharton lächelte zufrieden bei dieſer Büte — 298— „Es iſt Alles ſchon ſo eingerichtet,“ erwiderte er,„Mr. Hutten ſelber hat uns einen ähnlichen Auftrag gegeben, wie Sie ihn hier ausſprechen, denn er kannte auch Ihre Neigungen, wie Sie die ſeinigen kannten. Sie werden Ihren Geſchmack befriedigt finden.“— Die ſchnell wirkende Dampfkraft, die in Amerika mehr als irgend wo anders Wunder verrichtet, trug die Reiſenden ſchnell von Ort zu Ort. Nur Mr. Staunton blieb allein zurück, die laufenden Geſchäfte zu überwachen. Philadelphia, das Sodom und Gomorrha der neuen Welt von den Amerikanern ſelbſt genannt, hatte trotz ſeiner Werfte, ſeiner Schiffe, ſeines Handels, ſeiner Lebendig⸗ keit, ſeiner Bewegung auf den Straßen und in den Häu⸗ ſern keinen größeren Reiz für unſere Fremden, als das ſchöne New⸗York. Die Stille in Waſhington zog ſie ſchon mehr an, obwohl dieſe Stadt von genußſüchtigen Reiſenden langweilig genannt wird. Die Geſchäfte in Waſhington waren bald beendigt. Mr. Hutten der Jüngere hatte ſich dem Präſidenten vorgeſtellt, und war von ihm wie von den Senatsmitgliedern zuvorkommend aufgenommen worden. Eben ſo ſeine vertraulichen Bot⸗ ſchaften von Seiten ſeines Königs. Man verſprach, ſich die Vorſchläge zu überlegen und mit Mr. Hutten in Ver⸗ kehr zu bleiben, da derſelbe ſeinen Aufenthalt in Amerika für längere Zeit zugeſagt hatte. „Seien Sie froh,“ ſagte der Präſident bei der Ab⸗ — 209— ſchiedsaudienz zu ihm,„daß Sie amerikaniſcher Bürger ſind. In Europa geht es arg her, Frankreich hat ange⸗ fangen, wie immer, und die guten Deutſchen denken, ſie müſſen das Schlimme wie das Gute nachahmen. Wenn die alte Welt zuſammenbricht, kommen Sie zu uns, wir ſtehen feſt.“ „Sie bricht nicht zuſammen, Herr Präſident,“ erwi⸗ derte Eduard.„Ein Erdbeben und der Ausbruch eines Vulkans reinigt den Schooß der Erde von Auswurfsſtoff, wie das Gewitter die ſengende Luft von der angehäuften Elektrizität reinigt. Europa bewegt ſich freilich, aber Amerika hat ſich ſchon ſtärker bewegt, und um ſo feſter ſteht es jetzt.“. „Freilich, freilich— aber vergloichen Sie unſre friſche Quelle nicht mit dem ſumpfigen Gewäſſer der dortigen Welt.“— 4 „Ich vergleiche ſie keinesweges, aber ſorgen Sie ſelber für ſchnelleren Abfluß, denn mir ſcheint, als wenn wir die ſumpfigen Beſtandtheile unſerer Gewäſſer nach Amerika ſelber entſendeten, und als ob Ihre Quelle ſpäter trüber werden könnte, als die unſrige, die ſich in dem⸗ ſelben Verhältniſſe klärt und ſäubert.“ „Hat gute Zeit, Mr. Hutten, Amerika iſt groß!“ „Aber die Zeit, Herr Präſident, hat Beine, ſie kommt langſam, aber ſie kommt.“. Der Ivſelkönig Iv. 14 — 210— „Das hat gute Wege— wenn ſie da iſt, bin ich nicht mehr da! Reiſen Sie glücklich!“— „Und nun iſt der Mai da, Mr. Hutten,“ ſagte Mr. Wharton mit einem beſonders verklärten Geſichte zu ſeinem jungen Herrn,„jetzt ſind die Wälder und Fluren grün, die Wellen und die Luft klar, und die Hoffnung iſt in des Menſchen Bruſt neu erwacht, wollen wir nun nicht hinaus an den Hudſon?“ „Sobald Sie wollen, ich habe eine wahre Gier nach ſtillem Landleben; dieſe vollgepfropften Städte ermüden mich eben ſo ſehr, wie ſie mich aufregen, und Sie wiſſen es ja, mein Herz dürſtet nach Ruhe.“ „Die ſollen Sie haben. Voran denn, Ithyſſa, Dein Herr geht an den Hudſon!“ Der Schwarze lächelte und zeigte wie nie den blen⸗ denden Glanz und die Fülle ſeiner weißen Zähne. „Worüber lachſt Du, Schelm?“ fragte ihn Hutten. „Maſſa— ich freue mich— Hudſon mein Vater⸗ land— Hudſon meine Heimath— Hudſon mein Alles!“ „So, biſt Du da geboren?“ Der Neger nickte bejahend. „Ithyſſa iſt dort geboren,“ ſagte Mr. Wharton, als jener hinausgegangen war, die Einrichtungen zu treffen. —— t⸗ — 211— — „Es iſt Ihnen doch recht, daß wir über New⸗York den Fluß hinauf gehen?“ „Fuhren Sie mich, wie Sie wollen, wenn wir nur an Ort und Stelle kommen. Die Luft iſt köſtlich, und meine Bruſt ſehnt ſich nach grünen Wäldern und ihrer. Stille.“— Jetzt kam Bewegung und Leben in die Geſellſchaft; die Geſchäfte hatte man im Rücken, das Vergnügen vor ſich. Joſephſon war ſo heiter und launig wie je, Kan⸗ nenſchmidt war ſchon ein ganz anderer Menſch geworden, denn er gehörte zu den wenigen Leuten, die ſich ſchnell an den Glanz neuen Reichthums gewöhnen können, und dennoch dabei die Beſcheidenheit ihrer früheren ärmlicheren Lage bewahren. Mr. Wharton hatte dafür geſorgt, daß Hutten und ſeine Begleiter als vornehme Herren reiſten. In New⸗York beſtiegen ſie ein eigenes kleines Dampfboot, das Mr. Hutten der Aeltere hatte bauen laſſen, um jeden Augenblick, wie es das Bedürfniß oder ſeine Laune mit ſich brachte, bald in der Stadt, bald auf dem Lande ſein zu können. Die Reiſe war eben ſo erheiternd wie unterhaltend, denn ſie führte den ſchönen Strom hinauf durch roman⸗ tiſche Gegenden, denen man noch deutlich genug ihren eben erſt verlaſſenen Urzuſtand an den hie und da auf⸗ tauchenden ungeheuren Wäldern anſah, während an geeig⸗ neten Stellen das Bilden und Treiben der raſtloſen 14* 3 — — 212— Menſchenhand durchblickte, die der wilden Natur überall Grund und Boden abzugewinnen bemüht iſt. Im Hin⸗ tergrunde, namentlich gegen Weſten hin, ragten, als die Reiſenden nach einer mehrtägigen Fahrt ſich ihrem Ziele näherten, die ſteilen Alleghany⸗Gebirge in tiefvioletten Tinten hervor, ihre Ausſchnitte und Vertiefungen oft kahl, felſigt, oft mit dunkelem Urwald oder heller gefärb⸗ tem Gebüſch bewachſen zeigend. Bis Albany, dem betrieb⸗ ſamen Anſiedlerorte, folgten ſich Landhäuſer, Pächtereien, Niederlaſſungen in allen Größen, Stylen und Formen, in ununterbrochener Reihenfolge. Hinter Troy, wo der Mohawk wild ſchäumend in den Hudſon fällt, begann allmählig die urwäldliche Einſamkeit ihre ſtille Größe zu entfalten, und die ungeſtörte Schweigſamkeit einer erha⸗ benen Natur umfächelte mit lindem Friedenshauche die Stirnen der jungen Männer, während der würzige Duft des von dem atlantiſchen Ocean her treibenden lauen Frühlingswindes auch die Blüthen in ihrer Bruſt keimen ließ. Eduard fühlte ſich glücklicher, als er ſich bisher in der neuen Welt gefühlt hatte; ſelbſt Joſephſon blickte ruhiger und der ſtille Künſtler verſank in gänzliches Schweigen. Man war auf dem Deck. Ithyſſa ſtand neben Mr. Wharton und ſchien ihm etwas zuzuflüſtern. „Was haben ſie nur?“ dachte der junge reiche Mann.„Ich ſehe ſie beſtändig neben einander.“— Zo⸗ 1 3 — — 213— ſephſon war es auch ſchon aufgefallen, daß der Neger Geheimes mit dem Buchhalter zu verhandeln hatte, jetzt aber, je näher ſie ihrem Ziele kamen, wurde ihr Flüſtern und verſtecktes Zuwinken häufiger und deutlicher. Mr. Wharton ſchien endlich die ihn beobachtenden Blicke zu gewahren und gab Ithyſſa einen Wink, der ſich ſogleich, blendendes Lächeln auf dem Geſicht, nach ſeinem Herrn wandte und neben ihm blieb, bis ſie landeten. Denn ſie waren wirklich in die Nähe von Hutten⸗ park gekommen. Der Abend begann zu dunkeln und die helle Mondſcheibe trat über die Alleghanygebirge hervor. „Sind wir bald da, Ithyſſa?“ fragte Hutten. Der Schwarze antwortete nicht, ſondern erhob nur die Hand und deutete auf das öſtliche Ufer. Gegen den klaren, mit azurnem Dufte umzogenen weſtlichen Horizont traten im Hintergrunde die dunkelvioletten Gebirgskämme ſcharf hervor; am Fuße derſelben zeigte ſich dichter Wald, in welchem die tiefſte, unergründlichſte Stille herrſchte. Die öſtliche Uferſeite dagegen öffnete ſich immer mehr und mehr und man ſah angebautes Land, welches, im Hintergrunde wieder von blauen Gebirgszügen umſchloſſen, bald in eine parkartige Anlage überging und von mai⸗ grünen lebendigen Hecken eingefaßt war. In dieſem Augenblick bückte ſich der Capitain des Schiffes, der vor der Bruſtwehr des Maſchinenraumes ſtand, gegen die im Innern deſfelben arbeitenden Neger hinunter und ſyuch — 214— zu ihnen leiſe hinab. Er ſchien das ſtille Summen in der Natur nicht durch einen lauten Anruf ſtören zu wollen. Augenblicklich hörte die Maſchine auf zu arbeiten und das leicht dahin ſchießende Schiff flog langſamer im leiſeſten Wellenrauſche dahin. Ithyſſa hob den Arm höher und blickte mit Entzücken in den glänzenden Zügen ſeinen Herrn an. Da ſah dieſer, daß aus dem grünen Laub⸗ dach großblätteriger Tulpenbäume und rieſiger Platanen ein hell ſchimmerndes Landhaus allmählig hervor trat, welches das Ziel ihrer Wünſche war. Noch ein paar Schritte weiter und inmitten eines mit Blumen reich ausgeſtatteten Gartens, aus dem zahl⸗ loſe Düfte den Ankommenden entgegen hauchten, während im Vordergrunde, unmittelbar am Waſſerrande, einige weit überhängende Trauerweiden den vollen Anblick des Ganzen wie hinter einem. Schleier verbargen, ſtellte ſich das Landhaus Mr. Huttens deutlicher dar, ein großes Gebände, aus dem Geſtein des nahen Gebirges aufge⸗ führt, mit einer tempelartigen, vorſpringenden Giebelfront geſchmückt, die von acht korinthiſchen Säulen getragen wurde und die Auffahrt überdeckte, die breite Vorderfront dem Waſſer zukehrend und nach hinten in zwei recht⸗ winklig zurücktretende Flügel auslaufend. In dieſem Au⸗ genblicke hielt das Schiff plötzlich an einer kleinen Lan⸗ dungsbrücke ſtill, und faſt zu gleicher Zeit erhob ſich das Geheul einer unzähligen Hundeſchaar, freilich gedämpft, — 20— denn es ſchien aus einem verſchloſſenen Raume hervorzu⸗ dringen. „Ah! ſie haben ſie eingeſchloſſen,“ ſprach halblaut Mr. Wharton,„das iſt gut! Mr. Hutten,“ ſagte er laut, „Sie ſind auf Ihrem eigenen Grund und Boden, ich, heiße Sie willkommen!“ „Mr. Wharton,“ entgegnete dieſer und berührte ſanft und feierlich den Arm des Amerikaners— nich habe es gelobt, führen Sie mich, ehe ich etwas Anderes ſehe, ſogleich an die Stelle, die ich zu beſuchen gekommen bin,— Sie wiſſen, was ich meine; mein Herz ver⸗ langt es.“ Mr. Wharton machte eine bejahende Bewegung und gab Ithyſſa einen Wink. Der Schwarze ſprang an's Land und verſchwand hinter den Bäumen des Gartens. Bald ſtand man am Ufer und ſchritt in tiefem Schweigen dem Hauſe zu, von dem eilfertig einige weiße und ſchwarze Diener herbeigeſprungen kamen. Dieſen wurden Joſephſon und der Maler überwieſen. Eduard folgte, den Arm Mr. Whartons ergreifend, denn er war ſehr bewegt, ſeinem Führer. Dieſer ſchritt durch einen höchſt ſauber gehaltenen, eben ſo einfach wie geſchmackvoll angelegten Garten, an einem leiſe rauſchenden Springbrunnen vorüber, in deſſen traulichem Geplätſcher verſchiedene Waſſervögel ſich beluſtig⸗ ten. Bald erreichten ſie einen geſchlängelten Weg, den — 216— ſtark duftende Juniperushecken düſter einſchloſſen. Lang⸗ ſam, beinahe feierlich, wandelten ſie in dem würzigen Abend dahin, deſſen Schweigen allein durch die ſanfte Klage einer amerikaniſchen Nachtigall unterbrochen und belebt wurde. Bald öffnete ſich dieſer Schlangenweg, und man betrat, eine kleine hölzerne Brücke überſchreitend, einen runden mit Roſengebüſchen umgebenen Platz, in deſſen Mitte düſtere Pinien in ſchlanker Pyramidenform einen mäßig großen Kreis bildeten. An der inneren Seite dieſes Kreiſes ſah man einen kleineren Kranz ſchwarzer Cypreſſen gepflanzt, über deren Wipfeln ſich eine rieſige Hängebirke erhob und mit ihren lispelnden Blättern gleichſam das Dach dieſes lebendigen Tempels bildete. Dem Eingange dieſes Kranzes gegenüber aber erblickte man einen einfachen, friſchgrünenden Raſenhügel und dahinter ein doriſches Grabmal von glänzendem Granit, auf deſſen Vorderſeite die langſam ſich erhebende Mondſichel die großen goldenen Buchſtaben leſen ließ: Edward Hutten. „Hier ruht Ihr Vater und Freund!“ ſagte mit leiſer Stimme der Amerikaner, indem er mit der einen Hand den Hut zog und mit der andern auf den Raſen⸗ hügel deutete. Dann, als fühle er das Bedürfniß des Erben, an dieſer Stelle allein zu ſein, entfernte er ſich langſam und verſchwand hinter den Pinienhecken. Thränenſtrom auf, den Schritte vernommen und erhob ſich. Er ergriff die — 217— Eduard ward in tiefſter Seele ergriffen. Ihm war es, als wenn er den noch lebenden alten Mann mit ſeiner ausdrucksvollen Stimme freundlich flüſtern hörte: Guten Abend, mein Eduard, Sohn meiner geliebten Beata, ich heiße Dich willkommen! Der von ſeinem eigenen Gewiſſen alſo willkommen Geheißene kniete nieder, und der Schmerz und die Dank⸗ barkeit ſeines Inneren löſten ſich in einen beſänftigenden f, als er das Gebet, das lange auf ſeinem Herzen geſchlummert hatte, in ſtille Worte kleidete und Alles dem grünen Hügel ſagte, was er dem darunter Schlafenden nicht mehr ſagen konnte.— Es war eine lange Zeit vergangen, als Mr. Whar⸗ ton hinter den Gebüſchen wieder hervor kam und den Erben noch knieend fand. Dieſer aber hatte die nahen⸗ Hand des edlen Mannes und drückte ſie ſanft, aber foſt; in dieſem Drucke lag Alles, was ſeine Lippen jetzt nicht zu ſprechen vermochten— Mr. Wharton leitete jetzt den Erben in das Haus zurück. Sie umgingen den ſüdlichen Flügel und ſtiegen unter dem korinthiſchen Säulendache die Auffahrt hinauf, von wo ſie durch das große Thor in den zirkelrunden Corridor gelangten. Zwei bronzene, ſchön gearbeitete Lampen hingen von der gewölbten Decke herab und erleuchteten den runden Raum zur Tageshelle. In dieſem -— 218— Raume nun ſtanden, nach ihrem Alter geordnet, die ſämmtlichen Diener des Hauſes, Schwarze und Weiße durch einander, und begrüßten, halb wehmüthigen, halb freudigen Auges, den neuen Herrn, der Allen kräftig de „Hände ſchüttelte, die ſie ihm ehrerbietig, aber freundlich 8 entgegen hielten. Sodann wandte ſich dieſer neue Herr rechts und erblickte eine große, weit geöffnete Flügelthür, an deren Pfoſten die beiden älteſten, ſchon ſilberhaarigen Diener ſtanden, ein Schwarzer und ein Weißer, beide tief vor dem jungen Gebieter ihr zitterndes Haupt beugend. Nachdem auch dieſe herzlich begrüßt waren, trat der Erbe in das erſte Zimmer. Augenblicklich war er ange⸗ nehm überraſcht. Ein glänzender Kryſtallkronleuchter, mit zwölf weißen Kerzen beſteckt, erhellte ein großes und hohes, regelmäßig viereckiges Gemach. Im ſchwarzmar⸗ mornen Kamine, hinter bronzenem Gitterwerk, loderte ein ſanftes Feuer und verbreitete einen lieblichen Wohl⸗ geruch durch das ganze Zimmer. 3 Eine der erſten gegenüberliegende Thür, ebenfalls geöffnet, führte in ein zweites, gleich großes, hell erleuch⸗ tetes Gemach, aus welchem man ein wiederum helles drittes folgen ſah. „Sier,“ ſagte Mr. Wharton,„iſt Mr. Huttens Woh⸗ nung geweſen. Das erſte Zimmer bewohnte er in der Regel, das zweite war ſeine Bibliothek, und das dritte —— — 219— ſein Schlafgemach. Dies iſt nun Ihre Wohnung, Mr.. Hutten, und ich hoffe, ſie wird Ihren Wünſchen ent⸗ ſprechen— machen Sie es ſich bequem, bis ich wieder komme.“ Eduard war allein. Nicht ſtürmiſche, wohl aber tief wallende Gefühle erfüllten ſeine ganze Bruſt. Er hätte die ganze Welt an ſich reißen und mit einer dank⸗ baren innigen Umſchließung an ſein Herz preſſen mögen. Er wandelte auf und nieder; wohl zwanzig Mal betrat er alle drei gleich große, gleich warme, gleich helle Ge⸗ mächer. Und welche friedliche Stille, welche Behaglichkeit, welche Seelengenügſamkeit lag darin. Da war nichts, was an den Luxus, die Pracht, die Herrlichkeit des ſtädtiſchen Hauſes erinnerte, und dennoch war Alles ſo ſchön, ſo dauerhaft und ſo bequem. Der moosweiche grüne Teppich am Boden, die alt⸗ viäteriſchen, mit veilchenfarbenem Plüſch überzogenen Seſſel, der große runde Tiſch mit der gleichfarbigen Sammtdecke darüber, der einfache breite und lange Spiegel in matt⸗ bronzenem Rahmen, die Geräthe, die Tiſche, kurz Alles, was zu ſehen war, war ſo einfach, ſo ſchmucklos, ſo gedie⸗ gen, daß— Eduard nicht genug ſchauen und ſich wieder⸗ holen konnte: ach, wie ſchön, ach, wie freundlich, ach, wie ſo ganz Mr. Hutten ähnlich! Kaum aber war er mit der Betrachtung des Allgemeinen fertig geworden, ſo feſſelte ſeinen Blick auch ſchon wieder das Einzelne. Ueber — 220— dem breiten, langen Sopha hing ein einziges Bild— ah, es war das lebensgroße Bild des abgeſchiedenen Hutten— ganz wie er im Leben ausgeſehen, ſo milde, ſo freundlich, ſo heiterernſt. Sein kluges Auge ſchien auf dem vor ihm ſtehenden Erben zu ruhen, und während ſeine linke Hand ein Blatt Papier hielt, ſtreckte ſich die rechte mit erhobenem Zeigefinger empor. Er ſchien zu ſagen: ſieh' hier, ich halte das Teſtament und Alles, was ich Dir gegeben habe, in meiner Hand. Benütze es weiſe und fröhlich, dann will ich Dich ſegnen! Als ſich der Blick des Erben nach langem Betrachten von dieſem ſchönen, trefflich ähnlichen Bilde abwandte, fiel er auf die dunkle Sammtdecke, die über den runden großen Tiſch ausgebreitet war, und er bemerkte etwas Weißes, Glänzendes darauf. Er trat näher hinzu. Es war eine Menge des ſchönſten Zeichnenpapiers, daneben eine ſchöne goldene Feder, die einen ſchwarzen Zeichnen⸗ ſtift umſchloß. „Wie ſinnig!“ dachte Eduard—„als wollte er mich gleich an meine Lieblingsarbeit erinnern!“ 8 Im Bibliothekzimmer, deſſen Wände bis an die Decke hinauf mit gefüllten Bücherrepoſitorien bekleidet waren, ſtand in der Mitte das Spiel der Erholung Mr. „ Huttens, ein prächtiges Billard von dunkelglänzendem Holze; zwei ebenholzene Queues, voller Elfenbein⸗ und Perlmutterverzierungen, lagen friedlich nebeneinander — 221— darauf, die Bälle auf ihren Punkten, als hätte der Spieler ſo eben erſt die grüne Tafel verlaſſen, oder als wolle er ſogleich wieder dahin zurückkehren. In einer Ecke dieſes Zimmers ſtand ein kleines geöffnetes Pult von wunderſchöner Arbeit in Palliſander⸗ holz, wie das Billard. Dadurch, daß es offen war, wurde die Aufmerkſamkeit des Beobachters ſogleich darauf ge⸗ richtet. Eduard blickte hinein und fand es mit einer Reihe Käſtchen verſehen, die manchen Europäer bezaubert haben würden. Denn dieſe Käſtchen waren mit den edelſten Sorten havanneſiſcher Cigarren gefüllt, und boten, wie ſich ſpäter auswies, für jeden beliebigen Geſchmack eine Auswahl der leichteſten bis zu den ſchwerſten dar, wie ſie nur Mr. Hutten ſo köſtlich und reichlich beſaß. Der Erbe auch dieſer lieblichen Schätze war noch in ſtille Betrachtung des behaglichen Zimmers und ſeines Inhaltes verſunken, als Mr. Wharton wieder erſchien. Erſterer wußte nicht, daß ſchon zwei Stunden ſeit ſeinem Eintritt in dieſes Haus verfloſſen waren. 8 „Wie,“ redete ihn der Eintretende an,„ſind Sie noch nicht im bequemen Hausrocke, den Ithyſſa ſchon in jenes Zimmer ausgebreitet hat? Hat Sie die Reiſe denn gar nicht ermüdet?“ „Nicht im Mindeſten! Ich kann nur ſehen und wieder ſehen, und das iſt für mich der Ruhe genug. Aber was haben Sie da in den Händen?“ — 222— „Ich bringe die Schlüſſel des Hauſes, Mr. Hutten. Dieſer große hier öffnet den Eingang zum nördlichen Flügel, in dem ſich das ſogenannte Muſeum Ihres Erb⸗ laſſers befindet. Dieſe anderen kleineren Schlüſſel gehören den übrigen Räumen an. Heute aber ſehen Sie ſie wohl nicht an— ich denke morgen— jetzt aber ſpeiſen wir, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ „Wo iſt das Speiſezimmer, Mr. Wharton?“ „Hier, nebenan, die zweite Thür vom Corridor aus führt in die Zimmer Ihrer Freunde, daneben iſt das Speiſezimmer.“ „Gut, gut. Aber wohin führt die verſchloſſene Thür da hinten aus meinem Schlafzimmer?“ Mr. Wharton ſchien verlegen.„In einige Frem⸗ denſäle, ohne Zweifel,“ antwortete er zögernd. Eduard bemerkte weder die Verlegenheit noch die Zögerung. Auch ſammelte ſich Mr. Wharton ſchnell und verſetzte mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe:„Ich weiß in der That nicht, wo die Schlüſſel dieſer Zimmer ſind, ich habe ſie bereits geſucht, und die alten Diener wiſſen es auch nicht.“ „Beunruhigen Sie ſich nicht, Mr. Wharton, ein paar Schlüſſel werden bald verlegt, ſie werden ſich ſchon finden. Ich wollte nur wiſſen, ob ich etwa einen Nachbar häͤtte?“ „Nein, Mr. Hutten, einen Nachbar habe eie nat, die Zimmer ſtehen jedenfalls leer.“ — 223— „So iſt es gut, und nun wollen wir Küche und Keller in der Wildniß verſuchen.“— 1 4 Mr. Wharton, welcher ſtill und unabläſſig den neuen Beſitzer mit ſeinen Augen verfolgte, führte Eduard durch den runden Saal, an deſſen leeren mit Stukkatur beklei⸗ deten Wänden nur einige alte Seſſel mit hohen Lehnen ſtanden, und trat in die erſte Thür rechts. Sie fanden Joſephſon und Kannenſchmidt behaglich auf einem Divan ſitzen und eine von den köſtlichen Cigarren rauchend, die Joſephſon nicht genug bewundern konnte, und deren aro⸗ matiſche Würze man in der alten Welt kaum je kennen. lernt. Die Zimmer Beider lagen neben einander und waren denen des Erben ähnlich, nur etwas kleiner, ſonſt ebenfalls gemüthlich und wohnlich eingerichtet. Ihre Fenſter aber lagen, dem Fluſſe entgegengeſetzt, nach dem Garten hinaus. Joſephſon war froh, daß es zum Speiſe⸗ ſaal ging; er folgte ſchnell, denn ſein Appetit war wie gewöhnlich rege. Man trat in ein großes Gemach, worin nichts ſtand als ein langer, breiter Tiſch, mit Kerzen, Tellern, Flaſchen und Gläſern bedeckt; hinter den Seſſeln erwarteten ſchwarze und weiße Diener die Gäſte. Vor einem ungeheuren Anrichtetiſch ſtand ein ehrwürdiger, alter weißer Diener, in die Livree Mr. Huttens gekleidet, den großen Suppenlöffel in der Hand und die Terrine vor ſich, als erwarte er nur das Erſcheinen des Gebieters, um ſein gewöhnliches Amt zu beginnen. Als die Herren — 224— erſchienen waren, verbeugte er ſich tief und tauchte dann 1 ſeinen Löffel ſogleich in die Schüſſel. Ein köſtlicher Geruch kitzelte Joſephſons Naſe; er roch die Schildkrötenbrühe, und ſein Herz that ſich auf. 1 Man begab ſich ſchweigend an's Eſſen, denn Eduards Kopf war voller Gedanken, und die übrigen mochten ihn nicht ſtören. Als aber der roſarothe Kapwein erſt die 8 Lippen befeuchtet und zugleich, wie er immer thut, die * Herzen entfeſſelt hatte, begann ein heiteres Tiſchgeſpräch. Das Eſſen war einfach, aber kräftig. Nach der Suppe kamen Paſteten von Hudſonkrebſen, dann die erſten Ge⸗ müſe des Jahres, die ſich von den unſrigen nicht beſon⸗ ders unterſchieden, und zuletzt ein ſaftiger Rehrücken, den der Wald jenſeits des Fluſſes geliefert hatte. Beim Deſſert, das aus eingemachten Früchten, namentlich Ananas beſtand, wurde Champagner aufgeſetzt. 8„Heute trinke ich ein Glas davon,“ ſagte Eduard heiter,„ich muß meine Gäſte in meinem ſtillen Hauſe will⸗ kommen heißen— auf Ihr Wohl, meine Herren!“ 4 Man erwiderte den Wunſch und leerte die Glaſer ſchnell. „Du wirſt auch noch ein zweites trinken,“ fuhr Jo⸗ ſephſon fort, und winkte dem alten Diener, die Gläſer zu füllen, der ſich ſein Amt nicht nehmen ließ. 4 „Ich bezweifle es noch,“ erwiderte der Angeredete Du weißt, es iſt nicht mein Wein.“ 4 — — „Aber der unſrige. Auf denn, die Freunde zu Hauſe ſollen leben und ihr Werk gedeihen! Nun 2e „Ja, da haſt Du Recht, Wolf, das war freilich nicht zu bezweifeln. Und er trank mit wahrer Begeiſterung das zweite Glas. „Meine Herren,“ rief Mr. Wharton laut und winkte dem Diener—„dem zweiten muß das dritte folgen, und es iſt eben ſo wenig zu bezweifeln, daß es ſeine Wirkung thun wird.“— Alle blickten ihn an, da er ſo laut ſprach, lauter, als ſeine Gewohnheit war. „Der todte und der lebendige Mr. Hutten,“ fuhr er mit gleichelebter Stimme fort, und erhob ſich mit dem Glaſe in der Hand.—„und Alles, was Beide ver⸗ bindet!“ Schweigend leerte Eduard ſein Glas und nickte dankend, Joſephſon mit Jubel, der Künſtler mit beiſtim⸗ mendem Zurufe. So wurde das erſte Mahl in Hutten⸗ park beſchloſſen. 1 Man blieb noch einige Zeit in Joſephſons Zimmer bei der Cigarre zuſammen, und als die Abendglocke des Hauſes elf Uhr ſchlug, verfügte ſich Jeder in ſein Gemach. Ithyſſa begleitete ſeinen Herrn, und wollte bleiben, bis er zu Bett ging, wie er es gewohnt war. „Du kannſt gehen, Ithyſſa,“ redete dieſer ihn an. Der Inſelkönig. W. 15 — 226— „Ich gehe noch nicht zur Ruhe, aber um fünf Uhr morgen früh wecke mich.“ „Maſſa möge ſanft ſchlafen,“ bemerkte der Neger, „Ithyſſa wird die Hunde einſperren, ſie bellen ſonſt des 4 Nachts. Gute Nacht, Mr. Hutten.“ „Gute Nacht, Ithyſſa!“ Der Neger ging und Eduard öffnete das Fenſter, das an der linken Seite des plätſchernden Waſſers auf dem Hofe lag. Die Quelle, es war ein arteſiſcher Brunnen, rieſelte heute Abend leiſe, denn der Zufluß des Waſſers, welches wahrſcheinlich von den Bergen kam, war nicht immer gleich ſtark. In den kleinen, im Mondenlicht um die Säule glitzernden Wellen, aus der es quoll, ſaßen ſchlafend bunte Waſſervögel und ein rieſiger Kranich; ihre Ruhe ſtörten die fallenden Tropfen nicht; dabei flöteten die Nachtigallen ihr traurig ſchönes Lied, das in der neuen Welt wie in der alten gleichen Zauber auf das weiche Menſchenohr übt, und das leiſe Wehen des Nacht⸗ windes, der vom Meere kam, zitterte ſäuſelnd durch die friſchen Blätter des jungen Maiſes, der die Springquelle mit ſeinen langen Blätterſtengeln umgab. Es war eine jener köſtlichen Nächte, wie ſie nur der liebliche Wonne⸗ monat hat, wenn er milde und ſchön iſt. 3 Jenſeits des Gartens rauſchte der machtige Hudſon, drüber hinaus duftete der düſtere Urwald ſeine Blüthen⸗ gerüche aus, hinter und über ihm ragten die ſchwarzen — 227— Umriſſe des Alleghanygebirges, und üͤber allen dieſen herrlichen Gaben der verſchwenderiſchen Natur leuchtete die goldene Mondſichel, indem ſie mit ihren bläulich ſchimmernden Strahlen einen Zaubermantel über das prachtvolle Nachtgemälde warf. Wohl eine Stunde lang lehnte der einſame Erbe am offenen Fenſter, ohne eigentlich zu wiſſen, was er dachte, denn er war in jenes halbwache Traumleben ver⸗ ſunken, welches halb dem Himmel und halb der Erde gehört. Nur die laut klagenden Schmettertöne der Nach⸗ tigallen weckten ihn zuweilen auf, und er ſagte bei ſich: „Wenn es wirklich wahr iſt, daß dieſe Töne eine uner⸗ gründliche Liebestiefe verrathen, ſo muß ich geſtehen, daß dieſe Liebe eben ſo ſchön wie tief ſein muß. Ach! ich möchte wohl auch ſo lieben und ſo geliebt werden!“— Warum kam ihm dieſer Gedanke, dieſer Hauch einer ihm ſo fremden Empfindung grade jetzt? Weil er hier, inmitten ſeines Reichthums, ſeiner Schätze, die er nie erſtrebt und die ihm dennoch der ſegnende Himmel geſpen⸗ det hatte, zum erſten Male in ſeinem Leben fühlte, daß dem reichſten Manne das Köſtlichſte fehle, wenn er keinen weiblichen Buſen hat, an den er ſein denkendes Haupt lehne, kein weibliches Herz, in welches er ſeine mächtigen Empfindungen ausgießen könne. „Natur,“ fuhr er leiſe grübelnd fort,„die Du mir ſo Vieles geſchaffen und gegeben haſt, ſchaffe und gieb 15 — 228— mir das Herrlichſte, was Du zu vollbringen vermagſt, eine Seele, in welche ich Alles, was ich Anderen nicht ſagen kann, aus meiner eigenen Seele ausſtrömen kann 4, Und, als wenn er ein Gebet zu Gott geſprochen habe und die vom Himmel zurückſtrahlende Stärkung, die aus dem Gebete kommt, empfinde, ſchloß er das Fenſter und begrub ſein müdes Haupt in die ſchwellenden Daunen, die eine wohlthätige Hand für ihn zurecht gelegt hatte.— Drittes Kapitel. Die Geſpenſter. Am nächſten Morgen, Punkt fünf Uhr, ſteckte der wach⸗ ſame Reger ſeinen dunkeln Kopf durch die leiſe geöffnete Thür des Schlafzimmers ſeines Herrn. Er ſchlief noch; als ſich Ithyſſa aber leiſe zurückziehen wollte, knarrte die Thür und der Schläfer erwachte. „Komm herein, Ithyſſa!“ rief er ſogleich. Der Ge⸗ rufene kam und zeigte ſeine blendenden Zähne. 3 „Maſſa— ſchönſten beſten guten Morgen!“ „Dank, Dank, guter Ithyſſa, wie iſt das Wetter?“ „Ah, prächtig, Sonne, wie Gold, Himmel, wie eine blaue Waſſerblume.“ 3 „Die muß etwas groß ſein,“ dachte Eduard und nickte dem treuen Diener freundlich zu.„Aber wo ſind meine Stiefeln?“ fragte er ſogleich und ſah ſich ſuchend im Zimmer um. ⸗. — 230— „Alter Maſſa hat nie Morgens Stiefel angezogen. Stiefel draußen— hier aber weiche Schuhe.“ Und er nahm ein Paar köſtliche geſtickte Schuhe auf und ſetzte ſie vor das Bett des Herrn. „Zeige mal her, von wem ſind dieſe ſchönen Schuhe?“ „Weiß nicht, Maſſa, ſie ſtanden da unten.“ „So! Die habe ich ja geſtern Abend nicht geſehen. Ei— ſie paſſen, das i*ſt ja hübſch. Und nun bringe mir den Kaffee.“ „Kaffee?— Alter Maſſa hat immer Thee ge⸗ trunken.“ „Rein, Ithyſſa, ich trinke Kaffee und eſſe etwas Brot dazu.“ „Hat Maſſa auch gethan— ich weiß ſchon. Und Eier und Honig. Ithyſſa weiß Alles.“ Und damit ging er ſchnell zur Thür hinaus. „Eier und Honig,“ ſagte Eduard lachend,„das muß ein amerikaniſches Frühſtück ſein, nun, wir wollen es ver⸗ ſuchen. Ich muß ihm ſchon gehorchen— alter Maſſa ſteckt ihm noch zu feſt im Kopfe.“ Nach einer Viertelſtunde, als Eduard ſeine Morgen⸗ toilette beendete, brachte der ſchwarze Diener ein großes ſilbernes Brett mit allem möglichen Imbiß. Außer Eiern und Honig, gab es noch Schinken, Butter und Käſe. „Ei der Tauſend, ißt man das ſchon hier des Mor⸗ gens ſo früh?4 3 — 231— „Gewiß, Maſſa, da ſchmeckt es am beſten. Mr. Whar⸗ ton läßt fragen, ob er Maſſa beſuchen darf?“ „Sogleich, Ithyſſa, ſogleich, ich erwarte ihn ſchon.“ Nach einigen Augenblicken trat der Gemeldete ein, und wunderte ſich, den Europäer ſo früh auf den Beinen zu finden, wie den arbeitſamen Hinterwäldler. Eine halbe Stunde ſpäter kam Joſephſon und der Maler, und da ſie noch nicht gefrühſtückt hatten, ſetzten ſie ſich an Eduards Tiſch. Der Amerikaner aber ſtellte ſich vor das Bild Mr. Huttens, und ſah darauf den Erben häufig und forſchend an.— „Warum beſichtigen Sie das Bild ſo genau und mich ebenfalls?“ „Ich weiß nicht, ob ich mich täuſche, aber ich finde jetzt, da ich beide Geſichter vor mir habe, eine Aehnlich⸗ keit, die mir früher ſchon dunkel vorgeſchwebt hatte, als ich nur Sie allein ſah.“ „Es ſind die Augen,“ ſagte der Maler,„ich habe es auch ſchon bemerkt.“ „Ja wohl, beide ſind blau,“ bemerkte Eduard. „Bitte um Entſchuldigung,“ erwiderte der aufmerk⸗ ſame Künſtler,„es iſt nicht die Farbe allein, es iſt der Geiſt, der in beiden liegt, der Ausdruck der Offenheit und des Vertrauens— ich weiß es gewiß.“ „Das kann wohl ſein!“ dachte Eduard und ſeufzte leiſe, indem er an die tiefen und unzerreißbaren Gefühle — — 232— dachte, die die beiden Verſtorbenen, ſeine Mutter und Hutten, im Leben unter ſo traurigen Verhältniſſen ver⸗ knüpft hatten. „Wenn Ihr fertig ſeid,“ ſagte er zu den Früh⸗ ſtückenden laut,„ſo wollen wir im Garten eine Cigarre rauchen.“ „Das wollte ich eben in Vorſchlag bringen,“ meinte Mr. Wharton. „Ich muß aber erſt meine Stiefel haben,“ erinnerte Eduard,„der Schwarze aber hat ſie mir verweigert.“ „Sie können mit den Schuhen gehen,“ ſagte Mr. Wharton,„es iſt trocken im Garten.“ „Ich mag die ſchöne Stickerei nicht verderben, denn ich habe ſie erſt heute zum Geſchenk erhalten.“ „Von wem denn?“ rief der neugierige Joſephſon. „Ithyſſa hat ſie gebrächt, ſie werden wohl von Mr. Hutten herrühren.“ „Gewiß,“ erwiderte Wharton und erröthete. Da er es aber ſelbſt zu merken ſchien, brannte er ſich eine Ci⸗ garre an und ging den Uebrigen in den Garten voran. Ein prachtvoller amerikaniſcher Maimorgen empfing die jungen Männer im Freien. Ueber den Garten, das Waſſer, den Wald, die Gebirge, über die helle Nähe und die violette Ferne breitete er ſeine weiten blüthenreichen Schwingen und ſtand da, wie eine überreiche Jungfrau am Hochzeitsmorgen, mit Gold und Edelſteinen und einem — — 233— ſchimmernden Gewande bekleidet, von tauſend Wohlge⸗ rüchen duftend, und dennoch durch all den Glanz und den künſtlichen Schimmer die natürliche Anmuth, die an⸗ geborenen Reize hindurchſtrahlend, womit ſie die ſchöpfe⸗ riſche Natur ſo verſchwenderiſch bedacht hatte. Nie war die Luft ſo milde, ſo gewürzig, nie der Himmel ſo blau und goldklar, nie die tauſend wilden und gepflanzten Blüthen ſo glühend in der Morgenſonne, der Geſang des unzählbaren kleinen Geflügels in den Schatten der Bäume ſo ſchmeichelnd für Ohr und Herz geweſen. Die jungen Männer ſtanden ſtill und athmeten den balſamiſchen Mor⸗ genhauch in langen Zügen ein. Es war ein wahres Luft⸗, Duft⸗ und Sonnenbad, in welchem ſie ihre Organe, ihre geſunden Functionen mit ganzer Hingebung erfüllen ließen. Von der Terraſſe, die das ganze Haus umgab und einen kleinen ſanft anſteigenden Raſenhügel darſtellte, der nur an der Vorderfront fehlte, wo ihn die Auffahrt unter dem korinthiſchen Frontiſpiz erſetzte, ſchritten ſie hinunter in den Garten. Dieſer bildete, wie alle in eng⸗ liſchem Geſchmack angelegten Gärten, ein unregelmäßiges, aber voller natürlicher Abwechſelungen gefälliges Ganze. Duftige Blumen und ſeltene Geſträuche füllten den gan⸗ zen Vordergrund; die hinteren Anlagen waren durch die ſchönſten, gruppenweiſe geordneten Obſt⸗ und Zierbäume auf das Anmuthigſte belebt, unter denen ſich der ſchat⸗ tigſte und üppigſte Raſen in unabſehliche Ferne ausbreitete. — 2344— Durchſchnitten waren die Raſenteppiche allein von kleinen Kanälen, die mit dem Fluſſe ſelbſt in Verbindung ſtanden und gerade tief und breit genug waren, einen kleinen Nachen zu tragen, der auf einem derſelben lag. Durch die kreis⸗ oder eirunden Linien, welche dieſe rieſelnden Kanäle beſchrieben, wurden hie und da kleine Inſeln ge⸗ bildet, zu denen zierliche Brücken von natürlichem Holze führten, und welche gewöhnlich mit einer Gruppe lang⸗ zweigiger Hängeweiden bepflanzt waren. Eine ſolche In⸗ ſel war es auch, auf der ſich das Grabmal befand, das Eduard am Abend vorher in ſeiner feierlichen Stimmung nicht bemerkt hatte. Die freundlichſten Ruheplätze waren faſt überall, wo ſich eine Gelegenheit bot, angebracht. Hier ſtanden ſie in einem duftigen, blüthenbedeckten Ge⸗ büſch, dort inmitten einer Fülle der ſchönſten Waldbäume, dort vor einem ſeltenen Blumenbeet. Auch ein paar kleine Moosgrotten, von den Negern, die dergleichen Spielereien beinahe abgöttiſch verehren, auf zwei künſtlichen Hügeln angelegt, ließen ſich blicken und waren ſo angebracht, daß man aus ihrem Innern heraus, ſelbſt unbeobachtet, von zwei verſchiedenen Seiten den Garten wie den Park über⸗ ſchauen konnte. Aus dieſem zurück führte ſie Mr. Wharton zwiſchen die Flügel der Hinterfront des Landhauſes. In der Mitte des unbepflanzten Raumes, der von der abgeflach⸗ ten Naſenterraſſe bis an den Garten reichte und mit — —y—— —— 8 — — —— ——— — 235— weichem, röthlichem Kiesſande beſtreut war, ſtand eine rieſige alte Platane, die ihre ſchattigen Zweige nach allen Seiten gleichmäßig herabſenkte und ſo einer rings herumlaufenden Bank den angenehmſten Schutz gegen die heißen Strahlen der Sonne gewährte. Unter dieſen Baum führte der Amerikaner die Europäer und beſchrieb von hier aus die Theile des Hauſes, mit der Hand das Einzelne andeutend. „Wollen Sie es vielleicht jetzt in ſeinem Innern beſehen?“ fragte er den Erben. „Nein,“ entgegnete dieſer,„ich will mich erſt in dieſe ſchöne Außenwelt hineinleben, ſie iſt ſo ſchön, ſo wohl⸗ thuend, ſo erquickend, daß ich nur langſam in der Er⸗ kenntniß des Ganzen fortſchreiten darf. Aber wie iſt es, haben ſich die Schlüſſel zu den Zimmern gefunden— ich glaube, dieſe hier in dem ſüdlichen Flügel müſſen es ſein, deren Fenſter mit grünen Vorhängen dicht ge⸗ ſchloſſen ſind.“ „Ja, ſie mögen es ſein— dort iſt Mr. Joſephſons und dort Mr. Kannenſchmidts Zimmer— aber die Schlüſ⸗ ſel haben ſich noch nicht finden laſſen.“ „Es thut Nichts; warum klatſchen Sie in die Hände?“ 8 „Ich will nur den Negern ein Zeichen geben. Ge⸗ ſtern habe ich Ihnen die menſchlichen Bewohner dieſer Anſiedelung vorgeſtellt, heute will ich Ihnen die thieri⸗ — 236— Hunde herbeibringen.“ unſchweren Auftrag. lenkigkeit. der gute Boxer auch dabei?“ Boxer!“ ſchen vorführen. Jack, ſage Deinem Bruder, er ſolle die Ehe dieſe kamen, gab Eduard dem Maler den Auf⸗ trag, den ganzen Park, den Garten, das Grabmal mit einbegriffen, genau abzuzeichnen, um es Waldau zuzu⸗ ſchicken, damit er etwas ganz Aehnliches in der nächſten Nähe ſeines Gartenhauſes einrichte. Der Maler ver⸗ ſprach es und erfüllte ſchon in den nächſten Tagen den In dieſem Augenblicke ließ ſich ein ſeltſam verwor⸗ renes Freudengeheul vernehmen. Es kam von einem Hinterhauſe des Parks her allmählig näher, und man ſah zwei Schwarze, mit kurzen dicken Peitſchen bewaffnet, eine Meute herbeiführen, wie ſie ſo ſchön und gewaltig in Europa wohl nicht erblickt werden dürfte. Es war dieſelbe Race großer Waldhunde, von welcher Eduard ſchon auf dem Schiffe vor einigen Jahren ein Exemplar bewundert hatte. Große, ſtarke, dunkelgraue Büffel⸗ doggen, von rieſiger Stärke und antilopenartiger Ge⸗ „Ah,“ ſagte Eduard,„die kenne ich ſchon, iſt nicht „Gewiß iſt er dabei, er wird aber ſchon alt und hat ſich deshalb von der See zur Ruhe auf das Land zurückgezogen. Wo iſt er denn? Aha, da! Hierher, —— —— — 232— Und der ſchöne Hund mit dem breiten Genick, dem großen Kopfe und der doppelten Zahnreihe kam wedelnd herbei und that, als kenne er den damaligen Begleiter ſeines verſtorbenen Herrn wieder. Zutraulich ſchmiegten ſich die Thiere an Mr. Hutten und Wharton, als wüßten ſie, was ſie ihnen bedeuteten; Joſephſon aber, der ſich etwas ſern von ihnen hielt, ſchienen ſie unwillig zu be⸗ ſchnüffeln und wandten ſich düſter blickend von ihm ab. „Mit dieſen Hunden,“ erzählte Mr. Wharton, in⸗ dem er ſie nach einander liebkoſ'te,„jagt man in Mexiko, in den Urwäldern und den Prairien Büffel und Bären. Zwei dreſſirte Hunde genügen, einen Bären aufzuhalten, drei kämpfen mit ihm um Leben und Tod, und vier er⸗ würgen ihn. Ihre natürliche Eigenſchaft aber iſt, Men⸗ ſchen, die in’s Waſſer gefallen, augenblicklich herauszuho⸗ len, und das verſtehen ſie meiſterhaft und mit ſchlauer Unterſcheidung, denn während ſie einen nackten badenden Menſchen unberührt im Waſſer laſſen, ſpringen ſie einem bekleideten augenblicklich nach, faſſen ſeine Kleider und tragen ihn an's Land.“ „Das ſind ja prächtige Geſchöpfe! Joſephſon, mache uns das Vergnügen und begib Dich in das Waſſer dort.“ „Ich danke, mein Theurer. Mich ſcheinen ſie über⸗ haupt nicht mit allzu zärtlichen Augen zu betrachten— ſehen Sie dieſe Blicke, Nr. Wharton— warum knurren ſie mich an?“ — 2838— „Sie verſtehen, daß Sie von ihnen ſprechen und vielleicht merken ſie, daß Sie kein Hundeliebhaber ſind. Ein ſo kluges Thier fühlt das bald heraus; ſehen Sie nur, wie ſie Mr. Hutten ſchmeicheln.“ „Ich laſſe mich nicht gern von ſolchen Beſtien lecken, ſie könnten einmal Luſt bekommen, nach einem meiner Finger zu ſchnappen.“ 8 „Das iſt es gerade— vertrauen Sie ihnen, und ſie werden Ihre Kameradſchaft ſuchen. Boper, weg da!“ „Ich wundere mich gar nicht, daß ſie Dich mit grimmigen Augen betrachten,“ bemerkte Eduard.„Der Inſtinkt leitet ſie, ſie wittern den Wolf in Dir.“ Alle lachten, denn Mr. Wharton kannte beleits den Vornamen des Freundes ſeines Herrn.* „Nun aber wollen wir,“ ſagte er,„nach den Stäl⸗ len und Pferdewieſen gehen, Sie müſſen auch Ihre Pferde in Huttenpark kennen lernen.“ Damitt durchſchritten ſie den Park, kamen über einige Brücken und betraten den großen Hofraum, in dem ſich die Stallungen und andere Gebäude des ländlichen Haus⸗ halts befanden. Auf die zweckmäßige und auch äußerlich gefällige Einrichtung der Wohnungen dieſer edlen und nutzbaren Hausthiere hatte der frühere Beſitzer große Sorgfalt ver⸗ wendet. Angenſcheinlich war ſeine Liebhaberei dafür. Die Pferde wohnten ſchöner, reinlicher, ja koſtbarer als viele 7 — 239— Menſchen der alten und auch der neuen Welt. Es waͤre für zwanzig ſolcher Thiere der nothwendige Raum ge⸗ weſen, und doch waren nie mehr als acht bis zwölf darin gehalten worden. Gegenwärtig ſtanden keine darin, die vier Arbeits⸗ und neun Luxuspferde, eine vollkommen hinreichende Anzahl für den Bedarf des Landgutes, da daſſelbe nicht ſowohl zum Oekonomiebetriebe als zum Vergnügen benutzt wurde, ſprangen munter und von kei⸗ ner Feſſel beläſtigt, auf einer großen Wieſe herum, die, hinter den Ställen gelegen, mit einer einfachen Bohlen⸗ wandung umgeben war. Die vier Arbeitsthiere waren Zugpferde von ſchwerer flamländiſcher Race, wie man ſie in Nordamerika ſo häufig findet. Vier kleine ſchottlän⸗ diſche Pferde, kohlſchwarz, von wilbem und beinahe un⸗ zähmbarem Schlage, wurden abwechſelnd von Mr. Hutten zu Spazierfahrten im Park benutzt, wozu ein allerliebſtes kleines Gefährt vorhanden war. Außerhalb der Grenzen des Gutes konnte man wegen der ſchlechten Wege und des ungleichen Bodens wenig oder gar nicht fahren; da⸗ her waren die vier übrigen Reitpferde von der ſchönſten ſpaniſch⸗amerikaniſchen Race, ſämmtlich ſchwarz, vom Kopf bis zum Schweif, mit glänzend feinem Haar, kleinem Kopfe, großen klügen Augen, ſtarker Bruſt, graziöſen Springbeinen und faſanenartig getragenem Schweiſe. Das Feuer ihres Stammes leuchtete aus ihren Blicken, die ſchnurgeraden Nüſtern waren in ſteter Bewegung, doch — 240— waren ſie ungeſattelt ruhig; nur wenn ſie gezäumt wur⸗ den und die bevorſtehende Bewegung merkten, lebhaft und wild. Als die fremden Männer in ihre Nähe traten, wie⸗ herten ſie laut und drehten die ſchlanken Hälſe herum, an denen jede Hautader ſichtbar war. Augenblicklich aber wurde ihr Gewieher aus einem benachbarten höhern Ver⸗ ſchlage mit lautem Gebrüll erwidert. Hatten die Euro⸗ päer ſchon dieſe vier koſtbaren Thiere bewundert, was ſollten ſie ſagen, als Mr. Wharton den oben erwähnten Verſchlag mit eigener Hand öffnete und ein geräumiger viereckiger, an allen Wänden ſorgfältig ausgepolſterter Stall ohne Dach ſichtbar wurde, in dem ein edles Roß, ohne jede Feſſel, ſich in anmuthigen Wendungen bewegte. „Kortes! komm heraus!“ rief die Stimme eines Negers, und in lebhaften, zierlichen Sprüngen ſolgte ſo⸗ gleich das gehorſame, ſchöne Thier in den freien Raum vor dem Hauſe. Es war eher klein als groß, aber von ungemein elaſtiſchem, ſpringfähigem Bau. Seine Glieder waren wie aus Stahl gedrechſelt. Es war milchweiß von Haaren und ſeidenweich für die fühlende Hand. Zwiſchen den dunkeln, ſprühenden, im Kreiſe umherblitzenden Augen fielen wellenartig gelockte lange Kammhaare herab, der Schweif, von ähnlichem wellenartigem Haar, wurde faſt horizontal in der Luft getragen. Es tanzte mehr als es ging, und hüpfte mit anmuthigen Bewegungen auf den Hof hinaus. „Das iſt ein koſtbares Thier!“ rief Mr. Hutten entzückt. „Sehen Sie es ſich genau an,“ bemerkte Mr. Whar⸗ ton.„Sie ſehen vielleicht nie wieder ein ſo ſchönes Roß. Es iſt ein Prairiepferd, wild eingefangen und jetzt voll⸗ ſtändig gezähmt. Dieſe Thiere ſind ſeltener, als man ſich in Europa erzählt, von dieſer Farbe und Vollkommenheit aber gibt es ihrer jetzt nur noch ſehr wenige.“ „Wer reitet dies Thier?“ fragte Eduard. „Jetzt wird es nicht benutzt; es war Mr. Huttens gewöhnliches Reitpferd, aber es iſt ſchwer von Fremden zu beſteigen und will ſeinen Bändiger erſt kennen. Sehen Sie, wie es herumſchnuppert, es ſucht ſeinen Bekannten. Wollen wir einen Morgenritt verſuchen?“ „Ich bin damit einverſtanden, aber dieſen Schim⸗ melhengſt reite ich nicht, er iſt mir zu feurig. Laſſen Sie uns die ſchwarzen ſatteln; Du reiteſt auch mit, Joſephſon, Du haſt es ja von mir gelernt.“ Dieſer entſchloß ſich nach einigem Bedenken, bat aber um das frommſte Pferd. Willibald zog es unbe⸗ denklich vor, zu Hauſe zu bleiben. Die Neger gingen ſogleich an die Arbeit. Der Schimmel ward hineingeſihe und die Rappen geſattelt. „Wohin reiten wir aber?“ fragte Joſephſo on. Der Inſelkönig. IV. 16 242— „Hinüber in den Wald, Mr. Joſephſon.“ „Iſt denn eine Brücke da?“ „Sie können über den Hudſon ſchwimmen, die Pferde ſind es gewohnt.“. „Ich danke; unter dieſen Bedingungen ziehe ich es vor, zu Hauſe zu bleiben.“ „Fürchten Sie Nichts, wir laſſen die Pferde auf einer Fähre überſetzen und folgen in einem Boote nach.“ Die jungen Männer kehrten in ihre Gemächer zu⸗ rrück und kleideten ſich zu ihrem Ausfluge an. Zwei Ne⸗ ger machten ein kleines Boot zurecht und ruderten ſie an das gegenſeitige Ufer. Die Büffelhunde, der Freiheit preisgegeben, ſchwammen mit luſtigem Freudengebell um daſſelbe herum und erreichten mit dem Boote zugleich das jenſeitige Ufer. Da ſtanden denn die Europäer zum erſten Male auf der Schwelle eines Urwaldes, welcher aber vom Ufer aus, wie man jetzt ſah, in drei breiten Fährten gelichtet war, bis an den Fuß des Gebirges hin. Die aus dieſen Fährten gehauenen Bäume hatten das Material zu den verſchiedenen Holzbauten des Landgutes geliefert, und das Holz, welches man jetzt noch darin brannte, ſtammte ebenfalls von ihnen her. Am Ufer hin⸗ gen alte Weidenſtämme mit ihrem glänzenden Blätterdache weit über das Waſſer hinaus. Dann folgten, in kaum unterſcheidbarem dichtem Gemiſch, Tulpenbäume mit ihren großen ſaftigen Blättern, Eichen mit ungeheuren Aeſten, — 243— Buchen von einem Umfange und einer Höhe, gegen welche die der deutſchen Inſel Zwerge zu ſein ſchienen. Plata⸗ nen und ächte Kaſtanien mit ihren rothen Doldenblüthen waren in unzählbarer Menge darunter gemiſcht. Oben war der Wald von den dichten Laubkronen geſchloſſen, man ging in ihm wie unter dem Dache eines rieſigen Hauſes dahin; zwiſchen den Stämmen ſelbſt wuchſen tauſenderlei blühende Gebüſche aus dem üppigen Boden, die ein un⸗ durchdringliches Schlingwerk bildeten. Friſcher, warmer Duft entſchwebte dieſer Vegetation ohne Gleichen, und das Moos, welches zwiſchen den einzelnen Bäumen in dichtem Gefüge hervorquoll, betrat der ſtaunende Fuß des Europäers wie den weichſten orientaliſchen Teppich. So ſah der Wald aus, in welchen Mr. Wharton ſeinen neuen Herrn und deſſen Begleiter führte, und er zeigte ihnen die Lichtung, die mittelſte und breiteſte von allen, welche ſie zu ihrem Morgenritte wählen wollten und die ſich meilenweit vor ihnen erſtreckte und am Ende ihrer Seh⸗ weite immer wieder zu verſchwimmen ſchien, während ſie doch ſtets gleich weit geöffnet blieb. Die Pferde kamen. Geſattelt ſahen ſie viel ſchöner aus, aber auch wilder war ihr Benehmen; ſie ſchnoben und wieherten laut, indem ſie mit ihren unbeſchlagenen Hufen das Moos des Waldes in die Höhe ſchnellten. „Mir vergeht etwas die Luſt,“ ſagte Joſephſon leiſe zu ſeinem Freunde,„ich werde ein Unglück haben.“ 16* Galopp, daß der dampfende Boden 1 Zoſephſon ritt zwiſchen Wharton und dem Neger, beide hiielten ihre Blicke feſt auf ihn gerichtet. — 244— „Dann bleib aus dem Sattel. Ich ſteige hinauf.“ Mr. Wharton und Ithyſſa aber, die das Zögern bemerkten, redeten zu und der Zaghafte entſchloß ſich, ein Reitersmann zu werden. Das frommſte der Pferde, Nalph mit Namen, wurde vorgeführt. Er ſah ſich mit ſprühenden Augen ſeinen Reiter von der Seite an. Später erzählte Wolf ſeinen Freunden zu Hauſe, es hätte ihn ſogar mit Verachtung angeblickt. Ithyſſa griff das Thier mit eiſernem Finger in die Nüſtern und es ſtand augenblicklich ohne alle Be⸗ wegung. Kaum aber war der zaghafte Reiter auf ſeinem ſtolzen Rücken, ſo raffte es ſich zuſammen, ſcharrte mit den Vorderhufen wild in dem Boden und begann zierlich zu tänzeln.. „Es wird gehen, es wird gehen,“ rief Eduard,„feſt geſeſſen!“ Und alle drei, Ithyſſa mit eingerechnet, ſchwangen ſich ſchnell auf ihre Thiere hinauf. Die Hunde umſpran⸗ gen Pferde und Reiter, und merkwürdiglgenug, um Jo⸗ ſephſons Pferd waren ſie am lauteſten und ungeſtümſten. Ithyſſa ergriff die Peitſche, die am Sattel hing, kaum aber knallte ſie, ſo fuhren alle ver Pferde in die Höhe und dicht neben einander gedrängt, ſetzten ſie ſich in einen unter ihnen dröhnté. — 245— —„Es geht!“ rief Eduard,„der am linken Flügel ritt,„aber Du biſt ja ganz ſtill, mein Junge!“ 1 Der halbe Sonntagsreiter ſprach kein Wort. Er war zuftikden daß er feſt im Sattel ſaß und daß die ſchnelle Bewegung, die angenehmer war, als er ſich vor⸗ geſtellt, ihn nicht zu Boden warf. Je mehr die ſchnau⸗ benden Thiere ſich aber im Laufe erhitzten, um ſo feuriger wurde ihr Blut, um ſo ſchneller wurde ihr Galopp. Da ſie aber alle in gleicher Linie blieben und die Lichtung ſtets gleich weit war, ſo hielt keiner der Reiter den Zügel an. Man ſah nur, wenn man überhaupt etwas ſah, den dunkeln Wald zur Seite, den blauen Himmel über der Lichtung und den geraden Weg vor ſich. So ging es eine halbe Stunde lang fort. Joſephſon ging der Athem aus, er ſah den Neger mit einem demſelben verſtändlichen Blicke an. Dieſer pfiff und augenblicklich ſtanden die Thiere ſtill. Jetzt erſt kam dem bisher Schweigenden die Sprache wieder, aber ſie war heiſer und ſeine Lippen und Zunge waren trocken. 1 „Das wäre ganz hübſch,“ ſagte er keuchend,„wenn es nur nicht ſo raſch ginge, man verliert den Athem dabei.“ „Maſſa Joſeph,“ nahm Ithyſſa das Wort,„muß nicht den Mund ſo weit offen halten beim Galoppiren 4 — Luft kommt herein— hui!“ 7 246.. Alle lachten, aber gaben die Verſicherung, er werde ein ganz guter Reiter mit der Zeit werden. „Das will ich auch, ich nehme es mir feſt vor; es i*ſt für einen Mann etwas Klägliches, nicht ein Pferd regieren zu können, was ſogar viele Frauen vermögen.“ Ithyſſa unterdrückte ein ſtilles Lächeln und ſuchte Mr. Whartons Geſicht. Der aber ſah gerade aus, rief die Hunde aus dem Dickicht und drehte ſein Pferd herum. „Nun wollen wir einen leichten Trah einſchlagen,“ ſagte er und gab mit ſeinem Pferde das Tempo an. Dieſe Neitart aber wurde dem ungeſchulteſten Reiter unter ihnen ſchon ſchwerer und bald fiel der fromme Ralph, der auch nicht eben viel von einem Lamme an ſich hatte, in einen kurzen Galopp. Ithyſſa pfiff wieder und die Pferde gingen im Schritt. „Ithyſſa morgen Maſſa Unterricht im Trabreiten geben, Galopp leicht, Trab ſchwer.“ „Das ſoll mir lieb ſein, mein Junge, und Du wirſt Dir meinen Dank verdienen. Aber was will der Schlin⸗ gel von Hund immer an meinem Stiefel? Ich glaube, er will mich vom Pferde reißen, da er denkt, es gehöre mir nicht.“— Der Hund wurde zur Ruhe gewieſen und man ritt ruhig weiter. Dieſe langſame Brwegung aber behagte Maſſa Joſeph ſelber nicht lange, und er bat, man möchte wieder galoppiren. — 247— „Ich werde den Mund zuhalten,“ ſagte er,„und ich hoffe, Ihr werdet diesmal mit mir zufrieden ſein, ich ‚gill ein Reiter werden, ich habe es beſchloſſen.“ Man war mit dem Vorſchlage zufrieden und ſetzte ſich zu einem ſcharfen Ritt zurecht. Es war aber vom Schickſal beſtimmt, daß dieſer Ritt nicht ſo gut enden ſollte, wie der erſte, und wie es vorherzuſehen, war Maſſa Joſeph zum Opfer auserleſen. Eduard, jetzt auf dem rechten Flügel reitend, trieb ſeinen ſchwarzen Hengſt zuerſt an. Das Thüͤr fühlte den mächtigen Reiter und ſetzte mit einem lauten Freuden⸗ gewieher zum ſchnellen Laufe an. Die drei anderen folg⸗ ten ſogleich. Eine Zeitlang ging es ganz gut, nur die Hunde, die hinter den Pferden liefen und beſtändig heul⸗ ten, jagten dieſe zu einem ſchnelleren Laufe. Kaum merkte man, daß aus dem ſtarken Galopp ein voller Roſſeslauf geworden war, und daß die ſchnellfüßigen Mexikaner wie die Windsbraut dahin ſtürmten. Je ſchneller ſie aber liefen, um ſo ſchneller wollten ſie laufen, Eins ſtrebte — 4 das Andere zu überholen, Jedes aber hielt den Gefährten Stand. Da wollte es das Schickſal oder der Zufall, daß einer der Hunde dem Pferde Joſephſons einen kleinen Biß in den Schenkel verſetzte; das Thier erſchrak und glaubte einen treibenden Stachel darin zu erkennen. Plötzlich, mit einem gewaltigen Satze ſich emporhebend, eilte es der Reihe voraus und, von den dahinter her hebenden Hunden— N - — ———— — 248— aufs Aergſte getrieben, war es von den drei Reitern nicht wieder einzuholen. Eduard fürchtete ein Unglück, denn ſchon näherte man ſich bedeutend dem Fluſſe, und er ſah voraus, daß ſein Freund das Pferd nicht werde pariren können. Er wollte rufen:„Das Waſſer, das Waſſer!“ aber die reißend ſchnelle Bewegung ließ ſeine Worte nicht verſtändlich werden. Er hob den rechten Arm und zeigte vorwärts. Der Neger verſtand ihn. Wüthend peitſchte er ſein Pferd, um an Joſephſons Seite zu kom⸗ men, aber es war nicht mehr möglich. Schon ſah man den glänzenden Spiegel des Hudſon, auf welchem die Morgenſonne glitzerte; noch einige hundert Schritte, und man mußte das Ufer erreicht haben. Eduard fühlte ſein Herz mächtig gegen ſeine Bruſt klopfen, er ſtand eine un⸗ beſchreibliche Angſt aus. Sämmtliche Doggen umgaben das durchgehende Pferd, ſie ſchienen es einmal auf ſeinen Rei⸗ ter abgeſehen zu haben. Da, war es am Ufer— noch ein Satz— noch ein dumpfes Gebrüll des ſchäumenden Pferdes und— es ſprang kühn und verzweifelnd mitten in den Fluß hinein. Aber ſchon war der Neger dicht hinter ihm her. Er trieb ſein Pferd ebenfalls in die Wellen. Jetzt war die Bewegung eine langſamere, und eer rief, was er rufen konnte: Maſſa Joſeph, Maſſa Joſeph, ruhig und feſt ſitzen! Pferd ſchwimmt!“ Beinahe wäre Eduards Hengſt den beiden anderen — 240— gefolgt, aber Mr. Wharton, der des ſeinigen vollkommen Herr geblieben war, beugte ſich herab und riß mit einem gewaltigen Ruck die Zügel des Thieres rückwärts. Beide ſtanden wie angewurzelt hart am Rande des Fluſſes, keuchend und mit den Nüſtern die Luft von ſich blaſend, während ihre glühenden Augen die Schwimmenden ver⸗ folgten. Eduard ſprach kein Wort, ſein Athem war ihm zu kurz, auch ſah er, daß die beiden Pferde das Waſſer kräftig zertheilten und ihrem Ziele ſicher entgegenſtrebten. Glücklicher Weiſe war der Hudſon gerade an dieſer Stelle am ſchmalſten, denn erſt viele Meilen unterhalb Hutten⸗ park dringt der Mohawk in ihn ein und macht ihn mit der Fülle ſeiner Gewäſſer breit und reißend; auch waren die Pferde ſolcher Anſtrengung gewohnt. „Es bringt ihm einen Schnupfen ein, Mr. Hutten,“ ſagte der Amerikaner gefaßt,„weiter Nichts. Sie ſind ſchon über die Mitte und den Strom hinaus. Aber ſeim Angſt möchte ich nicht ausſtehen!“ Erſt als die Beiden das jenſeitige Ufer erraichen und wohlbehalten am Park angelangt waren, ſtieg Eduard vom Pferde, übergab es dem harrenden Diener und ließ ſich mit ſeinem Gefährten hinüberrudern. Joſephſon war ſchon in ſeinem Zimmer und kleidete ſich um, als Spumd bei ihm eintrat. 8 „Gott ſei Dank, daß Du erhalten biſt!“ ſue die 5 — 250— ſer, konnte aber doch, als er den Geſichtsausdruck des durchnäßten Freundes wahrnahm, ein ſtilles Lächeln nicht unterdrücken. „Lache nur zu,“ ſagte Maſſa Joſeph,„lache tüchtig, ich muß eine jämmerliche Figur geſpielt haben. Gut, daß der verteufelte Temperamaler nicht dabei war, ſonſt gäbe es wieder eine Karikatur. Aber ich ſagte es ja, die ver⸗ dammten Beſtien waren daran Schuld, ſie haben mich auf's Korn genommen und Du hätteſt nur ihre gierigen Blicke im Waſſer ſehen ſollen, wie ſie nach mir zu ſchnap⸗ pen beliebten.“ 1 „Sie wollten Dich retten, Wolf!“ „Ich danke für ihren guten Willen!“ „Du haſt wohl die Luſt an einem Morgenritt ver⸗ loren?“ „Im Gegentheil! Jetzt weiß ich, was mir höchſtens droht. Ich ſitze ſchon feſt. Nur das Waſſer war nicht gerade kochend. Von morgen an reite ich jeden Tag, aber ohne die Kanaillen.“ Als Joſephſon in trockenen Kleidern war, wurde das zweite Frühſtück eingenommen und eine Flaſche er⸗ wärmenden Dry⸗Madeira's ſtellte bald das Gleichgewicht ſeiner ſchnell gefaßten Seele wieder her. — 251— Am Nachmittage dieſes für Joſephſon beinahe ſo verhängnißvollen Tages führte Mr. Wharton die Freunde in einem mit vier Ruderern bemannten Boote den Hudſon nordwärts hinauf, um ihnen die Arbeiten einer deutſchen Anſiedlerfamilie zu zeigen, die erſt vor einigen Wochen in dieſer Gegend eingetroffen war. Der Fluß verengte ſich, je näher man ſeinem Urſprunge kam, immer mehr, und der Wald trat beinahe bis ganz an die Ufer heran. In dieſem ſo öden, menſchenleeren und noch tauſenden von Anſiedlern günſtigen Erdſtrich, indem das Land fruchtbar, der Winter zwar kalt, der Frühling, Sommer und Herbſt dagegen außerordentlich lieblich und ſegensreich iſt, gab es noch große Heerden allerlei Wildes; nur der Büffel kam weniger zum Vorſchein, und die Bären, Scha⸗ kals und Wölfe, von der vorſchreitenden Kultur und dem häufiger geſehenen Menſchenantlitz zurückgedrängt, wurden nur äußerſt ſelten noch wahrgenommen. Man hatte ſich daher mit vortrefflichen Jagdflinten und Meſſern bewaff⸗ net, in der Hoffnung, eine ſchmackhafte Beute mit nach Hauſe zu bringen. Auch gelang es Mr. Wharton, vom Boote aus einen Hirſch zu erlegen, der ſofort in Beſchlag genommen wurde. Andere Abenteuer ſtießen ihnen nicht auf. Man fand die Anſiedler, aus zwei thüringiſchen Familien beſtehend, fleißig bei der Arbeit; die nächſten Nachbarn waren gekommen, ihnen zu helfen und ſchon ſtand das erſte Blockhaus beinahe fertig da. 1 — 22— Ein großer Theil Urwaldes war bereits gerodet und die zum Häuſerbau nicht mehr gebrauchten Stämme als Bollwerk gegen wilde Thiere aufgerichtet. Die Leute waren heiter und gefielen ſich in der Gegend; Eduard verſprach ihnen am nächſten Tage eine Sendung allerlei nothwendigen Geräths und hielt auch Wort. Einige Stunden waren auf dieſe Weiſe bald verfloſſen und man mußte ſich zur Rückkehr entſchließen, die ebenfalls wieder einige Stunden wegnahm. Heitere und ernſte Geſpräche verkürzten den weiten Weg, und man bemerkte die ſchnell nahende Dämmerung beinahe erſt, als ſie ſchon eingetre⸗ ten und man noch eine ziemliche Strecke von Huttenpark entfernt war. Mr. Wharton hatte ſich ſchon während der ganzen Fahrt ungewöhnlich ſchweigſam und nachden⸗ kend gezeigt; gegen Ende derſelben nahm dieſe Stimmung merklich zu, und er ſaß da, mit abgewandtem Antlitz in die rauſchenden Wellen blickend und ſchien die Anweſen⸗ heit ſeiner Begleiter kaum zu bemerken. Allgemein war ddies aufgefallen, aber man fragte ihn nicht und ließ ihn gewähren. So lange es Tag blieb, hatte Willibald auf ſeiner Mappe verſchiedene Erinnerungen der Gegend, ſon⸗ derbare Baumgruppen, Blockhaͤuſer mit ihren Umgebun⸗ gen und was ihm ſonſt aufſtieß, gezeichnet, ſo daß Eduard mit Joſephſon allein das Geſpräch führte und nur von Zeit zu Zeit den gedankenvollen Blick des Amerikaners 8 beobachtete. Als der Mond aufgegangen war und den — — 233— langen Waſſerſtrich, welchen das raſch fortgleitende Boot hinter ſich ließ, vergoldete, während die Schatten der rie⸗ ſigen Bäume dunkelſchwarz darauf fielen, wurden alle ſtill und betrachteten das tiefe ſie umgebende Schweigen der einſamen und großen Natur mit einem nie vorher empfundenen, beinahe feierlichen Schauer. Die allge⸗ meine Stimmung war daher eine ernſte und gedankenvolle, und während die Ruder mit leiſem, aber kräftigem Drucke das leichte Boot vorwärts trieben, bemerkten ſie nicht, wie die Waldungen allmählig lichter wurden, ſich vom Ufer mehr und mehr entſernten und endlich an der Oſt⸗ ſeite ganz öffneten, bis das Boot plötzlich hielt und einige am Strande wartende Neger die Ruderer ſcherzhaft be⸗ grüßten. Man ſtieg aus und begab ſich in's Haus, in der Hoffnung, ſich bald wieder um den verſpäteten An tagstiſch zu ſammeln. Eduard trat in ſein Zimmer, das bereits erhellt war, wie am Abend zuvor, als ihm ein lieblicher unbe⸗ kannter Duft auffiel, der ziemlich ſtark das ganze Zimmer durchdrang. Er forſchte, ob er etwa von einer in ſeiner Abweſenheit hereingebrachten Blume herrühre, aber er fand Nichts. Neugierig trat er in's Billardzimmer; der⸗ ſelbe Wohlgeruch herrſchte auch hier, nur noch in ſtärke⸗ rem Grade, wie es ihm vorkam. Zufällig fiel ſein Auge auf das Billard. Ehe er am Nachmittage das Boot zu der Fahrt betrat, hatte er einige Stöße darauf verſucht und, wie er beſtimmt wußte, ſämmtliche Bälle zu ſeiner Beluſtigung in ein Netz geſpielt. Ohne ſich dabei etwas Beſonderes zu denken, fand er jetzt die Bälle auf ihren gewöhnlichen Punkten aufgeſtellt. Ithyſſa trat in dieſem Augenblicke in's Zimmer, um ihn zur Tafel zu laden. Der Schwarze hatte die Fahrt nicht mitgemacht, daher vielleicht ſelbſt ein Spielchen verſucht. Als ihn aber ſein Herr danach fragte, verneinte er es beſtimmt, verwickelte ſich aber in unzuſammenhängende Reden, die Eduard nicht an ihm gewohnt war, und ſuchte das ernſte Auge des Fragenden zu vermeiden.. „Wovon rührt der ſchöne Geruch her, den ich hier wahrnehme, Ithyſſa; riechſt Du auch das nicht?“ „Maſſa— ich rieche nichts Schönes,“ betheuerte der Schwarze und legte ſeine breite Hand auf ſeine Bruſt, zum Zeichen, daß er die Wahrheit ſpreche. „Ich glaube es wohl; nimm es aber nicht ſo ſtreng; ich war nur der Meinung, es müſſe Jemand in meiner Abweſenheit im Zimmer geweſen ſein, denn Billard iſt geſpielt, das weiß ich gewiß.“ 3 „Maſſa glaubt Ithyſſa nicht? O! O!“ Und er ſchüttelte wehmüthig ſeinen klaffiſchen Kopf, wobei er die Hände wie bittend zuſammenlegte und gegen ſeinen erhob. „Laß es gut ſein, vielleicht iſt es ein Anderer weſen. Mir liegt nichts daran, es zu wiſſen.“ Herrn ge —— — — 255— Und er ging in den Speiſeſaal, wo er die Freunde außer Mr. Wharton bereits verſammelt fand. Man war ſchon bei’m zweiten Gericht, als Mr. Wharton erſchien und ſein Ausbleiben damit entſchuldigte, daß mit dem Abenddampfboot ein Brief gekommen ſei, deſſen Beantwortung nothwendig geweſen wäre. Darauf ſetzte er ſich, aß und trank aber wenig, trotzdem er auf dem Waſſer ſeinen Appetit gelobt hatte, und ſprach gar Nichts. „Sie ſind doch nicht unwohl, Mr. Wharton?“ fragte Eduard. „Durchaus nicht, ich muß wegen meines Schweigens um Entſchuldigung bitten, Mr. Hutten; aber Sie werden in eihigen Tagen ſelbſt einſehen, in welcher ſonderbaren Lage ich mich augenblicklich befinde.“ „Sie machen mich neugierig; ich hoffe, es wird nichts Unangenehmes ſein.“ .„Ganz und gar nicht, im Gegentheil— doch laſſen wir das Geſpräch darüber für heute noch fallen.“ Als das Eſſen vorüber war, begab Mr. Wharton ſich auf, ſein Zimmer, Kannenſchmidt, der ſich ermüdet fühlte, ging zu. Bett, und Joſephſon begleitete Eduard, 1 6. 3. 4 8 um noch mit ihm Billard zu ſpielen.— Von dem vorher wahrgenommenen geheimnißvollen Wohlgeruch, obwohl er noch in den Zimmern bemerkbar bar, ſprach Letzterer eben ſo wenig, wie von dem benutzten Billard, da er es bis jetzt für gleichgiltig hielt. Dennoch war er zerſtreut und ſpielte ſchlecht, Joſephſon gewann ihm ſechs Partieen hinter einander ab. Man rauchte noch eine Cigarre aus dem Schranke von Palliſanderholz, die Alles an Feinheit überwog, was der Feinſchmecker Joſephſon je gekoſtet hatte, und trennte ſich dann, um ſich zur Ruhe zu begeben. Schon war Hutten im Begriff, ſich zu entkleiden, als er ein leiſes Klopfen an der Thür hörte. Er öffnete ſogleich und ſah zu ſeiner Verwunderung Joſephſon wie⸗ der eintreten, der ſchon im Schlafrock war und ein höchſt erſtauntes Geſicht machte. „Nun, Wolf, was gibt es noch ſo ſpät? Du ſiehſt ja beinahe erſchrocken aus.“ „Eduard, höre mich an, Du biſt doch allein?“ „Gewiß bin ich allein; aber was haſt Du für Ge⸗ heimniſſe?“ „Du ſollſt ſie hören. Ich habe ſchon geſtern Abend eine Bemerkung gemacht, die ich Anfangs für zu unbe⸗ deutend hielt, um ſie Dir mitzutheilen, und die ich auch heute Morgen bei den Neuigkeiten, die wir geſehen, ver⸗“ geſſen hatte. Heute Abend aber wiederholte ſich dieſelbe Erſcheinung, und ich komme ſogleich, Dich davon zu un⸗ terrichten.“ „Du machſt mich ſehr neugierig und ſprichſt ſo leiſe —— — 257— und bedeutungsvoll, als wenn Tod und Leben von Dei⸗ ner Bemerkung abhingen.“ 2 9 ſo würde ich mit einem Worte Alles geſagt haben, in⸗ dem ich zu Dir trete, Dir in's Ohr flüſterte und ſagte: Eduard, es gibt hier Geſpenſter.“ „O! Ol“ „Jetzt aber, da ich nur Joſephſon bin, ſage ich: Eduard, wir ſind nicht allein in dieſem Hauſe, ſo allein wir auch zu ſein ſcheinen; das heißt, verſtehe mich recht, außer den Dienern, die wir geſehen haben, gibt es noch andere Leute hier, die ſich vor uns verbergen, und in ſtiller Nacht, oder wenn wir uns entfernt haben, ihr Weſen treiben.“ Der Erbe war betroffen. Augenblicklich fielen ihm die unſichtbaren Billardſpieler ein, und ohne, daß er es ſich klar zu machen wußte, vermiſchte ſich mit dem Ge⸗ danken an ſie die Erinnerung an den lieblichen Wohlge⸗ ruch, den er in ſeinen Zimmern wahrgenommen und der auf den längeren Aufenthalt jener Geſpenſter Joſephſons in denſelben ſchließen ließ. „Erzähle mir Alles, was Du weißt,“ bat er dieſen mit unwillkürlich leiſer Stimme⸗ „Ich weiß Nichts, ſage ich Dir, ich habs nur Jzn hören und zu ſehen geglaubt.“ Der Inſelkönig. IV. 17 Höre mich an. Freilich, wenn ich Waldau wäre, — 258— „Da biſt Du ſchon weiter gekommen als ich. habe nur gerochen und vermuthet.“ 1 „Was willſt Du damit ſagen? Gerochen?“ „Laß Dich dadurch nicht ſtören, ſprich, was haſt Du zu hören und zu ſehen geglaubt?“ „Siehznich konnte geſtern Abend, nachdem wir etwas reichlich gegeſſen und getrunken hatten, nicht ſogleich ſchlafen. Ich hatte mich ſchon zu Bett gelegt, da war mir's, als hörte ich unter meinem Fenſter, welches, wie Du weißt, nach dem Garten hinausliegt, einige leiſe Stimmen flüſtern. Ich ſtand wieder auf und blickte zur Seite der herabgelaſſenen Vorhänge vorſichtig hinaus. Der Mond ſtand ſchon ſchräg am Horizont und hatte beinahe die Berggipfel im Weſten erreicht. Es lag nur eine halblichte Dämmerung auf dem Garten. Wie ich ſo ſtehe und lauſche, ſehe ich, huſch, huſch! zwei Geſtalten durch den Garten dahin fliegen, nach den Gebäuden zu, wo die Ställe ſind, ihnen folgte ein großer Hund— ich ſah es gewiß. Ich kleidete mich wieder an und wartete ihr Zurückkommen ab. So lange ich aber auch wartete, ſie kamen nicht. Endlich wurde ich müde und ging wie⸗ 1 der zu Bett. Kaum aber hatte ich mich niedergelegt, ſo⸗ hörte ich auf dem Corridor vor meiner Thür daſſelbe Flüſtern und daneben— ich könnte es beſchwören— das Rauſchen ſeidener Damenkleider.“— — 259— „Joſephſon, biſt Du gewiß, nicht im Schlafe geſehen und gehört zu haben?“ „Das fragte ich mich heute Morgen auch, und darum ehielt ich meine Erſcheinungen für mich. Heute Abend aber vernehme ich daſſelbe Geflüſter unter meinem Fen⸗ ſter, obgleich ich Niemanden geſehen habe, und ich bin überzeugt, ich werde auch das Rauſchen der Kleider wie⸗ der hören.“ Eduard ſchwieg und ſcrit auf dem Teppich ſeines Zimmers leiſe auf und ab. „Geh auf Dein Zimmer, Wolf,“ ſagte er endlich, „und bleibe wach. Beobachte Du den Garten, ich werde den Platz vor'm Hauſe bewachen. Morgen wollen wir berathſchlagen und dann augenblicklich handeln. Ich muß wiſſen, was um mich her vorgeht. Gute Nacht!“ Joſephſon war gegangen, Eduard blieb in ſtilles⸗ Nachdenken verſunken zurück. Ihm fiel der ſchweigende Amerikaner und der verlorene Schlüſſel ſeines Nachbar⸗ zimmers ein, und er fand zwiſchen dieſen Dingen eine Art Zuſammenhang, den der Bericht des aufmerkſamen Freun⸗ des noch feſter knüpfte. Es war nicht ſeine Art, die Geheimniſſe Anderer zu belauſchen und etwa in einem Hinterhalte die Ent⸗ wickelung derſelben abzuwarten. Hier aber ſchien man ihm ſelbſt, dem Beſitzer des Hauſes, etwas zu verbergen, was er wiſſen mußte, und ein eigenthümliches Etwas, für 17* das er keinen Namen hatte und das ſeine Nerven zum erſten Male in ſeinem Leben mit einem unbekannten gei⸗ ſtigeren und aufregenden Gefühle belebte, ermuthigte ihn, das, was Wahres und Wirkliches in dem Geheimniß lag, zu erforſchen. Bald hatte er ſeinen Entſchluß ge⸗ faßt und ſtellte ſich hinter dem Vorhange des Fenſters ſeines Wohnzimmers auf, welches auf die arteſiſche Quelle und darüber hinaus, auf den Fluß die Ausſicht bot. Die Nacht war ſtill und eine halblichte Dämmerung lag auf den verſchiedenen Gegenſtänden, ſo daß ſie wohl zu be⸗ merken, aber nicht vollkommen zu unterſcheiden waren. Als er ſo ſtill da ſtand und das Schlagen ſeines Herzens in der tiefen Einſamkeit vernahm, kam es ihm plötzliich vor, als ob er in der Ferne den Laut eines galoppiren⸗ den Pferdes vernähme. Leiſe öffnete er das Fenſter und horchte— nein! er konnte ſich nicht täuſchen, er hörte wirklich und deutlich die galoppirenden Hufſchläge eines, vielleicht auch mehrerer Pferde. „Es können auch Büffel ſein, die durch die Lichtung gegen den Fluß laufen, um ihren Durſt zu ſtillen,“ dachte er. In dieſem Augenblicke aber ſchien es ihm, als ſähe er hinter den Gebüſchen, die den Springbrunnen umga⸗ ben, eine Geſtalt hervortreten und ſich an das Ufer des Hudſon begeben. Er öffnete das Fenſter weiter, und nun verſicherte er ſich, daß er ſich nicht täͤuſchte. Die Geſtalt ſtand auf der Landungsbrücke, an deren nördlichem l. — ——j.— — ——j.— — 261— Ende das kleine Dampfboot vor Anker lag. Eduard verbarg ſich nicht länger, ſondern ſtand, von Außen ſicht⸗ har, in dem geöffneten Fenſterflügel. „Wer iſt da?“ rief er laut der Geſtalt zu, die er in ihren dunkeln Umriſſen nicht zu erkennen vermochte. Die Geſtalt ſuchte ſich auch nicht zu verbergen, trat hinter den Bäumen hervor und näherte ſich dem Fenſter, aus dem ihr der Zuruf ergangen war. Als ſie ganz nahe war, ſprach ſie, und nun erkannte Eduard an der Stimme Mr. Wharton. „Sind Sie noch wach, Sir?“ fragte dieſer.„Ich dachte, Sie wären längſt zur Ruhe.“ „Ich konnte nicht ſchlafen, und da blickte ich in die Nacht hinaus. Haben Sie aber Nichts gehört, Mr. Wharton?“ „Was denn?“ fragte dieſer mit etwas bebender Stimme, deren ungewöhnlich vorſichtiger Ton dem auf⸗ merkſamen Hutten nicht entging. „Mir war es, als ob ich da drüben am Ufer den Galopp einiger Pferde vernommen hätte.“ Die Antwort blieb etwas lange aus. Dann lau⸗ ete ſie: „Freilich habe ich es gehört, Sir, ich bin aber der Meinung, daß ſich eine Büffelheerde an den Fluß bege⸗ ben hat, und deshalb habe ich ſchon einige Leute Pulber 1 geſandt, um nachzuſehen.“ — — 262— „Unterrichten Sie mich doch morgen von dem Aus⸗ fall Ihrer Erfahrungen— gute Nacht, Mr. Wharton!“ Mann nicht aus den Augen. Und Eduard ſchloß das Fenſter, ließ aber den Da ſah er denn nach einer Weile, wie ſich zu der erſteren noch eine zweite Geſtalt geſellte, wie Beide ein Boot ſtillen Ruderſchlägen über den vernahm er in dieſer Nacht halb klaren Gedanken:„B vom Ufer löſ'ten und mit Fluß ſetzten. Weiter aber nichts, und mit dem nur „Wir können uns dennoch Beide getäuſcht haben, Joſephſon ſowohl wie ich!“ legte er ſich in ſein Bett. 9⁹ Viertes Kapitel. Der Hinterhalt und der wiedergefundene Schlüſſel. Am nächſten Morgen ſchlief er länger als gewöhnlich; Ithyſſa hatte ſchon, zwei Mal in ſeines Herrn Zimmer geblickt, ihn aber beide Male mit geſchloſſenen Augen ge⸗ funden. Die ungewohnten ſtarken Bewegungen des vori⸗ gen Tages und der beſtändige Aufenthalt in der friſchen Frühlingsluft mochten die Urſache dieſer Müdigkeit ſein. Als der Schwarze aber zum dritten Male wieder vergeb⸗ lich kam, ſchlich er ſich leiſe vor das Bett des Schlafen⸗ den und betrachtete ihn mit großer Zärtlichkeit und einem Strome uns noch unbekannter Empfindungen. „Maſſa— ſchöner, weißer Mann,“ ſagte er bei ſich,„ſehr, ſehr ſchön— und die ſeidenen langen Haare — Ithyſſa ſie wohl einmal anfaſſen möchte!“ Aber er wagte dennoch nicht, ſeine Hand danach auszuſtrecken und — 264— trat abermals zurück, um das Zimmer zu verlaſſen. Das Knarren der Thür weckte indeſſen diesmal auch den Schla⸗ fenden, der ſich wunderte, daß es ungeachtet der grünen Vorhänge im Zimmer ſchon ſo hell war. „Ithyſſa, biſt Du da?“ „Maſſa, hier!— gut geſchlafen, Maſſa, ganz vor⸗ trefflich!“ „Habt Ihr geſtern Abend Büffel gefangen?“ Der Schwarze glaubte, ſein Herr träume und ſah ihn mit großen Augen an. „Büffel?“ fragte er.„Wir haben ja keine gejagt, nicht einmal geſehen. Maſſa hat wohl davon geträumt?“ „Wahrſcheinlich, Ithyſſa;— rufe mir ſogleich Mr. Wharton herbei.“ „Mr. Wharton? Nein, Maſſa, der kann nicht kom⸗ men, Mr. Wharton iſt ſchon mit Tagesanbruch zu den Anſiedlern gerudert, um ihnen die verſprochenen Geräthe zu bringen. Ithyſſa ſoll grüßen, vor Abend kommt er nicht wieder.“ „Dann beſorge mein Frühſtück und erſuche Maſſa Joſeph, ſich zu mir zu bemühen.“ Der Neger verſchwand. „Das iſt doch ſehr ſonderbar,“ ſagte Eduard zu ſich. „Er entzieht ſich mir, will. Sicher hat er m eine Abſicht gemerkt, und da er mir nicht wieder eine Unwahrheit ſagen will, ſo hat er da ich ihn beſtimmt ausforſchen 1 A 1 —— 265 ſich entfernt. Auch gut, er wird zurückkommen; dann werde ich ihn auffordern, mich im ganzen Hauſe umher⸗ zuführen; es iſt heute ſchon der zweite Tag, daß ich hier 1 wohne und nur wenige Räume kenne. Einſtweilen wollen wir ſehen, was wir allein unternehmen können.“ Joſephſon kam und ſie frühſtückten zuſammen. Jetzt theilten ſich Beide Alles mit, was ſie wußten, oder viel⸗ mehr was ſie über das Daſein weiblicher Perſonen ver⸗ mutheten. Joſephſon war erfreut, ſich auf richtiger Spur zu ſehen und theilte in keiner Beziehung die ihm uner⸗ klärliche Beſorgniß ſeines Freundes, der das Geheimniß Anderer, wenn es ihn auch ſelber berührte, dennoch zu achten ſchien. 3 8„Aber Du haſt Recht, Wolf,“ ſagte er am Ende des Frühſtücks,„entweder bin ich alleiniger Beſitzer dieſes Hauſes oder ich bin es nicht. Es wird ſich bald zeigen. Warum verhüllt man mir etwas, was ich in kurzer Zeit entdecken muß?— Welchen Vorſchlag haſt Du zu machen, 1 uns zum Ziele führen könnte?“ „Laß uns augenblicklich das ganze Haus durch⸗ ſuchen.“— 8„Nein, das ſieht zu gewaltſam aus. Mr. Whar⸗ ton muß zurückkommen und dann ſoll er mich ſelber um⸗ 8 herführen. Sobald ich ihn auf dem geringſten Schwan⸗ ken ertappe, ſo greife ich ihn an, er wird Rede ſtehen, — denn ich habe Beweiſe gegen ihn. Auch habe ich einen — 266— beſſern Vorſchlag. Laß uns den heutigen Tag wie den geſtrigen in aller Ruhe hinbringen, damit man keine Un⸗ ternehmung von unſerer Seite befürchtet. Denn wenn wirklich Damen im Hauſe anweſend ſind, wie Du behaup⸗ teſt und auch ich beinahe glaube, ſo werden wir von ihnen in unſerm ganzen Thun und Treiben beobachtet, das iſt ſicher. Daher laß uns zuerſt wie geſtern eine Cigarre im Garten rauchen, zufällig berühren wir die Wege, die Du Deine Geſpenſter geſtern Abend haſt wandeln ſehen, und da können uns ihre Spuren nicht entgehen. Nach⸗ her reiten wir wieder— ja, ja, ich verſtehe— ohne Hunde und mit großer Vorſicht, Du ſcheinſt das unfrei⸗ wiltige Bad nicht zu lieben— dann verbringen wir den Tag theils im Freien, theils mit Schreiben, denn ich habe viel nach Hauſe zu berichten, und am Abend, wenn es dunkel iſt—“ „Nun— ſprich es aus— ich ſtimme Dir bei.“ „Mein Inneres ſträubt ſich noch dagegen, und doch iſt es nicht anders zu machen. Alſo Liſt gegen Liſt— ſie haben es ſich ſelbſt zuzuſchreiben. Abends alſo, wenn es dunkel iſt, begeben wir uns in den Park— „Man wird uns belauſchen—“ „Wir werden wieder belauſchen— die Ueberraſchung oder Ueberliſtung wird gegenſeitig ſein. Iſt es nichts, gut] dann rücken wir morgen dem Kaſſirer auf den Leib, — — 257— ſagen ihm, wir hätten geſehen, gehört, wir wüßten was er uns verberge und— nun ſei es an ihm, zu bekennen.“ „Bravo! das iſt ein Abenteuer! das liebe ich!“ „Es iſt mein erſtes und hoffentlich mein letztes.— Hier ſind Cigarren— da iſt Feuer. Ah! mir fällt noch etwas ein. Bevor wir heute Morgen reiten, wollen wir die Billardkugeln in ein beſtimmtes Netz legen, jeden Ball in ein anderes und uns genau Ball und Netz mer⸗ ken. Ithyſſa reitet mit— kommen wir wieder und ha⸗ ben wir wieder Beſuch gehabt, ſo ſehen wir es an den Bällen. Die Liebhaberei an dieſem Spiele ſcheint hier allgemein zu ſein. Ueberdies werde ich wie zufällig mei⸗ nen Schlüſſel von dieſem Zimmer mitnehmen und man kann dann nur durch die Thür im Schlafgemach hinein. Verſtanden?“ „Das iſt herrlich, mein Junge, prächtig! Nun wol⸗ len wir recht lange fortbleiben und den Vogel in die Schlinge locken. Aber ſtill— keine Miene darf verzo⸗ gen werden, Ithyſſa iſt ſicher mit im Bunde und hat Sinne wie zehn Menſchen zuſammengenommen.“ „Natürlich iſt er mit im Bunde, wie es Alle ſind Haha! Dies Spiel fängt an mich zu vergnügen. Ich habe immer nicht gewußt, wie die Leute an Kabalen und Intriguen Gefallen finden können, jetzt fange ich an es zu begreifen. Biſt Du fertig?— Gut, dann komm!“ Sie gingen langſam ſchlendernd in den Garten, wo 7 — 268— ſie Willibald ſchon am Aufnehmen und Abmeſſen des Ter⸗ rains fanden. Sie begrüßten ſich und ſprachen über die Zeichnung zuſammen. Eduard blickte ſich, nachdem ſie den Maler verlaſſen hatten, ſorgſam um und als er ſicher war, nicht belauſcht zu werden, ſagte er: „Nun laß uns langſam den Weg der Geſpenſter verfolgen und ihre Fußtritte aufſuchen.“ Sdiiee gingen, aber die Geſpenſter mußten entweder keine Fußſpuren hinterlaſſen haben, oder ein früh thätiger Gärtner hatte ſie bereits verwiſcht, denn die von Joſeph⸗ ſon als Pfad der Nachtgeſtalten angegebenen Wege waren alle friſch geharkt und nicht die geringſte Fußſpur auf ihnen zu entdecken. „Man iſt ſchlau, Wolf, bemerke es wohl. Wir ha⸗ ben mit einem klugen Feinde zu thun. Nun laß uns links abbiegen, nach der nördlichen Grotte hin, damit man, wenn wir beobachtet werden, nicht glaube, wir ver⸗ folgten einen beſtimmten Weg.“ „Sieh hier,“ rief der ſcharf umherſpähende Wolf, „da auf dem Roſenbeet iſt eine Hundeſpur.“ „Das will nichts ſagen. Hunde giebt es mehrere hier, aber Geſpenſterfüßchen nur zwei, und wenn wir ſolche Spuren finden, können ſie nur denen gehören, die Du wahrgenommen haſt.“ Man kam an die kleine Grotte; ſie war zwiſchen zwei breiten Platanenſtämmen errichtet, innen ganz mit —— — 269— Moos bekleidet und hatte eine Bank, auf der etwa vier Perſonen bequem neben einander ſitzen konnten. Drei Fenſter waren darin angebracht; eins ging nach hinten, den Stallungen zu, zwei nach beiden Seiten; vorne war ſie halb offen, denn die kleine nach außen aufgehende Thür nahm die Hälfte des Vordertheils ein. Man trat ein und ſetzte ſich einen Augenblick. Der Boden wie die Bank waren mit Moos belegt, man ſaß ſehr bequem und die dazu benutzten Kräuter athmeten einen ſtarken, beinahe betäubenden Duft aus. „Wie gefällt Dir das Ding, Wolf?“ „Als Schilderhaus vortrefflich. Es iſt abgemacht, ich werde es dieſen Abend bewohnen; wie aber ſollten wir ungeſehen hineingelangen?“ „Auf Umwegen— langſam— fein. Du ſiehſt, ich ſcheine beinahe bewandert auf ſolchen krummen We⸗ gen. Was doch die Natur nicht in den Menſchen ge⸗ legt hat! Ich hätte mir nie dieſe Vollendung im Schleich⸗ handel zugetraut.— Aber der Geruch hier ermüdet; es wäre ſpaßhaft, wenn einer von uns beiden morgen früh beim Sonnenaufgang auf ſeiner Wacht ſchlafend gefun⸗ den würde.“ „Ich ſchlafe nicht, verlaß Dich darauf. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich ſtelle mir zwei ſehr ſchöne Geſpenſter in den Unbekannten vor.“ „Glaubſt Du, daß ich ſie mir häßlich denke? Eigent⸗ — 270— lich habe ich ſie mir noch gar nicht gedacht. Es iſt wahr, wie werden ſie ausſehen?— Was lachſt Du?“ „Ich muß in der That lachen. Kaum lauern wir hier, eben erſt angelangt, zwei weiblichen Geſtalten auf, die wir noch nicht kennen, und ſchon kommt unſere Phan⸗ taſie herbei und ſchmückt ſie mit allen Reizen der Schön⸗ heit aus. So iſt der Menſch. Wenn es aber nun zwei Milchmädcheu wären— Schwarze vielleicht— hu!“ „Du erſchreckſt mich, Wolf, das war keine angenehme Vorſtellung. Wollen wir es lieber laſſen?“ „Dein Unternehmungsgeiſt iſt nicht weit her, Du biſt doch nur ein anfängeriſcher Stümper. Spielen zwei Milchmädchen Billard? Rauſchen ſie mit ſeidenen Kleidern? Duften ſie, wie dieſe Geſpenſter duften? Haha! Das iſt niederſchlagend und erhebend zugkeich.— Da ſind wir am Stalle.“. Sie traten ein und begaben ſich zuerſt zu Kortes, dem Schimmelhengſt. Das Thier lag gegen ſeine Ge⸗ wohnheit auf ſeiner weichen Streu von Waldmooſen und ſchien ermüdet. 1 „Warum liegt der Schimmel?“ fragte Eduard den Neger. „Maſſa— weiß nicht.“ „Iſt er geritten worden oder überhaupt ausgeweſen?“ „Maſſa— ich es nicht geſehen.“ Sie gingen in die Umzäunung, in der die ſchwarzen — 241— Hengſte ihre Sommerwohnung hatten. Zwei von ihnen lagen ebenfalls. Ein zweiter Neger, mit derſelben Frage Kedacht, gab dieſelbe ausweichende Antwort. Man befahl die zwei aufrecht ſtehenden Hengſte und einen der liegen⸗ den zu ſatteln, der letztere war der fromme Ralph, den Joſephſon zu ſeinem Ritte einmal beſtimmt hatte. Nach einer halben Stunde wurden die drei Pferde über den Hudſon gefahren und Ithyſſa mußte die beiden Freunde zum Morgenritt begleiten. Eduard war ſchweig⸗ ſam. Er ſuchte am jenſeitigen Ufer des Hudſon ver⸗ geblich nach Büffelſpuren, nur Pferdehufe, dem feſten .Waldboden eingedrückt, ließen ſich ſehen.„Beinahe ver⸗ muthe ich,“ flüſterte er Joſephſon zu,„wer die galoppi⸗ renden Büffel in der Nacht waren.— Da man ſich bei Tage keine Bewegung machen kann, ſo wählt man eine warme Mondſcheinnacht dazu. Der Gedanke iſt ſo übel nicht. Aber Wharton, Du Schelm, Du haſt dort drüben Wache geſtanden und den Rapport herübergebracht, daß wir wachſam ſind. Aha! Nun— heute Abend, und dann morgen früh!“— Die Reiter hatten die Pferde beſtiegen und ritten langſam die Lichtung des Waldes hinauf. Ithyſſa ritt zwiſchen Beiden; ſie hatten heute mehr Raum, da ſie nur zu Dreien waren. Der wohlgeſchulte Neger ertheilte den praktiſchſten Unterricht. Er zeigte, wie man dieſe Art Pferde leicht führen müſſe, wie lenkbar ſie ſeien, und wie — 222— es bei ihnen unicht des Sporens oder der Peitſche bedürfe, ſie in alle mögliche Gangarten zu bringen. Das mexika⸗ niſche Pferd iſt und bleibt, es mag dreſſirt ſein wie es will, ein Naturpferd, eben ſo wie der Indianer eine rothe Haut bleibt. Das Feuer, welches in dieſer Race ſchlum⸗ mert, das natürlich ſiedende Blut, das ſich mit ſeinen eigenen Zähnen einen oft heilſamen Abfluß verſchafft, lei⸗ tet alle ſeine kühnen Bewegungen, beherrſcht ſeine elaſtiſche Kraft. Wenig Futter, geringe Pflege nur iſt hinreichend, dieſe edlen Thiere bei aller Munterkeit und angeborenen Schönheit zu erhalten, gutes Futter und ſorgſame⸗Pflege machen erſtaunenswerthe Wunder daraus.— Es war ein herrlicher Anblick, den ſchönen jungen Schwarzen mit den elaſtiſchen Gliedern, der bronzenen Farbe, dem klaſſiſchen Kopfe in der maleriſchen Kleidung, die er jetzt trug, auf dem Rücken des brauſenden Roſſes zu ſehen, das er mit einer kaum ſichtbaren Hand⸗ oder Schenkelbewegung, mit ſeiner liebkoſenden, beinahe klagend weichen Stimme lenkte, wohin er wollte. Roß und Reiter waren ein Weſen, ein Gemiſch von Kraft, Biegſamkeit und Schnelligkeit, das in Erſtaunen verſetzte. Ithyſſa war geſchmeichelt, ſeine Künſte ſo bewundernden Augen zeigen zu dürfen, er ritt Schritt, Trab, Galopp, Karriere, Volten, parirte im ſchnellſten Laufe, und ſaß ſtets wie eine biegſame Sta⸗ tue auf dem Thiere, das ſich allen ſeinen Wünſchen und Launen anzuſchmiegen ſchien. Joſephſon war ganz glück⸗ — 233— lich, einen ſolchen Lehrmeiſter gefunden zu haben und auch CEduard lernte viel von ihm. Ithyſſa wunderte ſich nicht wenig, als er ſeinen Herrn und Maſſa Joſeph den heutigen Morgenritt ſo un⸗ gewöhnlich verlängern ſah, denn die Sonne war ſchon über ihren Zenith hinaus, als ſie wieder an das Ufer des Hudſon zurückkehrten und die Pferde überſetzen ließen. Heute ging es ohne Bad ab und Joſephſon war über ſeine trocknere Hinüberkunft nicht wenig entzückt. Eduard fühlte ſein Herz klopfen, als er in ſein Zim⸗ mer trat, denn wieder athmete er den unbekannten ſüßen Duft ein und auch Joſephſon, der ihm ſogleich gefolgt war, nahm ihn ohne Frage wahr. Beide ſahen ſich an. Eduard zögerte, das Billardzimmer zu betreten. Es war ihm, als ſtände er unmittelbar an der Schwelle eines neuen, ihm noch unbekannten Glückes, ſo dunkel es auch vor ſeinen Blicken lag, ſo wenig er ſich enträthſeln konnte, ob das, was er erwartete, ein Glück oder das Entgegen⸗ geſetzte davon ſein könnte. Aber die ahnungsvolle Seele des Menſchen, wenn er einmal auf der Fährte einer neuen Räthſellöſung iſt, ſtürmt unaufhaltſam weiter vor und ver⸗ gebens vermag der kältere Verſtand den Schleier dieſes göttlichen Geheimniſſes zu heben.. Zoſephſon trat zuerſt in das Zimmer. Er winkte dem zagenden Freunde näher zu kommen. Beide ſprachen nicht— in ſolcher Spannung befanden ſie ſich. Der Inſelkönig. Tv. 8 1 — 274— Und da ſtanden ſie nun und ſahen ſich, von wun⸗ derbaren Gefühlen ergriffen, ſchweigend an, denn es war unzweifelhaft, auch das Billardzimmer war in ihrer Ab⸗ weſenheit wieder betreten worden, das bezeugten mit un⸗ widerleglicher Wahrheit die mit Abſicht vertheilten Bälle. Wieder zwar lagen ſie, ein jeder in ſeinem Netz, und das eine, worin keiner gelegen, war leer, die Bälle ſelbſt aber waren verwechſelt, denn ſchon in dem erſten zur rechten Hand lag die Karoline, da die jungen Männer vorher den Spielball mit einem Punkte hinein gelegt hatten. In dem Netze zur Linken, wo der mit zwei Punkten gelegen, lag der bei uns ſogenannte Kreuzball und ſo waren auch die übrigen verwechſelt. „So viel iſt gewiß,“ ſagte Zoſephſon leiſe,„die Ge⸗ ſpenſter ſpielen auch Billard.“ „ und der Schlüſſel zu jener Thür,“ fügte Eduard — Finzu⸗„iſt nicht verloren, ſondern nur in den Händen der Geſpenſter. Ich bekomme Angſt vor der Nacht, Wolf, ieſ Geſpenſter werden uns zu ſchaffen machen.“ „Ich nicht, mein Junge, wir werden ihre Geſtalten und hoffentlich auch ihre Geſichter ſehen. Ich bürge Dir dafür. Sie ſind nicht, wie wir dachten, ganz göttlicher Natur, denn ſie laſſen ſich überliſten, Dein Gedanke war vortrefflich. Ich freue mich ſogar auf mein Sohilderhans heute Abend.“ Man ging zu Tiſche. Es wurde wenig geiprochan — 279— aber der junge Beſitzer von Huttenpark verſchmähte es heute. nicht, ein paar Gläſer perlenden Schaumweins auf das Gelingen des Hinterhaltes mit ſeinem Freunde Den Nachmittag verbrachten die jetzt mit großer Um⸗ ſicht handelnden beiden jungen Männer mit Vermuthun⸗ gen über den Ausfall ihres nächſten Abenteuers und mancherlei Vorbereitungen dazu; trotzdem aber konnten ſie zu keinem feſten Entſchluſſe kommen, da ſie nicht einſahen, wie ſie unbemerkt bei Nacht in den Park gelangen könn⸗ ten, zumal vorauszuſetzen war, daß die geſpenſtiſche Partei, falls ſie wieder einen nächtlichen Spaziergang unternahm, ihrerſeits vorſichtig zu Werke gehen und genaue Erkundi⸗ gungen über den Stand der Angelegenheiten einzichen. 1 würde. Man war geneigt, einen ſehr ſchlauen Gegn⸗ anzunehmen und bereitete ſich daher auf ſichre und 3 Ziele führende Mittel vor. Endlich glaubte Hutten den Weg gefunden zu haben, der das Beſte verſprach, und er theilte ihn ſeinem Freunde mit, der ihn billigte, worauf man ſogleich zur Ausführung ſchritt. Es war Abends ſieben Uhr, als ſich Joſephſon entfernte und der treue Neger zu ſeinem jungen Herrn berufen wurde. Er kam ſogleich. 18* — ᷣ— „Ithyſſa,“ redete dieſer ihn freundlich an,„Du biſt Deinem früheren Herrn, meinem Adoptivvater, treu und ergeben geweſen bis in den Tod.“ Der Neger verbeugte ſich und legte bedeutſam die Hand auf die Bruſt. „Ich weiß es und liebe Dich deshalb und würde Dir ſelbſt mein Leben anvertranen. Aber warum haſt Du ein Geheimniß vor mir?“ Bei dieſer unvermutheten Frage, die ſo plötzlich und offen ausgeſprochen wurde, wäre der Schwarze gewiß bleich geworden, wenn er überhaupt hätte erbleichen kön⸗ nen. So aber ſchimmerte nur die bronzene Färbung, die unter ſeinen Wangen ſpielte, deutlicher hervor und ſein Geſicht nahm einen beinahe goldigen Glanz an, während ſein glänzendes Auge ſich öffnete und glänzendere Strah⸗ len ſchoß. Er trat einen Schritt zurück und beugte vor 8 dem unvorhergeſehenen Schlage das Haupt. 3„Sprich,“ fuhr der Herr milde fort,„biſt Du ge⸗ gen mich oder für mich?“ „Maſſa, lieber, guter Maſſa,“ bat der Neger mit beinahe weinerlicher Stimme,„Ithyſſa iſt nicht daran ſchuld, daß er etwas vor Maſſa verbergen muß. Ithyſſa großes Gefühl, tiefes Gefühl— hier in der Bruſt— und große Freude, wenn Alles vorbei iſt, aber— Maſſa — Ithyſſa— ſtumm!“ „Warum biſt Du ſtumm? Eben das frage ic. 4 —— —— — 2797— „Ithyſſa hat es Cigarita geſchworen.“ „Cigarita?— Alſo ſchon ein Name,“ dachte Eduard „Cigarita?“ wiederholte er leiſe,„wer iſt das?“ 3 Der Neger erſchrak und ſeine mächtigen Glieder wurden von einem merklichen Beben ergriffen, als er fühlte, daß er ſich ſo leicht hatte zum Plauderu hinrei⸗ ßen laſſen. „Cigarita?“ fragke er leiſe,„wer das iſt? Maſſa— das iſt es ja— ich habe es geſchworen, nicht zu ſagen, bis es Maſſa erfahren.“ „Ich habe es ja nun erfahren, alſo ſprich.“ „Nein, Maſſa weiß noch gar nichts; Cigarita iſt Nichts— Staub— eine vorüberſchwebende Wolke— mehr kann Ithyſſa jetzt nicht ſagen— ſpäter Alles.“ „Gut, ich bin damit zufrieden, ich werde bald Alles erfahren haben. Ich will es ſelbſt erkunden und heute noch. Du freuſt Dich darüber, ich ſehe es, Du wirſt mir daher behilflich ſein, meinen Zweck zu erreichen, weiter will ich von Dir nichts.“ „Wenn Ithyſſa ſchweigen darf, will er Alles thun, was Maſſa gefällt. Ach! Ithyſſa iſt ſehr unglücklich, daß er ein Geheimniß vor Maſſa hat.“ „So verſprich mir, heute Niemandem mitzutheilen, was jetzt zwiſchen uns vorgefallen iſt. Gic mir Deine Hand darauf.“ Ithyſſa reichte freudig die Hand hin und aicf — 27— „Ithyſſa gelobt es und Ithyſſa hat niemals ge⸗ logen.“— „So thue was ich Dir ſage. Gehe hin und erzähle, wenn Du es willſt, daß ich und mein Freund heute am ſpäten Abend über den Hudſon gehen und die galoppiren⸗ den Büffel ſuchen will.“ „Aber es ſind jetzt keine Büffel im Walde, Maſſa, nur Hirſche und Rehe; im Herbſte erſt kommen die Büf⸗ fel hierher.“ „Das iſt einerlei. Genug, man mag glauben, ich ſuche die Büffel. Du ſollſt uns begleiten. Trage die dazu nöͤthigen Geräthe und Waffen zuſammen, ſo daß man unſere Vorrichtungen ſieht, und um zehn Uhr Abends, wenn der Mond am hellſten leuchtet, rüſte ein Boot und rudere uns über den Fluß.“ —„Ach— Ithyſſa verſteht— es ſoll nur ſo ausſe⸗ hen. Gut, es wird Alles beſorgt werden.“ „Aber kein Wort weiter, bei Deinem Leben.“ „Ithyſſa gelobt es noch ein Mal. Aber will Maſſa wirklich auf die Hirſchjagd gehen?“ 5 „Das wirſt Du ſehen. Jetzt thue, wie Du ver⸗ ſprochen.“ Der Neger entfernte ſich mit einem Freudenſtrahl auf ſeinem dunkeln Geſicht und eine halbe Stunde ſpäͤter wußte Jedermann auf dem Landgute, daß Maſſa Hutten — 279— glaube, Büffel im Walde gehört zu haben und daß er die Aͤchſte Nacht benutzen wolle, um ihnen aufzulauern. Das 3 war gerade, was Eduard bezweckte. Er ging zu Joſeph⸗ ſon und theilte ihm jedes Wort mit, was er geſprochen und gehört hatte. Die Freunde lachten und freuten ſich im Voraus ihrer Liſt. Es war jetzt beinahe acht Uhr. Sie begaben ſich mit Kannenſchmidt in's Billardzimmer und ſpielten abwechſelnd, um ſich die Zeit zu vertreiben. Mr. Wharton erſchien nicht und das war den Freunden ganz lieb. Um zehn Uhr ging man zu Tiſche, und als das Mahl beendet war, erfuhr Willibald, daß man eine Jagd beabſichtige, und im Geheimen erhielt er den Wink, den Abend über ſein Zimmer nicht mehr zu verlaſſen. Er willigte gern ein und ſetzte ſich an ſeine Arbeit, bis er um zehn Uhr das Lager ſuchte, worauf er auch nicht wei⸗ ter geſtört wurde. Nicht ſo Eduard und Wolf. Sie begaben ſich auf ihre Zimmer und kleideten ſich zu ihrem Scheinvorhaben jagdmäßig an, denn ſie wußten wohl, daß ſie genau beobachtet werden würden. Punkt zehn Uhr erſchienen ſie an der Landungsbrücke, ein Neger trug die Gewehre und Jagdmeſſer in das Boot und ein ande⸗ rer hielt zwei mächtige Büffelfänger an der Leine. Als Joſephſon die Hunde ſah, die er für ſeine erbittertſten Gegner hielt, wurde er unruhig. Schon wollte er fra⸗ gen, als Eduard, der ſein Stillſchweigen richtig deutete, ihm einen Wink gab und zum Fortſchreiten ermunterte. — 280— Die beiden jungen Männer ſprangen in das Boot, Ithyſſa folgte und ergriff die Ruder, nachdem er die Hunde im Boote angefeſſelt hatte. Dieſe, da ſie die Zurüſtungen zur Jagd ſahen und kannten, hielten ſich ſtill, indem ſi ſie ſich auf den Boden des Bootes unmittelbar neben ihre Herren legten. Die Neger am Lande ſtießen das Boot ab und empfahlen ſich. Mit ein paar Ruderſchlägen waren die Nachtwandler außer dem Bereich menſchli⸗ cher Stimmen und Ohren und nun begann Eduard das Heſprüch. „An die Hunde, Ithyſſa,“ ſagte er,„habe ich nicht gedacht, ſie hindern mich an meinem Vorhaben.“ „Sie mußten aber dabei ſein, Maſſa, ſonſt haͤtte Niemand an unſere Jagd geglaubt. Sie ſollen aber ſchweigen und Maſſa in keiner Weiſe läſtig ſein. Wenn Ithyſſa nur weiß, was er thun ſoll.“ „Du haſt mit Ueberlegung gehandelt, ich ſehe es bin Dir dankbar dafür. Für's Erſte rudere nur gerade über den Fluß. So. Die Richtung iſt gut Das Weitere ſollſt Du nachher erfahren.“ Es war eine warme, liebliche Nacht, wie ſie in die⸗ ſen Breitegraden gegen Ende des Mai nicht ſelten iſt. Die hell goldene Mondſichel, die ſich ſchon bedeutend ge⸗ füllt hatte, ſtand gerade über dem Hudſon, der wie ein glänzender ſilberner Streifen ſeine ſtillen Wellen dem Meere entgegenwälzte. Nur auf der jenſeitigen Hälfte — 281— war er von dem hohen Urwalde tiefer beſchattet und die⸗ ſer Schatten war an der Grenze, wo Dunkel und Licht ſich ſchied, durch einen ſchwarzen ſcharfen Strich im Waſ⸗ fer bezeichnet. Als ſie dieſen Strich hinter ſich hatten, fragte Eduard: 3 „Ob ſie wohl drüben nach uns ſchauen werden, Ithyſſa?“ „Gewiß werden ſie das, Cigarita hat ſcharfe Augen; auch werden ſie die Ohren öffnen, den Donner der Büch: zu hören.“ 8 „Da iſt ſie wieder, die Cigarita,“ ſagte Joſephſon lateiniſch zu ſeinem Freunde.„Ein hübſcher Name, beim Zeus! Frage ihn doch, wer dieſen Namen trägt.“ „Nein, das werde ich nicht thun,“ lautete die Ant⸗ wort, ‚ich will ihn nicht ferner in Verlegenheit ſetzen.“ Dann die deutſche Sprache wie gewöhnlich wählend, die faſt alle weißen Diener Mr. Huttens außer der engliſchen ſprachen, wandte er ſich wieder an den Neger. „Wie iſt es mit den Hunden drüben in Huttenpark, liegen ſie des Abends an der Kette?“ „Gewöhnlich nicht, Maſſa, aber ſeit vorgeſtern Abend ſind ſie eingeſchloſſen. Heute, wo wir Büffel oder Hirſche jagen wollen, ſind alle angekettet bis auf einen, denn wenn ſie hier eine Jagd wittern, ſchwimmen ſie über das Waſſer.“— ————— — 282— * „Gut. Aber Du ſagſt bis auf einen. Welcher eine iſt dies?“ 3 „Das iſt Kolumbus, der größte und ſtärkſte von allen, der weicht nicht von Cigarita's Seite.“ 1 „Aha! das iſt gut.“ 6 „Das iſt ſchlimm;“ ſagte Joſephſon.„Bedenke doch, wenn uns der Hund witterte!“ „Wenn er uns wittert, Wolf? Was ſchadet das? Wenn er uns wittert, muß er draußen ſein und wenn er draußen iſt, ſo ſind auch Andere draußen und wir wittern dann auch.“ Der Neger lachte über den richtigen Schluß dieſer Witterung und freute ſich, obwohl man nicht recht wußte worüber, wenn man nicht annehmen wollte, daß er der Löſung des allgemeinen Geheimniſſes freudig entgegenging. „Es kommt nur darauf an, zu wiſſen,“ meinte Eduard wieder,„ob Kolumbus ein böſes Thier iſt, 1 99 nicht.“ „Kolumbus böſe? Nein, Maſſa, nein, er iſt frei⸗ lich der ſtärkſte von allen, aber auch der frommſte und zahmſte.“ „Nun, ſiehſt Du wohl, Deine Hundebeſorgniß iſt umſonſt.“ „Ich weiß nicht, ob ſie umſonſt iſt. Mir beſagen dieſe Hunde nichts Gutes, ich mag ſie nicht leiden.“ Jetzt war man dem Ufer nahe gekommen. Das — 28a— 4 Boot fuhr knirſchend auf den Sand und dann ſtand es ſtill. Die Männer ſprangen hinaus, Ithyſſa, der die Hunde an der Leine hielt, zog den Kahn höher auf das Land und blickte dann fragend ſeinen Herrn an, da er nicht wußte, was nun geſchehen ſollte. Alle Drei ſtan⸗ den im tiefen Schatten der Hängeweiden und horchten eine zeitlang hinüber über den Fluß, ob ſie wohl etwas zu hören im Stande wären. Das Landhaus war im grellen Mondlichte deutlich ſichtbar, erleuchtete Fenſter aber ſah man nicht, da jeden Abend die grünen Jalouſieen rings herum geſchloſſen wurden, „Sage mir, Ithyſſa, kann man auf irgend eine Weiſe vom Ufer drüben unſer Thun erſpähen?“ „Kein Auge kann das, ſelbſt Cigarita's nichf⸗ Seit⸗ dem wir über den ſchwarzen Strich im Waſſer fort ſind, ſind wir alle zuſammen ihren Augen entſchwunden.“ „Dann iſt es gut. Nun müſſen wir aber zeigen, daß wir hier ſind. Halte die Hunde feſt, Ithyſſa,** wollen ein paar Büchſen losſchießen.“ 1 „Aber nicht zu raſch, Maſſa, nicht zu raſch! Ciga⸗ rita iſt eben ſo klug, wie ſie gut ſieht und hört.“ „Dein Rath ſoll befolgt werden, erwarte uns hier am Ufer, aber halte die Hunde feſt.“ Beide verließen das Ufer und verloren ſich in dem Schatten der Lichtung, nur der helle Streif des blauen Himmels über derſelben gab einige ſpärliche Beleuchtung. — 284— „Wie man hier in dieſer Dunkelheit reiten kann, be⸗ greife ich nicht,“ bemerkte Eduard. 8 „Ich auch nicht, unſere Augen ſind aber weniger daran gewöhnt, als die anderer Menſchen; auch ſcheint mir die Finſterniß abzunehmen, je länger wir hier gehen.“ „Das iſt wahr.— Siehſt Du keinen Büffel?“ Joſephſon lachte laut auf und Eduard ſtimmte herz⸗ lich mit ein. „Es thut mir leid,“ ſagte er,„Jemanden täuſchen zu müſſen, ich habe das nie gethan. Aber man greift uns an und wir müſſen uns vertheidigen. Wie nennt das Deine juriſtiſche Sprache?“ 3„Erlaubte Nothwehr,“ lachte Joſephſon.„Aber jetzt, denke ich, können wir ein Mal losknallen. Sieh, iſt da nicht ein kleiner Büffel?“ Und er legte an und ſchoß in einen dicht vor ihm ſtehenden Baum, daß die Splitter davon flogen. „Getroffen!“ rief er,„er muß verenden.“ 4 Beide lachten wieder überlaut, ſo daß das Echo ihre Stimmen zurückgab. Kaum aber war der Schuß gefal⸗ len, ſo hörte man das Geheul der vom Neger gehaltenen Hunde, die der Meinung waren, man entziehe ihnen ihre Beute.— „Bravo!“ rief Wolf.„Die Meute beſtätigt unſere kühne Jagd. Nun lade ihn auf Deinen Rückell oder ſchieße erſt einen zweiten.“ 8 — 285— Der zweite Schuß krachte; das Geſplitter des Hol⸗ zes, das Gelächter, das Echo, das Hundegeheul folgte wie das erſte Mal. 1 ¹ „Nun haben wir genug Wild!“ rief Eduard,„laß uns an das Boot zurückkehren!“ Bald hatten ſie es erreicht; Ithyſſa zeigte ſeine blen⸗ denden Zähne, als er die Herren ohne das Wild ſah. Jetzt folgte eine kurze Berathung. Nachdem dieſe vor⸗ über war, beſtiegen Menſchen und Hunde wieder das flott gemachte Boot und der Neger griff alsbald zum Ruder. „Nun fahre ſtromabwärts, Ithyſſa, denn Du haſt Recht, ſie werden drüben unſer Boot von Norden her zu⸗ rückerwarten, da man nicht zuletzt, ſondern zuerſt gegen den Strom ſchifft. Halte nur die Hunde ruhig und ſuche dieſſeits des dunkeln Striches zu bleiben, bis wir um die Krümmung des Fluſſes herum ſind.“ Der Neger gehorchte und das Boot ſchoß mit der abwärts fließenden Welle dahin. „Sie werden am Lande lange auf uns warten,“ ſagte Joſephſon. 3 3 „Gewiß, Maſſa Joſeph, Jack und Philipp ſind auf der Lauer, wie alle Abende.“ Ithyſſa wußte jetzt, was ſein Herr beabſichtigte oder vermuthete es wenigſtens. Er freute ſich inniglich, daß bald alle Geheimniſſe aufgeklärt ſein würden, denn in ſei⸗ nem Sinne dachte er nichts Anderes, als daß die beiden 4 — 286— Europäer die Amerikaner, die ſie vermutheten, jagen und fangen wollten und beinahe hätte er auch nicht ganz Un⸗ recht gehabt. Jetzt war man über die Krümmung des Fluſſes hin⸗ 4 aus und die Gefahr, vom jenſeitigen Ufer beobachtet zu werden, war vorüber. Noch eine kurze Zeit ruderte Ithyſſa ſtromabwärts, dann einem vom Landhauſe ſüdlicher gele⸗ 4 genen Landungsplatze zuſtrebend, trieb er das Boot raſch quer über den Strom, wobei er das laute Plätſchern der Ruder ſorgfältig vermied. Endlich war man am Ufer. Die beiden Europäer ſprangen an's Land. Ithyſſa be⸗ ſchrieb ihnen, ſo gut er vermochte, den Weg, den ſie zum Landhauſe einzuſchlagen hätten und übernahm die ſchwei⸗ gende und unthätige Rolle, die ihm für heute aufgegeben war, das heißt im Boote ſitzen zu bleiben, die Hunde zu halten und zu warten, bis ſein Herr ihm einen Neeer ſchicken würde, der ihn nach Hauſe beordern ſollte. 3 Laſſen wir ihn in ſeiner ſtillen Herzensfreude in der 3 milden Mainacht ſitzen und den langſam dahin wandeln⸗ den Mond betrachten. Begleiten wir lieber die beiden Freunde, denen das Herz um ſo ſtärker ſchlug, je mehr ſie ſich dem Orte und der Zeit ihres Vorhabens näherten. Das Boot hatte ſüdlich vom Landgute angelegt. Bevor ſie ſich demſelben wieder näherten, mußten ſie einige Aecker und Wieſen überſchreiten, die einem Nach bar Mr. Huttens gehörten. Raſch flogen ſie darüber hin — 282— und ſchauten ſich nach allen Seiten um, obwohl ſie nicht u befürchten hatten, hier von irgend einem Menſchen er⸗ n ſpäht zu werden. Unmittelbar an die Aecker ſtieß ein keines, zum Theil gerodetes Gehölz. Hier hielt ihren eilenden Fuß das junge Geſtrüpp des neuen Jahres auf, das in dieſen fruchtbaren Ländern nur einiger Frühlings⸗ 4 monde bedarf, um ein dichtes Gewirr langer Wurzel⸗ faſern zu bilden. Auch dieſes Gebüſch überwanden ſie ſchnell und ſahen nun die grüne lebendige Hecke vor ſich, von welcher, wie bereits erwähnt, das ganze Landgut um⸗ 4 geben war. Obgleich dieſe Hecke ziemlich hoch war, ſo hielt ſie doch die kräftigen und gewandten Männer nicht auf und nach einigen Minuten ſtanden ſie zwiſchen den blühenden Gebüſchen des eigenen Parkes. Jetzt hatten ſie mehr Urſache, ſich vorſichtig nach allen Seiten umzu⸗ blicken; wie ſie aber auch die Näͤhe und Ferne mit ihren Augen durchſuchten, nichts Störendes ſiel ihnen auf. LEiiſe ſchleichend, von Buſch zu Buſch ſpringend, näherten ſie ſich der Stelle, wo die Mooshütte ſtand, die der, welche ſie heute Morgen beſucht hatten, gerade gegenüber, alſo den Stallungen und Hundehütten am Fernſten lag. Flüchtig wie Hirſche, die ſich dem nachfolgenden Jäger entziehen wollen, huſchten ſie in die Grotte und hier erſt ſchöpften ſie, von dem ſchnellen Laufe ſich erholend, fri⸗ — ſchen Athem. Sie ſetzten ſich einen Augenblick ſchweigend auf die Moosbank und vergönnten ihren raſch klopfenden — 288— Herzen die nöthige Ruhe. Dann erhoben ſie ſich wieder und unterſuchten durch die kleinen Fenſter nach allen Rich⸗ tungen den Park. Aber nichts war zu ſehen, und ob⸗ gleich ſie die Thür weit offen gelaſſen, auch nichts zu hören, als der ſchwellende Ton der im nächſten Gebüſche klagenden Nachtigall. Der Mond warf ſeine hellſten Strahlen auf die Stelle des Parks, welche vor der Grotte lag, nur im nahen Weſten zogen einige Wolken heran, die ſich langſam der Mondſcheibe näherten. „Wenn die Wolken da oben den Mond erreichen,“ ſagte Joſephſon leiſe,„ſo iſt der Garten dunkel und wir werden gar nichts ſehen. Meine armen Augen werden beinahe alle Tage trüber.“ „Haſt Du die Brille nicht?“ „Gewiß habe ich ſie, aber was nützt ſie mir im Dunkeln?— Was mag wohl die Uhr ſein?“ Eduard ließ die ſchöne Uhr, die er von Mr. Hutten geerbt hatte, repetiren und man erfuhr, daß es Halh zwölf war. „Am Ende ſind ſie ſchon zu Bette,“ meinte der kurz⸗ ſichtige Joſephſon. 3 „Das glaube ich nicht. Sie können nur bei Nacht friſche Luft ſchöpfen, und da ſie heute wegen des beſetzten Waldes drüben nicht reiten können, ſo bleibt ihnen nur der Spaziergang im Park. Jedenfalls haben wir nichis Perloren⸗ wenn wir ſie erſt morgen treffen.“ — 289— Stutt⸗ wisperte Joſephſon, deſſen Ohren beſſer warett als ſeine Augen.„Mir kam es ſo vor, als hütt ich ſo eben ein fröhliches Gelächter.“ Augenblicklich ſchwiegen beide ſo ſtill, wie das Häus⸗ * ſelber, in deſſen Hintergrunde ſie kauerten. Und in der That, ein leiſes Geflüſter in der Ferne, als wenn zwei heitere Mädchen mit ſilberklarem Tonfall lachten und ſcherzten, wiederholte ſich, ja, wurde von Augenblick zu Augenblick lauter.. Der Weg, der zur Grotte führte, war, wie die übrigen alle, breit, aber ſchlangenförmig gewunden, ſ ſo daß man ihn nur etwa auf achtzig bis höchſtens hundert Schritt überſehen konnte; an ſeiner rechten und linken Seite ſtanden einzelne Baumgruppen, um welche herum duftende Blumenbeete in Korbgeflecht gezogen waren. Als das heitere und unſchuldige Lachen näher kam und wie das Läuten eines ſilbernen Glöckchens im Walde ſich hören ließ, faßte Eduard Joſephſons Arm feſt und drückte den aufwallenden Freund buchſtäblich zu Boden. „Wolf,“ flüſterte er leiſe,„mein Herz ſchlägt, daß es mir bis in den Kopf hinauf tönt, wir ſpielen her eine ſchlechte Rolle.“ „Ich weiß nicht, was du willſt, wir ſielen gar keine Rolle, wir ſitzen ganz ruhig in unſerer Grotte und beobachten nur als Zuſchauer die Rolle, welche andere vor uns aufführen.— Siehſt du t keinen Hund?“ 19 Der Inſelkönig. IV. „Nein, aber auch keinen Menſchen. Vor dem Hunde fürchte ich mich nicht, wohl aber vor den unſchuldigen Menſchen.“ Menſchen nicht, wohl aber den Hund.“ 6 „Still! da ſind ſie, ich höre ſchon ihren Shritt auf dem Kieſe kniſtern. Bei Gott! Deine Geſpenſter wandeln in rauſchender Seide einher, hörſt Du?“ Man hörte ganz deutlich den eigenthümlichen Ton, den ein langes ſeidenes Damenkleid im Gehen verurſacht. Es verging kaum eine halbe Minute und um die Biegung am Ende des Ganges traten zwei weibliche Geſtalten langſam daher, indem ſie bald ſtehen blieben und ſpra⸗ chen, bald weiter gingen. Noch konnte man nicht ein⸗ mal ihre Umriſſe erkennen, ſie gingen aber dicht neben einander, als wenn ſie ihren Arm in einander Berſchlum⸗ gen hätten. Die Freunde hielten ſich trotz ihrer zunehmenden Aufregung ſtill. Eduards Herzklopfen wurde ſo ſtark, daß er beinahe nur dieſes hörte und ſeine Augen drangen ſo weit und ſcharf in die matt erleuchtete Ferne, daß ſie ihn anfingen zu ſchmerzen. Joſephſon dagegen, als er keinen Hund ſah, den er zumeiſt und zunächſt fürchtete, wurde allmählig ruhiger und freute ſich wie ein Kind, dem eine klug angelegte Liſt zu gelingen ſchien. 3 „Wenn ſie hierher kämen und ſich auf unſern Schooß „Bei mir iſt es gerade umgekehrt, ich fürchte die — 291— ſetzten, wie gefiele Dir das?“ fragte er ſo leiſe, wie er konnte.— „Scherze nicht, mir iſt wunderbar ernſt zu Muthe. 4 Sctill! ich glaube, ſie ſprechen.“ Langſam kamen die Geſtalten näher. Beide ſchie⸗ nen groß zu ſein, ſicher aber war die eine größer als die andere. Beide waren in dunkele lange Gewänder gehüllt; an der größten aber ſchien bisweilen, bei einer ihrer etwas haſtigen Armbewegungen, etwas Glänzendes in den flim⸗ mernden Strahlen des Mondes zu blitzen. Sie ſprachen jetzt wirklich, und in der Stiee der Nacht tönten ihre. Stimmen lauter, als ſie waren. Die eine Stimme, die der größeren, ſprach in einem reinen Alt, die andere, viel weicher und feiner, war eine glockenreine Sopranſtimme von unendlich lieblichem Wohllaut. Eine ſolche Stimme war nie an Eduards Ohr geklungen, ſelbſt Judiths hel⸗ les Organ erſchien rauh dagegen. Dieſer Ton, ſo ſanft wie der leiſeſte Windhauch durch die leichten Blätter der Espe lispelnd, wirkte dennoch ſo ſtark und ergreifend auf ihn, daß ſein ganzes Renißſen wie von einem inneren Orkan erbebte. 5 „Cigarita, ſagte dieſe liebliche Stimme— der Alt alſo gehörte Eigarita an—„lache nicht ſo laut, wir hören ſonſt nicht Philipps warnenden Ruf. Er wird doch auf das zurückkehrende Boot Acht geben?? „Beſorge nichts,“ verſetzte Cigarita,„dieſe Männer * 6 jagen Büffel— hahal ſie lieben ein ſtärkeres Wild. Aber ſo iſt es. Mr. Wharton ſagt, ſie haben uns auf⸗ geſpürt. Nun ſuchen ſie in der Ferne und vergeſſen die Nähe. Aber die Stunde wird kommen, wo ſie auch die Nähe durchſt ein Ende; der Ernſt beginnt, und wirklich, ich freue mich darauf.“ „Ich auch,“ erwiderte die Sopranſtimme und blieb an einem Blumenbeete ſtehen, von dem ſie eine Knospe pflückte.„Ich wäre froh, wenn es erſt überſtanden wäre, ſo wollte es ja auch— haicht.“ Die Lauſchenden verſtanden den eben ausgeſprochenen Namen nicht, aus der Antwort Cigarita's aber konnten ſie ihn erkennen. „Freilich wollte das Mr. Hutten ſo nicht, aber man kann nicht Alles ſo ausführen, wie man es ſich vornimmt. Warum haſt Du den erſten Augenblick ver⸗ fehlt, da er kam, jetzt mußt Du Dich ſchon von ihm fin⸗ den laſſen.“. „O, käme er nur, CiWita, ich muß es immer wie⸗ derholen, wie ähnlich iſt er ſeinem Bilde.“ „Es iſt wahr, jal ich finde ihn auch ſo ſchön wie Du, freilich mit andern Augen ſehe ich ihn an— aber, ich muß wieder lachen,— ob ſie wohl heute Abend einen Büffel ſchießen? Ich habe Appetit auf einen ſo ſeltenen uchen werden und unſere Neckerei hat dann Braten, aber ich bekomme ihn nicht. Und ſie lachte wie⸗ der fröhlich über die in der Ferne jagenden Männer. „Du wirſt ihn morgen ſpeiſen, Cigarita, wenn ſie i ſchießen, denn wir in unſerm Verſchluß theilen ihre Speiſen und werden auch vom Büffel bekommen.“ „Haha! wenn ſie nur keinen Bock ſchießen!“ Eduard hielt es nicht länger aus, er ſchämte ſich vor ſich ſelber. Joſephſon aber, muthig bis zur Kühnheit⸗ da er keinen Hund ſah, hielt ihn faſt mit Gewalt zurück. Auch war es zu ſpät, denn die beiden Geſpenſter in ſei⸗ denen Röcken gingen wieder vorwärts und kamen der Grotte immer näher.* „Komm in die Grotte,“ ſagte Cigarita's Begleiterin und näherte ſich ſchon mit lebhafteren Schritten dem Ein⸗ gange derſelben.„Aber halt!“ rief ſie plötzlich,„können wir auch Jacks und Philipp's Zeichen hören? Welches geben ſie heute?“ „Sie knallen mit ihrer ſtarken Hundepeitſche, wir hören es im ganzen Park. mm hinein.“ Und ſie ſtanden dicht er Schwelle der Grotte und waren eben im Begriff dieſelbe zu überſchreiten, als Ci⸗ garita's ſcharfes Ohr das laute Athmen der keuchenden Bruſt Eduards vernahm. Plötzlich ſtand ſie ſtill, beugte ſich vor und lauſchte. Da entwand ſich Eduards Bruſt ein beinahe ſchallender Seufzer und er riß ſich gewaltſam voon Wolfs umſchlingender Hand los. Er trat hervi — 294— Ein lauter Doppelſchrei ließ ſich hören, und, wie vom Sturmwinde getrieben, liefen die beiden menſchlichen Ge⸗ ſpenſter den Gang, den ſie gekommen waren, zurück. Schon waren ſie etwa hundert Schritte von der Grotte entfernt, da erſt gelang es dem ſchwächern Jo⸗ ſephſon, ſich von der umſchlingenden Hand Eduards zu befreien und im raſcheſten Lauf ſtürzte er den beiden Frauen nach. Eduard, er wußte ſpäter ſelbſt nicht anzu⸗ geben, warum er es gethan, denn erſchrecken wollte er ſie eben ſo wenig wie im Laufe aufhalten, folgte ihm bei⸗ nahe eben ſo ſchnell durch die gewundenen Gänge nach. Leider aber hatte die dunkle Wolke am Himmel, die ſchon lange den hellen im reinen Aether ſchwimmenden Mond⸗ körper erſtrebt, dieſen bereits erreicht, als die beiden weib⸗ lichen Geſtalten ſich der Grotte zu nähern im Begriff ſtanden, und der Park wie der näher am Hauſe liegende Garten waren in eine nicht allzu lichte Dämmerung ge⸗ hüllt. Auch kannten die in dem Parke erzogenen Flüch⸗ tigen die nächſten Wege 4 und es ſchien, als ob den verfolgenden Männern ihMbſicht, die wenigſtens Jo⸗ ſephſon hegte, ſie namentlich von der Thür des Hauſes abzuſchneiden, nicht gelingen würde. Die Maädchen hatten ſich jetzt getrennt; um einen runden Raſenfleck herumlaufend, mußten ſie ſich jedoch an dem zuſammentreffenden Wege wieder vereinigen. Die chts laufende war die größere, Cigarita, die links lau⸗ 7 1 6— 295— fende die kleinere, deren Namen uns noch nicht bekannt iſt; dieſer war Eduard zunächſt und hatte ſie beinahe er⸗ reicht, während die ſtärkere und größere von dem lang⸗ neren Joſephſon verfolgt wurde, den ſeine Kurzſichtig⸗ keit bedeutend an Schnelligkeit zurückſtehen ließ. Dennoch konnten ſich beide Männer die Hurtigkeit der Verfolgten nicht erklären, die ihnen fabelhaft erſchien, denn ſie liefen wie aufgeſcheuchte Rehe dahin. Unmittelbar hinter dem Ver⸗ einigungspunkte der beiden um den runden Raſen führen⸗ den Wege kam eine Brücke; auf dieſe lief diejenige von ihnen zu, die Eduard verfolgte; hätte ſie die Brücke be⸗ treten, ſo würde auch ihr Verfolger ſie erreicht haben und was dann geſchehen wäre, wiſſen wir nicht. Die größere, kühnere von beiden Frauen aber, die nur den Schreck al⸗ lein und die augenblickliche Verwirrung, ſich verrathen zu ſehen, zur Flucht bewogen hatte, gebrauchte hier eine Liſt, um ihre Gefährtin vor der Erreichung zu bewahren. Als ſie mit ihr zuſammengetroffen, rief ſie, ſie am Arm er⸗ greifend:— „Schnell, ſchnell, da über den Steg!“ Die alſo Geleitete verſtand raſch, und anſtatt über die Brücke zu fliehen, ſprang ſie kühn den Raſen hinab, der in einen der Kanäle führte, über den an dieſer Stelle ein ſchmaler Fußſteig führte. In dieſem Augenblicke tra⸗ fen an demſelben Flecke auch die beiden Verfolger zuſam⸗ men, und da ſie die beiden unbekannten Geſtalten — 296— trennen ſahen, beſchloſſen ſie augenblicklich daſſelbe, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie die Perſonen wechſelten, ſo daß Joſephſon der Kleinern, Eduard aber der Größern nach⸗ Unerwartetes.. Joſephſon, der den Fußpfad am Raſen hinablief, verfehlte in der haſtigen Eile das ſchmale Brett über den Graben und ſtürzte kopfüber mit ungeheurem Geplätſcher in das Waſſer. Eduard, der ſchon die Brücke und die größere Geſtalt erreicht hatte und an dieſer ſchnell vorbei ſchlüpfen wollte, um ſeiner erſten Verfolgten, deren Stimme ihn ſo mächtig bewegt hatte, am jenſeitigen Ufer entge⸗ genzutreten, fühlte, wie ſich ſeine jetzige Nachbarin mit einem kühnen Entſchluſſe plötzlich umwandte und mit kräf⸗ tigeren Armen, als er ihr zugemuthet, ihn umſchlingend auf der Brücke feſtbannte. Das angenehmſte Schling⸗ werk, in welches je ein Manm gerathen kann, hielt den hitzigen Verfolger unauflösbar zurück. „Schnell, ſchnell, in's Haus!“ rief ſie der Freundin zu, welchem Rufe dieſelbe auch folgte, während ihre eigene Bruſt, von dem ſchnellen Laufe erbebend, gegen die Eduards ſchlug. Dieſer wollte ſich nicht mit Gewalt losreißen und blieb einen Augenblick ruhig, erwartend, was nun ge⸗ ſchehen würde, und fühlte den heißen Athem des körper⸗ reichen kräftigen Geſpenſtes ſeine Wange berühren. In dieſem Augenblicke aber vernahm er das Plätſchern des in ſprang. Da aber geſchah beiden Männern etwas völlig — 297— das Waſſer fallenden Joſephſons. Er fürchtete für die⸗ ſen, den das feuchte Clement diesmal vollkommener um⸗ ſchlang, als das erſte Mal. „Laß mich los! Laß mich los!“ rief er in Angſt, kaum wiſſend, was er ſprach.„Mein Freund ertrinkt!“ „Er ertrinkt nicht!“ hauchte athemlos das mächtige Geſpenſt, das ihn feſt umſchloſſen und den Kopf nach der entrinnenden Freundin gewandt hielt. Jetzt aber ſah ſie dieſelbe das Haus erreichen, und, dem jungen Manne in ihren Armen einen kräftigen Stoß verſetzend, der ſo un⸗ erwartet kam, daß er ihn gegen das Geländer der Brücke warf, ließ ſie ihn los und ſprang mit gewaltigen Schrit⸗ ten dem Hauſe und der Freiheit zu. 3 5 Eduard ſtand einen Augenblick wie betäubt da, ſeine Gemüthsbewegung, ſein ſchneller Lauf, ſeine plötzliche Gefangenſchaft, wo er ſie am wenigſten vermuthet, hatte er an den Freund im Waſſer und ſchnell wollte er herbei⸗ eilen, um ihn den Fluthen zu entreißen. Aber eine raſchere Hilfe war ihm ſchon zuvorgekommen. Kolum⸗ der Grotte zugingen, zu den Männern am Strande ge⸗ laufen war, gleichſam um ſich von ihrer Wachſamkeit mit eigenen Augen zu überzeugen, befand ſich eben auf der Rückkehr nach dem Parke, als ſie das Plätſchern und den Fall eines Menſchen in das Waſſer vernahm. Von ihrem ihn geiſtig und körperlihheniedergeſchlagen— da dachte, bus, die große Büffeldogge, die, während ihre Herrinnen — 298— angeborenen Inſtinkte getrieben, ſprang ſie heulend und mit großen Sätzen dem Orte des Ereigniſſes zu und einen Augenblick ſpäter war ſie im Graben und hatte den im Schlamm ſteckenden Joſephſon am Nocke ergriffen. Mit 4 einem gewaltigen Rucke ſchleppte ſie ihn in die Höhe und zerrte ihn an's Ufer hinauf. Dies war die Zeit, wo Eduard herbei kam. Der Hund hatte das Seinige ge⸗ than, und da er den geretteten Menſchen auf dem Trock⸗ nen ſah, ſprang er, freudig bebend, den entwichenen Frauen nach. Eduard aber ſtand, mit klopfender Bruſt, nicht wiſſend, ob er lachen oder klagen ſollte, vor dem durchnäßten und mit Schlamm bedeckten Freunde, der ſich eben auf ſeine Füße erhob und mit ſeinen Händen die naſſen Haare aus dem Geſicht ſtrich. „Die Beſtie!“ murmelte der arme Premierminiſter voller Unmuth ſich ſchüttelnd,„ich habe es mir wohl gedacht!“ „Danke ihr doch,“ entgegnete ſein Freund, der ſich jetzt das Lachen nicht verbieten mochte, da er Wolf wie⸗ der reden hörte und am Leben ſah,„warum läufſt Du in's Waſſer?“ 4 ,Du haſt gut lachen— ſieh, wie ich ausſehe— und meine Brille iſt fort— ich bin ſo gut wie blind.“ Und dennoch ſtimmte er jetzt mit aller ihm übrigge⸗ bliebenen Kraft in das herzliche Gelächter des Freun⸗ des ein.— — 299— Dich führen,“ ſagte dieſer end⸗ „Komm, ich werde norgen finden, das war ein lich,„die Brille wird ſich i ſchlimmer Hinterhalt!“ Und Beide betraten Joſephſons Zimmer, wo Eduard dieſen entkleiden half und immer fort lachen mußte, als er des Freundes ruhige Ergebung ſah. Dieſer betrach⸗ tete kopfſchüttelnd ſeinen Rock, deſſen Kragen beinahe ab⸗ geriſſen war. „Sieh,“ ſagte er,„die Kanaille, der fromme Ko⸗ lumbus, hat hier ein ſchönes Loch gearbeitet; ſagte ich es nicht, daß die Hunde mir feindlich wären?“ „Im Gegentheil, ſie wollen Dir wohl, nur das Waſ⸗ ſer will Dir übel.“ „Ich danke für Beides; ich ſcheine übrigens hier der allgemeine Sündenbock zu ſein. Aber die Geſpenſter hat⸗ ten wir erwiſcht, und das iſt die Hauptſache.“ „Laß die Geſpenſter,“ bat Eduard,„ich habe jetzt andere Gedanken darüber, morgen werde ich ſie von An⸗ geſicht zu Angeſicht ſehen. Und nun gute Nacht!“ Als er auf ſein Zimmer kam, erinnerte er ſich des harrenden Ithyſſa, dem er ſogleich einen Boten ſchickte, wie er verſprochen hatte. Am andern Morgen aber, es war erſt ſieben Uhr, erſchien auf des Erben Zimmer, der nachdenklicher als ge⸗ wöhnlich war, Mr. Whartou mit ernſtem, beinahe feierli⸗ chem Geſichtsausdruck.“ — 300— „Mr. Hutten,“ ſagte er,„ich weiß Alles und auch Sie vielleicht ahnen das Rechte. Ich brauche alſo wohl nicht meine Handlungsweiſe zu entſchuldigen, die ſich heute in allen Einzelheiten aufklären wird. Ich habe mich den ganzen geſtrigen Tag entfernt, um die Entwickelung, die ich vorausſah, nicht zu ſtören. Ich komme vielmehr, Ih⸗ nen den Schlüſſel zu jenem Zimmer zu bringen, der ſich nun von ſelbſt wiedergefunden hat. Oeffnen Sie die Thür, Sie werden in jenem Zimmer zu jeder Stunde willkommen ſein; man erwartet Sie. Ich aber werde Ihre Freunde einige Tage zu den Anſiedlern in der Nachbar⸗ ſchaft führen, damit Sie ungeſtört hören, ſehen und han⸗ deln können, wie es Ihnen gut dünkt. Leben Sie wohl und genießen Sie das Glück, welches ich Ihnen von gan⸗ zem Herzen wünſche.“ Er ging mit einer tiefen Verbeugung hinaus. Eduard aber hielt den lange vermißten Schlüſſel in der Hand und legte dieſen dann auf ſein Herz, das er in ſtärkern Pul⸗ ſen klopfen fühlte. Fünftes Kapitel. Die beiden Kinder der Natur. Es war ſchon zehn Uhr deſſelben Vormittags vorbei, Mr. Wharton war mit Joſephſon und Willibald den Strom hinauf zu den Anſiedlern gerudert, um einige Tage bei ihnen und in der Nachbarſchaft ſich aufzuhalten, und immer noch nicht hatte der junge Erbe ſein eigenes Zimmer ver⸗ laſſen. Die Fülle neuer, unbekannter Gemüthsbewegun⸗ gen, den Strom dunkler Erwartungen konnte er ſo raſch nicht bewältigen; ſein Inneres war zu tief aufgewühlt, als daß er es wie ſonſt mit einem Machtſpruch ſeines kräftigen Willens hätte beſänftigen und zu einem entſchei⸗ denden Entſchluſſe leiten können. Er betrachtete immer wieder von Neuem den empfangenen Schlüſſel, der ein⸗ fach wie jeder andere Schlüſſel ausſah und ihm dennoch verhängnißvoll zu werden verſprach. Wenn er gewußt hätte, daß dieſer verloren geglaubte Schlüſſel von der Vorſehung beſtimmt war, ihm die Pforten eines Paradie⸗ ſes zu eröffnen, welches ihm die ganze vollwiegende Macht aller ſeiner Reichthümer nicht zu eröffnen im Stande war, er hätte vielleicht noch länger mit ſeinem Entſchluſſe zu⸗ rückgehalten. So aber faßte er ſich endlich männlich, und von einer dumpfen Gefühlsaufregung angetrieben, durchſchritt er ſein Zimmer nach der verſchloſſenen Thüre hin. Nun ſtand er davor; ſchon hob er den Schlüſſel— da fühlte er wieder ſein Herz ſo gewaltig klopfen, daß es ihm war, als ſende es die mächtige Blutwelle nach ſei⸗ nem Gehirn empor und drohe das klare Wirken deſſelben zu umwölken. 4 1 Das muß ein Ende nehmen,“ ſagte er, ſich ſelbſt ermuthigend, laut, und— der Schlüſſel fuhr leiſe in das Schloß. Er drehte ihn um,— augenblicklich ſprang das Schloß auf und die Thür bewegte ſich leicht in ihren Angeln. Er öffnete ſie ganz und ſiehe da! das große Zimmer, in welches er blickte, war leer. Jetzt kam ihm ſein ganzer geiſtiger Muth wieder, er ſchritt vor und ſah ſich um. Aber welches Zimmer war es, in dem er ſich jetzt befand! Zuerſt nahm er nun wieder den köſtlichen Wohlgeruch wahr, der ihm nun ſchon bekannter duftete. Sodann ſah er ſich um und betrachtete die in allen vier Ecken aufgeſtellten herrlichen Blumengruppen in rothen und weißen Porzellantöpfen; die ſeltenſten Blattpflanzen 3 reihten ſich um den glänzenden Kamin von rothem Mar⸗ — 303— mor und umgaben den mit hellblauem Seidenzeug überzogene⸗ nen Divan, ſo daß dieſer unter einem lebendigen Dache der ſchönſten Kinder der amerikaniſchen Flora zu ſtehen ſchien. Die zierlichen Möbel waren von hellgelbem Ro⸗ ſenholze und wie die Wände eben mit demſelben Seiden⸗ ſtoffe überzogen; mattgoldene Arabesken faßten die einzel⸗ nen Felder der Wände ein und umſchloſſen in anmuthigen 3 Schnörkeln die Thüren, die Fenſter und den Kamin. Ddre Vorhänge, ebenfalls blauſeidene, waren halb zugezogen und ließen nur wenige Sonnenſtrahlen ein, ſo daß Licht in dem Gemach ein ſanftes und beinahe künſtliches war. Auf einem kleinen Arbeitstiſche von Roſenholz mit Perlmutter ausgelegt, ſtand ein kleines Leſepult von Sil⸗ ber; ein duſtender Roſenkranz umgab daſſelbe; als aber der entzückte Erbe genauer hinſah und das Buch betrach⸗ ten wollte, welches er darauf ſtehen glaubte, fuhr er zu⸗ rück und konnte kaum ſeinen Augen trauen. Denn in⸗ mitten der Roſen gewahrte er zwei kleine Bilder, beide ihm wohlbekannt, das eine Mr. Hutten, das andre ihn ſelber darſtellend, wie es der reiſende Künſtler aus Bre⸗ men in Aarhuus ſo ſchön gefertigt hatte. Noch war er in Gedanken über dieſes unerwartete Wiederfinden der Bilder verloren, da hörte er über den Erppich des Nebenzimmers das Rauſchen eines ſeidenen Kleides. Die Schritte näherten ſich raſch, die Thür öff⸗ — 304— nete ſich, und eine hohe majeſtätiſche Geſtalt ſtand vier Schritte vor ihm. Aber wie von dem gewaltigſten Schrecken ergriffen, taumelte er zurück, denn das Geſicht, die Arme, der Hals, die er in den herrlichſten Formen vor ſich ſah, wa⸗ u ren das Geſicht, der Arm, der Hals einer— Negerin. Aber welche Negerin war es! Wohl gingen alle Formen über das Maaß der mediceiſchen Venus be⸗ tend hinaus, aber dennoch war ſie ein Muſter von ſel⸗ ener, großer, nie geſehener Schönheit. Ihr Antlitz bot nicht den Typus der äthiopiſchen Race. Das Kind zweier Schwarzen, zeigte ſie dennoch Züge, die ſich denen des kaukaſiſchen Menſchenſtammes näherten. Wir ſagen, nä⸗ herten. Denn ganz rein wie dieſe, waren ſie nicht. Aber wie das Kind europäiſcher Eltern, in Oſt⸗ oder Weſtin⸗ dien geboren, allmählig den Typus der Ureinwohner des. neuen Vaterlandes annimmt, das blonde Haar, das blaue Auge und die milchfarbige Haut verliert und dafür das glänzendere, dunklere und feurigere Anſehen der ſogenann⸗ ten Kreolen annimmt, ſo verliert auch das Kind der Ne⸗ ger, die ſich unter Europäern, in einem fremden Him⸗ melsſtriche aufhalten, entwickeln, vergeiſtigen, allmählig den ſtumpfen Ausdruck der äthiopiſchen Race. Das ſchöne Weib, welches wir jetzt zum erſten Male bei Tage ſehen, war eine ſolche Regerkreolin. Freilich war ihr Haar kohlſchwarz, lockig und ſtark, aber es war — zugleich weich, fiel in großen Wellen vom Scheitel herab und zeigte ſich biegſam wie das des Europäers. Die Ge⸗ ſichtsfarbe war nicht ſehr ſchwarz, wohl aber hatte ſie einen goldfarbigen Untergrund, der namentlich am Halſe, an den Armen und beſonders auf den Wangen beinahe roſig hindurchſchimmerte. Dieſe Theile aber waren alle wunderbar voll, rund und weich geformt und bezeugten das wilde üppige Leben, das in ihren Adern kreiſtte. Die Augen waren allein ſprühend und beinahe ſengend geblie⸗ ben, die Naſe hatte eine edle Form, die Lippen, zwar voll und rund, waren im reinſten Ebenmaaße mit den übrigen Theilen des Geſichts, und ihre Zähne ſo glän⸗ zend, weiß und beinahe blendend, daß ſie, da der Mund faſt beſtändig zum Lächeln geneigt ſchien, den Beſchauer augenblicklich an das ſchöne Gebiß Ithyſſa's erinnerten. Die Kleidung dieſer ſchönen, hohen und üppigen Negerin war ihrem Körper entſprechend, reich, geſchmack⸗ voll, ja koſtbar und gewählt. Ein mattſchwarzes, in weiten Falten rauſchendes Taftkleid umhüllte ihren Kör⸗ per bis zu den Schultern. Die Aermel unterhalb der⸗ ſelben waren nach vorne offen und ließen den rundeſten, vollſten Arm ſehen. Um die Handgelenke, auf der Schul⸗ ter, um den Hals und in den Ohren blitzten Geſchmeide, in denen hellgrüne Edelſteine an Farbe die bemerklichſten wmaren. Ihre Haare waren etwas ſeitlich vorne auf dem Kopfe geſcheitelt und verliehen dadurch dem Geſicht ein 8 Der Inſelkönig. IV. 20 etwas kühnes Anſehen, über die Wangen fielen ſie in einem leicht geſchwungenen Bogen herab, am Hinterkopfe aber war eine Fülle dichter Locken in ein goldenes, wie Spinneweben feines, mexikaniſches Gitternetz eingeſchloſſen⸗ So war das ſchöne, junge, in ſeiner Art blühende Weib beſchaffen, welches vor dem betroffenen Erben in dem geheimnißvollen glaͤnzenden Zimmer ſtand, und vor dem dieſer zurückgebebt war, nicht weil er von ihrer eigenthümlichen Schönheit ſich überraſcht fühlte, ſondern weil er in ihr eine Weiße zu finden gehofft hatte. Die Negerin ſchien etwas dem Aehnliches erwartet zu haben, die geringſte Empfindlichkeit war auf ir ihrem freimüthigen und mit dem Ausdruck der Kühnheit bezeich⸗ neten Geſichte wahrzunehmen. Daher begann ſie auch zuerſt die kurze Unterredung, indem ſie ſagte: „Mr. Hutten, ich ſehe, Sie erſchrecken vor der dunk⸗ len Farbe meines Geſichts, Sie hatten vielleicht eine An⸗ dere erwartet. Aber wenn Sie mich erſt genauer kennen, werden Sie finden, daß mein Herz ſo roth wie das Ihrige iſt. Ich kam, da ich Sie eintreten hörte, hierher, um Sie in Ihrem Eigenthume zu begrüßen, und ſtelle mich vor als die Hüterin dieſer Zimmer, das heißt, als Ihre ergebene Dienerin. Zugleich bitte ich um Entſchuldigung wegen meiner geſtrigen Dreiſtigkeit, denn dieſe Arme ha⸗ ben Sie in Ihrem Laufe aufgehalten, um die Beſchämung, — 307— bei einem einſamen Spaziergange und einer geheimen Un⸗ terredung überraſcht zu werden, einer Andern zu erſparen.“ „Was die Beſchämung anbetrifft,“ nahm Mr. Hut⸗ ten das Wort und zeigte die eigene auf ſeiner hohen Stirn, „ſo hätte ſie uns, die Ueberraſchenden, nicht die Ueber⸗ raſchten getroffen, und ich bin Ihnen eigentlich dankbar, daß Sie mich abgehalten haben, meinen Fuß einen Schritt weiter zu ſetzen, da ich ſelbſt wider meinen Willen durch die Leidenſchaft des Augenblicks beherrſcht, zu dieſer un⸗ männlichen Verfolgung fortgeriſſen worden bin. Da Sie mich aber gehalten haben, ſo ſind Sie auch Cigarita,— nicht wahr, das iſt Ihr Name?“ „Ja, ich bin Cigarita, Ithyſſa's Schweſter, und ich bitte meinen jetzigen Herrn, dem ich von heute an, wie mein Bruder, mein ganzes Leben widme, dieſem meinem Bruder das Schweigen über unſre Gegenwart zu ver⸗ zeihen, denn wir, beſonders ich, haben ihn durch beſtän⸗ diges Bitten dazu genöthigt.“ „Halten Sie mich nicht, ſchöne Cigarita, für einen allzuſtrengen Herrn, ich bin es nicht—“ „Ich weiß es und wir Alle wiſſen ſchon, daß Sie es nicht ſind. Gegenwärtig aber, ich fühle es, ſind Sie begierig, zu erfahren, wer die Weiße iſt, die Sie neben und mit mir geſtern erblickt haben?“ Die Frage nach der zweiten abweſenden Erſcheinung erfüllte allerdings ſchon lange Eduards Herz, ſo eigenthümlich 20* 3 8 — 308— ihn auch die vor ihm ſtehende Cigarita anzog; aber eine ge⸗ wiſſe Scheu hielt ſeine Lippen ab, die Frage auszuſpre⸗ chen; auch jetzt, da bereits ihrer Erwähnung geſchehen, kam er nur mit Mühe dazu, mit leiſerem Tone zu fragen: „Wer iſt das Mädchen hier im Hauſe, welches die ſanfte Stimme und den ſchwebenden Gang eines Engels hat?". „Wer kann ſie ſein, Mr. Hutten, die ſich hier ſolche Freiheit gegen Sie, den Herrn, herausnimmt, daß ſie ſich vor Ihnen verbirgt, als die eigene Tochter Ihres väterlichen Freundes, meines theuren, früheren Gebieters, Mr. Huttens?“ Als der Erbe dieſe Mittheilung hörte, ſtand er un⸗ beweglich wie eine verſteinerte Bildſäule da. Erſt nach einer Weile der Sammlung vermochte er auszurufen: „Was? Seine Tochter? Großer Gott! hatte er denn eine Tochter?“ „ Ja, Herr, eine Tochter und eine ſehr ſchöne Toch⸗ ter, die, wie Sie geſtern wahrſcheinlich gehört haben, Sie ſchon lange kennt und in Ihnen den beſten und nächſten Freund ihres Lebens zu finden, von ihrem eigenen Va⸗ ter unterwieſen iſt.“ Und ſie deutete mit der Hand auf die beiden Portraits, die von dem Roſenkranze umwun⸗ den, auf dem kleinen Tiſche ſtanden. 3 Dies hörend, kam es Eduard vor, als wenn eine auberhafte Wolke ihn erhebe und meilenweit durch himm⸗ — 309— liſchere Regionen, durch eine Welt voll göttlichen Aethers trage, um ihn dem ſchwachen und kalten Erdenleben auf ewig zu entrücken. Beinahe wäre eine Thräne in ſein Auge gekommen, aber es wäre ein Thräne der Freude und der Wolluſt geweſen, denn der Gedanke, daß der edle Mr. Hutten ein Kind und noch dazu eine ſchöne Toch⸗ ter habe, erfüllte ihn mit einem Entzücken, dem er kei⸗ nen Namen geben konnte, ſo reich er an Worten und Em⸗ pfindungen ſonſt war. „Aber mein Gott,“ rief er,„warum hat er mir das verborgen?“ 4 „Er hatte wohl ſeine Gründe dazu, denn Mr. Hut⸗ ten that nichts ohne Gründe, und Sie werden dieſelben wohl von ihr ſelbſt erfahren, da Mr. Wharton bisher auf unſern Wunſch geſchwiegen hat. Er trägt ebenfalls keine Schuld an unſerm ſonderbaren Benehmen; wollen Sie aber wiſſen, wer ſie trägt, ſo ſtrafen Sie mich, denn ich, die Freundin der Tochter Mr. Huttens, ihr einziger Ge⸗ fährte in dieſen abgelegenen Wäldern, ich, das Kind einer wilden Natur, hatte ein Wohlgefallen, ein Spiel, ein Vergnügen an dieſer Ueberraſchung.“ SSKStill, ſtill— nichts von Schuld, nichts von Strafe. 3 Aber wo iſt ſie, Mr. Huttens Tochter?“ „Beata, wo ſie iſt?“— „Beata heißt ſie?“ und abermals erſtarrte das Blut 3 in Eduards Herzen. — 310— „Beata— ja, wie Ihre Mutter, ich weiß es! Zur Erinnerung an dieſe trägt ſie ihren Namen. Und wo ſie iſt? Am Grabe ihres Vaters— Mr. Hutten, da, wo ſie ſeit zwei Tagen nicht in ungeſtörter Ruhe für ihn, für ſich und Andere beten und ihm danken konnte, daß—4 Eduard hörte nichts mehr. Das Zimmer, das Haus lag ſchon hinter ihm— er durchflog den Garten, den Park, er ſchritt über die kleine Brücke, ſchon ſah er den dunkeln Kranz der im Morgenwinde ſich anmuthig wiegenden Cypreſſen,— da ſah er eine Geſtalt mit den Knieen den Raſen des Grabes berühren, und ehe er noch einem weiteren Gedanken, einem längeren Anſchauen Raum gegeben, warf er ſich neben ſie auf die Kniee und ſeine Lippen konnten kein anderes Wort hervorbringen, als: „Beata! da bin ich!“* Langſam, mit thränenden Blicken, ohne allen Schein einer neuen Ueberraſchung, denn die Tochter Huttens konnte dieſelbe wohl ſchon vorausſehen, wandte ſich ein Kopf zu ihm herum, wie er noch keinen im Leben geſehen hatte, weder im Bilde, noch in der Wirklichkeit. Und ſo überwältigend war für ihn, den ſtarken Mann, dieſer göttliche Anblick, daß er, die Arme öffnend, ſie beinahe umſchlungen hätte. Aber er hielt ſich zurück und ſtarrte ſie mit ſeinen liebevollſten Blicken an, die mehr ſagten, als je eine Sprache in Worten ſagen kann. Beata Hutten war eine Kreolin von ſ — Manne, das ſchönſte Weib gegenüber, deren biegſamen — 312— kunft mütterlicher Seits. Wer eine ſolche in den ſüdli⸗ chen Strichen Amerika's je geſehen hat, wird ſie nie ver⸗ geſſen. Der Körper, geformt von weicher, elaſtiſcher Grazie, voll und doch zart, die Geſichtsfarbe ohne durchſchimmern⸗ den Glanz wie Leonardo da Vinci's Madonnen, aber voll matter ſammetartiger Weiche und von einer Lebenswärme ſtrahlend, die der nordiſchen Schönheit mangelt, mag ſie ſo anziehend ſein wie ſie will. Alle Glieder voll des ſchönſten, harmoniſchen Ebenmaaßes. Das Auge ſammt⸗ ſchwarz, und, wie die Spanier ſagen, halb voll Schläf⸗ rigkeit und Träumerei des Herzens. Das Haar blau⸗ ſchwarz, wie die Fittiche des mitternächtlichen Raben. Und die Hände, Arme, Füße— ſchön und vollkommen, wie ſie kein Maler malen kann! So lag ihm, dem ſchönen, reinen, herzenswarmen Körper ein faltiges ſchwarzes Atlasgewand umſchloß, wor⸗ über ſie einen enganliegenden violetten Sammetüberwurf trug, die Lee wie Cigarita in das goldene mexikaniſche Netz geſchlungen, die Haare auf dem Scheitel anmuthig in der Mitte geſcheitelt. So lag ſie vor ihm, wie er vor ihr, ihre Blicke ſuchten und fanden ſich, und die Stunde war für ihn ge⸗ kommen, wo, wie er einſt auf dem Rabenſteine zu ſeiner Schweſter geſagt, das Kind der Natur aus dem Walde hervortretend zu ihm ſprach:„Hier bin ich!“ und er ihm — 312— erwidernd mit Frohlockem ausrief:„Ich ſehe Dich! ich komme!“ „Beata!“ rief er noch ein Mal. „Eduard Hutten! Sohn und Freund meines Va⸗ ters,“ hauchte ſie leiſe und die vier Hände fielen zu⸗ ſammen. Was ſie ſich Alles ſagten, wir wiſſen es nicht; wer wollte auch ſolches Zwiegeſpräch belauſchen, wer die Blicke, die Laute, die unendlich mannichfaltig abgeſtuften Biegun⸗ gen der menſchlichen Stimme, wenn ſie die Gefühle der Engel ausſpricht, mit dem todten Nachhall einer kalten Beſchreibung wiedergeben! Ach! eine ſolche Stunde er⸗ lebt, wenigſtens in ähnlicher Weiſe, wohl jeder einmal glückliche Menſch! Mag er ſein Innerſtes befragen, und ſich ſelbſt das Flüſtern der Liebe wiederholen, welches da⸗ mals ſeinen Lippen nicht, wohl aber ſeinem von Glückſe⸗ ligkeit vollgepreßten Herzen entſtrömte- Zwei Stunden dauerte es, bis der grüne Raſen des Cypreſſenkranzes wieder in Einſamkeit lag, und als dieſe beiden Menſchen, die eben ſo ein merkwürdiges Verhäng⸗ niß, wie der mächtige Wille eines edeldenkenden Vaters auf dieſe ſeltſame Weiſe zuſammengeführt, dieſe ihre theuerſte Stätte verließen und Arm in Arm langſam dem Hauſe zuwandelten, waren ſie glücklich, glücklicher, als ſie es bisher je geweſen. Aeberſpringen wir hier die zwei nächſten Tage in -— 313— unſerer Erzählung. Wir vermögen doch nicht mit Wor⸗ ten die Vorgänge zu entwickeln, die in dieſen beiden Ta⸗ gen ſich in dem ländlichen Hauſe am Hudſon zutrugen. Es waren keine erhabenen und für das allgemeine Wohl der Menſchheit bedeutungsvollen Handlungen, die hier ins Leben gerufen wurden, dennoch aber waren es Handlun⸗ gen, bedeutungsvoll genug für zwei Seelen, die ſich in ihrer ganzen Einfachheit, Schönheit und Natürlichkeit für dieſes ganze Leben einander hingaben. Denn Beide wa⸗ ren einander werth und lernten ſich bald vollkommen in ihrem ganzen Umfange kennen; zwei Herzen aber, wenn ſie wie dieſe ſind, lieben ſich auch bald, wenn ſie ſich ken⸗ nen gelernt haben. Denn bei ihnen war die Liebe, die ſich in dem Gehirn ſo Vieler nach einem Plane entwickelt und alſo keine wahre Liebe iſt, da ihr eine Berechnung, eine Abſicht zu Grunde liegt— bei ihnen, ſagen wir, war die Liebe nur ein Gefühl, welches augenblicklich aus dem Herzen und gus der Seele, worin es geboren, alſo gött⸗ lich vollendek iſt, in das Auge, auf die Lippe, an das Licht des Tages tritt. Dieſes ſchöne, herrliche und gött⸗ liche Gefühl hatte in Eduard Hutten ſchon lange geſchlum⸗ mert; da er aber keinen Gegenſtand bisher gefunden, dem er es hätte erſchließen mögen, ſo war es bis jetzt in ihm unangetaſtet geblieben. Erſt in Beata fand er das un⸗ nennbar ſchöne und vollkommene Weſen, an welches ihn nicht allein das aͤußere Wohlgefallen, ſondern die 4 Weſen eines Mannes vor Augen geſtellt, den die Vor⸗ — 314— Dankbarkeit, die Ergebenheit ſeiner ganzen Seele für ihren Erzeuger knüpfte, und mit um ſo ſtärkerer Gewalt trat plötzlich ſeine Neigung hervor, als er ſie ſo kange un⸗ verbraucht in ſeinem Innern, wie in einem verſchloſſenen Schrein, mit ſich herumgetragen hatte. Denn die ganze Empfindung, die Kraft ſeiner Hingebung und ſeiner Seele, die die Natur in ihn gepflanzt und zur Liebe ge⸗ ſchaffen hatte, hatte er bisher in voller Reinheit zuſam⸗ mengehalten, ſie nie in vereinzelten kleinen Gaben zerſplit⸗ tert, wie es heut zu Tage mit der ſogenannten Liebe ſo häͤufig geſchieht, und eben deshalb trat ſie auch jetzt als ein Ganzes, Untheilbares und Mächtiges hervor, und die glühende Leidenſchaft, die dieſer Liebe folgen ſollte, war kein Brand, der die Sinne verſengt, ſondern allein ein wohlthätiges Feuer, welches alle ſeine Gedanken und Ge⸗ fühle erwärmte und für ſeine ganze Zukunft eben ſo be⸗ ſeligende Folgen haben ſollte, wie es ihn für den Augen⸗ blick zu dem glücklichſten aller Menſchen machte. Beata hatte ſchon geliebt, ehe ſie Eduard geſehen, aber ſie hatte nur den geliebt, den ſie jetzt zum erſten Male lebendig als Eduard ſah. Ihr Vater und das Bild, welches dieſer ihr von dem jungen Manne mitge⸗ bracht hatte, nachdem er ihn zu dem Erben aller ſeiner Reichthümer auserſehen, Beide hatten ihrer glühenden Ein⸗ bildungskraft den inneren Gehalt ſowohl wie das äußere — 315— ſehung beſtimmt hatte, ſie aus den Wäͤldern des Hudſon inmitten der Civiliſation der alten Welt zurückzuführen, und da ſie den Lebenden ſo ſchön, ſo vollkommen mit allen Eigenſchaften ausgerüſtet fand, wie ihr Vater und ihre Phantaſie ihr denſelben ausgeſchmückt, ſo war der Uebergang ihrer Neigung von einem lebloſen Bilde zum 4 wirklichen Leben nur ein kurzer, ſchneller und unaufhalt⸗ ſamer Schritt. Die Aufklärung ihrer noch dunkeln Verhältniſſe war von beiden bald gegeben, und entgegengenommen, und der Leſer wird ſich ſelbſt bald unterrichtet finden, wenn er einen Brief geleſen haben wird, der noch an dieſem Tage, wo wir wieder zu ihnen treten, in Eduards Hände nieder⸗ gelegt werden ſollte. Als Beata und Hutten am Ende dieſes zweiten Ta⸗ ges in das Zimmer der Erſteren traten, kam ihnen Ci⸗ garita lächelnd entgegen.. 3„Cigarita,“ rief die ſilberhelle Stimme der Kreolin ihr entgegen,„hier bringe ich Dir alſo Deinen und mei⸗ nen Herrn. Ich bin eine geborene Hutten und brauche meinen Namen nicht zu ändern, denn mein künftiger Ge⸗ mahl iſt der Sohn meines Vaters geworden. Komm und reiche ihm Deine Hand— es ſei Frieden zwiſchen Dir und ihm.“ Die ſchöͤne Negerin drückte die zarte Hand des 8 glücklichen Europäers in ihre beiden ſchwarzen, dann um 3 — 316— ſchlang ſie die üppige Taille der Freundin, küßte e auf die Stirn und flog zur Thür hinaus. „ So iſt ſie,“ ſagte Beata,„ſieh, mein theurer Hut⸗ ten, das iſt die Gefährtin der Jugend Deines Weibes, ſie iſt mit ihr in den Wäldern des Hudſon aufgewachſen, eine wilde Blume neben der andern; vergieb Beiden, daß ſie nicht in der Schule der Welt erwachſen ſind, denn Du allein ſollſt ihnen die Weihe ihrer Bildung geben, ſo wollte es Dein und mein unvergeßlicher Vater. Jetzt aber folge mir in den nördlichen Flügel, in ſein Muſeum, da hat er etwas niedergelegt, was er die Blüthe und den Duft ſeines Teſtaments nannte, womit ich freilich nicht übereinſtimmen kann, denn ich weiß nicht, warum der zartliche Vater mich wildes Kind der Natur ſo innig liebte“— „Aber ich weiß es, Beata, und will es Dir ſagen.“ „Jetzt nicht— ein anderes Mal— nur ſchnell in das Muſeum.“ Das ſogenannte Muſeum Mr. Huttens des Aelteren, welches ſeit ſeinem Ableben von keinem Menſchen mehr be⸗ treten worden, lag, wie ſchon erwähnt, in dem nördlichen Flügel des Landhauſes und nahm die vier großen Ge⸗ mächer deſſelben vollſtändig ein. Ithyſſa, der von dem zartfüßlenden Mr. Wharton, welcher Eduards Freunde eilte der Erbe erſt in beflügelten Schritten das große — 317— entfernt hatte, um dieſen in ungeſtörter Muße ſeinem Glücke zu überlaſſen, das er eben ſo gut wie der weit⸗ ſchauende Hausherr vorhergeſehen hatte, Ithyſſa, ſagen wir, der zu Hauſe zum Dienſte ſeines Herrn zurückge⸗ laſſen war, und dem die fröhliche Schweſter das neueſte Geheimniß des Hauſes mitgetheilt hatte, lief mit beinahe ſpringenden Schritten durch die weiten Räume voran und öffnete die Jalouſieen und Fenſter, dann zog er ſich wieder beſcheiden zurück. Welche Seelenwonne er⸗ füllte die beiden Menſchen, die nun allein in der Mitte ihrer Reichthümer, die erſten köſtlichen Stunden einer Vereinigung verlebten, die aber ſo natürlich zu erklären, wie in ihren Ergüſſen lebhafteſter, herzinnigſter Freude für Beide gleich beſeligend war. An Beata's Hand durch⸗ Ganze, um zuerſt einen allgemeinen Ueberblick der vorge⸗ fundenen reichen Sammlungen zu erhalten. Dann erſt betrachteten ſie das Einzelne; aber auch das war nur flüchtig zu erfaſſen, denn das Vorgefundene war einer ge⸗ naueren Prüfung würdiger, als Eduard anfangs geglaubt hatte. Denn in dieſen vier Sälen waren die hauptſäch⸗ lichſten und merkwürdigſten natürlichen und künſtlichen Er⸗ zeugniſſe aller Länder der Erde, die Mr. Hutten auf ſei⸗ nen vieljährigen Reiſen beſucht und in ihnen geſammelt hatte, in reichhaltigſter Auswahl aufgeſtellt und mit wei⸗ ſem Geſchmacke geordnet. 3 — 318— In dem erſten ſah man— wir wollen nur kruz und oberflächlich bei der Aufzählung der unmöglich genau zu ſchildernden vielen Reichthümer ſein— die vollkom⸗ menſten Kunſtwerke der Stukkatur aller Länder des Alter⸗ thums und der neueſten Zeit. Von jedem Lande, jedem trefflicſſten Künſtler war wenigſtens ein kleines Zeugniß ſeines Genie's vorhanden. In dem zweiten Saale hingen an den Wänden Gemälde, Kupferſtiche, Handzeichnungen in gleicher Auswahl und Trefflichkeit. Sie Alle zu beur⸗ theilen und zu genießen, bedurfte man einer längeren Zeit und einer wiederholten Anſchauung. Beide Säle verſpra⸗ chen für die drei Europäer, namentlich für Willibald, die reichſte Ausbeute und die angenehmſte Unterhaltung. Auch dieſer Saal wurde nur im Änasneimm heute be⸗ trachtet. Im dritten dagegen verweilte man ſchon länger. Hier lagen die Produkte der blüthenreichſten Induſtrie in Seidenſtoffen, Wollen⸗, Leder⸗ und Holzarbeiten. Die prachtvollſten Teppiche aus der Türkei, Perſien, Indien und China in den glänzendſten Farben und den ſeltenſten Muſtern lagen auf allen Tiſchen, hingen an allen Wän⸗ den herab, denn hierin hatte Mr. Hutten eine ganz beſon⸗ dere Liebhaberei gehabt. Namentlich waren die köſtlichen Behänge von Federn orientaliſcher Vögel ein Luxusartikel, den wenige Fürſten und Sammlungen Europas aufzu⸗ weiſa vermochten. 8. — 319— Zwiſchen dieſem und dem vierten Saale war ein kleiner Verbindungsgang. In demſelben waren die herr⸗ lichſten Waffen aller Art aufgeſtellt. Von der kleinſten Piſtole an, mit golddamascirtem gezogenem Laufe, bis zu der koloſſalen Büffel⸗ und Bärenbüchſe hinauf, waren alle Gattungen vorzüglicher Feuergewehre vertreten. Dann kamen Hieb⸗, Schnitt⸗ und Stichwaffen aller Art, aller Nationen, aller Himmelsſtriche, eine Sammlung venetia⸗ niſcher Dolche, von allen Metallen und Zuſammen⸗ ſetzungen. Endlich in dem vierten Saale waren einzelne Samm⸗ lungen in verſchloſſenen, dazu eingerichteten Schränken von wohlriechendem Holze aufgeſtellt. ſah man eine Auswahl aller bekannter Geddmünzm de Sde, die an reinem Goldwerth einen unermeßlichen Schatz darboten. In einem anderen Schranke ſah man künſtliche Holzſchnitt⸗ arbeiten, dann präͤchtige Kryſtalle, zu allen Formen des täglichen Gebrauches und des Luxus geſchnitten und ge⸗ ſchliffen. Und zuletzt kam man an einen Schrank, zu dem Beata ſelbſt einen vergoldeten Schlüſſel bei ſich trug. „Hier,“ ſagte ſie, und ſchmiegte ſich dem glücklichen Manne an ihrer Seite an,„wirſt Du meinen kleinen Vor⸗ rath köſtlicher Steine und Juwelen ſehen, oh! und ich brauche ſie ſo wenig— Eduard ließ ſeine Blicke über die anmuthige Geſtalt laufen, die kindlich liebevoll zu ihm aufblickte und ſich an — 320— dem Lichte ſeines glänzenden blauen Auges zu ſonnen ſchien. Er bemerkte erſt jetzt, daß ſie, im Gegenſatz zu Eigarita, keinen einzigen Schmuck an ſich trug, ſogar ihre kleinen, wie von Wachs gebildeten Ohren waren frei davon, was ſogar ſelten bei einem europäiſchen Weibe iſt, und nur, was die Natur ihr verliehen hatte, zierte ſie. Freilich, etwas Aehnliches hatten auch alle dieſe todten Schätze nicht aufzuweiſen. 1. Sie öffnete den Schrank und ſeine Behälter, und der Erbe war beinahe geblendet von dem Glanze, der ihm entgegenſtrahlte. Alle Juwelen der Erde hatten ihre Ab⸗ geſandten in herrlichſter Vertretung hierher geſchickt. Von der kleinſten Perle des arabiſchen Meeresgrundes bis zur größten des ſtillen Oceans waren reiche Geſchmeide ſicht⸗ bar. In allen Farben, Größen, Faſſungen zeigten ſich die Smaragde, Granaten, Rubinen und Diamanten. Letztere waren in ungeheurer Menge vorhanden. Endlich in einem eiſernen großen Fache lehnten, ſchwer von ihrem Inhalte, mehrere größere und kleinere Säcke voll gepräg⸗ ter Goldſtücke, amerikaniſchen, engliſchen und deutſchen Gepräges. „Das iſt der Mammon,“ ſagte Beata lächelnd,„um den ſich die Menſchen bis auf den Tod bekriegen, ſieh, wie friedlich dieſe verſchiedenen Mächte hier bei einander liegen!“— 3 Eduard ſah bald Beata, bald die Schätze an, er — 32— ſchüttelte wie immer, wenn er ſich zu reich und glücklich fühlte, das lockige Haupt und ſagte: „Zu viel, zu viel des Schönen!“ 8 „Sieh,“ ſagte Beata, und nahm aus einem ſchwar⸗ zen Sammetkäſtchen zwei gleichgefaßte, blitzende Solitaire von ungeheurem Werthe,„ſieh, dieſe Ringe müſſen wir von heute an tragen, ſo wollte es unſer guter Vater, er ſelbſt hatte ſie zu unſeren Verlobungsringen beſtimmt; da, nimm ihn hin und ſtecke ihn mir an die Hand, und hier haſt Du den meinigen!“ Er that wie ſie verlangte und ſprach: „Möge Dein Glück ſo groß wie das meinige ſein, jetzt wie immer, dann können wir Beide mit unſerm Looſe zufrieden ſein.“ Und ſie erwiderte: „Mögeſt Du nie ber rfüllt zu haben und nach ₰ euen, den Willen unſers Vaters Amerika gekommen zu ſein!“ „Ach, Beata— wir ſind ſehr glücklich, aber wie leicht konnte dieſes ganze Glück durch ein leichtes Unge⸗ fähr zerſtört werden!“ „Wie ſo! Was meinſt Du!“ 2 „Warum ſagte mir Dein Vater ſolche Tochter hatte 24 „Still! Ich denke wie Du, aber er dachte anders. Und hat er nicht Recht gehabt?“ „Was iſt das für ein Brief da?? 21 nicht, daß er eine Der Inſelkönig. IV. — 322— Und die Hand des Erben nahm einen mit roſaro⸗ them Einſchlag verſehenen Brief auf, der in einem der Fächer lag und dreimal verſiegelt war.. „Nimm ihn— er iſt an Dich gerichtet. Siehſt Du? Dieſen Brief ſollte ich Dir geben, wenn Du, wie jetzt, mit mir allein im Muſeum wäreſt, ich habe es un⸗ ſerm Vater auf dem Sterbebette gelobt. Jetzt iſt er in Deiner Hand— Du magſt ihn leſen, aber nein— jetzt nicht, heute Abend, wenn wir uns trennen, um morgen wieder einen ganzen Tag beiſammen zu ſein.“ „Ich gehorche, ſieh, er ruht ſchon auf meinem Her⸗ zen, und nun ſind wir hier oben fertig, nicht wahr?“ „Noch nicht. Da iſt noch ein kleines Kabinet. Komm hinein— doch, ich ſage Dir vorher, wenn Du etwas Großes erwarteſt, wirſt Du Dich getäuſcht finden.“ „Was iſt das!“ fragte der Erbe und blickte erſtaunt eine Menge kleiner brauner, ſchön gearbeiteter Käͤſtchen an. „Das war meines Vaters Vorrathskammer an— ja, lache nur— an Cigarren. Sieh, da liegen ſie alle friedlich bei einander. Er rauchte ſo gern, der gute Mann, und uns Alle hat er mit ſeiner Liebhaberei ange⸗ ſteckt.“— 3 „Wie? Du rauchſt auch?“ „Ganz gewiß, ich will es Dir beweiſen, dieſe Röll⸗ chen kann eine Königin genießen.“ Und ein kleines goldenes Feuerzeug aus ihrer Taſche wieder einzeln in die Retze warf, — 323— ziehend, ſtrich ſie das Wachskerzchen auf der Rückſeite, nahm eine der köſtlichen Cigarren aus einem Käſtchen und blies die blauen Rauchwölkchen aus ihrem ſchönen Munde gegen ihren Verlobten hin. Sie ſah reizend aus. Eduard umſchlang ſie und brannte an ihrem Feller das ſeinige an. „Das ſchmeckt,“ ſagte er,„o, nun können wir zu⸗ ſammen rauchen und Billard ſpielen.“ „Billard? Woher weißt Du das!“ Und er erzählte ihr die kleine Liſt, die er ange⸗ wandt, um ihren heimlichen Beſuch in ſeiner Abweſenheit zu erſpähen.. „Wie ſchlau!“ rief ſie.„Ich werde mir das mer⸗ ken, ich ſelber dachte es gut zu machen, als ich die Bälle und damit habe ich es ſogleich verrathen. Aber nun können wir zuſammenſpielen, ich thue es ſo gern und habe, wie Alles, auch dies von meinem Vater gelernt.“. Sie ſchloſſen die Schränke und das Kabinet wieder zu, nachdem ſich Beata ein Käſtchen der feinſten Cigarren auserleſen und mitgenommen.— 8 „Wir dürfen nicht zu ſparſam damit ſein,“ ſagte ſie, „alle Jahre kommt eine neue Sendung und muß ein Jahr trocknen, ehe ſie zu unſerm Genuſſe reif iſt, und dieſe Sendung iſt ſo groß, daß wir ſir Alle zuſammen nicht verzehren können.“ — 324— Als ſie hinuntergingen, fragte Eduard, ob der Va⸗ ter nicht beſtimmt habe, wo dieſe Herrlichkeiten bleiben ſollten, wenn ſie Beide nach Europa überſiedelten. „Sie gehen Alle mit, ſo hat er es gewollt, und ſchmücken die Zimmer, die wir bewohnen werden, damit wir ſie jeden Augenblick vor Augen und zur Hand haben.“ „Wie reich ſind wir, Beata!“ „Und vor ein paar Tagen war ich noch ſo arm!“ „Deine Armuth war gegen die meinige vor ſechs Monaten eine Welt gegen eine Nußſchale— Deinem Va⸗ ter verdanke ich Alles— o, was habe ich Dir zu er⸗ zählen!“ „Wir haben viel Zeit vor uns, Manches weiß ich auch ſchon vom Vater— ihm aber verdankſt Du nicht Alles— Dir ſelbſt das Meiſte!“ „Schweig!“ rief er zärtlich und drückte ſie an ſich, als ſie in Beata's Zimmer zurückkehrten. Sie trafen Cigarita, die ſich entfernen wollte, als ſie ſie kom⸗ men ſah. 3 „Cigarita, bleib, Du mußt ſtets dabei ſein, wenn Hutten etwas erzählt, und er wird uns ſogleich ſein gan⸗ zes Leben erzählen. Hier nimm eine Cigarre, ſie trägt Deinen Namen, iſt alſo gewiß Deiner würdig.“ Cigarita ſah mit ihren glühenden Blicken den ſchö⸗ nen weißen Mann, den Verlobten ihrer Jugendgeſpielin an. Er aber nahm eine Cigarre, hielt ihr die ſeinige — 328— hin und ſie zündete die ihrige an. Mit einer graziöſen Bewegung hielt ſie ſie zwiſchen den ſchlanken Fingern und als ſie den perlreichen Mund öffnete, den bläulichen Duft herauszulaſſen, flog ein Lächeln des ſüßeſten Wohlbeha⸗ gens über ihre dunkel glühenden Züge. Man denke ſich Joſephſons und Willibalds Er⸗ ſtaunen, ihre Verwunderung, als ſie kurz vorm Abend⸗ eſſen mit Mr. Wharton von ihrer mehrtägigen Reiſe zu⸗ rückkehrten und von dieſem, der durch Ithyſſa ſogleich von allen Vorfällen benachrichtigt worden war, durch Eduards Zimmerreihe hindurch in Beata's Gemach geſührt wurden. Eduard in der Mitte, die beiden ſo verſchiedenen und doch in ihrer Art gleich herrlichen Frauengeſtalten zu ſeiner Seite auf dem blauen Divan ſitzend, alle Drei die Hände verſchlungen und Jeder eine brennende Cigarre im Munde, deren balſamiſcher Duft allein dem Epikuräer bewies, daß er hier kein Bild, ſondern die reine Wirk⸗ lichkeit vor Augen habe— Auch, ſo fanden die Freunde das wunderbare Kleeblatt ſie erwarten. Auf Eduards ausdrücklichen Wunſch blieben die Mädchen ſitzen, ohne ſich im Geringſten zu bewegen, nur ihre Blicke ſprachen, denn dieſe in ruhigem Ausdruck zu bewahren, war von ihnen, in deren Adern ein ſüdliches Blut koihie iht zu verlangen. Mr. Wharton, an jeder Hand einen Freund haltend, trat in das Zimmer. Der brave Mann lächelte, denn er ſah ſeine letzte und ſchwierigſte Aufgabe glücklich gelöſ't. Joſephſon, deſſen Brille von einem Neger im Garten wie⸗ dergefunden war und wieder auf ihrem gewohnten Platze ſaß, prallte einen Schritt zurück, rieb ſich die Stirn und wußte nicht, was er und wen er von den ſonderbaren Dreien zuerſt anſtaunen ſollte. 1 „Mein Gott!“ rief er endlich,„bin ich denn ein Jahr lang fort geweſen? Oder träume ich— Willibald, ſiehſt Du daſſelbe, was ich ſehe?“ „Ich ſehe und ſpreche meinen Glückwunſch aus,“ entgegnete der ruhig gefaßte Künſtler. Nun ſprang Eduard auf und umarmte ſtürmiſch den theuern Freund. „Wolf, mein Junge,“ rief er voller Entzücken,„erſt heute habe ich meine ganze Erbſchaft angetreten— ſieh, hier iſt Beata Hutten, meine Braut, und hier die ſchalk⸗ hafte Cigarita, derenwegen Du neulich in's Waſſer ge⸗ fallen biſt.“ „Ich hoffe, Sie ſind wieder trocken geworden,“ rie⸗ fen die Freundinnen beinahe zugleich. „Meine Damen, ja— zuerſt meinen herzlichſten Glückwunſch! Was dann aber mein Bad betrifft, welches mich hier wie mein Schickſal verfolgt, ſo bin ich geneſen, nur mein Rock iſt von dem göttlichen Kolumbus für im⸗ — 327— mer zerſtört. Nun aber, mein Gott, rufe ich noch ein Mal, wie iſt das Alles ſo ſchnell gegangen?“ „Das ſollſt Du bei Tiſche erfahren, ich ſehe den Sthyſ a da ſchon lange mit ſeinen luſtigen Augen zwinkern — wohlan, zur Tafel! Heute trinken wir Champagner!“ „Noch ein Wort, meine Herren!“ ſagte Beata zu Wolf und dem Maler.„Ich habe Ihnen noch nicht mein, Willkommen und meinen Dank ausgeſprochen, daß Sie Hutten über das Meer hierher begleitet haben. Meinem Vater war es Gewohnheit, Freunden, die ihn zum erſten Male beſuchten, ein Gaſtgeſchenk zu reichen. Ich laſſe keine Sitte ausſterben, die von ihm herrührt. Eduard, gieb heraus, was Du in dieſer Taſche trägſt.“ „Ich— ich weiß von nichts,“ erwiderte dieſer und griff in die Taſche. Sogleich aber zog er ein Käſtchen hervor.„Wie kommt das hinein?“ fragte er. „Deine Taſche, mein Freund, iſt ja wohl auch die meinige,“ ſagte lächelnd Beata,„und da die meinige voll war, belaſtete ich in aller Stille die Deinige mit dem kleinen Angedenken, welches ich dieſem Herrn zur Erin⸗ nerung an die Büffeljagd, den Fall ines Waſſer und an dieſen Tag verehre.“ Sie reichte Beiden etwas Glänzendes hin. Willi⸗ bald war erſchrocken, Joſephſon erſtaunt; es waren zwei köſtliche Solitaire, ähnlich denen, die die Verlobten hate ſelber trugen. — 328— „Nun aber zu Tiſche!“ bat Eduard, um den ſtür⸗ miſchen Dankſagungen und Verwunderungen der Freunde ein Ende zu machen. Und er reichte Beata den Arm, Mr. Wharton führte Willibald, ſo mußte Joſephſon Ciga⸗ rita den ſeinigen bieten. Das glänzende Weib nahm ihn an, ſie war beinahe eben ſo groß wie ihr Führer. Dieſem aber war zu Muthe, als wäre er der kühne Antonius und führe die Perle des Orients, die ſtolze Kleopatra ſelbſt zur Tafel. Am ſpäten Abende dieſes glücklichen Tages aber ſaß Eduard Hutten auf ſeinem Zimmer und nachdem er Gott inbrünſtig für ſeinen reichen Segen gedankt hatte, erbrach⸗ der den roſarothen Brief mit drei Siegeln und las Folgendes: „Hiermit, mein vielgeliebter, theurer Sohn, der Du es nun in doppelter Beziehung geworden biſt, erhältſt Du die letzte und ſicher nicht die ſchlechteſte meiner Beſitzungen, mein eigenes Kind, denn ich habe gewollt, daß Dir dieſe meine letzten Zeilen nur dann von Beata ſelbſt überreicht werden ſollten, wenn ſie die Deinige geworden iſt, was ich ſeit dem Augenblicke als höchſten Wunſch in meinem Herzen getragen habe, wo ich Dich kennen und nach Dei⸗ nem ganzen 1 Weliht ſchätzen lernte. — 329— „Ich habe dieſem meinen ſpät geborenen Kinde einen Namen gegeben, der Dir und mir doppelt theuer ſein muß, und wie dieſer Name und die Erinnerung an den Verluſt der Perſon, welche ihn früher trug, mein ganzes Leben mit Schmerz und Wehmuth ausgef füllt hat, ſo fülle — wollte es der all mächtige Gott!— der Beſitz dieſer anderen Beata Dein andes Leben allein mit Glück und Freude aus. ſpät, lange nach dem Tode Deiner unvergeßlichen Mutter geſchloſſen habe. Ihre Mutter war eine Kreolin, von ſpaniſchen Eltern in der Havannah geboren, die Beide ohne weitere Nachkommen verſtorben ſind. Aus dieſem Urſprunge trägt ſie die ſichtbaren Spuren auf ihrem Antlitze, und will ich hoffen, daß das lebhaftere ſüdliche Blut, welches in ihren Adern rollt, und die ſonnigere, wärmere Farbe, welche ihr Antlitz ſchmückt, Dich nicht minder mit dem ſüßen Gefühle gänzlicher Hingebung erfüllen, als das weißere Ausſehen und das ruhigere Herz eines nordſſchn Weibes. „Lege, mein Sohn, ich flehe Dich väterlich an, nicht dieſen Deinen europäiſchen Maaßſtab an die Beurtheilung dieſes meines einzigen Kindes. Es iſt nicht hervorgegan⸗ gen aus dem Schooße der höheren Cioiliſation Deines Vaterlandes, nicht die Einwirkung des Wiſſens und des Benehmens der ſogenannten Geſellſchaft hat die Forn „Meine Beata n das Kind einer Ehe, die ich erſt — 330— ihres Körpers und ihres Geiſtes entwickelt; vielmehr iſt ſie das Kind einer wilden Natur, die Tochter der freige⸗ borenen Urwälder Amerika's, oder wenn Du es richtiger hören willſt, eines freigewordenen Naturvolkes, welches dieſe Wälder bewohnt. Ihr Herz iſt noch der ungeſchliffene koſtbare Edelſtein, der ſeinen ihm innewohnenden Glanz erſt vollſtändig erhalten wird. Sie giebt ſich, wie ſie iſt, was ſie denkt, ſpricht ſie aus, was ſie fühlt, verbirgt ſie nicht, was ſie will, das thut ſie. Habe alſo Nachſicht mit ihr. Keine zwingende Regel, keine hemmende Schnür⸗ bruſt europäiſcher Erziehung hat jemals weder ihren Geiſt noch ihren Leib umſchloſſen, Du allein wirſt ihre Regel, ihr Leitſtern, ihr Führer ſein. Was ſie weiß, an Spra⸗ chen, Kunſt und Viſſenſchaft, weiß ſie allein von mir, denn ich bin ihr einziger Lehrer geweſen. Wenn ihr Wiſſen daher gering iſt, ſo glaube nicht, daß ihr Verſtand weni⸗ ger reif und ihr Begriffsvermögen vernachläſſigt iſt; prüfe ſie ſelbſt und dann handle, denn nur Du allein mögeſt ihr zweiter Lehrer ſein, Du allein ihre Bildung vervoll⸗ kommnen, und ſie wird gern und mit eben ſo viel Leiden⸗ ſchaft wie Ergebenheit Deine Schülerin ſein, da ſie Dich liebt von dem Augenblicke an, wo ich ihr ſagte: Beata, der Mann Deiner Zukunft iſt gefunden— ſiehe, hier iſt er! „Mein Benehmen und meine Verſchwiegenheit über 3 dieſe Punkt gegen Dich während unſerer Reiſe wird Dir — 331— auffallend und vielleicht wunderbar erſcheinen, aber ich habe mich zu dieſer Handlungsweiſe nur nach langer und ſchmerzlicher Prüfung entſchloſſen. Denn ich kenne das menſchliche Herz; ſeine Licht- und Schattenſeiten, ſeine Tugenden wie ſeine Fehler ſind mir bekannt. Hätte ich Dir ohne alle Verheimlichung, wie es eigentlich mein ſtill⸗ ſchweigender Wunſch war, die Heirath meiner Tochter zur Bedingung der Erbſchaft gemacht, ſo würdeſt Du mir vielleicht willfährig geweſen ſein, aber ich häͤtte immer nicht gewußt, ob Dein Herz ſelbſt aus eigenem Antriebe Dich zu meinem Kinde geführt hätte, und das wollte ich; Du ſollteſt ſie lieben lernen, ohne zu wiſſen, daß ſie mit mir in ſo nahem Zuſammenhange ſtehe. Warſt Du ſo edel, wie ich glaubte, ſo entſchloſſen, wie Du mir ſchienſt, ſo wurde mein Kind unter allen Bedingungen mit Dir glücklich, ob Du ſie ein Jahr früher oder ſpäter kennen lernteſt. „Jetzt weißt Du auch, warum ich ſo oft und ſo be⸗ deutungsvoll bei Dir forſchte, ob Du bereits eine andere Verbindung eingegangen ſeieſt. Wie viel Kummer habe ich über dieſe für mich ſo traurige Vorausſetzung im Stil⸗ len empfunden! Wie oft und wie lange habe ich ge⸗ ſchwankt, Dir von dem Daſein Beata’s Kunde zu geben und nur die wiederholteſte, ruhigſte, beinahe erzwungenſte Ueberlegung hat mich zum Schweigen ermuthigt. Wärſt 3 Du, wie ich es am liebſten geſehen, gleich mit mir nach — 332— 4 Amerika gewandert, ſo hätte ich vielleicht noch bei meinem Leben die entzückende Freude gehabt, Dich mit ihr vor meinen Augen für alle Zukunft verbunden zu ſehen; Du wollteſt oder konnteſt mir aber nicht folgen, und an mir war es nicht, Dich zu überreden. Wäre ich länger am Leben geblieben, ſo hätten wir, ich und Beata, Dich eines Tages in Deinem Gartenhäuschen überraſcht, und ich ſelber wäre vielleicht der Bote Deines doppelten Glückes geweſen. Das aber war mir von der Vorſehung nicht beſtimmt, und ich beuge in ruhiger Ergebung mein Haupt. „Eure Verbindung, ſo will ich es, werdet Ihr erſt nach ganz vollendetem Trauerjahre ſchließen, denn Beata iſt jung und Ihr ſollt erſt die wonnigen Freuden des glücklichſten aller menſchlichen Zuſtände, des Brautſtandes, genießen. Lernet Euch kennen und tauſchet erſt Eure Gefühle aus, ehe Ihr das Wort der ewigen Verbindung austauſchet. Lebet aber ſo lange wie Ihr wollt, ruhig und unangefochten in meinem Hauſe am Hudſon zuſam⸗ men, Eure beiderſeitige Seelenreinheit bürgt mir dafür, daß ich dieſen Wunſch nicht unausgeſprochen wünſchen muß. Ich kenne mein Kind und auch Deiner bin ich in allem Guten gewiß. Das tadelnde, krittelnde, auch im reinſten Golde den gewöhnlichen Staub menſchlicher Schwäche erblickende Auge der ſogenannten cioiliſirten Welt, der Alltagsgeſellſchaft, habt Ihr dort in ſtiller Ein⸗ amkeit und Abgeſchiedenheit nicht zu fürchten, fürchtet Nie⸗ — 333— manden als allein Gott und gebet Eure Seelen einander hin, wie Ihr einſt Eure Leiber einander hingeben werdet. „Daß Beata beinahe zehn Jahre jünger iſt als Du, i*ſt mir gerade lieb und recht. Der Mann, der ein ſchö⸗ nes Weib lieben und es in ſeiner Schönheit zu ſeinem Wohlgefallen erhalten ſehen will, muß ſo viel älter ſein. Es hat dies ſeine eigenen Segnungen, ſeine eigenen Vor⸗ theile, die Jeder erkennt, wenn er ſie zu erfahren oder zu vermiſſen beſtimmt iſt.— „Führe meine Tochter nach Europa und ſchließe ihr mit dem Schlüſſel der Belohnung die Schätze und das Glück der Welt und des menſchlichen Lebens auf. Sie geht gern mit Dir, wohin Du ſie führſt, und wäre es bis an das Ende der Welt ſelber,— das weiß ich, das fühle ich, denn ſie wird für Dich ſein, was Deine Mutter für mich geweſen wäre, ein ganzes, im Großen und Kleinen Dir vollkommen ſich hingebendes Weib. „Noch Eins könnteſt Du mich fragen. Warum ich nämlich nicht meinem Kinde allein mein ganzes Vermögen vererbt? Meine Antwort iſt die, daß ich dieſes Wagniß ſelbſt bei einem Sohne nicht unternommen haben würde, wenn ich denſelben nicht in allen Beziehungen dieſer Erb⸗ ſchaft würdig erachtet hätte. Bei einem Mädchen, welches wie Beata allein in der Welt ſtand, wäre es eine Ver⸗ wegenheit, eine Thorheit, ja, eine ſchlimme Handlung ge⸗ weſen. Denn was iſt für die nie geduldig harrende, ſtets — 331— 9 angreifende Welt eine ſo reiche Erbin? Ein Spielball männlicher Spekulation, ein Gegenſtand oft niederträch⸗ tigſter Bewerbung, ein Preis, den nicht der Erſte, ſon⸗ dern oft der Stärkſte oder der Schlaueſte, und das will oft heißen der Schlechteſte erringt. Meine Beata ſollte, eben ſo wenig an Gut, wie an ihrer Seele das unſchul⸗ dige Opfer eines kunſtfertigen Betrügers ſein, ſie ſollte glücklich werden und ſelbſt beglücken, ſo war es meine väterliche Abſicht, mein Wille, meine Hoffnung und dieſe habe ich ja jetzt wohl am beſten und leichteſten erreicht. „Die Renten, die ich ihr für den Fall ausgeſetzt, daß Du Dich nicht mit ihr vereinigteſt und die hinreichend waren, ihr ein Leben voller Annehmlichkeiten und Genüſſe, wie es meiner Tochter geziemte, zu bereiten, gieb ihr, wenn ſie Dein Weib iſt, als Nadelgeld. Sie mag davon ihre häuslichen Ausgaben beſtreiten und nach eigenem Wunſche Bedürftige glücklich machen. Denn auch ein Weib will, wie ein Mann, einen kleinen Schatz haben, in deſſen Tiefe ſie greife, wenn ſie das Bedürfniß dazu fühlt, ohne immer einen Beitrag eines Andern, ſelbſt wenn dieſer ihr Mann wäre, fordern zu müſſen. „Und ſo ſcheide ich von Dir— für ewige Zeiten! Nur in Eurer Erinnerung werde ich fortleben, das weiß ich, während meinen vergänglichen Leib längſt die Erde umſchließt. Ich breche kurz ab— ich habe Euch gegeben, was ich hatte, gebe Euch der Allmächtige, was ich Euch — 335— nicht geben konnte, ſeinen Segen! Seid glücklich und gedenket Eures treuen Vaters, des einſtigen armen Krämers, „Edward Hutten!“ Eduard küßte dieſe Unterſchrift, kniete nieder und gelobte in ſeinem Innern zu bewahren, zu ſchützen, zu fördern, was Edward Hutten ihm zu ſeinem Glücke, zu ſeiner Beſeligung in ſo unermeßlich reichem Maaße über⸗ liefert hatte. Dann ging er auf ſein Lager und genoß einer Ruhe, wie ſie nur der Menſch genießt, der das Le⸗ ben vor ſich geöffnet ſieht und den breiten Weg, der ihn hinein führt, bequem und leicht zu wandeln im Stande iſt⸗ —— Sechſtes Kapitel. Der Abſchied von Amerika. Ne war das Landhaus Mr. Huttens am Hudſon in früheren Tagen ſo freudig belebt geweſen wie jetzt, nie hatte in den weiten Räumen und in den ſchönen wilden Umgebungen deſſelben eine ſo fröhliche Menſchenſchaar ihr Weſen getrieben, wie in dem Sommer des Jahres, bis zu welchem wir jetzt in unſerer Erzählung vorgeſchritten ſind.— 8 Mr. Wharton, der ſeine ſchwierige Aufgabe am Hudſon glücklich gelöſ't ſah, wurde von den Geſchäffen nach Neuyork gerufen, dafür fand ſich Mr. Treaden ein und brachte noch einige gut gerittene Pferde mit, an denen man jetzt bei der größeren Anzahl der Gäſte und den bereits zur Gewohnheit gewordenen weiteren Aus⸗ flügen anfing Mangel zu leiden. — 337— Im Parke vergnügte man ſich am frühen Morgen ſchon damit, daß man die vier kleinen Schottländiſchen Pferde, breitgeſpannt, den kleinen Wagen ziehen ließ, in deren Lenkung ſich beſonders Beata und Cigarita eine große Meiſterſchaft erworben hatten. Dann begab man ſich, wenn es heißer wurde, in die kühlen Zimmer und zeichnete, las oder unterhielt ſich mit ſolchen Dingen, die eben ſo zum Nutzen wie Vergnügen der Menſchen in der Welt ſind. Eine bei Weitem größere Rolle als früher hatte dabei Willibald übernommen. Der Anblick der beiden herrlichen Frauengeſtalten hatte ſeine Künſtler⸗ phantaſie belebt und bald war die Erlaubniß erwirkt, ſoowohl Beata wie Cigarita in ihren maleriſchen Kleidun⸗ gen, die ſie nach allmählig ablaufender Trauerzeit anzu⸗ legen anfingen, in Lebensgröße mit ſeiner kunſtfertigen 4 Hand der Zukunft zu erhalten. Beata trug auf dieſem Bilde die ſchöne ſpaniſche Tracht, das weiße, mit emaillir⸗ tem Glanze ausgeſtattete Atlaskleid, die faltenreiche Man⸗ tilla und den ſpitzenſchweren Schleier, der ihre wollüſti⸗ gen Glieder mit einer unglaublichen, zauberartigen Schön⸗ heit umgab. Cigarita trug für gewöhnlich die mexika⸗ niſche Tracht, ein bis auf die Knöchel reichendes Seiden⸗ kleid von glänzenden Farben, darüber ein enganſchließen⸗ des, braunrothes Leibchen von Sammt, welches dis Fülle ihrer Formen kaum zu umſchließen vermochte, eine lang⸗ hinflatternde Schürze um die Hüften und das goldene Der Inſelkönig. Iv. 22 — 338— Netz in den Haaren, Arme, Hals und Ohren mit den funkelndſten Edelſteinen geſchmückt, die ſie ſo ſehr liebte; oder ſie zeigte ſich zur Abwechſelung im griechiſchen kur⸗ zen Seidenrock, mit den weiten atlaſſenen, unten gebauſch⸗ ten Beinkleidern, den ſaffianenen Stiefeln am kleinen Fuß, um den Oberkörper die orientaliſche Tunika flatternd und auf dem Kopfe das griechiſche rothe Käppchen mit der ſchweren Goldtroddel daran. In dieſer Kleidung be⸗ wegte ſie ſich am freieſten, in dieſer ritt ſie und in dieſer ließ ſie ſich von Willibald malen, worüber ſie eine bei⸗ nahe ausgelaſſene Freude bezeigte, denn ſie hatte nicht gewußt, daß ihr ſchwarzer Körper ſo viel Stoff zur Be⸗ wunderung bieten würde, wie ſie ſie jetzt laut wer⸗ den ſah. Sowohl Beata's wie Cigarita's Bild ſchritt raſch vorwärts, denn Willibald war fleißig und führte einen gewandten Pinſel, und während die Mädchen abwechſelnd vor dem Maler ſtanden oder ſaßen, las ihnen Hutten etwas Intereſſantes vor, um ihre Geſichtszüge zu beleben und dem Künſtler dadurch ſelber behülflich zu ſein. Dieſe beiden Bilder ſollten ein Zimmer in Eduards künf⸗ tiger Wohnung ſchmücken, und waren die Maaße davon an Waldau mit allen übrigen Wünſchen der Beſitzer ab⸗ geſandt worden. ach Mr. Huttens, des Aelteren, hergebrachter Ge⸗ wohiheit wurde im Landhauſe, wie bei uns in den mei⸗ — 339— ſten Familien, um ein oder zwei Uhr Mittags die Hauptmahlzeit gehalten, um den Nachmittag nicht zu zer⸗ ſtören, und dann gleich nach Tiſche ein gemeinſchaftlicher Nitt unternommen, an dem auch Willibald jetzt bisweilen Theil nahm. Nach und nach dehnte man dieſe Spazier⸗ ritte zu kleinen Reiſen im Urwalde aus und drang bis an's Ende der Lichtung, bis an den Fuß der Allephany⸗ gebirge vor. Bei dieſen Gelegenheiten lernte dann Eduard den Reiter des ſchönen Schimmelhengſtes kennen. Es war Beata ſelber, die, von frühſter Jugend an dieſe Reiſeart gewöhnt, mit ſeltenem Glück und beinahe wilder Lebendigkeit das herrliche Thier zu tummeln verſtand. Der Abend wurde im Parke oder auf dem Hudſon oder wieder im Hauſe verlebt, mit Geſprächen verkürzt, mit leichten Studien veredelt, und durch gemeinſamen Antheil zu dem heiterſten Tagewerke umgewandelt. So verflog der heiße Sommer raſch und es nahte ſich mit ſchnellen Schritten die Zeit, die Eduard zu ſeinen Reiſen in den ſüdlicheren Theil Amerika's, nach dem Miſſiſippi, Mexiko, ja vielleicht bis auf Kalifornien aus⸗ zudehnen beſtimmt hatte, wohin zu gehen ihn ſogar Beata aufforderte, damit er in Europa ſagen könne: das habe ich geſehen, das habe ich erlebt, dort bin ich ſelbſt geweſen. Denn Beata war anders beſchaffen, wie viele unſerer deutſchen Mädchen, die, wenn ſie Bräute ſind, weinen, ſobald ihr Geliebter ſie auf einen Tag ver⸗ 22* — 340— läßt. Sie war ſtolz auf ihr Vaterland und wollte ihrem theuren Hutten denſelben Stolz einflößen; dazu war aber nöthig, daß er die neue Welt mit eigenen Augen ſah und deshalb trieb ſie ihn an. Wäre ſie ſchon ſein Weib geweſen, ſo würde ihr keine Reiſe zu beſchwerlich geweſen ſein, als ſeine Geſellſchafterin ihn zu begleiten, ſo aber zog ſie es vor, am Hudſon zu bleiben und ſich allmählig auf ihre wichtigere Zukunft ernſtlich vorzube⸗ reiten.— Es war ſchon im October, als Eduard Hutten den Hudſon verließ und nach Neuyork zurückkehrte, wo Mr. Wharton alle Vorbereitungen zu der großen Reiſe ge⸗ troffen hatte. Man blieb noch einige Tage in der gro⸗ ßen Stadt, bevor man ſie auf lange Zeit verließ und ordnete alle Geſchäfte denn Mr. Wharton ſollte Eduard, Joſephſon und Willibald begleiten, während Mr. Staun⸗ ton und Treaden die Geſchäftsf führung zu Hauſe über⸗ nahmen.— Am Tage vor der Abreiſe erſchien der Capitain Schröder vor Hutten, um Abſchied von ihm zu nehmen. Er ſah traurig und nachdenklich aus. „Wie geht es Ihnen, mein lieber Schröder,“ fragte Hutten,„Sie ſehen nicht ſo vergnügt aus wie ſonſt?“ „Ach! Mr. Hutten, mir ſelbſt geht es, Dank Ihrer Güte, wohl. Aber da drüben in Europa ſieht es trübe und traurig aus. Alles geht drunter und drüber, wie ich erzogen und groß geworden. 8 — 341— wir u ſager pflegen. Die ganze Nordküſte Deutſchlands iſt von den Dänen blockirt, da ihnen der Krieg erklärt iſt. Der Handel ſtockt, die Arbeiten ruhen, die armen Leute ſind übel daran!“ „Das iſt dem großen Deutſchen eigentlich recht, „Schröder, wenn wir es genau betrachten; ich habe dieſe Neuigkeiten ſchon leider am Hudſon vernommen. Warum läßt er ſich das von dem kleinen Dänen gefallen? Warum baut er keine Schiffe, ſeine Häfen und ſeinen Handel zu ſchützen?“ „Freilich wohl, das ſind die alten Sünden, Mr. Hutten, die ſich jetzt empfindlich rächen. Aber denken Sie gar nicht von dem Dänen ſo klein. Dieſe kleinen Dänen ſind ſo klein nicht auf dem Waſſer, ſie haben feſte Zähne und tüchtige Fiuſte, zs' ſind ächte nordiſche Seehunde. Aber die armen utſchen Hafenſtädte! Alle Häfen liegen voller Schiffe und unen nicht in die See — da wird viel zu Grunde gehen, und mein bischen Hab und Gut auch.“ „Wie ſo? Was hat ihr Hab und Gut damit zu ſchaffen?“ „Es ſteht bei meinem Vater in Stettin, dort bin „Alſo Sis ſind ein Prenße? J 349 ch habe alle Achtung vor Ihrem Vaterlande. Aber 8s 1 ihm ne uiih 8 — 342— 5 ſeinen jetzt ſchon mächtigen Handal zu ſchützen.— Was treibt Ihr Vater dort?“ „Er iſt Schiffbauer, Mr. Hutten, was ich früher auch war, und hatte in ruhigen Zeiten gute Ausſichten auf eine Fülle von Arbeiten. Aber jetzt iſt Alles vorbei, ſeine Arbeiter feiern und es wird in Jahren nichts beſtellt.“ „Ein Schiffbauer? So! das wußte ich noch nicht. Kann er auch große Schiffe bauen?“ „Gewiß kann er das, er iſt ja lange in England und Philadelphia geweſen und hat es ſtudirt; auch hat er engliſche Schiffszimmerleute mit nach Hauſe genom⸗ men, die jetzt ſein Brot eſſen. Wenn er nur was zu bauen hätte, ſogar Linienſchiffe kann er herſtellen.“ „So? Nun, dem kann man helfen, Schröder, 4 7* 8 und da es Ihr Vater iſt, ſo muß man ihm helfen. Wiſſen Sie was? Er ſoll mein Schiffsbaumeiſter ſein.“ „Wollen Sie denn Schiffe bauen? Sie haben ja genug und brauchen keine mehr.“ „Ich nicht, aber mein Vaterland braucht eine große Marine auf dem Meere, und ich eine kleine auf meiner Inſel. Wollen Sie für mich beſtellen? Sie viſſen, meine Zahlungen ſind ſicher.“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ WMein vollkommener Ernſt. Laſſen Sie Ihren Va⸗ eer bun Anfang eine Fregatte von ſechszig Kanonen 7 N— 343— bauen, aber ſchön muß ſie ſein, eine Zierde für das ganze Land. Alle Jahre ſoll etwas Aehnliches beſtellt werden, wenn es gut wird. Und was mich ſelbſt be⸗ ttrifft, ſo möchte ich zwei kleine Dampfböte haben, ein gawöhnliches mit Schaufelrädern, zum täglichen Hin⸗ und 4* Herfahren nach der Stadt, als Poſt und Packetboot für die Inſelbewohner und ein Schraubenboot als Kriegs⸗ ſchiff im Kleinen eingerichtet, zu meinem Vergnügen. Die Maſchinen kann Ihr Vater beſtellen, wo er einen der Unterſtützung bedürftigen Maſchinenmeiſter kennt, wenn er ſeine Sache verſteht. Außer dieſen beiden Dampfboo⸗ ten will ich etwa ein Dutzend kleiner Flußſegelboote haben, von verſchiedener Größe und Form, als Schooner, Kutter und Jachten getakelt. Ein größerer Kutter aber mit Ka⸗ jütenraum und für acht bis zwölf Mann Bemannung muß dabei ſein.“ „Der Tauſend, Mr. Hutten, das wird ja eine aller⸗ liebſte Flottille. Wer ſoll denn die auf dem lüſen Waſ⸗ ſer commandiren?“ „Irgend ein verdienter alter Seemann, der ſich ver⸗ heirathen und ſeine Tage in Ruhe verleben will. Haben Sie vielleicht Jemanden vorzuſchlagen?“ „Mich ſelber, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ „Ich bin es zufrieden. Wenn Sie die Beata ver⸗ laſſen wollen, nachdem ſie mich hinübergetrag gen, kommen Sie mit mir; ich habe meinem Marinecommandanten — 344— Gehalt von 1000 Thalern beſtimmt. Meine Schiffe habe ich bereits an meine Regierung verſchenkt und Sie hätten doch meinen Dienſt verlaſſen müſſen.“ „Nimmermehr, Mr. Hutten, und wenn ich Ihr Ruderknecht hätte werden ſollen! Aber wie, die Beata ſoll auch mit fort?“ „Die Beata nicht gern— ich weiß nur nicht, wohin damit?“ 4 „O nein, Herr, das thun Sie nicht. Legen Sie ſie in die Docks, und wenn uns einmal die Luſt anwan⸗ delt, das Salzwaſſer zu verſuchen, ſo ſegeln wir darin umher. Das Uebrige nehme ich dankbar an— ich bin alſo Ihr Admiral?“ „Topp— es iſt aßgimaht. leben Sie wohl, Herr Admiral!“— . Und ſchon am Abend deſſelben Tages hatte der neugeſchaffene glückliche kleine Admiral die Beſtellung ſei⸗ nes Herrn niedergeſchrieben, um ſie nach Europa zu ſen⸗ den und ſeinem alten Vater den neuen Glücksſtern zu⸗ verkünden, der wiederum über eine e große Anzahl Men⸗ ſchen aufgegangen war. Am nächſten Morgen begab ſich die Reiſegeſellſchaft, beſtehend aus Hutten, Joſephſon, Kannenſchmidt, Mr. — 345— Wharton und einer hinreichenden Anzahl ſchwarzer und weißer Diener Ithyſſa war natürlich unter ihnen— auf ihren laͤngen Weg durch den Kontinent von Nord⸗ amerika. In dieſem Lande aber reiſtt man verhältniß⸗ mäßig raſcher als bei uns, denn die Dampfkraft iſt hier viel allgemeiner verbreitet und eine größere Hülfsquelle des Fortkommens als in dem alten Europa, wo erſt viele Jahre ſpäter als in der friſchthätigen neuen Welt reiner der größten Erfindungen des menſchlichen Geiſtes die unerläßliche Huldigung dargebracht wurde. Von Meltyork gingen unſre Reiſenden über Waſhington, Cin⸗ . cinnati, Indianopolis nach St. Louis am Miſſiſippi, „ fuhren denſelben bis zu ſeiner Mündung hinab, beſtiegen ein Schiff, beſuchten die Küſten von Texas und durch⸗⸗ ſchnitten dann den Meerbuſen von Mexiko bis Vera Cruz, von wo ſie nach Mexiko ſelber gingen, und wo Mr. Hut⸗ ten ſich der Aufträge ſeines Manarchen mit demſelben glücklichen Erfolge wie bei ſeinem letzten Aufenthalte in Waſfhington erledigte. Dieſe großen und herrlichen Rei⸗ ſen waren nicht ohne Mühſeligkeiten und Gefahren, Mr. Wharton aber, der überall Handelsverbindungen und Freundſchaften hatte, wußte ſie ſo angenehm wie lehr⸗ reich zu machen und kein ernſtlicher Unfall begegnete der kleinen Karavane. Für Willibald beſonders war die Ausbeute unermeßlich, ſeine Skizzen häuften ſich ſo an, daß er öfters große Sendungen davon nach dem Hudſon 8 — 316— ſchicken mußte, weil ſie ihm ai der Reiſe untauem wurden.— Von Mexiko gingen ſie nach Sacatula, an der Weſtküſte Amerika's, beſtiegen hier ein Schiff und fuhren nach der goldreichen Halbinſel Kalifornien, wo ſie lange Zeit blieben und der Auferſtehung einer neuen Weltin⸗ duſtrie mit großem Antheil zuſchauten. Von hier aus ſegelten ſie an der Weſtküſte Amerika's durch den großen Ocean ſüdlich, gingen über Mexiko zurück, durchſchnitten quer den gleichnamigen Meerbuſen, berührten die Havan⸗ nah, das Vaterland der Mutter Beata's, ſtatteten Flo⸗ rida einen Beſuch ab und gelangten ſo wieder in den atlantiſchen Ocean. Beinahe ein Jahr waren ſie vom Hudſon abweſend geweſen, als ſie im Anfange des Okto⸗ bers des nächſten Jahres ſich demſelben wieder näherten und, ſtolz, eine halbe Welt durchwandert zu haben, mit tauſend neuen Erfahrungen bereichert, von der mittäg⸗ lichen Sonne gebräunt, aber im Herzen froh und glücklich, an einem lauen Herbſtabend wieder eintrafen. Beata und Cigarita, die zeitweiſe in Neuyork gewe⸗ ſen waren, um ſich zu ihrer weiten Reiſe vorzubereiten, ſaßen in ihrem Zimmer, als ein Neger, ſprachlos vor Freude, zu ihnen gelaufen kam, um mit glotzenden Augen, weit aufgeriſſenem Munde und heftigen Armbewegungen die große Neuigkeit zu verkünden. Eiinnen Augenblick darauf trat Hutten ſelber, ge⸗ — 347— bräunt aber vollkominen geſund, vom Glück des Wieder⸗ ſehens ſtrahlend, Por⸗ das ſehnſuchtsvolle Auge Beata's. Sprachlos lag ſte an ſeinem Halſe und jetzt erſt entquoll ihrem Auge die erſte Thräne, aber es war die der Freude, denn von nun an ſollte keine Trennung mehr ſein zwi⸗ ſchen ihr und dem Geliebten ihrer Seele. Was war da Alles zu erzählen, zu hören, von beiden Seiten! Und wunderbar! der weitgereiſte Mann, der ſo viel Neues geſehen und erlebt, er hatte viel weni⸗ ger zu berichten, als das unſchuldige Kind der Natur, welches in ſeinem Hauſe und bei ſeinen gewohnten Be⸗ ſchäftigungen geblieben war und nichts Neues geſehen, wohl aber tauſend neue Gedanken erfunden und ausge⸗ malt hatte. Denn eine ganze, neue, ſchönere Welt war in des Mädchens Herzen aufgeblüht, zahlloſe, unbeſchreib⸗ lich ſchöne Blumen ſproßten in ihrem jungfräulichen Bu⸗ ſen und erfüllten mit ihrem zauberhaften Dufte ihre ganze in Gährung gerathene Seele. Und mit welchem Antheil, welcher Bewunderung lauſchte der gereiftere Mann dieſen ihm noch unbekannten Ausbrüchen der glück⸗ lichen Trunkenheit eines fremden Weſens, nie war das Alles für ihn ſo ſchön, ſo lieblich, ſo wonnevoll und Glück verheißend! Untrennbar lag ſie an ſeinem Herzen, lispelte Worte der Liebe und berauſchte ſich an der mil⸗ den Flamme ſeines den ganzen Himmel ſeiner Seele offenbarenden Auges.„Cigarita, erzähle,“ ſagte ſie mit Beata übereingekommen, erſt kurz vor ihrer Ueberfahrt — 318— der muſikaliſchen Stimme, die wie Harfenton und Flöten⸗ geſang klang,„erzähle, was wir beſchloſſen,— Cigarita, zeige, was wir gemacht, Cigarita, hole herbei, was wir zurecht gelegt haben. Und da ſchwieg denn von ſelber der in einen Lauſcher verwandelte Glückliche, denn er ſah ja, daß nur ſeinetwegen dieſe Freude da war, nur um ihn dieſe tauſendfachen Erzählungen kleiner Lebensvor⸗ fälle ſich drehten. Joſephſon ſah das Alles mit einem ſonderbaren Gefühle an, denn das reine Kind des ame⸗ rikaniſchen Urwaldes hatte kein Geheimniß vor den Freun⸗ den ihres Geliebten; was ſie fühlte und dachte, das ſprach ſie aus, denn es war ihr ja von ihrem Schöpfer in die Seele gelegt, und was ſie ihm, dem Einen zu ſagen hatte, das konnte ja die ganze Welt vernehmen. Joſephſon ſelbſt ging ein ganz neues Leben bei dieſen Geſprächen, dieſen Zärtlichkeiten auf, ſeine Gefühle für das blondgelockte Mädchen mit dem durchſichtigen Ant⸗ litz, für Emma, erwachten von Neuem und in ſeinem Innern löſte ſich ein ſtiller Sehnſuchtsſeufzer los, der um ſo lauter von ſeinen Lippen widerhallte, als er das Ziel ſeiner Wünſche abermals in weitere Ferne ge⸗ rückt ſah. 1 Denn es waren Briefe von Europa gekommen, die Eduards Rückkehr dahin verzögerten, aber auch ſeine Verbindung mit Beata hinausſchoben. Eduard war mit gehen, weil Reiſe anzußeten geſonnen war, ſo ſollte nach ſeiner Mei⸗ nung ſeint Vermählung auch noch in demſelben Jahre ſtattfinden. Aber ein Brief Waldau's vernichtete alle 3 eſe ſüßen Hoffnungen. Der ergebene Freund ſchrieb iel, in jedem ſeiner Berichte waren die wachſenden Fort⸗ A ſchritte ſeines Fleißes und des Gelingens ſeiner Werke verzeichnet. Man glaubte alſo bald den Ruf erwarten zu können, womit er ſeinen Freund in die Heimath be⸗ rief. Diesmal aber ſtanden in ſeinem letzten Berichte unter vielen anderen Mittheilungen folgende Worte: „— Mein und unſer Aller Wunſch, mein theurer Hutten, Dich noch in dieſem Jahre in unſerer Mitte wie⸗ derzuſehen, kann leider nicht erfüllt werden. Wenigſtens, wenn Du meine dringendſte Bitte erfüllen willſt, bleibſt Du auch dieſen Winter noch wo Du biſt. Und da ich ſehe, zu meiner Freude ſehe, daß Du glücklich biſt, denn alle Deine Briefe ſprechen von einem uvbeſchreiblichen Glücke, welches Du uns freilich nicht näher bezeichneſt, ſo hege ich die Hoffnung, daß Du mir zu Liebe dieſes Glück noch länger genießen mögeſt. Ich bin unansge⸗ ſetzt für Dich und die Deinigen thätig geweſen, und alle Freunde baben mit ihren Kräften und Fähigkeiten mich treulich unterſtützt, allein— unſer Werk iſt noch nicht nach ſeinem tzthum dieſe Feier zu be⸗— it friſ ſchen Lebenskeimen die alte Welt betreten wollte. Und da er noch in dieſem Jahre dieſe — 350— ſo weit gediehen, daß ich Dir zurufen könnte, komme und genieße! Die meiſten Baulichkeiten Deiner Herrſchaft— denn eine Herrſchaft im ſchönſten und vollkommenſten Sinne iſt es, Dank vielen hundert fleißigen Händen! gewor⸗ den— ſind freilich vollendet, einige ſogar wurden ſchon von Deinen Schützlingen, die mir redlich zur Seite ſtehen, bezogen, ja, Dein eigenes kleines Haus iſt ſo, wie Du es wollteſt, bis auf wenige Kleinigkeiten bereit, Dich würdig zu empfangen, allein ſo, wie ich es will und verlange, iſt noch nicht Alles vollendet. Wir bauen jetzt an der ſchönen Abteikirche, die Dir gefallen wird und an dem Schloſſe, welches ein Denkmal des Reichthums, der Kunſt und der Schönheit zu werden verſpricht, aber kaum zwanzig Monate ſind zu wenig geweſen, dieſen Prachtbau ganz zu vollenden, ungeachtet der vielen hundert Hände, die an ſeiner Vollführung und Ausſchmückung täglich ſich müde arbeiten. Wir brauchen— Gott gebe uns wie⸗ der einen ſo gelinden Winter wie den vorigen— noch wenigſtens ſechs Monate, bevor er ſo iſt, wie er ſein ſoll, und Du darfſt, wenn Du zu uns zurückkehrſt, nicht ſagen, das muß noch ſo oder ſo werden. Nein! ich ſetze meine ganze Ehre und mein Glück darein, vor Dich zu treten, Dir die Schlüſſel zu überliefern und zu ſagen: „Herr und Freund, ziehe ein und ſei mit Deinen Geſellen zufrieden! Fürchte nicht, daß Deine kleine Wohnung noch an Feuchtigkeit leidet, ich habe alle Mittel aufgeboten, — 351— Dir eine behagliche und trockene Stätte zu bereiten, Du wirſt ſie finden, wie Du ſie wünſchteſt, denn Du wirſt ſelbſt zufrieden, geſund und glücklich darin ſein. „Kannenſchmidt fehlt uns ſehr, für die großen Fresken haben wir kaum fähige Hände genug gehabt, und haben deshalb Hülfe bei Auswärtigen ſuchen müſſen, Lambeck hat etwas Außerordentliches geleiſtet; er iſt ein Menſch, den wir nicht genug bewundern können, wenn er ſich auch meiſt unſerer Bewunderung entzieht. Raphael, der glückliche Braͤutigam, hat ſeine Meiſterſchaft in Ita⸗ lien vollendet, Du wirſt ſeiner Hände Werke herrlich finden. Riegenſtahl, der gute Kerl, arbeitet Tag und Nacht, er iſt unermüdet. Was Ernſt und Karl betrifft, ſo ſind ſie meine rechten Hände geworden, Du wirſt in ihnen mit Deinen Jugendgeſpielen zufrieden ſein. Daß Joſephſon ein halber Mohr, ein kühner Reiter, ein wilder Jäger geworden, glauben wir gern, er hat Talent zu Allem, ſogar zu dummen Streichen. Sage ihm doch, daß der ehemalige Kammergerichtspräſident, ſein Gönner, Geſandter in Rom iſt und noch daſelbſt weilt, Judith ſchickt für ihn einige Briefe mit, deren Schreiber ich nicht kenne. Alle ſind geſund und herz⸗ innig Dir ergeben wie immer. „Alſo bleibe, wo Du biſt, überraſche mich um Gottes willen nicht, Du verdürbeſt Dir und uns die — 3852— beſte Freude. Vier Wochen vorher muß ich wenigſtens Deine Ankunft gemeldet erhalten, ſonſt bin ich nicht mehr Dein Hans Waldau, ſondern ich laufe zum Teufel. Gott ſegne Dich!“ 1 „Sieh,“ ſagte Eduard, als er dieſen Brief laut vorgeleſen hatte,„der ehemalige Geſpenſterſeher ſpricht von Gott und dem Teufel in Einem Athem. Aber er meint es gut und wir müſſen ihm gehorchen.“ Und zu Joſephſon ſagte er, als er mit ihm allein war:„Da haſt Du Deine Briefe. Ich will nichts davon wiſſen, aber ich freue mich, daß Emma Dir treu geblie⸗ ben iſt. Vertraue ferner und harre aus, ſie iſt in Rom und Du würdeſt ſie demnach zu Hauſe nicht finden.“ Und das beruhigte Joſephſon in der That, denn nach ſeiner Rückkehr nach dem Hudſon, wo es jetzt für ihn am ſtillſten war, hatte eine große Sehnſucht nach ſeiner Heimath ſich in ſeinem Innern eingefunden, und eine viel größere nach dem Schatze, der ihm einſt, wie er hoffte, dieſe Heimath zur Himmelsfreude umwandeln ſollte.— — Eduards Lieblingswunſch wäre es geweſen, ſeine Verbindung mit Mr. Huttens Tochter durch ſeinen — 353— Pflegevater eingeſegnet zu ſehen, und an einem und dem⸗ ſelben Tage ſich ſelbſt, die Geſchwiſter und ſeine Freunde Klücklich zu machen. Allein dies konnte nicht geſchehen, Beata konnte nur unter ſeinem geſetzlichen Schutze eine ſo weite Reiſe unternehmen und er wollte nicht, daß irgend ein Sterblicher einſt von dem geligbten Weſen ſagen ſollte: ſie iſt mit ihm als Braut über das atlantiſche Meer geſchwommen. So mußten ſich Beide fügen und ſo war die Ver⸗ bindung auf den kommenden Frühling feſtgeſetzt; dann aber ſollte ihn keine Bitte mehr länger von ſeinem Heerde zurückhalten, wenn er auch befürchten müßte, Waldau würde, wie er ſagte, zum Teufel gehen. Joſephſon war dazu erkoren, mit Willibald und Mr. Treaden voranzu⸗ reiſen und ſeine eigene Ankunft zu melden; zuvor aber, ehe er Amerika verließ, wollte er mit ſeiner jungen Gattin den Erie⸗ und Ontarioſee bereiſen und mit ihr am Niagarafalle eins der größten Weltwunder beſchauen, wie überhaupt den ſchönen nördlichen Theil der Provinz Neuyork beſuchen. So war es beſchloſſen und ſo wurde es ausgeführt.— Der Winter mit ſeinem ernſthaften nordamerika⸗ niſchen Geſicht kam näher und endlich war er ganz da. Man rückte in dem wohnlich bequemen Hauſe nehen zu⸗ ſammen. Alles, was geſchah und geſchehen konnte, Der Inſelkönig. IV. 23 — — — 354— wurde in Gemeinſchaft unternommen, die Studien im⸗ 1 Hauſe, das Zeichnen, das Malen, worin Beata und Cigarita von Eduard und Willibald unterrichtet wurden, und große Fähigkeiten bewieſen, das Leſen in Mr. Hut⸗ tens reicher, auserleſener Bücherſammlung und die Vor⸗ bereitungen für eine noch reichhaltigere Zukunſt— alles Das fand an Allen Theilnehmer und Beförderer. Das Billardſpiel wurde fleißig geübt, und kaum ſollte man es glauben, die Damen übertrafen hierin bei Weitem die. Männer. Mochten ſie einen ſchärferen Blick oder mehr Gemüthsruhe beim Spiele ſelbſt, oder eine größere Uebung beſitzen, genug, der Sieg war auf ihrer Seite und jeden Tag wurden Joſephſon ſowohl wie Eduard in mehreren Schlachten geſchlagen. Es war für letzteren ein reizendes Schauſpiel, Beata und Cigarita ſelbſt wett⸗ eifern zu ſehen. Ihre geſchmeidigen K Körper, ihre weichen Formen, ihre anmuthigen Bewegungen und ihr Sieges⸗ ruf dabei, alles Das gewährte eine Unterhaltung, wie er ſie in dieſer Art nie zu genießen ſich eingebildet hatte. Und außer dem Hauſe, wie auch die Beſchäftigun⸗ gen und Vergnügungen beſchaffen ſein mochten, ſtets waren die den ſonſt ſo weichlich erzogenen Frauen in. Allem, was Abhärtung und Trotz der Witterung anbe⸗ traf, ſo weit überlegenen Kinder der freien Natur die Begleiter und Theilnehmer an dem Treiben der Männer. Als der Hudſon gefroren war und fußhoher Schnee die — 355— — ſchöne Umgebung des Landhauſes verhüllte, da gingen ſie, die zarten Glieder in koſtbare Zobelpelze gehüllt, mit auf das Eis, fuhren die Ponies im leichten Schlit⸗ ten umher, ritten mit auf die Hirſchjagd und kehrten, freudig und glücklich, mit den Männern wieder heim, um beim lodernden Kaminfeuer und der wohlbeſetzten Tafel ſich zu erwärmen und mit heiteren Geſprächen und Spie⸗ len die langen Winterabende zu bezwingen. Aber der Schnee ſchmolz, das Eis des Hudſon borſt und trieb in gewaltigen, kühnen Bildungen auf dem mächtiger fluthenden Strome dem Ocean entgegen. Mit ſchnellen Schritten nahte das junge, keimende Jahr und die Zeit war nicht mehr fern, wo die erſten duftenden Blumen im Freien ihr farbiges Haupt erhoben und mit freudigem Winken und Grüßen den Jubelruf erſchallen ließen: er kommt, er kommt, der wonnige Frühling, noch wenige Nächte und die Nachtigall wird Euch den lieb⸗ lichen Gaſt verkünden! Um dieſe Zeit liefen fuür unſre Bewohner des Land⸗ hauſes am Hudſon zwei wichtige und eben ſo erfreuliche Botſchaften ein. Die eine kam mit Mr. Wharton aus Waſhington, die zweite von Waldau durch eben denſelben. Mr. Wharton war von Zeit zu Zeit, wenn es ger⸗ ſeine Geſchäfte erlaubten, in Huttenpark geweſen und hatte ſich dann ſtets einige Tage aufgehalten. Er hatt 23* — 356— namentlich die Verpackung der koſtbaren Hinterlaſſen⸗ ſchaft Mr. Huttens übernommen und man war, zur Vol⸗ lendung dieſer Arbeit, ſeines Beſuches gewärtig, als er eines Tages Ende März erſchien und ein doppelt ange⸗ nehmer Bote wurde. Zuerſt entledigte er ſich ſeines Auftrages vom Präſidenten der Vereinigten Staaten. Dieſer nämlich fragte bei Mr. Hutten an, ob er in ſeiner Eigenſchaft als naturaliſirter Bürger ſeines neuen Vater⸗ landes geneigt ſei, die zur Zeit erledigte Stelle als außerordentlicher Bevollmächtigter der Vereinigten Staa⸗ ten am Hofe ſeines Monarchen in Europa zu vertreten? Er würde dadurch keineswegs in ſeiner vollen Freiheit beſchränkt werden, könne wohnen, wo er wollte und habe nur die nothwendigen Geſchäfte in des Präſidenten Na⸗ men zu führen. 4 Nach kurzem Beſinnen nahm Hutten dieſen ehren⸗ vollen Auftrag an, denn er fühlte ſich ſeinem neuen Va⸗ terllande, von dem er ſo viel empfangen hatte und dem er ſo viel zu entziehen genöthigt war, verpflichtet und dankbar. In einigen Tagen waren ſeine Inſtruktionen da und vor ſeiner Abreiſe nach Europa hatte er nur einige wenige Tage nöthig, um ſich von Neuyork aus in Waſſington zu verabſchieden. Die zweite Nachricht von Waldau enthielt die mit der lebhafteſten Freude geſchriebene Meldung, Eduard möge kommen, Alles ſei zu ſeinem Empfange bereit, — 357— aber Joſephſon müſſe ſeine bevorſtehende Ankunft ver⸗ künden.* Jetzt wurde in Huttenpark alles Nothwendige in Bereitſchaft geſetzt; alle mitzunehmenden Gegenſtände nach Neuyork zum Schiffe geſendet, wo ſie Mr. Schrö⸗ der in Empfang nahm und in dem weiten Raume der Beata glücklich barg. Dann rlſtete ſich Joſephſon, Kannenſchmidt mit ſeinen Bildern und Skizzen, Mr. Staun⸗ ton und Mr. Treaden, die nach Huttenpark gekommen waren, um Zeuge der Vermählung zu ſein, zur Abreiſe, die ſie auf dem Poſtdampfſchiffe Waſhington vollführen wollten. Mit ihnen gingen die koſtbaren Pferde und ſolche Gegenſtände ab, die nicht allzulange auf dem Meere gelaſſen werden ſollten. Es gab alſo Arbeit und Aufregung in dem ſonſt ſo ſtillen Landſitze genug. Auch die Diener, die zur Reiſe mit dem Dampfboot beſtimmt waren, mußten ſich fertig machen, die wenigen ausgenom⸗ men, die zu des jungen Paares Begleitung ausgewählt waren und diejenigen, welche aus eigener Wahl in Hut⸗ tenpark zurückzubleiben vorgezogen hatten. Schon war der Geiſtliche aus Neuyork angelangt, der früher Beata's Religionslehrer geweſen war, um das glückliche Paar einzuſegnen, alle Vorbereitungen zur Ab⸗ reiſe nach beiden Seiten hin waren vollendet und die Stunde ſelbſt war gekommen, wo Beata die Gattin Hu 3 tens werden ſollte. — 358— Da berief Eduard ſeinen Freund Joſephſon auf ſein Zimmer und ſprach zu ihm Folgendes: „Du gehſt, Wolf, um vor mir die neue Welt zu verlaſſen und unſre Heimath wiederzuſehen. Du bringſt viele unſerer Schätze derſelben zu, ich brauche Dir keine beſondere Obhut über dieſe Güter anzuempfehlen. Meine Verbindung aber mit Mr. Huttens Tochter laß bis zu meiner Ankunft mit ihr ein Geheimniß ſein, ſelbſt mein Vater erfahre nichts davon; ihn zumeiſt will ich mit die⸗ ſem köſtlichſten Geſchenke überraſchen. Der Einzige viel⸗ leicht, der es wiſſen muß, iſt unſer Architekt, er darf aber Niemandem ſein Wiſſen verrathen. Ich habe ihn zwar beauftragt, meine Wohnung ſo einzurichten, daß meine künftige Gattin, wer ſie auch ſei, ein geeignetes Unterkommen finde, und ich hoffe, er wird auch dieſe meine Bitte wie die übrigen nicht vergeſſen haben, dennoch aber erinnere ihn daran und theile ihm meinen Wunſch darüber mit. Denn ſo einfach ich hoffentlich wohnen werde, ſo glänzend, ſchön und reich ſoll Beata's künftiger Aufent⸗ haltsort ſein. Wie eine Königin ſoll ſie beherbergt ſein, und die Reichthümer ihres Vaters, als deſſen Verwalter auf Erden ich mich betrachte, ſollen ihr an allen Orten, worauf ihr ſchoͤnes Auge ruht, entgegenſtrahlen. Sorget alſo dafür nach Euren beſten Kräften. „Wenn ich glücklich mit Beata nach Europa gelange, ſo gehe ich mit ihr zuerſt nach Frankreich; ſie ſoll eine — 359— Weltſtadt ſehen, die an Geſchmack, wie man uns lehrt, die erſte von allen iſt. Von hier aus ſende ich Dir Nachricht über den Tag meines Eintreffens auf der In⸗ ſel, welcher ich von heute an den Namen Hutten⸗Inſel beilege. Während ich in Frankreich und vielleicht in Italien bin, ſendet Schröder die auf dem Schiffe ver⸗ packten Gegenſtände an Euch,— er wird alle meine Aufträge dazu empfangen. Sie können von Hamburg mit einigen Dampfbooten nach der Inſel abgehen, die durch den Weſtkanal mit der Elbe in Verbindung ſteht. Nehmet Alles ſorgfältig heraus und vertheilt es nach Eurem Geſchmacke an die geeignetſten Oertlichkeiten unſe⸗ rer Beſitzung. Nur die Edelſteine, die Goldſammlungen, die Cigarren bleiben in den mitgenommenen und dazu eingerichteten Schränken verſchloſſen und werden in einem Kabinet neben meinem Wohnzimmer aufgeſtellt, wozu Beata allein die Schlüſſel bewahrt, denn ſie muß in die⸗ ſen Dingen die kleine Hausfrau bei mir fortſetzen, wie ſie es hier zu ſein gewohnt war. „Für die Einrichtung unſerer Küche und die Füllung unſerer Keller habe ich Waldau bereits meine Aufträge zugefertigt. Er hat, wie er ſchreibt, die geeigneten Per⸗ ſönlichkeiten dazu gefunden. Du biſt ein Kenner darin, ich weiß es. Sorge dafür, daß namentlich unſre ſchö⸗ nen Weinſorten ihr angemeſſenſtes Lager haben, und was Dir noch daran zu fehlen ſcheint, ſchaffe nach Deinem — 360— Gutdünken an; Du haſt freie Wahl und ich billige Alles, was Du für nöthig und erfreulich darin erachteſt, denn ich will ein großes Haus machen, wenn ich der Herr deſ⸗ ſelben bin und Niemand ſoll es uns darin gleichthun. „Adalbert Lambeck, der bewährte Pferdekenner, hat für unſern Marſtall bereits Sorge getragen. Ich hoffe, daß wir an Zug⸗ und Reitpferden wie an geſchmackvollen Wagen keinen Mangel verſpüren werden. Sollte man darin ſäumig oder zu ſparſam geweſen ſein, ſo hilf Du nach; auch darin wirſt Du freie Hand haben. „Und nun, mein theurer Herzensfreund, ich ſehe da ſchon im Garten die Hochzeitszeugen verſammelt und unſer warten. Lebe wohl und reiſet glücklich, denn, wie ich höre, habt Ihr beſchloſſen, den nächſten Augenblick nach der Feierlichkeit Euren Weg anzutreten. Gott geleite Euch!“ Die Umarmung der beiden ſeit ſo langer Zeit un⸗ zertrennlichen Freunde, die den Kummer und die Freude des Lebens bis jetzt zuſammengetragen hatten, war kurz, wortlos, aber innig. Joſephſon begab ſich zu den ande⸗ ren Zeugen in den Garten hinab. Der Ort der bevorſtehenden feierlichen Handlung 3 war von dem jungen glücklichen Paare im Parke gewählt. Die ſtille Ruheſtätte des theuren abgeſchiedenen Vaters, dem ſie ſo Vieles verdankten, war in einen Altar Flora's und Hymens verwandelt. Die Cypreſſen waren mit Blumenkränzen umwunden, um ihnen für den Augenblick — 361— den düſteren Ausdruck einer ewigen Trauer zu nehmen. Der grüne Raſenhügel ſelbſt war mit den duftigſten Kin⸗ dern des Frühlings geſchmückt, davor ſtand der ehrwüͤr⸗ dige Geiſtliche, der Beata in das Leben der Göttlichkeit eingeführt hatte. In einem großen Bogen um denſelben herum ſtanden die Zeugen, die Diener, die benachbarten Freunde und Anſiedler in traulicher Gemeinſchaft. Da nahte ſich das ſchöne, herrliche Brautpaar in einfacher, beinahe gewöhnlicher Kleidung, denn es ſollte keine Feier des Prunkes ſein, die hier ſtattfand, vielmehr nur ein Feſt der ſchon ſo eng verbundenen Herzen und Seelen. Nur der bräutliche Schleier, von Cigarita's kunſtfertigen Händen gefaltet, deckte mit dem grünenden Myrthenkranze das überirdiſch glänzende Haupt der jung⸗ fräulichen Braut. Die Worte des Geiſtlichen waren kurz, ergreifend, dem Orte, der Stunde und der glücklichen Zukunft des Paares angemeſſen.— Beata war die Gattin Eduard Huttens. Eine lange innige Umarmung ſprach ohne Worte die Empfin⸗ dungen Beider aus. Die Beglückwünſchungen der Freunde und Diener waren mit den Worten einer nicht allzulan⸗ gen Trennung verbunden. Da ſtanden ſie Alle, die Zeu⸗ gen und die Diener, und drückten ſich ſtumm und herzlich die Hände. Auch die Thierwelt war in dieſem Angen⸗ blicke vertreten, denn die mitreiſenden Schwarzen führten — 362— die gekoppelten Büffelhunde herbei, die nicht ahnten, daß ſie für immer ihreni Vaterlande Lebewohl ſagen ſollten, um in einer neuen, ihnen unbekannten Welt ihren dauern⸗ den Aufenthalt zu nehmen. Bald nahm ein großes Boot alle Reiſenden auf, die die Zurückbleibenden an das Ufer des ſchäumenden Hudſon führten. Still glitt es auf dem abwärts⸗ ſtrömenden Fluſſe dahin, von den Segenswünſchen der Glücklichen begleitet, dem Meere zu. In einigen Tagen waren ſie am Bord des rieſigen Dampfſchiffes, das ſie nach Europa zu tragen beſtimmt war. Die mächtigen Maſchinen, die der Winde und des Meeres Gewalt mit alltäglich und allnächtlich ſtetiger Arbeit bekämpfen, ſetz⸗ ten ſich in Bewegung, der Dampf ſprühte in die helle amerikaniſche Luft hinaus. Der Kanonendonner erſcholl und das Schiff ſchoß durch das lang aufathmende Meer dahin, mit ſeinem mächtigen Kiele die wogenden Fluthen zu durchpflügen.. 3 Während es aber auf den Wellen des atlantiſchen Oceans ſchwebte und in kurzer Friſt die gaſtlichen Kü⸗ ſten des alten Europa erſtrebte, wandelte das glückliche Paar, nur von Cigarita, Ithyſſa, zwei ſchwarzen Die⸗ nerinnen und zwei weißen treuen Dienern begleitet, an den Ufern des romantiſchen Erie⸗ und Ontarioſees. Ein göttlicher Frühling, mit den Booten des Himmels und der Erde vereinigt, ſproßte um ihre Tritte. Die ſchö⸗ — 363— nen Gegenden der nördlichen Provinzen dieſes von der Natur verſchwenderiſch ausgeſtatteten Erdſtrichs wurden von ihnen durchflogen. Am donnernden Niagarafalle raſteten ſie. In Boſton erwartete ſie der vorausge⸗ fahrene Freund und Diener, der Capitain Schröder mit der Beata. Hier betraten ſie zuerſt wieder ihren gaſt⸗ lichen Bord, um der alten Heimath den Rücken zu kehren und der neuen entgegenzuſteuern. Selten hatte ein ſchö⸗ neres Schiff, mit koſtbareren Gütern befrachtet, die Kü⸗ ſten Amerika's verlaſſen. Mr. Huttens, des Aelteren, reichſte Schätze trug es in ſeinem weiten Buge dem Auf⸗ gang der Sonne entgegen. Da ſtanden ſie nun, die Glücklichen, und ſenkten ihre Blicke voller Wehmuth, aber ohne Schmerzen, in das reiche vor ihnen liegende Land. Die Anker hoben ſich die Segel fielen herab, das Steuerrad drehte ſich herum und der günſtig? Lufthauch faßte es friſch und riß das Schiff in die mächtigen Wogen. In Eduards hellem Auge perlte eine köſtliche Thrane. Er umfaßte das theure Weib, das in ſeinen Armen lag, und flüſterte ihm Worte der innigſten, dank⸗ barſten Liebe zu. „Du verläſſeſt viel, meine Beata,“ ſagte er und küßte ihre ſchöne Stirn. Sie aber ſchmiegte ſich feſter an ſein edeles männ⸗ liches Herz und entgegnete freudig: 964 Ich verlaſſe nichts als die Ruheſtätte meines theu⸗ een Vaters. Er aber iſt mir im Geiſte vorangegangen nach ſeiner ſchönen Heimath und wir folgen ihm. Aber habe ich dafür nicht Dich gewonnen, Du Vielgeliebter, und führſt Du mich nicht ſelbſt in unſre neue Heimath zurück?— Und der Wind rauſchte ſtärker um ſie, die Wellen ſchäumten auf, und der pflügende Kiel des ſchönen Schif⸗ fes ſchoß ohne Raſt durch die Wogen des atlantiſchen Oceans dahin. 4* Druck der Buchdruckerei des Verlags⸗Comptoirs in Grimma.