Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für oschentlich 2 ½6 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 1 I 1 Mr 50 Pf. 2 Mk. Pf. und Zurückſendung beſonders darauf aufmer 13 der Bücher nicht ſtattfind felben von mir geliehen, Der Inſelkönig. Ein Roman in fünf Bänden a u s Herloßſohn's nachgelaſſenen Papieren Philipp Galen. 8 „ Vierten Theiles erſte Abtheilung. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs 18⁵52 Erſtes Buch. Der Inſelkönig. IV. Erſtes Kapitel. Der blaſſe Bote in der Weihnachtsnacht. Von den zwei Männern, die in der Weihnachtsnacht einen ſo ſpäten Beſuch in dem Gartenhauſe machten, trug der eine, haben wir geſagt, eine große Laterne; er trat auch jetzt zuerſt in's Zimmer. Schon ſeine Uniform zeigte, daß er ein öffentlicher Beamter war. Joſephſon erſchrack über dieſe drohende Erſcheinung, da er ſich die⸗ ſelbe nicht erklären konnte. Eduard nicht, denn er er⸗ kannte ſogleich den Oberbeamten der polizeilichen Gewalt ſeines Stadtviertels. Daher ging er ihm, den er ſchon früher bei irgend einer Gelegenheit geſprochen, begrüßend entgegen. Ihre Unterredung aber war nur ſehr kurz. „Guten Abend, meine Herren,“ ſagte der Beamte. „Verzeihen Sie, daß ich ſo ſpät ſtöre, aber wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo habe ich die Ehre, den Herrn Doetor 1* 3 0 Wollzagen vor mir zu ſehen. Ja, Sie ſind es— Sie wurden von dieſem Herrn ſehr ernſtlich geſucht“— und nun ſich zu dieſem umwendend, fuhr er fort:„Mein Herr, hier iſt der Arzt, nach dem Sie ſo eifrig forſchten.“ „Ich ſuche keinen Arzt,“ ſagte eine tiefe Stimme mit fremdem Accent, obwohl richtiger und klarer Aus⸗ ſprache,„ſondern den Herrn Doctor Eduard Wollzagen.“ „Ganz recht, und dieſer Herr hier iſt es. Ich kenne ihn und bürge für ſeine Identität. Bedürfen Sie meiner ſonſt noch?“ 4 „Ich danke— nein.“ „Gute Nacht, meine Herren,“ rief der Beamte und entfernte ſich mit einer höflichen Verbeugung. Jetzt erſt trat der zweite Beſuch von der Thür her, wo er bis jetzt geſtanden und die beiden Freunde und das ganze Zimmer genau betrachtet hatte, näher, und man ſah in ihm einen mittelgroßen Mann von ſehr blaſſer Geſichts⸗ farbe, die im Gegenſatz zu ſeinem dunkeln Haar und Bart und ſeinen ausdrucksvollen und blitzenden Augen noch bleicher erſchien; er war in einen großen Reiſepelz gehüllt und trug unter dem linken Arm, feſt an ſeine Bruſt gedrückt, ein ſchwarzes Packet, ähnlich dem, welches reiſende Kaufleute zur Aufbewahrung ihrer Probewaaren⸗ bei ſich zu tragen pflegen. Langſam, beinahe feierlich, trat der blaſſe Mann * den Freunden näher und ließ ſein dunkles Augt von einem zum andern rollen. „Sie ſind Herr Eduard Wollzagen?“ fragts er endlich, indem er den Träger dieſes Namens mit unaus⸗ ſprechlicher Ruhe und Feſtigkeit anſah. „Ja, ich bin es, mein Herr, was ſteht zu Ihren Dienſten?“ „Wenn Sie der ſind, den ich ſuche, ſo habe ich einen Auftrag an Sie, der nur für Ihre Ohren allein berech⸗ net iſt.“— Hierbei warf er einen verſtändlichen Blick auf Joſephſon, der ſich ſogleich entfernen wollte. „Bleibe, Wolf,“ winkte Eduard.„Was Sie mir auch mitzutheilen hahen— dieſer Herr hier iſt mein beſter, unzertrennlichſter Freund— er kann Alles hören, was mir ein Menſch ſagen kann.“ „Wenn das iſt, bin ich beruhigt, ich habe nur meine Schuldigkeit thun wollen. Sie erlauben aber wohl, daß ich es mir, bevor ich zu einem ſehr ernſten Geſchäfte ſchreite, etwas bequem mache; ich komme geraden Weges vom Waſhington, der in Bremerhafen angelegt hat, bin heute Morgen in dieſer mir unbekannten Stadt einge⸗ troffen, habe Sie den ganzen Tag verge lich geſucht, bis ich mich an die Obrigkeit wandte, und nach vieler Mühe den Herrn zur Begleitung erhielt, der mich hierher ge⸗ führt hat.“ Während er langſam dieſe Worte ſprach, hatte ſich 6 der Fremde mit einer Gemüthlichkeit und Seelenruhe, die unſern Freunden eben ſo wie ſeine Sprache das brittiſche Blut verrieth, ſeines Pelzes und ſeiner übrigen warmen Reiſekleider entledigt. Zuerſt jedoch legte er ſein ſchwar⸗ zes Packet auf den Tiſch dicht vor ſich nieder, nahm zwei Piſtolen aus verborgenen Taſchen und kreuzte ſie, nach⸗ dem er ihren Hahn in Ruhe geſetzt, auf dem Packete ſelbſt. Die vier ihn unverwandt betrachtenden Augen ver⸗ folgten alle dieſe ruhigen Bewegungen mit der lebhafteſten Neugierde, und Joſephſons ſanguiniſches Temperament kochte ſchon, als er die Waffen vor ſich ſah, deren Zweck er eben ſo wenig begreifen konnte, wie Eduard ſelber. Jetzt aber war endlich der Fremde mit ſeinen Vorberei⸗ tungen zu Ende, er ſtand in einem ſchwarzen Anzuge vor Eduard, ein etwas ſtarker Mann im Anfang der Dreißi⸗ ger, von feinem Aeußern und gefälligen Manieren. Er nahm ſeinen Hut in die Hand, an dem man jetzt erſt einen ſchwarzen Flor bemerkte und begann mit einer tie⸗ ſen, an Eduard gerichteten Verbeugung ſeine Fragen von Neuem.—— „Alſo ich kann vor Ihnen Beiden ſprechen? Gut. Ich muß noch ein Mal fragen. Sind Sie wirklich der, den ich ſuche, Herr Doctor Wollzagen, oder eigentlich Herr Eduard Hutten Stolling, genannt Wollzagen?“ 3 Ja, mein Herr, der bin ich.“ 8 Zoſephſon riß die Augen auf, ſo weit er konnte — 7— und ſtarrte bald ſeinen Freund, bald den Fremden an. Er wußte nicht, was er von dieſer neuen Benennung halten ſollte, die er in ſeinem Leben noch nicht gehört hatte.— „Ich frage weiter,“ fuhr der Fremde offenbar ſchon befriedigter fort;„haben Sie im vorigen Jahre eine Reiſe gemacht?— Und wenn dies iſt, wohin ſind Sie gereiſ't?“ „Ich habe eine Reiſe gemacht und bin am Rhein, in Baden bis zur Schweizer Grenze, dann in Rotterdam geweſen, wo ich mich eingeſchifft und Schweden, Norwegen und Dänemark beſucht habe.“ „Haben Sie eine Bekanntſchaft auf dieſer Reiſe gemacht?“ 3 „Gewiß habe ich ſie gemacht. Ein Mr. Brown war mein Reiſegefährte und ihm und ſeiner Freundſchaft ver⸗ danke ich jene Reiſe allein.“ „Womit wollen Sie das beweiſen?“ „Beweiſen?— Iſt Ihnen mein Wort nicht Be⸗ weis genug?“ „Nein, mein Herr, ich kann der Beweiſe nicht ge⸗ nug haben.“ „So habe ich ſein Bildniß!“ rief Eduard etwas ernſt und er ging und holte daſſelbe, welches er in einem der 3 Fächer ſeines Schreibtiſches aufbewahrt, aber ſeit langer Zeit nicht betrachtet, ja wohl kaum daran gedacht hatte, 8 da ſo viele näher liegende Sorgen ſeinen Geiſt in An⸗ ſpruch genommen hatten. Der Fremde nahm es und hielt es an das Licht. „Ja,“ ſagte er feierlich,„dies iſt das edle Geſicht unſeres Wohlthäters— haben Sie aber nicht noch andere Beweiſe? Nichts Schriftliches— vielleicht von der eigenen Hand des Mr. Brown?“ 6 „Daß ich nicht wüßte!“ entgegnete Eduard und be⸗ ſann ſich.—„Schriftliches?“ wiederholte er nochmals, „nein!“— „Dann ſind Sie unvorſichtig geweſen, oder wußten ſelbſt nicht, was Sie beſaßen. Haben Sie keinen Kre⸗ ditbrief, keinen Wechſel, den— „Ja!“ rief Eduard uucai und gedachte jener Brieftaſche mit dem geheimnißvollen Inhalte, deſſen er im Stillen wohl oſt ſchon ſich erinnert, nie aber ge⸗ wagt hatte, ihn einem Banquier vorzuzeigen. Er holte das verlangte Papier ſogleich und legte es dem Frem⸗ den vor.— Dieſer prüfte beim Scheine der Lampe langſam, vor⸗ ſichtig jeden einzelnen Schriftzug der Namen, die das Papier enthielt. „Ja,“ ſagte er,„dieſe Namen ſind ächt— er hat es ſelbſt geſchrieben. Warum haben Sie dieſen Wechſel nicht eingelöſt? Haben Sie ſeiner nicht bedurft?“— Und er ſah ſich wieder rings im Zimmer um, als wollte er ——— —— die Vermögensumſtände ſeines Bewohners aus ſeinem In⸗ halte herausleſen. „Ich habe dieſen Wechſel für einen Beweis der Freundſchaft und des Vertrauens Mr. Bryns angeſehen und beide nie mehr in Anſpruch nehmen wollen, als ich bereits gethan.“ „Mein Herr, erlauben Sie mir zu bemerken, Sie haben dem Mr. Brown keinen Beweis Ihrer Freund⸗ ſchaft und Ihres Vertrauens damit gegeben, daß Sie dieſes Geſchenk nicht ſo annahmen, wie es gegeben war. Der Ausſteller deſſelben iſt ſehr betrübt geweſen, da der Wechſel nicht einging, was er beſtimmt gehofft und ge⸗ wollt hatte. Aber Sie brauchten vielleicht kein Geld. Wiſſen Sie, wie hoch dieſes Geſchenk ſich belief?“ Joſephſon ſpitzte die Ohren und ſah ſeinen Freund mit wachſendem Erſtaunen an. Dieſer entgegnete: „Ich weiß es nicht, die Summe war ja nicht ge⸗ nannt.“— „Nein, genannt war ſie nicht, aber dieſe Herren, die auf dieſem Blatte verzeichnet ſtehen, der Eine oder der Andere, waren angewieſrn— begreifen Sie— ſo groß war das Vertrauen Mr. Browns zu Ihnen, mein Herr, waren angewieſen, ſage ich, dem Vorzeiger dieſes hun⸗ derttauſend Thaler in laufendem Golde auszuzahlen.“ Joſephſon hatte zum erſten Male in ſeinem Leben die Sprache verloren, nur ſeine Augen und ſeine zittern⸗ — 10— den Lippen ſprachen. Eduard ſtand wie gedemüthigt da und ſenkte das Haupt. Er gedachte des herrlichen Man⸗ nes und ſagte nichts. „Ja, mein Herr,“ fuhr der Fremde fort,„ſo iſt es. Nun können Sie es nicht wieder einholen, was Sie ver⸗ ſäumt— denn ſehen Sie— dieſer Flor hier— iſt frei⸗ lich nur ein äußerliches Zeichen einer innern Trauer— dieſer Flor iſt aber Mr. Browns wegen angelegt— denn er iſt todt.“— „Mr. Brown todt?“ ſchrie beinahe Eduard und augenblicklich verdunkelten ſich ſeine Augen mit den Perlen aufrichtiger, aus dem Herzen ſelbſt ſrömender Thränen. „„Ja, er iſt todt— oder vielmehr Mr. Brown nict, denn der iſt ſchon lange geſtorben— aber der, den Sie unter dieſem Namen gekannt und deſſen Name— der Ihrige war, denn er hieß wie Sie— Eduard Hutten!“ „ Eduard fand keine Worte. Augen und Arme in die Höhe gerichtet, ſtand er wie eine in Verwunderung und Erſtau⸗ nen verwandelte Bildſäule da, denn er ſah plötzlich Alles klar vor ſeinem Geiſte, was ihm bisher unklar und ver⸗ worren geweſen war. „Ja, wiederhole ich,“ fuhr der Fremde fort,„Mr. Hutten iſt todt, aber er iſt nicht, ohne die Freundſchaft und das Vertrauen, welches er im Leben zu Ihnen ge⸗ habt, auch nach ſeinem Tode noch zu bewahrheiten, zur . 1 4 8 — — — 11— Ruhe gegangen. Denn— und das iſt der Zweck meiner Sendung— er hat Sie in ſeinem Teſtamente bedacht.“ „Mich— ol Und wer ſind Sie, der Sie mir dieſe traurige Nachricht bringen?“ „Dieſe Nachricht iſt ſo traurig nicht, wie ſie ſcheint — eine dunkle Veranlaſſung hat oft eine helle Folge— ich aber bin der zweite Kaſſirer der Firma Hutten, Brown und Moore in Newyork, Mr. Staunton mit Namen, und außerdem— was für Sie wichtiger iſt— einer der ſechs Teſtamentsvollſtrecker, die ich Ihnen ſehr bald na⸗ mentlich mitzutheilen die Ehre haben werde, denn ich bin geſetzlich bevollmächtigt, Ihre Angelegenheiten hier in Europa ſo lange zu führen, bis Sie ſelbſt ſagen werden: Mr. Staunton, ich danke Ihnen!“ „Warten Sie lange darauf, Mr. Staunton, ich muß, wie die Sachen jetzt ſtehen, Gott danken, ehrenwerthe Männer zur Seite zu haben, die mir helfen, wie ſie Mr. Hutten geholfen haben.“ „Das haben ſie und das werden ſie auch für Sie thun. Denn, Sie wiſſen es freilich noch nicht, im Teſta⸗ mente Mr. Huttens iſt Alles bedacht— wir Sechs ſind ſogar geſetzlich genöthigt, alle Ihre Obliegenheiten bis zu dem Punkte zu führen, wo Sie ſelbſt das ererbte Vermö⸗ gen verwalten gelernt haben, denn es iſt etwas groß, die⸗ ſes Vermögen. „Sehen Sie hier,“ fuhr er fort,„wir haben nach — 12— Mr. Huttens Umſicht und Vorſicht— und beide waren alle möglichen Unfälle. Dieſe Piſtolen würden auf mei⸗ ner Reiſe jeden niedergeſtreckt haben, der dieſes ſchwarze Käſtchen angetaſtet hätte. Und nach mir— acht Tage ſpäter— wird ein zweiter Bote, Mr. Treaden, den Sie kennen, kommen, mit denſelben Vorſichtsmaßregeln ausge⸗ rüſtet, da ich, der erſte Bote, von der See verſchlungen werden konnte. Er bringt eine gleich große Summe Gel⸗ des, wie ich ſie hier vorräthig habe, dieſelben Papiere in gerichtlichen Abſchriften, daſſelbe Teſtament— lernen Sie jetzt Mr. Hutteu recht erkennen? Denn er allein hat es ſo angeordnet.“ „O, mein edler Freund! mein guter Mr. Brown!“ weiter konnte Eduard nichts hervorbringen, denn das eben Vernommene war ja ſo neu, ſo unerwartet, ſo gegen alle Vorausſicht und gerade in einer ſo traurigen Lebenslage gekommen, daß ſchon allein der Stachel des Gegenſatzes ſeinen Geiſt in ſtaunende und deshalb ſchweigſame Ver⸗ wunderung ſetzte. Aber Mr. Staunton war noch lange nicht zum Haupt⸗ zweck ſeiner Sendung gekommen. Das bisher Mitge⸗ theilte war immer nur erſt die Einleitung geweſen. Jo⸗ ſephſon hatte ſich, im Grunde ſeines ganzen Weſens auf⸗ gewühlt, niedergeſetzt und betrachtete, während ſein Herz jedem neuen Aufſchluß lebendiger klopfte, bald den 13 einen, bald den andern der beiden vor ihm ſtehenden Män⸗ ner, die ihm, er wußte ſelbſt nicht recht warum, in jedem Augenblicke räthſelhafter erſchienen. Jetzt aber, nach in⸗ nerer kräftiger Sammlung raffte ſich der von der neuen Welt abgeſandte Bote zuſammen und mit vor innerer Re⸗ gung oft ſtockender Stimme, als könne er bisweilen den rechten Ausdruck nicht finden, ging er einen Schritt näher auf den Erben zu, deſſen Aeußeres ihm von Augenblick zu Augenblick mehr zu gefallen und bedeutender zu werden ſchien, und fuhr fort: „Und nun, mein Herr, nachdem ich den erſten Theil meiner Sendung erfüllt, begebe ich mich zum zweiten. Vor allen Dingen ſchicke ich meinen aufrichtig gemeinten Glückwunſch voraus, denn wenn Reichthümer, in einer Fülle, wie Sie ſie gewiß nicht erwarten, Werth für Sie haben, wie ich nicht zweifle, ſo können Sie mit Recht auf den Namen eines in dieſer Hinſicht Bevorzugten Anſpruch machen. Ich habe daher hiermit die Ehre, Sie zu be⸗ nachrichtigen, daß Sie der Erbe des in Gott ruhenden Mr. Edward Hutten, des Chefs der alten Firma Hutten, Brown und Moore, der erſten der neuen Welt ſind, und daß Sie es nicht theilweiſe, ſondern im Ganzen, alſo der Univerſalerbe ſind. Denn Sie werden nicht allein die hinterlaſſenen Gelder, Papiere, Ländereien, Beſitzthümer mancherlei Art Ihr Eigenthum nennen, ſondern Sie wer⸗ den auch das Geſchick vieler Menſchen in Ihre Hände — 14— bekommen; denn uns und unſere Zukunft, die wir das Glück hatten, Mr. Hutten im Leben zu dienen, hat er in Ihre Hände gelegt, voll Hoffnung und feſten Glaubens, daß Sie von allen Menſchen, die er kennen gelernt, der⸗ jenige ſein werden, der ihn am Beſten uns wird erſetzen können. Doch— das deuten meine Worte nur ſehr karg und ſchwach an— beſſer, umfaſſender wird es Ihnen das Teſtamentsſchreiben ſagen, das Mr. Hutten mit eige⸗ ner Hand niedergeſchrieben hat, und welches ich ſogleich die Ehre haben werde, Ihnen nebſt den vorläufig über⸗ brachten, Ihnen nothwendigen Papieren in Abſchrift zu überreichen, denn das Original iſt unantaſtbar da nieder⸗ gelegt, wo nur Sie es allein perſönlich werden erheben können, in der Bank der Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika.“. 6„Wie!“ rief Eduard,„er beſteht alſo darauf, daß ich ſelbſt nach Amerika gehe?“ „Er beſteht darauf, in der That! Und um ſo mehr beſteht er darauf, da er Ihr Verſprechen hat, welches Sie ihm gegeben haben, für den Fall, daß die Verhältniſſe es geſtatten werden, und ſie geſtatten es nicht allein, ſon⸗ dern ſie gebieten es ſogar, denn, wie Sie ſehen werden, iſt die Uebergabe aller Güter an die einzige Bedingung geknüpft, daß Sie perſönlich an der Stelle erſcheinen, an welcher Mr. Hutten ſelber im Leben gewaltet und für Siie geſammelt hat.“ — 15— „Ja, ja— ich erinnere mich des Verſprechens. Ach! aber ich dachte, ich würde nur ſein Gaſt im Leben, nicht aber ſein Nachfolger im Tode ſein. „Er verlangt auch Ihren Beſuch am Grabe, das iſt ſeine ausdrückliche Beſtimmung; Sie werden ſie erhalten. Nun aber, mein Herr, empfangen Sie dieſes Behältniß. Be⸗ trachten Sie es genau, es ſind dies die Siegel der Hauptbank von Nord⸗Amerika, ſie müſſen ungelöſ't ſein. Mag Ihr Freund und ich Zeuge der Handlung ſein, die nur Sie allein auf der Welt vornehmen dürfen.“ Und er hielt die Siegel des mit ſchwarzer Wachs⸗ leinewand zehnfach überzogenen Käſtchens von ſtarkem Eiſenblech dem Erben hin und rückte das auf dem Tiſche brennende Licht näher heran. Joſephſon und Eduard unterſuchten die Siegel, die zum Vorſchein kamen, als die zwei erſten Hüllen abgeſchnitten waren. Sie waren un⸗ verletzt. Eduard nahm langſam, bedächtig die Hüllen eine nach der andern ab, und daß ſein Herz dabei ruhig ſchlug, zeigte die ungetrübte Heiterkeit ſeines Geſichtes, der ſanfte, klare Blick ſeines in die Vergangenheit und Zukunft mehr als in die Gegenwart ſchauenden Auges. Das Blechkäſtchen war ſeiner Hüllen entledigt. Ein feſt eingefügtes Schloß hielt den Deckel zurück. „Es iſt verſchloſſen!“ ſagte Eduard und blickte den ſeine Arbeit aufmerkſam verfolgenden Mr. Staunton an. „Ja,“ ſagte dieſer,„es iſt verſchloſſen und mit Be⸗ — 16— dacht. So wollte es der Erblaſſer. Denn bevor Sie dieſes verhängnißvolle Schloß mit dem Schlüſſel eröffne⸗ ten, den ich— ſehen Sie hier— auf bloßer Bruſt über den atlantiſchen Ocean getragen habe, ſoll ich Sie fragen, ob Sie wohl wiſſen, oder ahnen, oder hoffen, wie groß Ihr Erbtheil iſt?“ „Nein, mein Herr, ich hoffe, ahne und weiß nichts davon.“ „So gedulden Sie ſich noch einen Augenblick. Auch hierin muß ich Sie vorbereiten, denn Mr. Hutten hat uns mündlich und ſchriftlich mitgetheilt, daß Menſchen, wie Sie vor Schmerz ſterben, auch vor Freude ſterben können, und Ihren Tod will er nicht, im Gegentheil, er will Ihr Leben lange und Ihre Geſundheit dauerhaft erhal⸗ ten wiſſen.“ Sduard lächelte und ſah Joſephſon an, der kaum ſeine Neugierde bezwingen konnte und leiſe trippelnd in Bogengängen um die beiden Männer herumſchlich. „Fürchten Sie nichts,“ ſagte er,„ich ſterbe nicht vor Freude, ſehen Sie mich an, wie ruhig ich bin.“ „Jetzt noch— ja, ich ſehe und bewundere es. Mr. Hutten muß ein ſcharfes Auge, wie bei Allen, auch bei Ihnen gehabt haben. Aber er wollte Ihr Nervenſyſtem berückſichtigt wiſſen, ich erfülle mit dieſer Zögerung nur beſchworene Pflicht. Auf wie hoch ſchätzen Sie — —— — ᷑— die Güter, die in Zahlen blos in dieſem Kiſtchen e ent. halten ſind?⸗ 9 „Nun, mein Gott!“ rief Eduard etwas erbebend „es wird d doch nicht eine Million ſein?“ Ein feines Lächeln flog hier zum erſten Male über die bleichen Züge des amerikaniſchen Sendboten. Er ſchüttelte leiſe den Kopf und blickte den vor ihm ſtehenden Erben mit tiefer Bewunderung an. „Sie ſchätzen ſich ſelbſt ſehr gering!“ antwortete er. „Wiſſen Sie nicht, daß Hutten, Brown und Moore die Rothſchilds der neuen Welt ſind?“ „Nein, mein Herr, das weiß ich nicht.“ „Nun, ſo erfahren Sie es denn— aber faſſen Sie ſich und erſchrecken Sie nicht. Ihr baares, flüſſiges, das heißt, baare, flüſſige Zinſen tragendes Kapital, ſo ſicher wie ein Kapital der Welt, wenn Englands Eiſenbahnen nicht in's Meer verſinken oder wenn die Hauptſtaaten Europa'’s, die allein Ihre Schuldner ſind, nicht vom Erd⸗ boden verſchwinden, Ihr Kapital beträgt— nach engli⸗ ſchem Gelde berechnet— Der Amerikaner ſchwieg und hob den rechten Zeige⸗ finger bedeutſam in die Höhe, während Joſephſon zitternd, kaum ſeiner Unruhe Herr, beinahe angſtvoll Zeuge dieſes ufentte war. „Sagen Sie es dreiſt!“ rief Eduard feſt, emeine Nerven ſind ſtark.“ ₰ D er Inſelkönig lr. 2 * — 18— „Zwölf Millionen Pfund Sterling— das ſind achtzig Millionen deutſche Thaler— außer den Lände⸗ reien, Schiffen, Häuſern, Kleinodien, Sammlungen w und Schätzen allerlei Art.“ Beinahe wäre Joſephſon in Ohnmacht gefallen. Er ſank auf einen Stuhl, bleich, ohne Faſſung und gleich dar⸗ auf fing er an laut zu weinen. „Da ſehen Sie die Schwäche des Menſchen,“ ſagte Mr. Staunton und deutete auf den Freund, während er voll Verwunderung den Erben anblickte, der, die Hände gefaltet, den Kopf auf die Bruſt geneigt, wie ein demü⸗ thiger Menſch vor dem zuſchauenden Auge ſeines allgegen⸗ wärtigen Schöpfers ſtand. Jetzt ſchnitt Mr. Staunton mit einem Meſſer die feſte ſeidene Schnur durch, an welcher der Schlüſſel des Käſt⸗ chens um ſeine Bruſt hing. Er nahm ihn und überreichte ihn dem Eigenthümer. Dann, als ſuche er etwas, blickte er ſich nach allen Seiten des Zimmers um. Eduard, den Schlüſſel in der Hand, im Begriff das Käſtchen zu öffnen, ſah den Fremden an, der, bläſſer noch als vorher werdend, ſich auf einen Stuhl nie⸗ derließ.— „Was haben Sie?“ fragte er,„ fuchen Sie etwas?⸗ „Jch habe eben von der menſchlichen Schwäche ge⸗ ſprochen,“ lautete die leiſere Antwort,„und kaum berut i ſie, ſo kommt ſie. Ich habe mich den Tag über mehr 1 hinreichte, der es annahm und betrachtete, indem er e — 19— mit meinem Auftrage als mit mir ſelber beſchäftigt— jetzt empfinde ich die Erſchöpfung. Geben Sie mir ein Glas Wein und einen kleinen Imbiß.“ „Mein Gott!“ rief Eduard.„Sie haben ein Be⸗ dürfniß?— Joſephſon“— und er ſah dieſen an und winkte ihm mit den Augen. Dieſer aber zuckte die Achſeln, was ſo viel bedeuten ſollte, als: ich habe ſelber nichts. Der jetzt ſo reiche Eduard— der Millionen in ſeiner Hand hielt— mußte über die Gegenſätze im menſchlichen Leben beinahe erröthen— er gedachte erſt jetzt recht ſicht⸗ bar ſeines Mangels. Raſch in die Taſche greifend, wo er die paar Groſchen aufbewahrte, die er zu einem Ge⸗ ſchenk für Frau Schwarzkopf beſtimmt welches er im Drange des Tages zu kaufen vergeſſen hatte, nahm er dieſe hervor, warf ſie auf den Tiſch und rief mit beinahe komiſchem Ernſte: „Sehen Sie da, Mr. Staunton, unſer beiderſeitiges ganzes Vermögen! Wir haben heute ſelber vom Tiſche Anderer geſpeiſ't.“ „Wie? ſo arm waren Sie?— aber der Wechſel, der Wechſel!“ „Ja, der Wechſel!“ weiter konnte Eduard nichts denken. Er bat um ein Goldſtück, das Mr. Staunton 8 2 ſogleich aus ſeiner Börſe nahm und dem Erben lächelnd bemerkte: — 26— „Dies iſt meine erſte Anleihe, hoffentlich wird ſie die letzte ſein, ſie ſoll mit Wucher vergütet werden. Jo⸗ ſephſon,“ wandte er ſich ſchnell an dieſen,„das iſt Deine Sache, zwar iſt Mitternacht vorbei, Du aber kennſt auch die in der Nacht fließenden Quellen. Wecke unſere Frau Schwarzkopf, laß ſie noch ein Mal den Ofen hei⸗ zen und ein Nachtmahl bereiten. Schnell, Freund, ſchnell, unſere Spenderin von heute Abend ſoll zum letzten Male ihre Dienſte verrichten, von morgen an werde ich ihr dienen— da!“ Joſephſon, beinahe taumelnd von den ihn überwäl⸗ tigenden Gefühlen, ſtierte wie ein Trunkener auf, faſt hätte er die rechte Thür nicht gefunden; bald war er im Hinterhauſe, wo er die Schwarzkopf aus dem Schlafe weckte und ihr das Verlangen Eduards vortrug, ohne ihr noch den plötzlichen Glücksfall ihres Herrn mitzutheilen. Die gute Frau war ſogleich bereit, obwohl ſie über die ſeltſame Störung erſtaunt war und den ihr ſonderbar er⸗ ſcheinenden Referendarius mit ſtiller Verwunderung be⸗ trachte.— Bald waren ſie auf der Straße, Joſephſon ging mit ihr, und in einem benachbarten Vergnügungs⸗ lokal, wo hunderte von Gäſten die Weihnachtsnacht feier⸗ ten, erhielten ſie für das gewechſelte Goldſtück Alles, was ſie augenblicklich bedurften. Unterdeß war Eduard mit Mr. Staunton allein ge⸗ lieben, erſterer im Begriff, das Schloß des Käſtchens zu — -— — 21— öffnen. In dem Augenblicke aber, als er den Schlüſſel herum drehen wollte, ſtockte ſeine Hand in Folge ſeiner ebenfalls ſtockenden Gedanken. Er ſah den Fremden an, der ſein dunkles Auge auf die hohe Geſtalt und das männlich ſchöne Geſicht des Erben unausgeſetzt gerichtet hielt und, wie ſich in ſeinem Kopfe ein leichter Gedanke erhob, ſchien eine Frage auf ſeinen Lippen zu ſchweben. „Was zaudern Sie?“ fragte der Amerikaner.„Schlie⸗ ßen Sie auf und leſen Sie.“ 3 Eduard zog den Schlüſſel wieder aus dem Schloß und bedachte ſich einen Augenblick. Dieſer Augenblick aber war für ſein Handeln entſcheidend, denn er faßte einen der edelſten, ſchönſten und ſchnellſten Entſchlüſſe ſeines Lebens. „Mr. Staunton,“ ſagte er,„mir fällt etwas ein, was ſogar der Eroͤffnung dieſes Teſtamentes vorgeht.“ Und den Blankowechſel ergreifend, der offen auf dem Tiſche lag, fragte er ſchnell:„Wie viel kann ich auf die⸗ ſen Wechſel erhalten und iſt er noch giltig?“— „Er iſt nicht allein noch giltig für Sie, ſondern erſt recht giltig, wenn Sie ihn gebrauchen wollen, denn Sie ſind ja von heute an der Erbe und Chef der Firma, die da unterzeichnet ſteht und können jede beliebige Summe anweiſen, die Sie zu bezahlen geneigt ſind.“ Eduard ſtieg das Blut vor Freude in den Kopf, augenblicklich trat ſein Naſenbluten wieder ein und be⸗ — 22— fleckte, da es ſo plötzlich kam, ſein Hemd und ſeine Kleider. „Mein Gott, was haben Sie?“ rief Mr. Staunton. „Nichts, beunruhigen Sie ſich nicht; das iſt bei mir oft der Fall, wenn ich einer großen Erregung unterwor⸗ fen bin, ein einfaches Naſenbluten. Aber hören Sie mich an. Wir haben in der letzten Zeit hier große Zahlungs⸗ einſtellungen erlebt— einer meiner Freunde leidet darun⸗ ter— er durchwacht in namenloſer Qual dieſe wie jede Nacht— könnte ich ihm mit dieſem Papiere nicht bei⸗ ſpringen und werden die hier bezeichneten Bankiers mir jede beliebige Summe zahlen?“ „Gewiß können Sie das und noch mehr— jede Summe wird Ihnen und mir gezahlt werden, denn in dem Kiſchen hier habe ich die gerichtliche Vollmacht dazu.“ „So ſei Gott gelobt! Da— ſchreiben Sie die Summe ein— ich habe keine kaufmänniſche Hand.“ „Wie groß ſoll die Summe ſein?“— fragte Mr. Staunton und ergriff die Feder, die ihm der Erbe hin⸗ reichte.— „Schreiben Sie 300,000 Thaler— es ſoll mein erſtes Geſchäft ſein— großer Gott, daß mir der Ge⸗ danke kam— das verdanke ich Dir!“ Der zweite Kaſſirer Mr. Huttens ſchrieb mit ge⸗ wohnter ſchöner, hurtiger Handſchrift die für Herrn Er⸗ — 23— meling ſo verhängnißvolle Summe auf den Wechſel, ſebte das Datum des Tages darunter und bemerkte auf der Rückſeite: Zahlbar gemäß gerichtlicher Vollmacht, vorzu⸗ zeigen den 25. Dezember 1847, Morgens eilf Uhr. Mr. Staunton, im Auftrage von Hutten, Brown und Moore, Newyork. „Da iſt er— wollen Sie noch heute der Freuden⸗ bringer ſein?“ „Noch heute, Mr. Staunton?— ſogleich, im Au⸗ genblick. Ich laſſe Sie eine halbe Stunde allein— hier iſt der Schlüſſel— mein Freund wird ſogleich wie⸗ der da ſein, ſagen Sie ihm nicht, wohin ich gegangen bin. Adieu!“ Und raſch ſich in ſeinen Mantel hüllend, eilte Eduard zur Thür hinaus.⸗ „Ich bewundere,“ dachte der Fremde, als er allein war,„den Scharfblick unſeres guten Mr. Edward Hutten. Er hat ſich einen Erben gewählt, wie er ſobald keinen beſſern finden könnte. Der junge Mann ſcheint mir daſ⸗ ſelbe Vertrauen zu ſchenken, wie der alte, er läßt mich hier allein mit dem Kaſten da, und den Schlüſſel in der Hand.“— Ach! woran dachte jetzt Eduard wohl! In dem Hochgefühl der Freude, des Entzückens ſeines überſtrö⸗ menden Herzens hatte er alles Mißtrauen in der Welt vergeſſen, empfand nur im Voraus die Glückſeligkeit, die er zu bereiten ſo raſch ſich entſchloſſen hatte. Hurtig lief — à— „ er die Straßen dahin, nicht achtend der eiſigen Glätte, unnd nicht ein einziges Mal ſtrauchelte ſein flüchtiger Fuß. Athemlos kam er vor das Haus des Bankiers. Obwohl er wußte, daß Judiths Zimmer hinten hinaus, nach dem Garten zu lag, ſah er doch an die Vorderfronte hinauf und fand ſie, wie natürlich, dunkel. „Es ſoll ſchon hell werden,“ dachte er und ſchon ließ er die hellen Töne der Thorglocke durch das ganze Haus ſchallen. Es dauerte lange, ehe er eine Bewegung im Innern wahrnahm, er zog die Schnur noch einige Male an. Da wurde hinten im Hofe eine Thür geöffnet; in der Stille der Nacht hörte er die ſchweren Tritte eines Mannes und an einem kurzen Hüſteln erkannte er den alten Kutſcher Louis, der im Hauſe geblieben war, die Pferde zu füt⸗ tern, die in den Tagen nach dem Feſte verkauft werden ſollten. Dieſer riegelte und ſchloß von innen auf. Er öffnete und ſtand, halb angekleidet, in ſeinen Schafpelz gehüllt, frierend an der Thür. „Wer iſt da?“ fragte er und rieb ſich die Augen. „Ich bin es, Louis, guten Abend! Iſt der Herr noch wach?“ „Mein Gott, ſo ſpät, Herr Doctor, was giebt es denn?“ 3 „Etwas Gutes diesmal, Louis, die Sorgen ſind vorüber,“ und raſch die dunkeln Treppen hinaufſpringend, wartete er in ſeiner Haſt nicht einmal die Bejahung oder Verneinung ſeiner Frage: ob der Herr noch wach ſei, ab⸗ Sein Herz gab ihm die Antwort; er fühlte, daß Judith mit dem ſchlafloſen Vater auch nicht zur Ruhe gegan⸗ gen ſei.— Das ungewöhnlich ſpäte Läuten, die auf der Treppe ſchallenden eiligen Fußtritte hatten den Bankier und ſeine Tochter aus ihrem ſtillen Geſpräche aufgeſchreckt. Judith hatte dem Vater aus einem Buche vorgeleſen, in der Hoff⸗ nung, ſie würde den lindernden Schlaf herbeizaubern, der aber bis jetzt vergeblich auf ſich hatte warten laſſen. „Was iſt das?“ fragte aufſpringend der Bankier. „Schon wieder ein Unheil?“ „Vater, ich bitte Dich— faſſe Dich!“ flehte Judith. Aber dieſer, von einer namenloſen Angſt getrieben, war ſchon an die Thür geeilt. Eben wollte er ſie offnen, als ſie ſchnell von außen aufgemacht wurde. Eduard mit ſeinem blutbedeckten Hemde, das er zu verbergen ganz vergeſſen hatte, erſchien auf der Schwelle. Sein Auge leuchtete, ſein geröthetes Geſicht drückte unverkennbar die Zeichen einer frohlockenden Glückſeligkeit aus. Aber das überſahen ſowohl Vater wie Tochter— ſie ſahen nur in dem jungen Manne den eiligen, nächtlichen Beſucher, und als das Licht auf ſeine mit Blutflecken getränkten Kleider — 26— fiel, ſchrie Judith laut auf und Ermeling fuhr entſetzt zurück.— „Mein Gott— was iſt?“ brachte er mühſam hervor. Eduard aber hatte keinen Athem— keuchend trat er ein— er fiel auf einen Stuhl— was er ſagen wollte, wußte er wohl, aber er konnte kein Wort hervorbringen. Händeringend trat jetzt Judith auf ihn zu, ihr Vater ſtarrte ihn von Weitem, auf das Heftigſte erſchüttert, an. „Eduard— um Gotteswillen— iſt das nicht Blut?“— Eduard wollte lächeln— ſeine Geſichtsmuskeln ver⸗ zogen ſich, ſein Gefühl war diesmal ſtärker als ſein Wille, anſtatt zu lachen fing er an zu weinen. Vater und Tochter waren bis zum Tode erſchrocken, — Cduard ſah es, da riß er den Wechſel aus der Taſche und warf ihn dem Bankier zu. „Da,“ hauchte er, weiter vermochte er nichts zu ſagen.— Der Bankier ergriff das verhängnißvolle Papier mit zitternden Händen und hielt es gegen das Licht. „Menſch!“ rief er, wo möglich noch entſetzter, aus. „Dreimalhunderttauſend Thaler— morgen zu präſenti⸗ ren— zahlbar auf gerichtliche Vollmacht— Hutten, Brown und Moore!— Was iſt das?“ „Das Blut— das Blut, Eduard!“ ſchrie Judith. — 27— Erſt dieſer Schreckensruf brachte Eduard zu ſich. Der Gedanke, man vermuthe in ihm einen Verbrecher, war hinreichend, ihm alle Kraft ſeines Geiſtes und die Beherrſchung ſeiner Organe wiederzugeben. „Was denkt Ihr!“ rief er aufſpringend und beinahe jubelnd.— Die Freude über ſein Glück war lautlos, demüthig geweſen, erſt die Freude über das Glück Ande⸗ rer ließ ihn in Frohlocken ausbrechen. „Iſt der Wechſel gut oder nicht?“ „Ob er gut iſt?— Aecht iſt er, das ſehe ich— ich kenne das größte Haus Amerika's wohl— aber ſon⸗ derbar iſt er— gar nicht in der gewöhnlichen Art— was ſoll die Vollmacht— und wie kommen Sie dazu, mein Herr?“ „Wie ich dazu komme?“ fragte Eduard und erhob ſich ſtolz.„Auf die natürlichſte Weiſe von der Welt. Leſen Sie doch— da ſteht der Name— Hutten! Nicht wahr? Das bin ich, Herr Ermeling!“ Dieſer riß die Augen auf und ſah den jungen Mann an, der immer ſo vernünftig geſchienen, und jetzt ihm wie ein Wahnſinniger vorkam. Erſt Judith ahnte eine entfernte Wahrheit. „Ja,“ ſagte ſie,„er heißt Hutten, das weiß ich— Vollzagen wurde er genannt, aber ſeine wahrer Name 1 Hutten Stolling!“ „Seien Sie Beide ruhig,“ begann Eduard ſehr ernſt. — 28— „Die einfache Sachlage iſt die“— und nun erzählte er, was ihm dieſe Nacht begegnet war. Es dauerte lange, ehe Ermeling die Thatſache be⸗ greifen konnte, Judith mochte ſo viel davon glauben, wie ſie wollte. Erſt am nächſten Tage, als den betreffenden Bankiers die geſetzliche Vollmacht Mr. Stauntons vorge⸗ wieſen und dieſer ſelbſt ſeine Perſon gezeigt hatte, ver⸗ ſchwand jeder Zweifel. Doch kehren wir zu dem Erben zurück, der ſchnell, wie er hergeeilt war, auch wieder nach Hauſe lief. Als er in ſein Zimmer trat, hatte ſich die Scene in demſelben verändert. Joſephſon hatte ſogar in der Nacht verſtanden, dem ihm übertragenen Geſchäfte eine helle Seite abzugewinnen und Eduard ſah die Bei⸗ den, wie Verdurſtete vor einigen Flaſchen Wein ſitzen, die der Amerikaner wenigſtens mit einigen Speiſen vermiſchte. Weder Joſephſon fragte wo er geweſen war, noch Staun⸗ ton, wie er ſich ſeiner Ueberraſchung entledigt hatte. Eduard ſelbſt trank wie ein Menſch, der nicht allein aus der Dunkelheit der Armuth in das Sonnenlicht des Reichthums übergetreten iſt, ſondern auch wie einer, der durch eine gute einleitende Handlung dieſes Sonnenlicht verdient hat, er trank, ſagen wir, mit einem Wonnege⸗ fühl dieſes Glas Wein, wie er es bisher noch nicht ge⸗ kannt hatte. In dieſem Augenblicke aber ſah er das noch verſchloſſene Käſtchen und Mr. Brown fiel ihm ein. Er wurde ernſt, indem er das lebhafte Gefühl ſeines Glückes mäßigte und nun erſt ſchloß er das Käſt⸗ chen auf. Es waren viele Papiere darin. Zunächſt eine Abſchrift des Teſtamentes, welches ſehr lang war und welches zu leſen wir unſeren Leſern erſparen können. Dieſem Teſtamente aber war ein Schreiben des Erb⸗ laſſers an den Erben angehängt, welches Aufſchluß über ſein Leben und die Beweggründe ſeines jetzigen Han⸗ delns gab. Dieſes ſeltene und ſchöne Sehriſtſüſk ſoll in einem der nächſten Kapitel, da es für die Fortſetzung unſerer Erzählung von Wichtigkeit iſt, mitgetheilt wer⸗ den.— Außer dieſen beiden Schriftſtücken befanden ſich, für den augenblicklichen Bedarf beſtimmt, verſchiedene Geldpapiere darin, die nur umgewechſelt zu werden brauch⸗ ten, um ſogleich in greifbarer Geſtalt in die Hände des jetzigen Beſitzers zurückzukehren.— Natürlich drehte ſich bald das Geſpräch um den Tod Mr. Huttens und Eduard erfuhr, wie derſelbe ſehr ſchnell eingetreten ſei, nachdem Alles dazu von ihm ſelbſt vorbereitet war, nachdem das Teſtament längſt fertig und ſogar ſchon den Teſtaments⸗ vollſtreckern mitgetheilt und von ihnen beſchworen wor⸗ den war, das darin Gebotene ganz im Sinne des Erb⸗ laſſers bis in die kleinſten Punkte hinein auszuführen. „Die großen Handelsgeſchäfte,“ fügte Staunton hinzu,„die Mr. Hutten nach China, Oſtindien und anderen wichtigen Weltgegenden betrieb, wurden ſchon gleich nach ſeiner Reiſe in die alte Welt allmählig ein⸗ 8 — 30— geſtellt, denn er wollte, daß Sie, ſein einziger Erbe, nicht die Laſt unbekannter Geſchäfte, ſondern allein die Freude und den Genuß ruhigen und begründeten Beſitzes zu tragen haben ſollten.“ „Das muß ich ſagen!“ rief Joſephſon in Begei⸗ ſterung,„das iſt ein Mann, der ſeines Gleichen ſucht. Aber ich denke— und hierbei gähnte er nach Herzens⸗ luſt— morgen iſt auch noch ein Tag und der heutige hat ſeine Laſt ſo herzhaft getragen, daß wir ihm Ruhe gönnen können.“ Man erhob ſich ſogleich. Eduard ſchloß ſein Käſt⸗ chen ein. Joſephſon begleitete den Fremden in den näch⸗ ſten Gaſthof. Ihre Zuſammenkunft am Morgen war auf zehn Uhr feſtgeſetzt.— Eduard, von einem Gefühle bedrückt, dem er keinen Namen geben konnte, warf ſich in ſein Bett. Es war dies die Folge der langen, ver⸗ ſchiedenartigen geiſtigen Aufregungen des Tages, die ſeine Nerven übermäßig angeſpannt und ihn ermüdet hatten und die dann wieder durch das letzte große Reizmittel künſtlich zur neuen Flamme angefacht, auf Koſten ſeiner körperlichen Kräfte den Geiſt in Thätig⸗ keit erhalten hatten. Er konnte, als er ſo ruhig da lag, nichts mehr bedenken, der ſüßeſte Schlummer kam beinahe augenblicklich und bald lag der reichſte Mann der Hauptſtadt, keinen einzigen in derſelben ausgenom⸗ men, in einem ſo feſten, unerweckbaren Schlafe, daß er ſelber ſo wenig von allen dieſen Schätzen wußte, wie der Aermſte, der von ſeinem Hunger und ſeinem Elende träumte und noch weniger in ſeinem ganzen Vermögen beſaß, als Eduard vor einigen Stunden in ſeiner Weſten⸗ taſche mit herumgetragen hatte. Zweites Kapitel. Mr. Huttens letzter Wille. — . Als Frau Schwarzkopf am nächſten Morgen, wie ge⸗ wöhnlich um fünf Uhr, ihr Amt als Hausfrau in ihres Herrn Zimmer verwaltete, fand ſie denſelben, was gar nicht ſeine Gewohnheit war, noch im tiefſten Schlafe. Sie trat daher leiſer noch als ſonſt auf und entfernte ſich dann wieder. Kaum hatte ſie das Zimmer verlaſſen, ſo erwachte der Erbe. Sogleich fiel ihm die letzte Nacht ein und er glaubte anfangs, er habe Alles nur geträumt. Es war ja ſo viel geſchehen, was unmöglich, ſeltſam, wunderbar ſchien, und dennoch, er begriff es erſt allmäh⸗ lig, war es wahr. Obgleich von dem dreiſtündigen feſten Schlafe erquickt, fühlte er doch noch eine gewiſſe Müdig⸗ keit in allen Gliedern und blieb, im Stillen das uner: wartete Glück bedenkend liegen. Um ſechs Uhr kmä Frau Schwarzkopf wieder und brachte die gereinigten Kleider. „Er ſchläft noch,“ ſagie ſie halblaut zu ſich, aber dennoch hörte der Doctor die Worte. „Er ſchläft nicht!“ rief er laut,„kommen Sie ein⸗ mal näher, beſte Frau Schwarzkopf. Ich habe Ihnen etwas zu ſagen.“ Die Frau wunderte ſich über den Ruf, den ſie noch nie vernommen, und kam beſcheiden näher. „Ich bin heute müde und daher ein Langſchläfer— was giebt es Neues?“ „Nichts Beſonderes, Herr Doctor, nur daß Thau⸗ weſter eingetreten iſt. Und das iſt gut, die Kälte war zu bitter.“ „Das freut mich. Wiſſen Sie ſonſt nichts?— Nun, dann will ich Ihnen eine Neuigkeit erzählen. Sie haben eine Erbſchaft gemacht?“ „Ich? Sie ſpaßen!“ „Wie können Sie das denken! Es iſt der ernſthaf⸗ teſte Ernſt, den es giebt.“ „Aber ich weiß ja nichts davon und ich müßte es doch zuerſt wiſſen.“ Eduard lachte.„Blicken Sie nicht ſo verwundert, liebe Frau Schwarzkopf. Die Sache iſt die: ich ſelber habe eine große Erbſchaft gemacht, und da werden Sie natürlich nicht leer ausgehen.“* Der Inſelkäönig IV. 3 „Du gerechter Gott! Iſt das wahr? Sie hätten geerbt?“ „Ja, und ſehr viel. Ich bin plötzlich ein reicher Mann geworden. Sie werden von jetzt an gute Tage haben. 4 „Ich, warum denn ich?“ „Sie und Ihr Mann und Anna auch. Verdienen Sie es etwa nicht an mir?“ „O mein Gott! ich verdiene ſo wenig! Iſt es denn ein Geheimniß oder darf ich davon reden?“. „Laſſen Sie es lieber noch N iemanden wiſſen. Aber gehen Sie zu Herrn Holzbrecher und bitten Sie ihn, ſich hierher zu bemühen, ſobald er aufgeſtanden iſt, ich will ſeine Frau nicht ſtören.“ Frau Schwarzkopf lief noch einmal ſo ſchnell hin⸗ aus, wie ſonſt, und bald hatter ſie Herrn Holzbrecher be⸗ nachrichtigt, der ebenfalls früh aufzuſtehen pflegte. Er kam auch ſehr bald in ſeinem Schlafrocke, mit der Mor⸗ genmütze auf dem Kopf, und fand Eduard bereits in den Kleidern. Die Neuigkeit war bald erzählt, der Aka⸗ demiker ſchüttelte den Kopf. „Sie glauben es wohl noch nicht?“ „Wenn Sie es ſagen, glaube ich es freilich— aber darüber wundere ich mi) nicht. Ich muß an Hans Waldau denken!“ „Wie ſo?" 4 — 35— „Weil er ſagen wird: da habt Ihr', ich habe es immer vermuthet.“ „Es iſt wahr, er hat ſeine Träume und Ahnungen gehabt!“ „Und ſie ſcheinen richtig geweſen zu ſein— darf ich es meiner Frau ſagen?“ „Gewiß dürfen Sie das. Aber noch Eins, und das iſt für Sie wichtig. Ermeling nimmt ſeine Zah⸗ lungen wieder auf.“ „Oh! 44 „Sie werden noch heute benachkichtigt werden, ſeine Bureaus werden heute Morgen geöffnet. Nach der Ebbe iſt vollſtändig Fluth eingetreten.“ „Aber wie iſt das möglich— ich begreiſe es nicht.“ „Man begreift Vieles nicht, was doch möglich iſt. Sie werden es ſehen.“ „Dann haben wir 4 alle Drei eine gute Weih⸗ nachtsbeſcheerung, ich will ſie ſogleich meiner Frau zum Morgengruß überbringen.“ „Thun Sie das— es iſt ja wahr! heute iſt Weih⸗ nachten!“ Kaum war Holzbrecher fort, ſo that ſich die Thür auf; herein traten, in Reiſekleidern, bis an die Hälſe ver⸗ mummt, Ernſt Doſſow und Karl Michel; ſie waren mit dem Morgeneiſenbahnzuge angelangt und hatten ihre 3** ³ * Schritte zuerſt zu dem Freunde gerichtet, den ſie glück⸗ licher Weiſe noch zu Hauſe trafen. Man kann ſich die Freude, die Ueberraſchung plötzlichen Wiederſehens nach ſo langer Trennung vorſtellen. Die zwei Reiſenden wußten natürlich nichts von dem in Bilſingen und in ihrer nächſten Nähe Vorgefallenen. Eduard theilte ihnen ſchnell Beides mit, ließ aber auf das Unglück bald das Glück folgen. Ernſt war am neiſtten erſchüttert. Er brach in Thränen aus, worin ihn der weichgeſtimmte Karl ſogleich von ganzem Herzen unterſtützte. Eduard beruhigte ſie und ſchickte ſogleich nach Extrapoſt, die ſie beide nach Hauſe führen ſollte. Ehe ſie in den Wagen ſtiegen, ſagte Eduard zu Ernſt Folgendes: „Und nun reiſet in Gottes Namen! Ueberhebe Dei⸗ nen guten Vater ſogleich allen Kummers. Er ſoll ſein Haus, Hof und Gut bald wieder haben, einen Zimmer⸗ hof ſoll er ſich bauen, ſo groß und ſchön wie er nur will. Sage ihm, das ſeien die Zinſen, die ſein Nothpfennig getragen, den er mir einſt gegeben, ich hätte ihn ange⸗ legt und Millionen Procente damit gewonnen. Mein Vater aber mag mein Ausbleiben entſchuldigen, mich feſ⸗ ſelten hier unaufſchiebbare Geſchäfte, er ſoll aber mit demſelben Wagen, der Euch nach Bilſingen bringt, hier⸗ her kommen, ich bedürfe ſeines Rathes. Und nun glück⸗ liche Reiſe!“ Und ſie fuhren im raſchen Trabe davon, nicht wiſ⸗ — 32— ſend, ob ſie mehr das Unglück ihrer Angehörigen bekla⸗ gen oder ſich über das unvermuthete Glück des Freundes freuen ſollten. Jetzt las Eduard das Teſtament und das demſelben angehängte Schriftſtück des Mr. Brown— ſo nannte er ihn immer noch in Gedanken. Nun erſt überſah der Erbe ſein ungeheures, unermeßliches Glück im ganzen Umfange. Er hielt es ja, in die gehörige Form geſtaltet, in ſeinen Händen, er las es mit ſeinen Augen. Wäh⸗ rend ſich aber dieſe mit den wohlthuendſten Thränen füllten, bebte allein ſein Herz in ſtiller Freude, denn Worte findet ein ſolches Glück auf ſolchen Lippen nur. wenig oder gar nicht. Um zehn Uhr kam Mr. Staunton, vollſtändig er⸗ friſcht und zu neuen Thaten gekräftigt, wieder, nachdem Joſephſon, der beinahe gar nicht geſchlafen und hohle Augen hatte, ſchon viel früher herbeigeeilt war. Man begab ſich ſogleich zum Banquier Ermeling und mit die⸗ ſem auf das Comptoir der drei größten Häuſer der Stadt. Man ſah, man las, man prüfte. Die Voll⸗ macht war gerichtlich ausgeſtellt, das Geſchäft fand alſo keine Schwierigkeiten; die Gelder ſollten in kürzeſter Zeit geſchafft werden. Ein großes Paquet voll werthvoller Papiere nahm Ermeling ſogleich mit ſich. Der alte Mann, von ſo vielen gewaltigen und verſchiedenartigen Erſchütterungen erſt gebrochen, dann wieder aufgerichtet, — 38— war ſtumm, er ſchüttelte nur den Kopf und das einzige Wort, das man von ihm vernahm, war: Hutten, Brown und Moore!— Hundert Millionen!— Noch vor Tiſche wurden die Siegel von ſeiner Thür gelöſt. Die Commis wurden ſogleich benachrichtigt. Nachmittags ſaßen ſie trotz des feſtlichen Tages ſchon wieder an ihren Pulten und die Geſchäfte begannen in einer Weiſe und Schnelligkeit betrieben zu werden, wie noch nie zuvor, denn es waren nur glückliche Briefe zu ſchreiben und dieſe ſchreibt man mit doppelter Eile und Luſt. . Gegen Abend kam der Pfarrer Wollzagen mit der zurückkehrenden Extrapoſt. Er hatte mit ſeinem Sohne eine mehrſtündige Unterredung, welche für beide ein be⸗ friedigendes Ende nahm. Beider Augen waren von Thränen roth, aber es war das Salz der Freude ge⸗ weſen, welches dieſe Wirkung hervorgebracht hatte. In kurzen Umriſſen hatte Eduard ſeine Gedanken und Ent⸗ ſchlüſſe für die Zukunft mitgetheilt und da der Geiſtliche ſeinen Pflegeſohn kannte, ſo zweifelte er keinen Augen⸗ blick an den Erfüllungen derſelben. Für jetzt kehrte er wieder nach ſeinem Dorfe zurück, um ſeiner Frau, ſeiner Familie und ſeinen Freunden die unglaublich klingende und doch ſo vollkommen begründete Wahrheit des neuen Ereig⸗ niſſes zu überbringen. Man kann ſich die Erfolge dieſer Bot⸗ ſchaft vorſtellen; wir müſſen aber zu Dingen ſchreiten, die uns * 39 näher angehen, denn wir haben noch ein großes Feld zur Bearbeitung vor uns. Zwei Tage blieben der Erbe, der Kaſſirer und Jo⸗ ſephſon in ihrem Zimmer eingeſchl oſſen und waren für Niemand ſichtbar. Sie aßen und tranken und arbeiteten zuſammen, nur Abends ſpät gingen die beiden letzteren in ihre Wohnungen zurück, um am andern Morgen zu neuer Arbeit wiederzukehren. In dieſen beiden Tagen wurde Eduard von der Lage und dem Umfange ſeiner Beſitz⸗ thümer genau unterrichtet; er beeilte ſich damit, um ſchnell zur größeren Aufgabe ſeines Lebens übergehen und den Grundſtein legen zu können, auf dem das Gebäude ſeiner Zukunft aufgerichtet werden ſollte. Als ſie mit dieſem ſchwierigen Geſchaͤfte zu Ende waren, ſagte Eduard zuerſt zu dem Kaſſirer, ſodann zu Joſephſon: „Mr. Staunton! Wie hoch belief ſich Ihr Einkom⸗ men beim meinem Adoptivvater?“ „Auf 2000 Dollars jährlich. Ich war aber damit zu reichlich bezahlt.“ „Darf ich hoffen, daß Sie unter denſelben Be⸗ dingungen und in demſelben Geſchäft bei mir bleiben und meine Angelegenheiten zu ordnen fortfahren?“ „Ich nehme es mit Dank an und weihe Ihnen meine Kräfte, indem ich Ihnen mit meiner Dankonkeit zugleich meine Ergebenheit ausſpreche.“ „Und nun Du, mein guter Wolf! Mu hi 8 1420— früher im Scherz meinen Premierminiſter genannt,— darf ich hoffen, daß Du es in Ernſt werden und mich auch ferner mit Deinen Kenntniſſen und Deiner Freund⸗ ſchaft unterſtützen willſt?“ „Ja, ja— tauſendmal ja“ rief der Freund und umarmte mit heißen Thränen den innig Geliebten. „Sieh aber einmal her; während Ihr Eure Kapitalien beſprochen habt, habe ich die Zinſen berechnet.“ Mr. Staunton lächelte und blickte mit Wohlgefallen ſeinen neuen Herrn an. „Wir wollen ſehen,“ ſagte er,„ob Ihr neuer Pre⸗ mierminiſter richtig zu rechnen gelernt hat, ich kenne die Zinſen auswendig.“ „So vernehmt denn,“ begann der Ex⸗Referendarius, denn dieſen Poſten hatte er ſchon längſt im Geiſte auf⸗ gegeben: „Ich ſchlage das Kapital, der leichteren Nachmung wegen, nur— ich ſage nur, meine Herren, auf 75 Mil⸗ lionen Thaler an. Denn die übrigen fünf Millionen ſollen, wie ich höre, zu einem bedeutenden Ankauf und zum Bau unſerer Kolonie verwandt werden. Dieſe 75 Millionen, obgleich ſie, wie ich ebenfalls höre, theil⸗ weiſe viel größere Procente abwerfen, habe ich nur zu fünf vom Hundert berechnet. Dieſe Zinſen geben aber als Einkommen für das Jahr: 3,750,000 Thaler. Fur den Monat: 312,500 Thlr. Für den Tag, ungefähr: — 41— 10,416 Thaler. Für die Stunde: 434 Thlr. und das macht für jede Minute Deines Lebens 7 ¼ Thaler. Biſt Du zufrieden, mein Sohn?“— Eduard ſowohl wie Staunton mußten laut auf⸗ lachen über die bedeutende Miene, die der Rechner, jetzt Premierminiſter, angenommen hatte, Staunton aber be⸗ merkte: „Sie haben zwar richtig gerechnet, allein Sie . haben die Kapitalien noch viel zu gering angeſchlagen, 4 denn ſie betragen im Ganzen, wie wir eben geſehen haben, viel mehr.“ 3„Das thut nichts,“ bemerkte Eduard, mit der Hand 4 winkend,„für's Erſte bin ich mit dieſem Einkommen zu⸗ frieden und Andere ſollen es auch ſein. Jetzt aber, 3 deenke ich, machen wir eine Spazierfahrt in's Freie, denn 8 die Wege ſind von dem Thauwetter ungangbar, die friſche Luft wird uns allen Dreien aber für den Augen⸗ blick nothwendiger ſein, als das Geld.“ Und ſie thaten, wie ſie wünſchten, und fuhren ein paar Stunden im Freien umher. Wie der Donner der Lärmkanone, von Meile zu Meile ſpringend, mit mehr als geflügelter Eile die— Kunde von einem großen Ereigniß durch die Lüfte trägt. . 3. und Allen, die Ohren haben, daſſelbe verkündet, ſo flüch⸗ tig, mit beinahe reißender Schnelligkeit verbreitete ſich das Gerücht, die Hauptſtadt ſei durch eine ungeheure, ungehoffte Erbſchaft glücklich bedacht worden und ſie berge einen Menſchen in ihren Mauern, der wenigſtens eben ſo reich, wie der König ſelber geworden ſei. Es wäre ſpaßhaft, die Stufenleiter ſolcher Gerüchte zu ver⸗ folgen, wie ſie, von der oft einfachen, kleinen Thatſache beginnend, ſich allmählig in's Unermeßliche und Fabel⸗ hafte verlieren und nebenbei, zur Ausſchmückung, auf Abwege gerathen, die mit der Hauptſache in gar keiner Verbindung ſtehen. In dem hierher gehörigen Falle ent⸗ faltete ſich ein ſo außerordentlicher Reichthum Fr Phan⸗ taſie der guten Hauptſtädter, wie er ſich wohl für einen Dichter geeignet hätte, denn an Stoff zu einem zauber⸗ artigen Gemälde von nie geſehener Größe und Herrlich⸗ keit wäre hierbei kein Mangel geweſen. Freilich, in der Zukunft, als man ſich beruhigt und an die wirklich er⸗ ſtaunliche Thatſache gewöhnt hatte, wollten einige Klü⸗ gere, ſelbſt in den Umgang mit dem Erben Verflochtene in Erfahrung gebracht haben, ein ſpaßhafter Freund des reichen jungen Mannes habe, zu eigener Beluſtigung und zur Erheiterung des Erben ſelber jene zauberhaften Urſprünge der Erbſchaft erfunden und unter das Volk geſtreut; wir aber, obwohl wir dergleichen Späße Jo⸗ ſephſon zutrauen haben nie Gewißheit darüber erlangt, ob dieſer unſer ſcherzhafter Freund der vielbewanderte Autor dergleichen geweſen iſt.ü Um nur einige Gerüchte dieſer Art an dieſer Stelle oberflächlich zu erwähnen, ſo genüge es uns, die Mit⸗ theilung eines öffentlichen, vielgeleſenen Blattes zu citi⸗ ren, das einige der am gebräuchlichſten gewordenen Fa⸗ beln aufgefaßt und ſeinen an das Wunderbare gewöhn⸗ ten Leſern aufgetiſcht hatte. Es hieß darin: Aus glaubhafter Quelle geht uns die ſo eben auch von anderen Seiten her ziemlich ſicher verbürgte Nachricht zu, daß das vielerwähnte chineſiſche Teſta⸗ ment wirklich ſeinen Erben in der Hauptſtadt gefun⸗ den habe. Wie zugleich verlautet, ſtammen der Erb⸗ laſſer eigentlich aus Japan, nicht aus China, ſei in jüngeren Jahren ein berüchtigter Seeräuber geweſen, habe ſpäter ſich einen eigenen Thron errichtet, mit ſeinen untergebenen Piraten ein kleines Reich erobert und von dort aus auf alle vorbeiſegelnden Schiffe ge⸗ fahndet, wonach denn eine Anhäufung von Schätzen entſtanden ſei, wie ſie die Welt noch nie bisher an Fülle und Mannigfaltigkeit geſehen. Der Piraten⸗ könig, hieß es wörtlich weiter, iſt jetzt geſtorben und hat einem natürlichen Sohne, der ſich zufällig auf hieſiger Univerſität befindet, nachdem er auch ſchon in Paris und London das europäiſche Staatsrecht ſtudirt, ſein ganzes Vermögen hinterlaſſen. Es iſt dies, oder ſoll dies ſein— wir verbürgen es nicht— ein jun⸗ ger Mann von gemiſchtem Blute, denn während ſein Vater von Geburt ein Japaneſe war, ſoll ſeine Mut⸗ ter eine Schwarze von der Küſte von Guinea ſein. Uebrigens beabſichtigt derſelbe, wie ebenfalls verlautet, ſich irgend wo in hieſiger Gegend anzukaufen und ſeine Schätze im Schooße der Civiliſation, Angeſichts der Intelligenz unſerer Hauptſtadt, mit philoſophiſcher Behaglichkeit zu verzehren. Es wäre im Intereſſe des jetzt ſo ſehr darniederliegenden Geſchäftsganges, daß wenigſtens letztere Conjectur einen Grund hätte und wünſchen wir unſern geehrten Mitbürgern von den Schätzen, welche bald über unſern Köpfen einher⸗ fluthen werden, den größtmöglichſten Nutzen.— In ähnlicher Art gab es viele Mittheilungen und wenigſtens das iſt gewiß, daß obige Probe noch bei Wei⸗ tem nicht die ausfühglichſte und glänzendſte war. Ge⸗ nug, die Fabel war da und die Neugierde und die Prahlerei, wie dieſe beiden Eigenſchaften ſo häufig ſich verbunden zeigen, bemächtigten ſich ihrer und beuteten ſie nach allen Richtungen aus. Allerdings fiel die Erbſchaft — und an der Wirklichkeit derſelben zweifelten nur ſolche, die große Erbſchaften nur leiden mögen, wenn ſie ihnen ſelber zufallen— in eine ſehr bewegte Zeit. Die moderne Politik— das heißt, jenes neugeborene Un heuer mit kleinem Kopfe und ungeheuer großen Klau — und Magen— war im Anzuge und im Wachſen, die Finanzen Vieler waren zerrüttet und der Hunger, mit allen Leidenſchaften der Hölle umgeben, begann ſeine ſchauerlichen Schlachtlieder zu ſingen. Da war denn nun eine Neuigkeit ſolcher Art, wenn auch nur eine Sättigung in Gedanken, doch immer eine Sättigung an einem Meere von Schätzen, und viele ſtürzten ſich mit Selbſtverläugnung in dieſes Meer, in dem Glauben, wenn ſie ſich nur recht tief darin untertauchten, ſo wür⸗ den ſie auf dem Grunde ſchon die Perlen und andre Kleinodieen ſchimmern ſehen, um auch für ſich einen Theil derſelben heraufzuholen. Der Beſonnenere, Vorurtheilsfreiere, Gebildetere hatte minder troſtreiche Gedanken.„So viel Geld,“ ſagte er,„in die Hände eines jungen unbekannten Men⸗ ſchen gelegt! Wenn der ſchlecht geleitet wird und ſelbſt ein Jakobiner iſt, ſo kann er die Grundmauern unſeres Staates erſchüttern— es iſt immer etwas Gefährliches für den Staat, einen Mann in ſeinem Schooße zu ber⸗ gen, der reicher iſt als Kröſus und an Tugend gewiß kein Solon, denn Jugend hat ja keine Tugend.“ Selbſt die Miniſter des eben in Gefahr geſetzten Staates faßten die Thatſache als eine Wichtigkeit auf, die man nicht außer Acht laſſen dürfe, da ſich ihre Trag⸗ weite noch gar nicht ermeſſen laſſe; man müſſe den Er⸗ ben, wenn er erſt bekannt ſei, ſondiren und ſalls er ein brauchbares Subjekt ſei, im Intereſſe des Staates zu gewinnen uͤnd an den Staat ſelber zu feſſeln ſuchen; ihm ferner die Erlaubniß zur Anlegung von Maſchinen, über⸗ haupt die Freiheit gönnen, den Gewerbefleiß zu erhöhen, die Wiſſenſchaften und Künſte zu fördern und ſo wenig⸗ ſtens indirect aus ihm alle dem Staate zufließenden Vor⸗ theile erzielen. So dachten und philoſophirten die Menſchen, die dummen und die klugen, die armen und die reichen, die unintereſſirten und die intereſſirten. Ach! und keiner von ihnen Allen ahnte die Wahrheit, keiner kannte den jun⸗ gen Menſchen, der ſo viel geerbt hatte, wie er wirklich war; keiner wußte, was er Schönes, Großes zum Beſten der Menſchheit lange in ſich getragen, was er jetzt in's Leben zu führen feſt und männlich entſchloſſen war. Doch diejenigen, die ein wirkliches Intereſſe am Gedeihen ſtaatlicher Einrichtungen, der Wiſſenſchaften, Künſte und Gewerbe nahmen, das heißt, die Wenigen, die auf der Höhe der Menſchheit ſtanden und mit Geiſt und Herz eine hellere Zukunft für ſich und Andere er⸗ flehten, die ſollten in nicht gar langer Zeit die vollkom⸗ menſte Aufklärung und Genugthuung erhalten. Denn ſchon arbeiteten fleißige Hände und warme Herzen im Stillen an menſchenfreundlichen Plänen, welche bald offen an’s Tageslicht treten und nicht durch Worte, ſondern — —— — 47— durch Thaten den Beweis liefern ſollten, daß der Menſch dem Menſchen ein Gott wohl ſchon auf Erden ſein könne.— Begeben wir uns jetzt, nachdem die erſten Tage der Aufregung vorüber und die zunächſt nothwendigen Ein⸗ richtungen für die Zukunft getroffen waren, in das ein⸗ ſame Studirzimmer des Erben, wo derſelbe jetzt wieder allein ſaß, nachdem ihn zuerſt Herr Ermeling, ſein neuer, mit allen Rechten und Pflichten beſtellter Banquier in der Hauptſtadt, und Mr. Treaden, ſein junger Secretair, verlaſſen hatte, welcher letztere vor wenigen Tagen mit der gleichlautenden Abſchriſt der ſchon bekannten Doku⸗ mente, wie Staunton vorhergeſagt, von Amerika ange⸗ kommen war. Eduard Hutten Stolling, genannt Wollzagen— ſo blieb fortan ſein Name— von ſeinen früheren Feun⸗ den Eduard, von den Amerikanern allein Mr. Hutten genannt, ein Name, der bald der bekannteſte und ge⸗ bräuchlichſte wurde, wie er es auch am meiſten zu ſein werdiente— ſaß allein in ſeinem Gartenhäuschen, das er in ſeiner Beſcheidenheit beibehalten hatte und ſtudirte mit allem Eifer wiederholt das Teſtament und das Schrift⸗ ſtück ſeines Adoptivvaters, ſo nannte ſich der alte Hutten ſelber, denn auf dieſem Schriftſtück allein beruhten ja alle ſeine ſchönen Pläne der Zukunft. Auf dieſes Schriftſtück führte er ſeine früheren Wohlthätigkeitsge⸗ — 48— danken zurück, von ihm ging er bei jedem neuen Ent⸗ ſchluſee aus. Doch es wird wohl Zeit ſein, daß auch wir uns mit einem Theile dieſes Teſtamentes beſchäftigen, da wir Mr. Hutten daraus nicht allein vollſtändig ken⸗ nen, ſondern auch einſehen lernen, in welchem Zuſam⸗ menhange der junge Erbe mit ihm ſtand und warum er demſelben ſein ganzes Vermögen vermacht hatte. Die am Schluſſe des Teſtamentes beigefügte, im Original von der eigenen Hand des Erblaſſers geſchrie⸗ bene, Teſtamentserläuterung lautete, wie folgt: „Und nun, mein theurer Sohn,— denn dieſe Be⸗ nennung habe ich mir ſowohl durch die gerichtliche Adop⸗ tion, wie durch den unverſiegbaren Quell zärtlichſter Liebe für Deine verſtorbene Mutter und Dich, ihr einzi⸗ ges Kind, mit doppeltem Rechte erworben,— fühle ich mich verpflichtet, Dir den Gang meiner merkwürdigen ebensereigniſſe mitzutheilen, und Dir und der Welt die Srunde darzulegen, warum ich Dich vor Allen zum Er⸗ ben meiner zeitlichen Güter eingeſetzt habe. Endlich, nach langen Jahren hebe ich ſomit, da mir das Grab ſchon ſeine, nur einmal durchſchreitbaren, Pforten öffnet, den Schleier von einer Vergangenheit, die mir, nur durch ein einziges Unglück getrübt, im Ganzen und Allgemeinen keinen düſteren Rückblick geſtattet, im Ge⸗ gentheil voll der wunderbarſten Glücksfälle war, wofür ich jeden Tag in meinem, der Arbeit und dem Menſchen⸗ wohl geweihten, Leben meinem Schöpfer dankbar gewee ſen bin. Wenn Du in dieſem, arbeitſamen Leben Gründe findeſt, mich zu lieben und mein Andenken zu bewahren, ſo habe ich Alles auf dieſer Erdenwelt erreicht, was ich noch zu erreichen hoffen konnte. Mein Inneres glich ſtets einem ruhigen Strome, die ſchmerzlichen Jahre abge⸗ rechnet, in welchen der Kummer um eine entzogene Liebe mir die Verzweiflung aufbürdete; dieſe ſchmerzens⸗ reiche Epoche meines Lebens abgerechnet, war ich immer glücklich, weil ich ruhig und zufrieden war, denn nur in der geiſtigen Ruhe, in dem ſeligen Frieden des Daſeins erkenne ich das Glück des ganzen Menſchenlebens. Für mich bin ich ſparſam und enthaltſam geweſen, für Andere nie, und das iſt der Grund, wenigſtens erſcheint es mir als ſolcher, daß ich viele theilnehmende Freunde, nie aber einen wirklichen Feind gefunden und zu bekäm⸗ pfen gehabt habe. „Geboren bin ich, Du weißt es ſchon, in derſelben Stadt, in deren Nähe, auf einem unſcheinbaren Dorfe, Dein wackerer Pflegevater Dich erzogen hat, wofür ich ihm nur durch Dich danken kann, denn Du wirſt nie vergeſſen, daß dieſer edle Mann allein Dein junges Le⸗ ben verſchönert und jeden Saamen ſpäterer Frucht in Dich gelegt hat. Mein Vater wohnte unweit des Lud⸗ wigsplatzes und handelte mit getrocknetem Obſte und Mehl. Meine Mutter habe ich nicht gekannt. Ich wa Der Inſelkönig. IV. 4 — der einzige Sohn und habe nie von Verwandten beider Seite erfahren können, wie denn auch mein Name in jener Gegend erloſchen iſt. Mit meinem zehnten Jahre kam ich bei einem Kaufmann in die Lehre, der ein Be⸗ kannter meines Vaters war und der jetzt, da er als Junggeſelle ohne Erben blieb, ebenfalls verſchollen iſt. Dieſem Manne verdanke ich viel. Große Gelehrſamkeit, kaufmänniſche Geſchicklichkeit konnte er mir nicht beibrin⸗ gen, denn die beſaß er ſelbſt nicht, wohl aber einen gro⸗ ßen Ordnungsſinn, Reinheit im Handeln und im Ge⸗ ſchäft, wie auch eine geläufige Buchfi führung. Hier blieb ich bis zu meinem ſechszehnten Jahre. In dieſem Alter kam ich nach Hamburg in ein großes Haus, welche Stel⸗ lung mein Lehrherr mir durch ſeine liebevolle Empfeh⸗ lung verſchafft hatte. Hier ſchon erhielt ich eine größere Einſicht in das kaufmänniſche Leben und Treiben, ich lernte es als eine Wiſſenſchaft ſchätzen und bereicherte mich mit Mitteln, wie ſie nur in einem Seeorte vorhan⸗ den ſind. Meine verlangenden Augen ſchauten über die Meere der Welt nach anderen Gegenden der Erde hin, mein Geiſt eilte meinem Leibe zuvor, ich fing den über⸗ ſeeiſchen Handel in allen ſeinen großen Zweigen zu ſtu⸗ diren an. In dieſem Hauſe blieb ich bis zu meiner Volljährigkeit, denn der Chef deſſelben ſtarb und ſeine einzige Tochter heirathete einen vornehmen, begüterken Spanier, mit dem ſie ihr Vaterland verließ, um nie — 51— wieder dahin zurückzukehren, denn ſie ſtarb, wie die mei⸗ ſten norddeutſchen Frauen, in dem heißen Süden. „Ich war alſo jetzt vierundzwanzig Jahre alt. Meine Sehnſucht zog mich nach meiner Heimath, wo mein alter Vater ſich zur Ruhe geſetzt hatte, und von ſeinem kleinen Vermögen ein behagliches Stillleben führte. Ich kam zu rechter Zeit, denn acht Tage ſpäter ſtarb er und hinterließ mir— ich hatte nicht auf ſo viel gerechnet,— ſechstauſend Thaler. Von meinem Geburtsorte begab ich mich nach Stettin; der aufblühende Handel dieſer kleinen Seeſtadt lockte mich; ich wollte meine Erfahrungen hier zum Nutzen eines Mannes verwenden, der mir große Verſprechungen gemacht hatte. Ich kam an und nach kurzer Beobachtung legte ich mein kleines Kapital in ſei⸗ nem umfangreichen Geſchäfte an. Wir verſtanden uns aber nicht; er war zu engherzig und ging nicht auf meine kühnen Pläne ein, die er Windbeuteleien eines Naſe⸗ weiſes nannte. Daher ging ich auf Reiſen in unſerm Geſchäft und kam in die norddeutſche Stadt... Hier, mein theurer Sohn, lernte ich in einem öffentlichen Gar⸗ ten Deine Mutter kennen. Unter allen ſchönen Blumen war ſie die ſchönſte darin; ich babe nie in meinem Leben ein lieblicheres Geſicht geſehen. Wenn ich an ſie dachte, kam mir ſtets die Erinnerung des erſten Veilchenduftes vor die Seele. Sie war die Tochter eines auf Halbſold geſetzten Oberſten, der ein Vermögen von 20,000 Tha⸗ — 4* — 32— lern beſaß. Schon ihr äußeres Schickſal zog mich an, und da Dir daſſelbe unbekannt war, als wir darüber ſprachen, ſo fühle ich mich doppelt veranlaßt, hier etwas umſtändlicher über Dein Herkommen zu ſein, welches außer mir nur noch einem Menſchen auf der Welt be⸗ kannt ſein kann. Dieſer Menſch bleibe Dir fern— das iſt meine Bitte, und da Du aller Wahrſcheinlichkeit nach nie etwas Sicheres von ihm über Dich ſelber erfah⸗ ren wirſt, ſo höre es von mir an. Der Vater Deiner Mutter hieß Stolling. Seine Frau, Deine Großmutter mütterlicher Seite ſtarb, als Deine Mutter geboren ward. Dieſe Deine Mutter hieß Beata. Als ſie zwei Jahre alt war, heirathete Dein Vater zum zweiten Male und Beata erhielt eine Stiefmutter, mit der Ausſicht, künftig das Beſitzthum ihres Vaters, alſo 20,000 Tha⸗ ler zu erben. Dieſe ungluͤckſeligen paar Thaler wurden die Urſache des uns Alle betreffenden Unglücks. Dein 8 Großvater ſtarb ein Jahr nach dieſer zweiten Ehe. Seine Frau, Beata's Stiefmutter, heirathete aber zwei Jahre ſpäter ihren zweiten Mann, einen berühmten Rechtsgelehrten, Ramkau mit Namen. Aus dieſer Che ſtammt Waldemar Ramkau, Dein ſpäterer Vormund— denn er iſt es, der Dich in's Elend ſtieß— mithin der doppelte Stiefbruder Deiner Mutter, die etwa⸗ ſechs Jahre älter war als er. Im Hauſe jenes Rechtsgelehr⸗ ten nun ward Deine Mutter erzogen. Das Gerücht — — 53— ſagte, ſie werde von beiden Eltern unwürdig behandelt, man habe ſein Auge mehr auf ihr Vermögen als auf das 3 Kind ſelbſt gerichtet. Das vernahm auch ich; das lieb⸗ liche, verlaſſene Mädchen bemitleidete ich zuerſt, bald aber liebte ich ſie. Mein Gefühl wurde erwidert, wir fanden Gelegenheit, Worte und ſogar Briefe zu tauſchen, Briefe, in denen ich meine ganze Lebensanſicht, meine Hoffnungen, meine Erwartungen von unſerer Zukunft ausſprach. Ich erfuhr von ihr ſelber— dieſe Briefe wirſt Du in meinem Landhauſe am Hudſon finden— wie unglücklich ſie bei ihren Eltern ſei. Sie war da⸗ mals erſt ſiebzehn Jahr alt, ich ſiebenundzwanzig. Ich entſchloß mich kurz und hielt bei dem Rath Ramkau um . die Hand ſeiner Stieftochter an. Ich wurde mit offenem Hohne zurückgewieſen. Beata ſei die Tochter eines nam⸗ haften Kriegers, ihr Stiefvater ein berühmter Rechtsge⸗ lehrter, ich nur ein unbedeutender Krämer, der Geld ſuche, bei ihnen es aber nicht finden werde. Das war ungefähr der Sinn jener Antwort, die mir gleich am erſten Tage mündlich ertheilt wurde. Mein natürlicher Stolz empörte ſich. Ich bebte vor Entrüſtung. Den⸗ 3 noch aber bezwang ich Beides, denn ich liebte mit heißeſter und erſter Jugendliebe. Wir wechſelten heimlich Briefe und gelobten uns ewige Treue. Ich hielt noch mehrere Male um ihre Hand an, nie jedoch mit beſſerem Erfolge; zuletzt ſogar ward ich in Gegenwart meiner Geliebten be⸗ — ſchimpft. Ich fühlte mich vor Jedermann entehrt, der⸗ Theil der Erde, wo mir Solches geſchehen, ward mir verhaßt, mein ſiedendes Blut trieb mich zu kühnerer Thatkraft wie je einen Anderen; ich ging mit meinem kleinen Vermögen, das ich wieder aus jenem Geſchäfte zog, auf einem Schiffe nach Jamaika. Unterdeſſen ſchrit⸗ ten die Begebenheiten in Beata's elterlichem Hauſe einer raſchen Entwickelung entgegen. Ich habe Alles ſpäter aus ihren eigenen Briefen erfahren. Das unglückliche Kind ſiechte ſichtbar hin, man ſchien ihr Ableben voraus⸗ zuſehen. Da ſtarb der Rath Ramkau und hinterließ ſeine Frau, ſeinen Sohn Waldemar, der damals zwölf Jahr alt war und ſeine Stieftochter Beata. Der Haus⸗ arzt, der ihren Stiefvater behandelt hatte, war ein Ehrenmann, ein gelehrter Arzt, ein Naturforſcher, ein Menſchenfreund, und zufällig ein weitläufiger Verwandter des rechten Vaters unſerer Beata, und hieß wie er Stolling. Dieſer edle, gute und weiſe Mann, mein Sohn, war vom Schickſal beſtimmt, Dein Vater zu wer⸗ den, nicht ich, der unbedeutende Krämer. Stolling kannte die Geheimniſſe der Familie, er kannte und liebte Beata, wie Jeder ſie lieben mußte, der ſie ſah. Er wurde bald ihr Vertrauter. Sie verbarg ihm nie ihre Liebe zu mir, wovon ich Beweiſe habe. Sie fühlte die hingebendſte Freundſchaft für den bedeutend älteren, braven Mann. Auf dem Sterbebette ihrer Mutter mußte Beata verſprechen, dieſen Mann, der um ihre Hand längſt im Stillen geworben hatte, einſt zu heirathen. Sie that 5 es unter der Bedingung, noch ſechs Jahre zu warten; wenn ich dann nicht wiedergekehrt wäre, wollte ſie ihm ihre Hand reichen. Jetzt ward Alles in Bewegung ge⸗ ſetzt, meiner wieder habhaft zu werden, denn Beata war frei und Stolling war ihr Vormund; man glaubte mich noch in Amerika, ach! ich war in Oſtindien und China. Mich erreichte kein Brief, ſo viele ihrer nach Amerika geſendet wurden, erſt dunne erhielt ich ſie, nachdem ich nach Neuyork zurückgekehrt war, durch Zufall; auch eigen⸗ händige von Deinem Vater fand ich darunter, der mich mit würdevoller Offenheit benachrichtigte, er werde Beata heirathen, wenn ich nicht vor der beſtimmten Friſt zurück⸗ gekehrt wäre. Als ich endlich dieſe Nachrichten, alle mit einem Male erhielt, war es zu ſpät. Beata war die Gattin Stollings geworden. Unter der liebevollen Pflege dieſes Ehrenmannes geſundete Deine arme Mutter. Aber erſt nach ſechsjähriger Ehe wurdeſt. Du geboren. Schon im erſten Jahre nach Deiner Geburt ſtarb Dein Vater— nun war Deine Mutter ganz verwaiſ't und Du warſt noch nicht im Stande, ſie an das Leben zu feſſeln. Noch einen Brief ſchrieb ſie an mich, worin ſie mir die Sorge für Dich empfahl, dann folgte ſie ihrem Gatten, vier Jahre nach ſeinem Tode, nach. Bis hierher wußte ich nur von Deinem Daſein; meine, nach ſpäteren Jahren 56— erſt eifrig fortgeſetzten Bemühungen, von Deiner Lage, Deinem Aufenthalt etwas zu hören, waren vergebens. Du warſt, das hörte ich wohl durch meine Kundſchafter, die ich Deinem Stiefſtiefonkel, dem Juſtizrath Walde⸗ mar Ramkau, in verſchiedenen Perſonen zuſandte, daß Du auf das Laͤnd gegeben ſeiſt, um zu geſunden, daß aber der Mann, der Dich empfangen habe, verſchwunden, wahrſcheinlich ausgewandert ſei, daß man alſo nicht wiſſe, wo Du ſeiſt. Erſt Gottes allbarmherziger Fügung ver⸗ dankte ich ſpäter, daß ich den fand, den ich ſuchte, nachdem ich kurz vorher noch einmal vergeblich Deinen Vormund nach Dir hatte ausforſchen laſſen. Doch von Deinem Auffinden ſpäter, ich kehre zu mir ſelber zurück, nachdem ich ohne Beata Europa verlaſſen hatte. „Ich befand mich damals in einer kritiſchen, ver⸗ hängnißvollen Lage. Die ganze Welt ſchien mir in Fin⸗ ſterniß gehüllt; das gewöhnliche Treiben des täglichen Lebens, die nüchternen Geſichter ſich abquälender Men⸗ ſehen, Alles, was ich ſah und hörte, widerte mich an und an meinem Leben war mir am wenigſten gelegen. Ich war alſo in einer Art von Verzweiflung. Es war aber nicht die Verzweiflung, die, innerlich brütend, ſich ſelber zerſtört, das Tageslicht flieht und ſich in verlaſſene Ein⸗ öden verbirgt, nein, es war ihre ſtärkere Schweſter, die rückſichtslos auf dem einmal betretenen Pfade dahin ſtür⸗ mend, in kühnem Wagen, alle Gefahren vergeſſend, das — 7— ſcheinbar Unerreichbare erſtrebt und voll erhabenen Mu⸗ thes, mit einer Art fanatiſcher Begeiſterung ihrem inne⸗ ren Inſtinkte folgt, um ihre irdiſche Sendung zu voll⸗ führen.* „So ſtürzte ich, wild, unaufhaltſam, mich ſelber vergeſſend, auf den Kampfplatz des Lebens hinaus. Kein Meer war mir groß und ſtürmiſch genug, ich mußte es durchſchiffen. Ich ſah alle Theile der Erde und lernte ihre Schätze und die Möglichkeit kennen, ſich derſelben zu bemächtigen. Ich betheiligte mich an der Ladung eines Schiffes, das von Neuyork nach Oſtindiem ging. Da mir an dem Gelde nun nichts mehr gelegen war, das Glück überhaupt nur noch den Reiz der Zerſtreuung für mich hatte, wie es vielleicht eben ſo mit dem Unglück ge⸗ weſen wäre, ſo wagte ich Alles, was ich beſaß, auf einen kühnen Wurf. Er gelang. Die Aufregung unerwarte⸗ ten Gelingens behagte mir; ich wagte zum zweiten, drit⸗ ten, vierten Mal Alles um Alles und ſiehe da! es ge⸗ lang, ſtets, immer beſſer. Schon in ſechs bis ſ Jahren war ich, was man in der Welt einen reichen Mann nennt. Aber das befriedigte mich nicht im Ge⸗ ringſten. Ruhen konnte ich nicht. Alſo wurde ich um ſo kühner. „Kalifornien und die Gold⸗ und Nebelberge waren damals noch eine Art Geheimniß und nur wagehälſigen Abenteurern zugänglich. Wer ein Wagniß ſcheute, begab * — 58— ſich nicht ſelber dahin. Das war gerade, was ich ſuchte. Gefahren und Mühſeligkeiten kannte ich nicht; kamen ſie, ſo ſchreckten ſie mich nicht; je größer ſie waren, um ſo mehr fühlte ich mich gedrungen, ſie zu beſiegen. Ich ſchloß mich alſo einer Abtheilung lebensüberdrüſſiger Menſchen an, rüſtete Wagen, Pferde und Eſel aus und zog in das gelobte Land des wilden Amerika's. Mein Sohn, Kalifornien und die ihm an Schätzen verwandten Länderſtrecken werden einſt ſchwer in die Wageſchale euro⸗ päiſcher Geſchicke fallen. Denn wie die Frucht an unſe⸗ ren Bäumen, in unſerer Erde wächſ't, und wir nur eine geringe Mühe anzuwenden haben, um ſie zu pflücken, ſo wächſ't hier das reine, klare Gold in der Erde, im Waſſer, im Felſen, und die durſtige Hand verlangender Menſchenleidenſchaft braucht ſich nur auszuſtrecken, um den Mammon zu heben. Doch, ich will Dir hier nicht eine Vorleſung von meinem Glauben künftiger Geſtaltung unſerer Erdverhältniſſe halten, ſondern ich will von mir und meinen Unternehmungen ſelber ſprechen. „Unſer abenteuerlicher Zug nach dem Goldlande glückte vollkommen. Wir fanden nicht allein, was wir ſuchten, ſondern wir fanden hundertmal mehr, und brach⸗ ten, wenigſtens ich, unſern Fund glücklich nach Hauſe. Jetzt war ich in der That ſchon ein wirklich reicher Mann. Ich kaufte mir eigene Schiffe und rüſtete ſie aus. Bald wehte meine Flagge, ein durch einen Gewitterſturm im 1 4 1 ging ſelbſt mit, nach China, Oſtindien, Europa, den beiden amerikaniſchen Kontinenten— überall hin ſetzte ich meinen unſtäten Fuß und ſtets kamen meine Schiffe und ich ſelber mit reichen Schätzen zurück. „Damals war es, als zwei Männer auf mein Ge⸗ treibe aufmerkſam wurden, die man als die reichſten Bür⸗ ger Nordamerika's öffentlich bezeichnete. Es waren die Großhändler Brown und Moore. Sie waren geborene Britten, wie ich ein geborner Deutſcher war, aber auch ſie waren wie ich ihrem Mutterlande entflohen, weil ſie ihr Glück wo anders ſuchten. Auch ſie hatten ſich vom niederen zum höchſten Kaufmannsſtande emporgearbeitet, aber langſam, ſicher, mit Vorſicht. Sie ſuchten mich ſchon lange auf und wurden meiner endlich habhaft. Sie ſchloſſen ſich an mich an— in einer ſtillen Nacht auf dem Miſſiſippi erzählte ich ihnen meine Jugendleiden, von denen ich mein ganzes Glück herleitete, denn dieſes Leiden hatte mir ja die Kraft, die Ausdauer meiner ver⸗ zweifelnden Thätigkeit gegeben. Sie erzählten mir die ihrigen, die ähnlicher Art waren. Auch ſie waren unbe⸗ weibt und wie ich, Männer von großen Mitteln. Wir gefielen uns. Wir ſchloſſen einen Bund, einen merkwür⸗ digen Bund, er wurde der Grund meiner ſpäteren gro⸗ ßen Reichthümer. Wir vereinigten unſere Geſchäfte. Mit dreifachen Mitteln, dreifacher Kraft und Leiſtungs⸗ Wogendrang kämpfendes Schiff, auf allen Meeren. Ih) 1 — 60— fähigkeit traten wir in das große kaufmänniſche Leben ein. Wir beherrſchten den Handel in allen Ländern, allen Meeren, unſer Wille ward Geſetz, unſere Abſichten Thaten. Dabei hatten wir die Bedingung beſchworen: unſer Gewinn ſolle gemeinſchaftlich ſein, der Ueberlebende aber ſolle der Erbe des Verſtorbenen werden. Meine Kühnheit blieb ſich gleich, wie mein Glück. Brown und Mcoore geriethen oft in Erſtaunen. Was ich vornahm, hatte einen großartigen Erfolg. Mich leitete dabei ein geheimer, innerer Inſtinkt. Was mir ſchädlich, feind⸗ ſelig war, widerſtand mir ſchon bei dem Gedanken daran. Ich unterließ es, mich mit ihm zu befaſſen. Was mir Glück und Erfolg verſprach, zog mich unwiderſtehlich an. Was ſoll ich noch ausführlicher ſein? Wir betheiligten uns bei allen großen Eiſenbahnunternehmungen, die die Welt⸗ enden einander näher zu rücken begannen. Unſre Kapi⸗ talien legten in faſt allen Ländern den Grund zu dieſem neuen Speculationsmittel. Auch betheiligten wir uns bei großen Staatsanlehen. Du wirſt in meinen Büchern die Beweiſe davon finden. Wunderſt Du Dich jetzt noch über die Fülle meiner Reichthümer? „Mr. Brown ſtarb zuerſt. Moore und ich waren ſeine Erben. Moore folgte ihm bald, ſie waren beide viel älter als ich. Ich war alſo alleiniger Beſitzer eines Weltgeſchäfts. Da fühlte ich, daß ich einſam auf der⸗ großen bevölkerten Erde ſtand. Mein Herz bebte in — neuem krampfhaftem Schmerze zuſammen. Ich ging nach Europa, beſuchte meine Vaterſtadt, forſchte nach Beata. Ach! ſie war geſtorben und Du warſt ſchon Deinem Vor⸗ munde ausgeliefert. Verödeter denn je kehrte ich nach Neuyork zurück, wo ich meinen Wohnſitz aufgeſchlagen hatte. Aber das Gewühl der Stadt ſtieß mich zurück Ich kaufte mir einen ſtillen Landſitz am Hudſon und ſchmückte ihn mit meinen erworbenen Schätzen aus. Laß mich über dieſe Jahre flüchtig hinweggehen. Mein Haar wurde weiß, ich war ein Greis geworden. Vor zwei Jahren erfaßte mich noch einmal die Sehnſucht, mein Heil in der Heimath zu verſuchen. Du weißt es, meine Forſchungen waren bis zu einer gewiſſen Zeit vergebens. Wem ſollte ich meine Reichthümer hinterlaſſen? Sie ſoll⸗ ten in gute, verſtändige Hände gelangen, ſie ſollten ſich nicht zerſplittern. Ich war zu alt, zu abgeſtumpft dazu, dem Leben, der Wiſſenſchaft, der Kunſt, den Gewerben einen Seſſel zu bieten. Ich ſuchte eine kräftigere Seele, einen klareren Geiſt, ein weicheres, ſaftigeres, glück⸗ licheres Herz, als das meine war, dieſes mein Vorhaben in's Leben zu führen. Ich forſchte in allen Ländern Europa's nach meinen früheren Jugendfreunden, deren ich ſo viele auf den großen Straßen des Lebens gefunden hatte. Sie waren alle vor mir dahin geſchieden. Mein Suchen nach einem Erben, wie ich ſeiner bedurfte, war vergebens. „Da führte mich mein Schickſal oder mein Gott, zu dem ich alle Tage um Begnadigung flehte, nach Köln. Du kennſt den nebligen Morgen, der uns zuſammen⸗ führte. Bei dem erſten zitternden Strahl der durch⸗ brechenden Sonne hörte ich Deine ſanfte und doch ſo kräftig tönende Stimme. Sie weckte einen Ton, der lange in meinem verödeten Herzen geſchlafen hatte. Ich war wie zu Boden geſchmettert. Da ſah ich Dich— Deine Augen, Deine Stirn, Dein Haar, alle Deine Züge — o nie hätte ich jemals die geliebten Züge Beata's vergeſſen können! Vom erſten Augenblicke an ſagte mir mein Herz, wer Du ſeiſt, aber ich mußte Gewißheit haben. Ich hätte Dich ſogleich fragen können, aber ich mußte erſt prüfen, wie Dein Inneres beſchaffen ſei und ob es Deinem Aeußeren entſpreche. Daher ſchloß ich mich an Dich an, ich umgab Dich mit allen meinen Sin⸗ 3 nen. Du folgteſt meiner Bitte und begleiteteſt mich nach dem nordiſchen Meere. Hier hatte ich Zeit und Gelegen⸗ heit genug, den Grund Deines Weſens mit dem Senk⸗ blei meiner Erfahrung zu erforſchen. Ich wurde täglich zufriedener, beruhigter. Tauſendmal hatte ich das Wort auf den Lippen, Dir Alles zu geſtehen, mich Dir gänz⸗ lich zu enthüllen. Aber immer wieder ſchrak ich vor dem Gedanken zurück— ich könnte mich täuſchen. Endlich drohte uns die Trennung. Ich wäre beinahe meinem inneren Schmerze erlegen. Da erzählteſt Du mir in 63 jener für Dich und mich verhängnißvollen Nacht in dem Buſen von Eckernförde jene heitere Geſchichte— Du weißt es. Meine Zweifel hatten ein Ende. Ich wußte, daß Du Beata's Sohn warſt, zugleich aber auch daß Du der Erbe ſeieſt, den ich ſo lange vergeblich geſucht hatte. Dein Werk, das ich täglich, nächtlich ſtudirte, hatte mei⸗ nen Abſichten als Leitſtern gedient; aus ihm erfuhr ich, was ich, was die Welt von Dir zu erwarten hatte. Mein Entſchluß war gefaßt. Ich wußte, wo Du wohn⸗ teſt. Raſch durchfurchte ich nach jener ſchmerzvollen Trennungsſtunde den atlantiſchen Ocean. Ich ordnete meine Verhältniſſe, ich ſtellte allen Handel ein, ich ſchloß meine Bücher, um ſie Dir mit eigenen Händen überlie⸗ fern zu können, denn noch einmal wollte ich nach Europa, um Dir an das Herz zu fallen und zu rufen: Siehe, ich bin der und der, ſei mein Kind, mein Erbe, ich will Dein Vater ſein— da traf mich die lange, im Stillen arbeitende Krankheit, die mich auf das Lager warf, von dem ich nicht mehr erſtehen werde. Mit meiner letzten, täglich mehr ſchwindenden Kraft machte ich mein Teſta⸗ ment, adoptirte ich Dich, ohne daß Du es wußteſt und ließ, damit Du geſetzlich mein Erbe werden könnteſt, Deinen Namen in das Verzeichniß der Bürger der Ver⸗ einigten Staaten Nordamerika's eintragen. Das biſt Du jetzt— und hier haſt Du, was ich geben konnte. Cs iſt viel, viel Reichthum, aber noch viel, viel mehr Liebe 64— — möge ſie wachſen und gedeihen in Dir, als Liebe zur Menſchheit, zum Vaterlande, zur allgemeineren Wohl⸗ fahrt!— „Jetzt aber höre meine Wünſche, die ich in Bezug auf die Anwendung der von mir erworbenen Reichthümer hege. Du biſt Herr über Alles, was ich hinterlaſſe, mit Ausnahme einer lebenslänglichen Rente zu Gunſten einer Perſon, die Dir mein erſter Kaſſirer, Mr. Wharton in Neuyork, zu dem ich das größte Vertrauen hege, nennen wird, und die in Thomſons und Clarke's Bank daſelbſt angelegt iſt. Dieſe Reichthümer ſind groß, freilich viel zu groß für einen Menſchen; in Deiner Hand aber wer⸗ den ſie zum Gedeihen Vieler ausſchlagen, das weiß ich, das ſehe ich Voraus, denn ich kenne Deine Geſinnungen und Deine Vorſätze. Wie groß ſie aber auch ſind, ſie ſind alle rechtmäßig erworben, kein Seufzer, keine Thräne klebt daran, ſie ſind allein die Frucht recht⸗ lichen Beſtrebens, großer, angeſtrengter, kaufmänniſcher Thätigkeit. „Sie ſollen Dein ſein, ſo lange Du lebſt und wenn Du einen Sohn oder mehrere Kinder haſt, gleichmäßig auf dieſe vererben, wenn ſie deren würdig ſind. Ein Unwürdiger aber ſoll ſie nie beſitzen. Daher prüfe Dein eigenes Blut und findeſt Du es nicht, wie Du ſelber geweſen biſt, ſo ſollſt Du das Recht und die Macht — — 55— haben, unter allen Dir naheſtehenden Menſchen den zu wählen, den Du Deines Beſitzes am würdigſten hältſt. So ſollen auch die künftigen Erben es halten und das öffentliche Recht Deines Landes ſoll darüber wachen, daß es ſo iſt und bleibe, Jahrhunderte lang. „Wenn Du meine fähigen Beamten und meine guten Diener beibehalten willſt, ſo wird mir das lieb ſein, aber ich befehle es nicht. Nur Mr. Wharton, Mr. Staunton und Mr. Treaden ſollſt Du mit gleichem Vertrauen, mit gleicher Beſoldung behalten, denn ſie ſind von mir geprüft und bewährt gefunden und Dir zur Erhaltung und Förderung des Ganzen unumgänglich nothwendig., Auf die Ergebenheit dieſer drei Männer kannſt Du bauen, ich bürge für ſie. „Meine Beſitzungen in A Amerika ſollen nicht veräußert 3 werden, am wenigſten mein Landſitz am Hudſon, wo Du mein Grab finden wirſt. Die übrigen beweglichen Be⸗ ſitzthümer magſt Du mit nach Europa neͤhmen und Deine Häufer damit ſchmücken; je glücklicher Du in ihrem Ge⸗ brauch ſein wirſt, um ſo ſanſter wird meine Ruhe im Himmel ſein. Nur die eine Bedingung, als unumgäng⸗ lich, knüpfe ich hier an, daß Du ſo bald wie möglich, ſpä⸗ teſtens in Jahresfriſt, mein Grab beſucheſt und Dir die Orte merkſt, wo ich gewirkt habe, und nun von innerer Unruhe ausruhe. „Mit meinem hinterlaſſenen Vermögen ſollen keine Der Inſelkönig. IV. 5 — 66— kaufmänniſchen Geſchäfte mehr betrieben werden. Mit mir ſoll der Handel zu Grabe gegangen ſein. Du ſollſt in ruhigem, ungeſtörtem Beſitze des Ganzen bleiben, ſicher und feſt angelegt iſt Alles. Werden große Summen flüſſig, ſo ſollſt Du unter Beirath des Mr. Wharton ſie wieder anlegen und mehr auf einen ſicheren Zins als auf einen großen ſehen. Denn ich will Deine Zukunft vor allen Schickſalsſchlägen bewahrt wiſſen. „Die Anwendung des ganzen Vermögens iſt im Ein⸗ zelnen Dir allein überlaſſen; im Allgemeinen beſtimme ich nur, daß ein großer Theil zum Wohle und Nutzen Dei⸗ ner Mitmenſchen verwandt werde, in der Art, wie Du ſelbſt es oft gegen mich ausgeſprochen haſt und wie es in Deiner praktiſchen Glückſeligkeitslehre geſchrieben ſteht. Talentvolle, arme, verdienſtvolle Menſchen ſollſt Du auf jede Weiſe unterſtützen, fördern und zu heben ſuchen. Namentlich ſollen die Bewohner, die Armen meiner Va⸗ terſtadt und ihrer Umgegend hierbei bedacht werden. „Willſt Du mir Freude machen oder, da ich auch dieſe nicht mehr empfinden werde, willſt Du meinem Wunſche genügen, ſo ſollſt Du Dich in der ſchönen Ge⸗ gend meiner Vaterſtadt an jenem blauen klaren Fluſſe ankaufen, der ſchon in meiner Jugend meine Wonne und noch im Alter meine Sehnſucht war. Auf dieſem Deinen Landſitz ſollſt Du von bewährten Werkführern, von flei⸗ ßigen Arbeitern, wobei die Aermern zumeiſt berückſichtigt werden ſollen, herrliche Bauten errichten und ſie nach Deinem Sinne, zum Wohle Vieler, zu Deiner eigenen Freude, ausſchmücken laſſen. In dieſen Bauten ſoll ein fürſtlicher Luxus walten und Deine ganze Umgebung ſoll davon ein ſprechendes Zeugniß geben. Denn von einem reichen, durchdachten, gewählten Lurus leben Hunderte und verdienen Tauſende. „Die Wiſſenſchaften, die Künſte, die Gewerbe ſollſt Du zu heben ſuchen und vorzüglich darauf Bedacht neh⸗ men, auch hierin brave, gute, talentvolle und bedürftige junge Menſchen zu wackeren, treuen und geſetzlich ehr⸗ baren Staatsbürgern zu erziehen. „Vor Allem Treue Deinem Landesherrn, Dankbar⸗ keit dem Vorwärtsſtreben Deines großen Vaterlandes. In wiefern Du hierin Deine Schätze verwenden willſt, überlaſſe ich Deinem eigenen Ermeſſen; Dein Herz, Deine Daͤnkbarkeit, Deine gänzliche Hingebung an Alles, was gut, recht nnd edel iſt, werden Dir die richtigen Wege zeigen.— „Dies iſt das Teſtament, der letzte Wille und Wunſch des erbärmlichen Krämers, den man einſt vom Heerde ſeines Glückes trieb, weil man ihn einer kleinlichen Summe Geldes nicht werth hielt, womit er die Pläne ſeines Gehirnes in Wahrheit und Wirklichkeit verwandeln ſollte. Vergiß es nie, wie Thätigkeit, Ausdauer und zuter Wille allein, mit dem Segen des Höchſten ver⸗ 5* — 68m— bündet, aus ſo kleinem Anfange ein ſo bedeutendes Ende herbeiführen konnte. „Und ſo wünſche ich Dir, meinem theuren Sohne und Erben, ein langes, kräftiges Leben, Genuß in aller Fülle und Form und Gottes reichſten, vollkommenſten Segen zu allen Deinen Unternehmungen, denn an Gottes alleinigem Segen iſt ja Alles, Alles gelegen!“ Drittes Kapitel. Die Freunde. Ven innigſter Dankbarkeit, aber zugleich auch von tiefſter Wehmuth ergriffen, daß ein ſo edler Menſch, wie der Schreiber obiger Zeilen, nicht länger dem Leben konnte erhalten werden, um Glückſeligkeit und Wonne ringsum zu ſpenden, hatte der Erbe dieſes Schriftſtück zu Ende geleſen. Lange ſann er über den Inhalt nach und be⸗ ſtärkte ſich dadurch noch mehr in den Entſchlüſſen, die er ſchon in ſeiner Jugend gefaßt hatte, und deren Ausführung nun von der Vorſehung ihm ſo verſchwenderiſch geſtattet war.— „Ja,“ ſagte er,„der Wille, mein Wille iſt da, mein guter, theurer, edler Hutten, aber die Kraft, Deine Kraft, wenn die nur nicht fehlt. Ich allein könnte meine ſchö⸗ nen Vorſätze nicht vollbringen, mir müſſen Viele, viele helfen und das ſollen ſie.— Der erſte Theil dieſer Te⸗ ſtamentsbeilage,“ fuhr er zu denken fort,„iſt eigentlich eine Erläuterung des rothen Käſtchens, nun habe ich endlich den ganzen Zuſammenhang meiner Verhältniſſe. Was ſpricht er aber da von einem Vermögen? das muß doch auch vorhanden ſein, wenn es meiner Mutter gehörte! Oder ſollte das auch der Vormund— nein, er wird es, er muß es noch haben! Nun, wir werden es ſchon er⸗ fahren, die Zeit kommt ſichtbar näher!— Herein, Joſeph⸗ ſon, ich kenne Dein Klopfen!“ Joſephſon trat ein; er war in die feinſten Stoffe ge⸗ kleidet, des Erben ſpendende Hand hatte ſich bereits. für den neuen Premierminiſter reichlich aufgethan. „Guten Tag, Eduard Hutten, ſo muß ich Dich doch nun ſchon des Ehrenmannes wegen nennen, der uns Alle ſo glücklich gemacht hat, nicht wahr, mein Junge? Denn eigentlich haben wir doch Alle geerbt, da Du geerbt haſt — ich verſchweige es mir nicht länger— Du biſt ein braver Kerl!“ „Lobe mich nicht zu früh, noch klingt es mir wie Spott. Ich muß Dein Lob erſt verdienen. Was hat der Polizeibeamte geſagt?“ „Ei, beim Herkules! das war ein Spaß. Wie ich da mit meinen tauſend Papierthalern in der Taſche zu ihm eintrete, ſitzt er am Tiſch und ißt eine ſchwarze Suppe, die mir auf zwei Tage allen Appetit verleidet hat, und um ihn herum ſechs kleine Kinder mit der auß — —,——— — 71— das ſiebente hoffnungsvollen Mutter obendrein. Guten Tag, mein Herr, ſag' ich. Er ſteht auf und fragt nach meinen Befehlen. Ich habe nichts zu befehlen, ſag' ich, ich habe nur einen Gruß auszurichten.“ „„Ich danke verbindlich!““ ſagt er. „„O, danken Sie nicht—““ „Sagſt Du,“ unterbrach Eduard den ſcherzhaft er⸗ zählenden Freund. „Natürlich, ſagt' ich,— danken Sie nicht, ehe Sie es haben.“ 4 „„Was ſoll ich haben?““ ſagt er. „„Warten Sie, ſag' ich. Haben Sie nicht vor acht Tagen in der Weihnachtsnacht einen Dienſt verrichten müſſen?““ „„Einen?““ ſagt er.„„O, viele, mein Herr!““ „„Nein, dieſen einen, meine ich: Sie haben einen Fremden zum Doctor Wollzagen gebracht?" „„Ah, ja ſo,““ ſagt er und verbeugt ſich ſchon vor Deinem bloßen Namen,„„zu dem Erben?* „„Ja wohl! der Erbe bedauert, Sie geſtört zu ha⸗ ben und hier ſendet er Ihnen für Ihre Mühe tauſend Thaler in Kaſſenanweiſungen, weil Sie ihm zuerſt das Glück in's Haus geführt haben!“ O, da hätteſt Du den Menſchen ſehen ſollen, was er für Ausrufungen und Kratz⸗ füße hören und ſehen ließ und ſeine Suppe ganz vergaß, und ich dachte und muß noch denken: es iſt doch eine — 22— eigene Sache um das ſchöne Geld, und es ſo fortgeben zu können! Und hier iſt ſeine Quittung und er wird ſich perſönlich bedanken.“ „Den Gang kann er ſich ſparen, ich habe genug ſolcher Beſuche auszuſtehen. Aber wo haſt Du die Freunde? haſt Du ſie noch nicht gefunden?“ „Ja, Eduard, ich weiß, wo ſie ſind. Die Narren! Sie können ſich in das wunderbare neue Jahr gar nicht finden. Da ſitzen ſie den ganzen Tag bei dem Waldau zuſammen und berathen und berathen, was zu thun ſei, wie ſie ſich gegen Dich benehmen ſollen, und ob es nicht zudringlich und unbeſiheiden. wäre, Dich jetzt an Deine Freundſchafte nerinnern—“ „Was? Woher weißt Du das?“ „Ich bin dem Semmelmaler begegnet, als er in die Berathung ging, wie er ſagte, und in ſeiner Unſchuld hat er mir alle ihre Pläne enthüllt. Heute wollen ſie nun die Deputation wählen, zu der ſie ſich endlich ent⸗ ſchloſſen haben und die ſie Dir heute mit ihrem Glück⸗ wunſche ſchicken werden.“ „Mir? Eine Deputation? Sie ſind nicht geſcheidt! Warum kommen ſie nicht Alle mit einem Male und ſagen⸗ Eduard, guten Morgen, da ſind wir, gieb uns, was Du für uns in Bereitſchaft haſt!“ „Sie werden ſich hüten.„Sie kennen Dein Herz — 3— nicht. Oder vielmehr, ſie wiſſen, daß ein menſchliches Herz ſich nach ſolchem Vorfalle oft ändert—“ „Meines ändert ſich nicht, Wolf, Du weißt es.“ „Ich weiß es freilich! Aber ſie wiſſen es nicht.“ „So laß uns der Sache ein Ende machen; gehen wir ſogleich zu ihnen und unterbrechen ihre Berathung. Kommen ſie nicht zu mir, ſo will ich zu ihnen gehen.“ Und Eduard kleidete ſich ſogleich an und begab ſich mit dem Freunde in des Architekten Wohnung. Da finden wir denn die in der Hauptſtadt anweſen⸗ den Freunde wirklich verſammelt. Sie hatten eben eine heftige Debatte beendigt, die Waldau ſelbſt, als zeitiger Präſident, mit ſeinem gewaltigen prophetiſchen Worte nie⸗ dergeſchlagen hatte. Er allein hatte ſei ganze Faſſung behalten und wiederholte beſtändig ſeine Worte: „Da habt Ihr's, habe ich es nicht immer geſagt?“ Die Andern aber ſaßen jetzt ſtill nebeneinander. Felix konnte ſich von ſeinem Schrecken über den großen plötzlichen Reichthum Eduards noch gar nicht echolen. Lambeck war ganz kleinlaut geworden. Joſephſon, wenn er ihn ſo umgewandelt geſehen hätte, würde geſagt haben: „Aha! halb iſt das wilde Thier in ihm ſchon gebändigt, es wird aber noch beſſer kommen!“ Kannenſchmidt war mäuschenſtill; ſeine beſcheidene Seele fühlte ſich mehr ge⸗ drückt als erhoben. Riegenſtahl war beredt geworden, er beſtand durchaus auf einer ſchriftlichen Deputation, die — à— Waldau und Lambeck überbringen ſollten, die ſich aber Beide geweigert hatten. Ernſt und Karl waren nicht da, ſie befanden ſich noch in Bilſingen, von wo ſie erſt in den nächſten Tagen zurückkehren ſollten. „Ihr werdet ſehen,“ wiederholte Riegenſtahl ſeine Rede,„er iſt für uns verloren. Millionen ſchwellen zwar den Beutel auf, aber verengern die Seele des Menſchen. Man hat es ſo oft gehört!“ „Das iſt eine Lüge!“ eiferte Waldau,„ich prote⸗ ſtire mit allen meinen Gefühlen dagegen.“ „Die Gefühle laß jetzt zu Hauſe,“ belehrte der Tem⸗ peramaler,„ich habe die meinigen wie meine Pinſel bei Seite gelegt, ich muß mich erſt vollſtändig faſſen, ehe ih etwas beſchließe.“ „Ich kann mich noch gar nicht beruhigen,“ nahm Felix das Wort.„Achtzig Millionen! das kann ich nicht begreifen!“ „Das können wir Alle nicht,“ rief Waldau,„er allein kann es begreifen, das iſt ſeine Sache, und er wird es. Ich ſtehe dafür. Ich habe es immer geſagt!“ „Was Du immer geſagt haſt,“ eiferte Lambeck,„klang immer wie Unſinn, ich habe das auch geſagt.“ „Dieſer Unſinn hat ſich aber in Sinn verwandelt.“ „Noch nicht ganz. Er hat ſie, das iſt die einzige ausgemachte Wahrheit, er hat die Millionen. Haben wir ſie?“ —— „O! Ahl er ſoll uns wohl Jedem gleich eine Mil⸗ lion in Dukaten auszahlen? Ihr Narren! Wartet das Ende ab. Was ich weiß, das weiß ich!“ „Was weißt Du? ſage es genau, was es iſt, da⸗ mit wir es hören.“ Waldau ſchwieg betroffen. Er wußte allerdings nicht genau, was er wiſſen wollte. In dieſem Augenblicke hörte man auf der Treppe das Geräuſch ſchnell heraufſteigender Schritte. Alle ſchwiegen. Bald darauf ging die Thür auf, und Eduard, von Joſephſon gefolgt, der kaum ein lautes Gelächter über die beſtürzten Geſichter der Künſtler unterdrücken konnte, trat in das Zimmer. Alle erhoben ſich, wie von einem inneren Geiſte in die Höhe geſchnellt. Denn der Beſitz großer Reichthümer, wer ſie auch haben mag, hat immer, wenn man die Perſon des Glücklichen plötzlich vor ſich ſieht, etwas unbewußt Bewältigendes, Impoſantes an ſich. Aber die Beſorgniß der Freunde ſollte bald ver⸗ ſchwinden. Mit ſeiner gewöhnlichen, heiter roſigen Miene trat Eduard heran und blickte von dem Einen zum An⸗ dern. Da ſah er aber Felix unter den Andern ſitzen, und ſein Auge haftete ernſt, beinahe traurig auf ihm. „Auch Du, Felix,“ ſagte er ſanft,„bleibſt fern von mir? Du, mein Jugendgeſpiele, dem, wie mir, die Niren der Waſſer himmliſche, unvergeßliche Töne ins Ohr ge⸗ ſungen haben, auch Du meideſt meine Wohnung, als wenn ich ſchon übel an Dir gehandelt hätte? Es iſt nicht recht, meine Freunde, daß Ihr hier ohne mich verſammelt ſeid, und da Ihr nicht zu mir kommt, ſo komme ich zu Euch. Ich wünſche Euch Glück zu einer Erbſchaft, die uns Allen und noch vielen Andern zugefallen iſt. Oder glaubt Ihr — denn ich ſehe noch einige Zweifel in Euren Mienen— daß die Vorſehung einem Menſchen allein ſo viel Glück beſchert, damit er auch allein die Freuden der Welt ge⸗ nieße, ohne mit ſeinen Freunden zu theilen, ohne ſie ſei⸗ nes Glückes theilhaftig werden zu laſſen? Sprich Du, Waldau, Du haſt mir etwas zu ſagen, ich ſehe es.“ „Eduard, ja! ich habe Dir etwas zu ſagen,“ hob Waldau mit begeiſterten Geſichtszügen an und ſeine Bruſt hob ſich unruhig.„Wenn es weniger iſt, als Du erwar⸗ teſt, ſo verzeihe mir, denn der Drang des Augenblicks iſt groß, und meine Lippen können nicht auf ein Mal alle Gedanken ausgießen, die mein Herz und mein Gehirn ihnen zuſtrömen läßt. Wir waren hier verſammelt, nicht um uns von Dir zu entfernen und die Miene Unzufrie⸗ dener, Uebeldenkender anzunehmen; wir waren allein hier verſammelt, die rechte Form zu finden, Dir unſern tief⸗ gefühlteſten Glückwunſch mit beredter Lippe darzubringen. Du überraſcheſt uns,— auch das konnte ich mir denken, — und ehe wir zu Dir kommen konnten, ſtandeſt Du ſchon in unſerer Mitte. Damit haſt Du die Form ge⸗ brochen, in welche wir die Gabe unſerer Ergebenheit ge⸗ ſtalten wollten, nimm ſie alſo formlos hin, gerade wie ſie aus dem Herzen ſtrömt, ungekünſtelt, ungemeißelt. Wir ſind Künſtler— mit der Hand, nicht mit dem Worte. Nimm uns als ſolche an, rufe unſere Hände auf, Dir beizuſtehen zu dem großen Werke, welches, ich weiß es, Du beabſichtigſt, rufe ſie an und ſie werden ſchneller wie geflügelte Boten vor Dir erſcheinen und, wie es ihnen Gott, ihr alleiniger Meiſter, gelehrt, werden ſie ſchaffen und vollbringen, was ihre Hände errungen, was ihre Liebe zur Kunſt, zu Dir, zu vollbringen im Stande iſt. Und höre noch Eins, es muß einmal herunter von der alten Seele, die Dir mit offenen Armen engegenflattert, Du trateſt vor Jahren als unbekannter, fremder, armer Stu⸗ dent unter uns und riefeſt uns zu Dir mit einer Stimme, die ein Genius Dir geliehen hatte. Wir kamen, ſahen und liebten Dich, inniglich, brüderlich, von ganzer Seele. Jetzt trittſt Du wieder unter uns, mit einem ſchönen Na⸗ men an Deiner Stirn, mit Reichthum und Schätzen aus⸗ gerüſtet, einer Macht, welche über alle Menſchen gebietet; Du trittſt abermals unter uns und rufſt uns, und ſiehe da— wir kommen, denn da ſind wir ſchon— wir brei⸗ ten unſre Arme aus, aber höre es, Eduard, mein Bruder in der Kunſt, nimm gleich die erſte Wahrheit von Deinem Waldau entgegen, ſo ſehr wir Dich auch ferner lieben und ehren wollen, mehr können wir es nicht, als es bisher geſchah!“— — 718— So ſprach Hans Waldau, genannt Michel Angelo, der begeiſterte Künſtler, und ſeine eigene Begeiſterung übermannte ihn, er brach in Thränen aus und fiel in die offenen Arme Eduards.— Die Begeiſterung aber iſt an⸗ ſteckend, denn Alles, was vom Geiſte geboren iſt, trägt den zündenden elektriſchen Funken in ſich, der von Pol zu Pol ſpringt und in Brand ſteckt, was brennbar iſt. Die Rührung, von Waldau ausgehend, ergriff und über⸗ mannte Alle. Nach der Reihe traten ſie an den Bruder im Geiſte und in der Kunſt heran und drückten ihn, mit bebenden Lippen halbe Worte ſtammelnd, an ihr reines Künſtlerherz. So war der Bund von Neuem geſchloſſen und beſiegelt, um ſich für dieſes ganze Leben nicht mehr zu löſen. Als dieſe allgemeine Begeſterung vorüber war, ſagte Eduard: „Nun, da wir ſo weit ſind, ſetzt Euch, ich habe Euch viel zu ſagen. Doch werdet Ihr heute nicht Alles hören, nur das Allgemeine, das augenblicklich Nothwen⸗ dige werde ich Euch jetzt ſchon mittheilen. Höret es an. Ich weiß, was der Kunſt und dem Künſtler der heutigen Zeit Noth thut. Es ſind gerechte Klagen vor den Richter⸗ ſtuhl der Welt gebracht, denn den willigen Künſtler lähmt oft die jede ſchöpferiſche Thatkraft hemmende Noth und Armuth. Man hat nicht immer und nicht überall ge⸗ than für Euch, was man hätte thun können. Unſer — —„— Herr und König, wir dürfen es rühmen, iſt vielen andern Königen mit gutem Beiſpiele vorangegangen, und manche ſind ihm geſolgt. Wer aber reicher iſt als der König, das große ganze Publikum ſelbſt, das Euch ſo gern be⸗ krittelt und doch ſo kärglich unterſtützt, das hat im Gan⸗ zen wenig für Euch zu Stande gebracht. Eben ſo wenig einzelne Bemittelte, die in unnützen Dingen ihr Güter verſchwenden, in heilſamen, allgemein nutzbaren aber geizig und zurückhaltend ſind. Ich fühle mich berufen, in dieſer Beziehung Euch genug zu thun und die lange Trägheit und Engherzigkeit Vieler mit Einem Schlage an Euch zu vergelten. Gott und ein edler Menſchenfreund, mein Adoptivvater, haben mir die Mittel dazu gegeben. Euer Künſtler⸗Erdenwallen ſoll nicht mehr in dunkler Qual dem kalten Spotte Vornehmer und Reicher, an Geiſt und Herz aber Bedürftiger zur Zielſcheibe dienen; frei und edel ſollt Ihr Euer Haupt erheben unter den Befähigtſten und Wichtigſten, denn Ihr verſchönert dem Herrſcher der Welt, dem Menſchen, das ohne Euch armſelige Erdenleben⸗ Alſo ſeid getroſt und erhebet Eure Stirn Ich werde für Euch ſorgen. Was ich im Allgemeinen für die ſchönen Künſte thun will, ſei unſre augenblickliche Serge nicht, ich werde Eure Meinung darüber erwarten. Erſt wenn ich für Euch und mich ein Hons gebaut, in welches wir unſer Haupt nach vollbrachter Arbeit in Ruhe legen kön⸗ nen, erſt dann wollen wir ein öffentliches Wort in der — 80— Kunſtwelt mitſprechen, für ihr Gedeihen und ihre Ent⸗ wickelung unſre Lanze brechen. Heute will ich nur im Einzelnen für Euch, meine Freunde, meine Meinung aus⸗ ſprechen. Sagt, wollt Ihr mir, das heißt, nicht meiner Perſon, ſondern meinem Willen, der der Wille und Wunſch einer großen Menge iſt, dienen und Eure kunſtfertigen Häͤnde dem Werke leihen, welches ich zu vollbringen wünſche?“ 3 1„Wir wollen es!“ riefen Alle. „So danke ich Euch. Für Euer Leben ſoll geſorgt ſein, verlaßt Euch auf mich. So lange Ihr in meinem Hauſe wohnen wollt— undoffen ſtehen Euch ſeine Thore, ſobald es vollendet iſt— werdet Ihr ein Jahrgeld er⸗ halten, deſſen Höhe ſich nach Euern Leiſtungen bemeſſen wird. Denn arbeiten muß der Menſch, um glücklich zu ſein, und ich werde Euch ſelbſt mit gutem Beiſpiele vor⸗ angehen. Doch ſpreche ich hier nur von Euern allgemei⸗ neren Leiſtungen bei der Herſtellung unſerer gemeinſchaft⸗ lichen Wohnung, Eure beſonderen Arbeiten werden meine beſondere Dankbarkeit in Anſpruch nehmenz wie dies aber geſchieht, in welchem Grade, das müßt Ihr ſchon mir und meiner Kaſſe überlaſſen, denn das Vertrauen zwiſchen uns darf nicht fehlen. Seid Ihr zufrieden damit?“ „Wir ſind es!“ riefen Alle. „So bin ich es auch mit Euch. An Naphael und Oeggering habe ich ſchon ſchreiben laſſen, Ernſt und Karl — 881— kommen morgen, alle Vier werden mit Euch gemeinſchaft⸗ lich an einem Werke arbeiten. Ihr, Lambeck und Rie⸗ genſtahl, werdet nach den Angaben handeln, wie ſie Euch Waldau vorlegen wird. Dich ſelbſt, Hans, bitte ich, Dich heute Abend zu mir zu bemühen; bringe Deine Entwürfe mit, ich kaufe ſie, um ſie in's Leben zu führen und wenn ich auch kein Fürſt und kein König bin, ſo will ich ſie doch fürſtlich und königlich erblicken. Felix, auch Dich habe ich heute noch zu ſprechen, Du erhältſt Deine be⸗ ſondere ſchwierige Aufgabe.“ Alle Aufgerufenen nickten dankbar und ergeben, nur Kannenſchmidt, der arme Semmelmaler, glaubte ſich ver⸗ geſſen und doch war ihm ein noch ſchöneres Loos vorbe⸗ halten. Waldau, deſſen Augen in beinahe überirdiſchem Glanze leuchteten, war von dem eigenen Glücke nicht ſo berauſcht, daß er nicht die Angſt in den Zügen des be⸗ ſcheidenen Künſtlers hätte gewahren ſollen. „Du haſt Willibald vergeſſen, Eduard, was haſt Du mit ihm vor?“ bemerkte er. „Nein, Hans, ich habe ihn nicht vergeſſen, nur bin ich beſorgt, ob er meinen Vorſchlag annimmt. Ihr wißt vielleicht noch nicht, daß ich in kurzer Zeit Europa ver⸗ laſſen werde, um dem letzten Willen Mr. Huttens, meines Erblaſſers, zu genügen und ſein Vermäͤchtniß in Amerika ſelber in Empfang zu nehmen. Das Schiff, welches mich Der Inſelkänig. IV. 6 — 82m— dahin tragen ſoll, wird im nächſten Monate in Hamburg erwartet. Joſephſon wird mich begleiten, aber auch Einen von Euch, einen Maler, wünſche ich bei mir zu haben, denn er wird eine reiche Ausbeute finden, unſre Zimmer nach ſeiner Rückkehr zu ſchmücken. Was ſeine Meiſterhand in unſrer Wohnung vollbringen ſoll, laſſet für ihn offen. Ich habe Willibald zu dieſem meinem Be⸗ gleiter gewählt. Biſt Du zufrieden damit, oder muß ich einen Andern bitten?“ Aller Augen richteten ſich auf den Glücklichen, Be⸗ neideten. Dieſer aber hoch erröthend, ſenkte dennoch ſein Haupt, welches ſeine blonden langen Locken mädchenhaft umſpielten. „Ich ginge gern,“ flüſterte er,„aber ich habe für vier arme Geſchwiſter zu ſorgen!“ „Dieſe Sorge übernehme ich, Du haſt mir nur an⸗ zugeben, was ich für ſie thun kann. Während meiner Abweſenheit, deren Dauer ich nicht im Voraus beſtimmen kann, da ich einen Theil des Feſtlandes Amerika's berei⸗ ſen will, ſoll Hinreichendes für ihre Erziehung geſchehen. Haſt Du noch einen andern Einwurf?“ „Nein, Eduard, keinen, ich danke Dir!“ „So wären wir alſo für heute ferttg. Waldau und Felix, ich erwarte Euch in einer Stunde. Lebet indeſſen wohl und bedenkt Euch, was Ihr mir etwa noch ——;— „—, — 83— zu ſagen habt. Alle Sonnabende übrigens, ſo lange ich noch hier bin, erwarte ich Euch wie früher“— Eduard kehrte mit Joſephſon nach ſeiner Wohnung zurück. „Jetzt rufe mir die drei Handwerker aus dem Nach⸗ barhauſe,“ bat Erſterer den Letzteren, als ſie den Garten⸗ ſaal betreten hatten. Die drei Meiſter: Schwarzkopf, der Tiſchler, Becker, der Schneider und Ritter, der Schuhmacher, waren ſchon am Tage vorher von der Frau des Erſteren benachrichtigt worden, daß ſie der Herr Doctor am nächſten Tage ſpre⸗ chen wolle. Nach Empfang dieſer bedeutungsvollen Nach⸗ richt waren ſie ſogleich zuſammengelaufen und hatten ſich ihre gegenſeitigen Meinungen mitgetheilt, bedenkend, wel⸗ chen Zweck eine ſolche Berufung wohl haben könne. Zu⸗ letzt kamen ſie auf den Gedanken, der reiche und vornehme Herr— denn dem Armen erſcheint in der Regel der Reichſte auch als der Vornehmſte— wolle ſich neu ein⸗ richten, und da müſſe er auch neue Möbel, Kleider und Schuhe haben, und mit deren Anfertigung würden ſie be⸗ traut werden. Als Frau Schwarzkopf dieſe Auslegung der drei Männer vernahm, that ſie, als ob ſie ſchon mehr wiſſe, und ſchüttelte ſehr bedenklich den Kopf. 6* — 84— „Na, was mag er denn ſonſt von uns wollen?“ rief Meiſter Schwarzkopf.„Wenn Du es weißt, ſo ſag! es und laß Einen nicht in der Schwebe.“ Hierbei blickte er ſchon ganz ängſtlich um ſich, worin ihn ſeine Gefährten treulich unterſtützten, denn auf's Un⸗ gewiſſe hin mit einem ſo ungeheuer reichen Herrn zu ſprechen, ſchien ihnen wirklich ein Werk voller Schwierig⸗ keiten zu ſein. Endlich rief die immer noch ſanguiniſche Minna Schwarzkopf mit ſpöttiſchem Gelächter, indem ſie ſich anſchickte, die Männer in ihrer Berathung allein zu laſſen: „Ich glaube gar, Ihr habt alle Drei Angſt! Ihr thut mir leid; Ihr denkt am Ende mit einem Menſchen⸗ freſſer zu thun zu haben. Aber ich kann Eurer Angſt ein Ende machen— kommt her— ich wuil es verra⸗ then—, Die drei Männer kamen ſogleich n her und ſteckten eilig die Köpfe zuſammen. „Seht,“ fuhr die Frau fort,„ich denke mir, er geht nach Amerika oder Japan, wer weiß das! wo der alte Herr geſtorben iſt, den er beerbt hat. 4 „Der Pirat!“ rief ängſtlich Becker, der Ehneder „Gewiß, Gevatter, derſelbe! Und d Wilden dort ſollen noch keine Stiefel und— und— „Was!“ unterbrach ſie Ritter, der Ehuſer„er wil uns doch wohl nicht in die Wildniß mitnehmen?⸗ 2 8 1 4 4 † — 85— „Ganz gewiß will er das, Meiſter Ritter, Ihr ſollt den Wilden die Schuhe anmeſſen.“** Und damit lief ſie raſch zur Thür hinaus. „Ich bedanke mich!“ rief der Meiſter Ritter.„Ich gehe keinen Schritt aus dieſem Hauſe. Hier kann ich auch ſeine Beſtellungen annehmen— das fehlte mir noch, nach Japan! und ein Pirat obendrein!“ Da kam Herr Joſephſon in ihr Berathungszimmer und unterbrach die Unterredung. Man ſah ihnen an, daß ſie alle Drei erſchrocken waren, denn nun ſollte es ſich ja entſcheiden. Der Freund des Erben trieb ſie zur Eile an und ſchritt ihnen voran. Als er bei Eduard in's Zimmer trat, gab er ihm einen verſtohlenen Wink, der ihn auf die Beſorgniß der Männer aufmerkſam machen ſollte; aber dieſer Wink wäre nicht nöthig geweſen, denn je näͤher ſie dem ſonſt mit aller Ruhe betretenen Zimmer kamen, um ſo betroffener wurden ſie, ſtießen ſich gegenſeitig um den Vortritt an und ſchnitten Geſichter, als ob ſie entſetzliche innerliche Schmerzen ausſtänden. Die Thür war geöff⸗ net, aber die Männer traten nicht ein, keiner wollte vorau⸗ Eduard trat lächelnd und freundlich grüßend ihnen entge⸗ gen und rief: „Nun, Meiſter Schwarzkopf, immer herein!e Meiſter Schwarzkopf erhielt von hinten einen trei⸗ benden Puff und flog einige Schritte weit ims Zimmer hinein. Nach ihm kam der Schneider mit eben ſolchem — 86— Satze, dem endlich der betroffene Schuſter, der den Pi⸗ raten keine Schuhe machen wollte, ganz leiſe folgte. Als ſich alle Drei in Eine Linie aufgeſtellt hatten, verſuchten ſie plötzlich einen gemeinſchaftlichen Bückling, der in der That etwas piratenartig, das heißt, unciviliſirt ausfiel und der Joſephſon ſich umzudrehen nöthigte, um nicht ſein lachendes Geſicht ſehen zu laſſen. Jetzt ſtanden ſie vor dem Erben, der freundlich Folgendes zu ihnen ſprach: „Guten Tag, meine lieben Meiſter! Wie lange iſt es nun her, daß wir in nächſter Nachbarſchaft, freund⸗ ſchaftlich zuſammen verkehren?“ 8 „Fünf Jahre—“ rief der vorſchnelle Schneider. „Nein, ſechs!“ verbeſſerte der Schuſter. „Ich denke, es werden ihrer mehr denn ſieben ſein!“ endigte der von ſeiner Frau beſſer unterrichtete Tiſchler. „Alſo ſeien es ſieben Jahre,“ fuhr der Erbe fort, „eine ſchöne Zeit, und ich denke, wir haben uns ganz vor⸗ trefflich vertragen?“— „Ja! das haben wir!“ betheuerten die Handwerker und verneigten ſich wohlgefällig. „Wir haben uns nicht allein gut vertragen, meine Freunde, ſondern wir haben uns ſogar manchen Dienſt gegenſeitig geleiſtet— nicht wahr!“ „Ja— das iſt auch wahr! Ja!“ „Ich will meine kleinen Rathſchläge freilich nicht ſo hoch anſchlagen— Ihr aber habt mir oft große Geſällig⸗ — —— keiten erwieſen. Das kann ich nicht ſo bald vergeſſen. Dabei ſeid Ihr immer fleißige, arbeitſame Handwerker und gute Familienväter geweſen, Ihr ſeid nicht dem Trunke, nicht der Spielwuth, nicht dem Wirthshauſe ergeben, das Alles iſt von mir oft in Betracht gezogen worden. Nun aber iſt die Zeit gekommen, wo ich dieſes Haus bald ver⸗ laſſen und mir ein anderes ſuchen muß— ja, für's Erſte verlaſſe ich ſogar dieſen Welttheil, um mich nach Amerika zu begeben“— Die Meiſter ſtießen ſich mit den Ellnbogen verlegen an, als wollten ſie ſagen:„jetzt kommt es, paßt auf!“ „Ich will Euch für Eure mir bewieſene Freundſchaft belohnen, meine lieben Meiſter, und ich weiß nicht, wie ich es ganz nach Eurem Wunſche thun ſoll— wollt Ihr vielleicht mit mir dieſes Haus verlaſſen?“ „Und mit nach Amerika gehen?“ platzte der Schuh⸗ macher heraus. „Das fällt mir gar nicht ein— ich bleibe ja nur einige Zeit in der neuen Welt. Ich will Euch nur die einfache Frage vorlegen: wollt Ihr ferner Eure Arbeit fortſetzen und als redliche Handwerker in meinem Solde, auf meinem Landgute, welches ich mir in der Nähe dieſer Stadt zu kaufen gedenke, wohnen, oder zieht Ihr es vor, Euch in Ruhe zu ſetzen und den kleinen Schatz, den meine Dankbarkeit Euch zu überweiſen geſonnen iſt, in friedli⸗ chem Stillleben zu verzehren?“ — 88?— Die Handwerker ſpitzten bei dieſer Rede, die ſie am wenigſten erwartet hatten, ganz außerordentlich die Ohren und ſahen ſich verblüfft an. Endlich ſagte Schwarzkopf kurz und beſtimmt: „Wir wollen noch arbeiten, Herr Doctor! Wozu ha⸗ ben mir unſre Kräfte? Faullenzen mögen Andere, wir Drei nicht!“ „Nein, wir Drei nicht!“ wiederholten die Andern. „Gut, das habe ich von Euch erwartet. Wollt Ihr aber mit auf mein Gut ziehen und für mich und meine Umgebung arbeiten? das überlegt Euch!“ Die Meiſter wechſelten einige zuſtimmende Blicke, worauf Schwarzkopf wieder das Wort nahm und ſagte: „Ja, das wollen wir!“ „So ſchlagt in dieſe meine Hand, wie ehrliche Män⸗ ner ein— dann iſt der Bund geſchloſſen!“ Sie ſchlugen ſo kräftig ein, daß Eduards Hand⸗ fläche brannte. „Nun hört,“ ſagte er.„Von heute an eſſet Ihr mein Brot. Ich gebe einem Jeden von Euch 500 Thaler des Jahres— von heute an gerechnet, die Ihr jetzt gleich zur Belohnung Eures feſten männlichen Entſchluſſes, die Arbeit fortzuſetzen, für das ganze erſte Jahr empfangen ſollt, künftig werdet Ihr alle Monate von meinem Kaſſi⸗ rer Euer Geld erhalten. Bleibet in Eurer jetzigen Werk⸗ ſtatt, bis die Wohnungen, die ich Euch bauen laſſe, bereit ————— — 89— ſein werden, Euch und Eure Familien aufzunehmen. Dann, ſobald Ihr gerufen werdet, ziehet ein und begin⸗ net Eure Arbeit. Ihr werdet viel zu thun bekommen, denn Ihr werdet die einzigen Tiſchler, Schuſter und Schneider für Hunderte ſein. Seht Euch daher nach gu⸗ ten Gehilfen um— aber von reinem Charakter und or⸗ dentlichem Lebenswandel müſſen ſie ſein, Ihr haftet mir dafür. Ich will keinen Taugenichts, keinen Faullenzer, keinen Trunkenbold in meiner Nähe dulden— verſprecht Ihr mir das?“ Aber die Meiſter hatten alle Drei die Sprache ver⸗ loren. Ihr neues, plötzliches Glück hatte ſie zu ſchnell überraſcht. Eduard mußte noch ein Mal fragen und auch da bekam er nur eine kurze, bejahende Antwort. Als nun aber gar Joſephſon mit immer noch zum Lächeln ge⸗ neigtem Geſichte hervortrat, vor den Augen der geblende⸗ ten Handwerker einen Sack mit Gold ſchüttelte und einem Jeden hundert blinkende Goldſtücke auszahlte, da hätten ſie beinahe geglaubt zu träumen, und die wackeren Arbei⸗ ter fühlten, wie ihre Augen ſich mit Waſſer füllten. Schweigend nahmen ſie das Geld in Empfang, ſchweigend bedankten ſie ſich und entfernten ſich dann leiſe. In der Thür ſchon rief Eduard den Tiſchler zurück. „Schwarzkopf, ſagte er,„Euch bin ich beſonders ver⸗ pflichtet. Das Geld iſt füre Eure Werkſtatt— Eurer Frau werde ich auf andere Weiſe meinen Dank abtragen. Auch — 90— werde ich dafür ſorgen, daß Eure Tochter Unterricht em⸗ pfange, wie ſie ihn vielleicht für ihr künftiges Leben ge⸗ brauchen kann. Nun geht, gehabt Euch wohl!“ „Welches köſtliche Gefühl,“ rief Eduard entzückt, als die Arbeiter das Zimmer verlaſſen hatten,„iſt es doch, Glückliche machen zu können! Ich kenne nichts Herrliche⸗ res! Ich habe immer gehört, Geben ſei beſſer als Neh⸗ men! Jetzt fange ich an, die Wabehet dieſes Wortes zu begreifen.“ In dieſem Augenblicke traten Felix und Waldau ein. Beide von Wonne ſtrahlend, voll eiger Empfindung, als ſcchritten ſie nicht mehr auf der Erde, ſondern als würden ſiie von ätheriſchen Schwingen getragen. Als ſich die Freunde begrüßt und um den Tiſch herum geſetzt hatten, ſagte Eduard: „Felix, mit Dir habe ich zuerſt zu ſprechen. Merke genau auf meine Worte und erfülle meine Bitte; ich bin überzeugt, daß ich meine Wahl auf den Trefflichſten ge⸗ lenkt habe, indem ich auf Dich zur Ausführung von Ideen rechnete, die ich längſt in meiner Seele herum getragen habe. Mein Auftrag wird kurz ſein, ſeine Ausführung wird mehr Mühe machen und längere Zeit erfordern; aber da Du die Zeit und die Gabe dazu haſt, ſo wirſt Du auch die Mühe nicht ſcheuen. Ich verlange von Dik nur Arbeit in Deinem eigenen Berufe. Obgleich ich die markt⸗ ſchreieriſche Kritik öffentlich für Lohn ſchreibender Blätter — — 91— ſehr gering achte, ſo habe ich doch aus Allem vernommen, daß Du Dir bereits einen ehrenvollen Platz unter den jetzt lebenden Tonkünſtlern erworben haſt. Du biſt noch jung. Dein Talent wird ſich bei glücklicherer Lebens⸗ ſtellung, bei ruhigerer Selbſtbetrachtung noch reicher ent⸗ falten, Du haſcheſt, ich weiß es, nicht nach dem äußeren, blendenden, augenblicklichen Effekt, ſondern nach tiefer, er⸗ greifenden Wirkung auf alle Seelenthätigkeiten Deiner Zu⸗ hörer. Du componirſt nicht Opern, was juſt unter den jüngeren C omponiſten Mode geworden iſt und bei welcher flitterreichen Arbeit ſi ihre eigentliche Tiefe und Fähigkeit nicht verrathen, ſondern die ernſtere, feierlichere, würde⸗ vollere Muſik, die Erheitrerin, Tröſterin und Beglückerin des menſchlichen Herzens, hat Deinen Sinn gefeſſelt. Wir ſtimmen Dir bei, ich zumal vor Allen. Fahre fort, wie Du begonnen haſt, und Du wirſt Freude, wie Du ſie bereiteſt, auch ſelber empfinden. Damit Du aber mit lauterem, ungetrübtem Gefühle an die Arbeit gehen kannſt, welche ich Dir ſogleich aufgeben werde, ſo bin ich geſon⸗ nen, Dir ſchon jetzt Dein äußeres Loos ſicher zu ſtellen. Verlaß die königliche Kapelle, in der Du eine Deinen Fähigkeiten nicht angemeſſene Stelle bekleideſt, denn die älteren Mitglieder räumen nicht ſo leicht den jüngeren den beſſer verdienten Platz, und nimm von Deinem Freunde für jetzt einen Jahrgehalt von 2000 Thalern an. Unter⸗ richten ſolſſt Du auch nicht mehr, Du ſollſt unabhängig — 92— ſein und nur für Dich, für uns und das große Ganze, das heißt, für die Kunſt arbeiten. Biſt Du hiermit zu⸗ frieden?“ „Was ſoll ich mit dieſem unverhofften großen Glücke nicht zufrieden ſein? Dankbar, aus der tiefſten Tiefe mei⸗ nes Innern dankbar bin ich Dir!“ „Nicht mir ſei es, ſondern Deinem Talente. Für mich thue ich das Alles nicht, es giebt eine reinere Quelle menſchlichen Handelns. Künftig, wenn Du Größeres leiſteſt, ſollen Deine Einkünfte ſich vermehren— Du wirſt ja wohl auch einmal einen Hausſtand bilden wollen, nicht? Du errötheſt? Aha! ich irre mich nicht, Du haſt eeiine ſtille Liebe— dürfen wir es nicht wiſſen?“ „O, Du weißt es gewiß längſt, Dein Vater hat es ja gebilligt— ich liebe Deine jüngſte Schweſter Amalie.“ „Da haben wir's, und Ernſt die älteſte nach meiner guten Louiſe, die heitere Maria und Karl die dritte, die rothwangige Minna? nicht wahr, ſo iſt es?“ „Ich kann es nicht leugnen.“ „In Gottes Namen, ich habe nichts dagegen. Schreibe aber nicht nach Hauſe, daß ich es von Dir erfahren habe, ich will die Mädchen mit einer kleinen Ausſteuer vorläufig überraſchen. Jetzt aber kommen wir auf Deine Aufgabe zurück. „Du weißt, Felix, wie ſehr ich Deine göttliche Kunſt, die Muſik, liebe und verehre, ja auch ſelbſt ein wenig —¼ —— — 93— verſtehe. Ich habe große Abſichten, auch der Muſik im Allgemeinen in unſerm Vaterlande einen größeren Impuls zu geben, ſpäter werden wir davon ſprechen. Jetzt haben wir das Näherliegende zuerſt zu berückſichtigen. Für Deine Entwicklung und die anderer junger Talente bin ich ſchon jetzt Willens, im Kleinen wenigſtens zu ſorgen. Mein kleiner Haushalt wirft für dieſen Zweck jährlich etwa 24,000 Thaler ab. Suche unter Deinen jungen Künſtlern die beſten, gebildetſten, bedürftigſten und talent⸗ vollſten aus, ich will eine Kapelle von etwa vierzig Mit⸗ gliedern unterhalten. Dieſe Muſiker ſollen nicht an mein Haus gebunden ſein, ſie ſollen nur Gelegenheit haben, ſich für die Welt darin zu bilden, ohne ſich mit einer Lebensſorge, wie es leider ſo oft geſchieht, in ihrem Wirken herum zu ſchlagen. An acht von ihnen, wenn ſie nach Deiner Anſicht— denn Du ſollſt mein Kapellmeiſter ſein— es werth ſind, und ihr Inſtrument mit Meiſſterſchaft ſpielen, will ich je 1000, an andere acht 600, an ſechzehn 500 und an die zwölf jüngſten 400 Thaler verwenden. So wird Vielen geholfen ſein, die ſich hier in der großen Stadt mit Mühe und Kummer nähren und als kleine Lich⸗— ter in dem Glanze der großen verlieren. Suche alſo Kapelle zu ſchaffen und zu einem ſchönen Ganzen hera⸗ zubilden, damit wir, wenn ich wieder unter Euch trete, und mit Euch lebe, glücklich und heiter ſein und mit dem allgemeinen Nutzen und Wohle unſer eigenes Vergnügen — 94— verbinden können. Das Geld wird Dir, ſobald Du Deine Leute gefunden haſt, gegen Quittung von Herrn Ermeling, der in meiner Abweſenheit alle meine Geſchäfte beſorgt, ausgezahlt werden. Und nun geh, ich habe mit Waldau allein zu ſprechen.“ Joſephſon verſtand den zarten Wink und entfernte ſich mit dem glücklichen Felix, der in Wonne getaucht war vom Kopf bis zu den Füßen, und die Muſik der Sphären im Himmel zu vernehmen glaubte. „Du machſt viele Glückliche!“ ſagte Waldau, als die Beiden gegangen waren und hoffte im Stillen auch für ſeine Kunſt und ſeine Ideen, nachdem er geſehen hatte, wie die Muſik ſo gut war bedacht worden. „Es giebt zu viel der Unglücklichen,“ erwiderte Eduard,„als daß das Wenige, was ich thue, von allge⸗ meiner Wirkung ſein könne, indeſſen darf uns dieſe Be⸗ trachtung nicht abhalten, unſern einmal betretenen Weg ruhig weiter zu verfolgen— Wir ſind jetzt allein, Hans, laß uns zu dem ſchreiten, was zwiſchen uns verhandelt werden muß, denn Du wirſt von allen meinen Freunden die ſchwerſte Aufgabe zu erfüllen haben. Wie viel ver⸗ dienſt Du jetzt in Einem Jahre mit Deinen Bauten?⸗ „Mein Verdienſt iſt nicht regelmäßig und unbg⸗ ſtimmt. Wenn ich Alles zuſammennehme, etwa 600 Thaler, denn Du weißt, meine eigenen Studien nahmen 7 —,— — 95— viel Zeit fort und meine Laune ging nicht immer dahin, einem Baron oder Kaufmanne ein Landhaus zu bauen.“ „Sechs hundert Thaler! Ein erbärmliches Geld für einen Künſtler, wie Du biſt. Trauriges Loos! Nun, um es kurz zu machen, gieb alle Deine Verpflichtungen auf und werde mein Architekt.“ „Das bin ich im Herzen ſchon längſt.“ „Du ſollſt es auch in der That ſein. Wie Ihr Alle, erhältſt Du freie Wohnung und Tiſch bei mir, ich habe darin ganz beſondere Pläne. Dein Gehalt, von heute an gerechnet, beträgt jährlich 4000 Thaler.“ „Eduard!“ „Waldau! Was willſt Du? Iſt es Dir nicht genug?“ „Ich erſtaune— für mich ſchon ſo viel?“ „Gerade ſo viel, nicht mehr und nicht weniger, ich ſchlage Deine Leiſtungen für jetzt ſo hoch an; künftig, wenn Du mit dem zu Stande gekommen biſt, wovon wir ſogleich ſprechen wollen, und unſer ganzer Haushalt ge⸗ ordnet iſt, wirſt Du mehr erhalten können.“ „Ich will in meinem ganzen Leben nicht mehr— damit bin ich ſchon zu reich.“ 3 „Niemand iſt zu reich, wenn er ſein Geld gut an⸗ wendet. Wir wollen das beweiſen, denke ich. Nun, laß das gut ſein, Hans, ich will mich ankaufen. Wo? das weiß ich noch nicht, ich bin aber ſchon auf einer Spur. — 96— * ſollſt alle unfre Hauſer bauen, im großen Maaßſtabe, Deinem Style, wie die Oertlichkeit natürlich es zu⸗ aßt. Ich beſtimme ungefähr vier Millionen für dieſe Bauten— ſo will es mein Erblaſſer.“ „Vier Millionen! Dafür baue ich Dir eine ganze Stadt.“ „Ich will mehr und will weniger als eine Stadt. Ich liebe die friſche Luft, den freien Himmel, den grünen Wald, die fruchtbare Flur— da, wo dies Alles zu fin⸗ den iſt, baue ich unſre Hütten. Deine Entwürſe können Dir zum Maaßſtabe dienen. Welche Baulichkeiten ich ge⸗ brauche, ſollſt Du ſchriftlich aufgezeichnet erhalten. Du ſollſt das Einzelne nach Deinem Geſchmacke vollenden. Du ſollſt die Meiſter und die Arbeiter wählen, Du ſollſt Kontrakte und Lieferungen abſchließen. Du ſollſt aber nicht die immer und überall Bevorzugten, die Bemittelten unter ihnen bedenken, ſondern Du ſollſt die Bedürftigeren, die Fleißigſten, Beſten unter Allen ausſuchen. Ich ver⸗ laſſe mich dabei auf Deine Ehrenhaftigkeit und Menſchen⸗ freundlichkeit. Ich kann nicht Alles, was ich beabſichtige, allein unternehmen, meine Freunde müſſen mir helfen. Gott ſei Dank! ich bin geſegnet damit. Willſt Du das thun?" „Bei Gott und meiner unſterblichen Seele, ich will es! Es ſoll Alles nach Deinem Wunſche geſchehen. Du ſolſſ herrlich und prachtvoll wohnen.“ 4 — 97 „Das nicht, Hans! Wohl will ich herrliche und prachtvolle Häuſer bauen, ſie ſollen geſchmückt ſein, wie die reichſten Fürſtenhäuſer— ich ſelbſt für mich aber will nicht in einem Schloſſe, ſondern in einem freundlichen Hauſe wohnen; es ſoll groß genug, um bequem, aber klein genug werden, um behaglich zu ſein. Wo möglich will ich an einem fließenden Waſſer wohnen, ich will die tanzende, ſpringende Welle, die fliegende Wolke, die ſäu⸗ ſelnden Blätter, die duftige Blume um mich haben, ich will unter Menſchen und allein ſein können, wie ich die Luſt habe, wie es mein Herz wünſcht. Sieh Dich hier um, ein ähnliches Zimmer wie dieſes will ich bewohnen, eben ſo alte, gediegene, bequeme Möbel von Nußbaum⸗ holz— ſie können ja doch prachtvoll ſein— ſollen mich umgeben, ich will mich jeder Zeit der Tage erinnern, wo wir in ſtrebender Seligkeit die Träume ſchufen, die wir jetzt in Wirklichkeit vor uns ſehen— haſt Du mich ver⸗ ſtanden?“ Waldau ſaß unbeweglich da, in's Blaue ſtarrend; hundert neue Pläne ſchwirrten ſchon wieder durch ſein ideenreiches Gehirn. „Ja wohl,“ rief er,„ich verſtehe, ich habe ſchon Alles vor Augen. Hier iſt das Schloß, königlich ſoll es werden, innen und außen— da ſchlicßt ſich ein Treib⸗ haus an— durch dieſes Treibhaus tritt man in einen Der Inſelkönig. IVV. 7 5 un Puuar der mitten in Gn freier Natur, wie „So iſt es reßt, Du haſt n verſtanden! Aber ſpare kein Koſten, zeige der Welt, was Du kannſt und was wir vermögen. Ermeling wird nach und nach die Gelder zahlen, wie Du ſie nöthig haſt. Und für unſere Arbeiter, die die Häuſer bauen, worin wir glücklich leben wollen, ſorge väterlich. Knauſere nicht, ſpare nicht, gieb ihnen das Ihrige, nimm Viele an, aus armen Gegenden, vorzüglich Familienväter— mit Einem Worte, ich ver⸗ traue Dir meine ganze Zukunft, meine Ruhe in dieſer Beziehung an— brauche ich Dir noch mehr zu ſagen?“ „Nein, jetzt weiß ich Alles. Sei unbeſorgt. Und wenn ich zweifle, frage ich an. Wie lange wirſt Du fort bleiben?“ „So lange vielleicht, bis Du mir ſagſt, komm zu⸗ rück, Dein Haus iſt bereit, Dich zu empfangen.“ „Das iſt lange, das kann zwei Jahre dauern. So viel Zeit brauche ich allein für das Schloß.“ „Es iſt gut, damit bin ich zufrieden. Du kannſt in zwei Monaten anfangen. Beſprich Dich vorläufig mit Deinen Werkmeiſtern. Es kommt mir auf 5— 600 Arbeiter mehr oder weniger nicht an. Vor allen Dingen aber muß für die Wohnungen der Handwerker geſorgt werden, die ich in meinem Dienſte behalte. Ihr Un⸗ terkommen, ihre Werkſtätten müſſen das Erſte ſein. — —— „— 99— Doſſow, Vater und Sohn, werden Dich unterſtützen— morgen oder übermorgen ſollſt Du die Liſte Derer haben, die in unſerer Nähe wohnen werden.“ „Wenn ich nur erſt den Platz ſehe— alles Uebrige iſt Nebenſache— es ſoll Alles geſchehen, wie Du wün⸗ ſcheſt, wir ſprechen noch darüber.“ „Noch oft, wir wollen nächſtens arbeiten, wie die Zeitungen ſagen, wie zwei Miniſter—“ „Nein, wie ein König mit ſeinen Miniſtern—“ „Auch gut, dann ſehe ich doch auch, wie einem glück⸗ lichen Könige zu Muthe iſt, der unglücklichen giebt es ge⸗ nug— da klopft es— herein!“ Es war Herr Holzbrecher, der in die Thür trat. „Ich ſehe nur glückliche Geſichter aus dieſem Hauſe kommen,“ ſagte er,„da muß ich doch auch einmal hinein treten. Der da,“ auf Waldau zeigend,„ſcheint auch be⸗ reits auf Wolken zu ſchweben.“ „Ich bin ſchon im ſiebenten Himmel,“ entgegnete Waldau, mit Händen und Füßen geſtikulirend.„Kom⸗ men Sie her, hier kann man lernen, wie man mit ſeinen Freunden umgehen muß.“ Eduard reichte dem alten wackeren Freunde, der in allen ſeinen Lagen und Handlungen ſo gleichmäßig gegen ihn geblieben war, die Hand und führte ihn mit einer Em⸗ pfindung des köſtlichſten Wohlbehagens auf das Sopha. „Ja,“ ſagte er,„es iſt leicht, Glückliche zu machen, 7* — 100— wenn man ſo volle Hände hat wie ich— wüßte ich nur, welche Freude ich Ihnen bereiten könnte.“ „Ei, das werde ich bald ſelbſt für mich vorbringen, ich bin gar nicht ſo blöde, wie Sie denken.“ Waldau winkte hinter Eduards Rücken mit Geſicht und Händen, er möchte doch ſchweigen. „Uebrigens ſcheint es,“ fuhr Holzbrecher fort,„doch nicht ſo überaus leicht zu ſein, Menſchen glücklich zu ma⸗ chen; man ſieht wenigſtens viele Reiche, denen es entſetz⸗ lich zu fallen ſcheint— „Wie iſt es mit Ihnen?“ fragte Eduard,„nehmen Sie noch immer den Dienſt bei Ihrem Peiniger an?“ „Wahrſcheinlch— ja— warum nicht? Dieſes Haus verkaufe ich beſtimmt, wenn Sie erſt hinaus ſind. Mit Ihnen iſt mir, alle Freude ausgezogen. Ich will es wenigſtens nicht wieder bewohnen.“ .„Nein,“ rief Waldau,„hier darf Niemand wohnen. Das Gartenhaus muß abgetragen werden, dieſe Stätte, wo die Freundſchaft Altäre gegründet, darf von keinem Menſchen zu gemeinen Zwecken benutzt werden. Ich ſtimme für Niederreißung.“ „Ich auch, lieber Waldau,“ rief Herr Holzbrecher. „Und dann ziehen Sie zu mir?“ bat Eduard und ftreckte ſeine offene Hand hin.„Schenken Sie mir Ihre Zuſtimmung und ſehen Sie noch ein glückliches Geſſcht mehr aus dieſem Hauſe hinausgehen—“ — 101— „Sie meinen mein Geſicht?“ „Nein, meines!“ „Ich will nichts beſtimmt verſprechen, aber anch nichts beſtimmt ablehnen. Ich muß mich beſinnen!“— Während er ſprach, winkte der gute Mann verſtoh⸗ len dem Architekten zu, mit dem er im Einverſtändniß zu ſein lhie „Nur das wollte ich mir ausbitten,“ fing er wieder an,„daß Sie mir die Stätte, die ich für mich in Ihrem neuen Haushalte auswähle, vorbehalten und mir keinen jüngeren Kandidaten oder gar Fremden vorziehen.“ „Sie haben alle Anſprüche in Bezug auf das Alter wie auf die Verdienſte der Freundſchaft— wählen Sie und nehmen Sie, mehr kann ich nicht ſagen.“ „Darf ich dann aber auch meinen alten Bello und den Kater Murr mitbringen, wenn i. mich dazu ent⸗ ſchließe?“ „Bringen Sie Hunde und Kater mit, ſo viel Sie wollen, ich liebe ſelbſt dieſe Thiere und werde wenigſtens für eine zahlreiche Hundegeſellſchaft Sorge tragen.“ „Dann iſt es gut und ich werde es mit meiner Al⸗ ten überlegen.“ „Sehen Sie— es iſt mir gelungen— ich nehme nuch ein glückliches Geſicht mit hinweg.“ „Und doch haben Sie mir mehr geſchenkt als für ſich gewonnen— — 102— „Wir wollen ſehen, wir wollen ſehen!“ Und er ging mit dem glücklichen Waldau zum Hauſe hinaus. Nach einer Viertelſtunde, während Eduard allein geblieben und ſeinem Schöpfer für das vollkommene Glück gedankt hatte, welches er ihm verliehen, Andere glücklich zu machen, kam Joſephſon raſch gelaufen. Er war jetzt überhaupt den ganzen Tag um den Erben, der ihm eine ziemliche Menge Arbeiten aufgebürdet hatte, wäͤh⸗ rend Mr. Staunton und Mr. Trenden die ihrigen in Herrn Ermelings Behauſung verrichteten, der ihnen bereitwillig für die Zeit ihrer Anweſenheit eine Wohnung eingeräumt hatte Sch bin eben dem Waldau begegnet,“ erzählte Jo⸗ ſephſon,„und habe mich über das Ausſehen des Menſchen eben ſo wie über Deine Großmuth gewundert.“ „Meine Großmuth? Aber wie ſah er denn aus?“ „Ich fürchte, er ſchnappt vor Glückſeligkeit über; nicht Jeder hat ſo ſtarke Nerven wie Du. Er war ſchon auf dem Wege zu einigen Handwerkern, die er ſeit langer Zeit als ehrliche und nicht allzu reichlich mit Geld ver⸗ ſehene Männer kannte. Ich glaube, er baut ſchon in Ge⸗ danken an ſeinem Schloſſe.“ „Das thut er in der That und dazu hate er r den Auf⸗ trag bekornnen.“ „Und was Deine Großmuth betrifft, ſo haſt Du 4. 7 — pe a — 103— ihn ja mehr als fürſtlich bedacht. Viertauſend Thaler— ſoviel bekommt ja kein königlicher Architekt.“ „Ich bezahle nicht den Waldau, überhaupt nicht die Perſon, mein Freund, ſondern das, was er für das Le⸗ ben leiſtet, alſo eigentlich ſeine Kunſt. Wer in meine Hände fällt, ſoll nicht mehr betteln gehen, ich habe es ge⸗ lobt. Und da wir einmal davon ſprechen, laß uns gleich Dein eigenes Gehalt feſtſetzen.“ Joſephſon verſtummte und blickte zur Erde. „Sprich, wie viel würdeſt Du Dir nehmen, wenn ich Dir meine Kaſſe offen ließe?“ „Ich würde es vielleicht eben ſo machen, wie Du, da Du Mr. Huttens Wechſel im Pulte liegen ließeſt. Ach! das war doch eigentlich ein recht dummer Streich! Wir haben ſo bitter gehungert und gedürſtet!“ „Laß das ruhen. Gott hat es ſo gewollt. Erſt nach der finſtern Nacht kommt der lichte Morgen und wir freuen uns dann um ſo mehr des roſigen Lichtes. Aber ſprich, wie groß ſoll Dein Gehalt ſein?“ „Gieb mir ſo viel, wenn Du mir überhaupt geben willſt, wie ich haben würde, wenn ich Rath am Appella⸗ tionsgericht geworden wäre, wohin ich doch geſtrebt hätte, waär dieſe glückliche Erbſchaft nicht gekommen. Außer⸗ ohne und lebe ich bei Dir, das iſt allein ſchon ein i Tauſend werth, vorausgeſetzt, daß ſich der beſchloſſene Lurus auch auf Küche und Keller bezieht.“ 3 — 104— MNaturlich bezieht er ſich mit darauf. Wir wollen nicht, wie die Geizhälſe, das Brot in den Schrank legen und unſern Appetit um eine Freude betrügen. Im Ge⸗ gentheil— Du ſollſt das Alles ſelbſt einzurichten haben — wir wollen eſſen und trinken, was der Schöpfer der Erde und des Meeres ſeinen Geſchöpfen zu genießen gege⸗ ben hat. Wenn Du aber in dieſem Verhältniß zu mir, als Premier⸗Miniſter und Hofmarſchall, das Gehalt eines Appellationsrathes in Anſpruch nimmſt, ſo entweihſt Du zugleich Deine Stellung und meine Freundſchaft zu Dir. Nein— ich ſcherze nicht, nur jene zwei Titel waren na⸗ türlich ſo gemeint— nimm Dir, was ein wirklicher Mi⸗ niſter von einer Regierung erhält, die meine Einkünfte bezieht, nimm Dir— ich bitte Dich— betrübe mich nicht— oder willſt Du nicht, daß dieſe Herren einen Ge⸗ halt von 10,000 Thalern beziehen? Gerade dieſe Summe wollte ich Dir rathen, für Dich ſelbſt in Anſpruch zu nehmen.“ „Nein,“ rief der edle Joſephſon—„ſcherzeſt Du, oder redeſt Du im Ernſte— in beiden Fällen hätteſt Du Unrecht. Jene Summe verdiene ich nicht, ich kann nicht mehr ſein, als ich mich ſelbſt höchſtens anſchlage.“ „In der Regel ſchlagen die Menſchen ihren Werth zu hoch an— Du zu gering. Mein Freund, kann man die Beweiſe der Freundſchaft, die Du mir in ſo vielen Jahren dargebracht haſt, mit einer Summe Geldes be⸗ —— ——— — 105— zahlen! Wenn man das könnte, würden Könige ſogar oft glücklicher und zufriedener ſein. Du haſt mich ge⸗ ſpeiſt und getränkt— getröſtet und unterſtützt, in Allem und Jedem— das werde ich nie vergeſſen— überdies wirſt Du von mir bedeutend in Anſpruch genommen wer⸗ den, wovon Du ſelbſt noch keine Ahnung haſt. Alſo nimm!“ „Gerade heraus geſagt, nein! Ich will nicht. Was würden die Künſtler, die ſo viel Schönes hervorbringen, von Deiner Billigkeit und Gerechtigkeit denken, wenn ſie von dieſem meinem ungeheuern Gehalte hörten. Nimm meinen Vorſchlag an, gieb mir, was Du Waldau gegeben, und ich werde übermäßig zufrieden ſein.“ „Gut— Du willſt es. Es iſt abgemacht. Nun laß uns die Bittſchriften und Briefe da leſen, die in un⸗ ſerer Abweſenheit eingelaufen ſind.“ Viertes Kapitel. Ein vornehmer und ein noch vornehmerer Herr. O— Auf einem kleinen Tiſche lagen ganze Haufen der eben erwähnten Schreiben, welche alle Tage in gleicher Menge einliefen, und natürlich unmöglich alle beantwortet, noch weniger berückſichtigt werden konnten. Das Amt eines Almoſenvertheilers, welches Eduard ſeinem Vater zuge⸗ dacht hatte, weil er wußte, daß*. von allen zu verge⸗ benden Aemtern dies mit der größten Bereitwilligkeit und Aufopferung übernehmen würde, mußte jetzt ebenfalls vorläufig von Joſephſon verſehen werden, und alle Abende vor Schlafengehen war es deſſen Aufgabe geworden, jene Briefe zu leſen, und am anderen Tage darüber ſeinem Freunde Mittheilungen zu machen. In den Nachſor⸗ ſchungen nach der wirklichen Bedürftigkeit der Bittenden ſtand beiden der Polizeibeamte treulich zur Seite, der — 107— von des Erben Großmuth ſo reichlich bedacht worden war. Der Mann war dankbar, wie alle Diejenigen, auf deren Dankbarkeit man nicht zu rechnen pflegt, im Ge⸗ genſatz zu Denen, die ſich undankbar erweiſen, während man auf ihren Dank Anſpruch machen kann. Leider aber waren die Erfahrungen, die Eduard in dieſem neuen Zweige ſeines Wirkens zu machen hatte, nicht der erfreu⸗ lichſten Art. Grade die ſchlechteſten, verworfenſten, unverbeſſerlichſten Subjekte ſchrieben die rührendſten und zärtlichſten Briefe und man war beinahe zu der allge⸗ meinen Regel gelangt, immer das Gegentheil von dem anzunehmen, was man zu leſen bekam. Trunkenbolde litten Hunger, Verbrecher waren die Opfer ſchonungsloſer, brutaler Polizeigewalt, Faullenzer klagten über Mangel an Arbeit und daraus entſpringendem Elend. Eduard und Joſephſon thaten einen tiefen Blick in den Abgrund menſchlicher Leidenſchaften und menſchlicher Nichtswür⸗ digkeit. Beinahe ergriff ſie ein Ekel vor dem endloſen Jammer übertriebener Hilfsbedürftigkeit. Da ſie aber helfen wollten und wirklich helfen konnten, ſo hielten ſie redlich aus, und ſetzten ihre Forſchungen ohne eigene Schonung eifrig fort. Bisweilen wurden ſie auch von dem Gegentheil mächtig ergriffen. Sie lernten wirkliche Noth kennen, und augenblicklich war alsdann die Abhilfe bei der Hand. Selten aber geſchah dies, denn die wirk⸗ lich Elenden haben nicht den Beiſtand des klagenden — 108— Vortes, wie die Unverſchämten und Nichtswürdigen. Es wurden lange Liſten angelegt, und Diejenigen ver⸗ 3 zeichnet, die bereits empfangen hatten oder noch empfan⸗ gen ſollten. So geſchah viel; allem Uebelſtande jedoch konnte nicht und wird nie abgeholfen werden können. Auch mußten die Mittel geſichert bleiben für die Zukunft, wo aller Derer zu gedenken war, die in näherer Beziehung zu dem Erben ſtanden, und auch die Beſtimmungen des 4 Teſtamentes mußten berückſichtigt werden, inſofern es namentlich Hilfe für die Vaterſtadt des Erblaſſers und deren Umgegend gebot. Nachdem die an dieſem Tage eingelaufenen Bitt⸗ ſchriften durchleſen, und einige Namen zur Unterſuchung⸗ für den Polizeibeamten verzeichnet waren, ſchritt man zur Anſicht der abgegebenen Viſitenkarten, denn auch dieſes Geſchäft ſtand in vollſter Blüthe. Täglich kamen an zwanzig bis dreißig Perſonen aus den verſchiedenſten Ständen und Lebensverhältniſſen zum Beſuche, die ſeltener Theilnahme, viel häufiger Neugierde und eine gewiſſe, manchen Menſchen eigenthümliche, Aufdringlichkeit herbei⸗ gezogen hatte. Auch Einladungen der mannigfaltigſten Art liefen ein; alle reiche und viele vornehme Kreiſe öffneten ſich plötzlich, wie durch ein magiſches Zauberwort; man bat ſo dringend, ſo herzlich, ſo rührend, daß man unmöglich an eine Ablehnung zu glauben ſchien. Die ſchöne Welt insbeſondere zeichnete ſich hierin ſehr vor⸗ — — 109— theilhaft in ihren Hoffnungen aus; man bewunderte ſchon aus der Ferne, wo man in der Nähe entzückt zu ſein durchfühlen ließ. Auch die Gelehrten, die ſogenannten Hähne der Wiſſenſchaften, waren hierbei vertreten. Man ſetzte bei dem jungen Naturforſcher einen natürlichen Anklang voraus, verhieß Wunderdinge in der plötzlich alle ihre Geheimniſſe aufſchließenden Natur, Induſtrie, Wiſſenſchaft und Kunſt, man fühlte ſich berufen, einen geiſtesverwandten Zögling der Wiſſenſchaften auf Inſtitute aufmerkſam zu machen, die ſeiner Theilnahme werth wären; es käme dabei durchaus nicht auf eine pecuniaire, vielmehr nur auf eine geiſtige Betheiligung an, und was dergleichen mehr war. Natürlich konnten auch dieſe Beſuche und Einla⸗ dungen nicht berückſichtigt werden; die Zeit war noch nicht da, wo der Erbe ſeine Säle zu öffnen, und den ſtaunenden Augen der großen Welt ſeine eigene kleine Welt zu zeigen beabſichtigte. Er liebte es nicht, die Zielſcheibe künſtlich glänzender Augen, geſchmückter Ge⸗ ſichter und ausgeſtorbener Herzen zu ſein. Er fühlte ſich nicht wildes und ſeltenes Thier genug, zahlloſe Gaffer zu befriedigen, er wollte erſt einen Wirkungskreis ſich eröffnet, erſt Handlungen vollführt haben, bevor er ſich dem Urtheile der kritiſirenden Bevölkerung Preis gab, und bis dahin konnten noch Jahre vergehen, denn eine — 110— Welt, wie die ſeinige werden ſollte, konnte nicht in einer zeugungsreichen Nacht hervorgezaubert werden.— Joſephſon hielt eine ganze Hand voll Viſitenkarten dem ermüdeten Freunde entgegen. Beide lachten. Es machte ihnen Vergnügen, die vielen unbekannten Namen dunkler Größen zu leſen, die nicht den Augenblick erwar⸗ ten konnten, wo ſie gerufen und zu Auskramung ihrer Weisheit eingeladen werden ſollten. „Lies,“ ſagte Eduard,„wenn wir dieſe Arbeit hinter uns haben, wollen wir zu Judith gehen und lachen, ich habe nie ſo wie heute das Bedürfniß nach einem Glaſe Wein und einem guten Braten verſpürt.“— Joſephſon las: „Von Breithaupt, Gerichtsdirektor. Milbe, Probſt. Ach! ein Geiſtlicher— er will Dir die Beichte abnehmen. Hier ein Kollege, Doctor Krabbe, praktiſcher Arzt und Geburtshelfer. Sieh, er will ſich empfehlen.“ „Hat noch Zeit,“ ſcherzte Eduard.„Weiter!“ „Pickelmann, Rentier. Haaſe, Apotheker— ſcheint ſehr furchtſam zu ſein, nach der kleinen Handſchrift zu ſchließen. Goldfuß, Münzdirektor. Der will Dein kali⸗ forniſches Gold probiren. Weishaupt, Doctor der Phi⸗ loſophie. Der hätte weiſer gethan, ſich ſelber zu ab⸗ ſtrahiren! Dummerjahn, Partikulier. Der will Dir Deine Glückſeligkeitstheorie ablauſchen.“ „Biſt Du noch nicht bald zu Ende 23 — 111— „O, es iſt wenigſtens noch ein Dutzend.“ „Laſſen wir ſie in Kolonne vorbei marſchiren. Ich habe Hunger.“ „Nein, warte, ich habe da unten eine Autorität blitzen ſehen. Gußſtahl, Maſchinenfabrikbeſitzer. Zündhut, Vergolder. Die wollen ſich Waldan empfehlen. Gut! von Würmchen, Kammerherr. Siehſt Du wohl, jetzt kommen die Hofleute, ſie wollen ſich bei Dir üben. Von Rübezahl, Hofconditor. Aha! der will ſeine Torten empfehlen. Doctor Schlau, Leibmedikus und Sanitäts⸗ rath. Den Mann kenn' ich. Der ſteckt ſeine Naſe in jeden Quark. Er iſt ein Firlefanz und Schmarotzer. Bei uns findet er keine Patienten. Es giebt klügere Leute, als Dich, lieber Schlau, man durchſchaut Dich.“ „Aber was hat Dir der Mann gethan, daß Du ihn ſo bekrittelſt?“ „Verzeihe mir den Aufenthalt, Eduard. Aber ich bekrittele ihn nicht— im Gegentheil, ich lobe ihn noch. Er iſt gerade einer von den Aerzten, die mir früher, als ich noch Aeskulaps Schüler war, meine Wiſſenſchaft ver⸗ leidet haben. Er iſt nur ein Handwerker in ſeiner Kunſt, und flickt die Leiber der Menſchen, wie ein Schuſter ihre Schuhe flickt— das heißt für Geld. Wo er am meiſten Schuhe zu flicken und die Arbeit am Beſten bezahlt kriegt, dahin geht er am Liebſten. Darum kommt er zu Dir. —:—:—::n — 22— Som biſt Du ihm ſo gleichgiltig wie mein Stiefel. Pfur über dieſe gemeine Seele!“ „Ich ditte Dich, mach' ein Ende! An Deinem Lobe wird ihm nicht viel gelegen ſein.“ „Hier iſt die letzte, und wahrhaftig das dickſte Ende kommt auch bei uns nach. Siehe da, von Rochſpitz, Finanzminiſter. Der will Dich entern, gieb Acht. Ich ſehe ihn ſchon ſein Netz auswerfen. Sieh Dich vor. Der kommt nicht umſonſt. Es iſt derſelbe, der bei Ram⸗ kau war, der mit dem ſtaubigen Aktengeſicht. Der will was!“ „Ich werde morgen zu ihm gehen, denn zu Einem muß ich. Sonſt ſagen ſie, ich habe keine Lebensart.“ „Sieh Dich vor, ſage ich Dir. Miniſter machen nicht umſonſt eine Viſite. Sieh, was für ein großes Eſelsohr er in das Papier gemacht hat. Er will bemerkt ſein. Ja, ja, Langohr, wir ſehen Dich! Wahrſcheinlich will er Dich in den Staatsdienſt preſſen. Er ſieht mir ganz darnach aus. Was willſt Du ihm ſagen?“ „Erſt werde ich hören, dann urtheilen, dann ſprechen, und zuletzt handeln.“ „Das iſt vernünftig. So! das wäre wieder ein Tag! Nun zu unſerm guten Bo zier.“— Sie gingen, ſpeiſten und vergnügten ſich köſtlich. Am niächſten Mittag, in der Stunde, welche die— Mode als die angemeſſenſte Beſuchszeit angeſetzt hat, ging — — u8— Eduard Hutten langſames Schrittes, in ſeinen feier chi. ſchwarzen Traueranzug gekleidet, denn er h Am deſt zärtlichſten Freund ſeines Lebens, ſeinen Adop ater, die gebräuchlichen Trauerzeichen anzulegen für paſſend eheten nach dem Hotel des Miniſters, der ihn am vorigen Lag⸗ mit ſeinem zuvorkommenden Beſuche beehrt hatte. Es war trocknes, klares Wetter, mäßig kalt, denn der heftige Froſt des vorigen Monats war im Januar nicht wieder⸗ gekehrt. Er nannte dem Thürſteher ſeinen Namen, und augenblicklich ward er durch einen Diener in das Vor⸗ zimmen Sr. Excellenz geführt. Für dies Mal mußte dieſe nicht viel Wichtiges zu thun haben, denn kaum hatte der Diener den Namen des Fremden ſeinem Herrn gemel⸗ det, ſo kam dieſer ſelbſt ſchleunigſt aus dem Gemache heraus und begrüßte mit den höflichſten Ausdrücken und Geberden den jungen Mann, den er dor vierzehn Tagen oder drei Wochen ſtundenlang hätte im Vorzimmer warten laſſen, wenn überhaupt Zeit für ſeinen Empfang vorhan⸗ den geweſen wäre. Eduard erkannte auf den erſten Blick in dem Miniſter den Nachbar des Präſidenten an jenem Abende wieder, wo er ſelbſt als lebendes Bild in Lam⸗ becks vertriebenen Königskindern mitgewirkt hatte, den Nachbar, deſſen aktengraues, mumienhaftes Geſicht ſtets in tauſend kümmerliche Falten gelegt war, als könnte es mit dem Rechnn ngsexempel ſeines Amtes auf keine Weiſe zu Stande kommen, und würde dadurch ſchmerzlich ver⸗ Der Inſelkönig, Iv. 8 * errt. Eduard hatte damals durch ein kleines Loch im Vorhange die erſte Reihe der Zuſchauer gemuſtert, aus der leicht verzeihlichen Neugier, den Mann endlich mit Augen zu ſehen, der ſein Leben ſo unnatürlich verändert hatte. Auch der Miniſter betrachtete den Erben mit hochſt aufmerkſamen, beinahe prüfenden Blicken. Es war ihm, als hätte auch er ſchon dieſen jungen Mann irgendwo geſehen. Indeſſen zeigte er ſich höflich, fein und gewandt, man konnte es nicht anders ſagen. Nachdem die erſten Begrüßungen, die Förmlichkeiten des Beſuches ſelbſt beendigt waren, und man ſich auf zwei herrliche Seſſel einem kleinen Tiſche gegenüber geſetzt hatte, begann der Miniſter das Geſpräch. „Ich dächte,“ ſagte er,„ich hätte Ihr Geſicht ſchon ein Mal geſehen? Erinnern Sie ſich nicht, daß wir irgendwo zuſammengetroffen ſind?“ „Ich habe nie die Ehre gehabt, perſönlich mit Ew. Excellenz zu verkehren.“ „Doch, doch, ich irre mich ſelten. Nun, es iſt einerlei. Beginnen wir unſre Bekanntſchaft mit dem heutigen Tage. Jeder Anfang derſelben kann mir nur ſchmeichelhaft ſein. Ich habe Ihnen meine Aufwartung geſtern gemacht, weil ich ſo gern glückliche Menſchen ſehe. Die Zeiten ſind ſo trübe!“ — — 415— „Ich bin glücklich! Das iſt wahr, und ich geſtehe es gern ein.“ „Vorher ſchon, ehe ich Sie ſah, bildete ich mir das ein; jetzt, da ich Sie vor mir ſehe, bin ich mir deſſelben deutlich bewußt. Sie haben auch allen Grund, Ihrem Geſchicke dankbar zu ſein— in der That, ich kann mich noch gar nicht davon erholen— der erſte Augenblick, als ich es hörte, war überwältigend— Sie haben ein großes Glück gemacht. Hoffentlich werden Sie es benutzen! Werden Sie im Lande bleiben?“ „Ich war ſchon der Meinung,“ dachte Eduard bei ſich,„er wollte mir gute Lehren geben. Aber halt, jetzt fängt er an, mich zu ſondiren. Joſephſon iſt doch ein ſchlauer Kerl! Ja!“ erwiderte er offen und freundlich, „ich werde im Lande bleiben und mich darin ankaufen obendrein.“ „Dann kann ich Ihnen vielleicht förderlich ſein. Ich kenne ein Gut, das zu verkaufen iſt, ein Stück Land, wo ein reicher Mann, wie Sie, wie ein König leben und herrſchen kann.“ „Ich ziehe das Leben dem Herrſchen vor, Excellenz, aber wem gehört jenes Gut— vielleicht Ihnen?“ „Bewahre! Ach ich! Ich bin ein armer Mann! Es gehört dem jetzt im Auslande lebenden Fürſten Tutti⸗ frutti, war früher eine königliche Domaine, die dem Groß⸗ vater des Fürſten ehemals für ſeine im Kriege geleiſteten — 116— Dienſte zum Gnadengeſchenk gemacht wurde. Sie haben vielleicht von dieſem Manne ſprechen hören?“ „Nein, ich kenne ihn nur dem Namen nach. Er iſt alſo nicht ſehr reich?“ „Durchaus nicht, im Gegentheil. Darum wäre es eine wahre Wohlthat für ihn, wenn er das Land ver⸗ kaufen könnte. Seine Majeſtät, um ihn aus ſeiner finanziellen Lage zu ziehen, hat bereits ſeine Genehmigung zu dem Verkaufe ertheilt. Er würde ſelbſt den Kauf⸗ ſchilling zurückerſtattet und die Domaine wieder an ſich gebracht haben, aber— Sie wiſſen, die Gelder ſind heut' zu Tage knapp.“ Der reiche Erbe fühlte dies durchaus nicht, dennoch nickte er beifällig.„Wo liegen die Güter?“ fragte er. „Nur eine gute Meile von der Sonaneſideng bis Königs entfernt.“— „Das wäre mir grade recht. Iſt das Land gut?“ „Vortrefflich, und nicht theuer.“— „Das iſt mir ziemlich gleichgiltig.“ „Das dürfen Sie nicht Jedermann und laut ſagen. 4 „Warum nicht? Wenn es mir zu theuer iſt, kaufe ich es nicht.“ „Freilich! Freilich!— Haben Sie keine Luſt, den Staatsdienſt zu treten?“ „Aha!“ dachte der Erbe.„Jetzt fängt er an, mich zu preſſen. Joſephſon iſt doch ein ſehr ſchlauer Kerl -— — —— ᷣ— — 117— Nein!“ antwortete er beſtimmt.„Meine Aufgabe iſt außerhalb des Staatsdienſtes geſtellt, und die muß ich erfüllen. Ich will ein Privatmann bleiben.“ „Ich wüßte doch nicht, ob ich an Ihrer Stelle eben ſo dächte. Reichthum iſt allerdings ein ſchönes Ding, der Grund von allem Uebrigen. Rang jedoch und ein Name ſind indeſſen auch nicht zu verachten.“ „Einen Namen hab' ich bereits, Excellenz, ſogar drei; mein Vater hieß Stolling, mein Pflegevater Woll⸗ zagen, mein Adoptivvater Hutten, dieſe drei Namen in einen verwandelt, machen, dünkt mich, einen ganz guten Namen: Hutten⸗Stolling⸗Wollzagen! Und was meinen künftigen Rang betrifft, ſo bin ich geſonnen, mir den ſelber anzuweiſen.“ —„Vortrefflich, junger Mann, ich verſtehe Sie voll⸗ kommen. Würde es vielleicht ein Anderer in Ihrer Lage und in Ihrem Alter eben ſo machen. Hm! hm! Alſo gar keinen Ehrgeiz—? Nicht ein bischen Luſt, auf den Köpfen der Menſchen ſpazieren zu gehen?“ „Nicht den geringſten, Excellenz— ich lege mich lieber in den Herzen der Menſchen zur Ruhe!“ „Aha! Sehr gut geſagt! Ihr Ehrgeiz, wollen Sie ſagen, beſchränkt ſich allein darauf, einige Menſchen mehr glücklich zu machen, als es leider ſo wenige ſind. Ich verſtehe. Das iſt ſchon Etwas. Aber das i*ſt auch ſchon ein Ehrgeiz, und noch dazu ein recht großer. — 118— „Wenn Sie es ſo verſtehen, ſo bin ich in dieſer Art allerdings ehrgeizig. Außerdem bin ich Vürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika, und— „Ah— Sie ſind Republikaner?“— Und die Excellenz ſchnitt beinahe ein ängſtliches Geſicht. „Keinesweges, meine Verhältniſſe machten mich dazu; auch habe ich ſchon die Ehre gehabt, zu bemerken, daß ich hier— in einer Monarchie— mich anſäſſig machen will. Ich liebe das Königthum von ganzem Herzen, bin darin erzogen und ein Mann geworden, und ſo Gott will, werde ich es auch fernerhin beweiſen.“ „So, ſo! das iſt ſehr ſchön! mir ſehr lieb! Wiſſen Sie, daß Se. Majeſtät ſehr neugierig iſt, Sie zu ſehen?“ „Aha! jetzt fängt er an zu entern!“ dachte Eduard. „Der Joſephſon iſt doch ein ſehr, ſehr ſchlauer Kerl! Neugierig?“ erwiderte er laut.„Sollte ein König neu⸗ gierig ſein, Excellenz? das habe ich mir nie gedacht. Sollte Seine Majeſtät aber demnach dieſe kleine Neu⸗ gierde in Bezug auf mich hegen, ſo hat ſie nur zu befeh⸗ len— ich werde augenblicklich gehorchen. Ueberdies habe ich ſelbſt ein kleines Anliegen.“ „An mich?“ „An Se. Majeſtät, Excellenz.“ „Das iſt mir ſehr lieb, erfreut mich wahrhaft— — ich werde es melden. Beſuchen Sie Geſellſchaften?“ „Durchaus nicht. Später, wenn ich mein eigenes 3 Haus habe, werde ich darauf bedacht ſein, Menſchen von Auszeichnung, Talent und Edelmuth bei mir zu ſehen— mit dem Flittertroß mag ich nicht verkehren. Für jetzt habe ich mehr zu thun, ich muß meine ſpäteren Hand⸗ lungen bedenken.“ „Da haben Sie wieder ſehr Recht. Ja, Sie können ſich prächtig anbauen.“— „Sobald ich einen Ort finde, der mir zuſagt, ſoll es geſchehen.“ „Kaufen Sie doch die Inſeln des Fürſten—“ „Die Inſeln?“ „Ja, habe ich das nicht geſagt? Mitten in dem ſchönen Fluſſe liegen ſie, der die beiden Reſidenzen ver⸗ bindet, an dem großen Wege, der von der einen zur andern führt.“— „Es iſt doch nicht die Schnepfeninſel— eine Meile von der Sommerreſidenz?“ „Dieſelbe— ja, auch die Königsinſel genannt, mit dazu gehörigen andern Inſeln, Forſten und Aeckern am Lande.“— „Sie erfreuen mich in der That— ich kenne dieſe köſtlich gelegene Inſel. Auf meinen Wanderungen von der Hauptſtadt in meine Heimath habe ich ſie oft mit ſtillem Vergnügen betrachtet, und den Menſchen glücklich geprieſen, der darauf wohnen könnte. Sie machen mir — 120— große Luſt, dieſelbe noch ein Mal in der Nähe zu ſehen — ich bin Ihnen aufrichtig dankbar.“— „Und der König? Darf ich ihm melden, daß Sie zu ihm kommen?“ WMeine Gedanken darüber habe ich ſchon geäußert.“ Eduard erhob ſich. Nach einigen Augenblicken war der freundlichſte Abſchied gegeben und genommen, und Eduard befand ſich wieder auf dem Wege nach ſeiner ſtillen Wohnung, wo Joſephſon in der größten Spannung des Ausgangs der miniſteriellen Unterredung wartete.— Am nächſten Morgen, in aller Frühe, empfing der Erbe, deſſen unvermuthete Erhöhung in raſch aufſteigen⸗ der Linie zu ſein ſchien, ein ſehr zierliches Schreiben von Seiten des Finanzminiſters. Er, der Schreiber, ſo hieß es darin, ſei ſo glücklich geweſen, noch am geſtrigen Tage von Sr. Lueni dem Könige empfangen zu werden, und habe die Gelegenheit wahrgenommen, ſogleich von Herrn Hutten⸗Stolling⸗Wollzagen zu reden. Se. Majeſtät wünſche ihn noch heute zu ſprechen, und er, der Miniſter, werde ſich die Ehre geben, in ſeinem eigenen Wagen Nachmittags vier Uhr ſeinen jungen Freund abzu⸗ holen und dem Könige in Ludwigsburg vorzuſtellen. Als Joſephſon kam und den Brief las, von allen Seiten beſah und beroch, machte er ein ſehr betroffenes Geſicht. Auf Eduards Frage, was ihn denn bediliee rief er beinahe ſchnerzlich aus: 4 “— — — 121— „Das muß ich geſtehen, das geht raſch mit Dir. Gieb Acht, gieb Acht, ſie wollen Dich wirklich fiſchen. Ich ſehe die großen Netze ſchon von Weitem, und Du, einſt ſo weit vom Staatsdienſte entfernt und uns ſo ganz angehörend, wirſt Dich in ihren Maſchen verlieren und wir Dich dabei mit. Ich halte das offenbar für ein Unglück, was hiermit Dir, uns Allen und Deiner Zukunft begegnet iſt.“. Eduard, ſo tief ihn der egoiſtiſche Kummer des Freundes, der nur aus ſeiner Liebe entſprang, bewegte, lachte doch laut und herzlich über ſein betrübtes Geſicht. „Nimm es mir nicht übel,“ ſagte er,„aber Du biſt eifer⸗ ſüchtig auf mich, ehe Du einen Nebenbuhler haſt. Ich in einen Staatsdienſt treten, mich zum Sclaven hingeben, wo ich freier Herr meiner Zeit, meines Vermögens, meines Willens bin? Du kennſt mich doch eigentlich noch nicht genug, ſo gut Du mich auch zu kennen vorgiebſt. Es handelt ſich blos um eine kleine königliche Neugierde, der Miniſter hat es mir, höchſt undiplomatiſch, geſtern ſchon verrathen, und um einen Ankauf, den der König zum Theil ſelbſt in Händen hat. Außerdem aber, laß es Dir geſagt ſein, damit Dein Schreck vollſtändig ſei, wenn der König mich nicht zu ſprechen verlangt hätte, würde ich ihn ſelbſt um eine Audienz in kurzer Zeit gebeten haben.“ „Du— eine Audienz? ich verliere gänzlich den Faden in Dein Herz.“— „Du wirſt ihn noch vor morgen wieder gefunden haben. Ich trage eine patriotiſche Bitte auf meinem Herzen, die ich nur den Ohren des Herrſchers allein vor⸗ tragen kann und will, und das iſt meine ganze Abſicht. Wenn man mich übrigens in den ſogenannten Staats⸗ dienſt treiben und klemmen wollte, ſei getroſt, ich würde ihnen eher entſchlüpfen, als ſie mich gefaßt hätten. Nein, nein, Wolf, dies Mal haſt Du vor Lämmern Angſt; es iſt das erſte Mal, daß ich Dich davon laufen ſehe, Du haſt Dir Deinen Pelz doch am Ende nur geborgt!“ Aber dem alten Wolf wollte dieſer geborgte Pelz gar nicht gefallen. Er brummte noch eine ganze Zeit, und als er nun Nachmittag um die beſtimmte Stunde den herrlichen Wagen des Miniſters heranrollen hörte, fühlte er ſein Herz ſich wahrhaft krampfartig zuſammen ziehen. Er vermied Eduards Auge und blickte abſeits, als dieſer ihm lächelnd Lebewohl ſagte. „Wie iſt Dir zu Muthe?“ fragte Joſephſon. „Mir? Ganz vortrefflich. Ich will einen Menſchen beſuchen, der zufällig König iſt, wie ich zufällig Eduard Hutten Stolling bin. Sieh' dort hin, in den Spiegel, und wenn Du heute nicht über Dein lämmiſches Geſicht lachſt, ſo wirſt Du es in einigen Wochen thun, wenn wir auf den Brettern nach einem andern Erdtheile ſchwimmen. Gehbe dic wohl, mein Freund, und ſorge nicht n um mich. 4 5—₰ — — — 123— Mit dieſen Worten ſtieg er in den Wagen, von den glückſeligſten Blicken der Frau Schwarzkopf und ihrer Nachbarn verfolgt, denen ſich ſchon in ihrer Seele der Himmel geöffnet hatte. „Zum König fährt er!“ rief die Tiſchlersfrau ein Mal um das Andere.„Großer Gott! Zum König! Wer hätte das gedacht! O, Herr Ramkau, Herr Ramkau, was haben Sie für einen dummen Streich gemacht! Höre, Anna, ich werde mir doch müſſen ein ſeidenes Kleid machen laſſen, ich ſehe es kommen, daß ich es gebrauchen werde!— Der König war alſo in Ludwigsburg. Raſch trugen die ſchnellen Pferde den Miniſter und ſeinen Begleiter dahin. Ein Kammerherr empfing ſie und warf einen beinahe grabenden Blick auf den letzteren. Sie wurden in ein Vorzimmer geführt; der Kammerherr verließ ſie, und einige Augenblicke ſpäter meldete er zurückkehrend: der König käme ſelber heraus. Gleich darauf öffnete ſich eine kleine Thür, wie von ſelbſt. Der König behielt den Drücker in der Hand und nickte freundlich. Sogleich ſtellte der Miniſter ſeinen Begleiter vor. Der König winkte mit der Hand, und Eduard folgte dieſem Winke in das Gemach des Monarchen ſelber. Die Thür ſchloß ſich hinter ihm,— er war mit dem mächtigen Manne allein. — 121— Jetzt erſt ſtellte ſich der Monarch vor ſeinen Gaſt und betrachtete ihn ruhig, vom Kopf bis zu den Füßen, aber mit ungemein mildem Geſichtsausdruck, und um ſo milder wurde derſelbe, als er ſah, mit wie großer und doch einfacher Würde und Gelaſſenheit der junge Mann vor ihm ſtand, der nie einem großen Könige ſo age geſtanden hatte. Der König ſelbſt war von großer Geſtalt, edlem Kopf, und trug die majeſtätiſchen, gefälligen Züge ſeines großen Stammes auf ſeinem Antlitz. Sein Haar war ſchon etwas in's Weißliche ſpielend, ſeine Geſichtsfarbe aber noch friſch, und ſein ſprechendes tiefblaues Auge bei⸗ nahe ſo klar, aber bei Weitem nicht ſo ſchön gefärbt, wie das des jungen Mannes, der ruhig, den Hut in der Kand, wartete, bis der König ſprechen würde. Endlich begann er das Geſpräch, und ein ſichtbares Wohlgefallen erhellte alle ſeine Züge, während er ſprach: „Ich ſehe, Sie ſind eben ſo wenig ein Pirat wie der Abkömmling eines Mohren, wie jene lügneriſche Zei⸗ tung ſagt. Im Gegentheil, Sie ſind ein ſchöner, ein junger und, wie mir ſcheint, ein hoffnungsvoller I— „Ich bin eben ſo wenig ein Pirat oder ein Mohr, gnädiger Herr, als Ew. Majeſtät das ſind, was dieſelben lügneriſchen Zeitungen von Ihnen geſagt haben.“ „Ja, ja, es iſt wahr. Es iſt eine traurige Zeit! Die öffentlichen Blätter, die man ſonſt ſo gern aus Neu⸗ * — 125— gierde, Theilnahme, und um ſeine Geſchichtskenntniſſe zu bereichern, las, ſind jetzt der Tummelplatz aller niedrigen Leidenſchaften, des Neides, des Haſſes, der Verſpottung alles Heiligen und Göttlichen, und weiß Gott weſſen geworden. Das hat man von der ſogenannten Freiheit der Preſſe.“ „Ew. Majeſtät wiſſen es wohl, der Menſch, der in vielen Dingen erhaben iſt, muß auch einen Ort in der Welt haben, wohin er ſeinen Unrath legt. Ohne unſre Leidenſchaften und Mängel wären wir Götter, da wir mit ihnen nur halb Engel und halb Thiere, das heißt— Menſchen ſind.“ „Ja wohl, ja wohl, Sie haben Recht. Aber etwas Teufelei iſt auch dabei. Man möchte beinahe daran glauben. Sie haben ſtudirt?“— „Die mediziniſchen und Naturwiſſenſchaften. Mit erſteren war ich fertig; in den letzteren wurde ich unter⸗ brochen, um einem höheren Studium nachzuhängen, das ich jetzt auszubeuten mich bemühe.“ 2„Das war doch aber eine ganz angenehme Unter⸗ brechung, ſcheint mir. Sie haben eine ſchöne Aujgabe vor ſich.“ „Schön iſt ſie, aber auch ſchwer, und den verſchie. denartigſten Urtheilen unterworfen.“ „ ‚Daran muß man ſich nicht kehren. Man kann es nicht Allen zu Willen thun. Fragen Sie Ihr eigenes — 126— Gewiſſen, junger Mann, das thue ich auch.— Was wollen Sie mehr? Sie ſind nur Privatmann, unab⸗ hängig durch Reichthum, erheitert durch Ihre Wiſſen⸗ ſchaften und den Genuß der ſchönen Künſte— das iſt ſehr viel, und ich gäbe etwas darum, an Ihrer Stelle ſein zu können. Ich möchte wohl ein Privatmann unter Ihren Bedingungen ſein.“ „Das erkenne ich ebenfalls an und bin vollkommen befriedigt, ich ſchätze deshalb meinen Beſitz höher, als ſogar den einer Krone.“ „O, wie weiſe ſind Sie ſchon in Ihrem Alter! Ja, heut' zu Tage iſt der Beſitz einer Krone nicht der höchſte Beſitz, wie ehedem. Gerade von uns Königen verlangt man, daß wir das Irdiſche von uns werfen und allein das Göttliche behalten. Man vergißt hierbei, daß wir als Menſchen geboren wurden, Menſchen ſind und bleiben werden.“ „Man vergebe den Thoren ihre Thorheit. Wenn ein König nur nie vergißt, daß er Menſchen, wie er ſelbſt iſt, zu regieren hat; das iſt für ihn wichtiger, als ſich über die Vorwürfe der Unwiſſenheit und Böswilligkeit zu grämen, und wer Ew. Majeſtät hierin kennt, kann beruhigt ſein.“ „Glauben Sie das ja nicht. Grade mich, ue man mich kennt, ſchmäht man am meiſten. 4 —y —yÿ — 127— „Ihre Ohren hören es nicht— müſſen es nicht hören.“ „Das iſt bald geſagt. Auch nur ſich geſchmäht zu wiſſen, es ſich zu denken, zumal man ſich bewußt iſt, eine beſſere Beurtheilung und Würdigung verdient zu haben, iſt ein trauriges Loos. Ich verdenke Ihnen gar. nicht, daß Sie nicht mit mir tauſchen wollen.“ „Der Unſchuldige kann eine größere Laſt tragen als der Schuldige. Gott giebt ihm Kraft.“ „Das allein muß auch mich tröſten.— Sie wollen ſich ankaufen, höre ich. Die Inſel des Fürſten Tutti⸗ frutti, ſagt man. Das iſt recht. Ich habe ein Schloß dicht dabei, ſo werden wir Nachbarn— können uns beſuchen!“ „Ew. Majeſtät ſind zu gnädig!“ „Laſſen wir die Gnade, auch ſie wird Einem oft genug verleidet. Ich bin aber gern unter Menſchen, die mich verſtehen, Gleiches mit mir fühlen. Aufrichtig geſagt, Sie gefallen mir. Auch können Sie mir und Ihrem Vaterlande vielleicht von Nutzen ſein. Ich höre, Sie haben große Pläne, zum Beſten der Wiſſenſchaften, Künſte und Gewerbe?“ 8 „Ja, ich habe Pläne. Was in meinen Kräften liegt, will ich thun.“ „ Das iſt recht, das gereicht Ihnen zum Ruhme, zur Ehre. Ich muß Ihnen das gleich am Anfang unſe⸗ — 128— rer Bekanntſchaft ſagen; ich liebe die Künſte, die Wiſſen⸗ ſchaften, die Entfaltung und das Gedeihen der Gewerbe ſehr, ja, ich verehre ſie, weil aus ihnen nur Gutes für die Menſchheit ſprießt. Ich habe eine vortreffliche Er⸗ ziehung in der Art genoſſen— leider darf ich mich ihnen nicht mit ſo ganzer Seele wie der ſchwereren Kunſt weihen, ein ganzes großes Volk zufrieden und glücklich zu machen.“ „Es wird Ihnen gelingen.“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Vielleicht auch gehe ich darüber zu Grunde, doch das darf mich von meinem Wege nicht abbringen. Laſſen wir das.— Sie wollen Kunſtſchulen errichten, ſagt man, haben ſchon Künſtler um ſich, deren Werke ich bewundere— ziehen Sie uns nicht das Beſte fort!“ „O! Eure Majeſtät hat ſo viel des Schönen und Guten. Ich nehme nur die jüngeren Künſtler in An⸗ ſpruch, laſſe ſie ſich unter meinem Schutze üben. Sind ſie reif und mit ſich ſelber einig— mögen ſie die Welt und die Könige beglücken, ich finde Andre— ich bin nur der Anfang— Sie das Ende.“ „Hm! ſehr gut geſagt!— Machen Sie Ernſt mi mit der Inſel, ich freue mich darauf.— Sie gehen nach Amerika?“ „In einigen Wochen, ſo Gott wil Die Pfiiht der Dankbarkeit und Pietät ruft mich dahin; auch will ich —V— — — 129— für mich ſelber ſammeln und lernen, damit ich beſſer nützen kann.“ „Wollen Sie mir einen Gefallen thun?“ „Ich ſtehe ganz zu Euer Majeſtät Befehlen.“ „Nein, das iſt nicht wahr. Man hat es mir ſchon geſagt. Mit Staatsgeſchäften geben Sie ſich nicht ab, Dienſte nehmen Sie nicht; nun! es wäre auch Thorheit, ſich eine Laſt aufzubürden, wo der Schöpfer uns ſelbſt keine gegeben hat— ich verdenke es Ihnen nicht, würde es eben ſo machen. Aber wenn Sie mir gefällig und Ihrem Vaterlande nützlich ſein können, ſo thun Sie es doch gewiß?“ „Für meinen König und für mein Vaterland Alles — ich ſage nicht zu viel! Auch habe ich in dieſer Be⸗ ziehung ſelbſt eine Bitte vorzutragen.“— 8 „Davon nachher, zuerſt die meine. Ich will mit Nordamerika und Mexiko einen neuen Handelsvertrag ſchließen, zum Vortheil unſeres Landes und unſerer Kauf⸗ leute. Ich möchte einen Geſandten hinſchicken. Man findet nicht immer die geeigneten Perſönlichkeiten, die unparteiiſch nach Oſt und Weſt ſehen. Sie ſind natu⸗ raliſirter Amerikaner, und wenn Sie ſich hier niederlaſſen, auch Bürger unſeres Staates— wollen Sie für Ihr erſtes Vaterland bei Ihrem zweiten wirken?²“ „Ja, unter der Bedingung, daß ich dadurch nicht verhindert werde, meiner Lebensaufgabe mich hinzugeben. Der Inſelkönig. IV. 9 Auch habe ich Gründe, zu wünſchen, daß mein Name nicht als Beamter in öffentlichen Blättern genannt werde.“ „Beides nehme ich an. Sie ſollen mein wirklicher geheimer Geſchäftsträger ſen.— Mühen ſollen Sie davon nicht haben— Koſten, nun—“ „Ich ſcheue Beides nicht.“— 3 „Das weiß ich. Wollen Sie ſich von unſeren An⸗ ſichten unterrichten?“ „Gern!“ „Und mich in Washington und Mexiko vertreten?“ „Sehr gern!“ „So haben Sie mir heute eine doppelte Freude gemacht. Wir werden noch öfter darüber ſprechen. Sie beſuchen mich noch vor Ihrer Abreiſe. Wieviel Gehalt wollen Sie?“ „Keines— ich bin reich. Ich thue es nur zum Wohle des Vaterlandes.“ „Ich danke Ihnen im Namen deſſelben. Und nun Ihre Bitte!“ „Majeſtät, eiſg iit betrifft wieder m mein Vater⸗ land. Ich fühle mich demſelben verpflichtet in doppelter Beziehung. Es bedarf noch manchen Beſitzes, den es jetzt noch nicht inne hat, und der in meinen Augen und in den Augen Unterricheter dennoch ſehr nothwen⸗ dig iſt.“ „Ach ja! Was meinen Sie?“ „Ich meine unſere Marine.“ „Aha! Ich bin vollkommen Ihrer Meinung.“ „Ich beſitze vier Schiffe, von denen ich drei ſchon jetzt nicht mehr brauche, auch das vierte werde ich nur noch einige Zeit bedürfen. Alle vier ſind ſchön, ſtark, dauerhaft. Darf ich ſie unſerer Handelsflotte einver⸗ leiben, unter der Bedingung, wenn mich eines oder das andere einmal wieder nach Amerika tragen ſoll, es benutzen zu dürfen.“ „Sie ſind ſo großmüthig wie offenherzig. Was ſoll ich Ihnen dagegen geben?“ „Ihr königliches Vertrauen.“— „Wohlan, ſo tauſchen wir mit unſeren Gaben.“— „Noch Eins! Ich habe ſehr viel Beſitz. Nachdem ich Alles und Jedes bedacht, bleiben mir noch große Summen jährlich zur beliebigen Verwendung. Sparen will ich und darf ich nicht. Darf ich unſerem Vaterlande alle Jahr ein Neujahrsgeſchenk mit einem Kriegsſchiffe machen, einem größeren oder kleineren, je nachdem meine Mittel ſind?“ „Wie? das iſt Ihr Ernſt!“ „Ich ſpreche und verſpreche nie etwas, was ich nicht zu halten den feſten Vorſatz habe.“— „Sie verpflichten mich wahrhaft. Ich glaubte nicht, daß es ſolche Menſchen wie Sie in meinem Staate gäbe!“ .. 9* ———— — 132— „Es giebt ihrer noch beſſere!“ „Ja wohl, ſie laſſen ſich nur nicht blicken!“ „Auch ich wäre verborgen geblieben, wenn mich nicht Gottes Wille und eines Mannes Auge aus meiner Dun⸗ kelheit hervorgezogen hätte.“ „Ich bin Beiden dankbar dafür und Ihnen für ſich ſelber. Wenn ich alle Tage einen ſolchen Menſchen fände, würde ich der beneidetſte Monarch ſein.“ Eduard ſchwieg und regte ſich nicht. Er ſchien das Kompliment nicht zu hören. „Und die Inſel?“ fragte der König.„Sie ſehen, ich möchte Sie ſehr gern zum Nachbar haben.“ „Ich werde ſie kaufen.“ „So bin ich zufrieden!“— Das Geſpräch war zu Ende. Der König reichte dem jungen geheimen Geſandten die Hand und drückte ſie feſt, indem er ihm tief in das redliche blaue Auge ſah. Eduard hielt den Blick aus, ſo feſt und eindringlich er war, nur ſein eigenes Auge leuchtete höher auf. Darauf verbeugte er ſich, und einige Augenblicke ſpäter ſaß er im Wagen neben dem ſeiner harrenden Finanzminiſter, der nicht ahnte, daß er einen neuen Freund ſeines Königs 3 neben ſich habe.— Als Eduard wieder in ſein Zimmer trat, fand er Joſephſon in der größten Spannung ſeiner warten. — 133— „Nun?“ fragte er.„Wie iſt es Dir ergangen?“ „Gut, Wolf, ſehr gut!“ „Du biſt ſo einſylbig. Hat Dich die Majeſtät nie⸗ dergeſchmettert?“ „Nicht im Geringſten. Ich habe in ihr einen guten, unterrichteten, am Wohle des Vaterlandes redlich arbei⸗ tenden Menſchen gefunden, der mir wohl will.“ „Das glaube ich und Du ihm. Was war der Gegenſtand der Audienz?“—. Eduard, der den lauſchenden Herzſchlag des Freundes beinahe hörte, fand ein Vergnügen daran, ſeine Spannung noch höher zu treiben. „Wir haben uns unterhalten,“ ſagte er langſam. „Ich habe mich entſchloſſen, eine Inſel anzukaufen. Außerdem habe ich meine Schiffe angeboten. Sie ſind angenommen.“ „Das dachte ich. Und— nun— aber wie iſt es mit dem Staatsdienſt?“—. „Ah ſo— das iſt auch abgemacht. Ich bin Ge⸗ ſandter in Amerika, und Du Legationsrath.“— „Ah— bah!“ rief der Referendar, und riß die Augen ſo weit auseinander, daß die ſie umgebende Haut beinahe platzte. Eduard lachte in ſeiner unſchuldigen Herzensfreude laut auf und drückte den Freund an ſeine Bruſt. Dann — 134— ſetzte er ſich mit ihm und erzählte ihm Wort für Wort, was er mit dem Könige geſprochen hatte. „Biſt Du zufrieden mit mir, Joſephſon?“ „Durchaus— trotz alledem bleiben wir Privatleute.“ „Das bleiben wir. Ja!“— Fünftes Kapitel. Die Inſel. Die Verhandlungen mit dem Agenten des abweſenden Fürſten wegen Verkaufs ſeiner Ländereien hatten begon⸗ nen. Der König hatte die Genehmigung dazu ertheilt. Es wurden ohne weitere Anfragen 800,000 Thaler ge⸗ fordert. Es blieb daher nur noch übrig, die Grundſtücke, zu beſichtigen und dann den Kauf abzuſchließen, wenn er für erſprießlich gehalten werden ſollte. Waldau drängte mit Leibeskräften nach einer Entſcheidung; er konnte den Augenblick nicht mehr erwarten, wo er mit ſeinen ſchon bezeichneten und ausgerüſteten Truppen in's Feld rücken und die lange gehegten Pläne ſeines Herzens in die Wirk⸗ lichkeit hinuͤberführen ſollte. Ernſt war mit ſeinem Va⸗ ter und Karl Michel nach der Stadt gekommen; alle drei wollten mit vereinigten Kräften dem Architek⸗ ten zur Seite ſtehen und waren ebenfalls auf den An⸗ — 136— blick ihres künftigen Wohnſitzes geſpannt, denn Eduard hatte ihnen eröffnet, daß ſie für ſich ſelbſt, nach eigenem Geſchmack, das Innere ihrer Häuſer einrichten könnten, deren Aeußeres, der Uebereinſtimmung wegen, von Wal⸗ dau's kunſtreicher Feder entworfen war. Der Winter erlaubte übrigens einen frühzeitigen Beginn der Arbeiten, denn mit der ſtrengen Kälte im December ſchien er ſich für diesmal erſchöpft zu haben. Es war beinahe Früh⸗ lingswetter eingetreten; bei mehreren Graden Wärme leuchtete die Sonne heller wie ſonſt erſt im März, und ſelbſt die ſtrengen Winde ſchienen für dieſes Frühjahr ihren Rückzug von der Erde genommen zu haben. An einem ſolchen ſchönen Tage verſammelten ſich denn auch früh Morgens beim Bankier Ermeling die an der Beſichtigung der anzukaufenden Grundſtücke Theil nehmenden Freunde. Außer dem Bankier und ſeiner Tochter, die für ſich ſelbſt ſchon ein ſo großes Intereſſe an der neu zu gründenden Heimath hatten, fanden ſich ein: Eduard und der nie fehlende Jeſephſon, der Zimmermei⸗ ſter Doſſow, Ernſt und Karl, die beiden Amerikaner, Mr. Staunton und Mr. Treaden und endlich Waldau ſel⸗ ber mit einem hochkundigen Oekonomen, den er ſogleich gewonnen und zu Eduards großem Vergnügen bei den vorzunehmenden Arbeiten und Einrichtungen betheiligt hatte. Dieſe elf Perſonen vertheilten ſich je nach ihrer Neigung in die drei mit raſchen Poſtpferden beſpannten —— — 137— Wagen und fuhren ſchnell dem Orte ihrer Beſtimmung entgegen. Schon um elf Uhr Morgens waren ſie an Ort und Stelle. Doch gehen wir ihnen voran und ma⸗ chen wir uns vor ihnen mit der Lage, der Umgebung und dem vorgefundenen allgemeinen Inventarium der aus⸗ gebotenen Grundſtücke bekannt. Die Sommerreſidenz ſelbſt, von der wir ſo oft ge⸗ ſprochen haben, war eine Stadt von ungefähr 50,000 Einwohnern. Sie lag ſelbſt auf einer Inſel deſſelben ſchönen Fluſſes, der auch die beiden kleineren umſpülte, von denen ſogleich die Rede ſein wird. Jene erſtere, die durch ihren fruchtbaren, mit ſchönen Bäumen und reichen Aeckern geſegneten Grund und Boden der Anlage einer Stadt günſtig geweſen war, hatte ungefähr vier Meilen im Umfange. Unmittelbar hinter der Stadt, die auf der Nordſpitze dieſer Inſel gelegen war, vereinigten ſich die beiden Arme des Fluſſes wieder zu einem großen Strome, der ſich von Strecke zu Strecke ſeeartig erwei⸗ terte, dann allmählig wieder enger zuſammenzog und ſo die natürlichen Reize einer an ſich ſchon ſchönen, romanti⸗ ſchen Gegend durch größere und kleinere Waſſerbecken vermehrte. Denn die Ufer dieſes eben ſo klaren wie ge⸗ wöhnlich ruhigen und in ſchönſter Bläue ſich ſpiegelnden Fluſſes bildeten eine ziemlich gleichmäßig fortlaufende Kette von anmuthigen Höhen und dazwiſchen eingeſtreuten Wie⸗ ſen und Gartengründen, in deren Tiefe Dorf um Dorf, Landhaus um Landhaus ſich eingeniſtet hatten. 138— Die Höhen ſelber waren mit den herrlichſten alten Bäumen, vorzüglich Eichen, Buchen und Edeltannen geſchmückt, welche letztere namentlich viele Landhäuſer regelmäßig umgaben und hierdurch ſchon dem fernſchauenden Auge des Wanderers den Wohnſitz glücklicher Menſchen ver⸗ riethen. Denn glücklich waren dieſe Menſchen. Des allgemein verehrten Monarchen Kunſtſinn und heimiſche Neigung hatte dieſe Gegend mit vielen Denkmälern ſeiner Großmuth geſchmückt, er hatte treuen Dienern, fleißigen Beamten hie und da einen Wohnſitz erbaut und für ſich ſelbſt und ſeine Prinzen die freundlichſten Sommervillen eingerichtet. Wo ſonſt noch eine paſſende käufliche Stelle zu finden war, da hatten der wohlhabende Adel, reiche Privatleute oder Handelsherren ſich angebaut und ſo ver⸗ folgte das Auge, wenn man den Strom langſam hinab⸗ fuhr, eine faſt ununterbrochene zuſammenhängende Kette von Natur⸗ und Kunſtſchönheiten in abwechſelndſter Ge⸗ ſtaltung. Unmittelbar nach dem Zuſammenſtrömen beider Flußarme zwängte ſich der durch die Eindämmung un⸗ willige Strom zwiſchen nahe ſich gegenüber liegenden Bergrücken dahin. Sobald er dieſen engen Weg über⸗ wunden, athmete er gleichſam wieder freier und lebendiger auf und dehnte ſeinen glatten blauen Spiegel weit nach Hier war der ſo entſtandene See allen Richtungen aus. beinahe meilenbreit, kaum konnte man ſeine entfernteſten 1 — 139— Ufer mit dem Auge erreichen und in tiefſter Perſpektive erblickte man nur auf zwei höher gelegenen Bergrücken die matten Umriſſe kleiner zierlicher Bürgen, von denen die eine ein königlicher Prinz, die andre ein wohlhaben⸗ der Kaufmann gegründet hatte. Hatte man dieſen See durchſchnitten, ſo gelangte man nun erſt recht eigentlich in die belebteſte und anmuthigſte Gegend des Fluſſes. Die Berge rückten einander wieder näher und waren mit den herrlichſten Wäldern geſchmückt, Landhäuſer drängten ſich an Landhäuſer, deren Bewohner ſich auf beflügeltem Kiele, in kleinen Ruderſchiffchen oder geſchmeidigen S booten auf dem klaren Spiegel des Waſſers nachbarlich begegneten. Gerade in der reizendſten Umgebung dieſer romantiſchen Gegend breitete ſich plötzlich der Fluß wie⸗ der mit aller Mächtigkeit aus, das grüne Land mit ſeinen Bergen und Bäumen wich zurück und verlor ſich in be⸗ ſcheidener Ferne. Da trat denn mitten in dem ſeeartigen Gewäſſer, ſchon aus weiter Ferne ſichtbar, die ſchattenreiche erſte Inſel, die Schnepfen⸗, auch Königsinſel genannt, hervor, ließ ihre grünen Wipfel hoch in die reine Luft ragen und nach ungefähr dreiviertel Meilen Länge ſich wieder an den Armen des Fluſſes umſchließen. Ihre Breite betrug eine halbe Meile; die ihrer Oſt⸗ und Weſt⸗ ſeite zugekehrten Uferränder waren mit den ſchönſten Wal⸗ dungen auf freundlichen Bergen bedeckt. Auf der höchſten Spitze dieſer Berge, im Weſten der Inſel, ſtand nun die — 10— ſogenannte Königsburg, ein Luſtſchloß des Monarchen, welches derſelbe jeden Sommer zu ſeiner Erfriſchung auf einige Wochen beſuchte. Unmittelbar hinter dieſer erſten Inſel war der Fluß ſeeartig ausgebreitet, umſpülte aber eine Viertelſtunde nordwärts die zweite ſogenannte Fiſcherinſel, welche von einem heiteren, aber armen Fiſcher⸗ volke bewohnt war, das ſich ſeine kleinen Häuschen in unmittelbarer Nähe des flüſſigen Elementes erbaut hatte. Ddiieſe Fiſcherinſel gehörte zu dem zu verkaufenden Grund⸗ ucke, ebenſo die öſtlich und weſtlich der Schnepfeninſel tate liegenden Länderſtrecken, auf der weſtlichen Seite beſtehend aus einem tiefen Buchen⸗ und Tannenwalde, in dem ſich vieles Roth⸗ und Schwarzwild aufhielt, auf der öſtlichen, dem Uebergangspunkt nach der Inſel, einen bewachſenen Hügel darbietend, über deſſen Scheitel die große Landſtraße führte und an deſſen Fuße ein Wirths⸗ haus gelegen war, in welchem der Fährmann der Inſel und ein kleiner Pächter des Fürſten ſein Weſen trieb. Vor dieſem Wirthshauſe hielten elf Uhr Morgens an dem vorher bezeichneten Tage die drei Wagen mit unſeren Bekannten. Als ſie ausgeſtiegen waren und wäh⸗ rend der Fährmann ſein großes Boot in reiſefertigen Zu⸗ ſtand verſetzte, labten ſie ſich an dem wunderlieblichen Anblick der Schnepfeninſel, die ſich ihnen von hier aus mit allen ihren Reizen der Länge nach darbot. Der öſtliche Flußarm war hier nur dreihundert Schritt breit, — 1414— während ſeine Weite auf der entgegengeſetzten Seite wenig⸗ ſtens das Doppelte betrug. Die Inſel ſelbſt hatte ziem⸗ lich die Form eines Kaſtanienblattes, deſſen breite Seite nach Süden, deſſen Spitze nach Norden lag. Die breite Seite war hügelartig erhoben und ragte mit ihren hoch⸗ ſtämmigen ſchlanken Buchen bedeutend über die anderen Theile der Inſel hervor. Auf dieſen Punkt richtete ſich augenblicklich Waldau's Kennerauge.„Da,“ ſagte er zu dem neben ihm ſtehenden Ernſt,„da oben wird das Schloß gebaut, die Front gerade nach Süden gekehrt. Alles Uebrige iſt Nebenſache. Es iſt herlich, köſtlich, viel herrlicher und köſtlicher, als ich es wünſchen und mir ein⸗ bilden konnte.“ Allen ſchlug das Herz höher, als ſie ſich, nachdem ſie den Nachen beſtiegen und der Inſel näher gerudert wurden, dem Orte näherten, wo ſie vielleicht den größten Theil ihrer kommenden Jahre in freundſchaftlicher Muße und mit edlen Studien beſchäftigt hinbringen ſollten. Der Nachen ſtieß an eine kleine Landungsbrücke. Eduard ſprang zuerſt hinaus. „Wie Kolumbus das undankbare Amerika einſt zu⸗ erſt betrat,“ rief er halb im Scherze aus,„ſo will ich zu⸗ erſt meinen künftigen Grund und Boden betreten, in der Hoffnung, er werde mir dankbarer und ergiebiger ſein!“ Alle waren jetzt am Lande und beſichtigten zuerſt das ſich ihnen darbietende Gartenhaus, welches dicht am — 142— Strande lag und eine Art Eingangspforte in das fürſt⸗ liche Gebiet bildete. Sogleich fing jetzt Karls ſchöpferiſche Phantaſie in Thätigkeit zu gerathen an. Er merkte ſich jeden Baum im Geiſte, den ein Weg oder kleinerer Pfad ſtreifen ſollte, er ſah ſchon in Gedanken die duftenden Blumenbeete, die er hier und da hervorzaubern würde. Waldau und Ernſt liefen ſogleich in wahrem Sturmſchritt voran und nahmen gleichſam von jedem Hufen Landes Kenntniß und Beſitz. Die anderen folgten langſamer, bedächtiger, keiner aber hatte ſich den Boden ſo frucht⸗ bar, die Vegetation ſo üppig gedacht, obgleich Beides ziem⸗ lich verwildert und in einem höchſt vernachläſſigten Zu⸗ ſtande war. „Hier wird es wagzu roden geben!“ bemerkte Erme⸗ ling. „Um ſo beſſer,“ erwiederte Eduard,„da bekommen arbeitsluſtige Hände genug zu thun und die Freunde kön⸗ nen ihr Meiſterſtück machen.“ Beim Vorſchreiten ſah man deutlich, daß der vor⸗ dere Theil der Inſel, wenigſtens früher, eine Art engliſchen Parkes gebildet hatte, Spuren waren genug davon übrig geblieben. Blumen waren nirgends angepflanzt, die Baumgruppen aber und namentlich einzelne Bäume auf dem grünen Raſengrunde waren vom kräftigſten Alter und mußten, mit ihrem Sommerſchmuck verſehen, herrliche Hintergründe bilden. So wanderte man unter Scherzen, — 143— heiteren und ernſten Geſprächen, die bei jedem neuen Schritte von einem neuen Stoffe belebt wurden, eine kleine halbe Stunde weiter und hatte nun den Mittelpunkt der Inſel, den bisherigen Hauptpunkt erreicht. Hier ſtand inmitten eines immergrünen Gebüſches dunkler Edeltan⸗ nen ein altes, ſehr geräumiges Jagdſchloß, in welchem früher der Beſitzer des Gutes den Sommer verlebte und von wo aus er die großen Jagden auf die friedlichen Rehe und Haaſen, die ſich in zahlloſer Menge zwiſchen den Bäumen blicken ließen, unternommen hatte. In dieſem halb verfallenen Schloſſe wohnte ein alter Kaſtellan mit einigen ergrauten Dienern, dem Förſter und verſchiedenen Tagelöhnern. Hinter dem Schloſſe zeigten ſich ziemlich erhaltene Pferdeſtälle „Das ſoll unſer Wohnhaus ſein,“ rief Waldau, „während wir an der Arbeit ſind. Laßt uns hineingehen.“ Man fand große und kleine Räume in Ueberzahl. Hier konnten zwanzig Menſchen mit ihrem ganzen künſt⸗ leriſchen Hausrath ſich einniſten. Man war allgemein befriedigt, für das erſte Unterkommen ſo wohl ſich verſorgt zu ſehen. Der Kaſtellan und der Förſter kamen herbei; ſie hatten ſchon von dem beabſichtigten Verkaufe der Inſel vernommen. Sie geleiteten die Geſellſchaft und theilten ihre einfachen Bemerkungen über Alles, was ſie wußten, mit. Man verließ das alte Schloß und trat wieder die — 144— Rundreiſe an. Jetzt öffnete ſich die Waldung mehr und mehr und man gewahrte einen größeren Raſenplatz, deſſen Mitte von einer hügelartigen Erhöhung eingenommen war und deſſen Seiten von verſchiedenen Baulichkeiten und ergötzlichen Einrichtungen begränzt wurden. Auf dem kleinen Berge, erzählte der Kaſtellan, hätte früher ein Springbrunnen ſpielen ſollen, man wäre aber nicht zu der Ausführung gelangt, theils der Koſten wegen, theils weil man noch nicht wie jetzt die Kraft der Ma⸗ ſchinen habe benutzen können. Eduard ſah hier Ernſt und Waldau verſtändliche Blicke austauſchen und er ſelber nickte ihnen Beifall zu.. . Das erſte Gebäude, dem man ſich jetzt näherte, war ein altes, halb verfallenes Treibhaus, hoch und weit genug, eine Menge Bäume und Pflanzen zu faſſen. Als man aber ſein Inneres betreten hatte und den offen⸗ baren Verfall bemerkte, in dem es ſich befand, konnte man ſich eines lauten Bedauerns nicht enthalten, denn einige ſchöne Palmen mit ihren breiten Blättern, mehrere ſchöne Brotfruchtbäume, der Gümmibaum mit ſeinen lackirten, glänzend ſaftigen Blättern, vorzüglich aber einige herrliche Citronen⸗ und Orangenbäume ſtanden darin, wie etwa ein großer Mann in einer zu niedrigen Schiffskajüte ſteht, ſenkten das Haupt und ſahen ängſt⸗ lich und verdroſſen aus, daß ſie ihre ſchlanken und ge⸗ 1 8 — 145— rundeten Wipfel nicht frei nach Gottes Willen empor⸗ ſtrecken konnten. „Pfui,“ rief Karl, der Gartenkünſtler, dem das phyſiſche Wohl der Pflanzen eben ſo wie das der Men⸗ ſchen am Herzen lag, entrüſtet,„pfui— ſo ſchöne Bäume in einem ſo ſchlechten Hauſe! Seht da, jene ſchöne Dat⸗ telpalme und hier dieſe Cedern, dort die Stechpalme, was ſind das für herrliche Exemplare— und nun dieſer Wald von Azaleen, Kamelien, Geranien— wie ſchön, wie reichlich, und doch Alles in Allem wie abſcheulich!“— „Ich kann es kaum noch anſehen,“ bemerkte Wal⸗ dau und wandte den Kopf nach Judiths ſchönem Antlitz, als wollte er ſich an deſſen Anblick erquicken.—„Sie ſehen, mein Fräulein, hier thun des weiſen Arztes Hände Noth, denn Alles, was wir erblicken, iſt krank und Man⸗ ches vielleicht gar nicht mehr zu retten. „Sie finden insgeſammt eine angenehme Arbeit, meine Herren,“ erwiderte Judith und warf einen verſtoh⸗ lenen Blick auf den Erben,„es muß eine wahre Wolluſt ſein, Sinkende zu halten und Kranke zur Geneſung zu führen. Ich beneide Sie um Ihre ſchöne und für Ihre Kunſtfertigkeit nicht allzu ſchwere Aufgabe.“ Jetzt beſah man ſich das eigentliche Treibhaus für die genießbaren Früchte. Der Wein, die Pflaumen, die Kirſchen, Alles ſchwoll ſchon ſeiner Reife entgegen und war in ziemlich erhaltenem Zuſtande, ſo daß die Be⸗ Der Inſelkönig. Iv. 10 — n6— ſchauenden ſich wieder befriedigter fühlten. Von dem Treibhaus ſchritt man weiter, an einem kleinen runden Fiſchteiche vorbei, aus deſſen Tiefe große Karpfen ſich neugierig an die Oberfläche des Waſſers wagten, um die Brotſtücke in Empfang zu nehmen, die ihnen der Kaſtel⸗ lan zuwarf, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn er die⸗ ſen Theil der Inſel beſuchte. Vom Fiſchteiche gelangte man an ein großes Waſſervogelhaus. Schönes Gefieder paarte ſich hier mit wohlſchmeckendem Fleiſche; es waren ſo ziemlich alle Gattungen vertreten, die der leckere Menſch ſeinem Gaumen zu opfern pflegt. Von dem Federvieh kam man an die Wohnung vierbeiniger Ge⸗ ſchöpfe. Zwei alte Füchſe lagen an Ketten vor dem ſelbſtgegrabenen Bau und ſahen mit ihren gelben ſtechen⸗ den Augen die ſeltene Geſellſchaft neugierig an. Als⸗ dann kam ein Gehege, in welchem ſi ch ſchöne Hirſche und ſeltene Rehe in anmuthigen Bewegungen vorführten. „Die müſſen die Freiheit haben, nicht wahr, Herr Hutten?“ fragte Judith. „Ihr Wunſch wird dem Bnumeiſter ein Befehl ſein — merke es Dir, Waldau!“ Man hatte ſich ſo, von einer Breitſeite der Inſel zur andern langſam fortwandernd, allmählig der Oſtküſte genähert und ſah wieder die ſchönen blauen Gewäſſer vor ſich liegen. Hier, hinter Gebüſchen verborgen, lagen niedrige flache Häuſerchen, für frühere Arbeiter beſtimmt. — 147— jetzt unbewohnt. Man näherte ſich dem Ufer und fand eine allerliebſte, von Weiden und Geſträuch begränzte Ausbuchtung des Landes, die einem kleinen natürlichen Hafen nicht unähnlich ſah. „Dies nennen wir den Hafen,“ ſagte der Förſter, „und hier lagen die kleinen Segelboote vor Anker, auf denen der alte Fürſt ſeine Inſeln zu umfahren pflegte.“ „Wie tief iſt das Waſſer an dieſer Stelle?“ fragte Eduard. „Fünfzig Schritt vom Lande entfernt dreißig bis vierzig Fuß tief, bis beinahe an’'s jenſeitige Ufer hin.“ „So ſoll das unſer wirklicher Hafen werden, denn wir wollen auch eine kleine Marine beſitzen, deren Kommodore unſer guter Capitain Schröder von der Beata werden ſoll,“ bemerkte Eduard gegen Mr. Treaden. Jetzt wandte man ſich wieder dem Mittelpunkte der Inſel zu und betrat bald einen Wald von Buchen, Eichen und Edeltannen, wie man ihn ſelten ſchöner zu ſehen bekommt. Der Boden war ſelbſt jetzt im Winter mit grünem Mooſe bedeckt und man trat wie auf dem ſanfteſten Teppich einher. An den hoch⸗ und gradſtäm⸗ migen Buchen, deren Kronen ſich jetzt ohne Laubſchmuck ſogar berührten, ſah man, daß, wenn noch die Blätter⸗ fülle hinzukäme, der Himmel nicht würde zu ſehen ſein. „Hier iſt im Sommer ewige Nacht,“ bemerkte der Förſter, der ſich hier wie in ſeinem Element befand. 194 — 148— „Kein Sonnenſtrahl bricht hindurch, es iſt der lieblichſte Spaziergang der ganzen Inſel.“ „Dieſen Buchenwald taſtet mir nicht an,“ rief Eduard.„Die ganze Inſel mag in einen Park verwan⸗ delt werden, nur dieſer Wald bleibe in ſeiner natürlichen Schönheit und Unſchuld. Hauet einen Weg zum Fahren und Reiten hindurch, das laſſe ich mir gefallen, damit man auch ſo den Schatten genießen kann, aber für die Erhaltung des Ganzen lege ich meine Fürbitte ein.“ Der Förſter ſchmunzelte.„Drüben, jenſeits dieſes Waldes, unmittelbar am weſtlichen Ufer, iſt unſer Schnepfenſtrich, gnädiger Herr, darf der auch erhalten bleiben?“ fragte er beinahe flehend. „Das verſteht ſich,“ rief Joſephſon— ‚ich bitte um Gnade für den Schnepfenſtrich!“ Auch dieſe Gnade wurde bewilligt. So gelangte man endlich, indem man etwas raſcher durch den Buchen⸗ wald ſchritt, an das Nordende der Inſel, wo ſich eine große Meierei mit Pferden, Kühen und Schaafen befand, eben ſo einige Vorrathshäuſer und das Geräth, welches man zur Landwirthſchaft gebraucht. Man hatte von hier aus eine herrliche Ausſicht nach der gerade gegen Norden liegenden Fiſcherinſel, deren Häuſerchen man am Strande liegen ſah und deren Bewohner auf dem See in ihren ſchmalen Nachen beim Fiſchfange gegenwärtig beſchäftigt waren.— 859. „Da ſehen Sie die axmen Leute,“ ſagte der Förſter und deutete mit der Hand auf die fliegenden Nachen. „Arbeitſamere, redlichere Menſchen habe ich nie geſehen; ſo fiſchen ſie den ganzen Tag, und in der Nacht rudern ſie mühſam ihre kleine Beute nach den beiden Haupt⸗ ſtädten, mit Aufopferung ihrer Ruhe, um nur das ärm⸗ liche Leben zu friſten und die Steuern zu bezahlen.“ „An wen zahlen ſie denn die Steuern?“ fragte Eduard.„An den Staat?“ „An den Staat und den Beſitzer dieſer Inſel, mein Herr. Dieſer iſt eigentlich ihr Oberhaupt. Und die Steuer iſt für ſie nicht unbedeutend.“ „Wie viele Köpfe ſind es?“ „Ich glaube, achtzig Familien, reich mit Kindern geſegnet.“ „Es iſt gut, ich danke Ihnen! Sollte ich dieſe In⸗ ſel kaufen, was ich beinahe als gewiß annehme, ſo hört ihre Steuer augenblicklich auf.“ „Nein, das müſſen Sie nicht thun,“ belehrte der Förſter.„Eine Steuer muß ſein, ſonſt halten ſie ſich ſelbſt für die Herren und werden übermüthig. Aber ge⸗ ringer, ſehr gering, wenn Sie wollen, kann ſie ihnen auferlegt werden. Und Sie ſprachen vorher von einer kleinen Marine— da eben in Angeſicht des Hafens⸗ Da haben Sie gleich in den Bewohnern jener Inſel Ihre Matroſen und brauchen keine zu preſſen.“ — 150— Der künftige Beſitzer der Inſel war erfreut, ſo vernünftige Rathſchläge zu hören. Er dankte dem För⸗ ſter und fragte nach ſeinen eigenen Verhältniſſen. Sie waren dürftig. „Wenn ich dieſes Beſitzthum kaufe, würden Sie dann in meinem Dienii bleiben?“ fragte er den kundigen Waldmann. „Darüber brauche ich nicht lange nachzudenken, denn ich bin zwanzig Jahre lang an den Schatten dieſer Bäume gewöhnt und kenne jeden Fuß breit Holzes. Wenn Sie ſich aber auf dieſer Inſel anbauen, ſo fände ich es räth⸗ licher, das Förſterhaus auf jenes weſtliche Ufer zu ver⸗ legen, denn dort iſt der ſchönſte Wald, das beſte Holz und der reichſte Wildſtand. Es iſt mühſam, alle Tage hinüber zu rudern, und die Strecke, die ich dort zu durchlaufen habe, iſt groß.“ „Ich danke für den Wink— da drüben alſo, Wal⸗ dau, merke Dir das, kommt unſer Forſthaus zu ſtehen.“ „Wenn Sie einmal am Vertheilen Ihres Reich⸗ thums ſind,“ begann der aufmerkſam zuhorchende Oeko⸗ nom, den Waldau gewonnen und zu dieſer Bitte ermu⸗ thigt hatte,„ſo laſſen Sie mich hier auf dieſer Meierei wirthſchaften, falls Sie keinen beſſeren Diener dafür haben. Dieſe Stelle gefällt mir und wo ſich der Menſch heimiſch fühlt, da arbeitet er auch gern.“ „Angenommen! Zugeſtanden!“ rief Joſephſon, dr Eduards Auge ſchon die Genehmigung angeſehen hatte. „Finden Sie ſich hier mit dieſem Herrn, dem Architek⸗ ten, ab, damit er Ihre Wünſche befriedige.“ Die Fiſcherinſel ſelbſt und das am weſtlichen Ufer jenſeits liegende Land konnte nicht mehr in Anſpruch ge⸗ nommen werden, man behielt es ſich auf einen andern Tag vor. Die Beſichtigung und das Umherwandern hatte viel Zeit in Anſpruch genommen und es neigte ſich bereits die Sonne. Auch ſpürte man, von dem langen Spaziergange und der friſchen Luft angeregt, einen ziem⸗ lichen Appetit und man lobte Joſephſons Vorausſicht, der, als dienſtthuender Hofmarſchall, in dem Wirthshauſe am Strande ein ländliches Mahl, wie es die Umſtände erlaubten, beſtellt hatte. Der alte Kaſtellan bot von ſeinen eigenen Vorräthen an, aber man dankte und lud ihn zur Theilnahme am allgemeinen Mahle ein, eben ſo wie den Förſter, der auch von Herzen gern mit jenem die Einladung annahm. So ſchickte man ſich zur etwas haſtigen Rückkehr an, wobei der Förſter die nächſten Wege führte. Es war ſchon beinahe fünf Uhr, als die Geſellſchaft, tüchtig ermüdet, über den Flußarm ſetzte und ihr Mahl bereits zum Auftragen fand. Bald ſaß man um die langen, in der Eile aufgeſchlagenen Tiſche, denn es mochte lange her ſein, daß die alte, lebensmüde Wirthin am Ufer ſo viele und vornehme Gäſte, wie ſie dachte, bewirthet hatte. — 152— Man ſpeiſ'te die ſchönen Fiſche des Fluſſes, einige Hühner und ließ ſich den herrlichen Wein dabei wohlſchmecken, den man vorſichtiger Weiſe in den Wagenkaſten mitge⸗ nommen hatte. Als man endlich bei dunkelm Abend nach Hauſe fuhr und Eduard mit Waldau in Ermelings Wagen ſaß, ſagte jener zu den Dreien:„Ich habe es be⸗ ſchloſſen, die beiden Inſeln und was dazu gehört, müſſen mir und uns Allen gehören. Die Gegend iſt reizender, als ich ſie mir vorgeſtellt und ich hege die Hoffnung, wir werden fämmtlich in dem neuen Beſitz glücklich und zu⸗ frieden ſein.“ „Und die Stelle für das Schloß gefällt Dir?“ fragte Waldau. „Sie iſt allerdings die paſſendſte, Deinem Auge kann man ſchon trauen— aber Du weißt, ich ſelbſt will nicht im Schloſſe wohnen.“ „Nun ja— ich weiß es. Im kleinen Pavillon, ich vergeſſe das nicht. Ueberlaß mir die Sorge, ſie iſt in guten Händen. Morgen fahre ich wieder her mit den beiden Doſſows und nehme den Plan der Inſel auf, dann geht es an die Arbeit. Heida! das ſoll ein Leben werden! Und ſo geſchah es. Der Architekt, der junge Bau⸗ und Maſchinenmeiſter, der erfahrene Zimmermann und der Gartenkünſtler Karl hielten ſich mehrere Tage auf der —— — 153— Inſel und den gegenüberliegenden Uferſtrecken auf, zeich⸗ neten, machten Riſſe und bald war man ſo weit, daß Eduard ſich mit Waldau in ſeine geheime Arbeitsſtube begeben und die Räumlichkeiten bezeichnen konnte, die er ausgeführt haben wollte. Der Kauf wurde abgeſchloſſen und vierzehn Tage ſpäter war Eduard Hutten der recht⸗ mäßige Erb⸗ und Grundherr eines Beſitzthüms, welches unter vielen des Landes ſeines Gleichen ſuchte und durch die kunſtfertigen Hände ſeiner Freunde zu einem ländlichen Paradieſe umgeſchaffen werden ſollte, wie noch keines in dieſen Landſtrichen zu finden geweſen war. Es war beſchloſſen, die Schnepfeninſel in einen einzigen großen Park umzuwandeln, nur um die einzelnen⸗ kleinen Häuſer, die man zu bauen beſchloß, ſollten Ge⸗ müſe⸗ und Obſtgärten von der Ausdehnung und Größe angelegt werden, wie ſie den Bedürfniſſen der verſchiede⸗ nen Bewohner entſprechen würden. Die Pläne waren bald fertig, Waldau's frühere Entwürfe halfen an der Vollendung mit; die Kontrakte mit den Werkmeiſtern, den liefernden Stein⸗, Holz⸗ und Eiſenhändlern waren ge⸗ ſchloſſen und es war noch nicht die Mitte Februars ge⸗ kommen, als Waldau, Doſſow, Vater und Sohn, Karl Michel, der Oekonom, nachdem ſie ihre Aufträge und ihre erſten Gehalte empfangen, mit eben ihren Plänen und ſonſtigen Materialien aufbrachen und ſich in dem alten Jagdſchloſſe einbürgerten, von wo aus die Leitung — 154— aller neuen Anlagen und Bauten geſchehen ſollte. We⸗ nige Tage vergingen, und es herrſchte ein Leben, eine Bewegung, eine Regſamkeit auf der ſonſt ſo einſamen und kaum beſuchten Inſel, daß die darauf hauſenden Thiere verwundert die Köpfe emporſtreckten und ſich den Lärm, das Hämmern der Aexte, das Gewirr der vielen arbeitenden Menſchen nicht erklären konnten. Doch laſſen wir die Inſel noch ſeitwärts liegen. Zur gehörigen Zeit kehren wir wieder zu ihr zurück. Zu⸗ vor müſſen wir einen weiten Weg über den atlantiſchen Ocean zurücklegen und eine neue Welt mit eigenen Augen betrachten, deren Geheimniſſe für uns noch nicht gelüftet ſind, und deren innerem Gehalte noch Geſchenke entſtrö⸗ men ſollten, ſo unüberſchwenglich reich, ſo koſtbar und ſo weit über alle Hoffnungen hinausgehend, daß, wenn ſie dem Erben verborgen geblieben wären, wie es ohne den Ausſpruch des Erblaſſers ſo leicht hätte geſchehen können, er den ſchönſten und ſeltenſten Beſitz ſeines ganzen Erden⸗ lebens wahrſcheinlich verloren hätte. — — Sechſtes Kapitel. Der Abſchied. In den letzten Tagen des Januar traten Mr. Staunton und Treaden bei ihrem neuen Herrn ein und brachten die Meldung, daß mit dem letzten Dampfboote aus Neuyork die Nachricht eingetroffen ſei, die Beata habe die Küſten Amerika's verlaſſen und man könne ſie ſpäteſtens in drei Wochen in Hamburg erwarten. Eduard hatte dieſes Schiff zu ſeiner Ueberfahrt gewählt, einmal weil es be⸗ quem und zu weiten Reiſen eingerichtet war, ſodann weil er ſeine Bemannung kannte und im dankbaren Herzen das Bedürfniß fühlte, nach längerer Zeit in denſelben Räumen zu weilen, wo der edle Mr. Hutten geathmet und zu ſeinem Beſten gearbeitet hatte. „Wie iſt es mit Ithyſſa?“ fragte der Erbe. „Ihr Wunſch wird auch in dieſer Beziehung erfüllt 4— 136— werden,“ antwortete Mr. Staunton.„Der Schwarze war zeitig benachrichtigt, er weilte auf dem Landſitze am Hudſon, folgte aber dem Rufe ſogleich und befindet ſich auf dem . Schiffe, welches jetzt mitten auf dem Oceane ſchwebt. — Kapitain Schröder hat es ausdrücklich in ſeinem Schrei⸗ ben bemerkt; hier iſt der Brief.“ Eduard las mit Freuden die dankbare Ergebenheit, die aus den Zeilen des liebgewonnenen Schiffsführers gegen ihn ſelber ſprach, denn er hatte eigenhändig an den Kapitain geſchrieben und ihn gebeten, nicht aus dem Dienſte zu ſcheiden, den er ſo lange Zeit mit CEhren und der vollſtändigſten Anerkennung des älteren Hutten verſehen hatte. Die Reiſe nach Amerika hätte freilich ſchneller voll⸗ führt werden können, allein Eduard hatte keine Eile. Ueberdies liebte er die Dampfboote nicht, wie er auch die * Eiſenbahnen nicht liebte und ſich deren ſo ſelten wie mög⸗ 8 lich bediente. Die reißend ſchnelle Bewegung, die über⸗ maüſßige Eile, mit der man dabei die ſchönſten Striche durchfliegt, von einem todten Eiſenwerke ſo viel Leben Koder Tod abhängig zu wiſſen, benahm ſeinem ruhig vor⸗ „waͤrtsſchreitenden Geiſte alle Gemüthlichkeit und Gemäch⸗ lichkeit, die der Reiſe in einem bequemen Wagen oder 1 einem guten Segelſchiffe ſo viel Annehmlichkeit verleiht. 4 Ob er nun vierzehn Tage oder vier Wochen auf dem Waſſer lebte, das war im Ganzen einerlei. Langeweile 3* —-— — 157—* bedrohte ihn nicht, denn er hatte theils allein, theils mit Joſephſon einen ganzen Berg aufregender Arbeit vor ſich. Außerdem wollte er ſich in der engliſchen Sprache ver⸗ vollkommnen, die Joſephſon, deſſen Vater— wie wir wiſſen— Sprachlehrer geweſen war, fertig ſprach; denn wenn auch die Beamten und Diener des älteren Hutten, als eines geborenen Deutſchen, meiſt deutſch ſprachen oder theilweiſe ſelbſt Deutſche waren, ſo mußte Eduard doch mit andern Amerikanern verkehren, von denen eine ſo umfangreiche Sprachkenntniß nicht zu erwarten war. So wurden denn jetzt von den fünf Männern, die die Reiſe zuſammen antreten ſollten, alle die Vorbereitun⸗ gen getroffen, deren eine ſo große und lange Ausflucht bedurfte. Mr. Staunton und Treaden waren längſt mit allem Nöthigen verſehen und bald waren Eduard ſelbſt, Jo⸗ ſephſon und Kannenſchmidt ebenfalls vollſtändig ausge⸗ rüſtet.— Mit dem Handelsminiſterium war erſterer in nahe Beziehungen getretreten; er hatte ſeine diplomatiſche Aufgabe kennen gelernt und ihre Erforderniſſe gründlich ſtudirt; ſeine Depeſchen hatte er bereits empfangen und es handelte ſich nur noch um die Abſchiedsaudienz, die der König dem vertraulichen Botſchafter bewilligt hatte. Eduard wurde wie das letzte Mal gnädig und beinahe liebevoll empfangen und eben ſo entlaſſen. Daß er die Inſel wirklich gekauft und die Arbeiten auf derſelben — 158— ſchon begonnen hatten, ſchien dem Monarchen die größte Freude zu bereiten. Schwerer wurde Eduard der Ab⸗ ſchied von ſeiner ſtillen Wohnung, denn er wußte, daß er ſie in ſeinem Leben nicht wiederſehen würde, da Holzbre⸗ ſcher auf Waldau's Antrieb unwiderruflich ihre Niederrei⸗ ßung beſchloſſen hatte. Acht Jahre hatte er beinahe darin gewohnt, tauſend Freuden und nur wenige kurze Leiden hatte er darin überſtanden, den Grund zu ſeinem Wiſſen, ſeinen Kenntniſſen darin gelegt und wie ihn das ernſte Leben in ihren Wänden zuerſt angeblickt, ſo hatte die heitere Kunſt inmitten ſeiner Freunde, die ſchweren Stun⸗ den menſchlichen Arbeitens und Wirkens darin verſchönert und erleichtert. Eduard war betrübt, als er hierdurch an die Vergänglichkeit alles Irdiſchen erinnert wurde; er hoffte zwar, aber er wußte nicht beſtimmt, ob ſeine neue, prächtigere Wohnung ihm gleiche Freuden, gleiche Zufrie⸗ denheit bieten würde. Doch es war einmal nicht zu än⸗ dern. Wenn der vorwärts eilende Menſch einer großen Zukunft entgegengeht, muß er, das iſt ein allwaltendes Naturgeſetz, die ihm lieb gewordene Vergangenheit hinter ſich laſſen, nur die Erinnerung darf ihn noch bisweilen veſuchen und die ungewohnte neue Gegenwart mit ihrem leiſen Flüſtern verſüßen. Auch Eduard raffte ſi ſich auf und ſchikte ſich in das Unabändenkiahe.— Bei Schwarzkopfs und den andern Handwerkern uar im eigenflichen Sinne des Wans Heulen und Zähne⸗ — — 4139— klappen eingekehrt, ſeitdem der Tag der Abreiſe in nahen Ausſicht geſtellt war. Sie glaubten Alle, ſie würden ihren geliebten Herrn, wie ſie ihn jetzt nannten, im Le⸗ ben nicht wiederſehen, denn eine Reiſe nach Amerika war in ihren Augen gleich einer Reiſe um die ganze Welt und das heißt mit andern Worten, ſein Leben geradezu in's Waſſer werfen, ſagte Meiſter Becker der Schneider. Den⸗ noch mußten ſie ſich tröſten, und die Schwarzkopf tröſtete ſich zuerſt, denn ſie hatte, wie ſie ſagte, das unbedingte Gottvertrauen, ihr kleiner Eduard, der ein ſo großer Mann geworden, daß er ſogar zum Könige berufen werde, könne im Waſſer nicht untergehen, er müſſe wieder⸗ kommen und noch viele andere Menſchen glücklich machen. Anna hatte ſchon ſeit einigen Wochen verſchiedenen Un⸗ terricht genommen; Eduard wollte ſie einer höhern geiſti⸗ gen Bildung theilhaftig werden laſſen, denn er hatte wohl 7 bemerkt, daß einer ſeiner Freunde dem Mädchen gar zu gern nachſah und in ihren ſchwarzen Augen am liebſten 4 ſein eigenes Bild hätte wiederſpiegeln ſehen. Er ſchwieg und ließ die Zeit walten. „Die wirkliche Neigung reift die Zeit un der Ernt . des Lebens,“ ſagte er,„wir wollen abwarten, ob 84 Frucht einträgt, was die Saat und die Hoffnung ver⸗ ſpricht.— Meiſter Schwarzkopf ſelber wurde von Waldau bald nach der Inſel berufen und er zog mit einer ganzen — 5460— Schaar auserleſener Geſellen dahin, wo wir ihn nach Verlauf einiger Zeit in rüſtiger Betriebſamkeit wiederfin⸗ den werden. Holzbrechers waren ſchon ergebener in ihr Loos. Sie wußten und ſagten ſich, die Reiſe und alſo der Ab⸗ ſchied ſei eine Nothwendigkeit, das Wiederſehen dagegen eine große Freude. Der Akademiker hatte überdies ſeine beſonderen Gedanken, die er gegen Niemanden als viel⸗ leicht gegen ſeine Frau und Waldau allein ausſprach. Eduard merkte am wenigſten davon und das war gerade die Abſicht, die der gute Mann hegte. Ermelings lebten, ſeit ihrer durch den Erben her⸗ beigeführten Erhöhung, die ihnen in allen Einzelnheiten nun kein Geheimniß mehr war, in dem glücklichſten Zu⸗ ſtande, den ſich ein Menſch zu denken vermag. Sie hat⸗ ten auch alle Urſache dazu. Der Bankier ſelber hatte alle diejenigen Geſchäfte beſeitigt und von der Hand ge⸗ wieſen, die ihm für die Zukunft von irgend einer Seite her bedenklich werden konnten, er war, mit Einem Worte, beinahe allein des jüngern Hutten älteſter Geſchäftsführer in der Hauptſtadt geworden, wobei er ſelbſt ſo großen und ſichern Gewinn hatte, daß er bei ſeinem übrigen Ver⸗ moͤgen das angenehmſte Leben führen konnte. Sein Sohn, der bereits ausſtudirt hatte, Eduards früherer Schüler, der wilde Emil, hatte auch jetzt noch keine Luſt zum Ge⸗ ſchäfte ſeines Vaters an den Tag gelegt, dagegen war er, —— —— — 161— ſogar auf Koſten ſeiner Studien, ein um ſo beſſerer Pferde⸗. kenner und Reiter geworden, ſo daß ſein Vater ſchon öfters in den letzten Tagen gegen Eduard ſich dahin ausgeſprochen hatte, er werde ihn zu ſich nehmen, und, wolle er dann dem gelehrten Weſen entſagen, ihn zum Stallmeiſter ausbilden laſſen, dann übernähme es vielleicht Judith, ihn dem ehemaligen Lehrer zu empfehlen, der ihn dann in ſeinen Hausſtand aufnehmen und ihm die Ober⸗ aufſicht ſeiner Stallungen und alle dahin einſchlagenden Gegenſtände übertragen könne. „Wenn er ſich dazu eignet,“ hatte der Erbe erwidert, „ſo ſoll er mir willkommen ſein, ich denke ſchöne und viele Pferde anzuſchaffen und da ich Niemanden kenne, der ſich zur Beaufſichtigung derſelben eignet, ſo mag er dies Amt vorweg in Anſpruch nehmen.“ Judith, da ſie ſah, welche innige Freundſe chaft und aufrichtige Ergebenheit Eduard Hutten mit ihrem Hauſe verband, und wie ſie ſelbſt künftig mit Manowsky einen weſentlichen Beſtandtheil ſeiner großen Familie bil⸗ den würde, war glücklicher denn je. Manowsky ſe hatte auf die erſte ihrer Mittheilungen, über des 7 5 des große Erbſchaft, bereits geantwortet und augenblicklich auch ſeine Hand dem allgemeinen Werke angeboten. Ita⸗ lien ſagte obenein ihm eben ſo wenig wie Oeggering zu und Beide warteten nur den ſchmelzenden Schnee der Alpen ab, um in ihre Heimath zurückzukehren und ſich mit den Der Infelſänig. 1v. 1⸗ — 162— anderen Freunden zur Ausführung und Schmückung der neuen Bauten zu verbinden. 8„Wann wird die Hochzeit ſein?“ fragte Eduard das ſchöne Mädchen an einem der letzten Tage ſeines Aufent⸗ haltes in der Hauptſtadt,„hat Raphael darüber nichts geäußert?“ „Mein Freund,“ war die mit hohem Erröthen ge⸗ gebene Antwort,„das iſt nicht Raphaels, ſondern meine Sache. Ich ſelbſt werde den Zeitpunkt beſtimmen, habe aber noch keine beſondere Neigung, meine freiere Mädchen⸗ ſtellung, die mir nichts zu wünſchen übrig läßt, mit einer andern zu vertauſchen.“ „Wenn das iſt, ſo moͤchte ich eine Bitte ausſprechen, Judith!“ „Sprechen Sie, ſie iſt bereits gewährt.“— „Laſſen Sie mich Zeuge Ihrer Verbindung ſein, das heißt, warten Sie meine Rückkehr ab. Ihre Vermählung ſoll das erſte Feſt in meiner Wohnung ſein und dieſelbe eihen. 71 3 eine Beſtimmung. Vielleicht feiern uug Sie dann eine ähnliche Verbindung, wie?“ „Es kann wohl ſein,“ lächelte Eduard, dem es im Grunde ſeiner Seele noch nicht eingefallen war, an ſeine eigene Verheirathung zu denken, wie Judith auch in allem Ernſte wußte, denn ſie kannte des Freundes freies Herz s iſt beſchloſſen,“ ſagte Judith ernſt,„jetzt hat 13 r — 163— „So viel wenigſtens iſt gewiß,“ fügte erhin zu,„Ihre Hoch⸗ zeit ſoll mit der vieler Anderer an Einem Tage gefeiert werden, denn ich bin in letzter Zeit hinter Geheimniſſe ge⸗ kommen, die mir bisher verborgen geblieben waren.“ Und er erzählte, was er von den verſchiedenen Nei⸗ gungen ſeiner Freunde in Erfahrung gebracht hatte. „Das iſt herrlich, das iſt herrlich!“ rief Judith und ſchlug vor Freude die Hände zuſammen.„Nun fehlt nur noch eine Zaubrerin für den größten aller Zauberer, dann wird unſre Kolonie den Inbegriff aller Glückſelig⸗ keiten der Erde umſchließen.“ „Wer weiß!“ ſagte Eduard und hob, wie es ſeine Art war, wenn er dem Himmel eine Möglichkeit anheim⸗ ſtellte, ſeinen rechten Zeigefinger empor;„es begegnet mir, der ich nun doch einmal in Ihren Augen ein Zauberer ſein muß, vielleicht auf dem Waſſer eine Nymphe, und ſeien Sie verſichert, gefällt ſie mir, ſo werfe ich augenblicklich mein Netz aus.“ „Sie thörigter Mann!“ rief ſcherzend die heute ſo fröhliche Judith, und ſchlug ihn auf die noch immer em⸗ porgehaltene Hand, wie ſie es ſo oft und ſo abat „Sie wollen nur eine Nymphe, die Ihnen ten Sie ab, ob Sie ihr ſelbſt gefallen. „Ja, da haben Sie auch Recht. daran gedacht, daß dergleichen gegenſe „Da haben wir’s! Sie wollen — 164— 8 So ſcherzten ſie kurz vor einer ſo ernſthaften Reiſe und Beide wollten ſich damit über die lange Trennung tröſten, die auch ihnen, ſo ſehr an freundliche Mittheilung und Unterhaltung gewöhnt, ſchwer werden mußte wie allen Uebrigen. In der Mitte des Februar endlich kam die Nach⸗ richt, daß die Beata in Hamburg eingelaufen ſei, daß ſie nur einige Vorkehrungen zu treffen habe, die Spuren ihrer Reiſe zu vertilgen, um alsbald ihre neuen Gäſte aufzu⸗ nehmen und insgeſammt nach beſten Kräften über das atlantiſche Meer zu tragen. So war denn alſo der Augenblick der Trennung gekommen und alle Herzen waren bewegter, als ſie es ſich ſelbſt kurz vorher hätten geſtehen wollen. Es war nicht zu leugnen, dieſe Reiſe war für alle Betheiligte wohl ein ernſter Punkt des Bedenkens, denn wenn ſie unglücklich er wenn gar dem Freunde der Untergang, was ſchieden war, was wäre dann aus allen Fnungen und Erwartungen geworden? nur phantaſtiſche Luftſchlöſſer geweſen irklichkeit wäre jetzt für ſie um ſo weſen, obgleich Eduard, umſichtig an — 165— Alles denkend, auch dafür ſeine Beſtimmungen insgeheim zurückgelaſſen hatte. Am Abende vor der Abreiſe war Waldau mit den übrigen Inſulanern noch einmal nach der Hauptſtadt ge⸗ kommen, um dem Scheidenden Lebewohl zu ſagen. Der ganze Freundeskreis, Holzbrechers mit eingeſchloſſen, wa⸗ ren zum gemeinſchaftlichen Abendeſſen im Hauſe des Ban⸗ kiers verſammelt, und noch einmal wurden bei einem Glaſe perlenden Weins Worte der gegenſeitigen Achtung und Liebe wie des aufrichtigſten Wunſches baldiger und glücklicher Wiederkehr geſprochen. Am nächſten Morgen war Eduard mit Joſephſ on ſchon auf dem Wege nach Bilſingen, während Kannen⸗ ſchmidt, Staunton und Treaden geraden Weges nach Hamburg abgingen, um den nachkommenden Gebieter einige Tage ſpäter am Bord der Beata zu erwarten. Man kann ſich die Freude des Wiederſehens im Pfarrhauſe denken. Es war das erſte Mal, daß die Be⸗ wohner deſſelben ihren ehemaligen Geſpielen nach dem großen Wendepunkte ſeines irdiſchen Geſchickes wieder⸗ ſahen. Joſephſon wurde ebenfalls von Allen mit den ſichtbarſten Zeichen ergebener Freundſchaft empfangen, nur Frau Doſſow war nicht mehr in Bilſingen, ſie war ſchon ihrem Manne nach der Inſel gefolgt, wo ſie dem Haus⸗ weſen der daſelbſt arbeitenden Künſtler und Handwerker vorſtand.— — 166— Mit welcher Aufmerkſamkeit, welcher liebevollen Hin⸗ gebung an das Kleinſte und Geringſte beſchaute der in 3 Freuden und Leiden geprüfte Freund das Haus und die* Umgebung, wo Eduard ſeine Jugendzeit in reiner Ein⸗ tracht verlebt, und, nachdem er Alles betrachtet und ge⸗ würdigt hatte, wunderte er ſich nicht mehr, wie aus dem Knaben ein ſo bedeutender Mann geworden, wie ſein Geiſt zugleich mit ſeinem Herzen gewachſen und erſtarkt war, denn Alles, was er ſah und bewundern mußte, war eben ſo einfach, ſo klar, ſo rein und doch ſo gemüthlich und hei⸗ ter⸗ernſt, wie ſein theurer Eduard ſelber. Auch die Spaziergänge, von früherer Zeit noch in unſerm Gedächtniß, wurden trotz der winterlichen Jahres⸗ zeit beſucht. Vor Allem der Rabenſtein mit dem tiefen, unergründlichen, düſtern Teufelsſee an ſeinem Fuße, den aauch wir jetzt zum letzten Male mit unſerem Auge zu be⸗ ſchauen gekommen ſind. In tiefer Rührung ſtanden die Freunde unter dem entlaubten alten Eichenſtamm und blickten mit dankbarem Herzen zu dem Schöpfer auf, der da oben, weit über ihnen und über dem blauen Himmel thronte, als Eduard mit kurzen Worten die inneren und außeren Ereigniſſe wiederholte, die hier am Auge ſeines Leibes und ſeiner Seele vorübergerauſcht waren. „Es iſt ein großer Geiſt da oben, rief er,“ bevor er dieſer heißgeliebten Stelle ſeiner Jugendjahre auf lange Zeit Lebewohl ſagte—„es iſt ein großer Geiſt da oben, —— —— — 467— Joſephſon; mein Leben hat es wieder bewieſen, komm, laß es uns auch Andern beweiſen.“ „Ich gehe mit Dir, wohin Du gehſt,“ erwiederte Joſephſon und ſchlug in die dargebotene Freundeshand ein—„ich gehe mit Dir— über das Meer und noch weiter— vielleicht einſt mit Dir ſogar in jenes uner⸗ reichbare Land, wo unſer Schöpfer waltet!“ Es war der letzte Abend, den die Pfarrersfamilie, voll⸗ ſtändig verſammelt, in Bilſingen bei einander verleben ſollte. Am nächſten Morgen war die Extrapoſt beſtellt, die Eduard und ſeinen Reiſegefährten nach Hamburg zu bringen be⸗ ſtimmt war. Die ehrwürdige Mutter mit ihren vier lie⸗ benswürdigen Töchtern ſaß an dem großen Familientiſche, der ſie jeden Abend, mit der gewöhnlichen Hausarbeit be⸗ ſchäftigt, um ſich verſammelt ſah. Joſephſon rauchte mit dem Kantor, Karls Vater, eine wohlſchmeckende Cigarre und unterhielt ſich mit dem gemüthlichen Alten, der dem forſchenden Freunde nicht genug aus dem Jugendleben ſeines ehemaligen Schülers erzählen konnte und ihm im⸗ b mer beſſer gefiel, je ſänger und je mehr er in ſeiner redli⸗ chen Treuherzigkeit von dem Einwirken des begabten Pfar⸗ rers als ſeinem eigenen ſprach. Eduard ſelbſt war mit dem Geiſtlichen in deſſen Studirzimmer; ſie hatten ſich eingeſchloſſen und der Vater nahm die Mittheilungen des dankbaren Sohnes mit freudigem Lächeln entgegen. Eduard hatte noch einmal dem beipflichtenden Geiſtlichen ſeine ganze Zukunft, ſeine Pläne, ſeine Wünſche dargelegt und ihm in einem verſiegelten Packete ſein Teſtament überreicht, falls ein Unglück ihn bedrohen ſollte. Man war zum Schluß der Unterredung gelangt. Der Pfarrer hatte eine große Summe Geldes für die Armen in Bilſingen und Umgegend erhalten. Der ehemals bedürftige, vaterloſe, jetzt ſo reiche, zum Manne herangereifte Knabe wollte nicht, daß in der Umgegend, wo ihm ſo viel Glück und Freude widerfah⸗ ren war, irgend ein Leidender ſein ſollte. Jeder ſollte empfangen, jetzt und künftig, und wer Luſt und Willen zur Arbeit hatte, ſollte an Waldau geſchickt und vor allen Uebrigen bedacht werden. Später ſtellte ſich heraus, daß beinahe achtzig Arbeiter, beſtändig beſchäftigt und auf der Inſel wohnend, Mitglieder der großen Koloniſtenfamilie wurden und auf dieſe Weiſe ein Loos erreichten, welches ihnen ohne Eduard wahrſcheinlich niemals zu Theil ge⸗ worden wäre.— Ein anderer Punkt der abendlichen geheimen Ver⸗ handlungen war die künftige Stellung des Geiſtlichen ſelber geweſen. Anfangs war er geneigt, die Prediger⸗ k ſtelle auf der Inſel, die der Beſitzer derſelben zu vergeben hatte, ſelber zu übernehmen, aber das war durchaus gegen des Letztern Willen. 53 . — 169— „Du mußt Dich ausruhen,“ ſagte er eifrig,„Du biſt in einem Alter, wo Du Dir den Frieden und das Glück der Muße mit allen Genüſſen gönnen mußt, die ich Dir jetzt zu bereiten im Stande bin. Auch finden wir gewiß einen jungen Mann, der, mit friſchen Kräften ausgerüſtet, dieſes Amt einnehmen kann und den wir dadurch glücklich machen. Ich überlaſſe Dir allein die Wahl, Du wirſt gewiß einen erforſchen, der in Deinem Sinne und Deinem Geiſte dieſer Gemeinde vorſtehen kann. Du ſelbſt wohnſt herrlich und vor Allen in den bequemſten Gemächern mei⸗ nes Schloſſes und biſt der Leiter und oberſte Vorſteher aller Wohlthätigkeitsanſtalten, die ich begründen will. Strebe nicht gegen meinen ſüßeſten Wunſch, es iiſt Alles vergeblich, denn ich habe beſchloſſen, diesmal zum erſten Mal in meinem Leben Dir gegenüber Recht zu behalten.“ Der Pfarrer ſchwieg und der dankbare Pflegeſohn nahm ſein Schweigen für Einwilligung an. „Was fangen wir aber mit dem Kantor an?“ fragte er weiter.„Ich möchte ſo gern ſeinen geheimſten Herzenswunſch erfüllen, wenn ich ihn nur wüßte. „Ach mein Sohn,“ erwiederte der Geiſtliche,„dieſer ſein geheimer Herzenswunſch iſt ſehr einfacher Art. Frage ihn nachher, ich bin überzeugt, er wird damit keinen Au⸗ 5* genblick hinter dem Berge halten.“ Mit dieſen Worten ſtanden ſie auf und begaben ſich in den ihrer harrenden Familienkreis. Des Pfarres glü⸗ hendes Gefchte Eduards leuchtende Blicke deuteten der Mutter, den Töchtern und den beiden Freunden an, daß Vater und Sohn nicht nur einverſtanden, ſondern auch von ihrer Unterhaltung mehr als befriedigt waren. Sogleich ſtellte ſich Eduard vor den Kantor, der, ſein ſchwarzes Sammetkäppchen auf dem ergrauten Kopfe, dicke Rauchwolken von ſich blies, denn der Alte war in Verlegenheit; er merkte allen auf ihn gerichteten Blicken an, daß jetzt die Reihe der Frage und Antwort an ihn gekommen wäre. Eduard lächelte, als er vor dem geliebten Manne ſtiand, dem er ſo viel verdankteeund der ſelbſt ſo einfach und liebenswürdig geblieben, wie er es ſtets geweſen war. In ſeiner hohen Verehrung des zu einem ſo reichen und begabten Manne herangereiften Jünglings war er ſtets in Verlegenheit, ob er ihn Du oder Sie anreden ſollte, und da Alle es merkten und ebenfalls lächelten, wurde er nur noch verlegener. „Was ſoll's denn?“ fragte er endlich und ſtand auf. „Zuerſt ſitzen bleiben!“ rief Eduard und drückte ihn wieder auf ſeinen bequemen Seſſel nieder. „Und nun?“ fragte er, und die Pfeife, ſein ſtete Begleiterin, ging ihm aus. „Der Vater ſagt mir,“ begann Eduard neckend„Sie wollten hier bleiben, lieber Michel, wenn er ſelbſt mit ſei⸗ 5 auf mein Landgut zieht. Iſt das wahr?“ — —-rõ—— — — 171— Der Kantor ſah den Pfarrer an und drohte mit Finger, ſogleich aber beſann er ſich und erwiderte, ſich an Joſephſon wendend: „Das iſt die erſte Unwahrheit, Herr Doctor, die ich aus ſeinem Munde höre.“ „Nun!“ rief Eduard,„wenn das die Unwahrheit iſt, ſo ſagen Sie ſelbſt die Wahrheit.“ „Die Wahrheit iſt,“ erwiederte der Angeredete,„daß ich am liebſten dahin gehe, wo Heinrich Wollzagen ſelber geht, daß ich aber obendrein gern mein kleines Häuschen mit der alten Suſanne als Wirthſchafterin darin und ein blumiges Gärtchen davor hätte, wie hier.“ „Da haben wir's!“ rief Eduard erfreut,„ſo habe ich ja das Rechte getroffen, denn alſo iſt es beſtellt und ſo ſoll es auch werden. Nun kommt Ihr aber, Ihr Mädchen,“ wandte er ſich zu dieſen und ſah ſie der Reihe nach fragend an. Alle ſchwiegen, blickten verſtohlen ſich und die Mutter an und ſenkten die blühenden Geſichter zur Erde.. „Nun, wenn Ihr nicht ſprechen wollt, ſo muß ich wohl ſprechen,“ fuhr Eduard fort und zog eine Briefta⸗ fel aus ſeiner Bruſttaſche.„Meine Lieben,“ ſagte er laut, zu Allen gewendet,„es iſt nichts Neues und Ungewohntes in der Welt, daß Maͤdchen heirathen wollen und zwar verſtändige, rechtſchaffene und geſchickte Männer. Ich aber — 122— kenne ſolche Männer, die dieſen drei Mädchen valleict gefallen dürften.“ „O Eduard! Pfui, Eduard! liebſter Eduard!“ waren allein die Worte, die jetzt in verſchiedenen Modulatona vernommen wurden. Der böſe Bruder aber ließ ſich da⸗ durch nicht ſtören.„Höret mich weiter!“ fuhr er fort. „Ich ſtehe hier als öffentlicher Ankläger. Ihr habt drei Männern das Herz geſtohlen und ſeid daher Verbreche⸗ rinnen. Ich beſtimme alſo Eure Strafe, da ich von Sei⸗ ten der Beſtohlenen zum Richter erkoren bin. Du, Ma⸗ rie, wirſt alſo einen gewiſſen Ernſt Doſſow, Du, Minna, einen gewiſſen Karl Michel, und Du, Amalie, einen ge⸗ wiſſen Felir Weſſely zum Manne und Gebieter nehmen. Ich verkünde hiermit offen und vor aller Welt ihre Ver⸗ lobung, zur Hochzeit aber lade ich mich ſelber ein und ſie wird alſo erſt nach meiner Rückkehr aus der neuen Welt, in die ich mich jetzt begebe, vollzogen werden können.“ Wir wollen es unterlaſſen, den allgemeinen Freu⸗ denausbruch, der jetzt erfolgte, mit matter Feder zu ſchil⸗ dern. Nachdem das erſte Jauchzen vorüber war, erhob Eduard ſeine Stimme und rief: „Drei Ariag ader müſſen ihre Ausſtattung haben und die vierte, meine ſanfte Louiſe, kann die ihrige gleich mit beſorgen, damit ſie gerüſtet iſt, wenn der vom Him⸗ mel beſtimmte Bräutigam endlich kommt.— Still! keine Widerrede. Hier iſt für Jede von Euch meine vorläufige 1 1 — 173— Ausſtattung, für das Uebrige wird ſpäterhin Sorge ge⸗ een werden.“ Und damit händigte er jedem der Mäd⸗ einen verſiegelten Brief ein. Die Mädchen aber ſtan⸗ Ar en erſtaunt, beinahe erſchrocken da. „Aa, nun ziert Euch nicht und ſehet doch das An⸗ gebinde an!“ rief eifernd der Kantor und ſtampfte mit einem Fuße den Erdboden.„Minna, meines Sohnes Braut, gieb her, ich will Dir das Siegel erbrechen, Deine Händchen zittern vor Schrecken, ich ſeh' es.“ Er öffnete den hingereichten Brief und zog einen Zettel heraus. 8 „Was!“ rief er zurückprallend—„da— lies Du es, Heinrich, ich bin zu vorlaut geweſen, oder meine alten Augen ſind plötzlich blind geworden!“ Der Pfarrer las langſam die Zahl, die auf dem Wechſel einer Jeden ſtand. „Fünftauſend Thaler!“ ſagte er langſam, ließ die Hände ſinken und ſuchte Eduard mit den Augen. Dieſer aber hatte ſich ſtill entfernt, denn die große Freude, die ihn in dieſem Augenblick erſchütterte, wollte er allein niederkämpfen. „Wo iſt er, der Junge!“ rief plötzlich der alte Kan⸗ tor, von dem alle Verlegenheit gewichen war.„Ich glaube, da, in des Pfarrers Zimmer.“ Und Alle ſtürzten ihm nach und hingen an ſeinem Halſe. Als der erſte Freudenrauſch aber vorüber war, nä⸗ 1 3 — 174— herte ſich die ehrwürdige Mutter dem geliebten Pflege⸗ ſohn und ſeine Hand feſt in die ihrige drückend, fragte mit innigem, zartem Muttertone: 5 8 „Wann wirſt Du Dich aber ſelber bedenken, mei Sohn, und Deiner Braut ein ähnliches reiches Geſchenk zum Angebinde geben?“ „Mütterchen, ſei ruhig,“ erwiderte dieſer;„Gott hat ſo viel für mich gethan, er wird auch noch das für mich aufgeſpart haben. Vielleicht finde ich ein Mädchen in den Urwäldern Amerika's, und mag ſie nun ſchwarz, roth oder weiß ausſehen, wie dieſe lieben Mädchen da, nicht wahr, ich darf darauf rechnen, daß Du ſie an Deinem Mutter⸗ herzen willkommen heißen wirſt?“ 8. „Bringe ſie, woher Du willſt!“ rief die glückſelige Mutter,„ich weiß nicht, ob ich dieſe da mehr lieben kann als ſie.— Und ſo p Toß dieſer liebliche Familienabend. Am andern Morgen aber in aller Frühe kam die Poſt und unter tauſend Segnungen der Zurückbleibenden, tau⸗ ſend zärtlichen Küſſen und Umarmungen, ſprangen die Reiſenden in den Wagen und ſprengten mit verhängten Zügeln dem nächſten Ziele zu.