Der Inſelkönig. Ein Roman in fünf Bänden a u s Herloßſohn's nachgelaſſenen Papieren Philipp Galen. Dritten Theiles zweite Abtheilung. Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1852. Zweites Buch. Sturmesnacht und Morgenroth. Erſtes Kapitel. Ein alter Bekannter. Wi der wilde Seeſchwan, der das von Menſchen be⸗ wohnte Ufer beſucht und von ſeinem Geſchick in Geſtalt eines böswilligen Knaben mit Steinwürfen begrüßt wird, und nun, im Bewußtſein ſeiner ihm innewohnenden Natur⸗ kraft, mit mächtigen Ruderſchlägen von dem unwirthbaren Geſtade ſich abwendend, ſein natürliches Element, das offene. Meer und ſeine Gefahren, aufſucht, ſo warf ſich Eduard, von ſeinem Geſchick in Geſtalt eines ſich ſo erha⸗ ben dünkenden Menſchen verfolgt, vertrauend auf die auch ihm innewohnende Naturkraft, auf das intereſſanteſte und den menſchlichen Geiſt am meiſten anregende Studium, welches die geſammte Natur umfaßt, das Leben in ihr ergründet, den Tod in ihr durchforſcht, um endlich von Allem, was da iſt und wirkt, ſagen zu können: das iſt — 170— ſeine Urſache, das iſt ſein Organismus, das ſeine Wir⸗ kung, das ſeine Beſtimmung! Wahrlich, dieſes große, erhabene Studium, welches uns die kleine Welt in der großen Welt erſchließt, iſt allein würdig, den ewig vor⸗ wärts drängenden Menſchengeiſt auf eine Ewigkeit hin zu beſchäftigen, denn je tiefer dieſer Geiſt dringt, um ſo deutlicher geht ihm das Licht, die Einſicht auf: es lebt und webt, ungeſehen und unerforſcht, eine gewaltigere, göttlichere Kraft in allem Erſchaffenen, und wer ſie läug⸗ net, ſie nicht begreift, ihr ſogar widerſteht, der beweiſ't eben hierdurch, wie wenig würdig er ſelbſt iſt, mit in den Kreis des vorzugsweiſe Begabten gezogen zu werden. Verſenken wir uns nicht zu ſehr in Betrachtungen über dieſe ſo ſchöne Wiſſenſchaft! ſie hat zu verführeriſche Tiefen und könnte uns mit ihren ſpiegelnden Bildern nur zu weit von dem verlocken, was wir uns für diesmal als Aufgabe geſtellt haben. Eduard war wieder ein Student im wahren Sinne des Worts geworden und er vergaß in dieſem ſeinen neuen Beſtreben einen Theil der ſein Herz bedrückenden Gefühle, nur einen Theil, ſagen wir, denn nie mehr ſchwand in ihm ganz die Erinnerung an jene nächtliche Enthüllung, die ihm ſo plötzlich und in ſo unerwarteter Geſtalt vor Augen gerückt war. Eine Wirkung aber hatte dieſe Enthüllung auf ihn geübt, die wir vielleicht am wenigſten an ihm bedauern, die aber den Augen ſeines —¹ täglichen Umgangs ſehr bedeutend auffiel und um ſo wunderbarer erſchien, weil ihnen der Schlüſſel zu dieſem Räthſel verborgen und unbekannt blieb. Ueber die heitere jugendliche Stirn unſeres Freundes hatte ſich eine ernſtere, feierlichere Wolkenſchicht gezogen, er war zum Manne ge⸗ reift, ohne daß man die Brücke ſah, über welche er zu dieſer höheren Stufe des Lebens geſchritten war. Der linde Schmerz, den die Handlung ſeines Vormundes, das Andenken an ſeine vortteffliche Mutter und die ſich ihm jetzt von ſelbſt darbietende Aufgabe ſeinem Geiſte verur⸗ ſachte, verlieh ſeinem ganzen Weſen, ſeiner Sprache, ſeiner Bewegung, ſeinem Gedankengange eine bedeut⸗ ſamere Unterlage; er arbeitete innerlich, ohne Reſultat, und man ſah es ihm mehr als früher an, daß dieſe innere Arbeit ſeine Ruhe, ſeine Kraft, ſeine Nächte in Anſpruch nahm.— Eines Tages, mehrere Wochen nach dem Schluſſe des vorigen Kapitels, trat Joſephſon bei ihm ein und da er den ſonſt immer thätigen Freund ſcheinbar nichts thuend, ſeinem gewöhnlichen Spaziergang im Zimmer obliegen ſah, und zugleich ſeine ernſtere Stirn, ſein ge⸗ dankenvolleres Auge mit ſeinem klaren Blicke überflog, ſo ſagte er in ſeinem alten ſcherzhaften Tone: „Guten Tag, Eduard! Höre, Freund, Du kommſt mir ſeit Deiner Reiſe ſeltſam vor, wenigſtens biſt Du nicht mehr der Alte. Entweder haſt Du im nordiſchen —— Meere die Seeſchlange geſehen und ſie hat Dich bezau⸗ bert, oder die dicke Zimmerluft und der gelehrte Staub Deiner Bücher behagt Dir nicht mehr. Im erſten Falle weiß ich keine Rettung, im zweiten halte ich es für meine Schuldigkeit, Dich auf Dich ſelbſt aufmerkſam zu machen und Dich von Deinem eigenen Mißgeſchick auf anderer Menſchen Leiden überzuführen.“ „Haſt Du Leiden, Joſephſon?“ „Gewiß habe ich deren, ich ſpreche aber zuerſt von den Deinigen, denn auch Du ſcheinſt mir von einem Alp ge⸗ drückt zu werden.“ „Mich drückt kein Alp, Wolf. Nur ſieh, das Le⸗ ben, wie ernſt ich es auch nahm, iſt viel ernſter, als ich je gedacht. Das iſt das ganze Räthſel, welches mich umhüllt, der ganze Zauber, der mich beſtrickt.“ „Wenn es weiter nichts iſt— mit dieſem Räthſel, dieſem Zauber wollen wir ſchon fertig werden. Ich habe ein Mittel dagegen, höre mich an— ich habe eine freund⸗ ſchaftliche Bitte, einen Zauberſtab für Dich und auch viel⸗ leicht für mich. Nimm Du ihn in Deine Hand und entzaubere uns Beide.“ „Was willſt Du?“ „Ich bringe Dir einen Gruß von einer Dame. Dieſe Dame heißt Judith. Sie iſt mir heute Morgen egegnet. Du biſt noch nicht im Hauſe ihres Vaters geweſen. Haſt Du damit den Zoll der Dankbar⸗ ff„ 173— keit abtragen wollen, den Du ihm ſchuldig biſt, Eduard?“. Der ſo Angeredete blickte den Freund betroffen in's Geſicht. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„ich hätte es thun können, thun müſſen, aber ich weiß nicht, was mich abgehalten hat, und je länger ich dieſen Beſuch auſſchiebe, um ſo ſchwerer wird es mir, das fühle ich. Undankbar aber bin ich deshalb nicht, darin verkennſt Du mich.“ „ Das meine ich auch ſo eigentlich nicht, ich wollte Dich nur ſtacheln, und wie mir ſcheint, iſt es gelungen. Thu mir einen Gefallen, Eduard. Gehe heute Abend zum Bankier. Du findeſt eine gewiſſe Dame daſelbſt, ich weiß es, Judith hat es mir ſelbſt geſagt. Betrachte ſie Dir— ſage mir Deine Meinung, und wenn Du willſt, laß auch bei ihr ein vortheilhaftes Wörtchen über Deinen Freund, den Wolfgang Joſephſon fallen.“ Eduard antwortete nicht ſogleich. Er trat ſeinen Spaziergang wieder an und ſchien zu überlegen. Jo⸗ ſephſon betrachtete ihn mit Verwunderung, denn ein ſol⸗ ches Schweigen lag ſonſt gar nicht in ſeiner Art. End⸗ lich blieb er vor dem Freunde ſtehen und ſagte ernſt: „Wolf, ſprich aufrichtig zu mir. Iſt es ein feſter ernſter Wille, eine männliche unwiderrufliche Abſicht, was Dich an dieſes Mädchen feſſelt?“ „Glaubſt Du, daß ich mit meinem eigenen Herzen are — — 174— „Dein Blick ſagt mir mehr als Deine Worte. Ich bin zufrieden. Ich werde es mir überlegen.“ „Erſt überlegen? Du? Warum nicht gleich handeln wie ſonſt?“— „Wolf! das Handeln wird oft ſehr ſchwer.“ „Ich verſtehe Dich nicht recht. Kennſt Du die Toch⸗ ter des Präſidenten?“ Bei dieſem Worte zuckte es elektriſch in Eduards Herzen.. „Ich kenne ſie gar nicht,“ antwortete er raſch, „durchaus nicht, ich weiß nicht einmal, wie ſie ausſieht, viel weniger, wie ihr Charakter und ihr Gemüth iſt.“ „ch will Dir nichts beſchreiben— geh hin und ſieh und Du ſelber ſollſt nur ſagen, ob ich recht geſehen und recht gewählt habe.“ „Wenn Du es wünſcheſt— gut, ich werde gehen. Alſo Du haſt Judith geſprochen? Was ſagte ſie?“ „Das heißt: was ſie von Dir ſagte? Höre es an. Sie ſagte: bringen Sie Herrn Wollzagen meinen Gruß und ſagen Sie ihm, daß ich ſeiner Freundſchaft würdig zu ſein glaube, ſo ſehr er mich auch vergeſſen zu haben ſcheint.“ „Was, das ſagte Judith? Warum haſt Du mir das nicht gleich mitgetheilt?“ „Deine ſeierliche Miene hat mich allein abgehalten.“ —*— „Hier haſt Du meine Hand darauf, Wolf, ich gehe — heute Abend noch.“— „Und Du wirſt meiner gedenken?“ „Ja, gewiß, Du ſollſt noch vor mir ſelbſt kommen.“ „Bravo! Nun biſt Du wieder der Alte!“— Und Joſephſon ging ganz fröhlich nach Hauſe; er hatte erreicht, was er zu erreichen beabſichtigt hatte. Doch es wird Zeit, in unſerer Erzählung zu einem alten Bekannten zurückzukehren, den wir ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr perſönlich beſucht haben. Wir verließen den Juſtizrath Waldemar Ramkau vor beinahe neunzehn Jahren, als er den für ihn ſo wichtigen Lebensſchritt that und ſich eine Gattin erkor, welche als Tochter des Juſtizminiſters dem ehrgeizigen, nach den höchſten Aus⸗ zeichnungen jagenden Manne der bequemſte Weg zur Er⸗ langung perſönlichen Anſehens zu werden verſprach und auch wirklich ward. Die äußerlichen, ſichtbaren, von der Welt oft allein in's Auge gefaßten Verhältniſſe des glück⸗ lich erſcheinenden Juriſten werden hier ſehr leicht erkannt und berichtet ſein. Denn von einer Stufe ſeiner beamt⸗ lichen Lebensbahn zu anderen, höheren, ward er eben ſo 176— ſchnell von der Gunſt mächtigen Einfluſſes wie von ſei⸗ nem eigenen erfolgreichen Beſtreben getragen. Wir wiſ⸗ ſen es ſchon, Waldemar Ramkau war nicht allein ein klu⸗ ger, ſondern auch ein fähiger Kopf. Er wußte ſeine glücklichen Außenverhältniſſe nicht nur geſchickt zu be⸗ nutzen, ſondern auch unangetaſtet von den neidiſchen Blicken ſeiner Nebenbuhler, dem Auge der krittlichen Welt zu verdecken. Seine perſönliche Begabung, ſo hieß es allge⸗ mein, würde ihn, wenn auch langſameren Schrittes, den⸗ noch zu dem glänzenden Ziele geführt haben, das er mit Hilfe jenes mächtigen Beiſtandes ſo ſchnell zu erreichen ſo glücklich war. Verſchiedene diplomatiſche Sendungen in patriotiſchen Rechtsangelegenheiten waren von ihm mit dem beſten Erfolge ausgeführt worden, und obgleich ein jeder Andere dieſe eben ſo geſchickt ausgeführt haben würde, wurden ſie von der oberflächlich urtheilenden Menge doch ſeinen Kenntniſſen, ſeinem glatten Benehmen und ſeiner Klugheit allein zugeſchrieben. In weniger Jahren daher, als viele Andere zur Erlangung einer nur mittelmäßigen Stellung bedürfen, hatte er eine der höch⸗ ſten Richterſtellen des Staates erklommen und er war ſein und umſichtig genug, ſich in dieſer Stellung aner⸗ kannt und würdig zu behaupten. In ſeinem funfzigſten Jahre war er Präſident des Kammergerichts und man hätte glauben ſollen, nun ſei der grenzenloſe Ehrgeiz des bereits gealterten Mannes geſättigt geweſen und endlich —⸗=— ⁵* — 12— werde er die Früchte ſeiner Arbeit und ſeines Fleißes in behaglicher Ruhe verzehren wollen. Dem war aber nicht ſo. Die höchſte Stufe juriſtiſcher Größe war noch über ihm, und ſo lange ſein begehrendes Auge dieſe vor ſich ſah, war ſein Herz noch nicht befriedigt. Dieſes Begeh⸗ ren aber ſprach ſich bei ihm nie in lauten Wünſchen, in ſicht⸗ oder fühlbaren Bewerbungen aus. Im Gegentheil er lehnte immer, wie Cäſar die von Antonius angebotene Kaiſerkrone beſcheiden, beſchwichtigend, langſam weichend, die allzugroße Begünſtigung ab, um ſpäterhin vielleicht, im rechten Zeitpunkte, mit einem kühnen Griffe ſich des beharrlich Erſtrebten unwiderſtehlich zu bemächtigen. Dabei war er ſo ſanft, ſo wohlwollend gegen ſeine Un⸗ tergebenen, ſo ruhig und feſt gegen höher Geſtellte, ſo beſtimmt und unterwürfig gegen das geſchriebene Geſetz ſelbſt, daß Jedermann ihn für denjenigen hielt, der der einſtigen höchſten Auszeichnung würdig war. So war ſein äußerliches Leben im Amte beſchaffen. In ſeinem Hauſe ſah es ſchon weniger befriedigend aus. Er hatte das für ihn unerſetzliche Unglück gehabt, ſeine Gattin in den erſten Jahren ſeiner Ehe zu verlieren, er war alſo früh in ſeiner Familie verwaiſ't, eines Theils ſeines Lebensglanzes, alſo ſeines Glückes beraubt. Er konnte wenigſtens in den erſten Jahren ſeiner Vereinze⸗ lung kein ſogenanntes gemüthliches, großes Haus machen, denn es fehlte an dem, was nichts in der Welt zu er⸗ önig Il. 12 ——— — 178— ſetzen vermag, an einer Ordnung und Herkommen bewah⸗ renden Frau vom Hauſe. Seine Tochter, ſein einziges Kind, war ja noch ſo jung, ſie konnte dieſe Lücke noch nicht ausfüllen, und bis ſie herangewachſen und ſelbſt im Stande war, ſeinen Kreiſen als Leitſtern und Mittel⸗ punkt zu dienen, war er, das Familienhaupt, ſchon in abnehmender Kraft männlichen Lebensgenuſſes, war er vielleicht ein vergrämelter, von ſeinem trockenen Berufe frühzeitig abgenutzter alter Herr geworden, dem die Schätze dieſes Daſeins nicht mehr in dem Glanze erſchie⸗ nen, wie ſie ein jüngeres, heftigeres Herz gewünſcht und werthgeſchätzt hätte. Aber die Jahre blieben auch bei dieſer ſeiner einzigen Tochter nicht aus. Emma Ramkau entwickelte ſich ſichtbar, und allmählig war ſie in den Augen des Vaters und der Welt eine Blume geworden, deren Betrachtung ſchon der Aufmerkſamkeit aller Berech⸗ tigten werth ſchien. Außerdem war ſie dem in ſeinem Ehrgeiz und ſeinem Berufe ergrauten Manne die einzige ſprudelnde Quelle innerlicher Glückſeligkeit; ſie war ſeine Stütze, wenn ſein Herz unter ſo vielen mannichfachen, ungeſehenen Erſchütterungen, wie wir ſogleich ſehen wer⸗ den, wanken wollte; ſie war ſein Troſt, wenn er dem Borwurfe eines nie ruhenden Gewiſſens erliegen zu wol⸗ len ſchien. Je mehr ſie wuchs, an Körper und Seele, um ſo inniger verwuchs ſie mit ſeinem früh erſtorbenen, vielleicht gar ſchon todtgeborenen Herzen, und zuletzt, da 45 Alles ihm unter den Füßen wich und ſeine Hände ver⸗ geblich nach einer Stütze griffen, war ihr Buſen der ein⸗ zige Ort der Welt, an den er, wie an einen geweihten Altar, ſeine Schmerzen, ſeinen Kummer, ſeine Befürch⸗ tungen niederlegen konnte. Denn in dieſem ſeinen müden und todtkranken Her⸗ zen,— wir haben ſchon einen ahnenden Blick in daſſelbe geworfen— ſah es noch öder und trauriger aus, als in ſeinem Haufe. Ein einziger unbedachter, mehr leicht⸗ ſinniger als ſchurkiſcher Entſchluß, nur einen Augenblick in'’s Daſein gerufen, hatte ſein ganzes zukünftiges Leben vergiftet, hatte ihm die Ruhe dieſes Lebens, ſeinen vol⸗ len Genuß und die Belohnung für ſo viele Mühen ge⸗ raubt. Bald nach jener vergeblichen Aufſuchung eines ſeiner Obhut anvertrauten Kindes, hatte er ſich zwar mit der ſelbſt geflüſterten Beruhigung getröſtet, er habe ja nun ſeine Pflicht in vollem Maaße erfüllt, ein einmal Verlorenes ſei, wie die Vergangenheit, nicht wieder auf⸗ zufinden, nicht wieder zu erſetzen. Die neue, ungewohnte Belebung durch ſeine Verheirathung hatte ihm zwar An⸗ fangs neue Q ahennalhe Erdendaſeins geöffnet, und jene innere drängende Sti me betäubt— aber, kaum war ſein Haus ein Leichenhaus ſeiner jugendlichen, lie⸗ benswürdigen Gattin geworden, da brachen wie aus tau⸗ ſend verborgenen Ritzen und Sprüngen die Lavaſtröme eines inneren Gemüthsvulkans auf, der qualmende Dampf 122 — 180— erſtickender Gewiſſensqualen erfaßte ſeine düſtere Phan⸗ taſie und er ſah und hoͤrte bei Tage und bei Nacht den wohlbekannten Ruf einer trauernden, verſtorbenen Mutter wie aus dem Grabe herauftönen:„Mann, wo haſt Du meinen Sohn gelaſſen?“ Wie ein innerer Krebsſchaden, von Außen unge⸗ ſehen, in ſeiner troſtloſen, ſtillen Arbeit aber das edelſte Organ des menſchlichen Körpers langſam und ſtill zer⸗ nagt, bis der verborgene Schaden plötzlich zu einem offenen wird und di allgemeine Untergrabung und Zer⸗ ſtörung des ganzen Organismus fürchten läßt, ſo nagte an ſeinem innerſten Herzen, um ſo qualvoller, da kein menſchliches Auge ihn errathen, keine menſchliche Hülfe ihn erleichtern konnte, der beißende Vorwurf, die laute Selbſtanklage, und ein für alle Mal war die duftige Blüthe ſeines Lebens zerfreſſen. Wie ſehr ſich auch ſein Gewiſſen nach Erleichterung ſehnte, wie oft er es ver⸗ ſuchte, öffentlich vor aller Welt mit der Erklärung hex⸗ vorzutreten: jetzt, jetzt, da es noch Zeit iſt, muß ich be⸗ kennen, was mir widerfahren iſt, ich habe genug im Stillen geſucht, ſuchet Ihr jetzt, Schergen des öffent⸗ lichen Rechts, nach einem verlorenen Menſchen— er wagte es nicht, er hielt es zurück, bis es endlich zu ſpät war und dieſe Appellation für immer aufgegeben werden mußte. Und wie drückte ihn nun das im Stillen aufge⸗ ſpeicherte kleine Vermögen des verwaiſ'ten Kindes! Jedes — 181— Vierteljahr, wenn die Zinſen für das günſtig ausgeliehene Kapital eingingen, das ſich im Laufe der Zeiten beinahe ſchon verdoppelt hatte, wurde das große Thor des Schmerzes von Neuem weit geöffnet, es war ein ewiges Ebben und Fluthen in ſeinem qualvollen Leben eingetre⸗ ten, und keine, keine Schleuſe der Ablenkung war dem erfinderiſchen Geiſte denkbar. Das anfangs von ihm entnommene Geld, ein paar hundert Thaler zu perſön⸗ lichen Zwecken angewandt, hatte er längſt wieder mit Zins und Zins erſetzt— da lag es nun, todt, unange⸗ rührt, eine ewig wachfende Quelle neuen ſteigenden Kummers. O, welche Wonne hätte ſeine öde, verküm⸗ merte Seele erfaßt, wenn eines Tages Jemand gekom⸗ men wäre und geſagt hätte: hier iſt ds Kind— gieb her ſein Geld! Wie gern würde er es gegeben, ja noch von dem Seinigen dankbar dazu gelegt haben, wenn es verlangt worden wäre. Ab es kam Niemand, der es haben wollte, denn Nienandbußte davon. Und nun gar noch das Letzte, das Schlimmſte, das Unerwartetſte! Im letzten Frühjahr erſchien plötzlich ein junger Mann in ſeinem Hauſe, der den Herrn Präſidenten in geheimer Angelegenheit zu ſprechen verlangt hatte. Was wird das ſein? fragte er ſich. Und er ließ ihn in ſein Sprech⸗ zimmer eintreten. Es erſchien der uns bekannte Mr. Treaden, der Sekretair Mr. Browns, und fragte im Auff ines Ungenannten, ob er, der Präſident Ram⸗ b— 182— kau, jener Ramkau wäre, deſſen Vater das und das ge⸗ weſen, dort und dort gewohnt habe? Schon hier beim V Eingange dieſer ſchrecklichen Unterredung war der Kam⸗ mergerichtspräſident mächtig erſchüttert worden, und doch war es nur erſt der bittere Anfang eines bitteren Endes. Auf ſeine einfache Bejahung fuhr der Fragende fort: Ob er nicht wiſſe, wo das Kind der Beata Stolling ſich aufhalte? Hier wäre der Iuriſt beinahe in Ohnmacht gefallen. Er ſollte eine Antwort, und noch dazu eine ſich ſelbſt verurtheilende Antwort geben. Er wußte nicht, was er ſagen ſollte und ſo nahm er ſeine Ausflucht zur Lüge, derr erſten offenbaren ſeines Lebens, denn er war ja nicht vollkommen überzeugt von der Wahrheit deſſen, was er ſagte, obwohl er es glaubte, wünſchte und mit dem letz⸗ ten ihm übrig gebliebenen Hoffnungsſchimmer hoffte. „Er iſt todt!“ ſagte er. 4 „Schon lange?“ ehrde eine Lüge!„Seit zwan⸗ zig Jahren.“ 4 „Können Sie mir das bezeugen?“ „Ich, der Kammergerichtspräſident Ramkau bezeuge Ihnen dies!“ „So habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!“ Und er ging. Es war aber auch Zeit, daß er ging. Denn, laut⸗ los, wie von dem Urtheilsſpruche einer höheren Macht zu — —— —— 5 —.— — 183— Boden geſchmettert, ſank Ramkau auf ſeinen Teppich hin. Seine Tochter kam zufällig in dieſem Augenblicke in ſein Zimmer. Angſterfüllt ſtürzte ſie auf ihn zu.„Mein Gott! Mein Vater!“ Er ſchlug die Augen auf.— „Ein kleiner Anfall!“ lispelte er—„Du weißt ja!“ Ach! ſie wußte es freilich, daß ihr Vater, der Ab⸗ gott ihres Lebens, ähnlichen Anfällen ſeit langer Zeit unterworfen und nur zu bemüht war, ihr den Anblick derſelben zu verbergen. In der Regel erfuhr ſie von dieſen Anfällen nur dann oder muthmaßte ſie, wenn ſie den Vater einer hypochondriſchen Verſtimmung ausgeſetzt wußte, denn ſo nannte der kluge Mann die traurigen Augenblicke ſeines Lebens, wo ſeine kämpfende Seele den Gewiſſensbiſſen nicht mehr widerſtehen konnte und in vollkommener geiſtiger Erſchlaffung ſich in das traurige Geſchick, das ſie getroffen hatte, beugte. Wenn es dem Präſidenten irgend möglich war, ſchloß er ſich zu ſolchen Zeiten,— in der Regel geſchah es vierteljährlich,— in ſein Zimmer und ließ ſich von Niemandem ſehen und ſprechen. Nur wenn die Kriſi s vorüber war und die be⸗ läſtigte Seele ſich durch inen mit zunehmendem Alter leichter fließenden Thrät guß erleichtert hatte, fühlte er das Bedürfniß, ſein müdes Haupt an den Buſen ſeiner Tochter zu legen und von ihrem tröſtenden Buſpruch Lin⸗ derung und Vergeſſen hinzunehmen. Go finden wir alſo den einſt ſo heke uahgen 184— lebensfriſchen Waldemar Ramkau wieder, und ſeinem inneren gebrochenen Weſen entſprach ſein Aeußeres voll⸗ kommen. Sein braunes Haar war ſtark gebleicht, ob⸗ wohl noch in ſeiner früheren Fülle und wohlgepflegt er⸗ halten; ſeine grauen Augen, nur noch von einem längſt erloſchenen Feuer zuweilen glühend, lagen noch tiefer im Kopfe, ſein ſpitziges eckiges Geſicht war noch hagerer ge⸗ worden und hatte jene aſchgraue Schattirung angenom⸗ men, die man bei verlebten Aktenmenſchen ſo häufig fin⸗ det. Seine Geſtalt trug er noch ziemlich aufrecht, aber ſeine Haltung war eine gezwungene, erkünſtelte; an Fleiſch hatte er auch noch verloren und da er in ſeinen beſten Jahren ſchon mager geweſen war, ſo hätte man ihn jetzt mit vollem Rechte dürr und vertrocknet nennen können. Was ſeiner ganzen Erſcheinung aber noch immer einen Anſtrich jugendlicher Friſche gab, das war eine mit gro⸗ ßer Sorgfalt ausgewählte feine Toilette, denn ſein Schneider konnte ſeine Fracks— und nur dieſe trug er — nicht genug der neueſten Mode geme anfertigen und an der beinahe d durchſichtigen Leinwand, allein ſeinen arigewohnten Körper berühre en durfte, wurde das kleinſte Fleckchen, die verborgenſte ungehörige Falte mit Kenner⸗ augen erforſcht und beſeitigt. Seine Tochter, um ſie dem Leſer hier gleich mit vorzuführen, jetzt beinahe neunzehn Jahre alt, war eine von den Schönheiten, die Adalbert Lambeck eine bleiche zu nennen pflegte. Doch war auch für ſie dieſe Bezeich⸗ nung nicht in allen Punkten paſſend, ihr Lächeln, ihre Freundlichkeit, ihr ſanftes, hellblaues Auge wenigſtens 4 war roſig genug, und ihre Formen gehörten ſogar mehr 4 einer üppigen als einer mageren Schönheit an. Im Ganzen war ſie das Ebenbild ihrer einſt ſehr ſchönen Mutter. Nicht allzu groß, hatte ſie eine feine Taille bei 3 ſonſt, wie geſagt, etwas vollen Verhältniſſen. Lange, blonde Locken fielen über ein zwar blaſſes, aber außer⸗ ordentlich zartgeſchnittenes, wohlgefälliges Antlitz, das dem Beſchauer ein überaus feines Hautſyſtem mit zarten, bläulich durchſchimmernden Blutgefäßen zeigte, alſo einen 8 Teint darbot, der dem Kenner weiblicher Schönheit nichts zu wünſchen übrig ließ. Ihr Hals und Nacken waren reizend geformt, ihre Arme, Hände, Füße von der Art, daß ſie ſogar einen Künſtler hätten begeiſtern kön⸗ nen, ihre Bewegungen und ihre Sprache endlich, als das eigentlich Belebende ihres ganzen Weſens, von außerge⸗ wöhnlicher Anmuth und Lieblichkeit. So war ſie das Gegenſtück zu der kräftigeren, charakteriſtiſcheren, energiſche⸗ ren Schönheit Judiths und eben deshalb vielleicht liebten ſich die beiden Mädchen, wie die entgegengeſetzten Pole an einem und demſelben Magnete haften, um ſo inniger, indem ihre beiderſeitigen Reize, an ſich ſo vollkommen, an Ausdruck und Wirkung himmelweit verſchieden waren. An dem Nachmittage deſſelben Tages, der Ein⸗ — 186— gangs dieſes Kapitels erwähnt wurde, beſuchte Emma ihre Freundin Judith. Beide waren einander ſo nahe ge⸗ rückt, daß ſie keine großen Geheimniſſe mehr zu ver⸗ ſchleiern hatten, mit Ausnahme deſſen, was Judiths tiefſte Seele in Bezug auf Eduard, und Emma’s Herz in Be⸗ zug auf ihren Vater betraf. Sie hatten ſich daher Man⸗ cherlei zu erzählen gehabt, ehe ſie ſich vollſtändig an ein⸗ ander geſchloſſen und jetzt war das Verhältniß ein derar⸗ tiges geworden, daß die eine die Erfahrungen und Ge⸗ danken der anderen beinahe in ihrem vollen Beſitze hatte. Da das Wetter trotz der vorgerückten herbſtlichen Jahreszeit ſonnig und leidlich warm war, hatten die Freundinnen eine Spazierfahrt unternommen, von der ſie ſo eben heimzukehren im Begriff ſtanden, als ſich das⸗ jenige zutrug, was uns jetzt in unſere Erzählung zurück⸗ führen ſoll. Eduard hatte ſich, ſeinem Verſprechen ge⸗ mäß, vorgenommen, heute Abend das Ermelingſche Haus zu beſuchen. Mit welchen Gefühlen dies geſchah, da er in demſelben die Tochter des einzigen Mannes, der ihm im Leben gleichzeitig am nächſten und am fernſten ſtand, finden ſollte, wollen wir uns nicht weiter auszumalen be⸗ mühen. Genug, er hatte den widerſtreitenden Empfin⸗ dungen ſeines Herzens widerſtanden und durch Unterhal⸗ tung mit Judith den Eindruck, den die Tochter des Prä⸗ ſidenten auf ihn hervorbringen würde, zu ſchwächen be⸗ ſchloſſen. Bevor er jedoch dieſen Beſuch ausführte, —·——— 84 14 48 — 182— machte er einen lebhaften Spaziergang ins Freie. In der nächſten grünen Umgebung der Stadt war nicht ſein gewöhnlicher Aufenthalt. Er mochte es nicht leiden, ſich von den vielen Vorübergehenden angaffen zu laſſen oder ſich ſelbſt den Schein des Angaffens zu geben. Heute aber war er, um nicht zu lange aufgehalten zu werden, dem allgemeinen Lieblingstreiben gefolgt und eben war auch er im Begriff, ſich den Stadtthoren zu nähern, als er den wohlbekannten Wagen des Bankiers hinter ſich her kommen und, an ſeine Seite gelangt, ſogar anhalten ſah. Zwei Damen ſaßen darin, von denen die Eine ſeinen Gruß zurückhaltend, die Andere lebhaft erwiderte. Ohne zu wiſſen, wie raſch es geſchah, war er am Schlage und nach ein paar Wechſelworten ſtieg er ſogar ein. Die Vorſtellung erfolgte augenblick⸗ lich, Herr Doctor Wollzagen ſaß Fräulein Ramkau gegenüber. 2 „Ich war auf dem Wege zu Ihnen, Fräulein Erme⸗ ling,“ begann er die Unterhaltung. „Sie können dreiſt Judith ſagen, wie ſonſt,“ erwi⸗ derte dieſe lächelnd,„Emma kennt unſer Verhältniß und weiß, daß ich vor wie nach Ihre dankbare Schülerin bin.“ „Ich ſpreche meinen ergebenſten Dank aus; mir wurde dafür heute der Vorwurf gemacht, ich ſei ein un⸗ dankbarer Lehrer.“ , ich kenne den unberufenen Zeitungsträger,“ — 188— entgegnete Judith mit einem Blicke auf ihre Freundin. „Was hat er ſonſt geſagt, der ſcherzhafte Herr Jo⸗ ſephſon?“ „Er hat mich an die Pflicht der Freundſchaft erinnert, Judith, obwohl es nicht nöthig war. Dieſe fühlt Niemand ſo tief wie ich.“ „Niemand aber übk ſie ſo ſpät aus, wie Sie.“ „Ich könnte mich entſchuldigen, Judith— aber Sie kennen mich— ich bin offen und ehrlich. Ich habe ein bewegtes Leben geführt, ſeitdem wir uns nicht geſehen, und nebenbei— habe ich Kummer gehabt, der mich mei⸗ ner gewöhnlichen Heiterkeit und ſogar meinen Freunden entzog.“ 4 „Kummer! Sie? Davon wollen wir ſpäter hören, jetzt zuerſt mein Willkommen bei Ihrer glücklichen Rück⸗ kehr. Sie ſind lange weg geweſen, ſind zur See gegan⸗ gen, man ſprach ſogar davon, nach Amerika— doch habe ich das nie geglaubt.“ „Beinahe hätten Sie nicht die Wahrheit geglaubt — denn ich war nahe daran.“ „Sie ſcherzen. So ohne Weiteres reiſt man nicht nach Amerika.“ „Wenn Sie das denken, will ich nicht widerſprechen. Was macht der gute Vater?“ „Geſund, mein Freund, vortrefflich bei Laune, wie — F*— immer. Sie werden ihn ſogleich ſehen. Denn da ſind 8 wir ja ſchon am Hauſe.“ Der Wagen fuhr in den Thorweg. Man ſtieg aus und begab ſich in Judiths Zimmer. Die Mädchen beſei⸗ im Nebengemach Shawls und Hüte und Judith * 4 benutzte die Gelegenheit, ihre Freundin leiſe zu fragen: „Nun, habe ich recht geſchildert?“ „Meiſterhaft, Judith! Er iſt aber viel männlicher, als Du mir ihn beſchrieben haſt, und ich finde ſein Bild faſt ähnlicher als das Deine. Wir wollen beſtimmt über unſre Angelegenheit mit ihm ſprechen, Du wirſt den rech⸗ ten Augenblick ergreifen, nicht wahr?“ „Laß mich zur machen; noch heute erhalten wir ſeine Zuſage.“ Nach dieſen Worten begaben ſie ſich in das Zim⸗ mer, wo Edugrd bereits ihrer wartete, und eine lebhafte Unterhaltung begann ſogleich und bezog ſich zunächſt auf Eduards Reiſe, von der man auf Manowsky, auf die Maler überhaupt und endlich auf Joſephſon kam. Eduard gedachte ſeines Freundes und mit ſtiller Herzensfreude leitete er das Geſpräch.— „Sie kennen, mein Fräulein,“ wandte er ſich an Emma,„meinen Freund, wie ich höre.“ „Mein Vater ſchätzt ihn ſehr.“ „Das iſt das Wenigſte, was man thun kann, man muß ihn lieben.“ „Dazu gehort eine nähere Bekanntſchaft,“ ſagte Ju⸗ dith feſt.. „Dieſe ſetze ich voraus. Er iſt einer von den Men⸗ ſchen, die man feſt halten muß, wenn man ſie in ſeine Hände bekommt— ich ſpreche natürlich nur von mir— denn er iſt nicht allein ein edler Menſch, ſondern auch ein liebenswürdiger Freund. Ich habe ihn erprobt, und ſo Gott will, wollen wir uns in dieſem traurigen Leben nicht wieder verlieren.“ „Warum traurig?“ fragte Judith.„Das klingt in Ihrem Munde eben nicht heiter. Man iſt nicht gewohnt, Sie über das Leben klagen zu hinin Ihnen hat es doch nicht wehe gethan?’? Eduard ſchwieg und ſetzte ſich an den Flügel, um, wenn nicht mit Worten, doch mit Tönen zu antworten. Er ſpielte, als wenn er allein geweſen wäre, leiſe, klar, verſtändlich. Seine Töne gingen an'’s Herz. Und ſein Herz war voll, und da es ſeinen Ueberfluß abgab, nah⸗ men ihn andre Herzen auf und verarbeiteten ihn. Ju⸗ dith winkte ihrer Freundin und dieſe nickte Beifall. Gleich darauf kam der Bankier. Sein erſtes Begegnen 4 mit Eduard war, wie man es von ihm erwarten konnte, freundlich und herzlich wie immer. Er blieb nicht lange, 4 ſondern begab ſich in eine Abendgeſellſchaft. Die drei zungen Leute waren wieder allein. „Sie haben nun Ihre Laſt vom Herzen abgeſchüt⸗ telt,“ ſetzte Judith das Geſpräch fort.„Sie haben ſie weg niuſicirt, wir haben auch eine darauf und können ſie nur fortplaudern. Hören Sie, mein Herr? Wo haben Sie Ihre Gedanken?“ „Ich höre, ich höre, Judith, mit hundert Ohren. 4 „Nur mit zweien, wenn ich bitten darf. Das ge⸗ nügt. Haben Sie das Bild Ihres Freundes geſehen?“ „Welches Bild und welchen Freundes⸗ Alle haben ſo viel gemalt.“ „Ich meine das, wovon alle Welt ſpricht. Das vertriebene Königsgeſchwiſterpaar von Lambeck.“ „Ah das! Ja, ich habe es geſehen. Es iſt ſehr gut. Aber es iſt mir lieb, daß Sie mich daran erin⸗ nern. Es iſt ein Diebſtahl darin.“ „Ja, man hat einen Thron geſtohlen!“ „Den meine ich nicht. Man hat uns ſelbſt ge⸗ ſtohlen.“ „Ach, uns meinen Sie! Freilich, das iſt auch ein Diebſtahl. Der hat aber wenig zu bedeuten.“ „So? Man wird in Geſellſchaften mit Fingern auf uns zeigen. Das ſind die Enterbten, wird man ſagen.“ „Wenn man Gefallen daran findet, warum nicht? Es ſind die königlichen Geſchwiſter, kann man auch ſagen.“ „Wenn Sie es ſo nehmen, bin ich zufrieden!“ erwi⸗ derte Eduard und lächelte wieder ſo heiter, wie er früher — 192— gelächelt hatte. Ich war nicht meinetwegen deshalb un⸗ willig.“ „Aber meinetwegen, wollen Sie ſagen, nicht wahr? Verzeihen wir dem Spitzbuben diesmal, wir wären viel⸗ leicht nicht auf die Nachwelt gekommen ohne ihn.“ „Das iſt ſehr möglich, und wir ſollten ihm wohl eigentlich noch Dank ſagen.“ „Das wollen wir auch und nun hören Sie. Aber es handelt ſich um ein Geheimniß— können Sie ſchweigen?“ „Ein Geheimniß?“ murmelte Eduard und unwill⸗ kürlich blickte er Emma an. 18. „Ja, ja, ſehen Sie ſie nur an— Emma betrifft es oder vielmehr ihren Vater. Sie blicken ja ganz ver⸗ wundert! Mit Einem Worte, wollen Sie uns unterſtützen oder nicht?“ „Ehe ich Ja ſage, muß ich wiſſen, um was es ſich handelt.“ „O, die Männer! Immer dieſe Bedächtigkeit— dieſe Sicherheit— Ihr ſeid Alle gleich— ſämmtlich 3 Buchſtabenmenſchen!“ Und Judith ſchlug mit ihrem Tuche ſcherzend auf die Hand des jungen Arztes, der mit einem ihrer Fingerhüte ſpielte. „Nun ſprich, Judith,“ fing Emma wieder an,„ſonſt bitte ich Herrn Wollzagen.“ „MNein, laß mich— ich habe mehr Gewalt über ihn — —,— 193 als Du“— und beide Mädchen lachten in froher Laune herzlich über das komiſche Anſehen, das ſich In⸗ dith gab.. „ Nun ſpitze ich ſchon lange zwei vortreffliche Ohren“ ſagte Eduard,„aber ich höre gar nichts.“ „Da haben wir's. Jetzt aber kommt es. Emma's Vater, der Präſident, feiert am Sylveſtertage dieſes Jahres ſeinen zweiundfunfzigſten Geburtstag. Seine vie⸗ len Freunde und Bekannten haben dem ewig arbeitenden armen Manne ein erheiterndes Feſt zugedacht. Muſika⸗ liſche Aufführungen aller Art, vielleicht ein kleines Schau⸗ ſpiel, und zuletzt lebende Bilder, von denen aber nur wir und. unſre nächſten Bekannten wiſſen, ſollen in fortlau⸗ fender Reihe dargeſtellt werden. Unter Andern iſt auch⸗ Ihnen eine Stelle dabei zugedacht.“ „Mir?“ fragte Eduard betroffen und ſein Herzblut erſtarrte. „Nun ja, Ihnen, als ob Sie nicht ein eben ſo gu⸗ ter Schauſpieler wären, als alle übrigen Männer— „Mich kennt der Herr Präſident nicht.“ „Eben das iſt das Ueberraſchendſte dabei, und darum haben wir Beide dieſen herrlichen Gedanken ausge⸗ brütet.“ 3 „Sie Beide?“ und Eduard warf einen melancholi⸗ ſchen Blick auf die Tochter ſeines einſtigen Vormundes. Der Inſelkönig. III. 13 — 191— „Ja, wir Beide,“ wiederholte Emma.„Uebrigens kennt Sie mein Vater doch ſchon—“ „Mich? Sie irren oder ich— ich träume.“ „Träumen Sie heute Nacht, wovon Sie wollen,“ ſcherzte Judith—„heue Abend aber verbitten wir uns Träume und Schläfrigkeit— Sie ſheinen in der That noch auf dem Meere zu ſchwimmen— „Gedanken ſind oft Meere, Judith—⸗ „Um Gotteswillen, ſchweigen Sie! Emma bekommt einen ganz falſchen Begriff von Ihnen— hören Sie lie⸗ ber, was ſie jetzt ſagt—“ „Ja,“ ſprach dieſe,„mein Vater hat Sie in jenem Bilde geſehen. Und die Schönheit, die Wahrheit jenes Bildes, wie er ſagt, hat einen ſo wunderbaren Eindruck auf ihn gemacht, daß er nachher im Stillen, wie ich weiß, Thränen darüber vergoſſen hat.“ „Thränen, mein Fräulein?“ „So iſt es! Mein armer Vater leidet ſeit einiger Zeit an Nervenſchwäche. An jenem Tage war das Uebel gerade ſehr arg. Da ihm das Bild nun gefallen hat—⸗ „Aber wiſſen Sie das ſo beſtimmt, mein Fräulein?“ „Gewiß weiß ich das— ſo, ſo wollen wir es ihm zu ſeinem Geburtstage heimlich mit lebenden Perſonen vorführen.“ „Kein Menſch aber darf davon ein Wort wiſſen,“ unterbrach Judith—„nur wir und der Maler des Bil⸗ konnten. des dürfen es wiſſen. Er beſorgt die Decoration und ſtellt uns auf.“ Eduard war in der That in ein Meer von Gedan⸗ ken verloren. Seine Seele litt in dieſem Augenblicke tauſendfach mehr, als die beiden munteren Mädchen ahnen „Nun— raſch Ihre Antwort!“ rief Judith. „Ich bitte um einen Tag Bedenkzeit.“ „Nicht angenommen! Heut oder gar nicht!—“ Eduard kämpfte nach einem Entſchluſſe. Plötzlich leuchtete er ihm auf. „Ich nehme es an!“ ſagte er raſch und über ſein edles Geſicht goß ſich ein warmer Strahl geraden Weges aus dem Herzen kommenden Blutes. „Das wußte ich vorher!“ entgegnete Judith und reichte ihm die Hand.„Ich wußte ja— Sie ſchlagen mir eine ſolche kleine Bitte nicht ab.“ „Es iſt das keine kleine Bitte— Judith! be⸗ wahre! Sie müſſen alle Verantwortlichkeit des Ausfalles auf ſich nehmen, meine Damen— ich habe das nicht veranſtaltet.“ „Verſteht ſich von ſelbſtt“ rief Emma unbe⸗ denklich. „Welcher Vorbehalt! Aecht männiſe ſind.“— G ieder!“. jubelte Judith.„Schade, daß Sie kein Juriſt * — 196— „Wahrſcheinlich ſehr gut, daß ich keiner bin.“ .„Sie wurden nicht aus Liebe zu einem Mädchen Arzt, nicht wahr, Eduard?“ ſcherzte das loſe Mädchen und ſah Emma von der Seite an. 3 „Judith, Judith, welche Thorheit!“ „Wie? Glaubſt Du, daß Herr Wollzagen das nicht—“ 8 Emma ließ ſie nicht ausſprechen, ſondern hielt der Schwätzerin den Mund zu. Eduard aber erſah, daß Joſephſon kaum noch ſeiner Empfehlung bedürfe, ein dreiſterer Mund hatte ſich für ihn geöffnet. Das Geſpräch war zu Ende. Das Abendeſſen . wurde aufgetragen und gleich darauf ging Emma nach Hauſe, von einem Diener ihres Vaters geleitet. Auf der Treppe, bis wohin Indith die Freundin führte, fragte ſie leiſe:⸗ „Nun, wie gefällt er Dir?“ „Er iſt ſo, wie Du ihn geſchildert. Nur ſcheint Ber mir weniger heiter, als Du ihn gezeichnet. Er hat vielleicht traurige Erfahrungen gemacht.“ „Kleine Närrin! Verliebt iſt er nicht und in Dich am wenigſten.“ 3 „Dann tröſte Du ihn, Judith— gute Nacht!“ Und ſie ſprang luſtig die Treppe hinunter.— „Was iſt Ihnen nur heute, Eduard?“ ftagte ——— . — 192— Judith in viel ernſterem Tone als vorher, nachdem ſie in's Zimmer zurückgekehrt war.„Haben Sie wirklich Kummer?“ „Ja, Judith, und dazu ſehr großen. Der Vor⸗ ſchlag mit dem Bilde gefällt mir nicht.“ „Warum nicht? Mir gefällt er ſehr.“ „Was wird Manowsky denken?“ Judith blickte ſehr ernſt.„Was er denken wird? Das will ich Ihnen ſagen.“ Und ſie ging an ihren Nähtiſch und nahm ein feines, auf rothes Papier ge⸗ ſchriebenes Brieſchen heraus, deſſen Aufſchrift die ſchöne Handſchrift des idealen Künſtlers zeigte. „Leſen Sie!“ ſagte ſie und reichte den Brief hin. Eduard ſchüttelte den Kopf und erwiderte: „Ich bin nicht gern unberufen ein Dieb.“ „Bitte!“ ſprach das Mädchen, ſenkte den ſchönen Kopf anmuthig auf ihre linke Schulter und ſah den Freund ſo herzlich bittend an, daß dieſer den Brief nahm und raſch las. Judith hatte den Plan des darzuſtellenden Bildes, der lange vor Eduards Rückkehr geſchmiedet war, dem abweſenden Bräutigam mitgetheilt und dieſer ihn nicht nur gebilligt, ſondern Judith in allen ſchwierigen Fällen ihres Lebens während ſeiner Abweſenheit, auf den zuver⸗ läſſigſten ihrer Freunde, auf Eduard verwieſen.„Ihm verdanke ich mein Glück, ſchrieb er am Ende des Briefes — 198— ihm ſchenke ich alles Vertrauen, das er ſo ſehr verdient. Vergiß auch Du das niemals.“ „Ich ſollte das vergeſſen, Eduard!“ ſagte Judith leiſe, indem ſie ihm über die Schulter in den Brief ſah— „ich ſollte das vergeſſen— o mein Gott! für wie un⸗ dankbar und leichtfertig halten uns die Männer!“— — Zweites Kapitel. Die lebenden Bilder. Joſephſon ſchwamm während der letzten Monate des lau⸗ fenden Jahres in einem Meere von Wonne. Alles ging nach Wunſch und übertraf ſogar ſeine kühnſten Erwar⸗ tungen. Eduard hatte ihm eine getreue Schilderung des bei Ermelings verlebten Abends entworfen und alle Ge⸗ ſpräche bis in's Kleinſte übertragen. Zwar hatte der hoffnungsvolle Referendarius noch nicht das geringſte Wort über den Zuſtand ſeines Herzens gegen die ſchöne Tochter ſeines erhabenen Gönners fallen laſſen, allein er nahm an, ſeine nach allen Seiten gerichtete Aufmerkſamkeit und ſeine grenzenloſe Hingebung an Alles, was das präſident⸗ Sprache ſeiner geheimſten Wünſche ſein. hetraf, würde eine hinreichend verſtändliche d doch irrte er ſich in dieſem Punkte theilweiſe gewaltig. Was die Tochter anbelangt, ſo hegte er freilich eine richtige — 200— Hoffnung. Dieſe fühlte mit der inſtinktartigen Schärfe ihres Geſchlechts, daß die Ergebenheit ihres Anbeters ge⸗ gen den Vater eine Folge ſeiner Verehrung der Tochter ſei, und in dieſem Gefühle hatte ſie die von Allem unter⸗ richtete Judith nach Art der vertrauten Freundinnen ge⸗ leitet. Dennoch aber that ſie nicht mehr und nicht weni⸗ ger, als daß ſie ſchweigend und abwartend den Bewer⸗ bungen des jungen Mannes gegenüberſtand, ohne im Ge⸗ ringſten ihre eigenen Empfindungen zu verrathen; noch viel weniger aber ließ ſie durch irgend eine hervorſtechende Freundlichkeit den Abſichten Joſephſons eine Ermunterung angedeihen, die, ſo weit ſie ihren Vater kannte, von die⸗ ſem wahrſcheinlich für's Erſte nicht gebilligt worden wäre. Und was dieſen Vater betraf, ſo hatte Joſephſon, wenn er glaubte, er befinde ſich ſchon in dem Bereiche eines Schatzes, nach dem er blos ſeine Hand auszuſtrecken brauche, um ihn in Beſitz zu nehmen, dem allerluftigſten Wahne ſich ergeben, denn der Kammergerichtspräſident dachte nicht im Entfernteſten daran, ſeine einzige Tochter einem armen Referendarius zu überlaſſen. Er ſah freilich den ihm mit allen Sinnen ergebenen, tüchtigen Arbeiter in Joſephſon gern, ſchätzte in ihm, wie Emma ſich aus⸗ drückte, den werdenden Kopf, fühlte ſich aber durch ſeine Aufmerkſamkeit nicht beſonders geſchmeichelt, denn es ſchien ziemlich natürlich zu ſein, daß ihm, dem Präſidenten des Gerichts, alle Beamten deſſelben ihre Huldigungen dar⸗ — — 201— 88 brachten. Daß Joſephſon aber ſeiner Tochter wegen, zum Theil wenigſtens, ſeinen Beruf gewechſelt, war ihm nicht im Entfernteſten bekannt, und er hätte dieſen Umſtand, wenn er ihn auch gewußt, nur als eine Chimäre oder höchſtens als den allererſten Anfang eines nur zu unbe⸗ ſtimmten Endes angeſehen. Alſo über die glückliche und vorgerückte Geſtaltung ſeiner Verhältniſſe zu dem Ramkau'ſchen Hauſe hatte unſer ſcherzhafter Freund keinen Grund zu frohlocken. Dennoch aber war er innig erfreut über das bevorſtehende Feſt, über die ſchönen Gelegenheiten häufigerer Zuſammenkünfte mit ſeiner Angebeteten und über die möglichen Folgen, die ſich an dieſe knüpfen konnten. Denn die für die Feierlichkeit nothwendigen Proben mußten ihn häufiger als je mit der Tochter des Hauſes zuſammenführen, da dieſe das ganze Feſt, wie ſie es angeordnet, auch zu leiten beſchloſſen hatte. Und daß nun gar Eduard, ſein beſter und zuverläſſigſter Freund, an dieſem Feſte perſönlichen Antheil nahm, ihm alſo in allen Fährlichkeiten zur Seite ſtand, war eine eben ſo unverhoffte wie erwünſchte Vervoll⸗ kommnung deſſelben. Was Cduard ſelbſt betraf, ſo hegte er keine offen⸗ bare oder gar geheime Abſicht, als er ſich an den Gedan⸗ ken ſeiner zu übernehmenden Rolle bei den lebenden Bil⸗ dern allmählig gewöhnt hatte. Er betrachtete ſeine un⸗ freiwillige Mitwirkung weniger als ein Ergebniß engver⸗ — 202— ketteter Schickſalsverhältniſſe, denn vielmehr als die neckende Laune eines in dem Leben des Menſchen ſo oft mitſpielenden Zufalls und er beſchränkte ſich darauf, ein ruhiger Beobachter der etwa ſich ereignenden Vorfälle zu ſein, deren Verantwortung er überdies von ſich abgelehnt hatte. Geſpannt war er allerdings, von Angeſicht zu An⸗ geſicht den Mann zu ſehen, dem er ſchon einmal im Beginn ſeiner Lebenslaufbahn gegenüber geſtanden hatte und der, nach Allem was ihm bekannt war, in der Tragödie ſeines Jugendkampfes die Stelle der Parzen übernommen hatte, die nach eigenem, kaltem Belieben den Lebensfaden der Sterblichen zu verkürzen oder zu verlängern von den Dich⸗ tern der Alten geſchaffen ſind. Die übrigen Freunde, die durch Joſephſon und Lam⸗ beck zu Theilnehmern oder gar Werkführern des Feſtes eingeführt wurden, waren Alle in ihrem Fache thätig, daſſelbe zu einem ſo bedeutenden und angenehmen wie möglich zu machen. Die Freundinnen Emma's waren von ihr bezeichnet worden, welche die Künſtler zu Figuren in den verſchiede⸗ nen Aufführungen benutzen konnten und dieſe hatten ſi ſich bereitwillig dazu hergegeben, den Freudentag eines ſo be⸗ deutenden Mannes mit allen ihren Kräften zu verherrli⸗ chen. So hatten Riegenſtahl, Kannenſchmidt ihre eigenen Bilder zu ſtellen und ſie arbeiteten rüſtig an ihrer Auf⸗ gabe, mit der ſie Ehre einzulegen und überdies manche 8 —— perſönliche vornehme Bekanntſchaft zu machen gedachten. 8 Waldau war nur als Zuſchauer geladen, denn ſein ern⸗ ſtes, in der letzten Zeit mehr als je zurückhaltendes und brütendes Weſen eignete ſich weniger zur Uebernahme einer Rolle, bei deren Darſtellung der viel zu viel mit ſich ſelbſt beſchäftigte Architekt aus ſeiner beſchaulichen Lebensweiſe hätte herausgehen müſſen. Felir hatte auf Iudiths aus⸗ drückliches Begehren die Leitung der muſikaliſchen Auſ⸗ führungen übernehmen müſſen, und er war wie die Uebri⸗ gen mit ſeinem Männerchor und ſeinem Orcheſter auf das Eifrigſte beſchäftigt, ſeiner Kunſt Geltung zu ver⸗ ſchaffen. Wir haben von Lambecks eigener Mitwirkung noch nichts geſagt, und freilich wäre ſein Eifer, ſein geheimniß⸗ volles, beinahe dämoniſches, im Stillen fortſchreitendes Arbeiten an der künſtleriſchen Vollendung ſeiner Aufgabe am ſchwierigſten darzuſtellen. Er war der glückliche Meiſter des wegen ſeiner Schönheit und Erfindung nicht nur allgemein angeſtaunten, ſondern auch wegen der nie geſehenen Farbenpracht bewunderten Bildes, das, in Tem⸗ pera⸗Manier gemalt, viele Wochen lang in einem ſeiner Zimmer allen Kunſtliebhabern ausgeſtellt geweſen war. Wie er ſich und ſeine früheren Leiſtungen kannte und rich⸗ tig würdigte, was eine ſeltene Erſcheinung bei einem ſol⸗ chen Künſtler iſt, ſo wußte er auch dies Mal, was er den Augen der kritiſchen Welt vorgeführt hatte, und er lachte — 294— oeft im Stillen über die Unwiſſenheit, die Geſchmackloſig⸗ keit der beredteſten Lobredner ſowohl wie Tadler. Aber mit einer geheimen, uns in ihrem Urſprunge noch dun⸗ keln Freude hatte er den Eindruck wahrgenommen, den dieſes Bild auf den vornehmen Mann gemacht hatte, der bisweilen mit ſeiner Tochter, häufiger aber allein in ſein Atelier kam und ſich daſſelbe mit ſtiller Aufmerkſamkeit, man möchte beinahe annehmen. Andacht betrachtete. Der Kammergerichtspräſident ſchien hingeriſſen von dieſem Bilde. Wir ſagen, ſchien! denn die Urſache ſei⸗ nes ſtillen Denkens davor lag ganz gewiß tiefer, als in der Bewunderung der künſtleriſchen Darſtellung. Genug — ALdalbert Lambeck war ein ſcharfer Beobachter dieſes häufigen Beſuches geweſen. Er war dem Auge des Su⸗ chenden gefolgt und hatte den Punkt auf ſeinem Bilde gefunden, auf dem die brennenden Augen des Mannes in innerer Verſunkenheit zu wurzeln ſchienen. In der fin⸗ ſtern Tiefe dieſes ſeltſamen Künſtlerherzens bildete ſich eine Art Tragödie heraus— er dachte ſich etwas, was er Niemand ſagte, und was ihm vielleicht ſelbſt noch in unklaren Umriſſen vor ſeiner Seele ſchwebte. Waldau's träumeriſch hingeworfene Bemerkungen über Eduards dunkle Herkunft, von hier und da Seitens der übrigen Freunde gefallenen Vermuthungen unterſtützt, hatten den dämoniſchen Rieſen— die Phantaſie— in ſeiner Bruſt geweckt und ſo hatte er ſich ſelbſt eine Spur 6*½ gegraben, auf der er jetzt behaglich und bauend weiter⸗ ſchritt. Dieſe Spur— geſtehen wir es hier gleich— war durchaus falſch, das iſt aber für den Verlauf unſerer Erzählung gleichgiltig, die Wirkung war da; ſeine Thäͤ⸗ tigkeit, das eigene Bild in lebendiger Natur ſo wahr wie möglich dargeſtellt zu ſehen, wurde dadurch angeſtachelt und auf dieſe Weiſe eine Scene herbeigeführt, die der Wirklichkeit an Leben und Wahrheit nichts nachgab. Er hatte ſich wiederholt in die Wohnung des Präſi⸗ denten begeben und die Räumlichkeiten, in denen die Auf⸗ führung ſtattfinden ſollte, genau gemeſſen und aufgefaßt. Er hatte der Tochter des Hausherrn ſeine Anſichten über die Erleuchtung, die Plätze der Zuſchauer, die Stellung der Bilder mitgetheilt.„Emma hatte Alles dankbar an⸗ genommen, mit Judith das Nöthige beſprochen und nun begaben ſich dieſe Drei„auf ſo verſchiedene Art an Einer Arbeit beſchäftigt, an die Ausführung ihrer gefaßten Pläne. Lambeck malte den Hintergrund, die Felſen, die erleuchtete Burg; die beiden Mädchen dagegen arbeiteten, nur von dem Künſtler geleitet, an den nothwendigen Kleidungen, wovon ſelbſt Eduard nichts gewahr wurde. Faſt in der Mitte des Dezember waren dieſe Vorbereitungen beendigt, und nun erſchien der Temperamaler eines Abends mit einem großen Korbe in dem Gartenhäuschen und fand glücklicher Weiſe Eduard allein bei ſeinen Büchern. „Was haſt Du in dem Korbe da?“ fragte dieſer. — 26— „Das wirſt Du gleich ſehen. Vor allen Dingen benachrichtige ich Dich, daß unſer Bild am Sylveſter⸗ abend das letzte ſein wird, was man ſchauen wird. Du darfſt Dich aber vor keines Menſchen Auge vorher ſehen laſſen. Das verſprich mir.“ „Warum das?“ „Es iſt mein Wille und meine Abſicht ſo. Ich muß für den Effekt meines Bildes haften, und da man keine Ahnung von der Darſtellung deſſelben hat, ſo darf man auch die Geſichter der Mitſpielenden vorher nicht ſehen. Judith wird ebenfalls verborgen bleiben.“ „Ich theile Deine Abſicht vollkommen. Aber ich meine, es ſei die höchſte Zeit, an unſre Kleidung zu denken.“ „Hier iſt ſie!“ entgegnete der Künſtler und ſchlug den Deckel des Korbes herunter. Eduard ſah ihn er⸗ ſtaunt an— denn er ſah das prächtig gearbeitete Koſtüm des verbannten Königsſohnes im Korbe liegen.— „Du haſt mir wenig Umſicht zugetraut, wenn Du glaubſt, ich würde die Kleidung von Fremden beſorgen laſſen. Ich allein, wie ich ſie erdacht, konnte ſie in Far⸗ ben, Stoffen und Formen auswählen und zuſammenſetzen. Hier, probire es an. Da, dieſe ſeidenen Tricots müſ⸗ ſen Dir paſſen. Die rothen Halbſtiefeln mit den golde⸗ nen Franzen hat Dein eigener Schuſter gearbeitet. Dieſe Tunika von braunem Sammet hat Dein Schneider genäht. — 2072— Dieſen perlengeſtickten Gürtel hat Judiths ſchöne Hand ſel⸗ ber gefertigt. Der Dolch gehört mir. Dieſen Ueber⸗ wurf von weißem, feinem Wollenzeug, welcher nachläſſig von Deiner Schulter fällt und Deiner Schweſter zum Schutze gegen die Nachtluft dient, hat die bleiche Emma nach meinem Schnitte zu Stande gebracht. Dein Friſeur werde ich ſelbſt ſein— biſt Du zufrieden?“ „Ja— aber die Koſten?“ „Dummes Zeug; ich habe an einem Tage ein kleines Bild gemalt und ein dummer Sammler hat mir zwölf Louisd'or dafür gegeben. Die haben das Ganze und noch die Leinwand zur Dekoration beſtritten.“ „Du giebſt Dir viele Mähe mit dem Bilde.“ „Das iſt meine Seligkeit. Ein Künſtler, der mit ſeinem Gelde knauſert, um ſich eine koſtbare Farbe oder ein ſchönes Modell zu kaufen, iſt Stockſchläge werth. Die Farben hatte ich, meine Modelke haben mir umſonſt ge⸗ ſeſſen, denn, wie Du weißt, habe ich die enterbten Kö⸗ nigskinder geſtohlen.“ 8 „Das haſt Du, und Du haſt Dich nicht einmal ge⸗ gen mich entſchuldigt.“ „Das fehlte noch! Warum haſt Du ein Geſicht, das meinen Appetit erregt hat?“ „Ich kann nicht dafür.“ „Ich auch nicht. Wer— weiß ich nicht. Du mußt damit zufrieden ſein.“ 3 — — — 208— „Adalbert, in Deinen Worten liegt mehr, als Du wiſſen laſſen willſt. Aber, wenn Du ſcherzeſt, ſo ſag' es.“ 4 „Natürlich ſcherze ich. Du aber nimmſt ſeit einiger Zeit Alles ernſt. Nun, ziehe Dich an.“ Die Proben der mannigfaltigen Darſtellungen, von verſchiedenen Künſtlern geleitet und von vielen Perſonen ausgeführt, hatten begonnen und verſprachen den beſten Erfolg. Keiner aber ließ den Andern in ſeine geheime Werkſtatt blicken, nur die Reihenfolge war gemeinſam ab: geſchloſſen. Lambeck widmete ſich mit ganzer Hingebung ſeinem einmal begonnenen Unternehmen, er wollte Sieger ſein und mit ſeinem Schlußbilde den Eindruck aller Uebri⸗ gen ſchwächen. Und in der That, das ſollte ihm gelin⸗ gen; wenn auch auf andere Weſſe, als er ſich eigentlich⸗ vorgeſtellt hatte. Zu ſeinen Proben, die bei Ermelings abgehalten wurden, ließ er nicht einnal Emma zu. Er allein ſtand vor den königlichen Geſchwiſtern, ſchaute und krittelte bald hieran, bald daran. Namentlich war ihm Eduards grollendes Geſicht nicht innerlich grimmig genug, er verlangte mehr Haß, mehr verbiſſene Wuth im Aus⸗ druck ſeines Geſichts. Mit Judiths liebevoll dem ſtärke⸗ ren Bruder ſich anſchmiegendem Weſen war er ſchon zufrie⸗ dener; ihr ſehnſuchtsvolles, halb auf das erleuchtete Burg⸗ ſchloß, halb auf Eduards entſchloſſene Thatkraft hoff⸗ 1 / — 209— nungsvoll gewandtes Antlitz drückte in Blick und Haltung wunderbar treu die zwei verlangten Gefühlsrichtungen aus.— „Wenn Du nur halb ſo wild wäreſt, wie das Fräu⸗ lein weiblich und Dir ergeben,“ ſagte der Maler bei der letzten Probe,„ſo würde der Effekt ein vollkommener ſein; Du grübelſt aber mehr, als Du haſſeſt, und das iſt nicht meine Abſicht geweſen.“ „Du bekrittelſt meine Miene ſo lange,“ entgegnete Eduard,„bis ſie gar keinen Ausdruck mehr zeigen wird. Verlaß Dich darauf. Der Augenblick des Handelns wird bei mir entſcheidend ſein, ich bin kein Freund von Proben, ich habe allein die Aufführung im Auge. Bei dieſer ſollſt Du mit mir zufrieden ſein.“ Der Sylveſterabend und mit ihm das Feſt war ge⸗ kommen. Lambeck hatte zwei Tage vorher mit einigen Arbeitern den Ort des Schauſpiels zu dem vorliegenden Zwecke eingerichtet. Der Präſident war in ſeinem eigenen Hauſe ein Gefangener auf ſeinem Zimmer geweſen. Um nichts durfte er ſich bekümmern, von dem meiſten Vor⸗ gehenden wußte, ahnte er nicht einmal etwas. Er hatte dieſen ſeinen Geburtstag alle Jahre mit ſteigendem Miß⸗ behagen wiederkehren ſehen, denn nicht allein wurde er mit jeder erneuten Feier ein Jahr älter, ſondern er fühlte auch allmählig, daß er den Berg des Lebens hinunterſtieg und unaufhaltſam jener großen Ebene ſich Der Inſelkönig. II. 5 8 14 näherte, unter — 210— K deren friedlicher Decke alle Leidenſchaften und Sorgen ſchlafen, bis in Ewigkeit. Dieſe Ewigkeit, ſo viel Schmer⸗ zen er auf der Erde auch ertragen, liebte er durchaus nicht. Er genoß noch gar zu gern die einzelnen Tropfen köſtlicher Seligkeit, die das irdiſche Jammerthal voller beißender Widerſprüche dem beglückten Menſchen neben ſeinen Sorgen aufgeſpart hat; er fürchtete ſich, zu ſterben und vielleicht,— es war ja immer möglich!— in jenen lichten Räumen mit Weſen zuſammenzutreffen, die mit offener Stirn, wie in jenem ſchrecklichen Traume, vor ihn treten und fragen konnten: „Mann, wo haſt Du meinen Sohn gelaſſen?“ An dieſem Sylveſterabende nun, zu dem wir jetzt gelangt ſind, befand ſich der Gefeierte in einer weicheren und zufriedeneren Gemüthsſtimmung als je zuvor. Und das war Emma's Werk. Niemals früher hatte ſie ſo be⸗ ſänftigend auf ihren Vater eingewirkt, nie ſo viel himm⸗ liſchen Seelenfrieden in dieſes ſtürmiſch bewegte Herz ge⸗ träufelt, wie dieſes Jahr. Sie wich nicht von ſeiner Seite, redete ihm zu, ermunterte ihn auf jede mögliche Weiſe, nur um ihn zu zerſtreuen, ihm zu dem ſo heiteren Abend eine feſtliche, empfängliche Stimmung zu bereiten, und dieſe Bemühung eines edeln, ſchönen und ſanften Kindes verfehlte ihren Eindruck nicht. Schon am Morgen des letzten Tages im Jahre ſagte der Präſident, als ſeine. Tochter ihn beglückwünſchte: * — — 241— „Meine liebe Emma, ich bin recht vergnügt heute; Du haſt mir wohl gethan, ich freue mich auf den 8 Abend— iſt aber auch Alles beſorgt und in paſſender Weiſe vorräthig, denn Du weißt, daß ſogar die Herren Miniſter erſcheinen werden!“ „Und wenn Se. Majeſtät der König ſelber käme, beſter Papa,“ antwortete das ſchmeichelnde Kind,„ſo ſoll⸗ *teſt Du an nichts einen Mangel finden.“ Die Miniſter! das war für den ehrgeizigen Kam⸗ mergerichtspräſidenten heute der Hauptgedanke.„Ol wä⸗ ren ſie lieber zu Hauſe geblieben,“ dachte er am andern Tage,„ihre Anweſenheit hat mir mehr geſchadet als ge⸗ nützt“— Doch greifen wir dem Abend nicht vor. Um ſieben Uhr begann das Feſt. Die Säle, die Zimmer, die Kor⸗ ridore waren erleuchtet und angenehm durchwärmt, die Die⸗ ner ſtanden bereit. Vater und Tochter ſaßen noch allein im Empfangzimmer und harrten ihrer Gäſte. Die Toch⸗ ter etwas roſiger wie gewöhnlich, belebt von der uner⸗ warteten Freude, die ſie dem geliebten Vater würde be⸗ reiten können; dieſer, ohne ſo große Erwartungen, etwas bleicher, in ſich geſunkener als am Morgen, denn die vie⸗ len Gäſte beklemmten ihn etwas, der von Tag zu Tage mehr der Einſamkeit ſich zuneigte und dem lauten Ge⸗ wühle geſchwätziger Menſchen eigentlich nie recht hold ge⸗ weſen war. “ — 212— Da hörte man die erſten Wagen rollen. Die Gäſte waren auf der Treppe. Schnell nach einander füllten ſich die Räume des Hauſes und die gewöhnlichen Begrü⸗ ßungen, Fragen, Antworten, das allbekannte Neigen und Lächeln und Aeugeln ward gegeben ſund erwidert. Wie viele blitzende Orden ſpiegelten ſich heute in den großen Gläſern der präſidentlichen Zimmer! Wie viele blaſſe, aſchgraue, vertrocknete Wangen mit erloſchenen Augen, Phyſiognomieen, wie man ſie wunderbar zahlreich in den höheren Klaſſen der aktendurſtigen Beamtenwelt findet, be⸗ lebten ſich heute hier in witzloſem Geflüſter und in den wohlſchmeckenden Weinen des kenneriſchen Wirthes! Von den Künſtlern zeigte ſich vorläufig keiner, eben ſo wenig die jungen Damen, nur das zahlloſe Heer bebrillter Aſſeſ⸗ ſoren, Referendarien und Auskultatoren war reichlich ver⸗ treten. Die Meiſten drängten, neugierig und der kommen⸗ den Ueberraſchungen gewärtig, nach dem großen Saale, der durch eine papierne Scheidewand in zwei Theile ge⸗ ſchieden war, deren größeren die Zuſchauer einnahmen, deren kleinerer die Bühne einſchloß, hinter welcher eine Thür in mehrere kleinere Herren⸗ und Damenzimmer führte, in denen die verſammelte Schauſpielerwelt ihren Flitter anlegte. Da begann der erſte Theil der Feſtlichkeiten. Felix mit ſeiner Kapelle, hinter dem grünen Teppich des Vor⸗ hanges aufgeſtellt, leitete mit ſanften Tönen die Gemüther der Zuſchauer in den geheiligten Zauber der Kunſtwelt ein. Als das Spiel und der nachfolgende Geſang zu Ende war, ſchaute man ſich befriedigt an. Man ordnete ſich auf den eiligſt herbeigetragenen Seſſeln; zwei Miniſter führten in ihrer Mitte den bewegten Feſtgeber auf ſeinen Ehrenplatz dicht vor den Vorhang, und konnten, wie ſie zu äußern ſich herabließen, nicht genug der allerliebſten Einrichtung Beifall ſpenden. Es war das Alles ſo gemüthlich, und von einer ſo liebenswürdigen Tochter her⸗ geſtellt— glücklicher Vater! reizende Tochter! O, über einen ſo in allen Dingen begünſtigten Kammergerichtsprä⸗ ſidenten! Da läutete eine kleine Glocke im Hinterraume des Saales und führte eine allgemeine Stille voller Erwar⸗ tung und Spannung ein; der Vorhang theilte ſich. Man ſah einen kleinen Garten; blühende Gebüſche, grüne Bäume füllten den ganzen Grund, rechts und links ſtan⸗ den hohe Palmen und Oelbäume, als Sinnbilder der Ge⸗ rechtigkeit und des Friedens, die in dieſen geweihten Räu⸗ men herrſchten. Ein Bote des jüngſten Gerichts, künſtleriſch und ſchön, aber phantaſtiſch gekleidet, trat auf. Es war der Referendarius Wolf Joſephſon in höchſt eigener Perſon. Er ſprach den Prolog, von ihm ſelbſt gedichtet. Er war abgeſandt von dem höchſten aller Richter da oben in den Wolken, dem hohen Richter auf Erden einen himmliſchen — 214— Grüß zu bringen und ihm ſein geſegnetes irdiſches Wir⸗ ren in den ſchmeichelhafteſten Bildern vor Augen zu iihe „ren. Ach! hätte Joſephſon gewußt, was wir wiſſen, hätte nicht mit ſo kühner Begeiſterung und einem ſo war⸗ men Herzen die Milde und Güte dieſes gerechteſten aller Richter geprieſen!— Der Bote hatte ausgeredet. Seine göttliche Sendung fand ſehr irdiſchen Beifall. Man be⸗ nickte und belächelte ſich gegenſeitig, man lobte, man ſtimmte bei und fand dieſen Eingang eben ſo natürlich wie ſinnreich. „Wer iſt dieſer junge Menſche fragte der Mini⸗ ſter links. „Er ſpricht wie ein Gott!“ rief der Miniſter rechts. Kaum war die Antwort gegeben, ſo ging der Vor⸗ hang wieder auseinander. Die lebenden Bilder hatten begonnen. Paſſende Muſik füllte die Zwiſchenpauſen wohlthäͤtig. Emma war eine der erſten Darſtellerinnen; ſie wollte ſo gern die Wirkung der Uebrigen mit Ruhe betrachten. Riegenſtahl hatte das Bild geſtellt und er ſeelber wirkte mit in dem zahlreichen Perſonale. Man ſah die Scene der Großmuth Scipio's des Jüngeren in Spa⸗ nien, in der bekanntlich die Gemahlin des gefangenen ſpa⸗ niſchen Fürſten den römiſchen Eroberer um die Freilaſſung des erkrankten Gatten bittet. Emma war, zu den Füßen des ethabenen Siegers flehend, rührend anzuſchauen an Schönheit und weiblicher Fürſorge. Das Bild fand all⸗ * 2* gemeinen Beifall und bewegte alle Herzen. Es folgten nun die andern in wohlberechneter Reihenfolge. Man wurde immer entzückter, denn die Mitwirkung geiſtiger lünſtleriſcher Kräfte war zu augenfällig, um nicht bemerkt zu werden. Die Verſammlung wurde mit jedem Augen⸗ blick ſtiller, geſpannter, aufmerkſamer. Die Miniſter zollten ernſtlichen Beifall und dachten ſchon an eine Wie⸗ derholung des Dargeſtellten vor höheren Perſonen in ih⸗ ren Mintterhotels. 3. Da lam das letzte Bild. Eine romantiſche, das leidenſchaftlih wallende Blut des Menſchenherzens in ge⸗ ſchwindern Pylſe jagende Muſik weckte den trägſten Le⸗ bensgeiſt zu neuer Anſpannung. Der Vorhang fuhr blitz⸗ ſchnell auseinander. Die Beleuchtung war magiſch klar, man konnte jedes Härchen im Barte des Koͤnigsſohnes ſehen. „Ah!“ rief die ganze Verſammlung, und wie ein elektriſcher Funke durchzuckte es alle Herzen. Es war ja das angeſtaunte, allbekannte Bild des geheimnißvollen Künſtlers, der mit pochendem Herzen zetzt ſelber hinter dem Vorhange ſtand und die Macht ſeines Werkes be⸗ trachtete. Die ſpitzbogigen Fenſter des zagenden Fels⸗ ſchloſſes blinkten ſtolz hernieder in das wilde Schluchten⸗ gewirr der romantiſchen Felſengegend. Wie natürlich dräueten Steine und dornige Gebüſche. Aber die Ge⸗ ſtalten ſelber, wie wirkten ſie mächtig mit ihrem Ausdruck — 216— des Wahren, Natürlichen, Menſchlichen. Wie innig lehnte ſich Judith an den ſtarken Bruder, deſſen Linke ſie in ihre ſchöne Hand gepreßt hielt. Wie wehmüthig verlangend ſandte ſie ihren umflorten Blick nach der majeſtätiſchen Bergfeſte, in welcher der grauſame Vater jubelnd zechte. Man hätte ihr Herz vor Gram und Weh können ſchligen hören. Nun aber der grimmige, ſchönedle, von gerechtem Haſſe erfüllte Bruder! wie wuthentbrannt grif er mit dem quellenden Fleiſche ſeiner Rechten an das blitzende Meſſer, wie zornesglühend ſchleuderte er die Flammen ſei⸗ nes funkelnden Auges gerade aus in die Augen des— ja, des einen Beſchauers, denn Eduard ſielt ſeine Blicke auf die Mitte, den Vordergrund des Saales gebannt, und hier begegneten ſie zum erſten Male den zitternden Augen des geiſterhaft aufgeregten Präſidenten, der ſeine Haare ſich ſträuben und ſeine Pulſe ſtocken fühlte. Und was geſchah da? Ein einziger lauter Aufſchrei erſchallte plötzlich mitten in dem wirbelnden Frohlocken der Zuſchauer. Zwiſchen den beiden Miniſtern ſitznd, war der Präſident in ſeinen Lehnſtuhl zurückgeſunken, krampf⸗ naſt ſeine Pand gegen das ſchmerzergriſfene Lens Prefſend. gefallen. Es entſtand ein allgemeines Gewirre. Man ſagte, den Präſidenten habe der Schlag gerührt— man hatte ſchon nach dem Hausarzte einen jagenden Boten ge⸗ —,—-— 8. ſandt— bald war er in ſein Bette gebracht— die Gäſte hatten ſchleunigſt die erleuchteten Säle verlaſſen— das Präſidentenhaus ſtand leer— ganz leer, und an dem Bette des plötzlich Erkrankten knieete händeringend die wei⸗ nende Tochter, die keine Ahnung von der Urſache dieſes unglücklichſten aller Zufälle hatte. 85 Verlaſſen wir aber dieſes Haus noch nicht. Warten wir die Mitternachtsſtunde an dieſem Krankenbette ab, da der troſtſprechende Arzt wieder in ſeinen feſtlichen Zirkel zurückgekehrt war, den er brummend und ſcheltend über die abſcheuliche Störung verlaſſen hatte. Woldemar Ramkau lag entkleidet auf ſeinem Lager, die ſtill weinende Emma ſaß neben ihm, ſeine brennende Hand in der ihrigen haltend und von Zeit zu Zeit mit den zärtlichſten Küſſen bedeckend. Der Arzt hatte einen beruhigenden Trank verordnet, denn er kannte ſchon den gewöhnlichen Verlauf dieſer präſidentlichen Anfälle. Der Kranke lag ſtill da, die Augen geſchloſſen, anſcheinend im ruhigſten Schlafe. Aber in dieſem haſtig pochenden Her⸗ zen war in dieſem Augenblicke keine Spur jenes ſanften Schmerzensmittels vorhanden. Im Gegentheil, dieſer Mann arbeitete heftig in ſeinem Geiſte, der nie ſo klar geweſen war, wie in dieſer Stunde. Auch Woldemar Ramkau wälzte einen Entſchluß in ſich herum, und der Zufall kam herbei, denſelben ſofort in's Leben zu führen. Naäͤmlich als Vater und Tochter in dieſer Lage die Nacht durchwachten, die ſie bei Scherz und Heiterkeit, Muſik und Tanz zuzubringen gehofft hatten, ließ mit einem Male die Mitternachtsſtunde ihre zwölf vollen Klänge vernehmen. Schon die Bedeutung dieſer zwölf ſo raſch auf einander folgenden Schläge, die in ſeinem Innern ſchwirrend widerhallten, erſchütterten den Präſidenten auf das Heftigſte. „Ein neues Jahr,“ ſagte er ſtill zu ſich,„mit neuen Sorgen, neuen Befürchtungen, neuen Qualen— großer Gott!“ Als aber nun von der zunächſt liegenden Domkirche Poſaunenſchall ſich hören ließ, und von der Höhe des Thurmes die feierlichen Klänge des heiligen Gebetes er⸗ ſchollen: Nun danket Alle Gott!— da brauſte auch ein feierlicher Poſaunenſchall in dem wunden Herzen dieſes Menſchen wider, er rief ihn wach zur Ausführung eines längſt gehegten Gedankens, der auch in dieſem gewichti⸗ gen Augenblicke ſeinen Geiſt erfüllt hatte. Plötzlich, als die Poſaunenklänge verhallt waren, richtete der Präſident zum Erſtaunen ſeiner Tochter ſich auf, ſah ſich rings im Zimmer um und fragte leiſe: „Sind wir allein, Emma!“ „Ja, mein Vater, ganz allein.“ „So geh zur Thür, ſieh, ob noch ein Diener wach iſt, dann kehre zurück und ſchließe die Thür hinter Dir zu.—“. ——— —, b Die erſchreckte Tochter that, wie ihr der Vater ge⸗ heißen. „So,“ ſagte dieſer, als ſie wiederkam,„nun iſt es Zeit, Emma. Haſt Du die erſte Stunde des neuen Jah⸗ res gehört? Wohl! Sieh, in dieſem Jahre muß ich die Ruhe erhalten, die mir ſchon ſeit vielen Jahren fehlt, und damit ſie komme, will ich— beichten.“ „Beichten? Um Gottes willen, mein Vater! Einem Geiſtlichen willſt Du beichten?“ „Einem Geiſtlichen? Ha, ha, ha! Was kann mir ein Geiſtlicher, ein Menſch ſein, der vielleicht eben ſo ſünd⸗ haft wie ich, von ähnlichen inneren Qualen zerfleiſcht wird und ſich nur die Salbung eines göttlichen Boten anmaßt. Nein, mein Kind, ich brauche ein reines, unſchuldiges Herz— ein Herz wie das Deinige, und darum will ich Dir beichten.“ 8 Die Tochter fürchtete, der Vater phantaſiere. Sie faßte ſanft nach ſeinem Kopfe und fühlte eine brennende Hitze darin. doch geängſtigt. 7 8 „Ja, Dir! der Vater ſeinem Kinde, das ihm die Natur ſelber als höchſten Richter gegeben hat, denn mich kann nur ein Herz, ein fühlendes Herz verurtheilen, nicht aber der Buchſtabe des Geſetzes, denn in Buchſtaben habe ich nie gefehlt, höchſtens nur in Empfindungen. Aengſtige „Mir willſt Du beichten?“ fragte ſie läͤchelnd und — 220— Dich daher nicht, mein Kind. Ich bin nicht ſo krank, wie Du Dir einbildeſt und wie die Menſchen nach dem heutigen Vorfalle wohl glauben mögen— ich bin nur krank in der Seele— denn, ich habe einen Fehltritt be⸗ gangen, der ſich jetzt an mir ſelber rächt.“ „Mein armer Vater! Wie beklage ich Dich!“ „Und mit welchem Rechte! Zuvor aber, ehe ich Dir meine Lebensgeſchichte erzähle, wie weder Du noch die Welt ſie kennt, beantworte mir eine Frage. Wer war der Mann, der heute Abend— den verſtoßenen Königs⸗ ſohn in des Malers Bilde vorſtellte?“ „O mein Vater, das weißt Du ja! Es iſt ein Arzt, Herr Wollzagen, der frühere Lehrer unſerer lieben Judith.“ „Irrſt Du Dich auch nicht? Weißt Du das ganz beſtimmt? Wer iſt ſein Vater?“ „Ich weiß es ganz beſtimmt, wie man es wiſſen kann. Sein Vater iſt ein Prediger, ich glaaube— doch ich weiß nicht recht, wo.“ „Und wie kam er in mein Pans 2u „Auf unſere dringende Bitte— Judith und ich ha⸗ ben ihn überredet, jene Rolle im Bilde zu übernehmen, wozu er nicht die geringſte Luſt hatte, denn er lebt eben ſo zurückgezogen, wie unaufhörlich ſeinen Studien ergeben.“ „Erkundige Dich noch genauer nach ihm— hörſt Du— und theile mir mit, was Du über ihn erfährſt. Dieſer Menſch ängſtigt mich— und vor allen Dingen, — ——.— — 221— ſei er, wer er will— er darf unſer Haus nicht mehr be⸗ treten— er ſtört meine Ruhe— verſtehſt Du?“ „Ich verſtehe. Aber wie iſt das möglich?“ „O, wenn Du wüſßteſt, mit welchem Auge er mich angeſehen hat!“ Und in ſeinem Innern flüſterte der ge⸗ ängſtigte Mann den ſo gefürchteten Namen: Beata! „Aber es lag ja in dem Bilde, mein Vater!“ „Richtig! Eben das Bild hat mich ſchon genug geängſtigt.“ „O mein Gott! und ich glaubte, Du hätteſt einen ſo großen Gefallen daran.“ „So alſo iſt es! daher dieſes Mißverſtaͤndniß!“ „Daher ganz allein, mein Vater!“ „Und ich glaubte ſchon, er hätte ſelbſt dieſes Alles angeſtiftet!“ „Wer ſelbſt?“ 8 „Er— der Arzt, Wollzagen! „Bewahre! er hat nicht einmal von dem Bilde ge⸗ wußt. Es iſt in ſeiner Abweſenheit verfertigt, und der Maler hat ohne ſein Wiſſen ſich ſeines Geſichtes wie Ju⸗ diths bedient.“. „Der Maler? Lambeck? Der gefällt mir auch nicht. Ich mag ihn nicht wiederſehen.“ „Gewiß nicht, mein Vater! Aber was wollteſt Du mir— mittheilen?“ „Ja wohl, Du ſollſt es hören. Du ha ſchon in Etwas beruhigt— aber ich will vollkommene Ruhe haben. So höre alſo.“ Und nun erzählte der Vater ſeinem Kinde Alles was ſich, ſo weit er es wußte, auf Eduards Leben bezog. Nur von dem verbrannten Käſtchen ſagte er nichts, denn das hatte er als eine nebenſächliche Kleinigkeit vergeſſen. Er deckte ſeinen Leichtſinn, ſeine Härte— wie man es nun beurtheilen will, auf, das aber könne er mit dem theuerſten Eide beſchwören, ſagte er, daß er den Unter⸗ gang des Kindes nicht gewollt habe. Ueberhaupt legte er ſeiner Erzͤhlung ſo viele Milderungsgründe bei, daß Emma ſelbſt nicht recht wußte, wie ihr Vater von einem ſolchen Vorfalle ſo tief und ſo lange Jahre könne gebeugt werden. Aber freilich, der gute Vater war ja ſo gerecht und ſtreng mit den Vergehen Anderer, kein Wunder, wenn er ſich ſelbſt ſchon verurtheilte, da er kaum anzuklagen war. Daher ſprach ſie ganz ruhig und unbefe fangen nach vollendeter Erzählung Folgendes: „Ich begreife nicht, mein Vater, wie Dich dieſes Er⸗ eigniß niederſchlagen kann. Es iſt ein Unglück für das Kind, das iſt wahr. Aber Du ſagſt ja ſelbſt, daß Du es nicht abſichtlich veranlaßt haſt. Es gehen viele Kinder verloren, und glaube mir, wenn es noch lebte, es würde längſt, von irgend einem Andern, wenn nicht aus ſich ſel⸗ ber getrieben ſein, ſeine Herkunft, ſeinen Vormund öffent⸗ lich zu ermitteln.“ —X,j,— — s — „Das habe ich mir ſelbſt geſagt, Emma, aber für mich iſt kein Troſt, was geſchehen ſein würde oder könnte. Ich bin ein Mann abſoluter Gewißheit und Sicherheit, mein Kind, ich liebe zu ſagen, zu wiſſen: das iſt ſo und das iſt nicht ſo.“ „Nun, dann weiß ich ein Mittel, mein Vater.“ „Ein Mittel? ſprich, ſprich— ich eben weiß keins.“ „Mache die ganze Geſchichte durch öffentliche Blätter bekannt— fordere den Knaben auf, ſich zu melden— dann haſt Du i vollkommene Schuldigkeit gethan.“ „Wie? Ich? Oeffentlich? Bewahre mich Gott da⸗ vor! Lieber 8 19 ſterben, meine Tochter. Das hätte ich vor zwanzig Jahren thun müſſen. Heute käme meine Appellation zu ſpät. Um Gottes willen! wie kannſt Du mir das rathen. Ich—“ und ein bitteres ironiſches Lächeln fuhr wie ein verkümmerter Blitz über das bleiche Antlitz des Kranken—„ich, an den der höchſte Richter ſelber heute Abend ſymboliſch einen ſeiner Boten geſendet hat, meine Gerechtigkeit und Unbeſtechlichkeit zu rühmen— ich, vor Aller Augen ſollte ich hervortreten und mir ein öffentliches Zeugniß meiner Schwäche, meiner— meiner, wie ſoll ich ſagen— ausſtellen? Nein, mein Kind, das war ein guter Rath für einen Anden. aber nicht für mich, Deinen Vater.“ „Dann weiß ich keinen andern,— ſeufzte das Mädchen. — 224— O, ich fühle mich jetzt ſchon ſo leicht und ruhig, wie lange nicht,“ ſtöhnte der Präſident und drückte dank⸗ bar die kleine Hand ſeiner Tochter.„Es iſt herunter von meinem Herzen, und da Du mich nicht verurtheilt haſt, erſcheine ich mir ſelber voll geringerer Schuld. Aber geh zu Judith— frage, ſorſche, und was Du auch entdeckſt — theile mir es mit. Und nun will ich zu ſchlafen ver⸗ ſuchen— gute Nacht, mein Kind, geh auch Du zur Ruhe.“ Am nächſten Morgen aber in aller Frühe begab ſich Emma zu Judith und beruhigte dieſe über den traurigen Zufall des allgemein bedauerten Vaters. „Nun habe ich aber eine Bitte an dich, liebe Ju⸗ dith,“ fügte Emma hinzu,„und Du mußt mir dejälh erfüllen.“ „Gern, theuerſte Emma, ſprich.“ „Erzähle mir Alles, was Du von dem Doctor Wollzagen weißt. Du kennſt ihn genauer. Mein Vater, 3 hat eine Muthmaßung, daß er nicht iſt, wofür er ſih ½ ausgiebt.“ Judith war auf das Tiefſte ergriffen, aber ſie un⸗ terdrückte mit ihrer natürlichen Kraft jede Miene, jedes Wort, welches ihr Staunen hätte verrathen können. Augenblicklich begriff ſie, daß hier ein Geheimniß obwalte, aber zu gleicher Zeit auch erinnerte ſie ſich, daß ihr Freund ihr ſelbſt ſein einziges Geheimniß als Beweis ſeiner gan⸗ — 225— zen Ergebenheit mitgetheilt hatte. Wie gut alſo war jene Aufrichtigkeit Eduards geweſen. Hätte er Judith nicht in ſein Vertrauen gezogen, ſo hätte dieſe vielleicht jetzt, da ſie ſchon lange verſchiedene Andeutungen von mehreren Seiten über Eduards eigenthümliche Verhält⸗ niſſe hatte flüſtern hören, Emma's Frage anders beant⸗ wortet. Sie fühlte aber, was ſie ihrem Freunde ſchuldig war, und augenblicklich war ſie bereit, ihm den erſten Beweis zu liefern, daß ſein Vertrauen in ihre Verſchwie⸗ genheit ein gerechtfertigtes geweſen ſei. Sie theilte daher der fragenden Emma nichts Anderes mit, als was dieſe ſchon wußte und was Eduard ſelbſt von ſich wollte wiſſen laſſen. Er war und blieb der Sohn des Pfarrers zu Bilſingen und weiter nichts. Emma ſchien beruhigt und kehrte wieder nach Hauſe zurück. Judith aber war nicht ſo beruhigkit elngenbliclih dachte ſie an Lambeck, der mit ſo großem Eifer, hinter welchem augenſcheinlich eine tiefere Abſicht verſteckt lag, das Bild der Königskinder gemalt und das Aufſtellen deſſelben am geſtrigen Feſte betrieben hatte. Das mußte Eduard ſogleich erfahren. Sie ſchrieb einige Zeilen an ihn und bat ihn, ſofort zu ihr zu eilen. Eine halbe Stunde darauf kam er ſchon. Iudith theilte ihm Alles mit, was ſie wußte. Eduard war ebenfalls erſtaunt. A„Bin ich nun Ihre Freundin?“ fragte ihn Judith. * — 226— „Ja, Sie ſind es. Ich habe mich in Ihnen nicht getäuſcht. Bleiben Sie es ferner, ich werde mich eben⸗ falls als Ihren Freund erweiſen. Mit Lambeck werde ich ernſtlich reden.“ „Das ſcheint mir auch nothwendig zu ſein. Er hätte Sie in große Verlegenheit bringen können.“ „Das hat er ſchon gethan und ſeinen weiteren Un⸗ ternehmungen muß vorgebeugt werden.“ „Sie ſtehen alſo in Beziehung zu dem Präſidenten?“ „Ja, Judith— ich geſtehe es ein. Das Wie aber— bleibe noch mein Geheimniß.“ 4 „Ich verſtehe— ich verlange nichts mehr. Bauen Sie auf mich. Uns verbinden jetzt ſchon viele Fäden.“ „Ich hoffe, es ſollen ihrer noch mehr und ſtärkere werdenÄ’“ „Gebe es Gott!“ 4 „Wende er Alles zum Guten!—* Und ſo ſchieden die beiden an Charakter— Schön⸗ heit— Jugend ſo übereinſtimmenden Menſchen, Mann und Weib in der ſchönſten Bedeutung des Wortes— und Beide ahnten nicht, das jene ſtärkeren Fäden inni⸗ gerer Verbindung auch ſchon von den Händen der uner⸗ muüdlichen Parzen geſponnen wurden.— — Drittes Kapitel. Die zweite Werbung. Alber die Miniſter, der der Juſtiz und der der Finanzen, waren am Sylveſterabend die geehrteſten Gäſte in Wal⸗ demar Ramkaus Hauſe geweſen! Und die Gegenwart der Mächte des Himmels wie die der Erde, wo ſie ſich auch den Augen der Sterblichen gezeigt, iſt ſtets eine ver⸗ hängnißvolle geweſen, denn jene Mächte hinterlaſſen Spu⸗ ren, die ſichtbar und fühlbar ſind, ſie bringen Geſchenke. die entweder Segnungen oder Strafen ſind, je nachdem ſie die Hütte des Gerechten oder den Palaſt des Unge⸗ rechten beſuchen. Oft aber bringen ſie Beides„der blinde Menſch erkennt nur nicht an der Gabe heraus, ob der Geber ein lohnender oder ein ſtrafender war. So ſollte es auch hier ſein. Der berühmte Hausarzt des Kammergerichtspräſi⸗ denten war auch zugleich der des Juſtizminiſters, und 15* natürlich machte er wöchentlich Beſuche bei ſeinen hohen Patienten, denen immer etwas fehlt, und ſtattete getreuli⸗ chen Bericht ab. Der gelehrte Mann hatte die Leber des Präſidenten ſehr geſchwollen gefunden und in den Augen des Juſtizminiſters ſchwoll ſie zu einem wahren Berge an. Das war ja auch ſo natürlich, das kam ſo häufig vor. Das arme Menſchengeſchlecht muß an ſeinem Körper ſo ſchwer für die Arbeiten des Geiſtes büßen! Der Prä⸗ ſident hatte ſich überarbeitet, hatte ſich ſchon ſeit Jahren keine Ruhe, keine Erholung vergönnt. „Wenn das ſofort ginge,“ berichtete Aeskulaps Schü⸗ ler,„wäre der ausgezeichnete Juriſt dem Staatsdienſt verloren; ſeine Geſundheit beginne ſchon ſtark zu wanken; noch ein paar ſolche Anfälle, wie die Herren Miniſter ſie mit eigenen Augen geſehen, und ſie wäre gänzlich ge⸗ brochen, unwiederbringlich verloren, und das ſollte dem menſchenfreundlichen Arzte in doppelter Beziehung leid thun, im Intereſſe des verehrten Patienten, und in dem höheren des Staates. Ich muß auf Ruhe, lange, lange Ruhe dringen, Excellenz!“ „Aber was thun, Verehrteſter?“ „Warmes Klima— gänzliche Entfernung von Ge⸗ ſchäften— Zerſtreuung— Unterhaltung— ich ſehe in Nichts eine größere Heilkraft als— in Italien!“ Italien! Du glückliches Land, deſſen warme Sonne die Krebsſchäden ſo vieler unſerer Brüder heilen ſoll, ſo — — —,— 8 viele Wunden, die das Schwert des Krieges geſchlagen, ſo viele brechende Herzen, die der Staub des Friedens ver⸗ ödet hat— erbarme dich auch diesmal eines wunden, müden, verwelkenden Pilgers, nimm ihn an deine belebende Bruſt, ſäuge ihn mit deiner friſchen Lebensmilch, erſtarke die entmaſtete Seele zu neuen Anſtrengungen zum allge⸗ meinen Staatswohle und gieb ihr die elaſtiſche Schwung⸗ kraft wieder, die den menſchlichen Stolz, das Gefühl ſei⸗ ner Urkraft, das Geheimniß des Widerſtandes gegen ſein drohendes Schickſal im Gefolge haben ſoll— erbarme auch du dich des armen, täglich mehr hinſchwindenden Kammergerichtspräſidenten, damit er ermannt wiederkehre und mit der Uebernahme höherer Geſchäfte auch den Trotz wiedererhalte, ſeinem Feinde eine eiſerne Stirn, ſeinem Geſchicke ein ſtählernes Herz bieten zu können. Die Miniſter arbeiteten in dieſen Tagen außeror⸗ dentlich fleißig in ihrem Kabinette an dem Wohle eines der Ihrigen; und der kühne Wurf gelang, des Präſidenten Ruhe und Erholung ging ihnen über ihre eigene Ruhe und Erholung. Eines Morgens, es war ſchon Ende Januars und der bedeutende Kranke hatte auf Befehl ſeines Arztes das Zimmer noch nicht verlaſſen dürfen, trat unerwareet der Juſtizminiſter in das Kabinet des Präſidenten ein. Seine Excellenz hatte heute eine ungemein heitere, glückverhei⸗ ßende Miene. Er war der auserwählte Sendbote eines 230— höheren Herrn, deſſen Gnade ſeinem faltigen Geſichte einen Abglanz erhabneren Glanzes verliehen hatte. „Mein lieber Ramkau!“ lautete die freundſchaftliche Rede,„ich komme im Allerhöchſten Auftrage, um mich nach Ihrem theuren Befinden zu erkundigen.“ „Unermeßlichen, unterthänigſten Dank, Cxeellenz, ich bin zu ſchwach, mich ſtärker ausdrücken zu können.“ „Ja, Sie ſind ſehr ſchwach. Aber ich habe ein Heilmittel in dieſer Hand— was iſt es, rathen Sie? „O, meinen Abſchied—“ lallte der ſchwache Kranke. „Mein theurer Ramkau, nein! Sie ſind zu beſchei⸗ den und gerecht gegen Jedermann, allein ungerecht gegen ſich ſelber. Man anerkennt Ihre großen Verdienſte, Ihren leider zu großen Eifer, der die eigene Geſundheit unter⸗ grub, die geiſtige Geſundheit und Wiedergeburt Anderer zu begründen— ſehen Sie hier— mehr konnte ich, das ſchwache Werkzeug, für Sie nicht thun—“ Und die Excellenz, die nicht gerne viel ſprach, ſon⸗ dern viel lieber ungeheuer viel handelte, entwickelte den erſten Orden, der Waldemar Ramkau's Bruſt ſchmücken ſollte, dem kleinen Packete, das ſie in der Hand trug. O, welche Freude, welche Beſcheidenheit, welche Dankbarkeit ſprach ſich auf dem wachsgelben Geſichte des Kammergerichtspräſidenten aus! „Was ſoll ich ſagen!“ ſtammelte er.„Ich bin ſo ſchwach!“ 8 5 —— — — 231— 2 „Ja, Sie ſind ſehr ſchwach! Aber auch für die Wunden Ihres Leibes habe ich einen köſtlichen Balſam. Sehen Sie hier. Ein jahrelanger Urlaub ohne Gehalts⸗ abzug— Befreiung von allen Geſchäften— Erholung — Ruhe— Erſtarkung zum allgemeinen Beſten in— Italien!“ „O!“— Weiter konnte der Präſident nichts ſagen, denn er fühlte ſich in dieſem Augenblicke ſchwächer als je. Bald darauf, mit einem ganzen Sack voll Artig⸗ keiten und Dankbarkeitsbezeigungen beladen, entfernte ſich die verhänguißvolle Excelleuz. Waldemar ſprang mit großer Behendigkeit von ſeinem Stuhle auf. Er betaſtete ſeine Leber, die mit einem Male ungeheuer aufſchwoll. „Was!“ rief er laut, daß ein Diener aus dem Vorzim⸗ mer erſchrocken hereinſtürzte, denn er fürchtete einen neuen Schlaganfall—„Was! Mir einen jahrelangen Urlaub, den ich gar nicht verlangt habe? Und das ſoll eine Gnade ſein? Und dazu dies— dies Kreuz? Wollen die Leute mich mit Homöopathie heilen? Habe ich nicht ſchon Kreuz und Elend genug?“— Und er beſah den mit kleinen Edelſteinen beſetzten Löwen, der in der Mitte des Ordens angebracht, ihn mit ſeltſamer Löwenzahmheit anzulächeln ſchien. Aber die ſanften Augen dieſes zahmen Löwen beſa⸗ ßen eine beinahe magiſche Gewalt. Sie beſänftigten den Urfeind, den wilden Tiger in der Bruſt des Präſidenten — auf eine bewunderungswürdig ſehnelle Weiſe. Der Präſi⸗ dent war in ſeinen Schlafrock gekleidet, aber dieſer Schlafrock war von veilchenblauem Sammet. Er ſtellte ſich vor den Spiegel, nahm eine Stecknadel und beſeſtigte den zahmen Löwen auf ſeinem Tigerherzen, das plötzlich ſeine Wildheit verloren hatte. „Das ſieht gut aus!“ flüſterte er freudig und beſah ſeine weißen halb abgebiſſenen Zähne dabei—„nun! ſie können die Auſtern noch zerbeißen,“ dachte er—„ahl! das ſieht ſehr hübſch aus! Aber nach Italien—: Ich? Wegen meiner Leber?— Nun, eigentlich iſt die Idee ſo übel nicht! Und mein Gehalt ſoll ich behalten? Allerliebſt! ich gefalle mir immer mehr. Wer das aus⸗ geheckt hat, iſt ſo dumm nicht geweſen— ich küſſe ihm im Stillen— natürlich im Stillen— die Hand. Ahl Mir wird ganz leicht bei dieſem Gedanken.“ Und er ſchellte mit einem Male ſo laut, daß drei Diener auf einen Sprung herbeiſtürzten. „Meine Tochter!“ ſchrie er. „Der ſchreit ja heute wie der Kanzelredner geſtern!“ bemerkte ein Diener zum andern. „Seine Leber iſt gewiß wieder geſchwollen!“ der Andere. Emma trat ein. Ihr Vater praͤſentirte ſich mit ſeinen vielen Kreuzen, die heute um ein ſehr glänzendes vermehrt worden waren. — 14 — „Mein Vater!“ „Meine Emma! Wir gehen nach Italien— ſo bald wie möglich, Du gehſt natürlich mit— packe ein, ſchaffe an, beſorge Alles, ich muß den römiſchen heitern Himmel ſehen.“— Emma war wie verſteinert. Die ruhige Erzählung des Vorgefallenen vernahm ſie erſt ſpä⸗ ter. Und nun war in das Präſidentenhaus eine Rührig⸗ keit eingekehrt, die die halbe Stadt mit Ankäufen, Be⸗ ſorgungen und Beſtellungen in Anſpruch nahm. Denn ſchon um die Mitte des Februar war der Tag der Abreiſe anberaumt, da der Präſident plötzlich eine außerordentliche Nothwendigkeit, ſeine Lungen in wärmerer Luft ſich auf⸗ blaſen zu laſſen, eine wahre Sehnſucht nach der Haut eines neuen Menſchen in ſich verſpürte, denn das war einmal ausgemacht, unter jenem ewig reinen Himmel ſollte der alte Adam gewechſelt und, nach Beſeitigung aller . erbärmlichen Erdenſchlacken, ein friſches heiteres Leben begonnen werden, gerade ſo, wie eine Schlange an den wärmſten Tagen des Jahres ihr glitzerndes Gewand wechſelt. Es war ja nur ein Urlaub, den der Präſident erhalten hatte, und nicht— der gefürchtete Abſchied.— Eduard ſaß in ſeinem Zimmer und war mit ſeinen Studien beſchäftigt. Da trat Joſephſon herein. Als jener von dem Buche, worin er las, aufſchaute, ward er betroffen, denn es ſchien ihm, als habe der Freund einige Thränen vergoſſen. Seine Wangen waren mehr als ſonſt geröthet und ſein braunes Auge hatte einen düſtern, unheimlichen Glanz. Seine Bewegungen, ſonſt ſo ruhig und gemeſſen, verriethen in ihrer ungeſtümen Haſtigkeit eine innere Aufregung, die wegen ihrer Seltenheit bei dem gewöhnlich gleichmäßig heiteren Weſen des jungen Refe⸗ rendars um ſo ſtärker in die Augen fielen. Dieſe Aufregung hatte ſich deſſelben ſchon ſeit dem verunglückten Feſtabend bemächtigt, war aber durch die unvorbereitet vernommene Reiſenachricht auf eine unglaub⸗ liche Weiſe vermehrt worden.* Die Flamme, die in dieſem leidenſchaftlich heißen 4 6 Herzen brannte, hatte einen lebhafteren Stoff als in dem ſentimentalen, ſtillſchwärmeriſchen Künſtler Manowsky gefunden. Dieſer duldete mit Ergebung ſeine Schmerzen, eine ſtille Verzweiflung nur konnte ſich ſeiner bemächtigen; in Joſephſon wühlte dieſer Schmerz ſtürmiſch kämpfend mit ſeinen Gefühlen, eine tobende Gluth lief durch ſeine Adern und am liebſten hätte er dieſen Schmerz, wenn er ſeeiner habhaft werden können, mit ſeinen Armen ergreifen und mit einem kräftigen Drucke erwürgen mögen. Die⸗ ſes letzte neue Jahr hatte für den armen jungen Mann höchſt ſpöttiſch begonnen und bis jetzt wenigſtens einen ſehr tragiſchen Fortgang gehabt. Als Sendbote des höchſten Richters, in ein altklaſſiſches Gewand gehüllt, — 235— die Wangen bemalt, war er vor den Augen einer großen Verſammlung, ſeinem Gönner zu Chren, aufgetreten, hatte himmliſchen Lohn, ewigen Frieden verkündet, ſich ſelbſt das Beſte von Allem, die ſchöne Hand eines ſo reizenden Mädchens, wie Emma war, verheißend. Und nun, in einem ſeiner abgetragenſten Röcke einher wandelnd, denn alle Lebensluſt war plötzlich aus ihm gewichen, ſah er ſeinen Goͤnner unvermuthet entſchlüpfen und ſogar Jahre lang ihm den Anblick der Geliebten entziehen. Denn was konnte in einem oder vielleicht zwei Jahren nicht Neues vorgehen? Konnte nicht ein reicher Mann, Gott weiß wer? kommen und die Hand Emmass erbeuten? Dieſe eine ſchreckliche Möglichkeit hatte noch tauſend andere, nicht weniger ſchreckliche, in ihrem Gefolge und wir müſſen bekennen, ſchon dieſe eine wäre hinreichend geweſen, einen feurigen, bis jetzt ſchweigſamen, aber darum nicht minder hoffnungsvollen Liebhaber zu Boden zu ſchmettern. Joſephſon aß, trank und ſchlief nicht; unſtät lief er umher, arbeitete flüchtig, horchte nur, wie ein ſchla⸗ fender Haſe auf ſeinen Feind horcht, was ſeine Mitarbei⸗ ter von der Reiſe des Präſidenten fabelten, und vermied jede fröhliche Geſelligkeit, die ihm, dem ſonſt geſelligſten Geſellen, nur wie ein Hohnlächeln, eine Ironie auf ſein eigenes trübes Leben erſchien. Bei Eduard freilich war er jeden Tag geweſen, hatte ſogar den Sonnabendverein, der nach wie vor beſtand, beſucht, war aber ſtets wie eine — 236— düſtere Wolke aufgetreten, die nichts als Regenſchauer, Schloßen und Hagel auf die darunter Wandelnden fal⸗ len läßt. Er konnte Eduards Ruhe nicht begreifen, mit der dieſer ihn zu tröſten verſuchte;„alle Welt,“ meinte er,„hätte den Schmerz, die Wuth, die Raſerei, die ihn erfüllten, fühlen und namentlich mit Rath und That wie ſonſt ihm beitreten müſſen.“ Eduard indeſſen war weniger ruhig geweſ ſen, als er dem aufgeregten Freunde erſchien. Er konnte ſeine eigene Bewegung nur beſſer bewältigen, er hatte eine ſtärkere Faſſung und zwar deshalb ſchon, weil er mit ſich ſelbſt dachte, ſann, zu Rathe ging, während Joſephſon nur rai⸗ ſonnirte, tobte und ſchimpfte. Heute nun, am Tage vor der Abreiſe des Präſidenten, hatte Eduard den Freund ſchon lange erwartet, denn wie er ihn kannte, wußte er, daß er kommen und ſeinen letzten Jammer vor ihm aus⸗ ſchütten würde. Und er kam, wie er geſehen, wirklich, lief nun im Zimmer wie ein angeſchoſſener Eber auf und ab und hätte ſich die Haare ausraufen mögen, wenn er ſich nicht vor ſich ſelber geſchämt hätte. Eduard beobach⸗ tete ruhig die heftigen Geberden des Sanguinikers und dachte bei ſich:„Wie die Freude, ſo der Schmerz— laut, heſtig, gewaltſam— was ſind das für glückliche Menſchen, ſie lachen oder wüthen ſich aus, dann iſt Freude und Schmerz zu Ende. Ich tobe nicht— mein Schmerz ſitzt tiefer— nun! wird er nicht bald losbrechen?— 1 - 237— 5 Rein!“ Joſephſon ſchwieg und trabte nur keuchend, mit den Armen und Händen umherfahrend, auf und ab. „Nun, Wolf,“ begann Eduard,„Du ſagſt ja heute gar nichts.“ „Was ſoll ich ſagen— es iſt Alles, Alles vorbei! Morgen reiſ't ſie ab— ich kann ſie nicht einmal mehr ſehen, geſchweige denn ſprechen.“ „Das hätteſt Du doch früher verſuchen ſollen— jetzt freilich iſt es zu ſpät.“ „Hätteſt Du— hätteſt Dr“ äffte der Andere nach„ich weiß wohl, was ich hätte und wieder hätte thun können, damit iſt aber gar nichts geholfen.“ „Gemach, Freund, ſolch Gebrülle mag den wilden Thieren eigen ſein, der Menſch ſoll denken und handeln.“ „Denken und handeln? Was Du klug ſprichſt! Woomit ſoll ich denn denken und handeln? Habe ich denn noch Verſtand? Habe ich noch Thatkraft—“ „Ja ſo, das wußte ich nicht, die ſind ſchon im Vor⸗ aus nach Italien abgereiſtt— „Eduard! Du ſpotteſt auch noch, Du?“ „Ein Menſch, der ſeinen Verſtand auf Reiſen chickt, ja! der iſt nur des Spottes werth. Rufe ihn zurück, ſo ſollſt Du mich reden hören.“) 1 „Er kommt mir ſchon wieder, Junge! ich merk ihn. Bei Dir iſt eine ruhige Luft. Sprich, was Du willſt, ich höre.“ — 238— „Nun, das laß ich mir gefallen. Komm und ſetz⸗ Dich; Dein Getrangel iſt eine ſchlechte Begleitmuſik— ſo! was nun? „Was nun? Du wollteſt ja was ſagen.“ „So höre mir zu. Wie weit wareſt Du denn in Deiner Bewerbung mit der Tochter des Präſidenten vor⸗ gerückt?“ „O, es ging Alles ganz gut. Meine Laufgräben waren fertig, der Sturmſchritt wurde ſchon eingeübt— es wäre mir bei Gott geglückt! Da kam Cuer ver⸗ dammtes Bild— und die Juden liefen alle zum Tempel hinaus— Aber dem Lambeck gedenk ich's! Früh oder ſpät! Ich habe ihn lachen ſehen, als wir alle unſre Mäntel nehmen mußten und davon liefen, als brennte hinter uns das Haus— ich war noch in meiner klaſſi⸗ ſchen Bekleidung— es lag eine wahre Schadenfreude auf ſeinem Geſicht— dem wiſche ich auch noch einmal Eins aus— Du hegteſt ja ſelber den Verdacht, er hätte Etwas gegen Dich im Schilde gehabt.“ „Dieſen Verdacht hege ich auch noch. Und wäre er nicht gleich verreiſ't, ſo wüßte ich ſchon lange, was ich zu wiſſen wünſche. Es liegt allerdings etwas Dämoniſches in dieſem Menſchen— er wird aber ſeinen Bändiger ſchon finden, wenn wir es auch nicht ſind—“ „O, wie wollte ich ihn am Zügel nehmen, wenn ich —— ———— . 8 2 — 239— ihn in die Hände bekäme— übrigens iſt er wieder da, denn ich bin ihm heute Morgen begegnet.“ „Haſt Du ihn geſprochen?“ „Nicht mit einer Sylbe. Er lächelte abſcheulich, wie er immer lächelt, wenn er Einem Eins verſetzt hat, und ich begab mich von dannen—“ „Das hätte ich nicht gethan. Ich werde noch heute zu ihm gehen.“. „Was willſt Du thun?“ „Klar ſehen— ob er uns Freund iſt oder Feind!“ „Aber was hilft mir das? Cduard, ich bitte Dich — denke, denke für mich— morgen reiſ't ſie ab— wenigſtens auf ein Jahr.“ „Das iſt eine lange Zeit!“ „Eine Ewigkeit!“ „Ja! Und eine qualvolle! Wenn es ſich thun ließe!“ Joſephſon ſah ſeinen Freund, der ſtill nachdenkend daſaß, verwundert an.„Was haſt Du vor, Eduard, mein Junge?“ 4 „Etwas Gutes, Wolf, mein Freund! Laß mich allein!“ „Was hab' ich davon?“ „Das wirſt Du ſehen. Ich muß es mir überlegen. — Höre, gehe heut Abend nicht aus, erwarte mich bei Dir, wenn es auch ſpät wird. Du haſt ſonſt immer — 2409— etwas Gutes in der Speiſekammer— wie iſt ſie ver⸗ ſehen?“ „O, vortrefflich— erſt geſtern kam eine Kiſte— ich habe aber keinen Appetit, und ſo mag es verderben.“ „Es ſoll nichts verderben, ich lade mich heute Abend bei Dir zu Gaſte. Vielleicht bringe ich noch etwas mit?“ „Wen bringſt Du mit?“ „Ich weiß noch nicht. Lebe wohl!“ „Bis zum Abend!“ „Ja wohl!“— Zoſephſon ging, Eduard war allein. Wie immer, wenn er etwas Neues in ſeinem ſchö⸗ pferiſchen Geiſte ſich entwickeln ſah, ging er im Zimmer umher.„Was kann ich für ihn thun?“ dachte er.„Es ſcheint, als ſollte ich alle meine Freunde verheirathen. Wer wird für mich ſorgen? Doch das iſt das Wenigſte. — Das heißt, wenn ſie ihn noch nicht liebt! Liebt ſie ihn, wie er denkt, dann iſt es ſchon leichter. Und was mich ſelbſt betrifft, was kann ſich ereignen? Ich kann mich enthüllen, das iſt Alles! Früher oder ſpäter wird das doch geſchehen! Alſo das iſt Nichts! Einen Ver⸗ dacht hegt ſie ſchon! Aber Verdacht und Gewißheit! Das iſt ein beträchtlicher Unterſchied! Mag geſchehen, was wollel Ihm muß geholfen werden. Judiths Herz — 241— zu leiten, war ſchwieriger, und doch iſt es mir gelungen. Wir wollen ſehen!“ Und raſch, wie er ſich entſchloſſen, kleidete er ſich an und eilte zu Judith. Glücklicher Weiſe war ſie allein.„Guten Abend, Judith,“ ſagte er.„Ich komme etwas in Eile.“ „Das ſehe ich, Sie ſind gelaufen. Guten Abend!“ „Ich arbeite für Andere, da muß man es nicht ſo genau mit ſeinem Athem nehmen. Und Sie müſſen mir helfen, Judith.“— „Gern, wenn ich weiß, womit?“ „Kurz und gut— ich muß Emma ſprechen, und allein ſprechen!l?“ „Emma? Heute? Das wird beſchwerlich ſein! Sie reiſ't morgen ab.“ „Das weiß ich, Sie ſollen dabei die bedenklichſte Aufgabe haben. Sie müſſen Sie herzaubern. Sie kön⸗ nen auch hören, was ich mit ihr ſpreche, da, dort im Zim⸗ mer, laſſen Sie die Thür auf, es iſt für Sie kein Ge⸗ heimniß.“ „Ich vermuthe es. Sie ſehen, ich beeile mich. Für Sie Alles!“ Und ſchon hatte ſie ihre Handſchuhe angezogen und da es ſchlechtes Wetter war, beſtellte ſie den Wagen. 4 „Das iſt recht,“ ſagte Eduard,„ſo geht es ſchieller — 2b macht ſie ſich die Füßchen nicht naß.“ Der Inſelkönig. III. 16 — 242— „Wenn ſie aber nicht will?“ „Das iſt Ihre Sorge! Wir handeln für einen Freund! Und wenn Sie keine Gewalt mehr über ſie haben, ſo ſagen Sie ihr, ich, ich wolle ſie ſprechen, ver⸗ ſtehen Sie mich?“ „Ich glaube zu verſtehen. Und wenn ſie nicht kann?“ „Sie muß können, es betrifft das Glück zweier Menſchen. Und vielleicht auch noch eines Dritten! Laſſen Sie das durchblicken.“ „Ich durchblicke es ſchon. Vertrauen Sie mir, ich werde eine getreue Botſchafterin ſein.“ „Sie darf aber ihrem Vater nicht ſagen, wer ſie hier erwartet.“ „Das verſteht ſich von ſelber. Da iſt der Wagen. Nun, langweilen Sie ſich nicht.“ Und mit einem anmuthi⸗ gen Gruße eilte ſie die Treppe hinunter und ſtieg in den Wagen, den die ſchönen Goldfüchſe wie im Sturmwinde davon zogen. 4 Judith hatte ein ſchwieriges Werk unternommen. Unterwegs ſah ſie das ſchon ein. Emma verließ ſelten ohne triftige Gründe ihr Haus, und nie ohne Vorwiſſen ihres Vaters. Noch dazu ſollte ſie heute gegen Willen und Wiſſen deſſelben vielleicht einen Entſchluß über ihr Leben faſſen. Aber Er wollte es, und damit war Alles geſagt. Judith wäre für ihren einſtigen Lehrer ins Feuer gegangen. Sie trug eine Verehrung für ihn im — 243— Herzen, die alles Uebrige außer ſeinem Vortheil in Schat⸗ ten ſtellte. Sie war von der Natur geſchaffen, dieſen zu verſtehen und unter ſeinem Willen Alles zu thun, was er verlangte. Bald war ſie im Präſidentenhauſe. Alles war in voller Thätigkeit. Emma war zu Hauſe, die Kof⸗ fer ſtanden gepackt, aber noch unverſchloſſen in den Zim⸗ mern umher. Sie nähte mit zwei Arbeiterinnen an einem Reiſekleide, welches heute noch fertig werden ſollte, um morgen ſchon getragen zu werden. Emma begrüßte freu⸗ dig die geliebte Judith. „Du willſt wohl noch ein Mal von mir Abſchied nehmen?“ fragte ſie lächelnd und küßte die Freundin. „Ja, mein Kind,“ flüſterte dieſe.„Aber komm in jenes Zimmer, ich habe Dir etwas zu ſagen.“ „Dort iſt heute mein Vater— komm in dieſes. So] Was willſt Du?“ „Du mußt in meinen Wagen ſteigen und einen Au⸗ genblick zu mir kommen—“ „Judith— warum das?“ „Frage nicht, ſondern komm.“ „Was ſoll ich meinem Vater ſagen? Ich gehe nie aus, ohne ihm den Grund mitzutheilen, und nun heute?“ „Sage ihm irgend diwns— kommen mußt Du, es iſt wichtig.“ „Wichtig? Dann darf ic doch wiſſen, was 8 K. 4 „Nein!“. — 244— „Ja! Ich gehe ſonſt nicht.“ „Er erwartet Dich— der Doctor Wollzagen!“ Emma bebte an allen Gliedern, ihr Herz ſchlug bei⸗ nahe hörbar. „Und ſoll ich meinen Vater hintergehen?“ —— .„Du ſollſt ſeinetwegen kommen.“ Dann komme ich. Ich zögere keine Minute. Er⸗ „ h d warte mich hier.“ 4 Sie flog mehr davon als ſie ging. Nach einigen Minuten kam ſie wieder, in Hut und Pelz gehüllt.„Ich bin fertig!“ ſagte ſie. „Und Dein Vater?“ „Frage mich nicht— die Wahrheit habe ich ihm heute zum erſten Mal verſchwiegen.“ Die Goldfüchſe trugen die beiden Mädchen ſo raſch in das Haus des Bankiers, wie ſie Judith in das des Präſidenten getragen hatten. Es war ſchon das abend⸗ liche Dämmerlicht eingetreten, als ſie die Treppe des Hau⸗ ſes erſtiegen. Judith öffnete das Zimmer, in welchem Eduard am Flügel ſaß. Er ſtand auf und verbeugte ſich ſchweigend. Judith hatte ſchon das Zimmer verlaſſen. Emma legte nur den Hut ab, die blonden Locken um⸗ wallten ihr ſchönes wachsartiges Geſicht, ihre hellen Au⸗ gen drückten eine fragende und beſorgte Verwunderung gus. 4. „Mein Fräulein,“ begann Eduard dieſe Unterredung, ——— —— — „ich habe Sie hierher beſchieden und erbitte mir wegen dieſer Kühnheit Ihre Verzeihung. Dinge aber, die kei⸗ nen Aufſchub dulden, leiteten meine Handlungsweiſe und ihnen, wenn nicht mir, werden Sie Ihr Varahada nicht verſagen können.“ „Ich kenne dieſe Dinge noch nicht, Herr Doctor!“ „Sie werden ſie ſoaliich kennen lernen. Sie reiſen morgen?“ „Das weiß die halbe Stadt.“ „Auch ich weiß es. Deshalb frage ich auch niht Sie reiſen, um Ihren Vater geſund, glücklich werden zu ſehen, Sie haben Ihre Freude an den Geſunden, Glück⸗ lichen?“ „In ſo fern dieſe Eigenſchaften ſich auf meinen Vater beziehen, gewiß!“ „Sie nehmen aber auch Antheil an Kranken und Unglücklichen?“ „Ich könnte Ihnen dieſelbe Antwort geben.“ „Nein, das könnten Sie nicht. Ein junges Herz wie das Ihrige, muß auch an fremden Schmerzen ſich be⸗ theiligen.“ „Sind Sie der Leidende?“ Mein, mein Fräulein, meinetwegen würde ich Sie nicht hierher bemüht haben, meine eigenen Angelegenheiten bekümmerten mich bis jetzt am wenigſten. Ich bin Arzt und ich habe einen Kranken, Unglücklichen, für den ich — 246— Ihre Hilfe, die einzige in der Welt, in Anſpruch zu nehmen gekommen bin.“ Das betonte bis jetzt brachte ein leichtes Zucken in Emma's beweglichem Frauenherzen hervor. An dieſes bis jetzt dachte ſie mehr, als an das Ende des gehörten Satzes. SKie verſtehen mich nicht,“ fuhr er fort,„ich ſehe es. Ich muß etwas weiter ausholen. Sie kennen mich nicht — nein, nein! wie ich es meine, kennen Sie mich nicht—“ „Nun, wer ſind Sie denn, wenn ich Sie nicht kenne,“ brachte Emma's gepreßtes Herz hervor— Ueber Eduards Geſicht ergoß ſich eine ſo plötzliche, ſo tiefe, ſo heftige Röthe, daß ſogar das zunehmende Dämmerlicht dieſe Strahlen nicht verdecken konnte. „Ich ſpreche nicht von mir,“ wiederholte er ruhig, „ein andermal vielleicht— heute nicht. Laſſen Sie mich ausreden und ſchärfen Sie meine Antworten ſo wenig wie möglich, ich ſelber habe die Spitze meiner— Wünſche abgebrochen. Laſſen Sie mich einen Augenblick— ſo fremd ich Ihnen bin— in Ihr Herz ſchauen— wir haben eine ernſte Unterredung, bedenken Sie das— es könnte viele Menſchen unglücklicher machen, als ſie jetzt ſchon ſind, wenn Sie Ihr Vertrauen da verſchlöſſen, wo es ſo ergeben, aber auch ſo inbrünſtig gefordert wird, wie hier.“ — 247— „Reden Sie, Herr Wollzagen— ich vertraue Ihnen. Sie ſind kein unedler Mann.“ „Wenn Sie ſo ſprechen, befde d ſchneller gehen. Sie kennen meinen beſten Freund, Wolfgang Joſephſon, ſchon lange?“ „Ich kenne ihn— was ſoll er hier?“ „Er iſt bei uns— geiſtig wenigſtens— erſchrecken Sie nicht— Emma 8ß ſich lebhaft erſchrocken im Zimmer um. „Wiſſen Sie, welches Opfer er— Ihnen ge⸗ bracht hat.“ „Mir?“ „Ja, Ihnen allein— denn daß er Arzt war, haben Sie lange gewußt. Ihreiwegen iſt er noch einmal Schü⸗ ler geworden, um ſich ſo den Beifall eines Meiſters, Ihres Vaters, um ſo ſicherer zu erwerben.“ Emma ſchwieg und blickte zur Erde. „Alſo Sie wiſſen das. Ich kann fortfahren. Ahnen Sie die Gründe nicht, welche dieſen feſten Mann zu einer ſolchen auffallenden Verwandlung bewogen haben?“ „Nein, ich ahne ſie nicht.“ 3 „So erfahren Sie ſie denn. Es waren die Gründe der uneigronütigſten, ergebenſten, treufeſteſten Liebe zu Ihnen— 4. „Warum hat er meinem Vater das nicht geſagt?“ „Ihr Vater iſt ſein Vorgeſetzter, dem ſagt man der⸗ gleichen ſo leicht nicht; auch hat er gewartet, bis es zu ſpät war, bis Ihre Reiſe ihn zum Aeußerſten trieb— jetzt kann er nicht mehr— Sie gehen morgen mit Ihrem Vater— daher werbe ich um Ihre Hand bei Ihnen, da es für mich noch Zeit iſt—“ „Mein Herr!“ „Mein Fräulein! Urtheilen Sie nicht zu ſchnell! lleberlegen Sie— ein ergebeneres Herz giebt es für Sie nicht— „Mein Vnler iſt deinig, welcher meine Hand zu⸗ vergeben hat— 3 „Das bezweifle ich ſtark— ein Mädchen wie Sie, giebt Ihre Hand nur Dem, den ſie liebt—“ Emma fing an zu weinen.—„Sie weinen— das wollte ich nicht. Sie wenigſtens ſollen nicht weinen.“ „Ich, warum ich wenigſtens nicht?“ „Weil ich Sie ſchätze.“ „Sie ſind ſehr gütig. Wenn mir nun an Ihrer Schätzung weniger gelegen wäre, als Sie denken— „Sie ſprechen immer von mir, an den ich gar nicht denke. Ich habe nur noch eine Frage: Wenn Sie Ihr Herz geprüft haben, ſo ſagen Sie es mir. Ich bin der Anwalt IMeines Freundes— mit gültigſter Vollmacht verſehen— eInd wenn ich es noch nicht geprüft habe— — 249— „Dann prüfen Sie es jetzt— dieſen Augenblick— das kann ich von Ihnen wenigſtens verlangen.“ „Ja—“ rief Emma plötzlich ſehr ernſt, ihre Au⸗ gen öffneten ſich weit und ihr Buſen hob ſich kämpfend— „ich will Ihnen Rechenſchaft geben von dieſem meinem Herzen— ich verlange aber Vertrauen gegen Ver⸗ trauen—“ „Nun?“ „Sind Sie— Eduard Hutten Stolling? Denn nur er kann oder darf ſo zu mir ſprechen!“— Und ſie näherte ſich ihm und ſah ihm feſt in's Auge. Eduard erhob ſich— ſeine Rechte ſtreckte ſich gen Himmel— ſein Auge leuchtete— „Sch bin es!“ rief er feſt und mannhaft. Augenblicklich ſank das Mädchen vor ihm auf die Kniee und rang die Hände— „Dann bitte ich um Gnade für meinen armen Vater!“ „Unter einer Bedingung— 1 „Ich errathe ſie— 4 „Sie errathen ſie nicht—“ „Sprechen Sie— ich beſchwöre Sie—„ „Daß Sie Ihrem Vater dieſes Geheimniß ver⸗ ſchweigen!“ „Weiter nichts?“ „Weiter gar nichts.“ — 250— „Dann umfaſſe ich Ihre Kniee und bitte für mei⸗ nen armen Vater, für den mein Schweigen in dieſem Falle eine größere Wohlihai iſt, als wenn ich ihm dieſes Ge⸗ heimniß aufdeckte— „Nicht mir— Emma Ramkau— umfaſſen Sie die Füße ſeines großen Gottes im Geiſte— der da oben über den Wolken die Schickſale unſer Aller in ſeiner Hand wägt. Er hat mich hierher und Sie zu mir ge⸗ führt. Stehen Sie auf und antworten Sie mir.— Judith!“— Judith erſchien auf der Schwelle des Nebenzimmers — ſie hatte rothgeweinte Augen⸗ „Kommen Sie her, Sie edle Freundin meiner Seele, und ſeien Sie Zeugin dieſes verhängnißvollen Augenblickes. Emma Ramkau giebt mir in Ihrer Gegenwart das feier⸗ liche Verſprechen, das Geheimniß meines Herzens vor aller Welt, vor ihrem Vater und vor ihrem Bräutigam, mag er es jetzt oder ſpäͤte werden, zu bewahren, bis ich ſelbſt das Siegel löſe— „Ich verſpreche es, ich gelobe es feierlich!“ ſchluchzie Emma und fiel ihrer Freundin um den Hals. „Und Joſephſon?“ fragte Eduard milde.„Und mein Freund?“ Es trat ein Stillſchweigen ein, das Judith zueiſ unterbrach. „Er darf nicht verzweifeln, Eduard. Ich weiß⸗ was —— 251— Emma über ihn denkt und was ſie nur jetzt nicht zu äußern wagt.“ „Ich muß aus ihrem eigenen Munde die Entſchei⸗ dung hören, deretwegen ich mich ſelbſt verrathen habe.“ „Was wollen Sie noch hören?“ fragte Emma ſanft weinend und das erröthende Geſicht gegen den jungen Mann wendend—„haben Sie nicht Alles erfahren? Ia, ja, ich liebe ihn ſchon lange, weiß er das ſelber nicht am beſten?— o Gott, o Gott!“ Und wieder verbarg ſie ſich am Halſe Judiths. „So bin ich befriedigt, mein Fräulein, und mögen Sie mit Gott Ihre Reiſe antreten. Vergeſſen Sie aber weder das Eine noch das Andere. Was zwiſchen uns hier vorgefallen iſt, ſoll nie ein Menſch ohne unſere ge⸗ genſeitige Einwilligung erfahren. Für meinen Freund aber, den ich ſchon jetzt als Ihren verlobten Bräutigam betrachte, obwohl es bis jetzt nur Gott allein und wir drei wiſſen, ſorgen Sie bei Ihrem Vater. Sie allein, ich weiß es, ſind ſein Augenſtern. Was Sie von ihm verlangen, werden Sie erhalten. Ich glaube an eines Weibes Tugend und Ehre, alſo auch an die Ihrige. 1 Bewahren Sie ſich meinem Freunde, und Sie werden nicht ſich und ihm allein, ſondern auch mir gedient haben.“ „ und mein armer Vater? Wird er von Ihnen zu fürchten haben?“ „Nichts— ſo wahr ein Gott im Himmel lebt! — * — — 252— Wir werden uns noch einmal gegenüberſtehen, dann wird die Gewalt und das Recht wohl auf meiner Seite ſein, damit aber zugleich die Barmherzigkeit und ein menſch⸗ liches Herz.“ „O großer allmächtiger Gott!“ rief Emma, beinahe in Thränen erſtickend und ſank noch einmal auf ihre Kniee —„Ich danke dir!“ Und in einem inbrünſtigen, wenn⸗ gleich ſtillen Gebete erhob ſie ſich zu dem Throne ihres Schöpfers. Dann ſprang ſie auf. Ihr Geſicht ſtrahlte von einer überirdiſchen Freude. „Das iſt die erſte vollkommne glückliche— meines Lebens,“ rief ſie. Und auf Judith zueilend, e griff ſie ihre Hand und fügte hinzu:„Bitte ihn, daß meine Hand in die ſeinige legen darf.“ „Hier iſt ſie!“ rief Eduard und drückte liebevoll und in ſeinem Herzen verſöhnt die Hand der Tochter des⸗ jenigen, der ihm ſeinen Namen geraubt und, was er noch nicht ahnte, ſein Vermögen ſogar vorenthalten hatte.„Was ſoll ich ihm, meinem Freunde, von Ihnen ſagen?“ fragte er lächelnd. „Was Sie wollen, denn Sie haben in meinem Her⸗ zen geleſen! Leben Sie wohl— auf Wiederſehen!“ Und ihren Hut ergreifend und mit Hand und Au⸗ gen grüßend, eilte ſie raſch die Treppen hinunter und einen Augenblick ſpäter trugen ſie die ſchnaubenden Gold⸗ füchſe davon. Judith war wieder mit Eduard allein. — 253— Sie ſahen ſich beide an und lächelten freudig. Eduard nahm ihre Hand und drückte ſie dankbar in der ſeinigen. „Das haben Sie allein gethan, Judith.“ „Was ſoll ich Ihnen darauf antworten? Sie thun Alles für Andere und nichts für ſich ſelber.“ „Meine Zeit wird auch noch kommen und ich werde die Hälfte aller meiner Freunde vielleicht für mich in An⸗ ſöruch zu nehmen haben.“ „Dann ſtellen Sie mich an ihre Spitze, ich will die Erſte ſein, die ſich dankbar erweiſt. Bleiben Sie hier?“— „Unmöglich, Judith, ich habe noch zwei Geſchäfte — das eine können Sie ſich vorſtellen— Joſephſon er⸗ wartet mich.“ „Und das andere?“ „Ich muß einen Unberufenen von weiteren thörigten Unternehmungen abhalten— den albernen Maler, dem wir alle dieſe Auftritte verdanken.“ „Auch Ihren Namen?“ „Nein, Judith, den nicht. Den verdanke ich mei⸗ nen armen, guten Aeltern—“ „Und wie war dieſer Name?“ „Eduard Hutten Stolling. Mein eigentlicher Vor⸗ name iſt Hutten.“ „Ich vergeſſe ihn niemals— er ſteht ſchon in mei⸗ nem Herzen. Hutten! wie ſonderbar! Doch es wun⸗ — — 254— dert nüch Alist, daß Sie auch einen beſonderen Namen haben— „Warum denn?“ „Weil, weil— doch das ſoll mein Geheimniß blei⸗ ben, welches ich Ihnen nie verrathen werde.“ „Ich freue mich, daß wir mit Scherzen ſcheiden kön⸗ nen, Judith; der heutige Tag war ſchön— wir haben wieder einige Glückliche gemacht. Guten Abend!— Und er ging langſam aus dem Hauſe des Bankiers. Das war das Erſte, ſagte er zu ſich, nun das Zweite.— Lambeck war zu Hauſe. Er ging pfeifend und rauchend im Zimmer ſpazieren, als Eduard eintrat. „Guten⸗Abend, Lambeck, ich habe mit Dir zu reden.“ „Das ſehe ich, und Deiner Miene nach zu urtheilen, iſt es etwas Ernſthaftes.“ „Das ſagt Dir Dein Gewiſſen.“ „Vielleicht auch nicht. Ich habe vielleicht gar⸗ keines.“ „Dann habe ich mit Dir gar nicht mehr zu verkeh⸗ ren und kann ſogleich meiner Wege gehen.“ „Ah ſo— Du biſt bei Laune und man darf nicht mit Dir ſcherzen.“ „Man darf nicht über und mit Dingen ſcherzen, in denen ein Gewiſſen mit zu ſprechen hat. Dein unglück⸗ liches Bild hat Schaden genug angerichtet.“ „Schaden? Den Teufel auch! Die Wahrheit hat es an den Tag gebracht. Für mich wenigſtens.“ 5„Die Wahrheit? Was meinſt Du? Scherze in ſolchen Dingen nicht mit mir— Du weißt, ich bin ein Drachentödter— „Und auch ein verſtoßener Sohn— „„Lambeck! Ich fordere und gebiete augenblickliche 3 Antwort— mas meinſt Du?“ rief Eduard Hutten mit ſo boheitsvoller Majeſtät in ſeinem Weſen und ſo don⸗ nernder Stimme, daß der Maler ſeine Cigarre fallen ließ und ein leichtes Zittern in ſeinem ſo kühnen Herzen ver⸗ ſppürte. „Nun— friß mich nur nicht— ich will ja augen⸗ licklich bekennen. Biſt Du nicht des Präſidenten Sohn?“ Eduard brach trotz ſeiner Aufregung in ein lautes Gelächter aus— theils über den Sinn der Worte, theils ber die geheimnißvolle Miene des Künſtlers.„Und wer hat Dir das geſagt, Du alberner Menſch?“ „Das habe ich mir gedacht, aus mancherlei Reden und Anſpielungen zuſammengepinſelt— kein Menſch glaubt, daß Du des Landpfarrers Sohn biſt—“ „Darin haben auch alle Menſchen Recht— muß ch aber deshalb eines Präſidenten Sohn ſein? Narr! der Du biſt, und Ihr Alle ſeid Thoren, vorzüglich der Waldau, ich werde Euch nur nächſtens meinen Stammbaum orlegen müſſen, damit Ihr glaubet, wenn Ihr ſehet.“ ———— — ——— gedacht!“ rief Lambeck und lachte von ganzem Herze — 256— „Und wer biſt Du denn?“ fragte der um. Maler, den die halb erkünſtelte Luſtigkeit des Studenten mehr außer Faſſung gebracht hatte, als es die alergro Ernſthaftigkeit vermocht hätte. „Wer ich bin?“ fragte Eduard.„Das will ich Di ſagen— aber laß es Niemanden wiſſen— hörſt Du? „Es iſt alſo doch ein Geheimniß!“ „Gewiß! Ich bin wirklich und in der That de Sohn eines— Mannes und einer— Frau!“ „Den Teufel auch! Das habe ich wahrhaftig nich denn ſein Verſtand war klar genug, um einzuſehen, wi lächerlich die Rolle unberufener Neugieriger war.„Be⸗ alledem aber,“ fügte er hinzu,„ſehe ich ein, wie einfältig wir uns benommen haben. Aber ich will Dich verſöͤhnen Eduard, höre mich an; Du fragteſt mich oft, warun ich mein Bild nicht verkaufte?? „Ich kann es auch noche nicht begreifen.“ „Weil ich es bereits verſchenkt habe.“ „Verſchenkt? Du biſt närriſch geworden.“ „Nein, ich bin ein Drache, der vom Ritter Geor beſiegt iſt, weiter nichts. Und zur Sühne bringe ich mef nem Beſieger meine beſte Opfergabe dar. Ich habe da Bild Dir und Deiner Freundſchaft gewidmet. Aunm an als den Beweis eines verſchrobenen, aber wahrhaft nicht unedlen Menſchen.“. — 257— „„Was ſoll ich aber damit machen?“ lüfft„Es zur Erinnerung an Alle aufbewahren, an 8 entemſ Dich ſein Anblick erinnern wird.“ „Da muß ich erſt Judith um Erlaubniß fragen—⸗ „Frage nicht und ſieh hierher!“ Und er führte Eduard in ſein Atelier und zeigte ihm die ſchöne Kopie des ſo wohlbekannten Bildes, die auf einer Staffelei ſan „Das iſt für Judith!“ ſagte er,„und jenes erſte für D Ihr Beide ſeid doch diejenigen, denen ich es vrlankee 4 „Aber Deine Mühe, Deine Arbeit?“ „Dafür laß den Bankier ſorgen; der Preis, den er mir geboten hat, bezahlt beide.“ „Dann ſage ich: ich danke!“ „Und ich ſage: verzeihe!“ Und beide Freunde ſchüttelten ſich ſcheidend die Rechte.— Eduard ging jetzt, freudig vegt, denn die letzte 3 Scene hatte ihm alle ſeine Heiterkeit und Friſche wieder gegeben, zu Joſephſon, der ihn in einem nicht eben be⸗ neidenswerthen Zuſtande erwartete. „Da bin ich!“ rief Eduard frohlockend und dricke den Freund an ſein Herz. „Und allein? Du wollteſt ja denan gen?“ „Der kommt zialeit noch. Jeßt gieb mir Der Inſeliönig. fII 8ſſſͤſ — Erſte zu eſſen, das Laufen und Reden hat mir Appetn gemacht.“ „Aber ſo ſprich doch— ich kann ja doch nicht n dieſem Zuſtande eſſen.“ „Gieb Wein her und zwei Gläſer, Wolf, zwei große hörſt Du?“ 8 Der Wein wurde geholt und die Gläſer gefüllt. „Nun, mein Freund und Bruder, ſtoßen wir an auf das Glück zweier engverbundener Seelen.“ „Und wer ſind dieſe Seelen, wenn ich fragen darf?“ 1 1.. 4 S4.441. „Mein Herz, ich kam zu ſpät zu Judith— ich er⸗ fuhr dort eine wichtige Begebenheit, die ſich ſeit geſteen ereignet hat.“ e „Welche denn? Du erſchreckſt mich!“ „Emma Ramkau hat ſich ganz im Stillen mit einem m jungen Manne verlobt!“ Joſephſon wurde weiß wie die getünchte Wand, öffnete den Mund weit, konnte aber kein Wort hervor⸗ bringen. „Du biſt natürlich begierig, zu erfahren, mit wem?“ Joſephſon nickte krampfhaft. „Mit einem ungeheuren Windbeutel, denke Dir— 4 „Mit wem denn, mein Gott!“ „Mit einem Referendarius— 14 „Barmherziger!“ „Nun ja— Dummkopf— wie Du daſtehſt! Merkſt Du denn noch nichts?“ 1„Nein, gar nichts!“ „Da ſieht man, Menſchen, die ein volles Herz haben, oß. haben einen leeren Kopf. . Mit wem denn anders, als mit Wolf Joſephſon?“ „Eduard— Du machſt mich verrückt—⸗ „Dann heile ich Dich auch wied und ſtoße eer— komm her mit mir auf Euer Wohl an. Nein! Frage 4 nicht— Du ſollſt nachher hören, was ich Dir zu ſagen e4 belieben werde.“ Und ſie ſtießen an und dann, nachdem r. ſie getrunken, umarmte Eduard den geliebten Freund innig) G in unnd ſagte:„Ich bin nicht zu ſpät gekommen— Wolf es war gerade die rechte Zeit— Hochmittag! Du biſt Emma's Bräutigam, und was Dir wohl eben ſo lieb ſein wird, Emma iſt Deine Braut!“ „Das vergelte Dir Gott! ich kann es nicht! Viertes Kapitel. Windſtille und Ebbe. — 8 Wie der große Ocean ſeinen Wind und ſeine Wellen hat, ſo auch das Leben des Menſchen. Windſtille und Sturm, Ebbe und Fluth ſind die entgegengeſetzten Zu⸗ ſtände der Elemente, zwiſchen denen— im Ocean wie im menſchlichen Leben— beider gewöhnliche Strömung wechſelt, und wie nach dem periodiſchen Wuthausbruche eines tobenden Ungewitters, in dem das Meer ſich ſelber zu verſchlingen droht, oft die ruhigſte, mildeſte Stille eintritt, in der kaum das leiſeſte Lüftchen bemerkbar wird, ſo fließen eines Menſchen, nach leidenſchaftlichen, Blut und en nufregenden Ereigniſſen, oft lange Zeit um ſo gleichförmiger, leidenſchaftsloſer dahin. Ddieſe Windſtille, dieſe Ebbe war es, die jetzt, deut⸗ lich fühlbar, in allen Verhältniſſen eintrat, die Eduards Perſon allmählig in der Hauptſtadt umgeben hatten. In dem Banquierhauſe ſowohl, wie bei Holzbrechers, war Alles ſtill, ging Alles ſeinen ruhigen Gang fort; der Präſident und ſeine Tochter waren längſt abgereiſt. Die in der Stadt gebliebenen Freunde verſammelten ſich nach wie vor regelmäßig Sonnabends in dem Gartenhäuschen der Neuenſtraße; es hätte etwas allgemein Erſchütterndes ſich ereignen müſſen, wenn dieſe Zuſammenkünfte einmal unterbrochen worden wären. Waldau war ernſter, in ſich geſchloſſener wie gewöhnlich. Felix hatte mit ſeinen Com⸗ poſitionen viel zu thun, die ihm allmählig einen Ruf unter den begabteſten Muſikern der neueren Zeit ſchaffen ſollten. Lambeck war in Nichts verändert, er blieb ſich ewig gleich, und wie ein wildes Pferd, das, wenn es keine andere Arbeit findet, wenigſtens an ſeinem eigenen Gebiſſe ſpielt und kauett, ſo tadelte und kritiſirte er ſich ſelbſt, wenn ihm der Stoff an Anderen mangelte. Rie⸗ genſtahl und Kannenſchmidt fuhren fort fleißig zu ſein. Beide waren etwas in Ruf gekommen, und namentlich Letzterer verdiente ſich wenigſtens ſo viel, daß er bequem und ohne Sorgen ſeine Ausgaben beſtreiten konnte. Jo⸗ ſephſon war faſt übermüthig geworden, er hatte ſchon zweimal durch Judiths B Vermittelung mit ſeiner Erkorenen Briefe gewechſelt, die er ſo ſchön, ſo rührnd ſo gediegen fand, daß er ſie in alle ihm geläufigen Sprachen hätte überſetzen mögen. 8 Die abweſenden Freunde hatten wiederholt bißhriebn — — 262— Oeggering und Manowsky gefiel es in Rom. Der tücki⸗ ſche, ſprudelnde, ſich ſelbſt verzehrende Sinn des italieni⸗ ſchen Lebens, der Menſchen und der Künſtler, ſagte den biederen, offenen, vertraulichen deutſchen Charakteren nicht zu, namentlich Raphaels ideale Geiſtesrichtung fand tau⸗ ſend ſcharfe Kanten und Ecken, an denen ſie ſich ſchmerz⸗ lich ſtieß, und, das war aus ſeinen Briefen an Eduard nicht zu verkennen, ſeine Sehnſucht nach dem ſtilleren, kühleren, gleichmäßiger geſtimmten Vaterlande mochte wohl auch noch andere Gründe haben. Was er auch Schönes, Seltenes, Künſtleriſches in Rom, Neapel und Florenz fand— eine Judith hatte es für ihn nicht, und alſo war Raphael nur da zu Hauſe, wo dieſe weilte. Ernſt und Karl waren nach mehrmonatlichem Auf⸗ enthalte in Frankreich wieder nach England zurückgekehrt. Ernſt arbeitete in den großen Maſchinenwerkſtätten ver⸗ ſchiedener Provinzialſtädte; Karl war in den tropiſchen Gewächshäuſern der Ariſtokratie Großbritanniens be⸗ ſchäftigt. Beide aber hatten ihre Rückkehr beſtimmt im nächſten Spätherbſte zugeſagt. Auf Eduard wirkten alle dieſe insgemein günſtigen Nachrichten ſeiner nächſten Freunde beruhigend und er⸗ muthigend ein, ebenſo wie er dem allmähligen Wachſen und Gedeihen der Zurückgebliebenen mit einer Empfin⸗ dung wohlthätiger Befriedigung zuſah. Er gedieh mit ihnen, langſam, unbemerkt, und ſeine Ideen fingen ſich 4 263— allmählig auf diejenigen Punkte ſeiner Wiſſenſchaft zu rüſten an, mit denen er vor die Welt treten und in den aufmerkſamen Augen ſeiner Zuhörer Belohnung und Bei⸗ fall für ſeine langjährigen Bemühungen leſen wollte. Seine Docentenprüfung hatte er ſelbſt auf Oſtern über's Jahr feſtgeſtellt, und ſo hatte er bis dahin ungefähr noch ein Jahr vor ſich, das ihm lang genug ſchien, das Feh⸗ lende erſetzen zu können, denn wer erſt eine Wiſſenſchaft gründlich in ihren allgemeinen centralen Urprincipien in ſich aufgenommen hat, der findet ſich ſehr leicht in den tauſendfälligen Verzweigungen ihrer peripheriſchen Aus⸗ läufer zurecht.„Alſo noch ein Jahr,“ ſagte er zu ſich, „dann bin ich vollkommen ſelbſtſtändig. Dann habe ich mein eigenes Brot, dann bin ich ganz mein eigener: Herr!“ Denn für dieſes eine Jahr hatte er noch die vom Pfarrer freigebig geſandten dreihundert Thaler angenommen, die am erſten Januar mit den herzlichſten Glückwünſchen an⸗ gelangt waren. Aber ſchon im April des laufenden Jah⸗ res ſollte Eduard eine Bemerkung mar kernen, die ihm bisher noch nicht bekannt geweſen war, nämlich daß das Jahr in Bezug auf eine geringe Einnahme ſehr lang iſt. Vor ſeiner Reiſe hatte er eigentlich immer Ueberfluß ge⸗ habt, denn die Zubuße von Seiten des Banquiers war eine ergiebige Quelle geweſen, und Eduard hatte dabei an ſeine Freunde denken können, denen er in mancherlei Beziehung, wie wir theilweiſe wiſſen und ohne daß ſie e es immer ſelber erfuhren, von wem die Zulage kam, hilf⸗ reich geweſen war. Von der Reiſe hatte er ſo viel er⸗ übrigt, daß er die letzten Monate des Jahres davon leben konnte. Bei'm Beginn des neuen Jahres, als die vöäter⸗ liche Sendung kam, hatte ſich das Bedürfniß verſchiedener nothwendiger Bücher und Inſtrumente herausgeſtellt, und dieſe beiden unentbehrlichen Handlanger wiſſenſchaftlicher Forſchungen— wir haben dieſe Erfahrung leider an uns ſelber gemacht— verzehren im erſten Augenblicke mehr des köſtlichen Stoffes, als ſie in Jahren des Gebrauchs einbringen, wenn es überhaupt je mit ihrer Hilfe dahin kommt. 1 Eduard aber durfte in dieſer Beziehung nicht ſpar⸗ ſam ſein. Bücher und Inſtrumente wurden gekauft, jedoch die natürliche Folge war auch hier— jene allmählige Ebbe, die unter allen natürlichen Ebben die unangenehmſte und empfindlichſte iſt. Dem war aber nicht abzuhelfen, man mußte ſic in das Unvermeidliche ergeben. Für den Anfang des und auch ſeine Mitte war allerdings nichts zu fürchte e dreihundert Thaler reichten noch; wie es aber gegen das Ende werden würde, wenn auch die geringſten Ueberbleibſel der früheren Flut verlaufen, das war nicht abzuſehen. Und doch war das letzte Hun⸗ dert ſchon in bedeutender Abnahme, als der Monat Au⸗ guſt ſeine heißen Locken ſchüttelte. „Wie ſoll das werden,“ ſagte Eduard eines Tages ——— 3 4 1 ——— — 265— zu Joſephſon, denn vor dieſem war Eduards Kaſſe kein geheimer Ort,„wenn die Wintercollegien zu bezahlen ſind? Weißt Du Rath, Wolf?“ „Nein, gar keinen, mein Sohn!“ erwiderte dieſer. „Und willſt Du die Wahrheit wiſſen, ſo höre ſie an, ich bin auf dem Trocknen ſo gut wie Du, meine Mittel ſind erſchöpft, und meine Freundin um Geld anzuſprechen, iſt mir rein unmöglich.“ „Wir müſſen aber etwas haben, Freund, von ſieben Thalern monatlich können wir nicht leben, wenn wir alle Nebenausgaben, die unverhofft unter die Finger laufen, mit in Anſchlag bringen.“ „Mein Comptoir für Nebenausgaben iſt längſt ge⸗ ſchloſſen,“ meinte Joſephſon und ſah den Freund mit kritiſcem Lächeln an. „„Alſo auch Du biſt in Ebbe?“ „In vollſtändiger. Mehr denn je. Mein ganzes Vermögen hat ſich in Wahrheit in wiſſenſchaftliche Dünſte verflüchtigt. Uebrigens, wenn Du noch ſieben Thaler monatlich haſt, biſt Du reicher als ich, denn ich habe für die übrigen fünf Monate dieſes Jahres noch etwa ein Viertel vom Hundert, das iſt mein ganzer Reichthum.“ „So viel iſt gewiß, Wolf, Niemand darf den Zu⸗ ſtand unſerer Börſe erfahren, kein Menſch ahnen, daß das Schiff bald auf den Grund ſtößt. Am wenigſten di Freunde. Wir ſind früher ſo oft verſchwenderiſch gewe⸗ ſen, daß man uns jetzt nur auslachen würde.“ 42— „Du haſt gut philoſophiren, Du kannſt trocknes Brot eſſen, ſtudiren und heiter ſein. Mir iſt das un⸗ möglich geworden. Leider bin ich ein Feinſchmecker, und am beſten arbeitete ich, wenn meine Speiſekammer am gefüllteſten war. Im Nothfall mache ich alle Abende Beſuche und eſſe mich für den folgenden Tag ſatt.“ „Das thue ich nicht, Wolf. Ich müßte fürchten, man ſähe mir meinen Hunger an, und da ich von Natur kein Wolf bin, wie Du, würde man bei mir bald hinter die Wahrheit kommen. Uebrigens ſind die Leute von mir nur kurze Abendbeſuche gewohnt, und längere koſten zu 6 viel Zeit. Alſo, das iſt nur eine halbe Hilfe, und eine 1 halbe iſt ſo gut wie gar keine.“ „Nun, dann hungern wir und zehren wie die Ham⸗ ſter von unſerm eigenen Fette. Sieh, wir haben noch Beide etwas Vorrath. Dein Geſicht hat noch Farbe wie meines, und was das Uebrige anbelangt— ich bin ziem⸗ lich bei Leibe.“— Hierbei betrachtete ſich Joſephſon auf 8 eine höchſt komiſche Weiſe, ſo daß er ſeinen Freund zum 3 lauten Lachen zwang. Und ſie richteten ſich Beide ein, ſo gut es ging. Aber die Nebenausgaben mußten ihr Comptoir, nach Wolfs Ausdruck, doch bisweilen öffnen, und ſo raſch auch der Schlüſſel wieder abgezogen wurde, die Lücken blieben 2— fühlbar. Schon im Oktober mußten ſie, nachdem ſie ſtets zuſammen zu Mittag gegeſſen, ihr früheres Speiſehaus verlaſſen und ein billigeres, dafür aber auch ein kärgliche⸗ res aufſuchen. Joſephſon zog ein langes Geſicht. Es ſchmeckte dem verwöhnten Gaumen nicht, was er jetzt er⸗ hielt. Abends aßen ſie wenig, oder nur Brot, und den⸗ noch litt ihre Laune darunter keinen Schiffbruch. „Ich hätte nicht gedacht,“ ſagte eines Abends Wolf, als er bei Eduard ſaß und ein wackeres Stück Brot in ſeiner Hand hielt und ſeinen Mund damit labte,„daß das Waſſer, welches wir hier vor uns ſtehen haben, eine ſo außerordentliche Labung und Friſche beſitzt. Merkwürdig, mein Durſt nimmt zu, je mehr ich davon trinke.“ „Du ſiehſt Du, wie die Natur für den Menſchen geſorgt hat,“ bemerkte Eduard,„es gibt ungeheuer viel Waſſer auf der Welt.“ „Ja wohl, aber das meiſte iſt ſalzig, wie die Thrä⸗ nen. Darf ich noch ein Stück Brot nehmen?“ „So viel Du willſt, das iſt mein heutiges Penſum. Morgen kommt ein neues.“ Und Joſephſon ſchnitt ſich ein großes Stück von dem kleinen Vorrath ab. „Ich freue mich nur,“ bemerkte Eduard wieder, der dem behaglichen Kauen des Andern zuſah,„daß Du bei⸗ — 268— nahe ſo gute Zähne haſt, wie ich— ſieh, wenn man auch dieſe Gottesgabe nicht hätte?“ „Sprich von meinen Zähnen gar Nichts. Sie thun ſchon ihre Schuldigkeit. Aber die Zunge mit ihren feinen Nerven, Du kennſt ſie ja, die thut mir leid, daß ſie, wo ſie früher in Ambroſia ſchwelgte, jetzt gemeines Roggen⸗ brot genießen muß.“ „Meine Zungennerven ſind ſo fein nicht. Sie ge⸗ horchen den Nerven meines übrigen Körpers, und die ſind, wenn auch nicht von Stahl, doch ſicher von gröbe⸗ rem Korn, als die Deinigen.“ „Das bezweifle ich. Die meinigen ſind nur partiell entwickelt. Wo die einen zu weit vorgeſchritten ſind, ſind die anderen zurückgeblieben.“ „Du haſt ſie verwöhnt, ich habe die meinigen ſämmt⸗ lich zu gleicher Vollendung ausgearbeitet.“— In ſolchen ſich gegenſeitig ermunternden Geſprächen brachten die Freunde oſt ihre Abende hin, die außerdem den Studien gewidmet waren. Aber wie der Ueberfluß ſeine Ebbe hat, ſo kann auch der Mangel ſeine Fluth haben, und wie es mit Ueberfluß und Mangel an Lebens⸗ bedürfniſſen iſt, ſo iſt es mit Leiden und Freuden im ganzen Bereich menſchlichen Daſeins. Und die Ebbe an Freuden, Genüſſen und Reichthümern unſerer Freunde ſollte bald, ſo war es in ihrem Schickſalsbuche verzeichnet, . . ——— — 259— der Fluth an Kummer, Sorge und Mißgeſchic ihrer r 1Ss⸗ ſten Umgebung weichen. Die unglücklichen Zeitverhöltniſſe, die erſt im näch⸗ ſten Jahre mit aller Macht hervorbrechen und beinahe die ganze civiliſirte Welt erſchüttern ſollten, fingen ihre trau⸗ rigen Vorboten in dieſem Jahre, namentlich am Ende deſſelben, ſchon vorauszuſenden an. Die allbekannte Hun⸗ gerperiode im Gefolge der mißrathenen Ernten war da. Wie die Armen Mangel litten, ſo trugen die Reichen Verluſte davon. In der neuen Welt zuerſt fielen einige große Häuſer. In der alten war es Wien, das den erſten Anſtoß zum allgemeinen Jammer gab. Liverpool, Pe⸗ tersburg, Paris, Amſterdam folgten in raſchem Schritte nach, und bald traten die Rückſchläge der großen allge⸗ meinen Wellenbewegung auch in unſerer Hauptſtadt ein, und es hieß allgemein, einige der erſten und ſicherſten Firmen hätten fühlbare, ſogenannte finanzielle Ohrfeigen davon getragen. Man wurde von Tage zu Tage aufmerk⸗ ſamer, geſpannter, beſorgter. Leiſes Geflüſter, von Spe⸗ kulanten abſichtlich herumgetragen, wurde zur lauteren Mittheilung, und endlich ſprach man in ſtadtkundiger Offenherzigkeit von Unglücksfällen, die Dieſen oder Jenen in nächſter Zeit unausbleiblich treffen würden. Wir berühren in unſerer Erzählung dieſe traurigen Zeitverhältniſſe ſo wenig wie möglich und nur inſofern, als ſie unzertrennlich in die Entwickelung der hier ge⸗ * 4 — 270— ſchilderten Begebenheiten mit verflochten ſind. Wir haben Alle genug ſelbſt unter dem allgemeinen Drucke jener jetzt überſtandenen Schreckensperiode gelitten, wir wollen jetzt ansruhen von dem großen Schiffbruche, dem wir mit genauer Noth glücklich entronnen ſind; unſer Ohr und unſer Herz empfinden einen phyſiſchen und moraliſchen Ekel an dem täglich wieder neu aufgefriſchten Gewirr menſchlicher Leidenſchaft, bodenloſer Gemeinheit und nie⸗ derträchtiger Gedankenſchwäche. Gibt es ja doch genug andere Schriftſteller, die ſich zur Aufgabe gemacht haben, wiederholentlich und immer von Neuem⸗ in jenen ſelbſt⸗ beigebrachten, und darum um ſo empfindlicher ſchmerzen⸗ den Wunden mit ſpitzer Sonde zu wühlen; mögen wir um ſo ſchneller darüber wegeilen, denn unſer ganzes Ge⸗ müth ſucht andere, geſittigtere Aufregungen und Beſchäf⸗ tigungen, als in der heut zu Tage Mode gewordenen, alle Bande zerfleiſchenden, alles Heilige mit Füßen tre⸗ tenden ſogenannten Politik. Wir ſagen ſogenannt, denn wir meinen hier nicht die allgemeine, höhere, nothwendige Politik der Staaten und Nationen, ſondern jene knech⸗ tiſche, bäueriſche Politik verrodeter Ränkemacher, verdor⸗ bener Philoſophen und Krämer, bettelhafter Literaten, mit Einem Worte, jene ſtinkende Politik der Bierſtube, ſpekulativer Zeitungsſchreiber, zum Wahnſinn ausgearteter Dummköpfe, die ſich alle ſelbſt für unfehlbar, erhaben und von Gott geſchaffen dünken, während ſie außerordent⸗ — —-— 221— lich ſtill bei ihrem Biere ſitzen bleiben würden, wenn ihnen das Loos fallen ſollte, mit Gut und Blut für ihre Schaumreden ſelbſtthätig einzutreten.— Waldau war der Erſte, der eines Abends mit der allgemeinen Hiobspoſt bei Holzbrechers eintrat, bei denen ſich zufällig Eduard gerade befand. „Das ſind ja ſchöne Geſchichten,“ ſagte er,„die ich da eben gehört habe. Die armen Leute!“ „Was gibt es denn ſchon wieder?“ fragten die An⸗ weſenden, Einer nach dem Andern. „Verluſte, Verluſte, Verluſte! nichts als Verluſte! Und der Ermeling— der thut mir am meiſten leid— ſoll auch ſeine vierzigtauſend verloren haben.“ Frau Holzbrecher ſah ihren Mann an. Dieſer aber, in ſeiner gemüthlichen Ruhe, die ſelbſt ein wirkliches Un⸗ glück nicht verſcheuchen konnte, lächelte und ſagte nur „Vierzigtauſend Thaler! Was iſt das für den, der viermalhunderttauſend kommandirt!“ Eduard war, obwohl er ſchwieg, tief bewegt. Er gedachte ſeiner kleinen Noth, und ſie kam ihm plötzlich verächtlich vor, da ſie von der größeren, allgemeineren ſo gänzlich verſchlungen wurde. Er beſchloß ſogleich, zu Ermelings zu gehen und Judith zu befragen. Ach, in ſeiner Unſchuld, ſeiner Unkenntniß von Geldverhält niſſen wußte er noch nicht, daß ein Kaufmann nie von einem Unfalle ſpricht, am wenigſten gern aber einer Tröſtung deshalb ſich preisgegeben ſieht. „Viermalhunderttauſend! Freilich,“ ſagte Waldau, „das iſt Mehr! Aber wenn es wahr iſt, verliert er im⸗ mer zehn Procent, und eine verlorene Schlacht iſt gerade das Gegentheil von einer gewonnenen. Kleineren Schlach⸗ ten aber können in einem ſolchen Kriege auch größere folgen. Das muß man in's Auge faſſen— rechnen muß man. Wie ſteht es mit Ihren Geldern, Holzbrecher?“ „O, meine paar Pfennige! Was will das ſagen! Geſagt, ich verliere ſie bei Ermeling, woran ich noch kei⸗ nen Augenblick denke,— denn Ermeling iſt ein ehrli⸗ cher Kaufmann— ſo behielte ich immer mein ſchulden⸗ freies Haus, im Nothfall meine Arbeiten, die ich jedem Fürſten mit Vortheil verkaufen kann, und dieſe Hände — glauben Sie, Waldau, daß ſie weniger arbeiten kön⸗ nen, als die Ihrigen?“ „Aber Ihr Alter, lieber Freund!“ „Mein Alter? Sie wollen ſagen, meine Jugend! Ich bin erſt funfzig, und mein Herz erſt dreißig. Nicht wahr, Frau?“ Frau Holzbrecher lächelte trübe; ſie kannte ihren Mann, ſeine Arbeitsluſt, ſeine zähe Kraft; ihr aber, der verwöhnten Frau, die ſo gern geſchmackvoll gekleidet ging, gern etwas Gutes aß und einer zierlichen Haushaltung — 243— mit ganzer Seele vorſtand— ging ſchon der Gedanke einer ſolchen entfernten Möglichkeit ſchwer an's Herz. Sobald ſich Eduard losmachen konnte, eilte er zu Ermelings. Er fand das ganze Haus ungewöhnlich ſtill, und glaubte ſchon, es ſei dies die Folge des oben er⸗ wähnten Verluſtes. Hierin aber täuſchte er ſich, denn es war nur ein gewöhnlicher Zufall, der im Leben oft einem Ereigniß ein beſonderes Kleid umhängt, und dann größe⸗ res Erſtaunen erregt, als die Wirklichkeit ſelber. Er fand Judith auf ihrem Zimmer allein.. Eduard war haſtig eingetreten, weshalb Judith ihn etwas überraſcht anſah. Auch das deutete er falſch. Beide ſtanden einander gegenüber und ſchauten ſich an. Eduard fürchtete zu fragen, Judith wußte nicht, was den gewöhn⸗ lich ſo ruhigen Mann bewegte, denn daß er bewegt war, las ſie in ſeinen Mienen. „Ich komme, Judith,“ begann er,„Ihnen einen gu⸗ ten Abend zu ſagen.“. „Das freut mich. Wie geht es? Ich glaubte, Sie hätten einen beſondern Beweggrund, da Sie ſonſt nicht ſo ſpät und dann auch nicht mit ſo ausdrucksvoller Miene zu kommen pflegen.“ „Dieſen Grund hatte ich auch; da ich Sie aber ſo ruhig wie gewöhnlich ſehe, bin ich befriedigt.“ „Ah, nun verſtehe ich. Sie haben ſchon die Ge⸗ ſchichte gehört?“ Der Inſelkönig. III. 18 ——— — 274— „Alſo es iſt nur eine Geſchichte?“ „Leider, nein! Der Verluſt iſt da; indeſſen läßt er ſich verſchmerzen./.. „Und Ihr Vater, Judith?“ „Er rechnet auf ſeinem Zimmer allein, wir dürfen ihn nicht ſtören. Gegen uns iſt das Schickſal noch gnä⸗ dig geweſen, aber Herrn Joſephſons No. 1— Sie er⸗ innern ſich doch noch ſeines Tiſchnachbars bei'm Abend⸗ eſſen der Millionaire— wiſſen Sie, was Der verloren hat?— Hundertundfunfzigtauſend Thaler!“ „Ich, erſchrecke, Judith! das iſt entſetzlich!“ „Freilich iſt es das, und doch muß es verſchmerzt werden.“ 5 „Alſo er kann es verſchmerzen?“ „Er muß s, wie auch mein Vater ſeinen kleineren Verluſt verſchmerzen muß. Was ich aber fürchte, iſt..“ „Füchten Sie noch mehr?“ 4. „Weit mehr— das heißt, ich nicht, ſondern mein Vater...“ „Das iſt Einerlei, Judith.“ „Das iſt nicht Einerlei— mein Vater iſt der Mann, der Banquier, der Geldmenſch, an den ſich das Publikum hält, den das Publikum mit Argusaugen hütet, ſo lange er zahlen kann, und mit Furienklauen faßt, ſo bald er ſagt: Ich kann nicht mehr!— Ich— ich bin nur ſeine Tochter, die läßt man frei ausgehen, man be⸗ — 275— dauert ſie höchſtens, und dieſe Tochter geht zu Fuß, wo ſie früher ſtolz gefahren iſt, oder kleidet ſich in Wolle, wie ſie ſich in Seide und Sammet gekleidet hat. Das iſt Nichts, gar Nichts, Eduard— ich bin jung, ich bin kräftig, ich könnte ſogar der Armuth trotzen, aber der alternde Vater, der angeſehene Mann, der das Vertrauen ehrlicher Menſchen beſitzt...“ „So weit iſt es noch nicht, Judith, Sie ſagten es ja ſelbſt— er hat den Verluſt ja nicht durch eigene Schuld...“ „Danach fragt kein Menſch. Jeder fragt nur: Wo iſt mein Geld? Wo ſind meine Zinſen? Haſt Du es nicht— ſort mit Dir— ohne Erbarmen!“ „Das iſt ſchrecklich! So habe ich mir es nie ge⸗ dacht, in dieſem Lichte den Reichthum nie geſehen.“ „Ach, der Reichthum, der Reichthum eines Kauf⸗ manns— was iſt das, mein Freund? Eine Flitter, mit der wir uns heute ſchmücken und die morgen ein kleiner Brief— ſo groß— abſtreift. Wer hätte es, bei uns zum Beiſpiel, geſtern noch vermuthet? Mein Vater ſagte geſtern Abend zu mir, ehe er ſchlafen ging: Alle Welt ſchreit und wehklagt— ſo Gott mir gnädig iſt, mache ich dies Jahr einen guten Abſchluß— da— heute Mor⸗ gen kommt die Poſt, die Zeitung, der Brief, und— er iſt vierzigtauſend Thaler ärmer.“ „Alſo wirklich vierzigtauſend Thaler?“ ö „Bis auf den Pfennig, mein Freund! Aber daran ſoll Niemand verlieren. Beſorgen Sie das gar nicht. Mein Vater hat eigenes Vermögen. Er griffe es bis zum letzten Hundert an, um ſeinen Gläubigern gerecht zu wer⸗ den. Alſo deshalb mache ich mir keine Noth, kein trau⸗ riges Bild— nur die Sorge bleibt wach, daß, wo ein Unglück kommt, mehrere einzuziehen belieben⸗” „Wir wollen es nicht hoffen, Judith.“ „Gewiß nicht und wenn es kommt, wie Menſchen hinnehmen, denen Gott mit dem Reichthum auch die Kraft und Würde gegeben hat, ihr Geſchick zu ertragen. Still — da kommt mein Vater! Kein Wort davon— was machen die— die— 4. „Guten Abend, Herr Doctor! Das iſt mir lieb, daß ich Sie ſehe. Beſuchen Sie Judith fleißig, die arme Dirne, ſie bedarf des Troſtes— he? Ihr habt doch ſchon zuſammen geſchwatzt, wie?“ „Ja, Herr Ermeling, wir haben geſprochen, wie man über ein Unglück ſprechen muß!“ erwiderte Eduard, der den Banquier mit ſeinen ſcharfen Blicken durchforſchte, und eine Wolke auf ſeiner Stirn ſah, von der er ſich, häufiger als ſonſt, einen plötzlichen Schweiß abtrocknete. „Hundert Millionen! ich habe es gleich gedacht. Judith, mein Kind, Du wirſt vernünſtig ſein.“ „Mein Vater! ſorge doch nicht um mich! Ich bin ſo vernünftig, wie Du wünſchen kannſt; frage Wollzagen!“ —— einander. Aber wie von eine — 277— „Ich glaube es, ich glaube es. Hören Sie, lieber Doctor, es iſt mir lieb, daß ich Sie ſehe, Holzbrecher iſt ja Ihr Wirth. Wollen Sie ihm nicht ſagen, er möge morgen auf mein Bureau kommen? Er hat zwanzig⸗ tauſend Thaler bei mir. Sie ſtehen zu ſeinem Befehle. Wir ſind Alle in's Schwanken gerathen, und da mag er Furcht haben; der gute Mann dauert mich, er ſoll keine Beſorgniſſe hegen— ich— ich— was? ſchon die Zei⸗ tungen“ wandte er ſich an einen Diener, der ſie eben von der Poſt geholt hatte.„Das muß man ſagen: hun⸗ dert Millionen! ſeitdem die Eiſenbahnen nach dem Rhein fertig ſind, geht es ſchnell.“ Und er that raſch die noch hten Blätter aus geſtochen, fuhr er zurück. Was? Bankhauſen uch? Viermalhun⸗ derttauſend! Großer Gott! 2 achtzigtauſend mit im Geſchäft! Adieu— Kinder— adieu!“ Und mit den Armen fechtend, das Geſicht mit kaltem Schweiß be⸗ deckt, eilte er in ſein Büreau. Judith und Eduard ſahen ſich verſtört an. „Sehen Sie!“ ſagte das Mädchen mit unnennbar weicher Stimme.„Sehen Sie! Man darf nur davon ſprechen. Nun werden hundertundzwanzigtauſend in die Lüfte gegangen ſein.“ Und ſie ſchüttelte wehmüthig den Kopf und ſtützte ihn, ſich in einen Seſſel lchnende in die zarten weißen Hände. „Judith, verlieren Sie nicht Ihren Muth, ich bitte Sie herzlich. Wer weiß, wie es iſt. Wie hoch beläuft ſich das Vermögen Ihres Vaters?“ „Ich denke, es werden viermalhunderttauſend Thaler ſein. Aber was will das ſagen? Wenn alle Gläubiger mit einem Male andringen, wie ſoll man das flüſſig machen? Man kann Hunderttauſende haben und doch— doch— nun ja— banquerot ſein.“ „Das wolle Gott verhüten! Ich verſtehe nichts von dieſen elenden Geldgeſchäften, aber ich kann mir den⸗ ken, wie das hergeht.“ „O, nun merken Sie auf! Wenn dieſes zweite Ka⸗ pital verloren i d das Unglück bekannt wird, dann heißt es: Daran die Herren ſelber Schuld. Speku⸗ lationen! Luxus! Sch en haben ſie zu Grunde ge⸗ richtet! Und doch, acht man denn Geld? Mit Geld allein! Warum thut Ihr es denn aus, wenn Ihr nicht ſelber gewinnen wollt? Ach! mein armer Vater!“ Eduard blieb bis zum ſpäten Abend, er konnte ſich von dem Hauſe des Unglücks nicht trennen. Der Hun⸗ ger hätte ihn nie ſo lange gefeſſelt, wie ihn die Theil⸗ nahme feſſelte. Und Judith verſtand ihn. Sie ſah, daß er wirklich war, was er vorgab— ein Freund. Am nächſten Morgen, es war der erſte Dezember, war er ſchon wieder da, zu hören, wie es ſtände. Bankhauſen hatte wirklich fallirt. Die achtzigtauſend Thaler waren, — 279— wie es ſchien, verloren, bis vielleicht auf einige wenige, ſpäter zu erhaltende Procente. Um zehn Uhr kam Holzbrecher und ging ſogleich in's Büreau. Der Banquier kam ihm freundlich entge⸗ gen, obwohl er ſehr bleich ausſah und die ganze Nacht nicht im Bett geweſen war. „Mein alter Freund,“ ſagte er,„wir ſind an einen ſauren Apfel gekommen, ich habe ſchon hineingebiſſen; er ſchmeckt ſehr herbe. Sie wiſſen doch?“ „Ja wohl, weiß ich. Und was wünſchen Sie von mir?“ „Ich habe Sie und Andere herbeſchieden. Sie kön⸗ nen Ihre zwanzigtauſend noch in dieſem Jahre erhalten denn, Sie werden befürchten, ich wanke.“ „Nicht doch, nicht doch, Herr Ermeling, das be⸗ fürchte ich gar nicht. Wir ſind ſo lange Jahre zuſammen gegangen, gehen wir noch länger zuſammen. Uebereilen Sie ſich nicht. Retten Sie, was Sie retten können— ich mag der Letzte ſein, an den Sie denken, ich bedarf es wahrſcheinlich am wenigſten.“ „Hundert Millionen! Wenn ſie Alle ſo wären! Das ließe man ſich gefallen! Aber ich muß ehrlich ſein — wiſſen Sie, wie hoch mein Verluſt ſich beläuſt?“ „Das braucht Niemand zu wiſſen— ich alſo auch nicht.“ „Und doch— Leuten, wie Sie ſind, ſage ich es. werer — 280— Ich habe— bis auf Kleinigkeiten, in zwei Tagen hun⸗ dertundzwanzigtauſend Thaler eingebüßt.“ Holzbrecher machte große ſe Augen. Seine Stirn aber bedeckte und runzelte ſich nicht, ſein Auge blieb klar. „Das iſt freilich viel,“ ſagte er,„aber es bleibt gabei, man darf Sie jetzt nicht noch mehr ſchwächen. Herr Er⸗ meling, das iſt mein letztes Wort: ich will der Letzte ſein!“ Und damit ging er.— So vergingen wieder mehrere Tage, das geſt nä⸗ herte ſich, diesmal für Viele ein trauriges Feſt. Eduard hatte ſeine letzten beiden Goldſtücke— des ehrlichen Duſſom Nothpfenni e in der grünen Börſe— hervor⸗ jetzt ſchon auf ihrer unermeßlich weiten Bahn. Zum erſten Male daorich es den jungen, widerſtandskräftigen Mann ſchmerzlich in ſeinem Leben, er hatte den richtigſten Vor⸗ ſchmack der Sorge kennen gelernt, und was er jetzt noch nicht gekoſtet, ſollte er in einigen Tagen koſten lernen. Wäre Judith nicht geweſen, die alle Tage ſchwerer zu tragen bekam, denn kleinere Unfälle waren in ihres Vaters Geſchäft den größeren gefolgt, hätte ſie nicht alle Tage ſeiner Ermuthigung, ſeines Troſtes, ſeiner Gegenwart be⸗ durft, er hätte ſchnell zum Wanderſtabe gegriffen, und diesmal längere Fexien im elterlichen Hauſe abgehalten, denn dort allein konnte er ja, ſo ſchwer es ihm fiel, darum anzugehen, die einzige und natürliche Hilfe erwarten. ilber umgewandelt und kreiſten — 8 5 3 3 3 — 281— Allein er blieb, blieb halb auf eigene Anregung, halb auf Bitten der Vanquierstochter, die durchaus eines Menſchen bedurfte, gegen den ſie ſich ausſprechen konnte, denn viele ihrer Freundinnen hatten ſich auf das erſte Gerücht hin, Ermelings Credit ſchwanke, nicht wieder blicken laſſen, und Andere, denen ſie eine feſtere Beſtändigkeit zumu⸗ thete, mochte ſie nicht in ihr Vertrauen ziehen. Aber nicht auf dem Hauſe des Banquiers allein lag der dumpfe Druck einer ſchwülen, kritiſchen Lebensatmo⸗ ſphäre, viele andere Familien waren von einem ähnlichen, kleineren, manche aber auch von größerem Unheil betroffen. Es war ein allgemeines Mißtrauen in alle kaufmänni⸗ ſchen Geſchäfte eingetreten, ein Mißtrauen, welches oben anfangend, ſeine Schwingungen bis in die kleinſten Ver⸗ hältniſſe nachzittern ließ. Wer an Baarem Vorrath hatte, hielt es zurück, vertraute es Niemandem an, ſcheute ſich ſogar, Dinge zu kaufen, die ſonſt zu jeder Zeit und unter allen Umſtänden Bedürfniſſe geworden waren. Vom Han⸗ del verbreitete ſich die Stockung in alle übrigen Geſchäfte; das Vergnügen erblaßte und der Luxus ſelber, den die Begüterten zu eigener Luſt und zum Vortheil der Aer⸗ meren entfalteten, verbarg ſich, und ſo kam die ſoͤnſt ſo fröhliche Zeit des Weihnachtsfeſtes herbei und fand viele Thüren verſchloſſen, die ſonſt dem Leben und dem Genuß deſſelben weit geöffnet waren. Wer dergleichen Zeiten durchlebt hat, kann ſie ſich allein vorſtellen; der ewig in — 232— Glück und Wohlſtand Schwelgende kennt ihre bleichen, grämlichen Züge nicht. Auch die Künſtlerwelt litt unter den allgemeinen Zuckungen des Mißtrauens und der Be⸗ ſorgniß vor ſchwierigeren Lagen. Ihre Arbeiten wurden nicht mehr verlangt, ihre Hände feierten bei der allge⸗ meinen Windſtille des Verlangens, beſtellte Stücke wurden mit Mühe angebracht. Die öffentlichen Arbeiten wurden eingeſtellt, oder die ſchaffenden Kräfte an denſelben ver⸗ ringert. Die ganz Armen hungerten und in den dürrſten Gegenden, den vernachläſſigtſten Provinzen brach der Ty⸗ phus des Elends, der ſogenannte Hungertyphus aus. Was Wunder, wenn die Freuden der großen Hauptſtadt in einen blaſſen, trüben Schleier ſich hüllten, wenn die Schauſpielhäuſer leer ſtanden, die Concertſäle geſchloſſen wurden, und ſelbſt die ſtilleren Hausvergnügungen ſich in kleinere Kreiſe zuſammenzogen. Die Freunde, denen wir bisher unſere Aufmerkſam⸗ keit geſchenkt haben, fühlten wie Jedermann den Druck aller dieſer Verhältniſſe, ſie ſchloſſen ſich enger, ſchweig⸗ ſamer an einander, ihr jugendlicher Muthwille verſtummte, und ihre Luſt an der Arbeit beſchränkte ſich mehr und mehr auf das eigene, innere Streben. Eduard war ſtill und in ſich gekehrt. Er verbrachte faſt alle Abende außer dem Hauſe. Ermelings und Holz⸗ brechers nahmen ihn vorzüglich in Anſpruch, ſeine ihm übrigbleibende Zeit ſchenkte er theils einen Büchern und — 283— 4 ſeinem ſchweigſamen Nachdenken, theils brachte er ſie in hoffnungsvolleren Geſprächen mit Joſephſon hin, den ſeine ſprudelnde Laune, nachdem ihm der hauptſächlichſte große Wurf gelungen war, auch jetzt nicht ganz derließ, wenn⸗ gleich ſie den ernſteren Freund, der innigeren Antheil an jenen beiden Familien nahm, nicht mehr wie ſonſt aufzu⸗ heitern im Stande war. So kam der vierundzwanzigſte Dezember heran, ein Tag, ſo trübſelig, ſo unglückbringend, ſo entſetzlich qual⸗ voll für unſern Freund, wie er noch keinen in ſeinem kur⸗ zen Leben geſehen hatte, aber zu ſeinem und Anderer Glück auch keinen wieder zu ſehen beſtimmt war. Fünftes Kapitel. Sturmwind und Fluth. Eduard war am Abend vorher bis zehn Uhr im Hauſe des Banquiers geweſen. Der Hausherr hatte ſich eine Stunde ſeiner Tochter gewidmet, obgleich er von innerer, fieberiſcher Unruhe verzehrt wurde, denn Gerüchte, deren Urſprung kein Menſch ergründen konnte, liefen um, es ſeien in Philadelphia, Boſton, Mancheſter und Rom vier der größten Häuſer der Handelswelt gefallen. Die Trö⸗ ſtungen, die die beiden jungen Leute, Judith und Eduard, dem erfahrenen Manne bieten konnten, waren ihm nur Worte, leere, leicht im Winde des Wehes ſich verflüchti⸗ gende Worte. Sein klarer Verſtand, ſein kaufmänniſcher Blick ſah tiefer, er drang in den Hintergrund kommender Stunden, und was er da erblickte, das war in den dü⸗ ſteren Nebel beſorglicher Hoffnungsloſigkeit gekleidet. „Wenn das wahr iſt, was umgeht,“ ſagte er, als Eduard endlich ging, nachdem er von der flehenden Toch⸗ ter des Hauſes zu längerem Bleiben als gewöhnlich auf⸗ gefordert worden war,„wenn das wirklich wahr und ge⸗ wiß iſt oder wahr wird, was man heute Abend auf der Börſe flüſterte, dann— dann gute Nacht Hoffnung und Glück— dann bin ich morgen ein Bettler, und viele Andere mit mir. Gott wende es ab! Aber ich fürchte, der Schlag kommt, ich ſpüre ihn an meinem matten Herzen.“ „Sie ſehen ſchwarz, Herr Ermeling,“ erwiderte Eduard mit halbem Troſtlächeln, obwohl ihm ſein eigenes mitfühlendes Herz in einem krampfhaften Anfalle hoff⸗ nungsloſer Erſtarrung matt und wehmüthig ſchlug,„und daß Sie ſchwarz ſehen, begreife ich wohl, aber ein Mann muß allen Schlägen des Schickſals feſt entgegentreten.“ „Junger Mann,“ erwiderte der Banquier,„ich ver⸗ kenne Ihren guten Willen nicht, aber Sie haben noch nicht Hunderttauſende, wenn auch verlieren ſehen, doch nicht ſelber verloren; das ſchmeckt bitter! Wenn ich mor⸗ gen die ganze Gewißheit habe, von deren Schatten ich heute ſchon geplagt werde, dann helfen weder Ihre guten Troſtgründe, noch ein mannhaftes Herz. Doch— Sie haben Recht— es muß überſtanden werden. Noch ein⸗ mal wollen wir zu ſchlafen verſuchen— und dann ſehen, was die neue Sonne bringt. Gute Nacht!“ — 286— Judith ging mit Eduard in's Vorzimmer. Die überzähligen, ſonſt auf allen Treppenwindungen faullen⸗ zenden Diener waren ſchon gern und willig beſeitigt, denn dieſes Geſchmeiß leckt lieber bei aufgehender Sonne die Schüſſeln ab, als daß es bei abnehmendem Monde ſich mit der Hauskoſt begnügt. Hier im Vorzimmer nun ſtand Judith, die Kerze in der Hand, und verabſchiedete den einzigen wahren Freund, den ſie jetzt außer ihrem Vater beſaß. „Der gute Alte,“ ſagte ſie,„ſpricht vom Schlafe, als wenn er ihn noch als einen täglichen Gaſt begrüßen dürfte. Seit acht Tagen iſt er erſt um drei Uhr Mor⸗ gens zu Bett gegangen, ſehen Sie nur ſeine hohlen Au⸗ gen an.“ 4 „Die Ihrigen ſcheinen mitgewacht zu haben,“ erwi⸗ derte der Gehende, während er ſeinen Mantel umwarf, „wenigſtens dürfen ſie ſich ihrer früheren Munterkeit nicht rühmen.“ Judith ſeufzte hörbar. „Kann ich ihn allein laſſen? So lange ich bei ihm bin, hält er ſich aufrecht, alſo weiß ich, wohin mich meine Schuldigkeit ruft.“ „Gott wird Alles wieder gut machen und Ihre rüh⸗ rende Kindlichkeit lohnen— ein paar Jahre, und Alles iſt vergeſſen.“ 1 „Wer weiß! Ein paar Jahre, ſagen Sie, wie lang i*ſt ſcon ein Jahr! Wiſſen Sie, daß jeder Tag mir jetzt eine Ewigkeit, und jede Nacht doppelt ſo lange ſcheint?“ „Eine doppelte Ewigkeit, Judith?“ fragte Eduard ſcherzend, und reichte ſeine Hand hin.„Wiſſen Sie ſchon, wie lange eine einfache währt?“ „Ja, mein Freund, das weiß ich. Eine einzige ſchlimme Nachricht, wie die letzte, ſchließt in der nächſten darauf folgenden thränenreichen Stunde eine ganze Ewig⸗ keit ein.“ „Freilich, im Schmerze ſelbſt glaubt man nicht an die Vergänglichkeit deſſelben. Gute Nacht, Judith!“ „Gute Nacht, Eduard! Sie reiſen alſo erſt über⸗ morgen?“ „Uebermorgen früh um ſieben Uhr nehme ich mei⸗ nen Wanderſtab zur Hand— in drei Tagen aber bin ich wieder hier. Ich will nur meinem Vater etwas mit⸗ theilen.“ „Alſo ſehen wir Sie morgen?“ „Morgen in aller Frühe— gewiß! Noch einmal — gute Nacht!⸗— Und er ging. „O! wäre dieſer Tag erſt da!“ ſeufzte Judith, als ſie zu dem Vater zurückkehrte,„dieſe fürchterlichen kalten Nächte!“ Und die auf dieſen Abend folgende Nacht war wik. 5 3 3 lich eine ſehr kalte. Der Schnee lag fußhoch und war feſt wie Eis gefroren. Alle Straßen waren wie Spiegel geglättet, und die Menſchen eilten, was ſie konnten, um aus dem Freien und von ihren eilfertigen Geſchäften in die warmen Zimmer zu kommen. Aber auch dieſe Nacht wie alle ihre kalten und ſchrecklichen Vorgängerinnen und Nachfolgerinnen ging vorüber und der neue Tag brach an, der Eduards Geburtstag war. Er hatte faſt gar nicht geſchlafen. Widrige Träume peinigten ihn vom Anfang derſelben an bis zum Ende. Er ſah Alles, was vor ſeine Augen kam, und tauſend verſchiedene Schreckbilder ſchlüpf⸗ ten an ſeinem Geiſte vorüber, in einen bleichen, erkälten⸗ den, giftigen Nebel gehüllt. Dabei fror er und fühlte angſtvoll, er wußte nicht warum, das Herz in ſeiner Bruſt hämmern. Endlich, um fünf Uhr Morgens, erſchien Frau Schwarzkopf, um ſeinen Ofen zu heizen. Er war glück⸗ lich, wieder ein menſchliches Antlitz zu ſehen. „Was iſt die Uhr, Frau Schwarzkopf?“ „Fünf hat es geſchlagen, Herr Doctor! Nun, da Sie ſchon wach ſind, kann ich gratuliren— und ich thue es von ganzem Herzen!“ „Sie müſſen doch ſtets die Erſte ſein! Haben Sie dieſen Tag noch nicht vergeſſen?“ „Bei Gott! ſo lange ich lebe, wird er nicht aus meinem Gedaͤchtniß kommen. Wie— Sie zünden ſich ſchon ein Licht an?“ — 289— „Ich habe ſchlecht geſchlafen und muß aufſtehen— ſeinen Geburtstag kann man nicht lange genug wachend verbringen.“ „Aber Sie werden ſich erkälten, die Stube i*ſt noch kalt.“ „Ich werde zwei Röcke anziehen— machen Sie den Kaffee recht heiß. Frau Schwarzkopf ging und Eduard ſpang aus dem Bette. „Großer Gott,“ ſagte er mit emporgehobenen Hän⸗ den,„gib einen guten Tag, für alle meine Lieben und für mich ſelber!“ Der Kaffee kam und war ſiedend. Frau Schwarz⸗ kopf hatte auch mit eigenen Händen einen Kuchen ge⸗ backen und ſtellte ihn auf den Tiſch. Darin ſteckte ein Zettel mit den Worten„Gedenke an den Tag vor ein⸗ undzwanzig Jahren!“ Gerührt nahm ihn Eduard in die Hand und las ihn wohl zehnmal hintereinander. „Ja,“ ſagte er bei ſich,„ich werde ihn nie vergeſſen, und Du, gute Frau, ſollſt mit in meine Erinnerung ein⸗ geſchloſſen bleiben. Alſo, ſechsundzwanzig Jahre! Und wieder Nichts für die Unſterblichkeit gethan!— Hm! daß ich dieſes Wort nicht vergeſſen kann! Freilich, auch bei dem, der es zuerſt geſprochen, kam die Unſterblichkeit ſpäter, und wie raſch kam ſie dann, das Schickſal eilte mit ausgebreiteten Flügeln auf ihn ihn zu. Wie wird Der Inſelkönig. III. 19 — 290— das meine ſein? Wird es lahm, mit geſenktem Haupte mich an mein endliches Ziel führen? Wir wollen es abwarten.“ Er trank den Kaffee und aß von dem Kuchen. Das Zimmer wurde ſchnell warm und die Wärme erfüllte ihn mit neuer Lebensluſt. „Ich weiß nicht,“ dachte er,„warum ich heute ſo heiter bin! Gute Genien müſſen mich umſchweben und die ſchrecklichen Traumgeiſter dieſer Nacht beſiegt haben. Die arme Judith! der arme Ermeling! Wenn es doch erſt Tag wäre; um zehn laufe ich raſch hin und ſehe, wie es ſteht. Morgen um dieſe Zeit bin ich auf dem Wege nach Bilſingen. Nun! dann wird die Noth für's Erſte ein Ende haben, ich habe nur noch ein paar Groſchen, und dafür muß ich der Schwarzkopf ein Geſchenk kaufen, heute Mittag noch. Für den Tag itgeſorgt. Den Abend verlebe ich bei Holzbrechers und Ernielings, weiter brauche ich Nichts. So bin ich doch ausgekommen, aber wie? Großer Gott! ich danke Dir, daß Du mir noch das ge⸗ geben haſt. Viele haben weniger gehabt und ſchlagen dennoch heute munter die Augen auf.“ Da pochte es ſchon an die Thür, und doch war es erſt ſieben Uhr. Er öffnete. Der Poſtbote trat herein. „Ein Brief,“ ſagte er,„durch einen beſondern Boten zu beſtellen.. Eduard bezahlte den Brief und ſah dann nach der A 2* ——ÿꝛö —-ꝛ— — — 291— Aufſchrift. Er erkannte ſogleich des Geiſtlichen Hand⸗ ſchrift, die aber nicht mit gewöhnlicher ruhiger Sicherheit hingeworfen war, ſondern unverkennbare Spuren einer zitternden Haſt wahrnehmen ließ. Der Bote war ſchon wieder fort, Eduard hielt den Brief noch uneröffnet in der Hand. „Was hat das nur zu bedeuten?“ fragte er ſich. „Auf dieſe Weiſe iſt mir ja noch nie ein Brief zuge⸗ gangen.“ Aber ſeine Gedanken raſch abſchneidend, erbrach er ihn ſchnell. Er las Folgendes: „Mein theurer Eduard! „Unfer armes Dorf hat ein großes, unerwartetes Unglück betrofſen. Unſer guter Freund, der Meiſter Doſſow, hat das Schickſal gehabt, durch eine Feuers⸗ brunſt faſt ſeine ganze Habe zu verlieren. Sein Holz⸗ vorrath, ſeine Werkſtätten, ſeine Arbeitsgeräthſchaften, waren glücklicher Weiſe verſichert. Sein Wohnhaus aber und Alles was darin war, nicht. Leider hatte er den letzten Theil ſeines erſparten Vermögens in Papieren bei ſich, weil ein anderer Theil vor acht Tagen durch den Banquerot eines Hauſes verloren gegangen war. Alles dies iſt für immer dahin. Ich brauche Dir den allge⸗ meinen Jammer bei uns nicht zu ſchildern, ich kenne Dein Herz. Doſſow und ſeine Frau ſind geſund und im Pfarr⸗ hauſe untergebracht. Sollten Ernſt und Karl, die in 19* H 4 1 ——— „ — 292— dieſen Tagen erwartet werden, zuerſt bei Dir erſcheinen, bereite ſie mannhaft auf das traurige Ereigniß vor. Ich ſelbſt habe genug mit den Eltern zu thun, die übrigens beide ihr Schickſal ergeben genug tragen. Auch hat es Gott, der Allmächtige, gegeben, und ſo müſſen wir es hinnehmen und dürfen nicht murren. Ob Du unter die⸗ ſen Umſtänden Luſt haben wirſt, hierher zu kommen, überlaſſe ich Deinem Ermeſſen. Ich ſchreibe dies in gro⸗ ßer Eile. Wir Alle ſind geſund. „Dein „getreuer Pflegevater „Heinrich Wollzagen.“ Eduard ließ den Brief zur Erde fallen. Das Blut ſtieg ihm aus dem übervollen Herzen in den Kopf, er bekam Naſenbluten. „Großer Gott!“ oachte er,„iſt ſo der Anfang des heutigen Tages ſchon— wie wird dann das Ende ſein!“ Er war auf das Tiefſte erſchüttert. Raſch kleidete er ſich an, ohne zu wiſſen, wohin er gehen ſollte. Aber er bedurfte einer ſtarken Bewegung in der kalten Luft, um der inneren, hämmernden Schmerzensregung ein klei⸗ nes Gegengewicht zu ſchaffen. Schnell lief er ein paar Straßen auf und nieder; er ſpürte die Kälte gar nicht, die alle Menſchen blitzſchnell an ihm vorüberführte. So kam er an das nächſte Thor, betrat Gottes freie Natur, — 293— und erſt, als er das Geräuſch der erwachenden Stadt hinter ſich hatte, als die friedliche Stille der winterlichen Landſchaft ihn umgab, fühlte er ſich fähig, den in ihm tobenden Schmerz nicht allein zu durchdenken, ſondern ihm auch männlich zu widerſtehen. „Was kann das Alles helfen!“ dachte er, und ſchritt ſchon langſamer dahin.„Das Hin⸗ und Herſchwan⸗ ken in einem und demſelben Gedanken, in einem und dem⸗ ſelben Wehe führt zu gar Nichts. Damit wird Nichts geändert, Nichts gebeſſert. Was geſchehen iſt, iſt geſche⸗ hen, und man muß es ertragen. Das will ich auch. Alſo Faſſung— Muth— Widerſtand. Schon dieſer Ge⸗ danke allein kräftigt, erhebt, warum nicht die Ausführung deſſelben. So will ich handeln und reden, ſobald ich morgen nach Hauſe komme, oder wenn Ernſt eintrifft. Was geſchehen, iſt zwar ein Unglück, das iſt wahr, aber gibt es nicht noch größere Schickſalswechſel! Die arme Judith, ihr alter Vater— iſt das nicht eben ſo hart und noch härter? Denn dort iſt ja nur das Unglück 8 allein— hier mit dem Unglück auch die Laſt einer mög⸗ licher Weiſe anklagenden öffentlichen Stimme verbunden; Doſſow behält ſeinen Ruf, ſeine Ehre, ſeinen Kredit, wird nur bemitleidet— aber Ermeling, den kann man ſogar beſchimpfen! Beſchimpfen, einen ſo unglücklichen Mann! Pfui über die ſo erbärmliche Welt, und je höher S — 294— hinauf die Menſchen die Lebensleiter ſteigen, um ſo er⸗ bärmlicher werden ſie oft!“ In der Art philoſophirte der thätige, markige Geiſt Eduards, und erſt, nachdem er eine Stunde weit gelaufen war, bemerkte er, daß er zur Rückkehr eben ſo viel Zeit gebrauche, und alsdann die Stunde da ſein werde, in welcher er Judith ſeinen Beſuch verſprochen hatte. Als er hieran dachte und ſogleich zu ihr zu gehen beſchloß, fing ihm das Herz wieder an zu pochen und einige Tropfen überflüſſigen Blutes färbten ſein Tuch. Bald aber hatte er ſich wieder ſattelfeſt gemacht, auch dieſem Unglück, wenn es wirklich da ſei, mit männlicher Stirn, mit gewappneter Bruſt entgegenzutreten, und komme heute, was da wolle, den Schmerz mit feſteſter Ergebung zu ertragen. Dieſer wiederholt gefaßte Entſchluß, dieſer in der Welt wirklich eriſtirende Widerſtandsgeiſt, der in dem prüfungsreichen Leben des Menſchen oft allein den Leiden der Seele und des Leibes die größte und einzige Stütze iſt, beſeelte auch unſern Freund, den kräftigen Naturmenſchen, dem der höher entwickelte Geiſt keine materiellen Kräfte geraubt hatte, und gab ihm eine ſolche Fülle widerſtandsfähiger, energiſcher Stärke, daß er in der That wie ein innerlicher Rieſe daherſchritt, der kühn und entſchloſſen, ſein Schick⸗ ſal herausfordernd, aber auch ſogar dem möglichen Unter⸗ gange ſchreckenlos entgegen zu gehen ſchien. Ermelings Haus war erreicht. Das große Thor — 295— ſtand auf, aber der alte freundliche Thürhüter war nir⸗ gends zu ſehen, überhaupt kein bekannter älterer Diener. Auf dem mit ſchönen kleinen Wandfresken bemalten Flur aber ſtanden mehrere fremde Menſchen, ſcheinbar Scher⸗ gen einer öffentlichen Gewalt, wahrſcheinlich Diener und Handlanger des Rechtes, die ein Gelärm vollführten, daß Eduard, augenblicklich von den gemeinen Geſichtern und ihren gemeineren Ausrufen angeekelt, einen Augenblick ſtehen blieb und verwundert ihrem Treiben zuſah. .„Was wollen dieſe fremden Geſichter hier!“ dachte deer und warf ſein forſchendes Auge auf eine Geſtalt mit rabenſchwarzem, langem Barte und kupferrothem Geſichte, in deſſen kleinen dunkeln Augen ein unheimliches Feuer blitzte. Die Geſtalt war beinahe von ſeiner Größe und ſchien der Anführer der geſetzlichen Bravo's zu ſein. Als er dieſen gemeinen Menſchen betrachtete, ſah ihn derſelbe gleichfalls an, und wie ſolche Naturen den Blick eines gebildeteren, geiſtigeren, begabteren Weſens nie gut er⸗ tragen können, ſo miſchte ſich auch hier ſogleich der ge⸗ ſetzlichen Handlung die perſönliche, thieriſche Gewalt ein. „Was wollen Sie hier? Wer ſind Sie?“ ſchrie das kupferrothe Geſicht, indem es noch röther wirde, den jungen Unbekannten an und ſtellte ſich dicht vor ihn, gleichſam um ihm den Weg zur Treppe zur verſperren. Zede naͤhere Berührung mit ſolchen Naturen war dem aangeborenen Adel Eduards ein Gräuel. Er trat daher ö —— — 296— einen Schritt zurück und ſuchte ein Wort, ſeiner augen⸗ blicklichen Empfindung einen Ausdruck zu geben. Der Scherge ſah in dieſem Zurückweichen des Angebrüllten den erſten Schritt zum Siege. Er trat ebenfalls einen Schritt vor, ſo daß ſein dunſtiger Athem des jungen Mannes Wange berührte und wiederholte ſeine grobe An⸗ rede mit noch ſtärkerem Tone. Hier aber war der Augenblick ſeiner Niederlage ge⸗ kommen. Der Zurückweichende war nicht in der Laune, unnütze Worte zu machen. Von einer Hoheit des Un⸗ willens ergriffen, die er noch nie gefühlt, von einer Kraft gedrängt, deren er ſich kaum je bewußt geweſen war, ſtreckte er, vorwärts tretend, ſeine Arme aus, und den Angreifer mit einer gewaltigen Bewegung derſelben gegen die Wand ſchleudernd, daß er mit ſeinem Hute auch ſeine Haltung verlor, rief er in einem Tone, den noch kein Menſch von ihm gehört: „Ich bin nicht gewohnt, hier ſo gefragt zu werden. Platz da!“ Und der verlangte Platz war augenblicklich der ſei⸗ nige. Die erbärmliche Widrigkeit, die einen ſo gewaltigen Ausbruch ungeahnter Hoheit und Kraft aufflammen ſah, verſtummte, und während die Begleiter des kupfernen Geſichts in ein höhniſches Gelächter über den unerwarte⸗ ten Fall ihres Gefährten ausbrachen, ſtieg Eduard mit behendem Schritte die wohlbekannten Stufen hinauf. — 297— Die oberen Räume des Hauſes waren öde und leer. Kein Menſch war zu ſehen, alle Thüren ſtanden auf. Nur in dem Büreau des Banquiers wirthſchafteten fremde Ge⸗ ſichter. Eduard ahnte die Urſache dieſer Vorgänge. Ra⸗ ſcher flog er die Flur entlang dem wohlbekannten Zimmer Judiths zu. Bald hatte er es erreicht. Ohne zu klopfen riß er die Thür auf und— hatte vor ſeinen Augen den traurigſten Anblick, den er bisher in ſeinem Leben ge⸗ ſchaut. Die Vorhänge der Fenſter waren geſchloſſen, nur ein dämmernder Tagesſtrahl drang in's Zimmer, das nicht wie ſonſt durch die heitere Ordnung des darin Be⸗ findlichen ſo gemüthlich war. Auf dem Sopha lag, ſchwer athmend, tiefe Seufzer ausſtoßend, der vernichtete Ban⸗ quier. Vor ihm, auf den Knieen liegend, ſüße kindliche Worte lispelnd, befand ſich Judith, das blaſſe Geſicht des ſo innig geliebten Vaters, von dem ein kalter Angſt⸗ ſchweiß herniederrieſelte, mit einem Tuche trocknend. Als Eduard eintrat, wandte ſie das thränenbenetzte Geſicht mit den geſchwollenen Augen zu ihm hin, und ohne Ton und Sprache, deutete ſie nur mit einem verſtändlichen Winke auf den Vater hin. „Mein Gott, was iſt das?“ rief ſchmerzerfüllt der junge Freund des Hauſes. „Wer iſt da?“ ſtöhnte der gebrochene — — 298— „Eduard Wollzagen!“ rief laut und feſt der zeitige Beſitzer dieſes Namens. „Banquerot! Banquerot!“ ſtöhnte der Banquier. „Sie haben mein Zimmer, meinen Tiſch, meine Papiere verſiegelt!“ „Wer, wer hat das gethan?* „Ein Schuft von Gläubiger, dem ich nur eine Klei⸗ nigkeit ſchulde, während Andere mit Tauſenden ſich ruhig verhalten, ein doppelter Schuft, weil er nicht mit meinem Ehrenworte zufrieden war, mit meinem eigenen Hab und Gut in kurzer Friſt ſeine Anſprüche zu befriedigen— danken, auf meinen Knieen danken, muß ich ihm noch, daß er mich bei meinem Kinde läßt, mich nicht mit Schur⸗ ken, wie er ſelber iſt, einſperrt und zum Wahnſinn treibt.“ Eonand hatte keine Worte. Er ſtand, die Hände auf ſein hämmerndes Herz gedrückt, das Haupt hoch er⸗ hoben, die Bruſt in lauten Athemzügen bewegend, da. Sein Athem keuchte— ſein Auge aber, vom ſchnell ar⸗ eitenden und erſtarkenden Geiſte ſchon wieder hell wer⸗ dend, flammte in fleckenloſer Reinheit auf— er näherte ſich dem Vater und der ihn mit leiſem Söhaner betrach⸗ tenden Tochter. „Nun denn, Herr Ermeling,“ brachte er endlich mühſam hervor,„dann ſind wir ja drei Leidende zuſam⸗ men. Oft ſchon hat ein kleines Leid ein großes gemildert — meine Sorgen werfe ich zu den Ihrigen.“ — 299— „Was können Sie für Sorge haben?“ murmelte der Banguier, der ſchon von ſeinen ſchwarzen Gedanken abgeleitet wurde. „Sie ſind freilich nur klein, Herr Ermeling, aber es ſind doch Sorgen geweſen, denn ſeit beinahe acht Tagen habe ich Mittags nur Brot zu eſſen gehabt.“ „Was?“ ſchrie Judith in ſchrillem Schmerzenstone auf,„2ie— nur Brot des Mittags— und das haben Sie mir nicht geſagt?“ „Ich ſage es nur jetzt, um Ihren verzweifelnden Vater zu tröſten, denn ich habe keinen Mangel dabei ge⸗ fühlt und würde mich bei Niemandem beklagen.— Hören Sie weiter, Herr Ermeling— es gibt noch andere Leiden in der Welt— der Zimmermeiſter Doſſow, ein ſo red⸗ licher, fleißiger Mann wie Sie— meines Jugendfreundes Vater— nachdem er durch die Zahlungseinſtelluns eines Hauſes die Hälfte ſeines Vermögens verloren— 3 „Bei mir hat er Nichts gehabt!“ ſchrie der Ban⸗ quier dazwiſchen. „Nachdem er das verloren, iſt er vollſtändig, mit Hab und Gut, Haus und Hof in meiner Heimath abge⸗ brannt und ſein Geld in Papieren mit ihm!“ 3 „Gott ſei Dank!— Ha! Was ſag' ich? Nein! Gott ſchüßg ihn— kommen Sie her— Ihre Hand— Sie ſind ein braver Freund— Sie verſtchen zu tröſten —y=— — — 3090— ſind, denn— denn— 8 nun— 2⸗ ſtung für Sie, wie für Andere haben. was wollen Sie mehr?“ — wäͤren Sie mein Sohn oder gut, daß Sie es nicht „Vater!“ rief Judith wie zum Tode erbleichend— „Mein Kind— was willſt Du, was ſoll ich? Jetzt kann ich Alles ſagen— ich muß es ſagen, ausſchreien muß ich meinen Schmerz, oder er ſprengt mir die Bruſt — o ich armer Mann! Und meine Judith, mein armes 3 armes Kind! Beweine Deinen elenden Vater— er iſt 1 à8 ja nicht Schuld an dem, was ihn jetzt trifft— ich bin ja redlich geweſen, mein Leben lang— habe Niemanden gekränkt— den Armen gegeben— mit dem Wohlha⸗ benden getheilt— den Reicheren nie beneidet— und „Sprechen Sie ſich aus, Herr Ermeling, machen Sie Ihr Herz frei, ſo iſt es gut— aber murren Sie nicht, wanken Sie nicht— hoffen Sie! Gott hat es gegeben, auch der Kummer iſt ſeine Gabe— er wird eine Trö⸗ Bedenken Sie, was Ihnen bleibt. Noch haben Sie ſich und ſind ein Mann— voller Kraft— noch haben Sie Ihr Kind— „O Gott, o Gott!“ ſchluchzte der Vater,„es iſt gut, es iſt gut— ich kann weinen“— und er weinte laut wie ein Kind, und mit dieſen Thränen, die ſchon ſo manchen Schmerz aus einem Wampyr in Wolluſt umge⸗ wandelt haben, war die Kriſis ſeines Leidens vorüber. — — 301— Nach einer Weile, in der Alle ſchwiegen, um den beſanftigenden Thränenſtrom des alten Mannes nicht zu unterbrechen, holte er tief Athem und ſagte mit viel lin⸗ derer SSchnuth in ſeinem Tone: „Sie haben Recht— ich danke Ihnen— danke Ihnen viele tauſend Mal! Ich habe bei Weitem noch nicht Alles verloren, und meine Ehre wird ſich wieder reinwaſchen— laſſen Sie mich machen— mir bleiben noch Tauſende übrig— ich will Alles bezahlen— nur dieſer eine Gläubiger mit dem Herzen von Stein— hat mir das Herz gebrochen.“ „Und wer iſt dieſer Menſch ohne Barmherzigkeit?“ „Es iſt— es iſt— der Anwalt des Kammerge⸗ richtspräſidenten—* „Ah!“— Werfen wir einen Schleier über den Schluß dieſer ergreifenden Scene. Worte vermögen den Sinn der Gedanken doch nicht wiederzugeben, die durch Eduards Gehirn fuhren. Eduard ging aus dem Hauſe des Kaufmanns, nachdem er verſprochen, nach Tiſche wieder⸗ zukommen. Er ging zu Holzbrechers, fürchtend, hier eine ähnliche Scene zu finden. Aber er irrte ſich. Er fand Alles in der gewöhnlichſten Ruhe und Gemächlichkeit. Der Akademiker war ſchon aus ſeiner Werkſtalt in's Eß⸗ zimmer gekommen und erwartete, da er pünktlich um zwölf Uhr zu eſſen pflegte, mit dem vollſten Appetite ſein ge⸗ — 302— der Ermeling betroffen hatte. heute einen Geburtstag!“ ganiſationen bedacht habe. ler folgendermaßen: quier hat fallirt.“ „Das weiß ich leider ſchon—“ ſchmackvolles Mahl. Er lud Eduard zur Theilnahme ein, der es auch annahm und ſich ganz ſtill verhielt, denn er glaubte, Holzbrecher wiſſe noch nicht den letzten Man ſetzte ſich ganz gemüthlich zu Tiſche. Die 2 thin war heiter, freundlich, beweglich wie ſonſt. 3 „Frau!“ ſagte der Akademiker,„haſt Du noch eine Flaſche vom Beſten vorräthig? Du weißt, wir feiern *„Es iſt ſchon Alles beſorgt, lieber Mann.“ Eduard war ganz erſtaunt, aber er ſ mer und harrte der Entwickelung. Sie ſollte nicht aus⸗ bleiben und er von Neuem die Bemerkung machen, daß der Schöpfer ſeine Geſchöpfe mit ſehr verſchiedenen Or⸗ chwieg noch im⸗ Als der Wein gekommen war und die gefüllten Gläſer angeklungen hatten, ſprach der akademiſche Künſt⸗ „Mein lieber Doctor! Sie feiern heute den Schluß Ihres ſechsundzwanzigſten Lebensjahres. Ich weiß es. Mögen Sie glücklich und zufrieden ſein, damit iſt Alles geſagt. Nun aber noch Eins. Ich muß Ihnen Etwas mittheilen, was Sie noch nicht wiſſen. Mein armer Ban⸗ „Das habe ich mir wohl gedacht, denn wo wären Sie *— 303— fihen Morgen geweſen, als ich Sie beſuchen wollte Lue iſt es aber nicht, was ich eine Neuigkeit für Sie 3 Ich habe wahrſcheinl lich mein Vermögen, das heißt, mein Baares verloren. Das ſchadet ſo viel nicht. Mir bleibt noch genug und meiner Frau auch. Wir haben uns das Alles ſchon geſtern Abend in aller Ruhe überlegt und darauf friedlich wie die Kinder geſchlafen. Heute iſt der Schlag da und wir ſind fertig. Mein Haus, dieſes hier, eih verkaufen und einen großen Theil meiner Sammlungen auch. Das iſt unangenehm, aber es läßt ſich ertragen. Es gibt größere Unglücksfälle. Sie bleiben, komme es, wie es wolle, unter den alten Bedin⸗ gungen in Ihrem Garteyhänschen wohnen—“ „Herr Holzbrecher— keun Es iſt abgemacht— kein Wort mehr dr von! I nd meine Frau, werden auf ein prinz⸗ liches Schloß ziehen und dort beinahe königlich wohnen.“ inzliches Schloß? Wie ſoll ich das ver⸗ che iſt die. Sie kennen meine Liebhaberei für Alterthümer, ſchöne Handarbeiten und meine Kennt⸗ niſſe, dergleichen zu ſchaffen und zu erhalten. Meine Frau hat einen ähnlichen Sinn. Sie liebt und ſteht gern einem zierlichen Hausrath vor. Da haben wir nun ſchon lange den Antrag erhalten, als Oberaufſeher bei einem Prinzen des königlichen Hauſes Dienſte zu nehmen. Das — 3044— dankbar en⸗ 4 3 „Wie? Sie wollen Diener 4 Andern ſ 11 Sie hier Ihr eigener Herr waren?“ „Mein lieber junger Freund! Sie wiſſen das Sie kennen die Wohlthat für ein beſcheidenes Herz noch nicht, eines edlen Herrn Diener zu ſein. In der Art, wie wir dieſen Dienſt übernehmen, liegt für uns keine Erniedrigung. Im Gegentheil, eines braven Mannes Knecht ſteht ſich beſſer, als ein Knecht ſeiner eigenen Lei⸗ denſchaften. Ich habe das Erſtere gewählt, und dabei ſoll es bleiben. Und nun wünſche ich Ihnen eine geſeg⸗ naete Mahlzeit! Sie können an Ihre Verrichtungen gehen und ich— Sie nehmen es mir nicht übel— werde mein Mittadsſchlif ſchen halten.“ Zer ſetzte ſch in ſeine Cigetlch für ihn kein Stuhl der S Ruhe war. Im Innern wahrhaft anſgeristet— digen Einfachheit, Unterordnung und Genügf ſich Eduard auf ſein Zimmer. Ernſt und noch nicht eingetroffen. Nachmittags ging er wieder zu Ermelings und blieb bis um ſieben Uhr Abends daſelbſt. „Nach dem Thränenſtrome des Vormittags,“ be⸗ richtete Indith,„habe ſich der Vater viel ruhiger, erge⸗ it, begab waren — 84— 305— dh aufgerichteter bewieſen, ja er habe ſogar naß Tiſche ein Stündchen geſchlummert.“ Als Eduard kam, rauchte er mit ihm eine Eigarre, wozu Judith in ihrem Zimmer, dem einzigen, welches jetzt bewohnt war, und in welchem ſich das ganze Intereſſe des Banquiers zuſammenzog, mit Freuden die Erlaub⸗ niß gegeben hatte. Das Geſpräch drehte ſich natürlich um die vorlie⸗ genden d Biſiſn e Je mehr der Unglückliche davon ſprach, um ſo erleichterter fühlte er ſich. Er rechnete Eduard alle ſeine fremden Gelder vor, wobei er ein ſo ausgezeichnetes Gedächtniß bewies, daß derſelbe er⸗ ſtaunt war. „Wiſſen Sie nicht,“ fragte er, nachläſſig es hinwer⸗ fend, aber Judith fing es, ſcharfſinnig genug, ſogleich auf, „wiſſen Sie nicht, was für Gelder der Anwalt des Prä⸗ ſidenten bei Ihnen mit Beſchlag belegt hat?“ „Es ſind freilich die koſtbarſten von allen. Ich weiß es wohl. Es ſind Pupillengelder.“ „Und wie viel iſt es?“ „Erbärmliche fünftauſend Thaler! Gliatthe Weiſe hat er nicht mehr bei mir ſtehen.“ 8 „Das ſind am Ende gar Ihre Gelder, fluſterte J Ju⸗ dith leiſe, die ſchon öfters die Vermuthung gehegt hatte, daß Emma’s Vater, der, wie ſie wußte, Eduards Vor⸗ mund war, auch ſein Vermögen noch in Händen habe. Der Inſelkönig. Ill.* 20 „ Wohl möglich! Ich weiß aber nicht, ob ich Ver⸗ mögen beanſpruchen kann; in meinen Papieren wenigſtens ſteht nichts Beſtimmtes davon, obwohl von meinen äußer⸗ lich günſtigen Verhältniſſen geſprochen wird. Wenn man das beſtimmt wüßte, und wenn dann der Präſident hier wäre, ſo ſollte Ihres Vaters Büreau bald wieder ge⸗ öffnet ſein.“ „Ich glaube es von Ihnen wohhe ¹ flüſterte Judith dagegen und ſeufzte.„Es iſt aber ein Wenn, das uns den Schimmer eines Glückes Tün 2 „Nicht flüſtern!“ rief der Vater,„was habt Ihr 2 über mich zu ſagen? Ich kann jetzt Alles hören.“ Eduard wurde nachdenklich. Er beſchloß ſogleich nach Hauſe zu gehen und in ſeinen Papieren noch einmal zu ſuchen, denn, dachte er, wenn der Anwalt die Voll⸗ macht hat, wegen der ihm anvertrauten Gelder einen Mann, wie Ermeling, unter öffentliche Verſiegelung zu ſtellen, ſo muß er auch die haben, die Gelder dem aus⸗ zuliefern, dem ſie gehören, wenn er ſich melden ſollte. Finde ich etwas in meinen Papieren, ſo erfährt Joſeph⸗ ſon Alles, er iſt Juriſt, er muß mir den beſten, freund⸗ ſchaftlichſten Rath geben. Er ſollte aber nichts Gewiſſes in den Papieren nnden, wie er ſich nachher bald überzeugte, denn Ram⸗ kau hatte Alles, was ſich auf das Vermögen der Waiſe 4— 302— bezog, damals geſondert und dann ſorglich aufbewahrt, wie ſich wiederum ſpäter erwies. „Alſo Sie wollen gehen?“ fragte Ermeling den jungen Mann,„als er ſeinen Hut ergriff.„O, wie einſam wird es dann bei uns ſein! Wann kommen Sie wieder?“ „In zwei Tagen— länger habe ich ſelbſt keine Ruhe. Alſo, bis dahin leben Sie wohl— ich empfehle Sie Gottes Schutze!“— Als er zur Thür hinaus ging, eilte Judith ihm nach. Als ſie ihm die Hand drückte, fühlte Eduard etwas . Schweres in derſelben zurückbleiben. .„Was iſt das, Judith?“ „Mein Geburtstagsgeſchenk!“ flüſterte ſie, und wandte tief erröthend den Kopf weg. Eduard ſah es an und fand eine Börſe, deren Schwere darin blitzende Gold⸗ ſtücke verurſachten. Er fühlte einen Krampf in ſeinem Herzen entſtehen und nach ſeinem Kopfe aufſteigen. Das Naſenbluten ſtellte ſich ſogleich wieder ein. „Mein Gott, was haben Sie?“ .„Blut, wie Sie ſehen, welches mir der„O dante auspreßt, ein Almoſen annehmen zu müſſen— „Eduard— und das mir? „So nehmen Sie es ſagliih m wieder— dann un 8 3 vergeſſen.“ —,— „Nein!“ „Ja ¹ 4 „Sind wir nicht ſo gut wie Geſchwiſter? Denken Sie an das Bild— o ich bin noch ſo reich— und Sie — Sie haben Hunger gelitten— mein Gott, mein Gott!“ „Das Broteſſen iſt zu Ende, Judith! Meine Wech⸗ ſel hole ich morgen von meinem Vater, dann ſollen ſie mir nie wieder fehlen.“ „Sie kommen beſtimmt wieder— heute natürlich nicht— aber in zwei Tagen?“ „Heute nicht— in zwei Tagen beſtimmt.“ „Sie edler Freund! Adieu! Gott ſchütte ſeinen reichſten Segen über Sie aus!“ „Aus ſolchem Munde kann nur ein Wunſch, dem die Erfüllung folgt, kommen! Alſo bis übermorgen! Leben Sie wohl!“ Und er war raſch die Treppe hinunter, während Judith zu ihrem Vater zurückkehrte Joſephſon erwartete ſchon zu Khmß den Zurück⸗ kehrenden, er hatte ihn den Tag über auch nicht geſehen. Mit Schrecken hörte er alle die traurigen Nachrichten, ddeeren Ueberbringer Eduard war. Mit ſtummer Auf⸗ martſamkeit lauſchte er, bis die Berichte zu Ende waren. 4„Was willſt Du nun thun?“ fragte er endlich. † — 309— „Das will ich Dir ſogleich ſagen, Du darfſt mich aber heute nicht mehr verlaſſen.“ „Dazu habe ich auch nicht die geringſte Luſt—“ „Verhalte Dich aber eine Stunde ruhig, ich habe etwas Nothwendiges zu leſen— iſt das geſchehen, ſo gehöre ich Dir. Da, lies—“ „Ich kann nicht leſen, ich habe zu denken.“ Eduard las, wie wir berichtet, und fand Nichts. So war der dunkle Abend allmählig herangekom⸗ men. Frau Schwarzkopf brachte Lichte und heizte den Ofen noch einmal. „Ich werde ſtark heizen,“ ſagte ſie,„wir haben ſechs⸗ 3 zehn Grad Kälte.“ „So viel?“ fragte Eduard.„Ich empfinde es gar nicht. Da ſieht man, wie die innere Wärme die äußere Kälte beſiegt“. „Ich habe die Kälte wohl empfunden,“ erwiderte Joſephſon, als die Frau das Zimmer verlaſſen hatte, „denn ich hatte kein Holz mehr, und ſchon deshalb bleibe ich bis zum ſpäten Abend bei Dir, da Du noch beſſer damit verſehen biſt. Sie ſetzten ſich. „Wenn ich das bedenke, Wolf, wie wir früher gelebt haben, und jetzt— wir ſind doch recht herabgekommen.“ „Ja! Wir werden aber auch wieder hinaufkommen — nur guten Muthes! 44 — 310— O. der fehlt mir ganz und gar nicht. Haſt d Du Hunger?“ „Ein bischen! Was haſt Du?“ AM „Etwas ganz Herrliches— Wunderſchönes, Friſches.“ „Du machſt mir den Mund wäſſerig— was denn?“ „Sieh da— ein ganzes Brot!“ „Ei der Tauſend! Das iſt recht friſch! Nun, da brauchen wir Nichts dazu zu trinken. Aber es iſt doch ſchändlich, nicht einmal einen erbärmlichen Punſch an einem ſolchen Feſtabend ſich brauen zu können!“ „Wenn ich wüßte, daß Du ohne Punſch nicht leben knnteſ ſo ſollteſt Du ihn ſogleich haben.“ „Wie ſo? Haſt Du eine Quelle gefunden?“ 4 „Das nicht. Ich brauche es nur der Schwarzkopf zu ſagen, die würde die Quelle ſchon finden.“ „Nein, laß das. Sieh, wir haben zuſammen ge⸗ ſchwelgt, jetzt wollen wir auch zuſammen hungern und durſten. Weiß der Himmel, wo meine Weihnachtskiſte bleibt— „Sie kommt vielleicht noch““ „O, bewahre, ich bin ſchon ſelbſt auf der Poſt ge⸗ weſen— nein, nun erwarte ich ſie nicht mehr. Sieh, es ſchmeckt mir auch ſchon ganz gut— aber Dein Meſſer ſchneidet ſchleht— iſt das auch aus Noth ſtumpf wie wir?“ „dir iſt ein beſſeres. Aus, Noth ſtumpf? Was — 311— ſoll das heißen? Ich bin nie ſpitzer, ſchärfer geweſen, als jetzt—“ „Das merke ich. Laß es nur gut ſen— es war ein alter Witz— aus Hunger!“ Und ſie lachten beide ſo herzlich, wie früher, da ſie Auſtern eſſen konnten und Reres trinken.— Da ging die Thür auf. Herein trat abermals die Tiſchlersfrau, gefolgt von Anna, die eine große Schüſſel in der Hand trug, während die Mutter Tellerchen und kleine Löffel hielt. Joſephſons Nüſtern erweiterten ſich. Er dachte an ſeine Kiſte.. „Meine Herren! Sie nehmen es nicht übel,“ ſagte das gute Weib,„heute iſt heiliger Abend. Da eſſen wir Handwerker ein Gericht geriehenen Mohns mit Milch und Semmelſtückchen. Wenn es nicht ſüß genug ſein ſollte— hier iſt Zucker,“ und ſie ſtellte die Schüſſel und die Tel⸗ lerchen auf den Tiſch, über den ſie ſchnell eine blendende Serviette gebreitet hatte. „Sie haben meinen Appetit ermtgen, Frau Schwarz⸗ kopf,“ ſcherzte freudig Joſephſon und langte augenblicklich zu,„ich danke Ihnen im Namen meines Magens— es ſchmeckt vortrefflich— Eduard, iß doch., 3„Das freut mich ja über alle Maßen. Nun, ich wünſche eine geſegnete Mahlzeit!“ 1 Eduard ging mit bis an die Thür und dankte in — 312— den freundlichſten Ausdrücken.„Ich bleibe Ihr Schuldner,“ ſagte er lebhaft,„Sie ſollen mich daran nicht zu erinnern haben..“ „Das iſt Alles ſchon abgemacht— adien! Komm, Anna!“ Es war ſchon beinahe zehn Uhr. Die reichliche Mahlzeit, das warme Zimmer, die vielen Gemüthsbewe⸗ gungen hatten Eduard abgeſpannt. Er hatte ſich lang auf das Sopha geſtreckt, Joſephſon ſaß am Fußende deſſelben. Draußen wehte ein ſcharfer Wind und verbit⸗ terte die ohnehin ſchon bedeutende Kälte. „Hier iſt es hübſch warm,“ ſagte Joſephſon,„ich habe gar keine Luſt, in mein kaltes Bett zu kriechen.“ „Bleibe hier— ich laſſe Dir ein Bett auf das Sopha legen.“ „Vielleicht thue ich es, wir wollen es uns überlegen. Wenn Deines Vaters Haus nicht überfüllt wäre, ginge ich mit Dir nach Bilſingen.“. „Du ſollteſt jeden Augenblick willkommen ſein— aber die nächſten Tage werden draußen keine Feſttage ſein.“ „‚Das kann man ſich denken. Was es doch für Un⸗ glück in der Welt gibt! Haſt Du ſchon Jemanden ge⸗ ſehen, dem einmal ſo recht was Glückliches begegnet iſt? Ich meine— kein innerliches Glück, das kenne ich, ſon⸗ — 313— dern ein äußerliches, ein Geldglück. Ich habe zum Bei⸗ ſpiel noch Niemanden geſehen, der das große Loos ge⸗ 4 wonnen hat. Das muß eine Freude ſein! Ha!“ „Ich auch nicht. Aber Du haſt Recht. Und am . meiſten denkt man an dergleichen, wenn man gerade im dickſten Unglück ſitzt. Die Verdurſtenden zum Beiſpiel ſollen große Seeen voller Wein ſehen. Ich möchte nicht ver⸗ durſten.“ „Ich auch nicht, und wenn ich auch einen See von Champagner zu ſehen bekäme.“ „Du biſt aber heute wohl nahe daran? Hier iſt eine Karaffe friſchen Brunnenwaſſers— da!“ 4„Ach, was hilft mir Waſſer? Darauf habe ich kei⸗ nen Durſt.“ „Das war doch eine hübſche Ueberraſchung mit der ſüßen Schüſſel, nicht?“ „Sie war ganz artig. Dieſe Leute haben noch Herz. So ein Handwerker iſt eigentlich viel glücklicher, als unſereins.“ „Nicht immer, wenn ſie zum Beiſpiel krank ſind.“ „Freilich—“ „— Das Geſpräch wurde immer lauer, langſamer, ein⸗ ſilbiger. Beide übermannte die Müdigkeit— bald fielen ſie in den feſten Schlaf, der der ſüßeſte von allen iſt, in den Schlaf, der alle Feſſeln vergeſſen macht, die die — 344— menſchliche Seele mit ihrem eiſernen Drucke belaſten und ſie an den irdiſchen Schmerz und das irdiſche Gefängniß erinnern, in dem ſie hier weilt, da ſie doch ſelbſt eine Tochter, ein Theil, ach! freilich nur ein Stäubchen der großen, unbegreiflichen Weltſeele iſt. Eduard träumte. Zum dritten Male in ſeinem Le⸗ ben hatte er denſelben Traum, wenigſtens dem Stoffe nach. Er ſah den Himmel klar und blau, die ſüßeſte Windſtille herrſchte in der ganzen Natur. Blumen duf⸗ teten ihre lieblichſten Gerüche aus. Die ganze Welt war ihm ein Garten und er ſpielte wieder als Knabe mit den Blumen darin. Offen, weit, erreichbar lagen vor ihm alle Wege, die durch das Thal des weiten Lebens führen. Seine Sinne hatten ſich alle zu ihrer höchſten Vollkom⸗ menheit erſchloſſen. Er ſah in unendliche, ſchöne, reiche, weite Gegenden, nur die blauen Berge, vom ſanften Abend⸗ nebel umfloſſen, begrenzten den faßlichen Horizont. Sein Ohr horchte auf die ſanfteſten Melodieen, die vom Him⸗ mel herab zu tönen ſchienen, ſein Gefühl taſtete in einem Meere von wollüſtigem Aether, den ſein Athem begierig ſchlürfte. Die ſaftigſten Früchte labten ſeinen Gaumen, er trank und trank, und konnte nicht genug der köſtlichen Flüſſigkeit trinken, die die ganze Welt wie ein unergründ⸗ liches Meer zu umgeben ſchien. Schiffe ſegelten auf die⸗ ſem Meere ohne Zahl mit weitgeblähten Segeln dahin. Und alle Menſchen, die er um ſich herum beſchäftigt er⸗ ———— — 315— blickte, hatten freundliche Mienen und lächelten vor inne⸗ rer Glückſeligkeit. Auch er war ſo glücklich, ſo heiter, ſo froh, und zugleich ſo ſtark, ſo mächtig, ſo gewaltig, wie er nie vorher geweſen war. Zum dritten Male in ſeinem Leben träumte er, ſagen wir, dieſen herrlichen Traum, und zum dritten Male träumte er ihn an dem Tage, wo er ſelber geboren war. Die beiden Schläfer mochten etwa anderthalb Stun⸗ den feſt geſchlafen haben. Wenigſtens ſchlug die nächſte Thurmuhr die eilſte Stunde, und der Wächter auf der Straße wiederholte die Schläge auf ſeinem Horn. Da wachten ſie beide zugleich von demſelben Geräuſche, wel⸗ ches ihre Ohren berührte, auf. Sie ſahen ſich an und ermunterten ſich gegenſeitig. „Haſt Du nichts gehört, Joſephſon? Ach, ich habe köſtlich geträumt, ich will es Dir nachher erzählen.“ „Still— es war, als wenn das Läuten eines Schlittens vor unſerer Thür ſich hören ließe— da, hoͤrſt Du?“ Und in der That, die Nacht war draußen ſo ſtill, daß ſie deutlich die Glöckchen klingeln hören konnten, die die Pferde hervorbringen, wenn ſie ſich nach raſchem Laufe ſchütteln. Gleich darauf klatſchte der Kutſcher mit der Peitſche und dann hörte man, wie die Schelle des Vor⸗ derhauſes von kräftiger Hand, laut ſchallend, in Bewegung geſetzt wurde. — 316— „Das iſt bei Holzbrechers,“ ſagte Joſephſon.„Wer kommt ſo ſpät? Meine Uhr iſt elf.“ „So weit wird es wohl ſein, wir haben tüchtig ge⸗ ſchlafen. Ich fühle mich köſtlich erquickt.“ „Sei ſtill— das Thor wird geöffnet, ich höre Stimmen.“ Einige Minuten darauf hörte man auch, wie die Hofthür, die in Eduards Garten führte, geöffnet wurde. Dann wurden Stimmen laut, die näher kamen. „Das gilt am Ende uns oder Dir, Eduard— ach! es wird Ernſt und Karl ſein!“ „Nein, deren Stimmen klingen anders— Gott be⸗ hüte uns vor neuem Unglück!“ Die Stimmen waren jetzt dicht vor der Thür des Gartenhauſes hörbar, ein derbes Organ rief: „Hier iſt es, mein Herr— klopfen wir!“ Es wurde hart an die Thür gepocht. Eduard und Jo⸗ ſephſon erhoben ſich zugleich, inſtinktartig, eilfertig. Eduard öffnete, und es wurden zwei Männer bemerk⸗ bar, von denen der erſte eine große Laterne in der Hand trug. —.— Ende des dritten Theils. —,— A 4* * —— —„——— 8— 8 2 8 4 r ee