— — Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzb öſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. Offensein der Bibliothek. e Bibliothek ſteht zur Em⸗ ff ionabus und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens uh r bis Abends 8 Uhr offen. Leseprei Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jenan Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werth deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Büc ker: 6 B Büc uen: 4 —— — auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 S Pf. 2 M Mk. Pf. 3 „ 4 8 Answärtige Ahonnenten Haben für Hin und Zurnckſendung der Buüͤcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Welche ſelige Zeit war dies für ihn und die Eltern und Geſchwiſter geweſen, und wie ſchnell war ſie dem traulichen Familienkreiſe dahingeſchwunden. Kaum hatte er alle ſeine Begegniſſe erzählen können, war doch ſein inneres wie äußeres Leben unnennbar reich an Ge⸗ nüſſen für die Gegenwart und an Sammlungen für die Zukunft geweſen. Und mit welcher Aufmerkſamkeit hörten 2 die vier Schweſtern dieſen Mittheilungen zu, denen das— Leben in der großen Haupt⸗ und Königsſtadt, im Ver⸗ gleiche zu ihrem Dörfchen, wie das berauſchende Daſein* im Paradieſe erſchien. Selbſt der erfahrenere Vater waer 1 1*½ 5 4 —ö— ganz Ohr und ſchwieg jetzt mehr denn gewöhnlich, nicht als ob er nichts zu ſagen gewußt, ſondern weil ernſtere Gedanken ſeine Seele erfüllten, und er ſich ſelbſt einge⸗ 4 ſtehen mußte, daß ſein Pflegeſohn bei Weitem die Schranken des Wiſſens überſprungen habe, die er ihm und ſich ſelbſt als äußerſte Möglichkeit des Erreichens aufgeſtellt. Jetzt ſchon hatte ihn ſein früherer Schüler, nicht allein leiblich zum vollkommenen Manne gereift, ſondern auch an Geiſt und Herz nach allen Richtungen entwickelt, in Vielem überflügelt, und er ſah zum erſten Male ein, was ſo viele gebildete und kluge Menſchen leider of viel zu ſpät begreifen, daß ein jüngerer agfcißiiſt uneun Keimſaft getrieben, von Luſt und Licht begünſtigt, dem älteren Stamme nicht nur bald Kwachſen werden, ſondern ihn ſogar in kurzer Zeit über⸗ gipfeln könne. Für viele Menſchen hat dieſe Erfahrung etwas Niederdrückendes. Die wir als Kinder gekangt, erzogen und vielleicht geſtraft, ſollen plötzlich, wie aus einem trüben Nebelreiche auftauchend, unſre Gebieter an Wiſſen und Können werden! Das vermöͤgen nur Wenige in dieſem Erdenleben zu ertragen. Aber es iſt einmal ſo und wir können es nicht ändern. So groß der Ocean des Lebens auch iſt, und ſo viele Fiſche darin auch Raum zum Schwimmen haben,— der ältere ſchwächere wird vpon dem jüngeren ſtärkeren aus ſeinem Schluͤpfwinkel — oder Tummelplatz getrieben, verdrängt, ja, nicht ſelten — —— — — ſogar vernichtet. Das iſt ſo geweſen, ſo lange die Welt ſteht, und wird ſo ſein, bis ſie ſich Mede wie die Ge⸗ lehrten ſagen, in ihre einzelnen Uratome runie wird. Der edle Geiſtliche in Bilſingen fühlte ſich indeſſen durch dieſe Betrachtung, die ſich ihm oftmals aufdrang, wenn er Eduard ſprechen hörte, nicht gedemüthigt, viel⸗ mehr erhoben. Er ſah in dem jungen Arzte, der ihm ja faſt ſo nahe wie ſein eigener Sohn ſtand, nur die Pflanze, die er ſelbſt gepflegt, geſchützt und gezogen hatte, und wenn ſie jetzt ſo viele Blüthen und Früchte trieb, waren das nicht immer ſeine früheren Hoffnungen und. Wünſche geweſen, hatte er darum nicht oft in ſeinem Abendgebet, worin er alle ſeine Lieben väterlich umfaßte, zum Schöpfer und Leiter aller Dinge gefleht? Nun hatte dieſer Schöpfer ihm gegeben, um was er gebeten, alſo Dank, Dank ihm allein mußte er ſagen, und das that er aus ſeiner innerſten Seele.— Der Tag vor dem erſten Mai war gekommen. Alles zur längeren Reiſe Nothwendige war von den S Schweſtern beſorgt. Ernſt und Karl hatten ſchon nü England geſchrieben, wo ſie bereits glücklich mit Waldau ange⸗ kommen waren, und konnten nicht genug von den Wun⸗ dern ſprechen, die ihnen in neuer und großartiger Fülle auf der betriebſamen Inſel begegnet ware. „Ich muß fort!“ ſagte Eduard zu ſich, als er r dieſen Brief geleſen hatte.„Sie ſind mir wieder weit vor, und . „ ich muß nachholen, was mich die Muße in Bilſingen ver⸗ abſäumen ließ.— Denn ſchon fühlte er wieder in ſeinem rnſtoſen Gäff die Kraft und den Drang nach neuen Erfahrungen, nach unbekanntem größerem Wiſſen ſchäumen und treiben, die das ſtete Arbeiten in einer Richtung in den letzten Jahren in ſeinem Innern leiſe hatte ent⸗ ſchlummern laſſen. Beim Mittagstiſche ſagte der Pfarrer:„Wie wäre es, wenn wir den letzten und ſo ſchönen Tag benutzten, und Deinen Lieblingsort, den Rabenſtein, beſuchten, Eduard?“ Einſtimmig und freudig wurde der Vorſchlag angenommen; die Mädchen holten ihre Tücher und Hüte, und bald waren ſie Alle, die Mutter und den Kantor Michel mit eingeſchloſſen, auf dem Wege nach den Bergen. Als ſie ihr Ziel erreicht hatten, lagerten ſie ſich in das duftige Moos des Bergrückens unter der Eiche, die vor fünf Jahren jenen Segensſpruch des Vaters ver⸗ nommen, und hinter deren dickem Stamme der lauſchende Kantor ſich verborgen hatte. Dieſer ging mit der Mutter abſeits im leiſen Geſpräche unter den Bäumen auf und nieder; die drei jüngeren Schweſtern hatten ſich tiefer in den Wald entfernt, um Blumen zu einem Erinnerungs⸗ kranze für die Abweſenden zu ſuchen, und es blieben nur der Pfarrer, Louiſe und Eduard zurück. Letzterer ſaß zwiſchen Beiden, und alle Drei ſchauten in die blaue Ferne, über die Wipfel der tiefer ſtehenden Bäume, den ſtillen See, die unzähligen Dörfer nnd Höfe hin, bis ihr Auge die weite Ebene erreichte, an deren äußerſtem Hori⸗ zonte die Hauptſtadt lag, aus deren Bereiche Eduard vor Kurzem geſchieden war..„— „Sieh,“ ſagte der Pfarrer in ſeinem en huchem ſanften Tone, und zeigte in die Ferne,„da liegt ſie nun da, die Stadt, die Du vor vier Wochen verlaſſen haſt; vor fünf Jahren lag ſie als dunklerZielpunkt mit allen ihren unbekannten Schätzen vor Deinen Augen, jetzt liegt ſie ſchon wieder hinter Dir, nachdem ſie Dir Alles gege⸗ ben, wonach Dein ſehnendes Herz verlangte, und Du richteſt Deine Blicke abermals in weitere, reichere Ferne. So iſt der Menſch! Wonach er geſtern ſtrebte, das hat er heute, ſobald er es erreicht, vergeſſen, und morgen wird er neue Wünſche hegen.“ „Ich habe nichts vergeſſen, mein Vater, was mir dort lieb, werth und theuer geworden, und nie werde ich es vergeſſen, wenn ich auch künftig noch Größeres erreiche.“ Es erfolgte ein kurzes Stillſchweigen, das nur von einem tiefen Seufzer Louiſens unterbrochen wurde. „Was ſeufzeſt Du?“ fragte Eduard, und wandt ſich leiſe nach der Schweſter um, die, einen Schritt ve ihm entfernt, im weichen Mooſe ſaß ind in träumeri Gedanken verſunken ſchien. „Warum ich ſeufze, Eduard? das will 9 Dir ſage — 8— und Vater kann es hören. Er kennt ja Deine und unſre Geheimniſſe. Du ſprachſt vom Vergeſſen Deſſen, was Du in der Stadt erlebt haſt. Das wäre auch unrecht von Dir, Sage einmal aufrichtig,— es drängt mich wahrhaft, Deine innerſte Meinung zu hören— war Dein Schritt in dem Hauſe des Bankiers— ich meine mit ſeiner Tochter Judith— auch von allen Seiten reiflich überlegt? Fühlteſt Du wirklich keine Neigung für dieſes mir ſo lieblich und ächt weiblich erſcheinende Mädchen?“ „Wie kannſt Du ſo fragen, Louiſe? Wohl habe ich nach reiflicher Ueberlegung gehandelt, und eine Nei⸗ gung fühlte ich gewiß zu Judith, aber was iſt wohl eine reine, freundliche, brüderliche Neigung gegen den Strom, den Drang, die Leidenſchaft einer tiefgefühlten Liebe, wie Raphael für ſie empfand, und wie ich ſie empfinden muß, wenn ich einſt mein Herz für alle Ewigkeit verſchenken will 2u „Aber welches Mädchen verlangſt Du? Ein ſchö⸗ neres, klügeres, beſſeres, reicheres noch als dieſes?“ Eduard ſann einen Augenblick nach, dann verſetzte er mit ſteigender Wärme: „Was ich für ein Mädchen verlange, fragſt Du? ₰, ich verlange noch gar keins. Sollte mir aber der MWMunſch einſt entſtehen, ein Weib an meiner Seite zu haben, ſo wollte ich lieber aus dieſem See, aus dieſem Walde ein Kind der lauteren Natur emportauchen ſehen, als mein Schickſal mit dem eines künſtlich gebildeten Weſens aus einer großen Reſidenz verbinden.“ „War denn Indith ſo künſtlich gebildet?“ „Nein, das war ſie nicht, ſie war noch eine ſeltene Erſcheinung für eine Tochter ihres Standes, ſie war aber für mich nicht beſtimmt, und ich nicht für ſie. Man fühlt das wohl. Und ich habe es auf das Innigſte gefühlt!“ „Alſo Du willſt eine Nixe aus dem See da unten, oder eine Nymphe des Waldes!“ lächelte die Schweſter. „Beinahe oder vielleicht ganz, wie Du ſagſt. Nixen und Nymphen ſind reine Kinder der Natur, und ich bin ja auch eins.“ 3 Hier wandte ſich ſein lebendiges Auge gegen das ruhige Geſicht des ſchweigſamen Geiſtlichen. Dieſer ver⸗ ſtand ihn und fragte: „Alſo Du haſt nichts, gar nichts gehört und erfah⸗ ren, was Dich ſelbſt ſo nahe anging?“ „Nichts, mein Vater. Aber ich habe auch nicht 4 geforſcht. Das gehört einer ſpäteren Zeit an. Laß mich erſt fertig ſein mit mir ſelber, dann wollen wir zu Anderen übergehen.“. „Fertig!“ griff Louiſe das Wort auf.„Du konnteſt ſchon fertig ſein. Wenn ich mir das denke! So großen Reichthum! So viele Hingebung! So unverkennbare Neigung! Du konnteſt heute ſchon in Deinem köſtlichen — 1 — 10— Hauſe, in Deinem bequemen Wagen ſitzen und Deine Patienten wie ein vornehmer Arzt beſuchen.“ .„Laß das, Louiſe,“ ſagte der Vater.„Du hörſt, 5 daß er ſich nicht dazu berufen fühlte, und damit iſt Alles d geſagt.“ Alle Drei ſchwiegen. Die Anderen kamen herbei und das Geſpräch wurde allgemein und bezog ſich auf gewöhnliche Dinge. Beim Nachhauſegehen ſagte Louiſe zu Eduard: „Mein Bruder!“. „Was willſt Du?“ ¹ „Thue mir einen Gefallen!“ „Nun?“ 4 „Bleibe morgen noch bei uns, ich habe noch etwas mit Dir zu ſprechen.“ (Sduard bedachte ſich. Da ſagte der Pfarrer, der halb und halb die leiſe geſprochenen Worte gehört hatte: „Louiſe, man muß nie ohne triftigen Grund eine auf einen beſtimmten Tag feſtgeſetzte Reiſe verſchieben. Wenig⸗ ſtens ich habe das ſtets ſo gehalten und mich gut dabei befunden.“ Eduard, der ſchon hatte einwilligen wollen, ſchwieg nun. Wäre er noch den einen Tag geblieben, wie er beinahe der Schweſter zu Liebe gethan, ſo hätte wahr⸗ 1 ſcheinlich ſein ganzes Leben eine bedeutend veränderte Richtung genommen, und Waldau's Ahnungen und Luft⸗ 4 — 11— ſchlöſſer wären— eben nur Ahnungen und Luftſchlöſſer geblieben. Schon einfachere, geringere Urſachen haben eine gleich große Folge gehabt, wie die, die aus der Wahl des erſten Mais als Reiſetag für Eduard entſtehen ſollte.— Wir finden ihn einige Tage ſpäter in Köln am Rhein wieder, wo er an der fliegenden Brücke, die Köln und Deutz verbindet, im wohlbekannten Marienbildchen abgeſtiegen war. Zwei Tage war er ſchon hier, denn ſo lange hatte ihn faſt allein der Dom beſchäftigt, deſſen Studium Waldau's mündliche und bildliche Darſtellungen ihm bedeutend erleichtert und vorbereitet hatten. Am ſechſten Mai Morgens halb fünf Uhr fand er ſich an der Anlegeſtelle der Dampfboote ein, um rheinaufwärts zu⸗ nächſt nach Bonn, der ſchönen Muſenſtadt, zu gelangen. Das Land, die Stadt, der laut rollende Strom aber war mit einem ſo dicken Nebel bedeckt, daß die Schiffsführer Anſtand nahmen, ſich in Bewegung zu ſetzen. Um fünf Uhr endlich ſchien der Nebel ſich etwas zu lichten. Das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben. Eduard betrat, der ganz neuen Eindrücke des nie Geſchenen voll, das Deck des neugebauten Dampfboots„Schiller“, welches er zu ſeiner erſten größeren Waſſerreiſe, Waldau's Glaubens an ein gutes Omen gedenkend, erwählt hatte. Es befanden 8 ſich nur wenige Paſſagiere auf dem Schiff. Eduard belebte und erfreute das Wort des Steuermanns, eines kleinen, ſchnellgewandten Mannes, deſſen dunkle, rollende Augen, unter dichtem krauſem Haare hervorblickend, den Nebel durchdringen zu wollen ſchienen, um das ihm an⸗ vertraute Schiff ſicher führen zu können. Aber die Auf⸗ gabe ſollte eine ſchwierige werden. Schon war man vom Lande einige hundert Schritte entfernt, und befand ſich nun in jener dichten, undurchdringlichen Nebelſchicht, wie ſie häufig im Frühjahr den Niederrhein bedeckt, und die weiter nichts als die nächſte Umgebung auf dem Decke und das an die Seiten des Schiffes anſchlagende, grau⸗ gelbgrünliche Waſſer des mächtigen Stromes erkennen läßt. Der Steuermann ſchüttelte bedenklich den Kopf; er wandte ſeine Blicke rechts, links, vorwärts, rückwärts, um ſich zu orientiren und ſein Fahrwaſſer und die bekann⸗ ten Gegenſtände des Ufers mit ſcharfem Auge zu erfaſſen. Aber nichts war zu ſehen. Er mußte ſich ſeinem Muthe und ſeinem Glücke überlaſſen, und rüſtig handhabte er, wie mit einem durch lange Gewohnheit ſicher gewordenen Spiele beſchäftigt, ſein bewegliches Rad. Eduard ſah ihm ſein Bedenken und das Bewußtſein der übernomme⸗ nen Verantwortlichkeit an dem krampfhaften Arbeiten ſeiner Geſichtsmuskeln an, er nahm den wärmſten Antheil an ſeiner ſchweren Pflichterfüllung, aber er ſtörte ihn nicht. Zwei Schritte vom Rade entfernt ſtehend, ſah er — 13— bald in den immer dichter werdenden Nebelwall hinaus, bald verfolgte er das kräftige Spiel der eiſernen Finger des Steuermanns. Da traf ſein Auge eine neue, uner wartete, nie geſehene Erſcheinung. Vom Vordertheil des Schiffes her, die dichte weiße Luft kräftig zertheilend, mit gewaltigen Lungen tief aufathmend, trat eine Geſtalt heran, wie ſie, in allen Verhältniſſen ſo koloſſal, Eduard noch nie vor Augen gekommen. Zudem war er der Sohn einer anderen, heißeren Zone, es war oder ſchien ein äthiopiſcher Neger. Gekleidet in eine feintuchene blaue Seemannstracht, deren Jacke feſt über der breiten Bruſt zugeknöpft war, ließ er aus ſauberem Hemdkragen heraus einen muskulöſen nackten Hals ſehen; auf dem Kopfe trug er einen gelben Strohhut mit ſchwarzem Bande; als Schutz gegen den ungewohnten feuchten Nebel hatte er einen grün und grau gewürfelten ſchottiſchen Plaid umge⸗ worfen, in welchen er ſich dicht und feſt gewickelt hielt. Als der junge Reiſende dieſe rieſige Geſtalt und dieſes dem Deutſchen ungewohnte Reiſekleid betrachtet hatte, ging er auf eine nähere Erörterung dieſer ſchönen Glieder ein, denn ſchön war der ſchwarze Menſch, wie man ſelten einen ſolchen zu ſehen bekommt. Als er in die Nähe des Steuerrades kam, ſchaute er aufmerkſam dem Schiffer zu, der es drehte, und nun ließ er den Plaid los und zeigte das wundervoll richtige Ebenmaaß ſeines ſchlanken und doch ſo kräftigen Körpers. Er maß mnigſans ſechs Fuß —— an Höhe. Seine Schenkel hatten nicht die gekrümmte Form gewöhnlicher Negerbeine, ſondern ſtanden gerade, ſchlank und feſt auf zwei mäßig großen Füßen. In den Hüften war er ſchmal und geſchmeidig, in Bruſt und Schultern wie in den muskelreichen Armen lag ſeine größte, zumeiſt in die Augen ſpringende Kraft; ſein Ge⸗ ſicht und ſein Kopf aber hätte einen Jugurtha zieren können. An Farbe war er rein ſchwarz, aber ein bron⸗ zener Grund ſchimmerte unter ihr hervor, als wenn dieſer die wahre Hautdecke, und das glänzende Schwarz darüber nur ein Ueberzug von halbdurchſichtigem Pigment geweſen wäre. Seine Lippen waren kräftig, ſchwellend, aber bei Weitem nicht ſo entwickelt wie die vieler ſeiner Landsleute; blendend weiße Zähne traten bei jeder Mienenveränderung ſprechend bervor, ihnen konnte man ſchon aus der Ferne ſeinen Gruß anſehen, denn wenn er lächeln wollte, ließ er die perlartigen Zahnreihen glänzen. Die Naſe war zwar klein, aber nicht in die gewöhnliche Breite gezogen, kaum konnte man ſeine Naſenlöcher ſehen, die er jedoch in der Aufregung oder bei körperlicher Arbeit ſich blähen ließ, wie ein Spürhund, wenn er auf der Fährte des Wildes iſt. Seine großen kreisrunden Augen waren kohl⸗ ſchwarz, in einen dunkelrothen Glühſchein ſpielend, und ſchwammen beweglich in einem Meere vom glänzendſten weißen Perlmutter. Die Stirn war eſt und ernſt, die Haare dicht, kraus, aber nicht allzu wollig. Was aber ſeinem ganzen Geſichte einen angenehmen Anſtrich gab, war eine heitere Gutmüthigkeit, die unverkennbar ſich in allen ſeinen Zügen und Mienen kund that. Wir haben eine ſo umſtändliche Beſchreibung dieſes Mohren geliefert, weil derſelbe im Verlauf unſerer Erzäh⸗ lung, die ſich jetzt mehr und mehr ihrer Entwickelung nähert, eine bedeutendere Rolle übernehmen wird, als wozu der verachtete, in allen ſeinen Beziehungen zu uns ſo häufig verkannte arme Sohn der Wüſte, der auf ewig aus ſeinem Vaterlande verbannte Sclave, von einem oft ſchrecklichen Herrn in der Regel verurtheilt iſt. Als Eduard dieſen ſchönen dunklen Menſchen in ſeiner ſtolzen und doch ſo leichten Haltung ſah, wurde ſeine Aufmerkſamkeit von dem Steuerer abgelenkt. Dieſer ſelbſt aber wandte ſich an den Neger, zuerſt mit fragenden Blicken, dann mit einem freundlichen Kopfnicken, welches jener ſogleich ermuthigend erwiderte. „Soll ich helfen?“ fragte er in ziemlich reiner deut⸗ ſcher Sprache, die nur in Etwas dem engliſchen Accente ſich näherte. „Ich kann's wohl halten!“ erwiderte der Steuer⸗ mann— ‚„mir ſcheint aber das Waſſer unruhiger zu werden.“. „Kommt Wind!“ ſagte der Neger, und wickelte ſich wieder feſter in ſein Tuch. ö „O, dann wird gut Wetter! In der erſten Stunde aber noch nicht.“, „Wiſſen Sie, wo wir ſind?“ fragte jetzt Eduard den Steuermann. „Gewiß weiß ich das— es wäre ſchlimm, wenn ich das nicht wüßte. Muß jede Elle weit kennen.“ Sie ſehen ja aber nichts.“ „Still— ich rechne im Kopfe.“ „Das iſt ein ſehr dicker Nebel,“ ſagte Eduard halb leiſe zu dem Neger.„Wenn uns nun ein Schiff rhein⸗ abwärts fahrend begegnet— was dann?“ Der Neger legte den rechten Zeigefinger an den Mund, und auf den Steuerer deutend, bemerkte er flüſternd: „Nicht ſagen— irre machen!“ „O, das macht mich nicht irre,“ rief der Steuer⸗ mann, der außer ſeinen guten Augen auch gute Ohren hatte;„wenn aber ein Schiff auf uns zukommt und wir ſehen uns nicht vor dem Stoße, dann bleibt der Stärkere von Beiden auf dem Waſſer, der Schwächere geht— trinken.“ „Oho!“ rief der Neger bedeutſam.„Wenn es ſo iſt, will ich gehen und Maſſa retten!„Und ſchnell wie er gekommen, war er im Dunkel des immer dichter werden⸗ den Rebels entſchwunden. Jetzt ſchlug Eduards Herz etwas ſchneller. Er blickte auf das ſchäumende Waſſer und ſuchte mit ſeinen kräftigen Augen das Hinderniß zu durchdringen, das Land und Luft zu ſchauen verbot. Sich wieder zu dem Rade umdrehend, fragte er: „Iſt wirklich Gefahr vorhanden?“ „Ich ſtehe für nichts,“— fluſterte der Gefragte. „Die Glocke! die Glocke!“ rief er plötzlich, ſo laut er konnte. Einige Augenblicke darauf ließ ſich vom Vorder⸗ ſchiff her das dumpfe Lauten einer Glocke vernehmen, deren ſonſt hellere Töne das feuchte Element der dicken Luft verſchlang. „Nun iſt's gut, wenigſtens beſſer,“ 5 der Mann am Rade. „Wo iſt das Ufer am nächſten n fast Eduard. „Hier— links.“ „Und wie weit etwa?“ „Zwei⸗ bis dreihundert Ellen.“ „Das geht noch!“ dachte der junge Arzt.„Wir können ja ſchwimmen, im Nothfall.““ „Wollen Sie ſchwimmen?“ ſragte der Steuermann, den Grund ſeiner Frage errathend. „Im Nothfall gewiß, ja!“ „Dann ſind Sie erſt recht verloren. Im Nebel verlieren Sie die Richtung, und dann nimmt Sie der Strom mit. Sie ſcheinen den Vater Rhein nicht zu kennen.“ Der Inſelkönig. II. — 18— „Man muß auf ſein gutes Glück rechnen.“ „Das iſt etwas Anderes. Darauf habe ich heute auch gerechnet.“ In dieſem Augenblicke erſchien der Neger wieder auf dem Hinterdeck. Sobald man ihn erkennen konnte, ſah man auch ſein Gebiß glänzen. Er hatte alſo etwas Gutes zu ſagen. Als er in den Bereich des Steuermanns gekommen war, deutete er mit einem Arm, den er aus dem Plaid herausgezogen, nach der linken Seite, und rief „Zwanzig Schritt leewärts— Kohlenſchiff vorbei! Sogleich Nebel fallen— Sonne kommt durch.“ „Davon ſehe ich noch keine Spur,“ erwiderte der kleine Mann am Rade, und ſtrengte ſein ſcharfes Auge mit aller Macht an, irgend eine Veränderung in der Nebelſchicht wahrzunehmen. Sein Auge aber, ſo ſcharf es war, hatte nicht die Vollkommenheit des Schwarzen. „Ich ſehe keine Veränderung— kaum weiß ich, wo ich bin,“ ſetzte er hinzu. „Aber ich— kleiner Thurm— hier—“ und er deutete wieder nach der linken Seite. Der Steuermann ſah nach der Uhr.„Ja!“ rief er,„das iſt möglich. Nun weiß ich Beſcheid. Der ver⸗ ſteht's.“ Und raſch flog das Steuerrad herum und das Schiff wich rechts ab, in die Mitte des Stroms hinein. Eduard hatte Alles genau beobachtet.„Aber die Sonne?“ fragte er den Schwarzen,„wo iſt ſie?“ * — 19— „Sie kommt! Viertelſtunde noch! Ithyſſa riecht es.“ „Was, er riecht die Sonne?“ fragte lachend der Steuermann.* „Er will damit wahrſcheinlich ſagen, daß er mittelſt des Zuſammenwirkens ſeiner Sinne, alſo durch ſeinen Inſtinkt, den nahenden Sonnenſtrahl fühlt, und das nennt er riechen, weil ſein Geruchsorgan wahrſcheinlich das ſchärfſte von allen iſt.“ „Dieſe ſchwarzen Waldſöhne,“ ſagte der Steuermann, „ſind begabter als wir, und Dui ſind ſie ſo ſchwarz. Ich glaube aber wahrhaftig, er hat Recht, der Nebel wird, dünkt mich, lichter.“ 1 Eduard ſchien es auch ſo. Er ſchied von dem Steuermanne und ſolgte dem Schwarzen, der wieder an der Maſchine vorbei auf das Vordertheil des Schiffes zurückgekehrt war. Hier fand er ihn in demuthsvoller Stellung unfern eines alten Herrn ſtehen, der auf das Bugſpriet gelehnt, beſtändig ſelber mit der Glocke läutete. „Maſſa läuten tüchtig!“ lachte der Mohr, und zeigte dem jungen Fremden lachend ſein weißes Gebiß. Dieſer ſtellte ſich dem alten Herrn gegenüber auf und ſchaute unverwandt gleich ihm in das graue Nebelmeer, das in bi dichten flockigen Wellen vor dem Schiffe herwirbelte. „Er bewegt ſich ſchon!“ ſagte der alte Mann, wäh⸗ rend der Neger wie triumphirend ſeinen rechten Arm nach Oſten richtete. 2* — 20— „‚Da war der erſte Sonnenſtrahl!“ rief Eduard freudig,„ich hab' ihn blitzen geſehen.“ Bei dieſer Stimme ließ der alte Mann den Glocken⸗ riemen fahren und wandte ſich um, den zu ſehen, der ſo geſprochen hatte. Eduard blickte dem ſich Umwendenden in’'s Geſicht. Es war ein würdevolles, einen wehmüthi⸗ gen Zug um den Mund tragendes Antlitz; der Kopf war mit ſchneeweißen Haaren bedeckt, um den Oberkörper trug⸗ er einen ähnlichen Plaid wie der Neger geſchlungen, der ſeine übrige Geſtalt verbarg. Sein Auge ruhte beinahe erſchrocken auf dem jungen Manne, der eben geſprochen hatte, es ſchien noch mehr ver⸗ wundert als ſein Ohr, nachdem es die Bemerkung über den erſten Sonnenſtrahl vernommen hatte. Wie am Boden angewurzelt ſtand er da, und ſein feſtes, braunes Auge, in dem ſich das mildeſte Wohlwollen und der klarſte Verſtand ausſprach, ſenkte ſich in die dunkelblauen Augen des ihm nahe ſtehenden jungen Mannes. (duard zog ehrerbietig ſein Reiſekäppchen. Das weiße Haar, die freundliche Miene, das ganze milde Weſen des alten Mannes flößte ihm auf den erſten Blick eine tieſe Ehrfurcht ein, denn Eduard war einer der jungen Männer, für die das Alter etwas Gebietendes und Ehr⸗ würdiges hat. Der Rebel ſank raſcher und raſcher— einzelne Sonnenſtrahlen tanzten wie ſpielende Luftgeiſter in der — 21— Ufer aus dem Dunſtſchleier hervortreten. Der Sieg der ₰ Königin des Tages über die verkörperte Feuchtigkeit der anderen Elemente war ein vollkommener. Von dieſen Vorgängen in der Luft gewahrte der alte Mann aber nichts. In tiefes Nachſinnen vergraben, den Kopf etwas nach vorn gebeugt, die rechte Hand auf die Bruſt gedrückt, ſtarrte er den Fleck an, wo Eduard geſtanden hatte, denn dieſer war nicht mehr da, ſondern einem der Matroſen in den Mittelraum gefolgt, wo die große Maſchine ihren regelmäßig keuchenden Athemzug vernehmen ließ. Der Schwarze aber ſtand neben ſeinem Herrn und beobachtete genau ſeine Miene und ſeine eigen⸗ thümliche Stellung, als wollte er errathen, was ihn ſo tief bewege. „Ithyſſa!“ ſagte der alte Mann leiſe und ernſt. Der Schwarze trat dicht an ihn heran und machte eine Geberde ſtummen Gehorſams. „Wer iſt der junge Mann, der eben hier ſtand?“ „Maſſa, ich weiß nicht“. „Erkundige Dich nach ihm ſogleich—!“ Und er ₰ wies den Schwarzen gebieteriſch von ſich. Dieſer ging eilig in die Kammer des Schiffsführers, den er ſchreibend fand. Nach einigen Minuten kam er wieder zum Vor⸗ ſchein und ſand ſeinen Herrn ſchon auf dem Wege nach dem Hintertheil des Schiffes. Er trug einen Streifen *— bleichen Höhe, und plötzlich ſah man zur Linken das grune — 22— Papier in der Hand, den er dem Herrn entgegenreichte. Dieſer las:„Doctor Wollzagen.“ „Wollzagen!“ murmelte er—„Dockor!— Unbe⸗ kannt!“ Und er ſchüttelte traurig den Kopf und ging weiter. Von dem Augenblicke an, wo Ithyſſa geſehen, daß der junge Fremde ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit ſeines Herrn geworden war, ließ er ihn, obwohl er den Grund deſſelben nicht kannte, nicht wieder aus den Augen. Es war eine ſeiner Haupteigenſchaften, ſtill, unbemerkt und treu in dem Intereſſe deſſen zu handeln, dem er ge⸗ hörte mit Leib und Seele. Eduard ſelbſt aber bemerkte von dieſer doppelten Aufmerkſamkeit nichts. Eine Stunde ſpäter ſah man die Thürme und Häuſer Bonns auftauchen, denn der Nebel hatte ſich beinahe ganz geſenkt, und das Schiff fuhr mit ſchnellerem Schaufel⸗ ſchlag ſeine naſſe Bahn dahin. Ein Beamter trat an Eduard heran und fragte:„Ob er in Bonn ausſteigen wolle?“ Es erfolgte eine bejahende Antwort, die der nicht fern ſtehende Neger hörte. Gleich darauf trat er ungerufen zu ſeinem Herrn und ſagte:„Maſſa, Doctor ſteigt in Bonn aus!“ „Wir auch!“¹ lautete die augenblickliche Antwort. „Wir auch! Maſſa fahren nicht die Nacht durch?⁰ „Ich habe mich anders entſchloſſen, Ithyſſa„ſorge G fr den Koffer.“ — 23— Der Neger wies die Zähne und ging bei Seite. In einigen Minuten legte das Schiff an der Brücke bei Bonn an. Eduard war einer der erſten, der das Schiff verließ. Unmittelbar hinter ihm folgte der Neger, einen kleinen ſchwarzen Koffer auf ſeiner breiten Schulter tra⸗ gend. Langſam ſchritt der ſchneehaarige Greis hinter ihm her. Mehrere Wagen aus den Gaſthöfen der Stadt ſtanden wie gewöhnlich an der Uferſtraße. Eduard las die Inſchriften und wußte nicht, welchen er wählen ſollte. „Maſſa, hier!“ rief der Neger,—„iſt der größte und ſchönſte!“ 3 Gleichgiltig nahm der junge Reiſende den Finger⸗ zeig an, einige Augenblicke ſaß er im Wagen und der alte Herr neben ihm, während der Mohr beim Kutſcher auf⸗ ſtieg. Nach einigen Minuten nahm ſie der Kellner in dem neuerbauten ſchönen Gaſthofe Bellevue in Empfang, führte ſie auf ihre Zimmer, die nebeneinander lagen, und fragte:„Ob die Herren frühſtücken wollten; auch im Garten, dem Siebengebirge gegenüber, ſei gedeckt,“ fügte er hinzu. Zweites Kapitel. Der Neiſegefährte. Einige Minuten ſpäter war Eduard ſchon im Garten. Der Kellner brachte das Frühſtück. Es war eine ſehr warme Luft, man konnte behaglich im Freien weilen. Die Gipfel des ſchönen Gebirges vor ſich, von einer nie empfundenen Freude das Herz geſchwellt, ſaß Eduard und verzehrte ſeinen Morgenimbiß, als er den alten Herrn, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam durch den Gar⸗ ten ſchreiten ſah. Dicht hinter ihm folgte der Neger. Eduard ſtand auf und verbeugte ſich vor dem Fremden, der eben ſo wie ſein Diener, den Plaid abgelegt hatte und in einer bequemen Reiſetracht erſchien. Es war eine ſtattliche Geſtalt, feſt und etwas beleibt, die ſich dem jun⸗ gen Manne jetzt zeigte. Der Fremde ſah die Gegend flüchtig an und ſetzte ſich dann, beſtändig ſeinen Nachbar —— —— — 5— im Auge behaltend, mit einem Blicke, der traurig und froh zugleich war, neben ihm nieder. „Werden Sie lange hier verweilen?“ fragte er leiſe. „Ich will mir nur die Univerſität und das Merk⸗ würdigſte in Bonn anſehen.“ „Es giebt in Bonn nicht viel, außer der Univerſität zu ſehen. Das können Sie bis heute Nachmittag abge⸗ macht haben. Wohin gehen Sie dann?“ „Nach dem Drachenfels, denke ich.“ „So denke ich auch— dann können wir zuſammen⸗ fahren.“ „Sie ſind ſehr gütig, ich nehme das Anerbieten dankbar an.“— Nachmittag um vier Uhr war Alles geſehen und beide Reiſende beſtiegen ein neuangekommenes Boot und fuhren nach Königswinter hinüber. Eduard betrachtete mit einem Wonneſchauer die Klippe des Drachenfels. Sein Auge glühte vor innerem Behagen. Der Fremde wandte keinen Blick von ihm ab. „Wir können dort oben die Nacht zubringen,“ ſagte er,„es iſt das ſchönſtgelegene Wirthshaus, das ich kenne.“ „Ich bin hier unbekannt und folge Ihrem Rathe gern.“ 3* Anderthalb Stunden ſpäter ſaßen ſie auf dem Dra⸗ chenfels in dem kleinen Häuschen, den Rhein mit den beiden Inſeln Nonnenwörth und Grafenwörth unter ſich, Rolandseck vor ſich jenſeits des Rheins. Eduard kletterte auf der Ruine herum und ſog mit allen Sinnen die Wonne des herrlichen Anblicks ein. Dann begaben ſie ſich über den Steinbruch, der Fremde einen Pony reitend, Eduard und der Neger zu Fuße nebenher ſchreitend, nach den einzelnen ſchönen Punkten des maleriſchen Gebirges, von den ſieben emporragenden Felsſpitzen das Siebenge⸗ birge genannt. Später am Abend ſaßen ſie vor der Thür des Häuschens, einen kalten Imbiß und eine Flaſche Wein vor ſich und labten ſich wieder an dem herrlichen Anblick der reichen Gegend, die Eduard nicht genug betrachten konnte, während es einem weniger mit Außendingen be⸗ ſchäftigten Beobachter, als er in dieſem Augenblicke war, deutlich geweſen wäre, daß der ältere Mann ſeine Blicke mehr nach Innen als Außen gewandt hatte. Hier, wäh⸗ rend ihres Abendbrotes entſpann ſich folgendes Geſpräch: „Ich habe mir die Welt nie ſo ſchön gedacht, wie ich ſie hier vor mir ſehe,“ ſagte Eduard freudeſtrahlend. „Sie iſt auch ſchön, obwohl es herrlichere Punkte auf derſelben giebt, als dieſen hier, ſo reizend er iſt. Na⸗ mentlich das Alter ſieht gern von einem Berge hinab auf die da unten ſchwimmende Welt, die in weiter Ferne ſo ruhig und friedlich ſcheint, was ſie doch nicht iſt, während die Jugend, die den beſchwerlichſten Berg noch nicht er⸗ ſtiegen, lieber im Thale ſteht und die entfernteren Spitzen künftiger Zeiten ſähe. Doch zurück kann weder das eine, 0 noch vorwärts im Sturmſchritt das andere, ſo gern ſie auch wollten, beide müſſen langſam vorrücken, wohin ſe ihr Schickſal ruft.“ „Sie beziehen meine Begeiſterung auf das Leben, ich ſprach von dieſer irdiſchen reizenden Welt.“ „Ich verſtehe Sie wohl. Ach ja! Denn ich bin auch jung, glücklich und hoffnungsvoll geweſen, wie Sie. Hole mir das Tuch, Ithyſſa!“ Der Neger brachte das Verlangte augenblicklich und wickelte ſeinen Herrn ein. „Wenn es Ihnen zu kühl wird,“ bemerkte Eduard, „ſo können wir hineingehen und vom Fenſter aus hinun⸗ terſchauen.“ „Nein, nein, mir iſt warm genug, innerlich wenig⸗ ſtens, und dieſe Warme muß der äußeren Kühle das Gleich⸗ gewicht halten. Sie haben natürlich dieſe Gegend früher noch nicht geſehen?“ „Ich bin das erſte Mal aus meinem Dorfe und meiner Univerſität in die Welt gewandert— dies iſt meine erſte Reiſe.“ „Da haben Sie noch 2 Vieles vor ſich. Ich möchte an Ihrer Stelle ſein! Wo haben Sie ſtudirt?“ „I „Freilich, die Gegend iſt nicht ſchön. Sie ſpra⸗ chen von Ihrem Dorfe. Sind Sie auf einem Dorfe groß geworden?“ „Von meinem fünften bis neunzehnten Jahre habe ich auf dem Lande, einem ſtillen und wie ich damals träumte, ſchönen Fleck der Erde gewohnt. Jetzt ſehe ich freilich, daß es ſchönere giebt.“ „Die Heimath iſt uns immer das ſchönſte Stück die⸗ ſer Welt. Ach ja!“ „Meine Heimath war es eigentlich nicht,“ bemerkte Eduard ſorglos.. „Wo iſt Ihre Heimath denn?“ 41 Eduard erröthete tief— er wußte ſie ja nicht. „Man braucht ſich ſeiner Heimath nicht zu ſchämen,“ entgegnete der Greis, der das Erröthen ſeines Reiſege⸗ fährten wohl bemerkt hatte,„auch eine Hütte kann uns heilig und werth ſein. Entſchuldigen Sie meine ſchein⸗ bare Neugierde; ſie iſt aber mehr als das, ich nehme An⸗ theil an Allem, was mir die Vorſehung in meinen Weg führt, alſo auch an Ihnen.“ Eduard faßte ſich ſchnell und mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Offenheit erwiederte er:„Auch Ihre Theilnahme, für die ich dankbar bin, kann ich leider nicht befriedigen — ich kenne meine Heimath nicht.“ 4 „Sie kennen Ihre Heimath nicht? Das klingt wunderſam. Hat kein Menſch Ihnen den Ort genannt, wo Sie geboren wurden?“— Und das braune Auge des Greiſes heftete ſich lebhafter auf den verlegner werdenden jungen Mann.„Allerdings,“ fuhr er fort,—„ich bitte um Entſchuldigung— ich ſehe, daß mich auch mein ⸗ Antheil an Ihnen zu weit führt; ich hatte aber ver⸗ geſſen, daß wir uns erſt einen Tag kennen.“ „Sie bedürfen der Entſchuldigung nicht, mein Herr; einem Manne mit weißen Haaren, wie Sie ſie auf dem Haupte tragen, erzählt man ohne Zwang, was uns drückt. Sie können es ja nicht mißbrauchen. Nein, mir hat Niemand den Ort genannt, wo ich geboren wurde.“ Der Fremde ſchwieg. Er hätte gern mehr gefragt und gehört, aber offenbar hielt er es für unſchicklich, tie⸗ fer in das Geheimniß eines Fremden zu dringen, obgleich er ein weißes Haupt hatte. Nach einer Weile tiefen und ernſten, ja beinahe weh⸗ müthigen Nachſinnens fragte er unbefangen:„Das Ziel Ihrer erſten Reiſe darf ich wohl wiſſen?“ „Meine Abſicht iſt, über Straßburg nach Paris zu gehen, um dort, außer den meine Wiſſenſchaft betreffen⸗ den Anſtalten, die Hauptſtadt einer Nation kennen zu lernen, die in der neueren Zeit das Aufſehen der ganzen Welt auf ſich gezogen hat.“ „England und London würde Ihnen, glaube ich, mehr zuſagen,“ ſagte unbefangen der Aeltere. „Das glaube ich auch; einige meiner Freunde ſind deshalb auch dahin zu ihrer Belehrung gegangen. Meine Mittel aber reichen höchſtens für Paris aus.“ „So!“ ſagte der Fremde mit heraufgezogenen Au⸗ genbraunen, um, ſo zu ſagen, einen größeren Blick auf ———y ſeinen Gefährten zu werfen.„Das iſt Schade! Eng⸗ land müſſen Sie ſehen— ein großes Land mit großen Menſchen, größer ſogar als die großen Franzoſen!“. Offenbar war die letzte Betonung etwas ironiſch 6 gemeint, es lag aber nichts Herabſetzendes darin, höchſtens 3 eine höhere Schätzung der brittiſchen Nation. „Ich wil les auch ſehen, künftig!“ erwiderte Eduard, dem die Ironie entgangen war,„erſt will ich meine Stu⸗ dien beendigen.“ „Sind denn die noch nicht beendet?“ „Kaum zur Hälfte. Mit den medieiniſchen Wiſſen⸗ ſchaften bin ich freilich zu Ende, ich habe aber eine Lehr⸗ ſtufe in den Naturwiſſenſchaften im Auge.“. „Naturwiſſenſchafte—? O! Ein ſchönes Stu⸗ dium! Hat Ihr Vater oder Ihr eigener Trieb Sie dar⸗ auf gebracht?“ „wMein eigener Trieb, denn mein Vater— iſt Pfar⸗ er!“ 4 „Pfarrer! das wußte ich nicht. Und Sie ſind Arzt? So“ Hier entſtand abermals eine Pauſe, weil die Fragen, die der Fremde nur ungern zu unterdrücken ſchien, wie⸗ der auf den Anfangspunkt ihres Geſpräches zu führen ſchienen. „Darf ich um Ihren Namen bitten?“ fragte plötz⸗ lich mit einer ſichtbaren Kraftanſtrengung der Fremde. — 31— „Wollzagen, Eduard Wollzagen!“ „Eduard! So! Ich heiße auch Eduard, da ich aber in einem mit brittiſcher Zunge redenden Theile Ame⸗ rika's wohne, ſo nenne ich mich Edward— Edward Brown—*— „Edward Brown!“ wiederholte Eduard und ver⸗ neigte ſich in der gewöhnlichen Form näherer Begrüßung. Nach einer längeren Pauſe fing der Fremde wieder an:„Ja, ich wohne in Amerika, bin aber ein Deutſcher, wie Sie wohl an meiner Sprache vernehmen werden und ſchon vor langen Jahren übergeſiedelt.“ „Da haben Sie in einem hohen Alter noch eine weite Reiſe gemacht.“ „Weit iſt ſie, aber ſo alt bin ich nicht, wie ich ſcheine. Vielfache Sorgen und Kümmerniſſe haben mein Haar früh gebleicht, ich zähle erſt vier und ſechzig Jahre. Auch habe ich meine Reiſe unter ſo bequemen Umſtänden unter⸗ nommen, wie ſie nur moglich ſind. Ich wollte aber— Sie ſehen, ich bin eben ſo offen wie Sie— ehe ich mein müdes Haupt zur Ruhe legte, meine Heimath ſehen und nach— Freunden forſchen, die ich aber erſt— dort oben wiederfinden werde, denn Alles aus meiner Jugend iſt— vor mir ſchlafen gegangen. Ach ja!“ Eduard antwortete nicht und ſah den wehmüthig blickenden Mann jetzt ſo theilnehmend an, wie dieſer ihn vorher angeſehen hatte. —= — 32— Unterdeß war es dunkel geworden. Die Luft, vor⸗ her ſo milde und ſtill, wurde etwas bewegter und der Fremde nahm ſeinen Plaid feſter zuſammen. Da kam der Neger und ſagte: „Maſſa wird ſich erkälten— es iſt dunkel.“ „Ja, ja— dunkel iſt es!“ murmelte ſein Herr. „Gehen wir hinein. Aber noch Eins. Ich hoffe, wir werden uns morgen nicht gleich wieder trennen,“ wandte er ſich zu Eduard,„wie das hier alle Tage auf dieſem brei⸗ ten Lebenswege geſchieht. Alſo Sie gehen nach Straßburg? Ich wollte nach Baden, ehe ich nach Schweden gehe, wo ich Geſchäfte habe; wenn es Ihnen recht iſt, machen wir die Reiſe zuſammen. Ich will Sie, den jungen lebhaf⸗ ten Mann, freilich nicht beläſtigen. Gehen Sie Ihre Wege, ich werde die meinigen ſuchen, aber Abends tref⸗ fen wir uns zuſammen und ſcheiden ohne Abrede nicht von einander. Sind Sie mit meinem Vorſchlag zufrie⸗ den?“ „Ich bin es und dankbar zugleich; einen verſtändi⸗ gen Reiſegefährten habe ich mir ſehnlichſt gewünſcht und das Glück hat mir wohlgewollt.“ „So wollen wir es Beide nehmen. Schlagen Sie denn ein!“ Und er hielt Eduard ſeine Rechte hin, der, als er ſie ergriff, eine äußerſt zarte, faſt weiblich gebildete Hand fühlte. Einen Augenblick hielt der Fremde Eduards * — 33— feſt umſchloſſen und ſah ihm tief in die Augen.„Gute Nacht!“ ſagte er dann raſch und winkte dem Neger. Als er mit dieſem in ſeinem Zimmer verſchwunden war, ſagte er in einem ungemein warmen, ja lieblichen Tone: „Ithyſſa! Wir haben einen Reiſegfährten ge⸗ funden.“ „Hab' es geſehen, Maſſa,— ſchöner, junger Mann — ſehr ſchön als Weißer— ſehr ſchön— „Du ſiehſt nur die Schönheit, Ithyſſa, ich ſehe noch etwas Anderes—“ „Weiß nicht, was Maſſa ſehen— bin nicht klug genug—“ „Du biſt klug genug. Doch will ich es Dir ſagen. Dieſer ſchöne junge Mann iſt auch ein guter junger Mann!“ „Ah, Maſſa, ſehr gut, ſehr gut!“ „Alſo er reiſ't mit uns, erweiſe ihm alle Aufmerk⸗ ſamkeit;— und ich ſelber heiße von heute an wieder Brown, wie vor vier Wochen, da wir nach den Verſtor⸗ benen in meiner Heimath ſuchten— verſtehſt Du?“ „Ithyſſa verſteht ganz genau, was Maſſa will.“ Und er kleidete ſeinen Herrn, wie er es alle Abende that, mit ſo zarter, ſorgfältiger Hand aus, wie es kaum die zärtlichere eines Weibes vermocht hätte. Als er eben fertig war und ſeinem Herrn gute Ruhe gewünſcht und Der Inſelkönig I. 3 8 — 34— das Zimmer verlaſſen hatte, ging dieſer, die Hände auf dem Rücken zuſammengeſchlagen, mit gebeugtem Kopfe langſam auf und nieder. „Wollzagen!“ murmelte er,„Eduard Wollzagen! Eduard! Alſo Eduard! Das iſt Eins! Ein Wichtiges! Ich wollte ſchwören, ich bin auf einer richtigen Spur. Aber wie wunderbar, großer Gott! wie wunderbar wäre das!“— Dann etwas raſcher gehend, fuhr er fort:„O, ich laſſe ihn nicht. Wenn wir erſt näher bekannt ſind, muß er mir wieder von ſeinem Vater erzählen. Wollzagen! Wollzagen! iſt mir denn der Name gar nicht bekannt?“— Eduard, dem geſundeſten und feſteſten Schlafe nach einem Tage voller Bewegung ſonſt verfallen, ſchlief in dieſer Nacht noch lange nicht. Er hatte ſein kleines Fen⸗ ſter geöffnet, als er den Fremden verlaſſen, und ſich an dem köſtlichen Anblick geweidet, den ihm der ſternenklare Himmel und die halbe Mondſichel, langſam über die reine Wölbung dahinſchwebend, in der ſtillen Nacht vergönnt. Der tief rollende Strom murmelte ſein ewiges Nachtlied zu ihm empor, die Ruinen, faſt nur noch Schutthaufen und einzeines kleines Gemäuer zeigend, belebten ſich in ſeiner Phantaſie, in der Nähe und Ferne, in Zeit und Raum wurden die alten Zeiten wieder vor ihm lebendig, g — — 3*—— — 35— und er durchſchritt in ſeinem Geiſte Jahrhunderte, die alle nach einander derſelbe Strom mit ſeinem blinkenden Glanze geſchaut und denen er wie jetzt ſein Gemurmel und ſein Rauſchen in's Ohr geſungen hatte. Mehr grü⸗ belnd als denkend ſaß er da, die glänzende Waſſerſchlange verfolgend, die ſich vor ſeinen Augen nach Süden ringelte und erſt weit oben in den Dünſten der Nacht und den Schatten der Berge ſich verlor.„Da geht er hin,“ flü⸗ ſterte er bei ſich,„oder nein, da kommt er her, vom Berge zum Meere, ſein eigenes Grab ſuchend, ſeinen ruhmloſen Untergang, nachdem er Völker und Länder mit ſeinen mächtigen Wogen bezwungen— ein Bild des Vergäng⸗ lichen alles Deſſen, was einſt mächtig, groß und edel war. Möchte ich nicht ſo im Sande des Gewöhnlichen, im Meere des Alltäglichen langſam verenden, möchte ich lie⸗ ber vom großen niedriggelegenen Meere den Höhen ent⸗ gegenrauſchen und in freier himmliſcher Luft, ein Denk⸗ mal längſt verſchwundener Zeit, meinen Nachkommen vor⸗ leuchten, wie jener blinkende Stern da oben unſeren menſchlichen Augen vorleuchtet und ſie mit ſeinem Glanze wie mit einer überirdiſchen Hoffnung belebt.“— Und er ſchloß das Fenſter und legte ſich zur Ruhe. Aber dieſe Ruhe war nicht, wie ſie ihn gewöhnlich zu beſchleichen pflegte. Er träumte bald, bald wachte er ieder auf, nnd immer wieder verfiel er in denſelben Dieſer Traum aber war lieblich und entzückend, 3* — — — belebend und ſogar berauſchend. Und doch wußte er nicht, was er geträumt hatte. Er fühlte nur in den Pauſen, wenn er erwachte, ein wonnigliches, beſeligendes Gefühl, für das er keinen Namen, keinen Grund hatte, er ſchwamm, ſo zu ſagen, leicht rudernd, wie ein Vogel mit breiten Schwingen ſicher und ſtolz in der Luft ſchwimmt, einem ihm winkenden Ziele entgegen und wie von ferne ſah er es, das lange gewünſchte, erſtrebte, lang⸗ ſam, aber ſicher ihm entgegenkommen. Oder vielmehr, er ſah es nicht, er fühlte es nur, und ſeine Bruſt erweiterte ſich ſo kräftig dabei, ſein Herz ſchlug in ſo ruhigen Schlä⸗ gen, ſein Geiſt konnte ſo gemüthlich und klar dabei den⸗ ken, daß es ihm erſchien, als athme er reinere Luft, als nährte er ſich von beſſeren Stoffen, als handelte er nach urſprünglicheren göttlichen und unabänderlichen Geſetzen. Und ſo wachte er auf, als die frühe helle Morgen⸗ ſonne ſein Fenſter erleuchtete, und ſiehe, das innerliche glückliche Gefühl des langen, oft wiederkehrenden Trau⸗ mes wäar ihm geblieben, während der Traum ſelber ent⸗ ſchwunden war.„Mein Gott!“ ſagte er zu ſich, und noch im Bette ſitzend, ſtützte er ſeinen Kopf auf ſeine Hände,—„könnte ich mich doch beſinnen, ich habe ſchon einmal in meinem Leben etwas Aehnliches geträumt. Wann war das?“— Und er ging ſein ganzes Leben durch.—„Ich war ſo glücklich damals! Nun, wann war ich denn am glücklichſten? Ach, ich hab's! Das — 37 iſt’s! Es war in der erſten Nacht, als ich in Bilſin⸗ gen im Pfarrhauſe ſchlief, nachdem ich die Hütte des Elends und der Noth verlaſſen hatte— ja, ja, ich weiß es genau, ich habe damals lange Jahre jenen Traum mir bewahrt und heute iſt er mir nur von Neuem, aber ſtär⸗ ker, lebendiger, wirklicher vor die Seele getreten.“ Da klopfte es leiſe an ſeine Thür.„Herein!“ rief er. Der ſchwarze Kopf, das bronzene, freundliche Geſicht und die blendenden Zahnreihen des Negers wurden ſicht⸗ bar.„Maſſa, Doktor noch nicht fertig?“ fragte er. 8 „Maſſa trinkt ſchon Kaffee und wartet, Pony iſt auch vor der Thür.“ „Ich komme, ich komme!“ rief der Langſchläfer und kleidete ſich ſo ſchnell an als es ging. In einer halben Stunde ſchon war er auf dem Wege nach dem alten Klo⸗ ſter Heiſterbach und er entſchuldigte bei dem freundlicher blickenden Mr. Brown ſeine Verſäumniß, indem er ihm ſeine unruhige Nacht und ſeinen köſtlichen Traum erzählte. Dieſer Tag und noch andere vergingen den beiden Reiſenden ſelbſt wie ein angenehmer Traum. Sie durch⸗ wanderten und ſahen gemeinſchaftlich, was unſer ſchöner Rhein dem Wanderer an Schätzen, Alterthümern und Werken der Kunſt und der Natur zu bieten hat. Iu Koblenz, St. Goar, Bingen, Rüdesheim, dem Zehannis⸗ berg, in Mainz, Wiesbaden und Frankfurt, überall waren —— ———— — 38— ſie geweſen und hatten Auge und Herz an dem Vorge⸗ fundenen gelabt, wie ſo manches andre Auge und Herz ſich vor ihnen daran gelabt hat und noch nach ihnen laben wird. Es war natürlich, daß ihr Verkehr ein inni⸗ gerer geworden war, als dies im gewöhnlichen Leben in ſo kurzer Zeit zu geſchehen pflegt, denn eine gemeinſchaft⸗ liche Reiſe, die Betrachtung einer ſchönen Natur, der eng abgeſchloſſene Kreis der Unterhaltung und des gemeinſa⸗ men Vergnügens nähert die ſich fremdeſten Gemüther, wie viel mehr mußte dies nicht bei zwei Menſchen ge⸗ ſchehen, die, an innerem Werthe gleich groß, noch viel mehr Berührungspunkte fanden, als andere, weniger Be⸗ gabte. Von Eduard kennen wir dieſen inneren Werth, dieſe höhere Begabung und von Mr. Brown müſſen wir ſie annehmen, da Eduard ſelbſt von ſeinem ganzen Ge⸗ bahren entzückt war. Er war ſo ſinnig, ſo freundlich, ſo hingebend, dieſer gute Alte, ſo theilnehmend, ſo beredt in ſeinen kurzen tief empfundenen Bemerkungen, daß ſein jugendlicher Gefährte an ſeinem älteren Herzen vertrauens⸗ voll emporſtieg, während er ſelbſt in Gedanken in längſt verſchwundene Tage zu der jugendlichen Anſchauung jenes hinabglitt. Und wenn der junge Arzt, der unter Künſt⸗ lern groß gewordene Muſenſohn von ſeiner umfaſſenden Wiſſenſchaft, von den großen Schöpfungen der verſchiede⸗ nen Künſte ſo Vieles zu ſprechen wußte, welch ein unge⸗ heurer Stoff ſtand dem viel erfahrenen, weit gereiſten Bürger der neuen Welt zu Gebote, den er in ſeinem ganzen Umfange innerlich verarbeitet und in laugen be⸗ triebſamen Jahren aus allen Welttheilen aufgeſpeichert und geſammelt aufbewahrte. So hatten ſie Beide ihr reiches Innere einander aufgedeckt, ihre Gedanken ausge⸗ tauſcht, und wie zwei große Kaufleute, mit verſchiedenen Gegenſtänden handelnd, ſich gegenſeitig mit ihren Schä⸗ tzen bereichern, ſo zogen beide einen bedeutenden Gewinn aus ihrem Tauſchhandel und beide konnten mit dem Er⸗ folge ihres Unternehmens zufrieden ſein. Auf Eduards Herkunft war das Geſpräch bisher nicht wieder gekommen, ja, der ältere Reiſende ſchien dieſen Gegenſtand beſonnen zu vermeiden; er prüfte, er forſchte, er ergründete erſt ſeinen jungen Geſellſchafter, um, wenn er ſein ganzes Innere durchdrungen, vielleicht ſpäter mit einem kühnen Schlage auch die Pforte ſeines äußeren Geheimniſſes zu ſprengen. Eduard bemerkte dieſe mit großer Umſicht fortgeſetzte Prüfung nicht, denn er war glücklich und blieb ſtets mehr den neu anſtrömenden Au⸗ ßendingen zugewandt; dagegen vertraute er innig, denn das Vertrauen war ein Hauptbeſtandtheil ſeines neinen Gemüthes und er gab ſich wie er war, ſtets ganz, ohne alle Zurückhaltung, ohne alles Bedenken. Und was hatte er auch zurückzuhalten, was hatte er zu verſchweigen? Er ſah, wie gütig und zuvorkommend ſein Gefährte war, wiederbringlichen Tagen ſeiner friſchen, Alles erfaſſenden Jugend iſt der gute Menſch offen für alle Strahlen eines fremden erwärmenden Lichtes, er ſaugt es ein mit allen Charakter angehörenden Dankbarkeit. Es iſt dies der angeborene, inſtinktartige Enthuſiasmus eines unver⸗ findet, und das Gute übt, wo er es zu üben Gelegenheit erhält. —, konnte er ſelbſt anders ſein? Ach, in jenen ſchönen un⸗ 8 b Poren, er empfängt es mit aller nur dem unverdorbenen fälſchten Herzens, der das Schöne ergreift, wo er es —¾üü.ʒℳ————-——— — — ͦ y-—zæ —õy m; — Drittes Kapitel. Der veränderte Reiſeplan. In den erſten Tagen der gemeinſchaftlichen Reiſe ſeit jenem Abend vor dem Häuschen auf der Spitze des Dra⸗ chenfels würde Eduard, wenn er ein aufmerkſamerer Be⸗ obachter geweſen wäre, eine heiterere Laune und eine ruhigere Selbſtzufriedenheit an Mr. Brown gefunden haben, als dies in den Tagen der Fall war, wo ſie ſich mehr zund mehr dem Endpunkte ihres Beiſammenſeins, dem ſchönen Lande Baden näherten. Nach jener erſten Nacht ihres näheren Verkehrs befand ſich der alte Herr leiblich wohler, friſcher, munterer und über ſein Gemüth hatte ſich jene ſanfte, hingebende Ruhe gebreitet, welche wir an denjenigen alten Leuten finden, die ihre irdiſchen Angelegenheiten geordnet wiſſen und ihrer nächſten unbe⸗ kannten Zukunft mit Ergebung entgegengehen. Er war — 422— geſprächig, oft ſogar launig und ſtets heiterer Lebensan⸗ ſchauung. Eine gewiſſe innere Behaglichkeit ſpiegelte ſich in ſeinem ungetrübten Auge wieder und auf ſeiner Stirn lag jene lichte Wolkenlofigkeit, die uns wahrnehmen läßt, daß die Stürme der Leidenſchaft ausgetobt und eine ſelbſtzufriedene Genügſamkeit die Schläge des Herzens zu gleichmäßigerem Schritte gemäßigt hat. In ſolchen glück⸗ lichen Stunden ſchlürfte er ſichtbar in langen Zügen an dem Kelche des Genuſſes, den ihm die Regſamkeit, die allgemeine Hingebung ſeines jungen Genoſſen an Alles, was Natur und Kunſt betraf, verſchafften. Er ſah oft, behaglich neben Eduard auf einem Trümmerſteine ſitzend, den Fortſchritten zu, die deſſen gewandte Bleifeder auf dem Papiere zu Wege brachte; er betrachtete freundlich und lobend die von ihm aufgenommenen Skizzen der Orte, die ſie beſucht und an denen ſie ſich heimiſch ge⸗ fühlt hatten. Freudig überraſcht war er ſogar, als ihm Eduard einige Blätter zur Erinnerung an dieſe Reiſe überreichte, die er in der Stille des Abends oder am frühen Morgen mit ſeiner gewohnten raſchen Entſchieden⸗ heit kopirt hatte. Er verpackte dieſe Blätter ſorgfältig in ſeinen Koffer und nur in längeren Ruheſtunden nahm er ſie wieder hervor, um ſie immer von Neuem zu be⸗ trachten und ſich an dem Eindrucke, den ſie auf ihn mach⸗ ten, zu erfreuen. Sie müßten den Miſſiſippi ſehen, hatte er dann oft geſagt; freilich, zum Zeichnen würden 1 — 343— Sie weniger finden, dann ein⸗Urwald, ein meerartiges Gewäſſer, eine ferne Oede laſſen ſich ſchwer wiedergeben auf dem Papier; Ihr Gemüth aber, das ſchon in hieſi⸗ gen Naturſcenen ſchwelgt, würde dort größere, bedeuten⸗ dere, dauerhaftere Eindrücke empfangen; denn während dem Kenner und erfahrenen Reiſenden dies Alles hier ein artiger Scherz, ein Spielzeug, eine Unterhaltung der gabenreichen Natur erſcheint, treten ihm dort der Ernſt, die Tiefe und die reichen Wunder des großen Naturle⸗ bens vor das betrachtende Auge. Schon Schweden und Norwegen hat bedeutendere Anziehungspunkte für ein ernſtes Gemüth, abgeſehen davon, daß das Meer ſeine rieſigen Glieder in die Buſen des Landes legt und in gigantiſcher Umarmung die geliebte Erde in ſeinen uner⸗ gründeten Schooß reißen möchte. „Norwegen muß ſchön und großartig zugleich ſein,“ hatte dann Eduard erwidert,„ich weiß es von einem meiner Freunde, einem Künſtler, der dort geweſen iſt und der nicht genug des. Wunderbaren, Erregenden und Bedeutenden davon zu erzählen weiß. Norwegen und Schweden werde ich wohl noch einmal ſehen, der Miſſi⸗ ſippi freilich liegt mir zu weit und dahin würde weder mein Fuß noch mein Auge reichen.“ „Warum nicht?“ ſagte ſich dann Mr. Brown in aller Stille und fiel in ſein wehmithiges Schweigen zurück. „Sie können noch weit kommen,“ fügte er laut hinzu,„die Gränzen Ihres Daſeins ſind noch nicht abge⸗ ſteckt, Sie ſind jung, kräftig und entſchloſſen— ach! als ich ſo jung war wie Sie, habe ich auch nicht gedacht, daß eine leichte Barke mich über alle Oceane, die die Welt umgürten, tragen würde. Doch laſſen wir das— wenn man glücklich ſein will, muß man weder rückwärts in die Vergangenheit, noch vorwärts in die Zukunft bli⸗ cken— und ich habe es mir vorgeſagt, ich will mit Ihnen wieder glücklich ſein und mein ſinkendes Leben an der friſchen Flamme des Ihrigen von Neuem beleben. Ithyſſa— eine Flaſche vom beſten Wein, den es hier giebt!“ Und ſie tranken den edlen Wein, der flüſſiges Gold zu ſein ſcheint, der die alten Herzen anfeuert und die jun⸗ gen berauſcht, und ſie tauſchten ihre Meinungen aus, als wenn ſie zuſammen in die Schule gegangen wären und ſich um den Preis ihres Fleißes gegenſeitig bekämpfen wollten. Eduard hatte am erſten Tage, als eine ſolche Seene vorfiel, ſeinen Theil an der Flaſche Weines bezahlen wol⸗ len, aber ein ernſtes, bitteres Lächeln in den wohlwollen⸗ den Zügen des Fremden hatte ihn ſchnell von ſeinem Ver⸗ langen abgeſchreckt und er hatte es nie wieder erneuert. Ja, für manche Ausflüge, zu denen jener ihn beredet und die er ſogleich bereitwillig unternommen, hatte — — 45— Ithyſſa, der überall gegenwärtige, thätige, vermittelnde Diener, das Ganze zahlen müſſen. Es war dies nicht ganz nach Eduards Wunſch, allein die Art und Weiſe, wie es geſchähe, hatte etwas ſich von ſelbſt Verſten endes an ſich und wurde mit ſo gleichmüthiger Miene vollzogen en, daß er auch hieran ſich gewöhnte und es zuletzt ſehr na⸗ türlich fand, da Mr. Brown offenbar ein reicherer Mann war als er ſelber. „Iſt Ithyſſa als Sclave nach Amerika verkauft?“ fragte eines Abends Eduard, als der Neger, ohne dazu aufgefordert worden zu ſein, eine zweite Flaſche perlenden Johannisbergers auf den Tiſch geſtellt, dafür aber ein wohlgefälliges Nicken ſeines Herrn in Empfang genom⸗ men hatte. „Nein, Herr Wollzagen, nein! Ich habe keine Sela⸗ ven um mich, in meiner Nähe darf die natürliche Frei⸗ heit keines Weſens, auch nicht einmal eines Thieres, be⸗ ſchränkt werden. Meine beſten Pferde von der edelſten Race Amerika's, meine ſchönen Hunde, Alles läuſt frei, wohin und wie es will, auf meinem Landgute umher, und ſollte es Ithyſſa nicht, der nicht nur ein Menſch, ſondern auch ein braver und treuer Menſch iſt? Sein Va⸗ ter iſt freilich als Selave nach Amerika gekommen; als er ſich aber aus freier Wahl mit einer Negerin eines ande⸗ ren Stammes verband, erhielt er von ſeinem früheren Herrn, als Dank für ſeine Dienſte ſeine Pebat Sein — 46— Sohn, dieſer Ithyſſa, iſt jetzt ungefähr ſo alt wie Sie, denn er zählt vierundzwanzig Jahr, und ſo lange iſt er in meinem Hauſe, das redlichſte und mir ergebenſte Ge⸗ ſchöpf, das ich beſitze. Ich habe ihm Land, Vermögen, Haus und Hof angeboten, er hat es ausgeſchlagen, um ſich nicht von mir trennen zu müſſen, und nun, glaube ich, wird er mich nicht eher wieder verlaſſen, als bis ich ihn ſelbſt verlaſſe, das heißt, bis ich dem ewigen Oſten mich nähere.“ Dieſe Unterhaltungen fielen dieſſeits der badiſchen Gränze vor. Als man dieſe überſchritten hatte, verfiel Mr. Brown öfter und länger als früher in ein ſtilles Brüten. Er ſaß oft bei Tiſche oder unter einem Baume mit ſeinem Gefäͤhrten, drehte das Glas, aus dem er zu⸗ weilen einige Tropfen genoß, wiſſenlos zwiſchen ſeinen Fingern und dachte über Dinge nach, von denen ſein Mund niemals etwas verlauten ließ. Zuweilen geſchah es, daß ein raſcher Seufzer dieſes Nachdenken beendigte, und er ſich mit irgend einer vom Zaune gebrochenen Frage an Eduard wandte; zuweilen aber auch ſtand er ſchnell auf, und ohne etwas zu ſeiner Entſchuldigung zu ſagen, begab er ſich in ſein Zimmer, aus dem er erſt mehrere Stunden ſpäter wieder zum Vorſchein kam. Es lag alſo irgend eine Laſt auf der ſonſt ſo heiteren Seele dieſes Mannes, das merkte Eduard zuletzt wohl, aber weit entfernt, zu ahnen, daß er ſelber der Gegenſtand 835 dieſes Brütens ſein könne, ſchob er die Schuld auf das Alter, eine augenblickliche Schmerzempfindung oder eine charakteriſtiſche Sonderbarkeit des Amerikaners. So hatten ſie Heidelberg erreicht, in deſſen Biblio⸗ thek und Naturſchönheiten beide längere Zeit verweilten, als wohl anfangs in ihrem Plane gelegen hatte. End⸗ lich aber hatten ſie die Blüthe aller dortigen Herrlichkei⸗ ten genoſſen und der letzte Abend für dieſe Stadt war gekommen, da am nächſten Morgen die Reiſe über Karls⸗ ruhe nach Freiburg beſchloſſen war. Es war ein lieblicher warmer Maiabend, den ſie auf den Ruinen des alten Schloſſes verbrachten. Der Neckar rieſelte ſtill ſeine Fluthen dahin und über den jenſeitigen Berghöhen hatte ſich ein nebelgleicher, tief⸗ blauer Duft gelagert. Die Blüthen der Bäume waren längſt aufgebrochen, ein ſaftiges Grün bedeckte ringsum Geſträuche und Bäume und das junge Moos zeigte ſeine friſche, hellglänzende Farbe, die dem Auge ſo wohlthuend iſt, wie ſeine Weiche zum behaglichen Lager einladet. Da ſaßen ſie denn und betrachteten ſchweigend eine der ſchönſten Gegenden Deutſchlands, geſegnet mit ſo mannich⸗ fachen Reichthümern der verſchwenderiſchen Natur. „Wie glücklich bin ich, daß ich dieſen Anblick erlebt habea ſagte Eduard, als ſie ſo da ſaßen.„Man ver⸗ ſiert beinahe die Luſt zum Zeichnen über das Anſchauen * — 48n— deſſen, was man vor Augen hat. O Raphael! wäreſt Du hier!“ „Wer iſt Raphael?“ fragte Mr. Brown. „Ein Maler, mein Freund und ein ſanfter liebens⸗ würdiger Menſch.“ „Sie haben viel mit Künſtlern verkehrt?“ „Ich habe mir meine ernſte Wiſſenſchaft, ſo viel ich vermochte, durch die heiteren Künſte erleichtert. Wenn ich nicht mehr arbeitete, zeichnete ich und wenn ich nicht mehr zeichnen oder Muſik treiben mochte, fing ich wieder an zu arbeiten.“ „Haben Sie nie geſchrieben oder gedichtet?“ 1„Gedichtet nicht, aber geſchrieben wohl. Ich ſchreibe noch jetzt alle Tage, ſobald ich eine ruhige Stunde habe, denn ich bin daran gewöhnt.“ 2 „Was ſchreiben Sie?“ „Gedanken oder Ideen über eine Verbeſſerung, oder vielmehr Beſſerſtellung der bildenden Künſte und ihrer Jünger, der Handwerker, überhaupt aller derer, die durch den Fleiß ihres Kopfes oder ihrer Hände der Welt ſo großen Nutzen, ſo viele Genüſſe, ſo hohe Freuden brin⸗ gen, ohne den Antheil des Lohnes dafür zu empfangen, der ihnen meinem Gefühle nach gebührt.“ 4 Der Fremde ſah den Sprecher mit großen Augen an. „Das thun Sie ſchon?“ fragte er verwundert. „In Ihrem Alter? Sie fangen früh an, an dem Wohle — 49— Anderer zu arbeiten, da Ihr eigenes noch nicht be⸗ gründet iſt.“ „Es iſt dies eine Lieblingsidee meiner Jugend gewe⸗ ſen und wird wahrſcheinlich die meines ganzen Lebens ſein, die ich in die Wirklichkeit hinüberführen möchte, wenn ich die Mittel dazu in Händen hätte. Da dies nicht der Fall iſt, ſo arbeite ich freilich an einem großen, aber nichts deſto weniger erhabenen Luftſchloſſe.“ „Gutes, was man für Aermere auch nur denkt und ſchreibt, iſt nie eine Beſchäftigung mit Luftſchlöſſern.“ Ehe man eine That verrichten kann, muß man den Ge⸗ danken dazu gefaßt haben. Schon die ſer iſt die erſte Stufe einer Treppe, die leicht in den Himmel führen kann. Haben Sie ſchon Nuandan Ihre geſchriebenen Ideen mitgetheilt?“ „Im Einzelnen meinen Freunden, im Ganzen nur meinem vertrauteſten Freunde, meinem Vater. Er hat Nachſicht mit mir.“ „Hm! Hätten Sie wohl das Vertrauen zu mir, der ich nicht Ihr Vater bin, mir Einiges davon mitzu⸗ theilen?“ 8 „Mit Freuden! Warum nicht? Sie können höch⸗ ſtens Einzelnes tadeln, das Allgemeine dürfte Ihren Bei⸗ fall finden, denn was ich von Ihnen bisher kennen ge⸗ lernt, bewies, daß auch Sie ein Menſchenfreund ſind.“ Der alte Mann ſchwieg und wandte das Geſicht ab, Der Inſelkönig. III. 4 denkende und dankbare Menſ den Bergen zu. Nach einer Weile drehte er ſich wieder um und fragte:„Kann ich Ihre Schrift, da Sie auch auf der Reiſe daran arbeiten, noch heute Abend zum Theil erhalten?“ „Sehr gern. Der erſte Theil iſt fertig und be⸗ reits in der Reinſchrift vorhanden. Am zweiten beſſere ich noch. Sobald wir nach Hauſe kommen, werde ich es Ihnen bringen. Wollen Sie vielleicht gehen? die Luft ſcheint mir kühler zu werden.“ „Noch nicht. Ithyſſa hat auch mein Tuch. Ich habe noch eine Frage auf dem Herzen. Sie werden ſie meinem Alter verzeihen. Sie wiſſen ja, man wird mit der Zeit ſo neugierig. Ich will Sie nun einmal ganz, nach allen Richtungen hin kennen lernen, da uns einmal das Schickſal zuſammengeführt hat. Glauben Sie an ein Schickſal?“ .„Nicht an das Fatum der Alten, wohl aber an die Vorſehung, deren unbegreifliches Walten ich wie jeder fühle. Wenn Sie dieſe Vorſehung Schickſal nennen, ſo glaube ich daran.“ „Ich auch!“ war die kurze Antwort. „Sie wollten mir eine Frage vorlegen, Mr. Brown.“ „Ja!— Haben Sie ſchon— geliebt?“ Eduard dachte augenblicklich an Judith und errö⸗ ** ch, tief in meiner Bruſt „„ — 81— thete. Mr. Brown ſah ihn nicht an, ſondern ſchaute über den Fluß weg in die blauen Berge hinein. „Nein!“ erwiderte Eduard feſt.„Ich habe nie geliebt, das heißt, wie ein Mann ein Weib lieben muß, um mit ihm eine ewige Vereinigung zu wünſchen. Ich habe wohl mit weiblichen Weſen verkehrt, bin auch mit Schweſtern aufgewachſen, aber mein bedeutendſter Um⸗ gang beſchränkte ſich mehr auf Männer und Jünglinge meines Alters.“ „Alſo Sie haben Schweſtern?“ fragte Mr. Brown etwas gedehnt. „Sogar vier.“ „Aeltere oder jüngere?“ „Alle jünger als ich.“ Dies ſagte Eduard eben⸗ falls etwas langſamer, weil ihm in dieſem Augenblicke erſt einfiel, daß es ſeine Schweſtern ja eigentlich nicht wären.— Mr. Brown war ſtill. Er ſchien etwas zu über⸗ legen. Doch bezwang er ſich und fuhr im vorigen Ge⸗ ſprüch fork. „Alſo Sie haben nie eine Verbindung mit einem Mäͤdchen gehabt, die Ihre Zukunft hätte bennruhigen können?“ 3 „Nie, Mr. Brown! Dieſes herrliche Gefühl, ein edles Weib zu lieben, bewahre ich mir für ſpätere Zei 4* ———n — 52 ten auf. Ach! ich habe noch andre Aufgaben und Pflich⸗ ten vorher zu erfüllen.“ „So? Sie haben Aufgaben und Pflichten?“ „Große, wichtige, ernſte und auch ſchwere Pflichten, Mr. Brown.“ „Wir ſprechen wohl ein andermal davon. Ich bin ſehr, ſehr neugierig, was Sie betrifft, wie Sie ſehen. Doch ich weiß, Sie verzeihen mir. Jetzt ſprachen wir von der Liebe. Haben Sie nie ein Mädchen kennen ge⸗ lernt, das Ihre Liebe verdiente?“ „Doch, gewiß! Aber ich habe ſie nicht geliebt, mit meinem Herzen, Mr. Brown. Auch liebte ſie ein Freund, jener Raphael, und dieſer hat ſie ſich erworben.“ „Sie waren wohl ſein Beiſtand und ſein Siegelbe⸗ wahrer.“ 4 „So etwas!“ Und Eduard mußte wirklich über die Fragen des alten Mannes lächeln. „Würden Sie ſie geliebt haben, wenn jener Freund Ihr Vertrauen nicht beſeſſen hätte?“ „Nie, Mr. Brown. Sie war meine Schülerin und ihr Vater ein reicher Mann. Wenn ich je heirathe, werde ich es nur aus innerſter Ueberzeugung thun, daß mein Gefühl reines Gefühl, nicht aus Berechnung oder einem Vernunftgrunde entſtanden iſt. In dieſem Punkte habe ich meine eigenen Anſichten.“ p — 3 — 8 5s „Aha!— Aber das Gold hat Sie doch nicht von jenem Maͤdchen verſcheucht?“ „Ach nein! ich haſſe das Gold nicht. Das wäre ja grade ein Mittel, meine Ideen in's Leben zu führen.“ „Ich verſtehe. Wohl Ihnen! Sie lieben am lieb⸗ ſten mit dem Herzen und dem Verſtande zugleich?“ „Wenn das je möglich wäre und wirklich ſein könnte, gewiß. Aber Herz und Verſtand ſind hierbei ſelten im Bunde.“ „Sehr ſelten. Auch glückt es nicht immer. Ich bin ein ſichtbares Beiſpiel davon. Die Liebe hat mich ſehr unglücklich gemacht, Herr Doctor!“ Eduard äußerte ſanft ſeine Theilnahme. „Es iſt lange her,“ ſagte der alte Mann mit etwas bebender Stimme, als wenn er zu ſich ſelbſt ſpräche,„und doch kann ich auch heute noch nicht ohne die qualvollſten Schmerzen daran denken. Ich liebte in meiner Jugend — freilich es war nicht mehr die erſte Jugend— ich war etwa zweiunddreißig Jahr alt— ich liebte ein acht⸗ zehnjähriges Mädchen, heiß und innig— es war meine erſte wahrhafte Liebe.“ „Und doch waren Sie unglücklich?“ „Sehr! Grade die aufrichtigſte Liebe iſt in der Re⸗ gel die unglücklichſte. Sie liebte mich wieder, wir ver⸗ banden uns für alle Zukunft— in Gedanken. Aber ach! ſolche Gedanken ſind auch Luftſchlöſſer! Das Mäd⸗ =54— chen hatte einiges Vermögen und da mir, einem Kauf⸗ mann, dies von Vortheil zu ſein verſprach, ſo nahm man an, der Grund meiner Neigung ſei dieſes Vermögen allein. Ich war damals nichts, das Mädchen aber, ein armes Stiefkind, mußte ihren gelehrten oder beamten⸗ ſtolzen Verwandten ein Opfer bringen. Wir beide wa⸗ ren das Opfer und unſer Glück dazu. Tauſend Ver⸗ ſuche, tauſend Bitten, den Beifall der Eltern zu gewin⸗ nen, waren vergeblich. Man riß uns auseinander, man entfernte, da man mich nicht von ihr entfernen konnte, das Mädchen von mir. Mit Mühe erfuhr ich, wo man ſie feſſelte. Wir fanden Mittel uns zu ſchrei⸗ ben. Bald darauf ſtarben ihre Eltern. Auf dem Sterbebett der Mutter hatte man die Barbarei, ihr einen Eid abzunöthigen, einen älteren Mann aus der Verwandt⸗ ſchaft zu ehelichen. Halb gebrochenen Herzens heirathete ſie jenen Mann. Ich war damals ſchon in, Amerika. Etwa ſechs oder ſieben Jahre dauerte dieſe Verbindung. Da ſtarb zuerſt der Mann, nach einigen Jahren auch die Frau, das Mädchen meiner unvergeßlichen Liebe. Erſt nach ſechsjähriger Ehe war eine Frucht aus dieſer Ver⸗ bindung entſtanden, kurz vor dem Tode der Mutter ge⸗ boren. Während meines Beſuchs in der Heimath, vor einigen Wochen, begab ich mich, unerkannt zu dem einzi⸗ gen noch lebenden Verwandten meiner Jugendgeliebten, dem Vormunde ihres Sohnes, um nach dieſem zu forſchen, 4 ·. — * — 55— ein Hauptgrund, warum ich in meinem Alter noch einmal den Ocean durchſegelt— aber—“ „Nun?“ „Der Knabe war todt. Meine Reiſe iſt vergebens geweſen.“— Und der alte Mann legte ſein wehmüthiges Geſicht in ſeine Hände und zerdrückte eine Thräne in ſei⸗ nem ſchönen Auge. „Und nun?“ fragte Eduard weiter. „Was nun noch? Nun ſegle ich noch einmal über den Occan und lege mich ſchlafen.“ „Traurig!“ dachte Eduard,„der arme alte Mann! ſolche andauernde Liebe! ſolche lebhafte Erinnerung! Wie ſtark muß ſein Herz für jenes Weib geſchlagen haben!“ „Maſſa! es wird kühl!“ erinnerte der ſorgſame Neger.— „Ja, ja, Ithyſſa, wir gehen! Kommen Sie. Das Meer haben Sie wohl noch nicht geſehen? Ach! es iſt ſo tief und ich ſchwimme ſo gern darauf. Mir iſt immer zu Muthe, als könnte ich in ſeinen ungemeſſenen Grund Alles verſenken, was mich traurig macht. Ich weiß nicht, ich bekomme ſo plötzlich eine Sehnſucht darnach. Hier in Baden, dieſem mit Recht genannten Garten Deutſchlands, ſo ſchön es iſt, behagt es mir nicht mehr. Die Menſchen kommen mir vor, als wären ſie aus ihrem ruhigen Gleichgewicht gerückt. Sie murren, ſind unzuſrieden, man ſieht ihnen eine innere Aufregung an— das liebe — 56— ich nicht; ich habe am liebſten ruhige, zufriedene, immer gleich geſtimmte Menſchen. Darum gefielen Sie mir ſo⸗ Sie ſind ſo gleichmäßig heiter, in ſich ſelbſt beruhigt, Sie ſetzen der drängenden Außenwelt die drängendere innere entgegen. Das muß der Menſch, der Genuß am Leben haben will. Sie ſollten mich nach Schweden und Dänemark begleiten, eine kleine Seefahrt verſuchen, Frankreich können Sie immer noch ſehen.“ Eduard hielt dieſen plötzlichen Ausbruch, der gar keinen tieferen Grund zu haben ſchien, anfangs für einen Scherz. Als er aber ſchweigend den alten Mann be⸗ trachtete, begegnete er einem ernſteren Blick als ge⸗ wöhnlich. „Ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten ſoll. Freilich wollte ich nach Paris, aber das Meer— das Meer hat ſchon meine Jugend in Flammen geſetzt. Ich hatte anfangs die Abſicht, Seemann zu werden, aber meine Verhältniſſe ſprachen dagegen.“ 6 „Nun, ſehen Sie wohl. Beſinnen Sie ſich nicht lange. Eine beſſere Gelegenheit findet ſich für Sie nicht wieder. Wir gehen nach Rotterdam, da erwartet mich ein Schiff. Dann gehen wir durch den Sund nach Stockholm— auch ein Stück von Norwegen ſollen Sie ſehen. Dann nach Kopenhagen und endlich nach Jüt⸗ land, wo ich einen aſten Freund habe, den ich auch ein⸗ mal ſeben muß. Ueber Hamburg kehren Sie zurück in ——— — 57— Ihre Heimath und erzählen Ihrem Vater und Ihren Freunden: Seht, das habe ich gethan, um einen alten Mann, der einſam in der Welt ſtand, zu begleiten und ihm noch einige Tage ſein Leben zu verſüßen. Schlagen Sie ein!“ „Wie lange dauert die Reiſe?“ „Jin November muß ich wieder zu Hauſe ſein, alſo können Sie ſchon im October zurückkehren.“ „Das ſtimmte,“ ſagte Eduard nachdenkend,„Anfang November beginnen meine Vorleſungen.“ „Nun, alſo?“ „Gedulden Sie ſich ein paar Stunden, Mr. Brown, ich will es mir überlegen, meine Antwort ſoll nicht auf ſich warten laſſen.“— „Vorausgeſetzt, daß Sie es gern thun und daß Sie Ihrem Vater damit kein Mißfallen erregen.“ „Das iſt das Wenigſte. Ich bin mein freier Herr in dieſen Dingen. Wohin ich gehe, gehe ich meinem Vater recht. Er hat ſtets nur eine billigende, nie eine befehlende Autorität über mich ausgeübt.“ „Glücklicher Vater!“ „Nein, glücklicher Sohn!“ „Auch das, auch das!“— Mit dieſen Worten wa⸗ ren ſie an ihr Gaſthaus gekommen, in welches ſie eintra⸗ ten.„Alſo noch heute Abend?“ fra. Mr. Brown. „Bei Tiſche ſollen Sie meine Antwort haben.“ — 58— „So ſage ich Ihnen bis dahin Lebewohl. Ithyſſa, beſorge mir geſchwind ein Sähreibzeng und einige gut ge⸗ ſchnittene Federn.“ Als Eduard auf ſeinem Zimmer angelangt war, ſetzte er ſich nieder und dachte in aller Ruhe über das neue Ereigniß nach, welches wieder ſo unerwartet ſeinen Lebensgang durchkreuzen wollte. Wie er es aber auch überlegte, er fand keinen Grund, den Bitten des alten Mannes, die etwas Dringendes, wenn nicht Flehendes an ſich hatten, entgegen zu handeln. Er ſetzte ſich nie⸗ der, theilte dem Pflegevater ſchriftlich ſeine neue Bekannt⸗ ſchaft mit, erzählte, wie Mr. Brown bisher ſein Reiſege⸗ fährte geworden und ſolchen Geſchmack an ihm gefunden, daß er ihm eine Reiſe in das nördliche ſtatt in das ſüd⸗ liche Europa vorgeſchlagen habe. Er halte es für rath⸗ ſam, diesmal den unvorbereiteten Schritt dem vorbereite⸗ ten vorzuziehen, zumal verſchiedene Annehmlichkeiten, na⸗ mentlich das längſt erſehnte Seeleben, den erſteren in günſtigerem Lichte erſcheinen ließen. Frankreich ſei ihm allerdings näher, aber es ſei vielleicht gerathener, wenn ſeine zweite Reiſe in einigen Jahren mit dieſem ſchönen Lande auch zugleich die Schweiz und Italien umfaſſe, die ja doch eigentlich wegen ihres innern und äußern Zu⸗ ſammenhanges zugleich geſehen werden müßten.“ Als dieſer Brief geſchrieben, aber noch nicht abge⸗ ſandt war, weil Eduard von Mr. Brown ſich erſt den 8 — 59— Ort wollte beſtimmen laſſen, wohin ſein Pflegevater die Antwort ſenden könne, begab er ſich auf das Zimmer Mr. Browns, wo diesmal, wie ihm Ithyſſa gemeldet, das Abendeſſen aufgetragen war. Er fand den alten Mann beim Schreibtiſche, heiteren Angeſichts, eine köſt⸗ lich duftende Cigarre rauchend. Ithyſſa ſtand vor ihm und ſchaute aufmerkſam den guten heute ſo ungewöhnlich lebhaften Maſſa an. „Setzen Sie ſich, mein junger Freund, ich ſtehe ſogleich zu Dienſten— eine Cigarre, Ithyſſa. Dieſer nahm aus einem ſchönen Reiſeetui behutſam eine Cigarre, legte ſie auf einen Teller und brachte ſie Eduard mit einem brennenden Fidibus, wobei er lachend ſeine ſchö⸗ nen Zähne zeigte und halblaut flüſterte: „Fein, ſehr fein, Maſſa Doctor!“ „Wie ſchmeckt die Eigarre?“ fragte Mr. Brown ohne von ſeinem Schreiben aufzuſehen. Eduard ſog den herrlichen Duft ein, und obgleich an Joſephſons ſchöne Gaben der Liebe gewöhnt, erſchien ihm der jetzige Genuß doch bei Weitem dem früheren überlegen. 7 „Ich habe nie etwas Schöneres geraucht,“ ſagte er. „Das will ich glauben,“ war die kurze Antwort. „Sind aber Lald zu Ende, Maſſa!“ bemerkte Ithyſſa— — 60— „Leider, leider, ja! Nun, wir kommen bald auf's Schiff mein Junge, da iſt Vorrath genug.“ „Alſo auf's Schiff?“ rief der Mohr freudig und, einen Freudenſprung machend, ſchlug er ſich mit beiden Händen dabei auf die Schenkel. 3 „Ja, auf's Schiff und ich hoffe, unſer junger Freund hier wird uns begleiten.“ Der Mohr warf einen verwunderungsvollen Blick auf Eduard und ſeine Augen nahmen die funkelnde Farbe eines Glühwurms im Abend⸗ dunkel an. „Laß uns das Eſſen beſorgen, mein Junge— zwei Flaſchen, Du weißt ſchon!“ Ithyſſa war zum Zimmer hinaus und Mr. Brown erhob ſich. Sein braunes ſtrahlendes Auge richtete ſich fragend auf ſeinen jungen Gefährten. „Nun,“ ſagte er,„habe ich dem Neger zu viel ge⸗ ſagt oder nicht?“ „Ich bin entſchloſſen, Ihre Einladung anzunehmen. An meinen Vater habe ich geſchrieben, wo kann ich ſeine Antwort erwarten?“ „Nun, das wußte ich wohl. Hier zuvor meinen Dank!“ Und er hielt ihm die zarte Hand hin.— „Da ſehen Sie,“ fuhr er fort,„da ſteht's ſchon auf dem Papiere, daß ich Sie mitbringe, ich ſchreibe an mei⸗ nen Agenten in Rotterdam und laſſe uns Quartier be⸗ ſorgen. Natürlich, nach Rotterdam laſſen Sie Ihre. 2 — — — 61ñ— Briefe kommen. Wir halten uns doch einige Tage dort auf und machen einen kleinen Abſtecher nach Amſterdam. Das müſſen Sie ſehen und während ich Geſchäfte habe, laufen Sie mit dem Mohren umher. Alſo Sie gehen mit? Ei, das iſt vortrefflich. Wann gehen wir ab?“ „Wir wollten ja erſt nach Freiburg!“ „Ja, ja, das wollten wir. Unter uns geſagt, ich wünſchte, wir wären erſt auf dem Schiff. Mir behagt es auf dem Feſtlande nicht mehr. Ich glaube, ich habe das Heimweh und weiß nicht, wie das ſo plötzlich ge⸗ kommen iſt. Und zwar von dem Augenblicke an, wo ich Ihnen den Vorſchlag machte, mit mir zu gehen.“ „Ich kann mir den Grund wohl denken,“ erwiderte Eduard unbefangen. „O, junger Freund, denken kann ich mir ihn auch, man kann aber nicht Alles ſagen, was man denkt, das iſt es. Wiſſen Sie was— beendigen Sie Ihren Brief ſogleich und ſenden Sie ihn noch heute ab, um ſo cher erreicht er ſein Ziel.“ 3 Eduard ging ſogleich und ſchloß ſein Schreiben. Sodann wurde es auf die Poſt geſchickt. Als ſie eine Stunde ſpäter beim Glaſe Wein ſaßen, trug es der eilende Dampfwagen ſchon der Heimath zu. Bis elf Uhr plauderten ſie und Eduard hatte Urſache, die Heiterkeit des Greiſes zu bewundern, die ſo plötzlich gekommen wag und ſeinen periodiſchen Trübſinn zugleich verſcheucht — 62— haben ſchien. Als Eduard auf ſein Zimmer gehen wollte, ergriff Mr. Brown ſeine Hand und ſie warm drückend, ſagte er: 4 „Ich habe noch Eins zu ſagen und diesmal dulde ich keinen Widerſpruch. Von dem Augenblick an, wo ich Ihre Reiſepläne durchſchnitten und Sie meinen Vorſchlag angenommen haben, ſind Sie natürlich mein Gaſt. In Allem, lieber Doctor! ohne Widerrede. Und nun gute Nacht!— Ithyſſa, leuchte!“ Eduard wollte etwas entgegnen, aber freundlich ſchob ihn der alte Mann zur Thür und zwei Augenblicke darauf folgte er dem mit einer Kerze voranſchreitenden ſchwarzen Diener.— 4 Am nächſten Morgen bei Zeiten waren die Reiſen⸗ den auf dem Wege nach Karlsruhe, wo Mr. Brown einige Geſchäfte hatte. Am nächſten Tage ging es nach Freiburg und in die benachbarte herrliche Berggegend. Der Amerikaner wurde von einer ſichtbaren Unruhe ge⸗ plagt, ſo daß Eduard wegen des zu kurzen Aufenthalts an den ſchönſten Punkten Badens keinen Einſpruch wagte. Endlich war der Wendepunkt ihrer ſüdlichen Reiſe erreicht. Baſel und die Umgegend war beſichtigt und ſie ſtanden 1. vor dem Rheinfall bei Schaffhauſen. „So,“ ſagte Mr. Brown, als Eduard nach einer ehrſtündigen Sitzung die Skizze deſſelben entworfen, und in ihr Gaſthaus traten,„ſo! jetzt haben wir den „ — 63 Süden hinter uns, jetzt geht es nach dem Norden. Lebe wohl, Du ſchönes badiſches Land— wir ſehen uns in dieſem Leben nicht wieder!“ Und nördlich ging es in eilfertigſter Reiſe. Was mit Dampfbooten, Dampfwagen oder Extrapoſten nur zu erreichen war, wurde ſchleunigſt erreicht, Mr. Browns Haſt wuchs von Tage zu Tage, er hatte keine Ruhe mehr auf dem feſten Boden. Sein Auge glühte von innerer ziegung und ſeine Hand zitterte, wenn er das Glas an den Mund ſetzte. Dabei ſprach er wenig, nur in abgeriſſenen Sätzen, und nur wenn er Abends im Bette Eduards Werkchen las, welches dieſer ihm freimüthig überliefert hatte, kam eine ſüße Ruhe über ihn, und ſeine langſam brennende Cigarre behaglich weiter rauchend ſagte er leiſe zu ſich:„Alles, Alles, wie ich es mir einſt geträumt und wie ich es nicht ausführen konnte, denn ich war nicht mein eigener Herr. Dem Schickſal war ich ver⸗ fallen, ich mußte meine eigene wunderbare Bahn durch⸗ laufen und bald— bald wird ſie vollendet ſein. Wir müſſen eilen. Ich habe zu Hauſe viel zu thun. Jetzt weiß ich, was ich thun muß. Hätte ich nur eine Gewiß⸗ heit, wo ich bis jetzt blos die Hoffnung habe! Aber— Geduld, ich werde, ich muß es erfahren. Sein Auge, ſeine Stirn, ſeine Stimme täuſcht mich nicht— hier in meinem warmen Herzen ſtehen die Züge geſchrieben, die ich auch bei ihm gefunden habe. Das muß er ererbt 8 haben, wie er meine Gedanken geerbt hat. Nun, und wer die Gedanken eines Menſchen erbt, der kann— hm! wir wollen ſehen, wir wollen ſehen! Habe ich ihn nur erſt auf dem Schiffe!— Ithyſſa, noch eine Cigarre!“ Und der Neger, der nicht von dem Bette ſeines Herrn wich, als bis er entſchlafen war, brachte die Cigarre und bemerkte: „Maſſa! es ſind nur noch zwölf in dem Käſtchen.“ „Thut nichts, immer her damit, wir finden bald 3 mehr!“— Viertes Kapitel. 4 5 Die hölzerne Beata. 4 E⸗ war am Abende eines der letzten Maitage, als un⸗ ſere drei Reiſenden in Rotterdam anlangten und in einem der größten Gaſthöfe, unweit der de Boompjes am Kai an der Maas abſtiegen, wo ſie von einem jungen Manne empfangen wurden, der ſich mit den Zeichen der tiefſten Ehrfurcht Mr. Brown näherte und mit freundlichem Hän⸗ deſchütteln begrüßt wurde. „Alles fertig, Mr. Treaden?“ war Mr. Browns erſte Frage.„Beata klar? Mein Brief iſt doch gekommen? Mich auch verſtanden?“ „Er iſt gekommen, und Alles verſtanden, Mr. Brown!“ erwiderte der junge Mann, einen beſondern Nachdruck auf den eben ausgeſprochenen Namen legend. „Die Beata iſt in einigen Tagen ſegelfertig— klar iſt ſie ſeit drei Tagen. Hier iſt das Zimmer, Mr. Brown!“ Der Inſelkönig. III. 5 — 66— „Gut! Und wo wohnt mein junger Freund?“ „Hier gegenüber, wenn's gefällig iſt.“ Und damit zeigte er auf eine Thür, die ein Kellner ſchon geöffnet hielt.— Eduard war alſo in Holland, an das er in ſeinem ganzen Leben wenig gedacht hatte. Bald hatte er ſich in ſeiner neuen Wohnung behaglich eingerichtet und ſtand nun am Fenſter, aus dem er, mit einem Gefühle nie gehegter Verwunderung auf das Treiben des belebten Kais herniederſchaute. Die Spaziergänger ſtrömten, die Geſchäftsleute liefen im Sturmſchritt einher, und in den Fahrzeugen, Jachten und Booten auf der Maas war ein Gewirr und Gelärme, wie man es nur in einer großen Seeſtadt zu finden Gelegenheit hat. Auf dem Flur vor ſeinem Zimmer wurde ebenfalls hin⸗ und hertreibende Bewegung laut. Menſchen kamen und gingen zu ſeinem Reiſegefährten, und Alle in einer Geſchäftigkeit, die ihn in Mr. Brown ohne Zweifel einen bedeutenden Handels⸗ een erkennen ließ. Es dauerte nicht lange, ſo trat 5 Ithyſſa mit blendendem Lächeln auf dem glänzenden Ge⸗ ſichte ein. „Maſſa Doctor!“ begann er in ſeiner tiefen, abge⸗ brochenen Redeweiſe.„Maſſa drüben um Entſchuldigung bitten— hat für den Augenblick viel zu thun— aber bald ſertig ſein.“ „Kommen die Leute alle zu Ihrem Herrn, Ithyſſatn 4 — — 67— „Nicht Ihrem ſagen, Maſſa Doctor! Ithyſſa das nicht gern hört und nicht gewohnt. Du— Du, hört Ithyſſa viel lieber.“ „Nun, wenn Du es ſo willſt, das kann ich auch. Gehören die Leute alle zu den Dienern Mr. Browns?“ „Nein, nicht alle! Viele vornehme Leute aus der Stadt Beſuch machen— auch Geſchäfte! Maſſa hat viel Geſchäfte!“ „Das ſehe ich. Haſt Du Zeit? Wollen wir nicht an das Waſſer gehen?“ „Darum Ithyſſa gekommen. N gleiten!“ Und ſie gingen hinunter, den Kai entlang, der Eduards ganze Aufmerkſamkeit mit ſeinen verſchieden ge⸗ ſtalteten Schiffen in Anſpruch nahm, und wo der Reger dem ſeefremden Feſtländer die Namen der Schiffe und ihre verſchiedenen Bezeichnungen nannte. „Nur holländiſche, ſchwediſche, ſpaniſche Schiffe!“ ſagte er,„aber keine Engländer dabei. Amerikaner gar nicht!“— „Wo liegen denn die amerikaniſchen Schiffe, die hier ſo häufig anlegen ſollen? Ich ein begierig, eins zu ſehen.“ 2 „Heute noch nicht, Maſſa Doctor! Ithyſſa darf nicht!— Maſſa ſelber Maſſa Doctor führen!u „Aha! Das iſt alſo der Hafen?“ 3 Kaſſa Doctor be⸗ — 68— „Ithyſſa denkt nicht daran! Hafen da herum— viel größer, ganzer Wald von Raaen und Maſten. Da, da— das iſt ſchöner Schooner— engliſches Schiff— ſehr ſchön!“ Langſam herein bugſirt, ſchwebte der zweimaſtige ſchöne rabenſchwarze Schooner mit gerefften Segeln den Kai entlang. Endlich hielt er. Die Ankerkette raſſelte polternd herunter und der Anker hielt das herrliche eben⸗ mäßig gebaute Schiff feſt. Noch wehte die engliſche Flagge an ſeinem Raa, die der leiſe Abendwind langſam und ſchwer entfaltete und wieder umrollen ließ. Nach einigen Minuten aber ward ſie herunter⸗ gehißt. „Schooner will ſchlafen gehen!“ ſagte der Mohr. „Sicheres Bette!“ 1 4 Als ſie wieder in den Gaſthof zurückgekehrt waren, zeigte ſich Mr. Brown immer noch nicht. Dafür aber brachte der nach der Poſt geſandte Lohndiener ein ganzes Paket Briefe. Auch für Eduard war einer dabei. An des Vaters Handſchrift erkannte Eduard den Abſender. Freudig und neugierig zugleich erbrach er ihn. Mit Befrisdigung hatte er ihn eben zu Ende geleſen, als Mr. Brown in'’s Zimmer trat. Noch ſchwebte die geſchäftliche Miene auf ſeiner ruhigen Stirn. Als er aber ſeinen jungen Gaſt mit dem Briefe in der Hand ſah, nahm ſein Geſicht einen gemüthlicheren Ausdruck auu. 69 Er ſtellte ein Cigarrenkäſtchen, das er in der Hand hielt, auf den Tiſch, ſah ſich im Zimmer um und trat auf den jungen Mann zu, dem er die Hand ſchüttelkte und in Rotterdam willkommen hieß. 8 „Hier ſind die längſt erſehnten ſpaniſchen Tabaks⸗ röllchen,“ ſagte er,„nun gehen ſie uns nicht wieder aus. Schon einen Brief, mein junger Freund?“ „Und ſogar von Hauſe!“ entgegnete Eduard freudig. Der Amerikaner ſah ihn fragend an. Eduard ver⸗ ſtand ſeinen ſprechenden Blick. „Sie können ihn leſen!“ ſagte er, und reichte den Brief hin. „Ich bin begierig, dieſen Vater kennen zu lernen,“ erwiderte der Amerikaner,„und zu hören, wie er Ihren neuen Reiſeplan aufgenommen hat, daß ich Ihre Erlaub⸗ niß dankbar annehme.“ Und ſchon hatte er den Brief in der Hand, ſetzte ſich nieder und las ihn, nachdem ein Kellner zwei bren⸗ nende Wachskerzen auf den Tiſch geſtellt hatte. Eduard beobachtete den leſenden alten Mann, der ſeine Brille aufgeſetzt hatte, und konnte ſich den Grund nicht ent⸗ ziffern, warum Mr. Brown dieſen Brief mit ſo wichtiger Miene und ſo hingebendem Intereſſe las. Unter vielen anderen Dingen, die die Bekannten in Bilſingen und das elterliche Haus betrafen, ſchrieb der Paſtor am Schluſſe ſeines Briefes Folgendes: — „Und was nun Deinen veränderten Reiſeplan be⸗ trifft, mein lieber Eduard, ſo freuen wir uns Alle über die glücklichen Umſtände, die denſelben veranlaßt haben. Ich grüße im Stillen den unbekannten, ehrenwerthen und freundlichen Mann, den Dir die gütige Vorſehung wieder in den Weg geführt hat. Leider kann ich ihm nicht per⸗ ſoͤnlich meinen Dank ſagen, allein, da ich Dich kenne, weiß ich, daß Du ihm unſere Gefühle mittheilen und ihm auch Deine eigene Dankbarkeit durch Dein gewohn⸗ tes liebevolles Weſen an den Tag legen wirſt. Seine unerwartete Bekanntſchaft ſei Dir, wie ſie es mir iſt, wieder ein Beweis der göttlichen Fürſorge, die Deine Angelegenheiten, in Ermangelung eines irdiſches Erzeu⸗ gers, in ihre gnädige Obhut genommen zu haben ſcheint. Du kannſt Dich eigentlich über Dein Geſchick nicht be⸗ klagen, ſo dunkel und trübe es uns bisweilen erſcheinen will, denn, die geringen Beweiſe meiner Liebe und Sorg⸗ falt abgerechnet, haſt Du, wo Du auch bis jetzt geweſen biſt, Menſchen gefunden, die Dich freudiger förderten und beſſer unterrichteten, als es vielleicht kaum Deinem wirk⸗ lichen Vater möglich geweſen wäre. Gedenke alſo in Deinem Herzen der Güte des Schöpfers und vergiß ſei⸗ ner nicht auf allen Wegen, die Du jetzt und künftig wan⸗ deln wirſt. Er behüte Dich auf dem Meere, wie er Dich auf dem Lande behütet hat! Ich habe ein gläubiges Ver⸗ trauen in ſeine ſchützende Hand, möge es Dir auch nicht — 1— daran fehlen, nie und nimmer! Die Mutter und die Schweſtern, wie auch unſexe befreundeten Nachbarn, grüßen auf das Herzlichſte, von Louiſe liegen einige Zeilen bei. 4 „Dein treuer Vater „Heinrich Wollzagen.“ Der Fremde hatte langſam, Wort für Wort, den Brief zu Ende geleſen. Eine feine Röthe beſchlich ſein gewöhnlich etwas bleiches C Geſicht. Sein braunes Auge wandte ſich betroffen und fragend auf den jungen Mann, der in ſeiner ganzen Größe vor ihm ſtand und ruhig 4 wartend ihn betrachtete. „Was iſt das?“ ſagte er leiſe und wie mit ſich ſelbſt redend.„Iſt das denn nicht Ihr leiblicher Vater?“ Eduard wurde betroffen und ſenkte den Blick zur Erde. Er hatte vergeſſen, daß er vorher niemals gegen Mr. Brown des Umſtandes Erwähnung gethan, daß er nur das Pflegekind des Paſtors Wollzagen ſei. „Ich habe vergeſſen, Mr. Brown,“ ſagte er frei⸗ 4 müthig,„Ihnen in unſeren Geſprächen über meine Fa⸗ milie zu ſagen, daß der Paſtor Wollzagen nur mein Pflege⸗ vater iſt 4 „So! das war mir neu! Darf ich dann nach Ih⸗ rem wahren Namen fragen?“ Eduard zuckte die Achſeln!„Ich weiß ihn noch nicht!“ erwiderte er mit leiſem Beben der Stimme. — 22— „Sie wiſſen ihn nicht! So!“ Und Mr. Brown erhob ſich. Er griff mit der Hand nach ſeinem Herzen. Vor ſeinen Augen wurde es dunkel. Er ſchien zu ſchwanken. „Ihnen iſt doch nicht unwohl?“ fragte Eduard be⸗ ſorgt, und faßte mit beiden Armen den alten Mann an. „Bitte! nein! Es kommt von der ſchnellen Reiſe. Ich muß etwas friſche Luft ſchöpfen. Auch habe ich noch ein Geſchäft. Zum Abendeſſen ſehen wir uns wieder. Adieu bis dahin!“ Und er ging feſten Schrittes aus dem Zimmer. Nach einigen Augenblicken ſah ihn Eduard bei dem Schim⸗ mer der hellen Laternen aus der Thür des Gaſthofes treten und, die Hände, wie es ſeine Gewohnheit war, auf dem Rücken gefaltet, den Kai hinunterwandeln. Der Neger ging wie immer einige Schritte hinter ihm. Als zwei Stunden ſpäter das Abendeſſen, das wie gewöhnlich auf dem Zimmer Mr. Browns eingenommen wurde, vorüber und die zweite Flaſche Lafitte, des Ame⸗ rikaners Lieblingswein, entkorkt war, glaubte dieſer, ein Stillſchweigen brechen zu müſſen, das er beinahe unnn⸗ terbrochen während des Eſſens beobachtet hatte. „Ich bin heute Abend ſehr ſtill, Herr Wollzagen,“ bemerkte er,„und bitte um Verzeihung. Die in meiner Abweſenheit aufgehäuften Geſchäfte nehmen für den Au⸗ genblick alle meine Gedanken in Anſpruch. Ich hatte Rotterdam zu einem längeren Aufenthalte auf dem alten Feſtlande gewählt, weil ich die übervolle Gaſtfreundlichkeit der Amſterdamer fürchtete. Nun bin ich, wie ich beſorge, aus dem Regen in die Traufe gekommen. Die guten Rotterdamer, da ſie mich einmal haben, wollen mich auch ſeſthalten, und ich habe ſchon heute Abend alle Beredungs⸗ kunſt angewendet, einem Dutzend Mittag⸗ und Abendeſſen aus dem Wege zu gehen.“ 4 „Ich hoffe doch nicht, daß meine Anweſenheit Sie im Geringſten beengen wird?“ entgegnete Eduard. „Ich laſſe mich von Niemandem beengen, ſelbſt von Ihnen nicht. So lange man noch Geſchäfte macht, gehen ſie immer dem Vergnügen voran, ſelbſt dem Vergnügen, Ihre Unterhaltung zu genießen, mein junger Freund. Der Beſuch zahlreicher Geſellſchaften aber, übermäßiges Eſſen und Trinken, ſind nie ein Vergnügen für mich ge⸗ weſen, und jetzt bin ich ſogar ein Feind davon. Mit Einem Worte, ich habe Alles abgelehnt. Nur um Eins muß ich bitten, und Sie müſſen meine Entſchuldigung gelten laſſen. Ich habe Ihnen einen kleinen Abſtecher nach Amſterdam verſprochen. Dieſe Stadt ſollen Sie auch ſehen, aber Sie müſſen ſich mit meinem Sekretair, Mr. Treaden, als Begleiter begnügen. Ich reiſe nicht mehr zu Lande, es iſt mir zu beſchwerlich. Ein altes Bruſtübel hat mich von Neuem befallen, und ich muß noch geſund und kräftigen Geiſtes nach Hauſe kommen. — 2— 8- Reiſen Sie alſo meinetwegen morgen mit Mr. Treaden nach Amſterdam, betrachten Sie alle ſeine wunderbaren. Kunſtſchätze und Alterthümer; wenn Sie aber in einigen Tagen wieder hier ſind, bin ich ſelbſt mit meinen Ge⸗ ſchäften fertig, und wir ſtechen in See. Nur die See⸗ luft und die ſanfte Bewegung eines guten Schiffes behagt mir noch. Für alles Uebrige bin ich zu alt. Weiß es Gott! meine Jahre ſind noch nicht bis an des Menſchen Maß gelangt, aber ſehen Sie mein Haar, ſo war es ſchon, als ich noch nicht funfzig zählte. Und doch habe ich unſchuldig gelebt und die Gaben der Natur mäßig, ja ſparſam genoſſen.“ „Manche Menſchen werden durch gehäuftes Arbeiten alt, oder durch Kummer.“ „Arbeit habe ich genug gehabt. Ach ja! Was hätte ich angefangen, wenn mich die Arbeit nicht hinreichend beſchäftigt hätte! Für mich war das eifrige Denken die ſüßeſte Ruhe, denn wenn der Geiſt thätig iſt, ſchlummert das Herz. O ja!— Sagen Sie, wer iſt dieſe Louiſe, deren Ihr Vater in ſeinem Briefe gedenkt?“ „Sie iſt meine älteſte Schweſter!“ „ Da ſie Ihre Pflegeſchweſter iſt— nicht wahr, ſie iſt es doch? Nun ja, da ſie es iſt, ſo kann ſie möglicher Weiſe noch Ihre Gattin werden?“ Dieſe wieder ſo plötzlich ausgeſtoßene Frage, wobei ſich das Auge Mr. Browns etwas verſchleierte, erregte bei Eduard ein ablehnendes Lächeln. „Nein, Mr. Brown,“ ſagte er,„Louiſe iſt ein vor⸗ treffliches und ſanftes Mädchen, ſie wird aber weder mich noch einen Andern heirathen. Ihr ernſtes, ſcheues Weſen eignet ſich nicht zu dem allgemeinen Berufe des Weibes. Sie wird lieber ihre anderen drei Schweſtern glücklich im ehelichen Bande ſehen, als ſich ſelbſt. Ich weiß es.“ „Aber Sie— Sie, mein Freund, hätten vielleicht gern ein ſanftes Weſen an Ihrer Seite?“ „Ich habe keine anderen Gefühle für Louiſe, als für eine wirkliche Schweſter, und werde nie andere für ſie haben.“ „Hm!“ brummte der Amerikaner und trank ſein Glas des edelſten Weines von Frankreich aus. Bald darauf gähnte er. Eduard erhob ſich. „Ich will Ihnen gute Nacht ſagen, Mr. Brown, auf morgen alſo!“ „Auf morgen denn! Gut!— Aber da fällt mir ein, ſind Sie nicht neugierig, unſer Schiffchen zu ſchen, auf dem wir unſere Reiſe vollbringen werden?“ „Ich ſehne mich von ganzem Herzen darnach.“ „So wollen wir morgen früh um zehn Uhr an Bord gehen und das Frühſtück daſelbſt einnehmen. Nach⸗ mittag können Sie nach Amſterdam reiſen. Jetzt nehme ich wieder mein Buch vor— gute Nacht denn!“ F. — 6— Eduard erwiderte den Wunſch und begab ſich auf ſein Zimmer, wo er noch eine der köſtlichen Cigarren ver⸗ dampfte, mit denen der darin ſo leckere Handelsherr ihn freigebig beſchenkt hatte.— Am nächſten Morgen zehn Uhr begaben ſich Mr. Brown, Eduard, der Sekretair und Ithyſſa an den Kai, wo ſchon ein mit zwei Matroſen bemanntes Boot ihrer harrte. Ithyſſa ergriff das Steuer, und als Alle ſaßen, ſchlugen die Ruder in's Waſſer und das Boot flog dahin. Anfangs ging die Fahrt trotz der vielen größeren und kleineren Schiffe ziemlich raſch; als ſie ſich aber dem Blaak näherten, wo in dieſem Frühjahre die meiſten Schiffe lagen, wurde das Gewimmel der hin⸗ und herfahrenden Boote ſo groß, daß die Ruderer nur mit größter Be⸗ hendigkeit und Geſchicklichkeit ſich hindurchwinden konnten. Endlich kam man an die großen Schiffe heran. Eduards ganze Geiſtesthätigkeit war heute in ſeinen Augen ver⸗ einigt— endlich ſah er Schiffe, die den Ocean, welcher die alte und neue Welt verbindet, durchſegeln. Er ſah die hohen Borde, die ſchwarzen und bunten Rumpfe, wie ungeheure Rieſen auf dem feuchten Elemente ſchlafend, ſich von ihrem langen Laufe ausruhend; er ſah einen Wald von himmelanſtrebenden Maſten mit ihren rieſigen Aeſten, den Raaen, und ein ſcheinbar unentwirrbar durch⸗ einandergeflochtenes Netzwerk von Tauen, die, wenn man ſie mit pruͤfenden und kundigen Augen, betrachtete, doch „— eben ſo regelmäßig ihren kühnen Weg emporſtiegen, wie ein jedes von ihnen, auch das kleinſte, ſeinen beſonderen Zweck zu erfüllen hatte. „Welch kühnes, großartiges Werk iſ ſolch ein Schiff! rief Eduard, der Neuling auf dem Waſſer, entzückt aus. „Und das hat des Menſchen mächtiger Geiſt erfunden und ſeine geſchickte Hand vollendet! Wie groß iſt und kann doch der Menſch ſein!“ „Ja wohl kann er das!“ bemerkte Mr. Treaden, „und doch iſt er oft ſo niederträchtig gemein und niedrig.“ „Und nun ſollten Sie erſt dieſen Seerieſen ſeine Schwingen ausbreiten und auf dem Schaume haushoher Wogen, vom brüllenden Winde gejagt, dahinfliegen ſehen!“ ſagte Mr. Brown, der ſich an dem Entzücken ſeines Ga⸗ ſtes weidete.„Wo liegt die Beata, Treaden?“ „Dort, Mr. Brown, hinter dem ſchwarzen Englän⸗ der. Sie können ſie noch nicht ſehen!“ „Das iſt ein Oſtindienfahrer!“ bemerkte der Ame⸗ rikaner lächelnd gegen den jungen Mann, der die Augen nicht weit genng aufreißen konnte. „Hoho!“ ſchrie plötzlich der Mohr, der im Boote aufſtand und mit beiden Armen grüßte und winkte. In demſelben Augenblicke erreichte ein ungeheures heiſeres, gebrüllartiges Bellen die Ohren der im Bovte Fahrenden, das immer lauter wurde, je mehr ſie ſich von dem Oſtindienfahrer entfernten. — 78— „Borer erkennt Ithyſſa!“ ſchrie vor Freuden der Schwarze,„Boxer begrüßt ihn zuerſt.“ „Wer iſt Boxer?“ fragte Eduard, auf den eine Reuigkeit nach der andern einſtrömte. „Der wachthabende Schiffshund, Herr Doctor! Da — da iſt die Beata!“ In dieſem Augenblicke fuhren ſie durch zwei dunkel⸗ farbige Spanier hindurch, und ſahen ſich plötzlich einem Schiffe gegenüber, welches den angenehmſten Eindruck auch auf ein ſeekundiges Auge gemacht hätte. Die Beata war ein Schiff von ungefähr 6— 700 Tonnen, alſo ein Schiff von nicht geringer Größe. Es war hellgrün von Farbe mit weißen Streifen über und unter den Luken, und hatte einen ſchlanken, leicht geſchweiften Bug nebſt einem in architektoniſcher Hinſicht. geſchmackvoll ſich dar⸗ ſtellenden Spiegel. Seine etwas nach hinten liegenden Maſten, ſeine in richtiger Perſpektive gelegten Raaen, an denen die weißen Seegel feſtonartig gerefft herabhingen,— das wie mit dem Zirkel gemeſſene, zierlich auf⸗ und ab⸗ laufende Takelwerk, welches Alles entweder neu oder auf das Reinlichſte hergeſtellt war, ließen das kundige Auge des Mr. Brown freudig das Ganze und Einzelne übrr⸗ ſchauen. Kaum aber hatten ſie es erblickt, ſo legte das Boot auch ſchon an. Die Staatstreppe war herunter⸗ 4 gelaſſen. Ithyſſa ſprang zuerſt hinauf und reichte ſeinem Maſſa die Hand, dann kam Eduard, dann der Sekretai 79— ³ 1 der ſich aber ſchon ſelbſt zu helfen wußte. Oben an der Treppe ſtanden der Capitain und der erſte und zweite Steuermann, die Bootsleute, der Zimmermann, die Ma⸗ troſen, die Jungen, und was ſonſt noch an Dienſtbarem auf dem Schiffe war, Alle die Hüte ziehend und ihren Herrn und ſeinen Gaſt begrüßend. Mr. Brown reichte den Offizieren die Hand, dann ſtellte er Eduard dem Capitain vor, und redete zuletzt freundlich mit Jedermann. Ithyſſa begrüßte ſeinen Boxer, einen Hund von rieſiger Größe, grauer, ſeidenweicher Haut, breitem Schädel, blut⸗ rothem Maul, geſpaltener Naſe und doppelter Zahnreihe, faſt einen Freund. Eduard wußte nicht, was er zuerſt betrachten ſollte, denn Alles war ihm neu, er befand ſich endlich auf einem Schiffe, das die Meere der Welt durch⸗ ſegelt. Mr. Brown führte ihn ſelbſt umher, zeigte und er⸗ klärte, was zu erklären war. „Iſt denn das ein Kriegsſchiff?“ fragte der Gaſt, und zeigte auf die zwölf eiſernen Kanonen, die auf ihren Rollen vor den Luken ſtanden. „Ach nein! nur ein beſcheidener Kauffahrer. Da er aber auch nach den chineſiſchen Meeren ſegelt, wo es Pi⸗ raten gibt, ſo muß er ſich ſchon ſeiner Haut wehren kön⸗ nen, und daher dürfen dieſe ſchwarzen Böller nicht fehlen. — Alles auf dem Deck wurde beſehen, ſogar die Küche, in der ein Kochsmaat wohlriechende Beefſteaks bereitete. — mächlichen Lebens verſehen, denn es fehlte weder an we den Wohnungen gebildeter Reichen findet. Von din — 89— Als ſie die Runde gemacht batten, kehrten ſie nach dem Hinterdeck zurück, auf dem ſich, wie man an den meiſten neugebauten Schiffen findet, eine Oberdeckkajüte befand. „Nun wollen wir ſehen, ob unſere Wohnung reiſe⸗ fertig iſt, mein junger Freund,“ ſagte Mr. Brown und ließ die Kajütenthür öffnen, die ein Diener in der Hand hielt. War aber Eduard ſchon erſtaunt geweſen, auf dem Deck alle Kleinigkeiten geordnet, blank polirt und gefällig zu finden, ſo war er beinahe von der Pracht geblendet, die im Innern der Gemächer herrſchte, die ſich jetzt vor ihm eins nach dem andern aufthaten. Das erſte Zimmer war das große, es lag am mei⸗ ſten nach vorn und in der Mitte des ganzen Kajüten⸗ raums. Die Wände beſtanden aus ſchönem braunpolirtem Holze, reichlich mit Spiegeln, Goldverzierungen geſchmückt und den bequemſten Sitzen verſehen. In der Mitte ſtand ein kleines Billard, auf welches das Licht von oben und von vorn fiel. Das Billard war ſo eingerichtet, daß es einer größeren Geſellſchaft zum Speiſetiſch dienen konnte, wenn große Holzplatten darübergedeckt wurden. Rechts und links neben dieſem größeren befanden ſich zwei kleinere Zimmer, die ihr Licht von den Seiten und oben empfin⸗ gen. Sie waren mit allen Bequemlichkeiten eines ge⸗ chen Lagerſtellen, noch an Büchern und was man ſonſti in — 9— kleinen Zimmern führten eiſerne Wendeltreppen in die Unterdeckkajüten, wo an jeder Seite ein reiſend eingerich⸗ tetes Schlafzimmerchen ſich befand, an welche nach der Mitte des Schiffes zu ſich die Kajüten des Capitains, des Secretairs und der Schiffsoffiziere befanden. In dem Mittelraume unter dem Billardzimmer war das gemein⸗ ſame Speiſezimmer der Mannſchaft, an deſſen Wänden blank polirte Waffen aller Art hingen. „Wie gefällt Ihnen unſere Wohnung?“ fragte lä⸗ chelnd Mr. Brown ſeinen immer mehr verwunderten Gaſt. „Das dort iſt Ihr Zimmer und das dort das meinige— das Billardzimmer aber, denke ich, benutzen wir gemein⸗ ſchaftlich“ Eduard bezeigte ſeine Freude; daß aber ein Billard ſogar auf einem Schiffe war, konnte er nicht begreifen. „Sie ſehen,“ erwiderte der Amerikaner,„jeder Menſch hat ſeine Liebhabereien und ſeine Schwächen. Ich kann nun einmal ohne meine Partie Billard nicht leben. Es iſt das einzige Spiel, welches ich beinahe mit Leidenſchaft treibe. Wenn wir nur ruhiges Wetter, Windſtille oder einen Ruhetag haben, ſo erhole oder ergehe ich mich an dieſer grünen Tafel. Sie werden ja ſehen, wie augenehm das iſt. Sie ſpielen es doch auch, Herr Doctoree „Dis jetzt kann ich es nicht,“ 9, das thut Nichts. Mr, Treaden, ich übergebe, Der Inſelkönig. In 6 — 82— Ihnen hier dieſen Herrn; in acht Tagen müſſen Sie ihn ſo weit haben, daß er mir gegenüberſtehen kann.“ „Dazu bin ich ein zu ſchlechter Lehrmeiſter!“ be⸗ merkte der junge Mann, verbeugte ſich aber willfährig. „Nun aber das Frühſtück, meine Herren! Ithyſſa, ſchnell! Herr Capitain, ich bitte um Ihre Gegenwart.“ Augenblicklich wurde von zwei jungen Kellnern in der Kajüte des Mr. Brown eine kleine Tafel gedeckt und mit den auserleſenen Schmauſereien beladen, die ein rei⸗ cher Schiffsherr auf ſeinem Schiffe vorräthig zu haben pflegt. Der Wein wurde in geſchliffenen Karaffen auf⸗ getragen. Bald ſaßen ſie um den Tiſch, und Eduard machte die Bemerkung, daß ſein Appetit auf dem Waſſer eher erhöht als verringert erſchien. 3 „Alſo Beata heißt dies ſchöne Schiff?“ fragte er, während ſie es ſich wohlſchmecken ließen, bemerkte aber nicht, wie ſein Wirth augenblicklich die Gabel niederlegte. „So heißt es!“ antwortete er mit dumpfem Tone. „Das wäre alſo die Selige!“ „Ja wohl, die Selige!“ „Nun, was mich betrifft, ſo fängt ſie ſchon an, ihren Einfluß auf mich zu üben,“ ſcherzte Eduard,„deun ich fühle mich hier wirklich ſo behaglich, wie man ſich nur im Schooße der Seligen fühlen kann.“ „Das freut mich!“ entgegnete Mr. Brown und nahm ſein. Glas zur Hand.„Trinken wir, meine Herren.“ —— — 83— ſagte er laut,„auf das Wohl unſerer Beata zuerſt, und dann auf die Fortſetzung der Seligkeit unſers jungen Mitſchiffers.“ Und ſie ſtießen kräftig mit den Gläſern an einander, wie man es bei einem Trinkſpruche auf der See zu thun pflegt.— Am Nachmittage deſſelben Tages begab ſich Eduard, von Mr. Treaden geführt, der kurz vor ſeiner Abreiſe noch einmal ſeine Verhaltungsmaßregeln von Mr. Brown empfangen hatte, auf die kurze Reiſe nach Amſterdam. Er fand in dem jungen Sekretair einen für ſein Fach unterrichteten Mann mit gewecktem Geiſte, der ſchon in beinahe allen Welttheilen geweſen war und viele Spra⸗ chen verſtand. Natürlich drehte ſich ihre Unterhaltung um Dinge, von denen nur Mr. Treaden zu erzählen wußte, die auch zugleich für den Arzt und Naturforſcher von größtem Intereſſe waren, und ſo fügten ſie ſich bald in einander und verbrachten vier bis fünf Tage in dem großen, ſchönen Amſterdam auf die heiterſte Weiſe. Gern freilich hätte Eduard die Verhältniſſe, das Leben, über⸗ haupt das Nähere über ſeinen ältern Reiſegefährten, de ohne Zweifel ſehr begüterten Handelsherrn kennen gelernt, das Gewünſchte aber von einem ſeiner Untergebenen in der Stille zu erforſchen, lag eben ſo wenig in ſeiner Ab⸗ ſicht, wie in ſeinem Charakter, und er that wohl daran. So drehte ſich das Geſpräch nur einmal ganz im Allge⸗ meinen um die Handelsgeſchäfte des Herrn Mr. Treadens⸗ 6r — 4— und dieſer antwortete ſo, wie Eduard ſich die Verhältniſſe ungefähr vorgeſtellt hatte. Am ſechſten Tage kehrten ſie wieder nach Rotterdam zurück und begaben ſich ſofort in ihre Wohnung. Eduard, deſſen Ankunft Mr. Brown ge⸗ meldet ward, wurde erſucht, erſt nach einer Stunde zu dieſem zu kommen, während Mr. Treaden ſogleich in ſein Zimmer beſchieden wurde. Nr. Brown, der ſoeben einige Beſuche entlaſſen hatte, ſchrieb an ſeinem Tiſche; das Manuſkript Eduards lag aufgeſchlagen vor ihm, ein Beweis, wie eifrig er dem⸗ ſelben ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte, als der Sekretair eintrat. Nach einer Weile legte er ſeine Feder hin, ſetzte ſich auf ſeinem Sitz zurecht und ſah und redete ſeinen Untergebenen mit einer Entſchiedenheit an, die Eduard an ihm wahrzunehmen noch nie Gelegenheit gehabt, die aber doch jene freundliche Milde nicht ausſchloß, die ſein ganzes Weſen durchdrungen hatte. „Setzen Sie ſich, Mr. Treaden!“ begann der Kauf⸗ herr. Der alſo Angeredete blieb demungeachtet ſtehen und verbeugte ſich ehrerbielig.„Wie iſt Ihre Reiſe abgelaufen? Iſt der Doctor munter zurückgekehrt?— hat es ihm ge⸗ fallen in Amſterdam?“ „Die Reiſe iſt gut abgelaufen, Mr.— Mr. Brown — der Herr Doctor iſt munter zurückgekehrt, und nach ſeinen Worten und ſeinem Benehmen zu urtheilen, hat ihm Amſterdam außerordentlich gefallen.“ „Das freut mich zu hören. Was haben Sie zumeiſt dort gethan und geſehen?“ 4 „Wir haben Alles geſehen, Mr. Brown, Alles, Man⸗ ches ſogar doppelt und dreifach. Der Herr Doctor war bezaubert von den alterthümlichen, großartigen Gebäuden, den Kunſtſchätzen älterer und neuerer Zeit, und nament⸗ lich von den Muſeen, Gemäldegallerieen und Bibliotheken, die wir Tagelang beſucht haben und in denen mein Reiſe⸗ gefährte ſich Vieles aufgezeichnet hat./. „Das dacht' ich mir wohl! Alſo er war befriedigt?“ „Vollſtändig befriedigt, Mr.— Brown!“ Hier entſtand eine kurze Pauſe. Mr. Brown ſchien etwas in Ueberlegung zu ziehen. Endlich ſagte er feſt: „Hat der Doctor nach mir gefragt? Ich meine, ob er ſich nach meinen Verhältniſſen näher erkundigt oder Sie in irgend Etwas ausgeforſcht hat?“ „Kein Wort hat er darüber geſprochen. Nur einmal, ich glaube, es war in der Börſe, fragte er im Allgemei⸗ nen, ob wir große Geſchäfte machten?“ „Und Sie antworteten?“ „Die Wahrheit, Mr. Brown, und auch ganz allge⸗ mein, daß unſer Handel ſich auf alle Welttheile erſtrecke.“ „Das war gut geantwortet, Treaden, ich bin mit Ihrer Allgemeinheit zufrieden. Alſo nichts Perſön⸗ liches wurde verhandelt— beſinnen Sie ſich wohl.“ „Ich weiß es gewiß— er hat kein Wort geäußert, nur die Künſte und die Wiſſenſchaften zogen ihn an.“ „Es iſt gut. Wie viel hat Ihnen der Abſtecher ge⸗ koſtet?“ „Hundert Gulden— Mr. Brown!“ „Das iſt zu wenig— Sie haben doch nicht ge⸗ knauſert?“ „Ich habe Ihre Weiſung befolgt, Mr. Brown! Wir haben genoſſen, was zu genießen war, und ich habe hübſche Trinkgelder vertheilt, wie Sie es befahlen.“ „Dann iſt es gut!“— Und aus einer Brieftaſche eine Note entnehmend, legte er ſie auf den Tiſch und fuhr fort:„Hier iſt das Reiſegeld. Und für Ihre Auf⸗ merkſamkeit, Ihre Bereitwilligkeit, auch außer Ihrem eigentlichen Berufe mir zu dienen, können Sie ſich, wenn wir nach Hauſe kommen, von Mr. Wharton dreihundert Dollars zahlen laſſen— ich bitte! keinen Dank!“ Mr. Treaden verbeugte ſich blos. „Und auf dem Schiffe ſind alle Vorkehrungen ge⸗ troffen, daß mich Niemand anders nennt— nicht wahr!“ „Ich habe mit Mr. Schröder, dem Capitain, Alles genau verabredet, Mr....“ G „Mr. Brown— gewöhnen Sie ſich daran, bis ich Ihnen die Erlaubniß gebe, mich anders zu nennen.“ „Ich werde gehorchen, Mr. Brown!“ — ⸗ — 87— „Und nun packen Sie ein. Morgen mit Tages⸗ anbruch ſegeln wir ab, wenn der Wind ſo bleibt. Guten Abend!“ Es gibt für einen Neuling im Schiffs⸗ und See⸗ weſen nicht viel intereſſantere Augenblicke, als den, wenn ein Schiff, welches ſich ſegelfertig gemacht hat und in einem vollgepfropften Hafen unter hundert andern Schiffen liegt, klar gemacht und in's freie Fahrwaſſer hinausbug⸗ ſirt wird. Dieſes Schauſpiel ward Eduard am nächſten Morgen um ſechs Uhr bereitet. Schon eine Stunde früher waren die Reiſenden mit allem Gepäck hinausgerudert und an Bord gegangen. Gleich nach ihnen kam der Ha⸗ fenmeiſter mit ſeinen Geſellen und dem Lootſen in ſeinem kleinen Boot. Die Staatstreppe war gleich nach ihrer Ankunſt eingezogen, Jene kletterten daher an Tauen über den Schiffsbord. Von dem Augenblicke an, wo jene Treppe aufgewunden war, herrſchte ein neues und reges Leben an Bord, das ſich ſogar auf den Schiffshund er⸗ ſtreckte, der, an derartige Scenen gewöhnt, überall auf⸗ merkſam zuſchaute, wo Menſchenhände thätig waren, und freudig knurrend von Bord zu Bord lief, weil er wußte, daß es jetzt in See ging. Die Anker waren nun aufge⸗ wunden, die Taue in Ordnung gebracht, die Segel loſer gerefft. Ein dickes Tau, am Schiffsſchnabel befeſtigt, wurde von hundert Händen, die auf andere Schiffe ver⸗ theilt waren, angezogen, das Schiff bewegte ſich, erſt langſam, kaum merklich, bis es vorſichtig an den vielen Raaen und an dem Tauwerk ſeiner Nachbarn vorbei in klarere Fahrt kam. Das dauerte aber wenigſtens eine halbe Stunde. Vorn auf dem Bugſpriet ſtand der Hafen⸗ meiſter, ein ſcharfes Beil in der Hand ſchwingend, denn er hatte das uralte Hafenmeiſter⸗Recht, jedes Tau eines fremden Schiffes, welches dem Abſegelnden im Wege war und von ſeinem Eigner nicht beſeitigt wurde, augenblick⸗ lich zu kappen. Alles beeilte ſich daher, den glücklichen Ablauf des ſcheidenden Gefährten in allen Punkten zu unterſtützen. Bald auch war die Beata frei von allen Hinderniſſen und wiegte ſich ſtolz auf den kleinen Wellen des Fluſſes. Da kam ein Bugſier⸗Dampfboot herange⸗ rauſcht und legte ſich vor das Fregattſchiff, denn zu die⸗ ſer Kategorie zählte die Beata. In dieſem Augenblicke erſcholl vom Ufer her und allen zunächſtliegenden Schiſſen ein Lebewohl der Matroſen und aller Derer, die an dem Schickſal des auslaufenden Schiffes Antheil nahmen. Rechts und links wurde ein Böller zum Abſchiedsgruß gelöſ't, den die Beata aus einer ihrer Hinterdeckkanonen gebührend beantwortete. Es war ein feierlicher Augent⸗ blick. Das Schiff verließ den ſichern Hafen und ging in das wogende, unſichere Weltmeer hinaus. Als Ede rd neben Mr. Brown ſtehend, den auf den Raaen arbeit iden — 89— Matroſen zuſah, die. das laut und deutlich geſprochene Wort des Lootſen an ihre maſchinenartig genau verrichtete Arbeit rief, hörte er plötzlich über ſeinem Kopfe ein mäch⸗ tiges Rauſchen, als wenn ein rieſiger Vogel dicht über ihm ſeine Schwingen in der bewegteren Luft entfaltete. Er blickte auf und gewahrte über ſich am hinterſten Maſt zum erſten Male in ſeinem Leben die ſchöne Flagge der Vereinigten nordamerikauiſchen. Trei die dreizehn ſilbernen Sterne im azurblauen Felde, im leichten Mor⸗ genwinde ihre ſchweren Falten entwickeln. Alle Zuſchauer nahmen den Hut ab und grüßten das Symbol eines mächtigen Volkes, ihm hatte auch der begrüßende Kano⸗ nendonner gegolten. 3 Eine Viertelſtunde etwa zog das Dampfboot das Feegattſchiff nach ſich, als es anhielt, das Tau von der Beata löſete und ſich zur Rückkehr umwandte, der Hafen⸗ meiſter und der Lootſe ſtiegen in ihr kleines Boot und empfahlen ſich, dem Dampfboote zurudernd. Jetzt erſt begann das Regiment des Capitains. In wenigen Mi⸗ nuten rief ſeine ſchallende Stimme die Matroſen an ihre Arbeit. Wie die Katzen, ſchnell, hurtig, gelenkig, beweg⸗ ten ſie ſich in dem Tauwerk, und in kürzerer Zeit, als man erzählen kann, fielen einzelne Segel herab und hüllten die Maſten undsRaaen in ihre weißen Kleider. Ein fri⸗ ſcher Wind erfaßte und blähte ſie auf. Die Beata hob ſich mit dem Vordertheil wie tief aufathmend in die Höhe — 90— und bewegte ſich dann mit ruhiger Schwellung den Wogen der Nordſee entgegen. Das⸗ Land verſchwand allmählig. Es war etwa um Mittag, als dem zurückſchauenden jun⸗ gen Reiſenden die niederländiſche Küſte bis auf eine graue Nebelwand entzogen war. 4 „Jetzt ſind wir auf offener See, mein Freund!“ ſagte Mr. Brown freudig zu ihm,„gehen wir hinein und ſehen wir, was man uns zum erſten Mittagseſſen vor⸗ ſetzen wird.“ Zu dem Capitain ſich wendend, der neben ihm ſtand, ſagte er leiſe:„Jetzt eiſt fühle ich mich wohl, Schröder; ich fürchtete immer, es würde ſo ein Hans Na⸗ ſeweis: Glück auf den Weg, Mr.“— Mr. Brown,“ bemerkte der Capitain mit dem Auge winkend. „Ja, Sie haben Recht— Mr.— Brownl! rufen.“ Und Beide lächelten ſich an und gingen⸗ in die Ka⸗ jüte hinein. Fünftes Kapitel. Die heitere Geſchichte. E⸗ iſt nicht unſere Abſicht, dem Laufe des amerikaniſchen Schiffes bis zu allen ſeinen nordiſchen Zielen durch das Meer, welches die ſkandinaviſche Halbinſel beſpült, zu folgen. Es genügt zu erwähnen, daß ſeine Fahrt eine verhältnißmäßig ſchnelle und in allen verſchiedenen Bezie⸗ hungen günſtige war. An der Südyeſtküſte Schwedens, in Gothenburg, warf es Anker und löſchte die mitge⸗ brachten Waaren, um neue einzutauſchen und ſpäter damit nach Amerika zu fahren. Von dieſem Hafen aus trat Mr. Brown mit ſeinem Gaſte, ſeinem Secretair und ſei⸗ nem ſchwarzen Diener die Reiſe bald zu Waſſer, bald zu Lande durch den ſchönen ſeereichen Theil des ſüdlichen Schwedens an. In Stockholm hielten ſie deh längere Zeit auf, gingen von dort nach Chriſtiania und dem nördlicheren 92— Theil Norwegens, welchen beſchwerlichern Weg Mr. Brown die jungen Leute theilweiſe allein machen ließ, während er ſelbſt, durch ſein Alter und ſeine ſchwankende Geſund⸗ heit dazu genöthigt, ihre Rückkehr in bequemer gelegenen Orten abwartete. Alles, was Eduard auf dieſer langen Reiſe ſah und lernte, beſtätigte ſeines ältern Freundes Ausſpruch, daß der Beſuch dieſes nördlichen Landes wohl den des mildern Frankreichs aufwiege; wenigſtens war ſein Gemüth voll der erhabenſten Eindrücke einer in ihrer Art unermeßlich reichen, wenn auch rauhen und theilweiſe wilden Natur.— Eine Veränderung der gegenſeitigen Stellung beider Reiſenden war nur in ſo fern vorhanden, als ſie ſich geiſtig näher gerückt waren und eine Art hin⸗ gebende Freundſchaft ſich unbemerkt zwiſchen ihnen ent⸗ wickelt hatte, wie man ſie ſelten bei an Jahren ſo ver⸗ ſchiedenen Männern zu finden pflegt. Allein ihre beider⸗ ſeitige Bildung und der gegenſeitige Wunſch, ſich einander Alles zu ſein, was der Menſch dem Menſchen auf einem Meere um Meere durchſegelnden Schiffe ſein kann, die Befriedigung, die ſie in ihren ſich nähernden, oft ſogar ganz gleichen Lebensanſchauungen fanden, hatten ein Band zwiſchen ihnen geknüpft, welches bei der im Ganzen kur⸗ zen Dauer ihrer Verbindung ein möglichſt inniges und vertrauliches war. Eduard wenigſtens gab ſich ganz wie er war und nie anders ſcheinen konnte, offen, ehrlich. dankbar und glücklich, und was ſein Inneres an geheimen — 93— Gedanken barg, war bis auf einige Einzelnheiten dem älteren Freunde dargelegt worden. Mr. Brown war nicht allein ein Menſchenfreund, ſondern auch ein Men⸗ ſchenkenner. So lieb er den ihm fremden jungen Arzt gewonnen hatte, und ſchon der äußere Eindruck deſſelben auf ihn ein günſtiger geweſen war, ſo wußte er doch, daß ein ein⸗ nehmendes Aeußere oft eine trügeriſche, blendende Eigen⸗ ſchaft iſt, und daß es einer längere Zeit fortgeſetzten Be⸗ obachtung bedürfe, auch den innern Werth eines ſich vor⸗ theilhaft äußernden Menſchen gründlich zu erkennen. Wie ſtreng und unausgeſetzt aber auch ſeine Beobachtungen fortgeſetzt wurden, er fühlte ſich in keinem Punkte ſeiner Wünſche getäuſcht. Aber das ließ er weniger ſichtbar werden, als es Eduard vielleicht oft lieb geweſen wäre. Im Ganzen blieb er ſich in allen Aeußerlichkeiten ſeines Benehmens gegen den jungen Mann gleich, ſein Inneres freilich wurde von Tag zu Tag wärmer, zufriedener, glück⸗ licher; er hatte ſeine Entſchließungen, mochten ſie nun ſein welcher Art ſie wollten, bereits gefaßt und er legte nur noch den letzten Prüfſtein an ein Herz und einen Geiſt, der ihm vom erſten Augenblicke an als eine ſeltene Erſcheinung unter ſo vielen oberflächlichen, äußerlich warm erſcheinenden, innerlich kalten Menſchen vorgekommen war. Und, unbewußt Gegenſtand dieſer Prüfung, ging Eduard unbefangen ſeinen geraden Weg fort. Wie ſein lebendi — 94— ger Geiſt einmal war, alles Neue auf der langen Reiſe und dem Schiffe zunächſt zu erfaſſen, ſeinen Grund ſich wo möglich zu erklären, ſeinen vollen Gebrauch ſich in allen Richtungen zu eigen zu machen, ſo entwickelte ſich manche neue Blüthe der Erfahrung in ſeinem Innern. In den erſten Tagen war er mehr ein Beobachter des äu⸗ ßern techniſchen Seeweſens, welchem er ſich plötzlich ſo nahe gerückt ſah. Wie er mit allen Perſonen, mit denen er im Leben verkehrte, ſchnell bekannt und ihnen das ab⸗ zulernen bemüht war, was ſie beſſer als er verſtanden, ſo hatte er auch bald mit dem Capitain des Schiffes ſich auf einen guten Fuß geſetzt. Dieſer lehrte, was er leh⸗ ren konnte, und unter ſeiner Leitung hatte Eduard das Schiff bald von dem Kiel bis zur Maſtſpitze in allen ſei⸗ nen Einzelnheiten kennen gelernt. Er verſtand ſchon die Berechnung des Schiffslaufes nach dem Kompaß und den Sternbildern; mit Hilfe der ihm wohlbekannten mathema⸗ tiſchen Gelehrſamkeit lernte er den täglichen Standpunkt des Schiffes nach Breiten⸗ und Längengraden beſtimmen; das Segelwerk vortheilhaft zu ſtellen, jeden Windzug, je⸗ des Lüftchen zu ſeinem Nutzen zu verwenden, hatte er ſehr bald erfaßt. Und da er ſich um alle mechaniſchen Fertig⸗ keiten auch des gemeinſten Matroſen bekümmerte, mitunter ſelbſt hilfreiche Hand anlegte und ſein Beiſpiel dem oft trägeren Anderer voranging, ſo hatte er ſehr ſchnell die Neitung des an ſich ſchon vertraulichen Seemannes ge⸗ wonnen. Ruhig ließ ihn Mr. Brown gewähren und hörte oft mit Wohlgefallen zu, wenn ſein Gaſt das Er⸗ lernte in gelehrterer Anwendung bei Tiſche vortrug und zu anderweitigen Benutzungen ausbeutete. Ein wie ange⸗ nehmer Reiſegeſellſchafter er daher dieſem ehrenwerthen Manne war, bedarf kaum einer weitern Erwähnung. Auch hatte er bald das Spiel der Kugeln auf dem grünen Tiſche gelernt, welchem der geiſtreiche Erfinder ſeinen Na⸗ men für alle Ewigkeit gegeben hat. Sein ſichres Auge, ſeine körperliche Gewandtheit half ihm hierbei die erſten Schwierigkeiten ſchnell überwinden, und ein ſo guter Bil⸗ lardſpieler Mr. Brown auch war, ſo mußte er ſich ge⸗ ſtehen, daß in einigen Jahren fortgeſetzter Uebung der junge Mann mit dem ſchärfern Auge ihn dennoch über⸗ flügeln würde. 1 „Sie haben meinen Wunſch zu genau ausgeführt,“ pflegte er dann oft heiter zu Mr. Treaden zu ſagen,„un⸗ ſer Doctor gewinnt mir von drei Parthieen ſchon immer eine ab; ich weiß jetzt, daß ich in meinen Aufträgen an Sie behutſam zu Werke gehen muß.“ Wie aber eine jede Reiſe, auch die angenehmſte und längſte, zu Ende geht, ſo näherte ſich auch dieſe allmählig ihrem Ziele. Von Norwegen nach Gothenburg zurückge⸗ kehrt, hatten ſich unſere Reiſenden wieder eingeſchifft und waren durch das etwas ſtürmiſche Kattegat in die Oſtſee gelangt. In mehreren auf den verſchiedenen Inſeln g⸗ 8 dem 1 e Hafen an ihre Grundanker A aulpan — 965— legenen Plätzen, hatte Mr. Brown entweder wie in Go⸗ thenburg und Stockholm Geſchäfte zu beſorgen, oder, wie in Aarhuus und Veile, Freunde zu beſuchen, ſo daß ſie noch immer die ſtillen weſtlichen Buthten des baltiſchen Meeres durchkreuzten.— Schon in der Höhe von Viborg wurde das Meer, während es in den nördlichen Theilen oft ſtürmiſch, rauh und unfreundlich geweſen war, ruhig wie das ſtille Gewäſſer eines langſam dahinſtrömenden Fluſſes. Der Himmel war rein, die Luft warm, die See ſpiegelklar und azurblau, daß man an manchen Stel⸗ len dreißig Fuß in die Tiefe hinabſchauen konnte. Die Beata näherte ſich der jütiſchen Küſte, um nach Umſchif⸗ fung der Hellgenaeſer Landzunge in den ſchönen rings von bewaldeten Höhen bekränzten Aarhunſer Hafen ein⸗ zulaufen. 8 Es war am Ende des Auguſtmonats. Man hielt ſich meiſt auf dem Verdeck auf. Eine Windſtille war eingetreten, die das Schiff faſt auf einen Punkt feſſelte, denn die großen Segel hingen ſchlaff an den Raaen her⸗ ab und nur einige kleinere blähten ſich von Zeit zu Zeit, bis endlich die geringſte Spur des Windes verſtrich und die Beata ruhig auf dem Waſſer lag, als wäre ſie in — 97— und die ſchlaff herabhängenden Segel betrachtete. So angenehm das für eine ungeſtörte Parthie Billard iſt, ſo will ich doch nicht wünſchen, daß ſie wochenlang dauert, denn hier liegen zu bleiben, beinahe im Angeſicht des Lan⸗ des und es nicht erreichen können, iſt eben ſo langweilig wie ſtörend.“ Aber die Windſtille dauerte fort und fort und ſchon waren einige Tage vergangen, ohne daß ſie, außer mittelſt der Strömung allein, einige hundert Klafter weiter gekom⸗ men wären. Mr. Brown war ſchon, ſeitdem ſie die nörd⸗ licheren Gegenden verlaſſen, ſich alſo. dem immer näher rückenden Ende ihrer Reiſe näherten, wieder einſilbiger, ſtiller, nachdenkender geworden. Mit dem Kapitain undd ſeinem Sekretair ſprach er nur das Nothwendigſte, mit Eduard, ſelbſt bei Tiſche, ſehr wenig. Dieſer maß den vielſeitigen Geſchäften die Schuld davon bei, denn er be⸗ merkte wohl, wie fleißig der Schiffsherr an ſeinem Arbeits⸗ tiſche ſaß. Als er aber immer ſtiller und ſtiller wurde und zuletzt das Ausſehen einer trüben Kränklichkeit an⸗ nahm, wurde Eduard beunruhigt und er nahm ſich vor, bei nächſter Gelegenheit eine theilnehmende Frage laut werden zu laſſen. Heute endlich war die Laune Mr. Browns, wahrſcheinlich in Folge der tiefen Windſtille, in eine melancholiſche Färbung übergegangen. Er hatte mmehrere Male ſchon von ſeinem wahrſcheinlich bald erfol⸗ genden Tode geſprochen und höchſt wehmüthige Aeußerun⸗ Der Inſelkönig. II. 7 gen darüber fallen laſſen, nicht ſeinetwegen, hatte er da⸗ bei bemerkt, ſondern anderer Leute wegen. Eduard be⸗ ſchloß einzuſchreiten. „Wollen wir ſpielen, Mr. Brown?“ fragte er freundlich. „Nein, mein Freund, nein! wir wollen, wir müſſen reden. Kommen Sie— es wird ein warmer Abend, laſſen Sie uns auf dem Verdeck entlang gehen.“ Als der Kapitain die Abſicht ſeines Rheders be⸗ merkte, ließ er durch einige Matroſen die im Wege liegen⸗ den Hinderniſſe beſeitigen. Jetzt war, Raum genug da und Mr. Brown und ſein Gaſt gingen langſam neben den. Kanonen auf dem Verdeck hin und her. „Sie ſind nicht ganz zufrieden?“ begann letzterer das Geſpräch. „Da haben Sie Recht. Ich bin es gar nicht, ſoll⸗ ten Sie ſagen. Ich weiß nicht, was mir iſt. Hören Sie— müſſen Sie beſtimmt zu Hauſe ſein?“ „Ganz beſtimmt, Mr. Brown. Das iſt ja aber noch lange hin. Wir fahren ja, denke ich, mit dem Dampf⸗ boot von Aarhuus erſt nach Kopenhagen?!“? „Ahl das will nicht viel ſagen. Die ganze Kopen⸗ hagener Reiſe, mit Allem was dazu gehört, iſt in einigen Wochen abgemacht. Hier in Aarhuus und in dem ſchö⸗ nen Veile, die Reiſezeit mitgerechnet, haben wir auch nur noch höchſtens vierzehn Tage uns umzuſehen, dann gehen 4 † — 99— Sie nach Süden und ich nach Weſten. Dann iſt die Freude vorbei. Wiſſen Sie was?— Entſchließen Sie ſich kurz. Sie haben ſchon meinen erſten Vorſchlag an⸗ genommen, nehmen Sie auch meinen zweiten an. Kom⸗ men Sie mit nach Neuyork und dann nach meinem Land⸗ hauſe am Hudſon. So haben Sie noch mehr geſehen, als Sie anfangs ſehen wollten.“ „Mr. Brown! ſo gern und dankbar ich Ihrer erſten gütigen Einladung gefolgt bin— dieſer zweiten muß ich entſagen. Ich darf nicht.“ „Sie dürfen nicht? Wer zwingt Sie? Ihr Vater gewiß nicht. Ich will ſelbſt an ihn ſchreiben, ſeine Ge⸗ nehmigung wird nicht ausbleiben. Ich ſtehe dafür.“ Daran zweifle ich keinen Augenblick. Wenn Ihr Vorſchlag in einigen Jahren käme, dann ſollte ihn Nie⸗ mand lieber annehmen als ich— jetzt, ich bedaure es, muß ich es ablehnen, mein ganzes Studium wird mir entrückt und alſo meine Zukunft.“ „Ihr Studium? Ihre Zukunft? Hm! Sie ſollten nicht an Ihre Zukunft denken! Die kommt von ſelbſt. Und in einigen Jahren, ſagen Sie? Wer weiß wo ich dann bin, hm. Aber freilich, wenn Sie nicht können— zwingen will ich Sie nicht.— Vielleicht iſt es ſo beſſer!“ dachte er ſogleich bei⸗ ſich. 8 „Sie ſind mir nicht böſe, Mr. Brown?“ „Wer denkt daran! Ich nicht laſſen wir es fallen 71 — 1909— Es war ſo eine melancholiſche Idee von mir. Ich hätte Sie freilich gern bei mir geſehen, auch hätte es Ihnen vielleicht bei mir gefallen.“ „Es hätte mir gewiß bei Ihnen gefallen, ſagen Sie, denn es gefällt mir immer bei Ihnen.“ „Herr Wollzagen!“ „Herr Brown!“ „Geben Sie mir Ihre Hand. So!— Aber ein Verſprechen können Sie mir geben.“ „Welches?“ „Beſuchen Sie mich in Neuyork. In einigen Jah⸗ ren— vielleicht lebe ich noch, wenn Ihre Studien been⸗ det ſind— wie?“ „Das wäre eher möglich.“ „Sie ſollen nicht in Amerika bleiben— ich will Sie nicht Ihrer Heimath abwendig machen— bewahre mich Gott davor! Es ſoll ein einfacher Beſuch ſein— wir wollen vollenden, was wir jetzt erſt begonnen haben — wir wollen mit einander glücklich ſein, recht glücklich — das verſpreche ich Ihnen.“ „Ich glaube es gern. Verſprechen will ich es, wenn die Verhältniſſe es geſtatten.“ 3 „Gut— weiter verlange ich nichts.“— Es war Abend geworden; das Meer war ſtill, die Luft milde. Wir wollen im Freien unſer Abendbrot derzehren,“ — — 101— ſagte Mr. Brown, und befahl die Anſtalten dazu zu treffen. 1 Es war Mondſchein. Die halbe Mondſichel tanzte leuchtend auf den durchſichtigen Wellen, die glänzenden Seethierchen funkelten wie Millionen Sterne darin. Es war ein köſtlicher Abend. Man war ſchon bei der dritten Flaſche Lafitte, als der Kapitain und der Sekretair ſich vom Tiſche entfernten. Mr. Browu und Eduard waren wieder allein. „Laſſen Sie uns doch auf Ihre Schrift noch ein Mal zurückkommen,“ begann Mr. Brown mit ſehr ernſter Miene,„wir haben ſehr lange nicht darüber geſprochen.“ „Wie? Beſchäftigen Sie ſich noch immer damit? Ich dachte, Sie hätten ſie längſt zu Ende geleſen.“ „Das habe ich auch, ich leſe ſie aber ſchon zum drit⸗ ten Male. Es iſt mehr für mich darin, als Sie viel⸗ leicht denken mögen.“ „Das freut mich. Nun aber, Sie wollen gewiß einige Punkte darin anfechten. Laſſen Sie hören.“ „Das Gegentheil gerade will ich. Ich ſtimme nicht nur im Allgemeinen, ſondern auch im Einzelnen mit Ihren Anſichten überein. Namentlich freut es mich, daß Sie in Ihrem Urtheile über die Handlungen mancher Regierun⸗ gen in Bezug auf die Unterſtützung der ſchönen Künſte, der Wiſſenſchaften und der Gewerbe ein mildes und ver⸗ ſöhnendes Wort ſprechen. Man iſt leider jetzt nur z — 102— geneigt, von allen Seiten her das bitter zu tadeln, was dieſer oder jener König, dieſe oder jene Regierung thut oder nicht thut. Man vergißt dabei dasjenige lobend zu 1 erwähnen, was wirklich zur Beförderung des Guten und Schönen, zur Erhebung des Sinkenden, zur Linderung der Noth des Armen geſchieht. Und das iſt doch ſehr viel, wenn wir die ganze Summe zuſammenrechnen. Und was ſoll denn auch eine Regierung Alles beſchaffen? Frei⸗ lich, ſie hat große Mittel. Aber wie viele Anſprüche wer⸗ den daran gemacht! Tauſenden will geholfen ſein, Tauſende wollen mehr haben als ſie erhalten. Da muß die ge⸗ füllteſte Kaſſe leer und der beſte Wille gelähmt werden. Es ſind ja viele Nebendinge im Leben zu Hauptdingen 2 geworden. Ich verkenne die Nothwendigkeit großer mili⸗ tairiſcher Kräfte am wenigſten, ich weiß, was ſie im Noth⸗ fall zu leiſten im Stande ſind, denn ich habe es ſelbſt erlebt, aber ein weiſes Maaß müßte nicht überſchritten werden. Nun rüſtet aber Der und Jener und alſo müſ⸗ ſen ſie Alle rüſten. Das iſt nun ein Mal leider ſo und unſere beſten Wünſche werden es nicht ändern. Und dazu kommt die leidige Politik und was dazu gehört— welche Summen verſchlingt ſie! Sie, die niedetreißt, oft mit„ einem Geflüſter niederreißt, was jahrelange Beſtrebun⸗ gen der geiſtigſten, gediegenſten, bewährteſten Köpfe zuſammengetragen haben. Dieſe ſogenannte Politik, die nur verwirrt, wo ſie erläutern, nur belaſtet, wo ſie erleichtern will, ſollte man zuerſt aus der Welt ſchaf⸗ fen. Wenn's nämlich moͤglich wäre! Aber es iſt nicht möglich.— Da tadelt man auch den Luxus der, Höfe, der Reichen, der Vornehmen. Welche Thorheit! Als wenn der Luxus der Begüterten nicht das Brot be⸗ reitete, welches die Arbeitenden eſſen!— Nein, nein, man ſei aufrichtig, man ſei gerecht. Eine andere Klaſſe ſollte man anklagen, als die Inhaber der Krone und Throne. Ich meine jene begüterte Klaſſe Beglückter, die in eiſernen Truhen ihre Schätze ſammeln und vergraben und ſo dem allgemeinen Verkehre entziehen. Sehen Sie unſre Aſſo⸗ ciationen, unſre Aktiengeſ ſellſchaften an— was machen ſi möglich! Man wird nächſtens die g ganze Welt in vier chen durchfliegen können, wo man früher eben ſo viele Jah 3 gebrauchte. Und wer thut, wer vollbringt das?— Das Geld, ganz allein das Geld, und zwar das Geld Vieler. Legt Cure kleinen Häuſchen zuſammen, und Ihr werdet ſchon ſehen, daß ein großer Haufen daraus wird. Aber was thun dieſe Begüterten, dieſe Reichen?— Die Einen ſind geizig und gönnen ſich ſelbſt nicht das liebe Brot, während ſie von Silber ſpeiſen könnten, die Andern ver⸗ geuden die beſte Gottesg abe— was luhen Sie?“ „Ich lache nur, Mr. Brown! Mir fällt eben ein, wie ich vor Jahren von einem Engländer las, der neun Millionen Pfund dSterling im Vermögen hatte und der „Nun, was that er?“ — 194— „Der doch ein armer Mann war. Er reiſtte in der Welt umher und verſpielte an einem Tage hundert Tauſende, während er zu Hauſe ſeine Pächter auspfän⸗ den ließ.“ „Nun ja, da haben wir's. Ich kenne das. Neun Millionen Pfund! das iſt nicht der reichſte, den ich kenne. Sind nun ſolche erbärmliche Menſchen nicht ſchlimmer und verachtenswerther, als die am ärgſten verſchrieenen Koͤnige und Regierungen, die dem Handelsſtande oder dem Ackerbau oder dieſer oder jener gewünſchten Einrich⸗ tung nicht gleich eine Million an den Hals werfen wollen oder können? Dieſe reichen Nabobs zapfe man an, das heißt, verſtehen Sie mich recht, ich will ſie nicht berauben, man lege ihnen außer ihrer Steuer, die für ſolche Men⸗ ſchen nur eine kleine Abgabe iſt, die Pflicht auf, ihre Güter zum Beſten der Menſchheit zu verwenden; die Re⸗ gierungen aber bewerfe man nicht mit Koth, den man oft in ſeiner eigenen Trägheit und Engherzigkeit in Mitte aller Civiliſation und Menſchenliebe ſich aufhäufen läßt. Habe ich Recht oder Unrecht?“ „Sie kennen meine Antwort, ahne daß ich ſie aus⸗ ſpreche. Sie haben ja das kleine Werk geleſen, das Sie vorher zu erwähnen ſo freundlich waren.“ „Das iſt nur ein geſchriebenes Werk,“ bemerkte Mr. Brown etwas empfindlich.„Ich glaube, wenn Sie d Maht hatte in eigenen Händen hätten, zu thun — . — 406— wie Sie hier anempfehlen, Sie würden ſich lange beſin⸗ nen, ſie auszuüben. Vielleicht ſpielten Sie auch!“ „Mr. Brown!“ rief Eduard in edler Entrüſtung und die Flamme, die jetzt in ſeinem blühenden Geſichte auf⸗ ſtieg, war dem ihm Gegenüberſitzenden ſelbſt beim matten Scheine des Mondes ſichtbar. Mr. Brown lächelte heiter. Er reichte dem jungen Manne die Hand, die er warm drückte, und ſagte in einem unausſprechlich liebevollen Tone, den Eduard noch nie von ihm gehört hatte und der ihn augenblicklich beſänftigte: „Wir verſtehen uns! ich weiß was Sie fühlen und Sie werden einſehen, daß ich nicht im Ernſt ſo gere⸗ det habe.“.— „Es iſt die heiligſte Aufgabe meines ganzen Lebens, für meine, Ihnen bekannten Ideen zu denken und zu wirken,“ rief Eduard in warmer Begeiſterung und hob die rechte Hand gegen den klaren Sternenhimmel, der ſich in heiterer Bläue über dem Meeresſpiegel wölbte, empor, „um dieſer Aufgabe würdiger, leichter, gerüſteter, gewach⸗ ſener zu ſein, für ſie mit meinen ſchwachen Kräften einzu⸗ ſtehen— darum habe ich beſchloſſen, meinen Studien weiter obzuliegen und nicht mit Ihnen, wie es mein Herz wohl gewünſcht hätte, in die neue, für mich ſo ſehens⸗ werthe Welt zu ſegeln!“ Err ſchwieg und ſah init ſeinem glühendſten Blicke— feſt und mannhaft in die Augen des immer bleicher wer⸗ 8 — 106— denden Amerikaners, der ſeinerſeits die ſeinigen eben ſo feſt in die des Jünglings verſenkte. So ſchauten ſie ſich einander in die innerſte Seele hinein. Und ſie fanden, was ſie ſuchten: gegenſeitige Befriedigung!— „Mr. Brown, es ſpringt eine leichte Kühle auf!“ rief der Kapitain von der Kampanje herunter, wo er ge⸗ rade ſtand. Der Greis hörte nicht, er war in ein tiefes Sinnen verſunken. Der Kapitain wollte noch ein Mal rufen, aber Eduard winkte ihm zu ſchweigen. Erſt als einige leichtere Taue, von der Leinwand raſch angezogen, in die ſich der Wind ſetzte, zu knarren anfingen, richtete er leiſe das ehrwürdige Haupt auf und fragte: „Was giebt es?“ „Wir haben Wind bekommen, Mr. Brown,“ rief der Kapitain herunter. 3„Es iſt gut— ich will in die Kajüte gehen. Gute Nacht, meine Herren!“ Der Wind blieb ſtetig und wunde ſogar während der Nacht noch friſcher. Gegen Morgen umſchifften ſie das kleine Vorgebirge Helgenäs und als es hell wurde, ſahen die Reiſenden ſich in der ſchönen großen Bucht vor Aarhuus und hatten in nebliger Ferne die lange alte Stadt mit dem prächtigen Dome, der größten Kirche Däne⸗ marks, und den ſicherſten Hafen vor ſich, den ein Schiff ſich nur wünſchen mag. Da der Wind aus Südoſt kam, ſo trieb er die Beate gerade dem Hafen zu und um eilf — do⸗ Uhr Vormittags fuhren ſie in das Hafenthor ein, das ſeine gaſtliche Pforte bei dieſem Winde ſtets geöffnet hält. Schon auf dem äußeren Hafen war das wachthabende Lootſenboot mit einem Beamten, auf deſſen Steuerſtange der ſchöne Danebrog in der Morgenluft wirbelte, der Beata entgegengefahren. Die Papiere wurden in Ordnuug ge⸗ funden und dem amerikaniſchen Schiffe die Erlaubniß zur Einfahrt gegeben. Um zwölf Uhr Mittags betrat Eduard an der Seite Mr. Brownus die Hafenbrücke und wanderte mit ſeinem Freunde ſogleich den Kai entlang in die Hafenſtraße, dem berühmten Dome zu, wo ſo viele alte däniſche Könige ihre Grabesruhe halten. Aber die Pforten des Grabes hatten auch diejenigen aufgenommen, die der alte Mr. Brown hier zu begrüßen gekommen war. Der letzte ſei⸗ ner Freunde war, wie er zu ſeinem Schmerze bald erfuhr, vor einem halben Jahre der tödlichſten Krankheit, dem Alter, erlegen. Nachdem ſich Beide in der ſonſt nicht viel beſonders Merkwürdiges bietenden Stadt umgeſehen, kehr⸗ ten ſie traurig zur Beata zurück, denn der junge Mann empfand in innigſter Theilnahme den Kummer des alten Mannes wie ſeinen eigenen. „Alles todt, Alles todt, was ich kannte und liebte!“ ſagte dieſer auf dem Wege zum Hafen.„Und Alles ohne Nachkommen dahin gegangen! Nicht einmal ihnen kann man noch eine Freude bereiten!“ 3 8 — 108— Außer vielen andern, ſchwediſchen, däniſchen und holſteiniſchen Schiffen, lag auch das däniſche Dampfpacket⸗ boot im Hafen von Aarhuus, welches die Verbindung Jütlands mit Seeland, namentlich Kopenhagen ver⸗ mittelte.— „Was wollen wir lange hier verweilen?“ ſagte der Amerikaner zu Eduard.„Der Tod hat uns hier nichts übrig gelaſſen. Ich rieche den Moder ſchon— ſo eng iſt mir um'’s Herz. Kommen Sie, gehen wir lieber nach Kopenhagen, der nordiſchen Künſtlerſtadt, da wohnen wenigſtens noch lebendige Freunde.“ Und er trat an das Häuschen am Strande, in dem das Büreau des Dampf⸗ ſchiffes war und miethete für ſich und ſeine drei Begleiter die paſſenden Räume. Ihr Gepäck wurde ſogleich auf das Boot gebracht und vom Kapitain Schröder Abſchied genommen, denn um ſieben Uhr ſollte es von Neuem in See gehen. Eduards Herz ſchlug mit friſcher Hoffnung. Kopenhagen] die ſchönſte der nordiſchen Städte— Thor⸗ waldſen! das Arſenal! Was war da Alles zu ſehen, und vielleicht war auch Oeggering noch zu treffen! Still mit ſich ſelbſt beſchäftigt ging er ſo neben ſeinem Gefährten die Hafenſtraße auf und nieder, als die⸗ ſer vor einem Hauſe ſtehen blieb und an einem Fenſter deſſelben etwas in Augenſchein nahm. „Sehen Siel!“ rief er Eduard zu,„dieſe Typen ſind gut.“ 2 4 — 109— Eduard ſah, daß ein reiſender Künſtler hier ſein wanderndes Atelier aufgeſchlagen hatte. Er war aus Bremen. Seine Lichtbilder waren wirklich vortrefflich. Nichts von dem mürriſchen Ernſte, den man ſo gewöhnlich bei den mittelmäßigen Abſpiegelungen findet, nichts von dem alternden Ausdruck— die Geſichter heiter, wahr, die Lebensfarbe kaum bemerkbar, aber doch fühlbar in den mar⸗ kigen Geſichtern angedeutet. „Das gefällt mir,“ ſagte der Amerikaner.„Wenn der Mann alle Bilder ſo gut trifft, ſo wollen wir uns und ihm eine Freude bereiten.“ Man ging in das Haus, fragte nach dem Künſtler und wurde in den Garten gewieſen. In einigen Minu⸗ ten waren beide Bilder fertig, die ein Gehilfe ſogleich in den erforderlichen Rahmen faßte. Heide waren ſprechend ähnlich und ließen nichts zu wünſchen übrig. „Aber was hilft ein Bild!“ rief Mr. Brown, er⸗ freut über die gelungenen Portraits,„machen Sie gleich noch zwei andere.“ Und ſo geſchah es. Als auch dieſe fertig waren, bemerkte er lächelnd gegen Eduard:„Nun haben wir gleich eine Erinnerung an einander und noch unſer eigenes hübſches Geſicht daneben. Da haben Sie meines und ich behalte das Ihrige. Jetzt vergeſſen nicht, wie wir ausſehen.““ „Das Ihrige hätte ich nie vergeſſen, Mr. Brown.“ 119— „Nun, das will ich doch nicht ſagen, man vergißt ſo Vieles in der Welt.“ „Ich nicht.“ „Nu ja— ich auch nicht, aber Andere.“ Um ſieben Uhr beſtiegen ſie das Boot und anderen Abends um zehn legten ſie in der Nähe des Arſenals am Chriſtianshafen vor Kopenhagen an, wo Eduard beim Scheine zahlloſer Laternen ſechs große däniſche Kriegs⸗ ſchiffe ruhig vor Anker liegen ſah. Erſt gegen Ende Septembers kehrten die Reiſenden von Kopenhagen nach Aarhuus zurück, denn jene ſchöne Hauptſtadt mit ihren vielen Kunſtdenkmälern nicht allein, ſondern auch mehrere Punkte der maleriſchen Küſte See⸗ lands hatten ſie unvermuthet länger aufgehalten. Und Mr. Brown war keine Triebfeder zur Eile mehr, wie da⸗ mals in Baden; je länger ſein junger Freund ſich in ſei⸗ ner Nähe hielt, um ſo lieber war es ihm, denn ihm hatte bereits wieder die bevorſtehende Trennungsſtunde Kummer und Sorge bereitet.— Eduard hatte Oeggering nicht mehr in der däniſchen Hauptſtadt getroffen, der Künſtler war ſchon nach Italien abgegangen, Briefe hatte er eben⸗ falls nirgends vorgefunden und auch wohl nicht eigentlich erwartet, denn wie konnte man bei ihrem kreuzfahrenden — —— 111— Umherſtreifen nur mit einiger Wahrſcheinlichkeit Zeit und Ort ihres Aufenthalts beſtimmen, da ſie eben ſo vom Winde des Himmels, wie dem ihrer Luſt und Laune abhingen. Im Aarhuuſer Hafen fanden ſie auf der Beata Alles im beſten Zuſtande. Der Kapitain hatte die Ruhezeit benutzt, um das Schiff mit friſchem Fleiſche und Waſſer auf lange Zeit zu verſehen. Sie hielten ſich nicht lange auf; bald waren ſie wieder auf ihrem bequemen Schiffe, umgeben von Menſchen und Gegenſtänden, die ſie durch längere Gewohnheit lieb gewonnen hatten, und bald nach ihrer Ankunft ging die Beata aus dem Hafen und ein leiſer Weſt bläͤhte ihre Segel dem Süden entgegen. Sie nahm ihren Lauf jetzt an der Weſtküſte der Inſel Samſöe entlang nach dem Veiler Fiord, einem der ſchönſten Orte der fkandinaviſchen Reiche. Am zweiten Tage lief ſie in den Hafen zu Veile ein und Eduard war überraſcht von der romantiſchen Lage dieſer reizenden Stadt, die von hohen, mit geradſtämmigen, hundert Fuß hohen Buchen⸗ wäldern geſchmückten Bergen umgeben, ſo zierlich zwiſchen dem ſpielenden Meere und den bewachſenen Höhen liegt, als wollten ſich beide den Rang ſtreitig machen um ihren Beſitz.— Aber auch hier war das Suchen Mr. Browns von einem traurigen Erfolge gekrönt; der Freund, den er in Veile zu finden gehofft, war ebenfalls den Anforderungen NKordküſte des bewaldeten Fünens herum, in den großen Belt Finein deſſen maleriſche Küſten, faſt nur Buchen⸗ — 112 der Zeit erlegen und es gab für ihn Niemanden mehr, deſſen Hand er hätte drücken mögen. Der alte Mann wurde vom tiefſten Kummer gebeugt, als er dieſe Nach⸗ richt erfuhr. Als nun aber auch Eduard kam und ihn bat, ihn hier am Lande zu laſſen und ſeine Fahrt nach Amerika geraden Weges zu beginnen, wurde er ſo heftig erſchüt⸗ tert, daß ihm zum erſten Male die Thränen in die Au⸗ gen traten. „Nein,“ ſagte er,„nein, mein Freund, hier ſcheiden wir noch nicht. Das Wetter iſt ſchön, der Wind günſtig und die Reiſe durch die hundert Inſeln im ſchönen gro⸗ ßen Belt eine Vergnügungsfahrt. Stören Sie mir nicht meine Freude— Ihr Ziel, ich weiß es, iſt Kiel und da⸗ hin bringe ich Sie.“ „Weiter auch nicht einen Schritt, Mr. Brown,“ bat Eduard,„denn es bekümmert mich, Sie im Beginn der ſtürmiſcheren Jahreszeit zwiſchen den gefährlichen Inſeln zu wiſſen.“ „Fürchten Sie nichts— ſchon vor Mitte Oktobers bin ich um die Nordſpitze Jütlands herum und vier oder fünf Wochen ſpäter zu Hauſe, alſo vor der Zeit der Stürme— ich bin öfter zur See geweſen, als Sie den⸗ ken, und in ihren Tiefen iſt mein Ende mir nicht beſchieden.“ Se ſegelten ſie bald wieder von Veile fort, um die — — 113— wälder auf reizend geſchnittenen Höhen zeigend, von den ruhigſten Waſſer beſpült zu werden ſchienen, welches aus dem atlantiſchen Oceane in das umſchloſſene baltiſche Meer abfließt. Wie friedlich lagen die wohlhabenden Städte, die freundlichen Dörfer an den Küſten entlang, oft ihre Häuſerchen bis in das blaue Meer hinabtauchend. Hätte man bei dieſem heitern Anblicke ahnen können, daß in wenigen Jahren nur donnernde Kriegsſchiffe, mit dem Tode geweihten Menſchen bedeckt, hier hin⸗ und herjagen würden, um Verderben und Elend von Stelle zu Stelle zu tragen und den brüderlichen Feind bis zur endlichen Erſchöpfung zu bekämpfen? So kam die Beata, ruhig ihren Strich fortſetzend, zwiſchen Langeland und Laaland hindurch, und es war eines Morgens beim hellſten, freundlichſten Sonnenſchein, als man vom Verdecke aus das größere Waſſerbecken in's Auge bekam, welches im Oſten die Inſel Fehmern, im Weſten die ſchleswigſche und im Süden die holſteiniſchen Küſten beſpült. Die Beata nahm ihren Lauf ſüdlich nach Kiel, das eben genannte Waſſerbecken quer durchſchneidend, aber ein friſcher Südwind nöthigte ſie bald das Bugſpriet mehr nach Oſten zu wenden. Mr. Brown, geiſtig und körperlich angegriffen, per⸗ ließ jetzt ſeltener ſeine Kajüte. Er ſchlief nicht mehr recht, ſein Appetit ließ nach und an ſein Lieblingsſpiel 5 Der Inſeltönig. II. 8 — u4— war ſchon lange nicht mehr zu denken geweſen. Es war am letzten Abende, ehe man das Land zu erreichen hoffte, als der Kapitain, Mr. Schröder, bei ihm eintrat und bei dem Anblick ſeines verehrten Rheders, der bleich und angegriffen in ſeinem Lehnſtuhle ſaß, beinahe erſchrack. „Sind Sie krank, Mr. Brown?“ „Nein, Schröder, nein, nur etwas ſorgenvoll. Was bringen Sie?“ 4 „Wir haben einen ſteifen Südoſt, Mr. Brown, Kiel wird ſchwer zu erreichen ſein; wir laviren ſchon ſtunden⸗ lang, ohne merklich vorwärts zu kommen.“ „Wo werden wir beſſer einlaufen können?“ „Im Eckernförder Hafen. „Das iſt einerlei, ſteuern Sie nach Eckernförde.“ Der Kapitain ging und traf auf dem Verdeck ſeine Anordnungen. In wenigen Minuten ſteuerte die Beata auf den mehr weſtlich gelegenen Hafen zu. Einige Stunden ſpäter, es war tief dunkel und das Abendeſſen längſt vorüber, befand ſich Eduard auf dem Verdeck neben Mr. Schröder, deſſen Befehle er eben ſo kräftig geben als energiſch hatte vollſtrecken ſehen; er lehnte an einer Kanone und ſchaute dem noch unſichtbaren Lande entgegen, an das er nächſten Tages den Fuß ſetzen ſollte, um von dort aus ſeine Rückkehr allein in die Heimath fortzuſetzen. Seine Gedanken flogen in die nächſte Ver⸗ gangenheit zurück. Er befragte ſich über ſo Manches, —— als wirklich geleſen.— Eduard war über den krankhaften meine Augen beſtätigen mir dieſe traurige Nachricht“ — 115— konnte aber die rechte Antwort nicht finden. Da trat Ithyſſa, der Moor, traurigen Angeſichts, aus der Kajüte ſeines Herrn an die Seite des jungen Mannes. 3 „Maſſa Doctor,“ ſagte er mit leiſer, dumpfer Stimme, „Maſſa ſchickt mich her, er iſt nicht recht geſund, will Maſſa Doctor ſprechen.“ Augenblicklich begab ſich Eduard zu Mr. Brown. Er fand den alten Mann ſchon im Bette in ſeiner Nacht⸗ kajüte, einem kleinen Raume, deſſen Schiffswand das hinter Vorhängen verborgene Bett, deſſen gegenüberſtehende Seite ein in die Wand eingelaſſener Schrank und deſſen Rückwand ein großer Lehnſtuhl mit einem Spiegel darüber einnahm. Von der Decke herab hing eine bronzene Schiffs⸗ lampe am beweglichen Ringe, ſo daß ſie nach Bedürfniß hin⸗ und hergeſchoben werden konnte. Vor dem Bette ſtand ein Stuhl. Mr. Brown hatte ein Buch auf ſeiner ſeidenen Decke liegen, hatte aber mehr zu leſen verſucht, Geſichtsausdruck des verehrten Mannes beinahe erſchrocken. Er näherte ſich ihm raſch und erkundigte ſich theilnehmend nach ſeinem Befinden. „Guten Abend, Mr. Brown,“ ſagte er ſanft.„Ich höre zu meinem Leidweſen, daß Sie nicht wohl ſind und „Beſorgen Sie nichts, mein Freund,“ war die lang⸗* ſam geſprochene Antwort.„Mich haben verſchiedene Ue⸗ 8. — 146— mit einem Schlage gepackt. Geiſtige und leibliche Schmerzen überfallen mich. Es wird Zeit, daß ich nach Hauſe komme, und da Sie nicht mit mir gehen, wird mir die Zeit lang werden, bis ich meine Heimath erreiche. Sie haben mich verwöhnt.“ „O, wären Sie doch meinem Rathe gefolgt und eher zurückgekehrt 4 „Das hätte mir keine Erleichterung gebracht. Spre⸗ chen wir nicht mehr davon. Plaudern wir lieber, oder, da es wahrſcheinlich der letzte Abend iſt, den wir zuſam⸗ men verbringen, erzählen Sie mir etwas, damit mir die Zeit vergeht und ich mein altes Uebel vergeſſe— aber es muß etwas Angenehmes ſein— eine heitere Geſchichte.“ „Mr. Brown, wir kommen morgen an’'s Land, wo unſere Trennung bevorſteht, ſoll ich da heiter hnen „Freilich, wenn Sie mir von unſerer Trennung ſpre⸗ chen, ſo iſt das nicht heiter. Kein Wort alſo davon— machen Sie mich nicht noch kränker. Morgen iſt aiſsdar Scheidetag— jedem Tage das Seinige.“ „Ich ſpreche nicht davon, Mr. Brown, um eis an unſern Abſchied zu erinnern, ſondern um Ihnen meine Gefühle darzulegen und meine ſchwache Dankbarkeit— Still! davon keine Sylbe mehr— ich verlange keinen Dank! Quälen Sie mich nicht. Ich habe Ihnen mehr zu danken, als Sie mir Was ich Ihnen gegeben, aust ſich Hrrenen, mit einigem Gelde aufwiegen. Was Sie mir gethan, iſt unbezahlbar, denn Sie haben Ihre frohe Jugend meinem grämlichen Alter geopfert und ſind mir obendrein ein lieber Freund geworden. Doch das verſteht ſich von ſelbſt. Ich will mich heute nicht noch mehr aufregen, als ich es ſchon bin. Ich bedarf der Ruhe; geben Sie mir dieſe. Mein altes Bruſtübel häm⸗ mert in meinem morſchen Herzen, als wollte es die Woh⸗ nung, in der es ſo lange gehauſ't, ſprengen und eine neue, widerſtandsfähigere beziehen. Ich kenne das— es geht wieder vorüber, wenn ich mich erheitere, aber für den Augenblick macht es traurig und traurig bin ich, wie Sie merken. Alſo helfen Sie mir. Sie erzühlen ſo hübſche Dinge; ſuchen Sie, wie geſagt, eine heitere Geſchichte aus. Ihre Künſtlerabende haben Sie mir ſchon vorgetra⸗ gen, Ihr Stübchen kenne ich— die guten Leute, die es Ihnen verſchafft— Gott ſegne ſiel— auch. Der Ban⸗ quier Ermeling mit ſeiner Tochter Judith, wie ihr Lieb⸗ haber, ſind auch ſchon meine Bekannte geworden. Ich kenne Ihre Studien, Ihre Liebhabereien, ja, auch den prächtigen luſtigen Kerl, den Joſephſon, habe ich lieb ge⸗ wonnen. Ich weiß alſo, daß Sie in guter Geſellſchaft ſind. Wiſſen Sie aber, was Sie mir noch nicht erzählt haben?“ 8 „Nun?“. „Wie Sie zu Ihrem Vater, ich meine den Prediger, 8* gekommen ſind. Das erzählen Sie mir.““ — 118— „Ach! das iſt keine heitre, ſondern eine ſehr traurige Ge eſchichte 4 „Das ſchadet nicht, ich bin einmal neugierig darauf. Erzählen Sie mir, aber Alles, was Sie wiſſen und wenn es auch noch ſo wenig iſt. Es intereſſirt mich, weil es Sie, Sie— meinen lieben guten Freund betrifft. Aber ich bitte noch ein Mal— ſo genau wie möglich.“ Eduard beſann ſich und ſeich ſich mit der Hand die Locken aus der Stirn. „Fangen Sie an— geſchwind— wo wurden Sie — geboren? Halt! das grelle Licht der Lampe blendet mich— bewegen Sie ſie etwas dorthin— ſo— noch mehr— und ſchrauben Sie ſie tiefer, meine a lten Augen vertragen das nicht mehr.“ Eduard that wie ihm geheißen— es herrſchte jetzt ein ſanftes Dämmerlicht in dem kleinen Gemache, ſo daß die neben einander Sitzenden kaum ihre Züge erkennen konnten. Eduard begann: „Wo ich geboren wurde!— Ja, das weiß ich eben nicht Jedenfalls war es nicht viel weiter als ein paar Tagereiſen von.., wo ich, wie Sie wiſſen, ſtudirt habe. 4 „Weiter: 3 Ih Ihren Vater kannten Sie nicht, das ha⸗ ben Se mir ſchon geſagt— aber Ihre Mutter?“ „Mein Vater ſtarb, glaube ich, als ich etwa ein halbes Jahr alt war. Meine Mutter aber habe ich ge⸗ kannt, und es iſt mir bisweilen, als ob ich noch einen 119— Schatten ihres lieblichen, engelgleichen Geſichtes wie ein Traumbild vor meinen Augen hätte.“ „Alſo ſie war ſchön?“ 4 „So hat man mir ſpäter geſagt. So viel ich mich erinnern kann— denn das Alles iſt nur ſehr dunkel in meinem Gedächtniß— ſoll meine Mutter ſehr leidend und unglücklich geweſen ſein— Ihnen iſt doch nicht unwohler geworden, Mr. Brown, Sie athmen ſo laut?“ „Nein, nein, fahren Sie fort.“ „Warum weiß ich nicht. Mein Vater aber ſoll dies Unglück nicht verſchuldet haben—“ „Nein, ganz gewiß nicht— 8„Wie? Kannten Sie ihn denn?“ „Wie können Sie das denken! ich gluue das nur von Ihrem Vater nicht, da er einen Sohn haben konnte, wie Sie es ſind— Sie ſehen ihm gewiß in allen Din⸗ gen ähnlich!“ „Das nicht; eine alte Verwandte hat in meiner Kind⸗ heit oft das Gegentheil verſichert, ich ſoll gerade meiner Mutter ſehr ähnlich geſehen haben— Hier ſeufzte Mr. Brown laut auf und legte ſich be⸗ quemer in ſeinen Kiſſen zurecht. „Genug, ſie war unglücklich und leidend; ſie ſah, ſo viel ich mich erinnern kann, nur bleich und traurig aus, ſo liebreich ſie gegen mich war— und langſam er⸗ loſch ſie, wie ein allmäh hlig abbrennendes Licht erliſcht. — 120— Gleich nach ihrem Tode kam ich zu einer alten Freundin derſelben, die ſtets in unſerm Hauſe geweſen war, und als auch dieſe ſtarb, oder wenigſtens dem Tode nahe war, wurde ich— das iſt mir ſchon erinnerlicher— durch einen Boten in eine große Stadt geſchickt, um— ich glaube, zu meinem Vormunde gebracht zu werden.“ „Aha! Wie hieß der?“ „Das weiß ich nicht— leider nicht!“ „Auch nicht die Stadt?“ „ Auch dieſe nicht. Ich wurde gerade an dem Reiſe⸗ tage fünf Jahre alt.“ „Freilich noch ſehr jung! Weiter!“ „Ich kam zur Stadt.“— Hier hielt Eduard inne, es war ihm, als wenn ein ihm bekanntes Geſicht vor der taſtenden Erinnerung ſeines zurückblickenden Geiſtes auf⸗ ſtiege, aber es verſchwand eben ſo ſchnell wieder, wie es gekommen war und er konnte abermals nicht finden, was er ſuchte. Er fuhr langſam fort:„In der Stadt mußte ich in einem Hauſe auf meinen Vormund warten. Er kam.“ „Wie ſah der aus?“ „O, auch darüber habe ich kaum noch eine trübe Erinnerung. Nur ſoviel weiß ich, er gefiel mir nicht und ich fürchtete mich etwas vor ihm.“ „Aha! Weiter!“ „dier wurde ich einem unbekannten Landmanne über⸗ geben, denn ich ſollte, ſo war es ſchon vorher beſchloſſen, 0 — 2221— auf das Land, weil ich kränklich war. Dieſer Landmann nahm mich mit ſich. Es war eine entſetzliche, kalte, win⸗ dige Winternacht— das weiß ich noch ganz genau— man hatte mich zwar eingehüllt, doch fror ich ſchmerzlich. Aber ich dachte, es müſſe ſo ſein, und ich folgte, wohin mich der Mann führte. Zuerſt fuhren wir, glaube ich, eine Nacht durch, oder nein— nur bis zur Nacht— dann in einem Schneegeſtöber, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte, zog er mich zu Fuße weiter— noch dazu war er, wie ich jetzt weiß, betrunken, denn er ſchwankte hin und her und trank beſtändig aus einer gro⸗ ßen Flaſche—— „Das iſt ja aber barbariſch!“ „Wohl war es das, aber hören Sie weiter. So ſchleppte er mich durch Schnee und Wind— mir kam es eine Ewigkeit weit vor, und doch war es nur eine Meile, wie ich ſpäter erfuhr. Es ging durch eine weite Ebene, dann kam ein dicker, finſtrer Wuld und Adlis, als ich kaum noch zu gehen vermochte— „Aber mein Gott, das iſt ja teufliſch!“ „Traten wir in eine Hütte, in der ich mich noch eines großen Feuers, einer guten Frau und eines bellen⸗ den Hundes erinnere. In dieſer Hütte erwachte ich am naächſten Morgen, und von nun an iſt mein Bewußtſein klar. Hier blieb ich, hier genas ich, hier erquickte ich mich an den Erzählungen der guten Suſanne, die jetzt — 122— im Hauſe des Pfarrers wohnt, und die ſelbſt Kummer genug hatte, denn der Mann, der mich zu ihr gebracht, ihr Ehemann, war ein Trunkenbold und Taugenichts. Ein ganzes Jahr blieb ich bei dieſen Leuten.“ „Und ließ ſich der Vormund nicht wieder ſehen?“ „Nein. Denn wie wir ſpäter erfuhren, hatte dieſer unglückſelige Trunkenbold meinen Vormund betrogen und wahrſcheinlich, um ſich das Geld für meine Penſion zu verſchaffen, demſelben einen falſchen Namen, Stand und Wohnort angegeben. Am Ende dieſes Jahres, nach lan⸗ gen Leiden, ſtarb er. Der Pfarrer Wollzagen ward an das Sterbebett gerufen und ihm beichtete Suſanne den Frevel ihres Mannes, der nicht wieder zur Beſinnung kam und ohne ein Wort über mich ausſagen zu kön⸗ nen, ſtarb.“ „Aber forſchte denn der Pfarrer nicht nach Ihrer Herkunft?“ „Das hat ihm freilich viele Sorgen gemacht. Im Stilen forſchte er gewiß, obwohl vergeblich. Oeffentlich aber, wie er mir in ſpäteren Jahren öfter erzählt hat, unterließ er es, in der mir auch gerecht ſcheinenden Be⸗ ſorgniß, der Vormund möchte, wenn er wieder Gewalt über mich erhielte, zum zweiten Male nicht beſſer mit mir verfahren als das erſte Mal.“ „Dafür hätte es Geſetze gegeben— aber ich verſtehe die Handlung des Pfarrers zu beurtheilen. Er war ein — 123— Menſchenfreund und kein Juriſt, er gewann Sie lieb und behielt Sie für ſich, um Sie zu einem wackern Manne zu erziehen. Das iſt die Erklärung ſeiner Handlungsweiſe und ſie iſt ihm geglückt.“ „Ja, er erzog mich wie ſeinen Sohn. Erſt ſpäter ſagte er mir, wenn ich ſelbſtſtändig geworden, um meine Rechte nachdrücklich vertreten zu können, ſollten wir das Verborgene ſuchen.“ „Alſo wiſſen Sie nicht einmal den Namen Ihrer Eltern— oder wußten Sie ihn?“ „Nicht mit Beſtimmtheit, und doch glauben wir einen Anhalt zu haben. Denn als jener Tunkenbold auf dem Sterbebette lag, hatte er die Abſicht, dem Pfarrer die Wahrheit zu ſagen. Er ließ ſich ein Geſangbuch reichen und nahm einen Zettel daraus. Dieſen aber umſchloß er krampfhaft mit ſeiner Hand, als ihn der Tod erfaßte. Erſt nach dem Tode entwand der Arzt den ſtarren Hän⸗ den des Todten das jetzt unnütze Geheimniß, da wir kei⸗ nen Schlüſſel dazu haben. Es war ein zerknittertes Pa⸗ pier, auf dem ein Name ſtand und noch dazu ein recht ſonderbarer Name, der ſelten oder gar nicht vor; pflegt. Aus dieſen doppelten Gründen nahm ich ihn auch nicht an und wurde bis dieſen Augenblick bei dem Namen meines braven Pflegevaters genannt.“ „Bitte— nehmen Sie das Licht noch ciwas bris — 124— — es blendet mich immer wieder— nun, welce Name ſtand denn darauf?“ „Der Name Eduard Hutten Stolling.“ Eduard ſchwieg und ſah nach dem Bette, aus dem keine Antwort kam. Das Geſicht Mr. Browns war nach der Wand gekehrt. Er blickte genauer hin und da der alte Mann noch immer kein Zeichen des Lebens von ſich gab, ſo erſchrack der junge Arzt, indem er glaubte, den Kranken habe der Schlag gerührt. Schnell ſprang er hinzu und fühlte nach dem Pulſe. Er ſchlug aber ziemlich regelmäßig, nur etwas ſchneller. Das Ge⸗ ſicht, das er jetzt herumdrehte, war bleich, die Augen geſchloſſen. „Mr. Brown! Mr. Brown!“ rief er,„Sie ſind doch nicht ſtärker erkrankt?“ Mr. Brown ſchlug die Augen auf. Aber nicht ein Krampf oder ein Todeszucken war darin zu ſchauen, vielmehr ein Ausdruck himmliſcher Befriedigung und Verklärung. „Was iſt Ihnen, mein theurer Herr Brown? Ich bitte, ſprechen Sie.“ Der ſo Angeredete ſtöhnte laut— dann ſagte er mit leiſer Stimme: „Weiter nichts iſt es, als eine angenehme Ohnmacht, wie ſie mich öfter überfällt und raſch vorübergeht. Sie A —— — —— — 1— ſehen— es iſt ſchon vorbei. Gönnen Sie mir nur einen Augenblick Ruhe— gehen Sie hinaus und kommen Sie in zehn Minuten wieder.“ Eduard ging auf das Verdeck, wo er im tten Abendwinde auf⸗ und niederſchritt. Nach einer Viertel⸗ ſtunde kehrte er in die Kajüte zurück. Mr. Brown lag ruhig, aber bleich im Bette— er ſtreckte die Arme nach Eduard aus, zog ihn an ſein Bett, ſchlang ſie um ſei⸗ nen Hals und drückte ihn innig und lange an ſein Herz.— „Und wir ſollen uns trennen?“ ſchluchzte er.„Kom⸗ men Sie mit mir— ich bitte noch ein Mal.“ „Es geht nicht,“ ſagte Eduard feſt. „Gut, ich bitte Sie ſchon nicht mehr. Ich ſehe es ein, es iſt entſchieden! Was iſt die Uhr?“ „Es iſt eilf vorbei.“ „So gehen Sie, auch ich will zu ſchlafen verſu⸗ chen. Nur Eins will ich Ihnen ſagen. An Ihrer Stelle würde ich nicht nach dem verbrecheriſchen Vormund for⸗ ſchen. Es kann Ihnen keine Freude machen, einen ſol⸗ chen Mann kennen zu lernen, und rächen werden Sie ſich nie wollen, ſo weit ich Sie kenne. Es könnte eine ſolche Erklärung unangenehme Scenen im Gefolge haben, 1 die man gern vermeidet. Ueberlaſſen Sie Gott allein das Rächerant, vielleicht giebt er Ihnan lie s das e nommene etwas wieder, was Ihren Verluſt weniger empfindlich macht, denn ich glaube an eine Vergeltung ſchon auf Erden. Fragen Sie Ihr Gewiſſen. Und nun gehen Sie!“ Eduard drückte noch ein Mal die ihm dargebotene Hand und bot ihm eine gute Nacht. Kaum war er zur Thür hinaus, ſo erhob ſich Mr. Brown in ſeinem Bett. Schnell richtete er ſich auf und kniete auf dem Lager nieder. „Großer allmächtiger Gott!“ ſprach er feurig mit emporgehobenen und gefalteten Händen.„Nicht umſonſt haſt Du Deinen göttlichen Stempel auf die Geſichter der armen Menſchen gedrückt! Es liegt mehr darin aus⸗ geſprochen, als wir zu wiſſen wähnen— nur die Sinne fehlen uns, die Züge Deiner himmliſchen, unvergäng⸗ lichen Schrift zu entziffern. Ich danke Dir— Du haſt mich leſen gelehrt— ich danke Dir, daß Du mir auch das noch gegeben, nachdem Deine Hand ſchon ſo reichlich ihre Gaben über mich ausgegoſſen. Dieſe aber war die ſchönſte von allen— ich danke Dir.“ und aufſtehend und ſich ankleidend, begab er ſich in ſein Zimmer und ging lange in demſelben auf und nieder.— „Er darf nichts wiſſen,“ ſagte er endlich—„die ſchöne Ruhe ſeiner Seele darf jetzt durch nichts geſtört werden. Ja, ich, ich muß nach Amerika, ſeinetwegen ſchon, denn meine Aufgabe iſt größer, ernſter, folgenrei⸗ cher geworden, als ich mir vorgenommen hatte, da ich über das Meer ging. Ich hoffe aber zu Gott, daß ich ihn noch wiederſehe!“ Am andern Morgen war die Beata dem Hafen näher gerückt. Der Wind hatte ſich zwar verringert, war aber ſtark genug, eine Landung bis Mittag hoffen zu laſſen. Das Land war ſichtbar an beiden Seiten. Es waren die bewaldeten Hügelketten, die den trichter⸗ förmigen Eckernförder Hafen bilden und ſich gegen die Stadt zu niedriger abflachen. Hier begann das Schiff mit aufgezogener amerikaniſcher Flagge vor dem Winde zu kreuzen. Eduard war bei Mr. Brown in der Kajüte. Letz⸗ terer hatte vorher geweint, jetzt war er gefaßt. Eduard war tief ergriffen, hatte aber ſeine Geiſtesklarheit be⸗ wahrt.— „Der Augenblick der Trennung, mein lieber Freund,“ begann der Erſtere,„iſt gekommen. Verlieren wir heide keine Worte mehr— es läßt ſich nichts mehr äͤndern. Wir haben uns Alles geſagt, was wir uns zu ſagen hatten. Das Uebrige ruht in Gottes Hand. Leben Sie wohl und der Himmel geleite Sie auf allen Ihren We⸗ gen. Dih hoffe, ſie werden für Sie nicht zu dunkel be — — 1— ſtimmt ſein.— Wie iſt es mit Ihrem Reiſegelde? Sind Sie verſehen?“ „Ich habe hinreichend, da ich ja nichts ausgeben konnte.“ „Dann iſt es gut; ſonſt aber ſprechen Sie ein Wort, und, Sie wiſſen, meine Börſe iſt Ihnen geöffnet. Nun, Sie ſchütteln mit dem Kopf, ich bin zufrieden, Sie müſſen es wiſſen. Hier iſt aber noch Eins.“— Und er zog eine Brieftaſche von braunem Leder aus ſeiner Bruſt⸗ taſche.„Für alle Fälle— mögen ſie heißen, wie ſie wollen— ich will Ihnen eine Aushilfe geben.— Sie ſinden in dieſer Taſche einen Blanko⸗Wechſel, lautend auf ie, unterzeichnet von dem Hauſe, welchem ich meine Geſchäfte gewidmet habe. Der Name der Bankiers in Ihrer Stadt, welchen Sie das Papier vorzeigen können, iſt dabei angegeben. Sind Sie einmal in Verlegenheit — man kann es nicht wiſſen— ſo gehen Sie perſön⸗ lich zu einem der bezeichneten Männer und zeigen meinen Wechſel vor. Sie werden benachrichtigt ſein.— Wie hoch die Summe iſt, über die Sie verfügen können, wird Ihnen jeder der Herren ſelber ſagen. Verlieren Sie die Taſche aber nicht— ich verlaſſe mich auf Ihre Umſicht. Das iſſt Alles, was ich jetzt für Sie thun kann. Das ſei mein Dank für Ihre freundſchaftliche Hingebung. Und nun gehen Sie mit Gott und raſch.“ — 129— Er öffnete ſeine Arme, Eduard fiel hinein und fühlte ſich innig, zärtlich umſchloſſen. Sie küßten ſich einmal, zweimal, dreimal. Dann deutete Mr. Brown mit ſeiner Hand, er ſolle gehen. Der Scheidende ſprang auf das Deck. Der Kapitain, die Steuerleute, die un⸗ thätigen Matroſen, Alle drückten ihm die Hände. Das Boot, mit vier Ruderern bemannt, Mr. Treaden ſchon darin, Ithyſſa am Steuer, wartete ſchon auf ihn. In zwei Minuten ſaß er neben ihnen, die Augen! auf die ſchwebende Beata gerichtet, die mit verkürzten Segeln hin⸗ und herlavirte. Die Ruderer arbeiteten ſchnell. Im Boote wurde kein Wort geſprochen. Ithyſſa ſah wie gebrochen aus und wandte ſein blitzendes Auge von dem jungen Manne keinen Augenblick ab. Man kam dem Ufer näher und näher. Bald war es erreicht. Die Landung geſchah beinahe an demſelben Punkte der Brücke, wo einige Jahre ſpäter die durchſchoſſene, zerſplitterte, mit Leichen und Blut gefüllte königliche Gefion von dem ſiegestrunkenen Feinde an ihre Ankerketten gelegt wurde. Eduards Gepäck wurde an's Land geſchafft. Mr. Treaden wurde mit einem Händedruck verabſchiedet. Ithyſſa faßte mit beiden Händen die Rechte des jungen Arztes, drückte ſie gewaltſam und ſagte mit gebrochener Stimme: 4 Der Inſelkönig. III. 9 — 130— „Ithyſſa— ſehr, ſehr traurig!“ und dabei ſchüttelte er wehmüthig ſein ſchwarzes Haupt. Bald waren die Beiden wieder im Boote, dieſes wendete ſich und ſchoß dann pfeilſchnell zum Hafen hin⸗ aus. Eduard blieb auf der Brücke ſtehen und folgte ihm mit ſeinen Augen. Noch glaubte er, mit Anſtren⸗ gung ſeiner ganzen Sehkraft, auf dem Hinterdeck der kreuzenden Beata das weiße Haupt des Mr. Brown zu erkennen. Vielleicht, ja wahrſcheinlich war es eine Täu⸗ ſchung.— Endlich war das Boot am Schiffe. In einigen Minuten war es hinaufgewunden. Die großen Segel fielen herab nnd der friſche Südwind erfaßte ſie augenblicklich. Da ſtieg eine weiße Rauchwolke aus dem Rumpfe des Schiffes auf. Ein dumpfer Kanonen⸗ donner rollte friedlich an den Bergen entlang. Ein zweiter folgte und noch ein dritter. Es war das letzte Lebewohl der raſch ſich entfernenden Beata und ihrer Bewohner.— Jetzt erſt ſtanden dem nachblickenden Eduard Thränen in den Augen, und wohl konnte er weinen, denn er hatte zum letzten Male einen der edelſten und bravſten Männer geſchaut, die dieſſeits und jenſeits des weiten Meeres, welches die alte Welt von der neuen ſcheidet, jemals gelebt und gewirkt haben.—— 4 Die Beata war hinter den Höhen, nach Norden umlegend, bald verſchwunden. Ein Hafenarbeiter be⸗ — — 131— lud ſich mit dem Gepäck des jungen Reiſenden. Die⸗ ſer ſelbſt wankte wie ein Träumender dem rüſtig Vor⸗ anſchreitenden in das erſte beſte Gaſthaus nach.— Der ſchönſte und wichtigſte Theil ſeiner erſten Reiſe war hier⸗ mit beendet.—— Sedſtes Kapitel. Ein vom Flammentode geretteter Schatz. Der eben angekommene Fremde war den guten Leuten in der goldenen Sonne zu Eckernförde eine etwas ſon⸗ derbare Erſcheinung. Von dem Boote eines amerikaniſchen Schiffes mit allen ſeemänniſchen Ehren an's Land geſetzt, war er in ihre kleine Stadt wie hineingeſchneit. Noch dazu befriedigte er ihre Neugierde nicht im Geringſten. Kaum angelangt, hatte er ſich, ohne Speiſe oder Trank zu fordern, in ſein Stübchen eingeſchloſſen, wo er, wie man deutlich im unteren Zimmer hören konnte, ſtarken Schrittes auf und nieder ging. Wohl hatte das kleine blauäugige Hausmädchen durch das Schlüſſelloch gelugt, aber ſie konnte nichts weiter wahrnehmen, als dann und wann ſeine raſch vorüberrauſchende große Geſtalt. Und in Wahrheit, Eduard fühlte in dieſem Angenblicke kein anderes Bedürfniß, als allein und ungeſtört zu ſein. Die eben 8 ——— 4 3 — 133— vollendete Reiſe war zu ſchön, zu unterhaltend geweſen, als daß er ſich ſogleich in ſeine neue, einſame Lage hätte zurecht finden können. Beinahe war er verſucht anzu⸗ nehmen, die letzten fünf Monate ſeien weiter nichts als ein reizender Traum geweſen, dem jetzt jählings ein ſehr kühles Erwachen gefolgt ſei. Das Erlebte nahm in ſeiner Erinnerung, je mehr er es von allen Seiten betrachtete, ein etwas wunderbares Anſehen an. Und doch war es wirklich geſchehen und erlebt. Hier war das Bild des alten guten Mr. Brown, ſprechend ähnlich, als wollte es ihm jeden Augenblick etwas Neues erzählen, und da war die lederne Brieftaſche, die er ihm kurz vor'm Scheiden eingehändigt hatte. Raſch öffnete er ſie. Er fand nur das, was der Amerikaner ihm geſagt, die Namen zweier Handlungshäuſer in der Hauptſtadt, und einen Wechſel, deſſen Bedeutung er nicht recht verſtand, denn in der Wechſelkunde war er durchaus nicht bewandert. Nur ſoviel ſah er, daß er auf Sicht ausgeſtell und die Summe des zu zahlenden Geldes nicht enthielt. Unter⸗ zeichnet war er— hier ſtutzte Eduard wirklich in einer heftigen Bewegung zuſammen— mit dem deutlich und ſchön verſchlungenen Namen⸗ Hutten, Brown und Moore. Brown! ja freilich, ſein Freund und Reiſegefährte war dabei. Aber Hutten! Wer war das? Er betrachtete das Blatt von allen Seiten, kehrte die Brieftaſche um und um, aber weiter war nichts darin vorhanden, was — 134— irgend einen erwarteten Aufſchluß hätte geben können. Er wurde immer betroffener, je länger er nachſann; dieſer für ihn ſo merkwürdige Name, wie kam er unter dieſes ¹ Papier, und war eine Verbindung zwiſchen jenem und ihm vielleicht ſelbſt? Nein, das konnte nicht ſein, denn wenn es geweſen wäre, hätte Mr. Brown ihm gewiß irgend eine Andeutung gegeben. Genug, zu erklären war es für den Augenblick nicht, und was unſer junger Freund nicht ergründen konnte, das pflegte ſeinen Geiſt in der Regel nicht lange zu beſchäftigen. Es gab für ihn keine Er⸗ klärung, alſo warum vergeblich nach einer ſuchen, die immer doch nur eine Msglichkeit, keineswegs aber eine Gewißheit geboten hätte. Er beſchloß auch jetzt, was er 3 gleich beim Empfang dieſes Papiers beſchloſſen hatte, es auf ſich beruhen zu laſſen und nicht zum Geldmarkt zu tragen. Sein ganzer Charakter, ſein Herz, ſein Gemüth ſträubte ſich dagegen, ein Geldgeſchenk anzunehmen, für deſſen Erlangung er ſich kein Verdienſt zuſchrieb. Einſt⸗ weilen ſollte es mit der Brieftaſche ſorgfältig aufgehoben werden, die Zukunft würde ſchon den Gebrauch deſſelben gebieten oder unnöthig machen. Für jetzt ſei es ihm weiter nichts als eine Erinnerung an ſeinen neuerworbenen * Srreund, und das ſei ſchon an und für ſich ein him ihend hoher Werth! Ach! bei dieſem Raiſonnement ahnte Eduard miht im Entfernteſten, wie reich er im Beſitze dieſes Wechſell * ſei. Er hatte den erhabenen, edeln, hilfskräftigen Geiſt des alten Mr. Brown noch nicht im kleinſten Theile richtig erkannt und gewürdigt; er ſah in ihm allein einen zwar liebenswürdigen und guten, aber nicht einen Mann, der auf der Höhe ſeines Zeitalters, ſeines Geſchlechtes und der vollkommenſten Menſchenliebe ſtand. Und doch war er das Alles und noch viel mehr, denn er hatte außer allen obigen Eigenſchaften noch eine höhere Bega⸗ bung von der Natur erhalten, er war nicht nur klug, einſichtsvoll, ſpeculativ— ſondern auch weiſe, ein Forſcher im Herzen des Menſchen, ein Wohlthäter nicht allein im Geben und Gewähren, ſondern ein Philoſoph und Phi⸗ lanthrop im weiteſten und gediegenſten Sinne des Worts. Zwei Stunden hatte Eduard in Einſamkeit, Nach⸗ denken und Grübelei verſunken hingebracht, als er durch die Töne eines Poſthorns aus ſeinen Träumen erweckt und aus der Erinnerung an die Vergangenheit zum Be⸗ wußtſein der Gegenwart verſetzt wurde. Er öffnete die Thür und ſah das Mädchen, welches wieder gelauſcht hatte, eilig davon laufen.„Komm ein Mal her!“ rief er. Sie lief aber nur um ſo ſchneller die Treppe hinunter, ſchickte jedoch alsbald einen Kellner hinauf. „Wie kann man am Beſten nach Kiel kommen?“ fragte er dieſen. „’In einer Stunde wird die Poſt abgehen. Wollen Sie mit?“ „Gewiß will ich das— wollen Sie es beſorgen?“ „Ja— allerdings— aber ohne Paß— 24 „Wer ſagt Ihnen, daß ich keinen habe— hier iſt er, für's ganze Ausland ₰ dal⸗ Der Kellner nahm den Paß und verbeugte ſich. „Werden Sie vor der Abfahrt nicht ſpeiſen?“ „Meinetwegen— ja!“ „So will ich es beſtellen!“ Eduard winkte mit der Hand, und der den Geſetzen gehorſame Kellner verſchwand. Eine Stunde darauf fuhr er in einem für ſeine jetzige üppige Gewohnheit ſehr unbequemen Poſtwagen nach Kiel, wo er gegen Abend anlangte. Jetzt befand er ſich in der Stadt, wo Joſephſon ſtudirt hatte— er war alſo ſeinen Freunden und daher ſeinem eigenen Ich ſchon wieder näher gerückt. Zwei Tage blieb er in dieſer nordiſchen Muſenſtadt, von deren ſchönen Hafenſpazier⸗ gängen er ſehnſuchtsvolle Blicke nach einem gewiſſen Schiffe auswarf, aber— die ſchnelle Beata war bei dem fortwährend günſtigen Südwinde ſchon eine weite Strecke nördlich getrieben, und wie er ſein Auge auch anſtrengte, er konnte ſie nur mit ſeinem Herzen erreichen. Von Kiel aus ſchrieb er an Joſephſon, der alle vier Wochen einen getreuen Reiſebericht erhalten hatte, und meldete ihm ſeine bevorſtehende Rückkehr. Nach Bil⸗ ſingen ſchrieb er aber nicht, denn er wollte die gute Pfar⸗ —— — — — rersfamilte, wie er es ſo gern that, wieder mit ſeiner plötzlichen Erſcheinung überraſchen... Als er nun in Kiel, was ihm wichtig und neu ſchien, betrachtet, fuhr er auf der Eiſenbahn, die zum Theil ſchon fertig war, nach Hamburg. Hier verweilte er meh⸗ rere Tage. Allen ſeinen Lieben kaufte er eine Kleinigkeit zur Erinnerung an ſeine nordiſche Reiſe, und verpackte jedes Einzelne ſehr ſorgfältig. So war er denn endlich zur Heimkehr gerüſtet. Es war in der erſten Hälfte Octobers, als er in der Sommerreſidenz wieder eintraf und ſogleich ſeinen Weg zu Fuße nach Bilſingen antrat. Es ging ſchon gegen Abend, als er den Pfarrhof erreichte. Die Familie ſaß um den großen Speiſetiſch im allgemeinen Wohnzimmer beiſammen, der Pfarrer und der Kantor gingen, ihr Pfeifchen rauchend, im Zimmer leiſe plaudernd ſpazieren. Da ging die Thür auf. „Guten Abend, Alle zuſammen!“ rief der Zurückge⸗ kehrte freudig. Sie ſprangen erſchrocken auf— dann aber mit weit aufgeriſſenen Augen dem allgemeinen Liebling ent⸗ gegen. Das war eine Freude, ein Umhalſen, ein Küſſen! „O, wie er kräftig und braun geworden iſt!“ rief die Mutter.— „Und wie ihm der Bart gewachſen iſt!“ die Schweſtern.“ „Daß Ihr auch gleich den Bart ſehen müßt!“ ent⸗ gegnete er ſcherzend—„Ihr fürchtet Euch gewiß davor, ſonſt würdet Ihr nicht ſo verwunderte Geſichter machen!“ Und es ward den ganzen Abend nichts gethan, als erzählt und dem Erzähler zugehört. So viel Eduard aber auch von Mr. Brown ſprach, ſo viele Grüße er aus⸗ richtete und alle ſeine herrlichen Eigenſchaften entwickelte, von dem Wechſel ſagte er nichts, ſogar auch ſpäter, als er mit dem Pfarrer allein war, verſchwieg er dieſes Ge⸗ ſchenk. Sei es, daß er nicht mehr daran dachte oder zu wenig Wichtigkeit darauf legte, oder, daß er gar eine Ab⸗ ſicht mit dieſem ſeinem erſten unerſchloſſenen Geheimniſſe verband, denn auch Joſephſon erfuhr ſpäter davon nicht das Geringſte. Die für Bilſingen und das Vaterhaus beſtimmten acht Tage waren bald in der Fülle mitzutheilender Erleb⸗ niſſe von Seiten des Sohnes und in der ungetheilteſten Aufmerkſamkeit von Seiten der Familie des Pfarrers verſchwunden, und der Tag war da, welcher Joſephſon als der der Rückkehr bezeichnet war. Eduards Bücher und Gepäck waren ſchon einen Tag vor ihm nach der Hauptſtadt gewandert, wohin ihnen am nächſten Morgen ihr Beſitzer ſelbſt, wie gewöhnlich die Fußreiſe vorziehend, folgen ſollte. Der Pfarrer und der Kantor begleiteten ihn wieder eine Strecke, und als die beiden treuen Freunde zurückgekehrt waren, bemerkte der Vater zu ſeinen Töchtern: ſie hätten Eduard nun raſch 6 8 — 139—— genug hintereinander geſehen, zu Weihnachten werde er dies Mal nicht nach Hauſe kommen, ſondern erſt zum Feſte des nächſten Jahres; ſie wie er müßten ſich daher in die längere Trennung mit Geduld fügen, und die Studien nun einmal raſch beendigt werden. Wie erſtaunte aber die ganze Pfarrersfamilie, wie erſchrocken aber zeigte ſich der Vater ſelber, als kaum vierundzwanzig Stunden nach der Abreiſe des Sohnes ein beſonders gedungener Bote von demſelben kam, und den Geiſtlichen ſo bald wie möglich in einer wichtigen Augelegenheit nach der Hauptſtadt berief. Zitternd, wie nie in ſeinem Leben, rüſtete ſich Wollzagen augenblicklich zur unerwarteten Reiſe, und die bereitwillig gelieferten Pferde des Zimmermeiſters brachten ihn bald an Ort und Stelle. Doch, verfolgen wir langſam den Weg des einſamen Fußgängers, wir werden bald die Urſache jener plötzlichen Botſchaft erfahren, wenn wir ſie uns noch nicht ſelbſt gedacht haben ſollten.* Eduard ſchritt munter ſeinen Weg dahin. Die erſte Hälfte brachte er in ſüßen Rückerinnerungen der letzten Zeit ſchwelgend hin, während der zweiten Hälfte des Weges wandte ſich ſein Geiſt allmählig wieder der näch⸗ ſten Zukunft zu, und als er ſich zuletzt ſein behagliches Stübchen vorſtellte, das ihn gewiß mit der alten Gaſt⸗ lichkeit wieder empſangen würde, da war er ganz und gar — 140— in die unmittelbare Gegenwart ſeines Lebens verſetzt, ein Umſtand, der ſich bei vorwärts ſtrebenden Jünglingen ſelten findet, indem die einen, weichlich und träge, in einer angenehmen Vergangenheit träumend ſich ergehen, die anderen, von einem raſtloſen Ehrgeize ergriffen, nichts als eine hoffnungsvolle Zukunft vor Augen haben. Eduard war ungefähr noch eine Meile von dem Thore der Hauptſtadt entfernt, und ſchritt rüſtig den ebenen Weg einher, als ſein ſcharfer Blick auf einen Wanderer gelenkt wurde, der, ebenfalls ohne Begleitung von der anderen Seite herankommend, in ſeinem Gange, ſeiner Haltung lebhaft an Joſephſon erinnerte. Er ging mitten auf dem Fahrwege und bewegte einen Stock fech⸗ terartig in ſeiner Rechten.„Wenn das nicht Joſephſon ſelber iſt,“ dachte Eduard,„ſo habe ich kein ſcharfes Auge mehr.“ Sie kamen ſich raſch näher— und wirklich, der Freund war, auf ſein gutes Glück bauend, dem Freunde entgegengegangen. Joſephſon, als er Eduard erkannte, ſtieß einen Jubelruf aus und eilte dem freudig Bewegten mit offenen Armen entgegen. „Sieh!“ ſprach Eduard, als die erſten Begrüßungen voorüber waren,„das iſt ſchön von Dir, Du haſt es getroffen.“ „Ich treffe immer, mein Freund, wo ich den rechten Fleck nicht verfehlen kann. Du haſt es geſchrieben und ich habe es geleſen, und da Du eben ſo pünktlich biſt, „ — 141— wie ich ſchnell bereit, Deine Wünſche zu erfüllen, wenn ſie zumal die meinigen ſind, ſo ſiehſt Du mich bei Dir. Du weißt ja, ich liebe das Veni, Vidi, Vici des großen Römers, und trage es gern in alle meine Handlungen über. O, wie freue ich mich, daß ich Dich wieder habe — ſieh! wie ſonnenverbrannt Du ausſiehſt, und wie kräftig Du geworden biſt— das iſt herrliche Speiſe für die Büchergelehrſamkeit, die Dich wieder erwartet— und was ſehe ich— einen Bart? beim Himmel! Du ſiehſt beinahe aus wie der junge Thor ſelber— ich meine den nordiſchen Donnergott, nimm es nicht übel, man muß aber jetzt ſcandinaviſch mit Dir ſprechen! Bei Odin! ich habe eine wahre Angſt ausgeſtanden, wir würden Dich in den erſten paar Jahren nicht wieder ſehen, und Du wür⸗ deſt auf Driner glückſeligen Beata mit nach Amerika fliegen—“ „Wahrhaftig, beinahe hätte ich es gethan, geſchwankt habe ich ſchon.“ „Dachte ich mir's doch! Nun, ich bin glücklich, daß Du es nicht gethan haſt, und wieder hier biſt. Du glaubſt nicht, wie langweilig es ohne Dich war. Und nun gar die lieben Sonnabende, ich habe nicht gewußt, wo ſie hinzubringen wären. Darum habe ich mich der Zerſtreuung der Welt überlaſſen— ich muß nur gleich beichten— ich bin ein Bruder Liederjahn Penocde u und habe mich dem Billardſpiel ergeben”“ — 142— „‚Du auch! Das iſt ja vortrefflich. Da wollen wir bisweilen ein Stündchen zuſammen ſpielen, denn auch ich habe die Beſchäftigung lieb gewonnen.“. „Was? Das nennſt Du eine Beſchäftigung? Nun . bin ich zufrieden, ich ſehe, Du kultivirſt Dich auch; ich I habe mir ſchon Vorwürfe über meinen Leichtſinn gemacht, jetzt aber ſind ſie zu Ende.“ „Was machen aber die Freunde, Wolf? Geſchwind berichte!“ „Nun, was machen ſie? Ernſt und Karl— das weißt Du aber ſchon, denn Du kommſt von Hauſe— ſind alſo in Paris, Raphael und Oeggering in Rom— das ſind die Abweſenden. Waldau iſt hier und hat den Sommer hindurch gebaut, jetzt malt er wieder. Felix geigt vor wie nach und eomponirt herrliche Sachen. Außerdem aber hat er ein kleines Orcheſter und einen Männergeſangverein geſtiftet, den er mit ſeinem kleinen Dirigentenſtabe wie Apollo ſelber bearbeitet. Kannen⸗ ſchmidt iſt längſt wieder da, und zeichnet an großartigen Kartons für ſeine Sommerfresken, die er, Gott weiß wo malen ſoll. Riegenſtahl aber hat aus Weſtphalen und vom Rhein herrliche Skizzen mitgebracht, Du wirſt nicht den Preis gegen ihn gewinnen, das ſage ich Dir vorher.“ „Ich bin auch nicht lüſtern darauf. Du ſprichſt ja aber nicht von Adalbert Lambeck— wo iſt der?’“ „O, der! beinahe hätte ich ihn vergeſen. Nun! — 13— er vergißt ſich ſelber nicht. Er hat, glaube ied den heſte Wurf von uns gethan.“ „Was iſt denn mit ihm?“ „Der Tauſend, Eduard! der Lambeck iſt doch ein tüchtiger Kerl. Der iſt hier geblieben, das ganze Jahr, und hat gemalt und gemalt, als wollte er ein Muſeum füllen. Ein Bild aber, ein einziges, das er ausgeſtellt, iſt ſo vortrefflich gelungen, daß man ihn zerreißen moͤchte, wenn er nicht ſo ungeheuer zähe wäre. Die ganze Stadt ſchwärmt für ſein großes Talent.“ „Was iſt es denn für ein Bild? Du machſt mich neugierig.“ „Wilde Natur, romantiſche Felsparthie bei Monden⸗ ſchein, auf einer Höhe ein Schloß mit erleuchteten Fen⸗ ſtern, unten in einer Schlucht auf kaltem, erbarmungsloſem Geſtein die beiden einzigen Geſtalten. Es ſoll mich wun⸗ dern, ob Du dieſe erkennen wirſt.“ „Welche Handlung liegt in dem Bilde, und wie groß iſt es?“ „Ich denke mir, daß es etwa zehn Fuß i in die Breite hat.“ „Alſo mit lebensgroßen Figuren?“ „Gewiß, und mit ſehr vielem Leben darin. Man denkt ſich oder ſieht ein vertriebenes und enterbtes Ge⸗ ſchwiſterpaar. Es iſt Bruder und Schweſter. Sie ſind Königskinder. Ihr Vater, ein grauſamer Slovakenfürſt, —— — 144— 7 hat ſich mit einer ſeiner Geliebten ehelich verbunden, deren Sohn zum Thronfolger eingeſetzt, die erſtgeborenen, recht⸗ mäßigen Eigenthümer ſeiner einſtigen Hinterlaſſenſchaft aber verjagt und enterbt. Auf dem Bergſchloſſe feiert man jubelnd und tobend das Hochzeitsfeſt, man hört bei⸗ nahe die Paukenſchläge und die ſchmetternde Trompete. Bruder und Schweſter aber ſitzen in der tiefen Stille der Nacht, rachebrütend, lauſchend, die Stunde der Vergeltung beſchwörend, da. Die Schweſter, ſchön, das kannſt Du Dir denken, hält die Linke des grollenden Bruders, deſſen Rechte den Griff eines Dolches im Gürtel umfaßt, deſſen in ſich verſunkenes Auge die Hilfe in ſeinem arbeitenden Innern ſucht, da er ſie außerhalb nicht zu finden vermag. Die Schweſter wirft ſehnſuchtsvoll einen Blick nach den hellen Zinnen des Vaterſchloſſes empor, während ſie ſich liebevoll an ihren letzten Schützling, den ſtarken Bruder, anlehnt.“ „Du ſchilderſt es ganz gut, Wolf; von Adalberts Pinſel dargeſtellt, muß es ein Bild voll tiefer Wahrheit, grandioſer Schönheit, alſo von bedeutendem Effekt ſein. Wo hat er den Stoff her? Ich kenne ihn nicht.“ „Da kommſt Du bei Lambeck ſchlecht weg, wenn Du bei ihm nach einem entlehnten Stoffe fragſt. Stoff von Außen giebt es bei ihm nicht, als höchſtens in der Natur; er ſagte mir, als ich ihn fragte, mit einem gefähr⸗ — 145— lichen Blicke— dummes Zeug das! Ich hin und habe ſelbſt Stoff genug.“ 2 „Alſo eigene Compoſition.“ „Aber köſtlich! Er hätte es ſchon theuer verkaufen können, aber er will nicht. Er i*ſt eigenſinnig wie immer. Ich würde meine eigene Freude verkaufen, ſagt er, das thun nur Thoren oder Kräͤmer.“ „Das ſieht ihm ähnlich. Aber um auf einen an⸗ deren Stoff zu kommen— wie ſtehen denn Deine Ange⸗ legenheiten mit der Tochter Deines Gönners?“ „Nun— ſo, ſo! Du weißt ja, wie ich's treibe. Langſam aber ſicher. Festina lente, ſagt der Lateiner.“ „Und die Acten— gefallen ſie Dir noch?" „Vortrefflich! inſofern ich darin nicht zu meinem Vergnügen, ſondern für meine Zukunft arbeite. Aber noch Eins. Beinahe hätt' ich's vergeſſen. Raphael iſt richtig als Bräutigam abgereiſt, nachdem er noch drei Wochen hier gefaullenzt hat.“ Eduard lächelte trübe.„So!“ ſagte er—„und wie beträgt ſich Judith als Braut?“ „O, wie alle Mäͤdchen— äußerlich ſehr verſchämt, ſehr zimperlich, innerlich ungeheuer froh und glücklich.“ „So? Weißt Du das beſtimmt?“ „Ich denke es mir— mich hat ſie nicht hinein blicken laſſen. Raphael aber war ein Erzengel im para⸗ Der Inſelkönig. U. 10 dieſiſchen Himmel, das weiß ich gewiß, er wollte uns Alle küſſen.“ „Der Kuß eines Erzengels im Paradieſe macht d ſelig!“— „Nun! auf mich hätte er nicht die Wirkung gehabt. Aber daß ich es nicht vergeſſe. Du kannſt mir wieder, wie gewöhnlich, ſehr nützlich werden, Eduard.“ „Wie das!“ „Judith iſt eine Buſenfreundin von Fräulein Ram⸗ kau geworden. Du wirſt ſie oft bei ihr treffen.“ „Ich denke nicht zu häufig dahin zu gehen.“ „Aber doch bisweilen. Wenn Du ſie ſiehſt, bedenke, daß ich Dein Freund bin, und alle Tage verliebter werde 5 — Du verſtehſt mich.“ „Wie iſt denn das aber gekommen?“ „Wenn Du ſo fragſt, muß ich Dir doch zur Hälfte mittheilen, was ich Dir erſt ganz verſchweigen wollte. Lambeck hat den Eigenſinn gehabt, ſeiner vertriebenen Königstochter das Geſicht der Tochter des Bankiers zu geben. Das Bild war öffentlich ausgeſtellt, und hat auf den Kammergerichtspräſidenten einen ſolchen Eindruck gemacht, daß ſeine Tochter begierig wurde, das ſchöne Mädchen in Wirklichkeit zu ſehen, denn es hatte ſich ſehr bald das Gerücht verbreitet, das Bild ſei ein Portrait.“ „Hat ſie ihm denn geſeſſen?“ „Bewahre! Er hat ihr Bild bei Raphael geſehen, . ff — 147— welches dieſer in tauſend verſchiedenen Kopieen verviel⸗ fältigt. Da hat es in ſeiner charakteriſtiſchen Schönheit ihm gefallen, er hat es erfaßt und nach ſeiner Weiſe glücklich verarbeitet.“ „Iſt es denn ſehr ähnlich?“ „Wie man es nehmen will. Judith iſt es und iſt es nicht. Genug, der Maler hat ſie nach ſeinem Ge⸗ ſchmacke zugeſtutzt, und wahrhaftig, er hat an der Natur nichts verdorben, eben ſo wenig wie an Deinem Portrait.“ „An meinem Portrait? Hat er mich denn gemalt?“ „O, nun hab' ich es doch geſagt. Wolf iſt ein Pa⸗ pagei geworden, er kann nichts mehr verſchweigen. Aber da Du es einmal halb weißt, wiſſe es ganz: Der ent⸗ erbte Königsſohn Lambecks zeigt Dein Portrait. Auch ähnlich und wieder nicht ähnlich— jetzt, nachdem ich Dich mit einem Schnurr⸗ und Zwickelbart wieder ſehe, erſcheint es mir allerdings noch ähnlicher, denn Adalbert hat mir rundweg erklärt, die Natur ließe den Bart ent⸗ ſtehen, damit der Menſch ihn wachſen laſſe, nicht aber verſchneide. Und darum trägt er auch jetzt ſelbſt ein Geſicht, beinahe ſo reich an Haar, wie das eines Bären, und darum hat er auch Deinem Bilde wenigſtens einigen Bart zugeſetzt, beinahe, wie Du ihn ſelbſt trägſt.“ „Dieſe Geſchichte gefällt mir nicht recht. Das hätte er unterlaſſen ſollen. 4 „Warum denn? Jedermann weiß ja, daß Ihr nicht 3 10* — 448— dem Maler geſeſſen. Meinetwegen ſagt es laut, daß er Euch geſtohlen. Verklagt ihn. Dann wird der Vortheil auf ſeiner Seite ſein. Alle Welt kommt, um das Bild zu ſeheff, und es deſto trefflicher zu finden.“ „Ich werde mich hüten. Ich werde kein Wort ſagen. Man muß Niemanden darauf aufmerkſam machen. Wie hat Judith dieſen Scherz aufgenommen?“ „Sie hat ſich darein ergeben müſſen, wie Du. Erſt „hat ihr Vater das Bild kaufen wollen— das hat ſie aber ſelbſt nicht gewollt. Doch ich kam von meinem Thema ab. Fräulein Ramkau alſo iſt zu ihr gefahren und hat ihr einen Beſuch gemacht. Nun ſind ſie Freun⸗ dinnen geworden und ſehen ſich ſehr oft. Du wirſt mich alſo empfehlen, hoffe ich, und ſie von vornherein aàls meine Zukünftige behandeln.“ „Referendarius!“ „Ja, ja, das bin ich noch— den Premierminiſter aber habe ich noch nicht aufgegeben. Aber was plaudere ich für Unſinn! Und Du, der Du ſo viel zu erzählen haſt, biſt drei Mal Ohr und kaum ein Mal Mund. Nun, wie ſehen denn die Wallkyrien aus, erzähle doch?“ „Die Wallkyrien habe ich nicht geſehen.“ „Aber die Elfen und Nornen! Haben ſie Dir keine „Perlen gebracht und keine Prophezeihung geſpwhen⸗ 34 „Daß ich nicht wüßte!“ „Höre mal, Du biſt mir ſehr kleinlaut veherden— ———— ——— Abend zu bieten. Da dieſe guten Leutte wußten, daß er — 149— Aber den nordiſchen Sturmwind haſt Du doch pfeifen hören, und ein Stück vom Nordpol geſehen— he? Aber halt, da ſind wir ſchon in der Stadt. Du mußt Di recht freuen und überraſcht ausſehen. Die Schwarzkopfs haben Deine Stube mit Mooskränzen und Eichenblättern geſchmückt, gerade als wenn ⸗Du von einer Hochzeit heim kämeſt. Nun, heim kommſt Du freilich, aber die Braut fehlt.“ So hätte der heute plauderſüchtige Referendarius noch lange fortgeſchwatzt, wären ſie nicht an das wohl⸗ bekannte Haus in der Neuenſtraße gekommen.— Treten wir erſt eine halbe Stunde ſpäter ein, nach⸗ dem die mit kurzen Worten erfolgte Begrüßung von Seiten der Frau Schwarzkopf vorüber war, denn als ſie ihten Herrn Doktor in Begleitung des Mannes zurück⸗ kehren ſah, der, wie ſie jetzt wußte, bei Ramkau's ein und aus ging, ſchob ſie ihren längſt gefaßten Plan bis auf eine günſtigere Stunde auf und zog ſich zurück. Auf dieſe günſtigere Stunde aber mußte ſie etwas lange warten, denn die von Joſephſon vorher ſchon benachrich⸗ tigten Freunde fanden ſich im Laufe des Abends faſt ſämmtlich nach einander ein, um den zurückgekehrten See⸗ fahrer herzlich willkommen zu heißen. Eduard ließ die Verfammelten nur ein paar Augenblicke allein, um raſch zu Holzbrechers hinauf zu ſpringen und ihnen einen guten Beſuch hatte, ſo hielten ſie ihn nicht lange auf und ver⸗ ſparten ſich ſeine Mittheilungen auf einen erſten beſten Abend. Von Holzbrechers ging Eduard, der ſeine nach⸗ barlichen Pflichten gernenegethan haben wollte, in das Handwerkerhaus und begrüßte den Schneider, der noch wie früher Röck nähte, und den Schuhmacher, der ein Paar Stiefel beſohlte; bei Schwarzkopfs verweilte er einen Augenblick länger, und Zetrachtete mit Wohlgefallen die jetzt vollkommen ausgebildete Anna, deren Schönheit ſogar einen höheren Punkt erreicht, als ſie anfangs ver⸗ ſprochen hatte „Ja,“ ſagte der ehrliche Tiſchler,„da ſehen Sie die Anna! Aus Kindern werden Leute. So ein Mädchen! Kaum hat es die Schule verlaſſen, ſo denkt ſie ſchon an's Heirathen.“ „Vater!“ bat das ſchöne Mädchen. „Nun, was denn? Nur nicht gleich roth werden, nicht davon laufen— dummes Ding das— nicht wahr, Herr Doctor, kann man denn dafür, daß man groß und hübſch wird?“— Aber der Doctor antwortete nichts. Er ſtand da und ſah der raſch entſpringenden Anna nach, deren Geſicht heute einen noch mächtigeren Eindruck auf ihn hervor⸗ gebracht hatte, als im Frühling dieſes Jahres. „Was iſt denn, wornach ſehen Sie denn, Hem Desßh ¹“ fragte der verwunderte Meiſter. — — 151— „Wornach ich ſehe— ich— nach gar nichts. Ich denke nur daran, daß ich von jetzt an Ihre Tochter nich mehr dutzen darf, ſie iſt doch zu groß geworden.“ „Ei warum nicht gar! Aber wo bleibt denn meine Alte? Sie läßt doch ſonſt nicht auf ſich warten, wenn Sie uns beſuchen— Frau! Minchen! Wo ſteckſt Du?“— Aber Frau Minna Schwarzkopf wollte nicht erſcheinen. Sie hielt ſich abſichtlich in der nebenan gele⸗ genen Küche, denn ſie wollte vor dem entſcheidenden Au⸗ genblicke, den ſie nur noch mit dem lauteſten Herzklopfen erwarten konnte, den jungen Mann nicht wieder ſprechen, ihn, den ſie, nachdem ſie ihn noch ein Mal recht genau angeſehen, unzweifelhaft für jenen kleinen verlorenen Knaben hielt, und vor dem ſie demnach mit einem Male eine ſo große Scheu empfand, daß ſie ihn, trotz ihrer langen Freude vorher, jetzt, da der Augenblick der Ent⸗ ſcheidung unausbleiblich war, nun beinahe fürchtete, in der reinen Beſorgniß: er könne am Ende doch noch ein Anderer ſein, und ihre ganze Hoffnung dürfe ſich in eine winzige Einbildung auflöſen. Sie kam alſo nicht zum Vorſchein, und erſt als Eduard durch die Gartenthür ging, und ſchon in ſein Haus eintreten wollte, ſchickte ſie Anna nach, welche getreulich die ihr übergebene Beſtellung ausrichtete:„Der Herr Doctor möchte heute Abend nicht gleich zu Bette gehen, wenn die Herren fortgegangen — 152— wären, ſondern die Mutter erwarten, die mit ihm etwas Wichtiges zu ſprechen hätte.“ „Mit mir, Anna? Deine Mutter?“ fragte Eduard. „Ja, Herr Doctor, ſo hat ſie mir aufgetragen.“ „Es iſt gut, Anna, ich werde nicht zu Bette gehen. Adieu!“— Felix war heute Abend zuerſt aufgebrochen, nach ihm gingen die Anderen, gegen zehn Uhr verließ auch Joſephſon, der Letzte, das Gartenhaus. Eduard war eigentlich müde, er hätte ſich gern zur Ruhe begeben, aber die eigenthümliche Aufforderung Anna's erhielt ihn munter. Demnach wünſchte er den Augenblick herbei, wo Frau Schwarzkopf kommen ſollte. In dieſem Augenblicke hörte er Jemanden durch den Garten ſchlüpfen. Man ſtand vor der Thür ſtill. Gleich darauf trat Frau Schwarzkopf, mit einem verhüllten Gegenſtande in der Hand, ein; ihren Tritten folgte ſchüchtern Anna, die nicht wußte, welche Rolle ihr am ſpäten Abend noch zu ſpielen vorbehalten ſei. „Guten Abend, Herr Doctor,“ begann Frau Schwarz⸗ kopf mit bebender Stimme.„Ich bitte um Verzeihung, daß ich ſo ſpät ſtöre, aber, was ich vorhabe, darf nicht aufgeſchoben werden.“— Und ſie legte den verhüllten Gegenſtand auf einen Stuhl und ſtellte ſich, ihn feſt an⸗ ſchauend, vor Eduard hin, der nicht im Mindeſten ahnte, — — 8ſ — was dieſe ganze Scene zu bedeuten habe, und bald die Mutter, bald die Tochter verwunderungsvoll anblickte. In dieſem Augenblicke ertönte vom Garten her, von der ſtillen Abendluft geiſterhaft fortgetragen, ein leiſer Geſang, einer jener vierſtimmigen überirdiſchen Ausflüſſe menſchlichen Genie's, die jedes gefühlvolle Herz mit der Wonne göttlicher Ahnung erfüllen. Rührend, wehmüthig, ergreifend war der Geſang. Fugenartig wiederholten ſich die Worte, die, wie Eduard ſpäter erfuhr, die Um⸗ ſchreibung, die modulirte Durchführung des Wortes Will⸗ kommen waren. „Das iſt Felix und ſein Verein!“ flüſterte Eduard, und ſchlich ſich auf den Zehen an's Fenſter, aber Niemand war zu ſehen. Die noch mit Laub bedeckten Gebüſche verbargen die Sänger. Auch war die Dauer der Auf⸗ führung nur kurz, die dadurch herbeigeführte Wirkung aber um ſo ergreifender. Die leicht gerührte Frau Schwarzkopf, die ſchon in großer Bewegung war, fing gleich nach den erſten Toͤnen leiſe zu weinen an, und ſchon war der Geſang zu Ende, als ſie noch ihre Thränen zu trocknen fortfuhr. Eduard öffnete das Fenſter und hörte die Sänger leiſe durch das Nachbarhaus ſich ent⸗ fernen. Er trat von dem wieder geſchloſſenen Fenſter zurück, und in weicher Stimmung, mit bewegtem dank⸗ barem Herzen für den Liebesbeweis ſeiner treuen Freunde, ging er einige Male im Zimmer mit geſenktem Kopfe auf 8 — 154— und nieder. Endlich blieb er vor der Tiſchlersfrau ſtehen, ſah ſie an und fragte mit ſanfter Stimme:„Was haben Sie mir zu ſagen, Frau Schwarzkopf?“ Da brachen die lange gedämmten Schleuſen der guten Frau aber erſt recht auf, ſie fing laut zu ſchluchzen an, und war nicht im Stande, ein einziges Wort hervor⸗ zubringen. Endlich aber, als ſie das ernſte Auge des jungen Mannes ſah, faßte ſie ſich raſch, trocknete ihre Thränen und ſagte: „Ich muß um Verzeihung bitten, Herr Doctor— dieſe Heulerei paßt allerdings nicht hierher, aber wer kann für ſein Herz ſtehen! Ich habe Ihnen wichtige Dinge mitzutheilen.“ „Mir?— Sie?“ fragte der immer ernſter blickende Mann.„Was haben Sie? ſprechen Sie ſchnell.“ „Geſtatten Sie mir zuerſt eine Frage. Herr Jo⸗ ſephſon iſt Ihr Freund, nicht wahr?“ „Nun— gut!“ „Er beſucht das Haus des Kammergerichts⸗ Präſi⸗ denten Ramkau. Nicht wahr?“ Eduard nickte wieder. „Kennen Sie dieſen Präſidenten?“ „Ob ich ihn kenne? Nein, perſönlich kenne ich ihn nicht, ich habe ihn ſogar noch nicht ein Mal geſehen. Nur erzählt hat mir mein Freund von ihm. Was iſt mit ihm?“ — — 155— „Was hat Ihr Freund von ihm erzählt? Ich muß das wiſſen.“ 4 „Daß er Präſident und ein kluger Mann iſt, und ſein Gönner obendrein, Frau Schwarzkopf, weiter nichts!“ „Dann bin ich zufrieden. O ja, ein kluger Mann iſt er. Ich kenne ihn.“ „Sie kennen ihn?“ „Ich war vor zwanzig und mehr Jahren ſeine Auf⸗ wärterin, wie ich jeßt die Ihrige bin. Ich war damals nur wenige Jahre älter, als dieſes Mädchen hier, meine Tochter. Ich habe ſie mitgebracht, damit Sie ſie ſich ein Mal recht genau anſehen mögen.“ Eduard wußte nicht, was er ſagen ſollte. Er war überraſcht, und doch hatte die feierliche Miene der Frau etwas an ſich, was ſeiner innerſten Stimmung zuſagte. Er blickte Anna an und ſagte: „Ich habe ſie mir ſchon oft und ſehr genau ange⸗ ſehen, Frau Schwarzkopf.“ „Das weiß ich, und ich habe es mit Ihnen eben ſo gemacht. Kommt Ihnen meiner Tochter Geſicht nicht bekannt vor?“ Eduard ward betroffen.„Was iſt das?“ fragte er ſich.„Was will die Frau? Ja, ja, ja,“ ſagte er laut— „es war mir immer ſo, wenn ich ſie anſah, als ob ich ſe ſchon früher geſehen hätte.“ — 156— „So ſah ich aus, Herr Doctor, vor zwanzig Jahren! ¹“ betonte ſcharf die Tiſchlerin. „Das glaube ich— ja, ich glaube es!“ „Gehen Sie einmal auf Ihre früheſten Erinnerungen zurück, Herr Doctor! Sie ſind dieſen kommenden 24. De⸗ cember 25 Jahre alt, ich weiß es. Wiſſen Sie vielleicht noch, wo Sie vor zwanzig Jahren an dieſem Tage waren?“ Eduard war wie vom Donner gerührt. Er ſchlug ſeine Hand vor die Stirn, daß man den Schlag hörte. Dann öffnete er weit die Augen und ſtarrte Anna an, die demüthig vor ihm ſtand. „Ich fange an— zu ahnen!“ ſtammelte er. „Anna, Du kannſt jetzt gehen,“ ſagte die Mutter zur Tochter. Dieſe ging ſogleich aus dem Zimmer, und die Mutter ſchloß hinter ihr die Thür ab. Jetzt wurde die Frau feſt, ſie erhielt ihren ſtarken Geiſt wieder. Langſam, ernſt, bedächtig ſchritt ſie zurück, nahm einen Stuhl, ſetzte ihn vor das Sopha, und ſagte zu Eduard:„Setzen wir uns — wir haben jetzt allein zu ſprechen.“ „Reden Sie— ich höre mit hundert Ohren!“ „Vor zwanzig Jahren,“ begann die Frau,„waren Sie alſo ein Kind, ein ſchwächliches Kind, aber mit dieſen Augen ausgerüſtet, die noch jetzt ſo heiter blicken, wie damals, und die mir zum Leitſtern gedient haben. Erinnern Sie ſich, oder wiſſen Sie vielleicht, wo Sie — 157— damals an Ihrem Geburtstage ſich befanden? Es war 4 ein kalter, windiger Wintertag, der Schnee ſchlug dem Wanderer in's Geſicht— wiſſen Sie nichts?“ „Ich weiß— ich weiß— ich ahne Alles— fahren Sie fort.“ „Nun, wenn Sie das wiſſen, ſo wird das Uebrige bald mitgetheilt ſein. Kamen Sie nicht mit einem Manne hier angereiſt?“ „Ja! War das dieſe Stadt? Das wußte ich nicht.“ „und kehrten in einem Hauſe ein, wo Ihr Vormund wohnte?“. „Ja., ja! Weiter!l 1 „In dieſem Hauſe war eine Frau—“ „Ja! Alſo Sie kennen meinen Vormund?“ „Still! Ruhig! Langſam! Kennen Sie jene Frau nicht mehr?“ „Nein— ich kenne ſie nicht mehr, aber wenn Sie wiſſen, daß ich der Knabe war— ſo wiſſen Sie auch die Frau— „Die Frau war ich—“ „Sie?“ „Ja— ich— in meinen Armen ſcliefen Sie ein — ich erwärmte Sie, ich ſtinte Ihren Hunger.“— „Frau Schwarzkopf— „Still! Wir haben noch mehr zu verhmndeh Das — 158— iſt erſt die Einleitung. Sie wurden von einem Manne hinweg geführt.“ „Wo iſt der Mann?“ „Er iſt bei Gott!“ „Alſo todt— gut, das war richtig.“ „Wo führte er Sie hin? Wie kamen Sie zum Prediger Wollzagen?“ Eduard erzählte raſch, was er wußte. „Und wiſſen Sie, was Ihr Vormund that, als Sie fort waren?“ „Nun— ich bin geſpannt, bei Gott!“ „Er wollte dieſes verbrennen— Gott aber wollte es nicht!“ Und ſie ſchlug raſch das verhüllende Tuch von dem angerauchten, von der Zeit verblichenen ehema⸗ ligen rothen Käſtchen, und erzählte, ſo gut ſie es wußte, wie es in ihre Hand gekommen war. „Erkennen Sie Gottes Finger!“ ſchloß ſie.„Das Geheimniß iſt nur mir allein bekannt— und kein Leben⸗ diger außer Ihnen ſoll es erfahren. In dieſem Käſtchen iſt vielleicht viel enthalten, was Sie zu wiſſen wünſchen möchten, denn daß Sie Ihren eigenen Namen nicht kennen, läßt mich der Umſtand errathen, daß Sie den Ihres Pflegevaters führen.“ Eduard ergriff das Käſtchen und beſah es.„Wer war aber mein Vormund?“ fragte er bebend. „Sie fragen? Gut! Habe ich ſoviel geſagt, will ich 4 84 langen Unterredung, worin ſie Aufſchluß gab über Alles, — 159— auch Alles ſagen. Gott helfe mir und ihm! Es wa der Juſtizrath Ramkau— der jetzige Kammergerichis präſident— der Gönner Ihres Freundes.“— 1 Eduard war wie vom Blitz getroffen. Er fiel in das Sopha zurück und ſtarrte vor ſich hin. Es dauerte lange, ehe er ſich erholte.„Frau Schwarzkopf,“ ſagte er endlich leiſe,„uns verbindet ein großes Geheimniß. Sie ſagen, Keiner weiß es. Ich glaube Ihnen. Laſſen Sie es Niemanden wiſſen, auch Ihrer Tochter nicht. Es muß unter uns bleiben. Die Hand darauf?“ „O, beide, beide, theuerſter Herr Eduard! O großer allmächtiger Gott— wie leicht iſt mir! Morgen mehr, morgen mehr— gute Nacht!“ Und Beide drückten ſich innig die Hände und trennten ſich.— Eduard war allein. Verſchwunden war ſeine Mü⸗ digkeit. Er hätte um die Welt laufen können, ſo groß ſchien ihm ſeine innere Kraft.„Alſo endlich!“ dachte er. „Was zwanzig Jahre lang der Entwicklung bedurft, hat ſich urplötzlich unerwartet gezeigt, wie ein Blitz ſich am Ende einer langen Gewitterſchwüle entladen, nachdem das elektriſche Fluidum bis zur Zerſtörung ſich angeſammelt hat. Und grade jetzt, nach einer ſo langen Abweſenheit, nach vollendeter Reiſe— warum hat dieſe Frau nicht eher ihr Wiſſen aufgedeckt? das muß ſie mir ſagen! 44 Und am nächſten Morgen, während einer ſtunden⸗ — 160— was ſie von ihrem früheren Herrn, dem jetzigen Präͤſi⸗ denten, wußte, ſagte ſie es ihm, und er erfuhr, wie auch bei ihr, gleich nach ſeiner Abreiſe, durch die unverhoffte Nennung eines beinahe vergeſſenen Namens, die blitzäͤhn⸗ liche Löſung des dunkeln Geheimniſſes nach dem ihr unbekannten Geſetze der Ideenverbindung vor ſich gegan⸗ gen war. In dieſer Nacht aber ſchloß Eduard kein Auge. Er fetzte ſich nieder und las in dem Inhalt des rothen Käſt⸗ chens. Und mit welchen Gefühlen durchforſchte er die alten, von der Zeit angegriffenen Blätter, wie manche Thräne weinte der edle Sohn über den jahrelangen ſchmerzlichen Kummer einer vortrefflichen, liebenswürdigen Mutter, die er jetzt im Stillen und in dankbarer Erin⸗ nerung anbetete, wie er ſie angebetet haben würde, wenn ſie gelebt, jetzt mit ihm dies Daſein getheilt, und in dem heranwachſenden Sohne ein zweites Leben genoſſen hätte. Die in dem Käſtchen enthaltenen Blätter waren meiſt Briefe, von der Mutter, dem Vater und einem Fremden, deſſen Namen, deſſen früheres Vorhandenſein und merkwürdiges Einwirken auf ſeiner Mutter Leben und ſeine eigene ganze Zukunft wir hier noch verſchweigen wollen. Außer dieſen vielen durcheinander geworfenen Briefen war auch eine Sammlung einzelner Thatſachen in einer Handſchrift enthalten, die von Eduards Mutter periodiſch, nach Bedürfniß und Umſtänden verfaßt war, ſſ — 161— und woraus er ſelbſt den meiſten Aufſchluß über ſeine* Eltern, ſein früher dageweſenes kleines Vermögen, die Freunde ſeiner Eltern und die Verwandten derſelben erfuhr. Ohne dieſe Aufzeichnungen, die einen Zeitraum von beinahe zwanzig Jahren umfaßten, wäre das volle Verſtändniß der verſchiedenen Briefſchaften eine ſehr ſchwie⸗ rige Aufgabe geweſen, denn ſeine Familienverhältniſſe, ſeine verwandtſchaftliche Verbindung mit ſeinem Vormund, die daraus deutlich hervorging, waren in der That ſehr verwickelter Natur. Erſt, als Eduard, nach der Leſung alles Geſchriebenen, die Briefe nach dem Datum zu ord⸗ nen anfing und dann noch ein Mal überblickte, kam Ord⸗ nung und Licht in das ganze Verhältniß. Zu ſeiner vollſten Befriedigung aber ſah er daraus, daß der in der Hand des Todten gefundene Zettel ſeinen richtigen Namen enthielt, daß alſo der Vormund wenigſtens dieſe Wahr⸗ heit dem vermeintlichen Pächter Grünwald mitgetheilt hatte. Eduard hieß alſo wirklich Eduard Hutten Stolling. Stolling, der Vater, war ein namhafter Arzt in einer größeren Provinzialſtadt geweſen, hatte aber zu ſeiner eige⸗ nen geiſtigen Erholung und Befriedigung ſein Studium der Naturwiſſenſchaften bis zu einer anerkannt hohen Stufe ausgebildet, und ſich einen ehrenhaften Namen in der Geſchichte dieſer Wiſſenſchaft für alle Zeit erworben. Woher der ſeltſame Beiname Hutten rührte, erfuhr er ebenfalls; er war die Folge einer Handlung der Pietät, „Der Inſelkönig. III. 11 — 162— die ſeine Mutter eben ſo in ſeinen Augen erhob, wie ſeinen Vater ehren ließ, und dieſer Name, das war aus⸗ drücklich in den Verzeichniſſen der Mutter ausgeſprochen, ſollte der Name ſein, bei dem ihr Sohn in der Folge genannt worden wäre, wenn ihr oder ihren Verwandten das Leben erhalten blieb. Und dieſe Vermächtniſſe, die einzigen Erinnerungsfäden an ſeine Abſtammung, ſeine theueren Eltern, hatte der Vormund mit dreiſter Hand der Vernichtung überliefern wollen! Das war in Eduards Augen ein bei Weitem größeres Verbrechen, als daß er ihn ſelbſt, das hilfloſe Kind, in das kalte fremde Leben, leichtſinnig und liebeleer, hinaus ſtieß. Nur der Vor⸗ ſehung, die ſich der Hand dieſer verſtändigen, ſinnigen Frau bedient, war es zu danken, daß dieſe Papiere nicht verloren gegangen waren, denn ohne dieſe Papiere und ohne ihre Entdeckung von Seiten der Schwarzkopf, wäre Eduard, nach aller menſchlichen Berechnung, wahrſcheinlich nie von ſeinem Urſprunge, ſeinen Familienverhältniſſen und ſeiner Verbindung mit Ramkau unterrichtet worden. Um ein Uhr ging der Lampe des eifrig Leſenden das Oel aus. Glücklicher Weiſe war er mit einer Wachs⸗ kerze verſehen, dieſe reichte bis zum anbrechenden Tage, um welche Zeit er endlich mit ſeiner nächtlichen Arbeit zu Ende war. Um ſechs Uhr Morgens hörte er den Tiſch⸗ lermeiſter in ſeiner Werkſtatt raſſern. Er ging zu ihm und bat ihn um einen zuverläſſigen Geſellen, den er — 163— gegen Bezahlung als Boten an ſeinen Vater lahſenden könnte. Gern gewährte der Meiſter dieſe Bitte, und um halb acht war der Bote ſchon unterwegs. Jetzt, von einem inneren Feuer durchglüht, aber ſeine Kraft erlahmen fühlend, ſchloß Eduard ſeine Thür und legte ſich zu Bett. Er wollte keinen Menſchen ſehen, ehe er mit ſich zu Rathe gegangen war, und dieſen Rath wollte er ſich geben, nachdem er einige Stunden geruht hätte. Holzbrechers, die ihn zum Mittageſſen einladen ließen, ließ er ſagen: er fühle ſich etwas unwohl; und als der Akademiker nun ſelber kam, um ihn zu beſuchen, hatte die Schwarzkopf die Vorſicht, zu ſagen: der Doktor ſchliefe, und hätte gebeten, ihn den Tag über nicht zu ſtören. Von dieſer Frau auch erhielt er die wenige Speiſe, deren er bedurfte; ſie war es auch, die allein alle Stunden zu ihm kam und fremde Beſuche abwies, denn ſie ſtörte ihn mit ihrem leiſen Schritte nicht, und war ſo vernünftig, zu ſchweigen, da ſie wohl fühlen mochte, wie der junge Mann, nach einer ſolchen Erkenntniß, der inner⸗ ſten Sammlung und des ungeſtörteſten Nachdenkens bedurfte. Aber er fühlte ſich auf ſeinem Lager nicht wohll. Von einer geiſtigen Unruhe gepeinigt, warf er ſich ſchlaf⸗ 8 los herum, bis er endlich einſah, daß dies nicht der Weg ſei, den ſeine Natur, ſein nach Entſchluß ringender Geiſt 11* 3 4 5 — verlangte.„Entſchluß, Entſchluß— dann Ruhe!“ ſagte er zu ſich, und ſtand wieder auf. Und ſiehe! der Entſchluß kam wie von ſelbſt. Nach einer Stunde ruhigen Nachdenkens war er fertig. Er war ihm nicht ſchwer geworden, denn er ſah keinen an⸗ deren, beſſeren. Nur darin war er ungewiß, ob der Pfarrer, wenn er käme, wie er gewiß hoffte, dieſen Ent⸗ ſchluß billigen würde. Aber auch darüber beruhigte er ſich, und als er ſein einfaches Mittagsmahl zu ſich ge⸗ nommen, fühlte er, daß er würde ſchlafen können. Seine ſtarke Natur unterſtützte ihn hierin. Es war ſchon Abend, und er ſchlief noch feſt und ruhig. Es ſchlug neun, und er ſchlief noch. Um zehn Uhr fuhr ein Wagen vor die Thür. Es war der Pfarrer. Da ſein Klopfen ihm nichts half, ging er zum Nachbarshauſe und traf Frau Schwarzkopf. Sie war es zuerſt, die den geängſtigten Vater beruhigte und mit leiſem Schritte an das Bette des Sohnes führte, denn ihr allein war der öffnende Schlüſſel anvertraut. Um halb elf Uhr erwachte Eduard und ſah zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen und zu ſeiner Freude den braven Geiſtlichen an ſeinem Bette ſitzen. Die Erklärung war bald gegeben. Nach einer halben Stunde ſaß der Pfarrer am Tiſche, wo Eduard die vorige Nacht geſeſſen, und las; und da die Papiere geordnet waren, und Eduard ihm über die dunkeln Stellen fort half, war er ſchon um zwölf Uhr mit Allem zu Ende. — — 165— Als die Mitternachtsglocke ihre vollen Schläge hören ließ, erhob er ſich, und ſtand dem ruhig blickenden Pflegeſohne gegenüber. „Alſo ſo iſt es!“ begann er.„Ich hoffe, Du wirſt mein Sohn bleiben, wie Du es bisher geweſen!“ war ſein erſtes Wort. 4 „Das nicht allein, mein Vater!“ lautete die Ant⸗ wort.„Wenn Du nichts dagegen haſt, werde ich ſogar Deinen Namen noch länger führen, da er mir bisher ſo vieles Gute gebracht hat, bis eine paſſendere Zeit für meine Enthüllungen gekommen ſein wird.“ „Du haſt alſo dieſen Entſchluß gefaßt?“ fragte der Pfarrer. „Ich habe ihn nicht allein gefaßt, ſondern ich werde ihn auch mit Gottes, Deiner und jener Frau Hilfe aus⸗ führen. Wir Drei allein kennen das Geheimniß. Laß es uns bewahren. Auch zu Hauſe werde Niemand davon unterrichtet. Einen Grund Deiner Reiſe werden wir ſchon finden. Laß mich erſt vollkommen Mann ſein— mit ganzer Kraft in die Rennbahn— zum Kampfe— zum Siege!“ „Wie? Willſt Du kämpfen, mein Sohn? Willſt Du den Mann, den Du mir ſelbſt jetzt noch nicht genannt haſt, und der Dich in das Verderben hätte ſtürzen können, von welchem Dich allein Gott gerettet hat— willſt Du den beſiegen?⸗ 3 * Eduard ſenkte das Haupt.„Ich verſtehe Dich,“ flüſterte er,„und ich glaube, Du verſteheſt mich beſſer als ich ſelber. Nein! mag er ſein Glück genießen— ich will mir ſelbſt eine Zukunft gründen und einen Namen verſchaffen— und habe ich dieſe gefunden, dann will ich — ja, das will ich bei Gott, und Du wirſt es mir wohl geſtatten— zu ihm treten, und einfach ſagen: Du gewaltiger Mann, der Du biſt— ſiehe den kleinen Knaben, den Du vor ſo und ſo viel Jahren in das kalte Leben hinaus geſtoßen, dem Du ſeinen Namen, ſeinen Vater, ſeine Mutter geraubt haſt— ſiehe, hier iſt er, und er kommt—“ 4 „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief der Pfarrer, in Thränen ausbrechend und ſeine Arme öffnend.—„Ich wußte es ja— Du biſt ja mein Schüler, mein dank⸗ barer Schüler geweſen— Du wandelſt die Wege des Gerechten und Mäßigen, darum ſegnet Dich auch der Herr der Heerſchaaren, der große Baumeiſter aller Welten— o, er ſegne Dich mit ſeiner Liebe— mit ſeiner Gnade!“ Und lange hielten ſich Vater und Sohn in inniger Umarmung umſchloſſen.—*