R 3— Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, - Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. ſf 1, Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens † 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird v on jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ℳ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, b 1 n bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſ d 5 Su abe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 1 Werthe de prechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückg beträgt:.— 8 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —,——— BBler. auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 4 2„„ 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſeng, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kußfern ꝛc.) muß der ½ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 1 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 1' — L * 1 1 △ A 3 f 99 3 Der Inſelkönlg. Ein Roman in fünf Bänden 8 a u S8 b Herloßſohn’s nachgelaſſenen Papieren Philipp Galen. Erſter Theil ſ. c „ Grimma und Leipzig, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs 1852 Erſtes Buch. Die Waiſe und der Vormund. 1 4** Der Inſelkönig. I. 41— — Erſtes Kapitel. Die Waiſe. E⸗ war am Tage vor Weihnachten des Jahres 1826 In den ſchneebedeckten Straßen der großen Hauptſtadt herrſchte trotz der empfindlichen Kälte ein reges Leben. Die ſonſt ſo ſpiegelklaren Schaufenſter vor den zahlloſen Kaufläden, ſtrahlend von den tauſenfach verſchiedenen Gegenſtänden des Bcdatfunſes und des täglich zunehmen⸗ den Luxus, waren von natürl lichen, in der Winterſonne glitzernden Eisblumen verſchleiert, und ſomit den ſchau⸗ luſtigen Mägden und Kindern ein Theil ihrer Feſtfreude entzogen. Dennoch aber ſtanden überall, wo duch nur eine Spur der glänzenden Herrlichkeit zu erſpähen war, Neugierige und Müſſiggänger genug, zwar mit den Fußen ſtampfend und die Arme bewegend, aber vor innerer SFrende warm und voll geſ ſpauntes Grwartamg deſſen, was 8 1* 4 mit einem blauen Auhröetchen und graugeſtreiften Hös⸗ das gabenreichſte aller Feſte ihnen beſcheren würde. Namentlich aber war das Gedränge groß in den langen und breiten Straßen, die in den großen Königsplatz, den ſogenannten Weihnachtsmarkt, münden, welcher, wie ſonſt, auch heute den Mittelpunkt des allgemeinen Feſtſtrebens bildete, und öbgleich es, wenigſtens für die Jahreszeit, noch früh am Tage war, mehrte ſich das Gedränge der Wandernden, Schauenden und Kaufenden doch jeden Augenblick. Es war etwa kurz nach zehn Uhr Morgens. Die neueſte Poſt aus der öſtlichen Provinz war ſo eben an⸗ gelangt, und ein Dutzend halberfrorener Reiſender drängte ſich vom Poſtgebäude her dem Markte zu. Unter dieſen bemerken wir einen Mann, augen⸗ ſcheinlich ein Mittelbürger einer kleinen Provinzialſtadt, der einen Knaben von etwa fünf Jahren an der Hand führte. Dieſer Knabe, ſo eben einer tagelangen Winter⸗ reiſe entronnen, trippelte, von Kälte ſtarrend, neben dem eilig dahinſchreitenden älteren Begleiter her. Als das Kind aber das bunte Gewühl, die Menſ ſchenmenge und die erlockenden Verkaufsgegenſtände in den Marktbuden ſah, vergaß es Kälte und Erſtarrung, und ſchaute mit ſeinen großen, dunkelblauen Augen verlangend um ſich her. Gegen die winterlichen Angriffe auf der Reiſe war es übrigens ziemlich verwahrt, denn wir ſehen es bekleidet chen. Auf dem Kopfe trug er einen kleinen, runden Hut von ſchwarzem Filz; ein rothwollener, geſtrickter Shwal lag dichtgeknüpft um ſeinen Hals, und zu größerem Schutze war noch ein großes, buntgeſtreiftes Frauentuch um ſeinen ganzen Körper gewunden. Unter dem Filzhut ſah man lange, dichte, blonde Locken hervorquellen, die ein Geſicht von äußerſter Zartheit und ungewöhnlicher Lieb⸗ lichkeit umſpielten. Vor einer großen, mit lockendem Kinderſpielzeug angefüllten Marktbude blieb der Knabe ſtehen, und ſein Führer ließ ihn einen Augenblick gewähren, um einen vorübergehenden Polizeimann nach der Churfürſtenſtraße zu fragen. Als die verlangte Auskunft aber ertheilt war, zog der Mann den Knaben um ſo ſchneller fort, indem er mit mäßiger Stimme ſagte: „Komm ſchnell, Eduard; Du wirſt Zeit genug haben, dieſe ſchönen Sachen anzuſehen, zuerſt aber mußt Du nach Hauſe.“ Die naheliegende Churfürſtenſtraße war bald er⸗ reicht und die Hauszahl 75 eben ſo bald gefunden. Der Mann mit dem Knaben ſtand vor der verſchloſſenen Thür und ſchellte kräftig. Er brauchte nicht lange zu warten. Eine junge, wohlgerundete, blühende Frau mit ſchwarzen Haaren und lebhaften Augen, augenſcheinlich dem mittleren Arbeiterſtande angehörig, öffnete und Pngn was man wolle 3 4 r — 6— „Wohnt hier der Aſſeſſor Ramkau, junge Frau?“ fragte der Fremde. ſchnell geſprochene Antwort,„und was wollen Sie von ihm?“ .„Das geht Sie nichts an, liebe Frau. Sind Sie ſeine Wirthin?“ Das warmblütige junge Weib, dem die Munterkeit des Lebens aus allen Zügen ſah, blickte den barſchen Mann etwas verwundert an, aber ein zweiter Blick auf das frierende Kind milderte ihre Aufwallung, und ſie erwiderte:. 8 „Seine Wirthin nicht, aber ſeine Aufwärterin, Mann, und zwar— doch das geht Sie auch nichts an. Mit Einem Wort, was wollen Sie?“ „Iſt der Aſſeſſor zu Hauſe?“ „Der Herr Aſſeſſor iſt nicht zu Hauſe; in ſeiner Abweſenheit aber nehme ich die Beſtellungen an.“ „Nun, wenn es ſo iſt, bin ich am Ende meiner Reiſe. Ich bringe dieſen Brief von der Bürgermeiſterei zu Neuberg und dieſen Knaben dabei.“ Während dieſes kurzen Geſpräches war der Fremde, die Frau faſt vor ſich herdrängend und den Knaben nachziehend, in die Hausflur getreten, hatte einen ziemlich großen Brief ſeiner Bruſttaſche entnommen, und reichte denſelben der kurz angebundenen Frau hin, die ihn nahm, „Allerdings wohnt der Herr Aſſeſſor hier,“ war die 7 genau beſah, und zuletzt einen fragenden Blick halb auf den Knaben, halb auf den Ueberbringer deſſel⸗ ben warf. „Wo iſt der Brief her?“ fragte ſie. „Von der Bürgermeiſterei zu Neuberg— habe ich ſchon gefagt⸗ „Und der Knabe?“ „Liebe Frau,— das iſt nicht meine Sache. Ich habe den Knaben hierher gebracht und den Brief dazu. Hiermit iſt mein Auftrag zu Ende. Leben Sie wohl! — Adieu, Eduard!“ fügte er hinzu, indem er dem Kna⸗ ben die Hand gab und einen ſanfteren Blick damit verband, als man ſeiner früheren Redeweiſe nach hätte vermuthen ſollen. Einen Augenblick darauf war er verſchwunden, und die Thür ſchlug klingelnd hinter ihm zu. „Das iſt doch ſonderbar,“ ſprach die Frau immer mehr verwundert vor ſich hin, und blickte einen Augen⸗ blick nach der ſchon geſchloſſenen Thür.„Dem Aſſeſſor wird ein Knabe geſchickt, und er hat mir nichts davon geſagt? Ei, ei! Aber komm, mein Junge, komm ſchnell in’s Zimmer, es iſt ſo kalt!“ Und den durchaus nicht widerſtrebenden Knaben an die Hand nehmend, führte ſie ihn über einen langen Flur in ein warmes Hinterſtübchen des großen Hauſes, nahm ihm das Hütchen vom Kopf, band ihm mit flinker Hand das große Tuch ab, und fügte ſich ſo ſchnell in die un⸗ 7 —— vermuthete neue Lage, wie man es von einer gefaßten und klugen Hausfrau nicht anders erwarten konnte. Als ſie mit dem Auskleiden des Knaben fertig war, ſah ſie ein ſchönes, wenn gleich mageres Kind vor ſich, deſſen lebhafte Augen etwas tiefer im Kopfe lagen, als es bei Kindern ſeines Alters gewöhnlich iſt, und deſſen Wangen eben nicht an allzugroßer Fülle litten. Sie ſtrich ihm mit der Hand die ſeidenweichen, blonden Locken aus dem Geſicht und fragte: „Alſo Du heißeſt Eduard? Wo kommſt Du her?“ „Ich bin den ganzen Tag und die Nacht in einer großen Kutſche gefahren,“ entgegnete der Knabe treuherzig und ſchnell. Kinder fühlen ſo bald, wem ſie angenehm und lieb ſind. „So, mein Junge. Du haſt wohl tüchtig ge⸗ froren? „Ja, beſonders an den Füßen.“ „Ach, die kleinen Füße!“ rief die Frau, ſetzte den Knaben auf einen großen, mit braunem Leder überzogenen Sorgenſtuhl, der in dem gemüthlichen Stübchen in der Nähe des Ofens ſtand, zog ihm nicht ohne Mühe die Stiefelchen aus, und rieb mit ihren warmen Händen die halb erſtarrten Glieder des kleinen Reiſenden. „O— das iſt ſchöͤnf“ ſagte das Kind.„Wie heißeſt Du?“ a „Ich heiße Shmargkoff, mein Söhnchen, Minna Schwarzkopf.“ „Und wer biſt Du?“ „Ich bin eines Tiſchlers Frau.“ „Haſt Du auch Kinder?“ „Nein, mein Sohn, noch nicht.“ „O, das iſt Schade. Ich ſpiele ſo gern mit klei⸗ nen Kindern.— Heute iſt mein Geburtstag,“ fügte er plötzlich aufjauchzend hinzu. „Dein Geburtstag? O, wie ſchön, mein Kind! Gott ſegne Dich, ich wünſche Dir viel, viel Glück dazu. Aber wo kommſt Du her?“ „Von Tante Regine.“ „Und wie heißt Dein Vater?“ „Mein Vater iſt todt, meine Mutter auch,“ erwiderte der Knabe leiſe ſeufzend„— ich bin eine Waiſe.“ „Eine Waiſe? Du lieber Gott! Und das weißt Du Alles? Was ſollſt Du denn aber hier in der Stadt?“ „Ich ſoll meinen Vormund kennen lernen.“ „Aha!“ dachte Frau Schwarzkopf,„jetzt kann ich es mir erklären. Aber warum hat der Aſſeſſor mir nicht geſagt, daß er den Knaben erwartet?“ „Haſt Du nichts zu eſſen?“ fragte der nabe Plüß⸗ (ich.„Mich hungert!“ „Ach, wie konnte ich das vergeſſen!“ rief die Fran — 410— ſich ſelbſt anklagend, ſprang raſch an einen Wandſchrank, öffnete ihn, nahm Weißbrot und Butter heraus, die auf einem Tellerchen lag, lief in die benachbarte Küche, und kam bald mit einer großen Taſſe Milch herein, die ſie im Ofen wärmte und dann dem Knaben vorſetzte. Und als er nun mit großem Appetite in das kniſternde Wei⸗ zenbrot biß, ſtemmte ſie zuſchauend die Arme in die Sei⸗ ten und freute ſich mehr über das Behagen des Kindes, als wenn ſie ihren eigenen Appetit befriedigt hätte. „Es ſchmeckt mir gut bei Dir!“ rief der Knabe. „Das freut mich. Hat es Dir bei Tante Regine nicht ſo gut geſchmeckt?“. „Ach, ich bin oft krank geweſen. Tante Regine iſt auch ſehr krank und wird wohl ſterben.“ „So! die arme Tante Regine! Und deshalb haben ſie Dich wohl zu Deinem Vormund geſchickt?“ „Ja. Und weil ich immer krank war, ſoll ich auf's Land, hat der Vormund geſchrieben.“ „So? Er hat alſo ſchon Deinetwegen geſchrieben,“ dachte die Frau mehr, als ſie ſprach.„Und mir hat er nichts davon geſagt— nun, wir werden es ſchon erfahren.“ 4 „Iſt mein Vormund ein ſchöner Mann?“ fragte der wißbegierige Knabe wieder. Die Frau lächelte und er⸗ widerte: „Nun, eben ſchön nicht, aber ein kluger Mann.“ — — 1— „Iſt er alt?“ „Bwei⸗ oder dreiunddreißig Jahr.“ „Mein Vater war ſchon über vierzig Jahr alt, als er ſtarb; meine Mutter war aber ſo hübſch wie Du.“ „Wann iſt Deine Mutter elorben⸗ mein armes Kind?“ „Ach, ich weiß nicht— ich bin noch ſo klein!“ ſagte der Knabe wieder mit einem tiefen Seufzer. Frau Schwarzkopf, durch den natürlichen Schmerz, der in dieſen wenigen Worten des Kleinen lag, gerührt griff zu ihrer ſchneeweißen Schürze und fuhr damit über die Augen. Aber der geiſtige Schmerz dauert bei einem Kinde von fünf Jahren noch weniger lange, als der leib⸗ liche. Als daher Eduard ſich geſättigt und erwärmt fühlte, hatte er die überſtandenen Mühſeligkeiten ſchon wieder vergeſſen und wandte ſeine Aufmerkſamkeit näher⸗ liegenden Dingen zu. „Morgen iſt Weihnachten,“ fing er wieder an zu plaudern.„Als wir aus dem Wagen ſtiegen, habe ich viele ſchöne Spielſachen geſehen. Ich möchte ſie wohl noch einmal ſehen.“ „Das ſollſt Du, mein Kind; ich ſelbſt will Dich auf den Weihnachtsmarkt führen, wenn Du gehörig warm geworden biſt.“ 3 8„Ich bin ſchon warm!“ rief der Knabe, und ſ ſprang raſch vom Sorgenſtuhl, auf dem er noch ſaß. — 22— In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und herein trat Meiſter Schwarzkof, ein junger, hübſcher, in eine baumwollene Jacke gekleideter Mann, deſſen regel⸗ 4 mäßiges Geſicht etwas Ernſtes für ſeine Jahre zeigte. „Sieh, Ernſt,“ ſagte die Frau,„da iſt ein Knabe gebracht für den Aſſeſſor—“ „Gut!“ erwiderte der Mann.„Guten Morgen, mein Sohn!“ „Guten Morgen,“ ſagte auch der Knabe. „Und wundert Dich das nicht?“ fragte die Frau mit einem Blicke, der wahrſcheinlich mehr als ihre Worte bedeuten ſollte. „Was ſoll mich das zwundern? das iſt des Aſſeſſors Angelegenheit.“ f. „Das weiß ich ſo gut wie Du, Ernſt. Ich ſollte aber meinen, man könnte ſich wundern, daß er uns nicht vorbereitet hat.“ „Närrchen! ſind wir ſeine Vertrauten? he? Ich will nicht hoffen, daß Du es biſt. Aha! ſtill, ſtill, gib mir mein Frühſtück. Bring' es in die Werkſtatt. Arbeiten iſt beſſer als neugierig ſein!“ Und mit dieſen wenigen Worten, die von einem freundlichen Blicke gegen die junge Frau und einem leich⸗ ten Kopfnicken gegen den Knaben hin begleitet waren, verließ der fleißige Mann das Zimmer, um ſich wieder an ſeine Arbeit zu begeben. 1 8 ⸗ — 1— Auch Frau Schwarzkopf verrichtete, den Knaben ein Viertelſtündchen allein laſſend, ſchnell, wie ſie Alles that, ihre einfachen Küchengeſchäfte. Als ſie damit zu Ende war, kleidete ſie den Knaben wieder zum Ausgehen an, und begab ſich, ſtolz, wie eine junge Frau, die lieber einen fremden Knaben als gar keinen hat, mit ihrem klei⸗ nen Gefährten an der Hand auf den Weihnachtsmarkt. Nach zwölf Uhr war ſie indeſſen wieder zu Hauſe, um ihr Mittageſſen fertig zu machen, während der Knabe, von ſeiner Reiſe und der ſcharfen Morgenluft ermüdet, auf dem braunen Sorgenſtuhl ſüß entſchlummerte. Als Meiſter Schwarzkopf und ſeine Frau ihr einfaches Mahl beendet hatten, erſterer wieder an ſeine Arbeit gegangen und letztere in häuslichen Verrichtungen etwa eine Stunde beſchäftigt war, wobei ſie mit einer Sorgfalt, als wäre es ihre Schuldigkeit, über den Schlaf des Kindes zu wachen, von Zeit zu Zeit einen Blick in das Wohnzimmer warf, hörte man vor der Hausthür— es mochte etwa zwei Uhr Nachmittags ſein— Jemanden heftig den Schnee von den Füßen ſtampfen. Gleich darauf ward die Thür von Außen geöffnet, und herein trat, in einen ſchönen Marderpelz gehüllt, ein etwas großer und hagerer Mann. Als Frau Schwarzkopf dieſe bekannten Fuß⸗ tritte hörte, kam ſie aus ihrem Stübchen herbei, um, wie gewöhnlich, den Aſſeſſor Ramkau bei ſeiner MaSinue 3 kunſt zu begrüßen. — 14— „Es gibt Thauwetter,“ rief der Eintretende der Frau entgegen, und wiſchte ſich ſorgfältig die Füße auf 4 einem zu dieſem Behufe aufgeſtellten Inſtrumente ab. 4 „Guten Tag, Frau Schwarzkopf!“ „Guten Tag, Herr Aſſeſſor!“ „Ach, liebſte Frau, mit dem Aſſeſſor iſt es auf ewig vorbei. Ihr Wunſch iſt in Erfüllung gegangen. Ich bin Juſtizrath geworden!“ Und nun erſt venh die junge Frau, daß ihr Herr heute vergnügter als gewöhnlich ausſah und ge⸗ ſprächiger war, als der ſchweigſame und geſchäftige Mann ſonſt zu ſein pflegte. „Ei, da wünſche ich Glück von ganzem Herzen, Herr Aſſ— wollt' ich ſagen, Herr Juſtizrath.“ „Danke, danke, Frau Schwarzkopf.— Bitte bald um den Kaffee.“ „Erlauben Sie— ich habe auch eine Neuigkeit für Sie,“ ſagte die Frau, und ſtellte ſich dicht vor den Juſtizrath, der raſch die Treppe hinaufſteigen wollte. Der Mann ſah ſie etwas erſtaunt an und fragte: „Was gibt's denn! Machen Sie ſchnell, ich habe heeute gerade viel zu thun.“ 4 D, das thut mir um das arme Kind leid, das Ihnen mit dieſem Briefe gebracht worden iſt.“ „Ein Kind— mit dieſem Briefe? Aüha, aus Neu⸗ 1 berg, nicht wahr?“ — ‿—₰ — „So iſt es,“ antwortete die Frau langſam, und be⸗ trachtete aufmerkſam ihren Herrn, der trotz ſeiner gelb⸗ grauen Geſichtsfarbe bei Empfang der neuen Nachricht merklich erröthet war, und jetzt weniger eilfertig, als er vorher im Sinn gehabt, die Treppe hinaufſtieg. Auf der Mitte derſelben blieb er ſtehen, drehte ſich halb herum und rief, ohne ſein Geſicht zu zeigen: „Iſt kein anderer Mann dageweſen, der mich ſpre⸗ chen wollte?“ „Gewiß, Herr Juſtizrath, und zwar eine Viertel⸗ ſtunde bevor der Knabe kam, und zwar derſelbe Mann, der vorige Woche ſchon einmal bei Ihnen war. Wollen Sie nicht den Knaben ſehen?— ſoll ich ihn auf Ihr Zimmer bringen?“ „Nein, nein, Frau. Behalten Sie ihn bei ſich, bis ich rufen werde, ich habe heute ſo viel zu thun.— Aber nur raſch den Kaffee!“ Und um aller weiteren Anfragen überhoben zu ſein, ſtieg der Mann, der heute ſo viel zu thun hatte, ſchnell die Treppe hinauf, öffnete ſein Zimmer und trat hinein. Nachdem er nun den verhüllenden Pelz abgeworfen und den Hut auf einen Stuhl geſetzt, haben wir Gelegen⸗ heit, den heute zum Juſtizrath ernannten Aſſeſſor Ram⸗ kau ein wenig genauer zu betrachten. 1 Sein Alter kennen wir bereits, aber er ſah äller aus, als er wirklich war. Seine Größe ging über die 4 Katzenartiges darin, was noch dadurch erhöht wurde, da — 16— mittlere hinaus, aber er war hager und knochig, nament⸗ lich hatten ſeine Kniee und Ellnbogen bei dünner Musku⸗ latur etwas überaus Eckiges, was in dem Pelze weniger ſichtbar geweſen war, als in dem feinen ſchwarzen An⸗ zuge, in dem er jetzt vor uns ſteht. Sein Kopf war in ähnlichen Verhältniſſe een gebaut, wie ſein ganzer Körper. Er war feſt und unſchön, aber mit äußerſt ſorgſam ge⸗ pflegten, glatten, braunen Haaren bedeckt; in der Stirn⸗ gegend war ſein Geſicht ſehr breit, aber nach dem Kinn etwas auffallend ſpitz zulaufend. Seine Geſichtsfarbe war die eines Menſchen, deſſen Leber⸗ und Milzfunctio⸗ nen nicht ganz in Ordnung ſind, wie man es ſo häufig bei denen findet, die eine ſitzende Lebensweiſe führen und den Studien und Nachtarbeiten obliegen. Seine grauen, etwas tiefliegenden Augen verriethen einen hohen Grad von geiſtiger Klugheit, oder vielmehr Geſchmeidigkeit und Schlauheit; ſeine Backenknochen traten etwas ſtark her⸗ vor, ſein Mund war breit, aber mit geſunden weißen Zähnen beſetzt, und um die bartloſen Lippen lag jene feine, mit Selbſtgenügſamkeit gemiſchte Ironie, die man bei Männern antrifft, die ſich ihres Werthes nicht allein bewußt, ſondern geſonnen ſind, ſich noch ein Stück dar⸗ über hinaus zu erheben. Somit war das ganze Geſicht nicht eben häßlich, aber noch weniger ſchön, und wenn man es ſehr genau betrachtete, lag etwas Lauerndes, 17— er ſeine Blicke zu geeigneter Zeit hinter einer goldenen Brille zu verſchleiern verſtand. Im Ganzen jedoch ſah 2 man, an der Kleidung ſowohl wie an ſeinem Weſen auf 4 den erſten Blick, daß der Juſtizrath Ramkau, wenn auch 1 kein guter, doch gewiß ein feiner Mann war, der durch Haltung und Benehmen ſeiner Stellung und ſeinen Kenntniſſen den gehörigen Nachdruck zu geben wußte. Das Zimmer, in welches wir unſerm neuen Bekann⸗ ten jetzt folgen, war dem Aeußeren ſeines Bewohners an⸗ gemeſſen. Sämmtliche Möbel waren von ſchöner, moder⸗ ner Mahagoniarbeit; ein weiches Sopha, ein edel ge⸗ ſchnitzter engliſcher Seſſel, beide mit rothem Plüſch über⸗ zogen, ein großer, aufrechtſtehender Schreibtiſch, ein reich⸗ beſetzter Bücherſchrank, einige werthvolle alte Kupfer⸗ ſtiche an den Wänden, ein warmer Fußteppich, und end⸗ lich ein glänzender, behagliche Wärmeſtrahlen aus⸗ hauchender Porzellanofen machten das nach der Chur⸗ fürſtenſtraße hinausliegende Zimmer ſo wohnlich, wie es die ausgeſuchteſte Bequemlichkeit für einen Gelehrten und Genußmenſchen— denn Beides war der Juſtizrath in gleichem Grade— nur verlangen kann. Einen Augenblick nach dem Eintreten des eben Ge⸗ ſchilderten ſchien ſeine vorher frohe Laune ſchon halb er⸗ loſchen zu ſein. Sein Geſicht zog ſich in engere Vanan auſammen, und er murmelte mehr als er ſprach: Der Inſellönig. 1 — àÄa8— „Das weiß der Teufel! Keine Freude kann mir ungetrübt bleiben. Muß der verdammte Junge gerade an dieſem Tage eintreffen!“ Als er dies gemurmelt, klingelte heftig die Glocke der Hausthür; ein derber Fußtritt polterte die Treppe herauf, und eine etwas maſſive Hand pochte gleich darauf an die Thür des Juſtizrathes, der ſich ſchnell auf ſeinen Seſſel warf, und das Haupt auf die linke Hand ſtützend, eine nachdenkende Stellung annahm. „Herein,“ rief der Bewohner des Zimmers etwas heftiger, als er ſelber wußte. 4 Aber ſtatt des erwarteten Fremden erſchien mit flinkem Tritte Frau Schwarzkopf, das Brett mit den Kaffee in der Hand. Auf den fragenden Blick ihres Herrn ſagte ſie nur: „Der Mann, von dem ich Ihnen vorher ſagte, iſt da. Soll er hereinkommen?“ Der Juſtizrath, haſtig eine Taſſe Kaffee eingießend, bejahte die Frage. Frau Schwarzkopf ging hinaus, und gleich darauf trat eine derbe, breitſchulterige Geſtalt in der Kleidung eines Landmanns herein, der man es auf den erſten Blick anſah, daß ſie ſich heute mehr als ge⸗ wöhnlich herausgeputzt, aber dennoch dadurch nicht die Spuren hatte verbergen können, die eine etwas wüſte Lebensweiſe und der häufige Genuß des Branntwe auf ihrem gemeinen Geſichte zurückgelaſſen hatte. „Guten Tag, Herr Aſſeſſor!“ ſagte der Eintretende mit einer Stimme, die klanglos, tief und laut ge⸗ nug war. „Ah, guten Tag, Mann! Alſo Ihr ſeid wirklich wieder da? Ihr habt Euch Euer Anliegen überlegt, wie mir ſcheint. Oder habt Ihr Euch anders be⸗ ſonnen?“ „Durchaus nicht! Ich ſpreche heute, wie ich vor acht Tagen ſprach, und hoffe, daß auch Sie, Herr Aſſeſ ſor, noch bei Ihrem Vorſatze verharren.“ „Ich verharre dabei. Der Knabe iſt da und Ihr könnt ihn mitnehmen. Das Uebrige aber kann ich die⸗ ſem Augenblick noch nicht mit Euch beſprechen, ich muß auf eine halbe Stunde noch zu einem Geſchäft. Wann wollt Ihr wieder abreiſen?“ „Späͤteſtens um fünf Uhr heut Abend.“ „Das iſt Zeit genug. Kommt um halb vier Uhr wieder, bis dahin ſoll Alles bereit ſein.“ „Ich bin zufrieden. Adieu!“ 3 Der Mann ging. Der Juſtizrath trank ſeinen Kaffee, zog den Pelz wieder an, nahm ſeinen Hut und folgte ihm. Als Beide zum Hauſe hinaus waren, ver⸗ ſolgte ſie ein Paar ſchwarzer Augen mit lebhafteſter Neu⸗ gier, und als dieſe nichts mehr ſehen konnten, ging die Inhaberin derſelben, unſere gute Frau Schwarzkopf, nach — 20— der Werkſtatt ihres Mannes, denn es brannte ihr ihre Wißbegierde, wie ſie es nannte, auf dem Herzen, was die heutigen Vorgänge wohl zu bedeuten hätten. Der Tiſchlermeiſter Schwarzkopf, ſeit einem Jahre verheirathet, war ein Anfänger in ſeinem Geſchäft, und hielt ſich für jetzt nur einen Lehrling, der eben mit einem Auftrage in die Stadt verſchickt war. Somit traf die junge Frau ihren Mann allein in der Werkſtatt, beſchäf⸗ tigt, mit einem großen Hobel ein kleines Stück Holz zu glätten, bei welcher Verrichtung ſich ein halb ziſchendes, halb rauſchendes Geräuſch hören ließ. Die Frau wollte zu ihrem Manne ſprechen, aber das Geräuſch des zeriſſenen Holzes verſchlang ihre helle Stimme. „Mann!“ rief ſie lauter,„ſo ſei doch ſtill mit dem Hobel, wenn man mit Dir ſprechen will.„Und dabei faßte ſie etwas kräftig den immer noch raſtlos arbeiten⸗ den Arm. „Was giebt's ſchon wieder, Minna? Was willſt Du?“ 8 „Ernſt, hör' mich an. Der Bauersmann iſt wie⸗ der da, der vor acht Tagen ſchon hier war und ſo ab⸗ ſcheulich nach Branntwein roch. Jetzt weiß ich, was er von unſerem Herrn will.“ „Da weißt Du mehr, als ich wiſſen mag!“— und der Hobel ſetzte ſich wieder in Bewegung. 3 „Aber 10 bitte Dich, Mann, ſo höre mich doch a Iſt Dir denn Alles gleichgiltig geworden, ſeitdem Du mich zur Frau und Arbeit in der Werkſtatt haſt?“ „Was ſoll mir denn gleichgiltig geworden ſein? Ich weiß nicht, was Du haſt. Was gehen Dich mit einem Male die Angelegenheiten Anderer an? Laß mich in Ruh und bring' mir den Kaffee.“ „Es iſt gut,“ ſagte die Frau, und ging ſchmollend aus der Werkſtatt.„Die Männer dünken ſich ſtets ſo weiſe, viel weiſer, als wir Frauen, und doch ſehen ſie mit hellen Augen nicht, was um ſie her vorgeht. Es iſt richtig mit alle Dem. Ich weiß nicht, was es iſt, was mich in Aufregung verſetzt, aber ſo viel weiß ich, daß etwas da iſt, was mir nicht gefällt und was mir das Herz ſchwer macht. Dieſer arme Junge— ein ſo hüb⸗ ſches Kind und ſo verlaſſen— und dieſer Bauer, denn etwas Anderes iſt er nicht, der ihn mitnehmen ſoll— das iſt nicht klar und nicht recht. Nun, wir werden ja ſehen! Und der Herr Aſſeſſor, oder Juſtizrath, was er jetzt iſt, ſieht mir ſchon lange ſo aus, als wenn ihm etwas auf dem Herzen läge, was nicht darauf liegen ſollte. Ich kenne ihn. Sonſt ſo heiter und ſo freund⸗ lich, und jetzt ſo ſtill und verſchloſſen. Und in ſeinen Augen, ſo viel er auch ſeine goldene Brille davornimmt, iſt auch kein reiner Himmel. Nun, wir werden ja ſehen.“ So ſprach, oder dachte vielmehr eine Frau aus demn SHmndwetkrſande eine Frau von einfacher uund geringer 8 — Bildung, aber eine Frau mit einem Herzen, ſo warm, ſo menſchlich, ſo wohlwollend für Jedermann ſchlagend, wie je ein braves Weiberherz geſchlagen hat. Und wir müſſen es bekennen, der Genuß ihres Nach⸗ mittagskaffee's⸗war für Frau Schwarzkopf ſtets ein an⸗ genehmer Augenblick des Tages, heute aber ſchlürfte ſie ſo eilig das duftende Getränk, und war von ſo lebhaften Gefühlen und Gedanken bewegt, daß ſie nicht das ge⸗ ringſte Wohlbehagen dabei empfand. Die Waiſe aber, neben ihr auf dem Sorgenſtuhle liegend, ſchlief immer noch unter dem warmen Tuche, welches die ſorgſame Hand der jungen Hausfrau über ihren Körper gebreitet hatte, damit das arme Kind, wie ſie ſagte, wenigſtens ſo lange es bei ihr wäre, mütterlich und behaglich ge⸗ bettet ſei. Zweites Kapitel. Das rothe Käſtchen. Wie wir gehört haben, verließ der Juſtizrath Ram⸗ kau, unmittelbar nach dem Weggehen des fremden Man⸗ nes, ſein Haus. Sein Gang war haſtig, ſeine Bewe⸗ gungen zeigten eine heftige innere Unruhe an, und ſeine Blicke ſchweiften unſtät von einem Gegenſtande zum an⸗ dern, als wenn die Gährung in ſeinem Innern die Vor⸗ gänge in der Außenwelt ihn nicht wahrnehmen ließe. So trat er in den Laden eines Bankiers, der ein ſchönes Eck⸗ haus in der Churfürſtenſtraße bewohnte, ſprach mit⸗ dem Commis, der ihn kannte und mit großer Höflichkeit em⸗ pfing, einige Worte, erhielt von ihm zwei Packete Papier⸗ geld und wollte ſich faſt ohne Gruß wieder aus dem La⸗ den entfernen, als ihm der Commis ſeinen Hut bis zur Khüre nachtrug, lächelnd und ſich verbeugend, als begreife — 24 er die Zerſtreutheit eines mit ſo vielen ſchwierigen Arbei⸗ ten überhäuften Mannes. 3„Ich danke, danke,“ erwiderte der zerſtreute Advo⸗ kat, nahm ſeinen Hut und hatte, ſchon ehe er den Laden des Geldhändlers verlaſſen, ſeine Gedanken auf etwas ganz Anderes gerichtet. Etwas langſamer als er gegangen war, kehrte er in ſein Haus zurück, und je näher er ſeinem Zimmer kam, um ſo bedächtiger wurde ſein Tritt, um ſo geſenkter ſein Haupt, um ſo nachdenklicher ſeine breite, ſonſt ſo dreiſt um ſich ſchauende Stirn. Er erſchrack faſt, als Frau Schwarzkopf ihm auf der Treppe entgegentrat und, das Kaffeegeſchirr heruntertragend, mit einer ihm lauter und ſchneidender wie gewöhnlich klingenden Simme fragte: „Schon wieder zurück, Herr Aſſeſſ wollt' ich ſa⸗ gen Herr Juſtizrath? Wollen Sie vielleicht jetzt den Kna⸗ ben ſehen?“ 3 „Nein, nein, Frau Schwarzkopf,“ verſetzte er haſtig und barſch,„nachher, nachher, ich bin mit meinen Ge⸗ ſchäften noch nicht fertig. Ich werde Euch rufen, hört Ihr, wenn ich ſehen will— ich meine den Jungen— aber, wie iſt es denn? ſieht er geſund aus?“ Durchaus nicht geſund,“ erwiderte die Frau,„blaß und abgemagert genug, das arme Kind. Es ſchläft im⸗ mer noch.“ „Das dacht' ich wohl!— das dacht ich wohl!“ war — 25— die leiſe geſprochene Antwort.„Laßt ihn ſchlafen. Auf dem Lande— hm! in der friſchen Luft wird er ſchon kräftiger werden. Wenn der Mann wiederkommt, Frau Schwarzkopf, Ihr wißt, wen ich meine, ſchickt ihn hinauf.“. So redend ging er in ſein Zimmer, ſchloß es zwei Mal hinter ſich zu, warf Pelz und Hut nachläſſig auf den erſten beſten Gegenſtand, der ſich ihm darbot, und ſeufzte laut auf. Eine ſeltene Erſcheinung bei dem geiſtes⸗ ſtarken, in der Regel, wenn nicht heiter, doch friſch ge⸗ ſtimmten Gerechtigkeitsmanne. „Wie das ſchnell finſter wird,“ ſagte er zu ſich und trat an ein Fenſter, aus dem er ſehen konnte, wie ſich die Sonne des Tages hinter nebelgrauen, dichten Schnee⸗ wolken verborgen hatte.„Wir haben Südwind,“ fuhr er fort, nach einer Wetterfahne auf dem Schornſteine des gegenüberliegenden Hauſes blickend—„Süd— Süd⸗ wind! Und es ſchneit ſchon wieder. Mir einerlei.“ Und er machte einige große Schritte durch ſein ge⸗ mächliches Zimmer, blieb vor dem großen, klaren Spiegel ſtehen, der faſt ſeine ganze lange Geſtalt ſo treu, wie es ein guter Spiegel nur kann, zurückſtrahlte, ſtrich ſich mit ſeiner weißen, aber etwas knöchernen Hand, auf der ein großer Siegelring mit einem lebhaft grünen Steine glitzerte, durch ſeine Haare, und ſagte ziemlich laut: Miir iſt abſcheulich zu Muthe. Das iſt ein ver⸗ — 26.— zweifelter Fall. Und dennoch muß ich zu einem Ent⸗ ſchluſſe kommen. Ah bah!“ Und er trat an einen kleinen zierlichen Schrant, der in der Ecke des Zimmers neben ſeinem Lehnſtuhl ſtand, ſchloß ihn auf, nahm eine etwas beſtaubte Flaſche und ein großes Kryſtallglas heraus und goß daſſelbe halb voll von jenem kräftigen, das Blut ſchneller treibenden Süd⸗ wein, deſſen braunrothe Farbe und düſterfunkelnder Glanz uns Nordländern auch als Fremdling ein angenehmer Gefährte iſt. Und wie um ſich zu dem zu faſſenden Ent⸗ ſchluſſe zu ſtärken, und den leichten Froſt zu überwinden, der ſeine abgemagerten Gliedmaßen erſchütterte, ja auch beinahe ſein juriſtiſches, ſchon an ſich ſo kaltes Herz noch mehr erkältete, that er einen kräftigen Zug, ſchmeckte mit Zunge und Lippe, verzog die Miene in jenes auerſüße Schmunzeln eines befähigteren Weinkenners und ſetzte dann gelaſſener ſeinen Gang durch das Zimmer fort. Und in der That, auch wir müſſen glauben, daß dem vor unſern Augen auf⸗ und abſchreitenden Manne der Entſchluß, den er heute faſſen mußte, ſchwer wurde. Wir werden mit demſelben ſogleih vertrauter werden. Wenn dieſer Mann gewußt hätte, beſtimmt gewußt hätte, was ſeine in dieſem Augenblicke tief ſchlummerndesSeele — nur ſein egoiſtiſcher, grübelnder, ſtrebender Geiſt wachte — in ſchwachen, faſt verſchwimmenden Umriſſen ahnte, er würde eiter anſtatt düſter geweſen ſein, er würde einen 4 — 27 Entſchluß gefaßt haben, der ſeiner würdiger war und der ihm vielen herzzerbrechenden Kummer, manche ſchlafver⸗ ſcheuchende Sorge, ja Thränen und Selbſtanklagen für ſein ſpäteres Alter erſpart haben würde. Aber ſo iſt h der kluge, der kenntnißreiche und erfahrene Menſch den niederbeugenden Anfällen menſchlicher Schwächen unterworfen. Sinn und Leidenſchaften arbeiten gemein⸗ ſchaftlich, abwechſelnd, ewig und immer niederreißend an ſeinem Herzen, das ſich in ſeiner ohnmächtigen Selbſt⸗ hilfe gegen eine ſtärkere Macht vergebens aufzulehnen ſtrebt. Für wie viele Menſchen ſollte der eben angedeutete, jetzt zu faſſende Gnſchuß dieſes unruhig ſich abarbeiten⸗ den Mannes ein Wendepunkt ihres zukünftigen Lebens, ihres Schickſals, ihres Glückes ſein! O, der ſich jetzt ſchon quälende Mann ahnte nicht, daß er mit dieſem in ihm reifenden Entſchluſſe an die Schwelle eines ganz neuen Lebens— eines ſehr glänzenden und doch wieder ſehr dunkeln Lebens— treten ſollte. Dieſer Mann war bis⸗ her ſo glücklich geweſen, alle ſeine Wünſche waren bis heute erfüllt worden, alle ſeine Beſtrebungen hatten ihn zu einem längſt erſehnten Ziele geführt und ſeine Hoff⸗ nungen auf eine noch reichere, glänzendere Zukunft waren 8 ſo wohl begründet. Aber der Engel der Verſuchung, der in ſo manches Menſchen Leben, dem Glück und Seligkeit verheißen war, den Samen des Unheils ſtreut, trat auch an dieſes Mannes Herz, drückte ſeine eiskalte Hand dar⸗ * K— — 28—— auf und weihte es für ſpätere Drangſale und eine Set. lenqual ein, die die beſten Lebensjahre ſeines beſähigten Geiſtes vergiften ſollte. Doch der Charakter und der gegenwärtige Seelen⸗ zuſtand des vor uns Stehenden ſpringt am klarſten in die Augen, wenn wir auf ſeine Gedanken, die kaum ein Selbſt⸗ geſpräch zu nennen waren, mit derjenigen Genauigkeit eingehen, die ein ſolches Unternehmen einem Zergliederer menſchlicher Herzensregungen ſchwierig, aber unumgänglich nothwendig macht. Das ſich jetzt draußen erhebende Schneegeſtöber, welches ein brauſender Südwind vermehrte, verdunkelte das Zimmer des Juſtizraths von Minute zu Minute mehr und mehr. Er ließ die Vorhänge deſſelben herab, zündete die Studirlampe an, rückte einen Seſſel vor ſeinen Arbeits⸗ tiſch und ließ ſich darauf nieder. Gedankenvoll ſtützte er ſeinen Kopf in die Hände und ſaß ſo eine Weile ſtumm, allein in inneres Brüten verſunken. Endlich blickte er, wie nach gefaßtem Entſchluſſe auf, verſuchte zu lächeln, und ſchloß etwas eilig ein zwiefach verſchloſſenes geheimes Fach in ſeinem Schreibtiſche auf, nahm daraus ein mit rothem Leder überzogenes Käſtchen, welches beinahe einen Fuß lang und einen breit war und warf es, ehe er es öffnete, etwas unwillig vor ſich hin auf die Platte des Tiſches.— „Da liegt es,“ ſagte er halblaut zu ſich ſelbſt, um — 29— ſo ungern ich es betrachte, ſo muß es doch endlich geſche⸗ hen und es ſoll geſchehen. Die Sprache der Todten iſt nur eine todte Sprache und wir Lebendigen ſind allein die Herrſcher und Meiſter. Ich wenigſtens fürchte mich durchaus nicht vor der Stimme eines Menſchen, der da⸗ hingegangen iſt; ſeine Gedanken haben nichts Störendes für mich, ſeine Wünſche ſind eben die Wünſche eines Men⸗ ſchen, der nicht mehr iſt, und was nicht mehr iſt, kann mich das in Unruhe verſetzen?“— Er lächelte bitter. Dieſes Lächeln ſollte eine Ermuthigung für ihn ſein, ah! und es war nur ein Symptom ſeiner Schwäche und ſei⸗ ner fieberiſch aufgeregten Seele. „Machen wir es auf,“ fuhr er fort, und ſeine zit⸗ ternde Hand hatte bald den Inhalt des Käſtchens heraus⸗ genommen, der aus Papieren, einzelnen Blättern, ver⸗ gelbten Papieren, und endlich einem Bunde größerer Bo⸗ gen beſtand. Alles überblickte er flüchtig, allmählig mehr und mehr erbleichend, bald aber wieder lächelnd. Dann erbrach er den Brief, den der Bote heute Morgen mit dem Knaben gebracht hatte, las ihn ſchnell und warf ihn ver⸗ ächtlich bei Seite. Seine Hand, wie ſein irrendes Auge wandte ſich wieder zu dem Inhalt des rothen Käſtchens; er durchlas noch ein Mal einige Blätter, dann warf er (auch dieſe zur Seite, ſtand wieder auf und begann ſeinen Gang durch das Zimmer, aber langſamer als vorher. Sein Geſicht nahm die Miene einer fein er — 30— an— es ſchien etwas Triumphirendes darin aufzuleuch⸗ ten, der zu faſſende Entſchluß kam ihm reifer und reifer zum Bewußtſein, er prüfte, er forſchte, er bezwang mit 8 ſeinem ſelbſtſüchtigen Willen ſein juriſtiſches Wiſſen und Gewiſſen. Endlich ſagte er halblaut zu ſich: „Ich kann mir keine Gewiſſensbiſſe damit zuziehen, daß ich dieſen Knaben behandle als das, was er iſt. Es fließt kein Tropfen deſſelben Blutes in ihm und in mir. Ich muß meine Zeit, meine Arbeit für mich haben. Meine eigene Zukunft muß mir das Heiligſte, das Nothwen⸗ digſte ſein. Gerade jetzt bin ich auf den Punkt gelangt,* von wo mein Lebenslauf erſt eigentlich beginnt. Ich kaun mich nicht mit untergeordneten Intereſſen beſchäftigen. 5 Das bin ich mir ſelbſt, meiner Zukunft, meinem Gllcke ſchuldig. Mein Ehrgeiz, wie Menſchen es nennen, iſt ein reines, edles Streben, gerade auf das höchſte Ziel los. Jetzt bin ich noch weit davon, und dieſer Knabe könnte mich mit der Sorge für ſeine Erziehung noch weiter da⸗ von entfernen. Er ſtört mich ſchon jetzt, da ich ihn noch nicht kenne, wie viel mehr nicht würde er mir hinderlich ſein, wenn er in meinen Händen wäre und ich für ihn zu ſorgen hätte. Und was bin ich ihm? Ein Verwandter im juriſtiſchen Sinne, und auch in allgemein menſchlichen — nun jal Sein Vormund! Und das werde ich ſein und bleiben. Ich ſorge am Beſten für ihn, wenn ich mein nächſtes Augenmerk auf Wiederherſtellung ſeiner wanken⸗ — 31— den Geſundheit richte. Darum eben ſoll er auf’s Land. Nicht für immer, nicht auf lange Zeit. Erſt gebe ich ihm die Kraft zum Leben, dann die Erziehung. Dieſen Mann, dieſen Pächter kenne ich freilich nicht. Aber habe ich denn eine große Wahl? Er iſt der erſte, der einzige, der ein vernünftiges Angebot annimmt— er mag ihn alſo nehmen. Ich kann ihn ja überwachen, gefällt er mir nicht— ſo kann ich ihn von ihm zurückfordern, kann ihn in eine Erziehungsanſtalt bringen, kann aus ihm ma⸗ chen was ich will, und wozu er Fähigkeiten hat. Sein Vermögen wird in meinen Händen ſo ſicher ſein, wie irgendwo. Ich will den geringen Nießbrauch, der mir rechtlich zuſteht, mäßig benutzen— das will ich und werde ich— das Kapital bleibt ihm— über die Zinſen werde ich ihm Rechnung legen— ihm allein und meinem Ge⸗ wiſſen— und mein Gewiſſen, denke ich, iſt rein.“ Er hielt inne und dachte nach. Dann ging er an den Tiſch, wo das Weinglas ſtand, that einen tüchtigen Zug daraus und fühlte mit Wohlbehagen eine angenehme Wärme den in ſeinen Leib hinabfließenden Tropfen folgen. Sein Herz begann etwas ſchneller zu ſchlagen, ſein Ge⸗ ſicht wurde belebter, ſein Auge glänzender. Seine Bruſt hob ſich und ein gewiſſer Stolz ſprach ſich in ſeiner ſieg⸗ reichen Miene aus. Er war ſeinem augenblicklichen Ziele ſchon näher gekommen. Er nahm eines von den beſtäub⸗ — 32g— ten Blättern aus dem rothen Käſtchen noch ein Mal zur Hand und lächelte, als er es durchgeleſen. „Eine verwickelte Verwandtſchaft gewiß, wenn es eine iſt,“ ſagte er.„Verheirathungen von Witwern und Witwen, gerade als hätte man abſichtlich ein Labyrinth von Verwandtſchaften erzeugen wollen. Nun, mein Va⸗ ter war kein Witmann— er war nicht der Mann, ſein Herz zweimal zu verſchenken, ich denke ihm darin ähnlich zu ſein. Aber er heirathete eine Witwe, meine nachherige Mutter. Meiner Mutter früherer Mann hatte, er war auch Witwer, aus ſeiner erſten Ehe eine Tochter, Beate, die Mutter des Knaben, der mir jetzt ſo ſchwer auf der Seele liegt. Ich wäre alſo eigentlich, wenn ich es ſo nennen darf, ſein Stiefſtiefenkel. Haha! eine lächerliche Verwandtſchaft, beinahe ſo gut wie gar keine. Und alle dieſe find nun todt! Ich allein bin übrig geblieben aus dieſem Aſchenhaufen der Verweſung!— Aber von wem ſtammt das Vermögen dieſes Jungen?— Von ſei⸗ nem Großvater, dem Vater Beate’s, dem Oberſten Stol⸗ ling. Warum ſind dieſe 20,000 Thaler nicht mir zuge⸗ ſallen? Was ſollen ſie dieſem Knaben? Ich könnte ſie ſehr gut gebrauchen. Geld iſt eine Stufe zum Ziele, wohin ich ſtrebe: Macht und Ehre.— Hm! wenn der Knabe ſtirbt,“ fügte er leiſer hinzu und griff ſich nach der Bruſt, wo ſein Herz eben lauter pochte,„wenn er ſtirbt, bin ich ——— ſein natürlicher Erbe. Der einzige lebende Verwandte, rühmten Kriegers. Haha! Die Stolling's und Ramtau — 33— nein, nicht Verwandte, aber— nun gut— Erbe. O! Ol er iſt nicht ſehr geſund, ſagt man, ich habe ihn zwar nicht geſehen.“ 1 Und er ging äußerſt langſam und bedächtig auf und nieder und ſtrich mit ſeiner kühlen Hand ſein ſpitzes, ſorgfältig geſchornes Kinn. Dann fuhr er etwas lau⸗ ter fort:. „Dieſe gute Beate! Ich habe ſie wohl gekannt, ſie war etwa vier oder fünf Jahre älter als ich. Sie war ſehr ſchön, eigentlich mehr lieblich als ſchön.— Ob ihr der Knabe ähnlich ſieht?— Ihr Schickſal war freilich nicht zu beneiden. Wie hieß doch der— der Krämer, der ſie heirathen wollte?— Richtig, da ſteht ja ſein Name unter ſeinen inbrünſtigen Liebesbriefen— Hutten,. Eduard Hutten. Sie muß ihn doch ſehr lieb gehabt ha⸗ ben, dafür ſpricht ſchon der Umſtand, daß ſie ihren Sohn aus der gezwungenen ſpätern Ehe nach ihm genannt hat, wie mir der Herr Bürgermeiſter aus Neuberg hier ſchreibt. Wo mag dieſer Krämer jetzt ſtecken?— Todt, todt, wie alle Uebrigen wahrſcheinlich, wenigſtens habe ſch nie wie⸗ der in der Familie von ihm ſprechen hören. Eigentlich war ſeine Abſicht ſo übel nicht auf dieſes ſchöne Mädchen. Und die 20,000 Thaler konnte er gebrauchen. Sie ſoll⸗ ten ihm zu einem Handel verhelfen. Handel, und ein Stolling! Ein Krämer und der Schwiegerſohn eines be⸗ Der Inſelkönig. J. 3 — 34— vermiſchen ſich nicht gern mit Krämerblut— das mußte er freilich zu ſeinem Kummer erfahren. Nun, das iſt vorbei jetzt. Stehen doch dieſe alten Heirathsgeſchichten mir nur noch wie in einem düſtern Nebel der Erinnerung vor Augen! Ich hätte wahrhaftig nicht daran gedacht, wenn dieſes Ding da mir nicht bei dieſer Gelegenheit wie⸗ der in die Hände gefallen wäre. Was ſoll ich aber jetzt mit dem alten Plunder machen? Er liegt mir ſchon lange im Wege. Liebesbriefe Verſtorbener kommen mir wie Seufzer in der Wüſte vor, abgewehte, veraltete Blätter des vorigen Jahres, nicht ein Mal wie dieſe zur Dün⸗ gung gut.— So!— Wir wollen ſie ſondern, die Pa⸗ piere in Bezug auf die Hinterlaſſenſchaft in dieſem Pulte aufbewahren, bis zur Zeit, wo der Knabe mündig iſt— wenn er es noch wird— und dieſe abgefallenen Blätter ſammt dem, nach Biſam duftenden rothen Käſtchen lieber verbrennen. Sie haben für Niemanden einen Werth!— Hal wer ſchleicht da draußen auf dem Flure vor meiner Thür? Sollte es wieder Frau Schwarzkopf ſein? Dies Weib, ſo gut es iſt, hat mehr von Mutter Eva an ſich, als ich da Sie ſchneidet mir heute ganz wunderbare Geſichter.— Herein!— Ja ſo— es iſt verſchloſſen. Man warte.“ Es hatte draußen beſcheiden geklopft. Der einſame Selbſtbeſchauer ſchloß das rothe Käſtchen und ſeinen Iu⸗ halt ſchnell ein, öffnete dann die Thür und ließ Ian Schwarzkopf eintreten, die meldete, der Landmann von heute Morgen ſei wieder da und warte auf der Treppe „Laſſen Sie ihn kommen, ich erwarte ihn.“ „Soll ich den Knaben auch bringen? er iſt wach und hat Verlangen, ſeinen Vormund zu ſehen.“ „Seinen Vormund? weiß er denn, daß ich das bin?“ „Gewiß weiß er das. Das Kind iſt ſehr klug für ſeine Jahre und eben ſo hübſch wie klug.“ „Das freut mich. Nein, bringen Sie ihn noch nicht. Wenn ich klingle, führen Sie ihn herauf.“, Die Frau wollte ſich entfernen; ein Ruf des Juſtiz⸗ raths hielt ihren raſchen Fuß zurück. „Was beliebt?“ „Bringen Sie mir noch einen Korb Holz herauf.“ „Holz? es iſt ja ſo warm hier. Bleiben Sie denn heute Abend zu Hauſe?“ „Ich weiß es noch nicht, wahrſcheinlich nicht, aber mich friert. Aber bringen Sie das Holz erſt, wenn Sie den Knaben herführen— ich werde ſchellen.“ „Das iſt ſonderbar,“ brummte Frau Schwarzkopf, als ſie das Zimmer verließ.„Ich verſtehe ihn heute gar nicht. Sonſt iſt es ihm ſtets zu warm und heute iſt es ihm zu kalt. Und die Männer wollen keine Launen ha⸗ ben! Ach, ach! Gehen Sie hinein, Mann, der Herr er⸗ wartet Sie.“ Einige Augenblicke darauf trat der ſchon in erſten 3*. ee — 36— Kapitel oberflächlich beſchriebene Mann ein. Sein Tritt war jetzt ſchwerer als am Morgen, wahrſcheinlich in dem⸗— ſelben Verhältniß wie ſein Kopf. Sein Geſicht dunkler geröthet und ſein Auge etwas ſtierer, wäßriger. Ein durchdringender Geruch von Liqueuren verbreitete ſich im Augenblicke in dem Theile des Zimmers, wo er ſtand; dennoch aber gab er ſich große Mühe, gerade auf ſeinen Beinen zu ſtehen und ſich das Anſehen eines vollkommen nüchternen Mannes zu geben. Die Gewohnheit half ihm augenſcheinlich. Seine phyſiſche Kraft bezwang die gei⸗ ſtige Kraft des Spiritus, der in ihm herrſchte, ihn aber nicht völlig beherrſchte, um ihn zu unterjochen. 8 „Guten Tag, Herr Juſtizrath; ich gratulire,“ ſagte ſeine etwas rauhe und laute, aber mit gewohnter Fertig⸗ keit ſich in den Grenzen des Anſtandes haltende Stimme, „ich höre ſo eben, daß Sie einen Grad höher geſtiegen ſind— he?“ 8 So iſt es. Ich danke Ihnen, aber ſetzen Sie ſich.“ Als ſich der alſo Angeredete auf einen der nächſten Stühle niedergelaſſen hatte, begann der zuletzt Spre⸗ chende wieder; „Ich habe mir nun Alles genau überlegt und bin fertig mit mir ſelbſt. Ich hoffe, wir werden einverſtan⸗ den ſein. Zuerſt aber— ich habe Ihren Namen und Wohnort vergeſſen; damit dies nicht wieder geſchieht, werde ich mir Beides aufſchreiben. Sie heißen?“ — wort. 85 geſchah nur heute wegen der Kälte. 4 — 37— „Schönfeld, Caspar Schönfeld, Pächter—“ „Und wohnen?“ „Auf Grünwald, Herr, zwei Stunden nur von hier. 4 „Grünwald, ſo! das iſt mir lieb. Das iſt nicht zu weit. Und Ihre Frau iſt damit einverſtanden?“ „Vollkommen einverſtanden! Wie ſollte ſie auch nicht? O, ich hab' ein gutes Weib, und recht ſehr freut ſie ſich über den Zuwachs.“ „Das gefällt mir. Alſo Ihr ſorgt für Kleidung und gute, geſunde Nahrung. Vorm ſechſten Jahre keinen Unterricht, hört Ihr? Doch bis dahin ſehen wir uns noch. Für den Fall, daß irgend etwas mit dem Knaben ge⸗ ſchieht— er kann ja krank werden— verſteht Ihr, oder daß Ihr andern Sinnes werdet, ſucht Ihr mich auf. Ihr kennt mich und wißt mich zu finden. Lieb wäre mir's, wenn Ihr nicht viel darüber ſprächet, wem den Knabe zu⸗ gehört. Es iſt für ihn und ſeine Zukunft beſſer. Ihr verſteht mich. Seinen Namen ſchreib' ich Euch auf die⸗ ſen Zettel— ſo! aber ſagt ihm für's Erſte, wie Ihr heißt, damit er nicht frühzeitig den Dünkel lerne, einer namenswerthen Familie anzugehören. Vermögen hat er ſo nicht viel.— Hm! Ihr riecht etwas nach Brannt⸗ wein, was? Trinkt Ihr viel?“ „Wenig, nicht der Rede werth,“ war die etwas lan ſame, mit leiſerer Stimme als gewöhnlich gegeben — 38— „Das wäre mir auch nicht lieb. Seid Ihr nun in Allem mit mir einverſtanden? Habt Ihr ſonſt noch ein Bedenken?“ „Vollkommen! Nein, nein, durchaus keins. Es han⸗ delt ſich nur noch um das Koſtgeld— he?“ 8 „Das iſt das Wenigſte. Es bleibt bei meinem Ver⸗ ſprechen. Ich gebe Euch für das erſte Jahr zweihundert Thaler!“— Der Mann ſpitzte die Ohren, ein heiſeres Lachen erwürgte er geſchickt in den Tiefen ſeiner Bruſt. „Hier ſind ſie— in Scheinen, ich hoffe das wird Euch recht ſein.“ „Gewiß, ei gewiß, Herr,“ und ſchon ſtreckte ſich ſeine Hand etwas begierig nach dem Schatze aus, den der Ju⸗ 3 6 ſtizrath einem Schreibetaſchenbuche entnommen hatte. Aber 4 er hielt es noch feſt in der Hand und ſann nach.„Ich bin ſicher,“ fuhr er fort und ſah den Mann forſchend durch ſeine glänzende Brille an,„ich bin ſicher, daß Ihr am Ende des nächſten Jahres wieder bei mir ſeid, ent⸗ weder mit dem Knaben— ja, das wäre mir das Liebſte —,— — oder doch mit dem Wunſche wenigſtens, ihn zu behal⸗ 4 ten, bis ich weiter über ihn beſtimme. Wie?“ „So iſt es, ſo iſt es, Herr!“ ſtotterte der Pächter, der ſchon den Augenblick nicht mehr erwarten konnte, wo Beſitzer des papiernen Geldes ſein würde. Aber noch hatte er es nicht.„Noch Eins,“ ſagte er Juriſt.„Wenn ich über ein Jahr ſollte verheirathet ſein und Ihr zufällig mein Haus in meiner Abweſenheit betretet, ſo halte ich Euch für ſo klug, daß Ihr nur mit mir werdet verhandeln wollen.“ Und das Auge des Ge⸗ lehrten ſah den Pächter beinahe brennend na. „Das verſteht ſich, Herr!“. „Nun, dann ſind wir einig. Kommt her und unter⸗ ſchreibt die Quittung über die zweihundert Thaler, die Ihr empfangen ſollt.“ Der Mann ſtand ſchnell auf, trat an den Tiſch und ſchrieb mit leichter, flüchtiger Hand ſeinen Namen. Au⸗ genſcheinlich wollte er einen andern Anfangsbuchſtaben wählen. Er beſann ſich aber augenblicklich, lächelte und ſtolterte:. „Die Feder kratzt, Herr.“ Dabei veränderte er den erſten Strich und ſchrieb deutlich den Namen: Casper Schönfeld auf Grunwald, Pächter. „So,“ ſagte der Advocat,„und hier habt Ihr das Geld, und den Knaben ſollt Ihr ſogleich haben. Wollt Ihr mir noch Eure Hand zur Bekräftigung Eures Ver⸗ ſprechens, den Knaben wohl zu halten, geben?“ „Hier iſt meine Hand!“ erwiederte der Mann und drückte die weiche Hand des ſeinen Mannes mit ſeiner feuchten, ſchwieligen und etwas unſaubern Fauſt ſo nach⸗ drücklich, daß jener nicht umhin konnte, zu ſagen: „Genug, genug! Und hier iſt das Geldl“ Kaum war das Paket hingereicht, ſo war e Waldemar Ramkau war in gewiſſer Beziehung von Stahl. — 40— ſchon genommen und untergebracht. Der Juſtizrath ſchellte. Etwas ſchneller als er erwartet, trat Frau Schwarzkopf, vor ſich her den kleinen Eduard führend und dann einen Korb mit geſpaltenem Holze vor den Ofen ſtellend, in's Zimmer. Dieſen Augenblick hatte der Vormund, wenngleich er ſich vollkommen geſtählt zu haben glaubte, mit einiger Ungeduld, aber auch mit einer gewiſſen Bangigkeit erwar⸗ tet, die leicht zu erklären war. Wie er ſich aber auch ge⸗ waffnet hatte, der Anblick des Knaben überraſchte ihn nicht allein, er erſchütterte ihn. „Das iſt Dein Vormund, Knabe,“ ſagte die junge Frau,„geh' hin, geh hin, und reich' ihm die Hand.“ Der Knabe that ſogleich, wie ihm geſagt wurde. „Guten Tag, Onkel Vormund,“ ſagte er freundlich und blickte mit ſeinen großen, klaren Augen den Angere⸗ deten an, den das kindlich geſprochene„Onkel“ beinahe außer Faſſung brachte. Das Ausſehen des Kindes wirkte nicht beruhigend auf ihn. Es lag Etwas in dem Auge deſſelben, was eine mächtige Sprache zu dem Herzen des herzloſen Advo⸗ caten führte. Ueberdies drang ihm die Bildung des Ko⸗ pfes, des ganzen Kindes in jede Fiber ſeines Weſens und beinahe hätte er laut gerufen: Beate! Aber der Juſtizrath — 41— Seine Willenskraft beherrſchte ſeine Gemüthsbewegung. Er hatte nur Augen für den Knaben, wie der Pächter nur für ſein Geld. Das rollende, blitzende Auge der Frau des Tiſchlers aber ſah keiner von Beiden, wie es bedeutungsſchwer, fragend und gewiſſermaßen grollend ſich bis in die Seele des Juſtizraths bohrte. „Guten Abend, mein Kind,“ ſagte der Vormund. „Sieh hier den Mann, der Dich auf's Land führen wird, Gehſt Du gern mit ihm?“ „Am liebſten bliebe ich hier bei dieſer Frau,“ ent⸗ gegnete freimüthig der Knabe,„aber da ich krank bin, gehe ich auf's Land, wo ich geſund werden will, um dann recht viel zu lernen.“ Der Vormund winkte Beifall, aber zugleich auch dem fremden Manne zu, und der neue natürliche Hort des Knaben verſtand dieſen Wink ſogleich. „Komm““ ſagte er,„es iſt vier Uhr. Um fünf habe ich den Wagen beſtellt und es iſt weit bis dahin, wo er ſteht.“ „Ihr fahrt alſo?“ fragte der Rath.„Das iſt mir lieb, gewiß!“ „Nun, dann kann man dem Kinde wohl ein Paar warme Filzſchuhe raſch kaufen,“ war das erſte und faſt mehr befehlende als fragende Wort der jungen Frau, we ches deſ h bei der Scene ſprach. 3 — 42— „Thut es! thut es!“ rief der Rath der Frau nach, die ſchon die Treppe hinunter lief, denn der Gedanke und die That waren bei ihr gewöhnlich nur zwei ſchnell auf⸗ einanderfolgende Dinge. Bald ſtand ſie im Laden des Nachbars, fand das Geſuchte und ſchnell war ſie wieder oben und ehe Jemand es eigentlich ſah, hatte das Kind die Schuhe an den Füßen. „Die halten warm,“ ſagte es und ſchien ſich zu freuen.— „Und nun ſage dem Vormunde Lebewohl, mein Sohn,“ lenkte der Pächter zum Schluß ein. Der Abſchied war bald genommen, der Pächter mit dem Kinde zur Thür hinaus und der Juſtizrath wieder allein im Zimmer. Frau Schwarzkopf aber ließ den Mann noch nicht fort. Zuerſt wickelte ſie den Knaben warm in ein Tuch ein, band ihm den Hut feſt, fragte zehn Mal, ob er auch ſatt und warm ſei, und als der Knabe es zehn Mal be⸗ jaht, hob ſie raſch das Kind in die Höhe, küßte es laut ſchallend auf Stirn, Mund und Wangen, fing an zu ſchluchzen, als wenn es ihr eigenes Kind geweſen wäre, von dem ſie ſich trennen ſollte und ſagte weiter nichts als: „Gott ſegne Dich, Gott ſegne Dich, Du armes Kind!“— Darauf faßte der Mann mit derber Fauſt des na⸗ ben kleine ſorgfältig von Frau Schwarzkopf behandſchuhte Linke, ließ ein ſtilles lächelndes Gegurgel hören, und mit ſeinen gläſernen Augen verſchmitzt winkend, führte er den Knaben die Treppe hinab. Wer ſein Geſicht hier auf der ſchon dunkeln Straße, beim blinkenden Lampenſchimmer und dem Glitzern des Schneegeſtöbers hätte beobachten können, würde bemerkt haben, daß der Mann froh war, ein Mal das Geld zu haben, und dann, frei von aller Forſchung, auf offener Straße ſich ſelbſt überlaſſen zu ſein. Kaum aber hatte ſich hinter ihm die Hausthüre ge⸗ ſchloſſen, ſo war auch Frau Schwarzkopf ſchon wieder in ihrem Zimmer. Raſch warf ſie einen Mantel um ihre runden Schultern, ſtülpte eine warme Mütze über ihr ſchwar⸗ zes Haar und einen Augenblick ſpäter war ſie auf der Straße, hinter dem Kinde und ſeinem Führer her. „Ich will doch ſehen,“ ſagte ſie zu ſich,„von welchem Hauſe der Bauer mit dem Kinde abfährt.“ Sie hatte nicht weit zu gehen. Ein paar Straßen weiter, in einer Nebengaſſe, war eine ihr bekannte Aus⸗ ſpannung für Landleute, verbunden mit einem Schnaps⸗ laden, wie dies gewöhnlich iſt. In dieſem Hauſe ver⸗ ſchwanden Beide. 1 „Aha!“ dachte die unermüdete Läuferin,„das iſt ſein Abſteigequartier, nun will ich ihn ſchon wieder inden. Frau Müller iſt ja meines Mannes Gevatterin 8 — 44— nun bin ich etwas beruhigt, obgleich nicht allzuſehr. Ich will aber doch lieber nach Hauſe gehen und dem Herrn Juſtizrath das Feuer anmachen.“ Dieſer war, als die drei Perſonen ſein Zimmer ver⸗ 4 laſſen hatten, in ein ſtummes Grübeln verſunken. In tiefem Nachdenken, dem Vorboten künftiger herberer Em⸗ pfindungen, ſtützte er ſein Haupt auf ſeine Hände und gedachte längſt entſchwundener Zeiten, vor langen Jahren Geſtorbener und ſeiner eigenen, nicht gar zu ſorgenfreien Jugendtage. Er fühlte es im Innerſten ſeines Herzens, wenn er es auch nicht mit Worten ausſprach oder in be⸗ ſtimmten Gedanken ſich vorſtellte, daß er heute die Schwelle einer neuen Zukunft betreten hatte. Es giebt Ereigniſſe in unſerm Leben, oft kleine, an ſich oft unbedeutende Er⸗ eigniſſe, die die Pforten zu inhaltsſchweren Folgen ſind, Ereigniſſe ſogar, die wir oft wenig oder gar nicht beach⸗ ten, wenn ſie in’s Leben treten und dennoch aus unſern geheimſten Gedanken nicht los werden können. Zu den Letzteren gehörte dasjenige, was vor wenigen Minuten in dem Zimmer des kalten Verſtandesmenſchen, des in Er⸗ füllung j ſeiner Berufspflichten ſo pünktlichen Mannes der Gerechtigkeit und des vom Schickſal in ſo vielen Dingen begünſtigten Juſtizraths Waldemar Ramkau, ſich zugetra⸗ gen hatte. Ohne eigentliche Freunde, die er liebte und die ihn wieder liebten, ohne alle Verwandte, die durch Bande des Blutes und der Zeugung mit ihm verbunden 6 — 45— waren, hatte er ſich ſchon lange ein Weſen gewunſcht, welchem er ſeine geheimſten Empfindungen— wenn ſeine Regungen überhaupt dieſen Namen verdienten— oder wenigſtens ſeine Gedanken mittheilen und ſeine Beſtrebun⸗ gen anvertrauen konnte— und in dieſem ſo bedeutungs⸗ vollen Augenblicke fiel ihm dieſe ſeine Einſamkeit wie ein kalter Bleiklumpen auf das Herz.— Und warum? Weil er eine innere ahnungsreiche Stimme vernahm, die ihm zuflüſterte:„Waldemar! Zum erſten Male in Deinem Le⸗ ben biſt Du habſ ſichtig, unmenſchlich, ja, biſt Du ſchleht geweſen!“ Da that ſich leiſe von außen die Thür auf, der an⸗ muthige Kopf der jungen Tiſchlersfrau wurde ſichtbar und mit kurzen Worten fragte ſie, ob ſie Feuer im Ofen an⸗ zünden ſolle. Der Angeredete fuhr auf, er war der Wirklichkeit wiedergegeben; ſein Entſchluß und Alles, was ſich daran knüpfte, trat lebendig zum zweiten Male und viel feſter als das erſte Mal vor ſeine Seele. Er lehnte das Feuer ab, aus dem einfachen Grunde, weil er es ſelbſt ſchüren wolle. Leiſe ſtand er auf, verriegelte behutſam die Thür von innen, ſonderte mit ſcharfprüfendem Auge noch ein Mal die Papiere in dem rothen Käſtchen und trat dann, raſch und gefaßt, aber doch mit leiſem Fuße, als ſollten ſelbſt die leeren Wände ſein Beginnen nicht vernehmen. auf den Ofen zu. Er öffnete die von Frau Schwarzkopfs — 46— geſchäftiger Hand ſo blank polirte Meſſingthür und bückte ſich tief zur Erde, um in dem Ofen noch etwa glimmende Kohlen zu finden. Aber das Feuer war ſelbſt in der Aſche erloſchen. Jetzt kniete er vor dem Ofen nieder; das leichte Zittern, welches er ſeinen Körper durchfliegen fühlte, ſchob er auf die ungewohnte Arbeit, denn er hatte noch niemals in ſeinem Leben Feuer im Ofen angezündet; aber er bezwang es und legte im Hintergrunde des Feuer⸗ beckens einige kleine Stücke Holz kreuzweiſe überein⸗ ander und das rothe Käſtchen darauf. Er war ordentlich froh, als er es erſt liegen ſah. Dann rückte er ſo kunſt⸗ gerecht als es ihm möglich war, große Stücke davor zu⸗ recht, ſchüttete eine Menge Papier aus einem unter ſeinem Tiſche ſtehenden Korbe darauf und zündete es an. Raſch ſchloß er die Ofenthür. Das Papier loderte in hellen Flammen auf, das Holz, von dem fremden Elemente be⸗ leckt, fing an zu kniſtern— der knieende Mann erhob ſich, ſah noch eine kleine Weile dem um ſich greiſenden Feuer zu, dann glaubte er ſeine Schuldigkeit gethan zu haben.. In dieſem Augenblicke ſchlug die nächſte Thurmuhr die fünfte Stunde an. Waldemar Ramkau blickte ſich in ſeinem Zimmer rings um, ſchloß alle Fächer ſeines Schreib⸗ tiſches zu, warf ſeinen Pelz um, nahm den Hut und— mit einem Blicke auf das einen blutigrothen Schein durch das Zimmer werfende Ofenfeuer, löſchte er ſeine Studir⸗ ——— — 42— lampe aus. Mit leichten Schritten ging er aus dem Zim⸗ mer, drehte zwei Mal den Schlüſſel um, zog ihn aus und, was ſonſt nicht ſeine Gewohnheit war, ſteckte ihn in die Taſche. Unten auf dem Flure angelangt, rief er die Tiſchlersfrau. Dieſe, immer aufmerkſam, kam ſogleich aus ihrem Zimmer. „Frau Schwarzkopf,“ ſagte er,„ich gehe aus. Sollte ich um eilf Uhr nicht zu Hauſe ſein, ſo warten Sie nicht länger. Ich bin in Geſellſchaft. Meinen Schlüſſel hab⸗ ich— gute Nacht!“ 4 Die Thür ſchlug hinter ihm zu. Frau Schwarz⸗ kopf, die ſonſt nis verſäumte, ihm viel Vergnügen zu wünſchen, hatte heute nur ein halblautes„Gute Nacht“ geflüſtert, dann war ſie ſtill wie das Grab. Sie ſetzte ſich in ihr kleines warmes Stübchen neben den Sorgſtuhl, worauf den Tag über der Knabe geſchlafen, und wollte da ihr Mann einen Gang in die Stadt gemacht hatte, nähen, wahrſcheinlich ein Weihnachtsgeſchenk für den ab⸗ weſenden Gatten, denn Muhme Schwarzkopf war, gut in allen Dingen, auch eine gute Gattin; aber ſie hatte keine Luſt dazu, ihre Gedanken waren nicht bei der Arbeit, ſie waren Gott weiß wo! Plötzlich kam es ihr vor, als ob Jemand auf dem Flure ihren Namen riefe. Es war ge⸗ wiß eine Sinnestäuſchung, denn ſeit einigen Minnten hatte ſie ein ſeltſames Klingen vor ihren Ohren gehört, aber dennoch folgte ſie dem geheimnißvollen Rufe. Sie trat * ⸗ — 48— furchtlos, wie ſie überall und immer war— denn ſie hatte ein ſehr reines Gewiſſen— auf, den Flur hinaus; aber wie erſchrack ſie, als ein abſcheulich riechender Qualm beinahe ihren Athem erſtickte.* „Mein Gott!“ rief ſie aus,„auch das noch! Feuer im Hauſe, das fehlte nur noch! Und nun iſt mein Mann nicht da!“ Blitzſchnell aber, wie ein Gedanke, war ſie wieder im Zimmer und hatte die kleine Lampe in der Hand, die ihre abendlichen Handarbeiten beleuchtete. Ohne zu wiſ⸗ ſen, warum, ohne viel zu denken, zu welchem Endẽ eilte ſie die Treppe hinauf, nach dem Zimmer des Ju⸗ ſtizrathes.— „Ah!“ dachte ſie, als ſie die verſchloſſene Thür Vind und der Rauch noch erſtickender ihre Bruſt beengte,„e hat den Schlüſſel mitgenommen— was ſoll das Ahs bedeuten?“ Aber raſch die Lampe oben auf den Boden ſebend, ſprang ſie die Treppe hinab, holte von dem ihr wohlbe⸗ bekannten Platze am Thürpfoſten ihres Stübchens den Schlüſſel zu der Schlafſtube ihres Herrn, ſchloß dieſe, die gewöhnlich verſchloſſen gehalten wurde, auf und ſtand nun im Nebenzimmer ſeiner Wohnung. Aber kaum konnte ſie noch athmen, ſo erſtickend war der„Abſchalihe Qualm. auch in dieſem Zimmer. — 49ñ— Schnell hatte ſie die Zwiſchenthür geöffnet, ihre vor Angſt, ein großes Feuer zu ſehen, hervorquellenden Augen, konnten kaum das dick mit Rauch gefüllte Zim⸗ mer durchdringen— aber vom Feuer war keine Spur zu bemerken. Hurtig bückte ſie ſich zur Ofenthür nieder, da ſah ſie die Urſache der Schrecken erregenden Erſchei⸗ nung. Ein einziger Blick hatte ſie belehrt, daß keine Gefahr vorhanden ſei. Der unkundige Heizer hatte die Ofenklappe nur zum Theil geöffnet und der mit Schnee⸗ geſtöber verbundene Wind hatte den zur Freiheit beſtimm⸗ ten Dampf nach innen gejagt. Schnell hatte ſie die Fen⸗ ſter geöffnet. „Aber warum Feuer im Ofen, wenn er doch aus⸗ geht und vor Mitternacht nicht wieder kommt?“ Das war ihr erſter und nächſter Gedanke. Ein unbeſtimmter Ver⸗ dacht durchzuckte ſie; ohne eigentlich zu wiſſen, was und warum ſie es that, ſchloß ſie die Ofenklappe ganz und die Ofenthür ebenfalls. So mußte ja wohl eine Flamme, wenn ſie da war, erſticken. Sie hatte richtig gerechnet. Der Rauch verzog ſich, das Zimmer wurde wieder mit athembarer Luft gefüllt— und dennoch athmete ſie kurz und ſchnell, ihr Buſen hob und ſenkte ſich, ohne daß ſie wußte, warum Nach einigen Augenblicken öffnete ſie die Ofenthür wieder und ließ einen dicken, übelriechenden „DQualm heraus, der auch bald durch die offenen Fenſtet icch verflüchtigte. Dann bückte ſie ſich vor und betrach⸗ Der Inſeltönig..ü 4 Holz im Ofen. andern heraus; immer tie deſſen Wangen glühten, ſah ſie einen fremden Gegen liegen. einem graugelben Ueberzuge bedeckt. tete mit Verwunderung das ſo ſeltſam gelegte angeſchwälte Langſam nahm ſie ein Stück nach dem fer beugte ſie ihren ſchönen Kopf, der Feuerſtelle entgegen.— Da ſtand in der Tiefe des Ofens Die Aſche und die Hitze hatten das Käſtchen mit „Was iſt das?“ fragte ſie ſich. Und voll Ahnung, es könne dieſer fremde Gegenſtand mit den Vorfällen des Tages in Verbindung ſtehen, beſchloß ſie ihn näher zu unterſuchen. Sie ſah ſich im Zimmer um— ſie war alkein. Dennoch war ihr zu Muthe, als wolle ſie einen Raub begehen.—. Dieſes Ereigniß war das Erſte der Art in ihrem jungen Leben. Aber ein feiner Inſtinkt belehrte und er⸗ hob ſie. Sie legte das Käͤſtchen bei Seite, rückte das Holz im Ofen kunſtgerecht zuſammen, zündete es nach Oeff⸗ nung der Klappe an und freute ſich ihres Werkes, als ſie bald die hellen Flammen auflodern ſah, die der ſtarke Zug von Augenblick zu Augenblick lebhafter anfachte. Dann ſchloß ſie wieder die Fenſter; das Käſtchen unter ihrer Schürze verbergend, entfernte Wege, den ſie gekommen war, und begab ſich, langſamer⸗ 1 ſie ſich auf demſelben als hinaufgeſtiegen, in ihr ſt hatte einen ihr noch unbekann illes Zimmer zurück. Sie ten Schatz geborgen. Mit. einem alten Tuche wiſchte ſie die Spuren der Aſche ab, betrachtete, ohne ſich für jetzt um den Inhalt zu küm⸗ mern, flüchtig die Umriſſe des Käſtchens und ſchloß es in das unterſte Fach ihres Weißzeugſchrankes ein, nach⸗ dem ſie noch vorſichtig einige Wäſche darüber gelegt hatte. Jetzt erſt hatte ſie ſich beruhigt. Der Schatz war geborgen. Keine niedrige weibliche Neugier lockte ſie zu ihrem augenblichlichen Thun an. Sie verſparte die Un⸗ terſuchung der wichtigen Thatſachen— denn wichtig er⸗ ſchienen ſie ihr über die Maaßen— auf eine ſtille Stunde des nächſten Feiertages. Zum erſten Male ſeit langer Zeit ſetzte ſie ſich, die immer thätige Frau, mit in einan⸗ der geſchlagenen Händen in den Sorgenſtuhl und dachte noch ein Mal an jedes einzelne Ereigniß dieſes voller Aufregung vergangenen Tages. Bis heute hatte ſie kein Geheimniß vor dem Manne ihrer Neigung gehabt. Heute beſchloß ſie, das erſte vor ihm zu verbergen. In einer halben Stunde kam der Meiſter nach Hauſe. „Es riecht hier ſtark nach Rauch, Minna,“ ſagte der junge Mann.„Weißt Du den Grund?“ „Beruhige Dich, Ramkau hat oben Papiere ver⸗ brannt, ich habe ſchon nachgeſehen. Bleibſt Du jetzt zu Hauſe?“ .„Ja, mein Kind, willſt Du noch Einkäufe machen?“ „Gewiß will ich das— ich werde nur eine halbe Stunde ausbleiben.“ — 82 uUnd ohne weiter ein Wort zu ſprechen, nahm ſie Mantel und Mütze und ging trotz des heftigen Schnee⸗ geſtöbers denſelben Weg, den ſie, den Pächter mit dem 3 Knaben verfolgend, vor einigen Stunden zurückgelegt hatte, denn Frau Schwarzkopf hatte an dieſem für ſie denkwür⸗ digen und räthſelhaften Tage noch eine— die letzte Pflicht zu erfüllen. Drittes Kapitel. Der Pächter zu Grunwald. In der Ausſpannung zum goldenen Engel, die der Gevatter unſeres Tiſchlermeiſters nebſt einem Schänkladen unterhielt, ging es am Abend vor Weihnachten ſehr leben⸗ dig her. Zahlloſe Landleute aus den die Hauptſtadt um⸗ gebenden Dörfern waren herbeigeſtrömt, um ihre Feſtbe⸗ dürfniſſe an der großen Quelle des Landes zu ſchöpfen. Namentlich der Laden, der von Spiegelwänden, glänzen⸗ den Kryſtallflaſchen und einer Anzahl verſchieden geformter Glläſer ſchimmerte, war gedrängt voller Menſchen, die kei⸗ neswegs zechen, nur der Kälte und der ſcharfen Luft ein Widerſtandsmittel entgegen ſetzen wollten. So hielten ſich die Meiſten nicht lange auf, tranken ihr Glas dam⸗ pfenden Punſches wohlbehaglich aus und machten den Neu⸗ ankommenden Platz, um ſo bald wie möglich ihrer ſtillen Heimath und ihrer Familie zuzueilen. Daher waren — 54— denn auch alle dienſtbaren Hände im goldenen Engel heute Abend aufgeboten; drei bunt aufgeputzte, lächelnde und ſcherzende Schänkmädchen liefen geſchäftig, zapfend, einſchänkend und dazwiſchen plaudernd und ſchälernd um⸗ her, wobei die Frau vom Hauſe aufmerkſamen Blickes ihr Thun und Treiben verfolgte und nicht ſelten mit einem, nicht eben unfreundlichen Worte zur Eile anſpornte. So⸗ gar der Gevatter Müller ſelber mit ſeinem ſchrägen Käpp⸗ chen, behaglichem Bauche und fettig ſchmunzelndem Ge⸗ ſichte war bald hier bald da und ermunterte gutmüthig zu einem warmen Schlückchen, denn es ſei draußen ganz verteufelt kalt. Es war zwiſchen ſechs und ſieben Uhr; die meiſten Gäſte vom Lande hatten ihre Wagen beſtiegen und waren davon gefahren; es wurde etwas leerer im Laden und den Nebenzimmern des Gaſthauſes. Frau Müller fühlte ſich etwas erſchöpft, und begab ſich auf ihr kleines Zinmer, das hinter dem Laden unter der Treppe lag, und worin zur größeren Bequemlichkeit ein behaglicher Rückenſtuhl neben dem ſchwarzen, beinahe zu warmen Ofen ſtand. Sie warf ſich auf den Stuhl, gerade einem ovalen Fen⸗ ſterchen in der Wand gegenüber, durch welches man das Treiben im Laden und den Fleiß der Dienenden beobach⸗ ten konnte. Kaum aber hatte ſie ſich geſetzt, da öffnete ſich die Thür und herein trat die Gevatterin aus der Chur⸗ fürſtenſtraße. — 5— „Ah, Frau Gevatterin Schwarzkopf, guten Abend! Das iſt ſchön, daß Sie auch ein Bischen vorſprechen. Wol⸗ len Sie dem Gevatter ein warmes Schlückchen holen?“ „Mein Mann trinkt keinen Branntwein— das wiſ⸗ ſen Sie ja. Aber hier iſt es ſehr warm, ich muß Mantel und Mütze einen Augenblick ablegen. So!“ Minna Schwarzkopß ſah heute Abend wunderbar aufgeregt aus; ihre Wangen glühten immer noch, und ihre lebhaften Augen glänzten in einem mehr als gewöhn⸗ lichen Glanze. „Was iſt denn, Frau?“ fagtr die Schänkwirthin, „Sie ſind ja wie aus dem Waſſer gezogen— Sie ſchwi⸗ tzen ja— haben Sie ſich geärgert?“ 4 „Nicht im Geringſten,“ war die kurze Antwort.„Ich habe anhaltend geſeſſen und gearbeitet. Jetzt bin ich fer⸗ tig, Frau Müller, und ich komme nur, um Ihnen eine einzige Frage vorzulegen.“ Frau Müller ſah ſie immer noch erſtaunt an, denn die ſonſt ſo ruhige Frau kam ihr heute ſeltſam vor; dieſe aber blickte ſich um und fragte in langſamem Tone: „Sind wir allein? Kann uns Jemand hören?“ „Ganz gewiß ſind wir allein. Kein Menſch hört uns. Was giebt's denn?“ „Frau Müller, ſagen Sie mir aufrichtig, iſt heute ein Mann vom Lande eingekehrt, der eiwas ungeirunken war und Abends mit einem Kinde kam?“ — 36— „Ei gewiß, Frau, und noch dazu hier an dieſem Tiſche hat er ſein Geld gezählt und auf dieſem Lehnſtuhle hat der kleine Junge geſeſſen.“ Frau Schwarzkopf ſchlug die Hände zuſammen, vor Freude, daß ſie die Spur ſo leicht gefunden. „Ohne Zweifel kennen Sie den Mann?“ „Kennen? Ja— das heißt, ich habe ihn öfter hier geſehen, denn er beſucht uns, wenn er alle Jahre, viel⸗ leicht auch zweimal nach der Stadt kommt und Leder kauft.“ Leder?“ 9. „Ja, Leder, denn er iſt, ſo viel ich weiß, ein Schuſter.“ „Ein Schuſter? Gott ſoll mich bewahren!“ „Nun warum denn kein Schuſter? iſt das kein ſo 3 ehrliches Handwerk wie das eines Tiſchlers?“. —„Sie verſtehen mich nicht, liebe Müller, das meine ich nicht Ich dachte, er ſei ein Pächter?“ „Hoho! Hat ſich was zu Pächtern! Vor Jahren ein Mal,— aber das iſt Alles vorbei, Alles durch die Kehle geſchwommen. Aber was geht Sie das an, Frau Gevatterin?“ „Nicht mich geht es an, aber wohl einen Andern, der gern Auskunft über den Mann und das Kind haben wollte. Auskunft! Nun, was ich weiß, will ih Ihnen ſa⸗ — 87— gen, oder habe ich Ihnen vielmehr ſchon geſagt. Der Menſch iſt ein Trunkenbold, ein herabgekommener Land⸗ mann, betreibt das Schuſterhandwerk und wohnt irgend wo in der Umgegend.“ „Iſt das Alles, was Sie wiſſen?“ „Alles, dem Buchſtaben nach. Seinen Namen weiß ich nicht, ich kenne auch Niemand, der ihn wüßte, denn ich habe ihn hier mit keinem Menſchen jemals ſprechen ſehen. Er ſcheint für ſich zu leben. Es iſt lange Zeit hher, daß ich ihn heute wieder hier geſehen! Was den Knaben anbetrifft, den hat er heute zum erſten Male mit⸗ gebracht. Er hat ihn, wie er ſagte, von armen Leuten in Koſt genommen und wiſl einen Lehrling daraus ziehen.“ „Einen Schuſterlehrling? Daß ſich Gott erbarme!“ ſchrie Frau Schwarzkopf in unverhohlener Angſt und mit ihrem ſchon lange unterdrückten warmen Gefühl. „Aber warum ſoll ſich Gott erbarmen, liebſte Frau? Wiſſen Sie etwas Näheres über ihn?“ „Nein, nein, ich nicht, Frau Müller, ich nicht. Alſo ſeinen Namen wiſſen Sie nicht und ſeinen Wohnort auch nicht?“ Miein, nein, ich weiß nur, was ich geſagt habe.“ „Aber wenn er wiederkommt, wollen Sie es mich wiſſen laſſen?“ „Wenn Ihnen damit ein Dienſt geſchieht, warum nicht?“ 5 „Und Geld hat er hier gezählt?“— fragie d die An⸗ dere geſpannt. „Ja, und ſehr viel Geld, in Papieren; ich habe es durch das Fenſter hier geſehen, und vier Gläſer dampfen⸗ den Puyſhes hat er in einer Viertelſtunde dazu ge⸗ aa— „Sd viel Punſch! O, o! Und hat nichts weiter geſprochen?“. „Nicht ein einziges Wort. Um fünf Uhr aber iſt er mit dem Knaben weggegangen.“ „Nun— ich muß auch gehen. Ich danke Ihnen. Für's Erſte habe ich, wenn auch wenig, doch genug. O Du mein Gott!“ Und ihren Mantel nehmend, ſagte Frau Scmasz⸗ kopf der Gevatterin ſchnell gute Nacht und war bald zum Hauſe hinaus. Verfolgen wir jetzt den nächtlichen Weg, den der halbtrunkene Pächter mit dem willig folgenden Knaben eingeſchlagen hatte. Nachdem er den goldenen Engel verlaſſen, begab er ſich durch ein Gewirr von Straßen gerade an das entgegengeſetzte Ende der Stadt, das er hätte wählen müſſen, wenn er den Weg nach Grunwald — — — 59— verfolgt hätte. Dicht am Thore mit dem Kinde, zu den er jetzt kein Wort ſprach, angelangging er in ein Haus, wo wiederum Branntwein geſchänkt wurde. Hier ließ er ſich eine Flaſche mit Rum füllen, trank einen Schluck da⸗ von und trat durch einen großen Thorweg in einen ge⸗ räumigen Hof, wo ein mit vier Pferden beſpannter offent⸗ licher Wagen ſtand, um gleich darauf nach der nächſten etwa fünf Meilen entfernt liegenden Stadt abzufahren. Der Pächter kam gerade noch zu rechter Zeit, um für ſich und den Knaben Plätze zu erhalten, weßhalb ſie die⸗ ſelben auch ſogleich einnahmen. Das Fuhrwerk war bei⸗ nahe überfüllt, und die Luft darin etwas dick von dem ſtinkenden Taback, den mehrere Männer rauchten. Als der Pächter auf ſeinem Platze ſaß, den Knaben dicht ne⸗ ben ſich, ſeine kleine Hand feſt in der ſeinen haltend, als wäre er ihm immer noch nicht ſicher genug, zeigten ſich die erſten Symptome ſeiner Trunkenheit. Als der Kut⸗ ſcher zum Zeichen der Abfahrt mit der Peitſche knallte, ſchnalzte er mit der Zunge ihm nach, worin er eine bedeu⸗ tende Fertigkeit beſaß, worüber die Mitfahrenden zfangs erſchraken, dann aber lachten, als einige Frauenzimmer das Benehmen des Fremden tadelten. Darauf fing er an zu ſingen, zu lärmen und als man ihm auch hierin den Willen ließ, bot er zum Danke ſeine Flaſche den Re⸗ benanſitzenden, denn der Wagen hatte zwei lange parallel⸗ laufende Bänke, ſo daß ſämmtliche Paſſagiefe, ſechzehn — 60— an der Zahl, ſich gegenüber ſaßen. Man dankte für die Flaſche. Das ſchien er wieder übel zu nehmen, „Madamchen,“ ſagte er lallend zu der Frau, die an der linken Seite des Knaben ſaß, während er ſelbſt zu ſeiner Rechten Platz genommen,„Madamchen, es iſt chnaps, ich trinke keinen Schnaps, da ſei Gott für, es ſſt Rum, feiner Jamaika!“ „Ich danke, danke wirklich!“ ſtöhnte die Beläſtigte, und wehrte mit der Hand die aufgedrungene Flaſche ab. „Junge, ſchläfſt Du?“ rief er wieder das Kind an und rüttelte an ſeiner Hand. Eduard, von ſeiner nächtlichen Reiſe ermüdet, war wirklich eingeſchl afen jetzt wurde er wach und fragte, was er ſolle. „So laſſen Sie doh das Kind ſchlafen,“ ſagte un⸗ willig die Frau. „Es iſt mein Kind, hören Sie?“ „Daran habe ich noch nicht gezweiſelt.“ „So laſſen Sie mich in Ruhe— ich will niß ſchlafen.“ „Das iſt auch das Beſte, was er thun kand* mur⸗ melte die Frau und bekümmerte ſich nicht weiter um ihn. Die Fahrt ging jetzt, da der Weg bergab führte, raſch von Statten. Es war gar eine drückende Luft im Wagen, aber das ließ man ſich bei dem ſtürmiſchen Wetter draußen gefallen. Auf der Hälfte des Weges, nachdem —-—— — — 641 man zwei Stunden gefahren, wurde eine Weile angehae ten, um die Pferde verſchnaufen zu laſſen. 9 Der Pächter fuhr in die Höhe, ſah ſich um, riß hein Fenſter auf und fragte, was das Anhalten ſolle? Da er keine Antwort erhielt, beruhigte er ſich und ſetzte ſich wieder nieder. Als der Wagen ſich von Neuem in; wegung ſetzte, fing er ſo laut an zu ſchnarchen, daß er Jedermann erſchreckte. Abends neun Uhr war man in der königlichen Reſidenzſtadt, wo man ausſtieg. Der trunkene Pächter vermochte kaum, auf den Füßen zu ſtehen, dennoch hielt er den Knaben feſt, der ſeinerſeits ſich ganz ruhig und folgſam erwies. Jetzt wurde die Reiſe zu Fuße fortgeſetzt. Der Führer nahm den Weg durch die Stadt, in der kein großes Leben herrſchte, ging dann über eine lange Brücke, die über den breiten Strom, der die Reſi⸗ denz verſchönert, ſührte und auf welcher der Knabe einen ihn beben machenden Windſtoß fühlte, und betrat dann die 8 Vorſtadt. Es ſchlug Zehn Uhr von der Schloßkirche der be⸗ nachbarten Stadt, als der taumelnde Mann und das ſchwache, von Froſt zitternde Kind die letzten bewohnten Häuſer erreicht hatten. Hier fing das freie Feld an, vom Schnee, den der Wind an manchen Stellen faſt fußhoch angehäuft, beinahe ungangbar gemacht. Dabei ſchneite es immer fort und der hier erſt recht fühlbare Wind fuhr in heulenden Stößen über den hart gefrorenen Acke So weit das menſchliche Auge reichte, ſah es nichts — — — 62— die weiße, kalte, öde Fläche; kein Haus, kaum ein Baum trat hier und da aus dem düſteren Dunkel, das die bei⸗ den einſamen Wanderer umgab, und ſelbſt vom Himmel war wegen der dicht herabfallenden Flocken kein Wölkchen zu erkennen. Der arme Knabe ſeufzte leiſe, aber ſchritt gefaßt und wie ein Opferthier in ſein Schickſal ſich erge⸗ bend, an der Hand ſeines Begleiters dahin, deſſen hin und her taumelnde, bald innehaltende, bald beſchleunigte Bewegungen das Kind bald rechts bald links ſchleuderten. Auf dem Wege, den ſie jetzt verfolgten und auf welchem den Mann der Inſtinkt allein leitete, da von einem gebahnten Pfade keine Spur zu ſehen war, hielt ſie ein Baum auf, eine ſtämmige Eiche, die ihre geringel⸗ ten Zweige, wie um Hilfe flehende Arme zum Himmel emporſtreckte. Hier blieb der Trunkenbold ſtehen und lehnte ſeinen Rücken an den Baum; das Kind hielt er be⸗ ſtändig feſt. „Biſt Du müd', Jung'?“ fragte er lallend. „O ja!“ ſeufzte das Kind—„es iſt kalt nnd meine Füße thun mir weh.“ „Kannſt Du nicht mehr fort?“ „Noch kann ich, wenn es nicht zu weit bis nach * Hauſe iſt.“ „Biſt ein wackrer Junge— werd' es nicht vergeſſen. Da— trink einen Schluck, iſt das letzte Mal, daß wir uns ſtärken können, wir kommen nach Haus.“ Und da⸗ *— —/— — 63 mit reichte er dem Kinde die Rumflaſche, nachdem er ſelbſt einen langen Zug daraus gethan. „Ich danke, ich trinke keinen Branntwein. 6 „Branntwein! Dummer Junge! Rum iſt kein Brannt⸗ wein! Laß es bleiben.“ Und er ſteckte die Flaſche wieder ein.„Sieh Dich mal um,“ fuhr er fort, und verſuchte ſeinen ſchweren Kopf ein wenig zu drehen, was kaum ge⸗ lang,„ſieh Dich um, ob Du kein Licht ſiehſt— he?“ „Ich ſehe kein Licht, aber ich glaube, es hört auf zu ſchneien, nur der Wind weht ſo ſtark.“ „Gut, gut, ich fühle es auch.“ „Wollen wir nicht gehen?“ „Ja, wir wollen gehen!—“ Aber der Wille war nicht ſtark genug, die Kraft zu erzeugen. Der Geiſt des Spiritus war ſtärker als der Geiſt des Menſchen. Denn kaum waren die letzten Worte geſprochen, ſo ſank der Sprecher in die Kniee und ſein Kopf fiel ſchwer auf d die Bruſt. Der Knabe wußte nicht, was er thun ſollte. Seine halb erfrorenen Händchen fuhren über das bärtige Ge⸗ ſicht des Unglücklichen, als wollten ſie es liebkoſen, um ihm zum Weitergehen Kraft einzuflößen. Als er aber ſeine Bemühungen als vergebliche erkannte, fing er leiſe an zu weinen. Es war dies ein trauriger Augenblick in ſeinem Leben, den er nie vergaß, und ſein zartes Nerven⸗ ſyſtem erhielt dadurch einen ſo heftigen Eindruck, daß von — 64— dieſem Augenblicke an ſein eigentliches Selbſtbewußtſein erwachte. Wie das Kind— wir wiederholen es, es feierte auf dieſe Weiſe ſeinen ſechſten Jahrestag und das heilige Weihnachtsfeſt— ſo hilflos und verlaſſen daſtand und einem traurigen Ende bei dem wieder ſtärker werden⸗ den Froſte entgegen ging, legte ſich das Schneegeſtöber gänzlich, die Luft ward rein und einige Sterne wurden am blaugrauen Firmamente ſichtbar. Da war es ihm, als ſähe es weit, weit in der Ferne ein Licht ſchimmern, erſt klein, ganz klein, allmählig großer werdend. Die Freude darüber war ſo groß, daß es laut aufſchrie: „Ich ſehe ein Licht!“ „Ein Licht? Ah, ein Licht!“ lallte der Zuſammen⸗ geſunkene. 5 „O, ich bitte, ſteh auf und komm nach Haus. Soll ich Dir aufhelfen?“ Und die kleine Hand des Kindes ſtreckte ſich aus, um den großen, ſchweren Mann zu un⸗ terſtützen. Hier war das ſchwache Kind ſtärker als der rüſtige Mann. Der Gedanke an ſein Haus, ſeine Frau und viel⸗ leicht eine gewiſſe Furcht vor ihrem Zorne, denn es ge⸗ ſchieht häufig, daß ein muthiger Mann in der Trunkenheit furchtſam und ſchüchtern wird, bewirkten bei ihm mehr, als ſeine verlaſſene Lage. Er ermannte ſich, riß die ſtie⸗ de taumelte ſchneller als vorher vorwärts. Und wun⸗ ren Augen weit auf, faßte krampfhaft des Kindes Hand —— — 65— derbar! je näher er ſeiner Wohnung kam, um ſo mehr bezwang er ſich, um ſo regelmäßiger wurde ſein Gang, um ſo gerader ſeine Haltung. Er ſchien zu ahnen, was ihm zu Hauſe bevorſtand. „Wie iſt es mit dem Lichte?“ brummte er. „Es kommt immer näher und wird immer größer. Ich glaube auch, es bellt ein Hund.“ „Aha, Junge, ſiehſt Du, das dacht' ich wohl, wir werden erwartet. Freue Dich. Der Hund, jetzt hör' ich ihn auch bellen, iſt mein Hund, Hektor heißt er.“ „Hektor? Wird er mich auch nicht beißen? Ich liebe ſonſt die Hunde ſehr.“ „Ich würd' ihn erwürgen, wenn er's thäte. Aber habe keine Furcht, ſolchen braven Jungen, wie Du biſt, beißt kein Hund.“ Das Hundegebell kam näher, das Licht wurde grö⸗ ßer und größer. Die näͤchtlichen Wanderer ſchritten fort. Es war eine Ebene, durch die ſie gingen; einige einſame Föhren zeigten ſich an ihrer linken Seite, rechts in der Ferne eine dunkle Waldmaſſe, ſchwarze Tannen, das fl flim⸗ mernde Licht gerade vor ihnen. „Nun ſind wir bald da!“ rief der Knabe und bei⸗ nahe fröhlich, in ſeiner Noth ſah er voll Hoffnung einem warmen Bette entgegen. Mitternacht war beinahe vorüber, als ſie das dicht dicht vor ſich ſahen, es ſchimmerte durch das Fenſter einer Der Inſelkönig. 1. 5 8 — 66— elenden Hütte, in deren Nähe noch zwei von ähnlicher Art am Wege ſtanden. Bald ſchlug der ſchon vorher bel⸗ lende Hund in regelmäßigeren Pauſen an, er witterte nahende Menſchen. Es dauerte nicht lange, ſo kam er daher gerannt, ein Schäferhund von mittler Größe, und umſprang in tauſend freudigen Sprüngen ſeinen Herrn, den er ſchon von Weitem erkannt hatte. „Halt das Maul, Beſtie,“ ſchrie ihm dieſer zu,„Du brauchſt nicht auszurufen, wenn wir nach Hauſe kommen. Kuſch, kuſch— hier iſt ein Freund!“ Und ſchon war der Hund an des Kindes Seite und ſchien es mit ſeinem heiſeren Freudeknurren willkommen heißen zu wollen.. Sie traten durch ein halb verfallenes Gehege. Die verwitterte Pforte ſchlug hart hinter ihnen zu. Da oͤff⸗ nete ſich die Thür des erbärmlichen Hauſes und auf der Schwelle erſchien eine Frau in mittleren Jahren, gekleidet in die bäuriſche Tracht ihres Landes. In der Hand hielt ſie einen brennenden Kienſpahn und in ihrem Rücken lo⸗ derte die helle Flamme auf, die wir ſchon von Weitem geſehen haben.— „Um Gottes Jeſu willen, Mann! Wo bleibſt Du ſo lange? Und wen haſt Du da? ein Kind? Nur herein, Kleiner, nur herein. Seid Ihr zu Fuße gekommen?“ „Nun, gefahren hat man uns nicht. Dumme 5 6 Frage 4 3 — 67 „Ach Gott! Du biſt betrunken. Franz! Franz! Doch nun merke ich wohl, all' mein Reden iſt vergebens.“ „Es iſt vergebens. Bringe den Jungen zu Bette, er wird müde ſein. Heute haſt Du den Gaſt, morgen ſollſt Du ſeinen Namen haben.“ Und ohne ein Wort weiter zu ſprechen, trat der un⸗ glückliche Mann durch eine niedrige Thür in ein Seiten⸗ gemach, und warf ſich, ohne ein einziges Kleidungsſtück vom Leibe zu ziehen, auf ein breites bereitſtehendes Bett, deſſen Leinenüberzug reinlicher war, als man dem Aeußern der Hütte nach hätte vermuthen ſollen. Die Frau, die Mutter aber, die erſt vor vier Wochen einen fünfjährigen Knaben begraben hatte, ſah— ſo kommt auch das Glück zum Unglück— in dem eben erſchienenen Kinde das ihrige aus dem Grabe erſtehen, und alle mütterliche Liebe, die ſie an das eigne verwendet haben würde, trug ſie auf das fremde über, welches, wir erwarten es nicht anders, dieſelbe nach den eben beſtandenen Mühſeligkeiten auch auf das Nothwendigſte bedurfte. Und der kleine Gaſt fand ſich ſchnell in alle traurigen Lagen ſeines bis jetzt ſchon ſo ereignißreichen Lebens. Er aß und trank mit Vergnügen die ihm vorgeſetzte dürftige Speiſe und bald hatte er in einem tiefen Schlummer in dem Bette der Frau Kälte, Hunger, Ermüdung, überhaupt den gan⸗ zen Tag vergeſſen, der einen der wichtigſten Abſchnitte ſeines bedeutungsvollen Lebens zu bil den beſtimmt war. 8 5 — 68— Aber nach der Nacht brach wieder der Morgen an. Der Bewohner der Hütte hatte ſeinen Rauſch verſchlafen und die emſige Frau erwartete ihn ſchon mit dem Früh⸗ ſtück in der Küche, um ihm eine Strafpredigt zu halten, gegen welche ſeine Ohren in der Nacht verſchloſſen gewe⸗ ſen wären.— Die Geſchichte dieſes unglücklichen Mannes, ſo weit ſie für uns wenigſtens Bedeutung hat, iſt mit wenigen Worten erzählt. Franz Buſchmann— dies war ſein Name— war der Sohn eines wohlhabenden Pächters in einer der nordiſchen Provinzen des Staates, der ihm in einer Provinzialſchule eine höhere Bildung, als ſie in ſeinem Stande gewöhnlich iſt, geben ließ. Unglücklicher Weiſe ſtarb der Vater ſehr früh und die ſchwache Mutter war niemals im Stande geweſen, den leidenſchaftlichen Sinn ihres einzigen Kindes zu zügeln. Mit dem acht⸗ zehnten Jahre ſchon übernahm er die Pachtung auf Rech⸗ nung der Mutter; da ihm dieſe aber, ſeiner Meinung und ſeinen Bedürfniſſen nach, zu wenig Gewinn ausgeſetzt hatte, machte er Schulden und als dieſe ihm zu bezahlen ver⸗ weigert wurden, griff er zur Flaſche. Eine Heirath aus Neigung, glaubte die Mutter, würde die traurige Rich⸗ tung ſeines Weſens ändern, und da Suſanne, eines ar⸗ men Landmannes Tochter, was von dem Herzen des leicht⸗ ſinnigen Pächterſohns zu erwerben war, gewonnen hatte, ſo wurde der Heirath kein Hinderniß in den Weg gelegt. 3 N wohnte, beſtand in ſeinem Innern aus drei Abtheilungen — 65— Allein auch dies Mittel ſchlug fehl. Die junge Frau war arm, das war ihr einziger und größter Fehler. Franz, vier und zwanzig Jahr alt, verlor die Mutter. Mit dem ſechsundzwanzigſten mußte er die Pachtung verlaſſen, weil er ſchon ſeit zwei Jahren das Pachtgeld nicht bezahlt hatte. Bis zum dreißigſten Jahre irrte er an verſchiede⸗ nen Orten umher und lernte, um nur noch irgend einen Erwerb zu haben, das Schuhflicken. Aber dieſe ruhige Beſchäftigung ſagte ſeinem wilden Geiſte wenig oder gar nicht zu. Er verlor immer mehr und mehr des ihm vom Erbe des Vaters Uebriggebliebenen, trat hier und da in einen Dienſt auf dem Lande, den man ihm aus Mit⸗ leid und auf Bitten der Frau gab, und endlich pach⸗ tete er ſich mit ſeinem letzten Sparpfennig ein elendes Heuerlingsgrundſtück mit einigen Hufen ſandigen Ackers in einer kleinen Niederlaſſung, die aus drei Häuſern be⸗ ſtand und wegen ihrer Lage am Amſelbach, über den hier eine hölzerne Brücke führte, Amſelbrücke genannt wurde. Hier, wohin wir ihm in der Einleitung unſerer Erih⸗ lung gefolgt ſind, wohnte er ſeit zwei Jahren; ſeit dieſer Zeit war er aber auch den Pachtzins ſchuldig und nächſtes Neujahr war ihm als der Zeitpunkt angemeldet, wo er den rückſtändigen Zins zu zahlen oder das Haus zu ver⸗ laſſen habe. Das winzige Haus, in dem jetzt die arme Suſanne — 70— Der mittlere Raum war die Küche, mit dürftigem, aber hinreichendem Haushalt verſehen. Rechts von ihr lag das ſogenannte Arbeitszimmer, alſo genannt, von dem Schuſterbock mit den Handwerkszeugen, welcher nebſt einem ziemlich guten Bette, zwei hölzernen Stühlen und einem Kleiderriegel das ganze Geräthe bildete. Links von der Küche lag Frau Suſannens Zimmer, ein weißgetünchtes Gemach, welches noch alles Das enthielt, was von dem wiederholten Schiffbruche ihres Lebens übrig geblieben. Und ſo wenig dies war, ſo war es doch leidlich und rein⸗ lich erhalten und dem Zwecke entſprechend. Es beſtand in einem guten Bette, worin Frau Suſanne geſchlafen hatte und der mitgebrachte Knabe dieſen Augenblick noch ſchlief, einem altmodiſchen Kleiderſchranke, einem vierbeini⸗ gen Nußbaumtiſche und vier Stühlen. Das war die zier⸗ licche Heimath, welche der gelehrtenſtolze, üppige, ehrgeizig ſtrebende Juſtizrath Woldemar Ramkau dem Sohne ſeiner Stiefſchweſter zum vielleicht vieljährigen Aufenthalte an⸗ gewieſen hatte! In dem mittleren Raume, der vorher bezeichneten Küche des Pöchterhauſes, auf deſſen verhältnißmäßig gro⸗ ßem Heerde am Weihnachtsmorgen um acht Uhr ein wohl⸗ genährtes Feuer praſſelte, ſaßen dicht vor demſelben an einem kleinen Tiſche, Mann und Frau ſich gegenüber. Die Frau, wie gewöhnlich, ruhig, aufmerkſam, wenn ihr gräͤnmlich geſtimmter Mann nach einem durchſchwärmten 8 Tage in peinlicher Scham beichtete und ſeinen Verweis entgegennahm. Heute aber war Franz Buſchmann nicht ſo grämlich wie gewöhnlich, ein pfiffiges Lächeln flog über ſeine zufriedene Miene, als er ſeine Frau, nachdem er die erſte Taſſe Kaffee getrunken, anſah, und ihr ſeine Hand über den Tiſch reichend, ſagte: „Suſanne! laß es gut ſein— heute keine Predigt, ich erkenne meine Fehler und weiß, was Du mir ſagen willſt.“ 1 „Es iſt nicht genug, daß Du es weißt, Franz,“ antwortete die gutmüthige Frau,„es iſt bei Weitem nicht genug. Auch halte ich meine Meinung zurück, bis Du mir geſagt, was es mit dem Knaben iſt und was er hier ſoll?“. „Was er hier ſoll? hier bleiben ſoll er, unſer Kind ſein, wie Niklas es war, iſt Dir das nicht genug?“ „Es iſt mir das nicht genug, Franz. Wie kommſt Du zu dem Knaben?“ „Das wollt' ich Dir eben erzählen. Sieh! Du kennſt ſo gut wie ich unſre Vermögensumſtände und haſt noch mehr als ich darunter zu leiden. Ich weiß es wohl, leider weiß ich es. Ach!— Vor acht Tagen, als ich zwei Tage in der Hauptſtadt war, um mir einen kleinen Vorrath von Leder zu kaufen, kam ich in ein Speiſehaus, um mein Mittagseſſen einzunehmen. Da lag ein gedruck⸗ ies Blatt auf dem Tiſche, und ich, der ich lange kein ſol: — 72— ches geleſen, nahm es auf und las es durch. Es war der techniſche Anzeiger der Stadt. Ganz am Ende deſ⸗ ſelben ſtand mit lateiniſcher Schrift eine Anfrage, die mir ſogleich auffiel. Es wurde eine anſtändige Familie auf dem Lande geſucht, die Willens ſei, gegen ein angemeſſe⸗ nes Koſtgeld einen kränklichen Knaben von fünf Jahren in Pflege zu nehmen. Das ging mir im Kopfe herum ich überlegte es mir hin und her und endlich fand ich einen Wink des Schickſals darin, das mir noch ein Mal zu hel⸗ fen geſonnen, und ich forſchte auf der Expedition des Blattes nach dem Einſender der Aufforderung. Ich er⸗ fuhr, was ich wiſſen wollte, ging zu dem Manne, ſprach mit ihm und— erhielt den Beſcheid, in acht Tagen wie⸗ derzukommen, und, wenn ſich keine andere Koſt gemeldet, den Knaben zu nehmen. Der Tag war geſtern, ich fuhr hin und hier iſt der Knabe.“ Der Mann ſchwieg und ſah ſeine Frau mit zufrie⸗ dener Mine an. Aber dieſe ſchien noch nicht mit ihm übereinzuſtimmen. Im Gegentheil blickte ſie ihrem Manne lange und ernſt in das verſchmitzte Geſicht und fragte: „Und was haſt Du für ein Koſtgeld erhalten?“ „Hier iſt es,“ rief frohlockend der Schuſterpächter und warf die zwei Papierbanknoten heftig auf den Tiſch. „Menſch!“ rief ſeine Frau erſchrocken,„das in 3u viel, das iſt ein Sündengeld.“ — * „Schweig von der Sünde, aber ſprich vom Gelde. Haſt Du es etwa nicht nöthig?“ „Ich will keinen Groſchen davon haben und wenn ich hungern muß.“ „Daß ich ein Narr wäre! Ich bezahle am Neujahrs⸗ tage meine Schuld und das Uebrige wird uns obendrein zu Gute kommen.“ „Und wer war der Mann, der Menſch, der Dir das Kind mit dem Gelde verkaufte?“ „Verkaufte? Haha! Mach' mich nicht aͤrgerlich, Su⸗ ſanne. Es war ein vornehmer Mann, der vielleicht Grund hatte, daß kein Menſch etwas von dem Daſein des Knaben erfuhr.“— Die Frau ſann nach. Dann fragte ſie weiter: „Und kannte er keinen andern Menſchen, dem er das Kind anvertrauen konnte, als Dich?? „Suſanne, ſiehſt Du, brauchbare Menſchen ſind ſel⸗ ten. Ich war ihm ein brauchbarer Menſch.“ „Und haſt Du ihm treu, redlich und offen unſre Verhältniſſe und den Grund, warum Du den Knaben nahmſt, mitgetheilt?“ „Du hältſt mich für ſehr dumm. Noch einmal, daß ich ein Narr geweſen wäre! Wohl fragte er mich, wer ich wäre, und ich nannte ihm, nicht meinen, ſondern den Na⸗ men eines wohlhabenden Pächters in der Nähe der Haupt⸗ ſtadt, denn—“ — 41— O Gott, dieſe Lüge komme nicht auf mein Haupt!“ rief das in Thränen ausbrechende Weib.. ine Nothlüge iſt erlaubt, Suſanne, bedenke unſte Lage—“ „Ich bedenke nichts, als die ſchurkiſche— leicht⸗ ſinnige—“ „Schweig!“ donnerte der wild werdende Schuſter und drohte ſeiner Frau mit der Fauſt und ſeine Stirn⸗ adern ſchwollen breit und blau auf. „Ich ſchweige-nicht— Franz, Franz! haſt Du kein Gewiſſen? denkſt Du nicht an eine himmliſche— und wenn der Himmel Dir fremd iſt, an eine irdiſche Gerech⸗ tigkeit?“ „Irdiſche Gerechtigkeit! haha! Gerade das iſt es, was mich beſtimmte zu meinem Handeln. Die irdiſche Gerechtigkeit,“ ſagte er zweideutig anſpielend auf die Stel⸗ lung des Vormundes des Knaben,„iſt für mich!“ „Mag die Himmliſche auch ſo für Dich ſein,“ erwi⸗ derte die Frau, die dieſe Anſpielung natürlich nicht ver⸗ ſtand.„Und wie heißt das unglückliche Kind?“ „Ich weiß, wie es heißt, aber ſein Vater oder Vor⸗ mund— mir iſt es einerlei— wünſcht, daß ich es mit unſerm Namen nenne, damit— damit, ich denke mir es nur ſo, kein Menſch auf eine richtige Spur geleitet werde.“ des Aabſen gens ſagte ſie Er ſchwieg, die Frau ebenſalls. Nach einer Weile— „— ———— * — 75— „Nun gut, Franz; ſo kann ja aber der Vormund des Kindes ihn nie von Dir zurückfordern, wenn er es haben will.“ „Nun ja, das iſt es ja eben, was ich beabſichtigte. Ich wollte dieſem Zurückfordern einen Riegel vorſchieben. Das wäre mir! Nach einem Vierteljahre vielleicht, wenn er ein anderes Unterkommen für den Jungen gefunden, zu kommen und zu ſagen: Mann, ich nehme den Knaben vor der Zeit; gieb mir das Geld wieder. Haha! ſo dumm bin ich nicht, wenn ich nüchtern bin, wenn ich auch in der Trunkenheit keinen Sinn zu viel habe. Nein, nein! wen ich ausbeuteln will, den muß ich am Seile führen. Und ihn führe ich daran. Nach einem Jahre, wenn die Pen⸗ ſion abgelaufen, gehe ich wieder zu ihm. Hier bin ich, ſage ich ihm. Der Knabe iſt geſund. Wollen Sie ihn wieder haben? Sagt er jal nun gut, da iſt er. Sagt er nein! dann fordere ich anſtatt 200— 300 Thaler, denn der Knabe braucht mehr. Verſtehſt Du mich nun, Suſanne?“. „Ich verſtehe Dich vollkommen!“ ſagte die leiſe wei⸗ nende Frau und ging in das benachbarte Gemach, wo ein leiſes Geräuſch das Erwachen des Knaben verrathen hatte. Uiertes Kapitel. Der Menſch denkt und Gott lenkt. Dull des vorliegenden Stoffes zwingt uns, das in dem wunderbaren und ſeltſamen Leben des fürs Erſte geborgenen Knaben zunächſt liegende Jahr im Fluge zu durcheilen, ſo gern wir auch bei einzelnen Ereigniſſen, die ſich unſerem Gemüthe tiefer eingeprägt haben, lnger verweilen möchten. Frau Suſanne hatte ſic, obgleich mit innerſtem Widerſtreben, dem Willen ihres unmäßigen und ſo vielen böſen Leidenſchaften ohne Rückkehr ergebenen Mannes überlaſſen müſſen, und wir können getroſt bekennen, nicht eben zu Ungunſten des verwaiſten, von frevelnder Hand in die öde Welt hinausgeſtoßenen Kindes. Mit nicht geringer Nühe hatte ſie einen guten Theil der erhaltenen Geldſumme zum Beſten deſſelben ihrem Gatten abge 3 3 3 1 ——— —y— plötzlich an Stelle ihres verſtorbenen eig — rungen. Sie war in den Feiertagen nach der Stadt geeilt und hatte für die Anſchaffung der nothwendigſten Bedürfniſſe mit ſorgſamer weiblicher Sonderung geſorgt. Das Kind wurde von ihr gut gebettet, reinlich bekleidet, mit nahrhaften Speiſen verſehen. Endlich, ſo geſtand ſie ſich ſelbſt, war es ihr auf dieſe Weiſe wenigſtens vom Schickſal vergönnt, für das Wohlbefinden eines ihr von Tag zu Tag lieber werdenden menſchlichen Weſens auf ihre eigene ſinnige Weiſe ſorgen zu können. Es war ihr damit ein Plan vorgezeichnet, ein Feld ihrer Thätig⸗ keit geöffnet, wie ſie es ſo lange ſich gewünſcht, wie es ihr aber noch nie in ihrem bisher troſtloſen Daſein zu Theil geworden war. Ihr Wirkungskreis hatte ſich erweitert, ihr Blick auf die Zukunft hatte einen Halt gewonnen. Indeß war ſie nicht mehr allein an der Seite eines rohen, genußſüchtigen, alles tieferen Gefühls beraubten Menſchen, wie ſie es bisher geweſen war, ſie hatte eine Ableitung für den nagenden Kummer ihres Herzens, Nahrungsſtoff für eine hoffende, in der Dürre eines nothleidenden Lebens halb vertrocknete Seele. Ein lieb⸗ licher Knabe, deſſen Auferziehung durch ſeinen rähſelhaften Urſprung, durch ſeine hilfloſe Verlaſſenheit um ſo mehr Gelegenheit zur größten Sorgfalt, zur unausgeſetzten Wachſamkeit bot, wie ein weibliches Herz ſie ſo gern übt, eine weibliche Hand ſich ſo gern ſchafft, war ihr Kindes wie vom Himmel gefallen. Und ſie ſollte ſich für dieſe Gunſt nicht dankbar erweiſen? ſollte nicht Alles thun, um der weiſe waltenden Vorſehung nach ihren ſchwachen Kräften zu entſprechen? Und ſie that Alles, Anfangs willig und gern, bald aus ſtärkerem Herzenstriebe, mit eigener Auf⸗ opferung, und endlich mit der täglich wachſenden Beſorg⸗ niß, es könnte früher oder ſpäter ein Anderer mit gerech⸗ teren Anſprüchen, als die ihrigen, kommen, den Knaben ihr wieder nehmen, und ſie ſelbſt wegen der folgereichen Lüge ihres Mannes ſowohl, wie wegen ihrer dem Kinde vielleicht vorenthaltenen beſſeren Erziehung zur Rechenſchaft ziehen. In dieſer Beſorgniß ſchwebte ſie lange; allmäh⸗ lig, da kein Menſch nach dem Knaben, weder ſeiner Her⸗ noch Zukunft fragte, beruhigte ſie ſich, und wer hätte den Knaben auch in dieſer ſtillen, abgelegenen, ärmlichen Gegend vermuthen können? Die Bewohner der beiden anderen Häuſer hatten genug mit ihrem eigenen Elende zu thun; außerdem waren es dumme und rohe Menſchen, die ſich um ſo weniger um ſie bekümmerten, weil ſie mit ihrem Manne aus der Fremde gekommen und ſich erſt lange nach ihnen in ihrer Nähe niedergelaſſen hatte. Kaum wußten dieſe von der Vermehrung der Buſchmann⸗ ſchen Familie, und ſahen ſie den Knaben dann. und wann, ſo dachten ſie in ihrer Einfalt nicht daran, ihn für ein fremdes, unter u ſe ſonderbauen na hitnnſſa zläglich a vor⸗ Und wie verhielt ſich der kleine Eduard gegen dieſe Ergießungen eines liebreichen, faſt mütterlichen Weſens? 5 Kaum brauchen wir es hier auszuſprechen, denn Jeder weiß ja, wie leicht Kinder ſich an jede unvermeidliche Lage zu gewöhnen pflegen, zumal wenn dieſe Lage durch Belehrung und Unterhaltung erheitert und verkürzt wird. In den erſten Tagen freilich vermißte er das Weißbrot der Tante Regina, ſein Spielzeug, die gewohnten Spiel⸗ gefährten der Nachbarſchaft; bald aber hatte er ſich an das ſchwarze Laudbrot gewöhnt, ſich ſelbſt, denn Kinder ſind erfinderiſch, ein anderes Spielzeug verſchafft und neue Gefährten gewonnen. Der Schäferhund, Hektor, 3 der ihm in der Nacht der Ankunft mit ſeinem Heulen und ſeinen Sprüngen einen ſo großen Schrecken eingeflößt, war beinahe ſein unzertrennlicher Gefährte geworden; 3 die Ziege, die jeden Morgen und Abend zum Wohle des Knaben von Frau Suſanne gemolken wurde, lief ihm auch ſchon nach; und als nun gar der Schnee ſchmolz, das . Gras in dem kleinen Garten hervorſproßte, und die Felder ringsum ſich mit leuchtenden Frühlingsfarben bedeckten, als die Vögelchen ſangen, da war ſchon längſt 5 der Winter und ſein Leid, ſeine Reiſe und traurige Wan⸗ 3 derſchaft vergeſſen, da war er ein Kind wie alle Kinder, froh und heiter, und ſpielte im Sande und rannte mit Hektor um die Wette über das Feld, ein Troſt ſeiner — 80— mütterlichen Erzieherin, eine Hoffnung mehr in ihrem bisher ſo freud⸗ und hoffnungsloſen Leben. 3 Und, was ihr gar das Liebſte war, ſein körper⸗ liches Befinden wurde ein ganz anderes. Seine Glieder entwickelten ſich in der freien Luft, in der uneingeſchränk⸗ ten Bewegung raſcher und kräftiger als gewöhnlich. Seine bleichen, mageren Wangen wurden ſtrotzend und voll, das in ihnen lebhafter kreiſende Blut bemalte ſie mit glän⸗ zenderer Röthe, ſein eingefallenes Auge ſtrahlte voller, blauer, offener,— mit Einem Worte, ſchon in einem halben Jahre hätte man, die urſprünglichen und unver⸗ wiſchbaren Familienzüge abgerechnet, in dem jetzigen lebhaf⸗ ten, ewig ſich freuenden, ſpringenden und ſingenden Knaben das ſchwächliche Kind, welches Frau Schwarzkopf mit ſo großer Innigkeit und Sorge betrachtete, nicht wieder erkannt. Im Uebrigen wurde das einfache, regelrechte Haus⸗ weſen in Amſelbrük nicht im Geringſten geändert. Nur wenn Suſanne Abends, nachdem der Knabe ſchlafen ge⸗ gangen, und der ſich mehr wie je herumtreibende, Schäfer⸗ arbeit Suchende, Buſchmann in der Stadt, im Bierhauſe, oder im nächſten Dorfe in der Schenke ſeine noch übrigen Thaler verſchwelgte, allein bei ihrem Spinnrade ſaß, dachte ſie oft wünſchend und auch wieder fürchtend über die Vergangenheit und die Zukunft des Kindes nach. Dooch war ſie eine vernünftige Frau. Was Gott will, — 81— dachte ſie in ihrem religiöſen Sinne, das wird kommen, alſo bangen wir nicht darum. Es kommt gewiß und kommt doch, wie wir es auch wünſchen oder fürchten. Die Vergangenheit zog ſie ſchon mehr an. Sie hatte hundert Mal ihre Fragen bei ihrem Manne wiederholt, in allen Formen, wie eine Frau nur bitten, forderü, fragen kann, gebeten, gefordert und gefragt, aber es war ihr nie eine andere Antwort als die erſte zu Theil ge⸗ worden. Mit der ſeinem Charakter und ſolchen Menſchen, die ein wüſtes Leben führen, eigenthümlichen Zähigkeit und Hartnäckigkeit hatte Buſchmann erwidert: Frage nicht, es iſt Alles vergebens. In meiner Hand liegt, was ich weiß, aus meiner Hand ſoll es nicht kommen, ſo habe ich es verſprochen. Selbſt den Namen nenn' ich Dir nicht; iſt denn Eduard Buſchmann nicht ein ſchöner Name, wenigſtens ſo gut wie ein anderer? Ich heiße ſchon 44 Jahre ſo, und er iſt mir noch nicht ein Mal zur Laſt geworden. Endlich ſchwieg die Frau. Sie verbannte die Sorge und lebte dem friedlichſten und göttlichſten Genuſſe auf Erden: ſich eines wohlgerathenden Kindes zu erfreuen. So kam der Sommer und ſchwand, der Herbſt vergoldete die Blätter und reifte die Früchte, und es zeigten ſich bereits wieder die erſten Vorboten der Zeit, die uns Alle mit größerer oder geringerer Beſorgniß erfüllt, denn 8 giebt nichts Troſtloſeres im Leh als das gewohnte, Der Inſelkönig. I. — 82— ſanfte Grün des fruchtbaren Jahres ſchwinden, und ſich mit der Decke der Erſtarrung und des Todes verhüllen zu ſehen.“ Je naͤher der Tag kam, an welchem vor einem Jahre Buſchmann den Knaben und das Geld aus der Hand des Vormundes empfangen hatte, um ſo unruhiger, un⸗ ſtäter wurde er. Ungewißheit und Sorge nagten au ſeinem Herzen. Ungewißheit, ob er den Knaben behalten und, was ihm das Liebſte und Nothwendigſte war, ob und wieviel Koſtgeld man ihm zahlen würde.— Sorge, ob der Juſtizrath mit ſeinem Schweigen über den anver⸗ trauten Knaben zufrieden, ob er ihn nicht, über ſein Aus⸗ bleiben entrüſtet, vielleicht gar gerichtlich habe ſuchen und verfolgen laſſen. Wenn er Letzteres beſtimmt gewußt hätte, ſo würde er den Knaben ſofort durch den erſten beſten Fremden dem Vormund zurückgeſchickt, und ſich dem Zorne des Gerichtsmannes dadurch entzogen haben; denn Franz Buſchmann, ſo verſtockt und unverbeſſerlich er war, fürchtete die ſtrafende Gewalt der Geſetze, wie je ein anderer Böſewicht. Beinahe hatte er Luſt, dieſen Schritt auf jeden Fall hin zu wagen, denn ihn ſchreckte die täglich näher rückende Vergeltung für den verübten Betrug. Aber der Durſt nach Geld, der mit ſeinem heißeren Durſte nach ſpirituöſen Aufregungsmitteln brü⸗ derlich verbunden war, beſchwichtigte dieſe Sorge von Tag zu Tag wieder Er wollte es wenigſtens verſtchen. — 83ñ— dieſen immer brennender werdenden Durſt zu ſtillen, er wollte, er mußte Geld, mehr Geld haben, als er ſchon bekommen, und eine einzige Quelle, aus der daſſelbe reich⸗ lich floß, war ihm nur bekannt und zugänglich. Aber in dieſer wechſelſeitigen, ſeine Gedanken hin⸗ und herwer⸗ fenden Aufregung ſuchte und brauchte er mehr Zerſtreu⸗ ung, denn je. Am frühen Morgen ſchon, eben erſt dem Lager entſtiegen, auf dem nur ein kurzer Schlaf ſeine ſchweren Augenlider geſucht, und ſeinen immer ſchwin⸗ delnden, drohenden Kopf beruhigt hatte, rüſtete er ſich zum Umherſchlendern. Ausrede gegen ſein armes, troſt⸗ loſes, bangendes Weib bot ihm ſein Handwerk. Er mußte von Dorf zu Dorf, von Niederlaſſung zu Nieder⸗ laſſung wandern, um zerriſſene Schuhe zu ſammeln, die er zu Hauſe des Nachts, wenn ihn ſeine Angſt, ſeine Aufregung nicht ſchlafen ließ, haſtig ausbeſſerte, und mit jähem Klopfen auf den Schuſterbock auch den Schlummer ſeiner Frau verſcheuchte. Oft kam er erſt Abends ſpät, mit einem Sack ſolcher Waare beladen, nach Hauſe, natürlich trunken, denn die Dorfſchenken hatten ſeine meiſte Zeit in Anſpruch genommen. Alles Bitten, alles Flehen Suſannens war vergeblich; er ging, er kam, von ſeinem Dämon fortgetrieben und von ſeinem guten Geiſte verlaſſen, in ſeine jetzt nur noch nächtliche Wohnung nur wenig zurück. Dabei vernachläſſigte er natürlich alles Reebrige, und ſchon fing der MMget an, P Ennſannens Hers — 84— noch ängſtlicher klopfen zu laſſen, wenngleich ſie ſich das Nothwendigſte abſparte, um nur ihrem Pfleglinge es an nichts fehlen zu laſſen. Auf ihre wiederholten Bemer⸗ kungen, daß es ſo nicht länger gehen, daß ſie es Alle nicht lange mehr ſo ertragen könnten, erwiderte er, das eine Mal barſch, das andere Mal ungewöhnlich weich geſtimmt, was die Frau noch peinlicher bedrückte: Sei nur ruhig, Suſanne! Der 24. December iſt nicht weit, er iſt die Quelle neuer Freuden und Gelder; von dieſem Tage an, glaube mir, beginne ich ein neues Leben, ich habe es mir gelobt, und ich werde es halten.— Und ſo blieb es, wie es war, das heißt, ſchlimm und troſtlos für das arme Weib. So kam der erſte December heran. Die nächſten acht Tage dieſes den glücklichen Menſchen ſonſt ſo erhei⸗ ternden Monats waren in dem Käthnerhauſe zu Amſel⸗ bruck langſam und traurig auch ſchon verſtrichen, endlich war die Mitte des Monats da, und ein düſteres, unheim⸗ liches Leuchten begann in des leidenſchaftlichen Mannes Auge bisweilen aufzublitzen. Kaum konnte er ſeine Unruhe vor den Menſchen, denen er in den Weg kam, verbergen; er aß nicht, er ſchlief nicht, er trieb ſich unſtät umher, nur der Flaſche wurde zugeſprochen, ſie allein gab ihm Troſt, gab ihm Muth. Es war am 18. December. Schnee und Froſt lagen wie die kalte Feſſel des abſterbenden Jahres mit ihrem laſtenden Drucke auf der Natur und den Menſchen. Schon am frühen Morgen, ehe das graue Licht des Tages die ärmliche Hütte erleuchtete, war Buſchmann fortgewandert. Seine Frau hatte ihm beſorgt und mit Thränen im Auge nachgeblickt, denn nie hatte ſein Blick etwas ſo Düſteres, Niedergeſchlagenes gezeigt. Auf ihre wehmüthige Bitte, bald wieder zu kommen, und nicht die Nacht auszubleiben, nicht ihret⸗, ſondern ſeinetwegen, hatte er mit leiſem Brummen erwidert: Ich komme, ſei ruhig!— Der Mittag war vorüber, die Schatten des frühen Abends neigten ſich, von einem dunkeln Nebel, der etwas Aengſt⸗ liches in ſeinem weiten Mantel barg, noch ſchneller herbei⸗ geführt. Endlich wurde es ſinſterer Abend und dann ſtockfinſtere Nacht. Suſanne hatte ihre Arbeit verrichtet, für den folgenden Tag alles Nothwendige ſchon zurecht gelegt, und das Zimmer ihres Mannes, den ſie vor ſpäter Nacht nun nicht mehr zurückerwartete, in den Zuſtand verſetzt, wie er für ihn, falls er trunken nach Hauſe käme, erſprießlich war. Sorgſam hatte ſie ſein Bett aufge⸗ ſchlagen, Alles aus dem Wege geräumt, was ihn ſtören oder hemmen konnte, auch ein kleines Lämpchen ange⸗ zündet und an der Wand befeſtigt, damit er ſich leicht und behaglich zurechtfinde. Sie ſelbſt wollte vor dem brennenden Feuer des Heerdes am Spinnrocken noch bleiben, um gleich zur Hand zu ſein, wenn ihr Beiſtand etwa, wie ſo oft, nöthig werden ſollte. O, welche trau⸗ rige Beſchäftigung! und wie viele Frauen haben Aehn⸗ — 86— liches ſchon ſo häufig in ihrem rauhen Leben willig und gern gethan, oder, aus Furcht vor größerem Schaden, thun müſſen! Und von wie wenigen ausſchweifenden Männern, trunkenen nun gar nicht, wird dieſe nur vom Weibe geübte Sorgfalt erkannt und gewürdigt! „Willſt Du nicht zu Bette gehen, Eduard?“ fragte Suſanne das Kind, das den ganzen Tag nicht von ihrer Seite gewichen war, und an alle ſorgſamen Handlungen ihrer Liebe mit Hand angelegt hatte. „Nein, Suſanne, ich gehe nicht zu Bett,“ entgegnete der Knabe.„Das heißt, wenn Du mir erlaubſt, wach bei Dir zu bleibeu. Weißt Du was? ſetze Dich hin und ſpinne, ich und Hektor will neben Dir ſitzen, und Du erzählſt mir wieder ſo ſchöne Geſchichten, wie ſonſt.“ Suſanne erzählte gern und viel. Manche ihrer Geſchichten ſtammten aus ihrer Jugendzeit, manche hatte ſie ſelbſt erfunden. Sie entwickelte darin eine große Fähigkeit, und wußte verſtändig und lehrreich ſtets ſolche Dinge in ihre Erzählungen zu verweben, die des Knaben Geiſt verſtand und ſein Herz bildeten und erhoben. Und das war ſeine größte Luſt, zu hören, mitunter zu fragen und mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit ſeines äuße⸗ ren und inneren Ohres den wunderbaren und lieblichen Erſcheinungen zu folgen, die ſich aus der ſtillen Erzäh⸗ lerin Herzen loslöſten. „Es iſt gut,“ ſagte Suſanne,„ich erlaube Dir auf⸗ — 87— zubleiben, und ich will wieder erzählen. Wenn Deine Augen vor Müdigkeit aber zufallen, bringe ich Dich zu Bett.“ „O, ich werde heute nicht müde, ich habe Nach⸗ mittag geſchlafen. Nun fange an.“ „Und die Frau fing an. Vor dem hellen Feuer, das ein Reiſighaufen lodernd erhielt, das leiſe ſchnurrende Spinnrad vor ſich, und die gelenken Finger auf und ab bewegend, ſaß ſie, innerlich trauernd, äußerlich ſanft und beruhigt erſcheinend, da. Neben ihr auf einer kleinen Bank der horchende Knabe, zwiſchen ſeinen Beinen der unzertrennliche Schäferhund mit dem glänzenden ſchwarzen Fell, und dem langen, zoktigen, wedelnden Schweife, die klugen, glühenden Augen aufmerkſam auf das lauſchende Knabenantlitz gerichtet, und von Zeit zu Zeit mit einem ſtillen, ſeufzerartigen Athmen ſeine Herrin betrachtend, grade als nähme er Antheil an ihrem Erzählen, und an den traurigen Empfindungen ihres zerriſſenen Herzens. Nebenan, hinter einem bretternen Verſchlage, meckerte von Zeit zu Zeit die Ziege, deren widerkäuendes Gemurmel man in den kurzen Pauſen der Erzählung Suſannens vernahm. Draußen grollte der Wind in abgeriſſenen Stößen, und nicht ſelten flog ein vom Wirbelwind abge⸗ riſſener Baumzweig gegen die trüben, grünen, kleinen Scheiben des Thürfenſters. Dann lauſchte die, mit ihren Gedanken an ihren Worten, mit ihrer Sorge an dem ab⸗ — 88— weſenden Manne hängende Frau auf, als erwartete ſie ſeinen ſchweren Schritt auf der Schwelle, oder ſeine gewichtige Hand auf dem Thürgriffe zu hören. Aber ein Blick auf den wachſamen Hund belehrte ſie, daß es der zurückkehrende Hausherr noch immer nicht ſei. Nach einer ſolchen Pauſe fragte der den Kopf des Thieres ſtreichelnde Knabe, wie nach tiefem Nachdenken: „Alſo, Suſanne⸗ die guten Menſchen werden nicht immer belohnt, und die böſen nicht immer beſtraft? Wie kommt das? Ich neine, es ſollte anders ſein!“ „Verſteh' mich recht, mein Kind, ich ſagte: auf Erden und ſichtbar vor allen Menſchen. Denn der gute Menſch, wenn er auch nicht immer ſeinen Lohn in der Welt findet, hat von Gott ein reines Bewußtſein empfangen, das iſt ſein Lohn, während der Böſe von ſeinem Gewiſſen geſtraft wird, welches die härteſte Strafe auf Erden iſt, denn ſie dauert ſo lange, wie der Menſch lebt.“ „Aha, ich verſtehe. Aber warum ſind denn die Menſchen ſo oft böſe, wenn ſie wiſſen, daß das Gewiſſen ſie erwartet, warum ſind ſie nicht Alle gut, da ein gutes Gewiſſen der ſchönſte Lohn iſt, wie Du ſagſt?“ „So hab' ich mich auch oft gefragt, mein Kind, aber ich bin nicht klug genug, alle ſolche Fragen zu beant⸗ worten. Aber ich denke mir, Gott hat es ſo gewollt, damit die Guten etwas vor den Böſen voraus haben, — 89— und weil mancher Menſch vielleicht nicht gut ſein würde, wenn ſchlechte Menſchen ihn nicht gepeinigt hätten.“ „Das verſtehe ich noch nicht; ich bin auch noch zu jung dazu. Wenn ich älter und größer werde, möchte ich wohl auch recht klug werden, um mir das erklären zu können.“ „Das wirſt Du, mein Sohn, ich hoffe es. Und glücklich werden wirſt Du auch, wenn Du groß biſt, weil Du ſo frühe ſo unglücklich geweſen biſt.“ „Ich unglücklich? Das weiß ich ja gar nicht.“ „Ich meine, daß Du keine Eltern mehr haſt, und daß Du in einem ſo— kleinen Hauſe wohnen mußt.“ „O! daß meine Eltern todt ſind, thut mir freilich ſehr leid; ich werde aber gute Menſchen finden, die meine Eltern vertreten, wie ich Dich gefunden habe, Suſanne.“ 4 „Ich danke, danke, mein Kind. Ach, wenn ich Dich glücklich machen könnte, Du Herzenskind, was wollt' ich nicht Alles thun!„Und ihr linker Arm umſchlang den Knaben und zogeihn an ſich heran. „Wenn ich glücklich werde, ſollſt Du es auch ſein, Suſanne!“ „Geduld, Geduld, Gottes Gnade iſt groß und ſeine Prüfung dauert lange, aber ſein Lohn kommt zu rechter Zeit.“ In dieſem Augenblicke, an den Frau Suſanne in 2 — 99— ſpaterer Zeit ſich lebhaft zu erinnern hinreichende Gele⸗ genheit haben ſollte, erhob der wachſame Hund ſeinen Kopf, ſchnupperte in der Luft, knurrte und ſprang dann laut bellend gegen die Thür. Dann war es wieder ſtill. Der Hund beugte ſeine Schnauze an die Schwellritze nieder, zog die Luft in ſeine Naſe und wedelte mit dem Schwanze. Das Herz Suſannens ſchlug lauter, es weiſ⸗ ſagte ihr den kommenden Gatten, denn es war ſo ſtark in ſeinem Inſtinkte der Gewohnheit, wie das Thier in ſeinem Inſtinkte der Natur; ihre Ohren aber vernahmen noch nichts von dem Erwarteten. Die Rückkehr des Schwärmers wurde in der Regel, wenn er halb trunken war— ganz war er es ſelten— ſchon von Weitem durch ſeinen harten Schritt, ſein bellendes Räuspern und ſeine dem Hund pfeifende helle Stimme angezeigt. Heute aber vernahm man von allen dieſen Aeußerungen nichts. Da ſchlug der Hund an und ſprang an die Thür empor, „Er iſt es doch,“ ſagte die Frau, die ſchon an einen Fremden gedacht hatte,„aber was hat er nur, daß er ſo ungewöhnlich ſtill iſt?“— Jetzt taſtete eine Hand leiſe um das Thürſchloß herum.— Suſanne erkannte die Hand, obgleich ſie nie vorher auf dieſe Weiſe Einlaß begehrt hatte. Sie ſtand auf, öffnete die Thür, und ſchrak bei dem Anblick deſſen zurück, der ihr im hellen Scheine des Feuers wie ein ruheloſes Geſpenſt vor Augen trat. Franz Buſchmann war es wirklich, aber ganz . 1— — 94— anders wie ſonſt. Er verhielt ſich ſtill, ſein Ausſehen jedoch ſprach laut genug. Seine Mitze hatte er verloren⸗ und ſeine Haare lagen wirr um das bleiche, aſchfarbene Geſicht; ſeine ſonſt geröthet hervorquellenden, mattblauen Augen lagen ihm tief und gläſern ſtarrend im Kopfe. So, leiſen, ſchwankenden Trittes, überſchritt er die Schwelle. Er ſprach kein Wort. Auch als Suſanne mit zuſam⸗ mengeſchlagenen Händen rief:„Mein Gott, Franz, was iſt Dir? biſt Du krank?“ und ſeinen Arm faßte, um ihm beizuſtehen, ſagte er nichts, ſondern trat vor das Feuer, ſah ſich ſtieren Blickes rings im Küchenraum um, und griff in die Taſche, wo ſeine Rumflaſche zu ſtecken pflegte. Aber ſeine ſteifen, zitternden Hände vermochten das Ge⸗ ſuchte nicht hervorzuziehen. Suſanne griff hinein und erfaßte die Flaſche, die ſie ſchnell hervorzog, und, ſie gegen das Feuer haltend, halbvoll von jener ſchrecklichen braunen Flüſſigkeit fand. Der Unglückliche ſchüttelte wehmüthig den Kopf, und ſah ſeine bleichgewordene Frau und den neben ihr ſtehenden ängſtlichen Knaben mit nie geſehenem, ſtummem Flehen an.„Suſanne!“ hauchte er leiſe hervor,„ſei nicht böſe, ich trinke nicht mehr. Zu Bett! „Mein Gott, Dir iſt doch kein Unglück begegnet?“ rief die Frau athemlos. Aber der Angeredete ſprach kein Wort mehr, ſondern ließ ſich, willenlos wie ein krankes Kind, in ſein Zimmer führen, entkleiden und — 92— ruhig in ſein Bett legen. Er lag ganz ſtill. Die Frau ſaß davor und hielt ſeine Hand. Nach einer Weile holte er tief Athem, und ſchien eingeſchlafen zu ſein. Jetzt brachte ſie auch das Kind zu Bett, das ſein gewohntes Gebet ſprach, und einſchlief. Dann, nachdem ſie noch einmal ihres Mannes Zimmer betreten, und ſeinen Athem⸗ zug beobachtet, glaubte ſie ſich beruhigt zurückziehen zu können indem ſie annahm, er ſchlafe. Auch ſie ſuchte beklommenen Herzens ihre Nachtruhe. Aber ſchon nach einigen Stunden wurde ſie durch eine eiskalte Hand geweckt, die ſich zu ihrem Schrecken auf ihr ſchweißgebadetes Geſicht legte, denn ſie hatte einen ſchweren Traum gehabt. Erſchrocken ſprang ſie in die Höhe, und ſah ihren Mann im Hemde vor ihrem Bette ſtehen. Sein Geſicht konnte ſie im Scheine des halberloſchenen Heerdfeuers erkennen— er ſah noch bleicher aus als vorher. „Steh' auf,“ ſagte er mit bebender Lippe,„ſteh' auf, Suſanne.“ 4 „Was willſt Du? biſt Du krank, Franz? Du haſt mich zum Tode erſchreckt.“ „Steh' auf.“ wiederholte er. Und da ſie. aufge⸗ ſtanden war, und ſich ſchnell in ihre Kleider geworfen hatte, fuhr er mit raſcher Zunge, ſo daß eins ſeiner Worte beinahe das andere verſchlang, fort:„Füttere die Hunde, — 93— damit ſie muthiger jagen. Alle Schafe ſollen lwelden, und die Schweine im Kofen Futter haben.“ „Was denn für Schafe und Schweine, Mann 3 rief die Frau vor Schrecken laut auf, denn ſie glaubte, der Redende habe den Verſtand verloren. „Auf die Jagd wollen wir gehen— heida! luſtig, luſtig! Hektor, friſch, friſch! Wo iſt der Knabe, das Kind, der Eduard?“ „Gott ſei Dank,“ rief die Frau,„jetzt ſpricht er doch von wirklichen Dingen. Was ſoll’'s mit dem Kinde?“ „Was es mit ihm ſoll? Jagen, jagen ſoll er. Ich habe einen prächtigen Hirſch geſehen, mit haushohem Geweih, wir werden ihn kaum bewältigen rönnen.“ „Wo denn— einen Hirſch?“ „Luſtig— luſtig, Frau, immer zu— laß die Hunde los!“ So ſprechend, ging er mechaniſch in ſein Zimmer zurück und legte ſich wieder auf's Bett. Die Frau machte Feuer, zündete ein Licht an, und kochte ſchnell Kaffee. Als dieſer fertig war, trug ſie ihn an'’s Bett und bot ihn ihrem Manne an.„Trink, Franz⸗ ſagte ſie,„trink, Du biſt gewiß durſtig.“ „Trinken— durſtig? Ja, gieb mir Waſſer, viel Waſſer, ich trinke keinen Rum mehr.“ „Gott ſei Dank! daß Du zur Erkenntniß Ieromnen biſt, hier iſt ein ganzer Krug Waſſer, trink’“ — 94— Der Mann wollte darnach greifen, aber ſeine Finger ſchwirrten zitternd neben dem Gegenſtande, den er nicht zu ſehen ſchien. Dabei öffnete er den Mund, lechzend wie vor großem Durſt, wobei ein kalter, reichlicher Schweiß ſeine Stirn benetzte. Frau Suſanne ahnte weniger als wir, welche Krank⸗ heit ihren elenden Mann betroffen hatte, aber ſie blieb bei ihm wach, bis das Licht des neuen Morgens anbrach, und als auch da noch keine Aenderung mit ihm einge⸗ treten war, bat ſie einen der Nachbarn, nach dem nächſten großen Dorfe, Bilſingen, zu gehen, und den dort woh⸗ nenden Wundarzt herbei zu holen. Einige Stunden ſpäter kam dieſer. Nachdem er den Kranken aufmerkſam beſichtigt, der Frau verſchiedene Fragen vorgelegt, und namentlich ſich erkundigt hatte, ob der Kranke viel und ſeit langen Jahren Branntwein ge⸗ trunken, auch ſchon früher ähnliche Anfälle erlitten, ſagte er:„Es thut mir leid um Ihren Mann, Frau Buſch⸗ mann, er iſt ſehr krank. Kommen Sie in die Küche. So! Nun, Sie ſind eine verſtändige Frau, ich weiß es wohl, und der Mann da hat Sie oft betrübt.“— Die Frau weinte leiſe, bejahte aber weder, noch verneinte ſie. „Nun ja,“ fuhr der Arzt fort,„Ihr ſagt das nicht gern, das iſt hübſch und rechtſchaffen von Euch, aber ich weiß es. Seht, er leidet an den Folgen ſeiner Trunkſucht, er hat den Säuferwahnſinn. Eine Krankheit, die oft unſchuldig —,— — 95— ausſieht, und dem gedankenloſen Zuſchauer wegen der komiſchen Einfälle der Irreredenden Lachen erregt. Ich lache nicht, und habe noch nie darüber gelacht. Es liegt ein trauriger Ernſt hinter dieſer komiſchen Maske. Euer Mann iſt zwar kräftig, aber ſein Nervenſyſtem iſt gewaltig erſchüttert. Hätte er die Krankheit ſchon ein Mal über⸗ ſtanden, ſo würd ich nicht ſo bedenklich ſein, denn wer ſie ein Mal beſiegt, beſiegt ſie in der Regel mehrere Mal, bis ſeine Stunde endlich geſchlagen hat. Aber ſeht, ich will Euch nicht betrüben, aber mittheilen muß ich es Euch, der erſte dieſer Anfälle, ſo hat mich meine Erfah⸗ rung belehrt, iſt oft ſo ſchlimm, wie der letzte— verſteht Ihr mich?“ „Ja, ja, ich verſtehe Sie. Sie meinen, wenn er den erſten Anfall überſteht, wird er auch den zweiten überſtehen, bis ihn vielleicht der dritte oder vierte tödtet.“ „Nun ja, ſo ungefähr meine ich es. Am Nothwen⸗ digſten iſt ihm der Schlaf. Verhaltet Euch recht ruhig, und gebt ihm die Pulver, die ich ihm ſchicken werde, regel⸗ mäßig alle zwei Stunden fort. Schläft er darnach ein, ſo iſt er geborgen, wo nicht— ſo komme ich morgen wieder.“ Er wollte gehen, an der Hausthür wandte er ſich noch ein Mal um.„Soll ich dem Herrn Pfarrer Euer Leid erzählen, Frau?“ Ach ja, bitte, Herr Doctor! Der Herr Pfarter iſt ein ſo herrlicher Mann!“ — 96— ich ſagte. Lebt wohl!“ Und damit beſtieg er ſein altes, auf dem einen Auge blindes Pferd, das er draußen am Zaune angehunden, und ritt von dannen. Die Pulver wurden von dem Nachbar getreulich überbracht und eingegeben. Aber die erwünſchte Wir⸗ kung blieb aus. Der Kranke verharrte in ſeiner Unruhe, ſeinem Zittern, ſeinem Irrereden. Am andern Morgen kam der Arzt wieder, und als er den Kranken geſehen, ſchüttelte er den Kopf. „Was meinen Sie?“ fragte die beſorgte Frau. Der Arzt beſann ſich. „Iſt es denn wirklich ſo ſchlimm?“ „Schlimm genug. Gebt ihm dieſe Puber hier a auf gleiche Weiſe wie geſtern, und wartet es ab. Der Pfarrer Ich werde Euch zwanzig Stück Blutigel für die Stirn ſchicken, und dann legt ihm naßkalte Tücher anf den heißen Kopf. Bis morgen lebt wohl!“ Der Zuſtand des Kranken wurde ſtatt beſſer, immer ſchlechter. Er zitterte wie das Espenlaub beim Sturme. Seine Hände waren in beſtändiger Bewegung, und ſeine Zunge wurde wund vom vielen Schwatzen. Er ſprach jetzt ſo undeutlich, daß man ihn kaum verſtand. Doch fürchtete er ſich entſetzlich vor allerlei Thieren, die er „Gut, er wird Euch tröſten. Und nun thut, wie. iſt auf einige Tage verreiſt, kommt aber morgen zurück. —— — 97— Haufenweiſe um ſich her ſah. Die angewandten Mittel ſchienen ihn einige Stunden ruhiger zu ſtimmen, gegen Abend aber fing er ſo heftig an zu toben, daß der Arzt, der noch ein Mal gekommen war und keinen Beiſtand hatte, ihn mit Hilfe der Frau, die dabei entſetzlich weinte, an das Bett feſtband. Nun lag er da wie ein gebun⸗ dener Miſſethäter; er ſuchte ſeine Feſſel zu ſprengen, aber ſie war aus neuen hanfenen Stricken gedreht, die quer über das Bett weg an drei verſchiedenen Stellen feſtge⸗ knotet waren. Dafür rächte ſich ſeine Zunge, und er ſchwatzte wie nie zuvor.„Ich kann nur ſchlechten Troſt geben,“ ſagte der Arzt auf Befragen—„ich fange an zu fürchten. Wie ſteht es mit Eurer Verſorgung, Frau Buſchmann? ſeid Ihr auf jedes Ende vorbereitet?“ „Für Gott— ja! für die Erde— nein!“ erwi⸗ derte die Frau mit Ergebung, und hielt ſich die ſchon, ganz naſſe Schürze vor die Augen. „Den Knaben laßt nicht mehr zu Eurem Manne, Frau, es iſt weder gut für den Kranken, den er ſtört, noch für das Kind, das ſo etwas nicht wieder vergeſſen kann. Der Pfarrer kommt, ich hab' ihn geſprochen.“ „Der Pfarrer kommt!“ dachte die Frau—„eine Hilfe von Gott! Warum habe ich nicht früher an ihn gedacht! 2 Bis zum nächſten Morgen keine Beſſerung, derſelbe Zuſtand im Ganzen; gegen Mittag nach einem neuen Der Inſelkönig. 1. 7 — 98— Mittel trat aber größere Ruhe ein. Suſanne ſaß am Bett und bedeckte die heiße dennoch mit kaltem Schweiße bedeckte Stirn des Unglücklichen mit naſſen Tüchern. Der Knabe war nicht im Zimmer, ſondern mit Ziege und Hund im Freien. Da ging die Thür auf, und auf der Schwelle erſchien der noch junge Geiſtliche, der Pfarrer aus Bilſingen, Wollzogen mit Namen, eine hohe, würde⸗ volle, edle Geſtalt, bekleidet mit dem einfachen, langen, ſchwarzen Oberrocke des Landprieſters, die hohe Stirn voller Würde und Menſchenfreundlichkeit, im klaren Auge wie im zufriedenen Herzen Liebe, Wohlwollen und Nach⸗ ſicht, auf den Lippen Troſt und Theilnahme. „Guten Morgen, meine liebe Frau Buſchmann,“ war ſeine Anrede, mit einem Tone geſprochen, der der beklommenen Frau wie Muſik des Himmels klang, wäh⸗ rend die freundliche Erſcheinung des ſchönen, in der Blüthe der Jahre ſtehenden Mannes ihr wie ein Bote deſſelben Himmels erſchien, der plötzlich zu ihr gekommen war, und mit ſeiner bloßen Gegenwart anzudeuten ſchien⸗ „Weib, was weineſt Du? Sieh, ich bin zu Dir gekom⸗ men, um Dich zu tröſten— was fehlet Dir!“ Suſanne dankte und berührte die Hand des Geiſt⸗ lichen, die dieſer nach der ihrigen ausgeſtreckt hatte. „Ich ſehe, wie es ſteht,“ begann er,„der Doctor hat mich freilich ſchon darauf vorbereitet. Ich fürchte, Frau Buſchmann, ihm helfen wir wenig; dann bin ich —y— — 99ñ— aber für Euch gekommen. Vertrauet mir. Saget mir Alles, was Euch drückt, vielleicht habe ich die Macht, nicht von den Menſchen, doch von Gott Euch einen klei⸗ nen Troſt zu gewähren.“ In dieſem Augenblicke ging langſam hinter ſeinem Rücken die Thüre auf, und leiſe, auf den Zehen ſchlei⸗ chend, von den ſanften Tönen des unbekannten Redenden angelockt, trat Eduard herein, und ſtellte ſich, ſtill beobach⸗ tend, am Fußende des Bettes auf. Sogleich fiel das glänzende Auge des Geiſtlichen auf den ihm unbekannten Knaben, ein Blick der Verwunderung und des Wohlge⸗ fallens ſchwebte über ſein ſanftes Geſicht, als er die edle Büdung deſſelben und ſein ſtilles, verſtändiges Ver⸗ halten ſah. „Wer iſt der Knabe? Der Eurige doch nicht, der ſtarb ja,“ fragte er freundlich, wehmüthig den Kopf ſchüttelnd. „Ich werde Ihnen heute Alles ſagen, Herr Prediger,“ ſeufzte Suſanne.„O! Sie glauben nicht, wie wichtig es für mich iſt, endlich eine Stütze zu haben, einen Menſchen, gegen den ich weinen, ein Herz, dem ich meinen Kummer anvertrauen kann.“ Der Geiſtliche horchte hoch auf und ſchwieg nach⸗ denklich, indem er bald die Fan⸗ bald den Knaben beſhha Wer iſt da?“ fragte der Kranke plötzlich ganz peut 7* — 100— lich, und ſuchte ſich aufzurichten. Sein irrer, geiſtloſer Blick wurde verſtändiger, als er die hohe neben ſeinem Bette ſtehende Geſtalt des wohlbekannten Prieſters ſah. Dieſer aber legte ſeine warme, weiche Hand auf die trie⸗ fende Stirn des Kranken, und dieſe unverhoffte Berüh⸗ rung ſchien mit magnetiſcher Kraft die entflohenen Gei⸗ ſteskräfte des Elenden zurückzurufen und zu feſſeln. Er wurde ruhiger, hörte zu zittern auf, und verlangte zu trinken. Dann legte er ſich zurück, das geblendete Auge unverwandt auf den Geiſtlichen gerichtet, und ſagte mit klarer, verſtändlicher Stimme: 1 „Ich habe nie einen Prieſter gern geſehen.“ Und was ſagte der ſo gekränkte Prieſter darauf? „Buſchmann,“ ſagte er,„aber ich, ein Prieſter in meinem Beruf, bin immer gern zu den Leidenden und Elenden gekommen, um ihnen zu helfen, und wenn ich nichk mehr helfen konnte, ſie wenigſtens zu tröſten.“ 4 Es trat ein tiefes Schweigen ein. Der Prieſter, ſo ſehr er mit dem Kranken beſchäftigt war, konnte kaum ſeine Blicke von des Knaben lieblichem Antlitz abwenden, der dieſen Blick feſt, aber ohne Keckheit ertrug, und ſeine tiefblauen Augen in die braunen des milden Mannes ſenkte. „Ich will ſprechen!“ unterbrach der Kranke das tiefe und doch ſo beredte Schweigen. Alles horchte hoch auf, namentlich die Frau, deren Herz heftiger zu klopfen — 11— begann, denn ſie dachte an das Schickſal des geliebten, ihr anvertrauten Kindes.. „Was wollt Ihr ſprechen, Buſchmann?“ fragte der Geiſtliche.„Drückt Euer Herz irgend ein Kummer, den ich vertreiben kann?“ „Nein!“ ſagte der Mann.„Ich habe nichts zu beichten. Nehmt den Knaben mit Euch, wenn ich ſterbe.“ „Wenn Euch das beruhigen kann, ſo verſpreche ich es.“ Und auf einen ermuthigenden Wink der Frau fragte er weiter:„Wollt Ihr mir etwas über den Knaben ſagen?“ „Ja!“ Und ſein Auge ſchweifte rings im Zimmer umher, als ſuche er etwas, und blieb endlich auf einem kleinen Schranke halten, der an der Wand hing, und in deſſen Schloß ein kleiner Schlüſſel ſteckte „Soll ich aus dem Schranke etwas holen?“ fragte die Frau. „Das Buch!— Raſch ſprang Suſanne nach dem Schranke, und zog unter vielen erbärmlichen Ueberbleibſeln ehemaligen Wohlſtandes ein kleines, in ſchwarzes Leder gebundenes Geſangbuch hervor. Der Kranke aber ſchien große Eile zu haben, es in ſeinen eigenen Händen zu ſehen. Als er es hatte, ſchlug er es auf, und nahm, wie es ſchien, ein Blättchen Papier heraus. Er drückte es in der linken Hand zuſammen, ballte die Fauſt und hielt ſie zitternd in die Höhe. 3 „Hier iſt es!“ rief er wild. — 102— „Was?“ fragten der Prieſter und ſeine Frau zugleich. „Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Wahrheit! Wahr⸗ heit! Fragt den Advocaten— den verdammten Advo⸗ caten!* „Was will er mit dem Advocaten?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Suſanne,„aber er ſpricht oft von ihm, ich glaube, er fürchtet den Arm der Gerech⸗ tigkeit—“. „In Bezug auf den Knaben?“ fragte mehr des Prieſters Auge als ſeine Lippe. „Ich weiß es nicht— leider nicht,“ hauchte die Frau. Da aber war die Wirkung der magnetiſchen Nähe des edlen Geiſtlichen verſchwunden, der Irrſinn bemächtigte ſich wieder wie vorher des Kranken, und das Toben, Zittern und Schwatzen ging von Neuem los. Beide, Frau und Geiſtlicher, verſuchten es, mit Bitte und Drohung, das Papier der Hand des Kranken zu ent⸗ winden, aber mit krampfhafter, eiſerner Gewalt waren die Finger geſchloſſen, und alles Bemühen war vergeblich. Jetzt zog Suſanne den Geiſtlichen in ihr Zimmer, ſchickte den Knaben hinaus, und ſchüttete ihr ganzes Herz aus; Alles, was ſie über das fremde Kind wußte, wie es gekommen und geblieben, war aus dem Buſen der Frau in das Herz des Mannes übergegangen. Dieſer ſenkte 1 das Haupt, ſann nach und ſchwieg. Endlich unterbrach er das Schweigen, und ſagte ſanft, aber feſt. —— — 103— „Wie es auch kommen mag, ob er lebe oder ſterbe, ich nehme den Knaben mit mir. Ich bin nicht mit Glücksgütern geſegnet, aber meine Kraft iſt unverſiegt, und meine Hoffnung auf den Herrn gerichtet. Wo vier Kinder ſatt werden, wird auch das fünfte ſeine Nahrung finden. Macht Euch keine Sorge, Frau, ich nehme das Schickſal des Knaben in meine Hand, und ich hoffe, die Waiſe ſoll, wenn nicht ſeine, doch andere Eltern wieder⸗ finden. Und nun faſſet Muth und ſeid getroſt. Morgen mit Tagesanbruch bin ich wieder da. Ich werde bis dahin mit meiner guten Frau reden, und laßt den Knaben dann mit mir gehen. Auf alle Fälle iſt es beſſer ſo.“— Und er ging. Es war der Morgen des 22December, des ſchönen Tages der Freude der Kleinen und der Großen. Aber in der Käthnerhütte und für ihre Bewohner in Amſel⸗ brück ſchien es kein Tag zu ſein, der einem großen, ſegens⸗ reichen Feſte vorherging, und doch, in höherer und beſon⸗ derer Bedeutung genommen, war er vielleicht der ſegens⸗ reichſten Tage einer, den Gott ihnen verliehen hatte. Frau Suſanne hatte am Sterbebette ihres Mannes — einſt, in beſſeren Tagen voll ſchönerer Hoffnungen ihr Jugendgeliebter— eine traurige Nacht verlebt, denn ſie wußte jetzt, ſchon das Bangen ihrer verlaſſenen Seele ſprach es aus, daß er ſterben würde. Es war keine Ver⸗ aͤnderung mit ihm eingetreten, nur ſtöhnte, zitterte er lauter, heftiger als bisher, und ſein Geſicht war noch bleicher, kälter geworden, und hatte den unausſprechlichen, welken, zuſammengefallenen Ausdruck eines Menſchen⸗ antlitzss angenommen, das ſeine irdiſche Hülle mit der ſtrahlenden Jugend des Himmels und der Ewigkeit ver⸗ tauſchen will. Sie ſaß neben dem Bette, welches die letzten gewaltſamen Krämpfe, die den Kampf andeuteten, den das Leben mit dem Tode rang, des zähen, noch im Tode eigenſinnigen Leibes erſchütterten; ſie ſaß am Bette und betete, während Eduard, vollkommen angekleidet, ſtill, in ſich gekehrt, in dem Küchenraume neben dem Hunde ſaß, deſſen Kopf er berührte. Um acht Uhr ſchon kam der Arzt geritten Als er den Kranken einig Mi⸗ nuten aufmerkſam und ſchweigend betrachtet hatte, wandte er ſich, tief aufſeufzend, zu der todtmüden Frau, und ſagte mit leiſer, bewegter Stimme:„Es thut mir leid, aber ich kann es nicht ändern. Er geht den Weg, den wir Alle gehen, nur etwas früher. Seid gefaßt, Frau, und ängſtigt Euch nicht.“— Gleich darauf erſchien leiſen, aber feſten Schrittes der unermüdliche Seelſorger von Bilſingen auf der Thürſchwelle. Nur leiſe mit der Hand grüßend, und dann dieſelbe ſo einfach und doch ſo voller menſchlicher Tröſtung auf die Schulter der Dulderin legend, trat er näher und richtete ſein leuchtendes Auge auf das Geſicht des Sterbenden. — — 105— „Hat er das Papier uicht von ſich gelaſſen?“ fragte er endlich leiſe. „Nein, er hat es noch in der Hand!“ Da winkte der Arzt,— der entſcheidende Augen⸗ blick war gekommen. Ein heftiger Krampf, ein förm⸗ liches Schlagen der abſterbenden Glieder erſchütterte den ganzen abſterbenden Körper, dann, den tiefſten und letzten Athem holend, den Franz Buſchmann in ſeinem Leben aus ſeiner Bruſt zog, ſtreckte ſich der Sterbende in die Länge und Starre einer Leiche. Es herrſchte ein tiefes Schweigen in dem kleinen Gemache. Die Frau ſaß, die Hände zuſammengeſchlagen, den Kopf nach vorn gebeugt, leiſe id da; der Knabe ſah bewegt und nicht Alles ees von dem Einen zum Andern; der Hund, die Hand des Knaben leckend, wedelte traurig mit dem Schweife, während der Arzt ſchweigend dem Geſtorbenen die erforderlichen Dienſte leiſtete, der Geiſtliche aber, leuchtenden doch ſanften Auges, gen Himmel blickte, und mit faſt zerrungenen Händen zu ſeinem Schöpfer ſprach. „Was ſoll er in der Hand haben? 20 fragte endlich der Arzt. „Ein Papier, welches er dem Herrn Pfarrer geben wollte,“ erwiderte leiſe die Frau des Geſtorbenen. 8 Und der Arzt, immer ſchnell zum Handeln bereit, — 106— erbrach, ehe die volle Starrheit des Todes das Werk erſchwerte, nicht ohne Muͤhe die noch warme Hand, welche das bewußte Papier feſt in ihrer Höhlung umſchloſſen hielt. So war der geſchiedene Pächter ſeinem Verſprechen, welches er dem Rechtsgelehrten gegeben, noch im Tode getreu.— „Hier iſt es,“ ſagte der Doctor, und gab das zer⸗ knitterte, vom Todesſchweiße feuchte, beſchmutzte Papier, ohne einen Blick darauf zu werfen, in die darnach ſtre⸗ bende Hand des Geiſtlichen. Dieſer, etwas bei Seite tretend, wickelte es aus einander und las die wenigen von der Hand Ramkan's geſchriebenen und dem Pächter heute vor einem— we a Worte: duard Hutt olling, geboren den 24. Decem⸗ ber 1821.“ „Ein ſonderbarer Name!“ dachte der Pfarrer. Halb⸗ laut, zur Frau gewendet, aber ſetzte er hinzu:„Das hat ein gebildeter und wahrſcheinlich gelehrter Mann geſchrieben. Der Knabe iſt von guter Herkunft. Iſt er noch mein?“ „Nehmen Sie ihn hin, ich ſpreche noch im Pfarr⸗ hauſe vor, ehe ich in meine Heimath reiſe, und da erlau⸗ ben Sie mir wohl die letzte Bitte. Hier der Todte iſt Zeuge— ich trete meine Rechte auf den Knaben, wenn ich ſolche an ihn habe, an Sie ab.“ — — 107— Und Alle gingen in die Küche, wo ſie ſich noch verweilten, während der Arzt ſein Pferd beſtieg und in haſtigem Ritte das Haus verließ, wo ſeine Hilfe ver⸗ gebens geweſen war. „Frau Buſchmann,“ ſagte jetzt die melodiſch klingende, ſanfte Stimme des Pfarrers zu dieſer,„ich brauche Ihnen zu Ihrer Tröſtung nichts mehr zu ſagen; in Ihrer Seele, ſehe ich, iſt des Lichtes genug, um Ihren Weg ſelbſt ſich zu erleuchten. Sie ſind in den Willen Gottes ergeben und ſtandhaft, wie es eines braven Weibes und einer Chriſtin würdig iſt, Gott wird auch Ihnen ergeben ſein. Leben Sie wohl— das Pfarrhaus hat für Sie eine ſtets offene Thür; klopfen Sie amerenn Sie wollen, ich heiße Sie ſchon im Voraus unen.“— Und ſich dann zu dem Knaben wendend, ſagte er mit lächelnder, heiterer Miene und überaus gewinnender Stimme:„Und nun, mein liebes Kind, willſt Du mit mir in's Pfarrhaus gehen und mein Sohn ſein, wie Du als Sohn dieſer guten Frau warſt?“ „Ich will,“ erwiderte der Knabe feſt,„wenn Suſanne es will, und ſie mich zu beſuchen verſpricht.“ Die Frau umſchloß den ſo Redenden mit beiden Armen innig, und ſchluchzte laut, wie Frau Schwarzkopf vor einem Jahre geſchluchzt.„Geh,“ rief ſie, wie jene, und nimm meinen Segen mit, obſchon er in Geſtalt — 108— dieſes Mannes in Gott an Deiner Seite lebendig wan⸗ delt.“— So war Eduard Hutten Rolling ſchon zwei Mal geſegnet. Der weinende Knabe riß ſich los, und ſein Hüt⸗ chen zur Hand nehmend, ſagte er:„Hier bin ich, Herr Pfarrer, kommen Sie, ich freue mich auf den Weg, denn Suſanne ſagt, es geht nach Bilſingen über die Berge dort, wohin ich mich ſchon ſo lange gewünſcht.“ Und er legte ſeine kleine Hand in die des Pfarrers, die ſie umſchloß, aber es war nicht, wie vor einem Jahre, die Fauſt eines Taugenichts, ſondern die volle, warme, geſegnete Hand eines edlen, vortrefflichen, an herrlichen Eigenſchaften ſeltenen Mannes, die den Suſannen grü⸗ ßenden Knaben e Und ſo ſchritten ſie rüſtig dem nächſten Ziele, dem Pfarrhauſe, entgegen, das wenigſtens eine Stunde von Amſelbrück entfernt lag. Nicht aber war es dunkle, ſtürmiſche, hoffnungsloſe Nacht, wie vor einem Jahre, als Eduard mit dem Betrüger und Lügner durch die ſchneeige Oede ging, nein! es war der Morgen eines anbrechenden heiteren, glücklichen Tages, deſſen hellſchimmernde Sonne eben ſiegreich am öſtlichen Horizonte die nächtlichen Nebel zerſtreute, und über die waldigen Hügel hervorbrach, die vor den klaren Augen der beiden Wanderer lagen. Eben aber, als ſie den erſten Hügel beſchritten, time der treueſte Gefährte des Kindes in Amſelbrück. der Schäferhund Hektor, mit lautem Gebelle ſeinem Liebling nach, als treibe es auch ihn aus der Hölle des Todes.„Laß ihn mit uns gehen,“ ſagte der Pfarrer freundlich,„auch er iſt willkommen; ſo haben wir zwei treue Herzen gewonnen.“ Fünftes Kapitel. Der falſche Schlüſſel. 2 Beſorgniſſe des eben geſtorbenen Buſchmann, die ,als er noch dd und voll Lebenshoffnung war, um den Erfolg nächſten Beſuches in der Haupt⸗ ſtadt bei'm Juſ amkau in ſtiller Verzweiflung in ſeiner Bruſt getragen hatte, waren in der That vollkom⸗ men gegründet geweſen, denn in der Seele des Vormunds des Knaben war in dieſer Beziehung ein vollſtändiger und unerwarteter Geſinnungs⸗ oder auch vielleicht Gefühlsum⸗ ſchlag erfolgt. Der egoiſtiſche moraliſche Rauſch, in den er ſich, durch die Befriedigung ſeiner ehrgeizigen Beſtre⸗ bungen verleitet, künſtlich verſetzt hatte, war einer nieder⸗ gedrückten Gemüthsſtimmung gewichen, und im Gefolge dieſer war er zu einer ruhigen, klaren Beſinnung zurück⸗ gekehrt, der kein ſelbſtiſches Grübeln, ſondern verſtändiges Nachdenken und kaltblütige Ueberlegung zum Grunde lag. — 11— Von dieſem ruhigen Nachdenken war es nur ein kleiner Sprung bis zu den erſten Anzeichen einer ſtill wirkenden Reue über eine ſchon in ſo vorgerückten Jahren thöricht übereilte Handlung, und als die Reue ſich erſt in ſeinem Innern feſtgeſetzt, zog ſie immer ſchneller den dünnen Schleier von ihrem mahnenden Geſichte, und ſah nun mit grinſenden Zügen Tag und Nacht in das beunruhigte Herz des mit ſich kämpfenden Rechtsgelehrten. Zum erſten Male in ſeinem Leben fühlte er den ſtechenden Schmerz jener an ſeinem Innern nagenden Viper, den man im gemeinen Leben Gewiſſensbiß nennt, zum erſten Male raubten ihm nur zu gerechtfertigte Selbſtvorwürfe den ſonſt ſo erquickenden und flüchtigen Fußes herbeieilenden Schlaf. Und alle dieſe Pein, zual hatte einen Mann ergriffen, der ſich bisher len irdiſchen Ge⸗ fühlsſchmerz erhoben betrachtet hatle, deſſen Herz nicht von Fleiſch und Blut, ſondern von ſpiegelklarem, jedem Roſtflecke trotzendem Stahl zu ſein ſchien. Und ſprechen wir gleich hier unſere, durch ſpätere Ereigniſſe und Hand⸗ lungen vollkommen beſtätigte Meinung aus: Waldemar Ramkau war kein ſchlechter, wohl aber ein harter, unbeug⸗ ſamer, eigenwilliger, auf ſein Wiſſen und Können allzuſehr eingebildeter Eiſenmenſch. Seine Jugend, ſeine Erziehung trugen hiervon wahrſcheinlich die meiſte Schuld, denn an ſeiner Mutterbruſt hatte er keines Tigers oder Wolfes Milch geſogen. Sein erſtes Unglück war beider Eltern — n2 früher Tod, namentlich der Mutter: ſein Vater war ein namhafter, berufstreuer, ſeinen Pflichten in jederlei Rich⸗ tung ſtreng ergebener Rechtsgelehrter; auch hatte er weder eine vom Egoismus vertrocknete, noch von übertriebenem Ehrgeiz überſpannte und daher matte Seele, wie ſein in jeder Hinſicht an Wiſſen und Kenntniſſen begabterer Sohn⸗ Dieſer, Waldemar, war früh in eine Knabenerziehungs⸗ anſtalt gekommen, wo nur die ſtrafende Zuchtruthe eines einſeitigen, in ſeinem Fache übermüthigen und dünkelhaf⸗ ten Schulmeiſters regierte. Nie hatte eine weibliche, be⸗ fänftigende Hand ihr weiches und doch unauslöſchliches Siegel in ſein Herz gedrückt, nie war ſein Fuß, auch in ſpäteren Jahren nicht, in den geweihten Kreis weiblicher Fürſorge getrete milde Seelenmilch war in ſein ſchwerwalleades eträufelt, kein läuternder Schmelz⸗ ofen der Freundſchäft oder anſchließender Herzensneigung hatte das rohe Eiſen in ſeiner Natur veredelt und ge⸗ mildert. Nur Männer ernſteren Weſens, Gelehrte ein⸗ ſeitiger Richtung mit kaltem Herzen und ſprudelndem Kopfe, Pädagogen allerlei Schulen hatten den Knaben zum Jüngling gebildet, oder vielmehr ihn wie ein tropi⸗ ſches Treibhausgewächs in ſiedender Verſtandeshitze ſchnell zum Manne gereift, denn man konnte in der That dem vorzeitig alternden Manne zu keiner Zeit ſeines Lebens anſehen, daß er einmal jung, daß er einmal Kind, und ein liebevolles, wünſchendes, zufriedenes Kind geweſen war. Auf der Univerſität, dieſer Vorſchule des künftigen Lebens, dem Prägeſtock der ſpäteren Münze eines männlichen Cha⸗ rakters, war Waldemar, wiederum einſeitig geleitet, einen einſamen Weg gewandelt, ganz ohne den Gewinn erhei⸗ ternder Freude und ſorgſamer Rathgeber. Ohne ſein Herz irgend einem Menſchen aufgeſchloſſen zu haben, hatte er nur gearbeitet, um zu wiſſen, zu kennen, hatte er geſtrebt, um nur frühzeitig einem immer leidenſchaftlicher verfolgten Ziele näher zu kommen. Und früh genug, viel zu früh, hatte er es wirklich erreicht. Als er nun aber im Beſitz dieſes Zieles war, anſtatt, wie die meiſten ſeiner Mit⸗ arbeiter, ſich für daſſelbe geſchickt zu machen, ſich bequem darin niederzulaſſen und auch ein Menſch zu ſein, wie an⸗ dere Menſchen, ſiehe, da erſchien ieſes Ziel viel zu klein, nicht der Mühe der Arbeit ccht halt feinem ungeſättigten Wunſche genügend. wieder begann er vorwärts zu drängen, den Studirtiſch allein für ſeinen Altar, ſein Ruhebett, ſein tägliches Brot zu halten, und ſo ging es immer weiter fort, den Berg Hinauf, ohne ſich weder an ſeinem Fuße, noch auf ſeiner Mitte umzuſehen, nur nach dem Gipfel verlockte es ihn, ihn duͤrſtete nach der ſchönen Ausſicht allein von Oben her— ach! er wußte und ahnete, daß auf dem Gipfel dieſes Berges kalter Schnee und unſchmelzbares Eis lag, daß erſtarrende Winde da oben auf der Höhe jede warme Lebensluſt aus⸗ blieſen, und daß noch qualvollere Einſamkeit das Blut Der Inſelkönig. I. 8 — 114— des auf dem Gipfel der Menſchheit Stehenden in bittere Galle nur zu oft verwandele. So ſtrebte er vorwärts, nur immer vorwärts, wie ein wildes, leidenſchaftliches Roß der Wüſte, das ſo lange, ſeinen dunkeln Trieben gehor⸗ chend, vorwärts rennt, bis es athemlos zuſammenbricht. So kann es nicht wundern, daß der junge Mann, noch in friſchem, dem Leben ergebenem Alter, alle Schranken, die ihn hemmten, durchbrach, daß er alle Hinderniſſe, ohne Scheu und Bangen, nur um ſich ſelbſt und ſeinen Leiden⸗ ſchaften zu genügen, beſeitigte, und wo ſie ſich nicht ſchnell genug beſeitigen ließen, niederriß. Ein ſolches Hinderniß war ihm der unerwartet, wider allen Wunſch vom Schick⸗ ſale überlieferte Knabe geweſen, mit deſſen Daſein ihn überhaupt nur chliche Familienverhältniſſe verban⸗ den. Gerade ◻ Zeit hatte er ſeine Augen, mehr als ſein Herz, Mine hochſtehende Familie geworfen, in deren Mitte er eher ſein eigenes Fortkommen als Beam⸗ ter befördert, als in der erwählten, allgemein bewunderten Tochter ſein halsliches Glück erblühen ſah. Gerade in jenen Tagen katte er, um dieſes Ziel zu erreichen, eine begründete Hoffnung gefunden, mit dieſer Hoffnung zu⸗ ſammen war ſeine Beförderung gekommen, und, wie vom Schickſale ſelbſt in die Höhe geriſſen, war er in jenen oben erwähnten moraliſchen oder vielmehr geiſtigen Rauſch künſtlich gerathen, der die Kräfte eines Menſchen wohl einen Augenblick erhöht, bald darauf aber, in um ſo — 115— ſchnellerer Abſpannung, die aufhebenden Flügel erlahmen läßt. So ſeltſam es auch erſcheint, eben ſo wahr iſt es, das ſchmollende Geſicht der ſonſt ſo heiteren Minna Schwarzkopf war der erſte Luftdruck geweſen, der das Barometer ſeiner geiſtigen Aufregung ſinken machte. In einſamer Stunde der Nacht, dann zunächſt in klarerer Morgenzeit, dachte er über ſich und ſein Handeln nach, und— er war aus ſeinem fieberhaften Rauſche erwacht. Und wie es bei ſolchen Naturen, die jede neue Regung mit Heftigkeit ergreifen und in lebendige Geſtaltung zu bringen gewohnt ſind, in der Regel iſt, ſo verfiel er plötz⸗ lich auf den entgegengeſetzten Weg, er wollte ſchnell wieder gut machen, was er übel gemacht, und wie er den Kna⸗ ben mit eiſigem Arme erſt von ſich n, wollte er ihn mit blinder Heftigkeit an ſich reiß— der Riegel war vor die Thür ſeines Willen len, und Franz Buſchmanns hinterliſtige Tücke war ein ſchwererer Riegel geweſen, als Waldemars Hand bis jetzt hoch zu entfernen verſtand. Der ſchlaue Juriſt war gefangen, wie eine leicht⸗ ſinnige Maus in einem noch ſchlauer angelegten Verſteck. Schon im Frühjahre, das auf den für ihn ſo bedeutungs⸗ vollen Winter folgte, als er im Freien, auf jeder Straße, jedem Platze, jedem Stückchen grüner Erde in der lebens⸗ frohen, großen Stadt hüpfende, fröhliche Kinder ſah, ar⸗ beitete er an einem kräftigen Entſchluſſe. Wichtige Arbeiten aber verhinderten die Ausführung deſſelben. Seitdem 8* — 116— aber träumte er beſtändig von ſpielenden, tanzenden Kin⸗ dern, und oft ſah er, nicht unter ihnen, ſondern fern von ihnen, jenen lieblichen verlaſſenen Knaben, an der Seite des rohen Bauers mit dem verſchlemmten Geſichte, das ihm auch im Schlafe die widrigen Düfte des übermäßig genoſſenen Branntweines auszuhauchen ſchien. Aber im⸗ mer wieder tröſtete er ſich damit, der Mann werde ſelbſt kommen, er werde ein Anliegen, eine Meldung zu machen haben, der Knabe gewöhne ſich nicht an ihn, und was dergleichen mehr ſtattfinden konnte. Allein auch dieſe Tröſtung— wir wiſſen es— war eine vergebliche. Der Sommer kam,— aber auch er ging wieder hin, wie das Frühjahr, ohn Kunde von dem Knaben angelangt wäre. Im r endlich drängte es Waldemar Ramkau nach ttwickelung, einer Gewißheit. Seine Beſorgniſſe, ſeine Leſtändig ſich wiederholenden Selbſt⸗ vorwürfe hinderten ihn am Denken bei der Arbeit, am Schlaf in der Nacht, ja ſogar im Kreiſe ſeiner Amtsge⸗ noſſen ſtörte ihn die geringſte arglos hingeworfene Frage, die irgend eine Familie oder ein Kind betraf. Er be⸗ ſchloß nun, ſelbſt nach Grünwald hinauszufahren, den Knaben zu beſuchen, und falls er ihn nicht in guten er⸗ wünſchten Verhältniſſen fände, ſogleich mit nach der Stadt zu nehmen und ohne Weiteres, was er ſo leicht früher gekonnt, den Schwarzkopfſchen Eheleuten zu übergeben, 55 21 — 117— die ihn behalten ſollten, bis ſich eine vortheilhafte Unter⸗ kunft gefunden haben würde. 3 Da traf den alſo Beſchäftigten die ehrenvolle Aus⸗ zeichnung ſeines Chefs, der zugleich ſein Schwiegervater werden ſollte, daß er unvermuthet an eine ausländiſche Univerſität geſandt wurde, um ein wichtiges Geſchäft in juriſtiſchen Staatsangelegenheiten zu vollenden. Ohne Zaudern mußte er ſich zur Abreiſe entſchließen. Frau Schwarzkopf erhielt die geeignetſten Anweiſungen, falls der Pächter käme, nach des Juſtizraths Entſchluß zu han⸗ deln. Sie nahm ſie ſchweigend hin und dachte ſich ihren Theil dabei, wie ſie ſpäterhin oft erzählte. Die Abweſen⸗ heit ihres Herrmazog ſich bis Anfang Dezember hin, und als er nun endlich zurückgekehrt war, glaubte er gewiß, von dem Knaben irgend eine Nachricht zu vernehmen. Aber auf ſeine erſte Frage an die Tiſchlersfrau erhielt er die mit grollender Miene geſprochene Auskunft:„Es ſei Niemand da geweſen, wie ſie ſich es gleich gedacht.“ Und auf die Frage, warum ſie ſich das gleich gedacht, die Ant⸗ wort, die ſchon manche Frau im Zorne gegeben: Weil ich mir es dachte, wie man ſo Manches denkt. Hm! dachte auch Waldemar Ramkau, was hat die Frau? Ich werde nächſtens ein vertrauliches Wort mit ihr reden, offenbar hat ſie Etwas gegen mich. Und der Junge! nun, da er bis jetzt nichts von ſich hören ließ, — er dachte an den Jungen, und meinte doch den Pach⸗ — 18— ter,— ſo wird er ſchon um Weihnachten kommen. Er braucht Geld, offenbar braucht er Geld. Und das habe ich, haha! Warum ſorge ich nur, es iſt ja natürlich, daß der Menſch nicht vor Ablauf eines Jahres wiederkehrt, ſo war ja gleich von Anfang an die Abrede! Dieſe anſcheinend wieder größere Sorgloſigkeit war kein Rückfall in ſeinen früheren Rauſch zu nennen. Zwar hatte er ſeine Aufgabe an der fremden Univerſität gün⸗ ſtig ausgeführt, ſein Schwiegervater, die Excellenz, hatte gnädig gelächelt und ihm mit halb zugekniffenen Augen zugeflüſtert:„Gut, gut, Ramkau, mit dem neuen Jahre kommt der Lohn!“ und damit wahrſcheinlich das Glück ſeiner Ehe mit ſeiner Tochter angedenttt, da um dieſe Zeit die Vermählung angeſetzt war. Allein dennoch hatte die äußere günſtige Stellung einigen Einfluß auf ſeine Empfindungen geäußert, und obige Sorgloſigkeit war die erſte Folge davon. Aber der 24. Dezember kam; Caspar Schönfeld blieb jedoch aus. Der Hofrath donnerte und wetterte in ſeinem Innern über den niederträchtig leichtſinnigen Kerl. Er wußte nicht, daß dieſer Tag derjenige war, an dem ein gewichtigeres Urtheil, von einem höheren Richter als er war, über den Abgeſchiedenen gefällt wurde. Bis Neu⸗ jahr warte ich, ſagte er eines Abends zu ſich ſelbſt, als er in ſeinem weichen, warmen Bette lag und wieder nicht ſchlafen konnte, aber dann fahre ich ganz ſtill hinaus, und — ———— 5——-——ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—:·—˖::’— — — 119— den Kerl hole der Geier!— Auch Neujahr kam, aber der Erwartete nicht. Da kannte der lange beſchwichtigte Zorn des Ergrimmten keine Grenzen mehr; Alles, was er um das verwaiſte Kind ertragen und gelitten hatte, drang in einer gewaltigen Strömung auf ihn ein und trieb ihn ohne Zögerung zur Handlung an. Er wollte jetzt auf's Reine kommen, heute noch, ja, er ging in ſei⸗ ner Vorſorge jetzt ſo weit, daß er der Frau des Tiſchlers den Auftrag gab, für die Aufnahme des Knaben ſich be⸗ reit zu halten, er werde ihn ihr heute noch zuführen. Das blühende Geſicht der guten Frau lächelte matt, ſie hätte ſich gern gefreut, aber ihr Herz wollte die Freude nicht aufkommen laſſen, es zog ſich ſo bitterſüß, ſo weh⸗ müthigfroh zuſammen, und bald hätte ſie dem Rath nach⸗ gerufen:„Geh' und bringe das Kind, wenn Du es erſt haſt!“ Es war ein winterlich ſchöner, zwar kalter, aber ſon⸗ niger Tag mit blauem Himmel und windloſer Luft, der 3. Januar, als Waldemar Ramkau Morgens zehn Uhr ſeinen Pelz umwarf und ſeine Wohnung verließ. Ob⸗ gleich er etwas Gutes vor Augen hatte, ſo vermied der heimliche Gerichtsmenſch doch gern alles öffentliche Thun und Treiben. Was braucht die Welt zu wiſſen, wohim ich heute fahre! dachte er. Und er ging in eine entlegenere Stadtgegend zu einem Fuhrmann, der ihn nicht kannte, nahm ſich eine außerſt bequeme,Kutſche und — 120— fuhr an das Thor, welches nach Grünwald den Weg oͤff⸗ nete, und hier erſt ſagte er dem ſich fragend umdrehenden Kutſcher: „Nach Grünwald, aber raſch, rechne auf ein gutes Trinkgeld!“ Dieſes Wort hat immer bei den Betheiligten eine magnetiſche Kraft. Der Kutſcher ſchwang die Peitſche, die Pferde liefen, was ſie konnten, und der bequeme Rath in dem bequemeren Wagen rollte ſo recht gemüthlich auf dem glatt gefrorenen Wege dahin. Ach! das Leben iſt für den, der die Mittel dazu in Händen hat, ſo leicht, ſo angenehm, ſo gefällig, durchaus dh bitter, nicht trübe,⸗ nicht ſorgenvoll. Genieße man es, ſo lange man kann! Das mochten ſo beinahe die Gedanken ſein, die der fah⸗ rende Herr hegte, als er durch die Kryſtallſcheiben des Wagens, im warmen Pelze auf ſeinem weichen Sitze nach⸗ läſſig angelehnt, die regelmäßig gepflanzten Bäume der öffentlichen Straße vorbeitanzen ſah, deren Zweige in der friſchen Morgenſonne des jungen Jahres mit dem darauf liegenden gefrorenen Schnee wie Millionen Diamanten blitzten. Und er ſetzte ohne Zweifel in Bezug auf ſeine Reiſe leiſe träumend hinzu: „Erſt der Knabe, dann die Heirath, dann— der Geheimerath— nun, wir wollen ſehen!“— Nachdem der Kntſcher eine Weile weit in raſchem Trabe auf der Landſtraße fortgefahren war, bog er lang⸗ ſamer in einen ſandigen Seitenweg ein und gelangte in einen immer tiefer und dichter werdenden Wald, der im Sommer einen herrlichen Schatten verbreitete, in welchem ſich ein leidendes Kind ſchnell zum geſundeſten entwickeln mußte. So dachte nämlich Waldemar Ramkau. Aber es ging jetzt abſcheulich langſam in dem ſchlechten Wege, der noch dazu durch den aufgethauten Schnee und den darauf fol⸗ genden Froſt holprig und an manchen Stellen faſt un⸗ ſahrbar geworden war. Viel zu langſam und holprig für den vornehmen und bequemen Herrn. „Das iſt ein ſchlechter Weg, Kutſcher,“ rief er aus dem geöffneten Fenſter,„und es geht ſo überaus langſam.“ „Kannss nicht ändern,“ war die lakoniſche Antwort, „wird aber bald beſſer, kommt Raſengrund.“ Und ſo war es auch. Der Wagen rollte wieder luſtig vorwärts, die Peitſche knallte, und der Juſtizrath ſagte heiter zu ſich: „Wenn man doch nicht an Alles denkt; nun habe ich den alten Mantel für den Jungen vergeſſen, in den ich ihn hüllen wollte, und es iſt ſo kalt— hu!“ Mit einem Male hielt der Wagen, aber es war ringsum kein Haus zu ſehen. „Was ſoll's?“ rief der ſchon in Gedanken an den frierenden Knaben ſchauernde Vormund dem Kutſcher zu. „Wollen Sie auf die Pachtung oder ins Dorf Grün⸗ wald?“ fragte dieſer. 1 — 122— „Auf die Pachtung, die Pachtung, natürlich, Freund — mit dem Dorfe hab' ich Nichts zu ſchaffen!“ Und der Wagen bog in einen Weg linker Hand ein, einen zur rechten hinter ſich laſſend. „Aha!“ dachte Waldemar,„jetzt kommen wir ſchon näher; wie wird ſich der Junge freuen! Oho!“ Nach einer kleinen Weile kam man vor ein kleines am Wege liegendes Käthnerhaus, in ungleich beſſerem Zuſtande, als das zu Amſelbrück geweſen war. „Hier wird es doch nicht ſein!“ dachte Ramkau. „Halt, Kutſcher, halt einnal! So! Guten Morgen, Mann!“ redete er einen in der kleinen Thür ſtehenden Bauer an. „Guten Morgen, Herr! Was ſteht zu Befehl?“ „Wohnt hier in der Nähe der Pachter Caspar Schönfeld!“ „Ja, Herr, ja, noch zehn Minuten weiter, links am Wege ſteht das Pachthaus.“ 1 „Und iſt er geſund und wohl auf, he?— ich meine den Pachter...“ „Vollkommen geſund und wohl auf, Herr, ja! Vor einer Viertelſtunde kam er mit ſeinem kleinen Jungen hier vorbei.“ „Haha!“ dachte der Juſtizrath, und ſein ſonſt ſo ſtummes Herz fing an in etwas lebhaftere Bewegung zu — 123— gerathen.„Und lebt der Mann glücklich und in guten Verhältniſſen mit ſeiner Familie?“ fragte er weiter. „Das ſollt' ich meinen! Hat er doch einen ſchönen Hof, Kinder und blanke Thaler obendrein! Adieu, adieu, Herr!“ Der Juſtizrath hatte dem Kutſcher zugewinkt, und dieſer war weiter gefahren. „Blanke Thaler alſo hat er!“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Nun, die ſind von mir, und ich will ihm zum Dank noch ein halbes Hundert obendrein geben. So viel iſt die Freude werth!“ „Ja, ſo viel iſt die Freude werth, und noch mehr, wenn man es übrig hat,“ ſagen wir. Und freudig be⸗ wegt war der Juſtizrath, das muß man geſtehen. Er fühlte ſich ſo friſch, ſo aufgeregt, ſo heiter, wie nie in ſeinem Leben, und in ſeiner Bruſt, ſeinen Armen lag eine wahre ſchöpferiſche Kraft, er hätte Berge verſetzen mögen.“ Da hielt der Wagen vor einem hübſchen, geräumi⸗ gen Landhauſe mit grünen Fenſterläden, einem kleinen Vorſprung vor der Thür mit einer Bank darin, in dem ein Mann gutmüthigen Anſehens in einem langen blauen Oberrocke und brauner Pelzmütze ſtand. Der Inſaſſe des Wagens ſprang mit einer Geſchwindigkeit auf den Boden, als wäre er halb ſo alt geweſen, wie er wirklich war. „Guten Morgen, guten Morgen, lieber Mannl“ — 124— rief er heiter.„Wohnt hier der Pachter Caspar Schön⸗ feld, wie?“ „Ja, Herr, zu dienen, der wohnt hier. Wen habe ich die Ehre?“ „Ich will ihn beſuchen,“ entgegnete der Advokat, der nicht recht gehört hatte.„Iſt er zu Hauſe?“ „Gewiß, Herr, ich bin es ja ſelber!“ „Sie?!“— und ein langes, verblüfftes, etwas bleich werdendes Geſicht, das eben noch ſo freundlich gelächelt hatte, ſtarrte den Pachter an, der ſich eigentlich etwas gekränkt fühlte, daß man ihn nicht für etwas nahm, was er doch war.* Aber die unerwartete, verſtimmende Anfklärung war bald gegeben und entgegengenommen. Seit zehn Jahren wohnte hier der Pachter mit Weib und acht Kindern, und nie hatte er anders ausgeſehen als heute. Ja, was noch ſchlimmer war, in ganz Grünwald, ſagte der Mann auf Befragen, wohne kein Mann, wie der Herr ihn beſchriebe, auch ſei kein fremdes Kind ſeit zehn Jahren in das Dorf gekommen. 4 die acht Pachtersſöhne, denn es waren ſämmtlich Knaben, von drei bis vierzehn Jahren einfanden, aber ach! kein Eduard Hutten Rolling darunter. Was ſollte der Juſtizrath nun thun? Er war bee⸗ logen und betrogen worden, das war offenbar, ſein Gei⸗ Dies wurde im Zimmer verhandelt, wo ſich bald — — 1— ſtesblick erwachte wie mit einem Schlage zu einer außer⸗ ordentlichen Schärſe; es kam ihm vor, als hätte er dem Kerl, dem Kinderdiebe, wie er ihn nannte, ſein Handwerk gleich von vornherein angeſehen. Aber was thun? In den Wagen ſteigen und nach Hauſe fahren. Und das that er, nahm Abſchied und fort gingen die Pferde. Aber mit welchem blaſſen Aerger ſaß der Juſtizrath da; eben noch ſo hoffnungsvoll, jetzt ſo troſtlos, auf ſo gemeine Weiſe hintergangen, überliſtet, förmlich verrathen!„Die Ka⸗ naille!“ ſtöhnte er und ballte die Fauſt,„den Kerl laſſ ich einſperren— wenn ich ihn erſt habe,“ ſetzte er finſter hinzu.„ So war die Rückkehr von dem Pachter zu Grün⸗ wald nach der Stadt bei Weitem nicht ſo angenehm, wie die hoffnungsvolle Hinfahrt. Es war zwei Uhr Nach⸗ mittags, als der Wagen an einem andern Thore hielt, als von welchem er am Morgen ausgefahren war. So hatte es der Herr gewollt. Hier ſtieg er aus, bezahlte den gedungenen Lohn und fügte brummend das verſpro⸗ chene Trinkgeld hinzu. Dann ließ er— ein kluger Ad⸗ vokat iſt klüger als alle übrigen Menſchen— den Kut⸗ ſcher erſt um die nächſte Ecke biegen, bevor er in einen Miethswagen ſtieg, der am Thore ſtand, und in welchem er ſich nach Hauſe fahren ließ. Frau Schwarzkopf, von dem raſch anfahrenden Wa⸗ gen angelockt, Hoffnung und auch wieder keine im auf⸗ und niederſteigenden Herzen tragend, daß der liebliche Knabe ihr wiedergegeben werden könne, war an das Fen⸗ ſter geſprungen, und ſah gerade noch, wie der Juſtizrath, zornig, wie ſie ihn nie geſehen, mit höchſt aufgeregter Miene aus dem Wagen die Straßentreppe des Hauſes hinaufſprang, hörte dann, wie er dieſes raſch aufſchloß und mit langen Schritten die Treppe hinauf in ſein Zim⸗ mer eilte. Alles Dies zeigte ihr nur zu deutlich, wie die Sachen ſtanden. Einen Augenblick darauf riß es wüthend an der Klingel vom Zimmer des Rathes her.„Aha!“ dachte die kluge Frau,„nun wirſt Du am Ende gar ſeines hohen Vertrauens gewürdigt. Es kommt zu ſpät, beſter Herr Ramkau!“ Daͤmit ging ſie ſchnell die Treppe hinauf und trat bei ihm ein. Er durchmaß, eiligen Schrit⸗ tes, heftigen Weſens, mit zornig aufgeſchwollener Stirn⸗ ader bei ſonſt gewöhnlich bleichem Geſicht ſein Zimmer, dieſen und jenen Gegenſtand, den er auf ſeinem Wege traf, in die Hand nehmend und nach halber Beſichtigung auf den erſten beſten Tiſch niederwerfend. So hatte in der That die Tiſchlersfrau den ruhigen Rechtsgelehrten nie geſehen, es mußte etwas Bedeutendes vorgefallen ſein. Der Verluſt des Knaben, an dem ihm früher ſo wenig gelegen, konnte ihn, in dem Gedanken der Frau wenig⸗ ſtens, nicht in ſolche Aufregung verſetzt haben. Dieſe war in’s Zimmer getreten und mit dem ſchweigſamen und beobachtenden Weſen, das ſie ſeit Jahresfriſt gegen ihn — 127— angenommen, ſtand ſie ſtumm, aber forſchend und auf⸗ merkſam, dem Rathe gegenüber, der ſeinerſeits auch ſtehen geblieben war und augenſcheinlich nach Worten ſuchte, um in dem ihm ſelbſt am meiſten beliebigen Lichte zu er⸗ ſcheinen. „Nun, Frau Schwarzkopf!“ fing er endlich an,„unſere Mühen, unſere Sorgen, unſere Vorbereitungen ſind ver⸗ geblich geweſen, der Knabe iſt nicht mitgekommen.“ „ ‚Das hab' ich mir gleich gedacht, Herr Juſtizrath,“ antwortete die Angeredete mit wehmüthiger Stimme, und ſah träumeriſch auf den Boden. 5 „Das habt Ihr Euch glaich gedacht? Darf ich fra⸗ gen, warum?“ 2* „Ich hab' es mir gedacht, kurz und gut.“ „So, ſo, ich aber hab' es mir nicht gedacht, kurz und gut. Und was das Allerſchlimmſte, das Abſcheulichſte, das mich am meiſten Kränkende iſt, Frau, denkt Euch, der Kerl, der Pächter hat mich, mich, den Juſtizrath, belogen und betrogen, und hat mir einen falſchen Namen und Wohnort angegeben.“ „Aha!“ dachte die jetzt innerlich lächelnde Frau,„das iſt der Grund des Aergers.“ Ernſten Blickes aber ſügte ſie bei:„Auch das iſt mir nichts Neues, Herr Juſtizrath. auch das habe ich gewußt, oder, wenn Sie lieber wollen, geahnet.“ „Wie? gewußt? geahnt? Wie ſo denn? und warum — 1s— habt Ihr mir denn nicht Euer Wiſſen und Eure Ahuns mitgetheilt, als ich den Knaben fortgab?“ „So!“ rief die entſchloſſene Frau mit niedlichem Eifer, und ſtemmte ihre beiden Hände auf ihre ſchwellen⸗ den Hüften, wobei ſie wirklich allerliebſt erregt ausſah: „So! haben Sie mir Ihr Wiſſen und Ihre Ahnung über das arme Kind denn mitgetheilt? Hatt' ich ein Recht, meine Vermuthungen zu äußern? Durft ich ſprechen, wo Sie keine Sprache verlangten?“ Der Advokat war ſchon bei den erſten Worten zu⸗ rückgefahren, es wurde ihm ſchwer, den funkelnden Blick des 8* durchdringenden ſchwarzen Auges zu ertragen. „Aber ich will zutrauensvoller ſein, als Sie, Herr zufta u fuhr ſie fort.„Ich will Ihnen meine Mit⸗ wiſſenſchaft erklaͤren. Das arme Kind that mir leid, der vorgebliche Pächter ekelte mich mit ſeinem Branntweins⸗ geſtank an, ich ſchöpfte gegen den gemeinen Menſchen einen Verdacht, den ich mir nicht weiter erklären konnte. Mit Einem Worte, ich ging ihm nach, d er mit dem Kinde durch den Wintergarten forteilte.. „Ah!“ tönte es hier von den ſchweigſamen Vypen des Advokaten, der mit tauſend Ohren hörte und wieder von Neuem friſche Hoffnung ſchöpfte.— „Ich ſah ihn in eine Branntwein ſchenke treten, in eine Ausſpannung ſir Bauern, wo er ſich ohne Bweif vollends betrank.. 7 „ . frieden, ich werde dankbar ſein... aber, fahren Sie fort, „Und dann?“... SS „Und dann? Nun ja, ich erkundigte mich bei der Gevatterin Müller, ſo heißt die Frau des Wirthes d dort, was er für ein Mann ſei?... X „Und erhieltet zur Antwort?...“ „Daß er ein erbärmlicher, hungriger Dorfſchuſter ſei, ja, ja, Herr Juſtizrath, und daß er den Knaben zum Schuſterlehrling erziehen wollte!“ „Zum Schuſterlehrling!“ ſchrie mehr als er ſprach der ſtolze Mann, und ſeine Haare ſträubten ſich beinahe auf ſeiner Stirn empor.„Das fehlte mir noch! Mein Gott, mein Gott!“ „Das Jammern kommt zu ſ Ppät, Herr Juſtizrath!“ „Ja, Frau, ja... aber Ihr ſeid ein prächtiges Weib! Ich bitte Euch.. laßt kein Wort von der ganzen An⸗ gelegenheit unter die Leute kommen.. die Oeffentlichkeit hat für mich, für mich, ſelbſt eine öffentliche Perſon, etwas Schauderetregendes— Haarſträubendes.“ Ich ſehe es, ich ſehe es... aber, fürchten Sie Nichts. Ich bin ein armes Weib, diß Frau eines Hand⸗ werkers... und doch kann ich ſchweigen... ich kann! ich gelobe es bei Gott! Das heißt... Sie verrathe ich nicht.“ Und die Frau fing laut an zu weinen! 88 „CEs iſt gut, liebe Frau Schwarzkopf, ich bin zu⸗ „ — uhtr die Gevatterin— Müller heißt ſie ja unhe nicht Der Inſelkönig. 1. — 1430— wahr?— wußte ſie nicht den Namen und Wohnort der Beſtie, der Kanaille— ich meine den infamen Schuſter.“ „Herr Juſtizrath, ein Mann, der klug genug war, Ihnen gegenüber einen falſchen Namen ſich zu geben, wird auch nicht dumm genug geweſen ſein, der Gevatterin Müller ſeinen wahren zu nennen. Kein Menſch weiß ihn.“ „Sehr wahr, ſehr wahr! Aber, beſte Frau Schwarz⸗ kopf, thun Sie mir den Gefallen, gehen Sie noch einmal, noch öfter hin— ob die Gevatterin Nichts von ihm ge⸗ hört hat— ſeien Sie meine Helferin, den Knaben wie⸗ der zu erlangen, o, Sie wiſſen nicht, was ich darum gebe, ihn zu haben! Die Frau verſprach es, und das Geſpräch war zu Ende.— Am Abend dieſes Tages, es war ſchon beinahe Nacht, und der Juſtizrath, der von Sr. Excellenz kam, war wieder etwas heiterer geſtimmt— tuat leiſe, unge⸗ rufen, bleichen, verſtörten Angeſichts, Frau Schwarzkopf bei’m Juſtizrath ein. 3 „Herr Juſtizrath...“ 4 „Was iſt... mein Gott!⸗ „Ein Unglück..“ „Ha! iſ er todt?“ 8 „Sa. „Der Knabe? 24 „Nein, der Knabe nicht, aber rulleiht 8 1 7 * 2 — der Schuſter gewiß— ein Bauersmann hat es der Ge⸗ vatterin erzählt, und ſie iſt ſo dumm geweſen, den Men⸗ ſchen nicht feſtzuhalten— er iſt um Weihnachten an den Folgen des Trunkes geſtorben, ſein Sohn— ſo ſagt die Gevatterin— ſoll ſchon vor ihm geſtorben ſein; ob dies unſer Knabe iſt, weiß Gott allein, und ſeine Frau iſt fort von Hof und Haus— ines Ausland— zu ihren Verwandten!“— Wie dieſe Nachricht nun zur Gevatterin Müller ge⸗ kommen, wiſſen wir nicht, aber es war ſo. Dieſe Nach⸗ richt aber— ein bloßes Hörenſagen— war die Quelle unſäglichen Leidens für den erſchütterten, gedemüthigten Mann des Rechtes. Alle ſeine in fsgeheim angeſtellten ſpäteren Nachforſchungen nach dem Namen, dem Wohn⸗ orte des verſtorbenen Schuſters waren vergeblich, es kam kein Bauer mehr in die Ausſpannung zum goldenen En⸗ gel, der eine Nachricht, die mit Gold bezahlt worden wäre, gebracht hätte, und laut, öffentlich nach dem Knaben zu forſchen—„nein, lieber ſterben,“ dachte der Vormund, „mein ganzer Ruf, meine Exiſtenz, meine Verbindung, meine Lebenslaufbahn, 2 wäre vernichtet, denn— denn— ich bin ja ein Mann des Geſetzes!!“— Vier Wochen nach dieſem Abend war das glänzende G Hotel Sr. Excellenz, des Juſtizminiſters, an der Hoch⸗ ſtraße i in der Hauptſtadt gelegen, glänzend erleuchtet. Die rlagehande Lyblrgänger blieben ſtehen und ſcunuen — 132— neugierig hinauf.„Was iſt da oben los?“ fragte ein Menſch, der neugieriger war, als alle Uebrigen, eine am Eingange der Miniſterwohnung ſtehende Frau.* oO! es iſt nur eine Hochzeit,“ ſagte die großden⸗ kende Hauptſtädterin. 8„Von wem?“ „Die Tochter des Iuſtiimniſters heirathet einen jungen Advokaten.“ „So ſo! da ſoll gewiß das Ei eines jungen Mini⸗ ſters ausgebrütet werden,“ witzelte der Neugierige und 5 zog ſeines Weges dahin. Zweites Buch. 1 Schule und Schüler. Erſtes Kapitel. Das Pfarrhaus. Ungefähr eine Stunde von Amſelbrück entfernt, in öſt⸗ licher Richtung, jenſeits der grünbewaldeten Berge, welche die Scheidewand zwiſchen den ſandigen Strecken und der bebauten fruchtbaren Gegend dieſes Landſtrichs bilden, lag lang hin gedehnt, zwiſchen Bäumen hier und da ver⸗ ſteckt, über niedriges Buſchwerk mit ſeinen Giebeln her⸗ vorragend, das ſchöne und wohlhabende Dorf Bilſingen zum Gute Bilſingen gehörig, deſſen alterthümliches Jagd⸗ und Stammſchloß an der Nordſeite des Dorfes ſichtbar und von einem halbmondförmigen Landſee beſpült war, der ſich hinter dem Dorfe herzog und erſt an der Süd⸗ ſppitze deſſelben endete. Steigen wir langſam den Fuß⸗ pfad zu den Bergen hinauf, denſelben Pfad, der vor ſechs Monaten den jungen Geiſtlichen mit dem Waiſen⸗ — 136— knaben uns entführt hatte. Der langhin ſich ſtreckende Berg, an ſeinem Fuße nur eine dürre Sandfläche dar⸗ bietend, die den Wandrer nur mit Mühe emporſteigen läßt, bedeckt ſich in der Mitte mit rothblühendem, duften⸗ dem Haidekraut, etwas höher wachſen ſchon manneshohe Brombeeren⸗ und Haſelnußbüſche auf, dann kommen auf ſaftigerem Boden anmuthige, weißſtämmige Birken, die ſich endlich mit Buchen und E Eichen vermiſchen, von denen der Gipfel in weithin gedehnter Ferne wie mit einem dunkelgrünen ungeheueren Dache gekrönt iſt. Hier, auf dem Fußpfade, der ſich allmählig in einen breiten und bequemen Weg verwandelt, erblicken wir die gegenüber ligende, trauliche Landſchaft, die, wie mit dem Segen Gottes überſchüttet, in friedlicher Stille und demuths⸗ voller Unſchuld daliegt. Zu unſerer Linken erhebt ſich das ſchon erwähnte alte Schloß mit ſeinen zwei aſch⸗ grauen Thürmen, ſeinen mattblinkenden Scheiben, ſeinem ehemals vergoldeten, jetzt roſtigen Eiſengitter, und dahinter ſeinem ſteifen, altmodiſchen Parke. Unbewohnt und einſam liegt es, in ſeinen uralten ariſtokratiſchen Dämmermantel ſich hüllend, da, denn ſeine Beſitzer ſchwärmen das ganze Jahr hindurch, ihr reiches Erbe an Fremde verſchleudernd, in fernen Ländern umher; nur alle drei oder vier Jahre kommen ſie mit ei heit, ein treuer Hausdämon, die verfallene Größe hütet. kangen Schwarme vornehmer Gäſte und erſchrecken den alten Diener, der in ihrer Abweſen⸗— — — 437— Zunächſt vom Herrenhauſe liegt der erſte Meierhof des Dorfes, ein freundliches, im Viereck aus rothen Backſtei⸗ nen neugebautes Grundſtück; daran ſchließen ſich die Häuſer des Dorfes, die älteſten mit Stroh, die neueren mit Ziegeln ſchon gedeckt, in der Mitte die niedliche Kirche auf einem runden, geebneten, mit ſchönen, uralten Bäu⸗ men bepflanzten Platze, daneben der Kirchhof; gegenüber, jenſeits der Kirche, vom Berge aus geſehen, das geräu⸗ mige, graue Pfarrhaus, durch ſeinen wohlgepflegten Gar⸗ ten mit dem Schulhauſe nachbarlich verbunden. Sodann wieder Häuſer, wie oben durch eine breite Straße geſchie⸗ den, mit dahinter liegenden Scheunen und Ställen, alle reichlich gefüllt mit wohlgenährten Hausthieren und Früch⸗ ten des Feldes; am Ende der Südſeite des Dorfes, ſchon im Bereich des ſich anſchließenden Sees und mit ſeinen Waſſern arbeitend, eine ewig klappernde Mühle, in dichtes Buſchwerk verſteckt, und endlich noch weiter ſüdlicher ein großer, umfangreicher Zimmerplatz mit allerliebſtem Wohn⸗ hauſe und Garten, aus deſſen emſiger Mitte die wohlbe⸗ kannten kritzelnden Töne des von der Säge zerriſſenen Holzes herübertönen. Jenſeits des halbmondförmig ge⸗ bogenen Sees aber, deſſen blaues, ſtilles Gewäſſer im Abendwinde anmuthig ſich beugende Schilfgürtel umfaſ⸗ ſen, von dem ſo eben ein kleiner Nachen ſich ſchaukelnd entfernt, den Fiſcher an ſeine allabendliche Arbeit zu tra⸗ gen, erhebt ſich das Land wieder zu bedeutenderen, aus⸗ geſchweiften Hügeln, den ſogenannten Rabenbergen, deren breiter Kamm mit majeſtätiſchen Tannen beſetzt iſt. So alſo kennen wir das Dorf Bilſingen, und nachdem wir uns einige Augenblicke an dem lieblichen, friedlichen An⸗ licke gelabt haben, ſteigen wir den Hügel hinab, begegnen einigen langſam zurückkehrenden, glockenklingenden Schaf⸗ heerden, zum Zeichen, daß wir gern geſehen ſind, und treten eiligeren Trittes in das reinlich gehaltene Dorf ein, um uns noch bei hellem Tageslichte die Kirche und das Pfarrhaus, das wir erſtreben, in der Nähe zu betrachten. Die Kirche ſelbſt mit dem ſpitzen Thurm zeichnet ſich durch architectoniſche Schönheiten vor anderen nicht vor⸗ theilhaft aus, ſie iſt aber eine Dorfkirche, wie es ihrer ſo viele gibt. Nur über dem mit rohem Schnitzwerke aus vermoderndem Sandſtein geſchmückten Eingange, unter der alten Uhr mit Einem Zeiger, bemerken wir das gräfliche Wappen der Familie Bilſingen, das als Siegel ihrer früheren Macht und Oberherlichkeit auf allen bedeutenderen Gebäuden des Ortes angebracht iſt, ſo auch auf dem Pfarr⸗ und Schulhauſe, der Müllerei nnd der Schulzenwohnung. Hinter einem grün angeſtrichenen hölzernen Gitter aber liegt das wohnliche Pfarrhaus, das uns näher angeht, ein altes Gebäude zwar, aber wohlerhalten, mit hellen, geräumigen Zimmern, gutem Holzwerk, und vom jetzigen Bewohner freundlich getüncht. So auch ſind die Zimmer einfach, aber anſtändig, bequem mit dem heutzutage noth⸗ —. — 139— wendig gewordenen Angenehm⸗Nützlichen verſehen, und überall, auf Fluren, Treppen und Böden bewundert man das reinliche Walten einer verſtändigen und ſorgſamen Hausfrau. Es iſt ſo ſtill in dieſen luftig⸗ſchattigen Räumen, ſo traulich, ſo wohnlich oben und unten, innen und außen unter den hundertjährigen Linden, daß man vor innerer Behaglichkeit froh aufathmet, wenn man ſeiner friedlichen Schwelle ſich nähert. Jede Hand, die in die⸗ ſem Hauſe vorhanden, iſt thätig an ihrem Flecke, die Mägde in der Küche und im Garten, die freundliche Pfarrerin am Nähtiſch, um ſie herum die ſpielenden Kin⸗ der, ein, zwei, drei und vier Jahr alte, geſunde, ruhig gewöhnte Mädchen. Und der Pfarrherr ſelber ſitzt in ſeinem grauen Hausrocke behaglich an ſeinem Schreibtiſche, der, mit Schriften und Büchern beladen, mitten in der Stube gegen die beiden Fenſter gewendet ſteht; um ihn herum hohe, offene Büchergeſtelle mit hunderten nützlicher, angenehmer Bücher, ein kleines, mit ſchwarzen geſponnenen Pferdehaaren überzogenes Sopha, ein runder Tiſch davor, worauf eine Weltkugel auf ihrem Geſtelle ruht— und das Alles iſt ſo heimiſch, ſo anziehend, ſo gemüthlich, daß wir unſere Augen nicht genug daran laben können. Jetzt ſteht der noch junge Geiſtliche von ſeinem Arbeitstiſche auf und ſchreitet nachdenklich, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, auf und nieder. Wie ruhig iſt ſeine Miene, wie mild ſein Auge, wie leicht jede Linie in ſeinem männ⸗ lich ſchönen Geſichte zu entziffern. Waldemar Ramkau, betrachte dieſes Geſicht, dieſen jungen Mann. Er iſt, wie Du, ein Gelehrter, ein fleißiger, ſtrebſamer Menſch, aber all ſein Streben iſt nicht, wie das Deinige, nach Glück, Ehre und äußerem Glanze gerichtet, nein! Sein Blut jagt nicht ſtürmiſch, wie das Deinige, nach Aus⸗ zeichnung, Macht und Geltung, es fließt ruhig wie die ſchweigſame und doch an's Ziel gelangende Welle, nur nach Zufriedenheit, innerer Lebenswärme und Beglückung Anderer harmlos trachtend. Auch er war ein fleißiger Schüler, dieſer junge Pfarrer, aber in ſeines. vortrefflichen Vaters Familie, auch eine Pfarrersfamilie, aufgewachſen, von einer ſanften Mutter auf das rauhere Leben vorbe⸗ reitet; auch er vollendete ſeine Studien mit Auszeichnung, aber ohne Gepränge ſeiner beſcheidenen Lehrer. Als vierundzwanzigjähriger Jüngling bezog er als Erzieher der jungen Grafen Bilſingen deren vornehmes Haus, reiſ'te mit ihnen in Frankreich, Italien und England um⸗ her, erhielt mit dem achtundzwanzigſten Jahre die hieſige Pfarre, und heirathete ein freundliches, ſeinem Gemüthe entſprechendes Mädchen, die einzige Tochter eines benach⸗ barten Geiſtlichen, der jetzt nicht mehr am Leben war. Wie froh und heiter, ſich ſelbſt und Andere verſtehend, lebten dieſe beiden Menſchen! Wie beneidenswerth war ihr Loos, wie ſelten ihre Eintracht, wie reich an Erfolgen ihr gegenſeitiges Schaffen und Wirken! Betrachten wir ———y—— — — P 4 — 7 —— 141— noch nach zwei verſchiedenen Richtungen das Weſen dieſes ausgezeichneten und doch ſo wenig gekannten und nach Auszeichnung ſtrebenden Mannes, ſeine Handlungen wer⸗ den uns im Laufe der Erzählung durch ſich ſelber noch klarer vor Augen treten. An gründlicher, ſogenannter klaſſiſcher und philo⸗ logiſcher Bildung übertraf Heinrich Wollzagen viele ſeiner Amtsbrüder bei Weitem. Nach Beendigung ſeiner täg⸗ lichen Berufsgeſchäfte fand er keine größere Erquickung, Herzſtärkung und Erhebung, als im Kreiſe ſeiner Familie der Erziehung ſeiner Kinder zu leben und nebenbei im einſamen Studirzimmer die Werke der größten Philo⸗ ſophen, Dichter und Geſchichtsſchreiber aller Zeiten und Länder ſich zu eigen zu machen. Dieſer aus ſeinen jüngeren Jahren in ſein jetziges Leben hinüber verpflanz⸗ ten Gewohnheit verdankte er es, daß er im täglichen Um⸗ gange mit geiſtig weniger Begabten in ſeinem Inneren nicht verſandete und verödete. Er wuchs noch alle Tage an Erkenntniß, Erfahrung und Weisheit, er ſtärkte ſein Herz, bereicherte ſeinen Geiſt alltäglich an jenem ur⸗ ſprünglichen Quell des Schönen und Erhabenen, der die ſonſt ſo traurige und trockene Welt mit ewig junger, ſchöpferiſcher Kraft in einen ſaftig treibenden Frucht⸗ und Blumengarten verwandelt. Dies iſt eine dieſer Richtungen. 38 Die andere betraf mehr ſeinen Beruf als Geiſtlicher, = 142— Seelſorger und Kanzelredner. Seine Religion— von dieſer wollen und müſſen wir hier ſprechen— war nicht die kalte, herzloſe und heuchleriſche Maske, wie ſie leider heutzutage ſo oft und ſo widerwärtig unſer Auge und unſer Herz verletzt. Seine Religion war nicht die trockene, oder die Geiſtes⸗ und Seelenarmuth verhüllende, gleißneriſche Gottſeligkeit vor den Augen zuſchauender Menſchen; er ſchöpfte ſie nicht aus abgefaulten wurm⸗ ſtichigen Ueberlieferungen, aus mit Buchſtaben geſchriebe⸗ nen, gewiſſermaßen geſetzlich gewordenen Vorſchriften eines geiſtloſen Herkommens; er ſchöpfte ſie aus einem tieferen, reineren Quell, aus dem Innerſten ſeines Gott ver⸗ trauenden Herzens, ſeiner klaren, milden Seele, aus ſeiner Gottesfurcht und Menſchenliebe. Er lehrte nicht, was die Menſchen in ihrer Citelkeit erniedrigt, ſondern was ſie in ihrer Schwäche erhebt. Er ſprach aus ſeinem Herzen zu ihren Herzen. Er knüpfte es an ihr tägliches Wirken an, und führte ſie auf einem leicht gangbaren und offenen Wege gerade dem hohen Weſen entgegen, welches, wer Augen hat zu ſehen und Ohren zu hören, aus allem Erſchaffenen die verſtändlichſte, lauteſte und zartlichſte Sprache redet. Als Kanzelredner trat er nicht mit Heulen und Zähneklappen, wie ein vor der Allmacht des Gewaltigen ſich krümmender Wurm, wie ein nach Beifall haſchender Schauſpieler mit ſchlagenden Geberden und brüllender Stimme vor ſeinen Zuhörern auf, beſchwor — 143— nicht den Teufel und das Fegefeuer herbei, das nur in der leidenſchaftlichen Bruſt des Menſchen brennt, ſchon auf Erden die Sünden geißelnd, nein! er enthüllte dem Suchenden und Forſchenden das reine Gold ſeiner innern Menſchenwürde, er veredelte den thieriſch drängenden Stoff der Sterblichen, regelte ihren unbeſtimmten Drang nach dem erreichbaren Guten und Schönen, verbeſſerte ihren Wandel, reinigte ihren ungeſunden Geiſt von allem Krank⸗ haften und Eingebildeten, und, was Wunder! daß er mit wenigen, rein menſchlichen Mitteln das Höchſte, Beſte erreichte, die Vergeiſtigung ihrer irdiſchen Sinne und Triebe. So war Heinrich Wollzagen ein wahrhaft gott⸗ geſandter Friedensbote unter den Irrenden, ein redlicher Mitarbeiter an jener Arbeit, die uns auf Erden ſchon zum himmliſchen Leben vorbereiten ſoll. Heinrich Wollzagen hätte wohl mit dieſer hohen Be⸗ gabung, dieſem reinen Streben, Wiſſen und Können für eine beſſere Stellung im Leben gepaßt, aber er hatte kei⸗ nen höhern Ehrgeiz als in ſeinem jetzigen ſegensreichen Wirkungskreiſe fort zu ſäen und zu ernten. Er war voll⸗ kommen glücklich und zufrieden; ſeine Mittel, nicht be⸗ ſchränkt, nicht reichlich, genügten ſeinen Bedürfniſſen, er entbehrte nichts. Geprüfte Freunde, redliche Männer, die wir auch noch kennen lernen werden, lebten und wirkten an ſeiner Seite; was wollte er mehr? Man ſieht ſchon aus der Schilderung dieſes einen — 14— Mannes, deſſen Charakter und Weſen wir, wir bekennen es gern, mit Vorliebe entziffert haben, daß Eduard in keine beſſeren Hände hätte gerathen können. Alle menſch⸗ liche Vorſicht und Prüfung von Seiten ſeines gewiſſen⸗ loſen Vormundes hätte keine vollkommenere Erziehungs⸗ anſtalt finden und thun können, was hier der Zufall oder die allwaltende Vorſehung auf ſo verwickeltem Wege ge⸗ than hatte. Alles was Wollzagen an ihm und Anderen that, that er mit Liebe, Wohlwollen, Hingebung, ja, wenn es nöthig war, mit Aufopferung ſeiner eigenen per⸗ ſönlichen Wünſche. Das Zufallsrad iſt oft die wahrere Glücksgöttin des Menſchen, als der berechnendſte, pro⸗ benverlangende und befolgende Verſtand des erhabenſten Weiſen!— Und der Knabe? O! der war längſt, ſeitdem wir ihn nicht geſehen, mit der Jamilie des Pfarrers auf das Innigſte verwachſen. Kaum ſahen ihn Andere und er ſich ſelber als ein Fremdes, Hinzugekommenes an. Schnell hatte er alle Sitten und Gewohnheiten des Hauſes erfaßt und ſich in das Unbekannteſte gefunden. War doch auch Alles um ihn her ſo freundlich, entgegenkommend, ermun⸗ jernd! Noch niemals hatte er ſich, wenigſtens ſo weit ſeine zunge Erinnerung reichte, ſo warm gebettet, ſo mütterlich verpflegt befunden, Freude, herzliche Theilnahme war für ihn auf allen Geſichtern, in allen Herzen. Er hatte noch keinen trüben Augenblick in dem reinen Sonnenſchein des — 145— 3 neuen Lebenstages gehabt. Zwar war ihm Suſannens 1 Abſchied, nachdem ſie ihre paar Habſeligkeiten verkauft, um in eine andere Provinz zu ihren Verwandten zu gehen, ſchwer auf's Herz gefallen, allein ſie hatte ja verſprochen wieder zu kommen und in des Pfarrers Hauſe, auf ſeiner Gattin Wunſch, als Aufſeherin in Küche, Keller und. Stall zu wirken und mit Ausgang des Jahres wurde ſie wieder in Bilſingen erwartet. Und damit hatte er ſich bald getröſtet. Lange, reiflich und wiederholt hatte der Pfarrer ſelbſt über das vergangene und zukünftige Schickſal des Knaben nachgedacht, und gerade heute haben wir ihn in dieſer Beſchäftigung unterbrochen. Wie lange er aber auch ge⸗ ſchwankt, gezweifelt und gefürchtet hatte— jetzt ſtand ſein Entſchluß feſt: den Knaben bei ſich zu behalten, bis ſeine Eltern oder ſein Vormund durch Zufall oder einen Act der göttlichen Fürſorge entdeckt wären. Und auf die⸗ ſen Act vertraute der Seelſorger mit einer gläubigen Zu⸗ verſicht, denn er glaubte an jene Fürſorge unumſtößlich. Er wußte, fühlte und lehrte, daß ſie walte und helfe, wo kein Menſch mehr helfen könne und daß die Vorſehung, wie die in der Stille und dem Dunkel der Nacht am ge⸗ ſchäftigſten arbeitende Natur, in unerreichbarer Vollendung und ungeahnter Fülle die unzugangbarſten Räthſel ent⸗ ſchleiert. Und darum fühlte er ſich berufen, den Knaben mit allen ſeinen Kräften zu bilden und zu hegen und ihn Der Inſelkönig. I. 10 3 — 146— zu einem Manne zu erziehen, den jede Familie, und ſei ſie auch noch ſo vornehn und begabt, mit Freude und Stolz in ihren Schooß einſt wieder aufnehmen könnte. Wohl hatte er bei ſeinen bisweiligen Beſuchen der benachbarten Sommerreſidenz unter der Hand nach einem etwa verloren gegangenen Knaben geforſcht, aber in dieſer fünf Meilen von der Hauptſtadt entfernten Stadt, wußte ja kein Menſch von den uns beſchäftigenden Scenen, was indeſſen der Pfarrer nicht ahnen konnte, denn aus Su⸗ ſannens Erzählung ſchien hervorzugehen, daß Buſchmann den Knaben in unmittelbarſter Nähe empfangen habe. Nach der Hauptſtadt ſelbſt kam der häusliche Pfarrer alle drei, vier Jahre ein Mal, und hätte er auch ſelbſt dieſe für die eigentliche Heimath des Knaben gehalten, welcher ungeheure Zufall wäre nöthig geweſen, ihn in dieſer von Menſchen ſo gedrängt vollen Stadt auf die richtige Spur zu leiten. Den Gerichten von einem aufgefundenen eltern⸗ loſen Knaben Anzeige zu machen, war freilich einer ſeiner erſten Gedanken geweſen, denn er war, wie er ein Mann der chriſtlichen Liebe war, ſo auch ein Mann irdi ſcher Ge⸗ rechtigkeit. Aber! ein Mal war ja der Knabe ſelbſt von dem eigenen Vormunde einem fremden Taugenichts anver⸗ traut worden, und daß gerade Buſchmann gewählt war, mußte oder konnte die triftigſten Gründe haben. Sodann, warum wollte er gewaltſam in das Schickſal des Knaben eingreifen, ihn, der jetzt geborgen und für die nächſte Zukunſt — 147— gut aufgehoben war, in vielleicht düſtere, traurige Ver⸗ hältniſſe zurückſtoßen, denen er eben erſt glücklich ent⸗ ronnen war? Mag er erſt älter werden, dachte er, je männlicher um ſo beſſer, und dann ſeine Verwandten oder ſeinen Vormund ſelber aufſuchen; erſt aber will ich ihm eine feſte Grundlage geben für dieſes wankende Leben; wenn er auf eigenen Füßen ſteht, mag er, ſo er kühn und männlich iſt, hervortreten und ſagen: „Hier bin ich! Seht, Ihr habt mich verſtoßen, da ich ſchwach und unmündig war, jetzt bin ich ein Mann geworden, der ſeine eigenen Rechte vertritt und Euch hof⸗ fentlich zur Ehre gereicht, die Ihr ihn der Schande über⸗ liefert habt. Wo iſt mein Eigenthum? Wer ſind meine Eltern, daß ich ſie ſegne und ihnen danke für das Ver⸗ gangene, da mir das Zukünftige mit ihnen verſagt iſt!“ So dachte der Pfarrer. Und unbewußt miſchte ſich gewiß in dieſe Gedanken die Furcht, die er alle Tage mehr zu hegen begann, der Knabe könnte ihm, wie er ihm plötzlich zugefallen ſei, auch plötzlich wieder entriſſen werden, und das wurde täglich, je mehr das Kind wuchs, ein für ihn beinahe unerträglicher Gedanke. Denn ſchon liebte er ihn mit beinahe väterlicher Liebe; er ſah ihn ge⸗ deihen, ſich entwickeln, ſich bilden, und das war ja, we⸗ nigſtens zum Theil, ſein Werk, und das ſollte unterbro⸗ chen, geſtört werden, ehe es vollendet? Nein, das konnte, dirſt nicht ſein. 10⸗ — 148— Und der Knabe, zeigte er ſich ſo vieler Liebe wür⸗ dig? war etwas in ihm, was mit dieſer Hingebung und Pflege in Einklang trat? O! die gute Mutter Natur hatte einen Saamen in dieſe ſchöne Hülle gelegt, der durch ſeine frühen kräftigen Keime zu der Hoffnung berechtigte, ſie würden einſt nicht nur zu duftigen Blüthen, ſondern auch zu ſaftigen Früchten emporwachſen. Empfängliche⸗ ren Sinn hatte ſein Lehrer, der Kantor, zu dem wir uns ſogleich wenden werden, in ſeinem der Kindererziehung gewidmeten Leben noch nie wahrgenommen. Alle Faſ⸗ ſungsorgane des Knaben waren weit geöffnet und die noch höhere und ſeltnere Begabung vorhanden, das einmal Gehörte, Erlernte im treuen Gedächtniß zu bewahren, zu verarbeiten und gehörigen Ortes anzuwenden. Eine Rich⸗ tung aber war es vorzüglich, die den Pfarrer ſowohl wie den Lehrer, mit, wir möchten beinahe ſagen verwunderndem Staunen erfüllte, und wozu wir den Schlüſſel haben, wenn wir wiſſen, daß Eduards Vater ein wiſſenſchaftlich gebildeter Arzt nicht allein, ſondern ein im Stillen be⸗ obachtender, mit ganzem Herzen der Gotteswelt ergebener Naturforſcher war, für den Alles, was Luft, Land und Meer erzeugt, nicht bloß ein Wunder, vielmehr ein Ge⸗ genſtand der Forſchung, des Erkennens, des Wiſſens ge⸗ weſen war. Dieſe Neigung, dieſes Verſtändniß hatte der Sohn vom Vater geerbt. Schon für den Knaben hatte die Flur, der Wald, der rieſelnde Bach, die duftende 14b4uu Blume, eine höhere Bedeutung; in yne lag iheke nur ſympathetiſch ahnende, ſeinem Inſtinkte ur Neſſ folgende Gemüth eine Sprache, ein Wohlklang, ein Reiz, den er mit allen Sinnen verfolgte, und ſich zu entziffern ſtrebte. Daher ſein Lieblingsaufenthalt in der freien Natur! das Lebendige darin auch in dem ſcheinbar Todten zu finden, war ſein Streben, ſeine Begabung; daher gab es für ihn kein Geſtorbenes, Abgefallenes, Verweſ'tes; Keime, Triebe einer höhern Weltanſicht ſproßten ihm aus Allem hervor, an dem der minder befähigte Menſch ſtumm und ahnungs⸗ los vorüber zu wandeln pflegt. Dooch es kann unſere Abſicht hier nicht ſein, den Bildungsgang Eduards ſchrittweiſe in allen Einzel⸗ heiten zu verfolgen, nur die hauptſächlichſten Umſtände und Verhältniſſe, die für ſeine Zukunft von höherer Be⸗ deutung ſein ſollteu, können wir hier dem Theilnehmen⸗ den vorführen. An dem von uns, Eingangs dieſes Kapitels er⸗ wähnten Sommerabend alſo fanden wir den jungen Pfarr⸗ herrn in ſeinem Arbeitszimmer. Er hatte nachgedacht und war jetzt zu einem Reſultat dieſes Nachdenkens ge⸗ kommen. Er legte jenes beſchmutzte, zerknitterte Blatt Papier, welches er der erſtarrenden Hand Buſchmanns entrungen, nachdem er es ſorglich geprüft und ſich die Schriftzüge für alle Fälle eingeprägt hatte, in ein verſchloſ⸗ ſenes Fach ſeines Schreibtiſches. Als er hiermit geendet, — 150— ſah er die Thür aufgehen und Eduard, mit ſeinen Schul⸗ büchern unter dem Arm, gefolgt von ſeinem ſteten Beglei⸗ ter, dem ſchwarzen Hector, freundlich nickend hereintreten. „Guten Abend, Väterchen,“ ſagte der Knabe. „Guten Abend, mein Kind! Nun, ſind die Arbeits⸗ ſtunden vorüber? Was haſt Du heute gelernt?“ „Die Elemente jedes ſpätern Wiſſens, ſagt der Herr Kantor,“ entgegnete Eduard,„Schreiben, Leſen und Rech⸗ nen. Ach, ich wollte, ich wüßte ſchon Alles!“ Mit Geduld und Fleiß kommt es von ſelbſt. Iſt der Kantor zu Hauſe, oder iſt er in's Feld gegangen?“ „Er iſt im Garten und begießt die Blumen!“— Damit ſprang er, den Hund rufend, zur Thür hinaus und verlor ſich hüpfend in's Freie. Der Pfarrer aber ſteckte behaglich ſeine Pfeife an, um ſich zu ſeinem Nach⸗ bar, dem Kantor, zu begeben. — Zweites Kapitel. Der Kantor. Durch die Gärten mit einander verbunden, die nur eine kleine lebendige Hecke mit ſtets offenem Eingang trennte, waren Pfarr⸗ und Schulhaus gemüthliche Nachbarn, wie ihre Bewohner. Letzteres war ebenfalls ein altergraues, mit dichtem Epheu umranktes Gebäude, deſſen Thür un⸗ mittelbar in den Garten führte. Sein Bewohner, dem wir dieſes Kapitel widmen, war der älteſte und trauteſte Freund des Pfarrherrn ſelber. Sie waren aus Einem Orte und ſchon als Knaben Gefährten geweſen, nur war Herrmann Michel der mehrere Jahre Aeltere von Beiden. Sein Vater, ebenfalls ein Schulmeiſter, hatte nicht die Mittel gehabt, dem Sohne die gewünſchte Laufbahn eines ganz Studirten zu geſtatten. Als daher Heinrich Woll⸗ zagen die höhere Schule beſuchte, wanderte der junge — 152— Michel in das vortreffliche Seminar der Reſidenz, um ſich ſo wenigſtens die nächſtfolgende Stufe der Gelehr⸗ ſamkeit zu erringen. Was ihm die Göttin des Glücks verſagt hatte, erſetzte er durch eine ſtrebſame Natur und durch einen nie ablaſſenden Fleiß. Mit den beſten Zeug⸗ niſſen verſehen, erhielt er eine ärmliche Stelle in einem der elendeſten Dörfer der Umgegend. Hier heirathete er die Tochter ſeines Vorgängers und erhielt von ihr einen einzigen Sohn, Karl, bei deſſen Geburt die Mutter ſtarb. Mit allen Beſchwerlichkeiten und aller Armuth ſeines ſo wichtigen und doch ſo kärglich belohnten Berufes hatte der raſtlos thätige Mann zu kämpfen. Aber ſein fröhliches Gemüth, ſein leichtes Temperament rang ſich durch und ſeine natürliche Begabung erhielt ihn auf höherer Stufe, als worauf ſein untergeordneter Wirkungskreis ihn geſtellt hatte. Als nun vor vier Jahren Heinrich Wollzagen in Bilſingen die Pfarrei übernahm und zugleich eine Bacanz der dortigen einträglichern Schulmeiſterſtelle eintrat, er⸗ hielt dieſe der Jugendfreund durch ſeine Verwendung. Von nun an lebten und wirkten beide in Einer Richtung, aber mit doppelten Kräften. Beide thätig, beide ſtrebſam, beide zufrieden und glücklich. Gab es 4 ein lihöneres Verhältniß? 4 Wenn man den Charakter, den moraliſchen Werih— eines Menſchen erkennen und beſtimmen will, ſo befrage man ſeine Lieblingsneigungen und ſeine von den Berufs⸗ — 153 geſchäften abgeſonderten Nebenbeſchäftigungen. Unter hun⸗ dert Fällen kommt man neunundneunzig Mal auf die richtige Spur. Auch der Kantor Michel bot einer ſolchen Be⸗ trachtung eine freundliche Seite dar. Nach der Erziehung ſeines Sohnes, der mit Eduard in faſt gleichem Alter war und den er wie dieſen mit ſeinen beſten Kräften un⸗ terrichtete, nach ſeinen Schulpflichten legenii nicht ganz vernachläſſigte und ziemlich lernbegierige Dorfjugend, nach ſeinen Kirchengeſchäften, denn er war Kantor und Lehrer zugleich und mußte die kleine Orgel in der Kirche ſpielen, ſtanden oben an vor allem Uebrigen zwei Lieb⸗ lingsbeſchäftigungen, die man unter den Lehrern des fla⸗ chen Landes häufig findet, die aber bei unſerm Freunde eine Ausdehnung und eine Höhe erreichten, wie ſie wohl äußerſt ſelten bei einem Manne ſeines Standes vorkom⸗ men dürfte. Wir nennen die Pflege der Pflanzen und die Ausübung der Muſik. Botanik und Muſik, das war das eigentliche Steckenpferd des Kantors Michel und in beiden war er mehr als Dilettant, er ſtreifte an den Ge⸗ lehrten und den Künſtler, Vor Allen war es in erſterer Richtung die Blumen⸗ und Obſtzucht, die unter den kunſt⸗ fertigen Händen des ſtillen Mannes gedieh. In der gan⸗ zen Umgegend war kein Garten, weder eines reichen noch vornehmen Mannes, der ſchönere Früchte und prachtvollere Blumen aufzuweiſen gehabt hätte, als der des Pfarr⸗ und Schulhauſes zu Bilſingen, denn der Pfarrer hatte wohlweislich, den Eifer des Jugendfreundes verehrend, ſeinen eigenen Garten der Sorge des Nachbars über⸗ laſſen, und beide hatten Vortheil davon; der Eine ein größeres⸗Feld ſeines Fleißes und der Andere duftendere Blumen und ſaftigere Früchte, als ſelbſt der gräfliche Gärtner im nahegelegenen Schloſſe. Beſonders aber wa⸗ ren de ehbehande Blumen die Lieblinge des kennt⸗ nißreichen Kantors. „Denn,“ ſagte er oft und wisderholt zu ſeinem Sohne, „die prangende Farbe der Blume iſt nur ihr äußeres, ſogar nur künſtliches Kleid, welches das Auge beſticht und uns etwas glauben laſſen will, was nicht vorhanden iſt. Der wonnige, ſüße, balſamiſche Duft aber, das iſt der innewohnende Geiſt, die göttliche Seele der Blume, dieſes ſchönſten Kindes des Mutterſchooßes der Erde. Freilich, wie es geiſtesarme, ſeelenmatte Menſchen giebt, die ſich in Sammet und Seide kleiden und mit Gold und Edelſteinen ſchmücken, um nur etwas zu ſcheinen, ſo giebt es auch Blumen, die weiter nichts als den pracht⸗ vollen Mantel des Scheines um ſich breiten, in meinen Augen freilich noch mehr werth, als der Menſch, der, von ſeiner Bekleidung befreit, eine traurige Blöße zeigt.“ So war denn der Garten zwiſchen beiden Häuſern ein wahres kleines Paradies. Stets geſäubert, und be⸗ goſſen, und wo nothwendig, beſchattet oder ſonnig be⸗ ſchienen, war Alles auf das Zweckmäßigſte eingerichtet und wie holdwangige Kinder nickten ſich die Blumen über — 155— die zierlichen Beete und Wege zu, wenn, wie heute, ein milder Abendwind ihre Stengel bewegte und einen ge⸗ würzigen, wohlthuenden Duft weit über das Gebiet der Pfarrei hinaus verbreitete. Doch wir müſſen auch einige Worte über die Muſik des Dorfſchulmeiſters ſagen. Dieſe war in dem Seminar, worin er erzogen, von einem bekannten Meiſter gründ⸗ lich gelehrt worden. Derſelbe hatte bald die Fähigkeit des jungen Michel erkannt und mit eeifrigem Bemühen ihn beſonders gefördert. So war er im Generalbaß voll⸗ kommen bewandert, j as die noch höhere Muſik, den Contra⸗ punkt, die Fugenlehre hatte er ſogar ſtudirt und einige vortreffliche Lieder in Muſik geſetzt. In techniſcher Hin⸗ ſicht aber war er ſogar ſeinem Meiſter über den Kopf gewachſen, denn er war ein eben ſo gewandter Violin⸗ wie geiſtvoller Klavier⸗ und Orgelſpieler. Und hierin hatte ihn das Glück, oder vielmehr ſein Fleiß unüber⸗ ſchwenglich, ſeiner eigenen Meinung nach, bereichert. Ein reicher, wohlwollender Privatmann in der kleinen Reſidenz, ſchon manches Talent unterſtützend, hatte dem Seminar einen koſtbaren Flügel geſchenkt, mit der Beſtimmung, daß der fleißigſte Schüler bei ſeinem Eintritt in s Leben denſelben zum Lohn erhalten ſolle. Michel war der Flei⸗ ßigſte, alſo auch der Glü errungen. So ſtand nun auch mitten in dem geweſen, der ihn ſich ſelbſt — 156— Zimmer des armen Mannes, doppelt ſo viel werth, als alles Uebrige im ganzen Hauſe zuſammen, gehegt und ge⸗ pflegt wie ſelten ein ähnliches muſikaliſches Inſtrument, denn, um es offen zu ſagen, der Kantor hatte beinahe eine abgöttiſche Verehrung für ſeinen Flügel. Er ſäuberte ihn ſelbſt, er verſchloß ihn ſtets und trug den Schlüſſel in der Weſtentaſche bei ſich, ja er ſprach mit ihm, ſagte ihm Lebewohl, wenn er ging und begrüßte ihn, wenn er wiederkehrte. Und wir müſſen dem guten Manne, der ſo wenig ſonſt im Leben beſaß, dieſen etwas hohen Grad künſtleriſcher Verehrung ſchon verzeihen, denn er hatte ſeine eigenen Gedanken über die wu derbar lieblichen Töne wie über den Duft der Blunen. „Die Töne,“ ſagte er,„die ich aus den Saiten locke, ſind die Gefühle, die ich wohl tief im Herzen em⸗ pfinde, aber nicht ausſprechen kann. Wollt Ihr hören was Engel ſprechen, ſo hört eine Symphonie von Haydn, Beethoven oder Mozart. Der Menſch kann zwar viel ſeinem Nebenmenſchen, ja ſeinem Gotte ſagen, aber Alles kann er doch nicht ſeinem Innern entringen. Was ich im Gebete nicht ausſprechen kann, und ich bete ja täglich zu Gott, daß er Euch ſegne— das ſingen ihm meine Töne, und ich will es beſchwören, er hört es ſo gut und erfüllt es, als wenn es mei ippen voll er Begeiſterung hinaufſtammelten.“ 3 Und oft am ſtillen wenn Alles chlief und —— —— — 157— nur der Pfarrer noch bei ſeinen Büchern ſaß, hörte er die Accorde durch die milde Nacht tönen. Wenn dann ſein ſchönes elaſtiſches Spiel am Ende in einen weichen Cho⸗ ral fiel, dann wußte er, daß kein Menſch auf Erden ſo inbrünſtig ſein Abendgebet zu Gott emporſprach, wie der arme Kantor von Bilſingen. Nachdem der Pfarrer alſo ſeine Pfeife in Brand ge⸗ ſteckt, ging er, als Spur ſeines Weges eine lange duftende Rauchwolke hinter ſich laſſend, dem Garten zu, wo er gewiß war, ſeinen Freund zu treffen. Und ſo war es auch. Er begoß ſeine Roſen aus einer großen blechernen Gießkanne und trug ſich ſelbſt das Waſſer aus dem ziem⸗ lich entfernt ſtehenden Brunnen her. Eben hatte er ſich gebückt, um nach einem zerknickten Stengel zu ſehen, ob noch Hoffnung wäre ihn zu retten oder ob das Meſſer hier ſein erbarmungsloſes Werk verrichten müſſe. Da ſah er den Pfarrer kommen und richtete ſich auf. Es war eine bei allem früheren Mangel ziemlich wohlgenährte Ge⸗ ſtalt, die des Kantors. Er hatte ein leichtes Sommer⸗ röckchen an und das ſonſt unerläßliche weiße Halstuch wegen der Hitze abgenommen. Sein Geſicht bot etwas unge mein Gutmüthiges, Einfaches, doch Sinniges und Nachdenkendes dem Beſchauer dar, wie wir es ſo⸗ häufig bei Menſchen finden, die ſich beſtändig mit Blumen oder Muſik beſchäftigen. Seine grauen, redlichen Augen blick⸗ ten unter der feſten Stirn, über die jetzt der Schweiß der — 158— Arbeit floß, freundlich und treuherzig dem Kommenden entgegen, und er erwiderte den gebotenen Abendgruß mit einem treuherzigen: „Guten Abend, Heinrich, biſt Du ſchon fertig?“ „Ich bin's,“ erwiderte der Pfarrer,„haſt Du noch viele Blumen zu begießen?“ „Nur noch eine Kanne voll, dann bin ich fertig. Gehen wir auf das Feld oder ſetzen wir uns in den Kahn auf dem See?“ „Ich denke, wir gehen; Du biſt warm und auf dem See iſt es Abends immer friſch,“ verſtble vorſorglich der Pfarrer. „Nun, gut— einen Augenblick Und er lief nach dem Brunnen, um Waſſer zu ſchöpfen. Als er zurückkam, erſchienen mit ihm die Knaben, Eduard und Karl, letzte⸗ rer ſeinem Vater ſehr ähnlich, eben ſo beſcheiden, ſo ſtill, ſo anſpruchslos, mit eben ſo ſchwarzen Haaren und grauen Augen, und mit Eduard von gleicher Größe. „Hole mir meinen ſchwarzen alten Rock, Karl, und die Mütze,“ ſagte er zu dem Sohne. Der Knabe ſprang davon.— „Darf ich Ihnen nichs halen, Herr Kantor?“ ¹fragte Eduard. „O doch, doch, — wart doch— in der Hole mir eine Pfeife nks ſteht eine friſch ge⸗ — 159— ſtopfte und laß Dir von der Liſe eine Kohle darauf legen. Jetzt bin ich fertig,“ wandte er ſich zum zuſchauenden Geiſtlichen, der ſeine Freude an dem Freunde und den beiden willfährigen Knaben hatte, und zog den gebrachten Rock an, nahm das Pfeifchen, ſah nach, ob die Kohle glü⸗ hend war, verſuchte ſie mit ein paar kräftigen Zügen und ſchickte ſich an, dem vorangehenden Pfarrer zu folgen. Karl ſtieß Eduard an und machte eine ermuthigende Geberde. „Dürfen wir auch mitgehen?“ fragte letzterer. „Heute nicht, mein Sohn, wir haben zu reden. Geh aber zur Mutter, ich glaube, ſie ruft Euch zum Abend⸗ eſſen.“— Und ſo war es auch. Die Knaben gingen in das Zimmer, Karl beſcheiden zuletzt; die Männer dagegen wandten ſich durch das Dorf, an der Mühle vorbei, auf das freie Feld, den Zimmerplatz mit dem wohnlichen Hauſe zur Linken laſſend. Eine Weile gingen ſie ſchweigend neben einander her, denn es kamen dann und wann Bewohner des Dor⸗ fes an ihnen vorüber, die ehrerbietig die Mütze bugenin ſtets mit dem Doppelwort einherſchritten: „Guten Abend, Herr Jarsdiger. Kut Abend, Herr Kantorl. Als ſie am Bunnechat vorbei waren und das lange — 160— fruchtbare Feld vor ſich hatten, von dem der kräftige Duft des blühenden Roggens ihnen entgegenfloß, begann der ältere Mann: „Nun, Heinrich, jetzt ſind wir ungeſtört, was haſt Du beſchloſſen?“ „Ja, ich bin fertig; ich bin mit mir ſelbſt einig geworden und ſehe jetzt Alles klar vor mir. Deine Mei⸗ nung jedoch will ich hören. Ich denke, Freund, wir behalten den Knaben bei uns, für uns ganz allein, wir vertrauen ihn keiner fremden Hand an. Freilich, Bil⸗ ſingen iſt keine große Welt und unſer beſcheidenes Haus kein Gymnaſium mit aller Gelehrſamkeit darinnen, allein — es ſchaudert mich wahrhaft davor, das arme Kind, das ſich nun an uns gewöhnt, ſchon wieder in fremde Verhältniſſe zu bringen. Die Belehrung wird zu ver⸗ ſchiedenartig. Ich denke, wir verſuchen es, Herrmann, wir ſind ja in den beſten Jahren und haben das Unſrige gelernt. Geben wir ab, was wir können, Du über⸗ nimmſt die Elemente, die Geographie und Geſchichte, allenfalls auch ſpäter die Mathematik, und ich das La⸗ tein, Griechiſche und zuletzt die neueren Sprachen. Mit Gottes Hilfe und bei unabläſſiger Arbeit, denke ich, voll⸗ e wir die Erziehung Beider, denn ich nehme an, daß Dein Karl an Allem Theil nimmt; bringen ſie ann zuür Prüfung in die Stadt, falls ſie ſtudiren wol⸗ len, und— und— nnn, das Uebrige wird ſich von ———————— ———— — 161— ſelber finden.— Aber ſprich Du jetzt Deine Meinung aus, Du weißt, ich befolge nicht immer allein die meinige.“— Der Kantor, der während der Mittheilung ſeines Freundes mächtige Dampfwolken ſeiner Pfeife entzogen hatte, ſchwieg noch, in tiefes Nachdenken verſunken, eine Weile, dann, als ihm der Freund fragend in das ehrliche Geſicht blickte, entgegnete er: „Nun ja, da haben wir's. Einmal für allemal! Wir ſind, wie gewöhnlich, Beide an einem Ziele an⸗ gelangt. Wir behalten die Buben. Mir wäre es ſo zu einſam in meinem Häuschen geworden. Und was unſere Leiſtungen betrifft, Heinrich, ſo wäre es doch wun⸗ derbar, wenn wir, ſo gut Lehrer wie die in der Stadt, mit beſtem Willen und einer Fülle von Zeit vor uns, nicht ein Paar reiſe Studenten aus ihnen ziehen ſollten. Drauf los, alter Freund, mit friſchem Muthe; hauchen wir ihnen ein, was an menſchlich kleiner Weisheit in uns iſt, ſo wird uns die Zeit bei dem heranbrechenden Le⸗ ngen nicht zu lang. Wirklich, Du haſt mir aus ganzer Seele geſprochen; ich fürchtete ſchon, Du zögeſt⸗ die Schule vor, und hatte mich auf einen anſllichen Aauif mit Dir gefaßt gemacht.“ „Wir ſind ja immer einig geweſen, am Morgen und Mittag, ſollten wir es am Aband nicht mehr ſein, Herrmann?“ n Der Inſelkönig. 1. 11 — 162— „Wohl, wohl! So iſt es.— Und wie iſt es mit dem Namen?“ „Ja, das iſt ein ſchwieriger Punkt. Ich denke aber, ich nenne ihn ſo, wie mich ſelber; mag er bei Frem⸗ den für meinen eigenen Sohn gelten; die nächſten Be⸗ kannten ſchließen vielleicht auf meines verſtorbenen Bru⸗ ders Sohn. Haben wir doch auch keine Gewißheit, ob das Papier in der Hand des Todten ſich auf den Knaben wirklich bezieht.“ „O, was das betrifft, ſo zweifle ich keinen Augen⸗ blick daran. Der Schurke wollte Dir ſicher beichten, indeſſen der Tod, der ſo Viele überraſcht, überraſchte auch ihn.“ „Nehmen wir dies an. Aber es iſt ein ſonderba⸗ rer Name: Ernſt Hutten Stolling.“ „Vielleicht fehlen zwiſchen Hutten und Stolling zwei Punkte, und dann heißt die Familie: Hutten⸗ Stolling.“ 1 „Möglich! Vielleicht aber auch iſt es ein Vorname, nach einem lieben, verſtorbenen Verwandten ihm beigelegt, wie das auch bisweilen vorkommt.. „Auch möͤglich— doch vermuthen wir Alles oder Nichts. Wir finden für jetzt die Wahrheit nicht. Bei alle Dem, ein prächtiger Jungel“ „O gewiß! Lernt er gut, faßt er ſchnell?“ „Ich habe in meinem Leben nichts dergleichen ge⸗ — 163— ſehen! Das iſt Arbeit ohne Mühe; wenn alle Kinder ſo leicht begriffen, würden wir armen Schulmeiſter weniger zu beklagen ſein. Mir kommt es vor, als wenn Alles in ſeinem Geiſte ſchon fertig läge, und es blos der An⸗ frage von Außen bedürfte, um es zur Aeußerung zu wecken.“ „Anlage! Talent! alter Freund, reine Gottesgabe um ſo weniger dürfen wir ihn überſtürzen, da er ſich! genug ſelbſt treiben wird.“ „Und vor allen Dingen müſſen wir den Körper zu⸗ gleich mit dem Geiſte bilden, das iſt eine Naturnothwen⸗ digkeit. Schwimmen, turnen, reiten und was dazu ge⸗ hört, nicht wahr, Heinrich?“ „Ich habe ſchon daran gedacht. Ich will morgen zum Zimmermeiſter gehen und mit ihm darüber ſpre⸗ chen. Sein Ernſt iſt in gleichen Jahren und da thut er vielleicht für alle Drei, was er für ihn all ein ge⸗ than hätte.“ „Prächtig, prächtig! und ich werde meine alten Ge⸗ lenke noch ein Mal bewegen lernen,“ rief der Kantor. freudig, in froher Erinnerung an ſeine Jugendjahre auf dem Seminar, wo er auch Pin ſchwimmen und turnen müſſen. „Wir werden noch ein Mal jung, Herrmann. Nun, iſt das doch der P böſt Lebensgebrauch, den man machen 11* — 164— kann; zwei Mal Jugend iſt mehr werth, als eine Jugend und ein Alter zuſammen genommen.“ So war es beſchloſſen, und ſo blieb es. Die Män⸗ ner aber gingen noch einige hundert Schritt weiter, dann kehrten ſie durch das Kornfeld nach ihrem Hauſe zurück, der eine, um ſich an ſeinen Flügel, der andere, um ſich an ſeinen Arbeitstiſch zu ſetzen. Drittes Kapitel. Der Zimmermann und der Sohn der Witwe. Der nächſte Tag war ein Sonntag; a alle Arbeiten im Dorfe ruhten, nur der Pfarrer und der Kantor hat⸗ ten ihre ſonntägliche Pflicht zu erfüllen. Nachdem die Nachmittagspredigt vorüber und der gemüthliche Kaffee im Pfarrhauſe getrunken war, rüſtete ſich Eduards Pflege⸗ vater zum Beſuche auf dem Zimmerhof. Die Paſtorin und die Kinder ſchloſſen ſich bereitwillig an. Als der Zimmermeiſter Doſſow die Fomilie des Geiſtlichen kom⸗ men ſah, rief er ſchnell ſeine Frau, Luiſe, herbei und be⸗ auftragte ſie, den verehrten Gäſten aufzutiſchen, was Küche und Keller zu bieten im Stande ſei. So war es Sitte in dem wohlhabenden und gaſtfreien Hauſe des Hand⸗ werkers.— Wilhelm Doſſow war gewöhnlichen Herkommens, 2— 166— ein Sohn harter und beſchwerlicher Arbeit, hatte ſich aber wacker emporgearbeitet und genoß jetzt die Frucht ſeines Fleißes und ſeiner Thätigkeit. In das Haus, welches er gegenwärtig als ſein Eigenthum bewohnte, war er vor funfzehn Jahren als rüſtiger Geſell eingezogen, hatte ſich das Zutrauen und Wohlwollen ſeines Meiſters erworben, ſeine Arbeiten vervollkommnet und als Lohn ſeiner Mü⸗ hen die Hand der Tochter des Hauſes errungen. An⸗ fangs Theilnehmer des ſchon blühenden Geſchäfts, hatte er es nach dem Tode des Schwiegervaters geerbt und es nun auf eigene Rechnung in höhern Schwung geſetzt. Das Glück iſt häufig des fleißigen Arbeiters Freund, oft aber leider auch nicht. Ihm war es zur Seite geblieben, ja, mit ihm war ſo recht eigentlich der Segen in den Zimmerhof eingezogen. Bald waren alle vorgefundenen Einrichtungen dem raſtlos Strebenden zu eng und zu klein, er fing an zu bauen, erſt langſam, dann ſchneller und zuletzt endlich war das alte verfallene Haus in ein allerliebſtes modernes, ländliches Gebäude umgewandelt, deſſen Inneres und Aeußeres allen Anforderungen guten Geſchmackes und zweckmäßigen Gewerbes entſprach. Kein Raum war innen unbenutzt geblieben; Küche, Keller und Bodenraum ſo recht der Hausfrau zur Hand eingerichtet, die Wohn⸗ und Schlafzimmer ſauber und mit ſtädtiſcher Bequemlichkeit geſchmückt, die Arbeitszimmer aber vorzüg⸗ lich in die gemüthlichſte Lage verſetzt. Der große Bau⸗ — 167— platz war erweitert und mit großen ſchönen Bauholzbäumen gefüllt, eine raſtloſe emſige Geſchäftigkeit herrſchte auf demſelben vom Morgen bis zum Abend; es fehlte zwar nicht an wohlgeſinnten Arbeitern in der Umgegend, aber der Aufträge aus der Nähe und Ferne wurden zu viele, um nicht dann und wann, namentlich an geſchickteren Leu⸗ ten Mangel zu fühlen. Zwiſchen Wohnhaus, Hof⸗ und Gewerksräumen, die an den See ſtießen, lag der zierliche Garten, Gemüſe, Obſt und Blumen die Fülle bietend, freilich nicht ganz nach dem Sinn des wähleriſchen Kan⸗ tors, aber doch den Bedürfniſſen der Handwerkerfamilie entſprechend. So hätte der Meiſter mit ſeinen alljährlich wachſenden Mitteln ſich einen ſchönen Grund und Boden in der nahen Sommerreſidenz kaufen und da noch gemäch⸗ licher leben können, allein der wackre Handwerker hatte ein dankbares Gemüth, nicht für Perſonen allein, ſondern auch für Orte und Erinnerungen. Dem Hauſe, wo er wohnte, verdankte er ſein Glück, ſeine Kundſchaft; er war zufrieden damit und ſeine Frau hing mit ſchwärmeriſcher Zärtlichkeit an ꝛder Stätte ihrer Eltern, ihrer Geburt, ihrer Jugendzeit. „Mein Sohn Ernſt,“ hatte er oft den ihn dieſerhalb Fragenden geantwortet,„kann ſich in der Stadt ankaufe ich bleibe hier. Er braucht überhaupt nicht auf dem Lande zu verbauern, wie ich, die Welt darf ihm kaum groß ge⸗ nug ſein. Ich bin ein Stümper, ein Anfänger, ein — — 168— ehriunge mein Leben lang geweſen, ich hatte keine Mit⸗ tel, ein meiſterhafter Mann zu werden, er hat ſie und er e zll ſie haben, damit er mir Ehre mache und ſich einen Namen erwerbe. Wozu hat man Kinder? Um ihnen zu geben, was man hat, damit ſie beſſer und größer werden als ihre Väter. Nein, ich bleibe hier, der Ernſt mag gehen; ein geſchickter Baumeiſter iſt in meinen Augen ein brauchbarer Mann, und das Wenigſte, was ich aus dem 8 Bagen machen will. Studiren darf er nicht— nurd das Baufach— freilich, das iſt was Anderes; reiſen ſoll er aauch, die Welt ſehen, Erfahrung ſammeln; das Geld, das Geld— das ſoll ihm nicht fehlen.“ Alſo Mittel, Gelegenheit, mithin eine Zukunft hatte Ernſt Doſſow— wir wollen ſehen, ob ihm der gute Wille und das Talent hilfreich zur Seite ſtanden. Eben trat der Pfarrer, an jeder Hand eines ſeiner älteſten Mädchen, die Frau Paſtorin, freundlich und milde, das dritte Kind langſam führend, das jüngſte auf dem Arme der rothwangigen Magd, mit dem ſchwarz ſeidenen Kopftuch um das blonde gl lattgeſcheitelte Haar, durch die Gartenthür in den Hof. Eduard war ſeinem jungen eunde Ernſt ſchon freudig entgegengeſprungen. Das llkommen war herzlich, froh gegeben, heiter entgegen⸗ genommen. Bald war ein Jeder an ſeinem Platze, die Hausfrauen um den beinahe von Kuchen und ſonſti⸗ 3 gem Imbiß brechenden Tiſch mit dem Strickſtrumpf be⸗ — 469— ſchäftigt, die Mädchen ſpielend, die Knaben in dem Bau⸗ holz kletternd, die Männer redend und im Garten auf⸗ und abſchreitend. „Laſſen Sie uns, beſter Nachbar,“ ſagte nach einer halben Stunde gleichgiltigen Geſpräches der Geiſtliche, „auf den Bauplatz gehen. Ich kenne,“ fuhr er fort,„im freien Handwerksleben, Sie wiſſen es ja, kein mir liebe⸗ res Geſchäft als das Ihrige. Kräftige, geſunde, thätige Menſchen fördern eine kühne, ſchwere, aber belohnende Ar⸗ beit! Ah, und wie das friſche, ſaftige Holz duftet, wenn es von der ſchneidenden Säge zerriſſen wird. Sehen Sie die Jungen, Meiſter, die klettern mie die Eichhörnchen umher.“ „Geſund, geſund, Herr Prediger, laſſen Sie die Jugend gewähren. Wir haben es ebenſo gemacht. Ich weiß nicht, was mein Ernſt für eine große Zuverſicht auf Ihren— Ihren Eduard geſetzt hat. Den ganzen Tag plappert er von ihm, und wenn er kommt, wird mein ſtiller Junge, ein wahres Mutterſöhnchen wenn er allein iſt, wie ein munteres Füllen. Das muß wahr ſein, ein Range bildet den andern.“ „Lieber Doſſow, Sie bringen mich auf den richtigen— Weg. Ich habe mir ſchon oft gedacht, was Sie ſagen. Ein Knabe muß im Spiele wie bei der Arbeit einen Ge⸗ ſellen haben, wie der Mann einen Herzensfreund, wenn er gedeihen und das Leben genießen ſoll. Ich geſtehe, — 170— ich bin nicht ohne Abſicht heute zu Ihnen gekommen und Ihre Anſicht ſcheint mir mein Anliegen zu erleichtern.“ „Ein Anliegen? Sie bei mir ein Anliegen, Herr Paſtor? Hier iſt meine Hand— geben Sie oder neh⸗ men Sie, ich bin es zufrieden.“ Der Geiſtliche lächelte über die Treuherzigkeit des Mannes, als er ſeine Hand drückte und verſetzte: „Nun, Meiſter, ich nehme Sie beim Wort, aber ich will Beides— geben und nehmen.“ „Das iſt ſeltener als nehmen allein, und noch ſelte⸗ ner als geben, Herr Prediger, Sie machen mich neugierig, was giebt’s?“= Laſſen Sie uns da unter dem Birnbaum ſitzen, der See ſieht von da ſo lieblich und friedlich aus; Sie haben eine ſchöne Wohnung, lieber Doſſow.“ „Gott ſei gedankt!“ erwiderte der Handwerker und ſetzte ſich mit dem Pfarrer. „Und nun hören Sie mich an,“ ſagte der Letztere. „Sie haben einen Sohn, dem Sie das beſte Gedeihen für's Leben wünſchen, ich weiß es. Der Kantor iſt in Ihrer Lage, wenn gleich mit geringern Mitteln. Ich ſelbſt habe, wie ich es lange gewünſcht, von Gott ſelbſt nen Knaben— „Iſt er nicht, ſo hört' ich wenigſtens,“ unterbrach ihn der aufmerkſame Zuhörende,„der Sohn Ihres ſeli⸗ gen Bruders?“ —VV—ꝛ—V—-——— — 11— Der Pfarrer nickte lächelnd, ohne die Frage zu be⸗ jahen oder zu verneinen und fuhr fort:„geerbt, ja geerbt wollt' ich ſagen. Das iſt ein hübſches Kleeblatt, das dieſe drei Knaben da bilden.— Die Frage iſt nun: auf welchem Wege gedeihen ſie am beſten, was ſollen wir thun, um ſie auf die würdigſte Art auf ein möglicher Weiſe ernſtes Leben vorzubereiten? Sollen wir ſie frem⸗ den Händen anvertrauen, die, nicht die unſrigen, unſre Kinder mit vielleicht ſchädlichen Brocken füttern und ihrem Geiſte eine Richtung geben, wie wir ſie am wenigſten wünſchen?“ Der Meiſter ſah den Geiſtlichen, der ſeine Worte dem Verſtändniß des Handwerkers möglichſt anpaßte, ernſt und zuletzt den Kopf ſchüttelnd an. „Wir ſchicken ſie in die Schule,“ ſagte er kurz. „Gewiß thun wir das. Aber in welche? Die Dorf⸗ ſchule iſt für unſre Söhne, ſcheint mir, nicht der paſ⸗ ſendſte Ort. Die Stadtſchule, eben die iſt nicht bei uns und wir können nicht mit ihnen gehen. Was alſo thun ã* Der Meiſter warf fragende bedenkliche Blicke auf den Redenden und verſetzte ſich verlegen die Hände reibend: „Ja, das iſt meine Sorge ſchon lange geweſen, jetzt iſt es an Ihnen, Herr Paſtor, einen guten Rath zu geben.“ „Den habe ich und den will ich geben!“ ſprach die⸗ ſer mit erhöhter Stimme und das ganze volle Bewußt⸗ ſein einer lobenswerthen Handlung trieb das Blut aus 172— ſeinem überſtrömenden Herzen in ſein mildes Geſicht. „Seht, Meiſter, ich habe mit meinem braven Freunde, dem Kantor, einen Plan verabredet, dem Sie vielleicht Ihre Zuſtimmung geben werden. Ich ſelbſt und der Kan⸗ tor wollen die Lehrer unſerer drei Knaben ſein und mit unſerm beſten Wiſſen und Willen ſie ſo weit bringen, daß ſie unmittelbar aus unſeren Händen in ihren Beruf treten können, d. h. Ihr Sohn, wie ich weiß, von hier auf das polytechniſche Inſtitut, Karl, wohin er wollen wird, Eduard, wohin ihn ſeine Neigung oder ſein Schickſal treibt.“ „Beſter Herr Pfarrer,“ rief der Zimmermeiſter und ſprang gerührt und dankerfüllt von ſeinem Sitze auf,„das iſt ein herrlicher Vorſchlag, ich nehme ihn an, ich nehme ihn an, aber das iſt ja blos das Geben. Nun ſprechen Sie auch vom Nehmen und— was Sie wollen— ich bewillige Alles, gern, doppelt, dreifach.“ „Das Einfache, mein lieber Meiſter, iſt hinreichend für unſre Wünſche. Sie werden gleich ſehen. Jetzt ſind die Knaben noch klein und unſre Bemühungen gering, ſie lernen ſpielend. Aber die Jahre kommen, wir wiſſen es ja an uns ſelber, und die heranwachſende⸗ Jugend ver⸗ langt größere Ueberlegung, ernſtere Willenskraft. Da ge⸗ brauchen ſie ſelber ihre körperlichen Kräfte, um dem drän⸗ genden, ſprudelnden Geiſte das Gleichgewicht zu bieten, und die müſſen wir geſchmeidig und feſt zuſammenhalten. Denn Korper und Geiſt dürfen in dem menſchlichen Leibe, —⁰ — 173— der ſelbſt Koͤrper und Geiſt iſt, nie von einander getrennt, geſtählt und veredelt werden, gemeinſam muß die Uebung, muß der Fortſchritt ſein.“— „Und da ſoll ich?“ „Ja, allerdings, dazu ſollen Sie uns behilflih ſein. Mit kurzen Worten, wir haben zwar einen Turner unter uns, den Kantor, wir müſſen aber auch die Geräthſchaften dazu haben, das Holz, die Bretter—“ „Weiter nichts? weiter nichts? Morgen am Tage, Herr Paſtor, morgen am Tage. Wo ſollen die Dinger ſtehen? Bei mir oder bei Ihnen?“ „Hier und dert— wo die Kinder gerade arbeiten, müſſen ſie, nach gefülltem Kopfe, die Glieder bewegen, friſch, frei und fröhlich, wie es heißt, und das wollt Ihr thun?“ „Ei ja, mit tauſend Freuden! Und noch mehr will ich thun. Sie viſſen, ich arbeite Sonntags nicht; da zeichne ich nach Herzensluſt; das iſt keine Arbeit, Herr Paſtor, das iſt eine arbeitſame Beluſtigung. Nun, ich zeichne gut, ich darf es ja eingeſtehen. Laſſen Sie die Jungen vor der Kirche und nach der Kirche bei mir ſein, eſſen, zeichnen und turnen, daß es eine Luſt iſt. Wir wollen ſehen, wir wollen ſehen, daß das nützt. Mein Ernſt muß zeichnen, ſchön zeichnen, beſſer als ich, das der leichte Anfang zu ſeinem ſchweren Ende; ich will die andern unterrichten wie den meinen, und Bur Belohnung — 174— ſollen ſie in meine Mappen ſcauen dürfen, die Abbildun⸗ gen der herrlichſten Bauwerke der Welt ſehen, das M⸗ ſchinenweſen, welches Alles ich als Preis für meinen 7 Nachttelegraphen von der Bauſchule erhalten. habe. Es ſoll eine Luſt werden, für ſie und für mich, denn ſo trage ich mein Scherflein zu ihrer Erziehung bei, wie ich es lange gewünſcht.“ Und die beiden braven Männer ſchüttelten ſich, ein⸗ verſtanden, warm die Hände. Plötzlich beſann ſich aber der Zimmermeiſter; ſein Ohr hatte das rauſchende Mühlenrad vernommen und ſein Auge wandte ſich in die Richtung, wo die Mühle trieb. „Aber halt,“ ſagte er,„ich habe noch eine Bedin⸗ gung. Da unten in der Mühle wohnt die Witwe des Muſikus; ihr Felix iſt ein Knabe wie die unſrigen, darf er der vierte in unſerm Bunde ſein? Ich habe dem armen Weibe verſprochen, für den Felix zu ſorgen.“ „Und das ſollt Ihr halten, und wir werden das Unſrige dazu thun. Wird die Mutter unſrer Anſicht ſein?“ „Auf den Knieen wird ſie uns danken, woher ſoll ſie es nehmen? Ich bürge für ſie, ich bürge für ſie.“ „Aber ich mochte doch erſt mit ihr ſprechen,“ ſagte der Pfarrer.„Ueberdies bin ich ihr einen Beſuch ſchul⸗ dig— wollen wir gleich ein Mal nach der Mühle gehen?“ Und die beiden Männer, ein Mal im Zuge, lenkten ihre Schritte der Mühle zu.“ — —— — 175— Eine Mühle, mag ſie liegen, wo ſie will, hat immer ein Stück Romantik an und um ſich. Schon die große Windmühle auf dem kahlen Berge, einſam auf der Wacht ihren Gefährten, den Wind, erwartend, hat, wenn ſie ihre mächtigen, weitgeſpreizten Arme dem leiſen Abend⸗ hauche oder dem Geheul der Windsbraut ausſetzt, oder wenn ihre Schaufeln ſauſend herumſtürzen und der kleine furchtloſe weiße Müller, leiſe vor ſich herpfeifend, auf dem freihangenden Treppchen ruhig die Arme unter einander geſchlagen ſteht und fröhlich in die weite Welt ſchaut, et⸗ was ungemein Anziehendes und Poetiſches an ſich. Nun aber die Tag und Nacht rauſchende Waſſer⸗ mühle, verſteckt hinter duftenden Gebüſchen und blühenden Obſtbäumen, als wolle ſie ſich ſuchen laſſen, falls ihre klappernden Räder und ihr brauſender Waſſerfall ſie nicht ſelber verriethen, wie lieblich, anregend und verlockend iſt nicht ihr Geraſſel, wenn auch der toſende Sturz des mäch⸗ tigſten Elementes das kleine Wort des Menſchen ver⸗ ſchlingt und nur ein Wink oder eine Geberde ſich dem Gefährten verſtändlich machen kann! Wer moͤchte nicht inmitten dieſes harmoniſchen Tu⸗ multes wohnen und, fern von dem unangenehmeren Ge⸗ räuſche der jagenden Welt ſich in ſtiller Meſchanlickeſt einer ſegensreichen Arbeit unterziehen? 3 Ol! nicht umſonſt beſuchen unſere Dichter mit ihren ſchönſten Liedern dieſe geräuſchvollen Mühlen ſo oft, ſie — 176— wiſſen wohl, wie ſchön kühl es da unten iſt, wie luftig da oben, wie wohnlich und behaglich darinnen! Auch uns ſtimmt heute wie immer dieſe Mühle ganz eigenthümlich um; haben wir ſie doch ſo oft rauſchen hö⸗ ren und zur Erinnerung eine blühende wilde Blume aus ihren Gebüſchen gebrochen! 2 Der hier wohnende Müller war der gräflichen Fa⸗ milie pachtzinspflichtig. Ein thätiger Mann mit flinker Hausfrau und heranwachſenden Kindern. Auch war er ein guter Mann, unſer Müller, denn er hatte zwei kleine Stübchen im obern Mühlenraume unentgeltlich einer armen Witwe zur Wohnung überlaſſen, die bei ſehr geringem Einkommen für ſich und ihren einzigen Sohn Felix zu ſorgen hatte. Ihr Mann war lange Jahre im Dorfe anſäſſiger Muſikus geweſen, der den jungen Leuten oft zum Tanze aufgeſpielt und ihre Hauptfreuden hierdurch vermittelt hatte. Auf einem Auge zwar blind, wußte er doch ziemlich geſchickt die Geige zu handhaben und weit und breit in der Umgegend mußte Vater Weſſely jede Hochzeit, Kindtaufe, und ſonſtige Feſtlichkeit verſchönern helfen. Als er ſtarb, hinterließ er ſeine gemüthliche Frau, ſeinen dreijährigen Sohn Felip und ſeine Geige. Die Frau wollte auswandern, aber der Müller litt es nicht, er nahm ſie in ſeiner Wohnung auf und verkaufte das Garn was ſie ſpann, und ſie ſpann gut und fein, dieſe Frau Weſſely. Ganz beſonders unterſtützte ſie aber der — 4 — Pathe des kleinen Felix, unſer braver Meiſter Doſſow, er hatte ihr die Erziehung des Knaben verſprochen und er hielt, wie wir geſehen haben, Wort. Dieſer Knabe aber, Felix Weſſely, war ein ganz beſonderer Knabe, eine ungewöhnliche Erſcheinung in ſei⸗ ner Art, über den Wärancher in der Umgegend des Dor⸗ fes, der ihn nicht genau in allen ſeinen Richtungen be⸗ obachtete, ſchon frühe den Kopf ſchüttelte. Von Geſtalt immer etwas klein und ſchwächlich, blaſſem Geſicht und außerordentlich ſtarkem dunkelbraunem Haarwuchs, hatte er ein ungewöhnlich reizbares Tempera⸗ ment, ein außerordentlich zart beſaitetes Nervenſyſtem. Der leiſeſte Mißton konnte ihn oft zum Weinen bewegen, ein du greller Sonnenſtrahl that ihm weh, ſchon eine harte Anrede machte ihn traurig— nur, wunderbar, das Rau⸗ ſchen des ſtürzenden Waſſers war ihm eine angenehme Muſik und um ſo angenehmer, je lauter es brauſ'te und raſſelte. Auch den Donner des Himmels hörte er mit einem Wonneſchauer an, darum ſtand er beim Gewitter, wenn er auch naß wurde, gar zu gerne im Freien, de Kopf vorgebeugt, das Ohr geſpannt und folgte mit einer wahren inneren Befriedigung und einem ſchwer zu be⸗ ſchreibenden Wohlbehagen den brüllenden und langſam verſchwimmenden Kadenzen des himmliſchen Wolkenkampfes. So war ſein Ohr ganz vorzüglich organiſirt und fein, er hörte, was Niemand hörte, und der Sinn ſeines Gehörs Der Inſelkönig. J. 12 — 178— ſchien die Gewalt aller übrigen Sinne in ſich concentrirt zu haben. Ob er nun gerne eine Muſik hörte? O! die 8 Träume und Ahnungen ſeines Vaters von der Muſik, denn zu einer höhern Entwicklung in ſeiner Kunſt war es bei ihm wohl nie gekommen, waren ſcheinlich in ihm zur wirklichen Lebendigkeit beſtimmt. Sehet ihn nur an, wenn er Sonntags die Kirche beſucht, und er ging faſt allein aus dieſem Grunde ſo gern dahin, und den mächti⸗ gen Tönen der kleinen Orgel lauſcht, da lebt es in ihm auf, da dringt das Blut aus ſeinem kleinen Herzen in ſein blaſſes Geſicht, da zittern ſeine ſchwachen Glieder, aber nicht vor Schwäche, ſondern vor Vergnügen, vor Wonne. — Doch wir werden ihn, wenn er größer geworden, nä⸗ her kennen lernen, die glockenreine Stimme des Gelus wird ſchon aus ihm ſprechen und ſein Flügelſchlag ihn emporheben zu dem Quell der Harmonieen, die ſeinem Va⸗ ter nur als Träume und Ahnungen vorgeſchwebt hatten. Jene Stimme des Genius zuerſt aber zu hören und zu ver⸗ ſtehen war dem guten Kantor Michel vor Allen vorbehalten. Als Felix heute Nachmittag den Pfarrer und ſeinen Pathen kommen ſah, ſuchte ſein braunes, ſprechendes Auge verlegen ſeine Mutter, die ihm raſch die wolligen Haare aus der klaren Stirn ſtrich und mit einem Tuch über das pleiche Geſicht und die große, adlerartig gebogene Naſe fuhr. Was beide Männer mit der Mutter verhandeln woll⸗ ten, wiſſen wir; es genügt zu bemerken, daß ihr Vorſchlag — 179— nicht allein mit Freude, ſondern auch mit Dankbarkeit angenommen wurde. Felix ging mit auf den Zimmerhof, Karl Michel kam mit dem Vater auch dahin— ſo waren die vier Knaben, die in ſpäterer Gemeinſchaft ſo Schönes vollbringen ſollten, in dem gaſtlichen Hauſe des Zimmer⸗ meiſters zum erſten Male beiſammen. * Viertes Kapitel. Vier Zweige des großen Lebensbaumes. Weder für den weiſen Denker noch für den wohl⸗ wollenden Menſchenfreund giebt es eine zugleich ernſtere und angenehmere Beſchäftigung, als die Beobachtung der Entwickelung eines mit guten Eigenſchaften und vielver⸗ ſprechenden Fähigkeiten begabten Kindes. Iſt es ſchon für den Freund der Natur ein hoher Genuß, das Wachs⸗ thum eines Baumes, den man mit eigenen Händen ge⸗ pflanzt, das Gedeihen einer ſeltenen Blume, die man ſich mit Sorgfalt erzogen, zu betrachten, wie viel genußreicher iſt es nicht, die ungleich mehr zum Nachdenken auffor⸗ dernde Entfaltung der Blüthe alles Geſchaffenen, des jun⸗ gen Menſchen zu verfolgen, der kräftig und lebhaſt, wie jene, nach dem Lichte ſtrebt, das die Welt erleuchtet, re⸗ giert und belebt! Aus wie dunkeln Trieben entwiekeln ſich die zahlloſen Eigenſchaften des wohlgebildeten Kör⸗ X 4 1 — 184— pers und der göttlichen Seele! Aus wie kleinen, nichts bedeutenden Anfäͤngen baut ſich nach und nach eine ganze ABelt von Gedanken und Empfindungen auf, aus denen wieder, wie aus einem ewig ſtrömenden und belebenden Quell herrliche Thaten entfließen. Und das Alles ſo von Anfang an keimen, treiben, wachſen und gedeihen zu ſehen und ſelbſtthätig mit einzugreifen in dieſe ſo ſchwierig er⸗ ſcheinende und doch ſo natürlich erfolgende Auferſtehung eines ganz neuen Individuums, das ſo Vieles gemeinſam mit Anderen hat, und doch wieder ſo wunderbar verſchie⸗ den von ihnen iſt, wie ſchön, wie groß, wie eigenthümlich ernſt und belohnend iſt das! Unſer Freundespaar, der Pfarrer und der Kantor, hatten oft die Sorge gegen einander ausgeſprochen, ob die große Aufgabe, die ſie ſich freiwillig geſtellt, auch vollkom⸗ men gelöſſt werden würde; denn die Schwierigkeiten der⸗ ſelben wurden nicht mit einem Male ſichtbar, erſt nach und nach kamen ſie an's Tageslicht. Aber die kühnen, edlen Männer wurden dadurch niemals entmuthigt, gerade das Schwerſte lockte ſie oft am meiſten an, und unbeirrt ver⸗ folgten ſie mit eigener Aufopferung den eingeſchlagenen Weg, der ſie zuletzt zu einem erwünſchten Ziele führen ſollte. Und wenn ſie dann zurückvlickten— wie leicht, wie von ſelbſt ſchien Alles geworden zu ſein, was es war; was ſie gar nicht erwartet hatten, war am beſten gediehen. was ſie von Anfang gar nicht geſäet, war am Ende durch d — 182— die Hilfe der Natur aus eigener Urkraft emporgewachſen. Da half denn zuletzt noch eine einfache Leitung ohne alle Anſtrengung nach, und wie der Baum, der nur Licht, Luft und Waſſer nöthig hat, allein einer einfachen Stütze bedarf, um empor zu treiben und Früchte zu tra⸗ gen, ſo hatten ſie mit jener Anleitung und Unterſtützung ſchon das Beſte und Nothwendigſte geleiſtet. So genoſſen Beide ihres eigenen Werkes, und wenn ſie auf einſamen Spaziergängen ihre Meinungen austauſchten, fanden ſie Urſache genug, Gott, dem Lenker alles Guten, für die ihnen verliehene Kraft, das vorgeſetzte Werk zu vollenden, aus innerſtem Herzen zu danken. EA So wandelten ſie eines Abends, nach vollbrachtem Tagewerk, langſam um den See herum, dem jenſeitigen Walde, ihrem Lieblingsaufenthalte, entgegen. Jahre wa⸗ ren vergangen, ſeitdem ſie ihr Werk der Liebe begonnen hatten, und ſie gaben ſich Rechenſchaft von dem, was ſchon geſchehen war und was noch zu thun ſei. In den erſten Whren nach der übernommenen Aufgabe hatte haupt⸗ ſächlich der Kantor zum Wohle der Knaben gearbeitet, das höhere Wiſſen des Pfarrers griff nur in einigen Ge⸗ genſtänden und ſpäter erſt umfaſſender ein. Es war jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo die zwölfjißrigen Aunban ainer ernſteren Aufmerkſamkeit bedurften.— „Und nun,“ ſagte der Pfarrer im Verlauf ihres Ge⸗ ſprichs,„haſt Du mir keine Andeutung zu geben, wohin Deiner Meinung nach, Sinne und Neigungen der Kna⸗ ben ſtreben?“ „Ich ſollte meinen,“ entgegnete Michel,„die Neigun⸗ gen und Richtungen aller Vier wären gar nicht zu verken⸗ nen, und Dir wären ſie ſo klar wie mir.“ „Wir wollen ſehen. Laß mich Deine Meinung zu⸗ erſt hören.“ „Gerne Alle Vier ſind gänzlich verſchieden und müſſen verſchieden aufgefaßt und geleitet werden.“ „Sprich zuerſt von Deinem Sohne, Deine Vorliebe muß eine natürliche ſein.“ „Das wüßte ich nicht; ſie ſind mir beinahe Alle gleich werth, obgleich mir an dem Einen das Eine, an dem Andern das Andere beſſer gefällt. Zum Beiſpiel mein Karl! Nun, wenn er etwas lebhafter wäre, das könnte nicht ſchaden. Mir iſt er zu ſtill, zu beſcheiden, wenn Du willſt, zu unterthänig. Verſteh mich recht, ich will ihn nicht prahlend und ſich überhebend. Aber eine Mittelſtufe ſcheint mir auch hierin vas Wünſchenswertheſte. Er lernt, er begreift, das iſt kein Zweifel, aber ſchwerer als die Andern, namentlich mit Eduard iſt er nun gar nicht zu vergleichen, und eigentlich begreift er nur das, was in ſeine Sphäre gehört.“ „Und welche Sphäre iſt das?“ b „Hm! ich glaube, die Natur hat geſprochen. Er wird kaum etwas Anderes werden, als was ich bin— — 184— das heißt, ein Schulmeiſter bei Leibe nicht,— aber ein ſtiller Beobachter der Natur, ein Blumiſt, ein Kunſtgärt⸗ ner— nun, ich bin es zufrieden.“ „Es iſt wahr, er lebt und webt in der Botanik.“ „Auch der Zimmermeiſter ſagt, er zeichne nur Blu⸗ men und Bäume gut, in allem Uebrigen bleibt er ein Stümper.“ „Dem einfachen, aber richtig beobachtenden Manne dürfen wir ſchon trauen. Wohinaus alſo mit ihm?“ „Kurz und ehrlich geſprochen, nach der Konfirmation in drei Jahren in den botaniſchen Garten der Hauptſtadt.“ Und vor Freude, von Herzen einſtimmen zu können, ſchlug der Pfarrer traulich und ſanft dem Freunde mit der Hand auf die Schulter und rief: „Alter Knabe, wir ſind ſchon wieder einig. Laß uns ſehen, ob wir es auch bei den Andern ſind. Nun des Zimmermanns Sohn?“ Ei, deſſen Laufbahn hat ſein Vater ſchon in den Sternen geleſen. Für den iſt die Muſik und das Latei⸗ niſche, was für mich das Hebräiſche und Arabiſche. Be⸗ obachte ſeine Zeichnung, ſeine Vorliebe für die Baukunſt, ſeinen Sinn für die Mechanik und Technik, ſein richtiges Auge, ſeinen klaren Verſtand— wenn wir es nicht wüß⸗ ten, daß er ein Baumeiſter werden ſollte, wir könnten es ſchon aus ſeinen Spielen errathen. Wie mein Karl, ſo verläßt er uns in drei Jahren, nachdem er in den beiden — 185— letzten hier bei ſeinem Vater auf dem Zimmerplatz geſchult 4 iſt, als Zögling für die Polytechnik. Der Alte hat ihn ſchon einſchreiben laſſen, damit ihm kein Anderer zuvor⸗ 3 komme.“ „Ich will ihm alles Gute wünſchen, und er wird es haben. Sein biederes Weſen und ſein treues Auge kann nicht täuſchen. Gott gebe ſeinen Segen! Nun aber des Muſikus Sohn?“ „Des Muſikus Sohn iſt ein geborener Muſikus. Haha, der kleine Kerl! Neulich erzählte mir Doſſow, der Vater, er hätte ihm ein leichtes, einfaches Haus zum Zeich⸗ nen gegeben. Als er es eine Stunde nach allen Seiten hin⸗ und hergewandt und es fleißig mit ſeinem Bleiſtift bekritzelt, was war es?“ „Gewiß eine Geige!“ „O ja doch! Notenköpfe, gemalt wie ſie Rouſſeau nicht ſchöner malte, ein Lied, das er hundertmal mit ſeiner feinen Engelsſtimme geſungen, zum tauſendſten Mal aus den Gedanken niedergeſchrieben. Und wie der Bube die Orgel handhabt! er erſchreckt mich bisweilen mit ſeinen Sprüngen. Ich ſchäme mich beinahe, ſein Lehrer zu ſein. Den Mozart und den halben Beethoven kann er auswen⸗ dig, und wenn ich ihm erlaube, ſeinen alten Klapperkaſten von Klavier eine Stunde mit meinem Flügel zu vertau⸗ ſchen, ſo bin ich immer beſorgt, er werde mit ihm ver⸗ wachſen. Neulich hat er zwei Stunden geſpielt und als — 186— ich ihm ſagte, er ſolle zum Turnen gehen, ſagte er, er hätte ja eben erſt angefangen. Da hätteſt Du ſeine fun⸗ kelnden Augen ſehen ſollen und wie die gebogene Naſe ſich blähte und dehnte. Der Junge iſt ein Genie, ein Genie!“ „So iſt es. Ich weiß es ſchon lange. Mag er die Muſen zu Richtern herausfordern, die Menſchen werden ihm zu irdiſch ſein. Wir können an ihm nichts ändern, die Natur läßt ſich nicht zwingen. Und wenn Du eine ſolche Künſtlerſeele in einem Ofen glühteſt, um ſie zu ge⸗ wöhnlichem Brote zu backen, ſie ſchwebte auf Flügeln des Himmels zum Schornſtein hinaus.“ Beide Männer ſahen ſich freundlich an und lächelten über das komiſche Bild. „ Aber was ſagſt Du von meinem Eduard?“ fragte etwas haſtig der Pfarrer. „Lieber Heinrich, der Junge macht mir Sorge.“ „Ich denke doch, er iſt fleißig wie Einer,“ „Wie Zehn! Aber das iſt es ja eben. Er will Alles erfaſſen, Alles erreichen, Alles erſchwingen! Und der Menſch, der arme Menſch iſt doch nur einſeitig ge⸗ boren.—“ Beide ſchwiegen in Nachdenken verſunken. „Laß es gut ſein,“ fing der Prediger wieder an— ver wird ſich ſchon durcharbeiten. Haſt Du keine beſon⸗ derẽ Neigung bemerkt?“ „Ganz und gar keine. Wenn ich wüßte, aus wel⸗ chem Blute er ſtammte, vielleicht könnte ich es errathen. Du weißt ſo gut wie ich, daß ſich die Geſichtszüge des Menſchen am meiſten von Rind zu Kindeskind forterben. Berühmte Geſchlechter, in hundert Jahren von verſchiede⸗ nen Künſtlern gemalt, laſſen eine gewiſſe Aehnlichkeit nie verkennen. Die geiſtigen Eigenſchaften erben ſich ſchon weniger fort, die des Herzens am wenigſten.“ „Und was willſt Du für Eduard daraus folgern?“ „Sein Geſicht iſt nicht zum erſten Male in der Welt. So wie er müſſen ſeine Vorfahren geblickt haben. Kühn⸗ groß, freundlich, milde, weich und wahr! Seine Mutier war gewiß ein ſchönes Weib—“. „Und ſein Vater— und die Eigenſchaften des Gei⸗ ſtes und Herzens?“ „Das iſt mir eben ein Räthſel, beide ſind unleug⸗ bar groß und gediegen, wie ſie umfaſſend und reich ſind.“ „Mag er ſtammen woher er will, er iſt eine Sel⸗ tenheit. Aber ſeine Zukunft, ſeine Zukunft, Mann!“ „Auch die iſt mir ein Räthſel. Was willſt Du wer⸗ den? fragte ich ihn vor einem halben Jahre.“ „Und was ſagte er?“ „Er gab eine ſonderbare Antwort: ich will lernen, lernen, lernen, bis ich etwas weiß, und wenn ich etwas weiß, will ich erſt recht lernen!“ 3 „Und biſt Du damit nicht zufrieden? Er wird ein — 188— Philoſoph werden. So haben die Weiſen des Alterthums geſprochen.“ „Ach ja— aber die jetzige Zeit iſt kein Alterthum mehr. Ich beſorge, wir werden mit ihm eine harte Nuß zu brechen haben.“ .„Das beſorge ich nicht. Laß ihn gewähren. Die Knospe in ihm iſt noch nicht entfaltet. Sie wird ſchon ihre Hülſe ſprengen. Vertraue Du dem Weſen, welches in ihm iſt, wir leiten ihn nicht zu uns, er leitet uns, zu ſich. Alles Uebrige iſt ſreilich ein Näthſel. Gott wird es löſen!“ 3 „Gott mag es löſen! Ja, in Ewigkeit, Amen!“ Und die beiden Männer ſchritten nach Hauſe. Betrachten wir jetzt die vier Knaben in ihrer wechſel⸗ ſeitigen Stellung, und nachdem wir den Geſprächen ihrer Erzieher zugehört, wollen wir ihre eigenen Spiele be⸗ ſuchen. Die vier Knaben waren Freunde geworden, nicht ſolche Freunde, die, wenn die Jugend vorüber iſt, ſich nur noch dem Namen nach kennen, ſondern wirkliche, wahre Herzensfreunde, durch einerlei Denken und Streben nach einem Ziele, übereinſtimmende Neigungen zu Gefühlen und Anſichten verbunden, die, allen Stürmen der Ereigniſſe trotzend, Leben um Leben zu einem ſchönen untrennbaren Ganzen verknüpfen. Wie ihre Studien gemeinſam waren, ſo waren es — 189— auch ihre Spiele. Oft blieben ſie da, wo ſie gearbeitet, zuſammen, turnten und rangen, liefen und jubelten. In der Regel aber zog ſie ein beſonderes Wohlbehagen nach dem großen Zimmerhof, der ein wahrer Tummelplatz aller ihrer jugendlichen Spiele und Thorheiten geworden war. Hier war ſo ſchöne Gelegenheit zum Verſtecken und zum Balgen, ſo ſchöner weicher Grund von Sägeſpähnen, ſo heerrliches Material zum Bauen und Niederreißen. Und bauen thaten dieſe Knaben viel. „Heute,“ ſagte eines Tages Ernſt,„heute wollen wir das Schloß bauen. Kommt, und faßt an. Eduard, Dir wollen wir es bauen, Du faſſeſt nichts an, Du biſt in reicher Mann und bezahlſt uns. Wir ſind die Hand⸗ „werker 4 „Glaubt Ihr,“ antwortete Eduard gelaſſen,„ich will zuſehen und feiern? Ich arbeite mit— luſtig, vorwärts!“ Und hurtig erſtand eine hölzerne Burg, aus Balken und Bohlen erbaut, mit ausgehöhltem Boden, in welche ſie alle Vier durch ein kleines Loch krochen, das als prächti⸗ ges Portal bezeichnet war. Oder ſie tanzten einen langen, glatten, geſchälten Tannenbaum entlang, worin Ernſt Meiſter war, denn er betrachtete ſich als Zimmerman. Oder ſie bauten ſich eine Wippe, die in haarſträubenden Schwung geſetzt durde. Hirrbei feierte Felix. Er ſtand zwar dabei und ichelte, wenn es recht hoch ging, innerlich aber ſummte — 190— er ſich wie gewöhnlich ein Lied und zog die weniger hals⸗ brechenden Spiele vor. Auch das Turnen machte ihm keine große Freude, vielleicht war ſein Körper zu ſchwach, vielleicht auch widerſetzte ſich ſeine harmoniſche Seele ſol⸗ chen heroiſchen Anſtrengungen des Körpers. Ein ander Mal zogen ſie an das jenſeitige Ufer des Sees, wo der allgemeine Badeplatz der Dorfjugend war. Hier ſchaukelten ſie ſich furchtlos, vielleicht wieder mit Ausnahme des kleinen Felix, auf einem zierlichen Nachen, von Meiſter Doſſow gefertigt, denn ſchon längſt war die Aufmerkſamkeit der Erzieher darauf gerichtet geweſen, ihre Knaben mit allen Gefahren und Genüſſen der Elemente vertraut zu machen. Das Waſſer waͤſcht den Körper und ein reiner Geiſt muß in einem reinen Leibe wohnen. Wohl wußten und befolgten dieſen alten Spruch die erfahrenen Männer. Früh ſchon ſchwammen die Knaben wie die Enten, keine Ermüdung kennend, denn ihren Eifer und ihre Kräfte lockte ein ausgeſetzter Preis, den Eduard oder Ernſt zu gewinnen gewiß war. Oder ſie ruderten emſig auf der klaren Fluth dahin, bei Wind und bei Wetter. Eines Tages hatte Eduard zu ſeinem Pflegevater geſagt, als dieſer ihn ermahnte, vorſichtig zu ſein: Laß mich, ich bin für das Waſſer beſtimmtz wäre ich an einer Küſte ge⸗ boren, ſo wäre ich Seemann geworden.“ „O,“ ſagte der Pfarrer zum dabeiſtehenden Kantor, ves iſt nur die klare, unabſehbare Tiefe, die ihn lockt. Er — 191— ahnt eine Nixe darin verborgen, die Schätze hat, mehr als das Land, und dieſe machen ihn lüſtern!“ „Nein, Schätze nicht,“ erwiderte ſchnell der horchende Knabe,„aber die neue Welt, die in den Tiefen verborgen liegt, möchte ich ſehen.“ „Siehſt Du, da haben wir's,“ raunte der eine Mann dem andern zu.„Ich wußte es. Der Drang nach Tha⸗ ten, nach Neuem, noch nie Geſehenem wohnt in ihm.“ Oder ſie wanderten insgeſammt in den dunkeln, trau⸗ lichen Tannenwald, ſo duftig, ſo düſter, ſo erquickend. Und da erzählte Eduard den horchenden Geſpielen ſelt⸗ ſame Geſchichten, denn ſeine Phantaſie war unergründlich, tief und reich. Und ſie horchten ihm zu und er war wie⸗ der in ihren Augen gewachſen, ohne daß er es merkte. — Hiier theilten ſie ſich ihre Hoffnungen von der Zukunft mit, hier wuchſen ſie ſich einander ſo recht in's Herz, hier ſchmiedeten ſie Pläne, faßten Entſchlüſſe und malten ſich ein Alter aus, wie es nur in der Einbildung der Jugend, nicht aber in der Wirklichkeit des Lebens vorhanden zu ſein pflegt. Einer beſonderen Erwähnung verdienen in der Aus⸗ bildung, wenigſteus zweier der Knaben, noch die Zeichen⸗ ſtunden unter der Leitung des Zimmermeiſters; dieſe zweck⸗ mäßigen Unterweiſungen ſollten für ſie in der Zukunſt von großer Bedeutung ſein. In der ſonntäglichen Stille ſaßen ſie, munter plaudernd und ſcherzend, hinter ihren — 192— Reißbrettern und übten ſich, anfangs mit dem Blei, ſpä⸗ terhin mit dem Tuſchpinſel. Freilich malte Felix gewöhn⸗ lich nur Noten, und Karl zeichnete Pflanzen und Blumen; Ernſt aber und Eduard ſtrebten wetteifernd, das Beſte und Schönſte zu kopiren, was der Meiſter beſaß und leh⸗ ren konnte, freilich in verſchiedenen Richtungen, denn Ernſt ſuchte ſich ſeine Aufgaben in architektoniſchen Riſſen, Ver⸗ zierungen, Dachverbindungen und ſonſtigen in’s Baufach ſchlagenden Gegenſtänden auf, während Eduard mehr das Landwirthſchaftliche, das Thieriſche und Menſchliche anzog. Beide erreichten für ihr Alter eine hohe Vollkommenheit in dieſen Arbeiten, die durch fortgeſetzten Fleiß eben ſo viel Nutzen wie Unterhaltung für die Zukunft abwarfen. Einen ungeheuern Eindruck auf das bildneriſche Gemüth Beider aber machten die, Abends zur Belohnung ihnen vorgelegten, Abbildungen der ſchönſten und erhabenſten Gebäude der Welt, ein koſtbares Werk, welches mit Behut⸗ ſamkeit aufbewahrt und nur wenig angefaßt werden durfte. In Betrachtung dieſer Schätze vertieften ſich oft bis ſpät in die Nacht die zwei Knaben, deren Geiſt im Einzelnen dadurch geweckt, deren Erkenntniß im Allgemeinen dadurch erweitert wurde. Es iſt nicht zu viel geſagt, daß bei empfänglichen Ge⸗ müthern ſolche frühe Veranſchaulichung der Denkmäler alter und neuer Kunſt oft mehr zu Stande bringt, einen grö⸗ ßeren Einfluß auf ſpätere künſtleriſche und natürliche Ent⸗ wickelung uͤbt, als man gemeinhin denkt. Sie hatten — 193— jetzt eine Stätte für das in der Geſchichte und Literatur und Kunſt Gelernte; ihre Phantaſie bereicherte, ihre Ideen erweiterten ſich und ſelbſt das Alltägliche im gemeinen Le⸗ ben erhielt dadurch einen neuen Reiz, ein Ziel des Stre⸗ bens und Verlangens. Nach dieſen angenehmen Beſchäf⸗ tigungen hatte der bedachtſame Vater, als Ernſt älter wurde und dem Zimmermannshandwerk ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit ſelbſtthätig ſchenken mußte, noch eine neue Ueber⸗ raſchung vorbehalten. Unvermuthet kam eines Tages auf einem Laſtwagen aus der Stadt eine Drechſelbank an. Die begierigen Knaben lernten ſehr bald dem geſchickten Meiſter ſeine Kunſtſtückchen ab, und während Karl im Garten grub oder ein Buch über Pflanzenkunde las, Felir aber das Fortepiano ertönen ließ, arbeiteten und boſſelten die beiden Andern allerliebſte Sächelchen, die ſie den über⸗ raſchten Eltern oder kleineren Geſchwiſtern zum Geſchenke überreichten. So ging bei ihnen die Kunſt mit dem Hand⸗ werk Hand in Hand, eins förderte das andere, in wech⸗ ſelſeitiger Belehrung. Während nun die geiſtige und körperliche Entwicke⸗ „lung der Knaben zur Freude und Beruhigung der Eltern auf dieſe Weiſe erfreulich fortſchritt, ging das übrige Haus⸗ weſen ſeinen regelmäßigen Gang. Die beiden älteren Mädchen des Pfarrers, unſchuldige, rothwangige, zu Jung⸗ frauen emporblühende Kinder, gingen der Mutter ſchon willlig in der Wirthſchaft zur Hand, und was die Freude Der Inſelkönig. I. 13 — 194— für Eduard wenigſtens vollgiltig machte, war die unver⸗ muthete Ankunft der alten Suſanne, die plötzlich erſchien und ihre Hilfe der Familie des Geiſtlichen anbot. Dieſer hatte ſein früheres Verſprechen nicht vergeſſen, da aber ſein Haus die nöthigen dienſtbaren Geiſter hatte, ſo ver⸗ blieb ſie einſtweilen als überzählige Aushelferin darin, bis die Haushälterin des Kantors, einem einträglicheren Dienſte folgend, ihr Platz machte und ſie nun an deren Stelle als willkommene Hausverweſerin waltte. Während nun die Erzieher, durch den Erfolg ihrer Mühen belohnt, an dem Gelingen ihrer Pläne in der ein⸗ ſtigen Selbſtbeſtimmung der drei Knaben, Ernſt, Karl und Felix ſich beruhigt fühlten, nahm die Sorge um Eduards immer näher rückende Zukunft den Prediger von Tage zu Tage mehr in Anſpruch. Wer Augen hatte zu ſehen, mußte die eigenthümliche Obergewalt bemerken, die Eduard, ſeinen Gefährten gegenüber, nicht ſich ſelbſt an⸗ eignete, ſondern aus ihren Händen, freiwillig geboten, ent⸗ gegennahm. Die Gründe dieſer Unterordnung waren kei⸗ nem von ihnen klar, ſie verſtand und machte ſich von ſelbſt und ſie nahm zu, je mehr alle an Jahren und Bil⸗ dung vorrückten. Es iſt dies eine Erſcheinung, die wir in ähnlichen Verhältniſſen ſehr oft finden. Der Inſtinkt ſcheint die jungen Gemüther auch hierin zu beherrſchen, und ihm folgen ſie ohne Bedenken. Der höhere Geiſt, das allgemeinere Talent übt eine ſo große Anziehungskraſft — 195— auf die unverdorbene Jugend aus, daß ſie dem Scepter des Stärkeren und Beſſeren ohne Murren folgt, ja, für ein Recht hält, was nur ein Sieg der allgewaltigen Na⸗ tur iſt. Auch dem beobachtenden Geiſtlichen entging dieſer Sieg der Naturanlagen Eduards nicht und er ſuchte ihn nie zu hemmen, vielmehr zu ſtärken und zu unterſtützen. Denn ſelbſt auf ihn hatte der junge Menſch einen ähnli⸗ chen Einfluß geübt, auch ihn bezwang er, wenn nicht durch den Geiſt, doch gewiß durch das reiche, überſtrömende Herz, und doch war gegen das Herz des Geiſtlichen nichts zu ſagen. Der Knabe war ihm wie ein jüngerer Bruder an dieſes warme Herz gewachſen, Beide verſtanden ſich, wie ſie ſich liebten, und wenn ſich der Geiſtliche in der Jugend des Sohnes wieder erkannte, ſo blickte Eduard zu ihm als dem reinen Vorbilde ernſthafter Nacheiferung auf. Sie arbeiteten, ſie ruhten, ſie plauderten zuſammen, Beide lernten von einander, der Jüngere, was man von dem Aelteren, Erfahrneren, Wiſſensreicheren lernen kann, der Aeltere, was ein fortſtrebend bildſames Gemüth aus den höheren Naturen geiſtiger Begabung ewig wird ſchö⸗ pfen können. So waren ſie in wechſelſeitiger Gabe Vater und Sohn, Lehrer und Schüler und durch Sinn und Herz Bruder und Bruder. Schon von früheſter Zeit her war es einer der angenehmſten und lehrrhſten Vorfälle geweſen, wenn er den Pflegevater auf ſeinem Wagen in die Umgegend be⸗ 13*¼ gleiten durfte, die zu deſſen Sprengel gehörte und in wel⸗ chem er, wie damals bei Buſchmann, durch ſeine bloße Er⸗ ſcheinung ſchon Troſt und Hilfe den Leidenden und Be⸗ dürftigen ertheilte. Zwar war die benachbarte Gegend nicht gerade arm zu nennen, allein, bieten die Leidenſchaf⸗ ten der Menſchen und Krankheiten nicht genug Noth zu geiſtlichem Troſte dar? Eduard pflegte bei dieſen Gelegenheiten einen reich⸗ lich mit wohlſchmeckenden Speiſen und nothdürftigen Be⸗ kleidungsſtücken gefüllten Korb zu tragen, den die gütige Pflegemutter ihren Schutzbefohlenen angedeihen ließ, jeden Augenblick bereit, eben ſo mit leiblicher Hilfe, wie ihr Mann mit geiſtiger Speiſe zu erquicken. Auf dieſen oft ſehr weiten Wegen wurde viel geſprochen, Altes wieder⸗ holt und Neues vorgenommen, und das auf dieſe Weiſe dem Geiſte des Knaben Eingeprägte ſaß feſter, als irgend etwas Anderes, da ſich mit dem Gegenſtande auch zugleich der Ort, wo ſich derſelbe verhandelt, dem Gedächtniß überlieferte. Gewöhnlich führte beide Wanderer der Weg jenſeits des Sees, durch den Tannenwald in die Neben⸗ berge hinein, eine in der ganzen Nachbarſchaft wegen ihrer wilden, romantiſchen und für dieſen Landſtrich ſeltenen Na⸗ turſchönheit berühmte Gegend. Vom See aus ſchlängelte ſich der mit braunen Fichtennadeln beſtreute glatte Weg ſchneckenförmig in die höheren Berge hinauf, zu beiden Seiten mooſige Gründe voller üppiger, großblätteriger Farrenkräuter zeignd. Dann kam einmal ein Stück ſchattigen Buchenwaldes, auch einige Eichen, aber freilich in ſparſamer Fülle, bis endlich der dichte Wald ſich lichtete und ſich in einen weiten grünen Wieſengrund öffnete, deſ⸗ ſen äußerſte Strecken von dunkelgrauen Bergen begrenzt wurden, auf deren Gipfel ſich die ſchlankſten Tannen mit den ſchattigſten Eichen vermiſchten. Dieſer Punkt war der höchſte der ganzen Gegend. Hatte man ihn erreicht, ſo lag nordwärts vor dem Beſchauer die weite Ebene, die bis zu der königlichen Hauptſtadt ſich ausdehnte, deren Thürme man mit einem guten Fernglaſe in reinſter Klar⸗ heit erreichen konnte. Dies war Eduards Lieblingsplatz, und bis hierher erſtreckten ſich gewöhnlich die weiteſten Spaziergänge der vier Knaben. Aber nicht der Höhe und der Fernſicht allein wegen lockte es den Pflegeſohn des Geiſtlichen hierher, nein! eine höhere, romantiſchere Idee hatte ſchon längſt ſeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt und ſeinen Schritt häufig an dieſen Ort gelenkt. Denn unmittelbar am Fuße des höchſten dieſer Berge, hauptſächlich der Ra⸗ benſtein genannt, weil dieſe ſchwarzen Vögel ihn ſtets in reicher Anzahl umkreiſtten, lag, von den Schatten der zu⸗ nächſt wachſenden Hängebirken verdunkelt, ein beinahe kreis⸗ runder See, deſſen trübes, ſchauriges Gewäſſer einen un⸗ tern Äbfluß haben mußte, während er von einer, im be⸗ nachbarten Erlengebüſch verſteckten, heiter ſprudelnden Quelle gefüllt wurde. Von dieſem See, der Tauſelsſer genant, — 198— ging die Sage, in ſeine unermeßliche Tiefe, in deren Bereich ſich nie ein Nachen gewagt, ſei das ſchöne Schloß verſunken, welches einſt die Höhe des Rabenſteins geziert, und der beklagenswerthe Edelmann habe ſich, als er eines Tages von einem Feldzuge heimkehrend, die Trümmer ſei⸗ nes Beſitzthums auf dem See kreiſen ſah, voller Verzweif⸗ lung in denſelben geſtürzt. In der That, die düſtere Föhre, die an der einen baumloſen Seite des Sees ſich mit ihrem Wipfel und ihren ſtaͤmmigen Gliedern weit über den Rand des Waſſers bückte, ſchien der verwandelte Burgherr zu ſein, der in troſtloſer Verlaſſenheit ſeine thrä⸗ nenden Augen in den See ſenkte, ſeine Lieben und ſeine Beſitzthümer auf dem Grunde zu ſuchen. Ueber dieſen öden See, dieſe ſchlüchtreiche Wald⸗ einſamkeit war eine ſchauerliche Stille gegoſſen, der ge⸗ fühlvolle Wandrer empfand einen geſpenſtiſchen Druck ſein Herz umziehen, wenn er den verlaſſenen See, den klagen⸗ den Baum, die düſteren Schatten des jenſeitigen Waldes betrachtete. Auf dieſem Berggipfel hatte Eduard oft ſchon als Kind, mit dem treuen Hektor zur Seite, geſeſſen und Träume ſein kindliches Herz beſchleichen fühlen, die, bange und ſchwer darauf laſtend, ſeinem Gefühle eine unendliche Wehmuth eindrückten, und dennoch wieder ſo lieblich waren, daß er ſie ſo oft wie möglich wieder zu empfinden ſich gedrungen fühlte. Zu einem ſolchen Berufsgange eines Tages aufge⸗ — 199— fordert, wandelte er nun neben dem Vater, den gefüllten Korb am Arme, gefolgt von dem ſchon träger ſchreiten⸗ den alten Hunde, eben jenen Waldweg einher. Ihr heutiger Beſuch galt einer etwas abſeits liegenden Bauern⸗ hütte, und ſie umgingen den Berg, mit dem Vorſatz, bei ihrer Rückkehr ein Stündchen auf ſeinem Gipfel zu ruhen. Die Hütte war erreicht, Troſt den Kranken geſpen⸗ det, die Speiſen und Strümpfe vertheilt, und Vater und Sohn, von den Segenswünſchen der Armen begleitet, wandten ſich ſchweigend zur Rückkehr. Oben auf dem Rabenſteine angelangt, ſetzten ſie ſich in das duftige Moos unter eine rieſige Eiche und wandten ihre Blicke auf das weit vor ihnen geöffnete Land. „Wie viel Elend es doch auf der Welt giebt!“ un⸗ terbrach endlich Eduard das von beiden Seiten gedanken⸗ reiche Schweigen.„Wenn man dieſe friedliche, ſtille Na⸗ tur betrachtet, ſollte man glauben, ſie hätte einem Jeden das Seine in Fülle gegeben, und doch hat ſie ſo viele Arme ohne Hilfe und Obdach gelaſſen.“. „Mein Sohn,“ entgegnete milde der Pfarrer,„ur⸗ theile nicht zu voreilig. Ich glaube, ich ſage, ich glaube, ſie hat mehr Reichthum, Schönheit und Fülle geſchaffen, als Du bis jetzt geſehen haſt.“ 3 „Wohl! aber ſie hat es nicht richtig vertheilt!“ Der Prieſter erſchrak. Dieſen Gedanken hatte er noch nie von ſeinem Pflegeſohne vernommen. — 200— „Doch,“ erwiderte er, vielleicht gegen beſſere Einſicht, „die Natur, das heißt, der Schöpfer iſt weiſe und gütig. Er hat auch Raubthiere geſchaffen, welche die ſtillen Haus⸗ thiere verſchlingen; Freuden und Schmerzen wiegen ſich auf, und wenn das Schlimme und Böſe nicht wäre, würde das Gute und Erfreuliche keinen Werth, keinen Reiz für uns haben. Es muß nur die Sorge eines jeden guten Menſchen ſein, das Letztere zu verbreiten, es zu mehren es richtig zu vertheilen, denn nicht Jedem iſt gut, was Dir ſo ſcheint; den Einen würde der Ueberfluß erdrücken, während den Andern der Mangel nicht muthlos macht.“ „Ich möchte wohl Ueberfluß an Gutem haben, um es an Mangel und Elend zu vertheilen.“ „Ein ſchöner Wunſch, möchte er ſich erfüllen! Aber der Menſch kann viel, wenn er will. Der Eine hilft mit Rath, der Andere mit That. Ich habe mit meinen ſchwa⸗ chen Kräften für dies Mal den Rath gewählt.“ „Auch die That ſchließeſt Du nicht aus,“ ſagte der Knabe, auf den leeren Korb deutend. Der Geiſtliche lächelte. Das iſt zu wenig, davon zu ſprechen,“ entgegnete er.„Gott genügt der Wille und der Rath. Alſo Du wollteſt Dich der That widmen, mein Sohn?“ „Ganz gewiß. Gott gebe mir, damit ich geben kann, das ſoll mein Lebensberuf ſein.“ Der Vater horchte hoch auf. So deutlich und be⸗ — 201— ſtimmt hatte ſich Eduard nie über ſeine Zukunft ausge⸗ ſprochen. „Was willſt Du denn für einen Beruf wählen? fragte er leiſe und zögernd. „Ich will nach meinen Kräften Glückliche zu machen ſuchen.“ „Ein loͤblicher Wunſch! Ich wünſche Dir des Him⸗ mels Segen dazu. Aber die Menſchen haben verſchiedene Wege, dieſen edlen Zweck zu erreichen, welchen hältſt Du für den geeignetſten?“ „Das eben iſt es, was mich quält, Vater, und in Unruhe verſetzt. Oft ſehe ich es deutlich vor Augen, ich könnte es greifen, dann iſt es wieder weit weg. Als Pfarrer möchte ich nicht leben,“ fuhr er lebhafter fort, „ein ſolcher Wirkungskreis iſt mir zu klein—“ „O! 1u „Ja, Vater, ſieh Deinen Bezirk an. Wie Wenigen iſt da noch zu helfen! Den Meiſten iſt geholfen, Arme giebt es wenig, mitunter eine Krankheit— das iſt nicht genug. Ich wünſche mir einen größeren Kreis, elendere Menſchen, größeren Mangel!“ „Was? Du wünſcheſt Elend und Mangel?“ „Für mich, Vater, für mich!“ rief der Knabe mit leuchtendem Antlitz,„um es zu brechen!“ „Haſt Du auch die Mittel dazu?“ Es erfolgte keine Antwort. — 202— „Alſo ein Pfarrer wird er nicht,“ dachte der Vater. „Das iſt ſchon Etwas, wir wollen ſehen, wohin dieſer Drang zieht.“— Und ſie ſtanden, das Geſpräch unbeendigt laſſend, auf und ſchlugen den Weg in die Heimath ein.— So näherte ſich allmählig, wie ein Tag nach dem andern ſchwindet und das Jahr voll wird und auf eines die andern folgen, die von allen in Bilſingen Betheiligten gefürchtete Zeit, wo die drei Knaben, Karl, Ernſt und Felix, dem ernſten Rufe der Welt folgend, die Heimath verlaſſen ſollten, um Jeder ſeinen eignen Weg zu verfol⸗ gen, fern von dem waltenden Auge der Eltern und Ju⸗ gendlehrer. Welch' eine bedeutungsvolle Trennung für Beide! Wie dunkel die Zukunft in Schleier gehüllt! Ach! es iſt jedem tief fühlenden Vater⸗ und Mutterherzen nicht zu verargen, wenn es in ſolcher Prüfung und Sorge hef⸗ tiger und ſtürmiſcher ſchlägt! „Es wird Zeit, daß die Jungen fortkommen,“ ſagte eines Tages der Kantor zum Freunde,„wir können ihnen nichts mehr beibringen. Und wie ſie gewachſen ſind! fröhlich zwar wie immer, ſieht man ihnen doch den Ernſt des bevorſtehenden Augenblicks an.“ „Laß ſie es durchmachen,“ verſetzte Wollzagen,„wir haben es auch durchgemacht. Und wir, mein Freund, dürfen die Köpfe nicht hängen laſſen, wir müſſen, ſelbſt getroſten Muthes, ihnen mit dem Beiſpiel der Jaſſung — 203— und Ergebung vorangehen. Hat der Zimmermeiſter Alles in's Klare gebracht?“ „Er iſt geſtern wieder in der Hauptſtadt geweſen und ſcheint außerordentlich befriedigt. Ein Unterkommen für alle Drei iſt gefunden, für Felix ſo gut wie für unſere naben. Der Kapellmeiſter nimmt ihn und verſpricht das Beſte.“ „Das iſt mir lieb. Nun denn alſo getroſt voran; junge Tauben wollen fliegen, daß ſie dem Stößer zu ent⸗ rinnen lernen.“. „Du haſt gut ſprechen, Dein Eduard bleibt.“ „In vier Jahren iſt er ſo weit wie ſie. Früher laſſe ich ihn nicht. Will er ſtudiren, mag es ſein was es will, mit neunzehn Jahren kommt er früh genug auf die Univerſität, ich mag ſiebzehnjährige Studentchen nicht leiden.“ „Willſt Du ihn vier Jahre lang ewig mit derſelben Suppe traktiren? Ich ſollte meinen, in zwei Jahren waͤre er vollkommen gemäſtet.“ „Das wohl. Er hat jetzt die Stuſe eines Sun daners. Noch drei Jahre lernen, lernen, lernen, dann ein Jahr ruhen, beſinnen, befeſtigen; je ſtärker der Stamm, um ſo machtloſer der Sturm.“ „Ich bin es zufrieden, er iſt Dein Eigen. Aber es wird ihm hier einſam vorkommen.“ „Ich fürchtete es früher; je naͤher aber der Tag der — 204— Trennung kommt, um ſo weniger beſorge ich. Der Junge hat etwas Eiſernes oder Goldenes vielmehr in ſich, er ſammelt und ſetzt ſich; er hat Zeit, die innere Gährung zu verarbeiten; Einſamkeit wirft am beſten die Schlacken hinaus; ich habe noch nie bei ſolchen Anlagen in der Stille des Nachdenkens einen ſchlimmen Entſchluß keimen geſehen. Laß ihn gewähren, wir beſchränken uns auf Beobachtung, und wo es nothwendig, auf Leitung.“. Und der Tag der Trennung kam wirklich. Am Tage vorher fand die Konfirmation der vier in jeder brü⸗ derlichen Weiſe verbundenen Freunde ſtatt. Es war ein trauriger, aber zugleich erhebender Tag für alle Bethei⸗ ligten.— Die kirchliche Feier war vorüber, mit ganzem Her⸗ zen gegeben, mit voller Seele genoſſen, und die häusliche Feier begann. Sämmtliche Väter und Mütter waren im Pfarrhauſe verſammelt. Abends ertheilte der Pfarrer den letzten guten Rath, auch der Zimmermeiſter hatte den ſei⸗ nigen in ſeiner Art geſprochen. Michel, der Kantor, war ſtill, etwas weich; der Zimmermeiſter lachte und jubelte; Salt nutte weinte; des Geiſtlichen Auge leuchtete. Die Knaben ſelbſt hielten ſich etwas mehr zurück als gewöhn⸗ lich; Karl war tonlos, Ernſt der Fröhlichſte, Felir ſummte leiſe ſeine Lieder vor ſich hin. Eduard ſchien ſich Gewalt anzuthun, er war mehr ergriffen, als er ſchien; er lächelte zuweilen, zuweilen ſann er nach; den Freunden aber drückte — 205.— er wiederholt die Hände.— Auch dieſer Tag verging. Am nächſten Morgen um ſieben Uhr fuhr ein leichter Wagen vom Zimmerplatze her vor das Pfarrhaus; der Meiſter, Ernſt und Felix ſaßen ſchon darin. Die Pfar⸗ rerin und Suſanne packten für Karl ſchnell das Felleiſen, es wurde wie die Koffer Ernſt's und Felir's hinten auf den Wagen gebunden. Alle Verwandten ſtanden jetzt um das geöffnete Fuhrwerk. Felix hatte die alte Geige ſei⸗ nes Vaters, ſein einziges Erbſtück, unter dem Arme. Die Umhalſungen und Abſchiedsküſſe der Frauen begannen, die Knaben weinten, Eduard zerdrückte männlich eine gewalt⸗ ſam hervordringende Thräne. Noch einige Worte, noch einige Glückwünſche, und alle Fünf ſaßen ein, der Kantor mit dem Meiſter hinten, Felix und Karl vorn im Wagen, Ernſt ſaß beim Kutſcher und lenkte vergnügt die Pferde. „Gottes Segen, Gottes Segen!“ rief mit den Ar⸗ men und Augen winkend der Pfarrer. Die Peitſche er⸗ klang, die ſcharrenden Pferde zogen an, und dahin, von Staubwolken umſchwirrt, raſſelte das Gefährt die Dorf⸗ ſtraße entlang, der Hauptſtadt, der großen, mächtigen, ſchönen Hauptſtadt entgegen.— Und es war plötzlich ſehr einſam in dem eben noch ſo belebten Pfarrhofe. Fünftes Kapitel. Der Bach findet den Strom. Die Knaben waren ſchon ſeit einer Stunde abgereiſtt, Eduard war im ganzen Hauſe nicht zu finden. Da aber der Hund auch fehlte, ſo vermuthete man einen Ausgang. Und ſo war es. Der junge Menſch mußte allein ſein, ſein Herz war zu voll, um es nicht in tiefer Einſamkeit vor ſeinem Schöpfer ausſchütten zu müſſen. Nur der ſtille Wald, die rauſchenden Bäume und der wehende Wind konnten die Sehnſucht, die ſeine ganze Seele erfüllte, ver⸗ ſtehen.— Er ſaß auf dem Rabenſteine unter der Eiche, der Hund lag neben ihm auf dem Mooſe. Die Arme auf die angezogenen Kniee, den Kopf auf die Hände geſtützt, ſtarrte er in die unabſehbare Ferne und ſuchte ſeiner Ge⸗ danken Herr zu werden, ſeine ſchwellenden Gefühle zu be⸗ ſchwichtigen, damit ſie ihm nicht die Bruſt zerſprengten. * — — 207— Und was dachte und fühlte der funfzehnjährige Knabe? O, wir ſind Alle ſo jung geweſen und haben vielleicht ähnlich gefühlt wie er. Wir wiſſen, was ein nach der Weisheit der Welt ſich ſehnendes Herz bewegt, welche Gedanken einen reinen Geiſt zum Schöpfer des Alls er⸗ heben können.— Und der Knabe verſenkte ſeinen ſuchen⸗ den Blick in die liebliche ungemeſſene Himmelsbläue— ja, ja, der dahinter wohnende, waltende, ſchaffende Geiſt, Urgeiſt, Gott, wie Ihr ihn nennt oder Euch denkt— der ſieht, der weiß Alles, Alles, Alles! Und doch waren es ſcheinbar wieder nur kindliche Gedanken, in denen ſich das geiſtige Grübeln des Einſa⸗ men zuletzt ausſprach. Er ſagte endlich zu ſich ſelber: „Nun, laß ſie gehen, mögen ſie glücklich ſein! Nur Eins beſorge ich, ſie möchten zu viel lernen, bis ich ſie wiederfinde. Und das wäre gut für ſie, aber ſchlimm für mich. Sie haben ſo große Gelegenheit, Neues zu ſehen, Schönes zu bewundern, durch und durcwenre zu ler⸗ nen; in der großen, großen Stadt, woalle Gelehrſamkeit, alle Kunſt, alles Wiſſen, mit Einem Worte, Alles, Alles, Alles, was mich reizt, was ich erſtrebe, ſich auf einen kleinen Raum zuſammendrängt, während ich, hier auf dem Dorfe, mit meinen armſeligen Büchern beſchäftigt, nur Weniges lernen kann. Sie ſehen, ſie hören Alles mit ihren eigenen Augen und Ohren— ich, ich kann nur leſen und wieder leſen, was Andere Vüſchreden haben. — 208— Wie wenig iſt das!— Doch nein!“ ſprach er muthiger werdend zu ſich,„es iſt nicht das Leſen allein. Ich kann auch denken— ha! Denken! das heißt Schaffen, das heißt Machen, das heißt der Zukunft eine Grundlage le⸗ gen. Und das will ich— eine feſte, ſichere Grundlage — hoch in die Wolken muß das Gebäude hinauf ragen, die Sterne müſſen es berühren, die Sonne es göttlich er⸗ wärmen. So ſoll es ſein, ſo muß es ſein! Und nun will ich fleißig ſein, ha! es ſoll eine Luſt ſein, zu arbeiten, zu lernen, fortzuſchreiten, in zwei Jahren muß es voll⸗ bracht ſein, dann bin ich ſiebzehn, dann— dann— dann— „Siebzehn Jahre und nichts für die Unſterblichkeit gethan!“ dachte Eduard, wie jener königliche weiſe Jüng⸗ ling hundert Jahre vor ihm, der in ſeiner Jugend ein Denker, in ſeinem Mannesalter ein großer Krieger und ein größerer Staatsmann, in ſeinem Alter ein Weiſer war. Doch⸗er wußte nicht, daß dieſen Gedanken ſchon Jemand vor ihm gehabt, er fühlte, er dachte ihn urſprüng⸗ lich, wie ſo viele ſchöne Gedanken und Gefühle nie blos das Beſitzthum, die Schöpfung eines Einzigen ſind, denn in allen denkenden und fühlenden Weſen lebt und webt ja die ſchaffende Mutter Natur mit gleichen Anlagen, gleichen Beſtrebungen, einem Ziele entgegen, das ſie nur auf ſo verſchiedenen Wegen erreichen. Und hier, auf dieſem Berge, in dieſem Walde, über dieſem See ſaß Eduard oft und lange, bisweilen bis in die ſpäte Nacht hinein, wenn der leiſe dahin ſegelnde Mond mit ſeinem bleichen Lichte Flur und Wald in zau⸗ beriſche Hülle kleidete und in des Menſchen weiches Herz linde Wehmuth und liebliche Träume goß. Und er hielt Wort mit ſeinen Vorſätzen; er las und las ſo viel, daß dem Vater beinahe bange wurde, denn es grenzte dieſe ſeine Luſt an eine wahre Wuth. Wo er ſtand, ging, ſaß,— trug er ſeine Studienbücher, ſeine Klaſſiker, ſeine Dichter, ſeine Geſchichtswerke mit ſich herum; kaum hatte er Ruhe bei Tiſche, kaum Ruhe in der Nacht. Um elf Uhr freilich mußte er, wie alle Mit⸗ glieder der Familie, im Bette ſein. Aber um vier Uhr war er ſchon wieder munter bei der Arbeit. Ja, wir dürfen es nicht verſchweigen: gegen den Wunſch des Va⸗ ters zündete er bisweilen mitten in der Nacht ſeine Lampe an, bis der Vater endlich die kleine Liſt merkte und ihm, ohne ein Wort zu ſagen, die Lampe ſtets vom Bette fort⸗ nahm. Das wirkte— es war der erſte, freilich ſchweig⸗ ſame Vorwurf, den er in ſeinem Leben erfahren. Und wenn ihm dann der beunruhigte Geiſtliche, ſolchen nie ra⸗ ſtenden Fleißes ungewohnt, Vorſtellungen machte, ſich doch nicht zu übereilen, er habe ja noch Zeit, lange Zeit — da ſah er den beſorgten und doch beglückten Pflege⸗ vater mit ſeinen großen ammenden Augen büttend an und ſagte leiſe: Der Inſelkönig. I. 14 „Laß mich, Vater, ich kann nicht anders, ich muß Mein Weg iſt weit, ich habe noch zu ungeheuer viel zu lernen.“ „Willſt Du denn Alles verſchlingen mit Deiner Un⸗ erſättlichkeit?“. „Ja, ja, wenn ich es könnte, Alles, Alles! Es iſt zu ſüß, recht viel zu wiſſen!“ So war es natürlich, daß er ſchnell der vollen Reife eines Jünglings entgegenrückte, der mit allen Vor⸗ bereitungen für ſpäteres Wiſſen reichlich verſehen, die Univerſität beziehen konnte, in der Hoffnung, die in en⸗ gere Dämme bisher eingeſtauten Kenntniſſe dort auf grö⸗ ßerem Felde ſich ein breiteres Bett ſuchen zu laſſen. Doch dauerte des Vaters regelrechtes Wirken in allen Zweigen der Schulwiſſenſchaften noch beinahe drei Jahre fort— Jahre, in denen die drei entſandten Kna⸗ ben mehrere Male die Heimath wieder beſucht hatten.— Dann aber erklärte eines Tages der Pfarrer ſeinem Freunde, dem Kantor, jetzt ſei es auch für den vierten Zeit, zu gehen, die Reife ſei da, das Lateiniſche, Griechi⸗ ſche, die neueren Sprachen, die Geſchichte, ja auch die Klippe ſo manches talentvollen Jünglings, die Mathema⸗ tik, ſitze bei ihm feſt, und er wolle ihn zum Oſterfeſte in der nächſten Reſidenz, wo ein gutes Gymnaſium war, prüfen laſen. 8 Noch aber war kein Wort zwiſchen Vater und Sohn — 211— wegen des zukünftigen Berufes gefallen. Erſterer glaubte, Letzterer hätte ſich immer noch nicht entſchieden, worüber er ſtets in Sorge und Unruhe war. Da ſollte er eines Abends eines Beſſern belehrt werden und die Ueberra⸗ ſchung ſollte um ſo vollſtändiger ſein, als der Pfarrer ſich über ſich ſelber wundern ſollte, daß er die Entſchei⸗ dung des Pflegeſohnes nicht vorhergeſehen, indem ſie eben ſo einfach als natürlich war. Bei einem Spaziergange nämlich über das Feld ſprachen ſie über die erfreulichen Fortſchritte, welche die drei Genoſſen in der Hauptſtadt in ihren verſchiedenen Berufszweigen gemacht hatten. Es waren von Zeit zu Zeit die günſtigſten Berichte über ſie eingelaufen. Von Karl war bis jetzt freilich am wenigſten zu ſagen, ſein Beruf war der einfachſte, leichteſte, wie auch ſeinem ganzen We⸗ ſen zumeiſt entſprechend. Der Inſpector des botaniſchen Gartens lobte ſeinen Fleiß, ſein ſittſames Verhalten, ſei⸗ nen Eifer im Entwerfen und⸗Zeichnen verſchiedener Gar⸗ tenanlagen und Parkpläne, worin die jungen Zöglinge jenes vortrefflichen Inſtituts bei Zeiten grübt und nach ihrem Ausfall befördert wurden. Das war ſchon genügend, und der Kantor hatte mit wohlgefälligem Schmunzeln dieſes Lob geleſen und vor Freude die Blumen zu begießen vergeſſen,— das erſte Mal in ſeinem Leben— und bis nach Mliiternuh gn dieſem Tage ſeinen Flügel bearbeitet. 1 — 212— Ernſt war als Muſter ſeiner Anſtalt vorgeführt worden, hatte das letzte Jahr eine Prämie erhalten, als Zeichner den erſten Platz eingenommen, und ſeine ſonſti⸗ gen techniſchen und mechaniſchen Studien, namentlich in der Mathematik und Phyſik, wurden in gleichem Maße fortgeſchritten angegeben. Sein Vater, der lebensfriſche Meiſter, hatte zum Ueberfluß ſogleich nach Ankunft die⸗ ſes Berichtes ein Geldgeſchenk nach der Hauptſtadt ge⸗ ſandt, womit ſich die Knaben einen guten Tag machen ſollten, wie er ſagte. Felix durfte, als Jüngſter, natürlich in dieſem lo⸗ benswerthen Bunde nicht fehlen. Sein Kapellmeiſter aber war im Briefſchreiben ein träger Mann, und nur beim letzten perſönlichen Beſuche des Meiſters in der Hauptſtadt hatte Dieſer von Jenem herausgebracht, Felir verriethe ein großes Talent, nur ſeien ſeine körperlichen Kräfte anſcheinend nicht ausreichend, was denn den Mei⸗ ſter zu dem Ausſpruche gebracht hatte, das ſei ſeine Mei⸗ nung gar nicht. Solche Naturen, wie die ſeines Felix, hätten bei allem nervöſen Zimperlichen etwas von der Zähigkeit der Katze an ſich; wenn ſie ein bischen auf den Schwanz getreten würden, miauten ſie freilich vor Schmerz, es hätte dies aber durchaus nichts zu bedeuten. Das Geigen ſei eine ſo feine und die Nerven ergreifende Ar⸗ beit, das tauge mgn die Orgel ſolle er ihm verordnen, das ſei geſundmachende Arznei. „Er hat ganz Recht, wenn er ſich auch eigenthümlich ausdrückt,“ ſagte der Pfarrer während jenes Spaziergan⸗ ges zu Eduard, der ihm dieſe Nachrichten mittheilte.— „Er hat keinen feinen Takt, dieſer gute Handwerksmann, aber er hat einen richtigen, natürlichen, geſunden Men⸗ ſchenverſtand, und das iſt viel, viel werth im Leben.— Ja, dieſe Knaben, ſie beglücken uns Alle und ſind auf dem beſten Wege der Unſterblichkeit,“ wollte er ſcherzend hinzuſetzen, als er das ernſte Geſicht t Eduards ſah und inne hielt. „Was iſt Dir, mein Sohn?“ „Mir? O, nichts! Ja, ſie ſind freilich auf dem beſten Wege, und außerdem weiß ich, was der Seufzer bedeuten will, mit dem Du dieſe Wortz ſpracheſt.“ „Nun?“ Und noch ernſter ſchaute der Vater den Sohn an. Dieſer lächelte und ſagte, ſeine Hand ergreifend: „Du kannſt meinen puten Weg noch nicht von Wei⸗ tem erblicken— wollteſt Du das mit dieſem Seufzer nicht ſagen?“ „Ich geſtehe es ein, Eduard, Du haſt mich er⸗ rathen.“— „und Du möchteſt auch mich auf dieſem guten Wege ſehen, wie?“ Ja, ja, von ganzem Herzen, mein Sohn, aber Du entſchließeſt Dich noch immer nicht.“ — — 214— „Nein, ich entſchließe mich nicht, weil ich mich ſchon längſt entſchloſſen habe—“ Der Geiſtliche ſah den Jüngling an und eine leichte Bläſſe entfärbte ſeine wolkenloſe Stirn. Es war die bange Erwartung der Entſcheidung eines ihm ſo nahe liegenden Schickſals, welche ihn ſo heftig bewegte. „Nun, und— ſage mir, mein Sohn, was haſt Du gewaͤhlt?“ „Gewählt? Nein, mein Vater, gewählt habe ich nicht. Hatte ich denn eine Wahl? Mußte ich nicht, wenn ich auch nicht gewollt hätte? Iſt nicht die Welt um mich her und Gott über mir? Ich ſehe die Wolken dahin ziehen, ſollte ich nicht nach ihrem Wege fragen? Mich erwärmt und beleuchtet das Geſtirn bei Tage und bei Nacht, ſollte ich nicht nach ſeinem Glanze forſchen? Alles, was ich ſehe, Luft, Erde, Meer— wo iſt ſein Anfang und ſein Ende, ſein Mittelpunkt und ſeine Heimath, ſeine Tiefe und ſeine Quelle— ſoll ich nicht darnach ringen? O, mein theurer, vielgeliebter Vater, mit dem Winde des Abends möcht' ich fliegen, um am Morgen den Anbruch des Tages an ſeiner Wiege zu erforſchen, mit dem abge⸗ fallenen Blatte möchte ich in das Grab ſinken, um der Zengung der blühenden Pflanze, des kriechenden Thieres beizuwohnen— gieb mir die Natur, und Du giebſt mir das Leben, nimm ſie mir, und Du trennſt mich von Al⸗ lem, was ich liebe und ſuche, was ich erſtrebe und erjage.“ 9 — 215— Und er fiel dem betroffenen Manne um den Hals und weinte laut vor Freude und Wonne, daß er endlich in Vorten ausgeſprochen, was ihm ſchon lange das Herz bedrückt hatte. Lange ſchwiegen Beide in gegenſeitiger Rührung. Dann begann der Vater: „Aber Du haſt mir ja nie etwas davon geſagt?“ „Ich habe es mir ſelbſt nie geſagt; empfunden habe ich es allein auf dem Rabenſteine, in der Einſamkeit— die ſtille Natur hat es mir ſelbſt mit ihrem Wehen zuge⸗ flüſtert— Und der Vater gewahrte mit innigſter Glückſeligkeit den poetiſchen Schwung des Jünglings, in dem mehr vom Dichter war, als er ſelber ahnte. Er lächelte ſtill vor ſich hin und ſagte: „Du ſtudirſt alſo und zwar die Naturwiſſenſchaften. Das iſt abgemacht. Aber wie denn? Wie ſteht es dabei mit Rath und That? Du wollteſt ja die ganze Menſch⸗ heit beglücken!“ „Nicht die ganze Menſchheit, mein Vater, das kann wohl kein einzelner Menſch, und wäre er der größte, der beſte. Nur einen größeren Wirkungskreis wollt' ich ha⸗ ben. Den habe ich auch vor mir. Zuerſt ſtudire ich Medizin, da werde ich ein Arzt. Siehſt Du nun den Wirkungskreis! Siehſt Du nun ſchon Rath und That? — Wenn mir das aber ſelbſt nicht genügt, und ich auch * — 246— den Menſchen damit nicht genügen kann, ſo gehe ich einen Schritt weiter, ſehe die Welt, die ganze Natur— ſammle und ſammle, und wenn ich genug geſammelt und gelernt, trete ich auf als Lehrer dieſer ſchönſten Wiſſenſchaft, welche die Menſchen beſitzen, denn ſie umfaßt Alles, was auf Er⸗ den und im Himmel iſt.“ „Bravo, Bravo, Eduard— alſo doch ein halber Sesmam: 27 „Das Meer muß ich ſehen— auf die eine oder andere Weiſe— das iſt in den Sternen beſchloſſen!“ Und er lächelte fröhlich bei dieſem kleinen Aberglau⸗ ben und nickte dem Vater zu. Dieſer aber nahm ihn beim Arme und führit ihn tiefer in den Wald hinein. „Eduard,“ ſagte er,„das Wort, das Du eben im Scherze geſprochen, hat vielleicht für Dich einen ernſteren, tieferen Sinn. Es iſt viel in den Sternen beſchloſſen. Laß mich jetzt von Etwas ſprechen, was mir lange auf der Seele gelegen— magſt Du es hören? es betrifft Dich allein und iſt Dein eigenes Geheimniß.“. „Ich weiß, was Du ſagen willſt,“ erwiderte Eduard erröthend.„Du willſt von meinem Herkommen ſprechen, das ich nicht kenne. Denn wohl weiß ich und habe oft darüber nachgedacht, daß Du mich als Waiſe von jener alten Suſanne in Dein Haus genommen, daß ich in einer traurigen Schneenacht zu ihr habe wandern müſſen, und endlich, daß ich Deinen Namen führe, während ich gewiß einen andern zu tragen berechtigt bin.“ „So iſt es, und ich freue mich, daß Du ſo ruhig und gefaßt davon ſprichſt. Stets habe ich es vermieden, Dich merken zu laſſen, daß ich nicht ſo glücklich bin, Dein Vater zu ſein— heute muß⸗Alles zwiſchen uns abge⸗ macht werden.— Erinnerſt Du Dich noch Deiner El⸗ tern?“ „Meines Vaters gar nicht; von meiner Mutter weiß ich nicht mehr, als daß ſie mir wie eine Frau ausſah, und, ſo viel ich denken kann, wie eine ſchöne Frau.“ „Das glaube ich gern. Deinen Namen weißt Du nicht mehr?“— „Ich habe ihn gewußt; da mir aber ſeit meinem fünften Jahre Niemand denſelben genannt, ſo erinnere ich mich ſeiner nicht mehr. Vielleicht wenn ich ihn hörte—“ Und der Geiſtliche nahm jenen dem Todten entrun⸗ genen Zettel aus einer Brieftaſche, erzählte, wie er dazu gekommen, und nannte mit lauter Stimme den Namen: „Eduard Hutten Stolling.“ „Er iſt mir unbekannt,“ bemerkte Eduard und ſchüt⸗ telte den lockigen Kopf. „So dürfen wir ihn Dir auch nicht zulegen, denn er könnte einem Andern gehören, da der Todte nicht mehr reden konnte, und noch unſeligerer Irrthum könnte aus . — 218— dieſem unſchuldigen Diebſtahl entſtehen. Aber Du ſollſt dieſen Zettel haben— merke Dir die Handſchrift— vielleicht, wahrſcheinlich ſogar hat ihn Dein Vormund ge⸗ ſchrieben— und endlich, wende die Kunde dieſes Namens an, wie es Dir gut dünkt— denn es iſt, wie Du ſagſt, in den Sternen viel beſchloſſen, ſie können Dir noch eine andere Zukunft vorbehalten haben. Mit Deiner ausge⸗ bildeten Männlichkeit, Deiner ſittlichen Freiheit, biſt Du Dein eigener beſter Vormund.— Und nun laß uns nach Hauſe wandeln, mein Sohn und nicht mein Sohn.“ „Vater!“ rief dieſer und Thränen entſtürzten ſeinen blauen Augen—„fkönnt' ich je vergeſſen— o, Du weißt es ja wohl, am liebſten wäre ich Dein Sohn— habe ich doch keinen Vater mehr!“ Und ihn liebend umfaſſend, lehnte er ſich an ſeim Bruſt und rief ſchluchzend: „Wer ich auch bin— Deiner, dem ich ſo viel, Al⸗ les, was ich bin und habe, geſunden Leib und geſunde Seele verdanke— Deiner will ich mich ewig würdig be⸗ weiſen und Dir allein dankbar ſein!“ „Gott ſei dankbar! von ihm allein haſt Du Seele und Leib— ich aber danke Dir, daß Du mich liebſt.“ „O, wir lieben uns Beide!“ rief Eduard innig, „wir lieben uns wie Vater und Sohn— und— ſei ruhig, ich werde das Meinige thun, Dir Freude und Zu⸗ friedenheit zu bereiten— ich will ſtreben— ringen—⸗ „Ruhe, mein Kind, Du biſt Menſch wie wir Alle, und Du ſchonſt Dich zu wenig.“ „Bin ich doch ſtark, iſt meine Kraft doch groß und mein Wille mächtig, und fühle ich doch beide alle Tage noch wachſen!“ „Ach ja! In jenen Tagen wachſen guter Wille, Kraft und Herz— wir wiſſen es wohl— jene drei Rieſen im Bunde, noch tagtäglich, ſie möchten den Him⸗ mel erſtürmen und erfaſſen, wenn die Vorſehung ihnen nicht einen ſterblichen Leib angemeſſen hätte!“ Der Tag der Prüfung war herangekommen. Der Director des Gymnaſiums, ein Studienfreund Wollza⸗ gens, ſchrieb und bezeichnete Tag und Stunde. Schon am frühen Morgen waren Vater und Sohn, begleitet von den Segenswünſchen der Familie und des Kantors, nach der Sommerreſidenz gewandert. Um acht Uhr Morgens begann die Prüfung, und erſt um drei Uhr Nachmittags war ſie vorüber. Eduard hatte zwölf Gefährten, er aber überflügelte ſie Alle, und die an dem ſchönen, hochgewach⸗ ſenen Jünglinge theilnehmenden Lehrer der Schule nick⸗ ten dem anweſenden Erzieher wiederholt ihren Beifall und ihre Bewunderung zu. Eigentlich war es Dieſer, der die Lorbeern des heutigen Tages einerntete, denn ein Knabe kann ſich überall entwickeln, ſagten die Lehrer, wenn Kopf in ihm iſt, aber nicht jeder Lehrer verſtände es, einen ſolchen Abiturienten zu erziehen. — 220— Die Prüfung war vorüber, Alle trennten ſich.— Wollzagen begab ſich zu dem Director und theilte ihm Dasjenige mit, was ihm über den zeitweiligen Namen des Jünglings wiſſen zu laſſen nothwendig ſchien, denn bisher war Eduard für den wirklichen Sohn des Predi⸗ gers gehalten worden. Da nun aber das ſchriftliche Zeugniß den wahren Namen enthalten mußte, weil ſonſt in Zukunft Verlegenheiten für den Beſitzer deſſelben ent⸗ ſtehen konnten, ſo zeigte der Pflegevater dieſen Umſtand wenigſtens dem Vorſteher der Anſtalt an, damit dieſer bei möglichen Ereigniſſen dieſelbe Perſon unter einem zweiten Namen erkennen konnte. Nachdem Vater und Sohn ſo⸗ dann bei dem Director geſpeiſ't, wanderten ſie freudigen Herzens der Heimath zu. Man hatte ſie zu Hauſe frü⸗ her erwartet, und der Kantor hatte ſeine Unruhe nicht bemeiſtern können und war mit dem eben ſo herzlich theil⸗ nehmenden Meiſter Doſſow den Zurückkehrenden entgegen⸗ geeilt. Auf der Hälfte des Weges erſt begegnete man ſich. Als der Geiſtliche die beiden befreundeten Geſtal⸗ ten von Weitem erkannte, ſchwenkte er, ihre etwaige Un⸗ ruhe zu beſeitigen, ſein weißes Tuch flatternd in der Luft — nun war der Freude kein Einhalt zu thun, und man lief ſich gegenſeitig, als wären Meiſter und Kantor ſo jung wie Eduard geweſen, im haſtigen Laufe entgegen. „Tauſend Glück, tauſend Glück, mein Junge,“ rief — 221— ber fröhliche Dorflehrer dem Pflegeſohne des duundes u,„und wie iſt Alles abgelaufen?“ Man erzählte und hörte, und des Verwunderns war kein Ende. Nur der Zimmermeiſter war etwas ſtill, und augenſcheinlich feſſelte eine kleine Herzenslaſt ſeine Zunge, wie es in ſolchen Fällen bei ihm gewöhnlich war. „Was habt Ihr nur heute, lieber Meiſter?“ fragte endlich der Pfarrer.„Ihr ſeid ſo nachdenklich.“ „Da haben Sie Recht,“ war die eilige Antwort.— „Ich habe ein kleines Anliegen da an den Jungen, und er ſieht mir heute ſo ſtolz und vornehm aus, daß ich nicht wage, damit an's Tageslicht zu kommen. Aber wenn Du ſo lächelſt, mein Burſche, wie Du jetzt lächelſt, oho! dann bin ich wieder der alte Meiſter. Da, mein Junge, nimm hin, was ich Dir zur Erinnerung dieſes Tages ſchon lange aufbewahrt.“ Und er zog aus ſeiner Bruſttaſche eine e kleine goldne Uhr mit feiner verſchlungener Kette und ſteckte ſie dem Erſtaunten raſch in die Taſche. Alle blieben ſtehen und ſahen einander an. „Nur kein Wort, kein einziges Wort, wenn Ihr mich lieb habt, es iſt für die Freundſchaft, die er meinem Jun⸗ gen bewahrt.“ Und er hielt dem danken Wollenden und keine Worte Findenden den Mund zu. Für jetzt ſprach der Beſchenkte nichts Hörbares— gegen Niemand— ob er — 222— aber etwas in ſeinem arbeitenden Innern fühlte und be⸗ ſchloß, darüber wird die Zukunft uns Aufſchluß geben. Eduard war jetzt achtzehn Jahre alt und er konnte nach dem Ausfall obiger Prüfung mit Ehren die Univer⸗ ſität beziehen. Aber das war weder der Wunſch noch die Abſicht des Pfarrers, wie wir wiſſen. Der begabte Sohn war ihm zu jung, um ſogleich von der ſoeben voll⸗ endeten Arbeit zu einer neuen, größeren überzugehen. Er ſollte ein Jahr raſten, ſich ſammeln, ſeiner geliebten Na⸗ tur und der Familie leben, und durch öfter wiederholte Ausflüge in die benachbarte Königsſtadt, die ſo reich an Natur⸗ und Kunſtſchönheiten war, ſeine Kenntniſſe berei⸗ chern, um dann, mehrſeitig gerüſtet, das neue Werk auf der Univerſität zu beginnen. Eduard, in Allem dem Vater gehorſam und erge⸗ ben, erfüllte ſeinen Wunſch ohne Widerſpruch. Er las und arbeitete in ſeinen Klaſſikern zwar fort— wie konnte er ſein Leben ohne ſie zubringen— aber mit Ruhe, mit Nachdenken, mit ſgemäßigter Eile. Weiſe theilte er ſein Leben in die Natur und in die drei Familien, denen er ſo Vieles verdankte, und denen er insgeſammt angehörte, wie einer einzigen großen. Die Muſik trieb er mit jenem inneren Behagen, welches durch wachſende Gefühle und den reifenden Verſtand gleichmäßig ſich in dem empfäng⸗ lichen Sinne ſteigert, und er ſpielte den Flügel mit ſelte⸗ ner Fertigkeit, Sauberkeit und Friſche, welche allen Denen — 223— eigen iſt, denen das Talent inne wohnt, aus eigener Schöpfung ihren Gedanken Töne unterzulegen.— Er wurde ein ſogenannter Phantaſieſpieler in der höheren Bedeutung des Wortes, oft von der ſchulmeiſterlichen An⸗ ſicht der Buchſtaben⸗Menſchen verkannt, nur von einem poetiſchen Herzen gewürdigt. Was ihm aber ohne Zwei⸗ fel das größte Vergnügen bereitete, das war ſeine zuneh⸗ mende Fertigkeit im Zeichnen mit dem Blei und im Ma⸗ len mit Waſſerfarben. Auch hierin folgte er wie in allen ſeinen Beſtrebungen dem Fingerzeige der Natur. Er traf meiſterhaft den Charakter einer Landſchaft, eines Baumes, eines friedlichen Häuschens, und ſo kopirte er, zum Verwundern der Freunde, alle benachbarten Oertlich⸗ keiten ſeiner Jugend, das Pfarr⸗ und Schulhaus, den Zimmerhof und die Mühle, worin Felix gewohnt hatte. Den meiſten Beifall, weil er am meiſten begründet, ern⸗ tete er hierin von ſeinem Gönner, dem Zimmermeiſter, der eine wahre Verehrung für den talentvollen jungen Mann zu fühlen begann, wie alle Diejenigen ſie fühlten, in deren Kreis er ſpäter trat, deren Treiben er beobachtete, ſtachelte und auf den rechten Weg wies, der ihm von ſeinem ihm ureigends innewohnenden Genius angedeutet wurde. „Du hätteſt vielleicht ein Künſtler werden können und ſollen,“ ſagte der Meiſter eines Tages, als er die Skizzen im Pfarrhauſe ſah und bewunderte;„Du zeich⸗ neſt das beſſer als Ernſt und ich, und ich muß mit Stau⸗ nen betrachten, was ich nicht nachmachen kann. Nun, nun, ein Stück Künſtlerſeele ſteckt gewiß in Dir, Du brauchſt darüber nicht zu erröthen.“ „Ich will nur ein Gelehrter werden,“ erwiderte der Belobte beſcheiden,„an das Künſtlerthum habe ich keinen Anſpruch. Wenigſtens nur innerlich will ich es pflegen, äußerlich fehlt mir daran das Wichtigſte, das Talent der Ausführung. Ich empfinde es wohl, aber ich kann es nicht darſtellen, und das eben iſt Sache des Künſtlers, daß er darſtellen kann, was er empfindet.“ „Das iſt auch ſchon genug,“ ſagte der in ſeinem Fache denkende Meiſter,„wir ſollten Alle ein Stück Kunſt in uns tragen, das wäre die beſte Waffe gegen alle Un⸗ bill, gegen alle Nüchternheit und Kahlheit der gemeinen, erkältenden Welt.“ So urtheilte der denkende und befähigte Handwer⸗ ker, und Pfarrer und Schullehrer mußten ihm aus voll⸗ ſtem Herzen ihren Beifall ſchenken, weil ſie dachten und fühlten wie er. So verſchwand auch dies eine letzte Jahr. Und je mehr es ſeinem Ende entgegenging, um ſo raſcher liefen die Tage dahin. Mutter und Schweſtern beeiferten ſich, mit allerlei brauchbaren Gegenſtänden den gemeinſamen Liebling auszuſtatten; es konnte ihrer Neigung und Auf⸗ merkſamkeit nichts entgehen. Dann wurden die neuen Kleider, die feine Wäſche, die tauſend anderen Sachen — 225— liebevollen Andenkens und dit beliebteſten Bücher ſorgſam in die Koffer gepackt. Suſanne brachte noch, kurz bevor ſie geſchloſſen wurden, feine Taſchentücher und die war⸗ men Strümpfe für den kommenden Winter, damit ihr ehemaliges Söhnlein, über deſſen Klugheit und Schön⸗ heit ſie vor Verwunderung nur die Hände zuſammenſchla⸗ gen konnte, durchaus keinen Mangel und auch eine bis⸗ weilige Erinnerung an die alte Suſanne habe. „Werde ich wohl noch zehn Jahre leben,“ hatte ſie oft gefragt,„um ihn als Profeſſor zu ſehen und von ſei⸗ nen Lippen weiſe Worte zu hören, von ihm, der in der böſen ka ten Weihnachtsnacht vor vierzehn Jahren zitternd, halb erfroren und doch nicht weinend, in meine Hütte kam und dem ich da, am warmen Feuer ſitzend, in langen Winterabenden, den verlorenen Mann erwartend, ſo ſchöne Geſchichtchen erzählte?“ „Ja,“ hatte dann Eduard darauf erwidert,„Du wirſt ſo lange leben, Suſanne, noch viel länger, denn Du biſt ja jetzt noch nicht funfzig, und Du ſollſt dann den wärmſten Platz in meinem Hauſe und den beſten Biſſen an meinem Tiſche haben— hier, meine Hand darauf!“ Und ſie küßte die Hand und drückte ſie au ihren Buſen, der immer ſo warm voll Liebe geweſen war und doch ſo wenig Erwiderung gefunden hatte. Der Pfarrer hatte ſich vorgeſetzt, Eduard ſelbſt nach der Univerſität der Hauptſtadt zu begleiten und hn Der Inſelkönig. I. 3 15 — 226— in das Haus eines alten Bekannten einzuführen, den er noch als Erzieher der jungen Grafen vor beinahe zwanzig Jahren kennen gelernt hatte, und der damals ſchon ein vermögender Kaufmann, jetzt aber einer der reichſten Geld⸗ männer der Hauptſtadt war. Auch wollte er die drei anderen jungen Leute in ihrem eigenen Wirkungskreiſe be⸗ ſuchen, ſie, die die Zeit nicht erwarten konnten, ihren Eduard wieder unter ſich zu ſehen und ihrerſeits wieder beſorgten, der ihnen immer überlegene Kamerad ſei, nach jenem ſo ausgezeichnet beſtandenen Examen, jetzt ſchon ein ungeheuerer Gelehrter geworden, der beſſer Lateiniſch und Griechiſch als Deutſch ſpräche. Und ſo war denn der letzte Tag vor der Abreiſe da. Es war in den letzten Tagen des Monat März.— 8 E ſollte ein frühes Frühjahr werden, die Luft war über⸗ aus klar und mild, und die ſchon mächtig wärmende Sonne hatte den erwachenden Bäumen und Geſträuchen ſchon die ſchwellenden Knospen entlockt. Alle Anſtalten zur Reiſe waren getroffen, man ging ſchweigſam im Hauſe umher; die Mädchen verſteckten ihre niedlichen Geſichter, denn ſie waren von mancher heimlich geweinten Thräne geſchwollen. Die Mutter war ſehr betrübt, der Vater in erhobener, aber mühſam zuſammengehaltener Faſſung; der Kantor ließ den Flügel offen ſtehen und vergaß nach den erſten duftenden Frühlingsboten, dem Krokus, Veilchen und der in dieſem Jahre ſo ſchön gedeihenden Hyaeinthe — 2274— zu ſehen. Auf dem Zimmerhofe und in der Mühle war Eduard ſchon Mittags geweſen und hatte mit dem Mei⸗ ſter eine Flaſche Rothen zum Abſchied leeren müſſen, der bei ſeinem Weggehen ihm noch ein bedeutungsvolles: „Wir ſehen uns noch!“ nachgerufen. So waren alle Pflichten der Dankbarkeit und Liebe erfüllt, als der Nach⸗ mittag ſich zum Abend neigte und der Vater den Sohn rief, der die benachbarten Landleute eben beſucht hatte, die ihn Alle ſo liebgewonnen hatten. „Komm,“ ſagte der Pflegevater, deſſen Geſicht ernſt und verklärt war, wie wenn er an den Tiſch des Herrn trat,„komm, laß uns auch heute zuſammengehen, wie wir ſo oft gegangen ſind. Wir wollen Deinen Freund, den Wald aufſuchen und den Rabenſtein erſteigen, Du wirſt ihn doch ſobald nicht wiederſehen. Leider kann ein ande⸗ rer Freund nicht mehr dabei ſein, denn der alte treue Hund iſt ſchlafen gegangen, wie auch ich einſt werde ſchla⸗ fen gehen!“ Dem bis jetzt ſo heitern Jünglinge wurde es bei dieſem ernſten Anfange beklommen um'’s Herz. Zum er⸗ ſten Male fühlte er lebendig, daß er ſcheiden ſolle, ſchei⸗ den müſſe vielleicht auf ewig, von Allem, was die Jugend und ihre tauſend Freuden dem empfindenden Menſchen ſo werth und unvergeßlich macht. Ein dumpfer Druck ließ ſich wie eine ſchwere Wolke auf ſein Herz nieder— es war vielleicht der Schatten der dunklen Zukunft— 4 15* — 228— und preßte es in eine Art von Wehmuth zuſammen, aber — dieſer Anfall dauerte nicht lange, ſein kräftiger Geiſt brach die Feſſel ſchnell, und es ſollte bald wieder hell werden in dieſem jungen Herzen, in dem die Nacht nie lang, der Tag beinahe ohne Ende war. Auf dem Gipfel des Berges angekommen, ſtanden ſie ſtill. Der Vater verbarg ſeine Bewegung unter den ſtarken und ſchnellen Athemzügen, wozu das Erklimmen der Höhe ſeine breite Bruſt nöthigte. Als er anfangen wollte zu reden, verſagte ihm beinahe die Stimme, und dieſe war weich und wie von ſtandhaft zurückgehaltenen Thränen umſchleiert. „Erhebe Dein Auge, mein Sohn,“ begann er— „ſchaue in jene tiefe blaue Ferne— in dieſe ziehſt Du hin. Du gehſt, zum erſten Male in Deinem Leben, einen ſchweren, neuen Gang allein, denn uns läſſeſt Du zurück, eingedenk Deiner, voll Liebe und Zuneigung, nur mit dem Herzen, nicht mit den Augen Dir folgend. So trittſt Du, bald ein Mann, einem zwar dunkeln, aber erwünſch⸗ ten Ziele entgegen. Der linde Wind der Heimath wird Deine Wange nicht mehr umfächeln— der heftigere, er⸗ kältende Wind der großen, lebendigen Welt wird Dich umwehen. Steh' feſt und ſtrebe geduldig, auch wenn der Wind ein Sturm. werden ſollte— ein muthiger Schiffer und Schwimmer im Ocean des Lebens!— Was ich an * Dir thun konnte, das hab' ich gethan— mit Liebe und Demuth, weiter reichten meine Kräfte nicht. Doch Du nahmſt das mit Liebe Gebotene mit Erkenntlichkeit auf und wareſt mir ſtets ein dankbarer und gehorſamer Sohn. Ich danke zunächſt Gott, dann Deinem edlen Herzen dafür. — Für Dein ferneres leibliches Wohlergehen werde ich Sorge tragen, ſo viel ich vermag. Du weißt, ich bin nicht bemittelt, auch habe ich noch andere Kinder. Das Studium, das Du gewählt haſt, iſt das längſte und koſtbarſte, und es vergeht lange Zeit, che Du durch eige⸗ nen Erwerb für Dein Leben ſorgen kannſt. Doch habe ich aus dieſem Grunde keinen Augenblick meine Einwilli⸗ gung verzögert, denn ich bin voller Hoffnung und Zuver⸗ ſicht. Darum ſei Du es auch, das Nothwendigſte wird uns Beiden nicht fehlen. Ich beſtimme Dir für jetzt dreihundert Thaler jährlich— Alles in Allem. Es iſt wenig, ich weiß es, aber mit einer weiſen Sparſamkeit reicht man weit. Hunderte haben zwar mehr, aber Tau⸗ ſende noch weniger. „Vor einem ſchwelgeriſchen, Seele und Leib ver⸗ praſſenden Leben brauche ich Dich nicht zu warnen, Deine Erziehung, Dein Herz, auch Dein Verſtand verbürgt mir die Erfüllung meiner Wünſche. Sollteſt Du aber durch irgend einen böſen Zufall oder ein Schickſal vor Sorge nicht bewahrt werden, ſo habe Vertrauen zu mir, und mein Beiſtand wird Dir niemals fehlen. Zu jeder augen⸗ — 230 blicklichen Hilfe verweiſe ich Dich an meinen Bekannten, den Banquier Ermeling.— „Dein Studium brauche ich Dir nicht an's Herz zu legen— im Gegentheil, vor zu angeſtrengter Arbeit muß ich Dich warnen. Auch der feſteſte, geſundeſte Leib kann zu großen Anſtrengungen erliegen. Dein ernſtes Leben der Wiſſenſchaft erheitere Dir durch häufigen Genuß der Künſte und der freien Natur. Angeleitet biſt Du zu beiden, Du brauchſt nur den betretenen Pfand bequem fortzuwandeln.— „Dein Herkommen— ich muß es noch einmal er⸗ wuhnen— iſt, wie Du weißt, ein Geheimniß. Vielleicht durch Zufall, vielleicht durch ein Verbrechen, des Leicht⸗ ſinns oder des Herzens, warſt Du in die gottloſen Hände eines Taugenichts gelangt. Gott aber hat Dich von ihm errettet, der Pfad Deines Lebens lichtete ſich— findeſt Du alſo den Mann, den ich meine, das verbrecheriſche oder leichtſinnige Herz, und ſchlage es unter Seide oder Lumpen— erbarme Dich ſeiner, wie ſich Gott Deiner erbarmt hat, denn ihm allein gebührt das Richteramt. Ich ſage Dir das, weil Du ein Menſch biſt, und menſch⸗ liche Schwächen auch dem Beſten innewohnen, auch eine Taube kann durch den Haß in einen Geier und ein Lamm in einen Tiger verwandelt werden— alſo ſei barm⸗ herzig!— 8 „Deine Ferien, wenn Du ſie nicht an anderen Orten — 231— lieber verleben willſt, benutze zur Heimkehr in Deine Hei⸗ math; zu jeder Zeit werden wir Dich willkommen heißen, wie am erſten Tage Deiner Ankunft. Ein Briefwechſel wird uns, leiblich getrennt, doch geiſtig verbinden. Stoßen Dir Zweifel auf, brennen Dich Sorgen, ſo werde ich ſie löſen und tilgen, denn das iſt ja mein Beruf. Du weißt es.— Freunde haſt Du und findeſt Du— wirf Dich nicht fort an Unwürdige, knüpfe nicht mit dem erſten Beſten brüderliche Bande, die Dich gereuen könnten— wo Du aber das Gute, Edle und Erhabene findeſt, an Mann oder Weib, an Jugend oder Alter, da ſchließe Dich an, preſſe es feſt an Deine Bruſt und hege und pflege es, denn das Gute iſt des Gerechten Eigenthum. Vor weiblichem Umgang mahne ich nicht ab— das Weib ver⸗ edelt und verſittigt den Mann— die vorſichtige Klug⸗ heit, nicht zu früh Bande zu knüpfen, die häufig nach Jahren die drückendſten Feſſeln werden und zwei Jugend⸗ blüthen auf einen Schlag zerſtören, die Deinige und eine fremde, traue ich Dir zu.— „Und nun noch Eins, ein Wichtiges für den Jüng⸗ ling der heutigen Zeit! Gib wohl Acht und präge Dir's ein. Es iſt das Einzige, wovor ich Dich warne und Gott bitte, daß er Deinen Weg nicht damit beſudele, denn es iſt das Blendendſte, Verführeriſchſte für ein junges ſtrebſames Gemüth, was es gibt. Die Geſchichte der heutigen Tage kann Dir nicht entgangen ſein. Es brauſt ein ſchneidender, giftiger Wind durch die Welt, der die Bäume entblättert, die Früchte vergiftet, Altes umſtürzt und Neues hindert Wurzel zu faſſen. Der Menſch ſtürzt mit den Elementen, die er ſich unterthänig gemacht, ſich ſelber und Andere vednichtend, im Fluge dahin. Ein fre⸗ cher, zerſtörender Geiſt— Dämon tauft; ich ihn lieber— rüttelt die beſtehenden Geſetze, die Sitte aus altherge⸗ brachten, durch Gewohnheit und Recht gekitteten Fugen. Er will, an ſich ſelber verzweifelnd, mit verwegenem Ge⸗ lüſte eine neue Welt in Stunden gründen, wozu Gott der Herr Jahrtauſende gebraucht hat. Erkünſtelte Lei⸗ denſchaften— denn die Natur hat ſie nicht geboren— ſuchen Nahrung an dem, was der Menſch früherer Tage als unbrauchbar und ungenießbar bei Seite geworfen hat, wie der Krebs, der rückwärts geht, ſich von Leichen mäſtet. Kein Beſitz iſt ihnen heilig, ſie wollen ihn ſtören, Andere zu verarmen, ſich ſelbſt zu bereichern. Gott wird es nicht dahin kommen laſſen— ſo beten wir Alle— aber die Unruhe iſt da und wir müſſen ſie leider ertragen. Denn wie eine erſtickende, peſtartige Krankheit, aus Wahnſinn geboren, Wahnſinn erzeugend, pflanzt ſich dieſe Leidenſchaft von Völkern zu Völkern fort. Gerade der Jugend will ſich der Verſucher bemächtigen, damit morgen vielleicht gelinge, was heute nicht gelingt. Hüte Dich alſe. Du wirſt ſie ſchreien hören, laut, ſehr laut, und Deine Hilfe werden ſie auch wach rufen wollen; mit — — 233— tauſend köſtlichen Gerüchen und Verheißungen werden kie Deinen Geiſt kitzeln und Dein Herz berauſchen— und gerade die Dummſten ſchreien am lauteſten, weil ſie den⸗ ken, das Schweigen verrathe den Einfältigen, obwohl er oft gerade der Weifeſte iſt. Die Armen! ſie hören und ſehen nicht, daß ſie wie Kinder mit Feuer ſpielen und ſich ſelber verbrennen. Gerade durch Beſchäftigungen, denen der Menſch nicht gewachſen iſt, verdrängt er die nöthige Arbeit. Er vernachläſſigt das Nothwendige, wäh⸗ rend er das Ueberflüſſige thut, und da er zu Grunde geht, durch ſich ſelbſt, ſo will er auch Andere zu Grunde richten. Vermeide daher, Dich in den Strudel des Müſ⸗ ſigganges zu ſtürzen, den die Welt mit prahleriſchem Groß⸗ thun Politik nennt, das Politiſchſte iſt, von der Politik keine Notiz zu nehmen. Sie macht ſich doch— die Welt ſchreitet doch fort, denn der ſchaffende Weltgeiſt trägt ſie auf Flügeln des Windes mit ſich daher— aber nicht im Sturm und Ungewitter der Uebereilung, ſondern beim linden, leiſen Winde aufgeklärter Vernunft und weiſe harrender Geduld. „Das wollt' ich Dir ſagen, das mußt' ich Dir ſa⸗ als Seelſorger und als Vater. Und nun, mein Sohn, da nichts mehr iſt, was uns innerlich trennt, küſſe und umarme mich!“ Und der vom lebhaften Sprechen entflammte und doch beruhigte Mann öffnete ſeine Arme und drückte den * — 234— lauſchenden, beiſtimmenden Jüngling lange und innig an ſein edles, menſchliches Herz. Hinter dem Stamme der nächſten rieſigen Eiche aber entſtand in dieſem Augenblicke ein leiſes Geräuſch. Die trockenen Blätter des vorigen Jahres, die am Boden lagen, rauſchten auf, und hervor trat der Kantor, mit halb geöffneten Armen.— „Nehmt mich mit in Eure Umarmung,“ rief er zieht mich zu Euch!“ NMInd lange ſtanden ſo die drei wackeren Männer in brüderlicher, herzinniger Umſchlingung. Und nun, da ſie ſich losließen, rief der Geiſtliche mit laut erhobener Stimme: „Hier, unter Gottes freiem Himmel, wo ſein ſtets offenes Auge auf Dich und uns ſchaut, auf den mütter⸗ „„e lichen, heimathlichen Boden, für den alle Deine Pulſe ſchlagen, kniee nieder und empfange meinen väterlichen Segen! Der Herr ſegne und behüte Dich! Der Herr laſſe ſein Angeſicht leuchten über Dir und ſei Dir gnä⸗ dig! Der Herr erhebe ſein Angeſicht auf Dich und gebe Dir ſeinen Frieden. Amen!“ „Amen!“ rief der Kantor aus innerſter Seele, und der Jüngling erhob ſich. In Worten ſprach er jetzt nicht. Die Arme aber um den Vater und um den Freund geſchlungen, ſtieg er mit ihnen langſam den Berg hinab, wandelte durch die⸗ — 235— keimenden Fluren dahin und jeder Pulsſchlag ſeines Her⸗ zens und jeder Druck ſeines Armes ſagte laut und ver⸗ ſtändlich zu Beiden: „Dank, tauſend Dank, Ihr Guten und Geliebten, aus Grund meines Herzens!“ Der Abend wurde im Pfarrhauſe ſtill und geräuſch⸗ los hingebracht, als wenn nach dem Vorgefallenen jedes Wort ein Ueberfluß geweſen wäre. Alles war zur Reiſe geordnet, denn ſchon früh am Morgen, mit Tagesanbruch, war der Wagen beſtellt, um noch zu rechter Zeit in der von Bilſingen ſechs Meilen entfernten Hauptſtadt zu ſein. Endlich um eilf Uhr war Alles im Pfarrhauſe zur Ruhe gegangen. Die Schweſtern hatten am Halſe des theuern— Bruders gehangen, die Mutter hatte ihm ihren heißeſten Segen, den ewiger Muttertreue, geſchenkt. Alles ſchlief. Nur zwei Herzen konnten die Ruhe nicht finden, die die 5 anderen umſchlungen hatte. Es waren Vater und Sohn, von denen jeder auf ſeinem Zimmer, jeder mit ſeinen tiefeigenſten Gedanken beſchäftigt, dem kommenden wichti⸗ gen Tage wachend entgegengehen zu wollen ſchien. Da pochte es erſt leiſe, dann etwas lauter an das Fenſter Eduards. Der helle Vollmond, eben hinter einer weißen Wolke verborgen, ließ den Mann, den Eduard ſogleich wahrnahm, nicht recht erkennen. Erſt als er ſprach, hörte der Jüngling, der das Fenſter leiſe geöffnet hatte, wer es war. 5 · — 236— „Eduard,“ ſagte die Stimme,„guten Abend! Es i*ſt gut, daß Du noch wach biſt; komm heraus, ich habe Dir noch Etwas zu ſagen, was Niemand zu hören braucht. Ihr waret ja heute Abend in einer Stimmung, daß man Euch nicht ſtören durfte.“ „Guten Abend, lieber Meiſter!“ erwiderte Eduard, denn der Handwerker vom Zimmerplatze war der ſpäte Beſucher.„Können Sie es mir nicht hier am Fenſter ſagen, die Hausthür iſt geſchloſſen und ich möchte die Schlafenden nicht ſtören.“ „Nein, Junge, nein! Ich will Dich auch noch ein⸗ mal umfaſſen; komm alſo herunter, ſpringe hier aus dem Fenſter, es iſt nicht hoch.“ Der Pfarrer, ſonſt ohne alle Neugierde, ſtand eben⸗ falls an ſeinem halbgeöffneten Fenſter in dem Zimmer über Eduards, und hatte die Worte zwiſchen Beiden bis jetzt gehört. Er vernahm ſodann, daß Eduard ſein Fen⸗ ſter ganz öffnete, und bald ſah er ihn in den Garten hinabſpringen, wo ihn der Arm des Meiſters ergriff und in den vom Monde ſchärfer beleuchteten Theil des Gar⸗ tens zog. Was ſie jetzt ſprachen, konnte er nicht mehr verſtehen, doch wartete er auf den zurückkehrenden Sohn. „Sieh, mein Sohn,“ begann der Meiſter mit leiſer Stimme,„Du warſt heute Morgen bei mir und nahmſt Abſchied von allen meinen Hausbewohnern. Meine Alte hat den ganzen Tag geflennt. Laß ſie, wir flennen nicht, — 237— wir Männer, und fühlen doch, wie weh es thut, wenn Jemand ſcheidet, den wir gern bei uns behalten hätten. Doch höre. Ich hätte Dir am liebſten heute Morgen ſchon mitgetheilt, warum ich. jetzt gekommen bin, allein ſieh, das Ding hier— und er hielt eine lange grünſei⸗ dene Börſe empor— iſt erſt ſpät am Abend fertig ge⸗ worden.“ „Nun, was ſoll das?“ „Was es ſoll? Ein Nothpfennig iſt es, den Du Dir zur Seite, in einen kleinen Kaſten legen ſollſt und ihn bewahren. Es kommt vielleicht eine Zeit, wo Du ihn brauchen kannſt. Nun, was zögerſt Du? Ziere Dich nicht, ſieh, ich hab's ja; den anderen Jungen, dem Karl und Felir, habe ich es auch gegeben. Aber ſagen darfſt Du es Niemandem, ich mochte gern, daß dieſe Kleinigkeit unter uns bliebe.“. Und er hielt dem erſtaunten und tief gerührten Jüngling die Börſe hin, aus welcher ſich der noch nie vernommene metallene Klang ſich berührender Goldſtücke hören ließ. Eduard ergriff, nicht die Börſe, wohl aber die Hand des menſchenfreundlichen Handwerksmeiſters. Nicht ſo, Junge, die Börſe, die Börſe! Willſt Du mir die Hand vom Leibe reißen, Du packſt mich ja ent⸗ ſetzlich an.“ „Meiſter, ich will Eure Hand, nicht allein zum Abſchiede, u zum Danke drücken— o, wie gut ſind Sie.. „Das laß nur ſein— da, laß mich Deine runden Wangen küſſen— leb wohl, leb wohl— vergiß bei den vornehmen Leuten nie den Handwerker vom Dorfe— adieu!“ 3 Und er riß ſic los und war ſchon am Ende des Gartens. „Ich vergeſſe nie!“ rief Eduard ihm laut nach— „habet Dank, lebet wohl!? Und der Meiſter war über den Gartenzaun ent⸗ ſprungen und lief ſchnell, am See entlang, ſeinem Häus⸗ chen zu. Er ahnete nicht, welchen fruchtbaren Saamen er mit dieſer ſeiner letzten guten Handlung an Eduard in die dankbare Bruſt des Jünglings geſtreut hatte. CSduard ſchritt, noch voll Rührung, durch den Gar⸗ ten dem Pfarrhauſe zu. Als er eben in ſein Fenſter klettern wollte, beugte ſich der Pfarrer aus dem ſeinigen herab, und flüſterte leiſe; „Eduard!“ „Mein Vater! biſt Du noch wach?“ Was hat der Meiſter von Dir gewollt?“ „Er hat mir noch einmal Lebewohl geſagt und dieſe Börſe mit dem klingenden Inhalte als Nothpfennig in die Hand geſteckt. Niemand aber ſoll es wiſſen!“ 239— Der Pfarrer ſchüttelte, tief ergriffen, leiſe das männ⸗ liche Haupt und blickte zu den Sternen des Himmels auf. „So ſind die Menſchen,“ dachte er mehr, als er ſprach,„und Du, Allmächtiger, haſt ſie alſo geſchaffen!“ In der Börſe fanden ſich zwölf neue Goldſtücke. Mit dem anbrechenden Morgen aber war der junge Stu⸗ 68 dent mit dem Pfarrer auf dem Wege nach der Hauptſtadt. Ende des erſten Theils.