Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 Sduard Ottmann in Gießen, V Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. 0Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Hinlteelegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 M. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. f. „ 3„„ 6„=„ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu lorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — N —— 5, —— * —,—— *. — — — — 2 — ‿ — — — — 8 3 3 —— Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind von demſelben Ver⸗ faſſer ferner erſchienen: Galen P Baron Brandau und ſeine Junker. Aus „ ⸗, den Papieren eines Arztes. 2 Thle. in 4 Abtheilungen. 8. geh. 1858. 5 Thlr. Galen Ph Andreas Burns und ſeine Familie. Ge⸗ n, h., ſchichtliches Lebensbild aus dem deutſch⸗dä⸗ niſchen Kriege. 1848—50. 4 Bde. 8. geh. 1856. 6 Thlr. l 1 Der Inſelkönig. Ein Roman in 5 Bdn. Galen, Ph., LII. Aufl. 8. geh. 1857. 3 Thlr. 18 Ngr. Gal Der Irre von St. James. Aus dem . en!,„ Reijet geliche eines Arztes. 4 Bde. 8. N geh. IV. Aufl. 1858. 4 Thlr. G l Fritz Stilling. Erinnerungen aus dem 1 el, h., Leben eines Arztes. 4 Bde. 8. geh. II. Aufl. 1856. 4 Thlr. 15 Ngr. Galen Ph Walther Lund. Aus dem Leben eines *„ Schriftſtellers. 3 Bde. 8. geh. 1855. . 2 4 Thlr. 8* G l h. Geſammelte Schriften. Elegante Taſchen⸗ 1 ell, h., Ausgabe in 29 Liefrungen.(enthaltend: Der Inſelkönig. 5 Bde. II. Aufl.— Der Irre von St. James. 4 Bde. III. Aufl.— Fritz Stilling. 4 Bde. III.— Aufl.— Walther Lund. 3 Bde. II. Aufl. — Andreas Burns und ſeine Fa⸗ milie. 4 Bände. II. Aufl.) Mit des Autors Portrait ſammt Facſimile. 20 Bde. Schillerformat 1857/,58. geh. 13 Thlr. 10 Ngr. Feruer ſind ebenda zu Hton: P üilipd Galen's Portrait. Nach einer Photographie anf Stein gezeichnet. gr.. 4. Weiß Papier 10 Nör 5 4 Tondruck— 15 Ngr. a der Fremde. Lieder eines Verſchollenen, von Adolph * K. Mit einem orworte von Phi⸗ lipp Galen. Miniaturformat. 1857. eleg. geh.— 27 Ngr. Roman von Hhilipp Gle * Verf. von„der Irre von St. James“,„ on Brandau“. e Dritter Theil. t ·Q/yyq=— Leipzig. Verlag von Chr. E. Kollmaun.. 1859. 5 ——;——— Das Ueberſetzungsre —— cht iſt vorbehalten! Erſtes Vapitel. Rachel und ihr Schatten. Laſſen wir Joſeph Sohn auf ſeinem ſchönen ſſ Schiffe den Felſenküſten England's zuſteuern, um e vielfach trügeriſchen Spuren des ehemaligen Freundes und muthmaßlichen Verräthers Lord Shorneliffe's auf⸗ zuſuchen, und wenden wir uns unterdeß unſern an⸗ dern Freunden zu, die in ganz entgegengeſetzter Rich⸗ tung dem uge ihres Schickſals folgten. Durch die Vermittelung eines Mitgliedes der eng⸗ liſchen Geſandtſchaft in Berlin, welches dem Lord ſeit langer Zeit befreundet war, hatten Mrs. Baxton und Rachel Schawai eine Wohnung daſelbſt vorgefunden, die allen ihren Anſprüchen, wenn ſie ſolche gehegt hätten, genügt haben würde, denn ſie lag in einem belebten und ſchönen Stadttheile, war mit vielerlei Angenehmem und allem Nothwendigen, ſogar mit— Emery Glandon. III. 1 einem der herrlichen Flügel ausgeſtattet, wie ſie die Berliner Meiſter jetzt ſo ſchön anzufertigen verſtehen. Hier ließen ſich denn die beiden Frauen häuslich nie⸗ der und begannen, ſobald ſie in Ruhe gekommen waren, den Anordnungen ihres Beſchützers Folge zu Schon am nächſten Tage begaben ſie ſich zu m der größten Virtuoſen, der als Meiſter auf iano und als Lehrer in der Muſik überhaupt allgemeinen und begründeten Rufes genoß, und n Namen wir mit Freuden nennen würden, wenn uns nicht gewiſſe Bedenken nöthigten, gerade in die⸗ ſem Abſchnitte unſrer Erzählung die Namen einiger mitwirkenden Perſonen dem Leſer vorzuenthalten. Der Concertmeiſter K...... war zu Hauſe und beendigte ſo eben ſeine Morgenübung, als Mrs. Baxton und Rachel bei ihm gemeldet wurden, nachdem ſie durch Lord Shorncliffe und die engliſche Geſandtſchaft dem Künſtler ſchon einige Tage vorher angekündigt waren. Der Concertmeiſter und ſeine Schülerin ſchauten ſich mit einiger Neugierde an, denn Beide hatten be⸗ reits von einander gehört und waren begierig, zu er⸗ fahren, wie ſich das Verhältniß geſtalten würde, in welches ſie durch die Beſtimmung des Lords zu ein⸗ ander treten ſollten. Nachdem die Damen Platz ge⸗ nommen und der Concertmeiſter ſie mit einigen Worten begrüßt hatte, bat er Rachel, es ſich bequem zu machen und ihn eine Probe von ihren Leiſtungen. hören zu laſſen. Rachel, ohne alle Beſorgniß und in ihrer gewöhn⸗ lichen Beſcheidenheit ſich leiſe und faſt unhörbar be⸗ wegend, legte Hut, Mantel und Handſchuhe ab, ſtrich ſich mit ihren alabaſternen Händen, auf die der Vir tuos ſogleich ſeine Augen gerichtet hatte, die üppig fluthenden Locken aus dem Geſicht, und ließ ſich vor dem geöffneten Flügel nieder. 3 „Was wollen Sie mich hören laſſen?“ fragte der Künſtl er mit einiger Erregung, denn ein Blick in das glühende Auge des jungen Mädchens belehrte ihn, daß er es mit einem menſchlichen Weſen zu thun habe, dem die Kunſt nicht allein in den Fingern, ſondern auch in der Seele wohne. „Was wünſchen Sie zu hören?“ „Das überlaſſe ich Ihnen. Spielen Sie Etwas, was Sie gern ſpielen.“ Rachel lächelte, griff wie bewußtlos einige Mal in die Taſten und ließ dann den Eingang eines Ton⸗ ſtückes vernehmen, welches von dem Concertmeiſter ſelbſt herrührte und von ihm als eins ſeiner beſten, aber auch ſchwerſten betrachtet wurde. Nur wenige Minuten hatte Rachel geſpielt, ſo wurde der Künſtler, dem hier als Componiſten eine Huldigung dargebracht „ward, auch als Virtuoſe mächtig betroffen; ſeine blei⸗ ¹chen Wangen färbten ſich und er hing mit verwun⸗ derten Mienen an den ſich immer mehr belebenden Geſichtszügen der Spielerin. Maachel war fertig, ließ die Hände ſinken und Hlicte fragend den Künſtler an, der ſeinerſeits den Kopf auf die Bruſt geneigt hatte und gar nicht zu öoren ſchien, daß ſeine Compoſition zu Ende geſpielt war. Dadurch entſtand eine für Mrs. Baxton etwas unheimliche und ſelbſt für Rachel nicht angenehme Pauſe, bis der Concertmeiſter plötzlich ſein Haupt erhob, einen tiefen Seufzer ausſtieß und, ſein Auge gegen Rachel aufſchlagend, mit einer Liu Wehmuth ſagte:„Ich danke Ihnen!“ „Hat mein Vortrag Ihres ſchönen und graziöſen Werkes nicht Ihren Beifall?“ fragte Rachel einfach aber erwartungsvoll. Der Virtuos lächelte beinahe ſchmerzlich.„Meinen Beifall!“ ſagte er.„O, wie Sie dieſe meine liebſte Alrbeit geſpielt, habe ich ſie noch nie gehört, ſie tritt mir faſt wie eine fremde vor die Seele— wo und von Wem, mein Fräulein, haben Sie Muſikunterricht erhalten?“ —,. „Ich habe nur einen Lehrer gehabt. Es war Herr Sohn in Bremen, Herr Concertmeiſter.“ „Sohn? Hm! Den Namen kenne ich nicht, aber ſeine Methode, ſeine Kenntniß, ſein Geſchmack muß vortrefflich ſein, wenn er den Ihrigen gebildet hat — ein einziger guter Lehrmeiſter iſt beſſer als zehn mittelmäßige, das ſehe ich heute wieder deutlicher denn je.“ „Ihm verdanke ich Alles, was ich kann.“ „Doch nicht Alles, mein Fräulein, bei Weitem nicht Alles, das weiß ich auch aus Erfahrung Ha! Sie haben auch Anlagen mit zu ihm gebracht und dieſer Anlagen hat er ſich bemächtigt, wie ein ge⸗ wandter Maſchiniſt ſich der Kraft des Dampfes be⸗ mächtigt, um mit dieſer Naturkraft Wunderwerke zu verrichten. Doch, laſſen Sie mich nicht viele Worte machen, das iſt meine Art nicht. Wir wollen alſo zuſammen ſpielen, nicht wahr? Gut denn. Ich werde Sie oder Sie mich wo möglich täglich beſuchen, wir werden muſiciren und finden dabei Gelegenheit, über Manches zu ſprechen und das etwaige Unklare uns klar zu machen. Nur noch eine Bitte habe ich vor⸗ zutragen. Ich möchte wiſſen, ob Sie im Notenleſen ſo bewandert ſind, wie im Spiel. Sehen Sie, hier habe ich eine Etüde, die noch Niemand gehört hat; — ſie iſt natürlich von mir, da ich vorausſetzen muß, daß eine Spielerin wie Sie die Meiſterwerke unſrer Heroen ſämmtlich kennt, und ich Ihre Kräfte an einer Ihnen fremden Arbeit verſuchen muß. Sind Sie im Stande, dieſe Etüde vom Blatte zu ſpielen??“ Rachel überflog ruhig aber mit haarſcharfem Blick die wenigen Blätter, die ihr der Concertmeiſter über⸗ reiicht hatte, dann nickte ſie, ſetzte ſich und ſpielte das neueſte Werk des anweſenden Meiſters mit einer Voll⸗ eenndung, die nur wenig hinter der zurückſtand, mit welcher ſie das erſte Stück geſpielt. „Es iſt gut,“ ſagte der Concertmeiſter, der ſich in der That etwas verlegen fühlte, ruhig und langſam, —„ich weiß, was ich wiſſen wollte. Sie können auch Das— auf eine Weiſe— wie ſie mir, gering geſagt, neu iſt. Iſt Ihnen die Mittagsſtunde von zwölf bis zwei Uhr zu unſern Uebungen recht?“ „Vollkommen! Aber darf ich nicht bitten, mich auch etwas von Ihrem Spiel hören zu laſſen?“ „Heute nicht, aber morgen ſtehe ich Ihnen zu Dienſten.“— Wenige Minuten darauf hatten ſich die Damen wieder entfernt, der Concertmeiſter aber ſtand noch immer in ſeinem Zimmer vor dem Flügel und ſchien ſeine Gedanken noch gar nicht von ihnen losmachen — — zu können.„Ja, ja,“ ſagte er endlich zu ſich,„wer hätte Das gedacht! Ein ſo junges Mädchen! Und ich glaubte ſchon Wunder was ich erreicht hätte, als ich mit zwanzig Jahren Concertmeiſter wurde, haha! Was würde Lißzt ſagen, wenn er dieſe Jüdin hörte, oder Mendelsſohn, wenn er ſie hören könnte, oder Clara Schumann und Littolf? Was würden ſie Alle ſagen? Ja! Sie würden ſtaunen wie ich, Dieſes oder Jenes vielleicht bemäkeln, anders machen wolle— aber beſſer? Ich will mich nicht unterfangen, hier ſchon ein Urtheil zu fällen, ich muß noch mehr hören; ſo viel aber ſteht feſt, wenn dieſes Wunderkind* und abermals muß es eine Jüdin ſein!— noch einige Jahre ſpielt, wird ſie Keinen mehr finden, der mit Ueberzeugung von ſich ſagen könnte: ich will ihr Meiſter und Lehrer ſein!“— Um dies vorläufig gefällte Urtheil des Concert⸗ meiſters zu vervollſtändigen— ein Urtheil, das er uns ſelbſt einſt in einer traulichen Stunde mitgetheilt hat— wollen wir hier gleich ein Geſpräch folgen laſſen, welches derſelbe mit Lord Shorneliffe führte, als dieſer einige Wochen ſpäter nach Berlin kam, um ſich nach dem Wohlſein ſeiner Pflegebefohlenen und der Meinung ihres neuen Lehrers zu erkundigen. „Mylord,“ ſagte der in dieſem Augenblick enthu⸗ ſiaſtiſch aufgeregte Künſtler,„Sie haben mir nicht zu viel von den Leiſtungen dieſes jungen Mädchens ge⸗ ſchrieben. Sie iſt ein muſikaliſches Phänomen und ich kann nicht anders ſagen, als daß ihre Anlagen und ihr Lehrer ein wahres Wunderwerk aus ihr ge⸗ ſchaffen haben. Es giebt keine Schwierigkeiten, die ſſie nicht mit der Leichtigkeit überwindet, wie etwa ein Vogel über einen Berg fliegt. Ihre Technik iſt voll⸗ endet, ihr Ausdruck und Vortrag voll Seele und Adel, ihr Geſchmack rein und nicht im Geringſten überla⸗ den, wie es heut zu Tage ſo häufig vorkommt. Was ſoͤll ich da noch ändern, beſſern oder nachhelfen? Hier haben mächtigere Hände, ein erhabener Wille und eine naturwüchſige Kraft Etwas gewirkt, was ich mit dem beſten Willen aus mir allein heraus nicht bewir⸗ ken könnte. Dieſe Spielerin kommt mir vor, wie ein mächtiger, im Urwalde gewachſener Baum, den Got⸗ tes Winde gekräftigt und geſchirmt, und den Gottes Sonne mit ihrer gewaltigen Kraft zu der Ueppigkeit, Schönheit und Fülle gezeitigt hat, in der er vor uns ſteht. Vielleicht ſind hier und da einige überflüſſige Blättchen und Reiſerchen zu beſchneiden, um eine noch zartere Harmonie in das Ganze zu bringen, aber weiter auch nichts. Laſſen Sie ſie viele und gute Muſik hören, ihr Ohr allein kann noch Manches ler⸗ — —— nen, ihre Finger aber, die mir aus einem Gemiſch von Sammt, Stahl und Gummi zu beſtehen ſcheinen, werden nichts mehr zu lernen haben. Darf ich Sie bitten, mir zu geſtatten, daß ich ſie zu den Abendun⸗ terhaltungen einkade, an denen nur die Auserleſenſten meines Conſervatoriums Theil nehmen dürfen, wo wir über klaſſiche Muſik uns verſtändigen und die Theorie der Muſik handhaben?“ „Sie werden mich ſehr verbinden, wenn Sie ihr den Genuß dieſer Studien geſtatten, und Wich habe Sie ſchon darum bitten wollen.“ „Noch Eins, Mylord. Haben Sie dieſe uunge 5 Dame zu einer Künſtlerin beſtimmt, die ſich ffentlih hören und bewundern laſſen ſoll?“ „Das weiß ich in der That ſelbſt noch nicht, da ich ihrer Neigung nicht vorgreifen möchte. Ihres Un⸗ terhalts wegen braucht ſie nicht nach dem Beifall der Welt zu ſtreben, denn dafür wird hinreichend geſorgt werden. Vorläufig ſoll ſie nur lernen, was man überhaupt lernen kann.“ „Gut, freilich, aber eigentlich iſt ſie ſchon viel zu weit, um von einem Meiſter, deſſen Sphäre immer beſchränkt iſt, lernen zu können. Ihre Richtung läßt ſie ſich nicht mehr anweiſen, denn ihre eigene Natur⸗ anlage hat ihr die beſte, edelſte angegeben. Meiner Meinung nach muß ſie daher alle großen Künſtler hören, die Europa aufzuweiſen hat, und hat ſie Das gethan, dann mag ſie ihren eigenen Weg gehen und ddieſer Weg wird zu einem Ziele führen, das Sie und ddie Künſtlerin ſelbſt befriedigen wird.“ , So ſind wir alſo einer Meinung. Wollen wir denn für's Erſfe ſehen. was Deutſchland für ſeine Künſtler thut— DO, das kann ich Ihnen im Voraus ſagen, My⸗ lord. Es überſchüttet ſie entweder mit unverdienten Lorbeern, daß ſie beinahe daran erſticken, oder es be⸗ 4 deckt ſie mit dem Staube der Vergeſſenheit, die eben 8 wenig verdient iſt. Die rechte Mitte halten— einen Menſchen nach ſeinem wahren Werthe ſchätzen . und genießen— können einmal die Deutſchen nicht, 8 denn ſie ſind zu gründlich, um gerecht, und zu viel⸗ ſeitig, um ſelbſtändig im Urtheil zu ſein.“— So begannen denn alſo die Studien Rachel's in Berlin von Neuem und zwar mit einem Eifer, der Jedermann, der ſeine Folgen wahrnehmen konnte, mit Erſtaunen erfüllte. Erſt jetzt ging ihr der wahre und volle Sinn für Alles auf, was Kunſt heißt. Was an guter Muſik in dem ſo reich damit begabten Berlin zu hören war, ward von der hierin unerſättlichen Rachel genoſſen und mit ihren Kunſtfreunden in jeder Rich⸗ tung beſprochen, beleuchtet, verglichen; obwohl ſie 1 ſelbſt nur wenig dabei ſprach, ſo regte ſie doch zu⸗ meiſt an und faßte alles Vernommene mit einem Ge⸗ dächtniß auf, als wollte ſie es ewig in ihrem Innern bewahren. Rachel's Worte, wodurch ſie eigentlich al⸗ lein zu den Ihrigen ſprach, war ihr Spiel, dieſes machte ſie zum Ausdruck aller Vorgänge in ihrer Seele, und dieſe Seele war reich begabt mit 2 lungen, Ideen und Gedanken. Selbſt wenn ſi Abends, man hätte glauben ſollen ermüdet, nach Hauſe kam und ſich zu Bett legte, nahm ſie ihre Noten zur 5 Hand, las ſie ſtundenlang, ſtudirte ſie und überdachte, wie ſie Dies oder Jenes richtig auffaſſen und wieder⸗ geben könne, um damit eine Wirkung hervorzubringen, wie ſie andere Menſchen durch Thaten oder Worte hervorbringen. Ihr Gedächtniß zeigte ſich auch hier in ſeinem vollen Glanze, denn was ſie ſich auf dieſe Weiſe einmal eingeprägt, behielt ſie für immer, um es auf eigenes oder Anderer Belieben ſogleich hören laſſen zu können. Jedoch ſpielte ſie um dieſe Zeit noch nicht öffentlich, dagegen hatte ſie ſogar einigen — Widerwillen gefaßt, und Alle, die in nähere Beziehung mit ihr kamen, beſtärkten ſie darin; nur in einigen auserleſenen Geſellſchaften, wo man nur Muſiker vom reinſten Waſſer, oder ſolche Leute vor ſich hatte, die von der Liebe zur Kunſt im höchſten Grade begeiſtert waren, wie in den auserwählten Cirkeln des ſo kunſt⸗ ſinnigen engliſchen Geſandten, in die ſie Lord Shorn⸗ cliffe bald eingeführt hatte, übernahm ſie gern irgend einen Vortrag. So reifte ſie raſch und ohne große geiſtige Er⸗ ungen und Sorgen, die ſonſt ſo vielen Jün⸗ der Kunſt vorbehalten ſind, dem Ideale entgegen, elchem ſie ihr Leben geweiht, und das in nicht gar Zeit zu erreichen ihr vom gütigen Schickſal mmt war. Da es jedoch nicht unſere Aufgabe iſt, allen einzelnen Schritten Rachel's in dieſer Rich⸗ ung zu folgen, ſondern ihr Leben nur ſo weit zu betrachten, als es mit den übrigen Hauptmomenten unſrer Erzählung in Verbindung ſteht, ſo wollen wir hiermit ihrer allmälig fortſchreitenden Entwickelung Genüge gethan haben und uns zu denjenigen Perſo⸗ nen wenden, die ihr Schickſal an das dieſes ſeltenen Judenkindes gebunden erachteten, und da begegnen wir denn zunächſt Werner von Haldrungen, den ſeine unbegränzte Leidenſchaft ihr in die Hauptſtadt nach⸗ getrieben hatte.. Werner war von Brenkowitz ſofort nach Berlin gereiſt und ſuchte am erſten Morgen ſeiner Ankunft, ſobald er für ſich ſelbſt ein Unterkommen gefunden, die Wohnung auf, die, wie er aus ihren Briefen wußte, Rachel bezogen hatte. Allein er war zu einer Zeit gekommen, wo Rachel für Niemanden ſichtbar war, das heißt, wo ſie übte, und ſo hielt es Werner für angemeſſen, zunächſt ſeinen übrigen Verpflichtungen zu folgen, die ihn, ſeiner Meinung nach, in die Hauptſtadt gerufen hatten. So begab er ſich, auf das Höchſte von Freude aufgeregt, daß er wieder in Ra⸗ chel's Nähe athmen konnte und bereits die Fenſte geſehn, hinter denen ſie thätig war, zu dem Comman⸗ deur des Truppentheils, bei dem er als Freiwilliger Dienſte nehmen wollte, was kein leeres Vorgeben bei ſeinem Vater geweſen war. Hier aber begegnete dem jungen Manne etwas völlig Unerwartetes. Der Offi⸗ zier nahm ihn wohlwollend auf, hörte ſeine Wünſche theilnehmend an und wies ihn mit einem Zettel an einen Arzt, der ſeine körperliche Tauglichkeit zum Mi⸗ litairſtande unterſuchen ſollte. Wie geſagt befand ſich der ſo heiß liebende Wer⸗ ner in großer Gemüthsbewegung, wie es uns leicht ergeht, wenn uns Alles, was ſich um uns herum be⸗ wegt, neu und fremd iſt, zumal wenn unſer Herz dabei in ſo ſtürmiſcher Wallung iſt, wie es bei ihm der Fall war. Nur an Rachel denkend und ſchon eine glänzende Zukunft an ihrer Seite träumend, trat er bei dem Arzte ein, an den er gewieſen war und in dem er einen ſchon bejahrten und, wie es ſchien, über die Störung mißmuthigen Mann fand. Nachdem er ſein Begehren vorgetragen, hieß der grau⸗ öpfige Alte ihn in ſein Zimmer treten und ſich ent— kleiden; kaum aber hatte er die Bruſt des jungen MNennſchen flüchtig angeblickt, ſo rief er ihm laut und derb die Meinung zu, daß er ſich ſo gut zum Solda⸗ . igne, wie ein Fiſch zum Fliegen und daß er ſich ſo ſchnell wie möglich wieder ankleiden möge. Warum eigne ich mich denn nicht zum Solda⸗ ten?“ fragte Werner naiv. „ Das iſt eigentlich meine und nicht Ihre Sache,“ erwiderte der Aeskulap,„allein wenn Sie ſo naſeweis ſind, es wiſſen zu wollen, ſo will ich es Ihnen ſagen.“ „Darum bitte ich recht ſehr, denn ich bin mir ſelbſt keines Grundes bewußt, der Ihre Meinung rechtfertigen könnte.“ „Rechtfertigen? Meine Meinung? Danach fragt kein Menſch, Sie junges Kind. Mit einem Wort, Sie ſind krank und können dem Könige nicht mit den Waffen dienen.“ „Krank? Ich weiß ja gar nichts davon und fühle mich ſo geſund wie Sie, der Sie doch auch Soldat ſind.“. „Na ja, da hätten Sie eine ſehr dauerhafte Ge⸗ ſundheit! Ich bin eigentlich ſchon ſeit zehn Jahren Invalide.“ 8 „An welcher Krankheit leide ich denn?“ „Na, wenn Sie es durchaus wiſſen wollen, Sie leiden am Herzen und hier haben Sie Ihren Zettel, den geben Sie beim Herrn Oberſten ab.“ „Am Herzen?“ fragte Werner, indem Leichenbläſſe ſein Geſicht überzog.„Können Sie mir das anſehen?n „Wofür wäre ich denn Der, der ich bin, wenn ich das nicht könnte? Da, gehen Sie mit Gott und ſchonen Sie Ihre Geſundheit. Adieu, mein Herr, und grüßen Sie Ihren Vater!“ „Wie? Kennen Sie ihn denn?“ „Ach, mein Gott, wie ſehr langweilen Sie mich! Da hätte ich viel zu thun, wenn ich aller Leute Vä⸗ ter kennen ſollte, die ich unterſuche. Es pflegt dies nur ſo eine Redensart von mir zu ſein. Adieu, adieu!“— Werner verließ kopfſchüttelnd den ſonderbaren Al⸗ ten und erſt bei dem Oberſten erfuhr er, daß er ſich wieder nach Hauſe begeben und daß er niemals in Preußen Soldat werden könne. „Gut,“ dachte Werner bei ſich, als er in ſeine Wohnung zurückehrte,„wenn alle Leute, die ſich zum 8 Dienſte melden, ſo wenig krank ſind wie ich, dann hat der König von Preußen nur auserleſene Soldaten, und ich wundre mich, daß davon alle Jahre welche 1 önnen.— So bin ich denn alſo frei von die⸗ hlan denn, ich danke Dir, alter Grimmbart, Du vielleicht mit Deiner Erklärung einen großen bäan. aber wenn ein Soldat nicht ein bis⸗ en dieſem Tage ſpüre, ſo iſt das eine vor⸗ Einrichtung für alle Liebenden. Wohlan, 6 u Rachel, ſie iſt mein, ſie gehört mir von n allein und kein Menſch ſoll ſie mir mehr machen.“ Man kann ſich Rachel's Verwunderung, aber auch ihre unverhüllte Freude vorſtellen, als ſie gegen Mit⸗ tag, nachdem ihr neuer Lehrer ſie eben verlaſſen, ihren alten Freund aus Brenkowitz eintreten ſah. Sie ſchrie laut auf vor Ueberraſchung und ſtreckte ihm beide Hände entgegen, denn daß ſie, ſo kurze Zeit erſt von ihren Lieben getrennt, ſchon einen von ihnen bei ſich ſehen würde, hatte ſie nicht im Geringſten erwartet. Auch Mrs. Baxton war erfreut, den jungen Mann zu begrüßen, von dem ſie durch Rachel ſo viel Gutes vernommen hatte, zumal ſie von Lord Shorneliffe 17 ſelbſt wußte, daß er mit ihm bekannt ſei und ihn für einen hoffnungsvollen Geiger halte. So hatte ſich denn Werner ſehr bald die Erlaubniß ausgewirkt, die Damen Abends zu beſuchen, wenn ſie zu Hauſe wä ren, mit Rachel zu muſiciren oder ſie in irgend ei Concert oder in die Oper zu begleiten, wenn der Be⸗ ſuch derſelben beſchloſſen war. Lord Shorneliffe indeſſen, als er bald darauf eh. falls nach Berlin kam, wunderte ſich nicht wenig. Werner bei den Damen ſchon ganz eingebürgert zu. finden, obwohl er bereits brieflich erfahren, daß der ſelbe ſein väterliches Haus ſo plötzlich verlaſſen, er ſich beinahe gedacht hatte, wohin er gegangen war,. Am erſten Abende jedoch, als er in Berlin bei Rad chel eintraf und Werner bei ihr vorfand, ließ er kein Wort darüber vernehmen, ſondern bat nur Werner um eine Unterredung am nächſten Morgen, indem er ihm den Gaſthof bezeichnete, in welchem er abge⸗ ſtiegen war. Kein Menſch konnte an dieſem Mor gen pünktlicher ſein als Werner, und ſo ſehen wir ihn denn mit forſchendem Geſichte dem Engländer gegenüber ſitzen, deſſen Antlitz ſeinen gewöhnlichen ernſten, aber im⸗ mer wohlwollenden Ausdruck zeigte, als er die ehr⸗ liche, offene Miene des jungen Edelmanns gewahrte Emery Glandon. III. 2 e. 18 der die Kunſt und ein Mädchen mehr liebte, als ſei⸗ nen Stand, ſein heimatliches Haus und die herkömm⸗ lichen Vorzüge, die dieſer Stand ihm für die Zukunft verhieß.— Sie werden ohne Zweifel errathen haben,“ be⸗ amn de Lord das Geſpräch,„warum ich um Ihren Beſuch gebeten habe;— ich möchte nämlich wiſſen, was Sie genöthigt hat, ſo raſch das Gut Ihres Va⸗ ters; zu verlaſſen und nach Berlin zu kommen, wovon früher, wie Sie mir ſelbſt ſagten, niemals die tede war.“ Bei dieſen, mit großem Bedacht geſprochenen Wor⸗ ten entfärbte ſich Werners Geſicht, und die Krankheit des Militairarztes begann ſich durch ſtarkes Klopfen des lenedlibur Hanne ſogl eich irde dennlich zu 8 anheit Lannhdes⸗ dei Beweggründe, die mich von ennan und zwar, wie ich Ihnen offen bekenne, wider Wiſſen und Willen meines Vaters; allein ich hoffe, Sie wer⸗. den, wenn ich Ihnen ehrlich meine Lage eröffnet habe, einräumen, daß ich, wenigſtens in einer Beziehung, nicht anders handeln konnte. Zuerſt muß ich Ihnen mittheilen, daß ich in kurzer Zeit mein einundzwan⸗ en Hauſe hierher getrieben haben 19 zigſtes Lebensjahr erreiche und daß ich von dieſem Tage an nach einer alten Uebereinkunft mit meinem Vater ſelbſtändig, das heißt Herr meines Vermögens und der Anwendung meiner Zeit und meiner Kräfte bin. Ich hätte allerdings noch einige Monate war⸗ ten können, dann wäre mir die Beſchämung nicht zu Theil geworden, Ihnen dieſes Bekenntniß ablegen zu müſſen, allein meine Verhältniſſe im väterlichen Hauſe waren ſo eigenthümlicher Art, daß ich ein Recht zu haben glaubte, ſchon einige Monate vor der Zeit mih zum Herrn meiner ſelbſt zu erklären.“ Der Lord, von dieſem Eingange betroffen, ſenkte ſein Haupt und legte es in ſeine Rechte, hörte aber mit der größten Aufmerkſamkeit den Worten Werners zu, die in einem Tone und mit einer Miene vorge⸗ bracht wurden, daß er keinen Augenblick an der Wahr⸗ heit derſelben zweifeln konnte. „Ja,“ fuhr Werner fort,„ich muß hier von mei⸗ nem Vater reden, denn er allein hat meine vorzeitige Entfernung verſchuldet. Er hat ſich nie um meine Erziehung bekümmert, mich vielmehr ſchalten und walten laſſen, wie ich wollte, und nur der unaufhör⸗ lichen Einwirkung unſrer vortrefflichen Mutter, die mit unter dem Drucke litt, unter dem wir Alle litten, habe ich es zu danken, daß ich bisher die Schranken 2*½ 20 innehielt, die mir die Natur zum Tummelplatz ange⸗ wieſen. Mein Vater hat mich nie gefragt: welchen Lebenszweck haſt Du Dir vorgeſetzt, mein Sohn? Und doch drängte es mich ſchon ſeit langer Zeit nach einem ſolchen. Ich wählte aus Neigung die Muſik und mein Vater hat ſich niemals dieſer Neigung wi⸗ derſetzt. Im Gegentheil, er nahm ſogar Herrn Sohn zu unſerm Lehrer an, da er doch irgend Etwas für unſre weitere Ausbildung thun mußte und einſehen mochte, daß wir nicht wild wie die Pilze im Walde zufwachſen konnten. Für dieſe Duldung und dieſen bin ich ihm dankbar, denn Beides ſetzte mich hen Stand, klarer über meine Zukunft zu werden und endlich das Ziel zu entdecken, dem ich jetzt ent⸗ gegenſtrebe. Aber das enge Haus iſt für den ſtreben⸗ den Geiſt keine genügende Rennbahn. Ich ſehnte mich fort in die Welt, wo ich Größeres, Schöneres, Erhabneres ſehen, hören und lernen konnte, und ich bat meinen Vater, mir zu geſtatten, auf Reiſen zu gehen, was unſre Mittel erlaubten. Er aber wies mich hart zurück und zum erſten Male fühlte ich, daß mein Geiſt mit meinem Leibe zugleich gefeſſelt war. Dieſe Feſſel zu tragen, bin ich nicht geſchaffen, My⸗ lord; ich habe von der Natur Schwingen erhalten und ſehne mich, ſie zu gebrauchen. So entzog ich 2 mich denn der Willkür meines Vaters und entſagte ſei⸗ ner Unterſtützung, ſtellte mich auf meine eigenen Füße, und hier bin ich, um darüber Ihr Urtheil zu vernehmen.“ „Es möchte etwas ſchwer ſein, mein junger Freund, über Ihr Thun nach allen Seiten gerecht zu urthei⸗ len,“ fuhr der Lord fort, da Werner ſchwieg,„nur will es meinem Gefühle ſcheinen, als hätten Sie trotz aller Beſchönigung Ihres Handelns Unrecht gethan, gegen den Willen Ihres Vaters in die weite Welt zu gehen, ſelbſt wenn Sie nur Gutes und Edles in dieſer Welt lernen wollen. Bedenken Sie m welcher Lage ich mich Ihnen gegenüber bef 1 bin mit Ihrem Vater bekannt geworden und möe ihm keine Gelegenheit gehen, von mir zu gla den, daß ich mich ſeinen Anodnungen innerhalb ſeiner Familie auf irgend eine Weiſe widerſetze. Nun beſu⸗ chen Sie aber Diejenigen hier in. T rlin, die ich zu den Meinigen zähle, und leicht könidte 8 daher kom⸗ men, daß Ihr Vater mich für Denjenigen hält, der Sie angeſpornt hat, ſeinem Willen zuwider zu handeln.“ „Mylord, wie könnte mein Vater zu dem Glau⸗ ben kommen? Und käme er dazu— ſind Sie nicht Ihr eigener Herr und der Mann dazu, ihn von der Wahrheit der vorliegenden Thatſachen zu überzeugen, wenn er geneigt wäre, Sie zur Rechenſchaft zu ziehen?“ 22 „Daß ich der Mann dazu bin, reinigt Sie nicht von dem Vorwurfe, dem Willen Ihres Vaters zuwi⸗ der gehandelt zu haben. Ich erſuche Sie alſo, bevor ich Ihnen geſtatten kann, ferner mein Haus für das Ihrige zu halten, ſich mit Ihrem Vater zu verglei⸗ chen und von ihm die Erlaubniß auszuwirken, hier oder wo anders als in Brenkowitz zu verweilen, da ich auf keine Weiſe mit dem Baron von Haldrungen in Zwiſt gerathen will.“ „ Mylord, ſeien Sie nicht ſo grauſam!“ bat Werner mit flehender Stimme.„Ueberzeugen Sie ſich von meiner Bedrängniß und machen Sie meine Sache zu der Ihrigen. Sie ſind ein ſo vorurtheilsfreier Mann und können ſich leicht das Verhältniß vorſtel⸗ len, in welchem ich in Brenkowitz ſchmachtete.“ Wenn auch— ich darf Sie nicht in Schutz neh⸗ men; mein Gefühl, meine Ehre, meine Stellung zu f Ihrem Vater geſtattet mir das nicht— Sie haben in Bezug auf ihn nur Unrecht, ich ſage es Ihnen.“ „Ach, Mylord, denken Sie an Ihr eignes Leben, deſſen Gang mir zwar unbekannt, aber vielleicht auch nicht frei von Ereigniſſen iſt, die denen ähnlich ſind, in welchen ich mich bewege. O, haben Sie immer im Leben gethan, was Ihr Vater oder Ihre Mutter 23 verlangte, wenn daſſelbe ganz gegen Ihre Neigung und Ihr Gefühl war?“ „Wie?“ fragte erſtaunt der Lord, der von dem Gewicht dieſer unerwarteten Frage beinahe eingeſchüch⸗ tert wurde. „Ich frage Sie, ob Sie immer nach dem Willen Ihrer Eltern gehandelt haben? Wenn Sie dieſe Frage bejahend beantworten können, ſo will ich meinen Va⸗ ter ſo lange demüthig bitten, bis er mir die Erlaube niß ertheilt, meinen Neigungen zu leben, wo es mir beliebt; bis jetzt aber hat mir mein Vater keinen ernſtlichen Wunſch erfüllt, nicht weil dieſelben unge⸗ rechtfertigt geweſen wären, ſondern weil er nicht im Stande war, einzuſehen, daß eines Menſchen Anſchau⸗ ungsweiſe von der ſeinigen abweichen, daß er ſich in ſeiner beſchränkten Lage glücklich, ich mich aber un⸗ glücklich in der meinigen fühlen könne. Die Kunſt, der ich mich nun einmal geweiht, die ich mit ganzer Seele ergriffen und für die ich allein leben und ſterben kann, iſt ihm gleichgültig; er hat kein Herz dafür, keine Einſicht darin; wenn ich auf ſeinem Gute lebte, wie er lebt, dann allein würde er mein Thun billi⸗ gen, und wäre daſſelbe ſo unnütz, ſo weggeworfen, ſo ſchaal wie möglich. Dieſes Leben aber iſt nicht für mich, es iſt— o verzeihen Sie mir den ſtarken Aus⸗ 24 druck— kalt, niedrig, gemein; das Leben für die Kunſt aber iſt edel, groß und ſchön. Jetzt verurthei⸗ len Sie mich, wenn Sie den Muth dazu haben.“ „’Den habe ich, ja. Ein Sohn muß, ſage ich, dem Willen ſeines Vaters gehorchen.“ Auch wenn dieſer Vater Unbilliges verlangt?“ * Der Lord ſchwieg einen Augenblick. zeenne nahm dies für den erſten Schritt zum Siege. Er hatte ſich aber geirrt.„Ja,“ ſagte der Lord mit ſtlenn in⸗ eeren Widerſtreben,„er muß ihm gehorchen, ſelbſt ge⸗ en ſeine vielleicht beſſere Ueberzeugung.“ 3„Haben Sie Ihrem Vater oder Ihrer Mutter, oder wer Sie ſonſt erzogen haben mag, immer ge⸗ horcht?“ Ich ſtelle mich nicht als Muſter der Menſchen auf— auch ich kann gefehlt haben, wie Sie fehlen, dann beſchönige ich aber meine Fehler nicht.“ „Sie geben mir alſo in der Sache ſelbſt Recht?“ „In der Sache ſelbſt— vielleicht, im Principe aber nicht.“ „O, wir wollen hier nicht über Principien ſtreiten, Mylord, darin bekenne ich ſelbſt mein Unrecht— ich habe hier nur meine Handlungsweiſe aus meinen Verhältniſſen heraus vor Augen. Man kann auch ein Princip, ein edles, Mylord, befolgen, das darin beſteht, 25 Niemanden zu feſſeln, der frei geboren iſt, und Nie⸗ manden gegen ſeine Neigungen, ſeine Anlagen, ſeine Wünſche zu zwingen, gegen dieſelben zu handeln. Sie haben ſelbſt einmal von dieſem Prineipe mit uns geſprochen, und Joſeph Sohn und ich haben uns über dieſen Ihren Ausſpruch außerordentlich gefreut.“ Der Lord lächelte, da Werner in ſeinem Eifer ſich* ſeiner eigenen Waffen gegen ihn bediente.„Gut⸗“ ſagte er endlich,„ſo mögen Sie aus Liebe zur Kunſt die Liebe Ihres Vaters verſcherzen, mich kümmert das nicht, mich betrifft nur Ihr Verkehr mit den Meini⸗ gen. Wenn Ihr Vater Sie alſo enterbt, oder ſonſt ſtraft, mich trifft nicht die Schuld, ich waſche meine Hände, aber ich möchte auch nicht, daß Ihr Vater, gegen den ich aus Gründen, die ich Ihnen nicht an⸗ führen kann, nichts verſchulden mag, mich der Ver⸗ führung ſeines Sohnes zeiht. Ich will daher, um Ihnen von Nutzen zu ſein, Ihre Bitten bei Ihrem Vater unterſtützen, ich will an ihn ſchreiben laſſen— bis ſeine Antwort eintrifft, beſuchen Sie mich und die Meinigen, von dieſer Antwort aber wird es ab⸗ hängen, ob ich meine Erlaubniß noch weiter ausdeh⸗ nen darf. Sagt Ihnen dieſer Vorſchlag zu?“ „Ja, er ſagt mir zu und ich danke Ihnen herzlich für Ihre freundliche Bereitwilligkeit, wie für die Er⸗ 26 laubniß, die Ihrigen beſuchen zu dürfen. Ich werde an meinen Vater ſchreiben.“ „ Aber bald, bitte ich.— Das war jedoch nur der erſte Beweggrund, der Sie von Brenkowitz getrieben hat, nun kommen wir zum zweiten.“ WVerner erröthete bis in die Stirnhaare hinein. ſeufzte tief und ſchöpfte einige Male Luft, um zu te kommen zu können, denn ſein Gefühl erſtickte hn beinahe, dem ernſten Antlitz und den klugen, ihn ief urchdringenden Augen dieſes Mannes gegenüber. Ach, Mylord,“ ſagte er endlich,„die Mittheilung ieſes zweiten Beweggrundes wird mir viel ſchwerer als die des erſten. Doch ich habe ſo großes Vertrauen zu Ihnen und hoffe von Ihrem Beiſtande ſo viel Gutes, daß ich mich überwinden und Ihnen den letz⸗ ten Reſt meines Herzens aufſchließen will, den noch Niemand kennt als meine Mutter, meine Schweſter und mein Freund, Joſeph Sohn. Zum Theil iſt die⸗ ſer ſelbſt an dieſem Beweggrunde ſchuld, aber freilich ohne böſe Abſicht. Er kam nicht allein zu uns, My⸗ lord, er brachte ein Mädchen mit— Rachel Schawai, Sie wiſſen es ja.“ „Das weiß ich— fahren Sie fort und ſeien Sie ganz aufrichtig.“ „Ach, dieſes Mädchen war ein Wunderkind. Schon 27 am erſten Tage, als ich ſie ſah, wurde mir ſeltſam zu Muthe; als ich ſie aber ſpielen hörte, wurde es mir in meinem Innern ſo klar und hell, als ginge eine Sonne darin auf und ich ſah überall Licht, wo früher nur Schatten geweſen war. Mylord, was ſoll ich viele Worte über dieſes Gefühl machen— mit einem Worte, ich liebte in Rachel die Kunſt und die Kunſt— Sie wiſſen es, hat mich hierhergeführt.“ „Hoho! Das geht raſch, mein junger Freund. Hat die Kunſt nur allein an dieſem Gefühl Antheil 4 5 gehabt, oder war noch etwas Anderes dabei?“ „Gewiß war noch etwas Anderes dabei. Ich liebte Rachel. Sie wurde mein Ideal, mein Abgott, meine Königin auf Erden, ohne die ich nicht mehr leben kann.“— Der Engländer erhob ſich und ging einige Male ſchweigend im Zimmer auf und ab. Er dachte an ſeine eigene Jugend, an Henriette.„O,“ ſagte er und blieb plötzlich vor Werner ſtehen,„Sie bekennen mir da Etwas, was ich im erſten Augenblick erkannt habe, als ich Sie und Rachel ſah. Aber wie— glauben Sie damit Recht gethan zu haben? Nein, Sie haben ein doppeltes Unrecht begangen. Sie haben nicht al⸗ lein die Achtung vor dem Willen Ihres Vaters und den kindlichen Gehorſam gegen ihn verletzt, ſondern Annderes von mir erwarten? 28 eie haben ihm auch eine Demüthigung bereitet, ihm einen Schlag gegen ſeinen Rang und Stand verſetzt, indem Sie bei Nacht und Nebel einem Judenmädchen nachlaufen, das Ihnen nichts ſein kann als ein Spiel, da Sie ein Edelmann ſind und ſie nur höchſtens eine Künſtlerin iſt.“ 1„Nichts ſein kann, Mylord, wie meinen Sie das? Sie irren ſich in mir— im Gegentheil, ſie ſoll mir Allls ſein, was der Menſch dem Menſchen auf Erden — ſein und werden kann.“ .„Wie? Wollten Sie ſie etwa einſt heirathen?“ ‚Ohne Zweifel, Mylord, wie können Sie etwas Ohne Rachel bin ich Niicchts— ein leerer Schall, eine vorzeitige Ruine, Staub— mit ihr bin ich ein Mann, vielleicht ein Künſtler und vor Allem ein glücklicher Menſch. O, Mylord, ich beſchwöre Sie, denken Sie, wie Ihnen zu Muthe wäre, wenn Sie ſich in meiner Lage be⸗ fänden!“ „Still, junger Menſch, ſpringen Sie nicht vom Gegenſtande ab. Sie haben mir nun Alles geſagt, was Sie hierhergeführt. Gut, ich glaube es Ihnen. Ich will Ihnen auch in dieſem Punkte beweiſen, daß ich ein Menſch bin, der die Leiden ſeiner Mitmenſchen begreift. Aber Eins muß ich Ihnen ſagen: wenn 29 Rachel nun Ihre Gefühle nicht theilte? Kennt ſie ſie ſchon?“. „Nein, ich glaube es nicht; auch will ich keine gewöhnliche Liebſchaft mit ihr unterhalten, unſere Seelen nur ſollen verbunden durch dieſes Leben gehn, dann werden ſich auch einſt die Herzen zuſammenfin⸗ den und Rachel wird erkennen, daß es keinen Men⸗ ſchen auf der Welt giebt, der mehr ihre Liebe verdient als ich.“. „O, danach fragt ein weibliches Herz nicht, es liebt, und von Dem, den es liebt, glaubt es auch, daß er ſeine Liebe verdiene.“ „So wird ſie mich einſt lieben, mir ſagt es mein. Herz.“ „Die Herzen der Jugend täuſchen ſich oft—“ „Meines täuſcht ſich nicht—“ „Wenn Sie aber durch Ihre vorzeitige Neigung Rachel ſchadeten, ſie in der Entwicklung ihrer künſtle⸗ riſchen Vollendung aufhielten, indem Sie ihr Sorge bereiteten, Schmerzen verurſachten?“ „O was denken Sie von mir, Mylord— ich Ra⸗ chel ſchaden? Lieber tödtete ich mich. Ich will ſie jetzt nur im Stillen anbeten, hoffnungsvoll zu ihr aufblicken und in einem Freundſchaftsbunde mit ihr leben, wie Joſeph Sohn mit meiner Schweſter lebt. 30 Im Ganzen will ich ihr nur Daſſelbe thun, was Sie ihr thun— Gutes— und warum ſollten ſich zwei Menſchen in dieſem Punkte nicht begegnen? Ich aber will hierin keinem Menſchen nachſtehn, ſelbſt Ihnen nicht. Mit Ihnen verglichen bin ich freilich nur ein aarmer Menſch; wenn Sie aber Rachel jetzt mit einem Theil Ihres Vermögens unterſtützen wollen, ſo will ich ihr künftig mein ganzes Vermögen und meinen Namen dazu geben, und das vollführe ich, ſo wahr in Gott über uns lebt!“ Der Lord lächelte, aber er ſagte nichts Hörbares. Innerlich aber ſprach er:„Brav! Er iſt ein edler Junge, ich will ihm vertrauen, er ſoll Rachels Be⸗ gleiter ſein.“ Darauf aber ſagte er laut:„Ich will für jetzt meine Zuſtimmung geben, daß Sie fortfah⸗ ren, Rachel zu beſuchen— für jetzt, ſage ich— aber Eins bitte ich mir aus— keine Liebelei im gewöhn⸗ lichen Style— vor allen Dingen beunruhigen Sie Rachel nicht. Liebt ſie Sie einſt— gut, dann neh⸗ men Sie ſie zum Weibe— ſo lange Sie aber in meinen Händen iſt, ſtudirt, lernt— iſt ſie mein und nur aus meinen und Joſeph Sohn’s Händen, der ſie mir anvertraut hat, können Sie ſie einſt erlangen. Verſprechen Sie mir das?“ 3 Beinahe wäre Werner dem Lord um den Hals 3 31 gefallen. Er wußte ſeine Freude kaum zu laſſen und mit tauſend heiligen Eiden gelobte er das Verſprechen zu halten, das er ſo eben gegeben.— So wurde er denn ein täglicher Beſucher Rachel's und Mrs. Baxton, und Theilnehmer an allem ihrem Thun und Treiben. Kein Tag verging, wo er ſich nicht nach den Wünſchen der Damen erkundigte und dieſelben nach Kräften ausführte. Schon nach kurzer Zeit ſah Lord Shorneliffe ein, einen wie treuen, auf⸗ merkſamen und durch Niemanden zu erſetzenden Paladin er in Werner den Damen gegeben. Er begleitete ſie in alle Concerte, Opernvorſtellungen und nahm ſogar an Rachel's Uebungen und Studien Theil, ſo daß auch er den größten Vortheil aus dieſem Umgange zog. Da er nun nie ſeine Liebe mit Worten oder Anſpielungen zu erkennen gab, ſie vielmehr nur durch Thaten und Handlungen an den Tag legte und jeder⸗ zeit mit Aufopferung ſeiner eigenen Bequemlichkeit bereit war, Rachel vor allem Ungemach zu bewahren und ihr jede Annehmlichkeit zu bereiten, ſo nannte ihn Mrs. Baxton ſcherzweiſe den Schatten Rachel's, über welche Benennung er ſelbſt glücklich war, denn alles Licht, welches das Leben für ihn hatte, ſtrömte ihm allein von Rachel aus, die in ihrer kindlich na⸗ türlichen Weiſe gegen ihn ſich zu benehmen fort⸗ fuhr, wie ſie es vom erſten Augenblicke ihrer Be⸗ kanntſchaft mit dem Sohne des reichen Gutsherrn gethan hatte. Ob ſie wußte, daß ihr Werner mit ganzer Seele zugethan war? Wir zweifeln nicht dar⸗ an, denn welches Mädchen, noch dazu von ſo ſcharfer Beobachtungsgabe und den Fähigkeiten, wie Rachel ſie beſaß, merkt es, weiß es nicht, wenn ein junger Mann hr ſein Herz geweiht hat; und hier lag das ganze Herz Werner's ſo offen vor ihren Augen, daß ſie es ſehen mußte. Nur ihren unausgeſetzten muſikaliſchen Beſtrebungen ergeben, immer mit allen Kräften vor⸗ wärts ſtrebend, bewies ſie ſich gegen ihren Schatten wie eine Schweſter, die ihren Bruder für den einzi⸗ ggen Mann erkennt, der ihrer Liebe werth und, als der Stärkere, allein im Stande iſt, ſie gegen die Un⸗ bill des Lebens zu ſchützen. Der Lord und Mrs. B. dies ſeltene Zuſammenleben nen, und nie geſchah etwas, Engländers hätte ve ſprünglicher Zuneigun unedlen Vaters ge griffen war. axton beobachteten genau der beiden jungen Perſo⸗ was das Vertrauen des rringern können, das, mit ur⸗ ng zu dem edlen Sohne eines ſo paart, tagtäglich im Wachſen be⸗ Einige Tage nach jener Unterredung hatte der — 3³— Lord durch ſeinen Secretair an den Baron von Hald⸗ rungen nach Brenkowitz geſchrieben und gebeten, Wer⸗ ner unter ſeiner Aufſicht ſeine Studien fortſetzen zu laſſen; auch Dieſer ſelbſt hatte ein herzliches Schrei⸗ ben an ſeinen Vater gerichtet, um Verzeihung ſeines Gewaltſchritts gebeten und dafür gelobt, ſich in allem Uebrigen ſo zu betragen, daß ſein Vater mit Genug⸗ thuung und Stolz auf ihn blicken könne. Dieſe bei⸗ den Schreiben wurden bald darauf einer Antwort ge⸗ würdigt, ein Beweis, daß der Baron nicht auf Reiſen gegangen ſei, um ſeinen Sohn zu ſuchen, deſſen Auf⸗ enthalt ihm demnach bekannt war, ſondern um ſeinen eigenen Vergnügungen nachzugehen, die wir ſpäter leider noch näher beleuchten müſſen. Das Schreiben des Barons an den Lord war kurz und höflich, ohne dankbar und herzlich zu ſein; er ſagte nur, daß er nichts gegen ſeine Bitte einzuwenden habe und daß er ſeinen Sohn unter des Lords Obhut für ungefährdet halte. Das Schreiben an Werner ſelbſt aber war barſch und unväterlich genug, es ent⸗ hielt nur wenige Zeilen, die nichts beſagten, als daß Werner ſich fernerhin aufhalten könne, wo er wolle, er bekümmere ſich weiter nicht um ihn, und wenn er durchaus ein Geiger werden wolle, ſo werde er dafür ſorgen, daß ihm künftig alle Thüren in Brenkowitz Emery Glandon. III. 3 34 geöffnet ſeien, um den Dorfbewohnern zum Hochzeit⸗ und Kindtaufſchmauſe aufzuſpielen. Als der Lord dieſe Zeilen las und daraus die Verkennung erſah, die der Baron ſo abſichtlich ſeinem redlichen Sohne zu Theil werden ließ, drückte er die⸗ ſem warm die Hand und ſagte herzlich:„Nun, Wer⸗ ner, ſo haben Sie alſo die Erlaubniß Ihres Vaters, bei mir zu bleiben. Bleiben Sie. Ihre vollſtändige Verſöhnung mit ihm wird ſich wohl ſpäter auf irgend 3 eine Weiſe bewerkſtelligen laſſen. Im Uebrigen ver⸗ laſſe ich mich auf Ihre Verſprechungen und hoffe, Sie werden ſich auch ferner bewähren, wie Sie ſich bis jetzt bewährt haben.—“ Auf dieſe Weiſe vergingen ſehr raſch einige Mo⸗ nate in der Hauptſtadt und der Auguſt war gekom⸗ men, als ſich gerade der Lord rüſtete, nach Wien vor⸗ anzugehen, um Rachel für die Zukunft auch da ein Unterkommen zu bereiten, wie er es ihr in Berlin bereitet hatte. Den Abend vor ſeiner Abreiſe trat er bei Rachel ein, um Abſchied von ihr zu nehmen und ſetzte dieſe wie Mrs. Baxton durch ſein ungewöhnlich ernſtes Ausſehn in nicht geringe Verwunderung. Er war bleicher als gewöhnlich, eine ſchwere Wolke lag auf ſeiner ſonſt ſo klaren Stirn, und ſeine Lippe zuckte, wie wenn ein inneres Wetterleuchten mit Gewalt — 35 einen Ausweg ſuchte. Rachel, von jeher gewohnt, ihre Gefühle nicht durch Fragen an den Tag zu legen, ſah nur mit ihren ſprechenden Augen auf das ſo ver⸗ wandelte Geſicht des verehrten Mannes und blickte dann erſtaunt Werner an, der, ahnungslos, was den Lord ſo tief bewege, gleich ihr und Mrs. Baxton er⸗ ſchrocken war. Der Lord ſprach nur wenige Worte und wollte ſich anſcheinend entfernen, als Rachel an ihn heran trat, ſeine Hand ergriff und mit einem weh⸗ müthigen Blicke ſagte:„Es thut mir leid, Mylord, daß Sie Kummer haben, da Sie von uns gehen.“ „Nein, Kind, Kummer habe ich nicht,“ antwortete er ruhig,„darin irrſt Du. Allein ich habe mich ge⸗ ärgert, obwohl ich eigentlich Urſache hätte, mich von ganzem Herzen zu freuen.“ „So freuen Sie ſich und vergeſſen Sie den Aerger, den man Ihnen verurſacht hat.“ „Das will ich, Rachel, aber ich muß Dir doch et⸗ was ſagen, was auch Werner hören kann, damit Du Deine Briefe an Joſeph Sohn ferner nicht mehr nach Brenkowitz ſendeſt.“ „Wie?“ riefen die beiden jungen Leute in einem Athem aus—„nicht mehr nach Brenkowitz?“ „Nein, nicht mehr dahin; Joſeph iſt nicht mehr daſelbſt.“ 3* 36 Rachel verſtummte vor Ueberraſchung, eine dunkle Ahnung des Vorgefallenen ſchoß durch ihre Seele. Werner aber, heißblütiger als ſie, erröthete für ſeine Angehörigen, denn eine innere Stimme ſagte ihm, daß Einer oder der Andere von ihnen Etwas gethan habe, was er nicht gut heißen könne.„Wo iſt er denn, Mylord?“ fragte er, vor Aufregung beinahe ſtammelnd. Wenn Ihr an ihn ſchreiben wollt,“ ſagte der Lord ruhig,„ſo richtet Eure Briefe an William Baxton in Doowns⸗Caſtle, der wird ſie ihm zukommen laſſen, wo eer auch ſein mag.“ Mylord, Sie verbergen uns etwas Ernſtl iches,“ ieef Rachel, in ein mit Mühe unterdrücktes Schluch⸗ zen ausbrechend;„meinem Freunde iſt ein Unheil be⸗ gegnet!“ „Nein, Rachel, das iſt abermals ein Irrthum; was ihm begegnet iſt, erkenne ich ſogar für ein dop⸗ peltes Heil an. Dein Freund befindet ſich wohl und iſt nun ganz mein geworden, wie Du. Lebt jetzt wohl, Kinder, wir ſehen uns in wenigen Wochen wie⸗ der, wenn ich nach der Oſtſee zurückkehre. Werner, Sie können mich begleiten, ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ Der Lord entfernte ſich und Werner fo lgte ihm in 37 jener ſteifen und gefaßten Haltung, die genügend dar⸗ thut, daß ein Menſch in der Erwartung ſchwebt, Et⸗ was zu vernehmen, was allen ſeinen Muth und ſeine Kraft in Anſpruch nimmt. Als ſie auf der Straße angekommen waren, konnte ſich Werner nicht länger bezähmen.„Mylord,“ ſagte er heftig,„Sie wollen mir Etwas mittheilen, was mir ſehr ſchmerzlich ſein muß. Sagen Sie es raſch, ich bin auf Alles gefaßt.“ „Ruhig, Werner, ruhig, Sie ſehen ja, wie gelaſſen ich bin. Das Ganze iſt, Ihr Vater hat ſeinen Haus⸗ lehrer, unſern Freund Joſeph Sohn, bei Nacht und 3 Nebel wie einen Hund vor die Thür geworfen, weil Ihre vortreffliche Tante endlich ihre Schuldigkeit ge⸗ than und ihn überzeugt hat, daß der arme Hauslehrer ſeine Tochter liebe.“ „Mylord, o Gott— was ſagen Sie? Es iſt alſo wahr?“ „Ja, es iſt wahr, Werner. Ihr Vater hat mehr Rache als Recht geübt, und das kann ich auf keine Weiſe billigen. Doch, Joſeph ſoll dabei nicht übel fahren, er iſt mein Freund, und ſo ſteht er unter meinem Schutze. Ihr Vater dürfte es etwas ſchwerer finden, gegen mich als gegen den armen Sohn in die Schranken zu treten. Er nehme ſich in Acht!“ 38 Werner ging zähneknirſchend neben dem Lord her. „O welches Glück, welches Glück!“ ſagte er plötzlich. „Was halten Sie für ein Glück?“ „Daß ich nicht in Brenkowitz war, als dieſes Er⸗ eigniß ſich zutrug. Bei Gott, es wäre etwas Schlim⸗ mes vorgefallen und davor hat mich die Vorſehung bewahrt, indem ſie mir den Gedanken eingab, das Gut vor dieſem Ereigniß zu verlaſſen. Aber wo iſt Joſeph jetzt?“ 8„In meinem Hauſe und ich habe ſchon dahin ge⸗ ſchrieben und ihn in meinen Dienſt genommen. Er wird in dieſen Tagen nach England gehen, um für mich einige Geſchäfte daſelbſt zu verrichten.“ „Nach England! O, dahin hat er ſich immer ge⸗ ſehnt. Aber die arme Sophie, was wird ſie leiden! Und meine arme Mutter! Nun ſind die beiden Frauen ganz allein.“ Der Lord zuckte zuſammen, wie von einem elekt⸗ riſchen Schlage erſchüttert.„Geduld,“ ſagte er leiſe, „Geduld, Werner! Ihre Schweſter wird allerdings leiden, aber das wird vorübergehend ſein. Ihr Vater hat Joſeph Sohn zu demüthigen verſucht, als er ihn aus ſeinem Hauſe ſtieß, und nun werde ich ihn da⸗ durch demüthigen, daß ich ſelbſt als Bewerber um Sophie'’ Hand für meinen Schützling auftrete.“ 39 „Wenn er Sie aber beleidigt, wie er Joſeph be⸗ leidigt hat?“ „Darum ſorge ich nicht, Ihr Vater kann mich nicht beleidigen, merken Sie ſich das.— Und noch Eins: wenn Sie an Ihre Mutter oder Schweſter ſchrei⸗ ben und gewiß ſein wollen, daß der Brief nur in ihre Hände gelangt, ſo richten Sie dieſen Brief eben⸗ falls an William Baxton in Downs⸗Caſtle, er wird für die richtige Beſorgung Mittel und Wege finden.“ „Ja, ja, das will ich thun. O, wie gütig ſind Sie, Mylord, was verdanken wir Ihnen Alle!“. „Still, Werner! Wenn Sie mich richtig kennten, 1 würden Sie meine Handlungsweiſe nur für ſehr na⸗ türlich halten. Der Menſch muß überall und immer dem Menſchen helfen, wo er kann, ſo habe ich wenig⸗ ſtens das Leben und unſere Aufgabe darin begriffen.“ „O, wer immer helfen könnte, wie Sie! Wann aber werden wir den armen Joſeph wiederſehen?“ „Wann Gott es will, verlaſſen Sie ſich darauf.“ weites Bapitel. Die Pruſung. Lord Shorneliffe war nach Wien gereiſt und ſchon wieder zurückgekehrt, um einige Zeit auf ſeinem Land⸗ ſitz an der Oſtſee zuzubringen, der ja der Brennpunkt aller ſeine Aufmerkſamkeit, ſeiner Neigung und ſeiner Erwartung von der Zukunft war. Was er in Dowus⸗ Caſtle vorgefunden oder in Erfahrung gebracht, wol⸗ len wir einſtweilen noch unerwähnt laſſen, da es ſich ſpäter auf andre Weiſe enthüllen wird, genug, er hielt ſich daſelbſt auf und meldete von dort aus nach Ber⸗ lin, daß er bei Rachel eintreffen würde, noch bevor ſie im Frühjahr nach Wien ginge, um auch in dieſer Stadt ihre Studien fortzuſetzen. So verſtrich dem fleißigen Künſtlerpaare der Herbſt und Winter, über⸗ aus raſch, ſie wußten nicht, wo die Zeit blieb, da ihnen die Tage zwiſchen den Fingern zu entſchlüpfen ſchie⸗ 41 nen, denn jede Stunde benutzten ſie, wie ſie ſelten ein Menſch benutzte, um zu lernen, zu ſtreben und den Standpunkt zu erreichen, den ſie künftig im Leben einnehmen wollten, und von dem ausgehend ſie ei⸗ gentlich ihre Künſtlerlaufbahn erſt zu beginnen ge⸗ dachten. Rachel ſowohl wie Werner hatten aber während des halben in Berlin verlebten Jahres nicht allein Fort⸗ ſchritte in ihrer Kunſt, nein ſie hatten ſie überhaupt in der Kunſt gemacht, ſie hatten ſo unendlich viel Schönes und Herrliches geſehn und gehört, daß ihr Herz, ihr Verſtändniß dadurch außerordentlich bereichert war und daß ſie mit ganz anderen Hülfsmitteln aus⸗ 4 gerüſtet Berlin verließen, als ſie es betreten hatten. Endlich im März erklärte Rachel's muſikaliſcher Rathgeber und Freund, der Klaviervirtuoſe, daß es Zeit ſei, ſich nach Wien zu wenden. Er ſelbſt wiſſe nicht mehr, ihr Etwas mitzutheilen, was ſie nicht ſchon vollkommen in ſich aufgenommen habe, und ſie müſſe jetzt auch das Urtheil Anderer und vielleicht noch Beſſerer vernehmen. Er entlaſſe ſie übrigens mit der Hoffnung, daß ſie nie von dem Wege des Einfachen, Natürlichen und wahrhaft Großen abweichen werde, und ſollte ſie andere Meiſter hören, die in dieſem oder jenem Einzelnen mehr brillirten, ſo möge ſie ſich ſtets 1 — 42 ihres erſten Lehrers erinnern, der in ſeiner edlen Ein⸗ fachheit und klaren Verſtändlichkeit ihr den Weg ge⸗ öffnet habe, auf dem er ſelbſt ſie weiter zu führen bemüht geweſen ſei. Vor die Oeffentlichkeit zu treten, rathe er auch jetzt noch nicht, nicht etwa weil er be⸗ ſorge, das große Publicum werde ſeinen Beifall noch zurückhalten, ſondern in der alleinigen Abſicht, Rachel 3 möge ſich immer feſter und feſter in ihrem eigenen Sgtyyle ſetzen, um ſich nicht durch die maaßlos wider⸗ ſprechenden Urtheile der kritiſirenden Welt auf irgend keine Weiſe beirren zu laſſen. MKNachel ſchrieb dieſe Worte dem Lord, bat um ſeine Meinung und ob auch er es jetzt an der Zeit halte, daß ſie den neuen Meiſter zu Wien mit dem alten zu Berlin vertauſche. Die Antwort überbrachte ihr der Lord ſelbſt, denn er wollte es ſich nicht verſagen, Rachel noch einmal zu ſehen, ehe ſie nach dem Süden ging, wohin er ſie nicht begleiten konnte, da ihn man⸗ cherlei Wichtiges jetzt an Downs⸗Caſtle feſſelte. Den erſten Augenblick, wo ſich Werner mit dem Lord allein ſah, benutzte er, um dem Gönner Rachel's auch ſeine Wünſche vorzutragen. Der Lord ahnte, was er hören würde und ſetzte ſich in ſeiner gewöhn⸗ lichen ruhigen Weiſe auf einem Seſſel zurecht, dem gegenüber Werner ſtehend Platz genommen hatte. —— 43 „Wie geht es in Brenkowitz, Mylord?“ begann Werner ſeine Anrede, die dem Engländer etwas un⸗ erwartet kam, denn es zeigte ſich ſogleich einige Be⸗ wegung auf ſeinem ſprechenden Geſicht. „Es geht beinahe in demſelben Tempo fort, wie es früher ging, Werner,“ antwortete er.„Die Einen ſpielen ihr Adagio ruhig weiter und die Anderen rennen im Allegro immer vorwärts.“ „Dann werden ſie wohl bald beim Finale ange⸗ kommen ſein?“ ſcherzte Werner, ohne zu bedenken, welch' fürchterlicher Ernſt für den Lord in ſeinen Wor⸗ ten lag. Dieſer ſchaute auch betroffen empor und wußte kaum, was er dem jungen Manne darauf erwidern ſollte. „Haben Sie meinen Vater geſehn?“ fuhr Werner fort, als er endlich merkte, der Lord wolle ſeine letzte Frage nicht beantworten. „Nein, ich habe ihn nicht geſehn. Ich ließ ihn einmal einladen, mich zu beſuchen, aber er gab die Antwort, daß ich eben ſo weit zu ihm hätte, als er zu mir, und daß ich zuerſt zu ihm kommen ſolle, was ich auch ganz in der Ordnung fand, obwohl er ſeine Erklärung mit anderen Worten hätte geben können.“ 44 „Sind Sie denn gar nicht wieder auf Brenkowitz geweſen?“ fragte Werner verwundert. „Ja,“ ſagte der Lord gedehnt,„ich war einmal dort, als Ihre Frau Mutter mit Fräulein Sophie aus⸗ gefahren war, und zugleich hatte ich das Unglück, auch Ihren Vater zu verfehlen, der ſich viel außer dem Hauſe aufhält, wie früher ſchon.“ Das wird meiner Mutter ſehr leid gethan haben. Sie hat mir geſchrieben, daß ſie ſich Ihnen zu außer⸗ ordentlichem Danke verpflichtet fühle.“ Der Lord fühlte eine ſo ſtarke Blutwallung gegen ſeine Schläfe ſteigen, daß er ſich erhob und an's Fen⸗ ſter trat, wie um nach einem vorüberfahrenden Wagen zu blicken.„Etwas Aehnliches,“ fuhr er vom Fenſter her fort,„ſagte mir Ihre Schweſter eines Tages.“ „Wie? Haben Sie die geſprochen?“ „Gewiß. Ich begegnete ihr auf einem Spazier⸗ gange, als ich nach Neuſtadt ritt, und da benutzte ich die günſtige Gelegenheit, ſie über Joſeph Sohn’s und Ihr Schickſal zu beruhigen.“ „Was machte die Arme, ſah ſie wohl aus?“ „Vortrefflich, Werner, und ſie iſt noch ſchöner ge⸗ worden als ſie war, aber wie denn— Sie haben ihr ja geſchrieben, Sie wollten auch nach Wien gehen— liegt denn das in Ihrer Abſicht?“ — 45 „Mylord,“ ſagte Werner mit verlegenem Geſicht, „das iſt der Grund, warum ich Sie heute allein zu ſprechen wünſchte. Ja, ich möchte auch nach Wien gehen. Vieuxtemps iſt jetzt da und von dem möchte ich profitiren.“ „Vieuxtemps!“ ſagte der Lord ſinnend.„In Wien? Sie irren wohl, er kann höchſtens auf der Durchreiſe dageweſen ſein. Sollten Sie nicht noch einen andren Grund haben, nach Wien zu gehen?“ Werner lächelte, da er den Lord ebenfalls lächeln ſah, was er für eine gute Vorbedeutung hielt.„Ja,“ erwiderte er,„gewiß habe ich noch einen Grund und Sie ſcheinen ihn ſchon errathen zu haben. Rachel geht hin und da muß—“ „Ihr Schatten auch hingehen, iſt es nicht ſo?“ „So iſt es, Mylord.“ „Hören Sie, mein junger Freund,“ fuhr der Eng⸗ länder ernſter fort,„was ich Ihnen zu ſagen habe. Wenn Sie mir heute das Verſprechen wiederholen, welches Sie mir früher gegeben haben, ſo will ich Ihrem Wunſche nicht im Wege ſtehen, obgleich ich einige Bedenken hege. Sie haben ſich bis jetzt zwar bewährt, Ihr Verſprechen gehalten und mein Ver⸗ trauen nicht getäuſcht. Sie haben ſich von aller Lie⸗ belei mit Rachel— dem Todesſtoße der ächten, wah⸗ 46 ren Liebe— fern gehalten, wie ich es von Ihnen erwartete. Aber wird das auch ferner ſo ſein— wer⸗ den Sie Rachel's Ruhe nie durch unzeitige Bekennt⸗ niſſe ſtören?“ „Mylord, ich gelobe es mit Herz und Seele; Sie ſelbſt können nichts für Rachel wünſchen und hoffen, was ich nicht auch wünſche und hoffe.“ „Gut, ſo will ich Ihnen noch einen Beweis mei⸗ nes Vertrauens geben, denn ich glaube an die Tugend und Ehrenhaftigkeit des Mannes, obgleich die heutige Jugend dieſen Glauben oft genug mit Füßen tritt; aber Sie und mein guter Joſeph ſind Menſchen beſſerer Gattung und noch Söhne der guten alten Zeit, wo die Knaben noch nicht Männer ſein wollten und die Männer noch nicht zu Greiſen zuſammengeſchrumpft waren. Gehen Sie alſo und ſtudiren Sie mit Rachel ruhig weiter, vergnügen Sie ſich auch; vor allen Din⸗ gen aber ſeien Sie Rachel ein eherner Schutz, wie es nur der brave, edle Mann dem ſchwachen Weibe ſein kann.— Wie ſteht es mit Ihren Vermögensverhält⸗ niſſen?“ „Ich habe jetzt mein einundzwanzigſtes Jahr er⸗ reicht und hoffe nun bald Verwalter meines Vermö⸗ gens zu werden. Einſtweilen hat mir meine Mutter Geld geſandt.“ „Hoffen Sie nur nicht zu viel. Ihr Vater ſcheint keine Neigung zu haben, Ihre Reiſekoſten zu bezahlen, aber das thut auch nichts. Sie reiſen mit Rachel zugleich auf meine Koſten— ich werde Ihres Vaters Stelle vertreten.“ „Mylord, wie ſoll ich Ihnen für Ihre mahrhuſt väterliche Güte danken?“ „Allein damit, daß Sie brav, gut und edel bleiben und Rachel ein wahrer Bruder ſind.“ „Das will ich, ſo wahr mir Gott helfe!“ „Gut. Ich bin es zufrieden. Haben Sie ſonſt noch einen Wunſch?“ „Ich wüßte keinen, wenn es nicht der wäre, zu erfahren, wie es unſerm Joſeph Sohn geht?“ „Joſeph Sohn befindet ſich wohl. Er iſt noch in England. Seine Reiſe hat dadurch einen unerwarte⸗ ten Aufſchub erlitten, daß er Jemand verfehlte, den er dort zu treffen hoffte. Nun wartet er, bis derſelbe von Amerika zurückkehrt und beſieht ſich unterdeſſen meine Heimat. In ſeinem letzten Briefe läßt er Sie grüßen und empfiehlt Ihnen Rachel, wie ich ſie Ihnen ſchon empfohlen habe.“ „Sorgen Sie nicht um ſie; ſo lange ich in ihrer Nähe bin, darf ihr kein Windhauch etwas anhaben.“ „So leben Sie wohl und gehen Sie mit Gott! 48 Lord Shorneliffe war wieder nach der Oſtſee, Ra⸗ chel, Mrs. Baxton und Werner mit ihrem Diener nach Dresden abgereiſt. Auf dieſer Reiſe war Rachel mit jeder Stunde ernſter, nachdenklicher geworden; ſie näherte ſich der Stadt, die ſie ſchon einmal betre⸗ ten, als ſie mit Joſeph von Prag her kam und noch ein Kind, und ein armes, verachtetes Weſen war. Die Erinnerung an ſolche Lebenslagen aber ſtimmt den ſtrebenden Menſchen weich und ernſt, indem ſie ihn einen Griff in die Tiefe ſeiner Bruſt thun läßt, wo die Erinnerung an die Vergangenheit Seite an Seite mit der Hoffnung auf die Zukunft ſchläft. In Dresden und der Umgegend, obgleich die Jah⸗ reszeit romantiſchen Ausflügen nicht günſtig war, hielten ſich die Reiſenden einige Tage auf. Eines Tages fragte Werner Rachel, warum ſie ſo ernſt und ſtill geworden ſei und ob ſie vielleicht irgend einen verborgenen Kummer im Herzen trage. „Werner,“ entgegnete Rachel mit einem Auge, in dem die Rührung mit der Faſſung kämpfte, um die ſie ſchon lange rang,„Werner, wir nähern uns Prag, meiner Vaterſtadt. Du kannſt Dir denken, was da Alles in meinem Herzen aufwacht und wie es darin hämmert und pocht. Denke an meine Vergangenheit 49 und betrachte meine Gegenwart, dann werden Dir meine Empfindungen nicht räthſelhaft ſein.“ „Du haſt Recht, verzeihe meiner Neugierde, aber ich kann Dich nicht leiden ſehen. Willſt Du vielleicht Prag vermeiden?“ „Im Gegentheil, ich wollte Euch bitten, einige Tage daſelbſt mit mir zu verweilen, ich möchte noch einmal Simon Schawai' Haus in der Judengaſſe und unſern alten Kirchhof ſehen, auf dem ich mit Joſeph gewandelt bin, um Gott auf den Knieen für Alles zu danken, was er mir durch ihn gegeben hat.— So war es alſo beſchloſſen. Man ging nach Prag, um ſich daſelbſt einige Tage aufzuhalten, und gern ſtimmte Mrs. Baxton in den Wunſch der jungen Leute ein, als ſie denſelben vernahm.. Man war in der Hauptſtadt Böhmen's angekom⸗ men. Im blauen Stern, unweit des Pulverthurms, der noch wie ſo vieles Andere aus der Huſſitenzeit ſtammt, am Joſephsplatz, war man eingekehrt, und der Zufall hatte es gewollt, daß den Damen daſſelbe Balkonzim⸗ mer eingeräumt wurde, welches vor Jahren Joſeph be⸗ wohnt hatte. Ach, welche Gedanken beſtürmten der ehe⸗ maligen Jüdin Geiſt, die jetzt, zur vollen Jungfrau herangewachſen, in der Blüthe ihres Lebens ſtand, Emery Glandon. III. 4 50 welche Empfindungen durchwogten ihr Herz, als ſie die alten Räume ſah, deren Bild ſich ihrem treuen Gedächtniſſe für ewige Zeiten eingeprägt hatte! Doch noch ſollte ſie nicht dem ganzen Sturme ihrer Erinnerungen Preis gegeben ſein, die Vorſehung hatte ihr in den Mauern ihrer Vaterſtadt, die ſie einſt als verlaſſene und verachtete Waiſe bewohnt, einen Triumph bereitet, auf den ſie noch nicht gerech⸗ naet hatte, und gerade an dem Tage ſollte er ihr zu Theil werden, wo ſie ſich der heimatlichen Schwelle zu nähern Willens war, um auf ihren Knieen zu weinen und dem Geber alles Guten für die Fülle des Segens zu danken, den er über ihr Haupt aus⸗ geſchüttet hatte. Mrs. Baxton ſaß mit Rachel in ihrem Zimmer. Erſtere mit einer Zeitung, Letztere mit ihren Träume⸗ reien beſchäftigt und dann und wann aus dem Fen⸗ ſter nach dem Marktgewühl hinunterſchauend, um Werner zu erwarten, der in das Gaſtzimmer hinab⸗ gegangen war, um den nächſten Weg nach der Ju⸗ denſtadt und dem alten Kirchhofe zu erfragen, da Ra⸗ chel gewünſcht hatte, ohne Begleitung eines ihr Nach⸗ denken ſtörenden Lohndieners mit ihm allein die Plätze ihrer Kindheit zu betreten. Da ſtürzte Werner eilig in's Zimmer und ſchon auf ſeinem erregten Geſichte 51 lag die Meldung eines unerwarteten, wiewohl erfreu⸗ lichen Ereigniſſes. „Rachel!“ rief er frohlockend und ſprang lebhafter denn je auf die mit Spannung ihn betrachtende Freun⸗ din los,„ich habe Dir etwas ganz Neues und Be⸗ ſonderes zu berichten. Du denkſt Dir gewiß nicht, was es iſt. Rathe einmal!“ „Es wäre gar nicht wunderbar, Werner, wenn mir in Prag etwas Unerwartetes begegnete; meine Vaterſtadt ſcheint auserwählt, Epoche in meinem Le⸗ ben zu machen, ich bin alſo auf Alles gefaßt. Sprich, was iſt es?“ „O, wer weiß, ob es nicht Epoche in Deinem und meinem Leben macht, was uns hier begegnet,“ ſagte Werner träumeriſch, denn wie wir wiſſen, unterlag er in ſeiner leidenſchaftlichen Gluth, die bisweilen vulkanartig aus ſeinem gepreßten Herzen brach, einer Art Aberglauben, dem er einen großen Einfluß auf ſeine Meinungen und Entſchließungen geſtattete.„Mit einem Worte, Franz Liſzt iſt in Prag, ich habe es ſo⸗ eben unten im Gaſtzimmer gehört. Er iſt auf der Durchreiſe nach Venedig begriffen und wohnt bei ei⸗ nem muſikaliſchen Freunde, deſſen Haus man mir bezeichnet hat.“ „Franz Liſzt!“ rief Rachel verwundert und beinahe 1* 2₰ 52 entzückt, wobei ſie ihre Augen weit öffnete und, tief aus voller Bruſt aufathmend, ſich in ihrer ganzen Größe erhob. „Ja, er iſt hier und Du kannſt ihn endlich ſehn und hören. Ich bin gewiß, er ladet Dich zu ſich ein, wenn ich ihn höflich um die Erlaubniß, ihn zu beſu⸗ chen, bitte.“ Rachel's zarter Körper bebte wie unter dem Ein⸗ fluſſe eines ihr ganzes Weſen erſchütternden Gefühls. Ihre Wangen rötheten ſich und ihr dunkles Auge glühte wie im Wiederſcheine der mittägigen Sonne. ,,So bitte ihn darum, ich muß ihn ſehen und ſein Urtheil über mich vernehmen.“ 4 „Sein Urtheil, ja! Du haſt Recht! Auch ich muß wiſſen, was er von Dir hält. Gieb her, da liegt ja Papier.“ Wenige Minuten ſpäter hatte Werner folgende Zeilen an den berühmten Virtuoſen geſchrieben: „Mein Herr! Ein junges Mädchen, auf der Durch⸗ „reiſe nach Wien begriffen, hört, daß Sie in Prag's „Mauern ſind. Sie hegt ſchon lange den Wunſch, „Sie zu ſehen und zu hören und Ihr Urtheil über „ihr eigenes Talent zu vernehmen. Wenn Sie einige „Augenblicke für ſie übrig haben, ſo genehmigen Sie 53 „vielleicht, daß ſie Ihnen einen Beſuch abſtattet, um „den ſie in aller Ergebenheit bittet. Werner von Haldrungen.“ Gleich darauf hatte ein Diener den Brief in die Wohnung des Künſtlers getragen und eine halbe Stunde ſpäter die mündliche Antwort zurückgebracht: Herr Liſzt freue ſich, die junge Dame bei ſich zu em⸗ pfangen, und erwarte ſie in den nächſten Morgen⸗ ſtunden. Werner ſprang vor Freuden empor, er wußte, welch' hohem Genuß Rachel jetzt entgegenging; dieſe ſelbſt aber war ſtumm und bleicher geworden, als ſie vorher geweſen war. „Warum biſt Du ſo ſtill?“ fragte Werner lebhaft. „Du beſorgſt doch nicht, daß er unhöflich iſt?“ „Ich beſorge gar nichts, mein Freund. Ach nein, nur da der große Moment meines Lebens gekommen iſt, den ich lange herbeigeſehnt habe und der mir dennoch vielleicht zu früh erſcheint, fühle ich die ſchwere Aufgabe, die ich mir geſtellt und die zu erreichen ich vielleicht nicht würdig bin.“ „Rachel! Kleinmüthig? Das ſind wir nicht von Dir gewohnt. Muth, Rachel, Muth! Du biſt in Prag, und Prag kann Dir keine Demüthigung mehr berei⸗ ten, die liegt weit hinter Dir. Gott hilft!“ 54 „Ja, Du haſt Recht, mein Freund, Gott hilft wei⸗ ter, wo er ſo weit geholfen. O komm, ich fühle mich aufgelegt, zu zeigen, was Joſeph aus mir gemacht hat.“ Mrs. Baxton eilte herbei, brachte Mantille, Hut und Handſchuhe ihrer Pflegebefohlenen und kleidete ſie mit aller Sorgſamkeit an. Rachel war an dieſem Tage zufällig ganz ſchwarz gekleidet, wodurch ihr aus⸗ drucksvolles bleiches Geſicht, in dem nur die Augen und Haare von Glanz und Leben ſtrahlten, noch mehr hervorgehoben wurde. Werner warf einen triumphi⸗ renden Blick auf die zierliche Geſtalt, die ſich ſo leicht und doch ſo ſtattlich in dem rauſchenden Seidenge⸗ wande bewegte, und als der kleine Hut auf dem vol⸗ len Haare ſaß und ſie mit ihren weißen Händen die hervorquellenden Locken zurückdrängte, erſchien ſie ihm ſo ſchön, ſo reizvoll in ihrer einfachen Natürlichkeit, daß er ordentlich ſtolz war, ſie durch Prag's bevöl⸗ kerte Straßen zu führen. Wenige Minuten ſpäter wurden ſie. bei Franz Lißzt gemeldet. Dieſer ſaß in einem hohen Saale eines der ſchönen Prachtgebäude des alten Prag, vor einem Wiener Flügel, auf dem er dann und wann einige Accorde griff, und hinter ihm an einem Tiſche ein Notenſchreiber, der eben mit geſchickter Hand die ſeltſamen Charaktere eines Notenblattes abgeſchrieben 55 hatte, die den verführeriſchen Geiſt enthielten, mit dem Liſßzt ſo oft die Welt bezauberte. Als die Glocke auf dem Corridor ertönte, erhob ſich Franz Liſzt, warf einen Blick auf den Schreiber, der ſich verbeugte und, nachdem er dem Meiſter das fertig geſchriebene Blatt überreicht hatte, ſogleich das Zimmer verließ. Wer hat Franz Liſzt auf ſeinem Triumphzuge durch die Welt nicht irgend wo geſehn und die cha⸗ rakteriſtiſchen Züge dieſes von der Natur mit ſo au⸗ ßerordentlichen Gaben geſchmückten Genies in treuer Seele bewahrt? Da ſtand er mit dem langen ſchlich⸗ ten Haar, das er von Zeit zu Zeit wie ein Löwe ſeine Mähne ſchüttelte, mit dem wachsbleichen Geſichte, die ſchwärmeriſchen Augen, die uns an jene begeiſter⸗ ten Männer erinnern, die vor Jahrhunderten in Böh⸗ men den Glauben eines Johannes Huß vertheidigten, da ſtand er mit der ſchmalen gebrochenen Geſtalt, den langen Armen und den wunderbar geſchmeidigen Händen, den Blick lächelnd auf die Thür gerichtet, durch die der ihm ſo eben gemeldete Baron von Hald⸗ rungen mit einer jungen Dame treten ſollte. Da ſtand er, der eigenthümlichſte, charakteriſtiſchſte Künſtler ſeiner Zeit, der zugleich König der Virtuoſen, 56 von Fürſten mit Orden und Titeln, von Univerſitäten mit Diplomen, von der ganzen Welt mit Ruhm und Ehre nicht allein geſchmückt, ſondern faſt überſchüttet war. Mag man von ihm halten was man will— mag man ihn vergöttern oder verkleinern, mag Neid und Groll oder der übertriebene Enthuſiasmus den Maaßſtab des Urtheils in die Hand nehmen— Franz Liſzt iſt und bleibt in ſeiner Sphäre ein großer Mann, dazu ſtempelt ihn ſchon die Schrift des Genius', die die Natur auf ſeine Stirn geſchrieben und deren Be⸗ deutung er mehr durch ſeine Leiſtungen bewieſen hat, als durch den eigenthümlichen und glücklichen Zufall, daß er bewundert vor Königen geſtanden, daß ihm die größten Schönheiten den Kranz des Ruhmes und der Liebe vor die Füße gelegt und mehr als eine halbe Welt ihn mit donnerndem Beifall begrüßt hat. Ja, Franz Liſzt hat Irrthümer begangen und begeht ſie vielleicht noch, aber wie ihn ſein romantiſcher Geiſt in ſchrankenloſer Ueberſtürzung in die religiöſen, politiſchen und philoſophiſchen Tiefen der menſchlichen Geſellſchaft verlockt, ſo hat ihn ſein muſikaliſcher Ge⸗ nius auch auf die Höhen der göttlichen Kunſt erhoben, und es wird einſt ſchwer ſein, ein richtiges urtheil über den bedeutenden Mann zu fällen, den man erſt bewundert, dann angebetet und endlich— wie es 57 das Loos vieles Schönen und Großen auf der Erde iſt— ſo vielfach verläſtert hat. Vor dieſem Giganten nun, der ſich ſeiner Größe bewußt war, wie kein Anderer vor oder nach ihm, ſtand Rachel Schawai, die kleine arme Jüdin, mit klopfendem Herzen und ſinnenden Augen, den Heroen ihrer Kunſt bewundernd, aber nicht zaghaft anſchauend, wie man in der Welt nur Das anſchaut, vor dem man ſtaunend ſeine eigene Kleinheit fühlt, wenn man ſich auch bewußt iſt, mit gleich gutem Willen, aber nicht mit gleicher Kraft und gleichem Glücke eine ähn⸗ liche Höhe erſtrebt zu haben. „Wen habe ich die Ehre vor mir zu ſehen?“ fragte Franz Liſzt, indem er ſich vor den beiden jun⸗ gen Leuten höflich und lächelnd verbeugte. Werner nahm das Wort und erwiderte:„Mein Name iſt Ihnen bekannt und dieſe Dame iſt meine Verwandte. Sie mögen ihr verzeihen, daß Ihr Ruf, den ſie tauſendfältig vernommen, ſie veranlaßt hat, Sie zu bitten, ihre Kunſt zu prüfen und ihr vielleicht auch den Genuß der Ihrigen zu Theil werden zu laſſen.“ Der Künſtler verbeugte ſich freundlich und ließ ſeine Blicke von Werner auf Rachel und von Rachel auf Werner gleiten, denn offenbar ſah er, daß der — e1.——— ———————— ———.——— 58 blonde, große, ſtattliche Mann mit den blauen Augen kein Blutsverwandter des ſchwarzäugigen Mädchens war, das augenſcheinlich die Spuren ſeiner Abſtam⸗ mung an ſich trug. „Sie ſind alſo Künſtlerin?“ ſagte er, nachdem alle Drei Platz genommen. „Ich hoffe es zu werden,“ erwiderte Rachel ein⸗ fach;„wenigſtens bemühe ich mich darum, ſo viel in meinen Kräften liegt. Jedoch habe ich erſt ſehr ſpät angefangen, Klavier zu ſpielen, und in dem Alter noch keine Taſte angerührt, wo Sie, wie man mir ſagt, ſchon als Virtuoſe durch die Welt reiſten.“ „Ich habe allerdings ſchon als neunjähriger Knabe mein erſtes Concert gegeben, aber das werden Sie nicht in Anſchlag bringen, das war wohl nur Spie⸗ lerei. Auch habe ich gefunden, daß Menſchen von großem Talent, wenn ſie ſich ſpät ihrer Kunſt über⸗ ließen, raſchere und gediegenere Fortſchritte machten, als Kinder, deren Geiſt noch nicht hinreichend ent⸗ wickelt iſt, die Tiefen der Kunſt zu begreifen, der ſie ſich gewidmet haben. Doch, wir wollen uns hiermit nicht aufhalten. Was wollen Sie mir vortragen?“ „Was Sie wünſchen.“ „O! Können Sie Alles?“ „S0 ziemlich, wenigſtens das Bedeuiendſte 14 — 59 Der Künſtler bedachte ſich und nahm dabei das Blatt auf, welches vor ihm lag und kaum trocken geworden war.„Hier habe ich Etwas,“ ſagte er langſam, was noch Niemand außer mir kennt— doch nein, das iſt Nichts für Sie— Ihre Kräfte und Hände werden dafür nicht ausreichen.“ Dabei hatte er Rachel das Blatt hingehalten und dieſe überflog es ruhig mit ihren großen Augen, die ſich in demſelben Maaße erweiterten, wie ihr Licht nach und nach einen ſtrahlenden Glanz annahm. „Es iſt ſchwer,“ ſagte ſie,„aber es wird ſich ſpie⸗ len laſſen.“ „Wie? Hätten Sie ſchon meine Compoſitionen geſpielt?“ F „Nicht alle, aber viele.“ „Aha! Sie ſagen Ihnen nicht zu?“ „Sie ſind eigentlich nur für Den gearbeitet, der ſie geſchrieben hat,“ ſagte Rachel lächelnd,„obwohl ſie mir nicht zu ſchwer vorgekommen ſind.“ Liſzt ſah die ſo beſcheiden und ruhig Redende ernſt und prüfend an. Das Auge des jungen Mädchens redete für ihn eine Sprache, die ſein Genius ver⸗ ſtand. Doch wußte er noch nicht ſo recht, was er aus ihr machen und was er von ihr denken ſollte. Da unterbrach ſie ſelbſt ſein Nachdenken, indem ſie 60 ſich erhob und raſch ſagte:„Bitte, ſpielen Sie mir gefälligſt dieſe Compoſition einmal vor.“ Der Virtuos verbeugte ſich artig, nahm Rachel höflich das Mäntelchen ab und ſetzte ihr einen Stuhl neben den, der vor dem Flügel ſtand. Rachel aber, nicht im Geringſten aus der Faſſung gebracht, legte auch Hut und Handſchuhe bei Seite, ſchüttelte ſich die Locken zurecht und trat dicht hinter den Stuhl, auf dem der Meiſter Platz genommen hatte. So ſpielte denn Liſzt ſeine neueſte Compoſition auf eine Weiſe, wie wir wiſſen, daß er Alles ſpielt, mit ſtählernen Fingern, mit hölliſcher Fertigkeit, im jagenden Tempo, und ſein Auge nahm dabei jenen dämoniſchen Blick an, der alle Welt ſo oft bezau⸗ bert hat. Aber Rachel, unmittelbar hinter ihm ſtehend, ſah ihm in dieſem Augenblicke beinahe ähnlich, obwohl ihre Geſichter himmelweit von einander verſchieden waren. Die Augen bald auf das Notenblatt, bald auf ſeine Hände gerichtet, verfolgte ſie mit ſo zu ſagen ſchneidender Aufmerkſamkeit jeden ſeiner Griffe, und mit ſcharfer Erkenntniß faßte ſie jeden eigen⸗ thümlichen Zug ſeiner Spielart auf. Das Stück war nur kurz und alſo bald zu Ende. Liſzt ſprang vom Stuhle auf und warf das Blatt auf den Flügel. Rachel ſtand ſtumm vor ihm, bleich, aber auch ruhig, wie aus Marmor gemeißelt. Die Pauſe, die jetzt entſtand, ſchien ſich in's Un⸗ heimliche verlängern zu wollen, kein Menſch ſprach ein Wort, Jeder erwartete, daß der Andere ſprechen würde, aber Jeder hatte ſich darin getäuſcht. Man hörte nur drei verſchiedene Athemzüge, die bei allen drei Menſchen, obwohl aus verſchiedenen Gründen, heftig und kurz waren. „So habe ich alſo Franz Liſzt gehört!“ ſagte Rachel endlich, wie aus einem Traume erwachend und tief aufſeufzend,„auf dieſen Moment habe ich lange gewartet.“ „Jetzt iſt er da, mein Fräulein!“ erwiderte Liſzt, ſich artig verbeugend. „Ja, er iſt da, oder er war da. Das werde ich nie vergeſſen. Spielen Sie mir noch etwas Anderes vor— darf ich bitten?“ „Nein, erſt kommen Sie und nach Ihrem Spiel werde ich mir ein zweites Werk zum Vortrag wählen.“ Rachel beſann ſich keinen Augenblick, ſchon ſaß ſie auf dem Stuhle vor dem Flügel. Es war gut, daß ſie Werner's angſtverzerrtes Geſicht nicht ſah;— ſogar der Künſtler ſtaunte über ihren Muth, gleich nach ihm die Taſten zu bewegen. „Was ſoll ich ſpielen?“ fragte ſie, ſo ruhig ath⸗ mend wie ein Kind.—„Ach ja, Sie ſagten, dies neue Stück da, das noch keinen Namen hat, könnte ich nicht ſpielen. Darf ich es wiederholen?“ Lißt ſtand unbeweglich, mit ſtarrem Blicke das kühne Mädchen betrachtend. Mechaniſch und lang⸗ ſam ſtreckte ſich ſein Arm aus, ihr das ſehr ſchön und deutlich geſchriebene Blatt hinzureichen. Rachel nahm es, ließ noch einmal ihre Blicke darüber hinſchweifen und ſpielte dann, nicht ſo voll⸗ kommen wie Liſzt, denn ein ſolches Werk kann kein Menſch auf der Welt das erſte Mal vollkommen ſppielen, aber mit einer erſtaunenswürdigen Fertigkeit und in demſelben Tempo daſſelbe Stück, an manchen Stellen mit ſtarkem Accent Liſzt's ureigene Spiel⸗ weiſe nachahmend. Kaum aber hatte der Virtuos die Hände Rachels auf den Taſten geſehen, kaum die erſte Notenreihe gehört, ſo änderte ſich ſein ganzes Ausſehn. Mit einer beinah gierigen Miene, ſo durchbohrend auf⸗ merkſam war ſie, betrachtete er jeden Griff, jeden Sprung, jeden Lauf— und als Rachel fertig war und ſich ruhig und bleich wie vorher nach ihm umſchaute, rief er: „Bei Gott! Wenn ich das nicht ſelbſt geſehn und 63 gehört hätte, ich würde es nicht glauben. Aber wer ſind Sie, in Gottes Namen?“ „Rachel Schawai bin ich, ein Judenmädchen aus Prag.“ „Rachel Schawai!“ Und der graße Künſtler ſtand bewundernd und ſich tief verneigend vor dem ſtillen kleinen Mädchen, deſſen Kunſtfertigkeit für ihn ein Ereigniß war.„Und haben Sie noch nirgends öffent⸗ lich geſpielt?“ „Niemals als bei dem engliſchen Geſandten in Berlin.“ „Ah! Und Ihr Lehrer?“ „Ich hatte nur zwei; Joſeph Sohn aus Bremen und T.. K.. in Berlin.“ „So. Ich mache Ihren Lehrern ſo gut mein Compliment wie Ihnen. O, Sie haben mir eine große Lehre gegeben— die, daß man ſich nie etwas einbilden muß.“ „Was haben Sie ſich eingebildet?- „Daß kein Menſch dieſe Compoſition vom Blatte ſpielen könnte.“ „Ich bin zufällig darin ſehr geübt und heute hat mich Ihr Spiel begeiſtert, ſo daß mir Kräfte gewach⸗ ſen ſind, die ich nicht in mir vermuthete. Das Stück iſt ſchwer.“ 64 „Sehr ſchwer. Wie gefällt es Ihnen? O, zur Erinnerung an Sie gewähren Sie mir eine Bitte: geben Sie ihm einen Namen, es hat ja noch keinen. Wie würden Sie es nennen?“ Rachel beſann ſich nur einen Augenblick, dann ſagte ſie lächelnd:„Ich würde es ein muſikaliſches Gewitter nennen, denn es hat Blitz, Donner und Hagelſchlag genug, obgleich ihm Zweierlei fehlt, es eben ſo wahr und ſchön wie groß und erhaben zu machen.“ Was iſt das?“ 6„Das iſt der warme befruchtende Regen und der friedliche blaue Himmel, nachdem das Gewitter vor⸗ übergezogen iſt.“ „Ah!“ rief Liſzt.„Rachel Schawai, die Jüdin aus Prag, iſt nicht nur eine Künſtl erin, ſie iſt auch ein geiſtreiches Weib!— Wohin gehen Sie von hier?“ „Ich will zu C.... nach Wien.“ „Zu C.... 2 Da können Sie nicht mehr viel lernen. Aber bitte, bis jetzt haben Sie mir blos einen Be⸗ weis Ihrer Fingerfertigkeit und Ihrer Kunſt, Noten zu leſen, gegeben— jetzt zeigen Sie mir auch, was Sie als Künſtlerin leiſten können. Spielen Sie mir eine Beethoven'ſche Sonate,— die aus B⸗Dur vielleicht.“ 65 „Sehr gern, in der Hoffnung, daß auch Sie mir noch eine ſpielen.“ Liſzt nickte und ſchon erklangen die Töne des un⸗ vergänglichen Werkes des unſterblichen Meiſters. Rachel ſpielte ruhig, aber mit ganzer Kraftan⸗ ſtrengung, mit vollem Bewußtſein und Gefühl bis an's Ende. Liſzt ſtand unbeweglich neben ihr. Als ſie aufhörte und mit feuchtem Blicke zu ihm auf⸗ ſchaute, zeigte ſein Geſicht eine große Rührung. Er that, als wolle er ſie umarmen, aber er berührte mit ſeinen Händen nur ihre Schultern und küßte ſie anf die Stirn. „Rachel Schawai,“ ſagte er,„Sie ſind ſchon fogt eine große Künſtlerin, in Zukunft werden Sie noch größer werden. Mehr mag ich Ihnen nicht ſagen, ich möchte Sie nicht eitel machen— und Eitelkeit iſt einer der größten Fehler unſrer Gattung, obwohl ſie in gewiſſem Maaße dem Künſtler nothwendig ſein mag. Sie können dreiſt vor jedem Publikum ſpielen; ich habe oft ſchlechter geſpielt, wenn ich nicht bei Laune war, und doch hat man mich mit Beifall überſchüttet. Ach, kehren Sie ſich an den Beifall nicht; er mag Sie ſpornen, aber er mag nicht das Ziel Ihres Stre⸗ bens ſein. Ich möchte lieber ein wirklicher Künſtler ohne allen Beifall, als ein hohler Virtuos mit ſtür⸗ Emery Glandon. III. 5 66 miſchem Applaus ſein. Doch lernt man das erſt in ſpäterer Zeit. Meine Zeit war um und ſo habe ich aufgehört, Virtuoſe zu ſein, obgleich ich den Ruhm nicht entbehren möchte, noch ein Künſtler zu bleiben. Jetzt hören Sie eine Sonate Beethoven’s von mir.“ Rachel ſtand bewundernd an ſeiner Seite, denn in dieſem Augenblick war er bei Laune, er ſpielte ſchön, wie er ſpielen konnte, wenn er wollte. Als er aufſtand, weinte Rachel. „Warum weinen Sie?“ „Ich weiß es nicht, aber mein Herz iſt ſo voll, daß es ſpringen möchte.“ „Soll ich Ihnen einen Wagen holen laſſen?“ „Ich danke, ich heue einen Schleier.“ „Sie haben mit einen großen Genuß verſchafft, mein Fräulein; ich bin Ihnen dankbar für Ihren Be⸗ ſuch. Vielleicht treffen wir uns einmal in Weimar. Sie werden doch auch nach Paris gehen?“ „Das weiß ich noch nicht, aber nach Weimar werde ich kommen, um von Ihnen zu lernen.“ Franz Lißzt ſchüttelte leicht ſeinen edlen Kopf. „Nein,“ ſagte er,„kommen werden Sie wohl, aber lernen werden Sie nichts von mir. Denn was ich lehren könnte, haben Sie längſt gelernt, und was Sie vielleicht lernen möchten, kann ich nicht lehren. 67 Kein Menſch kann einen anderen ſich ſelbſt lehren, Liſzt iſt Liſſt und Rachel Schawai wird Rachel Scha⸗ wai bleiben.“ „Das iſt genug geſagt!“ ſtöhnte der vor Angſt und Wonne ſchwitzende Werner, der ein ſtiller Zeuge dieſer intereſſanten Scene geweſen war. Fünf Minuten ſpäter hatten ſich die angehende Künſtlerin und der vollendete Künſtler getrennt und Rachel und Werner ſchritten ſchweigend der Juden⸗ ſtadt zu.* b 6 Drittes Anpitel. Auf dem Judenkirchhof zu Prag. Die tief bewegte Rachel am Arme führend, ſchritt Werner wie im Triumphe durch die volksbelebten Gaſſen Prag's. Vergeblich ſuchte er nach Worten, um ſeinem gepreßten Herzen Luft zu machen, er konnte den Ausdruck nicht finden, der ſeiner Meinung nach ſeinen Gefühlen vollſtändig entſprochen hätte. Endlich aber faßte er ſich und, liebevoll zu der ſchweigſamen Freundin ſich wendend, ſagte er: „Nun, Rachel, wie iſt Dir zu Muthe? Ach, wenn es Dir geht wie mir, dann drückt Dir die Freude beinahe das Herz ab und Du ſchweigſt nur, weil Du Dir Deinen Triumph nicht eingeſtehn willſt.“ „Nein, Werner, nicht ganz ſo iſt mir zu? Muthe; ich freue mich allerdings, aber enen-Eienh em⸗ pfinde ich nicht.“ 69 „Und doch haſt Du ihn errungen, ja, ja, es war Dein erſter und vielleicht auch ſchwerſter. Du haſt, mit einem Wort geſagt, göttlich geſpielt, und wenn Joſeph und Lord Shorncliffe Dich gehört hätten, ſie würden frohlockt haben, wie in mir jede Faſer frohlockt.“ „Dann erſetzeſt Du ſie ja Beide, Werner.“ „Wirklich, Rachel, erſetze ich ſie? O, wie glücklich machſt Du mich mit dieſem Worte, wenngleich ich ſehr wohl fühle, daß ich Beider Werth nicht im Klein⸗ ſten erreiche.— Aber wie gefällt Dir dieſer Liſzt?“ „Gefällt, Werner, iſt nicht das rechte Wort. Er hat mich entzückt, fortgeriſſen, überwältigt, und ich wundre mich nur, daß ich dabei die Faſſung behielt, nach ihm und mit ziemlicher Ruhe zu ſpielen. Dieſer Menſch hat etwas Dämoniſches an ſich, wenn er auf den Flügeln ſeines Genies dahin brauſt, und es war mir zu Muthe, als ob mir ſelbſt Schwingen wüchſen, ihm nachzuſtreben, über alles Vergängliche fort, zu jenen ſonnigen Höhen, wo alles Menſchlichen Ziel und Sehnſucht liegt.“* „Ja wohl, Rachel, Du haſt Recht. Aber dieſes Dämoniſche, Bewältigende, dieſen Ausfluß einer höhe⸗ ren, unbegreiflichen Macht, die uns Zuhörer in den Staub wirft, die beſitzeſt Du auch, wenn Du ſpielſt, 70 und wenn Du Dein Auge ſehen könnteſt, wie es wetterleuchtend blitzt und glüht, und gleichſam aus dem unſichtbaren Reiche der Geiſter ſeine Hülfe her⸗ beizaubert, die uns unterjocht, dann würdeſt Du von Dir etwas ganz Aehnliches ſagen.“ „So, das weiß ich aber nicht. Du mußt mich übrigens nicht mit dieſem Manne vergleichen, er iſt ein Heros und ich bin ein ſterbliches Weib. Ich ſchäme mich, wenn Du mir das ſagſt.“ „Du brauchſt Dich wahrhaftig nicht zu ſchämen und kannſt dreiſt neben ihm ſtehen. Warte noch ein paar Jahre und dann werden die Menſchen eben ſo von Rachel Schawai wie von Franz Lißt reden.“ „O Werner, wie kannſt Du ſo thöricht ſein! Die Liebe verblendet Dich.“ Das Wort Liebe, von Rachel, wenngleich in einem ganz andren Sinne, als Werner ihn im Herzen trug, ausgeſprochen, machte ihn ſtumm, und er brachte eine geraume Zeit damit zu, ſeinen geheimſten Ge⸗ danken Audienz zu ertheilen. Plötzlich aber auf die Vorgänge achtend, die ihn äußerlich umgaben, blieb er einen Augenblick ſtehen, ſah Rachel an und rief mit einem ſeltſam durch ſeine Gebeine rieſelnden Schauer aus:„Ha, Rachel, was iſt das?“ Man hatte ſich der Judenſtadt genähert und war 71 bereits in dieſelbe eingetreten. Bei dem nebelgrauen Himmel, der dieſen Morgen über Prag ausgebreitet lag, bei der rauhen Luft, die in ächzenden Stößen durch die Gaſſen fegte, konnte das überdieß düſtere Bild, welches die Judenſtadt gewährt, nicht gemil⸗ dert und gelichtet werden. Die Gaſſen verengten und verfinſterten ſich; in den räucherigen Hallen, durch die ſie ſchritten und in deren Tiefen die geſchäftige kleine Handelswelt ihren Schacher trieb, zeigte ſich eine raſt⸗ loſe, ämſige Bewegung, wie ſie nur ein ſolcher Ghetto hat, und der ekle Geruch von Zwiebeln, faulenden Gemüſen, der Anblick von Unrath aller Art, der überall vor und in den Häuſern aufgehäuft lag, wirkte auf Werner ſo bedrückend wie einſt auf Jo⸗ ſeph ein.. Auch Rachel, als ſie dies Alles ſah und inſtinkt⸗ artig für ihre Heimat erkannte, ſchauderte unwillkür⸗ lich zuſammen und drückte ſich feſter an Werner's Seite, als wollte ſie ſagen:„o laß mich nicht los und ſchütze mich, ich möchte mich nicht noch einmal in dieſes trübe Chaos menſchlichen Elends und menſch⸗ licher Nichtigkeit verlieren.“ Werner verſtand ihre Bewegung und preßte ihren Arm feſt an ſeine Bruſt. Mit fieberhaft umherirren⸗ den Augen in alle Winkel und Gewölbe dringend, 72 ddie vergelbten, von Sorge und Noth abgehärmten Geſichter der ſchachernden Weiber und Männer betrach⸗ tend, ſchritt er immer langſamer vorwärts, nur hier und da durch einen Wink oder einen abgebrochenen Laut ſeine Theilnahme erkennen laſſend. „Schau auf, Werner,“ ſagte endlich Rachel mit gepreßter Stimme,„ſchau auf und betrachte Rachel Schawai's Heimat.“ mein Gott, Rachel, iſt das die Judenſtadt von Prag?“ 3 3 Ja, Werner, das iſt ſie, und jetzt erkenne, was Joſeph Sohn an mir gethan!“ „Bei Gott! Ich habe ihn ſchon oft um dieſe That beneidet, aber jetzt, jetzt— wie ſoll ich mein ganzes Gefühl in Worten ausdrücken— jetzt bewun⸗ dere ich ihn.“ Werner blieb mit Rachel ſtehen. Ein altes zer⸗ lumptes Weib hatte ihn bei'm Arme gefaßt und, mit klebrigem Finger und wie eine Fackel leuchtenden Augen auf Rachel deutend, ſagte ſie in ihrer ſchwer verſtändlichen Redeweiſe:. „Blanker, junger, gnädiger Herr! Um Dieſer willen da, die eine von unſrem Volke iſt, kaufe mir Etwas ab oder ſchenke mir eine Gabe.“ Rachel's Augen ſloſſen über. Mit zitternden Hän⸗ — 73 den nahm ſie ihre Börſe hervor und, ein Goldſtück in die ausgeſtreckte Rechte der Alten gleiten laſſend, bat ſie Werner, raſch mit ihr weiter zu gehen. Aber das Gerücht der unerwartet reichen Gabe, von einer ſo ſchönen Hand geſpendet, hatte ſich ſchnell in der zerlumpten Umgebung der Jüdin verbreitet, und alsbald liefen ein halbes Dutzend ähnlicher Ge⸗ ſtalten neben und hinter den Fortſchreitenden her, mit altgewohnter Dreiſtigkeit und Aufdring lichkeit ihre ſelt⸗ ſamen Bitten wiederholend. Werner, Rachel immer feſter an ſeine Seite preſ⸗ ſend, ſchritt raſch dahin, bis er in eine Gegend ge⸗ langte, wo die Gaſſe ſich noch mehr verengte, ſo daß kaum ein Wagen dieſelbe vorſichtig durchfahren konnte. Da fühlte er, wie die leichte Laſt an ſeiner Seite im⸗ mer ſchwerer wurde, wie ſie ſich immer feſter an ihn lehnte, und einen Blick auf ihr Geſicht werfend, das Rachel, um beſſer ſehen zu können, ſchon längſt vom Schleier befreit hatte, bemerkte er zu ſeinem Schrecken, daß daſſelbe bleich wie Wachs und nur ihre Augen von ſtrömenden Thränen geröthet waren. „Mein Gott, Rachel, iſt Dir unwohl— ſollen wir umkehren oder in ein Haus treten?“ „Um Gott, nein, immer vorwärts, aber langſam 74 — langſam— o ſieh, hier— hier iſt meines Oheims Haus.“ Werner ſtand tief erſchüttert ſtill und ſchaute links zur Seite. Ein kleines, halb verfallenes, erſt ſeit we⸗ nigen Jahren dürftig ausgebeſſertes Haus lag vor ihm. Das tiefe ſchwarze Gewölbe im untern Stock⸗ werk, die kleinen finſteren Scheiben in dem oberen blickten trüb auf die Davorſtehenden nieder, als grüß⸗ ten ſie ſie mit unheimlichem Willkommen. Das Ge⸗ wölbe, das ſich tief nach dem Hofe hineinerſtreckte und von keinem Lichte erleuchtet wurde, enthielt einen Kramladen, worin einige zerlumpte Knaben und Mäd⸗ chen mit angebornen ſchacherhaften Geberden Ver⸗ ſſchiedenes feilhielten, alte Kleider, roſtige Waffen, voeergilbte Treſſen, geflicktes Schuhwerk und was der⸗ gleichen mehr war. Erſtarrt blieb Werner ſtehen und ſchaute mit einem Gefühle in dieſe ſchattenreiche Höhle, das unmöglich zu beſchreiben iſt.„Wie,“ ſagte er,„hier in dieſer Höhle haſt Du gewohnt?“ „O, ſie iſt jetzt noch ein Paradies gegen die er⸗ bärmliche Kluft, in der ich da oben gebettet war. Komm, laß uns einen Augenblick hineintreten, ich muß über die Schwelle meines ehemaligen Lebens ſchreiten.“ 75 Kaum hatte ſie es geſagt, ſo war es ſchon ge⸗ ſchehn und, ſogleich von den neugierigen Verkäufern umringt, die ſich den anſcheinend vornehmen Beſuch nicht erklären konnten und doch ihn auszubeuten hoff⸗ ten, ſtanden ſie Beide und wußten nicht, was ſie auf die verſchiedenen Fragen, die an ſie gerichtet wurden, erwidern ſollten. „Ach!“ dachte Rachel, als ſie die etwa in ihrem Alter ſtehenden Handelsleute ſah,„das ſind vielleicht meine Spielgefährten oder die Buben, die mich hän⸗ gen wollten und als Hexe verbrennen, als mich Jo⸗ ſeph von ihren Peitſchenhieben befreite.— Wem ge⸗ hört dies Haus?“ fragte ſie endlich, mit erzwungener Faſſung auf eins der Judenmädchen zutretend.. „Es gehört der Gemeinde und wir wohnen zur Miethe darin.“ „Wiſſen Sie vielleicht, wem es früher gehört?“ „Ich weiß es nicht, aber meine Mutter weiß es gewiß. Mutter, komm einmal hierher.“ Ein altes Weib, ziemlich reinlich gekleidet, aber mit verwetterten Zügen, wie arme alte Judenweiber ſie ſo häufig zur Schau tragen, kam heran und ließ ſich die Frage ihrer Tochter wiederholen. „Ha!“ ſagte ſie,„wem es gehört hat? Dem 76 Simon Schawai, dem Spitzbuben und Säufer, hat es gehört.“ „Hat Simon Schawai keine Kinder oder Ver⸗ wandte hinterlaſſen?“ „O ja, er hatte eine Verwandte, eine Nichte, Rachel mit Namen— aber die iſt verſchollen und wir wiſſen nicht, wo ſie iſt.“ Veerner warf einen Blick auf Rachel, deren Geſicht den Ausdruck eines himmliſchen Friedens trug, er hörte beſtätigen, was er lange nur durch Erzählung gekannt. „Gebt mir irgend Etwas zur Erinnerung aus dieſem Hauſe, was es auch ſei— ich will es Euch gut bezahlen.“ „Was wollen Sie? Wir haben ſo Vielerlei.“ Werner war nur ein paſſiver Zuſchauer dieſer Scene, ſeine Bruſt wogte von unnennbaren Gefühlen, und ſeine Worte, wenn er welche hätte ſprechen wol⸗ len, wären ihm im Munde erſtickt. Da brachte ein Mädchen, das gehört, wovon die Rede war, ein Packet neuer Handſchuhe, wickelte ſie auf und ſagte:„Die haben wir ſelbſt in dieſem Hauſe gefertigt. Ah, ja, ſie werden Ihnen paſſen.“ Rachel nahm ein zweites Goldſtück hervor, ergriff 77 ein halbes Dutzend Handſchuhe und fragte:„Iſt das genug?“ „O, das iſt viel zu viel.“ „Laßt es gut ſein— Werner, nimm ſie— lebt wohl!“ Unter tauſend Dankſagungen und Segenswün⸗ ſchen von allen Inſaſſen des Ladens bis an die Schwelle des Hauſes und noch weiter begleitet, ſchrit⸗ ten Rachel und Werner raſch vorwärts, und nach we⸗ nigen Augenblicken hatten ſie die Mauer erreicht, die den alten Friedhof umſchloß, den der Leſer ſchon ein⸗ mal mit uns betreten hat. Ein raſcher Zug an der Schelle rief den Pförtner herbei und gleich darauf waren die beiden Wanderer den Blicken der Außen⸗ welt entzogen und befanden ſich unter den merkwür⸗ digen Gräbern, welche von Jahrhunderten reden und Generationen und abermals Generationen unter ihrem verwitterten Raſenhügel verbergen, die ſanft ſchlum⸗ mern und nichts mehr von dem Elend und Drangſal der Welt wiſſen, das hinter ihnen ihre Nachkommen verwüſtet und verhärtet hat. Nicht lange dauerte es, ſo erſchien derſelbe kleine bewegliche Mann, der vor beinahe ſieben Jahren 78 Joſeph und Rachel das Thor des Kirchhofs geöffnet hatte. Es war der beſcheidene David Podiebrad, der Cuſtos der hier modernden Alterthümer. „Wollen Sie die Güte haben, uns die Alt⸗Neu⸗ Synagoge zu zeigen, mein Herr?“ ſagte Rachel, den alternden Mann freundlich anblickend. „Sehr gern, meine Herrſchaften; bitte, folgen Sie mir.“ Bald darauf hatte das alte, von den nagenden Jahrhunderten halb unterwühlte Gotteshaus die drei Menſchen in ſich aufgenommen und der Cuſtos er⸗ klärte, was darin zu ſchauen und zu bewundern war. Rachel blickte mit wehmüthigem Entzücken auf die Alterthümer, die faſt von einem Jahrtauſend reden und dennoch die von Geſchlecht zu Geſchlecht gehen⸗ den Ueberlieferungen ihres Volkes in ſeltener Friſche 8 bewahrt haben. O wie hehr, wie altehrwürdig, wie erhaben erſchien ihr Alles, was ſie ſah, und nie in ihrem Leben hatte ſie ein innigeres Gebet zu Gott dem Allmächtigen emporgeſprochen, als in dieſem, für ſie ſo inhaltſchweren Augenblick. Werner dagegen ſchauderte einmal über das Andere, als er die kohl⸗ ſchwarzen Mauern betrachtete, die ihr grauenhaftes Gewand ſeit undenklichen Zeiten nicht gewechſelt hat⸗ ten, und nicht einmal die vom Cuſtos erklärte In⸗ — 79 ſchrift, die mit ſchwarzen Lettern auf dem ſchwarzen Wandgrunde kaum lesbar erſcheint:„Gott iſt ein⸗ zig, ſein Name einzig!“ konnte ihn mit den Schauern verſöhnen, die um ſeine aus ihrer Ruhe aufgeſcheuchte Seele flatterten. Die düſtere Schwer⸗ muth, die in dieſen Mauern unter dieſen kalten Säu⸗ len hauſt, hatte ſich auch in ſein Herz eingeniſtet, und kaum konnte er begreifen, warum Rachel nach Allem, was um ſie her in Fetzen und Trümmern zur Schau geſtellt war, wiederholt fragte und ſich Alles erklären ließ, namentlich was ſich auf die wiederholte Verfol⸗ gung ihres Volkes und die große Judenmetzelei in Prag im Jahre 1389 bezog. Endlich war ſie mit der Beſichtigung fertig und ließ ſich auf eine vom häu⸗ figen Gebrauch ausgehöhlte Bank nieder, die dem Tabernakel gegenüber ſtand. „Sind Sie Herr David Podiebrad ſelber?“ fragte ſie den beſcheidenen Mann. „Ja, ich bin es, meine Dame.“ „So haben Sie mich ſchon einmal in Geſellſchaft des Herrn Vorſtehers hier herum geführt, als ich mit einem anderen Herrn dieſe Alterthümer beſichtigte.“ „Das kann wohl ſein. Auch habe ich Sie ſchon lange aufmerkſam betrachtet, denn Ihre Geſichtszüge kommen mir bekannt vor.“ 8 —— + 80 „Auch das mag ſein, obwohl ich als elfjähriges Kind anders ausgeſehen haben mag als heute nach ſieben Jahren.“ „Ja wohl, ja wohl; der Menſchen Geſichter ver⸗ ändern ſich und nur der Wille Gottes bleibt immer derſelbe. Sie ſind eine Tochter unſres Volkes, nicht?“ „Ich bin es— und ſogar aus der Judenſtadt zu Prag gebürtig. Iſt der Vorſteher zu ſprechen?“ „Nein, er iſt verreiſt, auf längere Zeit.“ „So will ich es Ihnen ſagen und mögen Sie es ihm erzählen. Ich bin Rachel Schawai, die Nichte Simon Schawai's—“ „Ah— ja— ich erinnere mich— aber wie? Iſt mir nicht, als ob Sie damals, wie mir der Herr Vor⸗ ſteher ſagte, ein fremder Herr mit ſich fortnahm, um Sie erziehen zu laſſen?“ „ Das hat er gethan, ja, und redlich. gagen Sie dem Herrn Vorſteher von mir, daß ſein Wunſch: der Segen Gottes möge auf mir ruhen, in Erfüllung ge⸗ gangen iſt.“ „Das will ich gern thun und meinerſeits wün⸗ ſchen, daß Sie der Segen Gottes fernerhin begleiten möge.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiderte Rachel mit einem herzlichen Blicke auf Werner, der verwundert an ihrer 81 Seite ſtand.„Jetzt aber wollen wir die Synagoge verlaſſen, es iſt ſo kalt in ihren alten Mauern, daß mich zu fröſteln anfängt.“ Sie erhob ſich und ſchritt an Werner's Arm auf den Kirchhof hinaus, der unter den erſten Sonnen⸗ ſtrahlen des Frühlings leuchtete, die jetzt den trüben Wolkenſchleier durchbrochen hatten, und bald umgaben ſie die ungeregelten Steinmaſſen, unter denen Urväter und Urenkel ſchlummern und von denen David Po⸗ diebrad ſo ſchön und richtig ſagt, daß der Eindruck, den der Anblick dieſes Gottesackers verurſacht, der der Leidensgeſchichte eines ganzen Volkes ſei. Nachdem der Cuſtos die merkwürdigſten Grabſteine gezeigt und die jungen Leute durch die labyrinthiſchen Jrrgänge dieſes Gottesgartens geführt, bat Rachel ihn, ſie Beide eine Weile allein zu laſſen, und nach⸗ dem er fortgegangen, blieb ſie wie vor Jahren mit Joſeph, ſo jetzt mit Werner von Haldrungen unter den Todten und deren Aſche allein. Nicht weit von des durch ſeine Menſchenfreund⸗ lichkeit unter den Juden Prag's hochberühmten Mor⸗ dochai Meisl'ss Grabe, das aus dem Jahre 1601 her⸗ rührt, ſtand ein alter verkrüppelter Baum, der auch ſchon weit über hundert Jahre zählen mochte, und unter dieſem Baume lag ein halb verwitterter mar⸗ Emery Glandon. III. 6 82 morner Stein, der einen bequemen Sitzplatz darbot. Auf dieſen ließen ſich Rachel und Werner nieder und ſchauten mit tiefbewegtem Herzen weit hin über den mit ergrauten Steinen und verlöſchten Erinnerungen überladenen Friedhof. Lange Zeit ſaßen ſie unbe⸗ weglich und ſprachlos neben einander und ließen das Vergangene, innig gemiſcht mit dem Gegenwärtigen, an ihrem Geiſte vorüberſchwirren. Endlich wandte ſich Rachel, die Tochter Juda's, die hier ihre Väter vor ſich begraben wußte, zu Werner herum, berührte ſanft ſeinen Arm und ſagte:„Woran denkſt Du, mein Freund, und welches bittere Gefühl iſt es, das Deine Augen ſo flammend und Deine Wangen ſo brennend macht?“ Werner ſchrak leicht wie aus einem plötzlich unter⸗ brochenen Traume empor; als er aber tief in das dunkle Auge der Geliebten ſeiner Seele ſchaute, das ermunternd und liebevoll in das ſeinige blickte, da ſchwand die Vergangenheit, in der er eben umherge⸗ wandelt, ganz vor ihm und die Gegenwart trat in ihre Rechte ein. „Ach, meine liebe Rachel,“ ſagte er mit weicher und tief bewegter Stimme,„Du kannſt Dir wohl denken, was mir hier, an dieſem Orte, und während Du neben mir ſitzeſt und meine Gegenwart ausfüllſt, 83 durch die Seele geht. Was der gute Mann da drin⸗ nen uns erzählt und was ich hier noch in Trümmern um mich ſehe, hat meine ganze Theilnahme, aber auch mein Urtheil erweckt. Welch' merkwürdiges Schick⸗ ſal iſt es, unter deſſen Schlägen ſich dieſes auser⸗ wählte Volk, Deiner Eltern Volk, hat beugen müſſen! Was haben dieſe Männer und Weiber nicht Alles erduldet! Nicht einmal, nicht zehnmal— hundert⸗ mal ſind ſie von ihren Heerden und Altären vertrieben, beraubt, geplündert, gemißhandelt, gemartert, erſchla⸗ gen— und doch immer wieder erheben ſie mit neuem Lebensmuthe ihr Haupt in allen Welttheilen, ſind immer wieder dieſelben, und der Griffel Gottes ſchreibt noch immer dieſelbe Schrift auf ihre Geſichtszüge und ſein Geiſt belebt und erleuchtet noch immer ihren Geiſt. O welche Trübſal liegt in dieſer Betrachtung, aber auch welches göttliche Wunder ſpricht ſich darin aus! Durchlauf' einmal im Stillen die Geſchichte Deines Volkes. Hier in dieſen unvergänglichen Steinen, die nur zur Erinnerung an die Todten an dieſe Stelle geſetzt ſind, ſpricht ſie lauter und lebendiger als ir⸗ gendwo anders, und welche Fülle von Weisheit, Ge⸗ duld, Ausdauer, Verſtand, Geiſt, Vermögen in Kunſt und Wiſſenſchaft findeſt Du über Dein Geſchlecht zu allen Zeiten ausgegoſſen. O Rachel, ich kann den 6* 84 Gedanken kaum ertragen, den dieſe Geſchichte mir hier in jedem vermoderten Steine zuruft: was haben die Chriſten doch an Deinem Volke geſündigt— wie haben ſie Euch doch ſo oft Unrecht gethan, und was könnte man thun, um das Alles wieder gut und ver⸗ geſſen zu machen, und den Fluch nicht mit auf ſich zu laden: auch Du gehörſt zu Jenen, die Moſis' gro⸗ ßes und begabtes Volk gemartert und gepeinigt haben!“ Schnell lag Rachel's Hand in der des jungen Man⸗ nes, der ſo hochherzige Worte ſprach, und, ſich dicht an ihn ſchmiegend, flüſterte ſie mehr als ſie ſprach: „Liebe das Gute und Vortreffliche an ihnen und beurtheile ihre Schwächen und Gebrechen, wie Du die Deines Volkes beurtheilſt, dann wirſt Du nicht mit zu ihren Peinigern gehören.“ „Das thue ich ſchon lange,“ ſeufzte Werner vor ſich hin,„und doch ſcheint mir das nicht genug zu ſein. O Joſeph, Joſeph, wie biſt Du mir auch darin ſo weit voraus, wie könnte ich ſo edel handeln, wie Du gehandelt haſt!“ 3 „Du handelſt edel, wenn Du Das ſagſt und denkſt, Werner; auch Du würdeſt mich von hier mit fortge⸗ nommen haben, wenn Du an Joſeph's Stelle gewe⸗ ſen wärſt.“ „Das iſt es eben, was mich bedrückt, weil ich 85 * daran zweifle. Er kam, ſah Dich, erbarmte ſich Dei⸗ ner und erzog und ernährte Dich— ich lernte Dich erſt kennen, als Du ſchon unter ſeiner milden Hand zur Blume herangereift warſt, die bereits die Sorgfalt des Gärtners verrieth; und was iſt mein Thun gegen das ſeine, wenn es mir auch glückt, was mir als Wunſch, als Hoffnuug, als Sehnſucht in tieſſter Seele glüht.“ „Was glüht Dir als Wunſch, Hoffnung und Sehn⸗ ſucht in tiefſter Seele?“ fragte Rachel und blickte mit ihren ſprechenden Augen in dieſe ſehnſüchtige Seele hinein. „Die That Joſeph's fortzuſetzen an Dir, Rachel, Dich ewig zu lieben und Dir zu beweiſen, daß ich Dich ewig liebe.“ 33 Rachel begann wieder leiſe zu ſchluchzen und lehnte ihren Kopf an Werners Schulter. „Du liebſt mich ja ſchon lange,“ flüſterte ſie. „Wie?“ fuhr Werner halb berauſcht empor— Du weißt es? Ja, Du mußt es wiſſen, denn Du ſagſt es.“ „Hätte ich denn ein Herz, Werner, wenn ich es nicht wüßte, wäre ich ein Weib, wie meine Mütter es geweſen ſind, wenn ich es nicht fühlte, nicht ſähe, nicht hörte in jedem Deiner Worte, in jeder Deiner Hand⸗ lungen?“ 86 „O Rachel, wie glücklich machſt Du mich mit die⸗ ſem Bekenntniß! Aber wehe mir! Ich habe unſerm Freunde, dem Lord, gelobt, Dir nichts von dieſer rie⸗ ſig emporgewachſenen Liebe zu ſagen, die mir das Herz zerreißt, ſeitdem ich Dich kennen gelernt, und nun, jetzt ſchon, o ſobald, habe ich mein Gelübde gebrochen.“ „Laß Dich das nicht reuen, Werner, es ſchlafen Deine Worte in meinem Buſen, wie dieſe Todten unter dieſen Steinen ſchlafen, und wenn Du keinem Menſchen etwas davon ſagſt, ſo werde ich es gewiß Niemandem ſagen.“ „Wie? Auch das wollteſt Du, Du, Rachel, das Ideal meines Lebens und Strebens? O dann, ja dann kann ich Dir es wiederholen, daß ich Dich ab⸗ göttiſch liebe, daß dieſe Liebe es war, die mich vom väterlichen Hauſe vertrieb und die mich Dir nachjagte, um Dein Leid und Deine Luſt, Dein Weh und Deine Freude mit Dir zu theilen und an Deiner Seite, ſo lange es Gott gefällt, durch dieſen Irrgarten des Le⸗ bens zu wandeln.“ Rachel hatte bei dieſen Worten ihr Geſicht in ihre Hände, in ihr Tuch begraben und weinte ſtill aber ſüß. O Rachel, verzeih,“ ſprach Werner weiter,„wenn 87 ich Dich damit verletzte, wenn ich Dein jungfräuliches Gefühl aus ſeiner ſchönen Ruhe riß, aber ich konnte nicht anders, der Born meines Innern war zum Ue⸗ berlaufen gefüllt, und hier, auf den Gräbern der Dei⸗ nen, ſprudelt er über und ich kann mich ſelbſt nicht mehr bezähmen. Sag, biſt Du mir böſe?“ Rachel erhob das glühende Geſicht, und durch den Schleier, den ihre Thränen über ihr Geſicht zogen, drang ein Lächeln hervor, ſo ſüß, ſo innig, ſo liebevoll, wie die gütige Sonne durch die Wolken ſchaut, wenn ſie nach langem kalten Regen zum erſten Mal wohl⸗ wollend die um Liebe flehende Erde anſchaut. „Rachel!“ rief Werner entzückt—„Du liebſt mich auch!?“ „Gewiß,“ flüſterte ſie leiſe,„liebe ich Dich auch. Es wäre ja wunderbar, wenn ein Mädchen ſo viele Liebe, wie Du mir ſo lange Zeit entgegentrugſt, nicht erkennen und dankbar dafür ſein ſollte, und dankbar ſind wir Frauen ja am meiſten dadurch, daß wir dieſe Liebe erwidern. Ja, wenn es einmal geſprochen ſein muß, auch ich liebe Dich, wie Du mich liebſt, innig, warm und wahr.“ „O mein Gott, wie berauſcheſt Du mit dieſen Worten mein Herz! Wie, und Du wollteſt mein heiliges Gelübde, das ich auf dieſem alten verfallenen — 8 6 1 88 Grabe Deiner Eltern ſpreche, annehmen und mir ge⸗ ſtatten, Dir dieſe Liebe durch das ganze Leben zu bewahren?“ „Das weiß ich noch nicht, Werner,“ ſagte Rachel leiſe,„das weiß ich wirklich noch nicht.“ „Warum weißt Du das nicht?“ „Weil ich nicht in die Zukunft ſchauen kann, weil ich nicht weiß, ob ich einſt Deiner würdig ſein werde— bedenke, wer ich bin oder vielmehr wer ich war und wer Du biſt.“ „Gerade darum, weil ich das bedenke, Rachel, liebe ich Dich ſo und halte ich Dich meiner werth. O, gönne mir die Wolluſt, ſo manche grauſame That, von Chriſten gegen Juden begangen, dadurch zu ver⸗ gelten, auszulöſchen, daß ich Dich, die ehemalige Jü⸗ din, an mein Herz ſchließe, in mein Herz aufnehme und Dich da halte und pflege, wie man das Theuerſte auf Erden hält und pflegt.“ „Ich gönne Dir dieſe Wolluſt, denn auch ich möchte Dich gern glücklich wiſſen. Aber ſtill, Wer⸗ ner, nicht ſo ungeſtüm, bezähme Deine Freude. Ich habe eine Bitte dagegen auszuſprechen.“ „Sprich ſie aus, ſie iſt Dir ſchon vorher gewährt.“ „Gut denn, ſo höre. Du weißt, daß ich außer 89 Dir noch Einen hochachte und liebe, und das hat er zehnfach um mich verdient.“ „Du meinſt Joſeph, Deinen Wohlthäter, unſern Freund!“ „Den meine ich. Auch ihn möchte ich gern, o wie gern! ganz glücklich ſehen. Und ehe er es nicht iſt, will und kann auch ich es nicht ſein. An dem Tage aber, wo Joſeph ſeine Hand in die Hand Deiner Schweſter legt und ſpricht: Sophie, jetzt biſt Du mein Weib! an dem Tage will auch ich Dir ſagen: Werner, ich liebe Dich, nun ſei und mache auch mich glücklich.“ Werner jauchzte beinahe vor Entzücken und tau⸗ ſendmal ſtimmte er mit ganzer Seele in Rachel's Wunſch und Bitte ein. „Bis dahin aber, mein Freund,“ fuhr Rachel fort, „ſprechen wir nicht von dieſer Liebe, obwohl wir ſie empfinden und pflegen mögen. Bis dahin haben wir noch andere Pflichten zu erfüllen, und wir wollen ſie erfüllen, wie es redlichen Herzen geziemt. So wirſt Du auch Dein dem Lord Shorneliffe gegebenes Gelübde nicht gebrochen haben, denn ich wiederhole es Dir: was Du mir hier geſagt, ſchläft ſtill und friedlich in mir, wie die Gebeine Derer, die einſt leb⸗ 90 ten, liebten und duldeten wie wir, unter dieſen Grä⸗ bern ſchlafen.“— Lange noch ſaßen ſie, dieſen ſchönen Gedanken in ihren Herzen nachſchwirren laſſend, auf dem kalten Steine; feſt in einander gepreßt lagen ihre Hände, und ihre glühenden Augen ſchauten tief, tief in die geöffneten Seelen hinein. Da ſcheuchte ſie aus ihrer Ruhe die langſam da⸗ herwandelnde Geſtalt des Cuſtos' der Gräber auf. Schnell erhoben ſie ſich und ſchritten ihm entgegen. Eghe ſie aber von einander ſchieden, nahm Rachel aus ihrer Brieftaſche einen Geldſchein, legte ihn in des Cuſtos' Hand und ſagte:„Geben Sie das den Ar⸗ men Ihrer Gemeinde. Ein reicher Mann hat es mir geſchenkt, um irgend wo einmal Gutes damit zu thun, und hier, glaube ich, iſt der paſſendſte Ort dazu. Le⸗ ben Sie wohl, und wenn Sie einmal von Rachel Schawai hören, o ſo erinnern Sie ſich, daß ſie zwei⸗ mal auf dieſen Gräbern ſaß, zweimal in der Erinne⸗ rung die traurigen Zeiten ihrer Vorfahren durchlebte und doch von ganzem Herzen recht— recht glück⸗ lich war.“ Diertes Mapitel. Die erſten Diamanten und die erſten Thränen. Dank der allſeitigen Fürſorge Lord Shorneliffe's fanden die drei Reiſenden in Wien Alles eben ſo zu ihrem Empfange bereit, wie vor neun Monaten in Berlin. Die Damen bezogen eine angenehme Woh⸗ nung in einem Gartenhauſe der Vorſtadt Jägerzeile, in deren Nähe ſich auch Werner von Haldrungen an⸗ ſiedelte, und nachdem ſie in den nächſten Tagen die ihnen vorgeſchriebenen Beſuche abgeſtattet, ſahen ſie ſich von den harmloſen und gemüthlichen Wienern wo möglich noch gaſtfreier aufgenommen, als von den ſteiferen Bewohnern der preußiſchen Reſidenz. Der alte C... war hoch erfreut, eine ſo talentvolle Klavierſpielerin und einen ſo tüchtigen Violiniſten zu Schülern zu erhalten, obgleich er in Bezug auf Ra⸗ chhel offen eingeſtand, daß ſeine Belehrungen und Un⸗ 92 terweiſungen ſich blos auf ein gemeinſchaftliches Spiel und Beſprechen deſſelben beſchränken müßten,„denn eine Dame, der Franz Liſzt ſolche Lobſprüche ſpendet,“ ſagte er,„wie er es von Prag aus in einem Briefe gegen mich gethan, der geſtern angekommen iſt, be⸗ darf des alten C... nicht mehr. Aber wir wollen halt ſehen, was ſich machen läßt. Sie haben doch Bekanntſchaften hier in Wien?“ „Einige Künſtler, einige engliſche Familien, und vor Allen werden wir heute noch die Sr. Herrlichkeit des engliſchen Geſandten machen,“ erwiderte Werner. „Ah, das iſt mir lieb. Seine Lordſchaft beehrt mich mit ſeiner Freundſchaft, und da werden wir uns auch wohl bisweilen des Abends bei ihm zuſammen⸗ finden. Aber ich kann Ihnen noch eine neue Be⸗ kanntſchaft empfehlen, und das iſt Clara Schumann, geb. Wieck, die ſich zufällig in Wien aufhält.“ „Was, die Kaiſerliche Kammervirtuoſin iſt hier?“ rief Rachel überraſcht. „Ja, ja, ſie iſt da, und morgen oder übermorgen ſollen Sie ſie bei mir kennen lernen. Das iſt eine Frau, von der man ſagen kann, ſie ſei eine Seele, mit einem Leibe auf die Welt gekommen, ſtatt daß man von anderen Sterblichen ſagt, ſie hätten einen Leib, der mit einer Seele begabt iſt.“— — 8 93 So verfolgte Rachel alſo auch hier ein günſtiges Geſchick, und in kurzer Zeit war ſie die ergebene und treue Verehrerin einer Virtuoſin geworden, die noch keine ihrer Schweſtern an edlem Styl, vollendeter Technik und ſeelenvollem Adel übertroffen hat. Clara Schumann erkannte wie Franz Liſzt bald, welches Genie in Rachel Schawai verkörpert war, und es dauerte nicht lange, ſo war es ihr zur Gewohnheit geworden, mit Rachel zu verkehren und ihr das zu lehren, was ein großer Künſtler dem andern von ſei⸗ ner Individualität übertragen kann.— Im Allgemeinen glitt das Leben in Wien den Freunden viel flüſſiger hin, als in Berlin; es machte ſich Alles leichter, die Wege ſchienen ebener, die Hin⸗ derniſſe weniger ſchwer aus dem Wege zu räumen. Der gemüthliche Sinn der Wiener, der ſich bis in die höchſten Kreiſe der Geſellſchaft erſtreckt und Bande flicht, die unzerreißbar ſind, wo man an andren Or⸗ ten nur Fäden knüpft, die an Zartheit und Haltbar⸗ keit den Spinnegeweben gleichen, bewährte ſich auch an Rachel und Werner, und noch keine zwei Monate waren verfloſſen, ſo fühlten ſie ſich von der Wiener Geſellſchaftsluft ſo heimatlich angeweht, daß ſie die— Trennung von allen ihren Lieben weniger ſchmerzlich empfanden, obgleich ſich bei Beiden eine Art Sehn⸗ 94 ſucht nach den Perſonen einzuſtellen begann, die ſie ſo raſch zu verlaſſen durch die Umſtände genöthigt worden waren. Vor Allen aber war es wieder das Haus des eng⸗ liſchen Geſandten, wo Rachel eine gern geſehene und allgemein bewunderte Erſcheinung war, wobei freilich der Umſtand ſchwer in's Gewicht fiel, daß ſie unter Lord Shorncliffe's Schutz aufgetreten war. Faſt keine Woche verging, wo das Künſtlerpaar nicht in das Hôtel des britiſchen Kunſtfreundes eingeladen wurde, um durch ihr Spiel den Glanz ſeiner muſikaliſchen Soirden zu erhöhen und ſich allmälig den Ruf zu begründen, der von hier aus ihren ferneren Schritten folgen ſollte. Vieuxtemps war, wie der Lord es vorhergeſagt, wirklich nicht mehr in Wien, ſondern ſchon längſt nach Petersburg übergeſiedelt, dafür aber gab es andere Virtuoſen genug, die Werner zum Muſter dienen konn⸗ ten, und er bemühte ſich redlich, den Hoffnungen zu entſprechen, die man allgemein von ihm ſeit langer Zeit gehegt hatte. Der Winter war dem Frühling gewichen, die Blät⸗ ter in dem kleinen Garten Rachel’s knospeten, die — 3 6 8 8— 95 Blumen ſproßten hervor und der friſche Raſen nahm ſeine ſmaragdene Farbe an. Rachel, alle Tage weiter vorſchreitend in der Erkenntniß ihrer ſelbſt und Deſſen, was ſie erſtrebte, ſtrahlte von jugendlicher Begeiſterung wie nie zuvor, und hätte ſie Joſeph jetzt geſehen, er würde erſtaunt geweſen ſein über die große Verände⸗ rung, die auch in ihrer äußeren Erſcheinung vor ſich gegangen war. Denn nicht allein ihr Geſicht hatte in den letzten Monaten an Adel und Friſche auffal⸗ lend zugenommen, auch in der Haltung und der gan⸗ zen Figur ſprach ſich dieſer Fortſchritt aus. Ihre Seele trat immer ſichtbarer aus ihrem Körper hervor, und dieſer Körper, als ob er ſich bewußt geweſen wäre, eine ſchöne Seele zu umſchließen, bildete ſich in immer reicheren, ſchöneren und reineren Formen aus. War dies das kleine Judenmädchen, welches da⸗ mals verkümmert und halb verhungert, gelbbleich und mit verhärmten Wangen vor unſere Augen trat? Ach nein! Eine lebendige Friſche war jetzt über dieſe Wangen gehaucht, zarter Lilienſchnee mit Roſengluth vermiſcht zeigte ſich in den Farben ihrer Haut, und nur das Glühen des Auges war daſſelbe geblieben⸗ obwohl es ausdrucks⸗ und ſeelenvoller geworden war. Mit inniger Bewunderung hing Werner oft an dieſem lebenswarmen Geſichte, dem gerade das orienta⸗ 3— 96 liſche Gepräge in den vollen, ſtark geſchweiften Brauen, in dem mandelartigen Schnitte des Auges und der kühn gewölbten Naſe einen überaus großen und ſel⸗ tenen Reiz verlieh; er, der ſie doch ſo oft, täglich, faſt ſtündlich ſah, konnte ſich nicht ſatt an ihr ſehen, denn jeden Tag entdeckte er neue Reize und Vollkommen⸗ heiten an ihr, und jeden Tag fühlte er ſich aufgelegt, die Huldigungen zu erneuern, die er ſchon ſo lange für ſie an den Tag gelegt hatte. Aber ſchweigend, wie ſein Verſprechen ihm gebot, ging er mit und ne⸗ ben der Geliebten her, und ſo groß war ſeine Selbſt⸗ beherrſchung, daß Niemand von allen ſeinen damali⸗ gen Bekannten eine Ahnung hatte, welcher Art eigent⸗ lich das Band war, welches dieſe beiden Menſchen umſchloß. Faſt hätte man ſie, wenn ihre äußere Er⸗ ſcheinung nicht ſo weit von einander abgewichen wäre, für Geſchwiſter halten können,— aber für Geſchwiſter, wie man ſie ſelten findet, die für einander die zarteſte Aufmerkſamkeit, die hingebendſte Meinung hegen. Allein in Wien iſt man nicht ſo neugierig wie in anderen Reſidenzen, und fragt nicht ſo häufig nach Dingen, die eigentlich Niemanden etwas angehen, als Denje⸗ nigen, den ſie perſönlich betreffen.— Es war ein Sonntagsmorgen und die warme Maiſonne hatte Rachel in den Garten gelockt, um 97 den Duft der Blüthen zu athmen, die auf allen Zwei⸗ gen leuchtend hervorbrachen. Mrs. Baxton wandelte mit ihrem gravitätiſchen Schritte neben ihr her, nur Werner war noch nicht aus ſeiner nahebei liegenden Wohnung gekommen, denn er pflegte Morgens am fleißigſten zu ſtudiren. Rachel war eigentlich an die⸗ ſem Morgen etwas trübe geſtimmt; ihre Freundin und Meiſterin Clara Schumann hatte den Tag zuvor Wien verlaſſen und Rachel beſorgte nicht mit Unrecht, dieſe allzu frühe Trennung werde eine Lücke in ihr Leben reißen, die ſchwer wieder auszufüllen wäre. Sie ſprach eben mit Mrs. Baxton darüber, und dieſe, von einem ächt engliſchen Gleichmuthe beherrſcht, tröſtete ſie mit den ſchon oft geſprochenen Worten: „Es hat ſo ſein ſollen, mein Kind! Damit habe ich mich ſchon fünfundvierzig Jahre getröſtet und es hat mir noch niemals leid gethan— ich werde mich alſo auch ferner damit tröſten.“ „Sie haben Recht und ich will es auch thun. Ah, wer kommt da?“ Ein eleganter Phaeton hielt an der Gartenthür und heraus ſtieg Lord..., der engliſche Geſandte, der, ſobald er die Geſuchte erblickte, in den Garten trat und ſie ſchon von Weitem begrüßte. „Guten Morgen, mein liebes Fräulein,“ ſagte er. Emery Glandon. III. 7 98 „Wie geht es Ihnen?— Bei den Blumen? Prächtig, prächtig! Ein herrlicher Maitag, nicht wahr?“ „Ein ſchöner Tag, fürwahr, Mylord, und er bringt hochgeehrte Gäſte.“ „Vortrefflich, vortrefflich! Ah, iſt der Baron noch nicht hier?“ „Nein, er arbeitet bis Mittag und erſt nach Tiſche pflegt er zu kommen.“ „Brav, brav! Da will ich denn Ihnen zuerſt meinen Wunſch vortragen. Aber ich bitte zu beden⸗ ken, er betrifft etwas Ernſtes.“ „Das habe ich ſchon daraus erkannt, daß Sie ſelbſt ſich hierher bemühten, Mylord.“ „O, das hat ſeine Urſachen. Ich wollte nicht al⸗ lein eine Antwort auf meine Frage, ſondern ich wollte auch einen Beiſtand bei dieſer Antwort haben, und da ich aus Erfahrung weiß, daß man ſich ſtets ſelbſt der beſte Beiſtand iſt, ſo komme ich eben ſelbſt.“ „Sie ſind ſehr gütig, Mylord— um was han⸗ delt es ſich?“ „Es handelt ſich um ein großes muſikaliſches Feſt, das ich dem kaiſerlichen Hofe geben werde, und ich bitte Sie, daſſelbe durch Ihre Gegenwart verherr⸗ lichen zu wollen.“ 99 „Mylord— ich habe noch nie vor einem großen Publicum geſpielt.“ 3 „So ſpielen Sie vor dem allergrößten zuerſt— ein Kaiſer ſogar wird Ihnen zuhören.“ „Das wird mich befangen machen, Mylord.“ „Durchaus nicht, wie ich es anſehe. Sie kommen und ſetzen ſich. Sie erheben ſich wieder, wenn ſich Alles erhebt, und verbeugen ſich, wo ſich Alles ver⸗ beugt. Darauf wird man Muſik machen und Sie werden zum Flügel geführt werden. Sie ſetzen ſich abermals, legen die Hände auf— etwa ſo— und ſpielen. Das Uebrige wird ſich dann von ſelbſt fin⸗ den. Scheint Ihnen das ſchwer zu ſein?“ „Wenn es ſich ſo leicht machte, wie Sie es ſagen, durchaus nicht, aber—“ „Bitte, kein Aber, das gilt bei uns in England nicht.“ „Wir befinden uns in Wien, Mylord.“ „Nicht ſo ganz. Sie ſtehen unter dem Schutze eines Engländers, meines Freundes, und mein Haus überall in der Welt, ſelbſt auf dem entlegenſten Meere mein Schiff— iſt engliſcher Boden.“ „Ich beuge mich vor Ihrer britiſchen Macht— doch da kommt der Baron und nun wollen wir hören, was der ſagt.“ 7* 100 Werner trat ein und begrüßte den Lord ehrer⸗ bietig, der ihm kräftig die Hand ſchüttelte. Als er aber hörte, wovon die Rede war, war er ſehr erfreut, mehr Rachel's wie ſeinetwegen, und da dieſe endlich beiſtimmte, wurde die ehrenvolle Einladung zugeſagt. Der Geſandte ſchloß ſeinen Beſuch damit, daß er verſprach, das Verzeichniß der Muſikſtücke zu ſenden, die man werde hören laſſen. „Wann findet das Feſt ſtatt?“ fragte Rachel. „O, erſt heute über acht Tage; Sie haben alſo Zeit genug, ſich zu üben, mein Fräulein und mein Herr.“ Beide lächelten und machten Miene, den Lord an ſeinen Wagen zu begleiten, der es aber nicht zugab, ſondern ſich für diesmal mit Mrs. Baxton begnügen zu wollen vorgab, da er ihr etwas zu ſagen habe.— Als Mrs. Baxton vom Wagen zurückkehrte, der unterdeß mit dem Lord davon gefahren war, fragte der neugierige Werner:„Was hat er denn von Ihnen gewollt?“ „Was keinen Mann auf der Welt etwas angeht!“ erwiderte die Gefragte in dem breiten Tone, den ſie annahm, wenn ſie Deutſch ſprach. „Ah, ich beſcheide mich— es betrifft gewiß die Damentoilette.“ 5 101 „So iſt es,“ ſagte die Dame, und zu Rachel ſich wendend, führte ſie ſie bei Seite und flüſterte ihr zu: „Mylord hat mir einen Gruß von Lord Shorncliffe überbracht, und hier iſt ein Brief von ihm, den Sie nur allein leſen ſollen.“ Rachel nahm den kleinen Brief und verſteckte ihn raſch.— Das Mittagsbrod nahmen ſie alle Drei ge⸗ meinſchaftlich ein, und während nachher Werner ſeine Geige ergriff, die auch hier zu Hauſe war, ſchlüpfte Rachel in. ihr Zimmer und las eilig folgende Zeilen des verehrten Gönners:. „Liebe Rachel! Ich grüße Dich herzlich und bin „Dir ſo hold und gewogen wie immer. Heute nur „folgende Worte: Tröſte Werner, wenn er etwa in „dieſen Tagen traurige Dinge aus Brenkowitz hören „ſollte, und verweiſe ihn auf meine Hülfe. Ich werde „ihn nie verlaſſen, wenn er den Pfad der Tugend „und Ehre nicht verläßt. Mir geht es— ſoll ich „ſagen: wohl? Ach ja, denn ich lebe ja in Hoffnung, „in der auch Ihr, lieben Kinder, lebt.— Das Kleid, „welches Dir Lord... in meinem Namen überreichen „wird, bitte ich an dem Feſte anzulegen, welches er „dem Hofe geben wird. Du ſollſt meine Farben tra⸗ „gen und zeigen, daß es ein engliſcher Lord iſt, der „ſich Deinen Vater nennt.— Wann wir uns wieder⸗ 102 nſehen. weiß ich nicht, ich bin mehr, denn je an „Downs⸗LCaſtle gebunden. Adieu, mein Kind, be⸗ „halte lieb Emery Shorneliffe.“ Rachel wurde durch dieſen Brief ſehr ernſt ge⸗ ſtimmt, und zwar Werners wegen. Was mochte denn nur in ſeinem Vaterhauſe vorgefallen ſein? Es war das erſte Mal, daß dem Lord eine Anſpielung auf Werner' Verhältniſſe entſchlüpfte, und an demsgedie⸗ genen Manne fiel ihr das doppelt auf. Doch ſie hatte an dieſem Tage nicht lange Zeit, ſich zu ängſtigen. Mrs. Baxton rief ſie in ihr Zimmer, um den koſt⸗ baren Stoff zu bewundern, den Lord... durch eine Nähterin geſandt hatte, die auch zugleich der jungen Dame Maaß nehmen ſollte. Das Kleid war ein in⸗ diſches Gewebe von meergrüner und blaßrother Seide mit mattſilbernen Palmen geſtickt, ſo koſtbar, ſo reich und doch ſo einfach und dem Geſchmacke Rachel's* zuſagend, daß dieſe ſich nicht genug über die Wahl des Lords wundern konnte, obgleich ihr der Stoff 8 für ihr kleines Ich viel zu herrlich erſchien. Einige Tage ſpäter wurde das Kleid fertig ins Haus gebracht, und an dem beſtimmten Abende ſetzten ſich Rachel und Werner in den Wagen, um einem — 103 Feſte beizuwohnen, deſſen Folgen ganz gegen ihre Erwartung von großer Bedeutung für ſie ſein ſollten In den glänzenden Räumen des engliſchen Ge⸗ ſandtſchaftshötel's zu Wien bewegte ſich ein Heer von Gäſten, die ſämmtlich dem höchſten Adel des Landes angehörten. Die Ordensſterne der Herren, die Bril⸗ lanten der Damen blitzten wie eben ſo viele irdiſche Sonnen im Scheine der zahlloſen Lichter und Lam⸗ pen und brachten einen Glanz und Reichthum zur Anſchauung, wie man ihn nur ſelten an einem Orte der Welt zuſammengehäuft ſieht. Der Hof war noch nicht anweſend und ſo unterhielt man ſich, in ein⸗ zelnen Gruppen ſtehend, in jenem halb ſummenden, halb ziſchelnden Geflüſter, welches das Symptom einer auf's Höchſte geſpannten Erwartung iſt. Plötzlich flogen die Flügelthüren des Hauptſaales auf und der junge Kaiſer erſchien, gefolgt von ſeinen nächſten Verwandten und einem großen Schwarme be⸗ ſternter Hofbeamten. In allen Räumen erfolgte au⸗ genblicklich ein Schweigen, deſſen Wirkung überraſchend war, und dann, als der Hof durch den großen, für die muſikaliſchen Aufführungen beſtimmten Feſtſaal hindurchgeſchritten war und ſich in den Salon bege⸗ ben hatte, der für's Erſte dem Kaiſer und ſeiner Um⸗ gebung zum Aufenthalt diente, ſchwärmte Alles in bunten Wirbeln durch einander und drängte den Thüren zu, hinter denen ſich die undiſhe Allmacht aufgeſtellt hatte. So ſind die Menſchen überall neugierig und ſtre⸗ ben, der kleinen Motte gleich, in immer engeren Krei⸗ ſen um das Licht, das ihr, ſo angenehm und ſüß mit ſeiner Wärme dünkend, doch ſo oft durch ſeine Gluth verderblich wird. Wo Könige und Fürſten er⸗ ſcheinen, da drängt und drückt ſich das Volk denſelben entgegen, ſelbſt wenn es ſie auch ſchon hundertmal aus nächſter Nähe geſehen hat. Dieſe Mächtigen der Erde ſcheint eine berauſchende Atmoſphäre zu umge⸗ ben, die Alles, was ſich gern berauſchen läßt, an ſich zieht; es wäre doch möglich, hoffen die Eitelen und Ehrgeizigen, irgend ein Wort oder einen Wink ge⸗ ſpendet zu erhalten, und das iſt nicht allein eine Ehre für ſie, ſondern auch ein Grund des Neides mehr für Diejenigen, die nicht ſo glücklich geweſen ſind, von der Huld der Großen bemerkt zu werden; und Neid zu erregen, iſt für Menſchen von nur äuße⸗ ren Begabungen immer ein wünſchenswerthes Glück.— Dicht neben dem Zimmer, in welchem der Hof ſich aufhielt, befand ſich ein großes Gemach, in dem 105 die Künſtler und Künſtlerinnen verſammelt waren, denen die Ehre zugefallen, den hohen Gäſten des Lords durch ihre Stimmen und Hände den Genuß zu bereiten, der überall, ſelbſt in der höchſten Geſell⸗ ſchaft, für den edelſten und köſtlichſten gehalten wird. Unter den deutſchen Künſtlern befanden ſich auch einige italieniſche, die ſich ihren ruhigen Collegen ge⸗ genüber ziemlich auffallend geberdeten und in abge⸗ ſonderten Gruppen ſtanden und ziemlich lebhaft ſchwatz⸗ ten. Man hatte den Fehler begangen, eine zu große Anzahl von Künſtlern einzuladen und es war leicht vorherzuſehn, daß es unmöglich ſein würde, ſie alle heute Abend zu beſchäftigen, da die gewöhnliche Zeit von zwei Stunden durchaus nicht hinreichte, nur die Hälfte von ihnen eins ihrer beſten Muſikſtücke vor⸗ tragen zu laſſen. Dieſen Umſtand bemerkte Werner ſogleich, als er, zufällig zuletzt, mit Rachel in den Verſammlungsſaal trat, und er theilte ſeine Anſicht ſeiner Begleiterin mit, die ihm lächelnd beiſtimmte. „Ach, Rachel,“ ſagte er, nachdem er ſie zu einigen deutſchen Virtuoſen geführt und man ſich gegenſeitig begrüßt hatte,„heute wird es, wie ich merke, viel zu hören und wenig zu muſiciren geben— hier ſind ja⸗ mehr als zwei Dutzend Künſtler verſammelt, die alle 6 106 den Anſpruch auf ausgezeichnete Leiſtungen erheben können.“ Ein berühmter deutſcher Sänger, der dieſe Worte hörte, trat heran und ſagte leiſe:„Das haben wir auch ſchon bemerkt, aber wahrſcheinlich wird Seine Majeſtät die Wahl unter ſo vielem Vortrefflichen ha⸗ ben ſollen.“ „Das iſt auch übel,“ entgegnete Werner,„dann wird es unter den Künſtlern ſelbſt manchen Neid und Verdruß geben.“ „Ich beſcheide mich gern,“ bemerkte Rachel,„und begnüge mich mit dem Genuß, etwas Gutes hören zu dürfen.“— Rachel's nie geſehene Erſcheinung hätte unter den italieniſchen Künſtlerinnen beinahe einen Sturm her⸗ vorgerufen, wenigſtens beäugelten ſie ſie aus der Nähe und Ferne mit einer Aufmerkſamkeit, der keine Falte an ihrem Kleide und keine Locke an ihrem herrlich friſirten Kopfe entging. „Ein ſüperbes Kleid! Ein köſtlicher Kopf! Ein ungemein geiſtreiches Geſicht! Eine Jüdin, bei Gott!“ flüſterte es rings herum und zwar ſo laut, daß Rachel und Werner jedes Wort vernahmen und ſich lächelnd dabei anblickten. „wer iſt ſie?“ fuhr es fort zu ziſcheln.„Singt 107 ſie oder ſpielt ſie? Und wie merkwürdig, ſie trägt keine Perle, keinen Stein, kein Gold an ſich, o, wie kann man mit der Einfachheit einer Magd kokettiren, wenn man das Kleid einer Königin trägt!“ Rachel, die jede Sylbe vernommen, lächelte Wer⸗ ner heiter an und winkte ihm mit den Augen zu. Denn dieſer, leicht erregbar, wollte ſeinen blonden Kopf mit dem energiſchen Geſichte raſch nach dem Sprecher umwenden, aber Rachel's Lächeln und der ſogleich verſtandene Wink hielt ihn zurück. Er ſah an dieſem Abende nur eine Perſon, dieſe eine aber war auch ſchön genug, um dieſe Beſchränkung be⸗ greiflich finden zu laſſen. Schön war ſie nicht allein in ihrer eigenthümlichen Art und Weiſe, ſich ſo ſin⸗ nig, ſo ruhig und doch ſo leicht zu bewegen, ſondern ſchön war ſie auch im allgemeinen Sinne, denn ſolch' ein reiches rabenſchwarzes Haar, in dem nur eine einzige ſchneeweiße Kamelie glänzte, ſolche wundervol⸗ len Arme, ſolchen blendenden Nacken, den kein künſt⸗ licher Schmuck entſtellte, deſſen natürliche Reize ſich aber um ſo ſichtbarer entfalteten, hatte keine der an⸗ weſenden Künſtlerinnen aufzuweiſen. Endlich fing man in den Feſtſälen an, ſich zur Anhörung der Muſik zu ordnen und der engliſche Ge⸗ ſandte ſelbſt trat ein, um Rachel zu benachrichtigen, 108 daß ſie die Ehre haben würde, den Reigen zu eröff⸗ nen. Rachel zuckte leicht zuſammen, aber ſie hatte ſich bald wieder gefaßt. Wer vor Franz Liſzt mit Anerkennung geſpielt, konnte vor der ganzen Welt ſeine Geſchicklichkeit hören laſſen.„Was ſoll ich ſpie⸗ len?“ fragte ſie. „Wie wir es geſtern verabredet haben— ſpielen Sie zuerſt Mendelsſohn's Hochzeitsmarſch und Elfen⸗ reigen, von Liſzt arrangirt.“ „Den ſpiele ich aber nicht gern— er iſt ſchwer und berauſcht, aber er entzückt nicht.“ „Ah, man will hier mehr berauſcht als entzückt ſein. Darf ich bitten?“ Der Lord ſelbſt führte Rachel in den blitzenden Muſikſaal, in dem auf den vorderſten Reihen dicht vor dem Flügel der ganze Kaiſerliche Hof von Oeſter⸗ reich um ſeinen Monarchen gruppirt ſaß. Ein leiſes Flüſtern lief durch den Saal, als man die unbekannte und ſeltene Erſcheinung der Künſtlerin erblickte, aber es verſtummte, als ſie ſich nach der Ver⸗ beugung raſch niederſetzte und die Taſten zu rühren begann. Mit Erſtaunen aber, das ſichtbar von Au⸗ genblick zu Augenblick wuchs, hörte man den Vortrag zu Ende, und als ſie fertig war, ſich erhob und an⸗ muthig verbeugte, rauſchte ein ſtürmiſcher Beifall durch 109 das ganze Haus, wozu der Kaiſer ſelbſt durch den ſeinigen den Anlaß gegeben hatte. Nach Rachel kamen mehrere Sänger und Sänge⸗ rinnen, einige berühmte Geiger und ein Celliſt an die Reihe, dann aber trat eine Pauſe ein, die man allgemein zum Geſpräch benutzte, da der Kaiſer mit einigen Erzherzögen ſich in den Saal begeben hatte, in welchem die Künſtler theils ſaßen, theils umher⸗ ſtanden. Hier nun fand ein für Rachel bedeutungs⸗ voller Auftritt ſtatt; der Kaiſer hatte nämlich die Gnade, ſich die bisher unbekannte Virtuoſin vorſtellen zu laſſen und einige ſehr verbindliche Worte an ſie zu richten. Sein Beiſpiel befolgte einer ſeiner Brüder, der ſich lange mit ihr unterhielt, ſie nach ihrem Va⸗ terlande fragte und, als er hörte, daß ſie in Prag geboren, die Bemerkung fallen ließ, daß ſie ja dann ſeine Landsmännin ſei, da er auch in Böhmen gebo⸗ ren, und daß er ſich freue, ſie als eine ſo bedeu⸗ tende Künſtlerin begrüßen zu können. 3 Zur größten Verwunderung ſämmtlicher anweſen⸗ der Künſtler wurde im zweiten Theile des Concerts Rachel noch einmal vor das Kaiſerliche Tribunal ge⸗ fordert, denn Seine Majeſtät hatte ausdrücklich den Wunſch ausgeſprochen, noch eine Mendelſohn'ſche Com⸗ poſition von ihr zu hören, deſſen Wahl ihr überlaſſen ſei, und ſo wählte ſie das Capriceio brillant in H⸗Moll, welches ihr ſchon der Lord als Lieblingswerk des Kai⸗ ſers bezeichnet hatte. Diesmal aber brach ein noch allgemeinerer Bei⸗ fallsſturm aus, als das Spiel beendet war, und der Kaiſer und die Erzherzöge nickten dem britiſchen Ge⸗ ſandten ihre Anerkennung ſeiner Wahl zu. Als aber das ganze Concert zu Ende war, ſah ſich Rachel von einem zahlreichen Kreiſe hoher Damen und Herren umgeben, die alles mögliche Lob durch einander ſpra⸗ chen, ſo daß Rachel, ganz wirr von der ungewohnten Beifallsbezeigung, kaum wußte, was man ihr zu hören gab. Während man ſo in dem Zuhörerraum der jungen Künſtlerin huldigte, fand in dem Zimmer der Künſt⸗ ler ſelbſt das Gegentheil ſtatt. Man ereiferte ſich auf das Lebhafteſte, die übermäßig gelobhudelte Leiſtung einer Anfängerin herabzuſetzen und ihr den Triumph zu mißgönnen, den ſie ſo unverdienter Maaßen ſoeben zum erſten Male in ihrem Leben eingeärndet hatte, ein Vorgang, der wohl nicht ſelten ſich ereignen mag und den Rachel glücklicher Weiſe nicht bemerkte, der aber doch Folgen haben ſollte, die ſich keiner der an⸗ weſenden Großen und noch weniger Rachel und Wer⸗ ner ſelbſt träumen ließen. 111 Verlaſſen wir alſo mit ihnen das Feſt des briti⸗ ſchen Geſandten, das wir abſichtlich nur einfach ſkiz⸗ zirt haben, um uns zu den Folgen deſſelben zu wenden, die für uns von größerer Bedeutung ſind. Als Rachel am nächſten Tage ihre Morgenübung beendet hatte und mit Mrs. Baxton und Werner bei Tiſche ſaß, wurden alle Drei von mehreren Sendungen überraſcht, die von verſchiedenen Seiten einliefen und von kleinen ſchmeichelhaften Briefen begleitet waren, die nur zu deutlich bekundeten, wie ſehr man allge⸗ mein von Rachels Leiſtungen entzückt war. Die Mutter des Kaiſers, die Erzherzogin Sophie, ſandte der Künſtlerin einen koſtbaren Schmuck von edlem Geſtein, der Kaiſer eine werthvolle Brillant⸗Broche, an einer feingoldenen venetianiſchen Kette befeſtigt, und einige Erzherzöge dergleichen Zierrathen anderer Art. „Da haben wirs!“ rief der entzückte Werner aus. „Mylord Shorneliffe hat Recht gehabt, als er Dir ſagte, er würde nur der Erſte ſein, der Dir einen Brillant ſchenkte, die andren würden von andren Händen kommen und von größeren Ehren begleitet ſein.“ Rachel ſchaute wie geblendet auf die koſtbare Sammlung hin, die ein einziger Abend ihr eingetra⸗ 112 gen hatte, und ſo wenig Gefallen ſie an dem Reich⸗ thum der Gaben fand, denn ſie trug ja nie ſo köſt⸗ liche Juwelen, ſo beglückte ſie doch die freundliche Abſicht der hohen Geber. Man war eben dabei, die geſchriebenen Ehren noch einmal durchzuleſen, als ein unbekannter Bote einen etwas ſchweren Brief brachte, den der engliſche Diener Mrs. Baxton's ſogleich der jungen Dame übergab, an die er adreſſirt war. „Von Wem kommt der Brief?“ fragte Werner den Diener. „Der Bote hat es nicht geſagt,“ erwiderte dieſer, „doch ſoll der Name des Abſenders darin ſtehen.“ Rachel erbrach den Brief, las nur wenige Zeilen und fuhr dann erbleichend zurück, wobei mehrere Geld⸗ ſcheine rings um ſie her auf den Boden flogen. „Mein Gott, was haſt. Du?“ rief Werner, der von ſeinem Stuhle aufgeſprungen war und die Scheine aufgeleſen hatte. „Da, lies!“ ſagte Rachel, und in einen unauf⸗ haltſamen Thränenſtrom ausbrechend, ſank ſie in ihren Seſſel zurück. Werner, mit zitternder Hand den Brief ergreifend, las folgende, offenbar von Neid und Mißgunſt, aber auch von einer beleidigenden Abſicht dictirte Zeilen: „Mein Fräulein! Durch einen reinen Zufall iſt 113 „Ihnen geſtern Abend eine Ehre und Auszeichnung „zu Theil geworden, die Sie vielleicht Ihrer Kunſt⸗ „fertigkeit zuzuſchreiben die naive Einbildung beſitzen. „Ich bin ein Freund der Wahrheit und fühle mich „daher verpflichtet, mich der verdienſtvollen Künſtle⸗ „rinnen anzunehmen, welche Sie geſtern in den Hin⸗ „tergrund gedrängt haben. Glauben Sie nicht, daß „Sie eine bereits ausgebildete Virtuoſin ſind, wenn⸗ „gleich man Ihnen das vielleicht geſtern zu ſagen die „Laune gehabt hat— das Publicum, welches zu ur⸗ „theilen verſteht, iſt aber nicht immer das, welches „goldene Worte zu ſprechen die Macht hat. Erſt „wenn Sie vor jenes urtheilende Publicum treten „werden, dürften Sie erfahren, in welche Kathegorie „man Ihre Leiſtungen ſetzt. „Aber noch einen andren Wink glaube ich Ihnen „zukommen laſſen zu müſſen, der Ihnen vielleicht die „Augen über Ihre Stellung vollends eröffnet. Sie „erſchienen geſtern vor hohen Herrſchaften in einer „Kleidung, die muthmaßlich die Gabe eines reichen „Anbeters iſt, der ein Verſchwender zu ſein das Recht „hat. Sie aber haben nicht das Recht, eine Kleidung „zu wählen, die über die Gränzen, den Stand und „das Vermögen einer Klavierſpielerin ſo weit hinaus „geht. Damit Sie aber in Zukunft in der Lage ſind, Emery Glandon. III. 8 114 „ſich noch vollſtändiger der Farben und der Pracht „eines Pfaues zu bedienen, ſo ſende ich Ihnen ein⸗ „liegend zweitauſend Gulden, wofür Sie ſich einen „Schmuck kaufen können, den Ihr Galan Ihnen zu „bieten vielleicht nicht genügend bei Kaſſe geweſen iſt. Baron Giri, Bankier.“ Als Werner das Schreiben geleſen, warf er es verächtlich auf den Tiſch, wurde bald blaß, bald roth und rang vergeblich nach Worten. Endlich aber, als ſein Blick auf die weinende Rachel fiel, fuhr er empört auf und rief: „Rachel! Darum Thränen? Wie kann eine ſo pöbelhafte Gemeinheit Dein reines Herz verwunden? Ha! Solche Schurkerei muß man ärger als mit dem Stocke züchtigen!“ Und er ſprang auf und wollte ſeinen Hut ergreifen, um fortzueilen. Mrs. Baxton aber und Rachel hielten ihn zurück und ſuchten ihn zu beſänftigen. Jedoch kannten ſie Werner von Haldrungen nicht. Auch er war ein. Edelmann, und dieſer Brief eines ſogenannten Edel⸗ manns hatte ſein ſtolzes Blut in Wallung geſetzt. Plötzlich faßte er ſich und ſann nach. Dann auf eine ganz beſondere Weiſe lächelnd, ſetzte er ſich wieder, 115 faltete das Schreiben mit den Geldſcheinen zuſammen und ſagte gelaſſen: „Rachel, laß uns dieſe Scene beendigen. Der Schreiber dieſes Briefes verdient es nicht, daß wir uns beunruhigen. Ich bin überzeugt, es hat ihn kein Mann geſchrieben, der geſtern der Gaſt des edlen Lords war, und nur der Neid und der Haß einer durch Dei⸗ nen Erfolg verletzten Künſtlerin und ihrer Helfershel⸗ fer hat uns dieſen Kummer bereitet. Das iſt ſo der Welt Lauf und auch im Leben des wahren Künſtlers giebt es Schattenſeiten, die weder das Licht der Sonne noch des Mondes beſcheint. Beruhige Dich, ich werde noch heute Abend mit dem Lord ſelber darüber ſprechen.“ Rachel beruhigte ſich in der That, allein ihre Freude war ein für alle Mal getrübt. Schweigend, träumeriſch, brütend ſaßen ſie bei einander, bis endlich die Stunde gekommen war, wo Werner ſich gewöhn⸗ lich zu entfernen pflegte, und da ging er nach Hauſe, um in ungeſtörter Muße die Nacht hindurch nachzu⸗ denken, was ihm in dieſer Angelegenheit zu thun ob⸗ liege, denn daß er der Ritter ſeiner Dame ſein werde und müſſe, das ſtand bei ihm feſt und konnte ſich Niemand verhehlen, der auch nur eine oberflächliche Kenntniß von ſeinem Charakter beſaß. 8 34 Fünftes Bapitel. Die Strafe eines Edelmanns und die Rache eines Geldmenſchen. Am nächſten Morgen hatte er ſeinen Entſchluß gefaßt, und es fehlte nur noch an der Billigung des engliſchen Geſandten, dem er den ganzen Hergang mittheilen wollte, um ihn buchſtäblich auszuführen. So begab er ſich, ſo früh es die Sitte erlaubte, in das Hôtel des Lords, ward ſogleich angenommen und erzählte nun, was ihm begegnet war. Als der Lord den Brief, das elende Machwerk des erbärmlichſten Neides geleſen, war er nicht weniger betroffen und entrüſtet, als Werner, doch mäßigte er ſeinen Unwillen, um den des jungen Mannes nicht nooch mehr zu reizen.„Was werden Sie thun?“ fragte er nur mit ſeinem engliſchen Phlegma,„denn daß hier etwas geſchehen muß, verſteht ſich von ſelbſt. Brau⸗ 117 chen Sie meine Hülfe, ſo ſoll ſie Ihnen in jeder Be⸗ ziehung zu Theil werden.“ †„Nein, Mylord, ich bin mir hierin ſelbſt genug, doch danke ich Ihnen für Ihre gütige Bereitwillig⸗ keit; wenn Sie es erlauben, ſo werde ich Ihnen ſo⸗ gleich meinen Plan mittheilen und hoffe auch darin Ihren Beifall zu gewinnen.“ „Gern, gern, aber etwas ganz Feines muß es 8 ſein, was die ganze ariſtokratiſche Geſellſchaft befrie⸗ digt, die in der Perſon der armen Rachel verletzt iſt, 8 da ſie ſie mit Beifall geehrt hat. Sie kennen doch den Baron Giri?“ „Ich weiß weiter nichts von ihm, als daß er ein Bankier iſt, wie er ſich ſelbſt unterſchrieben hat.“ „O, er iſt ein italieniſcher Abenteurer, der mit 6 Hülfe ſeines erſpekulirten Geldes ſich den Barontitel 8 b gekauft und nun ein Bankgeſchäft hier begründet hat, V um doch Etwas zu ſein. Er iſt ein fader, abge⸗ ſchmackter Geck, der mit aller Welt Händel ſucht, um 4 ſich die Zeit zu vertreiben, von ſich ſprechen zu machen V und in den Augen ſeiner Geliebten, die leider geſtern in meiner Geſellſchaft war und eine Signora Bru⸗ nelli, eine Sängerin iſt, den Kernbeißer zu ſpielen. Ah, jetzt erinnere ich mich— die Brunelli hatte ge⸗ ſtern nicht geſungen, und Rachel hat zweimal geſpielt, das wird ihr und auch ihres Anbeters Aerger ſein. Haha! Dieſe erbärmlichen Intriguen auch in der Künſtlerwelt! Das drückt mich ſchwer nieder, da ich die Kunſt doch ſo ſehr liebe.— Was werden Sie alſo gegen ihn unternehmen?“ „Mylord, mein Plan iſt folgender.“ Und nun erzählte Werner einfach, was er beabſichtigte. „Hahaul“ rief der Lord.„Das iſt prächtig. Aber es kann Folgen haben. Wie dann?“ „Dann werde ich erſt recht Derjenige ſein, der Fräulein Schawai's Vertheidigung übernimmt, denn auf dieſe unausbleiblichen Folgen iſt eigentlich mein ganzer Plan angelegt.“ „Gut, auch das gefällt mir, es iſt wenigſtens rit⸗. terlich. Sie müſſen aber wiſſen, wann der Herr Ba⸗ ron ſeine Abendgeſellſchaft hat— ich glaube, er em⸗ pfängt nur alle vierzehn Tage.“ „Wenn Sie das auskundſchaften laſſen könnten, Mylord, ſo würde ich Ihnen ſehr dankbar ſein.“ „Das wird eine ſehr leichte Sache ſein, ich werde ſogleich einen vertrauten Diener dazu abſenden.“ Dies geſchah und eine Stunde ſpäter erfuhr man, daß der gegenwärtige Tag der Geſellſchaftstag des Herrn Barons ſei und daß man gerade heute ein bril⸗ lantes Concert bei ihm zu veranſtalten gedenke. 199 „Das trifft ſich herrlich,“ ſagte der Lord.„Nun ſetzen Sie ſich ſogleich an meinen Schreibtiſch und entwerfen Sie Ihren Brief; wir ſchicken ihn dann durch einen meiner Diener an ſeine Adreſſe, damit man ſieht, daß auch ich meine Finger etwas im Spiel habe. Das giebt der Sache einigen Nachdruck. Haha, ein herrlicher Spaß!“ „Wenn er nicht ſehr edle Thränen gekoſtet hätte, die einer beſſeren Sache geweiht zu werden würdig waren.“ „Gewiß; aber Fräulein Rachel wird darunter we⸗ nig zu leiden haben, ſie wird ſogar dadurch bekannt 3 und braucht nur einmal öffentlich zu ſpielen, um Je⸗ den, der ſie hört, zu bezaubern.“ „Ach ja, das mag wohl ſo ſein; ich aber hätte es lieber geſehen, wenn ihr Name auf andere Weiſe bekannt geworden wäre, und Lord Shorncliffe wird es auch ſo betrachten.“ „O, um Den ängſtigen Sie ſich nicht, Den werde ich ſchon beruhigen; das iſt der verſtändigſte, kalt⸗ blütigſte und edelſte Brite, den unſere gute Inſel je geboren hat.“— Gleich nach dieſem Geſpräch ſchrieb Werner fol⸗ gende Zeilen an den Bankier Baron Giri: „Unterzeichneter, da er erfahren, daß der Herr 120 „Baron heute Abend eine auserwählte Geſellſchaft „muſikaliſcher Celebritäten um ſich verſammelt hat, „bittet um die Erlaubniß, dieſer Verſammlung nur „fünf Minuten beiwohnen zu dürfen, um dem Herrn „Baron eine Mittheilung zu machen, die ſowohl ihn „wie die ganze Geſellſchaft außerordentlich erfreuen „wird. Ueberbringer wartet auf Antwort. Werner, Baron von Haldrungen.“ Derr Lord las aufmerkſam die wenigen Zeilen, lachte und ſandte ſie verſiegelt durch einen ſeiner Die⸗ ner ab. Eine Stunde darauf hielt er folgende Ant⸗ wort in der Hand: „Der Herr Baron von Haldrungen wird dem Ba⸗ „ron Giri heute Abend wie immer willkommen ſein. „Schade,“ ſagte der Lord,„daß ich nicht ein un⸗ ſichtbarer Zeuge des ganzen Auftritts ſein kann. Es muß ein Anblick ſein, wie man ihn noch nicht in der Art genoſſen hat.“ „Freilich, Mylord, aber ich muß ohne jeden Zeu⸗ gen und ganz allein ſein; gerade dadurch liefere ich den Beweis, daß ich den Herrn Baron und ſeine ganze Sippſchaft nicht fürchte. Uebrigens wird ſich wohl irgend ein Ehrenmann in der Geſellſchaft be⸗ finden, der die Wahrheit des lganzen Vorfalls vor aller Welt bezeugen kann.“ 121 „O allerdings, gewiß— nun, das giebt eine prächtige Zeitungsſchlacht, haha! Kommen Sie aber heute Abend gleich zu mir, um mir den Verlauf mit⸗ zutheilen. Ich bleibe zu Hauſe.“ „Es ſoll mein erſter Gang danach ſein. Jetzt aber leben Sie wohl!—“ „Ein prächtiger Kerl!“ brummte der Lord, als Werner ſein Zimmer verlaſſen hatte,„und Sie, Herr Baron Giri, werden einen harten Stand dieſem deut⸗ ſchen Ritter ohne Furcht und Tadel gegenüber haben.“ Am Abende dieſes Tages waren die Gemächer des Herrn Baron Giri auf das Glänzendſte erleuchtet und es wogte darin eine große Verſammlung junger Männer und ſchöner Frauen, in deren Mitte ſich der italieniſche Bankier breit zu machen pflegte. Den Brief des Barons von Haldrungen, ein Name, der ihm zum erſten Male zu Ohren kam, hatte er faſt ganz vergeſſen, erſt als die Geſellſchaft vollzählig war, fiel er ihm wieder ein und er theilte die ſeltſame Auf⸗ forderung, einen ihm unbekannten Gaſt zu empfan⸗ gen, einigen ſeiner Vertrauten mit, die eben ſo wenig wie er ſelbſt ahnten, was dieſelbe zu bedeuten habe. Gerade um dieſe Zeit, als man ſtehend, plau⸗ 122 dernd und ſcherzend den Thee trank, wurde die Thür geöffnet und der Portier rief auf Werner's Wunſch laut und vernehmlich den Namen Baron von Hal⸗ drungen mitten unter die fröhlichen Gruppen hinein. Die ungewöhnliche Ankündigung veranlaßte, daß die im Saal Zuſammenſtehenden haſtig auseinander⸗ wichen und ihre Geſichter nach der Thür wendeten. Baron Giri, ſobald er hörte, was ſich ereigne, ſprang mit neugierig aufgeriſſenen Augen dem Angemeldeten entgegen und ſtand ſo, von einem großen Kreiſe ſei⸗ ner Gäſte umgeben, unmittelbar vor demſelben. Wer⸗ ner, in feinſter Geſellſchaftskleidung, den Hut in der Hand, mit ſeiner ſtattlichen Geſtalt die meiſten der Anweſenden überragend, und das edle, etwas bleiche Geſicht mit kühnem Ausdruck auf den ihm gegenüber⸗ ſtehenden Wirth richtend, verbeugte ſich tief und ſprach dann mit ſo lauter und faſt dröhnender Stimme die folgenden Worte, daß ſie ein Jeder, ſelbſt in den fernſten Ecken des großen Saales, vernehmen konnte: „Herr Baron! Sie haben die Güte gehabt, mei⸗ ner Verwandten, Fräulein Rachel Schawai, einen Rath zu ertheilen und nebenbei ein Geſchenk von zweitauſend Gulden zu überſenden, um ſich dafür einen ihr fehlenden Schmuck zu kaufen. Ich bin Ihnen ſehr dankbar für dieſe Güte, und das über⸗ 123 ſandte Geld wird, wenn auch nicht auf die vorge⸗ ſchlagene Weiſe, paſſend verwandt werden. Um Ihnen aber meine Dankbarkeit völlig zu beweiſen und auf der Stelle ganz abzutragen, was in meinem Cha⸗ rakter liegt, möchte ich Ihnen ein entſprechendes Ge⸗ gengeſchenk machen. Ich bin aber kein ſo reicher Mann wie Gie und ſo kann leider mein Geſchenk nur meinen Mitteln angemeſſen ſein. Das Verhält⸗ niß Ihres Vermögens zu dem meinigen mag etwa wie das von Zweitauſend gegen Eins ſein. So mache ich Ihnen denn hiermit einen Gulden zum Geſchenk, und füge auch meinerſeits einen Rath bei, nämlich den, ſich dafür eine Kleinigkeit guter Lebensart zu erhandeln, denn wie Sie durch Ihren heutigen Brief bewieſen haben, beſitzen Sie nicht ſo viel da⸗ von, als eine Priſe Taback werth iſt. Hier, mein Herr, der Sie ſich Baron, das heißt Edelmann nennen, und der Sie, wenn man den Adel mit Geld aufwiegen könnte, ein gut Stück davon be⸗ ſäßen, ſo, wie die Sachen jetzt liegen, aber ſehr we⸗ nig davon beſitzen, hier, mein Herr, ſage ich, lege ich den Gulden auf den Tiſch und füge meine Karte bei, auf der meine Wohnung verzeichnet iſt, in der Vor⸗ ausſicht, daß Sie mich darin beehren werden, wenn Sie weiter etwas von mir verlangen ſollten.“ 8 124 Und ruhig an das kleine Tiſchchen tretend, einen hart klingenden blanken Gulden und ſeine Karte darauf niederlegend, verbeugte ſich Werner von Hal⸗ drungen und ſchritt dann langſam, wie er gekommen war, zur Thür, durch die er verſchwand. Gleich nach ſeinem Abgehen herrſchte eine Todten⸗ ſtille in dem großen Saal, nur Aller Augen wandten ſich auf den Wirth, der zehntauſend Gulden dafür gegeben hätte, wenn er in demſelben Augenblick im Erdboden hätte verſchwinden können. Erbleichend, geknickt, vor allen ſeinen Freunden und Freundinnen ſo bitter verhöhnt, ſtand der elende Abenteurer mitten in ſeinem Glanze und bemerkte kaum, wie ſich Einer nach dem Andern aus ſeinen Zimmern entfernte, um ihn endlich mit nur wenigen Vertrauten allein zu laſſen, die, wie ſie vielleicht ſeine Rathgeber geweſen, ſo jetzt die Theilnehmer ſeiner Niederlage waren. Was ſie aber an dieſem Abend berathſchlagten, wozu ſie ſich auch in ihrer Wuth entſchloſſen, Werner von Haldrungen wartete vergebens acht Tage lang auf den Gegenbeſuch des feigen Italieners oder eines ſeiner Verbündeten, der ſeine Rache auf andere Art auszuüben geſonnen war, als es unter Edelleuten des Nordens üblich iſt. Den folgenden Tag aber waren alle Blätter Wien s 125 voll von dem erbaulichen Vorfalle bei dem Herrn Bankier, und da kein Widerruf oder keine Entgeg⸗ nung erfolgte, ſo vergaß man ſehr bald die ganze Geſchichte, zumal man nach einigen Wochen vernahm, Baron Giri habe ſein Geſchäft verkauft und ſei nach Italien zurückgekehrt. Einige Wochen nach dieſem Vorfalle— Werner hatte noch immer keine Nachrichten von Brenkowitz erhalten, die er von Tage zu Tage mit wachſender Sehnſucht erwartete— trat der Concertmeiſter C... bei Rachel ein und trug die Bitte vor, in einem Con⸗ certe, welches er zum Beſten einer armen Künſtler⸗ familie zu veranſtalten beabſichtigte, in Geſellſchaft Werner's mitzuwirken. Rachel erſchrak faſt vor dieſem Anſinnen, ſo ſehr der Zweck auch ihren Geſinnungen entſprach, denn noch hatte ſich die Wunde in ihrem Herzen nicht ganz geſchloſſen, die ſie in Folge ihres erſten Auftretens empfangen hatte. Der Concertmeiſter, der die Urſache der Zögerung der jungen Künſtlerin zu erkennen glaubte und mit muthiger Stirn gerade auf dieſelbe los ging, ſagte ſogleich:„Mein Fräulein, Sie haben das trübe Ge⸗ 126 * fühl noch nicht ganz überwunden, welches Ihnen Ihr erſtes Concertiren verurſacht hat, ich ſehe es, allein Sie fürchten ohne Noth etwas Aehnliches. Nach einer ſolchen Abfertigung, wie ſie jenem Bankier zu Theil geworden iſt, wird kein Anderer wagen, Ihnen aber⸗ mals die Stirn zu bieten, Sie haben einen zu that⸗ kräftigen Beſchützer an Ihrer Seite, und vor ſolchen Leuten hat ſelbſt ein Abenteurer Reſpekt.“ Rachel erröthete freudig über das Lob, welches mit dieſen Worten ihrem Freunde geſpendet wurde, und faſt machte ſie daſſelbe allein ſchon geneigt, des Muſikers Wunſche beizuſtimmen. Bald darauf kam Werner. Er ging ſogleich auf die Bitte ein, und nachdem der Concertmeiſter Beider Zuſage dankbar angenommen und die vorzutragenden Muſikſtücke verabredet hatte, empfahl er ſich. Das Concert ſelbſt fand etwa acht Tage ſpäter ſtatt und erfreute ſich eines ganz ungemeinen Beifalls des anweſenden zahlreichen Publicums. Um ſo un⸗ erwarteter und überraſchender war die Thatſache, daß faſt alle Blätter der Stadt an den nächſten Tagen Artikel brachten, die hauptſächlich das Mitwirken der beiden jungen Künſtler beſprachen und auf eine Weiſe beleuchteten, daß Niemand, der es las, begreifen konnte, wie ein Kritiker ſolche Urtheile zu fällen im Stande 127 ſei. Denn daß Rachel ſowohl wie Werner nur ſtüm⸗ perhafte Anfänger ſeien, wie faſt alle Artikel einſtim⸗ mig verkündeten, war ſo unwahr wie hämiſch, und Rachel ſah ſich dadurch in die Lage verſetzt, ihre Thrä⸗ nen abermals über Etwas fließen zu laſſen, von dem ſie ſich allein die reinſte Freude verſprochen hatte. „Weine nicht, Rachel,“ tröſtete ſie der unerſchüt⸗ terliche Werner,„Du thuſt dieſer neuen Unwürdigkeit zu viel Ehre an. Alle dieſe böswilligen Artikel ſind aus einer und derſelben trüben Quelle gefloſſen, ich werde mich ſogleich danach erkundigen und dann dem Lord Shorneliffe die Bitte vortragen, uns von hier abzurufen, da Dir Wien nicht mehr das Behagen und den Vortheil bieten kann, den wir von ihm zu hoffen berechtigt waren.“ Er nahm ſeinen Hut und begab ſich zu einem der Redacteure der Blätter, welche die Schmähung ent⸗ halten hatten, einem rechtlich denkenden Manne, mit dem er zufällig ſchon früher einige Male in Berüh⸗ rung gekommen war. Er traf ihn zu Hauſe und mit Ordnen ſeiner Artikel zum folgenden Tage beſchäftigt. Ah,“ rief ihm der Literat entgegen,„ich weiß⸗ warum Sie mich beſuchen— Sie wollen ſich über mich beſchweren?“. „Habe ich nicht ein Recht dazu?“ 128 „Ich glaube nicht; höchſtens können Sie proteſti⸗ rende und ſich auf das Urtheil des Publicums beru⸗ fende Artikel einſetzen laſſen. „Das iſt meine Abſicht durchaus nicht, ich will etwas ganz Anderes.“ „Aha, den Namen des Einſenders erfahren. Aber da haben Sie ſich feſtgefahren. Sie wiſſen, ich bin verpflichtet, über Dergleichen zu ſchweigen.“ „Leider ja. Dann iſt alſo nichts an der Sache zu ändern?“ „Nicht das Geringſte; die Artikel ſind eingeſandt und bezahlt und ſo ſind ſie gedruckt worden.“ „Ah, ſie ſind bezahlt, das iſt freilich wichtig,— alſo ſind ſie auch wohl wahr?“ „Das will ich damit nicht geſagt haben, im Ge⸗ gentheil, meiner Meinung nach ſind faſt immer die⸗ jenigen Artikel wahrer, die ohne Bezahlung eingeſandt und alſo nicht gedruckt werden.“ „Aber das Publicum wird ja dadurch ganz und gar irre geführt?“ „O das Publicum! Das glaubt doch, was es will, und in dieſem Falle wird es ſich bald ganz zu Ihren Gunſten entſchieden haben.“ „Ich habe gar keine Luſt, darauf zu warten. Sie legen alſo der Preſſe ſehr wenig Bedeutung bei?“ 1 5 129 „O die Preſſe! Der wird durch ſolche Schmäh⸗ artikel ihre Bedeutung nicht genommen. Denn der⸗ gleichen Machwerke haben nicht den geringſten Ein⸗ fluß auf das allgemeine, alſo richtige Urtheil; jeder Sachverſtändige und ruhig Urtheilende lieſt ja zwiſchen den Zeilen, daß ſie nichts als Lügen und pure Ein⸗ gaben des Neides oder einer böswilligen Abſicht ſind.“ „Nach dieſer Erklärung, die mich befriedigt, ſchei⸗ nen Sie alſo mit mir und Anderen die Anſicht zu theilen, daß jene Artikel aus derſelben Quelle ſtam⸗ men, die uns ſchon einmal beſudelt hat?“ Der Redakteur zuckte die Achſeln.„Als Mann, Nenſch und Literat ſtimme ich Ihnen vielleicht bei, als Redakteur der... Blätter aber kann ich nur ſchweigen.“ „Ich danke Ihnen, ich begreife Ihre Stellung und ſo habe ich die Ehre mich Ihnen zu empfehlen.“ Noch an demſelben Abende ſchrieb Werner an Lord Shorneliffe und theilte ihm genau alle Vorgänge in Wien mit. Zugleich bat er um ſeine fernere Gewo⸗ genheit und um die Erlaubniß, Wien ſo bald wie möglich verlaſſen zu dürfen, da Rachel ſich, ſo lange ſie hier noch athme, bedrückt fühle, doch wolle er durchaus dem Ermeſſen Sr. Herrlichkeit überlaſſen, wohin er dieſelbe ſenden wolle, um ihre Studien zu Emery Glandon. III. 9 53 130 beenden und ſie dann vor die unparteiiſche Welt zu führen. Schließlich theilte er dem Lord ſeine Beſorg⸗ niſſe um ſein heimatliches Haus mit und bat, durch ſeine Vermittlung zu bewirken, daß ihm ſo bald wie möglich irgend eine Nachricht zugehe. Eine Bitte, fügen wir ſogleich bei, die noch etwas lange auf Er⸗ füllung warten laſſen ſollte, denn noch beinahe fünf Monate verſtrichen, ehe Werner dieſe Nachricht erhielt. Etwa zehn Tage nach Abſendung jenes Briefes, während welcher Zeit Rachel und ihr Freund ruhig ihre Studien fortſetzten und nur mit zuverläſſigen Freunden verkehrten, traf des Lords Antwort ein und enthielt Alles, was Werner zunächſt von ihm erbeten hatte. „Leider,“ ſchrieb der Lord,„habe ich durch meinen „Freund, Lord... und Eure eigenen Zuſchriften Al⸗ „les erfahren, was Euch in Wien ſo unverdienter „Maaßen zugeſtoßen iſt. Ich bedaure es von ganzem „Herzen, aber es hat mich durchaus nicht überraſcht; „in Eurem Vaterlande vor Allem iſt dergleichen leider „möglich. Die dummen Deutſchen! So viele Tugen⸗ „den, Gaben und Talente hat ihnen der Himmel ver⸗ „liehen, aber ſie verſtehn ſie ſelten nach ihrem wahren „Werthe zu würdigen. Um in Deutſchland ſein Glück „zu machen, muß der Künſtler erſt in Paris und Lon⸗ 131 „don Furore erregt und ſich das Gepräge des Beifalls „der ganzen übrigen Welt haben aufdrücken laſſen. „Ich wollte es noch einmal mit dieſen dilettantiſchen „Tölpeln verſuchen, aber ſie haben wieder ihre alte „Schwäche herausgekehrt. Jetzt wollen wir es anders „anfangen, arme Rachel, und Dein Triumphzug ſoll „um ſo vollſtändiger und glänzender werden. Eigent⸗ „lich iſt die Zeit noch nicht da, wo ich Euch nach „England und Frankreich führen wollte; indeſſen, wie „die Sachen jetzt ſtehen, ſcheint es nothwendig zu „ſein. Leider kann ich nicht lange bei Euch in mei⸗ „nem Vaterlande bleiben, denn wichtige Geſchäfte „feſſeln mich ſtärker denn je an meinen jetzigen Auf⸗ „enthalt, ſo lange aber hoffe ich beſtimmt bei Euch „bleiben zu können, bis das Eis wenigſtens in Lon⸗ „don gebrochen und Rachel's Ruf daſelbſt feſt begrün⸗ „det iſt. Nach Paris könnt Ihr dann allein gehen, „dort hat man ein richtiges Urtheil über alles wirk⸗ „lich Gute, was in England Furore gemacht hat, und „Rachel ſoll und muß in London Furore machen, „denn ich kenne den Geſchmack meiner Landsleute, „wenn man ihnen etwas wirklich Vortreffliches vorlegt. Teider treffen wir Joſeph Sohn jetzt nicht in „England, was mit ein Grund war, warum ich meine Anſe mit Rachel dahin noch hinausſchob. Seine 9 5464 132 „Unternehmungen in meinem eigenen Intereſſe haben „dadurch eine unerwartete Unterbrechung erlitten, daß „er mehrere Monate vergebens auf einen Mann ge⸗ „wartet hat, den er in Portsmouth zu finden hoffte. „Derſelbe hat ſich wider Vermuthen nach Amerika be⸗ „geben und Joſeph dadurch Zeit gelaſſen, ſich die drei „Königreiche zu betrachten und auf meinen Gütern „und in meinem Hauſe in London zu leben. Jetzt „ſind wir Beide des längeren Harrens auf jenen Mann „überdrüſſig geworden und Joſeph wird zu derſelben „Zeit, wo wir in England eintreffen, nach Amerika „geſegelt ſein, um ſeinen Zweck zu erreichen. Gott „gebe ihm einen guten Erfolg und ſchütze ihn auf „allen ſeinen Wegen. „Was nun Eure Reiſe nach England betrifft, ſo „könnt Ihr jeden Euch zuſagenden Weg wählen, nur „müßt Ihr es ſo einrichten, daß Ihr bis zum 15. Au⸗ „guſt in London eintrefft. Meine Wohnung im Weſt⸗ „End kennt Mrs. Baxton. Die noihwendigen Wechſel „erfolgen mit dieſem Schreiben. „Ihrer Schweſter, mein lieber Werner, die ich vor „einigen Tagen ſelbſt geſprochen, habe ich Ihre Bitte „mitgetheilt. Sie werden Nachrichten erhalten, ſohald „es unumgänglich nöthig iſt; eher erwarten Sie Nichts. „Ihrem Vater, der mich jetzt recht häufig beſucht, — 133 „ſchmeckt Eſſen und Trinken vortrefflich, Sie ſehen alſo „daraus, daß er ſich wohl befindet. Ihrer Frau Mut⸗ „ter ſoll es ebenfalls wohlergehn, Sophie iſt ein En⸗ „gel an Schönheit und Herzensgüte. Nun, meine Kinder, lebt wohl und freut Euch, „wie ich mich freue, auf unſer baldiges Wiederſehn „in England. Ich grüße Euch Beide und Mrs. Bax⸗ „ton herzlich und bleibe wie immer Euer treuer Emery Shorncliffe.“ Dieſer Brief, der nur theilweiſe im Stande war, die alten Beſorgniſſe Rachel's und Werner's zu zer⸗ ſtreuen, legte doch weſentlich zu neuen den Grund. Für Rachel war es ein Ereigniß betrübendſter Art, daß ſie ihren treuen Freund Joſeph, den ſie ſo lange ſchmerzlich vermißt, auch in England nicht ſehen ſollte, und daß er gar nach Amerika gereiſt war, ſchien ihr nicht weniger betrübend zu ſein, denn Amerika ſchwebte ihr wie eine andere Welt im Geiſte vor, und die Ge⸗ fahren, die ſich vor ihren Augen auf dieſer Reiſe er⸗ zeugten, waren ſo ungeheuerlicher Art, daß ſie beinahe verzweifelt hätte, Joſeph jemals wiederzuſehen, wenn Mrs. Baxton und Werner ſie nicht getröſtet und be⸗ ruhigt hätten. 134 Für Werner dagegen war in dem Schreiben des Lords viel Seltſames und Zweideutiges enthalten. Er ſprach ſo einſylbig von den Verhältniſſen in Bren⸗ kowitz und mit ſo geheimnißvoller Vorſichtigkeit von ſeinen Verwandten, daß Werner auch ſeinerſeits hier ernſtlich etwas gefürchtet hätte, wäre Rachel in dieſem Punkte nicht wieder ſeine Tröſterin geworden. Vorzüglich aber erſchien ihm der Umſtand, daß der Lord noch immer nicht ſeine Mutter geſehen, die doch gewiß würdig war, von einem ſo edlen Manne gekannt zu ſein, um ſo räthſelhafter, da der Lord, wenn ſein Vater ihn in Downs⸗Caſtle häufig beſuchte, dieſen Beſuch doch nothwendig in Brenkowitz erwi⸗ dern mußte. Grübelnd wandte der gute Werner den Brief hin und her, aber ſo viel er grübelte, er konnte nicht erſpähen, was er ſuchte, und vor allen Dingen konnte er nicht ahnen, daß des Lords Schweigſamkeit von einer edlen Abſicht eingegeben war, da Werner's Einweihung in die Ereigniſſe auf Brenkowitz Nieman⸗ dem helfen, er ſelbſt aber dadurch nur in Unruhe ver⸗ ſetzt und in ſeinem ſchönen Vorſatze, in der Welt ſich als ſelbſtändiger Mann irgend eine Stellung zu er⸗ ringen, geſtört oder wohl gänzlich verhindert werden konnte.⸗ So mußte er ſich denn beſcheiden, ruhig dbzuwar 1 135 ten, bis es, wie der Lord ſchrieb, in Brenkowitz un⸗ umgänglich nothwendig geworden wäre, an ihn zu ſchreiben, und da er nichts Uebleres beſorgen konnte, als höchſtens eine vorübergehende Krankheit der Sei⸗ nigen, er jetzt aber wußte, daß ſie ſich Alle wohl be⸗ fanden, ſo wurde er bald wieder heiter, wie es bei ſeinem jugendlich ſpannkräftigen Herzen ſo natürlich war. Schnell wurden daher alle Verhältniſſe in Wien abgewickelt, Abſchied von den redlichen Freunden ge⸗ nommen und die Zurüſtungen zur Reiſe begonnen, die, wie der reiche Wechſel des Engländers es geſtat⸗ tete, in einem weiten und ſchönen Umwege durch Ty⸗ rol, den Rhein hinauf und über Oſtende nach London angetreten werden ſollte, was auch in ſpäteſtens acht Tagen nach Empfang des gemeldeten Briefes geſchah. —B Sechſtes Anpitel. Auch der Ruhm iſt oft von Schmerzen begleitet. Es giebt wohl kaum etwas Schöneres im Leben, und im ſpäteſten Alter erinnern wir uns noch mit einem heiligen Schauer des ſeligſten Entzückens daran, als in den Tagen unſrer glücklichſten Jugend, wenn die Knospe der Liebe ſich noch nicht ganz entfaltet hat und wir in ahnungsvoller Sehnſucht uns der ſüßeſten Hoffnung des Lebens hingeben, mit der Ge⸗ liebten unſrer Seele eine ſchöne Reiſe zurückzulegen, die Wunder Gottes aus nächſter Nähe zu ſchauen, über Berg und Thal zu ſchweifen, über Ströme zu ſetzen und dabei den wonnigen Athem der Schöpfung in vollen Zügen einzuſaugen. In ſolchen ſeligen Tagen giebt es keinen Schmerz für uns auf der Erde, die uns nur ihr lachendes 3 Antlitz zeigt, der Quell der Thränen iſt verſiegt 18d nur der Born 137 der reinſten Freude ſtrömt uns jeden Augenblick die lauterſten Wonnen zu. O, wer ſo ewig dahin wallen könnte durch blühende Ebenen, ewig auf den hochra⸗ genden Berggipfeln ſtehen und die tief unter ſich ſchlummernde Sorge vergeſſen, wer ewig dieſe unge⸗ trübte Wolluſt genießen und an die Vergangenheit nur wie an einen trüben Traum denken, auf die Zu⸗ kunft nur mit heiterer Hoffnung blicken könnte, was wäre das für ein Leben auf dieſer ſo ſchönen, ſo rei⸗ chen, ſo wunderbar mannigfaltig ausgeſtatteten Erde! Aber ach! ſolche Reiſen ſind nur ſchnell vorüberrau⸗ ſchende Lichtblitze unſres Erdendaſeins; kaum bemer⸗ ken und empfinden wir ſie, ſo ſind ſie ſchon wieder in das weite Reich der Vergangenheit verrauſcht, kaum ſprechen wir das köſtliche Wort: Ach, wenn es doch immer ſo wäre! ſo iſt es ſchon geweſen, was war und iſt, ſo ſind wir ſchon wieder an die dunkle Pforte gelangt, die uns in die Schattenſeite unſres Daſeins führt. Aber darum traure nicht, o Menſch, darum zage nicht; Du biſt doch einmal, und wenn es auch nur auf Stunden war, glücklich geweſen, und die Erinnerung daran wird Dich wie ein treuer Freund, der nie von Deiner Seite weicht, Dir immer Troſt und Muth zuflüſtert, bis an das Ende Deiner Tage begleiten, das Ende, welches nur 138 der Anfang einer ewigen Jugend und eines ewigen Glückes iſt!— So glücklich, wie wir eben angedeutet, fühlten ſich Rachel und Werner, als ſie über die Felſen und Schluchten Tyrol's, als ſie den ſtolzen, ſchönen Rhein hinab, an den Burgen des Mittelalters vorbei, der Nordſee zuwandelten, um zu der beſtimmten Zeit mit ihrem Freunde in London zuſammen zu treffen. We⸗ der Rachel noch Werner hatte bis jetzt die Luſt des Reiſens kennen gelernt, denn wohin ſie auch bisher gegangen waren, immer hatte ein ernſter Zweck, die Erwartung einer neuen Schwierigkeit ihnen vor Au⸗ gen geſchwebt, und eine ſolche Erwartung, wenn ſie auch mit dem heiligen Trieb zur Arbeit und Ent⸗ wickelung unſeres innerſten Kerns verbunden iſt, ſtößt wie mit eherner Hand das reine Vergnügen, die wol⸗ kenloſe Luſt weit von uns fort. Diesmal jedoch reiſten ſie, eine Zeit wenigſtens, allein zu ihrem Vergnügen; ſie ſahen, um zu genießen, ſie genoſſen, um ſich daran zu erquicken, und ſie erquickten ſich, um ſich ihrer ge⸗ genſeitigen Stellung vollkommen bewußt zu werden. Hand in Hand gelegt, Auge in Auge ſenkend, und wiſſend, daß nur ein Herz für das andere ſchlug, ohne dieſes Herzens Schlag dämpfen zu müſſen, ſo überſchritten ſie Berge, Thäler und Ströme, und ihr 139 Leben war ſelbſt nur ein Strom, der keine Klippen und Untiefen, keine ungünſtigen Winde und Nebel hatte, über dem der gütige Himmel allein ſich blau und rein wölbte und in deſſen kryſtallener Tiefe ſich das Weh der Welt wie ein unbemerkbarer Kieſel verlor. So gelangten ſie überaus glücklich in Geſellſchaft der treuen Mrs. Baxton und ihres engliſchen Dieners ſchon am erſten Auguſt nach Oſtende, und erſt hier wachten ſie aus ihrem ſorgloſen Schlummer auf, denn erſt hier dachten ſie wieder daran, daß die Arbeit von Neuem beginne, die aber glücklicherweiſe zugleich auch ihre Luſt war. In Oſtende war eine auserwählte Badegeſellſchaft verſammelt, und eine ſolche iſt immer dankbar, wenn ihr ein geiſtiger Genuß geboten wird. Als man hörte, daß ein Künſtlerpaar angekommen ſei, um nach England zu gehen, bemühte man ſich, daſſelbe zu veranlaſſen, eine Probe ſeiner Kunſt abzu⸗ legen, und dieſe Probe ſiel ſo günſtig aus, daß Rachel und Werner einen Triumph mehr mit über den Ca⸗ nal trugen, der das Feſtland Europa’s von den bri⸗ tiſchen Inſeln trennt. Von Beifall überſchüttet, von allgemeiner Theilnahme erhoben, ſchifften ſie ſich am 12. Auguſt ein und ſchon zwei Tage ſpäter ſaßen ſie in der herrlichen Behauſung des reichen Lords, in der ſie Alles zu ihrem Empfange bereit fanden. 140 Lord Shorneliffe ſelbſt traf pünktlich, wie er es geſagt, erſt am 15. Auguſt ein, und wahrhaft rüh⸗ rend war die Freude, mit der ſich gegenſeitig der edle Mann und die beiden jungen Leute nach ſo langer Trennung begrüßten. Wiederholt drückte er Beide an ſein Herz, das nur für Menſchenwohl und Glück ſchlug, denn ihm war dabei zu Muthe, als hätte er in jedem von ihnen ſein eigenes Kind wiedergefun⸗ den, das ihm das Schickſal bisher vorenthalten hatte. Nachdem die erſten lebhaften Begrüßungen vorüber waren und man ſich geſammelt und wieder in der Gegenwart zurecht gefunden hatte, betrachtete der Lord mit durchdringendem Prüfungsblick die Miene der jungen Leute, und Alles an ihnen verkündete ihm, daß ſie ſeiner Liebe und Sorge werth geweſen waren. Das war auch ihm ein großer Triumph, und wiederholt und mit ſtillem Entzücken hing ſein Auge an der ſchönen Geſtalt, dem geiſtreichen Geſichte Ra⸗ chel's, die ſich wunderbar vortheilhaft entwickelt hatte. Als er aber dann auf Werner ſchaute, trübte ſich ſeine Stirn mit einer Wolke der Wehmuth, und ein ſtiller Seufzer entſchlüpfte ſeiner Bruſt, wenn er be⸗ dachte, daß dem jungen, fröhlichen, heiter ſtrebenden Manne bald ein ernſtes Erwachen aus dieſem Ju⸗ gendtraume bevorſtände. 1 141 Werner von Haldrungen mochte eine Ahnung von dieſem ihm bevorſtehenden Schickſale haben, denn auch er ſtudirte aufmerkſam die Miene des Engländers, der bei ihm ſeit längerer Zeit ſchon ſo großmüthig die Stelle eines zärtlichen Vaters vertreten hatte, der ihm in Wirklichkeit leider nicht zu Theil geworden war. Der Lord ſchien im Ganzen unverändert, ſeine hohe Geſtalt bewegte ſich mit derſelben ſtolzen Haltung und feſten Würde, ſein Haar war noch immer rein blond und üppig, ſein Geſicht noch immer friſch und klar, aber dennoch lag in ſeinem ganzen Weſen eine ge⸗ wiſſe hingebende Milde, die Werner früher nicht be⸗ merkt zu haben glaubte, ſein blaues Auge hüllte ſiche oft in die Wolke ſchwermüthigen Nachdenkens, und um ſeinen Mund ſpielte unwillkürlich ein Zug der Wehmuth, der Erwartung, als ob er insgeheim be⸗ fürchte, die Hoffnung eines ganzen Lebens könnte denn doch noch zuletzt an einer unvermutheten Felſen⸗ klippe ſcheitern. Schnell aber flogen ſolche Züge, wie Wolken, die flüchtig den Glanz der Sonne verdun⸗ keln, vorüber und wieder klar und rein wie vorher trat ſein wohlwollendes Lächeln hervor, das jeden Menſchen, der ihn ſah, für ihn einnehmen mußte. Nach längerer Beobachtung aber fand Werner, daß ſein väterlicher Freund ernſter, ſtiller und nachdenk⸗ 142 licher als gewöhnlich war, daß er gewiſſermaßen voll innerer Spannung erſchien, wie wenn er alle ſeine Kräfte zuſammenraffte, um mit geſammelter Energie in einem gewaltigen Sprunge auf ein unbeſtimmtes Ziel loszuſtürzen. Daß etwas Wahres in dieſer Beobachtung lag, ſollte Werner noch am erſten Abende klar werden, denn als der Lord ſich von Rachel und Mrs. Baxton gegen zehn Uhr verabſchiedete, gab er Werner einen Wink, den derſelbe ſogleich verſtand und ihm auf ſein Zimmer folgte, das weitab von den Gemächern der Frrauen gelegen war. „So ſind wir denn wieder allein bei einander,“ begann der Lord das Geſpräch, nachdem ſie auf zwei Seſſeln am Kamin Platz genommen hatten, in dem eine gelinde Gluth das große Gemach angenehm er⸗ wärmte,„ſo ſitzen wir uns gegenüber und ſchauen uns in die lange nicht geſehenen Geſichter. Ich bin mit Ihrem Ausſehen zufrieden, Werner.“ „Rachel ſieht noch beſſer aus, Mylord.“ „Laſſen Sie uns erſt von uns ſelber ſprechen, Rachel trifft nachher die Reihe. Ihre Mutter und Ihre Schweſter werden ſich freuen, wie ich mich ge⸗ freut habe, wenn ſie Sie ſo wohlbehalten am Sihluſſe dieſes Jahres zurückkehren ſehen.“ 143 „Ich hoffe es, Mylord, und auch ich ſehne mich von ganzem Herzen nach ihnen. Warum aber mögen ſie mir ſo lange nicht geſchrieben haben?“ „O, dazu haben ſie vielleicht irgend einen Grund A oder auch keinen gehabt. Man glaubt oft, wenn Briefe ausbleiben, die man mit Spannung erwartet, daß ein Mißgeſchick die Ankunft derſelben verzögert, und ſehr oft täuſcht man ſich darin, da man die Zu⸗ fälle nicht in Anſchlag bringt, die dieſe Zögerung 8 veranlaſſen.“ 35 „Eben dieſe Zufälle beängſtigen mich.“ „Ich habe Sie ja ſchon durch mein letztes Schrei⸗ ben beruhigt, Werner. Die Ihrigen ſind alle wohl, nur von Ihrer Tante weiß ich ſehr wenig.“ „Die liegt mir auch am leichteſten auf dem Her⸗ zen. Sie haben mich allerdings— wenigſtens zu beruhigen verſucht, allein— um offen zu reden— mir iſt es vorgekommen, als hätten Sie nur die gu⸗ ten Worte gewählt, um die böſen zu vermeiden, gleichſam als wollten Sie Balſam auf eine ſchmer⸗ zende Wunde gießen.“ Der Lord gab ſich Mühe zu lächeln, aber es ge⸗ lang ihm nicht, er wurde ſogar noch ernſter, da er der Beobachtungsgabe des jungen Mannes Anerken⸗ nung zollen mußte.„Sie mögen in mancher Bezie⸗ 144 hung nicht ganz Unrecht haben,“ ſagte er dann,„denn wo in der Welt gäbe es Verhältniſſe, in denen ſich nicht, wie das Unkraut unter die Frucht des Feldes, ſo die Sorge unter das Glück miſchte?— Ich habe in der letzten Zeit Ihren Vater recht oft geſehen.“ „Ah, mein Vater! Ja, laſſen Sie uns von dem ſprechen. Wie lebt er, was treibt er?“ Der Lord zögerte einen Augenblick mit der Ant⸗ wort, als beſänne er ſich, ob er die Wahrheit auf einen Schlag herausbringen ſolle, aber er bezwang ſich und ſagte endlich:„Er lebt und treibt es, wie er es ſeit Jahren getrieben hat— Sie kennen ja ſeine Liebhabereien.“ „Ach ja! Meine arme Mutter! Sie lebt in kei⸗ ner glücklichen Ehe, Mylord.“ Der Lord erröthete, faſt wie ein Knabe, dem man von ſeinem zerbrochenen Weltall ſpricht. Er warf einen Gluthblick auf Werner's Antlitz und wollte eben etwas ſagen, als Werner fortfuhr: „Sie ſehen alſo meinen Vater recht oft? Beſuchte er Sie oder beſuchten Sie ihn?“ „Er beſuchte mich.“ „Aber wie kam es dann, daß Sie ihn nicht wie⸗ der beſuchten? Sie würden in meiner Mutter eine — 145 vortreffliche und liebenswürdige Frau kennen gelernt haben.“ 8 Der Lord huſtete und hielt ſich dabei die Händ vor’s Geſicht.„Das glaube ich wohl,“ ſtotterte er. „Aber— wie das kam— weiß ich eigentlich ſelbſt nicht. Ach, ich habe ſo lange Jahre entfernt vom weiblichen Umgange gelebt, daß ich faſt das Geſchick verloren habe, mit ihnen zu verkehren. Nennen Sie es eine Art Spleen, der mich das weibliche Geſchlecht vermeiden läßt.“ „Aber Sie haben doch Sophien bisweilen ge⸗ ſprochen?“ „Ja, dieſe Annehmlichkeit iſt mir öfters zu Theil geworden, aber nur zufällig. Ich ritt beinahe täg⸗ lich in der Umgegend von Brenkowitz umher und da begegnete ich ihr von Zeit zu Zeit.“ „Sie fanden ſie alſo liebenswürdig?“. „Wenn Ihre Frau Mutter ihr gleicht, muß ſie ein Engel an Güte und Liebreiz ſein.“ „O das iſt ſie, das iſt ſie, Mylord. Oft ſchon habe ich mich gewundert, wie zwei Perſonen, die nicht blutsverwandt ſind, eine ſo große Aehnlichkeit in ihrem äußeren und inneren Weſen aufweiſen können.“ „Das kommt von der Erziehung her; Ihre Schwe⸗ 10 Emery Glandon. III. 146 ſter iſt unter den Augen und Händen Ihrer Mutter aufgewachſen.“ „So erkläre ich mir es auch.“ „Da wir von den Damen ſprechen, fällt mir wie⸗ der Rachel ein. Sie haben natürlich das Verſprechen gehalten, welches Sie mir in Bezug auf ſie gaben?“ V „Ja, Mylord; inſofern wenigſtens, als ich mich von aller Liebelei fern gehalten habe, die Sie nicht lieben und vor der Sie mich warnten. Dennoch aber habe ich nicht umhin gekonnt, ſie jede Stunde in mein Herz blicken zu laſſen, und in Prag ſogar, auf den Gräbern der Vorfahren des einſt ſo armen 3 und elenden Kindes, haben unſere Seelen ſich für alle Zeit, wenigſtens in Hoffnung, verbunden. Wenn ich damit ein Unrecht begangen habe, ſo ſagen Sie es mir.“* „Nein, damit bin ich einverſtanden und ich hege die Zuverſicht, daß Ihre Hoffnungen nicht unerfüllt bleiben werden. Sie haben als rechtſchaffener Mann gegen dieſes Mädchen gehandelt und damit meinen Erwartungen entſprochen. Jetzt begeben Sie ſich zur Ruhe und von morgen an werde ich beginnen, Ihnen und Rachel in dieſer großen Stadt ein Piedeſtal zu bauen, auf dem Euer Ruf für alle Zeiten feſt be⸗ gründet ruht.— Harry!“ 147 Der mit der Glocke und der Stimme gerufene Diener erſchien und erhielt den Befehl, den Herrn Baron in ſein Zimmer führen zu laſſen. Werner, von dem voranleuchtenden Diener ge⸗ leitet, trat in ſeine Wohnung ein. Es waren ihm dazu von dem heutigen Tage an zwei Zimmer ange⸗ wieſen, die dicht neben einander lagen und ein, bei Abend wenigſtens, etwas düſteres Anſehen hatten. Beide Gemächer waren groß, hoch und tief und von ungeheuren Wänden umſchloſſen, deren Dicke in den Fenſterniſchen mindeſtens fünf Fuß betrug. Dieſe Wände waren innerhalb' des Zimmers mit koſtbar ausgelegtem Holzgetäfel bekleidet, und vor den Fen⸗ ſtern hingen mächtige Vorhänge von dunklem ſchwer⸗ ſeidenen Stoff bis auf den Fußboden herab. Das Bett war ſo hoch und breit, wie Werner noch nie eins geſehen, und von ähnlichen Vorhängen beſchattet. Es waren dies dieſelben Gemächer, in denen vor we⸗ nigen Tagen noch Joſeph Sohn gewohnt hatte, was, wenn er es gewußt hätte, gewiß einen beruhigenden Einfluß auf den ſo leicht erregbaren Werner geübt haben würde. So aber kam ihm ſeine neue Woh⸗ nung in Shorneliffe⸗Palace düſter, faſt unheimlich vor und er konnte ſich kaum entſchließen, ſich hinter die dunklen Bettvorhänge zu begeben, da ihm zu 10* 148 Muthe war, als müßte ihm auf dieſem Lager etwas Grauenvolles begegnen. Endlich aber, nachdem er ſich lange in allen Winkeln und Ecken umgeſchaut und auf und ab ge⸗ hend Alles noch einmal überdacht hatte, was ihm im Laufe der letzten Jahre begegnet war, empfand er einige Müdigkeit, und ſo überwand er ſein Vorurtheil und legte ſich getroſt nieder. Er fand ſich köſtlich und ungemein bequem gebettet, und die Beſorgniß, es werde ihm auf dieſem weichen Lager zu heiß wer⸗ den, beſtätigte ſich nicht, denn die ſchwüle Auguſtluft drang nicht durch die dicken Steinmauern des alten Schloſſes und die Temperatur war innerhalb deſſelben ſogar ziemlich kühl. Dennoch dauerte es lange, ehe er einſchlafen konnte, und immer wieder von Neuem beängſtigte ihn das Gefühl, als läge ein dumpfer Druck auf ſeinem Herzen, und er konnte das tief⸗ ernſte, wehmüthige und doch ſo wohlwollend blik⸗ kende Geſicht ſeines Wirthes nicht loswerden, wie es ihm kurz vorher während des Geſpräches über ſeine Heimat vor Augen geſtanden hatte. Endlich jedoch bemächtigte ſich ſeiner der Schlaf, allein wahrſcheinlich in Folge der ungewohnten Ein⸗ drücke, die er in der letzten Zeit und namentlich am letzten Tage in ſo ungewöhnlich reicher Fülle erhalten, —.* fühlte er ſich bald von einem düſteren Traume um⸗ fangen, der ſeine kurz vor dem Niederlegen gehegten Gedanken fortſetzen zu wollen ſchien. Da ſah er denn in dieſem Traume alle ſeine Verwandte und Freunde um ſich verſammelt; aber wie ſeit Jahren alle frühe⸗ ren Verhältniſſe derſelben umgewandelt, ſo waren auch die ihm bekannten Geſtalten und Geſichter völlig ver⸗ ändert. Vor Allen war es ſeine Mutter, die ſeine Aufmerkſamkeit zuerſt in Anſpruch nahm. Auf ihrem ſonſt ſo ſtillen, traurigen Geſicht lag eine unaus⸗ ſprechliche Heiterkeit; ſie bewegte ſich frei und leicht vor ihm hin und her, als hätte ſie ein angenehmes, gern gethanes Werk zu vollbringen. In ähnlicher glücklicher Lage erſchien ihm auch ſeine Schweſter, was er eben ſo wenig begreifen konnte, denn anſtatt daß ſie die Trennung von Joſeph trüb und kummer⸗ voll hätte ſtimmen ſollen, wie der Schläfer meinte, lächelte ſie ſo ſüß und freudig, wie nur eine glück⸗ liche Braut lächeln kann, und prangte überdieß in einer ſo glänzenden Jugendfriſche, wie er ſie nie an ihr bemerkt zu haben ſich erinnerte. Dagegen peinigte ihn ungemein der Anblick ſei⸗ ner Tante Sibylle, die, zur Mumie vertrocknet, gelb und mit eingefallenen Wangen, ihm ihre dürren nackten Arme flehend entgegenſtreckte, als hätte ſie 150 von ihm die Erfüllung irgend eines wichtigen Wun⸗ ſches zu erbitten. Neben ihr, wie ein Schatten hin und her ſchwebend, trat ſein Vater auf, im zerrütte⸗ ten Hauskleide, bleich, abgemagert und in Zügen und Haltung ſeiner Schweſter Sibylle wunderbar ähnlich, wie ſie vor Jahren im Hauſe wirklich erſchienen war. Zwiſchen dieſen auf und nieder wankenden Ge⸗ ſtalten, die ſich alle ſo dicht wie möglich um Werner drängten, bewegte ſich leicht, aber gebieteriſch, die Ge⸗ ſtalt des Lords; ſein Geſicht war bleich, jedoch heiter, warm belebt, und ſeine Miene trug einen triumphi⸗ renden Ausdruck zur Schau, als wäre ihm ein großes und bedeutſames Experiment geglückt. Dann aber, dicht hinter ihm, und auf ihr verweilte Werner's ge⸗ blendetes Auge mit einer Art frohlockenden Entzückens, ſchwebte Rachel hin und her, mit glücklichen, von Liebe und Zufriedenheit ſtrahlenden Mienen, den Fin⸗ ger auf die roſige Lippe gedrückt, mit ihren funkeln⸗ ddeen Augen auf einen Vorhang im Hintergrunde des Zimmers deutend, als ob ein glückſeliges Geheimniß hinter demſelben verborgen wäre, was Werner jedoch trotz aller Mühe, die er ſich gab, nicht durchſchauen konnte. Aber dennoch hatte er das Bewußtſein, als müſſe der Vorhang eine befreundete Geſtalt verhüllen, und als er ſich dies geſagt, verrieth ihm ſein Herz, 151 daß es nur Joſeph ſein könne. Plötzlich, indem er ſeine Sehkraft noch mehr anſtrengte, um durch die Falten des Vorhanges zu dringen, erhob ſich ein jäher Wirbelwind und drehte Alles bunt durch einander, wie ſich die Luft im Nebelchaos dreht, ehe ſie ſich zum klaren Bilde der Fata Morgana geſtaltet. Dann ſchien ein Gewitter aus der Ferne heraufzuziehen, das ſchnell näher und näher kam. Schwarze, ſeltſam ge⸗ ſtaltete Wolken ſtürzten gleich umgeworfenen Bergen über einander, die Blitze ſprühten wild umher und der Donner krachte, als wollte zer das Weltall zer⸗ ſchmettern. Dabei fing die Erde an zu beben und das Haus, worin Werner ſchlief, begann ſich in ſei⸗ nen Grundfeſten zu rütteln. Werner erfaßte eine un⸗ geheure Angſt, er wollte ſich retten, flüchten, aber er konnte nicht von der Stelle kommen. Immer mehr und mehr ſtrengte er ſich an, wenigſtens um Hülfe herbeizurufen, aber auch die Stimme verſagte ihm den Dienſt und ſo ergab er ſich angſtvoll, niederge⸗ beugt, ſtill gefaßt ſeinem traurigen Geſchick, bis er einen bleichen Nebel auf das Ganze vor ihm ſich ſenken ſah, aus dem plötzlich wieder Rachel's Augen, wie funkelnde Sterne, liebevoll ihn anblickten und ihr Finger ſich wieder feſter auf die geheimnißvolle Lippe drückte, als wolle ſie ihm andeuten, daß ſie über ihn 152 wache, daß er ſich nicht fürchten ſolle, daß ſie ihn retten werde. So weit war der Traum gediehen, als Werner, mit Gewalt ſich aufraffend, die Feſſeln des Schlafes brach und, laut aufſchreiend, in Angſtſchweiß gebadet, erwachte, um nun erſt, zum Bewußtſein gelangt, das Grauen abzuſchütteln, das ihn umfangen hielt. Es war dunkle Nacht rings um ihn her. Er griff nach dem Nachtlichte, das dicht neben ihm auf einem Tiſche ſtand, zündete es raſch an und ſprang dann aus dem Bette, um ſich auf⸗ und abgehend von ſei⸗ nem Traume zu erholen, ihn noch einmal zu durch⸗ denken und endlich zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß aller Schrecken nur Wahn und Täuſchung gewe⸗ ſen ſei, ein Gebilde des lebendigen aber gefeſſelten Geiſtes, durch Einflüſſe bedingt und hervorgerufen, die wir nie ganz ergründen und begreifen werden. Als er ſich das wiederholt ſelbſt geſagt und damit endlich beruhigt hatte, legte er ſich abermals nieder und fiel bald darauf in einen tiefen und überaus ſüßen Schlaf, aus dem er erſt erwachte, als ſchon lange der Tag angebrochen war und die heitere Mor⸗ genſonne goldene Strahlen durch die blutrothen Vor⸗ hänge warf. Werner erhob ſich, fühlte ſich außeror⸗ dentlich gelabt und wunderbar beruhigt, trotzdem er ——. — 153 ſich bewußt war, was er Schreckliches geträumt und gleichſam in einem Zauberſpiegel während der Nacht erblickt hatte. Nachdem er ſich angekleidet, trat er an's Fenſter, zog die Vorhänge zurück und ſah zu ſeiner Verwunderung in einen ſchönen, grünen Park mit prachtvollen Bäumen, geſchlängelten Wegen und herrlichen Blumen hinab, deren Duft er mit Wolluſt einſog, nachdem er den großen Fenſterflügel geöffnet hatte. Jenſeits des weithin reichenden Parkes lagerte ein trüber Nebel über der Ferne, den kaum die Strah⸗ len der Morgenſonne bemeiſtern konnten, und aus dieſem Nebel hervor ließ ſich ein dumpf ſummendes Geräuſch vernehmen, wie man es hört, wenn man in abgelegener Stille aus der Ferne das Treiben einer großen Stadt, ähnlich dem fernen Wogen der See, murmeln hört. Und ſo war es auch, denn das ge⸗ waltige Ungeheuer, der koloſſale Rieſe, die Stadt London, war aus ihrem Schlummer erwacht, lebendig regten und bewegten ſich auf und ab ihre Tauſende von Lebensrädern, und ein Summen und Dröhnen, das von Augenblick zu Augenblick an Umfang und Stärke wuchs, machte ſich bemerklich, wie Werner es noch nie vernommen hatte. Von dem neuen mächtigen Eindrucke bewältigt und ſich des Grundes deſſelben bewußt werdend, ſtand 154 Werner eine geraume Zeit am Fenſter, als ſich hin⸗ ter ihm die Thür öffnete und der Lord eintrat, um ſeinem jungen Gaſt einen guten Morgen zu bieten. Erſtaunt fuhr dieſer zurück, als er das Antlitz des edlen Mannes ſah, denn es trug in jedem einzelnen Zuge denſelben Ausdruck, wie ihn Werner im Traume vor Augen gehabt. Der Lord, der ſeine Erſchütterung bemerkte, fragte ihn nach dem Grunde derſelben und hörte dann aufmerkſam und ſichtbar betroffen die Er⸗ zählung ſeines Gaſtes an. Dann aber ſein ſinnen⸗ des Geſicht in eine freundlichere Miene kleidend, be⸗ ruhigte er Werner durch tröſtenden Zuſpruch indem er ſagte: „Kommen Sie, mein junger Freund, und vergeſ⸗ ſen Sie dieſes ſeltſame Traumgeſicht. Wenn ich ge⸗ wußt hätte, daß dieſes ſchöne und uralte Zimmer, in dem noch vor wenigen Tagen unſer guter Joſeph ſich ſo glücklich gefühlt, wie er mir ſchrieb, einen ſolchen Eindruck auf Sie üben würde, ſo hätte ich Sie in ein kleineres und traulicheres Gemach betten laſſen. Aber Sie haben doch ſchon die vorige Nacht hier ge⸗ ſchlafen und es iſt Ihnen nichts im Traume er⸗ ſchienen?“ „um Vergebung, Mylord, ich ſchlief hier heute ———y—ʒ— — 155 zum erſten Mal, denn geſtern habe ich ein andres Zimmer bewohnt.“ „Ah ja, ich erinnere mich, ich wollte Sie in mei⸗ ner Nähe haben und ſo gab ich Befehl dazu, Ihnen dies Zimmer anzuweiſen, in dem bis jetzt alle Gäſte der Shorncliffes geſchlafen haben, denen wir Ehre erweiſen zu müſſen glaubten und die wir liebten.“ „So ehren und lieben Sie mich alſo auch?“ fragte Werner überraſcht. „Aufrichtig, mein Freund, ich ehre und liebe Sie— wirklich wie einen Sohn und hoffe Ihnen das künftig noch genügend beweiſen zu können. Sie haben eine Prüfung beſtanden, die in meinen Augen nur ein edles Herz beſtehen konnte. Jetzt genug davon. Kom⸗ men Sie und frühſtücken Sie mit mir, dann aber wollen wir uns in den Muſikſaal begeben, um zu erfahren, ob Sie auch da Ihre Prüfung ſo wohl be⸗ ſtehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren, ich muß bald für Rachel und Sie thun, was ich thun will, denn mich rufen Geſchäfte wieder nach der Oſtſee zu⸗ rück. Wohlan denn, folgen Sie mir.“— Bald nach dem Lord und Werner fand ſich auch Rachel im Muſikſaal ein und einige Stunden ſpäter erklärte der Erſtere, daß er es für ſeine Schuldigkeit 156 halte, die Ariſtokratie London's auf einen hohen Ge⸗ nuß vorzubereiten, denn Rachel ſowohl wie Werner ſeien im Stande, die Köpfe aller Muſikliebhaber vor Entzücken wirbeln zu machen. So begannen denn die Vorbereitungen in ſeinem Hauſe zu einem großen muſikaliſchen Feſte, und ſchon in den nächſten Tagen war in den Räumen deſſelben eine Geſellſchaft verſammelt, wie man ſie ſelten an einem Orte vereinigt ſieht; Alles was die Muſik liebte, kannte und die Künſtler ſelbſt zu ehren verſtand, war anweſend, um ohne Widerſpruch den Ruf des jungen Künſtlerpaares zu einem allgemeinen zu erheben. Lord Shorneliffe hatte ſich in ſeinen Berechnungen nicht getäuſcht, und demgemäß entſprachen ſeine Ver⸗ heißungen den kühnſten Erwartungen Rachel's und Werners. Schon wenige Tage nachher begann eine Reihe von Einladungen über ſie hereinzuſtrömen, die ganz dazu geeignet waren, auch das von denſelben ausgeſchloſſene Publicum auf die Künſtler aufmerkſam zu machen. Und als nun nach einigen Wochen das erſte öffentliche Concert einen Sturm allgemeiner Be⸗ wunderung erregte, alle Zeitungen von ihrem Lobe wie überfluthete Bäche überfloſſen, da hielt der Lord ihre Zukunft für geſichert und er trat eines Tages zu ihnen und ſagte: — 157 „Nun kann ich wieder gehen, Kinder, und es iſt für mich die höchſte Zeit dazu, wenn ich erfüllen will, was ich zu erfüllen beabſichtige, und an Anderen meine Pflicht thue, wie ih ſie an Euch gethan. Bleibet noch eine Zeit in London, ſeid fröhlich und ſammelt Triumphe auf Triumphe. Ich hätte Euch gern nach Paris begleitet, um auch dort Zeuge des Gelingens Eurer Beſtrebungen zu ſein, aber ich habe keine Zeit dazu. Gehet alſo allein hin, ſobald Ihr hier Alles abgethan glaubt, und verſucht es, auf Euren eigenen Füßen zu ſtehen. Ueberdieß bedürft Ihr meiner Hülfe nicht mehr, Ihr ſeid ſo weit, mit Euren eigenen Schwingen zu fliegen, und Eurem Rufe in Frankreich hat England vorgearbeitet. Vergnügt Euch dabei und ſeid glücklich, das iſt mein aufrichtigſter Wunſch; nur die eine Bitte richte ich an Euch und die laſſet nicht außer Acht: auf alle Fälle macht Euch fertig, einige Tage vor Weihnachten bei mir in Dowus⸗ Caſtle einzutreffen, ich muß Euch um mich haben in den Feiertagen, die mir die liebſten ſind, denn mein Herz iſt verwaiſt und ich bedarf der Menſchen, die ich ein Recht zu lieben habe. An Joſeph habe ich die⸗ ſelbe Bitte gerichtet, ja ihm ſogar geſchrieben, ſelbſt für den Fall zu der beſtimmten Zeit zurückzukehren, daß er nicht ausgerichtet, was er auszurichten gehofft 158 hat. So werdet Ihr ihn alſo bei mir treffen und wir wollen glücklich zuſammen ſein.—“ Noch an demſelben Tage reiſte der Lord nach dem Feſtlande ab, und ſchon zwei Wochen nachher empfin⸗ gen ſie die Nachricht von ihm, daß er glücklich in Downs⸗Caſtle eingetroffen ſei und Alles in den alten Verhältniſſen vorgefunden habe. Auch ſei ein Brief von Joſeph eingelaufen, der ſeine Ankunft in New⸗ York verkünde und worin auch er verſpreche, ſo viel in ſeinen Kräften ſtehe, ſich zu beeilen, um an dem genannten Tage bei den Seinigen zu ſein.— Gegen Ende Octobers verließen Rachel und Wer⸗ ner England, um ſich nach Paris zu begeben, und hier erwartete ſie die gerechte Anerkennung, auf die ſie der Lord ſchon vorbereitet hatte. Selten war ein deutſches Künſtlerpaar mit ſolchem Enthuſiasmus in der großen Stadt aufgenommen worden, wie unſere Freunde, und der November war noch nicht ganz verſtrichen, ſo ſtrömte ihr Lob und Ruhm durch die ganze Welt, denn auch die franzöſiſchen Blätter wie⸗ derholten einſtimmig, was die engliſchen eingeleitet hatten. So rückte denn die Zeit immer näher, in welcher ſie heimzukehren beabſichtigten, und mit Sehnſucht ſahen ſie dem Tage entgegen, an welchem ſie ihre — 159 Rückreiſe antreten wollten, um zur beſtimmten Friſt in der Heimat einzutreffen. Da— und hiermit nehmen wir den abgeriſſenen Faden unſrer Erzählung wieder auf— traf ein Brief aus Brenkowitz ein, den Werner ſo lange erſehnt, der aber ſo viel Trauriges und Schmerzliches brachte, wie weder er noch Rachel für möglich gehalten hatte, und erſt aus dieſem Briefe ſah Erſterer ein, warum ihn ſeine Schweſter ſo lange vergeblich auf eine Mitthei⸗ lung von Hauſe hatte warten laſſen. Der Brief aber, den wir dem Leſer ganz mitthei⸗ len müſſen, um auch ihn in den Gang der Ereigniſſe zurückzuführen, lautete folgendermaßen: „Mein theurer Werner! Du wirſt Dich gewun⸗ „dert haben, warum ich Dich trotz Deiner oft wieder⸗ „holten Bitten ſo lange auf eine Nachricht von uns „habe warten laſſen, allein, wie die Verhältniſſe hier „ſich geſtaltet haben, mußte ich bis kurz vor Deinem „Eintreffen bei uns ſchweigen, wenn ich Dich nicht in „Deinen Unternehmungen und Beſtrebungen hätte „ſtören und Dir vorzeitigen Kummer bereiten wollen, „den Du nur mit uns zu empfinden, nicht aber ihn „zu lindern im Stande geweſen wärſt. Jetzt aber „muß ich dieſe bittre und traurige Pflicht erfüllen, „um Dich allmälig vorzubereiten auf Das, was Du 160 „hier finden wirſt, denn wenn Du es, unvermuthet „bei uns eintreffend, auf einen Schlag erfahren müß⸗ „teſt, würde Deine ganze Freude des Wiederſehens „vernichtet ſein. „Mein Gott,“ ſagte Werner zu Rachel, der er die⸗ ſen Brief vorlas,„was iſt das, Rachel? Was werde ich hören müſſen! Mir bebt das Herz vor ängſtli⸗ cher Erwartung.“ 3 „Beruhige Dich, mein Freund,“ erwiderte ſie und legte ihre ſchöne Hand liebevoll auf ſeine Schulter. „Sie leben ja Alle und Mylord ſagte wiederholt, daß ſie geſund ſeien— was kann ihnen alſo ſonſt begeg⸗ net ſein?“ „Ach, ich danke Dir, Rachel, für Deinen Troſt, aber meine Ahnung hat es mir längſt zugeflüſtert, daß in meinem elterlichen Hauſe ein Unheil waltet. Aber Muth, Muth, Rachel, was es auch ſei— wir tragen keine Schuld und ſo wollen wir den traurigen Brief zu Ende leſen.“ „Was unſer leibliches Wohl betrifft, ſo geht es „der Mutter und mir wenigſtens, trotz aller ausge⸗ „ſtandenen Sorgen und Kümmerniſſe, nach Wunſch, „denn nie ſind wir von einem körperlichen Schmerze „oder irgend einer eigentlichen Krankheit heimgeſucht „worden. Der Vater aber, ach der Vater!— ſiecht —— 161 „ſichtbar dahin, weil er— hier haſt Du das ganze „unſelige Geheimniß— ein Opfer ſeiner Leidenſchaft „geworden iſt und ſein Körper unter den Einflüſſen „ſeines fieberhaft aufgeregten Geiſtes ſteht. Du wirſt „wiſſen— o ſchon lange weißt Du es— daß unſer „Vater mehr außer, als im Hauſe lebte. Wir hatten „uns daran gewöhnt, ohne den eigentlichen Grund „ſeiner häufigen Abweſenheiten zu kennen. Jetzt iſt „Alles klar und wir wiſſen, was ihn ohne Ruh von „Haus und Hof trieb. Er hat ſich rettungslos der „Leidenſchaft des Spiels ergeben— erſt im Geheimen, „dann immer öffentlicher und dreiſter, bis es zuletzt „jeder Stallknecht wußte, daß er an allen Orten, wo⸗ „hin er ging, ſich der dämoniſchen Wuth überließ, „ſeine Beſitzthümer den Händen ſeiner Freunde und „Genoſſen zu überliefern. Wir erfuhren dieſe trauri⸗ „gen Umſtände erſt nach und nach durch das Gerücht, „deſſen Ueberbringer eines Abends der treue Valentin „war, der es endlich für ſeine Schuldigkeit hielt, uns „über das Bevorſtehende aufzuklären. Obgleich wir cheftig darüber erſchraken, ſo konnten wir unmöglich „Alles glauben, aber allmälig verbreitete ſich das Ge⸗ „rücht auch zu anderen Ohren, und andere Lippen „wiederholten Valentin's Ausſage. Endlich aber wurde „es uns auf eine ſchreckliche Art klar, da verſchiedene Emery Glandon. III. 11 162 „Gläubiger ſich bei unſrer Mutter meldeten und Sum⸗ „men in Anſpruch nahmen, die Keins von uns in „Beſitz hatte. Mutter ſprach mit Tante Sibyllle, dieſe „entledigte ſich ihrer Galle beim Vater, und nun er⸗ „folgten einige entſetzliche Scenen, denen nicht beige⸗ „wohnt zu haben, Du Dich glücklich ſchätzen kannſt. „Mit einem Wort, denn was ſoll ich unſer Elend mit „einer langen Betrachtung beleuchten, die nichts än⸗ „dert, nichts beſſert, endlich war es ſo weit gekommen, „daß uns verſchiedene Hypotheken gekündigt wurden, „die auf dem Gute ſtanden, und ſo kam es zuletzt zu „Tage, daß uns nur Wenig von Dem gehörte, was „wir das Unſrige zu nennen gewohnt waren.— Um „dieſe Zeit bemächtigte ſich auf eine uns noch immer „räthſelhafte Weiſe Lord Shorncliffe unſers Vaters; „er lud ihn häufig zu ſich ein und, wie wir zu un⸗ „ſerm größten Staunen vernahmen, ſoll das Spiel „auch in Downs⸗Caſtle die einzige Unterhaltung der „beiden Männer ſein. Urtheile über dieſe ſonderbare „Mittheilung nicht zu früh, Werner— der Lord, den „wir ſo hoch achten und lieben gelernt hatten, da er „den Unſrigen ſo oft und vielfach ſeine hülfreiche Hand „gereicht, iſt uns ein unlösbares Räthſel, und unſere „Mutter, die ſtets nur mit großer Achtung von ihm „ſprach, weil ſie ihn nach Dem beurtheilt, was ſie von 163 „uns über⸗ ihn erfuhr— denn geſehen hat ſie ihn „merkwürdiger Weiſe niemals— iſt in ein trübes „Schweigen über ihn verfallen, ſeitdem unſer Vater „ganz gegen ſeine frühere Gewohnheit ihm die größ⸗ „ten Lobſprüche ertheilt. O, mein theurer Bruder, „welche Räthſel umhüllen die Menſchen auf Erden „und wie werden ſich dieſe Räthſel einſt löſen! „Ich hatte bisweilen Gelegenheit, den Lord zu „ſprechen, denn er begegnete mir wohl zu Pferde, wenn „ich einſam und traurig meinen Spaziergang am „Bache entlang unternahm. Stets fragte er mich mit „gütiger Miene nach meinem Befinden und theilte „mir mit, was er von Euch und Joſeph— ach, „meinem theuren, theuren Joſeph— wußte. Endlich „einmal, als er mich nach der Urſache des Kummers „fragte, der, wie er ſagte, auf meinem Geſichte läge, „ſagte ich ihm geradezu, daß wir um unſern Vater „in Sorge ſeien. Da hätteſt Du ſein Geſicht ſehen „ſollen, Werner, ich werde es nie vergeſſen. Er wurde „bleich, und ſichtbar erſtaunt haftete ſein redliches „blaues Auge auf mir. Sorgen Sie nicht, ſagte er „endlich, und am wenigſten denken Sie von mir Ueb⸗ „les in Bezug auf Ihren Vater. Es wird Alles einſt „an das Licht des Tages kommen und Sie werden „finden, daß Ihr Vater beſſer bei mir als bei jedem 11* 164 „Andren aufgehoben war. Sodann fügte er hinzu „und beinahe inſtändigſt bat er mich darum, Dir nicht „eher von den Vorfällen in unſrem Hauſe zu ſchrei⸗ „ben, als bis Du entſchloſſen ſei'ſt, zu uns zurückzu⸗ „kehren. Die traurigen Nachrichten, die wir Dir nur „geben könnten, würden Dich unnöthiger Weiſe be⸗ „trüben und aufregen und Dich in Deinem künſtleri⸗ „ſchen Beſtreben ſtören, Du würdeſt unruhig werden, „und die Unruhe hebe das durchaus nöthige Gleich⸗ „gewicht der Seele für das geiſtige Streben auf. Ich „fand viel Wahres in dieſem Rathe und auch unſre „gute Mutter billigte ihn, obgleich ſie ſo wenig wie „ich bis jetzt begreifen konnte, warum unſer Vater „bei ihm beſſer aufgehoben ſein ſollte, als bei jedem „Anderen. Wir wurden irre an ihm und ſuchten ihn „zu vermeiden, ſo oft es nur ging, bis vor einigen „Tagen, wo er der Mutter und mir begegnete, als „wir bei heitrem Winterwetter einen Spaziergang in’s „Freie unternahmen.— Da kommt der Lord geritten, „ſagte ich zur Mutter, die ſogleich ſtehen blieb und „zitternd nach ihm hinüber ſchaute, der noch ziemlich „weit von uns entfernt war. Ich wußte nicht, was „ich thun ſollte, ob weiter gehen, ob umkehren, als „der Lord, der uns ohne Zweifel auch bemerkt hatte, „ſeinem Pferde plötzlich die Sporen gab und quer⸗ „feldein ſeiner Beſitzung zuſprengte. Geſtern Abend „nun, als die Mutter und ich ruhig bei einem Buche „ſaßen, kam ein Diener des Lords und bat die Mut⸗ „ter oder mich ſprechen zu dürfen. Wir waren er⸗ „ſchrocken, da wir wußten, daß der Vater ſeit einer „Stunde zum Lord geritten war. Dieſer aber beru⸗ „higte uns dadurch, daß er mir einen Brief ſandte, „worin er ſich entſchuldigte, uns neulich aus dem „Wege gegangen zu ſein, da er ein eiliges Geſchäft „gehabt habe, und indem er mich bat, ungeſäumt „Dir von allem Vorgefallenen Kunde zu geben, da „Du im Begriff ſtändeſt, zu Weihnachten nach Hauſe „zu kommen, und daß es beſſer für Dich ſein würde, „vorbereitet auf Das zu ſein, was Dir hier zu erfah⸗ „ren bevorſteht, als fröhlich und glücklich heimzukehren „und ſtatt der Freude nur Sorge und Kummer zu „finden. „Hier haſt Du alſo Alles, was ich Dir mittheilen „kann, mein vielgeliebter Bruder. Ach, es iſt nichts „Erfreuliches und ſogar recht viel Trauriges. Unſer „Vermögen, zum großen Theil auch das Deinige und „meinige, iſt dahin, wir ſind ſo gut wie ruinirt, und „der armen Mutter bleibt nichts von allem Beſitze „übrig, wovon ſie ihr Leben friſten könnte, wenn dem „Vater ein Unglück widerfahren ſollte. Ach, welches 166 „traurige Geſchick verfolgt dieſe arme Frau und was „hat ſie in ihrem Leben ſo Uebles gethan, um von „der Vorſehung ſo bitter und lange geprüft zu werden? „Gieb Rachel einen Kuß von mir und grüße ſie „herzlich. Ich hatte mich lange und innig auf unſer „Wiederſehn gefreut, und nun bange und zittere ich „davor. Mutter würde auch geſchrieben haben, aber „ſie iſt zu bewegt dazu, alſo läßt ſie Dich nur durch „ mich und eben ſo die liebe Rachel grüßen. Kommt „bald und erfreut wenigſtens durch Euren Anblick „Eure tief gebeugte Schweſter Sophie.“ Werner ließ wie erſchöpft den Brief aus den Hän⸗ den ſinken und brach in einen heftigen Thränenſtrom aus. Sein Herz, ſo ſtark und feſt, war tief erſchüt⸗ tert und beugte ſich unter der ſchweren Laſt, die das Schickſal mit dieſer Nachricht auf ihn gewälzt hatte. Weinend ſaß Rachel neben ihm und es dauerte lange, bis Eins von ihnen ein Wort ſprach. Endlich aber trocknete Rachel ihre Augen, rückte Werner näher und legte wie vorher ihren Arm um ſeinen Nacken. „Werner,“ flüſterte ſie ihm zu,„weine nicht mehr. Du glaubſt nicht, wie unendlich ſchmerzlich es für ein fühlendes Weib iſt, einen Mann weinen zu ſehen, ——— dem Gott ſeine Augen gewiß nur zu anderen Zwecken gegeben hat. Sieh mich an und hoffe mit mir. Du glaubſt gewiß nicht, daß Lord Shorncliffe Deinen Vater zu Grunde richtet?“ Werner ſchauerte zuſammen; er wäre am liebſten aufgeſprungen, um ſeinen düſteren Gefühlen durch ei⸗ nige heftige Bewegungen Luft zu machen, aber Ra⸗ chel's Arm hielt ihn auf ſeinem Sitze zurück.„Rachel,“ rief er ſchmerzlich bewegt,„was ſoll ich glauben, was denken? Der Lord iſt mir von jeher ein Räthſel, ein Geheimniß geweſen, und wie ein Zauberer hat er uns Alle ſeinem Willen unterthänig gemacht, mit Sanftmuth und linder Ueberredung zwar, aber doch mit unwiderſtehlicher Gewalt. Daß er der britiſche Narr nicht iſt, wie ihn mein Vater nannte, habe ich ſchon lange eingeſehn, aber was iſt er, wer iſt er— für ſich und uns, denen er ſich nie ganz enthüllt hat?“ „Er iſt ein edler Mann,“ ſagte Rachel beſtimmt, „und damit iſt Alles geſagt.“ „Du glaubſt es, Du, meine Rachel?“ „Ich glaube es, bei Gott!“ ſagte Rachel feierlich und erhob ihr feuriges Auge gegen den Himmel. „Ein Geſicht, wie er es hat, kann nicht lügen, ich baue darauf ſo feſt, wie auf Joſeph's Geſicht, und den kenne ich doch gewiß.“ 168 „Aber er ſpielt mit meinem Vater und gewinnt ihm ſein Vermögen ab?“ „Ruhig, lieber Werner, ruhig! Das weißt Du ja nicht. Urtheile nicht zu früh, es kommt Alles einſt an das Licht des Tages, hat er Sophien geſagt.“ „Ja, Rachel, das iſt auch meine Hoffnung. Aber ich bin kein reicher Mann mehr, Rachel— haſt Du es ſchon bedacht?“ Rachel's Arm ſchlang ſich feſter um Werner und ſie ſah ihm dabei innig und feurig in die Augen. „Ja,“ ſagte ſie langſam,„ich habe es bedacht und beinahe freue ich mich darüber.“ „Du freuſt Dich, daß ich mein Vermögen verlo⸗ ren habe?“ „Ja, Werner— doch nicht darüber, daß Du es verloren haſt, freue ich mich, ſondern daß man nun nicht mehr ſagen kann: ein ſo reicher Mann wie Du, hat ein ſo armes Mädchen, wie ich bin—“ „Rachel, ſprich es nicht aus— ich bitte Dich!“ Rachel lächelte unter Thränen, ach und wie ſchön war ſie dabei!„Ich ſchweige ſchon,“ ſagte ſie,„nun kennſt Du aber meine Gedanken.“ Auch Werner lächelte bald wieder, Rachel's Miene hatte ihn mit ſeinen Schmerzen ausgeſöhnt.„Rachel,“ ſagte er leiſe,„Sophie hat mir aufgetragen, Dir ei⸗ nen Kuß von ihr zu geben—“ „So gieb ihn mir!“ Und ihre Arme ausbreitend näherte ſie ihren Mund dem ſeinigen, und zum erſten Mal im Leben ruhten Beider Lippen innig, liebevoll auf einander. Siebentes Anpitel. Ein zweiter Blick hinter den Worzang. Von nun an hatte Werner keine Ruhe in der Fremde mehr, ſelbſt wenn jeder ſeiner und Rachel's Schritte von Triumphen begleitet geweſen wäre; alle Gefühle ſeiner Seele ſtrebten der Heimat zu, und das Verlangen, wieder unter den Seinigen zu ſein, um mit ihnen das Schmerzliche ihrer Lage zu theilen, wie er früher ihre Freuden getheilt, wuchs von Stunde zu Stunde. Rachel ſtimmte ihm in Allem bei und ſo beeilten ſie ſich, von ihren Freunden in Paris Ab⸗ ſchied zu nehmen und ſich zu der ſo weiten Reiſe zu rüſten. Ueber Brüſſel, Cöln, Berlin fuhren ſie auf der Eiſenbahn nach Stettin, ohne ſich irgendwo länger aufzuhalten, als zu ihrer Erholung durchaus noth⸗ wendig war; in Danzig nahmen ſie Extrapoſt, um — zu dem bezeichneten Termine in Downs⸗Caſtle einzu⸗ treffen. O, wie ſchwoll Beiden das Herz, als ſie in die öden und ſtillen Strecken kamen, die Werner ſeine Heimat nannte und die auch Rachel einſt einen ſo traulichen Zufluchtsort geboten hatten. Schweigend blickte ſie in die Rchtung, wo Brenkowitz lag, denn der Hauptweg von Neuſtadt nach Downs⸗Caſtle führte nicht dicht an dem Gute vorbei, ſondern beſchrieb ei⸗ nen Bogen nach Oſten hin. Werner, ſo ſehr er auch nach ſeiner Familie verlangte, hatte doch beſchloſſen, erſt den Lord aufzuſuchen und von ihm einen klaren Aufſchluß über die Verhältniſſe ſeines Vaters zu be⸗ gehren. Er bangte doppelt vor dieſem Augenblicke, denn wenn es ſchon traurig war, aus nächſter Hand das Unheil ſeines Erzeugers zu vernehmen, ſo war es doppelt ſchmerzlich für ihn, dem Manne gegenüber⸗ zuſtehen, dem er früher ſein unbedingtes Vertrauen geſchenkt hatte und den er jetzt für den Theilnehmer der Verirrungen ſeines Vaters zu halten nicht ganz unterlaſſen konnte. Es war der Tag vor dem Weihnachtsfeſte, Nach⸗ mittags drei Uhr, als ſie in die Pforten des engliſchen Parkes einfuhren und von den ſie lange erwartenden Dienern, Mr. Baxton an der Spitze, willkommen ge⸗ heißen und in die bereit gehaltenen Zimmer geführt 172 wurden. Der Haushofmeiſter entſchuldigte die Abwe⸗ ſenheit des Lords, der in ſeiner Ungeduld, die Seini⸗ gen, wie er ſie nannte, um ſich verſammelt zu ſehen, alle Tage auf verſchiedenen Wegen ihnen entgegenge⸗ ritten war, heute aber wahrſcheinlich zufällig den un⸗ richtigen eingeſchlagen hatte. Rachel und Werner waren auf das Höchſte über⸗ raſcht, als ſie die Einrichtungen wahrnahmen, die man ihretwegen getroffen hatte. Es waren die Pracht⸗ gemächer, in demſelben Stockwerk gelegen, welches der Lord ſelbſt bewohnte, die man ihnen zum Aufenthalt angewieſen hatte. Eine lange Zimmerflucht, deren Fenſter alle nach der wogenden See hinauslagen, war angenehm erwärmt, mit allerlei Blumen ge⸗ ſchmückt und bot alle möglichen Bequemlichkeiten und Genüſſe dar, die ein geſchmackvoll ausgeſtatteter Land⸗ ſitz eines reichen engliſchen Herrn zu bieten im Stande iſt. Rachel's Zimmer waren auf dem äußerſten lin⸗ ken Flügel gelegen, dann, von dieſen durch einen Salon getrennt, kamen Werner's Zimmer, für den Fall, daß er in Downs⸗Caſtle ſeine Wohnung neh⸗ men ſollte. An dieſe ſchloſſen ſich des zunächſt er⸗ warteten Joſeph's Gemächer, die durch den Billard⸗ ſaal wieder mit der Wohnung des Lords in Verbin⸗ dung ſtanden. 173 Als die beiden erſten Ankömmlinge, von Mr. Bax⸗ ton geleitet, mehrmals durch alle dieſe von Glanz und Behaglichkeit ſtrahlenden Räume auf und ab ge⸗ ſchritten waren und ſich dann, erwärmt und erfriſcht, eben vor einem flammenden Kamin niedergelaſſen hatten, öffnete ſich eine Thür und herein trat, haſtiger denn gewöhnlich, Lord Shorneliffe, zuerſt Rachel zärt⸗ lich in ſeine Arme ſchließend und ſie herzlich bewill⸗ kommnend, und dann ſich zu Werner wendend, der mit glühendem Geſicht vor ihm ſtand und mit prü⸗ fendem Blick und zitterndem Herzen in das leicht ge⸗ röthete Antlitz des Engländers ſchaute. Dieſer trat jetzt dicht an ihn heran und reichte ihm herzlich die Rechte hin. Werner legte die ſeine zögernd hinein, aber ſchon hatte der Lord den trauri⸗ gen Zuſtand erkannt, in dem ſich der Sohn des ver⸗ armten Edelmanns befand. Ihm einen Wink gebend, ſeine aufgeregten Gefühle zu beruhigen, ſagte er dann: „Gott ſei Dank, Kinder, daß Ihr wenigſtens da ſeid; ich fürchtete ſchon, mein Lieblingsfeſt würde ein⸗ ſam und freudlos wie ſo oft verlaufen, aber nun, da Ihr gekommen ſeid, iſt Ausſicht vorhanden, daß wir glücklich ſind, ſo weit es Menſchen ſein können, die vom Wirrwarr des Lebens zu leiden haben. Joſeph, unſer guter Joſeph, iſt zwar noch nicht da, obgleich er verſprochen hatte, nicht ſäumig zu ſein, da aber kein Brief gekommen, der ſeine Verſpätung angezeigt, ſo hoffe ich, daß er ſelbſt der Ueberbringer ſeiner beſten Botſchaft ſein wird.“ „Hat er denn etwas Gutes ausgerichtet?“ fragte Rachel. „Ich hoffe es, mein Kind, ich hoffe es. Sein letz⸗ ter Brief wenigſtens enthielt die mich unglaublich beglückende Nachricht, daß er die Hoffnung hege, den Mann endlich zu finden, deſſen Spur aufzuſuchen er von mir gegangen war.“ „Er iſt alſo glücklich aus Amerika zurückgekehrt?“ „Schon lange. Er war unterdeß ſchon wieder Wochenlang in Schottland geweſen, und jetzt, oder wenigſtens vor einigen Tagen, ſchrieb er mir aus London. Doch— zunächſt, Werner, habe ich mit Ihnen zu ſprechen, und an Ihrem mich durchbohren⸗ den Auge merke ich, daß Sie die Zeit nicht erwarten können, um mit mir auf's Reine zu kommen. So folgen Sie mir denn, wir wollen unſer Geſchäft bald abthun, und dann ſollen Sie ſogleich nach Brenko⸗ witz fahren, um die Ihrigen zu begrüßen, wonach Sie gewiß ein großes Verlangen haben.“ „Ja, Mylord, das habe ich,“ erwiderte Werner und 8 175 folgte dann raſch dem ſich nach ſeinen Zimmern wen⸗ denden Lord. Man war in der Bibliothek angekommen. Vor dem lodernden Kamin ſtanden zwei Seſſel, auf deren einem der Lord Platz nahm, worauf er Werner einen Wink gab, ſich auf den andren niederzulaſſen. Dieſer aber blieb mit hochathmender Bruſt vor dem milde und ruhig blickenden Mann ſtehen und ſah ihm fra⸗ gend in die Augen, als ob er darin eine Spur fin⸗ den wolle, die ihn zu der geheimnißvollen Quelle des Handelns ſeines gütigen Gönners führen könne. Der Lord gewahrte dieſen Blick ſehr wohl und erkannte ſeine Bedeutung vollſtändig.„Wollen Sie ſich nicht ſetzen, Werner?“ fragte er ruhig. „Nein, Mylord, mein Herz iſt zu bewegt, ich kann nicht ſitzen; laſſen Sie mich ſtehend meine Sache füh⸗ ren, ich werde ſo weniger gepeinigt ſein.“ „Ah, Sie haben eine Sache zu führen? Das wußte ich nicht. Heraus damit, junger Mann, denn lange genug ſind die Räthſel zwiſchen uns geſponnen worden.“ „Ja, Mylord, ſo i*ſt es. Ach, Sie ſprachen vorher von einem glücklichen Feſte— ich gehe, wie es ſcheint, keinem ſolchen entgegen.“ „Wohl möglich, aber man muß im Unglück das 7 176„ Glück zu finden verſtehen, wenn man das geheimniß⸗ volle Walten der Vorſehung begreifen will— auch Sie ſind nicht allein vom Unglück betroffen, meine ich, das Schickſal hat Ihnen noch Vieles gelaſſen, was Sie hätten verlieren können.“ „Ja, das iſt wahr, Mylord, und ich danke Ihnen zunächſt für alles Gute, was Sie mir mit beinahe väterlicher Zärtlichkeit ſo lange erwieſen haben. Allein — mein Vater!“— Er konnte nicht weiter ſprechen. Thränen erſtickten ſeine Stimme und er mußte zum Tuche greifen, um ſein Schluchzen dahinter zu ver⸗ bergen. Unbeweglich, mit wunderbarer Faſſung in den ſo edlen Zügen, ſaß der Lord dem jungen Manne ge⸗ genüber und ließ zuerſt deſſen Schmerz ruhig austo⸗ ben. Dann, als Werner ſich geſammelt, lächelte er ihn heiter an und ſagte mit ſeiner feſten, klangvollen Stimme: „Werner, ja, Sie haben Recht, Sie wiſſen alſo Alles und ich kann es leider nur beſtätigen: Ihr Vater iſt ein völlig ruinirter Mann, aber— und das iſt der einzige Troſt, den ich Ihnen bieten kann, und ich bin ſtolz darauf, Sie mit dieſen Worten hier zu begrüßen— ohne mich wären Sie— es vielleicht auch.“ —— 177 „Wie ſo, Mylord, das verſtehe ich nicht ganz, wie ich und die Meinigen Sie nie ganz verſtanden haben.“ „Das glaube ich gern. Den Ihrigen kann ich leider noch nicht ganz den Schlüſſel zu den obſchwe⸗ benden Räthſeln in die Hände geben, ſogar Ihnen nicht einmal, aber etwas will ich Ihnen wenigſtens den Schleier lüften, der mein Thun verbirgt.— Spre⸗ chen Sie, Sie haben eine Anklage wider mich vorzu⸗ bringen!“ „Eine Anklage? Nein, ach nein, das befürchte ich wenigſtens nicht. Aber eine Frage— ja, eine ſchwer⸗ wiegende, verhängnißvolle Frage—“ „Sprechen Sie, ſprechen Sie— ich höre.“ „Meine Schweſter ſchreibt mir, Sie wären ſeit längerer Zeit der Vertraute, vielleicht der Freund mei— nes Vaters geworden und hätten— ach wie ſchwer liegt das auf meinem Herzen— ſeine Leidenſchaft getheilt— mit ihm geſpielt— und wahrſcheinlich einen Theil ſeines Vermögens von ihm gewonnen. Verzeihung, Mylord, daß ich ſo ſpreche, aber ich kann meiner Offenherzigkeit nicht gebieten, zu ſchweigen, wo Reden ſo nothwendig iſt.“ Der Lord hatte ſich erhoben und trat ſtolz, mit bleichem aber gefaßtem Geſicht dicht vor Werner hin. „Allerdings ſehe ich,“ ſagte er,„daß das Reden jetzt Emery Glandon. III. 12 178 nothwendig iſt, und ſo will ich reden, damit Sie und die Ihrigen aus einem traurigen Irrthume gezogen werden, dem ich mich unterwerfen mußte, wollte ich meine Handlungsweiſe und den Grund derſelben nicht vor der Zeit enthüllen. Sie haben Wahres und Un⸗ wahres in einem Athem geſprochen, Werner, ich will und kann Ihnen das beweiſen. Nein, ich bin nicht der Vertraute, oder gar der Freund Ihres Vaters ge⸗ worden, wie Sie glauben, ich habe nicht ſeine Lei⸗ denſchaft getheilt, obgleich ich mit ihm geſpielt habe. Ich habe aber mit der bedachteſten Ruhe, mit dem leidenſchaftsloſeſten Gleichmuthe mit ihm geſpielt, und das iſt vielleicht der Grund geweſen, warum ich es mit Glück gethan und ihm wenigſtens den Reſt ſeines ſchon großentheils verlorenen Vermögens abgewonnen habe. Aber— und nun kommt meine Rechtfertigung, mein junger Freund— ich habe mit Ihrem Vater Ihret⸗ und Ihrer Familie wegen, nicht aber aus ei⸗ nem anderen Grunde, etwa aus Habſucht oder des Vergnügens halber, geſpielt. Als mir von allen Sei⸗ ten die Kunde wurde, Ihr Vater ſei ein Spieler von Profeſſion und verderbe ſich und die Seinigen, dau⸗ erten mich dieſe Seinigen, alſo auch Sie, und ich be⸗ ſchloß, das Meine zu thun, wie ich es immer und überall gethan, wo ich die Gelegenheit dazu fand; ich näherte mich alſo Ihrem Vater und zog ihn an mich. Das war eine ſehr leichte Sache, denn ich war ein reicher Mann und Ihr Vater ſuchte die reichen Leute, um mit ihnen ſeinen Lüſten zu fröhnen und bei ihnen ſeinen Vortheil zu finden. Er kam hierher, einmal, zweimal, unzählige Male, und bald wußte ich, warum er kam. Er wollte mir Geld abgewinnen, um ſeinen Untergang zu verzögern oder vielleicht ſich ganz an mir in die Höhe zu richten, was auch mir ſehr angenehm geweſen wäre, denn ich hoffte wieder⸗ holt auf einen Verluſt von meiner Seite, wie ein Anderer auf Gewinn hofft, blos um die Angelegen⸗ heiten Ihres Vaters, alſo auch die Ihrigen, zu ord⸗ nen, zu beſſern. Allein das Schickſal wollte es an⸗ ders und ſo mußte ich mich dem Willen deſſelben bequemen und Ihnen auch auf eine andere Weiſe zu nützen ſuchen. Sehr bald ſchlug er mir ſein Lieb⸗ lingsſpiel, Piket, vor. Ich zeigte mich nicht abgeneigt, mit ihm eine Stunde zu vergeuden. Aber nur eine Stunde, hören Sie wohl, denn mehr Zeit hatte ich nicht für einen ſolchen Leichtſinn übrig, dem ich ſtets wenig zugeneigt geweſen bin. Ich erklärte ihm das vorher, und er war damit zufrieden. Zufällig gewann er das erſte, das zweite Mal. Dadurch hatte ich ihn gefeſſelt und er kam alle Tage zu der beſtimmten 12* 180 Stunde wieder, wie er ohne Zweifel auch heute kom⸗ men wird— und das, junger Mann, war ein Theil der wichtigen Geſchäfte, die mich an dieſen Ort feſſel⸗ ten. Endlich, als ich ſah, daß Ihr Vater immer eif⸗ riger, dringender und habgieriger wurde, trat ich mit meinem wohl überlegten Entſchluſſe hervor. Herr Baron, ſagte ich zu ihm, ich ſehe, Sie ſpielen ſehr gern und namentlich mit mir ſpielen Sie gern. Ich will Ihnen dieſes Vergnügen gewähren, aber nur unter einer Bedingung.— Welches iſt dieſe Be⸗ dingung? fragte er.— Daß Sie mit Niemandem ſonſt ſpielen als mit mir, daß Sie Ihr Haus nur verlaſſen, um Ihrem Vergnügen bei mir nachzugehen, um zu mir zu kommen. Unter dieſer einzigen Be⸗ dingung bin ich erbötig, Ihnen mein Vermögen zur Verfügung zu ſtellen.— Ich nehme es an, ich nehme es an, rief der verblendete Mann und— er nahm es in der That an. Er kam, er ſpielte, er verlor— was ich aber von ihm gewann, Werner— hören Sie wohl, denn das war der neue Plan, den ich be⸗ folgte— das gewann ich nicht für mich, das gewann ich für Sie, für die Ihrigen, und nur ſo konnte es mir gelingen, Ihnen einen kleinen Theil Ihres Vermögens zu retten. Was ich nun ſo gerettet habe, das liegt für Sie bereit, Sie können es jeden —¹8I Augenblick in Empfang nehmen, wenn Sie es ge⸗ brauchen.“ Sprachlos vor Erſtaunen und von der edlen Größe des Mannes zur Bewunderung hingeriſſen, der jetzt mit lebhaft geröthetem Geſicht vor ihm ſtand und ihm, im Bewußtſein ſeiner moraliſchen Ueberlegenheit, kühn und ſtolz in die Augen blickte— ſtarrte Wer⸗ ner Lord Shorncliffe an. „Wie, Mylord,“ rief er aus tief ergriffener Seele, „das, das haben Sie— unſretwegen gethan?“ „Ja,“ rief der Lord mit hoch erhobenem Haupte und blitzenden Augen,„das habe ich Ihretwegen ge⸗ than und werde ich zu thun fortfahren, bis— bis Ihr Vater ſein Vermögen wiedergewonnen hat oder zur Einſicht gekommen iſt, daß ſeine Leidenſchaft ihn in'’s Verderben führt und ein Mann ſeine Ehre auf einem anderen Felde der Thätigkeit zu ſuchen hat.“ Kaum waren dieſe Worte mit laut tönender Stimme geſprochen, ſo ſtürzte Werner zu den Füßen des Lords nieder.„O, Mylord,“ rief er mit ſchmerz⸗ lich bewegter Stimme,„dann vergeben Sie mir, dann habe ich Ihnen ein ſchweres Unrecht gethan. In ei⸗ ner Verirrung, die ich nie wieder gut machen kann, bildete ich mir ein, Sie ruinirten meinen Vater aus Wohlgefallen am Spiel. Aber vergeben Sie mir— 182 ich bitte Sie flehentlich darum— es war mein Vater, deſſen Vermögen Sie gewonnen und der dadurch das ſeinige verlor.“ Der Engländer betrachtete den in ſeiner bittenden Stellung ſo ſchönen jungen Mann mit ſichtbarem Wohlgefallen. Dann hob er ihn zu ſich empor und ſagte langſam und feierlich:„Ich verzeihe Ihnen ſehr gern, Werner, denn Ihrem Vater zu Liebe zwei⸗ felten Sie an einem Freunde. Das ſei aber das letzte Mal geweſen, daß Sie mir mißtrauten. Von heute an ſei unſer Bund für's ganze Leben beſiegelt, und was ich auch fernerhin thun und treiben mag, wenn es Ihnen auch möglicher Weiſe räthſelhaft er⸗ ſcheint— ich weiß, Sie werden nicht wieder den ge⸗ ringſten Verdacht auf mich werfen. O, Werner, auch ich habe Genuß von dieſer Unterhaltung gehabt und Sie haben mir nicht, wie Sie vielleicht glauben, eine Kränkung zugefügt. Nein, o nein! Mein ganzes Leben hindurch war es mein Beſtreben, den Menſchen Gutes zu thun, die mit mir in Berührung kamen, das erkannte ich für meine Pflicht. Sie aber, Sie haben auf dieſe meine ſchöne Pflichterfüllung einen ganz beſonderen Anſpruch, denn Sie ſind nicht allein ein edler Menſch, ſondern auch ein guter Sohn— o ſo ſei auch von heute an der meinige, wie es ſchon 183 Joſeph iſt! Ach, was bin ich ſo reich an guten Kin⸗ dern, und doch, und doch— bin ich ſo arm daran!“ Bei dieſen mit bebenden Lippen geſprochenen Wor⸗ ten ſchlang er ſeine Arme um Werner und drückte ihn liebevoll an ſich.„So,“ ſagte er dann mit ru⸗ higerem Tone,„das iſt jetzt zwiſchen uns abgemacht, wir ſind wieder um einen Schritt im Leben vorge⸗ rückt— jetzt geh, mein Sohn, und beſuche die Deini⸗ gen. Bringe ihnen einen Gruß von mir und theile ihnen mit, was wir eben verhandelt haben.“ „O, warum kommen Sie nicht ſelbſt mit mir, Mylord, und erfreuen auch die Meinigen durch Ihren Anblick?“ Lord Shorneliffe ſah den alſo Sprechenden mit einem merkwürdigen Blicke an, den ſich Werner auf keine Weiſe zu deuten wußte.„Ich,“ ſagte er mit wogender Bruſt,„ich nach Brenkowitz, zu Ihrer Mut⸗ ter? Nein, Werner, dazu iſt die Zeit noch nicht ge⸗ kommen, aber vielleicht— kommt ſie bald. Ja, ich werde— ich werde kommen, wenn einmal Gott es will.“ „Wie!“ rief Werner überraſcht,„iſt das vielleicht ein andres Geheimniß, deſſen Schleier noch nicht ge⸗ lüftet iſt?“ „Wohl möglich, mein Freund. Für jetzt aber 184 dränge Dich nicht in daſſelbe ein und rede mit Nie⸗ mandem in Brenkowitz darüber. Es enthüllt ſich auch der trübſte Himmel einmal den Augen des Menſchen, und ſo wird ſich auch Dir dies düſtere Räthſel löſen.“ „So gehe ich, Mylord, dankend und beruhigt gehe ich von Ihnen, wie ich voll Furcht gekommen war— aber was iſt das?“ Ein heftiges Hundegebell ließ ſich im Hofe hören, das gar kein Ende nehmen zu wollen ſchien. Der Lord horchte einen Augenblick aufmerkſam, dann ſagte er haſtig:„Es iſt Nichts. Gehen Sie raſch hier hinaus, denn dort herein wird ſogleich Ihr Vater treten, um ſein Geld loszuwerden. Seine ge⸗ wöhnliche Evieiſue iſt gekommen. Der Hund, den Sie heulen hören, iſt Joſeph's Hund, der jeden Tag Ihren Vater auf dieſelbe Weiſe empfängt, da er ihn nicht leiden mag.“— Als Werner darauf mit wenigen Worten von Rachel Abſchied genommen und in den Hof getreten war, wo der Wagen, der ihn nach Brenkowitz bringen ſollte, ſchon ſeiner harrte, fand er beſtätigt, was ihm der Lord geſagt. Baron von Haldrungen war ange⸗ langt, ſein Pferd war bereits in den Stall gezogen und er ſelbſt im Begriff, die Treppe hinaufzuſteigen. Schnell und ohne ſich umzublicken ſprang Werner in den Wagen, denn hier, jetzt, mochte er ſeinem Vater nicht zum erſten Mal wieder begegnen. Vor dem Eingang des Parkthores aber ſollte er einen wohl⸗ thuenden Anblick haben, der ihn wieder an die Fried⸗ fertigkeit und Harmloſigkeit des Lebens erinnerte. Dicht vor dem Thore, nach allen Seiten erwartungs⸗ voll ausſchauend, ſaß der treue Hektor. So hatte er ſchon oft und lange geſeſſen, um nach ſeinem ſo plötz⸗ lich verſchwundenen Herrn auszuſchauen. In den letzten Tagen aber ſaß er faſt immer da. Einer der Diener hatte dem klugen Thiere geſagt:„Hektor, Dein Herr kommt, paß auf!“ und nun war er nur mit Mühe von der Stelle wegzubringen, die er für ſeinen ihm zugehörigen Wachtpoſten hielt. Werner konnte ſich nicht enthalten, aus dem Wagen zu ſpringen und den Hund zu liebkoſen, der ihn wiedererkannte und freudig an ihm emporſprang, aber begleiten nach Bren⸗ kowitz wollte er ihn doch nicht, ſo viel ihn Werner auch lockte, denn er konnte ja leicht ſeinen Herrn ver⸗ fehlen, den er jede Minute erwartete. Von ſeinen wie in Ebbe und Fluth ſich wider⸗ ſtreitenden Gefühlen hin und her bewegt, bald in Freude aufjauchzend, bald von Sorge niedergedrückt, 186 legte Werner die kurze Strecke nach Brenkowitz zurück; es galt, nach langer Trennung ſeine geliebte Stief⸗ mutter und Schweſter wiederzuſehen, und wenn es ihm ſchmerzlich geweſen war, bei ſeinem Austritt aus Downs⸗Caſtle ſeinen Vater daſelbſt zu wiſſen, ſo war es ihm hier wenigſtens ein Troſt, nicht ſogleich deſſen Anblicke zu begegnen, da er ja abweſend war. Schon lange bevor er das Schloß aus der Ferne wahrneh⸗ men konnte, hatte er ſich aus dem Wagen gelehnt, um es mit dem Blicke zu erhaſchen— und ah! da tauchte es endlich im Abenddunkel auf und Lich⸗ ter glänzten bereits in einigen Zimmern. Ach, wie war ihm ſo wohl und doch zugleich ſo weh zu Muthe! Und hier— da floß der Bach, wie ehedem, und dort war der Raſenſitz, den Rachel ſo oft eingenommen, und jeder Baum, jede Biegung des Weges, jeder Strauch war ihm bekannt und flüſterte ihm freund⸗ liche Grüße aus der glücklichen Jugendzeit zu. Aber vor⸗ wärts, immer vorwärts ſtrebte er. Erſt galt es, ſeine Lieben zu umarmen, an ihren Herzen zu liegen, dann ſollte alles Uebrige ſeiner Betrachtung unterzogen werden. Werner ließ den Wagen vor der Brücke halten, um nicht die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſeine Ankunft zu lenken. Als der Wagen auf ſein Ge⸗ heiß wieder zurückgekehrt war, ſchlich er leiſe auf 187 den Hof, der ihm ſeltſam öde und wüſt vorkam, als mache ſich ſchon hier der unausbleibliche Verfall des einſt ſo reichen Gutsherrn bemerklich. Da, als er eben in die Seitenthür ſchlüpfen wollte, die in den Damenflügel führte, hatte ihn doch Jemand bemerkt. Werner blieb ſtehen und ſchaute ſich nach dem Manne um, der ihm raſch von der Haupttreppe her entgegen kam. Es war ſchon faſt ganz dunkel, ſo daß er die Geſtalt von Weitem nicht erkennen konnte. Plötzlich aber, noch bevor ſie ganz dicht zu ihm her⸗ angetreten, erkannte er den ſchwerfälligen Gang des al⸗ ten Dieners, der ihm immer ſo treu und ergeben ge⸗ weſen war. „Valentin!“ rief er, ihm beide Hände entgegenſtre⸗ ckend,„altes, treues Herz— kennſt Du mich nicht?“ „O Gott— hör ich recht? Ja, er iſt's— Sie ſind es, der junge Baron, Herr Werner!“ rief der Alte und hob ſchon die Arme empor, um ihn zu um⸗ fangen, was er gleich darauf wirklich that.„O Gott“ fuhr er traurig fort,„alſo endlich, endlich ſind Sie wieder da! O lieber, guter Werner, Sie kommen ſehr ſpät, ſehr ſpät— ach! was werden Sie hören müſ⸗ ſen, denn hier iſt ſeit langer Zeit kein heiterer Gaſt mehr eingetreten.“ „Ich weiß, Valentin, ich weiß Alles. Aber ſtill, 188 ruhig, damit Niemand mich hört, der mich nicht hö⸗ ren ſoll— iſt meine Mutter oben allein?“ „Ganz allein, Herr Werner, ganz allein, wer ſollte denn bei ihr ſein, als Fräulein Sophie? Da ſitzen ſie oben ganz einſam ſchon viele Monde lang und wei⸗ nen und tröſten ſich, ſo gut es geht. Denn das gnädige Fräulein, Herr Werner, ach, das ſehen ſie ſchon lange nicht mehr, nicht einmal bei Tiſche— es iſt jetzt eine üble Wirthſchaft hier, jeder lebt und thut und ißt für ſich allein, als ob ſie ſich vor einander fürchteten.“ „Bei Gott, Valentin, es iſt alſo ſchlimmer noch, als ich dachte. Laß mich allein— ich muß ſogleich zu ihnen gehen. Adieu!“ Raſch ſprang er die wohlbekannten Treppen hinauf und bald ſtand er vor der Thür, hinter der Jahre lang ſo viel Kummer und Sorge gewohnt und in deren Innerſtes kein freundlicher Stern geblickt hatte, als vielleicht der— der Hoffnung, der ja Nieman⸗ den verläßt, bevor der letzte Athemzug von ihm weicht. Werner lauſchte mit angehaltenem Athem an der Thür. Er hörte nichts— aber ſeine Seele drang durch das Holz und ſah ſeine Mutter und Sophien ſitzen, leiſe flüſternd, von Dem vielleicht, der fern von ihnen und doch nun ſo nahe war. 189 Leiſe pochte ſein Finger an, um ſie nicht zu erſchre⸗ cken. Eine ſanfte Stimme rief„Herein!“— Einen Augenblick noch und Wernern hatte das trauliche Ge⸗ mach wiederaufgenommen, in dem er ſo oft im ſü⸗ ßen Plaudern geſeſſen— und noch einen Augenblick, und er lag, einen Aufſchrei der Freude ausſtoßend, in den Armen der Seinen, um ihre Thränen mit den eigenen zu vermiſchen. Nach einer Stunde etwa finden wir Mutter, Toch⸗ ter und Sohn neben einander auf dem Sopha ſitzen; Werner, in der Mitte der beiden Frauen, hielt ihre Hände und konnte nicht ſatt werden, ſie zu drücken und ihnen in die wieder hell gewordenen Augen zu ſehen. Zuerſt hatten die Frauen Alles berichtet, was ihnen während der Abweſenheit Werner's zugeſtoßen war, und das war eine traurige Mittheilung voller Kummer und Trübſal geweſen. Sodann aber hatte Werner ſeine Erzählung begonnen, und dieſe hatte die thränenden Augen der Frauen getrocknet, denn was ſie aus Werner's Munde hörten, hatte ihnen den Be⸗ weis geliefert, daß wenigſtens Einer von ihnen nicht unglücklich geweſen war. Werner war ſo aufrichtig 190 gegen ſeine Mutter und Schweſter, wie er es gegen Jedermann war, und ſo wußten ſie denn bald, in welchem Verhältniß er zu Rachel ſtand. Sie hatten auch kaum etwas Andres erwartet und ſie ſahen in Rachel nicht, was Tante Sibylle von jeher in ihr ge⸗ ſehn, eine aufdringliche Laſt, die ihrem Hauſe durch den abſcheulichen Hauslehrer zu Theil geworden war. So hatte denn Werner die herzlichſten Glückwünſche empfangen und das Geſpräch hierüber hatte ſie ſämmt⸗ lich aufgeheitert, ſo daß ſie mit Ruhe wieder zu ihrem erſten Thema zurückkehren und ihre Verhältniſſe be⸗ ſprechen konnten, namentlich wie ſie ſich geſtalten wür⸗ den, wenn des Barons Leidenſchaft auch das Letzte verſchlungen, was ihnen das gütige Geſchick früher anvertraut hatte. „Ihr dürft nicht ſo Arges denken,“ fuhr Werner eifrig fort, nachdem die Mutter die Befürchtung aus⸗ geſprochen, das Gut ſehr bald verlaſſen zu müſſen, „und müßt auch Das in Anſchlag bringen, was uns geblieben iſt, denn ich ſetze voraus, liebe Mutter, Du werdeſt Sophiens und mein Vermögen, was des Va⸗ ters Spielwuth doch hoffentlich nicht angetaſtet hat, als das Deinige betrachten. Nicht wahr, Sophie?“ „O, ich habe ſchon ſo oft der Mutter Daſſelbe ge⸗ ſagt, aber ſie hat nie davon hören wollen,“ ſagte 191 Sophie, ihren reizenden Kopf an den Buſen der Mut⸗ ter niederbeugend. „Meine Kinder, o meine Kinder, welch' großes Glück, Euch zu beſitzen, bei ſo herbem Unglück, nicht im Stande zu ſein, Euer geträumtes größeres Beſitz⸗ thum Euch zu erhalten!“ „Dieſen Kummer laß fahren,“ fuhr Werner fort, „er iſt ganz unniütz. Sieh, ich bin jetzt reich durch meine Kunſt und brauche kaum ein väterliches Ver⸗ mögen. Sodann aber habe ich einen ſchwerwiegenden Freund gewonnen, der mich und Euch nie verlaſſen wird, wenn Ihr in Drangſal gerathet.“ „Wen meinſt Du damit?“ fragte die Baronin, ihren Sohn zweifelhaft anſchauend. „Wen kann ich anders meinen als den Lord— doch ja, Ihr erinnert mich daran, Ihr deutetet vorher an, Euch ſei ſeine Handlungsweiſe nicht klar, um ein genügendes Urtheil über ſeinen Charakter zu fällen. Wohlan denn, ſo will ich Euch mittheilen, was vor einer Stunde der Hauptgegenſtand des Geſprächs zwi⸗ ſchen ihm und mir geweſen iſt. Ich trug früher die⸗ ſelben Zweifel über ihn mit mir herum, und wie ſollte ich nicht, da ich von allen Seiten beſtätigen hörte, daß der Vater gerade bei ihm ſeine gefährlichen Spielſtunden zubringt. Allein die Sache liegt ſo.“ 192 Und nun erzählte er ihnen, was ihm der Lord ver⸗ traut, und die Beweggründe, die ihn bei ſeiner men⸗ ſchenfreundlichen Handlung geleitet hatten. Die Mittheilung dieſes gänzlich unerwarteten Um⸗ ſtandes brachte eine ungeheure und von Keinem der Geſchwiſter im Mindeſten vermuthete Wirkung auf die Baronin hervor. Je weiter Werner in ſeiner Erzäh⸗ lung vorſchritt, um ſo unruhiger, aufgeregter wurde ſie, zuletzt aber fiel ſie in eine Art Starrheit, die ſich glücklicher Weiſe in ein gelindes Weinen auflöſte, wie man es öfters bei Frauen ſieht, nachdem der wüthende Schmerz ſich in ihnen ausgetobt und nur ein erge⸗ bungsvolles Wehgefühl der Seele zurückgeblieben iſt. „So alſo hängt hier Alles zuſammen,“ ſchloß Wer⸗ ner ſeine Erzählung,„und Du, liebe Mutter, hege kein Arg mehr gegen einen Mann, der, ohne eine andre Veranlaſſung als ſeine allgemeine Menſchenliebe dazu zu haben, nicht allein für mich ſo unendlich Viel gethan, ſondern uns Allen wenigſtens einen Theil unſres Vermögens gerettet hat, das Andere mitleids⸗ los ganz und gar verſchlungen hätten.“ „Der Edle!“ rief Sophie.„O, es war mir im⸗ mer, wenn ich ſein ehrliches Auge forſchend auf mir haften ſah, als könne Mann Keinen von uns betrügen.“ 193 „Plötzlich fing die Baronin wieder laut an zu ſchluch⸗ zen, und vergebens waren die Bemühungen der Kin⸗ der, durch tröſtenden Zuſpruch den Ausbruch ihres Wehes zu lindern.„Laßt mich weinen, Kinder,“ rief ſie dann mit gebrochener Stimme nnd mit zum Him⸗ mel emporgehobenen Händen,„o Ihr begreift nicht, was in meinem Herzen vorgeht. Aber Gott, Gott da oben verſteht und begreift mich und ihm will ich auf meinen Knieen danken, daß gerade dieſer Mann mich nicht betrogen hat. Nein, Kinder, nein,“ fügte ſie ſanft hinzu und ſchüttelte wehmüthig den ſchönen Kopf, Eure arme Mutter konnte kein Brite betrügen. Und Emery— Emery— er hat mich auch nicht be⸗ trogen, nur die Vorſehung konnte ihn von mir reißen und fern von mir in dem indiſchen Meere begraben.“ „Emery?“ rief Werner ſprachlos vor Staunen. „Wer iſt das, meine Mutter?“ „Still, mein Sohn— habe ich Emery geſagt? O, ich wußte es nicht, daß mein Herz, das ſo lange geſchwiegen, noch ſeinen Namen über die Lippen brin⸗ gen konnte, den ich ſo lange nur leiſe zu Gott em⸗ porgeſtammelt habe. O, o, dränge mich nicht mit Deinen Augen, mein Sohn, thue als ob Du nicht gehört hätteſt, was ich geſagt— ein andermal, ein andermal mehr davon.“ Emery Glandon. III. 13 194 Werner ſchwieg, er wollte die Mutter nicht noch mehr betrüben und aufregen. Aber ſinnend und träu⸗ mend ſaß er zwiſchen den Frauen, hielt noch immer ihre Hände gefaßt und dachte im Stillen über das Geheimniß nach, welches ſeine Mutter ſo eben mit dieſem Namen angedeutet, einem Namen, den, wie er ſich aus einem Briefe deſſelben zu erinnern glaubte, auch Lord Shorncliffe führte. Die Betrachtung dieſes Umſtandes aber einer ſpä⸗ tern Zeit überlaſſend, wandte er ſich wieder zu Sophien, ddie ihn ſchon zweimal gefragt, ob er dieſe Nacht wie⸗ der nach Downs⸗Caſtle zurückkehren würde, und da Werner auf die erſte Frage nicht geantwortet, ſchon glaubte, es ſei ihm unangenehm, darüber befragt zu werden. Die zweite Frage aber war ſtärker in ſein Ohr gefallen, und ſich ſogleich zu der Schweſter um⸗ wendend, ſagte er:„Wie kannſt Du denken, Sophie, daß ich mich von Euch trennen werde? Nein, ich ſchlage meine Wohnung bei Euch auf, ſo lange Ihr ſelbſt ein Recht hier zu wohnen habt und ſo lange ich zu Hauſe bleibe. Nur bei Tage werde ich nach Downs⸗Caſtle fahren und Ihr begleitet mich vielleicht dahin.“ „Ich danke für mich, mein Sohn,“ ſagte die Ba⸗ ronin,„ſo gern ich auch den edlen Mann kennen ler⸗ — 195 nen möchte, der uns ſo viel Gutes gethan; allein ich bin nicht in der Stimmung und unter den jetzigen Verhältniſſen auch nicht im Stande, ihm unter die Augen zu treten, der ſelbſt ſo viel Zartgefühl beſitzt, mich niemals aufzuſuchen, da er wohl vorausſetzen kann, wie ſchmerzlich mich ſeine Gegenwart an einen Mann erinnern müßte, den er meinetwegen vom Ver⸗ derben zu retten täglich bemüht iſt. Dir aber, Sophie, gönne ich ſehr gern das Vergnügen, mit hinüberzuge⸗ hen, um Rachel zu begrüßen, die mich hoffentlich doch auch bald beſuchen wird.“ „Das wird ſie, das wird ſie, meine Mutter, und ſie freut ſich unendlich darauf. Du wirſt mich alſo morgen nach der See begleiten, Sophie?“ „Sehr gern, mein Bruder; Du weißt, ich bin eine gute Fußgängerin und werde mich bemühen, Deinem Verlangen, Rachel wiederzuſehen, im Fluge nachzu⸗ kommen.“ „Fußgängerin? Warum willſt Du denn den wei⸗ ten Weg zu Fuße gehen? Es iſt kalt und windig da oben, und mit zwei raſchen Pferden iſt der Wcg in zwanzig Minuten zurückgelegt.“ „Mit Pferden, Werner?“ ſagte Sophie wehmüthig lächelnd.„Du vergiſſeth das wir keine Pferde mehr beſitzen.“ 1 13* 196 „Wie!“ rief Werner entſetzt—„keine Pferde mehr? Iſt es ſchon ſo weit mit uns gekommen?“ Die Mutter und Sophie blickten ſich verſtohlen an und tauſchten einen Wink aus, der ſo viel beſa⸗ gen ſollte als:„O! er hat noch keinen Begriff von dem ganzen Unheile, das ſein Vater über uns Alle heraufbeſchworen.“ In dieſem Augenblick klopfte es leiſe an die Thür. Sophie, die ſie ſelbſt geſchloſſen, öffnete, und Valen⸗ tin trat herein, leiſe flüſternd, daß der Herr Baron ſo eben von Downs⸗Caſtle heimgekehrt ſei. „Wie befindet ſich der Herr Baron?“ fragte ſeine Gemahlin. Valentin zuckte die Achſeln und bewegte auf eigen⸗ thümliche Weiſe den Kopf hin und her.„So wie immer,“ ſagte er,„wenn er von Mylord kommt.“ „Es iſt gut, Valentin, beſorge meines Sohnes Zimmer, er bleibt bei uns.“ „O,. das habe ich ſchon lange in Ordnung gebracht, und der junge Herr wird Alles beim Alten finden.“ Darauf ging er wieder fort, nachdem er Sophien einen ermuthigenden Blick zugeworfen. Werner aber erhob ſich, knöpfte den Rock zu und ſagte mit gepreß⸗ ter Stimme: „Alſo mein Vater iſt im Hauſe! So iſt es wohl 197 meine Schuldigkeit, ihm meine Rückkehr anzuzeigen. Adieu, meine Lieben, bis nachher!“ „Werner!“ bat die Mutter, mehr mit den Augen als mit den Worten. „Was wünſcheſt Du, meine gute Mutter?“ „Wenn Du Deinen Vater verändert findeſt— wie er auch ſein mag— äußere es nicht, und ſprich kein Wort von unſrer Lage.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Aber wie iſt er? Wird er noch ſo leicht zornig?“ Beide Frauen ſchüttelten den Kopf.„Geh,“ ſagte die Baronin,„Du wirſt ſehr bald erkannt haben, wie er iſt, und Du haſt wenig mehr von ihm zu befürch⸗ 8 ten.“— Das Herz ſchwer von Sorge belaſtet, ging Werner aus dem Zimmer, durchſchritt den langen Corridor des Hauptgebäudes und wollte eben einen Blick in das liebe alte Muſikzimmer werfen, als Fräulein von Haldrungen, ſeine Tante, ein flackerndes Talglicht in der Hand haltend, aus demſelben heraus und ihm gerade entgegentrat. Werner wich einen Schritt zurück, halb vor Schreck, halb vor Verwunderung. So dürr, ſo trocken, ſo gelb, ſo ſpitznaſig, die Backenknochen weit mehr als früher hervorragend, hatte er ſich ſeine Tante nicht 198 vorgeſtellt. Ha! Da ſchrak er noch einmal zuſam⸗ men. Denn vor ihm belebte ſich der Traum, den er in London geträumt, und wie durch einen Zauber⸗ ſchlag in jene dämoniſche Welt zurückverſetzt, ſtarrte er vor ſich hin, als ſähe er ein Geſpenſt dem Grabe entſteigen.. Auch Fräulein Sibylle erſchrak, als ſie einen un⸗ bekannten Mann vor ſich ſah. Gleich darauf aber fielen die Strahlen ihres Lichtes auf ſein Geſicht und ſie erkannte ihn augenblicklich, zumal ſie gehört hatte, daß er jeden Tag erwartet werde. „Ah!“ ſtieß ſie in ihrem alten, nur noch viel ſchärfer gewordenen Tone hervor—„ſind Sie end⸗ lich wieder da, Herr Neffe?“ „Ja, Tante, ich bin wieder da und freue mich, Dich wohl zu ſehen.“— „Bitte— keine unnütze Vertraulichkeit, junger Mann— das hat zwiſchen uns aufgehört. Ich mag nicht mehr Ihre Tante ſein. Fräulein von Haldrun⸗ gen iſt Fräulein von Haldrungen geblieben, trotz ih⸗ ren großen Verluſten; Werner von Haldrungen aber iſſt ein Geiger geworden, und das hat unſer Verhält⸗ niß geändert. Für Werner von Haldrungen bin ich noch immer die gute Tante, aber der Geiger braucht ſich nicht um meine Gunſt zu bemühen, er wird ſich 199 bald ſein Brod vor den Thüren der Leute verdienen können. Haha!“ Werner warf einen einzigen Blick auf die Jam⸗ mergeſtalt, die außer ihrer körperlichen Häßlichkeit noch mit einem ſo bitteren Herzen begabt war, als wäre ſie nicht ſchon durch jene genug gezeichnet,— und dieſer eine Blick ſprach ſeine ganze Empfindung gegen ſie aus. Da ſie unterdeß weiter geeilt war, ſchüttelte er ſich, als wollte er den Eindruck loswerden, den ſie auf ihn gemacht, und ſchritt dann langſam, die Hand an die Stirn gedrückt, den Corridor entlang, der, obgleich von keiner Lampe wie früher erleuchtet, ihm doch bekannt genug war, um ihn ſein Ziel finden zu laſſen. Als er um die Ecke nach dem Herrenflügel des Hauſes gebogen war, that ſich die Thür des Zim⸗ mers ſeines Vaters auf und der alte Valentin trat mit einem kleinen Oellämpchen in der Hand heraus. „Ich bin es, Valentin, erſchrick nicht!“ rief ihm Werner entgegen.. „O, o, Sie ſind es, Herr Werner! Nein, nein, ich erſchrecke nicht, denn ich erſchrecke vor Nichts mehr, darüber bin ich hinweg.— Haben Sie das gnädige Fräulein ſchon geſprochen?“ „Ja, ſo eben.“ 200 „Nun, Sie werden Ihre Freude auch nicht daran gehabt haben!“ „Nein; iſt Fräulein von Krecht noch hier?“ Valentin deutete mit ſeiner freien Hand weit in die Ferne.„Weit, weit und lange weg, junger Herr! Der wurden die Biſſen hier viel zu ſchmal und ſo ging ſie wie alle Uebrigen davon.“ „Wie alle Uebrigen? Wie meinſt Du das?“ „Wie ich es ſage, Herr Werner. Denn Doris, ich und Jakobine, der alte Spürhund, wir ſind die ein⸗ zigen Diener im Hauſe geblieben und ſpielen Köchin, Hausmagd und Pferdeknecht, Alles in einer Perſon.“ — Werner bebte zuſammen. Für ſo tief geſunken, wie er es jetzt erfuhr, hatte er ſeinen Vater doch noch nicht gehalten, und davon hatten ſogar Sophie und ſeine Mutter geſchwiegen.„Iſt mein Vater dort im Zimmer?“ fragte er, nachdem er ſich wieder geſam⸗ melt hatte. „Ja, ja, er iſt darin.“ „In welcher Stimmung befindet er ſich?“ „Je nun, wie gewöhnlich.“ „Wie iſt er gewöhnlich, ſprich deutlich.“ Valentin that als wenn er ein Glas mit der Hand an die Lippen erhöbe. Werner verſtand ihn und ſchauderte unwillkürlich. 201 „Gehen Sie getroſt hinein, junger Herr,“ ermun⸗ terte Valentin—„der alte Herr— beißt nicht mehr. Mylord Shorneliffe und die Anderen haben ihm einen Zahn nach dem andern ausgezogen.“ Werner raffte ſich zuſammen, und einen Augen⸗ blick ſpäter ſtand er im Zimmer ſeines Vaters und— vor dieſem Vater ſelbſt. Ach, aber ihm wurde ein andrer Anblick als frü⸗ her in dieſem Zimmer zu Theil. Trotz Valentin's äußerſter Sorgfalt lag Alles bunt durcheinander, und das ganze Zimmer bot den Anblick halb einer Trödel⸗ bude, halb des Aufenthalts eines armen Mannes, der ein Stück nach dem andern von ſeinem Beſitz, das irgend einen Werth hat, verſetzt oder verkauft hat, und dem nichts übrig geblieben, als das zu ſeinem Lebens⸗ unterhalt unbedingt Nothwendige. Wie war es mög⸗ lich, daß in wenigen Jahren hier eine ſolche Umwan⸗ delung geſchehen konnte? O ja, antworten wir, da, wo der Trunkenbold ſich zum Spieler geſellt, iſt Alles möglich.„Ha!“ dachte Werner, als er nur einen Blick auf ſeinen Vater geworfen—„mein Traum, mein Traum! Auch hier geht er in Erfüllung— auch hier hat der Zauberer ſeinen Stab geſchwungen!“— In ſeinem alten Seſſel, der verblichen, überall geflickt und doch wieder zerriſſen war, ſaß der Baron 202 von Haldrungen. Beſchreiben wir ihn nicht umſtänd⸗ lich, denn das Bild im Traume Werners hat uns ſchon halb und halb dieſer Mühe überhoben. Er bot im Ganzen und Einzelnen einen ſehr traurigen An⸗ blick dar. Abgezehrt, in den Kleidern hängend, lag er mehr als er ſaß, feſt in die eine Ecke des weiten Stuhles gedrückt. Sein Haar war aſchfarbig und ſparſam, ſeine Naſe ſpitz, ſein Mund zahnlos gewor⸗ den. Gewöhnlich war er bleich, heute aber, und das war jedes Mal der Fall, wenn er vom Lord zurück⸗ kehrte, wo er ſich ſtarke Getränke ausbat, ſah ſein Ge⸗ ſicht gedunſen aus und ſeine kleinen Augen funkelten unheimlich, furchtſam den Eintretenden an. Beinahe hatte es den Anſchein, als ob er ſich vor ſeinem Sohne ſchäme; und vielleicht war das auch, aber dann nur ſehr vorübergehend der Fall, denn der einſt ſo gebieteriſche, hochmüthige und reiche Baron war durch Verluſte, Leidenſchaft, Völlerei und allerlei Elend ſo tief geſunken, daß ihm eine eigentliche Beurtheilung ſeiner Verhältniſſe nicht mehr zu Gebote ſtand, und eine dumpfe Gefühlloſigkeit und Gleichgültigkeit ge⸗ gen Alles auf der Welt hatte den Platz in ſeinem Herzen eingenommen, der für edlere Empfindungen und Regungen von der Vorſehung beſtimmt gewe⸗ ſen war. „Mein Vater,“ ſtammelte Werner mit einer Stimme, die von Wehmuth, Erſtaunen und Schrecken faſt hohl klang.„Mein Vater, da bin ich wieder und ich freue mich, Dich wiederzuſehen.“ „Aha! Du biſt es, Werner— nicht wahr?“ „Ja, mein Vater— darf ich Dir meine Hand reichen?“ „Da, nimm ſie!“ und er reichte ſeine kalte, feuchte Hand hin, vor der Werner beinahe wieder zurück⸗ geſchaudert wäre. Allein er bezwang ſich, drückte ſie herzlich und ſah dann ſeinem Vater tief in die Augen, aus denen ihm nur ein gläſerner Blick ohne Kraft, ohne Männlichkeit, ohne Seele entgegenflimmerte. „Wie geht es Dir, mein Vater?“ fuhr Werner fort. „Mir geht es— gut, wie Du ſiehſt. Herrlich! Prächtig! Haſt Du Dich recht— amüſirt?“ „Ach, mein Vater, darum bin ich ja nicht fort⸗ gegangen. Ich bin fleißig geweſen und habe etwas gelernt, hoffe ich.“ „Fleißig geweſen— etwas gelernt? Hahaha! Altes Haus, als ob ich Dir das glauben ſollte. Ha⸗ haha! Du biſt ja jung— hübſch— reich— ha!“ und er fuhr in ſeinem Seſſel in die Höhe.„Biſt Du vielleicht gerade bei Kaſſe?“ „In dieſem Augenblick nicht, mein Vater, aber 204 wenn ich Dir womit dienen kann, gern— ich habe mir etwas geſpart.“ „Prächtig! Herrlich! Bringe mir es her, o, bringe mir es nur her— hier iſt es ſicher, ſehr ſicher— wieviel willſt Du mir geben?“ „Wieviel gebraucht mein Vater?“ „Weißt du was— gieb mir Alles, was Du haſt, ich werde es Dir auf Zinſen legen— gute Zinſen — verſtehſt Du?“ „Ja, ich verſtehe!“ „So, das iſt gut— he, biſt Du ſchon bei der — bei— ich wollte ſagen, bei meiner Frau geweſen?“ „Ja, mein Vater.“ „Was macht ſie? Iſt ſie geſund?“ „Leidlich.“. „Und Sophiechen auch? Das kleine Sophiechen! Ein allerliebſtes Kind iſt ſie geworden, nicht wahr, Wer— Werner?“ Werner ſah, was ſeinem Vater fehlte— die Ruhe, denn er fiel beinahe um vor Müdigkeit, und in der Befriedigung derſelben fand er jetzt ſeine größte Er⸗ quickung; er ſchlief in der Regel die ganze Nacht und faſt den halben Tag, und nur wenn ſeine thieriſchen üürfniſſe erwachten, oder ſeine Leidenſchaft ſich er⸗ ho 3 und er zum Spiele eilte, wurde er munter. Er 205 wünſchte ihm alſo eine gute Nacht, was Jener kaum noch hörte, ſetzte die Lampe an einen ſicheren Ort auf einen von ihm entfernt ſtehenden Tiſch und ging dann hinaus, Valentin zu rufen, den Vater zu Bett zu bringen, was derſelbe alle Abende mit der Sorgfalt einer Kinderfrau that, die ihren Säugling einhegt. Werner aber, erſchüttert wie nie in ſeinem Leben, alle Quellen ſeiner Seele und ſeines Geiſtes gleich⸗ ſam vertrocknet fühlend, zermalmt und ſich in ſich ſelbſt für ſeinen Vater ſchämend, der ihm das Leben gegeben und nicht die Fähigkeit beſeſſen hatte, ſein eigenes zu einem ehrenhaften zu geſtalten, ſuchte ſein altes Zimmer, zündete Licht an und, obgleich es eiſig kalt in demſelben war, ging er lange auf und ab, überlegend, was nun noch kommen könne, was nun geſchehen müſſe und wie ſich das Ende der allgemei⸗ nen Verwandelung entwickeln werde. Laſſen wir ihn in dieſem traurigſten Augenblicke ſeines Lebens allein; ein männliches Herz, wie das ſeine, kämpft ſich durch jede Sorge, ein kühner Geiſt wie der ſeine, läßt aus jeder Lebenslage neue Keime hervorſprießen, und ſo wollen wir auch von ihm hof⸗ fen, daß er Troſt gefunden und ſich frei von aller Schuld geſprochen, daß ein ſolcher Mann— ſein 206 Vater, und ſein Vater— ein ſolcher Mann gewor⸗ den war. 3 Bevor er aber, mehrere Stunden ſpäter, zu Bett ging, ſuchte er insgeheim ſeine Brieftaſche hervor, in der er alle wichtigen Schreiben bewahrte, und fand darin den Brief des Lords, den er ihm damals nach Wien geſchrieben und mit Emery Shorncliffe unter⸗ zeichnet hatte. „Ja“, ſagte er, als er die feſten und ſchönen Züge mit ſcharfem Auge unterſuchte,„ja, es iſt richtig, er heißt auch Emery. Es kann ein Zufall ſein, aller⸗ dings— aber nein, eine Ahnung ſagt mir, daß es anders iſt, und mein Herz hier, das in der Bruſt ſo eifrig hämmert und pocht, beſtätigt es. Wie, wenn darin das eigentliche Geheimniß läge— vielleicht das bedeutſamſte, das mir verborgen iſt— der Lord if jedenfalls im Beſitz deſſelben, aber meine Mutter nicht— darum kommt er auch nicht nach Brenkowitz, darum vermeidet er ſie— ha! o mein Gott! ich fange an zu begreifen— der Schleier des Räthſels lüftet ſich— aber ſtill, ſtill, bis es Tag wird rings herum, denn jetzt, jetzt iſt es noch finſtere Nacht hier. O Gott, mein Gott, was war das für ein Tag, und welche ſchrecklichen Dinge muß ein Menſch erleben, um die Welt und ſich ſelbſt zu be⸗ 207 greifen! O gieb, daß ein ſolcher Tag nie wiederkehre! Sende uns einen Engel, der uns befreit von allem Wirrwarr, denn ſchwer, ſchwer liegt des Verhängniſſes Hand auf uns Allen, und es iſt Keiner unter uns, der ſich nicht des Segens freuen würde, mein Gott, in welcher Geſtalt Du ihn auch auf uns hernieder ſenken würdeſt!“— Achtes Mnpitel. Ein nicht viel verſprechender Anfang. Joſeph Sohn, zu dem wir jetzt nothwendig zurück⸗ kehren müſſen, war Mitte Auguſt des vorigen Jahres von den Dünen vor Downs⸗Caſtle abgeſegelt. Bei'm Einſchiffen ſelbſt und ſo lange er noch das Land dicht vor Augen hatte, auf deſſen ſicherem Ufer die Men⸗ ſchen wohnten, die ihm ſo theuer und werth waren, fühlte er ſich von einem unendlichen Weh bedrückt, als er aber erſt den Bord des Britain betreten und die herrliche Einrichtung der beiden Oberdeckkajüten in Augenſchein genommen hatte, die ihm von jetzt an Wochenlang zur Wohnung dienen ſollten und jeden Comfort enthielten, den ein reicher und geſitteter Mann in ſeinen Landhäuſern um ſich zu ſehen gewohnt iſt, ergriff ihn mächtig die Neuheit ſeiner Umgebung, namentlich der Anblick der See, und er fühlte ſich 209 bald der trüben Vergangenheit entrückt und einer an⸗ genehmen Gegenwart überliefert. Sobald er ſeinen Fuß auf das kleine Quarterdeck geſetzt, erſchien Mr. Miles, der Schiffscapitain, vor ihm, ein alter bewähr⸗ ter engliſcher Seemann, der Lord Shorneliffe, als er noch Emery Glandon hieß, ſchon nach Indien beglei⸗ tet hatte, erwies ihm die Ehren des Schiffsherrn ſel⸗ ber und fragte beſcheiden an, ob er in See ſtechen dürfe. Nachdem dieſe Frage bejahend beantwortet war, wurde das Gangſpill bemannt und die Anker hoben ſich vom Meeresgrande empor. Gleich darauf fielen die Segel herab, der günſtige Südoſt blähte ſie wie Schwingen eines rieſigen Vogels auf und der Britain war in Fahrt. Donnernd erhob ſich jetzt der Ab⸗ ſchiedsgruß der Matroſen, und auch Joſeph ſchwenkte ſeinen Hut gegen das Ufer hin, Segen und Glück über alle die zurückgelaſſenen Lieben vom Himmel her⸗ abflehend, als die drei Abſchiedsſchüſſe im gewaltigen Echo an den Bergen und Wäldern der deutſchen Küſte entlang dröhnten. Es war Morgens etwa ſieben Uhr, als der Britain unter engliſcher Flagge die Dünen der Oſtſee verließ und mit geflügelter Eile dem Norden zuſtrebte, um in der nächſten Nacht ſchon die Küſten Bornholm's zu begrüßen. Es iſt indeſſen unſre Abſicht nicht, Tag für Emery Glandon. III. 14 210 Tag den Lauf des Schiffes und das Leben der an ſei⸗ nem Bord befindlichen Männer zu beſchreiben; wir richten unſre Aufmerkſamkeit nur auf die Hauptſachen und erwähnen alſo, daß die hurtige Yacht bei anhal⸗ tend günſtigem Winde in etwa achtundvierzig Stun⸗ den den Hafen von Kopenhagen erreichte, worauf Jo⸗ ſeph, von Francis begleitet, die ſchöne Stadt betrach⸗ tete, die ſeit dem Jahre 1848 wieder in aller Welt Munde iſt. Nach zwei Tagen Aufenthalts ward die Reiſe zwiſchen Seeland und Schweden hinauf fortge⸗ ſetzt und ſtets blieb das Wetternſchön, der Himmel klar, die See ruhig und der mäßiger gewordene Süd⸗ oſt wühlte kaum von Zeit zu Zeit die Wogen des ſpiegelklaren Meeres auf. Im Kattegat freilich und noch mehr im Skager⸗Rack wurde die See etwas be⸗ wegter, der Wind heftiger, aber immer nur ſtunden⸗ lang, und als man die ſchwellende Nordſee erreicht und alles Land längſt aus den Augen verloren hatte, legte er ſich ſogar faſt ganz und es gab Stunden an Bord, die vollkommen dazu geeignet waren, in Joſeph das ernſtliche Nachdenken über den Zweck und den Erfolg ſeiner Reiſe zu erwecken. Schon oft hatte er mit dem überaus klugen und in vielen Dingen erfah⸗ renen Francis über das vorliegende Unternehmen ge⸗ ſprochen und immer mehr hatte er ſich überzeugt, daß 211 ihm kein paſſenderer Begleiter hätte beigegeben wer⸗ den können. Francis wußte jetzt Alles, um was es ſich handelte, nur in welcher Verbindung Lord Shorn⸗ cliffe zur Baronin von Haldrungen ſtand, und daß dieſe die Mutter des aufzuſuchenden Kindes ſei, war ihm unbekannt geblieben. Sehr bald hatte es Joſeph ver⸗ ſtanden, die Sache des Lords zu einer Ehrenſache für Francis ſelber zu machen, und ſo konnte er überzeugt ſein, daß dieſer Nichts außer Acht laſſen würde, um das vorgeſteckte Ziel zu erreichen, wenn es irgend er⸗ reichbar war. 1 „Und es muß erreichbar ſein,“ ſagte Joſeph eines Tages zu ſeinem Begleiter, als ſie, den Küſten Hol⸗ land's gegenüber, den Kreidefelſen England's zuſteuer⸗ ten,„es m uß, Francis, denn es liegt zu klar vor uns, was wir beabſichtigen. Wenn wir Mr. Pearſon, den Seiler, in Gosport finden, bei dem ſich Mr. Baxton's Freund, der ehemalige Schiffscapitain Mr. Rosmond aufhalten ſoll, der, nach Mr. Baxton's Ausſage, Kundſchaft über Thomas Morris oder ſeine Tante eingezogen haben muß, ſo gehen wir Mrs. Morris ſelbſt zu Leibe und dieſe wird uns auf alle Fälle über ihren Neffen Auskunft ertheilen.“ „Auf alle Fälle nun wohl nicht, Mr. Sohn,“ ent⸗ gegnete der weniger zuverſichtliche Francis.„Vergeſ⸗ 14* 212 ſen Sie nicht, daß immer einige„Wenns“ mit im Spiele ſind, und das iſt eben kein ſicherer Fiſchfang. Ja, klar liegt allerdings Alles vor uns, was wir wol⸗ len, und den richtigen Weg haben Sie ſich vorgezeich⸗ net, allein bedenken Sie, daß wir auf Hinderniſſe ſtoßen können, welche die Reihenfolge unſrer ſchönen Abſichten unterbrechen oder gar umſtoßen, und dann werden wir neue Pläne zu erſinnen haben. O, ein Mann und eine Frau, wenn man auch ihren Namen weiß, in den drei Königreichen oder ſonſt wo aufzuſu⸗ chen, iſt immer keine kleine Aufgabe. Wenn ſie ſo leicht zu löſen geweſen wäre, würde ſich Mylord Shorncliffe, unſer Herr, und William Barxton, ſein umſichtiger Diener, nicht ſo viele Jahre vergebens bemüht haben, den verdammten Thomas Morris, den ich wie Sie für einen Gauner erſter Klaſſe halte, aufzu⸗ finden. Mylord hat, nach Allem, was ich jetzt weiß, ge⸗ wiß keine Mühe und kein Geld geſpart, und doch hat er nichts, gar nichts entdeckt von Dem, was er entdecken wollte, und ſo iſt es Mr. Baxton ebenfalls ergangen.“ „Nicht ſo ganz, Francis; Mr. Baxton hat einen Mann aufgefunden, der Thomas Morris kennt oder von ihm gehört hat und der noch dazu jetzt wiſſen wird, wo ſich ſeine Verwandte aufhält, die mit ihm von Jugend an in Verbindung geſtanden hat.“ 213 „Ja, Sie meinen dieſen Mr. Rosmond; wird er aber ſchon jetzt wiſſen, wo Mrs. Morris lebt, oder ob ſie überhaupt noch lebt?“ „Das müſſen wir hoffen, Francis.“ „Wir wollen es wenigſtens hoffen, ſo wie, daß wir Mr. Rosmond zu Hauſe treffen.“ „Mr. Baxton ſagt, wir würden ihn ohne Zweifel antreffen, denn nur ſelten verlaſſe er ſein Haus.“ „Wenn es ſich ſo verhält, dann freilich, aber er kann fort ſein, ohne daß Mr. Baxton es vermuthet. Ueberdieß, Mr. Sohn, glauben Sie nicht etwa, daß ich Sie entmuthigen will, bewahre, aber ich möchte Sie nur auf alle Möglichkeiten vorbereiten. Wenn Mrs. Morris, falls wir ſie wirklich finden ſollten, eine mit Thomas Morris im Bunde ſtehende und eben ſo liſtige Frau iſt, wir er mir ein böswilliger und ver⸗ ſchlagener Mann zu ſein ſcheint, ſo werden wir ſchon bei ihr alle Mühe aufwenden können, etwas Genaueres über ihren Neffen zu erfahren, falls ſie ſelbſt etwas von ihm weiß.“ „Das mag allerdings ſo ſein und eben in dieſer Vorausſetzung müſſen wir ſchlau ſein wie Die, deren wir habhaft werden wollen.“— „Damit bin ich einverſtanden und das wollen wir, redlich ſogar. Francis Poweril— ſo heiße ich näm⸗ 214 lich mit meinem Vatersnamen, Sir,— hat Mutter⸗ witz genug von der Natur erhalten, um einen Schlag zu führen, wo er weiß, daß ein Schlag gut thut, und ſich wie eine Schlange zu geberden, wo nur Schlan⸗ genart erſprießlich iſt.“ „Nun, wir werden es ja erfahren, Francis, ich ſehe ein, daß Du Recht haſt und daß wir nicht zu früh frohlocken dürfen.“ „Bei Leibe nicht.— Aber das iſt ein verfluchter Ne⸗ bel heute und wir ſchleichen wie die Schildkröten dahin, ſtatt daß wir wie eine Möve flattern ſollten.— He, Mr. Miles, wo ſind wir und wie lange haben wir noch Waſſer vor uns, bis wir unſre Küſten erblicken?“ Der Capitain des Britain trat näher und berich⸗ tete, daß man in der Höhe von Yarmouth ſei und daß man bei dieſem ſchlechten Winde die Straße von Calais im laufenden Tage nicht erreichen werde. So mußten ſich die eifrig Vorwärtsſtrebenden denn in Geduld faſſen, aber am andren Morgen klärte ſich das Wetter auf, der blaue Himmel wurde wieder ſichtbar und eine leichte Briſe wehte leicht aus Oſten her. Mit ihrer Hülfe fuhr man am Mittag des näch⸗ ſten Tages in den britiſchen Canal ein und hier wurde Joſeph zum erſten Male das lange erſehnte 215 Vergnügen zu Theil, die Kreidefelſen Altengland's aus nächſter Nähe bewundern zu können. Bald aber wurde der Wind wieder ungünſtiger und erſt am Morgen des nächſten Tages, bei ſtrah⸗ lendem Sonnenſchein, tauchten die himmelanſtreben⸗ den Klippen der Inſel Wight auf,; einige Stunden ſpäter befand man ſich in der ſichren Rhede von Spit⸗ head, wo Joſeph einige engliſche Koloſſe ſah, die ſich auf den heimiſchen Wogen tummelten, und bald darauf lief man in das ungeheure Baſſin ein, welches man den Hafen von Portsmouth nennt, wo der Bri⸗ tain ſeine Anker fallen ließ. Joſeph Sohn ſtand mit Francis unter dem Son⸗ nenzelt der Yacht und ſchaute mit weit aufgeriſſenen Augen das Gewühl an, das rings um ihn herrſchte. Hunderte von Booten flogen auf und nieder, und Tau⸗ ſende von Menſchen waren beſchäftigt, ihre tägliche Arbeit auf dem flüſſigen Elemente zu verrichten. Zwei Stunden etwa waren dem Alles und Jedes mit be⸗ gierigem Auge verfolgenden Joſeph vergönnt, ſeine Studien anzuſtellen, da erſt waren die Hafengeſetze erfüllt und man beſtieg, um zu Lande zu fahren, das Gig des Britain, der ſo lange im Hafen ankern ſollte, bis er von Francis den Befehl erhielt, ſeinen jetzi⸗ gen Herrn entweder weiter zu führen oder, falls der⸗ 216 2 ſelbe in Portsmouth zu bleiben Urſache fand, wieder nach der Oſtſee zurückzukehren. Letzteres that er, was wir gleich hier erwähnen wollen, ſchon am zweiten Tage, nachdem Joſeph zur Genüge erkundet hatte, daß ein Wenn Francis Poweril's ſchon zur erſten Klippe ſeines Unternehmens geworden war. Von dem Augenblick an, wo die Reiſenden das feſte Land betreten hatten, begann Francis Führeramt. Zunächſt brachte er ſeinen Herrn in die London⸗Ta⸗ vern in der High⸗Street, einen ſehr großen und com⸗ fortable ausgeſtatteten Gaſthof. Nachdem ſie ſich hier eingerichtet und ein Frühſtück genoſſen, nahmen ſie ein Boot und fuhren nach Gosport hinüber, wo Mr. Pearſon wohnte, der eigentlich ſeines Handwerks ein Seiler war, aber ein großartiges Geſchäft nach allen Ländern trieb, die mit der Schifffahrt zu thun hatten. In dieſem Geſchäft war gegenwärtig Mr. Rosmond, der Bekannte William Barxton's, ange⸗ ſtellt, der urſprünglich ein Seemann war, ſich aber, um am Abende ſeines Lebens Ruhe zu genießen, von dem Commando eines Handelsſchiffes zurückgezogen und in ſeiner Vaterſtadt Gosport häuslich niederge⸗ laſſen hatte. Ein weitgereiſter und an Wechſel des 217 Aufenthalts gewöhnter Seemann hat jedoch ſelten Ruhe an einem Orte, und ſei dieſer Ort auch ſeine Hei⸗ mat oder noch ſchöner als dieſelbe, und ſo erging es auch Mr. Rosmond; denn nachdem er etwa ein Jahr in Ruhe in ſeinem kleinen Hauſe neben ſeinem Schwa⸗ ger Pearſon gelebt, erwachte ſeine Reiſeluſt wieder, und die Sehnſucht nach aufregender Veränderung machte ſich ſo lebhaft geltend, daß er den Vorſchlag ſeines Schwagers annahm und in deſſen Geſchäft trat, um in der Stellung eines überſeeiſchen Reiſen⸗ den Unterhaltung und angenehmen Zeitvertreib für ſeine Langeweile zu ſuchen. Dieſer Geſchäftseintritt war kurze Zeit nach Mr. Baxton's letztem Beſuche in England erfolgt, und da Mr. Rosmond ein nachläſſi⸗ ger Briefſchreiber war, wie alle Seeleute, ſo konnte der gute Haushofmeiſter natürlich keine Ahnung haben, daß ſein Freund in Portsmouth eine neue Laufbahn eingeſchlagen habe. Zu Mr. Pearſon's Hauſe alſo, das bald gefunden war, führte Francis Poweril ſeinen jungen Herrn zunächſt, allein ſie hatten in doppelter Beziehung mit ihrem Beſuche Unglück; denn einmal fanden ſie Mr. Rosmond nicht daheim, und ſodann traten ſie in ein Trauerhaus, da Mr. Pearſon ſelbſt erſt vor wenigen Tagen unerwartet geſtorben war und ſeine Wittwe in 218 ziemlicher Unkenntniß ihrer Geſchäftsverhältniſſe zu⸗ rückgelaſſen hatte. So herrſchte denn in dem Vorderhauſe der Mrs. Pearſon eine ungewöhnliche Stille, die nur zeitweiſe durch das Geſchrei und Gelärm der zahlloſen Arbeiter, die in den nach den Höfen gelegenen Fabrikgebäuden ihr Gewerbe trieben, unterbrochen wurde. Kaum konnte Francis es durchſetzen, daß Mrs. Pearſon ſie empfing, und nur durch Nennung des ihr bekannten Namens William Baxton's gelang es, die Wittwe einen Augenblick aus ihrer traurigen Verſunkenheit zu reißen. Joſeph Sohn und Francis waren in ein Zimmer zu ebener Erde eingetreten und harrten ſchweigend der ſich etwas verzögernden Ankunft der armen Frau. Endlich kam ſie, eine ziemlich betagte Matrone, mit ſichtbar gerötheten Augen und von ihrem Schmerz gebleichten Wangen. „Mrs. Pearſon,“ begann Joſeph ſeine Anrede,„ich bedaure von ganzem Herzen, daß wir zu ſo ungele⸗ gener Stunde vor Ihnen erſcheinen, allein ein Ge⸗ ſchäft von der höchſten Wichtigkeit und Eile zwingt mich, nur einige Minuten Ihre koſtbare Zeit in An⸗ ſpruch zu nehmen. Mr. William Baxton, der vor Kurzem aus England zurückgekehrt iſt und Ihren Herrn 219 Gemahl, ſo viel ich weiß, noch wohl und geſund fand—“ „Ach, ja, ja!“ ſchluchzte die von Neuem an ihren unerſetzlichen Verluſt erinnerte Wittwe. „— und der keine Ahnung von Ihrem Mißge⸗ ſchick hat, theilte uns mit, daß ein gewiſſer ehemaliger Seecapitain, Namens Rosmond, in Ihrem Hauſe oder wenigſtens in der Nähe deſſelben wohne.“ 8 „Ja, Sir, ſo war es auch bis kurz nach Mr. Bax⸗ ton'’s Abreiſe. Aber da trat der alte Freund unſtes Hauſes zu meines ſeligen Mannes großer Beruhigung in unſer Geſchäft, und vor vier Wochen etwa begab er ſich nach Amerika, um Gelder einzukaſſiren und in Canada neue Geſchäftsverbindungen anzuknüpfen.“ „In Canada!“ ſtotterte Joſeph und warf einen troſtloſen Blick auf Francis, der ſelbſt ſehr wenig er⸗ baut von der eben gehörten Nachricht war.„Und wann kehrt Mr. Rosmond wieder nach Europa zurück?“ „Ach, Sir, das weiß ich leider nicht, ja ich kann Ihnen nicht einmal den Aufenthaltsort deſſelben an⸗ geben— mein ſeliger Mann, freilich, der hätte es gekonnt, denn er wußte es— aber ich, ach! wer hätte gedacht, daß ein ſolcher Unglücksfall uns ſo raſch treffen würde!“ 220 „Aber er muß doch zuerſt nach irgend einem Ha⸗ fenorte geſegelt ſein?“ miſchte ſich Francis in das Geſpräch. „Freilich muß er das, aber ich weiß nicht, ob er zuerſt nach dem Norden oder dem Süden gegangen iſt, und muß nun erſt auf einen Brief von ihm war⸗ ten, bis ich weiß, wohin ich ihm die Nachrichten von hier nachſenden kann.“ „Hat er denn Niemandem in Ihrem Hauſe ſeinen Plan mitgetheilt?“ „Leider nein, Sir; er betrieb Alles mit meinem ſeligen Manne ſehr geheimnißvoll, wie er denn über⸗ haupt nie ein Freund von vielen Worten war.“ „Sie haben auch keine Vermuthung, wohin er zu⸗ erſt gegangen ſein könnte?“ „Nicht die geringſte.“ „So wird uns in dieſer unangenehmen Lage nichts übrig bleiben, als auf einen Brief von Mr. Rosmond zu warten, um ihm einen anderen nachſen⸗ den zu können,“ ſagte Joſeph, ſeine Worte mehr an Francis als an Mrs. Pearſon richtend. „Leider weiß ich Ihnen ſelbſt keinen beſſeren Vor⸗ ſchlag zu machen, es müßte denn ſein, daß ich in ir⸗ gend welchen Papieren eine Vermuthung ausgeſprochen fände, wohin Mr. Rosmond gegangen iſt.“ 221 „Wie lange ſollte die Reiſe deſſelben dauern?“ fuhr Joſeph in ſeinen Nachforſchungen fort. „Ich weiß nur, daß die Zeit unbeſtimmt war und daß er ſich auf eine lange Abweſenheit vorbereitet hat, denn er hat ſogar ſein Teſtament gemacht.“⸗ „Ha! Wo hat er das niedergelegt?“ „Es liegt in meines ſeligen Mannes eiſernem Schrank, kann Ihnen aber auch zu nichts helfen, da es erſt erbrochen werden darf, wenn ſein unzweifel⸗ hafter Tod hierher gemeldet werden ſollte.“ Das hat ſeine Richtigkeit, Sir,“ bemerkte Francis, „und uns bleibt nur übrig, zu warten oder in eini⸗ ger Zeit wieder vorzuſprechen und uns nach etwaigen neueren Aufſchlüſſen zu erkundigen.“ „Thun Sie das, meine Herrn, ſo oft Sie wollen, Sie werden mir jederzeit angenehm ſein.“ „Iſt Ihnen vielleicht der Name Thomas Morris bekannt?“ fragte noch Joſeph, ehe er ſich von ſeinem Sitze erhob. „Nein, Sir, ich habe ihn nie gehört, wenigſtens erinnere ich mich deſſen nicht.“ „Mit welchem Schiffe iſt Mr. Rosmond abgereiſt?“ fragte Francis ſchließlich. „O, das kann ich Ihnen. ſagen, es war ein kleiner Küipper, der Nordſtern genannt.“ 222 „So danken wir Ihnen, Mrs. Pearſon, und neh⸗ men Sie unſern Beſuch nicht übel.“ Nach den üblichen Abſchiedsworten begaben ſich die beiden Männer auf die Straße, um ohne Aufent⸗ halt zum Hafenmeiſter zu gehen und ſich über den Beſtimmungsort des Nordſterns aufklären zu laſſen. Aber auch hier erhielten ſie keinen erwünſchten Auf⸗ ſchluß, denn der Hafenmeiſter, der allerdings beſtätigte, daß Mr. Rosmond auf demſelben abgeſegelt ſei, be⸗ merkte, daß ſie durchaus nichts Beſtimmtes über ſeinen Lauf erfahren könnten, da der Nordſtern zu ganz be⸗ ſonderen Zwecken von der Regierung gemiethet und mit verſiegelten Depeſchen verſehen geweſen ſei, ob⸗ gleich man vermuthe, er habe ſeinen Weg zuerſt nach New⸗York genommen.— So war denn alſo ſchon der erſte Verſuch, ihren Reiſezweck zu erreichen, vollſtändig mißlungen; ſehr übel aufgelegt, begaben ſich die beiden jungen Män⸗ ner nach ihrem Gaſthofe zurück und berathſchlagten, was nun zu thun ſei.. 3 „Ich weiß Etwas, das vielleicht einen Erfolg ver⸗ ſpricht,“ ſagte Francis endlich, nachdem ſie beſchloſſen, ſo lange in Portsmouth oder in der Nähe deſſelben ſich aufzuhalten, bis ein Brief von Mr. Rosmond eingetroffen ſei. „Was iſt das?“ fragte Joſeph mit geſpannter Miene. „Wir wollen einen Aufruf in allen Blättern er⸗ laſſen und Demjenigen eine Belohnung verſprechen, der uns die geringſte Auskunft über Thomas Mor⸗ ris giebt.“ „Das war ein Wort zur rechten Zeit!“ rief Joſeph erfreut, und ſchon am nächſten Tage enthielten ver⸗ ſchiedene viel geleſene Zeitungen folgende Worte: „Wer über einen verſchollenen Mann, Thomas Mor⸗ „ris, ungefähr 46 bis 48 Jahre alt, aus Dover „gebürtig, die geringſte Auskunft ertheilt, erhält zehn „Pfund Sterling zur Belohnung.“ Acht Tage vergingen und Niemand meldete ſich, der irgend eine Auskunft gegeben hätte. Am nächſten Tage enthielten die Blätter das Verſprechen, zwanzig Pfund zu zahlen, acht Tage ſpäter fünfzig Pfund, aber Niemand meldete ſich, bis endlich drei T Tage nach der letzten Einſendung ein alter Matroſe erſchien und die fünfzig Pfund in Anſpruch nahm, wofür er über be⸗ ſagten Thomas Morris die erwünſchte Auskunft zu geben verſprach. Bei dieſem Beſuche ſprang ſowohl Joſeph wie Fran⸗ cis, der gerade im Zimmer ſeines Herrn war, lebhaft auf und dem Manne entgegen, der ſogleich erzählte, 224 daß Thomas Morris, den er genau beſchrieb, wie ihn Joſeph aus Mr. Baxton's Mittheilungen kannte, vor etwa acht Jahren auf einem Schiffe, Hesperus ge⸗ nannt, als Paſſagier nach Auſtralien gefahren, wo er auch geblieben, als ein halbes Jahr ſpäter der Matroſe wieder nach England zurückgekehrt ſei. Das mochte ſein, aber was half dieſe Nachricht unſerm Freunde? In acht Jahren konnte Viel ge⸗ ſchehen, Thomas Morris geſtorben oder Gott weiß woohin verſchlagen ſein! Allein die Prämie mußte ge⸗ ͤaͤhlt werden und wurde ehrlich gezahlt. Der alte Matroſe entfernte ſich ſchmunzelnd, ſehr gern das Ver⸗ ſprechen hinterlaſſend, wiederzukommen, ſobald er et⸗ was Neues von jenem Paſſagier vernommen haben würde. Joſeph aber ſah ein, daß er auf dieſe Weiſe wohl viel Geld los werden, aber ſeinen Zweck doch nicht erreichen würde, und beſchloß ſich einſtweilen in Geduld zu fügen. Mehrere Male in den nächſten Wochen war ſo⸗ wohl Joſeph wie Francis bei der Wittwe Pearſon in Gosport geweſen, um Erkundigungen über etwaige eingelaufene Nachrichten einzuziehen, allein immer ver⸗ gebens, bis die beiden jungen Männer endlich einſahen, ₰ 225 daß ihr Verbleiben in dem in allen Ecken durchſtöber⸗ ten Portsmouth weiter keinen Nutzen hätte. Um ihre Zeit daher nicht ganz nutzlos verſtreichen zu laſſen, beſchloſſen ſie, des Lords Vorſchlägen zu folgen und an⸗ dere Gegenden England'’s zu beſuchen, um wenigſtens für ſich ſelbſt zu leben, da ſie für ihn vor der Hand nichts mehr erringen konnten. So hinterließen ſie denn verſchiedene Adreſſen bei der Wittwe, unter denen ſie ihnen ſogleich ſollte ſchreiben laſſen, ſobald die erſte Nachricht von Mr. Rosmond einlief, und begaben ſich zunächſt nach Dover, wo Joſeph eine Pflicht der Pie⸗ tät zu erfüllen hatte, denn er wollte mit eigenen Au⸗ gen die Orte ſehen, wo Emery Glandon erzogen war, wo ſeine Mutter ſo lange gewohnt und wo ſpäter der Wechſel ſeines Schickſals ſtattgefunden hatte. Da jeder Mann in Dover Tower⸗Hall kannte, ſo war es ſehr bald ausfindig gemacht, und es koſtete nur wenige Worte bei dem alten Hüter deſſelben, um ſeine Thüren und Fenſterläden ſich erſchließen zu laſſen. Hier brachte Joſeph den ganzen October zu, von Tag zu Tage eine Zuſchrift der Mrs. Pearſon erwartend; da aber keine kam, ſo trennte er ſich mit Wehmuth von dem freundlichen Landſitze, der, rings von Wald und Wieſen umgeben, vor ſich das ſchäumende Meer hatte und in einer ſo traulichen Abgeſchiedenheit von dem Emery Glandon. III. 15 226 Gewoge des Alltagslebens lag, daß Joſeph wohl be⸗ greifen konnte, wie das ernſte Gemüth Emery Glan⸗ don's hier jene Ruhe und Milde eingeſogen hatte, die es noch jetzt auf eine ſo ſeltene Weiſe auszeichneten. Von Dover war London ſehr bald erreicht, und ohne ſich weiter aufzuhalten, fuhren die Reiſenden ſo⸗ gleich nach dem Weſt⸗End, dem ſchönen und großarti⸗ gen Stadttheile, wo London's reichſte und angeſehenſte Männer, alſo auch Lord Shorneliffe, ihre Wohnungen hatten, die wir ja ſelbſt erſt vor Kurzem betreten ha⸗ ben, als wir Rachel und Werner in die Königin aller Städte Europa's begleiteten. London beſchäftigte Joſeph mehrere Wochen voll⸗ kommen, ohne daß er, wie es der Lord eigentlich ge⸗ wünſcht hatte, mit einigen ſeiner Bekannten in Ver⸗ bindung getreten wäre. Allein Joſeph, nie an geräuſch⸗ volles geſelliges Leben gewöhnt, war jetzt, wo ſein Herz ſo Vieles bedrückte, am allerwenigſten dazu geneigt, und wenn er den Tag über mit Francis, der jeden Winkel in London kannte, ſich ſatt geſehen und müde gelaufen hatte, brachte er ſeine Abende mit Schreiben von Briefen zu, die er alle ſo vollſtändig wie mög⸗ lich abfaßte, da ſie nach Downs⸗Caſtle und Brenko⸗ witz beſtimmt waren. Sehr bald langten denn auch Antworten von Sophie und Mr. Baxton, auch einige 224 von Lord Shorncliffe ſelbſt an, und namentlich letztere ermuthigten ihn, ſich durch das erſte Mißlingen ſeiner Pläne nicht abſchrecken zu laſſen, vielmehr mit Ruhe auszuharren, bis eine Nachricht von Mr. Rosmond, die der Lord und Mr. Baxton mit Beſtimmtheit er⸗ warteten, eintreffen würde. Dieſe viel gepredigte Ruhe kam denn auch endlich über unſern Freund, und es that ihm nicht leid, ſo viele Zeit für ſich und ſeine Studien übrig zu behal⸗ ten, da er ſie benutzte, um von London aus Streif⸗ parthieen durch das ganze Land nach allen Richtungen und nach den berühmteſten größten Städten England's zu unternehmen. Nach Schottland, ſo ſehr ſein Herz dahin verlangte, kam er indeß noch nicht, denn die von Mr. Baxton vernommene Nachricht, daß er glaube, die Verwandte des Thomas Morris' lebe in Schott⸗ land, ließ ihn ſeinen Wunſch auf die Zukunft ver⸗ ſchieben, da er ja, wenn ihr Aufenthaltsort daſelbſt ermittelt wurde, die Reiſe dahin doch antreten mußte. So verging der November, der Dezember und die Hälfte des Januars, als endlich die längſt erſehnte Nachricht von Portsmouth einlief, Mr. Rosmond habe aus Quebeck geſchrieben und werde ſich jetzt, da er mit Canada fertig ſei, nach dem Süden wende Mitte März oder April nach Europa zurückzu 15 228 Dieſe Nachricht brachte friſchen Lebensmuth in die bei⸗ den Reiſenden und augenblicklich rüſteten ſie ſich, Lon⸗ don zu verlaſſen, um bei Mrs. Pearſon ſelbſt genauere Kunde über Mr. Rosmonds Reiſe einzuziehen. Allein ſie erfuhren wenig mehr durch mündliche Nachforſchung, als ſie durch jenen Brief erfahren hat⸗ ten. Mr. Rosmond war ein reiner Geſchäftsmann und liebte ſo wenig ausführliche Briefe zu ſchreiben, als überflüſſige Worte zu machen. Man las aus ſei⸗ nem Schreiben nur heraus, ſo viel man ihn auch drehen und wenden mochte, daß er geſund ſei, daß er leidliche Geſchäfte abgeſchloſſen, daß die Gelder ziem⸗ lich flüſſig gemacht ſeien und daß er ſich einige Wochen in New⸗York aufhalten würde. Dieſe letztere Mitthei⸗ lung war die einzige, die ein Intereſſe für Joſeph und Francis hatte, und ſo ſchrieb Erſterer ſogleich an Mr. Rosmond in New⸗York, und bat ihn mit den dringendſten Worten, das Verſprechen zu erfüllen, wel⸗ ches er ſeinem Freunde William Baxton gegeben, und alle Nachrichten mitzutheilen, die ihm etwa über Tho⸗ mas Morris und ſeine Verwandte zugekommen wären. Als dieſer Brief von Joſeph's eigenen Händen auf dem Poſtamte abgegeben war, fühlte er ſich wunder⸗ bar karuhigt, denn nun, meinte er, würde das Har⸗ ad Bangen die längſte Zeit gedauert haben und 229 ſpäteſtens in vier bis ſechs Wochen müßte die Rück⸗ antwort Mr. Rosmond's in ſeinen Händen ſein. Um ſich bis dahin die Zeit zu vertreiben, ſchlug er mit ſeinem treuen Gefährten den Weg in das Herzog⸗ thum Cornwallis ein, um die Naturwunder dieſes felſigen Erdwinkels von Angeſicht zu Angeſicht zu be⸗ trachten. Da ſtand er denn auf den zerſägten Klip⸗ pen der in's Meer ragenden Granitfelſen und ſchaute von der äußerſten Südweſtſpitze der britiſchen Inſel in den ungeheuren atlantiſchen Ocean hinaus. Ge⸗ waltig wirkte dieſer großartige Anblick auf ihn ein; Staunen über die endloſe Waſſerwüſte, über die rol⸗ lenden Wogen des großen Oceans und über die küh⸗ nen denſelben durchfurchenden Schiffe erfüllte ſeine Bruſt, und er war weit entfernt, die Ahnung zu he⸗ gen, daß er in wenigen Monden ſelbſt auf einem ſo zerbrechlich erſcheinenden Fahrzeuge dem fernen Erd⸗ theile zuſchwimmen würde. Ueber den Canal von Briſtol ſegelnd beſuchte er dann die Grafſchaften Cambridge, Hertford, Eſſer und Suf⸗ folk, und kehrte endlich über Birmingham nach London zurück, wo er gewiß war, nach ſechswöchentlicher Ab⸗ weſenheit einen Brief aus New⸗York vorzufinden. Allein er hatte ſich abermals getäuſcht, kein Brief war gekommen und es ſollte auch keiner kommen, 230 wenigſtens nicht in den erſten Monaten nach ſeinem Eintreten in London. Mit unausſprechlich bangem und mißmuthigem Gefühle ſah er daher einen Monat nach dem andern verfliegen; der März und April wa⸗ ren verſtrichen, der Mai ſandte ſeine Blüthen und Blätter in's Land, der Juni und Juli ſtrahlte ſeine Hitze und Sonnenblicke aus, und bereits war der Be⸗ fehl von Lord Shornecliffe eingegangen, Ende dieſes Jahres nach Deutſchland zurückzukehren, ſelbſt wenn kein Erfolg erzielt wäre, und immer noch nicht war die erſehnte Nachricht über den Ocean eingelaufen. Joſeph fühlte ſich von einem verzehrenden Feuer der Ungeduld, des Aergers und beinahe auch der Schaam durchglüht, als er obige Nachricht aus Downs⸗Caſtle empfing, aber was konnte er thun als ſich gedulden und— in die Umſtände ſügen. Da, am letzten Juli endlich, lief ein Brief von Mrs. Pearſons eigener Hand ein, der die Botſchaft enthielt, ein Brief aus New⸗York ſei angekommen und Mr. Sohn möchte ſo gütig ſein, ſich ſo raſch wie möglich ſelbſt nach Ports⸗ mouth zu begeben, da die Sache Eile hätte. 4 Man kann ſich vorſtellen, mit wie fieberhafter Haſt die Reiſe dahin angetreten wurde, allein ſtatt des ge⸗ hofften Aufſchluſſes über Thomas Morris von Seiten Mr. Rosmond's fand man eine ſehr niederſchlagende Nachricht vor. Der ſo ſehnlichſt erwartete Brief war nicht einmal von Letzterem ſelbſt geſchrieben, ſondern von einem Kaufmann in New⸗York, und enthielt die betrübende Mittheilung, daß Mr. Rosmond das Un⸗ glück gehabt habe, bei einer Fahrt auf der Eiſenbahn dergeſtalt verletzt zu werden, daß er weder ſchreiben noch ſprechen könne und ſchon zwei Monate in einem Hospitale liege, wo man ſogar an ſeinem Aufkom⸗ men zweifle. Da ſtanden denn die beiden jungen Männer und blickten ſich beſtürzt an. Das war allerdings eine Aufklärung des langen Schweigens des Verwunde⸗ ten, aber keine tröſtliche. Was war nun zu thun? Der einzige Weg, auf dem unter ſo traurigen Umſtän⸗ den Thomas Morris ermittelt werden konnte, war Mr. Rosmond, und dieſer ſtarb vielleicht, ohne das er⸗ wünſchte Wort geſprochen zu haben. Da war das erſte Wort, das Francis ſprach:„Wir müſſen ſelbſt nach New⸗York, wenn wir ſicher gehen wollen!“ und augenblicklich ſtimmte ihm Joſeph bei, falls der Lord die Reiſe genehmigen würde. Noch in derſelben Stunde ging ein Brief mit der Meldung des Vorgefallenen nach Deutſchland ab, und ſchon zwölf Tage ſpäter beſtiegen Joſeph und Francis den erſten beſten Dampfer, der nach New⸗York ſchaufelte. Neuntes Anpitel. Mrs. Jane Berkley und der ſchottiſche Bergthau. So traurig für den vom Unglück heimgeſuchten Mr. Rosmond die Veranlaſſung war, die dieſe un⸗ vorhergeſehene weite Reiſe in's Leben rief, ſo viel⸗ verſprechend war die Reiſe ſelbſt doch für den Erfolg der lange zweifelhaft gebliebenen Unternehmung, und ſo wurde ſie von den Betheiligten mit einem gewiſſen innern Frohlocken angetreten, daß diesmal ihre Hoff⸗ 4 nung nicht wiederum getäuſcht werden würde. Die Ueberfahrt nach New⸗York ging raſch und glücklich von Statten und ſchon in den erſten Tagen des September betrat Joſeph den amerikaniſchen Boden, wohin einſt ſeinen Fuß zu ſetzen er in früheren Jah⸗ ren wohl keine Ausſicht gehabt hatte. Nachdem die Reiſenden die Stadt ſelbſt erreicht und einen Gaſthof aufgeſucht hatten, ließen ſie ſich ohne nahme ſei. Aufenthalt zu dem Kaufmanne führen, der Mrs. Pearſon die traurige Nachricht von dem Unglücke ihres Geſchäftsreiſenden hatte zukommen laſſen. Der Mann war bald gefunden und erzählte freudig, daß Mr. Rosmond noch am Leben und ſogar Hoffnung vorhanden ſei, daſſelbe zu erhalten. Sprechen zwar könne er noch nicht, da nicht allein ſeine beiden Arme, ſondern auch ſein Kopf arg zugerichtet ſeien. Bald darauf führte er die Fremden nach dem Hospitale, worin der Kranke verpflegt ward. Er lag in einem Zimmer mit mehreren Verwundeten, die in ſeiner Geſellſchaft auf der Eiſenbahn gefahren waren, als der Zuſammenſtoß zweier Züge erfolgte. Der Unglückliche befand ſich in einer ſehr üblen Lage. Seine beiden Arme waren gebrochen und der Unter⸗ kiefer eingedrückt, allein er hatte vollkommen ſeine Beſinnung und ſah und hörte Alles, was um ihn her vorging. Joſeph eilte ſogleich an ſein Schmer⸗ zenslager und drückte ihm mit mitleidiger Miene ſein Bedauern aus, ihn ſo leiden zu ſehen. Der kranke Mann blinzelte mit den Augen, zum Zeichen, daß er ihn verſtanden habe und dankbar für ſeine Theil⸗ „Strengt es Sie auch nicht zu ſehr an, wenn ich weiter mit Ihnen rede?“ fragte Joſeph darauf. 234 Der Kranke gab mit den Augen, die er vortrefflich und verſtändlich für ſeine aufmerkſamen Beſucher zu brauchen verſtand, einen verneinenden Wink und ſah dann den unbekannten jungen Mann wohlwollend aber neugierig an, als erwarte er etwas ſehr Be⸗ deutendes zu hören. „Ich komme aus Gosport, Ihrer Heimat,“ fuhr Joſeph fort,„und bringe Ihnen viele herzliche Grüße von Ihrer Schwägerin, Mrs. Pearſon, die Ihr Un⸗ glück ſehr bedauert.“ Derr Kranke nickte zuſtimmend und riß dann die Augen weit auf, um ſeine Aufmerkſamkeit für das Folgende anzudeuten. „Haben Sie keinen Brief vor einigen Monaten erhalten, der von Joſeph Sohn unterzeichnet war und Ihres Freundes William Baxton’s, des Haushofmei⸗ ſters des Lords Shorneliffe, erwähnte?“ Der Alte rollte verwundert die Augen, als wollte er ſagen:„Nein, ich habe keinen erhalten.“ „Das thut mir leid. So muß ich Ihnen denn ſagen, daß ich von Lord Shorncliffe ſelbſt nach Gos⸗ port abgeſandt worden bin, um von Ihnen die Er⸗ füllung eines Verſprechens zu erlangen, welches Sie Mr. Baxton im vorigen Sommer in Portsmouth — 235 gegeben haben— ich glaube, Sie verſtehen mich und errathen, um was es ſich handelt?“ Der Kranke blickte bejahend. „Auch erwartete ich Sie ſeit Auguſt vorigen Jah⸗ res in Ihrer Heimat, weil es für Lord Shorneliffe von großer Wichtigkeit iſt, etwas Beſtimmtes über Thomas Morris zu erfahren.“ Der Kranke ſchloß die Augen, als beſänne er ſich, aber ſo eigenthümlich ſicher prägte ſich ſeine Miene dabei aus, daß ſowohl Joſeph wie Francis augen⸗ blicklich die Ueberzeugung gewannen, daß er von Tho⸗ mas Morrös ſelbſt nichts wiſſe, weshalb ihre ſo hoch geſtiegene Hoffnung plötzlich um ein Bedeutendes herabſank. „Aber Thomas Morris hatte eine Verwandte, Mr. Rosmond. Das, glaube ich, wiſſen Sie?“ fuhr Joſeph fort. Der Kranke machte die Augen lebhaft auf und zu, als ſtimme er dieſer Meinung bei. „Haben Sie vielleicht etwas von dieſer Frau ge⸗ hört, da Sie verſprachen, ſich nach ihr zu erkundigen?“ Das vorige Zeichen wiederholte ſich mit derſelben Lebhaftigkeit, auch die Muskeln des Mundes beweg⸗ ten ſich ſichtbar. Augenſcheinlich bemühte er ſich mit 236 aller Macht, irgend etwas zu ſagen, aber kein Wort konnte vernommen werden. „Sie wiſſen vielleicht, wo ſie ſich aufhält?“ Der Kranke verſuchte zu lächeln, was ihm ſicher große Schmerzen verurſachte, aber doch eine Beſtäti⸗ gung von Joſeph's neu auflebender Hoffnung war. „Er weiß es!“ rief er frohlockend Francis zu, der wie ein Spürhund die Mienen und Winke des Ver⸗ wundeten beobachtete.„Nun ſind wir doch nicht ver⸗ geblich über das Meer gekommen. Gott ſei Dank, daß wir ſo weit ſind.“ Mr. Rosmond behielt den freundlichen und zu⸗ 1 ſtimmenden Blick ſeines Auges bei, auch dann, als er Joſeph den Ausſpruch gegen den Arzt, der ſie be⸗ gleitete, thun hörte, daß er ſo lange in der Nähe des Kranken verweilen werde, bis ſeine Kraft oder wenigſtens die Fähigkeit wiederhergeſtellt wäre, ſich der Sprache zu bedienen. So nahmen die Reiſenden denn für diesmal Abſchied von dem Kranken und begaben ſich nach Hauſe, mit größerer Befriedigung, als ſie bisher irgend wo empfunden hatt Mit einer Geduld, die allein ſeinem feſten Wiltes glig⸗ kam, einen beſtimmten Erfolg in dieſer Sache zu er⸗ reichen, kehrte Joſeph alle Tage in das Hospital zu⸗ rück und hatte die Genugthuung, wahrzunehmen, daß — die Beſſerung des Kranken merkliche Fortſchritte mache. Aber die zerſchmetterten Hände zum Schreiben zu be⸗ wegen oder ein Wort zu ſprechen vermochte er noch lange nicht, da eine Lähmung der Sprachorgane ein⸗ getreten zu ſein ſchien. Da hätte man denn Joſeph und Francis ſtun⸗ denlang am Bette des Kranken ſollen ſitzen ſehen, jede ſeiner Mienen Zug um Zug beobachtend, ob ſich denn nicht endlich irgend ein verſtändliches Wort in denſelben ausprägen wollte. Aber vergeblich war bei⸗ nahe vier Wochen lang ihre unermüdliche Ausdauer, während welcher Zeit ſie ſich bemühten, den Kranken, der ſich entſetzlich langweilen mochte, Alles aus ſeiner Heimat mitzutheilen, was irgend nur ein Intereſſe für ihn haben konnte. Mr. Rosmond, der wußte, warum die Fremden ſo häufig zu ihm kamen und ihn zu erheitern ſuch⸗ ten, litt innerlich ſelbſt ſehr bei dem Gedanken, daß es ihm unmöglich ſei, ſich verſtändlich zu machen, bis er endlich eines Morgens ſehr frühzeitig von ihrem miue ernict wurde und von Joſeph einen Vor⸗ ſchlag ernahm, der ihren beiderſeitigen Wünſchen Erfolg zu verſprechen ſchien. Der kluge Gedanke, der hier zur Ausführung kam, verdankte ſeine Entſtehung dem erfinderiſchen Francis 4 d Poweril, der ſich Tag und Nacht abgequält hatte, ein Mittel zu entdecken, des Kranken Wiſſen auf eine ihrem Zwecke entſprechende Weiſe auszubeuten. Als ess erſt gefunden war, wunderte ſich Joſeph über ſich ſelbſt, es nicht früher entdeckt zu haben, allein in ſolchen Dingen iſt der Klügſte nicht immer klug ge⸗ nug, das Richtige und Nächſte, was oft ſo einfach und klar erſcheint, nachdem man es erkannt hat, zum augenblicklichen Gebrauche aufzufinden. Auch der Arzt, als er den neuen Weg erfuhr, auf welchem man ſei⸗ nes Kranken Geheimniß beikommen konnte, lächelte über ſeine geringe Umſicht und ging nun, neugierig auf das Experiment, auf der Stelle in Francis' Vor⸗ ſchlag ein. Dieſer hatte ſich nämlich in der letzten Nacht, als er endlich, ſchlaflos ſich umherwälzend, ſein Mittel gefunden, an den Tiſch geſetzt und ein Alphabet, aus großen und kleinen Buchſtaben beſtehend, auf einzelne Zettel geſchrieben. Mit dieſem Alphabet trat er am nächſten Morgen bei Joſeph ein und erklärte ſeinen Plan. Joſeph erkannte ſogleich die Vo ichkeit dieſer Erfindung und eine halbe Sune be⸗ fand man ſich im Hospitale und hatte dem Arzte und dem Kranken dieſelbe mitgetheilt. Sofort ging man an die Ausführung, und in 239 kurzer Zeit hatte man, was man wollte, und Joſeph's Reiſe nach Amerika war nicht umſonſt geweſen, wenn er auch nur ein einziges Wort in Erfahrung ge⸗ l aeht hatten Francis hieh zuerſt den Buchſtaben A dem Kran⸗ ten vor und ſogleich niam dieſer bejahend. „Aha!“ rief Francis,„das Wort der Name der Stadt, wo ſich die Tante Thomas Morris⸗ aufhält, fängt mit dem Buchſtaben A an.“ Darauf hielt er ein b hinter das A, welches Joſeph in der Hand be⸗ hielt, und auch jetzt nickte der Kranke bejahend. 5 Wenn das ſo fortgeht,“ ſagte der Arzt lachend, Wenden wir bald mit unſrer Unterſuchung zu Ende ſein. Raſch, Sir, das c emporgehalten!“ „Das kann es nicht ſein,“ bemerkte Joſeph. Na⸗ türlich war es auch ſo, denn kein Städtename in der Wält fängt, ſo viel wir wiſſen, mit den Buchſtaben A b e an.„Du mußt wieder mit a beginnen, Francis,“ fuhr er verbeſſernd fort. Francis hielt das a hinter das Ab, aber der zerneinte, eben ſo das c und d. Als aber fam, nickte er freudig. Dann trat eine lange erwartungsvolle Pauſe ein, denn viele Buchſtaben mußten emporgehalten werden, bis der rechte erſchien, und das war das r. 240 „Aha 3 Aber!“ „Ha! Ha!“ rief Francis plötzlich und ſah den Kran ken mit blitzenden Augen an— nit or wielleicht. Aberdeen, was Sie meinen?“— ſagte Joſeph,„die erſten Sylben lauten ſeren Erwartungen überein. Alſo es iſt Aberdeen in Schottland, Mr. Rosmond?“—„Ja.“—„uUnd weiter wiſſen Sie nichts?“—„Nein!“—„Gar nichts, beſinnen Sie ſich!“—„Nein, nein, nein!“— „Das iſt Alles, was Sie uns über Thomas Mor⸗ ris und ſeine Verwandte ſagen können?“ „Ja, ja, ja!“— — „So muß ich Sie leider verlaſſen, Mr. Rosmond, denn mich ruft meine Pflicht ſo ſchnell wie möglich nach Aberdeen. Sie wiſſen doch beſtimmt, daß man Ihnen den Aufenthaltsort der Ashanus zu Aberdeen an der Oſtküſte Schottland gege⸗ ben hat. „Ja, ja, ja!“ „So leben Sie wohl, mein armer Mr. Rosmond. ———— — 241 Ich danke Ihnen herzlich für Ihre vielen Bemühungen und bitte Sie, mir die Quälerei zu verzeihen, die ich Ihnen verurſacht habe. Allein es handelte ſich um ein wichtiges Geheimniß. Kann ich ſonſt noch Etwas für Sie thun?“ Der Kranke verneinte. „Soll ich Mrs. Pearſon grüßen? Ja? Das will ich gern thun. Soll ich vielleicht Geld mit nach Eu⸗ ropa nehmen? Nein? Nun, dann geſchehe es, wie Sie wünſchen. Sie hoffen auf Ihre baldige Wieder⸗ herſtellung, und darauf hoffe ich auch. Leben Sie wohl und Gott behüte Sie!—“ So wenig Joſeph von dem Feſtlande Amerikas auch geſehen, nie hatte er einen Ort raſcher und lie⸗ ber verlaſſen, als New⸗York. Ein Dampfer, nach Liverpool beſtimmt, lag gerade zur Abfahrt bereit und ſchon wurde ſeine Maſchine geheizt. Im Fluge wur⸗ den ihre Papiere geordnet, ihre Rechnungen bezahlt und in einigen Stunden ſchon ſaßen ſie in dem Schiffe, das ſpät Abends an dieſem Tage die Rhede von 2 n. York verließ. iſten November warf es im Hafen von Li⸗ nnent Anker Es war keine Zeit zu verſäumen, da nur zwei Monate noch vor Joſeph lagen, in denen er ſein Werk vollbracht haben. mußte, wollte er mit Emery Glandon. III. 16 — 242 eigener Befriedigung nach Downs⸗Caſtle zurückkehren, denn wiederholt hatte ihm der Lord geſchrieben, unter allen Umſtänden zu der angegebenen Zeit bei ihm einzutreffen. So wählten die Reiſenden denn den kürzeſten Weg über Glasgow und Dundee, um ſo raſch wie möglich nach Aberdeen zu gelangen, was indeſſen nicht ſo eilig ging, als man gehofft hatte, ddenn der Winter war in den gebirgigen Gegenden Schottland's früh eingetreten, der Schnee lag hoch unnd die Wege waren, wo keine Eiſenbahn das Fort⸗ kommen erleichterte, ſchlecht, alſo das Reiſen mit gro⸗ ßen Beſchwerlichkeiten verknüpft. Allein ſie hatten endlich erreicht, was ſie erreichen wollten, und eines Abends, nachdem ſie die letzten Hochmoore, Felsrücken und zugefrorenen Ströme hinter ſich gelaſſen, ſahen ſie die alte Stadt Aberdeen vor dem Felſenriffe, wel⸗ ches ſich weit in die Nordſee hinausſtreckt, im Däm⸗ merlichte vor ſich liegen. Sobald ſie dieſelbe erreicht, bezogen ſie in der Nähe des Hafens ein Gaſthaus, um ungeſäumt, wie überall, ſo auch hier ihre Nach⸗ forſchungen zu beginnen und Spuren zu verfolgen, die, ſo ſchwach und beinahe unkenntlich sden ſich doch jetzt in einem bei Weitem beſchränkteren Umkreiſe bewegten, denn je zuvor. Allein auch hier ging ihr Werk nicht ſo raſch und 243 leicht von Statten, als der Eifer Joſeph's ſich vor⸗ geſpiegelt hatte; es verliefen ſogar mehrere Tage in ganz fruchtloſen Verſuchen, einer Frau habhaft zu werden, die Gott weiß in welchem Winkel der alten Stadt oder ihrer Umgebung unbekannt und unbeach⸗ tet ihre letzten Tage verlebte. Geſpart wurde freilich kein Mittel, um ſie auszukundſchaften; Joſeph hatte ſich ſogleich mit der Ortsobrigkeit in Verbindung ge⸗ ſetzt, auch mehreren im Orte ſelbſt ſehr genau bekann⸗ ten Beamten Aufträge ertheilt und ihnen eine große Summe für ihre Mühe verſprochen, wenn ſie erfolg⸗ reich wäre— aber Niemand wußte von einer Mrs. Morris und in keinem Regiſter der Stadt war ihr Name ausfindig zu machen. Als Joſeph dieſe Nachrichten allmälig erhielt und ein Bote nach dem andern unverrichteter Sache mit der Meldung zurückkam, es exiſtire keine Perſon jenes Namens, weder männlichen noch weiblichen Geſchlechts, in ganz Aberdeen, gab er ſeine kurz vorher ſo friſch te des Hoffnung faſt gänzlich auf. Dennoch beſchloß ſo lange in der ſchottiſchen Stadt zu bleiben und ſeine Unterſuchungen fortzuſetzen, bis der zur Heim⸗ kehr beſtimmte Termin gekommen wäre. Wenn er dann vor den Lord treten würde, wollte er ſagen: „Mylord, ich habe Alles gethan, was ich thun konnte, 16* 244 Sie wiſſen es, denn ich bin ſogar über das atlantiſche Meer geſetzt, ohne in der andren Hemiſphäre etwas Anderes als eine einzige Stadt zu ſehen, aber ent⸗ weder bin ich nicht geeignet geweſen zu ſolchem ſchwie⸗ rigen Unternehmen, oder es giebt keine Mrs. Morris, die mich auf die Spur ihres Neffen Thomas Morris hätte führen können.“ Mit dieſen Gedanken wollte er ſich eines Abends, vom Laufen und Suchen erſchöpft, niederlegen, als der Thürklopfer draußen erklang und ihn in der Be⸗ ſchäftigung des Auskleidens inne halten ließ, denn kein Fremder trat in das Gaſthaus, von dem Joſeph nicht glaubte, es ſei einer der ausgeſandten Boten und er komme endlich mit einer glücklicheren Meldung zurück. Francis, der noch bei ſeinem Herrn war, ſprang an's Fenſter und hörte, wie eine Frauenſtimme zu dem öffnenden Manne ſagte: wenn der fremde Herr, der hier wohne und an dieſem Morgen in einem Kaufmannsladen eine Guinee für das Auffinden einer alten Frau verſprochen habe, die Abſicht hege, ſein Verſprechen zu halten, ſo ſolle er ſich morgen früh noch einmal in denſelben Laden begeben, vielleicht ſei man im Stande, ihm die gewünſchte Auskunft zu ertheilen 245 Francis, der jede Sylbe verſtanden, obgleich die Frau im ſchärfſten Hochländerdialekt geſprochen, ſprang vor Freuden in die Höhe und überſetzte Joſeph ſo⸗ gleich, was er eben vernommen. „Was iſt das für ein Laden?“ fragte Joſeph. „Iſt dieſe Kunde ein Ergebniß Deiner Privatſtreife⸗ reien, oder bin ich mit dieſem Fremden gemeint?“ Bevor wir die Antwort auf dieſe Frage folgen laſſen, ſcheint es uns nothwendig, noch einen Blick auf Francis Poweril zu werfen und deſſen Thun in der ſchottiſchen Stadt, die er ſchon öfter betreten hatte und mit deren Heimlichkeiten er bekannt war, näher zu beleuchten. Joſeph hätte in der That kein willi⸗ gerer und ämſigerer Theilnehmer ſeiner Beſtrebungen zu Theil werden können. Durch das lange Warten, das vergebliche Bemühen und die verſchiedenen be⸗ ſchwerlichen Hin⸗ und Herreiſen durch ſo viele Ort⸗ ſchaften und ſo weite Strecken, was Alles mit einem kaum nennenswerthen Erfolg gekrönt war, wenn wir die Erkundung des Wortes Aberdeen in New⸗York abrechnen, war Francis in einen beinahe leidenſchaft⸗ lichen Zuſtand der Spannung und Erregung gerathen. Sein heftiges Temperament, nur durch ſeine beſchei⸗ dene Unterordnung unter Alles, was an Lord Shorn⸗ cliffes Befehle oder Wünſche erinnerte, gebändigt, 246 hatte ſich nur ſchwer in den langſamen Gang ihrer bisherigen Bemühungen finden können. Von Monat zu Monat immer dringender in ſeinen Erwartungen und Forderungen an das Glück oder den Zufall wer⸗ dend, war er, nachdem er endlich nach Aberdeen ge⸗ kommen, mit einer beinahe fieberhaften Haſt an's Werk gegangen, indem er ſich ſelbſt vorredete, hier werde und müſſe der Endpunkt ihrer Ermittelungen in irgend einem Winkel zu finden ſein. So hatte er denn, durch ſeine Kenntniß des ſchottiſchen Dialekts, die Joſeph leider abging, begünſtigt, ſeinem Herrn die Pflicht überlaſſen, mit den Behörden und anderen aamtlichen Perſonen zu verkehren, er ſelbſt aber hatte ſich auf eigene Hand in Bewegung geſetzt und faſt jedes Haus beſucht, das irgend den Anſtrich des Man⸗ gels oder der Verkommenheit an ſich trug, denn nur in einem ſolchen konnte er ſich Mrs. Morris wohnend denken,— und wo er nur ein altes Weib erblickt oder eine mit Lumpen bedeckte Geſtalt aufgejagt, war er mit ſeinen Fragen ihr gleichſam über den Hals gerathen, und ſo, wie ein hitziger Spürhund auf un⸗ deutlicher Fährte, unermüdet hinter ſeinem Ziele her⸗ geweſen. Allein auch dieſer Eifer, dieſe Kühnheit, dieſe ſich ſelbſt opfernde Hingebung an das Intereſſe ſeines Herrn hatte in den erſten Tagen zu keinem 247 Reſultate geführt. Niemand wußte von einer Frau Namens Morris, Niemand konnte ihm die geringſte Auskunft geben, wo er eine günſtigere Nachricht ein⸗ ziehen könnte. So war er unter Anderm auch an dieſem Morgen in einen armſeligen Laden in einer der weſtlich ge⸗ legenen Vorſtädte getreten, an deſſen Thür er das Aushängeſchild einer ſich ſelbſt lobpreiſenden Hebe⸗ amme geleſen; er hatte die aller Welt in Aberdeen bekannte Frau im Laden ſelbſt getroffen, ihr ſeine Wünſche mitgetheilt und, eingedenk der goldenen Re⸗ gel, daß für Geld Alles, ſelbſt guter Rath zu haben ſei, das Verſprechen hinzugefügt, dem Finder der Ver⸗ lorenen eine Guinee einzuhändigen. Die Hebeamme, mit einer Spürnaſe begabt, wie ſie nur Frauen ihrer Klaſſe beſitzen, hatte ſich den Auftrag überlegt und die Angelegenheit des dringen⸗ den jungen Mannes zu ihrer eigenen gemacht. Sie war augenblicklich zu einer zahlloſen Menge mit ihr treulich verbundener Gevattern gelaufen, denen ſie natürlich nichts von der verheißenen Guinee mitge⸗ theilt, und hatte ſie gebeten, in ihrem eigenen In⸗ tereſſe die Augen aufzumachen, wie ſie ſich ausdrückte. So, von ihren Helfershelfern gut bedient, war ihr am ſpäten Abend hinterbracht worden, daß eine alte Frau 248 ſich in einem Siechenhauſe befinde, die zwar nicht Morris heiße, aber doch behaupte, eine geborene Morris zu ſein, und ſie hatte ſich eingebildet, daß dieſe Frau wohl die Geſuchte ſein könne, und der Herr, der nach ihr geforſcht, habe in ſeinem Eifer wohl falſch geſprochen, wenn ihm überhaupt die Verhält⸗ niſſe der Geſuchten ſo genau bekannt wären. Wir wollen jedoch hier nicht dem Laufe unſrer Erzählung vorgreifen, ſondern zu der Antwort zurück⸗ kehren, die Francis Mr. Sohn gab, als dieſer ſich nach ſeinen Privatſpeculationen erkundigte. Francis erzählte, was er zu erzählen hatte, und ſo waren denn Beide bald wieder voll Hoffnung, ſo daß ſie kaum den Morgen erwarten konnten, um ihre Nach⸗ forſchungen mit friſchen Kräften fortzuſetzen. Mit dem Frühſten waren ſie auf den Beinen und mit klopfenden Herzen liefen ſie zum hundertſten Mal über die ſchöne Brücke, die die Altſtadt von der Neu⸗ ſtadt trennt, und trafen eben in Old⸗Aberdeen ein, als der Krämer ſeinen winzigen Laden öffnete, in dem die Auftragertheilung ſtattgefunden hatte. Sehr bald war die wichtige Frau der Stadt her⸗ beigeſchafft, und nun erfuhren beide Männer, was ſie ausgekundſchaftet hatte. Beide ſahen ziemlich verwun⸗ dert aus, denn dieſer Namensunterſchied ſchien mit — 249 ihren Erwartungen nicht recht zu ſtimmen, obgleich ſie allerdings nicht ſicher wußten, ob die Tante Tho⸗ mas Moris' die Frau ſeines Vaterbruders war, alſo Morris hieß, oder ob ſie eine geborene Morris ſei und einen Mann anderen Namens geheirathet hatte. Die Guinee ſchwebte alſo noch in der Luft, oder vielmehr lag ſie noch unangerührt in der Taſche des Auftraggebers, das merkte die ſchlaue wiſſenſchaft⸗ liche Dame ſehr wohl. Sie erbot ſich daher, die Herren nach dem Siechenhauſe zu führen, um ruhig den Erfolg ihrer Bemühungen abzuwarten. „Wenn Sie uns zu der rechten Frau führen, die wir ſuchen,“ ſagte Jsſeph, um den Eifer der Dame zu ſpornen, was kaum noch nöthig war,„ſo ſollen Sie zwei Guineen ſtatt einer haben.“ „Was ſagt der Herr?“ fragte die Schottin, die nie mit anderen Leuten als ächten vollblütigen Lan⸗ deskindern zu thun gehabt hatte, den zuſtimmend lächelnden Francis. Dieſer verdollmetſchte ſeines Herrn Ausſpruch, und augenblicklich trat die Wirkung davon ein. Die Frau der Wiſſenſchaft trabte wie auf einem ihrer Berufs⸗ wege begriffen davon und kaum vermochten die um ſo viel jüngeren Männer mit ihr gleichen Schritt zu halten. 4 V 250 Man war vor dem abgelegenen Siechenhaus an⸗ gelangt, einem alten vergrauten Gebäude, dem man ſchon von Außen anſah, daß nur Elend und Kummer in ſeinem Innern wohnen könne. Die Frau wies die Herren zu der Wohnung des Aufſichtsbeamten und verſprach, im Vertrauen auf das noble Ausſehn der Fremden, in ihrem Laden ruhig den Ausgang des Unternehmens, das heißt hoffentlich die zwei Guineen, abwarten zu wollen. Vor Aufregung zitternd traten Joſeph und Fran⸗ cis bei dem Vorſteher der Anſtalt, einem gutmüthigen und zuvorkommenden Manne, ein und brachten ihr Anliegen vor. Das Hauptkrankenbuch wurde auf⸗ geſchlagen und— richtig! eine Mrs. Jane Berkley, geborene Morris, ſtand darin verzeichnet. Aus den weiteren mündlichen Mittheilungen des Beamten er⸗ gab ſich ferner, daß die erwähnte Kranke ſeit Jahren im Hauſe wohne, früher in der Stadt in beſſeren Verhältniſſen gelebt habe und durch die Trunkſucht ihres Mannes in's Elend gerathen ſei, ſich aber leider ſelbſt dem Trunke ergeben habe, weshalb ſie auch, fügte er hinzu, ſich in einem beſtändigen Delirium befinde, zu dem endlich die Waſſeſſucht getreten ſei, ohne noch bis jetzt ihrem Leben ein Ende gemacht zu haben.. 251 Joſeph athmete aus tiefer Bruſt auf, als er dieſe Nachrichten empfing, und Francis ſchmunzelte wie ein Glücksritter, dem ein kühner Wurf wunderbar gelungen war. Beide erhielten die Erlaubniß, mit der Perſon, von der ſie Auskunft begehrten, nach Herzensluſt zu verkehren, was ihnen jedoch, wie der Beamte ſagte, eben nicht ſehr leicht werden würde. Darauf führte er ſie eine Treppe hoch vor die braune und mit Eiſen beſchlagene Thür eines Käm⸗ merchens und ſagte kalt, Mrs. Jane Berkley, geb. Morris, befinde ſich innerhalb der vier Wände dieſes Gemaches. Mit klopfenden Herzen traten Joſeph und Francis in daſſelbe ein und hatten ſogleich ein Bild des Jam⸗ mers und Elends vor ſich, wie man es nur in ähn⸗ lichen Häuſern zu ſehen bekommt. Ein kleines ein⸗ fenſtriges Stübchen, das die Ausſicht auf einen eng umzäunten Hof bot, beherbergte zwei Bettſtellen, einen hölzernen Tiſch, zwei Stühle und einen niedrigen Schrank. Das war die ganze Ausſtattung der jetzigen Heimat der Mrs. Jane Berkley, geb. Morris. Auf dem einen Stuhle in der Nähe des Fenſters ſaß ſtrickend ein altes Weib, das in jeder Falte ihres ver⸗ ſchrumpften Geſichts die vollblütige Schottin verrieth. Ihre vorſtehenden Backenknochen, ihr maſſives Kinn, 252 die ſtark gebogene kräftige Naſe, das rothe Haar, dem das Alter ſeinen Glanz und ſeine Fülle noch nicht zu rauben im Stande geweſen war, ſo wie zwei Reihen Zähne, die Holz zu beißen vermochten, zeigten hinlänglich, welcher Abkunft die Gefährtin der Mrs. Berkley war. Aber in ihrem rothſchwarzen Auge, das wie eine Kohle unter den buſchigen Brauen glühte, und um den fleiſchigen Mund ſprach ſich ein ſo ſicht⸗ bares Wohlwollen und eine ſo behäbige Gutmüthig⸗ keit aus, daß Joſeph und Francis auf den erſten Blick erfreut waren, da ſie anfangs glaubten, dieſe in einem blauen Tuchkleide mit geſtreifter Schürze fleißig ſtrickende Frau ſei Mrs. Berkley ſelber. Allein ſie hatten ſich getäuſcht. Die zuletzt ge⸗ nannte Perſon lag im Bette, denn ſie konnte nicht mehr gehen, und brachte einen ganz verſchiedenen Eindruck auf die Eintretenden hervor. Mrs. Jane Berkley hatte ein abſchreckendes und nicht allein von ihrer Krankheit ſehr entſtelltes, ſondern auch von ih⸗ rem böſen Charakter und ihren ungezügelten Leiden⸗ ſchaften ſcharf gezeichnetes Geſicht. Nur dieſes und ein paar waſſerſüchtig geſchwollene Hände, die auf dem K Bette ausgeſtreckt lagen, waren ſichtbar, alles Uebrge war von der wollenen Decke verhüllt, die über ihrem Lager ausgebreitet lag. Auch das Geſicht war ver⸗ 253 ſchwollen, die Naſe ſehr breit gezogen und die Augen mit rothen Lidern umgeben, denen jede Zierde jenes ſammtenen Haarwuchſes fehlte, der eine ſo große Schönheit des weiblichen Geſchlechts iſt. Die ſchlaf⸗ fen, gedunſenen Wangen, die ſchwammige Auflockerung der Haut um ihren zahnloſen Mund verriethen nur zu deutlich, daß ihr Elend durch den übermäßigen Genuß ſpirituöſer Getränke herbeigeführt ſei. Als die beiden Herren eingetreten waren, erhob ſich die ſtrickende Frau von ihrem Stuhle und empfing ſie mit einem artigen Knix. „Seid Ihr Mrs. Jane Berkley?“ fmng ſie der zuerſt eintretende Joſeph. „Nein, Sir, die da iſt es.“ Joſeph trat an das Bett der Kranken und Francis ſtellte ſich neben ihm auf, glühend vor Eifer, end⸗ lich den gefundenen Fuchs in der Schlinge feſtzu⸗ halten. Aber der Anblick, der ihnen hier zu Theil wurde, kühlte dieſen Eifer um ein Bedeutendes ab, und Joſeph's Miene nahm unwillkürlich den Ausdruck der Theilnahme an. „Ihr alſo ſeid Mrs. Jane Berkley?“ fragte er mit ſeiner ſanften Stimme.„O, es thut mir leid, Euch ſo leiden zu ſehen.“ Die Alte rollte ihr rothes Auge haſtig auf den A —An— —-—/ꝛꝛ1trt⁰4⁴yeee——, 254 ⸗Sprecher und ein höhniſcher Spott zog dabei die Fal⸗ ten ihres zahnloſen Mundes zuſammen.„Was wollt Ihr von mir, wer ſeid Ihr, daß Ihr mich in mei⸗ nen Morgenbetrachtungen ſtört?“ fragte ſie mit einer Stimme, die ſo herzlos, kalt und ſchneidend klang, daß dem weichen Joſeph die Haut ſchauderte. Mein Name iſt Joſeph Sohn, arme Frau, und ich komme, Euch zu beſuchen und wo möglich in ir⸗ gend Etwas Euer Leiden zu lindern.“ Deer Blick der Alten wurde drohender, ihre Linke Pallte ſich zuſammen, und indem ſie ſie zornig gegen den Sprecher erhob, kreiſchte ſie wild:„Scheert Euch zum Teufel! Ihr ſeid ein Engländer und alle Eng⸗ länder ſind Schufte!“ „Warum denn das, gute Frau?“ „Nennt mich nicht gute Frau mit Eurer Lamms⸗ ſtimme„der ihr doch den Wolf im Herzen tragt, wie alle Männer. Die Engländer ſind Hunde, ſage ich, denn ſie haben das Geld und die Macht und doch laſſen ſie mich arme Kreatur hier in meinem Elende verſchmachten. Schickt mir einen ehrlichen Schotten, wenn Ihr mit mir ſprechen wollt, ſonſt ſcheert Euch zum Teufel.“ Joſeph blickte Francis fragend an und dieſer gab ihm einen Wink, ſich paſſiv zu verhalten und ihm 255 Gelegenheit zu geben, ſeine ſchottiſche Ehrlichkeit an den Tag zu bringen. „Mutter Jane,“ ſagte der ſchlaue Burſche mit treu⸗ herziger Miene,„ich ſelbſt bin ein Schotte— iſt Euch meine Sprache lieber als die dieſes Herrn?“ Die Alte warf einen weniger grollenden Blick auf ihn und grinſtte in ihrer abſchreckenden Weiſe.„Ja, Ihr ſeid ein Schotte, Ihr ſprecht wenigſtens ſo.— was wollt Ihr von mir?“ Francis nahm bei dieſen Worten ganz untekum mert um ſeinen Herrn den leeren Stuhl, rückte ihn an das Bett und ſetzte ſich darauf.„Mutter Jane,“ fing er in vertraulichem Tone an,„ſagt mir einmal recht aufrichtig— habt Ihr lange nichts von Eurem Neffen gehört?“ Wie eine gereizte Schlange fuhr die Alte plölich in die Höhe, richtete ihren dämoniſchen Blick auf den Sprecher und ſchnarrte faſt unverſtändlich vor Heftig⸗ keit:„Von meinem Neffen? Wen meint Ihr?“ „Ich meine Mr. Thomas Morris!“ ſagte Francis ſehr langſam und deutlich. „Thomas Morris? Ha! Den meint Ihr wirklich? Woher wißt Ihr, daß er mein Neffe iſt? Ihn ſoll auch der Teufel holen, er iſt auch ein Engländer, noch dazu von der ſchlechteſten Sorte und einer von Denen ———ſ — 5 256 die mir kein Geld geben, obgleich er es mit tauſend Eiden gelobt hat.“ Joſeph fühlte bei dieſen Worten ſein Herz ſich heben. Er hatte gefunden, was er ſo lange ſuchte. Die Schlau⸗ heit Francis Poweril's hatte mit einem Schlage die Wahrheit aufgedeckt. Er trat noch dichter zu ſeinem Gefährten heran und lauſchte ſo ſcharf auf die Fort⸗ ſetzung des Geſprächs, daß die nebenbei ſitzende Schot⸗ tin ſehr wohl merken konnte, wie wichtig es für ihn ſei. Frrancis aber beherrſchte ſich vo llkommen, nahm eine ſo treuherzige Miene wie möglich an und rüſtete ſich im Sturmſchritt weiter vorzugehen.„Ja,“ ſagte er,„Thomas Morris hat Euch zwar Geld verſprochen, ich weiß es wohl, aber er iſt nicht im Stande gewe⸗ ſen, Euch in der letzten Zeit welches zu ſchicken.“ „Ha! Bringt Ihr mir was von ihm? Dann nur heraus damit und nicht lange gezögert. Ich brauche es. Aber wie— er hätte kein Geld gehabt? Das iſt eine Lüge von Euch, eine niederträchtige Lüge, denn warum wäre er nach dem Goldlande gefahren, wenn er nicht welches zu finden gewiß geweſen wäre?“ „Er hoffte allerdings Gold zu finden, allein ſeine Hoffnungen ſind getäuſcht worden, wie die vieler Men⸗ ſchen. Ihr werdet das ſelbſt am beſten wiſſen.“ „Ja wohl weiß ich das, ohne Euch, und Ihr braucht 257 mich nicht noch an mein Elend zu erinnern. Nur kurz heraus— gebt das Geld und ſagt, was Ihr ſonſt von mir wollt.“ „Ich werde erſt ſagen, was ich will, und wenn Ihr mir dann befriedigend geantwortet habt, dann will ich Euch Geld geben, aber eher keinen Augenblick.“ „Ah!“ ſchrie das elende Weib heftig und ballte beide Fäuſte.„Ihr habt Euch verrathen. Jane Berkley ſtammt aus der Familie der Morris, und die iſt ſchlau. Ihr kommt nicht von Thomas, Ihr kommt/ nicht von ihm und wollt blos etwas über ihn wiſſen.. „Ja wohl, Jane, darin habt Ihr Recht, das will ich, und Ihr werdet mir ſagen, was ich wiſſen will.“ „So? Glaubts, wenn Ihrs habt, eher aber nicht.“ „Sagt mal, Jane,“ ſagte ruhig und überlegend der ſchlaue Francis, indem er das Geld in ſeiner Taſche klimpern ließ,„erinnert Ihr Euch wohl eines Jugend⸗ freundes Eures Neffen, der Emery Glandon hieß?“ „Was, von dem Aale wollt Ihr mir ſprechen? Schämt Euch, Mann, ſchämt Euch— gebt mir Geld und trollt Euch, das iſt Alles, was ich Euch ra⸗ then kann.“ 3 „Dieſer Aal iſt aber ein ſehr reicher Mann ge⸗ worden— das wißt Ihr doch?“ Emery Glandon. III. 17 6 258 „Ja freilich weiß ich es und eben darum haßte ihn Thomas und ich auch, wie ſeine ganze Sippſchaft, und ich wünſche ihm alles Gute, was ich ſelbſt erlebt habe, haha!“ „Ach, was hilft dem Lord Shorneliffe jetzt ſein ganzer Reichthum, er iſt doch ein geknickter Mann!“ „Ha, iſt er das, iſt er das? Das iſt recht, das freut mich, das hat er um mich verdient.“ „Was hat er Euch denn gethan?“ „Gethan? Nichts hat er mir gethan und darum eben haſſe ich ihn. Er iſt ſo reich, ſo ungeheuer reich und könnte mich längſt aus meinem Elende gezo⸗ gen haben.“ „Aber mein Gott, er weiß ja gar nichts von Euch — wie kann er denn wiſſen, daß Ihr im Elend ſeid? Ihr hättet Euch an ihn wenden ſollen, dann hätte er Euch gewißeredlich unterſtützt. „Du Narr Du! Alſo Du belügſt mich auch noch? Dentkſt Du, ich durchſchaue nicht Deine Abſicht? D Der 3 zat Dich ſelbſt geſchickt, Du dummer Tölpel, um mir etwas abzuzwacken, was ich weiß, und außer mir nur noch Einer, und da Ihr dieſen Einen nicht fin⸗ den könnt, ſo kommt Ihr zu mir. Aber Ihr irrt Euch, Ihr irrt Euch. Er iſt ſchweigſam und ich bin ſchweigſam, und der reiche Enclünder ſoll hos ſeines 259 Reichthums von der armen Schottin Nichts erfahren, ſelbſt wenn ich ihm das Leben damit retten könnte.“ „Ihr irrt Euch ſelber. Der reiche Lord, der ein ſehr guter Mann iſt, hat erfahren, daß Ihr und Tho⸗ mas Morris in's Elend gekommen, und da ihm Tho⸗ mas Morris durch ſeine Jugenderinnerungen theuer iſt, ſo will er E Euch, deſſen Verwandte, wenigſtens un⸗ terſtützen und darum ſchickt er mich.“ Die Alte ſah den ſchlauen Unterhändler durchboh⸗ rend an, der ſich bemühte, ſo ehrlich wie möglich aus⸗ zuſehen. Allein jene war eine beſſere Menſchenken⸗ nerin, als Francis ein Schauſpieler, und ſo hatte ſie ſehr bald die Finte durchſchaut. „Ihr lügt,“ rief ſie,„hol Euch der Teufel, Ihr lügt! Und wenn Ihr noch länger ſo fort redet, ſpeie ich Euch in's Geſicht.— Aber was wollt Ihr von mir wiſſen, macht es kurz, und was wollt Ihr ge⸗ ben für Das, was Ihr wiſſen möchtet, das iſt die Hauptſache.“ „Ich will gar nichts nifen von Euch,“ ſagte Fran⸗ eis entſchieden, da er ſah, daß er Terrain verloren und keinen Vortheil gewonnen hatte, und erhob ſich von ſeinem Stuhle. „So will ich Euch ſagen, was Ihr wiſſen wollt — haha! Ihr wollt wiſſen, wo des Lords Kind ge⸗ 17 260 blieben iſt und wie es kam, daß er ſeine Buhle nicht wiederfand, he? Hab' ich Recht?“ „Durchaus nicht. Seine Tochter iſt längſt gefun⸗ den und in ſeiner Hand, und was ſeine Geliebte be⸗ trifft, ſo betrauert er die längſt als eine Todte, denn ſie iſt geſtorben.“ Die Alte jauchzte laut auf vor Vergnügen und wälzte ſich dabei von einer Seite zur andern.„Hahaha!“ rief ſie,„das iſt zum Todtlachen! Seine Tochter iſt ge⸗ funden! Haha! Seine Tochter iſt gefunden! O, wie Ihr Euch entpuppt habt, Schafskopf Ihr!“ Francis ſchaute die Alte verdutzt an, er ward nicht recht klug aus ihr. Er gab Joſeph einen Wink und wandte ſich vom Bette ab, um zu gehen, denn „bei der heutigen Laune des verſtockten Weibes, ſah er, würde er keinen Erfolg erzielen, und bereits tagte in ſeinem Kopfe eine neue Idee, dieſen Erfolg auf leich⸗ tere Weiſe zu erreichen. Er ergriff alſo ſeinen Hut, und da er dabei ſcharf Mrs. Berkley anſchaute, bemerkte er nicht, daß die alte Schottin hinter ihm leiſe aus der Thür ſchlüpfte. „Adieu, Mutter Jane,“ ſagte Francis.„Ich gehe. Ihr ſeid ſchuld daran, daß ich ſcheide, ohne Euch ge⸗ holfen zu haben. Ein andermal mehr!“— „Ihr braucht Euch nicht zu bemühen, Sir, durch⸗ * r 261 aus nicht, Ihr gebet mir doch nichts und ich— ich ſage Euch nichts, Ihr gehört zu dem Lordsgeſindel und das haſſe ich wie den Tod.“ Francis trat mit erhitztem Kopfe auf den Corridor hinaus. In nicht minderer Aufregung befand ſich Joſeph. Warum haſt Du ihr nicht Geld geboten oder gleich gegeben?“ fragte Letzterer,„ſie war auf dem beſten Wege.“ „Ja, um die Unwahrheit zu ſagen und uns in die Irre zu führen. Oho, ich habe ſie durchſchaut, ſie iſt eine alte Füchſin, Sir, wir haben es mit einer Mor⸗ ris zu thun. Nein, ich weiß ein beſſeres Mittel und brach ſo früh auf, weil ich mich ärgerte, nicht vorher daran gedacht zu haben, und weil ich im Aerger kei⸗ nen vernünftigen Gedanken faſſen kann. Ha— da kommt die Schottin— die will was von uns.“ Die Stubengenoſſin der Berkley näherte ſich mit lächelnder Miene den beiden Männern, als ſie eben in Begriff waren, die Treppe hinabzuſteigen. „Sir,“ ſagte ſie zu Francis,„Sie thun mir leid, daß Sie viele Worte an den böſen Drachen verſchwen⸗ den. Was wollen Sie von ihr? Vielleicht kann ich helfen, denn ich weiß ein Weniges von ihrer Geſchichte.“ Francis war es bei dieſen Worten zu Muthe, als ob ihm ein Stern vom Himmel fiele und ſein ganzes 4 . 3 — —— Leben erhellte.„Mutter,“ ſagte er freudig,„Ihr ſeid eine gute Frau, ich ſehe es,— wir aber haben einen ſehr guten Zweck vor uns. Wir wollen zunächſt wiſ⸗ ſen, wo Thomas Morris, ihr Neffe, ſich aufhält, und dann, wo dieſer Mann die Tochter des genannten Lords gelaſſen hat.“ „Das Letzte weiß ſie gewiß ſelber nicht, ſonſt hätte ſie mir es längſt erzählt, denn es gewährt ihr Ver⸗ gnügen, ihrem Haſſe gegen die Familie des Lords durch Erzählen Luft zu machen. Auch von ihrem Neffen hat ſie bis vor Kurzem nichts gewußt, als daß er arm und in Auſtralien war. Vor wenigen Wochen aber hat ſie einen Brief von d ihm erhalten—“ „Woher, woher?“ „Aus Portsmouth, g laube ich, wo er gelandet iſt.“ „Dieſen Brief müſſen wir haben— unter jeder Bedingung. Wo verſteckt ſie ihn?“ „Jetzt hat ſie ihn noch im Bette und keiner Seele vertraut ſie ihn an.“ „So werde ich ihn ihr mit Gewalt nehmen,„ be⸗ theuerte Francis.„Ich komme heute Nachmittag wie⸗ der und dann wollen wir zu dem Werke ſchreiten. Aber ich danke Euch und hier— nehmt, was ich an Geld bei mir trage.“ Dabei holte er eine Hand voll Silbergeld aus der Taſche und drückte es in die gehff. 4 263 neten Hände der Alten. Auch Joſeph griff nach ſei⸗ ner Brieftaſche, aber Francis gab ihm einen Wink,“ daß ſeine Gabe für jetzt hinreichend ſei. 3 Bald darauf befanden ſie ſich auf der Straße und ſuchten eine nahe gelegene Reſtauration auf, um darin ihr Frühſtück einzunehmen und ſich des Erfolges zu erfreuen, den ſie bis jetzt errungen hatten. Nachmittags um vier Uhr, als es ſchon ziemlich dunkel war, trat Francis allein, nachdem er der Hebe. amme zwei Guineen eingehändigt, bei einem Liqueur⸗ händler in der Nähe des Siechenhauſes ein und kaufte zwei Flaſchen des feinſten Whisky's, den die Hochlän⸗ der„Bergthau“ nennen und als ſolchen außerordent⸗ lich lieben. Er ließ die Flaſchen mit ſehr großen und. ſchönen Etiketten verſehen, ſteckte ſie in die Taſchen ſeines Ueberrocks und trat ohne Weiteres im Siechen⸗ hauſe ein, wo er ſich raſch in die Stube der beiden alten Weiber begab, ohne ſeine Ankunft im Gering ſten anzumelden. Er fand in dem ſchon tief beſchatteten Zimmer nur die Kranke im Bett vor, ihre Gefährtin war kurz zuvor hinausgegangen, um Beider Portion Thee und die Lampe zu holen, was um dieſe Zeit den Bewoh⸗ ⁵ 264 nern des Siechenhauſes verabreicht wurde. Mrs. Ber⸗ kley, die ihr Geſicht der Wand zugekehrt hatte, glaubte, es ſei die Frau, welche hereingekommen, und behielt ihre Lage bei; erſt als ihr Francis einen guten Abend bot, wandte ſie ſich herum, da ſie den Sprechenden an der Stimme erkannt hatte. „Was,“ rief ſie grollend,„ſeid Ihr ſchon wieder da? Könnt Ihr einem armen Weibe, wie ich es bin, keine Stunde Ruhe gönnen? Ich dachte, Ihr wäret längſt wo der Pfeffer wächſt, denn ich mag Euch ſo wenig wie den andren Grünſchnabel leiden, der ein verwettert ächt engliſches Geſicht hat.“ „Da irrt Ihr Euch doch, Mutter Jane,“ fing Fran⸗ cis mit ſeinen glatteſten Schmeicheltönen an.„Der Herr, der mich heute früh begleitete, iſt eben ſo wenig ein Schotte, wie er ein Engländer iſt.“ „Na, was zum Teufel iſt er denn?“ „Kreifert Euch nicht gleich, Mutter Jane, er iſt ein Deutſcher und damit wollen wir von ihm ab⸗ brechen. Aber es hat mir heute Mittag, nachdein ich Euch verlaſſen, leid gethan, daß Ihr Euch geärgert habt, und deshalb komme ich ſchon wieder, um Euch einen kleinen Labetrank zu bringen, damit wir in Güte von einander ſcheiden, denn morgen früh kehren wir Beide nach London zurück.“ 265 „Das iſt mir ganz über die Maaßen gleichgül⸗ tig.— Aber was meintet Ihr mit dem Labe⸗ trank, wie?“ In dieſem Augenblicke trat die Schottin mit Licht und Thee herein, und als ſie den jungen Mann be⸗ merkte, ſetzte ſie ihre Laſt raſch auf den Tiſch und warf ihm einen Blick zu, den Francis mit Freuden er⸗ faßte, denn er verſtand ſogleich, daß er ihn ermuthi⸗ gen ſollte, auf dem einmal betretenen Pfade dreiſt fortzuſchreiten. „Habt Ihr kein Glas, Mutter?“ fragte Francis, ſich rings im Zimmer umblickend. „Hier, Sir; aber es iſt nur für Waſſer beſtimmt und alſo etwas groß.“ „ Gießt es immerhin voll,“ ſchrie die Berkley mit lechzenden Lippen,„es iſt für meine Conſtitution ge⸗ rade groß genug, wenn die Tropfen darin gut ge⸗ brannt ſind.“ „Seht einmal her,“ ſagte Francis ſchelmiſch und zeigte ihr die beiden Flaſchen mit den glänzenden Eti⸗ ketten—„ächter Hochländer⸗Bergthau— nun, was meint Ihr jetzt?“ „Ah, den habe ich lange nicht gekoſtet. Aber ſo beeilt Euch doch, wenn Ihr mich nicht verdurſten laſ⸗ ſen wollt.“ — 1 85 ä oo 266 Francis ſetzte die eine Flaſche auf den Tiſch, zog. einen ſorglich bereit gehaltenen Korkzieher hervor und entfernte den Pfropfen mit einem ſo knallenden Ge⸗ räuſche, daß Mutter Jane entzückt in die Höhe fuhr. Als er darauf das Glas bis an den Rand voll ge⸗ ſchenkt, reichte er es dem gierigen Weibe hin, die ſchon lange ihren linken Arm danach ausgeſtreckt hatte. Als ſie es endlich erfaßt, trank ſie zu Francis' Er⸗ ſtaunen das ganze Glas auf einen Zug leer, ſah ihn dann ſchmunzelnd und nachkoſtend an und ſagte:„Ha, das ſtärkt, das giebt einer blaſſen Seele, wie die meine iſt, Muth. Noch ein ſolches Glas und dann wollen wir uns ein wenig zanken.“ „Eins ſollt Ihr noch haben, aber dann iſt es ge⸗ nug. Der Reſt bleibt bis morgen— da habt Ihr's.“ Auch dieſes Glas trank die Alte auf einen Zug leer, ſo daß Francis nicht umhin konnte, die feuerfeſte Kehle der alten Megäre zu bewundern. Dieſe, nach⸗ dem ſie einen leichten Huſten ausgeſtoßen und die Augen vor Wolluſt auf und zu gekniffen hatte, wandte ſich endlich zu ihm und ſagte:„Nun iſt es Zeit, Sir, ich bin bei Laune; was wollt Ihr von mir wiſſen?“ „Was ſoll ich viele Umſtände machen,“ ſagte Fran⸗ cis auf einen nochmaligen ermuthigenden Wink der alten Schottin, indem er ſich auf den Stuhl vor dem 267 Bette niederließ,„Ihr wißt ja, was ich will. Sagt mir, wo Thomas Morris die Tochter Emery Glan⸗ don's gelaſſen hat und dann erhaltet Ihr Euren Lohn. Habt Ihr verſtanden?“ „Oho, ich verſtehe ſchon, meine Ohren ſind beſſer im Stande als meine Beine. Aber nein, das ſage ich Euch nicht, und wenn ich wüßte, Ihr ſchnittet mir für mein Schweigen die Gurgel ab, oder, was mir noch lieber wäre, erſäuftet mich in Whisky, denn das, Sir, das weiß ich ſelber nicht.“ „Ah ſo! Dann freilich könnt Ihr mir nichts dar⸗ über ſagen. Aber wo Thomas Morris ſelbſt ſich auf⸗ hält, das wißt Ihr doch?“ „Hoho! Ja, das könnte ich Euch ſagen, wenn ich wollte, aber ich will eben nicht.“ „So gehe ich auf der Stelle und Ihr empfangt Nichts von mir, ſelbſt die Flaſchen nehme ich wieder mit fort.“ Dabei ſtand er auf und that, als wollte er ſich entfernen. Hinter ihm her aber erhob ſich die rechte Hand der Kranken, die der Bergthau geſchmei⸗ dig gemacht hatte, aus dem Bett, und es zeigte ſich ein zerknitterter und beſchmutzter Brief darin. „Sie hat den Brief in der rechten Hand!“ flüſterte die Schottin dem jungen Manne zu.„Gießt ihr noch ein Glas ein und nehmt ihr dabei den Brief fort.“ yäüy“—— ⸗n — 268 Francis drehte ſich langſam um und näherte ſich wieder dem Bette, mit ſeinen Falkenaugen beide Hände der Kranken muſternd. Dieſe aber hielt ihr Auge allein auf die Flaſche gerichtet und grinſte dabei vor leidenſchaftlicher Erwartung.„Ich dachte,“ ſagte ſie, „Ihr wolltet mir noch ein Glas Whisky holen?“ „Das will ich— und hier halte ich es ſchon— ſeht!“ Indem er ſich dabei wieder dem Bette näherte, hatte er Mühe, ſeine Aufregung zu bewältigen, die ſich ſchon in ſeiner Stimme verrieth, denn er erſpähte allein den paſſenden Augenblick, der Alten den Brief zu entreißen, den er bereits in’s Auge gefaßt hatte. „Wo iſt Euer Neffe, Mutter Ienee fragte er mit ſtarkem Nachdruck. „Pah! Thomas Morris iſt ein Duchmäuſer gewor⸗ den, wie er früher ein Schelm war— ich habe nicht mehr ſo viel Achtung vor ihm, zumal er mich hun⸗ gern und durſten läßt. Aber ach, er iſt ein Bettler geworden, wie ich eine Bettlerin bin, und das gewährt mir noch einigen Troſt. Nein, nein, er kann und wird mir keinen Deut mehr geben, ich weiß es gewiß.— Alles das zuſammengerechnet könnte ich Euch wohl ſa⸗ gen, wo er ſich aufhält, aber eben— ich will nicht. Denn wenn Ihr ihn zum Plaudern brächtet, wie Ihr mich dazu zwingen wollt, ſo wäre er am Ende dumm 269 und feig genug, zu erzählen, was nur er und ich und ſonſt Niemand auf der Welt weiß, denn alle Mit⸗ wiſſer— die Reichen wie die Armen, die Großen wie die Kleinen— ſchlafen lange, lange ſchon und — ewig. Haha!“ „Er wird nicht viel zu erzählen haben, was wir nicht ſchon lange wüßten—“ „So? Und warum ſucht Ihr ihn denn? Ha, Dummkopf Ihr! Denkt Ihr, ich kenne Euch nicht? O, mich betrügt man nicht— aber ſtill, Mann, gebt mir das Glas!“ „Noch nicht! Sagt mir, wo Thomas iſt und ich gebe Euch Geld, um zwanzig Flaſchen Whisky zu kaufen— eine ganze Hand voll Guineen.“ „Prahler Ihr! Ihr habt ja ſelbſt nicht ſo viel, und wenn Ihr es hättet, Ihr gäbet es nicht— o, ich kenne die Welt, ha!“ „Gut, wenn Ihr es nicht bald ſagt, bekommt Ihr keinen Schilling.“ „Ich will auch keinen von Euch Lordsgeſindel. Glaubt Ihr mich trotzig behandeln zu können? Noch einmal, gebt mir das Glas und dann trollt Euch.“ Francis hielt den Augenblick für günſtig. Er näherte ſich langſam noch mehr dem Bette, hielt aber das Glas mit der linken Hand weit davon ab und 5 — 270 1 das Auge funkelnd auf das zerknitterte Papier ge⸗ richtet, das jetzt ziemlich unbeachtet und loſe in der rechten Hand der Kranken ruhte, während ihre linke ſie ſch immer begehrlicher nach dem vollen Glaſe aus⸗ ſtreckte. Da, indem ihre rothen Augen gierig auf demſelben hafteten und Francis es ſich der Hand der Alten nähern ließ, packte er ſchnell wie der Blitz das Papier und im Augenblick darauf hatte er es in der Hand und trat mit ihm von der Kranken hinweg, die das halb verſchüttete Glas glücklich erfaßt hatte, nun aber ein ungeheures Zetergeſchrei ausſtieß. „Still!“ rief Francis, ſich jetzt kühn in ſeiner gan⸗ zen Länge aufrichtend,„ſtill, Weib, Ihr habt Euer Spiel verloren. Der Brief iſt mein und— da, da habt Ihr ein paar Guineen dafür.“ Die Alte, raſch das ſtarke Gebräu in ihre Kehle gießend, warf das leere Glas nach dem Manne, der ſie betrogen, traf ihn aber nicht, und im Nu machte ſie ſich über das Geld her, das ihr in's Bette gewor⸗ fen war, damit ihr ja keins der blanken Goldſtücke entſchlüpfe. Francis, den ruhigen Augenblick benutzend, trat an das Licht, entfaltete das halb zerriſſene Blatt und las nur folgende wenige Zeilen: „Tante Jane! Ich bin von Auſtralien zurückge⸗ 271 „kehrt. Auch da hat mich das Unglück ſo hartnäckig „verfolgt, daß ich endlich meines elenden Lebens über⸗ „drüſſig bin. Ich fühle mich krank, ſehr krank, und „in dieſem Gefühle empfinde ich bittere Reue über „mein verfehltes Leben. Geld kann ich Dir nicht „mehr ſchicken, ich habe ſelbſt keins. Das iſt der letzte „Brief, den Du von mir empfängſt, und wahrſchein⸗ „lich auch der letzte, den ich ſelbſt ſchreiben werde, „denn meine zitternde Hand wird nicht lange mehr „die Feder führen können. Lebe für dieſe Welt wohl „und finde Dich mit Gott ab, wie auch ich es zu „thun gedenke. Portsmouth den 20. October 1851. Thomas Morris. Francis lächelte triumphirend, als er dieſen Brief haſtig zu Ende geleſen— endlich wußte er, was er wiſſen wollte. Thomas Morris war alſo in Ports⸗ mouth und ein reuiger Sünder. Frohlockend trat er an das Bett der Kranken, die ihn keines Blicks wür⸗ digte, ſondern nur mit dem Gelde liebäugelte, das ſie aus einer Hand in die andere zählte und dabei erklingen ließ.„Darf ich dieſen Brief behalten?“ fragte er die grimmig blickende Alte. „Geht an den Galgen, Ihr ſeid es werth! Auch Inyr ſeid ein ſchuftiger Engländer, der nur eine ſchot⸗ tiſche Zunge, aber kein ſchottiſches Herz hat.“ ——— ——— * 272 „Darf ich den Brief behalten, Mutter Jane?“ „Zum Teufel, ja! Was ſoll ich mit dem Wiſch? Ich weiß ihn ſchon auswendig und Ihr wißt ja doch den Haſen zu finden, nachdem Ihr ſein klägliches Gewinſel geleſen.“ „So gehe es Euch wohl!“— Und der Schottin einen Wink gebend, trat er in den Corridor hinaus, wohin ihm die Alte ſogleich folgte. „Hört, Frau,“ ſagte er,„ich danke Euch für Euern Wink, er hat Früchte getragen. Dieſe Börſe hier ſchickt Euch mein Herr dafür und nun lebt wohl.“ „Danke, Sir, tauſendmal, danke!“ Francis hörte kaum das ihm noch zehnmal nach⸗ gerufene Dankſagungswort, denn er ſprang mit einer Haſt die Treppe hinunter, daß die alten Stufen hin⸗ ter ihm krachten, und nicht eher hielt er in ſeinem Laufe an, als bis er bei ſeinem Herrn im Zimmer ſtand, das Erlebte erzählte und als ſichtbare Trophäe ſeines Triumphes den eroberten Brief vor ihm ent⸗ faltete. Lehntes Anpitel. Ein Beſuch zu rechter Zeit. „Portsmouth!“ rief Joſeph Sohn in einem wah⸗ ren Freudenſturme aus,„alſo endlich hätten wir ihn, dieſen Thomas Morris, und nicht mehr als verbreche⸗ riſchen, kühnen, unternehmenden Gegner, ſondern als reuigen, darniederliegenden Sünder! Unter dieſen Umſtänden wird er uns leichter Rede ſtehen, als die⸗ ſes verhärtete Weib, das ſich in Whisky erſäuft wünſcht, da ſie doch einſieht, nicht ewig leben zu können— o welche Niedrigkeit, welche Gemeinheit!“ „Wenn Thomas Morris als Mann iſt, was dieſe ſeine Tante Jane Berkley als Weib war, werden Sie einen harten Stand haben, Sir.“ „O, Thomas Morris war ein gebildeter Mann, Francis, und ſolche Leute können wohl elend, aber nie ſo gemein werden, wie jenes ſchreckliche Weib. Emery Glandon. III. 18 ——— —— 274 Es iſt mir lieb, daß ich ſie nicht noch einmal zu ſehen brauchte, denn ſie hat mir ein Grauen eingeflößt, wie niemals ein menſchliches Weſen.— Aber wie kommen wir am ſchnellſten nach Portsmouth?“ 3 „Die Reiſe zu Waſſer iſt angenehmer,“ bemerkte Francis, der lieber zu Schiffe war als in einem ſto⸗ ßenden Poſtwagen,„es iſt nur die Frage, ob wir ſo bald ein Schiff finden, das nach dem Süden abgeht.“ „So beeile Dich und lauf nach dem Hafen. Ich werde unterdeß einen Brief nach Hauſe ſchreiben und das heutige Ereigniß berichten.“ „Erregen Sie aber noch keine zu große Hoffnung; wir haben den Mann noch nicht, den wir ſuchen.“ „Das verſteht ſich von ſelber, trotzdem ich ihn zu finden hoffe.“ Francis, von ſeinem letzten Erfolge ermuthigt und zu neuem Eifer angeſtachelt, machte ſich ſogleich auf den Weg, und nach zwei Stunden kam er wieder, um die frohe Nachricht zu überbringen, daß der In⸗ verneß, ein kleines, aber gut ſegelndes Barkſchiff, morgen früh nach der Themſe abgehen werde, und daß es Raum genug für ſie habe, mrahalb er ohne Zögern zwei Plätze gemiethet. Noch einmal betrachteten ſie mit Ruhe am Nach⸗ mittag deſſelben Tages die altehrwürdige Stadt Aber⸗ deen und rüſteten ſich dann zur Abreiſe, die ſie auch unter glücklichen Umſtänden, das heißt bei ziemlich ruhiger See und günſtigem Winde am Morgen des zweiten Dezembers antraten. Allein ſehr bald begann ein ſtarker Nordoſt zu blaſen und der Inverneß ſah ſich genöthigt, weit von der Küſte abzuhalten, um nicht an die felſigen Klippen ſeines Vaterlandes ge⸗ worfen zu werden; außerdem ſtellte ſich ein undurch⸗ dringlicher Nebel ein, wie er England um dieſe Zeit ſo oft beſucht, und erſt am ſechſten Dezember gelang es den eilfertigen Reiſenden, London zu erreichen und von da ohne Aufenthalt auf der Eiſenbahn nach Portsmouth weiter zu gehen. So ſahen ſie endlich wieder die High⸗Street vor ſich und ſtiegen in ihrem alten Gaſthofe, der London⸗Tavern daſelbſt ab, wor⸗ auf ſie ſich ſogleich nach Gosport begaben, um Mrs. Pearſon in Betreff Mr. Rosmond's zu beruhigen und ihre Rückkehr anzuzeigen. Von dieſem Augenblicke an begann nun eine wahre Treibjagd nach Thomas Morris. Zuerſt wurde jedes Schiffsbüreau beſucht, um zu erfahren, ob etwa ein Schiff um den 20. October herum von Auſtralien eingelaufen ſei und ob man nicht wiſſe, welche Paſſa⸗ giere ſich auf demſelben befunden hätten. Allerdings war am 18. October ein Packetboot angekommen, un⸗ 18* — 276 ter den Namen der Paſſagiere aber befand ſich der des Thomas Morris nicht. Alle dieſe und verſchiedene andere Nachfragen nahmen einen ganzen Tag in An⸗ ſpruch und man hatte Nichts erreicht. Ein eben ſo geringes Reſultat fanden ihre Nachforſchungen bei den Behörden des Hafens und der Stadt, kein Menſch kannte Thomas Morris, kein Menſch wollte je von ihm gehört haben. So vergingen abermals einige Tage. Francis Poweril nahm endlich zu dem Mittel ſeine Zuflucht, das ihm in Aberdeen ſo überaus ge⸗ glückt war, er beauftragte allerlei Perſonen von einem gewiſſen Stande mit dem Aufſpüren des Geſuchten, aber hier in Portsmouth ſchlug dies Mittel nicht an, es brachte nichts zu ſeiner Kenntniß, was nur die ge⸗ ringſte Spur von Thomas Morris aufgedeckt hätte. So vergingen acht, ja vierzehn Tage und Joſeph Sohn konnte es ſich endlich nicht verhehlen, daß er ſich in einer höchſt peinlichen Lage befand. Von ſeinem Beſchützer, dem er in der letzten Zeit Hoffnung ge⸗ macht, ſein Ziel zu dem feſtgeſetzten Termine zu er⸗ reichen, war er angewieſen, unter allen Umſtänden zur Weihnachtszeit in Downs⸗Caſtle einzutreffen, und er hatte das wirklich beabſichtigt, falls ihm der Auf⸗ enthaltsort Thomas Morris' verborgen blieb. Nun ſollte dieſer aber in Portsmouth ſein und Joſeph ₰ befand ſich mit ihm an einem Orte, durfte alſo um ſo mehr die Hoffnung hegen, den Mann, den er an⸗ derthalb Jahre vergeblich geſucht, endlich aufzufinden. Wenn er dagegen jetzt Portsmouth verließ, um viel⸗ leicht ſpäter wieder dahin zurückzukehren, war dann noch eine eben ſo günſtige Ausſicht vorhanden, Tho⸗ mas Morris zu finden? Konnte er nicht, zumal er ſich ſelbſt für ſehr krank ausgegeben, ſterben? Oder, falls ſeine Geſundheit ſich wieder herſtellte, war mit Gewißheit anzunehmen, daß er in Portsmouth blei⸗ ben würde? Nein. In den Stadtkrankenhäuſern zu Portsmouth und Gosport hatte man nachgefragt, aber auch da war kein Kranker unter dem bewußten Namen zu ermitteln geweſen. Er mußte alſo in einem Privathauſe ein Unterkommen gefunden haben, w und ihn da Haus bei Haus zu ſuchen, ſo viel man auch ſchon in manchen Stadtvierteln nachgefragt, war ein ſchwieriges und langweiliges Unternehmen, das nicht einmal einen gewiſſen Erfolg verſprach. Dieſen unangenehmen Reſultaten gegenüber, die ihn die Reiſe nach der Heimat von Tage zu Tage weiter hinausſetzen und nicht einmal zu dem Ent⸗ ſchluſſe kommen ließen, an den Lord von Neuem zu ſchreiben, da dieſer ja ſeinen Wunſch wiederholt und beſtimmt genug ausgeſprochen hatte, quälte Joſeph 278 Sohn ein unbeſchreibliches Verlangen, nicht von der Stelle zu weichen, bis er ſeine Aufgabe vollendet hätte, und wenn er einer unbeſtimmten inneren Stimme folgen wollte, die ihm bei Tage und bei Nacht zuzurufen ſchien:„Thomas Morris iſt in Ports⸗ mouth und Du mußt bleiben, wenn Du ihn über⸗ haupt jemals ſprechen und befragen willſt, ¹ſo konnte er nicht von dieſem Orte fort. So faßte er denn endlich den Entſchluß, dem Wunſche des Lords zu⸗ wider zu handeln und zu bleiben, in der feſten V Vor⸗ ausſicht, Jener würde denſelben billigen, ſobald er erführe, warum Joſeph ſelbſt die Freude des Wieder⸗ ſehens ſeiner Lieben in den Weihnachtstagen auf⸗ gegeben hätte. Und um nun ganz ſicher zu gehen und den Lord nicht vergebens auf eine beſtimmte Nachricht warten zu laſſen, kam er mit Francis über⸗ ein, daß dieſer allein den Weg nach Hauſe antreten ſollte, wenn bis zum 23. Dezember Abends der ſo eifrig Geſuchte noch nicht ermittelt wäre. Schon in den letzten Tagen vor dem feſtgeſetzten Termine ward Joſeph von einer fieberhaften Unruhe umhergetrieben. Niemals in ſeinem Leben hatte er ſich in einer Lage befunden, die derjenigen ähnlich ſah, in der er ſich jetzt befand. Es war ihm ganz eigenthümlich zu Muthe und er konnte ſich ſelbſt da⸗ 3 279 von keine Rechenſchaft ablegen. Es gährte und kochte in ihm ein unbeſtimmter Drang nach Erfüllung ſei⸗ nes Strebens und er konnte kein Auge ſchließen, denn immer, wenn der Schlaf ſich näherte, ſchwebte ihm wie eine dunkle Viſion vor, was er erwartete und was immer doch nicht eintraf. Einmal, als er von langem vergeblichen Suchen in unzähligen Straßen und Häuſern zurückgekehrt war, ſchlief er in der Abend⸗ dämmerung auf ſeinem Zimmer vor Ermüdung ein, aber da träumte er ſogleich, Thomas Morris ſtehe mit bleichem Geſichte vor ihm im Nebe; auf den Straßen wirbelte, und rufe mit ſchwacher er⸗ ſterbender Stimme:„Schnell, ſchnell, Joſeph Sohn, oder es iſt zu ſpät!“ Erſchrocken fuhr er aus dem Schlafe empor und blickte um ſich, aber Niemand war da, der ihn hätte rufen können, ſelbſt Francis, unermüdlich auf ſeinen. Wanderungen begriffen, war abweſend. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„aber es beſtärkt mich in meinem Entſchluſſe, hier zu blei⸗ ben, und ich gehe nicht fort, bis ich ihn habe, den ich ſchon im Bilde vor mir geſehen. Von morgen an werde ich ruhiger werden, morgen iſt der 23. Dezem⸗ ber und Francis zeiſ nach Hauſe ab, er hat ſchon ſein Bündel geſchnürt.“ 280 Der 23. Dezember war angebrochen. Es war ein heiterer Tag, wie man ihn lange nicht am britiſchen Canale erlebt hatte. Die milde Luft war ſo erquickend und angenehm, daß Tauſende von Menſchen auf den Straßen dem Meere zuſtrömten, um mit dem Genuß der friſchen Luft auch den des Schauſpiels zu ver⸗ binden, ein großes Königliches Schiff vom Stapel laufen zu ſehen, was am Mittag(dieſes Tages ge⸗ ſchehn ſollte. Als Francis kurz vor dieſer Zeit in Reeſſekleidern bei Joſeph eintrat, gewahrte dieſer in deem bleichen Geſichte und der abgeſpannten Miene des guten Burſchen die getäuſchte Erwartung, mit der er ſich auf ſeine Reiſe zu begeben genöthigt war. „Ich ſoll alſo fort,“ ſagte er.„Gut, ich gehorche, aber ungern. Denn ich weiß es beſtimmt, kaum bin ich an Bord, ſo kommt der Menſch, den wir ſo lange vergeblich geſucht haben, Ihnen in's Garn gelaufen.“ „Dann beeile Dich, daß Du fortkommſt, um ſo eher werde ich glücklich ſein.“ „Ja, ja, Sir, ich glaub' es und ich brächte doch ſo gern eine gute Botſchaft heim. Aber ich habe noch bis fünf Uhr Nachmittags Zeit, um Sechs geht erſt der Dampfer nach der Weſer ab. Wollen wir nicht auch dem Schauſpiel beiwohnen, dem alle Welt zuſtrömt, und den eerſten Sprung anſehen, den die neue Fregatte in's Waſſer macht?“ „Ja, ich bin's zufrieden. So komm denn.“ Beide begaben ſich in das dichte Straßengewühl und hatten ſich bald in dem Getümmel verloren, welches bei dergleichen Anläſſen ſtets in der Nähe des Hafens herrſcht. Die Sonne ſtrahlte hell und bei⸗ nahe ſo warm wie bei uns im Mai, der Himmel ſelbſt ſchien ſich über die Freude der Menſchen mit⸗ zufreuen. Unachtſam auf Alles, was um ihn her vorging und nur mit ſeinem brütenden Innern beſchäftigt, verfolgte Joſeph ſeinen Weg. Er wünſchte jetzt or⸗ dentlich, Francis ſei erſt abgereiſt, um dann dem vor⸗ ausgeſagten Ziele näher zu kommen, ohne doch den Weg zu errathen, auf welchem dies geſchehen ſolle. Francis dagegen war niemals aufmerkſamer geweſen, als an dieſem Morgen, denn es war ſeine Gewohn⸗ heit geworden, die Naſe in der Luft zu tragen, um überall das Wildpret zu wittern, das er ohne Unter⸗ laß verfolgte. So bemerkte er denn auch heute ſehr bald, daß zwei Männer ihnen eine Weile ſchon auf dem Fuße nachgeſchlichen waren und ſich wiederholt bemühten, ihre Geſichtszüge von allen Seiten in Augenſchein zu nehmen. Beide Männer waren jung e— 282 und gentlemenmäßig gekleidet, obwohl man ihnen anſah, daß ſie keinem beſonders vornehmen Stande angehörten. Man hatte ſich dem Hafen genähert. Da auf dem allgemeinen Zuſchauerraume ein großes Gedränge herrſchte, in das ſich zu miſchen nicht rathſam war, ſo wollten ſich Joſeph und Francis eben in ein Haus begeben, um einen Platz an irgend einem Fenſter zu miethen, als die beiden jungen Männer ihnen in den Veg traten und höflich die Hüte zogen. uuum Vergebung, Sir,“ ſagte der Größere zu Jo⸗ ſeph,„wohnten Sie nicht im vorigen Jahre in Lon⸗ don⸗Tavern in der High⸗Street?“ „Ja,“ entgegnete der Angeredete,„da wohnte ich in der That vor längerer Zeit und wohne ich auch jetzt wieder.“ „Nun ja,“ fuhr Jener fort,„ich ſagte es ja gleich, denn ich habe Sie ſchon in der Stadt wiedererkannt. Sie kennen mich wahrſcheinlich nicht, obwohl ich Sie damals bediente— ich war Kellner daſelbſt, was ich ſeit einem Monate nicht mehr bin.“ „So, und warum erneuern Sie unſre Bekannt⸗ ſchaft?“ „Ja, das iſt ein närriſch Ding. Vor etwa ſechs Wochen fand ſich ein Mann in der London⸗Tavern 283 ein und fragte nach Ihnen. Das Comptoir der Hafen⸗ Zeitung hatte ihn geſendet. Er beanſpruchte fünfzig Pfund Sterling Belohnung, wenn er Ihnen Aus⸗ kunft über eine Perſon gäbe, die Sie ſuchten.“ „Was?“ riefen Joſeph und Francis in einem Athem.„Die fünfzig Pfund ſind ſchon lange ge⸗ zahlt,“ fuhr Joſeph allein fort,„aber ſie wurden für eine Nachricht gegeben, die uns gar Nichts genützt hat.“ „So. Der Mann aber, den wir meinen, ſagte, er wiſſe eine beſtimmte Auskunft über die verlangte Per⸗ ſon zu geben und er hoffe, Sie würden dafür, wenn Ihnen noch daran gelegen, die fünfzig Pfund an ihn ſelbſt zahlen, obgleich er vermuthe, daß er etwas zu ſpät käme, da ihm Ihre Einſendung in die Zeitung erſt zu Geſicht gekommen ſei, nachdem ſie längſt ver⸗ jährt ſchien.“ Joſeph erbleichte vor innerer Aufregung, Francis aber ſtieß einen Freudenſchrei aus.„Kennen Sie den Mann, der die Belohnung in Anſpruch nahm?“ fragte er. „O ja, es war ein Krankenwärter vom See⸗ hospital—“ „Vom Seehospital!“ Joſeph und Francis ſahen ſich verblüfft an. An das Seehospital hatten ſie nicht im Entfernteſten gedacht, da ja Thomas Morris 284 ihres Wiſſens kein Seemann war und nur ein ſolcher in jenem aufgenommen wurde. „Können Sie uns zu ihm führen?“ fragte Joſeph mit entſchiedener Hoffnung, jetzt endlich Licht zu er⸗ halten. „O ja, aber wir möchten das Schauſpiel hier nicht verlieren. Sie brauchen nur ſelber nach dem Hospital zu gehen und nach Mr. Tiburton zu fragen; ſo hieß der Mann, der Sie ſuchte.“ „Tiburton! Tiburton!“ riefen Joſeph und Fran⸗ cis wohl hundertmal, als ſie im Sturmſchritte nach dem Seehospital liefen, das ſie nach kurzer Zeit er⸗ reichten. Der Krankenwärter Tiburton war bald aufgefun⸗ den und höchlichſt erſtaunt, ſeinen Gang nach der London⸗Tavern ſo unverhofft belohnt zu ſehen. Denn daß ſein Thomas Morris, wie er ſich ausdrückte, der einzig richtige ſei, davon war er feſt überzeugt, ob⸗ gleich derſelbe, gegen die Annahme der beiden Frem⸗ den, ein Seemann, wenigſtens als ein zur Seemann⸗ ſchaft gehöriges Individuum im Hospital aufgenom⸗ men war. „Wenn ſich dies ſo verhält, mein lieber Mann,“ ſagte Joſeph freudig,„und Ihr Morris unſer Mor⸗ ris iſt, ſo ſollen Ihnen die fünfzig Pfund gehören, 1 285 obwohl wir ſie ſchon vor vierzehn Monaten ausſetzten und auch für eine Nachricht gezahlt haben, die uns keinen Vortheil gebracht hat. Jetzt aber führen Sie uns zu dem Dirigenten der Anſtalt, damit wir Erlaubniß er⸗ halten, dem Kranken einen Beſuch abzuſtatten.“ Dieſe Erlaubniß ward ſehr gern ertheilt, nur be⸗ merkte der Arzt, daß, da Mr. Morris ſterbenskrank ſei, der Beſuch eines Fremden wohl genügen könne, um ihn nicht noch mehr aufzuregen. „Woran leidet er denn?“ „Ach, es iſt die Krankheit, die ſo oft auf ein ver⸗ geudetes Leben und Kummer und Elend folgt, das ſich gern daran knüpft— eine allgemeine Abzehrung, die aus dem Mangel an Lebenskraft entſpringt. Außer⸗ dem aber ſcheint mir auch ſein Gemüth nicht in Ord⸗ nung zu ſein, denn ich habe nie einen Menſchen ſo viele Seufzer ausſtoßen hören, wie dieſen.“ „Wenn es Der iſt, den ich ſuche, Sir, ſo wird er allerdings Viel zu bereuen haͤben. So werde ich alſo allein gehen, Francis, aber erwarte mich hier oder in dem Weinhauſe da drüben.“ Frranecis entfernte ſich langſam und mit einem Ge⸗ ſichte, dem man anmerkte, daß er gern ein Augenzeuge des Auftritts geweſen wäre, der aller Vermuthung nach ſich jetzt entwickeln würde. 288 Joſeph folgte dem voranſchreitenden Arzte in ein höheres Stockwerk, durchſchritt einen langen, ſehr rein⸗ lich gehaltenen Corridor und trat in ein Zimmer, in welchem vier Betten mit Vorhängen ſtanden, von de⸗ nen drei unbeſetzt waren. In dem vierten aber, zu⸗ nächſt dem einen Fenſter, ſollte der Mann liegen, der als Thomas Morris in das Krankenregiſter eingetra⸗ gen war. „Ich laſſe Sie jetzt bei dem Kranken allein, Sir,“ flüſterte der Arzt,„aber halten Sie ſich nicht zu lange auf, er iſt ſehr ſchwach, das werden Sie ſelbſt bald gewahren. Guten Morgen.“ Die Thür ſchloß ſich hinter dem abgehenden Arzte. Joſeph, dem ein unwillkürlicher Schauer durch den Körper lief, ſtarrte noch immer das Bett an, in wel⸗ chem er einen Mann ſchwer athmen und laut ſeufzen hörte, deſſen Anblick ihm noch der halbzugezogene Vor⸗ hang verbarg. Endlich hatte er ſich geſammelt, und nun dem Bette näher tretend, zog er den Vorhang mit der Lin-⸗ ken zurück. Da wurde ihm ein ſeltſamer Anblick zu Theil. Ein abgezehrter Mann, dem das früher dunkle, jetzt aber ſtark ergraute Haar wüſt um Stirn und Schläfe hing, lag in dem Bette und wälzte ſich un⸗ — ruhig hin und her. Sein Geſicht zeigte eine aſchfar⸗ —— 287 bige Bleiche, die Augen lagen in tiefen Höhlen und die Naſe trat ungewöhnlich ſpitz zwiſchen den einge⸗ fallenen Wangen hervor. Das Einzige, was die Krank⸗ heit, die Sorge, die Reue und alle Leidenſchaften und Schmerzen, die ſo lange an ihm genagt, in leidlicher oder wenigſtens ſcheinbarer Geſundheit übrig gelaſſen hatten, war ein kräftiges Gebiß von auffallender Weiße, und ein Auge, das auf den erſten Blick einen gebil⸗ deten Mann verrieth, der beſſere Tage geſehen hatte, als ihm jetzt zu Theil wurden. Im Ganzen war kein beſonderer Ausdruck auf dem Geſicht wahrzuneh⸗ men, als der, den das Elend in ſo vielerlei Geſtalt und die Abzehrung in der Regel hervorbringt, wenn geiſtige Selbſtqual, mit Reue und Hoffnungsloſigkeit gepaart, damit verbunden iſt, nur lag in dem braunen Auge ein eigenthümlicher Glanz, der ſchon aus einer andren Welt entlehnt und vorzeitig in dieſes gebrech⸗ liche Weſen eingezogen zu ſein ſchien. „Guten Morgen, Mr. Thomas Morris,“ ſagte Jo⸗ ſeph Sohn und beugte ſich etwas zu dem Kranken nieder. Dieſer aber, ſobald er die unbekannte Stimme gehört und den fremden Mann erblickt hatte, ſtieß einen Schrei aus, den ihm weniger die Verwunderung und Ueberraſchung, als der Schreck auspreßte, da ihn die jugendliche Erſcheinung ſeines unerwarteten Beſuchs 288 wie ein Schlag von unſichtbarer Hand überfiel. Die Augen ſtarr auf den Fremden gerichtet, als ſehe er ein drohendes Geſpenſt vor ſich, die knöchernen Hände abwehrend gegen ihn emporſtreckend, als fürchte er ſich vor ihm, und dann mit beiden Händen nach der Stirn fahrend, um die vor die Augen gefallenen Haare bei Seite zu ſtreichen, das waren die erſten Bewegungen, die Joſeph Sohn's Anblick bei dem Kranken hervor⸗ rief. Aber jener laute unartikulirte Schrei, den er ausgeſtoßen, war die einzige Antwort, die er zunächſt dem ihn Begrüßenden zu Theil werden ließ, ſeine ganze Kraft ſchien er für den Blick zu gebrauchen, mit dem er immer ſtarrer, wie in Stein verwandelt, den jun⸗ gen ſchönen Mann mehr durchbohrte als betrachtete. „Guten Morgen, Mr. Thomas Morris!“ wieder⸗ holte Joſeph ſeinen Gruß. „Ha!“ rief der Angeredete mit convulſiviſch hin⸗ und her fahrenden Händen—„wer ſind Sie, was wollen Sie?“ „Das werden Sie ſogleich hören. Mein Name iſt Joſeph Sohn und ich komme, um Sie zu fragen, ob Sie vielleicht der Thomas Morris ſind, der—“ „Ja, ich bin's, den Sie meinen— Ihnen gegen⸗ über kann ich kein Anderer ſein— wie war Ihr Name? Laſſen Sie mich ihn noch einmal hören.“ 289 „Joſeph Sohn!“ „Ha! Ja!“— Und der Kranke ſchüttelte ſich wie vor innerem Grauen und bedeckte ſich die Augen eine Weile mit der Hand.„Ja, ja, jetzt weiß ich's.— Wer ſendet Sie zu mir?“ fragte er nach ziemlich lan⸗ ger Pauſe. „Lord Shorneliffe, ehemals Emery Glandon, wenn Sie ſich deſſen erinnern und der ſind, den ich ſuche.“ „Ja, ich bin's— Gott ſei Dank! Er hat meine Gebete erhört— in welchem Verhältniſſe ſtehen Sis zu ihm?“ 8 „Er iſt mein Freund, mein Gönner, mein Be⸗ ſchützer.“ „Wie ſind Sie mit ihm bekannt geworden?“ „Durch einen ſeltſamen Zufall. Ich war Haus⸗ lehrer auf einem Gute, in deſſen Nähe er ſich ein Haus erbaut hat, und ſo lernte ich ihn kennen.“ „Wer bewohnt das Gut, in deſſen Nähe er ſich angebaut?“ „Ein Baron von Haldrungen, der Henriette von Bergen geheirathet hat!“ ſagte Joſeph bedeutungsvoll. „Gerechter Gott! Ja, ja, ich ſehe, ich fühle es! Es giebt eine Vergeltung auf Erden ſchon, wie es einen innern und äußern Zuſammenhang zwiſchen den Geſchicken der Menſchen giebt, wenn ſie auch Tau⸗ Emery Glandon. III. 19 290 ſende von Meilen von einander getrennt wohnen. Ha! Ja, Sir, ich bin der Thomas Morris, den Sie ſuchen, aber— Sie müſſen ſich beeilen, Sie haben einen Mann vor ſich, der ſchon mit einem Fuße im Grabe ſteht und mit allen ſeinen Gedanken im Himmel iſt— nur Sie führen mich wieder auf dieſe Erde zurück, wofür ich Ihnen vielleicht dankbar ſein ſollte, wenn mir dieſe Tugend eigen wäre. Alſo ſchnell, was wollen Sie von mir?“ Ich will Aufklärung über Alles, was früher zwi⸗ ſchen dem Lord und Ihnen vorgefallen iſt, als er noch Emery Glandon war.“ „Ja, ja, ſie ſoll Ihnen werden, ich ſehne mich ſchon lange danach, mein Herz auszuſchütten und Sie— Sie ſind der rechte Mann dazu.“ „Warum gerade ich?“ „Weil— weil Sie von dem Lord geſchickt ſind, o— o, er konnte keinen Beſſeren ſchicken. Aber was wollen Sie noch von mir wiſſen?“ „Wo möglich möchte ich erfahren, wo Sie ſein Kind, ſeine kleine Tochter gelaſſen haben, die er noch nicht gefunden hat?“ Dem Kranken brach ein kalter Angſtſchweiß aus; er ſtarrte den ruhig Redenden an, als ob er ihn prü⸗ fen wolle, ob er die Wahrheit ſpreche. 291 „Sprechen Sie wahr?“ fragte er ſtammelnd, indem ihm ſchon die Thränen über die hageren Wangen lie⸗ fen, was ihm eine Erleichterung verſchaffte, die er ſeit Jahren nicht empfunden und doch ſo ſehnlichſt herbei⸗ gewünſcht hatte. „Ich habe nie die Unwahrheit geſagt, Thomas Morris, am wenigſten aber würde ich mich Ihnen gegenüber dazu verſtehen.“ „Gut, gut— ich verdiene den Spott, wenn Sie ihn gegen mich anwenden.“ 1 „Ich ſpotte nicht, ſo reden Sie denn.“ „Ja, ja, aber heute nicht— ich kann nicht, ich kann nicht.“ „Warum nicht? Sie ſagen ja ſelbſt, Sie hätten Eile—“ „Die habe ich auch; aber eben ſo gewiß fühle ich auch, daß ich nicht eher ſterben werde, als bis— bis dieſer Stein von meinem Herzen gewälzt iſt. Nur heute— jetzt— kann ich nicht.“ „Warum nicht, frage ich noch einmal.“ „Weil es mir an Kraft gebricht, ich muß mich erſt ſammeln, Sie haben mich erſchreckt— ganz fürchter⸗ lich erſchreckt— denn Sie von allen Menſchen, die auf Gottes weiter Erde leben, hätte ich am wenigſten an meinem Sterbebette zu finden erwartet.“ 19* 292 „Kennen Sie mich denn?“ fragte Joſeph mit un⸗ verholenem Erſtaunen. „Nein, nein, ich kenne Sie nicht— aber Sie, Sie— o verlaſſen Sie mich, ich habe etwas ſehr Wichtiges zu thun, bis Sie mich wiederſehn—“ „Ich ſollte meinen, es gäbe nichts Wichtigeres, als meine Fragen zu beantworten.“ „Das iſt wichtig, ja, ja— aber es giebt noch et⸗ was Wichtigeres, was ich zuvor thun muß, durch⸗ aus—“ „Was iſt das?“ „Ich muß zwei Briefe ſchreiben— ſchnell— ſo⸗ gleich— ehe es zu ſpät iſt. Verlaſſen Sie mich!“ Wenn dieſe Briefe ſo wichtig ſind, wie Sie ſagen, ſo will ich Sie verlaſſen— aber wann ſoll ich wie⸗ derkommen?“ „Morgen, morgen früh um acht Uhr.“ Joſeph warf einen prüfenden Blick auf den unend⸗ lich ſchwachen und hinfälligen Kranken, als wollte er ſich ſelbſt die Frage vorlegen:„wird das nicht zu ſpät ſein?“. „Hal“ rief der Kranke, der mit dem Seherblick eines Sterbenden dieſen Blick verſtanden hatte—„Sie fürch⸗ ten, ich ſterbe bis morgen! Aber nein, nein, nein, ich ſterbe nicht, ich kann nicht ſterben, bis ich Ihnen 293 Alles, Alles geſagt habe, was dieſes morſche Herz er⸗ drückt, zerquetſcht. Dieſe Gnade wird mir Gott, der mir Alles verſagt hat, was Andre beſitzen, nicht ver⸗ weigern.“ „So gehe ich— bis morgen früh acht Uhr alſo?“ Der Kranke nickte und riß ſchon an dem Glocken⸗ zuge, der über ſeinem Bette hing. Joſeph entfernte ſich zögernd, wiederholt einen Blick auf den Kranken wer⸗ fend, als könne er ſich nicht entſchließen, ihn aus den Augen zu laſſen. Als er auf dem Corridor anlangte, fand er den Krankenwärter Tiburton ſchon ſeiner wartend. Er lächelte.„Habe ich Recht gehabt, Sir?“ fragte er. „Ja, Sie hatten Recht, es iſt mein Thomas Mor⸗ ris, wie er der Ihrige iſt, und hier ſind die fünfzig Pfund. Aber noch Eins. Ich fürchte, der Mann lebt nicht lange mehr und doch hat er mir noch Dinge von großer Wichtigkeit mitzutheilen. Heute aber will und kann er nicht, er müſſe zuerſt ſchreiben, ſagt er. Ich gehe alſo, doch ich bitte Sie, mir augenblicklich Mel⸗ dung zu machen, wenn es mit ihm ſchlechter gehen ſollte. Ich wohne in London⸗Tavern.“ „High⸗Street— o, ich finde Sie jetzt ſchon.“ „So gehen Sie zu Ihrem Kranken, er wird Pa⸗ pier und Tinte haben wollen.“ 294 „Gehen Sie getroſt, Sir, ich laſſe mir Ihre Sache angelegen ſein, und ich danke Ihnen für dieſe Note.“ Mit dieſen Worten trat er in das Zimmer und Joſeph ſtieg mit klopfendem Herzen, mit fliegendem Athem und hochgerötheten Wangen langſam die Treppe hinab, in ſeinem Geiſte Alles bedenkend, was er ge⸗ ſehn und gehört hatte, und doch nicht befriedigt, denn er hatte noch nichts erfahren, was zu erfahren er ge⸗ kommen war, und war außer Stande, ſich die ſeltſa⸗ men Ausbrüche des Schreckens und Staunens des un⸗ glückſeligen Mannes zu erklären. Der ungeduldige Francis hatte ſich noch nicht ent⸗ ſchließen können, das Hospital zu verlaſſen; er ging im blitzenden Sonnenſchein vor der Thür deſſelben auf und ab und erwartete ſeinen Herrn, der ſchneller, als er gedacht, ſeinen Krankenbeſuch beendigt hatte. In fünf Minuten wußte er Alles, was Joſeph ſelbſt wußte. Aber wunderbar, dieſer, der früher ſo geſprächig geweſen, war plötzlich ſehr ſchweigſam ge⸗ worden. „Haben Sie Hoffnung, Altes zu erfahren?“ fragte der treue Diener. „Ja, ich habe ſie, wenn Gott ihm das Leben bis morgen läßt.“ „Das wollen wir hoffen. Einſtweilen ſchreibt er 295 zwei wichtige Briefe, ſagen Sie, und das iſt ſchon ein großer Gewinn.“ „So iſt es. Jetzt aber laß uns nach Hauſe gehen, ich bin erſchöpft. Wovon, weiß ich eigentlich nicht.“ „Sie haben ſeit langer Zeit ſehr wenig geſchlafen und nichts Ordentliches genoſſen.“ „Wahr, wahr— ich habe Appetit. Vorwärts denn!“ „Aber wie denn, ſoll ich noch reiſen?“ „Nein, das wird nicht nöthig ſein, morgen höre ich Alles und dann reiſen wir zuſammen.“ Das eben Berichtete fiel, wie ſchon geſagt, am 23. Dezember gegen Mittag vor. Am 24. Morgens Punkt acht Uhr ſtellte ſich Joſeph Sohn wieder im Hospitale ein, um die verſprochenen Mittheilungen Thomas Morris' entgegenzunehmen, wenn er nicht, wie er jeden Augenblick befürchtet hatte, unterdeß ge⸗ ſtorben wäre. Obgleich das nun nicht geſchehn war, ſo ſollte der ungeduldig harrende Joſeph doch ſo bald noch nicht zum Ziele gelangen, und der frohlockende Francis hatte noch einmal Alles zur Abreiſe vergeblich vorbereitet. Denn als Joſeph in das Krankenzimmer trat, fand 296 er den Arz darin vor, der den Puls ſeines Patienten in der Hand hielt und bedächtig auf ſeinen Athem zu lauſchen ſchien. Der Arzt winkte dem Eintretenden zu, vorſichtig ſich zu nähern, und als er Joſeph über die geſchloſſe⸗ nen Augen des todtenbleichen Morris erſchrecken ſah, trat er mit ihm an das andere Fenſter und flüſterte ihm zu, daß der Kranke in Folge ſeiner geſtrigen An⸗ ſtrengung in einen Zuſtand bedeutender Erſchöpfung verfallen ſei, die Nacht phantaſirt und faſt nur den Namen Emery Glandon gerufen habe, nach dem er ich ſehr zu ſehnen ſcheine. „Das betrifft eben unſre Unterhaltung,“ erwiderte Joſeph,„und er ſagte mir geſtern, er könne nicht eher ſterben, als bis er ſein Gewiſſen durch ein vollſtändi⸗ ges Bekenntniß erleichtert habe. Und das ſollte eben jetzt geſchehn, ſo war es verabredet.“ „Dann bedaure ich Sie; in ſeinem jetzigen Zu⸗ ſtande wird er nicht reden können und wir wollen wünſchen, daß der Schlaf, der ihn erſt ſeit einer Stunde umfängt, ein ſtärkender und wo möglich recht lange dauernder ſei.“ „Wenn es nur nicht der Todesſchlaf iſt?“ „Das befürchte ich nicht; ſein Athem und ſein Puls iſt noch zu regelmäßig und nichts als ſeine —— 297 Schwäche läßt ſeine Auflöſung vorausſehn. Doch noch nicht ſo raſch. Die beiden Briefe ſcheinen ihn am meiſten angeſtrengt zu haben.“ „Er hat ſie alſo doch geſchrieben?“ „Ja, und eigenhändig geſiegelt und dann in ſeine Brieftaſche geſchloſſen, die er im Bette verborgen hat.“ „Sie erlauben mir vielleicht, mich hier im Zim⸗ mer ſo lange aufzuhalten, bis der Schlaf zu Ende iſt?“ „Sehr gern, aber Sie werden ſich langweilen.“ „Durchaus nicht; die Sache, die mich beſchäftigt, birgt weit mehr Aufregung als Langeweile in ſich.“ „So will ich Sie verlaſſen und wünſche Ihnen den beſten Erfolg.“ Der Arzt ging und ließ den Beſuch bei dem Kran⸗ ken allein. Joſeph ſetzte ſich vor dem Bette nieder und betrachtete mit großem Intereſſe und wehmüthi⸗ gen Empfindungen das bleiche, verfallene Geſicht, die eingeſunkenen Augen und die vorzeitig ergrauten Haare des Schlafenden, die wirr und wüſt über ſeine Wan⸗ gen herniederfielen. „Welche Gedanken,“ ſagte er ſich,„mögen ſich in dieſen armen gebrechlichen Leib einſchließen, wieviel Kummer ſo lange Jahre ſein matt pochendes Herz überfluthet haben! O Ihr thörichten Menſchen, warum 298 laßt Ihr Euch von Euren dämoniſchen Leidenſchaften, Euren Gelüſten und Begierden ſo tief in die Netze der Sünde verſtricken, die Ihr doch, wenn Ihr Eure Gaben gebrauchtet, wie ſie in Euch liegen, zu den Edelſten und Größten zählen könntet! Emery Glan⸗ don— ſchau her— hier liegt Dein Spielgefährte, der Vertraute Deiner Seele, dem von einer und der⸗ ſelben Lippe Worte der Weisheit und Regeln der Klug⸗ heit gepredigt wurden, und doch— wie verſchieden hat ſich Euer Schickſal geſtaltet!“ In ſolchen und ähnlichen Betrachtungen verfloß dem einſamen Wächter eine lange Zeit, ohne daß er es merkte. Nur von Stunde zu Stunde unter⸗ brach ein vorſichtig ſchreitender Wärter die Stille und erkundigte ſich nach ſeinem Kranken. Dieſer ſchlief immer noch und feſter denn je. Mittags kam auch der Arzt wieder und wunderte ſich, Joſeph Sohn noch auf ſeinem Poſten zu finden, der unermüdlich ſeine Pflicht erfüllte. Er brachte die Nachricht, daß Francis Poweril draußen ſei und ſich nach ſeinem Herrn erkundige. Joſeph begab ſich zu ihm hinaus und benachrichtigte ihn von dem Zuſtande des Kranken. Joſeph ſah bleich und abgeſpannt aus, was kein Wunder war, da er ſchon ſeit mehreren Nächten nicht geſchlafen hatte. Francis holte ihm et⸗ 299 was kalte Küche und eine Flaſche Wein, von dem er ſpäter von Zeit zu Zeit ein Glas genoß. Der Arzt war mit dem Schlafe Thomas Morris' ſehr zufrieden, ſprach die Hoffnung aus, er werde ſich, wenn er erwache, ſehr geſtärkt fühlen, und Joſeph könne auf Erfüllung ſeiner Wünſche rechnen.— Der Mittag neigte ſich zum Nachmittag; früh brach bei dem neblig gewordenen Wetter die Dämmerung ein, und der Kranke ſchlief immer noch und Joſeph ſetzte unermüdet ſein Wacht fort. Um ſieben Uhr— der Krankenwärter hatte ſchon eine hell brennende Lampe in das Zimmer gebracht — fand ſich Francis wieder ein und wurde gleich dar⸗ auf mit demſelben Beſcheide wie am Morgen ent⸗ laſſen; Joſeph hatte den Entſchluß ausgeſprochen, nicht von dem Bette zu weichen, um den rechten Augen⸗ blick nicht zu verſäumen. Und dieſer Entſchluß war gut, ſo ſchwer ſeine Ausführung auch dem ſeiner Pflicht treu ergebenen jungen Manne wurde. Um neun Uhr war ſeine Müdigkeit ſo groß ge⸗ worden, daß er auf ſeinem Stuhle vor dem Bette ein⸗ ſchlief und ſogar den Arzt nicht hörte, der um zehn Uhr noch einmal nach ſeinem Kranken ſah und ver⸗ wundert den Kopf ſchüttelte, als er die hartnäckige Ausdauer und die unermüdliche Geduld des jungen —300 Deutſchen gewahrte, der nicht wußte, daß ſein treuer Diener in der Stube des Wärters Tiburton eben ſo wachſam und geduldig ſaß und auf das Erwachen und die Mittheilung des Kranken wartete, wie er ſelber. Joſeph ſchlief ziemlich feſt, aber dennoch träumte er. Aber es war nichts Beſtimmtes, was ſeiner Seele vorſchwebte, wenigſtens konnte er ſich ſpäter deſſelben nicht mehr erinnern. Plötzlich aber war es ihm, als ob eine Stimme laut zu ihm ſagte:„Joſeph, wache auf, die Stunde der Entſcheidung iſt gekommen 4 Joſeph ſchlug ſogleich die Augen auf, blickte em⸗ por und ſah die überirdiſch glänzenden Augen des Kranken, der ebenfalls, aber ſchon vor einer Weile erwacht war, mit einem Ausdruck des Mitleids und der Wehmuth auf ſich gerichtet, den er ſich erſt in ſpäterer Zeit, als er ſchon wieder in der Heimat war, entziffern konnte. „Ah,“ ſagte der Kranke,„es iſt gut, daß Sie er⸗ wachen. Ich wartete ſchon darauf und doch wollte ich Sie nicht ſtören, Sie ſchliefen ſo ſüß. Auch ich habe lange geſchlafen und fühle mich wunderbar ge⸗ kräftigt. Iſt es ſchon acht Uhr?“ Joſeph ſah nach der Uhr und ſagte:„Wir find 2 ſechszehn Stunden weiter vorgerückt, als Sie glauben, 301 denn es iſt Mitternacht und Sie haben ſeit heute Morgen ununterbrochen geſchlafen.“ „Mitternacht? Iſt's möglich! Aber das iſt gut, dann bleiben wir ungeſtört und ich kann Ihnen ſa⸗ gen, was ich zu ſagen habe, denn jetzt fühle ich, daß ich ein Sterbender bin und daß dies das letzte Ge⸗ ſpräch iſt, welches ich in meinem Leben führen werde. Wohlan denn, öffnen Sie Ihre Ohren und hören Sie mich aufmerkſam an, denn ich will mir mit mei⸗ ner Erzählung den Eingang in den Himmel erkaufen, den ich ſonſt ſicher nicht gefunden hätte.— Doch zu⸗ erſt nehmen Sie dieſe beiden Briefe hin“— und er holte ſie aus ſeiner Brieftaſche hervor, die er unter ſeiner Decke bisher in den Händen gehalten hatte. „Dieſen Brief hier geben Sie dem Lord Emery Shorn⸗ cliffe, ohne ihn vorher zu erbrechen, und dieſen hier liefern Sie perſönlich, bevor Sie nach Hauſe gehen, bei dem Großhauſe Soeſt und Comp. in Bremen ab.“ „In Bremen?“ fragte Joſeph erſtaunt. „Ja, Sie werden nachher hören, warum— doch nun muß ich beginnen; meine Uhr iſt abgelaufen und der Pendel fängt ſchon an, ſich langſamer zu bewegen.“ „Es war in meinem zwölften Lebensjahr, als ich Emery Glandon im Hauſe meines Erziehers unweit 302 Tower⸗Hall bei Dover kennen lernte. Er war ein ſchöner, ein vielverſprechender und auch ein guter Knabe, den mir das Schickſal in den Weg geworfen, um mich zu prüfen, ob ich ſeiner werth wäre. Leider war ich ſeiner unwerth, wie Sie vielleicht ſchon wiſſen oder ahnen, es aber jetzt genau von mir erfahren werden, denn ich ſchwöre es Ihnen zu, ich will Ihnen die Wahrheit ſagen, damit Gott und Emery ſelber . mir vergeben mögen. Unſre Freundſchaft wurde bald eine innige, wenigſtens von Seiten Emery's, denn ich ja, ſo iſt es— ich liebte ihn nur, um mich ſelbſt aan den äußeren Vortheilen, die das Geſchick auf ſeine Seite geworfen, zu erheben und mich, ſeiner Hülfe in allen Nöthen erfreuend, ſelber auf einen Punkt zu ſtellen, der mir durch die beſchränkten Verhältniſſe meiner Familie verſagt war. Nie hat es einen ed⸗ leren, vertrauensvolleren, großmüthigern und wohl⸗ wollenderen Menſchen als dieſen Emery Glandon ge⸗ geben. Durch ihn erhielt ich Alles, was ich nicht beſaß, nicht beſitzen konnte, denn ich war viel ärmer als er. Aber er ahnte nicht meine Habſucht, die mir, als ein Erbtheil meiner Familie, ſchon im Kindesalter eingepflanzt war. So bereicherte ich mich denn durch die Broſamen, die Emery mir reichlich und in aller⸗ lei Geſtalt zuwarf, um ſchon in früher Jugend einer 303 Spielwuth zum Opfer zu fallen, die mich ſpäter ver⸗ dorben und zum Untergange geführt hat. Als wir in Jahren vorrückten und unſer Charakter ſich deut⸗ licher ausprägte, nahm auch meine Hab⸗ und Ge⸗ winnſucht zu, und ſtets war es Emery, der mich aus meinen Verlegenheiten riß. Ich lohnte ihm ſchrecklich dafür. Denn je großmüthiger er ſich bewies, um ſo heftiger ſing ich an, ihn im Geheimen zu haſſen, weil ich ihn beneidete, daß er mehr Mittel beſaß und die Kunſt verſtand, weniger zu gebrauchen und doch da⸗ für mehr zu genießen als ich. Sein Genuß war ein ruhiges Empfinden und Behagen an Allem, was die Erde Schönes und Gutes hervorbrachte, mein Genuß dagegen war ein ſinnliches Ueberſtürzen, ein gedan⸗ kenloſes Verſchlingen alles Gebotenen; ich lebte, um meine Sinne zu kitzeln und meinen Leidenſchaften zu fröhnen, die in mir aufwuchſen mit einer Schnellig⸗ keit und zu einer Größe, daß ich oft ſelber darüber erſtaunt war, wenn ich mich mit dem ſtillen, ernſten, thatkräftigen Emery verglich, denn damals dachte ich noch über mich nach, was mir ſpäter nicht mehr ge⸗ lang, weil die Menge meiner Vergehen mich vor mir ſelbſt erröthen machte. Emery merkte von allen dieſen ſtill in mir ſich entwickelnden Vorgängen nichts, und unglücklicher 304 Weiſe beutete ich eine charakteriſtiſche Seite ſeines Weſens nach allen Richtungen und in vollſtem Maaße aus. Ich wußte, daß Emery's Neigung, wenn ſie einmal für ein Ding auf der Welt, für ein Thier, für einen Menſchen erwacht war, unauslöſchlich in ſein Inneres gegraben blieb, denn er hielt Alles, was er einmal in ſich aufgenommen, mit einer unglaublichen edlen Hartnäckigkeit feſt. So war ſeine Neigung, ſeine Liebe zu mir ſelbſt unverwüſtlich, ſein Ver⸗ trauen gränzenlos, und gerade darauf baute ich, und ein Laſter, auf eine Tugend gegründet, wird furchtbar, wenn es ohne Rückſicht ausgebildet, ohne Maaß ge⸗ ſtaltet, ohne Furcht vergrößert wird. Ach ſchon da⸗ mals, als wir noch in ſeinem mütterlichen Hauſe lebten und keine Ahnung von der Geſtaltung unſers künftigen Geſchickes hatten, verrieth und betrog ich ihn. Emery Glandon ſtammte mütterlicherſeits aus einer ſtolzen und hochmüthigen Familie ab— kennen Sie vielleicht die Geſchichte derſelben?“ „Ja, ich kenne ſie ziemlich genau.“ „Gut, ſo kann ich um ſo kürzer ſein— mein Athem nimmt ab.“ Joſeph beugte ſich immer aufmerkſamer vor, als wollte er jeden Athemzug des Erzählenden aufſaugen, denn er hatte ſchon lange die Anſtrengung bemerkt, 305 mit welcher der Leidende ſprach, und als fürchte er, der Faden ſeiner Erzählung könne abreißen, ehe er ſich bis zum Ende abgewickelt hätte. „Emery, ſage ich, hatte eine übermäßig ſtolze Mutter. Dieſe, aus dem hochmüthigen Stamme der Shorneliffes entſproſſen, hatte nur Eine Hoffnung, die: ihren Emery einſt als den Erben ihres Vaters, und Eine Furcht: Emery ſelbſt in Verbindungen ge⸗ rathen zu ſehn, die die Erfüllung jener Hoffnung unmöglich machten, denn Emery ſollte ſich niemals gegen ihren Willen vermählen, um keine Verbindung zu ſchließen, die, ihrer Meinung nach, die erhabene Lordsfamilie über ein Mitglied derſelben erröthen ließ. Die eigenen Erfahrungen, die ſie in dieſem Punkte geſammelt, und die Zurückſetzungen und Demüthi⸗ gungen, die ſie dadurch erlitten, mochten viel dazu beigetragen haben, ſie darin noch ſtarrer und hart⸗ näckiger zu machen, als ſie von Natur ſchon war. In dieſer Anſicht unterſtützte ſie ihr Bruder, das damalige Haupt der Familie, Lord Shorncliffe, mit dem ſie ſich insgeheim wieder verſöhnt hatte, ohne die Familie deſſelben, die ihr abgeneigt war, daven etwas ahnen zu laſſen. Mir ſelbſt war Mrs. Glan⸗ don ſehr zugethan, und ſpäterhin hat ſie mir leider ſehr viele Beweiſe dieſer Neigung zufließen laſſen, die Emery Glandon. III. 20 306 alle ſtets die Folgen eines an meinem Freunde, dem ich hätte dankbar ſein ſollen, begangenen Verrathes waren. Je älter wir aber wurden, um ſo mehr wuchs der ſtill in mir gährende Haß gegen ihn, denn alle Tage ſah ich mehr und mehr ein, daß er mir über⸗ legen war in Allem, und namentlich im Guten, und das verzeiht ein böſes Gemüth ſeinem Nebenbuhler am allerwenigſten. — Zwei Tage vor unſerer Abreiſe nach Göttingen hatte ich eine geheime Unterredung mit Emery's Mutter. Sie warb mich förmlich zum Spion gegen ihren einzigen Sohn, das Kind ihrer erſten und glü⸗ hendſten Jugendliebe. Thomas, ſagte ſie zu mir, wache über Emery und dulde nie, daß er Etwas thut, was gegen den Willen und die Ehre meiner Familie iſt. Vor allen Dingen gieb nie zu, daß er mit ir⸗ gend einem Mädchen eine Verbindung ſchließt, denn Du kennſt ihn genügend, um zu wiſſen, daß ſeine erſte Leidenſchaft auch ſeine letzte ſein wird, und daß wir Alle zuſammen nicht im Stande ſein würden, ihn von ſeinen einmal gefaßten Vorſätzen abzubringen. Sollteſt Du aber nicht mehr allein im Stande ſein, Emery's Neigung zu lenken, falls er im Stillen eine ſolche Verbindung ſchlöſſe, ſo ſchreibe an mich oder meinen Bruder, Lord Shorncliffe, und Du wirſt An⸗ 307 weiſung von uns erhalten, unſerm Wunſche gemäß zu handeln. Für dieſe Deine Freundſchaft und Dei⸗ nen Bund mit mir gebe ich Dir jährlich hundert Pfund, eine große Summe für einen deutſchen Stu⸗ denten, die wir ſogar jährlich noch erhöhen werden, wenn wir Dich als treu und wachſam erkennen. Ach!“ unterbrach ſich der Erzähler, nach ſeiner ſchwerathmenden Bruſt greifend— dieſe Geſchichte dehnt ſich länger aus, als ich dachte, ich muß ſie ſo viel wie möglich aürinzen,, enn ich— zu. Ende kommen will. Einige Jahre verginngan in Göttingen ſehrer und ich fand Nichts, was ich der Mutter meines Freundes hätte mittheilen können, was ich damals natürlich ſehr bedauerte. So wachſam ich aber auch auf jeden Schritt Emery's war, ſo entging mir doch die Hauptſache, und als ich erſt ſeine Bekanntſchaft mit Henriette von Bergen erfuhr, war meine Einwir⸗ kung auf ihn kein mögliches Ding mehr. Ich wüthete gegen mich ſelber, über meine Blindheit, dieſe glühende Leidenſchaft in meinem Freunde nicht eher entdeckt zu haben, denn wie ſollte ich mich jetzt ſeinen Verwandten gegenüber benehmen? Leider fand ich auch hier einen Ausweg; ich beſchuldigte Emery des Mangels an Ver⸗ trauen gegen mich, was gewiß nicht wahr war, und 20* * 308 theilte ſeiner Mutter mit, daß er hinter meinem Rücken dieſe Bekanntſchaft begonnen und zur Ent⸗ wickelung gebracht habe. Sehr bald erhielt ich meine Inſtruktionen, die ſich zu meiner Beruhigung viel mehr auf die Zukunft als auf die Gegenwart bezogen, da Emery’'s Mutter mit einer nur einem Weibe gegebenen Schlauheit Alles vorausſah, was ſich wirklich ereignen ſollte. Emery wwiard wiederholt nach England gerufen, ich ſelbſt trieb ihn dazu, aber Henriette hielt ihn feſt, und die Briefe ſeiner Mutter ſowohl wie meine Ermahnungen blie⸗ Mutter die Vorſehung, indem ſie ſie erkranken ließ, jedoch erſt zu einer Zeit, wo Emery ſchon durch un⸗ auflözliche Bande mit Henrietten für ewig vereinigt war. Er ging nach Tower⸗Hall und hinterließ mir die Sorge für ſeine Geliebte und das von derſelben erwartete Kind. Und von jetzt an begann mein ſcheußlicher Verrath von Worten zu Handlungen über⸗ zugehen, die ich nur kurz andeuten will, da ſie ſich aus dem vorher Geſagten von ſelbſt erklären, die mir aber damals zu einer goldenen Quelle wurden, wo⸗ durch ich in den Stand geſetzt ward, mich dem ver⸗ ſchwenderiſchen Leben hinzugeben, wozu ich in jenen Jahren den thörichten Hang beſaß. Jeder meiner von ihm unbeachtet. Da half der grauſamen 309 Schritte, den ich in Bezug auf Henrietten und ihr Kind unternahm, war ſchlau berechnet und ward in Uebereinſtimmung oder in Folge eines Befehls von Lord Shorneliffe, der ſeit der Erkrankung ſeiner Schwe⸗ ſter die Leitung dieſer Angelegenheit übernommen hatte, ausgeführt. Das geborene Kind brachte ich zu⸗ erſt, um die junge Mutter zu beruhigen, in ein nahe gelegenes Pfarrhaus, dann aber, nachdem ich Henriette vorgeſchwindelt, Emery wünſche ihren Umzug nach Hannover, und ſie dahin in aller Stille abgegangen war, brachte ich es an verſchiedenen Orten unter, um jede Spur von ihm zu verwiſchen, bis ich endlich ein Unterkommen dafür fand, das mir für alle Zukunft genehm war.“ „Und wo war das?“ fragte Joſeph, mit faſt athemloſer Spannung der Fortſetzung der Erzählung lauſchend. „Warten Sie, ſo weit ſind wir noch nicht— ich habe noch Athem genug dazu.— Der unglücklichen jungen Mutter aber log ich vor, das Kind ſei an der Ruhr geſtorben, und für dieſe Lüge ward mir eine große Belohnung von den Shorncliffes zu Theil, die außerdem eine andere bedeutende Summe zahlten, um davon das abſeits gebrachte Kind erziehen zu laſſen und ſpäterhin damit zu beſchenken, um es nicht 310 von allen Mitteln entblößt in die Welt zu ſtoßen. Eben ſo log ich Fräulein von Bergen ſpäter den Tod Emery Glandon's vor, während ich ihm ſelbſt mit⸗ theilte, Henriette ſei von einer ihrer Verwandten heim⸗ lich bei Seite gebracht, aber um fernere Unterſtützung bat, ſein Kind erziehen zu laſſen. Auch er ſendete mir fortwährend ziemlich große Summen, und ich 5 zog alſo einen doppelten Vortheil aus meiner Be⸗ trügerei. Von dieſer traurigen Zeit an aber ſchlug mich das böſe Gewiſſen und ich begann, mich vor Emery und ſeiner Wiederkehr zu fürchten, was ich auch ſei⸗ nem Oheim eröffnete, der ſich damals bemühte, den Neffen für das heimlich an ihm begangene Unrecht durch allerlei Freundlichkeiten und Zuvorkommenheiten zu entſchädigen. Auch fand der reiche Lord eine gün⸗ ſtige Gelegenheit, Emery aus meinem Geſichtskreiſe zu ſchaffen, indem er ihn zwang, nach Indien zu gehen, und das war ungefähr die Zeit, wo ich Eme⸗ ry's Tod erfand, um ihn dadurch ſeiner Geliebten auf ewig zu entfremden. So lange nun Emeyy in Indien blieb, und ich erhielt oft Nachricht aus Lon⸗ don, daß er auf Jahre daſelbſt gefeſſelt wäre, fühlte ich mich wieder ruhiger und von meiner Angſt be⸗ freit, dennoch hatte ich keine Raſt an irgend einem 311 Orte und ich reiſte bald hierhin, bald dorthin, um meinem Vergnügen, dem Spiel und der Sucht nach Veränderung zu leben, eine Leidenſchaft, die mich von Jugend an verfolgt hatte. So kam ich auch nach Danzig, wo ich einen Freund beſaß, den ich in Göt⸗ tingen kennen gelernt hatte und mit dem ich ſeit je⸗ ner Zeit in ununterbrochener Verbindung ſtand, weil er es war, der meine Angelegenheiten mit einem Großhauſe vermittelte, deſſen Hülfe ich wegen des heimlich untergebrachten Kindes in Anſpruch zu neh⸗ men gezwungen war und welches in der Stadt, wo dieſes Kind lebte, ein großes Anſehen genoß. Von Danzig aus ſchrieb ich oder ließ durch meinen Freund meine Briefe an Emery abgehen, in denen ich ihm Dinge vorlog, wie ich ſie gerade für erſprießlich hielt, um meinen Betrug gegen ihn als das gewiſſenhaf⸗ teſte Freundſchaftswerk erſcheinen zu laſſen. So verſtrichen Jahre, bis ich die Kunde erhielt, Emery kehre nach Europa zurück, und nun mußte ich auf Mittel ſinnen, ihm auszuweichen. Schnell legte ich bei jenem Großhauſe durch meinen Freund eine Geldſumme nieder, die ich von derjenigen nahm, die mir Lord Shorncliffe für das Kind gegeben, mit der Beſtimmung, die Zinſen des Capitals für ſeine Be⸗ mühung zu behalten, das Capital ſelbſt aber in jähr⸗ 312 lichen Raten den Erziehern des Kindes zukommen zu laſſen. Da ich hiernach einſah, daß das Geld nur bis zu einer gewiſſen Zeit reichen würde— warum ſehen Sie mich ſo verwundert an?“ „Fahren Sie fort, fahren Sie fort— beinahe errathe ich, was Sie thaten.“ —„So ſchrieb ich einen Brief, mit dem Befehle, denſelben an die Erzieher des Kindes zu ſenden, wenn die für daſſelbe ausgeſetzte Summe verausgabt wäre. Als ich dies veranſtaltet, hielt ich mich ſelbſt nicht mehr in Europa vor dem, ſeine Sache gewiß mit Eifer verfolgenden, Emery ſicher. Ich verſchwendete in Paris und Rom in wenigen Monaten eine un⸗ geheure, mir von beiden Seiten für meine Verbrechen und zur Erziehung des Kindes zugegangene Summe, und als ich, elend ſchon durch mein ſchlagendes Ge⸗ wiſſen, noch elender durch Geldnoth wurde, ging ich nach Auſtralien, in der Hoffnung, dort im Fluge ein Cröſus zu werden. Ach, ich täuſchte mich gewaltig. Von nun an führte mein Lebenspfad ſchnell abwärts. Ich verarmte gänzlich, ward ſiech und krank, und erſt in der Krankheit, die mein Ende herbeiführen wird, erfaßte mich die Reue und zugleich die Sehnſucht nach meiner Heimat, ſo wie der Wunſch, Emery Glandon *ein Bekenntniß meiner Sünden abzulegen. Da ich 313 keine Mittel mehr beſaß, um nach England zurückzu⸗ kehren, wo ich Emery aufſuchen und ihm beichten wollte, was mir nur vor Ihnen gelungen iſt, ſo be⸗ warb ich mich um eine Schreiberſtelle auf einem Schiffe, das nach Europa ging, und ſo kam ich hier an und ward, da ich unterwegs gefährlich erkrankte, im hieſigen Hospitale aufgenommen, wo Sie mich durch Gottes wunderbare Fügung— ah!— gefun⸗ den haben.“ „Was iſt Ihnen? Sie athmen ja ſo tief auf?⸗ „Ja, ja— ich athme tief— o das habe ich nicht gedacht— mir ſchwindelt es— vor den Au⸗ gen—“ „O mein Gott, Sie wollten mir noch ſagen, wo das Kind, die Tochter Emery's erzogen ward.“ „Ja, die Tochter— die Tochter— ha! Der Brief, den Sie haben— zeigt Ihnen den Weg— bei Soeſt und Comp. in— Bremen— werden Sie es erfah⸗ ren— ich bin— ich bin zu Ende— ach! Gott ſei — Dank!“ Das war das letzte Wort Thomas Morris', der durch einen reuigen Tod die ſchweren Verbrechen fühnte, die er im Leben ſo vielfach begangen hatte, und Jo⸗ ſeph Sohn war der einzige Menſch, der ſeinen letzten Seufzer ausſtoßen hörte, in der tiefen Stunde der 314 Nacht, in dem großen Krankenhauſe, von keinem Freundesauge angeblickt, von keiner Freundeshand gepflegt, die er, im blinden Verkennen ſeiner glück⸗ lichen Begabung, in jugendlichem Uebermuthe und leidenſchaftlicher Raſerei von ſich geſtoßen hatte. Joſeph ſtand tief erſchüttert an dem Sterbelager des Mannes, der ſeinen Beſchützer und Freund ſo elend gemacht, dem er das ganze Leben verkümmert hatte, indem er ihm die Liebe ſeiner Jugend raubte und das Kind dieſer Liebe vorenthielt. Und dennoch, dies Alles im fluthenden Herzen bedenkend, ſagte ſich Joſeph, daß Lord Shorneliffe, wenn er an ſeiner Stelle vor dieſem Sterbelager ſtände, in der Fülle ſeiner reinen Menſchenliebe dem Verſtorbenen vergeben würde, und ſo vergab er ihm ſelbſt an ſeines Beſchützers Statt und drückte mit leiſem Gebete für die Wohl⸗ fahrt ſeiner Seele ihm die gebrochenen Augen zu. Dann aber raſch den Glockenzug des Kranken er⸗ greifend, zog er ſo heftig daran, daß faſt augenblick⸗ lich der wachthabende Wärter und an ſeiner Seite Francis Poweril hereinſtürzte. „Thomas Morris iſt ſo eben geſtorben,“ ſagte Jo⸗ ſeph Sohn zu den Eintretenden,„und Du, Francis, ſieh Dir dieſen Todten an— der iſt es, den wir 315 ſo lange ſuchten und deſſen Wiederfinden Lord Shorn⸗ cliffe ſo viele Mühe und Sorge verurſacht hat.“ Francis betrachtete den Todten mit feierlicher Ruhe, dann aber ſeinen Herrn anblickend, fragte er nnſhs „Er iſt Ihnen doch nicht zu früh geſtorben, Sir, e hat Ihnen doch gebeichtet?“ „Ja, Alles, Francis, und es iſt ſonderbar und be⸗ deutungsvoll, was ich gehört habe. Meine Vermu⸗ thungen, denen auch William Baxton beiſtimmte, ha⸗ ben ſich ſämmtlich beſtätigt. Der, der hier liegt, iſt insgeheim mit der Familie des Lords gegen dieſen ſelbſt verbündet geweſen; er war ein Opfer ſeiner Habſucht und ſie hat ihm nichts als einen frühen Tod und ein verödetes Gewiſſen eingebracht. So ſind alle Hoffnungen des Menſchen auf Sand gebaut und ſo betrügen ihn alle ſeine Berechnungen, wenn ſie nicht mit dem Willen Gottes, der jedes Vogels Flug lenkt und jedes Menſchen Schritt bewahrt, in Einklang ſtehen. Allein, Francis, Thomas Morris iſt todt, und uns ſteht es nicht zu, ſeine Richter zu ſein, ein andrer, höherer Richter wird über ihn ent⸗ ſcheiden— er vergebe ihm ſeine Sünden, wie wir ſie ihm vergeben. Amen!“— Nach dieſen mit tiefer Empfindung geſprochenen Worten entfernten ſich beide Männer aus dem Sterbe⸗ 316 zimmer und, nachdem ſie das Hospital verlaſſen hat⸗ ten, ſchlugen ſie raſch den Weg nach ihrem Gaſt⸗ hofe ein. Francis hatte geglaubt, ſein Herr werde auf die⸗ ſem Wege nur von Thomas Morris Eröffnungen re⸗ den, aber das war nicht der Fall. Der neugierige Diener, nachdem er vergeblich einige Fragen an den ſchweigſamen Herrn gerichtet, beſchloß endlich, ſich in Geduld zu faſſen und wagte nur noch eine Frage, die, was nun zunächſt zu thun ſei? „Ich habe zwei Briefe von dem Verſtorbenen em⸗ pfangen,“ erwiderte Joſeph,„die ich beide ſelbſt be⸗ ſorgen muß. Der eine iſt an den Lord, der andere an einen Kaufmann in Bremen gerichtet.“ „In Bremen?“ fragte auch Francis, aber aus einem andren Grunde als eine Stunde früher ſein Herr. „ZJa, in Bremen, und wir wollen ſogleich nach London abgehn, um morgen Mittag den Weſer⸗ Dampfer benutzen zu können. Ich will nur erſt raſch ein paar Zeilen an Mylord ſchreiben, die Du ihm von Bremen aus ſo raſch wie möglich ſelbſt zu⸗ tragen wirſt.“ „Sie wollen alſo noch allein in Bremen bleiben?“ „Ich muß, und da ich nicht weiß, wie viel Zeit meine letzten Nachforſchungen wegnehmnen, ſo iſt es 317 beſſer, ich benachrichtige den Lord durch Dich, damit er nicht noch länger über uns in Unruhe bleibt.“ „Das iſt wahr. Wollen Sie ſchon heute früh mit dem erſten Zuge nach London?“ „Ja, die Nacht iſt doch verloren und ſo wollen wir den Schlaf auf dem Schiffe nachholen.“— Als Joſeph Sohn ſein Zimmer in London⸗Tavern erreicht hatte, fand er von dem umſichtigen Francis 4 ſchon ſeinen Koffer gepackt und nahm die Schlüſſel dazu in Empfang. Joſeph ſetzte ſich nieder und ſchrieb raſch an Lord Shorneliffe, daß er ſo glücklich geweſen, Thomas Morris ſelbſt zu finden, daß er alle möglichen Aufſchlüſſe erhalten habe und daß er jetzt nach Bremen gehe, um noch zuletzt die Tochter aufzuſuchen, deren Spur ihm nicht mehr entgehen könne, daß er aber alles Uebrige mündlich berichten würde, ſobald ſein Geſchäft in Bremen beendet wäre. Als Joſeph dieſen Brief ſiegeln wollte, fand es ſich, daß in dem Schreibtiſche des Gaſthofs wohl Sie⸗ gellack, aber kein Petſchaft vorhanden war, und da das, deſſen er ſich gewöhnlich bediente ſchon einge⸗ packt war und er ſich nicht aufhalten wollte, es her⸗ vorzuſuchen, ſo bediente er ſich zum erſten Mal des kleinen goldenen Petſchafts mit dem Doggenkopfe, welches er nach dem Tode ſeines Pflegevaters, des 318 Profeſſor Sohn, in deſſen Nachlaſſe als ihm ſelbſt gehörig vorgefunden hatte. Lange Zeit hatte er daſſelbe mit ſeinen übrigen Jugenderinnerungen in einem klei⸗ nen Käſtchen mit ſich herumgetragen, ohne daran zu denken. Erſt in London war er darauf aufmerkſam geworden, als er viele Leute ein ähnliches an ihrer Uhrkette tragen ſah. Er hatte es daher hervorgeholt, es mit einem Ringe verſehn laſſen und ebenfalls an ſeiner Uhr befeſtigt. So kam es ihm jetzt zum erſten Male zu Statten, da es ihm für gewöhnliche Fälle zu klein erſchienen war. Den Brief aber, nachdem er ihn damit geſchloſſen, übergab er Francis, und nun erſt ſtieg er in das Gaſtzimmer hinab, ließ ſich einen ſtarken Kaffee bereiten und aß und trank mit Fran⸗ cis, um ſich zu ſeiner neuen Reiſe zu ſtärken.— Francis fand, als er eine Stunde darauf mit ſei⸗ nem Herrn nach London fuhr und auch während der Ueberfahrt nach der Weſer, Letzteren außerordentlich ſchweigſam, in ſich verſunken und auf Nichts achtend, was ihnen begegnete oder was in ſeiner Nähe ge⸗ ſprochen wurde. Natürlich ſchob der treue Diener dies veränderte Weſen des früher ſo mittheilſamen und heiteren Mannes auf die Enthüllungen, die er von Thomas Morris empfangen, und ſo mochte es auch wohl ſein. Allein er hatte ſich gedacht, Joſeph Sohn 319 müſſe ſich erſt recht heiter und glücklich zeigen, nach— dem ihm ſeine Sendung ſo vollſtändig gelungen, und er ſagte ihm das auch während der Fahrt, die ſie Mittags den 25. Dezember angetreten hatten. „Bin ich denn nicht heiter und glücklich?“ fragte Joſeph zerſtreut.„Ich denke doch.“ „Nein, Sie ſind es durchaus nicht, Sir, im Ge⸗ gentheil, Sie ſehen eher aus, als ob Sie eine trau⸗ rige, denn eine freudige Nachricht mit ſich heimtrügen.“ „So! Nun dann weiß ich nicht, woher das kommt, wenn es nicht noch der nachhaltige Eindruck von der erlebten Sterbeſtunde iſt. Sonſt bringe ich nur Gu⸗ tes nach Hauſe— freilich, ein Schatten von Beſorg⸗ niß ſchwebt mir allerdings noch vor, die: ich möchte die Tochter des Lords ſo leicht nicht in Bremen oder gar in einer Lage finden, die Sr. Herrlichkeit Erwar⸗ 8 tungen wenig entſpräche. Doch, wir werden es ja bald erfahren und wollen uns vorläufig keine Sorge darüber machen.— Mir däucht aber, das Schiff geht ſehr langſam vorwärts?“ „Wir haben durchaus contrairen Wind und wer⸗ den drei Tage zur Ueberfahrt gebrauchen.“ „Wann triffſt Du dann wohl in Downs⸗Caſtle ein?“ „Vor dem erſten Januar gewiß nicht, wenn Alles glücklich von Statten geht.“ 320 „Das iſt ſpät. Man wird in großer Unruhe um uns ſein— ich hätte doch früher ſchreiben ſollen. Doch jetzt iſt es zu ſpät, daran zu denken, die raſt⸗ loſe Nachforſchung nach Thomas Morris hatte mir alle Beſinnung und Ruhe geraubt.“ 3 „Und die Auffindung deſſelben,“ dachte Francis, als er das bleiche Geſicht des ſo edlen jungen Man⸗ nes betrachtete, deſſen Unruhe, Sorge und Aufregung er ſich nicht erklären konnte,„hat ſie ihm auch nicht ganz wiedergegeben.“— Francis hatte richtig vermuthet. Ihre Ueberfahrt nahm beinahe zweiundſiebzig Stunden hinweg. Erſt aam 28. Dezember Mittags liefen ſie in Bremerhafen eein, und hier trennten ſie ſich; denn während Francis ungeſäumt den Weg nach Berlin einſchlug, fuhr Jo⸗ ſeph in die Stadt Bremen, ſtieg in dem erſten beſten Gaſthof ab, und nachdem er ſich angekleidet und et⸗ was genoſſen hatte, begab er ſich voll träumeriſcher Gedanken, auf ſo unvermuthete Weiſe ſeine alte Hei⸗ und Comp., deſſen er ſich, was den Namen anbetraf, aus früherer Zeit ſehr wohl erinnerte, deſſen Chef er aber niemals von Angeſicht geſehen hatte. Es traf ſich ſo günſtig, daß derſelbe zu Hauſe war, als ſich Joſeph bei ihm melden ließ. Ein bejahrter mat wieder zu betreten, nach dem Handelshauſe Soeſt 321 Mann, mit etwas erwartungsvollen Mienen, trat ihm haſtig entgegen und fragte, was er von ihm wünſche. Joſeph nahm ſchweigend den Brief von Thomas Morris hervor und händigte ihm denſelben mit der Bitte ein, ihn ſogleich zu leſen. Herr Soeſt, immer erſtaunter blickend, betrachtete lange die Aufſchrift des Briefes, dann entfaltete er und las ihn, der nur wenige Zeilen enthielt, die offen⸗ bar eine ſehr zitternde und haſtige, aber dennoch er⸗ kennbare Hand geſchrieben hatte. „Hm!“ ſagte er, als er damit fertig war,„kom⸗ men Sie direct aus Portsmouth? Denn ich ſehe, der Brief iſt erſt vor wenigen Tagen geſchrieben.“ „Ja, mein Herr, ich komme ſo eben daher,“ ant⸗ wortete Joſeph und hielt ſein Auge mit einer Span⸗ nung auf den Mann gerichtet, wie ſie bei ihm ganz ungewöhnlich war. „In dieſem Briefe beauftragt man mich,“ fuhr der Kaufmann erregt fort,„den Schleier von einem Ge⸗ heimniſſe zu lüften, das mir bisher ſelbſt nicht bekannt war, das ich aber jetzt beinahe errathe. Sie ſind doch der Herr Joſeph Sohn, dem ich daſſelbe mittheilen ſoll, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr, der bin ich.“ „Wohlan denn, ich ſoll Ihnen eröffnen, an Wen Emery Glandon. III. 21 322 ich Jahre lang, freilich nicht direct, ſondern durch Ver⸗ mittelung eines Braunſchweiger Hauſes, eine Summe Geldes ausgezahlt habe oder habe auszahlen laſſen, und daraus würden Sie erfahren, wer das Kind ſei, dem daſſelbe zugefloſſen iſt, zugleich aber auch, daß dieſes Kind dasjenige ſei, welches Sie ſelbſt ſuchten. Das iſt merkwürdig, ſehr merkwürdig, mein Herr, in Anbetracht—— hal da fällt mir ein, Sie führen einen Namen, der hier in Bremen vor Jahren bekannt war— ſind Sie vielleicht mit dem verſtorbenen Pro⸗ feſſor Sohn verwandt?“ 3 „Ich bin ſein Pflegeſohn geweſen,“ erwiderte Jo⸗ ſeph mit einer Stimme, die vor unbeſtimmter Aufre⸗ gung ganz heiſer klang. „So! Das iſt noch merkwürdiger— hm!“ „Warum das?“ „Weil man gerade Sie zu mir ſchickt, um Ihnen die erwähnte Aufklärung zu geben.“ „Haben Sie irgend einen Grund, mir dieſelbe vorzuenthalten?“ „Durchaus nicht, durchaus nicht! Denn der Herr, der dieſen Brief geſchrieben und unterzeichnet, und der, wie er ſagt, Ihnen denſelben ſelbſt eingehändigt hat, um ihn mir zu überreichen, iſt derſelbe, der mir durch einen uns Beiden bekannten Unterhändler vor vielen —* 7 5 323 Jahren eine Summe Geldes behufs der Erziehung eines gewiſſen Kindes auszahlen ließ; er wäre alſo vor Allen ſelbſt im Stande geweſen, Ihnen die ge⸗ wünſchte Aufklärung zu geben, ohne Sie zu mir nach Bremen zu bemühen.“ „Das iſt möglich, aber nach den Gründen ſeines Schweigens gegen mich forſche ich nicht; die einzige Frage, auf deren Beantwortung ich jetzt geſpannt bin, iſt die: an Wen haben Sie jene Gelder jährlich ge⸗ zahlt oder durch das Haus in Braunſchweig zahlen laſſen?“ Der Kaufmann lächelte.„An———„% ſagte er langſam und den jungen Mann mit einem durch⸗ bohrenden Blick betrachtend. Joſeph taumelte rückwärts; ſeine Sinne, die ſchon ſeit langer Zeit in großer Aufregung geweſen und die er nur mit aller Mühe zuſammengehalten, ver⸗ wirrten ſich völlig, ſeine Glieder befiel ein Zittern und er ſank beinahe ohnmächtig auf einen Stuhl, der hinter ihm ſtand. Der Kaufmann ſprang auf ihn zu, wie um ihn zu unterſtützen. Joſeph aber, ſchnell wieder zu ſich kommend, wehrte ihn leiſe und dankbar ab, brach aber dabei in einen krampfhaften Thränenſtrom aus. 21* 324 „Mein Gott,“ rief Herr Soeſt,„Sie ſind doch nicht krank?“ „Nein, mein Herr, nein, nein! Aber verzeihen Sie mir. Die Nachricht, die Sie mir gegeben, trifft mich ſo unerwartet, ſo ganz unvorbereitet, daß ich— daß ich—“ und er fing von Neuem an zu ſchluchzen. „Iſt es wahr,“ fragte er nach einer Weile, als er ſich ſo weit gefaßt, um wieder ſprechen zu können, „iſt es wahr, was Sie mir anvertraut haben?“ „Auf mein Ehrenwort, Herr Sohn, es iſt wahr.“ „Wollen Sie mir dies Wort ſchriftlich geben, da⸗ mit es auch Andere außer mir glauben können?“ „Ganz gewiß, und es auch mit Beweiſen belegen, zu denen die Handſchrift dieſes Briefes gehört.“ „So thun Sie es ſogleich und laſſen Sie mich ſo lange hier allein, ich werde die Zeit benutzen, um meine Faſſung vollkommen wieder zu gewinnen.“ Der Kaufmann verließ das Zimmer. Kaum war er hinaus, ſo brachte ein Diener Erfriſchungen und Wein, von denen jedoch Joſeph Sohn keinen Biſſen und keinen Tropfen anrührte. Ach, wo waren ſeine Gedanken, ſeine Wünſche? In welchem Chaos von Wahrheit und Trug, Glück und Unglück, Freude und Schmerz trieben ſich ſeine Empfindungen um? Schon lange war er damit nicht in Bremen mehr, ſchon weit 325 davon flatterten ſie und drehten ſich vor ſeinen Augen, in ſeiner Seele in einem Kreiſe, der ſein Gehirn ſchwin⸗ deln, ſein Herz klopfen und alle ſeine Glieder vor Er⸗ wartung und Bangen zittern machte. Eine halbe Stunde darauf trat der Kaufherr wie⸗ der in's Zimmer, ein Packet Briefe in der Hand hal⸗ tend, von denen er mehrere Joſeph zu leſen gab. „Sind Sie hiermit zufrieden?“ „Vollkommen. Darf ich dieſe alle mit mir nehmen?“ „Alle. Kann ich vielleicht noch Etwas für Sie thun?“ „Ja. Ich habe nur engliſches Geld— vecſſehn Sie mir es in preußiſches um.“ „Wieviel wollen oder bedürfen Sie?“ Joſeph nahm eine Hundertpfundnote heraus, die er in London auf einen Creditbrief des Lords erhal⸗ ten hatte, und in zehn Minuten hielt er preußiſche Scheine dafür in der Hand. Noch eine Viertelſtunde ſpäter aber befand er ſich ſchon auf der Eiſenbahn, um ſo raſch wie möglich Francis Poweril nachzueilen, der nur wenige Stunden vor ihm voraus hatte und kaum früher als er ſelber in Downs⸗Caſtle anlangen konnte.— Elftes Vapitel. Der Sylveſterabend. Auf Downs⸗Caſtle waren unterdeſſen die Tage des ſchönen Feſtes nicht ſo angenehm und genußreich verſtrichen, wie der Lord es von der heiteren Laune einer zahlreicheren Geſellſchaft daſelbſt ſich verſprochen, und daran war ganz allein der Umſtand ſchuld, daß man zu feſt auf Joſeph's Rückkehr gerechnet hatte, die, wie wir aus dem vorigen Kapitel wiſſen, aus triftigen Gründen nicht hatte erfolgen können. Ja, nicht einmal ein Brief von ihm war gekommen, und gerade das war die Urſache, daß Lord Shorneliffe ernſt und nachdenklich geſtimmt war und ſogar im Stillen gewiſſe Beſorgniſſe hegte, die er nur dem treuen William Baxton in vertraulicher Unterredung eröffnete. „Wenn ihm nur nichts Unglückliches begegnet iſt„ 327 wiederholte der Lord faſt täglich bei der abendlichen Berathung mit dem alten Diener,„denn es iſt mir unbegreiflich, warum er ausbleibt, da ich ihm nicht allein unſer Aller Wunſch umſtändlich und rechtzeitig mitgetheilt habe, ſondern er mir auch geantwortet hat, er werde beſtimmt und wahrſcheinlich mit gün⸗ ſtigen Nachrichten am 24. bei uns eintreffen. Was meinſt Du, William?“— „Ich meine, was ich geſtern und alle Tage meinte, ſo lange wir ihn ſchon erwarteten: irgend ein wich tiger Umſtand, den er eben ſo wenig vorausſehn konnte wie wir, hält ihn allein ab, ſein Verſprechen zu erfüllen. Etwas Anderes kann es nicht ſein, denn dieſer junge Mann iſt die Pünktlichkeit und Umſicht ſelber, wie aus allen ſeinen Briefen hervorleuchtet.“ „Wenn ihn nur kein Unfall betroffen hat!“ „Das muß man Gott überlaſſen, Mylord; doch das glaube ich nicht, ſonſt hätte Francis Etwas von ſich hören laſſen.“ „Es wird ihm doch nicht an Geld fehlen?“ „Bewahre, Mylord; ich habe ihm ja erſt neulich eine Anweiſung von fünfhundert Pfund auf Curtis in London geſchickt, und außerdem hatte er noch Vor⸗ rath, wie er aus Aberdeen ſchrieb. Auch iſt er kein 328 Verſchwender, dieſer junge Herr, und verſteht ſich ein⸗ zurichten.“ „Vielleicht aber hat er gewiſſe Nachrichten mit gro⸗ ßen Summen erkaufen müſſen, wer weiß das! Wenn ich es mir jetzt überlege, ſo haben wir ihm viel zu weenig geſendet; England iſt theuer, William!“ „Ja, ja, Mylord, ſehr theuer, aber Sie ſelbſt hät⸗ ten in der Zeit nicht mehr gebraucht, als er empfan⸗ gen hat, ſeitdem er dies Haus verlaſſen. Darüber können Sie ſich alſo beruhigen.“ Trotz des Haushofmeiſters wohlgemeintem und verſtändigem Troſte beruhigte ſich aber Lord Shorn⸗ cliffe doch nicht ganz, und ſo war ihm das Feſt bis zu dem Tage, an welchem wir wieder den Faden unſrer Erzählung an der Oſtſee aufnehmen, ziemlich trübe verfloſſen. Des Morgens bis um zehn Uhr pflegte er in ſeinem Bibliothekzimmer allein zu blei⸗ ben und zu ſchreiben oder zu leſen, je nachdem die Nothwendigkeit oder ſeine Laune ihn das Eine oder Andere wählen ließ; nach zehn Uhr traf er mit Rachel allein oder mit ihr und Werner zuſammen, wenn dieſer ſo früh von Brenkowitz herübergekommen war, was oft geſchah, denn Wernern trieb eine brennende Sehnſucht zu Rachel, wenn er ſie wenige Stunden nicht geſehen, und ſo war er in beſtändigem Wechſel 329 des Aufenthalts begriffen. Bald zogen ihn die Sei⸗ nigen— bald Rachel an, und nur dann war er voll⸗ kommen beruhigt, wenn Letztere ihn nach Brenkowitz begleitete, um einige Stunden mit ihm bei der Ba⸗ ronin und Sophien zu verweilen, die ohne dieſen Beſuch ganz verlaſſen geweſen wären. Von zehn Uhr an ſah der Lord es gern, wenn Rachel muſieirte, ent⸗ weder allein oder mit Werner in Gemeinſchaft. Er ſelbſt fühlte in dieſen Tagen keine Neigung, Muſik zu treiben, dazu war er zu aufgeregt, zu erwartungs⸗ voll in Bezug auf die Dinge, die kommen ſollten. So ruhte das Cello, und ſelbſt während die beiden jungen Leute ihre ſchönen Melodien erklingen ließen, ging er mit auf dem Rücken gekreuzten Händen und geſenktem Kopfe auf und nieder, hörte nur halb zu und überließ ſich ſeinen Träumereien, die namentlich gegen das Ende des Jahres hin von Tage zu Tage zunahmen und ſeine Miene immer ängſtlicher, beſorg⸗ ter erſcheinen ließen. Um zwei Uhr Mittags ſpeiſte der Lord— in der Regel mit Rachel allein, denn Werner war um dieſe Zeit ſchon wieder nach Brenkowitz geeilt, und nach Tiſche ſpielte er, um ſich zu zerſtreuen, mit Mr. Bax⸗ ton eine Parthie Billard, wobei natürlich das täglich ſich wiederholende Geſpräch über Joſeph Sohn fort⸗ 1 330 geſetzt wurde. Hatte er dies Spiel beendet, ſo ließ er ſich ein Pferd ſatteln und jagte eine Stunde in der Umgegend herum, in der Regel den Weg nach Neu⸗ ſtadt wählend, weil er von dorther den rückkehrenden Joſeph erwartete. Allein ihm war es nicht beſchieden, was er ſo ſehr wünſchte, nämlich der Erſte zu ſein, der Dieſem begegnete, vielmehr ſollte er auf ganz ſandere Weiſe von ſeiner Rückkehr unterrichtet werden. Wmar die Dämmerung eingebrochen, ſo kehrte der Lord nach dem Schloſſe zurück, um die traurigſte Stunde des ganzen Tages zu verleben, denn um dieſe Zeit pflegte der Baron einzutreffen, um ſeiner Leiden⸗ ſchaft, dem Spiele zu huldigen, ohne das er nun einmal zu ſeinem Unglücke nicht mehr leben konnte. Von dieſer einen Stunde werden wir noch nachher zu ſprechen haben, wenn wir einer ſolchen beiwohnen, daher können wir ſie jetzt übergehen und wenden uns lieber den Abenden und den ſtill für ſich Lebenden in Brenkowitz zu. Abends, nachdem der Baron den Lord verlaſſen, ſah man dieſen in tiefem Nachdenken allein auf ſei⸗ nem Zimmer ſitzen, und wir können annehmen, daß dieſes Nachdenken das eben vollendete Spiel zum Gegenſtande hatte, ein Spiel, das mit jedem Tage ernſter, verhängnißvoller wurde und für die nach⸗ 331 folgenden Ereigniſſe in Betreff beider Perſonen von der größten Bedeutung war. Doch davon nachher. In den ſpäteren Abendſtunden endlich geſellte ſich Rachel, bisweilen auch Werner zu ihm, und ihrer be⸗ ſänftigenden Anweſenheit war es zu danken, wenn die Falten auf der Stirn des Engländers ſich glät⸗ teten, ſeine beſorgte und aufgeregte Miene verſchwand und er ſich in ſüßeren Erwartungen einer angenehmen Zukunft erging. Die zwei Stunden, die der Baron auf dem Hin⸗ und Herwege nach und von Downs⸗Caſtle und in dem Schloſſe ſelbſt zubrachte, pflegten Rachel und Werner in Brenkowitz zu verleben, wo ſie ſtets mit offenen— Armen empfangen und ſo lange wie möglich feſt ge⸗ halten wurden. Ach, es gewährte dann ein rührendes Schauſpiel, die ſchöne ſtille Baronin, die nichts von Allem ahnte, was um ſie her vorging und ſo plötz⸗ lich wie ein Erdbeben über ihr Haupt hereinſtürzen ſollte, in der Mitte der drei liebenswürdigen jungen Leute ſitzen und aus ihren Unterhaltungen, die meiſt nur ernſte Gegenſtände, den abweſenden Joſeph und mit ſeiner Abweſenheit zuſammenhängende Dinge be⸗ trafen, Troſt und Erholung für die vielen einſamen Stunden ſaugen zu ſehen, die ſie in ihrer beklagens⸗ werthen Gegenwart genug für ſich übrig hatte. 332 Wenn ſie dann mit ſtillem Entzücken auf das liebende Paar ſchaute, das in der Erwartung ſeiner goldenen Zukunft ſchwelgte, ohne jedoch ein einziges Wort darüber vernehmen zu laſſen, dann lebte auch wohl einmal eine alte Erinnerung in ihr auf, und ihr Buſen hob ſich in ſtillen Seufzern, die nach ihrer Meinung in dieſem Leben keine Erhörung zu erwar⸗ teen hatten. In ſolchen Momenten geſchah es wohl, daß der durch die Zeit ſanft und ſtill gewordene Schmerz in ihrer Bruſt noch einmal ſtürmiſch aus ſeinen Ufern brechen wollte; um ihn aber in ſeine Schranken zu⸗ Aückzuweiſen und für das eigene Leid aus dem Leide Anderer Troſt zu ſchöpfen, brauchte ſie nur auf die holde Erſcheinung Sophiens hinzublicken, deren Schön⸗ heit und Jungfräulich' it jetzt in voller Blüthe ſtand, und die doch ſo troſtlos und gleichſam um Hülfe flehend der Mutter Auge ſuchte, ſobald die Rede auf die täglich, ja ſtündlich erwartete Ankunft Joſeph's kam. Wenn ſie dann Beide in ihrer Rathloſigkeit vor ſich niederſchauten, dann kamen ſchnell Rachel und Werner zu ihrem Beiſtande herbei, indem ſie wenigſtens Sophien einen Troſt zuſprachen, wie noch nie ein Menſch zuvor, denn ſie verſicherten der trauern⸗ den Liebenden, daß ſie das Beſte hoffen könne, da 333 Lord Shorncliffe ſich gelobt habe, den Vater zur Er⸗ füllung ihrer Wünſche zu bewegen, und was ſich der Lord vornehme, das führe er aus, dafür gebe es keine Schwierigkeit, keine Unmöglichkeit, und ſo werde er auch Mittel und Wege finden, den hartnäckigen Sinn des Barons, der ja ſo ſchon Sorge genug um das Seinige habe, zu beugen und vollſtändig zu Joſephs Gunſten zu ſtimmen. 2 So waren auch ihnen die Tage des Weihnachts⸗ feſtes allmälig verfloöſſen, und der letzte Tag des Jah⸗ res war gekommen, ohne eine Nachricht von Joſeph zu bringen, welche die wieder ſtärker hervortretende allgemeine Unruhe und Beſorgniß verſcheucht hätte. Der Lord befand ſich am Morgen dieſes Tages in einer ſeltſamen Unruhe, und Niemand, ſelbſt William Baxton nicht, wußte, was in ihm vorging; er ſprach mit Niemandem, ging gedankenvoll und brütend im Bibliothekzimmer auf und ab und rührte kaum eine Speiſe, nicht einmal ein Glas Wein an. Nach Tiſche waren Rachel und Werner nach Brenkowitz gefahren, um der Baronin und Sophien einen längeren Beſuch abzuſtatten, denn Mylord hatte ihnen geſagt, ſie könn⸗ ten den Abend über auf dem Gute bleiber er wünſche denſelben in ungeſtörter Einſamkeit zu verleben und überdieß hätte er mit dem Baron eine ernſte Verhand⸗ 334 lung vor, da das Jahr nicht beſchloſſen werden könne und dürfe ohne zu irgend einem Reſultate geführt zu haben. Was das für ein Reſultat ſei, ahnte Keines von ihnen; auch William Baxton wußte nichts davon, denn der Lord faßte und verarbeitete ſeine geheimſten BPläne ganz allein und ließ Niemanden in ſein Inne⸗ res blicken, bis er ſeine wohlerwogenen Entſchl üſſe zur 3 That in's Leben rief. Deer Sylveſtertag hatte ſich als ein ächter Winters⸗ mmann angekündigt. Am Morgen ſchien die Sonne in ihrem vollen Glanze, aber es war dabei bitter kalt. Gegen Mittag hatte ſich der Himmel bewölkt, eein ſchneidender Nordoſt tobte über das aufgeregte Meer und ſchüttelte die alten Bäume in der Umge⸗ bung des Schloſſes bis in ihre Grundwurzeln hinein. ö“ Nach Tiſche beruhigte ſich der Wind etwas, jedoch wehte es noch immer ſtark aus Oſten, und die grauen Wogen, die Eisſchollen vor den Dünen mit Macht zertrümmernd, brauſten über dieſelben hin, daß die dumpf rollende Brandung bis in die Zimmer des Schloſſes ln egendroynte Gegen Abend wurde die Temperatur etwas milder und ein ſtarkes Schneege⸗ ſtöber ſtellte ſich ein, was mit Einbruch der Dämme⸗ rung ſo heftig wurde, daß man von Himmel, See und Wald nichts mehr erkennen konnte und die ganze 335 das Schloß umgebende Atmoſphäre in einen dichten eiſigen Schneemantel gehüllt erſchien. Im Schloſſe ſelbſt herrſchte eine dumpfe, unbehag⸗ liche Stille. Kein Menſch regte ſich oder ließ einen hörbaren Tritt vernehmen. Rachel und Werner wa⸗ ren frühzeitig nach Brenkowitz gefahren, William Bax⸗ ton ſaß träumeriſch, erwartungsvoll, nicht ohne Be⸗ ſorgniß des zunächſt Kommenden auf ſeinem Zimmer, und Harry, des Winkes ſeines Herrn jeden Augen⸗ 8 blick gewärtig, hielt ſich im Vorzimmer des Lords⸗ auf. die Lampen und Kerzen und was ſonſt etwa verlangt werden könnte, bereit haltend, um es zu rechter Jeit an Ort und Stelle zu tragen. Nur der Pudel Joſeph's, heute wie immer ſeinen Herrn erwartend und ſich weder um Wind noch Schnee⸗ treiben kümmernd, ſaß, nach allen Seiten blickend, vor dem Gatterthore und nur, wenn ihn gar zu arg zu frieren anfing oder der Schnee ihm die Augen ver⸗ dunkelte, raffte er ſich auf, ſtieß ein dumpfes Knurren aus und ſcharrte unwillig in den Schneehaufen, die der Wind zwiſchen den Gebüſchen zuſammengetragen, die rings um den Park angepflanzt waren. Betreten wir jetzt Lord Shorneliffe's Zimmer. Wir wiſſen, es lag nach der See hinaus und gewährte in . 336 ruhigen und ſonnigen Tagen einen ſchönen Blick auf ihre blaue Fläche. Heute, jetzt ſah es trübe und wild genug davor aus. Der Wind heulte über die See und jagte die Flocken wild wirbelnd durch einander. Vom Waſſer war eben ſo wenig zu ſehen wie vom Simmel, eine düſtere, nebelgraue Hülle verband ſie beide zu einem undurchdringlichen Ganzen, und nur 3 weilen drang der brauſende Wellenſchlag hinauf zu⸗ dem Einſamen, der, auf nichts Aeußerliches achtend, — ſeine innerſten Gedanken in dieſem Augenblicke auf 1 ſich ſelbſt gerichtet hatte und ab und zu in die Gluth ſtarrte, die im Kamine brannte und das Zimmer ziemlich hell erleuchtete, auf welchem ſchon die Schat⸗ ten der Dämmerung lagen. An Was, an Wen dachte der Lord wohl jetzt, als er mit verſchränkten Armen langſam, aber energiſch und feſt auf und nieder ſchritt und mit geſenktem Kopfe und in ſich ſelbſt hineinblickendem Seelenauge mit ſich und ſeinem Gott zu Rathe ging? O, er dachte in dieſem verhängnißvollen Augenblicke nicht allein an Joſeph und Rachel, an Werner und Sophie, die ihm alle Vier innig an’s Herz gewachſen waren — neinl er dachte auch an ſich, an ſein vergangenes Leben und Das, was dieſes Leben einſt ſo herrlich und wonnevoll, und dann, durch die für ihn noch un⸗ 337 aufgeklärte verrätheriſche Handlung eines Böſewichts, ſo öde und traurig gemacht hatte. Endlich löſte ſich ſein ſtilles Nachdenken in ein halblautes Selbſtgeſpräch auf, wie es bei Menſchen ſo oft gefunden wird, die, von ihren quälenden oder beglückenden Gedanken beherrſcht, ohne es zu wiſſen, Unterthanen dieſes Gedankens ſind. „Der Tag iſt gekommen,“ ſagte er zu ſich, vo ich einen Wechſel des Schickſals faſt aller meiner Lie⸗ ben erleben werde, es kann nicht anders, es muß ſo ſein; ich habe lange genug gewartet und geduldet und das Maaß meiner Geduld und Ausdauer iſt übervoll. Heute oder nie werde ich das Werk voll⸗ bringen, was mir ſo ſchwer auf der Seele liegt, und das Verhängniß ſelbſt— oder vielleicht auch Gott, der ſich oft in das Gewand des Verhängniſſes kleidet, wenn er es nicht ſelbſt iſt, hat mir die Stunde dazu bezeichnet, indem er mir dieſen unſeligen Mann in die Hände geliefert hat. Ja, er wird kommen, hoff⸗ nungsvoll wie immer, und er wird wieder verlieren wie immer, mir ſagt es die Stimme meines Innern, die mich dieſem Menſchen gegenüber niemals betrogen hat. Ich werde dabei heut Viel auf das Spiel ſetzen, große Summen— allein was thut das? Es gilt auch ein großes Spiel, des Lebens Gluck oder Unglück, Emery Glandon. III. 22 338 Heil oder Unheil, Segen oder Verderben von vielen Menſchen. Es iſt das letzte Spiel, das ich unternehme, und nie wieder wird meine Hand eine Karte berüh⸗ ren, die ich nur ergriffen habe, um die Hand des Verhängniſſes zu führen, die ſich ſchon nach ihrer 4 Beute ausgeſtreckt hat. Ha, er komme! Ich bin be⸗ reeit, ihn zu empfangen!“ cr horchte— aber Nichts vernahm er, als das Brauſen der See und das Geheul des wieder ſtärker losbrechenden Windes. Endlich ſetzte er ſich auf einen Seſſel am Feuer e, ſchaute eine Weile in die praſſelnden Flammen und ſenkte dann ſeinen Kopf in beide Hände, noch einmal ſeinen Entſchluß bedenkend, nach allen Seiten überlegend und dann ſchließlich ihn mit ſeiner eiſer⸗ nen Seele umklammernd, um ihn ohne Bedenken zur That werden zu laſſen. Laſſen wir ihn ſo den Mann erwarten, der wider Wiſſen eine ſo große Kluft zwiſchen ihm und ſeinem Glücke geriſſen hatte, und wenden wir uns zu dieſem Manne ſelbſt, der, ohne es zu ahnen, heute ſeinem unentrinnbaren Schickſal entgegen ging. Wir haben uns mit dem Baron und ſeinem Trei⸗ 339 ben bisher ſehr wenig beſchäftigt, allein ſein Charakter iſt leicht zu durchſchauen und das Weſentlichſte haben wir wenigſtens angedeutet. Dem Hange zum Vergnügen, zur Abwechſelung und zu leiblichen Genüſſen hatte er ſchon in ſeinen Jugendjahren in übertriebenem Maaße freien Spie raum gelaſſen, dem hohen Spiele war er ebenfalls ſchon früher ergeben, aber die bedeutenden Verluſte,— die er ertragen müſſen, hatten ihn eine Zeit lang daa von abgeſchreckt. In ſpäteren Jahren jedoch, als er, den ruhigen Segen eines glücklichen Hausſtandes ver⸗ kennend, Niemanden liebend und deshalbe von Nie⸗ mandem wieder geliebt, ſich im Hauſe langweilte, er⸗ wachte mit einem Male wieder die unglückliche Idee in ihm, die ehemaligen Verluſte durch jetzigen Gewinn zu erſetzen, in der Hoffnung, das launenhafte Glück werde ihm im reiferen Alter gewogener ſein als in der Jugend. So begann denn ſeine alte Leidenſchaft mit friſcher und ſtärkerer Gewalt denn je hervorzu⸗ brechen, und da ihm das Glück ſeine holde Gegen⸗ wart nicht ſchenkte, ſank er von Stufe zu Stufe wie alle Diejenigen hinab, die mit der Liebe zum hohen Spiele auch die Neigung zu berauſchenden Getränken verbinden.. Sehr bald war ſein maaßloſer Hang in der gan⸗ 22* 4 340 zen Nachbarſchaft bekannt geworden, und es gab Leute genug, die ſich kein Gewiſſen daraus machten, den für ſo reich gehaltenen Mann gründlich auszubeuteln. Aber nur ſo lange ſetzte man den Umgang mit ihm fort, als man die Ueberzeugung hegte, er beſitze noch Etwas, was die Mühe lohne, mit einem Menſchen eine geſellige Verbindung zu unterhalten, der ſich in allem Uebrigen ebenſo ungezügelt wie unliebenswürdig bewies. Als aber Dieſem und Jenem erſt die Augen aufzugehen anfingen, daß das Vermögen des viel zu reich angeſchlagenen Barons in täglich abnehmender Ebbe ſei, ja, als er Dieſem und Jenem ſogar die Spielſchulden nicht mehr zu bezahlen im Stande war, ſda fand ſich Niemand mehr, der ſeine Nähe ſuchte oder ſeine Bekanntſchaft mit ihm fortzuſetzen die ge⸗ ringſte Neigung zeigte. denn der Engländer ſehr gelegen, deſſen Reichthum offenbar die Mittel aller ſeiner früheren Bekannten bei Weitem überſtieg, und er ſuchte lange genug den Umgang deſſelben nach, bis der Lord auf ſeine Nei⸗ gungen einging, weil er einſah, daß er der Familie des Barons dadurch vielleicht noch von Nutzen ſein könne. Eigenſüchtige Abſichten hegte der Lord dabei nicht, dazu war er zu edel, zu gewiſſenhaft, zu religiös, So kam dem thörichten und unglücklichen Manne— 341 nur das Studium eines ſo pflichtvergeſſenen, immer tiefer in den Abgrund des Laſters ſinkenden Mannes hatte einen eigenthümlichen Reiz für ihn, und ſo weit entfernt er davon war, an irgend einem Spiele um Geld und Geldes Werth Gefallen zu finden, beobach⸗ tete er mit ſteigender Verwunderung den Verfall eines Menſchen, den die Vorſehung mit äußeren Mitteln ſo reichlich geſegnet hatte. Anfangs hatte der Lord frei⸗ lich verſucht, dem elenden Manne mit ſeinem Rathe unter die Arme zu greifen, ihn von dem Abgrunde zurückzuziehen, an deſſen Rande er wandelte, allein nur zu bald hatte er erkannt, daß er einen unver⸗ beſſerlichen Sünder vor ſich habe, und ſo hatte er ſich, das Schickſal des Unterliegenden faſt ganz außer Acht laſſend, nur dem Wohle der Familie deſſelben geweiht, wie wir es ſchon aus ſeinem Geſpräche mit dem Sohne des Spielers erfahren haben. Der Baron dagegen, ſich wie jeder im Schlamme des Lebens Unterſinkende noch an einem Strohhalme zu halten verſuchend, ſah in dem reichen Engländer immer fort und fort noch die einzige Quelle ſeiner möglichen Rettung, immer wieder hoffte er auf einen endlichen Umſchwung des Glücksrades, und ſo rannte er immer tiefer und tiefer in ſein Verderben. Es war ihm das Spiel zur Gewohnheit, zur Regel, 342 zur zweiten Natur geworden, er konnte nicht anders, er mußte ſpielen, und ſo war Alles, was ihm das Leben ſonſt bot, für ihn nicht mehr da. Die Stunde, die er dieſem Spiele weihte, war ſeine einzige Lebens⸗ ſtunde, die übrige Zeit hindurch war er todt, matt, unzugänglich, wo möglich ſuchte er die lange Zwi⸗ ſchenzeit durch den Schlaf zu tödten, und das gelang ihm, wie wir ſchon angedeutet haben, meiſterhaft. Um ſeine koſtbare Zeit aber nicht ganz zu vergeu⸗ den und für ſeine eigenen Beſtrebungen und Neigungen Muße zu behalten, hatte der Lord dem unſinnigen Spieler nur jeden Tag eine Stunde eingeräumt, und dieſe hielt derſelbe wie der gewiſſenhafteſte Arbeiter ſeine Pflichterfüllung. ein. Er konnte den ganzen Tag, un er nicht ſchlief oder trank, ſo lange er zu Hauſe noch Etwas zu trinken hatte, dieſe Stunde kaum er⸗ warten; unruhig wandte er ſich hin und her, bis end⸗ lich die vierte Stunde des Nachmittags ſchlug, und dann war er immer noch vor der Zeit zu ſeinem Ritte fertig. In vollem Jagen erſtrebte er ſtets den glän⸗ zenden Landſitz des reichen Nachbars, um anderthalb Stunden ſpäter, in der Regel trunken von dem feuri⸗ gen Weine, der ihm nicht vorgeſetzt wurde, den er je⸗ doch zu fordern die Dreiſtigkeit beſaß, und kaum auf dem Rücken des Pferdes ſich zu halten im Stande, 343 zurückzukehren. Dabei war ihm kein Wetter ſchlecht genug; im Regen und Sturme flog er über die mo⸗ raſtigen Felder, und nicht eher beruhigte ſich ſeine dämoniſche Leidenſchaft, als bis ihn die Pforten des engliſchen Schloſſes aufgenommen hatten. Der Lord ſah ruhig, beinahe kalt dieſen ſichtbar zunehmenden Eifer an, nur bei ganz ſchlechtem Wet⸗ ter, wenn der Baron triefend oder halb erſtarrt in Downs⸗Caſtle ankam, nahm ſeine Miene einen mit⸗ 4 leidigen Ausdruck an.„Wie,“ hatte er eines Tages den durch und durch naſſen Baron gefragt,„Sie kommen ſogar bei dieſem Wetter und zu Pferde?“ „Muß ich denn nicht?“ hatte der Arme geantwor⸗ 5 tet,„Sie kommen nicht zu mir und ſo mnß i ja wohl zu Ihnen kommen.“ MAher der Regen, der Wind— bedenken Sir I Alter— „Ach, was! Ich fühle weder Regen noch Wind.“ „Aber ſo fahren Sie doch lieber.“ e „Fahren? Sie wiſſen ja, Mylord, wo meine Wa⸗ gen geblieben ſind; mein Pferd iſt das Einzige, was mir das Unglück gelaſſen hat.“ „So will ich Ihnen denn, wenn es für Sie eine Nothwendigkeit iſt, zu mir zu kommen, einen Wagen ſchicken.“ 344 Dies hochherzige Anerbieten hatte der Baron ſehr angenehm gefunden und es dankbar angenommen, und ſo fuhr er denn täglich in einem ſchönen Wagen des Lords, der in der Regel Rachel und Werner nach Brenkowitz brachte, und wenn er den Baron zurück⸗ ggefahren, die Erſteren wieder mit heim nahm, ſeinem DVerderben entgegen. So waren auch dem Baron die Feiertage ver⸗ ſtrichen und jeden Tag um dieſelbe Zeit langte er in Downs⸗Caſtle an, jeden Tag noch irgend eine Ruine ſeines ehemaligen Wohlſtandes mit ſich tragend, in ffnung, damit noch einmal die Glücksgöttin zu was merkwürdiger Weiſe höchſt ſelten der Fall denn wie der Lord mit ruhigem Bedacht, faſt gleichgültig ſpielte, ſo riß den Baron eine fieberhafte Leidenſchaft fort, und Zahlen und Summen, mochten ſie ſo groß ſein, wie ſie wollten, hatten keine Bedeu⸗ tung mehr für ihn, weshalb er alles ihm Uebrig⸗ gebliebene mit jenem ſtieren Gleichmuth verſchwinden ſah, der dem Spieler von Profeſſion zuletzt den fin⸗ ſteren Stempel eines unentrinnbaren Verhängniſſes aufdrückt.— Der Sylveſtertag war gekommen. Auch heute ver⸗ gingen dem verblendeten Manne die Stunden des Tages zu langſam, auch heute ſehnte er ſich fort aus 345 ſeinem Hauſe, um das Jahr ſo würdig zu beſchlie⸗ ßen, wie er es begonnen hatte. Um drei Uhr ſchon, obwohl es noch viel zu früh war, kannte ſeine Unge⸗ duld keine Gränzen mehr, und ſo ließ er ſein Pferd ſatteln, aus Beſorgniß, der Wagen des Lords könne zu lange oder am Ende ganz ausbleiben, da Letzterer dieſen Tag, wie er wußte, als halben Feiertag be⸗ trachtete und dabei ſeiner vielleicht vergeſſen hätte. Das aber wäre für ihn, der nur noch Weniges beſaß, 3 ein Unglück geweſen, da er dieſes Wenige heute auf den letzten Wurf zu ſetzen beſchloſſen hatte, in der eit⸗ 4 len Erwartung, dieſer letzte Wurf werde, eben weil er— der letzte ſei, noch einmal zu ſeinen Gunſten fallen.— Kehren wir nun zum Lord zurück, den wir einſan und in tiefem Nachdenken am behaglichen Feuer ſei⸗ nes Kamins ſitzend verlaſſen hatten. Der Befehl war auch heute gegeben, den Wagen zur rechten Zeit nach Brenkowitz zu ſenden, da derſelbe, ohne den Baron mitzubringen, eine Stunde früher von dorther zurück⸗ gekehrt war, ahden er Rachel zu ihren Freundinnen gebracht hatte. Allein ſchon während dieſer Wagen auf dem dnn ichen Fahrwege nach dem Gute des Barons unterwegs war, kam dieſer ſelbſt trotz Schnee und Wind auf einem näheren Feldwege dahergeſprengt. Joſeph's Pudel war in dieſem Augenblick nicht wie 346 gewöhnlich vor dem Thore, weil er dem abfahrenden Wagen eine Strecke gefolgt war, und ſo zog der Baron ungehindert und unangemeldet in den Hof des Briten ein, wo ihm ein Diener das triefende Pferd abnahm, um es in den Stall zu führen. Lord Shorneliffe ſaß noch immer unbeweglich auf ſeinem Stuhle vor dem Feuer, den Baron noch nicht erwartend, da der Wagen mit ihm noch nicht zurück ſein konnte, als er plötzlich ſeine rauhe und laute Stimme auf dem Corridor vor ſeiner Bibliothek ver⸗ nahm. Sogleich erhob er ſich mit jener ruhigen und geſammelten Miene, die er ſtets zur Schau trug, wenn er einem bedeutungsvollen Unternehmen entgegenging. Haryy öffnete dem Baron die Thür und dieſer, nachdem er ſeinen Mantel abgelegt, trat in die Bi⸗ bliothek ein. Als wir ihn zum letzten Male bei Wer⸗ ner'’s Rückkehr nach Brenkowitz ſahen, fanden wir ihn trunken, taumelnd, aufgeregt und erhitzt. Heute war er noch nüchtern, und ſo ſehen wir ihn denn in ſei⸗ nem gewöhnlichen und mehr natürlichen Weſen. Das ſo vielfältig erlebte Mißgeſchick hatte ihn früh⸗ zeitig gealtert und tief gebeugt, ſeine frühere ſtolze Haltung hatte er mit dem Bewußtſein ſeiner Macht und ſeines Reichthums zugleich eingebüßt. Sein er⸗ grautes Haar hing ungeordnet um ſeine Schläfe, ſeine 347 Augen blickten matt aus ihren Höhlen, und ſeine Wangen waren gefurcht und bleich von dem Taumel der Leidenſchaften, die ſeinen Lebenskeim vor der Zeit unterwühlt hatten. „Ah!“ ſagte der Lord,„Sie ſind ſchon da? Haben Sie meinen Wagen nicht abgewartet?“ „Er blieb mir zu lange, Mylord, und ich wollte die Zeit nicht verſtreichen laſſen, die Sie mir ſo gütig heute ausgeſetzt.— Harry!“ Harry, der dem Baron auf dem Fuße in's Zim⸗ mer gefolgt war und vier brennende Kerzen auf einen viereckigen Tiſch ſtellte, den er raſch drei Schritte ent⸗ fernt vom Kamin mitten in's Zimmer rollte, war eben damit beſchäftigt, zwei Stühle an den entgegen⸗ geſetzten Seiten dieſes Tiſches aufzuſtellen, als der Ruf des Barons ſein Ohr erreichte. „Was befehlen Ew. Gnaden?“ fragte der gewandte Diener, der ſchon wußte, was der Gaſt ſeines Herrn verlangen würde. „Bringen Sie Wein, raſch, Sie vergeſſen es ſonſt wie gewöhnlich.— Sie erlauben doch, Mylord?“ Der Lord nickte mit dem Kopfe, ohne ein Wort zu ſprechen, und beobachtete blos mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit das Ausſehen und die Miene ſeines Gaſtes, der auch heute jene zitternde Haſt zeigte, die er ſtets 348 an den Tag legte, wenn er in Begriff war, ſich zum Spiele niederzulaſſen, deſſen Beginn er vor innerer Ungeduld kaum erwarten konnte. „Aber, Harry,“ fuhr der Baron gegen dieſen ge⸗ woendet fort,„warten Sie einen Augenblick. Mich durſtet ſehr und es iſt eiſige Luft draußen. Bringen S ie keinen kalten Bordeaux heute, ſondern Portwein oder Madeira, verſtehen Sie?“ Harry verbeugte ſich und verſchwand, kam aber bald f wieder herein, eine ſilberne Platte mit zwei chen des edelſten Portweins und nur einem gro⸗ helchglas tragend, da er wußte, daß ſein enthalt⸗ Herr ſich an dieſem Genuſſe des Barons nicht a! Sie bringen wieder nur ein Glas, Harry— trinken Sie auch heute am Sylveſterabend nicht mit mir ein Glas, Mylord?“ „Nein“, ſagte dieſer kurz und innerlich ſchaudernd, da er die wachſende Begehrlichkeit nach ſeinem Getränk in den Augen des Barons blitzen ſah.„Sie wiſſen, ich trinke nur Mittags Wein mit etwas Waſſer und Abends nach Tiſche, das iſt ſo meine althergebrachte Gewohnheit.“ „Eine ſchlechte Gewohnheit, Mylord, bei Gott! Ihr engliſchen Herren, die Ihr ſo Vieles habt und * 349 thut, was gut und angenehm iſt, ſeid in Bezug auf den Weingenuß wahre Weiber—“. „Nun, wenn wir dann nur in allem Uebrigen Männer ſind, ſo dürfen wir uns über dieſe Schwach⸗ heit ſchon tröſten.“ „Haha! Auf Ihr Wohl— das Getränk iſt gut. Sie ſind doch ein glücklicher Menſch!“ „Warum das, wie ſo?“ fragte das auf den eifrig Trinkenden gerichtete glänzende Auge des Engländers, über deſſen Lippe kein hörbarer Laut drang. „Sie ſehen mich ſo fragend an— iſt es denn nicht wahr? Sie beſitzen A. was ein menſchliches Herz befriedigen kann— „Herr!“ wollte der Lord aufbrauſen, aber er be⸗ zwang ſich.„Herr Baron,“ ſagte er mit geſenkte Kopfe, überſchätzen Sie mich nicht, Sie ſind in man⸗ cher Beziehung noch reicher als ich.“ „Sie belieben zu ſcherzen. Vielleicht wollten Sie ſagen, ich war einſt reicher, als Sie einſt waren— aber ach! Das iſt lange her und jetzt bin ich— doch was vergeuden wir die Zeit mit ſolchen Träumereien — ſie iſt koſtbar und wir verſtehen uns doch nicht — alſo ein Spiel chen, wie?“ „Sie haben Recht,“ erwiderte der Engländer t käbe 1 350. „wir verſtehen uns nicht. Molleſt S wirklich 8 heute ſpielen?“. „Warum nicht?“ ſagte der Baron en rig nd nank ſchon das dritte Glas des feurigen Weines leer, was beinahe eine ganze Flaſche ausmachte, da das Glas ſehr groß war. Und ſchon hatte er ſeinen gewöhn⸗ lichen Platz am Spieltiſche eingenommen. Deerr Engländer aber ſtand immer noch vor dem Kamin, unbeweglich und kalt wie der Marmor deſſel⸗ ben, die Arme vor der Bruſt gekreuzt und die Augen feſt auf ihn gerichtet, als durchforſche er mit ſeiner ganzen Sehkraft den elenden Mann, der eine voll⸗ kommene Beute der traurigſten Leidenſchaften ſeines Geſchlechts war. Aäh, wo ſind die Karten? Hat er ſie wieder hierherzulegen vergeſſen— doch halt, es iſt gut. Laſ⸗ ſen wir die Karten, Mylord, es fällt mir zur rechten Zeit etwas Beſſeres ein. Ich haſſe die Karten.“ „O, hätteſt Du ſie früher gehaßt!“ dachte der Lord. „Ja, ich haſſe ſie, denn ſie bringen mir viel zu viel Unglück— ha! der Wein iſt vortrefflich— iſt die zweite Flaſche entkorkt? Ja, das iſt gut— ſo! Das Piket beſonders iſt ein Spiel, worin ich ſtets Unglück gehabt.“ „Wir brauchen ja gar nicht zu ſpielen, Herr Baron!“ . 351 „Ei, warum nicht gar— was denken Sie! Aber wir wollen ein anderes Spiel wählen— wir wolle len. würfeln.“ „Gut, dann muß ich aber erſt Harry fragen, ob er Würfel hat—“ „Das iſt nicht nöthig, ich bin ſelbſt damit ver⸗ ſehn.“ Und er griff in eine ſeiner Taſchen und holte einen Würfelbecher und drei große elfenbeinerne Wür⸗ fel von ſehr ſchöner Arbeit hervor. Der Lord, ſich dem Tiſche nähernd, warf einen ſeltſamen Blick, der etwas Brennendes an ſich hatte, 4 auf den Spieler, dann, als er auf deſſen Geſichte nur 4 die heiße Gier nach der Aufregung des Spiels ere kannt, griff er nach den Würfeln und ließ ſie, einen nach dem andern, auf den Tiſch zurück fallen, wobei zufällig die drei Sechſen oben zu liegen kamen. „Da ſehen Sie, ich verſtehe das Spiel auch— aber erſchrecken Sie nicht, dieſer Wurf war nur zur Probe. Ich will gern Ihre Waffen zu dieſem Zwei⸗ kampf wählen— aber Ihnen bleibt die Wahl— vielleicht iſt Ihnen noch ein drittes Spiel lieber?“ „Nein, nein, ich bleibe bei den Würfeln!“ rief der Baron, ſie mit der Linken heftig in dem ledernen Becher ſchüttelnd und mit der zitternden Rechten nach dem Glaſe greifend, das er abermals auf einen Zug —½3 leerte. Aber um was— um was, Mylord, wollen wir heute ſpielen, denn wir können es doch nicht zum bloßen Zeitvertreib thun?“ „Freilich!“ ſagte der Lord, indem er erröthete, denn er ſah ein, daß jetzt ein ernſthafter Kampf beginnen werde, um deſſen Ausfall er nicht für ſich, ſondern einzig und allein für ſeinen Gegner beſorgt war. „Aber gut— halten Sie noch ein, Herr Baron, und hören Sie mich erſt an.“ Bei dieſen Worten griff er in ſeine Bruſttaſche und llte eine Brieftafel hervor, die er auf den Tiſch vor ch derlegte und dann aufſchlug.„Sehen Sie hier,“ mit ruhiger Stimme, in der eine Warnung duwrchſchimmerte, die aber der gierige Baron nicht be⸗ 4 achtete.„Sehen Sie hier, Herr Baron, das ſind alle Derluſte, die Sie gegen mich erlitten, und die Gewinne, ddie ich von Ihnen habe. Es iſt etwas Viel. Da ſind Ihre letzten Hypotheken— da Ihre Wechſel— da Ihre Verſchreibungen auf das Vermögen Ihrer Kin⸗ der— ſehen Sie ſie?“ „Ja, ja, ich ſehe ſie und weiß es,“ ſagte wie vor innerer Kälte ſchaudernd der Baron. „Sie ſind alle mein, nicht wahr? Nun wohl! Sie ſind arm durch mich geworden— zum Theil wenig⸗ ſtens durch mich— und das thut mir leid. Ich 8 353 möchte Sie wieder reich— reicher vielleicht als vor⸗ her ſehen.“ Die Augen des Spielers rollten vor Entzücken, als er dieſe Worte hörte, und er goß ſich ein neues Glas voll. „Darum will ich Ihnen denn die Gelegenheit heute dazu bieten— halten Sie ſie feſt— verſtehen Sie?“ „Ja, ja, weiter, weiter im Text.“ „Was haben Sie noch in Ihrem Beſitz?“ Der Baron zuckte zuſammen, denn ihm fiel ein, daß er in der That nur noch ſehr wenig beſaß. Aber ein Spieler iſt nie verlegen, wenn es ſich um ei1ien Gegenſtand handelt, um den er ſpielen will; er würde 4— ſich ſogar den Rock ausgezogen haben, um ihn auf den Tiſch zu legen, wenn es verlangt worden wäre..— „Nun,“ ſagte er plötziich, ganz gegen die Erwartung des Lords, der geglaubt hatte, er werde ſich jetzt ſchon für bankerott erklären,„ich bin zu Pferde hierher ge⸗ kommen, das gehört noch zu meinem Beſitz, und es iſt ein gutes, ſchnellfüßiges Thier— ein Mecklenburger.“ „Gut, Herr Baron, ich nehme es an. Wie hoch ſchätzen Sie es? Ich überlaſſe Ihnen die Werthbe⸗ ſtimmung und ſetze mein blankes Gold dagegen.“ „Mit Sattel und Zaum?“ „Mit Sattel und Zaum.“ Emery Glandon. III. 354* Der Baron überlegte.„Nun, hundert Louisdor werden Ihnen nicht zu viel ſein für das gute Thier?“ ſagte er dann, ſchwer aufathmend, da er wohl wußte, daß es kaum die Hälfte werth war. „Nein, es iſt mir nicht zu viel. Wie viele Würfe wollen wir thun?“ DO, einer genügt, drei dauern zu lange.“ „Nein, wir haben heute Zeit,“ ſagte der Lord mit immer kälter werdender Stimme und trotziger blicken⸗ Geſicht, da er ſah, wie der Mann vor ihm blitz⸗ chnell in das Verderben ſpringen wollte.„Drei Würfe nu Jeder von uns thun.“ r einander?“ hinter einander. Fangen Sie an.“ der Baron ſchüttelte heftig den Becher und warf ie Knochen auf den Tiſch. Es fielen zwölf, dann zehn und zuletzt ſechszehn Augen. SSHie haben achtunddreißig Augen geworfen, Ba⸗ ron, das iſt viel. Aber ich will verſuchen, es Ihnen gleich zu thun. Da haben Sie zwölf, da— noch einmal zwölf— aber da, da haben Sie volle acht⸗ zehn. Das macht zweiundvierzig Augen. Nun, das Pferd iſt mein und es ſteht ſchon in meinem Stall. Sehen Sie, wie raſch das geht? Was haben Sie nun noch in Ihrem Beſitz, um das Sie würfeln möchten?“ 4 355 Der Baron, ſchon halb trunken, aber um ſo gie⸗ riger, verblendeter, kühner, griff ſich in ſeine grauen Haare. Er beſann ſich, mit ſeinen nach Innen ge⸗ wandten Augen in allen Winkeln ſeiner Erinnerung umherſpähend, was er etwa noch hervorſuchen könnte — aber er fand nichts. Der Engländer hielt unter⸗ deß ſein Auge feſt auf den Unglücklichen geſpannt, ohne ſich zu regen, nur ſein Herz ſchlug lauter und 3 lauter gegen ſeine Bruſtwandung an. Es herrſchte eine Todtenſtille um die beiden Spi⸗ ler her, die nur das Kniſtern der Flammen im Kaminm und bisweilen ein Windſtoß oder das Rauſchen der Wogen unterbrach, die unter dem Fenſter an den Dü-⸗ nen brandeten. Endlich nahm der Engländer, da er ſah, daß ſein Gegner keinen Gegenſtand finden konnte, das Geſpräch wieder auf. „Ich will Ihnen einen Vorſchlag machen, um was wir ſpielen wollen,“ ſagte er langſam und jede Miene des Gegenüberſitzenden durchſpähend.„Sie beſitzen noch Viel, was ich haben möchte.“ „Wie? Was ſagen Sie— ich weiß von nichts mehr, denn ich ſitze auf dem Trockenen— vollſtändig. Haben Sie keinen Wein mehr?“ „Wollen Sie noch trinken?“ „Ich bitte darum.“ 23 38 356. Der Lord ging nach dem Glockenzug und zog daran. Sogleich erſchien Harry und ſah ſeinen Herrn ehrerbietig an, ohne eine Miene zu verziehen. „Der Herr Baron hat einen Wunſch, Harry!“ . Harry's Augen wandten ſich von ſeinem Herrn auf deſſen Gaſt und er verbeugte ſich ſchweigend ge⸗ 4 gen dieſen. „Bringen Sie Wein, ich bitte darum.“ Harry ergriff die beiden leeren Flaſchen und brachte ür zwei neue volle herein, die er auf den kleinen ch ſtellte, der dem Baron zu Händen ſtand. Als er das Zimmer wieder verlaſſen hatte, be⸗ An der Baron ſich ſelber und ſeufzte dabei laut— „Sie wollten mir einen Vorſchlag machen,“ ſagte er dann. „Ja, das wollte ich. Kurz und gut— Sie ha⸗ en einen Sohn, der mir außerordentlich gefällt.“ „Ha! Meinen Sie den Geiger?“ „Den meine ich.“ „Nun, der gefällt mir ſehr wenig.“ „Eben darum und das iſt gut— der Geſchmack iſt verſchieden. So ſpielen wir alſo um ihn. Wenn ich ihn gewinne, ſo iſt er mein.“ „Das iſt ein ſeltſames Spiel, Mylord, und nur ein Engländer kann einen ſolchen Vorſchlag machen. 4 357 Aber er gefällt mir, topp! obgleich ich noch nie ſolch' ein Spiel geſpielt.“ „So ſpielen Sie es jetzt zum erſten Mal; ich bin bis jetzt Ihrer Neigung gefolgt und habe meiner Neigung zuwider nur um todtes Metall geſpielt, jetzt aber habe ich die Laune, um einen lebendigen Men⸗ ſchen zu ſpielen. Sind Sie einverſtanden?“ „Ja— vorwärts!“ „Halt! Erſt müſſen wir den Preis beſtimmen, denn Sie könnten ja gewinnen und ich möchte Ihnen in dieſem Fall einen Gewinnſt bieten, der, natürlich nicht ganz, aber doch einigermaßen dem Werth des jungen Menſchen entſpricht. Wie hoch ſchlagen Sie Ihren Sohn an? Aber nehmen Sie eine tüchtige 4* Summe, die alle Ihre früheren Verluſte deckt.“ Des Barons Geſicht überlief ein Glanz des Froh⸗ lockens. Er hatte begriffen, um was es ſich handelte. Er konnte gewinnen— mit einem Schlage ſein gan⸗ zes verlorenes Vermögen vielleicht wieder gewinnen, aber dennoch wußte er nicht, wie hoch er ſeinen Sohn Bun uou “ ſagte der Lord,„Sie können es nicht, ich ſehe a Sn an. So will ich denn die Summe beſtimmen, die ich gegen Ihren Sohn ſetzen will, viel⸗ 358 4 leicht iſt ſie Ihnen hoch genug. Nehmen wir zehn⸗ tauſend Pfund.“ „Was? Zehntauſend engliſche Pfund?“ ſchrie der Baron. „Zehntauſend engliſche Pfund Sterling!“ ſagte der Soord eiskalt.„So viel iſt mir der Gegenſtand unſrer 4 Betrachtung wenigſtens werth.“ „ Ich nehme es an, ich nehme es an!“ rief der Baron und ſeine zitternden Finger faßten krampfhaft Zecher. Wieder herrſchte eine Todtenſtille im wei⸗ emach. Da fielen die Würfel, die der Baron it Bedacht warf, und er that drei glückliche Würfe, denn er warf vierzehn, fünfzehn und achtzehn Augen. „Das macht ſiebenundvierzig Augen!“ ſagte ruhig der Lord.„Ein hoher Wurf! Sie werden zehntauſend Pfund gewonnen haben— das wäre mir Ihret⸗ wegen lieb.“ Der Baron lehnte ſich halb über den Tiſch, um beſſer ſehen zu können. Seine Augen funkelten auf die Würfel hin und er hatte ſogar den Labetrunk ver⸗ geſſen. Der Lord ſchüttelte den Becher und warf— erſt ſechssehn, dann fünfzehn, dann achtzehn Augen. „Zwei mehr als Sie!“ ſagte er ſtill, ohne eine Miene zu verziehen.„Ihr Sohn gehört mir, ich kann mit ihm machen, was ich will.“ 359 Der Baron ſank in ſeinen Stuhl zurück und be⸗ deckte ſich die Augen mit der Hand, nicht aus Schmerz, ſeinen Sohn verloren, ſondern aus Verzweiflung, zehn⸗ tauſend engliſche Pfund nicht gewonnen zu haben. „Das Glück iſt auch hier gegen Sie,“ fuhr der Lord fort.„Wollen Sie ein andres Spiel?“ „Nein, nein,“ kreiſchte der unglückliche Spieler— „das Glück kann mir nicht ewig den Rücken kehren. Ha! wollen Sie vielleicht auch um meine Tochler ſpielen?“ Der Lord ſchüttelte ſich vor Grauen, aber er wang 3 mit aller Kraftanſtrengung ſeine wogenden Empfin⸗ dungen nieder.„Sie kommen meinem Wunſche zu⸗-⸗ vor, ja, ſpielen wir um Ihre Tochter.“— „Wie hoch taxiren Sie die?“ brüllte beinahe der immer gieriger werdende Baron. „Nun, nicht etwa, weil ich ſie höher ſchätze, als Ihren Sohn, aber um Ihnen Gelegenheit zu geben, Ihren Verluſt wieder einzubringen— will ich das Doppelte auf ſie ſetzen.“ „Was? Zwanzigtauſend Pfund Sterling?“ „Zwanzigtauſend Pfund, ſo meine ich.“ Mit fieberhafter Anſtrengung ſchon, denn bereits fingen ſeine Sinne an zu ſchwindeln, ergriff der Ba⸗ 360 ron den Becher. Er warf raſch dreimal hinter einander und zwar diesmal nur vier, ſieben und neun Augen. „Das macht zwanzig Augen,“ ſagte leiſe, wie zu ſich ſelbſt, der Lord, und wagte kaum, den athemloſen Vater anzublicken, der in Begriff ſtand, auch ſein zwei⸗ tes Kind, die ſchöne Sophie, zu verlieren. Auch er⸗ colgte der Verluſt ſogleich, denn der Lord warf ein Auge mehr. Auch Ihre Tochter iſt mein, Baron. Nun— Sie ſchweigen? Stimmen Sie zu?“ Der Baron nickte, er hatte die Sprache velenin. Er war heute im ungeheuerſten Verluſt. Dreißigtau⸗ ſend Pfund Sterling und noch ein Pferd waren ihm aus den Fingern geſchlüpft. „um was ſpielen wir jetzt?“ fragte der Lord wei⸗ ter, aber mit bebender Lippe, denn er war faſt nicht mehr im Stande, ſeine Aufregung zu bewältigen. „Ich habe nichts mehr, ich bin ein Bettler!“ lallte der Baron,„Sie müßten denn um meine Schweſter würfeln wollen?“ „Für die danke ich, die hat für mich keinen Werth — nicht den geringſten, und ich wüßte ſie für nichts zu verwenden.“ „Ha!“ ſchrie da der Baron auf und ſprang em⸗ „Haben Sie mir Haus und Hof und meine por. Kinder abgewonnen, ſo können Sie auch mein Letztes gewinnen— ich habe noch eine Frau.“ Jetzt ſprang auch der Lord auf; er mußte ſich die Hand auf's Herz drücken, ſo gewaltig klopfte es. „Wollen Sie auch Ihre Frau auf's Spiel ſetzen?“ fragte er langſam und bedächtig, wie mit Falkenau⸗ gen den Entſchluß des Barons von ſeinen bebenden Lippen haſchend. „Ja, das will ich, bei Gott! Was iſt ſie mir werth? Nichts, nichts! O, ſie war einſt ein ſchönes Weib— aber für mich nicht, denn geliebt hat ſie mich nie und ich ſie auch nicht, ich habe im Leben keinen Kuß von 3 ihr verlangt und erhalten—“ „Warum haben Sie ſie denn geheirathet?“ „Weil ich ein Narr war, ein ungeheurer, boden⸗ loſer Narr—“ „Vorwärts denn!“ rief der Lord mit mächtiger Stimme und jetzt wie ein Löwe aus ſeinen lange ge⸗ nug eingehaltenen Schranken brechend—„ich nehme auch Ihre Frau an, wenn Sie ſie verlieren— aber ich würfle nur einmal um ſie.“ „Angenommen! Wie hoch— wie hoch taxiren Sie ſie? Sie iſt Zweiundvierzig alt, aber ſie ſieht um zehn Jahre jünger aus.“ 362 „Wieviel wollen Sie— beſtimmen Sie ſelbſt den Preis!“ rief der Engländer mit ſtolzem Entzücken. „Nein, das kann ich nicht, ich habe den Maaß⸗ ſtab verloren— mir wirbelt es im Kopfe bei Ihren Summen.“ „So ſagen wir denn hunderttauſend Pfund,“ ſagte der Lord mit Ergebung. „Hunderttauſend Pfund?“ Und der Baron wurde mit einem Male nüchtern, nüchtern vor dem woollüſtigen Gedanken, hunderttauſend Pfund gewin⸗ nen zu können, was mehr war— viel mehr, als er 3 je im Leben beſeſſen hatte. 1„So iſt es— nehmen Sie an?“ a, ja, tauſendmal ja! Ich wäre ein größerer Narr, wenn ich es nicht thäte, als ich damals war, da ich ihr meinen Namen gab.“ Und raſch faßte er den Becher, raſch warf er, aber eer that einen ſeltenen Wurf, denn die Würfel zeigten nur drei Augen. „Sie iſt ſchon die Ihre!“ kreiſchte der Baron,„und hunderttauſend Pfund ſind mir abermals verloren!“ „Noch nicht— ich kann denſelben Wurf thun.“ Der Baron riß wieder die Augen auf und ſtarrte auf die Würfel hin, die gleich darauf dreimal ſechs Augen zeigten. * „* 363 Beide Spieler hatten ſich wieder von ihren Plätzen erhoben und blickten ſich wie ein paar Geſpenſter mit offenen ſtieren Augen und unbeweglichen Mienen an; während aber der Baron ein Bild des Jammers, der Verzweiflung war, zeigte der Lord den Triumph einer ruhigen felſenfeſten Ergebung auf ſeiner vor Grregung bleichen Stirn. „Ihre Frau iſt mein,“ ſagte er dann leiſe aber feſt. „Ja, ſie iſt die Ihre— und das iſt mein geringſter Verluſt und Kummer,“ entgegnete der auf ſeinen Füßen ſchwankende Elende. Der Engländer betrachtete ihn eine Weile mit gränzenloſem Erſtaunen, bedenkend, wie es möglich wäre, daß zwei Menſchen über eine und dieſelbe Perſon und Sache ſo verſchiedene Empfindungen hegten; nie war ihm, wie in dieſem Augenblick, die Verſchiedenheit menſchlichen Wollens, Begehrens und Handelns grel⸗ ler vor Augen getreten. „So wäre denn alſo unſer Spiel für heute been⸗ digt,“ ſagte er beinahe traurig— würden Sie aber noch morgen wiſſen, was Sie heute gethan haben?“ „Warum nicht? Dergleichen vergißt man nicht, oder ſollten Sie etwa glauben—?“ „Sprechen Sie nicht von glauben— ich beurtheile Sie nur nach dem, was ich ſehe.“ 364 „Was ſehen Sie denn?“ fragte der Baron mit ſeiner alten kecken Dreiſtigkeit. „Ich ſehe, daß Sie heute nicht nüchtern ſind, denn Sie haben drei Flaſchen ſchweren Weines ge⸗ trunken. Die Hälfte davon, wenn ich ſo thöricht weäre, ſie zu trinken, würde mich auf den Boden ſtrecken. Wenn Sie morgen mit nüchternem Kopfe aufwachen, haben Sie vielleicht vergeſſen, was zwi⸗ ſchen uns vorgefallen iſt.“ DO nein, das iſt mir noch niemals begegnet— auf Ehre, My— Mylord, ich weiß Alles.“ „Nun was iſt denn geſchehn, wiſſen Sie es noch „Was geſchehen iſt? Haha! Alles iſt weg, Alles, Alles— Haus und Hof, Weih und Kind— Wollen Sie mir das ſchriftlich geben?“ 8„Schriftlich? Warum denn? Trauen Sie mir nicht?“ „Nein,“ ſagte der Lord entſchieden und mit plötz⸗ lich ganz verändertem Benehmen und ſtolzerer, ver⸗ ächtlicher Sprache.„Sie haben mir keine Gelegenheit gegeben, Ihneß zu trauen oder Sie für einen Ehren⸗ 365 um als Einleitung zu einer Vorleſung zu dienen. So hören Sie denn.“ Der Baron, kaum ſich noch auf den Füßen hal⸗ tend, glotzte den Lord verwundert und mit ſtieren Augen an.„Was ſoll ich denn noch hören?“ lallte er. „Etwas, was freilich viel zu ſpät kommt, um noch irgend einen wünſchenswerthen Eindruck auf Sie zu machen, mein Herr. Auch kann es weder Ihnen, noch einem Anderen nützen, und doch muß ich es Ihnen ſagen. Früher habe ich Sie blos bedauert, weil Sie ſo viel Unglück hatten, mehr, als ein Menſch, der Herz und Gemüth hat, ruhig ertragen kann. Jetzt aber, jetzt, da Sie ſo willkürlich über Andere beſtim⸗ men und ſie möglicher Weiſe in's Unglück ſtürzen, wenn ſie kein Menſch von Herz und Gemüth rettet, jetzt— verachte ich Sie. Spielen mochten Sie und auch verlieren, das thaten Andere und Beſſere auch; als Verſchwender Ihres Vermögens, als Vergeuder Ihres Ihnen von Gott anvertrauten Habes und Gu⸗ tes konnte man Sie noch wegen Ihrer Verblendung beklagen. Ein Mann aber, der ſogar eine achtbare Frau und edle Kinder verſpielt, der iſt ein ſchlechter Menſch und ſogar nicht werth, noch im Geringſten bemitleidet zu werden. Sie, ja, hören Sie es an, Sie waren nicht würdig, eine ſo tugendhafte, reine, 366 edle Frau zu beſitzen, wie Sie wirklich eine beſaßen, ohne ſie zu erkennen, zu begreifen und zu würdigen; Sie waren ferner nicht werth, ſo gute und brave Kinder zu haben, wie ſie jetzt mir gehören und wie ich zu ihrem Heile und nach meinem Gewiſſen über ſie beſtimmen will—“ „Herr!“ unterbrach ihn der Baron, vor Wuth ſchäumend und doch ſich an einem Stuhle feſtklam⸗ mernd, um nicht umzufallen—„wollen Sie mich beleidigen?“ „Nein, lieber Mann, durchaus nicht,“ erwiderte der Lord kalt.„Lord Shorncliffe hat nie einen Scchhwächling beleidigt, der nicht mehr gegen ihn in die Schranken treten kann, und das können Sie nicht; ich wollte Ihnen nur die Wahrheit ſagen. Gehen Sie alſo, denn Lord Shorncliffe exiſtirt ferner für Sie nicht mehr; nur bedenken Sie morgen, wenn Iyhnen noch ſo viel Verſtand dazu geblieben iſt, was Siee heute gethan haben, und wenn Sie das richtig bedenken, ſobald Sie nüchtern geworden ſind, wie Sie heute betrunken ſind, o ſo werden Sie ſelbſt be⸗ greifen, wie richtig ich Sie beurtheilt und abgeſchätzt habe. Leben Sie ſomit wohl, Herr Baron, und neh⸗ men Sie den Wunſch von mir mit hinweg, den ich von dieſem Augenblicke an hege, Sie nie wiederzuſehen, wie ich ſchon lange bedauert habe, Sie jemals kennen gelernt zu haben.“ Der Baron, betäubt, taumelnd, ſtammelnd, von dem vernichtenden Schlage der Verachtung des zür⸗ nenden Mannes getroffen, der hochaufgerichtet, in ſei⸗ nem ganzen Stolze und in ſeiner männlichen Würde ihm gegenüberſtand, wollte Etwas ſagen, aber ſeine Kraft war zu Ende, er vermochte es nicht mehr. Er wankte zur Thür, durch die, von der ſchallen⸗ den Stimme des Lords herbeigerufen, augenblicklich Harry trat. „Harry!“ herrſchte der Lord ſeinen Diener an. „Laß Jemand mit dem Herrn fahren und den jungen Herrn Baron in meinem Namen bitten, mit demſelben Wagen Fräulein Rachel zurückzuführen, ich habe ihm 4 3 etwas Wichtiges mitzutheilen. Ich werde ihn alsbald wieder nach Hauſe fahren laſſen.— Gute Nacht, mein Herr!“.. Harry, erſtaunt über die Strenge des Tons und die Geberde ſeines Herrn, den er nie ſo gebieteriſch geſehen hatte, verbeugte ſich ſtumm, griff dann dem wankenden Baron unter den Arm und führte ihn die Treppe hinab. Dieſer, keines Wortes, keines Gedan⸗ kens fähig, kletterte mit Hülfe eines Dieners in ſeinen Wagen, und als er darin ſaß, ſank er mit dem Aus⸗ 368 ruf:„Ich bin verloren, ich bin ein Bettler, ich habe den Tod davon!“ hinten über in die Kiſſen. Der Lord aber, die geöffnete Thür in der Hand haltend, horchte die Treppe hinunter, und als er die Räder des Wagens auf den Steinen des Hofes raſſeln hörte, ſchlug er die Thür zu, trat in die Mitte des Zimmers zurück und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „O Gott,“ ſagte er,„er iſt fort und hoffentlich brauche ich dieſem Elenden nie wieder zu begegnen. Aber was nun?“ Miit dieſem Gedanken beſchäftigt, ſchritt er etwa halbe Stunde ſchweigend und finſter auf und ab; leſer Zeit aber glättete ſich allmälig ſeine Stirn r ſtieß einen zweiten Seufzer aus, der ſchon ößere Erleichterung brachte. Aa,“ ſagte er dann,„was nun?— Das iſt die Frage. Aber was ſorge ich! Lebt denn mein Gott im Himmel nicht mehr? Wird Er mir nicht die rech⸗ ten Wege weiſen? Ja, das wird Er, ich fühle es. O— und das iſt mein einziger Triumph— die un⸗ ſchuldigen Kinder ſind wenigſtens mein, die laſſe ich mir nicht wieder nehmen— und die Gattin, o, die könnte ich auch nehinen— ich höbe blos auf, was er wegwir— wenn t h kein ſittliches Gefühl im 369 Herzen trüge. Geduld, Emery, Geduld! Die Zeit allein bringt Segen und Gott wird weiter helfen.— Nach dieſem kurzen aber aus vollem Herzen ſtrö⸗ menden Selbſtgeſpräch fühlte er ſich wunderbar er⸗ leichtert, und mit erheiterten Mienen ſchritt er wieder auf und ab, voller Spannung die Rückkehr des Wa⸗ gens erwartend. Er brauchte nicht allzu lange zu warten; nach einer kleinen halben Stunde raſſelte er wieder in den Hof und gleich darauf ließen ſich die Fußtritte und Stimmen der Anlangenden auf dem Corridor vernehmen. Der Lord athmete tief auf und ſein Antlitz nahm eine unausſprechlich glückliche Miene— an, die volſſtändig von dem bangen und ungewiſſen Ausdruck abwich, den ſie kurz vorher gezeigt hatte. „Da ſind ſie,“ rief er, froh aufjauchzend,„und nun werde ich eine Freude haben, deren ich nach allen die⸗ ſen kummervollen Tagen ſo ſehr bedarf.“ „Rachel trat zuerſt— und dicht hinter ihr Werner ein, Beide ein erſtauntes Geſicht zeigend, was es denn ſo Wichtiges ſei, was den Lord veranlaſſen konnte, heute Abend noch Werners Gegenwart zu wünſchen. Sie hatten ſchon gedacht, Joſeph ſei in aller Stille ange⸗ langt und der Lord wolle ſie mit ihm überraſchen, ein Irrthum, der unter den obwaltenden Umſtänden ſehr natürlich war. Emery Glandon. III. 24 370 „Meine Kinder!“ rief der Lord und ging mit aus⸗ gebreiteten Armen auf die immer erſtaunter Blickenden los—„kommt her an mein Herz und ſagt mir, daß Ihr mich liebt!“ Rachel warf ſich in ſeine Arme und fing laut an zu weinen. Eben ſo that es Werner, denn wenn ein wahrhaft Liebender ſeine Geliebte Thränen ver⸗ gießen ſieht, aus Rührung, Freude oder Schmerz, ſo 6 kommen auch ihm leicht die flüſſigen Tropfen in die Augen. „Habt Ihr mich lieb?“ fuhr der Lord fort.„O, ſagt es, ſagt es mir, ich bedarf der Liebe der Men⸗ ſchen ſo ſehr!“ Beide verſicherten es ihm mit Worten, die aus dem innerſten Herzen kamen, obgleich ſie die Urſachen nicht ergründen konnten die ihren Freund und Be⸗ ſchützer in dieſe bei ihm ſo ſeltene Stimmung verſetzt hatten. „So iſt es gut,“ entgegnete er,„dann danke ich Euch und dafür will ich Euch auch eine Freude be⸗ reiten. Ja— Ihr blickt mich verwundert und fra⸗ gend an, weil Ihr nicht wißt, was geſchehen iſt, was mich ſo glücklich, Euretwegen ſo glücklich macht. O, es iſt Großes und von Euch jetzt Unerwartetes ge⸗ ſchehen— ich habe Euch für einander gewonnen und 371 Ihr dürft Euch lieben, als wenn ich ſelbſt Euer Va⸗ ter wäre, der Eure Hand zu vergeben hätte.“ „Wie?“ fragte Werner mit leuchtenden Augen. „Höre ich recht? Was iſt geſchehen, Mylord?“ „Frage nicht, Werner, ſondern glaube mir. Dein Vater willigt ein in Deine künftige Verbindung mit Rachel Schawai, und Rachel iſt mein Kind und ich gebe ſie Dir— ſeid Ihr damit zufrieden?“ „O mein Gott!“ ſchluchzte Rachel und„ mein Gott!“ tönte das Echo aus Werner'’ Herzen wieder, indem ſie ihn mit vor Dankbarkeit überſtrömend Augen betrachteten, in denen aber doch eine erkennbare Frage lag. Der Lord ekannte und bean t. wortete ſie ſogleich. 5 „Ihr fragt mich,“ ſagte er,„mit Emen eine ſo verſtändliche Sprache redenden Augen, wie das fo ſchnell gekommen iſt? O fraget mich nicht— Ihr wißt ja, ich habe lange daran gearbeitet und heute Abend endlich iſt mir der große Wurf gelungen. Dan⸗ ket aber Gott dafür, er hat es allein gethan und ich bin nur das Werkzeug in ſeiner allmächtigen Hand geweſen.“ 372 Eine Stunde ſpäter, nachdem Werner wieder nach Brenkowitz zurückgekehrt war, um ſeine Mutter und Schweſter an dieſem Abend nicht ſo lange allein zu laſſen und ihnen in ſeiner Herzensfreude das große Ereigniß des Tages mitzutheilen, ſaß der Lord allein mit Rachel auf ſeiner Lieblingsſtelle vor dem hell flammenden und ſanfte Wärme ausſtrahlenden Kamin. Sie kniete zu ſeinen Füßen, hatte ihre Ellbogen auf ſeine Kniee geſtützt, wie ein Kind ſo gern vor ſeinem gater liegt, und hielt ſeine beiden Hände in den hhrigen, wobei ihre Lippen von den ſüßeſten Dankes⸗ vorten überfloſſen. Aber immer noch weinte ſie leiſe ddazwiſchen, vor Freude und vor Rührung, denn ſie hatte von ihrem Beſchützer die wie das eigene Glück ſie tief bewegende Mittheilung vernommen, daß auch Zoſeph glücklich ſein und Sophie von Haldrungen ſeine Braut nennen würde, ſobald er nur von ſeiner Reiſe zurückgekehrt wäre. So wurde das Jahr im Hauſe des edlen Lords beſchloſſen, und lange vor Mitternacht ſchon ſchlief Rachel ſanft auf ihrem weichen Lager, während der ruheloſe Mann, der ſo lange Jahre in der Fülle ſei⸗ ner Reichthümer einſam geweſen und ſeine Jugend⸗ liebe treu bewahrt, den Gedanken verarbeitete, ob es wohl möglich ſei, daß auch er noch einmal glücklich werde und dieſe Liebe aus der Hand Gottes wieder gewinne, die ihm bisher ein Mann vorenthalten, der es am wenigſten verdiente, ein Weib zu beſitzen, das nur ein trauriger Irrthum in ſeine Macht gegeben hatte. Lwölftes Wnpitel. Der Neujahrsmorgen. 3 Der erſte Januar des Jahres 1852 war am ttrande der Oſtſee, wo unſre Erzählung ſich abwickelt, ſchöner, herrlicher Wintertag, der ſeinem Vorgän⸗ keiner Weiſe ähnlich ſah. Die düſteren Wol⸗ tten ſich zerſtreut, die Winde waren verflogen 4 und die See floß in ruhigen Wogen wie ein flüſſiger Kryſtall dahin, ſchimmernd im Widerſchein der Sonne ddes jungen Jahres. An der Stelle, wo ſie aus dem feuchten Schooße aufgetaucht war, in dem ſie die Nacht über geſchlafen hatte, ſpielten roſige Wölkchen, ſonſt war der ganze Himmelsbogen blau und warm angehaucht, wie wir es bisweilen an einem ſchönen Wintertage wahrnehmen. Die ganze Natur ſchien darüber zu lächeln, wie ein ſüßes Kind, das ſich an ſeiner Wiege, wenn es aus dem glücklichſten Schlum⸗ Fluthen der See etwas Großes, Schönes und Herr⸗ 375 mer erwacht, von dem frohlockenden Auge einer lie⸗ benden Mutter bewillkommnet ſieht. Lord Shorneliffe hatte ſchon früh ſein Lager ver⸗ laſſen, auf dem er in der vergangenen Nacht nur wenig Ruhe gefunden, denn eine ſeltſame Aufregung war über den ſonſt ſo gefaßten Mann gekommen und es war ihm zu Muthe, als müſſe aus den blauen liches auftauchen, für das er keinen Namen wußte, und das ihn dennoch mit einem berauſchenden Wonne⸗ gefühl erfüllte.„Wenn das neue Jahr ſo glücklich beginnt, wie das alte geendet,“ ſagte er zu ſich, als er ſich erhob,„ſo wird es ein geſegnetes ſein.§ der Himmel iſt rein und die See ruhig— ich nehme die günſtige Vorbedeutung an— warten wir alſo das Kommende in Ruhe ab.“ 3 Er begab ſich in ſeine Bibliothek, wo er e ſein erſtes Frühſtück einzunehmen pflegte, kleidete ſich völlig an und trat an ein großes Bogenfenſter, das in ſeinem weiten Niſchenraume eine Fülle tropiſcher Gewächſe barg und wie ein kleiner Garten mit duftenden Blu⸗ men und immergrünen Schlinggewächſen prangte. Hier ſtand er einige Zeit, ſchaute über das weite Meer hin und durchlief in der Erinnerung noch ein⸗ mal die Jahre ſeiner Jugend, wo er als unſchuldiger 376 Knabe ſich über die kleinen Schaumwellen freute, die am Strande ſeines Heimatlandes mit den Muſcheln ſpielten, dann wo er in Göttingen lebte und zum erſten Male das ſchöne Mädchen ſah, das noch heute aalle ſeine Gedanken erfüllte, und verſetzte ſich endlich im Geiſte in jenes glühende indiſche Land, das durch des allweiſen Schöpfers Beſtimmung die Quelle ſeiner Reichthümer geworden war. Oo, er hatte viel Schönes und Herrliches in ſeinem Leben geſehn und erfahren, und Alles das trat noch einmal im lebensvollen Bilde vor ſeine aufgeregte Phantaſie, die, wie von dem Stabe eines Magiers berührt, ihre geheimnißvollen Tiefen geöffnet hatte, um ſein Herz mit einer Art berauſchender Freude zu füllen, für die er doch eigentlich keine genügende Ur⸗ ſache wußte. So war er in ſeinen Gedanken bis auf den geſtri⸗ gen Tag gekommen und abermals ſiel ihm ſein ſelt⸗ Er wiederholte ſich die ganze Scene noch einmal und wunderte ſich, daß der Schauer, der ihn am geſtrigen Abend darüber gepackt, heute nicht wiederkehrte, ja daß ihm der ganze Vorgang etwas ganz Natürliches, ſich von ſelbſt Verſtehendes zu ſein dünkte. „Es iſt doch ein ſeltſames, wunderbares Ding, ſames Glück dem verwegenen Spieler gegenüber ein. 377 dies menſchliche Herz,“ ſagte er,„mit ſeinen ewig blühenden Hoffnungen und Wünſchen. Woher ſtam⸗ men dieſe Hoffnungen und Wünſche? Von der Erde und den Menſchen gewiß nicht— ſo müſſen ſie alſo vom Himmel, von Gott ſtammen, und das iſt ein ſchöner Urſprung. Ja, der Allmächtige hat auch mir meine Hoffnungen und Wünſche eingeflößt, wie könn⸗ ten ſie ſonſt meinen Geiſt ſo beleben, mein ganzes Weſen ſo rieſenfeſt umklammert, mein Auge ſo ver⸗ trauensvoll auf die Hülfe des Unſichtbaren gerichtet halten? Iſt mir doch, als ob ich dieſe Hülfe in ſichtbarer Geſtalt gewahrte, als ſtrecke ſich Hand aus den Wolken mir entgegen, die mich als wollte ſie mich in das ſtrahlende Gefilde de ewigen Frühlings verſetzen. Ewiger Frühling— r iſt das? Das kann doch nur die Liebe ſein, und dieſe Liebe hat mich durch das ganze Leben begleitet und hält mich auch jetzt noch in Beſitz. Ja, ich liebe, ich liebe noch immer, wie ich in meiner Jugend meines Daſeins habe ich das inniger empfunden als in dieſer. Geſegnete Stunde, die mir der Urquell des Guten beſchieden hat— wie dankbar bin ich ihm dafür, wie ungleich mehr dankbar, als für alle die todten Reichthümer, die er in meine Hand gelegt und ſchon— liebte, ſo heiß, ſo rein, ſo wahr, und in keiner Stunde 378 die ich doch nicht alle verwenden kann, wie ich wohl möchte, wie meine Seele es verlangt— was war das?“ Er drehte ſich um und horchte. Es war, als ob Jemand ſeinen Namen gerufen hätte. Da klang es noch einmal zu ihm und eine ſanfte Stimme tönte in ſein Zimmer und fragte:„Mylord, darf ich ein⸗ treten? Störe ich Sie nicht?“ E Lr trat aus der Fenſterniſche hervor, und da hatte er eine angenehme Erſcheinung vor ſeinen Augen. Machel, die leiſe in die Thür der Bibliothek ein⸗ geetreten, aber noch hinter den ſchweren Falten der gruünſammtenen Portière verborgen war, hielt mit ren ſchönen Händen die Draperie unter ihrem Kinne men und ſchaute mit dem ſo lebenswarmen, aus⸗ 8 drucksvollen Geſichte in das Zimmer herein. Reich wallte das glänzende Rabenhaar um ihr geiſtvolles Geſi icht, ihr roſiger Mund lächelte, und ihre von Le⸗ ben und Luſt ſprühenden Augen ſchauten ſich forſchend unm, wo der Bewohner des Zimmers wohl verborgen ſein möchte, denn daß er in ſeiner Bibliothek ſei, hatte ihr Harry verkündet. Da trat er hervor aus ſeinem kleinen Zimmer⸗ garten und, angenehm berührt von der Erſcheinung der frühen Beſucherin, die er immer ſo gern bei ſich ſah, zumal in ſeiner jetzigen Stimmung, rief er ſo⸗ 379 gleich:„Ah, Rachel, Du biſt es! Komm herein, komm herein und theile einen frohen Morgen mit mir.“ Rachel ſchlug die Falten des Vorhangs aus ein⸗ ander und zeigte ſich dem Lord in vollſtändiger Ta⸗ geskleidung. Ein reich mit Sammt und Spitzen be⸗ ſetztes ſchwarzes Atlaskleid rauſchte um ſie her und ließ nur ihre blendenden Schultern, ihren Nacken und ihre Arme frei, denn ſo ging ſie immer einher, ſelbſt im kälteſten Winter. Lord Shorneliffe, die zierliche und doch ſo wohl gerundete Geſtalt bewundernd, wie er vorher den ſchönen Kopf bewundert hatte, reichte ihr die Hände. die ſie ſogleich ergriff, und erkannte dann an ihren ausdrucksvollen Miene, daß ſie nicht ohne Abſih früh zu ihm gekommen ſei. „Mylord,“ ſagte ſie mit innigem, ihr eigenthüm⸗ 4 Erſte im Hanſe ſein möchte, die Ihnen zu dem heu⸗ tigen Tage Glück wünſcht, denn wir ſind ja in ein neues Jahr übergetreten.“ 3 „Ja das ſind wir, mein Kind— nun, was wün⸗ ſcheſt Du mir?“ „Was ich Ihnen wünſche? O, wie könnte ich alles Das nur in wenige Worte drängen, da mein Herz ſo lichen Tone,„ich komme ſo früh, weil ich gern die 380 voll von Dankbarkeit für die viele Güte und Liebe iſt, die Sie mir und uns Allen erwieſen haben!“ „O, davon wollte ich nichts hören.“ „Und doch muß ich davon ſprechen. Sie haben mich und Werner ſo unendlich glücklich gemacht und wollen nun auch noch Joſeph— o meinen guten Joſeph!— und Sophien glücklich machen! Dafür weiß ich keinen anderen Dank, als den aufrichtigen Wunſch, daß Sie ſelbſt ſo glücklich werden mögen in ddieſem Jahre, als Sie uns gemacht haben. Das wolle Gott und darum habe ich ihn heute frühzeitig aus innerſter Seele gebeten.“ Bei dieſen Worten, die mit einem ſo warmen, — hingebenden und beinahe flehenden Tone geſprochen wurden, überkam den Lord eine ſeltene Rührung; er og Rachel an ſich, küßte ihre Stirn und dankte mit K wenigen ſeinen Gefühlen entſprechenden Worten. In dieſem Augenblicke aber, als ſie ſo in ſeiner naͤchſten Nähe ſtand und ſein Blick auf die ſchöne Geſtalt hernieder ſchaute, ſchien ihm etwas Beſonderes an ihr in die Augen zu fallen. Und in der That, Rachel, die nie einen blitzenden oder metallenen Schmuck anlegte, trug heute einen ſolchen, denn um ihren Nacken hing eine feingoldene venetianiſche Kette, ein Geſchenk des jungen öſterreichiſchen Kaiſers, an 381 der früher eine Brillantbroche befeſtigt geweſen war. Dieſe Broche aber befand ſich heute nicht mehr daran, ſondern die Enden der Kette ſenkten ſich in den Buſen ihrer holden Trägerin, als wenn ſie irgend ein an⸗ deres koſtbares Kleinod daſelbſt verbärgen. „Ei ſieh da,“ ſagte der Lord, die feine Kette be⸗ trachtend,„Rachel trägt einen Schmuck? Das iſt ja etwas ganz Neues— und noch dazu einen Schmuck von fremder Hand? Ich hatte mir ſchon geſchmeichelt, ſie würde, wenn ſie einmal einen ſolchen trüge, zuerſt den meinigen anlegen, denn ich war ja der Erſte, der ihr aus Theilnahme und Neigung ein ſo glänzendes Spielwerk verehrte.“ „Mylord,“ erwiderte Rachel herzlich und zog ſchoen an der goldenen Kette, wie um ihr Kleinod an den Tag zu bringen,„es iſt eigentlich kein Schmuck, den ich heute trage, ſondern nur eine theure Erinnerung, die ich aus Dankbarkeit angelegt habe. Denn ich feiere heute einen beſonderen Glückstag— es iſt der, der mir meinen früheren Beſchützer gegeben hat, mei⸗ nen theuren Joſeph.“ „Wie? War es denn am Neujahrstage, als Dich Joſeph Sohn fand?“ „Nein, aber an dieſem Tage iſt Joſeph geboren, und ich feiere ihn, indem ich den einzigen Schmuck 382 trage, der einen großen Werth für mich hat, da er ihn mir einſt auf meine Bitte bei'm Abſchiede von Brenkowitz geſchenkt hat— eine Locke von ſeinem Kinderhaar.“ 1 „Wie?“ rief der Lord mit lebhafter Bewegung und trat einen Schritt zurück von Rachel—„Heute iſt Joſeph's Geburtstag? Und das höre ich zum erſten Mal?“ 1 5'o iſt es⸗Pheute vor ſiebenundzwanzig Jahren wurde er geboren, und hier iſt die Locke, die ihm ſeine Mutter wahrſcheinlich ſchon im frühſten Alter 4 abgeſchnitten und mit in die weite Welt gegeben hat.“ oord Shorncliffe hörte kaum auf die Worte, die Rachel ihm ſagte. Die Hand an die Stirn gelegt, ddeen Kopf vornüber gebeugt, ſchien er über irgend Etwas nachzuſinnen, was ihm vielleicht ſchwer auf dem Herzen lag, denn ſein Geſicht war auffallend bleich geworden. „Ich habe Sie doch nicht betrübt?“ fragte Rachel und näherte ſich wieder dem Lord.„Da, ſehen Sie, da iſt das einfache Kleinod— ich trage es nur alle Jahre einmal und immer an dieſem Tage.“ Der Lord fuhr aus ſeinem Sinnen empor und ſchaute zerſtreut auf die kleine goldene Kapſel hin, die ihm Rachel entgegen hielt. Kaum aber hatte er ſie * 383 erblickt, ſo änderte ſich blitzſchnell ſein ganzes Ausſehn, alles Blut ſchoß ihm in's Geſicht und er bückte ſich zu Rachel's Hand hinab, um das Kleinod ganz in der Nähe zu betrachten. „Rachel!“ rief er plötzlich mit unausſprechlich ängſt⸗ lichem Tone—„Rachel, um Gotteswillen, was iſt das?“ Und ſchon hatte er die Kapſel mit der Rechten erfaßt, ſie von beiden Seiten betrachtet und geſchüttelt. Rachel ſah den umgewandelten Mann mit un⸗ verholenem Staunen an.„Hier iſt die Feder,“ ſagte ſie und zeigte mit einem Finger darauf. Aber der Lord hatte ſie ſchon geöffnet, da er den Mechanismus zu kennen ſchien. Die eine Hälfte der— goldenen Kapſel flog auf und man ſah eine blaße goldene Haarlocke auf einem weißen atlaſſenen Kißchen liegen, das von der Zeit gelb geworden war. „Gerechter Gott!“ ſchrie der Lord mit den Zeichen— des höchſten Erſchreckens auf—„wo haſt Du dieſe Kapſel her, Kind?“ 3 „Von Joſeph Sohn, Mylord.“ „Geduld, Geduld!“ rief der angſterfüllte Mann und drückte mit aller Gewalt ſeiner zitternden Hände auf eine Stelle der Kapſel, die derjenigen gerade ge⸗ genüber lag, an der er vorher gedrückt. Augenſcheinlich war dieſes zweite Behältniß lange *. 384 nicht geöffnet worden, denn es ging ſehr ſchwer auf. Endlich aber gelang es dem Lord und— da, da fuhr er zurück, als hätte ein Blitzſtrahl ſeinen Scheitel getroffen. „Mein Gott!“ rief nun auch Rachel erſchrocken, da ſie das Geſicht des Lords wieder erbleichen ſah. „Rachel!“ rief er, faſt tonlos vor Erſtaunen und Schrecken—„Du irrſt Dich— das iſt nicht Joſeph Sohn's Kinderhaar— das iſt einer Dame Haar, die ich einſt, ach! und wie ſehr geliebt! Ich ſelber habe ihr dieſe Kapſel vor vielen Jahren geſchenkt— und da, da— ha! was iſt das? Das rührt nicht von mir her“— und mit noch wo möglich vergrößertem taunen las er auf einem feinen Stückchen Perga⸗ at die Worte:„Henriette ihrem Emery Glandon, geb. den 1. Januar 1825.“ Als der Lord, wie durch einen Schlag betäubt, aad auf die veypunderte und in Angſt verſetzte Ra⸗ chel, bald auf das goldene Kleinod ſchaute, welches ſo viele Geheimniſſe enthielt, that ſich heftig dieſelbe 6 Thür auf, durch die Rachel eingetreten war und, die 82 Vorhänge raſch aus einander drängend, erſchien in derſelben ein Mann, der nicht weniger die Zeichen des höchſten Erſtaunens an ſich trug, als der Lord ſelber. 385 Es war William Baxton, der alte Haushofmeiſter, der bleich und aufgeregt, mit einem Brief in der Hand hereintrat und, denſelben ſeinem Herrn aus der Ferne ſchon entgegenſtreckend, keine Worte finden konnte, ſei⸗ nem gepreßten Herzen Luft zu machen. „Was giebt's, was giebt's?“ rief der Lord, die Augen bald zu dem alten Manne erhebend und bald auf das Kleinod blickend, das er ſammt der Kette Rachel vom Halſe gelöſt hatte. 4 „Mein Gott, Mylord— da ſehen Sie— ein Brief— und er iſt mit Emery Glandon's Privatſie⸗ gel, dem Doggenkopf, geſchloſſen!“ ſchon hatte er, die Kapſel in ſeiner Linken verbergend, den Brief mit der Rechten ergriffen und war an ein genau kannte, auf das Sorgfältigſte zu prüfen. ſich faſſend,„es iſt es, mein Siegel, wie ich es mir vor vielen Jahren in England ſtechen ließ. Aber wo kommt es her— wer hat den Brief gebracht?“ „Francis Poweril ſelber!“ brachte der Alte hervor, der ſich nur mühſam von ſeiner gewal ltigen Ruſts⸗ gung erholte. „Francis?— Allein?“ Emery Glandon. III. „Was?“ rief der Lord.„Auch das noch?“ Und— 5 Fenſter getreten, um das feine Siegel, welches er ſo „Ja,“ ſagte er, tief aufathmend und mit Gewalt 386 „Ja, allein— er hat Herrn Sohn in Bremen verlaſſen und kündet ſeine Ankunft auf heute oder doch in den nächſten Tagen an.“ „Francis! Wo iſt er? Laß ihn herein— geſchwind!“ Francis, der ſo raſch wie möglich, aber freilich nicht mit Extrapoſtpferden die letzte Strecke ſeiner langen Reiſe zurückgelegt, trat vor ſeinen Herrn und gab alle Auskunft, die er geben konnte. Lord Shorneliffe aber, ſobald er dieſen Bericht flüchtig angehört, öffnete be⸗ hutſam den kleinen Brief und las folgende Zeilen: „Mylord! Gott hat es gewollt, daß ich endlich in meiner Unternehmung ein glückliches Ende erreichen ſollte. Ich habe Thomas Morris gefunden und bin im Beſitz aller ſeiner Ausſagen. Ich halte mich nur ſo kurze Zeit wie möglich in Bremen auf, um den Aufenthaltsort Derjenigen zu erfahren, deren Spuren „aufzuſuchen ich eigentlich ausgeſchickt ward. Wenn Gott ſie erhalten hat, ſo bringe ich ſie Ihnen ſelbſt „oder wenigſtens die Kunde, wo ſie zu finden iſt. „Mit Dankbarkeit und herzlichſter Ergebenheit Ihr Joſeph Sohn.“ 8 Sprachlos, beklommen ſtand der Lord da und blickte bald Rachel, bald Baxton, bald Francis Poweril an. 387 Er wußte nicht, was er denken, noch viel weniger aber, was er ſagen ſollte, denn die ganze Angelegen⸗ heit verwirrte ſich vor ſeinen Augen, und dieſer Brief widerſprach nur allzu ſehr den Beweiſen, die er ſchon durch den Inhalt des goldenen Medaillons, das Zu⸗ ſammentreffen der Geburtstage und das Siegel des Briefes erhalten zu haben glaubte. In dieſem kritiſchen Augenblicke ließ ſich das lang⸗ anhaltende und beinahe jauchzende Freudengeheul eines Hundes in der Ferne, dann immer näher und näher und endlich auf dem Hofe hören. Alle vier Perſonen, die im Zimmer des Lords verſammelt waren, horchten hoch auf, und dann ſchrieen ſie Alle außer Francis wie mit einer Stimme laut auf:„Das iſt Joſeph, das iſt Joſeph— ſein Hund hat ihn verrathen!“ Und Alle, Rachel voran, ſtürzten die Treppe hinunter, auf deren unterſte Stufen ſo eben Joſeph Sohn getreten war, kaum im Stande, die ſtürmiſchen Liebkoſungen ſeines treuen Hundes abzuwehren.. „Rachel!— Mylord!— Mr. Baxton!“ rief er ihnen entgegen und flog aus einem Arm in den an⸗ deren—„da bin ich— da bin ich— und ich bringe Alles, was Sie erwarten können und gewiß nicht er⸗ wartet haben!“ 5 25* 388 Rachel war weinend, denn ihre Freude wie ihr Erſtaunen über alles Erlebte war zu groß,— der Lord ſtumm und mit einem Male gefaßt und ernſt, wie er immer in bedeutenden Augenblicken war, Mr. Baxton aber mit ſchwimmenden Augen den Dreien auf dem Fuße folgend, in die Bibliothek getreten, alle Drei Joſeph anſtarrend, der, bleich, von der anhaltenden, unaufhaltſamen Reiſe erſchöpft und von ſeinen Ge⸗ fühlen bewältigt vor ihnen ſtand, nach Luft rang und mit der einen Hand noch immer den treuen Hund abwehrte, der mit in das Zimmer gedrungen war. „Was bringen Sie, Joſeph, was bringen Sie?“ fragte endlich der Lord, nachdem er lange dem jungen Manne ins Geſicht geblickt hatte, das ſich auch Mr. Buarton mit ganz eigenthümlichem Staunen zum Ziel⸗ punkt genommen hatte, da es ihm heute ganz anders als früher vorkam, worauf er wieder den Lord an⸗ blickte, deſſen Geſicht er mit dem des jungen Mannes verglich. „Mylord,“ brachte Joſeph ſtammelnd hervor— „ich bringe Viel— ſehr Viel. Aber ich möchte mit Ihnen allein ſein, wenn ich rede— nachher mögen es alle die Andern hören.“ Augenblicklich waren Rachel und William Baxton aus der Thür getreten, nur der Hund ließ es ſich nicht 389 nehmen, neben ſeinem Herrn zu ſtehen und ihn mit liebevollen Blicken, wie nur ein Hund ſie haben kann, unverwandt anzuſtarren und von Zeit zu Zeit ein dumpfes Geknurr auszuſtoßen. „Wir ſind allein,“ ſagte der Lord mit halb ge⸗ brochenem Tone und einem Blicke, der in Gluth ge⸗ taucht war und Joſeph, der demüthig und beſcheiden vor ihm ſtand, faſt verſchlang. „Ja, Mylord, wir ſind allein und der Augenblick iſt gekommen, den ich ſeit mehreren Tagen unabläſſig mir vorgeſtellt, um ihm, wie es ſich gebührt, mann- haft und doch ergeben in mein Geſchick entgegenzutre⸗ ten; aber jetzt, da er da iſt, überwältigt mich wieder meine Beſorgniß, ich möchte nicht fähig ſein, ihn auf— die rechte Art benutzen zu können.“ „Seien Sie außer Sorge, mein Freund, und ſprechen Sie, wie es Ihnen zu Muthe iſt, Sie ha⸗ ben einen Mann vor ſich, der keine Anſprüche macht und mit Allem zufrieden iſt, was Sie ihm mitthei⸗ len werden.“ „So will ich denn beginnen und Gott lenke meine Worte, daß ich Sie damit befriedige! Meine Bemühun⸗ gen, Thomas Morris zu finden, waren lange vergeb⸗ lich und Sie haben viel Geld ausgeben müſſen, um—, 390 „Laſſen Sie das— das iſt nur Nebenſache, das Geld an ſich hat für mich keinen Werth, und um ſo weniger, wenn ich Wichtiges, Großes damit erreiche.“ „Gut denn; endlich war ich ſo glücklich, ihn in Folge eines Briefes, den er an ſeine Tante in Aberdeen geſchrieben, im Seehospital zu Portsmouth zu finden, aber er war ſterbend und ich allein wohnte ſeinem Todeskampfe bei.“ „Hal Legte er Ihnen eine Beichte ab?“ LVollkommen. Thomas Morris hat Sie auf hun⸗ dertfältige Weiſe betrogen, indem er zuerſt den Spion Ihrer Familie machte— ja, Ihrer Familie, Mylord, die ihm große Summen für ſeinen Verrath bezahlte, ſodann aber, indem er Ihnen das Mädchen Ihrer Liebe entzog, und endlich, indem er Ihnen— Ihr Kind vorenthielt, das er an einen Ort brachte, wo Sie es gewiß nicht geſucht hätten.“ „Weiter, weiter!“ „Mir ſelbſt verſchloß er das Geheimniß dieſes Kin⸗ des, allein er wies mich nach Bremen an einen Kauf⸗ mann, der die Erziehungsgelder für daſſelbe ausge⸗ zahlt, die Thomas von den Summen genommen, die theils Ihre Familie, theils Sie ſelbſt ihm dafür aus⸗ geſetzt.“ „Ha! Weiter, weiter!“ 8 5 391 „Ich kam nach Bremen— ahnungsvoll allerdings, was ich finden würde, aber bei Weitem noch nicht meiner Sache gewiß— erſt der Kaufmann gab mir den vollſtändigen Aufſchluß, daß ich mich nicht in meinen Vermuthungen geirrt. Mylord— o, wie ſoll ich es Ihnen ſagen— Sie hatten keine Tochter, aber dafür haben Sie— einen Sohn und dieſer Sohn—“ „Biſt Du— ich erkenne es!“ „Ja, mein Vater, ich bin Dein Sohn und ich kann nicht dafür, daß Du keine Tochter haſt.“ Mit dieſen Worten war Joſeph Sohn— oder Emery Glandon, wie wir ihn jetzt nennen müſſen, vor dem Engländer auf die Kniee geſunken und umfaßte 3 die ſeines Vaters, in ſchmerzlich ſüße Thränen aus- brechend. Der Lord aber, ſich ſchnell zu ihm hinab: beugend und ihn erhebend, ſchloß ihn an ſeine Bruſt, und ſelbſt Thränen des Schmerzes und der Aonno. vergießend, rief er: „Mein Sohn, mein Sohn, vergieb mir, was ich ſo unſchuldig an Dir verbrochen, aber des Himmels Macht und Wille ſtand über dem meinigen und ich konnte nicht anders thun, als ich gethan.“ Lange hielten ſich Vater und Sohn auf das In⸗ nigſte umſchlungen und lautes Schluchzen nur ward 392 in dem Zimmer gehört. Als das aber eine Weile gedauert, ſtreckte der glückliche Vater ſeine Arme aus, hielt den wackeren Jüngling ſo weit von ſich ab, als er es vermochte, ſah ihm tief, tief in die thränenden Augen und rief:„O mein Gott, wo hatte ich meine Augen! Es ſind ja die ihrigen— die Augen Deiner Mutter, und nun iſt mir die innige Sympathie er⸗ klärt, die zwiſchen ihr und Dir war von Anfang an.“ ange betrachteten ſie ſich ſo, dann, als ſie Worte der Liebe und der Erklärung ihrer beiderſeitigen Stel⸗ llung getauſcht, erinnerte ſich Emery Glandon erſt des Briefes, den ihm Thomas Morris gegeben, mit dem ihn nur in ſeines ehemaligen Freundes 5 derzulegen. Hier,“ ſagte er ſeierlich,„hier iſt des unglückli⸗ chen Thomas Vermächtniß. Lies es und erfahre dar⸗ aus die Beſtätigung deſſen, was ich Dir mit kurzen Worten geſagt.“ Der Lord warf einen Blick auf die Aufſchrift des Briefes, die, mit zitternder Hand geſchrieben, doch die Schrift ſeines Jugendgef fährten erkennen ließ; dann erbrach er ihn ſchnell und las folgende in der Angſt des Todes flüchtig abgefaßte Zeilen: „Emery, einſt mein Freund und Jugendgeſpiele, 393 „mein Wohlthäter, höre mich an und— verzeihe mir. „O, die Hand Gottes ruht ſchwer auf mir, aber Er „hat meine Bitten, die ich in Noth und Drang zu „Ihm emporgeſendet, erhört und mir die Gnade ge⸗ „währt, Dir meine Bekenntniſſe ablegen zu dürfen. „O, vergieb auch Du mir, wie Er; denn Dein Herz „war ja immer ſanft und gut, und Du wiſſt nicht „ſtrenger und unverſöhnlicher als Gott ſein wollen. „Doch ich will kurz mit meiner Bitte ſein, ich habe keine „Kraft mehr zu langem Schreiben,— alles Uebrige, — „was ich Dir nicht ſage, weiß Der, den Du mir ge⸗ 8. „ſendet haſt. Emery, ich habe unendlich gelitten durch „meine Schuld, und die Vergeltung des Himmels hat 5. „mich ſchon auf der Erde erreicht— ich ſter „elend, unbeweint, und Du lebſt in Fülle Deiner Kraft, „Deines Reichthums, im Bewußtſein eines reinen Ge⸗ „wiſſens, was allein eine ganze Welt voller Schätze „aufwiegt. Darum vergieb mir, denn ich bereue ſchwer, „was ich an Dir ſo tauſendfältig geſündigt. Ja, ich „habe Dich tauſendfältig belogen, hintergangen, be⸗ „trogen, aber Deine Mutter und Dein Oheim tragen „einen großen Theil der Schuld davon. Der Ueber⸗ „bringer dieſes Briefes wird Dir Alles enthüllen, ich „kann es jetzt nicht. Aber der ärgſte Betrug war der, „daß ich Dir vorſpiegelte— Dir vorſpiegeln mußte, um *½ 394 „Dir keine Hoffnung auf einen Sprößling aus einer „von Deinen Verwandten mißbilligten Verbindung zu „laſſen— Dir wäre eine Tochter geboren. Es war „ein Sohn, und Emery Glandon hat das Tageslicht „am erſten Januar 1825 erblickt. Der, den Du mir „ſendeteſt, durch Gottes Schickung ihn dazu erleſend, iſt es, er iſt Dein Sohn, das habe ich auf den erſten „Blick erkannt, denn er glich Dir und zugleich Hen⸗ xrietten, die ich Beide in einer Perſon vereint zu mir Aretend und Rechenſchaft fordernd glaubte, als ich ihn p plötzlich an meiner Seite ſtehen ſah. Ich ſchauderte, ich entſetzte mich, denn da erkannte ich auch das un⸗ bbegreifliche Walten einer allmächtigen Vorſehung, die ſchen das Verhängniß nennen. Ihm zu be⸗ „ken en, was ich gegen ihn geſündigt, fühlte ich mich „außer Stande, und ſo ſandte ich ihn nach Bremen, „wo er genügende Aufklärung erhalten und erfahren wird, daß er ſich ſelber geſucht hat. „Das iſt Alles, was ich Dir jetzt ſagen kann. ſterbe bald, ich fühle es, Du aber lebe lange in „Glück und Wohlſein, was Du ſo reichlich an mir „und vielen Andern verdient haſt. Was ich Dir ſagte, „iſt wahr, wie das Evangelium, an das ich niemals „glaubte, vor dem ich mich aber jetzt im Staube beuge. „Lebe wohl und Gott ſegne Dich, das wünſcht, ſeine 395 „Verblendung beklagend, bereuend, aber leider nicht „wieder verbeſſernd, der arme Thomas Morris. Portsmouth den 23. Dezember 1851.“ „Lies, mein Sohn, lies und überzeuge Dich von der Wahrheit Deiner Ausſage. Dieſem Briefe glaube ich. Alles Uebrige mag ſpäter ſeine Erklärung finden.“ Emery Glandon nahm den Brief und durchflog ihn raſch. Dann blickten ſich Vater und Sohn wie⸗ der an und noch einmal lagen ſie Herz an Herz. Eine Stunde wohl mochten ſie ſo allein bei einander verbracht haben, als Lord Shorneliffe plötzlich em⸗ 3 porfuhr.“ „Halt ein, mein Sohn!“ ſagte er. Wir dürfen über uns ſelbſt nicht der Anderen vergeſſen, die einen glei⸗ 8. chen Anſpruch auf Glück und Freude haben und kun⸗ mervollere Tage als wir geſehen. Du mußt ſogleich nach Brenkowitz zu Deiner Mutter, Deiner Braut— 3 „Meiner Braut?“ unterbrach ihn Emery, freudig erſchreckend. „Ja, Deiner Braut, ſage ich, denn Deiner Ver⸗ bindung mit Sophie von Haldrungen ſteht Nichts mehr im Wege. Ich habe, während Du in England warſt, alle Schranken beſeitigt— nimm einen meiner glänzendſten Wagen und fahre ſtolz, wie der Sohn wieſen haſt!“ Gpott wird Deine Zunge leiten und Du wirſt nur ſagen, was der edlen Frau angenehm und ſüß zu hören iſt. daß Du ſelbſt in ihrer Nähe lebſt, den ſie ſo lange erſt ſpäter, wenn Gott die rechte Stunde ſchickt— geh hin und laß mir nur unſre Rachel hier; ſo ſchwach 4 ſie iſt, ſo iſt ſie ſchon oft der ſtarke Baum geweſen, 396 Lord Shorncliffe's es muß, auf den Hof des deutſchen Edelmanns. Sage ihm, wenn er Dich fragt, was Du willſt, Du kämeſt von mir und nähmeſt mein Eigenthum, ſeine Tochter, in Anſpruch— er wird Dir kein Hinderniß mehr in den Weg legen. Wie Du Dich Deiner Mutter zu erkennen geben willſt, das ſage ich Dir nicht, denn ich weiß es nicht— aber Aber wie, mein Vater, ſoll ich ihr nicht ſagen, als einen Geſtorbenen betrauert?“ r Lord beſann ſich.„Nein,“ ſagte er dann feſt, darſſt Du ihr noch nicht ſagen— das kommt an dem ich mich mächtig emporgehoben habe, und ſie allein ſchon, wenn Du keinen Erfolg mit Thomas Morris gehabt, wäre im Stande geweſen, mich meinen Sohn in Dir erkennen zu laſſen— ſieh, wie ſich die Wohlthat belohnt, die Du dem verlaſſe enen Kinde er⸗ 397 Es ging gegen elf Uhr Vormittags, als Emery Glandon den glänzenden Wagen ſeines Vaters be⸗ ſtieg, um nach Brenkowitz zu fahren. Er hatte eine ſchwere Aufgabe vor ſich, das geſtand er ſich ſelbſt ein, aber es bangte ihm nicht davor, und muthig ging er der Enträthſelung eines großen Geheimniſſes entgegen. Als er aber fort war, von ſeinem treuen Hunde begleitet, der ihn nicht wieder verlieren wollte, kehrte Lord Shorneliffe in ſein Zimmer zurück, fiel auf ſeine Kniee und dankte Gott mit aller Inbrunſt eines gläu⸗ bigen dankbaren Herzens.„Da geht er hin,“ ſagte er dann träumeriſch, nachdem er ſich wieder erhoben, „da geht er hin, der Gluͤckliche, dem Segen des Him⸗ mels entgegen, den dieſer uns Männern in einem treuen und ſchönen Weibe gegeben, da geht er hin und ich— ich bleibe allein zurück. Wie lange werde ich noch allein ſein, Vater im Himmel? Doch, wie Du 8 es willſt, Dir beuge ich mich!— Jetzt aber zu Rachel!’“ Rachel war bald gefunden, und ſelten wohl hat ein fühlendes Herz mit größerer Genugthuung und in⸗ nigerer Freude einer Erzählung gelauſcht, als ſie jetzt den Worten Lord Shorncliffe's lauſchte, die er in den ruhigen Geiſt und die zarte Seele dieſes herrlichen Mädchens ergoß.— 398 Rachel hatte Alles erfahren, was ihren Freund Joſeph betraf, der jetzt zwar einen anderen Namen angenommen und ein bedeutenderer Mann geworden, als er früher war, der aber immer noch als jener Joſeph Sohn vor ihr ſtand, der ſie einſt aus dem Staube der Nichtigkeit gezogen und ihr die Pforten eines ſchönen, genußreichen und großartigen Lebens geöffnet hatte. Breisehntes Anpitel. Der Finger Gottes. Die vortrefflichen Pferde des Lords zogen Emery Glandon raſch ſeinem Ziele entgegen; je näher er ihm aber kam, um ſo befangener, unruhiger und be⸗ ſorgter wurde er wieder, denn nicht allein verſetzte 3 8 ihn der ſchwere Auftrag, der ihm in Bezug auf die 8 Baronin zu Theil geworden, in Aufregung, ſondern auch die Erinnerung an die zuletzt auf dem Gute e lebten Scenen trat lebendig vor ſeine Seele— und es wollte ihn bedünken, als wäre der ſtolze und harte Sinn ſeines ehemaligen Herrn noch nicht vollſtändig gebrochen und als könnte ſich noch einmal ein Auf⸗ tritt ereignen, wie der war, da man ihn in jener ſtillen Mondnacht vom Hofe trieb. Dieſe Gedanken und Sorgen erfüllten ihn endlich ſo ganz und gar, daß ſein Herz wie vor einem nahen⸗ 400 den ſchweren Mißgeſchick zu klopfen begann, und er hielt es kaum für möglich, dieſen ſtillen Betrachtungen zum Raube, noch länger unthätig im Wagen ſitzen zu bleiben, weshalb er auch plötzlich einen Entſchluß faßte, der dem Wunſche des Lords zuwider lief. Er ließ den Wagen noch vor der Stelle halten, wo er ſo oft mit Rachel geſeſſen, und befahl dem Kutſcher, langſam ihm nachzukommen und nicht eher in den Gutshof einzulenken, als bis er ihm ein Zeichen dazu wouiürde geben laſſen. Als er nun ſo unter dem leuch⸗ tenden Himmel in dem friſchen Wintermorgen dahin⸗ ſchritt, den belebenden Hauch der Luft einſog und die ih bekannten mit Schnee und Reif bedeckten Bäume Millionen Diamantkryſtallen funkelten, hm von Augenblick zu Augenblick leichter umſs Herz, und die kräftige Bewegung in freier Luft, der 8 er auf ſeiner langen Reiſe vollſtändig entzogen ge⸗ weſen war, that ihm unendlich wohl und beruhigte ſeine aufgeregten Gefühle wieder. Da, um eine Ecke des mit Gebüſch dicht bepflanz⸗ ten Weges biegend, ſah er plötzlich das alte Schloß vor ſich liegen, und abermals wälzte ſich der Stein auf ſeine Bruſt, den er ſo eben erſt abgeſchüttelt, in⸗ dem er vergaß, daß er nicht mehr als der arme Haus⸗ ““ lehrer Joſeph Sohn ſich dem freiherrlichen Gute 401 näherte, ſondern der Sohn und Erbe eines reichen Lords war, unter deſſen mächtigem Schutze er gegen⸗ wärtig unantaſtbar ſtand. Denn Joſeph war durch die unerwartete Erhebung zu einem unabhängigen Manne nicht ſtolz und hochmüthig geworden, obwohl er ſich an ſeine künftige Stellung zu gewöhnen, ſchon ſeit ſeiner Abreiſe von Bremen Zeit genug gehabt hatte; nein, er war derſelbe beſcheidene Mann ge⸗ blieben, wie er es als der Sohn des kleinen Pro⸗ feſſors geweſen, der die Welt und die Menſchen darin beurtheilte, wie es ihm in ſeiner beſchränkten Jugend gelehrt worden war, und dem die Schranken, die ſich um ein untergeordnetes Daſein zogen, den freien Aus⸗ blick in die Ferne und Größe des Lebens trübten Aber raſch ſich aus ſeinen nur ſich ſelbſt heral ſetzenden Gedanken aufraffend, im Stillen mit dem Herzen das Schloß des Barons grüßend, von dem ſchon lange vernommen, daß er der ehemalige reiche Mann nicht mehr war, und allein an ſeine Liebe, an ſeine Mutter— o welches entzückende Bewußtſein, eine Mutter zu haben!— denkend, ſchritt er haſtig vorwärts, indem er ſich nach allen Seiten umſchaute, ob ihn auch Niemand vor der geeigneten Zeit ſehe und ſeine Ankunft verrathe. Endlich, wieder zaghafter ſchreitend, bog er um die Ecke, die nach der Brücke Emery Glandon. III. 26 40² führte und da— hatte er es vor ſich, was ihm ſeit Jahren der Inbegriff alles Lieblichen und Schönen auf Erden, aber auch das gefürchtete Schreckbild einer traurigen Vergangenheit und vielleicht nicht minder traurigen Zukunft geweſen war. Da, im Hintergrunde des mit Steinen gepflaſter⸗ ten Hofes, lag die Treppe, die er ſo oft mit heiterem Sinne betreten, da blinkten die Fenſter, von deren jedem er wußte, zu welchem Zimmer es gehörte, da, hier, rings um ihn herum ſtanden unter ihrer win⸗ terlichen Laſt die Bäume, in deren Schatten er ſo oft in traulichen Stunden mit Sophie gewandelt— ach, ) das Alles im Winter und unter der Bürde w enden Einpfindungen ſo kalt, öde und feliſan. Unheil verkündende Oede lag m in früheren Tagen ſo belebten Hofe— wie i dünkte ihm das lange, mächtige Haus, ſt die Farbe, die es einſt mit lebhafter Friſche ſchmückte, ſchien ihm verblichen, verwiſcht, als hätte die verſchönernde Hand des einſt ſo wohlhabenden Herrn ſich lange nicht für ſeine Wiederherſtellung auf⸗ gethan. Plötzlich hielt er inne im Vorwärtsſchreiten, denn er ſah oder glaubte den alten Valentin gebückten 403 Ganges aus dem Herrenflügel über den Hof ſchleichen zu ſehen. Ja, er war es wirklich, der treue Diener, der ihm früher ſo viel Gutes erwieſen, aber ach! wie ſah er ſo ganz verändert aus! Sein ſpärliches Haar war ſilberweiß geworden, ſeine Geſtalt, in abgetrage⸗ nen Kleidern hängend, war abgemagert und kleiner, ſein Schritt ein langſam ſchleichender geworden. Emery Glandon wollte rufen, um ihn auf ſich aufmerkſam zu machen, aber die Stimme erſtickte ihm in der Kehle. Dafür jedoch ließ ſein Hund, der ihm auch hierher gefolgt, ein knurrendes Gebelfer vernehmen, und augenblicklich wandte Valentin den Kopf, verwundert ſich umſchauend, welcher Fremde ſich dem einſamen Hofe in ſo trüber Zeit nähere. 8 Emery war ſtehen geblieben und winkte mit 16. 8 2 den Händen. Der Alte bemerkte es und kam oogleich auf ihn zu, der noch mitten unter den Bäumen i im Gartenparke ſtand.„Gott im Himmel! Herr Sohn!“ rief er ſchon von Weitem, als er ihn erkannte— „Sie ſind es und heute kommen Sie? O. mein Gott, was führt Sie an dieſem Unglückstage her?“ „Was für ein Unglückstag, Alter?“ fragte er er⸗ ſtaunt, indem er ihn ſchon bei beiden Händen gefaßt hielt. Aber da ſah er das Geſicht des treuen Die⸗ ners genauer an und erkannte es kaum wieder, denn 26* 404 es war von unausſprechlichem Grame tief gefurcht und von friſch vergoſſenen Thränen überſchwemmt, die einem ſo alten Manne immer das Gepräge eines unheilbaren und endloſen Schmerzes aufdrücken. „Valentin, ſprich, was giebt's? Warum ſagſt Du Unglückstag, und warum weinſt Du?“ „Ach, Herr Sohn, warum ſoll ich nicht weinen? Bei uns iſt ſchon lange das Elend eingekehrt, nach und nach, ſeitdem Sie fort waren, wie ich es voraus⸗ geſagt; Alles, Alles iſt endlich verloren und verſpielt — und heute Morgen, vor zwei Stunden, als ich in des gnädigen Herrn Zimmer trete, um ſeine Kleider u holen— was ſehe ich, Herr Sohn, zu meinem 1 chrecken, ſo daß mir noch die Kniee zittern? er li gt todt, todt und kalt in ſeinem Bett, und der Dorfarzt, den wir ſogleich geholt, hat erklärt, ihn habe der Schlag gerührt.“ 4 Sprachlos vor Schreck und Ueberraſchung, aber 3 ſogleich die ganze Reihenfolge neuer Ereigniſſe be⸗ denkend, die dieſer unerwartete und plötzlich erfolgte Todesfall nach ſich ziehen würde, ſtand Emery Glan⸗ don vor dem Alten und war nicht im Stande, ſeinen über ihn hereinſtürzenden Gefühlen Worte zu leihen. „Ach,“ fuhr Valentin fort,„und noch andere Ge⸗ heimniſſe giebt es, Herr Sohn, die ich noch Nieman⸗ dem geſagt, ſelbſt Herrn Werner nicht, der vor zwei Stunden auf einem Bauernwagen nach Neuſtadt ge⸗ fahren, um einen Arzt zu holen, was doch gewiß un⸗ nütze Mühe iſt, denn ſein Vater iſt todt, wie es nur ein Menſch ſein kann.“ „Welches Geheimniß, Alter? Sprich, foltere mich nicht!“ „Ach, Ihnen kann ich es wohl vertrauen, und ich erkenne es dankbar an, daß mir Gott wenigſtens Ei⸗ nen ſchickt, der mir rathen und dem ich meine Noth mittheilen kann. Sehen Sie hier— dieſen Zettel fand ich auf dem Tiſche des Barons— er hat ihn wahrſcheinlich vor'm Zubettgehen geſchrieben— und ich habe ihn heimlich zu mir geſteckt, um ihn bei paſſender Gelegenheit wieder an's Tageslicht zu bringen.“„ Emery Glandon nahm ihm den hingehaltenent und mit beinahe unleſerlichen Buchſtaben beſchriebenen Zet⸗ tel aus der Hand. Mit Mühe und nur langſum 3 entzifferte er folgende Worte: 2— „Mein Teſtament. Ich bin ein Bettler—.ih be⸗ „ſitze Nichts mehr auf der Welt. Ich fühle, ich ſterbe, „denn ſchon wird mein Herz kalt und ſteif. Aber ich „möchte gern als ein Mann ſterben, der noch im Tode „ſein Wort hält, das er im Leben dem— Engländer „gegeben, bei dem ich ſo eben geweſen bin. Ihm 406 „gehört Alles, was ich hinterlaſſe, meine Kinder und „— mein Weib. Er hat es redlich erworben und ſie „ſollen ihm folgen und gehorchen, was er auch mit „ihnen zu thun gedenkt. Er wird barmherzig ſein „und ſie nicht im Elend verlaſſen. Ich bereue und „ſterbe— das iſt Alles, was ich für ſie thun kann. Leopold, Baron von Haldrungen.“ Emery hob den Kopf von dem verhängnißvollen Zlatte in die Höhe und ſchaute erſtaunt den leiſe ſottweinenden Alten an.„Was heißt das?“ fragte 3 mee daß du ihn Künden bis i9 Dich dazu 8 auffordere. Aber noch Eins, Alter“— und Emery ſGoß ein Gedanke durch den Kopf, den er auf der Stelle zu verwirklichen beſchloß—„führe mich ſchnell in irgend ein Zimmer, wo mich Niemand ſieht und woo ich ſchreiben kann, ich habe ſchnell dem Lord eine Nachricht mitzutheilen.“ „Kommen Sie dort hinein— in meinem Zimmer iſt Alles, was Sie gebrauchen.“ Emery Glandon huſchte mit dem Alten die Treppe 407 hinauf, ohne daß ihn Jemand bemerkt hätte, ſetzte ſich ſchnell an einen Tiſch und ſchrieb folgende Zeilen an Lord Shorneliffe, denen er das Teſtament des Ba⸗ rons beiſchloß: „Mein Vater! Komm, o komme geſchwind, Du „biſt hier jetzt eben ſo nöthig wie ich. Auch Deine „Stunde hat geſchlagen und Gottes allmächtiger Fin⸗ „ger ſelbſt hat an die Glocke gerührt. Der Baron iſt „dieſe Nacht am Schlagfluß geſtorben und hat Dir „in ſeinem beiliegenden Teſtament ſein Weib und ſeine „Kinder vermacht. O komm und hilf mir— ich fühle „Glück und die Wonne zu tragen, die mir— und „hoffentlich auch Dir jetzt blühen wird.— „So, Valentin, da, da iſt ja eine Oblate— lauf gen des Lords wird in der Nähe halten. Gieb dem Diener den Brief und er ſoll ſo ſchnell nach downus⸗ Caſtle fahren, wie die Pferde laufen können, und den Brief dem Lord ſelbſt übergeben.“ Valentin ergriff haſtig den Brief— den weiten. den Emery Glandon mit dem Doggenkopf verſchloſſen 3 — und lief davon, während Emery, mit neuer Sorge beladen, aber auch von neuer Hoffnung gehoben, in den ihm ſo bekannten Damenflügel ſchritt und an „mich zu ſchwach, auf meinen Schultern allein dds ſchnell mit dieſem Briefe über die Brücke— der Wa 408 die Thür pochte, die ihm ſo oft als die Pforte des Paradieſes erſchienen war. Welche Feder beſchreibt das Erſtaunen, den freu⸗ digen Schreck und doch die damit gemiſchte Betrübniß, die ſich auf dem Geſichte Derer ausdrückte, die wei⸗ nend in dem ſtillen Zimmer der Baronin ſaßen, als Emery die Schwelle deſſelben überſchritt? Ein Aufſchrei aus zwei Herzen tönte ihm entgegen, unnd auf Sophie losſtürzend, die ihm zuerſt entgegen flog, preßte er ſie lange und innig an ſeine ſtürmiſch bewegte Bruſt. Dann aber ſich aus der Umſchlingung p brünſtig die Hand und, ſah ihr dann tief, tief in das thränenumſchleierte Auge Aber dies Auge blieb ungerrößnüich lange und verwundert an dem ſeinen hangen. Mit dem Schmerze, den ſie um ihr verödetes Daſein, und mit ihrer Freude, die ſie über Joſeph's Erſcheinen in dieſer traürigen Sttunde empfand, miſchte ſich ein gränzenloſes Er⸗ ſtaunen, denn Henriette von Haldrungen fühlte einen Stich durch ihr Herz zucken, als ſie von Neuem dieſes Antlitz ſah, wie ſie es in ähnlicher Weiſe, nur ſanfter gefühlt, wenn ſie früher mit Wohlgefallen auf den aangenehmen und doch ſo ernſten Zügen des jungen r H ißgeliebten löſend, trat er zur Baronin, küßte Mannes geweilt hatte. Denn dieſer Joſeph— das 409 war er ihr ja nur noch— war männlicher, ſtärker, ſtattlicher geworden, ſeitdem er von Brenkowitz ge⸗ ſchieden war und ein großes Stück der irdiſchen Welt geſehen hatte; in ſeinem Auge lag eine ſehnſuchts⸗ volle Innigkeit, eine tiefe Klarheit, gemiſcht mit einer beinahe hartnäckigen Entſchloſſenheit, wie alles dies einſt aus den Augen eines Anderen geleuchtet hatte, den ſie zwar lange nicht mehr geſehen, aber doch noch immer nicht in allen ſeinen Eigenthümlichkeiten ver⸗ geſſen konnte. Was war das? Was konnte dieſe Aehnlichkeit bedeuten? War ſie zufällig— oder wie? Wäre es möglich, daß das Klopfen des Herzens ein Geheimniß verriethe, dem die Lippe keinen Ausdruck zu geben wagte? Aber Emery Glandon, den fliegenden Gedanken⸗ gang der Baronin durch innere Eingebung errathend, ſuchte ſie davon abzuleiten und, um dies gründlich zu thun, ließ er ſich ſogleich neben ihr nieder und fing von dem zunächſt Liegenden, dem Tode des Ba⸗ rons zu ſprechen an. Einen großen Kummer, wie er uns nur um unſere innigſt Geliebten ergreift, wenn wir ſie unerwartet verloren haben, konnten die Baronin und Sophie über dieſen Todesfall, trotzdem er ihren Gatten und 410 Vater betraf, nicht empfinden, das war unter den ob⸗ waltenden Umſtänden unmöglich, denn ſchon lange waren Beide innerlich und äußerlich dem nachläſſigen Gatten und dem herzloſen Vater entfremdet, der ſelbſt zuerſt vergeſſen hatte, daß ihn Pflichten an ſein Haus und ſeine Familie banden; allein das ſchmerzliche Weh war doch vorhanden, welches jede menſchliche Bruſt heimſucht, wenn ein Mitglied des häuslichen Kreiſes aus dieſem Leben geſchieden iſt. „Warum ſind Sie ſo lange fern geblieben?“ fragte 4 die Baronin, als Emery endlich das Geſpräch von deem Jodten auf die Lebenden zurückleitete.„Sie wur⸗ den viel früher erwartet, und uns Allen iſt die Zeit lang geworden, bis wir Sie wiederſahen.“ Emery erzählte Dieſes und Jenes, wie es ihm in Gedanken kam, bald mit lebhaft ausbrechender th Sophiens roſiges Geſicht und ihre ſo ſchön ebildete Geſtalt betrachtend, bald aber in ſichtbare Zerſtreutheit verſinkend, weil er im Stillen die Zeit berechnete, die noch verfließen würde, bis Lord Shorn⸗ cliffe ſeinen Wunſch erfüllen und in den bevorſtehen⸗ den Enthüllungen ihn kräftig unterſtützen könnte. „Sophie,“ ſagte Emery endlich, der Geliebten ſee⸗ lenvoll in's Auge blickend,„Du weißt, wie ich Dich liebe und wie ich mich nach Dir geſehnt habe jeden 411 Augenblick, ſeitdem ich von Dir Abſchied nahm— dort am Bache, weißt Du es noch?— Aber, meine Theure, ich habe einen Wunſch, eine Bitte— erfülle mir dieſelbe— willſt Du?“ „Gern, mein Geliebter,“ erwiderte die hold er⸗ röthende Sophie, deren Reize Emery Glandon die Vollkommenheiten eines Engels geworden zu ſein ſchienen,„was wünſcheſt Du von mir? O wie glück⸗ lich bin ich, daß ich Dir wieder eine Bitte afüllen. kann!“ ſelber rufe. Geh' ſo lange auf Dein Zimmer, ich habe Wichtiges mit Deiner Mutter zu reden.“— Sophie öffnete, damit die Erfüllung ſeiner Bitte 4 beginnend, die Arme, drückte Emery innig an ſich, küßte ihn und ſagte:„Ich gehorche Dir. Lebe wohl, meine Mutter!“— So ſtand Emery Glandon endlich allein vor der Frau, der er ſein Leben verdankte, um ihr— wun⸗ derbar genug, daß es das Kind war, welches der Mutter dieſen Beweis liefern ſollte— dies Geheim⸗ . niß zu eröffnen; und ſo nahm er denn alle ſeine „So danke ich Dir herzlich. Laß jnich. 0 aß mich eine Stunde mit Deiner Mutter allein— eine volle Stunde, hörſt Du? Und ſollte es länger währen, ſo komme nicht eher wieder hierher, als bis ich Dich 412 männliche Kraft zuſammen, um ſein überſtrömendes Herz zu bemeiſtern, daß es nicht aus den Fugen weiche und überſprudele von Dem, was in ſeinem Innern gährte und kochte. Als Sophie das Zimmer verlaſſen hatte, blieb Emery, von der Thür zurückkehrend, bis wohin er ſie begleitet, mitten darin ſtehen, und inſtinktartig, von einem inneren Drange getrieben, ſtellte ſich die Baro⸗ nin ihm gegenüber, nicht wiſſend, was nun folgen ſolle, obgleich ſie die Ahnung hatte, daß es etwas Bedeutendes, Unerwartetes ſei. Und deshalb auch hlug ihr das Herz ſo heftig, daß die Wallungen ihres Buſens ſichtbar wurden, dieſes Buſens, an dem Emew Glandon, der⸗ Vater, ſo oft geruht und die Wonnen des Himmels ſchon auf Erden gekoſtet hatte. „Was wollen Sie mir ſagen, mein Freund,“ be⸗ gann die Baronin dieſes ſeltſame Geſpräch—„es kann nichts Trauriges oder Schmerzliches ſein, wenn ich der Miene Glauben ſchenke, die Ihr Geſicht zur Schau trägt. Aber dennoch zittere ich, denn in mei⸗ nem Innern wogt ein ſeltſames Gefühl, daß— daß, o! ich habe ſo viel Trübſeliges erfahren!“ Emery Glandon zog ſeine Uhr hervor— es wa⸗ ren etwa dreißig Minuten verfloſſen, ſeitdem der Wa⸗ gen vom Hofe nach dem Schloſſe des Vaters ab⸗ 413 gefahren war, und noch etwa zehn bis zwanzig Mi⸗ nuten hatte er vor ſich, eine lange Zeit, die Ungeduld ſeines Herzens zu bemeiſtern und einen Kampf zu führen, auf den er ſo wenig vorbereitet war. „Sie ſehen ſo bedeutungsvoll nach der Uhr— warum das?“ „Ich erwarte Jemanden, gnädige Frau, der mich hier zu unterſtützen verſprochen hat.“ „Zu unterſtützen? Mein Gott, hätten Sie mir gegen alle Erwartung doch etwas Unheilvolles mitzu⸗ theilen?“ „Auf Ehre nicht, nein! Sogar etwas ſehr, ſehr Heilvolles— ſo denke ich wenigſtens.“ 3„Sie ſprechen mit wunderbarem Ausdrucke und ich begreife Ihre feierliche Miene nicht.— Wen er⸗ warten Sie?“ „Einen Freund, gnädige Frau, der auch Ihnen einſt ein Freund war.“. „Mir ein Freund? Ich verſtehe Sie nicht— ganz und gar nicht. Ich— ich habe nur einen Freund im Leben gehabt und den— deckt das Grab.“ „Sie vergeſſen mich, Frau Baronin. Auch ich bin Ihr Freund geworden— ſo hoffe ich— und ich lebe!“ „Ja ſo, das iſt wahr, aber Sie ſind ja gegen⸗ 414 wärtig und ich meinte einen Abweſenden— einen Freund aus früherer Zeit.“ Emery griff nach ſeinem Herzen, das ungeſtümer zu pochen begann.„Beſinnen Sie ſich einmal,“ fuhr er langſamer und bedeutungsvoll fort—„erinnern Sie ſich vielleicht eines gewiſſen Thomas Morris?“ „Um Gotteswillen, Joſeph— der war nie mein Freund— aber wie kommen Sie auf ihn— Sie ängſtigen mich— erwarten Sie Den?“ „Nein, den kann ich nicht mehr erwarten, denn Thomas Morris iſt todt— ihn, ja ihn deckt wirklich das Grab.“ Ddie Baronin war in Folge ihrer Erregung, die 35 an den Namen Thomas Morris knüpfte, auf — 3 einen Stuhl geſunken, verbarg ihr Geſicht hinter einem 3 uche und ſchluchzte laut.„O Joſeph, Joſeph, woran erinnern Sie mich! Sie öffnen da gegen alle Erwar⸗ tung eine tiefe, noch immer blutende Wunde in mei⸗ nem Herzen— Thomas Morris war der Freund meines einzigen Jugendfreundes.“ „Ja, aber er war ein untreuer, ein falſcher, ver⸗ rätheriſcher Freund, der Sie belog und betrog, wie er auch jenen, Ihren und ſeinen Freund betrogen.“ „Joſeph!“ ſchrie die Baronin auf, ſprang empor und ſtand wieder vor dem jungen Mann, den ſie mit 415 den Augen einer verwundeten Löwin anſchaute.„Was — was ſagen Sie da?“ „Ich ſage die Wahrheit. Thomas Morris hat auch Sie auf eine ſchändliche Art belogen—“ „Worin, worin? Schnell, ſchnell!“ „Er hat Ihnen geſagt, Ihr Kind, Ihr Sohn ſei todt—“ „Allmächtiger! Er weiß es!“ ſchrie die unglück⸗ liche Frau und ſank auf die Kniee, das thränen⸗ ſchwere Auge im Gefühle ihrer Unſchuld zum Himmel emporhebend. „Aber er iſt nicht todt, wie Sie denken. Emery Glandon, Ihr Sohn— lebt!“ .„Er lebt— er lebt?“— Und wieder war ſie auf⸗ geſprungen, hatte ihn erfaßt, an das Licht des Fen⸗ ſters gezerrt und blickte ihm hier mit Gefühlen und einer durch ihr ganzes Weſen fluthenden Wonne in's Auge, die zu beſchreiben unmöglich iſt.„Wenn das wahr iſt, Joſeph— o ſprich— dann, o dann biſt Du— Du allein— mein Sohn!“ Und ihre Arme ſtreckten ſich ſchon begierig nach ſeinem Halſe aus, wie nur eine Mutter es thun kann, die ein verlorenes Kind wiedergefunden zu haben glaubt. „Ja, Mutter, ja, ich bin Dein Sohn, denn ich bin Emery Glandon ſelber.“ 416 Und auf einander losſtürzend, hatten ſich die bei⸗ den einſt ſo nahe Verbundenen und dann ſo lange Getrennten umſchlungen, und die Mutter ſchien in unendlicher Liebe den Sohn, das Kind ihrer einzigen Liebe, wieder mit ihrem Herzen vereinen zu wollen. Nach einiger Zeit verſuchte Emery ſich etwas aus der engen Umſchlingung zu löſen und horchte nach dem Fenſter hin— aber er hörte noch nichts. „Emery, mein Emery, mein Sohn, mein Sohn— DODu verbirgſt mir noch Etwas— Du biſt noch nicht ganz mein— o mein Gott— mich erfaßt eine furchtbare— o nein, nein, nein!— eine göttliche Ahnung!“ „ Laß Deine Ahnung reden, Mutter, laut, recht laut, laß ſie in Dein Herz flattern wie eine Taube, ddie vom Himmel kommt und Dir den Frieden bringt, ddeenn, denn— hörſt Du den Wagen auf den Steinen draußen rollen— ſagt Dir mein Auge nichts, Dein Herz nichts? O, Mutter— meine Lippen können es nicht.“ „Emery!“ gellte es laut aus ihrem Munde— „ſprich, was verbirgſt Du mir— ſag— ſtehen vielleicht alle Todten wieder auf?“ aober, jetzt nur Wenige von ihnen. Da— blicke auf „Einſt ſtehen ſie alle wieder auf, Mutter, jetzt dieſe Thür— durch ſie wird ſogleich ein Todtgeglaub⸗ ter, aber wieder Lebendiggewordener hereinſchreiten— gieb Acht— gieb Acht— Mit vorgebeugtem Oberkörper, laut nach Luft ringend, mit wogendem Buſen und faſt aus dem Kopfe ſpringenden Augen ſtand die von ihren Ge⸗ fühlen faſt übermächtig durchwühlte Frau da, denn ſie ahnte im klopfenden Herzen, wer— o wer durch dieſe Thür ſchreiten ſollte. „Wer? Wer?“ ſchrie ſie unaufhörlich dem Sohne zu. „Lord Shorneliffe iſt es— da iſt er ſchon!“ Auf flog die Thür und mit vor Aufregung blei⸗ chem Geſicht und fliegendem Athem ſüm der ehen Genannte ſelber herein. „Vater!“ rief Emery,„Vater, hier haſt Du un Mutter, die ſo lange Verlorene; Mutter, meine Mut⸗ er, hier haſt Du meinen Vater, den Dich endlos Liebenden!“ Dieſe Worte haſtig, ſtammelnd vor innerer Er⸗ ſchütterung, ausſtoßend, drückte er ſie Beide an ein⸗ ander, dann aber, den Kopf in die Hände verbergend, ſtürzte er fort, nach Sophiens Zimmer, um an ihrem Buſen die wunderbare Miſchung von Qual und Emery Glandon. III. 27 418 Wonne auszugießen, die ſein Herz bis zum Zerſprin⸗ gen überfüllte. Während einige Stunden ſpäter Werner von Hal⸗ drungen, ahnungslos, was in ſeiner Abweſenheit vor⸗ gefallen, ſich mit dem aus Neuſtadt herbeigeholten Arzte zu dem Todten begab, um hier zu erfahren, daß das Leben in dieſen gebrechlichen Leib nicht zu⸗ rückkehren könne, hatten ſich zwei lange für einander Geſtorbene wieder in's Leben zurückgefunden und klag⸗ teen ſich in zährenreichen Worten ihr gegenſeitiges Leid. Ach, das Schickſal hatte es wunderbar mit Beiden gefügt, indem es ihnen an demſelben Tage ſich ſelbſt und ihr Kind wiedergegeben, an dem Henriette Wittwe von einem Gatten geworden, der es nur dem Namen nach geweſen war. Dankbar die räthſelhaften Wege der Vorſehung preiſend, ſaßen ſie jetzt friedlich und ruhig neben einander, um lſich in das Neue, Un⸗ gewohnte zurückzufinden und mit geſammelter Faſſung den Kindern gegenüberzutreten, die ſchon nach wenigen Stunden Alles erfuhren, was ihnen bisher noch ver⸗ borgen geweſen war. Am meiſten von Allen war Werner betroffen, aber, trotzdem er ſo eben von ſeinem todten Vater gekommen 419 war, auf eine freudige Art, denn er konnte es nur als eine Segnung Gottes erkennen, daß er ihm in dem Augenblicke, wo er ihm das Eine genommen, mit voller Hand das Andere wieder gegeben hatte. Auch er ſchloß Emery Glandon wie einen Bruder an ſein Herz, der ihm im Geiſte ſchon lange ein ſolcher geweſen war. Von den nächſten drei Tagen nun, die bis zum Begräbniß des Barons verliefen, haben wir Wenig zu ſagen. Sie wurden in ſtiller Zurückgezogenheit und meiſt auf Brenkowitz verlebt, indem Lord Shorn⸗ tliffe täglich in den Morgenſtunden mit ſeinem Sohne und Rachel herüberkam, um bis zum Abend den ein⸗ ſamen Bewohnern des alten Schloſſes Geſellſchaft zu leiſten. Henriette hatte in dieſen drei Tagen mehr⸗ mals verſucht, ſich der Schweſter ihres verſtorbenen Mannes zu nähern, die keine Ahnung von den vor⸗ gefallenen Ereigniſſen hatte, denn es war Niemand im Schloſſe, der ihr Aufſchluß darüber gegeben hätte, da Jakobine, ihre Vertraute, mit keinem Menſchen ſonſt in Verbindung ſtand. Allein alle dieſe Be⸗ mühungen ſcheiterten an dem hochmüthiger denn je ſich geberdenden Weibe, das, ihre Zimmer hütend und ihre Beſitzthümer ordnend, ſich zum Abzuge nach i⸗ gend einem abgelegenen Orte rüſtete, da ſie wohl 420 vorausſetzen mochte, daß ihr längeres Verbleiben auf dem Gute nicht gut möglich war. Das Begräbniß aber fand am Morgen des drit⸗ ten Tages nach dem Ableben des Barons ſtatt und nur wenige Nachbarn hatten ſich dazu eingefunden, da ſie ſich, ſeitdem es in Brenkowitz nichts Gutes mehr zu eſſen und zu trinken gab, allmälig von dem düſteren Umgange des herabgekommenen Edelmanns zurückgezogen hatten. Als die männlichen Mitglieder der Familie vom Kirchhofe im Dorfe heimgekehrt waren, wo Rachel am Tage vorher noch einmal ihren guten alten Muſik⸗ lehrer, den Cantor Treumund, beſucht und reichlich beſchenkt, und nachdem die Fremden, die dem Trauer⸗ 3 zuge beigewohnt, das Schloß verlaſſen hatten, fand eine ernſte Berathung in den Gemächern der Baronin ſtatt. Lord Shorncliffe hatte das Gut kaufen und . dem Sohne des Verſtorbenen zurückerſtatten wollen, damit er eine Wohnung haboe, die er als ſein alleini⸗ ges Eigenthum betrachten könne, allein Werner hatte dieſes großmüthige Anerbieten dankbar abgelehnt, mit Recht darauf aufmerkſam machend, daß ſich zu viele trübe Erinnerungen an den abgelegenen Ort knüpften, als daß er ſich geneigt fühlen könne, künftig mit Ra⸗ chel darauf zu wohnen und glücklich zu ſein. So 1421 wurde es denn öffentlich zum Verkaufe ausgeboten und es fand ſich ſehr bald ein alter Edelmann, der es für eine ſehr mäßige Summe erſtand, womit ein Theil der darauf haftenden Schulden getilgt wurde, deren größeren Reſt Lord Shorneliffe freudig deckte. Am Nachmittag dieſes Tages endlich, als die Dämmerung ſchon leiſe über das Land herabſank, rüſtete man ſich zum ewigen Abſchiede von Brenko⸗ witz, der Keinem der Anweſenden ſchwer wurde. Lord. Shorncliffe, ſich wenig um das Gerede der Menſchen kümmernd, ſondern dem Gebote ſeines Herzens fol⸗ gend, war es ſelbſt, der die Wittwe des Barons, ſein rechtliches Erbe, an den Wagen führte. In einen zweiten ſtiegen Sophie, Rachel und Emery, während den dritten Valentin und die alte Doris einnahmen, die beide die einzigen dienſtbaren Perſonen waren, die es bei dem allmälig hereinbrechenden Verfalle der einſt ſo reichen Familie in Brenkowitz ausgehalten hatten. Ein vier⸗ ter Wagen endlich hielt noch auf dem Hofe, denn er ſollte Wernern nach Downs⸗ Caſtle bringen, der noch ein Geſpräch unter vier Augen mit ſeiner Tante füh⸗ ren wollte, wozu er ſich von derſelben durch Valentin eine Stunde hatte ausbitten laſſen. Werner, der einigen zurückbleibenden Arbeitern, die er als zuverläſſig kannte, die Sorge für den Hof und 422 die Verpackung und Ueberfahrt der Gegenſtände über⸗ trug, die am nächſten Tage nach dem Landſitze des Lords geſchafft werden ſollten, ſah ſeine Freunde und Verwandten mit leichtem Herzen vom Hofe abfahren, da er gewiß war, ihnen mit noch leichterem Gemüthe folgen zu können, wenn er ſeine letzte Schuldigkeit an der böſen Frau erfüllt, die er ſeine Tante nannte, eine Schuldigkeit, zu der ihm Lord Shorneliffe ſelbſt in ſeiner hochherzigen Weiſe die Wege gebahnt hatte. Werner hatte ſchon lange bevor die Wagen ſich entfernt, an einem Fenſter des Corridors, das nach deem Hofe hinaus lag, ſeine Tante und Jakobinen llauern geſehen, die ihm in ihren ſchwarzen Kleidungen und mit ihren vertrockneten böswilligen Geſichtern wie die böſen Dämonen erſchienen, denen das ver⸗ ddete Haus ſeiner Familie allein überlaſſen blieb. Als der letzte Wagen endlich über die Brücke gerollt war und Werner ſeine Anordnungen beendigt hatte, ſtieg er zum letzten⸗Mal die halb verfallene Steintreppe des Hofes hinan und begab ſich in das Zimmer des Fräu⸗ leins von Haldrungen. Err fand ſie wie eine trauernde Königin in allem ihr übrig gebliebenen Pompe, aber eben ſo ſtolz, ſo herrſchſüchtig, ſo hochmüthig, wie je eine ſolche nur ſein konnte, ſeiner warten, das ſcharfe Geſicht mit » 423 einem boshaften Lächeln auf ihn gerichtet und das Herz gleichſam mit Spitzfindigkeiten und Böswillig⸗ keiten vollgeſtopft, um auf dieſe Weiſe gepanzert dem letzten Abſchied eines der Ihrigen entgegenzutreten, da ſie ſich hartnäckig geweigert hatte, irgend einen der Uebrigen vor ihrer Abreiſe noch einmal zu ſprechen. „Guten Abend, Tante,“ begann Werner, der nach Allem, was an dieſem Tage geſchehen, ziemlich weich geſtimmt war, das Geſpräch.„Meine Mutter iſt mit meiner Schweſter von Brenkowitz abgereiſt und hat mir aufgetragen, Dir ihre letzten Grüße zu überbrin⸗ gen, da Du nicht geſonnen geweſen biſt, ſie nch ein⸗ mal bei Dir zu empfangen.“ Die alte Dame brummte Etwas vor ſich bin, das Werner nicht verſtand, obgleich er ſich die ungefähre Bedeutung an ihrer ſpöttiſchen Miene enträthſeln konnte. „Sie ſind jetzt Alle fort,“ redete er unbekümmert darum weiter,„und ich bin der Letzte, der zurückge⸗ blieben, um mit Dir das Nothwendige zu beſprechen.“ „Ich ſehe es, Herr Neffe, ich üöhe es. Was haſt Du mir zu ſagen?“ „Wie Du weißt, Tante, iſt mein Vater, Dein Bruder, in nicht beſonders günſtigen, ja ſogar ſehr ungünſtigen Vermögensverhältniſſen geſtorben—“ 424 „Schweig davon! Alles, was Du mir bis jetzt geſagt, war mir bekannt, ich erwarte nun endlich etwas Neues zu hören. An dem Ruin Deines Vaters habt Ihr Alle mitgearbeitet, denn ſelten wohl hat es einen Vater gegeben, der unwürdigere Kinder hinter⸗ laſſen, als mein Bruder. Werner, ſo milde er geſtimmt war, wich unwillig einen Schritt zurück vor der unholden Geſtalt, die dieſe ſo unwahre wie grobe Beſchuldigung abſichtlich mit einer biſſigen Miene vorbrachte.„So meinſt Du,“ ſagte er, indem er ſich noch beherrſchte,„aber Deine Meinung iſt ſtets in vielen Dingen, wenn nicht in allen, von der anderer Menſchen abgewichen, daher hat ſie für mich und Sophie wenig zu bedeu⸗ teen. Ich will auch jetzt nicht von meinem Vater und meiner Schweſter oder mir ſelber, ſondern ich will über Dich und Deine Zukunft mit Dir reden, und das iſt der Grund, weshalb ich Dich um dieſe Zu⸗ ſammenkunft erſuchen ließ.“ Frräulein Sibylle lachte grell und herzlos auf. „Ueber mich und meine Zukunft willſt Du reden? Da bin ich neugierig, was meine Ohren hören werden!“ „Du ſollſt nicht lange darauf warten. Doch ich 2u muß hier noch einmal der ungeordneten Verhältniſſe gedenken, in denen ſich unſer Vermögen befindet, und 425 wenn wir nicht einen reichen und eben ſo großmüthi⸗ gen Beſchützer gefunden hätten, würde es ſehr übel um uns Alle ſtehen.“ „Um Euch, um Euch, Herr Neffe, aber nicht um mich— das bitte ich mir aus. Wer iſt denn aber dieſer großmüthige Beſchützer, wenn ich fragen darf?“ „Es iſt Lord Shorncliffe, dem mein Vater meine Mutter, meine Schweſter und mich ſelbſt in ſeinem Teſtamente vermacht hat, als koſtbares Gut, wie der Lord ſelber mir tauſendfach verſichert und bewieſen hat.“ Die grauen Augen der alten Perſon nahmen bei der bereits eingebrochenen Dämmerung ein katzen⸗ artiges Leuchten an, als ſie dieſe unerwarteten Worte vernahm, und die Naſe aufwerfend und ihren zahn⸗ loſen Mund zu einer höhniſchen Grimaſſe verziehend, fragte ſie bitter und ſcharf:„Ein Teſtament? Hat denn mein Bruder ein Teſtament gemacht?“ „Ja,“ ſagte Werner ſtolz,„und was er zu ver⸗ erben hatte, das hat er dem Lord vererbt, weil er ihn als einen edlen und hochherzigen Mann kennen und achten gelernt hat. Dies Teſtament befindet ſich nun in meinen Händen, denn wie Du weißt, bin ich der einzige Sohn des Verblichenen, und ich werde es vollſtrecken, wie ich es muß. Dies Gut nun gehört jetzt mir und ich werde es in den nächſten Tagen 426 verkaufen. Du kannſt alſo nicht länger mehr darin verweilen.“ „Hoho!“ rief das ſchaamloſe Weib und wandte ſich voller Verachtung von ihrem edeldenkenden Nef⸗ fen ab. „Ich bin noch nicht zu Ende, Tante,“ fuhr er fort, „gedulde Dich noch ein Wenig. Der Lord hätte Dir gern ein Aſyl angeboten, aber da er weiß, wie ſchwer es Dir fällt, mit den Mitgliedern Deiner Familie in Einigkeit und Liebe zu verkehren, ſo hat er Dir die Wahl Deines Aufenthalts frei gelaſſen und Dir ein Jahrgeld ausgeſetzt, wovon Du anſtändig, das heißt Deinem Stande und Herkommen gemäß, leben kannſt, und dieſe geſetzlich vorhandene Verfügung wollte ich in dieſer Stunde in ſeinem Namen überreichen.“ Gedu d, Herr Neffe,— auch ich habe das Wort. errn Lord ſage zunächſt, daß er ſich nicht um den Aufenthalt zu bekümmern habe, den ich aus eigener Wahl treffen werde, und was ſeine viel⸗ gerühmte milde Barmherzigkeit anbelangt, ſo verlache ich ſie, denn eine geborene von Haldrungen iſt weder gewohnt noch geneigt, ein Almoſen von irgend einem hergelaufenen Narren anzunehmen.“ „Tante!“ „Neffe! Ich habe das Wort, ſage ich. Wenn ich 427 ſo verſchwenderiſch geweſen wäre, wie Ihr Alle, dann freilich wäre ich auch eben ſo arm wie Dein Vater und Ihr Alle, aber, Gott ſei Dank, das bin ich nicht geweſen; ich habe bei Zeiten an die Tage gedacht, von denen man zu ſagen pflegt, ſie gefallen mir nicht.“ „Da biſt Du ſehr weiſe und vorſichtig geweſen, und meinem Vater würde es noch im Grabe wohl⸗ thun, zu wiſſen, wenn er jetzt noch etwas wiſſen könnte, Du habeſt von den Trümmern ſeines Vermö⸗ gens wenigſtens ſo viel gerettet, um aus Deinem eigenen Säckel leben zu können.“ Dieſe mit leichtem Spotte geſprochenen Worte, die eine der Tante wohlbekannte Anſpielung enthielten, da man wohl wußte, wie ſie von jeher ihr Schäfchen in's Trockne zu bringen verſtanden, erbitterte die böſe Frau auf das Höchſte. Sie blickte den warm gewor⸗ denen Neffen hohnlachend an und wandte ihm dann verächtlich den Rücken. „Du ſchlägſt alſo das Anerbieten des Lords aus, Tante? 2“ 1 „Ich ſchlage es aus, ja, ja, ja, ich habe es ſchon einmal geſagt.“ „Gut, ich werde es nicht wieder vorbringen So wäre denn Alles zwiſchen uns abgemacht, falls Du mir nicht ſelbſt noch etwas zu ſagen hätteſt?“ 428 „Was ſoll ich Dir ſagen, Dir unwürdigem Sohne Deines Geſchlechts?“ „Warum nennſt Du mich unwürdig, Tante? Haſt Du Beweiſe dafür? Sprich ſie aus. Du kannſt mir Deine ganze Meinung ſagen, ſie beleidigt mich heute nicht und fernerhin auch nie mehr im Leben.“ „Hahaha! Das brauchſt Du mir nicht noch be⸗ ſonders zu ſagen. Ein Menſch, der ſo tief geſunken wie Du, der mit einer Judendirne davon läuft, iſt nicht werth, noch fernerhin ſich einen Sohn des Ba⸗ rons von Haldrungen zu nennen.“ „Nachel Schawai iſt eine Chriſtin!“ ſagte Werner 1 ruhig. aber mit kreideweißem Geſicht.“ „und Du biſt ein Geiger, nicht wahr?“ „Darin haſt Du Recht.“ „ So werde ich dahin zunächſt gehen, wo ich Dich als Bänkelſänger kann auftreten ſehen. Haha!“ „Das kannſt Du!“ Tante Sibylle ſtutzte über die Ruhe ihres ſo tief gefunkenen Neffen, denn er fing ihr damit an zu im⸗ poniren. „Du wirſt ſie auch heirathen?“ fuhr ſie fort.“ „Gewiß werde ich das. Ungefähr in einem Jahre, wenn wir von Italien zurückgekommen ſind, wohin wir uns nächſtens begeben werden.“ 429 „Meinetwegen nach Paläſtina, um die Gräber der Vorfahren Deiner„Gemahlin“ zu beſuchen.“ „Auch das wäre möglich. Ich kann Dir auch noch eine andere Freude bereiten, Tante. Deine Nichte So⸗ phie wird ſich ebenfalls vermählen.“ „Ha! Ich kann es mir ſchon denken— mit dem Muſikanten, der in dieſem Hauſe mein Dienſtbote war—“ „Mit demſelben, ganz recht. Nur mit dem Bemer⸗ ken von meiner Seite, daß dieſer Muſikante, dieſer Dein Dienſtbote, der Sohn des Lords Shorntliffe und der Erbe aller ſeiner Beſitzthümer iſt.“ Tante Sibylle ſchaute auf, wie wenn ihr Jemand geſagt: Sieh Dich vor, der Mond fällt vom Him⸗ mel! Der Verſtand ſchien ihr bei dieſer Mittheilung ſtill zu ſtehen, ſie riß die Augen weit auf und konnte anfangs kein Wort hervorbringen.„Sein Sohn?“ ſagte ſie endlich mit halb gebrochenem Tone. „Sein Sohn, ja! Und“— hier erlaubte ſich Wer⸗ ner, dem dieſe Wirkung ſeiner Mittheilung ſeine ganze heitere Ruhe wiedergegeben, einen kleinen Scherz mit der guten Tante, um ſie vollkommen außer Faſſung zu bringen—„und wir haben das Alle ſchon lange gewußt und hätten es auch Dir mitgetheilt, wenn Du nicht von Anfang an eine ſo ſeltſame Abneigung ge⸗ 430 gen dieſen edlen jungen Mann an den Tag gelegt hätteſt.“ „Sein Sohn?“ lallte die verblüffte Dame. „Ja, ja, ſein Sohn— und er hat ihn ſelbſt un⸗ ter fremdem Namen in unſer Haus gebracht, um uns Allen eine Ehre anzuthun und das letzte Unglück, was er in ſeiner Weisheit vorhergeſehn, durch ein großes Glück auszugleichen.“ Die Tante neigte das Haupt— ſie war vollſtän⸗ dig beſiegt. O, o, wer Das hätte ahnen können, mochte ſie denken, dann wäre vielleicht Alles anders geeworden! Aber jetzt kam dieſer Gedanke, wie ſo viele gute Gedanken, zu ſpät, und da ſie das erkannte, wußte ſie ſich nicht anders, als mit ihrem alten Trotze und Eigenſinn zu helfen. IWer es glaubt!“ ſagte ſie beißend, und warf ſchnippiſch wie eine alte Kokette den Kopf in die Höhe.„Wer es glaubt— ich laſſe mir nichts weiß machen.“ So glaube es nicht, mir iſt es einerlei. Ich bin jetzt mit meinen Anträgen und Mittheilungen zu Ende. Haſt Du mir ſonſt noch Etwas zu ſagen?“ „Daß ich nicht wüßte— wir ſind geſchiedene Leute.“ „Wie Du willſt— lebe wohl Tante!“ 431 „Ich empfehle mich!“. „Soll das unſer Abſchied für's Leben ſein?“ „Ja, Herr Neffe!“ „Du willſt es— ich wünſche Dir dennoch Got⸗ tes Segen und daß Dir die Reue nicht zu ſpät in's Herz komme. Adieu!“— Mit ſtolzem Kopfnicken, faſt ohne alle äußerliche und innerliche Regung, entließ ſie den jungen Mann, der kopfſchüttelnd und aufgeregt, aber dennoch be⸗ ruhigt, als wenn ihm ein drückender Stein vom Her⸗ zen gefallen wäre, die Treppe hinabſtieg, ſich in ſeinen Wagen ſetzte und ohne Reue, beinahe ohne Schmerz, das düſtere Gemäuer verließ, welches ſein Vater ſein Eigenthum genannt hatte.„* Vierzehntes Anpitel. Drei glückliche Paare. Als Werner nach Downs⸗Caſtle kam, fand er aalle ſeine Lieben im Bibliothekzimmer des Lords ver⸗ ſammelt, in feierlich ernſter Stimmung und Unterhal⸗ tung, wie es der bedeutungsvolle Tag mit ſich brachte. 5 ch weitere drei ernſte Tage verfloſſen in unge⸗ örtem Nachdenken und ſtiller Ueberlegung, da erſt, an einem ſonnigen Januartage, kehrte zum erſten Mal das Lächeln auf das ſanfte Geſicht der ſchönen Wittwe zurück. Vom Lord geführt, von ihren Kindern be⸗ gleitet, wie ſie ſie gleich jenem ſämmtlich nannte, durchwandelte ſie nun das prächtige Schloß, betrachtete alle ſeine mannigfachen Schätze und begab ſich dann in den Park hinab, um zum erſten Male wieder Got⸗ tes freien Athem mit aufgeheiterter Bruſt einzuſau⸗ gen. Ach, wie war da Alles in ihr und um ſie 433. anders geworden, wie hatte die ſicht⸗ und unſichtbare Welt eine andere Geſtalt, einen anderen Inhalt ge⸗ wonnen, wie hatte die winterliche Erde um ſie her ſchon in der Vorahnung ihres Geiſtes ſich in ein früh⸗ lingsartiges Gewand gehüllt! Alles, was vorher trübe, nebelig, düſter geweſen, war jetzt klar, heiter geworden, die Nacht war dem Lichte des glänzendſten Tages, der dhine der ewigen Freude gewichen. Die wüſte Ein⸗ „durch die ſie bis jetzt nur in der traurigen Er⸗ hannhe des verlorenen Paradieſes gewandelt, war ein belebtes Eden geworden, in dem ſchon vorzeitig die Blumen der Hoffnung ſproßten, Freudenquellen rieſelten und der Geſang der Bewohner der Lüfte in ſüßen Melodieen ertönte. Wie neu geboren und zum erſten Mal in ihrem thränenreichen Leben des reinen Sonnentages Licht mit Wonnegefühlen genießend, ſchritt ſie jetzt mit erhobenem Haupte dahin, und der ganze edle Stolz ihres Herzens— ſtolz allein im Be⸗ wußtſein ihrer Lirbe— und die Friſche ihrer Jugend erwachten zum zweiten Male, wenn ſie den glückſelig lächelnden, mehr ſchweigſamen als redſeligen Emery Shorncliffe ſah, der ſie mit leuchtenden Augen und der zarteſten Aufmerkſamkeit eines zum erſten Mal liebenden Jünglings, der ſich in die Reife und Würde des Mannes gekleidet, auf allen Schritten begleitete, Emery Glandon. III. 28 434 den jungen ihm nachfolgenden Leuten ein Beiſpiel gebend, wie man ein geliebtes Weib zart, innig und eines edlen Mannes würdig behandeln müſſe. Denn zart und innig war das Benehmen des Lords durch und durch, ohne es hörbar durch Worte anzuzeigen, aber ſichtbar durch ſeine Handlungen es an den Tag legend. Seitdem Henriette ſein ſchönes Schloß bewohnte und nicht ihr Wille, nur ihr Wunſch, ihre Bitte darin waltete, hatte er ſeine Wohnung auf ſeine Yacht verlegt, damit die Kinder und Diener ſä⸗ hen, welche hohe Achtung er vor der Dams fomes Herzens bewahrte. Da die See innerhalb der Dünen mit feſtem Eiſe belegt war, ſo hatte er nach der Anker⸗ ſtelle des Britain hin eine Waſſerſtraße durch daſſelbe haauen und zu bequemer Fahrt bei Tag und Nacht offen erhalten laſſen. Auf dieſer Waſſerſtraße fuhr 5 ihn jeden Morgen und jeden Abend ein kleines Boot, wwenn er vom Schiffe auf das Schloß kam oder von ddieſem zu jenem ging. Auf ſeine Bitte hatte Hen⸗ riette, von deren Fenſter aus man das ſchmucke Fahr⸗ zeug wahrnehmen konnte, da es demſelben gerade gegenüber lag, Nachts ein Licht brennen müſſen, da⸗ mit er zu jeder Stunde von ſeinem Lager aus den Ort vor Augen habe, wo ſie, die Einzige, die je die Seine geweſen, athme, lebe und liebe, denn daß ſie 435 ihn wie früher, und vielleicht noch mit gereifterer In⸗ nigkeit liebte, o, das wußte er, wie kein Mann es je von dem Weibe ſeiner Liebe wußte. Morgens dann, wenn er das Schloß betrat und ſeine Bibliothek aufſuchte, war er gewiß, Henrietten ſchon ſeiner wartend darin zu finden, und dann blieb er in ihrer Nähe den ganzen Tag, nur dann und wann mit den Anderen ſich beſchäftigend, die ja auch mit und für einander genug zu thun hatten. Erſt nachdem ſie ſo mehrere Tage in ungeſtörter und trau⸗ licher Ruhe gelebt hatten, ſtellte ſich das frühere Trei⸗ ben und Genießen wieder her, die Muſik trat allmä⸗ lig in ihre Rechte ein, und der Flügel, die Violine und das Cello ließen wie ehemals ihre melodiſchen Klänge erſchallen. Ein ſolches Stillleben, durch geiſtigen Genuß und Austauſch nach allen Seiten hin die reinſte Freude ſpendend und die trübe Vergangenheit ganz mit der heiterſten Gegenwart bedeckend, war einem wonnigen Rauſche zu vergleichen, der das Bewußtſein und die Herrſchaft der Vernunft nicht ausſchließt, aber mit gehobneren Gefühlen, mit geſteigerten Empfindungen des Lebens Köſtlichſtes zur Anſchauung bringt und das Leben hier auf Erden ſchon dem eines göttlichen Daſeins ähnlich macht. O, wer in dieſen ſeligen 28* 2 436 Tagen Sophiens liebreizendes Geſicht, Rachel's ſchim⸗ mernde Augen und Henriettens ſeelenvolles Lächeln ſah, der wußte, daß ſie alle Drei vollkommen glücklich waren, und daß die Männer, denen ſie ihre Neigung geſchenkt, dieſelbe auf alle Weiſe verdienten. Und als nun im Gewoge des ſo ſchnell vorwärts rückenden Lebens erſt Wochen vergangen waren, das trübe Ereigniß des zuletzt geſchilderten Tages mehr und mehr der Vergangenheit anheimfiel, da ließ ſich das fröhliche Lachen der ſcherzenden Frauen von Zim⸗ mer zu Zimmer hören, die alle ſo glänzend geſchmückt, ſo traulich ausgeſtattet und behaglich erwärmt waren; und die Freude des Lebens hatte wieder einen Klang und die Luſt des Herzens wieder einen Ausdruck ge⸗ wonnen. Da hätte man den alten William Baxton ſehen ſollen, wie er ſtill in ſich hinein lächelnd dies herrliche Leben beſchaute, von dem er bisher keinen Begriff ge⸗ habt hatte; da hätte man ſeine Freude mitfühlen ſol⸗ len, daß ſein Herr und alle die Seinen nun doch end⸗ lich glücklich geworden, und daß die Tage der Wonne gekommen waren. Und Valentin, Harry und Francis Poweril, wie waren ſie Alle ſelber ſo glücklich über die neuen Verwandtſchaftsbande, die ihnen bald mit⸗ getheilt wurden, denn einen guten Diener erfreut und 437 belebt ja das Wohl ſeiner Herrſchaft wie das eigene, und Keiner war unter ihnen, der nicht den herzlichſten Antheil an Allem und Jedem genommen hätte, was zu jeder Stunde des Tages in den weiten Räumen des Schloſſes vorfiel. Acht Wochen etwa waren den Glücklichen ſchon auf die eben geſchilderte Weiſe verſtrichen, als Lord Shorncliffe einen Vorſchlag machte, dem alle Seini⸗ gen aus ganzem Herzen beiſtimmten. „Laßt uns das nächſte Jahr auf einer Reiſe ver⸗ leben,“ ſagte er eines Abends,„die Schönheiten dieſer Erde und der Reiz, den die Abwechſelung von Men⸗ ſchen, Städten und Gegenden hewvorbringt, wäſcht aus unſern Gemüthern am ſchnellſten die Erinnerung an böſe Tage hinweg. Wir wollen durch die Schweiz nach Italien wandern, und wenn wir uns dort unter dem ſonnigen Himmel des milden Südens erquickt und aufgerichtet haben, dann wollen wir in unſre Heimat zurückkehren und das Leben von Neuem be⸗ ginnen, wie es unſer Aller Wunſch und Hoffnung iſt.“ So wurden denn raſch die Vorbereitungen zu die⸗ ſer großen Reiſe getroffen, und acht Tage ſpäter ſchon waren William Baxton, Valentin und einige ältere 438 Diener die alleinigen Bewohner von Downs⸗Caſtle, da die jüngeren ihre Herrſchaft in die Ferne be⸗ gleiteten. In drei großen und bequemen Wagen ward dieſe Erheiterungsreiſe angetreten, und in Berlin, dann in Dresden und Wien raſteten die Glücklichen zuerſt. Von einer öffentlichen Darlegung der Kunſt Rachel's und Werner's war jetzt keine Rede mehr, wohl aber ließen ſie ſich oft in Kreiſen hören, in denen der Lord heimiſch war, und ärndteten den wohlverdienten Bei⸗ fall ein, der ihnen jetzt nirgends mehr verſagt wurde. Von Wien aus begaben ſich unſre Freunde durch die Schweiz; in Venedig hielten ſie ſich längere Zeit auf, denn das Leben daſelbſt hatte auch für ſie ſehr große Reize. Von Venedig gingen ſie nach Rom, und nachdem ſie hier ihr Herz an den Wundern der Kunſt und den Schätzen des Alterthums geſättigt, ſie⸗ delten ſie ſich am Fuß des Veſuv's an, um den be⸗ vorſtehenden Winter in der gemächlichſten Ruhe zu verleben. Alrs aber das Trauerjahr ſein Ende erreichte, be⸗ ſtiegen ſie ein engliſches Schiff und ſegelten über das mittelländiſche Meer nach Marſeille; von hier aus, gingen ſie über Paris nach Calais, wo des Lords Yacht unterdeſſen eingetroffen und zu dem feierlichen 439 Akte, der darauf vorgenommen werden ſollte, einge⸗ richtet und geſchmückt war. Alle wußten, was ihnen hier bevorſtand, und ſo betraten ſie mit dankerhobenem und liebeglühendem Herzen das Deck des ſchönen Schiffes, das ſie ja Alle als engliſchen Grund und Boden betrachten konnten. Ein engliſcher Geiſtlicher, von dem Lord zu der feier— lichen Handlung nach Calais beſchieden, war von einem der Güter deſſelben in England eingetroffen, und auch William Baxton und Valentin waren mit dem Bri⸗ tain von der Oſtſee angelangt, um Zeugen des feſt⸗ lichen Vorganges zu ſein. Als die drei glücklichen Paare in der großen Ka⸗ jüte des Britain den prieſterlichen Segen empfangen hatten, das einzige Gut auf Erden, das ihnen, ſchon ſo reich ausgeſtattet an Liebe und Einigkeit, noch vorbehalten war, da begrüßten und beglückwünſchten ſie ſich gegenſeitig, und nahmen dann auf eine Weile von einander Abſchied, um, jedes Paar für ſich, eine Zeit lang ihrem Glücke und dem köſtlichſten Frieden auf Erden zu leben. Während Lord Shorneliffe ſelbſt mit Henrietten auf ſeiner NYacht nach Dover überſetzte, um einige Wochen in ſtiller Zurückgezogenheit auf Tawer⸗ Hall zuzubringen, und Werner und Rachel in einer kleinen Villa an der Küſte des Canals in der Nähe von Calais blieben, reiſte Emery Glandon mit ſeiner jungen Gattin nach der Oſtſee zurück, um dort die Penaten des väterlichen Heerdes zu hüten und in ihrem ſchönen Schloſſe am heimatlichen Strande jene Tage verfließen zu laſſen, von denen der Dichter ſagt, daß ſie der Vorgeſchmack eines göttlichen Lebens ſeien. Es war am Ende Januars des folgenden Jah⸗ res, als ein herrlicher Tag über dem baltiſchen Meere und den daſſelbe begränzenden Geſtaden aufging. Die Sonne lächelte auf Land und Meer herab, und die Luft, obgleich winterlich kalt, war doch klar und durch⸗ ſichtig und von jener lebendigen Friſche durchwürzt, die eben ſo den Geiſt wie den Körper ermuthigt und kräftigt. Der ganze Tag verfloß ohne Wind und Wolkenzug, und die Sonne funkelte am ſpäten Nach⸗ mittag noch ſo golden und freundlich wie am frühen Morgen. Zwiſchen den Dünen am Strande der See, dicht am Fuße der hohen Tannen, an deren weſtlichem Flü⸗ gel das mit ſeinen Spiegelfenſtern weithin ſchim⸗ mernde Downs⸗Caſtle lag, glänzte eine blitzende Eis⸗ fläche, auf der ſich zwei muntere Paare auf Schlitt⸗ ſchuhen tummelten. In kurze Sammtpelze gekleidet, 441 ſich Hand an Hand haltend, wiegten ſie ſich auf der ebenen Bahn hin und her, denn Sophie und Rachel ſowohl wie Emery Glandon und Werner von Hald⸗ rungen beherrſchten vollkommen mit ihrer ſchon früher erlernten Kunſt jenen ſeltſamen Kryſtall, welcher zwei verſchiedene Elemente in einer Geſtalt darſtellt. Vergeblich ſtanden einige rüſtige Diener, unter de⸗ nen wir Francis Poweril bemerken, mit ihren Schlit⸗ ten zum Wettlaufe gerüſtet, am Strande und erwar⸗. teten die jungen Herrſchaften, um ſie hin und her auf dem großen Eisfelde zu fahren, die jungen Leute bedurften ihrer nicht und, von dem treuen Hektor um⸗ ſprungen, der bald zu dieſem, bald zu jenem Paare jagte und ſie mit freudigem Bellen umkreiſte, fuhren ſie mit Blitzesſchnelle dahin, näherten und entfernten ſich, aber immer wieder kehrten Die, die zu einander gehörten, Seite an Seite zurück. So war ihnen in fröhlicher Luſt der Nachmittag verflogen, die im Winter ſo ſchnell ihr Tagewerk voll⸗ endende Sonne hatte ſich tiefer geſenkt und die glän⸗ zende Fläche, auf der ſie ſich unermüdet tummelten, bereits verlaſſen— ſie aber merkten es nicht, denn ſcherzend und lachend fanden ſie ein unendliches Be⸗ hagen daran, ſich zu haſchen, um immer wieder von Neuem das Glück zu genießen, ſich abermals zu er⸗ 442 greifen und in der belebenden Winterluft innig an einander zu ſchmiegen. Da ſchnallte ſich einer der am Ufer harrenden Die⸗ ner die Schlittſchuhe los und lief raſch in das Schloß hinauf. Einige Minuten ſpäter kehrte er mit einem alten, in Pelzen wohlverwahrten Herrn zurück, der ſich ſogleich in einen Schilten ſetzte und zu den lebens⸗ luſtigen Paaren fahren ließ. Es war William Barx⸗ ton, der es für die höchſte Zeit hielt, ſeine unzweifel⸗ hafte Autorität bei den jungen Leuten geltend zu machen. Als dieſe den Schlitten eilfertig herangleiten ſa⸗ hen, kamen ſie ihm raſch näher gelaufen, und da ſie den guten Alten erkannten, erhoben ſie ein Jubel⸗ geſchrei, in dem irrthümlichen Glauben, er wolle end⸗ lich ſelbſt an dem Vergnügen Theil nehmen, dem ſie ſich ſo unerſättlich überließen. Am wenigſten hatten ſie daher jetzt eine Straf⸗ oder Warnungspredigt er⸗ wartet, und ſo waren ſie ſehr erſtaunt, als der Alte ſogleich ernſtlich zu reden begann. „Meine jungen Herrſchaften,“ ſagte er,„Francis hat mich aus meiner warmen Stube herbeigeholt, um Ihrem Vergnügen ein Ende zu machen, und es war Zeit dazu, ich ſehe es. Sie haben ſich nun lange ge⸗ nug gewiegt und gewippt, jetzt folgen Sie mir in das Schloß zurück, das Muſikzimmer iſt warm und erwartet Sie ſehnlichſt.“ „O nein, nein, noch nicht!“ erſcholl es da von vier friſch angehauchten Lippen. „Und doch, ich muß darauf beſtehn,“ fuhr der der Alte dringender fort.„Francis hat mir geſagt, das Wetter ändere ſich gegen Abend, und der Wind, der dort ſchon in den Tannen und Buchen rauſcht, werde ſich verſtärken und die Wellen werden kommen und ſich über das Eis ergießen und es zerſplittern wie Glas. Wollen Sie dies ſo häufige Ereigniß hier auf dem Eiſe erwarten? Ich denke nicht.“ Emery und Werner erhoben die Augen und forſch⸗ ten rings nach allen vier Weltgegenden. Der Himmel über ihnen war allerdings noch klar, ein einzelner Stern blinkte ſogar ſchon über den brauſenden Wipfeln der Bäume her, aber von Weſten zogen bereits weiße leichte Sturmwölkchen heran, als Vorboten des Wit⸗ terungswechſels, der in der That nahe bevorſtand. „Sie haben Recht, Baxton,“ ſagte der vorſichtige Emery,„dort unten kommt eine Böe herauf, ſo ſcheint es mir wenigſtens. Vorwärts denn, Ihr Lieben, nach dem Ufer! Sophie, gieb mir Deine Hand, und Rachel, folge Deinem alten Mentor, wenn Dein neuer ſich widerſpenſtig zeigt.“ 444 Aber ſchon hatte dieſer neue Mentor ſeinen Antheil ergriffen, und, den rechten Arm um ihre Hüfte legend, wogte er mit ihr dem Ufer zu, wo ſich die Diener ſo⸗ gleich bereit zeigten, die Riemen ihrer Schlittſchuhe zu löſen und die Damen, deren Füße erſtarrt waren, auf Schlitten zum Schloſſe hinaufzufahren. So waren ſie denn bald Alle im Muſikzimmer vereinigt, wo die hellen Flammen traulich im Kamin kniſterten und jene behagliche Wärme verbreiteten, die Denen, die ſich lange in freier Luft bewegt, eine ſo große Wohlthat iſt. Bevor ſie ſich jedoch der Muſik überliefern konn⸗ ten, mußten ſie ſich noch einige Zeit gedulden; ihre erſtarrten Glieder entbehrten der elaſtiſchen Geſchmei⸗ digkeit, die nur die Wärme giebt, und ſo ließen ſie ſich gern von dem alten Valentin bereden, und bega⸗ ben ſich zuerſt in den Theeſaal, wo Alles zu ihrem Empfange bereit ſtand. Nachdem ſie ſich hier unter munterem Geplauder geſtärkt und erwärmt hatten, kehrten ſie in das Mu⸗ ſikzimmer zurück, wo Sophie ſich in einen bequemen Seſſel niederließ und ſcherzhaft ihr Orcheſter auffor⸗ derte, ihr einen Ohrenſchmaus zu geben, über den ſie zu Gericht ſitzen wolle. „Wer ſoll zuerſt ſpielen?“ fragte Emery, der ſchon ſein Cello zur Hand hatte und es zu ſtimmen begann. „Ihr ſpielt Alle zuſammen, ſo ſtört mich Niemand im Zuhören,“ ſcherzte Sophie, einen ſeligen Blick mit ihrem jungen Gatten austauſchend, der ſie ſo wohl ¹ 3 4 4 verſtand. „So wollen wir denn mit Mendelsſohn beginnen,“ ſagte Rachel,„raſch alſo die B⸗Dur⸗Sonate vor⸗ genommen, die wir ſo oft in Brenkowitz geſpielt haben.“ Und ſogleich rauſchten die herrlichen Töne zur ge⸗ wölbten Decke des Muſikſaales empor und Sophie war ſo ſehr Ohr und Gefühl, daß ſie Schiedsrichter zu ſein vergaß. In der That hätte ſie auch wenig zu tadeln gefunden, wenn es nicht das Angeſicht ihres Mannes war, das mehr ihre Augen als die Noten aufſuchte, die er überdieß auswendig wußte. Als das feurige und ausdrucksvolle Finale der Sonate verklungen war, ſetzte ſich Emery in Sophiens Nähe und überließ Rachel und Werner allein den Vor⸗ trag. Dieſe einigten ſich bald über ihre fernere Wahl und trugen eben ſo zart wie gewandt eins jener be⸗ zaubernden Muſikſtücke vor, die uns Ludwig von Beethoven in ſo reicher Fülle geſchaffen hat. Beide Spieler zeigten ſich in Wahrheit vollendet in ihrer 446 Art, obwohl Rachel behauptete, daß Werner ſeine Kraft als Gebieter zu ſehr an den Tag lege, um mit ſeinem ohnehin herrſchſüchtigen Inſtrumente ihren ſanf⸗ teren Flügel zu übertönen. Während die unermüdlichen Spieler ein neues Concertſtück zum Vortrag auswählten, erhoben ſich Emery und Sophie und traten in die Fenſterniſche des nebenanliegenden Bibliothekzimmers, von der aus Lord Shorncliffe an jenem glücklichen Neujahrsmorgen hinabſchaute, als Rachel bei ihm eintrat und durch das goldene Medaillon ihn auf die Spur ſeines Soh⸗ nes brachte. Da ſtanden ſie nun an dem breiten Fenſter und blickten über die vor ihnen liegende weite Fläche der See und das nächtliche Himmelsgewölbe hin. Aber die See bildete in dieſem Augenblick keine ruhige Fläche, denn der Weſtwind, den Francis vorausgeſagt, war auf ſeinen gewaltigen Fittichen herbeigeeilt, hatte die Wogen des Meeres vor ſich aufgethürmt und damit die ſchöne Eisbahn längſt überfluthet, die an demſelben Nachmittag noch zur Beluſtigung der jungen Ehepaare gedient hatte. „Sieh,“ ſagte Emery, indem er ſeinen Arm um Sophien ſchlang, die ihren ſchönen blonden Lockenkopf an ſeine Bruſt lehnte,„ſieh, wo unſre Luſt geblieben iſt. Wir thaten wohl, des alten Baxton's Rathe zu folgen und hätten leicht von Wind und Wellengeheul überraſcht werden können. Doch, wir ſind ja glücklich geborgen und in wenigen Tagen werden wir wieder Eis und eine glatte Bahn haben— aber wohin ſiehſt Du, meine Liebe?“ 4 ſeiner jungen Gattin und ſah, wie ſie das ihrige ge⸗ gen den Himmel emporgerichtet hielt, deſſen Sterne zu verwehen der Wind keine Macht„gehabt hatte, denn das nächtliche Firmament glänzte in der herein⸗ gebrochenen Nacht licht und blau, und alle Geſtirne waren ſichtbar geblieben, die an dieſer Stelle deſſelben ihren Standpunkt haben. Sophie hob die Rechte langſam empor und zeigte mit einem beredten Ausdruck ihres lieblichen Geſichts darauf hin, ſo daß ſie Emery ſogleich verſtand. „Ja,“ ſagte er,„da ſind ſie wieder, wie wir ſie auch damals betrachteten, als wir auf ſo unerwartete Weiſe in unſerm Liebesgeflüſter unterbrochen wurden. O ja, ſie ſind wieder da, wie ſie immer da ſind, wenn unſre Augen nur ſtark und hell genug wären, ihren Glanz aufzufinden. O Sophie, woran erinnern mich dieſe Sterne!“ „Sie haben uns doch nicht betrogen, Emery, mein ſüßer Emery, obgleich wir es anfangs ſo aufnahmen; Emery wandte ſein ſtrahlendes Auge auf das 448 aber man muß immer erſt das Ende eines Ereigniſſes abwarten und es nicht voreilig nach ſeinem Anfange beurtheilen. Jetzt können wir dreiſt von jenem gnä⸗ digen Vater ſprechen, der über unſre Liebe dort dro⸗ ben zu Gericht ſitzen und ſie nicht als ein Vergehen, ſondern als eine Naturnothwendigkeit beurtheilen wird, die er ſelbſt in's Leben gerufen. Nicht wahr, Emery, ſagteſt Du damals nicht ſo?“ „Gewiß, Sophie, wenigſtens etwas Aehnliches; aber auch Dein Vater hat ſchon die Herrlichkeit Got⸗ tes geſchaut und ſeine väterliche Güte und Weisheit erkannt, und auch er wird vielleicht jetzt eingeſehen haben, daß es kein Unglück war, uns unſre Liebe zu geſtatten, ſelbſt wenn ich nicht Emery Glandon, ſon⸗ dern für alle Zeit Joſeph Sohn geblieben wäre.“ „Ich bin ganz Deiner Meinung und bedaure nur an meinem Vater, wie an ſo vielen andren Menſchen, daß ihre Einſicht erſt dann eintritt, wenn ſie ihnen ſelbſt nichts mehr nützen kann. Doch— laß uns von dieſem Geſpräche abbrechen, ich wollte es eigentlich nicht dahin gebracht ſehen.— Höre, wie ſchön Rachel. ſpielt— ſie ſingt beinahe mit ihren Tönen, und Wer⸗ ner ſteht entzückt daneben und betrachtet ſein kleines Wunderkind, wie er ſie nennt, mit einem faſt an⸗ dächtigen Staunen.“— —— 449 Beide hatten ſich aus der Niſche vorgebeugt und ſchauten durch die zurückgeſchlagenen Vorhänge in das Nebenzimmer, wo Rachel am Flügel ſaß und ein Schu⸗ bert'ſches Lied hören ließ, Werner aber mit gefalteten Händen neben ihr ſtand und ihren Fingern mit Be⸗ geiſterung folgte, die wie Elfenſchwingen über die Taſten flogen und die göttlichen Töne heraufbeſchwo⸗ ren, die ſeine Bruſt erbeben ließen. Emery und Sophie wollten eben in das Neben⸗ zimmer langſam vorſchreiten, als ſie ein in nicht all⸗ zuweiter Ferne abgefeuerter Kanonenſchuß unterbrach, der von der See herein dröhnte und dem alsbald ein zweiter und endlich auch ein dritter folgte. Rachel hörte ſogleich zu ſpielen auf und eilte an ein Fenſter, an dem die drei Uebrigen ſchon ſtanden und hinausſchauten, was dies Signal zu bedeuten habe. „Es wird doch kein Schiff in Noth ſein?“ ſagte Sophie ängſtlich. „Nein,“ belehrte ſie Enah der ſchon einen Fen⸗ ſterflügel geöffnet hatte und mit einem ſchnell herbei⸗ geholten Nachtrohr die Gegend unterſuchte, in welcher die Schüſſe gefallen waren.„Nothſchüſſe waren das nicht, dazu waren ſie zu gleichmäßig abgefeuert; über⸗ dieß weht zwar ein heftiger Wind, aber bei Weitem Emery. Glandon. III. 29 450 kein Sturm, und die Küſte iſt von der See her weit ſichtbar.“ „Was iſt das?“ rief da Rachel laut aus, deren ſcharfe Augen am ſchnellſten das nächſte Schauſpiel auf dem Meere erſpäht hatten. „Ha! Eine rothe Rakete— da eine grüne— da eine weiße— bei Gott!“ rief Emery in Freude emporſpringend aus—„das iſt der Britain und er giebt ſeine Ankunft durch des Vaters Farben zu er⸗ kennen.“ Jetzt verdoppelte ſich die Aufmerkſamkeit und Span⸗ nung der an den Fenſtern Spähenden und Alle ſtimm⸗ ten bald mit Emery überein, denn raſch hinter einan⸗ der ſtiegen, immer in jenen drei Farben ſich folgend, drei Raketen empor, den Bewohnern des Schloſſes das Zeichen gebend, daß ein Freund, und noch dazu ein ſehr guter, ihnen nahe ſei. „Da, da,“ rief Werner,„es iſt wahrhaftig der Bri⸗ tain, da gehen die drei Lichter an einem Maſte in die Höhe, roth oben, grün in der Mitte und weiß unten.“ Jetzt begann ein freudiges Durcheinanderlaufen in dem großen Schloſſe; die jungen Männer hüllten ſich raſch in ihre Pelze und liefen an den Strand, wohin ihnen ſogleich mehrere Diener mit brennenden 451 Fackeln folgten. Und nicht lange dauerte es, ſo kam durch die auf und nieder fahrenden Eisſchollen ein ſtark bemanntes Boot gefahren, und in weniger als fünfzehn Minuten traten Lord Shorneliffe, Henrietten am Arme führend und bald von dieſem, bald von jenem ſeiner Kinder umſchlungen, unter das heimat⸗ liche Dach. „Kinder,“ ſagte der Lord, als er inmitten ſeiner Lieben im Bibliothekzimmer ſtand und ſie der Reihe nach mit vor Freude ſtrahlenden Augen betrachtete, „da ſind wir! Mitten in unſerm ſtillen Glücke in Tower⸗Hall fühlten wir eine unendliche Sehnſucht nach Euch, und da beſtiegen wir unſer gutes Schiff und langen glücklich und zufrieden bei Euch an, die wir in derſelben Stimmung treffen. So nehmt uns denn freundlich auf und gewährt auch uns den Se⸗ gen, das dritte glückliche Paar in dieſen Mauern zu ſein; wenn wir aber wieder nach England gehen, dann reiſen wir Alle zuſammen, denn ich gehöre zu jenen ſonderbaren Menſchen, die gern Alles um ſich verſammelt ſehen, was ihnen Gott auf dieſer Erde zu ihrem Eigenthum gegeben hat.“ Die herzlichen Umarmungen und Begrüßungen, die nun noch folgten, wollten gar kein Ende nehmen, und ſelten war ein Abend glücklicher verſtrichen, als 29* 452 dieſer eine in Downs⸗Caſtle, der der letzte ſein ſoll, den wir unſern Leſern daſelbſt vorführen. Erſt vier Stunden ſpäter begaben ſich die Bewohner des Schloſ⸗ ſes zur Ruhe, während draußen der Wind zum Sturme geworden war, das Meer haushoch aufwühlte und die brandenden Wogen brüllend über die Dünen peitſchte. Aber was konnten der Sturm, die Wellen und die Brandung jetzt den in den Hafen der Ruhe und des Glücks Eingelaufenen anhaben? Ach, ihr Lebens⸗ ſturm hatte ausgetobt, ihre Wellen hatten ſich zu ebener Spiegelfläche und ihre Brandung in das leiſe Rauſchen verwandelt, welches der linde Südwind den ſtillen Fluthen eines ruhig ſtrömenden Fluſſes entlockt. Mag es ſo mit ihnen bleiben; ſie haben es Alle ver⸗ dient, daß ſie ruhen und glücklich ſind nach ſo man⸗ chem Weh des Lebens, das ſie Alle, Jeder auf ſeine Art, empfunden haben. Und hier iſt es, wo wir einmal wieder von un⸗ ſerm gütigen Leſer Abſchied nehmen, um mit ihm, wenn Gott es will, ein andermal auf einem anderen Pfade des Lebens zuſammenzutreffen. Nur noch Eins wollen wir hier in Bezug auf die Oertlichkeit unſerer Erzählung erwähnen. Wir haben dieſelbe an den Strand der Oſtſee verlegt und die Stelle ſogar ziemlich genau bezeichnet, wo das ſchöne Schloß gelegen, in dem der Zauberer wohnte, der alle die Verwandlungen herbeigeführt, die wir auf dieſen Blättern beſchrieben haben. Dieſes Schloß liegt auch wirklich am Strande der Oſtſee, nur nicht an der bezeichneten Stelle. In alleinigem Intereſſe der öfter erwähnten Nachbarn von Bren⸗ kowitz erwähnen wir dies, damit ſie ſich nicht etwa durch Dies oder Jenes gekränkt fühlen, was wir im Laufe unſrer Erzählung über ſie geäußert haben, denn es iſt uns leider ſchon einige Mal begegnet, daß man uns für Anſichten und Darſtellungen verantwortlich gemacht, die nicht aus unſrem eigenen Herzen und Sinne gefloſſen, ſondern die Anſichten der von uns geſchilderten Perſonen geweſen ſind. Gegen ſolcherlei Anfechtung nun wollen wir uns mit obiger Bemer⸗ kung allſeitig und beſcheidentlich verwahrt haben. Und nun das Letzte. Einige Tage vor Abſchluß dieſer Zeilen kam uns ein engliſches Blatt zu Geſicht, worin über muſikaliſche Zuſtände in der großen Welt⸗ ſtadt London und namentlich in den höheren Kreiſen derſelben geſprochen wird. Wir finden einige Worte darin, die Bezug auf unſre Erzählung haben und dar⸗ um auch für den Leſer derſelben von Intabeſſo ſein dürften. 454 „Wir fühlen uns hierbei veranlaßt,“ ſchreibt ein Kritiker der Times,„über ein Kunſtphänomen einige „Worte zu ſagen, welches an unſerm muſtkaliſchen „Himmel, und irren wir nicht, ſchon zum zweiten Male „aufgegangen iſt. Freilich entzieht ſich daſſelbe eigent⸗ „lich der Kritik, da es in gewiſſen Kreiſen erſchienen, „die nur ſelten der öffentlichen Beſprechung unterliegen, „allein da es von großer Bedeutung iſt, ſo wird man „uns verzeihen, daß wir es unſrer Betrachtung unter⸗ „ziehen. Es iſt vor einigen Wochen ein Künſtlerpaar „in unſre Mitte getreten, deſſen ſeltene Virtuoſität „gerade uns entzückt, da es zum Theil, wie wir hören, „einem engliſchen Mäcen ſeine Vollendung verdanken „ſoll. Ein Herr von H... mit ſeiner Gattin hat in „einem Concerte bei Hofe und in verſchiedenen andern „Cirkeln geſpielt und die allgemeinſte Bewunderung „erregt. Irren wir nicht, ſo iſt der Violinvirtuoſe ein „Schüler von Vieuxtemps, wenigſtens erinnert er zu⸗ „meiſt an ihn durch die Fülle des Tons ſeines Inſtru⸗ „ments, durch die graciöſe Sicherheit ſeines Bogens „und durch das feurige Colorit, das er ſeinen Vor⸗ „trägen einzuhauchen verſteht. Noch größer, bedeuten⸗ „der aber erſcheint uns ſeine Gattin, die, ihrer äußeren „ſchönen Perſönlichkeit nach zu ſchließen, aus einem „ſüdlichen Lande ſtammt, ohne Zweifel aber eine der 455 „größten jetzt lebenden Klaviervirtuoſinnen iſt. Ihre „vollendete Technik, für die es keine Schwierigkeit „mehr giebt, ihr edles, ſeelenvolles Spiel, der geiſtvolle „Ausdruck, den ſie in jedes Einzelne und Kleinſte zu „legen verſteht, überwältigt den Zuhörer und macht „ſogar die Koryphäen vergeſſen, die vor wenigen Jah⸗ „ren ganz Europa zur Bewunderung hingeriſſen haben. „Schade, daß das große Publicum keinen Antheil an „dieſen beiden Künſtlern haben darf, denn, urſprüng⸗ „lich für die muſikaliſche Welt beſtimmt, hat ſich das „Schickſal derſelben äußerlich ſo günſtig geſtaltet, daß „ſie fortan nur für ſich ſelbſt und ihre nächſten Freunde „der Kunſt leben wollen, die doch eigentlich ein Beſitz⸗ „thum iſt, an welches Alle Anſpruch erheben können, „denen Empfänglichkeit und Sinn dafür zu Theil ge⸗ „worden iſt. Möge ihnen ein gütiges Geſchick den „Genuß an ihrer Kunſt recht lange erhalten und mö⸗ „gen ſie fortfahren, Denen wenigſtens Freuden zu nſpenden, die, wie wir, ſo glücklich geweſen ſind, zwei „Stunden lang ihre bewundernden Zuhörer zu ſein.“ Ohne Bedenken nehmen wir an, daß dieſer Herr von H... und ſeine Gattin unſer Werner und unſre Rachel Schawai war, da ſie zu der Zeit, von der jene Zeitung handelt, in England anweſend waren und an vielen Orten, wohin ſie Lord Shorncliffe führte, 456 das Licht ihrer Kunſt leuchten ließen. Von Herzen ſtimmen wir mit dem Wunſche des Schreibers jener Zeilen überein: Möge ein gütiges Geſchick ihnen noch rrecht lange den Genuß ihrer Kunſt erhalten, und mö⸗ gen auch wir, fügen wir hinzu, recht bald in der Lage ſein, aus eigener Anſchauung oder vielmehr Anhörung dem Urtheile jenes bewährten Kunſtkenners beiſtimmen zu können.— Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.