Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur f von.. 8 Eduard Ottmaun in Gießen, d Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Teih- und Ceſebedingungen. L 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ 6 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 7 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von( jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſ ⸗-.-—— wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſt eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 ————— L auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Von jetzt an begann in Schloß Brenkowitz unter den uns zumeiſt am Herzen liegenden Perſonen ein ganz neues, frohes, in denſelben Räumen noch nie da⸗ geweſenes Leben, und Joſeph Sohn, dem das fremde Haus alle Tage mehr zur Heimat wurde, wie die Baronin gewünſcht, ſah die Tage der Gegenwart wie den heiteren Wiederſchein ſeines früheren glücklichen Lebens ruhig an ſeinen Augen vorüberziehen. Alles, was die fünf einander jetzt ſo nahe ſtehenden Menſchen vornah⸗ men— Arbeit, Studium, Muſik, Spaziergänge— ward mit einer herzlichen gegenſeitigen Theilnahme unter⸗ nommen, man that Alles nicht zu einem beſonderen Zwecke, ſondern zur allgemeinen Befriedigung, womit der aufrichtigſte Wunſch verbunden war, ſich gegen⸗ 1 Emery Glandon. II. 2 ſeitig das Leben ſo viel wie möglich zu erleichtern und zu verſüßen. Die Baronin vor Allen trat ganz aus ihrer bisherigen Abgeſchiedenheit heraus; nie hatte man ſie ſo heiter, friſch und blühend geſehn. Oft nahm ſie ſchon des Morgens am Unterricht in Muſik und Sprachen Theil, ſchloß ſich den weiteren Gängen der jungen Leute in die Umgegend an und fehlte faſt nie mehr bei den Abendunterhaltungen, in denen ſeit Rachel's Anweſenheit die Muſik vorherr⸗ ſchend geworden war, und die, von Werners nimmer⸗ ſatter Liebhaberei hinausgezogen, oft bis über die elfte Stunde der Nacht verlängert wurden. Dem Hauslehrer aber war es zum Bedürfniß geworden, all' ſein Wiſſen den übrigen Gliedern der von ihm ſo hochgeſchätzten Familie mitzutheilen; er ſtrebte daher um ſo eifriger nach höheren Kenntniſſen, nicht ſowohl um ſie ſelbſt zu beſitzen, als um ſie wieder lehren zu können, und ſelten wohl hatte ein Lehrer aufmerkſa⸗ mere, wißbegierigere Schüler gehabt als er. Von der Bevormundung der Schweſter des Barons, die von dieſer Zeit an überhaupt einen großen Theil ihrer früheren Herrſchaft über die einzelnen Familienglieder einbüßte, wurde er allmälig mehr und mehr befreit, denn da die Baronin am Unterrichte perſönlich Theil nahm, ſo hatte Fräulein Sibylle mit der Macht auch 3 3 das Recht verloren, ihre Meinung als Machtſpruch in die Wagſchaale zu legen. Zwar hatte ſie die Ent⸗ hebung ihres Amtes nicht gutwillig und ſtillſchwei⸗ gend hingenommen, ſie hatte mehrfach die verlorene Autorität über ihre Nichte, ihren Neffen und haupt⸗ ſächlich den Hauslehrer wieder zu gewinnen geſucht, allein mit ſo geringen Erfolgen, daß ſie, darüber er⸗ boſt, ſogar einen Gewaltſtreich beſchloß. Sie begab ſich zum Baron und klagte ihm ihre Noth, in der Hoffnung, er werde ihr augenblicklich beiſpringen und das volle Regiment wieder in ihre Hände legen. Aber leider hatte ſie ſich auch darin geirrt. Der Baron, der ſich von jeher ungern um„dergleichen Kleinig⸗ keiten“, wie er das Treiben und Leben innerhalb ſei⸗ ner Familie nannte, bekümmerte, ſah jetzt, wie ſeine Gemahlin, aus ihrer Abgeſchiedenheit hervortretend, ſich unter dem geiſtigen Einfluß des neuen Hausleh⸗ rers ſichtbar erholte, und ihr Ruhe, Frieden und Freude gönnend, da er vielleicht fühlen mochte, daß er der Mann nicht war, ihr Herz zu beglücken, lehnte er das Anſinnen ſeiner Schweſter ab, indem er ge⸗ radezu ausſprach, daß ſeine Frau alt und verſtändig genug ſei, das Leben nach ihrer Art und Weiſe zu erfaſſen, und daß es ihm gleichgültig ſei, ob ſeine Kin⸗ der im Zimmer ſeiner Frau oder ſeiner Schweſter un⸗ 1* — 4— terrichtet würden, wenn ſie überhaupt nur Alles lern⸗ ten, was der Hauslehrer lehren könne. So ſah ſich Tante Sibylle ganz wider Vermuthen auch von dieſer Seite verlaſſen, und an die Stelle ihres früheren Hochmuths gegen den jungen Mann, deſſen Einwirkung ſie dieſe Unbilden allein zuſchrieb, trat ein innerlicher giftiger Groll, der eifrig umher⸗ ſpähete, eine Gelegenheit zu finden, das ihr widerfah⸗ rene Herzeleid auf eine fühlbare Weiſe zu vergelten. Einſtweilen jedoch fand ſie glücklicher Weiſe dieſe Ge⸗ legenheit nicht, ſie ſah die jungen Leute nur bei Tiſche oder Abends, und ihr Einfluß ſowohl auf den Lehrer wie ſeine Schüler ging alle Tage mehr verloren. Einen ähnlichen Groll, wie gegen Joſeph Sohn, hegte ſie auch gegen die unſchuldige Rachel. Auf das Höchſte entrüſtet, als ſie vernahm, was man ganz ohne ihr Wiſſen, gleichſam hinter ihrem Rücken gethan hatte,— daß dieſer Judenbalg, wie ſie das Kind gegen ihre Freundin nannte, in das freiherrliche Schloß ein⸗ geſchmuggelt ſei, eine Frechheit, die natürlich kein An⸗ derer als Joſeph verſchuldete,— ſuchte ſie alles Mögliche hervor, derſelben Kummer und Demüthigung zu be⸗ reiten. Allein Rachel war mit einem inſtinktartigen Widerwillen gegen dieſe Dame ausgerüſtet und begriff daher bald die Abſicht, ihr zu ſchaden, weshalb ſie in 5 ihrem natürlichen Triebe, das Gute vom Böſen zu ſondern, ſich zwar ſtets zuvorkommend und höflich ge⸗ gen ſie betrug, ſie aber auf jede Weiſe vermied und ſo ohne Unterlaß bemüht war, dem Stachel aus dem Wege zu gehen, den Sibylle oft genug gegen ſie zu kehren geneigt war. Natürlich hatte ſie auch gegen die Aufnahme Rachel's in die Familie bei ihrem Bru⸗ der proteſtirt, und dieſer war ſogar mit ſeiner Frau darüber in Unterhandlung getreten; allein dieſe hatte ihre Handlung durch einfache Enthüllung der That⸗ ſachen gerechtfertigt und dem Baron dargethan, daß Rachel's Anweſenheit für die Ausbildung ſeiner Kin⸗ der ſelbſt vom höchſten Nutzen ſein würde, ein Beweis, der den ſelbſtſüchtigen, kalten Genußmenſchen vollkom⸗ men befriedigte. Rachel blieb alſo trotz des Wider⸗ ſtrebens ſeiner Schweſter mit ſeinem Willen und Wiſ⸗ ſen fortan ein Mitglied des Hauſes. Auf dieſe Weiſe geſchah es, daß die Familie, die ſo leicht, wie ſie durch innere Bande vereinigt war, auch durch äußeres freundſchaftliches Verhalten ſich das Leben hätte erleichtern können, gleichſam in zwei, oder, wenn wir den Baron auch eine Partei ſein laſ⸗ ſen wollen, in drei Lager getrennt wurde und ein faſt gänzlich von einander abgeſondertes Leben führte, mit Ausnahme der Stunden natürlich, die nun einmal — 2 6 ſeit Jahren zum allgemeinen Beiſammenſein beſtimmt waren. Denn während der Baron ſeinen Vergnü⸗ gungen, die mitunter an Ausſchweifungen gränzten, mit ſeinen Nachbarn nachging und nur bisweilen bei Tiſche oder ſpät Abends auf kurze Zeit im Kreiſe ſei⸗ ner Familie erſchien, und während Tante Sibylle und Fräulein Urſel grollend und grübelnd in ihren Zim⸗ mern ſaßen, wie dem jetzigen Unweſen in Brenkowitz ein Ende zu machen ſei, lebten die übrigen Glieder einträchtig, freundſchaftlich, liebevoll neben und mit einander, laſen und ſchrieben, ſprachen und ſangen, muſicirten und ſpazierten nach Belieben und fühlten ſich dabei ſo glücklich, wie man ſich in einer angeneh⸗ men Häuslichkeit unter den Seinigen nur fühlen kann. „Laß ſie ſich nur vergnügen, Urſel,“ ſagte eines Abends Sibylle zu ihrer Freundin, als ſie grollend das Muſikzimmer verließen, wo Rachel ſo eben alle Ver⸗ ſammelten mit ihrem Spiele entzückt hatte,„laß ſie nur— ihre Zeit iſt jetzt und unſre Zeit kommt ein andermal. Ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn nicht einmal ein Blitzſtrahl in dieſes gottloſe Leben fahren und dieſe Herzlichkeit und Innigkeit auseinander trei⸗ ben ſollte wie Spreu. Das iſt jetzt eine Wonne und ein Behagen um dieſes verwünſchte Judenkind, als ob es vom Himmel gefallen wäre, und doch bin ich über⸗ 2 7 zeugt, daß es allein von dieſem— dieſem hochmüthi⸗ gen Narren, dem Herrn Sohn, in die Familie meines Bruders geſchmuggelt iſt, um ihm ein Kuckucksei in die Wirthſchaft zu legen. Gieb Acht, was kommt, Urſel, ich habe ein prickelndes Vorgefühl in den Fin⸗ gerſpitzen, daß nicht Alles ſo gut endet, wie es ange⸗ fangen hat— wer weiß, was wir bald erleben und wer dann Recht behalten wird.“ Dieſes Recht aber ſollte ſo bald wenigſtens noch nicht auf die Seite der alten Jungfern treten und der 4 erſehnte Blitzſtrahl ſollte noch auf lange Zeit die Fa⸗ milie in Brenkowitz verſchonen, ja ſelbſt dann, als er herabfiel, ſollte er nicht allein Die zermalmen, die Si⸗ 4 bylle an jedem Tage zehnmal verwünſchte, ſondern— doch ſchreiten wir unſrer Erzählung nicht vor,— bald genug werden wir an einen Wendepunkt derſelben ge⸗ langt ſein, der uns belehren wird, daß ein leichtes Ungewitter, freilich zuerſt mit Sonnenſchein gepaart, am Horizonte unſrer Freunde langſam heraufzog. Am glücklichſten von allen im Schloſſe Lebenden fühlte ſich außer Joſeph Sohn unzweifelhaft Rachel. Denn ſie war jetzt nicht allein bei ihrem verehrten und geliebten Erzieher, ſie trieb nicht nur nach Her⸗ zensluſt mit ihm Muſik und ſchritt alle Tage auf der betretenen Bahn weiter vor, ſondern ſie lebte und webte auch wieder in einer Familie, deren Mitglieder ihr ein Wohlwollen und eine Theilnahme erwieſen, die ſie lange verloren gegeben hatte. Das einfache Kind ſchien eine innere Wunderkraft zu beſitzen, womit ſie jedes fühlende Herz an ſich zog. Ihr ſtilles, ſanftes Weſen, das ſich jedem ihr mit Liebe Nahenden innig anſchmiegte, ihr für alles Gute und Schöne empfängliches Gemüth wußte ſich ſo ſchnell an das außer ihr Liegende zu gewöhnen und damit zu verſchmelzen, daß es nicht langer Zeit bedurfte, um ihr alle Herzen in Brenko⸗ witz zuzuführen. Und jetzt war der Zeitpunkt in ihrem Leben gekommen, wo die ſo lange verſchloſſene Knospe ihres Körpers— denn die ihres Geiſtes hatte ſich längſt dem um ſie tagenden Lichte erſchloſſen— zur gefälligen Blume ſich entwickelte. Wie ein tropiſches Ge⸗ wächs, das, ſeiner Heimaterde und ſeinem Klima ent⸗ riſſen, ſich in ſich ſelbſt zuſammenzieht, vertrocknet, verwelkt, in die Gluth der heimatlichen Sonne aber übertragen, von dem Thau des heimatlichen Himmels befruchtet, ſogleich wieder Leben und Gedeihen zeigt, ſo erwachte, erhob ſie ſich in dem Lichte und der Wärme der ihr ſo glücklich erſchloſſenen Familie wunderbar ſchnell und jedem Auge erkennbar. Auffallend entwi⸗ ckelten ſich um dieſe Zeit ihre körperlichen Formen und nahmen mit der ſchwellenden Fülle auch an Reiz und 9 Gefälligkeit zu. Ihre Wangen färbten ſich ſchon leicht mit dem Purpur der jungfräulichen Lebensblüthe, ihre Augen, immer ſchon von dem Strahl der Seele fun⸗ kelnd, verriethen das Selbſtbewußtſein eines denkenden Weſens, und in ihrem ſchwebenden Gange ſprach ſich die ganze Elaſticität ihres Geiſtes, wie in den klang⸗ vollen Worten ihres Mundes die ſchöne Harmonie der Töne aus, womit die Natur ſelbſt ihre Seele erfüllt hatte. Wer ſie jetzt ſah und mit dem verglich, was ſie vor einem Jahre geweſen, hätte ſie kaum wieder erkannt. Durch der Baronin Güte herbeigeſchafft, umſchloſſen ihren zarten Leib zum erſten Mal in ihrem Leben ſeidene Gewänder, und ſie gewann dadurch be⸗ deutend an Stattlichkeit, wie wir ja wiſſen, daß das äußere Gewand auf einen weiblichen Körper ſo wunderbar verſchönernd wirkt. Nur an Eins konnte ſie ſich nie gewöhnen— an glänzenden Schmuck, an blitzendes Geſtein und ihre perſönliche Erſcheinung künſtlich erhebende Blumenzier. Sie mochte es nicht leiden, ihr von Natur ſchönes und wie Seide glän⸗ zendes Rabenhaar, das ſich in natürlichen Locken um Schläfe und Nacken kräuſelte, durch irgend eine äu⸗ ßere Zuthat in ein auffallendes Licht zu ſetzen, und auf ihren Fingern, wie um ihren ſanft gebogenen 4 — Hals wollte es Niemandem gelingen, irgend einen Ming. ———— 4 . eine Kette, ein glänzendes Spielwerk zu befeſtigen. Nur das Natürliche hatte für ſie Werth und Reiz und— ſie hatte inſtinktmäßig Recht— mit ihrem ſchwarzen Haar, ihren funkelnden Augen, ihren blitzenden Zäh⸗ nen konnte ſich ſo leicht kein anderer Glanz verglei⸗ chen, wenn ſie im Ganzen auch weit davon entfernt war, eine Schönheit zu ſein, wie Sophie es in jeder Beziehung war. Eine Schönheit in ihrer Art, wenn man Geiſt, Gemüth und Leib als einiges, unzertrenn⸗ liches Ganze betrachtet, war ſie gewiß,— dafür hielt ſie wenigſtens Einer in Brenkowitz unter allen Umſtän⸗ den, wovon wir ſogleich zu ſprechen haben werden. Im Laufe des Winters, den wir jetzt vor uns ha⸗ ben und den wir, auf allgemeine Andeutungen uns beſchränkend, nur im Fluge durcheilen, ſprach ſie oft und namentlich gegen Joſeph nur einen Wunſch aus — den, in den Schooß der chriſtlichen Kirche aufge⸗ nommen zu werden. Da ſie, wegen ihrer vorgerückten geiſtigen Fähigkeiten und in ihrer abgeſonderten Lage, ſchon in Bremen den nothwendigen Religionsunter⸗ richt genoſſen hatte, ſo war ſie allerdings ſchon auf dieſen bedeutungsvollen Schritt vorbereitet, und der Pfarrer in Brenkowitz, der in ſeinem gläubigen Sinne gewiß nur mit Auserleſenem zufrieden war, erklärte 11 im Februar der Baronin und Joſeph Sohn, daß er ſie für reif zur Confirmation halte. „Ach ja,“ ſagte Joſeph mit einem ſtillen Seufzer, „reif iſt ſie ſchon lange dazu, und da ſie ſich ſehnt, den Kelch zu trinken, den der von ihrem Volke Ver⸗ rathene getrunken hat, ſo laſſen Sie ihr denſelben zu Theil werden, ich bitte darum.“ So wurde Rachel um Oſtern des nächſten Jahres— was ſie ſo ſehnlichſt zu werden gewünſcht hatte— eine Chriſtin, und da ſie als ſolche fernerhin füglich nicht mehr Rachel Schawai heißen und genannt werden konnte, ſo hatte man ihr einen chriſtlichen Namen aus⸗ geſucht. Dieſen ihren chriſtlichen Namen müſſen wir jedoch nothwendig dem Leſer verſchweigen, denn unter dieſem Namen iſt Rachel ſeitdem in die Welt getreten und hat ihn durch ihr Talent zu einem glänzenden zu ma⸗ chen gewußt. Es würde von unſrer Seite mehr als eine Indiscretion ſein, wollten wir hier Jedermann mit dieſem Namen bekannt machen, denn nur unter der Bedingung, die Vergangenheit der berühmten Künſt⸗ lerin, die wir jetzt in Rachel bewundern, zu verſchwei⸗ gen oder wenigſtens zu verhüllen, haben wir von ihr und ihren Angehörigen die Erlaubniß erhalten, ihre Schickſale zu veröffentlichen. So bleibt für uns alſo 12 Rachel, was ſie war, die kleine Jüdin aus der Juden⸗ ſtadt zu Prag, und wir verlieren nicht viel dabei, da es ſich hier weniger um den Taufſchein einer bedeutenden künſtleriſchen Erſcheinung, als um den innern und äußeren Entwickelungsgang einer von Gott auserle⸗ ſenen Seele handelt. Doch wir müſſen jetzt, bevor wir uns in die ern⸗ ſtere Handlung der vorliegenden Erzählung vertiefen, noch zweier Verhältniſſe gedenken, die in dieſem Win⸗ ter ebenfalls zur Entwicklung gelangten, und die, wie wir ſie ſchon langſam erblühen ſahen, endlich die Frucht anſetzten, die wir in der Ueberſchrift dieſes Ka⸗ pitels angedeutet haben. Das erſte dieſer Verhältniſſe bezieht ſich auf Ra⸗ chel und Werner von Haldrungen. Wenn man an das Spiel eines blinden Verhängniſſes, oder lieber an die ſtill wachende Sorgfalt einer göttlichen Vorſehung glauben will, ſo muß man annehmen, daß dieſe letz⸗ tere ſelber Rachel in das Schloß des Freiherrn von Haldrungen habe führen wollen, um hier ihrem Schick⸗ ſal ſein künftiges Gepräge aufdrücken zu laſſen. Auch Werner nahm, vom erſten Augenblicke an, wo er Ra⸗ chel ſah, ihre Erſcheinung als einen Wink auf, den die Vorſehung ihm gab, um durch ſie ſeinem ferneren Leben Gehalt und Geſtalt zu verleihen. Wenigſtens 3 4 3 3 ſprachen dafür alle ſeine jetzigen und künftigen Hand⸗ lungen. Anfangs freilich ſprachen ſich dieſe Hand⸗ lungen nur in beinahe noch knabenhafter Ergebenheit und Sorgfalt aus, bald aber, ſehr bald, wie ſich in Werner Alles im Fluge entwickelte, nahmen ſie einen ernſteren Charakter und eine tiefere Bedeutung an. Er ſah und erkannte in dem talentvollen Judenkinde, wie er unzählige Male Jedermann erzählte, der es hören wollte, ein großes muſikaliſches Genie; und darin hatte er ganz Recht, das müſſen wir ihm zugeſtehn. Nun hatte er ſich aber ſelbſt innerlich für ſein ganzes Leben der Muſik geweiht, und da war es denn na⸗ türlich, daß Rachel für ihn noch eine viel ſtärkere An⸗ ziehungskraft beſaß. In den erſten Monaten, während Rachel in ſeiner Nähe lebte, äußerte ſich dieſe Anzie⸗ hungskraft einfach in einer faſt brüderlichen Hinge⸗ bung, in einer bewundernden Sorgſamkeit, in einer nur in einzelnen Kleinigkeiten ſich ausſprechenden Auf⸗ opferung. Allmälig jedoch, als Rachel die im weib⸗ lichen Leben ſo auffallende Wandelung durchging, als ſie ſich entfaltete, als das Weib in ihr durch ihre Formen und Eigenſchaften an's Licht brach, da trat an Stelle der brüderlichen Hinneigung und Aufmerk⸗ ſamkeit ein wärmeres Gefühl, und Werner's entſchloſſe⸗ ner Charakter, ſein offenes ritterliches Weſen, ſein ju⸗ 14 gendlich brauſendes Herz hielt es für etwas ganz Natürliches, ſeine ganze männliche Neigung, die Ur⸗ kraft ſeiner Seele an das Weſen zu binden, welches ihm von allen, die er je geſehn, als das edelſte, reinſte, vollkommenſte erſchien. Seiner nächſten Umgebung, die mit ſich ſelbſt ſo viel zu thun und zu kämpfen hatte, wie wir bald ſehen werden, fiel das nicht beſonders auf. Werner war ja vom erſten Augenblick an ein warmer Freund und Lobredner Rachel' geweſen, als ſie faſt noch ein Kind war, warum ſollte er es jetzt nicht mehr ſein, da ſie eine Jungfrau ward, wie alle Mädchen einſt Jungfrauen werden? Daß ihre Kunſtfertigkeit ihn hin⸗ riß, daß ſie ihn ſpornte, unter ſeines wackeren Leh⸗ rers Leitung ebenfalls auf eine höhere Stufe der Kunſt zu ſteigen, das war ja unter den beſtehenden Verhältniſſen, die dem jungen Edelmann keine Schwie⸗ rigkeiten in den Weg legten, die ein minder Begüter⸗ ter überwinden muß, ein ganz natürliches Ding. Daß dieſem Streben, ein gleich hohes Ziel zu erreichen, ein leidenſchaftlicher Drang, eine heißere Neigung zum Grunde liege, oder daß ſie ſich daraus entwickeln könne, das glaubte, das erwartete Niemand, und ſo ging das Schickſal mit dieſen Beiden ruhig ſeinen Weg, unaufgehalten wuchs der Rieſe der Leidenſchaft 15 auf, und als man erſt erkannte, daß man Feſſeln und Banden beſchwören müſſe, um ihn zu binden und zu halten, damit er nicht in's Abenteuerliche wachſe, ach, da war der Rieſe in ihm zu ſtark ge⸗ worden und ſpottete der menſchlichen Ketten, die ſei⸗ nen göttlichen Schwung, wofür er ihn ſelbſt hielt, nicht mehr zu hemmen vermochten. Wenn aber dieſe unvermerkt zur Leidenſchaft ſich ausdehnende Neigung nur langſam wuchs und ſich äußerlich auf eine höchſt harmloſe Weiſe ausſprach, ſo daß Niemand daran Anſtoß nehmen konnte, ſo war Rachel's Benehmen vollkommen geeignet, eine etwa dagegen aufſteigende Beſorgniß ganz zu beſeitigen. Denn Rachel hatte von der doppelten Bedeutung der tauſend Aufmerkſamkeiten ihres jungen Freundes durch⸗ aus keine Ahnung. Ganz allein ihrem ſtillen unab⸗ läſſigen Streben ergeben und mit ganzer ſchweſterli⸗ cher Neigung ihrem älteren Gefährten anhängend, freute ſie ſich zwar der künſtleriſchen Theilnahme Wer⸗ ners, ſie war ihm dankbar für alle ſeine Bemühun⸗ gen, ihr das Leben angenehm zu machen, aber Liebe — Leidenſchaft, nein! die kannte ihr einfaches, kindli⸗ ches Herz noch nicht, denn das Herz allein war das Einzige an ihr, was noch lange kindlich war und blieb, nachdem ſie an leiblicher Entwickelung, an Jah⸗ —,— 16 ren, Verſtand und Geiſt längſt den Kinderſchuhen ent⸗ wachſen war. Auch gewöhnte ſie ſich an Werner's innigere Bemühung, ihr zu gefallen, ihr jeden Wunſch an den Augen abzuſehn, ſehr bald, er war ihr ja vom erſten Augenblicke an ſo liebevoll und gütig entgegen⸗ getreten, warum ſollte ſie alſo etwas Beſonderes darin finden, wenn er mit dieſer liebevollen Güte gegen ſie zu verfahren fortfuhr? So ging ſie denn ruhig, unangefochten, ahnungs⸗ los ihre Bahn, ſie genoß den Tag, der ihr Freude und Glück bot, und ſie dankte Gott im Stillen dafür, daß er ihren Weg alſo geebnet und durch Joſeph's Vermittelung ſie dem traurigen Schickſal entriſſen hatte, das ihr ohne denſelben ſonder Zweifel zu Theil ge⸗ worden wäre.— Gehen wir zu dem zweiten Paare über, welches wir hier zu ſchildern haben. Das Verhältniß zwiſchen Sophie und Joſeph geſtaltete ſich auf eine weſentlich von jenem ſehr verſchiedene Weiſe. Aufgeklärter über ſich ſelbſt und Andere, der Verſchiedenheit ihrer Stel⸗ lung ſich bewußt, lebten ſie ruhiger neben einander fort, und wenn ſich ein Gefühl warmer Ergebenheit deutlich in ihrem gegenſeitigen Verhalten ausſprach, ſo behielten ſie immer mehr im Auge, was ſie in 11 Wirklichkeit von einander trennte, als was ſie in Hoff⸗ nung mit einander verband. Joſeph vor Allen vergaß nie einen Augenblick, in welchem Verhältniß er zu Sophien ſtand. Er war Lehrer im Hauſe ihres Vaters, er aß ſein Brod, er wohnte unter ſeinem Dache. Und Joſeph war ein viel zu vernünftiger, beſonnener und dankbarer Menſch, um dies Verhältniß nicht im tiefſten Herzen richtig zu würdigen und ſein Verhalten danach in jeder Weiſe einzurichten. Dennoch aber war er kein unempfindli⸗ cher Menſch, er hatte Sinne, wie jeder Andere, ein warmes Herz, wie Wenige, und einen aufwärts ſtre⸗ benden Geiſt, wie ſelten ein junger Mann. Er ſah und fühlte alſo, was für ein koſtbarer Schatz in Ge⸗ ſtalt Sophiens täglich in ſeiner Nähe war, er war ſich bewußt, daß dieſer Schatz ein köſtliches Kleinod ſei— aber daß dieſes Kleinod für ihn geſchaffen ſein könne, daran dachte, daran wagte er keinen Augenblick zu denken. Erſt langſam, langſam kam eine Art flu⸗ thender Bewegung in ſein nur den Pflichten ſeines Berufes ergebenes Herz. Allmälig nur fühlte er ſeinen Puls lebhafter ſchlagen, wenn er, gleichſam im klaren Sonnenſcheine des täglichen Lebens, Sophiens Voll⸗ kommenheiten ſich glänzender entwickeln ſah,— empfand er eine Unruhe, wenn er ſie nicht zu der beſtimmten Emery Glandon. II. 2 4 K8— 18 Zeit an der beſtimmten Stelle fand, und eine namen⸗ los wonnige Beruhigung, wenn ſie an ſeiner Seite ſaß, ſeinen Belehrungen ein aufmerkſames Ohr ſchenkte, ſeinen Worten lauſchte, ſeinem offnen Blicke mit in⸗ nerem Verſtändniß ſeiner Gedanken entgegenſtrebte. Wie aber ſelten oder nie zwei junge Leute ver⸗ ſchiedenen Geſchlechts lange in einem Hauſe unter ähn⸗ lichen Verhältniſſen zuſammen leben können, ohne ſich gegenſeitig ihres Werthes bewußt zu werden, dann aber dieſen Werth unwwillkürlich austauſchen, ſich an die Stelle des Anderen ſetzen und ſo plötzlich das Ge⸗ fühl der Liebe ſich zwiſchen ihnen kund thut, ſo war es auch hier der Fall. Ach, und gerade der Bruder Sophiens war es, der das gegenſeitige Verſtändniß unwillkürlich auf jede Art begünſtigte. Werner konnte, auf Spaziergängen zum Beiſpiel, Rachel nur vollkom⸗ men genießen, wenn Joſeph durch einen Andren be⸗ ſchäftigt wurde, und ſo war es natürlich Sophie, die ihm hier zur Handhabe ſeines Glücks dienen mußte. Joſeph war dabei nicht immer ſcharfſichtig genug, das unter einer ſo freundlichen Maske verborgene Geheim⸗ niß dieſes Verfahrens zu durchdringen. Auch war der Becher, den Werner ihm reichte, zu koſtbar, und der Trank, den er ihm an die Lippen hielt, zu ſüß, um ihn nicht zum begierigen Genuſſe einzuladen, und ge⸗ 19 rade ein ſüßer Trank berauſcht unſern Geiſt am leich⸗ teſten, da er ſo verführeriſch duftet und ſo lieblich ſchmeckt. Plötzlich, als Joſeph zur Beſinnung kam, als er die Augen aufſchlug und die allmächtige Sonne an ſeinem Erdenhimmel blitzen ſah, ach, da waren die Strahlen dieſer Sonne ſchon zu mächtig, als daß ſie das Eis, welches er innerlich um ſeine Bruſt zu ziehen ſich bemühte, nicht hätten ſchmelzen ſollen, da war der Blitz ſchon aus den Wolken gefahren und hatte gezündet, und es fehlte an allen Mitteln, dies gefähr⸗ lichſte aller Feuer zu dämpfen. Und dennoch kämpfte er redlich, der wackere Jo⸗ ſeph, dennoch ſagte er ſich hundertmal des Tages: „Welche Thorheit!“— Aber dieſe Thorheit kehrte ſich nicht daran und wühlte ſich immer feſter und tiefer in ſeine Bruſt ein, bis ſie ſie endlich überfüllte, in ſein Gehirn ſtieg und ihm die Beurtheilungskraft der beſtehenden Verhältniſſe raubte. Da war denn das Unglück— er ſelbſt hielt es dafür— geſchehen; ver⸗ gebens war nun alles Ringen, denn er hatte in So⸗ phiens Augen eine Schrift geleſen, die, einmal erſt entziffert, nie wieder aus unſrer Erinnerung zu löſchen iſt, und dieſe Schrift hatte in Flammenzügen ihm die Worte enthüllt:„Wie Du mir thuſt, ſo thue ich auch Dir!“ 2* 20 Was nun anfangen? Fliehen— weit, weit weg? Wohin? Alles hinter ſich laſſen und nur das ehren⸗ hafte Bewußtſein retten, nicht gefrevelt zu haben? Rettete er denn dies Bewußtſein, wenn er Sophien ihrem Jammer überließ? Ja, vor ihren Eltern, ihren Verwandten rettete er es, aber auch vor ihr ſelber? Nein, denn das Bewußtſein der Ehre gegen die Ge⸗ liebte beſteht ja in der dauernden, treufeſten Gegen⸗ liebe, und ſollte er dieſe opfern? Nein, nun und nim⸗ mermehr, lieber untergehn, lieber ermordet werden von dem rauhen, jähzornigen Vater, aber nicht feige ſein, nicht fliehen. So blieb denn ſein Fuß wie ge⸗ bannt an Ort und Stelle, und wie in ihn gebannt ging, wuchs, erſtarkte mit ihm eine Leidenſchaft, für die auch Joſeph Sohn geſchaffen war, für die Leiden⸗ ſchaft einer ernſten, gränzenloſen, innigen Liebe, wie ſie nur ein rein aus Gottes Hand hervorgegangener und noch nicht von den Lüſten und Sünden der Welt befleckter Jüngling empfinden kann. Bei Sophien dagegen erzeugte und zeigte ſich dieſe Neigung ohne allen Kampf gegen Sitte, Herkom⸗ men und väterliche Autorität. Denn Sophiens Nei⸗ gung begann mit der gefährlichſten Verbindung der⸗ ſelben, mit einer hohen Achtung vor den vortrefflichen Eigenſchaften dieſes ſeinem Stande nach ſo unbedeu⸗ 241 tenden, aber ſeinem Herzen, ſeinem Geiſte, ſeiner Lei⸗ ſtungsfähigkeit nach ſo bedeutenden jungen Mannes. Wenigſtens erſchien er ihr als ein ſolcher. Von An⸗ fang an, ſchon bei ſeinem erſten Zuſammentreffen mit ihr in jener Felsgrotte, dann noch mehr in jener ſeltſamen Nacht im böhmiſchen Gebirge, hatte Joſeph Sohn auf ſie den Eindruck eines redlichen, willens⸗ kräftigen und dabei edlen Mannes gemacht. Als ſie ihn dann nach Jahren unerwartet im Hauſe ihres Vaters wiederſah, behagte ihr dieſes Zuſammentreffen ſehr und ſie fand ſich aufgelegt, nicht allein Nutzen aus dem geiſtigen Verkehre mit ihm, ſondern auch Un⸗ terhaltung in ihrer abgetrennten äußerlichen Lage zu ziehen. Von der Mutter hatte ſie damals wenig, die Tante liebte ſie nicht, den Vater— leider! achtete ſie nicht, konnte ſie nicht achten— da kam ſchließlich der heißblütige Werner mit ſeiner ſo wohl gemeinten Meldung:„Weißt Du, wer dieſer Mann iſt, was er gethan, wie er das arme Judenkind aus Elend und Sünde gerettet?“— Ach, dieſe Rettung Rachel's war kurz nach der Zeit geſchehen, wo ſie ihn zum letzten Male geſehn, das kleine Thier, der Hund, den ſie ſelbſt, um ihn gegen den Regen zu ſchützen, einſt auf den Arm hatte nehmen wollen, lag jetzt auf Rachel's Armen— und dieſe Meldung Werner's ſchlug wie 22 ein Blitz in ihre eigene Bruſt, ſie erleuchtete hell, ver⸗ klärte faſt vor ihren Augen die Geſtalt, das Antlitz, das Herz, die Seele dieſes Mannes, und wenn ein junges fühlendes Weib einen ſolchen Blick auf einen ſolchen Mann thut, dann thut ſie ihn ſelten verge⸗ bens und auch Sophie that ihn, wie wir ſehen, nicht vergebens. Hierzu kam noch die ſeltſame, wunderbare Vorliebe ihrer Mutter für denſelben Mann, eine Vorliebe, die ſich in Allem, in jedem Worte über ihn, in jeder Handlung für ihn gegen Jedermann ausſprach. „Wenn meine Mutter, dieſe vortreffliche Frau, dieſen Mann ſo hoch ſchätzt und ihm wohl will, warum ſollte ich, ihre Tochter, nicht ein Gleiches thun, da ich ihn auch meiner Achtung für würdig halte?“ fragte und antwortete ſie ſich ſelbſt unzählige Mal. Da war denn freilich nicht mehr Viel übrig zu jenem letzten Schritt, der ſich im Alter von achtzehn oder neunzehn Jahren ſo leicht vollbringen läßt, da wuchs denn langſam, aber feſt, allmälig, aber tief, eine Neigung, die Keiner von allen Bewohnern des Hauſes voraus⸗ geſehn hatte, und Sophie, ſich dieſer Neigung wohl bewußt, fragte ſich nicht: Iſt es Dir auch erlaubt, dieſen Mann zu lieben? Wird Dein Vater es gut heißen? Nein, das fragte ſie ſich nicht, denn die Natur hatte 23 ihr ihren Weg gezeigt, dieſe Frage aber hätte ihr nur die Sitte der Menſchen vorgelegt, und, ſo ſtark dieſe Sitten auch ſein mögen, die Natur überflügelt ſie bei Weitem, denn die Natur herrſcht unwandelbar in den Herzen der Menſchen und kein Geſetz, kein Wille, keine Nothwendigkeit rottet ſie aus ihm aus. So gingen denn auch dieſe beiden jungen Men⸗ ſchen mit ihrer großen Laſt und doch mit ihrer noch größeren Wonne im Herzen neben einander hin. Sie wußten wohl, welche Allgewalt ſich tief in ihrer Bruſt regte, ſie wußten wohl, was für ein Feuer ihre See⸗ len verzehrte, aher geſagt, geſtanden hatten ſie ſich dieſe Wonnelaſt noch nicht. Ein Einziger im Hauſe vielleicht war ihr ſtiller Vertrauter, dieſer Einzige aber, oder vielmehr dieſe Einzige, die Mutter, freute ſich mehr dieſer Neigung, als daß ſie ſie gefürchtet und gehindert hätte. Warum? O, wer vermöchte das zu ſagen! Aber ein edles, fühlendes, unglückliches, vielleicht durch ähnliche Liebe unglückliches Weib hat einen Scharf⸗ blick, der ſo groß iſt wie ihr Wunſch, daß auch Andre ihr verlorenes Glück kennen lernen ſollen, ſelbſt auf Gefahr, daß dieſem Glücke das eigene Unglück folge. Mehr können wir, dürfen wir hier noch nicht ſagen, das Räthſel wird ſich löſen und das Geheimniß wird ſich aufklären, wenn es Zeit dazu iſt. Soviel nur wollen wir jedoch noch hinzufügen, daß die Baronin, nachdem ſie die Bemerkung zu machen geglaubt, ihre Tochter und den Hauslehrer verbinde ein wärmeres Gefühl, nichts that, was dieſes Gefühl auch nur im Geringſten ermuthigt und befördert hätte. Das wäre gegen ihr Gewiſſen, ihre Pflicht geweſen, und Henriette von Haldrungen hatte ein zartes Ge⸗ wiſſen— ach, vielleicht viel zu zart für ihr Glück— und ein reges Pflichtgefühl. Nur zu Gott aufblickend, ſagte ſie:„Wie Du willſt, Vater da Oben— denn Du leiteſt ja doch alles Irdiſche, wie Du willſt, und unſer Sträuben und Stemmen dagegen iſt nichts als das Krümmen eines elenden Wurms, das kein Sand⸗ korn bewegt.“ Sweites Bapitel. Der britiſche Naur. So war den Bewohnern von Brenkowitz der Winter vergangen, ohne daß ſie eigentlich wußten, wo er ge⸗ blieben war. Vergnügter, glücklicher war daſelbſt noch nie ein ſo trauriger Lebensabſchnitt verfloſſen, wie eben ein harter und langer Winter auf dem Lande iſt, wenn man wegen ſchlechter Wege nicht aus und ein kann, keine Geſellſchaft hat und alle Tage Nichts als den bleiernen Himmel über ſich ſieht, die Winde in den Lüften brauſen hört und im engen Zimmer ſitzen muß, das nur wenige Stunden lang ein mattes Ta⸗ geslicht erleuchtet. Diesmal aber war Geſelligkeit und Unterhaltung genug auf dem Schloſſe geweſen, man war auch bisweilen zu Schlitten zu irgend einem Guts⸗ beſitzer in der Nachbarſchaft gefahren und hatte ihm einen kürzeren oder längeren Beſuch abgeſtattet, aber 26 an dieſen Parthien hatten niemals Alle Theil genom⸗ zmen, denn die Baronin und Rachel waren ſtets zu Hauſe geblieben und Joſeph hatte ſich nur zweimal auf Werner's Bitten entſchließen können, die Geſchwi⸗ ſter zu begleiten, die den beiden älteren Damen ſtets hatten folgen müſſen. Dieſe läſtigen und langweiligen Beſuche— denn ſchon gefiel es den beiden Geſchwi⸗ ſtern nirgends mehr als zu Hauſe— waren nun vor⸗ über und es kam die wonnigliche Zeit, wo man wie⸗ der ungetrennt die Zimmer verlaſſen und ſich an dem Athem der neugeborenen Natur erfreuen konnte. Wie mit den Flügeln des dahinrauſchenden Windes waren die bleigrauen ſchweren Wolken in die Ferne geflogen, und der glänzende Strahl der ſiegreich emporſteigenden Sonne war goldener, wärmer geworden, ſo daß er Wald und Flur in das ſchimmernde Gewand des Frühlings kleidete. Aufgebrochen war das erſte Laub der Bäume, die Wieſen und Felder hatten ſich mit leuchtendem Smaragd bedeckt, in den Lüften wirbelten jubelnd die Lerchen und in den Gebüſchen um das Schloß herum ließ ſich von Zeit zu Zeit das wonnige Lied der Nachtigall vernehmen. Um dieſe Zeit war es, wo man ſich oft an ei⸗ nem milden Tage und bei heiterem Sonnenſchein hin⸗ aus in's Freie begab, um die neuerſtandene Flur von 27 dem uns bekannten Hügel aus zu betrachten, wohin Sophie und Joſeph am liebſten gingen, oder am mur⸗ melnden Bache, der Brenke, entlang zu wandeln, der anmuthig über Kieſel rollte, eine Viertelſtunde vom Schloſſe entfernt, den kleinen See durchſchnitt, bis er endlich in vielfältigen Windungen an einem der ſchönſten Punkte der Küſte die Oſtſee erreichte. Auf Werner's Veranlaſſung aber begaben ſich die beiden jungen Männer auch öfter allein zu Pferde in die entfernter gelegene Umgend; nur nach Norden, dem Meere zu, durften ſie ſich nicht wagen, da ihnen die Damen das Verſprechen abgenommen hatten, nur in ihrer Geſellſchaft den erſten Anblick der See zu genie⸗ ßen, ein Verſprechen, was Beide unverbrüchlich hielten. Joſeph hatte zum erſten Mal in ſeinem Leben auf dem Gute ein Pferd beſtiegen, wo es einige große und ſchnell laufende Ponies von jenem litthauiſchen Schlage gab, der ſich jetzt, als ſo zweckmäßig zu jederlei Ge⸗ brauch, über ganz Norddeutſchland ausgebreitet hat. Joſeph war hierin ein eben ſo gelehriger Schüler ge⸗ weſen, wie Werner in anderen Dingen, und nicht lange dauerte es, ſo jagte er an der Seite ſeines Freundes über das Gefild, daß der Sand weit hinter ihm aufflog, ohne ihm ein andres Gefühl als das eines köſtlichen Wohlbehagens zu gewähren. Sobald 28 er nach Werner's Meinung ſo weit gekommen war, daß er ſich keine Blöße mehr gab, ſollte auch Sophie und Rachel an dieſem Vergnügen Theil nehmen, und dann hatte man im Sinne, die längſt brabfichtigt Parthie nach. der See anzutreten. Es war ein herrlicher Maitag; von den ſaftig grünen Saatfeldern, durch die ein leiſer Südwind ſtrich, ſtieg ein balſamiſcher Duft in die klare Nach⸗ mittagsluft empor, als Werner und Joſeph zu Pferde den Weg nach Süden einſchlugen, der nach Neuſtadt führt. Beide waren fröhlich geſtimmt, wie es in ih⸗ rem glücklichen Alter der Menſch ſo leicht iſt, und rit⸗ ten langſam in gemüthlichem Geſpräche den Sandweg entlang, auf dem Joſeph und Rachel einſt gefahren waren, als ſie zum erſten Mal von ferne Brenkowitz vor ſich liegen ſahen. „Es iſt wirklich eine herrliche Luſt,“ ſagte Joſeph, „auf dem Rücken eines ſo munter ſchreitenden Thieres durch die Welt zu fliegen. Alles ſieht ganz anders aus und man hat von ſich ſelbſt und ſeiner erhabe⸗ nen Stellung einen weit höheren Begriff, als wenn man langſam zu Fuße ſi durch den Sand quälen muß.“ „Natürlich, das iſt ja das ſtolze Reitergefühl, von dem die alten und modernen Ritter ſo oft Gebrauch 29 gemacht haben und noch machen, um ſich als etwas Beſſeres zu träumen, denn die armſelige Welt, die zu Fuße ſich mühſam den Garten Gottes beſchaut. Sie haben übrigens das Reiten ſehr bald gelernt, das iſt ein angebornes Geſchick, was nicht allen Menſchen zu Theil wird. Schon als Sie zu Pferde ſtiegen, ſah ich, daß Sie Talent dazu haben, wie ein Fiſch zum Schwimmen oder wie Rachel zum Klavierſpiel.“ Joſeph lächelte behaglich über die beiden Vergleiche, die ſeinen logiſchen Geiſt nicht recht befriedigen woll⸗ ten.„Talent,“ ſagte er,„hat der Fiſch zum Schwim⸗ men nicht, Werner, wohl aber eine natürliche Anlage, denn die Vorſehung hat ihn ganz allein für das Waſ⸗ ſer beſtimmt. Mit Rachel dagegen haben Sie Recht, die hat Talent zum Klavierſpiel.“ „O, ſollte die Natur ſie nicht dazu beſtimmt ha⸗ ben, wie den Fiſch zum Schwimmen?“ „Möglich; doch ganz ſo gewiß und ausſchließlich dazu iſt das nicht der Fall,— wenigſtens könnte man es nicht beweiſen.“ „Ach was, ſolche Beweiſe ſind nur für die Gelehr⸗ ten; für mich aber iſt es ein Grundſatz, daß Rachel Anlage und Talent zu ihrer Kunſt von der Natur empfangen hat.— Sie haben Beides zum Reiten, wie⸗ derhole ich, ſonſt hätten Sie es nicht ſo bald gelernt.“ 30 „Dann wäre ich alſo nach Ihrer Meinung ein geborener Ritter?“ „Na ja, da wären Sie auch was Rechtes! Ich bin zum Beiſpiel einer, und was hab' ich davon?“ „Wenigſtens eine gute Ausſicht in die Zukunft,“ ſagte Joſeph nach kurzem Nachdenken, das Wort Wer⸗ ner's in ſeiner weiteren Bedeutung auffaſſend. Werner nahm ſeine Meinung ebenfalls auf, denn Beide verſtanden ſich vortrefflich.„Die haben Sie auch,“ ſagte er ernſter, als er vorher geſprochen. „Ich wüßte nicht, auf welche Weiſe.“ „Ein Mann wie Sie, muß eine Zukunft haben.“ „Muß? Das klingt ſeltſam. Stellen Sie mir freundlichſt mein Horoſkop.“ Werner lachte.„Eigentlich,“ ſagte er,„ſollte ich Sie für Ihr geringes Vertrauen auf die waltende Fürſorge der Vorſehung ſtrafen und Sie mit Ihrer Forderung an Tante Sibyllee verweiſen.“ „Nun ja, die würde mir ein ſchönes Horoſkop ſtellen!“ 3 „Wer weiß! Das liegt ja nicht in meiner Tante Hand und Willen, ſie muß ja nach Ihren Anlagen und nicht nach ihren eigenen Wünſchen urtheilen.“ „Wenn es aber in ihrer Hand läge, was würde ſie mir dann wünſchen?“ 1 4 31 „Nun, ein Rittergut wahrhaftig nicht, obgleich Sie in nicht gar langer Zeit ein trefflicher Reiter ſein werden. Aber was ſchwatzen wir wie zwei Knaben — halloh, Galopp! Da drüben vom Gute her kom⸗ men die Damen, wenn ich mich nicht irre. Nun zei⸗ gen Sie einmal, was Sie können.“ Beide ſprengten ſeitwärts in einem Halbkreiſe dem Punkte zu, den ſie von Weitem die Damen erſtreben ſahen, und bald waren ſie bei ihnen, die ſich freuten, ſo unverhofft Meiſter und Schüler im gegenſeitigen Austauſch ihrer Fähigkeiten bei einander zu finden und auf ihrem Spaziergange zu begegnen. Da ge⸗ rade ein Bauer vom Gute des Weges daherkam, ſo ſtiegen die jungen Männer ab, ließen die Pferde nach dem Hofe führen und ſchloſſen ſich den Damen an. So wandelten ſie bald langſam den Hügel zur alten Linde hinan, die Baronin ging mit Sophien und Joſeph voran, Rachel und Werner folgten noch langſamer hinter ihnen her. „Ich fühle mich heute recht wohl,“ begann die Baronin das Geſpräch;„wenn das Frühjahr im Ver⸗ hältniß des beſſeren Wetters ſo günſtig auf mich wirkt, wie der verfloſſene Winter es gethan, dann prophezeihe ich mir eine vortreffliche Geſundheit in dieſem Jahr.“ 32 „Schon wieder eine Prophezeihung!“ dachte Joſeph, ſenkte dabei den Kopf und ſchwieg.. „Stimmen Sie mir nicht bei, Herr Sohn?“ fragte die Baronin, die eine Antwort von dem Hauslehrer erwartet hatte. „Von ganzem Herzen, gnädige Frau! O ja, und ich freue mich, daß Sie ſich in dieſer köſtlichen Luft ſo wohl fühlen. Mag Ihr heutiges Befinden in je⸗ derlei Beziehung von langem Beſtande ſein!“ „In jederlei Beziehung! Das iſt zu viel geſagt, ich meinte nur mein körperliches Wohlſein. Ach, ich fühle mich heute ordentlich leicht, mir iſt es, als wäre eine Laſt von meiner Bruſt gerückt und als beſäße ich die Kraft des Fliegens. Das habe ich lange nicht empfunden. Doch das ſind eigentlich nur Gefühle der Jugend, wie ſie in meinem Alter ſelten kommen, daun aber das gealterte Herz mit einer eigenthümli⸗ chen Wonne füllen.“ „Das bewirkt die friſche Frühlingsluft, der klare Himmel und das ſtille Bewußtſein, daß Gott die 3 Welt mit ſeinem neuen Segen zu verherrlichen beginnt.“ „Ja freilich, das glaube ich auch. Aber es iſt doch ſonderbar um die Stimmungen der Menſchen. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wir ſeltſamen Geſchöpfe 33 ahnen manchen Tag nur Trauriges und manchen Tag nur Gutes und Angenehmes.“ „Was ahneſt Du heute, liebe Mutter?“ miſchte ſich Sophie in das Geſpräch. Die Mutter ſchwieg eine Weile, vielleicht vom Steigen etwas außer Athem gekommen, denn man war eben auf der höchſten Spitze des Hügels unter der Linde angelangt, die auch ſchon einige ihrer Blät⸗ ter entfaltet hatte. „Mein Kind,“ ſagte ſie,„wenn ich anders meinem Herzen vertrauen darf, ſo ahne ich heute nur Gutes, aber leider traue ich meinem Herzen ſchon lange nicht mehr.“ „Warum nicht?“ „Weil das hoffnung-⸗ und ſehnſuchtsvolle Herz des Menſchen das Trügeriſchſte iſt, was der Menſch beſitzt.“ Sophie ſchoß unwillkürlich einen Gluthblick auf Joſeph, der dieſen, da er ihn auffing, heftig erröthen machte. „Immer?“ fragte er leiſe. „Nicht immer, aber oft. Und ich, ich habe mich oft getäuſcht.“ 9 So deutlich hatte ſich die arme Frau noch niemals ihren Kindern gegenüber ausgeſprochen. Sophie fühlte Emery Glandon. II. 3 34 das. Sie umſchlang mit ihrem rechten Arme die ſchlanke Taille der Mutter und drückte ſie lebhaft be⸗ wegt an ſich. Die Baronin aber ſtand ſtill, ſah der geliebten Tochter einen Augenblick tief in die Augen und küßte ſie dann auf die Stirn.„Ja, ja, Sophie,“ ſagte ſie,„ſo iſt es. Mögeſt Du Dich nicht ſo oft im Leben täuſchen, wie ich, das iſt mein herzlichſter Wunſch.“ 4. „Und ich ſchließe mich demſelben aus ganzer Seele an,“ wagte Joſeph halb laut zu ſagen. Sophie richtete einen ſanften Blick auf ihn, als wollte ſie ihm danken. Nach dieſem ernſteren Geſpräch kamen ſie auf gleich⸗ gültigere Dinge und betrachteten dabei die Gegend ringsum, aus deren weiten Gefilden überall ein lebe haftes Grün hervorleuchtete und dadurch einen an⸗ genehmen Eindruck auf die Gemüther der Anweſenden hervorbrachte. Da ſich jedoch bald darauf die Sonne hinter einer grauen Wolke verſteckte, die Luft kühler wurde und der Abend näher rückte, ſo ſchlug man langſam den Heimweg ein. Eine Stunde ſpäter war man wieder in dem ge⸗ wöhnlichen abendlichen Verſammlungszimmer, dem großen Saale, um den Flügel vereinigt. Die Baro⸗ nin fühlte ſich von dem Gange und der Frühlings⸗ 4 35 luft ermüdet, ſetzte ſich daher in die Ecke eines Sophas, ließ einen Augenſchirm vor die große Lampe ſtellen, die auf dem Tiſche ſtand, und hörte aufmerkſam dem Spiele der jungen Leute zu, das ſeine heiteren Klänge ſehr bald vernehmen ließ. Bald darauf traten Tante Sibylle und Fräulein Urſel ein; Beide begrüßten in ihrer gewöhnlichen kalten Weiſe die Geſellſchaft und ließen ſich dann, mit einer Stickerei beſchäftigt, dicht unter der Lampe nieder, wo ſie ebenfalls ſchweigend dem Trio zuhörten, welches Rachel, Werner und Joſeph für den heutigen Abend zu ihrer Uebung beſtimmt hatten. Letztere hatten eben das Andante ihrer Songte beendet und nickten ſich, befriedigt von der wohlge⸗ rathenen Leiſtung, gegenſeitig zu, als die Thür mit einigem Geräuſch geöffnet ward und der Baron in ſeiner gewöhnlichen lauten Weiſe in's Zimmer polterte. Er war in der Nachbarſchaft zu einem Diner geweſen und kam in roſigſter Laune davon zurück. Sein Ge⸗ ſicht glühte von dem genoſſenen Champagner, aber ſeine Bewegungen waren faſt noch ſchwerfälliger als ſonſt. Als er ziemlich kräftig einen allgemeinen Gruß geſprochen und ſämmtliche Anweſende denſelben durch Aufſtehen und einige Worte erwidert hatten, ging er auf das Sopha zu, wo ſeine Gemahlin ſitzen geblieben 2ᷣ 3* war, bot ihr einen beſonderen Gruß und küßte ihr — eine ſehr ſeltene Ehrenbezeigung ſeinerſeits— die Hand. Dann warf er ſich mit läſſiger Heftigkeit auf einen Seſſel in der Nähe des großen Tiſches und ſchaute ſich behaglich im Kreiſe der Seinen um, die ſich alsbald mit Ausnahme der Baronin in ſeiner Nähe verſammelt hatten. „Nun, Leopold,“ begann Fräulein Sibylle,„Du biſt ja ſchon ſehr früh zurückgekehrt, wir erwarteten Dich wenigſtens nicht ſo bald. Haſt Du Dich nicht amüſirt, oder war die Tafel ſchlecht?“ „Bei unſerm guten Nachbar auf Seidelwitz iſt ſie nie recht beſonders— hmhm! Nur ſein Wein iſt vortrefflich, haha! Und ich habe mich köſtlich an ſeinem Heidſiek gelabt— ſüperbes Haus!“ „Wer war denn ſonſt noch da? Erzähle uns, was Du erlebt haſt.“ „Erlebt, Sibylle? Du ſcherzeſt wohl! Was ſoll man denn bei einem Diner erleben? Geſchwatzt freilich wurde genug und der dicke Graf war ganz aus dem Häuschen mit ſeinen Neuigkeiten.“ „Dann wundere ich mich nur, daß Du nicht länger geblieben biſt.“ „O, ich will morgen zum Grafen hinüber, zum 8 Frühſtück, und da dacht' ich, es wäre beſſer, wenn ich 37 etwas früher zur Ruhe käme. Heißa, Kinder, da bin ich— nun laßt einmal Etwas von Eurer Dudelei hören!“ „Sogleich, lieber Bruder, Du wolltteſt uns aber erſt einige von den Neuigkeiten des Grafen erzählen.“ „Wollte ich das? haha! Die würden Euch ſtillen Haushockern eben nicht erbaulich klingen, aber halt— Eins weiß ich, was Euch intereſſiren wird.“ „Nun und was wäre das?“ „Ja, denke Dir, Sibylle, wir haben nun endlich unſern neuen Nachbar in der Nähe— da oben an der See auf dem neuen Schloſſe—“ „Was, der engliſche Lord iſt wirklich ſelbſt ge⸗ kommen?“ „Meiner Seele, dieſer britiſche Narr iſt ange⸗ langt, und er muß ein durchtriebener Kauz ſein, wenn das wahr iſt, was man von ihm hört. Dieſe Herren Engländer! Was ſie für Launen und Einfälle haben, es iſt zum Lachen! Dieſer Menſch zum Beiſpiel iſt nach unſern Begriffen ein Millionair, könnte in Lon⸗ don, Paris, Berlin oder Rom leben, und iſt ein ſo verrückter Sonderling, ſich an unſrer ſtillen, melancho⸗ liſchen Küſte eine Villa zu bauen, als wollte er wie eine Möwe da leben, Bernſtein fiſchen, Kartoffeln 38 bauen und Spiritus brennen. Nein, Gott ſei Dank, daß ich kein ſolcher Sonderling bin!“ „Wenn das alle ſeine Sonderbarkeiten ſind, daß er ſich hier angekauft und angebaut hat,“ ſagte Wer⸗ ner ruhig,„ſo ſind ſie noch ſehr zu ertragen. Ich finde das gar nicht ſonderbar. Hier haben ſich ſchon mehrere Edelleute angekauft, und Du ſelbſt, Vater, haſt ja Dein ſchönes Gut in Hannover mit dieſem vertauſcht.“ „Rede nicht ſo unvernünftig, Werner,“ fuhr der Baron derb heraus,„und vergleiche ſolchen engliſchen Haſenfuß, ſolchen Weltdurchſchwärmer, ſolchen Mond⸗ ſcheinhelden mit mir und Meinesgleichen. Ich bin ein Deutſcher, wir Alle ſind Deutſche, und das iſt unſer Land, unſre Heimat, unſer Eigenthum. Was hat ſolch' ein britiſcher Lord hier zu ſuchen? Will er uns wie überall das Leben vertheuern und ſeine ver⸗ rückten Gewohnheiten einimpfen? Mag er in ſeinem Nebellande bleiben oder ſein Geld in das atlantiſche Meer werfen, mir iſt es einerlei, aber unſre gute deutſche Sitte ſoll er mir nicht mit ſeinem indiſchen Golde verderben. Hol ihn der Teufel!“ „Ja, Du haſt Recht, Leopold, und Du, Werner, ſammle erſt Erfahrung, ehe Du über ſolche Dinge mitſprichſt,"¹ ſagte Fräulein Sibylle mit einem grim⸗ migen Seitenblick auf den ſchweigend und bewegungs⸗ los daſtehenden Hauslehrer.„Wenn ich einmal ſo viel Geld hätte, wie dieſer engliſche Narr haben ſoll— denn ein ſolcher iſt er— dann kaufe ich mich an ei⸗ nem Orte an, wo es ſchön und romantiſch iſt, zum Beiſpiel am Genferſee, aber hier, wahrhaftig, iſt es doch gewiß nicht ſchön.“ „Oho, Tante! Das ſagſt Du nicht aus Ueberzeu⸗ gung, ſondern blos um dem Vater Recht zu geben. Hier wäre es nicht ſchön? Geh einmal nach der Küſte, gerade dahin, wo die Brenke in die See hinein mur⸗ melt und der dichte Hochwald auf den Bergvorſprün⸗ gen bis in die Wellen hinaus läuft— wo kann es ſchöner ſein als in dieſem Lande?“ „Nun ja, darin hat der Junge Recht,“ ſagte der Baron, etwas beſänftigt.„Schön iſt die Küſte, wo der Herumſtreicher ſein Schloß gebaut hat, und es ſoll prachtvoll ſein, innen und außen, obgleich ich es noch nicht habe übers Herz bringen können, hinzureiten; denn mich hat es zu giftig geärgert, als ich hörte, daß der alte Graf Bolzahn— Gott habe ihn ſelig! — das ſchönſte Gut in der ganzen Gegend ſo heim⸗ tückiſch hinter unſerm Rücken an dieſen hergelaufenen Nabob verkauft hat. Halt einmal, wie nennen ſie doch das Ding jetzt? Ja, richtig, Downs⸗Caſtle— wie überſetzt man das in unſre Sprache, Herr Sohn?“ „Dünenſchloß,“ ſagte Joſeph, ſich verbeugend. „Nun ja, das iſt ein ganz paſſender Name. Dü⸗ nen liegen genug an der Küſte herum.“ „Was hat er denn ſonſt noch für Sonderbarkeiten, dieſer engliſche Lord?“ fragte der hartnäckige Werner ſeinen Vater.„Bis jetzt habe ich eigentlich noch nichts Sonderbares von ihm gehört.“ „Du biſt ein Zweifler, Werner, an Allem, was Dir ein vernünftiger Menſch ſagt. Recke die Ohren in die Welt und höre, was draußen vorgeht, anſtatt die Naſe immer auf die Noten zu richten, was mir auch über kurz oder lang zuwider werden wird.“ Joſeph trat einen Schritt vom Tiſche zurück, da er ſah, daß das Geſpräch eine ſo ungemüthliche Wen⸗ dung nahm, und Rachel folgte ſeinem Beiſpiel. Wer⸗ ner aber, durchaus nicht eingeſchüchtert, obgleich eine hohe Scharlachfarbe ſein Geſicht überlief, behauptete feſt ſeinen Platz und ſchien den Kampf mit ſeinem Vater aufnehmen zu wollen, der ihn tief verletzt hatte, indem er ihm die Muſik vorwarf, die ſein einziges Dichten und Trachten war. Allein der Baron, nicht geſonnen, an dieſem Abend von ſeinem Thema abzu⸗ 41 weichen, fuhr ſogleich fort, indem er Werner's Frage beantwortete: „Was er ſonſt noch für Sonderbarkeiten hat, fragſt Du? Den Spleen hat er, melancholiſch iſt er, zum Hängen! Alle Tage will er ſich erſchießen, erdroſſeln, erſäufen, und er thut es doch niemals, der dumme Narr!“ „Sagt er ſelbſt, daß er das will?“ „Dummes Zeug— was Du für alberne Fragen thuſt! Du kommſt mir heute wie ein Kind vor. Haben ich ihn etwa ſchon geſehn oder geſprochen? Die Leute, von denen ich herkomme, ſagen es, denn er ſoll aus⸗ ſehen wie ein Gewitter, das eben einen Kirchthurm zertrümmern will.“.. „Ausſehn!“ fuhr Werner unverzagt fort.„Was die Leute ſagen! Das iſt mir noch lange kein Beweis, daß dieſe Leute Recht haben. Erſt muß ich einen ſol⸗ chen Mann kennen lernen, bevor ich ihn beuttheile. Die Leute nehmen ſich in der Nähe oft ganz anders aus, als in der Ferne.“ „Die Ehre wird Dir bald zu Theil werden!“ ſtieß der Baron hervor, nahm ein Licht vom Tiſche und ſchien ſich entfernen zu wollen, aus Aerger, daß er da Widerſpruch gefunden, wo er keinen erwartet hatte. „Ja, die Ehre wird Dir bald und leider auch uns 42 zu Theil werden. Der Herr Lord— Sborneliffe nennt er ſich— denkt daran, einige Beſuche in der Nach⸗ barſchaft abzuſtatten, und da wir ihm die nächſten ſind, ſo wird er ſein Mondſcheingeſicht wohl zuerſt in unſern Hof ſtecken. Haha! Wir werden ihn morgen oder übermorgen in einer goldbeſchlagenen Kutſche, drei Mohren hinten auf, Achte lang— lauter Vollblut— hier hereinfahren ſehen, und dann wird ſich ſo ein drei Ellen langer Hageſtolz, dünn wie ein Licht, mit polirtem Schädel, waſſerblauen Augen, ſteifer Cravatte und doppelſohligen Schuhen präſentiren. Haha! Ich ſehe ihn ſchon, auf Ehre! Es wird ein köſtliches Schauſpiel ſein! Wenn er nur nicht auf den tollen Einfall geräth, hier mitten unter uns ſich ſeinen Gän⸗ ſehals abzuſchneiden. Haha!— Gute Nacht, Kinder, gute Nacht, ich will ſchlafen gehen. Seiner Schweſter zunickend wollte er ſich eben ent⸗ fernen, als ein lauter Ruf aus Joſeph's Munde ihn plötzlich zurückhielt. Dieſer hatte ſich zufällig dem So⸗ pha genähert, auf welchem die Baronin ſaß, und be⸗ merkt, daß ſie in die Kiſſen zurückgeſunken war, tod⸗ tenbleich mit geſchloſſenen Augen und im Schooße gefalteten Händen dalag und mehr einer Leiche als einem lebendigen Menſchen ähnlich ſah.„Mein Gott,“ rief er laut aus,„was iſt der gnädigen Frau?“ 43 Dieſer ängſtliche, aus einem wirklich beſorgten. Herzen kommende Ruf übte eine augenblickliche Wir⸗ kung auf die im Saale Anweſenden aus. Man ſprang von allen Seiten herbei, rief die Ohnmächtige mit den zärtlichſten Namen und erſchöpfte ſich in Bemühun⸗ gen, ſie wieder in's Leben zurückzurufen. Endlich war es gelungen; die Baronin ſchlug die Augen auf, warf einen jammervollen Blick um ſich und blieb ſchließlich mit einem unausſprechlichen Entſetzen auf den kalten Zügen ihres Gemahls haften. „Was iſt Dir?“ fragte der Baron mit ſtupidem Gleichmuthe. Die Baronin ſchüttelte abweiſend das Haupt und fuhr mit der Hand nach dem Herzen; der Baron da⸗ gegen, ſeine Frau unter dem Beiſtande der weiblichen Verwandten laſſend, drehte ſich, immer noch ſein Licht in der Hand haltend, nach den beiden jungen Män⸗ nern um und brummte: „Eine alte Geſchichte! Die verfluchten Nerven! Dachte ich mir's doch, daß wir noch lange nicht über alle Berge wären. Schickt ſogleich nach Neuſtadt und laßt den Doctor holen. Der Teufel fängt ſchon wie⸗ der an, ſein Spiel hier zu treiben, nachdem kaum ein halbes Jahr vernünftig hingegangen iſt. Gute Nacht, Sibylle, gute Nacht!“ 44 Damit zur Thür ſchreitend glaubte der vortreffliche Gatte Alles gethan zu haben, was ſeine Pflicht ver⸗ langte. Während nun die Baronin in ihr Zimmer und zu Bette gebracht wurde, ließ man raſch ein Pferd ſatteln und einen zuverläſſigen Boten nach Neuſtadt jagen. Glücklicher Weiſe fand er den Doctor zu Hauſe und brachte ihn ſogleich mit. Als der Arzt gegen Mitternacht das Schloß erreichte, fand er die Patien⸗ tin im Schweiße liegen, wahrſcheinlich in Folge der Wirkung der Hausmittel, die Tante Sibylle ihrer Schwägerin aufgedrungen hatte. Jene ſelbſt ſaß am Bette und auf der andern Seite Sophie, während Ra⸗ chel, am Fußende kauernd, regungslos die Baronin anſtarrte und einer Bildſäule glich, deren Augen al⸗ lein durch ihren glühenden Schein das Leben verriethen, das in den kleinen Körper eingeſchloſſen war. Der Arzt ließ ſämmtliche Anweſende das Zimmer verlaſſen, um ſich mit der Kranken ungeſtört zu un⸗ terhalten, und als er nach einer halben Stunde zu den beſorgt Harrenden in den Salon zurückkehrte, for⸗ derte er vor allen Dingen unbedingte Ruhe für ſeine Patientin, Geduld und Abweiſung aller Aufregung, denn das waren die Mittel, die ihm ſchon früher bei ähnlichen Zufällen der Baronin von erſprießlichſter Wirkung geweſen waren. Schließlich verſchrieb er noch 45 ein Recept, das ein Bote wiederum nach Neuſtadt zur Apotheke tragen mußte, und verſprach am andern Abende wiederzukommen. Beunruhigt, wie es ſelten geſchehn war, ſchlichen die an dem Wohlbefinden der Baronin Theilnehmenden auf ihre Zimmer, von Her⸗ zen Gott bittend, das Leben der ihnen ſo theuren Frau zu bewahren und ihr recht bald die verlorene Geſundheit wiederzugeben. —,— Drei oder vier Tage waren ſeit jenem Abend verfloſſen— kein Menſch hatte ſich bis jetzt die Ur⸗ ſache des ſo plötzlich erfolgten Unwohlſeins erklären können— die Baronin lag matt und wie gebrochen, eine vom Stengel geriſſene vertrocknete Lilie, in ihrem Bette, bewegte ſich kaum und ſprach nur wenige Worte zu Sophie oder Rachel, die abwechſelnd täglich einige Stunden bei ihr zubrachten. Auch Nachts hatten ſie nicht von ihrem Lager weichen wollen, aber die Ba⸗ ronin hatte es ihnen ausdrücklich unterſagt, wie auch der Arzt, zumal die alte Doris, eine treue und umſich⸗ tige Dienerin, ſich dieſen Liebesdienſt nicht nehmen ließ. Sobald aber der Tag graute, ſchlich Sophie zu * 46 3 der geliebten Kranken, erkundigte ſich nach ihrem Be⸗ finden und theilte dann den übrigen Theilnehmenden ihre Nachrichten mit. So würde es nun eine Zeit lang bleiben, das wußte man mit ziemlicher Beſtimmt⸗ heit, denn ähnliche Anfälle waren in früheren Jahren ſchon öfter dageweſen und hatten die Kranke ſtets Monate lang an ihr Zimmer, wenn nicht an ihr Bett gefeſſelt. Die allgemeine Hausordnung litt freilich darunter nicht, aber die fröhlichen genußreichen Abende, das häufige Zuſammenſein der jüngeren Familienglie⸗ der war dadurch arg geſtört, abgeſehn davon, daß Tante Sibylle ihre kaum aufgegebenen Anſprüche nun wieder erhob und den Herrſcherſtab über Zeit und Ort des Unterrichts, überhaupt über die Eintheilung der Stunden des Tages ergriff. Allein die Zeit der frü⸗ heren abſoluten Herrſchaft dieſer liebloſen und hämi⸗ ſchen alten Jungfer ſollte ein für alle Mal vorüber ſein, denn kein Menſch gehorchte ihren Anforderungen und erfüllte ihre Befehle, ſelbſt der ſanfte Hauslehrer ward von Werner mit fortgeriſſen und ſetzte auf die bisher gebräuchliche Art den Unterricht, die Muſikſtun⸗ den und die abendliche Unterhaltung über intereſſante wiſſenſchaftliche Gegenſtände fort. Der Baron vor Allen ließ ſich auf keine Weiſe in ſeiner hergebrachten Lebensart ſtören. Er fuhr und 47 ritt in die Nachbarſchaft, ſpeiſte Mittags und Abends, da er zu dieſer Zeit keine Gäſte bei ſich ſehen mochte, meiſt außer dem Hauſe und war nur ſelten oder in den frühſten Morgenſtunden im Schloſſe anzutreffen. Am vierten oder fünften Tage nach jenem Vor⸗ falle ſprach die Baronin zum erſten Male den Wunſch aus, man möge ihr etwas vorleſen. Sophie war ſo⸗ gleich dazu bereit und fragte, was ſie hören wolle. Die Baronin aber ſchüttelte verneinend leiſe den Kopf und bat ſie mit flüſternder Stimme, Herrn Sohn zu bitten, ein Stündchen bei ihr zuzubringen und den Oſſian in engliſcher Sprache mitzubringen. So⸗ phie, mit leuchtendem Auge von ihrem Stuhle auf⸗ ſpringend, ſandte ſogleich nach dem Verlangten und bald darauf erſchien er, auf ſeinem milden Geſichte die ganze Theilnahme zeigend, die er für ſeine erkrankte Wohlthäterin im Herzen trug. Und ſo, während Werner mit Rachel zu dieſer Zeit Muſik trieb, war denn ein neues wonnigliches Beiſammenſein gefunden, und ſo ſchnell die Zeit auch dahinging, welche die drei insgeheim ſo innig befreundeten Perſonen mit einander in dem ſtillen Krankenzimmer verlebten, es ſollte ſehr bald der durch nichts beunruhigte Verſamm⸗ lungspunkt zweier Herzen werden, die ſich, ohne Ah⸗ 48 nung, daß es ſo ſei, von Tage zu Tage enger zuſam⸗ menſchloſſen. Nach einigen Wochen ging es der Patientin ſchon viel beſſer; ſie verließ bisweilen einige Stunden des Tages ihr Bett und ſah bald Werner und Rachel, bald Sophie und Joſeph Sohn bei ſich. Jedoch nahm ſie an Nichts Theil, was ſich auf das Haus im Allgemeinen bezog, denn ſie ſchien eine Art inneren Abſcheu's ge⸗ gen Alles zu hegen, was ſie an die Scene des zuletzt geſchilderten Abends erinnern konnte. Da ſich die Nachricht von ihrer Krankheit raſch in der Nachbar⸗ ſchaft verbreitet hatte, ſo wurden von verſchiedenen Seiten Boten geſandt, die ſich nach ihrem Befinden erkundigten, Beſuche aber, ſelbſt von älteren Damen, wurden nie angenommen, da die Kranke vor allen Dingen allein und ungeſtört zu bleiben ſich vorbehal⸗ ten hatte, was denn auch pünktlich und gewiſſenhaft befolgt wurde. So mochten etwa drei Wochen ſeit dem Abende ihrer Erkrankung verfloſſen ſein, als ſämmtliche Haus⸗ bewohner, Tante Sibylle und Fräulein Urſel mit ein⸗ geſchloſſen, im Salon verſammelt waren, um einen der erſten etwas trüben Juninachmittage bei der Mu⸗ 49 ſik zu verbringen, nur der Baron, der jedoch frühzeitig heimzukehren verſprochen hatte, befand ſich außerhalb des Hauſes. Es mochte etwa fünf Uhr ſein— erſt um ſieben Uhr hatte die Baronin Sophien und Joſeph Sohn zu ſich beſchieden— als, von den im Salon Verſammelten unbemerkt, ſich ein einſamer Reiter dem Scchloſſe näherte, langſam über die Brücke ritt und einem herbeieilenden Stallknecht ſein ſchönes braunes Vollblutpferd übergab. An Valentin, der alsbald er⸗ ſchien, einige Fragen über das Befinden der Kranken und über die Lage ihres Wohnzimmers richtend, die der⸗ ſelbe augenſcheinlich zur Befriedigung des Fremden beantwortete, begab er ſich mit ihm in das zweite Stockwerk und blieb hier an der Thür ſtehen, hinter der die herrlichen Töne eines ſanften Adagio's erklan⸗ gen, die einen Flügel, ein Cello und eine Geige in Thätigkeit erkennen ließen. Aufmerkſam lauſchte der Fremde und, ein eigenthümliches Lächeln zeigend, das offenbar ſeine Zufriedenheit ausdrückte, nahm er die Meldung Valentin's entgegen, daß er willkommen ſein und der Herr Baron ſelbſt in kurzer Zeit zurückkehren werde. Die Muſik innerhalb des Salons war augenblick⸗ lich verſtummt, als Valentin ſeine Meldung laut aus⸗ geſprochen, denn wie gelähmt ließen Alle die Finger Emery Glandon. II. 4 50 ſinken, als ſie hörten, Lord Shorneliffe von Downs⸗ Caſtle bitte um Erlaubniß, den Damen ſeine Aufwar⸗ tung machen zu dürfen. Es giebt Menſchen, deren Namen, wenn ſie unter gewiſſen Verhältniſſen bei'm gemüthlichen Zuſammen⸗ ſein einiger Perſonen geſprochen werden, von merkwür⸗ digem Einfluß auf die Stimmung dieſer Perſonen ſind. Schon oft hat ein ſolcher Name wie ein elek⸗ triſcher Funken gewirkt und eine Aufregung veranlaßt, die wenige Minuten vorher in der ſtillen Verſamm⸗ lung unmöglich zu ſein ſchien; und andrerſeits hat er eine Beſorgniß und Entmuthigung hervorgerufen, die kaum auf natürliche Weiſe zu erklären ſind. Hier war keins von Beidem der Fall, ſondern in ganz andrer Weiſe wirkte der nur einmal gehörte Name des reichen Lords, des britiſchen Narren, wie ihn der Baron ſpöt⸗ tiſch genannt hatte. Alle, Jung und Alt, waren au⸗ genblicklich von einer Neugierde betroffen, die kurz vorher noch Niemand empfunden hatte, und unter den bekannten Umſtänden war es wohl verzeihlich, wenn Jedermann ſeine Augen weit aufriß, um den Mond⸗ ſcheinritter, den drei Ellen langen Briten mit waſſer⸗ blauen Augen und doppelten Sohlen von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Allein diesmal hatten ſie ſich ſämmtlich und zwar auf eine erfreuliche Weiſe geirrt, 51 denn anſtatt des hageren, glatzköpfigen und ſpindelbei⸗ nigen Inſulaners, wie ihn der Baron geſchildert, trat ein in den trefflichſten Verhältniſſen gebauter Mann von etwa fünf und vierzig Jahren in feiner Geſell⸗ ſchaftskleidung herein. Sein kleiner ovaler intelligen⸗ ter Kopf entſprach ſeiner mäßig beleibten doch ſtattli⸗ chen Geſtalt auf das Vollkommenſte, eben ſo wie ſeine feinen Manieren ganz und gar dem Ausdrucke ſeines Geſichts angemeſſen waren. Dieſes Geſicht, mit einer gewiſſen innerlichen Spannung ſich ſogleich nach al⸗ len Seiten wendend, war zwar etwas blaß, aber von reinem engliſchen Schnitt; unter dunklen Brauen ſchau⸗ ten zwei kluge und doch mild blickende blaue Augen hervor, mit denen die feine, etwas gewölbte Naſe vor⸗ trefflich harmonirte. Das Einzige, was mit des Ba⸗ rons Schilderung einigermaßen übereinſtimmte, war eine, wenn nicht melancholiſche, doch gewiß elegiſche Färbung, die auf dieſem Geſichte lag, die aber ſehr angenehm zu ſeinem übrigen Weſen ſtimmte, das un⸗ zweifelhaft eine feine ariſtokratiſche Erſcheinung reprae⸗ ſentirte, wie man ſie unter vornehmen Engländern ſehr häufig findet. Wollen wir nun ganz genau bei der Schilderung dieſes in unſrer Erzählung ſo bedeutenden Mannes verfahren, ſo müſſen wir noch einen Zug erwähnen 4* 52² der vielleicht das Charakteriſtiſchſte war, was ſein Ge⸗ ſicht darbot. Es lag nämlich im untern Theil deſſel⸗ ben, namentlich um den Mund, ein Ausdruck gewiſ⸗ ſer Entſchloſſenheit, der an Hartnäckigkeit ſtreifte, die, was ſie einmal erfaßt hat, auch durchzuſetzen pflegt. Vielleicht war dieſer dem aufmerkſamen Beobachter ſo⸗ gleich auffallende Zug nicht von Hauſe aus durch die Natur dem Geſichte eingeprägt, ſondern durch herbe Erfahrungen und eines bewegten Lebens mächtige Ein⸗ wirkung hervorgerufen. Durch dieſe Entſchloſſenheit und Zähigkeit, die ſeinem Munde und Kinne etwas Doggenartiges verlieh, verlor ſein Geſicht, im Ganzen betrachtet, wohl etwas von ſeiner angeborenen Schön⸗ heit, gewann aber eben ſo viel an männlichem Aus⸗ druck und innerlich geſammelter Kraft, ſo daß man wenn nicht mit Wohlgefallen, doch mit großer Befrie⸗ digung ein Antlitz überblickte, das Jedermann Reſpekt einflößen mußte. „Meine Damen und meine Herren,“ ſagte der Brite mit reiner deutſcher Ausſprache, die aber doch dann und wann ein engliſcher Accent durchbrach,„ich bedaure, Sie geſtört zu haben. Allein trotzdem ich ſchon ſeit einigen Wochen vernahm, daß die Frau vom Hauſe leidend iſt, konnte ich meinen Beſuch doch nicht länger hinausſchieben, da es mir wünſchenswerth war, 53 meine nächſten Nachbarn nach meinem Einzuge in Downs⸗Caſtle zuerſt zu begrüßen.“ Das ältere Fräulein von Haldrungen, ſich ſogleich in würdevolle Poſitur ſetzend, trat einen Schritt ge⸗ gen den ihr außerordentlich behagenden reichen Lord vor, und ſich tief verneigend, erwiderte ſie ſeine Be⸗ grüßung mit einigen Worten, woran ſich die Vorſtel⸗ lung der anweſenden Perſonen ſchloß. Lord Shorneliffe richtete ſein helles Auge auf Je⸗ den der Genannten der Reihe nach und wiederholte vor jedem Einzelnen ſeine Verbeugung. Als dann aber zuletzt ſein Auge auf Joſeph Sohn ruhen blieb, der beſcheiden zurückgetreten war, ſtutzte er einen Au⸗ genblick, ſchien ſich zu beſinnen und fragte dann leb⸗ haft:„Herr Sohn? Hörte ich recht?“ „Ja, der Hauslehrer meiner Nichte und meines Neffen, Mylord.“ Der Engländer warf in ſeiner beharrlichen Weiſe noch einen Blick auf Joſeph's angenehme Geſtalt, ging dann auf ihn zu, der etwas hinter Werner ſtand, und ſchüttelte Beiden nach einander kräftig die Rechte. Gleich darauf hatte er auf dem dargebotenen Seſſel Platz genommen und das Geſpräch entwickelte ſich bald, wie es unter ſolchen Verhältniſſen zu geſchehn pflegt, wenn die Leute ihr Penſum aus der Erfahrung gelernt haben. Nachdem der Lord, der in den Augen der Tante Sibylle kein britiſcher Narr mehr, ſondern ein liebens⸗ würdiger, achtungswerther vornehmer Herr war, ſich eine Weile mit den älteren Damen unterhalten und gewiſſermaßen mit einem ſichern, ihm angebornen Takte den Charakter der mit ihm Redenden entziffert hatte, benutzte er eine Pauſe, die ſie ihm ließen, um ſich an Sophie zu wenden. „Ihre Frau Mutter, mein Fräulein, iſt doch nicht bedenklich krank?“ „Gott ſei Dank, nein, Mylord! Sie leidet häufig an gewiſſen Zufällen, die ſich aus ihrer Jugend her⸗ ſchreiben; nur bedauern wir, ſie dann Monate lang einer ungeſtörten Einſamkeit preisgegeben zu ſehen und ihre Geſellſchaft entbehren zu müſſen, da ſie vor allen Dingen der Ruhe bedarf.“ „Das thut mir leid. Ich wünſche von Herzen baldige Beſſerung.— Aber wie, meine Herrn, Sie waren eben bei der B⸗Dur Sonate von Mendels⸗ ſohn, wenn ich nicht irre. Wie Sie ſehen, bin ich Muſikkenner und ich füge hinzu, ein großer Freund dieſer Kunſt. Wollten Sie mir das Vergnügen ge⸗ währen, mich auch das Allegro hören zu laſſen, deſſen Andante mir den Muth eingeflößt hat, Sie um die⸗ ſen Ohrenſchmaus zu bitten?“ —˖—˖Q—Q—QQOQO—OCO(O——— 55 Joſeph gab Rachel einen Wink und ſetzte ſich an ſein Cello, während Werner die Geige ergriff. Einen Augenblick darauf war man mitten im Feuer und der Lord war ſo erſtaunt von dem vollendeten Spiele, welches er hörte, daß er ſein ſtrahlendes Auge for⸗ ſchend von Einem zum Andern der Spielenden wandte. Als das Allegro beendet war, erhob er ſich und ging ſchnell auf den Flügel zu, wo Rachel ruhig und be⸗ ſcheiden ſaß, wie ſie es immer war. „Mein Fräulein,“ ſagte er haſtig,„wo haben Sie Ihr Spiel gelernt?“ Rachel wandte ihr funkelndes Auge auf Joſeph und erwiderte ſanft, doch mit einem gewiſſen Stolze: „Bei dieſem Herrn, meinem Erzieher und Lehrer.“ „So weiß ich nicht, wem von Ihnen Beiden ich mein größtes Compliment machen ſoll. In der That, Sie haben mich überraſcht. Dergleichen hier auf dem Lande zu finden, war ich nicht vorbereitet. Bei Gott, ſehr, ſehr ſchön! O, laſſen Sie mich noch einmal Etwas hören, aber ich bitte mir ein Solo aus.“ Rachel ſetzte ſich nieder, ſann einen Augenblick nach und ſpielte dann, wie ſie nur ſo ſchön es konnte, das ſchwere Impromptü in As⸗Dur von Chopin. Der Engländer, der an den Flügel dicht herange⸗ treten war, jeden Fingerſatz beobachtet, jeden Ausdruck 56 der Spielerin verſchlungen hatte, war ganz bleich ge⸗ worden. Faſt machte es ihm Mühe, ein Wort her⸗ vorzubringen, und er ſah ſich rings im Kreiſe um, als wollte er auf den verſchiedenen Geſichtern die Be⸗ ſtätigung der Empfindungen leſen, die ihn ſelbſt durch⸗ zuckten. Zuletzt aber blieb er abermals an Joſeph's freudiger Miene haften und ſagte mit offenem aber höchſt entſchiedenem Tone: „Mein Herr, darf ich fragen, wo Sie Ihre Stu⸗ dien gemacht haben?“ „Bei meinem Vater, Mylord.“ „Wer war Ihr Herr Vater?“ „Der Profeſſor Sohn in Bremen.“ „So. Nun, wer ſolche Schülerin erziehen kann, der iſt ſelbſt ein Meiſter. Weiter will ich heute nichts ſagen. Aber, meine Damen und Herrn, ich bin ſelbſt etwas muſikaliſch und ſpiele mehrere Inſtrumente. Ich kam mit der Abſicht hierher, den Herrn Baron zu bitten, mich recht bald auf Downs⸗Caſtle zu be⸗ ſuchen, und da er leider nicht anweſend iſt, ſo ſpreche ich Ihnen die Bitte aus, mich ſo bald wie möglich zu erfreuen. Wir können auch bei mir concertiren, ich habe eine paſſende Räumlichkeit dazu, und die Inſtrumente, die Sie vorfinden werden, dürften Ihnen 57 zuſagen. Darf ich hoffen, Sie recht bald bei mir zu ſehen?“ Man wollte eben Etwas erwidern, als die Thür aufging und der Baron ſelbſt hereintrat, mit wahrer leidenſchaftlicher Gluth und Herzlichkeit den Mann be⸗ grüßend, den er vor wenigen Tagen ſo arg verläſtert hatte. Die beiden Herrn ſaßen ſehr bald auf einem Sopha in der einen Ecke des Salons, während die andren Perſonen ſich in die entgegengeſetzte zurückge⸗ zogen hatten. „Sie glauben nicht, wie ich mich freue,“ ſagte der Baron, nachdem ihr Geſpräch über die in der Um⸗ gegend liegenden Güter und deren Bewohner ſchon eine Weile gedauert hatte,„einen Mann von Ihrer Art und Weiſe meinen nächſten Nachbar zu nennen. Das Meiſte, was wir hier haben, iſt Krimskrams und kein rechter Adel darunter. Ohne Zweifel werden wir uns daher recht häufig beſuchen. Wenn man in einer ſo abgelegenen Gegend nicht gute Nachbarſchaft hält, iſt das Landleben ſehr langweilig. Aber Sie haben wohl noch nicht den Entſchluß gefaßt, lange auf— auf Downs⸗Caſtle zu bleiben?“ „Ich faſſe nie beſtimmte Entſchlüſſe, die meine Zukunft betreffen; ich folge vielmehr der Eingebung des Augenblicks und befinde mich wohl dabei. Wenn 58 es mir einfällt, gehe ich morgen an den Hudſon und über vier Wochen nach dem Ganges. Nur wo ich Dinge von Intereſſe finde, verweile ich länger.“ „So hoffe ich, daß Sie hier an der Brenke mehr finden, als Sie vielleicht erwartet haben.“ „Ich erwarte Nichts mehr— das gehört auch zu meinen Eigenthümlichkeiten. Denn was man erwar⸗ tet, findet man ſo ſelten, daß man Unrecht thut, ſei⸗ ner Hoffnung die Flügel zu ſpannen. Oft findet man gerade, wenn man Nichts ſucht, was des Suchens werth wäre.“ Der Baron bezog die Schmeichelei, wenn es eine ſein ſollte, auf ſich und ſein Haus und verbeugte ſich dankbar.„Sie haben auf Ihrem Gute,“ fing er nach einer Pauſe wieder an,„ſchöne fruchtbare Ländereien — werden Sie die ſelbſt bewirthſchaften?“ „Ach nein! Zur Landwirtthſchaft tauge ich nicht, dazu fehlt es mir an Gemüthsruhe. Ich überlaſſe das meinen Verwaltern. Die Einnahmen gehören ihnen und die etwaigen Ausfälle decke ich.“ „Ach ſo, ja freilich, hm! Wenn man bei ſo guten Mitteln iſt, iſt man geborgen. Aber wie ſteht es mit der Jagd? Sie ſind doch gewiß ein ächter Nimrod?“ Des Engländers Stirn verfinſterte ſich.„Jagd?“ ſagte er.„Nein, von allen Perſönlichkeiten, die Sie — — 59 mir beilegen können, bin ich am wenigſten ein Nim⸗ rod. Auf meinen Gütern wird nicht gejagt.“ „Nicht gejagt? Sie ſcherzen. Was fangen Sie denn mit dem Wilde an?“ „Ich laſſe es ſich ſeines Lebens freuen, wie ich— wie Sie ſich, wollt' ich ſagen, des Ihrigen freuen.“ Der Baron machte ein Geſicht, ſo lang, wie man es ſelten bei ihm ſah. Das war ihm doch etwas zu ſonderbar. Das närriſche Weſen des Briten brach, nach ſeiner Meinung, allmälig doch aus deſſen Ge⸗ ſpräch hervor.„Aber, mein Gott,“ ſagte er,„dann werden Sie doch wenigſtens Ihre Jagd verpachten und Sie würden mir einen großen Gefallen thun, wenn Sie an mich dabei zuerſt dächten.“ „Um Verzeihung, Herr Baron, ich wiederhole es: auf meinen Gütern wird nicht gejagt, niemals, weder von mir, noch weniger von Fremden. Ich liebe das nicht.“ Er ſtand auf, nachdem er die letzten Worte mit feſtem und eindringlichem Tone geſprochen, der ſchon allein genügend war, das Geſpräch über den betreffen⸗ den Gegenſtand abzubrechen. „Aha, nun verſtehe ich— wie, Sie wollten uns ſchon verlaſſen?“ „Ja, Herr Baron, ich habe Geſchäfte für heute 60 Abend und bin gern zu Hauſe, wenn es dunkel wird.“— Fünf Minuten darauf hatte Mylord das Zimmer verlaſſen, nachdem er von den Verſammelten Abſchied genommen und noch einmal verbindlich den Wunſch ausgeſprochen hatte, die Damen und Herrn an einem der nächſten Tage bei ſich zu ſehen. Der Baron und Werner begleiteten ihn bis auf den Hof, wo ſie Ge⸗ legenheit hatten, das herrliche Racepferd zu bewun⸗ dern, welches den Engländer hierhergetragen. Nach⸗ dem dieſer fortgeritten und Vater und Sohn in den Salon zurückgekehrt waren, entſpann ſich ein eifriges Geſpräch über den Beſuch, aber man war uneinig über ihn, wie ſchon früher, denn wie Werner ihm auf jede Weiſe das Wort redete, ließ ſich der Baron nicht davon abbringen, daß Mylord zwar nicht ein offen⸗ barer, aber doch ein verſteckter närriſcher Kauz ſei. „Ihr werdet es erleben,“ wiederholte er dreimal,„daß ich Recht habe. Seht ihn Euch nur erſt aus der Nähe an. Solche Leute, die heute am Hudſon, mor⸗ gen am Ganges und übermorgen auf den Dünen an der Oſtſee ſind, haben den Teufel im Leibe. Ich kenne das— pah! laßt mir ein Glas Wein bringen!“ —.,— Einige Minuten ſpäter wußte auch die Baronin, daß der britiſche Narr ſeinen Beſuch abgeſtattet, was er geſprochen und wie er ſich benommen habe. Sie blieb ganz ſtill bei den Mittheilungen, die Sophie über ihn machte und ſchaute nur ſelten aus der innern Verſunkenheit auf, in die ſie jetzt wieder ſo oft ver⸗ fiel.„Es thut mir leid, daß Du ihn nicht geſehn haſt,“ fügte Sophie hinzu,„Du würdeſt Dich gewiß über ſeine Bekanntſchaft gefreut haben; er ſcheint mir ein ſehr angenehmer, obwohl immerhin etwas ſel tſa⸗ mer Mann zu ſein.“ ‿— † „Was hat er mit dem Vater geſprochen?“ fragte die Baronin leiſe. „Das habe ich nicht genau gehört, wir ſaßen zu weit davon entfernt, doch, glaube ich, handelten ſie mit Lebhaftigkeit das Kapitel über die Jagd ab.“ Die Baronin ſeufzte recht von Herzen, blieb aber dann wieder ganz ſtill und bat endlich Sophien, ſie allein zu laſſen. Sophie küßte ſie und begab ſich zu Rachel und Werner, zu denen ſich bald auch Joſeph geſellte, um einen Spaziergang vorzuſchlagen, der Allen erwünſcht war. Als ſie ſo auf ihrem Lieblingswege den Hügel hin⸗ anſchritten, ſagte Sophie:„Nun, Herr Sohn, wird es die längſte Zeit gedauert haben, daß Sie den Anblick 62 der See entbehrten. Wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo wird Tante Sibyllle ſelbſt es ſich angelegen ſein laſſen, recht bald der Einladung des Engländers Folge zu leiſten, ſollte es auch nur aus Neugierde geſchehen, ſein ſchönes Zauberſchloß zu betrachten.“ „Ach,“ ſagte Werner,„ich weiß nicht, wie es kommt, mir will dieſe neue Bekanntſchaft gar nicht behagen, ſo angenehm der Mann auch über Muſik ſprach.“ „Haſt Du Angſt vor ſeinem Spleen?“ ſcherzte Sophie. „Wie man es nehmen will. Dergleichen Männer, wie er mir einer ſcheint, ſind unternehmend, und was ſie ſich in den Kopf ſetzen, das führen ſie aus. Et⸗ was dergleichen ſteht dieſem Manne auf jeden Zug ſeines großartigen Geſichts geſchrieben.“ „Was könnte er ſich denn in den Kopf ſetzen, was Ihnen ſchadete?“ fragte Joſeph heiter. „Wer weiß es! Der Himmel gebe, daß ich mich täuſche, aber ich habe ſo eine beſtimmte Beſorgniß, als ob jenes Zauberſchloß, wie es Sophie nennt, wirklich einen Zauberer in ſich ſchlöſe, der—“ „Nun was willſt Du ſagen, Werner?“ „Ja— der Einen von uns verwandelte— Gott weiß, in welche Geſtalt!“ „Nun, hoffentlich doch in eine beſſere!“ 63 „Kinder, es giebt keine beſſere, als die gegenwär⸗ tige, wenn man glücklich darin i*ſt, und ich bin glück⸗ lich— darum allein fürchte ich mich.“ „Wovor?“ fragte Sophie ernſt. „Das weiß ich eben nicht. Aber ſage Du einmal ſelbſt: möchteſt Du Dein Schickſal gewandelt ſehen, wenn Du Dich recht glücklich fühlteſt?“ „Das kann ich Dir nicht ſo ohne Umſtände ſagen, erſt müßte ich mich doch eben glücklich fühlen—“ „Sophie!“ rief der Bruder bedeutungsvoll und blieb auf dem Wege ſtehen—„die Hand aufs Herz: biſt Du jetzt nicht glücklich?“ Sophie erhob die Augen zum Himmel, weil ſie nicht wußte, wen ſie auf Erden anblicken ſollte. Aber ach, der Himmel war trübe. Da alſo keinen Anhalt findend, wandte ſie ſich auf die Erde zurück, aber ſie ſah nichts um ſich her, denn alles Blut ihres Herzens war in ihr Gehirn, ihr Geſicht, ihren Hals und Nacken getreten und verſchleierte mit dunkler Wallung auch ihr ſonſt ſo helles Auge. „Nun, bekomme ich keine Antwort?“ fragte der hartnäckige Werner. „Ich bin wenigſtens zufrieden!“ ſtammelte Sophie, wobei ihr eine Thräne in's Auge kam. „Laſſen Sie ſolche ſeltſame Geſpräche,“ ergriff Jo⸗ — 64 ſeph mit leiſem Beben das Wort,„man darf keinen Menſchen auf's Gewiſſen fragen, was er vielleicht ſelbſt nicht weiß.“ „O, ſie weiß es ſchon, ich ſtehe dafür.“ „Werner— um Gotteswillen!“ „Still, ſtill, liebe Schweſter, ich ſihweige ja ſchon. — Rachel, was machen Sie da?“ Rachel hatte ſich bei den letzten Worten gebückt und aus dem Roggen, der zu beiden Seiten den Weg nach der Höhe einfaßte, vier Kornblumen gepflückt. Sie hielt ſie jetzt hoch in die Luft und lächelte dabei. „Was ſollen die vier Blumen bedeuten?“ „Seht,“ ſagte Rachel mit tiefer und ergreifender Stimme, und ihr Auge blitzte, wie nur ein ſchwarzer Diamant und eines Menſchen Auge blitzen kann,— dieſe vier Kornblumen ſollen uns Vier bedeuten. Ei⸗ ner von ihnen reiße ich den Kopf ab— da liegt er ſchon. Die anderen behalte ich in der Hand. Nun ziehe ein Jeder von Euch einen Stengel heraus, und wer den kopfloſen Stengel zieht, der iſt der Erſte, der in Downs⸗Caſtle bezaubert und verwandelt wird.“ „Nicht doch,“ ſagte Werner.„Man fordre nicht das Schickſal heraus.“ „Werner!“ entgegnete Joſeph ernſt—„glauben 4 — 65 Sie wirklich, daß das Schickſal Eines von uns an den Ausſpruch dieſer Blumen geknüpft ſein könne?“ „Ich glaube nichts dergleichen, aber dennoch äng⸗ ſtigt es mich.“ „Ziehet!“ rief Rachel und hielt mit vorgeſtrecktem Arme die vier Stengel hin. Sophie hatte ſchon einen gezogen. Die Blume ſaß feſt daran. Sogleich ahmte ihr Joſeph nach und auch er zog eine Blume hervor.„Wir werden nicht verwandelt,“ ſagte er leiſe zu Sophie. Sie ſchüttelte ihr Nein mit dem Kopfe und lächelte ſtill vor ſich hin. „Aber vielleicht doch verzaubert!“ brummte der ſcharf hörende Werner. „Nun, Werner; raſch!“ mahnte Rachel. „Ich mag nicht wiſſen, wer von uns Beiden ver⸗ wandelt wird.“ „Aber ich— ſoll ich ziehen?“ fragte Rachel. Werner konnte ihrem bittenden Auge nicht wider⸗ ſtehen und zog raſch einen Stengel hervor, der eben⸗ falls eine Blume hatte. „So! Da ſeht Ihr ſie!“ rief Rachel frohlockend. „Ich ſelbſt werde verwandelt!“ „Das verhüte Gott!“ rief Werner erbleichend.— Der Scherz, denn das war er doch offenbar, ſchien Emery Glandon. II. 5 —⁊—⁊Z⁊ä—łłI1ſ] —————— 66 ſich ſelbſt etwas zum Ernſte gewandelt zu haben; Jo⸗ ſeph ſchaute ſinnend vor ſich nieder und Sophie blickte gedankenvoll ihren Bruder, dann Rachel an. Rachel allein blieb heiter und froh, wie ſie es ſeit langer Zeit war. Werner aber verharrte den ganzen Abend in zurückgezogener Schweigſamkeit, er bewegte ſich kaum und aß gar nichts. Als er aber ſpäter die Geige ergriff und irgend ein Adagio ſpielte, wurzelten ſeine Augen feſt auf dem kleinen Judenmädchen, und nie hatte ſeine Umgebung ihn ſo wunderbar klagend und ſehnſuchtsvoll ſpielen gehört. V V I — Drittes Anpitel. Das Schloß des Zauberers. Der nächſte Tag war einer jener wenigen Früh⸗ ſommertage, wo der auf dem Lande lebende Menſch es unmöglich findet, im Zimmer zu bleiben, wenn ihn nicht Krankheit oder Geſchäfte daran feſſeln. Unwider⸗ ſtehlich lockt und ruft die balſamiſche Luft, der licht⸗ funkelnde tiefblaue Himmel und der Duft der Blu⸗ men wie die Pracht der ganzen ſich in Wonne ba⸗ denden Natur hinaus in's Freie, und der denkende Menſch betritt mit dem köſtlichen Gefühle den durch⸗ wärmten Boden, als hätte er ein Stück Unſterblichkeit vom Himmel zum Geſchenk erhalten, als wäre das All ſein Eigen und er brauche nur einen tiefen Athem⸗ zug zu thun, um ſich vollzufüllen mit jener berau⸗ ſchenden Luft, die uns innerliche Schwingen und gött⸗ liche Gedanken verleiht. So hatten denn auch ſchon 5* 68 zeitig die meiſten unſrer jungen Freunde das Schloß verlaſſen, um ſich im Freien zu tummeln; nur So⸗ phie ſaß bei der Mutter, die es gern ſah, wenn die vier jungen Leute mit einander abwechſelten, ihr Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten, da ſie auf dieſe Weiſe Genuß von Allen hatte und doch durch die Anweſenheit Mehrerer nicht übermäßig aufgeregt wurde. Werner und Joſeph hatten um zehn Uhr Morgens ihre Pferde beſtiegen und waren um elf Uhr wohl eine Meile weit vom Schloſſe entfernt, als unerwartet wieder der Lord er⸗ ſchien und ſich bei'm Baron anmelden ließ. Dieſer war ſpazieren gegangen und ſo traf Jener nur Fräu⸗ lein Sibylle zu ſeinem Empfange bereit. „Mein Fräulein,“ ſagte der fremde Herr,„ich bitte um Verzeihung, daß ich ſchon wieder bei Ihnen ein⸗ ſpreche, allein da ich an dem Gute vorüberritt, ſchien es mir nicht ungeeignet zu ſein, mich perſönlich nach dem Befinden der Frau Baronin zu erkundigen.“ „Sie ſind ſehr gütig, Mylord,“ erwiderte Sibylle mit ihrem künſtlichſten Flötenton,„und meine Schwä⸗ gerin wird ſich freuen, mit ſolcher Aufmerkſamkeit von Ihnen bedacht zu werden. Sie befindet ſich heute, wie ſie ſich geſtern und vorgeſtern befand und wird ſich morgen und übermorgen ſo wie heute befinden.“ Der Brite, der einen Stuhl angenommen hatte, 69 reckte ſich bei dieſen mit einer gewiſſen ſchnippiſchen Wegwerfung geſprochenen Worten in die Höhe, und obwohl er kein Wort hören ließ, ſo ſprach ſich doch in ſeinem langgezogenen Geſicht und in ſeinem durch⸗ dringend auf der alten Jungfer wurzelnden Auge eine ſo verſtändliche Frage aus, daß Fräulein Sibylle ſo⸗ gleich in ihrer Erläuterung fortfuhr: „Ja, Ew. Herrlichkeit wundern ſich vielleicht über meine Faſſung bei der ſo lange dauernden Krankheit meiner Schwägerin; allein wer ſo viele Jahre, wie ich, ihre immer auf dieſelbe Weiſe wiederkehrenden Nerven⸗ zufälle erlebt— und erfahren hat, daß dieſelben nichts, gar nichts zu bedeuten haben, der gewinnt endlich dieſe Faſſung und Ruhe in der Beurtheilung der vorliegen⸗ den Verhältniſſe.“ „Alſo ſchon lange leidet die gnädige Frau an die⸗ ſen Zufällen?“ „So lange ſie verheirathet iſt, und das iſt man⸗ ches Jahr her. Mein Bruder ſo wenig wie ich haben ſie überhaupt einen Tag geſund geſehen. Es iſt ein großes Leiden das!,“ „Und woher ſchreibt ſich dieſes Leiden?“ „Wer weiß das!“ ſagte Fräulein Sibylle mit ei⸗ nem gewiſſen verächtlichen Naſerümpfen.„Sie war ein armes Fräulein, ein ſehr armes, Mylord, obwohl aus guter Familie, und hat ſich vielleicht durch ihrer Hände Arbeit ernährt und dadurch zu ſehr angeſtrengt, wenn es nicht eine Herzensangelegenheit war, die ihr ſchon früh—“ „Wie iſt das möglich!“ unterbrach ſie der Eng⸗ länder, mit einer flammenden Röthe auf der Stirn und ſo heftig, daß die Sprechende erſchrocken in ihrer Rede inne hielt. „Wieſo möglich? Daß eine Herzensangelegenheit’“— „Nein, daß ſie ſo arm war?“ „Mein Gott, das iſt doch ſehr leicht zu entziffern. Sie war arm, daher war ſie es, Mylord.“ „Ich verſtehe,“ ſagte der Engländer ſinnend und ſtand auf, mit Leinem Weſen, als wollte er ſagen: ich habe genug, von Dir will ich nichts mehr über dieſen Gegenſtand hören. „Wollen Sie meinen Bruder nicht erwarten, My⸗ lord?“ „Nein, ich habe keine Zeit; nur wollte ich Sie bitten, wenn es das Befinden Ihrer Frau Schwä⸗ gerin irgend erlaubt, mich morgen mit Ihrem Beſuche zu beehren; ich habe gerade einen freien Tag, das Wetter iſt herrlich und— und ich ſehne mich etwas nach Geſellſchaft.“ „Wir werden ſehr gern Ihre gütige Einladung an⸗ 41 nehmen, Mylord,“ entgegnete Fräulein Sibyllle erfreut mit einem Knix, den ſie vor einem Vierteljahrhun⸗ dert gelernt und durch ihre Studien ſeither unendlich verſchönert hatte—„nur wollte ich bitten, mir ge⸗ fälligſt zu ſagen, auf Wen ſich dieſe Einladung be⸗ zieht, denn außer uns— ich meine die Familie mei⸗ nes Bruders— befinden ſich noch zwei Menſchen in Brenkowitz, die nicht zu uns gehören.“ „Wer wären dieſe zwei Menſchen?“ „Das iſt der Hauslehrer Sohn und ſein Pflege⸗ kind, die kleine Jüdin, die Sie neulich geſehen haben.“ Der Engländer ſchnappte beinahe nach Luft; ein ſolcher dummer Hochmuth war ihm in ſeiner hochher⸗ zigen Anſchauungsweiſe noch nicht vorgekommen. „Mein Fräulein,“ ſagte er mit ſtarker Betonung, nich werde es mir zur hohen Ehre ſchätzen, Herrn Sohn und die kleine Jüdin ebenfalls bei mir zu ſe⸗ hen, denn gerade dieſe beiden Perſonen näher kennen zu lernen, hat außer dem Wunſche, mich nach dem Be⸗ finden Ihrer Frau Schwägerin zu erkundigen, meinen heutigen Beſuch auf eben nicht übliche Weiſe beſchleu⸗ nigt. Sollten Sie ſelbſt aber durch die Pflege Ihrer Frau Schwägerin an deren Krankenlager zurückgehal⸗ ten werden, ſo würde ich das— meinerſeits— zwar ſehr bedauern, Ihrerſeits jedoch es als eine Pflicht 72 betrachten, die man anerkennen muß.— Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ Tante Sibylle blieb in einer Art unwillkürlicher Verblüffung vor dem Abſchied nehmenden Engländer ſtehn, der ſie ihrer Meinung nach auf eine ächt när⸗ riſche, engliſche Weiſe behandelt hatte. Er war ſchon aus der Thür, noch bevor ſie ſich von ihrer Erſtarrung erholt und den Entſchluß gefaßt hatte, von dieſer letz⸗ teren Wendung des Geſprächs keinen Menſchen ein Wort hören zu laſſen.„Das iſt ja ein grober Menſch,“ ſagte ſie zu ſich.„Aha! Mein Bruder hat alſo ſehr Recht gehabt. Aber Sie irren ſich, Mylord, wenn Sie denken, mich dadurch abzuſchrecken, mit von der Par⸗ thie zu ſein— o nein, o nein! Ich werde kommen, ſo gut wie die Andern, verlaſſen Sie ſich darauf!“— Als die beiden jungen Männer eine Stunde vor dieſem Geſpräch aus dem Hofe geritten waren, hörten ſie noch in einiger Entfernung den Ton des Flügels ſie begleiten, den Rachel's Spiel hervorrief. Bald dar⸗ auf aber beendigte ſie daſſelbe, trat an ein Fenſter und ſog mit Wolluſt die köſtliche Luft ein, die von den kornwogenden Feldern herüberwehte. Da erfaßte ſie plötzlich die Luſt, in dieſer Luft herumzuſchweifen, 73 und, raſch ihren Strohhut auf die ſchwarzen Locken drückend, ein leichtes Tuch und ihre Handſchuhe er⸗ greifend, ſchritt ſie, von Niemandem heaͤchtet⸗ über den Graben hinaus. So gut Sophie und Joſeph ihren Lieblingsſpa⸗ ziergang nach dem Hügel mit der Linde hatten, ſo hatte auch Rachel einen ſolchen; dieſer führte aber ge⸗ rade in entgegengeſetzter Richtung nach Norden zu, an dem Bache entlang, in deſſen ſeichten, aber wun⸗ derbar klarem Waſſer ſich von Zeit zu Zeit eine alte Weide oder Ulme ſpiegelte. An dieſem in vielfachen Windungen ſich nordwärts ſchlängelnden Waſſer weilte ſie gar zu gern. Hier ging und trillerte ſie in Gedan⸗ ken ihre neuſten Muſikſtücke, oder ſie ſaß auch oft mit einem Notenblatte auf dem Schooße und ſtudirte eif⸗ rig, wie ſie dieſe oder jene Paſſage am richtigſten in Tönen wiedergeben könne. Heute that ſie nichts von Beidem, ſie trillerte und ſtudirte nicht, ſondern ſie ſann über das neckiſche Spiel nach, das ſie am Tage vorher mit den Blumen getrieben, und ſuchte in ih⸗ rem Geiſte die wunderliche Meinung Werner's zu. er⸗ gründen, wie er es für möglich halten könne, daß ſie oder irgend eine andre Perſon von jenem romanti⸗ ſchen Schloſſe könne eine Einwirkung erleiden, die nur einigermaßen einer Verwandlung ähnlich ſähe. Was 74 den Engländer betraf, ſo war ihr derſelbe nicht im Geringſten gefährlich und zauberhaft vorgekommen; allerdings war er ein ſehr angenehmer Mann im be⸗ ſten Lebensalter, in deſſen Geſicht ſogar Etwas lag, was für ſie, ſeltſam genug, einen unendlichen Reiz hatte; aber von der Böswilligkeit, der Tücke und Hin⸗ terliſt eines Zauberers, wie ſie ſich einen ſolchen vor⸗ ſtellte, beſaß er durchaus nichts. Solches bedenkend war ſie langſam über ein Brett geſchritten, welches unweit des Schloſſes über die Brenke gelegt war, und wanderte nun auf der weſt⸗ lichen Seite derſelben den Bach entlang, bis ſie an eine Stelle kam, an der ſie gern verweilte, weil ſie ein ſtilles und ſchattiges Ruheplätzchen enthielt. Im Schatten einer knorrigen verwachſenen Weide, die nichtsdeſtoweniger ein reicher Blätterſchmuck zierte, war nämlich ein üppiger Raſen ausgebreitet und durch das Waſſer des Bachs, wenn er einmal anſchwoll, waren verſchiedene Aushöhlungen entſtanden, die im Sommer bequeme Sitze darboten. Auf einen dieſer Sitze ließ ſich Rachel auch heute nieder und ſehr bald war ſie in die lieblichen Träu⸗ mereien verſenkt, die einen begabten Geiſt an jeden einſamen Ort dieſer Art zu begleiten pflegen. Die Hände im Schooße gefaltet, blickte ſie zu dem Waſſer 5 nieder, das dicht vor ihren Füßen vorbeirieſelte und ein melodiſches Murmeln und Rauſchen hören ließ, wenn es ſich an den größeren Steinen brach, die von Zeit zu Zeit quer durch den Bach lagen und den Land⸗ leuten eine natürliche Brücke darboten, wenn ſie ein⸗ mal an einer dieſer Stellen das Waſſer überſchreiten wollten. Dieſem Sitze gegenüber dehnten ſich in weiter Fläche die fruchtbaren Felder aus, die jetzt von Rog⸗ gen⸗ und Weizenfrucht wogten, und etwas weiter links hinauf glänzte der glatte Spiegel des Landſees in der Morgenſonne, die auch hell auf die Wälder fiel, welche die Hügelkette im Oſten ſchmückten und die weiteſte Gränze des faßlichen Horizontes bildeten. Von dem lieblichen Murmeln des an den Steinen ſpielenden Waſſers angelockt, denn das Ohr war das begabteſte und aufmerkſamſte Organ an Rache!, ſenkte ſie ihre blitzenden Augen in die etwa nur einen halben Fuß betragende Tiefe des Baches und da ſah ſie denn kleine Fiſche luſtig hin und her ſchwimmen, mit ein⸗ ander ſpielen und ſich jagen, wie die Menſchen im Leben mit einander ſpielen und ſich jagen. So von Stein zu Stein weiter blickend fiel ihr Auge auf das gegenüber liegende Ufer und fand daſelbſt einen üppi⸗ gen Flor herrlicher Vergißmeinnichts auf, die ſie ſo außerordentlich liebte. Von dem Verlangen erfaßt, 76 einen Strauß davon zu pflücken, erhob ſie ſich von ihrem Sitze und trat auf den erſten Stein, der im Waſſer lag. Aber der Stein war klein und glatt und ſie ſah, daß es mit leichtem Schuhwerk, wie ſie es trug, nicht gut möglich ſein würde, trockenen Fußes hinüber zu kommen. In dieſem Augenblick, wo ſie, unſchlüſſig, was ſie thun ſolle, zögerte, hörte ſie das Schnauben eines Pferdes und, die Augen erhebend, ſah ſie Lord Shorneliffe herangaloppiren, der ſich auf dem Wege befand, der dicht jenſeits des Baches nach Norden lief und zu ſeinem Schloſſe führte. Kaum hatte ſie den nur einmal geſehenen Mann mit ihrem ſcharfen Auge erkannt, ſo war er auch ſchon ihr gegenüber angelangt, hielt ſein ſchönes Pferd an und nahm freundlich grüßend den Hut ab. „Wollen Sie über den Bach?“ fragte einfach und offenherzig der Engländer. „Ja, ich hatte die Abſicht, aber die Steine jind zu klein und zu glatt und ich fürchte auszugleiten.“ „Bleiben Sie drüben, ich werde Sie holen.“ uUnd ohne daß ſie es wehren konnte, ließ er ſein Pferd in den Bach treten und nach wenigen plät⸗ ſchernden Schritten deſſelben hielt er an ihrer Seite, dicht neben dem Raſenſitze. 77 „Haben Sie auch Muth, ſich auf mein Pferd zu ſetzen und auf dieſe Weiſe hinübertragen zu laſſen?“ Rachel warf einen ſchnellen durchdringenden Blick auf die ehrliche Miene und das ruhig ſie betrachtende Auge des Engländers, dann ſagte ſie ohne Zaudern: „Sie würden mir nicht Ihre Hülfe angeboten haben, wenn Sie ſie nicht leiſten könnten. Wohlan denn, ich fürchte mich nicht.“ „So kommen Sie, aber— warten Sie noch einen Augenblick.“ Mit dieſen Worten nahm er den Plaid auf, der über ſeinem Sattelknopf lag, ließ die Zügel des Pferdes fallen und legte das dicke Tuch zu einem artigen Kiſſen zuſammen, das er dann ſorgſam über den Sattelknopf breitete. Dann die Zügel mit der linken Hand faſſend und ſein Pferd dicht an den Raſenſitz drängend, auf den Rachel geſtiegen war, ſagte er:„Nun ſetzen Sie ſich— ſo— geben Sie mir Ihre beiden Hände— fertig— vorwärts, Puck!“ Mit einem leichten Schwunge ſaß Rachel auf dem Kiſſen, mit dem Rücken ſich gegen den linken Arm des Lords lehnend, mit beiden Händen ſeine Rechte feſthaltend. Ohne daß ſie es bemerkte, war das Pferd ſchon wieder den jenſeitigen Uferrand hin⸗ aufgeſtiegen und hatte im Schritt den Weg weiter verfolgt, den es vorher eingeſchlagen hatte. 78 „Wohin ſoll ich Sie bringen?“ fragte lächelnd der Lord, der ſich über die Vertraulichkeit, den Muth und den ſorgloſen Sinn des jungen Mädchens freuen mochte. 1 „Es iſt mir ganz einerlei— ich wollte nur dies⸗ ſeits des Baches ſein.“ „So reiten Sie noch eine Strecke mit mir, wenn es Ihnen gefällt.“ „Es gefällt mir ſehr gut— das iſt eine ange⸗ nehme Bewegung— ich habe ſchon längſt gewünſcht, einmal zu Pferde zu ſitzen, und es ſollte auch in die⸗ ſen Tagen geſchehen.“ „So bin ich ja den Herren in Brenkowitz zuvor⸗ gekommen. Wenn es Ihnen aber Vergnügen machen ſoll, müſſen Sie eine weitere Strecke reiten.“ „Ich wünſche Sie nur nicht aufzuhalten.“ „O, ich kann auch raſch reiten. Sehen Sie wohl.“ Er gab dem edlen Thiere, das ſich willig unter ſeine doppelte Laſt fügte, einen leichten Schenkeldruck und augenblicklich ſetzte es ſich in ſanften Galopp, wie ihn ein gut gerittenes Pferd zum Entzücken des Rei⸗ ters nur annehmen kann. Nachdem er ſo eine Strecke auf dem gewöhnlichen ſandigen Fahrwege zurückge⸗ legt, wandte er das Pferd in einen ſchmalen aber ſehr anmuthigen Weg, der unmittelbar um den kleinen 79 Landſee herum durch das wogende Korn und in ſchrä⸗ ger Richtung nach der See, alſo auch nach Downs⸗ Caſtle führte. „Das iſt wirklich eine angenehme Bewegung,“ ſagte Rachel, als es wieder im Schritt vorwärts ging, nich werde ſehr bald Vergnügen an größeren Ausflü⸗ gen zu Pferde finden.“ „So will ich Ihnen den ſcherzhaften Vorſchlag machen, mich auf dieſe Weiſe bis nach Downs⸗Caſtle zu begleiten— ich laſſe Sie dann ſogleich zurückfah⸗ ren und Sie erzählen Ihren Freunden, wo Sie ge⸗ weſen und wie Sie dahingekommen ſind.“ Rachel dachte einen Augenblick nach.„Aber was wird man in Brenkowitz davon denken?“ ſagte ſie halb zu ſich ſelbſt, halb zu dem Lord. „Wenn man hört, wie es zugegangen, und wenn man vernünftig iſt, woran ich nicht zweifle, wird man ſich Ihres Muthes freuen— oder vertrauen Sie mir viel⸗ leicht nicht, wenn Sie ſo lange bei mir allein bleiben?“ Rachel erhob ihre ſtrahlenden Sammetaugen und ſchaute den Sprechenden feſt und mit ihrer natürli⸗ chen Dreiſtigkeit an. Es war ihr dabei eigenthüm⸗ lich zu Muthe, denn es kam ihr vor, als ſähe ſie in ein Paar ehrlicher und offener Augen hinein, die ihr durchaus nicht unbekannt wären. —88bbſſſſſſſſͤͤ 80 „O ja, ich vertraue Ihnen,“ ſagte ſie mit ihrer ganzen kindlichen und doch durchdachten Hingebung. „Daran thun Sie auch ſehr wohl. Sie könnten ſich in den Händen Ihres Vaters nicht beſſer aufge⸗ hoben befinden, als in den meinigen.“ Rachel erhob ihre Augen zu der blauen Himmels⸗ ferne und ſeufzte. „Oder haben Sie keinen Vater mehr?“ „Weder Vater, noch Mutter, noch Bruder, noch Schweſter— mein Erzieher und Freund, Joſeph Sohn, 1 iſt mir Alles in Allem.“ „So!“ ſagte der Lord mit nachdenklichem Stau⸗ nen.„O ja, ich glaube das.“. „Was glauben Sie?“ „Daß dieſer junge Mann auch ein braver, red⸗ licher Mann iſt. Das ſteht ihm auf der Stirn geſchrie⸗ ben. Er hat auf mich einen ſehr guten Eindruck ge⸗ macht. Ich hielt ihn anfangs für den Sohn des Barons, denn er ſieht einem jungen Edelmann ähn⸗ licher gals einem Hauslehrer.— Doch jetzt laſſen Sie uns etwas raſcher reiten, damit Ihre Abweſenheit von Brenkowitz nicht zu lange dauert. Ich möchte Sie noch einige Minuten in meinem Hauſe aufhalten. Sitzen Sie auch gut und bequem?“ „Vortrefflich.“ 81 „So halten Sie meine Hand recht feſt und lehnen Sie ſich dreiſt an meinen Arm. So. Vorwärts, Puck!“ Das edle Pferd, ohne des Sporns zu bedürfen und dem einfachen Zurufe gehorchend, ſetzte ſich wie⸗ der in Galopp, aber etwas ſtärker als zuvor. Strecke ſchwand um Strecke und bald wandte man ſich zur Linken eine Anhöhe hinan die mit der oft erwähn⸗ ten Hügelkette in Verbindung ſtand. Da es indeſſen jetzt nicht in unſerer Abſicht liegt, das Schloß und die Gegend, in der daſſelbe lag, zu beſchreiben, ſo wollen wir nur die flüchtigen Eindrücke erwähnen, die Rachel bei ihrem ſchnellen Ritte zu Theil wurden. Nachdem das Pferd die vorhererwähnte Anhöhe ſchnell erklom⸗ men, ſprengte es durch ein eiſernes Thor und augen⸗ blicklich befand man ſich in einem Parke, wie nur die Engländer ihn ſo anmuthig, ſo reich an Abwechſe⸗ lungen und ſo koſtbar auszuſtatten verſtehen. An den prachtvollſten Blumenparthien flog man vorüber und plötzlich kam man unter eine ſteinerne Halle, in deren Niſchen herrliche Marmorbilder aufgeſtellt waren, wäh⸗ rend die Wände von den koſtbarſten Gemälden fun⸗ kelten. Hier hielt Lord Shorncliffe ſein ſchnaubendes Pferd an. Einige Diener ſprangen flugs herbei, nicht im Geringſten über die ſeltſame Reiterei erſtaunt. Emery Glandon. II. 6 82 „Einen Stuhl, Harry!“ gebot der Lord einem hand⸗ feſten Burſchen, ſeinem Leibdiener. Deerr Stuhl ward ſchnell an die Seite des Pferdes geſtellt. Rachel glitt leiſe darauf nieder und einen Augenblick ſpäter ſtand ſie wieder am Boden auf ihren Füßen und ſchaute ſich erſtaunt in der ſie umgebenden Herrlichkeit um. Aber der Lord ließ ihr keine Zeit zur Beſichtigung ſeines reichen Schloſſes. Sie konnte nur noch einen plätſchernden Springbrunnen auf dem Hofe, an dem ſich bunte Waſſervögel zwitſchernd und jackernd drängten, mit einem raſchen Blicke betrachten, dann lag ihr Arm ſchon in dem ihres Führers, der nur ein paar Worte einem der Diener zugerufen hatte, und an ſeiner Seite ſchritt ſie eine breite mit koſtba⸗ ren Teppichen belegte Treppe von polirtem Holze und Bronce hinan, ſtand oben in einer weiten, mit Waffen und Trophäen geſchmückten Halle und trat dann durch eine Portière von glänzendem Plüſch, die ein Diener zurückhielt, in ein Gemach, wie ſie noch keins in ih⸗ rem Leben geſehen hatte. Es war geräumig, faſt rund und an der hohen Decke gewölbt; der Fußboden mit bunten Holzarten ausgelegt, aber ohne Teppiche; vor den drei hohen Fenſtern waren halbdurchſichtige Vorhänge herabge⸗ laſſen; Seſſel und Kanapees in verſchiedenen Formen —— 83 und Geſtalten, aber alle mit demſelben hellen Stoffe überzogen, ſtanden an den Wänden, theilweiſe auch in der Mitte deſſelben umher— was aber vor allen Dingen Rachel's Aufmerkſamkeit anzog, waren verſchie⸗ dene Inſtrumente, die auf Seſſeln lagen oder daran lehnten, und inmitten von allen ein koſtbarer eng⸗ liſcher Flügel, der wenigſtens in ſeinem goldgeſchmück⸗ ten Aeußern ſogar den Pariſer Flügel in Brenkowitz übertraf. „So,“ ſagte der Lord, Hut und Handſchuhe einem Diener übergebend und die hochglühende Rachel an den Flügel führend,„da ſind wir in Downs⸗Caſtle und ich heiße Sie willkommen. Nun aber verlange ich einen Dank für den erſten Ritt, den Sie in Ih⸗ rem Leben verſucht. Setzen Sie ſich hierher und laſ⸗ ſen Sie mich Etwas von Ihrer Kunſt hören.“ Rachel ſaß auf dem Seſſel vor dem Inſtrumente und hatte ſchon ihre alabaſternen Finger darüber aus⸗ geſtreckt.„Was wollen Sie hören?“ fragte ſie mit kaum vernehmbarer Stimme. „Es iſt mir einerlei, ich will Sie nur auf dieſem Flügel hören. Spielen Sie, was Sie recht gut zu ſpielen denken.“ Rachel lächelte; ſogleich aber griff ſie in die Taſten und Taubert's liebliche Campanella entwickelte ſich un⸗ 6* 84 V b ter ihren Händen, aus der ſie, als ſie fertig war und der ſchöne Ton des Inſtruments ſie zu verlocken ſchien, in eine reizvolle Etüde von Henſelt überging. Als auch dieſe beendet, ſtand zuerſt der Lord und dann Rachel auf. „Es iſt genug für heute,“ ſagte er, wobei man ihm ein geheimes Entzücken anſah.„Es iſt genug, ich darf Sie nicht länger aufhalten. Morgen kommen Sie ja wieder und dann weiter Nichts als Muſik. Späteſtens um vier Uhr erwarte ich Ihre Geſellſchaft, ſagen Sie das gefälligſt zu Hauſe. Und jetzt, mein Fräulein,— Ihr Wagen fährt eben auf dem Hofe —— vor— doch halt!“— Und er ging an ein kleines Pult von Ebenholz mit Silber ausgelegt, und nahm einen koſtbaren blitzenden Diamantring heraus.„Neh⸗ men Sie dieſen Ring zur Erinnerung an dieſe Stunde — es iſt der erſte von denen, die Ihnen die Zukunft zu Füßen legen wird.“ Rachel warf nur einen flüchtigen Blick auf das koſtbare Geſchenk, das er zwiſchen den Fingern ihr b entgegen hielt und ſchüttelte dann ſanft den Kopf. V — —-—— V „Ich trage kein Geſchmeide,“ ſagte ſie flüſternd,„we⸗ der in den Ohren noch an den Händen.“ „Aber dieſen Ring tragen Sie zum Andenken an mich.“ „Nein, auch dieſen nicht. Soll ich ihn durchaus 85 zur Erinnerung an Sie bewahren, ſo geben Sie ihn mir in Gegenwart meines Freundes.“ „Welchen meinen Sie?“ „Joſeph Sohn!“ „Ha— ja, Sie haben Recht. Thun Sie ſonſt Nichts ohne ſeine Erlaubniß?“ „Bis heute habe ich noch nie Etwas ohne ſeinen Rath gethan, ſo lange ich ihn kenne und bei ihm bin.“ „Wie lange iſt das her?“ „Vier Jahre. In dieſen vier Jahren bin ich ge⸗ worden, was ich bin, und Alles durch ihn.“ Der Lord, auf den die einfache und doch ſo rüh⸗ rende Weiſe, in der ſie dies ſagte, einen tiefen Eindruck machte, lächelte befriedigt und ſagte leiſe:„So geleite Sie Gott; Sie thun Recht, daß Sie einen ſolchen Mann verehren.“ Damit führte er ſie die Treppe hinab, ließ ſie in einen herrlichen Phaëton ſteigen, den zwei feurige Grauſchimmel zogen, winkte zum Gruße— und fort flogen die Pferde, Rachel wie im Triumphe entführend, die in halbem Traume in eine Ecke gedrückt ſaß, nichts um ſich her ſah und hörte und nur de zauber⸗ haften Vorgang, den ſie ſo eben erlebt, im Geiſte ſich wiederholte. — 86 Kaum eine Viertelſtunde ſpäter, nachdem Rachel mit dem Bewohner von Downs⸗Caſtle ihren Weg nach dem Meere eingeſchlagen hatte, kehrten Werner und Joſeph von ihrem Morgenritte zurück. Sie be⸗ gaben ſich in das gewöhnliche Verſammlungszimmer, wo ſie indeſſen nur Sophie vorfanden, die eben die Baronin verlaſſen hatte. „Wo iſt Rachel?“ fragte Werner mit in allen Ecken umherſpähenden Augen. Niemand wußte es zu ſagen. Auch die beiden älteren Damen ſo wenig wie die im Hauſe anweſen⸗ den Diener wußten es oder wollten ſie irgend wo ge⸗ ſehen haben. Jetzt begann erſt ein von Werner und Joſeph allein, dann von noch vielen Anderen unter⸗ nommenes eifriges Suchen, aber nirgends war ſie zu finden. Das war allerdings ſeltſam und noch nicht vorge⸗ kommen, ſeitdem ſie im Schloſſe war. Auch im Gar⸗ ten, auf dem Felde in der Umgebung des Gutes war ſie nicht zu entdecken und man gab ſich den ſeltſam⸗ ſten Vermuthungen über dieſe ungewöhnliche Abweſen⸗ heit hin. Da vernahm man plötzlich, daß der Eng⸗ länder einige Minuten im Hauſe geweſen ſei und mit Fräulein Sibylle geſprochen habe. Dieſe konnte oder wollte keine nähere Auskunft über das geführte Ge⸗ 87 ſpräch geben, als das, was Allen in Beziehung auf die Einladung zu wiſſen nothwendig war. „Wenn das mit rechten Dingen zugeht, ſo weiß ich es nicht!“ rief Werner lebhaft und in ängſtlicher Sorge.„Am Ende hat dieſer Zauberer ſie uns ge⸗ raubt— und das wäre der Anfang unſerer—“ „Werner!“ rief Joſeph ernſt.„Was denken Sie! Betrachten Sie doch die Sache ruhig wie ſie iſt, er⸗ klären wird es ſich ſchon— ſie wird irgend wohin ſpazieren gegangen ſein, wie wir es gemacht haben — vielleicht zum alten Cantor nach dem Dorfe.“ „Was iſt das?“ rief Sophie, an ein Fenſter ſprin⸗ gend und nach dem Hofe hinabblickend, wo eben des Lords Phaöton mit den Grauſchimmeln raſch ange⸗ fahren kam. „Da haben wir's!“ ſchrie Werner laut auf.„Die Verwandlung beginnt ſchon— Rachel ſteigt aus einem fürſtlichen Wagen wie eine Prinzeſſin— wem gehört der? He! Sie lacht und winkt uns ihre Grüße her⸗ auf— Gottlob, ſie iſt es noch, wie ſie immer war!“ Sophie und Joſeph lächelten ſich verſtohlen an, da ſie über den aufgeregten Werner nicht laut zu lachen wagten. Nach einigen Sekunden, während der Wagen ſich ſchon wieder entfernte, kam Rachel die 88 Treppe herauf und begrüßte die Verſammelten auf die herzlichſte Weiſe. „Wo biſt Du— wo ſind Sie geweſen?“ riefen Alle durcheinander. „Rathet!“ ſagte Rachel ruhig, indem ſie Hut und Tuch ablegte und die Handſchuhe auszog. „In Downs⸗Caſtle!“ ſchlüpfte es über Werner's Lippen. „Richtig, da war ich!“ Man denke ſich Werner's Staunen und der Andren Verwunderung, als Rachel lächelnd erzählte, was ihr begegnet war, Alle freuten ſich und wünſchten ihr Glück, einen ſo angenehmen Morgen verlebt zu haben, nur Werner blieb ſprachlos in ſich gekehrt und konnte die Stimmung nicht finden, die Sache ſo einfach zu betrachten, wie ſie wirklich war. Den ganzen Tag nun wurde zu Werner's geheimem Aerger faſt nichts als von Downs⸗Caſtle und Lord Shorneliffe geſprochen, und Rachel mußte zehnmal wiederholen, was ſie geſehen und erlebt hatte, und doch war es eigentlich nur wenig geweſen. „Was mir bei der ganzen Sache räthſelhaft er⸗ ſcheint,“ ſagte Werner gegen Abend zu Joſeph, als ſie ſich im Muſikzimmer trafen,„das iſt Tante Si⸗ byllens merkwürdige und ganz ungewöhnliche Schweig⸗ ſamkeit.“ „Sie wird nichts zu ſagen haben.“ „Um Vergebung, da kenne ich ſie beſſer. Die hat einen ſtillen Aerger gehabt, oder irgend ein Kunſtſtück zurechtgefädelt, wie alte Jungfern ihrer Art es ſo heillos zuzurichten verſtehen. Geben Sie Acht, es wird ſich noch entwirren.“ Aber es ſollte ſich in dieſer Beziehung Nichts ent⸗ wirren, denn Sibylle ſchwieg aus bekannten Gründen und Rachel konnte keine weiteren Aufſchlüſſe geben. Nur noch einmal, kurz bevor ſie ſich an dieſem Abend trennten, fing Werner von dem Engländer zu reden an, den er mit einer Wuth zu haſſen begann, von der er ſich keine Rechenſchaft ablegen konnte.„Der Vater wird am Ende Recht über ihn gehabt haben,“ ſagte er,„er iſt weiter Nichts als ein britiſcher Narr, denn er fängt ſchon jetzt an, in unſerm Hauſe Narren⸗ ſtreiche auszuführen, die bisher unerhört waren.“ „Sie irren ſich, er iſt kein Narr!“ ſagte Joſeph mit einer Entſchiedenheit, die Werner noch nie an ihm wahrgenommen hatte.„Um ſolch' herbes Urtheil über einen Menſchen zu fällen, muß man ihn näher ken⸗ nen lernen, er könnte Sie ſonſt, wenn er Gleiches — I8ö—öoͤäͤää 90 mit Gleichem vergelten wollte, eben ſo gut einen vor⸗ eiligen Schwätzer nennen.“ Das half und Werner verbarg fernerhin alle ſeine Gedanken über den in der That arg verkannten Mann.— Die Speiſeſtunde des anderen Tages war heran⸗ gekommen. Natürlich war von dem Beſuch in Downs⸗ Caſtle die Rede und man hatte die Uebereinkunft ge⸗ troffen, daß die Damen zu Wagen und die Herren zu Pferde den Weg zurücklegen ſollten.„Aber wer bleibt hier, um der Frau Baronin Geſellſchaft zu lei⸗ ſten?“ fragte plötzlich der Hauslehrer. „Ja, das iſt wahr,“ ſtimmte ſogleich Sophie ein, „wir können uns nicht Alle einem auswärtigen Ver⸗ gnügen hingeben und die arme Mutter allein zurück laſſen.“ Man blickte ſich gegenſeitig an, wie es unter ſol⸗ chen Umſtänden zu geſchehen pflegt, und blieb endlich auf dem Geſicht der Tante haften, das ſich mit einer in's Gelbliche fallenden Röthe bedeckte, da ihr ſogleich die„Grobheit“ des engliſchen Herrn eingefallen war. Alle glaubten auch, Fräulein Sibylle, von einem hoch⸗ herzigen Gefühl angeregt, würde ſich von ſelbſt zu dieſem Opfer verſtehen, allein man irrte ſich, ihr Mund verharrte im Schweigen und ſo blieb die Frage ſchwe⸗ 91 ben. Unmittelbar nach Tiſche gingen die jungen Leute zur Baronin und ſtellten ihr die Sachlage vor, indem ſie ſie baten, freimüthig ihre Wahl unter ihnen zu treffen. Die Baronin wollte auf keine Weiſe das all⸗ gemeine Vergnügen ſtören und ſo beſtand ſie darauf, daß Niemand zurückbleiben ſolle und ſagte, daß ſie ſich die Zeit mit Leſen vertreiben werde. Als man darauf nicht eingehen wollte und ferner in ſie drang, rief Rachel plötzlich, der das Spiel mit den Kornblu⸗ men zwei Tage zuvor gefallen hatte:„So wollen wir wieder loſen, wie vorgeſtern!“ Werner bebte zuſammen. Er wußte nicht, ob er ſich über Rachel's Vorſchlag freuen oder ärgern ſollte, denn wenn Rachel abermals das Loos zog, ſo ent⸗ behrte er ihre Geſellſchaft, und das Vergnügen war für ihn gleich Null, und doch raunte ihm eine dunkle Stimme zu: dann hat ſie wenigſtens der Engländer nicht. Wenn er aber ſelbſt das Loos zog— wie dann? Dann ging Rachel mit den Andern ohne ihn und er konnte weder ihr Hort noch der Beobachter ſein, den Iu ſpielen er ſich feſt vorgenommen hatte. Wie wir ſehen, war Werner auf dem beſten Wege, auf einen Mann eiferſüchtig zu werden, der wenigſtens fünfundzwanzig Jahre älter war als er und den noch Nichts als ein ungerechtfertigtes Geſchwätz und ſein * 92 blinder Aberglaube verdächtigen konnte. Endlich aber ſah er ſich doch genöthigt, dem Wunſche der Mehr⸗ zahl beizuſtimmen, und ſo wurden vier Papierlooſe ge⸗ macht, die die Baronin mit der Bemerkung in die Hand nahm: das längſte zeige den Zurückbleibenden an, da er natürlich die meiſte Langeweile haben werde. Es war ganz in der Ordnung, daß alle vier jun⸗ gen Leute mit einiger Spannung der bevorſtehenden Entſcheidung entgegenſahen, da ſich für Jeden von ihnen ein beſonderes Intereſſe daran knüpfte, obwohl wir zugeſtehen müſſen, daß Joſeph und die beiden Mädchen, die alle drei auch ohne Loſung gern bei der Mutter geblieben wären, ſie mit größerer Ruhe erwarteten, als Werner. Sophie begann das Spiel und zog ein kurzes Loos, desgleichen Rachel und Werner, und ſo blieb für Joſeph Sohn das längſte in der Baronin Hand zurück. „Sie Aermſter!“ ſagte die Kranke ſanft und blickte freundlich den ihr ſo werth gewordenen Mann an— „aber ich befreie Sie von Ihrer Verpflichtung und bitte Sie ſogar, ſich den Anderen anuſchließen.“ „Gnädigſte Frau!“ betheuerte der Hauslehrer,„e iſt nicht ſowohl eine Verpflichtung, die mich bei 29 nen zurückhält, als mein freier Wille und ein ange⸗ 93* nehmes Gefühl— ich habe mich ſchon vorher darüber ausgeſprochen.“ „So bleiben Sie— ich bin unſchuldig daran, wenn Ihnen ein vergnügter Tag entgeht.“ Sophie ſah etwas betrübt über den Ausfall des Looſens aus, ſie beneidete beinahe ihre Mutter um ihr Krankſein: da ſie aber weniger leidenſchaftlich oder vielmehr weiblich zartfühlender war, als ihr * Bruder, ſo unterdrückte ſie ihren Kummer und fuhr bald darauf mit den Uebrigen der See zu, da die Wagen und Pferde ſchon bereit ſtanden. Während die alten und jungen Bewohner von Brenkowitz ſich in vergnüglichſter Stimmung an den, Ort ihrer Einladung begaben und einen in Wahrheit genußreichen Nachmittag und Abend verlebten, brachte Joſeph einen großen Theil dieſer Zeit im Kranken⸗ zimmer zu, plauderte, ſpielte mit der Baronin Schach und las ihr abwechſelnd Einiges vor. Um acht Uhr aber dankte ſie ihm für ſeine Gefälligkeit und bat ihn, ſie zu verlaſſen, weniger aus wirklichem Ver⸗ langen, allein zu ſein, als um ihrem Lieblinge auch einigen Genuß der friſchen Luft zu gönnen. So rief denn Joſeph ſeinen Pudel und wanderte hinaus ins — * 94 —— Freie, unwillkürlich den Weg wählend, den die Zurück⸗ kommenden einſchlagen mußten. Allein weiter als bis zum See wollte er nicht gehen, weil, wenn ſie ihm begegneten, er doch hinterher hätte laufen müſſen, da kein Platz mehr für ihn im Wagen war. So ging er denn einige Male zwiſchen See und Gutshof hin und her, und erſt gegen zehn Uhr, als er zum dritten Mal die Grabenbrücke erreichte, ſah er den Wagen und einen Reiter zurückkehren, denn der Ba⸗ ron hatte es vorgezogen, noch zu einem Nachbar zu reiten und ihm die Ereigniſſe des auf dem pracht⸗ vollen Landſitze des britiſchen Narren herrlich genoſſe⸗ nen Tages friſch vom Herzen weg zu berichten. Laut und freudig waren die Begrüßungen, die Joſeph von den jüngeren Mitgliedern der Familie zu Theil wurden, und ſelbſt Tante Sibylle und Fräulein Urſel ließen ſich herab, ihm ſo raſch wie möglich die erlebten Wunderdinge mitzutheilen. Als man dann oben im Zimmer angekommen war, erfuhr Joſeph Alles und Jedes und namentlich, daß der Lord außer⸗ ordentlich bedauert habe, ihn nicht bei ſich zu ſehen, obgleich er ihm dankbar ſein müſſe, daß er die Pflich⸗ ten eines Geſellſchafters der Kranken dem Vergnügen in Downs⸗Caſtle vorgezogen habe. „Ja, es war reizend,“ rief Tante Sibylle,„Sie 95 4 können es ſich gar nicht ſo vorſtellen. Dieſer Mann, — bei Gott! wir haben ihm doch Unrecht gethan — iſt ein Wirth, wie ich noch keinen zweiten kennen gelernt, und ſein Haus— ſein Schloß, wollte ich ſa⸗ gen— iſt ein Aufenthalt für Feen—“ „Und Zauberer!“ ergänzte Joſeph.„So ſind Sie alſo wohl Alle von ihm bezaubert?“ fragte er lächelnd. „Alle, Alle, ohne Ausnahme; und Sie kommen uns ganz nüchtern vor mit Ihrem ſtaunenden Ge⸗ ſichte,“ fügte Werner bei. „Sie haben alſo Nichts gefunden, was Ihre Be⸗ fürchtung gerechtfertigt hätte?“ fragte Joſeph Werner bei Seite. „Nichts, Gott ſei Dank, gar Nichts! Dieſer Lord iſt ein herrlicher Mann, ich will darauf ſchwören, denn er hat uns Alle gleich freundlich, herzlich und wohlwollend behandelt. Wir haben, mit einem Wort, einen genußreichen Tag verlebt. Schade, daß Sie nicht dabei waren! Sie haben viel verſäumt und ich fürchte, Sie können es ſo bald nicht nachholen.“ In dieſem Augenblick ging die Thür auf. Valen⸗ tin trat herein und meldete, daß ein Diener Sr. Herr⸗ lichkeit zu Pferde angekommen ſei und Herrn Sohn zu ſprechen wünſche. Das war allerdings das Allerneuſte vom Neuen. 96 Alle erhoben die Augen gegen Joſeph, als wollten ſie von ihm erfahren, was dieſe ſeltſame Sendung zu bedeuten habe. Jener wollte ſich eben entfernen, um den Boten zu ſprechen, als Fräulein Sibylle, von einer unſäglichen Neugierde gequält, ihm in den Weg trat und ſagte: „Bitte, ein Wort, Herr Sohn! Valentin, geh hinaus und frage den Boten, ob er Herrn Sohn eine geheime Botſchaft mitzutheilen habe,— wo nicht, ſo ſoll er hereinkommen.“ Valentin ging hinaus und trat dann wieder mit dem reich gekleideten Harry, dem Leibdiener des Lords, ein. Dieſer, fein geſchult, verbeugte ſich langſam und feierlich vor der ganzen Geſellſchaft, alsdann ſagte er in etwas gebrochenem aber ſehr verſtändlichen Deutſch: „Mylord Shorneliffe läßt Herrn Sohn einen freund⸗ lichen Gruß ſagen und ſein Bedauern ausdrücken, daß er ihn heute nicht bei ſich geſehn habe. Da er aber den Wunſch hegt, mit ihm über eine Sache von Wichtigkeit zu reden, ſo bittet er Herrn Sohn, mor⸗ gen Mittag bei ihm zu ſpeiſen. Wenn kein Wagen oder kein Pferd Herrn Sohn zu Gebote ſtehn ſollte, ſo wird S. Herrlichkeit ſich glücklich ſchätzen, ihm ſein eigenes Geſpann zu ſenden.“ 97 Joſeph Sohn empfing dieſe höfliche Einladung mit Ueberraſchung, die Uebrigen mit unverholenem Staunen. Nachdem ſie angenommen war und der Diener das Zimmer verlaſſen hatte, gab ſich daſſelbe auf eine unzweideutige Weiſe aber ſehr verſchieden kund. Denn während Tante Sibylle beinahe vor Neid ſtarb, Sophie und Rachel ſich herzlich darüber freuten, erfaßte Werner eine neue Unruhe, die er noch ſpät gegen Joſeph auf deſſen Zimmer ausſprach, wohin er ihn begleitete, nachdem die Geſellſchaft ſich bei ſo weit vorgerückter nächtlicher Stunde endlich getrennt hatte. Der nächſte Morgen wurde im Schloſſe auf die. gewöhnliche Weiſe verbracht, Joſeph behielt ſeine Ruhe wie alle Tage vorher bei, und nur Werner ließ eine gedrückte Stimmung wahrnehmen, die mehr und mehr zunahm, je näher der Mittag rückte. Um ein Uhr endlich begab ſich Joſeph zur Baronin, um Abſchied von ihr zu nehmen. Sie entließ ihn mit einigen freundlichen Worten und wünſchte ihm viel Vergnügen bei dem Lord. Werner begleitete Joſeph in den Hof, um ihn zu Pferde ſteigen zu ſehen. Er ſah dabei höchſt bedrückt aus und ſchüttelte wiederholt den Kopf. 7 Emery Glandon. II. 98 „Nun, immer noch nicht freundlich Wetter bei Ih⸗ nen?“ fragte Joſeph heiter. „Noch lange nicht und jetzt erſt recht nicht. Gut, daß Sie nicht in die Schlacht und auf einem Sche⸗ cken reiten, ſonſt könnte ich am Ende auch von Ihnen, wie Wallenſtein dem Illo von ſeinem Vetter erzählte, ſagen:„Und Roß und Reiter ſah man niemals wieder.“ „O! Was Sie für Ideen und Geſichte jetzt ha⸗ ben, Werner!“ „Beinahe wundre ich mich ſelbſt und mache mir ſogar im Stillen Vorwürfe darüber, aber ich kann nicht dafür, es hämmert wie eine dunkle Fauſt in mei⸗ ner Bruſt und eine Stimme macht ſich bemerklich, die mir mit krächzendem Tone zurauntt es giebt Unheil!“ „In mir hämmert allein mein Herz, und wenn es eine Stimme in meiner Bruſt giebt, die ich ver⸗ ſtehe, ſo ſagt ſie mir: Thue, was Du thun mußt und ſonſt fürchte Nichts.“ „Sie ſind ein glücklich begabter Menſch, Ihre Sinne ſehen und vernehmen nur Das, was zu ſehen und zu vernehmen iſt. Wo Sie aber nur Licht ſehen, ſehe ich nur Schatten.“ „Das iſt ein Fehler Ihrer Organiſation— dafür können Sie freilich nichts, aber Sie thun mir den⸗ noch leid. Adieu, Werner.“ 99 „Adieu, Joſeph, und Gott behüte Sie!“ Von ſeinem Pudel freudig umſprungen, ritt Jo⸗ ſeph langſam vom Hofe ab; als er aber eine Strecke davon entfernt war, drehte er ſeinen Pony um und ſchaute mit wonnigem Gefühle nach dem Giebel des Schloſſes zurück, der traulich zwiſchen den Baumwip⸗ feln hervorſchimmerte. „Wie freundlich, wie friedlich, wie heimatlich!“ ſagte er ernſt und doch mit innerer Befriedigung zu ſich.„Noch nicht ein Jahr lebe ich unter dieſem Dache und doch habe ich ſchon ſo viel Glück darin erfahren. O, ich danke Dir, Gott, daß Du mir ſo Viel gegeben haſt, wo ich ſo Weniges hoffen konnte. Es iſt wirklich eine Heimat für mich geworden und der Wunſch der edlen Frau, die ſich mir weniger als eine Herrin denn als eine zweite Mutter erwieſen, iſt erfüllt. Segen, o Segen über ihr unſchuldiges Herz, deſſen Weh ich wie mein eigenes fühle, obgleich ich es mir nicht enträthſeln kann.“ Er wandte ſein Pferd wieder und ritt langſam den Fahrweg am Bache entlang, allmälig ſeine Ge⸗ danken von dem Gegenſtande, der ihn innerlich beſchäf⸗ tigte, nach Außen wendend. Auch war es ein Tag der ganz dazu angethan war, ein jugendliches Herz 7* 100 mit Wonne zu erfüllen und einen rührigen Geiſt zur Aufmerkſamkeit anzuſpornen. Nicht übermäßig heiß, nur behaglich warm ſandte die Sonne ihre Strahlen von dem wolkenloſen Himmel herab, die Luft, von einem angenehmen Seewinde gefächelt, wogte ſanft und die üppigen Saaten glänzten in dem leuchten⸗ den Sommerkleide, welches der gütige Schöpfer ih⸗ nen angelegt. Joſeph ſog mit unnennbarem Wohl⸗ gefallen die würzige Luft ein, ſchaute freudig vom Sattel aus das neben ihm rieſelnde Waſſer an und horchte aufmerkſam auf das Trillern der Lerchen, die hoch über ſeinem Haupte wirbelten. Als er aber den See erreicht hatte, der etwa zehn Minuten Weges vom Schloſſe entfernt lag, lenkte er ſein muthig ſchnauben⸗ des Pferd auf denſelben Pfad, den der Lord mit Ra⸗ chel eingeſchlagen und den man ihm auf dem Hofe als den nächſten beſchrieben hatte. Von jetzt an hob ſich der Boden allmälig gegen die See hin, um dicht davor um ſo jäher wieder abzufallen. Der Weg wurde hier ſchmaler und der Reiter bewegte ſich langſam durch die Aecker, deren ſchon golden und ſchwer wer⸗ dende Aehren jenes trauliche Murmeln hören und jene anmuthige Wellenbewegung ſehen ließen, die nur das Meer und ein wogendes Kornfeld auszeichnet, wenn der Athem Gottes mit gemäßigter Kraft darüber hin⸗ 101 geht. In Gedanken verſunten über dieſen wohlthu⸗ enden Anblick ritt Joſeph an dem Wege vorüber, der zur Linken ſich abzweigend unmittelbar nach Downs⸗ Caſtle führte, und ſo gelangte er, einem ſandigen Pfade folgend, der ſich ſtark aufwärts hob, auf eine der erſten Anhöhen, die von hier aus die Hügelkette zu bilden anfingen, die gegen Oſten hin noch höher emporſteigt. Da, auf den Gipfel eines ſolchen kleinen Hügels gelangt, hielt er das ſchnaubende Pferd an, denn vöoͤr ſeinen Augen rollte ſich ein Bild, ein An⸗ blick auf, wie er ihn noch nie in ſeinem Leben genoſ⸗ ſen. Etwas zur Linken ſah er vor ſich in der Ferne einen blauen leiſe fluthenden Streifen, der mit dem Gewölk des Himmels zu einem unermeßlichen Gan⸗ zen verſchwamm und ſich nach zwei Weltgegenden un⸗ abſehbar weit ausbreitete. Es war das baltiſche Meer, das hier die Küſten Deutſchland's beſpült und in ſei⸗ nen ruhigen Momenten einen Spiegel darbietet, wie kein anderes Meer, als vielleicht das mittelländiſche. Die leichten Wolken, weiß von Farbe und flügelartig geſtreckt, die ſich darüber am Himmelsgewölbe zeigten, ſpiegelten ſich in der klaren Fläche des gewaltigen Waſſerbeckens, und nur da, wo die Strahlen der Sonne die Oberfläche küßten, tanzte und wogte ein roſig gol⸗ dener Schimmer, der ſich allmälig in Violett und Braun 102 verwandelte, bis er in weiterer Ferne in dem blauen Wogengrunde ſpurlos verſchwand. In dieſen wunderbaren Anblick verloren hielt Jo⸗ ſeph lange ſtill auf der Stelle, wo er ſtand, nicht ſeine Augen allein erweiterten ſich dabei, auch ſein Herz dehnte ſich wonniglich aus und ſchlürfte mit nie em⸗ pfundenem Entzücken das köſtliche endloſe Bild ein, das allein der Himmel und das Waſſer begränzte. Endlich aber hatte er ſeine Sehnſucht geſättigt und wandte ſein Auge von dem flüſſigen Elemente auf das feſte zurück. Da ſah er denn, wie die ihm ſo ſchön beſchriebene Küſtengegend in der Nähe von Downs⸗Caſtle in Wirklichkeit beſchafken war. Zur Rechten erblickte er eine halbmondförmige Erhebung der Hügelkette, die, in der Mitte eine weite und ſpie⸗ gelklare Bucht gleichſam mit den Armen umfaſſend, ihre hörnerartigen Vorſprünge nach dem Meere ſtreckte. Dieſer ganze nach der See hin ſich jäh abdachende Bergabhang war mit geradſtämmigen gewaltigen Bu⸗ chen und mit uralten Fichten von eben ſo rieſigem Wuchſe bedeckt. Die Bäume aber folgten dem terraſ⸗ ſenförmig abſteigenden Abhange, von deſſen Gipfel ein ſchneckenartig gewundener Weg bis zum Meere führte, und brachte ein ähnlich mit hohen Stämmen bewach⸗ ſenes, nur nach der See offenes Thal hervor, wie wir 103 ein ſolches in größerem Maaßſtabe und in herrliche⸗ rer Fülle und Mächtigkeit in den ſogenannten heiligen Hallen bei Tharand bewundern. Um die zumeiſt nach Oſten, alſo rechts ab führende Spitze dieſes Küſtenſtrichs floß das Meer nach der ſchmalen Landſpitze herum, die das Putziger Wiek von der hohen See ab⸗ ſchließt; unmittelbar vor dem Ufer ziehen ſich ketten⸗ weiſe die bleichen, ſturm- und wogengepeitſchten Dü⸗ nen hin, an deren vergänglichem Bau das langſam auf⸗ und abſteigende Gewäſſer mit leiſem Gemurmel brandet und einen Gürtel von Schaumkronen auf⸗ wirft, der jeden Augenblick verſchwindet, aber im näch⸗ ſten ſchon wieder neu geboren wird. Etwas zur Lin⸗ ken, in der Nähe des weſtlichen Horns, das nicht ſo weit in das Meer hinausragt wie das andere, ſchau⸗ kelt auf leicht bewegter Fluth eine niedliche Nacht mit ſchlanken Maſten und Ragen, und zierlichem Takel⸗ werk, eine Schiffart, wie wir ſie häufig an den Kü⸗ ſten des waſſergebietenden Albion bewundern und wie ſie dort reiche Leute beſitzen, um nach ihrem Gefallen über die Meere fliegen und fremder Menſchen Geſtade beſuchen zu können. Auf dem Top der NYacht iſt weis⸗ lich die engliſche Flagge aufgezogen, denn wir leben ja im Jahre 1849, wo die däniſchen Kreuzer an die⸗ ſer Küſte auf und nieder jagen, die deutſchen Ufer ——ͤͤͤͤnnn“ 104 beunruhigen und ihre Häfen blokiren. Unfern von dieſer Yacht, etwas näher dem Lande zu, wiegen ſich einige feſtgeankerte Segelboote anmuthig auf den flü⸗ ſternden Wellen, die unter ihren Kielen Tag und Nacht ihr neckiſches Weſen treiben. Ganz zur Linken endlich, nahe der Spitze des kleineren Horns, erhebt ſich aber das Schloß, ein ächt normänniſcher Ritterſitz, wie man ſie im Norden England's oder in Schottland's Hoch⸗ gebirgen ſo romantiſch im Nebel liegen ſieht. Von der höchſten Thurmzinne an, auf der ebenfalls eine große engliſche Flagge ſich ſtolz im Winde bläht, bis zu dem kleinſten Mauervorſprung im Erdgeſchoß, ge⸗ währt Alles und Jedes daran einen ritterlichen und prächtigen Anblick, und weſſen Wiege einſt unter den ſpitzgewölbten Hallen mit den langen in tauſend Far⸗ ben glitzernden Fenſtern zu ſtehen beſtimmt iſt, der kann wahrhaft von der Halle ſeiner Väter, von dem Reichthum, der Prachtliebe und dem Geſchmacksſinn derſelben ſprechen, denn in dieſen drei Richtungen war Alles, was ſich inner⸗ und außerhalb des Schloſ⸗ ſes befand, reich bedacht. Joſeph Sohn, ſchon von Weitem über die Einzeln⸗ heiten dieſes Anblicks entzückt, ritt von ſeinem Hügel herab dem Parke näher, der hier wie im ganzen Um⸗ kreiſe des Gutes mit einem hohen hellgeſtrichenen Git⸗ 105 terwerk umgeben war, und da er keines Einganges an⸗ ſichtig wurde, ſo fragte er eine Frau, die innerhalb des Geheges Gartenarbeit verrichtete, in welche Rich⸗ tung er ſich zu wenden habe, um in den Park ſelbſt zu gelangen. Dem Fingerzeige der Frau folgend, wandte er den Kopf ſeines Pferdes nach Weſten, ritt am Gitter entlang und erreichte ſo den Eingang, durch den der Lord mit Rachel geritten war. Schon dieſe Pforte war ein kleines Meiſterſtück der Baukunſt an Geſchmack und Zierlichkeit. Auf jeder Seite ſtand ein rundlicher Thurm, der eine den andren um zwanzig Fuß überragend und nur durch eine eiſerne Schwebe⸗ brücke im oberen Stockwerk mit einander verbunden. Da das Eiſengatter, welches dieſen Eingang verſchloß, nicht geöffnet war, ſo zog Joſeph an dem maſſiven Ringe, welchen ein ſchön modellirter Doggenkopf von Bronce im Rachen hielt, und augenblicklich ließ ſich im Thurm rechter Hand ein ſilbener Glockenſchall ver⸗ nehmen, worauf alsbald der Pförtner erſchien, das Thor öffnete und den Fremden zurechtwies. So ritt Joſeph, nachdem er ſeinen Hund auf den Rath des Pförtners an eine Leine gebunden, in den Park ein, der mit maleriſchen Baumgruppen und ſmaragdgrü⸗ nen kurzgeſchornen Raſenſtücken verziert war, auf de⸗ nen hie und da Blumenfiguren in allen Formen und —ͤſöͤͤöͤnͤnͤhn neuen Glücks gebadet, denn daß der Engländer ein 106 Farben prangten. Der große Raum war nicht ſo einſam, wie er auf den erſten Anblick erſchien, ſondern mit zahmen Hirſchen und Rehen bevölkert, die in un⸗ geſtörter Ruhe irgend wo im Schatten der Bäume la⸗ gen oder ſtattlichen Schrittes auf den mit rothem Kieſe beſtreuten Wegen wandelten, neugierig die Augen er⸗ hebend, als der Fremde an ihnen vorüberritt. Als Joſeph Sohn dieſen Park und ſeinen Inhalt ſah, fühlte ſich ſein Herz wie im Sonnenſchein eines Liebhaber von ſchönen Thieren ſei, erhob ihn in ſei⸗ nen Augen noch mehr, da er hierin einen mit ihm verwandten Geiſt erkannte. Bei'm langſamen Weiterreiten entfaltete ſich die Pracht des engliſchen Gartens immer mehr und mehr, bis endlich das Schloß inmitten eines wahren Blumen⸗ meeres auftauchte und ſeine gaſtliche Pforte ſchon weit geöffnet zeigte. Kaum hatte Joſeph dieſe Pforte erblickt, die mit ihrem hallenartigen Corridor eine Rampe durch⸗ brach, welche funfzehn Fuß hoch das ganze Schloß um⸗ gab, ſo näherte ſich ihm Harry, des Lords Leibdiener, hielt ihm den Bügel und nahm Pferd und Hund in Em⸗ pfang. Dann trat er durch den Eingang in die Halle ein, die wir auch Rachel aufnehmen geſehn haben. Von einem Diener die breite Treppenflucht hin⸗ 107 aufgeführt, deren Licht durch die bunten Glasfenſter, die ſie ſchmückten, gedämpft war und in hundert Far⸗ ben ſpielte, trat der junge Mann, bei jedem Schritt bewundernd ſich umſchauend, in ein Zimmer ein, wie er noch kein zweites jemals erblickt hatte. Es war nicht das Muſikzimmer, in welches Rachel geführt ward, ſondern die Bibliothek des Lords, deren Möbel alle aus dem Mittelalter zu ſtammen ſchienen und doch von der kunſtfertigen Hand eines modernen Werk⸗ meiſters ausgeführt waren. Am Fenſter zur Linken, von wo hinaus der Blick des Arbeitenden weit über das Meer und die öſtliche Waldſpitze hinausreichte, ſtand ein großer Schreibtiſch, nicht unzierlich mit Bü⸗ chern, Briefſchaften und anderen dergleichen Dingen beladen. Daran ſchloſſen ſich bis zu einer durchbro⸗ chenen und auf Pfeilern ruhenden Wand, in deren Hintergrunde im Nebengemache ein Billard ſichtbar ward, koloſſale Bücherſchränke, alle gefüllt von oben bis unten. In der Mitte des großen Raumes ſtand ein runder Tiſch, von ſchwarzem Marmor wie der Kamin, umgeben von Divans und Seſſeln, mit veil⸗ chenfarbigem Sammet überzogen, und in den tiefen Fenſterniſchen luden ähnliche kleinere Tiſche und Seſ⸗ ſel, die mit zahlloſen Zeitungen und Journalen bela⸗ den waren, zum Sitzen und Studium ein. 108 Als Joſeph mit der Bewunderung dieſes für ihn feenhaft ausgeſtatteten Aufenthaltsortes zu Stande ge⸗ kommen war und ſeine Augen wieder hinaus auf die See lenkte, wo gerade vor ihm die kleine Flottille ſchaukelte, hob ſich in dem Billardzimmer eine dunkel⸗ rothe Portière empor und herein trat die edle Geſtalt ſeines Wirths, Lord Shorncliffe's. Mit ruhigem An⸗ ſtande ſchritt er auf den jungen Mann zu, der ihm einige Schritte entgegengegangen war und ſich höflich verbeugte, und betrachtete ihn mit prüfendem Auge und ſichtbar zufriedenem Lächeln, trotzdem ſeine Stirn, nicht gerade bedrückt, aber doch von einer kleinen Wolke beſchattet war. Dann aber ihm die Rechte bietend und ſeine Hand mit feſtem Drucke ſchüttelnd, hieß er ihn mit herzlichen Worten willkommen. „Da ſind Sie alſo,“ ſagte er,„und zwar allein gekommen. Das iſt mir lieb, ſo kann ich mit Ihnen nach Herzensluſt reden, was uns geſtern nicht möglich geweſen wäre. Sie ſind meiner raſchen Einladung doch gern gefolgt?“ „Sehr gern, Mylord, denn Ihre geſtrigen Be⸗ ſucher haben meine Begierde, Sie näher kennen zu lernen, geſtachelt, und ich finde alles Das über die Maaßen beſtätigt, was man mir von Ihnen und Ihrer Wohnung geſagt hat.“ 109 „O nein doch, loben Sie mich nicht gleich, Sie könnten ſich leicht in mir täuſchen. Folgen Sie lieber meinem Vorſchlage und begleiten Sie mich, bis die Eßglocke läutet, in den Garten, denn Sie müſſen wiſſen, ich lebe, ſo lange ich in Deutſchland bin, nach deutſcher Sitte und Gewohnheit— in England, frei⸗ lich, da muß man es anders machen und leider oft genug die Nacht zum Tage verkehren. Kommen Sie.“ Auf einigen breiten Stufen, die unmittelbar aus dem einen bis auf den Boden reichenden Fenſter der Bibliothek auf die Rampe des Schloſſes führten, trat er mit ſeinem Gaſte in dieſes mit Blumen von jeder⸗ lei Farbe und Duft gefüllte Paradies, und auf den zierlichen Kieswegen zwiſchen den Blumen auf und ab wandelnd, verbrachten ſie die Zeit in gemächlichem Geſpräch über Allerlei, Land und Meer, Haus und Garten, bis die Eßglocke ihre einladenden Klänge er⸗ tönen ließ. „Da ruft ſie ſchon, nun kommen Sie!“ ſagte der Lord, bot ſeinem Gaſte den Arm und führte ihn durch das Billardzimmer in den Speiſeſaal, der, ein faſt thurmhohes Gemach, im letzten Drittel ſeiner Höhe eine Gallerie zeigte, an der Wappen und Waffen prangten, die eine kunſtverſtändige Hand in ſchönen Gruppirungen aufgehängt und geordnet hatte. Das 110 Geräth in dieſem Gemach war von polirtem Eichen⸗ holz und von alterthümlicher Form, ſo die Büffets, die Seſſel und Alles, was man rings herum ſah. Die Tafel war nur für zwei Perſonen gedeckt und hinter jedem Stuhle ſtand ein Diener in den Farben des Lords— Meergrün, Carmoiſin und Silber. Das Mahl ging ziemlich raſch vorüber, obwohl es auserleſen war, denn der Lord war kein Freund von ſchwelgeriſchen Tafelfreuden. Er aß wenig und trank noch weniger, meiſt Waſſer mit jenem würzigen Wein gemiſcht, der auf den Bergen von Burgund ge⸗ deiht. Auch Joſeph Sohn war mäßig, da er nie mehr aß und trank, als die Befriedigung ſeines be⸗ ſcheidenen Appetites verlangte, und ſo waren ſie bald fertig. Der Lord erhob ſich und verbeugte ſich gegen ſeinen Gaſt; dieſer mußte ſich geſtehen, wenn ſein Wirth ſich in allen Dingen ſo liebenswürdig bewies wie bisher, ſo würde er einen nicht weniger erfreu⸗ lichen Tag verleben, als ſeine Freunde einen Tag frü⸗ her verlebt hatten. Aber auch der Lord fand an dem, Weniges, jedoch dieſes Wenige immer mit Ernſt und Gediegenheit ſprechenden Gaſte von Augenblick zu Augenblick mehr Gefallen, und als ſie nun wieder in den weiter vom Schloſſe abgelegenen Gängen des 111 Gartens wandelten, nahm er ſogar eine vertrauliche Miene an, indem er über ſeine Anſiedelung an dieſem Orte ſprach. „Sie werden gewiß erfahren wollen,“ ſagte er, „wie ich auf den Einfall gekommen bin, mich an dieſer einſamen und abgelegenen Meeresküſte nieder⸗ zulaſſen oder wenigſtens zeitweiſe meinen Aufenthalt zu nehmen, und das werden Sie, wenn auch nicht heute, doch gewiß ein andermal erfahren. Gehen Sie jetzt meinem Vertrauen voran und— ja— erzählen Sie mir, wie Sie nach Brenkowitz gekommen ſind.“ „Das hängt mit meiner ganzen Vergangenheit zu⸗ ſammen, Mylord.“ „Nun gut, dann beginnen Sie damit, daß Sie mir dieſe Vergangenheit mittheilen, und befürchten Sie nicht, daß ich Ihr Vertrauen mißbrauchen werde.“ „Das befürchte ich durchaus nicht.“ „Wohlan denn— oder ſchließt Ihre Vergangen⸗ heit vielleicht ein Geheimniß in ſich?“ „O nein,“ ſagte Joſeph Sohn, doch in demſelben Augenblick hielt er inne und beſann ſich, denn ihm fiel ein, daß allerdings ein Geheimniß über ihm walte. Allein er hatte ſich bald wieder gefaßt, da es ſich von dieſem Geheimniß, von dem er ſelbſt nichts wußte, ja hier nicht handelte, es handelte ſich vielmehr um ſein vergangenes Leben, und das lag klar, ohne Flecken und Schatten da, die ſeine Ehre oder ſein Herz ver⸗ dunkelt hätten. So erzählte er denn ſein ganzes ver⸗ gangenes Leben, wie er ſelbſt es wußte, ohne Rück⸗ halt, ohne irgend ein wichtiges Ereigniß zu verſchwei⸗ gen, nur wie Rachel's Schickſal mit dem ſeinigen ver⸗ flochten war, erzählte er nicht, da hiernach ja nicht gefragt worden war. Alcs er ſeine Erzählung beendet, ſchwiegen beide Männer ſtill; der Lord war etwas bleich geworden, Joſeph's Geſicht aber ſtrahlte die Gluth zurück, die ſtets in unſerm Innern unbewußt ſich entzündet, wenn wir unſer vergangenes Leben in Gegenwart eines Fremden noch einmal im Fluge durchlaufen. Endlich ſagte der Lord ſanft und faſt traurig: „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen und ich weiß es zu ſchätzen. Erinnern Sie ſich dieſer Stunde künf⸗ tig, und wenn Sie ſich einmal— Gott verhüte es! — in irgend einer Noth befinden ſollten, ſo ſchlagen Sie Ihren Weg zu mir ein und ich werde der Mann ſein, der Ihnen als Menſch unter die Arme greift. Aber halt! Sie haben mir ja nichts von der kleinen Elfe, der Rachel, geſagt, und ich glaube doch gehört zu haben, daß Sie ſchon mit ihr gelebt haben, ehe Sie in Brenkowitz waren.. 4 113 „Ah, ja, das iſt eine Epiſode aus meiner Ge⸗ ſchichte.“ S „Schließt ſie ein Geheimniß in ſich?“ „Ganz und gar nicht. Die Sache iſt ſehr einfach —“ und er erzählte raſch und bündig, was wir ſelbſt darüber wiſſen. „Mein Herr,“ ſagte der Lord, als auch dieſe Er⸗ zählung zu Ende war, und legte ſeine Hand gewich⸗ tig auf ſeine Schulter—„wenn Ihnen noch Niemand es geſagt hat, ſo ſage ich es Ihnen: die Handlung, die Sie an dem kleinen Weſen ausgeübt haben, war eine edelherzige, großartige Handlung— zumal von Ihrer Lebenslage aus betrachtet. Man kann ſtolz darauf ſein. Mir hat das Schickſal nicht ſo wohl gewollt, zu geſtatten, etwas Aehnliches zu vollbringen, obgleich auch ich— ja auch ich, ich ſage es dreiſt— das Herz dazu habe. Aber ſo jung Sie ſind und ſo bedürftig, verlaſſen und hülflos Sie ſcheinen— ich bewundere Sie und vielleicht beneide ich Sie. Darum ſeien Sie mein Freund und reichen Sie mir als ſol⸗ cher Ihre Hand. So. O, glauben Sie nicht, daß ich mit der Vertheilung dieſer meiner Freundſchaft zu ſchnell verfahre, ach nein! Emery Glandon Shorncliffe iſt nie verſchwenderiſch mit der Preisgebung ſeines Herzens geweſen. Ihnen aber trage ich mich an, denn Emery Glaudon. II. 8 114 es liegt in meinem Charakter, eine Handlung auf der Stelle zu vollbringen, wenn Sie mir gerecht, wichtig und zeitgemäß erſcheint. Da, nehmen Sie noch ein⸗ mal dieſe Hand, ſie iſt die eines ehrlichen Menſchen, der immer nur Gutes auf der Welt gewollt hat, aber nur zu häufig verkannt worden iſt, weil er vielleicht nicht immer die gewöhnlichſten Wege eingeſchlagen hat, dies Gute auszuſtreuen. Und nun, da wir ſo weit ſind, wollen wir weiter gehen.— Sie ſind jetzt in Brenkowitz und Rachel auch. Was haben Sie für die Zukunft beſchloſſen?“ „Dafür laſſe ich Gott ſorgen.“ „Das iſt kein übler Vorſatz, allein der Menſch muß in vielen Dingen ſeine eigene Vorſehung ſein. Be⸗ trachten wir alſo Ihre Lage einmal etwas genauer. Sie werden noch etwa zwei Jahre in Brenkowitz bleiben— es iſt wenigſtens möglich. Gut, Sie ſind mithin auf ſo lange Zeit ſicher gebettet und ſpäter ſorgt Gott vielleicht noch weiter. Dies betrifft in⸗ deſſen nur Sie— nun aber das Mädchen, was ge⸗ ſchieht mit dem?“ „Darüber bin ich leider gänzlich im Unklaren, ich geſtehe es, auch habe ich eigentlich noch nicht darüber nachgedacht.“ „So wollen wir Ihre Verſäumniß nachholen. 115 Welche Zukunft, frage ich, kann Rachel haben, welche alſo muß ſie haben?“ „Ohne Zweifel iſt hier kein Schwanken möglich. Rachel iſt von der Natur zur Künſtlerin beſtimmt—“ „Ah, da haben wir's— das ſage ich auch.“ „Freilich, aber wie ſoll ſie die Vollendung in ihrer Kunſt erreichen?“ „Das iſt die Frage, ja, mein junger Freund, das iſt die einzige Frage, die hier möglich iſt, denn ein ſolches Licht darf nicht in der Abgeſchiedenheik und Stille des häuslichen Lebens verglimmen. Und nun will ich auch aufrichtig gegen Sie ſein. Die Erörte⸗ rung dieſer Frage iſt es, was mich zunächſt beſtimmt hat,— ich ſage zunächſt— Sie zu mir einzuladen. Hier haben Sie mein Bekenntniß. Vie ei Sie ſich, daß ich auch hierin ſo ſchnell han le, aber ſo thue ich immer, das iſt eine Eigenſchaft meines Weſens, und darum eben hat man mich oft einen ſeltſamen Sonderling genannt. Man muß indeſſen nichts auf ſolche Beurtheilungen geben, wenn man ſich bewußt iſt, ein edles Ziel vor Augen zu haben. Hier haben wir es vor Augen. Außerdem aber ſcheint mir in vorliegendem Falle die größte Eile nöthig. Wie alt iſt Ihr Pflegekind?“ „Sie iſt funfzehn Jahre alt.“ 8* 116 „So iſt es die allerhöchſte Zeit. Dieſe Feenkinder, welche die Natur mit ihren herrlichſten Gaben über⸗ ſchüttet hat, muß man nicht nach menſchlichen Jahren taxiren. Jetzt hören Sie mich aufmerkſam an. Ich meine es gut mit Ihnen, und wenn Ihr Vater, der Profeſſor, noch lebte, er würde es nicht beſſer und anders meinen können; aber ich meine es auch gut mit Rachel und ich liebe es, Menſchen zu unterſtützen, die Talent haben, denn Gott hat mir die Mittel da⸗ zu verliehen, die ich, denke ich, nicht beſſer anwenden kann, als dazu, ſeinen urſprünglichen Willen, alſo ſein Gebot, weiter auszuführen.— Würden Sie ſich wohl zu einer Trennung von dieſem begabten Mäd⸗ entſchließen können?“„ b c, ſehr ſchwer, ich geſtehe es, aber wenn Rachel Vortheil davon hat— für die künftige Zeit, für ihr Alter— dann augenblicklich, ſo ſehr mein Herz dabei bluten wird.“ „Ah, Sie ſind mein Mann, das habe ich von Ih⸗ nen erwartet. Hören Sie nun meinen Vorſchlag. Ra⸗ chel muß in einer großen Stadt, ja in mehreren gro⸗ ßen Städten der Kunſt leben, da, wo bedeutende Mei⸗ ſter wirken und ſchaffen, und die bedeutendſten müſſen ihre Lehrer werden, wenn auch nur auf kurze Zeit, denn Rachel lernt im Handumdrehen. Wenn Sie Ihr 117 Wort nicht gegeben hätten, drei Jahre in Brenkowitz zu bleiben, ſo würde ich ſagen: kommen Sie zu mir, gehen ſie mit mir und dem Mädchen nach Berlin, Wien, Paris und London. So aber geht das nicht und wir müſſen für ſie einen andren Begleiter ſuchen. Glücklicherweiſe iſt derſelbe ſchon gefunden. Die Schwä⸗ gerin meines älteſten, treuſten Dieners, der ſeit Jah⸗ ren mein Freund geworden, jetzt aber nicht hier an⸗ weeſend iſt, lebt in dieſem Schloſſe. Mrs. Baxton iſt eine vortreffliche Frau von gewiſſen Jahren, ausge⸗ ſtattet mit Kenntniſſen und Fähigkeiten, die zu ſolchem Ehrenamte erforderlich ſind. Sie ſoll Rachel führen, für alles Uebrige ſorge ich. Sie natürlich, der ältere und wohlerworbenere Anſprüche auf ſie hat als ich, geben dieſelben nicht auf, ſie bleibt Ihnen— aber ich ſetze mein Leben zum Pfande, Rachel wird eine Künſtlerin werden, wie wir nur wenige beſitzen. Jetzt haben Sie meine Anſicht der Dinge vernommen. Ich will Sie nicht überreden, ſogleich meinen Wünſchen beizuſtimmen, bewahre, ich gebe Ihnen ſogar acht Tage Bedenkzeit. Sind Sie dann mit Ihrem Entſchluſſe fertig, ſo kommen Sie wieder zu mir— ich mag nicht ſo oft nach Brenkowitz gehen— und zheilei mir Ihre Anſicht mit.“ Joſeph, glühend vor Aufregung, ſo daß ihm die 118 heißen Schweißtropfen von der Stirn fielen, und da⸗ bei im Innerſten ergriffen, traurig und doch wieder freudig bewegt, ſtand ſinnend vor dem edlen Briten, der ſich ihm ſo hochherzig erwies, um zu überlegen. Die Gedanken jagten in ſeinem Hirne auf und nie⸗ der, ſeine Pulſe klopften ſo ſtark, daß er ſie ſelbſt hö⸗ ren konnte. Was er aber auch denken mochte, er mußte ſich eingeſtehn, der Brite habe Recht. Dieſer ſah ſeinen Kampf, ſeine innere Bewegung. „Keine Uebereilung,“ ſagte er,„überlegen Sie es ſich acht Tage. Genug für heute davon. Jetzt aber laſ⸗ ſen Sie uns unſern Spaziergang langſam fortſetzen, Sie ſind erhitzt; beruhigen Sie ſich und wenn Sie ſich abgekühlt haben, machen wir eine kleine Fahrt auf der See. Die Briſe iſt günſtig zum Kreuzen. Sind Sie ſchon auf der See geweſen?“ „Nie.“ „So kommen Sie, ich gebe Ihnen einen Plaid. Sie glauben nicht, wie leicht man ſeinen Kummer in das Meer verſenkt. Es iſt tief und weit genug dazu. Ach, das habe ich oft an mir ſelbſt erfahren.“ Er rief einen Diener herbei und gab ihm in eng⸗ liſcher Sprache einige Aufträge. Als dieſer nach einer Viertelſtunde ſeinen Herrn im Garten wieder aufſuchte, 119 trug er zwei Plaids über dem Arm und meldete, daß Alles bereit ſei. „Haben Sie ſich abgekühlt, mein Freund?“ „Vollkommen.“ „Vorwärts dann!“ Man ſchritt zum Seeufer hin⸗ ab, wo Millionen von Muſcheln und Kieſeln lagen, mit denen die wogende Brandung wie ein Kind mit Erbſen ſpielte. Ein flaches Boot lag dicht am Strande; Lord Shorneliffe, Joſeph und der Diener ſtiegen ein und letzterer ruderte die Herren zu einem größeren Kielboote, das weiter hinaus im Meere feſt vor ſei⸗ nen Ankern lag. Sechs Matroſen, in geſtreiften Ja⸗ cken und Mützen, kräftig, gewandt und mit kühnem Geſichtsausdruck, erwarteten ihren Herrn und ſeinen Gaſt darin. Als der Diener mit dem Boote wieder zum Lande gefahren war, gab der Lord, indem er ſich an den Helmſtock ſetzte, zwei Matroſen ein Zeichen, und wie der Wind flogen die weißen Fittiche des Lug⸗ gerſegels herab und wurden ſogleich von der leichten Briſe erfaßt und aufgebläht. Wie ein Schwan tauchte das kleine aber feſte Fahrzeug anmuthig mit ſeiner breiten Bruſt in die Fluth, nach dem offenen Meere ſich wendend, und bald bemerkte Joſeph an der leich⸗ ten Bewegung, die nur ein gut geleitetes Segelſchiff fühlen läßt, daß er in Fahrt auf dem Meere ſei. 3 120 Der Engländer hakte Recht gehabt. Joſeph's Bruſt hob ſich unwillkürlich, als er ſo leicht auf dem gewal⸗ tigen Elemente ſchwamm und den Blick in die weite Waſſerwüſte und den blau und heiter darüber ſich wöl⸗ benden Himmel wandte. Der Wirth, mit kundigem Auge ſeinen Gaſt muſternd, fühlte, daß das Meer ſeine Wirkung an ihm thue. „So, nun ſind wir in Fahrt,“ begann der Lord von Neuem das Geſpräch,„und Sie ſollen in einer Stunde manche Meile zurückgelegt haben. Jetzt aber wollen wir die ernſten Geſpräche hinter uns laſſen und heiter plaudern, wie die Wellen um uns her. Sie brauchen wegen der Matroſen nichts zu beſorgen, ſie hören uns nicht und keiner verſteht ein deutſches Wort, denn ſie ſind erſt vor wenigen Tagen aus England gekommen.— Wie gefällt es Ihnen in Brenkowitz?“ Joſeph ward durch dieſe unerwartete Frage wie von einem neuen Zauberſtabe berührt; das ſo eben Abgehandelte verſchwand für den Augenblick aus, ſeiner Erinnerung und andere liebliche Bilder aauchten in ſeinen Gedanken auf. Das hatte der Lord erwartet und gewollt. An dem Lächeln ſeines Gaſtes erkannte der Menſchenkenner die Wirkung ſeiner wohl berech⸗ neten Frage.„Ich täuſche mich alſo nicht, es gefällt Ihnen gut bei dem Baron?“ 121 „Bei dem Baron? Nun— es gefällt mir wenig⸗ ſtens auf Brenkowitz. Anfangs hatte ich manche Schwierigkeit zu überwinden und manche Unannehm⸗ lichkeit zu ertragen von der Schweſter des Barons—“ „O, die laſſen Sie aus dem Geſpräch. Das iſt ein böſes Weib— wie kann die Ihnen Beſchwerde verurſachen!“ „Doch hat ſie es gethan. Sie iſt von Bedeutung in Brenkowitz, oder vielmehr ſie war es, denn jetzt haben wir uns von ihrer Herrſchaft ziemlich frei ge⸗ macht.“ „Das iſt auch recht; unter ſolch ein Weib ſich zu beugen oder unter ihrer Einwirkung zu leiden, muß für einen Mann von Geiſt und Gemüth die Hölle auf Erden ſein. Aber nehmen Sie ſich dennoch in Acht. Die Wespe hat einen Stachel im Verborgenen, den ſie nur hervorſtreckt, wenn ſie gewiß iſt, verwunden zu können. Halten Sie ſich fern von ihr, aber laſſen Sie ſie nie aus dem Auge und legen Sie ihr keinen Stein in den Weg. Ihren Bruder, den Baron, habe ich auch gleich durchſchaut. Dieſe Haldrungen ſind alle ſehr leicht zu erkennen.“ „Ja, aber Werner iſt ein edler Menſch.“ „Das ſage ich auch,— doch laſſen Sie uns erſt den Vater abthun. Dieſer iſt ein ſehr gewöhnlicher 122 Menſch, wie man ſie in allen Lebensverhältniſſen zu Dutzenden herumlaufen ſieht. Ein Genußmenſch, der ſeinen Abgott auf der Zunge und im Magen trägt. I Er iſt alſo ſehr leicht zu ergründen, wie er leicht zu - feſſeln und zu bemeiſtern iſt. Allein er iſt eigenſinnig, ſogar ſtarrköpfig in Dem, was er ſich in den Kopf geſetzt hat— und darin ſtimmt er etwas mit mir überein, denn ich liebe es auch nicht, meine Hand zurückzuziehen, wenn ich ſie einmal nach irgend einem Beſitz ausgeſtreckt habe. In dieſem Punkte alſo könnte ich wohl einmal mit ihm in irgend einen Conflikt gerathen, und um dies zu vermeiden, werde ich ſo wenig wie möglich mit ihm verkehren.— Sein Sohn Werner iſt eine ganz andere Natur.“ „O, viel edler, beſſer und aller Bildung zugäng⸗ licher,“ unterbrach Joſeph den langſam und beſonnen Redenden, der gleichwohl ſein Auge auf den Wind und die Segel gerichtet hielt, und dem es ein Ver⸗ gnügen zu gewähren ſchien, ſeinem jungen Freunde mehr eine Charakteriſtik der Perſonen auf Brenkowitz zu liefern als von ihm zu vernehmen. „Ja, aber was ſoll aus ihm werden?“ „Er will ſich der Kunſt widmen und hat dazu ſchon den erſten Schritt gethan.“ „Gut, ja, ich verdenke ihm das nicht. Aber er ——— 123 will doch nicht öffentlich damit in's Leben hinaus treten? Das würde ſein ſtolzer Vater nie zugeben.“ „Ich glaube auch nicht, daß Werner das beab⸗ ſichtigt.“ Der Engländer lächelte auf eine beſondere Art. „Nun, ich will es wenigſtens nicht wünſchen, obgleich ich nicht ſo ganz ſicher bin, daß er bei Gelegenheit nicht aus den Schranken bricht, wie ein Vollblutren⸗ ner, über den ſein Reiter die Gewalt verloren hat. Wer weiß, welchen Einfluß Rachel in dieſer Bezieh⸗ ung auf ihn übt!“ „Rachel? O, die verehrt er, wie man ſie vereh⸗ ren muß, wenn man ſie kennt.“. „Sagen Sie lieber, er vergöttert ſie, er betet ſie an. Er hat ſich, ſeine Herkunft, ſeinen Vater, ſeine Familie— Alles hat er aus dem Auge verloren, wenn er in die Augen dieſes begabten Feenkindes ſieht.“ Joſeph riß die Augen weit auf.„O,“ ſagte er, „das iſt nur die Liebe zur Kunſt, die ſich in der Liebe zu Rachel in ihm perſonificirt hat.“ „Ja, ja, aber Liebe zum Weibe, das hier noch in der Knospe liegt, iſt auch mit dabei. O, ich habe ihn zwei Tage beobachtet und dieſe meine Meinung hinreichend beſtätigt gefunden.— Jedoch, laſſen wir 124 das; Werner iſt, wie Sie ſagen, ein edler Menſch. Wenn er Rachel, das Weib liebt, wird er ſie wie ſei⸗ nen irdiſchen Engel lieben, und ſolche Männer begehen wohl Thorheiten, aber keine Schlechtigkeiten.— Wie gefällt Ihnen aber Sophie, ſeine Schweſter, dieſes reizende, innige und wahrhaft edle Weſen, die mir, wenn ich ihr ſeelenvolles Auge anblicke, immer vor⸗ kommt, als wäre ſie der Frühling in menſchlicher Geſtalt?“ Joſeph ſchwieg, konnte aber nicht verhindern, daß ihm dabei eine Welle vom beſten Blute ſeines Herzens in Wangen und Stirn ſtieg.„O,“ ſagte er,„ich brauche nichts mehr zu ihrem Lobe hinzuzufügen, da Sie ſelbſt ſie ſchon ſo vortrefflich geſchildert haben.“ „Ja,“ ſagte der Engländer und bohrte ſein Auge⸗ in das ſeines jungen Freundes, um ſo tief wie mög⸗ lich in ſeine Seele zu dringen,„ſie iſt lieblich, ange⸗ nehm und reizvoll. Aber wiſſen Sie, ich fand ſie neulich in Brenkowitz anders, als bei mir, und Wich glaube den Grund davon zu kennen.“ „Welcher könnte das ſein?“ „Sie fehlten ihr hier!“ „Mylord!“ „Still, bleiben Sie ruhig ſitzen, wir ſind nicht auf trockenem Lande.„Und wie, meinen Sie, ich 125 wüßte nicht, daß Sophie Ihnen gewogen iſt, wie Sie es ihr von ganzer Seele auch ſind? Aha, Sie ſind zu ehrlich, um das läugnen zu wollen, aber Sie brauchen es nicht vor mir zu verſchweigen. Ich kenne, ich achte, ich liebe ſolche edle Leidenſchaft zweier rei⸗ ner jungfräulicher Herzen und würde es gern ſehen, wenn ſie künftig noch feſter mit einander verbunden würden, als jetzt.“ „O Gott, Mylord, Sie zerreißen mein Herz! Welche Welt erbauen und zerſtören Sie in meiner Seele in einem und demſelben Augenblick!“ „Wieſo zerſtören? Drücken Sie ſich deutlicher aus. Heirathen Sie Sophie— warum ſollten Sie das nicht?“ „Sie haben vergeſſen, daß ich gar nicht daran denken kann. Ich bin ein armer Menſch von ziem⸗ lich gewöhnlichem Herkommen— und Sophie iſt die Tochter des reichen, ſtolzen und angeſehenen Barons von Haldrungen.“ „O, das iſt in meinen Augen kein Hinderniß. Ich habe es mir auch einſt nicht träumen laſſen, daß ich der Erbe eines Lords und Beſitzer vieler ſchöner Güter werden würde. Aber der Allmächtige ließ eine ganze Generation von der Erde verſchwinden, um mich an ihre Stelle zu ſetzen.“ 126 „Bei Ihnen war das möglich, bei mir iſt es nicht. Vor mir lebt keine Generation, die ausſterben könnte, eben ſo wenig wie ich von Vater oder Mutter zu er⸗ ben Ausſicht habe.“ „Wenn auch— ich kann mir nicht denken, daß ich Ihnen gegenüber allein glücklich ſein ſoll— wer ſchaut in die Zukunft?“ „Meine Zukunft iſt und kann nie wie Ihre Ge⸗ genwart ſein.“ Der Lord ſchwieg nachſinnend.„Und was den ſtolzen und reichen Vater betrifft,“ ſagte er endlich, „ſo iſt der in meinem Sinne von ſehr geringer Bedeu⸗ tung. Schade, daß wir nicht in England ſind! Dann gingen Sie eines ſchönen Tages nach Gretna⸗Green und— dieſe Klippe wäre umſchifft.“ „Wie, Sie denken das von mir? Nein, Mylord, und wenn ich auch in England wäre und Gretna⸗ Green läge nur ſo weit von Brenkowitz entfernt wie dieſes Schloß, und nur ein Nachmittagsſpaziergang brächte mich zu dem ſeltſamen Schmidt, ich würde nicht thun, was Sie andeuten, denn das wäre eine Handlung, die ich nicht vor mir ſelbſt verantworten könnte.“ „So, aber daß Sie ſie lieben, können Sie vor ſich ſelbſt verantworten?“ 127 „Myllord, zerreißen Sie nicht mein Herz. Erſt durch Sie iſt mir klar, ſonnenklar geworden, daß ich Sophien liebe— und das, ja, das kann ich vor mir und meinem Schöpfer verantworten, denn nach mei⸗ nem Gefühle, nach meiner Einſicht iſt es keine Schmach, ein ſchönes herrliches Weſen zu lieben, vielmehr nur eine Erhebung zu einem höheren Lebensſtandpunkt.“ Der Lord ſenkte gerührt ſeinen lodernden Blick auf den entflammten und doch innerlich zerknirſchten jungen Mann. Er faßte ſeine Hand, drückte ſie warm und ſagte: „Sie haben Recht, auch nach meinem Gefühl verhält es ſich ſo. Denken Sie vor der Hand weder an eine nähere Verbindung, noch an Gretna⸗Green, ſondern denken Sie nur an Ihre Liebe. Die wahre Liebe findet in ſich ſelbſt Grund und Boden genug, um glücklich zu ſein, ſelbſt in Ihren Verhältniſſen, ich kenne das, und um das Morgen ſollen wir nicht ban⸗ gen, ſo lange wir noch im Heute ſind.— Aber jetzt ſind wir weit genug in die See hineingekommen. Schauen Sie ſich um, das Schloß liegt wie ein klei⸗ ner Punkt weit hinter uns. So liegt Ihre Liebe vor Ihnen. Jetzt muß ich wenden— herunter mit dem Segel da und die Riemen eingelegt. Geduld, bald wird der kleine Punkt vor Ihnen, wie vor uns, wie⸗ der größer werden.“ 128 Sein Wink wurde augenblicklich befolgt, das Boot wendete raſch dem Lande zu, und ſechs kräftige Rie⸗ men tauchten ſich in die Fluth, um das kleine Schiff, ſchnell wie eine Schwalbe fliegt, durch das Meer rau⸗ ſchen zu laſſen. Als man ſo wieder in glatter Fahrt war, nahm der Engländer ſeinen Hut ab und ſtrich ſich mit der Linken durch das noch ziemlich jugendlich wallende dunkelblonde Haar, aber ſeine Rechte hielt das Steuer unverrückt an ſeiner Stelle.„Da haben wir denn die ganze Familie ihres Brodherrn durchgehechelt, aber wir haben nur die Wahrheit geſagt und uns über Niemand luſtig gemacht.“ „Um Entſchuldigung— die ganze Familie, My⸗ lord? Von der Baronin, dieſem Engel auf Erden, haben wir noch nicht geſprochen.“ „Ah, ja, Sie haben Recht!“ ſagte er halblaut, wo⸗ bei ſeine Stimme ein merkliches Beben hören ließ. „Aber wie kann ich von ihr reden, da ich ſie noch nicht geſehn habe? Dies Geſchäft müſſen Sie über⸗ nehmen. Sie nannten ſie einen Engel— haben Sie darin wie in allem Uebrigen Recht?“ „Mehr als in allem Uebrigen. Die Baronin iſt kein hochedles, wenn auch gramerfülltes, duldendes Weib, und das Einzige, was mich bei ihr in Ver⸗ 129 wunderung ſetzt, iſt: wie ſie einen Mann heirathen konnte, wie der Baron einer iſt.“ War vorher Joſeph in Flammen gerathen— jetzt gerieth der Engländer hinein. Sein Geſicht glühte, ſein Auge leuchtete ſo warm und voll auf, daß man auf die Vermuthung hätte gerathen können, er halte mit Gewalt einen herandrängenden Thränenſtrom zu⸗ rück.„Wie denken Sie ſich, daß das gekommen ſein mag?“ fragte er leiſe und von einem inneren Schauer erbebend. „Ich habe es mir oft im Stillen bedacht, und meine Gedanken darüber kann ich Ihnen offen mit⸗ theilen. Höchſt wahrſcheinlich hat eine traurige Schick⸗ ſalsfügung dieſen ſeltſamen Bund geſchloſſen. Aus Fräulein Sibyllens Munde habe ich oft die Anſpie⸗ lung vernommen, daß Frau von Haldrungen ſich glücklich ſchätzen könne, eben Frau von Haldrungen „geworden zu ſein, da ſie ſonſt Nichts auf der Erde gehabt, was ſie vor'm Untergange hätte retten können.“ Der Engländer rückte auf ſeinem Sitze hin und her. Wenn Joſeph's Hand das Steuer geweſen wäre, das er umfaßt hielt, er würde einen Druck wahrge⸗ nommen haben, den nur ein Stück Holz aushalten konnte, ohne einen Klageruf laut werden zu laſſen. Aber er ſprach kein Wort; nur ſeine zuckende Lippe, Emery Glandon. II. 9 130 ſein halb trunkenes Auge redeten eine Sprache, die Niemand verſtand und die Joſeph in dieſem Augen⸗ blick nur vermochte, in ſeinen Mittheilungen fortzu⸗ fahren.„Wenn ich aufrichtig ſein ſoll,“ ſagte er,„ſo iſt es mir vorgekommen, als ob Frau von Haldrungen in ihrer früheſten Jugend eine Neigung gehabt hätte, von dieſer durch irgend ein Unglück getrennt worden wäre und nach Jahren unendlichen Sehnens und Trauerns, da ſie keine Rettung weiter vor ſich ſah, den Namen und den reichen Beſitz eines Mannes an⸗ genommen habe, ohne ihr Herz auch nur einen Au⸗ genblick von dem Gegenſtande ihrer ehemaligen An⸗ betung abzuwenden.“ „Sie glauben das? Ja? Warum?“ „Ich habe mich oft und lange über dergleichen Verhältniſſe mit ihr unterhalten. Sie wird, nament⸗ lich wenn ſie mit mir allein iſt, bisweilen ſehr weich geſtimmt und läßt mich dann einzelne Blicke in ihr unangetaſtetes, ich möchte ſagen jungfräuliches Herz thun. Daß ſie nur einmal im Leben geliebt, hat ſie mir geſagt, und daß dieſe Liebe noch in ihr ſchäumt und fluthet, das ſehe ich alle Tage mehr und mehr. Und das allein iſt ihre Krankheit, denn ihr Uebel iſt nicht ſowohl leiblicher, als blos gemüthlicher Art.“ Der Engländer hatte den Kopf geſenkt, als ſänne 131 er über Etwas nach. Und doch ſann er nicht nach, er hörte nur mit den Ohren des Leibes und der Seele und ließ Alles, was er gehört, wie in tauſendfachem Echo in ſeinem Innern nachklingen. So verging eine geraume Zeit, denn da Joſeph ſeinen Worten nichts hinzuzufügen hatte, ſchwieg er ebenfalls und man war unterdeß dem Lande bedeutend näher gerückt, deſſen Umriſſe der Abendflor in einen feinen ſichtbaren Duft eingehüllt hatte, der aus dem Meere aufſtieg und Wald, Berge und Schloß in einer magiſchen Beleuchtung erſch einen ließ. „O wie ſchön iſt das!“ rief Joſeph laut in Be⸗ wunderung dieſes Anblicks aus. „Ja, es iſt ſehr ſchön, murmelte der Engländer, obwohl man nicht ermeſſen konnte, ob er damit ſeinem Gaſte oder ſeinen eigenen Viſionen antwortete, Er fuhr erſt ganz aus ſeinem S innen auf, als man an die Stelle gekommen war, wo das Boot wieder vor Anker gelegt wurde. Schon ſtand der Diener vom Lande mit ſeinem flachen Nachen bereit, und einige Minuten ſpäter befand ſich wieder feſter Boden unter beider Männer Füßen, die jetzt, die Arme in ein n⸗ der verſchränkt, was der Engländer veranlaßt, ſchwei⸗ gend den Pfad zum Schloſſe hinaufſchritten. Als man daſſelbe erreicht hatte, führte der Lord ſeinen Gaſt in 9* 133 „Nein, ich kenne ſie nicht, aber ich kann ſie vom Blatte ſpielen.“ „Das dachte ich mir— vorwärts alſo, Ihr Flü⸗ gel und mein Cello ſtehen bereit.“ Gleich darauf ſaßen Beide mit einem Ernſte und einer Aufmerkſamkeit vor ihren Inſtrumenten, als hät⸗ ten ſie den ganzen Tag weiter nichts als Muſik ge⸗ trieben. Der Lord bewies ſich als Meiſter in der Kunſt, den Bogen zu handhaben; in ſeinem Spiel lag eine weiche, elegiſche, faſt melancholiſche Grazie, die Töne, die er hören ließ, ſprachen mehr noch die inhaltsſchwere Stimmung ſeines Herzens aus, als ſeine Worte es gethan hatten, und nahmen eine Theil⸗ nahme für das Düſtere und Gebundene ſeines Weſens in Anſpruch, wie ſie Joſeph noch nie für einen Men⸗ ſchen empfunden hatte. Als das Stück daher zu Ende war, erhob er ſich mit gehobener Achtung und geſtei⸗ gerter Neigung zu ſeinem Wirthe, der ihm weniger räthſelhaft und um Vieles verſtändlicher geworden war, ſeitdem er ſeine Gefühle in Töne gekleidet hatte. Ach, und dieſes Verſtändniß, dieſer Aufſchluß des Innern, das Oeffnen gleichſam einer verborgenen Geiterrn das iſt die wunderbare, zauberhafte Wirkung der Kunſt, und darum bewegt uns nicht allein, nein, bewältigt und beherrſcht uns ein Künſtler der Muſik mit ſeinen 132 den Muſikſaal, ergriff ſeine Hand und ſagte herzlich und würdevoll: „Mein junger Freund, ſo hätten wir denn beinahe unſer heutiges Tagewerk vollbracht und ich danke Ih⸗ nen aufrichtig für das ſchöne Geſchenk, welches Sie mir mit Ihrer Freundſchaft und Ihrem Vertrauen dar⸗ gebracht haben. Sie ſind mir vielleicht nicht ganz ſo dankbar geſinnt, weil ich Ihnen mehr Ernſtes und Schmerzliches bereitet habe, als Sie von Ihrem Be⸗ ſuche in Downs⸗Caſtle wohl erwartet hatten, allein ſo iſt es ja häufig im Leben, unſre Erwartungen werden ſelten erfüllt und unſre Hoffnungen ſind leider nur zu oft den trügeriſchen Schatten einer magiſchen Beleuchtung zu vergleichen. Sollte das auch bei Ihnen ſo ſein, ſo zürnen Sie mir nicht, und um das Rauhe und Bittere, was wir vielleicht Beide genoſſen, hinwegzu⸗ ſpülen, laſſen Sie uns das Mittel anwenden, welches uns die Vorſehung dagegen verliehen hat. Wir wol⸗ len noch ein klein wenig Muſik machen, auf ihren Schwingen fliegt man über die ſchaale Alltagswelt — vor ihrem Zauberbalſam ſchließen ſich alle nden und das Leben fließt wie eine ruhige, wind⸗ ſtille See ohne Klippen und Untiefen vor uns dahin. — Sehen Sie hier, kennen Sie dieſe Tonelegier Sie rührt von einem engliſchen Componiſten her.“ 134 Tönen, wenn er ein wahrer Künſtler in, das heißt, wenn ſeine Töne nicht nur aus den Fingern und Sai⸗ ten rauſchen, ſondern unmittelbar aus ſeinem Herzen uns entgegen ſtrömen. Darauf wollte ſich Joſeph verabſchieden, als der Lord, wie bei Rachel, zu jenem Schranke von Eben⸗ holz ging und denſelben koſtbaren Brillantring nahm, den Rachel abgelehnt hatte.„Dieſen Ring,“ ſagte er „nehmen Sie für Ihr liebes Pflegekind in Empfang. Sie bat mich, Ihnen denſelben einzuhändigen und ich pflege nie ein Geſchenk zurückzunehmen, was ich ein⸗ mal gegeben habe— ich ſetze nämlich voraus, daß Sie nichts dagegen haben, wenn Rachel dieſe erſte kleine Gabe aus meinen Händen annimmt und mit Ihrer Erlaubniß zur Erinnerung an mich trägt.“⸗ „Warum ſollte ich etwas gegen ſolch' großmüthi⸗ ges Geſchenk haben? Nur beſorge ich, daß ſie es nicht tragen wird, da ſie einen eigenthümlichen Widerwillen gegen dergleichen Schmuckſachen hat, die ſie für das arme Judenkind, wofür ſie ſich immer noch hält, nicht geſchaffen denkt.“ „So bewahren Sie ihn ihr auf. Ihnen ſelbſt gebe ich kein ſolches Geſchenf⸗ für Sie behalte ich mir etwas Beſſeres vor. Vergeſſen Sie nicht, mir in acht Tagen Ihren Entſchluß mitzutheilen.“ 135 Damit ihm bedeutungsvoll die Hand drückend und ihm liebreich in die Augen ſehend, hörte er fluͤchtig Joſeph's Dank an und begleitete ihn bis auf den Hof, wo ein Diener den Pony hielt, neben dem der Pudel unbeweglich ſaß und nur die Augen ſtarr auf die Treppe gerichtet hielt, von der ſein Herr herunter⸗ kommen mußte. Sobald er ſeiner aber anſichtig wurde, heulte er laut auf und ſprang heftig auf den Nähertretenden zu. „Ah!“ ſagte der Lord.„Iſt das Ihr Hund— ſind Sie auch ein Thierfreund?“ „Ich habe von Kindesbeinen an mich mit allerlei Thieren umgeben, und dieſer treue Hund iſt eins der wenigen, die mir mein Verhältniß in Brenkowitz zu behalten erlaubte.“ Der Lord ſprach kein Wort mehr; nach dem letzten herzlichen Händedrucke ſtieg Joſeph in den Sattel und ritt langſam durch den Park auf das Feld hinaus, das an das Gut des Engländers gränzte. Aber immer noch ſinnend und dem jungen Manne ſo lange nachblickend, wie er ihn in der Dunkelheit des Abends erkennen konnte, murmelte der Lord in ſich hinein:„Wunderbar! Dieſer Menſch liebt Alles, was ich liebe! Wenn ich ihn ſo recht betrachte und ſeine Neigungen und Beſtrebungen bedenke, ſo iſt mir zu 136 Muthe, als blickte ich in den Spiegel meines eigenen Lebens hinein. Alles, was er ſchon in ſo jungen Jah⸗ ren gethan hat, möchte ich noch jetzt in meinem Al⸗ ter thun, und eine beinah unwiderſtehliche Gewalt hebt meine Arme empor, ihn an mein einſames ver⸗ waiſ'tes Herz zu drücken.— Wer erklärt mir dieſes Räthſel— wo iſt der Schlüſſel dieſes Geheimniſſes? O Herz, mein Herz, poche nicht zu laut vor Freude, Du biſt noch weit von Deinem Ziele entfernt. Näher gekommen aber bin ich ihm heute ſchon durch dieſen Mann, der die Wahrheit ſo offen ausſpricht, wie er ſie richtig erkannt hat— Henriette!— ſtill— ſpre⸗ chen darf ich es nicht, aber ausjubeln will ich es bis nach Mitternacht in den Tönen der göttlichen Muſik.“ Viertes Anpitel. Der Anfang der Verwandlung. Als Joſeph Sohn von der Halle des prächtigen Dünenſchloſſes fortritt, war es bereits ſpäter Abend geworden. Die Sterne funkelten ſchon am reinen Sommerhimmel und die ſilberne Mondſichel war längſt über die Baumwipfel auf den benachbarten Hügeln emporgeſtiegen. Mit feierlichem Schweigen neigte ſich der Abend zur ſtillſten Nacht, wie man ſie nur im Juni ſo wonniglich, mild und ſüß haben kann. Von allem Dem aber beachtete der ſtille Reiter nichts, er ſah, er hörte nicht, was um ihn her geſchah. Tief in die Erinnerung der geführten Geſpräche verſenkt, dachte er nicht einmal daran, daß er nach ſeiner jetzigen trauten Heimat, nach Brenkowitz heimkehre, und daß liebende Augen und freundlich begrüßende Lippen ihn empfangen würden. Ja ſogar alle Pracht, alleré- 138 Glanz, den er hinter ſich gelaſſen und der anfangs eine ſo große Einwirkung auf ſein Gemüth hervor⸗ gebracht, verſchwand vor dem einen Gedanken, der ihn heute nach Hauſe begleitete und ihm, wie er ſich ſelbſt eingeſtand, einen ſeltſamen Empfang bereiten würde, ſobald er den Uebrigen offenbar ward. Da fiel ihm plötzlich das Spiel mit den Kornblumen an jenem Abende auf dem Spaziergange nach der Linde ein und Werner'’ dadurch geweckter Aberglaube zuckte auch durch ſein Herz, das von jeher gegen die Einwirkun⸗ gen übernatürlicher Dinge geſtählt war. „Es iſt merkwürdig,“ ſprach er leiſe zu ſich,„wie er Recht gehabt hat, dieſer Werner, der Rachel mit dem Herzen eines Künſtlers liebt, und der Lord iſt wirklich ein Zauberer, und Rachel wird die zuerſt Ver⸗ wandelte ſein, wie Werner es geſagt. Aber auch wir Alle werden unter dieſer Wandelung leiden— wir werden uns von einander trennen und unſer kindli⸗ cher Jugendtraum wird ausgeträumt ſein. Der Ernſt des Lebens erwacht, der Kampf zwiſchen Herz und Kopf entbrennt und die Sorge des Daſeins umſpinnt uns mit ihrem Netze, um uns zu prüfen, ob wir Männer von ächtem Schlage und gediegenem Werthe ſind. O Gott im Himmel, wie wunderbar ſind Deine Schickungen! Ein Menſch, ein einziger Menſch tritt 139 in unſern Weg und wirft alle unſre Pläne, unſre Berechnungen um, wie Dein Wind auf dem Meere ein zu leichtſinnig dahinfahrendes Schiff umwirft und verſenkt— aber nein, Joſeph, ſo weit ſind wir noch nicht— verſenken, das heißt vernichten ſoll uns dieſe Wandelung nicht— wir wollen uns vielmehr dem Willen der Vorſehung fügen und unſre Segel anders ſtellen, um mit anderem Winde ein anderes Geſtade zu erreichen. So weit ſind wir mit unſerm Entſchluß und nun vorwärts— zum Handeln! Aber wie fange ich es an, ſie Alle mit dem Neuſten bekannt zu machen? Ha, ich hab's! Heute noch nicht, aber morgen werde ich mit der Baronin, dann mit Sophie, dann mit Rachel und— hat die zugeſagt, endlich auch mit Werner reden. So ſei es!—“ Mit dieſem Entſchluſſe trabte er dem Gute zu; es war ſchon ein Viertel nach zehn Uhr, als er auf dem Hofe anlangte und von einem Diener erfuhr, daß die junge Herrſchaft mit Fräulein Sibylle und Urſel noch im Verſammlungszimmer ſei. Langſam und bedächtig ſtieg der Hauslehrer von Brenkowitz die Treppe hinauf, ſich bemühend, ein ſo ruhiges und zufriedenes Weſen wie möglich anzuneh⸗ men, was ihm indeſſen nicht vollkommen gelang, weil ihn der Gedanke peinigte und ſeinem guten Willen die Kraft benahm, daß man ihn ſcharf beobachten und aus ſeinem Ausſehn auf Das ſchließen würde, was er erlebt und erfahren hätte. So war es denn auch in hohem Grade der Fall. Die jungen Leute ſtanden alle von ihren Stühlen auf, als er in's Zim⸗ mer trat, Rachel flog ihm mit ihrer natürlichen Herz⸗ lichkeit entgegen, und nur Fräulein Sibylle und ihre Gefährtin blieben lauernd und beinahe brennend vor Neugierde auf ihren Stühlen ſitzen. Nachdem Joſeph die zunächſt Stehenden begrüßt und den ungeſtüm ſich ihm nahenden Werner mit ei⸗ nem Wink zur Ruhe gewieſen, näherte er ſich dem Tiſche, hinter dem die älteren Damen ſaßen und bot ihnen ſeinen guten Abend. „Nun das muß man ſagen,“ begann die Schwe⸗ ſter des Hausherrn,„Sie ſind ja ſehr lange bei Ihrem Herrn Engländer geblieben. Der Mann muß Sie in Ketten gelegt haben. Wir dachten ſchon, wir würden Sie nicht wiederſehn und Sie würden gleich mit ihm ſein Schiff beſtiegen haben und in den atlantiſchen Ocean geſegelt ſein.“ „Dann haben Sie nicht das Richtige gedacht, mein gnädiges Fräulein,“ entgegnete Joſeph höflich aber ernſt,„denn Mylord hat mich zwar zu feſſeln verſtan⸗ den, allein er hat mir keine Gelegenheit geboten, den— 4 3 141 atlantiſchen Ocean, wohl aber das baltiſche Meer zu ſehen.“ „Ja, das glauben wir, wir ſind auch auf dem ſchönen Schiffe geweſen; nun aber ſetzen Sie ſich und erzählen Sie genau jedes Einzelne, was Ihnen be⸗ gegnet iſt.“ „Zuvor aber,“ ſagte Sophie leiſe,„möchte ich wiſſen, ob Sie vielleicht noch irgend Etwas genießen wollen.“ „Ich danke, mein gnädiges Fräulein, die leiblichen Genüſſe haben bei Lord Shorncliffe auch diesmal mit den geiſtigen gleichen Schritt gehalten.“ Sophie hatte ſich ſchon geſetzt und, wie der Zu⸗ fall es oft fügte, war der Stuhl zwiſchen ihr und Werner, neben dem gewöhnlich Rachel ſaß, frei ge⸗ blieben. Joſeph alſo, nachdem er ſich auf den freien Stuhl niedergelaſſen, erzählte, was er zu erzählen für gut befand, und da reichlicher Stoff dazu vorhanden war, ſo hatte man genug zu hören. Als Joſeph aber endlich ſchwieg, ſagte der eifrige Werner: „Gut, mein lieber Freund; was Sie uns da mitge⸗ theilt haben, konnten wir uns allenfalls denken, denn wir kennen Downs⸗Caſtle und ſeinen Beſitzer, aber— was wir uns nicht denken können, das iſt der eigent⸗ liche Grund, warum er Sie ſo eilig einladen ließ.“ 142 Joſeph war dieſe Frage in Gegenwart der älteren Damen unbequem, allein er nahm ſich zuſammen und ſagte, obgl eich mit einer Stimme und einem Weſen, die ſowohl Sophie wie Rachel erkennen ließen, daß er in dieſem Augenblicke nicht mit der Sprache her⸗ auswolle:„Im Grunde war die Muſik der Haupt⸗ gegenſtand unſrer Unterhaltung, und was wir darin mit einander abgemacht, wird am beſten die Zukunft enthüllen.“ „Zukunft enthüllen!“ dachte Werner,„Das iſt es eben! Es iſt etwas abgekartet, ſo viel iſt klar!“— Von jetzt an war er ein ſchweigſamer Zuhörer des Folgenden und beobachtete nur mit wachſender Spannung ſeinen Freund, während derſelbe redete oder ſchwieg. „Er hat Sie vielleicht für ſeine Kapelle dingen wollen?“ fragte keck das neugierige Fräulein von Krecht. „Nein, mein gnädiges Fräulein, von ſeiner Ka⸗ pelle und vom Dingen insbeſondere war gar nicht die Rede; ich weiß überhaupt nicht, ob er eine Kapelle beſitzt. Aber der Lord iſt ein vortrefflicher Muſiker und da gab es natürlich ſo Manches zu verhandoln. was eben nur Muſiker intereſſirt.“ „Wird Seine Herrlichkeit uns bald wieder beehren?“ 143 fragte Tante Sibylle, in ihrem Examen dreiſt fort⸗ ſchreitend. „Ich glaube es nicht, zumal er mir ſagte, daß er in den nächſten acht Tagen Geſchäfte zu vollbringen habe und mich erſt nach Ablauf dieſer Zeit wieder bei ſich erwarte.“ „Alſo Sie werden wieder hinüber reiten? Da könnten Sie ja lieber ganz Ihren Aufenthalt bei ihm nehmen, denn Downs⸗Caſtle iſt ſechsmal ſo ſchön wie Brenkowitz.“ Joſeph bemerkte den ſpitzen und verwundenden Ton dieſer Aeußerung nicht; ſein Auge ſtreifte nur die unwillig erröthende Sophie und dann ſagte er höf⸗ lich:„Natürlich werde ich hinüber keiten, da mich ein Verſprechen bindet, vorausgeſetzt, daß mich hier nichts Ernſtliches zurückhält.“ „Was ſollte Sie zurückhalten? Ich dächte, Sie wären hier genug Herr Ihrer Zeit, mehr als man⸗ cher Andere in Ihren untergeordneten Verhältniſſen.“ Joſeph erhob ſich und betrachtete die dünkelhafte Dame mit einem Geſichte, daß Sophie und Rachel erbebten, Werner aber im Herzen darüber frohlockte. „Daß ich hier eine untergeordnete Stellung ein⸗ nehme, weiß ich, mein gnädiges Fräulein, allein der Herr Baron, in deſſen Dienſten ich ſtehe, hat mir dies 144 noch nie geſagt, während Sie daſſelbe täglich mit ſtei⸗ gendem Nachdruck wiederholen. Damit ich Ihnen wenigſtens für heute nicht mehr läſtig falle, erlauben Sie mir wohl, mich zurückzuziehn. Meine Damen, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ „Dem iſt ſeit heute Mittag bedeutend der Kamm gewachſen!“ bemerkte ſpitzig Fräulein Sibylle, nachdem die beiden Männer das Zimmer verlaſſen hatten, denn Werner war ſeinem Lehrer auf dem Fuße gefolgt. „Aber das wundert mich nicht, wer mit engliſchen Lords verkehrt, weiß ſich in den Dienſt eines deut⸗ ſchen Barons nicht mehr zu finden.“ „Liebe Tante,“ ſagte Sophie, indem ſie Rachel einen Wink gab und ihr Licht nahm,„Du biſt ſehr unhöflich gegen Herrn Sohn geweſen. Ich will nicht hoffen, daß Du glaubſt, wir theilten Deine Anſicht über ihn— nein, wir theilen ſie ganz und gar nicht— gute Nacht, meine Damen.“ „Was war denn das?“ rief Fräulein Urſel, als die beiden Mädchen das Zimmer verlaſſen hatten.„Ich glaube gar, das einfältige Ding fängt an, gegen Dich eine Lanze einzulegen wegen dieſes— dieſes Muſi⸗ kanten.“ „Laß ſie nur, o laß ſie nur, Urſel. Das ſoll ihr angerechnet werden, ſtark, ich verſpreche es Dir. Wenn 145 ſich auch dieſe junge Naſeweisheit gegen mich empört — und daran iſt allein der erbärmliche Menſch, der Sohn, ſchuld— dann weiß ich, was ich zu thun habe — mein Bruder iſt mein Bruder, haha!“ „Nun, komm ihm nur nicht zu bald wieder mit Deinen Klagen, Du haſt erſt neulich ſeine Meinung gehört.“ „Gute Urſel, glaube nicht, daß ich ſo einfältig bin, mit unnützen Klagen bei ihm einzutreten. Ich warte ganz geduldig meine Zeit ab; und meine Zeit— das iſt ſo ſicher wie Drei mal Drei— wird auch noch kommen. Darum aber keine Sorge; komm, wir wol⸗ len ſo ſanft ſchlafen, als ob dieſer Wicht nicht im Hauſe wäre.“ „Joſeph, ich bitte Sie, was giebts?“ fragte Wer⸗ ner beinahe athemlos, als er mit ſeinem Freunde auf deſſen Zimmer angekommen war. „Ruhig, Werner, ruhig! Was ſoll es geben?“ „Der Engländer hat etwas Wichtiges mit Ihnen verhandelt— ich leſe es auf Ihrem Geſicht, Sie ſind aufgeregter, als ich Sie jemals geſehn habe.“ „Iſt das ein Wunder, Werner? Haben Sie ge⸗ hört, wie mich Ihre Tante behandelt?“ Emery Glandon. II. 10 146 „Laſſen Sie die Tante zum Teufel fahren— was kümmert mich die, und Ihnen wird ſie auch kein Haar grau färben. Nein, nein, Sie wollen mich von der Sache ableiten, der Hauptſache— was hat Ih⸗ Wren der Brite angetragen?“ Joſeph ſah ſeinen Freund mitleidig, beinahe weh⸗ müthig an.„Angetragen? Ja, er hat mir Etwas angetragen, und Sie werden es auch erfahren.“ „So ſagen Sie es gleich— Sie ſehen, wie be⸗ ſorgt ich bin.“ „Das brauchen Sie nicht zu ſein. Aber ſagen kann ich es Ihnen jetzt noch nicht; morgen jedoch, nach⸗ dem ich mit Ihrer Frau Mutter Rath gepflogen, werde ich Ihnen Alles mittheilen, was Sie wiſſen wollen.“ „Mit meiner Mutter? Wollen Sie fort von uns?“ „Nein, Werner, ich will nicht fort und er will mich auch nicht fortnehmen.“ „Betrifft es Rachel?“ Joſeph ſtutzte. Ach, er hatte es oft gehört: die Augen der Liebe und Eiferſucht ſehen ſcharf, und jetzt ſah er— im klarſten Lichte, denn Werner trug es auf jedem angſtverzerrten Zuge zur Schau— Werner liebte und war eiferſüchtig zu gleicher Zeit.„Fragen Sie mich nicht mehr— heute erhalten Sie keine Antwort darüber,“ ſagte er ſchnell. 147 „Aha! Mehr wollt' ich nicht wiſſen. Alſo Ra⸗ chel betrifft es— das habe ich mir den ganzen Tag gedacht. Gut, ſchlafen Sie wohl, und, Joſeph, o Jo⸗ ſeph, was es auch ſei— bedenken Sie, daß ich Ih⸗ nen meine Freundſchaft geſchenkt und daß ich— ich we⸗ nigſtens, ſie zu halten und zu bewahren geſonnen bin.“ „Ich auch, Werner. Hier haben Sie meine Hand dar⸗ auf.— Hoffentlich ſind Sie auch Rachel's Freund, wie?“ „Rachel's? Ihr Freund? Ja, Joſeph, das bin ich, ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, und ich werde es Ihnen, Rachel, meinem Vater und— wenn es nö⸗ thig iſt— auch Ihrem Engländer und der ganzen Welt beweiſen.“ Und er fiel ſeinem Freude um den Hals und weinte bitterlich. „Er ahnt es!“ ſagte Joſeph zu ſich, als Werner ihn verlaſſen hatte.„O ja, er ahnt es, der Lord hatte alſo Recht. O, der Mann iſt ſehr ſcharfſichtig. Un⸗ ter dieſen Umſtänden iſt es vielleicht der Wille des Himmels, daß Rachel von hier fortkommt, ja, ſo nehme ich es auf, und nun gehe ich noch einmal ſo leicht an die Arbeit— aber Rachel? Ach, das menſch⸗ liche Herz iſt ſtark und ſchwach zugleich— welches Räthſel, welches wunderbare Räthſel birgt ſich hier in unſrer Bruſt!?⸗ 10* 148 Am nächſten Morgen, nachdem der Hauslehrer ſeine gewöhnlichen Uebungen mit Werner abgehalten und dabei jede Anſpielung auf den vorigen Tag ver⸗ mieden hatte, bat er Sophie, ihn wiſſen zu laſſen, wann er die Frau Baronin ſprechen könne, deren Rath er in einer wichtigen Angelegenheit einzuholen habe. Sophie fuhr mit der Hand nach dem Herzen und mit den Augen nach Joſeph's Geſicht. Sprechen aber konnte ſie nicht und ſo verließ ſie das Zimmer mit einer Geberde, die ausdrücken ſollte, daß ſie ſeinen Wunſch erfüllen werde. Eine Stunde ſpäter— Wer⸗ ner war bei den Damen und muſicirte mit Rachel— kam Valentin und lud ihn zur Baronin ein. Dieſe ſaß auf ihrem Seſſel, mit dem Geſichte vom Fenſter ab⸗ gewandt und las in einen Buche. In dieſem Geſichte, ſo bleich, aber ſo klar und rein, lag heute wie immer für den jungen Hauslehrer eine überredende Gewalt, und jedesmal, wenn er in dieſem ſtillen Zimmer vor ihr ſtand, wurde ihm wunderbar friedlich zu Muthe und der rauhe Weg des Lebens ſchien ſich ihm ebner denn je zu geſtalten. So auch heute. „Guten Morgen, mein junger Freund!“ empfing ihn die Baronin.„Nun, haben Sie ſich geſtern amüſirt?“ „Amüſirt eigentlich nicht, gnädige Frau, denn dazu war unſre Unterredung zu ernſt.“ „Wie? Sie erſchrecken mich— hat Lord Shorn⸗ eliffe keinen ſo guten Eindruck auf Sie gemacht, als auf die Anderen? Nun ſagen Sie mir, was iſt er für ein Mann?“ „So weit ich ihn beurtheilen kann, iſt der Lord ein edler hochherziger Brite, nicht frei von gewiſſen Eigenheiten, die vielleicht in ſeiner Nation und ſeiner Erziehung wurzeln, allein er hat von der Vorſehung die große Gabe und Neigung empfangen, ſeinen Reichthum zu Unternehmungen zu verwenden, die den⸗ ſelben adeln.“ „So. Allſo er iſt ſehr reich?“ „So ſcheint es und es iſt auch gewiß der Fall.“ „Nun erzählen Sie mir zunächſt, wie Sie den Tag verbracht haben.“ Joſeph berichtete Alles, das Geſpräch ausgenommen, welches er mit dem Lord über Rachel und die frei⸗ herrliche Familie geführt hatte. Die Baronin hörte ruhig zu. Als er fertig war, ſagte ſie: „Was war aber der Zweck ſeiner Einladung an Sie? Denn wahrſcheinlich iſt es doch ein andrer ge⸗ weſen, als Sie in ſeinem Schloſſe, ſeinem Parke und ſeinem Schiffe herumzuführen, um die darin aufgehäuf⸗ ten Schätze zu bewundern?“ „Allerdings— und zu dieſem Zwecke komme ich 150 jetzt. Es iſt aber eine Vertrauensſache, die ich Ihnen zuerſt vorlege, bevor ich mit irgend einem Anderen dar⸗ über rede, und ich wünſche Ihren Rath zu hören.“ Die Baronin richtete ſich in ihrem Stuhle auf. Ihre Wangen färbten ſich etwas dunkler und ihre Au⸗ gen nahmen einen ſeltſamen Glanz an. Aber ſie ſprach nur das Wort:„Meinen Rath? Wozu?“ „Der Lord beſchied mich Rachel's wegen zu ſich, denn er hatte gehört, daß ich ſie erzogen. Ihr Spiel hat ihn— nicht bezaubert, nein, das iſt nicht das rechte Wort— es hat ihm aber die Meinung beige⸗ bracht, daß ſie zur Künſtlerin geboren ſei und daß ſie alſo eine ſolche werden müſſe.“ Die Baronin athmete tief auf. Sie hatte viel⸗ leicht etwas ganz Anderes zu hören erwartet.„Der Meinung bin ich auch,“ ſagte ſie,„ganz und gar. Und nun kann ich mir beinahe das Uebrige denken. Er hat Ihnen einen Vorſchlag gemacht, den nur ein Engländer machen kann, wenn er hochherzig, ehren⸗ haft und reich genug dazu iſt— er will Rachel aus⸗ bilden laſſen, wie?“ „So iſt es.“ „Und was haben Sie dazu geſagt?“ „Ich möchte zuerſt Ihren Rath, dann Rachel's Meinung hören, denn ſie muß doch darin auch ge⸗ — 151 fragt werden. Wenn ihr die Möglichkeit ſo nahe rückt, ihr Talent für die Welt auszubilden, tritt ſie vielleicht zurück.“ Die Baronin ſchüttelte ſanft den Kopf.„Das glaube ich nicht. Rachel iſt ſo verſtändig, wie ſie talentvoll iſt. Wenn ich ſo reich wäre, wie Ihr Lord, und ſo unabhängig, ich würde ſelbſt für ſie in ähn⸗ licher Weiſe ſorgen.“ „Alſo Ihr Rath?“ „Was kann ich anders rathen, als dieſen groß⸗ artigen Vorſchlag anzunehmen? Ohne Bedenken! Vor⸗ ausgeſetzt, daß Sie— daß Sie ſicher ſind, daß der Lord—“ „Ah! Ich verſtehe Sie— ja, ich bin ſicher. Der Lord hat nur väterliche Abſichten mit ihr.“ „So danken Sie Gott für dieſe Hülfe; Rachel wird Ihnen ſpäter dann zu doppeltem Danke ver⸗ pflichtet ſein.“ „Mir?“ „Ja, Ihnen. Doch darüber haben wir ja ſchon oft geſprochen. Ich bedaure zwar tief, ſehr tief, das liebe Mädchen zu verlieren, ſie iſt mir ein wahrer Troſt geweſen und hat mir große Genüſſe bereitet, allein ihr Vortheil muß mir mehr gelten, als mein Vergnügen und meine Luſt. Ja, Gott nimmt ſie 152 von uns und er ſegne ſie! Sie haben Glück mit Ihren Zöglingen.“ .„Wie ſo? Wenn Sie das auf Rachel beziehen, ſo verdanke ich Ihnen zunächſt Rachel's und mein Glück.“ „O, mir! Der Menſch ſollte ſich oft ſelbſt danken, wenn das möglich wäre— Sie allein haben Rachel zu Dem gemacht, was ſie iſt.“ „Gnädige Frau!— Alſo Sie ſtimmen der Ab⸗ ſicht des Engländers bei?“ „Vollkommen. Reden Sie mit der Kleinen. Ach Gott, wenn ich daran denke, daß ſie uns verlaſſen, uns fehlen wird, fühle ich mich recht betrübt. Wie werden wir die Lücke erſetzen? Doch das beſchwert wohl für's Erſte unſer Herz, aber es darf unſern Entſchluß nicht ändern. Was wird Sophie ſagen!“ „Und Werner!“ dachte Joſeph. „Werner wird es auch nicht angenehm ſein,“ fuhr die Baronin fort,„nein, nein, mein Freund! Werner hat Rachel ſehr lieb, und Rachel hat günſtig auf ihn eingewirkt. Das müſſen Sie nun über⸗ nehmen und Ihre Aufgabe wird dabei etwas ſchwer werden.“ „O, Werner iſt ein edler junger Mann.“ „Ein edler, ja, aber Sie haben Recht, auch ein junger Mann. Ach!“ 153 „Würden Sie wohl die Güte haben, mit Fräu⸗ lein Sophie darüber zu reden und ſie um ihre Mei⸗ nung zu fragen?“ „Gewiß, ſogleich, ſenden Sie ſie mir.“ Joſeph empfahl ſich, ſchon einen Stein weniger auf dem Herzen fühlend. Sophie war leicht zu fin⸗ den und begab ſich ſofort zur Mutter. Eine halbe Stunde ſpäter kam ſie wieder zum Vorſchein und ging im Garten ſpazieren, wo ſie Joſeph aufſuchte, da Werner noch immer mit Rachel muſicirte. Als Jo⸗ ſeph in ihre Nähe trat, ſah er, daß ſie geweint hatte und noch weinte, aber mit jenem ſtillen Erguſſe, wie der Himmel noch einige Tropfen aus den Wolken fallen läßt, nachdem er ſeine Ueberfülle ſtromweiſe auf die Erde gegoſſen. „Herr Sohn!“ rief ſie ihm ſchon von Weitem zu —„Rachel ſoll fort? Und Sie geben es zu?“ Joſeph blickte zum Himmel empor.„Ich kann nicht anders— ich muß. Es wird mir ſchwer— o wie ſchwer! Aber Ihre Frau Mutter hat Recht, wenn ſie ſagt, daß Rachel's Vortheil unſerm Vergnügen vorgeht.“ „Ja, ich ſehe es ein, obgleich es ſehr ſchmerzlich iſt. Wiſſen Sie, was mich dabei wundert? Daß 154 der Lord Ihnen nicht zugemuthet hat, mit Rachel zu reiſen und ihr Begleiter und Führer zu bleiben.“ „Joſeph ſah Sophien an, mit einem Blick, den nur Liebende haben, die wiſſen, wie werth ſie ſich ſind, ohne es eingeſtanden zu haben.„Das hätte ich nicht annehmen können,“ ſagte er leiſer,„wenn es mir auch angeboten wäre.“ „Warum nicht?“ „Weil ich mich Ihrem Herrn Vater auf drei Jahre verpflichtet habe.“ „Aber ſonſt hätten Sie es angenommen?“ „Joſeph ſchwieg und ſenkte den Kopf. Sophie that desgleichen. Nach einer Weile erhoben ſie ihn Beide wieder und wandten ihn ſeitwärts Einer dem Andern zu. Die Blicke trafen auf einander und in den Augen loderte eine jähe Flamme auf. „Vielleicht wäre es beſſer geweſen,“ flüſterte Jo⸗ ſeph, in Wahrheit ohne zu wiſſen, was er ſprach, „wenn der Lord es mir angeboten hätte und ich nicht verpflichtet wäre, in Brenkowitz zu bleiben.“ „Herr Sohn! Warum— o Gott, ich beſchwöre Sie! Hat Tante Sibyllee Sie geſtern ſo ſehr verletzt?“ Der Hauslehrer fiel aus allen. ſeinen Himmeln. Der Name Sibylle ſchreckte ihn aus ſeinen Wonne⸗ träumen auf und er betrat wieder die Erde.„Nein,“ 155 ſagte er,„Ihre Tante, mein gnädiges Fräulein, kann mich nicht verletzen, denn über dergleichen Beleidi⸗ gungen bin ſelbſt ich armer Menſch erhaben.“ „Da haben Sie Recht. Meine Mutter iſt dar⸗ über empört. Aber noch Eins. Wenn Rachel geht, werden wir nicht uns ſelbſt, ſondern auch einen An⸗ deren zu tröſten haben.“ „Werner!“ „Ja, es wird eine Scene geben, glauben Sie és mir. Er hat Rachel unbeſchreiblich lieb.“ „Vielleicht iſt auch für ihn und Rachel dieſe Tren⸗ nung gut.“ „In gewiſſem Sinne vielleicht, aber Trennung von Dem, was uns theuer iſt, iſt immer ein ſchmerz⸗ licher Schritt im Leben. Ich denke mir das wenig⸗ ſtens ſo. Werner thut mir ſehr leid, allein das konnte Sie natürlich nicht abhalten.“ „Gewiß nicht.“ „Und doch— Sie kennen meinen Bruder nicht — ich fürchte, daß er einen ſeltſamen Schritt thut.“ „Er kann ſich doch nicht widerſetzen?“ „O, wie könnte er! Aber ſtill, da kommen ſie.“ „So will ich gleich mit Rachel reden, ich bin in der Stimmung dazu und die verdanke ich Ihnen. Beſchäftigen Sie Werner, ich werde mit Rachel nach 156 dem Raſenſitz an der Brenke gehen, wir haben noch zwei Stunden Zeit bis zum Eſſen.“ Die beiden Paare begegneten und begrüßten ſich Dann hing ſich Sophie an Werner's Arm und bat ihn, mit ihm bei Seite zu gehen, ſie habe ihm et⸗ was Neues mitzutheilen. Werner glaubte, es be⸗ ziehe ſich auf Joſeph's Beſuch bei'm Lord und ſo folgte er willig der ſchönen Schweſter, während Jo⸗ feph Rachel's Hand ergriff und ſie über die Brücke in das freie Feld führte. Bis zu dem ſchon erwähnten Brette, auf welchem man dicht hinter dem Graben des Schloſſes über den kleinen Bach ſchreiten konnte, hielt Joſeph das liebe Mädchen, das ihm jetzt, da er es von ſich laſ⸗ ſen ſollte, noch einmal ſo theuer geworden war, an der Hand feſt, ohne in ſeiner Gemüthsbeklemmung ein Wort mit ihr zu reden. Erſt als ſie das Brett einzeln überſchritten hatten, begann Rachel, die in⸗ ſtinktartig die gegenwärtige Lage begriff, das Geſpräch. „Du gehſt mit mir zu meinem Lieblingsplatze, Jo⸗ ſeph,“ ſagte ſie mit halb unterdrücktem Seufzer,„das fühle ich, ohne daß Du es mir geſagt haſt.“ „Ja, Rachel, dahin gehe ich mit Dir.. „Und Du willſt mir etwas Ernſtes, Wichtiges ſagen?“ 15 „Woher weißt Du das?“ „Das habe ich ſchon geſtern Abend errathen, als Du nach Hauſe kamſt, denn Dein Geſicht leſe ich wie ein Buch.“ Joſeph ſchlang ſeinen Arm mit ungewöhnlicher Liebkoſung um ihre Taille.„Ja, liebe Rachel,“ ſagte er, auch in dieſer Anrede ein Beiwort gebrauchend, was er nur ſelten und in wichtigen Lebensmomenten that,„ja, es iſt etwas ſehr Wichtiges, was ich auf dem Herzen habe, und Du kannſt mir glauben, ich habe die Nacht keine Stunde geſchlafen, weil es mir beinahe das Herz abdrückte.“ „Ich habe auch nicht geſchlafen, denn ich habe mir Alles ſo gedacht, wie Du es jetzt ſagſt. Es iſt alſo etwas Unangenehmes, was mich erwartet?“ „Nein, Rachel, Unangenehmes nicht, ſogar iſt es, obgleich in einer Beziehung etwas ſehr Schmerzliches, in anderer ſehr Glückliches.“ „Das paßt wunderbar zuſammen und mag ſich wohl ſelten im Leben vereinigen.“ „Hier vereinigt es ſich ſeltſamer Weiſe.“ „So ſage es mir raſch und dreiſt, ich kann Alles hören, wenn Du es mir ſo mild und freundlich ſagſt, und Trauriges giebt es jetzt eigentlich nicht für mich, 158 denn ich ſchwelge im Glücke, vorausgeſetzt, daß Du ebenfalls glücklich biſt.“ „Hm! Alſo es gefällt Dir hier gut?“ „Kann es anders ſein? Biſt Du nicht hier? und bei Dir, in Deiner Nähe hat es mir immer und über⸗ all gefallen und ich habe keinen anderen Wunſch, als daß es ewig ſo bleibe.“ „Das iſt gerade der Punkt, worauf es hier an⸗ kommt,“ dachte Joſeph.„Ja,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe,„aber nur wenige Menſchen ſind ſo glücklich, Jahre lang an einem Orte und in Verhält⸗ niſſen zu bleiben, die ihnen gefallen, wie es zum Bei⸗ ſpiel uns hier gefällt.“ „O, wir bleiben ja noch länger als zwei Jahre hier.“ „Möglich, wenn Du es willſt.“ „Wie, wenn ich es will? Wie meinſt Du das?“ „Höre mich an, Rachel. Sage einmal, warum übſt Du Dich ſo fleißig im Klavierſpiel?“ „Das iſt eine ſeltſame Frage, mein Lieber, das weißt Du ja am beſten. Um ſo vollkommen darin zu werden wie möglich.“ „Aber Du kannſt bei mir nicht vollkommener darin werden, als Du jetzt ſchon biſt, denn ich bin bei Wei⸗ tem nicht der Erſte in dieſer Kunſt.“ 159 Nachels ſprechendes Auge flog wie der Blitz nach dem Auge Joſeph's. Beinahe hatte ſie ſchon Alles verſtanden und durchſchaut. Sie lehnte ihren Locken⸗ kopf an ſeine Schulter und ſagte mit überaus weicher Stimmo, die leiſe erbebte, wie die kleine Welle an ih⸗ rer Seite, über die der Morgenwind hinſtrich:„Rede weiter, ich höre.“ 5 „Wünſchteſt Du wohl, eine ganz vollkommene Spielerin, ich meine eine Künſtlerin im ſchönſten Sinne des Worts zu werden?“ „Welche Frage, Joſeph! Das iſt ja mein ſehn⸗ lichſter, innigſter Wunſch, um deſſen Erfüllung ich Gott jeden Tag zehnmal bitte.“ „Auch wenn Du einen anderen oder mehrere an⸗ dere Lehrer haben müßteſt als mich?“ Jetzt hatte Rachel ihn ganz begriffen. Sie ſtand ſtill, ſah ihn mit ihren großen Augen durchdringend an und, ſich auf die Zehen erhebend, ſagte ſie mit einem Tone, der die ke und Feſtigkeit ihrer Seele bezeugte:„Joſeph— laß mich reden— Dir wird es zu ſchwer, ich ſehe es— ich begreife alle Fragen, die Du noch an mich zu thun haſt, wie ich auch Deine Traurigkeit begreife. Ich ſoll fort von Dir— Gott weiß wohin— um von Anderen zu lernen!?“ „Du haſt es geſagt, ja. Wenigſtens iſt mir dazu 160 das Anerbieten auf eine für Dich ſehr ehrenvolle und mich ſehr beruhigende Weiſe gemacht.“ „Wer hat Dir dies Anerbieten gemacht?“ „Der reiche Lord.“ „Ha, ich dachte es mir. Will er mich unterrichten?“ „Nein— die größten Künſtler, die es in der Welt giebt, wo ſie auch leben mögen, ſollen es thun und zwar auf ſeine Koſten und in einer Weiſe, als ob Du ſeine Tochter wäreſt.“ „Joſeph!“ „Rachel!“— Und ſie ſtürzte ſich in ſeine Arme und weinte eine ganze Fluth von Thränen aus. End⸗ lich aber hatte ſie ſich ſo weit gefaßt, daß ſie wieder in ſeine Augen blicken, wieder mit ihm reden konnte. „Und Du bleibſt hier, mein Freund, mein Bruder?“ „Ich erfülle hier meine Pflicht, wie Du ſie an einem andern Orte erfüllſt... „Und wir ſehen uns niemals wieder?“ „O mein Gott, wer kann das wollen oder nur denken! Wenn ich drei Jahre hier geweſen bin— länger kann ich unmöglich der Lehrer von ſchon jetzt erwachſenen Schülern ſein— bin ich frei; ich ſuche Dich auf— Du, vielleicht dann ſchon eine große Künſtlerin, biſt Herrin Deiner Zeit, Deines Willens, und wir können uns ſehen und finden, wo wir wollen.“ „Läſſeſt Du mich gern gehen, Joſeph?“ „Deinetwegen ſehr gern, meinetwegen nur mit großen Schmerzen.“ „Ach, bei mir iſt es gerade umgekehrt— o wie ſeltſam, wie wunderbar!“ „Alſo Du willſt?“ „Frage mich nicht mehr, ſondern frage Dich ſelber. Dein Wille iſt mein Wille, Dein Wunſch iſt Befehl für mich— ſo in Zukunft, wie früher und jetzt.“ „Rachel, ſo ſegne Dich Gott! O, meine Angſt iſt von der Bruſt, ſieh, ich athme frei— ach, ich dachte, Du würdeſt mir nicht beiſtimmen.“ „Du kennſt mich doch gut genug, um zu wiſſen, was ich thun würde, nachdem Du mir einen ſo groß⸗ artigen und gütigen Vorſchlag gemacht. Aber wie iſt das ſo ſchnell gekommen?“ Joſeph erzählte bedächtig, was ihm der Lord ge⸗ ſagt und wohin und von wem er ſie geleiten laſſen wolle. Rachel hörte mit geſenktem Kopfe zu, ſchwei⸗ gend wie der Boden unter ihr; mit einem Mal aber erhob ſie ihn wieder und, Joſeph's Hals liebevoll um⸗ ſchlingend, rief ſie:„Joſeph, was haſt Du beſchloſſen, was iſt Dein Wille?“ „Ich glaube, Gott hat es ſo gewollt— er allein Emery Glandon. II.„11 162. hat den reichen guten Mann zu uns geführt, wie er uns in dieſes Haus gebracht hat.“ „Das glaube ich auch. Auch werden wir nicht vollkommen getrennt ſein, wir werden Briefe wechſeln?“ „So viel Du willſt und das wird immer eine große Freude ſein. Aber, Rachel, Du ſollſt ſchon bald von hier fort. In acht Tagen muß ich unſern Ent⸗ ſchluß nach dem Seeſchloſſe bringen.“ „Bringe ihn heute noch dahin— ich bin ent⸗ ſchloſſen.“ „Ich auch; aber ich werde doch die beſtimmten acht Tage abwarten, damit er nicht denke, wir könn⸗ ten die Zeit nicht erharren.“ „Du haſt Recht. O mein Gott, wie iſt das nur möglich!“ „Bei Gott iſt Alles möglich. Denke daran, wie er mich Dich finden ließ. War das nicht noch wun⸗ derbarer?“ Rachel nickte mit dem Kopfe, denn Thränen der Rührung und Dankbarkeit erſtickten ihre Stimme. Sie waren ſchon lange auf Rachel's Lieblingsplatze angekommen und ſaßen darauf, eine Weile ſchweigend, nur dem leiſen Gemurmel des fließenden Waſſers lau⸗ ſchend und die Bewegung ihrer Herzen bekämpfend, die laut und mächtig hämmerten.„Sieh,“ ſagte Jo⸗ 163 ſeph, auf das klare Bächlein deutend,„ſieh dieſe klei⸗ nen Wellen dahin fließen. Wohin gehen ſie? Wohin ſie beſtimmt ſind— ſie ergießen ſich in das große Meer und das große Meer nimmt ſie willig auf. So hat alles von Gott in der Welt Erſchaffene ſeine Beſtim⸗ mung. Und der Menſch, der etwas Größeres, Beſſeres und Vollkommneres iſt, als dieſe einzelnen Tropfen, er ſollte nicht zu einem beſtimmten Zweck erſchaffen ſein? O, Rachel, wer könnte das denken— ich nicht!“ „Ich auch nicht.“ „Nun ſiehſt Du— und kennſt Du den alten Spruch unſrer Eltern: Was Gott thut, das iſt wohl⸗ gethan! Kennſt Du ihn?“ „O, Du haſt mich ihn ja ſelbſt gelehrt— und ich preiſe ſeine Allmacht und erkenne ſeine Güte und da— da haſt Du ein heiteres Geſicht— ſieh, ich bin wieder fröhlich geworden, denn der Hinblick auf Gottes Fürſorge, der ja ſchon ſo reichlich bewieſen hat, daß er über mich wacht, iſt ganz dazu angethan, eines Menſchen Herz zum Danke, zur Zufriedenheit zu führen— und dankbar und zufrieden bin ich jetzt.“ „So iſt es gut, ich bin es auch. Solch' glückli⸗ ches Ende unſrer Berathung hätte ich kaum erwartet. Jetzt aber laß uns nach Hauſe gehen, es wird bald die Stunde des Mittagseſſens ſchlagen.“ 11* 164* Rachel erhob ſich und Beide ſchlugen den kurzen Weg mit leichterem Herzen ein, als ſie vorher für möglich gehalten hatten. Bei Tiſche herrſchte an dieſem Tage eine unge⸗ wöhnliche Stille, die ſich namentlich der Baron und die beiden älteren Fräuleins nicht recht erklären konn⸗ ten. Erſterer indeſſen kümmerte ſich wenig darum, und da es ihm unbehaglich war, in einer ſo lang⸗ weiligen Geſellſchaft länger zu bleiben als nöthig, ſo beeilte er ſich, ſein Deſſert zu genießen und ſich zu entfernen. Seine Schweſter dagegen und ihre Freun⸗ din blieben lauernd, ſo lange es irgend ging, am Ti⸗ ſche ſitzen, denn ſie hofften immer noch, durch irgend ein Wort oder eine zufällige Anſpielung den Grund der allgemeinen Mißſtimmung der jungen Leute zu er⸗ fahren. Trotzdem nun aber die beiden guten Damen in ihren Erwartungen betrogen wurden, denn keine⸗ Sylbe verrieth ihnen das Geringſte, ſo waren ſie doch in ziemlich heiterer Stimmung, weil ſie ſehr wohl einſahen, daß der Druck, der auf allen Gemüthern lag, einen ſchmerzlichen Grund haben müſſe, da Ra⸗ chel's Augen verſchwollen, Sophiens wenigſtens vom Weinen geröthet waren und der beiden jungen Män⸗ 165 ner Angeſicht wie ein Gewitterhimmel leuchtete. Ih⸗ rer Natur gemäß freuten ſie ſich daher dieſer peinlichen Lage der jungen Leute und ihr Eifer wurde dadurch nur um ſo mehr geſpornt, hinter den Schleier zu ſchauen, der dieſes köſtliche Räthſel verbarg. Werner, der bei Tiſche ſich vollkommen ſchweigſam verhielt, verließ Joſeph Sohn faſt mit keinem Blick und nur bisweilen richtete er ſein Geſicht voller Mit⸗ leid und Theilnahme auf die ruhig gewordene Rachel, die ſich die größte Mühe gab, ein heiteres Ausſehn zu gewinnen, was ihr indeß bei ihren verſchwollenen Augen nur in geringem Grade gelang. Endlich er⸗ hob ſich Sophie, um zu ihrer Mutter zu gehen, und das war das Signal für die beiden Männer, ihre Verbeugung zu machen und das Speiſezimmer zu verlaſſen. Als ſie auf dem Corridor ſtanden, faßte Joſeph Werner bei der Hand und ſagte ernſt: „Werner, bitte, holen Sie Ihren Hut, ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden und wir wollen das im Freien abmachen.“ Werner nickte Beifall und bald ſchritten Beide über die Brücke nach dem Felde, den Weg nach der einſa⸗ men Linde einſchlagend. Lange gingen ſie neben ein⸗ ander her, ohne daß der Eine oder Andre auch nur ein einziges Wort hätte laut werden laſſen, obwohl 166 es ſie Beide drängte, zu reden und ſich gegenſeitig zu hören. Joſeph, der ſich heute im Vortheil befand, da er Meiſter der Lage war, beherrſchte ſich am längſten, aber Werner's heftiges Temperament durchbrach end⸗ lich die Schranke, die ihn von dem Geheimniſſe trennte, das ſich, wie er wohl ſah, den Uebrigen ſchon enthüllt hatte. Er blieb einen Augenblick ſtehen, faßte Joſeph am Arme und ſagte beinahe barſch: „Nun, was haben Sie mir zu ſagen? Mir wird es unerträglich, an Ihrer Seite zu gehen und nicht zu wiſſen, was in Ihnen und allen Anderen gährt, da es mich doch gewiß mit betrifft.“ „Was denken Sie wohl, was es iſt, worüber ich mit Ihnen reden will?“ fragte Joſeph ernſt, aber mild. „O,“ fuhr Werner auf und ſprach mit auf einan⸗ der gebiſſenen Zähnen, wie ein Menſch, der von einer innern Wuth beinahe erſtickt wird,„es giebt Augen⸗ blicke im menſchlichen Leben, wo einem unbarmherzig gequälten Menſchen, wie dem Thiere, der Inſtinkt Alles ſagt, was ihm bevorſteht, was ihn bedroht, was ihm gefährlich iſt. In einem ſolchen Augenblicke befinde ich mich jetzt. Gehen wir alſo geraden Weges auf den Grund der Sache los, ich haſſe alle Umſchweife und Charaden⸗ ſpielerei. Mit einem Wort: Sie haben mit mir über Ra⸗ chel zu ſprechen. Und ich, da ich Ihnen immer offen und 164 ehrlich gegenübergetreten bin, will es jetzt auch ſein, da⸗ her füge ich hinzu: Sie haben entdeckt, daß ich— daß ich Rachel lieb habe— lieb habe! welch' erbärm⸗ liches Wort für mein Gefühl!— und Sie wollen mir darüber einen ächt ſchulmeiſterlichen Vortrag hal⸗ ten und nach Art und Weiſe der vortrefflichen Tante denſelben zu einer moraliſchen Predigt ausſpinnen. Wie?“ Joſeph bebte zuſammen bei dieſen Worten, denn er hatte den Armen, der einen ſo argen Fehlſchuß ge⸗ than, ſchon auf dem richtigen Wege, alſo näher am Ziele geglaubt, das er ihm nun ganz eröffnen mußte, da er keine Ahnung davon zu haben ſchien. „Ich bin davon ſehr weit entfernt, mein guter Werner,“ ſagte er,„Ihnen Vorwürfe zu machen oder gar eine unzeitige Moralpredigt zu halten, denn was könnten Sie dafür, wenn Sie Rachel liebten? Eben ſo wenig wie ich, wenn ich Ihre Schweſter liebte. Liebe iſt, die wahre Liebe meine ich, meiner Anſicht nach eine Naturnothwendigkeit, der wir uns unter⸗ werfen müſſen wie einem Naturgeſetz, wenn der Ge⸗ genſtand uns vor Augen kommt, zu dem wir uns ver⸗ halten wie das Eiſen zum Magnet. Ach nein, eine ſolche Liebe kann unter Umſtänden wohl ein Unglück ſein, aber niemals ein Verbrechen, und thöricht wäre * 168 es mindeſtens von mir, deshalb gegen Sie mit einer Moralpredigt auftreten zu wollen.“ Bei dieſen Worten, die denen ganz entgegengeſetzt waren, die er erwartet hatte und die ihn eine Billi⸗ gung ſeiner jugendlichen Gefühle zu enthalten ſchie⸗ nen, jauchzte Werner laut auf. Er ſprang mit einer ſtürmiſchen Lebhaftigkeit an Joſeph heran, umſchloß ihn mit beiden Armen und rief ſo laut, daß dieſer ſich erſchrocken umblickte, ob auch kein unberufener Lauſcher ſie behorche:„Joſeph, o Gott, wie dankbar bin ich Ihnen! O, wiſſen Sie was? Erfüllen Sie meine Bitte, die ich ſchon lange auf dem Herzen trage — ſeien Sie nicht allein mein Freund, nein, ſeien Sie auch mein Bruder. O, ich weiß es ja ſchon lange, Du liebſt Sophien und Sophie liebt Dich!“ „Woher wiſſen Sie das?“ keuchte eine bebende Stimme aus der Tiefe einer aufgewühlten Bruſt her⸗ vor. „O, nicht mehr Sie, nicht mehr Sie, theuerſter Joſeph, ſage Du, ſage Du!“ „Gut— Du willſt es— alſo woher weißt Du das?“ „Ah— Du nimmſt meine Brüderſchaft an?“ „Gern und ehrlich, mit ganzem Herzen, voraus⸗ geſetzt, daß Deine Eltern es geſtatten.“ 2 169 „Dummes Zeug, was geht das die Eltern an! Meiner Mutter thue ich höchſtens einen Gefallen da⸗ mit, und meinem Jater— dem will ich beweiſen, daß Du mir lieber als ein Bruder biſt, ſollte er et— was dagegen haben, was nicht zu vermuthen iſt.“ „Gut, aber ich fragte, woher weißt Du, daß ich Deine Schweſter liebe und daß ſie— mich wieder liebt?“ „O, ich weiß es, das ſei Dir genug; was Sophien anbelangt, ſo bin ich davon überzeugt, und was Dich anbelangt, ſo ſetze ich es voraus, denn Ihr ſeid Beide einander werth.“ „Still, ſtill, guter Werner! Um Gottes willen ſchreie das nicht ſo laut in alle Lüfte aus, ſie möchten einen üblen Gebrauch davon machen. So weit, wie Du denkſt, ſind wir noch lange nicht. Wir kommen überhaupt von unſerem Ziele ab. Wir ſprachen von Rachel.“ „Ja, von Rachel! Alſo Du willſt mich beglück⸗ wünſchen?“ Beinahe hätte Joſeph über dieſe naive Frage ge⸗ lacht, wenn ihm der Moment nicht ſo feierlich ernſt geweſen wäre. So hielt er an ſich, ſchüttelte nur leiſe ſeinen blonden Kopf und wurde noch bedrückter, als er vorher geweſen war.„Das iſt es gar nicht, 170 was ich Dir ſagen wollte,“ fügte er mit niedergeſchla⸗ genen Augen hinzu—„es iſt ielmehr etwas ganz Anderes.“ „Was denn Anderes? Du erſchreckſt mich wieder. Der Engländer liebt ſie doch nicht?“ „Bewahre! Wenigſtens nicht wie Du es meinſt. Aber ihre Kunſt liebt er ſehr und darum— darum will er das Möglichſte thun, ſie zu einer großen Künſtlerin zu bilden.“ „Ha! Das wollte dieſer Mann! Das wäre ja großartig und edelherzig zugleich. Aber wie will er ddas ausführen?“ „Wie es allein möglich iſt. Er giebt Rachel eine Dame zur Begleiterin, für deren Treue und Redlichkeit er bürgt, und dieſe geht mit ihr nach großen Städ⸗ ten, wo Künſtler erſten Ranges wohnen, bei denen ſie ſtudiren ſoll.“ Jetzt erſt ging Werner eine Ahnung von dem ganz Unerwarteten auf. Aber der Schlag war furchtbar, da er ihn ganz unvorbereitet traf. Er ſtand da wie an den Boden gewurzelt, mit geſträubtem Haar und ſchlotternden Knieen und ſein Angeſtcht überlief eine fahle Erdfarbe. „Was,“ ſchrie er beinahe heiſer vor Schreck,„ſie geht fort von hier, von Dir, von mir? Und das 171 duldeſt Du, das giebſt Du zu? Bei Gott, das wäre — ja das wäre— verrucht an uns Allen gehandelt.“ „Werner! Ich vergebe Dir dies Wort— Dein Schmerz hat es Dir ausgepreßt. Aber da Du bei der einfachen Thatſache in ſolche Wallung geräthſt, ſo muß ich raſch zu Ende kommen, um Dir keine Zeit zu einer noch etwa folgenden Beleidigung zu laſſen. — So höre mich alſo an. Die Sache iſt beſchloſſen — unwiderruflich— iſt abgemacht. In ſpäteſtens vierzehn Tagen geht Rachel von hier fort. Ich, der ich ſie gewiß liebe und Grund dazu habe, habe es überwunden, Du mußt es alſo auch überwinden.“ In Werner's leidenſchaftlicher Bruſt wühlte der Schmerz der Verzweiflung. Wie unſinnig, als hätte die Bitterkeit des Augenblicks ſeinen Verſtand ver⸗ nichtet, warf er ſich auf die Erde und weinte und jammerte ſo laut, daß es weit hin über die Felder ſcholl. Joſeph ſtand wie verſteinert an ſeiner Seite und ſah mitleidig und doch überraſcht auf den Armen herab. So tief, ſo gewaltig, ſo ſein ganzes Weſen beherrſchend hatte er ſich ſeine jugendliche Leidenſchaft nicht vorgeſtellt. Auch ihm kamen dabei Thränen in die Augen. Als Werner das ſah, ergriff ihn eine andre Art des Schmerzes. Er faßte ſich an die Bruſt, befühlte ſeine Stirn, ſtand mit verzerrtem Geſicht vor 172 Joſeph und ſagte tonlos:„Habe ich recht gehört? Iſt es wirklich beſchloſſen, unwiderruflich?“ „Wirklich und unwiderruflich.“ „Wohin geht ſie?“ „Das weiß ich noch nicht.“ „Werde ich es erfahren?“ „Ohne allen Zweifel.“ „So iſt es noch gut. Ich bin fertig mit Schreien. Sieh, wie ruhig ich bin.“ „Wenn Du das ſagſt, ſo muß ich Dir ſagen, daß mir dieſe Ruhe beinah eben ſo wenig gefällt, wie vor⸗ her Deine Raſerei. Du ſcheinſt einen Entſchluß ge⸗ faßt zu haben, Werner, wie, habe ich Recht? Nenne ihn mir, ich bitte Dich.“ „Nein, noch nicht, noch iſt es nicht Zeit dazu. Aber Du, Du zuerſt ſollſt ihn hören, wenn er zur Reife gekommen iſt, jetzt liegt nur der Keim dazu in mir. O Joſeph, ich bin plötzlich ein Mann geworden— große Schmerzen ſollen ja dies Wunder bewirken— und ein ſolcher großer Schmerz hat mich jetzt gepackt.“ „So wirſt Du hoffentlich eines Mannes würdig handeln?“ „Gewiß werde ich das, wie ich meiner Natur nach muß.“ „Chrlich, Werner?“ „So wahr mir Gott helfe!“ „So bin ich zufrieden— und Du willſt recht⸗ ſchaffen, brav und edel bleiben?“ „Ja, auf mein Ehrenwort— es iſt dies das erſte Mal, daß ich das ſage.“ „So halte es ſo redlich, wie Du es giebſt. Es iſt gut. Da haſt Du meine Hand, ich will auch ehr⸗ lich Dein Bruder ſein.“ „Ich danke Dir. Aber noch ein Wort. Sage mir, wie iſt das Alles gekommen?“ Joſeph erzählte auch ihm das Geſpräch mit dem Engländer über Rachel. Als er zu Ende war, ſagte Werner mit zitterndem, bewegtem Tone: „Alſo ſo iſt es gekommen! O wie hat dieſer Menſch durch ſeinen unberufenen Eintritt in unſer Haus unſer Aller Schickſal verändert!“ „Unberufen? Von uns ward er freilich nicht be⸗ rufen, aber vielleicht von einem Anderen.“ „Ach ja— Dem beuge ich mein Haupt. Aber o Gott, o Gott, meine Ahnung, meine Ahnung! Siehſt Du ſie, die Verwandlung, die ich vorher geſagt? Jetzt iſt ſie da. Sie beginnt mit Rachel und erſtreckt ſich allmälig auf uns Alle, bis ſie— wer weiß wo — endet. O, denke an mich, mein theurer Freund, denke an mich! In ſolchem Schmerze, wie er jetzt 175 überraſcht, und obwohl ſie ſich äußerlich den Anſchein gab, als ob ſie recht froh ſei, daß dieſes fünfte Rad am Wagen, wie ſie Rachel oftmals genannt hatte, das Schloß verlaſſe, ſo ſtarb ſie doch beinahe vor Neid über die günſtige Wendung, die das Geſchick des ar⸗ men Mädchens genommen hatte. „Da haben wir die Beſcheerung,“ ſagte ſie am ſpä⸗ ten Abend, als ſie endlich mit Urſel allein war, um ihrem Herzen Luft zu machen,„da haben wir ſie. Glaubſt Du nun noch nicht, daß dieſer Judenbalg eine Hexe oder wenigſtens im Stande iſt, andere Leute zu behexen? Dieſer Engländer, dieſer Lord— pfui über ſolch' einen Edelmann!— giebt ſich dazu her, der Pflegevater einer entlaufenen Jüdin zu werden; Gott ſteh mir bei, das thäte mein Bruder nicht und wenn er zehnmal ſo reich wäre wie dieſer Herr. Na, wer weiß, welch' andre geheime Dinge noch dahinter ſtecken! Gieb Acht, Urſel, das iſt nicht das Letzte, was wir von der Brut erleben, mir liegt es wunderbar ſchwer auf dem Herzen, wie wenn ein Gewitter in der Luft ſchwebte und der Blitz müßte in unſer Haus ſchlagen.“ „Ja, ja, ich glaube Dir, mir iſt ähnlich zu Muthe. Aber daß Du da von einem Pflegevater ſprichſt— das möchte ich ſo genau nicht unterſuchen. Wer. weiß, — 4 8 meine Seele zerfleiſcht, wird der Menſch prophetiſch und ſo prophezeihe ich Euch Allen: das iſt der An⸗ fang der Verwandlung, ſchützet Euch vor ihrem Ende, damit ſie Euch nicht Alle zermalmt.“ „Das iſt ein Hirngeſpinſt von Dir! Wie könnte ſich das verwirklichen?“ „Das wollen wir Deiner, meiner, unſerer Aller Vorſehung überlaſſen.“ „So ſprichſt Du aus meiner Seele— ich bin auf Alles gefaßt.“ „Ich auch— das war es ja, was ich Dir ſagen wollte. Jetzt komm. Kein Wort mehr darüber. Wo man handeln will, braucht man nicht mehr zu ſpre⸗ chen. So denke ich es von jetzt an zu halten.“ An demſelben Abend noch erfuhren die Mitglieder der freiherrlichen Familie, die noch nicht in das Ge⸗ heimniß des Tages eingeweiht waren, was ſich zuge⸗ tragen hatte. Der Baron wurde davon ſehr wenig berührt, er hatte in Rachel nichts weiter geſehn, als ein Spielwerk der Laune ſeiner Frau und als eins von den mancherlei Zugeſtändniſſen, die er dem Ge⸗ ſellſchafter ſeiner Kinder gemacht hatte. Fräulein Si⸗ bylle dagegen war mit ihrer Freundin auf das Höchſte 176 wohin er mit dem ſchwarzen Mädchen zieht und was er noch aus ihr macht!“ „Urſel! Du ſteckſt mir ein neues Licht auf! Wahr⸗ haftig, daran habe ich noch gar nicht gedacht! Na, dieſer Herr Lord ſoll mir nur wiederkommen, ich werde ihm zeigen, wie man ſich in eine anſtändige Familie einführt.“ „Um Gotteswillen, Sibylle, die Familie hat ja damit gar nichts zu thun, die bleibt ja dabei unbe⸗ ſchädigt.“ „Nun, er wird doch nicht gar Eine von uns ver⸗ führen ſollen, um uns eine Schmach zu bereiten? Das wäre ein koloſſaler Gedanke! Schlimm genug ſchon, daß der Roman bei uns begonnen hat und daß wir dadurch in den Mund der Leute kommen werden! Wohlan denn, ich waſche meine Hände in Unſchuld und werde nächſtens meinem Bruder meine letzte Meinung über die Pflegeväter dieſer Dirne ſa⸗ gen. Das Ding muß ein Ende nehmen, ſo odo ſo⸗ 4 oder ich bin nicht Sibylle von Haldrungen.“ Während die eine Partei in Brenkowitz von ſolchen Geſinnungen und Entſchlüſſen beſeelt war, hielt die andre es um ſo mehr für ihre Schuldigkeit, das Er⸗ — F 177 eigniß, welches ihr bevorſtand, auf jede ſchickliche Weiſe vorzubereiten und dadurch eine Geſinnung an den Tag zu legen, die eben ſo edel und hochherzig, wie die andere niedrig und gemein war. Die Baronin war ſchnell mit Sophien zu Rathe gegangen, und ſchon am andern Tage wurden zwei Nähterinnen aus Neu⸗ ſtadt geholt, um an der Ausſtattung ämſig zu arbei⸗ ten, die man der Verwaiſten mit in die Welt geben wollte, denn die edle Frau hielt es für ihre Schul⸗ digkeit, die einmal übernommenen Pflichten in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen. So war ſchon Vieles bis dahin beſchafft, wo Joſeph wieder nach Downs⸗ Caſtle reiten und ſeinen Entſchluß überbringen wollte, das Uebrige aber hoffte man bis zu dem Tage voll.. enden zu können, an welchem es Lord Shorneliffe ge⸗ fallen würde, ſein Aufſeher⸗ und Leiteramt über Ra- chelezu beginnen. 34— Trüb und düſter genug ſah es in dieſen acht Ta⸗ geltein Brenkowitz aus. Die Baronin, Sophie und Joſeph waren wortkarg, im Herzen betrübt, wie es nicht anders ſein konnte, denn ihnen ſollte in Rachel ein Mitglied ihres Kreiſes entzogen werden, das ihnen Allen gleich theuer und werth geworden war; nur ſuchten Mutter und Tochter ihre Liebe gegen Rachel auf alle Weiſe an den Tag zu legen, indem ſie ſie Emery Glandon. II. 12 1, 178 nicht von ihrer Seite ließen und alle ihre ſchönen Ei⸗ genſchaften entwickelten, um das liebe Kind von ihrer Neigung zu überzeugen. Werner aber war ein ganz anderer Menſch geworden. Alle Heiterkeit der Jugend war von ihm gewichen, ſeine Stirn beugte ſich trüb zur Erde und ſein lebhafter, elaſtiſcher Geiſt hatte das Gepräge eines durch Arbeit und Sorge gereiften und überbürdeten Menſchen angenommen, der frühzeitig dem Drange des Lebens erliegt. Obgleich er faſt jede Stunde, die er erübrigen konnte, in Rachel's Nähe zubrachte, ſo ſprach er doch ſelten mit, wenn die An⸗ „ dern redeten, ſchien ſich ſogar wenig um ihre Unter⸗ haltung zu kümmern. Alle ſeine Gedanken vielmehr auf den Entſchluß richtend, der noch unentwickelt in ſeiner Seele lag, ſchien er zu prüfen und zu überlegen, wie er ihn am beſten ausführe, bis zu welchem Ende er ihn treiben wolle. Joſeph trat ihn oft mit Bitten an, ſich ihm mitzutheilen, aber immer vergeblich, Wer⸗ ner blieb ſtumm, verſchloſſen und wiederholte nur von Tag zu Tag:„Du wirſt zeitig genug erfahren, was ich thun will, ich bin noch nicht einig mit mir; wenn ich aber erſt einig bin, wird es alle Welt er⸗ fahren.“ „Willſt Du mir, Deinen Freunde, nicht erſt allein Deinem Entſchluß zur Prüfung vorlegen?“ 179 „Hier iſt nichts mehr zu prüfen und Du am we⸗ nigſten kannſt mir rathen; ich allein muß wiſſen, was ich zu thun habe, denn ich allein habe die Ver⸗ antwortung und die Folgen zu tragen.“ „Uebereile Dich nicht, Werner, ein Fehltritt iſt bald gethan in Deinen Jahren und die Folgen liegen dann nicht mehr in Deiner Hand.“ „ Pah, meiſtere mich jetzt nicht, Joſeph, ich habe genug mit mir ſelbſt zu thun. Glaube mir, ich gehe nicht blindlings vorwärts, ſondern Schritt vor Schritt thue ich mit Ueberlegung, da ich mir einmal geſagt habe: Vorwärts muß ich, ein Zurück giebt es nicht mehr.“ „Eben Deiner Ueberlegung wollte ich zu Hülfe kommen—“ „Bitte, laß mich in Ruhe— ſieh nach Deinen eigenen Angelegenheiten, denn, täuſcht mich mein Vor⸗ gefühl nicht, ſo wirſt Du bald in einer ähnlichen Klemme ſitzen wie ich.“ „Wie ſollte das möglich ſein?“ „Ich muß Dich auf Dein eigenes Wort verweiſen: bei Gott iſt Alles möglich!—“ Damit war denn ihr Geſpräch über dieſen Gegen⸗ ſtand zu Ende und das Schickſal rollte ſeine Bahn . 12* 180 dahin, von Niemandem aufzuhalten, Niemandem durchdringbar.— Die acht Tage waren verfloſſen und Joſeph rüſtete ſich zum Ritte nach Downs⸗Caſtle. Werner ſah ihn ſeine Vorbereitungen treffen, aber er begab ſich nicht auf den Hof, als ſein Freund in den Sattel ſtieg. Was ſollte er ihm ſagen— er trug ja die Entſchei⸗ dung ſeines Schickſals mit ſich fort, und die, wußte er, war nicht mehr zu ändern oder aufzuhalten. Wa⸗ rum alſo noch darüber reden? Das wäre eine ganz unnütze Bemühung geweſen. Obgleich der Tag ſehr heiß war und Joſeph genug Stoff zum Nachdenken hatte, ſo ritt er doch nicht ſo langſam wie das vorige Mal der Küſte zu. Er wollte über Nichts mehr nachdenken, was dieſen Punkt be⸗ traf, er hatte ſo viel über Alles und Jedes gegrü⸗ belt, daß ihm der Kopf wirbelte, und er ſehnte ſich nach Entſcheidung, wie es allen gefaßten Naturen geht, die lieber dem unvermeidlichen Schmerze unter⸗ liegen, als ſich inmitten einer unbeſtimmten Erwar⸗ tung der Dinge bewegen wollen. So trabte er denn ſo raſch der Pony laufen konnte, und fand den Lord * 181 ſeiner harrend vor, der ihm ſchon in der Halle entge⸗ gentrat, als er ſeine Ankunft gewahr ward. Als er ihm die Hand gereicht und Joſeph's ernſter und bleicher gewordenes Geſicht betrachtet hatte, ſagte er:„Ich grüße Sie, was bringen Sie mir? Wenn ich nach Ihrem Ausſehn ſchließen darf, ſo hat Ihnen Ihr Entſchluß Mühe gemacht und Kummer bereitet.“ „Die Faſſung des Entſchluſſes weniger als die Umſtände, die ſich daran knüpften und der Gedanke, wie traurig wir ſein werden, wenn Rachel erſt von uns geſchieden iſt.“ „Aber, mein junger Freund, warum ſo viel Trauer, wo ſo viel Hoffnung in der Zukunft liegt? Wenn Sie einmal auch dieſe erſt in Ihrem Leben verloren hät⸗ ten— Gott bewahre Sie davor!— dann, dann und nur erſt dann würden Sie Grund zu trauern haben.“ „Sie haben Recht und Sie richten mich wahrhaft mit Ihren Worten auf.“ „Bravo! Alſo Rachel iſt mein?“ „Nein, Mylord, nicht ganz— ich behalte ſie auch.“ „Das verſteht ſich. Wann kann ſie ihre erſte Reiſe antreten?“ „In zwei bis drei Tagen, wenn Ihre Vorberei⸗ tungen ſo weit gediehen ſind.“ 182 „Sie ſind heute ſchon fertig. Es iſt nach Berlin geſchrieben und Alles eingeleitet. Mrs. Barxton iſt bereit, ihre Pflegebefohlene abzuholen, ſobald es ge⸗ wünſcht wird.“ „Werden Sie nicht ſelbſt zu dieſem Zwecke nach Brenkowitz kommen?“ „Nein, mein Freund, für's Erſte betrete ich Bren⸗ kowitz nicht wieder. Was ich da ſehen wollte, habe ich geſehn, und nun zieht mich Nichts— ich meine von dem was ich ſah— dahin. Auch werde ich bald nach Rachel's Abreiſe ebenfalls von hier fortgehen, ſo⸗ bald nur der Bote eingetoffen iſt, den ich ſeit einigen Tagen erwarte.“ „Gehen Sie auch nach Berlin?“ „Sogleich nicht, ſpäter aber gewiß, um mich ſelbſt von Rachel's Wohlbefinden zu überzeugen.“ „Kann ich vielleicht Mrs. Baxton kennen lernen, die Rachel begleiten wird?“ „Dazu wollte ich Sie eben auffordern. Sie wird bald hier ſein.“ Er ſchellte, und nachdem er den Diener beauftragt, die Dame zu rufen, ſetzte er ſich an ein Fenſter, welches die Ausſicht nach der See hatte und erſuchte Joſeph, neben ihm Platz zu nehmen. Wie hat der junge Baron unſern Entſchluß auf⸗ genommen?“ V —— 183 „O— da iſt nicht ſo viel Sonnenſchein wie hier draußen über dem Waſſer. Sturm, Sturm tobt Tag und Nacht in ſeiner Bruſt.“ „Ich dachte es mir. Laſſen Sie es ſtürmen, eine edle Natur verträgt, ja verlangt bisweilen Sturm, um ſich von den ſtockenden Dünſten zu reinigen, die die Seele einſchläfern und die Thatkraft verroſten laſſen. Ein Herz, das nicht geblutet hat, iſt leider nicht reif für den Himmel. Schmerzen erheben und Sorgen läutern.“ In dieſem Augenblicke trat Mrs. Baxton ein und verbeugte ſich vor den beiden Herren. Sie war eine ſtattliche Frau von würdevollem Ausſehn, mittlerem Alter und angenehmen Manieren. Nach der Vorſtel⸗ lung und wenigen gegenſeitigen Worten entfernte ſie ſich wieder, ſobald ihr der Lord geheißen, in drei Ta⸗ gen nach Brenkowitz zu fahren und Rachel abzuholen. „Gefällt Ihnen die Frau?“ fragte der Lord. „Sie entſpricht allen meinen Erwartungen.“ „Das freut mich. Außer ihr wird noch ein be⸗ währter Diener die Frauen begleiten, damit ſie nicht ohne männliche Hülfe ſind. Nun noch Eins. Ich bitte Sie, ſobald Rachel von Brenkowitz abgeholt iſt, keinen Verſuch mehr zu machen, ſie zu ſprechen, ob⸗ gleich man große Neigung hat, eine Perſon, die uns 184 verläßt, ſo lange zu ſehen, wie ſie zu ſehen iſt. Ich liebe die Erneuerung des Trennungsſchmerzes nicht und breche ihn lieber entzwei, als daß ich ihn in lange Fäden ausziehe. Finden Sie das nicht gut?“ „Es iſt auch meine Meinung und ich werde Rachel zum letzten Mal in Brenkowitz ſprechen.“ „So ſei es.— Wie? Sie wollen ſchon wieder fort?“ „Ja, ich habe verſprochen, keine Stunde länger zu bleiben als nothwendig iſt.“ „Gut. So gehen Sie. Wir ſehen uns vielleicht ſobald nicht wieder. Vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen ſchon einmal geſagt: wenn Sie zu irgend einer Zeit, zu irgend einem Zweck einen Rath haben wollen— meine Thür ſteht Ihnen jederzeit, auch in meiner Abweſenheit offen.“. „Ich vergeſſe nie, was man mir einmal ſo herz⸗ lich geſagt— doch Gott verhüte die Rathloſigkeit!“ „Er verhüte ſie, ja, aber ſie kommt oft ungerufen.“ „Leider! So leben Sie wohl!“ Der Engländer drückte dem jungen Manne feſt und wiederholt die Hand. Er ſchien den Schmerz mitzufühlen, der in ſeinen Adern tobte.„Farewell!“ ſagte er ganz einfach und dann hatte er ſeinen Freund entlaſſen. 185 Die Trennungsſtunde in Brenkowitz war ange⸗ brochen. Der Baron, der davon gehört, hatte ſich aus dem Staube gemacht; er liebte dergleichen Sce⸗ nen nicht. Rachel war ganz früh am Morgen bei ihrem alten Cantor Treumann geweſen, wo ſie zum letzten Male die Orgel geſpielt, und hatte dann die älteren Damen beſucht, um ſich bei ihnen zu bedanken. „Wofür?“ hatte des Barons Schweſter gefragt. „Für Alles, was Sie mir Gutes gethan haben.“ „Gehen Sie, gehen Sie, Mamſell, und machen Sie keine Worte, die Ihnen nicht aus dem Herzen kommen.“ Und Rachel war gegangen, zum erſten Mal mit ſichtbarem Stolze, weil ihr Herz, das in jenen Wor⸗ ten geſprochen, ſo ſchonungslos verkannt worden war. Von jenen Damen hatte ſie ſich zur Baronin be⸗ geben, wo ſie Sophien fand. Hier waren viele auf⸗ richtige Thränen vergoſſen, viele Wünſche ausgeſpro⸗ chen und mit tauſendfachem Danke angenommen wor⸗ den. Auch dieſer Abſchied war vorüber. Es blieb nur noch Werner und Joſeph übrig. Aber Werner war nirgends zu finden. Joſeph, Sophie, Valentin, Doris— Alle ſuchten und riefen ihn, allein er war und blieb verſchwunden. Endlich ahnte Joſeph zu⸗ erſt, daß er ſich auf dieſe Weiſe den Abſchiedsſchmerz 186 erſparen wolle, und fand dieſen ſeltſamen Entſchluß in der gegenwärtigen Lage ſehr verſtändig. So ging er denn mit Rachel allein zum letzten Mal an den Bach hinab, ſetzte ſich auf den Raſenſitz und hielt da⸗ bei ihre Hand feſt in die ſeine gepreßt. Ohne ein Wort zu ſprechen, hatten ſie lange ne⸗ ben einander geſeſſen und ſich nur von Zeit zu Zeit in die Augen geblickt, die wechſelſeitig Jedem von ih⸗ nen ſo lange freundlich geleuchtet hatten. „Joſeph,“ begann endlich Rachel ihr letztes Ge⸗ ſpräch in Brenkowitz,„was ſoll ich Dir heute ſagen, wie Dir danken für all' das unendliche Gute, das Du mir erwieſen haſt?“ „Sage mir gar nichts und danke mir allein da⸗ durch, daß Du Rachel bleibſt, mit dem Herzen, in der Seele, im Geiſte und in der Unſchuld Deines kind⸗ lichen Gemüths.“ „Ja, das will ich!“ ſagte ihr Auge und der Druck ihrer Hand. „Was ich an Dir that, das that ich nicht aus mir— nein, ich that es, weil ich es thun mußte, weil eine höhere Gewalt, die in unſrer Seele thront, mich dazu zwang. Ich hätte gern auch das Letzte für Dich gethan, aber meine Kraft— Du weißt es ja— r zu ſchwach dazu und ſo übergebe ich Dich zu Dei⸗ 187 nem eigenen Beſten einem Stärkeren, Mächtigeren. O Rachel, wie ſchnell iſt die Zeit verſchwunden, wenn man ſie mit rückwärts gewandten Augen betrachtet, und namentlich wenn man ſo glücklich war wie wir. Vergiß das niemals, mein Kind, auch wenn Du einſt in größerem Glanze leben ſollteſt, als Du bei mir gelebt haſt. Denke immer an die enge Judengaſſe in Prag zurück und an unſere beſcheidene Armuth in Bremen— dieſe Erinnerung wird Dir das Herz er⸗ heben und Dich nicht übermüthig werden laſſen im Rauſche des köſtlichſten Lebens.— Schreibe mir, ſo oft Du kannſt und Neigung dazu haſt, wir Alle erwar⸗ ten Deine Schilderungen mit Ungeduld, und theile uns Alles darin mit, was Dich etwa quält. Hoffentlich aber quält Dich nichts, als daß Du nicht mehr bei uns biſt. Dieſen Kummer wird allein die Zeit lin⸗ dern und die Hoffnung verſüßen, uns einſt wiederzu⸗ ſehen. Werde auch nicht trübe und unzufrieden, wenn die Welt, in die Du trittſt, Dich nicht gleich mit lau⸗ tem Willkommen empfängt. Ach, das wird ſelten Je⸗ mandem, am ſeltenſten aber einem Talente zu Theil. Gerade ſie müſſen vorbereitet ſein aufmancherlei Schläge des Schickſals. Denn im Ganzen iſt die Welt, die Dich beurtheilt, neidiſch, undankbar. Neidiſch vor Al⸗ len ſind Deine Gefährten in der Kunſt, undankbar iſt 188 das Publikum, welches das Unmögliche nicht für un⸗ möglich genug und die Kunſt für bezahlt hält, wenn ſie dem Künſtler ein paar armſelige Groſchen zuwirft. Das laß Dich nicht anfechten— hebe vielmehr Dein Auge hinauf zu jenen Höhen, dort wohnt der Dank, dort der⸗Lohn, dort die Anerkennung, und von dort oben ſtrömt das Gefühl davon in Dein Herz zurück und macht es ſchwellen von Freude und Seligkeit, die Dir kein Menſch nachempfindet, der nicht ähnlich be⸗ gabt und in ähnlicher Lage iſt. So gehe denn mit Gott, meine Rachel! O, es thut mir weh, daß wir ſcheiden müſſen, aber ich kann es nicht ändern. Wolle es ein günſtiges Schickſal fügen, daß wir uns bald und dann recht glücklich wiederſehn.— Haſt Du mir ſonſt noch Etwas zu ſagen 2, Rachel, die, ſo lange Joſeph ſprach, ſchon immer leiſe geweint hatte, richtete ſich jetzt von ſeiner Bruſt empor, an die ſie ſich kindlich geſchmiegt, ſah ihn lie⸗ bevoll an und ſagte:„O ja, Eins möchte ich Dir noch ſagen, vielleicht mache ich Dich dadurch glücklich und verſüße Dir dieſen Abſchied. Darum habe ich es bis auf dieſe Stunde aufgeſpart. Aber Du darfſt mich nicht verrathen.“. „Was willſt Du mir ſagen, Rachel?“ 1„Sophie liebt Dich, Joſeph.“ 189 „Rachel! Woher weißt Du das?“ „Sie hat es mir geſagt, ſchon lange, und heute hat ſie mir verſprochen, auch eine Rachel für Dich ſein zu wollen, ſobald Du dieſe nicht mehr haſt.“ Joſeph lächelte trüb, nur ſein Herz pochte mächti⸗ ger gegen ſeine Bruſt. „Iſt das Alles, was Du mir zu ſagen haſt?“ „Ja— iſt es nicht genug? Freut es Dich nicht!“ „Sehr— o wie ſehr, Rachel!“ „So laß mich Dich küſſen, mein theurer, theurer Freund!“ Lange umſchlang ſie ihn mit ihren Armen, lange lagen ihre Lippen auf ſeinem Munde, und wohl ſel⸗ ten hat ein Mädchen einen Mann mit reinerem Her⸗ zen, mit unſchuldigerer Seele dieſen ſchönen und ſü⸗ ßen Beweis ihrer Zuneigung aufgedrückt. Da fiel Joſeph noch Etwas ein.„Hier iſt der Ring vom Lord,“ ſagte er, ſich von Rachel's Umſchlin⸗ gung löſend.„Beinahe hätte ich ihn vergeſſen.“ „Ich nehme ihn nicht, Joſeph, nein, ich nehme ihn nicht. Bewahre Du ihn mir auf. Ich liebe ſolche todte kalte Steine nicht, wenn ſie auch noch ſo ſehr glänzen. Aber wenn Du mir ein Andenken von Dir geben willſt, dann habe ich eine Bitte.“ „Sprich ſie aus.“ 190 „Denkſt Du wohl noch an das kleine Medaillon mit Deinen Kinderhaaren, welches Du mir bisweilen in Bremen zeigteſt? Das gieb mir und füge eine Locke von Deinem jetzigen Haar bei.“ „Das unſcheinbare Medaillon? Wenn Du weiter nichts willſt! Wirſt Du es denn tragen?“ „Ja— hier auf meinem Herzen. Es ſoll mir ein theures Angedenken an den Mann ſein, dem ich am meiſten auf Erden verdanke.“ „So ſollſt Du es haben, ſobald wir nach Hauſe kommen.“ „Aber die Haare nehme ich mir jetzt— ſieh, ich habe dazu eine Scheere mitgebracht.“ Joſeph hielt lächelnd ſeinen Kopf hin und Rachel's Sammetfinger wählten eine kleine Locke aus. Raſch war ſie abgeſchnitten und in ein Käſtchen gelegt. Dann aber erhoben ſie ſich, und ſich feſt bei der Hand haltend, ſchritten ſie, ohne ein weiteres Wort zu ſpre⸗ chen, nach Hauſe. Hier ſtand ſchon ſeit einer Stunde des Lords Wa⸗ gen und Mrs. Baxton bereit. Joſeph holte die kleine goldene Kapſel, die er ſchon lange nicht mehr in Hän⸗ den gehabt uund faſt vergeſſen hatte und gab ſie ihr verſtohlen. Werner war noch nicht da. Da man nicht länger warten konnte und vermuthete, daß ſeine 191 Abweſenheit eine abſichtliche ſei, ſo beſtellte Rachel die herzlichſten Grüße an ihn, umarmte Alle unter heißen Thränen und ſtieg dann in den Wagen. Fort rollte er, der Oſtſee zu, um bald ſeinen In⸗ halt nach dem Süden, dem heißen und ſchönen Süden zu tragen. Jetzt erſt, nachdem ſie fort war, fiel es Joſeph wie Schuppen von den Augen. Er ſah— was? Seine Jugend wie in weiter Erinnerung hinter ſich liegen. Mit Rachel war dieſe Jugend von ihm ge⸗ wichen— von jetzt an ſollte er als Mann in's Leben treten, und wohl ihm, wenn er die Kraft und den Muth eines ſolchen beſitzt, den Schmerz dieſes Lebens geduldig und ſtandhaft zu ertragen, denn auch ihm wird dieſer Schmerz nahe treten, wie ihn vor ihm der arme Werner empfunden hatte. ———.—C—C—— =* Fünftes Mapitel. Werner läßt ſeinen Entſchluß zur That werden. Die Abreiſe eines lieben Freundes oder überhaupt irgend einer geliebten Perſon, mit der wir längere Zeit in Gedanken und Empfindungen verſchwiſtert waren, hat etwas ungemein Niederdrückendes für un⸗ ſer Gemüth, und wir ſind nicht allein traurig wegen des unterbrochenen Bündniſſes, nein wir ſind in der That tief und ſchmerzlich von der Vergänglichkeit al⸗ les Beſtehenden bewegt. Alles um uns her, die Bäume, die Häuſer, der Sonnenſchein, die Wolken des Him⸗ mels ſehen aus, wie damals, als er bei uns war, den wir verloren, und doch iſt Alles verändert, Alles iſt matter, öder, kälter geworden, in Farben und Tö⸗ nen, in Worten und Werken, und wir fühlen uns unheimlich angefröſtelt von einem unbeſchreiblich läh⸗ menden Gefühl, trotzdem die Sonne glühend ihre 193 Strahlen auf unſer gebeugtes Haupt herabſenkt. Wo⸗ her kommt das? Das kommt daher, weil unſere Seele aus ihrer gewohnten Verbindung geriſſen, weil zwi⸗ ſchen ihr und einer anderen Seele eine Kluft entſtan⸗ den iſt, die nur die Sehnſucht ausfüllt, und weil wir unter Tauſenden den Einen oder die Eine verloren haben, die uns dieſes Daſein zum Paradieſe oder we⸗ nigſtens, je nach dem Grade unſrer Neigung zu ihr, zu einem angenehmen und behaglichen Aufenthalt machte. In glücklich begabten Organiſationen, die nicht ſo ſtark von ihrer Leidenſchaft beherrſcht werden und eine produktive Kraft in ſich tragen, hat die Na⸗ tur freilich in ihrer weiſen Vorherbeſtimmung alles Geſchehenden auch hierin für eine wiederherſtellende Potenz geſorgt, denn in gleichem Grade, wie bei ei⸗ ner ſolchen Trennung unſer Gemüth bewegt wird, weckt ſie die in uns verborgene antagoniſtiſche Kraft, ſie ruft unſern Geiſt in's Gefecht, und wir beſtreben uns, durch Regſamkeit, Nachdenken und Arbeit den Kum⸗ mer niederzuſchlagen, der unſer Herz wie mit einem unzerreißbaren Netze umſponnen hat. Wenn wir das eben Geſagte auf die uns hier be⸗ ſchäftigenden Perſonen anwenden, ſo müſſen wir fin⸗ den, daß unter den zunächſt Betheiligten nur Sophie und Joſeph mit dieſer antagoniſtiſchen Kraft ausge⸗ Emery Glandon. II. 13 194 rüſtet waren, indem ſie ſich durch mannigfaltige Be⸗ ſchäftigung, theilnehmende Unterhaltung und die Pflege der Kunſt und Wiſſenſchaft von ihrem Kummer frei zu machen verſtanden, daß aber Wernern dieſelbe lei⸗ der verſagt war. Er war allein dem ihn hin⸗ und herreißenden Getriebe ſeines leidenſchaftlichen Herzens unterworfen; nur in der ewigen Wiederholung und Neugeſtaltung des ihm widerfahrenen Mißgeſchicks bewegte er ſich, nur in der ſelbſtquäleriſchen Verglei⸗ chung des heutigen mit den früheren Tagen erging er ſich mit einer Art raſender Wolluſt, die zuletzt an ſich ſelbſt das Zerſtörungswerk übt, da ſie ihren Schmerz nicht vertilgen kann. Schon am frühen Morgen des Abſchiedstages war er weit vom väterlichen Hauſe„in ſelten betretenen Wäldern umhergeirrt, da tobte und raſte er ſich aus, denn dort ſah ihn kein Menſch und auch er ſah keinen Menſchen. Endlich aber, nachdem er ſeinem Schmerze vollkommenen Spielraum gelaſſen, wie ſeine heftige Natur es verlangte, und nachdem er durch Berechnung zu der Ueberzeugung gelangt war, jetzt ſei Rachel vom Vaterhauſe geſchieden, kehrte er gefaßter und gehalte⸗ ner in die Nähe des Gutes zurück. Aber noch war er nicht ganz ſicher, daß er der Geliebten ſeines Her⸗ zens nicht doch noch begegnen könnte, und das wollte, 195 das mußte er vermeiden, denn er ſagte ſich ſelbſt wenn ſie ihm im Augenblicke des Scheidens vor Au⸗ gen käme, ſo würde er vielleicht Etwas thun, was er nachher ungern gethan ſähe, da es ihn auf dem Hofe vor allen Leuten bloßſtellen und die theure Rachel in den Mund derſelben bringen könnte. So ſaß er denn etwa zwei Stunden nach Rachel's Abfahrt unter der alten Linde auf dem Raſenhügel und ſchaute mit gläſernen Augen auf den Weg nach dem Hauſe hinab, ob er nicht irgend eine Andeutung von dem Stande der Verhältniſſe entdecken könne. Und in dieſem Punkte wenigſtens ſollte ihm das Ge⸗ ſchick günſtig ſein. Sophie und Joſeph, nachdem ſie eine Stunde bei der Baronin zugebracht und mit ihr das Vorgefallene nach allen Seiten beſprochen und ſich dadurch ſelbſt beruhigt, hatten ſich in das Muſikzimmer begeben, wo ſich Sophie an den Flügel ſetzte und mit ihrer ſanften Stimme den Lehrer und Freund fragte, ob es ihm vielleicht wohlthue, mit ihr eins ſeiner Lieblings⸗ ſtücke zu ſpielen. Joſeph war darüber erſtaunt, denn ſeit langer Zeit hatte Sophie die Muſik vernachläſſigt und war faſt nur eine Zuhörerin des Spieles der Anderen ge⸗ weſen. Dankbar und ſogleich ihre gute Abſicht er⸗ 13* 196 rathend, hatte Joſeph eingewilligt und ſo ließen ſie Beide ihrem Wehgefühl in Tönen freien Lauf, bis ſie endlich zu der Ueberzeugung gelangt waren, es gebe wirklich Mittel, die im Stande wären, daſſelbe zu be⸗ ſänftigen und die herben Gefühle ihres Buſens durch andere Gedanken zu verſöhnen und zu tilgen. Als das Muſikſtück zu Ende war, legte Joſeph ſein Cello bei Seite und machte Sophie auf den herrlichen Sonnenſchein aufmerkſam, der draußen die Felder überſtrömte und über alles Leid, was auf der Erde ſeufzte, mit himmliſcher Verklärung zu lächeln ſchien. „Ja,“ ſagte Sophie,„es iſt ein ſchönes Wetter und ich glaube, es iſt nicht zu warm— wollen wir einen Spaziergang nach der Linde antreten? Viel⸗ leicht finden wir Werner.“ Joſeph ſtimmte ihr bei und bald ſchritten Beide den Weg durch das Kornfeld den Hügel hinan. Da ſahen ſie denn ſchon von Weitem den Geſuchten ſitzen, der ſie ebenfalls bemerkt hatte und keine Miene machte, abermals die Flucht zu ergreifen. Er hatte den Kopf in die Hände gelegt und, ahnend, wohin das Geſpräch ſich neigen würde, wenn die Beiden ihm nahe gekom⸗ men, hatte er ſich wiederum ſeinem Schmerze, ob⸗ wohl in gelinderer Weiſe überlaſſen, denn er weinte, 197 wie er noch nie in ſeinem Leben ſo ruhig und doch ſo aus tiefſtem Herzen geweint hatte. Seine Schweſter und ſein Freund hatten ihn er⸗ reicht, jedes von ihnen hatte leiſe ſeinen Namen ge⸗ ſprochen und eine ſeiner Hände von ſeinem Geſichte weggezogen. Ach, wie erſtaunten ſie über die Zer⸗ ſtörung in dieſem ſonſt ſo blühenden, friſchen, nur von Leben und Jugend, nicht aber von Qual und Verzweiflung zeugenden Geſichte! Seine bleichen ein⸗ gefallenen Wangen zeigten die traurigen Spuren end⸗ loſer Thränenſtröme, ſeine umflorten Augen, in denen ſich ein tiefes Leiden ausſprach, blickten ſie klagend und öde an, und ſeine langen Haare, ſonſt ſo ſchön gepflegt und geordnet, hingen wild zu beiden Seiten des Geſichts herab. Schweigend ſetzten ſie ſich an ſeine Seite, jedes von ihnen eine ſeiner Hände haltend. „Werner,“ begann endlich Joſeph mit ſanfter Stimme das Geſpräch,„ſei verſtändig! Wir fühlen mit Dir, was Du fühlſt, denn auch wir ſind kummer⸗ voll und betrübt.“ „Ja, Werner,“ fuhr Sophie mit ihrer glockenrei⸗ nen Stimme fort,„höre an, was Herr Sohn Dir ſagt und bezwinge Dich, denn ſo kannſt Du ja nicht 198 bleiben. Bedenke, was das für Aufſehn zu Hauſe erregen würde.“ „Aufſehn!“ rief Werner, wieder in Heftigkeit ver⸗ fallend.„Wie thöricht Du biſt! Als ob mir noch daran gelegen ſein könnte! Meine Seele empfindet nicht mehr, was die Menſchen in jenem Hauſe ſagen, denn ſie iſt ſchon weit weg von hier.“ „Es mag ſein,“ ſagte Joſeph,„daß ſie weit weg iſt, und die unſrige begleitet die Deine, aber Du haſt mir ja verſprochen, ein Mann zu ſein und als ſolcher Alles zu ertragen, was über Dich ergehen wird.“ „Nein, Joſeph, das habe ich nicht verſprochen. Ich habe verſprochen, als Mann zu handeln, aber nicht als ſolcher zu dulden.“ „Das iſt ja Daſſelbe, mein Freund; die ächte Handlungsweiſe des Mannes beſteht ja im männli⸗ chen Dulden des Unvermeidlichen.“ „Laß das Philoſophiren, Joſeph, dazu bin ich jetzt nicht aufgelegt. Sage mir lieber— iſt ſie fort?“ „Ja, ſie iſt fort, ſchon länger als zwei Stunden.“ „Und hat ſie Nichts an mich beſtellt?“ „Tauſend Grüße, tauſend Dankſagungen und tau⸗ ſend Wünſche, daß es Dir wohl gehn möge!“ „O!“ ſtöhnte Werner.„Ich danke Euch, daß Ihr mir dieſe Grüße überbringt. Ach, Kinder, wenn Ihr 199 wüßtet, wie verödet, wie vernichtet ich bin, Ihr wür⸗ det mir verzeihen, daß ich mich ſo ſeltſam betrage. O Gott, Ihr wißt nicht, wie ſchwer es iſt, auf dieſer Welt ſich von ſeiner Liebe zu trennen. Möget Ihr nie erfahren, wie mir zu Muthe iſt, wenn Ihr ein⸗ mal von einander geriſſen werdet.“ Sophie ſowohl wie Joſeph fuhren bei dieſen, ihr ganzes Verhältniß enthüllenden Worten wie von einem Blitze getroffen zurück. Zum erſten Male hatte ein Andrer ihnen geſagt, was ſie ſich bisher noch ſelbſt verſchwiegen; und, es vermeidend, die Augen gegen einander zu wenden, ließen ſie ſie in entgegengeſetzten Richtungen weit in die ſonnige Ferne ſchweifen. Durch dieſen Ausſpruch war das troſtreiche Ver⸗ halten der Beiden unterbrochen; keines von ihnen fühlte ſich zum weiteren Geſpräch aufgelegt; ſie moch⸗ ten wohl zu unrechter Zeik an ihr eigenes Ich er⸗ innert ſein. Die allgemeine Beklemmung hob Joſeph dadurch, daß er einen raſchen Entſchluß faßte und demgemäß ſagte:„Wir wollen nach Hauſe gehen.“ „Ich folge Euch, geht nur voran.“ „Nein,“ ſagte Joſeph beſtimmt,„wir gehen alle Drei zuſammen.“. Lautlos erhoben ſie ſich, und faſt ohne ein Wort zu ſprechen, wandelten ſie dem Hofe zu, wo ſie ſich 200 ſogleich trennten, um Jedes für ſich mit ſeinen Ge⸗ danken allein zu ſein. Aber während Sophie und Joſeph ihr Zimmer ſuchten, um ſich in ſtiller Ein⸗ ſamkeit zu berathen, was nun zu thun, da ſo Be⸗ . deutendes geſchehn, ging Werner in Rachel's bisherige Wohnung, um hier noch einmal ſein ganzes Weh zu überdenken und dann— den Entſchluß zu faſſen, mit dem er ſich innerlich ſchon lange beſchäftigt hatte. Das Zimmer der Geliebten, wenn ſie es verlaſ⸗ ſen hat, ohne es je wieder zu betreten— welch' ein ungeheurer Tummelplatz der Gedanken des zurückge⸗ bliebenen Liebenden! Es gewährt ihm einen eigenthümlichen, ich möchte ſagen, ſchwermüthigen Reiz, ſich inmitten der kleinen Welt zu befinden, in der ſie ſo lange geweilt und ge⸗ waltet hat. Auch das Geringfügigſte, ſonſt kaum be⸗ achtete Gegenſtände wachſen in ihrer Bedeutung und reden ſeiner ſehnſuchtsvollen Seele eine eindringliche Sprache. Es iſt ihm zu Muthe, als ob ein Theil der Seele der Abgeſchiedenen zurükkgeblieben wäre, darum empfindet er auch eine innere Scheu, Dies und Je⸗ nes zu berühren, weil es ihm däucht, als ſähe ein 201 unſichtbares Auge, als beurtheile ein allgegenwärtiges Herz ſein Thun. Dieſer eigenthümliche Reiz, den der Anblick kleiner lebloſer Gegenſtände auf uns übt, welche eine von uns geliebte Perſon beſeſſen und be⸗ nutzt hat, iſt oft ſogar ſo mächtig, daß er uns viel ſtärker zu der Abweſenden zieht, uns viel inniger mit ihr verknüpft, als es der Fall geweſen, ſo lange ſie ſichtbar für uns vorhanden war, und es entſteht hier⸗ durch jenes ſympathetiſche Gefühl der Sehnſucht, von welcher die Pſychologen ſagen, daß ſie eine Eigenſchaft unſres für erhabnere Welten und für unvergänglichere Zeiten beſtimmten Geiſtes ſei, der ſchon hier auf der Erde und an irdiſchen Stoff gebunden, durch dunkle Gefühle und unbeſtimmte Vorahnungen ſeine gött⸗ liche Heimat verräth. Dieſes Zimmer war jetzt der Lieblingsaufenthalt Werner's geworden, hierher zog er ſich in den näch⸗ ſten Tagen ſtundenlang zurück, hier ſchmiedete er Pläne, hier zertrümmerte er endlich mit einem Schlage die bisher noch veſchwiegenen aber gewiß hochfliegen⸗ den Wünſche ſeines rohen, nur in materiellen Genüſ⸗ ſen ſchwelgenden Vaters. Er verließ es nur, um ohne Ruhe und Raſt in der Umgebung umher zu ſchweifen, den Winden und Lüften ſeine Noth zu klagen und, hinreichend ermüdet, um ſchlafen zu können, ſein Zim⸗ 202 mer aufzuſuchen und ſeinen Kunnmner endlich ſo in Vergeſſenheit zu ſenken. Daß durch dieſe ſeltſame Abweichung von aller in Brenkowitz beliebten Lebensweiſe Tante Sibylle am meiſten in Staunen geſetzt wurde, bedarf wohl keiner Erörterung, daß ſie aber ihren Unwillen darüber nicht Werner, ſondern ſeinem Geſellſchafter zur Laſt legen würde, hatte Niemand vorhergeſehn, obgleich es nur eine natürliche Folge ihrer perſönlichen Abneigung ge⸗ 3 gen denſelben war. Denn ihrer Meinung nach war es nur ſeine nachläſſige und ſchlaffe Haltung, die al⸗ ler energiſchen Einwirkung auf ihren Neffen ermangelte, welche deſſen ſonderbares Benehmen veranlaßte, und um dieſem zügelloſen Gebahren ein Ziel zu ſetzen, fühlte ſie ſich eines Abends, als Werner abermals im häuslichen Kreiſe fehlte, berufen, mit einer ſehr ver⸗ ſtändlichen liebloſen Bemerkung ihre Anſicht der Dinge laut werden zu laſſen. Joſeph indeſſen, des gnädi⸗ gen Fräuleins Fuchtel längſt entwachſen, entgegnete ihr mit einigen unbedeutenden Worten, die ſie an Werner wieſen, und ſchwieg dann während des gan⸗ zen Abends. Die Tante ſchaute auf dieſe ſeltſamen jungen Leute mit wachſendem Staunen. Daß die Abreiſe dieſes erbärmlichen Judenbalges, wie ſie Ra⸗ chel noch immer zu nennen beliebte, alle dieſe Unziem⸗ 203 lichkeiten hervorgerufen haben ſollte, war ihr unerklär⸗ lich, ſie müßte es denn verſtanden haben, nicht allein Werner und Joſeph, ſondern auch Sophie zu behexen, die doch ſonſt vernünftig in dergleichen Dingen war. Aber auch ſie zeigte ſich jetzt einſylbig, zerſtreut, hörte kaum halb, wonach man ſie fragte, und antwortete ganz etwas Anderes, als man erwartet hatte. Was mochte das nur bedeuten? War ihr dieſe ungewöhn⸗ liche Neigung der drei jungen Leute zu der ihr ſo un⸗ bedeutend erſcheinenden Rachel, die faſt immer den Mittelpunkt bildete, um den ſich die Uebrigen beweg⸗ ten, ſchon früher räthſelhaft vorgekommen, ſo mußte ihr dies ſeltſame Benehmen, jetzt nach ihrer Entfer⸗ nung, noch viel räthſelhafter erſcheinen. Indeſſen be⸗ ruhigte ſich die gute Tante nach einigen Tagen, als ſie ſah, daß Alles wieder nach und nach in ſein altes Geleiſe zurückkehrte, daß auch Werner allmälig häus⸗ licher wurde und ſogar wieder bei den abendlichen Verſammlungen erſchien, was ſie eigentlich Sophien verdankte, die ihrem Bruder ernſtlich vorgeſtellt, daß aus ſeinem mißfälligen Verfahren mehr oder weniger Unheil für ſie Alle entſpringen würde. So waren drei Tage nach Rachel's Abreiſe ver⸗ ſtrichen, die Fluth hatte ſich verlaufen und die Wogen des Lebens fingen wieder an, in gewöhnlicher, friedli⸗ 204 cher Weiſe zu fließen, als Werner insgeheim ſein Pferd ſatteln ließ und in vollem Galopp den Weg nach Downs⸗Caſtle einſchlug. Er hatte ſich von dieſem lange hin und her bedachten Ritte eine große Wirkung verſprochen, er wollte nur einen Augenblick in der Nähe Rachel's athmen und ſich nach ihrem Befinden erkundigen, oder aber, falls ſie ſchon abgereiſ't, aus ih⸗ rer gänzlichen Entfernung Troſt ſchöpfen, denn es giebt Naturen, die es wohl ohne große Unruhe ertragen können, den Gegenſtand ihrer leidenſchaftlichen Ver⸗ ehrung weit entfernt von ſich zu ſehen, aber jeden Augenblick zu ihm hinzufliegen ſich für berechtigt hal⸗ ten, ſo lange ſie ihn noch in erreichbarer Nähe wiſſen. Als Werner Downs⸗Caſtle in der Ferne liegen ſah, hielt er ſein ſchnaubendes Pferd an und betrachtete es mit den Gefühlen des bitterſten Schmerzes. Ach, es da ſo leicht erreichbar vor ſich liegen zu ſehen und doch gefeſſelt davor zurückgehalten zu werden— war⸗ um? weil es einem mächtigen, reichen und ſtolzen Manne ſo behagte— das ſchien ihm denn doch eine zu harte Prüfung zu ſein. Vielleicht hätte er das Joſeph gegebene Verſprechen, keinen Verſuch anzuſtel len, um Rachel noch einmal zu ſprechen, gebrochen, denn ſchon ſtürmte ſein Herz auf den Wogen des Verlangens dahin, wenn er nicht in dieſem Augen⸗ 205 blicke einen der Diener des Hauſes bemerkt hätte, der gemächlich ſeines Weges daher und auf ihn zu kam. Wernern ſchlug das Herz, als er einen Bewohner des geheimnißvollen Aufenthaltsortes ſah, der ſeine Liebe verſchlungen hatte. Er wartete, bis der Mann in ſeine Nähe gekommen war, dann ritt er auf ihn zu und fragte, ob er in Downs⸗Caſtle wohne, was der Mann bejahte. „Wie befindet ſich Seine Herrlichkeit, der Lord?“ „Seine Herrlichkeit iſt vor zwei Stunden abgereiſſt.“ „Wie, er ſelber? Wohin iſt er gegangen?“ „Das pflegt er Keinem von uns zu ſagen, der zu Hauſe bleibt. Aber Mr. Baxton wird es wohl wiſſen.“ „Wer iſt Mr. Baxton?“ „Sein Haushofmeiſter, der erſt vor wenigen Tagen von einer Reiſe zurückgekommen iſt. „Iſt das ein Verwandter von Mrs. Baxton, die—“ „Die mit der jungen Dame nach Berlin gereiſ't iſt?“ unterbrach ihn der Mann.„Ja, es iſt ſeine Schwägerin.“ „Alſo ſind ſie ſchon abgereiſ't, und nach Berlin?“ „Ja und zwaͤr vorgeſtern.“ Werner ſah nicht mehr, wohin der Mann ging und was er that, er hatte ihn ſchon ganz aus den . 206 Gedanken verloren, denn daß Rachel wirklich abgereiſtt ſei, war genug, ihn auf einen ganzen Tag vollkom⸗ men mit ſich allein zu beſchäftigen. Langſam ritt er nach Hauſe, ging auf ſein Zimmer, dann auf Rachel's Zimmer, und als er Abends in den Familienkreis trat, in dem ſich heute zum erſten Male auch die Baronin einfand, ſah er zufriedener und theilnehmender aus, als ihn bisher noch irgend Jemand geſehn hatte, ſeit⸗ dem Rachel aus Brenkowitz geſchieden war. Als man nach Tiſche ſich wie gewöhnlich zur Un⸗ terhaltung zuſammengeſetzt hatte, ſaß Werner, die Andern beobachtend, eine Weile ſtill in ihrer Mitte, und da Niemand Luſt zu haben ſchien, irgend ein Ge⸗ ſpräch zu beginnen, ſo ſagte er plötzlich:„Nun, Ra⸗ chel wird jetzt bald in Berlin ſein.“ „Woher weißt Du das?“ fragte Sophie, einen raſchen forſchenden Blick auf Joſeph werfend. „Ich bin einem Diener aus Dowus⸗Caſtle begeg⸗ net und der hat es mir geſagt. Joſeph, wann er⸗ warteſt Du einen Brief von ihr?“ „In acht, ſpäteſtens vierzehn Tagen.“ „Vierzehn Tage, eine lange Zeit, hm!“ Die Tante, als ſähe ſie den Hinnnel auf die Erde fallen, hob ihre Augen mit einer Art Staunen, das der Erſtarrung glich, gegen ihren Neffen empor. Was war denn das? Hatten ſie etwa ihre Ohren getäuſcht? Werner hatte ja den Hausleher, das Oberhaupt des Geſindes, mit dem vertraulichen Du angeredet. Und die Baronin ſowohl wie Sophie hatten es geduldig mit angehört, als ob es ſich von ſelbſt verſtände, oder als wäre es nichts Neues mehr für ſie. Ha! das war wieder Stoff zu geſteigerter Aufmerkſamkeit! Wie ein Fuchs lauſchte ſie daher auf die fernere Unterhaltung, voll leidenſchaftlicher Spannung, zu vernehmen, ob der Muſtikant ſich erfrechen würde, ihren Neffen eben ſo vertraulich anzureden. Allein ſie ſollte an dieſem Tage wie an den nächſten vergeblich ein Fuchs ſein, Joſeph war zu bedacht und vorſichtig, um das trauliche Ver⸗ hältniß, welches zwiſchen ihm und Werner beſtand, durchblicken zu laſſen, ſo lange die hochnaſige Tante anweſend war, und ſo blieb ſie einſtweilen noch im Unklaren, da ſie Niemand fragen wollte, was dieſe Vertaulichkeit zu bedeuten habe. Die nächſten vierzehn Tage vergingen Jedermann auf eine höchſt peinliche Weiſe. Jeder lebte mehr für ſich und in Gedanken, als ob ein allgemeines Hinder⸗ niß der Mittheilung vorhanden geweſen wäre, und doch war dem eigentlich nicht ſo. Joſeph wollte die⸗ ſer Mißſtimmung auf verſchiedene Weiſe abhelfen, aber es gelang ihm nicht, und ſo vertröſtete er ſich von 208 einem Tage zum andern, in der Erwartung, daß eine Nachricht von Rachel die allgemeine Spannung heben würde. Allein es kam kein Brief, und immer unbe⸗ haglicher trat eine ſchwüle, düſtere Befangenheit unter den Familiengliedern hervor, die ſich nicht von ſelbſt löſen wollte. Die muſikaliſche Unterhaltung beſchränkte ſich jetzt auf Joſeph's Vorträge und Sophien’s Uebun⸗ gen, die ſie mit ſeltener Standhaftigkeit fortſetzte, nur um Joſeph's Wunſche und den Anforderungen der älteren Damen zu genügen. Werner war nicht zu bewegen, an dieſen Unterhaltungen mit ſeiner Geige Theil zu nehmen; er ſpielte wohl auf ſeinem Zimmer, aber er war nicht im Stande, vom Blatte, nach vor⸗ geſchriebenen Regeln ein zuſammenhängendes Stück wiederzugeben, er ergoß vielmehr ſeine Phantaſien in klagenden und wilden Weiſen, und nur ſelten gelang es ſogar Joſeph, ein Zuhörer dieſer in ihrer Art wirk⸗ lich vortrefflichen Leiſtungen zu ſein. Endlich, eines Morgens, brachte der Poſtbote einen ſtarken Brief aus Berlin, der an Joſeph gerichtet war. Dieſer er⸗ kannte ſogleich Rachel's Handſchrift und frohlockte über den erwünſchten Sendboten. In dem Couvert wa⸗ ren vier Briefe eingeſchloſſen. Der Baronin ſprach die Schreiberin noch einmal ihren herzlichen Dank aus; Sophien ſandte ſie die freundlichſten Grüße; 209 Werner fragte ſie, warum er nicht Abſchied von ihr genommen und ob er ſich wohl befinde? Gegen Jo⸗ ſeph aber hatte ſie ihr ganzes Herz ausgeſchüttet und ihm alle ihre Erlebniſſe ſeit ihrer Trennung mitge⸗ theilt. Sie war, nachdem ſie noch anderthalb Tage auf Downs⸗Caſtle geblieben und vom Lord wie eine Tochter behandelt worden, mit ihrer Gefährtin, der ſie alles mögliche Lob ſpendete, nach Berlin gereiſt, hatte dort ein in Bereitſchaft gehaltenes Quartier bezogen — Straße und Nummer dieſes Quartiers waren ge⸗ nau angegeben— hatte mit Mrs. Baxton verſchie⸗ dene Beſuche bei hervorragenden Künſtlern gemacht, denen ſie empfohlen war, und dann ſogleich ange⸗ fangen, bei einem berühmten Virtuoſen Unterricht zu nehmen, der ihr in ihrer Wohnung ertheilt wurde, in welcher ſie, Dank des Lords Güte, einen koſtbaren Flügel vorgefunden hatte. Sodann ging ſie auf ihre perſönliche Stimmung über und erzählte, daß ſie an⸗ fangs ſehr betrübt geweſen, von ihm und ihren Freun⸗ den in Brenkowitz getrennt zu ſein, daß ſie ſich jetzt aber ſchon darüber beruhigt habe. Im Ganzen ſprach aus dem Schreiben eine gewiſſe innere Zufriedenheit und Wärme, obgleich der Ernſt ihrer Lage und die Schwierigkeit der Aufgabe, die ſie ſich ſelbſt geſtellt, durch jede Zeile ſchimmerte.„Wenn ich einmal eine Emery Glandon. II. 14 210 recht große Sehnſucht nach Dir empfinde,“ ſchrieb ſie zuletzt,„ſo hole ich das Geſchenk hervor, welches Du ſo gütig warſt, mir bei unſerm Abſchiede zu überrei⸗ chen; ich betrachte dann den kleinen Theil Deiner Per⸗ ſon mit der zärtlichſten Sorgfalt und mir iſt zu Mu⸗ the, als ob ich wieder bei Dir wäre und an Deiner Hand am Bache entlang über die Felder wandelte. O daß unſre Trennung nicht ewig daure, denn ich habe mich ſo gewöhnt, aus Deinen Augen Troſt, Beruhigung und Kraft zu ſchöpfen, daß ich fühle, wie ich ſie nicht lange entbehren kann.“ Joſeph war mit dieſer erſten Nachricht ſehr zu⸗ frieden und beeilte ſich, die einzelnen Schreiben an Diejenigen zu vertheilen, an welche ſie gerichtet waren. „Ich werde ihr bald antworten,“ ſagte Werner frohlockend, nachdem er ſeinen und Joſeph's Brief ge⸗ leſen,„ja, ja, nun endlich iſt mein Entſchluß gefaßt und alle Ungewißheit, aller Kummer iſt vorüber.“ „Das freut mich, aber Du wirſt ihr doch nur ſchreiben, wenn wir alle ſchreiben?“ „Das kann ich Dir ſo gewiß nicht verſprechen, ob und wann ich ſchreiben werde, aber auf welche Weiſe ich ihr antworten will, ſollſt Du zeitig genug erfahren.“ „Deine Worte ſind räthſelhaft. Darf ich Deinen Entſchluß kennen?“— 211 „Wenn er ausgeführt iſt— eher keinen Augenblick.“ „Das iſt ein ſchlechter, das iſt gar kein Troſt und am wenigſten die Antwort, die ich von Dir erwartet habe.“ „Es thut mir leid, daß ich nicht mehr verrathen darf, morgen aber oder übermorgen wirſt Du im Kla⸗ ren ſein.“ Sinnend verließ ihn Joſeph. Werner kam ihm ſeltſam vor. Sein Auge hatte einen blitzenden Strahl in ſich aufgenommen, der ihm früher nicht eigen ge⸗ weſen war, und ſeine bleiche Wange glühte, als ob ein inneres Fieber ihn verzehre. Unterdeſſen ging Werner mit ſich zu Rathe; we⸗ nigſtens glaubte das Joſeph von ihm, denn er ver⸗ ließ ſein Zimmer faſt den ganzen Tag nicht. Er ſchrieb mehrere Briefe und kramte in ſeinen Sachen. So ſagte wenigſtens Valentin von ihm aus, der einige Male in ſeinem Zimmer geweſen war, das der ver⸗ ſchloſſene Menſch wie ſich ſelbſt verriegelt hielt.— Es war der Morgen des Tages nach Ankunft der Briefe. Joſeph befand ſich mit Sophien im Zimmer der Baronin, Tante Sibylle mit Fräulein Urſel auf dem ihrigen, als Werner bei ſeinem Vater eintrat, der am Abend vorher ſpät nach Hauſe gekommen war. Der Baron war beim Frühſtück, alſo wichtig 14* 212 beſchäftigt, und achtete daher nicht genau auf das Ausſehn ſeines Sohnes, obwohl deſſen Beſuch ein neues und kaum dageweſenes Familienereigniß war. Hätte er ihn aber genauer betrachtet, er würde wie wir wahrgenommen haben, daß Werner, zwar blaß und innerlich erregt, doch von einer geheimen Spann⸗ kraft ſtrahlte, die ſich um ſeinen feſt geſchloſſenen Mund und in dem kühnen Blicke ſeines Auges aus⸗ ſprach, welche Kennzeichen verriethen, daß er endlich wirklich ſeines Entſchluſſes Herr geworden und den⸗ ſelben jedenfalls zur That werden zu laſſen geſon⸗ nen ſei. „Guten Morgen, mein Vater!“ ſagte er feſt und kühn. „Guten Morgen, mein Junge. Willſt Du mit mir frühſtücken? Aha, Du merkſt, daß es was Gu⸗ tes giebt.“ „Durchaus nicht, mein Vater; ich möchte mir nur erlauben, Dir einige Worte zu ſagen, ſobald Du mit dem Frühſtück fertig biſt.“ Der Baron warf einen flüchtigen Blick auf ſeinen Sohn, in deſſen Tone eine ſelten gehörte Feſtigkeit lag, obgleich der Vater gewohnt war, ihn nie gleich⸗ gültig und ohne innere Theilnahme reden zu hören. „Wenn es etwas Ernſtes iſt, ſo warte, bis ich mit dem Eſſen fertig bin, Du weißt, daß ich mich nicht gern in meinem Genuſſe ſtören laſſe. Trinkſt Du ein Glas Wein?“ „Ich danke, Vater; laß Dich durchaus nicht ſtö⸗ ren, ich werde ruhig warten.“ Er trat an ein Fenſter, verſchränkte die Arme vor der Bruſt und ſchaute hinab über das weite Gefilde, das draußen vor ſeinen Augen ausgebreitet lag. Aber er bemerkte nichts davon— ſeine Blicke waren in ſeine Bruſt zurückgewandt und er ſah außer ſich darin nur noch ein anderes Bild. Geduldig wartete er ſo, bis er hinter ſich Meſſer und Gabel raſſeln und ſeinen Vater einen Seufzer ausſtoßen hörte, der ohne Zweifel ſagen ſollte, daß es ihm vortrefflich geſchmeckt habe und daß er mit ſeinem Koche zufrieden ſei. „Ich bin fertig, Werner, nun kannſt Du Deinen Vortrag halten. Bah, ſüperbe Coteletten!“ Werner ſtand ſchon vor ihm, ſah ihm feſt in's Auge und ſagte kurz:„Vater! Ich werde in den näch⸗ ſten Wochen zwanzig Jahre alt.“ „Du Glücklicher! Ich wünſchte, ich wäre an Dei⸗ ner Stelle.“ „Gott giebt das Alter und giebt die Jugend— beide haben ihre Wünſche und ihre Befriedigungen.“ 214 „Ah, alſo Wünſche haſt Du?“ „Ja, die habe ich.“ „Willſt Du Geld? Ich bin gerade nicht gut bei Kaſſe.“ „Wohl möglich; doch das iſt nicht die Hauptſache. Ich ſage, ich werde zwanzig Jahre alt und ich bin immer noch in Brenkowitz.“ „Ich auch, mein Junge, und ich zähle vier und fünfzig. Verflucht— mein Kreuz thut mir heute wie⸗ der weh.“ „Das bedaure ich. Allein, Du ſagſt, Du biſt auch hier. Ja, das iſt aber Dein eigener Wille. Du biſt in meinen Jahren auch wo anders geweſen, viel her⸗ umgekommen und könnteſt jetzt noch wo anders ſein, wenn Du es wollteſt.“ „Darin haſt Du Recht.“ „Mit einem Wort, ich finde es in Brenkowitz un⸗ erträglich— ich bin lange genug hier geweſen und muß fort von hier.“ Der Baron riß die Augen auf und ſchaute ſeinen Sohn zum erſten Mal aufmerkſam an. Der Junge fing an, ihm eine Art Bedenken zu erregen. „Spaß oder Ernſt, Werner?“ 3 „Vollkommener Ernſt, Vater. Du hatteſt uns eine* 215 Reiſe nach Italien für dieſen Sommer verſprochen und es iſt nichts daraus geworden.“ „Ah, ſingſt Du aus der Tonart! Warum, Burſche, ſind wir nicht dahin gegangen? Du weißt es ſo gut wie ich.“ „Ich weiß es eben nicht, mein Vater.“ „Bah! Dann frage Deine Mutter, die kann es Dir ſagen.“ „Meine Mutter beherrſcht nicht Deinen Willen, ihn beherrſcht meine Tante, Deine Schweſter.“ „Meinſt Du? Ei, welche dumme Rede! Aber weil Deine Mutter, oder vielmehr meine Frau, ein eigen⸗ ſinniges, launenhaftes Weib i*ſt, ſo ſind wir nicht nach Italien gereiſt. Nun habe ich es Dir ſelbſt geſagt.“ „Ich höre es, aber ich muß Dir leider widerſpre⸗ chen. Deine Frau, die die einzige Mutter iſt, die ich ſo glücklich war, auf dieſer Erde kennen zu lernen, iſt kein eigenſinniges, launenhaftes Weib— das iſt die Anſicht der Tante Sibylle, die ich kenne— ſie iſt vielmehr ein armes, leidendes, hülfebedürftiges und nur von ſehr wenigen Menſchen richtig beurtheiltes Weſen.“ „Was ſprichſt Du da?“ rief der Baron und ſprang von ſeinem Stuhle auf, wo er ſich bis jetzt in leid⸗ licher Gemüthsruhe die Zähne geſtochert.„Wer hat 216 Dir das tolle Zeug eingeblaſen? Etwa Dein Herr Muſikant?“ „Laß dieſen ſogenannten Muſikanten aus dem Spiele, mein Vater, deſſen Erwähnung gar nicht hier⸗ hergehört. Ich bin alt, einſichtig und klug genug dazu, die Dinge hier im Hauſe mit meinen eigenen Augen zu betrachten und nach Fug und Recht zu be⸗ urtheilen. Ich ſage Dir allein aus mir, was Du eben hörſt.“ „Dann ſage ich Dir aus mir, daß Du ein Grün⸗ ſchnabel, ein Dummkopf, ein impertinenter Menſch biſt.“ Werner verſchränkte ruhig ſeine Arme, ſah ſeinen Vater noch ernſter und feſter an und ſagte langſam: „Wohl möglich, daß ich das in Deinen Augen bin, in meinen bin ich etwas ganz Anderes.“ „Und was biſt Du in Deinen Augen?“ „Werner von Haldrungen, der im nächſten Jahre mündig wird und dann das Erbtheil ſeiner Mutter beanſprucht,“ ſagte Werner, indem er ſich hoch und ſtolz aufrichtete. Den Baron rührte beinah der Schlag vor Ver⸗ wunderung. Das hatte er von dem bisher ſo füg⸗ ſamen Sohne nicht erwartet. Er ſprang auf, lief einige Schritte heftig hin und her und als das Alles — 217 nichts half, Werner ſogar noch ruhiger wurde, ſchrie er:„Biſt Du des Teufels? Wer hat Dir das einge⸗ blaſen, ſage ich?“ „Niemand, Vater, ich ſpreche aus mir und ſpreche für mich.“ „So— und was willſt Du, ich möchte es noch einmal hören, um es beſſer zu begreifen.“ „Mit einem Wort— ich will Freiheit— ich will in die Welt, ich will mich unterrichten, ich will nicht verbauern. Du haſt mich nie um meine Meinung gefragt, welchen Lebensberuf ich ergreifen will, ſo muß ich es Dir ohne Frage ſagen.“ Der Baron ſtand wie erſtarrt vor ihm.„Menſch,“ ſchrie er,„biſt Du wahnſinnig geworden? Oder biſt Du vielleicht ſchon ſo weit verbauert, daß Du nicht einſiehſt, wer und was Du biſt?“ „Wer und was bin ich denn?“ „Der Sohn eines Barons, ein wohlhabender Mann, ein Mann von Rang und Stand.“ „Das iſt ſehr wenig in meinen Augen.“ „Wenig? Ich glaube, in Dir ſpukt der politiſche Dämon.“ „Ganz und gar nicht, mein Vater. Die Politik liegt weit jenſeits meines Horizontes.“ „Gut— aber welchen Lebensberuf erſtrebſt Du?, 218 „Das weiß ich noch nicht ſo ganz genau— in der Welt draußen werde ich es erſt erfahren.“ „Du biſt ein Narr. Deine Welt bin ich, Deine Welt iſt Dein Haus, Deine Familie.“ „Gewiß, wenn ich mich hinreichend unterrichtet und Erfahrungen geſammelt habe, die mir jetzt noch abgehen.“ „Abgehen? Erfahrungen? Unterrichten? Habe ich Dir nicht einen Gefährten, einen ſogenannten klugen Menſchen angeſchafft, mit dem Du Dich unterrichten kannſt nach Herzensluſt?“ „Ja, mein Vater, das haſt Du und ich bin Dir ſehr dankbar dafür.“ „Nun alſo— hat er Dich etwa zu Dem heran⸗ gebildet, als was Du jetzt vor mir ſtehſt?“ „Durchaus nicht, mein Vater; Joſeph Sohn iſt ſo weit davon entfernt, daß er nicht einmal eine Ah⸗ nung hat, was ich jetzt unternehme.“ „Der Teufel ſollte ihn auch holen, wenn er die geringſte davon hätte, ohne es mir zu ſagen. Aber wer— ich frage zum letzten Mal— hat Dich auf⸗ gehetzt gegen mich?“ „Niemand, ich ſpreche für mich ſelber.“ „Dann biſt Du ein Bube, mein Lieber, und nicht mehr mein Sohn.“ ——C——— — 219 „Da ſei Gott für, daß ich auch keinen Vater mehr habe! Mit einem Wort, laß mich zu Ende kommen. Gewähre mir Erlaubniß zur Reiſe— ich bitte Dich darum— fußfällig, wenn es ſein muß.“ „Ah, endlich, aber mit dem Stock in der Hand. Nicht wahr? Und wenn ich Dir nun Deine Bitte abſchlage?“ „Dann gehe ich ohne Deine Erlaubniß. Ich bin militairpflichtig. Ich kann eintreten, wann und wo ich will, die dazu nöthigen Papiere ſind in meinen Händen.“ Der Baron ſtand verblüfft vor dem unerſchütter⸗ lichen Werner. Das hatte er am wenigſten erwartet. „Aha,“ dachte er,„ein Soldat will er werden! Er hat alſo eine noble Paſſion!“ Und ſchon beſann er ſich, ob er nicht einwilligen ſollte.„Nein,“ ſagte er plötzlich laut,„jetzt noch nicht, das kommt mir zu früh, zu unverhofft, das koſtet Geld und ich habe jetzt keins. Ich verweigere Dir alſo meine Erlaubniß und verſage Dir jede Unterſtützung dazu.“ „Gut, dann gehe ich ohne Deine Unterſtützung. So viele Mittel habe ich mir erſpart, um aus meiner eigenen Taſche zu leben, bis ich das Erbtheil meiner Mutter antrete. Es ſind nur noch dreizehn Monate bis dahin.“ 220 Der Baron war entkräftet, er wußte, daß Werner in dieſem Punkte Recht hatte, und vor der Auszahlung dieſes Erbtheils fürchtete er ſich, aus Gründen, die wir ſpäter erfahren werden. Allein der Geiſt des Widerſpruchs war ſtärker in ihm, als ſeine Einſicht. „Nein,“ wiederholte er barſch,„Du bleibſt hier, und ſo lange, bis ich Dir zu gehen erlaube.“ „Wohl, mein Vater, ſo ſage ich Dir einen guten Morgen.“ Mit dieſen Worten war er aus dem Zimmer ge⸗ ſchritten, ehe ſich ſein Vater noch beſonnen hatte, was nun kommen würde. Kaum aber befand ſich Letzterer allein, ſo befiel ihn eine gränzenloſe Wuth. Hätte er den Buben, wie er ihn zehnmal in einem Athem nannte, gehabt, er hätte ihn geprügelt. Es dauerte eine Weile, ehe er zu einem klaren Gedanken kommen konnte.„Wie,“ rief er endlich,„alſo ſo iſt die Brut der heutigen Zeit beſchaffen? Iſt das der Dank dafür, daß er mein Sohn iſt? Er will mir vorſchreiben, was ich aus ihm machen ſoll? Iſt er ſich noch nicht genug? Und Soldat—? Hm!“ Plötzlich beruhigte er ſich wunderbar, aber nicht etwa durch ſeinen eige⸗ nen Gedanken, ſondern er hatte einen Blick aus dem Fenſter geworfen und einen eigenthümlichen Anblick gehabt. —— 221 Draußen vor dieſem Fenſter, jenſeits des Grabens, nicht vierzig Schritte von ihm entfernt, ſah er ſeine Frau, die heute zum erſten Mal das Zimmer verlaſ⸗ ſen hatte, und Sophie und Joſeph Sohn ſtehen. Sie hielten alle Drei kleine Körbe mit Erbſen in den Hän⸗ den und fütterten Tauben auf dem Felde. Und merk⸗ würdig ſtimmten die drei Menſchen auch in ihrer äu⸗ ßeren Erſcheinung mit ihrem friedlichen Thun überein. Nie war ihm das Geſicht ſeiner Frau ſo mild, ſo ſüß vorgekommen, nie war ihm Sophie ſo ſchön, ſo blü⸗ hend erſchienen, und der Hauslehrer— nein! ein Menſch mit ſolchem harmloſen, friedfertigen Geſicht konnte nicht einen Sohn wider ſeinen Vater aufge⸗ hetzt haben. Aber da— lag es in ſeinen Augen, die von Blut überfüllt waren, das der Zorn in ihm auf⸗ geregt— was ſah er da oder was erſchien ihm da? Es war merkwürdig und gewiß eine Täuſchung. Der Hauslehrer ſtand dicht neben der Baronin, das Profil ihrer Geſichter, die die Morgenſonne beſtrich, nach ihm hingewandt. Wenn dieſe beiden Geſichter ſich in dieſem Augenblicke nicht wunderbar ähnlich ſahen, dann gab es keine Aehnlichkeit auf Erden. Den Baron packte dieſer auffallende Gedanke mit einer ganz eigenthümlichen Gewalt. Aber da wandte ſich die Baronin und— die Aehnlichkeit war fort. 222 „Bah!“ ſagte der Baron.„Welche Dummheit! Was man für Gedanken hat! Dieſer Lumpenkerl! Haha! Das macht der Aerger— aber warum är⸗ gere ich mich eigentlich? Um den albernen Werner? Das wäre ſehr unnütz, lieber Kerl!“— So nannte ſich der Baron, wenn er vertraulich mit ſich ſelbſt ſprach.—„Laß ihn laufen, wenn er durchaus fort will— ich entbehre ihn nicht— er wird ſchon wie⸗ derkommen. Hier als Freiherr zu leben, iſt beſſer als wo anders General zu ſein. Hoho! Wie konnte ich mich ſo fortreißen laſſen. Hätte ich an meine Ver⸗ dauung und mein Diner beim Grafen heute Mittag gedacht— wahrhaftig, das wäre mir nicht begegnet.“ Und als wäre ihm wirklich Nichts begegnet, ſo ru⸗ hig kleidete der Baron ſich an, ließ ſein Pferd ſatteln und ritt davon, ohne einem einzigen Mitgliede ſeiner Familie einen guten Morgen geboten zu haben. Aber was geſchah hinter ihm im Hauſe? Noch Einer, von Niemandem beargwöhnt, von Niemandem für den Augenblick geſucht, rüſtete ſich zur Reiſe, wie⸗ wohl zu einer weiteren, und das war Werner, der noch an dieſem Tage ſeinen lange mit ſich herumge⸗ tragenen Entſchluß zur That werden ließ. Um zwölf Uhr hatte er ſich heimlich ein Pferd ſatteln und ihm einen kleinen Mantelſack auflegen 2 223 laſſen. Während die Damen und Joſeph ſich in den Zimmern des Schloſſes aufhielten, ging er ruhig in den Hof hinab, ſtieg in den Sattel und ritt auf dem Wege nach Neuſtadt fort! Bei Tiſche fehlte er. Da dies aber öfter vorgekommen war, ſo achtete Niemand dar⸗ auf. Als er aber auch Nachmittags und Abends nicht kam, wurde Sophie unruhig und theilte Joſeph ihre Sorge mit. Joſeph ſetzte ſich zu Pferde und ritt in der Umgegend herum, um Werner zu ſuchen. Da ſah er einen ſtädtiſch gekleideten Mann über das Feld traben, und das Pferd, worauf er ſaß, ſchien Wer⸗ ner's zu ſein. Ja, es war ein Schimmel und Joſeph kannte es genau. Werner war es nicht, er konnte es nicht ſein, denn der Reiter war zu klein und zu dick. Joſeph überrieſelte eine Unheilsahnung. Sollte Wer⸗ nern ein Unglück begegnet ſein? Schnell ritt er dem Fremden entgegen und da vernahm er denn zu ſeinem höchſten Erſtaunen, daß Herr Werner von Haldrun⸗ gen den Mann in Neuſtadt gedungen, das Pferd und einige Briefe nach Brenkowitz zu bringen, wofür er ihm eine gute Belohnung gegeben hatte. Joſeph erfaßte die Briefe mit zitternder Hand, bat aber den Mann, ihm nach dem Gute zu folgen, um ihn ſelbſt ſeine Neuigkeiten erzählen zu laſſen. Die waren denn bald erzählt. Die Briefe aber, die man 224 ſogleich geleſen hatte, waren Abſchiedsbriefe, an die Baronin, Sophie und Joſeph gerichtet, in denen er ihnen ankündigte, daß er es für gut befunden habe, ſich auf ſeine eigenen Füße zu ſtellen, um irgendwo in einer großen Stadt unter die Soldaten zu gehen. Alle Drei, die gleichzeitig dieſe Briefe laſen, ſtan⸗ den und ſaßen erſtarrt da. Keines ſprach ein Wort, nur ihre Blicke trafen ſich. Was aber ſprachen dieſe Blicke? Einen einzigen Gedanken ſprachen ſie aus: Werner hat ſein väterliches Dach verlaſſen, aber nicht — um Soldat zu werden. Sechſtes Mapitel. Die Unterredung unter vier Augen. Als der Baron an demſelben Abend ſpät, aber ſeelenvergnügt von ſeinem gräflichen Schmauſe nach Hauſe kam, erwartete er nicht, ſeine Schweſter noch wach und ſogar in ſeinem Zimmer zu finden; allein Fräulein Sibylle konnte es ſich nicht nehmen laſſen, die unerhörte neue Mähr ihrem Bruder brühwarm zu berichten und ihre eigenen Bemerkungen an den ſeltenen Fall zu knüpfen. Da wickelte ſich denn eine gewaltig lärmvolle Scene im Zimmer des Barons ab. Denn daß der ungerathene Schlingel, wie er ihn nannte, aus ſeiner Drohung Ernſt machen und ſein väterliches Haus wider Willen des Vaters ver⸗ laſſen würde, um einer eigenſinnigen kindiſchen Laune oder einer plötzlichen phantaſtiſchen Eingebung zu folgen, das lag ſo außer aller Berechnung des Ba⸗ Emery Glandon. II. 15 226 rons und jenſeits der Gränzen Deſſen, was er in Bezug auf ſeine Autorität für möglich hielt, daß er es auch jetzt noch nicht geglaubt haben würde, wenn die über⸗ ſandten Briefe es nicht ſonnenklar bewieſen hätten. Nie hatte man ihn im Schloſſe ſo toben und lärmen gehört, und ſelbſt ſeine gewiß nicht ängſtliche Schwe⸗ ſter bekam vor ihm Furcht, da er Allen, die ihm dies Unheil eingefädelt, den Hals zu brechen drohte. Tante Sibylle nahm ſich daher in Acht, ihn noch mehr zu reizen, gab ihm in allen Dingen Recht und ließ ungehindert den glühenden Vulkan alle Lava auswerfen, die er in ſeinem Innern trug. So trat denn bald das Ende des Paroxysmus' ein; der Ba⸗ ron hatte ſich Luft gemacht und fühlte ſich erſchöpft. Er ließ ſich in einen Seſſel ſinken und Sibylle nahm mit einer mitleidigen und ihren armen Bruder aus tiefftem Herzen bedauernden Miene vor ihm Platz. Da tauchte in ihrem Kopfe ein unheilvoller Gedanke auf; die Gelegenheit ſchien ihr günſtig, ſich an dem verhaßten Hauslehrer zu rächen und ihm, der ihr nach und nach allen Boden unter den Füßen wegge⸗ zogen und ſie, ihrer Meinung nach, um den erſten Platz in der Familie gebracht, den allmäligen Unter⸗ gang zu bereiten. „Wer, meinſt Du wohl, hat bei dieſer eben ſo — 227 kecken wie verwerflichen Unternehmung am meiſten geholfen?“ fragte ſie lauernd. „Ich will nicht hoffen, daß Du Deine Hände auf irgend eine Weiſe im Spiel gehabt haſt—⸗ „Leopold! Wie kannſt Du ſo etwas denken— aber ich ahne— ich vermuthe—“ „Was?“ „Daß der Muſikant ſeine Abſicht dabei gehabt hat.“ „Wer? Der Hauslehrer? Ei Gott bewahre, nicht im Geringſten.“ „Woher weißt Du das ſo beſtimmt?“ „Das ſehe ich. So viel Menſchenkenntniß beſitze ich. Sieh das Geſicht dieſes Menſchen an und Du wirſt Dir ſelbſt ſagen, daß der Nichts hinter unſerm Rücken thut. Er hat das ehrlichſte Geſicht, was hier im Hauſe exiſtirt.“ „Wie doch die Männer ſo kurzſichtig ſind! Das iſt es ja eben. Der Menſch trägt eine Maske, er iſt ein Wolf, der ſich in die Haut eines Lammes gehüllt hat, das habe ich vom erſten Tage an geſehen.“ „Dummes Zeug! Du haſt ſchon manchmal et⸗ was Uebles vorhergeſagt, was nicht eingetroffen iſt. „Denke an Werner's That— iſt das nicht Uebles genug? Und wer weiß, was noch kommt!“ „Das iſt altes Weibergewäſch! Abgemacht! Wenn 15* * 228 Du keine Beweiſe haſt, ſo laß mich mit Deinen Ver⸗ dächtigungen ungeſchoren. Ueberzeuge mich, dann will ich Dir glauben. Ich halte den Menſchen für gut ſund damit baſta!“ Sibylle erhob ſich ergrimmt. Sie ſah ein, daß ſie für jetzt nicht weiter gehen dürfe, denn ihr man⸗ gelte in der That jeder handgreifliche Beweis. Aber ſie faßte den Entſchluß, ſich einen zu verſchaffen und ſollte ſie ihn aus der Hölle holen. In ihrem Bette dachte ſie darüber noch weiter nach und ſprach ihre Meinung gegen die mit ihr in einem Zimmer ſchla⸗ fende Urſel aus.„Na ja,“ ſagte ſie zu ihr, die ſchon halb eingeſchlafen war,„da haben wir's! Wenn ich nur dieſer Sache auf den Grund kommen könnte! Denn zu denken, daß der Werner dem Judenbalge nachgelaufen, was mir auch ſchon eingefallen iſt, wäre zu ſchauderhaft, als daß man es für möglich halten könnte. Nein, nein, dahinter ſteckt ein andrer Plan. Mein Bruder muß mit Blindheit geſchlagen ſein, daß er das nicht ſieht. Und daß der hergelau⸗ fene Muſikant mit dabei eine Rolle ſpielt, darauf wette ich. Aber Geduld— es wird ſich ſchon offen⸗ baren. Unſre Zeit mit ihm iſt noch nicht gekommen. Doch ſie wird kommen, Urſel, ich habe es ſchon ge⸗ ſagt und ſage es noch einmal. Gieb Acht!“ 229 „Willſt Du nicht ſchlafen, Sibylle? Ich bin müde.“ „Schlafe, meinetwegen ſo viel Du willſt, aber wenn mir die Galle das Herz abdrückt, kann ich kein Auge ſchließen— ich werde alſo denken.“ „So denke für mich mit. Gute Nacht!“ Es war eine ganz natürliche Sache, daß in den nächſten Tagen auf dem Gute von nichts Anderem die Rede war— jedoch wohlweislich außer Hörweite des Barons— als von der Abreiſe Werner's. Nicht allein in den Stuben der Diener, auch in den Zim⸗ mern der Herrſchaft wurde nur dieſer eine Gegenſtand verhandelt. Einmal, als der Hausherr am Abend kurze Zeit im Verſammlungszimmer verweilte, ver⸗ ſuchte es die Baronin, darauf zurückzukommen und die düſtere Stirn des jähzornigen Mannes durch mil⸗ den Zuſpruch aufzuheitern, allein das gelang ihr ſo ſchlecht, daß ſie von nun an in geduldigem Schwei⸗ gen verharrte. Der Baron wurde ſo heftig, faſt grob, wie er noch nie gegen ſeine Gemahlin geweſen war, und das an ſich ſchon mißhellige Verhältniß zwiſchen Beiden ward dadurch noch trüber geſtaltet. Er ent⸗ fernte ſich ſogleich, warf die Thüren ſo gewaltſam zu, Sdu die Fenſter klirrten, und geberdete ſich wie ein 230 Mann, der da meint, durch ſolche Darlegung ſeines Zorns Berge verſetzen zu können, was doch nie ge⸗ ſchieht und in der Regel die Gegenpartei nur noch mehr erbittert und in ihrer Meinung befeſtigt. Von dieſem Abende an veränderte ſich die bisher ſo ruhige Phyſiognomie des friedlichen Stilllebens in Brenkowitz auf eine ſehr bemerkliche Weiſe. Ein trü⸗ ber Geiſt des Mißtrauens und Unwillens kehrte als Gaſt ein. Der Baron, der plötzlich von Allen nach⸗ läſſig behandelt zu werden vorgab, dem man das Wichtige verſchweige und nur das Ueberflüſſige mit⸗ theile, den man überhaupt nicht für Das anſehe, was er ſei, der Herr des Hauſes, fing an ſich ſpeciell um jede Kleinigkeit zu bekämmern, was ihm früher nie eingefallen war, und wodurch er mehr Störung und Unordnung herbeiführte, als Ordnung und Zucht. Vom Morgen bis zum Abend tobte er durch Haus und Hof, kanzelte die Diener ab, keifte mit der Schweſter, und die Einzigen, die er wunderbarer Weiſe mit ſei⸗ nem Grolle verſchonte, waren Sophie und Joſeph. Das kam aber wahrſcheinlich daher, weil Beide ihm vor wie nach mit gleicher Ruhe und Achtung begeg⸗ neten, und kluger Weiſe es vermieden, ihm vor Au⸗ gen zu treten, wenn er zürnte und wetterte, vielmehr harmlos wie ſonſt bei ihren Inſtrumenten blieben und 231 ihre heitere Muſik wie die Stimme eines verſöhnen⸗ den Geiſtes durch das Haus erſchallen ließen, wenn der böſe Geiſt des Unfriedens Alles von Oben nach Unten kehrte. Jemehr der Baron aber ſelbſt die beiden jungen Leute mit ſeiner Wildheit verſchonte, jemehr er ihrem ſtillen Verhalten durch Schweigen ſeine Achtung und Billigung zollte, um ſo aufgebrachter wurde Fräulein Sibylle gegen ſie, zumal ſie die Einzigen waren, die ſie mit ihrem Zorne erreichen konnte. Denn die Ba⸗ ronin, von dieſem ungewöhnlichen unholden Treiben bis in die innerſte Seele erſchüttert, war in ihr Zim⸗ mer zurückgeflohen, und bis dahin reichte weder die blinde Heftigkeit des gebieteriſchen Herrn, noch die hämiſche Verfolgung und der verbiſſene Spott ſeiner vortrefflichen Schweſter. So waren denn Sophie und Joſeph mehr wie je auf ſich angewieſen und beſchränkt, und ſo unange⸗ nehm ihnen die Urſache dieſer Beſchränkung war, ſo bot ſie ihnen doch ſüße Nahrung genug, das ſtille Verlangen ihrer Seelen, die geheime und mit gewal⸗ tiger Kraft wachſende Neigung ihrer Herzen zu nähren und allmälig auf den Gipfelpunkt zu führen, wöhin jede ſolche Neigung einmal führen muß, wenn ſie nicht in ſich ſelbſt erlöſchen oder das entflammte 232 Herz vernichten ſoll— zu einer lauten und deutlichen Darlegung derſelben. Allein noch waren ſie nicht ſo weit gekommen und es mußte noch ein anderer Gäh⸗ rungsſtoff hinzutreten, um auch dieſen lange genug im Verborgenen glimmenden Brand zur hellen Flamme anzuſchüren. Wenn Fräulein Sibylle ſich nun vorgeſetzt hatte, das Treiben dieſer beiden jungen Leute genauer als ſonſt, mit Luchsaugen, wie ſie Urſel ſagte, zu beob⸗ achten, ſo wurde ihr dieſes Geſchäft dadurch leichter gemacht, daß ihre Aufmerkſamkeit nicht ſo viele Ge⸗ genſtände und Perſonen wie früher in's Auge zu faſ⸗ ſen brauchte. Das heitere Ungeſtüm Werner's ſtand ihr nicht mehr bei Joſeph, und Rachel's beſtändiger Gleichmuth nicht mehr bei Sophien im Wege, denn vor dem ſcharfen Beobachtungsgeiſte der beiden Ab⸗ weſenden, obgleich er ſich nur insgeheim kundgethan, hatte ſie von jeher einen inſtinktartigen Reſpect gehabt. So galt es denn Joſeph und Sophien, vorſichtig zu ſein und Beide waren es aus natürlichen obwohl ver⸗ ſchiedenen Gründen, Sophie aus einem ihrem jung⸗ fräulichen Weſen entſpringenden Zartgefühl, und Jo⸗ ſeph aus beſcheidener Zurückhaltung und ſeine Stellung ſtets im Auge behaltender Selbſtbeherrſchung. Und doch, wenn die beiden alten Jungfern nicht zu ſchnell 233 in ihren Fortſchritten, nicht zu kühn in ihren Ver⸗ muthungen, und zu befangen in ihren althergebrachten Ideen von der Liebe der Jugend geweſen wären, es hätte ihnen gewiß nicht ſchwer werden können, aus dem Benehmen beider jungen Leute die volle Wahr⸗ heit zu ergründen. Denn das zärtliche Gefühl, wel⸗ ches in Beider Buſen wogte und fluthete, verrieth ſich in jedem ihrer Blicke, ihrer Worte, in allen ihren Aufmerkſamkeiten gegen einander, und der Augenblick konnte nicht mehr fern ſein, wo es in hellen Flammen aufloderte und weithin leuchtend die engen Gränzen überſchritt, in die es bisher mit Gewalt eingedämmt war. Die beiden alten Jungfern aber wollten mehr ſehen, als zu ſehen war, und ſo überſahen ſie das, was wirklich vor ihren Augen lag. Es iſt indeſſen merkwürdig, auf welche ſeltſame Weiſe bisweilen eine Erklärung zwiſchen Liebenden erfolgt. Nicht immer iſt es die Einſamkeit, die als glückliche Zuſchauerin zu einem ſolchen intereſſanten Vorgange zugelaſſen wird, oft iſt es gerade die ge⸗ räuſchvolle Welt, die mit ihrem ſchirmenden Fittich die ſüße Flamme bedeckt, daß ſie nicht allzu hoch auf⸗ lodere und in aller Gegenwärtigen Augen falle. Hier bei unſerem Paare ſollte weder die Eine Zuſchauerin, noch die Andere Schirmerin, nur zwei klarſehende 234 Augen und ein einziges fühlendes Herz ſollten zu Theil⸗ nehmern und Zeugen berufen ſein, um dieſem ſtillen Bunde die Weihe zu geben. Die Urſache aber, die dieſe bedeutungsvolle Wirkung hervorbrachte, ſollte von Joſeph ſelbſt ausgehen, auf eine Weiſe, wie weder er ſelber noch irgend ein Andrer es kurz vorher gedacht hatte, und Werners im Schmerze der Verzweiflung ausgeſprochene Prophezeihung ſollte ſich alſo nicht allein bei Rachel, ſondern auch bei Sophie und Jo⸗ ſeph als Wahrheit erweiſen. Die Verwandlung, die einmal mit Rachel begonnen, ſchritt unaufhaltſam vorwärts, und des ſo ungerecht geſchmähten Zauberers erſter Entſchluß war beſtimmt, eine ganze Reihe un⸗ geahnter und für unmöglich gehaltener Ereigniſſe her⸗ beizuführen. Mit tiefgreifendem Wehgefühl betrachtete Joſeph Sohn die ſich ſo raſch entwickelnde allgemeine Zer⸗ rüttung und die endloſe Mißſtimmung in einer Fa⸗ milie, in der er ſich ſeit einem Jahre ſo glücklich ge⸗ fühlt hatte und wo bisher Alles, wenigſtens ſo weit er es von ſeiner Stellung aus beurtheilen konnte, in friedlicher Entwickelung vor ſich gegangen war. Da dieſe Zerrüttung und Mißſtimmung mit Rachel's Ent⸗ fernung begonnen hatte, Rachel von ihm ſelbſt aber der Familie zugeführt war, ſo konnte es nicht fehlen, 235 daß er bei ſeiner rechtlichen Denkungsweiſe und bei ſeiner beſcheidenen Selbſtbeurtheilung in ſeinem eige⸗ nen Erſcheinen auf Brenkowitz die Grundurſache der ausgebrochenen Zwietracht ſah. Nachdem dieſer Ge⸗ danke ſich erſt einmal in ihm entwickelt und feſtge⸗ ſetzt hatte, wurmte er ihn auf eine höchſt martervolle Weiſe, und wie er von jeher gewohnt war, einen Irrthum oder Mißgriff, den er begangen, aus ſich ſelbſt heraus anzugreifen und wo möglich wieder gut zu machen, ſo war er bald ſo weit mit ſich gekommen, darüber zu Rathe zu gehen, wie er das angerichtete Unheil abwenden und vergeſſen machen könne. Allein, es iſt wohl ſehr löblich, über dergleichen nachzudenken, aber es iſt auch ſehr ſchwer, die rechte Abhülfe dafür zu finden, denn geſchehene Dinge laſſen ſich niemals wieder ungeſchehen machen und ein vorhandenes Uebel wird nur ſelten durch den feſten Willen, es auszu⸗ rotten, beſeitigt, oft ſogar durch das gewählte Mittel noch übler gemacht. So war es auch bei ihm und mit dem Mittel der Fall, welches er hier allein für unfehlbar hielt. Joſeph Sohn war ein zu redlicher Menſch, gegen ſich und Andere, als daß er, wenn ſein Handeln ei⸗ nen allgemeinen guten Zweck betraf, an ſeinen per⸗ ſönlichen Vortheil hätte denken ſollen; ſein eigenes 236 Wohlſein galt ihm in ſolchen Fällen nicht mehr als das jedes Anderen. Daher dachte er auch jetzt nicht an ſeine eigene gegenwärtige Lage, ſondern allein an das Wohl der Familie des Mannes, deſſen Brod er aß. Mit einem Wort, er ſah kein andres Mittel der Wiederherſtellung der früheren Einigkeit der Familie, als wenn er, ein moderner Curtius, ſich dem allge⸗ meinen Wohle zum Opfer brächte und um ſeinen Ab⸗ ſchied bäte, wo ſeine Gegenwart ſeit Werner's Ent⸗ fernung nicht mehr unerläßlich erſchien. Auch fürchtete er, der Baron, einmal gegen ihn eingenommen und leidenſchaftlich aufgeregt, werde nächſtens ſelbſt dieſen Vorſchlag machen, denn daß man ihn ferner noch im Schloſſe behalten würde, um einer jungen Dame ei⸗ nigen Unterricht zu ertheilen, die längſt über das Alter des Lernens hinaus war, das konnte er ſich unmög⸗ lich vorſtellen, ſo erwünſcht es ihm auch geweſen wäre, noch eine lange Zeit in ihrer Nähe zu weilen, die ihm aus einer Schülerin eine mit ganzer Seele an⸗ gebetete Geliebte geworden war. Dieſem Aufkündigen eines Dienſtes, gleich herbe und bitter für Den, den es trifft, wie für Den, von dem es ausgeht, wollte er zuvorkommen. Aber nicht voreilig wollte er hier— bei zu Werke gehen, nicht zerreißen wollte er den ſo feſt geſchürzten Knoten, nein, ſanft auflöſen wollte er 237 ihn, um wo möglich die beiden Enden des Fadens in Händen zu behalten und künftig vielleicht, ſo Gott es wollte, unter beſſern Verhältniſſen wieder anknüpfen zu können. Kaum war dieſer Entſchluß in ihm geboren, ſo ſann er auch ſchon über ſeine angemeſſenſte Ausfüh⸗ rung nach. Aber dieſes Nachſinnen war nicht in Mi⸗ nuten, Stunden und Tagen vollbracht— es gab Klippen zu umſchiffen, Untiefen zu vermeiden und Gefühle zu ſchonen, die nicht noch heftiger aufgeregt werden durften, daher erforderte es Zeit. Außer der Zeit aber forderte es noch Kraft zu manchem heißen, ſtürmiſchen Kampfe mit ſich ſelber. Wieder aber kam dieſes Selbſt bei ihm nicht in erſter Reihe, ſondern erſt nach vielen Anderen, und endlich war es bezwun—⸗ gen, er ſah es zu ſeinen Füßen überwunden liegen, er fühlte das ſchmerzliche Zucken des geopferten Her⸗ zens, aber es hielt ihn nicht auf, den einmal für rich⸗ tig erkannten Weg bis zum Ende zu verfolgen. Allein dieſes Kämpfen und innerliche Abarbeiten war ſo gewaltig in ihm, daß er es nicht auf die we⸗ nigen Stunden beſchränken konnte, die er mit ſich und ſeinem Schmerze allein zubrachte, es verrieth ſich in ſeinem ganzen Weſen, in jedem mit Wehmuth geſpro⸗ chenen Worte, in jedem ſſein ganzes Glück jetzt noch 238 mit letzter Innigkeit betrachtenden Blicke. Er war ſtill, viel ſtiller als früher, und weicher geworden, ſeine innere Beklommenheit ſprach ſich in äußerlicher Zer⸗ ſtreutheit aus, ſeine ſelbſtquäleriſchen Gedanken ſpie⸗ gelten ſich in düſteren Zügen auf ſeiner ſonſt ſo glatten und wolkenloſen Stirn wieder. Er ſelbſt ſah und be⸗ merkte das freilich nicht, aber Andere ſahen, bemerkten es um ſo mehr. Und vor Allen war es das ſcharfe Auge der Liebe, das ſeine kämpfende Anſtrengung gewahrte und ſeine von dieſen Kämpfen belaſtete Seele verſtand. Wie aber bei ſo nahe verwandten Seelen der Rückſchlag, die Gegenwirkung nie ausbleibt, die eine fühlt, was die andere empfindet, wie Schmerz und Trübſal, wie Wonne und Seligkeit getheilt wer⸗ den, ſo bewirkte ſeine Verwandlung auch die Verwand⸗ lung Sophiens, auch ſie ward ſtill, ward traurig, ward von unbeſtimmten dunklen Ahnungen eines be⸗ vorſtehenden Schickſalsſchlages beklommen. Das nahm ſo zu, das bewältigte die ſchwächere Widerſtandskraft des weicheren Mädchenherzens ſo vollkommen, daß ſie endlich keinen andren Ausweg wußte, um ſich zu ret⸗ ten, als ſich eine Vertraute zu wählen, die ihr großes Leid tragen helfen konnte. Dieſe Vertraute war und konnte keine andere ſein, als ihre Mutter, mit der ſie, wie durch Blutsbande mit einer älteren Schweſter 239 verbunden, ſeit ihren Kinderjahren auf das Engſte vereinigt war. Zu ihr alſo flüchtete ſie auch jetzt, ihr theilte ſie mit, was ſie befürchtete, und ohne ihr einen vollſtändigen Einblick in ihr Herz zu gewähren, der das ganze Räthſel auf einen Schlag gelöſt hätte, bat ſie ſie nur, mit ihrem ganzen Einfluſſe dahin zu wir⸗ ken, irgend ein drohendes Unheil abzuwehren, welches ihrem Gefühle nach dicht über ihrem Haupte ſchwebte. Die Baronin, tief ergriffen von der Herzensangſt des holden Mädchens und ihr jede mögliche Abhülfe zu bringen bereit, faßte Joſeph Sohn ſchärfer in's Auge und, einmal auf den richtigen Weg gewieſen, gelang es ihrer Erfahrung ſehr bald, die auffallende Veränderung des ihr ſo lieb gewordenen Mannes ebenfalls zu erkennen, die das Auge der Geliebten inſtinktartig errathen hatte. Wenige Tage genügten ihr, zu entdecken, daß hier bald geholfen werden müſſe, wenn jede Hülfe nicht zu ſpät kommen ſolle, und ſo beſchloß ſie, ſich vertraulicher Weiſe an Joſeph ſelbſt zu wenden und mit ihm über ſein geheimnißvolles Brüten zu reden. Zu derſelben Zeit aber, wo die Baronin zu dieſem Geſpräche Gelegenheit ſuchte, ſchien auch Joſeph die äußerſte Friſt gekommen, ſeinen Entſchluß zur That werden zu laſſen, und ſo begegneten ſich Beide in ei⸗ 240 ner und derſelben Abſicht, obgleich ſie Beide ein ganz verſchiedenes Ziel vor Augen hatten. Es war eines Morgens, nachdem Joſeph mit grö⸗ ßerer Zerſtreutheit denn je ſeinen Muſikunterricht ertheilt, als er der Baronin einen kurzen Beſuch abſtattete und ſie für denſelben Abend um eine Unterredung unter vier Augen bat. Mit ſichtbarem Behagen nahm ſie dieſen Antrag auf und verſchwieg, daß ſie einen ähn⸗ lichen an ihn zu richten ſchon beabſichtigt habe. Sie bezeichnete ihm die neunte Abendſtunde, nachdem er ſeinen gewöhnlichen Dienſt bei dem Hausgottesdienſt ihrer Schwägerin geleiſtet haben würde, und damit war Joſeph einverſtanden. Kaum hatte er ſich entfernt, ſo trat Sophie bei der Mutter ein und hörte, um was es ſich handele. Da war ſie denn ſo tief ergriffen, daß ſie die mütter⸗ liche Freundin um Gotteswillen bat, ſie eine ungeſe⸗ hene Zeugin dieſer Unterhaltung ſein zu laſſen, und nach längerem Hin⸗ und Herreden, Ueberlegen und Abwägen, kamen Beide dahin überein, daß Sophie, hinter der Mutter Windſchirm verborgen, hören ſollte, was ihr der Hauslehrer mitzutheilen haben werde. Erſt als Sophie ſich wieder entfernt hatte, bedachte die Baronin das Gefahrvolle dieſes Unternehmens und machte ſich Vorwürfe, den Bitten der Tochter zu 6½ 4 241 ſchnell nachgegeben zu haben. Denn was es auch war, was Joſeph ihr zu verrathen hatte, Das konnte ſie ſich nicht verhehlen, daß es entweder den jungen Mann allein betraf, ihn alſo verletzen müßte, wenn er erfuhr, daß auch Sophie eine Zeugin ſeines Ver⸗ trauens geweſen war, oder daß es Sophien ſelbſt be⸗ traf, die ſich dann in eine Lage gebracht hätte, aus der ſie Nichts in der Welt zu befreien im Stande wäre. Allein die Erlaubniß war einmal ertheilt, und mit ihrem nachgiebigen, ſanften Herzen, das ſo gern allen ihren Lieben gerecht wurde, konnte die Baronin ſie nicht wieder zurücknehmen.„Wie Gott will,“ ſagte ſie ſich endlich zum Troſte, nachdem ſie ſtundenlang darüber hin und her gedacht,„ſchon ſo mancher Kelch iſt an meinen Lippen vorübergegangen und ſo wird auch dieſer vorübergehen. Sophie aber mag bei Zeiten lernen, daß die Welt kein Eden, ſondern ein irdiſcher Garten, voller Blumen zwar, aber auch vol⸗ ler Dornen und Unkraut iſt.“ Die neunte Abendſtunde war gekommen. Die Ba⸗ ronin hatte, der Verabredung gemäß, während die Ueb⸗ rigen noch bei Tiſche ſaßen, durch Valentin um Herrn Sohn's Beſuch in ihrem Zimmer bitten laſſen, damit Emery Glandon. II. 16 242 Fräulein Sibylle etwaige fernere Anſprüche an ihn aufgebe. Kurz bevor Joſeph die Damen verließ, hatte Sophie der Tante und ihrer Freundin gute Nacht ge⸗ ſagt und ſich auf ihren Poſten begeben. Einige Mi⸗ nuten nach neun Uhr trat der Gerufene bei der Ba⸗ ronin ein und fand ſie auf ihrem Seſſel dicht vor dem Schirme ſitzen, hinter dem Sophie auf einem Stuhle Platz genommen hatte. Der Baronin, vor der ein Tiſch ſtand, gegenüber, etwa ſechs Schritt vom Schirme entfernt, war ein Stuhl geſtellt, und auf dieſen ſich niederzulaſſen ward Joſeph nach ſei⸗ nem Eintritt freundlichſt erſucht. Die beiden Parteien beobachteten anfangs ein längeres Stillſchweigen, als wollten ſie ſich gegenſeitig von dem weittragenden Ernſte ihres Vorhabens Rechenſchaft ablegen; ſo gewahrten ſie denn Beide die Spannung, die unverkennbar auf ihren Geſichtern ausgeprägt lag. Die Baronin ath⸗ mete etwas ſchnell und war roſig angehaucht; das Be⸗ wußtſein, daß ſie eine doppelte Rolle ſpiele, machte ihr Herz klopfen, und Joſeph ſah zu ſeiner Verwun⸗ derung den Buſen der ſonſt ſo ruhigen Frau in un⸗ gewöhnlicher Wallung. Sein Geſicht, in der letzten Zeit bleich und umwölkt, war ebenfalls in beweglicher Aufregung, und in ſeinen blitzenden Augen lag heute eine fieberhafte Gluth, die die Baronin unwillkürlich 243 erbeben ließ, denn ſo, wie der junge Mann jetzt aus⸗ ſah, glich er einem Bilde, das in ihrer tiefſten Seele ſchlummerte und nie daraus verwiſcht werden konnte, mit einem Wort einem Bilde, an welches er ſie ſchon oft, aber nie ſo mächtig wie jetzt erinnert hatte. „Gnädige Frau,“ begann Joſeph die Unterhaltung, „ich danke Ihnen, daß Sie mir dieſe Unterredung unter vier Augen bewilligt haben, denn es iſt etwas Wichtiges— für mich wenigſtens— was ich Ihnen mitzutheilen habe und weshalb ich Sie um Ihren Rath bitten will. Ach, es wird mir ſchwer, ſehr ſchwer, glauben Sie es mir, Ihnen zu enthüllen, was mich lange im Herzen quält, aber ich kann, ich darf es nicht länger allein bewahren, denn es wird Zeit, daß ich handelnd in mein Leben greife.“ Die Baronin athmete tief auf, als ſie dieſe räth⸗ ſelhaften Worte hörte, in deren Gefolge ſie etwas ganz Anderes zu vernehmen glaubte, als ſie erwartet hatte. „Vielleicht,“ fuhr Joſeph fort,„erinnern Sie ſich der erſten Unterredung, die Sie mir gleich nach mei⸗ ner Ankunft auf dieſem Schloſſe zu bewilligen ſo gü⸗ tig waren. Ich theilte Ihnen mit, daß ich froh war ein ehrenvolles Unterkommen gefunden zu haben, nach⸗ dem mich das Verhängniß durch den ſo plötzlichen 16* 244 und unerwarteten Tod meines guten Vaters aller Hülfsmittel beraubt hatte, auf die gewohnte Weiſe mein Leben fortzuſetzen. Ich fühlte mich glücklich bei Ihnen, nicht allein weil ich von Ihnen freundlich und wohlwollend behandelt wurde, ſondern auch weil ich eine meinen geringen Fähigkeiten entſprechende Thätigkeit bei Ihnen vorfand. Dieſe glückliche Lage wurde mir noch dadurch verſüßt, daß Sie die Menſchen⸗ freundlichkeit hatten, ein armes verwaiſtes Kind, wel⸗ ches die Vorſehung mir in die Hände gelegt, ebenfalls zu ſich zu nehmen und dadurch ihr Schickſal mit dem meinigen verbunden zu erhalten, wofür ich Ihnen bis an mein Lebensende zum herzinnigſten Danke verpflich⸗ tet bin. Leider ſind nun aber ſeit Kurzem Ereigniſſe in Ihrer Familie eingetreten, die Niemand von uns vorausſehen konnte und die auch wohl Niemand durch Fahrläſſigkeit oder übelangewendete Nachſicht verſchul⸗ det hat. Durch Ihres Herrn Sohnes Entfernung von hier, die ich tief beklage, aber— ich ſchwöre es bei Gott— auf keine Weiſe abſichtlich veranlaßt oder unterſtützt habe, iſt nun eine Art Spaltung in Ihrer Familie eingeriſſen und eine Lücke entſtanden, die mich tief ſchmerzt und die ich durch nichts ausfüllen kann; ja ich fühle ſogar und ſehe zu meinem Bedauern ein, daß der Grund, mich hierher zu berufen, zu beſolden 245 und zum Nutzen Ihrer Familie zu verwenden, mit je⸗ ner Entfernung weggefallen iſt. Ich möchte nicht undankbar erſcheinen für die viele Güte, die ich hier genoſſen, allein ich muß offen und ehrlich geſtehn, daß ich glaube, mit Werners Austritt aus Ihrem Kreiſe, ſo weit es mich ſelbſt betrifft, demſelben entbehrlich geworden zu ſein.“ „Wie!“ rief die Baronin erſchrocken, und zugleich erſchallte hinter ihrem Rücken ein Seufzer, der Joſeph in ſeiner Aufregung entging,„wie, Sie wollten uns verlaſſen? Wie kommen Sie auf dieſen ſeltſamen Gedanken?“ „Ich bin der Meinung, meine Entlaſſung wird mir ohne mein Zuthun bald von ſelbſt zu Theil wer⸗ den, und da ſie— vielleicht ſogar nothwendig wird, ſo frage ich Sie um Rath, wie ich am beſten aus dem Zwieſpalt gelange, in den ich ſonach über die Erſprießlichkeit meines ferneren Aufenthalts bei Ihnen gerathen bin.“ „Herr Sohn! Was muß ich hören! Sie wollten wirklich fort von hier? Haben Sie denn— o verzei⸗ hen Sie mir, daß ich Sie daran erinnere, aber Sie nöthigen mich dazu— haben Sie vergeſſen, daß Sie ſich verpflichtet, drei Jahre in unſrem Hauſe zu bleiben?“ „Nein, keinen Augenblick; aber ich glaube, daß der 246 Herr Baron mich unter den obwaltenden Verhältniſſen von dieſer Verpflichtung ſehr gern entbinden wird.“ „Was bewegt Sie zu dieſem Glauben?“ „Mancherlei, was ich mir kaum anders zu deuten wage.“ „So ſagen Sie mir das. Oder nein, ſagen Sie es mir nicht, denn Das iſt es nicht, was Sie von uns entfernt. Sie haben noch einen andren Grund — wie? Sie ſchlagen die Augen nieder? Verläßt ein edler Mann ſeinen Poſten, ehe er davon abgelös't wird? Nein, nein, das iſt es nicht— Sie treibt ein Bedürfniß von hier fort—“ Joſeph faßte ſich an die Stirn, von der der Schweiß in hellen Tropfen perlte. Er hatte ſich mit Gewalt bemüht, ſeine Regung zurückzuhalten und ſein Herz nicht zu verrathen, aber die Baronin ſah ihn ſo bit⸗ tend, ſo liebevoll, ſo vertrauensvoll an, daß er be⸗ ſchloß, auch ſeinen letzten Grund nicht zu verſchwei⸗ gen, wenigſtens ihn anzudeuten. „Ja, gnädige Frau,“ ſagte er, mitunter ſtockend, „es giebt noch einen Grund, der mich treibt, Ihnen meine Entlaſſung nothwendig erſcheinen zu laſſen. Es könnte der Fall eintreten— welcher Menſch bürgt für ſeine menſchliche Schwäche— daß ich, daß ich vergäße— nicht wer ich bin, nein, wer Ihr Herr 247 Gemahl iſt— ich meine, verſtehen Sie mich wohl, es könnten Dinge eintreten, die, indem ſie meinen Verſtand umnebeln und mein Urtheil gefangen neh⸗ men, die Gefühle meines Herzens entfeſſelten und meiner Seele freien Lauf ließen, dahin zu ſtrömen, wohin ſie ſtrebt, denn ein Menſch wie ich, Frau Ba⸗ ronin, ſo arm, ſo verlaſſen, ſo ohne allen Rang und Stand auf Erden, ſo ein Menſch hat auch ein Herz und eine Seele, und dieſe könnten leicht für ſich ge⸗ ſchaffen wähnen, was Gott der Herr nur für auserle⸗ ſene Geſchöpfe ſo reich begabt und ausgeſtattet hat. — Das iſt Alles, gnädige Frau, was ich Ihnen ſa⸗ gen darf und kann, ohne mich ſelbſt bloßzugeben— vielleicht verſtehen Sie mich nicht einmal— allein ich kann nicht dafür, daß mich eine Art Ehrfurcht vor Ihnen, eine unbegränzte Hochachtung und das Gefühl eigener Geringfügigkeit abhält, Ihnen klarer ausein⸗ anderzuſetzen, was wohl in meinem Herzen, aber nicht auf meiner Zunge Platz hat.“ Die Baronin ſank in ihrem Seſſel zurück und hielt ſich ihr Tuch vor die Augen. Plötzlich ſchaute ſie auf und ſah Joſeph Sohn feſt an.„Herr Sohn,“ ſagte ſie,„ſagen Sie mir aufrichtig, hat Ihnen irgend Je⸗ mand Veranlaſſung gegeben, zu glauben, daß wir wünſchen, Sie möchten unſer Haus verlaſſen?“ 248 „Bis jetzt kein Menſch, allein es könnte ſich leicht ereignen, daß man mir ſehr bald meinen Abſchied auf eine Weiſe ertheilt, die ich vermeiden möchte— um Ihretwillen, um des Rufs Ihrer Familie willen und um meinetwillen.“ „Und Sie wollten wirklich unſer Haus verlaſſen? Iſt das Ihr feſter, Ihr unwiderruflicher Entſchluß?“ „Ja, gnädige Frau, ich halte es für unumgäng⸗ lich nothwendig.“ Die Baronin ließ ihre ſchöne rechte Hand, worin ſie ihr Tuch hielt, auf den Tiſch fallen, die andre hielt ſie feſt auf ihr laut ſchlagendes Herz gepreßt. So ſah ſie den vor ihr ſitzenden jungen Mann, deſſen Herz von namenkoſem Schmerze zerriſſen wurde, aber der ſich dennoch kühn ermannte, den männlichſten Entſchluß, den er je gefaßt, auszuſprechen, ſo ſah ſie ihn nachdenkend, in ſeinem Herzen leſend und daſſelbe prüfend an. Es entſtand eine lautloſe Stille in dem traulichen Gemache, nur den Pendel einer Uhr hörte man ſich leiſe auf dem Kamin bewegen. In dieſem bedeu⸗ tungsvollen Augenblick, in dem Joſeph ſeinen Schick⸗ ſalsſpruch mit wachſender Unruhe erwartete, die zum Urtheil aufgerufene Richterin aber zögerte, ein Urtheil — 249 zu fällen, auf das ſie nicht vorbereitet war, ließ ſich erſt leiſe, dann lauter, ein ſanftes Weinen hören, das endlich in ſtoßweiſe hervorgebrachtes Schluchzen über⸗ ging, welches ohne Zweifel aus einer von bittrem Weh erfüllten Bruſt hervordrang. Die Baronin erhob ſich von ihrem Sitze, vor Angſt und Schreck zitternd— Joſeph, bleich wie der Tod, wollte ſich ebenfalls erheben, aber er konnte nicht, denn die eben vernommenen Schmerzenstöne lähmten ſeine ganze Kraft. Die Augen weit aufge⸗ riſſen, die Bruſt vom beklommenen Athem faſt zuſam⸗ mengepreßt, ſchaute er in die Gegend hin, woher das Schluchzen kam, dann einen Blick auf die verrathene Mutter werfend, ſah er ſie ſo durchdringend fragend an, daß ſie zur Einſicht kam, ſie werde ſich der erwar⸗ teten Antwort nicht länger entziehen können. Still, bedächtig, mit gedehnten Schritten trat ſie um den Tiſch herum auf Joſeph Sohn zu, ergriff ihn bei der Hand und zerrte ihn, mehr als ſie ihn führte, zu dem Schirm hin, hinter dem das Weinen und Schluchzen laut geworden war. „Herr Sohn,“ ſagte ſie mit vor Rührung beinahe unverſtändlichem Tone,„vergeben Sie mir, ich habe unrecht gehandelt, ich ſehe es ein, wie ich es ſchon lange gefühlt habe— wir ſind nicht allein, eine Zeu⸗ 250 gin iſt vorhanden, die Ihre Worte, welche nur für mich berechnet waren, mit angehört hat.“ Joſeph, zurückſtarrend, als befürchte er ein Geſpenſt zu erblicken, wagte nicht vorwärts zu ſchreiten. Die Baronin aber, den Schirm bei Seite rollend, wies mit der Hand auf die im Stuhle zurückgelehnt ſitzende Sophie, die ſogleich emporſprang und ſich der Mutter in die Arme warf, als ſie ſich entdeckt ſah. „Mutter! Mutter, um Gottes willen— was ſagſt Du, wozu räthſt Du ihm?“ „Wozu ſoll ich ihm rathen, meine Tochter? Ach, Du haſt es wohl begriffen, was er ſo klug verſchwiegen hat— Du, Du biſt es, die ihn aus dieſem Hauſe treibt.“ „Mutter, ich beſchwöre Dich—“ und ſie fiel vor der Mutter auf die Kniee—„erſpare es mir, den Rath auszuſprechen, den Du von mir hören willſt— ich kann nicht, ich kann nicht, denn mein Herz iſt ge⸗ brochen.“ „Sehen Sie da, Joſeph Sohn,“ ſagte die Mutter, mit einer Hand auf die knieende und in ihrem See⸗ lenſchmerz ſchön wie ein verklärter Engel erſcheinende Tochter deutend—„ſehen Sie da, wie ein weibli⸗ ches Herz auch ohne Worte Ihnen einen Rath ertheilt. Wenn Sie jetzt noch gehen und uns in unſrer Noth verlaſſen können, ſo gehen Sie—“ 251 „Gnädigſte Frau!“— und auch Joſeph Sohn lag zu ihren Füßen—„vergeben Sie mir, was ich verbrochen, wenn ich etwas verbrochen habe. Aber ich kann nicht glauben, daß es Sünde und Verbre⸗ chen iſt, ein menſchliches Weſen zu lieben, das Gott ſo herrlich geſchmückt und ſo vollkommen gebildet hat, wie dieſes hier, obgleich ſie die Tochter eines Edel⸗ manns iſt und ich nur der Sohn— ja der Sohn von einem vielleicht ſehr unbedeutenden Manne bin und Nichts mein Eigen nenne, als was in meinem armen Kopfe und in meinem zerknirſchten Herzen lebt.“ „Meine Kinder,“ fuhr die Baronin mit erhabe⸗ nem Tone fort, der mehr aus ihrer innerſten Seele als aus ihrem Munde zu kommen ſchien:„ich befinde mich Euch gegenüber in einer eigenthümlichen Lage, denn meine Pflicht ſollte Eure Neigung verdammen und mein Herz kann ſich nicht dazu entſchließen. Von mir alſo erwartet nicht, daß ich ein Richter Eurer von der Welt verpönten Neigung ſei. Warum ich dieſer Richter nicht ſein darf, kann ich Euch jetzt nicht ſagen, aber ich fühle mich nicht berufen, ein Unglück— von Euch im andren Sinne vielleicht ein Glück genannt — zu verdammen, was mich einſt ſelbſt betroffen hat. Ach, meine lieben jungen Leute, kommt einmal her, ſetzt Euch ruhig zu mir nieder und hört mich auf⸗ 252 merkſam an, und wenn Euch dieſe Worte ein Richter⸗ ſpruch zu ſein dünken, ſo nehmet ihn an und han⸗ delt danach. Weiß es Gott, ich, ich allein wäre nicht gegen Eure Liebe, denn ich bin weder ſtolz, noch hoch⸗ müthig, noch zu hochfliegenden Plänen geſchaffen, mein Herz trachtet vielmehr nach Ruhe und Frieden, um der Erinnerung der kurzen Freuden nachhängen zu können, die mir in meinen jüngeren Tagen zu Theil geworden ſind. Alſo was mich betrifft, ſo ſähe ich Euch gern glücklich vereinigt und den öden Klip⸗ pen entzogen, die dem Menſchen auf dem Ocean des Le⸗ bens drohen, allein leider ſehe ich augenblicklich keinen Ausweg, wie Ihr dieſes Glück erreichen ſollt. Vielleicht bahnt der Himmel ſelbſt in Zukunft einen Weg, wie ihn die Menſchen nicht zu bahnen verſtehn, auf dem Ihr in den Hafen Eurer Se. t gelangt. Aber bis dahin— wozu ſoll ich Eit ihene Zu dem Einzigen: ſeid zufrieden mit der erwart und den Gaben, die ſie Euch im Stillen bietet. Ihr habt noch zwei Jahre ruhigen Beiſammenſeins vor Euch— beſchränkt alſo Eure Wünſche mit weiſer Zurückhal⸗ tung auf einen geiſtigen Verkehr und perſönliches Zu⸗ ſammenſein, thut nichts, was dieſe Zeit abkürzen oder Euch vor der Zeit von einander reißen könnte. Bis dieſe Zeit abgelaufen iſt, meine liebe Sophie, hat 253 ſich vielleicht Deines Vaters Anſicht über Deine Zu⸗ kunft anders geſtaltet und er betrachtet Deine Wünſche mehr mit meinen Augen. Gott gebe es! Für jetzt aber an eine Verbindung zu denken, iſt unmöglich, das werdet Ihr ſo gut einſehen wie ich. Wenn ich — ich allein Euer Schickſal zu leiten hätte, ja dann! aber ach! ich bin ſchwach wie ein Kind in dieſem Hauſe und ein Rohr wird nicht leichter vom Hauche der Luft gebeugt, als ich mich dem Willen der hier herrſchenden Partei beuge.— Noch Eins aber, meine Kinder; kaum brauche ich Euch im Vertrauen darauf aufmerkſam zu machen, denn Ihr werdet es ſelbſt er⸗ kennen: nehmt Euch vor Fräulein von Haldrungen in Acht! Wenn ſie eine Ahnung, ach, nur eine Ah⸗ nung von Dem gewinnt, was in Euren Herzen vor⸗ geht, ſo dürfte 3 Schickſal nur allzu früh eine herbe Wendung nen. Seid alſo verſchwiegen, vor⸗ ſichtig, und nr Hene Ihr bei mir ſeid, mögt Ihr Euch ſicher ir Zarlegung Eurer Neigung fühlen. Weiter habe ich Euch für jetzt nichts zu ſagen.“ Als die Baronin dieſe Worte beendet hatte und mit liebevollen Blicken auf die neben ihr Sitzenden ſchaute, gleichſam als wolle ſie aus ihren Mienen ihre Zuſtimmung leſen, fielen Beide wie auf einen einzigen Antrieb vor ihr nieder und dankten mit thrä⸗ 254 nenden Augen und gebrochenen Worten für die müt⸗ terliche Nachſicht, die ſie ihnen hatte angedeihen laſ⸗ ſen, und Beide gelobten, ihrem Rathe zu folgen und Gott anheimzuſtellen, was ihnen von menſchlicher Seeite für den Augenblick verſagt war.— * Von jetzt an war bei Joſeph keine Rede mehr von einer freiwilligen Verbannung aus Brenkowitz. Er hatte Sophien verſprochen, ſeine übernommenen Pflich⸗ ten ruhig fortzuſetzen und ſeinerſeits keinen Schritt zu unternehmen, der den Baron auf den Gedanken brina⸗ gen könne, der Hauslehrer ſei mit dem Austritt Wer⸗ ner's aus dem elterlichen Hauſe überflüſſig geworden. So durchlebten denn die beiden Liebenden einen kurzen Traum irdiſcher Glückſeligkeit, und kein ſterb⸗ liches Auge ſah das zärtliche Entzücken, von dem ihre Herzen insgeheim überfloſſen. Doch nein— nur von Sophien können wir dieſen Ausdruck in ſeinem gan⸗ zen Umfange gebrauchen, auf Joſeph dürfen wir ihn V ſogar nicht anwenden. Denn er war ein zu edles Gemüth, ein zu reines Herz, mit einem Wort ein zu ehrlicher Menſch, als daß er ohne Rückhalt und Nach⸗ denken den Gefühlen ſeiner Neigung hätte folgen ſol⸗ len, von der er wußte, daß ſie ſich innerhalb der Gränzen der verbotenen Handlungen bewegte. Er wußte, der Baron ſei gegen dieſe Neigung und er habe von ſeinem Standpunkt aus ein Recht, dagegen zu ſein, und dieſes Bewußtſein war für ihn hinreichend, den Glanz ſeines Glücks zu trüben und ſeinen Blick in die Zukunft zu verdüſtern. So war ſeine Liebe wie ſein Leben— denn die Liebe drückt dem Leben des edlen Menſchen ihr eigenes Gepräge auf— ein beſtändiger Kampf, ein Hoffen und Fürchten, ein Seh⸗ nen und Bangen, ein ſich Abwenden und ein wieder Hingeriſſenwerden zu dem endlos tiefen Borne, aus welchem dem Sterblichen ebenſoviel Wolluſt wie Trübſal quillt, und nur in den Augenblicken, wo er mit So⸗ phien ungeſtört und allein war, an ihrer Seite durch die Felder wandelte, oder ihr durch die Töne der Mu⸗ ſik ſein Inneres erſchloß, fühlte er ſich wirklich glück⸗ lich und frei von der tödtlichen Angſt, in die ihn das Bewußtſein ſeiner Schuld ihrem Vater gegenüber ver⸗ ſetzte. Eine nothwendige Folge dieſes bald auf Fit⸗ tichen des Himmels fliegenden, bald matt über die Erde ſchleichenden Lebens war es, daß er, auch ein zum Genuß deſſelben ſtrebender Menſch, die düſteren Momente ſo viel wie möglich abzukürzen und die lichtvollen möglichſt zu verlängern ſtrebte, daß er alſo, ſo oft es ging, Sophiens Nähe ſuchte, denn unter 256 der Einwirkung ihres ſtrahlenden Lächelns, dem Flü⸗ ſtern ihrer nur mit dem zärtlichſten Gefühl getränkten Worte, fühlte er die Laſt von ſeiner Bruſt gerückt und die Qual von ſeinem Geiſte gehoben, der er anheim⸗ fiel, wenn er mit ſeinen Gedanken allein war und das ungewiſſe Ende dieſes glückſeligen Traumes be⸗ dachte.— Wochen waren ſo vergangen und Nichts hatte ſich im Allgemeinen im Schloſſe zu Brenkowitz verändert. Der Baron, im Ganzen ſeine frühere Lebensweiſe bei⸗ behaltend und nur in Folge des ihn ſo tief verletzen⸗ den Schrittes ſeines Sohnes, von dem noch keine Nachricht eingelaufen war, erregt, zu plötzlichen Aus⸗ brüchen ſeiner reizbaren Laune geneigt und noch we⸗ niger jetzt ein gütiger Hausherr, Gatte und Vater als früher, hatte die Leitung des Hausweſens und die Aufſicht über Aeußeres und Inneres wieder ſeiner Schweſter überlaſſen. Er war theils zu träge, ſich dauernd um etwas außer ihm Liegendes zu beküm⸗ mern, theils zu ſehr dem Lebensgenuß außer dem Hauſe ergeben, theils auch vollkommen von Sibyllens Wachſamkeit überzeugt, als daß er ſich jetzt, wo ſo Vieles ſein Herz bedrückte, um Dinge hätte beküm⸗ mern ſollen, die nur dazu angethan waren, ihm noch mehr Sorge zu bereiten. Seinem Auge entgingen 257 daher alle Vorfälle im Hauſe, die ihm einigermaßen von Bedeutung hätten ſein können,— von ihm alſo hat⸗ ten die beiden Liebenden ſehr wenig zu beſorgen, zumal ſie beſonnen dem Rathe der Mutter folgten und nur in deren Zimmer, die Fräulein Sibylle faſt nie betrat, ſich ein Aſyl ihrer Neigung zu bereiten verſtanden. Allein ſie hatten es in der Perſon der Letzteren mit einem kecken, ſchlauen und vor keiner Schwierig⸗ keit zurückſcheuenden Gegner zu thun. Sie war weder träg, noch bequem, um nicht die Wege zu ſuchen, die zu ihrem Ziele führten, noch verließ ſie ſich auf die Hülfe irgend eines Menſchen; ſie ſelbſt, ſie allein war ihre beſte Hülfe, und ſolche Menſchen verſtehn in der Regel den Zweck zu erreichen, den ſie vor Augen haben. Welchen Zweck aber hatte Fräulein Sibylle vor Augen? Ganz allein den, den verhaßten Hauslehrer zu entlarven, zu ſtürzen, zu vertreiben, und dazu ſchien ihr jedes Mittel gerecht, welches ſich ihrem erfinderi⸗ ſchen Geiſte bot. Allein ſie brauchte nicht einmal weit zu ſuchen, ihr Inſtinkt, ihr weibliches Spionirtalent hatte ihr geſagt: Dieſer Menſch, der in allen Dingen ſo vortrefflich, der ehrlich, geſcheidt, unterrichtet, beleſen, liebenswürdig im Umgange und beſcheiden in ſeinem Auftreten iſt, muß eine Schwäche haben, bei der er zu faſſen iſt, und dieſe Schwäche konnte allein in ei⸗ Emery Glandon. II. 17 258 ner jugendlichen Verirrung ſeines Herzens gefunden werden, die, wenn ſie ſich beſtätigte, ihm den Boden im Hauſe ihres Bruders unter den Füßen wegzog. Dieſe Schwäche aber hatte ſich ſchon lange in all⸗ mälig wachſenden Symptomen an ihm verrathen, und Sibylle war Schlange genug, ſich ſo geſchickt zu win⸗ den, ſo lauernd zu beobachten, ſo unbemerkt in die Nähe der beiden jungen Leute zu ſchlüpfen, daß ſie ſie oft mit ihren Argusaugen verſchlang, wo Beide keine Ahnung davon hatten. Als ſie erſt ſo weit in ihren Entdeckungen gekommen war, ſich einzugeſtehn: ja, hier findet eine ſtille Liebſchaft ſtatt, da ſteigerte ſich ihr Trieb und mit ihm die ihr angeborene Gabe, das Herz der Menſchen zu entziffern und dadurch zu verderben, in's Ungewöhnliche, und wer die weibliche Natur auch in ihren Schwächen und Fehlern kennt, die in der Regel mit dem traurigen Talente verbunden ſind, die Freude Anderer zu ſtören, das Glück Anderer zu untergraben, der wird an dem endlichen Erfolge ih⸗ rer Bemühungen unter den obſchwebenden Verhältniſ⸗. ſen nicht mehr zweifeln können. Genug, endlich war Sibylle über ihre Nichte und den Hauslehrer zur Klarheit gekommen, ſie brauchte nichts mehr zu wiſſen, zu ſehen; es handelte ſich alſo blos um ſprechende Beweiſe, um ſie dem ungläubigen Bruder vor 259 Augen zu legen, da er nur ſolche von ihr verlangt hatte. Wenn ein ſchlaues und böſes Weib— und leider ſind beide Eigenſchaften nicht ſelten in Eva's Töchtern vereinigt— an ein Unternehmen geht, wie Fräulein „Sibvylle es hier vor ſich hatte, ſo verbindet ſie mit ih⸗ rem erfinderiſchen Geiſte eine unglaubliche Conſequenz, eine Geduld und Ausdauer, deren der männliche Intri⸗ guant nur ſelten fähig iſt. Es ſcheint faſt, als wären die guten Eigenſchaften des weiblichen Charakters hier ſogar den ſchlechten zu Hülfe gekommen, als ſtänden ſie ihr bei in der Unterjochung, der Vernichtung ihres Feindes. So hatte auch Fräulein Sibylle ihren Plan ge⸗ macht und der Plan war gut; die Grube, die ſie den Liebenden gegraben, war ſo vortrefflich angelegt, ſo künſtlich verdeckt, daß die Unbeſorgten ſie nicht gewah⸗ ren konnten und hineinſtürzen mußten, um ſich ret⸗ tungslos in der Falle zu ſehen. Und mit einer un⸗ glaublichen Sicherheit, Ruhe und Ueberlegung ging die vortreffliche Tante dabei zu Werke, nicht einmal ihrer Freundin das Gewebe ihres Truges enthüllend, von der ſie nicht ganz überzeugt war, ob ſie nicht im Stillen dem Hauslehrer gewogener ſei, als ſie es ih⸗ rer Meinung nach ſein ſollte. 17* Siebentes Mapitel. Auch die Sterne können trügen. Eines Abends— es war am erſten Auguſt— ver⸗ nahmen Sophie und Joſeph Sohn, als ſie zum Abend⸗ eſſen in das Speiſezimmer traten, daß Tante Sibyllle erkrankt ſei und daß Fräulein Urſel bereits einen Bo⸗ ten nach Neuſtadt zum Arzte geſchickt habe. Natür⸗ lich erſchien weder die Eine noch die Andre von ih⸗ nen bei Tiſche. Sophie begab ſich, ſobald ſie vom Tiſche aufgeſtanden war, zur Tante und fand ſie, in Schweiß gebadet, im Bette liegen. Sie drückte ihr Bedauern darüber aus und bot freundlich ihre Hülfe an. Tante Sibylle war von dieſem gütigen Anerbieten ſcheinbar tief gerührt, lehnte es aber dankbar ab, da die treue Urſel und Jakobine ihr vollkommen genügten. Sophie begab ſich in das Speiſezimmer zurück und berichtete Joſeph, was ſie vorgefunden. Nach einer 261 Weile verließen Beide daſſelbe und begaben ſich in den großen Verſammlsungſaal, wo ſie ſich anfangs mit Muſik, dann durch Plaudern die Zeit vertrieben. Vor dem Mittelfenſter dieſes Saales befand ſich ein kleiner Balkon, von dem aus man, da die Bäume davor am Graben weggenommen waren, eine weite Fernſicht über die jenſeit ausgebreiteten Felder hatte. Der Mond ſchien klar und rein und kein Wölkchen trübte den blauen Himmel, aus dem die Sterne in glänzendſter Pracht hervorquollen. Lautloſe Stille herrſchte ringsum, das Leben auf der Erde war erlo⸗ ſchen und nur dann und wann zeigte ſich dem auf⸗ merkſamen Auge eine Sternſchnuppe, die vom Him⸗ mel zur Erde ſchoß und wie ein goldener Bote er⸗ ſchien, den die fernen Wolken abſandten, um das Treiben auf unſrer kleinen Erde zu erſpähen. Es war den Tag über außerordentlich heiß gewe⸗ ſen, und da nun der Abend kühl und etwas luftig war, ſo fanden Sophie und Joſeph den Aufenthalt auf dem Balkon ſo überaus angenehm und labend, daß ſie wohl eine Stunde daſelbſt verweilten und im leiſen Geſpräch ihre Gedanken über die Vorgänge am Himmel und auf der Erde austauſchten. Wenn Liebende in ſolcher Stimmung und Lage ſich unterhalten, haben ſie vollauf mit ſich ſelber zu 262 thun; ihre Sinne gehören ihnen allein und nicht der Außenwelt an. So vernahmen die Beiden auch nicht, daß hinter ihnen ein ſchleichender Schritt leiſe durch den Saal huſchte und Jemand ſie aufmerkſam beo⸗ bachtete. Es war Jakobine, die von ihrer Herrin ab⸗ geſandt war, um in heimlicher Weiſe das Treiben der jungen Leute auszukundſchaften. Jakobine hatte genug geſehn und meldete ihrer Herrin den Vorfall. Bald, nachdem ſie weggegangen war, erſchien eine noch leiſer gleitende Geſtalt und ſchlüpfte hinter einen Schirm, der im Saale aufge⸗ ſtellt war, um dann und wann vor ein Fenſter ge⸗ rollt zu werden, wenn man es des Abends öffnete, um die Friſche der Luft zu genießen und doch nicht dem Zugwinde ausgeſetzt zu ſein. Etwa nach einer Stunde verließen die Liebenden ſorg⸗ und ahnungslos ihren Platz und begaben ſich in das Zimmer der Mutter, um auch ihr die plötz⸗ liche Erkrankung der Tante mitzutheilen und unter ihrem ſchützenden Fittich ihr Geſpräch fortzuſetzen. Am nächſten Morgen erſchien der Arzt aus Neu⸗ ſtadt, beſuchte die Kranke und als er dann zur Ba⸗ ronin kam, erzählte er, daß Fräulein Sibylle anſchei⸗ nend ein rheumatiſches Fieber habe und wenigſtens eine Woche das Bett hüten müſſe. — — —— —õ—— —= 1 1 263 Dies that ſie und Sophie überzeugte ſich mehrere Male des Tages ſelber davon. Am zweiten Abend war der Schirm dem Fenſter näher gerückt, was Niemandem auffiel und auffallen konnte; am dritten Abend noch näher und beide Male hatten die Liebenden wieder den Balkon aufgeſucht, um ihre Beobachtungen am Himmel, ſo wie ihr glückliches Geſpräch fortzuſetzen. So war der vierte Auguſt gekommen, an dem der Vollmond am Himmel ſtehn ſollte, und Sophie und Joſeph hatten ſich ſchon am Abend vorher vor⸗ genommen, ihn auf ſeiner durch die Wolken ſchwe⸗ benden Bahn zu verfolgen und ſich in die ſüße Lieb⸗ lichkeit der Nacht zu verſenken, wenn das Wetter wie⸗ der ſo ſchön und einladend ſein ſollte, wie an den vorhergegangenen Tagen. Um fünf Uhr Nachmittags ließ Fräulein Sibylle ihren Bruder bitten, ſich gegen Abend zu ihr zu bemü⸗ hen. Der Baron, über dieſes ſeltene Anliegen er⸗ ſtaunt, glaubte ſchon, ſeine Schweſter ſei kränker ge⸗ worden, und begab ſich ziemlich eilig dahin. Als er aber in ihr Zimmer trat, ſie faſt ganz angekleidet im Bette liegen und ihr ſpitzes Geſicht und ihre kleinen Augen feſt auf ihn gerichtet ſah, machte ſie ſo ganz und gar nicht auf ihn den Eindruck einer Kranken, 264 — daß er ſich innerlich ſchon ſchalt, ſo leichtgläubig und ſchnell bei der Hand geweſen zu ſein. „Nun Sibyllle,“ ſagte er,„wie ſteht es denn ei⸗ gentlich mit Dir und warum läſſeſt Du mich rufen? Beinahe hätteſt Du mir einen Schrecken eingejagt.“ Sibylle lächelte verſchmitzt und deutete auf einen Stuhl an ihrer Seite, den der Baron auch ſogleich einnahm.. „Höre, lieber Bruder,“ ſagte ſie leiſe,„über mich haſt Du keinen Grund zu erſchrecken, um ſo mehr aber über etwas Anderes. Still, unterbrich mich nicht! Du erinnerſt Dich unſrer Geſpräche über dieſen köſt⸗ lichen Herrn Sohn?“ „Wie, haſt Du ihn ſchon wieder im Munde?“ „Ja, mein Bruder, und es iſt jetzt eine Ehrenſache geworden, daß ich von ihm ſpreche.“ „Eine CEhrenſache, Sibylle? Was meinſt Du damit? Das iſt ein ernſter Punkt, kein Spielwerk für die Hände der Weiber—“ „Höre mich nur an— alſo Du erinnerſt Dich unſerer Unterhaltungen. Du wollteſt mir immer nicht glauben, daß er ein Nichtswürdiger iſt.“ „Das glaube ich auch heute noch nicht.“ „Still! und daß er allein das Triebrad iſt, wel⸗ ches in unſerm Hauſe Alles wirr durch einander dreht, 265 ſo daß ſogar Dein eigener Sohn ſich daraus entfernt hat. Das haſt Du mir nie geglaubt und darum Beweiſe gefordert, die alle ſeine Verbrechen ſonnenklar an den Tag bringen— nicht wahr?“ „Ja, Sybille, das habe ich,“ erwiderte der Baron, der nicht umhin konnte, eine gewiſſe widerwillige Empfindung gegen die katzenartige Weiſe zu hegen, mit der er jetzt ſeine Schweſter zu Werke gehen ſah. „Haſt Du etwa dieſe Beweiſe zur Hand?“ „Ja, Leopold, ich habe ſie.— Schließ aber ein⸗ mal dort erſt die Thür zu.“ Der Baron, eben ſo verwundert wie unwillig über Gott weiß Wen! erhob ſich langſam und ſchloß die Thür. Als er ſich wieder umwandte, um zu ſeinem verlaſſenen Sitze zurückzukehren, war Sibylle aus dem Bette geſprungen und hatte ſich, völlig angekleidet, vor ihm aufgeſtellt. „Nun,“ rief er erſtaunt,„was bedeutet denn Das? Biſt Du verrückt geworden?“ „Nein, mein Bruder, nicht verrückt, aber ſehr ge⸗ ſcheidt. Freue Dich, daß Du eine Schweſter haſt, die es ſich angelegen ſein läßt, Dein Haus rein und die flek⸗ kenloſe Ehre Deiner Familie unangetaſtet zu erhalten.“ „Was willſt Du damit ſagen? Du ſcheinſt mir im Paroxysmus zu ſprechen!“ 266 „Ja, aber im Paroxysmus meiner verletzten Frau⸗ enehre, ſo wie Deiner gemißhandelten Mannesehre.“ „Nun, bei Gott, komm zu Ende oder ich gerathe in eine andere Art von Paroxysmus.“ „So laß mich ausreden, unterbrich mich nicht. Sieh, meine vorgebliche Krankheit iſt nur erdichtet— ich bin ſo geſund wie Du, aber ich mußte mich krank ſtellen, um hinter die Schliche eines gewiſſen Herrn zu kommen, deſſen Aufführung Dir bisher noch keine Veranlaſſung gegeben hat, ihm Dein Vertrauen zu entziehen und ihn— mit einem Wort— aus dem Hauſe zu jagen.“ „Oho, Sibylle, er iſt ja kein Hund!“ „Aber ein verrätheriſcher Menſch iſt er, vollkom⸗ men geſchickt und entſchloſſen, alle Deine im Stillen gehegten Familienpläne über den Haufen zu werfen und Dich eben ſo Deiner Tochter zu berauben, wie er Dich Deines Sohnes beraubt hat.“ „Was ſagſt Du da?“ rief der Baron, der end⸗ lich Feuer zu fangen anfing, obgleich ſeiner Schweſter Liſt und augenſcheinlicher Groll gegen den Hauslehrer ihn widerlich anhauchte. „So iſt es, mein Lieber. Dieſer Menſch, Herr Sohn mit Namen und vielleicht des Teufels Sohn, hat es verſtanden, mit Hülfe ſeines glatten Geſichts, 267 ſeiner ſchwärmeriſchen Augen und gleißneriſchen Worte, das Herz Deiner Sophie zu berücken, und ſie iſt ſo unverſtändig geweſen, ſich mit ihm in ein geheimes Liebesverhältniß einzulaſſen.“ „Sibylle! Mache mich nicht raſend— kannſt Du das beweiſen?“ „Ja, mein Bruder, ich kann es. Wie geſagt, ich ſtellte mich abſichtlich krank, und dadurch gewann der Narr Spielraum, ſeine eifrigen Bewerbungen fortzu⸗ ſetzen und mit Deiner Tochter die Abendſtunden zu verkoſen, die dem Gebete geweiht geweſen wären, wenn ich unter ihnen geblieben wäre.“ Der Baron hatte keine Worte mehr, aber ſein Geſicht ſchwoll braunroth auf und ſeine Lippen bebten, ſo daß Sibylle ihren Triumph ſchon in dieſen ihr bekannten äußeren Anzeichen wahrnahm. „Ja, fuhr ſie fort,„ſchon drei Abende hinter ein⸗ ander, während ſie mich im Bette glaubten, haben ſie ſich auf dem Balkon im großen Saale ein Rendezvous gegeben, um über die Sterne und ihr eigenes künf⸗ tiges Schickſal zu ſprechen. Dort habe ich ſie hinter dem zur Seite aufgeſtellten Schirme ſelber belauſcht, und was ich da gehört, hat mir die Beweiſe der Schuld des Hauslehrers in die Hände geliefert.“ 268 Ein einziges übel gewähltes Wort in dieſer Rede hatte den Baron wieder mit Zweifeln erfüllt. „Rendezvous?“ ſagte er.„Das klingt mir bei⸗ nahe lächerlich. Sie ſind ja den ganzen Tag beiſam⸗ men, warum ſollten ſie ſich denn noch ein beſonderes Rendezvous geben?“ „Aber bei Tage ſind ſie nie ganz unbeachtet, Leo⸗ pold— mein Gott, wie kann man ſo thöricht ſein und das nicht einſehen!“ „Ereifere Dich nur nicht noch gegen mich! Daß Du den Hauslehrer nicht liebſt, der mir und allen Anderen gefiel, weiß ich nur zu gut, und ſo kannſt Du Dich auch jetzt in Deinem Eifer zu weit vorge⸗ wagt haben.“ „O, über die Männer!“ ſeufzte Sibylle mit gegen die Decke des Zimmers gerichteten frommen Lammes⸗ augen.„Sie ſind oft blind in ihrem Zorne, warum ſind ſie es auch, wo es die Ehre ihres Hauſes und ihrer ganzen Familie gilt!“ „Komm zu Ende, ich habe das Ding ſatt. Lie⸗ fere mir die verſprochenen Beweiſe in die Hand und ich werde handeln, wie es die Ehre meiner Familie verlangt!“ „Gut, das will ich. Ich habe für Alles geſorgt. Heute Abend nach Tiſche laß die Beiden allein 269 — ich bitte Dich. Dann begieb Dich fort und ſchleiche hinter den Schirm, er wird an gehöriger Stelle ſtehen.“ „Das gefällt mir nicht, Sibylle, ich bin kein Bravo, kein Spion!“ „Dann kann ich Dir auch die Beweiſe nicht lie⸗ fern,“— brummte Sibylle und wandte ſich unwillig ab.„Wie,“ ſagte ſie plötzlich, ſich auf dem Abſatz herumdrehend,„wenn der brutale Menſch nun morgen mit Deiner Tochter auf und davon ginge, wie dann? Dann würdeſt Du toben und raſen, daß Dir— Dir ſo etwas geſchehen konnte, dann aber wirſt Du auch vergebens bedauern, meinen Wink nicht befolgt zu haben.“ Der Baron biß ſich vor Wuth auf die Nägel. Ihn in eine ſolche Lage zu bringen, war in ſeinen Augen ein Hochverrath an ſeiner Bequemlichkeit, ſeiner Träg⸗ heit, ſeinem genußreichen behaglichen Leben. Aber dennoch ergrimmte ihn fürchterlich eine ſolche Büberei, wenn ſie wahr wäre, und er beſchloß, ſeinen ganzen männlichen Zorn und ſeine ganze freiherrliche Macht über den Muſikanten auszugießen, wenn er ihn auf ſo faulem Pferde betreffen ſollte. „Gut,“ brummte er,„ich werde thun, wie Du ſagſt. Aber Eins will ich Dir ſagen: haſt Du mich 270 diesmal getäuſcht und höre ich mit meinen eigenen Ohren, daß dieſer Sohn kein ſo verruchter Menſch iſt, dann— dann verläſſeſt Du ſelber mein Haus— ich bin der ewigen Quälereien und Aufhetzereien müde.“ „Hoho!“ lachte das böſe Weib in ihrer ganzen abſcheulichen Häßlichkeit,„Das ſieht Dir ähnlich, Herr Bruder! Ja, ja, jag' uns nur Alle zum Teufel, und dann, dann bleib' mit dem ſauberen Herrn allein im Hauſe, der Dir nicht allein Deine Frau verdirbt, ſon⸗ auch Deine Tochter beſudelt!“ „Sibylle! Du biſt ein ſchlechtes Frauenzimmer!“ „Und Du ein Strohmann, vor dem keine Mücke Reſpekt hat— das iſt mein letztes Wort heute— gute Nacht, Herr Baron!“— Sibylle ging in das Nebenzimmer, wo Urſel ſich in aller Stille auf die Lauer gelegt hatte. Der Ba⸗ ron aber, im Herzen zerſchmettert, vor Wuth ſchnau⸗ bend, lief ſpornſtreichs davon, um in ſeinem Zimmer über das Gehörte weiter nachzudenken und dann ſei⸗ nen Entſchluß zu faſſen. Man war um den Abendtiſch verſammelt, zu dem der Baron nur mit Widerſtreben gegangen war, nach⸗ dem er ſich zum energiſchen Handeln gekräftigt hatte. 271 Er war daher ſtill wie das Grab und, von ſeinem Ge⸗ wiſſen gepeinigt, die ſchöne Tochter und den wackeren Mann, die in ihrem reinen Unſchuldsgefühle ſo ruhig vor ihm ſaßen, an dieſem Abend auf eine ſo hinter⸗ liſtige Weiſe belauſchen zu ſollen, wagte er es kaum, einen Blick zu ihren harmloſen Geſichtern zu erheben. Dieſe, an des Hausherrn Einſylbigkeit gewöhnt, wenn er nicht in Weinlaune war, verhielten ſich ebenfalls ziemlich ſtill, endlich aber, um der Diener willen nicht ganz wortkarg dazuſitzen, fragte Sophie ihren Vater, ob er ihnen heute Abend Geſellſchaft leiſten wolle, wenn ſie Muſik machten. Der Baron, ſchon wieder halb unentſchloſſen, denn der ſanfte und natürliche Ton ſeiner Tochter hatte ihn wunderbar betroffen, erhob ſein Auge zu ihr, allein ſeines einmal gefaßten Vorſatzes eingedenk, ſagte er halblaut und brummend:„Nein, ich danke, ich will noch einen Spaziergang auf's Feld machen, ich bin den ganzen Tag nicht im Freien geweſen.“ „Es iſt eine ſchöne Nacht zum Spazierengehen,“ nahm Joſeph das Wort.„Wir haben Vollmond und die Luft iſt ſo warm wie an einem ſchönen Maimittag.“ „Vielleicht machen Sie auch noch einen Spazier⸗ gang?“ fragte der Baron lauernd und mit ſchwer ver⸗ haltenem Grimm. 272 „Wenn Sie befehlen, daß ich Sie begleite, ja, herz⸗ lich gern.“ „Bitte, laſſen Sie ſich nicht ſtören, ich werde allein gehen.“ — Allein trotzdem er es ſagte, ging er nicht. Er blieb immer noch ſitzen, viel länger als es ſeine Gewohn⸗ heit war. Es war ihm zu Muthe, als zöge ein blei⸗ ernes Gewicht ihn auf den Stuhl nieder, wenn er ſich erheben wollte, und ſein guter Engel raunte ihm zu, er müſſe dem jungen Manne, der ihm heute Abend ſo redlich, ſo rein, ſo unbefangen wie nie erſchien, eine Warnung zukommen laſſen. Aber nein, er be⸗ zwang dieſe Regung wieder, ſeiner Schweſter unheil⸗ volle Saat hatte zu tiefe Wurzeln geſchlagen und ſein jähzorniges Temperament dürſtete, an Einem von Bei⸗ den, an Sohn oder ſeiner Schweſter, ſeine Wuth aus⸗ zulaſſen. Seufzend erhob er ſich endlich, bot den Zurückblei⸗ benden eine gute Nacht und ging davon wie ein im Rauſche Wandelnder, obgleich er an dieſem Abende keinen Tropfen Wein getrunken hatte. Als er fort war, erhoben ſich auch Sophie und Joſeph, um ſich in den großen Saal zu begeben, an den Flügel zu ſetzen und die Geige zur Hand zu neh⸗ men. Etwa eine Stunde ſpielten ſie in der gewöhn⸗ 273 lichen Weiſe. Dann, als ob es ſich von ſelbſt ver⸗ ſtände, legten ſie ihre Noten fort und traten auf den Balkon, deſſen Flügelthüren, wie die Abende vorher, durch Fräulein Sibyllens Fürſorge weit geöffnet waren. Es iſt Nacht. Nacht, du wunderbare, geheimniß⸗ und bedeutungsvolle Hälfte des Lebens, düſtere Kehr⸗ ſeite der Natur, wenn man ſie mit oberflächlichen Augen betrachtet— Du biſt oft unheimlich, trüb, dunkel wie der Tod— biſt Du der Tod ſelbſt? Nein, das biſt Du nicht, Du biſt erſt recht das Leben, ein verdoppeltes, zehnfach potenzirtes Leben, denn unter Deiner unheimlichen düſteren Farbe, die nur der Man⸗ tel iſt, der Deine unergründete Werkſtatt bedeckt, keimt ungeſehen und unbeobachtet das Leben in Millionen neuer Geſtalten und Geſchlechter hervor; gerade die Nacht iſt das Geburtsfeſt von ungezählten Millionen von Weſen, Kräften und Ereigniſſen. Aber heute war dieſe Nacht wenigſtens nicht in dem ausgeſprochenen Sinne unheimlich und düſter, obgleich bedeutungs⸗ und geheimnißvoll genug. Der Mond ſchwamm, wie das große Nachtauge Gottes, klar und hell in ſeinem flimmernden Aethermeere, und die kleinen Sterne, wie Engelaugen glänzend und lä⸗ chelnd, funkelten in wunderbar himmliſcher Pracht von den fernen Höhen hernieder. Meilenweit ſichtbar lag Emery Glandon. II. 18 274 das fruchtbare Land geöffnet und in den Blättern der Bäume und den Gräſern der Flur wehte und liſpelte ſüß der koſende Nachtwind. Eine Weile ſtand das liebende Paar dicht neben einander und ſchaute mit jenem wonnevollen Schauer, der einen fühlenden Menſchen immer durchbebt, wenn er Gottes Größe mit der Kleinheit der Menſchen ver⸗ gleicht, auf die Erſcheinungen hin, die eine ſternen⸗ und mondhelle Nacht dem verſtändigen Auge zu bieten vermag. Noch ſchwiegen ſie und blickten ſich rings um in der weiten Fläche, denn noch wollte keine Sternſchnuppe ſich zeigen und als der Bote Gottes verkündigen, der ihnen die Kunde brächte, daß auch heute der Schöpfer der Welt ihrer liebend und wa⸗ chend gedenke. Es fiel in der That keine und end⸗ lich nahm daher Sophie das Wort, indem ſie leiſe ſeufzend den Arm Joſeph's berührte und mit gedämpf⸗ ter Stimme ſagte: „Wir warten heute vergebens, es will uns keine den Gefallen thun und uns einen Gruß bringen von dort oben.“ „Da,“ ſagte Joſeph und deutete mit der Hand nach Weſten hin,„da fiel eben eine— ſie kam noch zur rechten Zeit, um unſere Erwartung nicht ſo ganz vergeblich ſein zu laſſen.“ 275 „Ich habe ſie nicht geſehen, für mich iſt ſie alſo nicht dageweſen.“ „Aber für mich, Sophie; ich nehme ihre Bot⸗ ſchaft für uns Beide an.“ „Ich möchte doch eigentlich wiſſen, woher dieſe Sternſchnuppen ſtammen und wohin ſie gehen, denn— mag die Wiſſenſchaft ſagen, was ſie will, es befrie⸗ digt mich nicht und die Naturforſcher ſind ja ſelbſt noch darüber uneinig.“ „Das ſind ſie freilich, und viele Räthſel und Ge⸗ heimniſſe der Schöpfung werden ſelbſt die klügſten von ihnen niemals löſen können, weil ihnen nur der menſchliche Geiſt als Hülfe zur Seite ſteht, und er iſt nur ein ſchwacher, kleiner Theil des großen Weltgei⸗ ſtes, der die Erde und alle dieſe Welten da über uns geſchaffen hat.“ „Joſeph,“ ſagte Sophie ganz leiſe und ſchmiegte ſich dichter an ſeine Seite an,„ich bitte Dich, Du thuſt mir heute wieder den Gefallen nicht, Du ver⸗ meideſt es, mich mit dem traulichen Du anzureden, um das ich Dich ſo oft gebeten habe. O, thu' es doch, wir ſind ja allein und Gottes Sterne, wie Ra⸗ chel ſie nennt, dürfen es hören.“ Joſeph ſann einen Augenblick nach, ehe er ant⸗ wortete, dann ſagte er in tiefem Tone, der hinläng⸗ 18* 276 lich bezeugte, wie beſorgt ſeine Seele war:„Sophie, ich zwinge mich oft dazu, aber das kleine Wort will nicht recht über meine Lippen. Du biſt immer noch in meinen Augen die Tochter meines Herrn, wenn auch in meinem Herzen das höchſte, verehrteſte, ge⸗ liebteſte Weſen auf Erden, und ich kann mich von dem Gedanken nicht loslöſen, daß ich ein Unrecht be⸗ gehe, welches einſt ſchwer auf mich niederfallen könnte.“ „Ich danke Dir, Du haſt mich Du genannt, al⸗ les Uebrige iſt mir jetzt Nebenſache. Fahren wir nun fort, nach dem Himmel zu blicken und uns über jene Lichter zu unterhalten, die wir Sterne nennen und die doch, wie Du uns belehrt, Welten und größere Welten ſind, als unſre kleine Erde iſt. Joſeph, thut mir noch einen Gefallen: ſieh, Du haſt uns oft die Sternbilder genannt, ihre Größe, ihre Entfernung und ihr Verhältniß zur Sonne und Erde beſtimmt, auch haſt Du uns ihren Lauf beſchrieben und warum ſie jeden Abend an demſelben Orte ſtehen und jeden Morgen in die Dunkelheit ihrer Himmel, oder eigent⸗ lich in das Licht des Tages zurückkehren— allein das haſt Du ſelbſt mir noch nicht geſagt, wie Du Dir die oberflächliche Geſtalt derſelben und die Weſen denkſt, die darauf leben und weben wie wir auf der Erde. Bitte, ſage mir Deine Meinung darüber, viel⸗ 277 leicht iſt ſie auch mir klar und ich habe dann wieder einen ſchönen Gedanken mehr, in dem ich mit Dir übereinſtimmen kann.“ „Du haſt Recht, Sophie, ich habe bisher noch nie darüber geſprochen und zwar deshalb nicht, weil es beinahe eine Glaubensſache iſt und man ſeinen eige⸗ nen Glauben nie andren Leuten aufdrängen muß, da er ſo gut falſch ſein könnte, wie der entgegengeſetzte vielleicht richtig. Sieh, darüber weiß man eben nichts Beſtimmtes, und der Wiſſenſchaft ſtehen nur wenige Anhaltspunkte zu Gebote, darüber zu urtheilen, als höchſtens nach Schlußfolgerungen, wie zum Beiſpiel: daß auf den waſſerloſen Geſtirnen Geſchöpfe mit Or⸗ ganen leben müſſen, die des Waſſers entbehren können, und auf den in ewigem Eiſe ſtarrenden Weltkörpern Geſchöpfe, die der Kälte zu trotzen begabt ſind.“ „Ja freilich, aber ich möchte gern wiſſen, wie Du Dir die Auferſtehung denkſt, die Du doch, als etwas Unumſtößliches, feſt in Deine Ueberzeugung aufge⸗ nommen haſt.“ „Sieh, meine ſüße Sophie, es iſt ſchwer, derglei⸗ chen unbeſtimmte Gedanken in verſtändliche oder un⸗ antaſtbare Worte zu kleiden und ich ſpreche nicht gern aus, was man mit einem Hauche des Zweifels aus⸗ 278 blaſen oder mit dem Kopfſchütteln des Unglaubens umwerfen kann.“ „O, ich zweifle nicht und ſchüttele nicht den⸗Kopf. Alſo, ich bitte Dich, wie denkſt Du Dir die Umwand⸗ lung unſres Lebens, wenn wir von dieſer Welt ſchei⸗ den, um eine andere zu betreten?“ Joſeph ſann eine Weile nach, dann ſagte er lä⸗ chelnd:„Eine Auferſtehung, im Allgemeinen und Großen, gleichſam eine Verſammlung aller Derer, die einmal hier gelebt haben, in einem neuen, großen abgetrennten Raum— die glaube ich nicht und kann ich mir nicht denken. Vielmehr ſtelle ich mir vor— aber nimm es höchſtens als einen Gedanken an, den ich mir eigentlich ſelbſt jetzt erſt im Einzelnen durch⸗ denke— daß eine einzelne Auferſtehung ſtattfindet, je nach der Reihe, wie wir ſterben, das heißt, je nach⸗ dem der Geiſt, die Seele, das Göttliche des Menſchen den menſchlichen Leib verläßt und dahin zurückkehrt, woher er gekommen iſt— zu Gott.“ „Was heißt das? Das verſtehe ich nicht— zu Gott! Denn Gott iſt doch keine einzelne perſönliche Größe, vielmehr ein das ganze All durchdringender, Weltenumfaſſender Geiſt.“ „Gut; ſo will ich mich weniger bibliſch und mehr wiſſenſchaftlich ausdrücken. Ich denke mir unſre Erde 283 Da führte die beiden von ihrer Leidenſchaft hinge⸗ riſſenen Männer das leiſe Weinen Sophiens in das beinahe vergeſſene Geleiſe der Sitte und des Herkom⸗ mens zurück. Sie hatte ſich dem Vater an die Bruſt geworfen und ſeinen Hals umklammert.„Mein Va⸗ ter,“ ſchluchzte ſie,„mein Vater, verzeihe ihm, er hat keine Schuld.“ „Das iſt nicht wahr, Sophie,“ rief Joſeph Sohn, „er hat wohl Schuld, denn er war ein Mann und konnte ſein Thun bedenken— ach, er hat es oft be⸗ dacht, wiewohl vergeblich, denn ſein ſchwaches Herz war gewaltiger als ſeine ſtarke Vernunft.“ Unterdeß hatte ſich der Baron geſammelt. Er rüt⸗ telte ſich, wie ein Bär ſich rüttelt, wenn er einen Menſchen umpacken und erdroſſeln will, und plötzlich eine ganz eigenthümlich ruhige Miene, die aber nur ſcheinbar war und ſeine innerlich kochende Wuth ver⸗ hüllte, annehmend, ſagte er kurz, derb und mit einer Würde, die er noch nie im Umgange mit Sohn hatte blicken laſſen: „Sophie, folge mir. Auch Sie, mein Herr, mö⸗ gen mir folgen.“ Er hatte ſeine Tochter beiem Arm genommen und führte ſie, von dem Hauslehrer auf dem Fuße gefolgt, mit ſich fort. Er ging auf ihre Zimmerthür los. mnn— — 284 „Hier,“ ſagte er, nachdem er ſie geöffnet,„tritt ein!“ Und als Sophie weinend und ſchluchzend eingetreten war, ſchloß er hinter ihr die Thür zu, zog den Schlüſ⸗ ſel ab und ſchritt mit dem ihm unbedenklich folgen⸗ den Joſeph weiter. „Jetzt habe ich mit Ihnen zu thun,“ ſagte er, „folgen Sie mir auf mein Zimmer, ich habe einige Worte mit Ihnen allein zu ſprechen.“ Joſeph, nicht wiſſend, was mit ihm geſchehen ſolle, aber inſtinktmäßig ahnend, daß auch ihm irgend ein Ereigniß von Wichtigkeit bevorſtehe, was mit ſeiner ferneren Exiſtenz zuſammenhänge, folgte mit ſtolzem Schritte, ſo heftig ſein Herz auch in ſeiner Bruſt häm⸗ mern mochte. Als der Baron ſein Zimmer erreicht hatte, trat er in daſſelbe ein, und als nun auch der Hauslehrer darin vor ihm ſtand, ſchloß er die Thür feſt zu und ſagte mit ſchneidendem Tone, wie ihn Joſeph nie, ſelbſt in ſeinem höchſten Zorne nicht, von ihm vernommen: „Mein Herr! Ich will nach dem eben Vorgefal⸗ lenen nur wenig Worte mit Ihnen machen; Sie ſchei⸗ nen mir der Mann zu ſein, eines Vaters Zorn zu begreifen, deſſen Nachſicht und Güte gegen Sie und ſeine Kinder Sie nicht zu würdigen verſtanden. Sie haben meinem Hauſe einiges Gute zugefügt, was ich 285 dankbar anerkenne, aber dafür auch viel Uebles, was ich beſtrafen muß, um ſeine Widerholung für alle Zukunft zu verhüten. Nicht allein meinen Sohn ha⸗ ben Sie ſo ſchlecht geleitet, daß er wider meinen Wil⸗ len mein Haus verlaſſen, nein, auch meine bisher ſo unſchuldige Tochter haben Sie verführt, einem Gefühle nachzuhängen, das hier bei mir und Ihnen gegenüber am wenigſten am Platze war. Man hatte mir ſchon lange geſagt, daß Sie ein gefährlicher Menſch ſeien, ich habe es aber Angeſichts Ihres guten Betragens nicht geglaubt, bis ich mich mit eigenen Augen und Ohren davon überzeugte. Gehen ſie jetzt zu Ihrer göttlichen Urkraft da oben auf dem großen Planeten und laſſen Sie ſich dort copuliren mit Engeln oder Erzengeln— mir gilt das gleich— für jetzt aber le⸗ ben Sie noch auf der Erde, wo es weniger nachſich⸗ tige und gütige Väter giebt, und ſtehen hier auf meinem Planeten, das heißt in meinem Hauſe, wo allein meine Urkraft gebietet. Mit andern und ver⸗ ſtändlicheren Worten geſprochen— Sie ſind aus mei⸗ nen Dienſten entlaſſen und zwar auf der Stelle. Allerdings ſind Sie auf drei Jahre für mich gedun⸗ gen und ich fühle mich verpflichtet, Ihnen Ihr Ge⸗ halt für dieſe ganze Zeit zu zahlen, obgleich Sie es zehnfach verwirkt haben, aber ich will mich nicht in — 286 das Gerede der Leute bringen laſſen, als hätte ich Ihnen gegenüber geknauſert, der Sie mir gegenüber ſo verſchwenderiſch mit Ihrer wiſſenſchaftlichen Leucht⸗ kraft gewirthſchaftet haben. Sie werden hoffentlich auf dieſe meine Entſchließung nicht viel zu erwidern haben?“ Jetzt war Joſeph im Klaren, um was es ſich handelte, und mit dieſer Einſicht ſeiner Lage kam auch die ganze urſprüngliche Kraft ſeiner Selbſtbeherr⸗ ſchung und des ihm innewohnenden Stolzes über ihn. „Kein Wort, Herr Baron,“ ſagte er,„es wäre nur Ueberfluß, mit Ihnen rechten und mein Verfahren in das einzig richtige Licht ſtellen zu wollen; nur bitte ich, die Summe Geldes für ſich zu behalten, für die ich bei Ihnen nur verdungen war. Ich bitte mir mein Gehalt bis auf dieſen Tag aus und weiter nichts.“ „So— auch gut— wie Ihnen beliebt. Die Rechnung wird bald gemacht ſein, da Sie erſt am erſten Juli Ihre letzte Beſoldung empfangen haben. Der Monat Juli macht ſechszehn Thaler acht Silber⸗ groſchen, und vier Tage vom Auguſt dazu machen etwa drei Thaler— da ſind ſie.⸗ „Nur zwei Thaler und einige Groſchen— ich be⸗ gnüge mich jedoch mit den Thalern!“ Und er ſchob ————— — 287 mit einer entſchiedenen Bewegung den geſchenkten dritten Thaler zurück.. „Bitte, wir wollen nicht um Pfennige mäkeln. Doch gut— ſo weit ſind wir, jetzt folgen Sie mir abermals.“ Joſeph Sohn, von dem wie eine Gewitterwolke plötzlich über ihn hereinbrechenden ſummariſchen Ver⸗ fahren wieder halb betäubt, erſchüttert, aber nicht ge⸗ demüthigt und entwürdigt, erholte ſich allmälig wäh⸗ rend des kurzen Ganges, obwohl er ſich nicht vorſtel⸗ len konnte, wohin er nun geführt werden ſollte. Der Baron ging mit ihm nach ſeinem eigenen Zimmer, trat mit ihm in daſſelbe ein, wo der Pudel ſeinem Herrn mit ſichtbarer Freude entgegenſprang, ſchloß auch hier die Thür zu und ſetzte ſich gemächlich auf das Sopha. „So,“ ſagte er, ſich mit innigem Behagen an der Verwunderung und Ueberraſchung des entlaſſenen Hauslehrers weidend,„jetzt werde ich Ihnen ſchwei⸗ gend Geſellſchaft leiſten, bis Sie— bis Sie alle Ihre Sachen eingepackt haben.“ Joſeph warf nur einen Blick auf das höhniſch lächelnde Geſicht und die gebieteriſch ausgeſtreckte Hand des Barons und er hatte auch hier den kurzen Pro⸗ zeß begriffen, deſſen Opfer er war. Da ſeine Koffer und Bücherkiſten im Schlafzim⸗ mer ſtanden und ſein Kleider⸗ und Wäſchevorrath wohl geordnet war, ſo dauerte es kaum eine Stunde, bis das, unter geheimnißvollem Schweigen des ge⸗ mächlich dabei ſitzenden Barons unternommene Ge⸗ ſchäft vollbracht war. Als es geſchehen, ſtand Joſeph ſtill und ſah ſchweißtriefend den aufmerkſam ihn beob⸗ achtenden irdiſchen kleinen Herrgott an.„Ich bin fertig, Herr Baron,“ ſagte er. „Nun noch die Vögel!“ „O, die vergeſſe ich nicht— und meine Inſtru⸗ mente befinden ſich im Muſikſaal.“ „Gut. Wollen Sie die Kiſten nicht verſiegeln?“ „Man wird mich in Ihrem Hauſe nicht beſtehlen; die Sorge, darüber zu wachen, iſt die Ihrige.“ „Wohl! Wohin ſoll ich Ihnen morgen dieſe Ge⸗ genſtände ſenden?“ Joſeph ſtand abermals betroffen da— auf dieſe Frage war er nicht gefaßt geweſen. Da kam ihm ein Gedanke, den ihm ein guter Geiſt mußte eingegeben haben, und ſchnell ſagte er, als wäre ſeine Antwort längſt überlegt geweſen:„Senden Sie ſie nach downs⸗ Caſtle, unter Lord Shorncliffe's Adreſſe... Der Baron fuhr zuſammen. Dieſe Antwort hatte auch er nicht erwartet und ſich ſchon im Voraus an 289 der Rathloſigkeit ſeines Opfers geweidet.„Es ſoll ge⸗ ſchehen,“ ſagte er,„wie Sie wünſchen, vorausgeſetzt, daß Mylord Sie aufzunehmen bereit iſt—“ „Das iſt meine Sache; um Sie aber zu beruhi⸗ gen, theile ich Ihnen mit, daß mich Seine Herrlichkeit längſt in ſeiner Nähe zu haben gewünſcht hat.“ „So— ah, nun gut! Morgen früh werden Sie in Beſitz Ihres Eigenthums ſein. Jetzt nehmen Sie Ihren Hut und Stock.“ Joſeph hatte nach dem Vorangegangenen nichts Anderes erwarten können. Schon ſtand er an der Thür, blickte ſich noch einmal in dem Gemache um, das ihm ein ganzes Jahr lang eine zweite Heimat geweſen, und folgte dann mit ſeinem aufmerkſam ne⸗ ben ihm gehenden Hunde dem raſch voraufſchreitenden Baron. Dieſer ſtieg die Treppe des Herrnflügels hinab, überſchritt den Hof, die Brücke des Grabens, und— als er ſo weit vom Gehöft entfernt war, daß ihn Nie⸗ mand mehr hören konnte, blieb er ſtehen und ſprach mit brüskem, herriſchem Tone folgende Worte: „Bis hierher habe ich Sie geführt, mein Herr; Sie können, denke ich, zufrieden ſein mit dieſem ehren⸗ vollen Geleite. Schauen Sie ſich noch einmal um— das da, was hinter Ihnen liegt— iſt mein Eigen⸗ Emery Glandon. II. 19 † 290 thum, ich habe alſo darüber zu beſtimmen, wer es mit mir genießen ſoll— das da, was draußen liegt, die ganze große Welt, gehört fortan Ihnen. Benutzen Sie es, wie Sie können, und damit— glückliche Reiſe! Ich wünſche Ihnen einen guten Abend, mein Herr!“ Joſeph Sohn nahm, wie der Baron, höflich ſeinen⸗ Hut ab, aber zu ſprechen vermochte er kein Wort, die Zunge klebte ihm am Gaumen, er hatte beinahe die Fähigkeit des Denkens verloren. Gleich darauf ſich umwendend, ſchritt er in die ſternenhelle Nacht hinaus, die groß, hehr und geheimnißvoll vor und über ihm lag. Aentes Vnpitel. Ein Blick hinter den Vorhang. Mechaniſch, ohne Gedanken an das rückwärts, ohne Sinn für das vorwärts Liegende, ſchritt der ſo ſchnell wie eine Sternſchnuppe vom Himmel zur Erde gefallene Hauslehrer von Brenkowitz ſeines Weges fort. Er ſah nichts vor und um ſich, er hörte nichts, nichts als das dumpfe Hämmern ſeines mit beinahe convulſiviſcher Heftigkeit gegen ſeine Bruſtwandung ſchlagenden Herzens. Immer weiter, weiter wandelte er ſo in der thauigen Nacht dahin, bis er Rachel's einſtigem Lieblingsplatze am Bache gegenüber ange⸗ kommen war und ſich die Stelle anſchaute, wo er frü⸗ her ſo glücklich mit ihr geſeſſen hatte. Da erſt über⸗ fluthete ihn eine nicht länger zurückzudrängende Ge⸗ fühlswoge— laut aufſeufzend, wie ein Menſch, der einer Todesgefahr entronnen, oder wie einer, der Al⸗ 19* 292 les was er ſein auf dieſer Welt nannte, ſo eben im Schiffbruche verloren und nur das nackte Leben geret⸗ tet hat, nahm er den Hut ab, wandte ſein Haupt gegen den ſternenbeſäeten Himmel, und mit thrä⸗ nenden Augen, die ſein ganzes Weh ausſtrömen zu wollen ſchienen, ſagte er ergeben und gleichſam mit gebrochener Kraft:„Vater da Oben— ich beuge mich! Du haſt es gut mit mir gewollt und ich— ich habe mich nicht in mein Glück zu finden gewußt, daher muß ich jetzt die Strafe erdulden. Strafe mich alſo, wie ich es verdiene, ich empfange die Streiche mit ergebenem Herzen, mit zerknirſchter aber einſichtsvoller Seele!“ Als er dieſe Worte im leiſen Gebet geſprochen, kam es wie Harfenton und Sphärenklang über ihn; ſein Gehirn war wieder befreit von dem Drucke, er konnte wieder denken— aber ach! er konnte auch fühlen, was ihm geſchehen war, und dieſes Gefühl brach jetzt mit ungeſtümer Heftigkeit aus allen Schleu⸗ ſen ſeines Weſens hervor. Da lag vor ihm, in der von den Schatten der Nacht verdunkelten Ferne, halb hinter den Blättern der Bäume verborgen, das Schloß Brenkowitz, worin er ſo lange ſo glücklich und zufrieden gelebt hatte und aus dem er jetzt ſo plötz⸗ lich, ſo unvorbereitet auf dieſe Trennung, vertrieben 293 worden war. O, dieſer eine Anblick genügte, ihn empfinden zu laſſen, was er in dieſer Nacht verlo⸗ ren. Verloren das Glück des Lebens, die Hoffnung der Jugend, die Zufriedenheit der Seele— und das iſt Viel— Viel, ſelbſt wenn man nicht einmal das irdiſche Behagen in Anſchlag bringt, was mit die⸗ ſem höheren Verluſte verbunden war.„Sophie!“ rief er ſchluchzend und ſtreckte beide Arme nach dem fer⸗ nen Gehöfte aus,„Sophie, ich gehe, ich muß gehen — verzeihe mir, daß ich Dich liebte und dieſes Schick⸗ ſal auch über Dich brachte, aber ich konnte nicht an⸗ ders, ich mußte Dich lieben, denn Du ſchienſt mir von Gott ſelbſt gegeben, das Sehnen meiner unſterb⸗ lichen Seele zu erfüllen. Jetzt lebe wohl, Geliebte meines Herzens— Gottes Sterne da oben bewachen und behüten Dich— ich bin nur ein armer, ſchwa⸗ cher Menſch, ohne Kraft und Macht— ich kann Dich ferner nicht behüten. O, ſei glücklich, ſei ruhig und zufrieden mit des gebrechlichen Menſchen Erdenlooſe, harre geduldig aus in dieſem Leben, was wohl ſelten einem vom Weibe Gebornen ein Paradies geweſen iſt, bis wir einſt in jene lichten Höhen gelangen, wo wir Gott ſchauen und die Werke ſeiner Allmacht uns offenbar werden ſollen. Gute Nacht— gute Nacht!“ Er wollte gehen, aber er konnte nicht; ſeine Füße V — —ꝛꝛV ——ö— 294 waren wie an den Boden gewurzelt, ſeine Augen hingen thränenſchwer an der im Mondenlicht matt ſchimmernden Ferne, und ſeine Seele konnte ſich noch immer nicht losreißen von der Stätte, wo die zweite Hälfte dieſer Seele athmete. „Mein Gott, mein Gott!“ ſchluchzte er wieder,„ich kann ja nicht fort! Daß ſie ſo feſt mit meinen Le⸗ benswurzeln verſchlungen, daß ſie ſo tief in meine Seele gegraben— wer hätte das gedacht, wer hätte es im Voraus gewußt! Ach, wie arm, wie unendlich arm gehe ich von hier fort, viel ärmer als ich gekom⸗ men bin, denn damals hatte ich doch Rachel, die ich mir ſelbſt erworben— und jetzt, und jetzt— was habe ich nun? Das ſchmerzliche Bewußtſein, den Willen Gottes nicht verſtanden zu haben, den er mir durch ſeine Fürſorge für mich verkündigt, das Be⸗ wußtſein, niemals wieder erreichen zu können, was ich jetzt hinter mir laſſe. O, noch einmal gute Nacht für dieſes ganze Leben— ha, welche Ewigkeit, die ich vor mir habe, denn ich bin noch ſo jung— und ſchon ſo zerſchmettert, ſo jung, und ſchon ſo ganz und gar verlaſſen!’“'—— Als er ſo, in ſich gekehrt, von aller Welt abge⸗ löſt und von keinem Menſchen getröſtet daſtand, da war es ein thieriſches Weſen, welches ihm Troſt brin⸗ 295 gen und verkünden ſollte, daß er nicht ganz verlaſſen ſei. Der kluge Pudel, der nicht wußte, was dieſer ſpäte Nachtgang und das lange Stillſtehen auf einer Stelle bedeute, fing an ungeduldig zu werden. Er erhob ſich auf die Hinterbeine, legte ſeine Pfoten an ſeines Herrn Schulter und verſuchte ſeine Wange zu lecken. Dieſe thieriſche Zärtlichkeit wirkte elektriſch auf ihn. Er drehte ſich nach dem Hunde um, um⸗ ſchlang ihn mit der Rechten und drückte ihn wie einen Freund an ſeine Bruſt.„Hektor,“ ſagte er,„Du biſt mir jetzt Alles— das willſt Du mir vielleicht mit Deiner Liebkoſung ſagen. O, ich verſtehe Dich und ich danke Dir. Komm, wir müſſen weiter. Fort in die Welt, und die Welt iſt⸗groß— weiter vor in's Leben, und das Leben iſt geheimnißvoll. Komm, mein Hund!“— Mit raſchen und energiſchen Schritten, wie die von kühnen Entſchlüſſen getragene Jugend ſie ſo leicht wieder annimmt, wenn der innere Kampf ausgekämpft und das Bewußtſein des Nothwendigen ſich zur That emporgerungen hat, wandte ſich Joſeph Sohn jetzt dem Ziele ſeiner Nachtwanderung zu. Ueber ihm leuchtete in voller Pracht der nächtliche Himmel, denn 296 der Vollmond erhellte ſeinen Pfad und die Engel⸗ augen der Sterne ſchienen ſeinem Vorhaben ihre Zu⸗ ſtimmung zuzunicken. Den ihm bekannten Weg raſch verfolgend, kam er nach halbſtündiger Wanderung vor der Eingangspforte des engliſchen Parks an, und ſchon lag ſeine Hand an dem Ringe, den das Doggenmaul⸗ hielt, als er plötzlich inne hielt und noch einmal über⸗ legte, was er thun wollte. „Nein,“ ſagte er zu ſich,„ich will es lieber nicht thun, jetzt wenigſtens nicht. Es iſt Nacht— beinahe Mitternacht. Warum ſollte ich die Schläfer ſtören, die ſo ſüß ruhen und keine Ahnung von meiner Noth haben, warum ſo ſpät noch Andre in Wallung ver⸗ ſetzen, die nichts verſchuldet haben? Es hat Zeit bis zum anbrechenden Morgen. Lord Shorncliffe iſt über⸗ dies nicht zu Hauſe, und um mich nach ſeinem Auf⸗ enthaltsorte zu erkundigen und ſeinen Dienern irgend eine Urſache meiner Ankunft anzugeben, dazu gewährt der morgendd Tag Zeit genug. Nein, bleibe ich für dieſe Nacht allein. Der Sturm in mir iſt noch nicht bewältigt, und nur in Gottes freier Natur, die mir ſo oft Beruhigung und Kraft gebracht, will ich mei⸗ nen Kampf auskämpfen. Die Nacht iſt ſchön, die Luft milde, der Mond und die Sterne beleuchten mei⸗ nen Pfad, und unter den gewaltigen Bäumen drüben V * 297 am Meeresufer iſt Schutz gegen den Morgenwind, wenn er kühl über die Fluthen ſtreicht. Dahin will ich gehen und meinen nächſten Tag mit dem Aufgang der Sonne beginnen, vielleicht flößt mir Gott einen Gedanken ein, der mich richtig ſteuern läßt auf dem dunklen Ocean des Lebens.“ Gedacht, gethan! Er ſchritt ſogleich den Weg am Parkgitter entlang und ſchlug die Richtung nach dem moosbedeckten Waldabhange ein, den wir früher mit den heiligen Hallen im ſächſiſchen Gebirge verglichen haben. Noch war keine Viertelſtunde verſtrichen, ſo hatte er die Stelle erreicht, die ihm früher ſo lieblich erſchienen, und hier, unter den vom Nachtwinde rau⸗ ſchenden Baumwipfeln, auf dem kühlen vom Thau angehauchten Mooſe ſuchte er ſich eine Stelle aus, wo er die Nacht verbringen wollte. Bald hatte er ſie gefunden und, athemlos vom raſchen Gehen, einen Augenblick ſtill ſtehend, gönnte er ſeinem glühenden Auge Raſt, über das vor ihm liegende Nachtgemälde hinzuſchweifen. Und ſchön, groß und gewaltig war es, was er ſah und mit allen Sinnen in ſeine auf⸗ geregte Bruſt einſog. Das Meer, von einer gelinden Oſtbriſe beſtrichen, rollte ſeine ſchweren Wogen lang⸗ ſam auf und nieder, es athmete leiſe wie ein ſchla⸗ fender Rieſe, der ſich ausruht von ſeiner Tageslaſt und 298 neue Kräfte ſammelt, um die Mühen und Gefahren des kommenden Tages ſiegreich zu beſtehen. Still war es und öde um ihn her, nur die ewig fluthende Bran⸗ dung warf ihre Schaumperlen unermüdet über die langgeſtreckten Dünen und ließ ihr ſchauriges Nacht⸗ lied bis zur Höhe des Waldberges hinaufdröhnen. In den düſter gefärbten Waſſerfluthen glitzerte das funkelnde Mondlicht, deſſen glührothe Rieſenkugel lang⸗ ſam dem fernen Weſten entgegenſchwebte, aber auch die funkelnden Sterne ſprühten ihr ſchwächeres, Licht über die Wogen aus und in ihrer unergründlichen Tiefe ſpiegelten ſich die kleinen Flammenblitze wider, welchen Gott der Herr ihren Sitz an dem blauen Ge⸗ wölbe des Nachthimmels angewieſen hat. Als Joſeph dieſes Bild in ſeiner ganzen hehren Pracht und Herrlichkeit betrachtete, fühlte er ſich wun⸗ derbar ruhig werden; der unendliche Schmerz ſeiner Bruſt löſte ſich in weiche Wehmuth auf und ſein Herz fing um ſo langſamer an zu ſchlagen, je klarer und deutlicher ſich ſeine Gedanken in ſeinem Hirn erzeugten. „In der Schöpfung iſt Gott überall,“ ſagte er ſich,„warum ſollte er alſo nicht auch in meiner Bruſt ſein, die er ebenfalls geſchaffen hat, ja, er iſt auch in mir, wie er außer mir iſt, und da bleibt er haften, 299 9G da wird er wirken, denn Gott verläßt die Kinder der Liebe nicht, da er ſelbſt die unergründlichſte Liebe iſt.“ Als er ſich das geſagt und unzählige Male zu ſei⸗ ner inneren Kräftigung wiederholt hatte, ließ er ſich ge⸗ dankenvoll auf ſeinen Moosſitz nieder, ſein Hund kauerte ſich dicht neben ihm zuſammen und ſo wollten ſie Beide die Morgenröthe des kommenden Tages erwarten. Um die für den Verlauf unſerer Erzählung höchſt wichtigen Begebenheiten, die in den nächſten Kapiteln ihre Stelle finden werden, zu erklären, müſſen wir unſern Freund hier verlaſſen und zu dem Tage zurück⸗ kehren, welcher auf Rachel's Abreiſe von Brenkowitz folgte und der einzige ganze Tag war, den ſie in Downs⸗Caſtle verlebte, denn ſchon am nächſten Mor⸗ gen ging ſie mit ihrer Begleiterin nach dem Orte ih⸗ rer Beſtimmung ab. Bis die Sonne, die Joſeph er⸗ wartete, über das baltiſche Meer heraufſteigt, werden wir Zeit genug haben, dem Leſer einen Theil des ge⸗ heimnißvollen Schleiers zu lüften, der Lord Shorn⸗ eliffe bis jetzt noch umgiebt, und die Urſachen zu er⸗ klären, die ihn nach Brenkowitz trieben und davon wieder zurückhielten, nachdem er einen ſcharfen Blick in die dortigen Verhältniſſe geworfen hatte. 300 Es war Abend. Der Tag war ſehr heiß geweſen und man konnte ein Gewitter vorausſehn, da die Luft ungemein ſchwül war und dick und ſchwer über dem Meere lag. Von Norden her kamen gewaltige Wol⸗ kenſchichten gezogen und breiteten eine trübe Färbung über den wallenden Seeſpiegel aus, deſſen dumpfes Grollen bedrohlich klang und deſſen ſonſt unabſeh⸗ barer Horizont ſich eng zuſammengezogen hatte, da eine nebelartige Dunſtbank eine Meile in die See hin⸗ aus das Waſſer mit der Luft zu einem undurchdring⸗ lichen Ganzen verband und die Strahlen des Mondes bedeckte, der, in ſeinen Regenmantel gehüllt, in me⸗ lancholiſcher Abgeſchloſſenheit ſeinen einſamen Weg zog. Auf dem Schloſſe des engliſchen Lords lag eine elegiſche Stille, die der Trauer um einen ſo eben ver⸗ ſchiedenen Todten glich, denn keine Bewegung, kein Ruf, kein lautes Geſpräch ließ innerhalb der weiten Gemächer verrathen, daß ein reicher und vornehmer Mann mit ſeiner zahlreichen Hofhaltung darin ſeinen Aufenthalt genommen habe. Aber nicht immer verhielt man ſich in Downs⸗ Caſtle ſo ſtill; die Dienerſchaft, die ihres guten Herrn Liebhaberei kannte und achtete, pflegte nur um dieſe ſpäte Abendſtunde ſich ſtets in gewiſſen Schranken zu halten, da ſie die ſogenannte Muſikſtunde in ſich ſchloß, 301 in der Seine Herrlichkeit es liebte, in vollſter Abge⸗ ſchiedenheit und Stille ſich ſeinen Gedanken zu über⸗ laſſen und ſein Ohr den ſanften Tönen zu weihen, die ſein Cello wie kein andres hervorzuzaubern ver⸗ ſtand. Begeben wir uns denn in den bekannten Muſik⸗ ſaal und ſehen wir, in welcher Stimmung ſich Lord Shorncliffe ſelber befindet. Die Fenſter, die von die⸗ ſem Gemache aus nach der See führten, waren weit geöffnet und ließen den Blick frei bis zu den Wolken⸗ gebirgen ſchweifen, die ſich vom Norden daherwälzten, ſo wie ſie dem Gemurmel des Meeres Eingang ge⸗ ſtatteten, das ſich ſchwer über die Dünen wälzte und mit ungewöhnlich heftiger Bewegung an denſelben brandete. Der Flügel, auf deſſen Pult noch ein auf⸗ geſchlagenes Notenbuch lag, das von zwei dreiarmigen Wachskandelabern hell beleuchtet wurde, war geöffnet, der Platz vor demſelben aber war leer, denn Rachel, die ihn bis vor Kurzem eingenommen, hatte ſich mit Mrs. Baxton verabſchiedet und war früh zur Ruhe gegangen, um ſich zu der bevorſtehenden Reiſe zu rü⸗ ſten. Nicht weit vom Flügel auf einem Rohrſtuhl ſitzt Lord Shorneliffe, das Cello neben ſich an einen Seſ⸗ ſel gelehnt. Das mit Schildpatt und Perlmutter aus⸗ 302² gelegte Notenpult vor ihm iſt zur Seite geſchoben, und in nachläſſig zurückgelehnter Stellung ſchaut der Lord, deſſen Figur ſich heut' in einem kurzen Se immt⸗ rock ſtattlich ausnimmt, zum Fenſter hinaus, um den heranziehenden Sturm zu beobachten, der von Schwe⸗ den’s Küſten her ſich über Deutſchland's Fluren zu wälzen droht. Wenn der Lord, wie einſt der Baron den Seini⸗ gen erzählt, melancholiſch war und unter den trauri⸗ gen Einwirkungen des engliſchen Spleens litt, ſo war er es nur, wenn er allein war, nicht wenn er ſich un⸗ ter Menſchen befand, und das mochte ihm wohl Nie⸗ mand verwehren, da er Niemandem hiermit Abbruch that. Auch war ſeine melancholiſche Stimmung nicht eine Folge des ſogenanten Spleens, der eine natürli⸗ che endemiſche Gemüthsſtimmung des unter den Ein⸗ flüſſen ſeines Klima's leidenden Briten iſt, nein, ſie war vielmehr das Reſultat vergangener kummervoller Zeiten und trauriger Lebenserfahrungen, denen der edle Mann vor Jahren unterworfen geweſen war. Er war traurig, nicht weil er vergebens nach aufregenden Genüſſen eines fremdartigen Lebens trachtete oder der genoſſenen Freuden ſeiner Jugend überdrüſſig war, ſondern weil er ein ſehnſuchtsvolles Herz beſaß, das, vergeblich nach Erfüllung ſeiner gerechtfertigten Wünſche 303 ringend, in ſeiner Einſamkeit und Abgeſchiedenheit ſich ſelbſt verzehrte und außer ſich keine Hülfe ſah, das Weh ſeiner Seele zu lindern und den Schmerz zu beſänftigen, der nun ſeit mehr als zwanzig Jahren an ſeinem Herzen fraß. Er hatte alſo ein Recht, traurig zu ſein, denn er entbehrte des Lebens ſüßeſten Genuß, die Theilnahme einer gleichgeſtimmten Seele und die Neigung eines Herzens, wie ſie das ſeine in einer ſo lebhaften Fülle bewahrte, als wäre ſie erſt am vorigen Tage darin hervorgerufen worden. So ſaß er träumeriſch, den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, die heranziehenden Wolkenberge beobachtend und dem Gemurmel der ſchwer ziehenden Wogen lauſchend. Die eben gehörte Muſik hatte alle ſeine ſchlafenden Empfindungen geweckt und ſeine Sehnſucht nach ei⸗ nem fernen heißgeliebten Weſen von Neuem ange⸗ facht. Die Vergangenheit mit allen ihren Reizen und Hoffnungen war in ihm lebendig geworden und die öde Gegenwart ließ keinen Wiederhall derſelben ver⸗ nehmen. „Wenn ich ſie hätte,“ murmelte er halblaut vor ſich hin,„hier neben mir hätte, wie ſie da drüben in gleich öder Einſamkeit und Verlaſſenheit ihre traurige Jugend beklagt— ich gäbe mein ganzes Vermögen darum und ſollte ich von vorn anfangen zu ringen, 304 zu hoffen, zu kämpfen. O Jugendtraum, o Jugend⸗ traum, warum beſuchſt Du mich ſo oft und bringſt mir doch niemals die Stunden zurück, wo ich der arme Emery Glandon und ſie die noch ärmere Hen⸗ riette von Bergen war. Aber ſtill, ſtill, ſtill— ver⸗ ſchließe dieſe Namen mit Deinen Träumen und Erin⸗ nerungen in Deine Bruſt, Emery, ſie klingen nicht wieder in Wirklichkeit herauf, ſie ſind in des Lebens Wogen verſchwunden, die erbarmungsloſer ſind als die Wogen des Meeres. Ha! und nun die andere Nachtſeite meines Le⸗ bens— o, ich bin doppelt belaſtet!— Dieſe Rachel, dieſes Wunderkind, das ich nun mein nenne, um es mit meiner Liebe Broſamen zu füttern, wie hat ſie heute durch ihr köſtliches Spiel meine Seele bewegt und meine Erinnerungen aus ihrem langen Schlum⸗ mer geweckt. Welches Feuer, welcher Reiz, welche Harmonie in ihren Tönen, wie in ihrer Sprache, wenn ſie von ihrem Freunde, dem wackeren Joſeph Sohn ſpricht! Schade, daß er nicht auch mein iſt, ganz mein, und doch— ich kann ihn nicht jetzt ſchon aus ſeinen Verbindungen löſen, er iſt auch da von Nutzen und wohlthätigem Wirken, wo er augenblicklich weilt, — Dieſer Menſch— wunderbar! wenn ich mir ſein Geſicht vor die Seele rufe, wie hat es mich gleich 305 von Anfang an erquickt, wie hat ſeine Stimme mei⸗ nem Ohre ſo wohl gelautet— iſt es nicht, als ob er mich lehren wollte, daß es wirklich Sympathieen auf Erden giebt, daß wir lieben können, ohne zu ſehen, daß wir bewundern können, ohne zu hören? Wer iſt er?— Ich muß mir immer dieſe Frage wiederholen und ſie beantworten, wie er ſelbſt es mir geſagtt er iſt der Sohn eines armen deutſchen Profeſſors, in Ent⸗ haltſamkeit erzogen, in beſchränkter Lage aufgewach⸗ ſen, und doch, doch zu ſolch' einer ſeltenen menſchlichen Vollkommenheit gediehen! Ich kann es mir kaum denken— ja, nein! o hätte ich einen Sohn, dann, dann— doch hinweg, ihr Träume, hinweg ihr Hoff⸗ nungen— quält mich nicht, erdrückt mich nicht,— halt!— Was iſt das? Man klopft? Wer wagt, mich in meinem ſtillen Nachdenken zu unterbrechen? Herein!“ Der Lord, ſein Haupt von ſeiner Rechten erhebend, ſchaute nach der Thür, um den Störenfried zu er⸗ ſpähen, der ſich unberufen in ſeine Einſamkeit drängte. Er hatte in ſeinem tiefen Grübeln es überhört, daß ſchon vor einer halben Stunde ein Wagen auf den Hof geraſſelt war und einen Gaſt gebracht hatte, den er heute und jetzt am wenigſten erwartete. Die Falten der Portiere wurden langſam bei Seite gedrückt und herein trat ein kleiner grauhaariger Emery Glandon. II. 20 306 Mann von mäßigem Leibesumfange mit beſcheidenen, wohlwollenden Mienen und einer Haltung, die bewies, daß er ſich ſeiner untergeordneten Stellung Lord Shorneliffe gegennüber bewußt war, trotzdem dieſer ihn lieb und werth hielt, wie ſelten ein Herr ſeinen Diener. Es war William Baxton, der langjährige Begleiter Sr. Herrlichkeit, jetzt ſein Haushofmeiſter, und durch ſeine ein halbes Menſchenalter erprobte Treue und Hingebung in den Rang ſeines vertrauten Freundes erhoben. Kaum erblickte der Lord die ehrwürdige Geſtalt, die noch in Reiſekleidern hereintrat, ſo ſprang er von ſeinem Sitze auf, ſchritt ihm lebhaft entgegen und verrieth ſchon durch dieſe Bewegung, daß ihm keine Störung willkommener ſein könne als dieſe. „William Baxton!“ rief er erfreut,„Du biſt es, Du— und jetzt? Sei mir zehnfach willkommen! O, ſprich, wo kommſt Du her? Was bringſt Du? Biſt Du glücklich geweſen auf Deiner Reiſe?“ Und den Alten zu einem Seſſel führend, der in der Nähe des ſeinigen ſtand, nöthigte er ihn halb mit Gewalt, darauf Platz zu nehmen, was der getreue Diener jedoch erſt nach geraumer Zeit wagte. „Ich danke, Mylord, ich danke für Ihren Bewill⸗ .307 kommungsgruß! Ja, ich bin da und geraden Weges von England, unſerm Vaterlande, komme ich.“ 3 „Von England? Was haſt Du da zu thun ge⸗ habt?“ „Es machte ſich nöthig, Mylord, Sie werden es gleich hören. Aber dennoch bringe ich nicht viel Neues und Gutes, denn im Ganzen iſt auch diesmal meine Forſchung— mißglückt!“ „Ah! Und von Thomas Morris keine Spur?“ „Ja, das iſt das Einzige, was ich ausgerichtet habe und eben darum ging ich nach England. Hören Sie nur. Ich begab mich, wie Sie wiſſen, nach Göttingen, wo Sie Thomas Morris damals verlaſſen hatten. Ich forſchte überall, wo er einſt verkehrte, nach ihm, aber Alles, Alles war entweder verſtorben oder verzogen, oder erinnerte ſich ſeiner nicht mehr.“ „Das alte Lied, William, es kann nach ſo vielen Jahren kaum anders ſein. Weiter!“ „Allein endlich traf ich zufällig einen Landsmann, der einen Oheim in England beſaß, den ich ſchon in jungen Jahren in Portsmouth kennen gelernt hatte; dieſer Oheim, Rosmond mit Namen, ſollte Kunde von Thomas Morris haben und ſo begab ich mich zu ihm nach Portsmouth, traf ihn zu Hauſe und hörte, daß er ſich Ihres Freundes ſehr wohl erinnerte.“ 20* 308 „Ha! Gut! Weiter!“ „Er erzählte mir, daß— verzeihen Ew. Herrlich⸗ keit— wie ich ſchon früher einmal anzudeuten mir erlaubte, daß Thomas Morris nicht der Gentleman wäre, den Sie einſt in ihm kannten und liebten, daß er vielmehr ein leichtſinniger, verſchwenderiſcher und herzloſer Mann geworden, ſo daß er ſelbſt ihm weder ein Vermögen, noch irgend etwas Anderes anvertrauen würde, wenn ſich jemals die Gelegenheit dazu böte.“ „Brachte er Beweiſe vor, Baxton?“ „O ja, Beweiſe genug. Thomas Morris lebte in Saus und Braus und, wie Sie wiſſen, beſaß er nichts als ſeine hundert Pfund jährlich, die er von ſeinem Vater geerbt, und die freilich, auf dem Feſt⸗ lande verzehrt, weiter reichten als auf engliſchem Bo⸗ den, allein doch nicht genügend waren, um ein ſo ver⸗ ſchwenderiſches Leben zu geſtatten, als er nach jenes Mannes Ausſage geführt haben ſoll.“ „Woher ſollte er den Ueberſchuß genommen haben, William?“ Der Alte ſchwieg und heftete ſein Auge forſchend auf das unruhige und betretene Geſicht ſeines Herrn. „Woher kann er es anders genommen haben, als von den Geldern, die Sie ihm behufs der bekannten Zwecke pünktlich von England und Indien zuſandten?“ b —9 „Haſt Du auch dafür Beweiſe?“ „Leider nein, Mylord, dieſe Beweiſe fehlen. Aber ich komme jetzt zur Hauptſache, die ich nach langem Fragen von meinem Landsmann erpreßte. Thomas Morris hatte eine alte Verwandte, ich glaube ſeines Vaters Schweſter—“ „Ha, das weiß ich, die hatte er.“ „Ich weiß es auch, denn ich habe ſie ſelbſt bei ihm früher in Tover⸗Hall geſehen. Dieſe Schweſter nun ſoll irgend wo in Schottland leben und von ihm und ſeinen Irrfahrten wiſſen—“ „Wo, wo lebt ſie, William? Das iſt wichtig.“ „Das konnte ich leider nicht erfahren, aber mein Landsmann verſprach mir, Erkundigungen einzuziehen und dieſelben mir hierher zu ſenden.“ „Wenn das geſchieht, müſſen wir ſogleich ſelbſt nach Schottland gehen oder irgend einen gewandten und vertrauten Menſchen, den Niemand kennt, dahin abſchicken.“ „Letzteres wäre bei Weitem das Beſte, denn Tho⸗ mas Morris, wenn er ſich vor uns verbergen will, wird Sorge getragen haben, gerade uns ſeinen Auf⸗ enthaltsort zu verſchweigen, und ſo würde ſeine Ver⸗ wandte uns am wenigſten denſelben verrathen.“ „Du haſt Recht. Ha! Wen aber ſenden wir?“ 310 „Die geeignete Perſon findet ſich vielleicht. Mein Geſicht iſt der Alten gewiß bekannt, denn ſie hat mich einige Mal geſehen, und Sie, trotzdem Sie Lord Shorneliffe geworden ſind, befinden ſich ſicherlich bei ihr in eben ſo gutem Angedenken, wenn, was ich be⸗ ſtimmt vorausſetze— mit Ihrer Erlaubniß— Thomas Morris ein Schurke war.“ Der Lord runzelte die Stirn, doch da er gegen des Alten Anſicht nichts Schlagendes vorzubringen wußte, ſagte er nichts und begnügte ſich, ungläubig den Kopf zu ſchütteln. „Mag es ſein,“ ſagte er endlich.„Zuvörderſt müſſen wir die Nachricht von Deinem Landsmann abwarten. Iſt er zuverläſſig?“ „Ich bürge für ihn wie für meinen Bruder, bin aber der Meinung, daß wir, wenn dieſe Nachricht in vier bis ſechs Wochen nicht eintrifft, jedenfalls einen Boten an ihn ſenden, um ihn zur Eile zu treiben.“ „Der Anſicht bin ich auch. Das wäre das Eine — jetzt zum Anderen.“ „Da werden Sie mehr zu erzählen haben als ich, Mylord.“ „Das habe ich— ja!“ „Aber es iſt nichts Angenehmes— das ſehe ich. Haben Sie gefunden, was Sie hier ſuchten— die 311 Ruhe— und hat die Einöde Ihr gequältes Herz ſo beſänftigt, wie Sie gehofft hatten, als Sie ſich in dieſe abgelegene Gegend zurückzogen 2“ „Ach, William, wenn das Herz ſtürmiſch bewegt und ohne allen Frieden iſt, dann iſt es einerlei, wo wir ſind, ob in einem Paradieſe oder in einer Wüſte. Mit troſtloſem Herzen ſehen wir die Reize der ſchön⸗ ſten Gegend und fühlen wir die Einſamkeit der wü⸗ ſteſten Einöde nicht. Erſt unſers Herzens ſüßes oder herbes Gefühl drückt der Umgebung, in der wir leben, den Stempel auf. Darum bin ich überall, wo ich bin, gleich geſtimmt, weil derſelbe nagende Wurm an meiner Seele zehrt. So habe ich auch hier gefunden, was ich ſuchte, Du weißt es ja, denn nach jahrelan⸗ gem Forſchen erfuhren wir, wohin Henriette von Ber⸗ gen vom Schickſal verſchlagen, und da ſiedelte ich mich in ihrer Nähe an, um wenigſtens die Luft zu athmen, die ſie athmet, wenn ſie auch meiner vergeſ⸗ ſen haben ſollte.“ „Haben Sie danach geforſcht, Mylord?“ „Ja, William, und in dieſer Beziehung bin ich zufrieden, denn ſie hat mich noch nicht vergeſſen.“ „Wie, das wiſſen Sie? Haben Sie ſie geſehen?“ „Nein, das wäre gegen meine ganze Sinnesart. Aber nachdem ich ſie mit meinen Kundſchaftern um⸗ 312 geben, habe ich Alles erfahren, was auf Brenko⸗ witz vorgeht, und als ich erfuhr, daß Henriette krank ſei und ihr Zimmer nicht verlaſſe, bin ich hinüberge⸗ ritten und habe mir den Baron Haldrungen mit eige⸗ nen Augen angeſehn.“— „Das konnten Sie, Mylord? O, dann fließt Ihr Blut nicht mehr ſo ungeſtüm, wie es vor Jah⸗ ren floß.“ „Ich konnte es, denn das Nachdenken und der Jahre lang ununterbrochen wühlende Schmerz haben mir Kraft, Faſſung und Ruhe gegeben, und kein Menſch, Einer vielleicht ausgenommen, ahnte, daß mich nicht das Ungefähr, ſondern eine bedeutungsvolle Abſicht nach Brenkowitz gezogen.“ „Und was haben Sie daſelbſt erfahren?“ „Auch das verdanke ich dieſem Einen, von dem ich Dir nachher erzählen will. Henriette iſt, was ſie war, das edle, ſtill tragende, aber nur mit ſchwachen Kräften gegen das allgewaltige Schickſal ringende Weib. Die Noth— ja, die Noth, William, und ver⸗ flucht ſei Thomas Morris, wenn er ſie verſchuldet— und wahrſcheinlich der Glaube, ich ſei nicht mehr am Leben, oder wohl gar die Ueberzeugung, ich habe ſie verlaſſen, um ſie zu vergeſſen und zu erniedrigen— hat ſie in die Arme dieſes deutſchen Barons getrieben, 313 der nicht weiß, daß er eine Perle in ſeinem Beſitze hat, die ich ihm mit einer Million bezahlen würde, wenn er ſie mir veräußern könnte.“ „Und Sie lieben ſie immer noch, trotzdem—“ „Trotzdem ſie das Weib dieſes Haldrungen iſt, ja! Emery Glandon, William, liebt nur einmal in ſeinem Leben, und da er überzeugt iſt, daß er eine Würdige und nur eine Unglückliche liebt, ſo liebt er ſie eben ſo innig, wie vor fünfundzwanzig Jahren, da er ſie verlaſſen, in Schmach und Jammer verlaſſen— und nicht wieder hat auffinden können.“ Es entſtand eine Pauſe Der Diener ſenkte den grauen Kopf, wie der Herr ſeinen blonden geſenkt hielt, und ſann über das menſchliche Herz nach, dem Gott ſo wunderbare Tiefen und Quellen der Liebe gegeben hat, daß ſie nie zu ergründen, nie zu erſchö⸗ pfen ſind. Endlich begann William Baxton wieder:„Sie wollten mir von einem Menſchen erzählen, der Ihnen über Frau von Haldrungen Aufſchluß gegeben hat.“ „Ja, Du haſt Recht, das will ich jetzt. Wie lange biſt Du in Downs⸗Caſtle, William?“ „Etwa eine halbe Stunde, Mylord.“ „Hat man Dir nicht geſagt, daß mein Haushalt eine Perſon mehr zählt als früher?“ 314 „Ja, Mylord, man hat es mir erzählt.“ „Nun gut. Dieſes junge Mädchen, welches mor⸗ gen früh mit Deiner Schwägerin nach Berlin abrei⸗ ſen wird, um ihre Studien zu vollenden, iſt eine eben ſo intereſſante Perſönlichkeit, wie die, der ich ſie ver⸗ danke. Denke Dir, ein armer Menſch, Joſeph Sohn mit Namen, der jetzt drüben in Brenkowitz die unter⸗ geordnete Rolle eines Hauslehrers ſpielt, hat ſich die⸗ ſes Mädchens, als ſie im Elend war, erbarmt, ſie mit ſich nach Hauſe genommen, ernährt, erzogen und den göttlichen Funken der Kunſt in ihr angefacht, noch dazu einer Kunſt, die ich über Alles liebe. Wie nennſt Du eine ſolche Handlung?“ Der alte Haushofmeiſter lächelte.„Es war eine Handlung, Mylord,“ ſagte er dann,„die, wenn ſie noch zu vollbringen wäre und ſich jetzt Gelegenheit, ſie zu vollbringen, böte, ganz für Ihr eigenes groß⸗ müthiges Herz geſchaffen ſein würde.“ „Genug! Du haſt meine Gedanken errathen. Aber die Gelegenheit, hier Gutes zu thun, wie ich es immer ſo gern im Leben that, iſt noch nicht vor⸗ über. Ihr ehemaliger Lehrer und Erzieher, Joſeph Sohn, hat ſie mir übergeben und ich laſſe ſie auf meine Koſten ausbilden.“ 315 „Ah, nun errathe ich, wer jener Eine iſt. Es iſt der Hauslehrer ſelber.“ „Er iſt es. Ein Mann, Baxton, den ich wahrhaft ſtolz bin, in wenigen Stunden zu meinem Freunde gemacht zu haben. Leider iſt er noch zwei Jahre an Brenkowitz gekettet und ich mag ihn auch dort nicht miſſen, da er der einzige Troſt der unglücklichen Hen⸗ riette iſt; denn ſo lange er in ihrer Nähe verweilt, hat ſie einigen Erſatz für alles ihr Fehlende; ich aber habe in ihm dort ein Herz, das mir wohl will und das ich befragen kann, wenn ich etwas zu wiſſen wünſche. Wäre er frei, ſo dürfte kein Menſch ihn ſein Eigen nennen als ich— und er, gerade er wäre am meiſten dazu geeignet, um nach Schottland zu ge⸗ hen und unſere Spur weiter zu verfolgen, da er eben ſo gut Engliſch wie Deutſch ſpricht, treu wie Gold und edel wie Diamant iſt.“ „Schade, daß er nicht an zwei Stellen zugleich verwandt werden kann.“ „Es geht nicht, leider, nein! Doch genug hiervon. Morgen, William, gehe ich von hier fort. Ich will einmal wieder ſelbſt nach Hannover und von da nach Berlin, um meine kleine Rachel zu beſuchen. Du bleibſt aber hier und ruhſt Dich aus von Deinen Strapazen. Aber, Alter, ich verlaſſe mich auf Dich 316 — Du biſt hier mein einziger Vertrauter. Begieb Dich vorſichtig von Zeit zu Zeit nach Brenkowitz, und was Du erforſcheſt, Gutes oder Schlimmes, das be⸗ richteſt Du mir. In jedem meiner Briefe werde ich Dir mittheilen, wo und wie lange ich mich an einem Orte aufhalte. In Hannover bleibe ich einige Wo⸗ chen, in Berlin aber längere Zeit. Uebrigens laſſe ich Dir unſern Francis hier; er iſt ein gewandter Burſche, und wenn Du Dich nicht ſelbſt in Brenko⸗ witz umſchauen kannſt, ſo wird er ſeine Bekanntſchaf⸗ ten dort benutzen und Dir von allem Vorgehenden Nachrichten geben.— Du willſt gehen, Du biſt müde, nicht?“ „Ja, Mylord, ich bin es und hungrig zugleich.“ „Noch Eins, Baxton. Vergiß nicht, was ich Dir von Herrn Joſeph Sohn geſagt habe. Er beſitzt mein Vertrauen. Ich habe ihn an mich gewieſen, wenn er in irgend eine Verlegenheit gerathen ſollte. Sein je⸗ tziger Herr iſt ein heftiger, jähzorniger Mann, und im Schooße ſeiner Familie gehen ſeltſame Dinge vor, von denen ich Dir ein andermal erzählen werde. Sollte der Fall eintreten, der junge Mann käme und ſuchte meine Hülfe nach— ſo hilf ihm, mit Allem, was Dir und mir zu Gebote ſteht.“ „Und er ſollte nach Schottland, für den Fall daß—“ — 317 „Ja, aber das ſind nur Ideen, die wohl nicht zur Ausführung gelangen werden.“ „Schadet nicht— aber wenn ich ihn dahin ſchickte in unſrer Angelegenheit, wie weit könnte ich ihn ein⸗ weihen in Ihre Geſchichte?“ Der Lord beſann ſich.„O,“ ſagte er,„dann ſchenke ihm volles Vertrauen. Er wird mich nicht täuſchen und kann mir nicht ſchaden. Und um ſo ergebener wird er uns ſein und um ſo unermüdlicher handeln, je tiefer er in mein Herz und das Herz meines Lebens blickt. Jetzt gute Nacht, Baxton, gute Nacht!— Am nächſten Morgen in aller Frühe hatte Rachel und Mrs. Baxton Downs⸗Caſtle verlaſſen, und etwa eine Stunde ſpäter war Lord Shorncliffe nach Han⸗ nover abgereiſt. Beinahe ſechs Wochen aber waren verſtrichen, ehe die Idee des Lords ſich in Wirklich⸗ keit verwandelte, und nun erſt kehren wir wieder zu Joſeph Sohn zurück, den wir in ſtiller Mitternacht am Strande der Oſtſee verlaſſen hatten. Peuntes Mapitel. Joſeph Sohn geht eine neue Lebensſonne auf. Joſeph Sohn hatte während der im Freien ver⸗ brachten Nacht keinen Augenblick wirklich geſchlafen, nur bisweilen war er in eine Art Halbſchlaf verſun⸗ ken, der mehr eine Erquickung der Seele als eine Stärkung des Leibes iſt. In dieſem Halbſchlafe hatte er ein gewiſſes Traumleben geführt, wie es uns un⸗ bewußt überkommt, wenn unſre geiſtigen Fähigkeiten durch ein großes äußerliches Mißgeſchick oder einen tief innerlichen Schmerz gewiſſermaßen gelähmt ſind, aber noch ſo viel Kraft behalten haben, um die Er⸗ ſcheinungen des Lebens gleichſam in einer viſionar⸗* tigen Geſtaltung aus ſich ſelbſt herausbilden zu kön⸗ nen. Es entſteht in ſolchen wichtigen Lebensmomen⸗ ten dann in uns oft das Gefühl, als wären wir auf einen hoch gelegenen Gipfel erhoben und beſäßen das 319 Vermögen, mit einem Blick über die weite Fläche des vor uns liegenden vergangenen Lebens hinabzuſchauen. Was wir nie vorher geſehn, ſehen wir jetzt klar und rein wie im himmliſchen Morgenlicht, was wir ge⸗ wollt, gethan, gelitten— Alles, Alles iſt vor unſerm verklärten Auge aufgerollt, der geheimnißvolle Nebel, in den uns die Gewohnheit des Alltäglichen hüllt, iſt verfflogen und man wundert ſich nicht mehr, daß alles Erlebte gekommen iſt, wie es kam, ſondern man fühlt ſich überzeugt, daß es ſo und nicht anders kom⸗ men mußte. Wohl dem Menſchen, der in ſolchen Augenblicken, die vielleicht das Spiegelbild eines hö⸗ heren, potenzirten Seins ſind, dann nur auf Thaten und Handlungen ſchaut, die er auch jetzt noch billigen und vertreten kann; aber es mag wohl ſelten ſo ſein, denn wir haben Alle unſere Schwächen, begehen Alle Irrthümer, werden nur zu oft von unſrer irdiſchen Beigabe der Leidenſchaft in die düſter verſchlungenen Pfade gelockt, aus denen das Labyrinth, welches wir Leben nennen, zuſammengeſetzt iſt. Die Viſion, die in ähnlicher Weiſe Joſeph Sohn umſchwebte, war auch nicht rein von Flecken und Irr⸗ thümern, auch er ſah ein, wo der Keim ſeines jetzigen hülfloſen Zuſtandes lag. Sein Herz hatte geſprochen, wo es nicht ſprechen durfte, er hatte ſich einer zärt⸗ — q 320 lichen Neigung hingegeben, die er an Werner getadelt, und ſo wunderte er ſich nicht, daß auch ihm Etwas begegnet war, was ihm geſtern noch ſchrecklich, heute äber ganz natürlich und ſogar nothwendig für ſeine fernere gereinigtere Lebensbahn ſchien. Gab er aber den Irrthum, den er begangen zu haben ſo feſt überzeugt war, auf? Erkannte er So⸗ phie ein für alle Mal für ſich verloren? Gelobte er ſich, ſie zu vergeſſen und ihren Zauber nicht mehr auf ſein wünſchevolles Herz wirken zu laſſen? Ach nein! Gerade weil er jetzt gedemüthigt, zerſtückt, halb ver⸗ nichtet war, faßte er den Entſchluß, ſich wieder ganz aus ſeiner Erniedrigung zu erheben und dann mit neuen Kräften und geſteigerter Anſtrengung das bis jetzt Unerreichte zu erringen. So war denn ſeine Liebe am Morgen faſt noch größer als am Abend vorher, mit eiſernen Klammern hielt ſeine Seele die Verlorene umſchlungen, und da er ſie mit irdiſchen Mitteln zu erlangen nicht im Stande war, ſo rief er die himm⸗ liſche Macht zu ſeinem Beiſtande auf, und in ſeinem Herzen erwachte die Hoffnung, es ſei vielleicht doch noch möglich, aus dem eingegangenen Kampfe ſieg⸗ reich hervorzugehen und mit ſtählernem Willen alle die Hinderniſſe niederzureißen, die zwiſchen ihm und ſeiner Liebe lagen. 321 Wer hat nicht ſchon Aehnliches gedacht und em⸗ pfunden, wer nicht ähnliche Pläne geſchmiedet? Ach, das menſchliche Herz iſt immer und überall in Jedem daſſelbe, voller Wünſche, voller Hoffnung, voller Er⸗ wartung, und wenn wir ſie hier auf Erden nicht in Erfüllung gehen ſehen, ſo tragen wir ſie— ſo con⸗ ſequent ſind wir wenigſtens in unſren Hoffnungen— mit in die Zukunft hinüber, in jenes Reich, wo uns ja durch göttliche Offenbarung ein ewiger Friede, eine ewige Seligkeit verheißen iſt!——— Es war kurz vor Tagesanbruch, als unſer Freund aus ſeinem traumartigen Halbſchlummer erwachte und zum Bewußtſein des Vorliegenden zurückkehrte. Er ſprang auf, denn ein leichter Schauer durchfröſtelte ihn, und augenblicklich erhob ſich auch ſein treuer Ge⸗ fährte, reckte ſich, gähnte und ſprang dann an ſeinem Herrn empor, als wollte er ihm in Ermangelung eines anderen ſeinen Morgengruß darbringen. Als Joſeph durch ein paar raſche hin und herge⸗ thane Schritte ſeine Lebenswärme wieder erweckt hatte, erſtieg er die höchſte Spitze des Waldbergs, ſtellte ſich unter die vorderſten Bäume und warf einen Blick auf die See hinaus. Da fand er denn die Scene, die er in der Nacht geſchant, völlig verändert, obwohl kaum minder ſchön, wenn auch nicht ſo klar, wie Emery Glandon. II. 21 322 bei'm vollen Mondenſchein. Die Wellen flüſterten leiſe, aber ſie waren nicht mehr in ihr lichtes Ster⸗ nengewand gehüllt, eine bleigraue Farbe hatte ſich wie ein ſchützender Mantel über ſie gebreitet und ſchien von den Schatten einer Wolkenwand herzurüh⸗ ren, die ſich im Oſten aufgebaut hatte, rieſengkoß, den ganzen Himmel vom nördlichen bis zum ſüdli⸗ chen Horizont überſpannend, wie ein ehernes, umpan⸗ zertes Ungethüm, das mit ſeiner bleiernen Wucht auf Land und Meer drückte. Allmälig aber und kaum wahrnehmbar veränderte ſich dieſe Wolkenwand. Sich mehr und mehr in die Breite ausdehnend, nahm ſie bedeutend an Höhe ab und an ihrem oberſten, ausge⸗ zackten Rande zeigte ſich ein mattgelber Streifen, der an Ausdehnung, Farbe und Gluth wuchs und ſchwoll, und endlich eine goldene Linie bildete, die ſich nach ihren Enden hin in einen matt roſigen Schimmer verlor. Als dieſe goldene Linie aber immer breiter und glühender wurde, begann es in den Blättern der Bäume zu flüſtern und in den kleinen Wellen des Meeres zu rauſchen, als würde dem Waſſer und dem Land eine neue Mähr verkündet, der ſie mit ihren Stimmen Beifall zollten. Und als trüge dieſe Mähr eine Schrek⸗ kensbotſchaft daher, ſo hatte ſich der vor Angſt im⸗ 323 mer bleicher gewordene Mond plötzlich vom Himmel verloren und ſelbſt die ſo hell flackernden Sterne er⸗ loſchen allmälig, in die Tiefen des Himmels tauchend, der ſeinen blauen Teppich hehr und groß wie zu ih⸗ rem Schutze über ſie hernieder fallen ließ. Als Joſeph dieſen Vorgängen mit andächtigem Herzen eine Weile ſtill gelauſcht hatte, wandte er ſein Auge wieder auf die Wolkenwand zurück. Sie hatte ihr düſteres, drohendes Anſehn verloren, war durch⸗ ſichtiger, farbreicher geworden, und von dem goldenen Streifen, der ſich gedehnt hatte und nach allen Rich⸗ tungen gewachſen war, ſchoſſen über den oberſten Rand derſelben roſige Strahlen hernieder, die wie goldene Franzen über einen purpurnen Vorhang fie⸗ len und einen Anblick gewährten, daß Himmel und Erde darüber hätten jauchzen mögen. Welches Geheimniß verbirgt dieſer Rieſenvorhang? Was bedeuten die roſigen, goldenen, zahllos empor⸗ ſchießenden Strahlen? Warum zittert das Meer und warum lispeln die Blätter, als flüſterten ſie ſich alle die Löſung eines göttlichen Räthſels zu? O, wieviel Menſchen mögen ſchon mit ähnlichen Gefühlen und Fragen zum Morgenhimmel emporge⸗ blickt und von ihm, dem Allmächtigen, Erhabenes Verheißenden Hülfe erfleht haben, wie ſie jetzt Joſeph 21* G 4 324 in ſtillem Gebete von ihm erflehte!„O Vater im Himmel,“ ſagte er,„Du läſſeſt auch mir, dem Bedrück⸗ ten, Verlaſſenen das Licht eines neuen Tages aufge⸗ hen, o wäre es auch mir, was es der ganzen Natur und allem Erſchaffenen iſt, das Licht eines neuen, glücklichen und fruchtbaren Lebens!“ Während dieſes kurzen, aber aus innerſter Seele hervorquellenden Gebetes hatte ſich das himmliſche Schauſpiel abermals verändert. Das falbe Licht des Morgengrauens war in lichteres Violett und dann in Blau übergegangen, und hinter dem azurnen Grunde der Wolkenwand, die jetzt nur wie ein halbdurchſichti⸗ ger Schleier erſchien, der das begehrte Schöne verbirgt, brach die Purpurfarbe des neugeborenen Tages her⸗ vor. Auch hob ſich über dieſes Schleiers Rand der erſte Strahlengruß und über das wogende Meer ſchoß eine Lichtgarbe, Nähe und Ferne vergoldend, die wie mit einem Zauberſchlage die Nacht in Tag verwan⸗ delte, denn Gott der Herr hatte auch heute wie ehe⸗ mals geſprochen: Es werde Licht! Und als es Licht und Tag geworden war, da wachte der Wald und das Meer ganz aus ſeinem ruhigen Schlummer auf, und die Sänger in Buſch und Feld zwitſcherten ihr Loblied empor und die Wel⸗ len des Meeres brodelten es wie im Triumphzuge 325 immer weiter nach Weſten zu, von den erwachten Lüften dahin gejagt, ihren kalten Bewohnern verkün⸗ dend, was über und außer ihm Großes und Herrli⸗ ches geſchah. O Glanz, o Wonne, o mit Worten kaum zu be⸗ ſchreibendes Schauſpiel, wer Dich einmal geſchaut, wie ich ſo oft am nordiſchen Meere, welches zwiſchen den Inſeln der ſkandinaviſchen Reiche wallt und wogt, der hat einen Blick hinter den Vorhang des größten Weltenſchauſpiels geworfen, und wenn er die Phan⸗ taſie und den Glauben dazu beſitzt, dann kann er ſich vielleicht ein Bild davon entwerfen, wie erſt der Sonnenaufgang jenes Lebens beſchaffen ſein muß, das uns die Wonnen des Paradieſes, die Räthſel unſres Lebens, das Geheimniß der ganzen Schöpfung löſt!— Sprachlos, in bewunderndes Anſchauen verſunken, ſtand Joſeph Sohn auf der waldigen Höhe und blickte hinunter und hinauf, wo Etwas zu erſchauen war. Endlich war ſie da, ganz und hehr, aber noch bleich und kühl von dem thauigen Bade des Meeres, aus dem ſie emporgetaucht; bold jedoch wuchs ſie an leuchtender Kraft und ſtrahlender Wärme, und die be⸗ thauten Gräſer neigten ſich in ihrem perlenden Lichte, und die Lüfte koſ ten und taumelten wie berauſcht von ihren zitternden Strahlen. 326 Erhoben und gekräftigt von dem nie erlebten Ge⸗ nuß, zu neuen Wagniſſen und Kämpfen geſtählt durch das göttliche Wunder, das der Menſch oft mit ſo gleichgültigen Augen betrachtet, ſchritt Joſeph die An⸗ höhe hinab, um in dem brandenden Waſſer ſeine heiße Stirn zu kühlen, das die ſpielende Woge jeden Au⸗ genblick friſch auf den Strand warf. Aber da über⸗ fiel ihn die Mahnung an ſeine menſchliche Schwäche. Er fühlte einen nagenden Hunger und doch war es noch viel zu früh, die Wohnungen der Menſchen auf⸗ zuſuchen, bei denen er Labung und Beiſtand in ſeiner Verlaſſenheit zu finden gewiß war. So bezwang er ſich denn, indem er ſich die Hülfe wenigſtens im Geiſte vorſtellte, die ihm noch fern war, und dieſe Vorſtel⸗ lung hat ſchon manchen Hunger geſtillt, wie ſie ſchon manche Thräne getrocknet hat. Ja, auch ihm, ſo ſagte ihm eine innre Stimme, der er Vertrauen ſchenkte, würde die Hülfe zu Theil werden, aber noch ahnte er nicht im Geringſten, wie dieſelbe beſchaffen ſein und wie weit ſie ſich erſtrecken könnte, denn die Art und Weiſe, wie der Himmel hilft, it uns Sterblichen ja immer ver⸗ borgen. Endlich aber näherte ſich die Zeit, in der er, ohne zu ſtören, es wagen konnte, an die gaſtliche Pforte zu pochen, und ſo ſchlug er denn getroſt den Weg an 327 der Umzäunung des Parkes ein, den er ſchon einmal unter günſtigeren Umſtänden zurückgelegt hatte. Das prachtvolle Thor, das zum Gebiete von Downs⸗Caſtle führte, war erreicht. Das Auge im bron⸗ zenen Doggenkopf, in deſſen Maule der Ring zum Glockenzuge hing, ſah ihn— ſo kam es ihm wenig⸗ ſtens vor— ermuthigend an, und raſch hatte er den Ring ergriffen und die Glocke erklang in kräftigen, weithin tönenden Schwingungen. Dieſe Schwingungen aber klangen ihm heute ganz anders als früher, denn es iſt wunderbar, welche ver⸗ ſchiedenen Töne die Glocken haben, je nachdem unſer Ohr, der Träger und Dollmetſcher unſrer innerſten Gefühle, dafür geſtimmt iſt. Wer hat nicht ſchon Aehnliches im Leben empfunden? Man ſei nur acht⸗ ſam auf das Glockengeläut, welches ſich bei ſo verſchiede⸗ nen Gelegenheiten vernehmen läßt. Dieſelben Glok⸗ ken tönen— es liegt nicht allein in der Art, wie ſie in Bewegung geſetzt werden— das Trauer⸗ und Fei⸗ ergelänt, und doch, ein wie wunderbarer Unterſchied liegt in ihren Tönen zu verſchiedenen Zeiten. Klingt die Thurmglocke, ſpricht ſie nicht ganz anders zu un⸗ ſerm Herzen, wenn ſie an Wochen⸗ oder Sonntagen ihre Stimme erſchallen läßt? Lautet ſie nicht viel feierlicher, herzerhebender am Chriſt⸗ und Oſterfeſt? 328 Woher kommt das? Weil unſer Gemüth oft durch unbewußte innere Regung darauf vorbereitet iſt, an dieſen Tagen ein Feſt zu begehen, weil das Herz des Menſchen ſich ſagt: heute iſt ein bedeutender, erhabe⸗ ner, feierlicher Tag, und dann das Ohr dieſes Men⸗ ſchen bereits geſtimmt iſt, aus den Klängen der Glok⸗ ken die feierliche Bedeutung herauszuhören. Auch auf Joſeph's feierlich geſtimmtes Gemüth übte dieſe Glocke heute einen unwiderſtehlichen Zau⸗ ber aus, ſie erweckte ihn völlig aus ſeiner innerlichen Verſunkenheit, ſie ſprach ihm Troſt, Kraft und Muth ein, wie ſie ſo hell und freudig klang, und von friſcher Hoffnung fühlte ſich ſein Herz berauſcht, als ſie end⸗ lich im Hauſe verklungen war, während ſie noch lange dröhnend und ſeine Lebensgeiſter erhebend im Innern nachzitterte. Der geſprächige Portier trat alsbald hervor und erkannte den frühen Beſucher ſogleich wieder, obwohl er ihn geraume Zeit nicht geſehen hatte.„Ah,“ ſagte er,„Sie ſind es, Herr Sohn, ich wünſche Ihnen einen guten Morgen. Was führt Sie denn zu ſo ungewöhnlicher Zeit hierher? Seine Lordſchaft iſt verreiſt, das wiſſen Sie doch?“ „Ja wohl weiß ich, daß er verreiſt iſt, aber ich 329 vermuthe Jemanden hier, der mir ſeinen Aufenthalts⸗ ort nennen kann.“ „Ohne Zweifel meinen Sie Mr. Baxton, Sr. Herrlichkeit Haushofmeiſter— ja wohl iſt der hier, aber er iſt etwas unpäßlich.“ „O dann liegt er wohl noch zu Bett?“ „Gott bewahre, Herr Sohn, Mr. Baxton hat im Bett zu viel Schmerzen in ſeinem von Podagra ge⸗ plagten Fuß, und ſo ſteht er ſehr früh auf, um ſich auf ſeinem Seſſel umherrollen zu laſſen. Da kommt Francis, der kann Sie gleich melden.“ Francis, ein junger Menſch, mit treuherzigem Ge⸗ ſicht, dem aber eine gewiſſe Schlauheit aus den mun⸗ teren Augen leuchtete, wollte ſich ſo eben die An⸗ nehmlichkeit eines Morgenſpazierganges bereiten, als er den Beſuch am Thorgatter vorfand. Sogleich kehrte er um, ſchritt mit Joſeph Sohn durch den Park und meldete ihn dann dem alten Freunde und Diener des Lords an, der bei allen Hausbewohnern von Downs⸗Caſtle in Abweſenheit deſſelben für ſeinen Stellvertreter galt. Es dauerte nicht lange, ſo wurde Joſeph in Mr. Baxton's Zimmer geführt, welches nach Süden hin, alſo dem Parke zugekehrt lag, und da ſah er denn den alten guten Mann in Decken gehüllt auf ſeinem 330 Rollſeſſel ſitzen und mit neugieriger Miene den aus dem Munde des Lords ihm ſchon bekannten Haus⸗ lehrer von Brenkowitz erwarten. Kaum aber hatte er ihn in's Auge gefaßt, ſo ſtutzte der alte Mann ſicht⸗ barlich, und anſtatt ihn mit freundlichem Willkom⸗ men zu empfangen, verharrte er in einem verlegenen Schweigen, was gar nicht in ſeinem mittheilſamen Weſen lag. „Mr. Baxton,“ begann Joſeph ſeine Anrede,„ich wünſche Ihnen einen guten Morgen und bitte um Verzeihung, daß ich Sie ſo früh ſtöre. Allein ich komme auf den Rath und Wunſch Lord Shorneliffe's ſelber, der mir ſein Haus als ein Aſyl bezeichnet hat, für den Fall, daß ich deſſen bedürftig werden ſollte.“ „Ah! Wie? Sie— Sie ſind Herr Joſeph Sohn, der bei'm Baron Haldrungen in Brenkowitz als Haus⸗ lehrer lebt?“— Und der alte Mann ſtarrte ihn noch⸗ mals mit unverholenem Staunen und höchlichſt über⸗ raſchter Miene an. „Gewiß bin ich der— warum ſollte ich es nicht ſein?“ „Warum? Ja! Hm! Sehr wohl, warum nicht? Aber, mein Gott, Mr. Sohn, was führt Sie ſo früh her und wie ſehen Sie aus? Ihnen iſt doch kein Un⸗ glück begegnet?“ „Allerdings, Mr. Baxton, und das iſt der Grund, warum ich kam, Sie zu fragen, wo ich Seine Lord⸗ ſchaft zu finden vermöchte, denn er hat mich in gewiſ⸗ ſen Fällen auf ſeinen Beiſtand rechnen laſſen und Sie mir als ſeinen vertrauteſten Freund genannt, der in ſeiner Abweſenheit ſein Stellvertreter ſein würde.“ „Ah wohl, Seine Herrlichkeit war zu gütig, ich bin nur ſein Diener, obwohl auch ſein Vertrauter— ja, ja— in jeder Beziehung. Eben darum treffen Sie mich auch nicht unvorbereitet auf Ihr Erſcheinen, denn Mylord hat mir für den Fall, daß Sie hier einträfen, Verhaltungsmaaßregeln gegeben—“ „Wie? Verhaltungsmaaßregeln? In Bezug auf mich? Wie konnte er denn vorherſehn, daß ich kommen würde?“ „Freilich, das ſcheint Ihnen ſonderbar, aber es iſt es doch nicht, wenn Sie Mylord ſo genau kennten wie ich. Er hat nur den möglichen Fall angenom⸗ men, daß es Ihnen— nicht ſo recht gefallen würde in Brenkowitz, und daß über kurz oder lang die hef⸗ tige Gemüthsart des Barons Ihnen einen Stuhl vor die Thür ſetzen würde— und dieſer Fall, Mr. Sohn—“ „Iſt in der That eingetreten, Mr. Baxton, und ich bewundere das Ahnungsvermögen Ihres Herrn.“ 332 „Unſres Freundes, ſagen Sie nur getroſt, junger Herr, denn auch Sie ſind ſein Freund, das hat er mir ebenfalls geſagt. O, wenn Sie dieſen Freund ganz nach ſeinem edlen und guten Herzen würdigten, Sie würden ſich glücklich ſchätzen, jetzt unter ſeinem Dache zu ſein, anſtatt ſo bleich und verſtört umher⸗ zublicken, als ob Sie ſich noch nicht in Ihre neue Lage finden könnten.“ „Verzeihen Sie, ich befinde mich in der That nicht ganz wohl— ich habe die Nacht unter freiem Him⸗ mel zugebracht.“ „Was? Unter freiem Himmel? Iſt's möglich? O, dann iſt mir Ihr Ausſehn erklärlich, obgleich— aber halt! da weiß ich ein vortreffliches Mittel, Sie von Ihrem Unwohlſein zu heilen— ohne Zweifel haben Sie unter Gottes freiem Himmel mit den Vögeln des Waldes geſpeiſt?“ Joſeph lächelte matt— die neue Sonne ſchien ihm auch in dieſem Zimmer zu leuchten— und nickte dem freundlichen Alten die Bejahung ſeiner Frage zu. „Aha! Dachte ich mir es doch! Alſo zunächſt ein Frühſtück und dann alles Uebrige. O, Sie glauben gar nicht, wie ein gutes Frühſtück die Lebensgeiſter eines jungen Mannes erfriſcht und ihm Muth und 333 Selbſtvertrauen wiedergiebt. Ich kenne das— und wollte eben auch frühſtücken.“ Er hatte kaum ausgeſprochen, ſo erſchien ein Die⸗ ner und brachte auf einer großen Platte ein kräftig duftendes Frühſtück herein, beſtehend— nicht aus Thee, den hatte Mr. Baxton ſchon vor zwei Stunden getrunken— ſondern aus ein paar tüchtigen Beef⸗ ſteaks, Eiern, Schinken, Käſe, nebſt Brod und Butter in Fülle. „Mr. Baxton,“ ſagte der Diener,„Francis hat mich beauftragt, das Frühſtück eine halbe Stunde früher zu bringen und die Portion zu verdoppeln.“ „Francis iſt ein ſehr vernünftiger Burſche, David, ſag ihm das von mir. Nun aber, mein Sohn, bringe uns auch eine Flaſche guten, ſehr guten Bordeaux— verſtehſt Du?“ „Sehr guten Bordeaux, Mr. Baxton, ſehr wohl!“ Es läßt ſich erwarten, daß Joſeph zum Zulangen des ſo freundlich Gebotenen ſich nicht nöthigen ließ, und in Wahrheit, Mr. Baxton's Erfahrung erwies ſich als überaus richtig, denn des Hungernden Lebens⸗ geiſter ſtellten ſich ſo bald und völlig wieder her, daß er kaum noch wußte, dieſe Nacht in keinem Bette ge⸗ ſchlafen zu haben. „Hören Sie,“ ſagte der Alte während des Eſſens, 334 „es ſchmeckt mir in Ihrer Geſellſchaft viel beſſer, als es mir allein geſchmeckt haben würde, und auch mein Podagra macht ſich weniger bemerklich, ſeitdem Sie hier ſind. Nun freilich, Podagra iſt eine ſehr ange⸗ nehme Krankheit— ich meine in Bezug auf das bis⸗ weilen plötzliche Aufhören ihrer Hauptſymptomk.— Wie? Sie legen ſchon die Gabel hin? Sind Sie denn geſättigt?“ „Vollkommen, Mr. Baxton! Ihr Rath war gut — ich fühle mich hinreichend geſtärkt.“ „Nun, dann wollen wir ein Glas von dieſem Bordeaux koſten. Es wird mir nichts ſchaden— mei⸗ nen Sie nicht? Auf Ihr Wohl, Mr. Sohn!“ „Auf das Ihrige und das Sr. Herrlichkeit!“ „Verſteht ſich, auf das trinke ich immer. Aber nun— wie wäre es, wenn wir jetzt an unſre Ge⸗ ſchäfte gingen? Wenn ich weiß, wie und warum Sie heute Morgen mit den Vögeln geſpeiſ't, ſo bin ich vielleicht beſſer im Stande, Ihnen einen vorläufigen Rath zu ertheilen.“ „Ich bin ſehr gern bereit dazu und will ſo auf⸗ richtig gegen Sie ſein, wie ich es gegen Mylord ſel⸗ ber ſein würde.“ B „Bravo, bravo, junger Mann! Jetzt ſprechen Sie — ich höre.—“ Dabei lehnte er ſich in ſeinen Seſ⸗ 335 ſel zurück, faltete die Hände behaglich vor ſeinem Bauche und ſah Joſeph mit erwartungsvoller Miene an. So erzählte denn dieſer ſeine Erlebniſſe in Bren⸗ kowitz, wie wir ſie ſelber wiſſen, und zwar mit jener rückhaltsloſen Offenherzigkeit, wie ſie eine Haupteigen⸗ ſchaft ſeines Weſens war. Nichts verſchwieg er, kei⸗ nen vermeintlichen Fehler von ſeiner Seite, denn es kam ihm immer vor, als ſtände der Lord ſelber hin⸗ ter dem Stuhle des alten Baxton, um ihn zur voll⸗ ſtändigſten Beichte zu ermuntern. Als er mit ſeiner Erzählung zu Ende war, hatte des Haushoſmeiſters Geſicht ein ganz andres Ausſehn angenommen, es hatte ſein ſchmunzelndes Lächeln abgeſtreift und, ſo zu ſagen, ſeine Geſchäftsmiene aufgeſetzt.„So, ſo,“ ſagte er ernſt, bedeutſam den Kopf wiegend,„ſo alſo ſtehen die Sachen! Hm! Das war gemein, brutal, das ſieht dem Herrn Baron ähn⸗ lich. Haha! So hatte ich mirs freilich nicht gedacht. Das werde ich doch dem Lord melden müſſen und noch heute ſchreibe ich ihm, wenn Sie es mir ge⸗ ſtatten.“ „Ich bitte ſogar darum; und verſchweigen Sie ihm nicht das Geringſte von meiner Handlungsweiſe, ſo viel Schatten Ihnen auch darn zu liegen ſchei⸗ nen möge.“ 336 „Bei Leibe nicht, ei, wie werde ich ihm nur ein Wort verſchweigen! Was denken Sie! Das iſt Alles für ihn höchſt intereſſant. Aber nun, was werden Sie thun?“ „Ich werde geduldig abwarten, was Seine Herr⸗ lichkeit zu meinen Verhältniſſen ſagt und welchen Rath er mir ertheilt.“ „Ah, das verſteht ſich von ſelber, aber das meinte ich nicht. Ich meinte vielmehr, was Sie in Bezug auf Brenkowitz thun wollen?“ „Wie? Was meinen Sie? Was könnte ich in dieſer Beziehung thun?“ „Wie? ſage auch ich. Sie wollten Nichts thun? Sie— ein junger hoffnungsvoller Mann? Wollen Sie die junge Dame in ihrer Wehmuth da ſitzen laſ⸗ ſen, ohne ſie zu tröſten, zu ermuthigen? Denken Sie nur, in welcher Angſt und Sorge ſie ſchweben mag, nicht zu wiſſen, was aus Ihnen geworden iſt und wohin Sie ſich wenden werden, abgeſehn davon, daß die Baronin, die edelſte der Frauen, mit in ihren Kummer verwickelt iſt.“ Joſeph ſchoß das Blut in's Geſicht. Er ſchöpfte ſchon wieder neue Hoffnung; der Alte erſchien ein erfahrener Mann in ähnlichen Verhältniſſen zu ſein, und doch war er noch viel mehr als das, er war ein „ 8— 337 herzensguter, zartfühlender und ſeinem Herrn in vie⸗ len Punkten gleichender Ehrenmann.„Was meinen Sie denn, was ich thun ſollte?“ fragte Joſeph zag⸗ haft und doch vertraulich. „Ei, da iſt ja nur ein Ding möglich. Sie gehen ſogleich auf Ihr Zimmer, das ich Ihnen anweiſen laſſen werde, und ſchreiben einen erklärenden Brief an das Fräulein und ihre Mutter. Was darauf folgt, müſſen wir abwarten.“ „Einen Brief? Wie ſoll ich denn den aber be⸗ ſtellen?“ „Dafür laſſen Sie mich ſorgen. Abgemacht!— Wo würden Sie gerne wohnen?“ „In einem hochgelegenen Zimmer, wo möglich mit der Ausſicht auf die See.“ „Ganz mein Geſchmack, wenn ich kein Podagra hätte. Das ſollen Sie haben, gerade über Sr. Herr⸗ lichkeit ſollen Sie wohnen.“ Er ſchellte. Ein Diener trat ein und empfing die nöthigen Befehle. Ehe derſelbe aber wieder ging, um ſie auszuführen, meldete er, daß ein Bauer mit einem Wagen ſo eben die Sachen Mr. Sohn's ge⸗ bracht habe. „Ahal! Der Herr Baron iſt eben ſo zeitig wach, wie wir. Hat der Bauer ſonſt nichts beſtellt?“ Emery Glandon.„* 22 8 338 „Kein Wort, Mr. Barton. Er ſagte nur, der Herr Baron hätte befohlen, die Koffer und Kaſten Mr. Sohn's bei'm Pförtner abzugeben. Darauf iſt er ſogleich wieder fortgefahren.“— Eine Stunde ſpäter war Joſeph Sohn in einem höchſt wohnlichen und verhältnißmäßig ſehr koſtbar ausgeſtatteten Zimmer, das eine prachtvolle Ausſicht über die See hin bot, eingerichtet, und nachdem er es ſich in jeder Weiſe bequem gemacht, ſetzte er ſich ſo⸗ gleich nieder, um die von Mr. Baxton angedeuteten Briefe zu ſchreiben, ein Unternehmen, welches ſein volles Herz bedeutend erleichterte, ihm ſogar ein na⸗ menloſes Glück bereitete, da er es nicht für möglich gehalten hatte, ſo ſchnell eine Verbindung mit Bren⸗ kowitz wiederherzuſtellen, wie ſie jetzt erfolgte. Der Baronin enthüllte er ſein ganzes Herz, erzählte die am vergangenen Abend vorgefallenen Begebenheiten und ſprach die Hoffnung aus, durch den ſo plötzlichen Aus⸗ tritt aus ihrem Hauſe nicht zugleich ihre Achtung nnd Theilnahme verloren zu haben. Auch dankte er ihr aus vollſter Seele für alle Güte und Freundlichkeit und verſprach ſich derſelben ſtets und überall würdig zu erweiſen. 339 Ungleich leichter noch wurde ihm die Abfaſſung des etwas langen Schreibens an Sophie. Ach, es war der erſte Brief der Art, den er in ſeinem Leben ſchrieb, und es war ihm ſchmerzlich genug, daß ſein erſtes ſchriftliches Liebesgeflüſter eine ſo traurige Grund⸗ lage haben mußte, wie ſie ihm hier durch des Schick⸗ ſals Willen zu Theil geworden war. Mehr, weit mehr, als er der Geliebten je mit hörbaren Worten geſagt, ſagte er ihr jetzt mit der Feder, denn er fand es un⸗ gleich leichter, ſein Herz auf dieſe Weiſe auszuſchütten und von ſeinen Hoffnungen zu reden, als er es Auge in Auge zu ſagen gefunden hatte. In dieſem Briefe auch beſchrieb er ſeinen Empfang in Downs⸗Caſtle, ſeine Wohnung, die Güte des Lords und was ihm ſeine augenblickliche Stimmung ſonſt noch an Troſt und günſtigen Erwartungen von der Zukunft eingab. Zuletzt ſchrieb er auch an Rachel einige Worte und benachrichtigte ſie von ſeinem Aufenthaltswechſel, wo⸗ bei er ſie indeß mehr errathen ließ, als daß er es mit deutlichen Worten ſagte, welche Urſache demſelben zu Grunde liege. Als er dieſe Briefe zu Mr. Barton hinuntertrug, fand er ihn vor dem Schreibtiſch ſitzen, beſchäftigt, ſeinen bereits beendigten Brief an Lord Shorneliffe zu ſiegeln. Raſch ſchrieb er einige herzliche Grüße 22* 340 darunter und kündigte ſich als unfreiwilligen Bewoh⸗ ner ſeines Hauſes und als dankbaren Schützling ſei⸗ ner Gunſt an. Bald darauf trug ein reitender Bote dieſen Brief nach dem nächſten Poſtamte, und Mr. Baͤxton nahm das Packet, welches nach Brenkowitz beſtimmt war, in Empfang, um Francis den Auftrag zu ertheilen, es in die rechten Hände abzuliefern, ein Auftrag, der ganz geeignet war, den ſchlauen Diener mit freudigem Stolze zu erfüllen, und den er um ſo leichter in's Werk ſetzen konnte, da er bereits oft in geheimen Aufträgen Mr. Baxton's auf dem Nachbar⸗ gute geweſen war und daſelbſt mit Valentin Verbin⸗ dungen angeknüpft hatte, wie ſie unter vertrauten Dienern bekannter Familien ſo leicht geſchloſſen wer⸗ den. Schon am Nachmittage deſſelben Tages hatte er ſich auf den Weg gemacht, um ſeinen Auftrag aus⸗ zurichten, und als es dämmerte, brachte er die will⸗ kommene Botſchaft zurück, daß Valentin den Brief insgeheim empfangen und an ſeine Adreſſe befördert habe. So konnte man denn mit dem Anfang dieſer geheimen Unternehmung zufrieden ſein und jetzt erſt fühlte ſich Joſeph frei von allen Aengſten und Be⸗ ſorgniſſen, da er die Hoffnung hegen konnte, bald auf irgend eine Weiſe mit einer Erwiderung ſeines Schrei⸗ bens beglückt zu werden. ————,. 341 Allein, wenn er dieſe Erwiderung umgehend er⸗ wartet hatte, ſo ſah er ſich bitter getäuſcht, denn drei ganze Tage waren ſchon verfloſſen und noch hatte er nicht die geringſte Botſchaft aus Brenkowitz erhalten. Schon am zweiten Tage gegen Abend fühlte er ſich von neuer Beklommenheit bedrückt, und nach Verab⸗ redung mit Mr. Baxton, der faſt den ganzen Tag ſein Geſellſchafter geweſen war, ſchlich er ſich, als die Schatten der Nacht ſeine Schritte verbargen, in die Nähe des Gutes, um wenigſtens aus der Ferne den Aufenthaltsort der Geliebten zu betrachten. So un⸗ terhaltend und angenehm aber eine ſolche Betrachtung in der Regel iſt, Joſeph fühlte keine große Beruhi⸗ gung dabei, vielmehr ſetzte ſich ſein Herz wieder in ſtürmiſchere Bewegung, als er das Haus von ferne ſah, worin er ſo glücklich geweſen, und an den er⸗ leuchteten Fenſtern erkannte, daß man ſich im Ver⸗ ſammlungsſaale befinde. Muſik aber, ſo eifrig er lauſchte, hörte er nicht, ach! wer ſollte ſie auch hören laſſen? Niemand war ja in dem großen Schloſſe, der dazu aufgelegt ſein konnte. So kehrte er nach mehrſtündigem Harren und Verlangen langſam nach Downs⸗Caſtle zurück, und ſein ſchweigſames Weſen verrieth dem aufmerkſamen Mr. Baxton zur Genüge, wo ſeine Seele ſich tum⸗ 342 melte. Nichtsdeſtoweniger ſtudirte ihn der alte Haus⸗ hofmeiſter, wie man ein Buch ſtudirt, und es waren noch nicht die erwähnten drei Tage verſtrichen, ſo er⸗ klärte er ſich ſelbſt für befriedigt und ſtimmte im Geiſte mit der ſchnell erwachten Neigung des Lords überein, da er ſich überzeugt zu haben glaubte, daß dieſelbe auf keinen Würdigeren hätte fallen können, als auf dieſen edlen jungen Mann, deſſen Geſicht in manchen Momenten einen Ausdruck zeigte, von dem Mr. Bax⸗ ton ſelbſt nicht wußte, was er dazu ſagen ſolle, da er ihm bald bekannt und bald wieder ganz fremd vor⸗ kam, je nachdem Joſeph von inneren Empfindungen heftig bewegt war oder nicht. Wenn er ruhig vor ſich hin ſchaute, las oder gemächlich ſprach, erſchien ihm dies Geſicht vollkommen fremd, war er aber leb⸗ haft erregt, ſo leuchtete eine Flamme aus ſeinen Au⸗ gen und prägte ſich ein Zug um den geſchloſſenen Mund aus, der dem Alten wie eine bekannte Erſchei⸗ nung vor der Seele ſchwebte, aber nie ſo klar oder ſo entſchieden wurde, daß er mit Beſtimmtheit hätte ſagen können, da und dort habe er dieſelbe ſchon ein⸗ mal geſehen.— Es war am vierten Tage nach Joſeph Sohn’s Ankunft auf Downs⸗Caſtle, als er in der Abenddäm⸗ merung am Fenſter ſeines hochgelegenen Zimmers — 343 ſaß und auf das ruhende Meer hinausblickte, über deſſen Oberfläche Tauſende von Seevögeln flatterten und in ſpielender Luſt ſich die Zeit vertrieben. In einen trüben Gedankengang über den Lauf der menſch⸗ lichen Schickſale vertieft, der ihn in einſamen Stun⸗ den jetzt ſo häufig beſuchte, überhörte er das Klopfen an ſeiner Thür, bis es ſich ſtärker wiederholte und auf ſeinen Ruf Francis eintrat, um mit verſchmitztem Lächeln zu melden, es ſei ein Fremder angekommen, der Mr. Sohn zu ſprechen wünſche. „Ein Fremder? Zu mir? Wer iſt es?“ „Das will er ihnen ſelbſt ſagen und Sie werden Freude davon haben, glaube ich.“ „So mag er ſogleich kommen!“ Kaum hatte er es geſagt, ſo ſtürzte der alte Va⸗ lentin aus Brenkowitz herein, der die Zeit nicht er⸗ warten konnte, ſeinen prächtigen jungen Mann, wie er ihn nannte, nach der ſo unvorhergeſehenen Tren⸗ nung endlich wiederzuſehen. In der That war die Begrüßung von beiden Sei⸗ ten gleich herzlich und Valentin's Freude kaum ſo groß wie Joſeph's, da er den treu bewährten Diener erblickte, der ſein und Sophiens Vertrauter geworden, wie er ſchon lange auch der der Baronin geweſen war. 4 344 „Gott ſei Dank!“ rief der ehrwürdige Alte, nach⸗ dem er ſich durch einige herzliche Worte Luft gemacht, „daß ich Sie ſo munter und gut untergebracht wieder finde. Ach, Herr Sohn, wieviel Thränen ſind Ihret⸗ wegen gefloſſen! Wenn Sie die geſehn und alle die Seufzer gehört hätten, die ich gehört, Sie würden ſo erweicht und troſtlos geworden ſein wie ich, der ich mich nicht enthalten konnte, auch ein paar recht von Herzen auszuſtoßen.“ „Ich danke Dir, Valentin, ich danke Dir herzlich für Deinen Beſuch. O, Du kannſt mir nichts Schlim⸗ mes bringen. Aber auch ich habe Thränen vergoſſen und Seufzer ausgeſtoßen, in Fülle, mein alter Freund!“ „Das läßt ſich wohl denken, ach ja, mehr wie zu viel.“ „Aber nun erzähle mir Alles, was Du weißt, und dann ſage mir Deine Botſchaft, denn Du haſt doch gewiß eine für mich?“ 4 „Na das verſteht ſich! Ob! Alſo erzählen ſoll ich? Nun wohl. Ja, womit fing es an,“ ſagte er und beſann ſich, da ihm wohl Vielerlei durch den Kopf ſchwirren mochte—„richtig, ich hab's, mit Ih⸗ rem Verſchwinden fing's an. Das war eine ſchöne Ueberraſchung am nächſten Morgen. Kein Menſch wußte etwas davon, bis ich um ſechs Uhr zu dem 345 Herrn Baron gerufen wurde und den Befehl erhielt, Ihre Sachen hierher ſchaffen zu laſſen. Ich wollte ſie ſelbſt bringen, aber da hätten Sie den giftigen Blick und die Wuth vom gnädigen Herrn ſehen ſollen! 4 Na, da wußten wir Alle, was die Glocke geſchlagen hatte, und Jeder verkroch ſich ſo gut mit ſeinen Ge⸗ danken wie es. ging, denn angenehmes Wetter gab es an dieſem Tage nicht viel. Schon um acht Uhr kam der Herr Baron zu ſeiner Frau und führte da keine üble Komödie auf, das kann ich Ihnen verſichern. Bis auf den Hof hinaus hörte man ihn toben und ſchreien, und im Zimmer war nichts als Weinen und Wehklagen. Was da nun für Worte gefallen ſind, 1 das weiß ich nicht und will ich nicht wiſſen, genug, der Sturm war orkanartig, und um neun Uhr ſchon warf ſich der Baron auf ein Pferd und jagte davon, um erſt ſpät in der Nacht mit leeren Taſchen und dickem Kopfe wiederzukommen.“ „Wieſo mit leeren Taſchen— was meinſt Du damit?“ „Das will ich Ihnen nachher erklären, denn heute muß endlich die Wahrheit an den Tag, ich habe es mir gelobt.— Aber was Brenkowitz anbelangt— den ganzen Tag, der auf Ihre plötzliche Abreiſe folgte, kam die Frau Baronin und Fräulein Sophie nicht —y— ———ͤſſſſſſſ erewen 346 zum Vorſchein, ſie beriethen ſich im Stillen und wein⸗ ten ſich aus, ſo viel iſt gewiß. Ueberhaupt war es im ganzen Hauſe ſehr ſtill, als ob ein Gewitter in der Luft ſchwebte; nur das gnädige Fräulein rumorte herum, als hätte ſie den Teufel ausgetrieben und müßte nun alle Spuren abwiſchen, die er zurückge⸗ laſſen hatte. Jeden, der ihr zufällig in den Weg kam, ſah ſie dabei lächelnd und triumphirend an und theilte auch doppelte Portionen Bier und Kaffee aus, aber kein Menſch hat einen Biſſen davon angerührt, als die verfluchte Jakobine, die ſich gerühmt hat, Sie und Fräulein Sophie alle Abende auf dem Balkon belauſcht zu haben.“ „Ha! Alſo das weiß man?“ „Man weiß Alles, beſter Herr Sohn, ſogar daß Sie Fräulein Sophien lieben und Fräulein Sophie Sie wieder liebt, und daß Sie deshalb aus dem Hauſe gemußt bei Nacht und Nebel, und daß nun Fräulein Sophie wohl ſterben würde, wenn ſie nicht zu ihrem Schatze käme. Ach, Herr Sohn, geben Sie ſich alle Mühe, recht reich zu werden, und heirathen Sie dann das Fräulein friſch weg, denn in dem Hauſe gedeiht Nichts, auch ſie geht zu Grunde, wenn ſie nicht bald in andere Luft kommt. Das hat ſie auch gerade heraus den folgenden Tag ihrer Tante ———— ——-—— in’s Geſicht geſagt, als ſie zu Tiſche kam, und daß ſie allein an der üblen Wirthſchaft ſchuld ſei— aber es würde dennoch Alles anders kommen, als die bö⸗ ſen Menſchen eingebrockt, denn Gott hätte auch noch Augen und er würde in Zukunft entſcheiden, wer Recht und wer Unrecht von ihnen gethan.“ „So— das hat ſie ihr geſagt?“ „Das und noch viel mehr, Herr Sohn.“ „Aber die Baronin, was hat die geſagt?“ „Kein Wort, wenigſtens hat kein Menſch eins aus ihrem Munde gehört; ſie hat ihr Zimmer noch nicht verlaſſen und nur mit Fräulein Sophie ſich unterhal⸗ ten. Sie ſoll auch immerfort weinen, ſagte mir Do⸗ ris, die ſie öfter als ich geſehn und— und das gnä⸗ dige Fräulein hat in ihrer funkelnagelneuen Wuth der Jakobine geſagt, daß ſie ganz recht thäte, über ſich zu weinen und ſich zu ſchämen, weil ſie in ihrem Alter noch einem ſo jungen Mann nachlaufe, wie Sie ſind.“ „Was? Das hat des Barons Schweſter der Ja⸗ kobine geſagt?“ „O, noch viel Schlimmeres, was ich gar nicht wiedererzählen mag.“— „Nun ſprich nur weiter, Valentin, ich höre ruhig zu, ſiehſt Du, denn was ein böſer Verläumder von 348 mir ſpricht, hat mich nie außer Faſſung bringen kön⸗ nen.“ „Richtig, richtig, ſo denke ich auch, daß man han⸗ deln muß. Aber warten Sie— wo war ich denn? Ja ſo! Der Baron ſpielte alſo den Wüthrich die drei Tage lang. Getobt hat er wie ein Wilder durch das ganze Haus und ſich ſo recht in ſeiner vollen Glorie gezeigt. Mit Flüchen und Verwünſchungen rief er es Jedem zu, der es hören wollte, die ganze Wirthſchaft ginge zu Grunde, wenn man ſeinen Rang und Stand in der menſchlichen Geſellſchaft vergäße und ſich mit Hungerleidern blamirte, ſtatt mit Seinesgleichen zu verkehren. So wie er Sie fortgejagt, würde er einen nach dem andern von den Taugenichtſen fortjagen und ſeine Frau käme auch⸗ noch einmal an die Reihe.“ „Valentin! Das iſt nicht möglich!“ „Ja, bei Gott, er hat es geſagt, ich ſchwöre es Ihnen zu, und noch viele andre ſchreckliche Dinge. Drei Tage lang hat das Spektakel gedauert und alle Tage hat er ſich Mittags einen rothen Kopf getrun⸗ ken und iſt Nachts mit einem rothen Kopfe wiederge⸗ kommen, nachdem er geſpielt hat, mehr denn je.“ „Geſpielt? Davon habe ich ja noch nichts gehört.“ „Na! Von Wem ſollten Sie denn auch ſo etwas hören? Wer wird Ihnen das ſagen, ſo lange Sie 349 im Hauſe ſind?— Ei natürlich, das iſt ja eine alte Geſchichte, er ſpielt ſchon ſeit Jahren, alle Welt weiß es. Erſt hat er es ganz im Stillen getrieben, dann immer offener und überall, und darum reitet er ja auch alle Tage in die Nachbarſchaft, wo ſeine Kum⸗ pane ihn irgend wo erwarten.“ „Wenn Du Dich nur nicht irrſt, Valentin?“ „Gott bewahre, Herr, bei uns weiß es ja Jeder, nur das gnädige Fräulein weiß es nicht, ſonſt hätte der Himmel im Hauſe ſchon lange aufgehört blau zu ſein. Neulich ſoll er an zweitauſend Thaler an einem Abend verloren haben, und weil ihm das im Kopfe herumgeht, bekümmert er ſich auch um nichts Andres, weder um Haus noch Hof, noch Geſinde, noch Vieh, ja nicht einmal um Frau und Kind, denn einem Spieler, Herr Sohn, iſt an Nichts auf der Welt etwas gelegen, als am Spiel, und trinkt er noch dabei, wie der Baron, ſo iſt er nun gar nichts werth. So kommt es denn auch, daß im Hauſe und Hofe Alles drunter und drüber geht; der Verwalter haut ihn über's Ohr, daß es nur ſo knallt, und was dem Ba⸗ ron abgeht, das legt er ſich zu. Der aber merkt's nicht, daß ihm ſo viel aus der Taſche fällt und in Jenes hinein. Wenn das noch ein paar Jahre ſo fort geht, ſo wird der Baron bald auf dem Trocknen ‧̃ — 350 ſitzen, ſein Vermögen iſt ſo ſchon halb durch die Lüfte gegangen.“ Joſeph, völlig benommen, ſchwieg und ſein blei⸗ ches Geſicht bewies am beſten, wie erſchrocken er war. „Er kann doch aber nicht das Vermögen ſeiner Kinder antaſten?“ fragte er den treuen Menſchen, der in ſeiner Redlichkeit es nicht unterlaſſen konnte, bei die⸗ ſer günſtigen Gelegenheit ſich das Herz leicht zu ſprechen. „Nun das wird er freilich nicht können. Das Vermögen der Kinder, denke ich mir, iſt ſicher vor Anker gelegt, dafür hat gewiß die verſtorbene Frau und ihr Anwalt geſorgt, denn die kannte ihren Ge⸗ mahl und wußte, daß er ſchon einmal an der Spiel⸗ wuth gelitten, die immer ruckweiſe bei ihm kommt, jetzt aber ſich feſt eingeniſtet hat. Er ſoll ſogar zu ihren Lebzeiten einmal zehntauſend Thaler an einem Tage verloren haben.“ „Das ſind ja traurige Dinge, Valentin, von denen ich keine Ahnung gehabt habe.“ „Ich glaub's wohl. Ach, wovon haben Sie keine Ahnungen! Wenn Sie erſt ſo lange im Hauſe ge⸗ lebt hätten wie ich, dann würden Sie ſchon mehr er⸗ fahren haben.“ „Ich danke dafür, ich habe ſchon jetzt genug. * 351 Aber nun erzähle weiter— was geſchah, als mein Brief ankam?“ „Na, ja! Das war ein ganz andrer Aufzug! Das Halloh von Freude hätten Sie ſehen ſollen! Mein altes Herz hat ordentlich gejubelt, als ob es mich ſelbſt beträfe. Es war ein wahres Hallelujah! Fräulein Sophie lebte mit einem Male wieder auf und die gnädige Frau auch, und Beide gingen zum erſten Mal wieder an die friſche Luft und ſpazierten nach der alten Linde und redeten ſich das Herz frei. Auch wollten ſie mich nachher, glaube ich, gleich hier⸗ herſchicken, denn ſie fragten mich, ob ich ſchon hier geweſen— aber es ging nicht, der Baron paßte auf wie ein Schießhund, und mich beſonders nahm man auf's Korn, er und das gnädige Fräulein. Da, heute Morgen, aber kam ihm plötzlich ein Einfall, er wollte fort, Herrn Werner nach,— aber das glaube ich nicht, was iſt dem an ſeinem Sohn gelegen; je we⸗ niger er ihn ſieht, um ſo weniger kümmert er ſich um ihn. Na, er wird wohl in irgend eine Spielge⸗ ſellſchaft gereiſt ſein, wo er wieder ein paar tauſend Thälerchen ſitzen läßt, denn er hat immer nur Unglück, und je mehr Unglück er hat, um ſo mehr Eifer hat er, es wieder abzuſchütteln.“ „Das kann ich mir gar nicht denken, Valentin—“ 352 „O, Sie können ſich ſehr Vieles von ſolchen vor⸗ nehmen Herren nicht denken, aber die ſind viel ſchlim⸗ mer als Unſereins; ſie ſcheuen keine Geldausgabe, fürchten ſich voem Teufel nicht und haben kein Ge⸗ wiſſen.— Doch hören Sie weiter. Heute Morgen alſo iſt der Baron richtig abgereiſt, mit dem kleinen Sommerwagen, es geht alſo weit; auch hat er ſo viele Kleider und Wäſche mitgenommen, daß er wohl wenigſtens acht Tage wegbleiben wird. Da rief mich nun heute nach Tiſche die Baronin zu ſich, ob ich ihr den Gefallen thun, hierhergehn und Sie aufſu⸗ chen wolle, und da bin ich und hier ſind die Briefe, die ſie mir auf die Seele gebunden haben.“ Joſeph ſprang beinahe vor Freuden in die Höhe, als er die beiden Briefe zwiſchen ſeinen Fingern fühlte. Er dankte dem Alten herzlich, da er der Mei⸗ nung war, derſelbe wolle ihn, nachdem er dieſe Be⸗ ſtellung ausgerichtet, verlaſſen. „Oho!“ ſagte aber Valentin,„Sie denken wohl, das iſt Alles und ich will gleich wieder fort? Nicht doch, ich ſoll Antwort bringen, was Sie auf dieſe Briefe erwidern und ich ſoll nicht ohne ein beſtimm⸗ tes Ja oder Nein zurückkommen, hat mir Fräulein Sophie geſagt.“ 353 „Hat ſie das? Nun dann darfſt Du natürlich noch nicht fort—“ „Ich denke auch noch nicht daran— aber wie lange leſen Sie an einer ſolchen Epiſtel?“ „Eine halbe Stunde wird es wohl dauern!“ ſcherzte der überglückliche Joſeph. „So werde ich ſo lange zu Francis gehen; den mag ich gern, Herr Sohn, und Ihnen brauche ich unterdeſſen wohl kein Vergnügen zu wünſchen.“ Damit ging er zur Thür hinaus, worüber Joſeph ſehr froh war, um endlich ſein heißes Verlangen, die beiden Briefe an ſeine Lippen zu drücken, befriedigen zu können. So ſehr er ſich aber nach dem Anblicke der Zeilen Sophiens und nach ihren Worten ſehnte, er öffnete doch den Brief der Baronin zuerſt, denn be⸗ vor er ſich dem namenloſen Entzücken des Leſens je⸗ nes hingab, wollte er erſt ſein Herz beruhigter ſchlagen fühlen, und dieſe Wirkung, hoffte er, würden der Ba⸗ ronin Mittheilungen auf ihn hervorbringen. Er hatte ſich darin auch nicht geirrt. Die edle Frau, von der äußerlichen verſchiedenen Lebensſtellung der beiden Lie⸗ benden völlig Abſtand nehmend und ſie in ihrem Herzen gar nicht bedenkend, hatte nur ihr Leid im Auge, welches aus der ſo unerwarteten Trennung ent⸗ ſprungen war. Ueber dieſe unvermeidlich gewordene Emery Glandon. II. 23 354 Trennung ſprach ſie ihr tiefſtes Bedauern aus, ſowohl ihret⸗ wie Sophiens wegen, und tröſtete dann Joſeph mit ſo rührenden und liebevollen Worten, wie ſie nur ein Weib haben kann, das aus eigener Erfahrung weiß, wie ſchmerzlich ein ſolches Ereigniß in das Le⸗ ben des Menſchen eingreift. Noch einmal ließ ſie durchblicken, daß ſie perſönlich keinen Einwand gegen eine etwaige ſpätere Verbindung der Liebenden erhebe, und daß es alſo allein von Gottes Fügung abhänge, wie ſich ihr künftiges Schickſal geſtalten werde. Als Joſeph dieſe beruhigenden Worte geleſen, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus, wie es uns wohl immer zu gehen pflegt, wenn Jemand ſeinen Troſt für uns vom Himmel holt und unſerm Glück einen Wechſel auf die Zukunft ausſtellt. Joſeph gehörte nicht zu den leichtſinnigen jungen Menſchen heutiger Zeit, die ihr Mißgeſchick leichter ertragen, wenn ſie ſich eine goldene Zukunft vorſpiegeln, nein, er gehörte zu jener ernſten, bedachtſamen und verſtändigen Klaſſe, deren Zukunftsglas nach dem Stande der Gegenwart gefärbt wird, und da dieſe trübe war, konnte er ſich auch jene nicht in den glänzendſten Farben vorſtellen. Sophiens Brief dagegen gewährte ihm, was er ei⸗ gentlich am wenigſten erwartet hatte, eine viel größere Ermuthigung. Ihr jungfräuliches Herz war durch * 5 35⁵ den erſten Schlag, den es empfangen, zwar für den Augenblick betäubt worden, aber mit friſcher Naturkraft begabt, hatte es ſich ſogleich wieder aufgerichtet und richtete nun auch den Geliebten damit auf.„Nein,“ ſagte ſie unter Anderm,„es iſt nicht möglich, daß wir für ewig getrennt ſein ſollten, mein theurer⸗ Freund. Das kann Gott im Himmel nicht wollen, ſonſt hätte er uns nicht auf ſo wunderbare Weiſe ſchon zweimal zuſammen geführt. Ich glaube an Gott, alſo glaube ich auch an ſeine Hülfe, die er uns bringen wird. Daher gilt es nur Geduld zu haben. Ich fühle es an meinem Herzen, daß die Liebe, die es erfüllt, nicht für eine kurze Zeit berechnet war, ſondern daß ſie meine ganze Lebensdauer in Anſpruch nehmen wird. Wenn alſo Deine Liebe ſo ſtark, ſo innig, ſo vertrauensvoll wie die meinige iſt, ſo ſind wir nur für eine kurze Friſt getrennt und kein Menſch auf der Welt, habe er eine Macht und einen Namen, welchen er wolle, wird im Stande ſein, unſre Seelen auseinander zu halten die ſich längſt für Jetzt und Künftig zu einer einzigen vereinigt haben.“ Waren dieſe Worte ſchon genügend, Joſeph eine große Herzenserleichterung zu gewähren, obwohl er nicht den Muth beſaß, von ſeinem Standpunkte aus zu Sophien emporzuſehen, wie ſie die Selbſtverläug⸗ 23* 356 nung beſaß, von dem ihrigen auf ihn herabzuſehen, ſo war der Schluß des Briefes vollkommen geeignet, ihn mit namenloſer Freude zu erfüllen. „Mein guter Joſeph,“ ſchrieb nämlich Sophie, „ſo ſind wir alſo für jetzt und vielleicht auf einige Jahre getrennt; ſo große Hoffnung ich nun hege, daß Du von der Hand und dem Willen Deines neuen Freundes, des Lords, nur Gutes zu erwarten haſt, wie er Dir ja verheißen, ſo traue ich ihm doch nicht die Gewalt zu, eine günſtigere Geſtaltung unſers beider⸗ ſeitigen Geſchicks herbeizuführen. Es kann alſo etwas lange dauern, bis unſre Lebenswege ſich wieder kreu⸗ zen, und um mich auf eine ſo lange Entbehrung vor⸗ zubereiten, iſt es meinem Herzen durchaus ein Bedürf⸗ niß, Dich noch einmal zu ſehen, ehe Du ganz aus dieſer Gegend ſcheideſt, was doch ſehr wahrſcheinlich iſt. O, einzig Geliebter, ja, ich muß Dich noch einmal ſehen, um Dich wiſſen zu laſſen, was ein liebendes Herz iſt. Bis jetzt habe ich geglaubt, Recht zu thun, wenn ich meinen Gefühlen für Dich einen Zügel an⸗ legte, nun aber, da ich Dich verlieren ſoll und dabei empfinde, daß nur Du es biſt, durch den und für den ich lebe, ſo glaube ich Recht zu thun, wenn ich Dir meine Gefühle in aller ihrer Mächtigkeit enthülle. Wie Du durch Valentin weißt, iſt mein Vater, 357 dem Gott ſeine Irrthümer verzeihen möge, auf einige Zeit verreiſt, und wenn Tante Sibylle— o die ſchreck⸗ liche Sibylle!— nicht wäre, könnteſt Du ungefähr⸗ det eines Abends zu uns kommen und einige Stun⸗ den bei uns zubringen. Aber dazu will und darf ich Dich jetzt nicht verleiten, denn wer weiß, was es für traurige Folgen haben könnte. Da ich Dich aber noch einmal ſehen und ſprechen muß und der Stoff der Mittheilung mit jeder Sekunde wächſt, ſo habe ich mich entſchloſſen, Dich außerhalb unſers Hauſes zu ſprechen. Komm alſo morgen oder übermorgen an den Bach auf Rachel's Lieblingsſitz, ich werde es an einem von dieſen beiden Tagen möglich zu machen ſuchen, mit Valentin dahinzugehen. Dort, in dem Weidengebüſch, ſind wir vor allen Späherblicken ge⸗ ſichert, dort will ich eine Stunde mit Dir verplaudern und Abſchied von Dir nehmen, denn ſo wie wir neu⸗ lich geſchieden ſind, dürfen wir uns nicht auf lange Zeit verlaſſen, die Erinnerung an jenen ſchrecklichen Auftritt würde mir das Herz zerreißen, wenn er nicht durch einen ſanfteren, glücklicheren daraus verdrängt würde. Zürne mir aber nicht, wenn Du zuerſt mor⸗ gen vergebens auf mich warten ſollteſt; bin ich mor⸗ gen jedoch verhindert, ſo werde und muß ich Mittel finden, übermorgen gewiß an Ort und Stelle zu ſein. — 358 Bis dahin, mein einzig Geliebter, ſage ich Dir Lebe⸗ wohl. Ein einfaches Ja oder Nein von Deiner Seite, an Valentin gerichtet, wird hinreichend ſein, mich von Deinem Entſchluſſe zu unterrichten, doch was ſage ich— das Nein in dieſem Falle iſt ja unmög⸗ lich, alſo erwarte ich allein Dein Ja. Lebe wohl— auf ewig Deine Sophie.“ Joſeph fuhr nach Leſung dieſes Schreibens wie elektriſirt in die Höhe; ſolchen Muth, ſolchen feſten Willen hatte er bei dem bisher ſo zart zurückhaltenden Mädchen nicht zu finden erwartet. Ach, er wußte noch nicht, daß das weibliche Herz, wenn es ſich in einer Lage befindet, wie die Sophiens war, viel erfin⸗ deriſcher, hartnäckiger, kraftvoller und muthiger iſt, als das ungeſtümſte Männerherz, denn die Liebé iſt ja der große Kampf, für den die Vorſehung das Weib er⸗ ſchaffen, und um darin den Sieg zu erringen, hat ſie ihnen die Kraft, die Entſchloſſenheit und das un⸗ widerſtehliche Siegesbewußtſein eingehaucht, die ſie dem Manne verliehen, um den Sieg auf den Feldern der Ehre, des Ruhmes und des Lebens in jederlei Form zu erringen. So rief er denn ſo raſch wie möglich den alten Valentin herbei und trug ihm mit beinahe ſtürmiſcher 359 Haſt die Bitte vor, Fräulein Sophien ein tauſend⸗ ſtimmiges Ja zu überbringen. Der Alte lächelte; er hatte keinen andren Beſcheid erwartet und war mit dieſem zufrieden. Ein treuer Diener iſt der volle Abglanz der Herrſchaft, die er liebt; aber freilich iſt er ſelten und deshalb eine Bei⸗ gabe unſrer Erdenmitgift, die man höher im Werthe anſchlagen ſollte, als es ſo viele Herrſchaften thun. — Eine Stunde ſpäter war er ſchon wieder in Bren⸗ 8 kowitz und berichtete, was er ausgeführt, womit er, wie wir nicht zweifeln, eine eben ſo freudige Wirkung daſelbſt wie in Downs⸗Caſtle hervorbrachte. Während er das Schloß des Lords verließ und in dämmerndem Abendlicht nach ſeines Herrn Gute zu⸗ rückkehrte, begab ſich Joſeph zu Mr. Baxton und theilte ihm die empfangene Botſchaft mit. Auch Mr. Barxton lächelte, wie Valentin gelächelt, und billigte Alles, was ſein Schützling zu unternehmen geſonnen war. So war denn der ganze nächſte Tag für Jo⸗ ſeph ein Freudentag, wie er lange keinen erlebt hatte, und wenn es noch ein Trübſal für ihn gab, bis die ſehnlichſt erwartete Dämmerung eintrat, ſo war es die Langſamkeit der Stunden, die unter ſolchen Um⸗ ſtänden träger denn je zu verlaufen pflegen. — 360 Endlich, endlich aber begann die Sonne zu ſinken, die Schatten der Bäume wurden länger und dichter und die Stille eines lieblichen Abends ſenkte ſich auf die Fluren der Umgegend von Downs⸗Caſtle herab. Mr. Barton hatte Joſeph ſchon ſeit geraumer Zeit allein gelaſſen, da der alte Mann ſich denken mochte, wie bewegt ein junges Herz iſt und ſich gern unge⸗ ſtört in hoffnungsvollen Grübeleien tummelt, wenn es einem Ereigniß entgegengeht, wie es Joſeph bevor⸗ ſtand. Denn ein Ereigniß iſt ein ſolches Unternehmen im Leben des zur Liebe erwachten Herzens zu nen⸗ nen.— Erſte geheime Zuſammenkunft mit dem Mädchen unſrer⸗Liebe! Welcher Zauber, welche Poeſie liegt in dieſem Gedanken verborgen! O, weſſen Herz auch nur bei der Erinnerung an ſo ſelige Augenblicke nicht mehr klopft, der hat aufge⸗ hört, ein fühlender Menſch zu ſein, der hat keine Anwartſchaft mehr auf den Genuß des höchſten Le⸗ bensgutes, der iſt verhärtet, verknöchert, der lebt nur das kalte unbewußte Daſein einer künſtlichen Maſchine, denn die Liebe und der Drang nach Gegenliebe iſt ja das einzige durchgehende, allgemeine Gefühl, welches die Natur dem menſchlichen Geſchlechte eingehaucht hat, aus dem, wie aus dem Quell alles irdiſchen Lebens, die Generationen ſich neu geſtalten und die ——* —y—— 7 361 Welt erſt zur Welt wird— die Werkſtätte alles Le⸗ bendigen, Wollenden, Wirkenden. Joſeph hatte ſchon lange vor völlig eingetretener Dämmerung den Park des Engländers verlaſſen. Nur von ſeinem Hunde gefolgt, der auf jedem bedeutungs⸗ vollen Schritte mit Sophie bisher ſein ſteter Begleiter geweſen war, betrat er das freie Feld, langſam und mit wallendem Herzen der Gegend zuſchreitend, die er ſo bald wieder zu betreten nicht die Hoffnung ge⸗ hegt hatte. Während er ſo mit belebtem Pulſe, glü⸗ hendem Kopfe und unwillkührlich immer raſcher vor⸗ wärts ſtrebendem Schritte dahin eilte, ging hinter ihm über der bewaldeten Höhe der Mond auf, um mit ſeinem dämmernden Scheine die Zuſammenkunft der Glücklichen zu beleuchten. Aber gleichſam als wollte er nicht ſehen, was da unten auf der ſchwei⸗ genden Erde Süßes und Trauliches vorgehe, verſchlei⸗ erte er ſein glühendes Geſicht hinter kleinen Wölkchen, und ſchaute nur blinzelnd und unſicher auf das fried⸗ liche Gefilde herab. Unſerm Joſeph war dieſe tiefere Dämmerung ſehr erwünſcht. Obwohl er keinen Lauſcher zu fürchten hatte, ſo war es doch ſehr natürlich, daß er ſich von keinem Unberufenen in der Nähe von Brenkowitz ſehen laſſen mochte. Aber er war ſchneller in die Nähe deſſelben 362 gelangt, als er beabſichtigt hatte. Und ſo mußte er ſeiner Sehnſucht Einhalt gebieten und einige Zeit zwiſchen den Feldern hin und her ſchreiten, deren abgemähte Fläche ihm keinen Schutz mehr verlieh. Endlich aber, mit ihm träg erſcheinender Langſamkeit, hüllte ſich die Erde in ihren Nachtmantel ein, und nun alles Bedenken von ſich weiſend, ſchritt er raſch dem Bache entgegen. Schon ſah er die Gebäude von Brenkowitz vor ſich liegen, ja, einige Fenſter waren bereits erleuchtet, wie ſie es alle Abende waren, aber noch war er einige hundert Schritte von der Stelle entfernt, die ihm als der Ort des Zuſammentreffens bezeichnet war. Da blieb er plötzlich ſtehen, denn eine Strecke vor ſich glaubte er in der Nähe eines Gebüſches, das den Weg vom Bache trennte, die Ge⸗ ſtalt eines einzelnen Mannes zu erkennen. Auch der Hund an ſeiner Seite hatte dieſe Erſcheinung bemerkt und blieb ebenfalls ſtehen, ſeine Augen unverwandt derſelben zukehrend.„Hektor,“ ſagte Joſeph zu dem klugen Thiere,„vorwärts, ſieh, wer es iſt.⸗ Augenblicklich flog der Hund auf die Geſtalt zu, aber gleich darauf ſtieß er ein freudiges Geknurr aus⸗ denn er hatte einen Freund erkannt. Es war Valen⸗ tin, der auf ſeinem Poſten ſtand und dem Erwarte⸗ ten ſchon entgegen gegangen war. Bald befand ſich —— 363 Joſeph bei ihm und erfuhr zu ſeiner Freude, daß Fräulein Sophie auf dem bezeichneten Platze ſei und daß Valentin jetzt an dem Bache entlang gehen und ſie vor Ueberraſchung ſichern werde. Kaum hörte Joſeph, was er ſagte. Mehr fliegend als gehend erreichte er die Stelle, wo die Schrittſteine im Bache lagen, und ehe er noch wußte, wie ihm ge⸗ ſchah, hielt er das Mädchen ſeiner Liebe in ſeinen Armen. Es war dies das erſte Mal, daß er in ſo nahe Berührung mit ihr gerieth; bisher hatte er höch⸗ ſtens ihre Hand gefaßt und gedrückt, jetzt aber, jetzt — ach! wer hat nicht den Feuerſtrom empfunden, der durch unſre Adern brauſt, wenn wir zum erſten Mal an dem wogenden Buſen unſrer Geliebten ru⸗ hen? O, wie bezeichnen wir mit Worten den Nektar, den Gott auf die Lippen derſelben gelegt hat?——— Es dauerte eine Weile, bis ſich Beide ſo weit be⸗ ruhigt hatten, daß ſie ſich neben einander auf den Raſen niederlaſſen und von ihren Verhältniſſen ohne Leidenſchaft reden konnten. Das thaten ſie denn auch mit genügender Innigkeit und voller Hingebung. Nachdem ſie ſich aber in ihren perſönlichen Ergüſſen genug gethan und Verabredungen getroffen hatten, wie ſie ſich ihre Briefe durch Vermittelung Mr. Bax⸗ ton's wollten zukommen laſſen, nachdem ſie ſich hun⸗ 364 dert Male Daſſelbe gelobt, betheuert und verheißen hatten, was man unter ſolchen Umſtänden nicht oft genug hören und wiederholen kann, machte Sophie Joſeph bemerklich, daß nun bald wieder an ihre Trennung zu denken ſei, da Tante Sibylle ſie viel⸗ leicht doch vermiſſen könne. Joſeph wollte ſich ſchon erheben, um ihrem Winke zu folgen, als er ſich noch von ihrer weichen Hand zurückgehalten fühlte. „Bleib noch, Joſeph,“ ſagte ſie flüſternd;„o, es iſt ſo unendlich ſüß, an Deiner Seite, in ſtiller war⸗ mer Abendluft hier auf dem Raſen zu ſitzen. Sieh, wie der gütige Mond uns ſo treulich und verſchwie⸗ gen beſchirmt—“ „Es iſt nicht der Mond, der uns oder vielmehr der Erde ſein Licht verſagt, damit uns Niemand ſieht, ſondern es ſind die Wolken, die ſein Angeſicht ver⸗ ſchleiern.“ „Freilich, aber er hat ſie herbeigerufen, Freund meiner Seele, um uns dieſen Liebesdienſt zu erweiſen.“ „Auch möglich— aber Du wollteſt mir noch von Deiner Mutter Etwas ſagen— was war das?“ „Ach ja, und es iſt Etwas, was Du gewiß nicht erwarteſt. Um mich zu tröſten und vielleicht auch, um ſich endlich in mir eine vollkommene Vertraute zu ſchaffen, hat ſie mir einen Abſchnitt ihres Lebens er⸗ — 365 zählt, der mir bisher noch dunkel war. Ach, Joſeph, was habe ich da gehört! Und ich muß aufrichtig ſa⸗ gen, dieſe Erzählung hat außerordentlich zu meinem Troſte beigetragen, denn daraus habe ich erſehn, daß wir noch lange nicht ſo unglücklich ſind, als wir ſein könnten.“ „Wie? Alſo ſie iſt noch unglücklicher geweſen?“ „Nicht geweſen allein, mein Freund, ſie iſt es noch. Höre nur. Als das Kind eines wohlhabenden Vaters gut erzogen und mit den verſchiedenſten Glücksgütern geſegnet, verlor ſie durch einen leichtſinnigen und ver⸗ ſchwenderiſchen Bruder ihr ganzes Vermögen. Von ihren Verwandten war ihr nur eine einzige alte und arme Tante geblieben, die ſie in ihr Haus nahm, um in ihrer Krankheit— ſie war blind— eine Stütze an ihr zu haben. Von aller Welt verlaſſen, in einem einſamen Häuschen bei Göttingen lebend, lernte ſie einen jungen Engländer kennen, der nach Allem, was ich von ihm gehört, ein ſeltſamer, aber liebenswür⸗ diger Mann geweſen ſein muß. Er war nicht gerade reich, jedoch leidlich bemittelt und trug meiner Mutter ſeine Hand an. Sie, die ihn unermeßlich liebte, ſagte ſie ihm mit Freuden zu und die beiden jungen Leute lebten in der glücklichſten Hoffnung, daß die Mutter des Engländers, die aus einem alten und 366 hochadligen Stamme war— deſſen Namen meine Mutter nie erfahren— aber aus Liebe einen bei Weitem unter ihr ſtehenden und unbemittelten Mann geheirathet hatte, ihre Einwilligung ertheilen und ſie ſomit bald auf ewig verbunden ſein würden. Die Mutter aber berief ihren Sohn nach England— den Grund kenne ich nicht— und— meine Mutter hat ihren Geliebten nie wiedergeſehen. Denn, kaum in England angelangt, mußte er in Familienverhältniſſen nach Oſtindien reiſen und dort ſtarb er an einer Krank⸗ heit, die daſelbſt viele Europäer wegraffen ſoll. Dieſen Mann nun, mein theurer Joſeph, liebt meine arme Mutter noch heute eben ſo innig, wie ſie ihn vor vie⸗ len Jahren geliebt hat, und ſie betrauert noch heute ſeinen frühen Tod, wie in der erſten Stunde, wo ſie denſelben erfahren. Sie würde ſich auch nie zu einer zweiten Verbindung entſchloſſen haben, wenn ſie nicht die äußerſte Noth dazu gedrängt hätte. Mein Vater, ach— leider muß ſein eigenes Kind dies von ihm ſagen— iſt nie im Stande geweſen, den köſtlichen Schatz zu begreifen, den er in meiner zweiten Mutter gewann; er iſt überhaupt nicht geſchaffen, die Dinge zu begreifen, die unſichtbar und innerhalb des menſch⸗ lichen Herzens vorgehen, nur der Genuß des äußeren Lebens hat Reize für ihn. So vernachläſſigte er meine 367 arme Mutter vom erſten Augenblick an, denn nur der Wunſch, die Tochter einer alten und vornehmen Fami⸗ lie ſeine Frau zu nennen, ſcheint ihn zu dieſer ſeltſamen Ehe verleitet zu haben. Ach, darüber mag ich nicht viele Worte machen, denn Du kannſt Dir denken, wie betrübt ich bin, einen Vater zu haben, der ſo weit entfernt iſt, ein edles Weib zu verſtehen, von dem der Himmel nicht gewollt hat, daß es meine wirkliche Mutter würde, und das ich dennoch in Allem bewundre und verehre, was ich ſeit einer Reihe von Jahren an ihm kennen gelernt habe. Hier haſt Du auch, mein Freund, eine Erklärung mancher Eigenthümlichkeit meiner armen Mutter. Aus ihrem Gram über den ſo frühen Verluſt ihres Gelieb⸗ ten leitet ſich ihre gewöhnlich ſo traurige Stimmung her; in der Erinnerung an ihn, da ihr die gegen⸗ wärtige Welt ſo wenig Angenehmes bietet, zieht ſie ſich ſo gern in ihr einſames Zimmer zurück. Aus dieſem Grunde aber hängt ſie auch mit erklärlicher Leidenſchaft an England, denn Alles was Engliſch heißt, weckt in ihr ein Echo, das nur mit ihrem Le⸗ ben einſt aus ihrem Herzen verſchwinden wird. Ach, Joſeph, ſeitdem ich Das weiß, werde ich mich noch einmal ſo gern allen ihren Wünſchen fügen, denn ich liebe ſie nun noch viel mehr als früher, und ſie ſcheint 368 mir in ihrem tiefen Seelenſchmerze, den ſie bisher nur Gott und keinem Menſchen klagen konnte, eine Heilige zu ſein. Und nun wirſt Du auch begreifen, warum ich mich über mein eigenes Geſchick viel we⸗ niger beklage, als ich es unter andern Umſtänden vielleicht thäte; denn wie glücklich im Vergleich mit ihr ſind wir, mein Joſeph! O, wir leben, und ſo lange man lebt, hat man Hoffnung, daß die Hinder⸗ niſſe, die unſerer Neigung im Wege ſtehen, beſeitigt werden können. Wir ſind jung, wir vertrauen uns, wir lieben uns innig, dies Bewußtſein, ſagt meine Mutter, muß uns allein ſchon ein hoher Genuß ſein, ſelbſt wenn wir noch Jahre lang von einander ge⸗ trennt blieben. Und darin hat ſie Recht, nicht wahr, Joſeph?“ Joſeph konnte nicht anders, er mußte der ihm ſo liebevoll vorgetragenen Ueberzeugung des geliebten We⸗ ſens beiſtimmen, obgleich ihm eine innere Stimme zuraunte, daß dieſe Hoffnung allein nicht hinreiche, ihr Verhältniß gerade zu einem glücklichen zu geſtal⸗ ten. Allein in dieſem Angenblicke gab er ſich gern mit Sophien derſelben hin und Beide ſprachen ſie noch in ihren letzten Abſchiedsworten aus. Denn die Zeit der Trennung war nun wirklich gekommen, das Geſpräch der Liebenden hatte länger 369 gedauert, als feſtgeſetzt worden war, und Valentin er⸗ ſchien jenſeits des Baches und mahnte mit freundlichen Worten zur Heimkehr. So mußte denn geſchieden ſein und der Abſchied begann ſich auf dieſelbe Weiſe, nur etwas wehmüthiger zu entwickeln, wie es bei'm Wie⸗ derſehn geſchehen war; Umarmungen und Küſſe wech⸗ ſelten mit ſüßen und zärtlichen Worten ab, bis end⸗ lich der letzte Kuß und der letzte Scheidegruß in den Lüften verflogen war. Sophie war nach Brenkowitz zurückgekehrt und Joſeph ſaß noch lange auf dem Ra⸗ ſen allein, der ihm nun noch viel theurer und heiliger geworden, als ergihm früher geweſen war. Plötzlich aber erhob er ſich und, ſeinem Charakter und Weſen getreu, in einer gehobneren Stimmung, mit viel geſtählterem Herzen, als er es kurz vorher kaum noch für möglich gehalten hatte. Der Baronin trauriges Leben lag in ſeiner ganzen melancholiſchen Verlaſſenheit und Wehmuth vor ihm. Was mußte die Arme ſo lange Jahre hindurch gelitten haben! Nein, um Sophien nicht ein ähnliches Leiden erdul⸗ den zu laſſen, erhob er ſich in ſeiner ganzen jugend⸗ lichen Spannkraft und Männlichkeit. Er hatte plötz⸗ lich den Muth gefunden, zu wagen und zu ringen, wie auch andre edle Männer für das geliebte Weſen wagen und ringen, und er forderte in tollkühnem Ent⸗ Emery Glandon. II. 24 370 zücken über die plötzlich ſich fühlbar machende Stärke ſein Schickſal heraus, ihn weit fortzuführen, wenn es nö⸗ thig ſein ſollte, nur um das Ziel zu erjagen, welches ihm jetzt als das einzige vor Augen lag, um deſſen⸗ willen zu leben und zu ſtreben ihm noch der Mühe werth erſchien. Sophie ſollte und mußte ſein werden, das war in ihm beſchloſſen, und als er nun einen Blick zu dem nächtlichen Firmament hinauf that, gleichſam um es zum Zeugen ſeiner Entſchlüſſe zu machen, glaubte er in dem Flackern und Zwinkern der Sterne ihre Beiſtimmung und Ermunterung zu ge⸗ wahren.*. In einem Punkte hatte ſich Joſeph wenigſtens nicht geirrt— in Thätigkeit ſollte er bald verſetzt, in's Leben, in die Ferne ſollte er bald geworfen werden, denn ſchon war der wichtige Brief unterwegs, den Mr. Baxton ſeit längerer Zeit von ſeinem Herrn er⸗ wartete und unter deſſen Siegel das fernere Schickſal unſers Freundes eingeſchloſſen lag. Noch drei Tage verſtrichen in ungeduldiger Erwar⸗ tung einer Nachricht von Seiten Lord Shorneliffé's, da traf ein Brief von Berlin ein, wo der Lord ſich jetzt aufhielt, und brachte Alles, was Mr. Baxton voraus⸗ 371 geſehn und Joſeph gehofft hatte, vor allen Dingen die Beſtätigung ſeiner früheren Zuſagen an Letzteren und die Befehle für Erſteren, nicht zu ſäumen, ſon⸗ dern den ſo unerwartet frei gewordenen jungen Mann ihren Verabredungen gemäß zu Gunſten des Lords ſelbſt zu verwenden und ihn ſobald wie möglich auf das Feld der Thätigkeit und des Lebens zu treiben. Der Brief an Mr. Baxton lautete nach einigen allgemeinen Betrachtungen, die ihn ſelbſt und Downs⸗ Caſtle betrafen, folgendermaßen: „Und nun, mein lieber William, beauftrage ich Dich noch einmal ſchriftlich, Alles ſo einzurichten, wie wir es ſchon verabredet hatten. Du ſiehſt, daß ich mich in Bezug auf ein Ereigniß in Brenkowitz nicht täuſchte, nur konnte ich nicht vorausſehen, daß daſſelbe ſo ſchnell und zu einer für uns ſo günſtigen Zeit ein⸗ treten würde. Ich wünſche weiter nichts, als daß ſich unſer junger Freund der Aufträge, die er von Dir empfangen wird, ſo annehmen werde, als beträ⸗ fen ſie ſein eigenes Intereſſe, denn nur ein mir voll⸗ kommen ergebener Mann wird den Eifer, die Umſicht und den feſten Willen beſitzen, mir wahrhaft helfen zu wollen. Theile ihm alſo zuerſt mein Schickſal mit, vom Anfang an bis zum Ende. Schone mich nicht, wo ich nicht zu ſchonen bin, denn ich will, daß er 24* 372 mich ſelbſt in meinen Fehlern und Irrthümern erken⸗ nen lerne, um daraus eine Lehre für ſich ſelbſt und ſeine Zukunft zu ſchöpfen. Natürlich haſt Du hiermit auch die Vollmacht, ihm das Geheimniß mitzutheilen, welches für mich in Brenkowitz begraben liegt, aber er ſoll— das ſchärfe ihm vor allen Dingen ein— keinem Menſchen daſelbſt, nicht einmal Fräulein So⸗ phie daſſelbe verrathen oder nur im Mindeſten andeu⸗ ten, denn ich will die aufgegebenen Wünſche und Hoff⸗ nungen des edelſten der menſchlichen Geſchöpfe nicht von Neuem wachrufen, da ich weder die Macht noch den Willen beſitze, ohne Gottes Hülfe ihr dieſelben zu erfüllen. Haſt Du ihm mein Schickſal mitgetheilt und Dasjenige hinzugefügt, um was es ſich ferner handelt, um in Bezug auf Thomas Morris zu irgend einem erwünſchten Reſultate zu gelangen, ſo theile ihm Deine Anſicht der Dinge mit und laß ihn mit gan⸗ zem Eifer den Spuren folgen, die im Stande ſind, uns Klarheit und Gewißheit über die vorliegenden Thatſachen zu verſchaffen. Sollte Morris nach irgend einem Theile der Erde geflohen ſein, um, Deiner Mei⸗ nung nach, ſeine Schande und Schmach in das Meer der Vergeſſenheit zu verſenken, und mag es Auſtralien oder China ſein— ich will und werde keine Koſten ſcheuen, ihn verfolgen und über ſein Thun zur Re⸗ 373 chenſchaft ziehen zu laſſen. Doch das wird von den Erfolgen Sohn's abhängen, die er bei der in England oder Schottland irgend wo lebenden Verwandten Tho⸗ mas Morris' erzielen wird. Zeigt ſich Joſeph Sohn bereit, an die Löſung der ihm von uns geſtellten Auf⸗ gabe zu gehen, ſo unterſtütze ihn mit allen Mitteln, die uns zu Gebote ſtehen, um ihn ſchnell, ſicher und bequem an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangen zu laſſen. Er mag meine Yacht nehmen, die ich vorläu⸗ fig nicht gebrauche, und damit von Downs⸗Caſtle nach England ſegeln, vorausgeſetzt, daß das Wetter nicht zu ſtürmiſch iſt. In letzterem Falle geht er über Ca⸗ lais nach Dover, denn ich will ſein Leben auf keine Weiſe gefährdet wiſſen. Die Papiere, die ihn zu die⸗ ſer Reiſe befähigen, habe ich gleich beigelegt, ſeine Perſon iſt darin als eine in meinem perſönlichen Dienſt befindliche bezeichnet, was ihn hoffentlich nicht verwunden wird, da er eigentlich nur im Solde mei⸗ ner Freundſchaft ſteht. Allein es gingnicht anders und es wird ihm ſogar in vielen Beziehungen von Vortheil ſein. Mit Wechſeln auf irgend ein Londo⸗ ner Haus verſieh ihn reichlich, denn er olt die Reiſe zu zweierlei Zwecken unternehmen; einmal um mir zu nützen und ſodann, um ſich zu belehren und zu ver⸗ gnügen. Sollte er unerwartet nicht ſo bald ein gün⸗ 374 ſtiges Reſultat erzielen— und das befürchte ich bei⸗ nahe— ſo ſoll er ſich nicht übereilen. Er mag in England oder Schottland bleiben, bis er endlich etwas Gewiſſes erfährt, was auf unſre Angelegenheit ein klares Licht wirft oder ſie zu den unwiederbringlich verlorenen Dingen wirft. Gieb ihm endlich Francis zur Begleitung mit, er iſt ein treuer und zugleich un⸗ ternehmender Menſch, der in allen Winkeln der drei Königreiche beſſer Beſcheid weiß, als irgend ein An⸗ derer. Um aber Francis für die bevorſtehende Unter⸗ nehmung zu intereſſiren, wird es meiner Anſicht nach nützlich ſein, wenn Joſeph Sohn ihn, ſo weit er es für nothwendig hält, von dem Vorliegenden in Kennt⸗ niß ſetzt. Das wird ſeinen erfinderiſchen Kopf ſpor⸗ nen, Joſeph Sohn manchen guten Rath zu geben, wenn ſie an Ort und Stelle gelangt ſind, den wir in ſo weiter Entfernung vom Orte und in Unkenntniß der betreffenden Perſon hier nicht ertheilen können. Das iſt Alles, was ich Dir für jetzt zu ſagen habe; ſollte mir noch etwas Wichtiges einfallen, ſo ſende ich es nach. Grüße meine Diener und behalte lieb Deinen alten Emery Glandon, ach! er war einſt glück⸗ licher und zufriedener, als es Lord Shorneliffe mit allen ſeinen Reichtümern, Schätzen und Erfahrungen iſt.: Das Schreiben an Joſeph war ziemlich lang. Nachdem er ihm Einiges über Rachel mitgetheilt, von der ein umfangreicher, Glück und Freude ſprudelnder Brief beilag, auch Werner'’ von Haldrungen erwähnt, der zu Joſeph's Verwunderung ebenfalls in Berlin war, fuhr er folgendermaßen fort: —„und nun, mein theurer junger Freund, gehe ich zu unſrer jetzigen Verbindung über, die hoffent⸗ lich länger dauern und nicht ſo ſchrecklich enden wird, wie die mit Brenkowitz. Unmöglich konnte ich vor⸗ ausſehen, daß dieſelbe ſo bald und ſo ſeltſam abge⸗ brochen werden würde, aber ich betrachte es jetzt als Gottes Fügung, daß ich Sie bei Zeiten kennen lernte und Ihnen ein Aſyl anzubieten in der Lage war. Betrachten Sie ſich alſo als zu meinem Hauſe und zu meiner Familie gehörig. Ihre Zukunft nehme ich in meine Hand, wie die aller Derer, die durch irgend ein Verhängniß die Meinigen geworden ſind. An ſolche Menſchen binde ich mich gern, mit ihnen ver⸗ knüpft mich ein unſichtbares aber gewiß nicht zufäl⸗ lig gewebtes Band. So habe ich mein und Anderer Leben von Jugend an betrachtet und meine Erfah⸗ rungen haben meinen Glauben daran tauſendfach be⸗ ſtätigt; Baxton, Francis, Harry und viele Andere unter den Meinigen mögen Ihnen ein Beweis davon 376 ſein, zu denen jetzt noch Sie ſelbſt, Rachel und viel⸗ leicht auch noch Werner und in fernerer Zeit Sophie von Haldrungen kommen werden. Was Letztere betrifft, ſo geben Sie ſie auf keine Weiſe verloren; ich betrachte eine andre Perſon, die mir weiter und länger entzogen iſt als Sophie Ihnen, auch noch für mein; das Schickſal der Menſchen ſpringt oft wie der Wind wunderbar und eben ſo oft zu un⸗ ſerm Gunſten wie zu unſerm Schaden um, wenn wir es zu erfaſſen und zu halten verſtehen. Was meine Hülfe in Bezug auf Sophie anbelangt, ſo brauche ich Ihnen wohl nicht noch beſonders zu ſagen, daß ich Alles thun werde, was in meinen Kräſten liegt, um ſie Ihnen zu erobern. Ich ſage Ihnen dies, nicht um Sie mit vergeblichen Hoffnungen zu nähren, ſondern um Ihren Muth und Ihre Fähigkeiten zu dem Dienſte anzuſpornen, den ich jetzt zunächſt von Ihnen ver⸗ lange, und deſſen Ausführung Sie, wie Sie ſelbſt bald ſehen werden, zu meinem wirklichen Freunde machen muß, denn ich beweiſe Ihnen damit ein Ver⸗ trauen, wie man es nur gegen Diejenigen hegt, die man deſſelben für vollkommen würdig erachtet. Dieſen Dienſt ſelbſt, ſo wie alle Umſtände, die ihn leider nothwendig gemacht haben, wird Ihnen Mr. Baxton enthüllen; er iſt beauftragt, mich ſelbſt 377 Ihnen zu ſchildern, wie ich geweſen bin, als ich jung und hoffnungsvoll und beinahe eben ſo arm war wie Sie. Sollte Ihnen das Bild, welches er von mir entwerfen wird, nicht ſo gefallen, wie mein gegen⸗ wärtiges Ich— ſo werfen Sie keinen Stein auf mich und denken Sie ſtets an Ihre eigene Liebe. Der Ge⸗ danke an dieſe Liebe wird Sie bewahren, ein über⸗ eiltes Urtheil zu fällen, denn wenn ich gefehlt habe — und ja, ich habe gefehlt— ſo habe ich es nicht aus böſer Abſicht gethan, ſondern weil ich ein Menſch mit warmem Blute, zu vertrauenden Herzen und voll überfließenden Glaubens an den Edelmut und die Hülfsbereitſchaft der Menſchen war. Wenn Sie von Allem, was mich betrifft, in Kennt⸗ niß geſetzt ſind, ſo gehen Sie mit Bedacht an das Werk, welches Ihnen Baxton in meinem Namen vor⸗ legen wird; handeln Sie, wie Sie können und ſeien Sie überzeugt, daß Sie mit jedem Schritte, den Sie vorwärts in der Aufklärung von Dunkelheiten thun, die mir das Herz abdrücken, eine Stufe höher in mei⸗ ner Achtung und Liebe ſteigen. Schreiben Sie, ſo oft ſich die Nothwendigkeit dazu herausſtellt, und wäre es alle Tage. Die Adreſſe, durch die ich überall zu finden bin, liegt bei. Ihre Hauptaufgabe iſt und bleibt die Aufklärung des Geheimniſſes, das auf Tho⸗ 378 mas Morris ruht, das bedenken Sie und leben Sie wohl. Gott mit Ihnen, zu Waſſer und zu Lande!“ Joſeph hatte dieſen Brief in Gegenwart Mr. Bar⸗ ton's zu Ende geleſen und ſenkte nun nachſinnend ſein Haupt, denn Vieles hatte er in dem Schreiben gefunden, was ihn ernſt, beinahe feierlich ſtimmte. Zu handeln für den großmüthigen Freund, der ihm ſo überaus großes Vertrauen erwies, war er mit al⸗ len ſeinen Fähigkeiten entſchloſſen, darüber machte er ſich keine Skrupel; ob aber dieſe Fähigkeiten ausrei⸗ ein ſo wichtig ſcheinendes Unternehmen nde zu führen— das, ja das erregte ſein„Wer iſt Thomas Morris?“ fragte er endlich den ihn aufmerkſam betrachtenden Mr. Baxton. „Das ſollen Sie noch heute erfahren, Mr. Sohn, ich wollte Sie eben um Ihre Aufmerkſamkeit für die Stunden nach Tiſche bitten, denn Mylord legt mit dieſem Briefe, den Sie nachher ſelbſt leſen ſollen, Ihr nächſtes Geſchick in meine Hand. Sie werden mor⸗ gen oder übermorgen nach England abgehen.“ „Was ſagen Sie? Nach England? Das iſt ja der ſehnlichſte Wunſch meines ganzen Lebens geweſen.“ „Er wird jetzt erfüllt werden. Ihre Uhr für Deutſchland iſt abgelaufen und ſchon längſt habe ich in Vorausſicht des Eintreffens dieſer Befehle die Yacht — 379 Mylord's für Sie in Bereitſchaft ſetzen laſſen, damit ſie Sie nach der weißen Felſenküſte meines Vaterlandes trage.“ „Mr. Baxton! Sie machen mich glücklich— was ſoll ich in England?“ „Geduld! Speiſen wir heute Abend zuſammen und dann werden Sie ſo aufmerkſam hören, wie ich gern ſprechen werde, denn die Geſchichte, um die es ſich han⸗ delt, iſt, ſo einfach ſie ſcheint, doch gewiß eben ſo in⸗ tereſſant für Sie, wie bedeutungsvoll für den Lord. Jetzt aber wollen wir einen kleinen Spaziergang nach dem Strande unternehmen und den Britain beſuchen, um zu erfahren, wann er ſegelfertig iſt. Es iſt ein angenehmes Schiff, und Sie werden darauf ſo gut gebettet ſein und ſo comfortable leben wie in Downs⸗ Caſtle oder London ſelbſt. Kommen Sie.“ Lehntes Mnpitel. Lord Shorneliffe's Geſchichte. Das Abendeſſen war eingenommen und Mr. Bax⸗ ton und Joſeph Sohn ſaßen in des Erſteren Zimmer bei'm Nachtiſch, ohne daß Einer von ihnen Neigung gezeigt hätte, den herrlichen Wein anzurühren, der vor ihnen ſtand. Es war dieſen Abend recht behaglich in dem traulichen Gemach; das Wetter, am Vormittage ſo ſchön, war am Nachmittag trübe geworden, ein kühler Weſtwind hatte Regenwolken herangetrieben, und die kleinen Tropfen, die ſie herniederſandten, raſ⸗ ſelten von Zeit zu Zeit gegen die dicht geſchloſſenen Fenſter. Im Kamin loderte ein gemüthliches Feuer, denn der alte Haushofmeiſter fror bei ſolchem Wetter und er fürchtete alsdann ſtets die Wiederkehr ſeines Podagra's, weshalb er ſich dem kniſternden Flammen⸗ heerde ſo nahe wie möglich hielt. 381 Joſeph ſaß ihm am Tiſche gegenüber und beobach⸗ tete mit ſichtbarer Spannung den Alten, der ernſt und nachdenklich, wie man immer iſt, wenn man längſt vergangene Zeiten in's Leben zurückrufen will, da ſaß und bald in das Feuer, bald in das edle Geſicht des jungen Mannes ſah. „Nun, Mr. Baxton,“ begann endlich Joſeph,„jetzt iſt die rechte Zeit zum Erzählen da; der Wind treibt den Regen gegen die Fenſter, das Feuer praſſelt und meine Ohren ſind ſchon lange in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollen.“ „Ja, ja, Mr. Sohn, Sie haben Recht— ſo will ich Ihnen denn eine Geſchichte erzählen. Ach, ich habe heute ſchon manche Stunde an die ehemaligen Zeiten gedacht und dieſes Nachdenken hat mein altes Herz etwas mürbe gemacht. Darum ſeien Sie nachſichtig, wenn ich mit einfachen Worten erzähle; ich will keine Bemerkungen einflechten, die ich ſpäter angeſtellt, ſon⸗ dern ich will nur in aller Ruhe die Ereigniſſe abwik⸗ keln, wie ſie nach und nach vor meiner Erinnerung auftauchen. Ja, es waren mitunter ſchöne Zeiten, die wir zuſammen durchgemacht, und wir haben damals nicht geglaubt, daß wir jetzt ſo einſam am menſchen⸗ leeren Strande der Oſtſee ſitzen würden, um mit un⸗ ſern Gedanken noch einmal in der Vergangenheit zu 382 leben. Doch— voran denn! Das Klagen hilft zu nichts und nimmt nur die Zeit fort, die wir bald zu Thaten werden verwenden müſſen. So hören Sie denn: Ddie Geſchichte Mylord Shorneliffe's beginnt mit ſeiner Mutter, die vielleicht allein an ſeinem jetzigen Schickſale ſchuld iſt. Sie war eine ſehr ſchöne, aber auch eine ſehr ſtolze, kalte und ſteife Dame, ein äch⸗ ter Sproß aus dem hochadligen Geſchlecht der Shorn⸗ eliffes, die ſich von jeher durch Reichthum, hohe Stel⸗ lungen im Staate und ein reines unvermiſchtes Blut ausgezeichnet haben. In ihrer Jugend freilich mag ſie nicht ganz ſo hochmüthig geweſen ſein, wie in ſpäteren Jahren, davon zeugt ja genügend ihre Ver⸗ bindung mit Emery Glandon, dem Vater meines Herrn, der ein armer, aber ehrenwerther und braver Offizier in der oſtindiſchen Armee war. Dieſer Emery Glandon war ſeiner Zeit der ſchönſte Mann der drei Königreiche, ſo behauptete wenigſtens Mylady, als ſie ihn in Brighton zum erſten Male ſah, wo er ſich auf Urlaub befand, um ſeine Wunden heilen zu laſ⸗ ſen, die er im indiſchen Kriege erhalten hatte. Kaum hatte ſie ihn erblickt, ſo war ſie dergeſtalt von ihm eingenommen und bezaubert, daß ſie ihr ferneres Le⸗ benmit dem ſeinigen zu verbinden beſchloß. Hart 383 müſſen allerdings die Kämpfe geweſen ſein, die ſie deshalb mit ihren Eltern und Verwandten zu beſtehen gehabt, denn was war der arme Emery Glandon in den Augen einer ſo reichen und ſtolzen Ariſtokraten⸗ familie! Allein ihre Beharrlichkeit, ihre Liebe und vielleicht auch ihre Laune trugen den Sieg davon und ſie ward die Frau des ſchönen Soldaten. Die nächſte Folge davon war, daß ihre Verwandten ſich von ihr losſagten und ſie nur mit einer jährlichen Rente von tauſend Pfund bedachten, ein Uebereinkommen, dem ſich die junge Dame willig fügte, trotzdem ſie dadurch um ein Bedeutendes von der Höhe und dem Glanz ihres früheren Lebens herunterſtieg. Mrs. Glandon aber gab ſich damals den Anſchein, als mache ſie ſich wenig daraus, brach gleichmüthig den Verkehr mit ihren vornehmen Kreiſen ab und lebte mit ihrem Gatten glücklich auf Tower⸗Hall, einem kleinen Land⸗ häuschen in der Nähe von Dover, welches ſie von einer fernen Verwandten ſchon als Kind geerbt hatte. Nach einem Jahre jedoch war der Urlaub ihres Gat⸗ ten abgelaufen und er mußte nach Indien zurückkeh⸗ ren, ein Umſtand, der Mrs. Glandon nicht aus ihrer Rühe brachte, da ſie ſchon längſt beſchloſſen hatte, den ſchönen Mann bis an'’s Ende der Welt, alſo auch in das unſichere Kriegsleben in Oſtindien zu begleiten. —õ—m— 384 In Indien indeſſen zeigte ſich die erſte Trübung ih⸗ res ehelichen Glücks, denn hier konnte ſie ſich nicht wie in England von dem öffentlichen Verkehr zurück⸗ ziehen, und die Familien, mit denen ſie in Verbin⸗ dung gerieth, wollten ihr nicht verzeihen, daß ſie ſtatt eines reichen Earls und Pairs einen winzigen Offizier geringeren Grades geheirathet hatte. So wurde ihr nur eingeſchlummerter Familienſtolz allmälig wieder geweckt und in gleichem Grade kühlte ſich wahrſchein⸗ lich auch ihre Liebe ab. Glandon jedoch erkrankte abermals, weil er das Klima nicht mehr ertragen konnte, und ſtarb, nachdem er nur zwei Jahre das Glück genoſſen hatte, Vater des kleinen Emery Glan⸗ don, meines jetzigen Herrn und Ihres Freundes, zu ſein. Bald nach ſeinem Tode reiſte Mrs. Glandon nach England zurück und bezog wiederum das kleine Landhaus am Strande bei Dover, wo ſie ehemals ſo glücklich geweſen war, jetzt aber nicht mehr in den Träumen dieſes Glückes ſchwelgen ſollte, ſondern ſich dem bittren Brüten überließ, welches die Betrachtung ihrer verlaſſenen Lage allmälig in ihr hervorrief, in die ſie ſich durch eine ſchnell abgekühlte Leidenſchaft ſelbſt verſetzt hatte. Ihr nächſtes Beſtreben in Eng⸗ land ging nun dahin, die Verbindung mit ihrer Fa⸗ milie wieder anzuknüpfen und ſo ſich nach und nach 385 auf die frühere Höhe ihrer Geburt zu erheben, allein — dieſes Beſtreben mißlang gänzlich, da man ſie als ein mißrathenes Glied der Familie betrachtete und ſchon ſeit Jahren vergeſſen hatte. So empfing ihr ſtol⸗ zes Herz einen neuen, unerwarteten Schlag, und miß⸗ muthig und grollend über ihr Geſchick, zog ſie ſich von allem Umgange zurück und lebte nur der Erziehung ihres einzigen Sohnes, mit deſſen ſpecieller Bedie⸗ nung ich damals als junger Menſch beauftragt ward. Seit jener Zeit bin ich faſt nicht mehr von der Seite meines Herrn gekommen und nun werden Sie begrei⸗ fen, wie feſt und innig die Bande ſind, die mich mit Mylord verknüpfen. So begann denn alſo die Erziehung des kleinen Emery unter Leitung einer ſo erbitterten und eigen⸗ ſinnigen Frau auf eine ſehr ungewöhnliche Weiſe, und es wäre kein Wunder geweſen, wenn er bös und ſchlecht geworden wäre, da ihm faſt Alles entging, was den Kindern bemittelter Leute an guter Erzie⸗ hung und läuternden Beiſpielen zu Theil wird. Allein ſeine gute Natur, ſein redliches Herz, ſeine geradſin⸗ nigen Neigungen, die er mehr von dem Vater als der Mutter geerbt, ſchützten ihn ſtets vor den falſchen Theorieen und Maximen der nur im Geiſte ihrer Ver⸗ gangenheit lebenden Frau, die nie vergeſſen konnte, Emery Glandon. II. 25 386 daß ſie die Tochter eines Lords und doch nicht in der Lage war, die Anſprüche einer ſolchen geltend zu ma⸗ chen. Mrs. Glandon wollte in allen Dingen und nach allen Richtungen hin einen großen Herrn aus ihrem Sohne machen, er ſollte ſtolz, kalt und vor⸗ nehm werden, wie ſie ſelbſt es war, und doch ſtrebte das einfache Naturell des Knaben mit gewaltiger Strömung dieſer Abſicht entgegen. So ſuchte ſie ihm zum Beiſpiel von früher Jugend an den unſinnigen Glauben beizubringen, die Dinge und Verhältniſſe, die er um ſich ſah, ſeien viel größer, ſchöner und beſſer, als ſie wirklich waren, wodurch ſie dem Kinde eine ganz falſche Vorſtellung von allem Vorhandenen, von ihrer und ſeiner Exiſtenz aufzunöthigen trachtete, allein dieſer gewagte Verſuch wollte ihr nie gelingen. Denn der aufgeweckte Knabe hatte ein ſehr geſundes Auge, das die Dinge nur in ihrem natürlichen Lichte erfaßte, und ein unendlich beſcheidenes und einfaches Herz. Er hatte alſo ſchon früh das Unglück, zu der Einſicht zu gelangen, daß nicht Alles glaubwürdig war, was ſeine Mutter ihn glauben machen wollte, und er bemühte ſich daher nur um ſo eifriger, die Wahrheit der Dinge und Begebenheiten um ihn her zu ergründen und im Innern gegen die Anſichten ſei⸗ ner Mutter einen Widerſpruch keimen zu laſſen, der —381 mit ſeinem zunehmenden Alter wuchs und ſeinem Charakter allmälig ein Gepräge aufdrückte, das er ſelbſt jetzt noch bewahrt hat. So bildete ſich unver⸗ ſehens im Geiſte deſſelben eine bei Knaben ſeines Alters ungewöhnliche Hartnäckigkeit, ein zähes Feſt⸗ halten ſeiner Meinungen und Anſichten, ein unabweich⸗ liches Beſtehen auf ſeiner Meinung aus, eine Nei⸗ gung, die bei einem ſchlimmen Herzen leicht zum Schlimmen führen konnte, glücklicherweiſe aber bei dem gutgearteten Emery ſich nur in eine eiſerne Con⸗ ſequenz umbildete und feſtſetzte, mit der er Alles, was er künftig im Leben ergriff, auszubeuten und in ſich zu feſſeln bemüht war. Ein faſt beſtändiger und beinahe bis zum Tode der Mutter dauernder Kampf entſpann ſich ſehr früh⸗ zeitig zwiſchen Beiden bezüglich des Verkehrs, des Umgangs und Zeitvertreibs des Knaben, wofür ich hier nur ein einziges Beiſpiel werde anzuführen haben, um Sie zu belehren, daß dieſer Kampf, wie in win⸗ zigen, ſo auch in allen ernſteren Dingen ſtattfinden und fortbeſtehen konnte. Nach Mrs. Glandon's An⸗ ſicht ſollte Emery nur mit Kindern Begüterter, Hoch⸗ adliger verkehren; da aber ſolche Kinder nie in ſeine Nähe kamen, ſo wollte ſie ſeinen Umgang blos auf ſich ſelbſt und ihr Haus beſchränken, was natürlich . 25* 388 für einen warmblütigen Knaben ſeines Alters ein viel zu enger Kreis war, zumal Emery gerade das Gegentheil liebte und gern mit Kindern verkehrte, die ſeinen Jahren, ſeiner Lebensluſt und ſeinen kindiſchen Anſichten entſprachen. Da ihm in dieſem Punkte aber unendliche Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden, ſo gerieth er auf den Einfall, ſeine Liebe, die faſt gar keine Nahrung erhielt und doch ſo ſehr der Gegenliebe begehrte, auf Weſen untergeordneter Gattung zu lenken, und ſo entwickelte ſich die ſelt⸗ ſame Liebhaberei, ſich mit Thieren allerlei Art zu um⸗ geben—“ „Ha!“ unterbrach Joſeph den Erzählenden,„da hatte er ja dieſelbe Liebhaberei wie ich.“ „So! Ja! Hm! und dieſe Liebhaberei war faſt die einzige, die ihm geſtattet wurde, weshalb es denn bald kam, daß ſich Tower⸗Hall mit Affen, Hunden, Vögeln und dergleichen Gethier bis zum Uebermaaß füllte, was den Bewohnern des Landhauſes oft ſehr läſtig und unbequem war, aber von Allen ertragen wurde, weil ſie der allein ſtehende Knabe dauerte und ſie ihm das einzige Vergnügen ſeiner Jugend nicht verkürzen mochten. Emery ſammelte damals auf eine etwas ſeltſame Art. Da er nicht die Mittel beſaß, ſeine bisweilen koſtſpielige Liebhaberei durchzuſetzen, 389 ſo brandſchatzte er die Nachbarn ſeiner Mutter auf jede Weiſe, und kam dadurch bald in den Ruf, ein unwiderſtehlicher Jäger und Fänger zu ſein. Doch ich will mich nicht zu tief und zu ſpeciell in die erſten Heldenthaten der Art meines Herrn ein⸗ laſſen, überdieß haben wir es bald mit ernſteren Dingen zu thun und das Angeführte wird Ihnen ge⸗ nügend ſein. Es war die Zeit gekommen, in der man an eine geeignete Schulbildung Emery's denken mußte, und durch ihre endloſen Schreibereien an ihre vor wie nach grollenden Verwandten ſetzte es Mrs. Glandon endlich durch, ihren Sohn auf der Schule von Eton aufge⸗ nommen zu ſehen, wo er jedoch nicht zu der auser⸗ wählten Klaſſe der vornehmen Alumnen, vielmehr zu jener der halbbegüterten ſogenannten Extraneen ge⸗ zählt wurde, denen man aus purem Mitleiden geſtat⸗ tet, die wiſſenſchaftlichen Broſamen aufzuleſen, die die Herren Alumnen von ihrem klaſſiſchen Ueberfluſſe übrig laſſen. Ich begleitete den Knaben damals nach Eton und bewohnte mit ihm ein kleines Haus, deſſen Beſi⸗ tzer ſich davon ernährten, Penſionäre bei ſich aufzu⸗ nehmen und ihnen für eine gewiſſe Summe Koſt und Unterhalt zu gewähren. Hier in Eton zeigten ſich nun die erſten Symptome von ſeltſamem Eigenwillen in 390 dem Charakter meines kleinen Herrn, der ſich niemals daran gewöhnen wollte, ein Joch auf ſeinem an Frei⸗ heit und Frohſinn gewöhnten Nacken zu tragen. Das althergebrachte ſteife Schulweſen war ihm ein Gräuel, er konnte die ſchwarzgekleideten pedantiſchen Schulmei⸗ ſter mit ihren weißen Zipfelcravatten, die die Knaben in den Schraubſtock der Methode preßten, eben ſo we⸗ nig begreifen, wie er dieſe Knaben begriff, daß ſie den Schulmeiſtern gehorchten und in der Stube ſaßen, wenn draußen auf den Angern die Sonne ſchien und die Schwalben im Winde ſpielten. Er wolle gern ler⸗ nen, ſagte er oft, aber man müſſe ihn lernen laſſen, was ihm Vergnügen mache, oder wenn er einmal ge⸗ horſam ſein müſſe, ſo ſolle man ihm wenigſtens die Freiheit gönnen, die er in Tower⸗Hall genoſſen, denn Tauben fliegen zu laſſen und ſich ein paar Hunde zu halten, ſei ein viel größeres Vergnügen, als die Re⸗ geln der lateiniſchen Grammatik zu ſtudiren und fran⸗ zöſiſche Vokabeln auswendig zu lernen. Die vielerlei Streitigkeiten und Unannehmlichkei⸗ ten, die er namentlich wegen ſeiner Thierliebhaberei mit den Vorſtehern der Schule in Eton hatte, die nicht dulden wollten, daß ein ſo kleiner Knirps, wie Emery Glandon war, mit Hunden ſpazieren ginge, wo ſo viele menſchliche Weſen einen beſſeren Geſellſchafter 4 V —.,— 391 abgeben konnten, führten endlich zu einem ernſtlichen Bruche; man fand es nicht angenehm, einem ſo wi⸗ derſpenſtigen Weſen die Ehre angedeihen zu laſſen, in Eton ſeine Bildung zu empfangen und— verwies ihn. Als Emery Glandon zu ſeiner Mutter nach Tower⸗ Hall zurückkehrte, befand ſich dieſelbe in großer Verle⸗ genheit, ihm den nothwendigen Unterricht zu Theil werden zu laſſen. Endlich jedoch führte der Zu- fall eine günſtige Gelegenheit herbei. In einem na⸗ hegelegenen Kirchſpiele trat ein armer und ſehr ge⸗ lehrter Vicar auf, der für achtzig Pfund jährlich den Dienſt eines Pfarrherrn verſah, deſſen Pfründe acht⸗ tauſend Pfund betrug. Dieſer noch ziemlich junge Mann friſtete ſein kärgliches Leben dadurch, daß er Penſionäre hielt und Unterricht in allerlei Sprachen und Wiſſenſchaften ertheilte. Er hatte damals einen einzigen Penſionär, einen lebhaften Knaben, Namens Morris, und dieſer iſt es, der ſpäter leider einen ſo großen Einfluß auf Emery s Schickſal ausüben ſollte. Emery verſtand ſich ſehr gern dazu, täglich einige Male nach dem Kirchſpiel des Vicars zu laufen, um Weisheit zu lernen; konnte er ſich doch auf dieſem Wege von ſeinen Hunden begleiten laſſen und war er doch nach den Unterrichtsſtunden frei wie der Vo⸗ gel in der Luft, um zu ſpielen und Tauben zu jagen, 392 ſo viel er nur wollte. Wenn die Herren in Eton jetzt den Eifer meines Emery geſehn hätten, ſo würden ſie mit ihm ſehr zufrieden geweſen ſein; der Vicar we⸗ nigſtens, mit dem ich oft über den Knaben ſprach, theilte mir mit, daß er ſelten einen ſo lernbegierigen, willenskräftigen und ausdauernden Schüler unterrich⸗ tet habe. Doch das iſt nur Nebenſache und berührt die Haupterlebniſſe meines Herrn nicht; ich übergehe daher alle Einzelnheiten ſeines Jugendlebens und wende mich zu dem Brennpunkte ſeines Schickſals, zu Thomas Morris, der bald in eine vertrautere Stel⸗ lung zu Emery gerieth, als wir Alle erwartet hatten. Thomas war ein verſchlagener, mehr ſchlauer als kluger, mehr ſpekulativer als nachdenkender Kopf, der namentlich zu allerhand leichtſinnigen Streichen, die faſt außerhalb des Gebietes eines Knaben lagen, un⸗ gewöhnliche Fähigkeiten beſaß. Zu allem Schlimmen geneigt, keine Argliſt ſcheuend, keinem Menſchen wahr⸗ haft ergeben, meinte er es mit Niemandem ehrlich als mit ſich ſelber, und wußte Alles zu ſeinem perſönlichen Vortheil zu wenden. Das ſahen wir Aeltere, der Vi⸗ car und ich, ſehr bald, aber Emery und ſeine Mutter ſahen es nicht; vielleicht auch wollte es Letztere nicht ſehen, da ſie froh war, einen leidlich angenehmen Ge⸗ fährten für ihren Sohn gefunden zu haben.— 393 Die beiden Knaben verband ſehr bald eine von Emery's Seite wenigſtens aufrichtige und warme Nei⸗ gung. In Letzterem nämlich waltete die eigenthüm⸗ liche Neigung vor, alle Diejenigen zu beſchützen und zu heben, die vom Schickſal oder Unglück auf irgend eine Weiſe benachtheiligt waren, und da Thomas Mor⸗ ris eine Waiſe war und nur von dem Mitleiden einer Verwandten abhing, die ſelbſt nicht in glänzen⸗ den Verhältniſſen lebte, ſo hatte er es ſich in den Kopf geſetzt, Thomas innig zu lieben und ihm auf jede Weiſe ſein Daſein zu erleichtern. So hatte ſich mit einem Male ſeine Liebhaberei für Thiere zur Lieb⸗ haberei für Menſchen erweitert und veredelt, und häu⸗ fig geſchah es, daß er der Mutter nicht allein Tho⸗ mas Morris, ſondern außerdem noch ein ganzes Rudel halb Ffrorener und verhungerter Knaben mit in's Haus brachte, die er irgend wo auf der Straße auf⸗ geleſen hatte, um ſie mit ſeinem Ueberfluſſe zu füttern und zu wärmen, wobei es der mit Geld ſtets ſparſam kverſehenen Mrs. Glandon nicht ſelten an Luſt gebrach, 1 den ſtürmiſchen Anforderungen des kleinen Großmü⸗ mthigen zu genügen. Mit der Zeit freilich, als Emery välter wurde, erkannte er die Laſt, die er der Mutter jdamit aufbürdete, und ſo trug er endlich ſeine allge⸗ meine Menſchenliebe allein auf Thomas über, der mei⸗ “ 394 ner Meinung nach der Unwürdigſte von Allen war, auf die ſie hätte fallen können. Laſſen Sie mich über die Knabenjahre Emery's raſch hinweggehen, ſie intereſſiren Sie gewiß nur in ſofern, als Sie daraus auf ſeine ſpätere Entwicklung und die Ausbildung ſeines Charakters ſchließen kön⸗ nen, wie Sie denſelben bis jetzt erkannt haben und wahrſcheinlich noch ferner erkennen werden. Emery und Thomas waren ſiebzehnjährige Jüng⸗ linge geworden und noch immer verband ſie jene erſte warme Freundſchaft, ohne daß es jedoch dem leicht⸗ fertigeren Thomas gelungen wäre, den mehr ernſten und bedächtigen Emery in die oft geſtellten Schlingen zu locken. Um nur eine leichtſinnige Eigenſchaft Je⸗ nes zu erwähnen, die ſpäterhin bei ihm zur Leiden⸗ ſchaft wurde, ſo will ich hier ſeiner Neigungt zu Ha⸗ zardſpielen gedenken. Morris liebte ſchon als iKnabe das Spiel und ſelten ging er irgend wohin, ohne Würfel oder ein paar Spiele abgegriffener Karten in den Taſchen zu tragen. Daß er wiederholt ſeinen Freund zu derſelben Leidenſchaft zu verleiten verſuchte, war nur zu natürlich. Emery that ihm auch oft den Gefallen und ſpielte mit ihm zum Vergnügen, aber nie um Geld, denn dagegen hegte er eine unüber⸗ windliche Abneigung; er tadelte es ſogar oft an Tho⸗ 395 mas, der das Spiel als Mittel, leicht Geld zu ge⸗ winnen, aus allen Kräften vertheidigte. Da Emery ſtets mit großer Ruhe und Ueberlegung ſpielte, weil ihn das Spiel an ſich nicht reizte, ſo ſpielte er ſei⸗ nem leidenſchaftlichen Partner gegenüber ſtets gut, und er hätte im Leben vielfach Gelegenheit gehabt, große Summen zu gewinnen, wenn es ihm darum zu thun geweſen wäre, denn er hatte immer und überall ein ungeheures Glück. Er brauchte die Karten nur anzurühren, ſo fielen ihm die beſten zu, ohne daß er es wünſchte. Ach, das Sprichwort ſollte ſich auch an ihm bewähren, daß wer Glück im Spiel hat, in der Regel keins in der Liebe habe. Thomas ſah dies ſtete Glück ſeines Buſenfreundes mit neidiſchen Augen an, denn da er Alles mit demſelben theilte, ſo glaubte er auch das Recht zu haben, ſein Glück mit ihm zu theilen, ein Wahn, der ſich niemals bei ihm beſtä⸗ tigt hat. So viel hiervon, und ich erwähne dies vornehm⸗ lich, weil ich der Anſicht bin, daß gerade die Spiel⸗ wuth es war, die Thomas Morris verleitete, gegen ſeinen Freund, dem er ſo Vieles verdankte, ſchlecht und unwürdig zu handeln. Die beiden Knaben alſo waren ſiebzehn Jahre alt und bis dahin vom Vicar unausgeſetzt unterrichtet worden. Da Thomas jetzt 396 aus der Penſion des Letzteren ſcheiden ſollte, um eine deutſche Univerſität zu beſuchen, die weniger koſtſpielig war als eine engliſche, ſo erklärte der bisherige Lehrer, daß Emery eben ſo gut in Göttingen ſtudiren könne wie Thomas, und daß es ſogar für ihn in jeder Be⸗ ziehung erſprießlich ſein würde, einige Jahre auf dem feſten Lande zu leben, um ſich eine ſtarke Lebensbaſis für ſein ferneres Fortkommen zu gründen. Hiermit war Mrs. Glandon ganz einverſtanden, denn ihr Ein⸗ kommen reichte wohl hin, ihren Sohn in Deutſchland, aber nicht, um ihn in England ſeine Bildung vollen⸗ den zu laſſen. Sie ging alſo mit ſich zu Rathe und entſchloß ſich endlich, ihr jährliches Einkommen von tauſend Pfund mit ihm zu theilen, was für einen Studenten in Ihrem Vaterlande ein leidliches Ein⸗ kommen iſt und fünfmal ſo groß war wie das, wor⸗ über Thomas Morris zu verfügen hatte. Auch Emery war mit dieſem Entſchluſſe ſehr zufrieden, ſo konnte er nicht allein ſeinem Wiſſensdrange nachgehen, ſon⸗ dern er konnte auch fortfahren, ſeinen theuren Freund wie bisher mit ſeinen größeren Mitteln zu unterſtü⸗ tzen. So reiſten wir Drei denn nach dem Feſtlande ab und bezogen die alte und ehrwürdige Georgia Auguſta, die ſo reich iſt an wiſſenſchaftlichen Schätzen und Lehrkräften und in ihrer Umgebung ſo vielerlei „ 397 Angenehmes und Sehenswürdiges für junge Leute aufzuweiſen hat. Mein Herr war damals ſchon ein ſtattlicher, völ⸗ lig ausgewachſener junger Mann mit hübſcher Geſtalt, einnehmenden Geſichtszügen und dem von ſeinen El⸗ tern angeerbten edlen Benehmen, was ihm jederzeit die Theilnahme Derjenigen erwarb, die mit ihm in nähere Berührung kamen. Thomas dagegen war ein kleiner ſtämmiger Burſche mit ſcharf markirtem Geſicht, aus deſſen lüſternen Augen die ganze Schlauheit und Leichtfertigkeit ſprühte, die ihm eigenthümlich war. Wir hatten uns ſehr bald in der deutſchen Muſen⸗ ſtadt eingebürgert und lebten die erſten zwei Ickhre ſtill und zurückgezogen, weil wir uns erſt mit dem deutſchen Weſen und der deutſchen Sprache vertraut machen mußten, die wir damals alle Drei nur ſehr wenig verſtanden. Wir machten aber ſämmtlich er⸗ kleckliche Fortſchritte darin, und nun erſt, nach zwei Jahren, verkehrten wir mit verſchiedenen Familien, deren Bekanntſchaft einem Manne mit Emery's Aeuße⸗ ren, Mitteln und Herkommen in Göttingen ſehr leicht gemacht wird. Auf unſer Leben daſelbſt will ich in⸗ deſſen hier nicht weiter eingehen und nur bemerken, daß wir alljährlich kleine Ausflüge in die gebirgigen Theile Deutſchland's unternahmen und die gewöhn⸗ 398 lichen Abenteuer zu beſtehen hatten, die einem Stu⸗ denten auf einer deutſchen Univerſität zu begegnen pflegen. Erſt nachdem wir drei Jahre in Göttingen zugebracht und die Zeit eigentlich vorüber war, die man für unſern Aufenthalt daſelbſt beſtimmt hatte, fiel die verhängnißvolle Bekanntſchaft vor, die mich von jetzt an unausgeſetzt in meiner Mittheilung be⸗ ſchäftigen wird und zu der ich nun endlich gelangt bin.— Ja,“ fuhr der Alte ſeuſzend und ſeinen Zu⸗ hörer ſtark fixirend fort,„es war eine verhängnißvolle Bekanntſchaft, die Emery Glandon in der Perſon der Henriette von Bergen machte.“ *, Was!“ rief Joſeph aus, indem er von ſeinem Stuhle aufſprang und den Haushofmeiſter beim Arme ergriff—„was ſagen Sie da? Henriette von Bergen?“ „Ja, Mr. Sohn, ſo. ſage ich, denn ſo war es. Die jetzige Baronin von Haldrungen war die Bekannt⸗ ſchaft ſelbſt, die ich ſo eben eine verhängnißvolle nannte.“ „Gerechter Gott! Wär's möglich! Der Lord wäre ihr Geliebter, den ſie für todt hält, und er— weiß er, daß ſie in ſeiner Nähe lebt?“ „Wohl weiß er es, und eben weil er ſie hier er⸗ kundet hat, ſo iſt er in ihre Nähe gezogen und hat ſich hier angeſiedelt, um wenigſtens von Zeit zu Zeit in 4 8 399 ihrer Nähe zu athmen und wie eine zweite Vorſehung ihr ferneres Schickſal zu überwachen.“ „Aber wie denn— die Baronin ſelbſt hat keine Ahnung davon, daß der Lord lebt und noch dazu ihr ſo nahe iſt?“ „Sie ſoll und darf auch keine Ahnung davon ha⸗ ben, und ich rathe Ihnen ernſtlich, nichts dazu beizu⸗ tragen, daß Sie die geringſte erhält. Unmöglich iſt es auch, daß ſie ſelbſt darauf verfällt, daß ihr Nach⸗ bar Lord Shorncliffe, ihr früherer Geliebter Emery Glandon iſt, wenn ſie ihn nicht ſieht, denn niemals hat ihr Mylord damals, als er in ihrer Nähe lebte, die Abſtammung ſeiner Mutter genannt, da er ſich nicht mit Dingen zu brüſten liebte, die außer ſeinem eigenen Verdienſt lagen. Ja, Sie ahnen wohl jetzt ſchon ſo Manches aus dem ferneren Schickſal der Bei⸗ den— mag ſein, denn daß Emery ſeine Liebe bewahrt hat, wie er der Meinung iſt, daß auch Henriette die ihrige bewahrt, wird Ihnen ſchon die Ueberzeugung von der Charakterfeſtigkeit und Conſequenz meines Herrn geſagt haben. Wie er Alles, was er einmal mit Neigung und Liebe ergriffen, für ſein ganzes Le⸗ ben feſthält, ſo hat er auch ſeine Jugendliebe feſtge⸗ halten, und Nichts auf der Welt iſt jemals im Stande geweſen, jenes junge Mädchen auch nur auf einen — — 400 Augenblick aus ſeiner Erinnerung zu verdrängen. Ja, ſeine Liebe iſt noch jetzt ſo groß und gewaltig, daß er ihre Nähe geſucht hat, um, wenn auch nicht mit ihr leben, doch einſt auf ihrem Grabe ſitzen zu können, wenn ſie vor ihm ſterben ſollte. Das nennt man Charakter, Conſequenz und ächte Männlichkeit, Mr. Sohn— Spleen taufen es bisweilen Ihre Lands⸗ leute, die weit häufiger mit dem Spleen des Leicht⸗ ſinns behaftet ſind, als wir Engländer mit dem Spleen der Melancholie.“ „Bei Gott!“ rief Joſeph entzückt aus,„das iſt ein ſeltener Mann!“ „Da haben Sie ſehr Recht, ein ſeltener Mann, den man bewundern und zugleich lieben muß. Doch nun beruhigen Sie ſich, beſter Mr. Sohn, es iſt einmal ſo, wie ich erzähle, und Nichts läßt ſich daran ändern. Ich will aber jetzt meine Geſchichte fortſetzen, die nun raſch ihrer Entwickelung entgegenſchreitet.— Emery Glandon war zwanzig Jahre alt, als er zum erſten Male die ſechszehnjährige Henriette von Bergen ſah, die ſich mit einer Tante in Göttingen aufhielt, um ſie von einem Augenübel heilen zu laſ⸗ ſen, das ihr mit völliger Blindheit drohte. Schon als wir die alte Dame kennen lernten, war ihr Au⸗ 401 genlicht faſt ganz verloren, und ſelbſt die Operation, der ſie ſich nach einiger Zeit unterwarf, war nicht im Stande, ihr daſſelbe wiederzugeben, da ſie bald nach derſelben völlig erblindete. Doch ich greife ſchon wie⸗ der vor und doch muß ich im Schritt gehn, obgleich mein Herz im Galopp vorwärts drängt. Ach, es war damals für mich eine Zeit voller Aufregung und Beſorgniß. Ich hatte lange ein ſol⸗ ches Ereigniß gefürchtet; denn ich ſagte mir, daß, wenn Emery's Neigung einmal auf ein Weib fallen ſollte, dieſes Weib den Gipfel, das Ziel, den Inbe⸗ griff ſeines ganzen Lebens bilden würde. O, ich habe mich darin nicht getäuſcht, denn ich kannte meinen Emery eben ſo gut, wie ich mich kannte. Emery Glandon begegnete eines Tages, als er mit ſeinem Freunde eine Gemäldeausſtellung beſuchte, Fräulein von Bergen, die mit der Familie ihres Arz⸗ tes ausging, da ihre blinde Tante an ihr Haus ge⸗ feſſelt war. Ach, ich werde den Tag nicht vergeſſen, wo dieſes geſchah. Den ganzen Tag war mein Herr ſehr ſtill, ernſt und faſt verlegen. Er ging nicht aus mit Thomas und ich hielt ihn für krank. Aber am Abende dieſes Tages, als ich ſchon zu Bette lag und glaubte, die jungen Herren ſchliefen ebenfalls, kam er in mein Zimmer, ſetzte ſich vertraulich an mein Bett Emery Glandon. II. 26 402 und ſagte:„William, ich muß Dir Etwas vertrauen. Mein Herz hat geſprochen— ich liebe ein Mädchen.“ „Hilf Gott!“ ſchrie ich auf,„das iſt kein wirkſamer Schlaftrunk, den Sie mir da bringen.“ „Warum nicht? Das Mädchen iſt ein Engel und ich werde ſie heirathen oder—“ „Oder was?“ rief ich voller Angſt. „Uns Beide erſchießen!“ „Nun, da heirathen Sie ſie nur getroſt,“ rief ich, denn ich wußte, daß Eins von Beiden auf jeden Fall ſtattfinden würde. 4 „Das will ich, aber noch geht es nicht. Sie hat eine alte Tante bei ſich, die ſehr leidend iſt und alſo ihren Beiſtand braucht. Ich werde daher warten, bis dieſer Beiſtand nicht mehr nöthig iſt, dann erſt bringe ich ſie zu meiner Mutter. So lange aber weiche ich nicht von dieſer Stelle, ſelbſt wenn es zehn Jahre dauern ſollte.“ Mir ſtanden die Haare zu Berge.„Zu Ihrer Mut⸗ ter?“ rief ich.„Sind Sie auch überzeugt, daß Ihre Mutter mit Ihren Wünſchen einverſtanden ſein wird?“ „Das iſt Nebenſache, die mich ſehr wenig küm⸗ mert. Meine Mutter hat auch nicht ihre Eltern ge⸗ fragt, als ſie meinen Vater heirathete, und ich bin Beider Sohn.“ O Gott ja, ich weiß es,“ ſagte ich und fühlte mich ſo beklommen, wie nie in meinem Leben, denn ich ſah bis auf Kleinigkeiten unſer ganzes künftiges Leben vor uns liegen— Wirrwarr und Unruhe an allen Enden und nur wenig Glück und Freude. Doch weiter! Mein Herr hatte unter ſeinen Hun⸗ den ein reizendes Windſpiel. Dieſes Windſpiel ſah die junge Dame einſt auf einem Spaziergang und bewunderte es ſo laut, daß Emery, der ſich ſo viel wie anöalig auf allen ihren Wegen an ſie heftete, es hörte. Noch denſelben Tag mußte ich den kleinen Ned zu der Dame bringen und ſie fragen, ob ſie den Beſitzer ſo glücklich machen wolle, das Windſpiel als ihr Eigenthum zu betrachten. Die junge Dame ſtieß einen Freudenſchrei aus, nahm Ned auf den Arm und küßte und liebkoſte ihn. Und ich ſtand dabei, ſah Alles mit an und dachte mir mein Theil dabei. Denn ach, Mr. Sohn, die junge Dame war ſehr, ſehr ſchön, und ich verdachte es meinem guten Herrn nicht, daß er ſie liebte. Trotz ihrer Jugend hatte ſie einen völlig entwickelten Körper, ein liebreizendes Geſicht, von den Farben der Geſund⸗ heit und dem Ausdruck der Güte ſtrahlend, goldblon⸗ des; ſchön gelocktes Haar und ein paar bl laue Augen, die mich an den Maihimmel erinnerten. Doch was 26* 404 ſage ich, Sie kennen ſie ja und ſie ſoll immer noch ſchön ſein, wie mir die Leute ſagen, die ſie geſehn haben— nicht wahr?“ „Ja, ſie iſt noch immer ſchön, und eben ſo edel und gut!“ rief Joſeph voller Entzücken. „Nun ſehen Sie wohl!— Unſer Windſpiel alſo blieb bei der Dame und ich ging wieder heim, um meinem Herrn den Erfolg mitzutheilen, der vor Freude und Glück beinah außer ſich war. Am andern Tage aber ſtellte ſich der Herr des Windſpiels ſelber vor und— die Bekanntſchaft war gemacht, um bald, ſehr bald— zur glühendſten Liebe von beiden Seiten zu gedeihen.— 6 Wir blieben noch zwei Jahre in Göttingen, trotz⸗ dem Briefe über Briefe von Tower⸗Hall kamen und uns zur Heimkehr mahnten. Aber was bedeuteten dieſe Briefe für einen ſo leidenſchaftlichen Liebhaber, wie Emery Glandon einer war! Dieſer war ein täg⸗ licher Gaſt bei Frau von Bergen, der Tante ſeiner Geliebten, und auch Thomas Morris begleitete ihn bisweilen dahin, obgleich Fräulein Henriette den klei⸗ nen ſtämmigen Mann mit dem verſchmitzten Geſichte nicht leiden mochte und ihm ſtets mit großer Zurück⸗ haltung begegnete. Durch Emery's Fürſorge war ſogar, da die Damen ſehr wenig bemittelt waren, 405 ein kleines Gartenhäuschen in einer ziemlich abgele⸗ genen Vorſtadt gemiethet, und dort wurde auch die Augenoperation vollzogen, lief aber ſo unglücklich ab, daß die Aerzte jede Hoffnung für alle Zukunft auf⸗ gaben. Es konnte nicht fehlen, daß Emery und Hen⸗ riette durch alle dieſe vielfachen Berührungspunkte ſehr bald vertrauter wurden, als es unter anderen Umſtänden zu geſchehn pflegt, und Emery ſah darin nichts Verfängliches, da er ja den beſten Willen von der Welt hatte, die Geliebte ſeines Herzens zu ſeinem Weibe zu machen.— Mr. Sohn, ſo weit ſind wir— gönnen Sie mir eine Minute Erholung, denn nun kommt die Nachtſeite unſers Lebens, das bis jetzt ſo heiter und hoffnungsvoll geweſen war. Ah! da, trinken wir einmal ein Glas Wein— auf Lord Emery's Wohl!“ „Und auf Henriette von Bergen's, Mr. Baxton!“ „Sie haben Recht! Ja. Doch nun weiter. Aber, Mr. Sohn, da ich Ihnen die Wahrheit zu ſagen ver⸗ ſprochen habe, ſo muß ich ſie Ihnen auch ganz ſagen: Emery Glandon hat meines Wiſſens in ſeinem Leben nur einen Fehltritt begangen, und dieſen hat er mit dem Glück ſeines ganzen Lebens gebüßt. Er fehlte aus Liebe und darum kann man ihm wohl verzeihen. Ich wenigſtens halte einen ſolchen Fehltritt für viel 406 weniger unwürdig als andere, die die Jugend begeht, und ich möchte nicht den Menſchen zum Freunde ha⸗ ben, der erbarmungslos gegen einen ſolchen ſeinen Stein aufhebt. Mit einem Wort, Emery Glandon hätte ſich ſobald wie möglich mit Fräulein von Ber⸗ gen vermählen ſollen, da er es doch im Sinne hatte, allein er unterließ es, wahrſcheinlich weil die Sorg⸗ loſigkeit der Jugend und die feſte Hoffnung auf eine ſichere Zukunft ſeine Gefährtin war. Genug, die Geliebte ſeines Herzens war ſeine Gattin vor Gott, aber nicht vor den Menſchen geworden, ſie waren Beide ſo glücklich, wie zwei Menſchen auf Erden es nur zu ſein vermögen und ſie konnten es auch ſein, da ſie Beide einander werth waren und wußten, was ſie von einander zu erwarten hatten. Bis hierher nun war Alles ganz gut abgelaufen, die Blindheit der Verwandten Henriettens kam den jungen Leuten zu Statten und jetzt erſt ſetzten ſie den Zeitpunkt feſt, wo ſie ſich vermählen und dann nach England gehen wollten, die blinde Frau der erprob⸗ ten Sorgfalt einer Krankenpflegerin überlaſſend, bis ſie wieder von England zurückkämen, um bei ihr zu leben, denn Emery hatte beſchloſſen, mit ſeinem klei⸗ nen Vermögen ſich in Deutſchland anzuſiedeln, was hier ſogar für die Unterhaltung einer Familie hin⸗ 40 reichte, während es in England nicht einmal für ihn allein groß genug war. Bis hierher, ſagte ich, war Alles ganz gut gegangen, aber die beiden jungen Leute hatten nur die ſie umgebende Gegenwart, nicht aber das hinter ihrem Rücken ſich entwickelnde Schick⸗ ſal in Anſchlag gebracht. Eines Abends, ich war gerade allein zu Hauſe, langten zwei Briefe aus Tower⸗Hall an. Der eine war von der Geſellſchafterin der Mrs. Glandon und enthielt die Meldung, daß dieſe im Sterben liege und augenblicklich ihren Sohn zu ſehen verlange. Der zweite aber, von dem an's Krankenbett gerufenen Anwalt derſelben, enthielt den Rath für Emery, ſo bald wie möglich in Tower⸗Hall zu erſcheinen, wenn er die tauſend Pfund, die ſeine Mutter bisher von ihrer Familie erhalten, für ſich retten wolle. Dieſe ſich ergänzenden Nachrichten waren wichtig genug, den über das unglückliche Zuſammentreffen der beiden Ver⸗ hältniſſe höchſt betroffenen Emery zu einer Reiſe nach England zu beſtimmen. Er eilte ſogleich mit den Briefen zu Fräulein von Bergen und theilte ihr ſelbſt ſeinen Entſchluß mit, ſogleich nach England zu gehen, aber augenblicklich wiederzukehren, ſobald die Umſtände es erlauben würden. Henriette, darüber zwar betrübt, ſah nichts Ver⸗ 408 fängliches in dem Entſchluſſe Emery's, ſie beeilte ſo⸗ gar deſſen Ausführung, um ihren Geliebten nicht des Anblicks ſeiner ſterbenden Mutter und ſeines Vermö⸗ gens, auf dem ihre eigene Zukunft beruhte, zu berau⸗ ben. So reiſte Emery Glandon, nachdem er Hen⸗ rietten empfohlen, ihm ihre Briefe nur durch Thomas Morris zukommen zu laſſen, wirklich ab, mit dem fei⸗ erlichen Verſprechen, ſobald wie möglich nach Deutſch⸗ land zurückzukehren, um ſeine Geliebte als Gattin in Beſitz zu nehmen. Ein Verſprechen, das, von Emery Glandon gegeben, von keinem Hinderniß in der Welt umgeſtoßen werden konnte, wie wir wenigſtens damals glaubten. Ach, er ging nach England, um— Henrietten nie wiederzuſehen.“ „Wie? Er hat ſie nicht wiedergeſehen?“ rief Jo⸗ ſeph ſchmerzlich bewegt.„Hat er ſein Verſprechen nicht gehalten?“ „Still, Mr. Sohn, wie können Sie ſo etwas von Emery Glandon denken! Er konnte es nicht halten, wie Sie ſogleich erfahren werden.“ „So erzählen Sie weiter— dieſe Geſchichte wird intereſſanter, als ich für möglich hielt.“ „O, die Hauptſache kommt erſt noch.— Vier Wo⸗ chen nach unſerer Entfernung von dem meinem Herrn 409 ſo theuren Göttingen erhielt er von Thomas Morris die Nachricht, daß er Vater eines Töchterchens gewor⸗ den ſei und daß Thomas laut der ihm übertragenen Pflicht alle Sorgfalt, ſowohl für Mutter wie Kind, getroffen habe. Das kleine Mädchen ſei ſogleich einer achtbaren Familie übergeben, die mit den feierlichſten Verſprechungen die Ernährung und Erziehung deſſel⸗ ben übernommen habe, bis der Vater ſelbſt weiter darüber beſtimmen werde. Emery war durch dieſe Benachrichtigung ungemein getröſtet, zumal er zugleich erfuhr, daß die blinde Tante keine Ahnung von dem Ereigniß habe, welches ſich im Hauſe zugetragen, da Thomas bei Zeiten für den Erſatz der Pflege Henriet⸗ tens durch eine Krankenwärterin bei der Alten geſorgt hatte. Für's Erſte glaubte Emery alles Mögliche für die Seinigen in Deutſchland gethan zu haben, zumal er bei ſeiner Abreiſe Thomas Morris zweihundert Pfund hinterlaſſen und beſtimmt hatte, daß drei Theile davon für die Mutter und ein Theil für die Pflege des Kindes verwandt werden ſollten, bis er mehr zu ſenden im Stande ſei. Mit dieſem Auftrage nun, Mr. Sohn, beginnt meiner Meinung nach die ſchändliche Betrügerei Tho⸗ mas Morris. Von dieſen und allen in den nächſten Jahren ſo reichlich überſandten Geldern hat er, glaube 4¹0 ich, nur ſehr Wenig an Diejenigen gewandt, für die ſie beſtimmt waren. Ich weiß freilich nichts Genaue⸗ res darüber zu ſagen, kann auch nicht beweiſen, was ich nur befürchte, aber das Mißgeſchick, welches Emery Glandon von dieſem Augenblick an in Bezug auf Henrietten und deren Kind verfolgte, war ſo eigenthüm⸗ licher und unvorhergeſehener Art, daß ich mich nie habe enthalten können, an eine Büberei von Seiten dieſes Thomas Morris zu denken. Ach, man weiß ja, was man von ſogenannten guten Freunden dieſer Art zu halten hat! Dieſer mein Verdacht wurde frei⸗ lich damals noch nicht, aber ſehr bald darauf dadurch beſtärkt, daß ich in immer genauere Erfahrung brachte, daß Thomas Morris ein Spieler war und für ſich ſelbſt viel mehr Geld verbrauchte, als ſeine armſelige Ein⸗ nahme von hundert Pfund betrug, ſo wie, daß er et⸗ wa nach einem Jahre Göttingen verließ und ſeiner Angabe zufolge in ein großes Handlungshaus zu Dan⸗ zig trat— was, wie Sie bald erfahren werden, eine Lüge war— und daß ſeine Briefe wunderbar ruhig und überlegt abgefaßt waren, ſo wie— doch ſchreiten wir nicht der Zeit und den Ereigniſſen vor, ſie wer⸗ den Ihnen am beſten meine eigenen Gedanken über dieſen Menſchen enthüllen.“ „Sie ſprachen aber ſo eben von Jahren, während welcher Emery Glandon in England zurückgehalten wurde— woher kam das?“. „O, nicht in England allein, auch anders wo— hören Sie nur. Zuerſt wurde mein Herr an Eng⸗ land durch ſeine Mutter und deren Krankheit gefeſſelt, die ſich anfangs zwar etwas erholte, bald aber wieder kränker wurde und unter keinen Umſtänden zugeben wollte, daß ihr Sohn ſie verließ, weil ſie in der Ster⸗ beſtunde, die ſie erwartete, ihn nicht entbehren zu kön⸗ nen vorgab. Hiermit aber war ein anderer und eben⸗ falls wichtiger Umſtand verbunden, der mir in der dringlichen und geheimnißvollen Art, wie er Emery mitgetheilt wurde, auffallend genug erſchien. Der No⸗ tar nämlich, der bisher die Verhältniſſe der Mrs. Glandon geregelt und die Verbindung mit ihrer Fa⸗ milie, die, ſo locker ſie war, doch immer noch beſtand, vermittelt hatte, eröffnete meinem Herrn, daß es durch⸗ aus nothwendig ſei, daß er in England bleibe, um beim etwaigen Tode der Mutter anweſend zu ſein und ſogleich die nöthigen Schritte zur Erhaltung der tauſend Pfund zu thun, die bisher der Tochter der. Shorncliffe's bewilligt waren. Sie können ſich wohl denken, in welcher Lage ſich alſo damals mein armer Herr befand, und ich war der Einzige, dem er ſeine Schmerzen offenbaren und 412 der ihn einigermaßen auf eine glücklichere Zukunft vertröſten konnte. Ach, er hatte keine Ruhe bei Tag und Nacht, ſeine Seele flatterte zwiſchen England und Deutſchland hin und her, und wenn er von dem Krankenbette der Mutter kam, gab es keine andre Un⸗ terhaltung für ihn, als immer wieder die zärtlichen Briefe zu leſen, die ihm durch den damals für treu gehaltenen Morris von Henrietten zukamen, die aber — merkwürdig genug— ausblieben, ſobald Letztere Mutter geworden war. In den erſten Wochen dieſes räthſelhaften Schweigens tröſtete ſich Emery damit, daß Henriette durch ihre Verhältniſſe am Schreiben gehindert ſei, ſpäter aber erreichte ſeine Ungeduld und Troſtloſigkeit eine Höhe, die mich irgend einen unüber⸗ legten Schritt von ſeiner Seite beſorgen ließ.“ „Warum aber ſandte er Sie nicht nach Göttingen zurück, um die Urſache dieſes Schweigens zu erforſchen?“ „Das habe ich mir ſpäterhin ſelbſt zum Vorwurf gemacht und auch Emery konnte nicht begreifen wie er nicht auf dieſen Gedanken verfallen ſei. Allein, wenn Sie bedenken, daß wir Beide damals Thomas Morris für unfehlbar, treu und redlich hielten, daß Alles für die Geliebte geſchehen war, was geſchehen konnte, und daß wir Beide unter den vorliegenden Umſtänden auch nicht leicht den Entſchluß faſſen konn⸗ 413 ten, uns zu trennen, ſo werden Sie die Unterlaſſung dieſer Sendung erklärlich finden. Auch dauerte es nicht gar zu lange, als ein Brief von Thomas Mor⸗ ris anlangte, der dieſe Reiſe unnöthig oder wenigſtens unnütz machte, denn es war Etwas vorgefallen, was Keiner von uns erwartet hatte und erwarten konnte. Nachdem uns nämlich Thomas Morris mitgetheilt, daß die Tante Henriettens gefährlich erkrankt und eine an⸗ dere fernere Verwandte gekommen ſei, Beide zu ſehen und zu pflegen, erfolgte plötzlich die Nachricht, daß die Tante geſtorben, in der Stunde nach dem Begräbniß aber die Verwandte mit Henrietten verſchwunden ſei, ohne die geringſte Spur ihres Verbleibens zu hinter⸗ laſſen. Nach Morris' Meinung hätte die Verwandte, die er als eine energiſche Frau ſchilderte, Henrietten ein Bekenntniß abgelockt und, darüber ergrimmt und die Ehre ihrer Nichte in Göttingen für verloren erach⸗ tend, ſei ſie mit ihr abgereiſt, um ſie dem üblen Rufe und den Einflüſſen ihres Verführers zu entziehen— wohin? das wiſſe kein Menſch, doch ſei er bereits auf einen Gedanken gerathen, deſſen Ausführung wahr⸗ ſcheinlich von einem glücklichen Erfolge begleitet ſein werde. Dieſer Erfolg jedoch hat ſich niemals bemerk⸗ lich gemacht, und ſpätere Briefe beſagten nur zu klar, daß Henriette, von ihrem Gewiſſen gefoltert, wahr⸗ 414 ſcheinlich ſelbſt dazu beigetragen habe, ſich dem Ein⸗ fluſſe Emery's zu entziehen, den ſie, weil er ſie gerade in der Stunde der Noth verlaſſen, für einen gewöhn⸗ lichen Menſchen gehalten habe, wie es unſchuldigen und ſchönen Mädchen gegenüber ihrer ſo viele gäbe. Obgleich Emery dieſen Ausſpruch ſeines Freundes nicht für wahr hielt und feſt auf die Ueberzeugung Henriettens von ſeiner Treue und Beſtändigkeit baute, ſo muß ich doch geſtehn, daß für mich dieſe Mitthei⸗ lung des Thomas Morris damals etwas Wahrſchein⸗ liches hatte, und ich bekämpfte lange, wiewohl vergeb⸗ lich, meines Herrn Anſicht, der ſich in einer ſo trauri⸗ gen Lage befand, daß ich ernſtlich für ihn zu fürchten begann. Sodann aber ſchrieb Thomas, daß er, der Verabredung gemäß, für das Kind vöäterlich geſorgt habe, daß es ſich wohl befinde, und daß er, trotzdem die Leute, die es pflegten, ſich ihre Bemühung mit Gold aufwiegen ließen, eifrigſt fortfahren werde, für daſſelbe zu ſorgen, Emery deshalb alſo nicht die ge⸗ ringſte Unruhe hegen möge. O wie ſoll ich Ihnen den Schmerz meines Herrn ſchildern, als er jenen Brief von Henriettens heimli⸗ cher Entfernung erhielt! Von ſich widerſprechenden Gefühlen zerriſſen, ſtand er wie Herkules am Scheide⸗ wege, zwiſchen dem Lager einer ſterbenden Mutter 4 415 und der ſich ihm entziehenden Geliebten. Sollte er dieſe verlaſſen und jene ſuchen? Wenn er allein bei mir war, herrſchte die Abſicht vor, das Letztere zu thun, ſah er aber das klagende Angeſicht der Mutter, hörte er ihre herzzerreißende Stimme, mit der ſie tiefe Reue über manches Vergangene ausſprach, dann ward er wieder an ihre Seite gefeſſelt, wie es bei einem guten Sohne ſo natürlich iſt. So blieb er und erfüllte we⸗ nigſtens die ihm zunächſt liegende Pflicht. Wir lebten damals in einer ſeltſamen Aufregung in Tower⸗Hall; bald beſſerte ſich der Zuſtand der Kranken, bald ver⸗ ſchlimmerte er ſich wieder— heute fürchteten wir den Tod, morgen hofſten wir auf das Leben, bis endlich nach langen, endlos ſcheinenden und uns fieberhaft bedrückenden neun Monaten der Tod erfolgte und Emery dabei Gelegenheit fand, bei ſeiner Familie die erforderlichen Schritte zu thun, um ſich das bisherige Einkommen ſeiner Mutter zu ſichern. Und jetzt zeigte es ſich, wie gut der Rath des vorher erwähnten An⸗ walts geweſen, daß nämlich Emery bei'm Tode ſeiner Mutter in England anweſend war, denn ſonſt hätte man ihn— der Beweis ward ihm durch eine münd⸗ liche Unterhaltung mit Lord Shorncliffe, dem älteſten Bruder ſeiner Mutter und dem jetzigen Haupte der Familie, geliefert— ſeiner Anſprüche an die Fami⸗ A16. lie Shorncliffe verluſtig erklärt, da Mylady Shorn⸗ cliffe ſich wider Willen aller ihrer Verwandten mit Emery Glandon vermählt hatte. Kurz vor dem Hin⸗ ſcheiden der Mrs. Glandon nämlich war Lord Shorn⸗ cliffe in Tower⸗Hall erſchienen und an ihrem Sterbe⸗ bette fand eine Verſöhnung ſtatt, die ſich auf Bitten der Sterbenden auch auf ihren anweſenden Sohn Emery erſtreckte, den Lord Shorncliffe hier zum erſten Male ſah und augenſcheinlich einen ſehr guten Eindruck von ihm empfing. Indeſſen ich konnte mich damals ſchon eines gewiſſen Mißtrauens nicht erwehren; die plötz⸗ liche Zärtlichkeit des Familienhauptes der Shorneliffe's für Emery Glandon und die große Aufmerkſamkeit, die man ihm gegen alle Erwartung zuwandte, ſchien mir etwas auffällig, zumal ich keinen eigentlichen Grund dafür auffinden konnte. Lord Shorneliffe ließ ſeinen Neffen nicht mehr aus den Augen, ſeitdem ſeine Schweſter das Zeitliche geſegnet, er ging, er fuhr, er ritt, er ſpeiſte mit ihm, ja, Emery mußte ſogar ſein Schlafzimmer theilen, da Mylord erklärte, es ſei ihm unheimlich zu Muthe, wenn er im Sterbehauſe allein in einem Zimmer ſchliefe. Emery ſtand wie auf Kohlen. Er erwartete mit der glühendſten Sehnſucht den Augenblick ſeiner Frei⸗ heit, um ſogleich nach Deutſchland abreiſen zu kön⸗ 417 nen, aber gerade das war das Einzige, was ihm, vielleicht nach Gottes Rathſchluß, nicht zu Theil wer⸗ den ſollte, ſo glücklich er auch in allem Uebrigen war. Hören Sie. nämlich, was folgt. Als man vom Be⸗ gräbniß der Mrs. Glandon in's Sterbehaus zurück⸗ kehrte, bat ſich Emery von ſeinem Oheim eine ver⸗ trauliche Unterredung aus, die ihm mit dem Bemer⸗ ken bewilligt wurde, daß man ihm dieſelbe angetragen haben würde, wenn er ſie nicht gefordert hätte. Emery wollte in dieſer Unterredung um die fer⸗ nere Bewilligung der tauſend Pfund bitten, eine Bitte, die ſeinem ſtolzen Herzen allerdings ſchwer fiel, die er jedoch in Anbetracht ſeiner eigenthümlichen Verhält⸗ niſſe nicht unterlaſſen durfte. Als er ſie dem Lord ausgeſprochen, ſchwieg dieſer eine Weile, als beſinne er ſich, und ſchon wollte mein Herr aus dieſem Zögern eine abſchlägige Antwort folgern, als der Lord plötzlich eine andere Miene an⸗ nahm und zu ſeiner Verwunderung ihm einen ganz unerwarteten Vorſchlag machte. „Du wirſt entweder Nichts oder viel Mehr erhal⸗ ten,“ ſagte er nämlich,„je nachdem Du Dich der Be⸗ dingung, die ich Dir ſtellen werde, augenblicklich fügſt oder ihr widerſtrebſt. Du biſt ein Mitglied einer ſehr Emery Glandon. II. 27 418 ehrenwerthen, reichen und vornehmen Familie, und ich, das Familienhaupt, nehme Deine Zeit und Thä⸗ tigkeit für das Wohl derſelben in Anſpruch. Ich muß Dir alſo, bevor Du einen Entſchluß faſſeſt, fol⸗ gende geheime Mittheilung machen. Vielleicht weißt Du von Deiner Mutter, meiner Schweſter, daß ich einen jüngeren Bruder hatte, den ich ſeit dreißig Jah⸗ ren nicht geſehen, denn ſo lange lebte er in Indien als reicher, unabhängiger, aber ſehr ſeltſamer Mann, der, ſo lange er jenſeits des Meeres war, ſich nie um ſeine Familie bekümmerte, dagegen in ſeiner Sterbe⸗ ſtunde ihrer um ſo mehr gedachte, indem er ſie zum Erben ſeines ganzen Vermögens einſetzte, da er keine Nachkommen hinterließ. Dieſes Vermögen in Em⸗ pfang zu nehmen und flüſſig zu machen, ſandte ich vor drei Jahren meinen älteſten Sohn, der, ſo Gott will, der Erbe meines Namens und meiner Güter werden wird, nach Java. Allein er kam damit nicht zu Stande und ſo ſandte ich ein Jahr ſpäter meinen zweiten Sohn mit einem erfahrenen Manne eben da⸗ hin, um ſeinem Bruder in der Erreichung unſrer Ab⸗ ſicht beizuſtehn. Auch dieſer iſt ſeit zwei Jahren an Ort und Stelle und unſre Angelegenheit iſt noch nicht weiter vorgerückt. Zugleich erſahre ich durch den Be⸗ gleiter des Letzteren vor einigen Wochen zu meinem — 4109— größten Leidweſen, daß meine Söhne dem Klima In⸗ diens ihren Tribut zahlen mußten und ſchwer krank darniederliegen. Gott wolle nicht, daß ich auf dieſe Weiſe meine beiden Kinder verliere, denn ich habe keine anderen mehr, und der alte ächte Stamm der Shorneliffe's würde mit Beider Tode erlöſchen. Du biſt der nächſte Verwandte meines Hauſes und ſo muß ich mein Augenmerk auf Dich gerichtet halten. Ich fordere und verlange alſo von Dir im Namen und zum Nutzen unſerer ganzen Familie, daß Du Dich ſofort nach Indien begiebſt, ſowohl um meines Bru⸗ ders Vermögen, wie meine Söhne in meine Hände zu liefern. Ich bitte— keinen Wiederſpruch in die⸗ ſer Angelegenheit— ſonſt mache ich noch in dieſer Stunde mein Teſtament, erkenne die Verbindung Dei⸗ ner Mutter mit Emery Glandon nicht an, und einer fernen Verwandten Sohn wird einſt Lord Shorneliffe werden, falls ich meine Söhne verliere. Glücklicher⸗ weiſe geht heute Abend noch ein Schiff nach Indien ab— ich habe für Dich zwei Plätze gemiethet und ich bin überzeugt, Du wirſt meinem Willen Folge lei⸗ ſten und mich in einigen Stunden an Bord begleiten, wohin ich Dich ſelbſt führen werde. „Mylord!“ rief der arme Emery—„nehmen Sie mir Alles— aber ich kann nicht nach Indien gehen.“ 279: „Du wirſt gehen,“ ſagte der unerbittliche Oheim mit ſtrengem Tone,„ich befehle es Dir. Du haſt zwei Stunden Zeit, Deine Entſchließungen für Europa zu treffen. Da, ſetze Dich an dieſen Tiſch und ſchreib, an Wen Du zu ſchreiben Luſt haſt. Du ſelbſt kannſt die Briefe abgeben und ich werde mich um das, was darin ſteht, nicht bekümmern.“ Emery, einen Wink der Vorſehung in Allem er⸗ kennend, was ihm im Leben begegnete, ohne alle Mit⸗ tel, ſeine Verſprechungen gegen Henrietten und ſeine Verpflichtungen gegen ſein Kind zu erfüllen, wenn er die geſtellte Bedingung nicht annahm, faßte einen ſchnellen aber entſcheidenden Entſchluß in ſeiner ver⸗ hängnißvollen Lage. Er ſchrieb zwei Briefe, einen an Henriette, worin er ihr Alles mittheilte, was ihn von ihrer Seite riß und fernhielt, worin er ſie beſchwor, ihm treu zu bleiben und ein Gleiches von ihm zu er⸗ warten, und endlich das Gelübde ausſprach, ſobald es ſeine Familienverhältniſſe in Indien geſtatteten, zu ihr zurückzukehren. Er ſetzte ihr und ihrem Kinde eine Summe aus, die groß genug war, ſie von Je⸗ dermann unabhängig zu erhalten, und legte dieſe Summe in Thomas Morris Hände, den er ihr, als ihren ferneren Beſchützer empfahl. Ach, ich glaube nicht, daß Fräulein von Bergen jemals dieſen Brief ₰ 421 erhalten hat!— An Thomas Morris ſelbſt war der zweite Brief gerichtet. Er empfahl ſeiner Ehrenhaf⸗ tigkeit und Freundſchaft ſowohl ſeine geliebte Henri⸗ ette, wie ſein Kind, wies ihm jene Summen auf ein Haus in London an und ſetzte ihm ſelbſt, um ihm ein ſorgenfreies Leben zu bereiten und ihm für ſo viele Bemühungen ſeine Dankbarkeit zu beweiſen, eine jährliche Rente aus, die durch eben daſſelbe Haus zu beziehen war. Dieſe Gelder, Mr. Sohn, ſind ſämmt⸗ lich regelmäßig bis vor mehreren Jahren bezogen worden, was die Rechnungsbücher jenes Hauſes be⸗ ſtätigen; merkwürdig genug aber ſind ſie von dem Tage an, wo Emery Glandon wieder Europa betrat, nicht mehr erhoben worden, was wir wenigſtens als ein beſtimmter Beweis galt, daß Thomas Morris die Gelder für ſich verwandt, aber, als er Emery's Rück⸗ kehr nach Europa erfahren, ſich irgend wo verborgen habe, um ſich der Verantwortung ſeiner ohne Zweifel verbrecheriſchen Handlungen zu entziehen.“ „Er kann auch todt ſein, Mr. Baxton.“ „Nein, Mr. Sohn, er iſt nicht todt, ich habe es von einem Landsmann in Portsmouth gehört, wie ich ſpäter berichten werde, daß er bis vor Kurzem gelebt hat, wo und in welchen Umſtänden aber, habe ich bis heute nicht erfahren können oboleich mir jener 422 Freund verſprochen hatte, darüber Erkundigungen ein⸗ zuziehen und ſie mir hierher mitzutheilen.“ „Noch einen Einwurf, Mr. Baxton, möchte ich mir erlauben. Iſt Ihnen niemals der Gedanke ein⸗ gefallen, daß die Familie Emery Glandons ſelbſt, nachdem ſie von ſeiner Verbindung mit Fräulein von Bergen Kenntniß erhalten, alle dieſe Verwirrungen veranlaßt und abſichtlich Ihren Herrn nach Indien geſchickt und Thomas Morris zu ſeinem Handeln an⸗ geſpornt habe?“ „Ha, Sie haben Recht! Nein, dieſer Gedanke iſt mir nie in den Sinn gekommen. Wie ſollte das mög— lich ſein?“ „Durch Thomas Morris ſelbſt, wenn er ein Ver⸗ räther war. Wie, wenn er ſchon damals in Göttin⸗ gen insgeheim im Solde der Mrs. Glandon und Lord Shorncliffe's geſtanden hätte?“ Mr. Baxton ſann einen Augen blicknach.„Unmög⸗ lich wäre es nicht,“ ſagte er endlich,„nein, durchaus nicht. Aber dann iſt es ein eigenthümlicher Zufall, daß gerade zu derſelben Zeit, wo Emery Glandon ſo wichtige Geſchäfte nach Deutſchland riefen, ihn noch wichtigere nach Indien forderten, denn daß dieſe letz⸗ teren wirklich in der geſchilderten Art vorhanden wa⸗ ren, ergab die Folge unzweifelboft.“ — „So mag es uns bis jetzt ein Zufall ſcheinen. Fahren Sie fort, vielleicht findet ſich die Aufklärung von ſelbſt.“ „Wohl! Eine Antwort auf jene beiden Schreiben erhielt Emery erſt, nachdem er in Indien angekommen war. Thomas Morris ſchrieb, daß er den Brief an Henriette nicht habe abſenden können, da ſie gänzlich verſchollen ſei, er werde ihn aber bewahren, bis ſich eine Gelegenheit biete, ihr denſelben zu überreichen. Die Gelder für das Kind dagegen habe er ſicher an⸗ gelegt und werde er in den beſtimmten Terminen die Zahlungen für ſeine Pflege leiſten, überhaupt für die beſte Erziehung Sorge tragen. Sein eigenes Geſchick habe ihn indeſſen von Göttingen fort und nach Dan⸗ zig getrieben, wo ihm eine bedeutende Stellung im Geſchäft eines Großhändlers zu Theil geworden ſei. Er ſei bereits übergeſiedelt und in Vorausſicht der Uebereinſtimmung Emery's habe er das kleine Mäd⸗ chen mit nach Danzig genommen und in eine Pfar⸗ rersfamilie in der Nähe der Stadt in Penſion gegeben, um ihr Gedeihen beſſer überwachen zu können. Fer⸗ ner erbat er ſich die künftigen Briefe ſeines Freundes unter einer beſtimmten Adreſſe, die auf Danzig lautete. Emery, dankbar für ſo viel Freundſchaft, die ihm die Vorſehung unten Ko traurigen Umſtänden noch als einzigen Zufluchtsanker übrig gelaſſen 5 ſchrieb unter der angegebenen Adreſſe häufig nach Europa und ſandte fort und fort Gelder dahin, unterließ auch nie, den Eifer Thomas Morris, nach Henrietten zu ſpähen, auf alle mögliche Weiſe anzuſpornen. Doch es wird Zeit, daß wir uns jetzt nach Indien begeben.“ „Erlauben Sie noch eine Frage, Mr. Baxton. Sind Sie nie in's Klare gekommen, haben Sie nie Auf⸗ ſchlüſſe erlangt, wo Fräulein von Bergen damals in Verborgenheit gelebt?“ „Nie, Mr. Sohn.“ „Nun, das wäre aber, dächte ich, leicht zu erfahren geweſen.“ „Auf welche Weiſe— Sie machen mich neugierig.“ „Ich meine natürlich erſt nachdem Emery Glan⸗ don erfahren, Henriette von Bergen ſei Frau von Haldrungen geworden.“ „Ach dann! Ja, aber das wäre etwas zu ſpät geweſen, mein junger Freund. Was ſollte das da⸗ mals noch genützt haben?“ „Um Gewißheit über Thomas Morris und Auf⸗ ſchluß über das Verbleiben des Kindes zu erlangen.“ „Ha, ja! Aber von Wem hätten wir das erfah⸗ ren ſollen? Von der Baronin ſelber? Wie? Wären Sie der Mann dazu geweſen, ſie jetzt, chdem Alles ———— —— 225 mit Emery Glandon zu Ende war, danach zu fragen? Sollte Emery es thun? Was nützte es ihm?“ „Es deckte einen etwaigen Betrug auf und gab ihm ſein Kind wieder.“ „Richtig, vielleicht wenigſtens, aber es rührte auch die ganze Vergangenheit auf und wühlte in Wunden, die man längſt für vernarbt halten mußte. Doch, Sie greifen hiermit eigentlich der Abſicht des jetzigen Lord Shorneliffe vor. Daß Emery etwas Aehnliches beabſichtigt, glaube ich mit ziemlicher Gewißheit anneh⸗ men zu können, aber er geht auf ſeine eigene Weiſe zu Werke. Hat er ſo lange Geduld gehabt und ſeine Schmerzen getragen, ſo iſt er der Mann dazu, ſie bis zu dem Augenblicke zu tragen, den er für reif erkennt, ſich zu enthüllen und als Lord Shorncliffe auf ein Feld zu treten, das er als Emery Glandon verlaſſen hat. Wahrſcheinlich hängt dieſer Augenblick von den Erfolgen ab, die Sie, wie wir hoffen, recht bald durch Ihr Handeln erreichen werden.“ „Ich? Wieſo ich— was kann ich darin thun?“ „Das werden Sie ſehr bald hören.— Jetzt laſ⸗ ſen Sie mich meine Geſchichte zu Ende erzählen. Mit gebrochenem Herzen und geknickter Seele, vergrämt, verödet durch ſeinen troſtloſen Schmerz, dabei die furchtbare Les auf dem Gewiſſen, ſein Henrietten ge⸗ 426 gebenes heiliges Verſprechen nicht erfüllt zu haben, be⸗ gab ſich mein armer Herr, von ſeinem Oheim ſelbſt geführt und von mir begleitet, an Bord des Schiffes, das uns nach Indien bringen ſollte. Ach, es hieß gſperance,“ aber es entſprach dem Namen nicht, den es führte, denn es trug den armen Emery weiter von ſeiner Geliebten fort, als er es jemals für möglich gehalten hatte. Laſſen Sie uns über die Reihe von Jahren, die wir nothgedrungen in Indien verleben mußten, raſch hinweggehen, ſie bieten in der That wenig Intereſſe für die Geſchichte, die ich Ihnen erzähle, nur hatten ſie zur Folge, daß Emery Glandon, wie Sie ſogleich hören werden, in anderer Beziehung jenes Land reicher an Hoffnung verließ, als er hingekommen war, und wieder ärmer daran nach Deutſchland zurückkehrte, als er erwartet hatte. Nur ſo viel will ich ſagen, daß wir alle Verhältniſſe verwickelter vorfanden, als vorausgeſehen war. Ein unermeßliches Vermögen in Indien flüſſig zu machen, iſt eine Siſyphusarbeit, abgeſehn von den übrigen Beſchwerlichkeiten, gegen die man daſelbſt zu kämpfen hat. Trotz der ange⸗ ſtrengteſten Bemühungen und der mannigfachen Un⸗ terſtützungen, die uns nach und nach zu Gebote ge⸗ ſtellt wurden, dauerte es ſechs Jahre, beve rivir ſagen 4 427 konnten: wir ſind fertig und haben erreicht, was wir erreichen wollten. Nun aber wurde meines Herrn Ungeduld zu einer Art wilder Verzweiflung. Weder Tag noch Nacht gönnte er ſich Ruhe; er beeilte die Abreiſe in die Heimat mit beflügelter Haſt. Aber ach, warum hatte er eigentlich dieſe Eile? Henriette war für ihn ſo gut wie verloren, das hatte er aus Thomas Morris fortgeſetzten Briefen klar genug erfah⸗ ren, aber ſein Kind wenigſtens wollte er jetzt haben und, beſaß er das, mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln nach Fräulein von Bergen forſchen. Wenn ſie nicht geſtorben war, ſo war ſie ſein, das hörte ich ihn jeden Tag zehnmal beſchwören. Allein noch⸗ mals trat ein Hinderniß in unſern Weg. Der( ſundheitszuſtand des älteſten der Söhne Lord d ho eliffe's, der ſchon lange bedenklich geweſen war, weil der junge Mann trotz des ihm ſo ſchädlichen Klima's mit ſeinen Kräften arg gewirthſchaftet hatte, nahm eine ſo üble Wendung, daß wir die Abreiſe verſchie⸗ ben mußten, und ſogar ſein jüngerer Bruder erkrankte ſchwer. So wurde die Abreiſe vom Frühling zum Herbſt hinausgeſetzt, wo endlich der ältere der Brüder ſeinen Leiden erlag, der Jüngere dagegen ſich hin⸗ länglich zur Reiſe gekräftigt fühlte. Erſt im Januar trafen w. in Europa ein und begaben uns ſogleich 428 nach Shorneliffe⸗Hall, um Bericht über Alles abzu⸗ ſtatten, was wir ausgerichtet hatten. Kaum war dies geſchehen, ſo trat eine neue Verwickelung in der Fa⸗ milie meines Herrn ein, die jedoch von bedeutſamen und glücklichen Folgen für ihn begleitet ſein ſollte. Auch der jüngſte Sohn des Lords ſtarb bald nach ſei⸗ ner Ankunft in England, und nun wurde Emery Glandon der geſetzliche nächſte Erbe der Shorneliffes. Wer weiß, wie lange es noch gedauert hätte, ehe Emery Herr ſeiner Freiheit und ſeines Willens gewor⸗ den wäre, wenn nicht der Lord ſelber, ſo vielen Schick⸗ ſalsſchlägen in ſeiner Familie weichend, dem Ende aller irdiſchen Dinge anheimgefallen wäre. Nun erſt, nach acht Jahre verſtrichen, alle Familienangele⸗ gen ten geordnet waren und Emery Glandon ſeinen Namen mit dem eines Lord Shorneliffe vertauſcht und den Beſitz ſeiner ungeheuren Güter angetreten hatte, gingen wir nach Deutſchland. Mein Herr be⸗ fand ſich in einem Zuſtande fieberhafter Aufregung und ich war mehr denn je um ſein Leben beſorgt. Aber er hatte keine Ruhe, ehe er Göttingen geſehen und, wiewohl vergeblich, überall nach Fräulein von Bergen geforſcht hatte. Von Göttingen reiſten wir nach Danzig und begaben uns ſogleich zu dem Chef des Handlungshauſes, in deſſen Geſchäft Thomas 8 429 Morris getreten ſein wollte. Allein hier begeg⸗ nete uns etwas völlig Unerwartetes. Zuerſt fan⸗ den wir einen Brief von dem Arzte aus Göttingen vor, der die Tante Henriettens früher behandelt hatte und der von meinem Herrn vor wenigen Tagen er⸗ fahren, daß er ſich nach Danzig begebe. Der Brief enthielt die für Emery ſo unermeßlich traurige, doch noch kaum geglaubte Mittheilung, daß er kurz nach unſrer Abreiſe aus Göttingen von einem Herrn aus Hannover gehört habe, Fräulein von Bergen erxiſtire als ſolche nicht mehr, ſei vielmehr an einen Baron verheirathet, deſſen Namen jener Herr aber nicht an⸗ zugeben vermocht habe. Ich ſehe noch immer des Lords funkelnde Augen vor mir, als er dieſe Nachricht las, und ich glaubte, er würde in Wahnſinn verfallen. Aber mit wunder⸗ barer Ruhe ſtarrte er mich und den Herrn des Hand⸗ lungshauſes, durch den er den Brief empfangen, an und ſagte nur die wenigen Worte:„Wenn das wahr iſt, was in dieſem Briefe ſteht, dann iſt mit mir Alles vorbei— ſo wollen wir uns denn jetzt zu unſern anderen Geſchäften wenden.“ Und jetzt erkundigte er ſich nach Thomas Morris. Da aber kam die zweite Ueberraſchung. Der Chef wußte von Thomas Morris gar nichts, in ſeinem Geſchäfte wenigſtens war nie 430 ein Mann gleiches Namens, noch weniger ein Eng⸗ länder geweſen. Nach genauerer Erkundigung bei den zuſammengerufenen Commis ergab ſich jedoch, daß ein Mann unter denſelben war, der ſich erinnerte, von einem vor einem Jahre aus dem Geſchäft ge⸗ ſchiedenen Collegen öfter den Namen Thomas Morris nennen gehört zu haben. Dieſer College ſei früher Student in Göttingen geweſen und habe ſich ſpäter dem Kaufmannsſtande gewidmet. Seine Bekannt⸗ ſchaft mit Morris ſchrieb ſich alſo von der Univerſität her. Dieſer ſtudirte Kanfmann, erzählte der Commis, habe ſich oft der Bekanntſchaft eines Engländers Na⸗ mens Morris gerühmt, auch öfters Briefe von ihm empfangen und in Geldverbindungen mit ihm ge⸗ ſtanden; die anderen Umſtände aber ſeien ihm unbe⸗ kannt, nur habe er gehört, der genannte Commis ſei nach Hamburg gezogen, weil er die Abſicht gehabt, nach Amerika auszuwandern. Nachdem der Lord den Namen dieſes Mannes erfahren, hieß er mich augen⸗ blicklich unſere Reiſe nach Hamburg vorbereiten, um auch dort ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen. In we⸗ nigen Tagen waren wir in der Seeſtadt angekommen, aber alles Spüren durch die Polizei nach dem ange⸗ gebenen Namen war vergeblich. Ein gleiches Mißgeſchick verfolgte den armen Lord — — in Betreff des Auffindens ſeiner Tochter. Niemand wußte von einem Kinde, deſſen Namen Emily Glan⸗ don war, denn ſo war nach Thomas Morris Bericht das Mädchen getauft. Jetzt begann für uns die unruhigſte Zeit. Der junge Lord hatte an keinem Orte Ruhe, und überall glaubte er Spuren der Verlorenen zu erblicken. Bald waren wir in Göttingen, bald wieder in Hamburg oder Danzig. Ueberall wurden Kundſchafter beſtellt und mit reichen Gaben bedacht, ohne daß irgendwo eine erwünſchte Entdeckung zu Tage gefördert ward. Da erfaßte den durch ſo viele fruchtloſe Bemühungen erſchöpften Lord eine tiefe Melancholie. Er kehrte nach England zurück und begrub ſich und ſeinen Schmerz in eins ſeiner vielen Schlöſſer, das am ein⸗ ſamſten, am weiteſten entfernt von allem Verkehr lag und ſeinen Freunden am unbekannteſten war. Er ver⸗ kehrte mit Niemandem, ſah keinen Menſchen und ſchloß ſich Tage lang in ſeine Bibliothek oder ſein Muſikzimmer ein, wo er ſich durch Studien oder ſchwermüthige Melodieen die Zeit verkürzte. Selbſt — mit mir ſprach er nur immer ſehr wenige Worte und zwar nur zu beſtimmten Tageszeiten. Auf dieſe ſelt⸗ ſame Weiſe verſtrichen mehrere Jahre. Endlich er⸗ faßte ihn eine Sehnſucht nach Veränderung ſeines 432 Aufenthalts und bald war ihm der häufige Wechſel deſſelben ſo unentbehrlich geworden, wie früher das Verweilen in abgeſchloſſener Einſamkeit. Ach, der arme Herr ſuchte Zerſtreuung, aber bei ſeinem ernſten, gediegenen Charakter, ſeinem nur an einem Gedanken hängenden Geiſte fand er ſie nirgends. So traten wir denn eine große Reiſe durch ganz Europa an. Mylord litt damals, ich bin feſt davon überzeugt, ebenſowohl körperlich wie geiſtig, denn er war niemals bleicher, appetitloſer, magerer geweſen als zu dieſer Zeit. Wohin wir auch kamen, er ſah nichts von Allem, was zu ſehen war, und ich glaubè, daß ſelten ein Menſch eine ſonſt ſo angenehme und ſchöne Reiſe unternommen hat, ohne ſo wenig von allem Sehens⸗ werthen zu bemerken und ſo wenige Worte zu ſpre⸗ chen. Ich allein war und blieb der Dolmetſcher ſeiner Gefühle, denn ich verſtand den kleinſten ſeiner Winke und Wünſche, und daher ſchreibt ſich auch, wie ich denke, ſeine große Neigung zu mir, da ich treu bei ihm aushielt und ihn auf jede Weiſe zufrieden zu ſtellen ſuchte. Ach und das wurde mir von ihm ſelbſt ſehr leicht gemacht, denn niemals zeigte er eine bei Leuten ſeiner Art ſonſt ſo häufige Heftigkeit, niemals hatte er Launen, immer war er zufrieden mit Dem, was ich ihm that, ſagte oder wozu ich ihm rieth. 1 433 Nach zwei Jahren kehrten wir wieder nach Eng⸗ land zurück und fingen das frühere einſame Leben von vorne an. Da erwachte plötzlich noch einmal die Sehnſucht nach den deutſchen Orten, die Emery Glan⸗ don einſt glücklich geſehn hatten, und abermals gin⸗ gen wir auf einige Zeit nach Göttingen. Dort aber fanden wir nicht einen einzigen alten Bekannten mehr vor, der ſich unſer oder unſrer früheren Freunde erinnert hätte— o, es iſt ein troſtloſes Gefühl, daß eine Stadt ſich ſo ſchnell uns entfremdet und daß wenige Jahre hinreichen, uns aus ihrer Erinnerung zu reißen! Sogar der alte Arzt, der Henrietten und ihrer Tante beigeſtanden, war geſtorben, das Haus, worin Letztere gewohnt, niedergeriſſen, neu aufgebaut und verkauft,— und kein Menſch war vorhanden, der ſich auch nur des Namens von Bergen oder Glandon erinnert hätte. Von dieſer traurigen Verödung auf⸗ geſcheucht, unſtät, immer noch hoffend, zog es meinen Herrn wie das Verhängniß mit eiſernen Armen noch einmal nach Danzig. Und jetzt war endlich die Zeit gekommen, wo das Schickſal ermüdet war, den gequäl⸗ ten Mann noch länger in der Irre umherſchweifen zu laſſen. Er ſollte die lange nicht genoſſene Ruhe, aber ſogleich auch die Gewißheit erhalten, daß Henriette von Bergen für dieſe Erde wenigſtens für ihn verloren ſei. Emery Glandon. II. 28 434 In einem Gaſthofe bei Tiſche ſitzend hörte My⸗ lord zufällig das Geſpräch zweier Herrn an, die ſeine Nachbarn bei Tafel waren und in heiterer Weinlaune ihrem Herzen Luft machten. Hier hörte mein Herr zuerſt von einem Baron von Haldrungen reden, der, auf einem Gute in der Nachbarſchaft wohnhaft, eine zweite ſehr eigenthümliche Ehe geſchloſſen haben und dabei ein Lebemann nach dem Geſchmacke der heuti⸗ gen Zeit ſein ſollte.„Wo ſtammt ſeine Frau her?“ fragte der eine Herr, der von dem andren„Herr Graf“ angeredet wurde.„Sie iſt ein blutarmes Fräulein von Bergen und hat lange Zeit ganz im Verborge⸗ nen— ich weiß nicht wo, im Harz, glaube ich— und zuletzt bei einer alten Dame bei Hannover ge⸗ lebt, wo ſie der Baron, als er ſich einſt auf einer Jagd befand, entdeckt und mit ſeiner Perſon zu be⸗ glücken die Laune gehabt hat.“ Lord Shorneliffe hatte ſchon lange die Ohren ge⸗ ſpitzt. Kaum hatte er die letzten Worte vernommen, ſo legte er Gabel und Meſſer weg und ſtarrte den Sprecher mit einem Ausdruck in ſeinen Geſichtszügen an, wie nur ein Engländer ihn ſo ſteinern und wür⸗ devoll haben ſoll, wenn ſein Gemüth durch irgend etwas Außerordentliches bewegt iſt, und er doch die Selbſtbeherrſchung beſitzt, zu ſchweigen und ſich nicht 435 in das Geſpräch zwiſchen Fremden zu miſchen. Der ihm gegenüber ſitzende Herr aber fühlte ſich durch die⸗ ſes ſeltſame Anſtarren verletzt und ſchickte dem Lord durch einen Kellner ſeine Karte zu. Der Lord nahm ſie, las ſie aufmerkſam, zog die ſeinige hervor und ſchrieb darauf:„Ich bitte Sie um eine augenblickliche Unterredung unter vier Augen, der Ort dazu iſt mir gleichgültig.“ Natürlich nahm der fremde Herr, der ein Baron von... war, Dies als eine Herausforderung an, und ſogleich erhob er ſich, um ſein Zimmer aufzuſu⸗ chen und ſich mit Piſtolen zu verſehen. Hinter ihm her aber, was er durchaus nicht vermuthet, trat Lord Shorneliffe bei ihm ein, und in wenigen Minuten war der Irrthum aufgeklärt. Hier erfuhr er denn, was er erfahren wollte und zwar ſo ausführlich wie möglich, denn der Baron kannte die Verhältniſſe des Herrn von Haldrungen ſehr genau und beſchrieb ſeine Gemahlin in allen einzelnen Zügen, daß dem Lord kein Zweifel übrig bleiben konnte. Jetzt war uns unſer Weg und unſer Ziel für alle Zeiten vorgezeichnet. Wir fuhren ſogleich nach Neuſtadt, dem nächſten Städtchen von Brenkowitz, und fanden bald Alles beſtätigt, was der Baron in Danrzig geſagt hatte. Sogar gelang es dem Lord, ei⸗ 28* 436 nes Tages in einer Verkleidung der Dame ſeines Herzens auf einem Spaziergange anſichtig zu werden; er fand ſie noch eben ſo ſchön, ſogar anmuthiger und reizvoller als früher und— ſeltſam! er liebte ſie und begehrte ihrer noch eben ſo ſehr, trotzdem ſie das Weib eines Anderen war. Eine ſolche Ausdauer in ſeinen Neigungen und Beſtrebungen konnte nur mein Herr hegen, ich kannte ihn vollkommen und ſo wußte ich auch, daß wir das Ziel unſers Umherſchweifens er⸗ reicht hatten. Von dieſem Augenblick an kam eine wunderbare Faſſung über Lord Shorncliffe. Er hatte wenigſtens einen Theil deſſen, was er Jahrelang ver⸗ geblich geſucht, gefunden und dadurch ward ſeine ver⸗ langende Seele beruhigt. Das Uebrige wiſſen Sie beinahe ſo genau wie ich. Mylord bot einem Guts⸗ beſitzer am Strande, dem nächſten Nachbar des Ba⸗ rons von Haldrungen, eine bedeutende Summe für ſein Gut, und erhandelte es, da er es weit über ſei⸗ nen Werth bezahlte, augenblicklich. Er ließ einen ge⸗ ſchickten Baumeiſter, der nichts von ſeinen Verhältniſ⸗ ſen und Abſichten wußte, aus Berlin kommen und er⸗ baute in einigen Jahren das ſchöne Schloß, worin wir jetzt ſelbſt ſitzen. Als es endlich fertig war, be⸗ gab er ſich hierher, um zeitweilig ſeinen Aufenthalt darin zu nehmen und auf Brenkowitz, das jetzt der — 445 liam Baxton's Erzählung ſchwindeln gemacht— alles Erlebte, Gedachte, Empfundene tanzt in wirren Bil⸗ dern vor meinen Augen, ich komme mir wie ein ganz verwandelter Menſch vor. Ha! Sollte jenes Zau⸗ berſchloß da hinter mir auch mich verwandeln, wie es Alles um uns her verwandelt hat? O Werner, Wer⸗ ner, wie Recht hatteſt Du, aber freilich in einem an⸗ deren Sinne, und wir nannten den leidenſchaftlichen Ausbruch Deines verwundeten Herzens Aberglauben — Täuſchung und wie ſonſt noch! O Menſchenle⸗ ben, Menſchenſchickſal!— Auf welchen geheimnißvol⸗ len Wegen führſt Du uns, wo iſt unſer Ausgang, wo unſer Ziel, welche Klüfte und Gipfel haben wir zu überſteigen, ehe wir an das Ende unſrer Lebens⸗ bahn gelangen!“ Und auf den Raſenſitz niederſinkend und den wir⸗ belnden Kopf in beide Hände ſtützend, ſann er tief und lange über Alles nach, was ihm ſeit ſeiner Ge⸗ burt widerfahren war, und dann erſt, als er das letzte Ereigniß, William Baxton's Erzählung, noch einmal überdacht, erhob er ſich wieder und ſprach leiſe vor ſich hin: „Ich habe mir oft gewünſcht und heute wünſche ich es mir wieder, die ganze Welt vor mir, außer und in den Menſchen, möchte einmal durch eines Zaube⸗ 446 rers Spruch in einen Glaskörper verwandelt werden und ich könnte hineinſchauen wie in eine durchſichtige Kugel. Was würde ich da zu ſehen bekommen! Wie⸗ viel Räthſel des Lebens würden mir dadurch gelöſt werden! Hui! Wie würden die Quellen des Da⸗ ſeins, des Schaffens und Wirkens in Gutem und Böſem ſo klar vor mir fließen, wie würde mir Alles offenbar werden, was mir jetzt dunkel und trübe iſt! Doch nein, nein, nein! ich möchte es lieber nicht ſe⸗ hen, es würde mir vielleicht alle Luſt am Leben, Glau⸗ ben und Hoffen verderben, denn ich würde es nicht begreifen können, warum es ſo und nicht anders iſt, was der Schöpfer dieſer Welt in ſeinem allweiſen Rathſchluß zu verbergen für gut befunden hat. Gute Nacht— gute Nacht, Ihr da trüben!—“ Das war ſein letzter Gedanke, den er dieſen Abend in ſeiner phantaſtiſchen Grübelei entwickelte. Dann ſofort ſich erhebend und tauſend Grüße nach Brenko⸗ witz ſendend, deſſen Fenſter ſich lange erhellt hatten, tauſend gute Wünſche für alle ſeine Lieben hegend, entfernte er ſich langſam, um noch eine Nacht auf dem treuen deutſchen Boden zu verbringen und von den Wünſchen zu träumen, die ſein Herz bald wie im Sturme aufrüttelten, bald wie in leiſer Windſtille mit der Hoffnung ihrer Erfüllung beſeligten.— —y——— —,— — Ende des zweiten B ald im wieder muthig ü Vergangenheit andes. auf⸗ 5 5 S 5 Se 3 8 53 5 3 S 3 5 5 2 6 5 6 0